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ARCHIT
NATURGESCHICHTE.
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN,
FORTGESETZT VON W. F. ERICHSON.
IN VERBINDUNG MIT
PROF. Dr. LEUCKART IN GIESSEN.
HERAUSGKGEBEN
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Dr. f. H. TROSCHEI.,
PROFESSOR AK DBR FniKDRICH-WILHBLMS-UNIVBRSlTÄT ZU BOMN.
VIER UND ZWANZIGSTER JAHRGANG.
Erster Band «
mit dreizehn Kupfertafeln.
Berlin,
Nicolai sehe Verlagsbuchhandlung.
(G. Parthey,)
1858.
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MiiJ«^.
nhalt des ersten Bandes.
Seite
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden
Von Dr. C. Claus. Hierzu Taf. I— III . . . . 1
Beschreibung einiger neuen Chilenischen Mäuse. Von Dr. R.
A. Philippi und L ud w. La n d b e c k . . . . 77
Kurze Beschreibung einer neuen Chilenischen Ralle. Von Dr.
R. A. Philippi 83
Uebersicht der Familie Gadidae. Von J. Kaup . . . 85
Uebersicht der Soleinae, der vierten Subfamilie der Pleuronecti-
dae. Von J. K a u p 94
Uebersicht der Plagusinae, der fünften Subfamilie der Pleuro-
nectidae. Von J. Kaup 105
Bemerkungen über einige Säugethiere in geographischer und
historischer Beziehung. Von Dr. Eduard v. Martens 111
lieber einige Velutina-Arten. Von Dr. Eduard v. Martens
Hierzu Taf. IV. Fig. 1—3 145
lieber einige Brackwasserbewohner aus den Umgebungen Vene-
digs. Von Dr. Eduard v. Martens. Hierzu Taf. IV.
Fig. 4. 5 und Taf. V 152
Zoologische Notiz (Ueber den Polypen der Cephea tuberculala)
Von Dr. C. Semper. Hierzu Taf. VII. Fig. A. . . 209
Einiges über die Annelidenfauna der Insel Santa Catharina an
der Brasilianischen Küste. Von Dr. Fr. Müller. (Aus
einer brieflichen Miltheilung an Prof. Grube.) Hierzu
Taf. VI und VII 211
Neue Schlangenarten in der Sammluag des britischen Museums.
Von Dr. A. Günther 221
Enthelminthica No. V. Ueber Amphilina foliacea, Gyrocotyle ,
Dies, und Amphiptyches Gr. AV. Briefliche Mittheilung an
Herrn Prof. Leuckart. Von Dr. G. R. W a g e n e r.
Hierzu Taf. VIII 244
^^ö'i^
IV Inhalt.
Seite
Enthelminthica No. VI. Ueber Distonia campanula und Mono-
stoma bipartituni. Briefliche Miltheilung an Herrn Prof.
Leuckart. Von Dr. G. R. Wagen er. Hierzu Taf. IX. 250
Ueber die Hectocotylenbildung der Cephalopoden. Von Dr. C.
Claus. Hierzu Taf. X 257
Beschreibung einiger neuen Seesterue aus dem Meere von Chiloe.
Von Dr. R. A. Philipp i. Briefliche Mittheilung an den
Herausgeber 264
Beiträge zur Anatomie und Histologie einzelner Trematoden
(Amphistonuim subclavatum, Distoma lanceolalum, Distonia
hepaticum). Von Dr. G e o r g W a 1 1 e r. Hierzu Taf. XI-XIII. 269
Nachträgliche Bemerkung über die Gattung Scaeurgus. Vom
Herausgeber 298
Beschreibung neuer Wirbelthiere aus Chile. Von Dr. R. A.
Philippi 303
Bemerkungen über den Schädel von Gavialis Schlegelii und
Crocodilus raninus. Von Geh. Rath Prof. Dr. Mayer . 312
Neue Batrachier in der Sammlung des Britischen Museums.
Von Dr. A. G ü n t h e r 319
Einiges über die Acanthopterygiens ä joue cuirassee Cuv.
Von J. Kau p 329
Kritische 'Bemerkungen über Castelnau's Siluroiden. Von Prof.
Rud. Kner. Briefliche Mittheilung an den Her a usgeb er 344
Zur i%iiatoitiie und £iitwick.eluug^9S'escliiclite
cler Copepocieu.
Von
»r. C. Claus.
(Hierzu Taf. I— III.)
Frühere Untersuchungen über den äussern Bau der Cyclo-
piden waren von mir in der speciellen Absicht unternommen,
eine Reihe sicherer und zuverlässiger Anhaltspunkte zur Be-
gründung der Cyclopsarlen zu gewinnen und charakteristische
Merkmale aufzufinden , mit deren Hülfe die Unterscheidung
jener Arten erleichtert und gesichert werden könnte. Ein tie-
feres Eingehen in die innere Organisation jener Thierformen
lag damals ausserhalb meines Planes und mussle um so mehr
für unnöthig erachtet werden, als kurz zuvor von W. Zen-
ker eine anatomisch-physiologische Bearbeitung der Cyclo-
piden gegeben war. Wie aber kein Werk , selbst aus den
Händen des exaktesten Forschers und genausten Beobachters
den Stempel absoluter Vollkommenheit trägt, sondern in jeder
Untersuchung eine Reihe unerforschter Verhältnisse spätem
Beobachtern zur Aufklärung zurückgelassen werden, so blie-
ben auch in der Lebensgeschichte und im Baue der einhei-
mischen Copepoden zahlreiche Punkte unerörtert, namentlich
aber dieBildungs- und Entwickelungsvorgänge in ihren Ein-
zelnheiten unbekannt. Diese waren es vornehmlich, auf de-
ren Erforschung ich seit einem Jahre meine Aufmerksamkeit
richtete, um deretwillen ich von Neuem die Cyclopiden einer
specielleren Untersuchung und auch den Bau und die Orga-
Archiv f. Naturgesch. XXIV. Jabrg l.Bd. 1
(l Claus:
nisation der ausgebildeten Formen einer ausführlichen Prü-
fung würdigte. Freilich inuss ich im Voraus das Geständ-
niss ablegen, dnss es mir keineswegs gelungen ist, alle Fra-
gen über die man sich nach dem heuligen Stande der Wis-
senschaft Rechenschaft zu geben hat, zu beantworten, dass
ich zahlreiche Schwierigkeiten, namentlich bei Verfolgung der
Ei- und Larvenformen nicht überwinden konnte. Die Lücken
indess, die mir zur Ergänzung übrig geblieben sind, gedenke
ich sobald als möglich auszufüllen, nicht nur dadurch, dass
ich meine Beobachtungen auf ein weit umfassenderes Mate-
rial, auf die Meeresformen, ausdehne, sondern vorzüglich auch
durch eine genauere Unlersuchung des kleinen Canthocamplus
staphylinus, der mir bisher nur spärlich zu Gebote stand.
In den vorliegenden Blättern habe ich die erwähnte Thier-
form nur wenig berücksichtigen können, dagegen die Organi-
sationsverhällnisse derCyclopsine ca stör zum Ausgangs-
punkte gewählt, um daran das, was ich an den einheimischen
Cyclopsarten gefunden habe, zugleich als Nachtrag zu meiner
früheren Arbeil anzuknüpfen.
Bei den Untersuchungen selbst wurde ich durch die
Güte des Herrn Professor Leuckart, meines hochverehrten
Lehrers, auf das mannichfaltigste unterstützt. Nicht genug,
dass derselbe mir die vortrefflichen Hülfsmiltel des Giessener
zoologischen Institutes zu Gebole stellte und den Gebrauch
vorzüglicher Mikroskope so wie die Benutzung seiner reich-
haltigen Bibliothek auf das freunc-llichsle gestattete — auch
durch seinen Rath und durch eigene Theilnahme an den Be-
obachtungen suchte er mir die Arbeit zu erleichtern, so wie
durch Besprechungen des Gegenstandes meine Ansichten zu
läutern. Es wird mir daher zur angenehmsten Pflicht, mei-
nem theuren Lehrer innigen Dank zu sagen und als Aus-
druck meiner Dankbarkeit das öff'enlliche Bekenntniss der-
selben vorauszuschicken.
Bedeckung und al Igem ein er Körperbau.
(Fig. 50, 55, 19, 20).
Man unterscheidet an der Haut von Cyclopsinc deutlich
zwei Schichten, eine äussere chilinisirte Lage und eine untere
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 3
zellige Schicht von weicher BeschaflPenheit. Die erstere stimmt
in ihrem Ansehen mit der zarten Culicula der Arlhropoden-
larven überein und zeigt bei unbedeutender Dicke eine ho-
mogene Beschaffenheit. Porenkanäle^ wie man sie häufig an
Geschöpfen mit starkem Haulpanzer antrifft^ fehlen ; die dünne,
zarte Beschaffenheit der Chitinlage bietet gewissermassen ei-
nen Ersatz für den Mangel grösserer Oeffnungen. Die untere
Lage besteht aus Kernen, welche in molekularer Zwischen-
masse zerstreut liegen; sie hat offenbar die Bedeutung einer
Schicht undeutlich geschiedener Zellen, welche durch Aus-
scheidung die homogene Cuticula bilden. In grösserer Ent-
wickelung tritt die untere zellige Schicht an den Jugendfor-
men auf, die noch zahlreiche Häutungen zu bestehen haben.
Die Cyclopsinen stehen in Gestalt und Bildung des
Körpers den Cyclopsarten sehr nahe und sind aus einer glei-
chen Anzahl von Segmenten zusammengesetzt. Während
indess die Leibesringe der Cyclopen vom Rücken nach dem
Bauche zusammengedrückt sind oder eine rein cylindrische
Form besitzen , wallet hier die seitliche Compression des
Körpers vor, und es ist leicht aus dieser Abweichung die
Differenzen abzuleiten, welche in dem Baue der Gliedmassen,
in den Bewegungen, in der inneren Organisation und in der
ganzen Lebensweise zur Beobachtung kommen. Die Segmente
und ihre Anhänge sind so gruppirt, dass man drei Körper-
regionen , Kopf, Thorax und Abdomen unterscheiden kann.
Der Kopf trägt die Antennen und Mundtheile und bildet (ohne
in einzelne beweglich verbundene Ringe zu zerfallen) den
vorderen langgestreckten Abschnitt. Morphologisch muss
derselbe mehreren Segmenten und, wie später zu begründen
ist, dreien Ringen gleichwerthig angesehen werden, den Seg-
menten nämlich, welche schon bei der eben ausgeschlüpften
Larve durch die Gliedmassen angedeutet sind. Die ersten
beiden Gliedinassenpaare der Larve formen sich in die An-
tennen um, das dritte Fusspaar bildet durch Theilung alle
Mundtheile. Auch für die Cyclopen gilt die nämliche Meta-
morphose , indess tritt uns bei diesen der vordere Körper-
theil nicht in reiner Form als Kopf entgegen, sondern ist mit
dem ersten Thoracalsegmente verschmolzen. Während wir
daher die Körperregionen der Cyclopen als Cephalothorax
Claus:
und Abdomen bezeichnen, ist es bei Cyclopsine möglich, den
entsprechenden vorderen Abschnitt in Kopf und Thorax auf-
zulösen und unter letzlerem die fünf folgenden durch Ein-
schnürungen geschiedenen Segmente zu begreifen, deren An-
hänge zu Ruderfüssen umgebildet sind. Unter einander sind
die zu einem Paare gehörigen Ruderfüsse fester verbunden
und in Folge einer eigenthümlichen ventralen Bildung (siehe
S. 11) nur zu gleichzeitigen Bewegungen befähigt. Der Kopf
und die Thoracalringe stehen an der Bauchfläche in einem
eigenthümlichen Zusammenhange, indem der untere Rand des
Kopfes und der vier nächsten Segmente in zwei starkverhornte
Zapfen ausläuft , zwischen welchen je ein Chitinstab einge-
lagert ist (Fig. 20), der mit dem folgenden Segmente in fe-
sler Verbindung steht. Bei den Cyclopen finden sich ana-
loge Bildungen (Fig. U)), welche von Zenker als Theile der
sogenannten Bauchwirbel aufgefasst wurden. Das Abdomen
wird aus sechs Ringen zusammengesetzt, von denen der letzte
gabelförmig gespalten ist und den Namen „furca" führt. Bei
dem Weibe verwachsen im Laufe der Entwickelung die zwei
ersten Abdominalsegmenle zu einem grösseren Abschnitte, an
welchem die Geschlechtsorgane ausmünden. Daher scheint
auch bei Cyclopsine der Körper des Weibchens aus einem
Ringe weniger zu bestehen als der Leib des Männchens. Be-
rücksichtigen wir zugleich die Trennung des ersten fusslra-
genden Segmentes vom Kopfabschnitle, so werden die Unter-
schiede in Bau und in Zahl der Körperringe, die man zwi-
schen dem Genus Cyclopsine und Cyclops, so wie zwischen
dem männlichen und weiblichen Gesclilechte bei i\cn Auto-
ren angeführt findet, in ihrem morphologischen -«O Zusammen-
*) Man wird es mir wohl erlassen können , die verschiedene
Deutung der einzelnen Segmente und Gliedmassen einer eingehenden
Besprechung zu unterwerfen, und die Grenzen der nach den einzelnen
Gliedmassenlheorien unterschiedenen Regionen in Bezug auf ihre Be-
rechtigung zu würdigen. Ich begnüge mich damit, herzorzuheben,
dassErichson das zweite Antennenpaar als ein vorgerüclites, einem
spätem Segmente angehöriges Fusspaar aulfasste, während sich Zad-
dach den Bau der Entomostralien anfangs (siehe seine Einlheilung
des Thierreichs in Kreise und Classen) durch den Schwund des Ab-
rr,f/f
'4^ „„» v^/ ,^'
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 5
hange begreiflich. Die Fmca ist stets gedrungen und kurz;
an ihrem Ende trägt sie lünf gefiederte Anhänge, welche den
Schwanzborsten der Cyclopen genau entsprechen; die äussersle
derselben lässt sich morphologisch auf die kürzere Seilenborste
der Cyclopen zurückführen, die innere Seitenborste ist auch
hier durch einen unbefiederten Anhang vertreten. (Siehe
Fig. 50.)
Die Glied massen und deren Befestigung.
(Fig. l. — Fig. 20.)
Die Antennen.
(Fig. 1—3, ferner Fig. 16 — 18 und Fig. 55.)
Anstatt des als Roslrum bekannten Wulstes , der sich
bei den Cyclopsarten am vorderen Körperende findet, beob-
achtet man hier eine kleinere unpaare Auftreibung, zu deren
Seiten sich ein paariger Vorsprung erhebt, welcher mit brei-
ter Basis entspringend in einen etwas gekrümmten, hakenför-
migen Zapfen ausläuft. Diese Slirnzapfen, wie wir uns aus-
drücken wollen , haben ohne Zweifel die Bedeutung eines
Schutzapparates für die in der Tiefe gelegenen Weichlheile,
namentlich für das Auge, welches bei der zarten weichen Um-
gebung eines besonderen Schutzes bedarf. Die Entfernung
beider Vorsprünge steht auch mit der Lage und Grösse des
Auges in nolhwendiger Beziehung, indem sie fast genau der
Breite des darunter gelegenen Pigmentkörpers entspricht. Zu
beiden Seiten dieser schützenden Chitinbildung finden sich
die ersten Gliedmassen, die man wegen ihrer Lage und Funk-
tion als Antennen bezeichnet hat, befestigt. Die Einlenkung
wird durch dünne Chiliiisläbe vermittelt, welche eine durch-
aus regelmässige zierliche Anordnung zeigen und mit der
Oberlippe in direktem Zusammenhange stehen. Sie bestehen
aus einer Anzahl cylindrischer Ringe , die an der Basis den
domens, später (Entvvickclung des Pliryganidcneics) durch unvollstän.
dige Entwickelung des Thorax erklärte. Burmeister's Zahlentheo-
rien können nicht im cnlfernlesten auf den Bau der Cyclopiden ange-
wandt werden.
6 Claus;
grösslen Durchmesser besitzen, nach dem Ende zu sich mehr
und mehr verschmälern ; gleichzeitig nehmen die Ringe an
Länge bis etwa zur Mitte continuirlich zu, um mit Ausnahme
des kurzen stummelt'örmigen Endgliedes die erlangte Grösse
beizubehalten. Die Anzahl der Antennenglieder ist keines-
wegs eine unbestimmte, wie man nach der Burmeister'schen *)
Definition der Antennen erwarten sollte , sondern man findet
stets 25 Ringe vor, die in ganz bestimmten Grössenverhält-
nissen auf einander folgen und mit charakteristisch geord-
neten Anhängen ausgestaltet sind. (S. Fig. 1 und 2.)
Jedoch kann man sich nur an den weiblichen und an
der linken männlichen Antenne von der angegebenen Zahl
der Glieder durch direktes Zählen überzeugen; um dieselbe
auch an der rechten männlichen Antenne nachzuweisen , hat
man einige Enlwickelungsformen nöthig, da sie im ausge-
bildeten Zustande zu einenj Greifapparate umgebildet ist und
die einzelnen Ringe nicht isolirt und in unveränderter Form
vorführt. Schon die linke männliche Antenne zeigt von der
weiblichen gewisse Differenzen, welche in der grösseren Ge-
drungenheit der einzelnen Glieder und vornehmlich in der
abweichenden Bildung des 7ten Gliedes zur Anschauung kom-
men. Das letztere trägt beim Männchen in der Milte des
äusseren Randes eine kräftige Borste von bedeutender Länge,
die der weiblichen Antenne abgeht. Weit abweichender aber
ist die rechte Antenne des Männchens gebildet, welche durch
Auftreibung und Verschmelzung bestimmter Glieder zu einem
kräftigen Greifapparat umgebildet erscheint. Sie bietet in Bau
und Funktion grosse Analogie mit dem entsprechenden Kör-
peranhange der Cyclopsarten, bei welchen indess auch die
Antenne der linken Seite in derselben Weise gebaut und zu
gleicher Leistung befähigt ist. Aehnlich wie dort unterschei-
det man auch hier drei Abschnitte, von denen der basale die
ersten zwölf Ringe umlasst und dazu dient, durch freiere
seitliche Bewegungen seiner Glieder die Wirkung der beiden
Obern Abschnitte auf verschiedene Richtungen auszudehnen.
Die Basairinge besitzen eine bedeutende Breite, während die
*) Zoonomische Briefe. Organe mit unendlichen Gliederrei-
hen U. S. W. S«d4.
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 7
folgenden von viel geringerem Durchmesser durch wellen-
förmig ausgeschweifte Ränder ausgezeichnet sind und seit-
liche Verschiebungen unter einander gestalten. Letzlere bil-
den so in ihrer Gesammtheit gewissermassen einen um die
Längsaxe rolirenden Stiel, der die Brauchbarkeit des aufsit-
zenden Greifapparales erhöht. Der mittlere Abschnitt besieht
aus sechs wulstig aufgetriebenen Gliedern von bedeutendem
Durchmesser, welche in sich eine kräftige Muskulatur bergen ;
an der inneren Seite, nach welcher die ginglymische Bewegung
des oberen Abschnittes erfolgt, sind kräftige Borsten angebracht,
von denen die äussersten den beiden letzten Ringen der Länge
nach anliegen und die Funktion elastischer Stäbe übernehmen.
Die noch übrigen sieben Glieder setzen den dritten Abschnitt
zusammen, ohne jedoch als deutlich geschiedene Ringe er-
kenntlich zu sein. Nur die drei letzten Glieder treten voll-
kommen frei dem Beobachter entgegen, während je zwei
der vorhergehenden zu einem langen cylindrischen Abschnitt
verschmolzen sind. Der erste derselben, an Grösse der bedeu-
tendste, ist gelenkig mit dem letzten Ringe des mittleren Ab-
schnittes verbunden und kann gegen denselben mitsammt den
folgenden Gliedern wie die Klinge des Taschenmessers gegen
den Griff eingeschlagen werden. Auch dieser Theil ist an
der Innenseite mit elastischen Stäben versehen, welche beim
Zusammenschlagen die gleichwerthigen Gebilde des minieren
Abschnittes bedecken, und den auf gefangene Körper ausge-
übten Druck zu mildern scheinen.
Es ist wohl kaum nöthig, im Speciellen die Analogie
welche zwischen den betrachteten Antennen und denen der
männlichen Cyclopen besteht, darzulegen, sie ergiebt sich aus
dem Besprochenen unmittelbar, indess möchte es doch von
Interesse sein , die Abweichungen, durch welche beide in Bau
und Funktion verschieden sind, anzudeuten. Die rechte Antenne
von Cyclopsine ist weit schlanker und gestreckter als die
der Cyclopen und zeigt sich auch dieser Bildung gemäss weit
weniger zu anhaltender Leistung befähigt. Hiermit sieht denn
auch die Verwendung dieser Antenne bei der Begattung im
Zusammenhange; ihr ist nur die Aufgabe zugefallen, das
Weibchen zu fangen, während die Copulation durch die Thä-
tigkeil des fünften Fusspaares zu Stande kommt. Die mann-
^ Claus:
liehen Antennen der Cyclopen dagegen haben auch diese
Leistung übernommen und sind demgemäss für eine andau-
ernde Wirksamkeit organisirt. Von weit gedrungenerem mas-
sigerem Baue, mit kürzerem Basaltheile ausgestattet, können
sie Tage lang ohne Unterbrechung ihre Leistung ausüben.
Auffallend ist zugleich die ununterbrochene Contraklion der
Längsmuskeln, die, wie mir scheint, nur durch die Wirkung
der mechanischen Kräfte erklärt werden kann. Wie man sich
leicht überzeugt, ist das Vorhandensein eines Chitinvorsprun-
ges im Innern des 14ten Ringes als mechanisches Mittel zur
Unterstützung der Muskelaktion von grösster Bedeutung.
Ueber denselben läuft wie über eine Rolle der sehnige End-
theil des starken, bauchigen Längsmuskels hinweg, um sich
in einem Einschnitte des folgenden Ringes zu inseriren (s.
Fig. 15 — 18). Allein nur das äusserste Ende dieser Sehne
ist von weicher elastischer Beschaffenheit, der bei weitem
grössere untere Theil ist zu einem festen Sförmig gekrümmten
Chitinslabe erhärtet, der bei der Contraklion des Muskels über
die Rolle hingleitet und in den Raum unterhalb derselben
hineinspringt. In dieser Lage (Fig. 15) ist der Muskel voll-
ständig zusammengezogen, und dem Nachlasse der Contrak-
lion in dem Gegendrucke des Chitinvorsprunges ein bestimm-
ter Widerstand geboten, der erst bei vollkommener Erschlaf-
fung überwunden wird.
Die zweiten Antennen (Fig. 3) von Cyclopsine
castor inseriren sich unterhalb der ersten zu beiden Seiten
der Oberlippe. Sie bilden nicht wie die der Cyclopsarten
eine einfache Gliederreihe , sondern sind aus zwei Aesten
zusammengesetzt. Auf einen Basalring folgt ein cylindrisches
zweites Glied , dem sich noch ein drittes und viertes an-
schliesst. Ausserdem trägt dasselbe am äusseren Rande einen
cylindrischen Ast, über dessen nähere Beschaffenheil die bei-
gegebene Figur Aufschluss giebt.
Die Mundtheile.
(Fig. 4-7.)
Die Mundöffnung wird am oberen Rande von einer un-
paaren Chitinplatte begrenzt, die als Oberlippe bczeich-
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 9
net wird. Dieselbe steht jederseits mit dem Basaltheile der
grossen Antenne im Zusammenhange und es scheint, als ob
Bewegungen der letzteren auch geringe Lagenveränderungen
dieses Theils zur Folge hätten. Nach Fischer's Beschrei-
bung soll die Oberlippe aus zwei abgerundeten Lappen be-
stehen , indess ist eine solche Anschauung nur durch Com-
bination der Oberlippe mit dem ersten Kieferpaare entstan-
den ; die Oberlippe ist im Gegentheile durchaus einfach, ent-
behrt auch aller Einkerbungen am unleren stark chitinisirten
Rande, wie wir sie in so regelmässiger Anordnung bei den
Cyclopsarten finden. In morphologischer Beziehung ist die-
selbe nichts als die obere Platte des unpaaren Wulstes, der
bei den frei schwimmenden Larven von der Mundröhre durch-
brochen zwischen den beiden ersten Ruderfössen beobachtet
wird.
Das erste Kiefer paar (Fig. 4) besteht aus einem
langgestreckten Basallheile und einem zweiästigen Palpus.
Der ßasailheil ist am inneren Rande stark chitinisirt und mit
kräftigen Zähnen ausgestaltet, er trägt ziemlich nahe an sei-
ner Insertion am oberen Rande den zweiästigen Palpus, der
ähnlich der zweiten Antenne gebildet ist und auch eine mit
jener übereinstimmende Thäligkeit ausübt, indem derselbe
durch fortwährende Schwingung eine conlinuirliche Bewegung
der umgebenden Wasserlhcile unterhält.
In noch weit höherem Grade ist das zweite Kiefer-
paar (Fig. o) zur Strudelerregung befähigt. Alle seine Theile
sind flächenhaft entwickelt und mit zahlreichen mächtig ent-
wickelten Borsten besetzt. Bau und Funktion zeigt daher grosse
Uebereinstimmung mit den Schwimmfüssen der Branchiopo-
den , die ebenfalls durch Strudelung im Wasser suspendirte
Körper heranbewegen und der WundöfTnung zuführen. Man
fasst gewöhnlich diese flächenhaft entwickeilen Anhänge als
Kiemen auf und sucht ihre Bestimmung auf die Vermillelung
der Respiration zurückzuführen. Indess scheint mir diese
Bedeutung nur da vollkommen erwiesen, wo ausserdem be-
stimmte Gründe vorliegen, aus denen ein lebhaft respiratori-
scher Austausch an diesen Theilen gefolgert werden kann.
Die gesammlc Haut zarter Wasserlhiere und auch unserer
Cyclopiden ist in demselben Sinne als Kieme zu deuten, denn
10 Claus:
auch diese gestaltet den endosinotisclien Verkehr innerer und
äusserer Stoffe unter denselben Bedingungen.
Der zunächst folgende Körperanhang (Fig. 6) , welcher
unter dein Namen des kleinen Maxillarfusses bekannt
ist, nimmt an der Erregung des Wasserstrudels ebenfalls An-
theil , wie man schon aus seiner flächenhaften Entwickelung
und dem Besitze mächtiger Anhänge vernuithen kann. Vor
dem entsprechenden Theile der Cyclopen zeichnet er sich zu-
nächst durch die Gedrungenheit der einzelnen Glieder aus,
deren hier fünf unterschieden werden können. Die drei er-
sten sind nicht scharf von einander getrennt und tragen an
ihrem inneren Rande nicht etwa einfache befiederte Borsten,
sondern laufen in papillenförmige Fortsätze aus , von denen
jeder mit mehreren Anhängen versehen ist. Die zwei letzten
Glieder sind von unbedeutender Grösse und scharf von einan-
der geschieden; auch sie tragen mächtig entwickelte Borsten.
Die grossen Maxillarfüsse (Fig. 7) von fast dop-
pelter Länge als die vorherbetrachteten, sind zu einer anderen
Leistung organisirt. Dieselben bestehen aus zwei sehr langge-
streckten Basalgliedern, die am ianeren Rande in constanter
Anordnung Borsten verschiedener Bildung und Grösse tragen,
und aus einem fünfgliedrigen mit langen Borsten besetzten End-
theile, dem das zweite Glied bis zu bestimmter Entfernung
genähert werden kann. Mit Hülfe derselben können sich un-
sere Geschöpfe an dünnen Blattstielen und ähnlichen Gebil-
den anklammern und vor Anker legen, aber auch , wie man
sich leicht durch direkte Beobachtung überzeugen kann, krie-
chend auf Blättern und andern im Wasser befindlichen Ge-
genständen umherbewegen. Zur Ergreifung der Nahrung
scheinen die Maxillarfüsse der Cyclopsine nicht zu dienen,
denn die Speise besteht nicht aus grösseren Körpern , son-
dern aus mikroskopischen Thier- und Pflanzenresten, welche
im Wasser fein vertheilt sind; bei den Cyclopen, deren
Mundtheile weit weniger zu einer Strudelerregung, als zum
Kauen der Nahrung organisirt sind;, mögen diese Gliedmas-
sen wohl auch grössere Gegenstände erfassen und dann als
Beute den Kiefern zum Zerkleinern übergeben.
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 11
Die Füsse.
(Fig. 9-14).
Die zu Fusspaaren umgebildeten Körperanhänge sind in
derselben Zahl vorhanden wie die entsprechenden derCyclops-
arten, mit denen sie auch in Bau und Bildung übereinstim-
men. Nur sind sie weit gestreckter, mit kräftigeren Ruder-
borsten ausgestattet und demgemäss, durch Produktion einer
grössern AViderstandsfläche, zu einer bedeutenderen Leistung
befähigt. Die vier vorderen Fusspaare, von denen jedes ei-
nem scharf geschiedenen Segmente angehört, sind ausschliess-
lich Loliomotionsorgane; durch gleichzeitige, in der Richtung
von vorn nach hinten ausgeübte Ruderschläge erzeugen sie
die für die Bewegung des Thieres nölhige Propulsionskraft,
welche durch die Thätigkeit der grossen Antennen und des
beweglichen Abdomens in Richtung und Intensität modificirt
wird. Das erste Fusspaar (Fig. 8} ist am wenigsten ent-
wickelt und zeigt die charakteristische Abweichung, dass
der innere Ast nur aus zwei Gliedern besteht, der äussere
dagegen am zweiten Gliede des hakenförmigen Anhanges
entbehrt. Von wesentlicher Bedeutung für die gesammte Lei-
stung dieser Gliedmassen ist eine eigenthümliche Chitinbil-
dung, die sich zwischen den Basairingen der einzelnen Fuss-
paaren ausgespannt findet, auf deren Vorhandensein die gleich-
zeitige und in gleicher Richtung ausgeführte Bewegung der
Ruderfüsse begründet ist. Auch Zenker hat diese Bildung
beobachtet, allein als einfache Aufwulstung des ventralen Kör-
pertheils gedeutet und als wesentlichste Eigenthümlichkeit sei-
ner sogenannten Bauchwirbel beschrieben. Zwischen dem Ba-
salringe eines jeden der vier Fusspaare findet sich eine flach
rinnenförmige Chitinplatte, deren Ränder nach innen einge-
bogen sind und den Anschein zweier Längswülsten darbieten.
Während der Basallheil derselben in Gestalt einer dünnen in
Falten gelegten Membran am vorderen Rande des zugehöri-
gen Segmentes befestigt ist, stehen die Seitentheile mit den
Ruderfüssen in direkter Verbindung, indem jederseits ein
Zapfen des ersten Fussgliedes in eine entspechende Vertie-
fung der Chitinplatte hineinpasst. Hierdurch wird die Bewe-
gung beider Füsse eine gleichzeilige , aber auch zugleich
12 Claus:
die Richlung, in welcher beide Theile ihre gemeinsame Thä-
tigkeit entfalten, eine bestinimte und einseitige.
Das fünfte Fusspaar (Fig. 9 — 14) erlangt einen höhe-
ren Grad der Entwickelung, als das entsprechende der Cy-
clopen , dessen stummeiförmiges Aussehen den Namen des
rudimentären Fusses rcchtferligt. Nicht wie dort bleibt das-
selbe auf einer sehr frühen Enlwickelungsstufe stehen, son-
dern bildet sich bis zur letzten Häutung fast gleichmässig
mit den übrigen Ruderfüssen heran, um schliesslich eine ab-
weichende Gestalt anzunehmen, die es zur Ausübung von Ge-
schlechtsthätiokeiten befähigt. In der Form, die uns dasselbe
vor der letzten Häutung vorführt, tritt der Typus der übrigen
Ruderfüsse deutlich zur Anschauung, indem man ausser einem
aus zwei Gliedern bestehenden Basaltheile zwei zweigliedrige
Aeste unterscheidet. Die letzteren sind indess in ihrem Baue
sehr verschieden; während der äussere mächtig entwickelt
ist, stellt der innere einen dünnen, palpusartigen Anhang dar.
Auf dieser Entvvickelungsslufe sind auch schon die Differen-
zen vorgebildet, welche im ausgebildeten Zustande zwischen
den männlichen und weiblichen Gliedmassen des fünften Paa-
res bestehen.
Beim Weibe (Fig. 11) sind beide gleichgebaut. Der Ba-
sallheil und vornehmlich dessen zweites Glied ist kurz und in
die Breite entwickelt, der innere Ast weit länger als der be-
treffende des Männchens und an der Spitze mit zwei Borsten
ausgestattet. Zugleich gewinnt das erste Glied des äusseren
Astes eine bedeutende Länge ; ihm schliesst sich ein kürze-
res zweites Glied an, das am inneren Rande in einen kolbi-
gen Zapfen ausläuft, am Ende aber eine ansehnliche Borste
und zwei kurze Spitzen trägt. Nach der letzten Häutung er-
scheint der innere Zapfen zu einem kräftigen Haken verlän-
gert (Fig. 14), auf dessen äusserm Rande die Endborsle be-
weglich eingelenkt ist.
Bei der männlichen Cyclopsine tritt schon vor der letz-
ten Häutung eine Abweichung in der Gestaltung des rechten
und linken fünften Fusses auf„ Beiden gehört ein gestreck-
ter Basallheil an, dessen zweiter Ring einen bedeutenden Um-
fang erreicht ; am rechten Fusse (Fig. 10) gelangt aber der
äussere Ast sammt seinen Anhängen zu stärkerer Entwickelung,
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 13
er trägt am Ende des zweiten Gliedes eine lange und breite
Borste , die am linken weit kürzeren Fusse (Fig. 9) durch
eine kleine slumirielförmige Spitze vertreten ist. Im ausge-
bildeten Zustande bat die Endborste des rechten Fusses (Fig. 13)
die Gestall eines kräftigen Hakens gewonnen, der beweglich
seinem Träger eingelenkt ist und nach innen eingeschlagen
werden kann. Am linken (Fig. 12) ist der entsprechende
Theil zu einer kurzen Klaue geworden, die mit breiler Basis
sich inserirt und einem steifen Vorsprunge genähert werden
kann. Auf diese Weise kommt die Bildung eines Greifappa-
rates zu Stande, welcher, einer Zange vergleichbar, während
der Begattung das Geschäft übernimmt, die austretende Sper-
matophore zu erfassen und dem Weibchen in die Geschlechls-
öfTnung einzuführen. Die Funktion des rechten Fusses be-
zieht sich ebenfalls auf den Akt der Begattung ; nachdem
durch die Wirksamkeit der rechten Antenne die Besitznahme
des Weibchens vorbereitet ist, schlägt sich der klauenartige
Endtheil dieser Gliedmasse um die Basis des Abdomen ge-
gen seinen Träger ein und stellt mit geringem Kraftaufwand
eine dauernde Verbindung beider Geschlechter her. Vollkom-
men naturgetreu und in ausserordentlicher Schönheit sind die
Abbildungen, durch die unsJurine mit dem Begattungsakle
dieser Thiere bekannt gemacht hat.
Die Muskulatur.
Wie bei allen langgestreckten Gliederthieren gelangen
auch hier die Längsmuskeln zu besonderer Entwickelung.
Zunächst verlaufen auf der Rückenhälfte in paariger Anord-
nung mehrere Muskelbündel , die sich an einem Chilinvor-
sprung (Fig. 17) im Innern des Kopfes inseriren und der Lange
nach in den einzelnen Segmenten herablaufen. Die am mei-
sten nach oben (fast in der Mittellinie) gelegenen Bündel sind
sehr kurz und heften sich am ersten und zweiten Thoracal-
segmenle an, um Verschiebungen zwischen Kopf und Thorax
zu bewirken. Die übrigen entfernen sich mehr und mehr
von der Medianlinie , während sie zugleich in demselben
Masse tiefere Insertionspunkle gewinnen , so dass die letzten
sich in das schmale Abdomen hineinerstrecken und hier als
seitlich gelagerte Längsbündel freiere Bewegungen vermitteln.
14 Claus:
Ihre äusserslen Theile verlaufen bis in die Furca , wohin
dünne Fäden zur Bewegung der Schwanzborsien abgehen.
Die Längsmuskeln der ventralen Körperhälfte lassen sich in
zwei Gruppen bringen. Die innere derselben findet sich aus-
schliesslich im Thorax und Kopf und bildet paarige nach dem
ersten Abdominalsegmente convergirende Bündel, welche an
einem mittleren dreieckigen Vorsprunge dieses Segmentes sich
anheften. Die weiter von der Mittellinie entfernt gelegenen
Längsmuskeln erstrecken sich, durch eine Anheflung an jedem
Segmente unterbrochen , durch den ganzen Körper, im Ab-
domen verschmälern sie sich indess bedeutend und enden in
der Furca , wo sie die untern Schwanzborsien mit dünnen
Fäden versehen.
Zur Bewegung der Gliedmassen finden sich im Kopfe
und Thorax mächtig entwickelte Quermuskeln, die sämmllich
auf der Rückenfläche entspringen und namentlich in denTho-
racalsegmenten je in zwei Bündel streng geschieden sind. Durch
die Contraktion des oberen Bündels werden die Ruderfüsse
aus ihrer normalen Lage nach vorn in der Richtung nach
dem Kopfe bewegt, während die Zusammenziehung des un-
tern bei weitem stärkern Muskelbündels die Adduklion in der
entgegengesetzten Richtung zur Folge hat. Hislologisch be-
merkenswerlh schien mir die Struktur des bekannten in dem
mittleren Abschnitte der männlichen Antenne gelegenen Mus-
kels, der bauchig aufgetrieben und zu energischer anhaltender
Contraktion befähigt ist. Seine Umrisse sind ausserordent-
lich scharf und entsprechen einem ziemlich festen Sarco-
lemma, welches in seiner Verlängerung zum oben beschrie-:
benen Chitinstabe erhärtet. Der Muskelinhalt selbst zeigt bei
massiger Vergrösserung, wellenförmig ausgeschweifte Zeich-
nungen, die das Ansehen einer deutlichen 0»crstreifung her-
vorrufen (Fig. 17). Unter sehr starker Vergrösserung sieht
man abwechselnd helle und dunkele scharf conturirte Schich-
ten in continuirlicher Folge, von denen die ersteren eine be-
deutende Höhe besitzen. Im Zustande der Contraktion, in
welchem bei abnehmender Länge die Breite des Muskels sich
vergrössert hat, liegen die dunkeln Streifen in einer dichte-
ren Aufeinanderfolge, die Höhe der helleren Zwischenräume
ist sichtlich vermindert (Fig. 15).
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 15
Nervensystem und Sinnesorgane.
Nach Zenker, welcher das Nervensyslein bei einigen
Cyclopsinen beobachlel und bei einem grossen Cyclops qua-
dricornis präparirt zu haben behauptet, besteht dasselbe aus
einem grossen breiten Gehirnknoten und fünf den Fusspaaren
entsprechenden ßauchganglien , die durch dicht anliegende
Stränge ndt einander verbunden sind. Im Abdomen sind nach
demselben Aulor noch einige kleinere Schwanzganglien gele-
gen, welche durch die Nervenfasern des Dauchsiranges mit
den erstem communiciren. Aus dem Gehirne sollen kurze
Augennerven entspringen, ebenso aus dem Bauchslrange zarte
Nerven zu den Füssen abgehen. Das letzte Bauchganglion
soll endlich zarte Nerven abgeben, die in das Abdomen sich
erstrecken, um oberhalb des Afters in einem eigenen Gang-
lion zu enden. Ich für meinen Theil kann durch direkte ße-
obachlung nur einige dieser Angaben bestätigen ; die aus-
serordentliche Zartheit des Nervensystems machte es mir un-
möglich, selbst nach Einwirkung erhärtender Reagentien,
durch Präparalion eine Anschauung von dem Baue und dem
Verlaufe zu gewinnen. Ich muss mich daher auf das be-
schränken , was ich am unversehrten Thiere unter dem Mi-
kroskope direkt beobachtete, das natürlich um so unvollkom-
mener ist, als die umgebenden Organe und namentlich das
Bauchskelet mir störend in den Weg treten und nur an ei-
nigen Stellen eine Ansicht von Nervenlheilen gestalteten. Mit
aller Bestimmtheit erkannte ich an durchsichtigen Cyclopsar-
ten den Theil des ßauchstrangs . der innerhalb des letzten
Thoracalringcs und des ersten Abdominalsegmentes genau in
der Mittellinie verläuft. An seinem oberen Ende zeigte er deut-
lich eine Verdickung und gab an die rudimentären Füsse seil-
lich zwei Zweige ab, nach dem Abdomen zu sich mehr und
mehr verjüngend. Auch bei Cyclopsine konnte ich mich von
dem Vorhandensein dieser Nerventheile an der entsprechenden
Stelle überzeugen ; ich erkannte, natürlich ein(^ seilliche Lage
des comprimenten Thiers benutzend , einen zarten Strang
gelblicher Färbung , der ohne Zweifel als Nervenstrang ge-
deutet werden konnte. Aber auch hier setzen Skelet und
Muskeln der weitem Verfolgung dieses Gebildes eine Grenze.
16 Claus:
Was ich ausserdem durch eigene Anschauung bestätigen
kann, ist das Vorhandensein eines paarigen oder unpaarigen
Ganglions unmittelbar unterhalb der Augen, welches Zen-
ker als Gehirn bezeichnet und in richtiger Form abgebildet
hat. Mit seinem oberen Ende liegt es dem hinteren Augen-
theile unmittelbar an, ohne übrigens einen kurzen Augennerv
abzugeben.
Von Sinnesorganen ist mit Bestimmtheit bei den
Cyclopiden nur das Auge nachgewiesen. In früherer Zeit
wurde das Auge seiner Lage und Bildung nach als unpaares
Organ aufgefasst, eine Anschauung, welche die Genusnamen
Monoculus, Cyclops, Cyclopsine rechtfertigt. In neuerer Zeit
indess , wo man der Entwickelung mehr Aufmerksamkeit
schenkte, hat man sich davon überzeugen müssen, dass die-
sem vermeintlich unpaaren Organen eine durchaus paarige
Anordnung zu Grunde liegt. So erwähnt namentlich Zen-
ker, dass das von Jur ine und Vogt als einfacher schwar-
zer Fleck bezeichnete Auge aus zwei nach den Seilen ge-
richteten Einzelaugen besteht , die schon in früher Entwicke-
lungszeit, ehe von anderen Organe nur eine Andeutung ge-
geben , von einem zweilheiligen rolhen Fleck repräsenlirt
seien. Später und erst in den freien Larvenstadien verschmel-
zen die Pigmeniflecken in der Mittellinie miteinander und
stellen dann einen unpaaren, nach beiden Seiten becherförmig
erweiterten Pigmenlkörper dar, zu dem sich in der weiteren
Entwickelung die beiden lichtbrechenden Körper hinzugesel-
len, lieber die Auffassung dieser Gebilde herrschen indess
einige Differenzen. Fischer und auch Leydig verglei-
chen dieselben der Krystalllinse, und bezeichnen sie auch
in dieser Weise, während Zenker die beiden lichlbrechen-
den Organe dem Glaskörper der Wirbellhiere parallel setzte.
Als Grund giebt er die zellige Struktur derselben an, die ich
indess sehr in Zweifel ziehe , da ich selbst auch mit Hülfe
der geeigneten Reagentien eine histologische Differenzirung in
Zellen nicht nachweisen konnte. Indess hege ich auch einige
Bedenken, die Auffassung als Krystalllinse sofort zu billigen,
denn abgesehen von der bis jetzt nicht erwiesenen Art der
Entstehung, kommen doch einige Momente hinzu, welche die
Möglichkeit nicht leugnen lassen, dass in diesen Körpern
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 17
unmittelbar die mit Nervenfasern in Verbindung stehenden
percipirenden Elemente vertreten sind. An dem in schwin-
gender Bewegung befindlichen Daphnienauge, das nichts als
eine höhere Entwickelung des Cyclopenauges darstellt, unter-
scheidet man dieselben Theile, nur sind die analogen das Licht
brechenden Körper in grosser Anzahl vorhanden. Es bleibt
nur übrig, den Zusammenliang letzterer mit dem überaus zar-
ten Nervensysteme aufzufinden, um die Parallelisirung dieser
Theile mit den Stäben des Facettenauges durch entscheidende
Gründe bewiesen zu haben.
Dass übrigens dem Daphnienauge die bezeichnete Stel-
lung dem Cyclopenauge gegenüber gebührt, glaube ich durch
den Bau des Sehorgans bei Cyclopsine castor nachweisen zu
können. Während diesem die Bildung des Pignientkörpers und
die lichtbrechenden Kugeln mit dem Cyclopenauge gemeinsam
ist, nähert sich dasselbe durch freiere Beweglichkeit so wie den
Besitz zweier Augenmuskeln, die sich an dem hinteren erhär-
teten Theile des Pigmentkörpers befestigen, dem complicirte-
rcn Daphnienauge und vermittelt einen allmähligen Ueber-
gang der Sehorgane der Phyllopoden und Copepoden.
Der Pigmentkörper, wie ich den pigmentirten Theil des
Auges wegen seiner festen Beschaffenheit bezeichnet habe,
zeiot bei verschiedenen Arten und bis zu gewissem Grade bei
derselben Species Abweichungen in Gestalt und Färbung, die
zum Theil von dem jedesmaligen Concentrationszustande der
färbenden Substanz bedingt werden. Zu Artcharakleren habe
ich daher dieselben nie benutzt.
Ernährung und Absonderung.
Die Nahrung, welche aus kleinen organischen Körpern,
einem Detritus thierischer und pflanzlicher Bildungen, besteht,
wird durch die Mundöffnung in das. Innere des Thieres einge-
führt. Von dem Munde aus, der uns unterhalb der Oberlippe
als eine nicht sehr weite, von Chitinstäben gestützte Querspalte
entgegentritt, gelangt sie in den dünnen aufwärts steigenden
Oesophagus *) und von hier in einen weilen dem Chylusdarme
*) Von dem Vorhandensein der Ctiitinstäl)e im Oesophagus, wie
sie Zenker beschreibt, habe ich mich nicht überzeugen können;
Archiv f. Natui^esch. XXIV. Jahrg. I Dd. 2
18 Claus:
der Insekten vergleichbaren AbschniU, den Juri ne als Ma-
gen, Zenker als Darm in Anspruch nimmt. In diesem
Theüe wird die Speise verdaut, das Assimilirbare aufgenom-
men und aufgesogen. Die unbraubaren Stoffe gelangen in das
Rektum, welches, durch eine sphinkterähnliche Einschnürung
im unleren Abschnitte des Thorax vom Chylusdarme gelrennt,
einen langen dünnen Canal darstellt und an der Rücken-
seite des letzten Abdominalsegmentes nach aussen ausmün-
det. Wie bei den Cyclopen , so findet sich auch bei Cyclop-
sine an dieser Ausmündungsstelle eine eigenthümliche Bildung
des Chitinskeletes , die mit dem Namen der Afterklappe be-
zeichnet wird und von mir bei einer früheren Gelegenheit
beschrieben ist.
Histologisch lässt sich am Verdauungskanale eine innere
Cuticula nachweisen, die als Fortsetzung der äusseren Chi-
linhaut den Oesophagus und das Rektum auskleidet; im Chy-
lusdarme ist dieselbe entweder von ausserordentlicher Zart-
heit (Zenker) oder vollkommen verschwunden, wenigstens
gelang es mir nicht dieselbe hier aufzufinden. Dagegen wird
die innerste Lage dieses Abschnittes von mächtig entwickel-
ten Zellen gebildet, die durchaus den Chyluszellen der Insek-
ten entsprechen« Von einer zarten Membran überzogen, sind sie
von einem hellen, durchsichtigen Inhalte erfüllt und schliessen
einen verhällnissmässig kleinen das Licht schwach brechen-
den Kern ein. Indess tritt der Inhalt dieser Zellen nament^
lieh in den entwickelten Formen und im Zustande der voll-
kommenen Ausbildung nicht in dieser Reinheit auf , er füllt
sich mit Fellhöpfchen verschiedener Grösse und Körnchen
mannichfacher Färbung. Solche Zellen nehmen dann von der
Färbung der eingeschlossenen Elemente ein dunkles Ansehen
an und gewinnen über die hellen ein bedeutendes Ueberge-
wicht. Nicht unwahrscheinlich ist es, dass sich mit diesen
Abweichungen auch eine Verschiedenheit der Funktion ver-
ebensowenig schien mir die Oberlippe jene Bedeutung zu besitzen,
die ihr jener Forscher zuschreibt, Wenn dieselbe auch in geringen
Verschiebungen bewegt werden kann, so ist sie schon ihrer Grösse
und Gestalt und insbesondere ihrer Befestigung halber unfähig, in die
MundölTnung zurückgerollt zu werden.
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 19
bindet, dass die zuletzt beschriebenen Bildungen als Leber-
zellen in Anspruch genommen werden müssen. Ihr Inhalt
wird sich zum Theil mit der tjingeführlen Speise mischen
und die an Fetten reichhaltigen Stoffe aufnaimisfähig machen ;
indess unterliegt es auch wohl keinem Zweifel, dass ein gros-
ser Theil der Felttropfen aus der Nahrung gewonnene Pro-
dukte darstellt, welche in den Organismus durch die Wandun-
gen des Darmes hindurch übergeführt werden. Ebenso findet
man auch ausserhalb des Darmes oft in regelmässiger An-
ordnung grössere und kleinere Fetttropfen, welche ihrer Ent-
stehung nach vielleicht mit jenen im Darme idenlisch sind,
möglicherweise aber auch als Zersetzungsprodukte der im
Blute enthaltenen Nahrungsstoffe unter Einwirkung des Sauer-
stoffes betrachtet werden können. Die Bedeutung jedoch,
die ihnen Zenker für die Respiration zuschreibt, als könnte
durch ihre Abscheidung ein Athmungsorgan ersetzt werden,
muss entschieden als der physiologischen Anschauung durchaus
widersprechend zurückgewiesen werden.
Ausserdem aber steht die Wandung des Darmes noch
einer andern Funktion vor: sie wird Träger der Harnorgane.
Im unteren Theile des Chylusdarms finden sich ausser den
beschriebenen Zellen Bläschen mit eigenthümlichen Concre-
menten, die in ihren physikalischen und chemischen Eigen-
schaften durchaus mit den Harnconcrelionen übereinstimmen,
welche spätere Larvenstadien in sich bergen. Sie brechen
das Licht etwas weniger als Fetllröpfchen, sind von scharfen
Conluren umgeben und leisten selbst gegen kräftige Rea-
gcntien grossen Widerstand. In Essigsäure massiger Stärke
bleiben sie unverändert, während sie eine concentrirte
Kalilösung auflöst. Was übrigens die Auffassung dieser Ge-
bilde als Harnzellen noch unterstützt , sind ihre weiteren
Schicksale, die im Innern des Darmrohres selbst verfolgt wer-
den können. Sehr häufig lassen sich im Kolhe nicht nur
die isolirfen Concremente , sondern auch die Bläschen mit
dem charakteristischen Inhalte in unveränderter Gestalt nach-
weisen, ja letztere finden sich sogar in grösserer oder ge-
ringerer Menge im Rektum vor, und werden dann durch den
After nach aussen entfernt. — Auf diese Zellenschicht, die sich
an einer besondern Bindegewcbsmembran, einer Tunica pro-
20 Claust
pria, befestigt, folgte eine Muskellage, die am Chylusdarme
ausschliesslich aus Längsmuskeln besteht, im Oesophagus und
Rektum dagegen noch durch Quermuskeln unterstützt wird.
Eine besondere Entwickelung zeigen die Quermuskeln an der
sphinclerarligen Einschnürung zwischen Chylusdarm und Rek-
tum. Aeusserlich findet sich eine zarte Membran^ welche die
Verbindung und Befestigung des Darmes mit anderen Kör-
perlheilen herstellt und nur an einzelnen Stellen deutlich nach-
gewiesen werden kann. Bei Cyclopsine trifft man in ihr zahl-
reiche Kerne an, durch deren Vorhandensein die Bedeutung
dieser Bildung als eine Bindegewebsmembran über allen Zwei-
fel erhoben wird. Mit ihr im Zusammenhange stehen auch
die Faserbündel, welche bei den Cyclopsarten den Nahrungs-
kanal an die Dorsalfläclie des Ceplialothorax befestigen und
die auf- und abwärls schwingenden Bewegungen des ge-
sammten Chylusdarmes zu bedingen scheinen.
Noch ist einer Drüse zu gedenken , welche im unteren
Theile des Kopfes in der Nähe der Maxillarfüsse gelegen
ist. Sie stellt einen mehrfach gewundenen dünnen Kanal dar
von feltartigem lichtbrechendem Ansehen , mit einem gelben
Inhalte. Zellen habe ich im Innern der Wandungen nie ein-
gelagert gefunden, ebensowenig von einer weiteren histolo-
gischen Differenzirung mich überzeugen können. Möglich
dass diese Drüse morphologisch einer einzelnen Zelle ent-
spricht. Die Analogie derselben mit der Schalendrüse von Ar-
gulus und der der Phyllopoden^ auf welche Zenker und
Leydig hinweisen^ kann ich mit keinen weiteren Gründen
unterstützen, da mir ihre Funktion durchaus unklar geblie-
ben ist.
Athmung und Blulbewegung.
Bei der geringen Grösse unserer Geschöpfe und der
zarten Bildung der äusseren Haut erscheint es natürlich^ dass
ein besonderes Respirationsorgan mangelt. Die Körperober-
fläche , welche bei der geringen Masse des Thieres relativ
sehr bedeutend ist, macht die flächenhafte Entwickelung be-
stimmter Körpertheile zum Zwecke der Athmung unnöfhig;
sie allein reicht hin, den Verkehr zwischen Blut und Wasser
zu vermitteln. Durchaus irrthümlich ist die Ansicht Zen-
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 21
ker*s, der eine ganz andere Alhmung- als bei anderen Thie-
ren vermulhet und in der Abscheidung kohlenhalliger Pro-
dukte einen Ersatz der Respiration zu finden glaubt. Zen-
ker begeht einen groben Verstoss gegen die physiologische
Anschauung , wenn er den Zweck der Athmung nur in der
Abgabe des überschüssigen Kohlenstoffes erkennt und hierauf
gestützt die Behauptung aufstellt, dass ein Organ, welches an
Kohlenstoff überreiche Produkte absondert, im Wesentlichen
den Dienst eines Respirationsorganes leiste. Während die
tiefere Bedeutung des Athmungsprocesses in der Vermiltelung
chemischer Bewegungen liegt , welche in der Blutflüssigkeit
und den thätigen Geweben vor sich gehen, die zu ihrem Ab-
laufe eine continuirliche Quelle freien Sauerstoffes nölhig ha-
ben^ sucht sie Zenker irrthümlich in einem begleitenden
Nebenfaktum^ in der Entfernung kohlenstoffhaltiger Produkte.
Das Blut, welches durch die äussere Bedeckung mit dem
Wasser in beständige Wechselwirkung tritt, ist eine klare
helle Flüssigkeit, die alle Organe umspült. Körperliche Ele-
mente gehen derselben durchaus ab , und eben hierin liegt
der Grund, wesshalb die Bewegungen des Blutes nicht ver-
folgt werden können. Zenker will freilich in einem einzi-
gen der zahlreichen von ihm untersuchten Cyclopsinen Blut-
körperchen gefunden und mit ihrer Hülfe die Circulation be-
obachtet haben. Nach ihm trennt sich der aus dem Ostium ar-
teriosum des Herzens hervorschiessende Blutstrom in mehrere
Theile. „Der Hauptstrom ging vorwärts in den Kopf, zwi-
schen Auge und Gehirn hindurch, bog sich um auf die Bauch-
seile und verlief zwischen den Kiefern und Füssen in der
Mittellinie hindurch in einen Sinus abdominalis , dem der"
grösseren Crustaceen entsprechend. Seilliche Ströme zweigen
sich im Cephalothorax von ihm ab, wo es der Raum zulässl,
und vereinigen sich bald wieder mit ihm. Der andere arteriello
Strom, gleichsam die Aorta dcscendens, wird durch die vor
dem Herzen liegenden Theile des Geschlechts- und Ver-
dauungsappnrales alsbald nach hinten herumgelcnkl und tritt,
den Darm umspülend, am hinteren Ende des Leibes in den
Sirom (\qs Sinus abdominalis ; dieser geht , wenn auch ein-
zelne Zweige schon früher zwischen den Muskelmassen un-
ter der Haut empordringen , doch zum grösslen Theile erst
22 Claus:
am Ende des Abdomens wieder auf die Rückenseite über in
den starken Blutstrom des Sinus dorsalis , in welchem das
Blut zum Herzen zurück und von neuem in den Kreislauf
geführt wird.« Niemals sah Zenker Blutkörperchen in den
Schwanz, die Ruderarme oder sonstige Gliedmassen eindrin-
gen und schliesst daraus, dass höchstens ein schwacher Blut-
wechsel in denselben stallfindel.
Die vermeintlichen Blutkörperchen indess, welche unser
Forscher zur Auffindung des Blutstromes benutzte, sind nichts
als pflanzliche Gebilde, höchst wahrscheinlich einzellige Pilze,
die ich sehr oft im Innern der Cyclopen vorfand. Stets aber
waren dieselben in einer solchen Menge vorhanden, dass sie dicht
gedrängt alle Zwischenräume der Organe, ja auch die Glied-
massen erfüllten, ohne die geringste.Veränderung in ihrer Lage
vorzuführen. Ich halte daher keine Gelegenheil Beobachtungen
über den Kreislauf anzustellen und kannZenker's Angaben
nicht unbedingt bestätigen. Einrichtungen , welche die Cir-
culalion des Blutes vermitteln, finden sich nur bei Cyclopsine
und nach den Angaben Vogt's auch bei Harpacticus (Can-
thocamptus) alpestris in Gestalt eines besondern Herzens vor.
Bei Cyclopsine liegt dasselbe auf der Medianlinie des Rückens,
halb im ersten halb im zweiten Thoracalsegmente, und stellt
einen sackförmigen muskulösen Sclilauch dar, welcher in ra-
scher Aufeinanderfolge continuirliche Pulsationen ausführt,
deren Anzahl Zenker auf 150 in der Minute schätzt. Das
Blut scheint in die hintere OefTnung (Zenker nennt
dieselbe Ostium venosum) einzutreten, durch die vordere
(Ostium arteriosum) wieder ausgetrieben zu werden. Ausser
den muskulösen Wandungen glaube ich deutlich eine dünne
äussere Hülle erkannt zu haben, welche durch Fasern mit der
Serosa des Darms und dem Chilinskelet in Verbindung steht
und für die Befestigung des Herzens von grosser Bedeu-
tung ist.
Die Cyclopen und, wie Zenker berichtet, auch H. sta-
phylinus entbehren des Herzens , haben aber dennoch eine
gewisse Circulation, die durch Nebenleistungen des Darmes
bedingt wird. Während der Nahrungskanal von Cyclopsine
castor nur peristallisclie Conlraklionen zeigt, deren Bedeutung
sich einzig und allein auf 4ie Aufnahme und Weilerbeförde-
Zur Anatomie und Enlwickelungsgeschichte der Copepoden. 23
rung des Darminlialles bezieht, beobachtet man im vorliegen-
den Falle noch grössere in der Längsrichtung ausgeführte
Bewegungen, welche ein Vorziehen und Zurückschieben des
Chylusdarnies zur Folge haben. Zunächst wird dieser Ab-
schnitt des Verdauungskanals an der Rückenseite emporge-
hoben, dann in seinen vorderen Partien nach der Insertion
.der bekannten Faserbündel gezogen und schliesslich beson-
ders im hinteren Thoracalabschnilte zurück- und abwärts be-
wegt. Zenker, der diese Bewegungen richtig beschrie-
ben hat und auch ihre Bedeutung in gleichem Sinne auf-
fasst, lässt dieselben durch Längsmuskeln des Darmes ausge-
führt werden; es scheint mir indess, dass auch die am Ske-
lete sich befestigenden Faserbündel muskulöser Natur seien,
und dass namentlich durch ihre Contraklion die Hebung des
Chylusdarmes bewirkt würde. Dass übrigens mit solchen
Verschiebungen eines langgestreckten durch den ganzen Tho-
rax verlaufenden Organs — welche nach Zenker dreimal in
der Minute wiederkehren, nach meinen Erfahrungen indess
viel rascher aufeinander folgen — eine gleichmässige Bewe-
gung der Blulflüssigkeit verbunden sein muss, bedarf keiner
weitern Erörterung.
Die Geschlechtsorgane.
(Fig. 49—55.)
Von hoher Bedeutung für die Bedürfnisse des thierischen
Haushalles und die gegenseitigen Beziehungen des organischen
Lebens erscheint das Geselz , dass mit der Kleinheit und
Schwäche der Thierformen die producirte Nachkommenschaft
bedeutender wird und de Fruchlbarkeit zunimmt. Mit ab-
nehmender Grösse und Masse des Geschöpfes gestalten sich
die Processe des SlofTenwechsels und aller Lebenserschei-
nungen der Art , dass eine bedeutendere Menge organischen
Materials als BildungsstofT erübrigt werden kann. Hiermit in
Uebereinstimmung zeichnen sich die kleinen Cyclopiden durch
eine ansehniicht» Enlwickelung ihrer Geschlechtsorgane aus ;
könnte man einen genauen Ausdruck für das Körpergewicht
gewinnen und die Grösse der produkliven Fläche damit ver-
gleichen, so würde sich für lelzlere eine so bedeutende Zahl
24 Claus:
ergeben , wie sie wohl kaum in einer Thierform berechnet
worden ist. Dass eine Trennung des Geschlechtes stattfindet,
dass männliche und weibliche Geschlechtsprodukte von ver-
schiedenen Individuen bereitet werden , wusste schon 0. F.
Müller, dem die Begattung nicht unbekannt geblieben war.
Von der Bildung der Geschlechtsorgane und den nähern Vorgän-
gen der Copulation hatte freilich dieser Forscher nur unklare
Vorstellungen, die erst durch Jurine in vielen Punkten ge-
läutert wurden. Mit richtigem Takte erkannte Letzterer die
als Laciniae bezeichneten Anhänge der Weibchen als Sa-
menschläuche ; in richtiger Folgerung des Beobachteten er-
klärte er die männlichen Antennen nur für Fangapparate, die
Auffassung Müll er's widerlegend, dass in ihnen die äussern
Begattungswerkzeuge vertreten seien. Auch versuchte der-
selbe eine genauere Analyse der innere Geschlechtsorgane,
konnte indess, da zu seiner Zeit die Strukturverhältnisse we-
nig gekannt w^aren und auch nicht zur Entscheidung physio-
logischer Fragen benutzt wurden, nur wenig zur Aufklärung
(lieser Verhältnisse beilragen. Rigenthümlich war seine Vor-
stellung von der Entstehung der Eiertaschen, von denen er
annahm, dass sie dem mütterlichen Organismus jedes Mal einen
Theil des Ovariums kosteten. Da aber zahlreiche Eierlagen
oft rasch aufeinander folgen, blieb es ihm unerklärlich, wie
dennoch die Substanz des Eierstockes erhalten würde. Erst
durch von Siebold, Fischer und Zenker wurde die
Kenntniss der Geschlechtsverhältnisse unserer Geschöpfe durch
werthvolle Mittheilungen bereichert.
Nach Zenker besteht der symmetrische Geschlechts-
apparat der Weibchen aus Eierschlauch und Kiltorgan , von
denen der erstere jedcrseits am Abdomen ausmündet. Aus-
ser diesen Theilen muss indess noch eine Keimdrüse unter-
schieden werden , welche bei Cyclopsine als ein unpaarer
Sack im Rückenabschnitte des ersten und zweiten Thoracal-
segmentes gelegen ist (Fig. 50), bei den Cyclopen in paariger
Anzahl (He entsprechende Stelle ausfüllt. Während diesem
Theile die Bereitung der Eikeime zufällt und man in ihm
Keimbläschen mit Keimfleck in verschiedener Grösse antrifft,
kommt in den sogenannten Eierschläuchen die Bildung des
Dotters und die weitere Entwickelung des Eies zu Stande.
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 25
Bei Cyclopsine nehmen dieselben jederseits einen Aiisfüh-
rungsg-ang der Keimdrüse auf, steigen dann zunächst nach auf-
wärts bis etwa in die Mitte des Kopfes empor, um Aveiter eine
Biegung nach der ventralen Seite zu machen und im Thorax
herabzulaufen. In zickzackförmigen Windungen, welche den
einzelnen Segmenten entsprechen, erstrecken sie sich bis in
die ersten Abdominalringe, wo sie in der Medianlinie zu einem
unpaaren Ausführungsgange verschmelzen und an der ven-
tralen Seite ausmünden. Eine ähnliche Gestaltung führen uns
die entsprechenden Organe bei H. staphylinus vor, mit dem
Unterschiede jedoch, dass sich die Eierschläuche weit in das
Abdomen hinein fortsetzen, während ihr Ausführungsgang
ebenfalls in der Mittellinie der beiden ersten verschmolzenen
Abdominalringe mündet. Die Cyclopen besitzen, wie schon
erwähnt, eine paarige Keimdrüse, die in den ausgebildeten
Formen die Fortsetzuno- der Dotterschläuche darstellt. Eine
so scharfe Trennung zwischen Keim- und Dotterstock, wie
wir sie bei Cyclopsine finden , ist hier nicht zu beobachten,
so dass man diesen Theil, der sich übrigens seiner Anlage
nach zuerst bildet, auch als Endtheil des Eierstockes bezeich-
nen kann, in dem sich, wie bei den Insekten, die Keimsloffe
entwickeln, ohne dass für denselben eine bestimmte Grenz-
linie nachzuweisen ist. Die Eierschläuche selbst gewinnen
eine weit grössere Flächenentwickelung , sie stülpen sich in
zahlreiche Nebenschläuche aus, welche an den Verbindungs-
stellen benachbarter Segmente entslanden sind und in Lage
und Anordnung eine symmetrische Regelmässigkeit zu erken-
nen geben. Sie münden nicht in der Mittellinie des oberen
Abdominalabschnittes aus, sondern von dieser entfernt in zwei
getrennten seillichen Oeffnungen, die von einem besonderen
mit Borsten besetzten Vorsprunge überdeckt werden. Die
Kittdrüse, deren Sekret zur Bildung des Eiersäckchens ver-
wendet wird , liegt hier von dem Ausführungsgange getrennt
genau in der Medianlinie in symmetrischer Bildung, steht aber
mit den Geschlechtsöffnungen durch zwei kurze Ausführungs-
gänge in Verbindung.
Bei Cyclopsine liegt die entsprechende Drüse im Innern
des unpaaren Ausführungsganges selbst und kleidet dessen
Wandung in Gestalt kleiner mit gelblicher Flüssigkeit gefüll-
26 Claus:
ter Zellen aus. Unmittelbar vor dem Ablegen der Eier tritt
durch die beiden der Miltellinie sehr genäherten Geschlechts-
öffnungen, wie es scheint, nur durch Druck der umgebenden
Theile, der Inhalt der gesprengten Zellen in Gestalt einer hel-
len zähen Flüssigkeit aus ; die Eier stürzen nach und treiben
das Produkt der Kiltdrüse mehr und mehr aus einander. Wäh-
rend sie so eigne Zellen um sich bilden und sich zu einem
regelmässigen Säckchen*) gruppiren, erstarrt unter den» Ein-
flüsse des Wassers die dünne Hülle des Säckchens und der
einzelnen Eier zu einer mehr oder minder festen Bedeckung,
die den nöthigen Schutz für die Entwickelung der Embryo-
nen darbietet. Allein ausser der Herstellung dieses specifi-
schen Sekretes dient der Endtheil des Geschlechtsapparates
und bei den Cyclopen der Innenraum der bekannten Drüse
als Receptaculum seminis zur Aufnahme und Aufbewahrung
der Spermatozoen. Die Befruchtung geschieht entweder in-
nerhalb des mütterlichen Organismus im unteren Theile des
Geschlechlsapparates oder innerhalb des Eiersäckchens im
Momente seiner Entstehung. Mit dem Drüsensekrete, welches
zur Bildung der Hüllen verwendet wird, treten zugleich Sper-
matozoen aus, um, wie es scheint^ Iheilweise in das Innere
der Eier eingetrieben zu werden. Eine grössere oder ge-
ringere Menge derselben bleibt in der erhärtenden Hülle zu-
rück und ist besonders am oberen Theile des unpaaren Eier-
sackes von Cyciopsine mit grosser Leichtigkeit nachzuweisen.
Die Eiersäckchen der Cyclopen, in denen ich vergeb-
lich die Spermatozoen suchte, scheinen nur wegen der Dünne
der Hülle zu diesem Nachweise weniger günstig ; vor allem
aber schreibe ich es der ausserordentlichen Kleinheit und
zarten Bildung der Samenfäden selbst zu, dass ich dieselben
hier nicht auffinden konnte. Die Spermatozoen von Cyclop-
*) Die Bildung der Eiersäckchen wurde erst von Jurine aus-
führlicher beschrieben, frühere Forscher machten sich von ihrem Ent-
stehen keine oder nur unklare Vorstellungen ; nach ihrer Funktion und
Bedeutung waren sie jedoch selbst älteren Beobachtern bekannt. So
werden sie unter Andern von Eichhorn, der unsere Formen als
Wasserbock — (^Cyclops) — und Wasserlaus — (H. slaphylinus) —
hcschreibt, sehr naiv als „Laichbeulelchen ' bezeichnet.
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 27
sine sind bei einer ansehnlichem Grösse durch eine so charak-
teristische Form ausgezeichnet , dass sie kaum mit anderen
Gebilden verwechselt werden können; sie werden aber auch
in grosser Menge entleert, indem das gesammte Contentum
des unteren Genilalschlauches, das noch dazu meist dem In-
halte zahlreicher Spermatophoren entspricht, bei der Eierlagc
aus dem Körper entfernt wird. Auf der anderen Seite wird
bei den Cyclopen der Nachweis auch desshalb um so schwie-
riger sein, weil während der Bildung des Eiersäckchens nur
ein kleiner Theil des Kitldrüsensekretes und zugleich nur eine
geringe Menge von Spermatozoen austritt. Dass indess hier
in der That nur eine partielle Entleerung stallfindet, lässt
sich aus mechanischen Gründen leicht einsehen, aber auch
durch direkte Beobachtungen bestätigen. Wie sollte ferner
die Thatsache anders zu erklären sein , dass die einmal be-
fruchteten Cyclopsweibclien nach einmaliger Begattung eine
Reihe von Säckchen mit entwickelungsfähigen Eiern zu pro-
duciren im Stande sind, während dagegen Weibchen, die man
von früher Jugend an isolirte und im ausgebildeten Zustande
sich nicht begalten lässt, nie zur Bildung von Eiersäckchen
befäiiigt sind. Die Experimente, welche Jurine vor vielen
Jahren anislelite und auf die er seine Behauptung stützte „les
femelles restent steriles sans la copulation« habe ich vielfach
wiederholt und kann ich im vollsten Sinne bestätigen. Nur
möchte ich die Richtigkeil eines weiteren Schlusses, den derselbe
Forscher aus seinen Beobachtungen zog: „un seul accouple-
ment suffit pour feconder toutes les pontes, qui doil fournir
une mere" in einer solchen Ausdehnung in Zweifel ziehen ;
viel wahrscheinlicher scheint es mir, dass die bei einer ein-
maligen Begattung eingeführten Spermatozoen nach einer ge-
wissen Zeit verbraucht sind , und nun die frühere Sterilität
als Folge wieder eintritt.
Mit Bestimmtheit geht übrigens aus meinen Beobach-
tungen und i\en Versuchen Jurine's hervor, dass die Eier
nur nach eintretender Befruchtung entwickelungsfähig wer-
den. Da aber ferner die Bildung der Eiersäckchen keines-
wegs eine unmittelbare Folge der Befruchtung, sondern zu-
nächst nur das Resultat einer j^rösseren Geschleciilslhätiolieit
des VVeibcheus ist, niemals aber ohne vorher vollzogene Copu-
28 Claus:
lalion zu Stande kommt , so lässt sich auch mit gleicher
Bestimmtheit behaupten, dass die Begattung und Befruchtung
einen grossen Einfluss auf die Thätigkeit der weiblichen Ge-
schlechtsorgane ausübt und eine vermehrte Abscheidung von
Eimaterial herbeiführt. Dafür indess , dass die Spermato-
zncn im Momente der Eierlage ihre Thätigkeit ausüben, scheint
mir noch die Entwickelung der Eier einen Grund abzugeben.
Niemals zeigen letztere im Innern des mütterlichen Orga-
nismus irgend welche Veränderung, die auf eingetretene
Befruchtung zu schliessen erlaubte, nicht einmal die ersten
Furchungsstadien kommen hier zum Ablaufe. Erst an den in
den Säckchen eingeschlossenen Eiern lassen sich diese Vor-
gänge beobachten. Um allerdings den stricten Beweis zu
liefern , müsste ich im Innern eben ausgetretener Eier die
Spermatozoen nachgewiesen haben und mit um so grösserer Be-
stimmtheit, als die Samenkörperchen durch ansehnliche Grösse
und charakteristische Form ausgezeichnet sind. Die Schwie-
rigkeiten, auf welche ich bei diesen Untersuchungen sliess,
sind so bedeutend , dass ich zu keinem positiven Resultate
gelangte. Das untersuchte Ei enthält gerade in diesem Sta-
dium einen so gleichmässig getrübten dunkeln Dotter, dass
es, um bestimmte umschriebene Formelemenle im Inhalte er-
kennen zu lassen, gesprengt werden musste. In dem In-
halte zersprengter Eier aber fand ich zwar hin und wieder
Bildungen, die mit den Samenkörpern in ihrer Form gewisse
Analogien boten , allein ich bin doch weit davon entfernt,
sie mit jenen ohne Weiteres zu identificiren.
Fragen wir schliesslich nach der Bedeutung der Eier-
säckchen , nach dem Zusammenhange , der zwischen ihrer
Funktion und dem Gesammthaushalte unserer Geschöpfe be-
steht, so glaube ich nicht zu irren, in ihnen eine Vorrich-
tung zu erkennen , durch welche die Entwickelung der Em-
bryonen unbeschadet der mütterlichen Fruchtbarkeit geschützt
und gesichert wird. Ein längeres Verweilen der Eier im
Innern der Mutler würde natürlich unter sonst gleichen Be-
dingungen die Ausbildung der neu entstehenden Keime ver-
hindern, während im anderen Falle das Ablegen isolirter Eier
bei den unzähligen Angriffen fremder Thiere und den Stru-
delutjgen der eigenen Verwandten die ßedlagungen des Un-
Zur^Analomie und Enlwickelungsgeschichte der Copepoden. 29
lerganges vermehren und der Verbreitung unserer Cyclopiden
Eintrag bringen würde.
Wenn schondie seitliche Compression des ganzen Körpers
und hiermit im Zusammenhange die der Medianlinie genäherte
Lagerung innerer Organe bei Cyclopsine auf eine unpaare An-
ordnung hindeuten, und letztere namentlich durch die fast
verschniolzenen Geschlechtsöffnungen des Weibchens, durch die
unpaare Keimdrüse und den einfachen Eiersack vorbereitet
wird, so erlangt dieselbe in der Bildung des männlichen Ge-
schlechtsapparates (Fig. 55) ihren Höhepunkt. Wie schon in
V. Siebold's und Zenker's Untersuchungen erwähnt und
auch in Fisch er's Arbeit angedeutet ist, niuss zunächst eine
keimbereitende Drüse unterschieden werden , die ihrer Lage
und Funktion nach dem weiblichen Keimstocke entspricht und
als Hoden der Abscheidung und Bildung der Samenkörper vor-
steht. Dieselbe erstreckt sich vom unteren Theile iles Kopf-
abschnittes bis in die Mitte des zweiten Thoracalsegmentes
und gewinnt das Ansehen eines birnförmigen, mit der breiten
Basis nach oben gekehrten Sackes, in welchem sich eine
fein granulirfe Masse befindet. Untersucht man den Inhalt
näher, so treten ausser kleinen rundlichen Körnchen, die das
Licht ziemlich stark brechen und in ihrem Umfange zwischen
0,001 und 0,002"^"» differiren , rundliche scharf begrenzte
Körper auf, von 0,005 — ^0,006'»"^ Grösse, in denen man deut-
lich Enivvickelungssladien der Spermatozoen erkennt. Am
oberen breiten Endtheile schliesst sich dem Hoden ein enger
Samenleiter an, dessen Lumen mit den zuletzt beschriebenen
Bildungen erfüllt ist. Dieser Ausführungsgang steigt als ein
dünner Kanal von beträchtlicher Länge auf der linken Seite
des Chylusdarms schräg nach vorn bis an die obere Grenze
des zweilen Thoracalsegmentes herab, um in einen horizontal
elliptischen Gang umzubiegen, welcher namentlich an seinen
Enden durch dünne Fäden vielleicht muskulöser Natur mit
dem Chilinskelet befestigt ist.
Nacli diesem horizontalen Verlaufe wendet sich der
Ausführungsgang zu einer verticalen Lage und steigt bis in
die Nähe des vierten Thoracalsegmentes herab, um sich wie-
der nach oben umzubiegen und als ein erweiterter Abschnitt
in das erste Segment emporzuheben. Von hier aus krümmt
30 Claus:
er sich abermals und verläuft nun mäclilig aufgetrieben herab
in (Ins erste Abdominalsegment, wo er durch die Geschlechts-
öfTnung ausmündet. Schon aus dieser complicirten Bildung
und ansehnlichen Enlwickelung, durch welche das Vas defe-
rcns ausgezeichnet ist, lässt sich schliessen, dass dasselbe
ausser der Funküon, die Samenkörper aus dem Hoden her-
abzuleiten noch mannichfache Nebenleistungen zu erfüllen
hat, welche sich auf die weitern Schicksale der auszuführen-
den Produkte beziehen. Und in der That erleiden die Sper-
matozoon während ihres Durchmarsches durch die gewun-
denen Samenleiter nicht nur verschiedene Gestaltveränderun-
gen , bis sie schliesslich zur vollkommenen Reife und Be-
fruchtungsfähigkeit gelangen , sondern es kommt auch in
diesem Theile zur Bildung accessorischer Hüllen , die eine
grössere Partie von Samenkörpirn umkapseln und im Zusam-
menhange mit diesen als Spermatophoren für die Begattung
und Befruchtung von hoher Bedeutung sind.
Schon der obere schräg herabsteigende Kanal, welcher
den Anfangslheil des Samenleiters bildet, ist sammt seiner
horizontalen Verlängerung mit Drüsenzellen ausgekleidet, de-
ren Sekret in das enge Lumen eintritt und sich mit Sper-
matozoen mischt. Letzteres bildet eine feltarlige, das Licht
stark brechende Materie, die mit feinen Körnchen erfüllt ist
und zum Theil den Klebstoff (nach v. Siebold) der ent-
wickelten Spermatophore bildet. Der folgende Abschnitt des
Ausführungsganges zeigt indess übereinstimmend mit seinem
grössern Umfange auch einen weiteren Innenraum ; wäh-
rend im Lumen der obern Windungen kaum zwei Samenkör-
per neben einander Platz finden, sammeln sich dieselben hier
in grössern Partien an. Auch die Produkte der Drüsenzellen
gleiten herab und füllen das Centrum des Lumens aus, wäh-
rend die Spermatozoen in peripherischer Umlagerung dicht
gedrängt von einer zarten Hülle umgeben werden« So bil-
det sich der innere Schlauch der Spermatophoren heran, der
übrigens nur die befruchtenden Elemente nebst den zuge-
mischten Sekreten enthält, an Umfang aber in diesem Zustande
den ausgebildeten Samenschlauch übertrifft. Zenker, der
diese Bildung als die flaschenförmige Form der Spermato-
phore bezeichnet, ohne indess den Inhalt näher analysirt zu
Zur Anatomie und Entwickclan^sgeschichtc der Copepoden. 31
haben, inaclit sich von der Enlslehung derselben, anknüpfend
an eine falsche Gestalt des Samenleiters, eine nicht ganz
richtige Vorstellung. Nach seiner Beschreibung ist der
obere Theil des Samenleiters vor der ersten ümbiegung mäch-
tig aufgetrieben und zu einer Schleimdrüse umgebildet. Die
Samenmasse selbst mit dem Sekrete jener Drüse vermischt,
erfüllt alle Windungen bis zu einer pylorusarligen Einschnü-
rung des Hodens nahe seiner Ausmündung, es entsteht eine
Stauung und eine theilweise Erweiterung der Wände am
unteren Theile des Vas deferens , in deren Folge die Bildung
flaschenförmiger Spermatophoren veranlasst wird.
Diesem gegenüber muss mit Entschiedenheit behaup-
tet werden, dass der obere Theil des Ausführungsganges sehr
dünn und eng ist und der beschriebenen Auftreibung voll-
kommen entbehrt, wenn es auch allerdings vollkommen rich-
tig ist, dass seine Wandungen von Drüsenzellen ausgekleidet
sind. Von der pylorusarligen Einschnürung des Hodens,
welche mit Hülfe der schleimvermischten Samenmasse eine
Erweiterung des unteren Samenganges veranlassen soll, habe
ich mich nicht überzeugen können, obwohl ich andererseits
der Vorstellung nicht entsagen kann, dass bei der Bildung
der Spermalophore eine gewisse Spannung der umgebenden
und umschlossenen Theile im Spiele ist. Uebrigens ist es
Zenker nicht entgangen, dass die flaschenförmige Sperma-
lophore in den unteren Abschnitt des Vas deferens eintreten
muss, um ihre weitere Ausbildung zu erlangen. Ist die reife
Samenkapsel entleert, so gleitet die noch unvollendete Sper-
malophore in das freie Lumen des letzten Raumes, den man
der Needham'schen Kapsel der Cephalopoden vergleichen
kann, herab um mit Hülfe neuer Sekrete zur vollkommenen
Reife sich zu entwickeln. Neue Produkte lagern sich in Ge-
stalt kleiner granulirter Körnchen, die unter dem Einflüsse
des Wassers zu mächtigen Blasen aufquellen, um die untere
Hälfte des eingetretenen Schlauches ab, wälirend zugleich die
eingeschlossenen Stoffe aut einen geringen Raum zusammen-
gepresst, sich der Art sondern , dass die Spermalozoen den
oberen , das Sekret der Drüsenzellen den unteren Theil des
Schlauches ausfüllen.
Gleichzeitig scheidet sich um die gesammte Bildung ein
32 Claus:
gelblicher Stoff ab, der zu einer ausserordentlich festen
Hülle erstarrt und die äussere Wandung der Spermalophore
bildet. Nur am oberen Ende bleibt an der halsartigen Ver-
längerung der äusseren Hülle eine Oeffnung, in welcher eine
zähe gelbe Materie eingelagert ist , die zum Ankleben des
Samenschlauches an die weibliche Geschlechtsöffnung dient
und ausschliesslich als Klebstoff bezeichnet werden muss.
V. Siebold scheint dieselbe nicht von dem Sekrete der er-
wähnten Drüsenzellen unterschieden zu haben ^ welches sich
im unteren Theile des inneren Samenschlauches findet^ und
von weit dunklerem Aussehen mehr dem oberen Abschnitte
des Vas deferens seine Entstehung verdankt. Wird die Sper-
malophore aus der männlichen Geschlechtsöffnung ausge-
trieben , so beobachtet man an ihr unter dem Einflüsse des
Wassers folgende Veränderungen. Zunächst gewinnt die un-
tere Hälfte des Samenschlauches eine hellere Beschaffenheit;
die äussere Schicht der granulirten Körnchen, die bisher kaum
als solche unterschieden werden konnte, gewinnt eine be-
deutendere Dicke, indem die letzleren unter dem Einflüsse des
Wassers mehr und mehr zu hellen Kugeln aufquellen und den
entsprechenden Theil des inneren Schlauches zusammenpres-
sen. Da sie aber nach allen Richtungen hin sich ausdehnen,
wird auch der in der Längsaxe gebotene Widerstand über-
wunden; die Obern Grenzen unseres Austreibesloffes rücken
von der Mitte conlinuirlich nach dem oberen Ende hinauf,
während gleichzeilig die Spermatozoen dichter und dichter
zusammengedrängt eine immer höhere Lage einnehmen. Unter
solchen Verhältnissen wird zuerst der Klebstoff allmählig aus-
getrieben und zu einem dünnen Kanäle, der sich dem Halse
des Schlauches unmiltelbar anschliesst, verlängert. Da aber
die Spannung der eingelagerten Stoffe immer bedeutender
wird, so muss es endlich an der engen Mündung, da wo die
Wandung den geringsten Widersland bietet, zur vollständi-
gen Ausgleichung kommen. Die Spermalozoen stürzen plötz-
lich in einem Zuge durch den Hals hindurch in den gebil-
deten Kanal und, falls der Schlauch an der weiblichen Ge-
schlechlsöffnung befestigt war, in den unteren Theil des Ge-
schlechtsapparates hinein.
Die anhängende Spermalophore ist jetzt vollkommen
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepodeh. 33
wasserhell und bietet in Folge des angeschwollenen Auflrei^
bestoCTes, der den Innenrauin ausfüllt, ein grosszeliiges An-
sehen. Oft bleiben indess Spuren des inneren Schlauches
zurück, niemals aber findet sich im Inneren ein leerer Rauu),
wie V. Siebold in seiner Beschreibung der Sperniatophore
angiebt. Was derselbe in dieser Weise bezeichnet, sind Reste
der zusammengepressten , dünnen Hülle, welche die mit Un-
recht als Klebstoff in Anspruch genommene Materie umgiebf.
Wie lan2:e die Spermatophoren nach ihrer Entleerung noch
am Weibchen haften, kann ich durch direkte Beobachtung
bis zu einem bestimmten Punkte entscheiden; v. Siebold
schliesst aus der Thatsache, dass man oft eine grössere An-
zahl von Spermatophoren an den Geschlechtsöffnungen findet,
auf eine längere Verbindung, indess kann man hieraus mit
demselben Rechte, besonders unter Berücksichtigung der ho-
hen ßegatlungslust der Männchen, auch ein relativ günstigeres
Vcrhältniss im Vorkommen der letzteren ableiten.
Nur bei Cajithocamptus *) staphylinus ist die Verbin-
dung des Samenschlauches mit den weiblichen Geschlechts*-
organen von längerer Dauer und wie es scheint für den
Haushalt dieser Thierformen von gewisser Bedeutung. Wäh-
rend ich die Spernuilophore an isolirten Weibchen von Cyclo-
psine castor bald nach Erfüllung ihrer Funktion abfallen sah^
konnte ich an Canlhoc. staphylinus beobachten, wie der ein-
fache Samenschlauch, durch einen besonderen Gang mit dem
Innern des Weibchens communicirend , während der Bildung
mehrerer Eiersäckchen haftete. Auch hier reicht eine ein-
malige Begattung zur Produktion mehrerer Eien^äckchen aus
*) Der von Vogt als besondere Species beschriebene Harpac*
ticus (Canlhocamptus) alpcslris sclieint mir mit II. staptiylinus durcli-
aus identiscli zu sein. Die 3Ierkmale wenigstens, welche Vogt als
Artcharaivtere benutzt, sind so allgemeiner Natur, dass man auf diesel-
ben liein specifisches Gewicht zu legen im Stande ist. Die Bildung
der Antennen, die nach Vogt für seine Species charakteristisch sein
soll, findet sich in ganz derselben Weise auch bei der oben angeführ-
ten einheimischen Art, während der weiter hervorgehobene Mangel der
Schwanzhorsten, der das Weibchen auszeichnen soll, sich offenbar nur auf
ein zufälliges Ausfallen dieser leicht verletzlichen Anhänge reducirt,
Archiv f. Nnlurgcscb. XXIV. Jabrj. 1 Bd. 3
34 Claus:
und, wie ich überzeugt bin , durch Vermilfung des Raumes,
den die haftende Sperniatophore darbietet.
Nicht unmöglich , dass bei jedesmaliger Eierlage der
Inhalt des untern Oviduktes theilweise in das Lumen des lee-
ren Schlauches eingetrieben wird und nach dem Auslrille
der Eier in das Innere des Thieres zurücKfliesst.
Der Typus, nach welchem die männlichen Geschlechts-
organe der Cyclopen gebaut sind, weicht in vielen Stücken
von dem beschriebenen der Cyclopsine ab. Vor allem ist es
die Duplicität und mit dieser im Zusammenhange die sym-
metrische Lage, welche in der Anordnung des Geschlechls-
apparates die Cyclopen auszeichnet. Wie die weibliche Keim-
drüse, so ist auch der Hoden bei den Cyclopsarten stets in
paariger Anzahl vorhanden und oberhalb des Darmes nahe
der Mittellinie, grosseniheils im ersten fusstragenden Abschnitte,
gelegen. Kach oben schliesst sich ihm ein Bündel dünner
F'äden an, welches die Befestigung am Skelele vermittelt und
eine Lagenveränderung bis zu einem bestimmten Grade ver-
hindert. Ausser der Keimdrüse unterscheidet man auch hier
einen Samenleiter, der in mehrfachen Windungen den männ-
lichen Körper durchzieht und Produkte liefert , welche zur
Bildung des Samenschlauches verwandt werden.
Anfangs verläuft der Samenleiter nahe der Mittellinie
herab , steigt dann wieder zur ursprünglichen Höhe empor
und biegt in der Grenzlinie der zwei ersten Thoracalsegmente
seitlich horizontal um. Von hier aus steigt er als erweiter-
ter Abschnitt jederseits herab, der Mittellinie sich mehr und
mehr nähernd und verschmälert sich im unteren Abschnitte
des Thorax zu einem dünnen Kanal, um im ersten Abdomi-
nalsegmente als kapseiförmig aufgetriebener Schlauch zu enden.
In diesem letzten Theile *) findet sich fast stets die ausge-
*) Bei einer früheren Gelegenheit bezeichnete ich diesen Theil
als eine Drüse, welche in der Wandung des Samenleiters gelegen den
Klebstoff und die Hülle der Samenschläuche absondere, und setzte
sie ihrer Bedeutung nach der Kiltdrüse des Weibchens parallel. Indess
scheint mir diese Auffassung desshalb minder passend , weil die Be-
deutung eines Spermatophorenbehälters weit höher als die Sekretions-
thätigkeit der Wandung anzuschlagen ist.
Zur Anatomie und Enlwickelungsgeschichte der Copepoden. 35
bildete Spermatophore, deren Wandung-, wie es scheint, erst
hier gebildet wird , während der Austreibestoff dem er-
weiterten Abschnitte des Samenleiters seine Entstehung- ver-
dankt. Die Spermatophore selbst, die stets in paariger An-
zahl abgesetzt wird, besilzt eine ovale gedrungene Form und
enthält dieselben Elemente , die beim Samenschlauche von
Cyclopsine unterschieden sind. Unter der ersten Wandung
liegen, als Austreibestoff, granulirle Körperchen, die im Was-
ser zu umfangsreichen Blasen anschwellen und das Ansehen
heller Zellen gewinnen. Im Innern selbst finden sich die
Spermalozoen mit einer getrübten Flüssigkeit gemischt und
am anderen Theile, welcher ohne halsartige Verlängerung in
die Ausmündung übergeht, der zähe, mit feinen Körnchen
durchsetzte Klebstoff in Gestalt eines runden Ballens abge-
lagert. Wie aber bei der paarigen Anlage der Geschlechtsor-
gane die Spermatophoren in doppelter Anzahl gebildet wer-
den, so treten auch bei der jedesmaligen Begattung zwe
Samenschläuche aus , um in symmetrischer Anordnung der
bezeichneten Stelle des Weibchens angeklebt zu werden.
Die En twickelung der weiblichen und männli-
chen K eimsto ffe.
Untersucht man den Inhalt der weiblichen Keimdrüse
unter starker Vergrösserung, so finden sich, als frühe Stadien
der Keimstoffe, kleine gelblich gefärbte Kerne unregelmässiger
Form und verschiedener Grösse, um welche sich eine hellere
homogene Flüssigkeit gelagert hat. Uebergänge dieser Bil-
dungen zu entwickeitern Keimbläschen lassen sich in allen
Zwischenformen nachweisen. Sind nun die Keimbläschen im
Innern der Keimdrüse bis zu einer bestimmten Grösse her-
angewachsen, so treten sie in die Eierschläuche ein um zu-
nächst mit einer durchsichticjen hellen Masse umgreben zu
werden, in welcher sich nach und nach die Dottermoleküle
und kleinere Fetlkörnchen abscheiden. Gleichzeitig nimmt
das Keimbläschen an Umfang zu und erlangt bei den Cyclo-
pen im Durchschnitte die Grösse von 0,026'""% während der
Kern his zu 0,008'"'" wächst. Während das Ei nun die Eier-
schläuche passirt, wird die Dottermasse grösser und umfang-
36 Claus:
reicher, ohne dass in derselben grössere Felttropfen wie in
Eiern anderer Entomostraken ausgeschieden wurden. Eben-
sowenig beobachtet man irgend \velche Spuren einer äusse-
ren Hülle, und erst im unteren Theile des Eierschlauches, wo
der Dotter zu geringerem Umfange sich verdichtet, tritt eine
zarte dünne Dotterhaut vielleicht als Ausscheidungsprodukt
des sich condensirenden Dotters auf. Auf diesem Stadium
haben die Eier im Durchschnitte eine Grösse von 0,1"'"^ im
Durchmesser und sind zur vollkommenen Reife und Ausbil-
dung gelangt.
Die frühsten Stadien der Spermatozoen, welche von mir
beobachlet wurden, stellen bei Cydopsine castor eckige gelbe
Körnchen dar von 0,001 — 1,002™'" im Durchmesser (Fig 54.
1,7), um die sich eine dünne Schicht einer zähen hellen Sub-
stanz gelagert hat. Solche Bildungen finden sich zu jeder Zeit
im Hoden der entwickelten Männchen vor und sind auch schon
von früheren Beobachtern, namentlich von v. Siebold, ge-
sehen und richtig gedeutet. Indess repräsentiren diese Kör-
ner nicht die ersten Stadien in der Entwickelung der männ-
lichen Keimstoffe, sondern möchten wohl , wie mir scheint
als Produkte früherer Bildungen zu betrachten sein, deren
Auftreten aber vor die Zeit der geschlechtlichen Ausbildung
in das Leben der späteren Jugendzustände fällt. Die Ueber-
gänge dieser Körnchen in die Samenkörper lassen sich an
einer Reihe von Zwischenformen im Hoden und dessen Aus-
führungsgang nachweisen. Sie wachsen mehr und mehr,
während gleichzeitig der helle Saum verschwindet, nehmen
dann als runde Körper von 0,00ö — 0,007'»"^ im Durchmesser
scharfe Conturen an und scheiden im Innern dunkele Körn-
chen in grösserer oder geringerer Menge aus (Fig. 54, 1,/?).
Erst während der Bildung der Spermatophore im unteren Ab-
schnitte des Vas deferens gestalten sie sich zu länglich ova-
len granulirlen Körperchen um, deren Längenaxe zwischen
0,007 — 0,009'"'" schwankt, während die Breilenaxe 0,004 —
0,005'"'» beträgt (Fig. 54, !,«). Diese Körperchen sind dann
als reife Spermatozoen fähig, die Befruchtung auszuführen.
Die Formen, welche Zenker als Entwickelungsphasen
der Cyclopsspermatozoen beschreibt, nämlich Zeilen mit auf-
gesetzten Kernen, Zellen mit vollkommen körnigem Inhalt und
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichle der Copopoden. 37
bellen mit stachelförmig hervorstehenden, bereits entwickel-
ten Zoospermien, habe ich weder im Hoden noch in dessen
Ausführungsg-ange wiedergefunden. Die ausgebildeten Sper-
matozoen der Cyclopen sind spindelförmige Körperchen, de-
ren Längsaxe bei den verscliiedenen Arien zwischen 0,007
und 0,009'"'" schwankt. Während die äusseren Conturen
schwach und wenig markirt sind, zieht sich über die Länge
des Samenkörperchens ein dunkeles Stäbchen hin , welches
höchstens bis zu einer Spiralwindung gedreht erscheint und
nach Leydig's Deutung nichts als einen verdickten Rand
dos länglichen Plällchens vorstellt (Fig. 54, 2} ^). Auch habe
ich schwache Bewegungen der Cyclopsspermatozoen beob-
achtet., die denen der stabförmigen Bacillarien ähnlich sind,
noch mehr aber mit den Bewegungen der spindelförmigen
Navicularien übereinstirrmien und auf rein physikalische Vor-
gänge zurückgeführt werden müssen.
Die Bildung des Embryo.
Wenn die Eier im Innern des Eierschlauches ihre voll-
kommene Grösse erlangt haben, treten sie in grösseren l^ar-
lien durch die Geschlechtsöffnungen aus , aber nicht um bei
den weiteren Umbildungen vom mülteriichen Leibe gelrennt
zu sein, sondern um in eigenen Behältern eingeschlossen un-
ter dem mütterlichen Schulze die Embryonen heranzubilden.
Die austretenden Keime werden von dem zähen Sekrete der
bekannten Drüsen umflossen und nicht nur in ihrer Gesamml-
heit von einer gemeinschaftlichen Hülle umgeben, sondern ein
jedes Ei wird von einer eigenen Wandung kapselartig ein-
geschlossen, so dass in der Hülle des Eiersäckchens ebenso
viel zellige Hohlräume als Eier vorhanden sind. Während
aber die Eiersäckchen der Cyclopen durch eine zarte homo-
gene Beschaffenheit der Hülle ausgezeichnet sind, werden die
Eier derCyclopsine caslor durch eine feste Wandung von nicht
unbeträchtlicher Dicke mit einander verbunden, die kein homo-
genes Aussehn darbietet, sondern als ein Maschengewebe zahl-
reicher Falten und ineinander geflochtener Windungen dem
*j Siehe Leydig's Lehrbuch der Histologie. 1837. S. 532.
3y • Claus:
Beobachter entgegenlrill. Dünne und verdickte Stellen wech-
seln conlinuirlich in der Wandung- der Eiersäckchen milein-
ander ab-, und so wird es bei einer belrächllichen Stärke und
Festigkeit möglich , dem endosmolischen Verk(;hre eine ge-
nügend grosse und dünne Fläche darzubieten. Physiologisch
könnte man daher diese Bildung dem inneren Chorion zahl-
reicher Insekleneier vergleichen , welches ebenfalls ein Ma-
schengewebe dünner und verdickter Stellen darstellt; mor-
phologisch entspricht dieselbe indess den Eiweissumlagerun-
gen, in welche die Eier zahlreicher Lumbricinen, Hirudincen
und Mollusken eingebettet sind. Die Zahl der abgesetzten
Eier ist übrigens keineswegs conslant, und ebensowenig ist
die Grösse der Eiersäckchen bei der nämlichen Art dieselbe,
sondern es treten nach Aller und Lebensverhältnissen man-
cherlei Schwankungen ein. Cyclopiden , die unter ungünstigen
Bedingungen leben, legen weniger Material in Gestalt neuer
Keime nieder und verhalten sich auf gleicheWeise, wie die eben
zur Geschlechtsreife gelangten Weibchen, welche nur kleine
Eiersäckchen mit geringem Inhalle zu produciren im Stande
sind. Grösse und Gestalt der Eiersäckchen können daher
nicht absolut als Artcharakter benutzt werden, mit grösserem
Rechte schon die Färbung des Dollers, obwohl auch diese
nach dem Grade der Ausbildung der Embryonen bei dersel-
ben Species mancherlei Abweichungen bietet. Viel bestimm-
ter lässl sich die Hallung der Eiertaschen zur Unterscheidung
einiger Arten verwenden, ja sogar dem unbewaffneten Auge
wird es mit Hülfe dieses Merkmales möglich, bestimmte Spe-
cies *) auf den ersten Blick zu erkennen. Die Eierlaschen
von Cyclopsine und Harpaclicus sind nur in einfacher Zahl
vorhanden, indess ihrer Anlage nach durchaus paarig und
symmetrisch gebildet. Hier liegen nämlich die beiden Ge-
♦) Cyclops coronalus trägt die Eiersäckchen dicht neben ein-
ander in der Mittellinie der Bauchfläche angefügt, Cyclops tenuicomis
hält .sie dagegen last rechwinlvlig vom Leibe entfernt, während der
Winkel, welcher die Eiersäckchen von Cyclops brevicornis mit der
I.ängsaxc des Körpers hildet 40 bis 50« beträgt. Die Ursache dieser
bestimmten Hallung liegt in der eigenlhümlichen Bildung und Lage
der Geschlechtsöffnungcn.
Zur Anatomie und Enlwickelungsgeschichte der Copcpoden. 39
sclilechtsöffnungen nahe der Mittellinie dicht neben einander,
so dass das Drüsensekret, welches mit den Eiern zugleich
austritt, zusammenfliesst und zu einer gemeinschaftlichen Hülle
erstarrt.
An dem frisch abgesetzten Eie, welches eine mehr oder
weniger ovale Form besitzt, lässt sich eine zarte Membran
nachweisen, die als Dolterhaut den Dotter eng uinschliesst.
letzterer ist bei Cyclopsine dunkel gefärbt und enthält ausser
den charakteristischen Dottcrmolekülen spärlich vcrtheilte Fett-
körnchen von geringer Grösse. Bei den Cyclopen ist das
Aussehen des Dotters nach den einzelnen Arten verschieden
und, übcreinslimmend mit der Färbung ^•} der Eierstöcke und
Eiersäckchen, hier dunkeler und dort heller. Im Innern des
Dotters findet sich ein Kern von nicht unbeträchtlicher Grösse
und weicher homogener Beschaffenheit, von dem ich jedoch
unentschieden lasse, ob er dem ursprünglichen Keimbläschen
entspricht oder nach Auflösung desselben als neue Bildung
entstanden ist.
Die ersten Veränderungen, die sich an den ausgetrete-
nen Eiern beobachten lassen, bestehen in einer Verdichlung
der Dotlersubslanz, in deren Folge ein heller Raum zwischen
Dotter und Dotierhaut sichlbar wird. Der Kern im Innern des
Eies nimmt gleichzeitig eine längliche Gestalt an und schnürt
sich in zwei Theile ab, welche anfangs einander dicht anlie-
gen, allmählig sich mehr und mehr von einander entfernen.
Der Theilung des Kernes folgt auch eine Spaltung des Dot-
ters nach, die, anfangs als Einschnürung angedeutet, allmählig
liefer und liefer greift und eine vollkommene Trennung der
Dotiermasse in zwei Ballen zur Folge hat. Die erwähnten
Vorgänge wiederholen sich an jeder der beiden Furchungs-
kugeln und deren Theilungsprodukten ; es tritt eine totale
Dotterklüflung ein, welche schliesslich durch weitere Differen-
zirung zur Bildung der ersten Embryonalzellen hinführt. Wäh-
rend noch im Centrum des Eies Dotterballen grösseren und
*) Die dunkelste Färbung des Dollers beobachtet man an den
Eierstöcken und Eiersäcken von Cyclops coronatus, während die Eier
von Cyclops tenuicornis und serrulatus wegen der hellen BeschafTcn-
heit des Inhalts am meisten für die Uutersuchung geeignet sind.
40 Clans:
kleineren üinfangs angelroffcn werden , hat sich periperisch
eine einfache Schicht holler gekernter Zellen abgelagert, sei
es nun durch vollkommene Neubildung oder sei es durch
ümgeslaltung der peripherischen Furchungskugeln. Ich glaube
wohl nicht zu irren , wenn ich diese Zellenlage , welche
die ersten Bausteine des Embryonalleibes liefert, als Koini-
haut bezeichne und sie mit der gleichnamigen Bildung •^••),
w^elche sich im Eie der höheren Arthropoden findet, paralle-
lisire. Während indess die letztere ohne vorausgegangene
Dotterklüftung zu Stande kommt und sich bald auf der Rück-
seite spaltet, um nur an der ventralen Eifiäche die primitive
Anlage des Embryo zu bilden, entsteht die Keimhaut des Cy-
clopidenembryos erst nach Verlauf des Furchungsprocesses
nnd bleibt gleichmässig über den gesammten Dotter gelagert,
ohne am Rücken zu plalzen und nach dem Bauchtheile hin sich
zusammenzuziehen. Der Embryo wird daher nicht von einem
Primilivslreifen •"■*) aus gebildet, sondern in seiner ganzen
Gestalt angelegt. Bald nachdem sich die Keimhaut gebildet
hat — aus der übrigens nur die äussere Körperbedeckung des
jungen Geschöpfes hervorzugeben scheint — , entstehen an
derselben zwei Querfurchen, welche die Längsachse des Eies
rechtwinkelig durchschneiden und den Embryo in drei Ab-
schnitte Ihellcn, die uiorphologisch , wie wir uns überzeugen
*) Yergl. Zaddacli's Entwiclselung des Phryganideneies.
^ **) Auch andere Thicrformen, die man bisher zu den Arthropo-
den gezählt hat , entwickeln sich nicht von einem Primitivstreifen
aus. Um der Roliferen nicht zu gedenken, die schon längst mit Recht
aus dem Bereiche der Arthropoden entfernt sind, erlauhe ich mir
hier die Jlittheilung, dass die Embryonen von Pentastomum ohne Pri-
mitivstreifen angelegt werden, wie kürzlich Prof. Leuckart mit
Bestimmlheit gefunden hat. Mir scheint es allerdings natürlicher, auch
diese Geschöpfe unter den Würmern aufzuführen , da sie ja zu den
Arthropoden nichts weiter, als eine gewisse Aehnlichkeit mit ölilben
und der Besitz quergestreifter Muskeln hinführt. Gegliederte Anhänge
und hetcronome Absclinitte des Körpers sucht man vergebens, und
wenn die vier Küsse der Embryonen als gegliedert betrachtet worden
sind, so hat sich nach L'ntcrsuchungen Leuckart's und meinen eige-
nen Heohachlungen herausgestellt, dass jene Gliedmassen nichts als ein-
fache Auftrciluingcn des Körpers sind, auf denen chilinisirte tlakon
als Epidermalbildungcn aufsitzen.
Zur Anatomie und Enlwickelungsgeschichtc der Copcpoden. 41
worden, den Kopfsegmcnlen des ausgebildeden Thieres ent-
sprechen. Jeizt erst niarkirt sich ein Unterscliied zwischen
Rfuken und Bauchlheil unzweideutig", indenn die Einschnürun-
gen an der Rüekenhälfle sieh «Ihnählig verlieren, wäiirend
sie an der gegenüberliegenden Hallte und besonders an de-
ren Seitenlheilen tief eingreifen. An jedem dieser drei Seg-
mente entwickelt sich ein Gliedmassenpaar , wahrend sich
gleichzeitig der Dotter von der Peripherie nach dem Cenlrum
zu aufi'.ellte, um am weilen^n Aufbaue des^ Embryonaihnbes
si<-h zu betlieiligen und namentlich die Muskeln zur Bewegung
der Güedmassen darzustellen. Die centralen Doltertheile
bleiben dunkel und gehen zum Theil in den Inhalt des Dar-
mes über, dessen Wandungen sich alimählig gebildet haben.
Wie es scheint, entstehen aus ihnen auch die Harnzellen,
welche in zwei vcniralen Ausstülpungen des unteren Darm-
abschnittes symmetrisch gelagert sind. Am vorderen Theile
des Embryos bemerkt man gleichzeitig eine unpaare Auftrei-
bung von bedeutendem Umfange, in der wir die Kopfkappe
der jungen Larve mit Mundtrichter und Mundöffnung wieder-
erkennen. Oberhalb desselben lagern sich zwei Pigmentstreifen
genau in der Millellinie neben einander ob, um als erste An-
lage des einfachen Cyclopenauges mit einander zu verschmel-
zen. Eine weitere DifTerenzirung innerer Körperthcile ist am
Embryo nicht zu beobachten ; die einzige Veränderung, die
noch vor deir» Ausschlüpfen desselben an seinem Leibe vor sich
geht, besteht in einer allmähligenConsolidirung der äusseren
Bedeckung, in Folge deren auch die gebildeten Gliedmassen
eine immer deutlichere Begrenzung erkennen lassen. Die
Muskeln , welche in dem erhärteten Skelete feste Inserlions-
punkte gewonnen haben, beginnen sich zu contrahiren und
veranlassen geringe Bewegungen der Gliedmassen, geringe
Verschiebungen des ganzen Körpers, die aber alimählig leb-
hrifter und energischer werden. Die dünne Eihülie schliesst
sich anfangs den räumlichen Veränderungen des Embryonal-
leibes an, wird aber bald durch den Einfluss der kräftigen
Bewegungen zersprengt und gestattet nun dem jungen Ge-
schöpfe freien Austritt.
Die Zeit , welche zwischen den ersten Veränderungen
des Eies und dem Ausschlüpfen der Larve liegt, schwankt
42 Claus:
nach Temperatur und Jahreszeit innerhalb bestimmter Gren-
zen; während im Sommer die Vorgänge der Entwickelung
kaum zwei Tage in Anspruch nehmen, und die Eiersäckchen
im günstigsten Falle bei heisser Temperalur nur 30 bis 36
Stunden dem mütterlichen Leibe anhängen, um sogleich nach
dem Ausschlüpfen der Embryonen durch neue ersetzt zu wer-
den, bedarf es im Winter eines Zeilraumes von 5 bis 8 Ta-
gen, bis die junge Larve herangebildet ist. Auch sind die
Intervalle , die man zwischen der Zerstörung des alten und
der Bildung des neuen Eiersäckchens beobachtet in der ungün-
stigen Jahreszeit weil bedeutender, wie schon aus den von
Jurine angestellten Versuchen mit Bestimmtheit hervorgeht.
Die Entwickelung der freien Larve.
Aus den zersprengten EihüUen kommen ovale, mehr
oder weniger gestreckte Geschöpfe hervor, die im Allgemei-
nen die Gestalt und Grösse des Eies wiederholen, ohne mit
dem ausgebildeten Thiere die geringste Aehnlichkeit darzu-
bieten. Es war daher natürlich , dass frühere Beobachter,
welchen die Beziehung dieser Thierformen zum Eie der Cy-
clopiden verborgen blieb, in ihnen Vertreter besonderer Ar-
ten zu finden glaubten und wir haben wahrlich Ursache,
die Sorgfalt und Genauigkeit L e u w e n h oe k's und d e
Geer's *) zu bewundern, da diese Männer, trotz gerin-
gerer mikroskopischer Hülfsmiltel, die Larvennatur unserer
Geschöpfe ergründeten. Zeitgenossen de Geer's und spä-
tere Beobachter bildeten die Cyclopslarven als besondere Thier-
formen ab , ohne mit der Entdeckung der beiden Naturfor-
scher bekannt zu sein , und wir erfahren ebensowenig aus
J 0 b 1 0 t's *"'^0 Werk, als aus den Schriften Bake r's ^''■^') und
Eic hh orn's t), dass in diesen Geschöpfen Jugendzustände
*) Memoires pour serris ä l'hisloire des insecles. 7.
**J Joblot, observalions d'hisloire naturelle faites avec le mi-
croscope 1754.
***) L. c.
f) Eichhorn's Beiträge zur Naturgeschichte der kleinsten
Wasscrthiere. 1781. S. 41 mit Tab. IL Fig. P. und S. 47 mit Tab. IL
Fig. A.
Zur Anatomie und Entwickelangsgeschichte der Copepoden. 43
verlrelen sind. Aus den Abbildungen und Beschreibungen,
welche Eichhorn liefert, kann man sich überzeugen, dass
schon von diesem Beobachter die Larven mit vier Paar Kör-
peranhängen von denen mit drei Gliedmassenpaaren unlerschie-
den wurden. Erstere führt derselbe unter der Bezeichnung
„Hüpperling'^ in seiner Schrift auf und hebt namentlich von
ihnen hervor, dass sie sich in einem flachen VVassertropfen
unter dem Vergrösserungsglase wie das schnellste Rad um
die Axe drehten, während sie frei im Wasser mit unbegreif-
licher Geschwindigkeit forteilten. Aus den Umrissen seiner
Figuren ergiebt sich auch mit Bestimmtheit , dass ihm eine
entwickeltere Jugendform von Cyclops serrulatus und eine
eben ausgeschlüpfte Larve einer Cyclopsspecies mit I7glie-
drigen Antennen zur Beobachtung vorlagen. Ausser Koeh-
1er und Lange^ deren Namen ich übrigens nur erwähnen
kann, da mir ihre Arbeiten nicht zu Gesicht gekommen sind,
war es besonders Slabber'O, einer der genausten Zeich-
ner seiner Zeit, von dem Larvenzustände von Enlomoslraken
beobachtet wurden. Was der letztere als Monoculus armiger
und Monoculus marinus beschreibt , sind ohne Zweifel die
ersten Jugendzustände von Cerripedien, wie sich auch aus den
näheren Miüheilungen Slabber's ergiebt.
Erst der berühmte dänische Naturforscher 0. F. Mül-
ler**) giebt uns ausführliche Miltheilungen über Bau und
Organisation der Cyclopslarven ; er fand am Körper dersel-
ben Abweichungen und Eigenthümlichkeiten der mannichfal-
tigsten Art^ die ihm Anhaltspunkte zur Aufstellung verschie-
dener Species darboten. Was aber von Leuwenhoek und
de Geer über die Larvennalur unserer Geschöpfe beobachtet
war, suchte Müller mit allem Nachdrucke zu bekämpfen,
und besonders durch spätere Jugendzustände ***) der Cyclopi-
♦) Slabber's Physikalische Belustigungen 1775.
**) Entomostraca seu insccla testacea etc. v. 0. F. M ül 1 er 1785.
♦**) Die Stelle, in der 0. F. Müller seine Gegner zu widerle-
gen sucht, ist folgende: Cum Aniymoncs et Cyclopis species exu-
vias deponere (quod quidem in pullis Cyclopis obtinere negat de
Geer) viderim insolitumque nimis sit, aninialculura testaceum seu te-
stac innatum in cruslaceum seu crustis pluribus tccluni inulari , figura
44 Claus:
den gelauscht , glaubte er in unseren Larven geschlechtlich
entwickelte Thierfonuen zu finden. Je nachdem dieselben
mit drei oder vier Gliedmassenpaaren ausgestaltet waren, ver-
theilte er sie unter die Genera Aniymone und Nauplius, und
unterschied im Ganzen acht Arten , von denen einige in der
That verschiedenen Cyclopiden als Jugendformen angehö-
ren. Der Irrthum, der mit dem sonst vortrefflichen Werke
0. F. Müller's in die Wissenschaft eingeführt war, wurde
erst durch Jur ine -") mit voller Bestimmtheit widerlegt. Ver-
suche, die mit grosser Sorgfalt und Präcision gehandhabt waren,
bewiesen unzweideutig, dass unsere Larven aus Cyclopseicrn
entstanden waren und sich durch eine Reihe von Zwischen-
stadien in die ausgebildete Form umwandelten. In späterer
Zeit wurden die Angaben des französischen Forschers durch
die trefflichen Untersuchungen Rathke's bestätigt, und die
Kenntniss der Entwickelung unserer Geschöpfe durch neue
Beobachtungen bereichert. Vor allem verdanken wir dem
Königsberger Gelehrten den bestimmteren Nachweis, dass die
zwei ersten Gliedmassenpaare der Larven in die vier An-
tennen der Cyclopiden übergehen, dass die Körpersegmenfe
im Laufe der Entwickelung sich vermehren und neue An-
hänge in geselzmässiger Weise hervorsprossen, welche zu
den Ruderfüssen sich umgestalten. Auch glaubte Rathke *-"-)
behaupten zu können, dass die vier Maxillarfüsse des ausge-
bildeten Thieres aus dem drillen Glied massenpaare der Larve
entstanden seien, während Mandibeln und Maxillen als neue
Auftreibungen vor den Maxillarfüssen hervorsprossen und
ihrer Bedeutung nach besondern Gliedmassen gleichzusetzen
seien. Eine genaue Beschreibung der Jugendformen , ver-
bunden mit einer sorgfältigen Verfolgung der Entwicklungs-
sladien ist indess bisher nicht versucht, ja man hat mit den
14 noslrae lab. 18 pullum parenli similiorem, quam ulla t. 30 Geeria-
nae sislat, vix a verilale alienum est, animalcula 1.30 fig. 6,7,8 vel
7 insect. Geeiii potius Amymones subreptitias quam Cyclopis pullo3
esse etc. Siehe S. 113.
*) Jur ine's histoire des monocles 1820.
**) Rathlic, Beiträge zur Enlwickelungsgcschichtc. Th. IL S.85.
Zur Anatomie und Enlwickelungsgeschichte der Copepoden. 45
Hiilfsmilleln , welche uns das heulige Mikroskop zu Gebote
stellr, den feineren Bau und die innere Organisation der Larve
noch nicht einmal zum Gegenstande einer nälieren Untersu-
chung gemacht. Daher fehlen denn auch die Unterscheidungs-
charaktere, mit deren Hülfe die aufgefundenen Jugendformen
auf ihre Species zurückgeführt werden können.
Nach diesen historischen Bemerkungen, die zur richti-
gen Beurtheilung des zu bearbeitenden Materials und nicht
weniger zur Befriedigung des rein wissenschafllichen Interes-
ses vorausgeschickt werden mussten , theile ich meine eige-
nen Untersuchungen mit, so lückenhaft und unvollständig
dieselben auch geblieben sind. Die Handhabung unserer klei-
nen^ äusserst beweglichen Thierchen , noch mehr aber ihre
längere isolirle Erhaltung war für mich mit so grossen Schwie-
rigkeiten 'verbunden , dass die Mängel meiner Arbeit bis zu
einem bestimmten Grade entschuldigt werden können.
Wenn die jungen Larven nach Zersprengung der Ei-
hüllen in das Freie gelangt sind, stellen sie eine Zeit lang
alle Thätigkeiten ein und ruhen mehrere Augenblicke aus,
um sich allmählig unter langsamen Bewegungen an die künf-
tige Lokomotion und Lebensweise zu gewöhnen. Bald hat
die Körperbedeckung unter dem Einflüsse des Wassers einen
höheren Grad von Starrheit angenommen , den Muskeln sind
festere Insertionspunkte zu Theil geworden , so dass ihre
Contraktion mit einer kräftigeren Wirkung verbunden ist,
und die Bedingungen sind erfüllt, unter denen sich unsere Ge-
schöpfe mit lebhaften Sprüngen in ihrem Elemente umhertum-
meln können. Die Gestalt der ausgeschlüpften Larve schliesst
sich im Allgemeinen der Form des Eies an und bildet ein
fast rundes, in anderen Fällen ein mehr gestrecktes Oval,
dessen breiterer Theil die vordere Körperhälfte bezeichnet.
Der hintere Leibesabschnitt verschmälert sich allmählig und
läuft nahe am Ende in zwei papillenförmige Erhebungen
aus, zwischen denen der After ausmündet, und welche an
ihrem Pole je eine kräftige Borste tragen. Die Bauchfläche
erweitert sich vorn zu einem breiten wulstigen Schilde, der
mehr oder weniger weit vorspringt und, durch eine trichter-
förmige Höhlung durchbrochen, die in der Tiefe gelegene
Mundöffnung mit der Aussenwelt in Verbindung setzt. In der
46 Claus:
Umgebung dieser Mundkappe*), wie ich die beschriebene
Bildung^ nicht unpassend zu bezeichnen glaube, sind drei
Gliedmassenpaare in bestimmter Anordnung gruppirt. Die
zwei ersten Gliedrnassen zeigen stets eine einfache Glieder-
reihe, aus der sich die grossen Antennen der Cyclopiden
entwickeln und sind auf diesem Stadium, wie schon Juri ne
richtig darstellt, aus drei Ringen zusammengesetzt, welche
an ihren Verbindungsrändern mit borstenförmigen Anhängen
versehen sind. In ihrer Funktion leisten sie der Larve die-
selben Dienste , wie die ersten Antennen der ausgebildeten
Geschöpfe, und es scheint mir daher vollkommen begründet,
ihnen eine gleiche Bezeichnung zu Theil werden zu lassen.
Das zweite Gliedmassenpaar besteht aus einem breite*n Ba-
saltheile und aus zwei gegliederten Aesten, welche sich dem
erstem inseriren. Auf dem Basaltheile findet man fast stets
einen kräftigen Haken vor, der bei jeder Bewegung des ge-
sammten Fusspaares in den Mundtrichter oder unterhalb der
Mundkappe eingreift und bei der Zufuhr der Speise eine beson-
dere Rolle spielt. Seine Basis erweitert sich zu einer grös-
sern oder kleinern Auftreibung, die wir in einigen Fällen
als ein besonderes Glied zu betrachten berechtigt sind. Das
dritte kürzere Fusspaar ist unterhalb der Mundkappe einge-
lenkt und in Bau und Bildung dem verhergehenden nahe
verwandt. Fast stets erscheint jedoch der Basaltheil bei einer
geringen Breite sehr in die Länge gestreckt, während die
aufsitzenden Gliederreihen auf einen massigen Umfang be-
schränkt sind und der wulstförmige Vorsprung mit dem Mund-
haken sein Analogen in einer von der Basis mehr entfernten
Auftreibung findet, welche mit Anhängen bedeutender Ent-
wickelung ausgestattet ist. Durch kräftige Ruderschläge,
*) Schon 0. F. Müller hat die vorderen Umrisse der Mund-
kappe beobachtet und abgebildet, ohne freilich ihre Bedeutung zu er-
kennen. Der Kreisabschnitt, den er an Amymone satyra zwischen
den beiden Antennen hervorhebt, ist der vordere Theil unserer Mund-
kappe, und ebenso weist das, was er bei der Beschreibung von Nau-
plius sallatorius folgendermassen ausdrückt: „medio inter pedes qua-
tuor anteriores musculus quidam nobilis conspicilur ," wie auch aus
der Figur hervorgeht, auf die nämliche Bildung hin.
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepodea. 47
welche die Gliedmassen durch die Bewegung von vorn nach
hinten und von aussen nach innen gleichzeitig ausführen, wird
die Propulsionskraft erzeugt, in deren Folge die Larven in
einzelnen rasch auf einander folgenden Stössen das Wasser
durcheilen. Aber durch dieselben Thätigkeilen werden auch die
Bcdinaunffen zum Erwerbe und zur Aufnahme der Nahruntr
erfüllt, indem die inneren Anhänge der letzten Fusspaare die
Wasserströmung so reguliren, dass fein vertheilte Reste organi-
scher Stoffe die Richtung nach der iMundöffnung einschlagen.
Lokomotion und Nahrungsaufnahme sind daher nicht nur
räumlich an die Aktion desselben Organes geknüpft, sondern
coincidiren auch der Zeit nach genau mit einander. Die
nämlichen Körperanhänge , welche die Ortsbewegung vermit-
teln, betheiligen sich gleichzeitig, ohne einen Aufwand be-
sonderer Kräfte nothwendig zu machen , der Eroberung der
Beute und Einfuhr der Speise. Erst wenn unsere Thiere zu
einer ansehnlichen Grösse herangewachsen sind und nach
mehreren Häutungen eine Körpergestalt gewonnen haben,
welche durch deutliche Segmenlirung des Leibes bei gleich-
zeitiger Entwickelung der Längendimension auf den Cyclo-
penbau hinweist, tritt in der Thätigkeit der Gliedmassen eine
strengere Arbeitstheilung ein.
Die organische Materie , welche die animalen Funktio-
nen unserer Larven vermittelt ^ hat sich histologisch deutlich
zu Muskeln differenzirt, die als quergestreifte Läng-sbündel
am hinteren Theile der stark chitinisirten Rückenlläche ent-
springen und in paariger Anordnung zur Basis der einzelnen
Gliedmassen verlaufen. Zu einem histologischen Nachweise
des Nervensystems fehlen durchaus die nöthigen Anhalts-
punkte und es scheint, als ob eine Sonderung des innervi-
renden Stoffes in Ganglien und Fasern noch nicht zu Stande
gekommen sei. Nicht die geringsten Spuren einer Bauch-
ganglienkelte sind zu beobachten, was, wie mir scheint, auch
mit der Entwickelung des Embryos ohne Primitivstreifen in
nothwendigem Zusammenhange steht. Von Sinnesorganen
findet man nur die erste Anlage des zukünftigen Cyclopen-
auges vor, die, in Gestalt zweier Pigmentstreifen zwischen
den Basalgliedern der Antennen gelegen, wohl jetzt schon
eine Perception der Lichtstrahlen in beschränktem Sinne ver-
48 C 1 a u s t
mittein. üebrigens lagert sich oft eine helle Kugel vor dem
Pigmentgebilde ab , welcher die Bedeutung eines provisori-
schen Glaskörpers, oder, wenn wir wollen , einer provisori-
schen Linse zukommt.
Zwischen Mund und After spannt sich der Nahrungs-
kanal in Form eines weiten Cylinders aus^ an welchem drei
Abschnitte unterschieden werden können. Der kurze Oeso-
phagus , welcher sich nach der Rückenfläche etwas schräg
nach vorn erhebt, ist mit kräftigen Muskelwandungen ausge-
staltet, welche durch Schluckbewegungen die eingenommene
Nahrung in den wcücn sackförmigen Chylusdarm befördern.
Der dritte Abschnitt ist gegen den mittleren sphinkterarlig
abgesetzt und bietet von der Rücken- oder Bauchseite aus
betrachtet die Form eines Kreises *"3 dar, dessen Peripherie
zu einer muskulösen Wandung verdickt ist. Er kann, wenn
wir wollen, als Dickdarm bezeichnet werden , da in ihm die
verbrauchten Speisereste sich sammeln und zu Kothballen um-
formen. Trotz der Einfachheit im Baue des Nahrungskana-
les ist übrigens die Oberfläche desselben im Verhältnisse zur
Körpermasse sehr bedeutend und namentlich der mittlere Ab-
schnitt so günstig gestaltet, dass in einfachen Ausstülpungen
seiner Wandung Tiiäligkeiten entfaltet werden , die in grös-
sern Organismen an besondere Organe geknüpft sind. Der
Innenraum des Chylusdarmes wird von kleinen, hellen, ge-
kernten Zellen ausgekleidet , welche in ihrer Bedeutung nnt
den Chyluszellen des Insektenmagens übereinzustimmen schei-
nen. Unmittelbar vor dem Dickdarme finden sich in zwei
ventralen Ausstülpungen desselben mehrere sehr grosse Zellen
vor, in welchen scharf umschriebene Concremente von licht-
brechender Besthafl'enheit enthalten sind. Leydig**),
*) 0. F. Müller beobachtete diese üildung an den Larven
seiner Amyinone siiena und maenas und bildete sie vollkornineri rich--
tig ab. Er verglich dieselbe der Geschlechlsöflnung der Milben, trug
indess Bedenken, sie als vulva aufzufassen.
**) S. Leydig's Afusatz: „Ueber den Bau und die syst. Stel-
lung der Räderthiere." (Zeitschr. v. Sieb. u. Köllik. 1854.) Ferner
Leydig's Lehrbuch der Histologie 1857.
Zur Anatomie und Enlwickelungsgeschichte der Copepoden. 49
welcher auf diese Bildungen zuerst *) aufnierksam macht,
belrachlct dieselben, wie mir scheint, mit vollem Rechte als
Harnconcremente und stützt seine Deutung nicht nur auf die
Analogie verwandter Thierformen, sondern namentlich auch auf
das chemische Verhalten der Concretionen gegen bestimmte
Rcagentien. Er machte nämlich die Beobachtung, die ich
übrigens durch wiederholte Versuche bestätigen kann , dass
die Concreraente gegen Säuren und Alkalien eine bedeutende
Resistenzkralt besitzen. Von Essigsäure werden sie kaum
verändert oder doch erst nach langer Einwirkung angegrif-
fen, während Kalilauge nur in concentrirtem Zustande die völ-
lige Auflösung bewirkt. Aus dem analogen Verhallen der
Concretionen in den Malgiphischen Gelassen, sowie der
Ablagerungen in den Harnorganen der Schnecken schliesst
nun Leydig auf eine analoge Zusammensetzung und eine
gleiche physiologische Bedeutung. C. Vogt -»•*3 tritt dieser
Auffassung entschieden entgegen und vindicirt den hellen Zei-
len, freilich ohne entscheidende Beweisgründe beibringen zu
können, die Funktion der Leber. Wollte man einer solchen
Deutung Geltung verschaffen, so müsste man vor allen Dingen
die Beweise liefern, dass den Concretionen oder wenigstens dem
flüssigen Inhalte jener Bläschen eine bestimmte Beziehung zur
aufgenommenen Nahrung zukomme, da ja die Leber Pro-
dukte absondert, welche sich mit der zu verdauenden Speise
mischen und grossentheils wieder in den Organismus zurück-
geführt werden. Indess überzeugt man sich leicht mit aller
ßestimmlheit vom Gegentheile, indem die Concremente oder
die isolirten Zellen nur mit den unbrauchbaren Resten ge-
mischt im Dickdarme angetroffen werden. Die nächste Ver-
wandtschaft mit unseren Harnbildungen kommt wohl den Kör-
nerhaufen zu, die bei den Männchen einiger Rotileren in
einer besonderen Blase dem Hoden aufgelegt sind und sich
auch nach Leydig in den Jugendformen einiger Weibchen
in der Nähe der Kloake finden sollen. Wenn auch derselbe
*) O.F.Müller sah bereits die Umrisse, welche die Auftreibung
des Darmes bilden, an Amymone satyra und deutete sie aber als üvarium.
**) S. C. Vogt's Aufsatz: „Einige Worte über die systemalisehe
Stellung der Rotiferen« in der Zeitschr. v. Sieb. u. Köllik. Vol. 7.
Archiv f. Naturgesch. XXIV. Jahrg. l. Bd. 4
50 Claus:
Raum^ welcher die Masse umschliesst, nicht als das Lumen
des Enddarmes zu betrachten ist, wenn auch, wie Cohn*^)
zu beweisen sucht, die Concremente nur männlichen Räder-
thierchen angehören, so sind doch die Gründe, mit welchen
Cohn die Auffassung Leydig's zu widerlegen sich bemüht,
in keiner Beziehung stichhaltig. Mit dem Naciiweise, dass bei
Enleroplea die Blase mit den dunklen Körnern mit dem Darme
in keiner Beziehung steht (gegen welciie Behauptung sich
übrigens L e y d i g ■'^*'*') mit aller Bestimmtheit erklärt) würde
die Hypothese des Letztern nur dahin modificirt werden müs-
sen, dass das eigentlich secernirende Organ nicht aus Zellen
der Darmwandung besteht, sondern durch Zeilen eines geschlos-
senen Sackes vertreten ist. Die physiologische Bedeutung der
Concretionen als Harnabscheidungen wird natürlich nicht im
entferntesten dadurch alterirt, dass kein Ausführungsgang vor-
handen ist und somit eine Entleerung nach aussen niemals
erfolgen kann; wir wissen ja aus zahlreichen anderen Bei-
spielen— und um nur an eins zu erinnern, verweise ich auf
die drei Längsschläuche von Mermis ^ — ^wie unverkennbare Ex-
cretionsprodukte während der ganzen Lebensdauer im Innern
des Thieres aufgehäuft bleiben, ohne nach aussen entfernt zu
werden. Auch daraus darf man , glaube ich, keine nachthei-
ligen Schlüsse gegen unsere Auffassung ziehen, dass die Weib-
chen mit ausgebildetem Darmkanale, die doch einem lebhaf-
tem Stoffwechsel unterworfen sind, der Harnconcremente ent-
behren; die Produkte, welche der Stoffwechsel der Männchen
und der Jugendformen liefert, können ja, weil sie unter an-
dern Bedingungen gebildet werden , eine chemisch und for-
mell abweichende Gestaltung gewinnen.
Um übrigens zu den Harnzellen der Cyclopiden zurück-
zukehren , so scheint es mir in Betreff ihrer Entstehung am
wahrscheinlichsten , dass dieselben morphologisch nichts als
veräntJerle Zellen der Darmwandung repräsentiren, in denen
sich stickstoffreiche Produkte des Stoffwechsels als geschich-
*) Siehe Cohn's Arbeit: „Ueber die Fortpflanzung der Räder-
thiere" in der Zeilschr. v. Sieb, und KölliU. 1855. Vol. 7.
**) In dem Aufsatze : „Ueber Hydatina senta« in Müller's Ar-
chiv 1857.
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 51
lete Concremenle niedergeschlagen haben, und ich beharre
bei meiner AufTassung um so mehr, als es sich durch direkte
Beobachtung leicht nachweisen lasst, dass die abgeschi(.nJe-
nen Körnerhaiifen stets durch neue ersetzt werden. Ley-
dig's Angabe, nach welcher die Harnconcremente nur dem
ersten Larvenstadium angehörten und schon bei Jugendfor-
men mit vier Paar Gliedmassen verschwanden seien, beruht
jedenfalls auf einem Irrthume, der aber wegen der Gestall-
veränderung, welcher die Zellen mit ihrem Inhalte unterwor-
fen sind, leicht zu entschuldigen ist. Wie übrigens schon
von diesem Forscher selbst hervorgehoben wird , fallen die
Concremente zu einer pulverförmigen Masse zusammen und
lösen sich in zahlreiche kleine Körnchen auf von 0,001 bis
0,0015"^'" im Durchmesser , die scharfe Umrisse zeigen und
nur bei flüchtiger Betrachtung mit Fetltröpfchen verwechselt
werden können. In späteren Larvenstadien haben alle Harn-
zellen diese Beschaffenheit angenommen, so dass sie fast nie
mehr geschichtete Concretionen grösseren Umfangs enthalten,
allein weit davon entfernt, in ihrer Anzahl abzunehmen oder
vollkommen zu verschwinden, werden sie in den weiteren Ent-
wickelungsformen immer zahlreicher und finden sich schliess-
lich in den ausgebildeten Cyclopiden in nicht unbeträchtlicher
Menge vor. Man braucht kaum eine grössere Sorgfalt auf-
zubieten, um die beschriebenen Zellen sofort als solche zu
erkennen und von anderen Bildungen zu unterscheiden, da
die Körner durch schärfere Contouren und ein geringeres
Brechungsvermögen der Lichtstrahlen vor den Felttröpfchen
hinreichend ausgezeichnet sind. Die Angabe also , dass die
Harnconcremente nur dem ersten Jugendalter angehörten, ist
für die Cyclopiden nicht güllig und daher auch die Ley-
d ig'sche Bezeichnung „Primordialniere" nicht am Platz. Auch
für die Rotiferen scheint sie zurückgenommen werden zu
müssen, da sie die Verhältnisse, unter denen sich die entspre-
chenden Harnanhäufungen vorfinden, nicht scharf und richtig
andeutet.
Was wir bisher vom Baue und der Organisation der
jungen Larve hervorgehoben haben, ist ein Eigenlhum der
ersten Jugendzustände aller Arten und lässt sich aus jeder
Form fast mit gleicher Bestimmtheit ableiten. Indess sind die
52 Claus: - .
Differenzen , welche eine genauere Untersuchung in Gestalt
und Körperbilflung der verschiedenen Larven aulfinden lässt,
so mannichfach und zum Theil so bedeutend, dass ich mir
eine nähere Betrachtung derselben nicht versagen kann , um
so weniger , als in ihr die Mitlei geboten sind , dje Jugend-
formen bis zu einem gewissen Grade mit Sicherheit zu be-
stimmen.
Die Cyclopslarven, die Jugendformen der verschie-
denen Cyclopsarlen, schwanken in Grösse des Längendurch-
messers zwischen 0,1 und Ojlö'""^ und zeichnen^ sich durch
eine grössere oder geringere dorso-ventrale Abplattung ihres
Leibes aus. Sie führen uns übrigens Verschiedenheiten in
Körpergeslalt und im Baue ihrer Anhänge vor, welche um
so grösser sind , je bedeutender die Antennen ^^) der ent-
wickelten Geschöpfe von einander differiren. Mit vollem
Rechte kann man die Bildung der grossen Antennen für die
Entscheidung der Verwandtschaft als massgebend betrachten;
Abweichungen dieser Gliedniassen stehen mit einer Reihe von
Differenzen anderer Körpertheile in nolhwendigem Zusam-
menhange und können daher gewisserniassen als Ausdruck
der Gesammlverschiedenheit betrachtet werden.
So finden wir unter den Larven der zahlreichen Cy-
clopsarlen mit ITgliedrigen Antennen nur geringe Differen-
zen, so dass es schon zur Bestimmung der Art genauerer
Prüfungsmitlei bedarf, ja in einzelnen Fällen unmöglich ist,
die Jugendzustände auf ihre Species zurückzuführen. Als
gemeinsames Gesetz für die Gliedmassen der hierhergehöri-
gen Formen hat es sich herausgestellt , dass das mittlere
*) Die grossen Antennen der ausgebildeten Cyclopen besitzen
eine bestimmte Zahl und ein bestimmtes Grössenverhältniss der consti-
tuirenden Glieder, wie ich in einer früheren Arbeit nachgewiesen
habe; es ist so zu sagen ein typischer Baustil, der, schon in der An-
lage bezeichnet, durch die einzelnen Entwickelungsphasen hindurch in
gesetzmässigcr Weise eine constante Form heranbildet. Auch die
Cyclopen mit einer abweichenden Zahl der Antennenglieder, haben
eine gleiche Anlage dieser Gliedmassen, nur treten in späteren Sta-
dien Dillcrenzen ein, welche eine Abweichung der entwickelten An-
tenne zur Folge haben, deren Ursache aber mit einer Reihe anderer
Körperverschiedenhciten zusammenfällt.
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 53
Fusspaar an Umfang* und Enlwickelung die übrigen Gliedmas-
sen übertrifft. Die erste Gliedmasse , welche ihrer Bildung
und Funktion nach als Antenne betrachtet werden kann und
schon von 0. F. Müller mit vollem Rechte in diesem Sinne
gedeutet worden ist, besteht aus drei gleichgebildelen Rin-
gen, von denen der mittlere an Umfang und Grösse der be-
deutendste ist. Die Verbindungsränder der Glieder sind mit
Borsten besetzt, und namentlich die Spitze der Antenne mit
mehreren Anhängen ausgestattet. Die zweite Gliedujasse hat
zum Basaltheile einen breiten ungegliederten Abschnitt, der
auf einem besonderen Vorsprunge einen gekrümmten kräfti-
gen Haken trägt. Von den beiden Aesten, die sich dem Ba-
salgliede anschliessen, kann der ventrale als direkte Fortset-
zung desselben angesehen werden. Derselbe ist aus zwei
breiten Gliedern zusammengesetzt, von denen das erste mehr
oder weniger innig mit dem Basalgliede des dorsalen Astes
in Verbindung steht. Dem gestreckten Basaltheile der dorsa-
len Aeslen folgen noch vier kurze Ringe, die mit langen Ru-
derborsten ausgesiattet sind. Das dritte Gliedmassenpaar
stimmt in Bau mit dem beschriebenen überein, tesitzt jedoch
einen verhältnissmässio- gestreckteren and grösseren Basalab-
schnitt, da die Gliederreihen im Umfange und Entwickelung
weit mehr zurücktreten. Der ventrale Anhang bildet zwei
Glieder, deren erstes auf ein kurzes oft kaum sichtbares Seg-
ment beschränkt ist, während das zweite in Gestalt eines zun-
^genförrnigen Anhangs nach der Medianlinie des Thieres zu-
gekehrt und durch den Besitz einiger Borsten ausgezeichnet
ist. Oberhalb seiner Insertion findet sich noch ein dreiecki-
ges Glied dem ßasaltheile eingefügt,, welches mit drei gros-
sen gefiederten Borsten besetzt ist und seiner Bedeutung
nach morphologisch und physiologisch mit der Erhebung an
der Basis des zweiten Fusspaares parallelisirt werden kann.
Der dorsale Anhang entspricht ebenfalls dem gleichnamigen
der mittleren Gliedmasse, besteht indess nur aus vier kurzen
Gliedern, die lange Ruderborsten tragen.
Aus der Reihe der hierhergehörigen Formen (Fig. 57,
58), welche übrigens schon früheren Beobachtern zu Gesicht
kamen — Nauplius saltatorius, 0. F. Müller's, — Pulli (von
Monoculus quadricornis) Jurine's — können am besten die
54 Claus
1
Larven von Cyclops coronatus herausgefunden werden, nicht
nur an ihrer eiförnsigen Körpergeslalt (s. Fig. 57),' sondern
namentlich an der dunkeln Beschaffenheit des Leibesinhal-
tes-"*) und an den zahlreichen Fellkörnchen, die im Innern
des Thieres vertheilt sind.
Die Larve der I4gliedrigen Cyclopsspecies schliesst sich
den beschriebenen Formen sowohl in der allgemeinen Kör-
pergestalt, als im Baue der Anhänge innig an und kann leicht
mit den Jugendformen der grösseren Arten (Cyclops gigas etc.)
selbst von dem geübtesten Beobachter unserer Geschöpfe ver-
wechselt werden. Was dieselbe übrigens besonders auszeich-
net und bei der Unterscheidung berücksichtigt werden muss,
ist die bedeutende Längs^treckung der Gliedmassen (Fig. 64).
Auch das ausgebildete Geschöpf ist übrigens , wie wir wis-
sen, denCyclopen mit I7gliedrigen Antennen nahe verwandt;
die Abweichung in der Gliederzahl der Antennen ist auf eine
bei der letzten Häutung unterbliebene Theiiung ^^*) des achten
Abschnittes zurückgeführt.
Weit grösser ist die Verschiedenheit, welche zwischen
den beschriebenen Larven und denen von Cyclops serrulatus
(Fig. 59,68, 69) obwaltet, wenngleich freilich auch noch diese
Species im entwickeilen Zustande jenen Cyclopen sehr nahe
steht. Die Körperform unserer Larve ist auffallend vom Rücken
nach dem Bauche zusammengedrückt und einer flachen, fast
kreisrunden Scheibe zu vergleichen, über deren Peripherie die
Gledmassen wenig hervorstehen. Bei dem massenhaften Auf-
treten und zugleich der allgemeinen Verbreitung dieser Spe-
cies scheint es kaum auffallend, dass auch die Jugendformen
am häufigsten gefunden werden und früheren Forschern haupt-
sächlich zur Beobachtung kamen. Es unterliegt keinem Zwei-
fel, dass die Abbildungen von Joblot und Baker, ebenso
die Beschreibung, welche Eichhorn von seinem „Hüpper-
ling« gegeben hat, sich auf unsere Larve zurückführen lassen.
*) Man erinnere sich an die dunkele Färbung der Eierschläu-
che und der Eiersäckchen, um es in einem \^'orte zu bezeichnen, der
Doltermasse von Cyclops coronatus.
**j Siehe meine weiteren Millheilungen über die Cyclopiden in
diesem Archiv 1S57.
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 55
Von 0. F.Müller wird dieselbe als Amymone satyra unter-
schieden und für die damalige Zeit gut abgebildet. Was der
vortretfliche Beobarhler an dieser Forui als Ovaria deutete,
sind die Harnbildungen im Innern des Darmes. Jurine,
dem Cyclops serrulatus auch im ausgebildeten Zustande
unbekannt geblieben ist, erwähnt die Larve an keinem Orte;
dagegen scheinen mir Rathke's Beobachtungen an Cyclops
serrulatus angestellt worden zu sein , und ebenso liegen den
Zeichnungen von Leydig und C. Vogt verschiedene Ju-
gendstadien derselben Species zu Grunde.
Um die Gliedmassen etwas näher zu betrachten , mag
als allgemeiner Charakter die Kürze einerseits, sowie ande-
rerseits der Reichthum an Anhängen vorausgeschickt werden.
Die Antennen ragen kaum mit dem letzten Gliede über die
runde Körperscheibe hinaus, besitzen aber lange Ruderborsten
in grösserer Anzahl^ die zum Theil ausserhalb der Peripherie
des Leibes wahrgenommen werden. Das mittlere Gliedmas-
senpaar besitzt einen breiten ßasalabschnilt, gegen den sich
der hakentragende Vorsprung wie ein besonderes Glied ab-
setzt. Die beiden Aeste sind an ihrer Basis weit mit einan-
der verschmolzen, so dass vom Innern Aste nur der letzte
Ring freibleibt. Die äussere Gliederreihe ist nur undeutlich
segmentirt und bildet einen breiten cylinderförmigen Abschnitt,
dem sich ein dünner Stab, umgeben mit kräftigen befiederten
Rorsten, anschliesst. Das drilte Fusspaar zeichnet sich besonders
dadurch aus , dass sich das bekannte dreieckige Plättchen
zu einem scharf abgesetzten Gliede umgebildet hat und einen
kräftigen gezähnten Haken nebst einer befiederten Borste trägt.
Die Mundkappe ist verhällnissmässig von geringem Umfange
und am unteren Rande mit kurzen Spitzen besetzt, welche das
Aussehen feiner Wimpern bieten. Vor dem Auge und an-
deren Körperstellen lagern sich Häufchen kugliger heller
Körner ab, deren Bedeutung mir unbekannt geblieben ist.
Die Larve von Cyclops canihocarpoides (Fig. 60), welche
bisher noch nicht beobachtet wurde, zeigt mit der Jugend-
form von Cyclops serrulatus im Bau der einzelnen Giicdmas-
sen eine grosse Uebereinstimmung, während hingegen die
Gestalt des Körpers in vielen Beziehungen abweicht. Anstatt
der zusammengedrückten Scheibe finden wir dieselbe durch
56 Claus:
ein ovales Ellpsoid bezeichnet , welches am vorderen Pole
schmal ist, am hinteren dagegen eine bedeutendere Breite er-
langt. Die dorso-ventrale Abplattung tritt vollkommen zurück
und wir haben es der cylindrischen Leibesform zuzuschrei-
ben, dass sich unsere Thiere unbeholfen und langsam im Was-
ser umherwälzen. Die Pigmentsfreifen des Auges sind mit
einander verschmolzen und zu einer bedeutenden Länge aus-
gezogen. In ähnlicher Weise nimmt die Mundkappe eine
gestreckte Form an , die Insertionsflächen der Gliedmassen
rücken von einander ab , der Mundhaken gewinnt eine be-
deutende Länge und kräftige Entwickelung. Die Anhänge der
Gliedmassen sind noch dichter und zahlreicher vorhanden, als
bei der Larve von Cyclops serrulatus, namentlich bedecken
kurze Reihen stärkerer Spitzen die äussere Körperfläche.
Der betrachteten Jugendform schliesst sich die- Larve
von Canthocamptus staphylinns (Fig. 6!) an, die schon von
0. F. Müller als Nauplius bracteatus (das 4te Gliedmassen-
paar ist nichts als der innere Ast des dritten Fusspaars) und
Amymone baccha beschrieben wurde. Sehr schön stellt Ju-
rine spätere Stadien dieser Larve dar, irrt aber darin, dass
er auch die M ü ller'sche Nauplius saltatorius auf diese Form
zurückzuführen sucht. Die dorso-ventrale Depression ist ganz
verschwunden und die Körpergestalt vollkommen kugelig. Die
Bewegung unserer Larven stimmt daher noch mehr mit der
Lokomotion der Wassermilben überein, mit denen man über-
haupt beim ersten Blick eine überraschende Analogie im Baue
dieser Jugendform zu erkennen glaubt. Sie kriechen auf dem
Boden seichler Gewässer, auf modernden Blättern und festen
Gegenständen, die in flachen Pfützen angehäuft sind, unbe-
hülflich umher, um dann von Zeit zu Zeit in plumpen Be-
wegungen nach Art der Milben umher zu schwimmen. Diese
abweichende Lebensweise setzt auch einen abweichenden Bau
der übrigen Körpertheile voraus. So können wir den Innern
Zusammenhang zwischen Bildung der Gliedmassen und der Ar
der Lokomotion nicht hinwegleugnen, wenn wir sehen, dass
die Anhänge der Füsse nicht zu Hülfsorganen der Slrudelerre-
gung umgestaltet sind, sondern in Form von Zangen und Ha-
ken als Werkzeuge des Raubes und der aktiven Beuteer-
oberung fungiren. Was unserer Larve von kleinen Organis-
Zur Anatomie und Enlwickelungsgeschichte der Copepoden. 57
men auf dem Wege entgegentritt, wird mit Zange und Haken
gefasst und als Nahrung dem Munde zugeführt. Die ersten
Gliedmassen sind dünn und gestreckt, und zeichnen sich be-
sonders durch die Länge des mittleren Gliedes aus. An dem
mittleren Fusspaare dient nicht nur der Mundhaken, sondern
auch der innere Ast, dessen langem rylindrischen Basalgliede
ein stark chitinisirter Stab hakenartig eingelenkt ist , zum
Erfassen der Nahrung. Der basale Abschnitt der dritten
Gliedmasse ist kurz und breit, der innere Ast zu einer Zange
umgebildet, welche der MundöfTnung bis zu einem bestimm-
ten Grade genähert werden kann.
Die eben dem Eie entschlüpften Larven von Cyclopsine
caslor haben einen langgestreckten Körper von 0,14—015'""^
Länge, der sich an beiden Polen allmählig verschmälert (Fig.
62 u. 63). Schon auf diesem Stadium sind die Seitentheile
des Leibes merklich comprimirt , so dass der Durchschnitt
parallel der Rückenfläche an Breite dem Durchschnitte nach-
steht, welchen man bei Betrahtung der Seitenlage erhält. Das
Auge wird von zwei langen, schmalen Pigmentstreifen gebil-
det, die sich nur am vorderen Pole in der Mittellinie berühren,
ohne vollkommen zu verwachsen. Die Antennen zeichnen sich
durch ihre beträchtliche Streckung aus, so dass sie an Länge
die mittleren Gliedmassen übertrefTen. An diesen ist die Grösse
des dorsalen Astes hervorzuheben , dann aber insbesondere
der Mangel des Mundhakens, der erst im Laufe der späteren
Entwickelung durch ähnliche Gebilde ersetzt wird. Das dritte
Gliedmassenpaar ist bedeutend kürzer, ohne indess an Breite
zurückzustehen und entbehrt ebenfalls des entsprechenden An-
hangs. Von den beiden Aesten wird der ventrale aus einem
einfachen breiten Gliede gebildet, der dorsale dagegen aus
vier sehr kurzen Ringen, deren Gedrungenheit beim ersten
Blick auffällt. Die beiden Schwanzborsien rücken sehr nahe
in der Mittellinie zusammen und weisen auf die laterale Com-
pression hin , die mit dem Wachslhumc unserer Larven im-
mer bedeutender wird und einen entscheidenden Einfluss auf
Lokomolion und Lebensweise ausübt.
In der ersten Zeit tummeln sich die Cyclopsinelarven
ebenso wie die Amymoneformen derCyclopen im Wasser umher,
da sie aber der inneren Anhänge entbehren, welche vorzüg-
58 Claus:
lieh bei der Nahrungsaufnahme betheiligt sind, liönnen sie
nur spärlich von Aussen her mit Nahrungsmaterial versehen
werden. Was der Stoffwechsel anfangs erfordert , scheint
zum Theil von Dotterresten bestritten zu werden , welche in
Gestalt zahlreicher Feltkörnchen und eines grösseren gelben
Fetttropfens ^''■) oberhalb des Oesophagus übrig geblieben sind.
Wenn mit dem weiteren Wachsthume zwei kräftige Haken
am Basalgliede der mitlleren Gliedmasse entstanden und am
inneren Rande derselben Borsten und Anhänge in kräftiger
Entwickelung hervorgewachsen sind, ändert sich zugleich mit
der grösseren seitlichen Körpercompression auch die Art der
Bewegung und des Nahrungserwerbes. Nur selten eilen dann
unsere Larven in einzelnen Stössen im Wasser umher , son-
dern bleiben an Ort und Stelle hoch an der Oberfläche des
Wassers fixirt. Die Wirksamkeit der Antennen ruhet, dagegen
unterhalten die übrigen Gliedmassen in conlinuirlichen Bewegun-
gen einen Strudel, welcher kleine Körper aus der Umgebung
herbeilreibt und als Nahrung dem Munde zuführt. Die Ar-
beitstheilung der Gliedmassen tritt schon in der Jugend scharf
hervor; schon jetzt ist die eigenthümliche Lebensweise*"^^)
vorgebildet, durch welche auch im Zustande vollkommener
Entwickelung die Cyclopsinen vor den Cyclopen ausgezeich-
net sind.
Die Veränderungen, welchen die Larven mit dem allmäh-
ligen Wachsthume unterworfen sind, lassen sich in ihren all-
*) Auch bei den Cyclopslarven Cnden sich ähnliche Feltbildungen,
wenigstens fast constant ein grösserer gelber Fettlropfen oberhalb des
Schlundes. Er scheint eine Ablagerung von überflüssigen Produkten
des Eilebens zu sein, die für eine Zeit des Mangels zum Verbrauche
deponirt sind, sich übrigens im Laufe der weiteren Entwickelung ver-
grössern. Schon Eichhorn macht auf diese Stoffe im Innern seines
Hüpperlings aufmerksam.
**} Es scheint mir auch hier vollkommen begründet, die Eigen-
thümlichkeit der Lebensweise mit der Körperform in Zusammenhang
zu bringen und aus der seitlichen Compression des ganzen Geschöpfes
die Umbildung der Gliedmassen zu Strudelorganen, den Aufenthalt der
Thierform an der Oberfläche des Wassers, kurz die junge Lebens-
weise als nothwendig abzuleiten. (Man berücksichtige zu-
gleich den Einfluss der lateralen Compression auf die
Gestaltung der Innern Organe.)
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 59
gemeinsten Zügen als eine ungleich grosse Zunahme des
Längsdurchmessers, als eine bedeutendere Streckung des
Körpers bezeichnen. Auf der Rückenseite beobachtet man in
einem geringen Abstände vom hinteren Pole eine scharfe, die
Längsachse quer durchschneidende Contour, welche vor einer
ungleichmässigen Chilinisirung der dorsalen Fläche hervorge-
rufen wird und den Körper der Larve in zwei Abschnitte
Iheilt. Der hintere Abschnitt ist schon ein Produkt der fort-
geschrittenen Grössenzunahme , da bei der Geburt die quere
Erhebung mit der äussern Peripherie des Embryo fast zu-
sammenfällt und sich erst mit dem allmähligen Wachsthume
des jungen Geschöpfes von den hinteren Umrissen des Lei-
bes mehr und mehr entfernt. Während nun der hintei^e Ab-
schnitt, aus welchem sich, wie wir uns überzeugen werden,
die vier freien Segmente des Cephalothorax und das gesammte
Abdomen entwickeln^ einen immer grösseren Umfang und
eine bedeutendere Streckung gewinnt , zeigen sich an der
Bauchfläche des vorderen Abschnittes, der dem ersten Theile
des Cephalothorax (den Segmenten des Kopfes und dem er-
sten Thoracalringe) gleichwerthig ist, die ersten Spuren eines
neuen Gliedmassenpaares.
Man beobachtet zu beiden Seiten der Harnsäckchen
(Fig. 64) eine geringe Aufwulstung, welche einen borstenför-
migen Anhang hervortreibt. Die Erhebung vergrössert sich
mehr und mehr, neue Borsten sprossen hervor, die Auftrei-
bung gewinnt die Gestalt eines besonderen Gliedes (Fig. 66
und 67), aus welchem sich durch weitere Umformungen nach
späteren Häutungen die ersten Ruderfüsse entwickeln. Die
ursprünglich vorhandenen Gliedmassen haben sich im Allge-
meinen kaum verändert, neben einer entsprechenden Grös-
senzunahme zeichnen sie sich durch stärkere Entwickelung
ihrer. Anhänge aus. Nur der dorsale Ast des mittleren Glied-
massenpaares bildet einen oder zwei neue Ringe, die sich
von dem langgestreckten Basaltheile abschnüren. Das dritte
Fusspaar zeigt am inneren Rande unmittelbar am Grunde der
Insertion eine kleine Auftreibung, die knoplTörmig nach innen
vorsteht und allmählig eine grössere Selbstständigkeit erlangt.
Die AfteröfFnunor entfernt sich während des fortschreitenden
Wachsthums immer mehr und mehr vom Dickdarme, welcher
60 Claus:
seine ursprügliche Lage am äusseren Ende des vorderen Ab-
schnittes anfangs kaum verändert und sich in einen cylin-
drischen Leitungskanal bis zur Afteröffnung fortsetzt. Dem
letzten TlKÜie des Verdauungsapparates übergiebt er die ge-
bildeten Koihballen , damit dieselben durch lebhafte Con-
traktionen der muskulösen Wandungen nach aussen geführt
werden.
Wenn unsere Larven nach mehreren Häutungen, deren
Anzahl *"') ich übrigens nicht zu bestimmen im Stande bin,
bis zu einer Grösse von 0,3 bis OjSö*"'" herangewachsen sind
(Fig. 68 und 71}, hat sich das vierte, neu entstandene Fuss-
paar in bestimmter Weise verändert. Eine Längstheilung,
die allmählig immer tiefer -greift (vergl. die Fig. 66, 22, 23,
24, 68, 70, 71), spaltet den Fuss in zwei Abschnitte, welche
die ersten Anlagen der zukünftigen Ruderäste in sich einschlies-
sen. Auch an der Basis bemerkt man eine Einschnürung,
die schon auf die Scheidung von ßasaltheil und Anhängen
des Ruderfusses hinzudeuten scheint. Am zweiten Körperab-
schnitt, welcher V3 bis 2/5 der ganzen Längsaxe für sich ein-
nimmt, haben sich neue Erhebungen gebildet, von denen das
erste Paar mit dünnen Borsten ausgeslatlet ist und schon die
Theilung in zwei Aeste andeutet. Das zweite und dritte Paar
stellt kegelförmige, etwas gekrümmte Auftreibungen dar, wel-
che sich der Mittellinie sehr nähern , ohne eine bestimmte
Gliederung wahrnehmen zu lassen. Am hinleren Körperpole,
der liefer und deutlicher gespalten ist, hat sich die Zahl der
Borsten vergrössert und namentlich bei Cyclops serrulatus
(Fig. 68) in einer bestimmten regelmässigen Weise gruppirt.
Die Larven von Cyclopsine castor, deren Entwickelung
ich auf den entsprechenden Stadien ebenfalls verfolgen konnte,
durchlaufen im Allgemeinen gleiche Gestaltveränderungen.
Wie schon an einem früheren Orte angedeutet wurde, nimmt
die seitliche Compression des Leibes mit der allmähligen
Streckung desselben zu, während sich die vorhandenen Glied-
massen durch Hervortreibungen starker Anhänge und zahl-
reicher Borsten zu wirksamen Strudelorganen heranbilden.
*) Jedenfalls ist dieselbe weit bedeutender, als sie Jurine an.
zunehmen geneigt ist.
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 61
Der Basaltheil des zweiten Gliedmassenpaares schnürt sich am
inneren Rande tief ein und bildet dasell)st zwei Aulwulstun-
gen, von denen die untere kräftige Haken trägt, welche den
fehlenden Mundliaken ersetzen. Die zweite Auhvulslung treibt
ebenfalls Anhänge und ebenso der innere Rand des ven-
tralen Astes , so dass die Fähigkeil der Sirudelbewegung
in diesen Stadien bedeutend erhöht ist. Die Gliedniassen
des drillen Paares entwickeln sich parallel den entspre-
chenden Bildungen der Cyclopen und erweitern sich am
Grunde der Insertion zu einer knopfförmigen Aufwulstung,
welche sich über einen Theil des Basalgliedes hin erstreckt.
Viel rascher als bei den Cyclopen nimmt dieselbe an Grösse
zu und zieht sich in einen konischen, etwas gekrümmten Za-
pfen aus , welcher am äusseren Ende Einkerbungen bildet,
während seine Basis eine immer grössere Selbstständigkeil
erlangt und sich vollkommen vom Fusspaare trennt. Es unter-
liegt keinem Zweifel, dass dieser Zapfen, welcher nicht etwa
eine Auftreibung am Leibe des Geschöpfes darstellt, sondern
der Coxa der dritten Gliedmasse entspricht , die Leistungen
eines Kiefers übernimmt und zu selbstsländiger Wirkung be-
fähigt ist. Was wir an den fünf Kaufüssen des Limulus be-
obachten , die Umbildung der Coxaltheile zu Kiefern , das-
selbe lässt sich auch in ähnlicher Weise bei unseren Larven
nachweisen, mit dem Unterschiede jedoch, dass hier eine
vollkommene Trennung beider Theile zu Stande kommt. Die
Querleiste , welche den Leib der Cyclopslarve in zwei Ab-
schnitte theilt, ist bei unseren Geschöpfen nicht vorhanden;
die Sonderung von Kopf und Thorax im ausgebildeten Zu-
stande isl also schon in der Larvenform begründet.
Während der hervorgehobenen Umbildungen hat sich der
ganze Körper zu einer bedeutenden Länge gestreckt und die
Grösse von circa 0,ö"^'" erlangt. An der Bauchfläche haben sich
in der Richtung von vorn nach hinten allmählig vier neue Glied-
niassenpaare entwickelt und zu einem durchaus gleichmässi-
gen Baue gegliedert. Durch einen Längseinschnitt sind die-
selben in zwei Abschnitte getheilt , welche die zukünftigen
Ruderäste bilden (Fig. 24, 70), während sich die Basis mehr
oder weniger tief zu einem besonderen Basaltheile abschnürt.
Auf der Dorsalfläche unmittelbar vor dem Körpereude nimmt
62 Claus:
man eine quere Chitinverdickung wahr, weicher die After-
klappc des geschlechtlich entwickelten Thieres ihren Ursprung
vordankt (Fig. 65). Auch bei den Larven der Cyclopen fin-
den wir eine ähnliche Querleiste, besonders schön bei Cy-
clops serrulatus (Fig. 68, 69), unterhalb welcher die After-
öffnung in Gestalt eines viereckigen Ausschnittes zur Beob-
achtung kommt.
Leider muss ich die Entwickelung von Cyclopsine hier
verlassen, da mir die späteren Stadien mit Ausnahme des
letzten , auf welches unmittelbar der ausgebildete Zustand
folgt, unbekannt geblieben sind j ich kehre daher wieder zu
den Jugendformen der Cyclopen zurück, welche ich in ihrer
continuirlichen Aufeinanderfolge bis zur geschlechtlichen Ent-
wickelung zu verfolgen Gelegenheit hatte.
Die nächste Abstreifung der Chitinhülle erscheint für
die Metamorphose der Cyclopslarve von der höchsten Be-
deutung, da mit ihr eine auffallende Gestaltveränderung ver-
bunden ist. Anstatt der früheren Naupliusform führt uns das
junge Geschöpf jetzt einen gegliederten, segmentirten Körper
vor, dessenVerwandtschaft mit dem Cyclopenleibe auf den ersten
Blick erkannt wird. Die Abschnürung des Körpers in sechs
Segmente, seine auffallende Streckung , die grössere Gliede-
rung der Antennen, der Bau der Mundvverkzeuge sowie end-
lich die Gestalt der Schwanzborsien bieten Charaktere dar,
weiche über die Abstammung unserer Larven , selbst wenn
ihre frühere Entwickelung unbekannt geblieben wäre , kaum
einen Zweifel zurücklassen. 0. F.Müller, welcher Cyclo-
pen auf diesem Stadium beobachtete , deutete dieselben auch
sogleich als Jugendzustände (s. 0. F. Müller l. c. tab. XVIIL
flg. 14) , obwohl er ihre Heranbildung nicht verfolgt hatte,
ja er Hess sich sogar durch sie verleiten, die Angaben Leu-
wenhoek's und de Geer's in Zweifel zu ziehen, nach wel-
chen die Monoculusformen mit drei und vier Gliedmassen-
paaren die Entwickelungszustände der Cyclopen seien. Ver-
gleichen wir dagegen unsere Jugendform mit dem unmittel-
bar vorher durchlaufenen Stadium , so treten uns weit grös-
sere Differenzen im allgemeinen Baue entgegen, ja wir wer-
den durch die überraschende Metamorphose des gesammten
Körpers, durch die auffallende Veränderung der einzelnen
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 63
Gliedmassen zweifelhaft, ob nicht zwischen beiden Entwicke-
lungszuständen noch Zwischenstadien gelegen seien. Mir ist
es bis jetzt nicht geglückt, Zwischenformen aufzufinden, im
Gegentheile muss ich nach meinen Beobachtungen behaupten,
dass beide Zustände unmittelbar aufeinander folgen ; zu wie-
derholten Malen isolirte ich Formen der ersten Art in ziem-
licher Anzahl und verfolgte sie täglich mit grosser Sorgfalt,
bis die Naupliushülle abgelegt war und die Geschöpfe in Cy-
clopengeslalt mit raschen Bewegungen und mit erhöhter Le-
benskraft sich im Wasser umher lunnnelten.
Man überzeugt sich indess leicht, dass die Masse des
Körpers in beiden Zustände ziemlich übereinstimmt, da die
bedeutendere Streckung auf Kosten des Querdurchmessers zu
Stande gekommen ist. Besonders hat sich der hinlere Ab-
schnitt in die Länge ausgedehnt und durch Einschnürungen
in fünf Segmente geschieden, deren Anhänge übrigens schon
im vorhergehenden Stadium vorgebildet waren (s. Fig. 7l u.
72). Von den Gliedmassen haben sich die zwei ersten in die
grossen Antennen umgebildet , an denen man fünf Glieder
unterscheiden kann. Das zweite Paar ist in seiner Masse
sehr geschrumplt und zu den kleinen viergliedrigen Antennen
geworden, welche schon jetzt in ihrem Baue der ausgebilde-
ten Form sehr nahe stehen. An der StelJe des dritten Glied-
massenpaares finden sich die Mundtheile vor, die bis auf die
grössere Gedrungenheit und weit geringere Grösse mit den
entsprechenden Bildungen des entwickelten Geschöpfes über-
einstimmen. Von den vier Ruderfüssen ist das erste Paar
dem grossen vorderen Körperabschnitt inserirt, das zweite
dagegen dem folgenden Segmente eingelenkt. In ihrem Baue
weichen sie von den ausgebildeten Gliedmassen darin ab, dass
die beiden Aeste ungegliedert sind (Fig. 25). Während die
Ruderfüsse sich aus den vier neuenlslandenen Füssen der Nau-
pliusform *) entwickelten, die schon durch die Längstheilung
auf die Bildung von Ruderästen hindeuteten , sind die An-
liänge der beiden folgenden Segmente aus den vier konischen
*) Man verzeilie mir, dass ich den Namen Nauplius nicht auf
die Larven mit vier Paar Gliedmassen beschränke, sondern auf die ganze
erste Gruppe von Entwickelungsformen ausdehne.
64 C 1 a u g :
Zapfen entstanden, die man am hinteren Theile der Larve auf
einfache Ausstülpungen zurückfüiiren kann.
Das fünfte Segment entbehrt der bauchständigen An-
hänge und zeichnet sich durch eine bedeutende Streckung
aus, welche zu dem weiteren Wachsthume des jungen Ge-
schöpfes in nothwendiger Beziehung steht, da von diesem
Abschnitte aus neue Segmente im Laufe der späteren Häu-
tungen gebildet werden. Den Endlheil des Körpers stellt die,
Furca dar, welche ihrer Entstehung nach wohl mit Recht als
ein eigenes Segment aufgefasst wird, das sich eben' so wie
die Gliedmassen durch eine LängsspaKung in zwei Aeste ge-
theilt hat. Die Furca ist Träger der Schwanzborsten, die
indess auf diesem Stadium auf die mittleren Anhänge be-
schränkt sind. Und auch diese sind nicht isolirl vorhanden,
sondern innig mit einander verschmolzen; erst mit der näch-
sten Häutung tritt die Trennung derselben ein.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass Mandibeln,
Maxillen und Maxillarfüsse Theile eines einzi-
gen Gliedmassen paares sind, nicht nur, weil sich
keine entsprechenden Erhebungen in den früheren Jugendzu-
ständen bilden , sondern weil durch die Entwickelung der
Cyclopsinelarve der bestimmte Beweis vorliegt, dass sich
der Coxaltheil der Gliedmasse isolirt und schon
auf einem früheren Stadium zum Kiefer wird.
Was sicK bei den Larven der Cyclopen als knopfförmigcr
Fortsatz an der Basis des dritten Fusspaares findet und eine
immer grössere Selbstständigkeit gewinnt, entspricht vollkom^
men jenem Kiefer der Cyclopsinelarven, und es unterliegt
keinem Zweifel, dass sich dieser Theil in die Man-
dibel des jungen Cyclopen verwandelt. Dass
übrigens hier nicht früher eine Trennung erfolgt, scheint
durch die übrigen Abweichungen in der Entwickelung beider
Genera erklärt zu werden. Die Cyclopsinen leben , um es
kurz zu bezeichnen, als Naupliusformen weit länger; trotz
der ungünstigen Momente, welche die ungegliederte Körper-
gestalt in die Lebensverhältnisse einführt, bilden sie die An-
lagen aller Rudcrfüsse zu gleichmässiger Gestaltung, ihren
Körper aber zu einer bedeutenderen Grösse heran. Ich will es
nicht einmal zweckmässig nennen, wenn nun das dritte Glied-
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 65
massenpaar durch eine strengere Arbeitslheilung den speciellen
Bedürfnissen der Thiere zu Hülfe kommt, sondern es ledig-
lich in der Enlwickelung begründet ansehen, dass die Zeit
der Trennung beider Formen relativ dieselbe ist.
Die Maxillen entwickeln sich aus dem vor-
deren Theile des Basalabschnittes, während
der Inhalt des unteren T heiles mit den beiden
Ruderästen in Verbindung tritt und sich zu den
Maxillarfüssen consolidirt.
Ich muss allerdings gestehen , dass es mir nicht mög-
lich wurde , direkt den histologischen Nachweis für meine
Behauptung zu liefern, so etwa, dass ich in der Chitindecke
des betreflPenden Gliedmassenpaares die neuen Mundtheile ge-
funden hätte ; worauf ich mich bei meiner Deutung stütze,
ist halb ein positiver, halb ein negativer Fund. Indess bietet
auch das , was andere Beobachter bei diesen und ähnlichen
Larven gefunden haben, Anhaltspunkte genug, um die be-
schriebene Art der Enlwickelung zu bestätigen.
Rathke's Angaben, nach welchen sich die Maxillarfüsse
aus dem dritten Gliedmassenpaare entwickeln, schliessen nicht
zugleich aus, dass die Kiefer auch Theile desselben Fusspaares
sind , indem dieser Forscher die Bildung der Älandibeln und
Maxillen nur vermuthungswcise durch die Annahme erklärt,
dass sie aus neuen Vorsprüngen und Auftreibungen am Kör-
per der Larve entständen. Was aber die Enlwickelung eini-
ger Phyllopoden betrifft, deren Jugendzustände durch ähn-
liche Larven vertreten sind, so glaube ich durch diese noch
mehr meine Auffassung bekräftigen zu können und zugleich
eine sichere Basis für die morphologische Parallelisirung der
Phyllopoden und Copepoden gewonnen zu haben. Untersucht
man die Enlwickelung der Daphnien , so lässt sich aus der
Anlage des Embryos und der Bildung seiner Organe kaum etwas
auffinden, welches zur Erklärung der Verwandtschaft beider
Gruppen benutzt werden könnte. Der bauchständige Primi-
tivstreifen, das Auftreten der Bauchwülste, das Hervorsprossen
aller Gliedmassen erhebt die Bildungsvorgänge der Daphnien-
embryonen weit über die der Cyclopen und äussert auf die
Gestallung der freien Enlwickelung einen solchen Einfluss,
dass auch diese kaum Vergleichungspunkte bietet. An den
Archiv f. Naturgescb. XXIV. Jahrg. 1. Od. 5
66 Claus:
Embryonen dieser Phyllopoden sind nicht nur beide Anlen-
nenpaare, nicht nur die einzelnen Mundtheile durch besondere
Hervorlreibungen angedeutet (Fig. 46 — 48), es ist auch bereits
die Anlage aller Kiemenfüsse gegeben, so dass die Metamorphose
aus der Zeit der freien Entwickelung fast ganz verschwindet.
Allein es giebt eine Reihe verwandter Formen unter den
Phyllopoden — die Formen vornehmlich mit einer grösseren
Anzahl von Kiemenfüssen — deren Jugendzustände ebenfalls
durch Larven repräsentirt werden. Die Entwickelung im Ei
wird sich in diesen Fällen viel einfacher gestalten und viel-
leicht aus analogen Vorgängen zusammengesetzt sein, wie wir
sie bei den Cyclopen gefunden haben.
Jedenfalls stimmen die Larven in ihrem Baue und in
ihrer Anlage so sehr mit den Cyclopidenlarven überein, dass
sogar die einzelnen Gliedmassen ihrer Bildung nach genau
mit einander parallelisirt werden können. Nur treten hier
die Abweichungen ein, dass anfangs die vorderen oder hin-
teren Füsse fehlen können und in solchen Fällen erst später
hervorsprossen. Die ersten Gliedmassen, welche bei der jungen
Limnetislarve mangeln, bei den entsprechenden Jugendformen
von Apus und ßranchipus dagegen vorhanden sind, bilden
einfache Gliederreihen und gehen in die stummeiförmigen
Tastantennen über, die übrigens in einzelnen Fällen eine an-
sehnliche Gliederung erreichen können. Das zweite Glied-
rnassenpaar ist ausserordentlich entwickelt und schreitet kei-
ner Rückbildung entgegen, wie sie sich gewissermassen bei
den Cyclopen findet. Die beiden Aeste persisliren und stel-
len die Gliederreihen der mächtigen Ruderanlenne dar, wäh-
rend allerdings der Mundhaken, welcher auch an den Larven
der Phyllopoden nie vermisst wird, versehwindet. Die Glied-
massen des dritten Paares, welche bei Apus erst nach der
zweiten Häutung entstehen, zeigen im Allgemeinen ein ande^
res Verhältniss zwischen Basaltheii und Anhangsgebilden,
indem die letzteren in ihrer Entwickelung mehr zurücktre-
ten, das Basalglied dagegen an Breite und Umfang zunimmt
und schon jetzt als zukünftige Mandibel fungirt. Sehr wahr-
scheinlich geht dieser Abschnitt dann später eine Theilung
ein, welcher die Maxille ihre Entstehung verdankt. Was we-
nigstens Grube in seinen interessanten Mittheilungen über
Zar Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. ^
Limnetis brachyurus von den Maxillen anführt, macht mich
sehr geneigt die Trennung des Basaltheils als Ursache für
die Entstehung derMaxille anzunehmen. „In der Beobachtung
ihres ersten Auftretens, sagt Grube, bin ich nicht glück-
licher gewesen als diejenigen, welche die Entwickelung ähn-
licher Crustaceen behsyjdelt haben. Ich kann nur soviel an-
geben, dass zu der Zeit , in welcher die Limnetislarve bloss
die beiden Paare Ruderextremitäten besitzt , ich noch keine
Maxillen bemerkt habe, und dass später, wenn sich die An-
lagen der Füsse am Rumpftheile bemerkbar machen, ich aus
keiner derselben Maxillen entstehen gesehen. Möglich dass
sie sich überhaupt meiner Beobachtung entzogen , möglich
dass sie unter der gewaltigen Lippenplalte der einschaligen
Form versteckt durch die fast unausgesetzte Bewegung der
Ruderextremitäten dem Auge noch unzugänglicher wurden.«
Von Bildungen, welche den Maxillarfüssen der Cyclopiden in
Bau und Form an die Seite gesetzt werden könnten , ist bei
den Phyllopoden keine Rede, da sich die Anhänge des ent-
sprechenden Gliedmassenpaares bei der weiteren Umbildung
nicht betheiligen. Wohl aber scheint es mir gerechtfertigt,
die zweiten Maxillarpaare von Apus und Branchipus , sowie
den Körperanhang von Apus, welchen Zad dach als „tertium
par pedum thoracicorum« hervorhebt , als Theilungsprodukte
desselben Gliedmassenpaares in gewissem Sinne mit den Ma-
xillarfüssen zu parallelisiren. Die Anhänge, welche am hin-
teren Abschnitte der Phyllopodenlarven hervorsprossen und
sich zu den Kiemenfüssen entwickeln , sind morphologisch
den Ruderfüssen der Copepoden vergleichbar , wenn sie auch
in weit grösserer Zahl vorhanden sind. Die Anzahl der Kie-
menfüsse ist ja auch bei den verschiedenen Formen der Phyl-
lopoden einem mannichfachen Wechsel unterworfen und
schwankt bei den verschiedenen Arten in solchen Abstufun-
gen, dass ich keinen anderen gemeinschaftlichen Numerus
herausfinden kann als den, welcher durch die Einheit, durch
die Zahl 1, ausgedrückt wird. Verschiedenheiten in dem Zah-
lenverhällnisse der Segmente und deren Anhänge können also
gewiss nicht als Grund gellen, die Regionen nicht als gleich-
werthig zu betrachten, namentlich wenn bestimmte Thalsachen
68 '•'^&oa'>qn- Claus:
der Entwickelung vorliegen, welche auf eine morphologische
Gleichstellung hindeuten.
Die weitere Umgestaltung , die mit dem allmähligen
Wachsthume der Cyclopen verbunden ist, bezieht sich na-
mentlich auf eine Vermehrung der Segmente und eine grös-
sere Gliederung der Segmentanhänge. Dasselbe Gesetz, wel-
ches für das Wachsthum der Anneliden *"') eine ziemlich all-
gemeine Geltung zu besitzen scheint, finde ich auch in der
freien Entwickelung der Entomoslraken besläligt. Allerdings
muss man der Furca die Bedeutung eines besonderen Seg-
mentes nehmen, um das Gesetz ohne Modifikationen übertra-
gen zu können , indess kann man dies, wie ich glaube, mit
vollem Rechte thun , ohne zugleich den morphologischen
Werth als Segment zu leugnen. Durch die mediane Längs-
theilung sind dem Körpertheile die Bedingungen genommen,
durch Wachsthumsprodukte neue Segmente zu bilden, die Lei-
stungen des letzten Körperringes auszuführen ; in Bedeutung
und Funktion steht die Furca einem Gliedmassenpaare gleich.
Im Speciellen gestallet sich nun die Bildung der neuen
Segmente in der Art, dass sich bei jeder nachfolgenden Häu-
tung der vordere Theil des langgestreckten *"•"') Körperringes
einschnürt^ und den früheren Ringen gleichberechtigt als be-
sonderer Leibesabschnitt auflrill. Die beiden ersten Theil-
stücke gewinnen sogar die Fähigkeit, bauchsländige Anhänge
*) Siehe die Entwickelungsgeschichle von Eunice v. H. Koch
mit Nachwort v. K ö 1 1 i k e r.
**) Nach der Entwickelung könnte man die Grenze zwischen
Cephalothorax und Abdomen zwischen das Segment, welches das letzte
Paar der Ruderfüsse trägt und das Segment des rudimentären Fusses
versetzen, weil das letztere ebenso wie alle folgenden durch Iheilung
des äussersten Körperringes entstanden ist. Indess scheint es mir na-
türlicher, bei der Gruppirung in Regionen auf die Verwandtschaft,
welche in Bau und Funktion zwischen den Segmenten und deren An-
hängen im ausgebildeten Zustande besteht, ein grösseres Gewicht
zu legen, als auf gemeinsame Merkmale der Entstehung, da ja mit-
unter wie wir wissen, das Gleichartige der verschiedensten Anlage
seine Entstehung verdankt, das Ungleiche dagegen scharf in derselben
Gestalt und zu der nämlichen Zeit gebildet wird.
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 69
ZU bilden, welche den konischen Erhebungen des dritten und
vierten Segmentes in Gestalt und Bedeutung vollkommen ent-
sprechen, sich indess nicht zu Ruderfüssen entwickeln, son-
dern die rudimentären Füsse und die Anhänge der äusseren
Geschlechtsöffnungen darstellen. Die drei folgenden Segmente,
welche in ganz derselben Weise gebildet werden , bleiben
einfache cylindrische Ringe, ohne an der Bauchfläche Glied-
massen hervorzutreiben.
Aber parallel mit der allmähligen Gliederung des Lei-
bes, entwickeln sich auch die Segmentanhänge in gesetz-
mässiger Weise immer mehr und mehr der ausgebildeten
Form zu, sei es dadurch, dass sie nur einer Zunahme an
Grösse und einer bedeutenderen Streckung unterworfen sind
(die zweiten Antennen und Mundtheile), sei es, dass sie durch
mannichfache Theilungen in der Querachse eine Stufenfolge
gesetzmässiger Formen durchlaufen (die ersten Antennen und
alle Fusspaare). Die Ruderfüsse theilen sich zunächst an
der Basis der beiden Ruderäste, so dass die letztern anstatt
aus einem langgestreckten Gliede aus zwei Ringen gebildet
werden (Fig. 25 u. 26) und endlich nach einer späteren Häu-
tung durch eine abermalige Theilung des äussersten Ringes
drei Glieder in sich einschliessen. Weit complicirter sind
übrigens die Umformungen der grossen Antennen, welche
eine grosse Reihe bestimmt charakterisirter Zwischenformen
bis zur ausgebildeten Gestalt durchlaufen müssen. Diese
scheinen mir für die Morphologie dieses Gliedmassenpaares
wichtig genug zu sein, um einer speciellern Betrachtung gewür-
digt zu werden, zumal da sich auch aus ihnen die Thatsache
nachweisen lässt, dass männliche und weibliche Antennen
ihrer Anlage nach vollkommen gleich sind und nur dadurch
eine so verschiedene Form gewinnen, dass von einem be-
stimmten Entwickelungsstadium an in beiden Geschlechtern ab-
weichende Metamorphosen bestanden werden. Ich theile zu-
gleich die nachfolgende Tabelle zur leichteren Orienlirung
und zur Umgehung weitläuliger Beschreibungen mit, in wel-
cher die Entwickelungsformen in ihrer continuirlichen Auf-
einanderfolge nach Zahl der Körpersegmente , Beschaffenheit
der Ruderfüsse und grossen Antennen kurz charakterisirt sind,
zugleich aber auch den Modifikationen, welche von mir
70
Claus:
beobachtet wurden , eine allgemeine Berücksichtigung zu
Theil wird.
Die Reihe der Entwickelungsformen *),
Grösse Körpersegmente Die Fiiss.
ohned. Furca. paare.
0,4-0,8mm ^ 7
8
8
8
8
8
9
9
l-2^5»ii"i 9
5 Glieder
6 „
6 „
Beschaffenheit Die ersten
ihrer Aeste. Antennen.
eingliedrige Aeste
eingliedrige Aeste
' 2 Kussp. mit 2glie-
I drigen Aesten, das
i letzte mit Igliedri-
' gen Aesten
die 3 ersten Fussp.
\, besitzen 2gliedrige
k Aeste , das letzte
' Igliedrige
die 3 ersten Fussp.
I mit2gliedrigenAe-
I sten, das letzte mit
[ Igliedrigen 9
zweigliedrige Aeste 8
zweigliedrige Aesle 9
zweigliedrige Aeste iO
zweigliedrige Aeste 10
dreigliedrige Aeste 10
dreigliedrige Aeste il
Cyclops serrulatus im ausgebildeten Zustande.
iO Segmente 4 Fusspaare dreigliedrige Aesle 12 Antennenglieder.
jCyclops insignis im ausgebildeten Zustande.
10 Segmente 4 Fusspaare dreigliedrige Aeste 14 Anlennenglieder,
(c^l0$9)
Alle Cyclopen mit ITgliedrigen Antennen im ausgeb. Zuslande.
10 Segmente 4 Fusspaare dreigliedrige Aeste 17 Antennenglieder.
(^10 $9)
*) Die mit Cursivschrift bezeichneten Formen sind am häufig-
sten beobachtet und führen in ihrer Aufeinanderfolge ein Bild der
normalen Kutwicküluug vor.
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 71
Fünfgliedrige Antennen gehören dem ersten Stadium der
Cyclopenform nur kurze Zeit an, indem bald durch Theilung
des langgestreckten Basalabschnittes die Zahl der Antennen-
glieder auf sechs erhoben wird (Fig. 27). Mit der nächsten
Häutung tritt zwar eine bedeutende Veränderung der übrigen
Körpertheile ein , indem sich der vordere Theil des letzten
Segmentes zu einem besondesen Ringe abschnürt und die
konischen Auftreibungen des dritten Körperringes in Ruder-
füsse verwandelt werden, indess beobachtet man nur in der
geringeren Anzahl von Fällen eine, weitere Segmentirung der
Antenne. In den Jugendformen mit acht Leibessegmenten und
vier Fusspaaren findet man Tgliedrige Antennen (Fig. 28 u.
73), denen dann mit der nächsten Häutung durch Theilung
des zweiten Ringes ein neues Glied hinzugefügt wird (Fig. 29).
Männliche und weibliche Geschöpfe entwickeln sich bis zu
diesem Zustande gleichmässig; erst im nächsten Stadium tre-
ten bei beiden Geschlechtern Differenzen ein, welche mit der
Anlage der Generationsorgane , wie es scheint , in einem
nothwendigen Zusammenhange stehen. Bei den Formen, wel-
che sich zu Männchen entwickeln , haben die ersten vier
Ringe der Qgliedrigen Antennen (Fig. 35) eine gleichmässige
Gestalt angenommen , die Anhänge derselben sind nicht in
Form stärkerer Borsten, sondern als zarte Wimpern in gros-
ser Menge am äusseren Rande der Gliedmassen angefügt.
Die vier Fusspaare tragen bei beiden Geschlechtern zweiglie-
drige Aeste. Die letzten Körpersegmente sind sehr gestreckt;
schon aus ihrer Form kann man schliessen, dass eine spä-
tere Verwachsung des 6. und 7. Ringes nicht zu Stande
kommt. Auch die ersten Anlagen der Keimdrüsen lagern sich
im zweiten S'*gmente ab , während man von Ausführungs-
gängen noch keine Spur wahrnimmt. Die weiblichen Antennen
zeigen ein abweichendes Grössenverhältniss der vier ersten
Ringe (Fig. 30) und tragen in geringer Anzahl stärkere Bor-
sten. Die letzten Segmente des Leibes sind weit gedrunge-
ner, während die Anlagen der Geschlechtsorgane als zwei
helle Schläuche grösserer Ausdehnung im zweiten und drit-
ten Körperringe zur Beobachtung kommen.
Mit der nächsten Häutung treten auch abweichende Thei-
lungen der Antenncnringo ein (Fig. 31 und 36), so dass man
72 . , Claus:
jetzt beide Formen kaum miteinander verwechseln kann. Aus-
serdem haben die Geschlechtsorgane einen grösseren Umfang
gewonnen; beim Männchen sind die Ausführungsgänge und
auch schon die Auftreibungen im ersten Abdominalsegmente
gebildet , in welchen später die Spermatophoren aufbewahrt
werden. Die zwei ersten Thoracalsegmente der Weibchen
führen schon Verhältnisse vor , die auf eine spätere Ver-
wachsung beider Theile hindeuten; kurz es bieten sich jetzt
Anhaltspunkte genug, beide Geschlechter mit Leichtigkeit zu
unterscheiden. Der Verdauungsapparal hat im Laufe der all-
mähligen Entwickelung seine Form und Lage verändert, in-
dem sich der Chylusdarm nicht mehr auf den ersten Körper-
abschnitt beschränkt, sondern den Innenraum der drei fol-
genden Thoracalringe in Anspruch nimmt. Ausser den con-
tinuirlichen peristaltischen Contraktionen führt er in regel-
mässigen Intervallen grössere Gesammtbewegungen aus, welche
die Längenachse unter einem sehr spitzen Winkel schneiden
und, wie schon bei einer früheren Gelegenheit hervorgehoben
ist , zur Circulalion des Nahrungssaftes in einer bestimmten
Beziehung stehen. Die Stelle, welche dem Dickdarme ent-
spricht, ist weit weniger scharf gesondert und liegt im letz-
ten Thoracal- und ersten Abdominalsegmente. Von hier an
läuft der Darm als einfacher cylindrischer Kanal bis zur After-
öffnung und besorgt die Austreibung der gebildeten Koth-
ballen.
Die männlichen Antennen stehen übrigens auf diesem
Stadium ihrer Ausbildung näher , als die der Weibchen, da
sie nur noch einer einmaligen Abstreifung der Cuticula.be-
dürfen , um in den Zustand der vollkommenen Entwickelung
einzutreten. Wie man an der Gruppirung des Inhaltes erkennt,
bilden die vier Basalglieder den ersten Abschnitt der männ-
lichen Antenne, während die folgenden Ringe zur Herstellung
des Greifapparates verwandt werden, so dass die Anlage des
Gelenkes zwischen dem 6. und 7. Gliede zu Stande kommt.
Die weiblichen Antennen gliedern sich an ihrer Basis
von Neuem (Fig. 32) , um dann mit einer späteren Häutung
ihre letzten Veränderungen zu bestehen, die ich schon an
einem anderen Orte dargestellt habe *).
*) Siehe „das Genu» Cyclops und seine einheimischen Arien,«
Zur Anatomie und Entwickelangsgeschichte der Copepoden. 73
Bei Cyclops serrulalus treten indess einige Abweichun-
gen ein, die auf einer Differenz in der Theilung der Anten-
nenringe beruhen (Fig. 33 u. 34), schliesslich jedoch zu der-
selben llgliedrigen P'orm hinführen.
Abnorme Entvvickelungen sind verhältnissmässig seilen ;
nur einmal beobachtete ich ein Weibchen von Cyclops tenui-
cornis im Stadium der letzten Häutung (Fig. 38), an welcher
die Gliederung der Antenne auffallende Abweichungen zu
bieten schien , bei näherer Untersuchung jedoch auf eine
kleine Abweichung in der Theilung der Glieder zurückge-
führt werden konnte. Die Anlagen des 8ten und 9ten Rin-
ges der ausgebildeten Antenne hatten sich schon zu besonde-
ren Abschnitten ausgeprägt, während die Trennung des 5ten
Abschnittes in den 5ten und öten Ring der entwickelten Form
unterblieben war.
Ueber den Zeitraum, innerhalb dessen die Reihe der
Entwickelungsstadien von der Befruchtung des Eies bis zur
Erlangung der Geschlechtsreife durchlaufen wird, lassen sich
schwer bestimmte Angaben feststellen , zumal da nach Tem-
peratur und Jahreszeit die verschiedensten Schwankungen be-
obachtet werden. Im Allgemeinen glaube ich behaupten zu
können, was sich auch mit den Mittheilungen Jurine's ver-
einigen lässt, dass die Entwickelungszeit im Sommer die
Grenzen zwischen drei und sechs Wochen kaum überschrei-
tet, während es im Winter einen Zeitraum von zwei bis drei
Monaten dauert bis die gesammle Metamorphose der Cyclo-
pen bestanden ist.
in diesem Archiv 1857. S. 14. Ferner „Weitere Mittheilungen über
die einlieimischen Cyclopiden," ebendas. 210. Wenn ich übrigens frü-
her angegeben habe, dass die Entwickelung der männlichen und weib-
lichen Antennen erst von dem Zustande an, wo die Antennen llglie-
drig sind, abweichend würde, so erscheint diese Bemerkung in sofern
gerechtfertigt, als mir damals frühere Zustände der Entwickelung un.
bekannt waren.
74 Claus:
Erklärung der Abbildungen.
Die Buchstaben bezeichnen folgendes :
a. Die grossen Antennen.
b. Die kleinen Antennen.
c. Die Oberkiefer.
d. Die Maxillen.
Die Maxillarfüsse.
e.
f.
g-
h. .
DieRuderfüsse in ihrer bestimmten Aufeinanderfolge.
k.
1. Das rudimentäre Fusspaar.
m. Die Erhebungen vor den Geschlechtsmündungen.
Tiifei I.
Fig. 1. Die rechte Antenne einer männlichen Cyclop&ine castor.
„ 2. Die linke Antenne desselben Thieres.
„ 3. Eine Antenne des zweiten Paares.
„ 4. Der Oberkiefer (Mandibel).
„ 5. Der Unterkiefer (Maxille).
„ 6. Der innere Maxillarfuss.
„ 7. Der äussere grosse Maxillarfuss.
8. Ein Ruderfuss des ersten Paares.
»
9. Der linke rudimentäre Fuss der Männchens \
„ 10. Der rechte rudimentäre Fuss des Männchens V°/ ^^"^ letzten
„ 11. Ein rudimentärer Fuss des Weibchens J Häutung.
«12. Der linke rudimentäre Fuss des Männchens
lim ausgebilde-
13. Der rechte rudimentäre Fuss des Männchens j> Zustande
14. Ein rudimentärer Fuss des Weibchens )
15. Eine männliche Antenne von einer Cyclopsspecies im Zu-
stande der Contraktion.
16 18. Die Endtheile der männlichen Antenne einer anderen
Species im Zustande der Contraktion und des allmähligen
Uebergangs in die Streckung.
19. Die Bauchwirbel in Verbindung mit den Basalgliedern des
entsprechenden Fusspaares von Cyclops coronatus.
20. Ein Bauchwirbel von Cyclopsine castor.
21. Die vier letzten Körpersegmente einer Jugendform von Cy-
clops tenuicornis mit 9gliedrigen Antennen, welche sich zu
einem Weibchen ausgebildet haben würde.
Zur Anatomie und Entwickelungsgeschichte der Copepoden. 75
Fig. 22. Ein neugebildeter Fuss des ersten Paares von einer Larve
von Cyclops tenuicornis.
„ 23. Derselbe von Cyclops serrulatus.
„ 24. Das entsprecbende Fusspaar der Larve von Cylopsine castor.
„ 25. Ein Ruderfuss mit eingliedrigen Aesten.
„ 26. Ein solcher mit zweigliedrigen Aesten.
Tafel II.
^ 27—32. Die grossen Antennen de/ Cyclopen auf frühen Bildungs-
stadien.
„ 33 u. 34. Die abweichenden Bildungsformen der Antennen von
Cyclops serrulatus.
„ 35 u. 36. Männliche Antennen auf früheü Stadien der Entwik-
kelung.
„ 37. Die Antenne von Cyclops coronatus im ausgebildeten Zustande.
„ 38. Eine Antenne von Cyclops tenuicornis vor der letzten Häu-
tung, an welcher die Theilung der Glieder eine abnorme ist
^ 39_44. Die Furchung des Dotters und die Bildung des Embryos
an Eiern von Cyclops tenuicornis dargestellt.
„ 45. Ein zum Ausschlüpfen reifer Embryo von Cyclopsine castor
innerhalb der Eihüllen.
jj 46 — 48. Embryonen einer Daphnie vor dem Ausschlüpfen in ver-
schiedenen Ansichten.
„ 49. Die Eiersäckchen von Cyclopsine castor mit eingelagerten
Spermatozoen.
„ 50. Cyclopsine castor ^ vom Rücken aus gesehen.
„ 51. Die zwei ersten Abdorainalsegmente eines Weibchens von
Cyclops tenuicornis mit der Kittdrüse und zwei äusserlich
befestigten Spermatophoren.
„ 52. Die Spermatophore von Cyclopsine castor im Zustande der
Austreibung ihres Inhaltes.
„ 53. Die Endtheile der männlichen Geschlechtsorgane von Cyclops
brevicornis mit zwei gebildeten Spermatophoren.
„ 54. 1) Spermatozoen von Cyclopsine in verschiedenem Alter a,/S,y.
2) „ „ Cyclops coronatus.
„ 55. Cyclopsine castor ^ in seitlicher Lage.
„ 56. Der Anfang des hinteren Körperabschnittes von Cyclops te-
nuicornis , in welchem man freie Harnzellen das Rectum
passiren sieht.
„ 57 — 63. Die ersten Jugendzustände der Cyclopiden und zwar;
Fig. 57 von Cyclops coronatus ,
„ 58 „ „ tenuicornis,
„ 59 „ „ serrulatus ,
„ 60 „ „ canlhocarpoides,
„ 61 „ Canthocamptus staphylinus,
76 Claus: Zur Anatomie u. Entwickelungsgesch. der Copepoden.
Tafel III.
Fig. 62 u. 63. von Cyclopsine castor.
Fig. 64. Eine weiter vorgerückte Larve von Cyclops insignis.
„ 65. Die Larve von Cyclopsine castor in einem späteren Zu-
stande, in welchem die Bauchfläche zwei neue Gliedmassen-
paare gebildet hat.
„ 66 u. 67. Larven von Cyclops tenuicornis mit einem Paar neu-
gebildeter Gliedmassen.
„ 68. Die Larve von Cyclops serrulatus in einem späteren Stadium.
„ 69. Die Afteröffnung mit der Furca.
j, 70. Die Larve von Cyclopsine castor mit vier neu entstandenen
Fusspaaren und dem freien Oberkiefer, der sich als Coxal-
theil von der Basis der dritten Gliedmasse fast vollkommen
getrennt hat.
„ 71. Das letzte Stadium der Naupliusform einer Cyclopslarve.
„ 72. Ein junger Cyclops, der kurz vorher die Hülle der Nauplius-
fqrm abgelegt hat.
„ 73. Ein späteres Stadium desselben Geschöpfes, in welchem der
Körper aus sieben Segmenten besteht und die Antennen
7gliedrig sind, von 1"^"^ Länge.
Beschreibung einig-er neuen Cliileniselien
]fläu§e«
Von
Dr R« A* Philippi und Ijudw, fjündbeck«
1. Mus andinus Ph. M. supra fusco-griseus, fere ut
in M. musculo, sublus e caerulescente albidus; auribus satis
pilosis, brevibus, vix spatium inter aurem et oculum aequan-
tibus; cauda modo corpus dimidium aequante , supra nigri-
cante, subtus alba, sat longe et dense pilosa; pilis albis pe-
des obtegentibus ; unguibus manuurn et pedum elongatis,
compressis, albis. — Long, corporis ab apice roslri usque
ad inilium caudae vix 4 poll.^ caudae 2polI.; aures vix 5 lin.
longae, totidem latae , modo 4 lin. inter se dislantes; tarsus
usque ad apicem unguium 10 lin. , ungues fere 2 lin. longae.
Habitat in andibus elevalis prov. Santiago.
Die Haare sind sehr lang, weich und lose , namentlich sind
die Borstenhaare abstehend. Die Ohren sind stärker behaart
als bei den meisten Chilenischen Arten , auch der Schwanz
ist verhältnissmässig lang behaart. Die Nägel sind weit län-
ger als bei der Hausmaus, und die Länge vom Auge bis zur
Schnauzenspitze beträchtlicher als bei dieser, nämlich vier
Linien. Von den übrigen Chilenischen Mäusen können wohl
nur Mus longipiUs und JH. Rengeri Waterh., die ich beide
noch nicht in Natur gesehen habe , mit unserer Art vergli-
chen werden ; allein beide sind grösser und haben einen län-
geren Schwanz: M. longipilis ist 5 Zoll 4 Linien lang und
hat einen 3 Zoll 4 Lin. langen Schwanz, und M. Rengeri soll
78 Philipp! und Landbeck:
5 Zoll lang sein, und einen 2 Zoll 8 Linien langen Schwanz
haben. Ausserdem ist die Färbung verschieden.
2. Mus porcinus Ph. M. supra obscure fuscus, seu e
luleo nigroque mixtus, subtus cinereus ; rhinario elongato,
peracuto, fusco ; pedibus griseo-fuscis ; auribus parvis ; cauda
utrinque pilis nigris vestlta, qui squamas non occullant. —
Long, corporis ab extremitate rostri ad initium caudae 5 poll.
3 lin. ; caudae 3 poll. 6 lin. ; aurium 7 lin. ; tarsi usque ad
apicem unguium I2V2 lin.
Habitat in planilie prov. Santiago prope locum An-
gostura.
Die Haare sind sehr lang und abstehend, im Allgemei-
nen ähnlich gefärbt wie bei, der Hausmaus ; die Färbung des
Rückens ist jedoch mehr mit Gelb gemischt. Die Schnauze
hat Aehnlichkeit mit einer Schweineschnauze und scheinen
die Augen auch kleiner zu sein, als es gewöhnlich bei den
Mäusen der Fall ist. Dabei stehen sie sehr weit von der
Schnauzenspitze ab, nämlich 7'/^ Linie. Die Ohren sind sie-
ben Linien breit, ebenso hoch, und stehen auch eben so weit
von einander ab. Die Nägel sind bräunlich.
Die kurzen Ohren und die graubraunen Füsse erinnern
an Mus brachyotis, welche aber nur 4 Zoll 9 Lin. lang ist,
und einen verhältnissmässig kürzeren Schwanz (2 Zoll 8 Li-
nien) besitzt. Die Länge der Ohren ist nicht angegeben. Ich
muss mich hier ganz auf Gay verlassen, da mir sowohl die
Proceed. Zool. Society von 1837 wie die Voyage of the Bea-
gle nicht zu Gebote stehen. Wenn aber der Körper 4 Zoll
9 Linien, der Schwanz aber nur 2 Zoll 8 Linien lang ist,
wie kann man dann sagen ; cauda quoad longitudinem corpus
fere aequante ?
3. 31iis melanonotus Ph. M. supra obscure fuscus seu
fulvus, nigro-mixtus, subtus candidus; auriculis magnis, exlus
griseis , intus albidis; pilis albis pedes vestienlibus ; cauda
corpus absque capite subaequante , supra nigra , sublus alba.
- Long, corporis ab extremitate rostri usque ad initium cau-
dae 5 poll. , caudae 3 poll. 8 lin. ; aurium Sy^ ^i"- ? *a^si
usque ad extremitatem unguium liy2 lin.
Habitat cum priore.
Beschreibung einiger neuen Ciiileniachen Mäuse. 79
Der Kopf ist ziemlich stark gebogen, die Schnauze dünn,
die Nasenlöcher klein, die Augen gross. Die Ohren haben
die Gestalt der spitzeren Hälfte eines Eies, und erscheinen
aussen mäusegrau, indem hellere Haare auf dunklem Grunde
stehen. Die Haare der Innern Seite sind beinahe weiss. Die
Nagezähne sind dünn, lang und braungelb, wie gewöhnlich.
Die Schnurrborsten sind 21 Linien lang, die unteren vom
Grunde bis zur Spitze weiss, die obern ganz und gar schwarz.
Die schwarzen Borstenhaare sind bedeutend länger als bei den
meisten andern Chilenischen Arten. Bei Mus longipilis, die ich
noch nicht gesehen habe, und die eine ganz andere Färbung
hat, mögen sie ähnlich sein. Die Seiten des Körpers und die
Wangen sind ziemlich falb , indem hier die langen, schwar-
zen Borstenhaare fast gänzlich fehlen, welche dem Rücken
und der Oberseite des Kopfes ein schwärzliches Ansehen ge-
ben. Vorderarm und Unterschenkel sind fast rein grau, wo-
gegen die Hände und Füsse von weissen Haaren bedeckt sind.
Die Nägel sind weisslich, und verhältnissmässig kurz und
schwach, namentlich die der Vorderfüsse , welche nicht ein
Mal so lang sind, wie die des halb so grossen Mus andinus.
Endlich ist noch zu bemerken, dass die Augen 8 Linien von
der Schnauzenspitze abstehen, die Ohren aber nur 4^2 Linie
von einander entfernt sind. (Ph.)
4. Mus pusillus Ph. M, supra pallide cinereus, subtus
candidus ; auribus brevibus , extus nigricantibus; cauda cor-
pus absque capite subaequante, supra fusca , subtus alba;
pilis albis manus pedesque obtegentibus; unguibus albis, bre-
vibus. — . Longil. corporis ab apice rosiri usque ad initium
caudae 3 poll., caudae 2 poll. 2 lin. tarsi 9y2lin. ; aures 4 lin.
altae, öy, lin. latae.
In regione litorali prope Valparaiso habitat.
Diese Art ist noch kleiner als Mus andinus, der Schwanz
verhältnissmässig länger, die Nägel viel kürzer und schwä-
cher ; die Augen stehen weiter von der Schnauzenspitze ab,
nämlich 5y2 Linie. Die Nagezähne sind schmal und gelb,
die unlern Schnurrborsien rein weiss, die obern rein schwarz;
die längsten erreichen einen Zoll. — Die kurze Beschreibung,
welche S c h i n z in seiner Synopsis Mammalium von Mus laucha
giebl, stimmt ziemlich gut mit gegenwärtiger Maus überein,
80 Philippi und Landbeck:
allein M. laucha soll noch kleiner sein , nämlich nur 2 Zoll
9 Linien. Allein die Mus laucha des Nouveau dict. d'hisl.
nat. appliquee aux arts vol. 29. p. 65 ist 4 Zoll lang und soll
einen, nur 1 Zoll langen Schwanz haben. Welche von bei-
den Arten ist nun die wirkliche Mus laucha? Uebrigens
stimmt weder die Art des Nouveau dict. d'hist. nat., noch die
von Schinz mit meinem M. pusillus überein.
5. Mus PhiUppü L?indbeck. Artzeichen: Schwanz 1 — IV2"
länger als der Körper, Unterseite und Tarsen weiss.
(alt paris. Maass)
Länge des Körpers ohne Schwanz .... 4" —
„ „ Schwanzes 5" 6'"
„ „ Kopfes 1" 3'"
„ „ Ohres — 7'"
„ „ Tarsus — . 9'"
Augen gross, schwarz. Kopf lang, schmal, sanft gebo-
gen; Schnauze etwas dick; Nasenlöcher klein, seitlich, ganz
rund ; Ohr % eines Kreises bildend, nach innen nackt, weiss^
an der äusseren etwas rückwärts gewölbten Hälfte braun be-
haart, ebenso auf der Rückseite. Die unteren kleinen Vibris-
sen weiss , die übrigen an der Wurzelhälfte schwarz, oben
ebenfalls weiss, die längsten l" 3'" lang. Im Gaumen zwei
erhabene glatte Querfalten und nach vorn ein dreieckiger
Fleischhöcker, alles ohne Wärzchen. Nagezähne dünn, sehr
lang und stets hellbraun. Ueberall 3 Backenzähne, wovon
der hinterste der kleinste ist. Vorder- und Hinterfüsse an
den Sohlen nackt, oben mit kurzen seidenglänzenden weis-
sen Häärchen dicht besetzt; Klauen weiss. Schwanz, Ober-
seile grauschwarz, Unterseite aschgrau behaart und mit etwa
200 Schuppenringen bedeckt. Oberseite des Kopfes, Rückens,
die Seiten, äussere Seite der Schenkel, kurz die ganze Ober-
seite von hell rostbraun bis dunkelbraun, mit schwarzen Sta-
chelhaaren durchschossen, welche auf dem Rücken so dicht
stehen , dass manche Exemplare hier fast schwarz erschei-
nen ; an den Seiten am hellsten; ganze Unterseile graulich
oder bräunlich weiss. Der Pelz ist dicht, die Haare kurz und
fein mit mattem Glänze.
Diese Maus hat mit der gemeinen Ratte (Mus decumanus)
in der Färbung Aehnlichkeit , ist aber stets kleiner als diese.
ßeschreibung einiger neuen Chilenischen Mäuse. 81
hat feinere Haare, schwächere Extremitäten und einen verhält-
nissmässig längern und dünnern Schwanz. Bei der Wander-
ratte ist der Schwanz um 1 '/^ — 2" kürzer als der Körper,
bei dieser Maus um so viel länger, was eine bedeutende Dif-
ferenz giebt. Von einer anderen Maus, der langschwänzigen
(Mus longicaudatus) unterscheidet sie sich durch kürzeren
Schwanz, durch grössere weniger behaarte Ohren und be-
deutendere Grösse; und namentlich durch kürzeren Tarsus.
(Das Exemplar der Mus longicaudatus im Museum von San-
tiago hat einen 4 Zoll 3 Lin. langen Körper, einen 4 Zoll
6 Linien langen Schwanz und einen 14 Linien langen Tar-
sus Ph.).
Von der Lebensart dieser Maus ist mir speciell wenig
bekannt. Sie lebt gewöhnlich in Wäldern und Feldern, er-
scheint aber auch zuweilen in den Wohnungen, wo sie Vik-
tualien und andere Gegenstände mit gros'sem Geräusche be-
nagt. Ich fing sie zu verschiedenen Malen in gewöhnlichen
Mäusefallen , aber noch öfter fand ich dieselbe von Katzen
getödtet, welche sie gewöhnlich nicht fressen, sondern todt
liegen lassen. Im August 1857 war sie hier ziemlich häufig
denn ich fand in ein paar Tagen fünf durch meine Katzen
und Hunde getödtete Exemplare.
Da ich eine ßeschreibung dieser Maus weder im Gay'-
schen, noch in einem anderen Werke finden konnte, so halte
ich dieselbe für eine neue noch unbeschriebene Art, und
beehre mich ihr den Namen des um die Naturwissenschaften
verdienten Herrn Dr. Philippi, Direktors des nalurhistori-
schen Museums in Santiago beizulegen. L. Landbeck.
Die Chilenischen Mäuse als Landplage.
Von Zeit zu Zeit vermehren sich einzelne Arten Mäuse
in Chile dergestalt, dass sie in grossen Schaaren wandern, in
die Häuser eindringen und zu einer wahren Landplage wer-
den. So berichten die Geschichtsschreiber, dass im Jahre
1681 plötzlich eine so ungeheuere Menge Ratten im Gebiete
der unabhängigen Araukaner erschien, dass sie in einem
Augenblicke alle Saaten auffrassen , und eine solche Hun-
gersnolh entstand, dass die Indianer in die grässliche Noth-
Archlv £ Katurgfsch. XXI V. Jahr? . 1. Bd. Q
82 Philippi «nd Landbeck: ßesch. einiger Chilen. Mäuse.
wendigkeit versetzt wurden , sich einander aufzufressen. —
Am Ende des vorigen Jahrhunderts vermehrten sie sich der-
gestalt in der Provinz Valdivia, dass die Einwohner des eben
neu gegründeten Städtchens Osorno mehrere Male daran dach-
ten, die Colonie aufzugeben. Eine von Herrn Gay aufge-
fundene handschriftliche Nachricht sagt über diesen Punkt:
j,Auf dem ganzen Lande kennen wir den Schaden , den die
zur Landplage gewordenen Pericotes (Indisches Wort für Ratte
oder Maus) anstiften. Das Uebel ist in den Llanos allgemein
gewesen, und als man die Eingebornen nach der Ursache
fragte, versicherten sie, dass alle siebzehn bis zwanzig Jahre
die Landplage der Pericotes aufträte, wie sie es in anderen
Zeiten erfahren hätten, und dass diese Plage immer gleich-
zeitig mit dem Absterben der Coligne (des bambusartigen
Rohres, welches die Lanzenschäfte der Araukaner und Pala-
goncn liefert) sei. Im Jahre 1780 beobachtete man dieselbe
Erscheinung in der Stadt Valdivia. Der Fluss war mit Ratten
bedeckt. Mehr als hunderttausend sind hier und in Riobueno
erschlagen worden. In einer Nacht sind im Fort der Kö-
nigin Luisa 933 Stück erschlagen worden.«
Im August 1857 haben sich, wie mir Prof. Eug. von
Bock aus Valdivia schreibt, wieder eine grosse Menge
Mäuse in einigen Theilen Valdivias gezeigt, welche wan-
dern und in die Häuser in solcher Zahl eindringen, dass man
bisweilen in einem Hause eine Metze voll dieser Thiere ge-
sammelt hat. Arique, Quinchilca und S. Jose, die drei nörd-
lichsten und dem Gebiete der freien Araukaner am nächsten
gelegenen Orte, haben besonders von dieser Plage zu leiden
gehabt.
Kurze Beschreibung- einer neuen Chilent«
seilen Ralle«
Von
l>r R. A. Pliilippi.
Rallus uUginosus Ph.
Dimensionen:
Länge des Körpers von der Schnabelspitze bis zum Ende
des Schwanzes 6 Zoll 7 Linien.
Länge des Schnabels auf der obern Kante 13 Linien.
„ der Schnabelöffnung 14 Linien.
„ des Tarsus 15 Linien.
„ der Hinterzehe einschliesslich des Nagels 4 Linien.
„ der Innenzehe IP/j Linie.
„ der Miltelzehe 14V2 Linie.
„ der Aussenzehe IP^ Linie.
Die obere Kante und die Spitze des Schnabels sind
braun ; die grössere Hälfte des Unterschnabels und der un-
ter den Nasenlöchern gelegene Theil des Oberschnabels sind
lebhaft roth; die Iris safrangelb. Die Federn der Stirn, des
Hinterkopfes, der Seiten des Halses und des Rückens sind in
der Mitte schwarz und an jeder Seite bräunlich gelb; die
obern Deckfedern des Schwanzes zeigen dieselbe Färbung.
Die Zügelgegend ist weisslich, die Kehle weissgrau; die Sclilä-
fengegend, Brust und Bauch bis zu Füssen sind bleigrau;
die Färbung des Halses ist grau mit einer Beimischung von
rostbraun namentlich an den Seiten desselben ; der Unter-
leib und die Seilen des Rumpfes sind schwarz und weiss ge-
84 Philipp! : Kurze Beschreibung einer neuen Chilen. Ralle.
bändert, so dass die schwarzen wie die weissen Binden etwa
1 Linie breit sind. Die Sciiwungfedern und die Steuerfedern
sind braun ; die Deckfedern der ersten Ordnung zimmetbraun
einfarbig: die Füsse sind schmutzig grün oder braun.
Wie aus der Beschreibung hervorgeht, hat diese Art
eine grosse Aehnlichkeit mit dem Europäischen Rallus aqua-
ticus, der aber etwas grösser ist, und nicht, die lebhafte
Färbung der obern Körpertheile zeigt, welche gegenwärtiger
Art zukommt. Diese ist abermals eine Entdeckung des um die
Ornithologie Chiles hochverdienten Dr. Eulogio Salinas,
dem nur das einzige oben beschriebene und dem Museum von
Santiago einverleibte Individuum vorgekommen ist. Er schoss
es auf seinem Landgute in der Ebene von Santiago.
Uobersicht der Familie Oadidae.
Von
S» Raup*)«
Es sind normal gebildete Weichflosser , die die Ven-
tralflossen an der Kehle haben; diese verschwinden nur in
der letzten Unterfamilie der Ophidinae gänzlich.
Erste Subfamilie Xenoceplialinae Kp.
Der abnorm grosse Kopf mit Schildern und Stacheln
bewaffnet. Erste Dorsal fehlt. Zweite wie die Anal schwach
von der grossen Caiidal getrennt. Ein Genus.
I. Xenocephalvs Kaup. Mit abgestutztem Kopfe, an dem
der Körper wie ein Appendix anhängt; Kopf und Operculum
bewaffnet. Pectoral und Caudal entwickelt. Anus an der
*) Anmerkung des Herausgebers. Bezug nehmend auf
die Bemerkung in dem Berichte über das Jahr 1856. p. 106 hebe ich
auch hier wieder hervor, dass der Verfasser nur durch die thalkräftige
Unterstützung des britischen Museums und namentlich deren Trustees
im Stande gewesen ist, an Ort und Stelle eine Anzahl von Familien
zu bearbeiten. Bei seinen Lophobranchii bezahlte das britische Mu-
geum alle Kosten des Transportes für alle Zusendungen der Aluseen
zu Paris, Leyden, Wien, Berlin, Stuttgart u. s. w. ; ebenso wurde er
auch für die Aale unterstützt. Eine so kräftige Unterstützung darf
wohl nicht bloss auf den Dank des Verfassers, sondern auch auf die
Anerkennung der Freunde der Ichthyologie Anspruch machen. Möchte
doch ein so grossartiges Institut wie das britische Museum fortfahren,
durch Unterstützung auch fremder Gelehrten vor anderen ähnlichen
AnslalteD sich auszuzeichnen.
86 K a u p :
hinteren Hälfte des Körpers. Zähnchen in beiden Kiefern,
keine auf Vomer und dem Palalinum. Zunge frei, dick, fast
den ganzen Rachen ausfüllend, vorn stumpf mit kurzer Spitze.
Laterale auf der oberen Körperhälfte und nach dem Kopfe hin
schwach gebogen.
1) Xenocephalus armalus Kp. Die massig grossen Augen
goldgelb, unter der Augendeckel dunkel punktirt. Kopfschilder
gelblichbraun; die nackte Haut zwischen denselben schwärz-
lich. Körper schwarzbraun mit schwarzen Flecken auf dem
Rücken. Bauch goldgelb mit Glanz. Flossen gelblich weiss.
2 D. 7.
-^-^P. 2..V.5.C.20.
Diese sonderbare Gestalt, von welcher ich eine Abbil-
dung in doppelter Grösse in meinem grösseren Werke gebe,
wurde bei Neu-Irland durch die Herrn Quoy et Gaimard. Exp.
d'Urville der Pariser Sammlung übersandt und fand sich in
dieser unter dem Namen Grenadier von Nouvelle Irlande. Diese
Subfamilie ist bis jetzt noch sehr arm an Arten und ausser
obiger kenne ich keine Form , die hierher gehört. Sie ist
entfernt mit den Macrurinae verwandt.
Zweite Subfamilie Oadinue (Gadus Linn.).
Kopf nicht bewaffnet. Ventralflossen. Caudal deutlich
getrennt. Körper mit glatten Schuppen, die häufig undeutlich
sind. In dieser tritt die grösste Zahl von Flossen auf.
A. Mit 3 Dorsal- und 2 Analflossen.
II. Gadiculus Guich. Ohne Vomerzähne und Kinnbarbel.
2) G. argenteus Guich. Expl. d'afr. pl. 6. fig. 2. Mit
grossen Augen. Die drei Exemplare der Pariser Sammlung,
1 Centimeter lang und in nicht guter Conservation.
III. Morrhua Cuv. Mit Gaumenzähnen und Kinnbarbel.
a) Kopf länger als die Höhe des Körpers.
3) M. vulgaris Cuv. Gadus morrhua , callarias et bar-
batus Linn., Morrhua am.ericana, Slorr. tomcodus sive pruino-
sus N.-Y. Fn. fig. 142.
Uebersicht der Familie Gadidae. 87
Variirl sehr namentlich in der Zahl der Strahlen.
D. Iste 10—15. 2te 18^22. 3le 18-21.
A. Iste 20-33, 2te 16-19.
In der alten und neuen Welt im hohen Norden.
4) M. aeg-lefinus Cuv., Merl. aeglefinus Bp.
5) M. euxinus Nordm. Pisc. t. 26. fig. 2. (excellente
Abbild.)
b) Kopf geringer oder fast so lang wie die Höhe des
Körpers.
6) M. minula Cuv., capelanus Risso.
7) M. luscus et barbalus Cuv.
IV. Merlangus Cuv. Vomerzähne ohne Kinnbarbel.
8) M. vulgaris Cuv.
9) M. vernalis Risso, M. melanostomus Val. Par. Mus.
10) M. pollachius Cuv., Pollachius typus Bp. Cat. 45.
11) M. carbonarius Cuv., virens Linn.
12) M. albus Yarr. , M. putasu Riss., Poll. potasu Bp.
Cat. 45.
B. Mit zwei Dorsal- und zwei Analflossen.
V. Mora Risso, Asellus Val.
13) M. medilerranea Riss. Bp. Fn. it. t. 107. 1. Asel-
lus canariensis Valenc. in Webb et Berth. Pisc.
pl. 14. 3. Lcpodion moro Swains.
Die Augen in der Fn. it. sind zu klein dargestellt und
die Abbildung von Valenciennes nach einer trocknen Haut
giebt dem Fische eine unnatürliche Krümmung nach oben,
C. Zwei Dorsal- und eine Analflosse.
VI. Merluccius Cuv.
14) M. vulgaris Cuv.
15) M. Gayi Guich. Unterscheidet sich schwach durch
etwas kleinere Zähne. Beschr. in Hist. de Chili
par Gay, Ichth. p. 329.
VII. Uraleptus Costa.
16) Ur. Maraldi Costa, Mal. p. 30. tav. a 37 (vortreffl.)
Merl. MaraldT Riss., M. altenualus Cocco nach Bq«
naparte.
88
Kaup:
VIII. Lepidion Swains.
17) Lepidion Rissoi Swains., Lep. rubescens Sw., Lolta
lepidion Risso Hist. p. 218.
IX. Physiculus K]). Mit hecheiförmigen Zähnchen ohne grös-
sere. Vier Strahlen in der Ventral. Keine Gaumen-
zähne. Anus vor der Wurzel der Pecloral. Kinnbarbel.
18) Ph. Dalwigki Kp.
Aehnelt Uraleptus Maraldi. Augen gross, Diameter der-
selben länger als die Schnauze. Kopf stumpf. Die schmale
ziemlich kurze Ventral reicht nur bis zum Anus. Vor dem
Anus eine kleine Genital - Oeffnung und hinter demselben
ein Knötchen. Seitenlinie vorn schwach gebogen. Erste Dor-
sal zugespitzt, allein nicht höher als die 2te ^ ^' ^i*
A. 72.
Diese seltene Art im Pariser Museum zeigt keine An-
gabe, in welchem Meere sie gefangen wurde. Ich vermulhe
das Mittelmeer.
Diese interessante Art habe ich nach meinem hochver-
ehrten Freunde, dem Freiherrn Reinhard von Dalwigk,
als ein geringes Zeichen meiner Dankbarkeit genannt.
X. Lotella Kp. Erste Dorsal so hoch als die 2te. Kinn-
barbel. Obere Strahlen der Qstrahligen Ventral faden-
förmig verlängert. Ohne Vomerzähne. Kieferzähne
hecheiförmig, am Rande mit grösseren. Schwanz dünn.
19) Lotella Schlegeü Kp. Lota phycis Temm. et
Schi. Fn. jap. CXI. fig. 1.
XI. Phycis, Art. Sehn.
a) Erste Dorsal höher und zugespitzt. Ventral fast
oder doppelte Kopfslänge.
20) Ph. blcnnoides Sehn. Riss. 10, longipinnis Sw.
Fish. flg. 75.
21) Ph. furcatus Sw., Flem. , Yarr. p. 289 Blen. phy-
sis Penn.
22) Ph. brasiliensis Kp.
Der längere Ventralslrahl auf weisslichem Grunde roth-
braun punktirt wie diePectoral, Dorsal und Anal. Auch der
Bauch und längs die Anal ist der Körper punktirt. Flossen
ohne schwarzen Rand. Dritter Strahl der Isten Dorsal hat
Uebersicht der Familie Gadidae. 89
Kopfslänge uud darüber. Operculum mit langem Stachel. Bar-
1. 1 1 D. 8. 57 „
' A 50 ^^' ^' '^^'
2 Exemplare von Montevideo durch Mr. d'Orbigny.
23) Ph. tincnSchn. tab. 11. (ohne die Synonymen) Blen.
chuss. Schoepf. Enchel. americanus Sehn. , Gad.
longipes Mitch., furcatus et americanus Storr. N.
Y. Fn. flg. 150.
24) Dekayi Kp.
Aehnelt linca , allein mit längerer Schnauze. Körper
höher mit bedeutend kleineren Schuppen. Dorsal fein punk-
tirt und nur der äussere Rand dunkler. Ganzer Körper mit
feinen Punkten. Bauch und längs der Anal gelblich. Anal
weisslich am Rande punktirt. Anus unter dem Uten Strahl
D 10 54
der 2ten Dorsal. ^ ^^ P. 15. C. 25. Nord-Amerika.
b) Mit kurzer stumpfer erster Dorsal und' von der-
selben Höhe wie die 2te. Ventral kürzer, die Spitze
der Pectoral nicht oder kaum erreichend.
25) Ph. mediterranea Laroche, Ph. batrachoides Gmel.
Risso. Ph. limbatus Val. Webb et Berlh. pl. 14.
Salviani fig. 130. Swains. fig. 94.
26) Ph. regalis Kp. Blennius regalis Schoepf, Ph. pun-
clatus Rieh. New- York. Fn. fig. 149.
27) Ph. Richardsoni Kp. Lota breviuscula Er. et Terr.
p. 61.pl. 38. 1. Neu-Seeland.
XII. Lota Cuv., Lotta Riss., Molva Flem.
a) Wahre Lota Kp.
Mit zwei kurzen Barbein vor den vorderen kleinen Na-
senlöchern. Auf dem hufeisenförmigen Vomer und Kiefern
hecheiförmige feine Zähnchen, breite Bandstreifen bildend. Die
Lateral nicht ganz zum Schwänze.
28) Lota vulgaris Cuv. Bl. 70.
29) L. maculosa Cuv. New- York Fn. fig. 118.
30) L. compressa Kp., Gad. compressus Lesueur.
b) Molva Kp.
Zwischen den kleineren Zähnchen weit auseinander ste-
90 Kaup:
hende längere. Vorderes Nasenloch mit einem Läppchen.
Lateral bis ans Ende der Caudalflosse.
31) Molva vulgaris Flemm. , Gad. molva Linn., Lota
molva Cuv.
XllL Motella Cuv. Die Strahlen der ersten Dorsal dünn
und wimperartig. Kinnbarbel. Ventral schmal und zu-
gespitzt. Man theilt sie weiter ein:
a) Raniceps Cuv., Batrachocephalus Holb.
32) R. raninus Cuv. , Gad. raninus Müll., Phyc. rani-
nus et fuscus Sehn. , Raniceps niger Nils. , Batra-
choides trifurcatus Penn.
b) Motella, Cuv. Onos Riss., Pelrophilus Leach.
33) M. tricirrata Nils. Bl. 165.
34) M. capensis Kp.
Mit dickerem Kopfe, etwas mehr entwickelten vertika-
len Flossen. Bei gleicher Länge mit der vorigen mit brei-
terem Kopfe und Schnauze. Zähne stärker und länger. Die
Zähne des Vomer nehmen eine grössere und breitere Fläche
ein und bilden keinen so regelmässigen spitzen Winkel.
35) M. pacifica T. et Schi. Fn. jap. p. 249.
36) M. argenteola Yarr. p. 283. Gad. arg. Mont. Mem.
VTern. Soc. Vol. IL pt. 2. p.449.
c) Molvella Kp.
Ohne durch Grösse ausgezeichnete Zähne; alle hechel-
artig. 3—4 Barbein auf der Schnauze , zwei zwischen den
Nasenlöchern, 1—2 an der Spitze der Schnauze. Vomerzähne
mehr eine Gruppe als VV^inkel bildend.
37) M. mustela Kp., Gadus mustela L., öcirrhatus Penn.
38) M. borealis Kp.
Mit 5 Barbein wie Mustela, allein gestreckter. Kopf geht
über viermal in den Rumpf. Körper dunkelbräunlich. Flos-
sen mit unzähligen röthlichen Punkten mehr auf derD. als A.
D. 49.
Caudal dunkel ohne Flecken. Zweite ^^
Cap Nord durch Hrn. Noel.
39) M. cimbria Kp. Mot. cimbria Parn., cimbrius Linn.
cimbricus Sehn.
40) M, glauca Kp-, M. glauca Jen. Yarr. p. 28t.
Üebersicht der Familie Gadidae. 91
D. Mit einer Dorsal und einer Analflosse.
XIV. Brosmius Cuv.
41) Br. vulgaris Cuv.
42) Br. flavescens Kp., Brosmerus flavescens Les. Mein.
Mus. Vol. V. p. 158. pl. 16, Gad. flavescens Rieh.
Fn. bor. Vol. 3. p. 257, Brosmius vulgaris Store.
43) Brosm. lubb Cuv. Gad. lubb Euphr. Ac. Slockh. T. XV.
p. 223. T. VIII.
Dritte Unterfamilie Iflacrarinae.
Kopf und Körper mit harten stachligen Schuppen be-
deckt. Erste Dorsal hoch , zweite mit der Caudal und Anal
vereinigt.
XV. Oxycephas Raf. (1810).
Lepidoleprus Risso (1810), Lepidosoma Swains.
44) 0. trachyrhinchus Kp., Lepidol. trachyrhincus Riss.,
Oxycephas scaber Raf.
45) Ox. japonicus Kp., Macrurus japonicus T. et S. Fn
jap. 112. fig. 2.
XVJ. Macrurus Bloch.
46) M. rupestris BL, Coryph. rupestris Fbr. Gm. M. Fa-
brici, Sundev.
47) M. Stromii Reinh., Coryphaenoides rupestris Gunn.
Coryph. rupestris Müll. , Lepidoleprus norvegicus,
Macr. norvegicus Bp.
48) M. coelorhynchus Bp., Lepidol. coelorh. Riss. Bp.
Fn. it. unter dem irrigen Namen mysticetus ab-
gebildet.
49) M. denticulatus Rieh. Er. et Terr. p. 53. PI. 32.
flg. 1-3.
50) M. auslralis Richards. Proceed. 1839. p. 101.
51) M. allanticus Lowe Proceed. 1839. p. 88.
52) M. selerorhynchus Val. Can. Ins. pl. 14. fig. 1.
53) M. macrolepidotus Kp.
Schuppen etwas breiter als lang mit 14 — 15 scharfen
Rippen, die auf dem Körper mit an- und aufliegenden Sta-
cheln versehen sind, über die Hälfte der Schuppen reiche^
Oü Kaup:
und als Stacheln am Rande vorstehen. Die grösseren Schup-
pen der Laterallinie ohne Stacheln auf den Rippen. Vom
Anus aufwärts zur Rückenkante 12 Schuppen. Die längeren
Strahlen der ersten Rückenflosse überreichen niedergelegt
den 7ten Strahl der 2ten Dorsal. Erste D. 11. P. 16. V. 7. Ich
kann die Zahl der Strahlen der Qten Dorsal , wie die der
Anal nicht angeben da die Schwanzspitze an dem Pariser
Exemplare fehlt. ? Mittelmeer.
Vierte Unterfamilie Brotuli uae Kp. *).
Ohne stachelschuppen. Ventralflossen , Dorsal, Caudal
und Anal verbunden.
XVII. Strinsia Raf., Bp.
54) St. tinca Raf. Bp. Fn. it.
XVIII. Brotula Cuv.
55) Br. barbata Cuv.
56) Br. burbonensis Kp.
Mit 6 Barbein auf der Schnauze und 4 am Unterkiefer.
Brustflossen breit von der Länge des Rachens. Anal beginnt
eine halbe Kopflänge vor der Mitte des Körpers und die Dor-
sal hinter dem Ende der Pectoral. Kopf seitlich gedrückt mit
schmaler Stirn und hochsilzenden Augen. Kopf in den Rumpf
öVamal. Eine trockene Haut durch Hrn. ^Mgou in der Pari-
ser Sammlung.
57) Br. multibarbata Schleg. Fn. jap. 111. flg. 2.
XIX. Brotella Kp.
Mit den Zähnen der vorigen zeigen sie einen stum-
pfen Kopf ohne alle Barbein; die einfachen Ventralen sitzen
unter der Mitte des Kopfes.
58) Br. maculala Kp., Br. imberbis T. et S. Fn. jap.
111. fig.3.
59) Br. armata Kp. , Brotula armata Schleg. Fn. jap.
p. 255. Bildet wahrscheinlich ein eigenes Genus.
XX. Hoplophyds Kp.
Kiefern , Palatinum und Vomer am Rande der feinen
*) Die 5te Ünterfamilie der Ophidinae habe ich bcreilg früher
gegeben.
üebersicht der Familie Gadidae. 93
Zähnchen mit grösseren Hakenzähnen bewaffnet. Ventral an
der Spitze gabelförmig.
(30) H. Lalandi Kp.
Ich kenne nur trockene Häute von 830 — 1200 Mm. Die
hochsilzende Seitenlinie mit weit auseinander stehenden Poren,
die sich bis ans Ende des Schwanzes erstrecken. Dorsal be-
ginnt am Ende der Pecloral und die Anal Kopfslänge hinter
dem Anfange der Dorsal. Gelblich braun mit unzähligen
braunen Punkten.
Cap durch Hrn. de la Lande.
XXI. OUgopus Riss, nee Lac.
61) Ol. nigerRiss. Ichlh. de Nice fig. 41. Hist. p. 338.
XXII. Brotulophis Kp. -»).
Zwei einfache strahlige fadenförmige Ventralflossen ent-
springen gegenüber den Pectoralflossen. Zähne spitz , klein,
von ungleicher Grösse. Keine Vomerzähne.
62) Br. argentistriatus Kp.
Eine kleine gestreckte schwarze Form mit spitz zulau-
fendem Schwänze. Ein Silberstreifen mit dunkleren Punkten
vom Auge bis zur Spitze des Schwanzes. Untere Theile des
Kopfes, des Bauches und über der Anal silberweiss mit Gold-
schein. Pectoral an der Wurzel schwarz und als kurzes
Band sich in die weisse Brust hinziehend. Das breitere Ende
des Zwischenkiefers weiss. Das ganze Fischchen ist 108 Mm.
lang, wovon der Kopf 18 Mm. wegnimmt. Pectoral 8 Mm.
lang mit 17—18 Strahlen. Anus vom Unterkiefer 38 Mm.
Insel Soolo durch Hrn. Leclancher.
Ob völlig ausgewachsen?
*) Das höchst interessante Genus Ateleopus T. et Schlegel Fn.
jap. 112; deren Art man At. Sieboldi nennen kann, gehört schwer-
lich zu den Gadidae, so total abweichend ist es von allen bekannten
Genera. Es hat einige Aehnlichkeit mit den Gymnotidae und soll
nach Dr. Schlegel elektris(Jh sein. Auf jeden Fall ist es der Ty-
pus einer eigenen Familie, die man Ateleopidae nennen wird.
Uebersicht der l§ioleiiiae, der vierten Sub-
familie der Pleuronectidae.
Von
J. R a u p*
Ohne Ausnahme dexlrale Formen mit sehr nach der
linken Seite verdrehten Kiefern , die nur mit kleinen feinen
Zähnchen in mehreren Reihen wie eine Hechel hesetzt sind.
Wir sehen in dieser Subfamilie niemals den Dorn vor dem
ersten Strahl der Analflosse , noch sehr entwickelte Brust-
flossen , die auf der linken Seite zuweilen verkümmert sind,
oder ganz fehlen. Bei den wahren Achiren fehlen sie auf
beiden Seiten. Die höchsten Formen bilden das
I. Genus Solea Cuv.
mit zwei Brustflossen und deutlich getrennter Schwanzflosse.
1) Solea vulgaris Cuv. Bl. 45. Yarr. 347. Bp. Fn. it.
Q) Solea nasuta Nordm. , Pleur. nasutus Fall., lascaris
Riss. ßp. Fn. it. Solea polus Cuv. , Sol. pegusa
Yarr., Solea scriba Valenc. Webb et Berth., Rhom-
bus theophilus Riss, (jun.) Hist. p. 260.
3) Sol. humilis Cant. cat. p. 1201.
4) Sol. Kleini Bp. Fn. it. , Rh. Kleini et polus Riss.
5) Sol. hexophthalma Benn. Proc. 1830—31. p. 147.
6) Sol. angulosa Kp., Pleur. angul. Par. Mus.
Die Brustflosse gleich der Entfernung von der Wurzel
D. 84
der Brustflosse bis zum unteren Auge. • _ P. 7. V. 7—6.
C. 19.
Von Rochelle durch Hrn. d'Orbigny und Algier durch
Hrn. Guichenot.
7) Solea senegalensis Kp.
Wenig verlängert, mehr oval von schwärzlich brauner
Farbe. Die Pectoral so lang als von der Spitze der Schnauze
fianp: Uebersicht der Subf. Soleinae. 95
zum Auge. Körper und Strahlen der Flossen rauh. Die La-
teral über den Pectoral gebogen reicht nicht bis zum Auge.
Pectoral am Ende schwärzlich. / „^ P. 8. V. 5 — 5. C. 19.
A. 70
Senegal durch Hrn. Gouverneur Jubelin.
8) Solea brasiliensis Kp.
Einfarbig schwärzlich. Pectoral so lang als von der
Schnauze zum Auge. Eine verlängerte Form, deren Schnauze
die Symphyse des Unterkiefers überreicht. Zähnchen spitz
in drei Reihen. Das hintere Nasenloch ist verdeckt von dem
vorderen , das in einem kurzen Cylinder sitzt. Lateral am
D. 81
Kopfe rück- und vorwärts gekrümmt, -r — ^. P. 8. V. 4. C. 2i'.
Montevideo durch Hrn. d'Orbigny.
9) Solea oculata Rond. p. 257. , Pleur. ocellalus Linn.
Bloch. Sehn. fig. II., PI. Rondeleti Schaw , Solea
oculata Risso p. 248. Bp. Fn. it. mit vortrefflicher
Abb., Val. in VVebb und ßerth. Can. pl. 18. fig. 2 el 3.
Solea ocellata Cloq.
10} Solea pegusa Kp. nee Yarr. , Monochir pegusa Risso
p. 258. , Solea monochir Bp. Fn. it., PI. trichoda-
ctylus Nardo. Obs. Itt. Adr., Monochirus hispidus
Raf. Bp. Cat. p. 50.
11) Solea variegala Flemm., PI. variegalus Donov. Brit.
fish. pl. 117, Monoch. variegatus Thomps., Rhom-
bus Mangili Riss., Solea Mangili Bp. Fn. it. Pole
panachee Duh. sect. IX. pl. II. fig. 3., lingula Penn.,
Microchirus lingula Bp. cat., PI. microchirus Lar.,
Monochir microchir Cuv. , Rhombus lacteus Risso,
Solea seu Microchirus lacteus Bp. Fn. it. Cat. p. 50.
12) Solea trichodactyla Kp. , Monochir trichodactylus
Cuv. , Pleuron. trichodactylus Linn.
D 53
Linne*s Diagnose ist korrekt ' ») P. 4.V. 5. C. 16.
A. 4o
Amboina. Eine kleine Art der Par. Sammlung.
*) Ich habe eine Solea maculata Cuv. von Java , weiche nach
t Kühl (Blkr. I. p. 409) in der Pariser Sammlung sich befinden soll,
nicht daselbst aufgefunden. Sie ist von ßleeker zuerst beschrieben.
96 Kaupt
II. Genus Synaptura Cantor.
Brachirus Swains., Solenoides Blkr.
Solea ähnlich, allein die vertikalen Flossen fliessen mit
der Caudal zusammen , Pectoral von gewöhnlicher Bildung.
Körper ohne Querbänder.
13) Synaptura Commersoniana Cant. Cat. p. 1204., PI.
commersonien Lac. III. Fl. 12. fig.2., Russ. t. 70.,
Solea commersoniana Cuv., Synapt. früher Solea Rus-
selli Blkr., Sole alongee Cuv. (Par. Mus.).
Dr. Bleeker hält die Synaptura, von Russell abgebildet,
für verschieden von der Laceped'schen ; die Strahlenformel,
welche er giebt, weicht sehr von der Cantor'schen ab. Cantor
giebt folgende |-g=fi P. 6. V. 4-5. C. 12. Blkr. |l|^
P. dext. 8~9, sin. 6-8. V. 2-4. C. 12.
Das Fleisch der Russelli ist bitter, während das von
Commersonia angenehm und essbar ist.
14) Synaptura albomaculata Kp.
Auf dem Körper in fünf Reihen gelblich weisse Tüpfel.
Die Länge des Kopfes %, die Höhe % der Totallänge. Zwischen
den zwei blasigen Nasenlöchern ein Bärbel und auf der Unter-
lippe 12 ziemlich deutliche Papillen. Brustflossen kurz, gleich
der Entfernung von der Schnauze und dem vorderen Rande
des unteren Auges. Die Schuppen der Augenseite mit 6—11
transparenten Stacheln am Rande. In einer vertikalen Linie
gegen 38 über und 45 unter der Lateral. Auf der blinden
Seite sind die Schuppen mehr oblong, schmäler und sta-
chellos. Lateral distinkt und gerade bis zum Kiemendeckel,
auf der linken Seite am Kopfe zeigt dieselbe sehr komplicirte
D. 74
Linien; sie ist von mir abgebildet. - — -^ P. 7.8. V. 3-3. C. 16.
A. Du
Coromandel durch Hrn. Dussumier.
15) Sy. pectoralis Kp., Solea pect. Par. Mus.
Die Brustflosse länger als der Kopf. Keine Papillen an
der Lippe des Unterkiefers. Weniger schmal und verlängert
als S. commersoniana. Kopf y^, Höhe % der Totallänge«
Pectoral der linken Seite V3 kürzer als die rechte. Die La-
Üebersicht der vierten Sübf. Soleinae d. Pleuronectidae. 97
teral der blinden Seite bestimmter. Schuppen sehr klein mit
6 — II kurzen Randstacheln. Hinteres Nasenloch rund, vor
dem oberen Rande des unteren Auges; das vordere in einer
blinden Tube. ^J,^. P. 7-9. V. 4—4. C. 18.
A. o7
Cap durch Mr. de la Lande.
16) S. lingula Kp., Solea parva sive lingulaRond. p. 260
(French. Edit. Willoughby 8. fig. 1 Copie), Pleur.
lingula Linn., Solenelte Duh., Solea lingula Jen.,
Monochirus minutus Farn. Mag. Zool. Vol. 1. p. 527,
M. linguatulus Thomps., Monochirus linguatulus Cuv.
Yarr. p. 355 mit guter Abbild.
17) Synaptura Savignyi Kp. Pleur. marmoratus (Par.
Museum).
Auf der linken blinden Seite ein grosses rundes Nasen-
loch, welches diese Art vor allen auszeichnet. Kopf V5,
Höhe Yä der Totallänge. Pectoral beider Seiten so lang, als
vom Kiemendeckelrand bis zum Auge. Ventral sehr kurz.
Lateral über dem oberen Auge gebogen. Gleicht in der Form
des Kopfes einigen Plagusien und der Oberkiefer überreicht
etwas die Spitze des Unterkiefers. Farbe grünlich bister-
D. 72
braun, dunkler marmorirt. ^ — ^„ ^.^. F. 8. V.? 3. C. 18.
A. oo-öO
Neapel durch Hrn. Savigny.
18) S. marmorata Blkr. V. p. 90.
19) S. panoides ßlkr. H. p. 440.
20) S. aspilos ßlkr. III. p. 74.
III. Genus Aesopia Kp. *).
Synapturen, deren obere Strahlen der Brustflossen mehr
oder weniger verlängert und die unleren sehr verkürzt sind.
Nasenlöcher zwei vor dem unteren Auge. Körper mit gros-
ser Zahl von queren Bandslreifen. So nahe sie auch mit den
Synapluren verwandt sind, so können sie docli nicht unter
diesen aufgezählt werden, sondern bilden ein eigenes Genus.
21) Aesopia multifasciata Kp.
♦) Nach der Sklavenkleidung des alten Fabeldichters Aesop.
Archiv f. Natufsesch. XXIV. Jabrg. 1. Bd. 7
98 K a u p :
Diagnose: Das vordere Nasenloch in einer
langen dünnen Tube, länger als der Durchmesser des
Auges , welche in einer Furche bis unter das Auge reicht
und das hintere punktförmige Nasenloch verdeckt. Kopf und
Körper mit 27 schmalen Binden.
Beschreibung: Kopf %, Höhe V3 der Totallänge. Au-
gen nahe beisammen, so dass sie mit den Rändern zusam-
menstossen ; unteres grösser. Die zwei längsten Strahlen
der Pecloral länger als der Diameter des unteren Auges.
Schuppen mit 12 Stacheln und 3 — 4 Radien auf der Wurzel.
In einer vertikalen Linie 70 und in der longitudinalen Linie
D. 93
gegen llO.-r-^. P. 7—10. V. 4-4.
A. o«
Aus Indien durch Mr. Lesuer.
22) Aesopia ommaturaKp., Solea ommaturaRich. Rep.
zebrina T. et S. Fn. jap.
23) Aesopia zebra Kp., Pleur. zebra Bloch.
Abbildung von Bloch fehlerhaft. Ausser dieser Art habe
ich alle übrigen abgebildet.
24) Aesopia quagga Kp.
Diagnose: Mit 12 breiten Binden; vorderes Nasenloch in
einer kurzen Papille, die das hintere nicht überreicht. Erster
Dorsalstrahl kurz.
Beschreibung: Kopf Vö, Höhe V3 der Totallänge. Schup-
pen mit 6—10 Stacheln und an der Wurzel mit 11 Strahlen-
linien. In einer vertikalen Linie gegen 56 Schuppen. Der
längste Strahl der schwarzen Pectoral so lang als von der
Schnauze bis zum Rande des unteren Auges. Caudal schwarz
mit einzelnen lichteren Längsflecken. -r-T^- P» 9-— 12. V. 4—4.
C. 16. Bombay. Pariser Museum.
25) Aesopia cornuta Kp., Solea cornuta Cuv. Russ. 72.
Diagnose: Der erste Strahl der Dorsal viel länger als
die übrigen, Schuppen ohne Spuren von Stacheln.
Beschreibung: Eine massig lange Form mit 12 — 13 Bän-
dern, von welchen die erste über die Schnauze geht. Schwanz
mit ovaler schwarzer und grauer Zeichnung und einem weis-
sen Fieü vor dem schwarzen Ende. Pectoral rudimentär mit
Uebersicht der vierten Subf. Soleinae d. Pleuronectidae. 99
10 Strahlen; Ventral ebenfalls sehr unentwickelt mit 4 Strah-
len auf der rechten und 3 auf der linken Seite. Schuppen
in einer Querreihe ö4. Die blinde Seite ist weiss , gegen
den Rand der Dorsal und Anal schwärzlich.
Russell's Figur ist nicht genau und diePecloral über-
sehen; sie ist irrig als eine Verlängerung des Operculum ge-
zeichnet. Die vertikalen Strahlen sind irrig als einfache
Strahlen gegeben; auch sind die Augen nicht gut dargestellt.
D. 72
ir-7n\ P- ^0. V. 3— 4. C. 17. Brit. Ind. Par. Mus.
A. ö2
26) Aesopia helotes Kp. Russ. t. 71. Brit. Ind. Russ.
Fig. ist miltelmässig.
IV. Genus Euryglossa Kp.
Sind Synapturen von ovaler Form mit zwei Nasenlöchern
auf den zwei Zweigen einer an der Spitze gespaltenen Tube.
Anus zwischen den zwei regulären allein kleinen Ventral-
flossen.
27) E. Orientalis Kp., Pleur. orienlalis BI. Sehn. 157.
Der Kopf ö'/y und die Höhe ly^ der Totallänge. Kopf
stumpf. Um die Nasenlöchertube kurze Barbein wie auf der
Unterlippe. Lateral gerade , geht aber über dem Operkel in
einem stumpfen Winkel in die Höhe. Auf der linken Seite
ist am Kopfe die Seilenlinie mehr complicirt, was später an
den von mir gegebenen Abbildungen zu sehen ist. Die mas-
sig grossen Augen sind durch eine concave Stirn getrennt,
die im Durchmesser dem des unleren Auges gleich ist. Schup-
pen schmal, oblong mit 10 12 Stacheln und unregelmäs-
sigen Linien an den Wurzeln. Auf der blinden Seite ha-
ben die Schuppen weniger Stacheln. In einer Querreihe ge-
D. 66
gen 80 Schuppen. —-^ P. 9. V. 5. C. 19.
Mit dieser in Indien gemeinen Art, die eine bedeutende
Grösse erreicht, sind die Arten ovalis, foliacea und ovala,
von Richardson beschrieben, zu vergleichen.
D. 65
Die Zahl der Strahlen der ovata . — ti= P. 9. C. 2 1 stimmt
A. 47
iÖO Kaup:
ziemlich mit der orientalis; ebenso die Formel, welche Dr.
C a n 1 0 r giebt.
Cantor giebt jedoch einen Charakter an: „The space,
which soparated the eyes, is a sharp rest, which has scarcely
% of the horizontal diameter of each eye ,^ was bei keinem
Individuum der Pariser Sammlung der Fall ist.
Ebenso ist Pleur. pan Ham. verwandt. Bleeker's So-
lea pan ist was die Radien der Brust-, Ventral- und Cau-
dalflossen betrifft, sehr von der orientalis unterschieden.
D. 66
j-^ F. 5—7. V. 4—5. C. 12. (Letztere? ein Druckfehler
durch Versetzung der Nummern.)
Alle diese fraglichen Arten bedürfen einer nochmaligen
strengen Revision; ich konnte sie aus Mangel an Material
nicht vornehmen.
V. Genus Eurypleura Kp.
Achiroides ßlkr. *}.
Euryglossae ohne Pectoralen. Nasenlöcher in zwei kur-
zen Tuben vor dem unteren Auge.
Diese Formen sind täuschend dem vorigen Geschlechte
ähnlich, alle doch sehr verschieden.
28) E. melanorhyncha Kp., Achiroides melanorhynchos
ßlkr. I. p. 15.
29) E. leucorhynchaKp., Achiroides leucorhynchosBlkr.
Alle Hauptformen dieser Genera sind mit Einzelnheiten
als Schuppen, linke Kopiseite u. s. w. in meinem grösseren
Werke abgebildet. Obgleich wir bereits durch die Eurypleu-
ren zu den pectorallosen Achiren gekommen sind, so drängt
sich doch noch eine Form zwischen diese, welche Agassiz
entdeckt undMonochir genannt hat. Obgleich Cuvier die-
sen Namen für Soleen gebrauchte, bei denen die Pectoral
der rechten beite wenig und die der linken Seite noch ge-
ringer entwickelt sind , so können diese auf den Namen Mo-
*) Ich habe den Namen geändert, w^eil diese Formen näher mit
Euryglossa als mit Achiren verwandt sind, und die Namen mit oides
endigend nicht sehr zu empfehlen sind.
Üebersicht der vierten Subf. Soleinae d. Pleuronectidae. 101
nochirus keinen Anspruch machen , da sie die linke Flosse,
wenn auch sehr rudimentär, besitzen.
VI. Genus Monochirus Agass. nee Cuv.
30) Mon. maculipinnis Ag. Spix. pisc. t. 49. Squamae
tab. D.
Zeigt an den vertikalen Flossen Spuren von Poren, die
jedoch durch die verdeckenden Schuppen schwer zu sehen
sind. Im Totalhabitus, Färbung und Zeichnung den folgen-
den Genera ähnlich.
Es folgen nun die Genera, die auf beiden Seiten keine
Spur von Pecloralflossen und eine deutlich abgetrennte Cau-
dalflosse haben.
Ich trenne die amerikanischen mit ihren vertikalen
Streifen über den ganzen Körper, wie wir sie bei Monochir
sehen, von denen der allen Welt, die einfarbig oder ge-
fleckt erscheinen.
A) Gestreifte.
VII. Genus Grammichthys Kp.
Ohne Poren an den Dorsal- und Analflossen. Vor-
deres Nasenloch rund mit einem schwach vorspringenden
Rande; hinleres in einem Schlitz der Lippe nächst dem un-
teren Auge ; Körper mit Schuppen, die transparente Stacheln
haben und am Kopfe und Unterkiefer grösser sind. Regel-
mässige Ventralflosse, zwischen diesen der Anus.
31) Gr. lineatus Kp., Ach. lineatus Cuv., fascialus Lac,
Pleur. lineatus Linn. Sloane 346. , Ach. mollis
Mitch. N.-Y. Fn. fig. 159. Nord-Amerika.
VIII. Genus Gymnachirus Kp.
Ohne eine Spur von Schuppen auf Körper und Flossen.
Das vordere Nasenloch in der Lippe nächst dem Winkel des
Mundes; das zweite über diesem vor der Mitte der zwei Au-
gen. 5 StraliK-n in der rechten Vcnlralflosse, keine linke.
32) G. nudus Kp. Vergl. später die Abbildungen, die
in meinem grösseren Werke erscheinen.
102 Kaup:
Etwas länger als hoch. Contur des Gesichts und des
Kinns mit Cilien. Lateral über der Mitte des Operkels hoch
und gebogen und bis zur Spitze der Schnauze reichend. Der
schleimige, braune Körper mit 14 schwarzen Querbinden, die
über die vertikalen Flossen reichen. Um die Augen irregu-
läre concentrische Ringe. Schwanzflosse weissgesäumt mit
D. 51
zwei schwarzen Binden am Anfange, v— ^w V. 0 — -5. C. 17.
Bahia, durch das Genfer Museum der Pariser Sammlung
geschenkt.
B) Nicht gestreift ; gefleckt oder einfarbig.
IX. Genus Achims Lac. (pari.)
Am unteren Theile jedes Strahles der verticalen Flos-
sen eine Schleimpore. Vorderes Nasenloch in einer kurzen
Tube, hinteres als Schlitz unter dem vorderen Rande des un-
teren Auges. Fast alle Strahlen an der Spitze getheilt. Schup-
pen fast ohne Stacheln. Zwei regelmässige Ventralflossen,
zwischen sich den Anus.
33) A. barbatus Geoff". An. du Mus. T. 1. pl. XL Rüpp.
AtL t.31. flg. 2.
Alle Strahlen der vertikalen Flossen mit kleinen Schuppen
D. 65
5750:54 ^- '-'■ «• '«•
34) A. pavoninus Lac. Lac. t. IV. p. 660. Cant. cal.
p. 1207.
Ohne Schuppen der Strahlen über den Poren der ver-
D. 63-68
tikalen Flossen. ^ ^„- V. 5—5. C. 18.
A. 50
35) A. marmoratus Lac. Lac. tom. IV. p. 660.
Commerson beschreibt zuerst bei dieser Art die Po-
ren der Strahlen der Dorsal, und Analflossen, die später
D.72
Rüppell, Cantor und Bieeker bestätigen t-t^V. 5 — 5
A. 00
C. 18.
36) A. Thepassi ßlkr. Blkr. VI. p. 500.
üebersicht der vierten Subf Soleinae d. Plenrowectidae. 103
X. Genus Aseraggodes Kp.
Achiren ohne Poren an den vertikalen Sirahlen. Cau-
dal rund und bestimmt getrennt. Mehr oblonge Form.
37) A, guttulatus Kp.
Kopf Vö j Höhe 72 der Totallänge. Augen nahe bei-
sammen. Die vordere Nasentube so lang als der Diameter
des unteren Auges. Die Lateral mit verlängerten concaven Po-
ren reicht nicht bis zum oberen Auge. Eine verticale Linie
über den vorderen Theil des Operculum. In einer Querreihe
gegen 48 Schuppen. Schuppen rauh mit 6—10 Stacheln.
Verticale Strahlen nach hinten höher ohne Schuppen. Farbe
erau mit dunkleren Flecken und Strichen, namentlich auf der
Lateral, die bis auf die Hälfte der Caudal reicht. ^— ^
V. 5—5. C. 18.
38) Aserag. poropterus Kp., Achirus poropterus Blkr.
L410.
39) As. Hartzfeldi Kp., As. Hartzfeldi Blkr. IV. p. 123.
XL Genus Heteromycteris Kp.
Mit sichelförmiger Schnauze, welche die Symphyse des
Unterkiefers bedeckt. Das vordere Nasenloch in einer Tube,
das hintere als eine runde kleine Oeffnung vor dem unteren
Auge. Auf der linken Seite ist das vordere Nasenloch
in einer erhöhten runden Tube, die am Rande
ausgebreitet und ausgezackt ist und durch einen
mit Papillen versehenen Deckel geschlossen werden kann.
Das hintere Nasenloch in einer Blase, deren Oeffnung nach
hinten gerichtet ist.
40) H. capensis Kp.
Mit Cilien an den Lippen. Kopf 4%, Höhe V3 der To-
tallänge. Am Ende der Symphysis des Unterkiefers ein kur-
zer Penis in einem Ringe. Die rechte Ventral beginnt etwas
früher, als die linke. An dem letzten Strahle der linken Ven-
tral der Anus. Laterallinie relief und erreicht fast das obere
Auge. Auf der Mitte des Operculum eine gebogene Linie,
welche nicht das obere Auge überreicht. Auf der linken
Seite Spuren der verticalen Linie und gegen fünf verticale
104 Kaup: Uebersicht der vierten Subf. Soleinae d. Fleuronectidae.
Linien , welche an dem ersten Dorsalsfrahle beginnen und
durch weisse Cilien hervorgebracht sind, Farbe licht gräulich,
D. P8
— -- V. 5—5. C. 19.
A. 69
Apionichthys Kp.
Eine birnförmige Gestalt mit zugespitzter Caudal; flach
auf der Augenseite , allein angeschwollen auf der unteren
Hälfte und der blinden Seite. Die sichelförmige Schnauze
bedeckt die Symphyse des Unlerliiefers , der gegen 9 Ci-
lien an der Lippe zeigt. Augen klein, nur vertiefte
Punkte. In der Mitte von diesen mehr nach der
Schnauzenspitze nur ein Nasenloch in einer
grossen Tube, deren vorderer Rand gefranzl
ist. Die vordere rechte Ventral reicht bis zum
Kinne und ist durch eine Membran mit der Anal
verbunden. Auf der linken Seite ist die Ventral rudi-
mentär und halb so lang als die rechte; sie zeigt fast freie
Strahlen. Anus auf der linken Seile. Die verticalen Flossen
sind von der Caudal nicht deutlich geschieden, mehr wie
Synaptura. Auf der linken Seite "nur ein Nasenloch am Ober-
kiefer mit der Oeffnung auf dem Grunde und nach hinten
gerichtet. Alle Strahlen einfach. Oeffnung des Oper-
culum bildet nur einen sehr kurzen Schlitz.
Durch letzteren Charakter weicht dieses Genus von allen Ge-
nera ab.
41) A. Dumerili Kp.
Ich nenne diese Art, wohl die merkwürdigste der gan-
zen Unterfamilie, nach meinem hochbegabten Freunde, Hrn.
Professor A. Dumeril, als ein Zeichen meiner Hochachtung
und Freundschalt.
r/^\'
Vebersiclit fiep P]ag:usinae, der fünften
Slubfamilie der Pleuronectidae.
Von
jr« K a a p«
Aus dem Subgenus Plagusia (Brown) Cuvier ist nicht
allein ein Genus, sondern eine Unterfamilie zu bilden, so
zahlreich ist diese an Arten und Genera, namentlich in den
indischen Meeren vertreten ; da diese Meere namentlich durch
Cantor und Bleeker fleissig durchforscht sind, so werden
sie später doch noch grössere Ausbeute ergeben. Wären
alle Meere nur so untersucht , so würde die Zahl der jetzt
bekannten Arten eine dreifache sein und die Zahl sich auf
100 steigern lassen. Die Beschreibungen von Dr. Ca ntor las-
sen nichts zu wünschen übrig; auch die von Sir Richard-
son und Dr. Bleeker sind vortrefflich, haben aber leider
den Fehler, dass diese fleissigen und unermüdlichen Forscher
die Bildung und den Stand der Nasenlöcher anzuführen verges-
sen oder übersehen haben. Ich habe desshalb nur die Arten
des Hrn. Dr. Bleeker in meine Genera aufgenommen, die
er der Pariser Sammlung geschenkt hat. Leider war es mir
nicht vergönnt, die Arten des indischen Archipels zu ver-
gleichen , die das reiche Museum zu Leyden besitzt. Sicher
findet sich in diesem noch eine grössere Zahl Bleeker'scher
Arten, die, sind einmal die Bleeker'schen Sendungen gesich-
tet, noch eine grosse Ausbeute ergeben und von mir nach-
träglich beschrieben werden sollen. Kommen diese Zeilen
Hrn. Dr. Bleeker vor die Augen, so können sie vielleicht
Hrn. Dr. Bleeker selbst veranlassen, die von mir nicht un-
tersuchten Arten einer neuen Prüfung zu unterwerfen.
Von den meisten Arten habe ich in meinem grösseren
Werke, welches unter den Auspicien von Dr. J. E. Gray
und Sir Richardson erscheint, Abbildungen gegeben. Die
sinistralen Plagusien sind wesentlich von den dextralen Achi-
106 Kaup:
ren verschieden ; letztere können , ohne der Natur Gewalt
anzulhun, nicht von den ebenfalls dextralen Soleinae getrennt
werden , denn wir sehen allmählichen Verlust der Pectoral-
flossen bei ihnen auftreten und sehen ein Genus Monochir
Agass., bei dem die rechte Pectoral vorhanden und die linke
fehlt. Auf jeden Fall stehen die Plagusinae auf der tiefsten
Slufe der ganzen Familie Pieuronectidae; sie lässt sich wie
folgt bezeichnen:
Subfamilie Plagusinae*
Sinislrale Formen ohne Brustflossen. In dieser Un-
terfamilie sehen wir den längsten Schnabel , die complicirte-
sten Seitenlinien, zwei oder auch nur eine Ventral auftreten,
die bald eine rechte oder eine linke ist. Sämmtliche Flos-
sen, wie Dorsal und Anal, verlaufen sich in die zugespitzte
Schwanzflosse ohne Unterbrechung.
Es finden sich Arten in allen Meeren.
I. Genus Plagiusa (part.) Bp.
Zwei normale Nasenlöcher vor dem unteren Auge. Kie-
fern gerade. Drei Seitenlinien, wovon die nächste über der
wahren Seitenlinie in einem spitzen Winkel sich mit dieser
verbindet. Keine Verticallinie am Kopfe. Gestalt oval.
1) PI. lactea Bp. Fn. it. Mittelmeer.
II. Genus Cantoria Kp.
Der Sichelschnabel bedeckt nur die Symphyse des Un-
. terkiefers; das untere Nasenloch ist oval und hat die dop-
pelte Grösse des runden oberen, welches unter einem Kno-
chenvorsprunge steht; zwei Seitenlinien und eine verticale
am Kopfe, die beide verbindet.
2) Cantoria pinangensis Kp., Plagusia potous Cant. Cat.
Wesentlich von potous Cuv. verschieden. ^ g^ V. 4—4.
C. 10.
III. Genus Aphoristia Kp.
Ohne alle Längs- und Vertical-Linien. Schnauze sehr
kur« 'A <ier Kopflänge. Kiefer fasi gerade. Oberkiefer den
üebersicht der fünften Subf. Plagusinae d. Pleuroneclidae. 107
Unterkiefer nicht überreicliend ; oberes Nasenloch wie bei
Arelia zwischen den Augen.
3) A. ornala Kp. , Achir. ornatus. Lac. IV. p. 659 et
6ö3, Plag, brasiliensis Cuv. in Spix, pisces. t. 50.
PJ. tessellata Vai. Hist.de Ciiba. Pisc.Guich. p. 169.
Lacepede giebt dieser Art irrig eine Laterallinie. In
der Jugend bunt, im Alter einfarbig.
Süd-Amerika.
IV. Genus Arelia Kp. *
Der Sichelschnabel bedeckt nur die Symphyse des Un-
terkiefers. Unteres Nasenloch in einer blinden Tube am Rande
der Lippe vor dem unteren Auge; oberes offen, rund, zwi-
schen beiden Augen, um einen knochigen Vorsprung. Zwei
bis drei Seitenlinien und eine verticale am Kopfe. Keine Pa-
pillen am Rande der Lippen.
a) Mit zwei Bauchflossen *).
4) A. lingua Kp., PI. lingua Cant., Cynoglossus lingua
Ham. 32. p. 365.
D 137
Zwei Laterallinien. / ,^^ V. 4—4. C. 10.
A. 107
b) Mit linker Bauchflosse und zwei Laterallinien auf
beiden Seiten.
5) A. quadrilineata Kp., PL quadrilineata K. et H. Blkr.
L p. 412. Achims bilinealus Lac. nach Dr. Blkr.
Eine kurze nicht sehr verlängerte Art. ~ ~"
,r . r. ^ A. 83 86
V. 4—0. C. 10.
Java, Sumatra.
c) Mit einer rechten Ventral.
6} Ar. Schneiden Kp. Pleur. arel. Sehn. Syst. p. 159.
Der Zwischenraum der beiden Augen gleich dem Dia-
meter des unleren Auges, zwei Seitenlinien. Gegen 20 grosse
*) Wenn später eine grössere Zahl von Arten entdeckt sein
wird, können aus den Sektionen nach der Zahl der Ventralflossen und
nach ihrer Stellung, ob rechts oder links, Subgenera gebildet wer-
den. Ich vermuthe , dass es auch Formen ohne alle Ventralflos-
sen giebt.
108 E a u p :
Schuppen und einer verticalen und gegen 70 in der Längs-
linie. ^' J?^ V. 0-4. C. 11.
7) A. potous Kp., PI. potous Cuv. Russ. t. 73.
Schnauze sehr verlängert; an der Spitze derselben ein
D.132
kleiner Bogen als Anhang der Längslinie des Kopfes. ^^-^
V. 0— 4. C. U.
Die Abbildung von Russell ist theilweise fehlerhaft;
der Bogen an der Spitze der Schnauze und das Nasenloch
zwischen den Augen ist jedoch angegeben.
8) A. senegalensis Kp.
Eine gerade Linie von der Mitte der Schnauze , die
nicht bis zum oberen Nasenloche reicht. Der Raum zwischen
den Augen gleich dem Diameter des unteren Auges. Zwei
Seitenlinien. Die Dorsallinie geht bis zur Spitze des Schna-
Kann eine Länge von 555 Mm. erreichen.
9) A. javanica Kp., PI. javanica K. et H. Blkr.L p. 414.
Augen nahe zusammen auf keinen erhöhten Sockeln ; es
D. 99
ist eine kürzere Form als die folgende, ^^^-y^ V.0-3.C.12.
10) Ar. ceratophrysKp., PK ceratophrys K. et H. (Pariser
Museum), PI. melanoptera Blkr. 1. p. 415 olim PI.
monopus.
Die kleinen Augen stehen auf zwei nahe zusammenste-
D. 114—118 ^^ . ^ n u in
henden kurzen Cylindern. -T~92~95^ V. U~4. C. ö— lu.
Eine sehr merkwürdige Art.
11) Ar. abbrevlata Kp., PI. abbreviata J. Gray 111.
Ind. Zool.
Eine Dorsal-, Lateral- und Ventral-Linie. Operculum
D. 124
schwärzlich. ^„ V. 0—3. C. 10.
V. Genus Plagusia Kp.
Nur mit einem blinden Nasenloche in einer kurzen Tube
vor dem unleren Auge. Oberkiefer sichelförmig, fast den
ganzen Unterkiefer bedeckend. Lippen mit Papillen beselijt.
Uebersicht der fünften Subf. Plagusinae d. Pleuronectidae. 109
a) Mit zwei Ventralflossen.
12) Plag^usia bilineala Cuv. Russ. 74. Bl. 188. PI. di-
pterygia Rüpp. Atl. 31. fig. 3 nach Cantor. Cant.
Cat. 1209, Plagusia Blochi. Bikr. I. p. 411.
Die Papillen der Unterlippe sehr kurz.
b) Mit einer rechten Ventral.
13) Plagusia marmorata BIkr. 1. p. 411.
D. 99—104
Mit zwei Seitenlinien. -—^ — ^v V. 0— 4. C. 8 - 10.
A. /o — oo
c) Mit einer linken Ventral.
14) Plagusia japonica T. et Schi. Fn. jap. t. 95 (vor-
zuglich).
Mit drei Seitenlinien. D., A. et C. 210. V.4— 0.
VI. Genus Trulla Kp.
Nur mit einem blinden Nasenloche in einer kurzen
Tube vor dem unteren Auge. Oberkiefer nur die Symphyse
des Unterkiefers bedeckend. Keine Papillen an den Lippen.
a) Mit zwei Ventralflossen.
15) Trulla grandisquamis Kp., Plag, grandisquamis Cant.
cat. p. 1214.
D. 116
Raum zwischen den Augen sehr schmal. V. 4-4.
C. 10.
b) Mit einer linken Ventral.
16) Trulla Cantori Kp., PI. trulla Cant. Cat. p. 1213.
D. 109—111
Mit zwei Seitenlinien. , ^^ — -r- V. 4—0. C. 12.
17) Trulla capensis Kp,
Mit drei Laterallinien. -— :r-r V. 4—0. C. 9.
. A. 70
VII. Genus Icania Kp.
Ohne erkennbare Nasenlöcher. Augen sehr klein und
punktförmig.
18) Ic. cynoglossa Kp , PI. cynoglossa Cant. Cat. 1211.
Achir. cynoglossus Ham. 132. 373.
D. 100—102
A. 76-78
V. 4—4. C. 10.
110 fiaup: Uebers. der fünften Subf. Plagusinne d. Pleuronectidae.
In dem Report on the Ichthyology of Ihe seas of China
and Japan 1846. p. 280 — 281 sind folgende Arten meist nach
Abbildungen beschrieben, die eine nähere Revision bedürfen.
1) Plagiusa aurolimbala, 2) puncticeps, 3) nigrolabecu-
lata, (Richardson vermuthet, dass sie 3 Varietäten von einer
und derselben Art sind).
4) PI. grammica (nach Exemplaren der Sammlung zu
Cambridge). Scheint eine gut zu unterscheidende Art zu
sein und ist mit ihren zwei Ventralflossen mit Icania cyno-
glossa, Trulla grandisquamis, PI. bilineata und Arelia lingua
zu vergleichen.
5) PI. melampetala. (Die Beschreibung stimmt in Vie-
lem mit Ar. Schneideri überein.)
6) PI. favosquamis. Es wäre möglich, dass diese Art
identisch mit grandisquamis Cant. ist.
In den Jahrbüchern I — X der indisch- balavischen Ge-
sellschaft hat ausser den bereits citirten Dr. Bleeker noch
folgende beschrieben, die näher untersucht die Grenzen mei-
ner noch an Arten armen Genera erweitern werden.
1) Plagusia brachyrhynchos I. p. 414.
2) PI. Feldmanni V. p. 455.
3) PI. Kopsi II. p. 494.
4) PI. lida I. p. 415.
5) PI. macrolepidota I. p. 415. In der Beschreibung er-
wähnt Dr. Bleeker ein Individuum mit drei Laterallinien,
welches sicher zu einer anderen Art gehört, denn die Zahl
der Linien ist ein specifisches Kennzeichen.
6) PI. macrorhynchos. Nach einer Zeichnung. Sind
in dieser die Barbein der Lippen übersehen, dann gehört diese
Art zu marmorata.
7) PI. microlepis L p. 413.
8) PI. oxyrhynchos i. p. 416.
9) PL polylaenia V. p. 529.
10) PL sumatrana V. p. 529.
11) PL Wandersi VIL p. 98.
Beiiierkung^eii über einige ISäugfetiiiere in
g^eograpliisclier und liistoriseiier Bezieliung^«
Von
Dr Kduard v. RIarteni,
I. üeber und zu Blasius Naturgeschichte der Säugethiere
Deutschlands.
■ t ( ,' ) .
Welch' hohes Verdienst sich der Verfasser durch si-
chere Begründung der wirklichen Arten, wie durch Wider-
legung der vermeintlichen erworben hat, ist allgemein er-
kannt, und auch wir, die wir hier zunächst die geographische
Seite der Zoologie im Auge haben , fühlen uns vor Allem
gedrungen, dieses Verdienst, die Erfüllung der unerlässlichen
Vorbedingung für die Kennlniss der Verbreitung der Thiere,
dankbar hervorzuheben. Neben diesem hat der Verfasser
noch das weitere, auf seinen lieisen das Vorkommen der
kleineren Säugethiere, namentlich Fledermäuse^ Spitzmäuse und
Nagelhiere, verfolgt und so für manche den Kreis ihrer ge-
kannten Verbreitung wesentlich erweitert , für andere be-
stimmte Grenzen walirscheinlich gemacht zu haben, von letz-
teren z. ß. den Harz für Vesperugo Nilssoni,
In ersterer Beziehung mag erwähnt werden, dass mein
Vater vor wenigen Jahren nach den besten vorhandenen Quel-
len , allgemeinen sowohl wie Andreas Wagner's Sup-
plementen zu Schreber^ als italienischen Saunisten, die
Zahl der in Italien vorkommenden Säugethiere zu 73, die der
in Italien fehlenden europäischen zu 85 annahm, diese Zah-
len nun durch unseres Verfassers Keisebeobachtungen einer-
seits und Identiücationen andererseits sich in resp. 80 und
112 V. Martens:
73 umändern. Auffallend erscheint nur, was der Verfasser am
Schlüsse der Vorrede bemerkt; durch die Ausdehnung des
Gebietes über Oberitalien, Dalmatien, Ungarn und Polen dürfte
dasselbe nicht abgerundet, sondern mit wesentlich verschie-
denen Anhängseln belastet, die Zahl der angrenzenden und
hereinragenden Arten, die allerdings in jeder Flora und Fauna
vorkommen, ungebührlich vermehrt, das Faunenbild dadurch
getrübt werden, mit welchem Rechte gehört z. B. der Scha-
kal oder das VVallross in die deutsche Fauna ? jedenfalls ha-
ben Stachelschwein und Geneltkatze, Lemming und Rennthier
dieselben Ansprüche. Wenn man überhaupt Deutschland als
einen natürlich - geographischen Begriff auffassen will, und
nicht als einerein politische Abgrenzung, wie etwa den preus-
sischen Staat, einschliesslich Hohenzollern, so darf man die
Alpen nicht überschreiten , muss namentlich das südlichste
Tyrol, Triest und Fiume ausschliessen, sonst erhält man statt
der vollständigen deutschen eine unvollständige europäische
Fauna oder Flora, wie z. B. die von Koch.
Wie wenig unserem Verfasser zu einer europäischen
Fauna fehlte, zeigt sich daraus, dass die Zahl der von ihm
behandelten freilebenden Thiere zu der aller europäischen
sich verhält wie 13 : 17. Ein triftiger Grund zu dieser Um-
grenzung lässt sich übrigens darin finden , dass der Verfas-
ser, wie er seine Arbeit überhaupt auf Autopsie stützte, so
die von ihm in Dalmatien und Italien gemachten Beobachtun-
gen einreihen wollte, ohne doch genöthigt zu sein, andere
von ihm nicht näher untersuchte und beobachtete Arten auf
fremde Autoritäten hin aufzuführen. Doch vermisst man
ungern Aufschluss über Artgültigkeit und systematische
Stellung von fünf weiteren italienischen Fledermäusen (Ves-
pertilio Savii , Arislippe , Leucippe Bonap. und Bonapartii
Savi), die etwa in der Art, wie die Steinböcke und wilden
Schafe hätten berührt werden können , ebenso über Cetti's
Mustela boccamela.
Von den 93 freien Landsäugethieren des vorliegenden
Werkes lassen sich als eigentlich centraleuropäische oder
deutsche 67 betrachten, nämlich:
19 Fledermäuse, 8 Insektenfresser, 12 Raubthiere, 23
Nager, 4 Wiederkäuer und 1 Vielhufer.
Bemerkungen über einige Säugethiere. Il3
Fled. Insfr. Rbth. Nag. Wdk. Vielh.
Von ihnen überschrei-
len die Nord- ii. Ost-
see nach Norden . . 10 6 12 13 2 —
Von ihnen überschrei-
ten die Alpen nach Sü- ^
den 13 7 10 15 3 1
Von ihnen überschrei-
ten die Ostsee und die
Alpen zugleich .... 6 5 10 92 —
Von ihnen finden ihre
Nordgränze an Nord-
und Ostsee Ö l (Croc. leucodon) 8 — —
Von ihnen finden ihre
Nordgränze innerhalb
Deutschland 3 1 — 2 2 —
Es sind dieses grossentheils Alpenthiere, wie Vesperugo
maurus, Sorex alpinus , Arvicola nivalis , Murniellhier, Gemse
und Steinbück; weiter nördlich, am Saum der Berge gegen
die Ebene gränzt Rhinol, ferrum equinum ab; von Vesperli-
lio ciliatus endlich ist die Verbreitung noch zu wenig ge-
kannt.
Von jenen finden ihre Sudgränze in den Alpen 5 Fled.,
1 Insfr., 2 Rbth., 3 Nag., 1 Wdk.
Es sind dieses wiederum grossentheils Alpenbewohner,
nämlich die vorhingenannten ausser der Gemse , dazu noch
Luchs? Hermelin und Alpenhase.
Von jenen finden ihre Sudgränze innerhalb Deutschland
1 Fled., 5 Nag.
Die Fledermaus (V. Nilssonii) am Harz, 4 Nager (Ham-
ster, Arvicola agrestis, campestris, sublerraneus) in Mittel-
deutschland, und fehlen im Allgemeinen nur den alpinen und
subalpinen Gegenden bis zum Jura , der üiber, da er grös-
sere Flüsse verlangt, fehlt ursprünglich nur den Alpen. Ge-
wissermassen findet auch der veränderliche Hase in Nordost-
deutschland eine Sudgränze, da er durch den grössten Theil
Deutschlands bis an die Alpen ganz fehlt.
Der centraleuropäischen Fauna fremd sind:
Archiv f. NAturgescb. XXIV. Jabrf . 1. Bd. 8
1 14 V. M a r t e n s t
1) Nordische Thiere: der Vielfrass, das fliegende Eichhörn-
chen und die nordische Wühlralle (Ärvicola ratticeps);
hierzu kommen für die europäische Fauna noch einige
Bewohner der ariilischen Zone: Eisbär und Eisfuchs,
zwei Lemminge und das Rennthier.
2) Osteuropäische Tliiere , welche Iheilweise in das Gebiet
Deutschlands (eingreifen: Foelorius sarmaticus und lu-
treola, Ziesel, Bobali, Myoxus dryas, Sminthus, Spalax,
Elennthier und Bison (gegenwärtig); hiezu kommen, vom
Verf. ausgeschlossen , Myogale moschala , Canis corsac,
etwa 14 Nager und Antilope saiga , grossentheils Step-
penthiere.
3) Südeuropäische, südlich der Alpen, der Fauna Mediter-
ranea zugehörig, und zwar :
a) mehr oder weniger allgemein südeuropäisch: fünf Fle-
dermäuse (Rhin. clivosus und Euryale, Miniopterus,
Vesperugo Kuhlii, Vesperlilio Capaccinii), Talpa coeca,
Sorex suaveolens, Mus alexandrinus und Ärvicola Sa-
vii, endlich der Damhirsch und , von Blasius ausge-
schlossen, das Stachelschwein ;
b) nur in Südosleuropa : der Schakal, Capra beden und,
wenn man will, Capra caucasica; hiezu nochErinaceus
auritus und Vespertilio ursula ;
c) nur in Italien und seinen Inseln: der Muflon ; hiezu
die Boccamele, Dysopes Ceslonii und die fünf früher
genannten Fledermäuse;
d) nur in Südwesteuropa: Capra pyrenaica und hispanica ;
hiezu der Affe von Gibraltar, Myogale Pyrenaic^p^ die
Genettkatze, der Ichneumon, Felis pardina.y ^.,.
Es lassen sich für Europa überhaupt demnach 5 Haupt-
.gebiete unterscheiden: '
Bemerkungen über einige Säugethiere.
115
Affen Flcd. Insfr. Rbth. Nag. Wdk.
Vlh. Zusam-
men
10
0
19
3
14
0
14
1
12
4
13
2
17
2
23
0
32
18
I. Die arktische Zone,
durch Eisbär und Eisfuchs
charakterisirt , enthält
überhaupt 0
cigenthümlich .... —
II. Die nordosteuropäi-
schen Waldgegenden, mit
Vielfrass und Pteromys in
die sibirische Fauna sich
fortsetzend, nach Westen
bis Skandinavien reichend,
überhaupt 0
eigenthümlich .... —
III. Mitteleuropa, ausser
2 Fledermäusen und 2 Mäu-
sen nur in den Alpenthie-
ren eigenthümliche Arten
besitzend, überhaupt . . 0
eigenthümlich .... 0
IV. Osteuropa, in das asia-
tische Steppengebiet sich
fortsetzend, durch seine
Nager charakterisirt, über-
haupt 0
eigenthümlich .... 0
V. Das Mittelmeergebiet,
durch Schakal, Genettkatze,
Stachelschwein charakte-
risirt, überhaupt
eigenthümlich . .
Totalsumme d. europäischen 1 30 13 21 47 14 1 1:27 '
( • ; . ■ ; , ! 1 1 ' ■
Die Zahl der Arien nim»it also v^n Norden nach Sü-
den im Allgemeinen stelig zu; am auffallendsten ist die Zu-
nahme bei den Fledermäusen, und hier hält wohl die indi-
viduenzahl damit gleichen Schritt. Bei den Insektenfressern
ist die Zunahme stetig, aber weniger bedeutend. Raubthiere
und Nager erreichen schon in dem zweiten Gebiet eine be-
trächtliche Höhe, nur um 1 Art weniger als in Südeuropa,
der Vielfrass und einige Muslelen gleichen den Zuwachs durch
Schakal, Genellkatze und Ichneumon aus, der Lemming, das
Slachelschwein , auch die relative individuenzahl der ßaub-
51
3
67
9
72
22
116 V. Martens:
Ihiere in Nordeuropa mag der in Südeuropa gleichkommen
oder sie gar überlrefTen. Die JNagelhiere zeigen weniger
von Norden nach Süden, als von Westen nach Osten eine
starke Zunahme an Arten und vielleicht auch an Individuen,
ebensowohl innerhalb Deutschland als in ganz Europa. Es
ist keine einzige sichere eigenthümliche Art westlich von
Rhein und Rhone bekannt, nur zwei Arten Deulschlands,
A. subterraneus und campeslris, fehlen bis jetzt dessen öst-
licher Hälfte, eine aus der Mitte Südeuropas (A. Savii) dem
Osten Europas, wie viele eigenthümliche Arten aber daselbst
vorkommen, ergibt sich aus der Tabelle. Die Wiederkäuer
zeigen auch eine Zunahme der Arten von Norden nach Sü-
den, aber wohl nicht der Individuen, zumal die nördlichen
Arten im Allgemeinen weiter verbreitet sind, denn es sind
meist Bewohner der Ebene oder des Hügellandes, während
in den Mitlelmeerländern fast jedes höhere Gebirge durch
das Meer vom anderen getrennt, seine eigene Art Steinbock
oder wildes Schaf mindestens beansprucht. Die Vielhufer,
als vorzugsweise tropische Thiere, treten erst in dem dritten
Gebiet mit nur Einer Art, die Affen als fast rein tropisch
nur an dem, dem affenreichen Afrika allernächsten Punkte
spurweise auf, während Fledermäuse und Insektenfresser doch
schon in der zweiten, kräftige, weit wandernde Raubthiere,
genügsame Wiederkäuer und zähe, fruchtbare Nager bis in
die baumlose arktische Zone, wie in die baumlose Alpenre-
gion sich erstrecken.
Werfen wir zur Vergleichung noch einen Blick auf zwei
andere Thierklassen, welche ebenfalls , wie die Säugethiere,
wesentlich an den Boden gebunden sind, Reptilien und Bin-
nenmollusken, so finden wir, dass:
I. eine eigene arktische Fauna für diese gar nicht exi-
stirt, sie ist unter den Luftlhieren ein Vorrecht der warmblü-
tigen Säugethiere und Vögel und der Alles ertragenden In-
sekten.
II. die nordosteuropäischen Waldgegenden haben unter
den Reptilien gar keine, unter den Schnecken nur etwa He-
lix Schrenckii Midd. als eigenthümliche Form aufzuweisen;
ihre Fauna summt in diesen Klassen ganz mit der mitteleu-
ropäischen überein, nur um einiges ärmer; dieses stimmt
Bemerkungen über einige Säugethiere. 117
damit uberein, dass der bei den Säugelhieren stärker vortre-
tende Unterschied theilweise dem Einflüsse der Kultur zu-
zuschreiben ist, welcher ja diese Thierklasse am schwersten
trifft (Elenn, Bison ; doch nicht Vielfrass, Pteromys und meh-
rere Mäuse).
III. die mitteleuropäische Fauna, zugleich Skandinavien
und Italien gegenüber, zeigt unter den Reptilien nicht mehr
stichhaltige Eigenlhümlichkeiten, als unter den Säugelhieren,
indem gerade diejenigen deutschen , welche in Italien (mit
Ausnahme der Alpen) fehlen, wie Lacerfa agilis, vivipara und
Salamandra atra, auch weit in Skandinavien hinein vorkom-
men, andererseits diejenigen, welche Deutschland vor Skan-
dinavien auszeichnen, gerade südeuropäische sind. Wie die
alpinen Gemsen in den Gebirgen Südeuropas wieder auftre-
ten, so unter den Reptilien Pelias berus und Triton alpestris
in den Appenninen, Salamandra atra nach Exemplaren des
Berliner Museums sogar in Cypern. Unter den Landschnek-
ken sind neben einer ganzen Reihe Alpenbewohner, welche
theils als Felsenbewohner den Steinböcken und Gemsen pa-
rallel gehen und wie diese in den Gebirgen Südeuropas Ver-
wandte finden , theils als Erdschnecken den Alpenmäusen
verglichen werden können , auch mehrere durch den gröss-
ten Theil von Deutschland vorkommende, sowohl Skandina-
vien als ItaHen fremd, so Arion hortensis Fer., Helix obvo-
luta , personata , circinata sive rufescens , villosa etc. Die
Schnecken erscheinen also hier mehr an die Scholle gebun-
den, als die freizügigen Wirbellhiere.
IV. eine osteuropäische, namentlich Steppenfauna exi-
stirt auch unter den Reptilien in den südrussischen Phryno-
cephalus, Eremias u. a. ; Pseudopus Pallasii hat eine ganz
ähnliche Verbreitung von Ungarn bis Südrussland, aber auch
Kleinasien und Griechenland, wie Spalax lyphlus; und wie
einige Nagethiere von Osten her noch in das deutsche Ge-
biet hereinragen, so unter den Reptilien die Süsswasserschild-
kröte, Emys (s. Cistudo) Europaea. Unter den Mollusken
findet sich wenig entsprechendes für diese Fauna , nur etwa
die kasanische Helix alrolabiata und die Dreissena der Wolga,
welche in neuerer Zeit durch Kanäle und Meere, ähnlich der
Wanderratte, nach Nordwesten vorgedrungen ist. Dieser
118 V. Märten s:
Reichthum an Säugethieren und Reptilien bei der Armuth
an Schnecken dürfte dadurch zu erklären sein, dass der Step-
penboden im Allgemeinen wohl manchen Säugethieren wegen
der Leichtigkeit des ümwühlens und den Reptilien wegen
der Sommerhitze zusagt, aber den Schnecken nicht wegen
der! -frockenheit.
ii! : V. Südeuropas Reichthum und Mannichfaltigkeit zeigt
sieh i bdi' den wärmeliebenden Reptilien und Schnecken in
noch weil' hölierem Grade als bei den Säugethieren, und na-
mentlich ist aurh die Zunahme der Individuenzahl bei ihnen
bedeutender. Wie zahlreiche Arten i aus beiden Klassen durch
das ganze Mittelmeergebiet verbreitet sind, ist bekannt; den
sudosteuropäischen Säugethieren lässt sich z. B. Emys Caspica,
Stellio vulgaris , Eryx jaculus , den italienischen Salaman-
drina perspicilläta und der sardinische Phyllodaclylus Euro-
paeus , den spanischen Emys sigriz und Amphisbaena cine-
rea an die Sieite setzen, ebenso unter den Mollusken dem
Schakal etwa die dalmatisch- griechische Helix secernenda
Rossm , dem Steinbock der griechischen Inseln die dortigen
Campylaeen (Helix Naxiana, lecta, pcllita Fer. etc.), dem
Mouflon und der Boccamele H. Raspailii und serpentina, dem
pyrenäischen Steinbock Helix Carascalensis und Pyrenaica,
der Geneltkatze Helix lactea, Alonensis, Gualtieriana etc , dem
portugiesischen Luchs Hei. Lusitanica. Wieviel mehr die
Schnecken an den Boden gebunden sind, zeigt sich auch
darin, dass kleinere Inseln, z. B. die Balearen, einzelne In-
seln des griechischen Archipels eigenthümliche Arten von
Schnecken, aber keine von Säugethieren und Reptilien be-
sitzen.
Das Verhältniss der südeuropäischen zu den nordeuro-
päischen, die gemeinschaftlichen beiden zugerechnet, und die
Steppenlhiere den südeuropäischen, ist bei den Säugethieren
etwa wie 2 : 3, bei den Reptilien und Landschnecken wie
1:3.
v'fl MJn hJ'i! ';!!;i:i(;i(/- "'ir-.''^ '»M
Bemerkungen über einige Säugethierc.
il9
Von den Meersäugetliier
Rob-
ben
In der Nordsee allein 0
In d'ör Nordsee und im
Mitlelmeer, aber nicht
Eismeer
In der Nordsee und im
Eismeer, aber nicht
Mitlelmeer ....
In allen drei Gebieten
Im Miltelmeer allein 1
Im Eismeer allein . . 3
en EurOpa's komrtien vor:
Wall-
fische
3 (D. rostratus, leucopleu-
ru^,- Phoc. gr,isea).
2 (D. delphis, H. microp-
terus).
(Phoca foelida , Hali-
choerus, Phocaena me-
las, orea, Bai. boops,
rostrata).
(Ph. vilulina? Phocaena
icomm. , Delph. tursio?
H. rostratus, ßal. mus-
culus, Physeter.)
(Pelagius monachus,
Phocaena Rissoana?)
(Ph. groenlandica, bar-
bala; Trichechus ; Pho-
caena lencas, Menodon
monoceros , Balaena
myst. u. der von Blasius
nicht erwähnte D. co-
ronatus Freminv.
1? 4
1?
Zusammen 7 18
also überhaupt
im Mittelmeer . 2? 7?
in der Nordsee . 3 13
im Eismeer . . 6 12.
Hier zeigt sich also umgekehrt eine Zunahme nach
Norden und namentlich bei den Robben.
Noch mögen einige specielle Bemerkungen in Bezug
auf Vorkommen und Namen eine Stelle finden:
Zu S. 1-16 wäre eine Andeulung über Sorcx Gülden-
städlii Pall., in welcher A. Wagner Crocidura araiK^us ver-
muthel, erwünscht.
120 V. Martens:
S. 175 wird ein „Chama" aus Plinius cilirl; in der mir
zu Gebote stehenden Basier Ausg. in fol. steht Chaum (als
Accusativ) und so hat vermuthlich auch Güldenstädt gelesen,
da er den Kirmyschak Felis chaus taufte. Jener Chaus und
die lupi cervarii, beide ausdrücklich als gallisch bezeichnet,
sind ohne Zweifel unser Luchs, aber der lynx, welchen Bla-
sius ebenfalls citirt, ist nach Plinius selbst (VIII, 21) in Ae-
thiopien zu Hause und figurirt sonst bei den Alten so häufig
als bekanntes Thier^ namenilich neben Panthern im Gefolge
des Bacchus, dass man eher an eine orientalische Art, wie
Felis caracal, zu denken hat. Seinem Stillschweigen nach
zu schliessen, scheint Blasius auch in Unteritalien Nichts
vom Vorkommen des Luchses erfahren zu haben, v. Salis-
Marschlins in seinen „Reisen durch verschiedene Provin-
zen des Königreichs Neapel«, Zürich t793. 8. p. 315, erzählt
viel von demselben. Er erfuhr in Pescina (Umgebungen des
Lago di Celano im Abruzzo ulleriore secundo) von Baron
Tomasetti, einem Liebhaber der J«gd und Landwirthschaft,
dass der Luchs, Gatto pardo genannt, im Abruzzo ulteriore
häufig vorkomme und dass der Baron selbst einen lebend
gehalten habe. Salis sah einen solchen auch in der kö-
niglichen Menagerie zu Neapel, er sei kleiner als der der Al-
pen, Ohrpinsel werden ausdrücklich erwähnt, die Farbe weiss-
lich mit rolhgelben Flecken , also wie unser Alpenluchs und
nicht wie die portugiesische Felis pardina. Auch Temminck
in den Monographies de mammiferes p. 107 spricht vom nea-
politanischen Luchs als ihm bekannt und zu Felis lynx ge-
hörig, seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört, ich habe
ihn in keinem Museum gesehen und der Direktor der könig-
lichen Forsten und Landgüter, Cavalier Gussone, versicherte
meinem Vater ausdrücklich , es gebe im ganzen Königreich
keinen Luchs. Die Angaben vom Vorkommen eines Luchses
(Felis pardina Temm.) in Sardinien und Sicilien beruhen auf
einer ziemlich vagen Vermuthung Temmincks 1. c. , welche
weder in früheren noch in späteren Nachrichten Stützpunkt
oder Bestätigung findet. S. 176 dürfte der im Jahr 18-16 auf
der würtembergischen Alp erlegte Luchs zu -erwähnen sein,
(s. VVürtemb. nalurwiss. Jahreshefte 1846. p. 128.)
Zu S. 219. Der Name Putorius, von Cuvier schon 1817
Bemerkungen über einige Säugethiere. 12t
in derselben Begränzung und mit Angabe der wesentlichen
Merkmale, wenn auch nur als Subgenus aufgestellt, ist dem
spätem Foetorius vorzuziehen ; besser hätte es sich freilich
ausgenommen, nach dem Vorgänge von Aldrovandi, Gesner
und Ray, den Namen Mustela dem Wiesel (M, vulgaris bei
Linne, bei Nizza soll es nach Mustella genannt werden) zu
lassen und die Marder Martes zu nennen.
Zu S. 266. Die hiiq des Aristoteles bist. an. IX, 9
kann nicht das Frett sein, da sie unten weiss wie das Wie-
sel genannt wird, ebenso wenig das genus Mustelarum sil-
vestre, distans magnitudine; Graeci vocant ictida bei Pli-
nius XXIX, 16, da das Freit am allerwenigsten den Namen
silvestre verdient. Ersteres hat schon Celli nachgewiesen,
welcher in der Ictis seine Boccamela wieder erkennen will,
und wirklich scheint nach jenen Worten nur zwischen die-
ser und dem Hermelin die Wahl zu bleiben: die Angabe der
Grösse, „wie ein kleines Malleserhündchen" ist ziemlich un-
bestimmt. Wenn aber Homer seinen Helden Helme aus Ic-
tisfell gibt, so liegt der Gedanken an einen Marder hierfür zu-
nächst.
Zu S. 455. Bei einer neulichen Durchsicht von Belon's
Observatlons de plusieurs singularitez en Grece etc. Paris
1553. 4. fand ich den Damhirsch nirgends von den griechi-
schen Inseln erwähnt, wohl aber bei Saloniki (Macedonien)
unter dem Namen plalagni (=r platyceros?). Auch Tourne-
fort nennt ihn nicht von den Inseln, überhaupt Niemand, so
viel mir bekannt, als Lindenmeyer (Bull. soc. imp. d. nal.
d. Moscou l8o7) von der dem Festlande so nahen und des-
sen Fauna theilenden Insel Euboea.
^Die Biegung der Hörner von Ovis orientalis bei Bla-
sius zeigt bedeutende Verschiedenheiten gegen die von Pal-
las Spicileg. XI, 5, 1, geringere die des Bezoarbockes B 1 a-
ßius p. 485 und Pall. 1. c. fig. 2. 3, wobei das schöne Exem-
plar im Berliner Museum mehr mit der Zeichnung von Pallas
übereinstimmt. Auch die zwei Exemplare von Capra Cau-
c.asica des Berliner Museums, freilich beide Weibchen, stim-
men in der Biegung der Hörner nicht mit der Zeichnung
von Blasius ([Männchen?), sondern mehr mit den andern
Steinböcken überein.
122 V. Marlons:
S. 471 wird Ovis miismon such aus dem südlichen 8^)3-'
nien cl-Wähnt ; R o s e n h a u e r , R o s s m ä s s 1 e r und A I f r (^ d
Bf(ihrn haben nichts von ihm erfahren und letzlerer ttyrrtm-
thet wohl mit Recht, dass eine Verwechslung mit Cdprsf hi^
spänica diöser von älteren Schriftstellern stammenden» Sii'ge
zu Gründ^'-Iieg^e. '^'^ ^''' - • ■"' ''^'-^ -'^^^''^ ="i /»nü- r
S. 483. B e 1 0 n , der d'en SteiHbööfc ' vbn Cdn'dfä' imtäi
bestlirieben und abgebildet hat (observ. 13), nennt auch um
Saloniki Steinböcke, boucs estaihs, neugriechisch agriniia,'
neben wilden Ochsen, guridia. Sollte das auch Caprä beden
sein? oder wahrscheinlicher nur im Freien bleibende Hauszie-
gen? Gm ei in cilirt sie' zur Gemse.
Zu S. 489. Auf das Vorkommen der Gemse in den
Abruzzen hat del Re in seiner ausführlichen DescriziOne to-
pografica dei reali dominii al di qua del faro aufmerksant
gemacht. Sie findet sich, gegenwärtig durch einen Zwischen-
raum von über 300 ital. Meilen von ihren Kameraden in den
Alpen getrennt, da, wo die Appenninen ihre bedeutendste
Höhe und damit auch in der Flora einen alpinen Charakter
erhalten, am Gran Sasso d'italia , am Malese in der Provinz
Molise und noch auf den Höhen, welche die Capitanata vom
Principalo ulteriore scheiden (Georg v. Martens, Italien
II, S. 253). Auch in Dalmatien wurde die Gemse im Hoch-
gebirge bei Castelnuovo angetroffen und sie bewohnt in Menge
die Herzegowina (Petter, Beschreibung von Dalmatien 1857).
In Griechenland kennt man sie namentlich vom Pindarus
CA. Wagner) undvonVelugi (v. d. Mühle); die Angabe
jedoch, dass sie aufCandia (Kreta) vorkomme, bei Gmelin
syst. nat. I, p. 183, ich weiss nicht, nach welchem Autor,
beruht vermulhlich auf Verwechselung mit Capra beden.
Zu S. 518. Delphinus tursio soll auch im Mittelmeersich
finden, übrigens bedarf dieses, wie noch mehr das Vorkom-
men von D. (Phocaena) globiceps Guv. =melas Traill. daselbst*
weiterer Bestätigung.
Zu S. 277. Blasius berichtet, dass Albertus Magnus
das Ziesel bei Regensburg beobachtet habe, und folgert dar-
aus eine fortschreitende Einschränkung seiner früher ausge-
dehnteren Verbreitung ; ich kann aber dieThatsache in Alber-
tus nicht finden, sondern im Gegenlheil stimmt seine Angabe
Bemerkungen über einige Säugethiere, 123
mit dem jetzigen Vorkommen überein, denn er sagt von dem-
selben IIb. II, tracl. I, cap. 5 (6ter Band der opera omnia,
Liigduni 1651 fol ) habilat in Auslria et in Ungaria, aller-
dings folgt darauf et vocatur apud nos zizel, dass dieses
apud nos aber nicht auf die Umgegend von Regensburg spe-
ziell, sondern auf Deulschland überhaupt geht , zeigen ähn-
liche Stellen, wie bei der Gemse quae apud linguam nostram
genezen vocantur; ebenso spricht er in lib. 11, tract.I, cap. 2
vom Elennthier und wilden Kühen „apud nos'', wobei aus
den folgenden Worten erhellt, dass letztere von den Alber-
tus bekannten Ländern in Slavonien und Ungarn vorkommen
und bei ersterem mindestens Confusion mit dem Rennthier
statlflndet. Niemand wird behaupten wollen, dass Regensburg
gemeint sei, wenn Alb. sagt: quidam domesticant eum (das
Elennthier) apud nos et equitant eum, sonrlern eher an Lap-
pen und Samojeden denken. Albertus machte selbst Reisen
nach Oesterreich und konnte dort das Ziesel kennen lernen,
ja schon am bairischen Walde, wo es, wie man mir in Mün-
chen sagte, vorkommt; Gemminger und Fahrer haben
daher auch in ihrer leider unvollständig gebliebenen Fauna
boica seinen Schädel (XIV, 2) abgebildet. Von einem Zu-
rückgedrängtwerden kann also auf diese Angaben hin keine
Rede sein. Uebrigens muss ich gestehen, dass ich auch die
Stelle, wo Albertus das Vorkommen des Hamsters bei Köln
bezeugen soll (Blasius S. 308) nicht gefunden habe, son-
dern ebenfalls nur die allgemeine Angabe, quod nos hame-
ster gcrmanice vocamus. Sein Vorkommen in Würtemberg
ist auf die dem Rheinthale nächsten Gegenden des unteren
Neckars mit flachem trockenem Boden , wie um Heilbronn,
beschränkt. Jene und andere Andeutungen bei Blasius
veranlassten mich, näher anzusehen, was Albertus über-
haupt von den Säugethieren, namentlich den deutschen , und
deren Namen sagt.
IL Ueber. di^ von Albertus Magnus erwähnten Land-
säugethiere.
Albert, der Grosse genannt, Dominikaner und Bischof
zu Regenshurg, Zeitgenosse Friedrichs des Zweiten, geboren
124 V. Marlens:
1193, gestorben 1280, ist einer der wenigen und vielleicht
der reichhalligsle der zoologischen Schriflsleller des Mittel-
alters. Zwar hat er auch manche Originalbeobachtungen,
aber sein Hauplzweck war doch eine Compilation , eine Art
Handbuch der menschlichen wie vergleichenden Anatomie,
Physiologie und der Zoologie nach den Lehren des Aristo-
teles und seiner Schule zu geben, wie er naiv genug selbst
am Ende seines voluminösen Werkes sagt: nee aliquis in eo
(hoc libro) potest deprehendere quod ego ipse sentiam in
philosophia naturali , sed quicumque dubitat , comparet his,
quae in nostris libris dicta sunt, dictis Peripateticorum et tunc
reprehendat vel conseniiat, me dicens scienliae ipsorum fuisse
Interpretern et expositorem. Damals berief man sich auf
Aristoteles ganz so, wie jetzt auf eigene Beobachtung. Den-
noch hat er manches Neue und Eigene , manches auch von
arabischen Schriftstellern entlehnt, unter denen er besonders
Avicenna oft citirt; von abendländischen Schriftstellern kommt
hin und wieder Isidor von Sevilla vor und ein gewisser
mir unbekannter Jorach, von welchem er übrigens selbst sagt:
sed iste Jorach frequenter mentitur (Artikel Hyäne). Diese
Aeusserung und das oft wiederholte ut dicunt, Solinus dixit
u. dgl. ist eine Entschuldigung für die zahlreichen fabelhaf-
ten Eigenschaften, welche den Thieren beigelegt werden, und
zeigt, dass unser Albertus nicht so ganz kritiklos war, wie
man ihn sich gerne vorstellt *).
Nachdem in den ein und zwanzig ersten Büchern Ana-
tomie und Physiologie des Menschen und dann vergleichend
die der übrigen Thiere erörtert ist, wobei nur gelegentlich
(hauptsächlich in Lib. H, Tract. II) einzelne Arten spezieller
behandelt werden, gibt der Verfasser im folgenden eine nach
den Anfangsbuchstaben (doch nicht ganz streng) geordnete
Aufzählung der ihm bekannten vierlüssigen Thiere, quae sibi
*) So habe ich auch Pontoppidan und manche andere leicht-
glBubige Scliriftsteller gefunden , als icli sie selbst zur Hand nahm.
Diejenigen, welche bekannten Autoren blindlings nachgeschrieben und
auf ihre Namen hin als gewiss anführen, was jene nur zweifelnd an-
führten, sind es in der Regel, welche den selbst verdienten Ruf der
urtheilslosen Leichtgläubigkeit ihrem Meister zuziehen.
Bemerkungen über einige Säugelhiere. 125
generent simile, also Säugelhiere, im Gegensalze zu den ovan-
lla , wie A. die eierlegenden Thiere nennt, ein klassisches
Wort in anderer doch naheliegender Bedeulung anwendend.
Hier werden 110 Thiere aufgeführt und zu diesen kommen
in dem vierundzwanzigsten Buche über die Wasserlhiere noch
6 weitere (Nilpferd, Robben, Wasserratte?); von denselben
sind nahezu ein Drittel einfach dem Plinius und Solinus, meist
mit Erwähnung derselben, entlehnt, natürlich gerade die son-
derbarsten und abenteuerlichsten, oft mit auffallender Aen-
derung der Orthographie (wenigstens in der von mir be-
nutzten Ausgabe : Alb. Mngni de animalibus libri XXVI.
Operum tomus VI. Lugduni 1651. fol.), z.B. iona für hyaena,
aloi für alces , chama statt chaus (accusativ: chaum, Plin.
VIII, 19) leulro chocha für leocrocuta, tragefalus für trage-
laphus, cyragryllus für choerogrillus (Igeli; nicht ganz sel-
ten sind komische Missverständnisse, so ist z. B. aus dem
Hippodrom, in welchem der Aedil Scaurus nach Plinius ein
Nilpferd zeigte, der Name des Thieres selbst geworden (lib.
XXVI) und aus dem feuersprühenden Räuber Cacus in der
Herkulessage (Virgil. Aen. VIII, 194 ff.) ein eigenthümliches
wildes Thier am Ufer der Tiber in Arkadien ( ! Reminiscenz
an den erzählenden Evander) , das von Ochsen lebt, welche
es, oft drei Stück zugleich, am Schwänze in seine Höhle
zieht (ne qua ferent pedibus vestigia rectis, cauda in spe-
luncam tractos Virgil.) ; den Menschen fürchtet und flieht es
(Tum primum noslri Cacum videre limenlem Turbatumque
oculis; fugit ilicet ocior Euro id.); und Virgils ore vomens
ignes wird übersetzt: seine Lunge enthält ein so feines und
heisses Gift, dass es wie Feuer Alles verzehrt, womit es in
Berührung kommt '").
Aus arabischen Quellen rühren neben mehreren ganz
unenträthselbaren Thieren der Agazel (Gazelle im Artikel
dama), der Alphec (Gepard?) und das Musquelibel (Moschus-
Ihier). Die Giraffe figurirl, wahrscheinlich nach verschiede-
nen Autoritäten, unter fünf verschiedenen Namen, die Hyäne
unter drei.
♦) Aehnliche Missverständnisse hat Cuvier (bist nat. d. poiss. I,
p. 33) bei den Fischen nachgewiesen.
126 V. Marte ns:
Gründlicher und deutlicher sind Albertus Nachrichten
über deutsche Thiere, rannche derselben werden überhaupt
von ihm rzum erstenmal erwähnt, so der Hamster (cricetus),
das Ziesel (citellus) , ferner die beiden Marderarien und die
Ratte, der Gartenschläfer (Myoxus nitela) und «die Haselmaus.
Interessant ist, was er von den grossen Wiederkäuern
des östlichen Europas sagt: das Elennlhier (eqiiicervus, den
Namen alces kennt er nur aus Plinius und Solinus) zu deutsch
Elent, von der Figur eines Hirsches, aber höher, mit langen
Haaren auf den Schullern, lebte damals noch in grosser Menge
in Slavonien (Sclavia) und Ungarn gegen das Gebiet der
Rumänen Uib. 11, tract. I, cap. 2), wie auch in Preussen (ibid.
cap. 3) ; von dem crsteren Vorkommen ist jetzt gar nichts
mehr bekannt, in Oslpreussen ist es gegenwärtig sehr selten
geworden ; die Zeilen Cäsars , der es in dem hercynischen
Wald, und des Nibelungenliedes, das es im Odenwald hausen
lässt, waren also schon vorbei *), so dass sein Vorkommen
im westlichen Deutschland in historischen Zeiten nur durch
die Urkunde Oltos I. von 943 dokumenlirt wird, welche das
Jagen der Elche neben Hirschen, Rehen, Bären und Ebern
in den zum ßislhum Utrecht gehörigen Forsten der Land-
schaft Drenthe untersagt. Damals standen die slavischen
Länder den Deutschen noch zu fremd gegenüber, als dass
man annehmen möchte, das Elennlhier sei von dort aus in
^) Caesars abenteuerlicher Bericht stammt offenbar vom Hören-
rsagen über ein seinen nächsten Berichterstattern selbst unbelianntes
thier ; das letztere, das die Donau besser kennt als den Rhein, kann
es von dort, wie den Löwen von noch weiter her, zur Verherrlichung
seines Helden nach dem Odenwald versetzt haben. Pausanias (boeo-
tica XVI) gibt auch das Elennthicr unter dem graecisirten Namen aA;jiJ
(Stärke) als im Lande. der Kelten einheimisch an, es sei so scheu, dass
es nur durch Umstellung in einem Umkreis von 25 Meilen! zu be-
kommen sei; aber hieraus lässt sich nichts mit Bestimmtheit schlies-
sen , da seine Nachrichten über die Kelten selbst so unbestimmt sind,
dass sogar Brandes, der sonst die Unterscheidung der Germanen
und Kelten bei den Alten nachzuweisen sich bemüht, bei Pausanias
unentschieden lässt, ob er die Germanen zu den Kelten gerechnet habe
(Brandes, das ethnogr. Verhältniss d. Kelten und Germanen. 1857.
S. 205).
Bemerkungen über einige Säugethiere. 427
ein officielles Verzeichniss jagdbarer Thiere gekommen, das
nun überall ohne weitere Frage nach dem Vorkommen an-
igewandt wurde; aber sonderbar bleibt immer, warum Caesar
und die späteren Römer es so schlecht kennen, wenn es wirk-
lich noch am unteren Rheine zu Hause war, ja man könnte
fragen, warum das stallliche Thier in der Thiersage des Rei-
necke Fuchs nicht erscheint; übrigens kommt in derselben
jBUch weder Hirsch noch Eber vor, mindestens spielen sie
keine Rolle.
Was die wilden Ochsen (boves agrestes) betrifft, so
lUnterscheidet schon Albertus Magnus, wie die meisten seiner
(Nachfolger, deutlich zweierlei verschiedene, aber leider ver-
lieren seine Nachrichten dadurch an Klarheit, dass er bei
beiden den Namen Wisent benutzt, und in den Stellen der
Allen seine Thiere nicht wieder erkennt. Ganz deutlich tritt
die Unterscheidung in den nebeneinander stehenden Artikeln
Vesontes und Urni des zweiundzwanzigsten Buches hervor,
erstere haben eine Mähne wie Pferde, was auch lih. H, tract. I,
cap. 2 für quoddam genus bovis agrestis erwähnt wird, sind
also die dem amerikanischen Bison ähnliche Art von Bia-
lowicza, die Urni tragen zwei ungeheure Hörner, welche viel
Flüssigkeit fassen können, sind also die unsern zahmen Och-
sen zunächst stehende Art, Bos primigenius Cuv. Alb. setzt
iaber hinzu : Urni quos nos Germanice visent vocamus und
.de his animalibus in praehabilis mulla dicta sunt a nobis.
Jm »weiten Buche (tract. I, cap. 2) finden wir nun wirklich
jdie wilden Qchsen abgehandelt, sie seien von den zahmen
verschieden, wie die wilden Schweine von den zahmen; denn
4?s gebe eine Art .grosser, schwarzer Ochsen, welche deutsch
voesont genannt werde, so stark, dass sie Boss und Reiter
.mit den .Hörnern in die Luft werfe (ventilant) und beinahe
von der Grösse eines starken Streitrosses (dextrarius, ital.
id-cstriero) ; das Profil ihres Kopfes wird ausführlich als Rams-
j)ase beschrieben, gegen lUauLund Stirn abfallend , in der
•/WUte erhaben. Dieses, wie der Name deutet, auf den lilhaui-
. sehen Wisent; nun folgen cornua ma.xima incurvata posterius
(wohl nach hinten, was auch nur auf jenen passt) und dann
mi| einem plötzlichen Sprung aus der Species in das Genus:
et sunt niulta genera in hoc genere. Quaedam enim habent
128 V. Martens:
cornua alla longa et magna (B. primigenius?), et quaedam
habent brevia spissa (kurz und dick) et fortissima (Wisent?).
El haec genera sunt nola apud Sclavos et Ungaros et in
Alemania in ea parte ubi Sclaviam et Ungariam attingil, also
auch diese, wie das Elennlhier nur an den östlichen Grenz-
gebieten Deutschlands, nicht mehr überall bekannt; es ist zu
bedauern, dass die Heimathsangabe gerade an dieser Stelle
steht, wo beide Arten zusammengeworfen scheinen, also nicht
mit Bestimmtheit auf eine oder die andere zu beziehen ist.
Noch einmal erscheinen im zweiundzwanzigsten Buche als
eigener Artikel die Zubrones aus den nordischen Wäldern
überhaupt, sie seien zuweilen 15 Ellen lang, ihre Hörner 3
Ellen; wieder wird ihre Schneiligkeil und Kraft gepriesen,
die Geschichte von Boss und Beiler wiederholt, ein Jager-
geschichtchen als Jagdmethode aufgeführt (der Jäger springt
beständig um einen dicken Baum herum, der Auerochse ihm
nach und wird dabei so oft mit dem Jagdspiess an der Seite
verwundet, bis er erliegt) und endlich erwähnt, dass das
Thier auf der Flucht seinen Unralh von sich gibt und damit
Hund und Jäger beschädigt (inulilem reddil) , was Albertus
selbst darauf hätte bringen können, dass der Bonasus der
Alten (schon bei Aristoteles de pari. an. 111, 2) und der Du-
rau aus unbekannter Quelle , die er wie besondere Thiere
auffuhrt, dasselbe seien, und zwar der lithauische Wisent, da
der Mähne beim Bonasus ausdrücklich Erwähnung geschieht,
und hiezu passt auch der JName Zubrones. Ob in Durau da-
gegen das polnische Tur (Bos primigenius) steckt? Alb. un-
terscheidet also mehrere Arten, beschreibt aber deutlich nur
den lilhauischen Wisent, einmal unter diesem seinem deut-
schen Namen, dann nach klassischen Quellen als Bonachus;
die Zubrones, was der polnische Name desselben Thieres ist,
und von denen er dieselben Züge erzählt, sollen dagegen
sehr grosse Hörner haben und bleiben desshalb zweifelhaft
zwischen beiden Arten; die ürni, ebenfalls mit grossen Hör-
nern, dürften Bos primigenius sein, es bleibt aber bei der
Magerkeil der Beschreibung zweifelhaft, ob Alb. sie aus gleich-
zeitigen Nachrichten oder nur aus älteren, namentlich Cae-
sar, kannte ; dass er ihnen den deutschen Namen visent gibt und
sie doch von den vesontes unterscheidet^ zeigt, wie er aus
Bemerkungen über einige Säugethiere. 129
verschiedenen Quellen schöpfte, ohne viel an ihre Vereini-
gung zu denken, und dem Leser bleibt der Gesammteindruck,
dass schon damals nur die östlichen Grenzgebiete Deutsch-
lands jene wilden Thiere beherbergten, Albertus also wohl
mancherlei Nachrichten von ihnen halle, ohne sie doch
eigentlich näher zu kennen.
Mehrere deutsche Thiernamen kommen vielleicht zum
ersten Mal bei unserm Albertus vor, so neben der eben er-
wähnten Gemse (genezon , lib. II, tract. II), Hamster (hame-
ster), Ziesel (zizel), Dachs (daxus) , Hermelin (erminium,
woher stammt der Name eigentlich? er klingt nicht wie ur-
sprünglich deutsch)^, Iltis (illibenzus) , Ratte (ratus) , Marder
(Martarus). Der Name Rangifer tritt hier auch zum ersten Male
für das Rennthier auf, und es fragt sich, ob Albertus Magnus
hier in der Etymologie „quasi ramifer**, (Olaus Magnus, Bi-
schof zu üpsala 1530, wiederholt dieselbe und gibt dazu
eine neue) glücklicher ist, als bei equus („dicuntur ab ae-
qualitate") und vulpes (»quasi valipes"), Ableitungen der alten
Klassiker würdig, zu einer Zeit, wo man noch keinen Be-
griff von stammverwandten Wörtern und Lautverschiebung
hatte.
Das Rennthier ist übrigens noch bei Albertus ein ziem-
lich abenteuerliches Thier, mit drei Paar Hörnern, eines da,
wo die Hörner des Hirsches (ist an sich richtig), das mitt-
lere Paar breit, wie das Geweih des Damhirsches (die Ver-
gleichung ist richtig, aber es handelt sich um dasselbe Paar),
endlich auf der Stirne ein Paar nach vorn gekehrte (sind
offenbar die ersten Aeste, die s. g. Eisspriessel, woraus der
grosse Olaus in der Verdrehung mit dem grossen Albertus
wetteifernd, ein mittleres (unpaares) Hörn machte. Es lebt
in nördlichen Gegenden, namentlich in Norwegen (Novergia)
und Schweden (Suevia , was aber eigentlich Schwaben be-
zeichnet, doch in diesem Zusammenhang nicht bedeuten kann) ;
auch hier stimmen also seine Angaben mit der jetzigen Ver-
breitung und nicht mit den Sagen des hercynischen Waldes.
Wie wenig Albertus das Thier kannte, zeigt sich wieder
darin, dass es noch einmal , nach den Angaben bei Plinius
VIII, 52 vorkommt, wobei aber dessen Namen Tarandus in
Pyradum umgewandelt ist, und zum dritten Male wohl den
Archiv f. NMiirgesch. XXIV. Jahrg. l Od, Q
130 V. Marlens:
Worten lib. 11, tract. I, cap. 2 zu Grunde liegt: et quidam
domeslicant eum (equicervum das Elennlhier) apud nos (!) et
equitanl eum uno die tanlum quantüm equitari polest equus
in tribus diebus. Ueilen auf Rennthieren wird aurh sonst
hie und da bei alleren Schriflstellern erwähnt, ist aber wohl
immer nur Missverständniss für Fahren , einer Zeit entspre-
chend, wo im Gegensatz zur jetzigen, Reiten eine viel all-
gemeinere Art zu reisen war als Fahren.
Der Vielfrass, Genosse des Elennthiers in Schweden und
den Ostseeprovinzen, wird bei Alb. vermisst, was auch ge-
gen eine frühere Verbreitung in Deutschland spricht, noch
viel weniger kennt er den Eisfuchs, aber der Ruf des Eis-
bären ist bis zu ihm gedrungen, denn er sagt im Artikel ur-
sus: est autem aqualicus et agrestis, sed aquaticus est albus
et venatur sub aqua, sicut luter (Fischotter) et castor. Es
ist dieses wohl die erste Erwähnung dieses gewaltigen Thie-
res , indem die einzige Angabe bei Athenaeus von einem
grossen weissen Bären , den Ptolemäus Phiiadelphus besass,
doch gar zu unbestimmt ist.
In den 1 16 erwähnten Arten von Landsäugethieren las-
sen sich mit mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit folgende
76 Arten der jetzigen Wissenschaft herausfinden , wobei ich
mit Uebergehung des minder Wesentlichen die charakteri-
stischeren Kennzeichen und Züge in Albertus eigenen Wor-
ten beisetze.
Quadrumana.
Semnopithecus enlellus L. Simiae Indicae tolo corpore
candidae.
Cercopithecus sp. Mammonetus, animal minus quam simia;
Caput rolundum;, facies homini similior quam simiis; cauda
longa etvillosa; fuscum in dorso, candidum in venire; ligatur
non in coUo, quia hoc aequo crassum ac caput (sondern um
die Lenden, wie noch heut zu Tage die Meerkatzen); simiis
viribus impar, audaciapraevalet; nascitur in Oriente, bene vi-
vit in nostris climatibus. Der Name dürfte mit dem späteren
Maimon, vielleicht auch mit Monkey zusammenhängen. Nach
Nemnich's Polyglottenlexicon heisst der Affe in der Sprache
der Albaneser maimuni , illyrisch maimun , walacltisch mal-
Bemerkungen über einige Säugethiere. 101
muki, ungarisch majom, in der Langue d'Oc mounino ; in
einem venezianischen Volkslied figuriren galli inaimoni (Meer-
katzen) , es scheint sich also um ein weitverbreitetes Wort
zu handeln, wie bei kabi, Affe, y.i^nog,
Inuus sylvanus L. ? Simiae genus quod frequentius in-
venitur etc., est autem animal dolosum et malorum motuum.
Noch zwei Affenarten werden aufgeführt mit speziellen
Kennzeichen, die ich nicht zu deuten vermag.
Insecti vora.
Erinaceus Europaeus L. Hericius vel herinaceus (er-
sleres Uebergang des lat. Namens in den ital. Riccio, den
span. erizo und franz. herisson) und Cyragrillus QxotgoyQvX-
Xog, d. h. Schweinferkel bei Suidas).
Sorex vulgaris L.? Migale (/nvyaXfj nach Aristoteles
hisl. an. VIII, 24 u. a.) , ferner als eine Art Maus : et est
genus (murium) rubeum brevi cauda, acutae vocis, quod pro-
prie sorex vocatur et est venejdosum et ideo non capitur a
musionibus (Katzen). Alb. Magnus ist wohl der erste, der
das Wort Sorex auf die Spitzmaus anwandte , denn in den
Schriften der Alten kenne ich nichts, was eine solche Deu-
tung dieses Namens rechtfertigt und sein Fortleben in den
neueren Sprachen (ital. Sorze, franz. Souris) spricht dagegen.
Sorex araneus Schreb.? Guesseles vel roserulae vo-
canlur niures quidam, quorum stercus et pellis habent musci
odorem; est in dorso fulvus (dunkelbraun?), in venire albus,
in pratis babitat et super vivos et aliquando in domibus?
Der Name scheint auf das russische wychuchol (Mygale)
zu deuten, über das Vaterland wird so wenig wie beim Eis-
bär etwas gesagt, desshalb muss es übrigens noch nicht noth-
wendig ein einheimisches Thier sein.
Talpa Europaea L. Talpa.
Carnivora.
Ursus arclos L. ürsus, animal nolum, fortitudinem ha-
bet in brachiis. Sunt apud nos nigri et fusci coloris. Erste
Erwähnung des später vielbesprochenen Unterschiedes der
braunen und schwarzen Bären.
Ursus maritimus L. Ursus albus aquaticus.
Meles taxus Fall. Daxus, animal pingue valde; caput
132 V. M&rtens:
in medio nigrum , in laleribus album etc. Die erste klare
Beschreibung des Dachses, ohne den sehr zweifelhaften tqo-
/OQ des Aristoteles (gener. an. III, 6) und den etwas siche-
reren Meles des Plinius (VIII, 58) zu nennen. Wahrschein-
lich war schon damals jenes Wort in den romanischen Spra-
chen untergegangen und durch das deutsche ersetzt, wie heut
zu Tage noch im ital. tasso und span. tejon oder tasugo.
Woher kommt aber das franz. blaireau und das engl, badger?
Mustela martes L. Martari genus, abietum dictum,
multo pulcherius.
Mustela foina L. Martari genus, fagorum dictum. Nach
Älb. commiscentur sibi mutuo ambo genera. Der Name Mar-
tes kommt im Alterthum nur bei Martial vor, welcher bekannt-
lich selbst zugibt, öfters gallische Wörter zu gebrauchen.
(IV, 55 cit. Brandes, Kellen und Germanen p. 279).
Mustela putorius L. Aliud animal quod ankatinos Graeci
vocant, Avicenna kalim, Gallice fissan, Germanici illibenzum
vocant; est apud nos, pullos comedens , habilat in domi-
bus. Die Namen scheinen alle entstellt, im Deutschen lässt
sich litis erkennen, beim Griechischen möchte man an ixiig
denken.
Mustela furo L. Furo vel furunculus (also von furo,
Dieb, abgeleitet). Gallici furetrum dicunt (heut zu Tage fü-
ret, woher das deutsche Frett), an. parvum , majus mustela,
inter album et croceum habens colorem, cuniculos ex antris
expellens.
Mustela erminea L. Erminium, quod quidam erinebi-
num vocant, hyeme candens ad instar nivis, aestate fulvum
sicut Mustelae; in extremo caudae semper nigrum; pellibus
eius decorantur qui in vestitu gloriantur. Auch das genus
maius in Artikel Mustela mag hiehergehören.
Mustela vulgaris L. Mustelae genus minus, wovon wei-
ter nichts gesagt wird, aber die eben erwähnten Stellen zei-
gen , dass Alb. unter Mustela speziell die Wiesel versteht,
Putorius dagegen erklärt er ausdrücklich für einen Gattungs-
namen, der Marder und Wiesel umfasse, doch ist dieses Wort
im Französischen (putois) und im Italienischen (puzzola) ge-
genwärtig Specialnamc des Ulis, den Linne daher mit Recht
so nannte.
Bemerkungen über einige Säugethiare. |93
Lutra vulgaris Slew. Luter, an. noluin , piscibus vi-
vit etc.
Herpestes Ichneumon L. Neomon (arabisch nems), nach
Plin. VIII, 3(3.
Viverra genella L. Genocha , paulo minor vulpecula;
color inter nigrum et croceum , maculis nigris; super rivos
vicluin quaerit ; mansuela est, nisi lacessilur. Wahrschein-
lich nach Isidor von Sevilla, da die Alten sie nicht erwäh-
nen. Der Name ist spanisch (gineta). Auffallend ist, dass die
Zibethkalze nicht erwähnt wird.
Canis lupus L. Lupus, an. notum, ferox et dolosum etc.
Canis aureus L. Papio, circa Caesarcam urbem Syriae
abundans, parum vulpibus malus; ululant uno praeeunte;
quasi compositum ex lupo et vulpe; cadavera hominum de-
vorat. Wie Alb. zu den Namen kommt, der später den Pa-
vianen eigen wurde, weiss ich nicht.
Canis familiaris L. Canis. Von Hunderassen erwähnt
Albertus :
Leverarii, capite longo, piano, auriculis acutis retrorsum
versis, iliis strictis, qui raro aut nunquam latrant , und die
nach lib. VIH, tract. I, cap. 1 auch veltres genannt werden.
Es sind offenbar unsere Windhunde, der Name ist das fran-
zösische levrier, von lievre, Hase; das allfranzösische veltre
soll celtisch sein und dasselbe Wort mit veltragus oder ver-
tagus. Dieses bezeichnet bei den späteren Römern einen
schnellfüssigen, hasenjagenden Hund, und wurde daher von
Linne sehr mit Unrecht auf das Gegentheil des Windspieles,
den Dachshund, angewendet.
Canes venatici non leverarii, auribus magnis depen-
dentibus, labro superiore longe dependente. Jagdhund, C. f.
sagax L , chien courant bei ßuffon.
Canes qui ad aves valent, perdices circueunt. Hühner-
hunde, C. f. avicularius L., C. f. index Smilh.
Canes qui mastini vocanlur , lupis similes , von denen
es in lib.VIll, tract. I, cap. 1 heisst, dass sie die Schafheer-
den bewachen und die Wölfe verfolgen, Schäferhunde, C. f.
domesticus L. , chien de berger Buff. Maslinus ist offen-
bar dasselbe Wort mit dem franz. mätin und engl, mastiff,
die jetzt aber grössere und stärkere Rassen bezeichnen; es
134 V. Märten s:
ist nach Brandes ebenfalls cellisch. Auffallend ist das Feh-
len der Pudel, welche auch die Alten nicht gekannt haben.
Dagegen erscheinen als besondere Artikel noch der Molosus,
der als furchtbares , gewalliges Thier geschildert wird , bis
die Beschreibung damit aufhört, er fürchte sich vor den
Schlägen der Kinder. Der Name bezieht sich ursprünglich
auf die Herkunft aus Nordgriechenland, bezeichnet also wohl
bei den Alten (z. B. Virgil georg. 111, 405) den albanesischen
Hund; Linne benutzte ihn für den Bullenbeisser. Linciscus
endlich soll der Bastard von Hund und Wölfin, ein sehr bö-
ses Thier, sein ; der Name, jedenfalls eher von Ivxo;, Wolf,
als von lynx, Luchs, stammend, Eigenname eines Hundes bei
alten Schriftstellern, z. B. Ovid metamorph. III, 220, ist wohl
von Albertus missverstanden.
Canis vulpes L. Vulpes. Hier figuriren die bekannten
Geschichten , wie er die Flöhe los wird , auf Autorität des
schon erwähnten Jorach , ferner wie er den Dachs aus sei-
ner Höhle treibt und sich todt stellt, um Vögel zu fangen.
Auflfallend ist, dass Alb. lib. VllI, tract. II, cap. 2 das Thier
galian für den Fuchs erklärt, welches er im zwei- und zwan-
zigsten Buch als eigenes , in Höhlen lebendes , Mäuse und
Schlangen fressendes Thier schildert. Der Name erinnert an
das griechische y«A^, Wiesel.
Canis piclus Tem.? Lauzani, ein sehr wildes Thier,
das alle Thiere und namentlich Raubthiere verfolge, selbst
den Löwen in Schrecken setze, den Menschen vor allen hasse,
aber Seinesgleichen verschone. Der erste Zug erinnert leb-
haft an die vom Capuciner Zucchclli geschilderten Mebbie
in Congo, welche schaarenweisc erscheinen und alle Raub-
thiere vertilgen sollen; Oken hält diese für den Hyänenhund;
auch Thunberg erzählt von letzterem, dass er rudelweise reis-
sende Thiere jage. Der Name klingt übrigens wenig orien-
talisch und erinnert von ferne an den Luchs; im Litthaui-
schen soll ein ähnlicher Name für ein vom Luchse verschie-
denes fabelhaftes Thier noch im Munde des Volkes leben.
Hyaena striata Zimmerm. lona, Lacta und Zillius. In
allen drei Artikeln wird als charakteristisch erwähnt, dass sie
Menschenleichon fresse , im ersten und dritten auch die alte
Sage, dass sie Menschen und Hunde durch Nachahmung ihrer
Bemerkungen über einige Säugethiere. 133
Stimme an sich locke, um sie dann aufzufressen. Der Ar-
tikel Jona (=Hyaena) scheint hauptsächlich aus den Allen
geschöpft, der Name Zillius erinnert an den neug-riechischen
des Schakals, skilachi, vom alten oxrAa"^, junger Hund; noch
näher liegt die Form oxvXiov^ welche aber die Alten nur für
Haifische (Scyllium canicula und catulus) anwenden.
Felis leo L. Leo. Alb. unterscheidet dreierlei Löwen:
breves et niullum hirsuli in collo et hi sunt imbecilles; gra-
ciles, de leopardis quasi compositi et hi sunt timidi; et sunt
longi et hi sunt fortcs. Hienach lassen sie sich wohl schwer-
lich eintheilen.
Felis tigris L. Tigris. Die Worte nigri coloris, fulvis
virgulis quasi undati zeigen, dass Alb. den ächten Tiger meint.
Die Yaterlandsangabe Hyrcanien (am südlichen Ufer des kas-
pischen Meeres) und die Erzählung vom Fange der Jungen
weisen auf Plinius VIII, 25 zurück.
Felis pardus L. Leopardus, Pardus , Panthera. Hier
herrscht grosse Unklarheit; dass Panthera hiehergehört, zei-
gen die Worte maculositas orbiculata, ebenso für Leopardus
„rufus est nigris niaculis interpositis." Von diesem sagt Alb.
leopardum quidam eandem specie bestiam vocant cum pardo,
licet diversa sit et consimilis, quia leopardus componitur ex
leaena et pardo (Reminiscenz an Julius Capitolinus, der ihn
zum Bastard von Beiden macht, Alb. scheint nur eincAehn-
lichkeit ausdrücken zu wollen). Vom Pardus selbst erfährt
man nur, dass er häufig in Afrika sei, Vögel fange und der
panthera ähnlich sei; es bleibt nichts übrig, als ihn für das-
selbe Thier zu nehmen und den Umstand, dass er besonders
aufgeführt wird , auf Rechnung des Schöpfens aus verschie-
denen Quellen zu bringen. Der nägöaXtg des Aristoteles
mit seinen Mährchen von dem Kraut Pardalianches und vom
stercus humanum wird hier und lib. VIII, tract. 2 (zu ferda-
lia entstellt und selbst zu vehed in lib. II, tract. I, cap. 4)
nicht mit pardus, sondern mit leopardus identifizirt und für
den Leoparden als weitere Autorität Avicenna angeführt, der
ihn von Wölfen verfolgt werden lässt, vielleicht falsche Deu-
tung der Beobachtung, dass sich Schakale sammeln, um seine
Beute zu theilen. Wenn endlich von zahmen Leoparden die
136 V. Märten s:
Rede ist, welche wilde Thiere jagen, aber nicht weit ver-
folgen, so ist damit wohl die folgende Art gemeint:
Felis jubata Erxleben. Alphec arabice, gallice et ger-
manice leuncia , natum ex leone et leopardo (!) , aliquando
domeslicalur ad venandum. Aus dem Worte leuncia, das bei
Alb. also den Jagdpanlher bezeichnet, ist später Unze ge-
worden; Buffons once, Felis uncia Erxleben ist der Irbis von
Ehrenberg, Linne hat gar diesen Namen als F. onca auf den
amerikanischen Jaguar, Schreber auf den Ozelot übertragen.
Felis catus L. Musio agrestis ; s. die folgende.
Felis domestica Briss. Musio (Mauser) est animal no-
tum, quod murilegum quidam, alii catum a capiendo vel astu-
tia vocant; mures laedit, quos carbunculosis oculis nocte con-
templatur et in anIris tenebrosis conspicil. Tempore luxu-
riae quacrit solitudinem et ideo sylvestris tunc efficitur, quasi
verccundelur. Munditiem diligit et ideo lambendo pedes prio-
res loluram imitatur faciei, totum etiara pcllem lambendo com-
planat. Gaudel hoc animal leniter tractari manibus hominum
et lusivum est praecipue in iuventute et formam suam in spe-
culo aspiciens ludit ad eam. Loca consueta diligit; auribus
abscissis facilius domi tenetur. Est autem agrestis et dome-
sticus ; et omnis agrestis grisei est coloris, domesticus autem
diversorum est colorum. Granones (Grannen = Barihaare)
habet circa os, quibus abscissis perdit audaciam. In derThat
eine hübsche Schilderung der Katze. Unter dem Artikel Cat-
lus dagegen erfährt man nicht viel und unter Felis, oder wie
Alb. schreibt, Fela nur einen Auszug aus Plinius, wonach das
Thier in Höhlen leben soll ; „stercus humo operit« spricht für
die Katze.
Felis lynx L. Linx, animal notum, perspicax oculis, in
collo varium fere omnis coloris, hycme hirsutum, aestato quasi
nudum. Letzteres ist eine arge Uebertreibung. Warum er
nur am Hals buntfarbig genannt wird , ist auch nicht klar,
man sieht, der Luchs war dem Verf. nicht so sehr bekannt. Zum
zweitenmal wird er aufgeführt als Chama, qui et rufinus vo-
catur, in Aethiopia, lupi figura, maculis albis; ludis apta, of-
fenbar nach Plinius VllI, 28, wo in unsern Ausgaben die Na-
men chaus und rhaphius lauten, und als Vaterland ausdrück-
lich Gallien genannt ist Aethiopien bat sich aus Plinius
Bemerkungen über einige Säugethiere. 137
VIII, 30 eingeschlichen, wo von Lynces und Sphingcs die
Rede und vermulhlich Felis caracal , chaus oder caligata ge-
meint ist.
Phoca rnonachus Herrn. Heicus est vilulus marinus elc.
(lib. XXIV) hauptsächlich nach den Angaben der Alten; der
Name unklar.
Foca , animal fortissimum , foeminas suas interficit elc.
ebenfalls unklar (lib. XXIV}.
Rosores.
Sciurus vulgaris L. Pirolus , alio nomine spiriolus, in
Germania rubeum antiquum animal, nigrum primo anno, in
Polonia ruborem miscel e griseo, inTusciae parte totum gri-
seum. A vario non differt nisi secundum locum.
Varius, ut iam diximus ante, de genere piroli, in ventre
alba, in dorso grisei sive cinerei et delectabilis coloris. Al-
bertus kennt also die verschiedenen Farbenvarietäten , und
das häufigere Vorkommen der grauen im Nordosten; unrich-
tig ist, dass die schwarze Jugendkleid ist, und von dem Vor-
kommen der grauen in Toscana ist mir nichts bekannt. Der
obige Name ist offenbar enistellt aus einem mittelalterlichen
Wort, das dem englischen Squirrel, dem französischen Ecu-
rcuil, dem italienischen Schiralo und dem portugiesischen
esquilo entspricht, etwa Squirolus, ein Diminutiv des latein.
Sciurus. Auffallend bleibt, dass Alb. weder diesen klassischen
Namen, obgleich er ihn bei Plin. Vlll, 58 finden konnte, noch
den sonderbaren deutschen Eichhorn nennt, von dem es mir
wahrscheinlich ist, dass er durch Missverständniss aus dem
französischen ecureuil entstanden ist und so als s. g. ver-
bum quasimodogenitum die neue Bedeutung untergelegt er-
hielt; Prof. Jakob Grimm hatte die Freundlichkeit, auf
meine Anfrage diese Vermuthung zu besläligen.
Spermophilus citillus L. Citellus und in Lib. II, Tract. I,
cap. 5 mus quidam vocatur apud nos zizel, beidemale durch
Mangel der äusseren Ohren und kaninchenähnliches Haar be-
zeichnet, vgl. oben. Abgesehen von der oberflächlichen Er-
wähnung unseres Thieres bei Aristoteles bist. an. VIII, 17
138 V. Martens:
und IX, 48, auch Plin. VJII, 55 als Mus ponlicus, welche Al-
bertus nicht nennt, ist dieses die erste Charakterisirung des
Ziesels.
Arctomys marniota L. Einptra, ut quidam dicunt, ani-
mal parvulum in Germania; cibos (foenum) congregat in ae-
slate, quibus vivat in hyeme, et hos cibos per cumulos in
terra recondunt. Hoc animal est^ quod murem montanum
quidatn vocant, nee invenitur nisi in niontibus , et est maior
(quam) mus qui visus est in terra nostra. Hier ebenfalls
statt des Mährchens von Plin. VHI, 55 eine unabhängige und
bessere Schilderung des Murmelthiers, nur dient das einge-
tragene Heu nicht zur Naiirung, sondern als Streu. Wohl
die erste Erwähnung des Namens mus montanus oder ital.
Mure montano, woraus marmota geworden sein soll. Woher
Alb. das Wort Emptra hat, ist räthselhaft. Pallas hat spä-
ter dasselbe gräcisirt (empetra, sfxnexQO!; auf Felsen) einem
nordamerikanischen Murmelthiere gegeben, das nicht auf
Felsen lebt. Sollte das wirklich die ursprüngliche Bedeu-
tung, das Wort also eine von irgend einem mittelalterlichen
Philologen aufgebrachte Uebersetzung von (mus) montanus
sein?
Myoxus glis L. Glis animal est notum et colore varium,
in dorso griseum, in venire album; Iota hyeme dormit et in
dormiendo (?) pinguescit; ideo versus Boemiam et Carin-
thiam in autumno rustici in sylvis cellaria parant et in his
se collocant illa animalia in numero permaximo et ad esum
hominum colliguntur. Eine Methode, die auch in Italien jetzt
noch im Gebrauch ist. Der Name glis, gliris ist altrömisch
und Stammwort des franz. loir, wie des ital. ghiro und des
span. liron.
Myoxus quercinus L. (nitela Schreb.). Et est genus
muris in arboribus habitans, fuscum, nigris in facie raaculis.
Der Namen nitela (Plin. VIII, 82) oder nitedula (Horat. satyr.
I, 7, 29) kennt Alb. nicht , auch scheint er sich in keiner
Sprache erhalten zu haben.
Myoxus avellanarius L. Et est genus muris corilinum
(von corylus, Haselstaude), quod comedit avellanas, et hoc
est rubeum cauda viliosa. Erste Erwähnung der Haselmaus.
Bemerkungen über einige Säugelhiere. 139
Cricelus frumenlarius Fall. Cricetus, ut dicunt quidam,
in terra habitat; capite vario, dorso rubeo; hoc est animal,
quod nos haniester germnnice vocainus. Erste Erwähnung
des Thieres , seines wendischen (krielsch) und deutschen
Namens.
Mus rattus L. Est aiitem magnuni (genns muris) quod
nos ratlum vocamus. Erste Erwähnung der Ratte , die den
Alten noch unbekannt blieb.
Mus niuscutus L. Muris genus domesticum, in horreis
et in domibus habitans, et est nigrum et parvulum.
Mus agrarius Pall. Animal (e genere muris) agreste in
agris in terra habitans et est duorum colorum, rubrum et
nigrum. Auffallend, dass diese Art, woran die Erwähnung
der schwarzen Farbe nicht zweifeln lässt, und nicht M. syl-
vaticus als erste Art der Mäuse genannt wird. Nach Bla-
sius kommt M. agrarius in Franken vor. Alb. spricht noch
von vielen anderen Arten , ohne sie näher zu charakterisi-
ren, man kann sich also darunter verschiedene Feldmäuse
denken.
Arvicola amphibius L. ?? Mus marinus, exit de aqua,
im vierundzwanzigsten Buch unter den Wasserthieren.
Castor fiber L. Castor, pedibus anserinis ; dentibus de-
iicit satis mensuratae quantitatis arbores et casas construil
in ripis aquae bicameratas vel trioameratas, ut crescente aqua
ascendat vel descendat. Caro abominabilis. Wiederum eine
bessere Beschreibung statt des albernen, durch den Namen
begünstigten Mährchens der Alten (castor a castrando), das
Alb. ausdrücklich verwirft, aber leider keine spezielle An-
gabe über Vorkommen und Häufigkeit; er mag die Spuren
seines Gebisses selbst am Ufer der Donau beobachtet haben.
Hystrix cristala L. Islrix est animal, quod vulgariter
porcus spinosus vocatur; iuxta marina habitat et aliquando
in montibus. Latet aestale, procedit hyeme e contrario muitis
animalibus. Während Plin. dieses Thier nur als ausländisch
und mit griechischem Namen kennt, deutet die Erwähnung
des italienischen, noch jetzt üblichen Namens porco spin (wo-
her porc^epic, Stachelschwein) und das nicht den Alten ent-
lehnte Detail darauf, dass dieses Thier damals schon in Ita»
140 V. Marteus:
lien lebte. Leider gibt er keinen nähern Aufschluss, sowenig
als der alte Claudlan, der doch ein eigenes Gedicht von 48
Zeilen über dieses Thier schrieb. Die Zeitbestimmung des
Winterschlafs, unserem Verfasser selbst auffallig, und den
Angaben der Alten (Aristot. bist. an. VI, 30) und Neuen wi-
dersprechend, könnte auf Missverständniss beruhen.
Lepus timidus L. Lepus notum est animal, celerilate
ingens, monlem melius scandit quam descendit etc.
Lepus variabilis Fall. Lepores in terris valde frigidis
albi sunt, sicut in alpibus; in aliis quidam albescunt hyeme.
Dass die Hasen auf den Alpen im Winter weiss werden, weiss
schon Plin. VllI, 81 ; falls aber unter den sehr kalten Län-
dern nordische zu verstehen sind , das sicut also sowie und
nicht z. B. bedeutet, wofür andere Stellen sprechen, so fin-
det sich hier die erste Erwähnung der nordischen veränder-
lichen Hasen. Ein Missverständniss aber und nicht einmal
durch Plinius zu entschuldigen, ist es, ihnen die weisswer-
denden entgegenzusetzen, denn vom hochnordischen L. gla-
cialis wusste Alb. wohl noch nichts.
Lepus cuniculus L. Cuniculus animal minus lepore, sed
fortius (?); in anIris habitat, vineis est infestum. Cuniculus
ist bekanntlich schon sein Name bei den Römern (Varro,
Plin.), woraus unser deutsches Kaninchen und das italienische
coniglio, span. cone jo, portug. coelho, während das franzö-
sische lapin auf lepus zurückweist.
Pachyderma.
Elephas (Indicus). Elephas.
^ „ ) Nur verworrene Andeu-
Rhinoceros Indicus Cuv.? ( . ,. ^. . ^
^ ^> tungen dieses Thiers fin-
Afncanus Cuv. ?L , . , . . * .m i
) den sich in den Artikeln :
Monoceronem vocant animal ex multis compositum,
equino corpore, elephantinis pedlbus^ capite cervino, in media
fronte cornu gestans longitudinis 4 pedum ; vix vivum in ho-
minum poteslatem venit; vinei cnim se videns occidit furore
se ipsum.
Bemerkungen über einige Säugethiere. 141
Unicornis animal, quod Pompeius ludis Romae exhibe-
bat (nach Plinius VIfl, 29).
Eale Solinus dicit besliam esse ut equus, colore nigro,
maxilla ut aper, cornua longiora quam cubilus quae non ri-
gent, sed moventur a radicibus, was auch später von Manchen
beim Rhinoceros behauptet wurde (Plin. VIII, 30).
Hippopotamus amphibius L. Auch hierüber sind Alb.
Angaben unklar, und zwar finden sie sich in Lib.XXIV un-
ter den Wasserlhieren:
Equus Nili , animal de genere et natura crocodili (!).
Unter demselben Namen in Lib. II, tract. I, cap. 4 erwähnt.
Equus fluviafilis (Lib. XXIV) ist offenbar dasselbe.
Hipodromus (ibid.) mit längerer Beschreibung, nach
Plinius VIII, 39.
Sus scrofa L. Aper sylvestris et domesticus. Alb. be-
hauptet, dass es zuweilen auch gehörnte Eber gebe.
Equus caballus L. Equus. Sehr vieles über die Krank-
heilen des Pferdes.
Equus asinus L. Asinus, animal notum, lurpe. Onager
sive Asinus sylvestris nach den Angaben der Allen.
R u m i n a n t i a.
^ , , . . r i Camelus, quidam unum, qui-
Camelus dromedarius L. f , , ., , , . ,
^ . ^ > dam duos gibbos habent
Baclrianus L. V r -l .. .
) (Lib. II, tract. I, cap. 2).
Moschus moschifer L. Musquelibet, animal Orientis,
magnitudine capriolae. Der Drüsensack wird als Geschwür
(aposlema), das Sekret als Eiler oder Jauche (sanies) aufge-
fasst, als Autorität ein gewisser Platearius angeführt.
Cervus alces L. Equicervus, schon oben erörtert.
Alches nach Solin (und Plin. VIII, 16)
Aloi nach Caes. VI, 2(5 u. Plin. ibid.
Cervus larandus L. Rangifcr. 1
Pyradum nach Plin. [ebenfalls schon
Equicervus z. Th. [ob. besprochen
lib. II, tract. I, c. 2
142 V. Martens:
Cervus elaphus L. Cervus, aniinal notum.
Corvus (lama L. Damrna, magniludino capriae; cornua
plana. Der Zusalz: arabice vocatur agazel betrifft aber die
Gazelle, Antilope dorcas.
Cervus capreolus L. Capriolus, cornibus specie cervi;
vocenn venalor imitatur sibilo folii, etc.
Camelopardalis giraffa L. Anabula , arabice et italice
seraph. (Plin. VIII, 27 nennt sie nabun). Camelopardalis Ae-
thiopum. Oraflus, arabice scofter! (beides wohl Verstüm-
melung von Giraffe); nirgends deutlich beschrieben.
Antilope dorcas L. Agazel s. dama.
? Calopus, an. juxta Euphraten.
Antilope picta Fall. Equicervus est duorum generum,
Solinus dicit esse animal Orientis et Graeciae, jubatum etc.
Dieses hat Solin wieder aus Aristoteles bist. an. II, 1. Dass
er in Griechenland vorkomme, ist Missverständniss; Aristote-
les sagt £v 'AQa/coTaig, das ist das heutige Kandahar in Af-
ganistan. Dieselbe Stelle , von Plinius VIII, 50 entstellt und
Hippelaphus in Tragelaphus umgewandelt, wie Schneider (Eclo-
gae physicaell, p. 18) vermuthet, liegt dem Tragefalus (sie!)
des Albertus zu Grunde; Plinius lässt ihn aber am Phasis
wohnen und Alb. entstellt dieses wiederum zu regio quae
Falsida vocalur; ferner scheint er nur aus der Aehnlichkeil
mit dem Hirsch, die bei Plinius im Allgemeinen, bei Aristo-
teles nur in Bezug auf die Grösse erwähnt ist, „Cornua ra-
mosa«* erschlossen zu haben. Die V\^orte Peclus villosum
(bei Plinius arnii, bei Aristoteles akromia) verleitete wieder
Spätere, den Namen auf das wilde Schaf des Alias zu über-
tragen.
Capeila rupicapra L. Capra monlana sylvestris, quae
apud linguam nostram genezon vocantur, habent cornua sicut
uncus. Abgesehen von Aelians y.f/nug die erste Erwähnung
des Namens Gemse, der im ital. camozza, im franz. chamois
und im span. cainurga wiederkehrt.
Capra ibex L. Ibex, genus capri, in alpibus Aleman-
niae abundans (jetzt nicht mehr), vastis valde cornibus, ila
ut cadens de rupibus totum corpus cornibus excipiat (altes
Bemerkungen über einige Säugethiere. 143
Jägermährchen). Cum uUerius scandere ante venatorem non
valet, aliquando redit et venalorum deiicere nititiir, sed pe-
rilus venator cruribus divaricalis dorso eius insilit et cornua
manibus appreljendit et sie aliquando de ruplbus dcpositus
evadit (ist ein kühnes Voltigirstückchen). Der Name Stein-
bock scheint alt zu sein, i-bex ist vielleicht dasselbe Wort
lalinisirt, wie das heutige italienische stambecco; das fran-
zösische bouquetin, noch bei ßelon bouc-eslain geschrieben,
ist dasselbe umgesetzt, rupicapra vielleicht eine Ueberselzung
davon.
Capra hircus. Caper et capra, nola animalia, in mon-
lanis magis pascuis valent etc.
Ovis aries L. Ovis an. notuni.
Bos taurus. Bos communis.
Taurus, an. notum.
Bos urus s. primigenius. Urni
— bison L. Vesontes
?Zubrones f oben be-
?Durau [ sprochen.
Bonachus (nach
Solin)
Bos bubalus L. Bubalus, animal nigrum ; cornua parva.
Circulo posilo in naribus circumfert(ur) et trahit ad vices
duorum equorum pondera und Hb. II, Iract. I, cap. 3 animal,
quod in Romana lingua et noslra bufletus vocatur; iratus
mergit so in aqua usque ad os; das Ihut er wohl weniger
aus Zorn, als um sich abzukühlen. Hier bezeichnet also das
Wort bubalus wie bei Paulus Diaconus mit Bestimmtheit das
noch so genannte Thier, das unterdessen (zur Longobarden-
zeit) in Italien eingeführt worden war*"), während die Alten
damit sehr wahrscheinlich eine Antilope (A. bubalis L. ?)
bezeichneten , wie aus der Zusammenstellung mit Reh und
Gazelle bei Aristoteles (bist. an. 111, 6 und de part. an. 111,2)
und aus der Heimalsangabe in Nordafrika (Herodot. iV, 192.
Plin. VllI, 15) sich ergibt.
*) Auch bei Avicenna (anim. IIb. III.) bezeichnet bufalus den
lahmen Büffel, da von der Milch die Rede ist.
I4i Y. Martens: Bemerkungen über einige Säugethiere.
ßos grunniens Fall.? Enchiros, animal Orientis magni-
ludine tauri; longi erines descendentes ad duas spalularuin
(scapularum) partes, molliores plus equinis. Color nigricans.
Pili in aliis meinbris lanae assiniilanlur. Cornua ad interius
flexa. Vox tauri. Cauda brevis respectu corporis. Die zwei
letzteren Angaben passen allerdings gar nicht auf Bos grun-
niens , aber docii kann ich der vvollenähnlichen Haare und
der Heimath im Orient wegen mich nicht entschliessen, dieses
Thier räthselhaften Namens für einen vierten Doppelgänger
des Wisent zu nehmen.
Eine Anzahl ganz zweifelhafter Thiere ist hier übergan-
gen. Unter denselben dürften das Marintomorion und Man-
ticora, an Avicenna's boritus (animal. lib. I, fol.3) und Man-
tichora des Ctesias (Plin. VIH, 30) sich anlehnend, mit drei
Zahnreihen, Stachelschwanz und abenteuerlichen Stimmen, auf
poetischen Beschreibungen oder vielmehr Umschreibungen
des Löwen beruhen. An derselben Stelle beschreibt Avi-
cenna (f 1036) den Tiger deutlich unter dem Namen alba-
bar, was Brandt in seiner Literaturgeschichte dieses Thiers
(Mem. ac. Pelersb. VIH, 1856) nicht erwähnt.
lieber einigte Velutiiia- Arten.
Von
Dr. Eduard v. ]flartens»
Hierzu Taf IV. Fig. 1-3.
Das Zoolügische Museum zu Berlin besitzt vier Arten
der Schneckengattung Velulina, von denen drei eine nähere
Besprechung verdienen dürften.
0 In den Nov. Acta Acadein. imp. scient. Petropoli-
lanae Band II. für das Jahr 1784, aber erst 1788 erschie-
nen, hat Pallas neben anderen Meerthieren eine Helix co-
riacea von den kurilischen Inseln beschrieben und Taf. 7.
Fig. 31— 33 abgebildet, welche seitdem, wie es scheint, nicht
wieder gefunden wurde und daher von den systematischen
Schriftstellern Iheils übergangen, Iheils (z. B. Gmelin) nur
mit den Worten des Entdeckers angeführt wurde. Selbst in
Petersburg ist sie nicht vorhanden, wie v. Middendorf in
seinen Beiträgen zur Malacozoologia Rossica II, p. 106 (Mem.
d. 1. soc. imp. d. sciences d. St. Petersbourg, Vi. Serie, tom.
VI, 1849) bezeugt, derselbe beschreibt sie daher auch nur
nach Pallas, vergleicht sie aber richtig mit den Velutinen
und führt sie als solche, Velutina coriacea^ auf. Im Königl.
zoologischen Museum zu Berlin findet sich nun seit lange und
nach des verstorbenen Direktors, Prof. Lichtenstein, münd-
licher Mitliieilung aus den Händen von Pallas selbst stam-
mend, übrigens ohne Fundortsangabe und nur mit einem hier
lieber nicht zu erwähnenden Gattungsnamen bezeichnet, eine
Schale, welche zu der Beschreibung der Hei. coriacea voll-
ständig passt und daher wohl als das Originalexemplar der-
selben zu betrachten ist. S. Taf. IV. Fig. 1.
Dieselbe hat die Gestalt einer kolossalen Velutina , wie
Archiv f. Naturgesch. XXI V. Jahrg. 1- Bd. {Q
146 V. Martens:
die beigefügte Abbildung zeigt, oder, wenn man nur auf den
Umriss sieht, diejenige der Concholepas, denn das Gewinde
ist sehr klein und liegt tiefer als der obere Rand der Mund-
öffnung, so dass es in einer Seitenansicht gar nicht sichtbar
wird. Die ganze Schale besieht nur aus Vj^, Windungen,
der Durchmesser der vorletzten (von der Anheftung des
obern Mündungsrandes an gemessen) beträgt nur 5 Millimeter
und verhält sich zu dem der folgenden wie I : 10. Die senk-
recht-ovale Mündung nimmt den grössten Theil der Schale
ein, ihr Rand ist scharf und gerade, der Columellarrand biegt
sich a(n der Stelle A^s Gewindes etwas um, ohne sich dicht
an dasselbe anzulegen und springt unterhalb desselben in
einem schwach convexen Bogen vor. Das Eigenthümlichste
ist aber die Consistenz der Schale, die erste und die obere
Hälfte der zweiten Windung zeigen eine kalkige feste Grund-
lage mit unregelmässigen Anwachsstreifen und etwas stär-
keren, breiten, rundrückigen, ungleichmässigen Spiralslreifen;
diese wird bedeckt von einer durchscheinenden, hellbrau-
nen, etwa % Millimeter dicken Epidermis, welche die Sculp-
tur durchscheinen lässt und im trockenen Zustande leicht
abspringt, theilweise daher schon verloren gegangen ist. Der
übrige Theil der letzten Windung, über y^ der Schalenfläche,
wird nur von dieser mehr knorpel- als hornartig zu nennen-
den Schichte gebildet, dieselbe hat hier die Dicke eines hal-
ben Millimeters, ist durchscheinend gelbbraun, bei auffallen-
dem Licht kastanienbraun und mit Ausnahme unregelmässigef
schwacher Anwachsstreifen ohne alle Sculptur ; im trockenen
Zustand ist sie spröde, befeuchtet biegsam; beim Trocknen
schrun)pft sie zusammen, so dass sie einestheils sich nach
innen umbiegt und faltig wird (darauf scheinen die Worte
rugis annotinis imbricata bei Pallas sich zu beziehen), an-
drerseits leicht Sprünge und Risse bekommt. Ein solcher
Riss gerade an der Grenze der Kalkschale, welche dem Ein-
schrumpfen Widerstand leistete, verhindert die natürliche Be-
schaffenheit dieser Gränze zu erkennen, sie bildet hier eine
unregeimässig zackige Bruchlinie. Auch der Rand ist viel-
fach durch Risse verletzt und von der bei Pallas erwähn-
ten hirsuties quaedam nichts mehr zu sehen; wo er unver-
letzt ist, schärft er sich zu und ist vielfach wellig, oft wie
lieber einige Velutina-Arten. 147
gefältelt. Ebenso macht der Mangel einer festen Grundlage
ein genaues Messen unmöglich, die Höhe der Mündung und
damit der ganzen Schale lässt sich zu 67 Millimeter, die Breite
der Mündung, durch das Einbiegen am stärksten beeinträch-
tigt, normal zu etwa 45, die der ganzen Schale oder der
grosse Durchmesser zu nahezu 60, der kleine oder die Höhe
der Schale , wenn sie auf der Mündung liegt, zu fast 30 Mil-
limeter annehmen. Die Spitze liegt um 6 Mill. liefer als der
höchste Theil des Mündungsrandes.
Zunächst unserer Art scheint Middendorf's V. cryp-
tospira zu stehen, welche auch cartilagineo-coriacea ist, aber
durch die V/orte spira plane inconspicua und columella inter-
dum canaliculo obsoletissimo submarginata (1. c. p. 106 a) und
durch die grössere Breite (Breite zur Höhe wie 19 : 14, s.
Midd. Reise, wo sie auch abgebildet ist), unterschieden ist;
sie scheint von ähnlicher Consistenz zu sein, soll aber ge-
gen 20 Längs-(Spiral)runzeln auch auf dem biegsamen Theile
zeigen und die sehr dünne Kalkschichte erstreckt sich nach
V. MiddcndorTs Angabe nicht bis auf den letzten Umgang;
der Name rührt daher, dass die sonst sichtbaren V/^ obern
Windungen durch die Epidermis spurlos verhüllt seien, ihre
Dimensionen sind nach dem Alter sehr variabel; setzt man
die Höhe der Schale (gleich der der Mündung) = 100, so
ist bei
Da die zweite Zahl bei V. cryptospira den grösseren Exem-
plaren von erst 14 Mill. Höhe entspricht, und diese auch schon
Sy^ Windungen hat, so ist anzunehmen, dass bei etwaigen
noch grösseren Exemplaren die Unterschiede noch grösser
würden , und also cryptospira nicht als Jugendzustand von
coriacea zu betrachten ist. Die gar zu kurze Beschreibung
des Sigaretus coriaceus Brod. et Sow. (Zoological Journal IV,
1829. S. 371) von Cap Lisbon in Nordwestamerika gibt keinen
wesentlichen Unterschied von unserer Schale. Die Kalklage
der Schale sei so dünn , dass sie gegen die Mündung hin
leicht ganz abspringe , dieses und die Benennung coriaceus
148 V. Märten 8 :
(obgleich die Verfasser mit keinem Wort erwähnen , dass
Pallas diesen Namen schon gebrauchte), machen mir wahr-
scheinlich, dass unsere Art gemeint sei. Die Dimensionen
(»^y2o ^ong., 1 lat. pol!.«) sind viel kleiner, aber in ähnli-
chem Verhällniss, Da derselbe auf der Reise des Captain
Beechy gesammelt wurde , so dürfte er wohl noch im briti-
schen Museum zu finden sein ; die Verfasser geben nur an,
dass er nicht in der Sammlung der zoologischen Gesellschaft
vorhanden sei.
Dagegen stimme ich Hrn. v. Middendorf vollständig
bei, wenn er V. Mülieri Desh. (in Guerin's Magazin zoolo-
gique 1841, Mollusques et Zoophytes pl. 2S) für halioloidea
erklärt; die Figur passt vortrefflich zu einer von Prof. Sars
aus Norwegen stammenden im Berliner Museum, und die in
Reihen gestellten Zotten werden ausdrücklich erwähnt. Sollte
sie wirklich aus Kamtschatka stammen? V. haliotoidea wurde
sonst noch nicht im Gebiet des stillen Oceans gefunden.
Middendorf (1. c.) vermochte in Pallas' Beschrei-
bung keinen specifischen Unterschied von der eben genann-
ten nordeuropäischen Art aufzufinden , setzt aber solche mit
Recht voraus; ein solcher besteht, wie mir die Vergleichung
norwegischer Exemplare zeigt , ausser der verschiedenen
Grösse wesentlich in der Beschaffenheit der Epidermis, wel-
cher die ganze Gattung den Namen verdankt; ich finde bei
V. coriacea an demjenigen Theile der Epidermis, welcher die
Kalkschale bedeckt, wohl einzelne zotlenartige Verlängerun-
gen, aber nicht zahlreich und nicht in Reihen gestellt; an
dem freien biegsamen Theil ist auch von diesen nichts zu
erkennen; ferner hat V. haliotoidea bei einer viel geringeren
Grösse dieselbe oder eine grössere Anzahl von Windungen
(2'/2 — 3; vix 4 sagt Fabricius) , die Kalkschale reicht bei-
nahe bis zur Mündung, und endet hier mit einem verdick-
ten Rand, über welchen sich nur ein schmaler Epidermis-
saum hinauserstreckt ; sie ist unter der Epidermis wie auch
Capulus Hungaricus im frischen Zustand lebhaft rosenroth ge-
färbt. Endlich ist bei V. haliotoidea die Spitze ein wenig
über den letzten Umgang erhaben.
2) Man sieht in Sammlungen nicht selten unter dem
Namen V. capuloides Exemplare mit bedeutend vorstehendem
Ueber einige Velutina-Arten. 149
Gewinde, bei denen sich die Höhe der Mündung zu der der
ganzen Schale = 17 : 24 verhält, während bei der ächten
norwegischen haliotoidea = 17 : 18 bis 19.
Der Winkel an der Spitze des Gehäuses ist bei ihr =
1350; bei V. haliotoidea nahezu gleich zwei Rechten. Damit
hängt zusammen , dass bei dieser fraglichen Form die Mündung
nicht höher als breit und die Mündung selbst einen kleineren
Theil des grossen Diameters (Durchmesser, der letzten Win-
dung in der Mündungsebene) ausmacht. Auch ist die Schale
solider, lebhafter fleischroth und ein deutlicher Nabelrilz vor-
handen. Leider kenne ich bis jetzt weder die Epidermis,
noch das Vaterland dieser Schalen. Schlägt man Blain-
ville's Manuel de malacologie nach, so findet man aller-
dings eine Velutina capuloides, aber nur als neuen Namen
für die oben erwähnte norwegische Art, V. haliotoidea; für
die vorliegende möchte ich daher den Namen F. solida vor-
schlagen. S. Taf. IV. Fig. 2.
3) Eine weitere Art ist unter dem Namen V. Bernardi
von Paris aus verschickt worden, ich weiss aber nicht, ob
und wo näher beschrieben. Dieselbe nähert sich sehr der
früher sogenannten V. olis, welche jetzt als eigenes Genus
Otina von Forbes und Hanley anerkannt, von Pfeiffer
sogar zu den Auriculaceen gestellt wird , unterscheidet sich
aber von ihr durch die Sculptur und ebensoviel in der Höhe.
Die Schale ist durchscheinend , innen glänzend , aussen mit
zahlreichen feinen dem Mundsaume parallelen Streifen geziert,
welche durch etwa 8 spirale Furchen unterbrochen werden;
nahe der Nalh verläuft eine vorstehende Kante, welche auch
als stumpfe Ecke an der sonst ovalen Form der Mündung
auftritt. Der Columellarrand wird von einer umgeschlagenen
weissen Platte bedeckt, ohne Nabelritz. Das Gewinde steht
ungefähr so stark wie bei V. solida vor. Kaum zwei Win-
dungen im Ganzen. Die Farbe ist ein intensives Gummigutt-
gelb, wie es an ganzen Stücken dieses Farbestoffes sichtbar
ist, und geht an der oberen Windung in Fleischroth über. Von
Epidermis finde ich keineSpur; s. Taf. IV. Fig. 3. Vermuthlich
ist sie eine Otina.
Eine alphabetische Uebersicht der wirklichen und ver-
meintlichen Arten dieser Gattung ergiebt Folgendes ;
150 V. |4?rten3i
Velutiiia Flem.
Bernardi = Otina? B. s. oben No. 3.
canaliculala Beek == Otina zonata Gould.
cancellata Quoy et Gaimard == Narica c.
capuloides Blainv. = haliotoidea Fabr.
capuloides collect. =; solida M.
coriacea — Pallas — Middendorf mal. ross. 1849; s. oben
No. 1.
Kurilische Inseln.
Helixc. Pallas nov. act.acad.petrop.il. 1788. 7, 3 1-33.
? Sigarelus c. Brod. et Sow. Zool. journ. IV. 1829.
25, 8-10.
cryptospira Middendorf sibir. Reise 1848.
Ochotzkisches Meer,
elongata Sc. Wood = Otina zonata Gould.
flexilis Gray = plicatilis Müll.
glabra (Oxynoe-Couthouy) Gray = Lamellaria perspicua L.
haliotoidea Fabr. Möller moll. grönl. 1842; Loven Öfvers.
vet. akad. 1846; Middendorf 1. c.
England , Norwegen, Grönland, Massachussets.
Helix h. (non L.) 0. Fabricius fauna grönl. 1780.
Bulla velutina 0. F. Müller prodr. zool. dan. 1776.
101, 1—4.
Helix laevigata (non L.), Pennant brit. zool. 1777;
Montagu test. brit. 1803 etc.
Helix haliotoidea (non L.) 0. Fabricius faun. grönl.
1780.
Helix neritoidea (non L.) Chemnitz Conchylienca-
binetX. 1788. f. 1598— 99. (von Mörch zu lani-
gera citirt).
Helix haliotoidea ß Gmelin syst. nat. 1788.
V. capuloides Blainville man. mal. 1825. 42, 4.
Galericulum laevigatum Brown conch. illustr. 1827.
V. laevigata Fleming brit. an. 1828; Gould cat. mas-
sach. 159; Forbes et Hanley brit. moll. 99, 4. 5.
V. Mülleri Deshayes Guerin. mag. zool. 1841. 28.
V. striata Macgillivray moll. scol. 1844.
V. rupicola Conrad Journ. acad. Fhilad. VI. U, 17. 18.
üeber einige Velutina.Arten. 151
laevigala Flem. = haliotoidea Fabr.
lanigera Möller Moll. Grön. 1842; Sars nyt.magaz. f. nalur-
vidensk. 1850.
Grönland und nördliches Norwegen CKomagfjord).
Mülleri Desh. = haliotoidea Fabr.
otis Turt. Flem. = Olina. otis Turt.
ovata (Galericulum) Brown — Otina otis Turt.
pücatilis Müll. — Loven Öfvers. vel akad. 1846.
Norwegen, Orkneys und Schottland.
Bulla p. 0. F. Müller ^ool. dan. prodr. 177t3; Flem.
brit. an.
Bulla flexilis Montagu lest. brit. suppl. 180S. Laskey
Memoirs of the Wernerian sociely 1. 1811.
Sigaretus flexilis Brown conchol. illustr. 1827.
Coriocella flexilis Macgillivray moll. cat. 1844.
V. flexilis Gray list of gen. 1847 ; Forbes et Hanley
brit. moll. 99, 67.
Marsenina? p. Gray quide of syst. Moll. 1857. p.46.
rupicola Conrad = haliotoidea Fabr.
solida M. s. oben No. 2.
V. capuloides collect,
striata Maeg. = haliotoidea Fabr.
slylifera Flem. = Stylifer Turtoni Brad.
undata Smith = Otina zonata Gould.
zonata Gould = Otina zonata Mor. z. br. G.
n. n. Alder catal. moll.Northumb. = Olina otis Turt.
Dieses Genus ist somit auf die nördlichen Gegenden
beider Hemisphären beschränkt.
lieber einigte Brack'srass^erbeTrohiier aus
den Uing'ebuiis'eii Venediges.
Von
Dr* Eduard v« Iffartens.
Hierzu Taf IV. Fig. 4. 5. und V.
Die venetianischen Lagunen sind vom offenen Meere
durch eine Reihe langgestreckter Sandinseln, den Nehrungen
der Ostsee-Haffe vergleichbar, abgeschlossen; auf einer der
grösseren unter denselben liegt das Städlchen Malamocco und
dicht hinter denoselben, zwischen den Gärten, welche Vene-
dig mit Gemüse versorgen, noch an der Lagunenseite, fischte
ich den 23. Juni 1856 mit dem Stocke eine Parthie grüner
Algen heraus, diese zeigten sich mit kleinen Schnecken be-
setzt und dazwischen zappelte ein kleines buntes Fischchen,
stahlblau mit orangerothen Flossen und silbernen Vertikal-
bändern, ein Bauchflosser, sein Kopf dem von Mugil ähnlich,
aber kaum zolllang, der mir damals ganz unbekannt war.
Die Gräben (fossi) auf diesen Inseln dienen zum Ablaufe des
Regenwassers in die Lagunen, als Grenzen der einzelnen Grund-
stücke und als Hafen für die leichten Lagunenkähne (batelli),
auch sollen nach mündlichen Miltheilungen die beliebten Ce-
voli (Mugil) in ihnen gehegt werden; sie stehen alle, soviel
ich weiss, mit den Lagunen in offener Verbindung. Pflanzen
oder Thiere, die sonst in süssem Wasser vorkommen, sahen
mein Vater und ich in diesem Graben nicht. Um so mehr
interessirten uns diese Brackwassergeschöpfe, sie stellten sich
bei näherer Untersuchung als Enteromorpha intestinalis Lin.
var. capillaris Kütz., Hydrobia stagnalis Linne und Cyprinodon
fascialus Nardo und Val. heraus.
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V. Martens: Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 153
I. Cyprinodoii fasciatus.
Aphanius fascialus Nardo in der Isis 1827. S. 438 und
bei Boerio Dizionario del dialetto veneziano 1829.
4. S. 438.
Cyprinodon fasciatus Valenciennes bist. nat. d. pois-
sons XVIll. 1846. p. 156.
? Lebias flava Costa fauna del regno di Napoli. Pesci.
1838. p. 35. Taf. 17. Fig. 1.
Körper messerförmig zusammengedrückt , die grösste
Höhe 4V2mal in der Tolallänge enthalten, die grösste Breite
(zwischen den Kiemendeckeln) b\K_msi\, die Höhe an der
Schwanzflosse 9mal , die Kopflänge 4mal in der Totallänge.
Das Auge liegt dicht am Stirnprofde , es ist um % seines
Durchmessers von der Schnauzenspitze, um \% desselben
vom Rande des Kiemendeckels entfernt, die Breite der Stirne
zwischen den Augen ist 1 y2mal so gross als der Durchmes-
ser des Auges. Die Schnauze kann um das Doppelte ihrer
Entfernung vom Auge vorgestreckt werden. Der Kopf ist
oben flach , die Schuppen des Scheitels gleichen denen des
übrigen Körpers , aber auf dem Hinterhaupte sind sie IheiU
weise verloren gegangen und daher ist über die von Costa
erwähnten Löcher und Höcker nichts zu ermitteln, worauf
im Nacken 10 unter sich gleichmässige, in die Breite ge-
zogene bis zum Beginne der Rückenflosse folgen, im Ober-
kiefer zähle ich 6, im Unterkiefer 10 Zähne, alle sind drei-
spitzig. Letzterer steht stets über den Oberkiefer vor, so
dass selbst bei geschlossenem Munde feine Zähne sichtbar
sind. Praeoperculum und Suboperculum sind vom Operculum
deutlich abgesetzt und ohne Schuppen.
Die Rückenflosse beginnt etwas vor der Mitte der To-
tallänge, die Entfernung des hinteren Endes ihrer Basis von der
Schwanzflosse gleicht »4 der Kopflänge, zurückgelegt bedocUt
sie etwa die Hälfte dieser Entfernung; die Höhe gleicht der
Körperhöhe an derselben Stelle; die letzten Strahlen sind
etwas länger als die ersten, was der ganzen Flosse eine tra-
pezförmige Gestalt giebt. Die Afterflosse ist an der Basis
fast ebenso lano wie die Rückenflosse, aber ihre Höhe ist
154 V. Martens:
bedeutender, \^/^ der Körperhöhe an derselben Stelle, oder
gleich der Entfernung vom Rande des Kiemendeckels zum
vorderen Augenrande; sie bleibt zurückgelegt um ebenso-
viel als die Dorsalis von der Basis der Schwanzflosse entfernt.
Rücken- und Afterflosse stehen einander gegenüber, erstere
hat 12, letzlere 8 Strahlen. Die Brustflosse ist zugespitzt und
so lang wie die Analis, sie reicht, zurückgelegt, bis zur Basis
der Bauchflosse ; diese ist nur halb so lang und erreicht die
Analis nicht. Die Schwanzflosse hat 4 ziemlich gleich lange
Strahlen. Die Schuppen sind ganzrandig, stumpf fünfeckig,
zeigen concentrische Streifen und am Basalrande 11 — 16
schwache, nach der Mitte der Schuppe convergirende rip-
penartige, durch schmale Zwischenräume getrennte Erhe-
bungen.
Die Farbe des lebenden Fischchens war oben bräunlich-
grün, schwarzpunktirt, an den Seiten stahlblau mit 9 vertika-
len weissen Bändern in ungleichen Entfernungen, das erste
noch vor der Spitze der Brustflosse, das letzte nahe der
Schwanzflosse; die Bänder sind schmäler als ihre Zwischen-
räume. Die Unterseite des Kopfes und der Brust ist weiss-
lich, von den Bauchflossen an bis zur Schwanzflosse ist sie
röthlich. Die Rückenflosse grossentheils durchsichtig, doch-
zwischen den vorderen Strahlen und längs des obern Ran-
des schwarz ; Brust - und Schwanzflosse schön orangeroth mit
schwärzlichen Spitzen; die Analflosse blass , an ihrem hin-
teren Rande ein schwarzer Flecken. Kiemendeckel silber-
farbig. Totallänge 28 Millimeter.
Die Beschreibung von Valenciennes weicht haupt-
sächlich in der Zahl der Zähne, der Flossenstrahlen und der
Bänder ab; letztere ist unwesentlich; Silberpunkte auf dem
Nacken sind an meinem Exemplare auch nicht zu sehen.
Costa's Beschreibung enthält wesentliche Abweichung in
den Kopfschuppen und den Deckelstücken. In letzteren stim-
men aber dem oben beschriebenen zwei erwachsene Exemplare
von 42 Mill. Länge überein, welche das Berliner Museum von
Rud olf Wag ner wahrscheinlich aus Sard iiien erhielt; bei
diesen ist die Rückenflosse verhältnissmässig höher, fast so
hoch wie die Analis, die Brustflosse reicht zurückgelegt über
den Ursprung der Bauchflosse hinaus , diese ein wenig über
Ueber einige Brackw^fserb^wohner Venedigs. 155
den der Analis (wie bei Costa). Von der Färbung der
Flossen ist bei den zwei erwähnten Spiritusexemplaren keine
Spur mehr vorhanden, die Seiten des Leibes sind statt blau
braun, wie es ebenfalls Costa angiebt. Die Beschuppung des
Scheitels und Hinterhaupts scheint verloren gegangen und die
Haut mit den durchscheinenden Knochennäthen erinnert da-
her beim ersten Anblick an die Schilder eines Eidechscr-
kopfes und an Costa's Bild von Calaritanus.
Eine nahe verwandte Art wurde von Ehrenberg im
Kröpfe eines weissen Reihers gefunden , welcher nahe der
Sonnenquelle in der Oase Jupiter Ammons erlegt wurde (Poe-
cilia Hammonis Ehrenb. Reisen in Aegyplen 18^J8. S. 120 ohne
Beschreibung), Vaienciennes charakterisirt sie kurz als
C. Hammonis 1. c. p. 169. Nach den Originalexemplaren im
Berliner Museum ist ihre grössle Höhe ebenfalls 4V2mal in
der Totallänge enthalten, die Höhe an der Schwanzflosse ist
wenig mehr als die Hälfte der grössten Körperhöhe; die
Kopflänge geht nur SVj^^al in die Totallänge. Das Auge ist
um die Länge seines Durchmessers von der Schnauzenspitze
entfernt, um r/3 desselben vom Rande des Kiemendeckels.
Der Scheitel mit gleichmässigen Schuppen bedeckt, so weit
solche noch vorhanden , ohne Löcher oder Höcker. Zähne
zähle ich oben 9, unten 14, doch finden sich Lücken da-
zwischen. Die Rückenflosse beginnt in der iMitle der Total-
länge, das hintere Ende ihrer Basis ist von dem Beginne der
Schwanzflosse um eine Strecke entfernt, welche Y^ der Kopf-
länge gleicht; zurückgelegt reicht die Rückenflosse bis zur
Schwanzflosse, indem ihre letzten Strahlen l%mal so lang
als der zweite Strahl sind , die Flosse ist daher mehr zuge-
spitzt als bei C. fasciatus, doch nicht bei allen Exemplaren
in demselben Grade. Die Analis ist gerundet und erreicht
zurückgelegt nicht die Schwanzflosse. An letzterer ist keine
Spur einer schwärzlichen Färbung des Randes zu sehen, was
doch an der Rückenflosse noch deutlich ist , im Uebrigen
scheint die Färbung der von C. fasciatus zu gleichen. Ein
weiterer Unterschied liegt in der Beschafl'enheit der Schup-
pen, bei C. Hammonis treten nämlich die Bippen nur am In-
serlionsrande in geringerer Anzahl, 6 — 9 auf, sind breiler,
slä;-ker und zuweilen kürzer, s. Fig. 5 a. Ich habe dieses
156 V. Martens:
Verhalten an verschiedenen Körperstellen übereinstimmend ge-
funden s. Taf. IV. Fig. 5.
Die Strahlenzahlen der Dorsalis und Analis finde ich
bei Cyprinodon fasciatus von Malamocco 12 8
Wie übrigens diese Zahlen variiren, hat neuerdings auch
Czernay im Bulletin de la societe imperiale des naturalistes
ä Moscou Jahrg. 1857. p. 221 ff. an verschiedenen Süsswas-
serfischen gezeigt.
Nach Nardo (I.e.) sind zwei Arten (fasciatus und na-
nus = Calarilanus Cuv.) in den Lagunen häufig, sie seien
nicht gut zu essen wegen zahlreicher Gräten (lichie) und
bittern Geschmacks. Dieser dürfte, wie bei dem Bitterling un-
ter den Cyprinoiden, Rhodeus amarus, wohl nur darin begründet
sein, dass man bei dem kleinen Fischchen die Eingeweide
mit verspeist (vgl. Kraus s in den württ. Jahresh. f. Natur-
kunde 1857. S. 122) und die Italiener gehen offenbar zu weit,
wenn sie aus der Beobachtung , dass die Katzen sie öfters
nicht fressen wollen, schliessen , die armen Thierchen seien
schädlich. Ihr einheimischer Name ist nach Nardo und
Plucar nonno oder nano (Grossvater? oder von nanus,
zwerghaft?)
Der Grund, warum ich mein Fischchen lange nicht er-
kannte, war eigentlich der, dass ich ihn unter den Meerfischen
suchte , und die Cyprinoflonten betrachtete man , von ihren
amerikanischen Familienverwandten ausgehend, als Süsswas-
serfische, welche höchstens gelegentlich auch im brakischen
Wasser vorkommen, wie manche Cyprinen in der Ostsee. Be-
trachtet man aber die Fundorte genauer, so wird man geneigt
anzunehmen, dass, wenigsten^ im Mittelmcerbecken , Cypri-
nodon nur in gesalzenem Wasser vorkommt. Wir lesen zwar
Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 157
inValenciennes, dass die zwei bekannteren europäischen
Arien dans les eaiix douces des environs du cap Cagliari und
nach Costa dans les lacs Varano el Spetli et dans les petils
ruisseaux Galeso et Cervaro leben (l. c. p. 156 und 158).
Schlägt man aber Costa selbst nach, so lauten die Worte:
ne' laghi commuiiicanli col mare (was Valenciennes auf
die Bäche bezog) e nelle loci (in den Mündungen) di piccoli
fiumi. Blickt man auf eine Karte , so findet man , dass der
See von Varano eine Lagune ist, die mit dem Meere in offe-
ner Verbindung steht; ein See Spelti existirt gar nicht, bei
Costa heisst es Salpi und dieses ist richtig wieder eine
stark salzhaltige Lagune am unteren adriatischen Meere; Co-
sta sagt, dass sie selbst des Winters im offenen Meere vor-
kommen. Aehnlich wird es sich mit dem „süssen Wasser^*
um Cagliari verhallen; Valen cienn e s selbst nennt es p. loö
le meme etang de Cagliari, elangs heissen aber in Südfrank-
reich bekanntlich auch die Salzwassersümpfe, es ist die fran-
zösische Form für das italienische stagno (lateinisch stagnum)
und stagno di Cagliari werden speciell die Salzwassersümpfe,
welche diese Stadt umgeben, genannt. Wie wenig Genauig-
keit in den Lokalitätsangaben bei Valenciennes herrscht,
zeigt auch, dass derselbe eine Seile vorher sagt, diese Fische
seien an Cap Cagliari gefangen worden : es existirt aber gar
kein Vorgebirge dieses Namens , wohl aber heisst die eine
Hälfte der Insel Sardinien nach ihrer Hauptstadt Cabo di
Cagliari ^'•).
Was das Vorkommen im oberen adriatischen Meere be-
trifft, so hatte der Geh. Ralh J oh. Müller die Gefälligkeit
auf meine Erkundigung mir mitzutheilen, dass die von ihm
aus Triest mitgebrachten Exemplare, von C. Calaritanus, wel-
che das Berliner Museum besitzt, aus den Salzvvassersümpfen
bei Zaule stammen; Plucar (der Fischplalz bei Triest 1846.
8. S.67) erwähnt bei seiner Lebias nigropunctala, wahrschein-
lich derselben Art, mit keinem Worte, dass sie in süssem
Wasser vorkomme, was er bui den anderen Süsswasserfischen,
*) Ich habe Hrn. Dr. Bornemann, der sich gegenwärtig auf
Sardinien befindet, gebeten auf das Vorkommen von Cyprinodon zu
achten und hoffe, dass er an Ort und Stelle die Frage erledigen wird.
158 V. Martens:
deren er nur wenige und mit stereotyper Entschuldigung auf-
führt, nie zu bemertien unterlässt; dagegen bemerkt er, sie
werde unter der Minufaja (kleinem Kram) verkauft , wozu
noch andere Fische des Salzwassers und namentlich der La-
gunen gehören, wie nach S. 33 Callionymus. Allerdings Sagt
nun wieder Nardo in der Isis von seinen zwei Aphanius
(Aph. nanus desselben ist höchst wahrscheinlich wiederum
Cyprinodon Calaritanus), dass sie in süssem und Meerwasser
vorkommen, aber zwei Jahre später, in ßoerio's Wörter-
buch , widerruft er das Vorkommen in süssem Wasser im-
plicite, indem er sie als pesciatelli marini aus den Lagunen
und Valli (Salzsümpfen) angiebf»'). Heckel erwähnt ihrer
nicht unter den Süsswasserfischen der österreichischen Mo-
narchie, da er doch selbst in Venedig war; und es bleibt
immer eine wichtige Thatsache, dass diese zwei Arten da
wiederkehren, wo Lagunenbildungen vorhanden sind, aber
nirgends im Binnenlande vorkommen , wenigstens kenne ich
ausser den genannten keine Fundorte für dieselben ; nament-
lich suchte ich bei Bis so vergebens nach diesen Fischen;
derselbe kennt nur, was sich an der Felsenküste von Nizza
findet. Die drille europäische Art, C. Iberus, erhielt Va-
lenciennes vom Arzte Teillieux aus Spanien, und wie es
auf S. 215 bei Hydrargyra hispanica, einem weiteren euro-
päischen Fischchen aus dieser Familie, heisst, mit diesem aus
den süssen Gewässern Cataloniens; diese Angabe ist aber gar
zu allgemein und man darf dabei nicht vergessen , dass die
Mündung des Ebro mit ihrem vorgeschobenen Delta in Ca-
talonien liegt.
Gehen wir weiter nach Asien über, so treffen wir bei
Rüppell die Angabe, dass C. dispar in allen Gegenden des
rolhen Meeres lebe , aber auch in den warmen Süsswas-
serquellen von Hadger Elme bei Tor, deren Wasser Sö^^^R.
warm und etwas gesalzen ist. (All. z. Reise im nordöstl.
Afrika, Fische S. 67 und Ritter Erdkunde XIV. S. 443); bei
*} Auf welchen Gründen Kardo's Angabe beruht, sie seien
di rccentc ifitrodotti, neuerdings eingeführt (in der Isis recentes), ist
mir ganz unbekannt. Ein solch kleines Fischchen kann lange überse-
hen Weiden.
üeber einige ßrackwasserbewohner Venedigs. 159
Heckel zwei Arten um Mossul, Lebias (d. h. Cyprinodon),
menlo und cypris H., dann Lebias Sophiae in lauen Salz-
quellen bei Persepolis, L. punctata und L. crystallodon in dem
Nemek-Deria oder Salzsee in der Gegend von Schiraz, (Fi-
sche Syriens S. 99 u. I65f.) und in den Proceedings of the
zool. soc. 1857. S. 371 die Notiz, dass C. Hammonis an
einer sumpfigen Stelle unmittelbar am Ufer des todten Meeres
bei Usdum, die durch eine salzige Quelle gespeist werde,
lebe. Wenden wir uns, auf diese speciellen Angaben gestützt,
wieder zu Valenciennes und lesen wir bei demselben S.
161 u. 164, dass Ehrenberg C. lunatus dans la mer de
Massuah, aber S. 163, dass ebenderselbe ebendenselben dans
les eaux douces de la cöte (doch wohl Meeresküste) d'Abys-
sinie gefunden habe, ferner S. 165, dass Botta ihn auch bei
Massuah, S. 166 dass Bove ihn und C. Moseas in den er-
wähnten warmen Quellen bei Tor gefunden habe, so scheint
sich zu ergeben , dass auch diese nur an Meeresküsten und
in salzhaltigem Wasser vorkommen. Dass Aucher-Eloy
einen Cyprinodon vom Jordan geschickt habe (S. 165), dürfte
in der oben erwähnten genaueren Notiz vom todten Meere
seine Erklärung finden und macht wiederum die gar vage
Bemerkung S. 170: „M. Aucher-Eloy en avait recueilli parmi
ses poissons de Damas'* verdächtig. Auch dort scheinen
demnach oft zwei verschiedene Arten bei einander vorzu-
kommen, so in den Thermen bei Tor C. lunatus Ehrenb. und
Moseas Val., bei Massaua dieselben, im Nemek-Deria C. pun-
ctalus und crystallodon Heckel, wie in den Lagunen von Cag-
liari, Varano und Venedig C. Calaritanus und fasciatus.
Ob in der Nähe von Mossul auch salzhaltige Seen vor-
kommen, weiss ich nicht. Ritt er (Erdkunde XI. S. 190) spricht
hur von warmen Quellen (QO'^R.), von Schwefelwasserstoff,
einer Art Naphtha und von Gypslagern. Gyps und Steinsalz
finden sich aber gern zusammen und jedenfalls bleibt auffal-
lend, dass dieser eine wie eine Ausnahme erscheinende Fall
gerade warme Quellen betrifft, welche im Allgemeinen minera-
lische ßestandtheile in grösserer Menge enthalten, als sol-
che von gewöhnlicher Temperatur. Auch von der Sonnen-
quelle in der Oase Jupiter Amnions ist mir keine Analyse be-
kannt , doch in ihrer Nähe fehlt es nicht an salzhaltigem
160 V. Marlens:
Wasser. (Ehrenbergs Reise S. 122 und 124; aus S. 120
ergiebt sich, dass der Reiher, in dessen Kropf unser Fisch-
chen gefunden wurde, in einiger Entfernung von der Sonnen-
quelle geschossen wurde und Ehrenberg diese selbst zu
untersuchen gar nicht gestaltet wurde.) Während also in
Europa Cyprinodo nten nur an den Küstenstri-
chen vorkommen, wo Fluss- und Meerw asser zu
Lagunenbildungen zusammentrifft, finden wir
diese Familie im Oi'ient auch im Binnenlande,
aber höchstwahrscheinlich nur in salzhaltigem
(oder auch nur warmem?) Wasser, lieber das Vor-
kommen von Cyprinodonten im tropischen Asien und Afrika
ist mir nichts bekannt.
In Amerika scheint sich die Sache anders zu verhal-
len. Zwar sind die Arten dieser Familie, welche am frühe-
sten bekannt wurden, Cyprinodon variegatus Lacep., Hydrar-
gyra majalis Bloch und Fundulus coenicolus Val. (= Cobitis
heteroclila L.) auch Bewohner des Brackwassers und an die
Meeresküste gebunden , der sogenannte See Pontchartrain bei
New -Orleans ist eine Lagune und der um New -York ein-
heimische Name Killi-fish bestätigt diese Eigenlhümlichkeit,
aber es giebt doch zahlreiche Zeugnisse für das Vorkommen
derselben Familie im süssen Wasser, von denen hier neben
den Angaben bei Val en c ien n es die neueren über Hydrar-
gyra calenata und Zygonectes olivaceus Storer im Gebiete des
Tennessee bei Huntsville in Alabama erwähnt werden mögen
(Agassiz im american Journal of sciences and arts XVIL
1854), auch erhielt das Berliner Museum zahlreiche Exem-
plare von Poecilia Surinamensis von Hrn. Gollmer mit der
bestimmten Angabe, dass sie iin Hasequien in dem „Valle«
genannten Thale gefangen wurden. Dass Humboldt und
Pentland verwandte Fische in bedeutender Meereshöhe
entdeckten, ist bekannt, (Grundulus bogotensis auf dem Pla-
teau von Santa Fe, 1370Toisen über dem Meere, Orestias im
Titicacasee).
Üeber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 161
Zusatz.
Eine nochmalige Untersuchung der Schuppen unseres •
Cyprinodon, auf Prof. Peters Ralh vorgenommen, veranlasst
mich noch Einiges darüber hinzuzufügen. Die Zahl der Ba-
salrippen an den einzelnen Schuppen wechselt, sie bleibt
aber doch ein Unterschied der beiden Arten in der Weise,
dass bei C. fasciatus die Schuppen in der Nähe der Mittel-
linie und nach oben von derselben durchschnittlich 14, die
an der unteren Seite in der Nähe der Analilosse 11, nach
hinten auch nur 9 haben, während bei C. Hammonis ich an
jenen nicht über 9, in der Regel weniger, an diesen nur 5
fand. Diese unteren Schuppen sind auch verhältnissmässig
schmäler als die obern, bei beiden Arten. Die ßasalrippen
sind nahe dem Innenrande nicht selten gegabelt und immer
durch liefere und breitere Furchen getrennt , als gegen die
xMitte zu, wo sie convergiren ; die Furchen werden meist
sehr rasch schmäler. Diese Rippen sind alle mit feinen bo-
genförmigen Querlinien bedeckt ; in den Zwischenfurchen
konnte ich dieselben nicht wahrnehmen ; an den beiden äus-
seren Rippen biegen sich diese Linien um und nehmen eine
dem Seitenrande der ganzen Schuppe parallele Richtung an ;
viele brechen fast sogleich nach dieser Umbiegung ab, meh-
rere nach kurzem oder längerem Verlaufe, und es ist nicht
mehr die Hälfte derselben, welche sich dem freien Rande der
Schuppen nähert und diesem parallel umbiegt. Das Abbre-
chen dieser Linien geschieht meist ganz im Freien, zuwei-
len nähern sie sich dabei einer ihrer Nachbarinnen; seltener
treten neue Linien zwischen den alten auf und zwar keines-
wegs nur in denselben Zwischenräumen, in denen kurz vor-
her eine abgebrochen hat, so als ob es nur die Fortset-
zung einer unterbrochenen wäre. In der Nähe des freien
Randes wird das Abbrechen und Einschieben der Linien noch
häufiger, die äusserslen Linien der Seitenränder gelangen
nie, sich umbiegend, bis zur Mitte des Randes, sondern
brechen stets vorher ab; erst solche, die an den Seiten
weiter nach innen lagen, kommen nahe dem freien Rande
Archiv f. Nnturgesch. XXIV. Jahr#. 1. Bd. {{
162 V. Marlens:
von beiden Seilen her zu einer bogenförmigen Vereinigung;
nacii dem Centrum zu werden diese Bogen häufiger und re-
gelmässiger , und endlich erscheinen concentrische Ovale,
die Mille der Schuppe einnehmend. Eine anastomosirende
Vereinigung zweier solcher Linien kommt, namentlich bei
C. Hammonis, nicht seilen vor, aber immer sah ich sie in
der äusseren Hallte der Schuppe. Wenn die beschriebenen
Linien Wachslhumsabsätze sind , so lassen sich diese Ver-
hältnisse vielleicht durch Iheilvveise Hemmung des Wachsthums
oder zeitweise Abnutzung des schon Gebildeten am frei vor-
stehenden Theile der Schuppen erklären. Nicht damit zu ver-
wechseln ist das scheinbare Verschwimmen von Linien, die nicht
genau in derselben Ebene liegen, durch die Einstellung des
Mikroskops bedingt und durch Auf- und Abrücken als sol-
ches erkannt. Ein auffallendes Exemplar einer Schuppe von
Hammonis ist in Fig. 5b abgebildet , die ßasalrippen sind
sehr kurz, nicht convergirend und brechen fast plötzlich ab,
doch nicht in gleicher Länge, ihre Querlinien entfernen
sich dabei weiter von einander und gehen rasch in mehr zu-
sammenhängende , denen des freien Randes ähnliche über.
Diese, so wie die der seillichen Ränder sind weniger zahl-
reich und dafür manchfacher wellig gebogen. Von ge-
schlossenen Ovalen in der Mitte ist nichts zu sehen, Ana-
stomosen dagegen deutlich.
II. Hydrobia stag:iialis L. und ihre Verwandten.
Olivi (zoologia adrialica 1792. S. 172) ist meines Wis-
sens der erste, welcher den Turbo thermalis L. aus warmen
salzhaltigen Quellen im ßinnenlande , speciell Abano, mit
einer in dem Brackwasser der italienischen Küsten häufigen
Schnecke idenficirle; diese Ansicht wurde ziemlich allgemein
angenommen, namentlich bekannte sich auch Philipp i (enum.
moll. sicil. L p. 149) dazu. Derselbe Fall schien sich zu
wiederholen in der kleinen Hydrobia vom Matmsfelder Salz-
see (zwischen Halle und Eisleben), indem man in ihr eben-
dieselbe thermalis vermuthele. ich habe sie selbst dort
aufgesucht, finde sie aber von derjenigen von Abano und
Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs 163
Malamocco abweichend und auch diese zwei unter einander
nicht genau übereinstimmend. Wie bei mancher anderen
Gruppe von Schnecken, bei denen weder Sculptur nach Faibe
ausgesprochene Anhaltspunkte geben , ist auch bei der vor-
liegenden die Unterscheidung der einzelnen Arten hauptsäch-
lich auf die proportionellen Formverschiedenheiten angewie-
sen, die bekanntlich häufig genug schwanken. Da aber min-
destens ähnliche Formen in süssem Wasser und im Meere
leben und dieselben einerseits an Paludina , andererseits an
Rissoa angereiht wurden, so erstreckte sich die Unsicherheit
und Verschiedenheit der Ansichten nicht wie im Genus Lim-
naeus nur auf die Artunterscheidung, sondern auch auf Ab-
grenzung und Benennung der Gnttungen, selbst der Familien,
und auf die Sonderung der Meer- und Süsswasserbewohner;
sogar in den neuesten Delailarbeiten findet man nicht genü-
genden Aufschluss über die einzelnen Fragen, so führt Petit
im Verzeichniss der Mollusken der französischen Küsten nur
die leicht kenntlichen Rissoa fuh a und cingillus an, übergeht
die längst von Beudant und Lamarck erwähnte muriatica
ganz und klagt selbst bei den durch ihre Sculptur leicht zu
charakterisirenden Rissoen über Confusion der Arten (Journal
de conchyliol. III. 1852, p.86— 88); Forbes und Hanley
in ihrer musterhaften history of british moUusca (Bd. III.
1853. S. 141, 138 und 73) setzen zu der Bezeichnung Rissoa
ulvae, obwohl sie dieselbe annehmen, ein Fragezeichen, wa-
gen über das Verhällniss der britischen Arten zu den aus-
ländischen Namen muriatica und Ihermalis kein Urthcil und
lassen die Abgrenzung derselben von den wahren Rissoen
ganz in suspenso. Gray, guide of the systematic distribu-
tion of Mollusca 1857 lässt ebenso ulvae bei Rissoa und vi-
ridis trotz ihres Spiraldeckels, den er nicht zu kennen scheint,
da sie in England fehlt, bei Bilhinia (p. 97 u. 114), obgleich
sonst sein System überreich an kleinen Gnllungen ist. Ad.
Schmidt spricht sich über die Speciesfrage, die er sonst
auf anatomischem Wege zu beantworten pflegt, nur sehr frag-
weise und vorläufig aus (Beiträge z Malakologii» S. 43, aus
Giebels Zeitschrift f. d. gesammt(Mi Naturwissenschaflen 185Ö);
Prof. Troschel endlich hat wohl die Zahnplalten einzelner
Arten unter dem Namen Amnicola genau beschrieben und
164 V. Märten s:
abgebildet, aber diese werlhvollen Untersuchungen zur Fest-
stellung- der Galtungen anzuwenden, der Zukunft überlassen.
Bronn in der neuen Ausgabe der Lethaea (Molassengebirge)
hat wieder die meisten als Paludina therinalis vereinigt und
eine Figur gegeben, in welcher ich keine der mir bekannten
wiederzuerkennen vermag. Es ist dieses somit einer der
schlimmsten Punkte in der systematischen und geographischen
Kenntniss der europäischen Mollusken, daher Jeder aufgefor-
dert, sein Scherflein zur Aufklärung und Sichtung beizu-
tragen.
Durch die Aufmerkamkeit meines lieben Vaters, wel-
cher dergleichen Schnecken beim Einlegen von Algen häufig
fand und stets sorgfällig aufbewahrte, durch die Güte von
Prof. Alex. Braun, der dasselbe bei Charen beobachtete und
mir werthvolle unverölTentlichte Zeichnungen und Notizen zur
Benutzung überliess, so wie durch meine Beschälligung am
zoologischen Museum zu Berlin, stehen mir die betreffenden
Arten in einer zahlreichen Reihe von Exemplaren und Fund-
orten zu Gebote, darunter Originalexemplare von Menke,
Philippi, Ehrenberg. Die Gelegenheit, fossile zu ver-
gleichen, und die Bekanntschaft mit der diese betreffenden
Literatur verdanke ich der Güte des Prof. E. ßeyrich da-
hier. Anfänglich beabsichtigte ich nur die Verbreitung der
einen Schnecke nachzuweisen, aber die Vergleichung der
hiehergehörenden Formen aus verschiedenen Gegenden führte
mich bald zur Unterscheidung mehrerer Arten; ich habe diese
nach dem mir vorliegenden Material kurz charakterisirt, dann
erst die Literatur verglichen und, wo es mir am besten zu
passen schien, citirt; oft ist es freilich mehr Muthmassung,
man müsste die Originalexemplare sämmllicher Autoren bei-
sammen haben, um eine sichere Synonymie geben zu kön-
nen, und auch dann würde man sich wohl noch zu dem
Stossseufzer veranlasst fühlen: „alle Gestalten sind ähnlich
und keine doch gleichet der andern." ,
1. Hydrobia stagnalis L. var. cornea Risso.
Taf.V. Fig. L
Schale 5 Millimeter lang, gelhürml-konisch, nicht sehr
Ueber einige ßrackwasserbewohner Venedigs. 165
spitzig, aus 6 schwach gewölbten Windungen bestehend,
welche durch seichte Näthe geschieden sind ; zwei die Wöl-
bung der aufeinanderfolgenden Windungen streifende Linien,
je um einen halben Umgang von einander entfernt, treffen
sich unter einem Winkel von 35° (angulus apicalis bei v.
Middendorf, vielleicht besser Tangentenwinkel zu nennen,
da derselbe keinen unmittelbaren Einfluss auf die spitzige
oder stumpfe Form des Wirbels hat). Das Verhältniss der
Länge zur Breite (dem grössten Durchmesser des letzten
Umgangs in einer der Nath parallelen Lage, also schief auf
die Achse) =2:1. Die Mündung nimmt kaum y^ der
Schalenlänge ein, steht nahezu senkrecht, ist oval, oben in
eine Ecke auslaufend, welche sich an die vorletzte Windung
anlegt; der Columellarrand zurückgeschlagen,' die deutliche
Nabelritze nicht schliessend. Die Sculptur besteht nur aus
schwachen Wachsthumsslreifen , die Farbe ist ein lebhaftes,
durchscheinendes Braungelb (sog. hornige Schale), übrigens
bei den Exemplaren von Malamocco, welche dieser Beschrei-
bung zu Grunde liegen , meist durch einen schwarzgrünen
Ueberzug verdeckt. Die Mittelplatte der sog. Zunge zeigt
7 Zähne, wovon der mittlere bei weitem der stärkste ist, die
seitlichen nach aussen zu immer schwächer; die Zwischen-
plalte 5, wovon der zweite unverhältnissmässig grösser, die
äussere Seitenplatte nur eine sehr feine Zähnelung, die bei
92Üfacher Vergrösserung eines Schiek'schen Instrumentes noch
nicht scharf aufgelöst erscheint. (Ich verdanke diese Unter-
suchung der Güte des Hrn. Prof. Tro sehet und habe sie
bei wiederholter Untersuchung ebenso gesehen.) Ueberein-
slimuiend damit, nur reiner und in manchen Exemplaren noch
schlanker, finde ich solche aus bei Capo d'Istria gesammel-
ten Algen (Ulva latissima und Enteromorpha intestinalis), fer-
ner andere aus Lessina (dalmatische Insel) von Botteri und
Senoner erhaltene und die, welche Philip pi in Messina
sammelte.
Ganz ähnlich denen von Malamocco, nur etwas klei-
ner, sind zahlreiche Exemplare aus Brackwassersünipfen bei
Moiilpcllier, von A.Braun an Chara Pouzolzi Gay gefunden.
Auch eine junge Schnecke, im Berliner Museum als Paludlna
salinae Küst. aus Trlest bezeichnet, und vom Reisenden Wilh.
166 V. Märten s;
Müller gesammelt, gehört hieher. Noch kleiner sind die
von Ehrenberg an der Nilmündung bei Roselle gefun-
denen.
Turbo thermalis Olivi zoologia adrialica 1792. p. 169 aus
den venelianischen Lagunen , nur mit der Linne'schen
Diagnose,, aber durch den Fundort gesichert.
Paludina murialica Lau», an. s. vert. No. 6, ed. Desh. VIII.
p. 515 aus Südfrankreich, doch auch die folgende mit-
einschliessend.
Paludina muriatica Philippi moll. sicil. I. p. 148 Lagunen
beim Leuchtlhurme von Messina.
Paludina murialica Graells catalogo de los moluscos terr.
en Espana 1846. p. 17 Catalonien und Valencia (also
''"''' gerade da, wo grosse DcUabildung und Lagunen).
Leachia cornea Risso bist. nal. de TEur. rner. IV. 1826. p.l02.
Gg. 33 Brackwasser bei Nizza.
Paludina salinae Küster, handschriftlicher Verkaufskatalog,
von Triest.
Paludina thermalis Philippi moll. sicil. IL p. 122 mit einer
kurzen Notiz über die Weichlheile.
Paludina acuta Mortillet im Bulletin de la societe d'hisl. naU
de Savoie Sept. 1851. 8. p. 107 Wassergräben am Var.
Paludina stagnalis var. C. Küster, Paludina in der neuen
Ausgabe von Marlini 1852. S. 70. Taf. 12. Fig. 31.32
von den Salinen hinter Servola bei Triest (ist wohl die
früher als P. salinae ausgegebene).
Im Brackwasser des Mittelmeers häufig; aus der Nord-
see kenne ich noch keine ganz übereinstimmende Form.
2. Hydrobia stagnalis L. var. ulvae auct.
Taf. V. Fig. 2.
Die Grösse und das Verhällniss der Breite zur Länge
wie bei der vorigen; der Tangentenwinkel bis 30^, die Länge
(Höhe) der Mündung verhällnissmässig oft etwas grösser, doch
vielfach wechselnd: die Windungen kaum noch convex,
daher der Wirbel spitziger, die Nalh ganz oberflächlich, die.
Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 167
Mündung- etwas schmäler und namentlich nicht so birnförmig,
da die Mündungswand des vorletzten ümgang-s mehr gerad-
linig in den Raum der Mündung einschneidet; auch die obere
Ecke der Mündung wird dadurch spitziger. Der Nabelritz
ganz geschlossen oder nur eine schwache Spur davon übrig.
Die Schale scheint etwas fester, die Wachsthumsstreifen oft
etwas stärker, die horngelbe Farbe meist intensiver. Unaus-
gewachsene Exemplare zeigen eine sehr stumpfe Kante an
der letzten Windung.
Aus Algen von der schottischen Insel Bute; damit stim-
men Exemplare von Bergen, Dieppe (aus von Schmidel ge-
sammelten Algen), von Norderney (Menke) und von Amster-
dam (L. Pfeiffer) , die letzteren grossentlieils mit einem
schwarzen Ueberzuge bedeckt, in der Albers'schen Samm-
lung als Paludina baltica aus Dänemark. Jan schickte diese
Schnecke als P. anatina dem Berliner Museum, sie ist aber
von der gleichnamigen Draparnauds ganz verschieden.
Turbo stagnalis Baster opuscula subseciva II. 1765. p. 77.
tab. 7. flg. 4 aus dem Brackwasser bei Zierykzee an der
Osterschelde, auch die Weichtheile beschrieben und ab-
gebildet.
Helix stagnalis Linne syst. nat. 1767 nach Baster.
? Trochus striatellus Fabricius fauna grönlandica 1780. p. 393
Grönland, häufig an Steinen, Linne'sche Diagnose ohne
weitere Beschreibung, vgl. Möller.
Helix stagnorum Gmelin Linne syst. nat. ed. 13. VI. 1788.
p. 3653 (nach Linne und also Baster).
Turbo ulvae(Pennant) Monfagu test.brit. 1803 auf Schlamm-
boden, nahe der Fluthgrenze, in Bächen und sonstigen
geschützten Stellen.
Turbo muriaticus ßeudant in Annales du museum d'hist.
nat. Bd. XV. 1810. p. 11^9. Havre, im Brackwasser, die
Weichtheile beschrieben.
Helix Jeverana Megerle v. Mühlt'eld in den Verhandlungen
d. naturforschenden Freunde in Berlin I. 1829. S. 215.
Taf. 8. Fig. 5. Herrschalt Jever in Wesiphalen (8 Win-
dungen?).
Paludina balthica (non Nilss.) Mcnke synops. 1830. p. 40,
168 V. Älarte ns:
ohne Beschreibung, nach den an Verschiedene milge-
theilten Exemplaren von Norderney; unter demselben
Namen bei Philippi moll. sicil. I. 1836. p. 149.
?Rissoa saxalilis Möller ind. moll. grönl. 1842. p.9. Grön-
land (Mörch in Rinks Beschreibung von Grönl. erklärt
diese zwar für Rissoa arctica Loven, dem widersprechen
Möllers Worte anfr. laevibus , ich kann daher nur v.
Middendorf beistimmen, der sie hieher zieht).
Rissoa ulvae Macgillivray moll. of scotl. 1844. p. 147 in
Brackwasser an der Ythanmündung bei Newburgh ; (die R.
muriatica desselben Autors ist dagegen nach Jeffreys,
der die Originalexemplare sah , nur eine abgeriebene
tenuisculpta Alder == parva Dacosla var.).
Paludinella vulgaris Oersted de regionibus marinis 1844.
p. 69 vom Sund.
Paludina stagnalis Menke in der Zeitschr. f. Malakol. Jahrg.
1845. S. 37 am Nordseestrande auf Norderney, Luding-
worth etc. in Menge.
Paludinella ulvae Loven moll. scand. in Öfvers. Kongl. Ve-
tensk. Akad. handl. 1846. p. 25. Schwedische Küste
des Kaltegat. (ohne Beschreibung).
? Paludinella stagnalis v. Middendorf sibirische Reise II. 1851 ;
malacol.ross.il. p. 46. Ochotzkisches Meer.
Paludina stagnalis Küster , Paludina in der neuen Ausg. v.
Martini 1852. p. 69. Taf. 12. Fig. 27—30.
Paludina thermalis desselben p. 71. Taf. 13. Fig. 1. 2 aus
Südfrankreich und Italien.
Rissoa ulvae Forbes et Hanley brit. moll. III. p. 140. IV.
pl. 81. flg. 4. 5. England, im Brackwasser; auch im
Crag nach Sc. Wood.
Rissoa ulvae Malm zoologiska observalioner II. 1853. p.80
von Gothenburg.
Demnach an den meisten Küsten der Nordsee ver-
breitet, stets nahe dem Ufer und der Oberfläche, auf Schlamm-
grund, an Ulven und Enteromorphen , oft in schwach gesal-
zenem Wasser.
b) Eine breitere und kürzere Varietät, nicht über 2%
Mill. lang, dabei mit offenem Nabclrilz, besitze ich aus Algen
Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 169
von der Insel Föhr; es ist dieselbe, welche Forbes und
Ha nie y Taf. 87. Fig. 8 abbilden und p. 142 the variely slag-
nalis nennen, Menke's Exemplare von Nordemey stimmen aber
keineswegs zu dieser.
c) Eine weitere Varietät, S^/j Mill. lang, mehr cylin-
drisch als die vorige, die Windungen um etwas weniges ge-
wölbter und die letzte auffallend schmächtig, kaum über die
vorletzte vortretend, mit deutlichem Nabelritz, fand ich im
Hafen von Kiel an Enteromorpha compressa ganz oberfläch-
lich; eine hiermit übereinstimmende finde ich in der Samm-
lung von Albers mit der Etikette Hydrobia Kiloensis Dun-
ker, Dania, Riise, nur sind diese von dunkelbrauner Farbe,
die meinige horngelb. Unregelmässigkeiten in den Windun-
gen, namentlich streckenweise Abflachung kommt bei dieser
Art nicht so ganz selten vor; ich besitze derartige Stücke
aus Neapel, Forbes und Hanley scheinen eine ähnlich
87, 2 abgebildet zu haben.
Andere, der Rissoa Barleei entsprechende, welche For-
bes und Hanley für eine Tiefwasserform unserer Art er-
klären, besitze ich aus Nantes und Helgoland; sie zeichnen
sich durch ihr spitzes Gewinde, gradlinige Wendungen und
eine hellgelbe, gleichsam fetiglänzende Färbung aus; ich bin
geneigt sie für eine eigene Art zu halten.
3. Hydrobia Aponensis M.
Taf. V. Fig. 3.
Schale bis 5 Mill. lang, (meist kleiner), gelhürmt, spit-
zig, aus 5— 6 sehr schwach gewölbten Windungen bestehend,
die Nalh daher seicht; Tangenlenwinkel 30^; Länge zur Breite
= 2: 1; die Mündung nimmt % der Länge ein,
mehr als bei stagnalis, dabei ist sie verhältnissmässig
schmäler, mehr birn- als eiförmig; in der geringen Schiefe
gleicht sie der genannten, der Aussenrand ist, seillich betrachtet,
schwach ausgeschweift, der Columellarrand anliegend, aber
nicht umgebogen; kein Nabelritz. Scliale dünn, durchsich-
tig, mit deutlichen Wachsthumsstreifen, fast farblos, aber meist
170 V. Martens:
von einem schwarzen Ueberzuge bedeckt , auch die Weich-
theile scheinen schwarz durch. Miltelplatte der Radula mit
9 Zähnen, der midiere gross ; Zwischenplaüe mit ö ziemlich
gleichmässigen; äussere Seitenplatle lässt bei 920facher Ver-
grösserung keine Zähnelung erkennen. So bei zahlreichen
Exemplaren aus der Quelle des Mont' Irone bei Abano; un-
ter denselben befindet sich ein gekrümmtes, bei welchem die
Achse der oberen 2 y, Windungen gegen die folgenden schief
eingeknickt ist, ähnlich wie bei einigen Eulimen oder wie
es zuweilen bei Limnaeus stagnalis vorkommt und Marsigli
abgebildet hat (Description du Danube 1744. fol. Taf. 31.
Fig. 4, kopirt in Schröters Flussconchylien Taf. X. B Fig. 3,
woraus Gmelin eine eigene Helix curvata machte).
(Species parva buccinorum) Vandelli traclatus de thermis
agri Patavini 1761. 4. p. 115. Taf. 3. Fig. 1.
Turbo thermalis(L.) Olivi zool. adriat. 1792. p. 171 u. 172,
soweit auf die Schnecke von Abano bezüglich.
Turbo Ihermalis (L.) Georg v. Martens Reise nach Venedig
1824. 8. Bd. 11. S. 450 und 196. Taf. 3. Fig. 5.
Cyclostoma thermale Ranzani ; Rudolphi Lehrbuch der Phy-
siologie 1821. Bd. L S. 173.
Cyclostoma thermale Andrejewsky de thermis aponensibus
diss. ßerolini l83l. 4. p. 21.
Cyclostoma thermale Philippi moll. sicil. 1. 18.^6. p. 149.
Paludina Ihermalis Menke synops. moll. ed. 2. 1830, p. 41
(von meinem Vater erhalten); Georg v. Martens Italien,
Bd. II. S. 434.
Amnicola (Subulina) thermalis Troschel Gebiss der Schnecken,
2. Lief. S. 108. Taf. 8. Fig. 6, nach Exemplaren von mei-
nem Vater.
Leider kenne ich eine Schnecke aus den Thermen von
San Giuliano ohnweit Pisa nicht, worauf Li nne's Turbo ther-
malis beruht; das Wort umbilicata in seiner Diagnose und
dann „umbilico minore" in der Beschreibung deutet auf eine
Verschiedenheit von der vorliegenden; übrigens ist zu bemer-
ken, dass Linne nur sagt, sie lebe in der Nähe der war-
men Quellen, prope Ihermas pisanas in aquis dulcibus idsis
Wasser der Thermen selbst ist salzhaltig); so viel ich weiss,
hat Niemand seitdem dort eine derartige Schnecke gesucht
üeber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 171
oder wenigstens davon Kunde gegeben , was doch sehr zu
wünschen wäre.
Auch Hanley (ipsa Linnaei conchylia) giebt keinen
Aufschluss über diese Art, da sie nicht in Linnes Sammlung
vorhanden ist; er spricht übrigens von einer hierauf bezüg-
lichen Handzeichnung, welche eine der Bylhinia ventricosa
Gray = Leachii Sheppard ähnliche Schnecke darstelle. Nun
ist Bythinia rubens Menke in ganz Unteritalien häufig, selbst
in den Brunnen der Städte und jener ähnlich genug, aber
Linne's Diagnose will doch nicht daraufpassen. Linne,
der die Schnecke von Abano durch Vandelli erhielt, schrieb
ausdrücklich an diesen zurück, dass er sie unter seinen 4000
Thierarten nicht kenne.
Küster's Figur von Paludina thermalis (13, 1.2) ist
sehr von den vorliegenden Exemplaren verschieden und be-
zieht sich ohne Zweifel auf stagnalis.
4. Hydrobia Ammonis M.
Taf. V. Fig. 4.
Schale 6 Miil. lang, konisch-gethürmt , massig spitzig,
aus 6 schwach gewölbten Windungen bestehend, die eine
seichte Naih bilden, Tangentenwinkel 35 — 38; Länge zur Breite
=: 5:3; die Mündung nimmt bei erwachsenen y^ der Länge,
bei jüngeren etwas mehr ein; sie steht nahezu senkrecht, ihr
unterer Theil ist mehr vorgezogen, wie bei Rissoa auriscal-
pium u. a., der Aussen rand daher, seitlich betrach-
tet, S-förmig ausgeschweift; nach oben ist sie birnför-
mig verengt in eine spitzwinklige Ecke, welche sich an die
vorhergehende Windung anlegt; der Mundsaum ist dick und
stumpf, ohne dass innerlich oder äusserlich eine abgesetzte
Anschwellung erkennbar wäre. Der Columellarrand zurück-
gebogen; kein Nabelritz. Die Schale zeigt nur schwache An-
wachsstreifen, ist dicker als bei allen vorhergehenden, doch
gegen das Licht noch durchscheinend, trübaschgrau, an
der Nath meist gelblichweiss und hier meistens noch mit
weissen Inkrustationen bedeckf. Der Deckel glashell; Farbe
und Consistenz erinnern an eine Gruppe gefalteter Rissoen,
1712 V. Martens:
wie R. ventricosa Desm., lablosa Mont. ; in Betreff der Ge-
stalt steht sie zwischen stagnalis (var. ulvae) und thermalis.
Die Reibplatten gleichen sehr denen von H. stagnalis , die
äussere Seitenplalle lässt bei 920racher Vergrösserung 15
äusserst feine Zähnchen erkennen , die Zwischenplatte zeigt
ihren zweiten Zahn verhältnissmässig noch breiter (T rö-
sch el). Bei Siwah, (Oase des Jupiter Ammon bei den Alten)
westlich von Alexandrien in der iybisohen Wüste, von Ehren-
berg gesammelt.
Ausser diesen fand ich noch im zoologischen Museum
zu Berlin unter der Etikette Paludina n. sp. Sonnenquelle in
oasi Jovis Ammonis , Hern pr ich und Ehrenberg (mit
der Beischrift nuirialica von Philippi's Hand, vergl. moll.
sicil. I. p. 149) 8 kleine Schnecken, worunter eine junge Ris-
soa mit starken Rippen, die anderen gleichen im allgemei-
nen Aussehen allerdings der Aponensis , die lelzte Windung
ist aber auffallend breiter , was der ganzen Schnecke mehr
das konische x\nsehen von acuta giebt, ein deutliches Nabel-
loch ist vorhanden und der Coluniellarrand breit zurückge-
schlagen. Die Mündung ähnelt in Form und Grösse der von
Aponensis, die Tiefe der Nalh variirt , bei der Mehrzahl so
seicht wie bei stagnalis, nähert sie sich bei einer der von
acuta; die Spitze bleibt aber stets stumpfer. Nach dem Rei-
seberichte, so weit er erschienen, hatte Ehrenberg keine
Gelegenheit, die Sonnenquelle selbst zu untersuchen; von ihm
selbst erfuhr ich , dass mehrfache Verwechselungen in den
Etiketten vorgekonunen sind und da die Verschiedenheit der
Exemplare und die erwähnte Rissoa starke Zweifel in Bezug
auf die Richtigkeit des Standortes erregen, so wage ich noch
nicht eine neue Art auf dieselben zu gründen.
5. Hydrobia minuta Tolten.
Taf.V. Fig5.
Die Schale ist 4 Mill. lang, konisch, dem cylindrischen
sich nähernd, oben stumpf, aus ^y^ — ^ massig ge-
wölbten Windungen mit tiefer Nath bestehend; die
erste Windung erhebt sich fast gar nicht über die folgende'.'
Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 173
Länge zur Breite =8 : 5. Die Mündung nimmt -/g der Länge
ein, steht nahezu senkrecht, ist rundlich, ihre obere Ecke
stumpf, an die vorletzte Windung angelegt ; der Columellar-
rand schwach umgebogen; kein oder ein unbedeutender Na-
belritz. Die Schale ist dünn, gelbbraun, auf der letzten Win-
dung meist ein oder mehrere intensiver gelbe Wachsthums-
absätze. Die obersten Windungen oft abgenutzt und theil-
weise zerstört, wie bei Melanopsis, doch auch, wo sie vor-
handen sind, stumpf. So nach Exemplaren aus Massachussetts,
die ich vom Heidelberger Museum erhielt.
Aus Europa kenne ich noch kein ganz übereinstimmen-
des Exemplar, doch scheinen mir die nachfolgenden Citale
hieher zu gehören und ich fand selbst bei der Stadt Bergen
im sog. Lungersvand an der Unterseite eines im Schlamme
steckenden Steines zwischen Fluth und Ebbe eine ähnliche
Schnecke von 3 Mill. Länge und nur S'/j Umgängen, welche
sich nach oben noch weniger verjüngt und wohl ein junges
Exemplar der vorliegenden Art ist. Bestätigt sich die Syno-
nymie, so ist der Name subumbilicata anzunehmen.
? Helix octona Pennant british zoology IV. 1787. 8. p. 138.
pl. 86. flg. 135 in ponds; spire mutilated.
Turbo subumbilicatus Montagu test. brit. 1803. p. 316 von
Weymoulh, von wo sonst viel pseudobritisches stammt).
Cingula minuta (Tollen) Gould invertebr. Massach. 1841.
Rissoa subumbilicata Macgillivray moll. scotl. 1844. p. 342
im Sand von Donmouth bei Aberdeen,
Paludina minuta (Say) Küster Paludina in der neuen Ausg.
V. Chemnitz 1852. S. 52. Taf. 10. Fig. 15. 16, wahr-
scheinlich auch nach Exemplaren aus dem Heidelberger
Museum, doch dann ist die Abbildung nicht genau.
Rissoa ventrosa (var.) Forbes und Hanicy brit. moll. 1853.
IV. Taf. 87. Fig. 1. Im Texte ist nichts auf diese Figur
besonders Bezügliches zu finden, da aber Fig. 7 aus-
drücklich als Varietät genannt ist und Fig. 5.6 das am
Schlüsse des Textes erwähnte weisse Exemplar von Bean
sein dürfte, so könnte man glauben, Fig. 1 solle den
Typus von ventrosa darstellen , dem widerspricht aber
die stumpfe Spitze, da F. H. dieser ausdrücklich a small
moderalely pointed apex, wie Montagu , zuschreiben. ;
174 V. M a r t e n s :
An den Küsten der nordamerikanischen und höchst-
wahrscheinlich auch der europäischen Nordsee. Diese Art
scheint noch weniger als andere an den Salzgehalt des Mee-
res gebunden zu sein. Die abgefressene Spitze erinnert an
manche Brackwasser- und viele Süsswasser-Conchylien, mein
Exemplar fand ich bei Bergen im sogenannten Lungersvand,
an der Unterseile eines Steines im Schlamme, der zahlreiche
Lumbricilli aber keine andere lebende Schnecke beherbergte,
zur Ebbezeit über Wasser.
Vielleicht ist auch die folgende nur als Abänderung der
vorliegenden Art zu betrachten.
6. Hydrobia haltica Nilss.
Taf. V. Fig. 6.
Schale 3y2 Mill. lang, konisch , nach oben sich allmäh-
lich verjüngend, aber stumpf endend, aus 41/2— 5 Windun-
gen bestehend; diese sind im Allgemeinen nur wenig ge-
wölbt, biegen sich aber nach oben gegen die Nath fast ho-
rizontal ein, so dass ein treppenförmig abgesetztes Gewinde
entsteht; die Spitze entweder ganz stumpf, indem die erste
Windung beinahe scheibenförmig ist, oder korkzieherartig
gedreht; auch das Verhältniss der einzelnen Windungen zu
einander sehr verschieden , zuweilen alle gleichmässig zu-
nehmend, zuweilen die zwei vorletzten von gleichem Durch-
messer und die letzte dann um so stärker vortretend , an
eine Säule mit ihrem Piedestal erinnernd. Länge zur Breite
= 8:5. Die Mündung nimmt % der ganzen Länge ein,
steht nahezu senkrecht, ist rundlich, ihre obere Ecke bald
mehr bald weniger deutlich ausgesprochen, an die vorletzte
Windung angelegt; auch nach unten (vorn) zeigt die Mün-
dung zuweilen sich melanienartig vorgezogen. Der Columel-
larrand umgeschlagen , den deutlichen Nftbelritz zur Hälfte
deckend, die Schale durchsichtig, glasartig glänzend, mit
deutlichen Anwachsstreifen. Nach Exemplaren von Swine-
münde, die ich der Güte der Hrn. Prof. Beyrich verdanke;
es sind etwa zwei Dutzend an der Zahl, diese zeigen solch
auffallende Verschiedenheilen, wie sie oben bemerkt und mir
Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 175
von keinem anderen Vorkommen verwandter Arten bekannt
sind. Auf den ersten Anblick erinnern sie an acuta, na-
mentlich in der allgemeinen Form, zeiiren jedoch nie die
gleichmässig gewölbte Form der einzelnen Windungen und den
regelmässig zugespitzten Wirbel derselben. Die Mittelplatte
der Uadula zeigt 9 ziemlich lange, von innen nach aussen
gleichmässig abnehmende Zähne ; die Zwischenplatte 7, wo-
von der dritte doppelt so gross als die andern, die innere
Seilenplatte 9, die äussere eine sehr schwache, nicht zähl-
bare Zähnolung. (Prof. Troschel nach ganz übereinstim-
menden Exemplaren, welche Prof. Braun nebst kleinen Lim-
naeeri zwischen Chara crinita Wallr. von Rügen und Stral.
sund fand.)
Bei ihrer grossen Veränderlichkeit bin ich geneigt, die
meisten von den verschiedenen Autoren als ventrosa oder
baltica beschriebenen Ostseeformen hieher zu zählen (doch
wurde das Vorkommen einer Form von stagnalis in Kiel schon
oben erwähnt).
Paludina baliica Nilsson moll. suec. 1822. p. 91. Ostsee an
Tangen und Steinen, mit Limnaeus und Neritina ; auch
die Weichtheile beschrieben. Oft abgestutzt. Nilsson's
Worte anfr. tereli, convexi, aequabiliter crescentes; su-
tura profunda; vertex in statu integro acutus, so wie der
Umstand, dass Malm dieselben nach Exemplaren von
Nilsson's Fundort Esperöd unbedenklich für ventrosa von
Forbes undHanley erklärt, Hessen mich anfangs ent-
stellte Exemplare der acuta vermuthen , aber alle Ost-
seeschnecken, die ich selbst gesehen, stimmen doch zu
wenig mit dieser überein. Kleeberg's Beschreibung von
baltica passt noch weniger zu der unsrigen.
Paludinella baliica Oersted de regionibus marinis 1844. p. 69.
Sund in der Region der Trochoideen und grünen Algen.
Paludinella baltica Loven moll. scand. 1846. p. 25 schwe-
dische Küste des Katlegat. Forbes und Hanley sa-
gen zwar IV. p. 143, dass sie von Loven unter die-
sem Namen eine der slagnalis var. Barleei ähnliche Form
erhielten, zu einer solchen passen aber die wenigen Worte
bei Loven nicht.
176 V. Mar tens:
Bytliinia viridis Malm zoologiska observationer Göliieborg-,
Heft 1. 185 J. (Abdruck aus den kongl. vet. och. vitt.
samhällets i Götheborg handlingar 1851) p. 130 und
ibid. Heft Hl. 1855 (handl. etc. 1853—54) p. 128 im
Göthaelf bei Gothenburg. Malm's Beschreibung so wie
seine Vergleichung mit der ebenfalls stumpfen acuta
Steins (s. unten Steinii) lassen mir keinen Zweifel, dass
unsere Art gemeint sei.
? Paludina stagnalis var. A. Küster, Paludina in Chemnitz
neue Ausgabe 1852. S. 70. Taf. 12. Fig. 25. 26 vom Sund.
Paludinella stagnalis (Middend.) Nordenskiöld und Nylander
finnlands mollusker 1856. 8. p. 93 (länger und spitzig.)
7. Hydrobia ventrosa Mont.
Taf. V. Fig. 7 u. 8.
Schale bis 4Mill. lang, regelmässig konisch-ge-
thür ml, spitzig, aus b^/2 — 6 stark gewölbten Um-
gängen bestehend, deren Fläche dicht an der Nath fast
horizontal wird, daher diese tief einschneidet. Tangenten-
winkel wechselnd, im Durchschnitte 45°. Länge zur Breite
= 2:1. Die Mündung nimmt y^ der Schalenlänge ein, steht
nahezu senkrecht, ist schief-eiförmig, ihre obere Ecke in der
Regel wenig ausgesprochen, an die vorletzte Windung ange-
legt. Der Aussenrand ist gerade, nicht ausgeschweift, der
Columellarrand schwach rückwärts gebogen, er lässt einen
beträchtlichen Nabelrilz offen. Bis jetzt sind mir nur ausge-
bleichte Exemplare vorgekommen (nachMontagu undFor-
bes-Hanley ist die frische von einer blassen Hornfarbe,
oll mit einem Stich ins Olivengrüne oder bräunlichgelbe).
Die Anwachsstreifen sind deutlich zu sehen, die Schale ist
noch durchscheinend und hat einen matten etwas seidenarti-
gen Glanz , einige zeigen noch Reste einer horngelben Fär-
bung. So nach Exemplaren aus dem Mannsfelder Salzsee.
Damit stimmen solche aus den ßrackwassersümpfen der Pro-
vence von Requien in den Sammlungen der Herren ßeyrich,
Ewald und Albers grossenlheils überein, manche sehr nahe,
die Mehrzahl ist etwas schlanker und länger, nähert sich
Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs. il7
dadurch unserer No.l, ebenso die, welche das Berliner Museum
von Eichwald als aus demLiinan (Erweiterung der Fluss-
niündung) des Bug stammend erhielt. Näher mit der obigen
kommt auch die Zeichnung einer tertiären Schnecke aus dem
Erbenheimer Thälchen (Mainzer Becken) überein, welche Prof.
Braun in seiner leider nicht veröffentlichten Arbeit über
Litorinella acuta, var. elongata nennt; neben ihr kennt der-
selbe aber noch schlankere Formen (5 Miil. lang und 2 Mill.
breit). Die gewöhnliche Form im Mainzer Becken aber, von
A. Braun als acuta vulgaris bezeichnet, im hiesigen mine-
ralogischen Kabinete aus den Fundorten Mainz und Flörsheim
vertreten, ist etwas kleiner als die vom Salzsee und hat die
Näthe etwas weniger tief; doch scheinen die Unterschiede
zu wenig bedeutend für eine specifische Trennung. Viel
zweifelhafter ist mir dieses aber bei anderen aus dem Ceri-
tinasande von Kleinkarben, deren Untersuchung ich ebenfalls
der Güte der Hrn. Prof. Beyrich verdanke; sie haben noch
seichtere Näthe und treten der oben beschriebenen stagnalis
näher.
in der alten Schlotheimischen Sammlung befindet sich
ein Stück voll dieser Schnecken , von Oberkassel im Bergi-
schen , es ist daher möglich, dass es dessen Helicites palu-
dinarius ist; dessen H. socialis aber, oder was dasselbe
scheint, H. gregarius seiner Sammlung steht derBylhinia len-
taculata weit näher. Ohne Zweifel auch hieher gehörig und
nicht mehr, als die Mainzer unter sich, abweichend, finde ich
in der hiesigen mineralogischen Sammlung eine Schnecke aus
dem Wiener Becken, von Zelebor eingeschickt.
Im zoologischen Museum fand ich endlich ein Gläschen
voll solcher Schnecken, frisch und glänzend, mit der Etikclte:
Surinam , Hoffmann. Wie weit dieser Standort zuverlässig
ist, mag dahin gestellt bleiben.
Die Synonymie der vorliegenden Art dürfte sich folgen-
dermassen gestalten:
?Kleine Schneckiein, einer Erbse gross, im Sande des
Ufers der SeeburgiscIiLMi Salz -See bei See-Rcblingen.
Lesser teslaceotheologie 1744. p. 138. (ist unser Salzsee).
Die kleinste weisse Flussschraube mit weiten bauchigten
Archiv f. Naturgesch. XXIV. Jahrg. I.Bd. |2
178 V. Martens:
Windungen. Schröter Geschichte der Flussconchylien
1779. S. 351. Taf. 8. Fig. 7, aus Sand unbekannter
Herkunft.
Helix ulvaePennantbrit. zoologylV. 1787. 8. p. 132. pl. 86.
flg. 120. Flintshire an ülva lactuca. Die Figur so wie
die Angabe im Texte, dass die erste Windung bauchig
(ventricose) sei, spricht für diese Art und gegen stag-
nalis, wozu sie meist citirt wird.
Helix turgida Gmelin, Linn. syst. nat. ed. 13. 1788—92.
p. 3667 nach Schröter. Das Wort „obtusa*^ ist weder
durch dessen Text noch Figur gerechtfertigt.
Turbo ventrosus Montagu test. brit. 1803. p. 316. pl. 12.
flg. 13. Küste von Kent.
Cyclostoma acutum Draparnaud moli. de la France (1805)
p. 40. pl. 1. flg. 23 ohne Fundort.
Bulimus elongatus Mogontianus FaujasSt. Fond in den Ann.
du Mus. d'hist. nat. VIII. 1806. p. 372. pl. 58. fig. 5— 8
fossil von Mainz; derselbe in Ann. Mus, XV. 1810. p. 145.
pl. 8. flg. 1 — 4, lebend aus einem Brackwasserteich bei
Villeneuve de Maguelone im südlichen Frankreich, flg.
6. u. 8 fossil von Mainz.
Paludina pusilla Ferussac memoires geologiques 1814. p. 64
marnes d'eau douce de Paris und un Cyclostome flu-
viatile ibid. p. 13 von Mainz.
Paludina pusilla Eichwald faun. casp. cauc. 1841. p. 204.
lab. 38. flg. 12.13 von Odessa, nicht aber die des kas-
pischen Meeres, vgl. Nouv. Mem. soc. imp. nat. Mose. XI.
1855. p. 306.
Helicites paludinarius Schlotheim Petrefactenkunde 1820.
? Leachia vitrea Risso bist. nat. de l'Eur. merid. IV. 1826.
p. 58. Sümpfe bei Nizza. (Nach der Beschreibung).
Paludina elongata Münster in Bronns Jahrbuch f. Mineral.
1829. S. 75 (vermuthlich vom Mainzer Becken).
Paludina acuta Michaud complement 1831. p. 100 nach Dra-
parnaud.
Paludina acuta Deshayes Lam. an. s. vert. X. ed. 2. Bd. VlII.
1838. p. 521 von der Gironde etc.
Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 179
Paludina coerulescens Höninghaus in Bronns Jahrbuch für
Mineralogie u. s.w. 1831. S. 169. Mombach im Mainzer
Becken.
Paludina exilis Schlüter systematisches Verzeichniss meiner
Conchyliensammlung. Halle 1838. 8. S. 13 ohne Beschrei-
bung, von Halle, also vermulhlich vom Salzsee.
Litorinella acuta A. Braun im amtl. Berichte über die Na-
turforscherversammlung zu Mainz 1842.
Litorinella acuta Walchner Darstellung d. geolog. Verhält-
nisse des Mainzer Beckens , aus der zweiten Auflage
seines Handbuchs bes. abgedruckt S. 41.
Litorinella acuta Sandberger Untersuchungen üb. d. Main-
zer Tertiärbecken 1853. S. 39.
Litorinella acuta Eichwald in den Nouveaux Memoires de
la Societe imperiale des naturalistes ä Moscou XI. 1855.
Taf. 10. Fig. 10. 11. Kaspisches und schwarzes Meer.
Rissoa ventricosa Macgillivray moll. scot. 1844. p. 148 im
Sande von Donmouth bei Aberdeen.
Rissoa ventrosa Forbes und Hanley bril. moll. 111. p. 138.
IV. pl. 87. fig. 5. 6 (kaum 7) Grossbritannien, Meer und
Brackwasser, weniger häufig als stagnalis.
? Hydrobia acuta Dunker Süsswassermollusken der Braun-
kohlenformallon von Gross- Alnierode in Niederhessen.
Programm der Gewerbeschule in Cassel S. 12 nach der
Diagnose ; das hiesige mineralogische Museum besitzt
unsere Schnecke von jenem Fundorte nicht, wohl aber
sehr ähnliche, grössere, welche Prof. Beyrich wohl
mit Recht für den Jugendzustand der Dunker'schen H.
Chastelii hält; es bleibt mir somit zweifelhaft, welche
Dunker gemeint hat,
Hydrobia acuta Adolf Schmidt Beiträge z. Malacologie 1842
(bes. abgedruckt aus Giebels Zcitschr. f. d. gesammten
Naturwissenschaften Jahrg.18563, soweit auf die Schnecke
des Salzsees bezüglich.
Anmerkung. Dass Nerila minuta Müll. bist. verm.
p. 365 und Schröter Flussconch. 7, 14, welche verschie-
dene Autoren zu acuta citiren, nicht hieher gehört, ergiebt
sich neben der ganzen Form der Schale wesentlich auch aus
18Ö V. Märten s:
der Notiz über die Weiciitheile bei Schröter S. 288 , wo-
nach sie ein Liinnaeus ist. Ferussac sah bei letzterem
die von demselben in seinen Flussconchyl. 8, 8u. 9 abgebil-
deten kleinen Hydrobien vom Main und Rhein ( — es ist wohl
ein Druckfehler, dass Ferussac beidemal Fig. 9 cilirl — )
und nahm sie willig als die lebenden Analoga der Mainzer
Schnecke an, giebt übrigens selbst zu, dass die Arlunler-
scheidung hier noch besonderer Arbeilen bedürfe. Mir scheint
Schrote r's Fig. 9, die übrigens aus dem Steinthale bei
Strassburg, nicht aus dem Rheine selbst stammt, wegen ihres
stumpfen Wirbels vielmehr zu viridis Putons und Moquin-
Tandons zu gehören. Pal. acuta Klein würtlemb. Jahreshefte
1846. 2, 12 scheint durch die weniger gewölbten Umgänge
und die längere Mündung verschieden.
Villa giebt P. acuta von Sardinien, Ferd. Schmidt
aus den Anschwemmungen der Schuschitza in Unterkrain,
Spinelli aus dem Sande des Sees von Idro in Oberitalien
an ; da sie dem blossen Namen keine weitere Beschreibung
zufügen und ich Exemplare von diesen Orten noch nicht
kenne, konnte ich sie nicht ciliren. Möglicherweise kann
auch die folgende oder ganz neue Arten zu Grunde liegen.
Das Vorkommen von acuta gestaltet sich folgender-
massen :
A) Lebend wie es scheint an den Küsten der Nordsee,
die Weichtheile noch nie beschrieben.
B) Bis jetzt nur lodt gefunden im Brackwasser des mit-
telländischen und schwarzen Meers, im kaspischen Meer und
in einem kleinen vom Meere entfernten Salzsee, dem mehr-
mals genannten Mannsfeldischen zwischen Eisleben und Halle ;
hier suchte ich sie vergeblich an den verschiedensten Was-
serpflanzen, an den Steinen und am Ufer, fand sie aber häufig
todt im Schlamme (an der Nordseite gegen Erdeborn zu),
so wie ich bis an den Hals ins Wasser ging. Dass sie ana-
log der Hydrobia viridis und ihren Verwandten, in kleinen
Bächen und Quellwassern lebe, ist wegen ihres sonstigen
Vorkommens unwahrscheinlich; oder sollte sie gar nicht mehr
lebend daselbst vorkommen?
C) Entschieden fossil und zwar oligocaen im Mainzer
Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 181
Becken, miocaen im Wiener Becken. Wal ebner führt sie
fast durch die ganze Schichtenfolge an, Sandb erger be-
schränkt sie auf den Lilorinellenkalk, Cerithienkalk und Cy-
renenmergel. Sie alle enthalten Land-, Süss- und ßrack-
wasserschnecken , hievon kann ich , wie oben gesagt , nur
unter denen des Litorinellenkalkes mit der gegenwärtigen
übereinstimmende anerkennen.
8. Bydrobia vitrea Drap.
Taf. V. Fig. 10.
Schale über 3 Mill. lang, schlank gethörmt , oben
stum pf aus 5y2, selten 6 — 6 V2 JJrngängen bestehend, welche
sich regelmässig, doch viel langsamer als bei der vorigen,
abstufen und durch minder tiefe Näthe getrennt sind. Tan-
gentenwinkel 26 — 32°. Länge zur Breite 3: I — ly^. (Wie
alle überhaupt, so erscheint diese insbesondere schlanker,
als man nach diesen Zahlen erwarten dürfte, weil die Rich-
tung der Umgänge oder der Nalh hier noch schiefer als bei
den andern ist). Die Mündung erreicht nicht ganz V'3 der
Schalenlänge , steht nahezu senkrecht und gleicht in ihrer
Form der von acuta, aber die obere Ecke steht von
der letzten Windung ab, frei nach aussen, wie
bei H. viridis und Verwandten. Der ganze Älundsaum ist
schwach auswärts gebogen (peristoma patulum), der Aussen-
rand bogig geschwellt , der Columellarrand an die vorletzte
Windung angelegt , unten einen deutlichen aber engen Na-
belritz übrig lassend. Die Schale ist von feinen regelmässi-
gen, nur mit der Loupe .<:ichlbaren Anwachsstreifen bedeckt,-
sie ist durchsichtig und glasartig glänzend, die verbleichten
Exemplare zeigen einen weit stärkeren Glanz als die der
voriijen Art vom Salzsee. Sie klebten an den feuchten Wän-
den einer Kalkhöhle voll durchsickernden Wassers, beim
Krotenkopfe am Walchensee (in Obrrbaiern), deren Kenntniss
und Besuch Prof. Job. Koth und ich dem freundschaftlichen
Euer des Hrn. [)r. Heinrich Dessauer aus München ver-
danken. Debereinstimmend damit finde ich diejenige, welche
derNeckar alljährlich bei Canslall mit andern kleinen Schnek-
182 V. Martens:
ken, namentlich Pupa muscorum und Achalina acicula an-
schwemmt. An beiden Orten kommen auch etwas kürzere,
weniger schlanke Formen unter den anderen vor.
Cyclostoma vitreum Draparnaud moll. franc. (1805) p. 40.
pl. 1. flg. 21. 22. Von der Rhone angeschwemmt.
Paludina nitida Menke synops. ed. 2. 1830. p. 41 nach von
meinem Vater erhaltenen Exemplaren aus dem Neckar,
ohne Beschreibung. ^
Paludina nitida v. Seckendorf in den Jahresheften des Ver-
eins f. Naturkunde in Württemberg, Jahrg. 1846. p.42
ebendaher, mit einer kurzen Diagnose.
Paludina diaphana Michaud complement 1831. p. 97. pl. 15.
flg. 50. 51. Anschwemmungen der Rhone.
Paludina pellucida Benz. v. Seckendorf im Correspondenz-
blatt des K. Württembergischen landwirthschafllichen
Vereins, Jahrg. 1834. S. 19. vom Neckar. — Villa disp.
syst. p. 41. (Name ohne Beschreibung.)
Paludina acicula Held in der Isis 1837. Anschwemmungen
der Isar bei München (aber testa imporforata?)
Paludina acicula Küster Paludina in der neuen Ausgabe
von Chemnitz 1852. S. 57. Taf. U. Fig. 5. 6. Eben-
daher und aus der Tauber bei JVIergenlheim.
Paludina vitrea F. Förster in Fürnrohrs naiurhistorischer
Topographie von Regensburg. Bd. HI. 1840. S. 470 von
der Donau angeschwemmt, ohne Beschreibung.
Paludina vitrea Held die Wassermollusken Baierns im Jah-
resberichte der k. Kreis-Landwirthschafts- und Gewerbs-
Schule zu München für das Schuljahr 1846-47. S. 15. Bei
München, von der Isar angeschwemmt, ohne Beschreibung.
Paludina vitrea Küster Ausg. v. Chemnitz 1852. S. 56. Taf.
11. Fig. 1. 2 aus dem westlichen Frankreich, von Char-
penticr, der es von Fcrussac erhalten habe. Die Var.
Fig. 3. 4, welche Küster von Benz erhalten haben und
die demnach bei Stuttgart (richtiger bei Canstatl) ge-
funden sein soll, passt weniger zu meinen Exemplaren.
Hydrobia vitrea Dupuy moll. franc. 1852. pl. 28. fig. 8.
Rhone, ferner bei Agen in klaren Quellen an Steinen
und todten Blättern (Gassies> und hei Troyes.
lieber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 183
ßythinia vitreaMoq.-Tand. moll. franc. II. 1855. p.5l8. pl. 38.
flg. 33. 34 und dessen var. elongata, aus der Aube, Vienne,
Garonne, Rhone. Ob er mit Uechl P. buliraoidea Mich,
hinzuzählt, kann ich nicht entscheiden.
Eine sehr schlanke pfrienn förmige Hydrobia Ad. Schmidt
in Giebels Zeitschr. f. d. gesammten Naturwissenschaf-
ten 185Ö. (Separatabdruck p. 43) aus der Tauber bei
Rothenburg in ßaiern, von Sturm erhalten.
Ausser Ad. Schmidt erwähnte keiner das Vorstehen
der oberen Ecke der Mündung oder bildete es ab; ich finde
es aber bei allen meinen ausgewachsenen Exemplaren.
Schröter's kleinste bläuliche Flussschraube mit enge-
ren bauchigten Windungen (Flussconchyl. S. 352. Taf. 8. Fig.8)
von Gmelin Helix coerulescens getauft, unter der Sachsen-
häuser Brücke zu Frankfurt in der grössten Menge gefunden,
passt nach der Abbildung nicht so übel, die Farbe ist schwer-
lich an frischen Exemplaren bläulich oder dunkelviolett, son-
dern erst im schwarzen Schlamme so geworden, aber die
scharfe Spitze und die undurchsichtige Schale sprechen ent-
schieden dagegen. Ich habe an Ort und Stelle , freilich im
Herbst und nicht nach einem Hochwasser , vergebens mich
nach dieser Schnecke umgesehen. In Höninghaus' Verzeich-
niss wird der Name coerulescens für die Mainzer ventrosa
benutzt, zu dieser passt Schröter's Figur ebensowenig.
In den Anschwemmungen der Flüsse im südlichen Deutsch-
land und mittleren Frankreich, aber nur hier von Gassies
(s. Dupuy) lebend gefunden.
9. Eydrobia Steinii M.
Taf. V. Fig. 9.
Schale 4 Mill. lang gethürmt -eiförmig , oben stumpf,
indem die erste Windung sich kaum über die
zweite erhebt, aus 4'/, gewölbten, regelmässig
abgestuften Windungen bestehend; Nath tief. Verhält-
niss der Länge zur Breite = 2:1 (bei den völlig ausge-
bildeten, die seltener sind, als andere, jüngere mit 3y;, Win-
dungen und einem Verhältuiss von i zu 2); die Mündung
184 V. Wartens:
Yj, der Länge, etwas schief stehend, rundlich-oval, mit nur
schwach ausgesprochener oberer Ecke, welche sich an die
vorhergehende Windung anlegt ; IVlundsaum gerade; ein deut-
liches ober enges Nabelloch.
Die Schale ist durchsichtig, glasartig, mit deutlich aus-
gesprochenen Wachsthumsstreifen bedeckt. Auch ausge-
bleichte, sog. caicinirte Stücke behalten einen Glanz, der sie
neben der Gestalt der ersten Windungen wesentlich von der
acuta des Mannsfelder Salzsees unterscheidet, sie gehört in
die von Ferd. Schmidt und Frauenfeld als Paludinella
bezeichnete Gruppe der kleinen Süsswasserpaludinen , deren
bekannteste die ächten und unächten viridis sind, und welche
bis jetzt nur in Quellwasser lebend gefunden wurden. Herr
J. P. E. Fr. Stein, durch seine Arbeit über die Mollusken
der Umgegend Berlins in unserem Fache bekannt, fand ein
solches , noch glashelles und mehrere ausgebleichte Exem-
plare am Ufer des Tegelsees zwischen Berlin und Spandau,
namentlich auch an Phrygancengehäusen ; lebende zu finden
ist noch nicht geglückt. Prof. T rose hei fand ein Exem-
plar in der Havel bei Picheisberg *).
Bythinia acuta (non Drap.) Stein die Schnecken und Mu-
scheln der Umgegend Berlins 1850. S. 95. 3, 5. (Diese
Figur erscheint weit spitziger, als alle die vom Verf.
mir freundlichst geliehenen Originalexemplare.)
Unter den von Frauenfeld in den Sitzungsberichten
der Wiener Akademie 1857 beschriebenen Arten stimmt cy-
lindrica Parr. in der Form am meisten mit der Stein'schen
uberein, unterscheidet sich aber durch das frei vortretende
obere Eck der Mündung; austriaca hat die letzte Windung
weit schmächtiger, Dunkeri zeigt andere Proportionen, die
letzte Windung viel zu stark überwiegend. Die ebenfalls nahe
Hydrobia brevis Dr. und abbreviata Mich, mit mehreren an-
deren, welche Dupuy unterschieden hat, Moquin-Tan-
don als Varietäten betrachtet, unterscheiden sich alle durch
eine seichtere Nath , H. Reyniesi Dupuy durch die nahe der
Nath verlaufende stumpfe Kante.
*) Ich tiabe dasselbe tagelang lebend beobachtet; es liegt im
Berliner zool. Museum. Das Ttiicr war grau, mit kurzen stumpfen
Fühlern. Troscliel.
Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 185
10. Hydrobia Prässii Phil.
Schale 3 Mill. lang-, oiförmig-konisch, stumpf-
lich, aus 47, schwach gewölblen Windungen bestehend;
Nath seicht; Tangentenwinkel 40*^. Verhällniss der Länge
zur Breite =3:2. Die Windung nimmt % der ganzen
Länge ein , sie steht schiefer als bei den übrigen , und man
bemerkt die Flerabbiegung der Nath vor derselben deutlich;
sie ist ebenfalls oval, ihr oberes Eck an die vorhergehende
Windung angelegt ; der Aussenrand gerade, der Columellar-
rand fast geradlinig zurückgebogen, ein deutliches, aber
enges Nabelloch übriglassend. Ich kenne sie nur nach Einem
vollständigen Exemplare, das ich von Preiss selbst erhielt;
es ist ausgebleicht, wie alle bis jetzt bekannten, milchvveiss
und glasartig glänzend, mit deutlichen Anwachsstreifen und
auf der Hälfte der letzten Windung findet sich ein wulstiger
Absatz, an Hydrobia gibba Dr erinnernd, der auch eineEin-
knickung der Nath nach unten an dieser Stelle veranlasst hat.
Aus weissem Quarzsand bei Point ßelcher am Schwanenflusse
ausgelesen.
Paludina acuta (non Dr.) Menke moll. nov. Holl. p.8 ohne
Beschreibung, nach Exemplaren von Preiss, wie die fol-
gende.
Paludina Preissii Philipp! icones. Bd. IL Heft 13. S.137. Palud.
Taf.IL Fig. 12. 1846. Wü Ausnahme des Ausdruckes
imperforata passt Beschreibung und Abbildung vollkom-
men auf das mir vorliegende Exemplar.
II. Hydrobia Tasmanica M.
Taf. V. Fig. 12.
Schale 2 '/2 '^is 3 Mill. lang, konisch, spitzig, aus 4'/2 — 5
gewölbten regelmässig abnehmenden Umgängen
bestehend; Nath massig lief. (Tangentenwinkel ungefähr 35<').
Verhältniss der Länge zur Breite =5:2, Die Mündung
nimmt ebenfalls ^/^ der Länge ein (bei jüngeren noch mehr),
steht nahezu senkrecht ; der obere Winkel derselben legt sich
an die vorhergehende Windung an und ist abs^ernndct: der
Mundsaum verdickt, gerade; der Columellarrand gebogen an-
186 V. Martens:
gelegt den Nabelritz ganz (bei jüngeren fast ganz)
schliessend. Dünnschalig, glänzend mit deutlichen Wachs-
thumsslreifen, braun wie Helix lucida oder bräunlich-
rot h. Mundsaum weiss. In der Form zwischen thermalis
und acuta die Mitte haltend , durch Grösse und Farbe von
beiden abweichend. (Deckel spiral.) An Chara macropogon
A. Br. aus Vandiemensland von Prof. Braun in grosser An-
zahl gefunden.
b) Nahe damit übereinstimmend finde ich eine Anzahl
Exemplare, welche Eh renb erg am Ufer des rothen Meeres
gefunden hat , sie zeigen sich der Mehrzahl nach bei einer
bedeutenderen Grösse (4 Mill. Höhe) breiter und konischer,
oft ist die Breite die Hälfte der Höhe, andere gleichen hierin
der vorigen, die Windungen sind weniger gewölbt, die Fär-
bung gelbbraun, der Glanz geringer. Mehrere derselben zei-
gen dem Auge ein punktirles Ansehen, was aber von einer
fremden Auflagerung herzurühren scheint. Sie sind Taf. V.
Fig. 11 abgebildet und mögen Hydrohia Erythraea heissen,
es bleibt dem subjektiven ürlheile und weiteren Nachfor-
schungen an zwischenliegenden Lokalitäten überlassen, ob
sie als eigene Art oder als Lokalvarietät (Subspecies) zu be-
trachten sei , jedenfalls ist sie ein weiteres Beispiel dafür,
dass die Fauna des rothes Meeres der der Südsee näher
steht, als derjenigen des Mittelmeers.
12. Hydrobia /^ ferruginea Menke.
Taf. V. Fig. 13.
Schale IV5— IVio Mill. lang, konisch, regelmassig
abgestuft, stumpf, aus S'/j— 4 starkgewölbten Win-
dungen mit tiefer Nath bestehend. Tangentenwinkel 42o.
Verhältniss der Länge zur Breite = 4 : 3, indem die Mün-
dung stark vorgezogen ist; dieselbe steht schief, (der
unlere Theil mehr vor(retend) und nimmt % bis Vj von der
ganzen Länge ein, ist nahezu kreisrund, doch nach oben in
ein spitzes Eck auslaufend , welches sich an die vorherge-
hende Windung anlegt. Der Mundsaum ist verdickt, und lässt
einen deutlichen Nabelrilz offen.
üeber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 187
Die Schale ist glatt, durchsichtig, blass rothbraun, va-
riirt etwas in der Länge und Zuspitzung des Gewindes; ich
besitze ein Exemplar von 1 V2 Mill., welches spitziger als die
andern ist ; stumpfere und kleinere wurden von meinem Va-
ter in seiner Sammlung als Paludina oblusa bezeichnet und
wohl auch unter diesem Namen milgetheilt. Im Helminthochor-
ton der Apotheken aus Corsica.
Paludina ferruginea Menke synops. ed. 2. 1830. S. 133 nach
von meinem Vater erhaltenen Exemplaren aus dem Hel-
minthochorton.
Paludina ferruginea A. var. Anton Verzeichniss 1839. S. 52
Sardinien. (? die von demselben als Typus betrachtete
dalmatische Schnecke = vulgatissima Küst. kenne ich
noch nicht, auch fehlt dieser Name bei Küster selbst).
Rissoa soluta Philippi moll. sicil. 11. p. 130 Taf. 23. 1^, der
Text passt vollkommen, die Figur etwas spitziger.
Die englische sog. soluta (Forbes undHanleylll. p. 131,
IV. 75, 3, 4) ist durch die Sculptur und raschere Zunahme
der Windungen verschieden.
Was die Genusfrage belriflft, so wurden diese klei-
nen Schnecken früher bald als gelhürmte Paludinen , bald —
wenigstens die meerbewohnenden — als glatte Rissoen be-
trachtet und eingereiht. Die Schale allein bietet allerdings
kein durchgreifend unterscheidendes Merkmal gegen jene
zwei Gattungen, doch steht sie als dünn und glatt, mit ein-
fachem Mundsaume in auffallendem Habitusgegensatze gegen
die Mehrzahl der Rissoen , wenn gleich anzuerkennen ist,
dass auch unter diesen den gerippten sehr ähnliche, vielleicht
nicht einmal specifisch davon zu trennende glatte Formen
vorkonunen, z. ß. R, parva da Costa var. interrupla Adams.
Eine Spindellalte, welche K üs t er in seiner Monographie der
Paludinen S. 71 als wesentliches Kennzeichen der Rissoen
angiebt, fehlt sehr vielen derselben und gerade den typischen
wie R. costata Desm. *). Die Weichthcile geben weitere Un-
*} Derselbe ist auch im Unrecht, wenn er 1. c. Menke vor<
188 V. Martens:
terschiede an die Hand, indem die ächten Rissoen das Ende
der Sohle sehr spitzig und am Decliellappen eine kleine
fadenarlige Verlängerung zeigen, während bei den erwähn-
ten Brackwasserarten , soweit deren Weichtheile bekannt,
jene abgerundet .ist und diese fehlt, vgl. Forbes und Han-
ley Vol. I. Taf. J. J. Fig. 3 und 8. Die Bewaffnung der Zunge
oder Reibplatte stimmt allerdings im Wesentlichsten bei bei-
den überein, aber ebenso mit den kleinen Süsswasser-Hydro-
bien; Prof. Tros ch el fand jedoch einen Unterschied in der
Stellung der Basalzähne der Mittelplatte zwischen Hydrobia
und Rissoa, wie derselbe in dem gegenwärtig in der Aus-
arbeitung begriflTenen dritten Hefte seines Werkes über das
Gebiss der Schnecken zeigen wird, (bei Hydrobia auf der
Fläche der Platte aufsitzend, bei Rissoa am seitlichen Rande,
Verlängerungen desselben bildend) , und hierin stellen sich
unsere Brackwasserformen entschieden auf die Seite derSüss-
wasser-Hydrobien. Prof. Tros c hei hatte auf meine Bitte die
Güte, selbst einige derselben, namentlich die stagnalis von
Malamocco, von Capo d'lstria, ferner H. baltica von Stral-
sund, H. Ammonis aus der Oase zu untersuchen ; sie stimmen
alle unter sich überein und ebenso mit der Schnecke von
Abano, welche derselbe schon in der zweiten Lieferung sei-
nes Werkes ß. 108. Taf. 8. Fig. 6 beschrieben und abgebildet
hat ; kleine Differenzen in der relativen Grösse und der Zahl
der Zähnelungen der verschiedenen Platten, wie sie theil-
weise oben angegeben sind , können nur als specifisch be-
trachtet werden. Die sogenannte H. viridis von München
(von der französischen verschieden, aber auch zu keiner der
von Frauen feld unterschiedenen genau passend), wurde
des Vergleichs halber auch untersucht und zeigte bei son-
stiger Uebereinstimmung an der Mittelplatte jederseits zwei
Basalzähne; dass dieses aber nicht den Süsswasserformen
eigenthüralich sei, zeigt z. B. H. Sayana aus dem Ohio
wirft, Nilsson's Beschreibung des Thiers von Pal. oclona nicht be-
rücksichtigt zu haben; Nilsso n sagt p.92 nur: Animal .... non-
dum examlnavinius, beschreibt dagegen auf der vorhergehenden Seite
das von ballhica. Küster scheint übrigens wie Malm Rissoa labiosa
für Nilsson's octona zu nehmen.
üeber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 189
(Tr ose hei I. c. 8, 1), die auch nur einen Basalzahn jeder-
seils hat, und ebenso fand ich es bei H. abbreviala Dr. von
St. Faul in den Pyrenäen, bei welcher dieser eine Zahn übri-
gens ziemlich breit und stumpf ist. In der Bihiung des
Deckels, aus wenigen Windungen gebildet, stimmen Hydro-
bien und Rissoen überein, weichen aber darin stark von den
ächten Paludinen und Bylhinien mit concentrischem Deckel
ab, daher die Engländer sie jetzt von diesen trennen und mit
Litorina in eine Familie zusammenfassen. Assiminea Gra-
yana Leach, eine andere Brackwasserform aus England, im
Deckel mit Hydrobia zusammenstimmend, untersehcidet sich
wesentlich durch die Stellung der Augen und das Gebiss *).
Lithoglyphus, von den meisten Autoren auch zu den Paludi-
nen mit Spiraldeckel gezogen, zeigt eine auffallend andere,
den Neritinen verwandte Schalenform, grossmündig, mit
schwieligem Innenrande, welche übrigens durch Uebergänge,
z. B. die sog. Pal. Fluminensis (von Fiume) u. a. mit den
Hydrobien vermittelt wird; einen wichtigeren Unterschied wird
das Vorhandensein eines Kiemenfadens, wie bei Valvata, er-
geben, wenn sich diese Eigenthümlichkeit bei den typischen
Arten aus der Donau, nalicoides Mhlfld. und fusca Ziegl. be-
stätigt (s. Pfeiffer Weichth. Deutschi Th. III): dann gehören
aber die amerikanischen piscium und lapidum Orb., welche
Adams und Gray als Beispiele von Lithoglyphus anführen,
nicht hieher; auch in der Schale stimmen diese mit Hydro-
bia, eine verdickte Lippe findet sich z. B. bei H. expansila-
bris Mhlfld. u. a. Nahe verwandt scheint auch die ostindi-
sche Gattung Nematura oder Stenolhyra Bens., aber durch
die festere (kalkige) Beschaffenheil des ebenfalls gewunde-
nen Deckels und die auffallend kleine Mündung verschieden;
nach diesem Kennzeichen dürften auch einige Schnecken
der deutschen Tertiärbecken zu Stenolhyra zu gehören; z. B.
die belgische H. pupa Nyst., diese Gattung scheint auch das
*) Die von Loven gelieferte Abbildung gehört nicht der Assi-
minea Grayana an, wie Prof. Troschel schon in dem zweiten Hefte
seiner Schrift: „Gebiss der Schnecken« S. 105 angegeben hat. Letz-
terer giebt Taf. 7. Fig. 13 eine Abbildung der Raduia von A. Grayana
und Fig. U derjenigen der ostindischen Francisci.
190 V. Ma rtens:
Brackwasser zu lieben (S. deltae Bens, im Gangesdelta, S.
venlricosa Q. G. in Lagunen von Java), Die Gattungen,
welche theilweise nebeneinander, öfter sich durchkreuzend
und alle mehr oder weniger synonym, für die in Rede ste-
henden Schnecken vorgeschlagen wurden, sind in chronolo-
gischer Ordnung folgende:
Sabanaea Leach handschriftl. 1818 (vgl. Menke u. Pfeif-
fer's Zeitschr. f. Malakozoologie 1849. S. 53) für die
glatten marinen Arten , welche früher zu Turbo, später
zu Rissoa gezählt wurden.
Hydrobia Hartmann in Sturm's Fauna, HeftV. 1821. S. 47,
in der systematischen Uebersicht der deutschen Land-
und Süsswasserschnecken, also zunächst nur als solche
betrachtet. Von Paludina damals nur durch die ge-
thürmte Form der Schale unterschieden, daher nur acuta
und vitrea, nicht viridis als Arten angeführt. Vom Spi-
ralen Deckel ist noch nicht die Rede, derselbe wurde
aber später nach Rossmässler's Andeutungen bei Phi-
lippi, Dupuy u. A. der unterscheidende Charakter und
so dieses Genus wesentlich erweitert. Frauenfeld
(Sitzungsberichte d. Wiener Akademie 1857) beschränkt
den Namen auf die kegelförmig zugespitzten gethürmten
Arten, und so könnte man auch bei etwaiger weiterer
Zerfällung H. vitrea als ächte Süsswasserschnecke zum
Typus wählen, da ohnedies zweifelhaft bleibt, was
Hartmann unter acuta sich dachte. Woodward be-
nutzt ihn umgekehrt als Bezeichnung für die Brackwas-
serschnecken , ohne der Arten des süssen Wassers ir-
gendwo zu gedenken.
Cingula Fleming bist, of brit. animals 1828 für glatte, ge-
gitterte und gerippte Rissoen , wie auch für unsere
Brackwasserschnecken aufgestellt , auf welche letztere
Gould (invertebr. of Massachusetts 1841) diesen Na-
men beschränkt, sie durch den einfachen Mündungssaum
von Rissoa unterscheidend.
Pyrgula Jan. catalog. 1832 für eine durch Spiralkanten aus-
gezeichnete Art des Gardasees, die aber, so lange we-
der Weichtheüe noch Deckel bekannt , kein Recht auf
generische Trennung hat.
üeber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 191
Leachia Risso bist. nat. de l'Europe merid. Bd. IV. 18^6.
p. 101. Süss- und Hrackwasserschnecken mit gethürm-
ter, dünner Schale und einfachem iMundsaume aus der
Familie der Paludinen (sonderbarer Weise aber mit die-
sen als Piilmones opercules betrachtet; Kisso konnte
sich nicht entschliessen, sie weit von den Cyclostomen
zu trennen). Die abgebildete Art dürfte unsere stag-
nalis L. sein , die anderen sind nicht sicher zu entzif-
fern. Der Name mag daher für die Brackwasserschnek-
ken benutzt werden, wenn man sie von denen des süs-
sen Wassers trennen wollte, und hiezu empfiehlt er sich
auch als Seitenstück zu Rissoa.
Paludinella von L. Pfeiffer in Wiegmann's Archiv 1841
für Meerschnecken, Philippi's rundschalige Truncatellen
aufgestellt , von denen Gebiss und Deckel noch nicht
näher beschrieben, also ihre Einreihung zweifelhaft ist;
der Schale nach könnte man sie mit JelTreysia vereinigen,
diese charakterisirt sich aber durch einen Fortsatz am
Deckel, ähnlich wie Neritina hat; die scheibenförmige
T. atomus Phil, dürfte zu Skenea gehören. Beck (bei
Möller index moU. grönl. 1842 Oersted de regionibus
marinis 1844) übertrug nun diesen Namen auf die eben-
falls glatten und marinen, aber in der Schalenform ab-
weichenden stagnalis und baltica ; Ross massier be-
nutzte ihn daher (handschriftlich 1846. s. Zeitschr. f. Ma-
lakool. 1856. S. 116) für alle Süsswasserpaludinen mit Spi-
raldeckel, J. C. Schmidt in seinem Verzeichnisse der
Conchylien von Krain 1847 vorzugsweise und ihm fol-
gend Frauenfeld (1. c.) ausschliesslich für die ei-
förmigen oben stumpfen Süsswasserpaludinen aus der
Gruppe der viridis.
Amnicola Gould und Haldeman 1841 ebenfalls für Flusspa-
ludinen mit spiralem Deckel , zunächst für porala Say,
also kürzere, konische Formen, von Wood ward für
eine Schnecke aus der Verwandtschaft der Melanien in
Anspruch genommen.
Paludestrina Orbigny (moll. cub. 1841?) voy. am. mer.
1847. Süss- und Brackwasserarien, wesentlich auf den
Spiraldeckel gestützt.
192 V. M a 1 t e n s :
Litorinella Alexander Braun in dem amtlichen Berichte der
Naturforscherversammlung in Mainz 184Q, für Paludinen
mit Spiraldeckel aus süssem und salzigem Wasser, zu-
nächst für die acuta aus dem Mainzer Becken.
Subulina Adolf Schmidt für die sogenannte Ihermalis von
Abano, (Aponensis), collidirt mit der gleichnamigen aus
Achalina abgezweigten Gattung von Gray 1847.
Bythinella Moquin-Tandon moll. franc. 1855. Untergattung
von Bythinia, durch den spiralen Deckel charakterisirt.
Bemerkung. Die Gattung Fidelis Risso, von demsel-
ben in eine ganz andere Ordnung gestellt, dürfte sich nach
Beschreibung und Abbildung nicht von Leachia- Hydrobia
unterscheiden lassen , ich vermuthe aber nach einer vorlie-
genden noch unbeschriebenen Odostomia des Mittelmeers,
welche in der ganzen Form, namentlich der schlanken letz-
ten Windung der Risso'schen Fidelis Theresa gleicht^ dass
er, wenn nicht dieselbe, doch eine ähnliche Art vor sich
hatte, dann müsste er aber die Spiralfalte ganz übersehen
haben.
Mit Berücksichtigung der Schalenform und des Aufent-
halls dürften sich die Hydrobien in folgende Gruppen ver-
theilen.
I. Amnicolae Haldem. (Hydrobia Frauenf.). Schale ko-
nisch, zugespitzt, massig breit, meist braun und un-
durchsichtig, Mündung nicht selten umgeschlagen. In
fliessendem Wasser. Hieher Fluminensis Ziegl., porafa
Say, similis Dr. und expansilabris Mhlfld.
II. Pyrgulae Jan. Länglich-eiförmig mit spiralverlaufen-
den Kanten. Hieher annulata Jan., bicarinata Desmou-
lins, coronata Pf, und cisternina Morelet. In süssem
Wasser.
lll. Fonticotae (Faludinella im Sinne von Schmidt und
Frauenfeld). Schale eiförmig, stumpf, glasartig,
die obere Ecke der Mündung meist abstehend. In Quel-
len und kleinen Bächen. Hieher viridis Dr., abbre-
viata Mich., gibba Dr. , Parreyssi Pf. , psittacina Schmidt
so wie alle von Frauenfeld 1. c. behandelten Ar-
ten. H. vitrea führt durch ihre gelhürmte Gestalt zu
den folgenden hinüber.
Ueber einige Brackwasserbewohner "Venedigs. 193
IV. Leachiae Risso. Gelhürnit, meist braun, mit einfachem
Mundsaume, ohne vorstehende Ecke. Im Brackwasser.
V. Eine fünfte Unterabiheilung könnten die rundlichen Ar-
ten des Salzwassers, die eigentlichen Paludinellen Pfeif-
fer's und die neuholländische Paludina granuin Menke
bilden, wenn dieselben überhaupt hieher gehören; Ris-
soa anatina Forbes und Hanley, welche nach den An-
gaben über die Weichtheile zu Hydrobia gehört, ver-
bindet diese mit der vorhergehenden Gruppe.
Soweit aus den Untersuchungen einzelner Arten geschlos-
sen werden darf, zeigt die Radula bei der vierten Gruppe
an der Zwischenplatte stets einen der ersten Zähne, den zwei-
ten oder dritten, je nachdem 6 oder 7 vorhanden, grösser als
die anderen und die äussere Seitenplatte nur schwach ge-
zähnelt; die dritte öfters zwei Basalzähne an der Mittelplatte
(doch finde ich bei abbreviata Mich, aus den Pyrenäen nur
einen breiten), die Zähne der Zwischenplatte annähernd gleich
oder doch gleichmässig abgestuft; die erste lauter grosse
Zähne an der Mittelplalle, an der Zwischenplatte den zweiten
sehr gross , die äussere Seitenplatte deutlich gezähnelt. Eine
weitere Gruppe, durch die geringe Zahl der Zähne an jeder
Platte bezeichnet , dürfte die langgestreckte cylindrische H.
Sayana aus den Flüssen Nordamerikas bilden, an welche sich
vermuthlich auch H. lapidaria Say anschliesst.
Zugleich als Namenregister für die besprochenen Ar-
ten und als ergänzende Erwähnung ihrer wirklich oder schein-
bar nächsten Verwandten in Europa , mögen hier deren
sämmtliche Speciesnamen in alphabetischer Ordnung aufge-
zählt und soweit möglich an den gehörigen Ort verwiesen
werden; die beigefügten römischen Ziffern deuten die oben
bezeichneten Unterabtheilungen von Hydrobia an.
acicula (Paludina) Held = vitrea Drap.
aculeus (Cingula) Gould, (Paludina) Küst.; amerikanisch; IV.
Middendorls Paludinella aculeus von der Küste des rus-
sischen Lapplands soll Rissoa striata Adams sein.
acuta (Cyclostoma) Drap. etc. = venlrosa Mont. No. 7.
— (Paludina) Menke moll. nov. Holl. = Preissii Phil.
No. 10.
— (Bythinia) Stein = Steinii M. No. 9.
Archiv f. Naturgesch. XXIV, Jahrg. 1. Bd. 13
1^4 V. Martens:
Ammonis s. No. 4.
analina (Bulimus) Poiret, (Cyclostoma) Drap,, (Paludina)
Michaud, mir unbekannt, nach Drap, aus dem süssen
Wasser, von Moquin-TaMdon dagegen mit der bestimm-
ten Angabe „mollusque marin" ausgeschlossen; doch
scheint sie mir verschieden von der englischen.
anatina (Rissoa) Forbes und Hanley brit. moll. III. p. 134.
Taf. 87. Fig. 3. 4. Diese letztere gehört in die Reihe
unserer Brackwasserschnecken. V. In manchen Samm-
lungen findet sich übrigens unter dem Namen Pal. ana-
tina die gewöhnliche stagnalis.
Aponensis s. oben No. 3. IV. Uebergang zu 111.
atonius (Bulimus) Brongniart Ann. Mus. XV. 1810. 23, 2 ver-
wandt mit baltica III.
atomus (Truncatella) Phil., (Paludinella) Pfeiffer, vielleicht
eine Skenea ?
Baltica s. No. 6. iV.
— Menke == stagnalis L.
Barleei (Rissoa) Jeffr., vgl. oben stagnalis No. 2.
castanea (Paludinella) Beck mscr. , Middendorf, (Rissoa)
Möller , (Paludina) Küst. , in Grönland und Lappland,
durch Spiralstreifen charakterisirt. IV.
cingillata (Rissoa) Macgillivray, (Cingula) Thorpe=: ist die
folgende.
cingillus (Turbo) Montagu , (Rissoa) Michaud , Forbes et
Hanley. Nordsee. Synonym ist vitlata (Turbo) Donovan
(Rissoa) Recluz, IV.
coerulescens (Helix) Gmel. unbekannt; (Paludina) Höning-
haus = ventrosa var. Mont.
Cornea (Leachia) Risso =: stagnalis L. s. No. 1 ; von Menke
mit Unrecht zu brevis Drap., einer Süsswasserschnecke,
citirt.
Desnoyersii (Paludina) Payr, ist eine junge Truncatella
truncalula.
diaphana (Paludina) Michaud = vitrea Drap.
— (Rissoa) Alder = Jeffreysia d. , Forbes et Han-
ley 76, 1.
' disjuncta (Turbo) Laskey , Montagu , (Rissoa) Brown ist
Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 195
auch Forbes und Hanley unbekannt geblieben. Was
mein Vater für dieselbe hielt:
disjuncta (Turbo) Georg v. Martens Reise nach Venedig
1824. Bd. II. S. 450. — (Paludina) Menke Synopsis p. 41
ist verschieden von Fidelis Theresa Risso, nahe mit Aclis
nitidissima Moni. (Forbes und Htinley 1^0, 6. 7.) ver-
wandt und ohne Zweifel diesem Genus zuzurechnen;
die obersten Windungen ähnlich wie bei einigen Volu
len, um einen rechten Winkel aufwärts gedreht.
elongata (Rissoa) Philippi moll. sicil. 1. p. 154. Taf. X. Fig.
16. Sicilien. Zweifelhalt ob Rissoa oder Hydrobia IV,
vielleicht eher zu Gray's Hyala gehörig.
elongata (Bulimus) Faujas, Münster = ventrosa JVIont.
Erythraea s. No. IIb. IV.
exilis (Paludina) Schlüter = ventrosa Mont.
ferruginea (Paludina) Menke s. No. 12. V.
fulgida (Helix) Adams, (Rissoa) Brown, Forbes et Hanley
brit. moll. 111. p. 128 u. 169. Taf. 81. Fig. 1. 2. Eng-
land. V.
fulva (Rissoa) Michaud ist Rissoa rubra Adams.
füsca (Truncatella) Philippi, (Paludinella) Pfeiffer. Palermo.
V. ? Nicht zu verwechseln mit (Paludestrina) fusca Orb.
von Peru.
glabrata (Helix) Mhlfld., (Rissoa) Philippi moll. sicil. II.
R. punctulum Phil. ibid. 1, vielleicht eine Jeffreysia.
globularis (Rissoa) Metcalfe. = litorina (Forbes et Hanley).
granulum (Rissoa) Philippi moll. sicil. H. p. 130. Taf. 23.
Fig. 24. IV?
graphica (Turbo) Turton, (Rissoa) Brown = vittata var.
hyalina (Turbo) Georg v. Martens Reise nach Venedig 1824.
Bd. II. S. 451. Taf. 3. Fig. 6 aus dem Sande der Lidi
von Venedig, also vermuthlioh eine Meerschnecke, und
vielleicht zu Gray's Genus Hyala gehörig; von Menke
(Synopsis p. 41) als Paludina vitrca aufgeführt, weil er
sie für dieselbe mit Cyclostoma v. Drap, und Leachia
vitrea Risso hält ; erstere ist bestimmt verschieden und
eine Süsswasserschnecke , letztere ohne Abbildung und
nur mit kurzer Diagnose mir unbekannt.
i96 V. Martetis:
inlerrupta (Turbo) Adams, Montagu etc. ist die glatte Va-
rietät von Rissoa parva Adams.
leverana (Heiix) Mhlfld. = stagnalis L.
Kiloensis (Hydrobia) Dunker = stagnalis L. var. C.
laevis (Cingula) Dekay soll nach von Middendorf = ulvae
Penn. sein.
lineata (Turbo) Georg v. Martens Reise nach Venedig 1824.
S. 451. Taf. 3. Fig, 7 von Menke L c. als Paludina striata
aufgeführt und als identisch mit Leachia lineolata Hisso
(1826) bezeichnet; ist eine Chemnitzia aus dem Mu-
schelsande der Lidi von Venedig.
lineolata (Leachia) Risso ungenügend beschrieben, vgl. die
vorhergehende.
litorina (Helix) Audouin in Descript. de l'Egypte Taf. 3.
Fig. 4; Chiaje mem. III. 49, 36—38; (Truncatella) Phil.
in VViegm. Archiv 1841. 5, 7 und moll. sicil. II. 244;
(Rissoa) Forbes und Hanley brit. moll. 81, 67 und IV.
p. 265; hiernach w^ürde sie eine Assiminea sein; Typus
des Genus Paludinella Pf. ; es ist aber zu bemerken^ dass
diese verschiedenen Abbildungen nicht genau zusam-
menpassen und möglicherweise Jeder eine andere Art
vor sich hatte.
minuta (Nerita) Müll, ist ein Limnaeus, (Turbo) Totten etc.
s. No. 5.
murialica (Turbo) Beudant etc. == stagnalis L.
nitida (Paludina) Menke = vitrea Drap.
nivosa (Turbo) Mont. etc. ist Odostomia cylindrica Alder
Forbes et Hanley 96, 7.
oblusa (Paludina) , handschriftlicher Name für eine Abart
der oben erwähnten ferruginea.
octona (Helix) Linne, (Paludina) Nilsson , nach Malm eine
junge Rissoa labiosa Mont.
octona (Helix) Penn. = minuta Tolten.
opalina (Rissoa?) Jeffreys ist JefFreysia opal.; Forbes und
Hanl. 76, 3. 4.
paludinaria (Helicites) Schlotheim = ventrosa Mont.
pellucida (Rissoa) Bean , Forb. u. Hanl. 75 , 9 soll nach
denselben eine Abart von ventrosa sein.
Ueber einige ßrackwasserbewohner Venedigs. 197
pellucida (Paludina) Benz handschriftlicher Name für vi-
trea Drap.
Preissii s, No. 10.
proxima (Rissoa) Alder, Forb. et Hanl. 75, 8. vergl. vi-
trea Mont.
pulcherrima (Rissoa) Jeffreys, Forb. u. Hanl. 75, 1. 2. V?
purpurascens (Paludina) Benz handschriltlicher Name für
Rissoa rubra Adams aus Algen von Biariz.
pusilla (Paludina) Ferussac, Eichwald = ventrosa Mont.
— (Bulimus) Brongniart, verschieden von ventrosa.
pygmaea (Bulimus) Brongniart Ann. Mus. XV. 1810. 23, 1.
scheint mit Aponensis nahe verwandt zu sein.
rubra (Turbo) Adams, (Rissoa) Macgillivray, iForb., Hanl.
78, 4. 5; synonym sind unifasciata (Turbo) Moni., Ris-
soa) Recluz, Brown und vielleicht R. fulva Mich., Phi-
lippi. Obwohl ganz glatt, doch nach Tr os ch e l's Un-
tersuchung des Gebisses eine ächte Rissoa, hiezu stimmt
die Dicke ihrer Schale und ihr Vorkommen in den Algen
von Biariz zusammen mit der gerippten Rissoa parva
Adams (obscura Phil. , plicata Benz mscr.) und einem
Trochus; Hydrobien fanden sich daselbst nicht.
rupestris (Rissoa) Forbes ist eine Varietät von cingillus
Montagu.
salinae (Paludina) Küster = stagnalis L.
saxatilis (Rissoa) Möller vgl. stagnalis No. 2.
Simplex (Rissoa) Philippi moll. sicil. II. 23, 17, der hyalina
ähnlich, aber weit spitziger.
soluta (Rissoa) Philippi moll. sicil. 11. 23, 18. V? vgl. fer-
ruginea.
solula (Rissoa) Jeffreys, Forb. u. Hanl. 75, 3. 4, ist davon
verschieden. V.
spica (Paludina) Eichwald Nouv. Mem. soc. imp. nat. Moscou
XI. 1855. aus dem kaspischen Meere, nahe mit ventrosa
Mont. verwandt und vielleicht nur Abart derselben.
stagnalis (Helix) L. s. oben No. I. 2. IV.
stagnorum (Helix) Gmel., (Paludina) Turt. ist dieselbe.
Steinii s. No. 9. III.
striata (Paludina) Menke siehe lineata Martens.
198 V. Martens:
striata (Paludestrina) Orbigny aus Patagonien davon ver-
schieden,
striatella (Trochus) Fabr. vgl. stagnalis No. 2.
striatula (Rissoa) Jeffreys = proxima Alder, nicht zu ver-
wechseln mit Turbo strialulus Montagu , einer ächten
Rissoa.
subumbilicata (Turbo) Mont. etc. = minuta Tollen. No.5?
Tasmanica s. No. 11.
thermalis (Turbo) L. unbeljannt.
— — Olivi, Georg v. Martens, (Paludina) Menke,
Philippi = Aponensis und stagnalis.
trifasciata (Turbo) Adams = cingillus Mont.
turgida (Helix) Gmelin = ventrosa Mont.
turrila (Paludina) Menke = Pupa fallax Say?
— — Küster 8, 23—25, verwandt mit stagna-
lis L. IV.
ulvae (Helix) Pcnnant etc. = ventrosa Mont.
— (Turbo) Mont. etc. = stagnalis L.
unifasciata (Turbo) Mont. etc. = Rissoa rubra Adams.
ventricosa (Pyrainis) Brown, (Rissoa) Macgi!livray= ven-
trosa Monlagu.
viridescens (Leachia) Risso wahrscheinlich = stagnalis.
ventrosa (Turbo) Mont. etc. s. oben No. 7. IV.
vitrea (Turbo) Montagu, (Rissoa) Macgillivray, Forbes u.
Hanley III. p. 125. 75, 5. 6. IV. p. 265. Eine ächte
Meerschnecke, durch die Schiefheit ihrer Näthe auffal-
lend; kein fadenförmiger Forlsatz am Fusse, Auge oben
an der Basis der kurzen Fühler, daher von Gray (guide
of the systemalic distribution of Mollusca in the British
Museum I. 1857) als eigenes Genus Hyala neben Eu-
lima etc. gestellt. Der Schale nach zu urlheilen, ist
proxima Alder und glabrala Philippi ganz nahe verwandt.
vitrea (Cyclostoma) Drap. etc. s. oben No. 8.
(Leachia) Risso, vielleicht = ventrosa Mont.
vittata (Turbo) Donovan = cingillus Mont.
vulgaris (Paludinella) Oersted = stagnalis L.
vulgalissima (Paludina) Küster nach Anlon's Verzeichniss
p. 52 zu forruginea Menke gehörig.
Ueber einige ßrackwasserbewohner Venedigs. 199
III. Einige Bemerkungen über Brackwasserbewohner
überhaupt*
Wir haben oben zu zeigen versucht, dass Cyprinodon
(in unserer Erdhälfte) nur in salzigem Wasser, sei es an
der Küste oder im Binnenlande, vorl^ommc; Hydrobia slag-
nalis zeigte sich uns als ausschliesslich im Brackwasser vor-
kommend und einer Artengruppe angehörig, welche ebenso
salzige Binnenseen, wie das Meer bewohnt. Bei Enteromor-
pha intestinalis, der dritten Bewohnerin jenes Grabens von
Malamocco, wiederholt sich dasselbe. Ohne mich auf die
vielfältigen, jedenfalls schwierig zu unterscheidenden Arten,
welche Külzing in dieser Algengattung annimmt, näher
einzulassen , möge es genügen daran zu erinnern, dass E.
intestinalis L. auch im genannten Mannsfelder Salzsee vor-
kommt, so gut wie in der Ostsee, der Nordsee und dem Mit-
telmeer und eine von Kützing als eigene Art salina ge-
nannte (s. dessen tabulae phycologicae 1850. 8. Bd.VI. Taf. 3(5.
Fig. 1) in den Salzlachen bei Hildesheim. Mein Vater be-
sitzt dieselbe E. intestinalis ferner noch aus einem Graben
an dem Gradirwerke bei Gross -Salza ohnvveit Magdeburg,
von L. Rabenhorst gesammelt, aus der Bühler bei Vell-
berg unweit Schwäbisch-Hall, eine geogr. Meile östlich von
den Salzquellen , denen die Stadt Entstehung und Namen
verdankt (s. Jahreshefle des Vereins f. Naturkunde in Würt-
temberg 1858. S. 11 u. 12), ferner aus dem kaspischen Meere
bei Derbend durch Eichwald. An vielen dieser Fundorte,
namentlich z. B. im Mannsfelder Salzsee und bei Schwäbisch-
Hall findet sie sich in der schlankeren und in der breiteren
Form (oder Alterszustand? « capülaris , y tubulosa Külzing
spec. alg.), wie gleichfalls bei Malamocco, bei Boston u. s. w.
Dieselbe Art scheint auch in wirklich süssem Wasser vorzu-
kommen, so in der Umgebung von Berlin, wo sie de Bary
im Kalksee bei Rüdersdorf fand, ferner im süssen Wasser
bei Otranto in Unteritalien nach Rabenhorst, in rasch-
fliessendem Wasser der Euganeen und in den Reisfeldern um
Mailand. (Meneghini, er bestimmte sie als E. clathrata
Greville, eine marine Art, mein Vater hält aber die mitge-
200 V. Märten s:
theiüen Exemplare für intestinalis), dann wird sie z.B. von
Nordhausen (spermaloidca Külzing), Wiesbaden, Würzbiirg,
Werlheirn , Älergenllieiin angegeben; ich kenne ihr näheres
Vorkommen daselbst nicht, es fällt aber auf, dass zwei die-
ser Orte wiederum bekannte salinische Mineralquellen besit-
zen. Ein schwacher Salzgehalt kann leicht übersehen wer-
den, konnte ich doch selbst den des Salzsees , der darnach
heisst und den ich eigens desshalb besuchte, in der Nähe
von Rollsdorf anfangs durch Kosten nicht erkennen und
überzeugte mich erst durch eingetauchtes Brod deutlicher
davon. Endlich hat der verstorbene Lechler sie vom Ti-
ticacasee eingesandt, und es ist wieder ein merkwürdiges
Zusammentreffen, dass in demselben See Orbigny auch
zwei kleine zu Hydrobia gehörige Schnecken (Paludestrina
culminea und andecola Orb.) gefunden hat. Uebrigens mö-
gen auch hier, bei der Schwierigkeit der Speciesunter-
scheidung, leicht der allgemeine Eindruck der Aehnliclikcit
ausländischer Formen zur Annahme der Identität verlei-
ten, und doch kleine unterscheidende Merkmale vorhanden
sein, ähnlich wie es unter den oben erörterten Schnecken
mit der angeblichen Ihermalis aus dem rothen Meere und
acuta aus Neuholland sich verhält. Ohne daher das Vorkom-
men im süssen Wasser geradezu abzusprechen, wird sich
doch herausstellen , dass Enteromorpha intestinalis im Bin-
nenlande hauptsächlich in salzhaltigen Gegenden sich findet,
wie umgekehrt an den Küsten meist in schwächer gesalzenem
Wasser; so fand ich sie als die einzige, wenigstens häufigere
Alge bei Christiania und Bergen, im Innern der langen Fjade,
in lelzterer Stadt auch an der Mündung eines ßächleins kaum
einen Fuss über dem Meere, während meiner Anwesenheit
ganz im messenden süssen Wasser, aber wahrscheinlich zeil-
weise vom Meere erreicht; ebenso in einer ganz anderen
Zone, im Sebeto bei Neapel, vielleicht 50 Schritt von seiner
Mündung im fliessenden Wasser , an beiden Stpllen ganz
allein. Aehnliche Verhällnisse mögen mancher Angabe ihres
Vorkommens in süssem Wasser in Küstengegenden zu Grunde
liegen. In den Lagunen sehr häufig, scheint sie im offenen
Meere weit seltener zu sein , so fand ich sie nicht auf der
Insel Sarlcrö an der norwegischen Küste, wohin man uns in
Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 201
Bergen zd gehen rielh, um die eigentliche Meerfauna kennen
zu lernen , und ebensowenig auf Helgoland, aber dafür dort
clathrata Grcvilie, hier compianata Kütz. Zwischen diesen bei-
den und intestinalis dürfte E. compressa Link in Bezug auf
das Vorkommen die Mitte hallen, sie findet sich im Brack-
wasser mit inteslinalis, folgt ihr aber nicht in das Binnen-
land, und findet sich auch im offenen Meere, z. B. Helgo-
land. Eine ähnliche Verbreitung zeigt eine andere crypto-
gamische Pflanze und zwar aus einer Süsswasserfamilie, Chara
crinila Wallroth : siehe hierüber A. Brauns lehrreiche Ab-
handlung: „Ueber Parthenogenesis bei Pflanzen" in den Ab-
handlungen der Berliner Akademie Jahrg. 1856. S. 342 u. ff.
Diese begleitet unsere Hydrobia ventrosa im Mannsfelder Salz-
see, die baltica im Brackwasser der Ostsee, die stagnalis in
Südfrankreich . die spica Eichwald im kaspischen und kehrt
wieder am rothen Meere , von wo wir auch eine Schnecke
anzuführen hatten; es wäre in derThat ganz gerechtfertigt, an
allen ihren Standorten nach einer Hydrobia und an allen jener
Hydrobien nach Chara crinita zu suchen. Dass dieselben
auch mit Enteromorpha und innerhalb der subtropischen Zone
mit Cyprinodon oft an gleichen Orten zusammentreffen mö-
gen, ergiebl sich aus den bis jetzt bekannten Standorten mit
grosser Wahrscheinlichkeit. Aus dem südlichen Amerika
führt Orbigny mehrere Hydrobien im Brackwasser und
eine , P. Farcbappii , in einem salzhaltigen Flusse der Pam-
pas auf.
Wir haben demnach in all den genannten zusammen,
einem Fisch, einer Schnecke *"*) und zwei cryptogamen Pflan-
zen die Repräsentanten eines Vorkommens, welches zwischen
den beiden grossen Categorieen, Süsswasser und Meer, mit-
*) In den Tropenländern kommen noch manche andere Schnek-
ken hinzu, so namentlich die von Defrance als Potamides zusam-
mengefassten , die sich Iheils an Melania , theils an Cerithium an-
schliessen, wie Pirena atra s. tercbralis, SIelania (Vibex) aurita, Ce-
rithium palustre und muricatum ; neben diesen stellt sich auch das
südeuropäisrhe Cerithium mamillatum Risso (Pirena nigra Jan.), das
nebst einer Corbula fmediterraneo Costa, Lentidium marulalum Jan.)
in den sardinischen ivagunen den Gyprinodonten Gesellschaft leistet.
2(tö V. M a r t e n fl :
ten inne steht, indem es Lagunen und salzige ßinnenwasser
nrnfasst; dieses wollte ich mit der Aufschrilt „Brackwasser-
bewohner« bezeichnen. Die einen davon finden ihre Familien-
verwandten im süssen Wnsser (Cyprinodon, Characeen), die
anderen im Meere (Ulvaceen) wieder, Hydrobia allein in
beiden (sowohl Rissoa und Litorina als Süsswasserhydrobien).
Entsprechend der Reichhaltigkeit specifischer ünlerscheidungs-
charaktere gelten die beiden Crypiogamenpflanzen an den
verschiedensten Standpunkten als dieselben Arten; unter den
Schnecken zeigen sich zahlreiche bis jetzt auf engem Woh-
nungsgebiete beschränkte und nur eine , H. ventrosa sowohl
im Binnenlande als an den Küsten; unter den Fischen ist die-
ses bei keiner Art mehr der Fall. Ist diese Stufenleiter in
der Natur begründet oder nur dem Standpunkte, der Trag-
weite unserer Erkenntniss zuzuschreiben? Jedenfalls ergiebt
sich , dass auf unsere Schnecken wörtlich anzuwenden ist,
was A. Braun in Bezug auf Chara sagt: die weite geo-
graphische Verbreitung dieser Wasserbewohner, an sich rich-
tig, ist durch Mangel an genauer Unterscheidung der Arten
mehrfach übertrieben worden.
Eine andere, ebenso schwer zu beantwortende Frage
ist die nach den wesentlichen Bedingungen ihrer Existenz.
Sie sind hierin nicht enge beschränkt , sondern greifen in
jene beide Kategorieen über, beginnen, ehe die Süsswasser-
thiere aufhören und bleiben noch, wo schon Meerthiere vor-
handen sind , wie ein Blick auf das Zusammenvorkommen
mit anderen Thieren zeigt. Im Mannsfelder Salzsee z. B.
wird unsere Hydrobia ventrosa, falls sie wirklich dort lebend
vorkommt, von lauter guten Süsswasserconchylien begleitet,
Limnaeus stagnalis L, var. fragilis Hartm. und L. ovatus Drap.,
Bylhinia tenlaculata L. (impuraDrap.J, Valvata piscinalis Müll,
und Neritina fluvialilis L. , ferner einer Anodonta und einer
Cyclas, aus anderen Thierklassen sind namentlich die zahl-
reichen grünen Frösche, von Fischen Hechte, Rothfedern
und Plötzen (Leuciscus rutilus und erylhrophlhalmus L. ver-
muthlich) zu nennen , und dass es auch an Wasserinsekten
nicht fehle, zeigte mir die daselbst zahlreiche Naucoris cimi-
coides L. Ebenso wird Chara crinita und Enteromorpha in-
testinalis hier von zahlreichen Süsswasserj^flaiizen begleitet,
Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 203
wovon ich nur Myriophyllum spicatum L , Ceratophyllum de-
mersum L., Potamogelon peclinatus L. , Chara contraria A.
Braun erwähne. Alles sieht noch ganz wie sonst im süssen
Wasser aus, nur in den stärker gesalzenen Tümpeln (Döm-
meken) liinter Wansleben erscheinen die sehr häufigen Lim-
naen auffallend dünnschalig und namentlich von L. ovatus
zeigen schon ganz kleine Exemplare einen umgebogenen Mund-
saum, als halten sie ihr Wachslhum schon vollendet; dieser
Limnaeus ovatus entspricht ganz den Figuren vonSchröter
(Flussconchylien Taf. ö. Fig. 3) und Draparnaud (Moll,
franc. 2, 30. 31) oder dem L. pereger var. ovata von For-
bes und Hanley (brit. moll. 123, 5.) ; er zeigt auf 22 Milli-
meter Höhe nur 15 Mill. im (schiefen) Durchmesser; noch
schlankere Formen finden sich übrigens in einigen Süsswas-
serseen Obcritaliens , wie der sogenannte L. membranaceus
Porro im lago d'Alserio und L. solidulus Spinelli im lago
d'ldro.
Wie im Salzsee, so sind auch in der Ostsee Limnäen
und Neritinen vorzugsweise die Begleiter unserer Hydrobien,
sie treffen aber hier schon mit einzelnen Meerconchylien,
namentlich Tellina solidula und Cardium edule zusammen,
die Hydrobien finden sich noch im Sund mit Lacunen und
Nassa reticulata zusammen. Doch scheinen sie in offenem
Meere nicht leicht vorzukommen, bei Helgoland traf ich keine
(sollte die mir ganz unbekannte Rissoa pedicularis Menke
Mal. Zeitschr. 1845 eine solche sein?) und Montagu sagt
ausdrücklich, wo Turbo ulvae (unsere H. stagnalis) in Menge
lebe, seien kaum andere Schnecken zu sehen, höchstens ein
paar Litorinen (lest. brit. p. 318).
Ueber den Salzgehalt der einzelnen Stellen ihres Vor-
kommens sind mir leider keine speciellen Angaben möglich,
nicht einmal über den des MannsIVlder Sees konnte ich etwas
Zuverlässiges erfahren , er dürfte aber selbst an verschiede-
nen Stellen des Sees verschieden sein, da z. B. ein Bach,
der Ausfluss des „süssen Sees** denselben durchsetzt, ohne
ihn seiner ganzen Länge nach zu durchziehen. Bär's Beob-
achtungen am kaspischen Meere haben gezeigt, dass in ein-
zelnen Buchten der Salzgehalt ein wesentlich anderer sein
kann, als in dem damit noch in offener Verbindung stehenden
204 V. Martens:
Meere , und dasselbe ist im Grossen von der Ostsee längst
bekannt. Die Analysen des Meerwassers haben daher für
unsere Frage nach den Grenzen des Salzgehaltes für das
Vorkommen einzelner Arten nur dann einen Werth , wenn
wir wüssten, dass das dazu benutzte Wasser an dem Fund.
orte der Hydrobien oder Enteromorpha geschöpft ist.
Beachtenswerth ist noch das Vorkommen mancher der
genannten Thiere in heissen Quellen; schon oben wurde die-
ses von Cyprinodonten erwähnt und in den Thermen von
Abano findet sich neben der Hydrobia, wenn auch keine En-
teromorpha, doch eine ülva Aponina (Kützing Tabl. phycol.
VI. 11, 2), während sonst die Ulven marin sind. Auch hier
ist mit der Angabe , es lebt in der Quelle und diese hat so
und soviel Grad Wärme, noch nichts ganz Genaues gesagt,
denn die Temperaturangabe bezieht sich meist auf die heis-
sesle Stelle, die des Hervorbrechens, die Thiere mögen aber
nicht seilen gerade diese vermeiden, wie z. B. in den Ther-
men von Abano , worüber genauere Angaben in den oben
angeführten Schriften von Van d eil i und Andrejewsky
sich finden ; Hydrobia Aponensis lebt hiernach behaglich in
einer Wärme von 35° R., giebt aber schon bei 42*^ kein Le-
benszeichen mehr von sich; damit stimmen Steenslrup's
Beobachtungen an isländischen Limnäen, er fand sie noch in
Wasser von 34, nicht mehr aber in solchem von 48° R-, in
diesen nur noch Pflanzen (Bericht d. Naturforscherversammlung
in Kiel 1846). Nach Berthold's bekannten Versuchen kön-
nen Reptilien einen längeren Aufenthalt in Wasser über 22 — -
29*^ R. nicht mehr ertragen. Die Schnecken dürften also
auch hierin, wie in ihrem Verhalten gegen die Kälte, die
Mitte zwischen beiden halten. Die gemeinschaftlichen Züge
der Thermenfauna und der des Brackwassers erklären sich
daraus, dass einerseits die meisten Thermen einen nicht un-
bedeutenden Salzgehalt zeigen, z. B. Abano, das uns hier
vorzüglich interessirt, etwa Vi 7oj (ungefähr wie die Ostsee
bei Dübbelin und Pernau), andererseits das stehende Wasser
der Lagunen an seichten Stellen einer weit stärkeren Erhit-
zung durch die Sonnenstrahlen ausgesetzt ist, als das des
offenen Meeres oder der fliessenden Gewässer; jenes entzieht
sich durch seine Masse einer stärkeren Einwirkung, in ge-
Üeber einige ßrackwasserbewohner Venedigs. 2Ü5
ringerem Grade auch die Flüsse , die Bäche sind durch die
niedere Ouellentemperatur geschützt, und beide bieten durch
ihre Forlbewegung dem einzelnen Wassertheilchen mehr
Chancen wieder in Schalten zu konjmen.
Die Thermenbewohner können durch eine kleine Orts-
veränderung in ziemlich verschiedene Temperaluren gelan-
gen, auch die Schnecke von Abano ist kein verwöhntes Kind
der Wärme, denn sie erstarrt nach Andrejewsky erst bei
einer Temperalurabnahme von ö° R. , bei welcher auch uns
schon die Finger steif werden, während die Tropenmenschen
bei 200 über Starrwerden vor Kälte klagen , und stirbt erst
bei — 80, erträgt also die Kälte so gut wie andere Schnek-
ken. Die Brackwasserthiere können ebenfalls oft durch ge-
ringe Ortsveränderungen in Wasser von verschiedenem Salz-
gehalte kommen, und selbst an derselben Stelle kann dieser
bedeutend wechseln, theils durch stärkere Verdunstung, theils
durch heftige Regen und dadurch erhöhte Stärke der Süss-
wasserzuflüsse. Es ist vielleicht mehr noch dieser Wechsel
einer wichtigen Lebensbedingung, als das Maass des Salzge-
haltes an sich, welcher die Flora und Fauna des Brackwas-
sers zu einer artenarmen aber eigenthümlichen macht, eine
bis zu gewissen Graden gehende Unabhängigkeit von diesem
Wechsel , welche diese Arten charakterisirt. Allerdings ent-
steht bei dieser Annahme die Frage , warum dieselben dann
nicht zugleich in Binnengewässern und im Meere leben, sie
beantwortet sicli dadurch , dass bei einzelnen dieses in der
That der Fall ist , im Allgemeinen aber bei Verbreitung und
Vorkommen eines Thieres es sich nicht allein darum handelt,
wo physikalische und chemische Bedingungen seine Existenz
überhaupt ermöglichen , sondern auch, in wie weit Concur-
renten, die es vom Platze verdrängen oder gar sein Material
zum ihrigen machen , vorhanden sind ; je günstiger diesen
die Lokalität, desto eher können sie die schwächere Gattung
vertilgen oder gar nicht aufkommen lassen; je mehr aber das
Gedeihen und die Vermehrung der letzteren begünstigt ist,
desto eher wird sie sich trotz der Gegner behaupten und aus-
breiten. Nur so erklärt sich die reiche Abwechselung im
Vorkommen und Vorherrschen von Thieren und Pllanzen nach
006 V. Martensi
Raum und Zeit , bei oft nur geringer Veränderung der phy-
sikalischen Elemente.
Es sei mir erlaubt, die Ergebnisse obiger Untersuchun-
gen im Folgenden zusammenzustellen.
1) Cyprinodonten kommen im Mittelmeergebiete und den
angrenzenden Ländern (nur) in salzhaltigem Wasser vor, in
Europa nur in unmittelbarer INähe des Meeres.
2) Die Hydrobia der venetianischen Lagunen ist ver-
schieden von derjenigen von Abano, dagegen an allen euro-
päischen Küsten verbreitet, H. stagnalis L.
3) Doch giebt es eine Schnecke und zw^ar aus der Gat-
tung Hydrobia, welche den Meeresküsten und einzelnen (sal-
zigen) Binnengewässern gemeinschaftlich ist, H. ventrosa
Mont. ; die Angaben und das Vorkommen derselben Art in süs-
sem Wasser aber beruhen auf Verwechselung mit anderen
allerdings verwandten Arten (H. Steinii).
4) Dieselbe Art ist von der Nordsee bis in das Mittel-
meer, von der Terliärzeit zur Gegenwart, also in Raum und
Zeit weit verbreitet; das Vorkommen der genannten zwei Ar-
ten in der Tropenzone ist jedoch eine üebertreibung , die
betreffenden Schnecken sind verschiedene Arten , wenn auch
nahe verwandt (H. Erythraea und Preissii).
5) Die genannten ßrackvvasserschnecken lassen sich ge-
nerisch von den Rissocn des Meeres, aber (vorerst) nicht
von den Hydrobien der fliessenden süssen Gewässer unter-
scheiden ; diese Gattung lässt sich jedoch nach dem Habitus
der Schalen in Artengruppen , die dem süssen Wasser, und
solche, die dem Salzwasser eigen sind, eintheilen.
6) Es giebt unter den Fischen, Schnecken und crypto-
gamen Pflanzen eigenthümliche Formen (systematische Einhei-
ten), welche in schwach gesalzenen Gewässern, wie in sal-
zigen Binnenseen und in Lagunenbildungen, leben, theils in
das süsse Wasser , theils in das Meer übergreifen und bald
nur unter sich, bald in Gesellschaft von Süsswasserthieren
oder Meerbewohnern vorkommen. Sie bilden eine beide vermit-
telnde ßrackwasserfauna und Flora (Cyprinodon, die Gruppe
der stagnalis in Hydrobia, die sogenannten Potamides, Ohara
crinita, Enteromorpha intestinalis).
Üeber einige Brackwasserbewohner Venedigs. 207
7) Dieselben sind von den nächslverwandten enlschio-
denen Süsswassei - oder Meerthieren in der Klasse der Fi-
sche (innerhalb Europa) generisch, bei d(>n Schnecken (nur)
specifisch , bei den Cryptogamen nicht einmal durchgreifend
specifisch verschieden. Der systematische Werlh des Unter-
schiedes dürfte also mit dem Absteigen in der Reihe der
Organismen abnehmen.
8) Die Bewohner der heissen Quellen sind vielfach mit
denen des Brackwassers verwandt (Cyprinodon , Hydrobia
Aponensis, Ulva Aponina).
9) Es dürfte nicht sowohl ein bestimmtes Maass als ein
bestimmter Spielraum in Salzgehalt und Temperatur eigen-
thümlich für die Brackwasserfauua sein.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. IV.
Fig. 4. Cyprinodon fasciatus Val. nach einem Exemplare des Berli-
ner Museums (aus Sardinien), die Farben nach einer in
Venedig gemachten Skizze eines jüngeren Exemplares von
Malamocco.
„ 4b. Eine Schuppe desselben, von der oberen Körperhälfte.
„ 5. Cyprinodon AmmonisEhrenb. aus der Oase Siwah, nach den
im Berliner Museum beflndlichen Uriginalexemplaren.
„ 5b. Eine Schuppe desselben.
„ 5c. Eine andere Schuppe desselben, welche die Anastomosen
häufiger zeigt.
Taf. V.
Fig. 1. Hydrobia stagnalis L. var. cornea Risso von Malamocco.
„ Ib. Die Mittelnlatte aus der Radula derselben.
„ Ic. Ihr Deckel.
„ 2. Hydrobia stagnalis L. var. ulvae von der schottischen Instl Bule.
r, 3. „ Aponensis M. von Abano.
»4. „ Ammonis M. aus der Oase Siwah.
„5. „ minuta Totten von Massachusetts.
208 V. Martenä: Ueber einige Brackwasserbewohner Venedigs.
Fig. 6. Hydrobia baltica Kilss, von Stralsund.
„ ventrosa Mont. aus dem MannsTelder Salzsee.
„ „ von Montpellier.
„ Steinii M. aus dem Tegelsee bei Berlin.
„ vitrea Drap, aus einer Höhle beim Walchensee in
überbaiern.
„ Erythraea M. aus dem rothen Meere.
„ Tasmanica M. von Vandiemensland.
„ 13. „ ferruginea Menke aus officinellem Helminthochor-
ton (von Corsica).
Zoologische IVotiz.
Von
Dr. C« Semper«
Hierzu Taf. VII. Fig. A.
Die nachstehende Noliz beansprucht Nichts weiter, als
was ihr Titel erwarten lässt. Durchaus aphoristischer Natur,
verlangt sie kein anderes, als ephemeres Dasein. In jeder
Beziehung würde sie ihren Zweck erreichen, wenn durch sie
zu Untersuchungen angeregt würde, welche jene baldigst ins
Grab der Vergessenheit versenkten.
Ueber den Polypen der Cephea tuberculata.
Bekanntlich wird von den Polypen der höheren Medu-
sen angegeben, dass sie vier Längsgefässe besässen, welche
analog den vier Radiärgefässen der niederen Medusen vom
Grunde des Magens entspringen und der Länge nach verlau-
fend sich üben an einem Ringkafiale vereinigen sollten. Dies
muss ich, wenigstens für die Gattung Cephea, als vollkommen
irrig bezeichnen. Der Polyp dieser Qualle wurde schon von
Frantzius genau beschrieben, dessen Darstellung ich, mit
Ausnahme jenes einzigen Punktes, vollkommen beistimmen
kann. Er beschreibt vier Längsgefässe, ohne jedoch über ihr
Lumen etwas zu sagen und ebenso wenig giebl seine Abbil-
dung, welche bei ziemlich schwacher Vergrösserung ange-
fertigt zu sein scheint , Aufschluss darüber. Nach Untersu-
chungen, die ich im Herbste I85ö an demselben Polypen —
gezogen aus den befruchtet erhaltenen Eiern der Cephea tu-
Archiv f. Nftturgesch. XXIV. Jahrg. l.Bd. |4
210 Seraper: Zoologische Notiz.
berculata — anstellte, sind diese sogenannten Gefässe solide
Stränge, welche aus dem die Fussscheibe anfüllenden Paren-
chym ihren Ursprung nehmen und allmählich dünner werdend,
parallel der Längsachse verlaufen, bis sie oben in der Nähe
der Tentakeln durch die starke Pigmenlirung der Haut dem
Blicke entzogen werden. Mitunter sieht man auch fünf sol-
cher Stränge. Zwischen ihnen finden sich von Zeit zu Zeit
einzelne Anastomosen, durch welche ein förmliches, in der
Leibeshöhle frei schwimmendes Netzwerk gebildet wird, wel-
ches den Magen überall umspinnt. Ausserdem entspringen
noch, ebenfalls in ganz unregelmässigen Abständen, von je-
nen grösseren Strängen ausserordentlich feine Fasern, welche
jene sowohl mit dem Magen, als mit der Haut verbinden, an
welche sie sich mit ähnlichen dreieckigen Enden ansetzen,
wie die von Meissner beschriebenen Nervenfasern in der
Haut der Gordiaceen. Welcher Natur nun diese Fasern sind,
ob muskulöser oder nervöser, wage ich nicht zu bestimmen,
jedenfalls aber muss ich mich entschieden gegen ihre Deu-
tung als Gefässe erklären.
Erklärung der Abbildung.
Taf. VII. Fig. A. Netzwerk aus der Leibeshöhle des Polpyen von
Cephea tuberculata.
a. Grössere, für Gefässe gehaltene, solide Stränge.
b. Feinere Anastomosen bildende.
c. Enden der feinsten.
VJ->A^
'\fSS.
J^<r/'f2r
rr^,y(W..r
Eiiiig^es über <1ie ytiiiielidenfauna der
Insel ISaiita Cathariiia an der brasiliani-
schen Huste«
Von
llr. Fr. jflUller.
(Aus einer brieflichen Miltheilung an Prof. Grube.)
Hierzu Taf. VI und VII.
Die nachfolgenden Bemerkungen über brasilianische von
Herr Dr. Fr. Müller gesammelte Anneliden glaube ich dem
wissenschafllichen Publikum um so weniger vorenthalten zu
dürfen, da uns von exotischen Thieren dieser RIasse so we-
nig bekannt, die hier besprochenen von Herrn Dr. Müller
lebend beobachtet und darunter viele neue Gattungen aufge-
stellt sind. Wir entnehmen daraus zugleich, dass die grüne
Biutfarbe bei den Anneliden weiter verbreitet ist, als wir
bisher gewusst, dass auch bei den Polynoen verschiedene
Arten verschieden gefärbtes Blut besitzen, und dass sich die
Zahl der Anneliden mehrt, denen das sonst so allgemein vor-
kommende lebhaft pulsirende Rückengefäss und überhaupt
verzweigte Gefasse fehlen, und bei denen, wie es scheint,
das Blut nur wandungslos in der Leibeshöhle vorkommt, und
zwar ein Blut , dessen Farbstoff nicht an seiner Flüssigkeit,
sondern an den in ihm sehr zahlreich vorkommenden ganz
regelmässig geformten Körperchen haftet. Was an genauerer
Unterscheidung der hier erwähnten Arten noch mangelt, das
werden hoffentlich bald zu erwartende Nachträge ergänzen.
Ed. Grube.
.... Wie zu erwarten stand , sind alle hiesigen Arten
neu: ihre Zahl beläuft sich auf etwa 60, die sich, wie folgt,
unter die einzelnen Familien vertheilen :
212 Müller:
Farn. Äphroditea. 4 Polynoe (Lepidonote-) und 2 Pal-
myraarteii. Letztere dadurch interessant, dass alle Segmente
gleich ausgestattet sind und Rückencirren tragen , auch das
grüne Blut der P. obscura ist eine beinerkenswerthe Eigen-
thümlichkeit. Von den Polynoen hat die gemeinste Art (P.
fusca) eine grössere Zahl von Elytren als alle übrigen Le-
pidonoten, nämlich 21 Paar^^, die auf die 45 Segmente so
verlheilt sind^ dass sie dem 2ten, 4ten, 5ten, 7ten, 9ten u. s. w.
25sten, 27sten, 28sten, oOsten, 31sten, 34sten, 36sten, 38sten,
41sten zukommen.
P. lunifera mit 37 Segmenten trägt ihre 15 Paar Elytren
auf dem 2ten, 4ten, 5ten, 7ten u. s. w. , I9ten , 21sten , 24slen,
27sten, 30sten, 33sten Segment.
Bei dieser und P. pallida beobachtet man Flimmerepi-
Ihelium auf der Basis der Ruder, wo es auch sonst öfter vor-
kommt.
Farn. Eunicea. 1 Diopatra , 1 Onuphis , 3 — 4 Eunice,
3 Lumbriconereis und 1 neue Galtung *""'^).
Die Lumbriconereis sind entschieden nicht blosse Ju-
gendzustände , wie für die eine Art die beobachteten Eier
und Spermatozoiden, für die anderen beiden die sehr eigen-
thümliche Gebiss - und Borstenbildung beweist.
Diopatra hat grünes Blut. Die Normalzahl der After-
cirren der Euniceen , die ich bei allen unseren Arten finde^
ist 4, selten gleich lang wie bei 2 Lumbriconereis, meist die
unlere beträchtlich kürzer und selbst fast verschwindend klein.
Die Borsten in vollzähliger Entwickelung zeigen 6 verschie-
dene Formen an demselben Ruder, von unten nach oben in
folgender Ordnung: 1) Rückenborsten, bisweilen fast gerade
*) Nicht metir die einzige Art mit 21 Elytrenpaaren. Gr.
**) Herr Dr. Müller hatte noch nicht das Heft der Videnska-
belige Meddelelser fra den naturhistoriske Forening i Kjöbenhavn vom
Jahre 1856 in Händen, in welchem ich p. 60 die hier beschriebene Gat-
tung bereits unter dem Namen Anisoceras aufgestellt und darauf auf-
merksam gemacht habe, dass auch delle Chiaie eine zu derselben
gehörige Art unter dem Namen Nereis Rudolphii in seinen Memorie
beschrieben. Die Art, welche Herr Dr. Müller vor Augen gehabt,
scheint mir dieselbe, die Üersted bei Puntarenas gefunden und die
wir in der oben genannten Zeitschrift als Anisoceras vittata be-
schrieben. Gr.
Einiges über d. Annelidenfauna d. Insel St. Catharina. 213
und den Aciculis ähnlich, seilen die einzige Bewaffnung des
Ruders bildend; 2) ein Bündel zusammengesetzter Borsten;
3) Aciculae meist in mehrfacher Zahl , bisweilen mit knopf-
förmiger Spitze, bisweilen in eine haarförmige Spitze auslau-
fend ; 4) ein Bündel haarförmiger Borslen, denen sich bis-
weilen paleenähnlicho Borsten beigesellen; 6) endlich einige
sehr zarte nach dem Rückencirrus zu sich erstreckende, nicht
aus der Haut austretende Borsten.
Vielfache Eigenthümlichkeilen hat die Gattung Aniso-
ceras Gr. (Taf. VI. Fig. 1). Der elliptische Kopflappen trägt
2 Paar Augen, nahe dem Seitenrande l Paar geringelter und
daneben 1 zweites Paar plumper ungeringelter Fühler. Das
zweiringlige Mundseginenl^ das beiderseits wulstig neben dem
Kopflappen vorspringt, ist anhangslos. Die ziemlich schlan-
ken Ruder mit drei Lippen (Taf. VI Fig. 2), einer unteren und
zwei oberen , über der unteren ein Büschel sichelförmiger,
zwischen den oberen ein Büschel einfacher Borsten , eine
einzelne Acicula, ein kurzer Bauch- und ein ziemlich langer
zweigliedriger Rückencirrus. Keine Kiemen. Vier Aftercir-
ren. Das abweichendste ist indessen das Gebiss, indem hier
die Kiefer in eine grosse Zahl (gegen 100) einzelner Zähne
zerfallen , die jederseits vier paarvveis genäherte gebogene
Längsreihen bilden. Auch die Färbung ist eigenthümlich,
indem der gelbliche Körper auf dem Rücken jedes Segments
zwei braunrothe Querbinden trägt.
Die unteren Fühler scheinen nicht den äusseren Rücken-
fühlern der Eunicen zu entsprechen , sondern ähnliche nur
beträchtlicher entwickelte und an die sogenannten Fühlercir-
ren der Spiodeen erinnernde Organe, wie sie sich bei den
Larven der Onuphis finden.
Farn. Lycoricea. 6 Arten Nereis, meist aus der Ablhei-
lung Nereilepas. Für diese scheint mir die Deutung des gros-
sen oberen Züngelchcns als Kieme unzweifelhaft. Eine bis
jetzt nur einmal beobachtete Art hat grünes Blut.
Farn. Phyllododea, Eine kleine Eulalia und eine He-
sione, letztere (H. picta) mit weissen Querbinden auf schwärz-
lichem Grunde und mennigrothem Grundglicde der Rücken -
und Fühlercirren ist vielleicht die schönst gefärbte der be-
kannten Anneliden. Sie ist fühlerlos (Taf. VI. Fig. ?*). Ro-
214 Müller:
thes Blut, dicht aneinander liegende Hälften des Nervenstran-
ges und büschelförmige Ovarien entfernen sie von den ei-
gentlichen Phyllodoceen.
Fam. Syllidea. Eine Art Syliis , die vielleicht wegen
der Randpapillen des Rüssels eine eigene Gallung Lalage bil-
den muss , wenn den übrigen Syliis diese Papillen wirklich
fehlen. Wie arm sind hier diese beiden in nordischen Mee-
ren so reichen Familien im Vergleiche mit den Euniceen.
Fam. Glycerea. Eine neue Gattung:
Glycinde.
Mit reichlicher bewaffnetem Rüssel als irgend ein anderer
Wurm (Taf. VI. Fig. 4. 5. 6). Randpapillen und nahe dem
Rande ein Kreis von etwa 2U schwarzen Kieferspitzchen, von
denen die zwei untersten ansehnlich gross sind. Auf der
Rückenseite zwei Längsbinden farbloser aufwärlsgekrümmler
Zähne (mehrere 100), kleinere Zähnchen auf seiner ßauch-
fläche und einzelne flache Plättchen zerstreut an den Seilen.
Kopllappen geringelt, die vier Fühlcrchen zweigliedrig, ein
Paar Augen an seiner Basis , ein zweites nahe der Spitze.
Keine Kiemen, Rücken- und Bauchcirrus und zwei blattför-
mige Lippen an jedem der beiden Borstenbüschel. Zwei lange
untere und zwei rudimentäre kuglige obere Aftercirren. Ich
vermisse bis jetzt bei diesem Thiere Gefässe. Die Flüssig-
keit der Leibeshöhle hat Blutfarbe, enthält zahlreiche grosse
flache kreisrunde Scheibchen (von y^o Millimeter Durchmes-
ser*) und scheint die Stelle des Blutes zu vertreten?
Spec. Glycinde multidens,
Farn. Amytidea ?
Sigambra Gruhü. Kopflappen nicht deutlich vom langen
Mundsegmente geschieden mit zweilappiger Slirne, zwei winzi-
gen Stirn - und drei Nacken-Fühlern (Taf. VL Fig. 9), jeder-
seits zwei Paar Pühlercirren ; der obere des hinteren Paares
sehr lang, zwischen denen des hinteren Paares ein Borsicnbün-
*) Wir hätten hier also ein drittes Beispiel von einer frei im
Leihe einer Annelide fluctuirenden an regelmässigen gefärhten Kör-
perchen reichen Flüssigkeit, beim Mangel von Gefässen. An Gly-
cira undCapitella haben Quatrcfages, van Beneden, Ocrstcd
und ich ähnliches beobachtet. Gr.
Einiges über d. AnnelidenJauna d. Insel St. Calharina. 215
deichen. Ruder einäslig mit einem Bündel einfacher Borsten
und einer Acicula, kurzer fadenförmiger Bauch- und langer
schmalblattförmiger RHckencirrus, in dessen Basis versteckt
sich eine zweite Acicula , begleitet von einem einzelnen ge-
streckten Häkchen (Taf. VI. Fig. 7 u. 8). Zwei lange After-
cirren ; zahlreiche kurze Segmente. Rüssel cylindrisch mit
Randpapillen, Darm mit seitlichen Fortsätzen in die Basis der
Ruder. Blut gelblich.
Farn. Ariciaea. 2 Arten Spio (?), 1 Leucodore, 1 Ma-
gelona (nov. gen.), 1 Gisela n. g. , 4 Cirratulus, 1 Aricia, l
Theodisca n. g., 1 Cherusca n. g., 1 Hermundura. Sie se-
hen, wie reichlich diese Familie oder vielmehr das Gemisch
heterogener nur durch negative Charaktere vereinigter Thiere
hier vertreten ist. Ob wirklich Leuckarl's Leucodore mu-
tica der sogenannten Fühler entbehrt, möchte ich, beiläufig
bemerkt, bezweifeln; da die Spionen leicht diese Organe
verlieren und nicht selten ohne dieselben angetroffen werden.
Mag elona,
Kopflappen flach, häutig, breit herzförmig; zwei sehr
lange mit cylindrischen Papillen besetzte sogenannte Fühler-
cirren , ich sage sognannte, da ich in der That kaum eine
Analogie zwischen diesen Organen und den Fühlercirren an-
derer Rapacia finde.
Vordere Körperabtheilung aus 9 Segmenten mit zwei-
zeiligen Bündeln einfacher Borsten, jedes mit einer cirrenar-
ligen Lippe. Die sehr zahlreichen Segmente der hinteren
Körperabtheilung tragen jederseits eine untere und eine obere
Querreihe gestreckter Häkchen (Taf. VL Fig. II) und zwischen
beiden zwei cirrenartige fadenförmige oder schmal blattför-
mige Fortsätze. Zwei Aftercirren. Wenig vorstülpbarer Rüssel.
Darm in der hinteren Körperabiheilung zwischen je zwei
Segmenten sehr stark eingeschnürt. Das Blut blassviolet mit
sehr zahlreichen Blutkügelchen. Rücken- und Bauchgefäss;
an der Grenze je zweier Segmente der hinteren Körperab-
theilung entspringt aus jedem derselben ein Seitengefäss; diese
laufen neben einander nach aussen, dann geschlängelt nach
hinten und enden in eine gemeinsame conlractile Blase (Taf. VL
Fig. 10). Weitere Gefässe scheinen zu fehlen. Das Blut
216 Müller:
flucluirt sehr lebhaft , doch in stets wechselnder Richtung.
In der vorderen Körperabtheilung- scheint das Blut gefässlos
die Leibeshöhle zu füllen, und dringt in den Kopflappen und
die Fühlercirren.
Spec. Magelona papillicornis,
Gisela.
Herzförmiger Kopflappen ; zwei Paar Augen. Ein Bü-
schel Haarborsten zwischen einer breit blattförmigen unteren
und oberen Lippe , von denen die letztere in einen cirrus-
ähnlichen Fadian ausläuft; auf der Bauchseite eine Querreihe
Hakenborslen, von denen eine einfach S-förmig und stärker
ist, die anderen einen kurzen scharf umgebogenen Schnabel
haben (Taf. VI. Fig. 12). Von der oberen Lippe läuft eine
niedrige häutige Lamelle mit stark flimmerndem Rande quer
über den Rücken und scheint als Kieme zu fungiren. Die
vorderen Segmente sind abweichend ausgestattet. Zwei Af-
tercirren.
Spec. Gisela heteracantha.
Theodisca,
Theodisca schliessl sich im Baue der seitlichen Forl-
sätze an Aricia an, unterscheidet sich aber durch einen ein-
zig dastehenden Rüssel, der dendritisch in zahlreiche finger-
förmige mit Flimmerepithelium bedeckte Lappen zerschlitzt
ist (Taf. VI. Fig. 14).
Ruder der hinteren Segmente Taf. VL Fig. 13, Afterseg-
ment Taf. VL Fig. 15.
Spec. Theodisca aurantiaca.
Hermundura.
Kopilappen zweispitzig oder vielmehr in zwei einslülp-
bare Stirnfühler (Taf. Vit. Fig. 19) auslaufend. Zweiästige Ru-
der, der lange untere Ast mit farbloser Acicula und einem
Büschel zahlreicher ziemlich starker einfacher Borsten; der
sehr kurze obere Ast hat als einzige Bewaffnung eine Aci-
cula, kürzer und stärker als die des untern (Taf. VU. Fig. 21).
Keine Kiemen. Zwei seitlich abstehende und ein kurzer un-
paariger Aftercirrus (Taf. VIL Fig. 20).
Spec. Hermundura tricuspis.
Einiges über d, Annelidenfauna d. Insel St. Catharina. 217
Cherusca.
Winziger Kopflappen mit unpaarem Fühler, auf seinem
Rucken (oder dem des Isten Segments ?} ein ästiger Anhang,
fast wie eine Terebellenkieme! Die seitlichen Fortsätze aller
Segmente mit einer oberen und unteren blattförmigen Lippe.
Borsten des Isten Segments ein Bündel gerader und ein Bün-
del schwach S-förmig gebogener Borsten, am 2ten und 3ten
Segmente einige dieser S-förmigen Haken und ein Bündel
zarter Haarborsten, am 4ten bis 6ten Segmente nur diese
letzteren, ebenso am Tten bis 13ten, an denen die Enden der
beiden Lippen in spateiförmige Paleen übergehen, die diesen
Weichlheilen nicht ein-, sondern aufgepflanzt sind ! (Taf.VH.
Fig. 18). Die übrigen Segmente mit mehreren Büscheln ver-
schiedener starker Haarborsten und im oberen Theile des
Ruders mit einem Säckchen voll äusserst zahlreicher loser,
in Masse goldglänzender sehr zarter kurzer Borstchen, die
bei jedem Reize in Menge entleert werden und mit dem aus
dem vorderen Theile des Ruders austretenden Schleime das
Thier umgeben (Taf. VII. Fig. lü). Drei Aftercirren (Taf. VII.
Fig. 17). Diese hintere Körperabtheilung ist unendlich lang,
ich habe schon über fusslange Fragmente, aber noch kein
unversehrtes Exemplar des sehr schmalen und flachen äus-
serst zerbrechlichen Thieres gefunden.
Keine dieser sonderbaren Aricieen ist etwa nurLarven-
zusland: ich habe alle mit entwickelten Zeugungsstoff*en be-
obachtet.
Familie? Drilidium.
Det* kurze rundliche Körper hat gegen 20 undeutlich
geschiedene Segmente ;- ein deutlicher Kopflappen, zwei Au-
gen, Mund am Vorderende, daneben ein paar längere Pa-
pillen (Fühler?), winzige Borstenhöcker mit einer Acicula
und ein zwischen zwei kurzen Lippen vortretender Bündel
von etwa fünf einfachen lanzettförmigen Borsten. Haut mit
kleinen Papillen besetzt. Kurzer muskulöser Schlund und wei-
ter häutiger etwas gebogener Darm, der frei in der Leibes-
höhle liegt. Das Thier, frei im Meerwasser aufgefischt, war
nur '6% Millimeter lang, hatte aber die Leibeshölile voll Eier
in verschiedenen Stadien der Entwickelung.
218 Müller:
Fam. Pherusea. Ein Siphonostomum. Die sogenannten
oberen Fühler sind ohne Zweifei Kiemen, das beweist ihr
Blulreiehlhum und ihr ungewöhnlich lebhaft wimperndes Flim-
nierepilheliuin, auch die sogenannten unleren Fühler scheinen
mir wenig Anspruch auf diesen Namen zu haben.
Fam. Maldania. 1 Clymeno und 1 Ammochares viel-
leicht nicht verschieden von A. Ollonis, dessen Beschreibung
mir nicht mehr erinnerlich ist. Clymene hat einen vorslülp-
baren Rüssel. Die zerschlitzte Kopfmembran des Ammocha-
res ist ziemlich blutreich und flimmert, und ist deshalb wohl
als Kieme anzusprechen. Blut roth. Zahlreiche blinde frei
in der Leibeshöhle flollirende Gefässe.
Fam. Terebellacea. Etwa ein halb Dutzend Terebella,
1 Terebellides, 1 Isoida nov. gen., 1 Sabeilides?, 1 Polycirrus.
Terebellides angmcomus (Taf. VII. Fig, 22). 17 Paar
Borslenbündel, Hakenborsten geslreckf, fehlen unter dem Isten
bis 4len Borslenbüschel, unter dem 5ten sind sie von abwei-
chender Form (Taf. VII. Fig. 23). Der hintere Körpertheil
mit Flösschen , die sehr winzige Häkchen tragen, ist durch
eine Einschnürung in zwei Abiheilungen geschieden, die vor-
dere mit Jl — 12 ziendich langen, die hintere mit gegen 30
sehr kurzen Segmenten. Keine Aflercirrcn, kein die Fühlfäden
deckendes Blatt, diese zahlreich, zart mit lanzetllich verbrei-
terter Spitze. Kiemen aus vier verwachsenen Blättern be-
stehend, die beiden unleren oder hinteren sehr klein und nur
an der Spitze als schmale Züngelchen vorlrelend, die obern
mit queren kreisförmigen Lamellen besetzt. Vor dem mus-
kulösen Magen zwei dunkelbraune Drüsen. Einer der gemein^
sten unserer Ringelwürmer.
Isoida.
Ueber dem Lippenblalte wenig zahlreiche kurze Fühl-
fäden, acht Kiemenläden auf dem Rücken dicht beisammen,
die vier äussern einfach, die vier Innern mit doppeller Reihe
von Nebenläden (TaL VII. Fig. 26j. Ausser dieser Form der
Kiemen erinnert das Thier auch dadurch bei oberflächlicher
Betrachtung an die Serpulaceen , dass es die Kiemen meist
in der Richlung der Körperachse -aus dem häutigen Rohre
vorstrcckl. Kiemen und Fühlfäden flimmern. Im hinteren
Einiges über d. Annelidenfauna d. Insel St. Catharina. 219
Theile des Körpers nur Flösschen mit kurzen Häkchen; vorn
Bündel einfacher Borsten und untere Häl^chenreihen, an de-
ren Stelle bei den ersten Borstenbüscheln eine dichte Reihe
kurzer, gerader Borsten, die Bewaffnung des ersten Segments
beschränkt sich auf einen einzigen starken Stachel mit kur-
zer sichelförmiger Spitze. Blut blassroth mit einem Stich in's
Grünliche.
Spec. Isoida pulchelta,
Sahellides ? Das Thier, das ich seiner einfachen faden-
förmigen Kiemen wegen vorläufig hieherstelle, hat sonst, so
viel ich mich der Sars'schen Beschreibung erinnere , wenig
Aehnlichkeit mit dessen Art. Das Lippenblatt, y^ des Um-
kreises bildend, uingiebt kreisförmig den AJund und trägt am
Rande und darüber die zahlreichen langen und ziemlich star-
ken rölhlichgrauen Fühlfäden, die durch kein Blatt von oben
gedeckt sind. Kiemenfäden sehr zahlreich in sechs Gruppen
den sechs Kiemen der Terebellen entsprechend, können sich
pfropfenzieherartig zusammenziehen. Körper von gewöhnli-
cher Terebellenform, lang mit Borstenbüscheln und Häkchen-
reihen an allen Segmenten.
Polycirrus? beobachtete ich erst in wenigen unvollstän-
digen Exemplaren. Ein ziemlich langes Blatt über dem Munde
trägt zahlreiche hohle Fäden mit Flimmerepithelium , in de-
nen das rotheBlut mit aufTallend grossen Blutkörperchen durch
Contraktion dieser Fäden lebhaft hin und her wogt. Die Quer-
reihen der Häkchen beginnen unter dem 7ten Borstenbüschel.
Farn. Hermcllacea. 1 Sabellaria, 1 Centrocorone.
Fam. Serpulacea. 4 Sabellen ^•), 1 Protula, l Eupoma-
tus und verschiedene Serpula - und Spirorbisröhren.
*) Die von Herrn Dr. Müller hier angeführten von ihm für
neu gehaltenen Arten scheinen mir noch nicht so genau charakterisirt,
dass man sie mit Sicherheit von allen übrigen unterscheiden könnte;
weshalb ich es im Interesse der Wissenschaft für räthlicher halte,
ihre Namen hier vorläuhg noch nicht mitzutheilen.
220 Müller: Einiges über d. Annelidenfauna d. Insel St. Catharina.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. VI.
Fig. 1. Vorderende von Anisoceras vittata Gr. Oerst.
„ 2. Ruder derselben.
„ 3. Kopflappen von Hesione picta.
„ 4. Zahn von Glycinde multidens.
„ 5. Grössere Kieferspitzen von Glycinde multidens.
„ 6. Kleinere Kieferspitzen von Glycinde multidens.
„ 7. Ruder von Sigambra Grubii.
„ 8. Hakenborste von Sigambra Grubii.
„ 9. Vorderende von Sigambra Grubii.
„ 10. Gefässschlinge von Magelona papillicornis.
„ 11. Hakenborste von IVlagelona papillicornis.
„ 12. Querreihe von Hakenborsten von Gisela heteracanlha.
„ 13. Ruder oer hinteren Segmente von Theodisca aurantiaca.
„ 14. Rüssel von Theodisca aurantiaca.
„ 15. Aftersegment von Theodisca aurantiaca.
Taf. VII.
Ruder der hinteren Körperabtheilung von Cherusca nitens.
a. Säckchen mit losen Borsten, b. Schleimkügelchen.
Aftersegment von Cherusca nitens.
Palee des 7. — 13. Segmentes von Cherusca nitens,
Einstülpbare Slirnfühler von Hermundura tricuspis.
Aftersegment von Hermundura tricuspis.
Ruder von Hermundura tricuspis.
Terebellides anguicomus.
Hakenborste unterm 5. Borstenbüschel von Terebellides an-
guicomus.
Hakenborste unterm 6. bis 17. Borstenbüschel desselben
Thieres.
Hakenborste der Flösschen desselben Thieres.
Vorderende von Isolda pulchella.
Aftersegment von Isolda pulchella.
Borsten vor dem borstenwechsel von Sabella.
Borsten des ersten Segmentes nach dem Borstenwechsel von
Sabella.
Borsten der hinteren Segmente von Sabella.
Aftersegment einer Sabella.
Augen mehr vergrössert von derselben.
Hakenborsten vor dem Borstenwechsel von derselben.
Heue f§ichlang:enarteii in der fSaminliiiig' des
britischen IVIuseuins.
Von
Dr* A. Oiiotlier«
Die Untersuchung und Bestimmung der giftigen und nicht-
gifligen Colubrinen, welche in der Sammlung des ßntisrhen
Museums enthalten sind, ergab, dass dieselbe unter etwa
3100 Exemplaren 60 neue Arten enthielt, welche Zahl etwa
den siebenten Theil der bis jetzt bekannten Species dieser
Abtheilung ausmacht. Ich gebe in folgendem eine Liste der-
selben, da mein „Synoptic Catalogue of Colubrine Snakes in
the Colleclion of the British Museum. London ISöS'* nicht
mit derselben Leichtigkeit in Deutschland sich verbreiten
dürfte. In demselben sind die näheren Beschreibuno-en der
o
neuen Arten enthalten, und ich begnüge mich hier, die Dia-
gnosen beizufügen. In Betreff neu aufgestellter Genera für
schon publicirte Species , sowie in Betreff einiger neuer im
Appendix des Catalogue enthaltenen Arten verweise ich auf
diesen selbst.
Je weiter ich in meiner Arbeit fortschritt, desto mehr
gewann ich die Ueberzeugung , dass die Principien zu einer
natürlichen Einlhcilung dieser Thiere in Schlegel's Essai
niedergelegt sind und aus der Verbindung von Lebensweise
und Körperform, von Bcscliuppung und jener Gestaltung des
Kopfes, welche Seh leget so trefflich mit dem Namen der
„Physiognomie« bezeichnete, hergeleitet werden müssen. Der
Versuch, nach dem einzelnen Charakter der ßezahnung diese
Thiere einzutheilen , führt uns ein eben solches Gesammtbild
222 Günther:
vor Augen, wie das Linne'sche Pflanzensyslem, und ich mache
nicht, wie das gesciiehen ist, der Erpetologie generale den
Vorwurf, dass sie das Bestimmen der Arten erschwere:
im Gegenlheiie wie jedes künstliche System, erleichtert sie
diesen mechanischen Theil der Arbeit, — sondern dass sie
die nächsten Verwandten auseinanderreisst, und mit den he-
terogensten Formen zusammenmengt. Ein Unterschied in der
Bezahnung tritt nur dann in das Recht systematischer Bedeu-
tung ein, wenn er von Eigenthümlichkeiten in der Lebens-
weise der Schlange begleitet ist: dann ist er aber auch im-
mer von einem äusseren Charakter gefolgt. Sonst haben die
Zahnunterschiede für die Einlheilung keinen grösseren Werth,
als den einer oft wünschensvverlhen übersichtlichen Gruppi-
rung, wenn die Zahl ähnlicher Arten sehr gross ist. Wenn
ich aber glaube, dass der F'ortschritt, den die systematische
Herpetologie mit dem 7. Bande jenes Werkes gemacht hat,
nur in einem negativen Resultate zu finden ist : so habe ich
häufig Veranlassung gehabt, von dem absoluten Vortheile Ge-
brauch zu machen , welchen die Bizahnung zur Unterschei-
dung der Species giebt : ein Vortheil, der uns der Wahrheit
ebenso nahe bringt, als der Versuch, auf den geringfügig-
sten äusseren Charakter eine Species zu begründen , davon
entfernt. Nicht nur aber bin ich in der Anordnung meines
Calalogue dem Systeme SchlegeTs mit den durch Vermeh-
rung unserer Kenntnisse nölhigen Modifikationen gefolgt, son-
dern ich stimme mit ihm auch in der Umgrenzung der Species
vollständig überein , und so belehrend und nothwendig es
ist, eine ununterbrochene Reihenfolge von Varietäten einer
Art darzustellen und selbst in anscheinend verschiedenen Fär-
bungen etc. eine Gesetzmässigkeit zu erkennen, so zeitraubend
ist es, Individuen auf darnach angefertigte Pseudospecies zu-
rückzuführen. Ich glaube, dass ich durch kurze Bezeichnung
modificirter Formen innerhalb einer Species die Wissenschaft
mehr gefördert habe, als durch Belegung derselben mit einem
binären Namen , und ich hoffe auf der anderen Seite, dass
die nachfolgenden neuen Arten als auf natürlich specifische
Charaktere gegründet erscheinen mögen.
Neue Schlangenarten des britischen Museums. 223
Calaitiaridae.
Calainaria (Boie) Dum. ßibr.
C. Grayu
Calal. p. 6.
Schuppen in dreizehn Reihen; Oberlippenschilder fünf;
das erste Paar der ünterlippenschilder bildet keine Sulur;
kein unpaares Schildchen zwischen den Kinnschildern. Kör-
per cylindrisch, sehr schlank; Schnauze sehr kurz. Jung
rölhlichwciss mit schwarzen Ringen , die in späterem Alter
auf dem Rücken zusammenfliessen, und auf dem Bauche vier-
eckige Ränder bilden. — Philippinen.
Conopsis Günther.
Calal. p. 6.
Habitus von massigen Dimensionen. Nur ein Paar Stirn-
Schilder; Schnauzen-Schild vorstehend, pyramidal, leicht auf-
wärts gebogen; nur ein Nasenschild, in dessen Mitte das
Nasenloch; Zügelschild fehlt oder ist vielmehr mit dem Stirn-
Schild verbunden; ein vorderer, zwei hintere Augen -Schil-
der; sieben Oberlippen -Schilder. Schuppen glatt, mit etwas
abgerundeter Spitze, in siebenzehn Reihen ; Analis und Schwanz-
Schienen gespalten. Zähne von gleicher Länge, nicht ge-
furcht.
C. nasus.
Catal. p. 6.
Einfarbig dunkel olivenfarbig; auf dem vorderen Thcile
des Rückens einige schwarze kleine Flecken ; unten blässer,
dunkel gefleckt. — Californien.
JLmblymetopon Günther.
Catal. p. 7.
Rumpf von massigen Dimensionen, Schwanz kurz ; Kopf
kurz, abgerundet, vom Nacken nicht abgesetzt. Nacken nicht
ausdehnbar; der Schnauzenschild ragt stark vor, ist haken-
förmig aufwärts gekrümmt, oben mit einer scharfen Kante
versehen und ragt so weit rückwärts, dass er mit dem Sciiei-
tel-Schild eine breite Sulur bildet und die Stirn-Schilder, von
denen nur ein Paar vorhanden ist, von einander trennt. Na-
224 Günther:
senloch zwischen Nasen-Schild und erstem Oberlippen-Schild.
Schuppen glatt, kurz, viereckig, in siebenzehn Reihen.
Schwanz -Schienen doppelt. Zähne in beiden Kiefern von
gleicher Länge, nicht gefurcht. Gaumenzähne.
A. variegatum.
Catal. p. 7.
Weisslich , Rücken mit schwarzen Querflecken; unten
einfach weisslich. — Mexiko.
Rliinostuiraia Fitz.
Rh. cupreum.
Catal. p. 9.
Schuppen in fünfzehn Reihen. Vordere Stirn -Schilder
von einander gelrennt durch einen langen hinteren Forlsatz
des Schnauzen -Schildes , der den hinteren Stirn -Schild er-
reicht ; hinlere Stirn - Schilder mit einander verschmolzen.
Kopf dunkelbraun mit weisslichem Scheitel; Körper oben
graulich-kupferfarbig mit zwei Reihen dunkelbrauner Flecken ;
unten einfarbig weisslich. Hinlere Oberkieferzähne länger,
nicht gefurcht. — Südafrika.
Rlialidosoma Dum. Bibr.
Rh. leporinum.
Calal. p. 12.
Oberlippen - Schilder sieben, von denen der vierte und
fünfte das Auge berühren; Schnauzen-Schild mit einer tie-
fen Längsfurche; drei Paar Kinn -Schilder. Körper etwas
schlank, Schwanz von mittlerer Länge, sehr schmächtig. Oben
einförmig bleifarbig, unten blässer. — Philippinen.
Rh. microcephalum.
Calal. p. 12.
Oberlippen -Schilder fünf, von denen der zweite und
drille das Auge berühren ; drei oder vier Schläfen-Schilder.
Körperformen gedrungen , Kopf klein. Braun mit dunkleren
Flecken , welche hinten zu Bändern zusammenfliessen. —
Madras.
Neue Schlangenarten des britischen Museums. 225
Rh. maculatum.
Catal. p. 241.
Sieben Oberlippen. Schilder , von denen der dritte und
vierte das Auge berühren; nur ein Paar Kinn -Schilder;
Schuppen in siebenzehn Reihen. Körperbau gedrungen,
Schwanz kurz. Braun oder weisslich (in Spiritus} mit unre-
gelmässigen schwarzen Querbändern und Flecken. Bauch un-
gefleckt, gelblich. — Rio Janeiro.
Rh. elaps.
Catal. p. 241.
Sechs Oberlippen -Schilder, von denen der dritte und
vierte das Auge berühren ; nur ein Paar Kinn-Schilder ; Schup-
pen in fünfzehn Reihen. Körperbau ziemlich schlank, Schwanz
etwas kurz. Gelb mit etwa dreissig breiten schwarzen voll-
ständigen Ringen. Hat ganz das äussere Aussehen einer
Elaps, aber nicht deren Zahnbau. — Guayaquil.
Rh. oxycephaJum,
Catal. p. 242.
Fünf Oberlippen - Schilder, von denen der dritte und
vierte das Auge berühren , und der fünfte mit dem Hinter-
haupt-Schild eine lange Sutur bildet, hinter welcher ein ein-
zelner Schläfen - Schild liegt. Kopf schmal mit zugespitzter
Schnauze. — Philippinen.
Haplocercus Günther.
Catal. p. 14.
Körper sehr schlank, cylindrisch; Schwanz von mittle-
rer Länge, sich zuspitzend; ein unpaarer vorderer Stirn-
Schild, ein Paar hinterer Stirn-Schilder; zwei kleine Nasen-
Schilder; Zügel-Schild fehlt oder ist vielmehr verschmolzen
mit dem hinteren Stirn - Schild ; ein vorderer , zwei hinlere
Augen-Schilder. Schuppen gekielt, lanzettförmig, in sieben-
zehn Reihen; Analis und Schwanz -Schienen ungespalten.
Zähne gleich, nicht gefurcht.
.■\rchiv f. Naturgesch. XXIV. .lahrg l.Bd. j5
2216 Günther:
H. ceylonensis,
Catal. p. 15.
Oben schwärzlich oder braun , einfarbig" oder mit ver-
waschenen Flecken; unten einfarbig gelblich. — Ceylon.
Arrliytou Günther.
Catal. p. 244.
Habitus von massigen Dimensionen; Kopf niedergedrückt,
flach; zwei Paar Stirn-Schilder, von denen das vordere viel
kleiner ist, Nasenloch zwischen zwei getrennten Nasal-Schil-
dern; Zügel-Schild fehlt oder ist vielmehr mit dem hinleren
Stirn-Schild verschmolzen ; ein vorderer und zwei hintere
Augen -Schilder; Schuppen glatt, rhombisch, in siebenzehn
Reihen ; Analis und Schwanz-Schienen gespalten. Der hin-
terste Zahn des Oberkiefers länger und von den übrigen
durch einen Zwischenraum getrennt, nicht gefurcht.
A» taeniatum,
Catal. p. 244,
Röthlich-weiss mit drei braunen Längsstreifen; Bauch-
seite weiss. — Cuba.
Tracliiscliium Günther.
Calal. p. 30.
Habitus von massigen Dimensionen; Kopf etwas klein,
niedergedrückt, etwas spitzig, vom Nacken abgesetzt. Ein
Zügel-Schild, ein vorderer und ein hinterer Augen -Schild;
Nasenloch zwischen zwei Schildern. Schuppen in dreizehn
Reihen , alle glatt , mit Ausnahme der in der Hüftgegend,
welche mit körnigen Kielen versehen sind. Zähne gleich,
nicht gefurcht.
T. rugosum.
Catal. p. 30.
Einfarbig schwarz. — Himalaya. Nepal.
Neue Schlangenarten des britischen Museums. 227
Coroiiellidae«
Alllabes (Dum. Bibr.)
A. occipitalis.
Catal. p. 29.
Schuppen in fünfzehn Reihen ; Oberlippen-Schilder sie-
ben , von denen der dritte und vierte das Auge berühren.
Oben schwarz, auf jeder Seile des Nackens ein gelber Fleck,
der mit dem der anderen Seile sich nicht vereinigt ; unten
gelblich mit drei Reihen kleiner schwarzer Flecken. — Mexiko.
A. purpurescauda.
Catal. p. 245.
Schuppen in fünfzehn Reihen; sieben Oberlippen-Schil-
der, von denen der dritte und vierte das Auge berühren.
Oben braun mit einem purpur- rostfarbigen Längsbande auf
jeder Seite; Schwanz ganz purpurfarbig gegen das Ende.
Bauch graulich, jede Bauchschiene mit schwarzem Rande.
(Exemplare ohne Epidermis graulich). — Californien.
Coronella (Laur.) Schlegel.
C. decorata.
Catal. p. 35.
Schuppen in siebenzehn Reihen; Analis gespalten ; Ober-
lippen-Schilder acht , von denen der vierte und fünfte das
Auge berühren. Rücken graulich- olivenfarbig ; Seiten mit
dunklerer , scharf abgeschnittener Färbung ; ein schwarzer
Streifen durch das Auge; auf jeder Seite des Rumpfes ein
kurzes, hochgelbes Band, das hinter dem Auge beginnt, zwei-
mal unterbrochen ist und bald verschwindet. Bauchseite
gelblich, jede Bauchschiene aussen mit einem kleinen schwar-
zen Funkte. Hintere Oberkieferzähne länger , aber in einer
ununterbrochenen Reihe mit den vorderen, nicht gefurcht. —
Mexiko.
C. fissidens.
Catal. p. 36.
Schuppen in einundzwanzig (selten in neunzehn) Rei-
hen; Analis gespalten; Oberlippen-Schilder achl , von denen
228 Günther:
der vierte und fünfte dys Auge berühren. Rücken graulich-
olivenfarbig-; Seilen mit dunklerer , scharf abgeschnittener
Färbung; ein schwarzer, oft unten vveiss-gesäumter Streifen
durch das Auge; auf jeder Seile des Rumpfes ein kurzes,
weisses Band , das vom Hinterhaupt beginnt und bald ver-
schwindet. Bauch weiss , mit einigen unregelmässigen klei-
nen schwarzen Flecken auf der Seite. Hinterer Oberkiefer-
zahn länger und gefurcht. — Mexiko.
C. bipunctata.
Calal. p. 36.
Schuppen in einundzwanzig Reihen; Analis gespalten.
Rücken braun, Seiten mit dunklerer , scharf abgeschnittener
Färbung ; unten gelblich, entlang der Mittellinie des Bauches
zwei Reihen schwarzer Punkte. Hinterer Oberkieferzahn län-
ger und gefurcht. — Vaterland?
C. Jägeri.
Catal. p. 37.
Schuppen in siebenzehn oder neunzehn Reihen ; Analis
gespalten; zwei hintere Augenschilder ; oben einförmig dun-
kel-olivenfarbig, unten blässer. Hinterer Oberkieferzahn län-
ger, in ununterbrochener Reihe mit den vorderen, nicht ge-
furcht. — Brasilien.
C. anomala.
Catal. p. 37.
Schuppen in neunzehn Reihen ; Analis gespalten. Braun
mit zwei gelben Längslinien , welche eine Reihe schwarzer
Flecken einschliessen; jede Seite mit einer Reihe eben sol-
cher Flecken. Hinterer Oberkieferzahn länger, nicht gefurcht.
(Züo;el- Schild verschmolzen mit hinterem Stirn -Schild; ein
unpaarer oblono;er Schild zwischen den hinteren Stirn-
Schildern). — Am Parana-Slrom.
C. fuliginoides.
Catal. p.39.
Schuppen in siebenzohn Reiben; Analis einfach; drei
hintere Augenschiider. Oben einförmig rauchfarbig mit einem
helleren Halsband oder wenigstens mit einem helleren Fleck
Neue Schlangenarten des britischen Museums. 229
auf dem Nacken; Hauch in der Millellinie weiss, während
sich die dunkle Farbe der Oberseite auf die Ränder des
Abdomens hereinerstreckt. Hintere Oberkieferzähne länger,
in ununterbrochener Reihe mit den vorderen^ nicht gefurcht.
— West-Afrika.
C. australis,
Catal. p. 40.
Schuppen in siebenzehn Reihen; Analis gespalten, oben
einförmig-olivenfarbig mit wenigen kleinen schwarzen Flek-
ken; unten einfarbig weisslich. Hinterer Zahn länger, in
ununterbrochener Reihe mit den vorderen, nicht gefurcht. —
Australien.
Liiophis (Wag!,) Dura. Bibr.
L. conirostris.
Catal. p. 46.
Schnauzenschild vorstehend und etwas zugespitzt. Oben
braun mit undeutlichen schwarzen, unregelmässigcn schmalen
Quer-Bändern und zwei helleren Binden entlang der Rücken-
seite ; unten weisslich mit grossen schwarzen Flecken. —
ßahia.
Hypsirliynclms Günther.
Catal. p. 48.
Rumpf und Schwanz von mittlerer Länge, cylindrisch,
gegen den Schwanz hin etwas seitlich zusammengedrückt;
Kopf etwas schlank mit aufgeworfener Schnauze, so dass die
Stirn sattelförmig vertief! ist; ein Zugel-Schüd, ein hinterer
und ein vorderer Augen-Schild, zwei Nasen-Schilder mit dem
Nasenloche in der Mitte. Schuppen glatt , in neunzehn Rei-
hen. Analis gespalten. Zähne stark, von gleicher Länge,
der hinterste im Oberkiefer ist wenig grösser, nicht gefurcht.
H, ferox.
Catal. p. 49.
Graulich-braun, mit einer Reihe unregelmässig dreiecki-
ger brauner Flecken auf dem Rücken. — Barbadoes.
230 Günther:
IVatricidae. »
Grayia.
Catal. p. 50.
Erst eine während der Ausarbeilung dieser Liste wie-
derholte sorgfältige Vergleichung hat mich überzeugt, dass
diese westafrikanische Form bereits von Hallo well Proc.
Ac. Nat. Sc. Philad. 1857. p. 67 unter dem Namen Heterono-
tus triangularis beschrieben ist. Mein Irrlhum ist um so ver-
zeihlicher, als Hallo well seine Beschreibung beginnt mit
„Dentition of Coronella« und die Schlange in die von Dum.
Bibr. angenommene Familie „Syncraterians« (nach Hallo-
well's Schreibart 1. c. p. 6ö. 67!) einreiht. Dies ist falsch:
unsere Schlange hat alle Zähne im Oberkiefer von gleicher
Länge. Ueberdem ist sie von Coronella eben so weit entfernt, als
Tropidonotus , sie hat weit mehr Aehnlichkeit mit Homalopsis,
ist eine Süsswasserschlange, in deren Magen ich Exem-
plare von Ciarias hasselquistii fand, und welcher der lange
Schwanz dazu dient, sich an Gesträuchen am Ufer festzuhal-
ten und den Körper so ins Wasser hängen zu lassen , wie
ich das auch bei unserer Natter beobachtete und Holbrook
es bei Süsswasserschlangen Nord- Amerikas fand. Den von
mir gegebenen Namen sehe ich gerne ganz getilgt, da ich
nicht die ohnedem zu grosse Synonymie zu vermehren wün-
sche. — Hallo well halte überdem dieselbe Wasserschlange
schon früher 1. c. 1844. p. 1 18 als Coluber laevis beschrie-
ben, indem er sie „als den Repräsentanten der Coronella lae-
vis in Westafrika'' ansah.
Tomodon (Dum. Bibr. pt.) Günther.
T. strigatus.
Catal. p. 52.
Braun : auf jeder Seite ein schmaler schwarzer Streifen
vom Nasenloche bis zur Schwanzspitze; ein zweiter auf jeder
Seite der Bauches vom Kinn bis zur Schwanzspilzß. — Indien.
Xenodon (Boie) Dum. Bibr.
X, colubrinus.
Catal. p. 55.
Schuppen glalt, in sehr schief verlaufenden, übereinan-
Neue SchlaDgenarten des britischen Museums. 23L
der geschobenen Querreihen ; ein vorderer Augen - Schild,
Analis einfach. Schnauze sehr lang, vorne eckig, Nasenloch
sehr gross. Kopf oben ohne alle Flecken und Streifen. Form
und Färbung der Körpers wie in X. rhabdocephalus. — Para.
X macrophthalmus.
Catal. p. 58.
Schuppen gekielt , in siebenzehn oder neunzehn sehr
schief verlaufenden Querreihon. Mehr oder weniger dunkel-
braun, entweder einfarbig, oder mit einer Reihe röthlich-
brauner Flecken auf den» Rücken. Bauch gelblich, vorne mit
grossen schwarzen viereckigen Flecken , hinten braun mar-
morirt. Jung mit gelbem Halsbande. — Ostindischer Continent.
Tropidonotns Kulil.
T. punctulatus.
Catal. p. 247.
Schuppen in siebenzehn Reihen mit schwachen Kielen;
Analis gespalten; neun Oberlippen -Schilder, von denen der
vierte und fünfte das Auge berühren; ein vorderer und zwei
hintere Augenschilder. Rückenseite graulich-schwarz, in den
zwei äusseren Schuppenreihen jede Schuppe mit einem weis-
sen Punkte, welche zusammen ein seitliches Band bilden. Die
drei hinteren Zähne in der Oberkieferreihe etwas stärker und
alle in gleicher Entfernunor von einander. — Vaterland un-
bekannt.
T. medusa.
Catal. p. 78.
Verwandt mit T. leberis. Schuppen in einundzwanzig
Reihen; Oberlippen-Schilder acht, von denen der vierte und
fünfte das Auge berühren; ein vorderer und zwei hintere
Aufren-Schilder. Oben dunkel-olivenbraun mit fünf gelblichen
Bändern , von denen das äusserste den Rnnd der Bauchseile
einschliesst; der Rest der Bauchschienen schwarz, jede in
der Mitte mit einem gelben regelmässigen Dreieck, dessen
Spilze nach vorne gerichtet ist. Die Dreiecke zusammen bil-
den eine Kelle entlang der Mille des Bauches. — Texas.
232 Günther:
T. auriculatus.
Catal. p. 80.
Bildet eine besondere Gruppe des Genus. Schuppen in
siebenzehn Reihen; Oberlippen-Schilder acht, von denen der
drille, vierte und fünfte das Auge berühren; vordere Stirn-
Schilder vorne abgestumpft. Oben braun mit einem helleren
Rückenstreifen ; ein breiler gelblicher Streif vom Auge zum
Mundwinkel ; Bauch weiss mit drei schwarzen Längsbinden,
von denen die mittlere am breitesten ist. — Philippinen.
Colubrldae.
Spilotes Wagler.
Sp. poecilonotus,
Catal. p. 100.
Schuppen in ein- oder dreiundzwanzig Reihen ; die des
Rückens gekielt. Hintere Augen-Schilder zwei. Oben ein-
farbig braun , einige Schuppen der Vertebrallinie gelb mit
schwarzer Spitze; Kopf gelblich mit grossen braunen Flecken.
Bauch vorn einförmig gelblich, nach hinten in reines Schwarz
übergehend. — Centralamerika.
Zaisienis Wagl.
Z. caudolineatus.
Catal. p. 104.
Habitus von mittleren Dimensionen. Schmutziggelb mit
fünf Reihen brauner Flocken , von denen die drei mittleren
zu drei schwarzen Schwanzbinden ztisammenfliessen ; die
Flecken der mittelsten Reihe sind die grössten und sind an
jungen Individuen in ein Zickzackband vereinigt. Die Flecken
der äusseren Reihe sind oft weniger deutlich. Kopf mit sym-
metrischen Zeichnungen. Schuppen gekielt, in ein-, sehr
selten in dreiundzwanzig Reihen; drei vordere und zwei hin-
tere Augen-Schilder; Hinterhauptsschilder hinten abgerundet,
unter einem schiefen Winkel auseinandertretend ; das Paar
grösserer Schuppen, das sich bei anderen Zainenis hinter
Neue Schlangenarten des britischen Museums. 233
den Hinterhauplsschildern findet, fehlt, oder ist vielmehr mit
diesen verschmolzen. Der sechste Oberlippen-Schild bildet
den dritten Theil des hinteren Orbitalrandcs. — Kurdistan.
Corypliodon Dum. Bibr.
C. fuscus.
Catal. p. 112.
Alle Schuppen glatt , in vierzehn oder sechszehn Rei-
hen; Oberlippen-Schilder neun. — Borneo.
Dryadidae«
Herpetodryas (Boie) Dura. Bibr.
H. hrunneus.
Catal. p. 116.
Schuppen gekielt, in siebenzehn Reihen; neun Oberlip-
pen-Schilder. Oben einfarbig braun, unten gelblich. — Gua-
yaquil.
H. Rappii.
Catal. p. 116.
Schuppen glatt, in siebenzehn Reihen; ein vorderer Au-
gen-Schild, neun Oberlippen-Schilder, von denen der vierte,
fünfte, sechste das Auge berühren. Rücken des erwach-
senen Thicrs mit einetn breiten dunkelbraunen, vorne gelb-
eingefassien Bande; Seiten braun, unregelmässig schwarz
gefleckt; Bauch gelblich, auf den Seilen schwarz gefleckt,
in der Mitte kaum sichtbare Längsbinden. — Rücken der
jüngeren Thiere mit viereckigen, bräunlich-olivenfarbigen
Querflecken, welche mit mehr unrcgelmässigen auf der Seite
abwechseln; Bauch mehr oder weniger schwarz gefleckt, die
Flecken manchmal in Längsstreifen geordnet. — Venezuela.
Berbice.
Cyclopliis Günther.
Calal. p. 119.
Habitus schlank, cylindrisch; Kopf eiförmig, vom Nacken
abgesetzt; Kopfschilder regelmässig; ein vorderer und zwei
234 Günther:
hintere Augen- Schilder; Nasenloch in einem einzelnen Na-
sen-Schilde. Schuppen subelMplisch, glatt, in fünfzehn Rei-
hen (in einer Art in siebenzehn und gekielt). Auge eher
gross mit runder Pupille. Zähne gleich^ nicht gefurcht. Hie-
her Col. aestivus L., Col. vernalis Dekay, Herpetodr. trico-
lor Schleg. und
C, major.
Catal. p. 120.
C. vernalis ausserordentlich ähnlich, aber viel grösser.
Oben einfarbig grün, unten blässer; Oberlippen-Schilder acht.
— China,
C. frenatus,
Catal. p. 120.
Oberlippen-Schilder sieben; ein Zügelschild, Olivenfar-
big fin Weingeist) ; auf jeder Seite des vorderen Rumpflheils
drei schwarze Längsstreifen , von denen der obere am brei-
testen ist und hinter dem Auge beginnt. — Affghanistan.
C. calamaria.
Catal. p. 250.
Zügel- Schild fehlt oder ist vielmehr mit dem Nasal-
Schild verschmolzen. Graulich - braun , auf dem vorderen
Theile des Rückens auf jeder Seite eine Reihe undeutlicher
schwärzlicher Flecken , welche hinten zusaramenfliessen und
eine sehr schmale, wellenförmige Linie bilden. Bauchseite
weiss. — Ceylon.
Dryoealamus Güntlier.
Catal. p. 121.
Leib sehr schlank und zusammengedrückt, so dass die
Bauchschienen, wie in Chrysopelea gekielt erscheinen. Kopf
kurz , mit abgerundeter Schnauze , niedergedrückt. Zügel-
Schild verschmolzen mit vorderem Augen- Schild, hintere Au-
gen-Schilder zwei; Nasenloch in der Mute des einzelnen Na-
sen-Schildes. Schuppen glatt, in fünfzehn Reihen. Auge von
mittlerer Grösse. Zähne gleich , nicht gefurcht. — Bildet
eine Mittelform zwischen Calamaridae und Dryadidae.
Neue Schlangenarten des britischen Museums. 235
D. trisirigatus.
Calal. p. 121.
Oben braun mit drei weissen Längsbinden, unten weiss-
lich. — Vaterland ?
Pliilodryas Wagler. =. Dryophylax Dum. ßibr.
Ph. dorsalis,
Catal. p. 126.
Schuppen glatt; Oberlippen-Schilder sieben. Olivenfar-
big, Rücken dunkler oder braun; Bauch hinten schwarz-mar-
morirt. — San Domingo.
Dromicus Bibron.
D, affinis,
Catal. p. 128.
Habitus massig schlank. Schuppen glatt, in siebenzehn
Reihen, ein Zugelschild; sieben Oberlippen-Schilder, von de-
nen der dritte und vierte das Auge berühren. Rücken grau-
lich-olivenfarbig; Seiten mit dunklerer scharf-abgeschnittener
Färbung; ein schwarzer Streifen durch das Auge, der sich
mit einem schwarzen Flecken auf dem Nacken vereinigt.
Hinter dem Auge ein weisslicher Fleck; Bauch gelblich, auf
jeder Seite mit einer Reihe schwarzer Punkte. — Rio Janeiro.
D. rufodorsatiis.
Catal. p. 130.
Verwandt mit D. rufiventris. Schuppen glatt, in neun-
zehn Reihen; ein Zügel-Schild, acht Oberlippen-Schilder, von
denen der vierte und fünfte das Auge berühren. Oben braun
mit zwei Reihen dunkler runder Flecken , welche hinten zu
einfachen Querflecken zusammenfliessen; ein dunkler Strei-
fen auf der Schläfe. Bauch graulich, braun-marmorirt. —
West-Indien.
Psaiiiinophiclae. *
Euoplirys Günther.
Catal. p. 139.
Körper von mittleren Dimensionen; Kopf viereckig, hoch,
236 Gün liier:
mit kurzer, runder, stumpfer Schnauze und flachem Scheitel.
Au^enbraun-Schild vorstehend; Gegend vor dem Auge ver-
tieft; Auge gross. Scheitel-Schild von mittlerer Form; ein
Zügel-Schild; zwei Nasen-Schihler; ein vorderer und zwei
hintere Augen -Schilder. Schuppen etwas schmal, glatt, in
neunzehn Reihen. Hinterer Oberkieferzahn länger, gefurcht;
keine andere längere Zähne im Oberkiefer ; die vorderen
der Unterkinnlade etwas länger als die anderen.
Eu. modestus.
Catal. p. 139.
Oben gelblich-olivenfarbig, Schuppen etwas heller oder
dunkler gerändert ; unten weisslich. — China.
Psammodynasfes Günther.
Catal. p. HO.
Habitus etwas gedrungen; Kopf kurz, hoch, oben flach, mit
sich zuspitzender kurzer Schnauze, Lippen aufgeworfen; Stirn-
Schilder klein, die hinteren hinten abgerundet; Scheitel-
Schild lang und schmal; Zügelschild kurz, oft zwei- oder
dreimal gespalten; ein Nasal - Schild , der vom Nasenloche
durchbohrt ist; ein (ausnahmsweise zwei) vorderer und zwei
hintere Augen -Schilder. Schuppen etwas kurz, rhombisch,
glatt , in siebenzehn Reihen ; Analis ungespalten. Pupille
senkrecht, elliptisch. Vordere Oberkiefer- Zähne sehr lang,
glatt, hintere lang, gefurcht, mittlere und die im Gaumen
klein; vordere Unterkiefer-Zähne länger als die hinteren. —
Hieher Psammophis pulverulenta Boie und
Ps. pictus.
Catal. p. 251.
Die drei ersten Paare der Unterlippen - Schilder sehr
gross, ohne Kinn - Schilder zwischen sich zu haben. Kopf
oben mit symmetrischen purpurfarbigen Zeichnungen, Hinter-
hauplsschilder rölhlich - weiss. Rücken dunkel- purpurfarbig
mit paarweise gestellten röthlich- weissen Flecken; auf jeder
Seite des Rückens ein röthlich-weisses Band. — Borneo.
Neue Schlangenarten des britischen Museums. 237
Dryophidae.
Uryopliis Schlegel pt.
D. tropidococcyx,
Catal. p. 156.
Habitus massig schlank; Schnauze nicht sehr verlän-
gert. Schuppen glatt, nur die auf dem hintersten Theile des
Rumpfes gekielt und zwar stark. Die Schuppen der mittel-
sten Reihe nicht grösser als die andern; Oberlippen-Schilder
acht, von denen der dritte und vierte das Auge berühren;
Zögel-Schlld fehlt; Schnauzen - Schild ragt weit nach hinten
zurück. Bräunlich -grün, Bauch mit zwei seitlichen weissen
Linien. — Madras.
D. fronticincta.
Catal. p. 157.
Schuppen des Rückens gekielt; sieben oder acht Ober-
lippen-Schilder, von denen gewöhnlich nur einer das Auge
berührt; das vordere Paar der Stirn-Schilder wird vorne ganz
von den Nasen-Schildern, die von beiden Seiten her zusam-
mentreten und eine Sulur bilden , umgürtet. Zwei Zügel-
Schilder. Oben einfarbig grün, unten blässer mit zwei seitli-
chen weissen Linien, -r— West-Indien.
Dipsaclidae«
Dip§as Schlegel.
D. boops.
Catal. p. 170.
Körper und Schwanz sehr schlank und stark zusammen-
gedrückt; Kopf sehr gross und dick, Auge sehr gross ; Schup-
pen in einundzwanzig Reihen. Gelblichbraun, purpurfarbig
marmorirl, mit mehr oder weniger deutlichen Qucrbändern ;
Kopf braun marmorirt; keine Streifen auf der Schläfe. —
Bengalen.
238 Günthers
Dipsadomorplius Fitzinger.
D. ceylonensis.
Catal. p. 176.
Schuppen in neunzehn Reihen; ein Zügel-Schild. Grau-
lich, sehr fein schwarz punlitirt, auf dem Rücken eine Reihe
mehr oder weniger abgerundeter schwarzer Flecken;, von de-
nen jeder einen schmalen, schiefen Streifen auf jeder Seite
gegen den Unterleib hin abgiebt; Unterleib braun marmorirt,
auf jeder Seite mit einer Reihe brauner Flecken. — Ceylon.
Tropidodipsas Günther.
Catal. p. 180.
Körper und Schwanz von massiger Länge, zusammen-
gedrückt; Kopf nicht sehr niedergedrückt, eckig, hinten etwas
breit, vom Nacken abgesetzt, mit stumpfer abgerundeter
Schnauze; Schnauzen -Schild gewöhnlich; ein Zügel-Schild;
zwei vordere und zwei hintere Augen -Schilder. Schuppen
von mittlerer Länge, gekielt in siebenzehn Reihen, die in der
Medianlinie nicht grösser; Schwanz- Schienen in doppelter
Reihe. Auge und Nasenloch massig gross. Zähne gleich,
nicht gefurcht.
T. fasciata.
Catal. p. 181.
Schwanz mit weissen Querbändern. — Mexiko.
Heiiiidipsas Günther.
Catal. p. 181.
Habitus von massigen Dimensionen; Körper etwas zu-
sammengedrückt, Kopf niedergedrückt, dreieckig, hinten
breiter, vom Nacken abgesetzt und mit breiter abgerundeter
Schnauze. Nur ein Nasenschild, Zügelschild verschmolzen
mit dem unteren Vorderaugenschild , über demselben ein
oberer Vorderaugenschild, hinler dem Auge zwei. Schuppen
glatt, in fünfzehn Reihen, die der Verlebrallinie nicht grös-
ser; Analis ungespalten; Schwanz-Schienen zweireihig. Die
Oberkieferzähne nehmen nach hinten an Grösse zu, der letzte
ist der längste und zusammengedrückt.
Neue Schlangenarten des britischen Museums. 239
ü. ocellata.
Catal. p. 182.
Oben gelblich-grau mit grossen, runden, braunen Flek-
ken mit hellerem Rande; unten gelblich. — Tropisches
Amerika?
Dipsadoboa Günther.
Calal. p. 18-2.
Körper und Schwanz schlank, zusammengedrückt; Kopf
niedergedrückt, dreieckig, hinten breit, vom Nacken stark
abgesetzt. Ein vorderer und zwei oder drei hintere Augen-
Schilder; ein Zug I-Schild, Schuppen etwas kurz, rhombisch
in siebenzehn oder neunzehn Reihen, glatt, die der Median-
linie nicht grösser. Schwanzschienen ungelheilt. Pupille
elliptisch senkrecht ; Nasenloch zwischen zwei Schildern,- hin-
terer Oberkieferzahn gefurcht.
D, maculata,
Catal. p. 183.
Oberlippen -Schilder acht, von denen der vierte und
fünfte das Auge berühren. Mit kleinen viereckigen schwar-
zen Punkten. — Central-Amerika.
D. unicolor.
Catal. p. 183.
Oberlippen-Schilder neun, von denen der vierte, fünfte
und sechste das Auge berühren. Oben einförmig-olivenfar-
big, unten weisslich. — West-Afrika.
l^cytaliclae.
Holo^errliuin Günther.
Catal p. 18Ö.
Habitus von massigen Dimensionen; Kopf niedergedrückt,
mit flachem Scheitel und etwas kurzer Schnauze, nicht sehr
abgesetzt vom Nacken. Auge von mitllerer Grösse und mit
senkrechter Pupille. Schnauzen-Schild gewöhnlich; ein Zü-
gel-Schild; zwei vordere und zwei hintere Augen-Schilder.
240 Günther:
Schuppen glatt in siebenzehn Reihen ; Analis und Schwanz-
Schienen ungelheilt. Hinlerer Oberkieferzahn länger, ge-
furcht.
H, philippinum.
Catal. p. 186.
Braun mit wenigen schwarzen oblongen Flecken auf
dem vorderen Theile des Rumpfes. — Philippinen.
liycocioiiticiae.
Alopecion Dum. Bibr.
A, fasciatum.
Catal. p. 196.
Schuppen in siebenzehn Reihen. Auf jeder Seite eine
Reihe schwarzer senkrechter Streifen. — West-Afrika.
Boodon Dum. Bibr.
B. infernalis.
Catal. p. 199.
Schuppen in drei- oder fünfundzwanzig Reihen. Oben
einfarbig schwarz, unten blässer. — Süd-Afrika.
£Iapidae.
«^lyphodon Günther.
Catal. p.210.
Körper und Schwanz von massiger Länge, gerundet;
Form des Kopfes , wie in Lycodon , niedergedrückt, mit fla-
chem Scheitel und breiler Schnauze; Zügel-Schild mit hinte-
rem Stirnschild verschmolzen; dieser in unmittelbarer Be-
rührung mit zwei Lippen -Schildern; ein vorderer und zwei
hinlere Augen - Schilder; Schuppen glnlt, kurz, gross, in
fünfzehn oder siebenzehn Reihen; Analis und Schwanzschie-
nen getheilt. Hinter dem Furchenzahn eine Reihe glatter Zähne.
In diese zwischen den Lycodonlidae und Klapidae ste-
hende Form gehört Elaps ornata Gray und
Neue Schlangenarten des britischen Museums. 241
G. tristis.
Catal. p. 211.
Oben einfarbig schwärzlichbraun; Schuppen auf den
Seiten mit undeutlichen helleren Rändern. Schuppen in sie-
benzehn Reihen. — Australien.
llieinansia Gray = Pseudelaps (Fitz.) D. B.
D. annulaia.
Catal. p. 213.
Bräunlich-olivenfarbig, mit zahlreichen schwarzen schma-
len Ouerbändern. — Neu-Holland.
Hoploceplialus Cuv. = Alecto (Wagl.) D. B.
H. pallidiceps.
Catal. p. 214.
Schuppen in fünfzehn Reihen ; zweiter und dritter Ober-
lippen-Schild oben abgestutzt, nicht spitzig. Schwärzlich-oli-
venfarbig, Kopf blasser; Schuppen der äusseren Reihen mit
gelblicher Spitze. — Port Essinglon. (Neuhoiland).
H. coronoides.
Catal. p. 215.
Schuppen in fünfzehn Reihen; Scheitel-Schild mehr als
dreimal so lang als breit; auf jeder Seite des Kopfes ein
schwarzer, unten weissgeränderter Streifen; kein Halsband. —
Vandiemensland.
E. superhus.
Catal. p. 217.
Schuppen in fünfzehn Reihen; Scheitel -Schild schmal,
mehr als zweimal so lang als breit. Oben braun oder bräun-
lich-olivenfarbig; Bauch vorne olivenfarbig, nach hinten zu
ins Schwärzliche übergehend. Kein schwarzer Strich am
Kopfe. — Neu-Holland.
Pseudoliaje Günther.
Catal. p. 222. '^s
Körper etwas schlank mit abgerundeten Seiten; Schwanz
Archiv r Naturffsch XXIV. Jahri' 1 Rd. 1q
242 Günther: f
von massiger Länge; Kopf eher klein, hoch, viereckig,
mit sphärisch abgerundetem Scheitel und kurzer runder
Schnauze. Obere Kopfschiider gewöhnlich; Augenbrauen-
Schilder gross. Die Stelle des Zügelschildes ist eingenom-
men durch den zusammenstossenden Augen- und hinteren Na-
senschild; zwei Nasen-Schilder; ein vordererund drei hintere
Augen- Schilder ; der dritte Oberlippen-Schild bildet beinahe
die untere Hälfte des vordem Orbitalrandes. Schuppen gross,
stark übereinandcrgeschoben , in dreizehn Reihen, die der
Medianlinie sehr gross und sechseckig. Vordere Rippen am
kürzesten. Analis einfach; Schwanzschienen gelheilt. Hinter
dem Furchenzahne zwei kleine glatte Zähne.
Ps. 7iigra.
Catal. p. 222.
Einfarbig schwarz. - Vaterland?
Pseudonaja Günther.
Catal. p. 227.
Körper und Schwanz von massiger Länge; Bauch ab-
geflacht; Kopf hoch, viereckig, nicht deutlich abgesetzt vom
Nacken, mit massig langer, abgerundeter Schnauze. Schnau-
zen-Schild gross, weit nach hinten umgebogen; vordere
Stirn-Schilder kleiner, als die hintern; Scheitel-Schild gewöhn-
lich. Die Stelle des Zügelschildes ist ersetzt durch die zu-
sammenstossenden Winkel des hinteren Stirn-, vorderen Au-
gen - und hinteren Nasen- Schildes und zweier Oberlippen-
Schilder; ein vorderer und zwei hintere Augen -Schilder ;
zwei Nasen- Schilder. Schuppen glatt, sich wenig deckend,
in siebenzehn Reihen ; Analis und Schwanzschienen gelheilt.
Vordere Rippen nicht länger. Hinter dem Furchenzahn eine
Reihe kleinerer Zähne.
P. nuchalis,
Catal. p. 227.
Bräunlich - olivenfarbig mit sehr breiten dunkeln Quer-
bändern, die oft undeutlich werden mit Ausnahme des ohne-
dem immer dunkleren Nackenbandes. — Australien.
Neue Schlaagenarten des britischeu Museums. 243
Elaps (Schneider) Dum. Bibr.
E, univirgatus.
Catal. p. Q3I.
Scheitel und Nacken schwarz, nriil einem breiten gelben
Querband hinter den Augen. Rölhlich-braun mit einer schma-
len schwarzen Vertebrallinie, Bauchseite mit schwarzen Ouer-
bändern, die sich manchmal auf die Seiten erstrecken. (Zwei
Varietäten). — Nepal.
E, maculiceps.
Catal. p. 232.
Im Habitus ähnlich dem Elaps intestinalis; Scheitel und
Nacken schwarz mit symmetrischen gelben Flecken und Stri-
chen; oben einfarbig röthlich- weiss oder mit zwei Reihen
kleiner schwarzer Flecken. Bauchseite einfarbig weiss;
Schwanz mit zwei schwarzen Ringen. — Ostindien.
Endlich füge ich noch die Diagnose einer neuen Schlange
bei , welche ich im zweiten Appendix meines Cataloges be-
schrieben habe , und welche in die Dumerirsche Familie
der Platyrhiniens gehört.
Elapoceplialus Günther.
Catal. p. 276.
Kopf niedergedrückt, in einer Flucht mit dem Körper f
Schuppen glatt, in fünfzehn Reihen; obere Kopfschilder re-
gelmässig; vordere Stirn-Schilder in unmittelbarer Berührung
mit dem Schnauzen - Schild ; ein einziger Nasal -Schild ; Zü-
geUSchild fehlt; ein vorderer und zwei hintere Augenschil-
der. Analis und Schwanzschienen gespalten. Zwei oder drei
hintere Oberkieferzähne sehr lang, stark und gefurcht.
E. taeniatus.
Catal. p. 276.
Oben mit drei schwarzen, weiss-geränderten Längsbin-
den; Bauchseite weiss, an den Rändern mit einigen unregel-
mässigen dunklen kleinen Flecken.
Ciithelminthica Jllo. V.
lieber Amphilina foliacea mihi (Monostoma folia-
ceum Rud.) , Gyrocotyle Diesing und Amphipty-
ches Gr. W.
Briefliche Mitlheilung an Hrn. Prof. R. Leuckart.
Von
Dr. O. R. ^Vag^ener,
Assistent am K. Anatomischen Museum in Berlin.
Vorgetragen in der Sitzung der naturforschenden Freunde
in Berlin d. 15. December 1857.
Hierzu Taf. VIII.
Monostoma foliaceum Rud. wurde von Bremser an
Rudolphi gesandt, der es in seiner Synopsis Entozoorum
p. 340 und 83 zuerst beschrieb. Obgleich er es zu den Tre-
matoden stellt, so geht doch aus dem Schlüsse seiner Be-
schreibung hervor, dass ihm das Fremdartige in diesem Mo-
nostoma nicht entgangen war.
Bremser bildete das Thier Icon. helminth. tab. VIII.
flg. 3—7 ab, scheint aber über das, was er Kopflheil nennen
sollte, zweifelhaft gewesen zu sein , da er das Monoslom in
einer Lage darstellt , aus der sich für diese Frage Nichts
entnehmen lässt.
Dujardin CHist. nat. des helminth. p.364) glaubt nach
der Untersuchung eines von Wien nach Paris gesandten Spi-
ritusexemplares in dem Thiere eine Proglotlis zu erkennen.
In neuester Zeit ist das in Rede stehende Thier in fri-
schem Zustande von Wedl untersucht worden, (Helmintho-
J>
«>
Wagen er: Enthelminthica No.V. 245
logische Notizen Maiheft 1855 Sitzungsberichte der Wiener
Akademie Bd. 16. p.3l8). Er sieht ebenfalls in dem Thiere
ein Monostom und glaubt einen Schlund nebst Schlundlcopf
bei der Untersuchung in ihm wahrgenommen zu haben.
Ich habe das Thier ebenfalls frisch in Triest gesehen.
Die Thatsachcn, die sich mir bei der höchst schwierigen Un-
tersuchung dieses sehr undurchsichtigen Helminthen ergaben,
sind, wenn auch sehr unvollständig, doch hinreichend, um
das Thier nicht zu Monostomen, sondern zu den Cestoden
zu stellen; denn es hat einer undurchb ohrt en Kopf-
napf und entschieden keinen Darm. Wedl nahm den
Kopflheil für den Schwanz.
Die Gestalt des Thieres ist bekannt. Der Rücken ist
gewölbt, der Schwanz meist etwas auf die Bauchseite gebo-
gen. Letztere ist meist concav, da die scharfen Seitenrän-
der des Leibes nach dem Bauche zu sich etwas umschlagen.
Die Haut zeigt unter der Lupe die schon von Ru-
dolph i bemerkte netzförmige Zeichnung. Diese entsteht
durch ein System von meist rechteckigen Waben , deren
Längsdurchmesser quer auf das Thier steht. Die Waben
werden nach dem Kopfende zu kleiner. Sie sind am gröss-
ten, wo der Querdurchmesser des Thieres am breitesten ist.
— Drückt man das Thier zwischen zwei Glasplatten und be-
trachtet es bei durchfallendem Lichte, so glaubt man die
Hoden eines Cestoden zu sehen. Duj ardin erwähnt wohl
diese letzteren Organe, ohne jedoch von dem genetzten An-
sehen der Haut zu reden. — Es versteht sich von selbst,
dass durch den jeweiligen Contractionszustand des Thieres die
Form der Waben sich verändert. Ebenso erscheint die Contur
des Thieres zuweilen gezackt, zuweilen ganz glatt.
Die Muskeln sind Längs- und Ouerfasern. Die ge-
genseitige Lagerung dieser Organe gelang nicht ins Klare
zu bringen. Die Undurchsichtigkeit selbst ganz junger Thiere
durch Einsprengung von Fetltropfen und Körnchen konnte
nur durch einen Druck bewältigt werden, der das Thier zer-
sprengte. Ebenso wenig liess sich mit dem Messer und der
Scheere arbeiten.
Der Kopfnapf des Thieres zeichnete sich durch braune
Färbung aus. Die Fasern in ihm verliefen radial. Mit sei-
246 W a g e n e r :
nein Boden stand ein Faserbündel in Verbindung, der nach
dem Inneren des Thieres pinselförmig auseinanderfuhr. —
Bei massigem Drucke schon trat der SaugnapI" in Form einer
braunen Papille hervor, die häufig noch von seinem äusseren
Rande umwallt war. Diese Papille ist' von Bremser und
Wed 1 abgebildet.
Beim Zerreissen namentlich älterer Thiere begegnet man
sparsam in den Fasern ziemlich fest eingeGIzte zuweilen gal-
lengelb gefärbten concentrisch gestreiften Kugeln,
oder Knollen. Sie sind anscheinend nicht glatt. Ich habe sie
nicht mit Säuren untersucht. Aussehen und Vorkommen un-
terscheiden sie nicht von Kalkkörpern der Cestoden.
An den Rändern des Thieres liegt jederseits ein schma-
ler Streif dunkler Follikel ganz analog dem Dotterstocke
der Cestoden. Sie sind schon von Dujardin gesehen und
auch von Wedl. Auf Querdurchschnitten bilden sie eine
Figur wie ( }. Ob die Ränder dieser Figur sich in Form
einer dünnen Lage über Bauch und Rücken fortsetzen , weiss
ich nicht.
Der Eier enthaltende Schlauch ist in einzelnen
Theilen schon von Rudolphi, Dujardin und W^edl ge-
sehen. — Er entsteht in der Mittellinie des Thieres nicht weit
von der Schvvanzspilze in einer bis jetzt für mich noch unklaren
Weise an dcK Stelle , wo noch zwei später zu erwähnende
Organe ebenfalls ihren Ursprung nehmen. — Nach einer
Reihe von kurzen häufig sich deckenden W^indiingen, welche
einen sehr durchsichtigen Inhalt einschliessen, tritt er an die
Seite des Thieres, steigt in kurzen sich oft deckenden Schlei-
fen nach dem Kopfe, biegt sodann schnell um, läuft diesseits
der Mittellinie mit ähnlichem Verlaufe wieder zum Schwänze
hinab bis fast zu seiner ürsprungsstelle. Hier tritt er mit einer
grossen quer durch das Thier sich legenden Schlinge zum
anderen Rande des Leibes. Nach 8-10 grossen Querschlei-
fcn begiebt sich der Schlauch in verhältnissmässig gestreck-
tem Laufe bis dicht zum Kopfnapfe, an dessen Seite er aus-
mündet. — Die Zahl der secundären Windungen steigt mit
der Grösse des Thieres.
,; ..' Dicht über der Stelle, wo der Eierschlauch entsteht,
befindet sich ein rQ§(^tten förmiges Organ, was ganz dem
Enthelminthica No. V. 247
Keimstocke der Cestoden ähnelt. Von ihm scheint ein
Schlauch zu entspringen, der sogleich einen anderen aus dem
Zusammenflusse von zwei Schläuchen entstandenen aufnimmt.
Dicht hinter dieser Stelle schwillt der gemeinsame Ausführ-
gang in eine Blase an und bricht seitlich vom Schwänze
schräg nach unten sich wendend, mit einer Oeffnung durch
den scharfen Rand des Thieres. Ich glaube sagen zu kön-
nen , dass die Ausmündung des Eierschlauches und dieses
Organes auf ein und derselben Seite des Thieres sich be-
finden.
Gerade auf der Schwanzspitze mündet ein anderer
Schlauch aus, der ziemlich gerade in die Höhe steigt. Dicht
vor seiner Kreuzung mit dem vorigen, auf dessen Bauchseite
er zu liegen scheint, wird er auch zu einer Blase^ in deren
Grund ein spiralgevvundener von der Seite herkommender
Schlauch eintritt. - Diese Anschwellung sah Wedl als
Schlundkopf an, und in dem an der Schwanzspitze ausmün-
denden Schlauch glaubte er den Schlund zu sehen. Letzte-
rer Schlauch scheint zum männlichen Geschlcchtsapparale zu
gehören.
Die Eier des Thieres sind sehr gross eiförmig mit
etwas abgeslumpftem spitzerem Pole. Sie enthalten Dolter-
kugeln. — Gefässe habe ich nur zu beiden Seiten des
Thieres gesehen.
Da durch die Organisation das Thier sich wesentlich
von einer Ligula unterscheidet, so erscheint es zweckmässig
eine besondere Galtung zu machen. Es mag Amphilina fo-
liacea heissen.
Die Verwandten dieses Thieres sind unter dem von Die-
s i n g als Gyrocotyle und von mir als Amphiplyches beschrie-
benen Thiere zu suchen.
lieber Gyrocotyle und Amp hip ty ches.
Die sing (Systema Helminthum I. p. 408) gab eine
kurze Diagnose von Gyrocotyle, einer neuen Galtung, angeb-
lich aus einer Antilope pygarga stammend.
Fünf Jahre später (1855) veröffentlichte Diesing im
9len Bande der Denkschriften der Wiener Akademie lö Gat-
Entiiclmiaitfiica Ho. VI.
lieber Distoma campanula (Gasterostoma fimbriatum
Siebold) Duj. und Monostoma bipartilum Wedl.
Briefliche Mittheilung an Hrn. Prof. R. Leuckart.
Von
' uyiöAitli'
Dr. O. R. ^^Vaffeiier ,
Assistent um K. Anatomischen Museum in Berlin.
Vorgetragen in der Sitzung der naturforschenden Freunde
in Berlin d. 15. December 1857.
Hierzu Taf. IX.
Dujardin führt in seiner Histoire naturelle des Hel-
minthes p. 435 ein Distom unter dem Namen D. campanula
auf, welches er im Darme des Hechtes frei und an den Kie-
men von Cyprinus idus incystirt fand.
In den Berichten der Wiener Akademie 1857. Bd. 2(3.
p. '24:^ wird von Wedl die Dujardin'sche Species von neuem
beschrieben. In der beigegebenen Figur ist das im Hechte
hier in Berlin sehr liäufige (jasterostoina fimbriatum wieder-
zuerkennen.
Die wenn auch unvollständigen Angaben beider Au-
toren lassen kaum noch einen Zweifel übrig, dass Distoma
campanula mit dem von v. Siebold sciion 1831 an Ru-
dolph i gescndtlen Gasterostoma fimbriatum ideiitisth ist.
V. Siebold glebt diesem Tremafoden den Namen in
seinem Lehrbuche der vergleichenden Anatomie p. 129 und
hebt an selbigem Orte auch die Aehnlichkeit dieses Thieres in
Bezuü der <\\\i dem Bauche sich befindenden Mundöffnung mit
J^
ä.
a
-^ß
Wagen er: Enthelminthica No. VI. 251
Bucephalus polyniorphus hervor, v. Siebold fand das er-
wachsene Gasteroslom in Lucioperca und in Perca. Ich kenne
aus eigener Anschauung diese Gaslerostomen nicht allein
im frischen Zustande, sondern habe auch die an Rudolph!
1831 geschickten Exemplare mit denen vom Hechte vergli-
chen, — Es gehören diese nebst dem häufig an den Kiemen
verschiedener Cyprinus- Arten in Cysten vorkommenden Ga-
slerostomen ohne Eier , alle zu Gasterosl. fimbrialum v. Sie-
bold, was zweifelsohne ein schwanzloser geschlechtlich ent-
wickelter Bucephalus ist.
Die drei bis jelzt bekannten Gasterostomenspecies sind
folgende :
1) Gasterost. minimum mihi Intest. Triglae microlepidotae.
2) Gasterost. gracilescens mihi Intest. Lophii piscatorii.
Syn. : Distoma gracilescens Rud.
3) Gast, fimbrialum v. Siebold Intest. Esocis lucii, Percae
fluviatilis, Luciopcrcae Sandrae, Cyst. Branchiarura spec.
Cyprinorum quarundam.
Syn. : Disloma campanula Duj.
Die beiden ersten Arten sind aus dem Mitlelmeere, wo
auch Bucephalus Haimeanus gefunden ist. — Die letztere ist
iin Süsswasser zu Hause, wo auch Bucephalus polynior-
phus lebt.
Alle drei Species kommen in ihrer Organisation in fol-
genden Dingen überein:
Die Mundöffnung befindet sich bei allen im Bauch-
napfe.
Die Gesc hie chts öffn ung ist bei allen hinten am
Schwänze auf der Bauchseile.
Der Penis ist bei allen mil mehr oder minder langen
haar- oder warzenförmigen Verlängerungen besetzt. Die Haare
dieses Besatzes sind am längsten bei G. gracilescens, am
kürzesten bei Gast, m'nimum.
Der Darm ist bei allen ein einfacher Blindsack, drr
am längsten bei Gasterost. fimbrialum ist.
Der Eierschlauch enlsluht zwischen s. g. Keim stock
und Hoden (welche Organe immer in einer Reihe herab
seillich unter dem Rücken liegen) , und giebt sodann eine
lange Schlinge nach unten ab, steigt wieder auf mil vielen
252 Wagener:
Ouerwindiingen und g-eht dann , um auszumünden, nach dem
Schwänze hin. Der Eierstock macht also bei allen drei Spe-
cies drei Hauplzüge.
Der s. g. Dolterstock bildet jederseits eine trauben-
förmige Anhäufung , deren Aiisl'ührgange seillich unter dem
Rücken herabsteigen und in der Höhe des Hoden und s. g.
Keinislockes nach innen einlenken und dort sich vereinigen.
Der s. g. Keimstock liegt bei allen Species anschei-
nend oben.
Der Stamm desExcretionsorganes scheint bei allen
drei Arten einen einfachen Blindsack zu bilden.
Noch wäre die Richtung des Darmes bemerkenswerth.
Bei Gasterost. minimum steht er mit seinem Grunde unter
dem Rücken.
Bei Gast, fiinbriatum biegt er sich nach dem Kopfe um.
Bei Gast, gracilescens biegt er sich nach dem Schwänze
zu um ; er hängt herab.
Die Haut ist bei allen drei Species mehr oder minder
bestachelt und enthält namentlich am Kopftheile Zotten.
Die Unterschiede der Species liegen besonders in der
relativen Grösse der beiden Saugnäpfe und in der Grösse
der Eier.
Gasterostoma zeichnet sich namentlich durch seinen
Kopfputz aus, der in meiner Abhandlung (Beiträge zur Ent-
wickelungsgeschichte der Eingeweidewürmer, Haarlem 1857.
Tab. 24) abgebildet ist. Es sind fünf oder sechs fingerarlige
Fortsätze, deren jeder zurückziehbar ist. An der Basis eines
jeden befindet sich noch ein kleinerer. Die Muskeln für
diesen Apparat befinden sich in Scheiden, welche im Grunde
des Kopfnapfes verlaufen. — Im Kopfe von Bucephalus sieht
man Organe , die unverkennbar hierauf Bezug haben, s. En-
Ihelminthica No. II. Müllers Archiv 185Q. p. 556.
lieber Mono Stoma bipartitum Wedl.
Wedl beschrieb im Maiheft der Wiener Akademiebe-
richte 1855. Bd. 16. p. 38 ein Monostom, das er M. biparti-
tum nennt. Er fand es in Cysten an den Kiemenbogen eines
Thunfisches.
Enthelminthica No. VI. 253
Da in diesem Berichte eine bis jetzt noch wenig ge-
kannte Erscheinung nicht erwähnt wird, welche diesen Tre-
matoden charakterisirt, so theile ich hiemit Notizen mit, wel-
che ich über dies Thier in Nizza 1851 niederschrieb.
Innerhalb der an den Kiemenbögen und der Schleimhaut
des Zungenbeins vorkommenden Cysten finden sich immer zwei
Monostomen, welche anfangs noch zu trennen sind, späterhin
aber derartig mit einander vereint sich finden, dass ein Thier
zwei Köpfe zu haben scheint. In Wahrheit aber hat das
grössere AJonostom das kleiner gebliebene derartig umwach-
sen, dass nur eine kleine OelFnung blieb, welche beide als
Austrittsstelle für ihre Köpfe benutzen.
Das grösste in diesem Zustande gesehene Exemplar hatte
die Grösse einer Kirsche. — Der eine Pol des fast kugligen
Thieres war in einen kurzen stumpfen konischen Fortsatz
ausgezogen. — Betrachtete man den anderen Pol, so sah man
dort drei Einschnitte zusammentreffen, welche sich bis zur
Spitze hinauf erstreckten, Sie theilten den kugligen Körper
in drei nicht ganz gleiche Absch\iitte.
Neben einer von diesen drei Linien oder Meridianen
befand sich ein Loch, aus dem zwei fadenförmige über 10 Mm.
lange Hälse mit löffelförniig verbreitertem etwas angeschwol-
lenen Kopfende hervorragten.
Die Oberfläche des Thieres war glatt. Die Spitze des
kugligen Körpers war weiss. Ebenso die Umgebung der
Oeffnung für die Köpfe.
Der übrige Theil des Thieres war gelb durch eine
Menge von Schläuchen, welche als mehr oder minder S-för-
mige Züge unter der Haut des Thieres zu sehen waren. Sie
enthielten Eier.
Unter diesen Schläuchen kamen ganz weisse vor, welche
öfters unter einander anastomosirten. VVedl hält sie lür zum
Eierkeimslocke gehörig. Man kann sie auch als zum Dotter-
slock oder zum Excretionsorgan gehörig betrachten.
Da Ziehen mit der Pinzette an dem einen oder ande-
deren Halse des Thieres nicht den gewünschten Erfolg hatte,
so wurde das Loch mit der Schoere erweitert. So gelang
es den einen Hals mit dem daranhängenden kleinen Leibe
aus dem grösseren herauszunehmen.
254 W a g c n e r :
Das freigemachte kleinere Monostoni hatte die Ge-
stalt ungefähr wie das Blatt einer Nymphäe. Der Stiel ent-
spräche dem Halse, das Blatt selber dem Leibe.
Im löfFel förmigen Kopfe sah man den Mundnapf. Die-
sem folgte unmittelbar ein muskulöser Schlundkopf, dem sich
ein Oesophagus anschloss, der unmittelbar in den zweischenk-
ligen Darm überging, — Die beiden Arme des Darms durch-
zogen den Hals , sich des geringen Raumes halber fast
deckend.
In dem mehr dicken als platten Leibe angekommen
bogen sich die beiden Üarmschenkel aufwärts nach den Sei-
ten und endeten blind.
Der Darm war mit rosenrother Flüssigkeit gefüllt.
In dem schon etwas trübe gewordenen Thiere sah man
ausser Körnchen und Fetltröpfchen nur unbestimmbare Ku-
geln, in denen man sich wohl samenbereitende Organe vor-
stellen konnte. Von Eiern fand sich nicht eine Spur.
Das grosse Monostom, welches das kleinere gefangen ge-
halten halte, strotzte von Eiern, zwischen deren Behältern auch
zuweilen die weiten Windungen eines eine rosenrolhe Flüs-
sigkeit enthaltenden Schlauches sichtbar waren.
Die Zartheit des Thieres machte den Versuch durch
Fräparation über die Organisation ins Klare zu kommen, ver-
geblich.
Der Kopf des Thieres zeigte dieselben Verhältnisse wie
der vorige. Nur sah man ausser dem Darme und seinem Zu-
behöre noch einen dicken wenig gewundenen Schlauch , der
Eier enthielt , bis unter den Kopf aufsteigen , unter dem er
ausmündete.
Ausser diesem waren in dem eingeschlossenen kleine-
ren Thiere noch zwei andere ziemlich gerade verlaufende
Schläuche im Kopfe sichtbar , deren einer in der Höhe des
Darmanfanges auf der Bauchseite auszumünden schien.
Die zweite in einer Cyste gefundene Form zeigte die
beiden Monostomen noch isolirt.
Das kleinere Monostom war so beschaffen wie das oben
geschilderte. Es lag noch lose in der von drei Wülsten
gebildeten Ausbuchtung des grösseren, was schon ganz'
von Eierschläuchen mit den sie begleitenden weissen Fäden
Enthelminthlca Wo. \I. 235
orfOlIt Wnf, zwischen denen sich hie und da der rosenrolhe
[)arn:isclilauch zeigte.
nie dritte Form bildete zwei ganz gleichgestaltete Mo-
noslornen, in denen sich ausser dem oben geschilderten Ver-
dauungSHpparate, seinen Anhängseln und einigen anderen un-
klaren Organen im Leibe nichts weiter auffinden liess. Keins
von beiden Thieren enthielt Eier.
Die Lagerung beider Thiere in der sie umschliessenden
einen Cyste, bot aber zur Aufklärung der zuerst geschilder-
ten Form Anhaltspunkte.
Jedes der Thiere hatte eine pfeilförmige Gestrilt. Zwi-
schen den beiden, den Widerhaken entsprechenden, Lappen
war der dünne lange Hals eingefügt.
Der Leib war seitlich zusammengedrückt und auf den
Rand gebogen. — In cier Cyste lag der Schwanzlheil des
einen in der durch die beiden seitlichen Lappen gebildete
Spalte des anderen. — Die Köpfe beider Thiere sahen zwi-
schen den beiden Leibern hervor.
Durch Vergrösserung der beiden seitlichen schulterar-
tigen Lappen und des Schwanzes kann n»an sich leicht die
zweite Form hergestellt denken.
Verwachsen nun noch die drei Spitzen des Leibes unter
einander, so hat man die erste Form.
Dass das Loch lür den Austritt der beiden Köpfe an
der Seite um! nicht in den von dem Verwachsen der Ränder
übriggebliebenen Furchen sich befindet, geht aus der Lage
der Köpfe in der dritten Form hervor.
Die Spitze, welche sich in der ersten Form bemerkbar
macht, findet ihre Entstehung in dem Umstände, dass der
convexe Rücken der dritten Form sich etwas über die Basis
der schulterartigen Seitenlappen hinaus verlängert.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. IX.
Fig. l. Monostoma bipartituni (erste Form) in natürlicher Grösse mit
den zwei fadenartigen Köpfen b und c, die aus dem Loche
B hervortreten.
256 Wagener: Enthehuinthica No. VI
Fig. 2. Die zweite Form lOmal vergrössert. — d. Der Kopfnapf. —
e. Die Eierschläuche.
Fig. 3. Der Kopf des in der ersten Form eingeschlossenen Thieres
200mal vergrössert.
f. Kopfnapf.
g. Schlundkopf,
h. Schlund.
i, i. Die Darmschenkel.
k. Ein Schlauch, der bei den eierhaltigen Thieren Eier
enthält und bei beiden in
l mündet.
m. Der andere Schlauch, anscheinend in
n mündend.
1. Ein dritter unklarer Schlauch.
Fig. 4. Eier oOOmal vergrössert.
Fig. 5. Die dritte Form, lOmal vergrössert.
a. Schwanztheil. — b. die b'iiden Seitentheile.
c. Der zwischen den beiden Thierleibern hervorragende
Kopf des einen Thieres.
Fig. 6. Das kleinste gefundene Thier, lOmal vergrössert.
Fig. 7. Dasselbe l6mal vergrössert.
Es lag mit einem ebenso gestalteten Thiere in einer Cyste.
Die geringe Entwickelung der beiden schulterartigen Sei-
tentheile b ist bemerkenswerth.
Fig. 8. Ein eierhaltiges Thier in verschiedenen Lagen , lOmal ver-
grössert. Bezeichnung wie in Fig. 5.
Fig. 9. Ein kleines Monostom aus der Cyste von Fig. 2.
f. Kopfnapf. — b — b. Die beiden seitlichen Lappen. —
c. Hals.
Fig. 10. Ein eben solches aus einem Thiere wie Fig. 1 (nur um ein
Viertel kleineres) herausgenommen. Bezeichnung wie in
Fig. 3.
Berlin den 27. März 1858.
.au4(iU-i<
MSi^.
T^fX.
CIOMI «Si«/.
A^^t> Tho^cA-tr-/ tr- .
Uebcr die llektokotyleiibildung: der
Ceplialoiiodeii*
Von
]9r« C. Clausf.
Hierzu Taf. X.
Die Millheilungen S t eens trup's ''^) über die Hekloko-
tylen der Cephalopoden sind von allen Seilen mit grossem
Interesse aufgenommen. Abweichungen in der Gestalt be-
stimmter Arme, welche früher theils übersehen, theils als
abnorme Bildungen einer nahern Beachtung nicht gewürdigt
waren, erhielten durch Stcenslrup's Scharfblick Sinn und
Bedeutung und wurden in ihrem gesetzmässigen Zusammen-
hange als coustantc [Merkmale des männlichen Geschlechtes
erkannt. In diesem Sinne erwiesen sich die umgeformten
Arme als morphologische Zwischenstufen zu den scheinbar
paradoxen Hektokotylen, welche man bei Argonauta und Tre-
moctopus schon längst kennen gelernt halte, und durflen als
vermillclnde Uebergänge zu jenen mit um so grösserem Rechte
betrachtet werden, als sich eine Reihe auffallender Analogien
in Form und Bau beobachten Viess. Aber auch dadurch er-
lanjjlen die Beobachlunffen des berühmten Naturforschers
einen besonderen Werlh , dass dieselben mit historischen
Thatsachen verknüpft wurden. Mit Bestimmtheit liefert St een-
slrup den Beweis, dass ein Theil seiner Funde schon von
Aristoteles gekannt war, und als Entdeckungen des Begrün-
ders unserer Wissenschalt auf die erste Zeit der Naturfor-
*) Siehe die dculschc Uebersetzung der Stcenslrup'schcn Ar-
beil von Troschel in diesem Archiv 1856. p.2ll.
Archiv f N«turgesch. XXIV. Jahrg 1. Dd. |7
258 Claus:
schung zurückzuführen ist. Nur durch ünkenntniss thalsach-
licher Verhältnisse waren die Angaben des Aristoteles über
die Arme der männlichen Ccphalopodcn missverstanden und
falsch gedeutet, eine ahermalige Mahnung zu vorsichtiger
und bescheidener Auslegung jenes grossen Werkes.
Schon die Ikdeutung der neuenldeckten Thatsachen
rechtfertigt zur Genüge, dass ich die Zeit meines Nizzaer
Aufenthaltes nicht vorübergehen Hess, ohne den hektokotyli-
sirten Armen der lebenden Tiiiere einige Aufmerksamkeit zu
schenken. Freilich war das Material , welches mir zur Un-
tersuchung zu Gebote stand, nicht so reichhaltig und umfas-
send , als man es wohl vermuthen sollte. Der ungünstige
Winter dieses Jahres übte auch auf das Auftreten der Ce-
phalopoden seinen naehtheiligen Einfluss aus., und so kam
es, dass ich mir nur die häutigsten Formen lebend verschaf-
fen konnte. Indessen fand ich durch Verany's Freund-
schaft Gelegenheit, eine Reihe seltener Cephalopoden zu un-
tersuchen, welche in Weingeist im dortigen Museum aufbe-
wahrt werden ; die Beobachtungen , welche ich über die
Hektokotylenbildung der Oigopsiden gemacht, habe ich aus-
schliesslich der Güte des genannten Naturforschers zu ver-
danken.
Bei allen Cephalopoden aus der Familie der Myopsidae
fand ich die Umformung des bestimmten Armes in derselben
Weise ausgeführt, wie sie von S te ens trup dargestellt wird.
Ohne im Speciellen auf die Armbildung einzugehen, welche
ja inzwischen durch TroscheMO bestätigt worden ist,
möchte ich nur auf einen Umstand die Aufmerksamkeit len-
ken, dass nämlich die Umbildung nicht constant mit dem
Saugnapipaare einer bestimmen Zahl beginnt. Nach Steen-
strup findet an dem Männchen einer Loligo-Art, welche
derselbe mit Loligo vulgaris Lam. für identisch hält, die Ue-
bereinstimmung des rechten und linken Baucharmes bis zum
18. oder 19. Paare der Saugnäpfe slalt, von wo nach der
Spitze zu eine merkliche Veränderung des Stieles beginnt.
Diese Zahl ist an der Loligoart , welche ich in Nizza beob-
*) Bemerkungen über die Cephalopoden von iMessina in diesem
Archiv 1857. p. 41.
Ucber die Hektokotylenbildunj der Cephalopoden. 259
achtele und wegen der Gestalt der Tentakeln ebenfalls für
die Loligo vulgaris Lam. halten muss, nicht eingehallen. Im
Durchschnitte war es das 30. oder 31. Paar , mit weichem
die Verlängerung des Stieles begann, doch ergaben sich nach
der Grösse und der Entwickelung der Individuen einige Dif-
ferenzen, für welche das 28. und 34. Saugnapfpaar die Gren-
zen bildete. Sehr natürlich erscheinen mir diese Abweichun-
gen, wenn ich den umstand in Betracht ziehe, dass mit dem
Wachsthume des Körpers auch die Grösse der Arme und die
Zahl der Saugnäpfe entsprechend zunimmt. Die Grenze der
Stiele mit A'äpfchen und der einfachen Papillen, welche über-
haupt durch allmähliche Uebergänge ermittelt wird, scheint
mir nicht an derselben Stelle zu persistircn, sondern mit der
Entwickelung des Geschöpfes und der Grössenzunahme des
Armes hinaufzurücken. Auch bei Sepia officinaiis war die
Zahl der Sinignäpfe, welche in die flächenhafle muskulöse
Entwickelung des ßasalabschniltes eingeht, verschieden und
bei Individuen beträchtlicheren Umfangs bedeutender.
Von Rossia dispar untersuchte ich zwei männliche und
zwei weibliche in Weingeist aufbewahrte Exemplare, welche
Verany von Krohn aus Sicilien erhallen hatte. Es trat
sogleich ein Unterschied in den Armen beider Geschlechter
hervor , indem sich die l\Iännchen durch den Besitz dreier
grosser kugliggestielter Saugnäpfe am dritten Armpaare (Fig.
5 u. 50 auszeichneten, wie ja inzwischen auch von Tro''-
schel berichtet wurde. Zwei dieser grossen Näpfe gehörten
der oberen, nach dem zweiten Fusspaare gekehrtem Reihe an,
der miniere Saugnapf war dagegen an der entgegengesetz-
ten Seite befestigt und hielt an Umfang das MilleF zwischen
dem grösseren unteren und dem kleineren oberen Nachbar.
Alle waren so gestellt, dass die llöhlung des Napfes nach
der Bauchfläche gerichtet war. Die Differenzen, welche der
letztgenannte Forscher für die beiden oberen Arme angiebt,
habe ich nicht aufgefunden, möglich, dass mir dieselben bei
der Beot^achtung der überaus starren Exemplare entgangen
sind. Indess fand sich bei den Weibchen eine eigenthüm-
liche symmetrische Umgestaltung der beiden oberen Arm-
paare vor (Fig. 4 u. 4'), die vielleicht als conslantes Merkmal
belrachlet werden muss.
260 Claus:
Die äussere Spitze des Rückenarmes (Fig. 4') entbehrte
der Saugnäpfe und bot an deren Stelle eine zweifache Reihe
einfacher Erhebungen dar. Noch sichtlicher war dieselbe
Eigenthumlichkeit am zweiten Armpaare ausgeprägt, welches
nur bis zur Mille Saugnäpfe trug, denen eine Doppelreihe
periförmiger Erhebungen folgte. Gegen die nahe liegende
Vermulhung, dass die ganze Umformung auf nichts als einem
zufälligen Ausfallen der Saugnäpfe beruhe, spricht die strenge
Regelmässigkeil der Bildung in beiden Formen, dann aber,
dass nicht die geringsten Spuren einer früheren Befestigung
der Näpfe an den Höckern zu entdecken waren.
In Beziehung auf die Arrnbildung von Sepiola Rondele-
tii, kann ich mich nur der Darstellung Steenslrup's an-
schliessen, erlaube mir indess eine nach dem lebenden Thiere
entworfene Zeichnung beizufügen, welche in natürlicher Grösse
die fraglichen Verhältnisse zur Anschauungr bringt.
Aus der Familie der ^Octopidae^ eignet sich Oclopus
macropus am besten, um die eigenlhümliche Armbildung nach-
zuweisen, nicht nur wegen der bedeutenden Grössendifferenz
des dritten Armpaares, sondern namentlich weil die übrigen
charakteristischen Merkmale am schärfsten ausgeprägt sind.
Die löfTelförmigc Greifplatle am äusseren Ende zeigt am le-
benden Thiere kräftige Conlraktionen, die wohl auf eine Thä-
tigkeit bei der Begattung und der Einführung der Spermalo-
phoren hindeuten. Auffallender Weise waren die Männchen
den ganzen Winter hindurch viel häufiger als die Weibchen,
während ich von allen anderen Cephalopoden und auch von
Oclopus vulgaris das Umgekehrte behaupten muss.
Steenslrup gedenkt bei der Beschreibung von Helc-
done moschala einer Doppelreihe von Hautblältern am Ende
der sieben nicht hcktokolylisirten Arme des Männchens und
sieht dieselbe vermulhungsweise als eine geschlechlliche Ei-
genlhümlichkeil an. in dcrThat finden sich an den bezeichneten
Stellen nicht nur bei Heledone moschala, sondern auch bei
H. Aldrovandi periförmige Erhebungen vor*j, welche sich
*) Der Ausdruck „llaulblältcr" scheint mir nicht ganz passend
gewählt zu sein, da wir nur kleine Erhebungen beobachten, welche
wie Perlen dem äusseren Ende des Armes aufsitzen.
Ueber die Hektokolylenbildung der Cephalopoden. 261
in doppelter Reihe über die Spitze der männliclien Arme aus-
breiten. Da ich dieselben bei den Weibchen durchgehcnds
vermisse, kann die Bedeutung dieser Gebilde für die Unter-
scheidung des Geschlechtes nicht mehr bezweifelt werden.
In der Familie der y^Oigopsidae^ wurde bisher kein hektoko-
tylisirler Arm beobachtet. Zwar bemerkt Steenstrup, dass
bei zwei männlichen Ommatoslrcphes der eine Baucharm eine
eigene Form an der Spitze zeige, welche auf eine Umbildung
hindeuten könnte, da es aber an dem einen Individuum der
linke, an dem anderen der reclite Arm war, und beide Thiere
im Leben an diesen Stellen beschädigt gewesen zu sein schie-
nen, wurden diese Umformungen nicht zu normalen Bildun-
gen gerechnet. Möglich scheint es mir indess , dass diesel-
ben normale Eigenthümlichkeiten des männlichen Geschlech-
tes gewesen sind, um so mehr, da ich in dieser Familie bei
zwei sehr nahe verwandten Arten ebenfalls die Baucharms
und zwar bei der einen den linken, bei der anderen den rech-
ten umgeformt finde. Es wäre selbst denkbar, und liegt die-
ser Fall vielleicht bei Ommaloslrephes vor, dass bei derselben
Species bald der linke bald der rechte Arm sich zum Zwecke
geschlechtlicher Thätigkeit umformt; aus der Lage ob links
oder rechts würde unter sonst gleichen Bedingungen gewiss
nicht eine so grosse Differenz der Leistung resultiren """).
Von Enoploteuthis Oicenii Ver. (Fig. 1, T, 1") werden
im Nizzaer Museum zwei Weingeistexemplare aufbewahrt,
von denen sich das eine bei näherer Untersuchung als weib-
lich ergab, das andere kleinere dagegen als Männchen er-
kannt wurde. Die Arme des ersleren lührten durchaus keine
merklichen Abweichungen vor , während hingegen der linke
Baucharm des letzten in sehr charakteristischer \\ eise ver-
<*) Ich glaube itauni , dass man der Lage des heklokolylisirten
Armes allein einen so hohen Werlh zuscbreiben darf, um sie zur
Aufstellung neuer Genera zu benutzen. Ebenso ^venig dürfte man
wohl unbedingt die llektokolylenbildung zur Entscheidung systemati-
scher Fragen heranziehen. üie Verschiedenheiten in der Umgestal-
tung der Arme steht allerdings mit anderen Abweichungen des Baues
und der Organisation in nothwendigem Zusammenhange, ist aber mit
Rücksicht auf ihren Werth einer jeden Formdincrenz gleich, durch
welche eine Verschiedenheit einer anderen Leistunir bedingt wird.
262 Claus:
ändert war, so tlass an einer liektokolylisirlen Bildung- des-
selben nicht gezweifelt werden konnte. Auch Verany,
welcher sich an der näheren Untersuchung beiheiligte, er-
kannte sofort die eigenthümliche Umformung und nahm kei-
nen Anstand , dieselbe in dem bezeichneten Sinne zu deu-
ten. Die Umgestaltung beschränkt sich auf die Spitze des
Annes, Basis und mittlerer Abschnitt stimmen mit ^en Nach-
bararmen überein und sind mit einer Anzahl von Krallcnnäpfen
versehen, welche in alternirender Weise so geslellt sind, dass
der letzte der äussern, also der dem dritten Arme zugekehr-
ten Seite angehört. Der obere Theil des Armes entbehrt der
Krallennäpfe und liat das Ansehen einer löffeiförmigen Greif-
platte, welcher sich eine zipfeiförmige Verlängerung an-
schliesst. Löffeiförmig wird derselbe durch zwei laterale
Aufwulstungen , von denen die eine durch Verdickung der
inneren scharf hervortretenden Hautfalle entstanden ist, die
äussere an Umfang beträchtlichere eine selbstständige Bil-
dung darzustellen scheint. Das äussersle Ende des Armes
wird durch die dünne Verlängerung der Greifplatte gebildet
und von der innern Haulfalle gröss!enlheils überdeckt. Wenn
sich auf diese Weise im Baue unseres Armes eine gewisse
Analogie mit dem Arme der Octopidae herausstellt, so möchte
auch funktionell eine Verwandtschaft in der Art der geschlecht-
lichen Leistung bestehen, über welche indess zur Zeil Ihat-
sächlicli begründete Vorstellungen mangeln.
Eine zweite Species des Genus Enoploteulhis , von der
ich eine männliche in Weingeist aufbewahrte Form zur Un-
tersuchung vorfand , ist die Rüppersche margaritifera C^^^ig.
2, 2', 2"). Schon beim ersten Anblicke bietet dieselbe durch
die allgemeine Körperform und die Gestalt der kräftig ent-
wickelten Arme Merkmale dar , welche eine Verwechselung
mit Enopl. Owenii unmöglich machen, und es möchten wohl
Troschel's Vermuthungen, dass bei Untersuchung z)ftilrei-
cherer Exemplare eine Vereinigung der drei bekannten Ar-
ten durch Zwischenformen nachzuweisen sei, keine Bestäti-
gung erfahren. Der heklokotylisirte Arm gehört der rechten
Seite an und zeiot schon am unteren und mittleren Theile eine
o
Umformung.
Oberhalb der Basis sitzen auf der innern Fläche 17 Kral-
Ueber die Hektokotylenbildung der Cephalopoden. 263
lennäpfe in allernirender Stellung auf , so dass 8 grössere
der äussern Reihe zukommen, die 7 andern dagegen am in-
neren Rande befestigt sind. Der Raum zwischen den Kral-
lennäpfen wird von quer sich kreuzenden Hautfallen durch-
zogen, der äussere Rand dagegen von einem Saume gebildet,
der als wellenförmige Haulfalle den äusseren Krallennäpfen
sich anleat. Der obere Theil des Armes ist eigenlhümlich
nach der Seile verdreht. Eine wulstförmige Auftreibung des
inneren Randes, welche vielleicht der Verdickung der gleich-
namigen Haulfalle bei Enopl. Owcnii entspricht, bedeckt die
Fortsetzung der inneren Fläche (Fig. 2'3; schlägt man sie
zurück i^ig.2"), so kann man letztere Fläche weiter ver-
folgen und sich überzeugen, dass dieselbe bis an das äus-
serste Ende mit kleinen Näpfen versehen ist, von denen ich
nicht entscheiden will, ob sie alle Krallen tragen. In gleicher
Weise lässt sich die Verlängerung des wellenförmigen Sau-
mes fast bis an die äussere Spitze verfolgen.
- Es würde somit der Beweis gegeben sein, dass auch
in der Familie der Oigopsiden , in der man bisher keine Hek-
tokolylusbildung fand, die Männchen durch die Umformung
eines Armes ausgezeichnet sind, und sich diese eigenlhümli-
che Differenz zwischen Männchen und Weibchen durch alle
Familien der Cephalopoden verfolgen lässt.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. X.
Fig. 1. Enoploleulhis Owcnii Yer. mit dem hcktokolylisirten Arme.
Fig. 2. Enoploteulliis margaritifera Rüpp. von der Bauchseite gese-
hen. 2' 2" der umgeformte Ann.
Fig. 3. Der heklokolylisirle Arm von Sepiola Rondelelii.
Fig. 4' u. 4. Der erste und zweite Arm einer weiblichen Ilossia
dispar.
Fig. 5 u. 5'. Der dritte Arm der linken Seite einer männlichen Ros-
sia dispar von der Rückeufläche und von der ÜauchfläcUe
betrachtet.
B€§clireibuiis;' ciiiig^er neuen Secsterne aus
dem Meere von Cliiloe.
Von
Or. R, it. PlBilippi.
Briefliche Mittheilung an den Herausgeber.
Santiago den 14{en Juni 1858.
Lieber Freund!
Die Reise meines Präparators, des Herrn Philibert
Germain, nach Chiloe im vergangenen Sommer 1857 — 5S
hat nicht nur eine reiche Ausbeule für unser Museum ge-
liefert, sondern auch eine Menge für die Wissenschaft neuer
Thiere und Pflanzen. Meine Reise über Chiloe und Puerto
Monte zu den Meiniaen war zwar nur flüchtior und hatte
nicht zum Zwecke Naturalien zu sammeln, dennoch habe ich
auch manches selbst entdeclit, und vieles von meinen Freun-
den , namentlich von Herrn Ludw. Landbeck erhallen.
Anbei erhallen Sie eine Beschreibung der neuen Seeslerne;
es wird Sie interessiren, darunter ein Astrogonium und ein
Astrophylon zu finden. Ich bin noch lange nicht mit dem
Auspacken fertig, und doch habe ich schon so viel Interes-
santes gefunden! Unter den Cruslaceen z. B. einen Panda-
lus, eine Cirolana, der C. hirlipes sehr ähnlich u. m. a. Im
Augenblicke bin ich mit den Flussfischen Valdivia's beschäf-
tigt. Sie erinnern Sich, Gay führt kein einziges Rundmaul
auf, und hat sogar den alten Heplalretus vergessen, der doch
sogar in Cuviers Regne animal steht; zu der grossen Anguilla
der Chilenen kann ich nun noch drei Rundmäuler fügen, zwei
Arten Amm^ocoetes , und ein neues blindes Genus , mit sehr
Fhilippi: Beschreibung einiger neuen Seesterne. 265
eigenthümlichen Lippen. Gay führt keinen einzigen lachsar-
ligen Fisch auf, ich kann Sie aber versichern, dass das Ge-
nus Farionella gemein in den Bächen von Valdivia ist; in
dem Mühlbachc meines Gutes S. Juan werden viele geangelt.
Es scheint eine von F. Gay!, die aus Brasilien sein soll, ver-
schiedene Art. Herrn Landbeck verdanke ich Exemplare,
die eine zweite Art zu bilden scheinen ; sie sind aber in zu
starkem Weingeiste gewesen, und haben vielleicht die Farbe
verloren. Von demselben habe ich ein kleines Fischchen in
zwei Exemplaren erhalten, welches, meiner iMeinung nach,
ebenfalls zu den lachsartigen Fischen gehört und ein eigenes
Genus bilden muss. Der Oberkieferknochen ist zahnlos, wie
bei den Hechten, der Zwischenkiefer und Unterkiefer schei-
nen nur eine Reihe dreispilziger Schneidezähne zu haben,
die übrigen Mundlhcile sind unbewehrt : eine Fellflosse und
Schuppen. Die gemeinsten Fische in den Flüssen der Provinz
Valdivia sind unstreitig die Gaiaxias; ich habe zwei Arten,
die beide neu scheinen. Die eine steht zwar dem G. macu-
lalus Val. sehr nahe (leider kann ich die Abbildung im Vo-
yage of the Bcagle nicht nachsehen) aber die Afterflosse ist
nicht niedriger, sondern entschieden höher als die Rücken-
flosse, die andere ist im Leben fast durchsichtig und ist die
Puya der Valdivianer, wie mir versichert ist, die zuweilen zu
Millionen erscheint. Schreiben Sic mir, ob ich Ihnen die vor-
läufigen Beschreibunfjen derneuen Fische für das Archiv sen-
den soll. Vollendete, gründliche Arbeilen dürfen Sie von
mir nicht erwarten , die muss ich meinem Nachfolger über-
lassen; ich habe keine Zeit dazu. Das iMalerial erdrückt mich;
ich muss mich begnügen , 'die Arten , welche ich nach mei-
nen hiesi^ron Hülfsmitteln für unbeschrieben halten muss, zu
taufen, um sie im Museum aufstellen und im Calaloge auf-
führen zu können, und eine Beschreibung davon zu entwer-
fen, die meines Erachtens eben hinreicht, die Art wieder zu
erkennen. Leben Sie recht wohl.
AsteracajitJiioji luridum Ph.
Fünf Arme. Das Verhällniss des kleinen Radius zum
grossen fast wie eins zu fünf. Auf jeder die Furche begren-
zenden Platte stehen zwei ziemlich cylindrische , P '^ Lin.
t266 Philippi:
lange PapilltMi, und bilden zwei Reihen. An sie schliessen sich
jederseils vier Reihen Papillen an, welche eben so lang aber
doppelt so breit sind ; sowohl die Reihen wie die Papillen
in jeder Reihe stehen ziemlich gedrängt. Auf dem Rücken
der Arme stehen fünf Reihen Papillen, welche mehr cylin-
drisch und ein weniges kürzer sind ; sie stehen in jeder
Reihe ebenso gedrängt, wie in den Reihen an den Seilen der
Arme (etwa 1 Lin. von einander) , aber die Reihen selbst
stehen viel weiter von einander ab, und sind etwas unregel-
mässig. Im Centrum stehen die Papillen ohne grosse Ord-
nung, ziemlich gedrängt. Die Madreporenplatte ist von einem
dichten Papillenkranze — ich zähle deren 12 — umgeben.
Die Pedicellarien sind ungemein zahlreich und zangenlörmig.
— Die Farbe ist im Leben schmutzig grün, nicht wohl zu
beschreiben, trocken erscheint das Thier beinahe kirschrolh.
Castro ; zwei trockene Exemplare; die Arme der gröss-
tcn messen ö'/j Zoll, sie sind in beiden cylindrisch.
Asteracaiilhio7i Germainl Ph.
Fünf Arme. Das Verhältniss des kleinen Radius zum
grossen ist wie 1 : 5. Auf jed^ der Platten, welche die Fur-
chen begrenzen, stehen drei bis vier dünne, cylindrische,
über eine Linie lange Papillen ; sie sind viel dünner und viel
gedrängter als bei A. rubens , und in dieser Hinsicht denen
der vorigen Art ähnlicher. Neben ihnen sehen wir jeder-
seits ein paar Reihen Papillen von derselben Länge aber
doppelt so dick. Der Rücken der Arme ist dagegen mit sehr
kurzen und sehr zahlreichen Papillen bedeckt , welche keine
Ordnung wahrnehmen lassen. Sie sind jedoch bei weitem
nicht so zahlreich wie bei A. aurantiacum, und bilden durch-
aus keine netzförmige Zeichnung. Die Madreporenplatte ist
ebenfalls, wie bei der vorigen Art, von Papillen umgeben,
welche aber weniger in die Augen fallen , ihre Lamellen
treten wenig hervor.
Wir besilzen nur ein trockenes, bei Castro gefundenes
Exemplar von dunkelrolher Farbe. Die Arme sind 31 Linien
lang, durch das Trocknen ziemlich platt. Die Figur der
Encycl. method. 1 16. fig. 2 stellt Gestalt und Grösse sehr gut dar.
Beschreibung einiger neuen Seesterne. 267
Astrogoniwn Fojiki Ph.
Der Körper ist massig convex, fünfeckig; das Verhält-
niss des grossen Radius zum kleinen ist wie 3:2. Die Bucht
zwischen den Armen ist eigentlich eckig, ersclieint aber im
Umrisse gerundet , weil die Randplatlen in der Mille dersel-
ben stärker hervorstehen. Ich zähle deren an jedem Arme
jederseils etwa 17; sie sind in der Richlung des Radius län-
ger als breit, die am Ursprünge der Arme sitzenden sind
über zwei Linien lang und über eine Linie breit. Sie tragen
je eine , seilen zwei , kurze , breite , etwa eine Linie lange
Papille. Auf der Bauchseile erkennt man deutlicii vom Rande
bis zum Munde sechs Reihen Plällchen, welche den Rand-
plältchen ähnlich und unbewehrt sind. Sie stehen so regel-
mässig, dass die Bauchseile wie gepflastert erscheint. Die
Platten, welche die Furchen für die Füsse einfassen, tragen
zwei Reihen kurzer, etwa 1 — ly^ Lin. langer Papillen, Der
Rücken besteht aus Platten wie die Bauchseile, die aber keine
so regelmässige Ordnung erkennen lassen , und trägt wenig
zahlreiche Papillen, nämlich eine im Centrum, fünf bis sechs
zuweilen gedoppelle Papillen in einem Kreise um den Mittel-
punkt, sechs bis sieben in der Mittellinie jeden Armes, und
gegen die Spitze der Arme hin tritt jederseils noch eine
Reihe von drei bis vier Papillen hinzu; doch ist dies Alles
nicht sehr regelmässig. Die Rückenplatten sind dreieckig,
viereckig, fünfeckig, mit einspringenden ^yinkeln und ge-
rundeten Ecken.
Die Farbe ist dunkelroth. Durchmesser 3S Linien.
Ich besitze zwei trockene Exemplare von Puerto Monte.
Das eine, entfärbt, zeigt oben und unten strahlenförmige Fur-
chen zwischen dxin Randlamellen.
Ophiolepis asperula Ph.
Die Scheibe ist dachziegelförmig beschuppt; die Schup-
pen sind nach dem Rande zu mit kleinen, kurzen Stacheln
besetzt, namentlich zwischen den Armen. Die Radialschilder
sind klein, und divergiren nach dem Centrum; die Zwischen-
räume zwischen ihnen sind mit zahlreichen Schüppchen be-
setzt, die nach dem Centrum hin erst drei, dann zwei, zu-
2G8 Philippi: Beschreibung einiger neuen Seesterne.
letzt eine Reihe bilden. Die Mundschilde sind klein. Die
Arme bestehen aus 60 — 70 Gliedern , deren Röckenschilde
queroval, höchstens lyjiTial so breit wie lang sind. Die
Bauchschilde derselben sind beinahe quadratisch. Es sind
drei Reihen stumpfer, cylindrischer Stacheln von fast gleicher
Länge vorhanden, und eine Schuppe an jedem Tentakel-Po-
rus. Die Färbung ist gewöhnlich blassrosenroth oder (leisch-
roth, die zehn Radialschilder haben oft jedes einen weissen
Fleck am peripherischen Ende. Einige Exemplare sind fast
schwärzlich.
Diese Art scheint ziemlich häufig zwischen Chiloe und
dem Festlande zu sein. — Durchmesser der Scheibe vier
Linien. Länge der Arme 14 Linien; Breite derselben ohne
die Stacheln y^, Linien.
Astrophylon chilense Ph.
Der Röcken der Scheibe zeigt zehn hervortretende Rip-
pen; die Arme sind verlängert, nur 5mal getheilt, und die
letzten Zweige rosenkranzförmig. Die Arme sind nämlich
etwa 32 Linien lang; vier Linien vom Ursprung gabeln sie
sich zuerst. Jeder Hauplarnj ist zwar im Aligemeinen wie-
der gabelförmig gelheilt, aber die Aeste sind nicht gleich;
der erste Ast nach aussen ist nämlich nur zwei Mal verästelt;
und der erste nach innen gerichtete Ast nur ein Mal, wäh-
rend der Hauptarm sich jetzt noch drei Mal gabelt. Die Ma-
dreporenplalte ist klein, wenig in die Augen fallend, der
Durchmesser der Scheibe beträgt 3'/^ Linien; ihre Farbe ist
braun, die Arme sind gelblich.
V^on dieser interessanten Art fand Herr Germain lei-
der nur ein einziges Exemplar und zwar bei Calbuco.
\7//
Beitrage zur Anatomie u.ul Histologie ein-
zeliier Treinatodcii.
(Amphisiomum subclavalum, Disloma lanceolalum, Distoina
hepaticum.)
Von
]>r. «eorg "W'aMer,
prakliscliem Ante in Euskirchen.
Hierzu Taf. Xl-XIlI.
Obgleich <lie Analomie dieser Tremaloden durch d.e
.orlrcrmohcn Unlersuchungen von Laurer •), »«h''^ •->•
V Siebold 3), Blanchard *) und neuerdings Kuchen-
meister ^) und Pagenstecher M hinlänglich bekannt
zu sein scheint, so setzten mich doch fortgesetzte Beobach-
tungen in den Stand, manches -Neue, sowohl .n Bezug auf
ihre histologischen Verhältnisse, als besonders auf d.e An-
ordnung ihres Nerven- und Gefässsystemes, aufzuhnden.
n Laurer, de Amphislomo conico.
2) Mel>lis, Obscrvaliones ana.omicae de üisloma.e hepa.ico et
lanceolato. Göllingen ISiö.
3) V. Siebold, I.ehrbuel» der vergleichenden Anatomie der w,r-
lellosen Thiere. Berlin JS48. , , . ,««7
41 Blanchard, Annales des »ciences naturelles. Zoologie. 1847.
5) Küchenmeister, die in und an dem Körper des Menschen
•vorkommenden Parasiten. I.eip.ig 1S53.
6) rasenslechcr, Trematodenlarven und Tremaloden. He.del.
bcrg 1857.
270 Walter:
Indem ich daher die allgemein morphologischen Ver-
hältnisse dieser Thiere als bekannt voraussetze, wende ich
mich gleich zur Beschreibung der einzelnen Organe und
Systeme. ^
Nur dieses glaube ich vorher bemerken zu müssen, dass
ich Amphislomum subclavalum (Diplodiscus subclavatus Die-
sing) häufiger noch als in dem Darme der Frösche^ bei Tri-
ton alpestris gefunden habe, welchen Fundort ich nirgends
angegebeu fand. Andere, weder von Diesing noch Gurlt
angegebene, aber von mir in Triton alpestris gefundene
Helminthen sind : Distoma variegalum und Distoma endo-
lobum.
Hautbcdeckung und Muskeln.
Die Cuticula von Amphislomum subclavalum ist struk-
turlos , und besteht aus zwei Schichten : aus einer nur äus-
seren glashellcn, welche beiWassereinsaugung besonders am
vorderen Ende des Thieres blasig abgehoben wird, und einer
inneren fein granulirlen Schicht.
Bei Distoma lanceolalum und Disl. hepaticum konnte ich
auch bei längerem Verweilen im Wasser nie ein bedeuten-
deres Abheben dieser äusseren Culicularschicht wahrnehmen.
Auch hier ist die tiefere Schicht fein granulirt.
Die Granulationen bilden eigenthümliche wirbelartige Fi-
guren und scheinen mir OefFnungen von Porenkanälen dar-
zustellen.
Die tiefere Schicht der Cuticula dient den später zu be-
schreibenden , die Leibesbewegungen der Thiere bewirken-
den Muskeln zum Ansalze und Ursprünge; auch verlaufen in
ihr die feinsten Endigungen und Netze des Gefässsystems.
Hautdrüsen habe ich mit Böstimmtheit nur bei Distoma
hepaticum vorgefunden. Sie liegen dicht gedrängt iieben-
einander, besonders im vorderen Ende des Thieres, dicht un-
ter der Haut, als verschieden grosse kuglige Schläuche mit
strukturlosen Wandungen und einem thcils glashellen, theils
körnigen, flüssigen Inhalt, in welchem mehr oder weniger
grosse Zellen mit deutlichem Kerne eingebettet liegen (s.
Fig. 1. a.). Reichlich sind dieselben von Gefässen umnetzt
Beiträge zur Anatomie einzelner Tremaloden. 271
und scheinen daher für die Ernährung des Thieres von Be-
deulung. Ob dieselben ganz geschlossen sind oder vielleicht
durch Porenöffnungen mit den das Tliier umgebenden Flüs-
sigkeilen in Verbindung stehen , habe ich nicht ermitteln
können.
Am genauesten habe ich die Verhältnisse von Haul-
und ^luskelsystem bei Distoma lanceolatum beobachten können.
Ich unterscheide deutlich dreierlei Muskelzüge :
1) La ngsmuskeln. Sie verlaufen meist gerade,
manchmal aber zackig in der Richtung von vorne nach hin-
ten. Am deutlichsten erscheinen sie auf der Bauchlläche der
Thiere. In der vorderen Hälfte sind sie breiter und meist
ganz gerade. Sie scheinen hier am vorderen Saugnapfe zu
entspringen und nach längerem Verlaufe im Corium zu en-
den. In der hinlern Hälfte des Thieres dagegen nehmen sie
ihren Ursprung sowohl wie ihre Anheftungspunkte im Corium
selbst. — Zum Ansätze im Corium dienen ihnen eigenthüm-
liche, das Licht stark brechende, senkrecht im Corium einge-
bettete Gebilde, gleichsam Zäpfchen mit nach vorn und hin-
ten auslaufenden Spilzen (s. Fig. 2. a, b).
2) Ouermuskeln. Sie treten am deutlichsten am
Vorder - und Hinterende der Thiere auf und umgeben hier
ringförmig den Thierleib , vorne hauptsächlich die Saugthä-
tigkeit des Saugnapfes, hinten die Contraklion des Excretions-
organes unterstützend (s. Fig. 2. c).
3) Die dritten diagonalen Muskelgruppen verlaufen in
doppelter, sich kreuzender Richtung, und treten ebenfalls
meist im Vorder- und Hinterende der Thiere auf.
Die einen halten die Richtung von der Mittellinie des
Körpers in spitzem Winkel nach hinten und aussen; von ihnen
entspringen die vordersten Muskelbündel ebenfalls am vor-
deren Saugnapfe.
Die anderen entspringen meist am Bauchnapfe und ver-
laufen in umfjekehrter Richlun<r von hier nach vorne und
aussen. Diese letzleren habe ich im Ilinlerleibe der Thiere
vermisst.
Diese verschiedenen Muskelbündel werden von meist gleich-
breilen, hellglänzenden, bandartigen Fasern gebildet, welche
theils gerade, theils wellenförmig, theils zackig verlaufen und
272 Walter:
durch Anwendung- von Essigsäure manchmal Kerne erkennen
lassen. Im Hinter- und Vorderende liegen die Längsmus-
kelfasern dicht neben einander , ohne besondere Bündel zu
bilden.
Die Quer- und Diagonalmuskelfascrn liegen in mehr
oder weniger grossen Zwischenräumen gelrennt.
Ueber die Haut und Muskeln von Disloma hepaticum hat
Küchenmeister 0 neuerdings Beobachtungen milgethcilt.
Er unterscheidet :
1) „eine Schicht gerade verlaufender, nicht allzu starker
Längs fasern." Sie wurden nur durch meine Beobachtungen
bestätigt.
2) „Eine Schicht wenig gewundener, sehr dicker und
langer Querfasern" und
3) „eine Schicht kurzer oft spindelförmiger dicker, sehr
starker S-förmiger Querfasern."
Beide Schichten gehören zusammen. Ich habe die sub No. 3
erwähnten, im Zustande der Contraktion befindlichen Quer-
fasern sich allmählich wieder in No. 2 verwandeln sehen.
Dasselbe habe ich auch bei Disloma lanceolatum an den Längs-
muskcln beobachtet und abgebildet (s. Fig. 2. a).
(Die allerdings seltneren aber am Vorderende entschie-
den auftretenden, schon vonMehlis -) angegebenen diago-
nalen Muskelfasern scheinen K üchenmeist er entgangen zu
sein.)
4) „Eine Schicht von in gewissen melir oder weniger
regelmässigen Zwischenräumen gestellten , kurzen, zu einem
stumpfen Conus sich vereinigenden dicken Fasern, die mehr
in schräger oder in senkrechter Richtung zwischen die frü-
heren Schichten eingeschoben sind."
Küchenmeister hält dieselben gemäss ihres Ver-
haltens im Wasser für Vacuolen , zu welcher Ansicht ich
mich nicht verstehen kann. Ein solches isolirtes Auftreten
von Vacuolen stände vereinzelt da. Bei Distoma hepaticum
sowohl, wie bei Dist. lanceolatum, bei w eichen sich, wie cr-
1) L. c.
2) L. c. p.
Beiträge zur Anatomie einzelner Tremptoden, 273
wähnt, dieselben Gebilde in etwas veränderter Form vorfin-
den, sah ich dieselben mit den Langsmuskelfiisem zusam-
menhängen, und halle ich sie für deren Anheftungspunkt im
Corium , wahrscheinlich gebildet aus chitinisirlem Bindege-
webe, von welchem nach oben und unten die Rluskelfibrillen
enlspringen ; die Slructur der Muskelfibrillen ist dieselbe wie
bei Disloma lanccolatum, es vereinigen sich nur bei den Längs-
muskeln die einzelnen Fibrillen zu grössern Bündeln. Bei
Amphistomum subclavatum bieten Hautbedeckung und Muskeln
ähnliche Vcrhällnisse dar, wie sie Blancliard") bei Am-
phistomum conicum beschrieben.
Blanchard bezeichnet die zweite Cuticularschiclit als
„formee de granules ou de tres petiles cellules." Wir wer-
den später sehen, dass ein Theil dieser Zellen dem Gefäss-
syslem angehören.
Die Läncrsmuskelschicht ist am deullichsten am lieber-
gange des Körperrückens zum hinlern Saugnapl'e zu erken-
nen. Die iMuskeifibrillen zeigen dieselbe Struclur und Anord-
nung wie bei Disloma lanceolalum.
Von den Saugnäpfen.
Den vordem Saugnapf von Amphistomum subclavatum
hat Pagenstecher (1. c. p. 26 Taf. 111. Fig. 10 und 11)
beschrieben und abgebildet, indem er die Cercaria diploco-
tylea als Entwicklungsform von Amphistomum subclavatum
ansieht, welcher Meinung ich, genjäss eigener Untersuchun-
gen, beislimmen möchte.
Die beiderseitigen Mundanhänge , welche sich an der
Mundhöhle nach hinten erstrecken und mit circulären und
radiären Muskellagen umgeben sind , hält er für Hülfssaug-
gruben (s. Fig. 5 a' Fig. lla'j.
Nach meiner Ueberzeugung sind es Speicheldrüsen, wel-
che ich entweder in oder ausserhalb ilcs Saugnapfes fast bei
keinem Trematoden vermissle. Hier konnte ich sie aber aus-
serhalb des Saugnapfs nicht vorfinden. Bei starker Vergrös-
1) L. c. p. 311.
Archiv f. Naturgcsch. XXIV. Jahrg. !• Üd. Jg
274 W aller:
serung sieht man ihr Inneres von einer granulirten Mem-
bran ausgekleidet.
V. Siebold beschreibt (Lehrbuch der vergl. Anal,
etc. p. 119) im Grunde des hintern grossen Saugnaples einen
kleinern, von Diesingf fälschlich als Caudalöfi'nung bezeich-
net. Es ist , wie auch Pagen sie eher angibt (1. c. p. 50)
die Caudalöfi'nung, aus welcher das im Hinlerende des Thier-
leibes liegende, später näher zu beschreibende Expulsionsor-
gan seinen Inhalt ausslösst. Dieselbe ist von feinen radiä-
ren und circulären Muskeln unigeben. Um diese Caudalöfi'-
nung sowohl wie am äussern Rande des grossen Saugnapfes
findet man n^eist eine gelb-rölhliche Imbibition, wahrschein-
lich herslammend vom Blut des diese Thiere beherbergenden
Darmkanals, nicht aber von eigenen drüsigen Gebilden , wie
ich Anfangs irrthümlich vermutliete.
Der hintere Saugnapf (s. Fig. 5. B.), durch welchen in
Verbindung mit dem vordem, wie bei den Hirudineen, am
meisten die Leibesbewegungen vermiltelt werden , ist sehr
gross und sowohl von starken radiären und circulären Mus-
keJIagen gebildet, als auch von einem ausgebildeten Gcfäss-
netze durchzogen, von welchem Pagenstecher glaubt, dass
es blind endige. Wir werden später das Irrthümliche seiner
Ansicht nachweisen. Auch vermisste ich die von ihm be-
schriebenen, die Muskelschicht in regelmässigen Reihen über-
deckenden Zeilen , als welche er wahrscheinlich die Muskel-
ansätze der radiären Muskelbündel betrachtet hat. Am kreis-
runden Rande des Saugnapfs gewahrt man hier und da feine
slructurlosc Papillen.
Die anatomischen Verhältnise der Saugnäpfe , sowie
der ihre Thätigkeit bewirkenden Muskelgruppen bei beiden Di-
stomen sind hinlänglich bekannt.
Weniger bekannt scheint der Ursprung einzelner der
vorher beschriebenen Muskelgruppen von der den vordem
Saugnapf umschliessenden Kapsel, welche als Fortsetzung der
von der Mundöfi'nung nach Innen sich umschlagenden innern
Cuticularschichl zu betrachten ist, während die äussere Schicht
derselben, sich ebenfalls nach Innen umschlagend, die Epithel-
schicht des Darms bildet. Zwischen beiden sind die, die Be-
wegung des Saugnapfs hervorrufenden, Muskelgruppen ein-
Beiträge zur Anatomie einzelner Tremaloden. 275
gelagert. Neue, bisher unbekannte Bändergruppen fand ich
bei Distoma lanceobitum in der Umgebung des ßauchnapfes.
Sie entspringen an der ehenfalls als Fortsetzung des Curiums
erscheinenden Kapsel desselben und gehen von liier radiiir
nach verschiedenen Seiten, besonders sich anheftend tlieils an
den mit Glimmerlappen versehenen blinden Endiijungen des
Gefässsyslems, llieils auch am Darmkanai ans den Mündungen
des Uterus (s. Fiq-. 3. b). Mir sciieinen durch sie diese in
<ler Leibcsliöiile befindlichen Organe bei den Dewei^ungen
des Thieres in ihrer La^e erhalten zu werden, Sie scheinen
mir sowohl in Function als Structur von gleicher Bedeutung
wie die von dem Grunde der Uüsselscheide der Echinoriiyn-
chen ausa-ehenden, zu den Geschleclilstheiien verlaufenden Li-
gamenta suspensoria.
Vom Nervensystem.
\V*as bisher von frühern Autoren , so besonders von
Bojanus'), Laurer-}, Mehlis'), Dlanciiard')
etc. über das Nervensystem der Tremaloden angegeben ist,
entbehrt jedes histologischen Beweises und kann daher nun-
mehr als blosse Yennulhung gelten.
Seit aber durch Georg Meissner-^) bei den Gordia-
ceen, durch \YedKo bei den Ascariden ein Nervensystem
mit der grüsslen Beslimmtheit nachgewiesen, und bis in sei-
ne feinsten histologischen Slruclurverhältnisse verfolgt wor-
den ist, und seit es mir selbst gelungen, auch bei andern Ne-
matoden, so besonders bei Oxyuris ornata "3, mich von der
vollendetsten Ausbildung desselben zu überzeugen , gab ich
1) Isis 1821. p. IGS. Taf. 2. Fig. 14, 15 u. 19.
2) L. c. p. 12. Fig. 21 u. 20.
3) L. c. p. 22. Fig. 13.
4) L. c. p. 283. Planchcs 12, 13 u.U.
5) Zeilschr. f. wiss. Zoolog. Bd. V. p. 220. Taf. XII. Ud. VH.
20. Taf. I.
()) Sitzungsberichte «ler >Viencr Akademie 1855.
7) Zeitschr. f. wiss. Zoolog. Bd. VIII. Taf. V. Fig. 1. 2. 13. 14.
. IG. Taf. VI. Fig. 17. 18. 19.
276 Waller;
mich mit der schönsten Hoffnung an die schwierige Untersu-
chung dieses Gegenstandes bei den Trematoden, mit welcher
ich mich fast mehr als zwei Jahre beschäftigte. Bei vorlie-
genden drei Species der Trematoden haben denn auch meine
Untersuchungen mir die Existenz eines Nervensystems, wenn
auch in wenif^er vollendeter Ausbilduno- als bei den Nemato-
den ausser Zweifel gestellt. Verschiedene andere in dieser
Hinsicht untersuchte Species, wie Disloma cygnoides, clavi-
gerum, variegalum, endolobum , welche ich häutig, thcils im
Darm von Pelophylax csculenlus oder Rana lemporaria, theils
bei Triton igneus, taeniatus etc. vorfand, ergaben eine ana-
loge anatomische Anordnung des Nervensystems, so dass ich
die Ergebnisse meiner Untersuchungen als Typus (ies Ner-
vensystems der Trematoden betrachten möchte.
Es liegen aber die Centraltheile des Nervensystems nicht,
wie von frühern Autoren, wie Laurer, Mehlis und be-
sonders Blanchard angegeben, zwischen Schlundkopf und
dem Grunde des Mundnapfs , sondern ungefähr in der Mitte
des Oesophagus. Da indessen Bla n chard die äussern ana-
tomischen Verhältnisse des Schlundkopfes fälschlich abgebil-
det, so sind seine Angaben am wenigsten zu beachten.
Ich lege meinem Berichte das von mir am meisten beobach-
tete Nervensystem von Amphistomum subclavatum zu Grunde,
werde aber die bei Distoma hepaticum und Dist. lanceolatum
vorkommenden Abweichungen gleichzeitig berücksichtigen.
Das Nervensystem der Trematoden besteht wie bei den
Nematoden aus einem centralen und peripherischen Theile.
Während aber bei letzlern das Centralnervensystem als aus
zwei gesonderten Hälften bestehend erscheint, von wel-
chen die eine im vordem, die andere im hintern Ende der
Thiere gelegen ist , finden wir bei den Trematoden den für
die meisten wirbellosen Thiere typischen Schlundring mit
seillichen Ganglienmassen , von welchen die peripherischen
Nervengebilde entspringen und von da nach den verschie-
denen Körperregionen verlaufen.
Der Schlundring Hegt bei Amphistomum subclavalum in
der Mitte des Oesophagus (s. Fig. 11, (j). Der auf der Rücken-
lläche des Thieres gelegene Abschnitt desselben ist der stär-
kere. Zu beiden Seilen des Oesophagus an den Vereinigungs-
Beiträge zur Anatomie einzelner Tremaloden. 277
slellcn (1er obern und untern Sclilundringhälfle liegen Gan-
glienzellen (licht gedrängt aber ohne gemeinschaniiche Kap-
sehncnibran (Fig. 11. ;).
Aus diesen beiden seitlichen Gangüenmassen entsprin-
gen drei peripherische Hauptnervcnstämme, von welchen der
vordere (Fig.Il. J) zu dem Mundnapf, der mittlere (Fig. 11. f)
nach Aussen zu Muslveln und Cuticula des Maises, und der
hinlere stärkste in meist grader Richtung zu den llinterlcibs-
und den Innern Organen des Thieres verläuft (Fig 11. /;).
Die vordem mehr isolirt austretenden Fasern gehen am
hintern Rande des Schlundkopfs in viele hier zerstreut lie-
gende Ganglienzellen über, indem die vom seitlichen Schlund-
ganglion kommenden Nervenfasern sich mit Faser-Ausstrah-
lungen dieser vordem meist multipolaren Ganglienzellen brük-
kenartig vereinigen (s. Fig. II. C).
Die von diesen letztern nach vorne vorlaufenden ISer-
vcnfäden dringen bis zum vordersten j^lundende und verlie-
ren sich hier in von der Cuticula gebihieten kleinen Pa-
pillen. Bei starker Vergrösserung glaubte ich sie in den
Tastkörpern höherer Thiere analoge Gebilde endigen zu se-
hen. Dass aber solche Nervenendiijungen bei den Helminlhen
vorkommen , davon habe ich mich am entschiedensten bei
Ascaris compar aus dem Darm vonPerdix cinerea überzeugt,
liier sah ich beim Männchen deutlich aus der an dem Schwanz-
ende um den Mastdnnn gelegenen Ganglienniasse Nervenfä-
den hervortreten und in <lie , die männliche GeschlechtsöfF-
nung umgebenden Papillen eintreten. Die Papillen selbst ber-
gen einen Körper mit hellem Mitteipwnkt, welcher mir, bei
Anwendung von verdünnter Chromsäure, als kropfartiges Ende
der Nervenfasern erschien , und so mit einem Pacinischen
Körperchen der hohem Thiere die grosste Aehnlichkeit dar-
bietet. Ich halte daher die Papillen derTrematoden wie aller
Helminthen für Taslorgano (s. Fig. lö, 17).
Bei Cercaria diplocotylea glaubt P a g e n s l e c h e r in
dem PigmenKleck zu beiden Seilen des Oesophagus Augen
erkennen zu dürfen , und gibt daher der an derselben Stelle
vorkommenden Pigmentmasse bei Amphistomum subclavatum
dieselbe Bedeutung. Ich habe allerdings aus den Ganglien
des Schlundrings Nervenfasern austreten und zu dieser Pi-
278 Waller:
gmenlablagerung verlaufen sehen. Dass diese dem Gefässsy-
slem nicht angehört , davon habe ich mich überzeugt und
halte daher Pagen siechers Annahme nicht für unwahr-
scheinlich.
Von der an der Seile des Oesophagus gelegenen Gan-
glienmasse entspringen , wie erwähnt , zwei Nervenstämme,
ein seillicher schwächerer, welcher sich in der Culicula und
den Muskeln der Vorderhälfte des Thieres verliert, und ein
stärkerer, nacii hinlen verlaufender Stnrnm, welchen ich bis
zum hiulcru Saugnapf verfolgen konnte. Vor diesem schwillt
er nochmals an , birgt einige Ganglienzellen in sich und
scheint sich, in feine Fasern zertheilt, im hintern Saugnapfe
zu verlieren (s. Fig. 5. d).
Histologisch unterscheiden sich diese Hauptslämme we-
sentlich von dem der Rundwürmer. Während dieser näm-
lich in seinem Verlauf durch den Körper eine beständig
gleichmässige Dicke zeigt, und nicht aus nebeneinander ver-
laufenden'Fasergängen zusammengesetzt erscheint, kann man
bei iicn Tremaloden die nebeneinander verlaufenden und in
einem spitzen Winkel den Hauptslanim verlassenden einzel-
nen Fibrillen genau erkennen. Dadurch verliert der Haupt-
Stamm allmählich an Umfang in Nervenmasse und es würde
vielleicht das noch für den hintern Saugnapf restirende Ner-
venelement für dessen lebhafte Conlractionen nicht genügen,
würde nicht durch neue eingeschobene Ganglienzellen dem
Haupfstamm neue Nervenmasse zugeführt. Bei allen andern
Trematoden , bei welchen dieser stark muskulöse Saugnapf
fehlt , habe ich auch diese kleinen Endanschwellungen ver-
misst. Auch in Bezu^ auf die Endiffunor der feinsten Nerven-
äslchen in den Geweben zeigt sich ein Unterschied mit den
Nematoden und schliessen sich die Tremaloden mehr dem
Typus höherer Thiere an.
Während bei jenen Thieren dieselben nämlich in drei-
eckiger Verbreiterung allmählich in die , die Muskelcylinder
umgebende Membran überzugehen und mit dieser zu ver-
schmelzen scheinen , endigen sie hier fein zugespitzt und
entziehen sich so allmälilich der Beobachtung. Eingesprengte
Ganglienzellen habe ich bei Amphislomum subclavalurn im
Schlundringe; seltner aber und dann nur im Anfangslheile des
Beiträge zur Anatomie einzelner Trematoilen. 279
*
ptTiplicrischenHauptnervenslamincs gesehen (s. Fig. U). lic-
h'aciiloii wir nun die beitien aiulern Trenialoiien, so wcmcIiI
Distoina hepaticum etwas von den vorgelragenen Verhalliiis-
seii ab. Der Schlundriiig liegt hier zwischen vordenn Saug-
napf und Schlundküpie. ^s fehlt die vordere Ganglieninasse.
Dagegen ist der Schlundring selbst Iheiis von vielen Gan-
glienzellen umgeben, Iheils sind in seinem Verlauf ihrer meh-
rere eingesprengt als bei Amphistomum subclavatum. Auch
in dem nach hinten verlaufenden flauptnervenslamme finden
sich zahlreiche eingesprengte Ganglieiikugeln (s. Fig. 14),
dagegen fehlt die Jindaiischwellung des Nervenstammes. Man
muss sich bei diesem Thiere hüten, zahlreich im Parenchym
und den Organen vorkoniniende gelblich pigmenlirte, einen
deutlich hellglänzenden Kern zeigende Zellen mit Ganglienku-
geln zu verwechseln. Ich gestehe es offen , dass ich mich
sehr lange in diesem Irrlhum befand, bis das ear zu häu-
fige Vorkommen derselben miih zu neuen Untersuchungen
führte. Da fand ich denn, dass diese dem Gefässsystem an-
gehören, wo sie auch mehr Berücksichtigung finden werden.
Die eingesprengten Ganglienkugeln finden sich nur im flaupt-
nervenstamm , sind sehr fein contourirt , zeigen einen deut-
lichen Kern mit glänzendem Kernkörper und hie und da
leicht gelbliche Pigmentirung ; sie sind stets bipolar, indem
die Nervenfaser gleichsam varicos anschwellend, in ihrem
Innern den Ganglienzellenkern aufnimmt (s. Fig. l5). Man
kann sie nur erkennen, wenn es gelingt, einen Theil des Haupl-
nervenstammes zu isoliren, besonders durch Anwendung von
verdünnter Chromsäure. Das Schlundganglion liegt nicht wie
bei Amphistomum subclavatum dicht neben dem Oesophagus,
sondern von ihm entfernt up.gefähr in der l\litle zwischen
diesem und dem seillichen Körperrande. Dieselben sind meist
von dem Gefäss- oder Darmsystem angehörigen Theilen ver-
deckt, und daher nur bei künstlicher oder natürlicher Knt-
leerung dieser zu erkennen. Der Verlauf der peripherischen
Nervenstämme ist derselbe. Disloma lanceolalum stimmt in
Lage und Richtung der Nervencerjlren und der periplierij^chen
NervenverzweigUDgen tnit Am[)hislomum subclavatum fast ganz
nberein (s. Fig. 12. Die griechischen Buchstaben haben die-
selbe Deutung, wie bei Amphistomum subclavatum Fig. li).
280 Walter:
Die Ganglienzellen sind hier kleiner als bei allen andern
von mir beobachteten Trematoden und meist bipolar(s. Fig. 13).
Mullipolare konnte ich mit Bestimmtheit nicht wahrnehmen.
Sie entbehren jeden Pigmentes , sind daher sehr blass und
fein contourirt und fast nur durch verdünnte Chromsäure
nachzuweisen. Durch Essigsäure gelingt es häufig, den Kern
derselben deutlich darzuslellen , man muss sich aber vorher
von ihrer Anwesenheit und Lage überzeugt haben.
Ueberhaupt ist die mikroskopische ünicrsuchung der
Nervenelemenle bei den Trematoden unendlich schwieriger
als bei den Nematoden, bei welchen wegen ihres durchsich-
tigen Parenchyms oft ein scharfes, gut beleuchtetes Instrument
allein zum Ziele führt.
Erleichtert wird bei Dislomum lanceolatum sowohl wie
Amphistomum subclavalum die Untersuchung durch die Be-
nutzung lebender Individuen.
Durch die Bewegungen des Oesophagus nämlich wer-
den die ihn umgebenden Ganglicnmassen hin und her ge-
schoben , und kommen daher oft hierdurch deutlicher zur
Anschauung, als durch Benutzung irgend eines Reagens, von
welchen ich aber der verdünnten Chromsäure unbedingt den
Vorzug gebe. Glycyrrhin nutzt auch , aber man muss den
richtigen Augenblick zu nutzen wissen, indem zu langes Ver-
weilen in dieser Flüssigkeit durch zu grosse Aufhellung jede
fernere Unterscheidung der feinsten Confouren unmöglich
macht. Bei Distoma hepaticum gelingt es manchmal die Haut
des Rückens der Thiere fein abzuziehen , und dadurch die
unterliegenfJen Nervenelemenle deutlicher zu maclien.
Bei Distoma lanceolalum muss man sich hüten, die Gan-
glienzellen mit den mehrfach erwähnten einzelligen Drüsen
zu verwechseln. Sie unterscheiden sich aber bald durch die
lebhaften Contraclionen ihres Zelleninhalls, die vielfach be-
wegten breiten Ausführungsgänge und ihre zwei-, drei- bis
vierfache Grösse (s. Fig. 12).
Von den Verdauungsorganen.
Die anatomische Lage des Darmsystems beider Distomen
sowohl als auch von Amphistomum subclavalum ist hinläng-
lich bekannt.
Beiträge lur Anatomie einielncr Treniatoden. 281
Histologisch ist zu bemerken , dass bei allen von mir
beobachteten Trcmatoden der Darmschlauch aus einer slruc-
luriosen conlraclilen Membran gebildet ist, welche nach In-
nen von einem feinen E[(ilhel ausgekleidet wird, am besten
bei Anwendung von verdümiler Chromsäure zu erkennen.
Auch habe ich bei ihrer Denutzung häufig in der äussern
slruclurloseri Hülle Kernrudimcnle gefunden (s. Fig. IL d).
Die äussere Hülle ist eine Forstetzung der Kapsel des vor-
dem Saugnapfs, resp. der innern Gulicuiarschicht , während
die Epilhelschicht des Darnd\anals der äussern Gulicuiarschicht
entspricht. Ueber die Gefässverbreitung auf dem Darmkanal
werden wir später berichten.
Bei Amphistomum subchu'atum sowohl wie bei Distoma
lanceolatum erscheint der Darm bekanntlich als einfach gabe-
lig getheiKcr Doppelblindsack, während er bei Distoma he-
paticum viele , das ganze Parenchym des Thicrcs durchzie-
hende, Verzweigungen zeigt, welche aber schliesslich alle blind
endigen. Später werden wir die hieraus sich ergebenden
verschiedenen physiologischen Verhältnisse betrachten.
Auffallend ist, dass, wie erwähnt, Blanchard») den
von ihm im Text erwähnten, hinter dem iMundnapf gelegenen
Schkmdkopf bei beiden Dislomen in der Zeichnung verges-
sen hat.
Bei Amphistomum subcluvatum ist der Schlundkopf als
solcher nicht vorhanden. Dagegen ist der Oesophagus mit
bedeutenden Ringmuskeln umgeben und dadurch lebhafter
Contraclionen fähig (s. Fig. 11. c). An seinem Ursprung in
der Tiefe des Mundes, in der Mitte zwischen den Mündungen
der beiden seillichen Speicheldrüsen ebenso wie an seiner
Ausmündungsstelle an der Bifurcalion des Darmcanals häu-
fen sich die Kingmuskelfasern zu einem eigenen Sphincter
an. Auch besitzt hier jeder Darmtheil wieder einen eigenen
starken Ringmuskel , so dass sie sich abwechselnd sowohl
wie gleichzeitig ölTnen und schlicssen und die Speiseflüssig-
keit ans dieser etwas erweilerlen Vereinigurigsstelle (resp.
Magen) in den Darm gelangen lassen können.
1) L. c. pl. 11,
282 Waller:
Die Spciclieldrüsen von Amphislomum subclavalum habe
ich sclion vorher erwähnt. Sie sind meist conlrahirt, füllen
sich langsam mit einer bläulichen mit runden Kugeln erlull-
ten Flüssigkeit , welche sie durch plölzliche Conlraclion in
die Mundhöhle ergiessen.
Bei Distoma hepaticum habe ich keine Speicheldrüsen
gefunden. Ob die oben beschriebenen, bei diesen Thieren
unter der Haut des Vorderfheiles liegenden Drüsen diese Be-
deutung haben, vermag ich nicht zu entscheiden.
Am schönsten zeigen sich die schon früher von mir
beschriebenen Speicheldrüsen von Distoma lanceolatum ^).
Fig. 12. habe ich dieselhcR mit dem Nervensystem die-
ser Thierc abgebildet.
Vom E X c r e t i 0 n s - G e f ä s s s y s l e in .
Durch van Bencden^) und Aubcrt-j haben wir in
neuerer Zeit die Gewissheit erhaller?, dass die früher als Ge-
lässsystem und Excretionsorgan gelrennt beschriebenen Ge-
fässe und Schläuche der Tremaloden , bei einzelnen dieser
Thierc , wie bei Distoma terclicolle , Aspidogaster conchi-
cola etc. in unmitlelbarem Zusammenhange stehen , und ein
weit verzweigtes Gefässsystcm bilden, welchem gewiss nicht
mit Unrecht Aubert die Bedeutung eines Excretionsorgans
beilegt und per analogiam auf alle Tremaloden öberträgl.
Meine Untersuchungen geben in Bezug auf den Zusammenhang
der bei diesen Thieren bekannten Gefässe mit den centra-
len Excretionsorganen bestätigende I^esuKale. Dagegen fand
ich bei meinen Untersuchungen bei Disloma lanceolatunj so-
wohl als Distoma hepaticum , wie bei Amphislomum subcla-
valum ein bisher von keinem Forscher erwähntes unendlich
feines , aber oft sehr deutlich cnlwickelles und durch viel-
fache Anastomosen unter einander verbundenes Capiliarge-
1) Zeilschr. f. wiss. Zoolog. Bd. Vlll. p. 19S.
•2) Bull, de rAcadcMiie de Briix. T. XIX. l. 1852. p. 7). An-
nalcs de sc. nal. 3. Serie T. XVII. 1852. p. 2.3. L'Instilut 1852. p.305.
3) Zeilschr. f. wiss. Zoolog. Bd. VI. p. 349. Taf. XIV. u. XV.
Beiträge zur Analoinie einzelner Trcnialodcn. 283
f{issneU. Wir werden dasselbe bei den einzelnen Thieren
näher betrachten.
Obgleich bei Ainpliisloinum snbclavatuni sowohl das Ex-
crelionsorgan , als auch die längs den Seilen verlaufenden
Gefässe leicht zu erkennen sind , und zwar ersteres durch
seine lebhaften Contractionen , letztere durch ihren leicht
bläulich scbiinmernden Inhalt , so war doch deren Zusam-
menhang bis jetzt unbekannt.
Dr. Pagen sie eher (I. c), der neueste Beobachter
dieses Thieres, beschreibt beide folgendcrmassen :
„Am Halse sind deullich die Längsgelässe 0,025 Mm.
breit zu sehen, die, sich windend und verzweigCFid, auch auf
dem einen gelblichen Inhalt führenden Darm deullich erkannt
werden. Ebenfalls sieht man von vorne nach hinten stark
gewunden, bald anschwellend und gefüllt, bald leer und ver-
schwindend , durchschnittlich dreimal weitere Gefässe mit
dunklem körnigen Inhalt verlaufen, die, hinten sich umbie-
gend , sich gegeneinander wenden und über der Mitte dvs
Napfes zusammentreten. Die Vereinigung ist seilen zu sehen,
aber sicher. Diese Gefässe scheinen vorne mit den liel-
Icrn in mehrfacher Verbindung zu stehen'). Auch liegt
am (linierende ein solide anzusehender Körper, zu welchem
hin die verschiedenen Gefässe ihre Richtuno- nehmen, ohne
dass ich den Zusammenhang desselben mit bi-iden Arten von
Gefässen sicher behaupten könnle. Meine Uniersuchunoren
ergeben theils bestätigende, theils abwiMchende Resultate. Da
aber gerade bei Amphistomum wie vielleicht bei keinem Tre-
ninloden das Gefässsyslem leicht in seinem ganzen Zusam-
menhange verfolgt werden kann, so habe ich ihm ganz be-
sonders Zeit und Aufmerksamkeit zugewendet.
Gehen wir in der Retrachiung von der Peripherie zu
den Cenlralorganen, so linden wir, wie schon erwähnt, ein
1) Dr. ragenslcehcr cilirt Kilippi Dtuxirnie Mriiioir«* Taf. II.
V'\'^. XVI. und icii scliliesse aus dicsrni Cital , dass \on Filippi schon
dieser in der Thal existircnde Zusanimrnhan}; behauptet wurde. Lei-
der ist mir diese Arbeit nicht zu Händen gekommen, wie ich aiich
ragcnstechers Abhandlung erst erhielt, als ieli meine Untersuchung
schon beendet hatte.
284 Waller:
durch (las Paienchym der Thiere verbreileles, besonders die
Eingeweide umspinnendes, vielfach anaslomosirendes Gelass-
netz. In den Vereinigungsslellen der unter verschiedenem
Winkel zusammentretenden feinsten Gefässe sieht man am
besten nach Anwendung von Essigsäure feine Kerne mit deut-
lichem Kernkörper, und es bietet dieses Capillarnelz mit sei-
nem anastomosircnden Fachwerk und den Kernen in den
Knotenpunkten am meisten Aehnlichkeit dar mit den in gal-
lertigem Bindegewebe (Virchow's Schleimgewebe) vorkom-
menden Bindegewebskörperchen und ihren Ausstrahlungen
(s. Fig. 10. c).
Nach und nach vereinigen sich je zwei bis drei sol-
cher feinsten Gelässröhrchen zu einem grössern Gefässe, wel-
ches nun nach kurzem oder längcrm Verlaufe , in welchem
es seitlich mehr oder weniger feine Gefässe aufnimmt, sei-
nen Inhalt in eines der zur Seite 6es Thieres von hinten nach
vorne verlaufenden Längsgefässe ergiesst (s. Fig. 5, 3. Fig.
10, b). Auf diese Weise sammeln diese Längsgefässe, deren
Stromrichtung, wie erwähnt, von hinten nach vorne gerichtet
ist, und in welchen eine Menge jener feinen Gefässe münden,
Flüssigkeit aus allen Theilen des Thierleibes.
Am Halse ergiesst sich ihr Inhalt in einen fast drei-
mal breitern Schlauch, welcher nach vorne zu blind endend,
wieder rückwärts, quer über den Darm, verläuft, sich in der
Gegend der Geschlechtsöffnungen mit einem zweiten kurzen
vom Oesophagus kommenden vereinigt, und nun gemeinschaft-
lich mit diesen an der innern Seile des Darmkanals nach
hinten strebt, am blinden Ende des Darmes erst nach Aus-
sen, dann wieder nach Innen umbiegt, und am hintern Ende
des Thierleibes sich mit dem gleichen Schlauche der andern
Seite in ein gemeinschafiliches Expulsionsorgan ausmündet
(s. Fig. 5. 2, 1. Fig. 10. a, b, c).
Letzteres liegt noch auf der Rückenfläche des Thieres,
ist von bedeutenden Ringmuskeln umgeben , dadurch leb-
hafter Contraction fähig und mündet durch einen engen Aus-
führungsgang im Grunde des Saugnapfs nach Aussen (s. Fig.
5, 8). Die Ausmündungsslello ist ebenfalls von einem kra-
lerartigen muskulösen Wall umgeben, welcher von Die sing
irrthümlich als Ausmündungsstelle der weiblichen Geschlechts-
Beitrüge zur Analoniie einzelner Treinatoden. 285
Organe, von v. Siebold als zweiter Saugnapf bezeiclinet
wurde.
Pagenstecher nennt dieselbe CaudalöfTnung , ohne
deren Zusammenhang mit den Excrelionsoraanen zu erwäh-
nen, in den Expulsionsschlauch münden aber auch die letz-
ten hintern Enden des seillichen Gefässstammcs , nachdem
sie kurz vorher noch einen nach dem hintern Saugnapfe ver-
laufenden Zweig abgegeben haben (s. Fig. 5, 3'j. Bei einigen
Individuen glaubte ich eine Abweichung beobachtet zu ha-
ben, indem das hintere Ende der seitlichen Gefässe nicht in
den Expulsionsschlauch mündet, sondern, mit den der andern
Seile zusammenhängend, einen Gelässbogen bildet.
Ein eigenes, sehr bedeutendes Gefüsssystem findet sich
aber ausserdem im hintern Saugnapfe , indem derselbe von
zwei bis drei GefässUränzen durchzogen ist, von welchen der
innerste die in der Tiefe gelegene Mündung des Expulsions-
organes umgürtet , der äussere an den äussersfen Rand des
Saugnapfes grenzt. Der mittlere fehlt manchmal (s. Fig. 5,
0, 7). Alle diese Gefässringe sind durch vielfache Ana-
stomosen mit einander verbunden. Die in derselben krei-
sende Flüssigkeit wird zuletzt in zwei breite, lebhafter Con-
Iractionen fähige, zu beiden Suiten der Caudalmündung aus
dem innersten Ringe entspringende Gefässe gesammelt und
von hier in den Expulsionsschlauch geleilet (s. Fig. 5 , 4).
Capillargefässe habe ich im iiintern Saugnapf nicht vorgefun-
den, es hindert aber die starke Muskulatur desselben an einer
klaren Untersuchung seiner feinsten Verhältnisse.
Ich unterscheide also bei Amphistomum subclavalum
dreierlei Gefässe, und zwar:
1) Gefässe erster Ordnung von dem Expulsionsorgan im
Hinterende des Thieres ausgehend und nach vorne sich er-
streckend. Im angefüllten Zustande erreichen sie manchmal,
besonders an ihren blinden Enden, die Dicke des Darmkanals.
Ihr Inhalt ist die bekannte , in den Excrelionsorganen der
Trematoden vorkommende hellglänzende körnige Masse. Ihre
Wandungen sind sehr coniraclil, aber vollkommen slructurlos.
Durch Essigsäure sind Kerne darzustellen.
2) Gefässe zweiler Ordnung.
Sie entspringen am Halse aus den blinden Enden der
286 Walter:
vorerwähnten Gefässe in drei- bis vierfach geringerer Breite;
laufen meist geschlängelt nach hinten. Ihr Inhalt ist eine
klare, bläulich durchscheinende Flüssigkeit, in welcher aber
besonders an ihren Ausrnündungsslelien dieselben Körnchen
auftreten und sich frei hin und her bewegen , wie wir die-
selben in den erstem Gelassen gefunden. Ich sah sie bei
den Contractionen der erstem Gefässschläuche häufig oiine
Anwendung von Druck (welches Auberl als Beweis des
Zusammenhangs des Gefässsystems mit den Excrelionsorga-
nen dient), durch die Vereinigungsslelle aus den kleinen Ge-
fässen in die grössern sich hin und wieder zurückbeweffcn.
Auch ihre Wandung ist structurlos, aber besonders bei
den beiden Vereinigungsgefässen des hinlern Saugnapfes sehr
contractu und erhält hierdurch oft ein quergeringeltes Anse-
hen. Flimmerlappen habe ich in ihnen nicht gefunden.
3j Gefässe dritter Ordnung.
Ich begreife hierunter das oben beschriebene Capillar-
nelz , welches in die Gefässe zweiler Ordnung direct über-
geht. Nie sah ich dagegen in einen directen Zusammenhang
dieser Capillargefässe mit den Gefässen erster Ordnung.
Bei Distoma lanceolalum kennt man bis jetzt nur die
zu beiden Seiten verlaufenden Gefässe und das am hintern
Leibesende liegende, nach Aussen mündende Exeretionsor-
gan. Küch enm eis ter 1} lässl irrlhümlich die beiden seit-
lichen Gefässe sich erst an der Spitze des Hinterleibes ver-
einigen f während der gemeinschaftliche Expulsionssclilauch
sich fast ein Vierlei der Körperlänge von der Spitze des Hin-
terleibes nach vorne erstreckt und dort erst die beiden seit-
lichen Gefässe in sich aufnimmt.
Die Seitengefässe, welche in ihrem Bau und Verhallen
den Gefässen zweiler Ordnung bei Distoma lanceolalum ent-
sprechen, zeigen vielfache Verästelungen, welche aber alle
blind zu endigen scheinen und in ihren blinden Enden eine
deutliche Zelle mit Flimmermembran zeigen (s. Fig. 3. c. Fig. 4 c.
Fig. 4a, (;.). Der Expulsionssclilauch, welcher die Stelle des
Expulsionsschlauches und der Gefässe erster Ordnung bei
Amphislomum subclavalum verlritt, zeigt nur an der Hinter-
1) L. c. p. 210.
Keilräge zur Anatomie ciuzolncr Trcnialoden. 287
leibsspilzü einen Ringmuskel ; seine Wandungen sind daher
structurlos und nur schwacher Conlraclionen fähig; nacli In-
nen ist derselbe von einem zarten Epithel ausgekleidel.
B I a n c h a r d ») glaubt ein geschlossenes Gefässnelz im
vordem Theile des Tiiierkörpers erkannt zu haben.
Es findet sich aber unzweifelhaft bei Distomum lanceo-
latum ein noch deutlicheres, in den oben bcscliriebcnen histo-
logischen Formen ausgepraglcs Capillarnelz , welches eben-
falls direct, aber nur an den blinden llimmernden Enden der
grössern Schläuche mit den Excrelionsorganen zusammen-
hängt.
Diese Capillai netze durchziehen dasParenchym des Thicrs
und umgeben den Dannkanal desselben (s. Fig. 4). Sie feh-
len aber im hinlern Ende der Thiere oder werden hier we-
nigstens viel seilner , ebenso wie auch dort die blinden En-
digungen des Excretionsorganes und der Fiimmerzellen weg-
fallen, so dass sie in olFenbarem Yerhällnissc zu diesen
stehen. Die anatomischen Verhältnisse des Excrelionsorgans
bei Distoma hepaticum haben Blanchard-) undKüchen-
m eisler -^3 so vortrefflich beschrieben und abgebildet, dass
ich nur Bekanntes wiederholen würde. ]\ur in einem Punkte
muss icli Blanchard widersprechen. Er lässt alle Gcfässe
durch Anastomosen in einander übergehen , und so ein all-
gemeines Nelz bilden. Allerdinfjs sind solche Anastomosen
sehr häuüg ; man findet aber besonders unter der Haut die-
ser Thiere und zwischen den Muskeln ebenso hüulig blinde
und kolbig angeschwollene Endigungen (s. Fig. I.e. Fig. 8).
Das Capillarnetz von Distoma hepaticum ist bisher von
keinem Beobachter erwalint. Es ist aber sehr deutlich ent-
wickelt und unterscheidet sich von dem der vorigen Thiere
durch die Grösse der in den Anastomosenpunklen befindlichen
Zellen und deren gelbliche Pigmenlirung (s. Fig. i, f. 6. Fig. 7).
Wie erwähnt, hielt ich diese Körperchen lange für Gan-
glienzellen , bis genaue Untersuchung mir ihren Zusanunen-
hang resp. den Uebergang ihrer Ausläufer in die feinsten
1) L. 0. p. 294.
2) L. 0. p. 2bö ; Ucgne aninial nou\ eile tdition pl. M], Fig. 1 1».
3) L. f. p. IbS. Tal. Y. Fig. 2.
288 Walter:
Gefässe ausser Zweifel stellte. Auch unterscheiden sie sich
von diesen hinlänglich durch ihre verschiedene Grösse, in-
dem sie Iheils kaum die Hälfte , tlieils die doppelte Grösse
der Ganglienzellen zeigen, je nachdem sie mehr oder weni-
ger mit gelblichem Inhalte erfüllt sind. Ocfler Fig. 6 c. fin-
det man in ihnen schon dieselben hellglänzenden Körperchen,
wie in den grössern Gefässen.
Nachdem ich die analomisch-hislologischen Verhältnisse
desExcretionsgefässsyslemes bei denTremalodon, gemäss der
Ergebnisse meiner Untersuchungen, beschrieben, versuche ich,
noch einige physiologische Bemerkungen anzuknüpfen.
Aubert stellt am Schlüsse seiner Beschreibung des
Gefässsyslems von Aspidogaster conchicola zwei Fragen auf:
1) Was bedeuten die Flimmerlappen ?
2) Was ist das Wassergefässsyslem in vergleichend ana-
tomischem und physiologischem Sinne?
Da scheinbar ohne bestimmtes Gesetz bei vielen Tre-
matoden die Flinimcrmcmbrancn fehlen , während sie bei
nahverwandfen Thicren derselben Gattung vorhanden sind, so
glaubt Aubert denselben keine hohe Bedeutung beilegen
zu können.
„Man könnte glauben, sagt er, „dass sie zur Erhaltung
der Strömung dienen und dafür spricht auch ihre Richtung
von der peripherischen Verbreitung bis zum Excretionscen-
Irum. Wo sie aber fehlen, z. B. bei Distomum tereli-
colle, habe ich aber gerade diese Strömung evi-
denter gesehen etc."
Grade dieser letzte von ihm angeführte, scheinbar ne-
girende Punkt beweist die Richtigkeit seiner Vermuthung,
dass sie eben nur zur Erhaltung der Strömung dienen und
daher bei denjenigen Thieren , bei welchen sie vorkommen,
höchst nothwendige Hülfsorgane sind.
Vergleichen wir die anatomischen Verhältnisse des Ex-
crelionsgefässsystems bei Amphislomum subclavalum, wo die
Flimmerläppchen fehlen , mit denen von Distomum lanceola-
tum, welches dieselben besitzt, so finden wir einen bedeuten-
den Unterschied.
Bei ersterem Thierc wird das Excretionsccntrum von
einem stark muskulösen und beständig zwischen Conlraction
Beiträge zur Anatomie einzelner Trematoden. 289
und Expansion abwechselnde Körper gebildet, weicher, in-
dem während seiner Ausdehnuno^ der an seiner CaudalöfTnung
befindliche Sphincler noch geschlossen bleibt, saugpuinpen-
arlig auf die Flüssigkeit der in ihn mündenden Gefässe ein-
wirkt und daher die StromrichLung beständig von der Peri-
pherie nach dem Centrun» leitet.
Die Contraction des Parenchyms der Thiere kann zur
Forlschaffung des Inhaltes in den feinsten Gefässverzwei-
gung^en nicht viel ausrichten, wenigstens nicht, wieAubert
glaubt, genügen. Die Stromrichtung wird einzig und allein
durch die lebhaften saugenden Bewegungen des Expulsions-
schlauches hervorgerufen und assislirende Flimmerorgane wä-
ren hier unnöthig.
Bei Distoma lanceolatum sind die Verhältnisse andere.
Der Expulsionsschlauch ist ohne Muskeln und von einer con-
Iractilen Haut gebildet. Seine Contractionen sind selten und
schwach, die Expansion geschieht langsam, gleichzeitig mit
der Eröffnung der Caudalmündung, welche keinen eigenen
Sphincter besitzt. Etwas untersützt werden diese schwachen
Contractionen nur durch die im Hinterende des Thieres lie-
genden Ringsmuskeln derCuticula. Hier würde die Slromkrafl
von der Peripherie nach dem Centrum eine mangelhafte sein,
würde sie nicht durch die hier vorkommenden Flimmermem-
brane unterstützt.
Es wäre gewiss nicht uninteressant, diese Verhältnisse
bei einer grössern Reihe von Trematoden zu verfolgen, wozu
mir leider Zeit und Gelegenheit fehlen. Es wäre hier immer
die grössere oder geringere Contractionsfähigkeit des Expul-
sionsschlauches in Vergleich zu bringen mit der Ab- oder
Anwesenheit der Flimmerorgane. Stellen sich obige, bei bei-
den Thieren bestehenden abweichenden Verhältnisse als all-
gemein heraus, so wäre das hier herrschende Gesetz gefun-
den und die Function der Flimniermembrane enträthselt.
Was die zweite, von Aubert aufgestellte Frage be-
trifft, so stimme ich darin mit ihm übereiii , dass wir diese
beschriebenen Organe der Tremalodi'n als ein gemeinschaft-
liches Excretionsgefässsystem bezeichnen müssen. In Bezug
auf das Capillarnetz dieses Gefässsyslemes füge ich noch
einige Bemerkungen hinzu.
Archiv f Nfliurgescb. XXIV. Jahrg. 1. Bd. 19
390 Walter:
Die Nahrungsautnahme der Treinatoden geschieht nicht
nur durch den oft sehr kurzen Darmkanal , sondern auch
durch die für die umgebende Flüssigkeit aufsaugungsfähige
Haut. Darmkanal und das unter der Haut gelegene Parenchym
der Thiere sehen wir aber am meisten von diesem Capillar-
netz durchzogen, und ich glaube daher dieses als ein mehr
der Ernährung dienendes Gefässsystem bezeichnen zu müs-
sen, indem es die vom Darmkanal und der Haut aufgenom-
menen Flüssigkeiten gleichmässig durch den ganzen Thier-
körper verbreitet. Dem stände allerdings der directe Zusam-
menhang mit den grossen Zweigen des Excrelionsorganes
scheinbar entgegen ; aber finden wir hierfür in der niedern
Thierwell kein Analogon ?
L. Agassiz*) hat nach einer brieflichen Mittheilung
an C. Th. v. Siebold an verschiedenen Gasteropoden und
Acephalen einen directen üebergang der sogenannten Was-
sergefässe der Mollusken in das Circulationsgefässsystem be-
obachtet und durch vielfache Untersuchungen und Injectio-
neu bewiesen. Ich kann nicht leugnen, dass mir diese schö-
nen Ergebnisse seiner Untersuchungen mit den bei unsern
Thieren vorliegenden Verhältnissen viel Analoges darzubieten
scheinen.
Am Schlüsse noch einige Bemerkungen über das Ca-
pillargefässnetz , welches , wie ich erwähnte, eine auffallende
Aehnlichkeit mit dem Netze der Bindegewebszellen und ih-
rer Ausläufer im Schleimgewebe der höhern und niedern
Thiere darbietet.
Wenn auch bei der Beobachtung der feinsten Gefässe,
wie sie in der höhern und niedern Thierwelt auftreten, ich
immer mehr noch zur Annahme Leydig's^) hinneigte, dass
die verzweigte Zelle der Bindesubstanz sich unmittelbar zu
den Capillaren der Blut- und Lymphgefässe fortzubilden ver-
mögen, so glaube ich grade in den hier vorliegenden Ver-
hältnissen hierfür einen sichern directen Beweis gefunden zu
haben.
1) Zeitschr. f. wissenschaftl. Zool. Bd. VII. p. I7ö.
2) Lehrb. der vergl. Histologie. Frankf. 1857. p. 27.
Beiträge zur Anatomie einzelner Trematoden. 291
Von den Fo rlpfl an zun gsorgan en.
Die Anatomie der Forlpflanzungsorgane vom Amphisto-
mum subclavalum habe ich in ihrem Zusammenhange bei
keinem Autor klar geschildert gefunden. Diesing') begeht
den bekannten Irrthum bei unserem Thicre, welches er eben
auf Grund seines Irrlhums als Diplodiscus subclavatus von
den Amphistomen scheidet, die CaudalöfFnung im Grunde des
hintern Saugnapfs, welche wir als Mündung des Excretions-
organes erkannt haben, als weibliche Geschlechtsöffnung zu
bezeichnen. Er beruft sich mit Rudolph! ^) auf die Beob-
achtung Zeders^), welcher aus der im hinlern Saugnapf
verborgenen Geschlechtsöffnung lebendige Junge herauskom-
men sah.
Was Zeder zu dieser falschen Annahme verleitet, da-
von habe ich mich mehrere Mal überzeugt. Es sind verschie-
dene im Darm der Frösche vorkommende Bursarien , wel-
che sich in den weiten Saugnapf dieses Amphistomum ver-
bergen , plötzlich hervorkommen und so Zeder zu diesem
Irrthum verführten, v. Siebold^) hat daher schon früher mit
Recht diese Ansicht bestritten und die richtige Lage der
beiden Geschlechtsöffnungen angegeben.
Blanchard hat die Geschlechtsorgane dieses Thieres
und ihre Lage nicht berücksichtigt.
Pagenstecher gibt die richtige Lage der Geschlechts-
öffnungen an, scheint dagegen den Hoden mit der Keimdrü-
se verwechselt zu haben , indem er diese letztere als mehr
nisich vorne zwischen den Enden des Darmes, den Hoden als
mehr nach hinten liegend beschrieben hat , was aber grade
umgekehrt der Fall ist. Die von ihm nahe dem Ausführungs-
gange im Anfang des Eileiters beschriebenen Flimmerlappen
sind die in der innern Saamenblase sich lebhaft bewegenden
Saamenfäden.
1) Annalen des Wiener Museums der Nalurg. Bd. I. Abth. II,
1836. p. 254.
2) Synopsis Entozoorum p. 359.
3) Erster Nachtr. der Naturg. der Eingeweidewürmer p. 189.
4) Wiegmann's Archiv 1837. Bd. II. p. 2ö3.
292 Walter:
Die anatomischen Verhältnisse vom Amphistomum sub-
clavatum sind aber in Kürze folgende.
A. Männliche Geschlechtsorgane.
Der einfach runde, meist mit Saamenelementen ^^) prall
gefüllte Hoden liegt ungefähr in der Mitte des Thierleibes
zwischen den beiden blinden Enden des Darmkanals (s. Fig.
5, V. Fig. 18 V). Von ihm gehen zwei Ausführungsgänge
ab. Der eine verläuft nach vorne zum Grunde des Cirrhus-
beutels, wo er sich in die von ihm umschlossene Vesicula
seminalis exterior ergiesst, welche bei ausgebildeten Thieren
meist von lebhaft schwingenden Saamenfäden angefüllt ist
(s. Fig. 5.1V. Fig. 18.1V.). Der Cirrhusbeutel , von ovaler
Gestalt, birgt nach vorne den starken muskulösen Penis, in
dessen hinteres Ende die Vesicula seminalis exterior ausläuft.
Seine Mündung nach Aussen befindet sich gleich hinter der
gabiigen Theilung des Darmkanals , dicht neben der weib-
lichen Geschlechtsmündung , beide von einem gemeinschaft-
lichen muskulösen Wall umgeben. Von der innern Fläche des
Cirrhusbeutels entspringen zweierlei Muskeln , von welchen
die vordem von der vordem innern Fläche des Beutels ent-
springend nach hinten verlaufen und sich am Penis anheften
und diesen nach Aussen ziehen. Die hintern entspringen vom
Grunde des Cirrhusbeutels, verlaufen nach vorne und setzen
sich am hintern Ende des Penis an, denselben nach hinten
ziehend.
Das vom Hoden entspringende zweite Vas deferens läuft
nach hinten zu der Vesicula seminalis exterior (s. Fig. 18. VI.
Fig. 5. VI.) , welche dicht neben dem weiblichen Keimstock
liegt und von welchem ein Ausführungsgang zu denjenigen
Stellen der weiblichen Geschlechtsorgane geht , wo sich die
Ausführungsgänge des Dotterstocks und Keimstocks treffen
*) Alle meine Bezeichnungen der verschiedenen Abiheilungen
der Geschlechtsorgane begründen sich nicht auf Vermulhungen, son-
dern auf genaue Erkenntniss der in denselben vorkommenden histo-
logischen Formelemente, als Saamenzellen, Eigebilde etc. Die Fi-
guren 20, 21 u. 22 dienen zu diesem histologischen Beweise.
Beiträge zur Anatomie einzelner Trematoden. 293
und wo unstreitiff die den Trematoden eio^enthümliche innere
Befruchtung Statt findet.
Diese innere Saamenblase ist ebenfalls meist mit leb-
haft schwingenden Saanienfäden erfüllt.
B. Weibliche Geschlechtsorgane.
Der Keimstock, das Bildungsorgan der Eikeime, liegt
hinter dem Hoden als nah ovaler Körper ungefähr zwei Drittel
der Hodengrösse messend^ meist dicht, mit rundlichen, einen
deutlichen Kern zeigenden Zellen, den Eikeimen erfüllt (s.
Fig. 18. VII. Fig. 5. VII.). Von ihm geht -ein Ausführungs-
gang nach hinten und innen und trifl't sich in einem dreiecki-
gen Räume mit den von beiden Seiten kommenden vereinig-
ten Ausführungsgängen der Dotterstöcke un()^dem einen Aus-
führungsgang der innern Saamenblase. Die Dotierstöcke lie-
gen zu beiden Seiten des Thieres, die ganze Länge desselben
durchziehend (s. Fig. 18. VIII. Fig. 5. VIII.).
Sie werden von Retorten-ähnlichen Blindschläuchen ge-
bildet, deren Ausführungsgänge sich immer mehr vereinigend,
zuletzt von beiden Seiten zu einem gemeinschaftlichen Dot-
tergange zusammenstossen, welcher mit dem der andern Seite
und dem Vas deferens der innern Saamenblase an der er-
wähnten dreieckigen Stelle ausmündet. Von ihm entspringt
der dünnwandige aber kräftiger peristaltischer Bewegungen
fähige Uterus, welcher in vielfachen Windungen im Innern
des Körpers sich lagernd, zuletzt, wie erwähnt, dicht neben
der PenisöfFnung ausmündet. Das letzte Ende des Uterus ist
von kräftigen Quermuskeln umgeben und kann daher als Va-
gina betrachtet werden.
Was die Histologie der genannten Organe betrifft , so
werden sie alle von einer slructurlosen, durchsichtigen, aber
besonders an den Ausfülirungsgängen conlractilen Membran
gebildet, welche in Hoden , Dolterstock und Keimstock nach
Innen von einem zarten Epithel ausgekleidet ist, aus welchem
wahrscheinlich sowohl Saamenzellen als auch Dotter- und
Keimzellen ihren Ursprung nehmen.
Die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane von
294 "Walter:
Distoma lanceolatum hat neuerdings Küchenmeister 0 aus-
führlicher geschildert.
lieber die Geschlechtsorgane von Distoma hepaticum
herrschen immerhin noch einige Meinungsverschiedenheiten,
welche aufzuhellen mir vielleicht gelingen möchte. Indessen
sind meine Untersuchungen hierüber noch nicht beendigt, und
behalte ich mir deren Veröffentlichung, da ich augenblicklich
durch anderweitige Arbeiten zu sehr in Anspruch genommen
bin, einer spätem Zeit vor.
Erklärung der Abbildungen.
(NB. Die Zeichnungen sind alle nach der Natur vermittelst eines
Schiek'schen Instrumentes aus dem Nachlasse des verstorbenen Pro-
fessors J oh. Müller angefertigt. Frühere verfertigte Zeichnungen habe
ich einer neuen Untersuchung unterworfen.)
Fig. 1. (Vergr. 450).
Hautdrüsen-Muskeln und Gefässe von Distoma hepaticum.
a) Hautdrüsen, theilweise mit zelligem Inhalte.
b) Längsmuskeln.
c) Diagonale Muskeln.
d) Quermuskeln.
e) Grössere Gefässslämme.
f) Feinste Gefässverzweigungen, mit Bindegewebskörperchen
ähnlichen Zellen in den Knotenpunkten.
Fig. 2. (Vergr. 290).
Muskeln von Distoma lanceolatum aus dem hintern Theil des
Thieres.
a) Längsmuskeln mit den eigenthümlichen zum Ansätze im
Corium dienenden Querkörperchen (b).
c) Quermuskeln.
Fig. 3. (Vergr. 450).
Theil des hintern Saugnapfs von Distoma lanceolatum mit den
nach dem Gefässe laufenden Ligamentis suspensoriis.
a) Saugnapf.
b) Ligamenta suspensoria, von der Kapsel des Saugnapfs ent-
springend.
c) Schlauchförmige Endigung des Excretionsgefässsyslems mit
ihren Flimmerzellen.
d) Das von diesen entspringende Gapillarnetz.
1) L. c. p. 208.
Beiträge cnr Anatomie einzelner Trematoden. 295
Fig. 4. (Vergr. 450).
Excretionsgefässsystem von Distoma hepaticum.
a) In feine Falten zusammengelegtes blindes Ende des Darm,
kanals, umstrickt von
b) dem Capillargefässnetze.
c) Schlauchförmige Endigungen des Excretionsgefässsystems,
von ihnen die Capillargefässe entspringend.
Fig. 4.a. (Vergr. 530).
Letzteres isolirt und mehr vergrössert dargestellt.
Fig. 5. (Vergr. 110).
Amphistoraum subclavatum.
A. Vorderer Saugnapf mit der MundöfTnung.
B. Hinterer Saugnapf mit der Caudalödnung.
Verdauungsorgane.
a) Trichterförmige Mundöffnung.
a') Die beiderseitigen Speicheldrüsen.
b) Oesophagus, cj Magen, d) Darm mit seinen blinden
Enden.
Nervensy s tem.
a) Vorderste Schlundganglien.
ßj Schlundganglion mit dem Schlundring.
y) Peripherischer Nervenstrang mit
J) hinterster Ganglienmasse.
Geschlechtsorgane.
I. Penismündung.
II. Mündung der Vagina.
III. Penis mit dem Cirrhusbeutel.
IV. Vesicula seminalis exterior mit dem
IV'. Vas deferens.
V. Hoden.
VI. Vesicula seminalis interior.
VII. Keimstock.
VIII. Dotierstock.
IX. Uteruswindungen mit Eiern.
Excretionsgefässsystcm.
1) Expulsionsschlauch.
2) Von ihm ausgehender seitlicher Schlauch (Gefäss erster
Ordnung).
296 Walter:
3) Die aus diesem am Halse entspringenden und seitlich rück,
wärts verlaufenden Gefässe zweiter Ordnung mit ihren fei-
nen Aestchen.
4) Die beiden Hauptgefässe , welche die am hintern Saugnapf
aufgesogene Flüssigkeit in den Expulsionsschlauch leiten.
5) Vereinigungsstelle der Gefässe des hintern Saugnapfs mit
dem innersten Gefässring.
6) Mittlerer und 7) äusserster Gefässring des hintern Saugnapfs.
8) Caudalöffnung.
Fig. 6. (Vergr. 450).
Gefässe zweiter und dritter Ordnung von Distoma hepaticum.
a) Gefässe zweiter Ordnung mit körnigem Inhalte.
b) Gefässe dritter Ordnung mit Bindegewebskörperchen ähn-
lichen Zellen (c) und den Knotenpunkten. Durch ihre gelb-
liche Pigmentirung hielt ich sie anfangs für Ganglien-
zellen.
Fig. 7. (Vergr. 450). Letztere isolirt mit deutlichem Uebergang ih-
rer Ausläufer in die grösseren Gefässe.
Fig. 8. Blinde Endigungen der Gefässe zweiter Ordnung im Muskel-
gewebe. (Vergr. 290).
Fig. 9. (Vergr. 450).
Ein Gefäss zweiter Ordnung mit Essigsäure behandelt , wo-
durch die Kerne in den Wandungen hervortreten.
Fig. 10. Gefässe von Amphistomum subclavatum. (Vergr. 310).
a) Halstheil des Gefässes erster Ordnung (s. Fig. 5,2) mit
dem Ursprung des rückwärts verlaufenden Gefässes zwei-
ter Ordnung b) und dem in dasselbe mündenden Capillar-
netz c.
Fig. 11. Nervensystem von Amphistomum subclavatum. (Vergr. 3450).
A. Vorderer Saugnapf, a) Trichterförmige MundöfFnung. b) Oeso-
phagus, c) Magen mit verschiedenen Muskelzügen. d)Darm.
a') Speicheldrüsen.
ß) Schlundring.
y) Seitlich gelegene Ganglienzellenmassen ; von diesen
entspringend :
J*) nach vorn verlaufende, am hintern Rande des Schlund-
kopfs mit der vordem Ganglienmasse (tr) sich verei-
nigende isolirte Fasern.
*) Seitliche Hauptnervenstämme.
tj) Nach hinten verlaufender Hauptnervenstamm.
,9) Eingesprengte Ganglienzellen.
Fig. 12. (Vergr. 450).
Nervensystem und einzellige Speicheldrüsen von Distoma lan-
ceolatum.
Beiträge zur Anatomie einzelner Trematoden. 297
a) Trichterförmige Mundöffnung. b) Oesophagus, c) Schlund,
iiopf. d) Einzellige Speicheldrüsen.
Die griechischen Buchstaben haben dieselbe Deutung wie in
Fig. 11.
Fig. 13. EingesprengteGanglienkugeln aus dem peripherischen Haupt-
nervenstamm von Distoma lanceolatum. (Vergr. 820).
Fig. 14. Desgl. von Distoma hepaticum. (Vergr. 530j.
Fig. 15. Eine einzelne Ganglienkugel von demselben. (Vergr. 820).
Fig. 16. Kolbige Nervenendigung in den Papillen an der männlichen
GeschlechtsöfFnung von Ascaris compar. (Vergr. 450).
a) Ganglienmassen, b) Die beiden Spicula.
Fig. 17. Desgl. in den Papillen an dem Mundende von Ascaris clavata
(Vergr. 530;.
Fig. 18. Geschlechtsorgane von Amphistomum subclavatum. (Vergl.
Fig. 5). (Vergr. 290).
I. Penismündung.
II. Alündung der Vagina.
III. Penis in dem Girrhusbeutel und die erstem leitenden
Muskeln.
IV. Vesicula seminalis exterior.
IV'. Vas deferens.
V. Hoden.
VI. Vesicula seminalis interior durch ein zweites Vas deferens
(VI. a.) mit den Hoden verbunden.
VII. Keimstock. VHI. Dotterstock.
IX. üteruswindungen mit den Eiern.
X. Vereinigungsstelle der 4 letzten Gebilde (Befruchtungs-
stelle).
Fig. 19. (Vergr. 450).
Ein Theil der Vagina mit Essigsäure behandelt, um die Kerne
in der ümhüUungsmembran deutlich zu machen.
Fig. 20. (Vergr. 450). Saamenelement aus den Hoden.
Fig. 21. (Vergr. 450). KeimieHen in ihrer Entwicklung aus dem
Keimstock.
Fig. 22. (Vergr. 450). Dottcrzellen aus dem Dotterslock in ihrer
EntWickelung.
]iachträg^liche Bemerkung^ über die Glattung
Scaeurg^us.
Vom
rausg-elb er«
Im vorigen Jahrgange dieses Archivs I. p. 51 habe ich
zwei Arten der Gattung Octopus als eine besondere Gattung
unter dem Namen Scaeurgus abgetrennt, weil bei ihnen der
hectocotylisirte Arm sich an der linken Seite des dritten Arm-
paares befand , während die Männchen der übrigen Arten,
soweit bisher bekannt , dieses Organ rechts tragen. Diese
beiden Arten waren Octopus Coccoi und eine neue Art, die
ich Scaeurgus titanotus nannte. Ich hatte beide Arten nicht
selbst mit einander vergleichen können , glaubte sie aber
nicht identificiren zu dürfen. In dieser Meinung wurde ich
hauptsächlich dadurch bestärkt, dass meine neue Art in der
ganzen den Körper und die Arme überziehenden Haut eine
Menge kleiner Kalkkörperchen enthielt, die ich bei allen übri-
gen Cephalopoden vermisste. Nur in den Segelarmen am
Argonauta argo fanden sich Kalkbildungen , die damit ver-
glichen werden konnten.
Ich wundere mich nicht , dass man an der Verschie-
denheit der beiden in Rede stehenden Arten hat zweifeln
können ; denn ich habe ja selbst 1. c. p. 56 die Möglichkeit
ausgesprochen , dass mein Scaeurgus titanotus mit Octopus
Coccoi identisch sein könnte. Um diese Frage zur Entschei-
dung zu bringen, hat mir mein Freund Leuckart sein
Exemplar zur Vergleichung zugeschickt. Dieses ist unzwei-
felhaft der echte Octopus Coccoi , denn es ist aus der Hand
Troschel: Nachtragliche Bemerkung über die Gattung Scaeurgus. 299
Verany's selbst in Leuckart's Besitz gekommen, und
stimmt durchaus mit der Vera ny'schen Beschreibung sowie
mit dessen Abbildung in Farbe und Grösse überein.
Durch genaue Vergleichung habe ich zu einer unum-
stösslichen Entscheidung nicht kommen können, aber ich bin
in meiner früheren Ansiciit dadurch nicht schwankender ge-
worden. Ich halle die beiden Arten auch jetzt noch für ver-
schieden. Definitiv entschieden wird die Frage erst dann
werden können , wenn ein grösseres Material von beiden
Fundorten , Genua und Messina vorliegen wird. Mögen die
Naturforscher an beiden Orten ihr Augenmerk auf üiese in-
teressanten Thiere richten.
Die Gründe , welche mich auch jetzt noch die beiden
Arten für verschieden halten lassen, sind folgende :
1. Die Farbe ist eine durchaus verschiedene. Das
Leuckarl'sche Exemplar ist gelblich , mit dunkleren , bräun-
lichen Wärzchen besetzt , und gleicht ganz der Abbildung
von Verany. Meine beiden Exemplare sind entschieden
braunroth, oberhalb sehr intensiv, selbst mit einem Stich ins
Violelte. Indessen theils darf man bei specifischer Unterschei-
dung auf die Färbung überhaupt keinen hohen Werth legen,
theils könnte namentlich bei Cephalopoden, in verschiedenem
Conservationszustande die Farbe wohl verschieden sein, selbst
wenn sie im lebenden Zustande übereingestimmt hätte.
2. Ein grösseres Gewicht lege ich auf die verhält-
nissmässige Länge der Arme. Von S. Coccoi giebt Verany
den zweiten Arm als den längsten an , und ordnet sie nach
der Länge so: 2. 3. 1. 4. Darin stimmt das Giessener Exem-
plar überein. Die Länge der Arme von S. titanolus habe
ich schon 1. c. p. 55 ganz richtig angegeben ; es findet sich
zwischen beiden Exemplaren einige Differenz. Das Exem-
plar, an welchem es mir zweifelhaft ist, ob es als Männchen
oder Weibchen zu betrachten, hat die Anne bis zu den fein-
sten Spitzen , wenigstens von der einen Seite , völlig unver-
letzt, und hier ist die Reihenfolge nach der Länge 3. 2. 1. 4.
Dies halle ich für das richtige ; denn an dem Exemplare,
welches sich durch die entwickelte Greifplatte i\es dritten
Armes als Männchen ausweist , sind an einigen Armen , na-
mentlich am dritten rechten Arme, die Spitzen eingeschrumpft,
300 Troschel:
etwas geschwärzt, und daher offenbar bei einer Gelegenheit
zu trocken geworden. Weitere Beobachtungen werden dar-
über entscheiden müssen, ob die Armlängen wirklich con-
stant sind, und ob es als speciüscher Unterschied angesehen
werden kann, dass bei S. Coccoi der zweite, bei S. titano-
tus der dritte Arm der längste ist.
3. Bei S. titanotus sind die Saugnäpfe an allen Armen
und an beiden Exemplaren verhällnissmässig grösser als bei
S. Coccoi ; womit denn auch zusammenhängt, dass die Arme
an der die Saugnäple tagenden Unterseite breiter sind. Dies
lässt sich nicht füglich auf eine Verschiedenheit des Conser-
vationszustandes schieben.
4. Der Hinterleib ist bei S. titanotus mehr abgerun-
det, weniger zugespitzt, als bei S. Coccoi.
5. Die Länge des Trichters, von der Basalöffnung bis
zur Spitze gemessen, ist bei S. titanotus grösser als die
Entfernung seiner Spitze von dem Rande der Flossenhaut
zwischen den beiden Ventralarmen, bei S. Coccoi kleiner.
Diese Differenzen sind alle unabhängig von den in der
Haut des S. titanotus eingebetteten Kalkschüppchen , welche
mir Veranlassung zu dem Speciesnamen gegeben haben. Durch
meinen Freund Leuckar t bin ich neuerlich wieder auf die-
selben aufmerksam gemacht worden , in einer Weise , die
mich zu einer mehrmaligen Untersuchung veranlasst hat.
Leuckart ist nämlich bei einigen Cephalopoden auf ähn-
liche Kalktheile in der Haut gestossen , jedoch immer nur
bei einzelnen Exemplaren, und vermuthet nun, diese Bildun-
gen möchten nachträgliche Niederschläge in der Conserva-
tionsllüssigkeit sein. Er hat die Freundlichkeit gehabt, mir
zwei solcher Exemplare, von Eledone, die allerdings in ziem-
lich schlechter Erhaltung waren , zur Ansicht zu schicken ,
um diese Theilchen unmittelbar vergleichen zu können. —
Chemisch stimmen sie in sofern mit denen von S. titano-
tus überein , als beide gicichmässig in Säuren brausen und
in Folge davon vollständig aufgelöst werden. Unter dem Mi-
kroskop zeigen sie sich zwar etwas verschieden, indem die
von Eledone aus rundlichen, unregelmässig sphärischen, un-
durchsichtigen Theilchen bestehen , die sich zu ganz unre-
gelmässigen kleinen Massen zusammenhäufen , oder einzeln
Nachträgliche BemerkuDg über die Gattung Scaeurgus. 301
zahlreich auf der Haut liegen, während die Kalklheilchen von
meinem S. titanotus immer ilach, im feuchten Zustande durch-
scheinend, polygonal und gestreift sind, und sich zu platten-
artigen Scheiben mosaikartig aneinanderfügen. Indessen da
nun der Beweis vorliegt, dass auf der Haut eines Cephalo-
poden sich Kalklheilchen bilden können , während diese am
lebenden Thiere nicht vorhanden sind, so muss ich die Mög-
lichkeit anerkennen, dass die Kalktheilchen meines S. titanotus
möglicherweise auch eine spätere Bildung sein könnten.
Meine Exemplare haben bestimmt nur in Weingeist ge-
legen. Dieser löst kohlensauren Kalk nicht auf. Für die Be-
antwortung der Frage , wie sich an den in Weingeist lie-
genden Cephalopoden der Niederschlag habe bilden können,
scheinen zwei Wege die nächstliegenden. Einmal könnte Es-
sigsäure in dem Weingeist enthalten sein , welche die Kalk-
theile anderer in demselben Gefäss liegenden Thiere auflöst,
und es wäre wohl denkbar, dass dann wieder unter Umstän-
den kohlensaurer Kalk niedergeschlagen würde. Dies möchte
namentlich der Vorgang in den Fällen gewesen sein, wo in
nicht gehörig verschlossenen Gefässen Thiere längere Zeit
in Weingeist gelegen haben, die dann sich selbst in schlech-
tem Conservationszustande befinden werden. Zweitens könnte
man sich denken, dass das Seewasser, in welchem das Thier
lebte, den Kalk enthält, welcher sich später in dem Wein-
geist niederschlägt. Wie bei meinem S. titanotus dieser Nie-
derschlag entstanden sei, möchte schwer zu ermitteln sein.
Warum haben beide Exemplare die Kalktheilchen ganz gleich-
massig ? Warum kein anderer Cephalopode , der mit jenen
in demselben Weingeist aufbewahrt wurde, warum nicht auch
andere Thiere V Das sind Fragen, die ich nicht zu beant-
worten weiss.
Auf dem Rücken sind die Kalktheilchen zahlreicher als
an der Bauchseite, das möchte vielleicht durch die rauhere
Seite der Oberfläche der Rückenhaut die Erklärung finden.
Genug , die Kalktheilchen in der Haut von Cephalopo-
den, die in Weingeist conservirt sind, sind ihrer Entstehung
nach sehr zweifelhaft, und verdienen die Aufmerksamkeit der
Naturforscher. Möchten aber auch diejenigen, welche hierauf
Untersuchungen an der Meeresküste anstellen, die Thatsache
302 T r 0 3 c h e 1 : Nachträgliche Bemerkung über die Gattung Scaeurgus.
nicht ausser Acht lassen , dass sich in den Segeiarmen von
Argonauta , wie in meiner früheren Abhandlung p. 53 er-
wähnt ist, Kalktheilchen finden, welche denen der Leuckart'-
schen Eledone sehr ähnlich sind.
Die Anmerkung von Claus, s. oben p. 261, droht
meiner ganzen Gattung Scaeurgus den Todesstoss zu geben.
Als ich sie aufstellle, hatte ich die zahlreichen Beispiele für
mich, wo verwandte Formen, mit dem Hectocolylus oder dem
heclocotylisirten Arme rechts oder links, immer generisch
verschieden waren. In allen von St eenslrup und mir er-
wähnten Fällen ist der umgebildete Arm in jeder Gattung
auf eine bestimmte Seite verwiesen, und Steenstrup ist
offenbar meiner Ansicht , wie sich aus seiner systematischen
Uebersicht 1. e. p. 250 deutlich ersehen lässt. Consequenter
Weise musste die Gattung Scaeurgus von Octopus getrennt
werden. Welchen Einfluss auf diese Frage die Claus'sche
Angabe über die hectocotylisirten Arme bei Enoploteuthis
ausüben wird, wo derselbe bei E. Owenii links, bei E. mar-
garitifera rechts im vierten Paare sich befinden soll , wird
von weiteren Beobachtungen an reicherem Material abhän-
gen. An meinen Exemplaren der beiden anderen Arten die-
ser Gattung kann ich nichts dergleichen bemerken; vielleicht
habe ich nur weibliche Exemplare. Sehr begierig bin ich zu
erfahren, an welcher Seite 0. Salutii und Defilippi den hec-
tocotylisirten Arm tragen. Beide haben im Habitus und in
den einzelnen Hautläppchen über dem Auge Aehnlichkeit mit
den beiden Arten von Scaeurgus.
Diese kurze Notiz hat , wie gesagt , nicht den Zweck,
die Sache definitiv zu erledigen , sondern ich beabsichtigte
nur, meine Galtung Scaeurgus der Beachtung derjenigen Na-
turforscher bestens zu empfehlen, welche an der Küste des
Mittelmeers zu beobachten Gelegenheit haben. Bis jetzt kann
ich mich noch nicht überzeugen , dass sie aufgegeben wer-
den müsse.
Besctireibunsf neuer H^irbelthiere aus Chile.
Von
Dr. R. A. Philipp
in Santiago de Chile.
1. Oxymycterus valdivianusPh.
Der ganze Pelz ist schwarz , beinahe sammlartig wie
beim Maulwurf, mit Ausnahme von Brust und Bauch, wel-
che etwas heller, nämlich dunkel blaugrau sind; die Nasen-
gegend und die obere Seite der Füsse sind schwarzbraun.
Betrachtet man die Haare genauer , so findet man , dass sie
am Grunde bläulich grau, in der Spitze tief schwarz, selten
weiss sind; sie messen drei Linien, sind sehr fein und weich,
stehen dicht, aber nicht sehr anliegend. Die Ohren sind kurz,
im Haar des Kopfes versteckt, abgerundet, und ziemlich dicht
behaart. Die Schnurrborsten sind wenig zahlreich, schwach,
kaum stärker als das gewöhnliche Haar, und nur kurz, in-
dem sie kaum bis zum Anfang der Ohren reichen. Die
Schnauze ist zjemlich spitz. Die oberen Schneidezähne sind
blassgelb, an der Spitze grad abgeschnitten, die unteren gelb-
lich weiss, schmaler, an der Spitze abgerundet, lieber die
Backenzähne kann ich leider nichts sagen. Mein Präparator,
dem ich gesagt hatte, mich rufen zu lassen, wenn der Balg
aufgeweicht wäre , damit ich die Backenzähne untersuchen
könnte, fand für gut, dies nicht zu thun , sondern entwarf
eine Zeichnung derselben, die nachher abhanden gekommen
ist. Seiner Aussage nach stimmen sie übrigens mit der im
Werk von Gay abgebildeten dieses Geschlechts überein. —
Die Füsse sind kurz, die Vorderfüsse haben einen deutlichen
304 Philippi: (
Daumen, der einen V^^ Linien langen Nagel trägt; die drei
folgenden Zehen sind beinahe gleich lang , und mit Nägeln
bewaffnet, die so lang wie die Zehen selbst sind ; die kleine
Zehe ist viel kürzer, so dass die Spitze ihres Nagels kaum
bis an den Anfang des Nagels des vierten Fingers reicht.
Die Hinterfüsse haben viel schwächere Nägel, sonst sind sie
den YorderfQssen ähnlich. Sämmtliche Nägel sind sichelför-
mig gekrümmt, nur wenig zusammengedrückt, oben wohl ge-
rundet, unten in eine Kante auslaufend. Die Nägel und die
nackten Theile der Füsse sind weiss, auch ist das Haar auf
dem Daumen und auf der Innern Seite des Zeigefingers weiss.
Der Schwanz ist unten und oben braunschwarz , und viel
dichter behaart als bei den eigentlichen Mäusen.
Unsere Art steht offenbar dem Hesperoinys megalonyx
Waterh. Zool. Proceed. 1844 p. 154 (übersezt bei Gay Zool.
I. p. 109) sehr nah , da diese Art dieselbe Grösse und das-
selbe Verhältniss des Schwanzes und der Ohren hat. Ich
finde nur bei megalonyx die Tarsen etwas länger , und die
Entfernung von der Schnauzenspitze bis zum Anfang der
Ohren ebenfalls etwas länger angegeben. Allein die Färbung
ist so verschieden , dass man schwerlich eine Identität der
Arten annehmen kann. Bei megalonyx ist nämlich die Ober-
seite des Körpers graubraun (grey brown) , die Unterseite
grauweiss (grey white), mit einem braunen Fleck auf der Brust,
with a brownish mark on the ehest.
Dimensionen valdivianus megalonyx
Länge von der Schnauzenspilze bis
zur Basis des Schwanzes . . 4" 3'" 4" 4'"
„ des Schwanzes 1" 6'" 1" 6'"
„ von der Schnauzenspitze bis zum
vordem Rand der Augen . — ^"^li!" — —
„ von der Schnauzenspitze bis zum
Anfang der Ohren .... 1" — 1" S'/.'"
„ der Ohren — 3'" ~ 3%"'
„ des Handtellers bis zur Spitze
der Nägel — TV.'" — —
„ des Fusstellers — 10'" — ny^
„ der Nägel der Vorderfüsse . — 2V3'" — —
///
^ der Nägel der Hinterfüsse . — IV
///
2
Beschreibung neuer Wirbelthiere aus Chile. 305
Dieser interessante Nager ist von Herrn Ludw. Landbeck
bei Valdivia gefunden ; er lebt unter der Erde , und kommt
nur des Nachts an die Oberfläche derselben, daher es schwer
hält, seiner habhaft zu werden.
2. Graculus elegans Ph.
Gr. corpore supra nigro , sublus albo ; parte dorsali
colli splendore metallico caeruleo -violaceo , dorso alisque
splendore viridi intentibus, macula alba in mcflio dorsi ; fascia
alba supra alas ; capite crislato, roslro nigro, pedibus fuscis ;
parte nuda ad basin rostri verrucosa, olivacea, regione ocu-
lorum azurea.
Die Befiederung {\es Kopfes fängt zwischen den Nasen-
löchern an , und wird durch eine Linie begränzt , die erst
schräg aufsteigt, dann horizontal bis etwas hinler die Augen
verläuft, sich dort beinahe rechtwinklig umbiegt, dicht hin-
ter der Schnabelöffnuiig fortgeht, und unten, wo sie mit der
der andern Seite zusammenstösst , wieder etwas nach vorn
umgebogen ist. Die nackte Stelle an der Basis des Schna-
bels, welche dergestalt begränzt ist , ist olivengrön, und
warzig, namentlich gegen die Nasenlöcher hin, mit Ausnahme
einer querovalen , Ty^ Linie langen , und 5y, Linie hohen
Stelle um das Auge , welche glatt und azurblau ist. Der
Schnabel selbst, welcher nichts Merkwürdiges darbietet, ist
grau. Die obere Seite des Kopfes ist tiefschwarz mit metal-
lischem grünblauem Schimmer , und trägt eine Holle von
schmalen, zwei Zoll langen Federn. Die Oberseite des Nak-
kens ist liefschwarz mit purpurblauem Metallschimmer; die-
ses Schwarz setzt scharf gegen die schneeweisse Farbe der
Seiten und des untern Theiles des Halses ab, und nimmt kaum
den vierten Theil des Umfanges des Halses ein. Dieselbe
tiefschwarze Färbung erstreckt sich über den ganzen Rücken
mit Ausnahme eines schneeweissen Fleckes in der Mitle des-
selben, schimmert aber mehr blaugrün. Die Schwanzfedern,
zwölf an der Zahl , sind grauschwarz , mit hellgrauen ins
Grünliche fallenden Schäften. Der Schwanz ist abgerundet.
Die Flügel sind schwarz mit grünem Melallschimmer ; eine
schmale weisse Binde setzt sie vom Rücken in der Färbung
ab. Die äussere Hälfte der Unterschenkel ist tief blauschwarz,
Arclüv 1 Nftlurgesch. XXIV. .Talirg 1 Ud. 20
306 P h i li p p i :
aber die vordere Seite derselben so wie die ganze Brust
und der Bauch bis zum Schwänze schneeweiss. Die Fösse
sind hellbraun.
Das Weibchen unterscheidet sich in der Färbung nicht
vom Männchen. Die Jungen sind an den Stellen , wo die
Alten schwarz sind, graubraun, und haben keine Holle.
Dimensionen.
Länge des Schnabels von den Nasenlöchern bis
zur Spitze 2" 3'"
des Körpers von der Schnabelwurzel bis zur
Schwanzspitze längs des Rückens gemessen 29" —
des Schwanzes 3" 6'"
des Tarsus 2'' 7"'
f)
n
n
M
15
der Aussenzeh 3" 10
der Mittelzeh 3"
„ des Zeigefingers 2" —
„ des Daumens 1" 3'"
Diese Art wurde im vergangenen Sommer vom Conser-
vator des Museums bei Chiloe erlegt, und scheint mir noch
unbeschrieben. Von den bei Gay aufgeführten Arten, von
denen ich mehrere noch nicht kenne, scheint ihm Gr. sar-
mentosus King am nächsten zu stehen. Von diesem weiss
ich nur, was Gay nach King davon sagt, und was sehr
wenig ist. Er hat keine Holle und der Hals selbst scheint
schwarz zu sein, da von ihm gesagt wird : coUo . . . atro-
purpureo . . . peclore, abdomineque . . . gula, genisque al-
bis. Sollte Graculus albiventer, von dem bei Gay weiter nichts
gesagt ist als : „superne brunneus , subtus albus^^ unser Vo-
gel im Jugendkleide sein ?
3. Ammocoeles caeruleus Ph. •^*3.
A. dorso caeruleus, venire lateribusque albidus; pinna
*j Obgleich ohne Zweifel diese sogenannten Ammocoetes-Arten
nur Jugendzustände von anderen Cyclostomen Chile's sind, so ist es
doch interessant die Verschiedenheiten derselben hervorgehoben zu
sehen. Möchte es dem Verf., welchem bei Absendung des Manu-
scriptes offenbar die Entdeckung Aug. Müller's über die Beziehun-
gen von Ammocoetes zu Petromyzon noch unbekannt war, gelingen,
die Zugehörigkeit dieser Larvenformen festzustellen. ^
Der Herausgeber.
Beschreibung neuer Wirbelthiere aus Chile 307
caudali spathulata; oculis argenteis, — Longit. SV^ poll., altit*
2'/^ Jin«? crass. ly^ Fin.
Der Körper ist schwach zusainmengodröckt , auf ciem
Rücken wie auf dem Bauch wohl gerundet. Die erste Rük-
kenflosse beginnt nach ^4 der Körperlänge , ist vier Linien
lang, und in der Milte, von wo sie nach beiden Seiten gleich-
massig abfällt, Yö Linien hoch. Nach einem Zwischenräume
von 2V2 Linien beginnt eine zweite Rückenflosse, die fünf
Linien lang, im dritten Theil ihrer Länge fast P/j Linien
hoch , und hinten etwas abgestutzt ist ; sie ist deutlich von
der Schwanzflosse getrennt, welche eine Linie dahinter an-
fängt, beinahe spateiförmig, oben Sy^, unten 4 Linien lang,
und 2 Linien hoch ist. Der After liegt zwischen dem vier-
ten und fünften Theil der Körperlänge. Das s. g. Spritzloch
ist sehr klein, ly^ Linien von der Schnauze entfernt, hinter
demselben ist in der Mittellinie und grade zwischen den Au-
gen ein weisslicher , opaker Punkt. Die Augen sind gross,
und haben eine weisse Iris ; ihr Vorderrand ist 2V2 Linie
von der Schnauze entfernt. Der Kopf ist von der Augenge-
gend an nach vorn etwas zugespitzt, hinter den Augen nicht
aufgetrieben. Die sieben Kiemenlöcher haben keine Furche
unter sich , das erste liegt 4'/3 Linie von der Schnauze
entfernt, das letzte T'/^ Linie. Die Mundöffnung ist länglich,
longitudinal, mit wulstigen Rändern, aber ohne eigentliche
Lippen. Die ganze Mundhöhle ist bis an den Rand mit
fleischigen Papillen bewachsen. Die Färbung ist oben blau,
unten bläulich weiss.
In den süssen Gewässern von Valdivia.
4. Ammocoetes Landbecki Ph.
A. dorso olivaceo-nigricans , venire lateribusque ar-
genteus, pinna caudali lineari, oblusiuscula ; oculis nigris.
Der Körper ist V/, Zoll lang, 'iV: Linie hoch, 2 Linien
dick , massig zusammengedrückt , am Rücken und am Hauch
gleichmässig gerundet. Die erste Rückenflosse beginnt nach-
dem der Körper drei Fünftel seiner Länge erreicht hat , und
ist etwa 4y2 Linie lang. Nach einem etwa eben so langen
Zwischenraum beginnt die zweite Rückenflosse , welche mit
der Schwanzflosse zusammenfliesst und ihre grösste Höhe
308 P h i 1 i p p i :
bald hinter ihrem Anfang erreicht. Oje Schwanzflosse ist
linealisch, stumpflich , und reicht unten nicht bis zur Mitte
der Entfernung- zwischen Schwanzspitze und After. Dieser
liegt zwischen dem vierten und fünften Theil der Körper-
länge. Das s. g. Sprilzloch ist eine schwer zu sehende Ver-
liefung, und steht IV2 Linie von der Schnauze entfernt. Da-
hinter befindet sich, wie bei der vorigen Art, in der Mittel-
linie und grade zwischen den Augen ein weisser , matter
Punkt. Die sciiwarzen Augen sind von verhältnissmässiger
Grösse und stehen 2 Linien von der Schnauzenspitze ent-
fernt. Nach vorn verschmälert sich der Kopf allmählich von
der Augengegend an, während er hinter den Augen etwas
angeschwollen ist. Die Kiemenlöcher fangen unmittelbar
hinter dieser Auftreibung an ; es sind deren sieben , und
von jedem verläuft eine kleine Furche schräg nach unten
und hinten , um in einer horizontalen , flachen und breiten
Furche zu enden. Der Mund liegt auf der untern Seite der
Schnauze , und ist länglich und longitudinal. Seine dicken
und fleischigen Ränder vertreten die Stelle der Lippen; in-
wendig ist er mit fleischigen Papillen besetzt. Die Farbe
ist olivengrün, ins Graue ziehend ; der Bauch ist weiss, der
Kopf von den Augen nach vorn weisslich ; der Mundrand
vorn und an den Seilen schwärzlich.
In den süssen Gewässern von Valdivia.
5. Chilopterus Ph.
novum genus Piscium cyclostomaceorum.
Corpus vermiforme, coecum. Os edentulum. Labia duo
distincta, inferius formam tubi dimidiali brevis referens ; su-
perius maius, transversum , seiniorbiculare , lateribus liberis
involutis labrum inferius ampleclens. Pinna dorsalis unica
cum candali confluens.
Der Körper ist drei Zoll lang, 2 Linien hoch, andert-
halb Linien dick , also schwach zusammengedrückt , oben
und unten gerundet, nach der Schnauze hin etwas verschmä-
lert. Die Rückenflosse beginnt nachdem der Körper drei Vier-
theile seiner Länge erreicht hat und fliesst mit der Schwanz-
flosse zusammen ; die Schwanzflosse hat eine abgerundete
Spitze und nimmt auf der untern Seite des Körpers den
Beschreibung neuer Wirbelthiere aus Chile. 309
sechsten Theil der Länge desselben ein. Der After liegt dem
Anfang der Rückenflosse gegenüber. In 2'/^ Linien Entfer-
nung von der Schnauze fangt jederseits etwa in der halben
Höhe des Körpers eine Furche an, welche schwach gebogen
ist, und sicli nach hinten etwas senkt; sie ist 4^', Linien
lang und enthält die 7 Kiemenlöcher. Von Augen ist we-
nigstens äusserlich keine Spur vorhanden. Das s. g. Spritz-
loch liegt l'/4 Linie von der Schnauze entfernt, und bildet
eine trichterförmig erweiterte Röhre. Etwas unter demselben
erblickt man jederseits eine zwei Linien lange , horizontal
nach hinten sich erstreckende Furche , und eine senkrecht
vom Ursprung derselben herabgehende kürzere Furche. \Venn
man die gewöhnlich mit den Rändern eingeschlagene Ober-
lippe ausbreitet, so erscheint sie beinahe kreisförmig, 2 Li-
nien breit und IV, Linien lang; ihre Seilen sind frei und
abgerundet. Die von der Oberlippe umfasste Unterlippe hat
die Gestalt eines in der Mitte der Länge nach durchgeschnit-
tenen Cylinders und ist y^ Linien lang. Der mittlere Theil
der Oberlippe ist innen mit Papillen dicht beselzt , welche
nach der Mitte hin am grössten sind. Zähne sind nicht vor-
handen. Die Farbe ist durchweg olivengrün, auf der Ober-
seite des Kopfes etwas dunkler , auf dem Bauch kaum hel-
ler; die Flossen sind farblos.
In den süssen Gewässern von Valdivia.
Ich verdanke die Kennlniss dieser drei Arten Herrn
Ludwig Landbeck.
ö. Galaxias minutus Ph.
G. parvus , gracilis , pellucidus , punctis nigris in linea
dorsali, in linea laterali , ad basin pinnae caudalis et in ca-
pite ; pinna anali dorsalis altiludinem aequante.
Dieser kleine Fisch ist in Valdivia unter dem Namen
Puye bekannt, und wird bisweilen in unsäglicher Meni^e ge-
fangen und gegessen. Er ist sehr schlank, nämlich bei einer
Länge von 2 Zoll vier Linien, nur 2Y2 Linie hoch und P /_j
Linie dick. Im Leben ist er wasserhell und beinah durch-
sichtig, in Spiritus geworfen wird er natürlich weiss. Schwärz-
liche Pigmenlflecke in Gestalt feiner Punkte nehmen den Rük-
ken , die Seitenlinie und die Basis der Afterflosse ein , und
310 Philippi:
bilden auf dem Kopf ein paar grössere Flecke. Gewöhnlich
unterscheidet man einen rundlichen Fleck zwischen den Au-
gen, und dahinter einen andern in Gestalt eines nach vorn
offenen V, auch die Oberlippe ist schwärzlich. Die Uücken-
flosse ist nicht so hoch wie lang , die Afterflosse ist etwas
länger, aber durchaus nicht niedriger. Die Rückenflosse hat
10, die Schwanzflosse 16, die Afterflosse 14 Strahlen.
7. G alaxias punctulatus Ph.
G. griseus, in dorso et lateribus nigro-punclulatus et
marmoralus ; linea laterali nigropunctata ; pinnis Omnibus hya-
linis, anali altiludine dorsalem aequante.
Dieser Fisch ist vom Conservator des Museums, Herrn
Germain , bei Puerto Monte unter Fucus gefunden , kommt
aber auch häufig in den Flüssen von Valdivia vor. Er ist
2 Zoll 6 Linien lang , 4 Linien hoch , 2y2 Linie dick. Der
Rücken und die Seiten sind grau, und mit schwärzlichen
Punkten übersäet, welche gewöhnlich an einzelnen Stellen dich-
ter stehen, so dass dadurch ein marmorirtes oder geflecktes
Ansehn entsteht. Die Seitenlinie ist durch grössere schwarze
Punkte sehr ausgezeichnet. Sämmlliche Flossen sind farblos.
Afterflosse und Rückenflosse sind gleich hoch; die Schwanz-
flosse ist gegabelt u. s. w. Die Zahl der Strahlen in den
Flossen ist wie bei der vorigen Art.
Ich habe diese Art erst für 6?. maculatus Jenyns ge-
halten , allein bei dieser soll die Afterflosse niedriger sein
als die Rückenflosse ; auch ist die Färbung etwas verschie-
den, namentlich scheint gegenwärtige Art durch die schwarze
Seitenlinie sehr ausgezeichnet zu sein. Leider kani^ ich die
Originalbeschreibung von Jenyns nicht nachsehen. Mit der
vorigen Art ist G. punctulatus nicht zu verwechseln , da er
bei fast gleicher Länge sehr viel höher und dicker ist.
8. Farionella fasciata Ph.
Die Exemplare dieses Fisches sind zwar in Folge eines
zu starken Weingeistes nicht so wohl erhalten, als zu wün-
schen ist; dennoch will ich die Existenz dieses interessanten
Geschlechtes in den Bächen von Valdivia constaliren, da die
einzige bisher bekannte Art, F. Gayi, aus Brasilien stammen
Beschreibung neuer Wirbelthiere aus Chile. 311
soll. Mein Fisch ist 3 Zoll 8 Linien lang, 6—7 Linien hoch,
und in der Kopfgegend 5 Linien dick. Die Schnauze ist ziem-
lich stumpf, Bauch und Rücken verlaufen beinahe parallel,
und nähern sich einander allmählich bis zur Schwanzflosse.
Die Flossen haben dieselbe Lage und ziemlich dieselbe Grösse
und Gestalt wie bei F. Gayi Valenc. Die Rückenflosse hat
10 — 11 Strahlen, und ist etwas grösser als bei jener. Die
Schwanzflosse, deren beide Aeste gleich sind, hat 16 Strah-
len, ohne die kleinen jederseits , die auch auf der untern
Seile weit über den Anfang der Schwanzflosse fortlaufen.
Die Afterflosse hat 13—14 Strahlen, die Bauchflosse 7, die
Brustflosse 13 Strahlen. Die Farbe ist auf dem Rücken und
den Seiten hellbraun mit etwa 10 schwarzen , unregelmässi-
gen, schmalen Querbinden ; der Bauch ist gelblich, die Flos-
sen schwärzlich. Ich hofl'e im nächsten Sommer den Fisch
nach dem Leben beschreiben zu können , da er in den Bä-
chen meines Gutes S. Juan vorkommt. Ich bemerke einen
Widerspruch zwischen der Beschreibung und Zeichnung der
F. Gayi. In der Beschreibung bei Valenciennes Vol. XXII.
p. 510 heisst es : couleur gris plombe de bleuatre sur le
dos,-il y a de nombreuses bandeleltes brunes verticales,
aber die Figur T. 649 zeigt keine bandeleltes, sondern einen
über und über mit schwärzlichen Flecken gesprenkelten Kör-
per. Variirt die Färbung? Sollte die Angabe des Vaterlan-
des irrig sein? Aus welchem Theile Brasiliens ist der Fisch?
Beiiierkuiig-oii über den Schädel von Gravialis
fScIileg^elii und Crocodiluü raniniis.
Von
Geh. Rath Prof. Or. Ulayer
in Bonn.
Oben genannte zwei Krokodil-Schädel, welche das ana-
tomische Museum zu Bonn neuerlich von Herrn Ihne v. E.
zum Geschenk erhalten hatte, verdienen wohl wegen ihrer Grösse
und Seltenheit eine nähere Besprechung in dieser Zeitschrift.
Der eine Schädel gehört dem Geschlechte der Gaviale,
Rhamphostoma oder Crocodilus longirostris , an. Cuvier
kannte nur eine Species hiervon , die des Ganges-Krokodil
(Crocodilus gangeticus) : denn eine kleinere Species dieses
im Ganges lebenden Krokodils war er selbst geneigt nur für
eine Alters-Varietät zu halten. Später hat aber der hollän-
dische Naturforscher Sal. Müller eine zweite Spezies in
Borneo entdeckt, welche er, zu Ehren des berühmten Amphi-
biologen in Leyden , mit dem Namen Gavialis Schlegelii be-
legte. Nach den in den Verhandlungen over de natuurlyke
Geschiedenis, Leyden 1840 mitgelheilten Abbildung Tab. III.
Fig. 2. von einem niet geheel volwassen vorwerp zu schlies-
sen, bei welcher y^ der ganzen Länge des Schädels dieses
Gavials zum Maass genommen wurde , scheint unser Schädel
über einen halben Fuss grösser als jener zu sein.
Die auf Tab. 111. Fig. L gegebene Abbildung ist die
des Schädels eines alten (een zeer oud) Thieres. Sie ergibt
die Grösse von 2 Fuss 3V2 Zoll. Unser Schädel, welcher we-
gen den noch ganz deutlich vorhandenen und unterscheid-
baren Nählen, den vielen noch ungebrauchten Zähnen, nicht
als sehr alt, und nicht als ausgewachsen zu hallen ist, ist
dennoch (jetzt schon) \% Zoll grösser als der I.e. abgebil-
dete. Das Charakteristische des Schädels von Gavialis Schle-
gelii^ wodurch sich dieser Gavial vom Ganges-Krokodil we-
sentlich unterscheidet , besteht vornämlich darin , dass die
Mayer: Bemerk, über den Schädel von Gavialis Schlegelii etc. 313
Nasenbeine bei diesem nur kurz sind, ungefähr y^ der Länge
der Schnauze betragen und von der obern Gränze derlnterma-
xiilarbeine noch weit abstehen; dagegen bei den Gavialen der
Sunda- Inseln die Nasenbeine über die Haltte der Länge der
Schnauze ausmachen , und sich zwischen die Intermaxillar-
knochen hineinschieben — anderer Punkte nicht zu geden-
ken. Wenn ich nun zu dem Uebergewichte der Grösse un-
seres Schädels noch den der bedeutenderen Schmalheit des
Oberkiefers , die Breite , Länge und Do[ipelheit des Vomer
hinzufüge, ausserdem den Aufenthalt des Gavialis Schlegelii
in dem Lamoeda-See, also in dem Binnenland von Borneo,
den des unsrigen in dem Sundameer der Westküste von Bor-
neo selbst in Anschlag bringe, so möchte vielleicht unser
Gavial-Schädcl als eine Varietät der Gavialis Sthlegelii anzu-
sehen sein.
Der andere , eben so enorme Schädel ist zwar etwas
kürzer, hat aber durch seine Breite ein noch mächtigeres
Ansehen. Er gehört, vermöge der Orbital-Leisten dem Genus
Crocodiius biporcatus an; zeichnet sich aber eben durch eine
grosse Breite aus. Es ist unser grosser Schädel ebenfalls
ein Bewohner der Sundasee und an der Küste von Surabaya
der Insel Java gefangen. Unser anatomisches Museum be-
sitzt schon , als ein Geschenk meines im Jahre 1819 hier
studirenden Assistenten, des Herrn Dr. Zeller er, leider als
Scliiffsarzt in der Südsee zu früh gestorben , sechs Schädel
von Crocodiius biporcatus von der Länge von 1 Fuss 2 Zoll.
Die beiden genannten berühmten Zoologen bilden in
ihrem so schönen Werke nun ebenfalls einen ganz grossen
Schädel von Crocodiius biporcatus ab, welchen sie Crocodi-
ius biporcatus raninus nennen, und als dessen Aufenthalt Bor-
neo angegeben wird. Mit diesem stimmt unser Schädel auch
ganz überein , ausgenommen etwa die Grösse , welche bei
dem unsrigen ebenfalls bedeutender zu sein scheint. Die
Nähte sind schon sehr undeulliih und verwachsen , auch die
Zähne nierklich abgenutzt , wie ersleres aber auch bei den
vier Jüngern Sc hädeln von 1 Fuss 2 Zoll Statt findet.
Der Schädel der Krokodile zi-ichnet sich bekanntlich
mehr noch als der der Vögel und der Chelonier etc. durch
das Zerfallen ganzer Knochen in einzelne Stücke oder Frag-
314 Mayer:
mentc aus. Es konnte daher nicht fehlen, dass die Zootomen
über die Benennung dieser einzelnen Stücke, ihrer von dem
Typus der höhern Thiere abweichenden Form wegen und über
die Analogie dieser Schädelknochen überhaupt, untereinan-
der nicht einverstanden waren. Die paradoxen Deututigen
und Benennungen derselben von Oken, Spix und Andern
hat man wohl verlassen dürfen und sich anatomisch richtiger
an die von Cuvier und an die von ihm mit dem ihm eige-
nen Scharfblicke vorgeschlagenen Deutungen angeschlossen.
Was nun aber diese Deutung überhaupt und namentlich die
der Knochen des Kopfes der Krokodile (Saurier) betrifft, so
glaubt der Verfasser dieses sich von der von Cuvier den-
noch in einigem Detail entfernen zu müssen und seine eige-
nen Benennungen vorziehen zu dürfen.
Es ist hier nicht der Ort , sich darüber weitläufig zu
verbreiten. Ich will daher nur die Hauptdifferenzen kurz an-
deuten , worin ich von der Cu vi er'schen Benennung der
Kopfknochen, und hier speciell von der des Krokodils , ab-
weiche. Cuvier's os palatinum nenne ich os palatinum an-
ticum mit seinem proc. frontalis ; sein os pterygoideum in-
ternum bleibt als solches , sein os pterygoideum externum
(transversum) dagegen nenne ich pars palalo-orbitalis ossis
palatini , das eigentliche os pterygoideum externum finde ich
noch vorhanden als einen besonderen dünnen Knochen mit
seiner noch deutlich markirten fossa pterygoidea. Cuvier's
OS mastoideum ist mir os parietale laterale ; sein os quadra-
tum , os condylo - temporale , sein temporal - ecailleux , os
zygo- temporale. Im üebrigen stimme ich der Bezeichnung
Cuvier's bei und bemerke nur, dass, ausser den Conchae
in der Nase zwei Conchae als os ethmoideum an der Stelle
des Ganglions des Nerv, olfactorius vorkommen.
Als merkwürdig verdienen noch in dem Bau der Kopf-
knochen der Krokodile die, nicht ganz bekannten, grossen Höh-
len oder Sinus darin erwähnt zu werden, welche theils mit
der Trommelhöhle und dadurch nach Aussen mittelst der Ohr-
trompete , theils untereinander in Verbindung stehen. Selbst
in dem Gaumenbein, hier in Form einer grossen Bulla, wel-
che mehr oder minder verknöchert, ferner im Vomer u. s. f.
befinden sich solche Sinusse, wahrscheinlich zu dem Zwecke
Bemerk, über den Schädel von Gavialis Schlegelii etc. 315
das Gewicht des Schädels hehufs des Schwimmens zu ver-
mindern und dieses zu erleichtern.
Ich erlaube mir hier noch ganz kurz meine Einthei-
lung der Familie der Krokodile und die Benennung der ein-
zelnen Arten zu erwähnen. Ich stelle nämlich folgende drei
Species des Genus unicum, Crocodilus, auf.
Familia Crocodilini.
I. Crocodilus ÄUigator.
Hierzu gehören Cr, breviroslris, All. Scicrops, All. Lu-
cius, A. palpebrosus, et A. fissipes.
Characler : Dens primus et quartus inframaxillaris in foveam
propriam maxillae superioris inlrant.
II. Crocodilus Champse (Herodol) seu Crocodilus la-
tirostris.
Hieher gehören : Champse niloticus, biporcatus, raninus,
rhombifer, acutus.
Characler: Dens primus inframaxillaris per foramen maxillae
superioris atque cutis externae labii penetrat, dcns quar-
tus vero in sulco proprio max. sup. decurrit.
III. Crocodilus Gavialis s. tenuirostris.
Hierzu: Gav. gangeticus, G, Schlegelii (und vielleicht
unser G. sundaicus ?).
Character : Dens primus et quartus inframaxillaris in sulco
iis proprio maxillae superioris decurrunt.
Ich knüpfe endlich hieran noch einige Bemerkungen
über die alte Frage oder Behauptung von der Bewegung des
Oberkiefers während des Maulaufsperrens beim Krokodil. Be-
kanntlich datirt sich diese Angabe von Herodot her (II. 68).
Nach ihm sagt auch Aristoteles (de part. anim. I. 1 I.
und 111. 7), dass alle Thiere den untern Kiefer bewegen, das
Flusskrokodil allein nur den oberii ""). Seal ig er vergleicht
diese Beweglichkeit des Oberkiefers beim Krokodil mit der
des Oberschnabels beim Papagey. In neuester Zeit noch
stimmt Geoffroy St. Hilaire, welcher das Nil-Krokodil
*) S. über Aristoteles Thiergeschiehle ein sehr gut geschrie-
benes rrogranim des Gymnasiallehrers Sonnenburg. Üonn 1857.
316 Mayer:
in Aegypten selbst beobachtete, mit Herodot überein, des-
sen Angabe er „rigoureusement vraie'^ nennt. Cuvier (Re-
gne animal Tom. II. p. 18j sagt jedoch schon bestimmter, ob-
wohl nicht näher in die Frage eingehend : il sernble que la
mächoire superieiire soit mobile et les anciens l'ont decrit
ainsi, mais eile ne se meut qu'avec la tete toute entiere.
In der Erpetologie general vonDumeril (111.25) wird
diese Behauptung so modificirt , dass nicht der Oberkiefer
allein, sondern vielmehr der ganze obere Theil des Schädels
sich auf dem Unterkiefer bewegen könne, wenn dieser auf
einer festen Fläche aufruhe. Da aber solches Aufruhen beim
Krokodil im Wasser nicht statt findet, so fällt auch der Vor-
dersatz hinweg und ist Dumeril's Ausspruch als nichtssa-
gend anzusehen. Wird der Unterkiefer beim menschlichen
Schädel, wie bei dem der Säugethiere, Vögel und Amphibien
festgestellt, auf einer Fläche angeheftet, so kann man den-
selben, somit den ganzen Oberschädel auf dem Gelenkkopfe
des Unterkiefers, wie sich von selbst ergiebt, bewegen, aber
solche Fixirung findet während des Lebens oder überhaupt
nicht statt.
Es ist nun die Frage eine doppelte, nämlich : 1) findet
beim Krokodil eine eigne selbstständige Bewegung des Ober-
kiefers statt? oder 2) bewegt sich der Oberkiefer beim Maul-
aufsperren nicht isolirt, sondern nur mit dem ganzen Ober-
kopfe ? Die erste Frage ist von vorn herein zu verneinen,
weil beim Krokodil der Oberkiefer von den frühesten Zeiten
an, den Fötuszustand ausgenommen, mit den anliegenden Ge-
sichts- und Schädel-Knochen fest verwachsen ist.
Dagegen findet bei einigen Thiercn wirklich eine Be-
weglichkeit und Bewegung des Oberkiefers für sich beim
Rachenaufsperren statt und zwar :
1. Unter den Vögeln bei Vögeln von zartem Knochen-
bau des Schädels, bei den kleinen Vögeln, den Sangvögeln,
ferner bei den Papageyen und Andern, jedoch aber nur im
lebenden Zustande, nach getrocknetem Schädel nicht mehr,
oder auch nur im jugendlichen Alter.
Es rührt nämlich diese l'eweglichkeit des Oberschna-
bcls Iheils davon her , dass der Oberschnabel an dem dün-
nen elastischen Nasenbein sich einbiegen lässt, Iheils davon,
Bemerk, über den Schädel von Gavialis Schlegelii etc. 317
dass derselbe mit dem Flügelbein verbunden an dem Gelenk-
knopf des Grundlheiis des Keilbeins und mit dem Gaumen-
bein an dem Gelenkknopf des Schläfenbeins artikulirf.
Unter den Reptilien ist der freie Oberkieferknochen selbst-
ständig- entweder ganz oder nur sein os intermaxillare be-
weglich bei Allen , deren Kopfknochen gelrennt und durch
Syneurosis zusammenhängen (Ossa capitis discrela) , weni-
ger bei den Calrachii und den Lacerlinae , besonders aber
bei den Colubrinae, Pylhonideae unter den Ophidii ; dagegen
nicht bei den Chelonii und nicht bei den sogenannten Wurm-
schlangen. Bei den Letztem, wo Ossa concreta statt finden
z. ß. bei dem Genus Amphisbaena , ist der Kopf felsen-
hart und der Schädel im Kleinen dem eines Carnivoren-Säu-
gethieres ähnlich. Da diese Schlangen meistens in die Erde
sich einbohren, so ist solcher harter Knochenbau des Schä-
dels wohl erforderlich. Ich habe früher auch in Betreff die-
ses Knochenbaues die Ophidii in 0. Chondrocephali und 0.
Osteocephali geschieden.
2. Was die Fische betrifft , so ist der Oberkieferkno-
chen bei den meisten isolirt beweglich, oder es ist dies we-
nigstens das OS intermaxillare, bei andern knorpelarlig und
elastisch ; bei einigen Familien und Gattungen aber verwach-
sen und fest. Die sogenannten Knorpelfische, Chondropterygii
Cuvier's sind es nicht eigentlich, sind es nur in der Ju-
gendzeit, im Alter nicht mehr, und die Wirbel, die enormen
Zähne der Hayen hätten schon eines Bessern belehren kön-
nen. Es besteht zwischen Osleoplerygii und Choniiropterygii
kein wesentlicher Unterschied der Knochensubslanz.
Was nun die Antwort auf die zweite Frage betrifft, so
ist sie die, dass bei dem Krokodil nicht mehr und nicht min-
der, wie bei dem iMenschen , den Säugethicren und den
Stereocephali der Amphibien und Fische der Oberkiefer nur
mit dem ganzen Kopfe zugleich auf- und abwärts, beim off-
nen Maule sowohl wie beim geschlossenen, bewegt oder zu-
rückgebeugt wird und zwar auf der Gelenkgrube des Atlas
und zugleich auf dem Condylus maxillae inferioris oder zugleich
auf dem Kiefer- und im Kopfatlas - Gelenke, durch die Mus-
keln des Nackens, den Muse. Irapezius, splenius, complexus et
biventer und durch die MM. recti capitis. Dieses geschieht bei
318 Mayer: Bemerk, üb. d. Schädel Gavialis Schlegelii etc.
ruhendem oder unbewegtem Unterkiefer , der nun dabei der
Bewegung des Kopfes folgt , d. i. ebenfalls, wie der Ober-
kiefer nach aufwärts steigt oder mit gezogen wird , wobei
die MaulöfFnung aber unverändert bleibt.
Wenn aber, bei dem Krokodil, gleich wie bei den Säu-
gelhieren etc. und dem Menschen gleichzeitig, so wie
der Kopf durch die genannten Nackenmuskcln nach hinten,
d. i. der Oberkiefer nach aufwärts gezogen , auch der Un-
terkiefer kräftig nach abwärts bewegt wird, was hauptsäch-
lich durch den M. digastricus maxillae geschieht, wie es bei
dem Rachenaufsperren der Fall ist, so entfernen sich beide
Kiefer gleichzeitig von einander , der Unterkiefer wird im
Gelenke festgestellt und es wirken nun der M. digastricus,
der am Hinterkopfe hinler dem processus mastoideus ent-
springt, mit den Nackenmuskeln, welche etwas weiter hinten
an's Occiput sich ansetzen , als Musculi socii gemeinschaft-
lich zusammen. Diese Bewegung des Unterkiefers dauert aber
nur einen Moment und es trilt bei ganz aufgesperrtem Maul
oder Rachen sogleich die Auf- und Rückwärts-Beugung des
Oberkopfes ein , welche also dabei das wesentliche Moment
ist. Dieses ist die richtige Deutung des Phänomens und die
detaillirte Beantwortung obiger Frage, welche man wohl, da
sie noch nie gehörig besprochen worden , nicht als eine
müssige ansehen wird.
Noch möchte ich eine andere Stelle im Herodot, die
auch noch in Aristoteles vorkommt, berühren, welche
aussagt , dass die Aegypter ihrem Krokodil die Zunge ab-
sprechen. Sie ist aber vorhanden , nur an den Boden der
Mundhöhle fester angewachsen , daher kaum vorstreckbar;
dabei nicht weich und nackt, sondern mit quadratischen Schup-
pen, wie die der äussern Haut, bedeckt, in deren Mitte aber
kleine Wärzchen sichtbar sind, welche, wenn nicht Geschmacks-
wärzchen, doch Gefühls- oder Tasl- Wärzchen sind , so dass
die Geschmacksempfindung etwa erst in den zahlreichen fei-
nen Wärzchen der Schleimhaut hinter der Zunge und im
Rachen staltfinden wird. (S. Mayer über die Zunge Nov.
Act. Acad. Leopold. Vol. XX. P. IL).
IVeue Silatrachior in clor Saininluiig: des
Brltisclieii Ifluseuins.
Von
Dr« A» Oiintlier*
Ich gebe in Folgendem eine Liste der neuen Arten der
Batrachia Anura , welche ich beim Ordnen der Thiere die-
ser Classe im Britischen Museum vorfand und benannte. Die
vollen Beschreibungen und Abbildungen derselben sind in
meinem nunmehr erschienenen „Synoptic Calalogue of the
Batrachia Salientia in the Collection of the British Museum.
London 1858" enthalten. In BetrefT des Systemes, nach wel-
chem ich diese Unter-Ordnung eintheilte , verweise ich auf
eine in den Proceedings of the zoological Society 1858 ent-
haltene Abhandlung, in welcher ich dasselbe näher begrün-
dete. Die Sammlung, welche die Basis dieser Arbeiten bil-
dete, enthält etwa 1000 dieser Thiere.
Ranina.
Pseudis Wagler.
Ps. minula.
Catal. p. 6.
Schnauze niedergedrückt , breit und vorne abgerundet.
Ein schiefer weisser Streif vom Auge zum Mundwinkel, und
ein zweiter von der Schuller zu der Seite des Bauchs. Halb
so gross als Ps. paradoxa. Südamerika.
Oxyglossus Tschudi.
0. laevis.
Catal. p. 7. pl. 1. lig. A.
Bedeckungen glatt, mit wenigen, kleinen, sehr flachen
Warzen; Zunge oval und hinten nicht zugespitzt; Metatarsus
320 Günther:
mit einem einzigen Höcker. Braun, dunkler gewölbt, mit
oder ohne weissen Rückenslrejfen. Körper ly^" lang. Phi-
lippinen,
Rana,
R, superciliaris.
Catal. p. 17. pl. 1. flg. B.
Schnauze sehr verlängert und zugespitzt ; Choanen
klein, weit entfernt vom Schnauzenende; Tympanum beinahe
so gross wie das Auge; Rücken mit hohen LängsfaKen; das
obere Augenlid vorne und hinten mit einer Falte, so dass
hinten ein freier, vorstehender Rand entsteht. Die Schwimm-
haut reicht nicht bis zum Endo der Zehen; der vierte ist
ein drittel länger als der dritte; Metatarsus mit nur einem
kleinen Tuberkel. Gaumenzähne in zwei kurzen Reihen , nahe
am vordem Rande der Choanen. Hinterseite der Schenkel
mit weissen und schwarzen Längsstreifen. Verwandt mit Rana
Bibronii. Sierra Leone.
R. occipitalis.
Catal. p. 130. pl. 11.
Im Habitus R. tigrina ähnlich. Körper bedeckt mit
kleinen Tuberkeln und kurzen Falten; keine deutlichen Po-
ren. Augenlid-Falten, wie in der vorigen Art, aber die hin-
tere zieht sich quer über das ganze Hinterhaupt herüber
und ist von einem weisslichen Streifen begleitet. Zehen von
mittlerer Länge, jede mit knopfförmigem Ende; die Schwimm-
haut reicht bis zum äussersten Ende und ist nicht ausge-
schnitten ; die vierte Zehe ist nicht viel länger als die dritte.
Grünlichbraun , dunkler marmorirt. Körper 4" lang. West-
Afrika.
Limno dynastes Fitzinger.
Habitus gedrungen. Finger ganz frei; Zehen frei oder
nur mit einem leichten Rudimente einer Schwimmhaut. Haut
des Rumpfes ohne grosse Drüse. Gaumenzähne hinten an den
Choanen in einer geraden Reihe, welche kaum in der Mitte
unterbrochen ist. Zunge rund , hinten beinahe ganzrandig.
Choanen und eustachische Röhren massig weit; Tympanum
Neue Batrachier in der Sammlung^ des Britischen Museums. 321
verborgen. Männchen mit unpaarem äusseren Stimmsack.
Australien. Hierher Cyslignnthus dorsalis Gray, Cyst. Pe-
ronii D. B., Discoglossus ornalus Gray und
L. tasmaniensis.
Catal. p. 33. pl. 2. fig-.B.
Ohne Waden - Drüse. Schnauze von massiger Länge,
niedergedrückt und flach. Oben olivenfarbig mit dunkleren
Flecken und einem weissen Rückenstreifen. In alten Weib-
chen sind die beiden Innern Finger breit gesäumt. Körper-
länge IV3". Van Diemens Land.
Bracliyceplialina.
Phryniscus Wiegmann.
Ph. laevis.
CataL p.43. pl. III. lig. A.
Rückenseite ganz glatt oder mit flachen Warzen; ohne
Dornen. Schnauze vorstehend , die verlängerten Linien des
Canthus rostralis würden einen spitzen Winkel bilden. Can-
thus rostralis aufgetrieben, Stirn concav. Die Unterfläche
von Hand und Fuss mit flachen, glatten Warzen. Tarsus mi
einer Hautfalte, der erste und zweite Finger mit halber
Schwimmhaut. Oben schwarz-braun, unten weisslich; After-
gegend bräunlich. Grösse von Bombinator igneus. Chili.
Panama.
Bnfonina.
Bufo.
B. Kelaartit.
CataL p. 139. pL 10. fig. A.
Kopf platt, ohne knöchernen Wulst; canthus rostralis
rechtwinklig und mit Tuberkeln besetzt ; Rand des Augen-
lieds mit einer Reihe Tuberkel. Obere Theile warzig; Paro-
tis sehr schmal und verlänirert. Zehen mit breiter Schwimm-
haut. Tympanum undeutlich. Oben braun, mit einem hellen
Querband zwischen den Augen. Bauchseite gelblich, braun-
gefleckt. Ceylon.
Archiv f. Nftturgesch. XXIV. Jahrg. 1. Bd 21
322 Günther:
B. intermedius,
Catal. p. 140. pl. 9. tig. A.
Ueber der Orbita ein knöcherner Wulst, von dem hin-
ten ein zweiter, zwischen Orbita und Parotis rechtwinklig,
abgeht, aber unter der Haut verborgen ist. Parotis elliptisch,
von mittlerer Grösse; Tympanum mehr oder weniger undeut-
lich; der erste Finger länger und dicker als der zweite. Me-
tatarsus ohne Hautfalte, mit zwei hornigen, braunen Höckern ;
Zehen mit halber Schwimmhaut. Oben bräunlich oder grün-
lich-olivenfarbig , unregelmässig braun gefleckt ; kein Rük-
kenstreifen; Flecken zwischen den Augen unsymmetrisch.
Körper SYj" Inng. Anden von Ecuador.
B, anomalus.
Catal. p. 57.
Kopf platt, ohne knöchernen Wulst. Parotiden massig
gross, vierseitig; der innere Rand des Tarsus mit einer Reihe
kleiner Höcker; Metatarsus mit einer schwarzen, scheiben-
artigen Hervorragung wie in Pelobates cultripes und mit einer
zweiten auf der andern Seite, die aber viel kleiner und rund
ist und eine schwarze Spitze hat. Zehen mit halber Schwimm-
haut; der dritte Finger länger als der vierte, die dritte Zehe
länger als die fünfte. Oben mit kleinen dornigen Warzen.
Tympanum undeutlich und sehr klein. Körperlänge ly^".
Mexiko.
Der Name ist nicht von mir gegeben, ich fand ihn auf
der Weingeistflasche ohne weitere Notiz. Da aber die Spe-
cies noch nicht beschrieben ist, so betrachte ich sie als neu
mit Beibehaltung des Namens, der mir passend erschien.
B, tuberosus.
Catal. p.60. pl.HI. flg. C.
Kopf oben etwas concav, breit, ohne knöchernen Wulst.
Pafotiden oval, schief gelagert und ohne schwarzen Rand ;
keine Schenkeldrüse; Tympanum deutlich, klein, rund.
Schwimmhaut reicht nicht bis zur Hälfte der Zehen; Finger
dünn, lang, der dritte viel länger als der vierte. Bedeckt
mit grossen, dornigen Warzen. Oben einfarbig braun mit
verwischten dunklen Flecken; unten schmutzig-gelb, braun-
gefleckt. Grösse von B. viridis. Fernando Po.
Neue ßatrachier in der Saininhing des Britischen Museums. 323
b. ocellatus.
Catal. p. 64.
Kopf oben in der Mitte abgeflacht, aber mit zwei knö-
chernen Länorswülston , welche an der Sclniauze becrlunen,
stark divergiren und hinten gabelig sich Iheilen. Schnayze
etwas zugespitzt, vorstehend. Parotiden nicht vortretend,
undeutlich; Tynipanum sehr deutlich, viel höher als breit.
Oben warzig, unten körnig. Zehen mit halber Schwimmhaut ;
Tarsus ohne seitliche Hautfalte; Metatarsus mit zwei Höckern.
Rücken braun mit einem gelben Längsstreifen und vier oder
fünf paarigen schwarzen, gelb-eingefassten Flecken. Seiten
gelb-, Bauch schwarz -getüpfelt. Grösse von B. viridis. —
Brasilien.
B. sternosignatus.
Catal. p. 68. pl. Y. fig. C. C.
Kopf oben abgeflacht, mit einem knöchernen Wulst rings
um den obern Rand der orbita ; in jungen Individuen ist er
hiqlen gabelig, in alten erstreckt er sich bis über das Tyni-
panum. Schnauze zugespitzt, vorne senkrecht abgeschnitten;
vor dem Auge eine seichte Vertiefung; Tympanum deutlich.
Zehen mit halber Schwimmhaut; Innenrand des Tarsus mit
einer Reihe Höcker; unten braungefleckt, dichter in jungen
Thieren, in alten ein gelbes Kreuz über die Mitte der Brust.
— Central-Amerika.
Unterscheidet sich von B. granulosus (pl. V. fig. A.)
durch dessen schief abcrestutzte Schnauze und unofcfleckte
weisse Färbung des Bauches.
Unterscheidet sich von B. gutturosus (pl. V. figf. B.)
durch dessen abgerundete Schnauze und Tarsalfalte.
Uylina.
Hylarana (Tschudi) Glhr. = Limnodytes Dum. Bibr.
H. macrodactyla.
Catal. p.72. pl. H. fig. C.
Schnauze stark verlängert und zugespitzt; Zehen lang
mit halber Schwimmhaut; die vierte zwei Drittel der Länge
des Leibes; auf jeder Seite des Rückens eine weisse drüsige
Hautfalte ; ein weisser Rucken- und cirt weisslicher Oberlip-
pen-Streifen. Körperlänge l'^". — China.
324 Günther:
Ixalus Dum. Bibr.
/. imriabilis,
Catal. p. 74. pl. IV. fig. A. B.
Haftscheiben ziemlich gross ; Rücken ganz glatt. Die
Schwimmhaut reicht über zwei Drittel der Zehen ; oben ein-
farbig oder mit röthlich-grauen Flecken; keine Querstreifen
an der Seite. Körperlänge l'/j"» — Ceylon.
/. natator.
Catal. p. 75. pl. IV. üg. C.
Haflscheiben etwas gross; Schwimmhaut reicht bis zur
äussersten Zehenspitze. Oberseite fein körnig. Bräunlich-
aschfarben, hie und da mit rundlichen weisslichen Flecken.
Körperlänge iVg". Philippinen.
1. gutlatus.
Catal. p. 76. pl. IV. fig.D.
Haflscheiben etwas gross; Schwimmhaut reicht bis zur
äussersten Zehenspitze. Oberseite körnig; Schnauze etwas
verlängert und zugespitzt. Oben braun mit dunkel-braunen
Flecken. Körperlänge l'A". — Borneo.
Polypedates (Tschudi) Dum. Bibr.
P. microtympanum.
Catal. p. 77. pl. VI. fig. A.
Finger mit sehr schwach angedeuteter Schwimmhaut;
Gaumenzähne in zwei kurzen schiefen Reihen zwischen den
Choanen ; Rücken beinahe ganz glatt. Tympanum klein, oval,
nur ein Drittel so gross wie das Auge; Kopfhaut nicht fest-
gewachsen. — Körperlänge SYä". — Ceylon.
P. appendiculatus,
Catal. p. 79.
Die Schwimmhaut reicht bis zu einem Drittel der Länge
an den Fingern; Gaumenzähne in zwei schiefen Reihen, wel-
che vom vordem Winkel der Choanen ausgehen. Rücken-
Iheile mit häutigen Hervorragungen; ebensolche faltige Aus-
wüchse auch unter dem After und an der Ferse; Vorderarm
und Tarsus mit einem häutigen Saum ; Tympanum rund, halb
Neue Batrachier in der Sammliinff des Britischen Museums. 325
SO gross wie das Auge, Steht in der Mitte zwischen Poly-
pedates und Rhacophorus. PV lang, Philippinen.
F. eques.
Catal. p. 80. pl. VI. fig. B.
Finger mit sehr schwach angedeuteter Schwimmhaut.
Gaumenzähne in zwei etwas schielen Reihen zwischen den
Choanen. Schnauze spitz. Ferse mit einem häutigen An-
hängsel; Tympanuni oval, halb so gross wie das Auge; Vor-
derarm und Tarsus mit einer weissen Haulfalte ; Rücken glatl;
ein weisses Oberlippenband reicht bis zum Oberarm. IVg".
— Ceylon.
F. Schlegeln.
Catal. p. 81. pl.VI. üg.C.
Die Schwimmhaut reicht bis zu einem Drittel der Länge
an den Fingern. Gaumenzähne in zwei schiefen Reihen,
welche vom vordem Winkel der Choanen ausgehen. Zunge
mit einem tiefen Ausschnitt. Rücken einfarbig grün 2Vö"
lang. — Japan.
F. afghano.
Catal. p. 81.
Finger ganz frei. Gaumenzähne in einer geraden Linie
zwischen dem hintern Choanenrande, in der Mitte unterbro-
chen. Haut glatt. Tympanum sehr klein, so gross wie eine
Haftscheibe. Schwimmhaut der Zehen vollständig. 3" lang.
— Afghanistan.
Rhacopho r u s Kühl.
Rh. maximus.
Catal. p. 83.
Oben einfarbig dunkel violett, unten einfarbig braun ;
Schwimmhaut ohne Flecken. Gaumenzähne in zwei schwach
gekrümmten Reihen mit einem grossen freien Raum dazwi-
schen. 3*/' lang. Nepal. Afghanistan.
Rh. pardalis.
Catal. p. 83. pl. Vi. lig. D.
Oben schmutzig-olivenfarbig (in Spiritus) , braun mar-
morirt ; Füsse mit braunen (^)nerbändern ; Schwimmhaut ohne
326 Günther:
Flecken. Gaumenzähne in zwei, etwas schief verlaufenden
und schwach gekrümmten Reihen. 2y/' lang. Philippinen.
Borneo.
Hy per 0 Ulis Rapp,
H. parallelus.
Catal. p. 86. pl. VIII. fig. A.
Tympanum nicht sichtbar. Zunge herzförmig mit tie-
fem Einschnitt, Kopf und Schnauze kurz. Oben schwarzbraun
mit drei weissen parallelen Bändern; Oberlippe gelblich. —
Süd-Afrika.
H. giittufatus.
Catal. p.86. pl. YII. lig.A.
Tympanum nicht sichtbar. Finger mit halber Schwimm-
haut. Rücken glatt; Kopf breit, von massiger Länge, Schnauze
abgerundet. Obere Theile braun, weiss getüpfelt. — Afrika.
H. ocellatus.
Catal. p.88. pl. VII. fig. B.
Tympanum nicht sichtbar; Zunge herzförmig; Schwimm-
haut an den Zehen breit, an den Fingern bis zu zwei Drittel
ihrer Länge reichend; Schnauze von massiger Länge und
vorne rund; alle obern Theile hell rölhlich-grau mit kleinen
schwarzen, weiss-eingefassten runden Flecken; Seiten dun-
kelbraun, mit weissen Flecken. Oben ganz glatt. — • Fer-
nando Po. Angola.
H. plicattis.
Catal. p.88. pLVIl. fig. C.
Tympanum nicht sichtbar; Zunge keilförmig mit tiefem
Einschnitt; Kopf etwas verlängert; Rücken mit zwei halb-
mondförmigen drüsigen Hautfalten. Zwischen den Augen
ein brauner Fleck, und vor demselben ein helleres Querband.
— Guinea.
Uylodes Fitzinger.
H. conspiciUatus,
Catal. p. 92.
Habitus wie bei einer halbgewachsenen Rana esculenta.
Schnauze etwas verlängert und zugespitzt. Gaumenzähne in
Neue ßatrachier in der Sanimlunff des Britischen Museums. 327
zwei sehr schiefen Reihen, die vom innern Rande der Choa-
nen bis hinter deren TS'iveau reichen. Zunge mit sehr seich-
tem Ausschnitt; Tympanum halb so gross wie das Auge;
Haftscheiben sehr deutlich entwickelt. Oben braun, Zügelge-
gend tief-braun ; ein schwärzlicher Streif zwischen den Au-
gen, ein zweiler vom Auge zum Tympanum und ein dritter
unter dem Auge. Hinterschenkel schwarz, weiss marmorirt ;
untere Seite graulich, mit braunen verwischten Flecken. —
IV^" lang. Von den Anden von Ecuador.
Platymantis Günther.
Gaumenzähne. Haut glatt oder mit Falten, ohne Paro-
tiden. Haftscheiben nicht sehr entwickelt ; Fin2;er und Ze-
hen frei. Tympanum sichtbar; Zunge gross, hinten frei und
mit tiefem Einschnitt. Männchen ohne Stimmsack. Hieher
Hylodes vitianus Bibr. und
P. plicifera.
Catal. p. 95. pl. VHI. fig. B.
Gaumenzähne in zwei schief gestellten Gruppen hinter
dem Niveau der Choanen. Rückenhaut mit schmalen Fal-
ten; Seiten des Kopfes schwärzlich. l%" lang. Philippinen.
Uyla (^Laur.) Dum. Bibr.
H. fasciat'a.
Catal. p. 100. pl. YH. fig. D.
Gaumenzähne in zwei convexen Reihen, welche zusam-
men einen Bogen bilden. Schwimmhaut zwischen den Fin-
gern sehr kurz; ein kurzes Hautanhängsel [an der Ferse.
Kopf wie in H. maxima, kurz, mit vorragender Schnauze,
einer Verliefung vor dem Auge und ausgeschweiftem can-
thus rostralis. Tympanum oval, nicht ganz halb so gross
wie das Auge. Rücken bräunlicfi-olivenfarbig (in Weingeist)
mit einem schwarzen Rückenstreifen. Seiten des Bauches,
vordere und hintere Seite der hinteren Extremität mit ab-
wechselnden schwarzen und weissen Querbinden. — Anden
von Ecuador.
//. Hchcnosa.
Catal. p. 102. pl. VUi. fia. C.
Gaumenzähne in zwei Reihen, von welchen jede einen
328 Günther: IVeue Batrachier in d. Sanimlung d. Britischen Museums
selbstsländigen Bogen nach vorne bildet, und die auf dem
Niveau des iiinteru Randes der Choanen liegen. Tympanum
ist nur ein Drittel der Grösse des Auges ; Haut bedeckt mit
grossen flachen Warzen ; die Schwimmhaut reicht zu einem
Viertel der Finger. Keine Hautanhängsel. — Mexico. Ama-
zonen-Strom.
H. arborea var. chinensis.
Catal. p. 108. pI.lX. fig. C.
Climatische Varietät unseres Laubfrosches, verschieden
von der Varietät in Japan; ist ausgezeichnet durch deutlicher
ausgesprochene Schwimmhaut zwischen den Fingern und
etwas grössere Haftscheiben ; einige dunkcl-schwarzc Flecke
in der Seite und auf dem hintern Theile des Oberschen-
kels. — China.
H. euphorbiacea,
Catal. p. 109. pl. X. lig. C.
Repräsentant unseres Laubfrosches in Central-Amerika.
Gaumenzähne in zwei getrennten Gruppen zwischen den
Choanen. Finger frei, nur zwischen dem ersten und zwei-
ten ist eine rudimentäre Schwimmhaut; die Schwimmhaut
zwischen den Zehen reicht nur zu einem Drittel. Tympa-
num ein Drittel der Grösse des Auges; Zunge abgerundet,
hinten mit einem sehr seichten Einschnitt. Oben grünlich-
grau mit einem grauen Streifen entlang desCanthus rostralis,
durch das Auge, bis in die Lendengegend. Hintere Fläche
des Oberschenkels weiss gefleckt. — Mexico.
ü. rhodopepla.
Catal. p. 112.
Gaumenzähne wie in voriger Art. Schwimmhaut reicht
bis zu einem Drittel der Fingerlänge, und ist zwischen den
Zehen vollständig. Rücken glatt. Zunge wie in voriger Art.
Rücken und die obere Seite des Unterschenkels rosenroth,
der erslere mit einigen violetten Fleckchen; ein bräunlich-
purpurfarbiges Band um die Schnauze und durch das Auge
zu der Seile des Körpers. Obere Seite des Armes und
Schenkels ungefärbt, unten weiss. Körperlänge IVs". An-
den von Ecuador.
Einii^es über die /icantlio|itoryg^ion9 a joue
cuirassee Cuv.
Von
14 a u p.
Ehe man sich mit dieser an sich schon zahlreichen
Familie befassen kann, ist es nothwendig einige Genera aus
ihr zu entfernen. Zu diesen gehört vor allen Monocentris,
das ^vie Perislethus unter den Triglinae oder Agonus unter
den Cottinae den Knochenfisch unter den Scomberidae dar-
stellt; ferner gehört nicht hierher Hoplostethus, das zu den
Holocentrinae zu stellen ist. Diese Unterfamilie stellt sich
wie folgt: Holocentrinae. 1. Holocentrum, 2. Trachichthys *),
3. Rhynchichthys, 4. ßeryx, 5. Myripristis. Holocentrum steht
mit Rhynchichthys und Myripristis, und Trachichthys mit Be-
ryx in überspringender Verwandtschaft.
Monocentris unterscheidet sich namentlich durch 3 wei-
che Ventralsirahlen, die auf Kosten des ungeheuren Ventral-
stachels in der Zahl und Länge verkürzt sind.
Dass Hoplostethus zu den Holocentrinae gehört, geben
Cuvier und Valenciennes selbst zu, indem sie dieses
Genus für identisch mit Trachichthys erklären.
Nach besser erhaltenen Exemplaren hat Dr. Schlegel
in der Fauna japonica mit Recht Hoplichthys Cuv. enllVrnt
und es zu der Unterfamilie Callionyminae gebracht. Ausser
diesen nmss nicht allein Platycephalus, sondern auch Bem-
bras aus dieser Familie entfernt und ersleres zu den Ac.
*) Dass der Tiachichthy» den Ohilisili. d. h. in srincr Uritcr-
faniilic den Vogeltypus darstellt, hat man nm das zu lesen, was C n-
vier p. 478 ül)er das Ohr dieses Genus gesagt hat.
330 K a n p :
abdominalis Cuv. und letzteres zu den Percoidei Cuv. ge-
bracht werden.
So sehr wir mit in das allgemeine Lob über Cuvier
und Valenciennes vortreffliches Werk, was kritische Sich-
tung des vorhandenen Materials, schai-fe Begränzung der
Genera, und höchst genaue Beschreibungen betrifft, mit Ver-
gnügen und Ueberzeugung einstimmen, so können wir es
weniger, was die systematische Anordnung angeht. In die-
ser ist nur ein Anfang gemacht, indem die Herren Autoren
sich begnügt haben, in einzelnen Capiteln die verwandteren
Formen zusammenzustellen. Es finden sich daher in diesem
Werke vorlreffliche Bausteine zu einem natürlichen System
genug, allein sie sind ohne Princip aneinander gereiht, und
es ist daher diesem Werk der Hauptvorwurf zu machen, dass
die Autoren sich von dem alten Sauerteig früherer Systema-
tiker nicht gereinigt und diesem leider noch zu viel Rech-
nung getragen haben.
Von der Idee, dass in allen Ordnungen, Familien etc.
5 gewisse Grundformen auftreten, davon findet sich in dem
ganzen Werke keine Spur, obgleich es Genera genug gibt,
die diese Idee glänzend manifestiren.
So sehen wir in dieser Familie, die wir kurzweg Tri-
glidae nennen wollen, die grösstmöglichste Entwickelung der
Brustflossen, mit denen sich einige Formen aus dem Wasser
erheben und über demselben auf einige Augenblicke durch
die Luft sich fortbewegen, um i\en Verfolgungen ihr Feinde
zu entgehen.
Bei solchen lang geflügelten Formen wie Poiemius (Api-
stus alatus), Pterois, Dactyloptera sind alle Strahlen einfach
und dieser Charakter findet sich ebenfalls bei Blepsias und
Cottus; bei letzteren gibt es Arten, die alle Pectoralstrahlen
einfach haben, während nur wenige Arten einzelne Strahlen
verästelt zeigen.
In diesen meist lang geflügelten Formen ist der Vogel-
lypus vorgebildet und ich gebe diesen wie der Classe der
Vögel in ihrer Familie den zweiten Rang. Die 1 — 3 artiku-
lirlen zur Fortbewegung dienlichen freien Finger, welche wir
in Choridactylus, Poiemius, Minous, Pelor, Peristethus, Prio-
notus und Trigla vor der Pectoral sehen, scheinen mir einige
Einiges über die Acanthopterygiens ä jouc cuirassee Cuv. 331
Analogien mit den 1—2 freien Fingern der Chiropteren zu
haben, die ebenfalls auf dem Boden zur Forlbewegung die-
nen. Auch dass sich bei einer Art Gasterosteus ein Nest-
bau findet und dass das Männchen die Eier beschützt, sehe
ich als keine entfernte Analogie mit den Vögeln an.
Die Zähne sind in keinem Genus stark entwickelt, denn
es sind meist nur feine, hechelartig gestellte auf den Kie-
fern, seltner auf dem Vomer oder Paiatinknochen; es sind
daher fast alle nur Cruslaceen-, Laich- und Insektenfresser
und unter ihnen findet sich kein eigentlicher Raubfisch. Alle
sind echte Bruslllosser und nur bei wenigen ist die Ventral-
flosse etwas hinter dem Ursprung der Pectoral.
Obgleich die Ventral stets vorhanden ist, so ist sie
doch häufig sehr wenig entwickelt im Vergleich zur Pecto-
ral. Aehnlichcs sehen wir bei den Chiropteren, den wah-
ren Vögeln (Fissirostres) und den Pterodactylidae der Am-
phibien, wo die Flügel ebenfalls auf Kosten der Füsse ent-
wickelt sind.
Eine andere Grundform bildet der Knochenfisch, der
sich auch äusserlich durch seine Bedeckung verrälh. Da
das Knochensystem den 3ten Rang unter den anatomischen
Systemen und die Repräsentanten desselben , die Amphibien
gleiche Stellung einnehmen, so gebe ich den Genera Oreo-
soma, Peristethus, Agonus und Gasterosteus in ihren Unter-
familien als den Vertretern des Knochenfisches die 3te Stel-
lung. Den mehr räuberischen Formen mit Gaumenzähnen und
mittellangen Pectoral gebe ich als den eigentlichen Fischen
den 4ten Rang.
Den kleinsten Formen, häufig mit grossem stumpf ab-
fallenden Kopf, oder grossen Augen gebe ich als dem ner-
vösen Typus den Istcn und den nackten oder mit vielen
Schleimporen bedeckten Arten (wie die Uizte Abtheilung des
Genus Trigla) gebe ich den letzten Rang, Dass Cocotropus
tiefer als Choridactylus, Synanceia niedriger als Pelor, Tri-
gla (lineala, cuculus) tiefer als Cephalacanthus , Aploactus
unter Trichopleura steht, diess einzusehen, dazu bedarf es we-
nig Einsicht, so klar liegt es auf der Hand.
Auf diese Weise habe ich den Triglidae, wie den Schwal-
ben (Fissirostres), den Chiropteren e(r. in ihren Classen den
332 Kaup:
2ten Rang in der 2ten Ordnung der Fische gegeben und
ebenso den einzelnen Unterfamilien und Genera ihren entspre-
chenden Rang. So und nur auf diese Weise ist die nun
folgende Uebersicht entstanden; ob sie vollkommen fehler-
frei ist, wage ich nicht zu behaupten ; möglich, dass sie in
der Hauptsache sich als richtig bewähren wird.
11. Familie Trig^lidae.
I. Subfamilie Choridactylinae.
1) Choridacfylus. 2) Polenjius. 3) Minous. 4) Apistus. 5) Cocotropus.
II. Subfamilie Scorpaeninae.
1) Pelor. 2) Pterois. 3) Oreosoina. 4) Scorpaena. 5) Synanceia.
III. Subfamilie Triglinae.
1) Cephalacanthiis. 2) Dactylopterus. 3) Peristefhus. 4) Frionotus. 5) Trigla.
IV. Subfamilie Cottinae.
1) Trichopleura. 2) Cottus. 3) Agonus. 4) Hoplocottus. 5) Aploactus.
V. Subfamilie Agriopodinae.
1) Trichodon. 2) Blepsias. 3) Gasterosteus. 4) Taenianotus. 5) ^^no/?f/«.
Die Genera, in welchen der Charakter der Subfamilie
am deutlichsten sich darstellt, nenne ich die Grundtypen und
sie sind in dieser Uebersicht mit fetter Schrift gedruckt. Es
sind die Genera Choridactylus, Pterois, Peristelhus, Hoplo-
cottus und Agriopus.
in dieser Uebersicht fehlen die Genera; Scorpaenopsis
Heck., AcanthocottusGir., Triglopsis Gir., TrachydermisHeck.,
Podabrus Rieh., Hemilepidotus Cuv. und Hemitreptcrus Cuv.,
die keine wirkliche Genera, sondern Subgenera bereits ge-
nannter Genera sind , wie es sich deutlicher später heraus-
stellen wird.
I. Subfamilie Choridactylinae.
Kleine Formen, alle aus den indischen Meeren mit be-
weglichem nach hinten gerichtetem Stachel an dem vorderen
unteren Augenrandknochen. Alle haben 1 . 5 Ventralstrahlen.
1. Genus Choridactylus Rieh.
Mit 3 freien Fingern vor der massig langen Pectoral.
Einiges über die Acanthopterygiens ä joue cuirassee Cuv. 333
Gezackte Barbein über dem Auge und am Unterkiefer. Nackt.
Zwei Analstacheln.
Ch. multibarbus Rieh. Sam. PI. II. f. 1—3.
2. Genus Polemius Kp.
Mit einem langen freien Finger vor der sehr langen
Pectoral. 3 einfache Bartfäden am Unterkiefer. Geschuppt.
Drei Analstacheln. Gaumenzähne.
Polemius alatus Kp., Apistus Cuv. Fn. jap. XXII. A. f. 2.
3. Genus Minous Cuv.
Corythobatus, Cantor (unnöthige Umtaufung).
Mit stark bedornteni Kopf, einem kürzeren freien Fin-
ger vor der kurzen Pectoral. Keine Barbein. Ein Analsta-
chel. Keine Schuppen noch Gaumenzähne.
M. Blochi Kp. M. monodactylus Cuv. Val.
4. Genus Apistus Cuv.
Prosopodasys Cant. (Nicht zu billigende Umtaufung).
Ohne freie Finger vor der massig langen Pectoral. 3
Analstacheln. Gaumenzähne. Steht in überspringender Ver-
wandtschaft zu Polemius.
A. trachinoides C. V., Samarang III. f. 3 — 5.
Ausser den Arten von Cuvier sind noch die Arten von
Richardson, Schlegel und Bleeker zu beachten.
5. Genus Cocotropus Kp.
Corythobatus Cant.
Ohne freien Finger vor der Pectoral wie Apistus und
ohne Palatinzähne wie Minous. Haut mit Rauheiten wie Tra-
chydermis, Aploactus und Blepsias.
C. echinalus Kp.
Coryth. echinatus Cant. Cat. PI. XIII.
2te Unterfamilie Sc orpaeninae.
Ohne Dorn am untern Augenrand. Die Kopfknochen
mit keinem zusammenhängenden Helm bedeckt. Kieinenhaut
mit 7, Ventral mit 6 Strahlen. Meist grosse Arten, unter
denen sich die hässiichsten Formen befinden *).
^) Wie bei den (Miiropteicii iinttr den SjiiigotliieriMi und den
Cypselinae unter den Vögeln.
334 K a u p :
1. Genus Felor Cuv.
Zwei freie Finger vor der Pectoral. 2—3 Analstacheln.
Haut nackt. Der dornige Theil der Dorsal mit tief ausge-
schnittenen Membranen. Kopf und Unterkiefer mit Hautläpp-
chen. Keine Gaumenzähne.
Pelor filamentosum C. V. PI. 94. japonicum, C. V. Fn.jap.
xvin. f. 2.
2. Genus Pterois Cuv.
Ohne freien Finger vor der Pectoral. Drei schwache
Analstacheln. Haut geschuppt. Iste Dorsal häufig bis zur
Wurzel ohne Membranen.
Man kann sie weiter eintheilen a) in solche, wo die
Membranen der ersten Dorsal bis auf die Wurzel getrennt
sind und alle Pectoralstrahlen einfach und ihre Membranen
tief ausgeschnitten sind. Hierher: volitans C. V., antennata
C. V., lunulata Schleg. Fn. jap. t. XIX. b) in solche, wo
nicht alle Pectoralstrahlen einfach sind: zebra, brachyptera.
Scorpaenopsis Heck., ohne Gaumenzähne und wohin H. ne-
sogallica und neglecta cHeck. nee Schleg.) zählt, gehört
ebenfalls hierher.
3. Genus Oreosoma Cuv.
Mit Gaumenzähnen; ohne freie Finger vor der Pecto^
ral. Erste Dorsal klein, niedrig, übersehbar, 2te wie die
Anal nach hinten gedrängt. Anal ohne Stachel. Körper fast
so hoch wie lang, nackt, an den Rändern mit grossen kegel-
förmigen Auswüchsen verunstaltet. Rachen nach oben ge-
richtet.
0. atlanticum seu coniferum C. V. pl. 99. Vielleicht ein
sehr junges Thier?
4. Genus Scorpaena C. (Linn.)
Mit Gaumenzähnen; keine freie Finger vor der Pecto-
ral. Körper regelrecht beschuppt. 3 starke Analstacheln,
namentlich der mittlere.
a) Kopf und Körper beschuppt ohne Läppchen. Kopf
sehr stumpf. Augen sehr gross.
Scorpaena Bougainvillei (Sebastes Cuv.)
b) Kopf und Körper beschuppt ohne Läppchen. Kopf
Einiges über die Acanthoptcrygiens ä joue cuirassee Cuv. 335
zugespitzt, Augen mittelmässig, 7—9 einfache Strah-
len in der Pectoral.
Sc. norvegica, dactyloptera etc. (Sebastes Cuv. Val.)
c) Mit Schuppen auf dem Praeoperkel und Operkel; Haut-
läppchen am Kopfe und Körper. S. diabolus, picta etc.
d) Mit nacktem Kopf ohne Schuppen; Hautläppchen am
Kopf und Körper. S. scropha. porcus etc.
5. Genus Synanceia Bl. Sehn.
Ohne Gaumenzähne ; ohne freien Finger vor der Pecto-
ral, deren Strahlen alle ästig sind. 2—3 kleine Analstacheln.
Haut nackt und schleimig.
S. horrida Bl. etc.
3te Unterfamilie Triglinae,
Auf sie passt nur der Cuv i er 'sehe Name ä joue cui-
rassee, denn alle Kopfknochen bilden zusammen einen Helm
mit rauhen Erhabenheiten besetzt.
1. Genus Cephalacanthus Lac.
Mit nur drei Kiemenstrahlen. Die kurze Pectoral theilt
sich in zwei gleiche Hälften, wovon der obere aus 8 einfa-
chen, getrennten Strahlen besteht. Am Praeoperkel ein lan-
ger gezähnelter Stachel , fast das Ende der Pectoral er-
reichend.
C. spinarella Lac. , Pungitius pusillus seu Gasterosteus
spinarella Linn.
2. Genus Dartylopterus Lac.
Mit ungewöhnlich langer Pectoral mit lauter einfachen
Strahlen, die sich in 2 ungleiche Hälften getrennt hat, wo-
von die untere vordere aus 5 Strahlen besteht.
Die Ventral nur aus 1 . 4 Strahlen bestehend. Mit Aus-
nahme der Caudal haben alle Strahlen keine Neigung sich zu
verästeln und man sieht verästelte nur einzeln in der 2ten
Dorsal und Anal. Wie bei Cephalacanthus ist der Prae-
operkelstachel sehr verlängert und der Körper ist regelmäs-
sig geschuppt.
Die Abbildung in der Fauna japonica weicht in Manchem
336 K a u p :
von der ab, die Cuvier von der orientalis gegeben hat^
Von der europäischen haben wir bis dahin keine gute Dar-
stellung.
Die indischen Meere scheinen noch einige neue Arten
zu besitzen.
3. Genus Peristethus,
Peristedion Lac, Peristethidium Ag.
Ohne eine Spur von Zähnen , Unterkiefer mit zerfaser-
ten Barbein.
Körper in einen achtseitigen Panzer mit acht vorsprin-
genden Dornenreihen eingehüllt. Nur zwei gegliederte freie
Finger vor der massig langen Pectoral mit fast lauter ver-
ästelten Strahlen.
Die Männchen haben die erste Dorsal mit dünnen ver-
längerten fast freien Strahlen versehen. Ausser cataphra-
ctus, orientalis Schleg. habe ich noch eine chinesische Art
mit sehr grossem niedergedrücktem Kopf und langem Prae-
operkelstachel unterschieden, die ich nach meinem allzufrüh
vollendeten Freunde Freiherrn v. Riefel genannt habe, der
sich um unser Museum und unsere Universität die grössten
Verdienste erworben hat. Ich habe diese interessante Art
in den neuesten Nummern der zoologischen Gesellschaft in
London abgebildet und beschrieben.
Die über drei Fuss lange Art, dieValenlyn unter dem
Namen Ikgin Scylhän Merah, d. h. Rother Teufelsfisch, ab-
bildet, habe ich Peristethus gigas und die von Vlaming
(No. 165—1663 abgebildete Art mit kurzer Schnauzengabel
habe ich P. brevifurcatus genannt.
Cuvier vermuthet noch eine andere im indischen Meere,
allein diese scheint Schlegels orientalis oder meine Riefeli
zu sein.
4. Genus Prionotus. Lac.
Haben wie die wahren Triglen drei freie Finger vor
der Pectoral, allein unterscheiden sich, dass sie Gaumenzähne
haben, die allen übrigen Genera fehlen. Nur amerikanische
Formen.
Pr. carolinus, Cuv. et Val., tribulus C. V. etc.
Einiges über die Acanthopterygiens ä joiie cuiiassee Cuv. 337
5. Genus Trigla Lac. (Linn. part.)
Gleichen dan vorigen, allein ihnen mangeln die Gaumen-
zähne.
Ueber alle Meere verbreitet; sie zerfallen in 5 kleinere
Sectionen, die sich mit den 5 Genera der Triglinae verglei-
chen lassen.
a) Cavilionen.
Die kleinsten mit rauhen Lnterallinien und Schuppen.
Der Kopf fällt steil ab, zeicrt ziemlich spitze Stacheln, allein
weder der des Opcrkel noch der Pecloralstachel ist über-
trieben verlängert.
Tr. aspera V., phalaena C. V., papilio C. V., sphinxC.V.,
pleuracanthica Rieh.
b) Seehähne.
Grössere mit schief abfallendem Kopf, ohne auffallende
Dornen am Operkel und Brustring, langer entwickelter Pec-
loral. Lalerallinie aus langen glatten Tuben bestehend.
Tr. hirundo Linu. , garrulus Riss, seu poeciloptera ist
die Jugend nach Dr. Rüppels richtiger Beobachtung.
Tr. microlopidota Risso (corax Bp.) Fn. it. Tr. Kumu,
Less. et Garn.
Tr. Peroni C. V. Tr. capensis C. V.
c) Lyren.
Tr. lyra Linn. Tr.polyommata Rieh, (hemisticta Schleg.).
Tr. vanessa Rieh. Tr. Burgeri Schleg. Fn. jap. XIV. *)
d) Meerhähne.
Tr. milvus Lac. (cuculus Bl. Blochi, Yarr). Tr. lucerna
Brunn, (obscura Linn., cuculus Riss., filiaris Otto). Tr. gur-
nardus Linn.
e) Wahre oder Poren triglen. Die Grundformen
des ganzen Genus.
Tr. lineata Linn. Tr. cuculus Linn. (pini Bl. ? hirundo Riss.)
4te Unterfamilie Cottinae.
Mit nur 6 Kiemenstrahlen und weniger als sechs in der
Bauchflosse.
*) Die Trigla paiiciradiHla Bciiitt kenne ich nicht und weiss
nicht sie zu stellen; vielleicht gehört sie zu den Lyren.
Archiv f. NaturBMch.XXlV. .lAbrg l.Bd. 22
338 K a u p :
Kopf ohne Stachel an dem unteren Augenknochen;
Körper niemals regelmässig vollständig beschuppt, sondern
entweder nackt, oder mit rauhen Dörnchen, oder gepanzert,
oder mit Streifen Schuppen.
1. Genus Trichopleiira Kaup.
Sthenopus Rieh, (vergebener Name).
Der ungewöhnlich grosse Kopf verhält sich zum Körper
wie 1 : \% und zeigt keine Spur von Dornen. Ohne Gau-
menzähne. Drei Ventralstrahlen. Haarähnliche HauÜäppchen
über den ganzen Körper. Die Dorsal beginnt über dem Auge
und ist daselbst in zwei getrennt.
Tr. moUis (Sthenopus mollis Rieh, Sam. PI. II. fig. 6. 7.)
2. Genus Cotius Linn.
Kopf % des Rumpfes mit einem oder mehreren Stacheln
am Praeoperkel. Ohne Gaumenzähne. 2 regelmässig gestellte
Dorsalflossen. 4- 5 Ventralstrahlen. Haut glatt ohne Dörn-
chen noch Schildschuppen. Strahlen mit Ausnahme der Cau-
dal meist einfach.
a) Cottus Linn.
Mit einem kleinen nach oben gerichteten, schwach ge-
krümmten Stachel am Praeoperkel, normal hohe 2te Dorsal.
Hierher gehören die Arten von H ecket und die 12
von Girard vortrefflich unterschiedenen Arten aus Ame-
rika, lieber dieselben vergleiche man die Annalen des VV^ie-
ner Museums und a Monograph of the Cottoids von Girard
in den Smiths. Inst.
Man theilt sie nach der Zahl der Ventralsirahlen in 2
Sectionen.
b) Triglopsis Gir.
Mehrere kleine strahlenförmig gestellte Stacheln am Prae-
operkel. 2te Dorsal ungewöhnlich hoch.
C. Thompsoni Gir. Pl.U. fig. 9—11.
c) Acanthocottus Gir.
Mit normal gestellten Dorsalflossen, allein mit Stacheln
vor dem Auge, am Praeoperkel und Hinterkopf von der ver-
schiedensten Gestalt.
Meeresbewohner.
' Einiges über die Acanthopterygiens ä joue cuirassee Ciiv. 339
Viele Arten der nördlichen Zonen beider Welten.
Von dem Coüus cephaloides Gray seu venlralis C. V.
gab in neuester Zeit Stör er unter der Benennung patris
eine ganz vortreffliche Abbildung.
3. Genus Agonus Bl. Sehn.
Aspidophorus Lac. Cuv.
Körper ähnlich wie Peristethus gepanzert.
A. cataphractus etc.
4. Genus Hoplocottus Kp.
Es sind Cottus mit vollständig deutlichem Vomer und
Ganmenzähnen.
Sie zerfallen nach äusseren weniger wesentlichen Cha-
racteren in mehrere kleinere Sectionen, welche die Ichthyo-
logen benannt haben.
a) Podabrus Rieh.
Glalt und nackt, ohne Stacheln oder Schuppenstreifen.
Drei Ventralstrahlen.
Hopl. cottoides und H. centropomus Rieh. Sam. PI. I.
fig. 1-1 1.
b) Trachydermis Heckel.
Wie bei Cottus mit kurzem gebogenem nach oben ge-
richteten Praeoperkelstachel, und 3 stumpfen Zähnen am un-
tern Theil desselben. Haut rauh durch kleine Stacheln. 5
Ventralstrahlen.
H. fasciatus Heck. Wien. Mus. t. IX. tig. 1. 2.
Cottus uncinatus Schleg. Fn. jap.
Girard bildet aus dem C. asper Rieh, sein Genus Cot-
topsis, allein mir ist es nicht klar, wodurch asper, den Hec-
kel zu Trachydermis rechnet, sich generisch oder subgcne-
risch unterscheiden soll. Ich traue diesem Genus um so we-
niger, da Girard es nach Abbildungen kreirt hat.
c) Hemilepidolus Cuv. Val. Chalycelepidolus Ayr.
Wie Acanthocottus mit mehreren Stacheln am Praeoper-
kel. 4 Ventralstrahlen. Seitlich mit Längsstreifen, die ge-
schuppt sind.
Cottus hemilepidotus Til., trachurus PaU.
d) Hemitreplerus Cuv. Val.
340 K a II p :
Am Kopf und der erslen Dorsal eine Menge Hautläpp-
chen; oline spitze Dornen am Praeoperkel. 4 Ventralstrahlen.
Körper nackt mit kleinen Wärzchen.
H. americanus. Cuv. Val. IV. Bd. PI. 84.
Hässlich wie eine Synanceia.
5. Genus Aploactus Schleg.
Kopf % der Totallängc. Keine Gaumenzähne. Aufwärts
gerichteter Mund. 5 stumpfe Zähne am Praeoperkel. Fort-
laufende Dorsal, an der der weiche Theil höher ist. Alle
Flossen (Caudal ausgenonimen) mit einfachen Strahlen. Ven-
tral mit 3 Slrahlen. Haut mit spitzen Wärzchen. Nach
Schlegel mit 5 Kiemenstrahlen.
Apl. Sieboldi Kp. Fn. jap. XXII. fig. 3.
5te und letzte Unterfamilie Agriopodinae.
Mit 3 oder 5 Kiemenstrahlen ; ohne Dornen am Kopfe.
2. Genus Blepsias Cuv.
Pectoral sehr entwickelt und wie alle Flossen mit ein-
fachen Strahlen. Gaumenzähne. Hohe Dorsal in zwei oder
drei ungleiche Parlieen getheilt. Ventral hinter der Wur-
zel der Pectoral, sehr klein mit vier Strahlen. Körper nackt
mit Rauheiten.
Bl. trilobus C. V. pl. 90.
3. Genus Gasterosteus Linn.
Mit nur 3 Kiemenstrahlen, 1. 1. Venlralslrahlen. Freie
Stacheln statt der ersten Dorsal. Pectoral mit ffeästelten
Slrahlen und ziemlich fern von der Kiemenspalte. Ventral
hinter der Mitte der Pectoral. Brust und Seitenlinie mehr
oder minder stark gepanzert. Mund klein. Enthält die al-
lerkleinsten Fische. Meist Süsswasserfische.
G. aculeatus Linn.
Nach Yarrel sind die Arten trachurus, semiarmatus,
leiurus und brachycentrus nur Varietäten.
4. Genus Taenianotus Lac.
Fein geschuppt. Kopf stumpf abfallend, Skorpaenenähn-
lich. Pectoral klein mit einfachen Strahlen. Dorsal hoch,
Einiges über die Acanlhopterygiens ä Jone cuirassee Cuv. 341
gleich hinler den Augen beginnend, fast gleich hoch und
mit der Caiidal durch eine Zwischenhnut verbunden. Drei
Stacheln in der Anal wie Pterois und Scorpaena. Man kennt
die Zahl der Kiemenslrahlen und die Anwesenheit von Palatin-
zähnen nicht.
T. Iriacanthus Lac. Cuv. Val. pl. 89.
5. Genus Agriopus C.
Nur mit Spuren von Zähnchen auf den Kiefern. Kopf
an den Augen steil abfallend mit vorgestreckter Schnauze.
Um die Augen ein rauher Knochenring, der mit rauhen Schup-
pen hinter denselben verbunden ist. Weder am Operkel noch
Praeoperkel Stacheln oder Zähne. Dorsal über dem Auge
entspringend; vorn höher als in der Mille. Pectoral klein
mit 8—9 einfachen Strahlen. Ventral mit 1 . 5 Strahlen und
sieht hinter der Wurzel der Pectoral zurück. Anal klein mit
1 . 7 oder 8 geäsleiten Strahlen. Haut total nackt oder mit
Wärzchen. Gehören mit zu den grössten der ganzen Familie.
A. lorvus Cuv.
Die Natur scheint, was Classification "belrifff, sich wenig
um uns Menschen bekümmert zu haben, so scheinbar will-
kürlich fügt sie öfters die Genera zusammen, nicht fragend
nach irgend einem anatomischen Kennzeichen, das wir mit
grosser Mühe aufgefunden, um nach diesem die Familie etc.
zu kennzeichnen. Wie konnte es auch anders sein, da die
Schöpfung in jedem Genus einer jeden Unlerfainilic den Re-
präsentanten einer ganzen Classe hinstellt und jeder dersel-
ben ihm nur eigen thümliche Charaktere darbietet. Es ist
sicher ein Grundfehler der Systemaliker nach mehr oder we-
niger tiefem Studium irgend äussere oder innere Kennzei-
chen zu erwählen, um nach denselben die Formen zu ord-
nen; die natürliche Folge von solchen Anordnungen ist statt
dem Schöpfungsplan sich zu nähern, dass wir uns immer
weiter und weiter von deniselben enl fernen und ein mehr
oder minder künslliches System kreiren.
Eine llauptregel bleibt wohl die, dass wir die Genera in
natürliche Suhfamilien zusammenstellen und dann erst zuse-
hen , wie sich dieselbe als Subfamilie charaklerisiren lasse,
allein nicht umgekehrt. Eine natürliche L'nterfamilie ist
342 K a " P :
Cuvier's Genus Trigla, das derselbe in die Untergenera:
Trigla, Prionotus, Peristedion, Dactylopterus und Cephalacan-
Ihus eingelheilt hat. Ich habe die ganze Anordnung nur
herumgedreht und Cephalacanthus an die Spitze und Trigla
an's Ende gestellt, indem ich in Cephalacanthus als den Ner-
ven-, Augen- und Kopffisch, den Säugelhiertypus, in Dacty-
lopterus den Alhmungs-^ Ohr- und Bruslfisch, d. h. den Vo-
geltypus, in Peristethus den Knochen-, Nase- und Rumpffisch,
d. h. den Amphibienlypus , in Prionotus den Ernährungs-,
Zungen- und Bauchfisch, d. h. den eigentlichen Fischlypus,
und endlich in den Triglae, namentlich in der ölen Section
(lineatus, cuculus), den Haut-, Sexual- und Beckenfisch, d.h.
den schleimabsondernden Molluskenlypus erkannt habe.
Betrachten wir diese Genera, so stellt sich Cephalacan-
thus mit seinen drei Kiernendeckelrippen an die Spitze, Da-
ctylopterus zeigt nur sechs Kiemenstrahlen und die etwas
zurückgestellte Ventral lässt nur einen Dorn mit 4 weichen
Strahlen sehen. Alle übrigen Genera haben 7 Kicmenstrah-
len und 5 weiche Strahlen in der Ventral. Diese Unterfa-
milie zeigt demnach deutlich, dass weder die Zahl der Kie-
inenstrahlen noch die der Ventral einen Einfluss auf die Cha-
rakterisirung der Unterfamilie haben können; ebenso wenig
die An- oder Abwesenheit einer Schwimmblase, denn Ce-
phalacanthus zeigt keine.
Bei allen diesen Abweichungen ist es nur zu verwun-
dern, dass man die Genera so gestellt gelassen hat, wie sie
bei Cuvier gestellt sind.
Obgleich wir in dieser Unterfamilie sehen, dass die Pa-
latinzähne hauptsächlich Prionotus von Trigla unterscheiden,
so zeigen sich diese in andern Genera vollkommen zur Be-
zeichnung- von Genera als sehr unwesentlich und nach den-
selben müsste das Genus Upeneus in weitere 2 Genera zer-
fällt werden. Upeneus ist und bleibt eine künstliche Abtren-
nung von MuUus, das nach Ab- oder Anwesenheit der Vo-
mer- und Palatinzähne in 5 Seclioncn zerfällt, die so wenig
wie bei Trigla benannt zu werden brauchen.
Bleiben wie bei MuUus stehen, die Cuvier als einen
Appendix seiner Percoides betrachtet und abhandelt und B o-
n aparte als eigene Familie zwischen die Mugilidae und
Einiges über die Acanthoi)tengiens ;i Jone cuirassee Ciiv. 343
Triglidae versetzt hat , so bleibt die Anordnung beider Ge-
lehrten eine fehlerhafte, denn in der Natur giebt es keine
Appendiecs, noch bilden die Mullidae für sich, ebenso wenig
die Mugilidae eine Familie, sondern beide sind Glieder von
einer und derselben Unterfaniilie.
Die Genera dieser Unterfaniilie stellen sich wie folgt:
Mullinae: a) MuUus , b) Poinalomus^ c) Mugil, d) Cheilodi-
pterus und e) Apogon.
Bei der Charakterisirung dieser Unterfamilie werden
fast alle anatomischen Kennzeichen zu Schanden und eben so
viele äussere, wie die Zähnelung und Bewaffnung des Kie-
mendeckels. Mullus zeigt nur 4, Mugil 6 und die übrigen
7 Kiemenstrahlen. Bei meiner Anordnung kommen wiederum
die Ansichten der älteren Autoren, wie Willughby, Arledi
und Linne zu Ehren, die die Verwandtschaft des Apogon mit
Mullus richtig erkannt und ihn Mullus imberbis genannt ha-
ben. Der Tadel, den Cuvier über den Lacepede'schen Namen
Apogon ausgesprochen hat, fällt ebenfalls weg.
Was nun die Merkmale dieser Unterfamilie betrifft, so
sind es wahre Fischerkennzeichen , d. h. sie sind so leicht,
dass sie jedes Kind und jeder Laie fassen kann: zwei kleine
weit von einander getrennte Rückenflossen mit geringer Zahl
von Strahlen; grosse Schuppen bis über die Wangen, die
leicht abfallen. Die Ventrals kleiner als die Pectorals, die
normal gebildet sind.
Die Genera lassen sich mit wenigen Worten bezeichnen:
(1) Mullus. Zwei Kinnbarbein.
C2) Pomatomus. Anal hinter der 2ten Dorsal stehend.
/3) Mugil. Vier Strahlen in der ersten Dorsal.
i/4) Cheilodipterus. Die feineren Zähne zeigen untermischt
längere Makeuzähne.
5) Apoffon. Praeopcrkel mit 2 Reihen Zähnelungen.
Ich könnte noch viele solcher Unterfamilion aufführen,
deren Glieder nach einseitig aufgefassten Merkmalen in an-
deren Abtheilungen herumirren und bis jetzt nicht zur sy-
stematischen Ruhe gelangt sind, nllein ich werde mir diese
aufheben und bei gelegener Zeit auf sie zurückkommen.
Darm Stadt im März 1Ö59.
Kritische Bcmorkung^en über Castelnau's
fSiluroideii.
Von
Prof* l>r« Rud. Rner
in Wien.
Briefliche Mittheihmg an den Herausgeber.
Ich erlaube mir nach langem Stillschweigen mich mit
dieser Zuschrift wieder einmal in Ihre geneigte Erinnerung
zu bringen. Sie bezieht sich auf C a s t e 1 n a u's Reisewerk *),
in dessen Besitz i( h erst in jüngster Zeit gelangen konnte.
Ich habe den ichthyologischen Theil mit aller Sorgfalt durch-
gemacht, in der Absicht, das System möglichst von unnölhi-
gem Synonymcn-Balastc zu befreien und seine mit mei-
nen neuen Arten kritisch zu vergleichen. Da Sie selbst im
Jahresberichte über die Leistungen im Gebiete der Ichthyolo-
gie w. d. J. 1856 auf S. 96 Ihr Bedauern äussern, dass Ga-
st ein au meine Arbeit über die Siluroiden nicht kannte, so
glaube ich, dass die Mittheilung des Resultates meiner Ver-
gleichung für Sie nicht ganz ohne Interesse sein dürfte. Vor
allem kann ich jedoch die Klage nicht unterdrücken , dass
Gastelnau's Werk zu einer strengen kritischen Verglei-
chung, wie ich sie im Auge halte, sehr wenig geeignet, er-
scheint. Die Abbildungen uehmen sich zwar malerisch be-
züglich der Golorirung recht gefällig aus und mögen in die-
ser Hinsicht auch ganz naturgetreu sein, aber gerade über
wesentliche Punkte, die entscheidend wären betreffs der Art-
bestimmung, bleibt man leider meist im Dunklen. Da über-
") Expedition dans les parties centrales de l'Ameiiqiie du Sud,
de Kio de Janeiro a Liine, et de Lima au Para, execulee sous la di-
rection du Comte Francis de Castelnau.
Kner: Kritische IJemerkiingen üIkt Castelnau's Silnroiden. 345
diess jede Beschreibung fehlt und für die neuen Arten auch
keine brauchbaren Diagnosen aufgestellt sind , so blieb ich
bei den meisten der neuen Arten Castelnau's unsicher, ob
und mit welchen von den durch mich veröirenliichlen sie
etwa übereinstimmen, ich erlaube mir nun in Kürze dasEr-
gebniss meiner Vergleichuiig nach den einzelnen Tafeln fol-
gen zu lassen; vielleicht sind Sie glücklicher als ich, falls
Sie Zeit finden sollten, eine ähnliche Vergleichung vorzuneh-
men, die sich wohl lohnen würde, da ich es stets für ein
Verdienst halte, wenn der Wissenschaft unnöthige Arten er-
spart werden.
PI. 13. Die beiden Arten Bagrus Valenciennei und ilavicans
sind mirnicht vorgekommen, erslere dürfte aber
wohl einer der von Valenciennes nur llüch-
tig skizzirten amerikanischen Arten mit Helm
entsprechen, nur fragt sich's: welcher?
PI. 14. flg. 1. Bagr. Rousseauxii; mir unbekannt.
flg. 2. Bagr. punctulatus. Ist von meinem B. punclu-
latus verschieden, welcher runde schwarze Flek-
ken besitzt , während jener dicht weissgelb
punktirt ist. Da die Priorität Caslelnau zu ge-
bühren scheint, so schlage ich die Aenderung
des Namens meiner Art \n B, nigropunctatus vor.
PI. 15. flg. 2. Arius longibarbus. Scheint meinem Pimelod.
multiradiatus nahe zu stehen , Fig-. 2 a. zeio-t
aber 2 kleine getrennte Zahnbinden am Yomer,
die ich bei meinem Pimelodus vermisse. Die
Angabe von D. 12 ist aber jedenfalls auffallend;
die Eckbarbein sind allerdings auch länger als
bei Pim. multiradiatus.
PI. 16. flg. 1. Genidens granulosus. Mir unbekannt; würde
dem Zahnbau nach dem Subgenus Ariodes Mll.
Tr. zunächst stehen. In Färbung mahnt er an
meinen Pimel. ornalus fig. Ib.
fig. 2. Pimelod. bahianus. Dem P. gracilis und mei-
nem breviceps nahe, unterscheidet sich aber
durch zu niedrige Dorsale \\\n\ zu kurze Eck-
barbeln.
flg. 3. Pimelod. versicolor. Ist der Bezahnung nach
346 Kner:
(flg. 3 a.) ein Bagrus und steht daher nicht,
wie C a s t e 1 n a u meint , dem Arius Milberti
zunächst.
PI. 17. flg. 1. Doras Weddelii. Ist nicht zu eruiren, in meh-
reren Punkten mahnt er an meinen D. affinis:
der nicht gesägte Dorsal-Stachel , die Barteln
und Färbung stimmen gut, auch scheint er breite
Brustplatten zu besitzen. Dagegen passt aber
nicht: die dicke Schnauze, die lief stehenden
Augen, der Scapulardorn , die gabiige Caudale
mit den so derben PseudoStrahlen und die klei-
nen Schmetterlingsschilder längs den Seiten. —
Castelnau hatte übrigens nuu eine schlecht
conservirte Haut und eine Zeichnung von Weddel
vor sich, suf welche sich diese Art basirt.
(NB. Bei dieser Gelegenheil bemerke ich, dass
die von de Filippi in der Rev. de Zool. 1853.
p. 164 als Dor. papilionatus angezeigte Art von
Dor. dorsalis Val. schwerlich verschieden sein
dürfte (vid. meine Beiträge S.40). De Filippi's
Diagnose reicht aber nicht aus, um diess mit
Sicherheit zu behaupten.)
fig. 2. Ageneiosus ucalayensis. Scheint, wenn wirk-
lich ein Ageneiosus, neu zu sein. Der beider-
seits gesägte Dorsal- und Pectoral-Stachel, die
Strahlenzahl der A. 46 und die tief gabiige
Caudale bringen ihn meinem Ag. dentatus nahe;
da aber Castelnau über die Bezahnung, die Bar-
teln u. s. w. gänzlich schweigt und auch keine
Punkte oder Flecken am Körper angiebt, so
bleibt die Entscheidung fraglich,
lig. 3. Galeichlhys araguayensis. Die ausnehmend lange
Fetlflosse, der Mangel des Fadens an der Dor-
sale und der grasblatt- förmigen Barteln zeich-
nen diese Art leicht aus, sind aber zugleich so
auffallend, dass sich der Zweifel regt, ob diese
Art wirklich der Galt. Galeichlhys angehört.
PI. 18. flg. 1. Gal. bahiensis. Die angegebciien Merkmale sind
zu unwesentlich, um den Verdacht zu heben, ob
Kritische Bemerkungen über Castelnau's Siliiroiden. 347
nicht diese Art mit Gal. Parrae zusammenfällt;
von G. Gronovii unterscheidet sie schon die
Sirahlenzahl der A. 30 allein.
t 0^.2. Callichlhys chiqultos; ist nicht zu ermitteln,
flg. 3. Callichlhys splendens; mir unbekannt.
PI. 19. flg. 1. Callichlhys laiosh. Jedenfalls nov. spec. ; aus-
gezeichnet durch die breiten Querschienen an
Schnauze und Stirn und die vielstrahlige Dor-
sale (1. 11).
flg. 2. Platystoma punctifer. Dürfte wohl nur Farben-
Varietät von Plat. pardale Val sein; s. hierüber
meine Beiträge II. Abth. S. 32.
PI. 20. fig. 1. Hypostomus alatus. Ein Inermis mit so hoher
mächtiger Dorsale und dichten gelben Punkten
ist mir allerdinofs nicht vors^ekommen.
tig. 2. Hypostomus aFpcralus. Die ausdrürklichc An-
gabe, dass der Kopfumriss breit und abgerun-
det sei, stimmt zunächst auf meinen Hyp. au-
roffuttalus, dem er auch übriorens so sehr äh-
nelt , dass ich an der Gleicharligkeit beider
kaum zweifle.
fig. 3. Hyp. pardalis. Ist entweder neu oder entspricht
dem H. duodecimalis Val, wenigstens steht er
diesem nahe und ist der einzige Inermis mit
Dors. Vii- In diesem Falle wäre aber dann
Valenciennes' Figur pl. 454 schlecht, nämlich
viel zu hoch und gedrungen. Castelnau's Ab-
bildung überzeug! mich aber, dass Hyp. duode-
cimalis Val. und Hyp. etenlaculalum Spix nicht
synonym sein können und dass die von mir
1. c. auf S. 31 fraglich als Hyp. duodecimalis
Val. bezeichnete Art nicht diesem, sondern
vielmehr dem wahren Hyp. etenlaculalum Spix
enlspricht. Ich erlaube mir daher die Aufmerk-
samkeit der Ichlhyologen auf die Vergleichung
dieser beiden Arien nochmals zu lenken.
PI. 21. flg. 1. Hypost. subcarinatus. Slehl in der Mille zwi-
schen H. punclalus Val. und Commersonii, letz-
348 K n e r :
tercm jedoch durch Mangel einer Occipital-
crista näher.
flg. 2. Hyp. aurantiacus. Gehört bereits meinen Lic-
toren (Acanlhoden Gast.) an und zwar den
Wenigstrahligen (D. y^) mit langen dünnen
Haken ; eine so äusserst gedrungene und kurze
Gestalt mit grossem Kopfe und sehr kleinen Au-
gen, bei der überdiess die Dorsale in die Fett-
flosse (2te Dors.) sich unmittelbar fortsetzt, ist
njir nicht vorgekommen.
flg. 3. Hyp. niveatus. Scheint neu, wie lässt sich aber
hierüber Gewissheit verschaffen, wenn aus der
Abbildung nicht einmal ersichtlich wird, wie
der Mund aussieht, ob der Bauch nackt ist?
u. s. w. und wenn überdiess jede brauchbare
Beschreibung fehlt?
PI. 22. tig. 1. Hyp. nigricans. Auch hier legt sich wie bei
H. aurantiacus die 1. Dors. mittelst Hautverbin-
dung an den Stachel der 2. Dors. an, mit wel-
cher Eigenheit mir 4veine Art bekannt ist.
fig. 2. Hyp. pictus. Ist nicht auszumitteln ; Castelnau
gesteht übrigens selbst, dass er diesen Fisch nur
in sehr schlechtem Zustande besass.
fig. 3. Hyp. spinosus. Ich glaube mich nicht zu irren,
wenn ich in dieser Art den Acanthicus hystrix
Spix tab. 1 (Rhinelepis acanthicus Val.) aner-
kenne , und verweise hierbei auf die Note S. 4
in meinen Hypostomiden. Die Autopsie des
Münchener Exemplars brachte mich damals schon
auf die Vermulhung, dass die zweite Dorsale
nur zufällig mangle und hier ein Hypostomus
vorliege. Vergleicht man die Figur von Spix
mit dieser Art Castelnau's, so springt die Aehn-
lichkeit in die Augen. Die Abweichungen sind
theils dem schlechten Erhrllungszustande des
Münchener Exemplars, theils dem Umstände zu-
zuschreiben, dass jenes Individuum offenbar ein
altes, das von Castelnau hingegen ein junges
war; vielleicht gehört jedes auch einem andern
Kritische Bfrnerkiingen über Castelnau's Siliiroiden. 349
Sexus an und es dürfte dann das Exemplar von
Spix ein Männchen (etwa überdiess noch zur
Laichzeit) und jenes von Caslclnau ein Weib-
chen sein. Der verlängerte Pectoralstachcl und
der sehr lange Caudalfaden an jedem Lappen,
den Spix's Figur zeigt, kann ebenfalls auf Rech-
nung des Alters oder Geschlechtes fallen. Dass
Spix keine schwarze Punklirung des Rumpfes
angibt , erklärt der schlechte Zustand seines
Exemplars zur Genüge. So viel steht fest, dass,
wenn beide nicht wirklich gleichartig sind
(woran ich aber kaum zweifle), sich selbe min-
desteiis zunächst stehen.
PI. 23. flg. 1. Hypost. vicinus. Es liegt hier abermals ein Fall
vor, wo die 2. Dorsale abnorm fehlt; s. I. c.
S. 4. Uebrigens ist mir diese Art unbekannt.
flg. 2. Loricaria amazonica. Castelnau hält ihn selbst
für sehr ähnlich der Lor. maculata El. — d"Orb.
pl. 6. flg. 3 und geht nur von der Ansicht aus,
dass im Amazonenstrome keine Species vor-
komme, die im La Plata lebe. Vielleicht könnte
sie jedoch auch der Lor. laeviuscula entspre-
chen; Figur sowohl wie Text lassen aber völ-
lig im Unklaren. Eben so wenig ist die fol-
gende Art
flg. 3. Lor. carinata zu ermitteln. Zufolge der 4 Kiele
am '\ urderrücken könnte sie sowohl L. cata-
phracta als macrodon sein; wer vermag aber
hierüber ohne Autopsie zu entscheiden, da we-
der über die Bauchschilder, noch die Bezah-
nung, Bildung der Mundscgel u. s. w. irgend
eine Angabe vorliegt.
flg. 4. Lor. castanea. Ist von Lor. rosirata Spix aller-
dings verschieden, schwerlich aber von L. acuta,
so weit sich nach Figur und Text entnehmen lässt.
PI. 24. flg. 1. Trichomycterus Pentlandi und
lig. 2. Trichomycterus pictus sind mir nicht vorge-
kommen.
lig. 3. Trichomycterus punctatissimus. Ist wohl kaum
350 Kner: Kritische Bemerkungen über Castelnau's Siluroiden.
von Trich. punctulatus specifisch verschieden.
Uebrigens ist auch Caslelnau der Ansicht, dass
Pygidium dispar Tschiidi und Trichom. punctu-
latus nur auf einer Geschlechlsverschiedenheit
beruhen ; s. hierüber meine ichthyol. Beitr. I. S.7I.
flg. 4. Trich. pusillus. Die schlanke, langgestreckte
Gestalt, tief gabiige Caudale und die helle un-
gefleckte Färbung, wie auch die Stellung der
Dorsale gänzlich hinter den Ventralen und vor
der Analflosse machen mich geneigt zu glauben,
dass hier mein Pareiodon microps vorliegt; doch
ist allerdings in der Zeichnung nur eine ein-
fache Reihe von Haken vor der Kiemenspalte
angegeben und die Brustflossen erscheinen zu
gross.
Diess das magere Ergebniss der Vergleichung meiner
Siluroiden mit jenen Castelnau's. Nicht viel lohnender war
selbe bezüglich der Characinen , deren Bearbeitung ich so
eben vollendete.
Schliesslich füge ich noch bei, dass ich unter den von
de Filippi in der Revue de Zool. 1853. p. 164 seq. angezeig-
ten Fischen nachträglich meinen Cenlromochlus megalops
(S.60. flg. 24) auffand; ich zweifle nämlich nicht, dass de
Filippi's Auchenipterus Heckelii derselbe Fisch ist, doch glaube
ich den von mir ihm verliehenen Namen nicht aufgeben zu
müssen, wenngleich de Filippi vor mir diese Art zu Gesichte
bekam und als neu erkannte; denn er liess ihn noch als Au-
chenipterus gelten, obschon er bemerkt, dass er füglich nicht
bei dieser Gattung belassen werden könne.
Wien, den 5. December 1858.
tonn, Druck von Carl G«otgi.
ARCHIT
FÜR
NATURGESCHICHTE.
gegrCjNDEt vo.n a. f. a. wiegmann,
fortgesetzt von w. f. erichson.
IN VE II BINDUNG MIT
PROF. ÜR. LEI CHART IIS' GIESSEN.
HERAUSGEGEBEN
VON
Dr. f. a. TROSCBEZ.,
PROFESSOR AN DER FniBDRICH-WILHBLMS-UNIVERSlTÄT ZU BOSN.
VIER UND ZWANZIGSTER JAHRGANG,
SE^veiter Band.
Berlin,
K i c o 1 a i s c li e Vc r 1 ag s b u c li h n ii < 1 1 ii n g.
(G. Ptrthey,)
1858, /
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