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ARCHIT
FÜR
NATURGESCHICHTE
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN,
FORTGESETZT VON W. F. ERICHSON.
IN VERBINDUNG MIT
PROF. Dr. LEUCKART IN GIESSEN
UND
PROF. Dr. R. WAGNER IN GÖTTINGEN
HERAUSGEGEBEN
Dr. f. H. TROSCHEI.,
PROFESSOR AN DER FRIEDRICH-WILHELMS-UNIYERSITÄT ZU BONN.
SIEBEN UND ZWANZIGSTER JAHRGANG.
Erster Dand*
Mit zehn Tafeln.
Berlin,
Nicolaisclie Verlagsbuchhandlung.
(G. Parthey.)
1861.
i« I /
Inhalt des ersten Bandes.
Seite
Bemerkungen über die Typhlopiden. Von Prof. Jan in Mai-
land. Briefliche Mittheilung an den Herausgeber. . 1
üeber einige Fabeln in der Zoologie. Vom Prinzen Maxi-
milian zu Wied . 8
Phronima sedentaria. Ein Beitrag zur Anatomie und Physiolo-
gie dieses Krebses. Von Dr. H. A. Pagenstecher in
Heidelberg. Hierzu Taf. I— III 15
Cunina Köllikeri n. sp. Beitrag zur Naturgeschichte der Ae-
giniden. Von Fritz Müller in Desterro. Hierzu Taf. IV. 42
Die Brachiopodenlarve von Santa Catharina. Zweiter Beitrag.
Von Fritz Müller in Desterro 53
Ichthyologische Berichtigungen. Von Prof. Rud. Kner in
Wien. Briefliche Mittheilung an den Herausgeber . 57
Die Larvenzustände der Museiden. Eine vorläufige Mittheilung.
Von Dr. Rud. Leuckart in Giessen .... 60
Ueber die Hirnbildung des Menschen und der Quadrumanen und
deren Verhältniss zur zoologischen Systematik, mit beson-
derer Rücksicht auf die Ansichten von Owen, Huxley
und Gratiolet. Von R ud o Ip h Wagn er, Professor in
Göttingen .......... 63
Ueber Paramaecium coli Malmst. Von Rud. Leuckart in
Giessen. Hierzu Taf. V. Fig. A. B 81
Ueber die Familie Homalopsidae. Von Prof. Jan in Mailand.
Hierzu Taf. V. Fig. a und b. Briefliche Mittheilung an den
Herausgeber . 87
Ueber die systematische Stellung der Gattung Solarium. Vom
Herausgeber. Hierzu Taf. V. Fig. 1—12 ... 91
Ueber eine monströse Forelle. Vom Fürsten zu Salm-Horst-
mar. Briefliche Mittheilung an den Herausgeber . 100
Carcinologische Beiträge von Dr. C. Strahl in Berlin. A.
Ueber die Decapodengattung Euxanthus Dana. B. Ueber
Cancer Panope Herbst 101
Ueber das Vorkommen von ausstülpbaren Anhängen am Hin-
terleibe von Schaben. Von Dr. A. Gers ta e ck er in Berlin 107
4 Inhalt.
Seite
Eine neue Art des Genus Pegassus Linn. Von Kaup . . 116
Thersites Gasterostei und Leptodera INicothoae. Eine neue
Gattung parasitischer Crustacecn und eine neue Nematoden-
art. Von Dr. H. A. Pagenstecher in Heidelberg. Hierzu
Taf. VI 118
üeber einige kleine Gruben an den Schuppen mancher Schlan-
gen. Von J. Reinhardt. Aus dem Dänischen übersetzt
vom Herausgeber 127
Die hornigen Kieferplatten des amerikanischen Manatus, Von
Dr. K. Möbius in Hamburg. Hierzu Taf. VII . . 148
Beobachtungen über den Bau und die Fortpflanzung der Eleu-
theria Quatrcf. Von Dr. A. Krohn , . . . 157
Ueber die Hirnfunctionen mit besonderer Beziehung zur allge-
meinen Zoologie. VonRud. Wagner in Göttingen. (Ab-
gedruckt aus den Göttinger Nachrichten) .... 171
Verzeichniss der auf meiner Reise in Nordamerika beobachteten
Säugethiere. Vom Prinzen Maximilian zu Wied. Hierzu
Taf. VIII. (Im Texte steht fälschlich IX) ... 181
Neue Wirbelthiere von Chile. Von Dr. R. A. Philippi und
Ludwig Landbeck 289
Ueber die systematische Stellung der Charybdeiden von Fritz
Müller in Desterro 302
Polypen und Quallen von Santa Catharina. Olindias samba-
quiensis n. sp. Von Fritz Müller in Desterro. Hierzu
Taf. IX 312
Ueber die angebliche Bilateralsymmetrie der Rippenquallen.
Von Fritz Müller in Desterro 320
Ueber den Unterkiefer der Schlangen und über die fossile
Schlange von Rott. Vom Herausgeber. Hierzu Taf. X. 326
Ueber das Gebiss der Gattung Cancellaria. Vom Herausgeber 361
Bemerkuugeu über die Typhlopideu.
Von
Prof. Jan
in Mailand.
Briefliche Mittheilung an den Herausgeber.
Durch vieljährige Untersuchungen an Tausenden von
Schlangen, habe ich die Ueberzeugung gewonnen, dass die
genaue Berücksichtigung der seitlichen Beschildung des
Kopfes derselben, und die gegenseitige Lage dieser Schil-
der wesentlich das Bestimmen der Arten erleichtert, und
besonders die Berücksichtigung der Form und Lage der
Lippenschilder gegen die an dieselben angrenzenden andern
Kopfschilder, wie ich bereits in meinem „Plan d'une Icono-
graphie descriptive des Ophidiens *-)" erwähnte. So ein-
fach und ganz verschieden von den anderen Familien der
Schlangen die Beschildung des Kopfes der Typhiopiden ist,
so finde ich dennoch auch bei denselben meine gewonnene
Erfahrunor bestätio-t.
In Berücksichtigung dieser Verschiedenheit der Kopf-
bcschildung, wird man nur das Bestimmen der Typhlops-
arten erschweren, wenn man, wie z. B. in Dumcril und
Bibron's Erpctologie bei den Beschreibungen derselben,
die Schilder mit denselben Namen bezeichnen wollte, wel-
che für andere Schlangenarten in der ophiologischen Ter-
minologie angenommen wurden , sei es nun nach erstge-
nanntem Werke oder nach M er rem.
^') Revue et iMagasin de Zoologie A'o.lO. 1858 vonM. Guerin.
Arcliiv f. Naturg. XXVII. Jahrg. I.Ed. 1
2 Jan:
Wenn ich in den Beschreibungen anderer Schlangen-
familien, wie ich bereits in meinem Prodromus der Gift-
schlangen bemerkte , die lerminologischcn Ausdrücke nach
Dumeril und ßibron mit gewissen Modifikationen,
wie z. B. hinsichtlich der Temporalschilder , die ich nur
bis zum Mundwinkel berücksichtige , angenommen habe,
so würde diese Annahme bei den einfachen Kopfschildern
der Typhlopsarten, wie bemerkt, nur nutzlose Verwirrung
der Begriffe erzeugen. Ich bin aber auch der Meinung,
dass ohne naturgetreue Abbildungen dieser Schilder, bei
manchen Arten auch durch die ausführlichste Beschreibung
deren Erkennen nicht ermöglicht wird.
Indem ich gerade in dieser Kopfbeschildung die wich-
tigsten Unterscheidungsmerkmale finde , und ich hierauf
selbst auch die Gattungsunterschiede gründe, so scheint mir
nöthig, ehe ich die Charakteristik der Gattungen, deren Re-
präsentanten auf der V. und VI. Tafel des ]. Heftes der
Sonographie gcneral des Ophidiens, welches ich eben ver-
öffentliche, abgebildet sind, anführe, etwas Allgemeines
über die Pholidosis der Typhlopiden voranzuschicken.
Die Schuppen des Körpers sind durchaus gleich an
Grösse bei derselben Art , und bei keiner Art kann man,
wie bei anderen Schlangen, verschieden gestaltete oder
grössere Schuppen in der Mittelreihe des Unterleibes wahr-
nehmen , die Längsschuppenreihen des Körpers habe ich
stets nur in gerader Zahl an denselben bemerkt. Von
den mir bekannten 66 Typhlopsarten, hat Typhi. Schlegeli
ßianc. die meisten nämlich 42, manche Arten 30, 26, 24
und die meisten 20, so wie einige auch 18 in der Mitte
des Körpers ; alle Arten der Gattung Stenostoma, deren 18
abgebildet in der Sonographie erscheinen werden, haben 14
Längsreihen. Sowohl am unteren Theile des Kopfes, als am
oberen bemerkt man bloss Schuppen, mit einziger Ausnahme
von Anomalepis Tab. V, VI. fig. 1 a, welche Beschildung
diese Gattung kennzeichnet. Die Beschuppung des unte-
ren Theiles des Kopfes liefert nie, und selten der obere
Theil desselben in seinen Schuppen Unterscheidungsmerk-
male. Schlegel in seinem Texte zu Abbildung seltener
Amphibien 1837—44. p. 35 bemerkt schon treffend bei der
Bemerkungen über die Typhlopiden. 3
Beschreibung seines Typhi, lumbricalis (Typhlops reticula-
tus L. D. B.), welchen ich als Typus für die Gattung- Ty-
phlops annehme : „An die Schnauzenschilder stossen auf dem
Scheitel drei oder vier Beihen Schuppen, die etwas
grösser als die darauf folgenden Bückenschuppen sind, jede
dieser Beihen besteht aus drei S ch upp en , die aber nicht
alle auf gerade Querreihen vertheilt sind, sondern abwech-
selnd stehen." Die zuweilen etwas verschiedene Gestalt
dieser Schuppen, wenn solche bei den Individuen derselben
Art beständig, kann wohl doch in seltenen Fällen Unter-
scheidungsmerkmale darbieten, aber oft findet man bei
denselben Abänderungen der Form und Grösse bei einer
und derselben Art. Hingegen liefert sowohl das Schnau-
zenschild (Bostral) und die seitlichen Schilder des Kopfes
die wesentlichsten Unterscheidungsmerkmale, sowohl für
Gattungen als Arten, und da ich die von mir angenomme-
nen fünf Galtungen, welche auf Tab. V, VI abgebildet sind,
hierauf gründe , so scheint mir nicht überflüssig, bevor
ich deren kurze Charakteristik erwähne , die Theile des
Kopfes, die man im Profile desselben wahrnimmt und die
entsprechende Benennung derselben kurz zu erwähnen.
Als Typus der Familie Typh. reticulatus und alle mit dem-
selben in dieser seitlichen ßeschildung übereinstimmende
Arten (S. pl. V. fig. 2 Typhlops Preyssi) angenommen, hat
diese Familie vier Lippenschilder (Sc. labialia). Sie bilden
den Saum der MundöfTnung, sowohl oben als unten in zu-
nehmender Grösse, das letzte oben ist oft auch etwas aus-
gerandet.
An das Bostral anstossend liegt seitwärts das Nasen-
schild (Scut. nasale) , der Kürze wegen Nasal; in diesem
liegt das Nasenloch. Eine Bitze führt zu demselben , die
Lage derselben und ob dieselbe sich über das Nasenloch
und wie weit fortsetzt, ist charakteristisch, ebenso auf
welchem Labial diese Bitze entspringt : bei Typhi, reticulatus
stets an dem Punkte, wo sich das erste und zweite Labial
oben berühren, bei Typhlops anfangs des zweiten Labial,
oft steht dieselbe auf dem ersten oder weit zurück auf
dem zweiten, bei T. reticulatus geht solche dann auch etwas
über das Nasenloch , ohne sich bis zur vorderen Seite des
4 Jan:
Nasal fortzusetzen, bei T. Preyssi \\g.2e endet sie beim
Nasenloch. — Stets fand ich diese Ritzenlage bei den In-
dividuen derselben Art conslant. — Hinter dem Nasen-
schilde liegt ein Schild, dessen Gestalt für den Unterschied
der Arten zuweilen gute Anhaltspunkte liefert. Dieses
Mittelschild, das hinter dem Nasenschilde und vor den Au-
gen liegt , kann man als Praeocular bezeichnen, welchem
das Augenschild, Ocular, folgt, in welchem mehr oder we-
niger sichtbar im oberen Theile desselben das Auge liegt.
Hiermit besteht die seitliche Beschildung bei dem Typus
Typhlops aus dem Rostral im Profil gesehen, dem Nasal-
Praeocular- und Ocularschild.
Die Lage der Labialschilder zu den dieselben berüh-
renden Schildern ist stets dieselbe bei derselben Art, und
daher bei Bestimmungen zu berücksichtigen.
Die Trennung der Gattung Ophthalmidion und Ony-
chocephalus, die sich von Typhlops dadurch unterscheiden
sollen , dass bei letzteren die Nasenlöcher seitwärts , bei
ersteren unten liegen; und dass Ophthalmidion einen abge-
rundeten , Onychocephalus einen scharfen Schnauzenrand
habe, scheint mir keineswegs gut gegründet, denn bei allen
Typhlopsarten , wenn man den Kopf von unten betrachtet,
sieht man die Nasenlöcher , und es hängt bloss von dem
mehr oder minder vorgezogenen Rand der Schnauze und
zwar des Rostral und Nasal ab, ob solche mehr oder min-
der tief liegend erscheinen , und man bemerkt oft Ueber-
gänge , stets sind aber die Nasenlöcher , wenn auch am
Rande liegend, von unten sichtbar. Was dann den Unter-
schied hinsichtlich des zugerundeten und scharfen Randes
betrifft , so kann man wohl hiernach keine Gattung grün-
den ; dass dann die Nasenlöcher des scharfen Schnauzen-
randes wegen nicht an demselben liegen können, ist na-
türlich.
Auch bei Stenostoma finden sich Arten mit scharfem
Schnauzenrande. S. Tab. V, VL lig. 12.
Dem Gesagten zu Folge verschmelze ich wieder diese
drei Gattungen in eine, als deren Typus Typhlops reticu-
latus ich annehme , höchstens könnte man aus den beiden
anderen Gattungen Unterabtheilungen bilden, und vielleicht
Bemerkungen über die Typhlopiden. 6
mit minderem Rechte , als wenn man andere mehr unter-
schiedene Arten von demselben trennen wollte, z.B. Ty-
phlops mirus S. Tab. V, VI. fig. 7, oder Typhlops dispari-
lis iig. 6.
Die Körperform, die Länge des Schwanzes im Ver-
hältnisse zur Breite des Kopfes , so wie dessen Einkrüm-
mung und mehr oder minder spitze Endschuppe desselben
(Stachel), die Lage des Auges (mit Ausnahme, ob eines der-
selben mehr oder minder sichtbar, wo man sich aber leicht
täuschen kann, denn wenn die Schlange im Häuten begrilFen,
so entdeckt man das Auge nicht, wie ich selbst öfter bei
der allbekannten Typhlops reticulatus bemerkt, so z. B. ist
Ophthalmidium crassum D. B., wie ich mich am Originalex-
emplare dieser von Paris erhaltenen Art überzeugte, nur
eine von den vielen Varietäten des Typh. reticulatus), die
Längs- und Querreihen, sowohl auf dem Körper als dem
Schwänze, zuweilen auch die Afterschuppen (bei allen Ste-
nostomaarten ist bloss eine grosse), sind bei Unterscheidung
der Arten zu berücksichtigen.
Was die Farbe betrifft, so findet man im Allgemeinen
braun in allen Nuancen als die vorherrschende , manche
Arten variiren auch darin, so z. B. sah ich Typhi, reticu-
latus von dem lichtesten olivengrün bis zu dem tiefsten
braun , ja sogar oben ganz schwarz, üeberhaupt ist es
eine missliche Sache bei Schlangen , welche man nicht le-
bend gesehen, und die oft durch lange Zeit in W^eingeist
liegend, ganz verbleicht sind , deren natürliche Farbe an-
zugeben und bei Beschreibungen hierauf Gewicht zu legen.
Ich kann es nicht oft genug wiederholen , dass na-
turgetreue Abbildungen weitläufige Beschreibungen ganz
entbehrlich machen, die oft, je länger dieselben sind, nur
um so weniger sich eignen hiernach Arten zu bestimmen ;
daher der Text, welchen ich in der Monographie zu den
Tafeln liefern werde, nur das zur Ergänzung derselben
Nöthigste enthalten wird , um das Erkennen jeder Art zu
erleichtern.
Nach dieser kurzen Abschweifung glaube ich indes-
sen vorläufig den Besitzer des ersten Heftes der Iconogra-
phie mit den Gründen bekannt machen zu müssen, welche
6 Jan:
mich boi der Trennung der Typhlopiden in fünf Gattungen
leiteten.
Alle Typhlopsarten (Epanodonta D. B.) , welche bloss
Zähne im Oberkiefer haben , stelle ich in folgende Gattun-
gen : Anomalepis, Typhlops, Idiotyphlops, Cephalolepis.
Jene, welche nur im Unterkiefer Zähne haben (Cato-
donta D. B.), stehen in der einzigen Gattung Steiwstoma.
In der Gattung Typhlops selbst habe ich einige Un-
terabtheilungen in dem Index des planches bemerkt, welche
etwas von dem Typus abweichen , nämlich Ophthalmidium
Tab. V, VI. flg. 3. 4, durch den etwas vorgezogenen stark
zugerundeten Schnauzenrand ; Onychocephalus Tab. V, VI.
flg. 5 , durch den stark vorgezogenen scharfen Schnauzen-
rand ; Diophoroiyphhps Tab. V, VI. fig. 6. 7, bei welchen
auf dem vierten Labial nicht unmittelbar das Augenschild
liegt , sondern ein anderes Schildchen unter demselben
sich zeigt; Typhlira Tab. V, VI. fig. 7. 8, welche nur drei
Labial haben und das Praeocular mangelt.
1) Die Gattung Anomalepis Tab. V, VI. fig. 1, unter-
scheidet sich durch wirkliche Schildchen auf dem Kopfe,
hat nur zwei grosse Labial, das Nasal bildet vorne unmit-
telbar den Saum des Mundes, über dem zweiten Labial lie-
gen zwei Schildchcn, ein kleineres und ein sehr grosses,
das Augenschild (Ocular) liegt ausser dem Bereiche des
Mundwinkels.
2) Die Gattung Typhlops Tab. V, VI. fig. 2. 3. 4-
3) Die Galtung Idiotyphlops Tab. V, VI. fig. 10.
Die höchst verschiedene , eigenthümliche Gestalt des
horizontalliegenden Nasal, so wie die unge^vöhniiche Grösse
des ersten Labial , da umgekehrt bei anderen Typhlopiden
dies stets das kleinste und das letzte das grösste ist, dann
auch die Stellung des kleinen Augenschildes bestimmte
mich den Typhlops flavoterminatus Peters ^=*) als Gattung
aufzustellen , wenn gleich nur .diese eine Art mir bekannt
ist, ebenso wie die schon von D. B. erkannte.
4) Die Gattung Cephalolepis Tab. V, VI, fig. U, die
sich durch die gleichförmige Beschuppung des Kopfes so-
*) Peters, der diese Art als Typhlops flavoterminatus auf-
Bemerkungen über die Typhlopiden. 7
wohl oben als seitwärts auszeichnet, und dass das Rostral
nicht auf den Kopf hinaufreicht.
Eine noch einfachere seitliche Beschildung als die
meisten anderen Typhlops haben die Arten der Gattung
5j Slenosloma Tab. V, VI. fig-. 12. 13. 14. 15.
Man bemerkt nur zwei Labial iig. 12. 13, oder drei
flg. 14.
Wenn zwei, so steht das eine gleich hinter dem Na-
senschild, welches vorne den Mundsaum bildet, hinter die-
sem kleineren Labial folgt dann das Augenschild ebenfalls
den Mundsaum bildend, und nach demselben liegt ein gros-
ses Labial, über welchem ein ebenfalls grosses Schild,
gleichsam ein Postocular-Schild.
In den Unterabtheilungen dieser Gattung Tricheilo Stoma
Tab. V, VI. flg. 14. 15 liegen nach dem Nasal zwei kleine
Labialschilder, sonst wie oben bemerkt.
Calodon Tab. V, VI. fig. 13 und Rauiphostoma fig. 12
ist durch das Rostral von den übrigen Stenostomen ver-
schieden.
Mailand, den 2ß. Dec. 1860.
stellte, setzte dieselbe später in seine Gattung Rhinotyphlops und
nach den vor ein paar 'fugen erhaltenen Berliner Monatsberichten Sept.
Octob. 1860, trennt er solche wieder davon und bildet mit dieser und
einer anderen Art, die er T. frontalis nennt, die Galtung Helmintho-
phis. Da die Tafeln schon alle abgedruckt sind, so kann ich diese
neue Auffassung Peters um so weniger aufnehmen, als sonst auch
mir sowohl die Rhiuotyphl. albirostris als llelminthophis frontalis
unbekannt sind, und er mir zwar eine Tafel sandte , wo sowohl Uhin.
albirostris als Typhlops flavoterminatus, letzterer ganz falsch, abgebil-
det sind ; die Beschreibungen sind ungenügend.
Heber einige Fabeln in der Zoologie.
Vom
Prinzen Ilaxiniilian
zu Wied.
Zur Steuer der Wahrheit scheint es verdienstlich,
wenn Beobachter der freien Natur , die auch selbst Jäger
sein müssen, ihre Stimme für die Ausrottung gewisser,
entweder durch Vorurtheil, Leichtgläubigkeit, falsche oder
halbe Beobachtung , oder auch nach Sagen roher Völker
blindlings angenommene Irrthümer erheben. Wer in frem-
den Welttheilen gereist ist, findet sehr oft Gelegenheit die
Art kennen zu lernen, mit welcher die rohen Völker, jene
von der Natur zu Jägern bestimmten Menschen, sich mit
albernen Erzählungen die Zeit verkürzen. Zum Theil mö-
gen sie diese Geschichten selbst glauben , noch häufiger
eher suchen sie dieselben dem Fremdlinge aufzubinden, da
sie uns für schlechte Jäger halten, welche die Natur wenig
kennen. Und hierin haben sie zum Theil recht, denn wie
könnten wir es ihnen in jenen undurchdringlichen Urwäl-
dern und bei einer glühenden Atmosphäre , mit unseren
weit weniger kräftigen Nerven und unserer Verweichli-
chung gleich thun ? Sich in dieser Hinsicht wichtig zu
machen, uns allerhand Fabeln aufzubinden, ist ihre grösste
Freude , bis sie sehen , dass wir nichts auf ihre Aussage
geben und selbst Beobachter der Natur sind, dann schwei-
gen gewöhnlich alle diese Versuche.
Dem rohen Menschen , der nichts Besseres zu erzäh-
len weiss, ist dieses wohl zu verzeihen ; allein dass gebil-
dete und gelehrte Zoologen heut zu Tage noch die Natur
Prinz Maximilian: Ueb. einige Fabeln in d. Zoologie. 9
SO wenig kennen und beobachten, um solche Fabeln unbe-
dingt und mit der grössten Leichtgläubigkeit für bare Wahr-
heit aufzunehmen , das muss dem Beobachter der Natur
bedauerlich erscheinen.
Unter den bekanntesten solcher Fabeln oder Irrthümer
wollen wir nur drei der vorzüglichsten hervorheben und
sie näher betrachten: das Bezaubern der Giftschlangen, die
Honig- Nahrung der Fliegenvögel (Trochilidae) und den
Respekt vor der Königswürde im Thierreiche.
Tiefeingewurzelt und höchst schwer auszurotten sind
diese Vorurtheile, indem immer wieder gewichtige Stimmen
unter den Zoologen für ihre Vertheidigung auftauchen,
ohne dass sie selbst zum Theil Gelegenheit gehabt hatten,
die Sache aufzuklären. Also zuerst zur Bezauberung der
Giftschlangen.
Smith B a r t 0 n war wohl der erste, der seine Stimme
in den Vereinigten Staaten von Amerika gegen jene dort
vielfältig verbreitete Sage erhob. Ihm folgten einige we-
nige Beobachter, welche seine Ansichten bestätigten, ob-
gleich später wieder sogar deutsche gelehrte Reisende eine
Vertheidigung des alten Vorurtheils versuchten. Jetzt
scheint man indessen doch ziemlich allgemein die Wahr-
heit eingesehen zu haben , vorzüglich seit der Gründung
der in der neueren Zeit zur Mode gewordenen zoologi-
schen Gärten. Dort sieht man kleine Thiere , wie Mäuse,
Ratten, Eichhörnchen und Vögel unbezaubert auf den ge-
fährlichen Schlangen herumtanzen , bis es dem giftigen
Feinde gefällt, sie zu erhaschen und zu verschlingen. Ge-
wiss würde Dr. Günther *"') u. a. Beobachter im zoologi-
schen Garten zu London das Bezaubern der Schlangen be-
obachtet und vertheidigt haben, wenn dasselbe in der Na-
tur begründet wäre. Wir selbst haben in Amerika ge-
fährliche kräftige Klapperschlangen mit anderen Thieren zu-
sammengesetzt, sie mehre Tage auf diese Art conservirt und
beobachtet, aber nie eine Bezauberung erlebt. Ueber diese
") Siehe dessen interessante iMittheilungen über die Reptilien
des zoologischen Gartens zu London, in diesem Archiv Jahrg. XXVI.
Heft 1. S. 29.
10 Prinz 31 a X i m i 1 i ii n :
Materie ist so viel geschrieben worden, dass es unverant-
wortliche Wiederholung sein würde, das Gesagte noch ein-
mal hier folgen lassen zu wollen.
Aber noch weit unumslösslicher hatte sich in der
Uebcrzeugung des Publikums und aller Walurforscher die
Honig-Nahrung der Fliegenvögel oder Colibris (Trochili-
dae) festgesetzt. Sie war so tief eingewurzelt, dass man
sich noch gegenwärtig kaum schmeicheln darf, sie gänzlich
ausrollen zu können. Einzelne Summen hatten sich schon
längst dagegen erhoben, waren aber gänzlich unbeachtet
geblieben. Hierhin gehört zuerst ein Franzose, Herr Bar-
bier ■""■) 1778, dann Dr. Brandes, der Uebersetzer von
Molina's Naturgeschichte von Chili **-) und Wilson in sei-
ner Ornithologie von Nord-Amerika. Nach jenen Beobach-
tern, welche die Insekten-Nahrung der Fliegenvögel schon
nachwiesen, hatten wir in Brasilien Gelegenheit dieselbe zu
bestätigen und weiter auszudehnen. Bei der Präparation
eines jeden der zahlreichen Colibris, die wir erlegten,
wurde jedesmal der Magen untersucht, und nicht einmal
fanden wir Honigschleim oder ähnliche Stoffe in diesen
Theilen; dagegen oft dichte Ballen von höchst kleinen Flü-
geldecken glänzender Käferchen, Beine von Spinnen und
andere Ueberreste höchst kleiner Insekten.
Das Gesagte scheint allein schon hinlänglich einen
Beweis zu liefern, jedoch den letzten Rest des Zweifels
muss die genaue Untersuchung der Colibri- Zunge ver-
nichten.
Um das Honigsaugen der Fliegenvögel sich leicht zu
erklären, nahm man früher an, ihre Zunge sei ein röhren-
förmiger Saugapparat, allein diese Ansicht ist doch schon
längst aufgegeben, dagegen weiss man bekanntlich, dass
sie aus zwei langen , dünnen, rundlichen, dicht neben ein-
ander befestigten Muskel-Cylindern besteht, deren Zungen-
bein-Hörner, gerade wie bei den Spechten, äusserlich un-
ter der Haut des Hinterkopfes hinauf bis gegen die Schna-
') Siehe Dictionnaire des sc. natur. Vol. X. p. 41.
') P. 261.
lieber einige Fabeln in der Zoologie. * 11
belwurzel steigen, und auf diese Art einen höchst zweck-»
massigen Greifapparat bilden. An ihrer Spitze nämlich
theilen sich diese Zungen-Cylinder, und ihre beiden ge-
lrennten Schenkel werden nach der Spitze hin häutig und
platt, an ihrem Rande aber mit Franzen oder Borsten be-
setzt. Auf diese Art bildet die Zunge eine Zange und zu-
gleich Tastorgan, dem nicht das kleinste Insekt entwischen
kann. Dem Gesagten zu Folge ist der Colibri ein echter
Blumenspecht, und wenngleich die Zunge bei diesen bei-
den Vögeln sehr verschieden gebildet ist, so existirt in
ihrer Hauptbildung und ihrem Mechanismus dennoch sehr
viele Aehnlichkeit. Ihr Bau giebt den unumstösslichen Be-
weis, dass hier von Honig- Nahrung gar nicht die Rede
sein kann. Und so ist es auch! Denn in den Blumenroh-
ren zahlreicher Gewächse fanden wir in Brasilien den Ho-
nigsal't nie in solcher Menge , dass ihn eine solche Zunge
in hinlänglicher Quantität hätte aufsaugen können , um so
kräftige lebhafte kleine Vögel zu ernähren. In den Nec-
tarinien und Röhren der Blumen fand man gewöhnlich bloss
einen klebrigen Ueberzug, den kleine Insekten wohl ab-
nagen oder aufsaugen , die Zunge des Fliegenvogels aber
nicht ergreifen konnte , diese jedoch fühlt augenblicklich
das festsitzende Insekt, ergreift dasselbe und zieht es in
den Mund zurück. In demselben Falle sind ohne Zweifel
auch die vielen neuholländischen andern Vögel , welche
man Honig saugen lässt; sie sind gewiss grösstentheils In-
seklivoren.
Da wir nun mit dieser neuen Behauptung über die
Nahrung der Fliegenvögel aufgetreten waren , so wurden
wir anfänglich überstimmt , man blieb bei dem alten Glau-
ben, bis endlich einige Zoologen aufmerksam wurden, etwas
nachgaben und neben der Honig-Nahrung auch die der In-
sekten annahmen. Man benannte noch damals einen Flie-
genvogel Trochilus insectivorus , da sie doch alle insecti-
vori sind.
Als einen Gegenbeweis unserer Ansicht weiKlet man
ein, dass man im gezähmten Zustande Fliegenvögel mit
Zuckersaft erhalten habe, allein dieses ist kein Beweis.
Solche eingesperrte Vögel sind immer bald gestorben, und
12 Prinz M n X i ni i 1 i n n :
wenn sie auch das mit Zucker vermischte Wasser annah-
nnen, so mögen sie dieses aus Durst gethan haben, da die
Colibris viel trinken, wie wir oft beobachteten, auch konnte
ihnen die dünne Flüssigkeit keine Nahrung geben und der
baldige Tod war die Folge davon. Ohne Zweifel hatte man
nicht beobachtet , wenn diese Vögelchen länger am Leben
blieben, dnss sie kleine Insekten gefangen hatten, welches
unmerklich schnell von Statten geht, und leicht übersehen
werden konnte.
Der einzige Zoologe, welcher der hier mitgetheilten
Materie und unserer Beobachtung Gerechtiakeit wiederfah-
ren Hess, war der gelehrte Reisende in Süd-Amerika, Herr
Professor Burmeister zu Halle, der aus eigener Ansicht
und Untersuchung die Sache gründlich durchschaute, sie
bestätigte und eine Beschreibung der Colibri-Zunge gab ^•'),
und dessen Feder wir auch jetzt wieder neue, gewiss höchst
interessante Entdeckungen und Beobachtungen von der
kürzlich vollendeten Reise verdanken werden, welchen wir
mit Ungeduld entgegen sehen. So weit über diesen Ge-
genstand ; jetzt noch ein paar Worte über den dritten, hier
zu erwähnenden Punkt.
Der dritte Punkt, dessen hier Erwähnung geschehen
sollte, ist die Verehrung der Königswüride, aber nicht im
Menschcn-Geschlechte, sondern im Reiche der unvernünfti-
gen Thiere. Wer Beobachter der Natur ist, der wird wis-
sen , dass Raubthiere sich nicht um einander bekümmern,
wenn sie sich begegnen, indem ein jedes seinen eigenen,
von den Naturtrieben ihm eingegebenen Weg verfolgt. Des-
halb werden sich verschiedene Thierarten in der Freiheit
immer ausweichen, aber selten mit einander fechten, und
nur da in Collision gerathen , wo der Mensch sie in eine
unnatürliche Lage versetzte. Ebenso ist es bei den Vögeln.
Die Süd -amerikanischen Geier (Urubu's, Galinazos) sollen,
aus Respekt vor dem sogenannten Geier-König (Urubu-Rei),
Sarcoramphus papa, zurückbleiben, bis letziorer sich gesät-
tigt habe. Diese Sage hat besonders Schomburgk weit-
'■•) Siehe Bunneistei's systematische Uebersicht der Thiere Bra-
siliens Bd. II. p. 312.
lieber einige Fabeln in der Zoologie. 13
läufig vertheidigt, dagegen haben sie andere, wie z. ß. v.
Tschudi angegriffen und wir können nur dem letzteren
Beobachter beistimmen. Wir haben Geier, Hunde und an-
dere Thierc zugleich an demselben Cadaver zerrend gese-
hen, aber nirgends eine Rangordnung unter den genannten
Gästen beobachtet. Aber auch den Geier -König sahen
meine Leute zugleich mit den Urubu's auf einem gefallenen
Maulthiere sitzen. Lei<ler fehlten sie denselben; wir erhiel-
ten jenen scliönen Vogel auf der ganzen Reise nicht wieder.
Herrn S c ho mburgk's Wahrhaftigkeit und die Ge-
wissenhaftigkeit seiner Beobachtungen können und wollen
wir durchaus nicht bezweifeln , allein es ist doch wohl mög-
lich, sich in solchen Momenten der Beobachtung zu täu-
schen. Der Geier- König ist ein einsamer schüchterner
Waldvogel, der sich selten sehen lässt , die Urubu's dage-
gen sind höchst zahlreiche , gesellschaftliche Thiere und
meistens in gewisser Anzahl vereint. Man denke sich den
gedrängten Haufen dieser zahlreichen Geier auf dem todtcn
Thiere sitzend, eifrig mit ihrer Mahlzeit beschäftigt, indem
plötzlich der grössere , stärkere weisslich gefärbte Fremd-
ling von obenherab steigt und sich zwischen sie wirft ; ist
es da zu verwundern, wenn die schwächeren Galinazos zu-
rückweichen und dem kühnen Eindringling auf einige Zeit
Platz machen? Aber nachher werden sie gewiss gemein-
schaftlich ihre Arbeit weiter fortsetzen. Auf diese Art
lässt sich gewiss eine jede Beobachtung erklären, aber fest
steht es, dass man beide Vogelarten zusammen an demsel-
ben todten Thier fressen gesehen habe, und ich hoffe, dass
an unserer Aussage niemand zweifeln werde.
Gewiss würde der mächtige Condor in den peruanischen
Anden die Galinazos durch seine unerwartete imposante
Erscheinung ebenso sicher verscheucht haben, als der Kö-
nigs-Geier , und dennoch dachte niemand daran , jenen
schwächeren Urubu's einen ehrfurchtsvollen Respekt vor
dem ersteren anzudichten und ihm die Königswürde zu ver-
leihen! Dagegen scheint es viel wahrscheinlicher, dass die
Fabel dieses Respectes vor dem Vogel-Könige in Folge des
einmal bestehenden Namens , und nicht nach Beobachtung
der IVatur erfunden sei, da wie gesagt, die letztere ein
14 Prinz Maximilian: Ueb. einige Fabeln In d. Zoologie.
solches Resultat nicht rechtfertigen, sondern vielleicht nur
in einzelnen Fällen veranlassen konnte. Ist doch heut zu
Tage leider der Respekt vor der Königswürde, selbst bei
vielen Menschen so sehr gesunken, dass wir ihn wahrlich
nicht bei den Thieren aufzusuchen haben !
Noch viele ähnliche Fabeln, wie die oben berührten,
lassen sich in den Aussagen der rohen Völker auflinden,
und man muss die reisenden Naturforscher warnen , nicht
zu leichtgläubig zu sein, sondern selbst zu beobachten und
vorurtheilsfrei zu prüfen. Die angeführten Beispiele mö-
gen übrigens hier genügen.
Januar 1861.
Phrouiuia sedcutaria.
Ein Beitrag zur Anatomie und Physiologie dieses Krebses.
Von
Dr. H. A. Pagenstecher
in Heidelberg.
(Hierzu Taf. I-IIl.)
In dem wunderbaren Gewimmel von Thiergestalten,
welches , durch Sonnenschein und stille Luft an die Ober-
fläche des Meeres gelockt , in den Strömungen nahe der
Küste zwischen IXizza und Villafranca uns entgegentritt, le-
ben von den AbJäüen der vorzugsweise zahlreich vertre-
tenen Siphonophoren , der Ctenophoren und Medusen, der
Salpen und der lieteropoden mancherlei kleine Krebse, mit
dem Strome der anderen drJiintreibend, oder in den Glocken
und anderen Höhlungen grösserer Thiere und Thierkolonien
halb parasitisch ihre Wohnung nehmend. Unter diesen
fand ich in den Monaten März und April 1860 mehreremale
die zierliche, fast durchsichtige, zart mit Roth gezeichnete
Phronima sedentaria in ihrer räthselhaften krystallenen
Hülle. Die Beobachtungen, Avelche ich Iheils an frischen
Exemplaren , theils an aufbewahrten machte , scheinen mir
Einiges Neue und Interessante aufgeschlossen zu haben,
weshalb ich sie hiermit vorlege.
Werfen wii' zunächst einen Blick auf einige ältere
Mittheilungen über Phronima und sehen wir, was in Be-
treff derselben, während sie im Allgemeinen iür die äusse-
ren Verhältnisse ziemlich ausreichend erscheinen , gegen-
über einigen Irrthümern und Widersprüchen zu bemer-
ken ist.
16 Fagens techer:
Die durch Niebiihr veröffentlichte Beobachtung von
P. Forskäl (Descript. animal. ex itin. Orient. 1775. p. 95:
Cancer sedcntarius) gab die erste fast überall sehr gute
Beschreibung. Namentlich sind die Fusspaare richtig ge-
zählt und die oberen Augen wenigstens vermuthungsweise
richtig gedeutet; dass dagegen nur fünf Schwanzsegmente
angegeben wurden, ist bei der geringen Entwickelung der
letzten abdominalen Abschnitte und der Mangelhaftigkeit
der damaligen optischen Hülfsmittel wohl erklärlich. Für
eine Stelle des Textes meine ich eher ein Missverständniss
des Herausgebers als einen Irrthum des Verfassers annehmen
zu dürfen. Niebuhr zieht nämlich zu „priora quatuor
(pedum) paria gaudent" die folgende Stelle hinzu „et mem-
brana subtus acuta utrinque triplici, ovata, natatoria." Ohne
Zweifel sind unter den membranae natatoriae die jederseits
zu dritt stehenden Kiemenplatten gedacht. Diese als den
vier vordersten Fusspaaren angehörend zu betrachten, war
für Forskai absolut unmöglich. Nun wissen wir, dass
das Manuskript, nach welchem Niebuhr die Ausgabe ver-
anstaltete, aus einer Anzahl winziger Blättchen bestand,
so dass leicht genug kleine Irrthümer des Herausgebers
sich einschleichen konnten. So wird dann wohl eine Emen-
dation gestattet sein, um eine Stelle , die irrig und in sich
widersinnig ist, zu berichtigen. Zu dem Ende setzen wir
hinter gaudent, welches seine Beziehungen schon vorne
im Satze hat, einen Punkt, ergänzen hinter et „adest" und
verwandeln „triplici" in „triplex." So wird die sinnlose
Stelle der ausgezeichneten Schilderung des berühmten Dä-
nen entsprechend richtig erscheinen.
H erbst (Versuch einer Naturg. d. Krabben u. Krebse
II. 1792. p. 136) gab eine wörtliche Uebersetzung des Fors-
käl'schen Textes ohne irgend einen Zusatz, und da ist
dann natürlich der im Lateinischen noch allenfalls verständ-
liche Sinn obiger Stelle ganz unklar geworden. Ausser-
dem findet sich aber ein die hübschen Mittheilungen F ors-
kal's entstellender Fehler des Uebersetzers. Forskai
erwähnt des wunderlichen Hauses mit folgendem Satze :
Singularis architecturae inhabitat domum, cubico- ventrico-
sam, rugosam, gelatinosam, rigidam, utroque extremo patu-
Plironinia sedentaria. 17
larn. Hie residet inciirvum, saepe situm mutans; his cunis
ova deponit, piillosqiie exciudit (. . . . in dieser Wiege
legt er die Eier ab und brütet die Junge aus). Da über-
setzt Herbst, obwoiil excludere der einzige lateinische
Ausdruck für ausbrüten ist, „ .... die Jungen aber wer-
den ausgetrieben," während in der That die Jungen lange
Zeit noch unter der Pflege der Mutter in dem Räume le-
ben. Uebrigens gab H. dem Cancer sedentarius , wie ihn
Forskai benannt hatte, seine Stelle in der Gruppe Gam-
marellus.
Latreille (Buffon Hist. nat. des crustaces III an X.
p. 38) bildete später die Gattung Phronima , die erste der
Gammarinae, für unseren Krebs. Seine Angabe , dass die
Antennen, über deren Gliederzahl Forskai nichts gesagt
hatte, dreigliedrig seien, ist wenigstens für die erwachsenen
Thiere falsch. Er zählt auch nur zehn Füsse, während
doch bei Gammarus vierzehn angegeben werden. Da die
Schwanzfüsse dabei ausser Betracht bleiben , so sind die
zwei vordersten, kleineren Fusspaare übersehen oder zum
Munde gerechnet, was doch schon wegen der Analogie mit
den anderen Gammarinen nicht anging. Mit borstenförmigcn,
vorspringenden Palpen bezeichnete L atreill e wohl die von
den Mundtheilen am ersten auffallenden etwas vorstehenden
äusseren Lappen des ersten Unterkiefer- oder Kaufusspaa-
res. Lat rc ill e versuchte auch zuerst eine Deutung der
Natur des Hauses (animal , vivant dans un corps ovalaire,
transparent, presque geJatineux (cadavre d'un beroe ?) und
seine Deutung fand vielfach Aufnahme.
Sonderbar ist, dass Okcn, der doch Forskai und
Herbst anführt (Allgem. IS'aturgesch. V, 2. 1835. p. 612)
meint, man habe noch keine Eier beobachtet. Er erwähnt
der rothen Düpfel der Bedeckungen und glaubt, dass die
Thiere , welche sich nur im Frühjahre zeigen , sonst im
Schlamme verborgen leben möchten. Was vom Wohnen in
Medusen gesagt wird, mag sich wohl auf Phronime senti-
nelle bezichen, die aber, wie eine andere ähnlich lebende
Art des Risso, vier Antennen besitzen soll, also in eine
andere Gattung versetzt werden muss.
In der Abbildung von Mi Ine Edwards (Cuvier,
Arohiv f. Naturg. XXVI. Jahrg. 1. Bd. 2
18 l'agcnstecher: '
Regne animal, Criislaces pl. 58. 3) trägt Phronima sedcnta-
ria auch am zweiten und driften Fusspaare kleinere Kie-
mcnplatten, aber, ob\.ohI das gewissennassen richtig ist,
wie Avir weiterhin sehen werden , nimmt doch der Text
darauf keine Rücksicht. Für das Ai)domen werden sieben
Segmente angegeben. Das siebente besteht in der That
nur aus ein paar Höckerchen oder Läppchen, es trägt keine
Anhänge und man darf es als ganz rudimentär betrachten,
aber man kann nicht, wie v. d. Hoeven (Lehrb. d. Zoo-
logie ) , wenn man nur von sechs Abdominalsegmenten
spricht , von diesen die zwei letzten als in innigem Ver-
bände stehend betrachten. Die Stellung, welche M. Ed-
wards der Phronima in ihrer Hülle giebt , ist nicht die
charakteristische und die Abbildungen einzelner Körper-
theile bedürfen in einigen Punkten der Vervollständigung.
Auch bei Gervais und van B e n e d e n (Zool. me-
dic. 1859. I. p. 488) finden wir das Haus bezeichnet als
„une Sorte de cylindre membraneux , d'apparence cristal-
line, qui parait etre un Acalephe voisin des Beroes.'^ Da-
gegen war von 0. W. Otto schon 1823 (Nov. act. nat.
cur. Acad. Caes. Leopold. XL p. 313) unter anderen zarten
Seethieren der Fauna' Neapels ohne Zweifel dasselbe frei
schwimmend und angeblich mit Eigenbewegung auch noch
nach dem Fange beobachtet , beschrieben und abgebildet
worden. Von ihm hatte es als selbstständiges Thier den
Namen Doliolum mediterraneum erhalten, ohne dass er der
Phronima dabei gedachte. Dazu bildete dann d eil e Chiaje
1841 zwei weitere Arten von Doliolum ab (Animali inver-
tebrati Taf. XXXIIl) von dem glatten mediterraneum als
ein höckriges papillosum und ein mit Längsrippen ausge-
rüstetes sulcatum unterschieden. Alle drei werden mit ein-
sitzender Phronima dargestellt. So ging dann nun die
Notiz, dass Phronima in den knorpligen Hüllen von Dolio-
lum wohne, in einen Theil der zoologischen Werke über,
obwohl man hierfür nur das Doliolum Otto's zu Grunde
legen konnte , während doch nach der Schilderung der
Beobachter der mit Eingeweiden bekannt gewordenen und
Doliolum benannten Thiergattung (Quoy Gaimard), de-
ren äussere Haut oder Mantel selbst bei grösseren Arten
Phroninia sedcntaria, 19
verhältnissmässig- dünn ist. So ist also unter dem Dolio-
lum von Otto nnd Chiaje schwerlich dieselbe Gattung
zu verstehen, als unler dem des Huxley, Krohn u. A.
Wir haben die mikroskopische Struktur des Hauses von
Phronima durch Eigenthümliclikeiten ausgezeichnet gefun-
den, welche der neuerdings gemachten Behauptung von Dr.
Ke ferst ein und Ehlers (Göttinger Nachrichten 1860.
p. 26), dass dieselbe von einem salpenähnlichen Thiere her-
rühren möge, zwar vielfach entsprechen , in einem Punkte
jedoch etwas bei Salpen nicht Beobachtetes zeigen , worauf
wir alsbald zurückkommen werden.
Wir reihen an diesen Ueberblick nunmehr die Ergeb-
nisse der eigenen Beobachtung.
Die grössten Exemplare, welche ich von Phronima
auftrieb, massen fast 3 Cm. an Länge, die kleinsten selbst-
ständigen kaum die Hälfte; der Grösse des Thiers entsprach
die des Hauses. Das Haus war immer glatt auf der Ober-
fläche, der Hohlraum mass über 1,5 Cm. W^eite und 2,5 Cm.
Länge, die Dicke der Wand betrug bis 2 Mm. Da der erste
Anblick des mikroskopischen Baus beweist, dass wir es hier
unmöglich mit einem selbstgefertigten Absonderungsprodukte
des Krebses zu thun haben, wie sieBate für andere Am-
phipoden beschreibt, so muss dieses Haus nach Bedürfniss
gewählt und vertauscht werden , wie das von Einsiedler-
krebsen geschieht. In einzelnen Fällen war das Haus nicht
einfach cylindrisch, sondern an einer Seite etwas vierkan-
tig ausgezogen, die W^andung oft an den Enden wie plötz-
lich abgeschnitten , in anderen Fällen dagegen zugeschärft
verdünnt, auch oft an einigen Stellen sehr dünn und leicht
zerreissbar.
Ich habe Taf. III. fig. II, a. b. c diese Hülle im senk-
rechten- Durchschnitte in schwächerer und stärkerer Ver-
grösserung abgebildet. Das Gewebe erweist sich als mas-
sige Interzellularsubstanz , theilweise streifig zerfallen mit
einzeln unten rundlichen und länglich, spindelförmig aus-
gezogenen Zellräumen. Die äussere (b) und innere Rand-
schicht sind fester, weniger durchsichtig, Zellen und Fa-
sern gedrängter , als im mittleren Theile (c). Dieser Bau
sieht um so mehr dem Salpenmantel in seinen dickeren
20 P ;i g e n s t e c li e r :
Stellen , besonders in der Hülle des Nucleus ähnlich, als
wir in beiden nicht selten die rundlichen Zellräume mit
bräunlichem Pigmente theilweise gefüllt finden. Das findet
an der bezeichneten Stelle der Salpen (Salpa maxima) al-
lerdings in viel ausgezeichneterem Maasse Statt. Jeden-
falls berechtigt dieser Bau zu sagen , dass das Thier sal-
penähnlich sei, von dem das Haus entlehnt ist, aber für
eine Salpe selbst kann ich es nicht ansehen. Zunächst ist
die Wand im Verhältnisse zum Hohlräume stärker , auch
solider, als sich das bei Salpen von entsprechender Grösse
mit Ausnahme beschränkter Theile findet. Man könnte da
vielleicht denken, es sei ein Stück einer Salpe von noch
grösserem Durchmesser und demnach stärkerer Wandung,
beliebig ausgeschnitten, und dann erst in Cylinderform zu-
sammengeklebt , für welchen Gedanken ich zuweilen An-
haltspunkte zu finden glaubte. Denkbar wäre dergleichen
sclion gewesen, da auch die Nester anderer Amphipoden ein
Gemenge eigener Sekrete und fremder Stoffe sind. Aber
genauere Untersuchung gab keinerlei Beweis dafür und
Kittdrüsen scheint Phronima nirgends zu besitzen. End-
lich scheint mir eine bestimmte Eigenthümlichkeit im Ge-
webe des Hauses das Herstammen von Salpen unmöglich
zu machen. Es hnden sich nämlich in verschiedenen Rich-
tungen feine Spiralfäden in dem Gewebe eingebettet, wel-
che ich im frischen Zustande besonders schön fand , aber
auch jetzt nach fast einem Jahre noch darstellen konnte
und an den Häusern verschiedener Thiere beobachtete. So
glaube ich zwar, dass wir es mit einem Stücke einer Tu-
nikate, nicht aber mit einer Salpe, zu thun haben, und dass
das betreffende Thier noch zu suchen ist, falls nicht Otto es
gesehen, aber seine innere Organisation nicht erkannt hat.
Ueber das Haus der Oicopleura (Vexillaria, Appendicularia)
fehlen speziellere Angaben des Baues. Das von AI Im an
wieder gefundene maass 4-5'", wäre also lang genug. Ich sah
selbst nur winzige Appendikularien der Nordsee. Von den
erwähnten Spiralen Fäden findet sich bei Medusen , von
denen ich jetzt wieder Chrysaora verglich , nichts ; auch
Bcroe mit ihren breiten muskulösen Fasern hat ein ganz
anderes histologisches Ansehen und muss ganz verworfen
PhioiiifiMi Si>(!iTil;n ia. 21
werden. Die Haut der Heteropoden, deren steifer cylindri-
scher Leib eine äussere Aehnlichkeit mit dem Haus der
Phronima zeigt , ist ebenfalls auf ganz verschiedene Weise
gebaut. Es ist übrigens nicht nur möglich, sondern auch
wahrscheinlich, dass die Häuser von verschiedenen Thier-
arten, vielleicht von verschiedenen Thiergattungen entlehnt
werden mit ähnlicher Freiheil der Wahl wie bei Pagurus.
Alle Exemplare, welche ich erwachsen gefunden, bc-
sassen ein Haus und sie waren sämmtlich weiblichen Ge-
schlechts. Im Hause aber sah man dann in dichtgedräng-
ten Gruppen, in verschiedenen Stufen der Entwickelung
und in entsprechend verschiedenen Gestalten die junge Brut
ansitzend. So scheint es allerdings, dass das Haus nur
dem Brutgeschäfte dient.
Wenn Phronima mit ihrem Hause im Meere treibt, so
steckt sie nur mit dem Vorderkörper in der Hülle; sie hält
sich im Innern mit den lünf vorderen Thorakalfusspaaren
fest, während die zwei hintersten Thorakalfusspaare auf den
Rücken geschlagen sind und sich an den oberen Theil des
hinteren Randes anklammern. So hängt das ganze Abdo-
men frei herab und treibt durch seine regelmässige Bewe-
gung das Schifflein mit der ganzen Familie rasch voran
(Taf. I, flg. III). Das kann man auch im Aquarium beob-
achten. Gestört und erschreckt, zieht sich allerdings der
Krebs auch wohl ganz ins Haus oder schlüpft hindurch,
um es rasch wieder zu ergreifen.
Die Bewegung des Abdomen, seiner Schwimmfüsse und
weitere Anhänge findet dabei , wie überall unter solchen
Verhältnissen statt. Beim Strecken des Schwanzes werden
seine Anhänge ausgebreitet, abduzirt und gestreckt und
dafür sind ihre Muskeln besonders eingerichtet; wird da-
gegen der Schwanz in die gekrümmte Stellung zurückge-
führt, so legen sich seine Anhänge an ihn an oder knicken
sich unter seinem Schutze ein, die Fläche wird verringert,
weniger Widerstand überwunden. Wenn so einmal der
Körper vorwärts getrieben wird , so kann nicht auf der
anderen Seite ein Wasserstrom von den Abdominalfüssen
über die Kiemen weg zum Munde getrieben werden , das
kann nur bei einem Rückwärlstr^iben Statt finden. Der S|rom
22 r a <f 0 n s t e c h c i- :
wird viclnielir umg-ckelirt bei der Rückwärtsbevvcgiing des
ausgebreiteten Schwanzes vom Älunde her über die Kiemen
hingefülirt und dieselbe Richtung- des Stromes muss blei-
ben, wenn auch die Bewegung zu schwach ist, um das
Thier vom Flecke zu bewegen; denn ob das Thier gegen
die Wassermenge im Ganzen oder nur einzelne Theilchen
der letzteren gegen das Thier die Stellung ändern, hängt
nur von der Grösse der Arbeit des Abdomen nicht von der
Stromrichtung ab. Wie für Phronima, gilt dies für alle
Krebse und ist danach das, was Milne Edwards über
die Athmung der Amphipoden sagt (Anat. et Physiol. comp.
11,1. p. 126) zu berichtigen.
Da der Vorderkörper des Thieres im Häuschen steckt,
so muss der erzeugte Wasserstrom in dessen vordere Oeff-
nung einziehen,- die Jungen, die an den W^änden ansitzen,
werden überspült und sie und die Mutter linden in dem
stets erneuerten Seewasser neben der Respirationsluft auch
mancherlei Nahrung. Hinten aber kommen in der Streckung
des Abdomen zu derselben Zeit, wann die thorakalen Kie-
men am freiesten flottiren , auch die Schwanzanhänge zur
breitesten Entfaltung und können dann wesentlich sich an
der Athmung betheiligen.
Ich glaube bemerkt zu haben, dass das Haus der Phro-
nima für sich allein auf dem Seewasser schwamm , wie das
z. B. auch die leere Schale von Cymbulia Peronii that. Auf
alle Fälle hängt sich an ihr leicht ein Luftbläschen und
dann erleichtert sie dem Krebse das Schwimmen an der
Oberfläche.
Werfen wir hiernach zunächst einen Blick auf das
erwachsene Thier, so bleibt in Betreff der äusseren Orga-
nisation noch einiges nachzuholen.
Der Mund besteht aus einer zweitheiligen, bevv eglichen
Oberlippe (Taf. III. lig. VI, a. 1), von deren Hälften ein
paar Bügel zu einem kleinen rundlichen Vorsprunge des
Kopfrandes hinziehen, welcher in den hasenschartartigen
Mittelausschnitt der Oberlippe hineingreift. Unter dem Schutze
der Oberlippe eingelenkt, treten breit dreieckige innen
gezähnte und an beiden Enden der Zahnreihe mit Borsten-
liaarcn besetzte einfache Kiefer hervor (fig. VI, a. 2) Diesen
riiroiuma sedcnlaria. 23
folgen zwei paar Maxillen oder Kaufüssc, die auf einfachem
Grundgliede zwei parallele Endglieder tragen , von denen
das äussere das innere etwas umfassend deckt. An den-
selben ist trotz Verschiedenheit in der Ausführung eine
Analogie der Grundform nicht zu verkennen. An der er-
sten ÄJaxille (flg. VI, b) ist der innere Lappen ein kräfti-
ger Kiefer mit einer Reihe von Zähnen und einer Reihe star-
ker Borsten, so wie einem besonderen Bündel von Bor-
stenhaaren an der Basis. Der äussere Lappen trägt an der
Basis ein ähnliches Haarbündel , weiterhin erscheint« er,
wenn man ihn im Zusammenhange mit den anderen Mund-
theilen und von vorn und aussen betrachtet schmal, gebo-
gen, gestreckt und zugespitzt, tasterartig, mit kleinen Här-
chen besetzt. Isolirt man ihn jedoch und sieht ihn von
hinten und aussen, oder komprimirt ihn, so sieht man deut-
licher, dass er eine Fläche bildet, von der jener Anblick
nur die Kante zeigte und die den inneren Lappen fast
schaufeiförmig umfasst, so hinter diesem versteckt liegend.
Das hat Milne Edwards übersehen und so giebt
seine Zeichnung von diesem Mundtheile keine ausreichende
Vorstellung.
An der zweiten Maxille (Taf. IH. fig. VI, c) ist die
Verschiedenheit beider Lappen viel unbedeutender. Sie
sind beide plump , stumpf- gespitzt und mit Borsten be-
setzt, die nahe der Basis in einem Büschel, sonst verfheilt
stehen. Uebrigens umfasst auch hier der äussere ein we-
nig den inneren.
Die Gruppe der Kauwerkzeuge (Taf. III. fig. VI, d)
wird hinten durch die von der Kehle herabhängrende Un-
terlippe abgeschlossen. Dieselbe hat einen einfachen, brei-
ten flachen , quercingelenkten , einmal gegliederten Basal-
theil, welcher unten etwas verschmälert und mit kleinen
Stacheln besetzt ist. Auf diesem sitzen drei Lappen, von
denen zwei paarig sind und rechts und links in derselben
Ebene von dem Basalstücke herabhängen. Sie sind lanzett-
förmig und am Innenrande doppelt gezähnt. Ein unpaarer
mittlerer Anhang dagegen (fig. VI, d. 3) von etwas gerin-
gerer Länge inserirt sich zwischen ihnen und seine Ebene
steht senkrecht auf den Seitenlappen und der Basis. Er
24 P a {^ c n s l ;j c li e r :
ist dem Munde zugewandt und kann als Zunge bezeichnet
werden; er liat seine besondern Muskeln und dürfte wohl
als die Verschmelzung- zweier innerer Lappen eines dritten
Kaufusspaares zu belrachten sein , dessen gleichfalls ver-
wachsene basalen Glieder und getrennt bleibende äussere
Lappen in den anderen Theilen der Unterlippe wiederge-
funden werden.
Es folgen nun dem Kopfabschnitte sieben deutlich ge-
sonderte Thorakalsegmenle , je mit einem Fusspaare. Die
zwei, ersten Fusspaare sind schwache Greiffüsse mit an der
Spitze eingekerbter Kralle , einschlagbarem Endgliede und
diesem entgegenwirkeoder schwacher zugespitzter Erwei-
terung des unteren Endes am vorletzten und drittletzten
Gliede. Diese Erweiterung entspricht der des vorletzten
Gliedes am fünften Paare, durch welche die Scheere zu
Stande kommt. Das dritte und vierte Paar sind länger aber
einfacher, das fünfte trägt die kräftige Scheere, die Ver-
längerung der Schenkel und deren halsförmige Ausbuch-
tungen der Ansatzstelle bei den beiden letzten Paaren setzen
diese in den Stand in die Höhe geschlagen als Rückenfüsse
wie bei den Notopoda zu dienen. Alle Füsse haben fünf
Segmente, von denen das zweite sehr kurz ist, so dass
daselbst hauptsächlich die Knickung der Glieder stattfindet.
Hinler dem vierten , fünften und sechsten Fusspaare
sitzen an den sie tragenden Ringen länglich ovale, grössere
Blutmengen enthaltende Kiemen, wie das bisher beschrie-
ben wurde. Ausserdem finden sich aber neben diesen wah-
ren Kiemensäcken am vierten und fünften Fusspaare jeder-
seits kleinere Plättchen , welche der ßauchbedeckung sich
anlegen , nicht frei herabhängen und an der Wurzel des
zweiten und dritten Fusspaares finden sich nur solche.
Man könnte diese dünnhäutigen Blätter wohl als falsche Kie-
men bezeichnen, es ist aber möglich, dass sie bei der Ei-
ablage funklioniren. So finden wir also das erste und letzte
Fusspaar ohne Anhang, das zweite, dritte und sechste be-
sitzen einen, das vierte und fünfte zwei, aber nur an den
drei letzten Füssen , w eiche solche Blätter tragen , ist je
eins zur Kieme erhoben worden.
Die Anhänge des ersten bis dritten Abdominalgliedes
Fhroninia sedcntaria. 25
bilden eine zusammengehörige Gruppe, wie die des vierten
bis sechsten. Im Prinzipe sind diese Anhänge wesentlich
gleich, d. h. sie bestehen alle aus einem basalen Gliede
mit zwei parallelen lanzettförmigen Endgliedern, der Typus,
nach dem auch die Maxillarlusse ausgeführt waren. Bei
den Anhängen der drei ersten Schwanzglieder sind dann
die Grundglieder dick und kurz, ihre Seitenflächen oval,
ihre Kanten scharf, die Bewegungsrichtung in der Axe des
Körpers, die Endglieder an den beiden Rändern gekerbt
und mit Fiederhaaren besetzt. Bei den hinteren Schwanz-
anhängen sind dagegen die Grundglieder lang, rundlich-
stielförmig, die Bewegung ist seitlich, ihre Endblätter sind
nur am inneren Rande sägezähnig und nackt. Während
die Länge der drei ersten Abdominalglieder den Fusspaa-
ren derselben eine gesonderte freie Entfaltung gestattet,
bilden die drei paar stielförmigen Anhänge, von denen das
zweite Paar das kürzste , das erste das längste ist, durch
die geringe Entwickelung der sie tragenden Segmente fast
in gleicher Höhe entspringend zusammen eine schmale
Schwanzflosse. Das siebente Glied , der Anhänge entbeh-
rend , erscheint nur in der Form von ein paar kleinen
Afterklappen (Taf. III. lig. I).
Der Magen ist ein nach hinten erweiterter Sack, an
dessen dicker Wand schlauchförmig geordnet leberartige
Zellen erkannt werden können. Der vordere enge zunächst
auf den Schlauch oder die kurze Speiseröhre folgende
Theil , die Cardia , ist jederseits mit einer Reihe spitzer
Zähne ausgerüstet (Taf. III. flg. IV, a und IV, b). Der Ma-
gen der erwachsenen Thiere enthält Reste von Siphono-
phoren und Aehnliches , wo dann namentlich die Nesselor-
gane besonders deutlich erkannt werden. Auch fanden
sich darin Eier mit zweiäugigen Embryonen, die von Kreb-
sen herzurühren schienen, vielleicht Abkömmlinge des Thie-
res selbst. Der Pylorustheil des Magens besitzt eine kräf-
tige ringförmige Anordnung, während der ganze Magen durch
vorn und hinten angesetzte Muskeln bewegt werden kann.
Neben dem Magen und fast mit ihm verbunden liegt
jederseits ein Ovarium, sackförmig, aus welchem wenig
gewunden ein Eileiter nach hinten zieht, um mit einer ova-
^ Pagen stech er:
leii MünduiiiT hinter der Basis der Scheercnfüsse versteckt
unter den ]\ebenkiemenplalten des lunften Thorakalsegmen-
tes nach Aussen zu münden (Taf. 111. fig-. IV, c, d, e). Die
abgebildeten Theile gehören einem Thiere von nicht be-
deutender Grösse an. Bei einem anderen, dem kräftigsten,
welches ich besass, waren Eierstock und Eileiter über Ver-
hältniss beträchtlicher entwickelt. Nahe der Mündung hängt
mit dem Eileiter ein Schlauch zusammen (f), der die Be-
deutung einer Samentasche zu haben scheint. Bei allen
Individuen waren trotz der vorhandenen jungen Brut im
Tönnchen die Ovarien mit zahlreichen Eikeimen gefüllt und
bei einigen zeichneten sich grössere abgelöste Eichen aus.
Die Eiablage geschieht demnach wohl in mehreren Pausen.
Das Herz beginnt schon am vierten Segmente des
Schwanzes und reicht etwa bis zum fünften Thorakalringe
nach vorn. Wenn man das Abdomen beim lebenden Thiere
unter dem Mikroskope betrachtet, so sieht man die farb-
losen kugligen Blutkörperchen am Bande des Schwanzes
nach hinten eilen. In den Stielanhängen gehen sie an der
äusseren Seite hinab und kehren an der inneren wieder
zurück. So in die Medianlinie gelangend , werden sie
dann nach vorn getrieben. Eine Bewegung nach hinten,
entsprechend der Gegenwart einer kaudalen Arterie , findet
nicht statt. Man sieht in der Mittellinie die sehr bestimm-
ten der ßlutbewegung dienenden Contraktionen der am
Rücken liegenden schlauchförmig angeordneten Muskeln,
und es scheinen hinten auch bestimmte Theile als Klappen
bezeichnet werden zu können. Im hintersten Theile des
Schwanzes wird die Blutbewegung befördert durch die
Muskulatur, indem die Bündel vom Rücken zu der Wurzel
der Stielanhänge radienartig zusammenlaufen, so dass zwi-
schen ihnen das Blut in die Mittellinie gelangen kann. So
fällt dann mit der der Athmung dienenden Bewegung des
Schweifes auch ein erhöhter Impuls für die Cirkulation
des Blutes zusammen.
Der Chitinpanzer selbst ist dünn und durchsichtig.
Zwischen denselben und der chitinogenen Haut liegen je-
doch häufig in grosser Anzahl und auch schon bei jungen
Thieren , besonders am Kopfabschnitte aber zerstreut an
Phronima sedcntaria. 27
allen Tlieilcn rundliche, scheibenförmige, höckrige vielge-
staltige Kalkkonkrelionen (Taf. III. fig. III). Als ich diesel-
ben zuerst an der Wurzel der Antennen und in der Basis
derselben fand in Gestalt einer von einer Scheibe umfass-
ten Kugel, dem Saturn mit dem Ringe vergleichbar, glaubte
ich Gehörsteine in ihnen zu erkennen. Ihre Verbreitung
lässt solche Vermuthung nicht aufkommen. Sie überragen
die Oberfläche der weichen Haut und sind wahrscheinlich
gleiche Conkretionen , wie sie Leydig bei Porcellio und
Gammarus fand, ohne eine Deutung zu wagen (Histol. d.
Menschen und Thiere p. 114). Es scheint mir dies die ur-
anfänglichste Weise der Kalkablagerung für das Hautskelet
zu sein. Vielleicht mögen die Conkremente , welche man
in den Schwanzflossen von Arten der Gattung Mysis findet,
vom analogen Standpunkte aus zu beurtheilen sein und die
Magensteine des Fhisskrebses mit in die Betrachtung ge-
zogen werden können. Ob sich diese Conkretionen zu allen
Jahreszeiten in gleich grosser Menge finden , erscheint um
so fraglicher, als sie bei den verschiedenen Individuen in
sehr verschiedener Anzahl vorkommen.
Insofern das ganze Chitinskelet ein ab- und zu abge-
stossenes Sekret ist, erscheint es viel weniger von Bedeu-
tung als es sonst sein würde, ob man auch solchen Krebs-
steinen mehr die Bedeutung von Exkreten geben will. Ob-
wohl hier nicht in den Zweigen eines exkretionellen Ge-
fässsystems liegend, wie die Kalkkörper der Cestoden und
Trematoden , haben sie doch eine nahe Verwandtschaft mit
diesen und die Aufspeicherung solcher Stofl*e vor der Häu-
tung steht gleich der Aufspeicherung des Gefässinhalts
jener Helminthen im encystirten Zustande und vielleicht
gar der ürate in den Puppenzuständen der Insekten. Man
darf nur nicht verkt3nnen, dass ein Sekret, welches nachher
dem Körper noch passive Dienste leistet , im Augenblicke
seiner Entslehung dem Blute eine .Quantität von Stoffen
entnimmt oder es davon befreit.
Das Gehirn über dem Schlünde ist als wesentlich die
Grundlage der Sehwerkzeuge um so mehr entwickelt , als
hier nicht nur, wie bei den Ilyperina überhaupt, die Augen
gross sind, sondern wir deren hier sogar zwei Paare be-
28 r a i>- V. n Stecher:
sitzen. Auch das Ganglienpaar unter dem Schlünde ist
gross , da es durch die Verschmelzung der Ganglien der
mit dem Kopfe verbundenen Segmente entstanden ist, wel-
che die beiden Maxillenpaare und die Unterlippe tragen.
Das nächste Paar länglicher Ganglien entspricht wieder den
zwei ersten Thorakalsegmenten , während die fünf folgen-
den grösseren Fusspaare getrennte Ganglien besitzen. Die
drei ersten Abdominalsegmente haben ebenfalls gesonderte
Ganglien aber für die letzten Schwanzsegmente muss ein
einziges Ganglion ausreichen, welches sich dicht dem drit-
ten kaudalen Ganglion anschliesst.
Es finden sich also ausser dem über dem Schlünde
liegenden Gehirn elf Ganglien im Bauchmarke. Obwohl
dieselben überall die paarige Anordnung erkennen lassen,
so ist doch nur bei den sechs ersten eine vollkommene
Selbstständigkeit der symmetrischen durch quer überge-
hende Fasern verbundenen Hälften erhalten, die Verschmel-
zung ist dagegen in den fünf letzten entsprechend der
Verschmälerung des Körpers innig. Die Längskommissu-
ren bleiben überall paarig. Die ausstrahlenden Nerven
verlassen stets direkt die Ganglien, und an den Ganglien,
welche mehreren Segmenten angehören, treten mehrere
Nervenpaare jederseits aus in einer der Segmentzahl ent-
sprechenden Menge, sonst nur ein einziges, natürlich die
Commissuren nicht mitgerechnet. In jungen Thieren (Taf. I.
fig. I u. II) sieht man den Bauchstrang durch die Decken
des Thieres hindurch. Nur das Gehirn und besonders die
auf ihm ruhenden Sinneswerkzeuge verlangen eine speziel-
lere Betrachtung. Das Gehirn erscheint in die Quere ent-
wickelt. Zunächst sind zwei grosse Ganglien unter einan-
der durch eine quere Verbindung und an den zipfelförmig
ausgezogenen Enden mit den ganz ähnlichen ünterschlund-
ganglien durch einen zarten, weiten Schlundring verknüpft
(Taf. II. flg. I, a). Von ihnen geht am anderen Ende je-
derseits ein schwacher Nerv ab , welcher , wie es scheint,
die Muskeln der Oberkiefer versorgt (fig, I, c) und der wie
der zunächst folgende in der Zeichnung nach rückwärts
geschlagen ist.
Ausserdem zieht aber von jedem Hirnganglion ein
Phronima sedentaria. 29
starkes Faserbündel in querer Richtung- nacli Aussen, der
Träger der höheren Sinneswahrnehmungen. In seinem Ver-
laufe giebt dieses Bündel zunächst einen starken Nerven (d)
ab, von dem ein Ast zur Antenne, der andere anscheinend
zur Oberlippe verläuft. Fast an derselben Stelle entwickelt es
sich zu einer starken Anschwellung, welcher die Netzhaut-
elemente des oberen Auges aufsitzen (e) und endet schliess-
lich mit einer strahlig-en Ausbreitung unter der Netzhaut
der unteren Augen (g).
Die beiden Augenpaare sind im Wesentlichen gleich
gebaut und der Unterschied beruht nur auf den durch die
grössere Entfernung der Peripherie von der Nervenanschwel-
lung für die oberen Augen nothwendig werdenden Modifi-
kationen. Wenn man dazu nimmt, dass die Entfernung der
oberen von den unteren Augen erst allmählig so gross
wird und sie in jungen Thieren nur durch die Antennen-
insertion getrennt werden, so darf man wohl eine ähnliche
Theilung des Auges in eine obere und untere Abtheilung
annehmen, wie sie z. ß. in mehreren Familien der Käfer
durch Ausrandung angebahnt und mehr oder weniger zur
Vollendung gebracht wird. Es ist das ein durchaus an-
deres Verhalten, als wenn bei niederen Krebsen Au-
gen verschiedener Entwickelungzeiten und von wesent-
lich verschiedener Bedeutung neben einander in Permanenz
bleiben.
Die Aulfassung von Forskal, dass die oberen Au-
gen gleichsam gestielt seien, ist ganz richtig. Der Theil
des Kopfes, dem sie jederseits oben aufsitzen und den man
als Scheitel bezeichnen kann , ist seiner Hauptbestimmung
nach Träger der Augen und als aus zwei seitlichen Hälften
verschmolzen zu betrachten, deren Sonderung jedoch nur
durch eine leichte Einbuchtung und die Andeutung einer
Scheidewand an der vorderen Fläche eben verrathen wird,
Uebrigens setzen sich auch oben an den Seitenwänden
dieses eingekehrt konischen Kopftheiles Muskeln fiir die Kie-
fer, unten an der Vorderwand für die Oberlippe, am obe-
ren Rande des occipitalen Ausschnittes Rücken- und Ma-
genmuskeln an. Kräftige Apodemata treten von rechts und
links unter den unteren Augen quer in die Schädelhöhle
30 Pagenstecher:
ein und g-eben weitem Muskeln für die Mundwerkzeuge
Ansatzpunkte.
Betrachten wir den Bau der Aug-en speziell, so finden
wir zuerst, dass an der Slelle, wo wir die INervcnfasern
der Sehnerven sich strahlig ausbreiten sahen, für die unleren
Aug-en , oder wo sie eine kuglige Erhebung- bildeten , für
die oberen Aug-en, unter sie eine ziemliche Anzahl rund-
licher Ganglienzellen eingemengt liegen. Es iindel das jedoch
auch an verschiedenen anderen Stellen des Gehirns statt,
wo Nerven dasselbe verlassen, am meisten natürlich in den
eigentlichen Gehirnganglien , den Ober- Schlundganglien.
Ob aus ihnen daselbst neue Fasern hervorgehen oder ob
sie in vom Centrum herkommende eingebettet sind , wage
ich nicht zu entscheiden.
Dann folgt eine grosse Zahl von cylindrischen Elemen-
ten, über welche, weil zwischen sie hin körniges rothes
Pigment reichlich eingestreut ist, der Ueberblick schwieri-
ger wird. Es scheint jedoch zweifellos , dass die Hülle
der feinen Nervenfasern (Taf. II. fig. V, a) stark erweitert
zur Hülle dieser Cylinder (Taf. II. fig. V, b) wird. Der In-
halt bekommt dagegen ein Ansehen wie von krümliger
Marksubstanz.
Auf diesen Cylindern sitzen nun stäbchenförmige Ele-
mente (Taf. II, flg. V, c), welche bis an die Chifindecke oder
die dieser unterliegende chitinogene Membran reichen. Diese
Släbchen beginnen mit einem sehr feinen Faden, welcher
am Beginne ein wenig verbreitert und scharf schräg abge-
schnitten erscheint. Man kann dort deutlich sehen , dass
sich die Hülle des Cylinders , die anfangs Hülle der Ner-
venfaser war, auch als Hülle dieses Fadens fortsetzt.
Dieser fadenförmige Anhanof der Stäbchen ist nun bei
den unteren Augen sehr kurz , bei den oberen Augen
(Ta{[. II. fig. III und IV) sehr lang ausgezogen uud erreichte
bei dem grössten von mir beobachteten Exemplare die re-
lativ kolossale Länge von 4,5 Mm. bei einer durchschnitt-
lichen Dicke von 0,007 Mm. Der Faden hat eben die Bahn
vom Gehirne bis zum Scheitel zurückzulegen, und entspricht
für die oberen Augen fast der Höhe des Kopfes.
An der Peripherie kommt nun ein zweiter angeschwol-
Phronima sedentaria. 31
lener Theil der Stäbchen , der aber in Hülle und Inhalt
durchaus mit dem Faden übereinstimmend nur in der Ge-
staltung- abweicht und dessen Form nun neben der Faden-
länge und der Stäbchenzahl zwischen oberen und unteren
Augen verschieden ist.
Die kolbigen Enden der Stäbchen der unteren Augen
sind etwas länger, schlanker und durch eine mittlere Ein-
schnürung erscheinen sie deutlicher zweimal angeschwol-
len. Die Stäbchen der oberen Augen endigen plumper,
birnförmig, die ausgewachsenen etwa 0,1 Mm. breit.
Das convexe breite Ende jedes Stäbchens wird, wenn
man die Stäbchenschicht aus dem Auge gelöst hat, von Re-
sten der sehr feinen von der Nervenfaserscheide herstam-
menden Umhüllung überragt , welche hier überall von der
äusseren Körperdecke sich abgetrennt hat und im Leben die
Lage des einzelnen Stäbchens befestigte. Durch den An-
satz dieser feinen Membran an der Chitindecke entsteht
den Kolben entsprechend eine sehr leichte Andeutung einer
Facettirung, ein pflasterförmiges Ansehen der Chitindecke
auch nach Entfernunor der Stäbchen selbst. Die das Auo-e
Überziehende Körperhülle bleibt jedoch in Wahrheit eine
einfache platte Cornea , an welcher nicht den einzelnen
optischen Elementen eine linsenförmige Anschwellung ent-
spricht. Es ist klar, dass durch geringe Modifikationen der
Ausführung die verschiedenen Arten des Arthropodenau-
ges zu Stande kommen und so wie hier wird anderswo
der Uebergang aus dem zusammengesetzten Auge mit glat-
ter Hornhaut zu der mit facettirter Hornhaut nachweis-
bar sein.
Die Zahl der Stäbchen betrug bei einem grossen Ex-
emplare für jedes der oberen Augen an vierhundert, für
jedes der unteren etwa hundert und sechszig. Das Bündel
von Stäbchen ist noch von einer gemeinsamen zarten Scheide,
dem Neurilemma entsprechend, eingehüllt. Das feinkörnige
Pigment , dessen Färbung verschiedene Arten und Intensi-
tätsgrade von Roth zeigen kann , liegt auch noch zwischen
den Fadenanfängen der Stäbchen ; die Körnchen verlieren
aber allmählig die rothe Farbe, und wenn man die Kolben
in der Fläche von oben ansieht, so finden sich zwischen
32 Pagen Stecher:
ihnen dann nur schmutzig aussehende xMolekeln (Taf. II.
flg. VI).
Die Substanz der Stäbchen ist von gelblichem, fettigen
Aussehen , und stark lichtbrechend , sie geht in den Inhalt
der Cylinder nicht allmälig über, sondern setzt sich ge-
gen diesen deutlich ab.
Wie weit diese Stäbchen trotz der Länge und späte-
ren fadenartigen Feinheit das auf den breiten peripheri-
schen Enden aufgenommene Licht in Folge des starken
Lichtbrechungsexponenten durch totale Reflexion bis zu den
Cylindern hin zu leiten vermögen, muss ich dahin gestellt
sein lassen. Im Falle , dass diese Stäbchen wirklich allein
oder neben anderer Funktion der Lichtleitung dienen, würde
dadurch, dass ihre Peripherie breit ist, an der feinen End-
spitze des Fadens eine koncentrirte Einwirkung statt ha-
ben und sich auf den Inhalt des Cylinders geltend machen,
dessen Substanz allerdings das Ansehen hat , als wenn sie
rasche Veränderungen erleiden möchte.
Es ist vielleicht hier eine vollkommene Sonderung des
Vermögens Licht zu leiten und es zur Empfindung zu brin-
gen zwischen verschiedenen Substanzen noch nicht eingetre-
ten. Uns an das Faktische haltend, können wir nur sagen,
dass die Bestandtheile des Sehapparals durch die Nerven-
umhüllung bis zur Peripherie kontinuirlich zusammenhängen,
in Betreff des Inhalts dagegen bestimmt gesondert sind, und
zvvar so, dass die äusserste Abtheilung, aber auch nur diese
wenigstens einigermassen zur Leitung von Lichtstrahlen
befähigt erscheint.
Unter den verschiedenen Bildern, welche uns die End-
anschwellungen der Stäbchen in beiden Augen zeigen, bemer-
ken wir nicht wenige, welche auf eine Zersetzung der Substanz
hindeuten und andere, die uns deutlich beweisen, dass eine
Spaltung der Stäbchen und vielleicht neben dieser Art der
Vermehrung auch die durch Nachwachsen vom Centrum aus
stattfinden könne, für welches dann der Ursprung aus der
in Vermehrung begriffenen Ganglienzellenschicht würde
abgeleitet werden müssen. Zunächst drängt sich auch hier
wieder der oben berührte Gedanke auf, dass solche Ver-
hältnisse vielleicht nur zu bestimmten mit der Häutung
Phronimn sedentaria. 33
abschliessenden Perioden, die mit der Zeit der Eiablage
zusammenfallen, stattfinden möge. Dann scheint jene par-
tielle Zersetzung der Substanz in den Kolben mit der Thei-
lung zusammenzuhängen, sie gewisser Massen einzuleiten.
In einigen Kolben sehen wir die Substanz durchaus gleich-
massig, hellgelb, die convexe freie Fläche ganzrandig. Da-
nach finden wir Formen, in welchen die centrale Partie
etwas klarer erscheint , oder in denen sich einige helle
Körnchen angehäuft haben. Wenn die Anhäufung solcher
Körnchen oder Moleküle zerfallenden Fettes stärker wird
und diese selbst dunkler werden, so zerklüftet der Kolben
in der Mitte und indem sich die Körnchen mehr nach bei-
den Seiten vertheilen, verlängert sich die Spalte nach
beiden Richtungen , erreicht das Ende des Kolbens und
geht an der anderen Seite in den Faden über, der bis
zur Wurzel hinab sich spaltet. Die umhüllende Membran
muss natürlich den Prozess mitmachen. Ausser den Kol-
ben, bei welchen durch unvollkommene Trennung, Grösse,
Art des Aneinanderliegens die Entstehung durch Theilung
klar wird, finden sich auch kleinere, schmale Keulen, wel-
che wie nachgewachsen aussehen. Uebrigens ist die Zahl
der Stäbchen nach dem Entwickelungszustande sehr ver-
schieden.
In den unteren Stäbchen ist der Theilungsprozess we-
niger deutlich als in den oberen, in ihnen ünden wir ent-
sprechend den beiden Anschwellungen einen zweifachen
Ausgangspunkt der Körnchenbildung und Spaltung. Diese
Bildung körniger Moleküle konnte auch für einen unter
Einfluss des Lichts stattfindenden Zersetzungsprozess der
Substanz der Stäbchen angesprochen werden, aus welchem
dann eher ein Zeugniss für die Natur der Stäbchen als
Lichtpercipirender Nervenelemente genommen werden könnte.
Eine andauernde Vermehrung der optischen Elemente eines
Auges ist natürlich viel leichter möglich, wo nicht jedem
Stäbchen eine unveränderliche linsenförmige Facette der
Chitinhaut entspricht.
Die Antennen, welche einen starken Nervenast erhal-
ten (Taf. II. fig. II) sind bei erwachsenen Thieren bestimmt
nur zweigliedrig. Das zweite Glied enthält am Ende des
.\rcluY f. Naturg. XXVII. Jahrg. 1. Bd. 3
34 Page 11 stech er:
Nerven eine Gruppe] von Zellen und ist mit fast zwanzig
breiten, weichen, hohlen Tasthaaren besetzt.
Von der Muskulatur ist mit Ausnahme der besonders
schönen langen Sehne besonders am Rücken nur die für
die Bewegungsweise wichtige und oben angedeutete Ein-
richtung zu erwähnen, dass die Muskeln, welche den äus-
seren Blattanhang der slielförmigen hinteren Caudalglieder-
paare nach aussen bewegen, sehr kräftig erscheinen, wäh-
rend entgegengesetzte kaum zu bemerken sind. Mit Macht
nach Aussen geführt, w^erden diese Theile nach Aufhören
der Muskelcontraktion durch den Gegendruck des Wassers
in die Lage der Ruhe zurücksinken.
Es bleiben uns zum Schlüsse noch einige Bemerkun-
gen über die Entwickelung von Phronima, soweit dieselbe
aus zweien neben dem erwachsenen Thiere beobachteten
jüngeren, unter einander verschiedenen Altersstufen er-
schlossen werden kann. Erst hatte ich in jNizza nur die
ältere dieser Jugendzustände zahlreich in dem Hause der
Mutter gefunden und hielt die Differenzen von den Erwach-
senen für zu unbedeutend für besondere Beschreibung. Als
ich aber später hier ein Nest voll noch jüngerer Thiere
fand , zeigten sich diese wxit mehr verschieden von den
Alten, zu deren Form jene für sie die Vermittelung bilden,
so dass es wohl der Mühe lohnt, den Vergleich zu ziehen.
Es lässt sich durch die Betrachtung der drei Gestalten ein
bestimmter Entwickelungsmodus finden, der sich neben Ge-
ringfügigem , wie z. B. der Vermehrung der rothen Pig-
mentzellen , hauptsächlich in vier Momenten ausprägt. Er
beruht darauf, dass in jungen Thieren der Yerdauungsap-
parat im Verhältnisse umfänglicher, die der freien Bewe-
gung direkt und durch leitende Sinnesempfindung indirekt
dienenden Körpertheile weniger entwickelt sind, auch erst
allmählig die Scheere, ein vielfach gebrauchtes Instrument
des erwachsenen Thieres sich ausbildet.
Die erste DifTerenz betrifft den Magen. Derselbe
reicht, wie es die Abbildungen 1, 11 und III auf Tafel I
zeigen, bei den jüngsten Thieren bis in das fünfte Thora-
kalsegment , bei der nächsten Entwickelungsstufe nur bis
zum Ende des dritten, bei den ältesten Thieren nur bis in
Phroninia sedentaria. 35
das zweite. Noch mehr als durch die Veränderung der
hinteren Gränze wird durch die starke Entwidielung- des
vordersten Abschnittes des Körpers und des Schwanzes,
wovon gleich die Rede sein soll, im Heranwachsen das Yer-
hältniss zwischen dem Magen und dem ganzen Körper ein
wesentlich anderes. Bei ganz jungen Thieren ist der Ma-
gen last halb so lang w ie der Körper, während seine Länge
im ausgewachsenen Leibe kaum ein Siebentel beträgt. Trotz-
dem wächst absolut der Magen zwischen den kleinsten und
dem grössten von mir beobachteten Individuen auf mehr
als das Vierfache seiner Länge.
Das zweite Moment in den Entwickelungsverschieden-
heiten bildet der Schweif. In den jüngsten Thieren steckt
derselbe als kurzer Stumpf zwischen den die hintersten
Füsse tragenden basalen Fortsätzen der letzten Thorakal-
segmente. Seine Gliederung ist zwar zu erkennen, aber
die Anhänge der drei ersten Glieder sind, besonders durch
die geringe Entwickelung der Grundglieder sehr kurz, ru-
dimentär , für die Bewegung von geringer Bedeutung und
die hintern Slielanhänge sind nur höckerartig angedeutet.
Thiere solchen Alters kriechen wohl mehr an der Wand
der Hülle umher, sie werden nicht viel zu schwimmen im
Stande sein. In der nächst folgenden Altersstufe ist der
Schwanz so geformt wie in der er>!^achsenen , er ist nur
im Verhältnisse etwas kürzer. Die Grundglieder der drei
ersten Schwanzfusspaare sind dann schmaler als bei Er-
wachsenen, mehr denen der letzten Gliedpaare ähnlich, nur
dass diese jetzt schon weit mehr gestreckt sind und die
von ihnen getragenen Lamellen höchstens mit kurzen Här-
chen sparsam besetzt sich zeigen. Die Thiere mögen schon
innerhalb des mütterlichen Hauses mehr hin und her ru-
dern, die Glieder erprobend, und man findet sie im Pokale
nicht selten fern von der Mutter und an andere Gegen-
stände, besonders Siphonophorentheile sich anhängend.
Die dritte sehr auffallende Verschiedenheit tritt in den
verschiedenen Altern belrcifs der Kopflbrm uns entgegen.
Die Antennen sind an demselben bei jungen Thieren im
Verhältnisse weit grösser und plumper, drei undeutliche
Segmente an ihnen zu erkennen. Sie sitzen viel höher am
30 Pagenste eher :
Kopfe. Es beruht das darauf, dass die oberen Augen auf
viel geringerer Entvvickelung stehen. Erst durcli die starke
Hebung dieser wölbt sich der Scheitel so empor und die
früher schräge Stirn fällt dann in einer senkrechten oder
gar übergeneigten Linie zum Munde herab. Absolut zwar
vermehrt sich auch hier die Entfernung des Mundrandes
von der Antenneninsertion im Ganzen etwa auf das Fünf-
fache, aber der übrige Theil der Linie, welche man über
den Kopf weg zum Nacken zieht, steigt etwa auf das Yier-
zigfache des anfänglichen Maasses. Dabei entwickeln sich
allmälig die vVugen in einer wegen der unendlichen Zart-
heit der Elemente wenigstens jetzt an den aufbewahrten
Präparaten nicht mehr zu verfolgenden Weise aber jeden-
falls unter Vergrösserung und Vermehrung der Stäbchen
zu immer beträchtlicherem Umfange, erhalten immer mehr
Pigment und rücken weiter von einander ab. In den jun-
gen Thieren verrathen Naht-ähnliche Falten ober- und un-
terhalb der Antennen eine ursprüngliche Segmentirung des
Kopfstückes.
Auch die Antennen machen am Kopfe eine Entvvicke-
lung durch. Zunächst ist im erwachsenen Thiere eine Ver-
schmelzung der zwei letzten Glieder zu einem langen End-
gliede eingetreten. Dann aber kommen erst allmälig die
Tasthaare zum Vorschein. Ich zähle bei den jüngsten de-
ren nur 1—3, bei älteren 4 — 6, alle nahe der Spitze der
Antennen, bei Erwachsenen, wie oben angegeben, eine
viel grössere Zahl, vertheilt auf eine grosse Strecke des
Endgliedes.
Die Scheere des fünften Fusspaares endlich, und das
ist die vierte der als wesentlich hervorzuhebenden Dif-
ferenzen , fehlt den jüngsten Individuen vollständig. Bei
ihnen sind die Füsse 3 — 5 sehr gleichartig gebaut. In der
nächsten Altersstufe ist die Scheere vorhanden , aber das
vorletzte Glied ist verhältnissmässio- sehr breit und der
Index ragt weit weniger vor als im Erwachsenen, deren
Scheere mehr gestreckt ist. Der Index hat zwar dann
schon an der inneren Kante ein paar Zähne, aber die zier-
liche Arbeit, die sich später hier zeigt, besonders eine
Reihe von 6 — 8 stumpfen Höckern hart an der Einlenkung
riuoiiitna sedentaria. 37
des Daumens der Schcere , fehlt noch. Bei ganz jungen
Individuen sind die Klauen der drei ersten Fusspaare stär-
ker, zum Anklammern, die folgenden sind kaum merklich,
aber unter der Haut für die nächste Häutung angelegt
deutlich sichtbar.
Die in der Entwickelungsgeschichte der Plironima und
wohl auch anderer Hyperinen veränderlichen Theilc die-
nen vielfach zur Art- und Galtungunterscheidung. So gilt bei
Dana (United States exploring expedition T. II. p. 1001) für
Phronima atlantica die Gestalt der Scheere als charakteri-
stisch, Hyperia, Taura, Scyllopus haben kurze, Anchylomus
lange Antennen und ein junger angeblicher Lestrigonus hat
kurze Antennen (pl. 67. iig. 7) , während der erwachsene
lange besitzt. Trotz der in Betreff der Antennen im Ver-
gleiche mit anderen Hyperinen grössern Differenz des An-
chylomus gegen Phronima, ist das fünfte Fusspaar dort dem
der Phronima am meisten ähnlich und bildet fast eine Scheere.
Man könnte in Betreff der Kürze der Schwanzanhänge und
des Mangels der Scheere die Hyperia- Arten den jüng-
sten Individuen von Phronima gleichstellen , während Da»
clylocera schon weiter entwickelt ist. Man kann ferner
in der rudimentären Schwanzgestalt der jungen Thiere eine
Annäherung zu den Laemodipoda finden , auf welche dann
auch die Beschränkung der wirklichen Kiemen hinweist.
Obwohl es klar ist, dass die gedachten Verschieden-
heiten häufig genug in der That verschiedene Arten kenn-
zeichnen, so wird man doch immer bedenken müssen, dass
durch sie auch Altersstufen und vielleicht Geschlechtsdilfe-
renzen gegeben sein können.
Heidelberg, 31. Jan. 1861.
Zusatz.
„Indem ich zum Schlüsse zum Vergleiche für den Bau
der Augen auf die analoge , wenn auch weniger vollstän-
dige Beobachtung von Herrn Prof. Gegen baur (Müll.
Archiv 1858. p. 82) aufmerksam mache , welche uns ver-
muthen lässt, dass eine grössere Zahl von Hyperiden ahn-
38 P a g c 11 s l c c h c r :
liehe Verhältnisse zeigt , möchte ich kurz einiger Ergeb-
nisse aus Untersuchungen Erwähnung tliun, welche ich zum
Vergleiche für diese und andere Punkte in der Organisa-
tion der Amphipoden an Gammarus Röselii anstellte.
Bei diesem Krebschen löst sich bei dem Schalenwech-
sel die Cornea vollkommen glatt vom Auge ab und es lässt
sich bei nahe bevorstehender Häutung diese Chitinplatte
leicht abheben, worauf dann eine Untersuchung der Zu-
sammensetzung des Auges leichter ist. Eine solche künst-
lich beschleunigte Häutung habe ich überhaupt zur Unter-
suchung der Krebse, insbesondere auch der Daphniden sehr
vortheilhaft gefunden. Die abgelöste Cornea zeigt keine
Spur von Facetten , ist aber mit zahlreichen feinen Poren
durchsetzt. Wo die Chitinplatte an den Rändern, beson-
ders an dem Ausschnitte , in welchen sich die betreffende
Antenne inserirt , dicker ist , zeigt der Querschnitt einen
fasrigen Bau, dem derDentine ähnlich, ein Bild, resultirend
aus den zahlreichen Porenkanälchen.
Die sogenannten Krystallkörper im Auge von Gamma-
rus entsprechen nur dem obersten, der Peripherie zuge-
wandten, Theile der Stäbchen von Phronima, der keulen-
förmigen Anschwellung. Sie sind unregelmässig stumpf
konisch, mit dem breiteren gewölbten Theile nach Aussen
der Cornea zugewandt , und nicht an der Basis zu Fäden
ausgezogen. Sie enthalten ebenfalls , wie es scheint, nur
bei bevorstehender Häutung bläschenförmige Hohlräume und
feine dunkle Moleküle. Die Anzeichen bevorstehender
Spaltung mögen weniger in die Erscheinung treten, weil
eine begonnene Theilung an den kurzen Körpern sich rasch
vollenden muss. Diese Körper, welche hier viel eher für
rein lichtbrechend gehalten werden können , sitzen unmit-
telbar ganz ähnlichen aus dem Nerven hervorgehenden
Cylindern auf, wie bei Phronima, aber, da das Pigment,
welches die Cylinder umhüllt, nun auch zwischen den Kry-
stallkörpern liegt, so ist die Art des Zusammenhangs nicht
deutlich. Beim Drucke fallen die Körper lose aus.
Zur Zeit der Häutung und in abgelegten Häuten fin-
den sich unter dem Chitinpanzer die Conkretioncn, deren
Leydig nur fraglich als solcher aus Kalk gedenkt, in
Phronima sedentaria. 39
grosser Menge. Ihre Formen sind etwas unbestimmter als
bei Phronima. Die chemische Beschaffenheit ist in der voll-
ständigen Lösung in Säuren mit starker Gasentwickelung
zweifelsohne auch hier hinlänglich bewiesen zu erachten.
Auch bei Gammarus geht der Athemstrom unter der
Brust sehr deutlich von vorn nach hinten. Liegt das Thier
still, so entspricht diesem rücklaufenden Strome ein dorsa-
ler von hinten nach vorn, der auf den Seiten des Schwan-
zes aus jenem entspringt, dem aber bei Voranbewegungen
das Thier gewisser Massen entwischt. Hat man einen Gam-
marus in einem Wassertropfen auf der Seite liegen, so
können die Strudelbewegungen an der Seite des Schwan-
zes und seiner Anhänge Irrthümer veranlassen, eine genaue
Beobachtung bewegter feiner Körnchen giebl aber volle
Aufklärung.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. I.
Fig. I. Ganz junges Thier 47mal vergrössert.
a. Scheitel mit dem oberen Auge. b. Magen, c. Vorletz-
tes Glied des fünften Fusspaares. d. Schwanz.
Fig. II. Etwas älteres, geschlechtlich unreifes Thier 47mal vergrös-
sert. Die Buchstaben bezeichnen dieselben Theile. Der
Scheitel mit dem Auge und dem Schwänze haben sich mehr
entwickelt, das vorletzte Glied des fünften Fusses fängt an
einen Scheerenarm zu bilden, der Magen ist verhältnissmäs-
sig kürzer.
Fig. III. Ein geschlechtsreifes grosses Exemplar in natürlicher Grösse
in der knorplichen Hülle. Die Buchstaben bezeichnen die-
selben Theile, deren Veränderung in gleicher Art vorange-
schritten ist.
Fig. IV. Der Kopf von hinten gesehen. lOmal vergrössert.
a. Obere Augen, b. Untere Augen, c. Antennen, d. Mus-
keln vom Scheitel zu den Kiefern herabsteigend, e.
Magendurchschnitt, f. Unterschlundganglien, g. Unter-
lippe.
>40 I* a g e n s t c c h c r :
Taf. II.
FijT. I, Das Gehirn und die Bauchganglienkelte , so weit sie im
Thorax liegt, vom erwachsenen Thiere, 5mal vergrössert.
a. Ueberschlundganglien. b. Unterschlundganglien, v. Ker-
ven zu den Oberkiefern und d zu den Antennen und der
Oberlippe , zurückgeschlagen, e. Ganglienanschwellung
für die oberen Augen, f. Die kolbigcn Enden der Stäb-
chen der oberen Augen, g. Sehnervenausbreitung, Gang-
lien und Pigmentschicht der unteren Augen. h. Stäb-
chen der unteren Augen, i. Ganglien der Kaufüsse und
Unterlippe, k, k, k, k, k. Ganglien des ersten und zwei-
ten , des dritten, des vierten, des fünften, des sechsten
F'usspaars. 1. Ganglien des letzten Thorakalfusspaares.
ni, m, m. Ganglien der kaudalen Schwimmfüsse. n. Ge-
meinsames Ganglion für die vier letzten kaudalen Seg-
mente.
yig. II. Antennen, 40mal vergrössert.
a. ßasalglied mit Kalkconkrement. b. Endglied mit Tast-
haaren, c, c, c und gangliöse?> Nervenendigungen , e.
d. Der Nervenstamra , in die Antenne eintretend.
Fig. III. Das Gehirn mit den Augen, auf der rechten Seite vollstän-
dig, jedoch nur ein Theil der Stäbchen im Zusammenhange
gelassen, 35mal vergrössert.
Fig. IV. Kolbige Enden der Stäbchen der oberen Augen, 70aial ver-
grössert.
Fig. V. Ein Abschnitt des unteren Auges bis zu den Sehnervenfa-
sern, 35mal vergrössert.
a. Die Fasern, b. Die Cylinder. c. Die Stäbchen.
Fig. VI. Kolben des oberen Auges von oben betrachtet, 70mal ver-
grössert.
Taf. 111.
Fig. I. Der Schwanz , um die Richtung der Blutbewegung zu zei-
gen, von einem kleinen aber geschlechtsreifen Thiere, 35nial
vergrössert.
a. Der Mastdarm, b, b, b. Blutkörperchen in der Median-
linie nach vorn treibend, hinterster Theil des Herzens.
Fig. II. Durchschnitte des Hauses.
a. Die ganze Wand, öOmal vergrössert. b. Der äusserste
Theil , SOOmal vergrössert. c. Stückchen aus der Mitte,
300mal vergrössert.
Fig. III. KalUconkrelionen der Haut, 140mal vergrössert.
riiiouinia scdcnlaria. 41
Fig. IV, a. Der Kopf von vorn gesehen , vom erwachsenen Thierc
mittlerer Grösse, lömal vergrössert. Bei ^ die Schlund -
und 3Iagenzähne.
Fig. IV, b. Die Schlundzähne isolirt, 150mal vcrgrössert.
Fig. V. Der fünfte oder Scheerenfiiss, 6mal vergrössert, mit der Kie-
nienplatte a, der IVebenkiemenplatte b, dem Eierstocke c,
dem Eileiter d, dessen Oeffnung nach Aussen in e und der
(?) Samenlasche f.
Fig. VI. Die Mundwerkzeuge, SOmal vergrössert.
a. Oberlippe 1 und Oberkiefer 2. b. Erste iMaxille. Basal-
glied 1. Aeusserer Lappen 2. Innerer Lappen 3.
c. Zweite Maxille. Zahlen wie oben. d. Unterlippe. Ba-
salglied 1. Paarige Lappen 2. Unpaarer, verschmolze-
ner (innerer) Lappen 3.
Cnnina Köliikeri n. sp.
Beitrag zur Naturgeschichte der Aeginiden.
Von
Fritz müUer
in Desterro.
(Hierzu Taf. IV.)
Für die räthselhaftesten Thatsacheii in der in Räth-
seln noch so reichen Naturgeschichte der Schirmquallen
ist das von K ö 1 1 i k e r ^) beobachtete Vorkommen sechs-
zehn strahliger „Stenogaster" im Magen eines
z eh n strahl igen „Eurystoma." Die Bedeutung der bis
jetzt vereinzelt stehenden Beobachtung ist wenig gewürdigt
worden , indem man bald dieses Vorkommen selbst , bald
die Verschiedenheit in der Tentakelzahl der beiden For-
men als zulällig ansah, — bald also, wie Kolli k er, sie
als „unmöglich im Zusammenhange stehende" Arten , bald
wieder die Stenogaster einfach als junge Eurystoma auf-
fasste. Weder das Eine aber noch das Andere ist zufällig.
Stenogaster ist die Brut von Eurystoma, kann sich aber un-
möglich in letzteres verwandeln , da die Zahl seiner Ma-
gentaschen und Tentakel eine viel grössere ist.
Seit März 1859 kenne ich eine achtstrahlige Cunina
mit zwölfstrahllger Brut, — Zahlen, die fast genau in dem-
selben Verhältnisse stehen, wie die von Kölliker beob-
achteten 10 und 16, — erst kürzlich jedoch fand ich Müsse
und reichen Stoff zu einer näheren Untersuchung. Die
Hoffnung, in der ich sie unternahm, das Räthsel dieser auf-
1) V. Sieb, lind Köll. Zeitschr. für wiss. Zool. 1853. Bd. IV.
S. 327.
Müller: Cunina Köllikeri. 43
fallenden Thatsache zu lösen , ist leider getäuscht worden.
Immerhin scheint mir aber die JVJittheilung meiner Beob-
achtungen gerechtfertigt , da sie "wenigstens dienen wer-
den , die Aufmerksamkeit aufs Neue jener zu wenig be-
achteten Entdeckung Kölliker's zuzuwenden.
Nach dem Entdecker jener überaus merkwürdigen
Thatsache nenne ich die Qualle, an der ich sie unzählige
Male bestätigen konnte, Cunina Köllikeri. Sie gehört zu
den häufigeren Quallen unseres Meeres und findet sich
namentlich in diesem Sommer in Menge, so dass ich ein-
mal in einer Stunde über 50 Stück sammeln konnte.
Die glashelle Gallertscheibe der Cunina Köllikeri
(flg. 1) wurde bis zu 6,5 Mm, Durchm. beobachtet ; schon
bei der Hälfte dieses Durchmessers pflegen indessen alle
Theile vollzählig vorhanden zu sein und noch früher schon,
vor vollständiger Entwickelung der Randbläschen, tritt die
Geschlechtsreife ein. Je nach der Dicke der Gallertscheibe
zeigt ihre Rückenfläche verschiedene Wölbungsgrade von
ziemlich flacher Scheibenform bis zur Halbkugel. Meist
ist die Wölbung nicht gleichmässig, sondern der Scheitel
stärker, selbst kuppelartig hervortretend, der mittlere Gür-
tel geradlinig niedersteigend oder selbst flach eingesenkt,
und der Rand wieder in stärkerer Krümmung abwärts ge-
bogen.
Der Rand zeigt, dem Ursprünge der Tentakel ent-
sprechend, acht schmale, tiefe, unterhalb von der Randhaut
überbrückte Einschnitte ; die dadurch gebildeten Lappen
sind in der Mitte breiler und bald durch einen einfachen
Bogen begrenzt, bald, wenn sie mehr als ein Randbläschen
tragen, zwischen je zweien derselben seicht eingekerbt.
Von ihrem Rande schlägt sich die massig breite (nicht von
Kanälen durchzogene) Randhaut (fig. 2 u. 3, v) , nach
innen. Da ihr freier Saum einen Kreis bildet, ist sie na-
türlich von sehr wechselnder Breite , am breitesten den
Tentakeln , am schmälsten der Mitte der Randlappen ge-
genüber.
Die Unterfläche der Scheibe ist in der Mitte eben
oder fast unmerklich gewölbt, im Umkreise in sanfter Nei-
gung abwärts steigend. Den ebenen Theil nimmt derMa-
44 M ü Her:
gen ein, dessen Durchmesser etwa der Ilälfle des Schei-
bendurclnncssers gleichkommt. Vom Umkreise des Magens
bis zum Ursprünge der Tentakel erstrecken sich die acht
Magentaschen , die nur durch schmale Scheidewände ge-
trennt werden. Diese Scheidewände springen mit einer ab-
gerundeten Wulst in den Magen vor und sind von ziem-
lich gleichmässiger Breite, weshalb denn natürlich die Ma-
gentaschen in gleichem Verhältnisse mit ihrer Entfernung
vom Mittelpunkte sich verbreitern. Die flach ausgebreitete
untere Magenhaut , die dem frei niederhängenden Magen-
rohre anderer Quallen entspricht, gleicht ihnen in wunder-
barer Contractililät. Der Mund (tig. 2, 3,4,11), fast stets
in langsamer Bewegung, ist bald völlig geschlossen, bald
so weit geöfl'net, dass die Eingänge der Seitentaschen und
die vorspringenden Wülste der sie trennenden Scheide-
wände entblösst werden. In der Regel erscheint er als
ganzrandige runde oder eiförmige Oefi"nung von wechseln-
der Weite in der Mitte , oder nach jeder beliebigen ande-
ren Stelle des Magens verschoben. Diese Kreisform kann
er bis zu fast völligem Verschlusse bewahren , oder dann
auch die Form einer Längsspalte , eines Kreuzes u. s. w.
annehmen (üg. 3). Muskelfasern konnte ich in dieser Ma-
genhaut nicht sehen ; sie dürften wohl überhaupt bei Qual-
len nur da zu suchen sein, wo rasche Bewegungen in stets
gleicher Richtung auszuführen sind, nicht aber als Vermitt-
ler langsamer proteusartiger Zusammenziehungen.
Ich erwähne bei Gelegenheit des Magens, dass die
Nahrung unserer Qualle hauptsächlich in einer kleinen
hier sehr häufigen Physophoride (Agalmopsis ?) zu beste-
hen scheint , die ich einmal wirklich gefangen sah , wäh-
rend ich oft Nesselorgane im Magen der Cunina fand, die
mit denen aus den Nesselknöpfen der Agalmopsis vollstän-
dig übereinstimmten.
In der Magenhöhle und ihren Nebentaschen besteht
Flimmerbewegung.
Die Tentakel (hg. 5) entspringen mit verdickter Ba-
sis in den Einschnitten des Scheibenrandes , dem Grunde
der Magentaschen gegenüber, sie verjüngen sich allmählich
und enden mit abgerundeter Spitze. Ihre Länge wechselt
Ciinina Köllikerl. 45
von noch nicht einem Drittel bis über zwei Drittel des Schei-
bendurchmessers ; ihre eigenen Bewegungen sind langsam
und unerheblich und dürften sie sich kaum bis zur Hälfte
ihrer ofrössten Länsfe verkürzen können. Wie bei ver-
wandten Arten werden sie bald strahlig ausgebreitet, wo-
bei ihre Spitze leicht abwärts gebogen ist, bald mehr auf-
oder abwärts gerichtet. Die angeschwollene Basis des Ten-
takels ist aus grossen kernhaltigen Zellen zusammengesetzt,
nach oben geht sie in die aus einer einfachen Reihe que-
rer Zellen gebildete Achse über, nach unten setzt sie sich
mit einer kegelförmig zugespitzten , geraden oder seltener
gebogenen, aus 3 bis 5 grossen Zellen bestehenden Wur-
zel in die Gallertscheibe fort. Die ziemlich dünne Rinden-
schicht enthält kleine runde Nesselorgane eingelagert, die
besonders gegen die Spitze hin dichter gedrängt sind und
eine weissliche Trübung oder leicht gelbliche Färbung be-
dingen. Eine „scheidenartige Umhüllung,'' die Gegen-
baur der Tentakelbasis der Aeginiden zuschreibt, sah ich
nicht; man müsste denn die seitlich durch die Randlappen
der Gallertscheibe und unterhalb durch die Randhaut ge-
bildete Rinne so bezeichnen, in die die Basis des abwärts
gebogenen Tentakels sich einlegt.
Die Randb lasch en , die ich auch hier, — wenn sie
überhaupt Sinnesorgane sind, für Augen halte, sitzen am
Saume der Randlappen; bei jüngeren Thieren eins, bei
älteren drei an jedem derselben, indem neben jenem ersten
noch jederseits ein neues sich bildet. Diese seitlichen Rand-
bläschen kann man an verschieden alten Thieren durch
alle ihre Entwicklungsstufen verfolgen. Die Randbläschen
(flg. 8) sind elliptisch oder verkehrt eiförmig von etwa
0,06 bis 0,08 Mm. Länge und 0,04 Mm. Dicke, sitzen mit
stielförmig verdünnter Basis auf und haben meist eine ein-
zige rundliche oder elliptische endständige Concretion ;
von der Basis zieht sich ein zartcontourirter , feinkörniger
Strang zur Concretion , um sie becherförmig zu umfassen.
Bisweilen findet sich eine zweite kleinere Concretion unter-
halb der endständigen, selten mehrere (hg. 9).
Die Aehnlichkeit dieser Randbläschen mit den Gehör-
organen der Mollusken und Ringelwürmer ist noch geringer,
46 AI ii 1 1 e r ;
als selbst bei Linope, Eucope, Aequorea u.s.w., und es würde
kaum noch ein Schimmer von Aehnlichkeit bleiben, wenn
sich der mehrfach nacJjgewiesene Verbindungsgang der
letztem mit der Körperoberiläche , den ich gleichfalls bei
jungen Terebellen ^) sah, als allgemein vorhanden auswei-
sen sollte.
Oberhalb jedes Randbläschens ist die Gallertsubslanz
des Randlappens wulstig verdickt und auf diesem Wulste
verläuft centripefal ein bis etwa 0,2 Mm. langer und 0,03 Mm.
breiter scharf begrenzter Streifen , dessen Oberhautzellen
rundliche Nesselorgane erzeugen. Die Bildung der ent-
sprechenden Nesselstreifen beginnt vor dem Auftreten der
seillichen Randbläschen. Wie bei anderen Aeginiden wer-
den die Randlappen der Scheibe häuhg nach innen umge-
bogen , in w elcher Lage dann die Nesselstreifen von den
Randbläschen strahlig nach aussen verlaufen (lig. 2, 3).
Dem Nervensysteme glaube ich zurechnen zu
müssen einmal einen matten am Saume der Randlappen sich
hinziehenden Streifen , in dem man zart contourirte Zellen
von 0,006 bis 0,008 Mm. Durchmesser unterscheidet, der
bei den Randbläschen anschwillt (fig. 8, g) und den schon
erwähnten Strang zur Concretion abgiebt, und zweitens ein
paar ansehnliche , ziemlich undurchsichtige, weit stärker
contourirte Wülste an der Basis jedes Tentakels (fig. 5, g),
die ähnliche aber gleichfalls schärfer contourirte Zellen
zeigen und zu denen ich wiederholt jenen anderen Streifen
verfolgt zu haben glaube.
Als b e z e i c h n e n d e E i g e n t h ü m 1 i c h k e i t e n der
Cunina KöUikeri dürften aus vorstehender Beschreibung die
Zahl der Tentakel und Magentaschen , die Länge der Ten-
takel, die Zahl und Form der Randbläschen und die ober-
halb derselben liegenden Nesselstreifen hervorzuheben sein.
Es ist dabei zu bemerken , dass wenn schon acht die ge-
1) Diese jungen Terebellen, die in eifönnige Sclileimmassen
sich hüllend, sehr lange, bis zur Ausbildung der Kiemen, im Meere
he-rumtreiben, haben auch das Eigenthümliche, nach dem Verschwin-
den der rigmenlflecke des Kopflappens noch ein schwarzes Augen-
paar zu entwickeln. Sie scheinen zu Tercbella annulicornis mihi zu
gehören.
Ciinina Köllikeri. 47
wohnlichste Zahl der Tentakel und Magentaschen ist, doch
auch Ausnahmen nicht selten beobachtet werden. Während
einiger Tage merkte ich die Tentakelzahl aller untersuch-
ten Thiere an und fand dabei 70 mit 8, 4 mit 7, eins mit 6
und eins mit 9 Tentakeln, wobei ich mich überzeugte, dass
die 7- und Gstrahligen nicht etwa, was auch vorkommt, aber
leicht an den Magentasclien und Randbläschen zu erkennen
ist, nur zufällig einen Tentakel eingebüsst hatten.
Die grosse Mehrzahl der beobachteten Exemplare tru-
gen in reicher Menge junge Brut im Magen und dessen
Seitentaschen (fig. 11); nicht selten , bei etwa SOV^ der
bruttragenden, wurden gleichzeitig reife, lebhaft wimmelnde
Spermatozoiden gefunden; zweimal unter 76 Thieren fan-
den sich geschlechtsreife Männchen ohne Brut. Eier wur-
den nie gesehen. Die beiden Männchen ohne Brut waren
kleinere Thiere ohne seitliche Randbläschen, die Männchen
mit Brut hatten ebenfalls grossentheils die Randbläschen
noch nicht vollsiändig entwickelt und ihre Brut halte sel-
ten schon mehr als vier Tentakel; alle durch Grösse aus-
gezeichneten Exemplare hatten nur Brut , meist in allen
möglichen Entwickelungszuständen. Es scheint demnach,
dass mit dem Erlöschen der Samenbildung die Erzeugung
von Brut durch Knospung beginnt , während man a priori
eher das Umgekehrte hätte erwarten sollen.
Die Bildungsstätten des Samens sind, wie schon
durch Leuckart bekannt wurde, die Scheidewände der
Magentaschen, um deren freies Ende sie sich hufeisenför-
mig herumziehen. Die Spermatozoiden (fig. 10) sind cer-
carienförmig mit rundem Kopfe von etwa 0,003 Mm. Durch-
messer und zartem, langem Faden.
Die frei im Magen und seinen Nebentaschen liegende
Brut lässt sich zurück verfolgen bis zu rundlichen klein-
zelligen Körpern von 0,03 Mm. Durchmesser, die mit aller
Wahrscheinlichkeit herzuleiten sind von etwa gleichgrossen
mit verdünntem Stiele aufsitzenden Wucherungen der Ma-
genwand (fig. 12). Diese letzteren wurden im Verhältnisse
zur Menge der Brut nur selten angetroffen, was aber viel-
leicht in der Raschheit ihrer Bildung und Ablösung seine
Erklärung findet. Wie die innere Magenfläche, so sind
48 M ü 1 1 e r :
auch diese Knospen und so ist die sämmtliche Brut im In-
nern des Magens mit zartem Flimmerklcide bedeckt , so
zart, dass es kaum genügt, die jüngeren Larven langsam
herum zu bewegen. Man muss dieses natürlich, wie die
Flimmerhaare selbst, ausserhalb des Magens beobachten;
wahrscheinlich weil sie die Brut nur im Magen unter-
sucht, übersahen Kolli ker und Gegcnbaur das Flim-
inerkleid. Wenn auch durch dieses die Cuninasprösslinge
von anderen knospend an Quallen und Hydroiden erzeug-
ten Jungen abweichen , so hat doch diese Verschiedenheit
durchaus nichts Auffallendes; vielmehr erscheint es natürlich,
dass die Oberfläche der Knospe die Eigenlhümlichkeit der
Oberfläche theilt, aus der sie sich erhebt. — Leicht ge-
denkbar ist es, dass bei anderen Aeginidensprösslingen das
Flimmerkleid sich stärker entwickele und sich längere Zeit
während des freien Lebens im Meere erhalte und jedenfalls
wird die nur auf das Flimmerkleid der jungen Aeginopsis
begründete Annahme , dass die Aeginiden ohne Genera-
tionswechsel direkt aus dem Eie entstehen, eines neuen und
anderweitigen Beweises bedürfen.
Bei 0,05 Mm. Durchmesser fängt die Abgrenzung einer
äusseren aus kugligen Zellen gebildeten Schicht an, sich
bemerklich zu machen (fig. 13); der innere Raum scheint
hohl zu sein. Bei 0,08 Mm. Länge wird die Gestalt eiför-
mig und bald zieht sich das spitzere Ende in einen Ten-
takel aus (fig. 14) mit jNesselzellen an der Spitze und grös-
seren quergestellten Zellen im Innern. Ein zweiter Ten-
takel tritt auf (fig. 15), die Magenhöhle wird deutlicher
(fig. 16) und schon jetzt oder wenig später (fig. 22) öffnet
sich der Mund und es lässt sich eine Scheidung der Lei-
beswand in zwei Schichten erkennen. Häufig nimmt jetzt
das Junge Formen an, die auffallend an Aeginopsis erin-
nern durch die zwei gegenüberstehenden oft lang ausge-
dehnten und gekrümmten rückenständigen Tentakel.
Die Achse der Tentakel entsteht aus der inneren
Schicht der Leibeswand als warzenförmige Wucherung, der
gegenüber sich in der äusseren Schicht einige Nesselzel-
len entwickeln (fig. 19, f). Bald erhebt sich über der zum
Zapfen verlängerten Warze auch die äussere Schicht (fig.19, e)
Cuniiia Köllikeri. 49
und wird als Rindenschicht von der sich verlängernden
Achse mit emporgehoben , während die Nesselzellen sich
vermehren , doch aber stets auf die Spitze beschränkt
bleiben.
Die Ordnuno- des Auftretens der foloentlen Tentakel
ZU ermitteln wird sehr erschwert durch ihre ungemeine
Contractilitäl, die sie mit dem ganzen Körper theilen und
die wunderbar absticht gegen ihre spätere Starriieit. Ten-
takel, deren Länge eben noch den Durchmesser des Kör-
pers übertraf, sieht man sich vollständig zurückziehen und
für schwächere Vergrösserungen , die nicht die Nesselzel-
Icn zeigen, verschwinden. Es scheint indess die durch die
Stellung der beiden ersten Tentakel angedeutele bilaterale
Anordnung sich auch bei der Bildung der folgenden zu
behaupten , die paarweise zu den Seiten der durch das
erste Paar bestimmten Geraden auftreten. Bei der Nor-
malzahl 12 scheint die Reihenfolge die zu sein (fig. 19), dass
zuerst ein mittleres Paar (b , b) auftritt, im Kreuz mit dem
ersten (a, a) ; dann ein Tentakel zu jeder Seite des ersten,
wie des zweiten Tentakels (c, c, d, d); endlich ein Paar vor
und ein anderes hinter den mittleren Tentakeln (e, e, f, f ).
Nicht selten bleibt die Zahl der Tentakel auf 11 oder
10, seltener auf 9 beschränkt, ein einziges Mal zählte ich
deren 13.
Ich habe bereits des frühzeitigen Auftretens der Mund-
öffnung gedacht; merkwürdiger als dieses aber ist das früh-
zeitige Fressen der Jungen. EineCunina hatte eine kleine
Agalmopsis gepackt und hielt sie einige Stunden fest , um
ihr ein gutes Stück abzuverdauen, worauf der Rest munter
weiter schwamm. Die Cunina wurde bald darauf unter das
Mikroskop gebracht; es war ein Männchen mit nur wenig
jüngerer Brut. Diese Jungen alle halten, so v»'eit sie einen
Mund hatten, denselben mit Nesselorganen aus den Ncssel-
knöpfen der Agalmopsis (hg. 17, a) gefüllt (fig, 17). Zeilig
auch ist in der Magenhöhle der Jungen und besonders leb-
haft am Mundsaume Flimmerbewegung sichtbar.
Die Tentakel pflegen vollzählig vorhanden zu sein
bei Jungen von 0,3 Mm. Durchmesser. Nun beginnt, bei
rasch fortschreitendem Wachsthume die Umwandlung in
ArcMv f. Naturg. XXVII. Jalirg. l.Bd. 4
50 M ü 1 1 e r :
die regelmässig strahlige Form. Der Körper wächst zu einer
unterhalb der Tentakel vorspringenden Scheibe aus und er-
hält durch sie feste Umrisse. Ihr Umfang ist ein regel-
mässiges Vieleck mit anfangs geraden, später einwärts ge-
bogenen Seiten, die in ihrer Lage den Tentakeln entspre-
chen (flg. 20). An den vorspringenden Ecken entwickeln
sich die Randbläschen (iig. 21). Der die Tentakel überra-
gende Theil des Körpers scheidet sich in die durchsichti-
geren Lappen der Gallertscheibe, die halbkreisförmig zwi-
schen je zwei Tentakeln vorspringen und in die zwischen
ihnen ausgespannte Randhaut. — Der früher kreisförmige
Umfang des 3Iagens wird wellig gebogen; die flachen Buch-
ten vertiefen und erweitern sich zu den Magentaschen. Die
Nesselstreifen oberhalb der Randbläschen werden deutlich
und damit hat das Junge als charakteristischen Theile der
Alten.
Wie andere ihrer Brutstätte entschlüpfende junge
Quallen , z. B. die Sprösslinge der Campanularien, dehnt
sich unsere junge Cunina in den ersten Stunden nach dem
Verlassen des Magens wie durch Aufquellen merklich aus,
indem gleichzeitig die bis dahin trübe Scheibe zu wasser-
heller Durchsichtigkeit sich aufhellt. Sie hat nun bis 2 Mm.
Durchmesser und gleicht in allen wesentlichen Merkmalen,
die Zahlenverhältnisse ausgenommen , der achtstrahligen
Cunina. Im Habitus weicht sie besonders ab durch die
noch ganz flache Scheibe mit wagrecht ausgebreitetem
Rande und dadurch auffallender hervortretender Kerbung,
so wie durch die kürzeren Tentakel (V5 des Scheibendurch-
messers), die kaum den Scheibenrand überragen. Die Form
der Tentakel (fig. 28) ist plumper, ihre Rindenschicht dik-
ker, — die Nesselstreifen oberhalb der Randbläschen end-
lich (flg. 29) sind noch weit kürzer , als bei der erwach-
senen Cunina. Da die Umgrenzung des Magens und seiner
Taschen nur schwierig zu erkennen ist, kann man leicht
in Versuchung kommen, die Randlappen der Gallertscheibe
für Magentaschen zu nehmen ^).
1) Bei Detrachtung der Figuren, die Gegenbau r von seinen
Aeginetaarten gicbt, kann ich mich des Verdachtes nicht entschla-
Cunina Köllikeri. 51
Jüngere zwölfstrahlige Cunina, wie man sie leicht in
der Gefangenschaft züchtet, wurden auch einigemal frei im
Meere aufgefischt; ältere bis jelzt noch nicht, und bis dies
gelungen , erscheint es ralhsam , alle Erklärungsversuche
zurückzuhalten.
Ich hob hervor, dass bei den im Magen Knospen
treibenden Aeginiden das Flimmerkleid jüngerer Formen
nicht für ihre Entstehung aus Eiern beweisend ist und will
zum Schlüsse noch eine Beobachtung mittheilen, die es mir
wahrscheinlich macht, dass im Gegentheile auch bei dieser
Familie ein Aufammen durch Polypen vorkommt.
Zu Anfang dieses Jahres fing ich eine Liriope catha-
rinensis , der ein langer blassgelblicher Zapfen aus dem
Munde hervorhing. Bei näherer Untersuchung ergab sich
derselbe als eine aus dichtgedrängten Quallenknospen be-
stehende Aehre, deren Ende die Liriope verschluckt hatte
(fig. .30). Der frei vorhängende Theil hatte 1,75 Mm. Länge
und die grössten Quallenknospen fast 0,5 Mm. Durchmes-
ser. Sie waren fast halbkuglig und die gewölbte Fläche
sass mit kurzem Stiele an der gemeinsamen Achse fest. Am
freien Rande erhoben sich acht halbkuglige Randbläschen
mit kugliger Concretion; etwa in der Mitte zwischen Rand
und Scheitel sprossten abwechselnd mit den Randbläschen
acht kurze plumpe Tentakel hervor. Auf der freien, ebe-
nen oder flach gewölbten Fläche der Knospe zeigte sich ein
grosser ganzrandiger Mund , der in einen flach ausgebrei-
teten Magen führte.
Alle diese Eigenthümlichkeiten stimmen mit der acht-
strahligen Form von Cunina Köllikeri , während nicht die
entfernteste Aehnlichkeit mit^ irgend einer andern der im
Laufe von vier Jahren hier von mir beobachteten Quallen
besteht.
gen, dass bei den meisten derselben dieser Missgrilf geschehen sei,
dass sie also zu Cunina gehören. Auch die Beschreibungen geben
nicht die Ueberzeugung des Gegentheils. Ich verweise namentlich
auf die Beschreibung und Abbilldung der Aegineta globosa , deren
„trichterförmig eingezogener Alagen" mir ein wahres Paradoxon
scheint. Es dürfte die ganze Galtung einer neuen kritischen Prüfung
zu unterwerfen sein.
Müller: Cunica Kollikeri.
Erkläruug der Abbildungen.
Die Figuren 12 — 21 sind 90mal vergrössert ; die Vergrösserimg
der übrigen ist auf der Tafel selbst angegeben. Ueberall bedeutet
Z Randlappen der Scheibe, »n 3Iagen, 7^ Nebentasche desselben, t) Kand-
haut, g Ganglion.
Fig. 1. Cunina Kollikeri n. sp. von der Seite.
„ 2. Aciteres und
„ 3. jüngeres Exemplar von unten mit eingeschlagenenjRan dlappen.
„ 4. Mund des letzteren in verschiedenen Formen, die er in kur-
zer Zeit annahm.
„ 5. Tentakel von oben.
„ 6. Stück Tentakel, um die Längsstreifung und
„ 7. ein anderes , um die Zellen der Achse und deren Kerne zu
zeigen.
„ 8. Randblfischen und Nesselstreifen.
„ 9. Randbläschen von ungewöhnlicher Form.
„ 10. Fast reife Spermatozoiden, deren Fäden sich langsam zu be-
wegen beginnen.
,, 11. Cunina Kollikeri mit Brut im Magen, von unten.
„ 12 — 21. Entwickelung der Brut von der festsitzenden Knospe
bis zum Auftreten der Randbläschen am regelmässig strah-
ligen Thiere.
„ 15. Zeigt dasselbe Thier in zwei verschiedenen Formen.
„ 17. Junges mit Nesselorganen von Agalmopsis (17, a) im Munde.
„ 20. Von unten und 21 von oben.
„ 22. Junges bei stärkerer Vergrosserung, um die beiden Schich-
ten der Leibeswand und das Flimmerkleid zu zeigen.
„ 23. Zellen aus der Tentakelspitze desselben , mit jungen Kes-
selorganen.
„ 24. Ein Junges in vier verschiedenen Formen , die es in kur-
zer Zeit annahm.
„ 25. Junge mit auffallend lang ausgestreckten Armen.
„ 26. Zwölfstrahlige Cunina nach dem Verlassen der Magenhöhle,
von oben.
„ 27. Eine andere mit neun Tentakeln, von unten.
„ 28. Tentakel und
„ 29. Randbläschen und Nesselstreifen von derselben.
„ 30. Aehre von Medusenknospen (Cunina ?), aus dem Magen von
Liriope cathaiinensis >orhängend.
Deslerro, December 1860.
Die Brachiopodeiilarvc von Santa Cathariua.
Zweiter Beitrag.
Von
Fritz Müller
in Desterro.
Die Brachiopodenlarve, die ich vor zwei Jahren auf-
fand und beschrieb *") , wurde von mir auch im vorigen
und in diesem Jahre wiederholt , wenn auch nur selten,
beobachtet ; ihr Vorkommen scheint sich auf den Spätsoju-
mer, auf die Monate Februar bis April zu beschränken.
Meinen früheren Angaben über die schwärmende Larve
habe ich nur einige Bemerkungen über das Schwimmen
des Thieres nachzutragen. Ich brachte damals, um etwai-
gen Veränderungen bequem mit dem Mikroskope folgen
zu können, meine Larven in Uhrgläser, wodurch ich die
Gelegenheit verlor, ihr behagliches Umhertreiben im freie-
ren Räume zu beobachten. Bringt man die Thierchen in
grössere Gläser mit reinem Seewasser, so sieht man sie
bald langsam emporsteigen ; die schwach klaffenden Scha-
len stehen senkrecht, der Schlossrand nach unten; dicht
vor dem Vorderrande breiten sich die acht Arme strahlig
und wagerecht aus mit leicht abwärts gebogener Spitze
und über die Ebene der Arme ragt der zwischen dem
obersten Paare liegende rundliche Knopf empor; die star-
ken Borsten des vierten Paares zeigen dabei die in meiner
früheren Abbildung gezeichnete Richtung. So treiben sie
■■■) Archiv für Anatomie und Physiologie herausgegeben von
Reichert und du Bois Reymoml 1860. p. 72.
54 31 ii 1 I c r :
nahe der Oberfläche langsam herum. Bei stärkerer Er-
schütterung-, oder auch sonst, ohne erkennbare Ursache,
ziehen sie die Arme ein und schliessen die Schalen , die
sofort langsam sich umkehren und mit dem Mundrande
voraus zu Boden sinken. Werden auf diesem Wcffe die
Arme wieder vorgestreckt, so dreht sich auch der Schloss-
rand sogleich wieder nach unten.
Die Dauer dieses Schwärmstadiums überstieg bei den
eingefangenen Larven nie 5 — 6 Tage, meist schon früher
setzten sie sich fest, am Boden oder an den Seiten des
Glases; in letzterem, fünfmal beobachteten Falle stets den
Mund nach unten gerichtet. Die Bauchschale wird dabei
stark nach vorn gezogen, so dass ihr Vorderrand den der
Rückenschale erreicht oder überragt , und die bis dahin
zwischen den Schalen verborgene querovale Platte (der Stiel)
tritt hervor, indem sie sich, wie es scheint, um den ausge-
buchteten Hinterrand der Bauchschale vollständig herum-
dreht und so ihr vorderer Rand zum hinteren wird. Den
ersten Tag oder länger hält sich das Thier vollständig zu-
rückgezogen und ruhig; dann pflegt es, bei leicht geöff-
neten Schalen, die Arme halb vorzustrecken, die dann ab
und zu , bald einzeln , bald zu mehreren , zuckend nach
innen schlagen, — ganz wie man es bei den Armen der
Meeresbryozoen zu sehen gewohnt ist.
Nach wenigen Tagen beginnen am Vorderrande ,in
dem Räume, der zwischen den zarteren Borsten der Rücken-
schale frei bleibt, neue rasch hervorwachsende Borsten her-
vorzusprossen. Bei einem Thiere, das etwa nach einer
Woche abgelöst wurde, zählte ich deren gegen 20, die
meist der Rückenschale angehörten. Die längsten erreich-
ten 0,8 Mm. Länge , also das Doppelte des Durchmessers
der Schale. Sie sind gerade , farblos, zart contourirt, am
Grunde bis 0,006 Mm. dick , in eine feine Spitze auslau-
fend , ungegliedert und mit zarten bis 0,02 Mm. langen,
schief aufwärts gerichteten Seitenborsten weitläufig besetzt.
Die Weichtheile desselben Thieres zeigten keine auffallende
Veränderung mit Ausnahme der schon weit vorgeschritte-
nen Rückbildung der Sinneswerkzeuge. Die Augen halten
sich in Gruppen von etwa 10 schwarzen Punkten aufge-
Die Biachiopodenlai ve von Santa Catharina. 55
löst; die früher prallkugligen Gehörblasen waren zu läng-
lichen Säckchen zusammengeschrumpft , die eng die jetzt
regungslosen Gehörsteinchen umschlossen. Bei etwas älte-
ren Thieren vermissle ich jede Spur von Sinneswerkzeu-
gen, ohne dass sie deshalb ihre Empfindlichkeit gegen das
Licht eingebüsst hätten. Dem vollen Sonnenlichte ausge-
setzt, begannen sie sogleich die Rückenschale heftig nach
rechts und links zu drehen.
Eine meiner Larven hielt sich vier Wochen am Leben;
sie setzte sich fest in der INacht vom 12. zum 13. Februar
und starb am 13. März , an dem ich ausnahmsweise nicht
nach ihr gesehen hatte. So erfuhr ich ihren Tod erst Tags
darauf, als schon die Weichtheile fast ganz zerstört wa-
ren. Die älteren Borsten der freilebenden Larve schienen
noch vollständig vorhanden zu sein. Ausser diesen und
den Fiederborsten des Yorderrandes fand sich, etwa in der
Mitte zwischen der Mittellinie und dem Ursprünge der
grossen Borsten des vierten Paares, jederseits eine gerade,
glatte, schief nach hinten vorstehende Borste von 0,2 Mm.
Länge, wenig dicker als die stärkeren Hinterborsten, aber
weit slärker conlourirt.
Höchst auffallend ist es , dass ich , theils schon vor
zwei Jahren , nach Abschluss meiner ersten Mittheilung,
theils im Laufe dieses Sommers , wiederholt frei im Meere
schwimmende Larven aultischte, die offenbar weiter in
ihrer Entwickelung vorgeschritten waren , als die ältesten
meiner ansässigen jungen Brachiopoden. Ihnen allen fehlte
die querovale Platte, iehlte jede Spur von Sinnesorganen,
fehlten die Fiederborsten des Yorderrandes und mehr oder
weniger vollständig die alleren Borsten. Yon den zarte-
ren bogig gekrümmten Borsten waren meist noch einige
da und diese schienen unverkürzt, so dass die fehlenden
wohl durch Ausfallen verloren gegangen waren. Dage-
gen werden die stärkeren Borsten allmählich vom Grunde
aus aufgesaugt. So wenigstens die Borsten des vierten
Paares. Diese fand ich mehrmals noch in etwa halber
Länge vorhanden , den Stiel mit der spindelförmigen An-
schwellung verschwunden , während die Spitze durch ihre
eigenlhümliche Krünunung und Zähnelung leicht erkennbar
56 Müller: Die I5^acllioI)üdenla^^e von Santa Catharina.
blieb. Bei einem anderen unzweifelhaft älteren Thiere
war noch etwa V'3 der Länge vorhanden, so dass sie nicht
einmal mehr den Schalenrand überragten. Dieses Thier, das
älteste, das ich überhaupt untersucht, hatte bis auf diesen
schwachen Rest alle älteren Borsten verloren. Dagegen hat-
ten die beiden geraden glatten Borsten, die bei jenem älte-
sten festsitzenden Thiere kaum aus der Schale hervorzu-
treten begannen, die doppelte Länge des Schalendurchmes-
sers erreicht und wurden, in dicke Muskelscheiden einge-
fügt, von dem Thiere kräftig und lebhaft bewegt, bald wa-
gerecht ausgespreitet, bald wieder hinten gekreuzt.
Die Weichtheile haben während dieser vollständigen
Umgestaltung der Beborstung keine wesentlichen Verände-
rungen erlitten. Der rundliche Magen, nach vorn bis zur
Mitte des Längsdurchmessers reichend, zeigt noch die bei-
den dunklen Flecken jüngerer Larven , die an zwei ähnli-
che Flecken gewisser Bryozoenlarven erinnern. Hinten
entspringt vom Magen der Darm , um sich an und unter
dessen Rande nach rechts und dann nach vorn zu biegen
und etwa in der Mitte seiner rechten Seile zu endigen.
Vom vorderen Ende des Magens geht die Speiseröhre (bei
in die Schale zurückgezogenem Thiere) gerade nach vorn
bis halbwegs zum Vorderrande der Schale und biegt dann
nach unten um , so dass der Mund wieder nahe vor dem
Magen zu liegen kommt. Die Arme, namentlich die beiden
mittleren Paare , sind länger und schmächtiger geworden
und der Knopf zwischen dem vorderen Paare hat an Um-
fang abgenommen. — Gefässe oder ein pulsirendes Herz
wurden noch nicht erkannt.
Deslerro, Mitte März 1863.
Ichthyologisclie BerichtigungCM.
Von
Prof. Riid. Kuer
in Wien.
Briefliche Mittheilung an den Herausgeber.
Nach langer Pause erlaube ich mir Sie wieder einmal
mit einem Schreiben heimzusuchen , da mich einige Ich-
thyologica drücken, deren zu entledigen es mich zunächst
Ihnen gegenüber drängt, als dem Manne, der das zwar
mühevolle aber hochverdienslliche Werk auf sich nimmt,
Berichterstatter über die Leistungen im Gebiete der Ich-
thyologie zu sein. Das erste meiner Anliegen besteht in
einigen Berichtigungen , die ich bezüglich einer von mir
im verflossenen Jahre in den Sitzungsberichten der hiesi-
gen Akademie veröffentlichten Abhandlung Ihnen mitzu-
theilen mich verpflichtet halte. In meinem Aufsatze : „lie-
ber einige noch unbeschriebene Fische" kommt Amphisile
punctata von Zanzebar als nova species vor : sie ist aber
ohne Zweifel identisch mit Peters' Amph. brevispina, die
in Ihrem Archiv unter seinen Fischen von Mozambique be-
schrieben ist. Der Aerger, den ich über dieses Versehen
nachträglich empfand , wird nur einiger Massen durch den
Umstand gemildert, dass wenigstens hiedurch für das Sy-
stem wieder eine nov. Species erspart ist. — Derselbe
Aufsatz bietet eine Gelegenheit über noch zwei andere
daselbst vorgeführte Arten Ihnen Aufschlüsse mitzutheilcn,
die ich in den letzten Tag-en durch ein sehr freundliches
Schreiben unseres gefeierten v. Bleeker's aus Haag er-
hielt. Er hält es nämlich für sehr wahrscheinlich , dass
mein Ilemirhamphus Bleekeri t=: seinem 11. Bornecnsis sei,
wild aber erst mit Sicherheit sich hierüber aussprechen
58 K n e r :
können, sobald seine Sammlungen, deren Ankunft in Europa
er entgegen harrt, angelangt sein werden. Hingegen er-
klärt er mit Bestimmtheit, dass mein Centropus = seinem
Amphiprionichthys ist , dessen Beschreibung in Vol. 8 der
Tijdschrift enthalten sei. Abgesehen davon, dass sich da-
mals das Heft dieser Zeitschrift noch nicht in Wien vor-
fand, muss ich bekennen, dass mich der Name Amphiprio-
nichthys kaum veranlasst hätte, die Diagnose dieser Gat-
tung aufmerksam durchzulesen, da ich nicht den mindesten
Verdacht gehabt hätte, mein Centropus werde in dieselbe
hineinpassen , denn eine Aehnlichkeit mit Amphiprion, auf
die doch der Name hindeutet, fiel mir bei Ansicht meines
Centropus durchaus nicht in den Sinn. Ob übrigens meine
Art staurophorus synonym mit seinem A. apistus sei , lässt
v. Bleeker vorläufig noch fraglich.
Den vorhergehenden, mich selbst betrefi'enden Berich-
tigungen, erlaube ich mir noch eine andere kleine mitzu-
theilen , zu welcher die in Hirem Archiv Jahrg. 1860 im
2. Hefte erschienene Abhandlung Kaup's „über die Chae-
todontidae" Veranlassungf giebt. Kaup äussert daselbst
S. 134— 135 seine Zweifel an der Existenz und Berechti-
gung der Bloch'schen Art: Chaet. ocellatus und giebt an,
sie sei seit Bloch nicht wieder aufgefunden worden. Sie
existirt aber in der That und Cuvier erkennt sie mit
Recht als eigene Art an. Der Irrthum der berühmten Au-
toren der Histoire des poissons beruht nur in der Angabe
des Vaterlandes; diese Art stammt nicht aus dem indischen
Ocean, sondern von dem Antillen-Meere. Das kais. Hof-Na-
turalienkabinet besitzt ein Exemplar derselben in Weingeist,
aus Cuba, das ihm zufolge des Cataloges von Prof. Popp ig
mitgetheilt wurde. Es stimmt völlig mit Bloch's Angabe
und Abbildung überein, namentlich bezüglich des schwar-
zen Augenfleckes auf der Dorsale, der genau an derselben
Stelle steht. Diese Art ist somit sicher von Seba's Fig. 11
auf Tab. 25 verschieden, d.h. von Chaet. sebanus Cuv., der
allerdings dem indischen Ocean angehört und synonym mit
setifer und auriga Forsk. ist. — Während nun einerseits
Kaup den alten Bloch ungerechter Weise bezüglich des
ocellatus in Verdacht hat, etwa einem einfarbigen Chaetodon
Irhlhyologische Berichtigungen, 69
den Aug^enfleck hinauf idealisirt zu haben, vertraut er an-
dererseits der ßloch'schen P'igur in Betreff der unter-
brochenen Seitenlinie und der dicken Lippen dermassen, dass
er sogar vermulhet, es könne vielleicht diese Art zu den
Labroiden gehören. Unser Exemplar des Ch. ocellatus Bloch
weicht aber nun vv^eder hinsichtlich der Seitenlinie, noch
der Lippen von den übrigen ächten Chaetodonten ab und
in diesen Punkten ist Bloch's Figur allerdings als un-
genau zu bezeichnen. Die Seitenlinie ist, wie bei allen
von mir desshalb untersuchten Arten , eine continuirliche,
stets biegt sie aber rasch gegen den Schwanzstiel herab,
um dann in halber Höhe bis zur Caudale sich fortzusetzen.
Von der Stelle ihrer plötzlichen Senkung wird sie aber
häufig undeutlich , da sie nun nicht mehr mit Röhrchen
mündet, sondern mit schmalen kurzen Rinnen oder einfa-
chen Poren, wobei überdiess noch hie und da eine Schuppe
übersprungen wird. Auch die Lippen sind nicht dicker als
bei den meisten Chaetodonten und ebenso wenig unterschei-
det sich diese Art durch die Schlundknochen.
Diess die Berichtigungen , zu deren Mittheilung es
mich drängte, sollten Sie dieselben einer Veröffentlichung
werth halten, so mögen sie ihnen gelegentlich ein beschei-
denes Plätzchen anweisen. Mein Wunsch, unsere Wissen-
schaft von Irrungen und unnölhigem Ballaste möglichst zu
befreien ist stärker als meine Eitelkeit, die überhaupt nicht
zu meinen Hauptgebrechen gehört.
Nächstens bin ich so frei, Ihnen die zwei ersten Ab-
theilungen meiner Studien über den Flossenbau der Fische
zu senden, worüber ich mir im Voraus die Bemerkung er-
laube, dass die folgenden Abtheilungen viel ausführlicher be-
handelt sind als die Knorpelfische und Weichflosser, bei
welchen die Systematik bereits weit leichteres Spiel hat,
als bei den Stachelflossern, die noch langer Zeit und vieler
Kräfte bedürfen werden , um mit ihnen in systematischer
Beziehung nur erst so weit zu kommen, wie wir seit Joh.
Müller wenigstens mit den Weichflossern und den Ue-
brigen stehen.
Wien, d. 18. Februar 1861.
Die Laryenziistcäude der Miiscideii.
Eine vorläufige Mittheilung.
Von
Dr. Rud. Lcuckart
in Gicsscn.
Es ist eine, meines Wissens, sehr allgemein verbrei-
tete Annahme, dass die kopfiosen Fliegenlarven bis zu ihrer
Verpuppung ' nur solchen Veränderungen unterliegen , die
durch ihr Wachsthum und die Anlage ihrer Geschlechtsor-
gane herbeigeführt werden. Wo sonst noch Verschieden-
heiten zwischen den ncugebornen und den ausgewachsenen
Larven beobachtet w'urden, bei den Oestriden (Joly) und
den Pupiparen (Leuckart), da glaubte man es bisher mit
Ausnahmefällen zu thun zu haben.
Diese Ansicht ist eine irrige. Untersuchungen , die
ich im Laufe des vergangenen Sommers über die Ent-
wickelungsgcschichte verschiedener Museiden angestellt
habe, machen es wahrscheinlich, da*ss die zu dieser Gruppe
gehörenden Thiere ganz allgemein, wie die oben genann-
ten Oestriden und Pupiparen, mehrere von einander ver-
schiedene Larvenformen darbieten. Die Verschiedenheiten
dieser Larvenformen gehen allerdings nicht so "weit, dass
man darüber die genetischen Beziehungen derselben ver-
kennen könnte, sind aber trotzdem immer auffallend genug,
um das Interesse und die Aufmerksamkeit des Forschers
zu fesseln.
Am schärfsten sprechen sich die Verschiedenheiten
dieser Larvenformen in der Bildung der Mundtheile und
der Stigmata (resp. des Tracheenapparates) aus.
Leuckart: Die Larvenziistände der Museiden. Gl
Indem ich mir Weiteres für eine spätere Älitthei-
liing vorbehalte, will ich in Folgendem nur mit wenigen
Worten die Hauptuntersciiiede der von mir bei Mnsca vo-
mitoria und M. caesarea beobachteten drei Larvenzustände
schildern.
1; Stadium (dessen Dauer im Sommer etwa 12 Stun-
den). Vordere Sligmen fehlen. Das abgestutzte Hinter-
leibsende trägt jederseits zwei dicht neben einander ste-
hende, spaltförmige Lufilöcher. Die Mundöffnung ist in
der Ruhe eine dreieckige Grube, deren seitliche nach vorn
zu convergirende Schenkel eine Chitinleiste tragen, an die
sich am Vorderende eine Anzahl kleiner Zähnchen an-
schliesst. Beim Oeil'ncn des Mundes weichen die seitli-
chen Hornleisten mit ihren Vorderenden auseinander. Die
hintere Lippe der Mundöll'nung bildet einen w ulstigen Vor-
sprung, neben dem jederseits eine kleine Chitinplatte liegt,
von der zwei bogenförmige Chitinfäden nach Aussen lau-
fen. Aus der JVlundöffnung kann ein in der Tiefe liegen-
der einfacher Haken hervorgeslreckt werden, der auf
einem mächtigen Chilingestelle aufsitzt.
2. Stadium (dessen Dauer auf etwa 36 Stunden zu ver-
anschlagen). Die beiden hinteren Stigmata sind jederseits
in einen Chitinring eingeschlossen. Auf dem zweiten Seg-
mente hat sich rechts und links überdiess eine Reihe von
7 — 8 neuen kleinen Luftlöchern gebildet, die dicht neben
einander stehen und in denselben Tracheenstamm ein-
münden. Die Zahl der Haken im Munde ist auf zwei ge-
wachsen, und diese stehen nicht bloss mit dem im Wesent-
lichen unverändert gebliebenen Gestelle , sondern auch mit
einem queren Chitinbogen in Zusammenhang, der der Un-
terlippe angehört und in ähnlicher Weise, wie der Unter-
kiefer der Wirbellhiere, auf- und niederklappt. Von dem
seillichen Ende dieses Rogens geht statt zweier Chitinfäden
eine ganze grosse Menge aus , die fächerförmig nach den
Seitenlheilen des Kopfsegmentes ausstrahlen. Sonstige feste
Mundtheile fehlen.
3. Stadium (bis zur Verpuppung). Mit dreien Stigmen
jederseits am Hinterleibsende. Der Rand des letztern hat
G2 Leuckart: Die Larvcnzuständc der Musclden.
sich in eine Anzahl conischer Zapfen ausgezogen. Sonst in
allen wesentlichen Punkten mit dem zweiten Stadium über-
einstimmend.
Das zweite und dritte Stadium wird durch eine Häu-
tung eingeleitet, die sich in der von mir bei den Pupipa-
ren beschriebenen Weise auch auf die Tracheen ausdehnt.
Gi essen den 28. März 1861.
lieber die Hirnbildiiiig des Menschen und der Qua-
druuianen und deren Verliältuiss zur zoologischen
Systematik^ mit besonderer Rücksicht auf die An-
sichten von Owen^ Iluxley und Gratiolet.
Von
Rudolph Waguer,
Professor in Göttingen.
Richard Owen hat bekanntlich vor einigen Jahren
eine neue Eintheilung der Säugethiere gegeben, als deren
Basis die Bildung des Gehirns, insbesondere der Hemisphä-
ren zu betrachten ist ^). Andere anatomische Merkmale
dienen zur Ergänzung. Bei den beiden untersten Unter-
klassen von den vier, in welche Owen die Säugethiere ein-
thcilt, sind die Hemisphären glatt, oder nur mit sehr we-
nigen Furchen und Windungen versehen, der Balken (cor-
pus callosum) fehlend oder rudimentär, wodurch sie sich
den Oviparen Wirbelthieren, insbesondere den Vögeln, nä-
hern. Es sind dies die Unterklassen der Lissencephala und
Lyencephala (die Edentaten, Cheiropteren, Insektivoren und
Nager, die ßeutelthiere und Monotremen), welche dadurch
1) Journal of the proceedings of the Linnean Society of Lon-
don. Zoology. Vol. II. 1858. p. 1. Der Herr Herausgeber hat hieraus
im Jahresberichte des Archivs von 1857. p. 30 einen Auszug gege-
ben, so weit er sich auf Systematik bezieht , auf den ich verweise
und den ich nur ergänze, in sofern der Aufsatz Interesse für allge-
meine Zoologie und Katurgeschichte des iMenschen hat, wie ich denn
die nachfolgende kleine Abhandlung überhaupt nur als eine Ergän-
zung meiner neu übernommenen Jahresberichte betrachte, in wel-
chen zu solchen ausführlichen Erörterungen kein Raum ist.
04 \V n g n e r :
aus der früheren höheren Stellung herausgerissen werden,
während die Oundrumanen und Carnivoren , die Einhufer,
Zweihufer, Vielhufer und Celaceen die zweite oberste Un-
terklasse als Gyrencephala bilden, indem ihr Gehirn (mit
Ausnahme der kleinen Krallen-Aeffchen) auf der Oberfläche
mit Windungen versehen ist. Sie unterscheiden sich durch
den Besitz von Bildungen (Corp. callos. und Windungen),
deren Mangel bei den vorigen Ordnungen eine Verwandt-
schaft mit den Ovipara beurkundet. Sie besitzen höhere
Fähigkeiten und schliessen sich dadurch dem Menschen als
Diener und Gesellschafter an. Beim Menschen geht das
Gehirn einen weiteren Schritt in der Enlwickelung ein; es
legt sich weiter über den Riechlappen und über das kleine
Gehirn. Der hintere Theil ist, nach Owen, so entwickelt,
dass die Anatomen demselben den Namen eines dritten Lap-
pens geben. Er ist dem Menschen eigenthümlich, eben so,
wie das hintere Hörn des Seitenvenlrikels und der pes
hippocampi minor. Die graue Rindensubstanz erreicht durch
die Zahl und Tiefe der W^indungen die höchste Entwicke-
lung. Eigenthümliche geistige Fähigkeiten treten auf. Da-
her macht Owen aus den Menschen nicht eine eigene
Ordnung, sondern eine besondere Subclassis und nennt die-
selbe: Archencephala. Owen erklärt in einer Anmerkung,
dass er Homo und Pithecus nicht für so verschieden halte,
wie der Autor der Records of creation, dass er den Men-
schen mit Linne und Cuvier als einen Gegenstand zoo-
logischer Vergleichung und Classifikation betrachte. Er
sei nicht im Stande, fügt 0. hinzu , Unterschiede zwischen
psychologischen Erscheinungen eines Chimpanse und Busch-
manns oder eines Azteken mit beschränkter Gehirn -Ent-
wickclung zu erkennen.
Etwas beschränkend, was insbesondere den zuletzt
erwähnten Satz betrifft, scheint mir Owen in seinen des-
fallsigen Ansichten bei seinem Auftreten in der letzten
englischen Naturforscherversammlung zu Oxford sich aus-
gesprochen zu haben. Er sagt hier , dass das Gehirn des
Gorilla im Verhältnisse zum menschlichen weit mehr Ver-
schiedenheiten zeige, als mit dem der niedrigsten und
selbst den meisten problematischen Formen der Quadruma-
Ueber die Hirnbildung d. Menschen u. d. Quadrumanen. 65
nen. Die Mängel in der Geliirnstruktur beim Gorilla im
Verhältnisse zum Menschen seien immens. Die hinteren
Lappen des Menschen zeigten Theile, welche im Gorilla
gänzlich fehlten ^).
Diesen Erklärungen 0 w c n's war II ux 1 e y mündlich
entgegengetreten. Er läugnete , dass der Unterschied im
Gehirne der Affen und des Menschen so gross sei, wie
dies Prof. Owen behaupte und bezieht sich dabei auf die
Dissectionen von Tied em a nn und anderen. Er behauptet
vielmehr der Unterschied im Gehirne zwischen dem Men-
schen und dem höchsten Affen sei nicht so gross, als zwi-
schen dem höchsten und niedrigsten Affen. In einem nicht
lange erst erschienenen neueren Aufsatze -) ergänzt H u x 1 e y
diese mündlichen Aeusserungen in der british Association.
Es ist diess eine gründliche Arbeit , ohne eigene Unter-
suchungen, aber mit Zusammenstellung des sehr zerstreuten
Materials. Huxley behauptet nun gegen Owen: 1) dass
der dritte Lappen weder dem Menschen eigentliümlich, noch
für ihn charakteristisch ist, da er bei allen Quadrumanen
existire. 2) Dass das hintere Hörn des Seitenventrikels
weder eigentliümlich noch charakteristisch für den Men-
schen sei, in soferne es auch bei den höheren Quadrumanen
existirt. 3) Dasselbe gelte vom pes hippocampi minor. Die
für die Vergleichung benutzten Arbeiten von Tiedemann,
Owen (illustrated catalogue of the Hunterian Collection),
Macartney, Sandifort, Vrolick, IsidoreGeof-
froy St. Hilaire, Schröder v. d. Kolk, Gratiolet
über Orang - Utang und Chimpanse wurden mit Privatmit-
theilungen von Allen Thomson zusammengestellt. Die-
ser letztere zergliederte zwei Chimpanse-Gehirne. Er fand
Mittel- und Hinterlappen durch eine tiefe Rinne getrennt;
der Hinterlappen ist wenig kleiner als beim Menschen , aus-
genommen vielleicht in vertikaler Richtung. Nach Isidore
Geoffroy decken selbst beim Saimiri, einem amerikani-
1) Nach Berichten über die british Association in der Literary
Gazette und im Athenaeuni.
2) On the zoological relations of Man vvith the lower AniniaU.
Katural history Reviev^. January 1861. p. 67 — 87.
Archiv f. Naturg. XXVI. Jahrg. 1. Bd. 5
G6 Wogneri
sehen platyrhinischen Affen , die Lappen der Hemisphären
das Cerebellum. — Was das Hinterhorn und den pes hip-
pocampi minor betrifft, so sind diese selbst beim AJenschen
sehr variabel, so dass lluxley dieselben von geringerer
Bedeutung hält. Die Gebrüder Wen z e 1 fanden schon den
pes hippoc. minor, öfter fehlend, Longe t erwähnt der
Variabilität der Ausdehnung des Hinterhorns. Thomson
fand beim Chimpanse einen dem pes hippoc. minor, analo-
gen Theil. Huxley glaubt daher „ohne Widerspruchs-
geist" die Richtigkeit seiner Behauptung erwiesen zu ha-
ben und will den Leser entscheiden lassen , ob die Unter-
klasse der Archencephala noch aufrecht erhalten werden
könne. Nach seiner Ansicht bestehen zwischen dem mensch-
lichen Gehirne und dem der anthropoiden Affen noch fol-
gende Differenzen :
1) In den anthropoiden Affen ist das Gehirn kleiner
im Verhältnisse zu dem von demselben entspringenden Ner-
ven im Menschen.
2) Ebenso ist das grosse Gehirn kleiner im Verhält-
nisse zum kleinen Gehirne.
3) Die sulci und gyri sind im Allgemeinen weniger
komplex und auf beiden Hirnhälften mehr symmetrisch.
4) Beim Menschen sind die Windungen der Hemisphä-
ren mehr abgerundet und tiefer und die Verhältnisse der
Lappen unter einander sind verschieden.
Der erste Satz ist seit Soem merring allgemein an-
genommen, der zweite bis vierte Salz wird durch Schrö-
der van der Kolk's, Vrolick's und Gratiolet's Ar-
beiten festgestellt. Soe mm erring und Tiede mann sind
direkt im Gegensatze in Bezug auf die relativen Propor-
tionen der Stärke der Nerven zum Gehirne in den höheren
und niederen Menschen- Rassen. In Bezug auf das Cere-
bellum scheint nach Tied e man n dieses bei den niederen
Rassen etwas grösser. Bei der Hottentotten - Venus führt
Huxley die neueren Arbeiten von Gratiolet an, so
wie die Stelle bei Ti e d e m a nn , wornach der vordere Theil
der Hemisphären etwas schmäler ist , als gewöhnlich bei
Europäern. Darauf gründet nun H. die Behauptung, dass
wenn wir A das Europäer-Gehirn, B das Buschmanns-Ge-
Ueber die llirnbildung d. Menseden u. d. Quadiumanen. 67
hirn, C das Orang-Gehirn in eine Reihe setzen, die Unter-
schiede zwischen A und B , wohl ebenso fest bestimmt und
von derselben Natur sind, wie die hauptsächlichen zwischen
B und C. H. wünscht, dass die Aerzte vom Cap der guten
Hoffnung, in Australien und von Indien diese zoologischen
Probleme lösen mögen. Sehr entfernt stehe aber Lemur
mongos , Stenops tardigradus, Perodictius von den Affen in
der Hirnbildung. Der Schluss des Aufsatzes lautet: „Es
sei demonstrirbar , dass die Quadrumanen weniger im Ge-
hirne vom Menschen, als untereinander abweichen, so dass
die Trennung von Homo und Pilhecus in verschiedene Sub-
classes, während Pithecus und Cynocephalus in einer Ord-
nung beisammen bleiben, durchaus unverträglich ist mit dem
Prinzipe der Classification der Säugethiere durch den Hirn-
Charakter."
Gratiolet's Arbeiten konnte Huxl ey nur zum Theil
benutzen. In Bezug auf die Windungsverhältnisse der He-
misphären hat dessen klassische Arbeit: Memoire sur les
plis cerebraux de l'homme et des Primates in Betreff der
Affen so vorzügliche Abbildungen und Beschreibungen ge-
liefert, dass durch dies Werk die Quadrumanen zu den in
Betreff der Hirnoberflächen am besten gekannten Thieren
gehören. Man kann von diesem Werke in der That sagen,
dass es seine Vorgänger in dieser Beziehung überflüssig
macht. Seitdem hat nun Grati ölet auch über das Gehirn
des Gorilla einiges bekannt gemacht ^) und die Verhält-
nisse des menschlichen Gehirns zum Affengehirne, nament-
lich in Bezug auf Entwickelungsgeschichte , einer neuen
Vergleichuug unterworfen -). In Bezug auf den Gorilla
zeigt Grati ölet in der That, dass derselbe, während die-
ser kolossale afrikanische Affe in der stärkeren Entwicke-
lung des Daumens und in der Zahl der Handwurzelknochen
dem Menschen näher tritt, als die anderen anthropoiden
Affen, schon im Schädel und ebenso im Gehirne dagegen
sich mehr den Cynocephalen nähert. Ganz neuerdings
1) Coinptes rendus 1860. Nro. 18.
2) Menioires de la societe d'Anlhropologie de Paris. Tome I.
1860. p.64.
68 VV a g n e I- :
kommt derselbe bei Geleo-enheit des Studiums der mensch-
liclicn Mikrocephalen-Gehirne auf die Vcrgleiclmng mit den
Affen zurück. Er sagt ausdrücklich, dass er mittelst die-
ses Studiums sich überzeugt habe , dass die Verschieden-
heit des Menschen und Affen „augenscheinlich und anato-
misch bewiesen sei." „Indem ich aufmerksam das Gehirn
der Affen mit dem des Menschen verglich, habe ich ge-
funden, dass im erwachsenen Zustande die Anordnung der
Hirnwindungen bei beiden Gruppen dieselbe ist und, wenn
man sich bloss hieran hält , so würde mrrn keinen hinrei-
chenden Grund haben , den Menschen von den Thieren im
Allgemeinen zu trennen. In der That, bei den Affen er-
scheinen die Windungen des Schläfe - Keilbeinlappens zu-
erst und die des Stirnlappens zuletzt, während beim Men-
schen die Stirnlappenwindungen zuerst auftreten, die Schlä-
fe-Keilbeinwindungen zuletzt. Es wiederholt sich also die-
selbe Reihe der Entwickelungen hier von « nach co, dort
von CO nach a. Aus dieser sehr sicher konstatirten That-
sache entspringt eine nothwendige Folgerung : Keine liem-
mungsbildung kann das menschliche Gehirn dem der Affen
ähnlicher machen, als es im erwachsenen Zustande ohne-
diess ist. Diese Folgerung wird vollkommen gerechtfertigt
durch das Gehirn der Mikrocephalen : im ersten Augen-
blicke könnte man dasselbe für das Gehirn von irgend einem
neuen unbekannten Affen halten; aber die leichteste Auf-
merksamkeit reicht hin, um diesen Irrthum zu vermeiden.
Bei einem Affen würde die fissura longitudinalis (hintere
Verlängerung der Sylvischen Spalte) immer lang und tief
sein. Bei einem menschlichen Mikrocephalus dagegen ist
diese Spalte immer unvollständig und manchmal fehlt sie
und der Sphenoidallappen ist fast ganz glatt. Diess ist
noch nicht alles : bei den Mikrocephalen ist die zweite Ue-
bergangswindung (deuxieme pli de passage) zwischen dem
Parietal- und Occipital- Lappen immer oberflächlich, wel-
ches ein dem Menschen absolut eigenthümliches Kennzei-
chen ist. In dem Gehirne der Orangs im Gegentheile ist
diese Windung konstant unter dem Deckel (Opercule) des
Hinterhauptslappens verborgen. Also mitten unter dem
Schwunde zeigen die Gehirne der Mikrocephalen doch den
lieber die llirnbildiing d. iMenschen u. d. Qiiadiunianen. 69
menschlichen Charakter; oft sind sie weniger voluminös
und mit weniger Windungen versehen, als die Gehirne des
Orangs und des Chimpanses, aber sie werden ihnen dadurch
nicht ähnlich; der Mikrocephalus, so reduzirt er auch sein
mag , wird kein Thier , es bleibt immer ein verminderter
Mensch."
..Icli habe untersucht, ob die Mikrocephalie der Geburt
vorangeht oder nicht; sie geht ihr unzweifelhaft voran. Bei
einem der Mikrocephalen , welchen ich untersuchte, zeigte
die allgemeine Form des Gehirns und der Sylvischen Spalte,
dass die Monstrosität wenigstens gleichzeitig mit dem fünf-
ten Monat war. Es ist wahrscheinlich , dass dieser Zu-
stand von irgend einer allgemeinen Ursache abhängt. Un-
ter dem Einflüsse einer ursprünglichen Astheniogenie bilden
sich Formen, welche von allen Normalzuständen abweichen.
Uebrigens ist beim neugebornen Kinde das System der Hirn-
windungen in allen seinen Theilen komplett und dasselbe gilt
von allen Thieren, welche mit offenen Augen geboren werden;
bei den Thieren , welche mit geschlossenen Augen geboren
werden, werden die Windungen nicht früher vollendet, als
in dem Augenblicke (?) , wo sich die Augenlieder öffnen.
Würde die Mikrocephalie später als die Geburt eintreten,
so würden die gesammten Hirnwindungen persistiren und
nur das ^'olum des Gehirns würde vermindert sein; aber
so ist es nicht; die Bewegung des Wachsthums ging vom
Anfange an langsamer vor sich, die Krümmung des Gehirns
ist verkürzt und frühzeitig vollendet, lange vor dem nor-
malen Zeitpunkte. Von Bedeutung ist die enorme Ent-
wickelung des kleinen Gehirns bei diesen Wesen, welche
niemals die Pubertät erlangen und zeugungsunfähig blei-
ben. Diese Thatsache ist sehr ungünstig für die theoreti-
sche Anschauung Gall's in Betreif des kleinen Gehirns,
sie ist dagegen derjenigen von Flpurens viel günstiger.
Die normalen Mikrocephalen bewegen sich mit einer Schnel-
ligkeit, Tüchtigkeit und vollkommenen Harmonie; eine sehr
starke relative Entwickelung des Rückenmarks und des
verlängerten Marks trägt, ohne Zweifel, zu dieser Beweg-
lichkeit bei."
,,Auf diese Weise beschränkt sich die Reduktion vor-
70 Wagner:
züglich, ja fast ausschliesslich, auf die Halbkugeln des
grossen Gehirns. Die äusseren Organe der Sinne sind
gross, wohl entwickelt ; die Nerven, welche sich zu den-
selben begeben, haben eine Entwickelung, welche die Di-
mensionen im Normalzustande überschreitet (?)«
„Nachdem ich versucht habe darzulegen , dass die
ÄJikrocephalen die materiellen und zoologischen Kennzei-
chen des Menschen bewahren, will ich bemerken, dass sie
auch die eigenlhümlichen intellektuellen Fähigkeiten be-
wahren. Die meisten Mikrocephalen haben eine verständliche
Sprache , allerdings sehr wenig reich , aber artikulirt und
abstrakt: ihr Gehirn, dem Anschein nach unter dem eines
Orangs oder eines Gorilla stehend, ist doch das einer re-
denden Seele. Diese angeborene und, so zu sagen,
unauslöschbare Virtualität , ist sicher das hervorragendste,
das edelste Kennzeichen des Menschen; es ist dies eine
auffällige Erscheinung im Verhältnisse zu dieser Vereini-
gung ja theilweisen Vernichtung der Intelligenz; auf diese
Weise können Krankheit und Schwäche -Anlage (Asthe-
niogenie) den Menschen herabsetzen ohne aus ihm einen
Affen zu machen."
„Diese Microcephalen , eines Theils der Hirnwindun-
gen beraubt, sind alle sehr kleine Zwerge. Ich erinnere
in dieser Hinsicht an das Wechselverhältniss, das man vor
einigen Jahren zwischen der Entwickelung der Hirn-Win-
dungen und demjenigen der Grösse wahrzunehmen geglaubt
hat. Es ist in der That sicher, dass alle grossen Thiere
Hirn - Windungen besitzen , während eine grosse Anzahl
kleinerer Thiere derselben entbehrt. Mir scheint jedoch
diess Wechselverhältniss durchaus nicht richtig gewürdigt.
Es ist nicht, wie man geglaubt hat, die Entwickelung in
der Grösse, welche die Entwickelung der Windungen nach
sich zieht. Es ist , im Gegentheile, die Entwickelung der
Windungen, welche die Entwickelung der Grösse ankündigt,
indem jene dieser vorausgeht, nicht bloss im Individuum,
sondern in dem Ensemble jeder zoologischen Gruppe. So
haben selbst die kleinsten Thiere derjenigen natürlichen
Gruppen, welche riesenhafte Thiere enthalten, Windungen,
wie geringe auch ihre Grösse sein mag; dahin gehören
lieber die Hirnbildung d. Menschen u. d. Quadrumanen. 71
die Wiesel unter den Fleischfressern, die Antilope hempri-
chiana (Ehrenb.) und spinigera (Temm.) bei den Wieder-
käuern."
„Unter den Menschen-Rassen hat die Buschmannsform
sehr wenig- komplicirte Windungen; der Stirnlappen stellt
besonders einen Grad von Einfachheit dar, welche niemals
bei den weissen Rassen vorkommt (?) ausgenommen in
einigen Fällen angeborener Idiotie. Es ist dies eine Rasse,
deren Körpergrösse sehr geringe ist. Aber die Busch-
männer sind jedenfalls weder Mikrocephalen, noch Idioten.
Diese für die Organisation genügende Beschaffenheit einer
unvollkommenen Hirnform beweist, dass diese Form normal
und in gewisser Hinsicht specilisch ist , und dass , wenn
diese Buschmänner auch anthropologisch tiefer stehende
Menschen sind , so können sie doch auf keine W^eise als
herabgekommene Wesen (etres degrades) betrachtet wer-
den (?). In der That, ihre Rasse ist fruchtbar; es beweist
dies ihre Ausdauer mitten unter unaufhörlichen zerstören-
den Einwirkungen, welche dieselben umgeben. Die Rasse
ist also nicht degenerirt (?) ; alle neueren Beobachtungen
stimmen darin überein, dass jede Degeneration eine baldige
Unfruchtbarkeit zum Ausgange hat.«
Gratiolet zieht aus allen diesen Beobachtungen den
Schluss : „dass der Mensch durch seine physische Orga-
nisation eben so absolut verschieden von den höchsten
Thieren ist , wie er es nach seiner psychischen Entwicke-
lung ist.«
Ich stimme den Ansichten Gratiolet's fast in allen
Punkten so vollständig bei, dass ich nur in einigen weni-
nigen und auch hier mehr dem Ausdrucke, in der bestimm-
ten Fassung, welche ich etwas limitiren würde, mir erlaubt
habe, ein Fragezeichen beizusetzen.
Meine Spezial- Untersuchungen gründen sich auf Zer-
gliederung von einigen hundert menschlichen Gehirnen aller
Lebensalter beider Geschlechter und verschiedener Ent-
wickelungsstufen. Leider habe ich bis zu dieser Stunde
keine Gehirne von anderen Rassen , als den europäischen
erlangen können. Die von mir in mehreren anatomischen
Museen angesehenen waren nicht zur wissenschaftlichen
72 W a g n c r :
Verwertliung hinreichend erhalten ^). Von Thiergehirnen
habe ich allerdings nur wenige von seltenen Thieren un-
tersuchen können. Die Zahl der von mir untersuchten
Affengehirne, namentlich frischer, ist sehr klein. Von men-
schenähnlichen Affen habe ich selbst nur das eines jungen
Orang-Utangs durch die Güte meines Freundes, des Profes-
sors Leuckart in Giessen, untersuchen können. Trotz
vielfältiger Bemühungen habe ich noch keine Mikrocepha-
len-Gehirne erlangen können. In unserer Nachbarschaft
(im Dorfe Herberhausen bei Göttingen) sah ich im Hause
eines Bauern eine 20jährige mikrocephalische Tochter und
einen 14jäbrigen noch stärker mikrocephalischen Sohn und
untersuchte deren geistige Fähigkeiten. Die Eltern waren
gesund, doch hatte der Vater, ein wohlhabender Bauer,
etwas blöden Geist. Die Tochter lebt noch , der Sohn
starb vor einigen Jahren , ohne dass die Sektion erlaubt
wurde. Die Fälle von Mikrocephalie scheinen in der That
viel häufiger zu sein als man glaubt und nach der Selten-
heit der Schädel in Sammlungen vermuthen müsste. Zum
Glück konnte ich mir einigermassen meine eigenen Erfah-
rungen auf andere Weise ergänzen. Wir besitzen nämlich
von Säuge!hier- Gehirnen wirklich, was die äussern Ver-
hältnisse betrifft, sehr schätzbare Sammlungen von Abbil-
dungen, namentlich von Ti ed emann, Leuret, R. Owen
u.a. m., welche einer morphologischen Vergleichung wohl
zu Grunde gelegt werden können. Am vollständigsten be-
sitzen wir in dieser Hinsicht Abbildungen von Affen, na-
mentlich den menschenähnlichen, welche Huxley in obi-
ger Abhandlung benannt und benutzt hat. Kein Werk ist
aber in dieser Hinsicht so vollständig, als das oben citii'te
von Gratiolet, welchem mein volles Lob zu spenden ich
nicht müde werden kann, nachdem ich dasselbe schon bei
meinen neuesten Publikationen wiederholt aussprach -). Um
1) In Bezug auf die Art der Präparation und Conservation der
Gehirne, welche nöthig ist (namentlich die Entfernung der Häute) um
die Gehirne für Yergleichungen brauchen zu können, verweise ich
auf meine nachbenannten „Vorstudien."
2) Vorstudien zu einer wissenschaftlichen Morphologie und
lieber die Ilirnbildung d. Menschen u. d. Quadiumanen. 73
nun wenigstens einiges weitere Material mir zu verschaf-
fen, bin ich auf den Gedanken gekommen, einen Theil in-
teressanter Schädel der B lu menbach'schen Sammlung zu
Aufschlüssen über das Gehirn zu benutzen. Herr Prosektor
Dr. Teich mann war mir vorzüglich behülflich, dieselben
so in der Mittellinie des Sagittaldurchmessers zu durch-
schneiden, dass beide Hälften, wenn man sie wieder ver-
binden will, durch eine dünne Leimlage leicht zusammen-
gefügt werden können. Ich habe sodann die Cavitäten mit
Gyps ausgiessen lassen und dadurch eine Reihe von Hirn-
formen verschiedener Völker erhalten, welche wirklich den
Mangel an Rassen-Gehirnen , deren Beschaffung so unend-
lich schwierig ist, theilweise zu ersetzen im Stande sind.
Die Gypsgehirne werden mit einem Oellirniss überzogen,
welcher leicht trocknet , so dass sich die Modelle gut an-
fassen , handhaben und recht gut mit Tinte beschreiben
lassen. An einzelnen Gehirnen, besonders jugendlichen,
aus den 20er oder 30er Jahren , lassen sich wirklich alle
Haupt - Windungszüge nachweisen und selbst bezeichnen.
Natürlich erscheinen sie mit der dura mater bekleidet und
in Verbindung mit den Meningeal - Arterien. Aber die
Physiologie des menschlichen Gehirns als Seelenorgan. Erste Ab-
handlung, lieber die typischen Verschiedenheiten der Windungen
der Hemisphären und über die Lehre vom Hirngewichte , mit beson-
derer Rücksicht auf die Hirnbildung intelligenter Männer. Göttingen
1860. 4. Mit 6 Kupfertafeln. Hier sind fremde und eigene Wägungen
von 964 Menschengehirnen tabellarisch zusammengestellt. Abgebildet
und genauer beschrieben und verglichen sind: das Gehirn von C. V.
Gauss mit dem Gehirne zweier einfacher Männer auf Tab. H, IV, V
und VI, die Gehirne von Hausmann (Tab. I. Fig. I und II), von Di-
richlet (Tab. II. Fig. II) , von C. F. Hermann (Tab. II. Fig. III), fer-
ner die Gehirne eines siebenmonatlichen Fötus, eines Orang-Utangs
und eines langarmigen Affen. Die eben vorbereitete Fortsetzung soll
das Gehirn des Klinikers C. H. Fuchs und einer Frau in natürlicher
Grösse bringen. — An diese Abhandlung schliesst sich eine zweite
an: Zoologisch-anthropologische Untersuchungen. I. Die Forschun-
gen über Hirn- und Schädelbildung des Menschen in ihrer Anwendung
auf einige Probleme der allgemeinen Natur- und Geschichtswissen-
schaft. Götlingen 1861 etc.. Die Arbeiten von Reiz ins und Dar-
win werden hier der Kritik unterworfen.
74 Wa
g n e r :
Hauptverhältnisse werden doch klar; die Begrenzung der
einzelnen Lappen , ihr Verhältniss zu den Schädelknochen
und den Nähten lässt sich bezeichnen. Es bleibt an den-
selben, was sehr wichtig ist, die Grundform des Gehirns
nachweisbar, während selbst bei den best gehärteten Ge-
hirnen im Weingeist diese einigermassen verändert wird.
Man kann Messungen der einzelnen Hirn- Abtheilungen
daran vornehmen und die inwendig aufgeschlossenen Schä-
del auf ihre Windungseindrücke , auf Grösse der Nerven-
öffnungen u. s. w. dabei benutzen und vergleichen. Aus-
ser den Schädeln der Hauptvölker und einigen abnormen
Schädeln, wie der Scaphocephalen , Pyrgocephalen , Platy-
cephalen ^) , habe ich auch einen ausgezeichneten Micro-
cephalus der B 1 umenba ch'schen Sammlung"^) senkrecht
1) Ich gedenke in einer Fortsetzung meiner „zoologiscli - an-
thropologischen Untersuchungen" (in einem vorbereiteten illustrirten
Cataloge der Blumenbach'schen Schädelsammlung) und in einem seit
lange vorbereiteten projektirten „ethnologisch-anthropologischen At-
las" — Unternehmungen , deren Ausführung freilich sowohl von ei-
genem körperlichen Befinden als den politischen Conjunkturen be-
dingt ist, — die oben genannten Termini neu zu erläutern und mit
photographirten Schädelvorstellungen zu belegen.
2) Dieser Schädel, von dem Blumenbach bereits vor 40
Jahren eine wenig mehr beachtete kurze Beschreibung und Abbildung
(s. in den Commentationes soc. reg. scientiar. Goettingensis. Vol. II.
1815. De anomalis et vitiosis quibusdam nisus formativi oberrationi-
bus) gab, ist mit der Aufschrift von Blumenbachs Hand: „stupidi
Bückeburgensis" der anthropologischen Sammlung des physiologischen
Instituts einverleibt. Auch besitzen wir von demselben noch in den
schriftlichen Belegen zur Schädelsammlung nähere Nachrichten über
Entwickelung , Sektion u. s. w. des betreffenden Individuums vom
Jahre 1812. Der Fall ist dadurch doppelt merkwürdig, dass dieser
Idiot unter allen mir bekannten Mikrocephalen das höchste Alter
(31 Jahre) erreichte und wahrscheinlich noch älter geworden sein
würde, wenn er nicht verunglückt wäre. — Es freut mich, die dem-
nächstige Erscheinung einer ausgezeichneten und vollständigen Be-
schreibung eines MiUrocephalen-Schädels und Gehirns meines Freun-
des, des Medicinalraths und Professors Theile in Weimar, in Ilenle's
Zeitschrift, mit Abbildungen, anzeigen zu können, die ich bereits im-
Manuscripte zu sehen Gelegenheit hatte. Dasselbe Heft dieser Zeit-
schritt wird zugleich einen interessanten klinischen Fall von Krank-
Ueber die Hirnbildung d. Menschen u. d. Quadrumanen. 75
durchsägt und abgeformt aufbewahrt und von anderen so
wie von Orang- Schädeln, einen jungen und überaus alten
mit hohem Sagitalkamm und sehr stark abgekauten Zähnen
auf gleiche Weise benutzt. Die so behandelten Schädel
gewähren auch den Vortheil, dass man einzelne Hirn -Ab-
theilungen mit weicheren Massen separirt ausfüllen und
darstellen kann und so Elemente für vergleichende Wä-
gungen erhält. Meine in dieser Beziehung begonnenen Un-
tersuchungen sind erst im Anfange und bedürfen noch sorg-
samer Wägungen, Messungen und Yergleichungen. Doch
hoffe ich bald in unserer K. Gesellschaft der Wissenschaf-
ten Mittheilungen machen zu können. Dieselben bestätigen
nur meine gegen Retzius jüngst ausgesprochenen Be-
denken und zeigen , dass die Hirn-Masse und die wesent-
liche Anordnung der Lappen und Windungen doch bei den
entgegengesetzten Schädelformen, z. B. abnormen hochkö-
pfigen Brachycephalen (Thurmköpfen , Pyrgocephalen) und
abnormen Kielköpfen (Scaphocephalen) dieselben bleiben
können, indem die Hirnmassen, ähnlich wie bei den künst-
lich deform gemachten Schädeln, ohne Quantitätsminderung,
sich nur verschieben und Compensationen eintreten.
Was nun die Anwendung des Gehirnbaus in der zoo-
logischen Systematik betrifft, worauf meines Wissens zuerst
Leuret und neuerdings wieder (selbst bei den Amphi-
bien, wie den Schildkröten) Agassiz in seinem Werke
über die Fauna der vereinigten Staaten hingewiesen haben,
so zeigt der Versuch von R. Owen, die Säugethiere nach
diesem Prinzipe in grössere Abtheilungen einzutheilen, die-
selben interessanten Momente für eine allgemeine Alorpho-
logie, wie alle und jede Verwerthung einzelner anatomischer
Verhältnisse für die Systematik , aber auch die ganze
Schwäche dieses Prinzips. Es geht hier wie mitAgassiz's
und J. Müller's Verwendung anatomischer Merkmale in der
heit des kleinen Gehirns von Dr. Fiedler in Rostock mit einer
mikroskopisch -anatomischen Untersuchung von Dr. Bergmann, so
wie eine Fortsetzung meiner „kritischen und experimentellen Unter-
suchungen über das kleine Gehirn" bringen.
76 VV a g n c r :
Systematik der so schwer zu classiücirendcn Fische. Alle
und jede Anwendung einzelner Organisationsverhältnisse
auf die Systematik hat etwas sehr bedenkliches. Selbst die
durchgreifendsten lassen plötzlich Lücken , nöthigen zu
Ausnahmen und zerstören die gerade erforderliche Allge-
meinheit. Es ist vielmehr die gegenseitige Relation der
einzelnen Organisalionsverhältnisse, die Architektonik der
einzelnen Glieder und Elemente des Baues in ihrer Zusam-
menfügung, welche hier massgebend ist, als die Anwesen-
heit höchst untergeordneter innerer und äusserer Kenn-
zeichen einzelner Organe. Alles das Bedenken, welches
J. Müller gegen die Merkmale im Baue der Fischschuppen
als typische Verhältnisse für die Systematik gegen Aga ss iz
eingewendet hat, lässt sich auch wieder, z.B. gegen Mül-
ler's Zahlenverhältnisse und Lagerung der Klappen im Bul-
bus der Kiemen-Arterie geltend machen.
Es ist sehr viel Sinniges und Beachtenswerthes in
Owen's Benutzung der Hirnwindungen u. s. w. für die
Systematik der Säugethiere und die Wichtigkeit des Or-
gans mag auch eher die Hoffnung gewähren, in demselben
durchgreifende Verhältnisse zu hnden, deren Schwanken
bei untergeordneten Organisationsverhältnissen eher er-
klärlich ist. Aber der bis heute nicht scharf deünible, so-
gar häufig noch bestrittene Unterschied zwischen rein mor-
phologischer und physiologischer Bedeutung aller Organi-
sationsverhältnisse, die mir nie ganz klar gewordene und
stets zweideutige Aufstellung von morphologischen und
physiologisctien Aequivalenten , Analogieen und Homolo-
gieen, deren Anerkennung im Allgemeinen ich- durchaus
huldige, aber mehr nur als einen Ausdruck einer instink-
tiven und dunklen, als einer scharf fassbaren Erkenntniss
betrachte, fordern immer zur grossen Vorsicht in diesen Be-
trachtungen auf. Die ganze exaktere Richtung unserer
Zeit in der Naturforschung wird uns nicht in jene Spiele-
reien mit oberflächlichen morphologischen Anr.logieen ver-
fallen lassen, v.ie in der Periode der Naturphilosophie.
Aber noch lange nicht, vielleicht niemals, wird es gelin-
gen, die Causalität morphologischer Bildungen , am wenig-
sten in der oraanischen Natur, im Sinne des Begehrens
lieber die Ilirnbildung d. Menschen n. d. Quadrumanen. 77
der physikalischen (exakten) Wissenschaft zu begreifen.
Gleichwohl strebt der ordnende Geist des Menschen sol-
chen Verallgemeinerungen zu und das einfachste Bedürf-
niss des Unterrichts erfordert eine solche Behandlung.
Bei der speciellen Betrachtung der Hirnwindungen
muss es immer auffallen , dass die so hoch organisirten,
psychisch entwickelten Vögel , auch die grössten, wie der
Strauss, glatte, windungslose Hemisphären haben, wie die
niedrig stehenden Säugethiere. Noch ist , selbst in Bezug
auf den Menschen, der grössere Reichthum an Windungen
bei intelligenten Männern, kein so fest stehendes Faktum,
als es bisher schien. Das Gehirn des berühmten Mineralo-
gen Hausmann, der noch dazu eine mehr als mittlere
Körpergrösse hatte, erinnerte mich in dieser Hinsicht an
den Bau bei der Hottentotten-Venus und den siebenmonat-
lichen Embryonen. Wir wissen auch nicht , in welchem
Zusammenhange die Multiplikation der Endpunkte in der
grauen Rinde mit den Fasern der weissen Substanz und
den Nerven-Ursprüngen im Gehirn und Rückenmark steht
und ob dieselbe eine besondere psychische Bedeutung hat.
Dagegen steht die typische Anordnung der Windun-
gen, die Formation und Architektonik der einzelnen Lappen
des Grosshirns allerdings mit der systematischen Gliederung
der Gruppen, der Ordnungen und Familien in innigem Zu-
sammenhange. Die Wiederkäuer, die Fleischfresser, die
Quadrumanen geben hiefür Belege. Selbst die Genera, wie
z. B. die Katzen, die Hunde, lassen sich nach der Anord-
nunof ihrer Windungen erkennen. Es ist sehr richtig, dass
in Bezug auf höhere oder niedere Entwickelung, Anord-
nung der Lappen , Zahl und Verlauf der Windungen nur
Thiere einer Ordnung oder einer Familie (überhaupt einer
natürlichen Gruppe) unter sich vergleichbar sind.
Gerade in dieser Hinsicht muss man aber sagen, dass
der Mensch im weiteren Sinne in seiner Hirnbildung
durchaus mit den Quadrumanen in eine Gruppe gestellt
werden muss, im engeren Sinne dagegen eine abge-
schlossene Gruppe für sich bildet. Dies gilt vom architek-
tonischen Ensemble der Hirn - Anordnung , von den Ent-
78 Wagner:
wickeluiigsstadien , und der Configuration der Hauptwin-
dungen ^).
Es ist mir nie recht begreiflich gewesen, wie man im
Verhältnisse ganz unbedeutende Gehirntheile , welche bei
einzelnen menschlichen Individuen selbst sehr wechseln,
wie z. B. kürzere oder längere Hinterhörner der Seiten-
ventrikel, Anwesenheit des pes hippocampi minor, ja selbst
einfache oder doppelte Markkügelchen (Emientiae candican-
tes) so sehr urgiren und als wesentliche oder unwesent-
liche Merkmale des Menschengehirns , als auszeichnende
Anordnungen vor den anthropoiden Affen betrachten konnte.
Die Grundformation der Lappenbildung und Anord-
nung im grossen, w ie kleinen und Mitlelhirn, die Form und
Anlage und gegenseitige Abgrenzung der Lappen im gros-
sen Gehirne, der Stammlappen, die Stirn-, Scheitelbein-,
Hinterhaupts- und Schläfelappen sind nach einem Plane
bei Quadrumanen und beim Menschen geordnet; ebenso die
Hauptgrenzfurchen oder Spalten, welche eben die Lappen
significant markiren, die Sylvische, die Rolando'sche, die
Occipital-Spalte, die Ueberdachung des kleinen Gehirns von
den stets stark entwickelten Hinterlappen des grossen Ge-
hirns, dies alles giebt , wenn auch in einem Mehr oder
Weniger, dem niedersten Affengehirne eine frappante phy-
siognomische Aehnlichkeit mit dem Menschengehirne.
Wie sehr man ferner auch die von Gratiolet auf-
geführten Entwickelungs-Verschiedenheiten anerkennen und
urgiren mag, so ist doch eine entschiedene Aehnlichkeit
(Analogie und Homologie) zwischen der zeitlichen Folge
der Entwickelungsstadien des Gehirns beim Menschen und
den Entwickelungsstufen von den kleinen , niederen Affen
zu den höchsten anthropoiden vorhanden. Allerdings ha-
ben die Stirnlappen beim Menschen schon frühe etwas ei-
genthümliches , namentlich durch die frühzeitige Furchen-
bildung. Aber zwischen den fast glatten Hemisphären im
fünften Monate beim Menschen und den meist faltenlosen
1) Ich verweise in dieser Beziehung anf die entsprechenden
Tafeln meiner Icones physiologicae , erste Ausgabe von 1840 und
auf meine „Vorstudien/' besonders aber auf den Atlas von Grat i o 1 e t.
lieber die Hirnbildung d. Menschen ii. d. Quadrumanen. 79
Hemisphären der Krallen -Aeffchen ist doch eine entschie-
dene Aehnlichkeit. Ebenso ist in der grösseren Symmetrie
und Sparsamkeit der Windungen beider Hemisphären, den
minder reichen und tiefen, mehr massenhaft angelegten,
noch nicht getheilten Stirnwindungen im Fötus des Men-
schen im sechsten und siebenten Monate einerseits und einer
grossen Anzahl von höheren Affen andererseits, bis zu den
Gruppen, welche an die anthropoiden anstossen, eine ent-
schiedene Aehnlichkeit. Hie höchsten Affen endlich nä-
hern sich in Bezug auf grösseren Windungsreichthum, Tiefe
der Furchen , selbst Anwesenheit der gyri breves in dem
Stammlappen oder der Insel , grössere Asymmetrie u. s. w.
mehr und mehr dem Menschen. Immer aber stehen sie un-
gemein zurück im Verhältnisse zu der beim Menschen vor-
handenen Präponderanz der grossen Hemisphären, nament-
lich auch im Verhältnisse zum kleinen Gehirne und ganz
durchgreifende Unterschiede finden sich in der Anordnung,
Grösse und Abgrenzung der Hinterlappen , welche immer
bei den Affen stärker entwickelt sind und deckelartig sich
auf einen Theil der Windungen lagern, welche Gratiolet
als plis de passage bezeichnet hat i).
Völlig übereinstimmend bin ich mit Grat iole t , wenn
er keine Verähnlichung, eher eine Verunähnlichung der
wenn auch sehr vereinfachten Hirnbildung der Mikrocepha-
len mit den anthropoiden Affen annimmt. Auch bei dem
Gehirne unseres Mikrocephalus lässt sich an unserem Gyps-
Abgusse nachweisen, dass die Hinter- und Parietallappen
ganz reduzirt waren, die ersten nahezu fehlten, so dass
das kleine Gehirn ganz unbedeckt und doch stark entwik-
1) Dass beim Oiang auch Gyri breves vorhanden sind , was
Gratiolet für alle anthropoiden Atfen unbestimmt liess, konnte ich
nachweisen. Vergl. meine Vorstudien u. s. w. p. 14. Die Hinler-
lappen der AfFen vertragen keine stienge Reduktion von deren Win-
dungen auf den Menschen. Dass ich diess doch in den Tafeln zu den
Vorstudien versuchsweise gethan habe, dass ich den plis de passage
von Gratiolet keine abgesonderte Betrachtung widnjete , geschah
aus dem Bedürfnisse, für das menschliche Gehirn eine möglichst ein-
fache Terminologie aufzustellen , welche bei Sektionen benutzt wer-
den kann.
80 Wagner: Ueb. d. Hirnbild. d. Menschen u. s. w.
kelt da lag, während Leim Orang die Hinterlappen gerade
sehr stark sind und wie in allen von mir untersuchten do-
lichocephalen und brachycephalcn Menschen- Rassen , das
kleine Gehirn nach hinten überragen. Es giebt keinen
Uebergang vom Menschen-Gehirn zum Affen- Gehirn, so
wenig , als vom Menschenschädel zum Affenschädel, ist
auch im Mikrocephalus und in den anlhropoiden Affen die
Capacität der Schädelkapsel gleich gross, vielleicht in letz-
terem selbst grösser , prominiren die Kiefer , rücken die
bogeni'örmigen Linien für den Ansatz der Schläfe- Muskeln
nach oben und formirt sich hier beim Mikrocephalus eine
Art Kamm , so ist doch das Verhältniss der Ober- und
Zwischenkiefer, die Bildung der Nasenbeine,, die der Eck-
zähne, des Kinnwinkels des Unterkiefers , dann die ganze
Configuration, Ausdehnung und Verbindung so vieler Ge-
sichtsknochen am Mikrocephalus doch so rein übereinstim-
mend mit der menschlichen Bildung, dass dadurch das so-
genannte eigentlich typische Verhältniss zu einer absoluten
Trennung von allem und jedem Affenschädel, auch dem der
sogenannten anthropoiden führt und als fundamental und
durchgreifend betrachtet w^erden muss. Nach allem, was
wir bis jetzt von normalen und abnormen menschlichen
und Affenbildungen kennen , stehen Affen und Menschen
relativ so streng von einander geschieden, d. h. ohne alle
eigentlichen Uebergänge da, wie Säugethiere und Vögel,
wie Schnabelthier und Strauss oder Ente, welche auch nur
durch einzelne gemeinsame untergeordnete Organisations-
verhältnisse , wie z. B. durch Schnabelbildung, Kloake,
Schlüsselbeine , eine oberflächliche Verw-andtschaft zeigen.
Alles , was ich weiss und kenne in Zoologie und Physio-
logie, widerstrebt solchen weitgreifenden genealogischen
Verwandtschaften, Metamorphosen und Uebergängen, wie
sie Darwin verlangt. Mensch und Affe sind pri-
mitiv und absolut geschiedene Geschöpfe, auch
wenn man von allen psychologischen Momen-
ten abstrahirt.
Tcber Parauiaeciiim (l) coli laluist«
Von
RuiL Leuckart
in Giessen.
(Hierzu Taf. V. Fig. A. ß.)
Unter dem voranstehenden Namen ist von M a 1 m s t e n
in Stockholm vor einiger Zeit ^"*) ein Infiisoriiim beschrie-
ben worden, welches im Blind- und Dickdarme des Men-
schen vorkommt, bisher aber nur zwei Male, bei gleichzei-
tiger Anwesenheit von Geschwüren im Colon, beobachtet
wurde. Beide Male war dasselbe in unzähliger Menge vor-
handen und im ersten Falle auch nach der Heilung der
Gescliwüre, bei fortdauernder Lienterie, nachzuweisen, so
dass Malmsten sich der Annahme zuneigt, es möchte
diese letztere Krankheit auf den Parasitismus unserer In-
fusorien zurückgeführt werden können. Die (von Loven
entworfene) Beschreibung des Schmarotzers lautet folgen-
dermaassen :
Das Thier ist drelirund , eiförmig, vorn etwas zuge-
spitzt , je nach der Menge der aufgenommenen Nahrung
bald breiter, bald schmaler, letzteres auch dann, wenn
es sich, unter fortwährender Achsendrehung im Schleime
fortbewegt. Die Länge beträgt ungefähr 0,1 Mm. Auf der
äusseren Haut trägt es einen dichten Besatz von Cilien, die
in etwas schief hinlaufenden Reihen stehen, ^'orn, seitlich
von der Spitze, liegt der mit längeren Wimpern versehene
Mund, und der Oesophagus senkt sich leicht erweitert und
'■) Ueberselzt in Virchow's Archiv für pathol. Anat, u. Physiol.
1857. B. XII. S. 302. Tab. X.
Archiv f. Naturg. XXVIL Jalng. 1. Bd. 6
82 L 0 n c k a r t :
clwas gebogen ziemlich weit iiacii innen. Im inneren Pa-
renchym bezeichnet mitunter ein dunkler Streifen den Weg
eines verschlucklen Bissens. Am hinteren Ende, der Bauch-
seile ehvas genähert, liegt der After, der bald etwas her-
vorragt, bald eingezogen ist, bald einen mit einigen Windun-
gen versehenen Gang durch die Rindenschicht bildet. Der
Nucleus ist sehr schwach contourirt , länglich elliptisch,
hier und da mit milllerer Einschnürung, wie bei begin-
nender Theiluiig. Contracfile Bläschen sind zwei da. Das
orössere lieat ganz hinten nahe an der Analöffnung-, das klei-
nere etwa in der Mitte der Rückenseite. Die Bläschen con-
trahiren sich äusserst langsam und verändern dabei die Form
nicht unbedeutend. Bei einigen Individuen wurden sie ver-
gebens gesucht. Ausser diesen Theilen zeigten die Thicre
im Innern eine grössere oder kleinere Anzahl von ver-
schluckten Nahrungsstoffen , meistens mehr oder weniger
verdaute Amylumzellen und Fettlropfen.
Voranstehendes ist das Einzige, was wir bis jetzt über
dieses SchmarotzerinRisorium erfahren haben. Um so mehr
freue ich mich, hier eine neue Mittheilung über dasselbe
machen zu können. Nicht, dass es mir gelungen wäre,
einen neuen Fall vom Vorkommen desselben bei dem Men-
schen zu beobachten. Die Mal m sie n'schen Fälle sind bis
jetzt noch die einzigen geblieben. Dagegen aber ist es
mir gelungen, genau dasselbe Infiisorium im Colon und im
Blinddarme eines Haussäugethieres aufzufinden, und zwar so
constant und in solcher Menge, dass dadurch auch auf die
Möglichkeit einer gelegentlichen Uebertragung in den Men-
schen einioes Licht fällt. Das Thier , welches unser Infu-
sorium beherbergt, ist das Schwein. Um dasselbe zu
beobachten , braucht man nur mit einer längeren Sonde
etwas Koth und Darmschleim aus dem Mastdarm hervorzu-
holen und unter dem Mikroskope auszubreiten. Man wird
dann schon bei Loupenvergrösserung die durch den Kolh
hinziehenden farblosen Thierchen unterscheiden.
Was ich durch meine Untersuchungen an diesen Schwei-
neparasiten festgestellt habe, ist im Wesentlichen eine
Bestäiio-uno- der Anoraben von L o v e n und M a 1 m s l e n. Nur
in ei nein Puijktc musr ich denselben widersprechen, und
Paiainaecimii culi. 83
dieser Puiikf betrilFt die Bildung des Mundes. Lange Zeit
habe ich mit den schwedischen Forschern geglaubt , dass
unser Parasit einen s ei 1 1 i c h en Mund habe, weil man ihn
während der gewöhnlichen Schvvimmbewegung gewöhnlich
(Fig. A) rechts oder links neben der Mittellinie liegen sieht.
Allein diese Thatsache kann dcsshalb INichts entscheiden,
weil der im Ganzen eiförmige Körper beim Schwimmen —
nach vorw^ärts und rückwärts — sich fortwährend langsam
um seine Achse dreht, und somit denn natürlich nur wäh-
rend der kurzen Durchgangszeit durch die Medianebene
eine mittlere Lage des Mundes darbietet. Ganz anders ge-
stalten sich aber die Verhältnisse, wenn man unser Thier
fressen sieht (Fig. B). Bei diesem Geschäfte legt sich das-
selbe mit der klaffenden Mundöffnung nach unten auf die
Nahrun gssubslanz auf, kriecht auch wohl ohne Verände-
rung der Körperhaltung mit den Rändern der Mundöffnung
eine Strecke weit vorwärts. J}ie beiden Seitenhälften des
Körpers erscheinen dann vollkommen symmetrisch, Mund-
trichter und Oesophagus in der Mittellinie, wie bei einem
bilateralen Thiere, während die Körpercontouren in der Sei-
tenlage des Mundes ungleiche Krümmungsverhältnisse dar-
bieten, und Mundtrichter wie Oesophagus dann asymmetrisch
nach der gegenüberliegenden Körperfläche emporsteigen.
Unter solchen Umständen trage ich kein Bedenken,
den Körperbau unserer Thiere nach den Verhältnissen des
seitlichen symmetrischen Typus zu deuten, d.h. den Mund
als ein Organ der Mittelebene anzusehen. Die Fläche, die
denselben trägt, würde dann die Bauchfläche darstellen, die
gegenüberliegende als Rückenfläche zu betrachten sein. Die
letzlere ist im Ganzen stärker gewölbt, die erstere dagegen,
in der Nähe des Mundes wenigstens, abgeflacht.
Ist meine Auffassung richtig, dann kann unser Parasit
natürlich nicht länger dem durch seitliche Lage des Mun-
des ausgezeichneten Genus Paramaecium (dem es die Ent-
decker auch nur fraglich zurechneten) verbunden bleiben.
Dem Gen. Plagiotoma , dem es Claparede und Lach-
mann neuerdings zurechneten, gehört es freilich noch
weniger an, da von einer spiraligen Flimmerrinne bei un-
serem Thiere auch nicht die geringste Spur vorhanden ist.
84 Leu c k a r l :
Am besten und natürlichsten wäre es vielleicht bei dem Gen.
Holophrya aufgehoben , wenn man auf Aufstelinng- eines
eigenen Genus einstweilen, bis zur näheren Kennfniss der
verwandten Formen (aus dem Colon des Pferdes und dem
Pansen der Wiederkäuer, zweier Arten, von denen die
letztere jüngst von Stein unter dem Genusnamen Isotricha
kurz beschrieben wurde), verzichtet.
In der Medianlage erscheint die Mundöffnung unseres
Schmarotzers als eine dreieckige klaffende Oeffnung, deren
eine Ecke nach hinten gerichtet ist. Der vordere Schen-
kel dieses Dreieckes gehört der Rückenfläche an. Er stellt
gewissermaassen eine schirmförmige Verlängerung dieser
Fläche dar, eine Oberlippe, die den Mund überragt und an
die Bauchfläche herabdrückt. Die seitlichen Schenkel oder
Lippen springen im Ruhezustande bogenförmig nach innen
in die Mundhölile vor, während sie beim Fressen von der
hinteren Ecke aus divergirend verlaufen. Beim Fressen
hat die Mundöffnung also eine beträchtlichere Weite (bis zu
0,012 Mm.), und das um so mehr, als dabei die Lippen zu-
gleich trompetenförmig nach vorn vorspringen.
Auf die Mundöffnung folgt eine Höhle , die sich all-
mählich trichterförmig verjüngt und schliesslich in einen
engen Cylinder, den Oesophagus, auszieht. Mundhöhle und
besonders Lippen sind mit Haaren besetzt , die eine sehr
kräftige, fast rädernde Bewegung zeigen, auch an Länge
die Haare des sonst ganz uniformen Wimperkleides vielleicht
um das Doppelte überragen und die Nahrungsstoffe in das
Innere des Körper hineinwedeln. Bei den Schweinen be-
stehen diese Nahrungsstoffe vorzugsweise aus einem fein-
körnigen Detritus, nur selten aus Amylumkörnchen.
Die Cuticula, die den Körper überzieht und die Flim-
merhaare trägt, hat eine sehr derbe Beschaffenheit und eine
nicht unbeträchtliche Dicke, ohne sich sonst jedoch irgend-
wie auszuzeichnen. Sie liegt auf einer hellen, wenig dicken
Rindenschichf, die dann ihrerseits die feinkörnige, hier und
da auch mit einzelnen stark lichtbrechenden kleinen Kör-
perchen durchsetzte Medullarsubstanz in sich einschliesst.
Nur am Vorderende, in der Umgebung der Mundhöhle und
des Oesophagus erreicht diese Rindenschicht eine beträcht-
Paraiüaccimn coli. 85
licliere Dicke. Hier sieht man in derselben auch eine slrah-
]\ge Zeicliniing-, als wenn sich eine Lage divergirender Fäs-
sern bis in den Rand der Oberlippe hinein fortselzle. Wo
der Oesophagus an die körnige Medullarsubslanz hinantritt,
da ist letztere nach innen eingezogen, wie mit einem seich-
ten Eindrucke versehen.
Von inneren Organen beobachtefe ich, wie Loven,
ausser dem Oesophagus nur Nucleus und contractile Va-
cuolen. Der erstere liegt an der Bauchfläche, bald mehr
vorn, bald mehr hinten, der Mittellinie angenähert. Er ist
nur wenig scharf contourirt , blass und feinkörnig, von
länglicher Gestalt, aber nicht gerade, sondern hufeisenför-
mig gekrümmt. Die Annahme einer Einschnürung beruht
auf einer optischen Täuschung, die durch Einstellung des
Mikroskopes auf die Enden des Nucleus bedingt wird. Ein
rsucleoius wurde nicht aufgefunden. Ausser den von Lo-
ven beschriebenen zv^ei contraclilen Vacuolen sieht man
mitunter nocli eine dritte. Eigentliche Contraclionen habe
ich an ihnen nicht beobachtet , obwohl darüber kein Zwei-
fel ist, dass sie eine wechselnde Füllung besitzen und na-
mentlich mitunter so stark ausgedehnt sind (bis 0,02 Mm.),
dass sie die äusseren Körperdecken buckelförmig auftreiben.
Dagegen aber habe ich an diesen Gebilden eine andere
überraschende Beobachtung gemacht, die Beobachtung näm-
lich , dass sie sich tropfenartig durch das umgebende Pa-
renchym hindrängen und so allmählich von einem Orte zum
andern wandern.
Die Länge der beim Schweine beobachteten Infusorien
wechselt zwischen 0,075 — 0,11 Mm. und beträgt meist
0,09 Mm., bei einer Breite von 0,07 Mm.
■ Die Fortpflanzung ist mir unbekannt geblieben. Nicht
einmal Theilung wurde beobachtet. Das Einzige, was mög-
lichenfalls auf solche Erscheinungen hinweist, war das (im
Ganzen freilich nur seltene) Vorkommen kuglig zusam-
mengezogener flimmerloser Individuen (bis zu 0,11 Mm.),
deren Körperparenchym bis auf eine Anzahl grösserer Fett-
tropfen eine ziemlich gleichmässige , undurchsichtige Be-
schaft'enheit besass. Die Cuticula war verdickt, die 31und-
öITnung nicht mehr nachzuweisen, obwohl das vordere Kör-
8G Leu (kalt: rai}uiiat( iiirii coli.
pcrcnde an der Dicke seiner Rindenschiclit noch deutlich
erkannt wurde, auch die Anwesenheit des huleisenföimigen
Kernes und der wandernden Vacuolen keinen Zweifel über
die Abstammung- unserer Körper zuliess. Ich möchte fast
vermuthen, dass die Infusorien in dieser* Form den Darm
ihrer Wirthe verlassen, um dann ausserhalb derselben
(durch mehrfach wiederholte Theilung ?) sich fortzupflan-
zen und in ihren Nachkommen schliesslich wieder einzu-
wandern.
Gi essen, den 3. März 1861.
lieber die Fiuiiilie lloiiialopsidae.
Von
Prof. J a II
in Mailand.
(Hierzu Tafel V. Fig. a und b}.
Briefliche Mitlheilung- an den Heraugeber.
Auf dem Umschlage des 4. Heftes Hires gehaltreichen
Archivs bemerkte ich eine freundliche Befürwortung mei-
nes Schlangenwerkes , und bitte nur noch , dass Sie auch
so gütig sind , eine specieilere Besprechung dieses ersten
Heftes mir in einem anderen Hefte nicht zu versagen.
Nur wenn von competenten Naturforschern dieses mich
schon so viele Opfer kostende Werk der Herausgabe wür-
dig befunden wird, und anerkannt, dass die Kenntniss der
Schlangen dadurch auch dem Laien zugänglich gemacht,
kann ich hoffen, die Anzahl von Abonnenten zu erhalten,
welche dessen Herausgabe sichern würde, und deren ich
wenigstens 100 nölhig hätte, bloss um die Kosten des Sti-
ches und Druckes zu decken.
Vor einigen Tagen kam mir das Märzheft der Annais
of Natural history London zu Gesiclit und p. 195 las ich
zu meinem Erstaunen, dass Günther Behauptungen aus-
spricht, welche leicht zur JVluthmassung Veranlassung ge-
ben könnten , dass ich die Detailzeichnungen , die mit der
grössten wissenschaftlichen Gewissenhafügkeit unter meinen
Augen stets ausgeführt werden , ideal entwerfe — oder
auch, dass ich ad verba magistri schwöre, oder nur schlecht
beobachte. Dieser merkwürdige Artikel scheint sowohl zu
meiner Belehrung, als auch zur Diskredifirung meiner Ar-
beit geschrieben zu sein.
m ' Jan:
Auf der ersten Tafel Hess ich die Zahne des Ober-
Kiefers des Herpeton abbilden, so wie solche mir und mei-
nem Zeichner, der wirklich ein mikroskopisches Auge hat,
erschienen, nachdem ich vorsichtig die Scheiden an beiden
{weiten der Zähne von denselben entfernt halle, da ich das
Kieferbein selbst nicht exstirpiren wollte, wenn gleich da-
durch keine Veränderung in der Gestalt des äusseren Ko-
pfes stattfindet, und dies sehr leicht zu bewerkstelligen ist.
Als ich obenerwähnten Artikel las, so dachte ich wirk-
lich , dass ich hinsichtlich der Furchen der Zähne irren
könnte, nicht aber darin, dass diese letzte zwei Zähne nicht
nur entfernter stehen , sondern auch grösser erscheinen.
Die Feuchtigkeit im Munde hätte vielleicht diese Täuschung
hervorgebracht haben können. Um daher mich von der
Wahrheit zu überzeugen , löste ich nicht nur das Kinn-
backenbein, sondern auch das Gaumenbein auf der linken
Seite des Kopfes ab, da Dumeril zwar ganz richtig die
Anzahl der Zähne m den beiden Kinnbacken angab und,
w ie ich nun bestätigen kann , auch richtig voraussetzte,
dass die letzten Zähne gefurcht seien, aber die Palatinal-
und Plerygoidal- Zähne nicht untersuchen konnte. (Erpet.
Gener. T. VII. p. 986.
Ich liess von diesen Kiefern eine naturgetreue Zeich-
nung entwerfen, welche ich hier mit der Bitte anschliesse,
in Ihrem weitverbreiteten Journale , wo doch immer in
jedem Hefte Tafeln erscheinen, für dieselbe einen kleinen
Raum zu wahren und zu gönnen zur Steuer wissenschaft-
licher Wahrheit.
Günther ist ein eingefleischter Antagonist des Zahn-
systems, von dem ich selbst kein Anhänger bin. Es wird
noch lange dauern, bis man eine gründliche Zusammen-
stellung der natürlichen Familien der Schlangen nur halb-
wegs zu bewirken im Stande sein wird ; aber dass Schlan-
gen mit rückwärts gefurchten Zähnen mit anderen , die
ganz glatte Zähne haben , in ein und dasselbe Genus ge-
stellt werden , wie Günther es thut , das erscheint mir
unbegründet und unwissenschaftlich.
Weil eben von Herpeton die Rede ist, so bemerke
ich z. ß. hinsichtlich der Stellung desselben , dass diese
UcLer die Faiiiilif Iloiiialopsidac, 89
Ga-Uung den Homalopsidcn zuzuzälilen ist, deren Physio-
gnomie Schlegel in seinem Essai p.332 so irell'end cha-
raktcrisirl.
Die meisten derselben haben rückwärts gefurchte
Zähne. Folgende Gattungen Dumerils nehme ich in diese
Familie auf:
Homalopsida
'''••rückwärts mit zwei gefurchten Zähnen, die von den
anderen etwtis entfernt stehen :
1) Herpefon, 2) Hypsirhina, 3) Cerberus, 4j Slc-
rorhina , 5) Euroslus, 6) Campilodon, 7) Tri-
gonurus, 8) llomalopsis;
^^^'' mit ungefurchten Zähnen :
9) Hydrops, 10) Calopisma, 11) Heliccps, 12) Fi-
cimia G r a y.
Sic sehen aus dieser Zusammenstellung, dass ich kei-
neswegs bei meiner systematischen Eintheilung der Schlan-
gen, den in der Herpetologie generale aufgestellten An-
sichten huldige.
Um nun die natürlich scheinenden Familien zu bilden,
stelle ich zuerst die mit gefurchten und ungefurchten Zäh-
nen in parallele Reihen. Sie finden in dieser Zusammen-
stellung der Homalopsidcn, Schlangen aus den verschieden-
sten Familien Dumerils:
Die Gattungen Herpeton, Hypsirhina, Cerberus, Euro-
stus, Campilodon, Trigonurus und Homalopsis gehören nach
ihm in die Familie Platyrhiniens.
Die Gattung Stenorhina in die Familie Stenocepha-
liens. — A^on der Gattung Stenorhina sind nur zwei Arten
bekannt: 1) Stenorhina Degenhardti Berlhold, der sie im
Jahre 1842 als Calamaria beschreibt : sie ist synonym
mit Stenorhina ventralis D. B.; 2) Stenorhina Fremin-
villei D. B. , wovon ich zum Behufe meines Schlangen-
werkes das Originalexemplar mitgefheilt erhielt , ist kaum
von ersterer Art verschieden, und doch wird sie in dem
im vorigen Jahre erschienenen Herpetologiske Meddelel-
ser af J. Reinhardt in die Familie der Coronellidae
gesetzt. — Bert hold kannte nur ein junges Exemplar,
90
Jan; Ueber die Faiiiilic Hmniilopsidac.
Tincl in diesem Aller liat die Sclilanoc wohl iuulj einen
Habitus von Calamaria. Bei dem jetzigen Zustande der
Ophiologie ist der Faniiliencharakter noch selir viel von
den Ansichten und dem Auge des Ilerpetologen , der die
Gattungen zusammenstellt, abhängig, und, wie schon Lich-
tenstein in der Vorrede des JNomenclator Reptilium Musei
Berolinensis 1856 sagt, „wird die Behandlung der liöheren
systematisclien Begriffe und ihrer Ausdrücke immer mehr
Sache der Willkühr und des Geschmacks."
Die Gattung Hydrops steht nach Dumeril Bibron
in der Familie der Leptognathiens, welche ganz zu unter-
drücken ist, die Gattungen derselben sind in andere Fa-
milien unterzubringen.
Die Gattungen Calopisma und Helicops gehören nach
Dumeril Bibron zu den Isodonten. — Dahin gehört
auch Ficimia.
lieber die systematisebe Stellung der Gattung
Solarium.
Vom
Herausgeber.
(Hierzu Taf. V. Fig. 1—12).
Kaum irgend eine Schneckengattung hat im Systeme so
^venig zur Ruhe kommen können, wie die Gattung Solarium.
Früher erkannte man ziemlich allgemein in der Schale
einige Aehnlichkeit mit der Galtung Trochus, und so stand
Solarium in der Nähe dieser weit umfassenden, durch ver-
schiedenartigsten Inhalt zu einem wissenschaftlichen Unge-
heuer gewordenen Gattung, die man weder abzugrenzen,
noch zu charakterisiren vermochte, und die man in neueren
Zeiten von den fremden Elementen gereinigt und in zahl-
reiche Genera zerlegt hat.
Die Abbildungen , welche 1834 in der Voyage de
l'Astrolabe von den Thieren von S. perspectivum und va-
riegatum erschienen , waren nicht der Art, dass aus ihnen
augenfällig geworden wäre, Solarium sei in der Familie
der Kreiselschnecken ein fremdes Element. Kiener's Ab-
bildung, welche 1838 in seinem grossen Conchylienwerke
erschien , musste dies deutlich machen , wenn man aner-
kannte , dass allen Trochoiden gestielte Augen neben den
Fühlern zukämen; denn in der erwähnten Abbildung bil-
den die Augen an der Basis der kurzen dicken Fühler eine
vorspringende Wulst.
Schon vor langen Jahren hatte ich Gelegenheit das
Thicr von Solarium auf die Mundlheile zu untersuchen, und
war damals zu der Uebcrzeugung gekommen, dass die Gat-
tung zu den Tacnioglossen gehöre, und scizle sie, wie
92 Tioschcl:
auch Gray llial, in die damals von mir >\eil gefasste Fa-
milie der Litlorinaceen. Hieraul" bezieht sich meine Be-
merkung im Archiv für Naturgescliichle 1852. I. p. 156.
Leider sind mir meine Nolizen unaullindbar verloren ge-
gangen. Ich halte mich deshalb nicht mehr für berechtigt,
nach der blossen Erinnerung einen Werth auf diese frühere
Untersuchung zu legen. Zugleich muss ich, durch die neu-
sten Untersuchungen besser belehrt , Alles zurückzuneli-
men, Avas ich damals im Archiv gesagt habe. — J. E. Gray
setzte 1847 in den Proceedings of the zoological Society
of London p. 151 die Gattung Solarium, für die er den
13oIten'schen Namen Architecloma herstetlte, in die Familie
Lillorinidae. Im Jahre 1850 bildete er aus ihr in Figures of
Molluscous Animals p. 79 eine eigene Familie Architecto-
midae, die er unmittelbar auf die Littorinidae folgen Hess.
Bei einer neuen Eintheilung der Kammkiemer (Pro-
ceedings of the zool. soc. of London 1853. p. 32 ; Annais XL
p. 124) hatte J. E. Gray vergebens nach der Zungenbe-
wall'nung von Architectoma gesucht, erklärte daher die
Zunge für völlig unbewall'net , und brachte die Familie in
seine Froboscidilera Gymnoglossa. Die Gebrüder Adams in
Genera of recent Mollusca L p. 241 nennen die Familie
Architeclonicidae und setzten sie an das Ende der Probos-
cidifera, sich in Betreff des Mangels einer Zungenbewall-
nung auf Gray berufend. In Gray's Guide to the sysle-
matic distribulion of Mollusca in the British Museum Part L
1857. p. 62 stehen die Architeclomidae wieder zwischen den
Familien Pyramidellidae und Tylodinadae unter den Gym-
nogiossen.
Mörch hat (Malakozoologische Blätter 1859. p. 121)
bei S. zonatum gleichialls vergebens die Zungenzähne ge-
sucht, steht aber an deshalb eine eigene Abtheilung
Aglossa darauf zu gründen , indem dies ein Charakter sei,
der beinahe immer vorhanden sei im Larvenzustande, und
sich zuweilen im Alter verliere. Wenn ich diese Stelle
recht verstehe, so scheint Verf. der Ansicht zu sein, dass
die Platten der Kadula im Larvenzustande beinahe immer
fehlen , was keinesweges der Fall ist ; jedenfalls ist der
Passus etwas dunkel. Ich stimme mit Mörch überein,
Ueber die systematische Stellung der Gattung Solarium. i).^
(lass die Abtheiliing" Aglossa auf schwachen Füssen stehf,
namentlich deshalb, weil es sich schwer feststellen lässt, ob
ihs Gebiss wirklich fehlt , oder ob der Beobachter es nur
übersehen hat.
Unter diesen Zweifeln habe auch ich mich bemüht,
die Frage zur Entscheidung zu bringen, ob denn wirklich
der Gattung Solarium die MundbewaiTnung fehle. Das Re-
sultat der verschiedenen Nachforschungen lege ich hier
vor, weil es auf die endliche systematische Stellung der
kleinen Familie einen entscheidenden Einfluss hat, und weil
noch wohl einige Zeit hingehen wird , bevor ich in der
Herausgabe meines „Gebiss der Schnecken," an diese Gruppe
zu kommen hoffen darf.
Zuerst versuchte ich, aus einem Exemplare des Bon-
ner Museums von Solarium luteum Phil, aus dem Mittel-
meere das eingetrocknete Thier aufzuweichen , und dann
dasselbe in Aetzkali-Lösung zu kochen. Es gelang mir die
Kiefer und Theile der Radula zu finden. Leider wurde
aber die letztere bei ihrer ausserordentlichen Kleinheit
nicht so gesehen, dass ich ein vollständiges Glied abbilden
konnte. Die einzelnen Platten waren während der Mani-
pulation sehr durcheinander gerathen und es ist mir nicht
gelungen, die Radula wieder in eine solche Lage zu brin-
gen , dass sie der Beobachtung genügt hätten. Einzelne
Platten zeigten sich recht deutlich.
So viel geht aus dieser Beobachtung unzweifelhaft
hervor, dass die Angabe Gray's von dem völligen Mangel
einer Mundbewaffnung, wenigstens für diese Art, irrthüm-
lich ist. Ja , die Vermuthung wird dadurch ausserordent-
lich nahe gelegt, dass auch die anderen Arten eine solche
Bewaffnung besitzen. Die Vermutliung zur Gewissheit zu
bringen, strebte ich nach Material, namentlich nach Exem-
plaren in Weingeist.
Herr Dr. E d u a r d v. M a r t e n s hatte die Freund-
lichkeit, mir aus dem Berliner Museum ein Thier von So-
larium australe zu schicken, welches lange in Weingeist
gelegen hatte und nicht sehr gut conservirt war. Ich
konnte die äussere Gestalt des Thieres noch sehr gut be-
obachten, mich über die Geslalt der Fühler mit der eigen-
94 T r o s (• li c 1 :
thümliclicn Furche an der üiilcrseite , von der Lairc der
Allgen, des Mundes u. s. w. genau belehren, konnte mich
auch überzeugen, dass ein vorstreckbarer Rüssel vorhan-
den war; — aber eine Zunge, eine Radula, Kiefer konnte
ich bei genauster Nachforschung unter der Lupe nicht auf-
finden. Auch als ich nach vergeblichem Suchen die gan-
zen inneren Theile, in denen die Mundbewaffnung zu ver-
mulhen gewesen wäre , in Aetzkali gekocht hatte , war
nichts von irgend einem Gebisstheile zu entdecken. Ich
fand mich also mit Gray und Mörch in gleicher Lage,
und ich würde das Fehlen des Gebisses für erwiesen g-e-
halten haben, wenn ich es nicht bei Solarium luteum ge-
funden gehabt hätte. Dass die Gattungen Jrc/<i/ec^07/icaBol-
ten, deren Deckel weniger Windungen hat, und wohin Sol.
australis gehört, und Philippia Gray, dessen Deckel aus
vielen Windungen besteht, und zu der Sol. luteum den
Typus bildet, in Beziehung auf die MundbewafTnung so
verschieden wären , dass man hierin die Erklärung hätte
finden sollen, konnte mir nicht wahrscheinlich sein.
Da kam ich glücklicher Weise in den Besitz eines gut
erhaltenen Weingeist- Exemplares von Solarium perspecti-
vum. Dasselbe befand sich in einer grossen Sammlung von
Thieren des Indischen Archipels, welche Herr Dr. Blee-
ker dem Naturhistorischen Museum zu Bonn zum Geschenk
machte. An diesem Exemplare beschloss ich sogleich einen
neuen, sorgfältigsten Versuch zur Entdeckung der Mund-
bewaffnuRg zu machen. Ich öffnete unter der Lupe die
Leibeshülile von oben und fand sogleich wieder das Rohr,
welches vom Munde aus sich in die Leibeshöhle erstreckte.
Am Eingange war nicht das Geringste von einer Zunge zu
bemerken, überall war das Rohr gleich weit, gleichmässig
gebildet. Ich verfolgte es immer weiter, und begann schon
an dem Gelingen zu verzweifeln , indem das Rohr ganz
einem Darme glich, der frei in der Leibeshöhle flottirt, als
ich endlich auf eine kleine Verdickung, von muskulöserer
Substanz stiess. Jetzt hatte ich gewonnen , an ihr fan-
den sich die beiden Kiefer und die Zunge mit der Radula.
Das Thier hat also einen gewaltig langen , vorstülpbaren
Rüssel, an dessen Ende sich das Gebiss befindet. Jeder,
Uebor die sysloinjitische Stellung der Catlmig Solarium. 05
der im Besitze eines Exeniplares von Solarium ist, wird
dasselbe finden , wenn er nur den eingezogenen Rüssel bis
auf 46 Mm. verfolgt.
Bevor ich zu der Beschreibung der einzelnen Theile,
welche ich an den verschiedenen untersuchten Arten ge-
funden habe, übergehe, schicke ich noch die Bemerkung
voraus , dass die alte Lamarck'sche Gattung Solarium von
den neueren Conchyliologen in mehrere Gattungen zerfällt
worden ist. Die Gebrüder Adams nehmen in ihren Ge-
nera of recent Mollusca fünf Gattungen in dieser Familie
an: Architectonica Bollen, Torinia Gray, Philippia Gray,
Omalaxis Desliayes, Discohelix Dunker.
Ob die beiden letzteren Gattungen dieser Familie
angehören, lasse ich dahingestellt. Die Kenntniss der Mund-
bewaffnung wird hierüber entscheiden. Von den drei übri-
gen Gattungen bezweifle ich die Zusammengehörigkeit nicht,
von zweien derselben (Architectonica und Pbilippia) kenne
ich, wenn auch noch nicht ganz vollständig, die Mund-
Iheile. Es kann also auch im Folgenden nur von diesen
beiden die Rede sein.
Gattung Archilecfonica.
Von A. australis Chcmn. , die ich vergebens auf das
Gebiss untersucht hatte, gebe ich hier zwei Abbildungen,
welche äussere Theile des Thieres darstellen, mit dem Be-
merken, dass ich an dem Thicre von A. perspectiva L. gar
keine wesentliche Abweichung bemerkt habe. Fig. 1 stellt
den vorderen Theil des Thieres dar. Der Fuss liegt zu-
sammengefaltet , über ihm sieht man den Kopftheil unter
dem Mantelrande hervorragen. Die kurzen , dicken, quer-
gefalteten Fühler, wovon die Contraction die Ursache sein
mag, stossen an der Basis eng zusammen und tragen aus-
sen die schwarzen Augenpunkte. In Fig. 2 sieht man den
Kopf von unten ; in der Mitte den Mund , davor die diver-
girenden Fühler, die an der Unterseite mit einer tiefen Fur-
che versehen sind, nicht unähnlich den Ambulacralfurchen
der Seesterne, die auch vom Munde ausstrahlen.
Innerhalb des Mundes liegt, wie schon oben erwähnt,
ein langer dünner Rüssel, den ich bei A. perspectiva 4G Mm.
96 T r 0 s c h c 1 :
^vcU voiTolgon mnsslc, bevor icli auf die Alundmasse kam,
Avelclic beim hervorgestülptcn Rüssel sein vorderes Ende
bilden miiss, und welche die Dicke des Rüssels nur wenig
vormehrt. Sie zeichnet sich nur durch die festere musku-
löse Beschaffenheit aus , und muss leicht ins Auge fallen,
wenn man vom Munde her mit einer Scheere das Rohr des
Rüssels aufschneidend verfolgt.
Am Eingange der Mundmasse liegen die so gewöhn-
lich bei den Schnecken vorhandenen Kiefer. Ich zweifle
nicht, dass zwei Kiefer vorhanden sind, obgleich es mir
bei der Kleinheit des Objectes nicht gelang, sie in situ zu
erkennen, und in ihrem ganzen Umfange herauszupräpari-
ren. Ich habe nur einzelne Stücke derselben unter das
Mikroskop gebracht, und in einem Glycerin-Präparate aufbe-
wahrt. Ein solches Stück ist in Fig. 3 abgebildet. Demnach
bestehen die Kiefer aus lancettförmigcn Elementen, die wie
Schuppen dachziegelartig aber nicht ganz regelmässig go-.
ordnet sind, und am freien Rande unregelmässiger und län-
ger mit ihren Spitzen hervorragen. Die einzelnen Schüpp-
chen sind 0,0075 Mm. breit und bis 0,0275 Mm. lang.
Die Zunge stellt eine Membran dar, auf welcher lange,
schlanke, dornförmige Platten stehen. Die Gliederzahl habe
ich nicht genau ermitteln können, glaube aber nicht weit
zu fehlen, wenn ich sie auf etwa 60 schätze. Auch die
Anzahl der Dornen, welche in den einzelnen Gliedern ste-
hen, lässt sich nicht genau angeben, weil sie so lang sind,
und einander so decken, dass sich ein einzelnes Glied nicht
gehörig unterscheiden lässt , auch ist es mir nicht gelun-
gen , ein einzelnes Glied in ganzer Ausdehnung und im
Zusammenhange zu isoliren. Ich habe nicht einmal fest-
stellen können, ob eine Miltelplatle vorhanden ist oder
nicht, glaube aber annehmen zu dürfen, dass eine solche
fehlt. Gegen die gewöhnliche Regel bei den Schnecken
sind auf der Radula von Architectonica perspectiva die mitt-
leren Platten oder Dornen die längsten , und ihre Länge
nimmt allmählich nach aussen ab. In der Mitte haben sie
eine Länge von 0,2 Mm. ; eine äusserste messe ich auf
0,06 Mm., die nach innen neben ihr stehende auf 0,075 Mm.
Die Messung ist mit dem Mikromoler so vorgenommen, dass
Ucber die systematische Stellung der Gattung Solarium, 97
obige Zahlen die Entfernung der Spitze von dem entfern-
testen Ende der Basis angeben. Würde man sich die hakig
gebogenen Dornen gestreckt denken, dann würde das Län-
genmaass natürlich etwas länger ausfallen.
Die Basis der Dornen ist nach der convexen Seite hin
vorgezogen und dadurch nicht unbeträchtlich erweitert, was
man am besten in der Lage wahrnimmt , in w^elcher die
Krümmung des Dornes am stärksten hervortritt. An den
längeren Dornen messe ich die Breite der Basis 0,03 Mm.,
während in einiger Entfernung von der Basis die Breite oder
Dicke nur 0,0125 Mm. beträgt. Die Krümmung der Dornen
ist nach aussen gerichtet , so dass von der Mitte aus die
rechts liegenden Dornen nach rechts, die links liegenden
nach links mit der Spitze sehen. Die längsten Dornen
scheinen ganz einfach, mit einer Spitze versehen zu sein
(Fig. 4), bald jedoch nach aussen in der Dornenreihe vor-
schreitend bemerkt man etwa in der Mitte einen kleinen
Nebenzahn (Fig. 5), der weiter nach aussen immer grös-
ser wird (Fig. 6. 7), jedoch niemals die Hauptspitze des
Dornes vollständig erreicht. So haben die meisten Dornen
das Ansehen einer Gabel mit zwei ungleichen Zinken, von
denen die kürzere die hintere ist. In Fig. 8 habe ich vier
Dornen abgebildet, die so liegen, das die kürzere Zinke
dem Auge des Beobachters zugewendet ist, also die län-
gere deckt. Auch in Fig. 9 sind noch einige aneinander-
liegende Dornen dargestellt.
Gattung Philippia,
Das diese Gattung von der vorigen unterschieden wer-
den müsse, geht schon aus der Verschiedenheit der Deckel
hervor. Die Mundtheile , welche ich , wie schon oben er-
wähnt , aus einem eingetrockneten Exemplare des Mittel-
meeres, das durch Herrn Roemer in Hildesheim in Mes-
sina gesammelt, dem Bonner Museum einverleibt ist, gewon-
nen habe, bestätigen die generische Verschiedenheit, zeigen
aber doch die nahe Verwandtschaft zu Architectonica.
Die Kiefer von Philippia lutea (Solarium luteum Lam.)
sind schmale Streifen , die etwa viermal so lang wie breit
Archiv f. Natarg. XXVII. Jahrg. 1. Bd. 7
98 T r o s c h e 1 :
sind, und aus in vier bis sechs Reihen unregelmässig, dach-
ziegelartig geordneten, am Ende abgerundeten Schüppchen
bestellen (Fig. 10).
Von der Radula habe ich nur einzelne Partien beob-
achten können. Die Zahnplatten waren zahlreich vorhan-
den , und verhielten sich in ihrer altgeineinen Anordnung
ähnlich w^ie bei Architectonica. Die im mittleren Theile der
Radula liegenden Platten, von denen in Fig. 11 zwei ne-
beneinander liegende vorgestellt sind, haben den Umriss
einer unten breit abgerundeten , oben in eine Spitze aus-
gezogenen Flasche, oder eines Kolbens. Die am äusseren
Rande gelegenen Platten sind bandförmig, am Grunde ab-
gerundet, nach der Spitze zu wenig schmaler werdend,
und am Ende in lange, schmale, fadenförmige, starre Zak-
ken auslaufend. Die eine der in Fig. 12 abgebildeten
Platten trägt drei, die andere zwei Zinken. Die Zinken sind
unter sich fast von gleicher Länge und verhalten sich zu
dem ungeschlitzten Theile der Platte etwa wie zwei zu drei.
Es bleibt nur noch übrig zu fragen, welche Folgerun-
gen sich aus diesen Reobachtungen für die systematische
Stellung der Gattung Solarium ziehen lassen.
Die Gebisse der beiden untersuchten Arten unterschei-
den sich wesentlich. Die Schüppchen , welche die Kiefer
zusammensetzen sind bei Architectonica perspectiva lanzett-
lich, spitz, bei Philippia lutea abgerundet. Die Zahnplat-
ten der Radula sind bei ersterer schmal , dornförmig und
tragen höchstens zwei ungleiche Zinken; die der letzteren
sind breit, mehr blatt- oder bandförmig, und haben gleich
lange Zinken, deren Zahl nach aussen bis auf drei steigt.
Alles dies spricht für die generische Trennung der Gattun-
gen Architectonica und Philippia.
Die Uebereinslimmung der beiden Gattungen liegt in
der grösseren Zahl der Zahnplatten in jeder Querreihe, und
in deren Reschaffenheit , indem die Platten , von der Mitte
sich entfernend einer deutlichen Vermehrung der Entwicke-
lung der Ziiiken unterworfen sind.
Die Solarium sind getrennten Geschlechtes. Das in
Ueber die systematische Stellung der Gattung Solarium. 99
Fig. 1 abgebildete Exemplar ist ein Männchen mit grossem
Penis an der rechten Seite, der nach Art vieler Kammkie-
mer frei hervorragt. Auch der ganze Bau des Körpers
und die Lage der Kiemen in einer Kiemenhöhle am Nacken
des Thieres bekunden diese Schnecken als wahre Kamm-
kiemer. Von allen übrigen Ordnungen der Gasteropoden
sind sie entschieden ausgeschlossen.
Innerhalb der Kammkiemer unterscheide ich vier Un-
terordnungen, die durch das Gebiss sehr bestimmt unter-
schieden sind.
1) Bandzüngler (Taenioglossa ). Sieben Platten in
jedem Gliede der Radula , deren umgeschlagener Vorder-
rand die Scheide bildet. Ausnahmsweise durch Schwinden
der Seitenplatten nur drei Platten in jedem Gliede (Mar-
senia).
2) Pfeilzüngler (Toxoglossa). Zwei nadeiförmige, hohle
Platten in jedem Gliede der Radula ; giftig.
3) Schmalzüngler (Rhachiglossa). Eine mittlere Platte
in jedem Gliede der Radula, deren Hinterrand die Scheide
bildet; meist jederseits noch eine Platte, so dass drei Plat-
ten in jedem Gliede stehen.
4) Federzüngier ( Ptenoglossa ^**'"). Viele Platten in
jedem Gliede der Radula.
Von diesen vier Unterordnungen kann Solarium nur
in der letzten ein Unterkommen finden, und wird neben
Scalaria und Janthina eine besondere Familie bilden müssen.
Die Gray'sche Gruppe Gymnoglossa erkenne ich nicht
an, weil ich Grund zu vermuthen habe , dass sie bloss auf
mangelhafter Beobachtung beruht. Die Gray'schen Familien
Acusidae und Architectomidae haben sich schon als Zun-
genbewaffnung besitzend ausgewiesen. Bei den Pyramidel-
lidae und Cancellariadae wird sich dieselbe bei genauer
Nachforschung wohl auch finden lassen.
*) Zuerst zchrieb Gray, der diese Gruppe gründete „Cteno-
glossa." Proc. zool. soc. 1853. p. 38. Pies muss aber wohl als ein
Druckfehler angesehen werden, da er selbst, wie auch die Gebrüder
Adams später immer „Ptenoglossa" schreiben.
lieber eine monströse Forelle.
Vom
Fürsten zu Salm Horstmar.
Briefliche Mittlieilung an den Herausgeber.
Ich kann nicht unterlassen, Ihnen eine Mittheilung zu
machen, welche Sie interessiren wird. Ich habe nämlich
in meinem Forellen -Brutkasten unter circa 3000 jungen
Forellen, — eine gefunden, welche 2 Köpfe hat, welche
auf das Vollständigste ausgebildet sind. Jeder Kopf hat
seine vollständigen 2 Augen und alle 4 Kiemendeckel sind
regelmässig in Bewegung , so wie beide Maulöffnungen;
aber die Kiemen des einen Kopfes schlagen nicht gleich-
zeitig, sondern jedes Paar schlägt seinen Tact in einem
anderen Momente. Der eine Kopf ist etwas grösser als der
andere. Diese Erscheinung der Natur ist bei Fischen wohl
selten beobachtet.
Der Fisch hat die Dotterblase noch nicht ganz verloren.
Ich werde das Exemplar ins zoologische Museum nach
Berlin schicken.
Ich habe auch gefunden, dass man Fische sehr gut in
Aether aufbewahren kann und dabei die grosse Annehm-
lichkeit hat, dass sie ihr natürliches, frisches Anse-
hen und Farben behalten; — wenigstens habe ich dies
bei zwei jungen Lachsen von diesem Jahre beobachtet, die
schon 4 Wochen sich vollständig wie frisch erhalten ha-
ben, — nur die Pupillen sind weisslich geworden.
Coesfeld, den 16. Mai 1861.
Carcinologische Beiträge.
Von
Dr. €. Strahl
in Berlin.
A. Ueber die Dekapodengattung Euxanthus Dana.
Die Gattung Xantho M. E. ist durch Species so über-
reich vertreten , dass eine Abzweigung nur erwünscht er-
scheinen Ivann. Dana hat nun zwei von ihm neuentdeckte
Species mit übereinstimmenden Charakteren in der Gattung
Euxanthus vereinigt und deren Hauptcliarakter in dem Ver-
halten des ersten Gliedes der äusseren Antenne gefunden.
Dies dringt nämlich seitlich neben dem Stirnfortsatze vor-
bei in den inneren Augenhöhlenspalt ein, füllt diesen ganz
aus, wie bei Etisus, im Gegensatze aber zu letztgenannter
Gattung entspringen die ferneren Glieder der Antenne hier
am Ende des ersten Gliedes, also dicht an der Orbita und
nicht von der Augenhöhle entfernt neben dem Stirnfort-
satze wie bei Etisus. Ferner ist das Rückenschild allseits
gewölbt und tief ausgegraben ; der vordere Seitenrand des-
selben senkt sich nach vorn zu unter die Augenhöhle; die
Füsse sind zusammengedrückt.
Zu den beiden Species sculplilis und nitidus von
Dana muss noch der Cancer sculptus M. E. hinzugefügt
werden, der an all den oben angeführten Merkmalen Theil
nimmt. Diese Species ist bekanntlich in ausgezeichneter
Weise an der länglichen Höhlung auf dem Plerygostomium
kenntlich. Bei Aufstellung dieser Species beruft sich AI.
Edwards ausser auf die im Pariser Museum beobachteten
Exemplare auf zwei Abbildungen, die eine von Savigny
die andere von Herbst. Letztere Abbildung, der Cancer
102 Sliahl:
exsculplus Hbst, passt aber durchaus nicht auf den Cancer
sculptus M. E., denn während der Cephaiothorax von Can-
cer sculptus M. E. fast kreisrund von oben angesehen er-
scheint, ist der von C. exsculptus Hbst in gleicher Ansicht
mehr elliptisch. Da nun die hiesige Königl. zoologische
Sammlung das Herbst'sche Exemplar besitzt , nach welcher
die Abbildung gemacht ist, so war es möglich eine Weitere
V^ergleichung vorzunehmen.
Ausser dem Herbst'schen Exemplare besitzt die zoo-
logische Sammlung noch einige grössere C. exsculptus Hbst.
Das grösste misst in der Breite bis zu 2% Zoll *). Keins
derselben zeigt die erwähnte Höhlung auf dem Pterygosto-
mium. Der Cancer exsculptus Hbst. ist also nicht iden-
tisch mit dem Cancer sculptus M. E. Dana's Beschreibung
und Abbildung von Euxanthus nitidus stimmt aber vollstän-
dig mit Cancer exsculptus Herbst überein; beide müssen
daher vereinigt werden.
Die Abbildung von Savigny, auf die sich M. Ed-
wards beruft, war ich bis jetzt ausser Stande zum Ver-
gleiche heranzuziehen. Die zoologische Sammlung besitzt
aber zwei Exemplare von C. sculptus M. E. Das eine, ein
männliches, aus dem rothen Meere, rührt von Ehren-
berg her, das andere, ein weibliches, hat Peters von
Ibo mitgebracht. Letzteres ist das grössere und misst bis
zu 172 im Durchmesser. Sie stimmen in den Gattungs-
charakteren durchaus mit Euxanthus Dana überein.
Wahrscheinlich muss auch Cancer mamillatus M. E.
hierher gezogen werden. Wenigstens die meisten Charak-
tere stimmen nach M. Edwards dafür; ich entbehre nur
zum Vergleiche Originalexemplare, Abbildungen und die
Angabe über das Verhalten des ersten Gliedes der äusse-
ren Antenne. M. Edwards charakterisirt seinen C. ma-
millatus dadurch ausdrücklich, dass der vordere Seilenrand
des Rückenschildes nach vorn unter die Augenhöhle tritt.
In seiner allgemeinen Charakteristik der Galtung Cancer
berührt er offenbar ein doppeltes Verhallen der äusseren
■') Es rührt ebenfalls von Herbst her und ist dessen Cancer
Melissa s. laf. 51. fig. 1.
Carcinologische Beil rage. 103
Antenne. Denn er sagt von der Aiig-enhöhle ^au-dessous
de leur angle interne, les parois de ces cavites sont inter-
rompiies par un hiatu^ quc remplit l'antenne externe.'* Dies
passt genau für die Gattungen, die ich nun zu Euxanllnis
zielie. Was er kurz darauf von der äussern Antenne sagt,
passt }^in^^ ieder besser für seine bei Cancer bleibenden Spe-
cies, bei denen der Seitenrand gegen den äusseren Winkel
der Augenhöhle in gerader Fortsetzung herangeht "svie bei
Zozymus. Der Name Euxanthus ist aber einzuziehen und
dafür der ältere Herbst'sche Name Melissa als Gattungs-
name einzuführen.
Zur Gattung Melissa gehören demnach folgende Species :
M. sculptilis Dana.
M. nitida Dana (Cancer exsculptus u. Melissa Hbstj.
M. mamillata (Cancer mamillatus M. E.).
M. diverticulata (Cancer sculptus M. E.) ,
welchen Speciesnamen ich vorschlage, weil er das Charak-
teristische wiedergiebt, nämlich das Vorhandensein eines
Divertikels auf dem Pterygostomium. Die Skulptur des
Rückenschildes ist allen Species gemein und findet sich
überdies in anderen Gattungen. Die Höhlung auf dem
Pterygostomium und das gleichzeitig mehr kreisrunde Rük-
kenschild sind vielleicht genügend, um eine neue Gattung
zu begründen, jedoch ist davon wohl vorläufig abzusehen,
bevor nicht ein mehrfaches Auftreten von Species, die jene
Charaktere zeigen, eine Abzweigung nöthig machen.
Anhangsweise will ich hier hinzufügen, dass der Can-
cer spectabilis Hbst , so weit der Mangel der Gehfüsse an
dem in der zool. Sammlang befindlichen Herbst'schen Ex-
emplare die Bestimmung gestattet, Cancer lobatus M. E. ist.
B. lieber Cancer Panope Herbst.
Die Gattung Panopeus hatMilne Edwards auf zwei
Species begründet, den P. Herbstii und P. limosus. Zu er-
sterer Species citirt er den C. Panope des Herbst, aber
mit Unrecht. Die Herbst'schen Originalexemplare, die sich
auf dem hiesigen Museum befinden und mit der vergrös-
serten jedoch ungenauen Herbst'schen Abbildung einiger-
104 Strahl:
massen stimmen , nebenbei auch als C. scaber etiquellirt
sind, sind keineswegs Panopeus; denn vor allen Dingen
entbehren sie des Hiatus unter dem äusseren "Winkel der
Augenhöhle. Auch die Stirnbildung ist abweichend , sie
ist nicht gerade, d. h. senkrecht quer auf den Längsdurch-
messer des Thiers, sondern zweilappig gebogen, nach in-
nen, nach der Fissur hin am meisten hervortretend; es ist
mithin auch die Höhlung, welche die inneren Antennen auf-
nimmt, nicht mit ihrem vorderen Rande dem vorderen Stirn-
rande parallel, wodurch bei Panopeus es zu Stande kommt,
dass das zweite Glied dieses Fühlers, wenn eingeschlagen,
vollständig quer liegt. Freilich reicht das erste Glied der
äusseren Antenne nicht bis an die Stirn und das männli-
che Abdomen zählt sieben Segmente ; aber diese Charak-
tere sind Panopeus und Menippe gemeinsam. Entscheidend
aber ist die Gestaltung des vorderen Randes des dritten
Gliedes der äusseren Kielerfüsse. Nämlich dicht vor der
Insertion der Palpe schickt er einen kleinen Fortsatz nach
vorn und innen. So ist es bei allen Menippen, für die
Milne Edwards den Namen Pseudocarcinus gebraucht.
Die von Milne Edwards verzeichneten Arten ha-
ben nach den Exemplaren des hiesigen Museum Manus und
Carpus glatt. Cancer Panope Herbst ist nicht nur sparsam
und strichweise auf dem Rückenschilde granulirt, abwei-
chend von Ps. Rumphii und Belangerii , sondern auch Ma-
nus und Carpus sind reichlich und grosskörnig granulirt.
Herbst sagt von diesen Körnern sie seien korallroth auf
gelbem Grunde aufgesetzt und es sollen auch die Glieder
der hinteren Fusspaare rothe Punkte haben. Milne Ed-
wards giebt von Ps. occellatus an, es hätten die hinteren
Füsse „bandes rouges et jaunes." Hiernach würde wohl
C. Panope Herbst und vermöge der Stirn , die durch die
mittlere Fissur in zwei breite Lappen gelheilt ist, am be-
sten mit Ps. ocellatus M. E. stimmen. Bei letzterem ver-
missen wir leider zur genaueren Controlle die Angabe über
die so auffallende Granulirung ; überdies ist der beweg-
liche Finger bei Ps. Rumphii und Belangerii in allen ver-
glichenen Exemplaren vollkommen glatt, während derselbe
bei C. Panope am oberen Rande reihenweise granulirt ist.
Carcinologisclie Beiträge, 105
Wenn ich für C. Panope nur Ps. Rumphii , Belangerii
und ocellatus zum Vergleiche heranzog, so folgt daraus
selbstredend , dass der vordere Seitenrand nur vier Zähne
zeigt; wie dies auch bei Panopeus M. E. der Fall ist. Ich
kann auch noch hinzufügen, dass bei C. Panope ganz nach
Art der Menippen vom vorderen Rande des hintersten Sei-
tenzahnes eine schwach granulirte Leiste bis gegen die
Höhe des Rückenschildes aufsteigt, wo sie sanft verstreicht.
Diejenigen Herrn, denen geeignetes Material zur Ver-
fügung steht, werden nach obigen Angaben, glaube ich,
im Stande sein zu entscheiden, ob eine neue Species etwa
unter dem Namen Menippe granulosa aufzustellen sei oder
ob Cancer Panope Herbst als synonym mit Ps. ocellatus zu
betrachten sei. Es ist kaum anzunehmen , dass die so
auffällige Granulation Mi Ine Edwards entgangen sein
sollte, da sie sich übereinstimmend an allen vier Exempla-
ren des hiesigen Museums findet. Dieselben messen im
Längsdurchmesser gegen 5 bis 7 Linien und es bliebe die
Annahme noch frei , dass dies junge Individuen seien und
mit zunehmendem Alter und bei weiterem Gebrauche die
Granula , namentlich der Hand und des Carpus sich abrei-
ben und nun die Hand u. s. w. glatt erscheine. So ist es
unter anderen beispielsweise bei Eriphia levimana Latr. Das
hiesige Museum besitzt von dieser Species mehrere Exem-
plare, bei denen bald die rechte, bald die linke Hand noch
vollständig mit nicht abgeriebenen Tuberkeln besetzt ist;
ja zuweilen sind beide Hände tuberkulös. Für Eriphia kann
also die rauhe oder glatte Hand nicht zur Speciescharak-
teristik verbraucht werden , vielmehr müssen die unter-
scheidenden Merkmale anderweitig gesucht werden. Be-
kanntlich ist Eriphia dadurch ausgezeichnet, dass sich ein
Theil der Stirn an das Pterygostomium anschlicsst und so
die Augenhöhle abschliesst. Die hierdurch entstehende
Naht ist nun von "dem Punkte aus, wo das zweite Glied
der äusseren Antenne sich in das erste inserirt, nach der
Augenhöhle hin gerade bei spinifrons, während sie bei go-
nagra und levimana in der Gestalt eines liegenden ^ ge-
bogen ist, indem nämlich aussen, an der Orbita, der von
der Stirn kommende Theil weiter nach unten vordringt und
lOG Strahl: Carcinologische Beiträge.
innen neben dem Fühler der vom Pterygostom kommende
Theil etwas höher Jiinauf steigt. Eriphia gonagra und le-
vimana (Latr.) unterscheiden sich nun , abgesehen davon,
dass E. levimana bis l'/j Zoll und darüber lang wird,
durch den vorderen Slirnrand. Für E. levimana heisst
es: margo frontalis antice spinis plurimis obsilus, und
für E. gonagra : margo frontalis antice margaritifer seu
tuberculatus. An E. gonagra schliesst sich E. Smithii
(M'Leay) eng an ; sie ist nahe eben so gross und stimmt
auch anderweitig mit ihr überein. Die Unterschiede zwi-
schen beiden sind nur schwach. So ist bei E. gonagra
der hintere Rand des Epistomium glatt oder nur äusserst
schwach mit einer Reihe kleiner rundlicher Höcker (wie
geperlt) besetzt, während diese Perlung bei E. Smithii sich
findet und namentlich der äussere Theil des Canalis effe-
rens dies zeigt. Der einzige scharfe Unterschied zwischen
beiden Species zeigt sich nur an der Hand. Diese ist
nämlich bei E. Smithii mit kleineren Höckern und weniger
dicht besetzt als bei E. gonagra und zwischen diesen Hö-
ckern ist die Schale bei E. gonagra glatt und bei E. Smi-
thii fein granulirt.
Ich kann hier noch aus eigener Anschauung hinzu-
fügen, dass Cancer eurynome Herbst, den M i 1 n e E d w a r d s
in Folge der schlechten Abbildung des Herbst'schen Atlas
geneigt ist zu Eriphia zu ziehen, durchaus hier nicht her-
gehört. Denn der C. eurynome Herbst hat gelöffelte Schee-
ren und so weit ich nach den nur 3 Linien grossen beiden
etwas verstümmelten Exemplaren jetzt zu beurtheilen ver-
mag, möchte er sich zunächt an Pilodius pubescens oder
nitidus Dana anreihen.
Zur Gattung Menippe Dana gehören wohl Menippe Mar-
tensii und parvulus Krauss nicht. Dana glaubt schon M.
Martensii schliesse sich an Chlorodius an. Beide haben das
Abdomen fünfgliedrig nach Krauss's Abbildung.
Ob aber nach Dana auch Pelaeus armatus Eydoux
und Souleyet zur Gattung Menippe gehöre, möchte ich be-
zweifeln. Leider fehlen in der Beschreibung sowohl wie in
der Abbildung die dafür nöthigen Details.
Heber das Vorkommen von ausstülpbaren Ilautanhän-
geu am Iliuterleibe au Sehabeu.
Von
Dr. A. Gerstaecker
in Berlin.
Insekten, die von Sammlern im Auslande als Spirituo-
sen übersandt werden, sind den Entomologen in der Regel
wenig willkommen, da selbst von den resistenteren Formen
viele in ihrem äusseren Ansehen wesentlich beeinträchtigt,
die zarteren aber, wie Dipteren, Lepidopteren u. a. meist
ganz unbrauchbar werden. Indessen kommen auch Fälle
vor, wo gerade durch das Aufbewahren in Spiritus zartere
Theile , die bei der Austrocknung ganz der Beachtung ent-
gehen würden, wenigstens um auf ihr Vorhandensein und
ihre Bedeutung untersucht zu werden, vollkommen gut er-
halten bleiben. — Unter einer von Herrn Ja gor auf Lu-
zon zusammengebrachten Insektensammlung fand sich neben
anderen werthvollen Gegenständen auch ein Glas mit Spi-
ritus-Exemplaren einer Corydia-Art, unter denen — was
für die Bestimmung von Blattinen immer sehr wünschens-
werth ist — nicht nur Männchen und Weibchen in genü-
gender Anzahl , sondern auch Larven in den verschieden-
sten Entwickelungsstufen vertreten waren. An der Bauch-
seite der meisten geschlechtsreifen Individuen fielen jeder-
seits auf der Vereinicrunffsstelle der Dorsal - und Ventral-
platten der beiden ersten Hinterleibssegmcnte eigenthümli-
che, weichhäutige Anhängsel von der Form eines schlaffen,
zusammengesunkenen Bläschens oder Säckchens auf, die
sich nicht nur durch ihre Grösse sondern auch durch ihre
gegen das dunkele Schwarzbraun des übrigen Körpers sehr
108 ^ eis t a oc ker :
abstechende gelblich-weisse Farbe markirten. Beim ersten
flüchtigen Anblicke wurde man , hauptsächlich durch die
Lage derselben, unwillkührlich an die blattförmigen Kiemen
gewisser im Wasser lebender Orthopteren-Larven (Baetis)
erinnert, nur dass sich die Blatla-Anhängsel besonders bei
den Weibchen durch viel beträchtlichere Grösse so wie
durch derbere, fast fleischige Consistenz hervorthaten. Da-
für, dass es keine Kiemen sein konnten , die bei Blattinen
überhaupt wohl nicht gut zu vermuthen waren, sprach aus-
serdem noch der Umstand , dass die genannten Anhängsel
sich nicht bei allen Individuen in entsprechender Zahl vor-
fanden: während sie eigenthümlicher Weise bei sämmtli-
chen Männchen an den beiden ersten Hinterleibsringen re-
gelmässig zu zwei Paaren hervortraten , war dies bei den
Weibchen viel vereinzelter der Fall. Im Gegentheile zeig-
ten die meisten der letzteren sie entweder nur auf einer
Seite, oder auf jeder Seite nur ein einzelnes solches Ge-
bilde, und zwar zuweilen nicht einmal an demselben Ringe ;
endlich fehlten auch nicht Exemplare mit überhaupt nur
einem oder gar keinem Anhängsel.
Eine derartige Regellosigkeit , an der immerhin ihr
Beschränktsein auf das eine Sexus auff'allen musste, forderte
zunächst zu der Untersuchung auf, ob jene Anhängsel in
den Fällen, wo sie äusserlich fehlten, überhaupt nicht vor-
handen seien oder ob sie, was bei ihrer Anheftung und
ihrer Sackform sehr nahe lag, nur nicht nach aussen her-
vorgetreten waren. Dass letzteres der Fall sei, Hess sich
durch die Sektion mehrerer Exemplare leicht feststellen;
jedesmal, wo auf der einen Körperseite oder an einem der
beiden Segmente die Hautsäckchen äusserlich fehlten, fan-
den sie sich an der entsprechenden Stelle nach innen in
die Bauchhöhle eingestülpt und zeichneten sich, was noch
erwähnt zu werden verdient, hier jedesmal durch Prallheit
von den nach aussen getretenen , aus. Ein Unterschied in
Betreff ihres Vorkommens existirte also zwischen den bei-
den Geschlechtern nicht; dagegen zeigte sich ihre Grösse
bei beiden aufl'allend verschieden, indem sie bei den aller-
dings nicht unbeträchtlich kleineren Männchen (im Durch-
schnitte um y^ kleiner als die Weibchen) nur \% Mill. in
Ucbcr d. York, von aiisstülpbaren Hautanhängen an Schaben. 109
der Länge und 1 Mill. in der Breite, bei den Weibchen da-
gegen 4V3 Mill. Länge und 3 Mill. Breite massen. Bei den
Larven, wo sie äusserlicli, wie schon erwähnt, vermisst
wurden , war auch innerlich keine Spur anzutreffen ; fast
vollwüchsige Larven stimmten hierin mit den kleineren
durchaus überein.
Was nun den specielleren Zusammenhang dieser Ge-
bilde mit dem Körper und ihre feinere Struktur betrifft, so
erweisen sich dieselben bei näherer Untersuchung als Aus-
stülpungen der weichen Verbindungshaut, unter welcher die
Dorsal- und Ventralplatten der beiden ersten Hinterleibs-
ringe aneinander stossen : aus dieser können sie, wie dies
aus ihrer oben beschriebenen verschiedenartigen Lage bei
den einzelnen Individuen und aus der gleich zu erwähnen-
den, ihnen eigenthümlichen Muskelschicht deutlich hervor-
geht, nach Willkühr hervorgestülpt oder, wie der Finger
eines Handschuhes nach innen zurückgezogen werden, wo-
bei dann natürlich durch Umstülpung ihre äussere Fläche
zur inneren wird. Mit den Stigmen stehen sie , wie dies
wohl äusserlich scheinen könnte, in durchaus keiner nähe-
ren Beziehung; vielmehr entspringt das vordere Säckchen in
der Mitte zwischen dem ersten und zweiten, das hintere zwi-
schen dem zweiten und dritten Stigma des Hinterleibes und
zwar ist an beiden die Basis, um mit den Stigmen nicht
zu collidiren, halsartig verengt, während sie sich im wei-
teren Verlaufe birn- oder eiförmig erweitern. Betrachtet
man diese Säckchen in herausgestülpter Lage,, so bemerkt
man auf ihrer Oberfläche starke wulstige Querringe, welche,
obwohl nicht ganz regelmässig, dennoch geschlossen sind,
d. h. nicht spiralig in einander übergehen; gegen die
stumpfe Spitze des Säckchens hin verjüngen sich diese Bing-
wülsle, werden hier mehr oval und erscheinen concentrisch
angeordnet , etwa wie die Riefen auf der Tastfläche der
Finger.
Unter dem Mikroskope betrachtet, ist die zarte Chitinhaut
der Aussenfläche mit zahlreichen kurzen und weichen, be-
sonders auf den Ringwülsten äusserst dicht stehenden Haaren
bekleidet, so dass letztere, am Rande im Profil betrachtet,
wie mit einer Bürste besetzt erscheinen. Dagegen ist die
110 Gerstaecker:
innere Oberhaut, welcJie bei derLa^e der Säckchen in der
Baiichliöhle zur äusseren wird, vollkommen glatt und er-
scheint, wenn man sie von dem darunter liegenden Mus-
kelstratum ablöst, strukturlos; dieses besteht aus zwei La-
gen von Muskelfasern, einer oberen mit Längs - und einer
unteren mit Ouerübrillen, welche beide deutlich querge-
streift erscheinen und sich beim Drucke mit dem Deck-
gläschen sofort isoliren. Es folgen demnach bei einem
Querdurchschnitte der Wandung des Säckchens von innen
nach aussen die Schichten in dieser Weise aufeinander :
1) die strukturlose , glatte innere Haut, 2) die Längsmus-
kellage , 3) die Quermuskellage , 4) die Ringwülste und 5)
die äussere, mit dichten Haaren bekleidete Chitinhaut. Die
zwischen der letztoenannten Haut und dem Muskelstratum
eingebetteten Ringwülste, welchen sich jene eng an-
schmiegt, während sie sich von der Muskelschicht durch
Druck leicht isoliren lassen, haben ein drüsiges Ansehen
und scheinen ein feinkörniges Contentum einzuschliessen; in-
dess Hess sich bei der durch den Weingeist hervorgerufenen
Veränderung der Gewebe ihre feinere Struktur nicht ge-
nügend ermitteln.
Eine mit der eben beschriebenen sehr übereinstim-
mende Struktur hat kürzlich L a b o u 1 b e n e („Mote sur les
caroncules thoraciques ou cocardes rouges du Malach ius
bipustulatus," Annales d. 1. soc. entomol. 3. ser. VL p. 522)
an den bekannten scharlachrothen Hautwülsten, welche die
Malachier bei der Berührung aus den Vorderecken des Pro-
thorax und auf der Grenze zwischen dem Metathorax und Hin-
terleib hervorstülpen, beschrieben und abgebildet und es kann
sowohl in Rücksicht auf die Struktur als den gleichen Ur-
sprung auf der Grenze zwischen Dorsal- und Ventralplatten
von Körperringen kaum einem Zweifel unterliegen, dass auch
die Säckchen des Blatta- Hinterleibes in dieselbe Categorie
von Hautanhängen zu verweisen sind. Weichen Zweck
dieselben haben und ob sie, wie bei Malachius ohne wahr-
nehmbaren Geruch sind, oder wie bei den Raupen der Gat-
tung Papilio, denen der bei F. Machaon Lin. am besten be-
kannte , gabiig getheilte Nackenzapfen ganz allgemein zu-
zukommen scheint, einen mehr oder weniger intensive^
Ueber d. York, von ausstülpbaren Hautanhängen an Schaben. 111
Geruch ausstrahlen lassen , muss vorläufig dahin gestellt
bleiben.
Ueber das Vorkommen ausstülpbarer HautgebiUlo bei
Schaben ist, so viel mir bekannt, bis jetzt keine Nachricht
gegeben worden. An getrockneten Exemplaren schrumpfen
dieselben, wie ich mich an der hier in Rede stehenden Art
überzeugt habe, wenn sie hervorgestülpt sind, allerdings bis
zur Unkenntlichkeit ein, werden missfaibig und hätten daher
hier leicht der Beachtung entgehen können; in die Bauch-
höhle zurückgezogen, sind sie dagegen ihrer Grösse halber
gar nicht zu übersehen und wären daher, wenn sie eine
weitere Verbreitung innerhalb der Familie hätten, von den
zahlreichen und gründlichen Anatomen der Blattinen, wie
Posselt, Ramdohr, Marcel de Serres, Dufour,
Burmeister und Basch ohne Zweifel in Betracht ge-
zogen worden. Ich selbst habe gleichfalls eine in Spiritus
conservirte Periplaneta-Art Vergleiches halber auf ihre An-
wesenheit untersucht, aber nichts davon auffinden können.
Wahrscheinlich daher, dass diese Gebilde auf vereinzelte
Gattungen oder selbst nur auf gewisse Arten derselben
beschränkt sind; auf die Gattung Corydia , die so viele
hervorstechende Eigenthümlichkeiten in ihrer ganzen Er-
scheinung hat, wäre jedenfalls zunächst und in Betreff
ihrer übrigen Arten die Aufmerksamkeit zu richten. An
den getrockneten Exemplaren der bekannten Corydia Peti-
veriana Lin.- die mir allein zum Vergleiche vorliegen, habe
ich allerdings keine Spur solcher Anhänge entdecken kön-
nen und die Beschaffenheit des Seitenrandes ihrer beiden
vordersten Hinterleibsringe, welcher mit dem der folgen-
den genau übereinstimmt, scheint auch kaum auf ihre An-
wesenheit hinzudeuten ; dagegen linde ich bei einer zweiten
sehr schön gefärbten Corydia - Art aus Ostindien , die ich
weiter unten als Cor. nuptialis beschreiben werde, den
Rand der bewussten Abdominalseggiente abweichend von
den folgenden und auf beiden Körperseiten in gleicher
Weise weit trichterförmig klaffend , so dass sich also hier
wohl auf die Anwesenheit gleicher Anhänge, die dann jedoch
eingezogen sein müssten, schliessen lassen dürfte.
Bevor ich zur Charakteristik der Corydia carunculi-
112 Gerstaecker:
gera , wie ich die mit den besprochenen Anhangsgebilden
versehene neue Art von Luzon nennen will , und zweier
ebenfalls neuer Osiindischer Arten derselben Gattung über-
gehe, will ich noch in Betreff der bekannten Cor. Peti-
veriana , welche Linne als Cassida beschrieb, erwähnen,
dass Serville (Hist. nat. d. Orthopt. p. 122) und Bur-
meister (Handbuch d. Entomol. II. p. 491) derselben „ru-
dimentäre Hinterflügel in beiden Geschlechtern" zuerken-
nen , dass jedoch die Entwickelung dieser Organe je nach
den Individuen variirt. Bei zwei mir vorliegenden Männ-
chen finde ich dieselben allerdings sehr kurz, nämlich wie
Burmeister angiebt, nur von V4 der Flügeldeckenlänge ;
bei einem dritten Männchen und einem Weibchen dagegen
erreichen sie schon die halbe Länge der Flügeldecken und
endlich bei einem vierten Männchen zeigen sie sich voll-
ständig entwickelt und fast so lang wie die Flügeldecken.
Bei der folgenden neuen Art, welche von der Linne'-
schen u. a. durch die recht auffallende Formdifferenz zwi-
schen beiden Geschlechtern abweicht , erreicht die Ausbil-
dung der Hinterflügel sowohl beim Männchen als beim
Weibchen noch einen weit höheren Grad, so dass, wie schon
Burmeister eingesehen hat, der von Serville hervor-
gehobene Mangel ausgebildeter Hinterflügel für die Gattung
als Charakter ganz zu streichen ist.
1. Corydia carunculig era n. sp.
C. fusca^ supra opaca, thorace nigro , disco inaequali,
elytris brunneis , abdominis segmentis duobus primis carun-
cutis instructis. Patria : Ins. Luzon.
^ Angustus, elytris alisque abdomine multo longio^
ribiis, illisfascia maculari pallida. Long. 25 — 27,
lat. 13 V2 null.
$ Breviter ei obtuse ovata, alis elytris purum bre-»
moribus , his immaculatis. Long. 26 — 30 , lat.
18—19 mill.
Beim Männchen ist der Prothorax quer elliptisch,
am Hinterrande etwas stärker gerundet als vorn , wo nur
der den Kopf überdeckende mittlere Theil, welcher deut-
Ueber d. York, von aiisslülpbarcn Hautanhängen an Schaben. 113
lieh aufgeworfen ist, etwas über die Bogenlinie hervortritt;
seine Oberfläche dicht körnig punktirt, stark speckartig
glänzend, auf der Mitte der Scheibe mit narbigen Vertie-
fungen, am Rande dichter und länger fuchsroth behaart.
Flügeldecken und Hinterflügel sind, wenn sie dem Körper
aufliegen, gleich lang und überragen die Spitze des Hin-
terleibes um Yj der ganzen Körperlänge : erstere sind an
der Wurzel tiefbraun, werden aber jenseits einer aus zwei
grossen blassgelben Flecken bestehenden, im vorderen Dritt-
theile liegenden Querbinde, welche auf der linken Flügel-
decke den Innenrand erreicht, auf der rechten dagegen durch
die Nahtschwiele abgeschnitten wird, allmählich lichter, bis
die Spitze selbst last wässrig erscheint. Die Hinterflügel
sind mit Ausnahme des besonders gegen die Spitze hin
stark gebräunten Vorderrandes leicht und durchscheinend
graubraun. Afterklappe, Griff'el und Raife wie bei C. Pe-
tiveriana, Fühler, Schienen und Tarsen merklich dünner als
bei dieser , die Schienen auch feiner und sparsamer ge-
stachelt.
Beim Weibchen ist der Prothorax fast doppelt so
breit als beim Männchen , halbkreisförmig , der Hinterrand
jedoch in der Mitte gerundet hervortretend, beiderseits
dicht neben den Hinterecken stark, fast stumpfwinklig aus-
geschweift; seine Oberfläche ist grobkörniger, matter und
die Ränder kürzer behaart. Die Flügeldecken sind kaum
länger als zusammengenommen breit, derb lederartig, matt
und dunkel röthlichbraun , ohne Zeichnung, der bedeckte
Theil der rechten zunächst der Nahtschwiele glänzend und
glatt , am Innenrande netzartig punktirt. Sie überragen
beim Aufliegen auf den Körper die gleichmässig satt brau-
nen Hinterflügel nur wenig und sind selbst nur so lang,
dass sie die Afterklappe kaum vollständig decken. Diese
Weibchen gleichen durch den breiten, flachen, fast rund-
lichen Körper, so wie auch in der Färbung ungemein dem
bekannten Lamellicornen-Genus Hexodon Oliv.
2. Corydia nuptialis n. sp.
C. nigra^ abdominis Umbo , antennarum apice , alaruni
Archiv f. Naturg. XXVir, Jahr-. 1. Bd. 8
114 (J c r s l a e c k e r :
area magna interna elytrique dextri parte obtecta auranfia^
eis: elytris fusois, maculis tribus magiiis fiavescentibus. Long-
corp. 19 mill. cT- — Patria: India orientalis (Westwood).
Nur das Männchen vorliegend. Fühler fast von
Körperlänge, tief schwarz , sehr deutlich perlschnurförmig,
gegen die Mitte hin zusehends verdickt, die Spitze faden-
förmig, licht rostroth. Prothorax quer elliptisch, am Vor-
derrande stärker gerundet als an dem in der Mitte leicht
abgestutzten Hinterrande , matt schwarz , körnig punktirt,
auf der Scheibe mit einigen glatten Längsstriemon , am
Rande russfarbig gewimpert. Die Flügeldecken satt und
rein braun , gegen die Spitze hin allmählich lichter , diese
selbst mit rothgelbem Mondfleck; ein kleinerer quadratischer
Fleck an der Basis, eine auf der linken Flügeldecke durch-
gehende, auf der rechten durch die Nahtschwiele abge-
schnittene Querbinde am Ende des ersten Dritttheils und
ein grösserer quadratischer Fleck am Aussenrande hinter
der Mitte licht goldgelb. Auf der rechten Flügeldecke ist
ausserdem der bedeckte Theil in derselben Längsausdeh-
nung wie die Nahtschwiele lebhaft orangegelb; dasselbe
ist mit der äussersten Spitze und der ganzen Sclieibe der
Hinterflügel der Fall, deren Hinterrand auf dem Analfelde
schmal, auf dem Vorderfelde allmählich breiter werdend,
satt braun gefärbt ist. Die Beine so wie der Hinlerleib
oben und unten glänzend schwarz ; der Saum der einzel-
nen Ringe beiderseits rothgelb.
Nach der trichterförmigen Vertiefung des Seitenran-
des der beiden vorderen Abdominalringe zu urtheilen, ist
diese Art vermuthlich ebenfalls mit Carunkeln versehen.
3. Corydia W esticoodi n. sp.
C. nigra., abdominis lateribvs elyirisque aurantiacis, his
vitta arcuata laterali, macula ovali sufurali apiceqiie late
nigris. Long. 13 mill. $. — Patria : Assam (Westwood).
Das allein bekannte W^eibch en ist von länglich-ova-
lem Umrisse, im Verhältnisse schmaler als C. Petiveriana.
Fühler schwarz, derb, nicht viel länger als der Prothorax ;
dieser quer eiförmig , der Vorderrand jedoch fast doppelt
Uebcr d. York, von aussliilpbaieii liautanhängen an Schaben. 115
SO stark gerundet als der Hinterrand, die Oberfläche durch
dicht körnige Punktirung matt, doch leicht stahlblau schim-
mernd, die Ränder lang schwarz gewimpert. Flügeldecken
etwas länger als der Hinterleib, satt orangeroth, matt, vorn
dicht körnig punklirt, nach hinten in allmählich weiteren Ma-
schen geädert: die schwarzblauc Längsbinde des Aussen-
randes reicht von der Basis bis nahe zur Mitte und schlägt
sich von da mehr nach innen, um kolbig zu endigen. Der
ebenfalls bläulich schimmernde eiförmige Fleck an der
Naht endigt vor der Mitte, die schwarzbraune Spitze nimmt
das kleinere Enddrittheil ein. Hinterflügel so lang wie die
Flügeldecken , lebhaft goldgelb , mit braunem Saume , der
an der Basis schmal und blass, gegen die Spitze hin immer
breiter und gesättigter wird. Brust, Beine, Mitte und Spitze
des Hinterleibs pechbraun, letztere fast schwarz ; der breite
Scitenrand der vier vorderen Abdominalringe brennend
rothgelb.
Berlin, Mai 1861.
Eine neue Art des Genius Pegassus Linn.
Von
Raup.
In meinem Catalogiie of Lophobranchiate Fish, London
1856 bildete ich tab. I. üg. 2 *'*) einen Fisch ab, der von
Java durch Leschenault in einem einzigen Exemplare
an die herrliche Pariser Sammlung gekommen war. Da ich
von keiner der grösseren Sammlungen Europa's den ächten
von Gronovius XI. fig. 2 — 3 kenntlich abgebildeten na-
tans erhielt , so glaubte ich irrig, dass dieser Fisch viel-
leicht das Weibchen von natans sein könnte.
Seitdem habe ich durch das Hamburger Museum, das
in rapider Progression zu einer der bedeutendsten Fisch-
sammlungen in Deutschland sich erhebt, ein kleines Ex-
emplar des ächten natans von Manilla erhalten und sehe aus
diesem , dass mein natans eine von dieser wesentlich ver-
schiedene Art ist, die ich nach der Bildung ihrer 6 letzten
Schwanzwirbel, die in ein Stück verwachsen sind, Pegas-
sus lancifer genannt habe.
Diese Art muss um Java jedoch selten sein, weil sie
von Bleeker in seiner Enumeratio nicht erwähnt wird.
Auffallend ist ferner, dass Bleeker die in den chinesi-
schen Meeren so höchst gemeine Art, Peg. laternarius nicht
erwähnt und ich muss glauben, dass Bleeker dieselbe
vielleicht nur für Weibchen hält.
Ich will hier versuchen die Charaktere der beiden ver-
wandten Arten gegenüber zu stellen, um die Verschieden-
heit recht hervorheben zu können.
*) Die Ucbersicht der Tafel I, die nicht von mir herrührt,
giebt allen Figuren von Pegassus eine falsche Bezeichnung. 3 ist
Draco, 4 laternarius und 2 der vermeintliche natans.
Kaup: Eine neue Art des Genus Pegassus. 117
Pegassus nalans Linn.
1) Die 12 Scliwanzringe deutlich getrennt.
2) Der in der Mitte schmälere, flache Schnabel an jedem
Rande mit gegen 20 nach hinten gerichteten Stacheln
versehen, ist so lang wie die Brust breit ist.
3) Die zwei Leisten zu beiden Seiten des in der Mitte
concaven Mittelrückens ziehen bis zur Schwanzspitze,
ohne an den Rändern Knöpfe zu bilden.
4) Die Brustbreite geht in die Totallänge 673.
5) Die 5 letzten Schwanzringe haben glasige in der Mitte
concav ausgeschnittene Yorsprünge, deren Enden nach
vorn und hinten einen Dorn haben.
Pegassus lancifer Kp.
1) Von den 12 Schwanzringen sind die 6 letzten in ein
Stück verwachsen, deren Zahl nur durch die dornigen
Vorsprünge zu erkennen ist.
2) Der dolchförmige Schnabel mit unbedeutenden Dörn-
chen versehen, ist etwa V3 der Brustbreite.
3) Die zwei Leisten des in der Milte concaven Rückens
gehen nur bis zum 6ten Schwanzringe und bilden am
Körper und der Hälfte des Schwanzes an den Rändern
Knöpfchen.
4) Die Brustbreite geht in die Totallänge etwa 5mal.
5) Die 6 letzten Schwanzringe haben nur am unteren
Rande einen vorspringenden Dorn.
Darmstadt, d. 30. Mai 1861.
Tliersites fiasterostei imd Leptodera Nicotlioae.
Eine neue Gattung parasitischer Cruslaceen und eine
neue Nematodenart.
Von
Dr. II. A. Pageijstecher
in Heidelberg.
(Ilie.zu TaPel Vi).
Als ich am 19ten März d. .1. bei Gelegenheit einer
Reise durch die Niederlande nach England in Ostende ver-
weilte, erbat ich mir von Herrn Prof. van Beneden einen
Gasterosteus aculeatus, deren dieser damals mehrere lebend
besass, und es wurde meinem Wunsche freundlichst gewill-
fahrt. Der Fisch stammte aus Salzwasser , welches gleich
gut wie Brackwasser und Süsswasser den Stichlingen zu-
sagt. An den Kiemen fand ich bei meiner Heimkehr nach
Heidelberg über zwanzig weibliche Individuen eines Schma-
rotzer-Krebses , der sich beschriebenen Arten nahe an-
reihend, doch in den grösseren Arbeiten von Nord mann,
Bu r m eiste r, Kr öyer, Rathke, Dana, Liljeborg,
in der besonderen Arbeit über parasitische Krebse des bel-
gischen Küstenlandes von van Beneden und in den zahl-
reichen kleineren Schriften , besonders auch denen von
Claus fehlt. Wäre er aber irgendwo gesehen worden,
so würde er gewiss beschrieben worden sein , wie denn
auch jetzt seine Besonderheiten mir es zu gestatten schei-
nen, eine neue Gattung auf diese Art zu begründen.
Die Untersuchung konnte nur an in Spiritus aufbe-
wahrten Exemplaren vorgenommen werden, gab jedoch we-
nigstens über den äusseren Bau einen vollkommen ausrei-
Pagenstecher: Thersites Gasterostei n. Lrptodera Nicothoae. 119
chenden Aufschluss. Durch eben diese Aufbewahrung und
den Transport waren die Eiersäcke so vielfach von den
Thieren abgelöst worden, dass in der Regel höchstens ein
Eiersack an einem Thierc zurückgeblieben war; einige we-
nige besser erhaltene Individuen sicherten aber die schon
aus der Art der Befestigung der Säcke und der die Zahl der
Individuen übertreffenden Menge der überhaupt vorgefun-
denen Eiersäcke geschlossene Vermuthung, dass ursprüng-
lich überall an jedem Weibclien zwei dergleichen Anhängsel
befestigt gewesen seien.
Der ganze Krebs, dessen Grösse zwischen etwa 0,5 Mm.
und 0,8 Mm. (in der grössten, der Längsausdehnung jedoch
ohne Borsten und Eiersäcke gemessen) schwankte, erschien
auf den ersten Blick , namentlich in den grösseren Exem-
plaren , fast kuglig und erst eine genaue und vielfältige
Beobachtung, besonders die Prüfung der jüngeren Thiere,
liess in dem unförmlichen Körper nicht ohne Mühe eine
den gewohnten Formen vollkommene Analogie erkennen.
Im Allgemeinen erweist sich bald jene kuglige Masse
als Ausdehnung eines Theiles des Brustkastens, der nach
vorn den Kopf, nach den Seiten und hinten den Thorax
und das Abdomen mehr oder weniger vollständig überda-
chend, deren freieren Anblick nur von unten oder im Profile
gestaltet. Hat man sich in verschiedenen Lagen einen Ein-
blick verschafft, so ergiebt sich folgendes Resultat:
Der Körper dieses parasitischen Krebses ist nach dem
Typus der Copepoden gebaut nur mit Modifikationen, wie
sie zum Theil als Minimum für parasitische Lebensweise in
den höchsten Galtungen der Ergasilini mehrfach sich fin-
den, zum Theil aber gerade dieser Gattung eigenthüm-
lich sind.
Der Kopfschild ist mit dem ersten Thorakalsegment
nicht so vollständig verschmolzen , dass nicht doch eine
Spur der Gliederung übergeblieben wäre und am Rücken
ist diese Sonderuno- ebenso viel oder wenior deutlich wie
die zwischen dem ersten und zweiten Thorakalsegmente.
Indem der Rückentheil dieser drei Körperabschnilte ausser-
ordentlich viel mehr nach allen Richtungen hin ausgedehnt
ist als der Bauchtheil , entsteht eben jener kuglige Rumpf,
120 Pagenstecher:
der beim ersten und oberflächlichen Anblicke das ganze
Thier auszumachen scheinen könnte und dem in der That
alle übrigen Theile nur wie etwas sehr Nebensächliches
anhängen. Namentlich macht diese Erweiterung der Ober-
seite es nicht möglich, vom Rücken aus gleichzeitig die
Organe des Kopfes und die hinteren Thorakal- und Abdo-
minalsegmente zu überschauen. Bringt man z. B. wie in
Fig. 2 die Antennen zur Ansicht, so ragen hinten nur noch
die letzten Spitzen der Schwanzborsten vor. Wir können
also gewissermassen den Kopf als auf die Brust herunter-
gebogen betrachten (vergl. die Ansicht von unten in Fig. 1).
An der etwas hakigen Spitze des heruntergebogenen Schil-
des liegt dann ein medianes Auge mit indigoblauem Pig-
ment und zwei verschmolzenen lichtbrechenden Körpern.
Daneben zunächst zwei sogenannte vordere Antennen mit
zwei stärkeren reichlich beborsteten Grundgliedern und
schmaleren nachfolgenden Gliedern, fünf an der Zahl, von
denen die zwei letzten die längsten sind und das letzte
wieder mehr Tasthaare trägt, als die mittleren ^). Die hin-
teren Antennen sind dicht dabei eingesetzt, kaum weiter
von einander entfernt als die vorderen aber nur dreiglied-
rig. Das Basalglied ist sehr breit und kurz, das zweite
Glied stark, armförmig, das dritte klein und eng aber mit
einer grossen, vor der Mitte durch ein Höckerchen fast ge-
zähnten und einer kleinen mehr elegant gebogenen Klaue
ausgerüstet. Es wird dieses Glied dadurch in gewissen
Einstellungen fast scheerenartig ^).
Der Mund liegt weiter zurück und sind in der Sei-
tenlage ^) an ihm deutlich eine nasenförmig vorspringende
Oberlippenkappe und eine Unterlippe zu erkennen. Dicht
an der Oberlippe liegt jederseits ein zweigliedriger feiner
Taster, der eine Endborste trägt und den ich bereitwillig
mit Claus der Maxille gleichstelle ^). Ich glaube, dass
im Munde mandibulare Stechborsten liegen , aber sie sind
sehr unbedeutend. Der Mund ragt nur wenig vor und
bildet keine Röhre. Die Maxillarpalpen sind nach hin-
ten gerichtet. Eben dieselbe Lage zeigen, wenn auch in
1) Fig. 6. 2) Fig. 7. 3) Fig. 8. 4) Fig. 9.
Thersites Gasterostei und Leptodera Nicothoae. 121
geringerem Grade , die Kaufüsse. Von ihnen finden wir
zwei Paare, das erste neben dem Munde, das andere an
seinem Hinterrande eingesetzt , beide zweigliedrig. Das
Grundglied entspricht der Gestalt nach dem weit grösseren
Mittelgliede des zweiten Antennenpaars; das zweite Glied
ist beim ersten Kaufusspaare gezähnt , beim zweiten mit
ein Paar Stechbörstchen von verschiedener Länge ausge-
rüstet oder fast aus ihnen allein bestehend, dem Endgliede
der Maxillen und im Kleinen dem der zweiten Antennen
ähnlich.
Die Entfernung von den Mundlheilen zum ersten
Schwimmfusspaare schwankt nach dem Ausdehnungzustande
des Rumpfes mehr als die Entfernungen der mehr nach vorn
oder mehr nach hinten liegenden Glieder unter einander,
indem gerade die Rückenportion des ersten Thorakalsegments
es ist , die zunächst und stets mehr als die der anderen
Segmente zur buckeiförmigen Ausdehnung herangezogen
ist und ihre Erweiterung sich in geringerem Grade auf die
Bauchseite des Segments fortsetzt. Für solches Nachgeben ist
im Allgemeinen bei den Arthropoden der Rücken mehr ge-
neigt, so weit nicht auch er der Bewegung dienenden Or-
ganen durch feste Skeletstücke Anhalt geben muss. Eine
deutliche Querlinie sondert nach hinten das erste Thorakal-
segment vom zweiten am Bauche und steigt auf den Rücken in
der Art hinauf, dass ein Theil des Buckels diesem letzten
Segmente zugetheilt wird. Es ist dieser Theil je nach dem
Grade der gesammten Ausdehnung ein verschieden grosser.
Von dieser Scheidelinie am Bauche aus beginnt nun eine
deutliche ringsum gehende Sonderung von Segmenten, wel-
che uns zunächst die Zahl der Thorakalringe auf fünf ver-
vollständigt. Die vier ersten thorakalen Abschnitte tragen
vollkommen dicholomische, wenn auch kleine Schwimmfüsse
mit zweigliedriger breiler Basis und zwei dreigliedrigen
Ruderstücken. Das letzte Glied der letzteren ist in der
Regel mit fünf kräftigen Borsten am dafür eingeschnittenen
Rande besetzt. Das dritte und das vierte Thorakalsegment
sind ganz einfache Ringe, aber auch am zweiten triflt die
Erweiterung am Rücken nur den vorderen Theil, hinten ist
dasselbe auch oben deutlich ringförmig. Das fünfte Tho-
122 Page II stech er:
rakalsegment ist das schmälste und kürzeste und trägt
jcderseits auf einem kurzen Basalstücke ein fast stachclar-
tiges Glied , somit einen zur Unterstützung der Eiersäcke
umgewandelten Schwimmfuss , vergleichbar der Ruthe der
Decapoden ^).
Es folgen nunmehr fünf fusslose abdominale oder post-
abdominale, caudale Segmente. Das erste ist sehr schmal,
wie eingeklemmt zwischen dem letzten thorakalen und dem
zweiten caudalen Abschnitte und wohl auch mit diesem
zur Unbeweglichkeit verwachsen. Das zweite Schwanz-
segment ist sehr entwickelt, lang, fast cylindrisch und be-
deutend w eiter als die nachfolgenden , sogar eher etwas
weiter als selbst die zunächst vorhergehenden. Sind keine
Eiersäcke da, so liegen an ihm die Eierträger des fünften
Thorakalsegments dicht angedrückt. In die hintere Oeil-
nung des zweiten Schwanzgliedes kann das dritte ziemlich
tief einoezo(?cn werden. Die drei letzten Glieder sind
Überhaupt gut beweglich, allmählich verengt und das letzte
trägt dann die mit zwei sehr langen, zwei massig langen
und einigen kleinen Borsten ausgerüstete Gabel zwischen
deren Armen der After mündet , so dass dem Ausschnitte
zwischen den Basen der Furcula auch noch eine Kerbe im
Rande des fünften Schw anzgliedes entspricht.
Wir sehen also die Unterschiede mit den gewöhnlich-
sten frei lebenden Copepoden bestehen in verhällnissmässig
schwacher Entwickelung der ersten Antennen, der Mund-
llieile, der Schwimmfüsse, des Schwanzes, in Verwandlung
der zweiten Antennen in Klammerorgane und in der vor-
zugsweise vom ersten Thorakalsegmente ausgehenden aber
nicht auf dieses allein beschränkten , sondern nach vorn
und hinten mehr allmählich verstreichenden kugligen Aus-
dehnung des Mittel- und Vorderkörpers. Diese Ausdeh-
nung ist je nach dem Alter sehr verschieden entwickelt
und durch sie in den ältesten und grössten Thieren die
übrige Organisation sehr versteckt aber niemals in irgend
einem Theilc wirklich unterdrückt ^).
1) Fig. 3.
2) Vgl. Fig. 2, 4 und
0 Thersitcs Gasterostei und Leptodeia Nicothoae. 123
Es gehört somit unsere Form zu denjenigen, welche
selbst für das weibliche Geschlecht im reifen Zustande am
ausgeprägtesten die innige Verwandtschaft zwischen frei
lebenden und schmarotzenden Entomostraken beweisen und
uns das Unnatürliche zeigen einer scharfen Sonderung der
in den verschiedenen Organen im allmähliclislen Ueber-
gange mit den Copepoden verbundenen Siphonostomen.
Wir hnden schon unter den Arten der Gattung Er-
gasilus mehrere , deren Thorakalringc ziemlich nachgiebig
und im Zustande der Geschlechtsreife bei den Weibchen
stark ausgedehnt erscheinen und bei an den Weibchen fest-
sitzenden Zwergmännchen parasitischer Krebse ist eine höck-
rige Gestalt des Rumpfes sehr gewöhnlich. Aber diese
Ausdehnung bleibt weit hinter der hier vorhandenen zurück
und diese letztere findet noch am meisten eine Analogie in
der flügeiförmigen der Nicothoe. Es gilt das um so mehr,
als Claus nachgewiesen hat, dass auch bei Nicothoe die
flügeiförmige Erweiterung nicht allein einem Segmente an-
gehört. Aber bei Nicothoe gehört sie vorzugsweise dem
vierten, bei unserer Art zunächt dem ersten Thorakalseg-
mente an und es bietet bei letzterer die kuglige Gestalt
eine wesentlich andere Erscheinung. Danach aber steht
unsere Art durch das unpaare Auge, die geringere Zahl der
Antennenglieder, geringere Entwickelung des Mundes, ge-
ringere Grösse der Schwimmfüsse und des Sciiwanzes (so-
wolil absolut wie relativ) etwas unter Nicothoe. Für Ni-
cothoe will ich übrigens bemerken , dass die Segmentirung
des Thorax am Kücken und am Bauche gut erkannt w erden
kann, die Ausdehnung also den Seilen angehört und zwar
oberhalb der Füsse, also am wenigsten dem Bauche. Die
Segmentränder der vorderen Glieder gehen über in die
obere und untere Decke der flügeiförmigen Säcke, in denen
nur das vierte Segment so ziemlich zur Unkenntlichkeit
aufgeht. Der Schwanz kommt dann an der Bauchseile des
medianen sackförmioen Theils der Erw eiteruno- wieder zum
Vorschein.
Ich habe nacli der buckligen Gestalt , die ohnstreitig
das wichtigste Gallungskennzeichen ist, den Namen Ther-
sitcs der lliade für das neue Genus entlehnt und halte es
124 Pagenstecher:
für wohl möglich, dass ausser dem T. Gasterostei noch andere
Arten gefunden werden , deren Aufsuchung allerdings bei
der geringen Grösse wenigstens dieser Art nicht ohne
Schwierigkeiten sein dürfte.
Im Innern des Rumpfes sehen wir die Eier aneinan-
der polyedrisch abgeplattet in grosser Zahl liegen auch
noch dann , wenn die Eiersäcke dem Hinterkörper ange-
hängt sind. In diesen Eiern sieht man Keimbläschen aber
o
keine weitere Entwickelung zur Embryonalanlage, wie das
in dem Brulraume von Notodelphys ascidicola gefunden wird.
Es steht also auch hier Thersites der Nicothoe gleich und
zweifle ich gar nicht, dass bei beiden eine wiederholte Bil-
dung von Eiersäcken stattfindet. Das ist dann ganz analog
dem Verhallen der freien Copepoden und mag auch wohl
für in Betreff" der Bewegungsorgane und der Segmenti-
rung weit mehr entartete Formen gelten , für die die Au-
toren solches so vielfach bezweifeln. Bei Nicothoe und
Thersites sammelt sich das neue Material in den Ovarien
des Körpers an und wenn die alten Eiersäcke die Brut
entlassen, können sofort neue gebildet werden. Es ist
möglich, dass dabei jedesmal eine Häutung stattfindet und
die alten Säcke durch die abgelegte Haut noch angeheftet
bleiben.
Es unterliegt ebenso wohl keinem Zweifel, dass bis
zu einer sehr vollkommenen Körperentwickelung die weib-
lichen Thersites mehr oder weniger frei oder wechselnd
frei und schmarotzend leben; in diesem Zustande mit ihren
ähnlich gestalteten, nicht liliputanischen, Männchen die Be-
gattung vollziehen und nun , wenn durch die übermässige
Entwickelung der Geschlechtsprodukte der Körper umge-
staltet zu werden beginnt , erst dauernd parasitisch wer-
den und trotz wiederholter Ausleerung von bestimmten
Mengen von Eiern, die jedesmal zu zwei Säcken vereint
werden, das Wohnthier nicht mehr verlassen und auch nicht
wieder befruchtet zu werden brauchen.
Ueber die übrige Organisation des Körpers kann ich
nur noch sagen, dass die quergestreifte Muskulatur in der
zweiten Antenne und an ihre Basis hinantretend sehr deut-
lich ist.
Thersites Gasterostci und Leplodera Nicothoac. 125
In den Eiersäcken fand ich Eier genug in deutlicher
Dotterfurchung aber nur einmal war durch die Anwesen-
heit eines blauen Augenfleckes die mehr fortgeschrittene
Embryonalentwickelung gekennzeichnet.
An den Eisäcken und an der Körperbedeckung hafteten
zahlreiche pflanzliche Infusorien , mehreremale fand sich
auch Trichodina pediculus auf unserem Krebse. Einmal war
der Körper von letzterer so bedeckt , dass ich , einen Au-
genblick glaubend, sie lägen dicht aneinander gedrängt im
Innern, höchlichst über die vermeintlichen sonderbaren Ei-
schalen erstaunte. Es ist bekannt , dass auch auf ande-
ren parasitischen Krebsen Vorticelliden angesiedelt gefunden
wurden.
Es lohnt deshalb vielleicht mehr der Erwähnung, dass
ich in Nicothoe, von welcher ich ebenfalls meine Exem-
plare Herrn van Beneden verdanke, von dessen norwe-
gischen im Austernparke bewahrten Hummern ich sie ab-
nehmen durfte, einen wohl auch neuen Endoparasiten fand.
Es waren nämlich in einem dieser Thiere der hintere
Theil des Rumpfes und die Flügel dicht gefüllt mit den Eiern
der frisch ausgeschlüpften Jungen , heranwachsenden und
wohl auch wenigstens ziemlich bis zur Andeutung der Ge-
schlechtsorgane erwachsenen Individuen eines Nematoden.
Die Eier waren oval 0,025 Mm. lang, in ihnen oft Junge
aufgerollt, die grössten Individuen 0,5 Mm. lang und von
sehr gestreckter Gestalt. Der Hals war schlank, der Mund
nicht dreilappig und ohne Hornbekleidung , das Kopf-
ende fein , ohne Augen , der Oesophagus durch eine
sehr feine Chitinwand verstärkt, am Halse oft eine leichte
Einschnürung; hinter dem After ein zugespitzter Schwanz
von massiger Länge. Die Würmer lagen zwischen der
Wand der Magenblindsäcke und der äusseren Bedeckung ;
es fanden sich keine Eier im Körper des Krebses , keine
Eiersäcke anhängend , die Eibildung war also wohl um
der Ernährung der Parasiten willen verkürzt worden; die
Augen hatten ihr Pigment verloren. Obwohl ich nicht ge-
wiss hin, unter den mehr erwachsenen die beiden Ge-
sell lechter bis zur Entwickclung etwaiger Unterschiede vor
mir zu jjaben, glaube ich doch diesen Nematoden zu den
126 P.Tgenstecher: Thersites Gasterostci n. s w.
Sirongyliden ziehen und am ersten als Leptodera (Diij.) Ni-
cothoao bezeiclmen zu dürfen; wenn der seltsame Fund-
ort bei so geringen positiven Eigenschaften die Begründung
einer neuen Art gestattet.
Erklärung der Abbihlimgeu.
Fig. 1 — 10. Thersiles Gastcrostei $.
Fig. 1. Ansicht von unten. EinTliier mittlerer Grösse bei 85maliger
Vergrösseriing.
a. Erstes oder inneres Antennenpaar.
b. Zweites oder äusseres Antenuenpaar.
c. Maxillen oder Taster.
d. Erstes Kaufusspaar.
e. Zweites Kaufusspaar.
f. Die fünf Thorakalfusspaare, das letzte verkümmert.
g. Die fünf Abdorninalsegmente, das letzte mit der Furcula.
Fig. 2. Ansicht von oben und vorn von einem etwas mehr mit Eiern
gefüllten Thiere, ebenso stark vergrössert.
Fig. 3. Das Ende des Thorax und das Abdomen iSOmal vergrössert.
Fig. 4. Ein kleines Thier von der Seite gesehen , 85mal vergrössert.
Fig. 5. Ein sehr gefülltes und grosses Thier in gleicher Ansicht und
Vergrösserung.
Fig. 6. Antenne des ersten Paares, 250mal vergrössert,
Fig. 7. Antenne des zweiten Paares, 200mal vergrössert.
Fig. 8. Der Mund mit den ersten Kaufüssen a, der Maxille der lin-
ken Seite b, den zweiten Kaufüssen c, von der Seile gese-
hen, 170mal vergrössert.
Fig. 9. Die Maxille abgesondert S50mal vergrössert.
Fig. 10. Leptodera Nicolhoae mit Eiern und einem Jungen, lOOmal
vergrössert.
Heidelberg, d. 4. Juni 1861.
Heber einige kleiue firubeii an den Scluippen
uianclier Schlangen.
Von
J. Reinhardt.
Aus Videnskabelige Meddelelser Fra den naturhistoriske
Forening i Kjöbenhavn for 1860. p. 209 übersetzt vom
Herauso-eber.
Bei den Schlangen muss die Schiippenbekleidiing aus
naheliegenden Gründen eine nicht geringe Bedeutung für
die Systematik haben , und die Schuppen des Körpers ha-
ben auch wirklich ebenso gut wie die Kopfschilder und
die Bauch- und Schwanzschienen mehr oder minder we-
sentliche Charaktere geliefert , die theils aus ihrer Form,
theils aus der Beschaffenheit ihrer Oberfläche, theils end-
lich von ihrer Stellung hergeleitet worden sind. Aber
je mehr Aufmerksamkeit auf diese Hautbildungen ge-
wendet worden ist , um so auffallender ist es , dass man
bisher ziemlich allgemein eine oft leicht ins Auge fallende
Eigenthümlichkeit übersehen hat, welche die Schuppen bei
einer grossen Anzahl von Schlangen auszeichnet, und wel-
che , selbst wenn man ihren INutzen oder ihre Bedeutung
für das Thier nicht sollte nachweisen können , doch um so
mehr beachtet werden müsste, als sie in vielen Fällen ein
nicht unwichtiges diagnostisches Merkmal abgeben kann.
Als ich vor zwölf Jahren in Brasilien zum ersten Mal
Gelegenheit hatte , die dort gemeine grüne Schlange zu
sehen und zu untersuchen, welcher Lichten stein den
Namen Coluber Olfersii ^) gegeben hat, und welche später
1) Verzeichniss der Doubletten des Zoologischen Museums et,
Berlin lö2o. p. 104. Nr. 74.
128 Reinhardt:
von Wagler zum Typus einer eigenen Gattung Philo-
dryas ^) gemacht wurde , bemerkte ich über den Körper
zerstreut einige kleine weissliche, glänzende Punkte, wel-
che ich an den in unseren Museen aufbewahrten Exempla-
ren dieser mir sonst wohlbekannten Schlange nicht bemerkt
hatte. Bei näherem Nachsehen zeigte es sich, dass jede
der Schuppen an ihrem hinteren Ende mit einem kleinen
scharf begrenzten Eindruck oder einer flachen Grube ver-
sehen war, welche einen noch stärkeren Glanz hatte als
der übrige Theil der Schuppe , und daher bei gewisser
Beleuchtung in das Auge fiel ; obgleich sie nicht mehr als
Nadelstichs Grösse hatte. Die Grube tritt bereits an den
Halsschuppen dicht hinter den Scheitelschildern auf , und
verschwindet erst in geringer Entfernung von der Schwanz-
spitze; doch fehlt diese Grube stets im vordersten Theile
des Körpers den zwei, und weiter hinten den drei bis vier
Schuppenreihen, die dem Bauche zunächst liegen, und selbst
in den Schuppenreihen , die regelmässig damit versehen
sind, kann sie einzelnen Schuppen hier und da ausnahms-
weise fehlen. An der Schwanzwurzel fanden sich noch
sechs Schuppenreihen, in denen die Schuppen mit der Grube
versehen waren; aber ihre Anzahl verminderte sich bald
auf drei , und bereits wenige Zoll vom Ursprünge des
Schwanzes waren nur noch zwei mit Gruben versehene
Schuppenreihen übrig; so verhielt es sich bis nahe zur
Schwanzspitze , wo die Grube auf eine kurze Strecke nur
in einer einzigen Schuppenreihe zu finden war, und end-
lich verschwand sie ganz etwa einen Zoll von der Schwanz-
spitze; indessen ist das Verhalten nicht stets dasselbe, son-
dern es können die Gruben bei verschiedenen Individuen
bald bei einigen Schwanzschuppen mehr , bald bei einigen
weniger fehlen 2).
1) Natürliches System der Amphibien. Miinchen 1830. p. 185.
— Durch einen tiedächtnissfehler hat 1) u m e r i 1 in der Erpetologie
generale diese GaUung Dryophylax genannt, ein Name, womit Wag-
ler eine ganz andere Galtung bezeichnete, deren Typus Coluber Nat-
tcreri JMik. ist und dieDumeril mit seiner Gattung Dipsas vereinigt.
2) Bei einzelnen Schwanzschuppen ist nicht eine, sondern zwei
Ueber Gruben an Schuppen der Schlangen. l29
Wenn man mit Vorsicht die Oberhaut von einigen der
mit einer Grube versehenen Schuppen abzieht, und sie durch
eine Lupe betrachtet, dann sieht man leicht, dass kein Loch
an der Stelle ist, wo die Grube liegt. Die Oberhaut ist
daselbst nur stark verdünnt und fast glasshell, so dass die
Grube wie ein durchsichtiger Punkt erscheint, und in Ue-
bereinstimmung hiermit tritt die Grube auch nicht an der
unterliegenden Haut, wo sie sich selbstverständlich auch
findet, anders als ein sehr schwacher Eindruck auf, und
ist keinesweges eine Pore oder ähnliche Oeffnung, die in
einen tiefer in die Schuppe sich verlängernden Kanal oder
Höhle führen möchte.
Nachdem ich zuerst bei dieser Schlange auf dieses
Verhalten aufmerksam geworden war, fand ich noch wäh-
rend meines Aufenthaltes in Brasilien entweder (wie bei
dieser) eine oder in anderen Fällen zwei nebeneinander-
gestellte Gruben in den Schuppen, wie bei einigen Schlan-
gen aus den Gattungen Simophis ^), Xenodon, Spilotes, Co-
luber, Oxyrhopus und mehreren anderen Gattungen, und
durch die Wiederaufnahme dieser Untersuchungen im Laufe
Gruben nebeneinandergestellt, was darin seine Erklärung findet, dass
die Schuppenreihen am Schwänze stets mehr zusammenschmelzen,
und somit Schuppen, die mit zwei Gruben versehen sind, als durch
Verwachsung aus zwei Schuppen entstanden zu betrachten sind. Auf
dieselbe Weise findet man bei den Schlangen, bei denen (wie unten
erwähnt werden wird) die Körperschuppen regelmässig zwei Gruben
haben, zuweilen 3 oder 4 solche an einigen Schwanzschuppen; und
will man einen strengeren Beweis dafür verlangen, dass eine solche
Verdoppelung der Gruben wirklich von einer Verschmelzung von
zwei Schuppen herrühre , so hat man denselben in dem Umstände,
dass bei Schlangen mit zweigrubigen und gekielten Schuppen, z. B.
Spilotes variabilis Pr. iMax , sich zuweilen an den Schwanzschuppen
nicht bloss die Gruben, sondern auch die Kiele verdoppeln.
1) Während des Druckes der Abhandlung empfing ich von Herrn
Professor Peters einen mir gütigst übersandten Abdruck einer Mit-
theilung, welche er am 22. Oct. 18G0 der Berliner Akademie vorge-
legt hat, und worin er eine eigene Gattung, Simophis, für Schle-
gel's Heterodon rhinostornus (Rhinostoma Schlegelii Glhr.) bildet.
Es ist gewiss aller Grund, diese neue Galtung anzunehmen, und ich
wende daher auch hier Professor Peters Benennung für sie an.
Archiv f. Naturg. XXVII. Jahrg. 1. Bd. 9
130 IJcinhardt:
dieses Sommers nach dem Verlaufe mehrerer Jahre in der
hiesigen Sammlung- des Königlichen Museums habe ich mich
überzeugt, dass solche mit Gruben versehene Schuppen
noch weit häufiger vorkommen, als ich erwartet hatte. Von
191 Schlangenarten, die ich in Rücksicht auf dieses Ver-
halten untersucht habe , bieten nicht weniger als 106, also
über die Hälfte, diese Gruben dar; und durch die Ausdeh-
nung der Untersuchung auf eine grössere Artenzahl dürfte
sich zeigen , dass die grubenschuppigen Schlangen sogar
noch häufiger sind ; dann bisher habe ich von gewissen
Gruppen , bei denen diese Bildung niemals vorzukommen
scheint , verhältnissmässig mehr Arten untersucht, als von
anderen, wo sie sich gewöhnlich oder in der Regel linden.
In manchen Fällen sind die Gruben vollkommen ebenso
gross und kenntlich wie bei Philodryas Olfersii , oder wohl
gar noch mehr in die Augen fallend , wie z. B. bei Cory-
phodon korros , Spilotes variabilis , Dromicus antillensis,
Tropidonotus tigrinus und Cenchris contorlrix. Freilich
sind sie aber ebenso häufig kleiner, und, obgleich noch
immer scharf begrenzt , doch nicht leicht wahrzunehmen,
bevor man die Oberhaut von der Schuppe abzieht und sie
gegen das Licht hält; ja man kann sich zuweilen nur mit-
telst einer starken Lupe von ihrer Gegenwart überzeugen,
wie unter anderen bei den Boa , bei Homalosoma lulrix,
Prosymma meleagris, Simotes coccineus, Simotes octolinea-
tus, Psammophylax rhombeatus, Dendrophis pictus, Boaedon
geometricus. Bei einzelnen Schlangen haben die Gruben
nicht den scharfen ümriss , welcher sonst, selbst wenn sie
sehr klein sind, sie leicht, wenigstens mit Hülfe der Lupe,
auffinden lässt; sondern die Oberhaut der Schuppe verdünnt
sich allmählich nach der Mitte der Grube , und wenn die
Gruben dann zugleich sehr klein sind wie bei unserer ge-
wöhnlichen Natter, bei Vipera clolho, Causus rhombeatus
und einigen anderen , so kann man sogar in Zweifel sein,
ob sie wirklich vorhanden sind, oder nicht; aber anderer-
seits können diese unbestimmt begrenzten verdünnten Flek-
ken auch so gross sein (z. B. bei Lachesis muta) , dass
man sie selbst mit blossen Augen wahrnimmt , wenn nur
die Schuppe gegen das Liciit gehalten wird, und ihre we-
Ueber Gruben an Schuppen der Schlangen. 131
sentliche üebercinstimmuiio; mit dem gewölinlichcii Eindruck
oder der Grube ist dann deutlich genug.
Häufig verschwinden die Gruben, sie mögen eine oder
zwei an Zahl sein, auf den untersten, dem Bauche zunächst
liegenden Schuppenreihen, wie wir es bereits von Philodryas
Olfersii angegeben haben; aber bei vielen Schlangen breiten
sie sich auch mehr oder weniger über diese Reihen aus; so
tragen bei Simophis rhinostomus Schi, die Schuppen aller
Reihen Gruben , die unterste ausgenommen, und selbst in
dieser findet sich dieser Eindruck in einer kurzen Strecke
gleich hinter dem Kopfe; und bei Spilotes variabilis Wied
und Elaphis alleghaniensis Holbr. sind alle Schuppen ohne
Ausnahme in der ganzen Länge des Rumpfes mit zwei
sehr deutlichen Gruben versehen. Wo die Gruben sich
über alle Schuppenreihen ausbreiten, verschwindet doch
nicht selten bei Schlangen mit zweigrubigen Schuppen die
eine von ihnen an den Schuppen der untersten Reihe, Avie
z. B. bei Tropidonotus tigrinus Boie; bei Elaphis quadri-
virgatus Boie sind gleichfalls die Schuppen in der dem
Bauche nächsten Reihe, im Gegensatze zu den übrigen nur
mit einem Eindrucke versehen, aber selbst dieser verschwin-
det in dem mittelsten Theile des Rumpfes, wo er am dick-
sten ist, und ebenso verhält es sich mit einer anderen mit
zweigrubigen Schuppen versehenen Schlange, Dromicus
antillensis Schi. In anderen Fällen sind dagegen die Gru-
ben nicht einmal über einen so grossen Theil des Körpers
ausgebreitet, wie bei der Schlange, bei welcher wir sie
zuerst kennen lernten, und bei Leptophis irregularis Leach,
wo sie zugleich nur wenig deutlich sind, scheinen sie ganz
am Schwänze und dem ganzen hintersten Theile des Rum-
pfes ZTi fehlen, und selbst vorn, wo sie sich finden, giebt
es manche Schuppe, auf welcher nicht eine Spur davon zu
bemerken ist. Bei Dendrophis pictus Gm., bei welcher die
Schuppen übrigens mit einer zwar kleinen, aber doch recht
deutlichen Grube versehen sind , fehlt diese nicht bloss an
der untersten Reihe, sondern auch an der grossen Schuppe
in der mittelsten Schuppenreihe , und auf dieselbe Weise
verhält es sich bei der Gattung Bucephalus.
Wie es schon aus den im A'orstehenden namentlich an-
132 Reinhardt:
geführten Arten ersichtlich ist, kommen die Gruben eben-
sowohl bei glattschiippigen wie bei kiclschuppigen Schlan-
gen vor, und , soweit meine Erfahrung bisher reicht, sind
zwei Gruben eben so häufig wie eine einzelne; denn von
den 106 Schlangen, bei welchen ich überhaupt solche Ein-
drücke gefunden habe , haben 62 zweigrubige Schuppen
dargeboten. Bei glattschuppigen Schlangen findet man un-
gefähr eben so oft zwei Gruben wie eine, und während
unter anderen die amerikanischen Xenodon-Arten, verschie-
dene Psammophis , Coelopeltis lacertina, Dendrophis pictus
und Chrysopelia praeornata als Beispiele für das letztge-
nannte Verhallen angeführt werden können, findet man
zweigrubige Schuppen ausser mehreren Anderen , bei Pro-
symna meleagris, Simophis rhinostomus, Simotes coccineus,
Rhinechis scalaris , Spilotes corais , Coluber eximius, ver-
schiedenen Zamenis -Arten. Wenn dagegen Gruben bei
kielschuppigen Schlangen auftreten, sind sie, wie es auch
wohl zu erwarten war , fast immer zwei an Zahl, eine auf
jeder Seite des Kieles; die einzigen Schlangen, die nach
meiner bisherigen Erfahrung eine Ausnahme von dieser
Regel machen, sind Leptophis liocercus und mexicanus nebst
Bucephalus capensis und Enygrus ßibronii, die alle trotz
ihrer gekielten Schuppen nur eine einzige Grube haben.
Bei den beiden ersten hat die Grube ihren Platz gerade
vor dem Ende des Kieles , der bei diesen Baumschlangen
nicht ganz bis zur Spitze der Schuppe reicht; bei Buce-
phalus capensis ist die Grube dagegen dicht an , aber un-
terhalb, dem excentrischen Kiele angebracht, und bei Eny-
grus Bibronii (wo er äusserst klein nur mittelst einer sehr
starken Lupe sichtbar ist) auf dem Kiele selbst. Wir ha-
ber bereits gehört , dass bei Schlangen mit zweigrubigen
Schuppen die eine der Gruben in der dem Bauche nächsten
Schuppenreihe verschwinden kann , aber sonst finden sich
nicht zwei- und eingrubige Schuppen bei derselben Schlange
unter einander gemischt ; inzwischen giebt es doch Aus-
nahmen von dieser Regel, und Prosymna meleagris und
Coryphodon constrictor können als solche Beispiele von
Schlangen genannt werden, wo zweigrubige und eingrubige
Schuppen unter einander vorkommen, aber freilich sind die
Ucbcr Gruben an Schuppen der Schlangen. 133
ersteren die zahlreichsten und diejenigen , welche die Art
eigentlich charakterisiren.
Die Verschiedenheiten , welche sich in Hinsicht auf
die Stellung und Form der Gruben angeben lassen, sind
nur wenige und unbedeutend. Gewöhnlich sind sie gerade
an der Spitze der Schuppe angebracht, und können, wenn
sie zwei an Zahl sind, bald etwas näher, bald etwas ferner
von einander stehen, je nachdem die Schuppe nach hinten
mehr oder weniger zugespitzt ist, nur bei einer einzigen
Schlange, Tropidonotus subminiatus, habe ich sie ganz un-
gewöhnlich weit von dem hintersten Ende der Schuppe
entfernt gefunden , etwa ein Drittel der Länge von ihm
entfernt; bei den übrigen Tropidonotus — tigrinus ßoie —
zeichnen sich die Gruben nicht bloss durch ihre Grösse
aus, sondern zugleich durch ihre ungewöhnlich langstrek-
kige ovale Form.
Der Nachweis, wozu diese Gruben bei den damit ver-
sehenen Schlangen dienen können, ist ebenso schwierig wie
den Nutzen oder die Bedeutung der gekielten Schuppen
anzugeben. Es ist mir nicht geglückt , eine Drüse inner-
halb der Schuppen zu finden; bei den lebenden Schlangen
habe ich sie, selbst wo die Gruben sehr gross und sehr
wenig oberflächlich sind, stets glänzend und rein ohne Spur
von einem Stoffe , der sich darin gesammelt hätte, gefun-
den, und es ist daher kein Grund, anzunehmen, dass durch
sie irgend eine Absonderung stattfinden sollte. Bereits
dieser Umstand scheint es wenig wahrscheinlich zu machen,
dass sie Geschlechtsmerkmale sein möchten, und die nähere
Untersuchung zeigt, dass sie es nicht sind, schon in Bra-
silien überzeugte ich mich davon, dass namentlich bei Phi-
lodryas Olfersii und Spilotes variabilis beide Geschlechter
sie besitzen; später habe ich zwar nur Gelegenheit ge-
habt mich von dem Geschlechte bei einzelnen Schlanoren
zu Überzeugen , die ich in Rücksicht auf diese Schuppen-
gruben uniersucht habe, aber ich habe es bei diesen Ge-
legenheiten immer bestätigt gefunden, dass die Gruben so-
wohl l)ci (lern einen wie bei dem anderen Geschlechte vor-
kommen. Es kann keinem Zweifel unterliegen , dass die
Gruben gewöhnlich nur als Art-Kennzeichen gelten können;
134 Reinhardt:
über in manchen Fällen scheinen sie auch eine höhere Be-
deutung- zu haben. Inzwischen ist die Anzahl der Arten,
welche ich bisher mit Rücksicht auf diese Gruben unter-
sucht habe , wenn auch an sich nicht ganz unbedeutend,
doch im Verhältnisse zu der ganzen Menge von Schlangen
nicht grösser, als dass man äusserst vorsichtig sein müsste,
schon jetzt bestimmte Regeln für das Auftreten dieser Gru-
ben aus den beobachteten Fällen abzuleiten. Es ist ferner
natürlich, dass die Regein verschieden lauten werden, je
nachdem man von solchen systematischen Anschauungen
ausgeht, wie die, welche B o i e's und Schlegel's ophio-
logische Systeme hervorgerufen haben, oder ob man Du-
meril's und Bibron's auf das Gebiss gegründeter Clas-
sification folgt. Eine Abhängigkeit von dem Verhalten der
Zähne zeigen die Gruben nicht; sie können im Gegentheile
bald auftreten, bald fehlen bei Schlangen der verschieden-
sten Bezahnung. Aber Dumeril's und Bibron's System
ist selbst wesentlich ein künstliches, und obgleich ich
durchaus nicht läugne, dass der Zahnbau bei den Schlan-
gen in gewissen Grenzen grosse Bedeutung für die Sy-
stematik hat, oder misskennc, dass man es wesentlich die-
sen Verfassern verdankt, wenn jetzt ein grösserer Werth
darauf gelegt wird, so zweifle ich doch sehr daran , dass
man ihn mit Glück zu dem ausschliesslichen Princip für die
ganze Classification machen könne. Der bisher gemachte
Versuch könnte jedenfalls nicht ein glücklicher genannt
werden; es ist namentlich auffallend, wie oft die Rück-
sicht, welche die eben genannten berühmten Herpetologen
darauf genommen haben, sie gezwungen hat, in ihrem Sy-
steme theils sehr verschiedenartige Formen zusammenzu-
stellen , theils in anderen Hinsichten nahe verwandte
Schlangen weit von einander zu entfernen, und ihre bei-
den grossen, auf den Mangel oder der Gegenwart von Fur-
chenzähnen hinten im Munde gegründeten Abtheilungen,
Aglyphodonta und Opistoglypha (das hauptsächlich Neue in
ihrer Aufstellung) sind sicher, ebenso wie viele von den
unter jeder von ihnen eingeordnete Familien alles Andere,
nur keine natürliche Gruppen. Dagegen kommt es mir
vor, dass die allermeisten der von Schlegel in seinem
Ucbcr (jiubcn an Schuppen der Schlangen. 135
berühmten Essai aufgestellten Gattungen solche genannt
werden können, selbst wenn sie unläugbar nicht als Gat-
tungen in der Bedeutung betrachtet werden können, welche
die zoologische Systematik sonst heutzutage in dieses Wort
legt, und selbst wenn es eingeräumt werden muss, dass,
welchen Rang man ihnen auch einräumen will , es oft
schwierig, wenn nicht unmöglich ist, scharfe Charaktere
für sie zu geben. Ich ziehe es daher noch immer in der
Hauptsache vor, S chl e gel's Aufstellung festzuhalten, aber
allerdings mit der von Dr. Günther eingeführten Modi-
fication, zufolge deren seine Gattungen als Familien be-
trachtet werden, die wieder jede zum Theil zahlreiche Gat-
tungen enthalten ^).
Geht man dass unten mitgetheilte nach dieser An-
schauung geordnete Verzeichniss der Schlangen , welche
ich in Rücksicht auf das in Rede stehende Verhalten un-
tersucht habe, durch, so wird man sehen, dass die Gruben
zuweilen bei einer Art einer scharf begrenzten Gattung
vorkommen, bei einer anderen fehlen können, oder dass
bei einer Schlange eine Grube auf den Schuppen gefunden
werden könne, während eine ganz nahe stehende Art zwei-
grubige Schuppen hat. So fehlen die Gruben sonst in der
Regel bei der Gattung Bothrops: aber bei einer Art, die
ich in Brasilien beobachtete, und die ich nach der über
sie aufgezeichneten Beschreibung -) für Dumeril's und
Bibron's Bothrops alternatus halten muss, sind die Schup-
pen mit zwei, bei der lebenden Schlange sehr deutlichen
Gruben versehen. Bei dem kielschuppigen Heterodon pla-
lyrhinos finden sich zwei Gruben, während die glattschup-
pige Heterodon d'Orbignyi nur eine hat; von Philodryas
viridissimus und Olfersii, die doch beide glattschuppig sind,
hat die erste zweigrubige, die zweite eingrubige Schup-
pen, und auf dieselbe Weise verhält es sich mit Lycodon
rufozonatus Cant. und dem sehr nahestehenden Lycodon
1) S. Catalogue of Colnbrine Snakes in Ihe Collectiou oC the
British 3Inseum by Dr. Albert Günther. London 1858.
2) Ich traf diese Schlange auf meiner Reise unter Umständen,
die CS mir unmöglich machten, sie aufzubewahren.
136 Reinhardt:
aiilicus L. Wohl ebenso häufig- dürften die Gruben doch
vielleicht als Gatlungsmerkmale auftreten und daher aut
auf dieselbe Weise bei allen Arten einer Gattung- vorkom-
men, und die südamerikanischen Xenodon, Spiloles und Co-
ryphodon könnten ausser anderen als Beispiel hierfür die-
nen. Es kommt noch hinzu, dass es ganze Familien giebt
(und zwar nicht die mindest natürlichen) , in denen alle
Gattungen und alle Arten, so weit meine Erfahrung reicht,
entweder eingrubige oder zweigrubige Schuppen haben,
während es andererseits Familien giebt , welche gleichfalls
allgemein ganz der Gruben entbehren , und es scheint fast,
als wenn diese Eindrücke zuweilen in zweifelhaften Fällen
eine Andeutung für die natürliche Stellung gewisser Schlan-
gen geben könnten. So fehlen bei keiner einzigen Schlange
aus der Familie Colubridae, die ich bisher untersucht habe,
die Gruben; sie haben ferner alle zweigrubige Schuppen
dargeboten mit einziger Ausnahme von Zamenis Dahlii, und
es ist in der Beziehung nicht uninteressant daran zu er-
innern, dass diese Schlange, die unläugbar im Habitus von
den typischen Arten der Gattung abweicht, von Schle-
gel für einen Psammophiden angesehen wird, in welcher
Familie auch alle übrigen Arten, welche ich vor mir ge-
habt habe, aus welcher Gattung sie auch sein mochten, be-
ständig eingrubige Schuppen haben. Aus der kleinen
Familie Scytalidae habe ich nur 7 Arten untersucht, aber
diese haben alle zweigrubige Schuppen dargeboten , und
wenn Dr. Günther" die Gattung Rhinostomus nebst dem
bisher zu dieser Gattung gerechneten Simophis rhinostomus
von dieser durch Dumeril und ßibron aufgestellten Fa-
milie entfernt, um ihr eine Stelle unter den Calamarien zu
geben, so dürfte gerade der Umstand, dass wenigstens der
Simophis zweigrubige Schuppen hat i), ein Anzeichen sein,
dass das Hinweisen zu den Calamarien wohl schwerlich
glücklich ist. Denn es ist unter den 18 zu 12 verschie-
denen Gattungen gehörenden Calamarien, welche ich nach-
gesehen habe, sonst nicht eine einzige, welche zweigru-
1) Ich habe keine Gelegenheit gehabt eine echte Rhinostomus-
Ai't zu untersuchen.
Ueber Gruben an Schuppen der Schlangen. 137
bige Schuppen hat; ja, mit Ausnahme von Homalosoma
lutrix, bei welcher die Schuppen mit einer ausserordentlich
kleinen, nur mit Hülfe einer starken Lupe erkennbaren
Grube versehen sind, fehlt allen übrigen jede Spur dieser
Bildungen. Bekanntlich sind die Schlangen, welche Schle-
gel in seiner Gattung Homalopsis zusammenfasste, und die
nach meiner Ansicht eine der natürlichsten und leichtest
erkennbaren Gruppen unter den giftlosen Schlangen aus-
macht, von Dumeril uad Bibron in 5 verschiedene aus
sehr ungleichen Bestandtheilen zusammengesetzte Familien
zerstreut: Leptognathiens , Syncranteriens , Diacranteriens,
Anisodontiens und Platyrhiniens. Vereinigt man nun wie-
der diese Schlangen in eine einzige Gruppe , so zeigt es
sich, dass sie alle, von welcher der obengenannten 5 Fa-
milien sie auch zurückgeholt sind , jeder Spur von Gruben
entbehren, während sie dort unter Gattungen standen, bei
welchen sich bald gar kein solcher Eindruck findet, bald
eingrubige, bald wieder zweigrubige Schuppen vorkommen;
und obgleich ich gewiss nicht dem Vorhandensein oder
dem Fehlen der Gruben eine entscheidende Bedeutung an
und für sich beilegen will, ist es doch wohl kaum zu kühn
in diesem Falle in ihrem Verschwinden bei allen den bis-
her untersuchten Homalopsiden eine Bestärkung davon zu
sehen , dass die durch andere Gründe hervorgerufene Zu-
sammenstellung dieser Schlangen in eine Familie natür-
lich sei.
Auf eine eigenthümliche Weise zeigen die Gruben
sich bei den Würgeschlangen (Ouälerslangerne) und bei
der Tortrix- Familie, wo sie vorzukommen scheinen (aber
niemals mehr als eine an Zahl) wenn nicht bei allen, so
doch bei den allermeisten Arten, aber wo sie immer so
äusserst klein sind, dass es fast unmöglich ist, sie zu ent-
decken bevor man die Oberhaut von der Schuppe abgezo-
gen hat und sie allein mit einer starken Lupe untersuchen
kann. Selbst da kann man, wenn man sogar eine Stanhopo-
Lins(5 anwendet, in Zweifel bleiben ob sich wirklich eine
Grube findet oder nicht, und dieä^lbc kann, sogar wo sie
deutlich ist, nur als eine Andeutung von dem gewöhnlich
vorkommenden Eindrucke betrachtet werden.
138 Kcinhardl:
Obgleich die Gruben sowohl bei giftigen wie bei gift-
losen Schlangen vorkommen können, und bei gewissen
Giftschlangen, z. B. Trigonocephalus BlomhoITii und Cenchris
contorlrix , sind sie eben so gross und in die Augen fal-
lend, wie sie es überhaupt irgendwo sind, so sind sie doch
im Ganzen seltener bei den Giftschlangen als bei den Gift-
losen und fehlen namentlich stets bei den von Schlegel
sogenannten Serpens venimeux colubriformes oder den Fa-
milien Elapidae, Dendraspidae und Hydrophidae, mit einzi-
ger Ausnahme der eigenlhümlichen Uebergangsform Causus,
bei welcher die Schuppen eine schwache Andeutung der
Gruben haben.
Wie ich bereits oben hervorgehoben habe, sind indes-
sen die Folgerungen über die Bedeutung dieser Gruben
für Systematik, welche sich aus den bisher vorliegenden
Beobachtungen ergeben, keinesweges so sicher, dass es
nicht später nothwendig werden könnte, sie bedeutend zu
modiüciren , und ich werde mich daher auch mit den be-
reits gemachten allgemeinen Andeutungen begnügen und
übrigens , was die Einzelnheiten betrifft, auf das nachfol-
gende Verzeichniss der untersuchten Schlangen verweisen;
aber soviel darf wohl gesagt werden, dass man, nachdem
nunmehr die Aufmerksamkeit näher auf diese Bildungen
gelenkt worden ist, in Zukunft nicht mehr wird unterlassen
können auf sie Rücksicht zu nehmen. Dass dies nicht be-
reits längst geschehen ist , ist auffallend genug, wenn man
bedenkt , wie ausserordentlich häufig sie vorkommen und
wie in die Augen fallend sie wenigstens in manchen Fällen
sind , und doch sind sie in den ophiologischen Hauptwer-
ken, Sohle gel's Essai undDumeril's und Bibron's
Erpetologie gar nicht erwähnt. Aber ganz übersehen sind
sie doch auch nicht worden. Gerade bei der Schlange, bei
welcher ich zuerst auf diese Gruben aufmerksam wurde,
Philodryas Olfersii, waren sie bereits früher erwähnt, zwar
nicht in einer der ausführlichen Beschreibungen , welche
von ihnen vorliegen , sondern in der Diagnose , welche
Wagler von der auf dieser Schlange gegründeten Gat-
tung Philodryas in seinem „Natürlichen System der Amphi-
bien p. 185" gegeben hat, wo es (wenn auch nicht ganz
lieber Gruben an Schuppen der Schlangen. 139
richtig) von den Schlippen heisst : „apice poro notatis,-' und
derselbe Herpetolog hatte ferner auch die Gruben in den
Schuppen bei den anierilvanischen Xenodonten bemerkt, die
von ihm zu seiner Gattung Ophis gerechnet werden ^).
Diese Beobachtungen Wagler's scheinen indessen niclit
beaclitet worden und später ganz in Vergessenheit gerathen
zu sein , und ausser ihnen habe ich in der mir bekannten
Litteratur nur zwei beiläufig vorkommende und einzeln
stehende hierhergehörige Angaben gefunden, indem Hol-
brook in seiner Beschreibung des von ihm entdeckten
Coluber alleghaniensis (eine Elaphis) die Schuppen „bi-
punctate 2)" nennt, und ganz neuerlich Dr. Günther in
einer Notiz über Reptilien von St. Croix ^) bei der Be-
schreibung von Dromicus antillensis darauf aufmerksam
macht, dass „each Scale is provided with two small pore-
like impressions near the tip." Aber weder der eine noch
der andere dieser beiden Verfasser fügt das Mindeste hinzu,
woras man vermuthen könnte , dass einer von ihnen ähn-
liche Gruben bei anderen Schlangen kennt.
1) Nat. Syst. d. Amphibien p. 172: „squamae .... (punctulo
apice notatae)."
2) North American Herpelology, Vol. 1. p. 111. Ich Aviil doch
anführen, dass ich nur die drei ersten Bände dieses Werkes in der alten
Ausgabe kenne, ^Yelche in den hiesigen Bibliotheken vorhanden sind;
ich muss es also dahin gestellt sein lassen, ob Holbrook mögli-
cherweise auch ähnliche Schuppen bei einigen in den beiden letzten
Bänden beschriebenen Schlangen ermähnt hat.
3) Annais and Magazine of Natural Hislory , September 1859.
p. 210.
140
Reinhardt:
Verzeichniss der auf ilie Schiippeiigrubeu untersuchten
Schlaogen.
Boidae.
1. Python natalensis A. Smith .
2. „ moliirus (Lin.) . .
3. „ reticulatus (Sehn.) .
4. Enygrus Bibronii Hombr. et Jaquin.
5. Ungalia maculata (D. et B.)
6. Boa constrictor Lin. . . .
7. Eunectes murinus (Lin.) . .
8. Xiphosoma hortulaniim (Lin.)
9. Epicrates cenchris Wgl. . .
10. Chilabothrus inornatus (Rhdt.)
Erycidae.
11. Eryx jaculus (Lin.) . . .
12. „ Johnii (Russ.) . . .
Tortricidae.
13. Xenopeltis unicolor Reinw. .
14. Tortrix scytale (Lin.) . .
15. Cylindrophis rufiis (Laiir.) .
16. „ melanotus (ßoie)
Calamaridae.
17. Calamaria Linnaei Boie . .
18. Oligodon subquadratus (D. et B
19. Geophis semidoliatus (D. et B.)
20. „ badius (Boie) . .
21. Streptophorus Scbac (D. etB.)
22. „ Lansbcrgi (Schi.)
23. Cliersodromus Liebmanni Rlidt
24. „ nigricans (Kr.)
Keine
Gruben,
VAne
Grube.
Zwei
Gruben.
lieber Gruben an Schuppen der Schlangen.
141
in
25. Carpopliis amoeniis (Say)
26. Homalosoma lutrix (Lin.)
27. Brachyorrhos albus (Lin.)
28. Homalocranion melanocephaluin(L
29. Coloboffnathus Hoffmanni Pet.
30. Amblyodipsas iinicolor (Rlidt)
31. Elapomorphus assimilis Rhdt.
32. „ lepidus Rhdt .
33. „ Bliimii (Schi.)
34. Urobelus acanthias (Kr.) . .
Corouellidae.
35. Simotes coccineus (Lin.)
36. „ octolineatus (Sehn.)
37. „ Russelii (Daud.) . .
38. „ purpurasens (Schi.)
39. Ablabes baliodeirus (Boie) .
40. Psammopliylax rhombeatus (Lin
41. Coronella austriaca (Shaw.)
42. „ cana (Lin.) . .
43. Liophis cobella (Lin.)
44. „ Merremmii (Wied.)
45. „ doliatus (Wied.) .
46. Stenorhina Freminvillei (D. et B.)
47. Erythrolampus venustissinius(Wied.)
Natricidae.
48. Xenodon severus (Lin.) . . . .
49. „ rhabdoceplialus (Wied.)
50. „ Reinhardt! (Kr. mscr.)
51. Heterodon platyrhinos (Latr.) .
52. „ d'Orbignyi (D. et B.)
53. Tropidonotus natrix (Lin.) . .
54. „ tesselatus (Laur.)
Keine
Gruben,
Eine
Grübe.
Zwei
Gruben.
142
Reinhardt
Keine
Gruben.
66. Dasypeltis scabra (Lin.) . . .
67. „ palmarum (Leach) .
Honialopsidae.
68. Hydrops Maiiii (WgL) . . .
69. Helicops angulatus (Lin.) . .
70. Hemiodontus leucobalius (Schi.)
71. Hydrodipsas elapiformis Pel.
72. Hypsirhina enhydris (Sehn.)
73. Eurostus plumbeus (Boie) . .
74. Homalopsis buccata (Lin.) . .
75. Cerberus boaeformis (Sehn.) .
Coluliridae.
76. Rhinechis scalaris (Schinz)
77. Coluber flavescens Gm. .
78. „ geluliis (Lin.) .
79. „ gultatus (Lin.) .
80. 5, eximius (Dek.) .
81. ., conspicillatus (Boie)
82. Elaphis quadrivirgatus (Boie)
83. ., subradiatus (SchL) .
lieber Gruben an Schuppen der Schlangen.
143
84. Elaphis pleurostictus (Mus. Berol.) ^)
85. „ allcg-lianiensis (Holbr.) . .
86. Spilotes radiatus (Reinw.) . . .
87. r, melaniirus (Schi.) . . .
88. „ corais (Cuv.) . . . .
89. ,, variabilis (Wied.) . . .
90. Zamenis atrovirens (Shaw) . . .
91. ., hippocrepis (Lin.) . . .
92. „ Cliffordii (Schi.) . . .
93. „ Dahlii (Fitz.) . . . .
94. Coryphodoii pantherinus (Merr.) .
95. „ constriclor (Lin.) ^) .
96. „ korros (Reinw.) . .
97. „ ßlumenbaehii (Merr.)
Dryadidac.
98. Herpetodryas carinatus (Lin.) . .
99. Cyclophi.s aeslivus (Lin.) . . .
100. Philodryas viridissimus (Lin.) . .
101. „ Olfersii (Licht.) . .
102. Dromicns margaritiferus (Schi.)? .
Keine
Gruben
Eine
Grube.
Zwei
Gruben.
1) Da einige Verwirrung und Widerspruch in den Angaben
über diese Schiauge herrscht, ist es nothvvendig zu benierkeu, dass
Herr Professor Peters in Berlin in Folge meiner Aufrage mich gü-
tigst benachrichtigt hat, dass Dr. Weinland im Komenclator Rept.
et Amphib. Mus zool. Berol. p. 28 mit Unrecht den Coluber pleuro-
stictus des Berliner Museuuis zu E. Geoffroy's Gouleuvre ä raies
paralleles bringt, und Dumeril und Bibron beschuldigt, eine an-
dere Schlange unter diesem Namen beschrieben zu haben. Elaphis
pleurostictus in der Erpetologie generale T. VII. p. 244 ist wirklich,
wie die französiscl.cn Ilerpetologcn sagen, der ächte Coluber pleu-
rostictus 3Ius. Berol., aber sie haben einen Fehler begangen durch
die Angabe Montcvideo's als das Vaterland der Schlange; sie ist in
Mexiko einheimisch, und daher war auch das Exemplar, welches das
Pariser Museum von dem Museum zu Berlin empfing.
2) Bei dieser Schlange haben die Schuppen durch einander
theiis eine, theils zwei Gruben, doch am häufigsten zwei.
144
U e i n li a r d t :
103. Dromicus antillensis (Schi.) . .
104. „ Temminckii (Schi.) . .
105. „ lineatus (Liii.) . . .
106. „ melanotus (Shaw) . .
Psammophidae.
107. Psammophis crucifer (Merr.) . .
108. „ sibilans (Lin.) . .
109. „ elegans (Shaw) . .
110. Ramphiophis oxyrhynchus (Rhdt.)
111. Coelopeltis lacertina (Geoffr.)
Dendrophidae.
112. Bucephalus capensis (A. Smith)
113. „ viridis (A. Smith) ?
114. Chrysopelia rhodopleura (Reinw.)
115. „ ornata Boie . .
116. „ praeornata (Schi.)
117. Dendrophis pictiis (Gm.) . .
118. Leptophis liocercus (Wied.) .
119. „ mexicanus D. et ß. .
120. „ irregularis (Leach.)
Dryiopliidae.
121. Dryiophis aciiminatus (Wied.)
122. „ prasinus Reinw. . .
123. Passerita mycterizans (Daud.)
Pipsadidae.
124. Thamnodynastes Nattereri (Mik.)
125. Leplodeira rufescens (Gm.) .
126. „ annulata (Lin.)
127. Dipsas multimaciilata Reinw. .
128. „ dendrophila Reinw. . .
129. „ valida Fischer . . .
Keine
(irubeii
Eine
(»riibe.
Zwei
Gruben.
Ueber Gruben an Schuppen der Schlangen.
145
130. Leptognathiis nebulatus (Lin.)
131. „ Mikanii (Schi.) . .
132. Dipsadomorphus trigonatus (Sehn.)
133. Pareas laevis (Kühl) . . . .
134. „ carinatus (Reinw.) . . .
Keine
Gruben.
Scytalidae.
135. Prosymna meleagris (Rhdt.) ^^)
136. Simophis rhinostomus (Schi.) .
137. Scytale Neiivviedii D. et B.
138. Oxyrhopus pluinbeus (VVied.)
139. „ cloelia (Daud.)
140. ., formosus (Wied.) .
141. „ petolarius (Lin.) .
Lycodontidae.
142. Lamprophis aurora (Lin.) . .
143. Lycophidion Horstokii (Schi.)
144. ßoaedon unicolor (Boie)
145. „ geometricus (Boio)
146. Lycodon aulicus (Lin.) . .
147. „ rufozonatus Cant.
148. Cyclocorus lincatus (Rhdt.)
ae.
149. Hoplocephalus Gouldii Gray .
150. Pseudechis porphyriacus (Shaw)
151. Bungarus fasciatus (Sehn.)
152. „ semifasriatus Kühl .
153. :, üaviceps Rhdt. . .
Eine
Grube.
Zwei
(iruhen.
*) Es lässt sich kaum läujjnen, dass diese Gatlunff. deren Typiis^
ich seiner Zeit als eiiie Calamaria beschrieb, minder giü in die Cala-
niarien -Familie passt ; in der Gestalt der Schnauze schliesst sie sich
nahe an die Gattung- Simophis, und ich stelle sie vorläufi<T neben sie,
obschon ihr ein längerer Furchenzahn im Oberkiefer fehlt.
Archiv f. Naturg. XXVII. Jahrg. 1. Bd. 10
146
Reinhardt
154. Naja tripudians Merr. .
155. „ sputatrix Reinw. .
156. „ haje (Lin.) . . .
157. „ nigricollis Rhdt. .
158. Sepedon haemachates Merr
159. Causus rhombeatus (Licht.)
160. Elaps intestinalis Laur.
161. „ gracilis Gray . .
162. „ bivirg-atus Boie .
163. „ Macclellandi Riidt.
164. ,, lacteus (Lin.) . .
165. „ lemniscatus (Lin.)
166. „ corallinus (Lin.) .
167. „ surinamensis Cuv.
Dendraspididae.
168. Dendraspis Jamesonii TrailL
Hydrophidae.
169. Platurus laticaudatus Thunb.
170. Pelamis bicolor (Sehn.)
Yiperidae.
171. Pelias berus (Lin.) . .
172. Vipera nasicornis (Shaw)
173. „ rhinoceros Schi.
174. „ elegans Merr. .
175. « clotho (Lin.)
176. „ carinata Merr. .
Crotalidae.
177. Crotalus horridus Lin.
178. „ miliarius Lin.
179. Lachesis muta (Lin.)
180. „ nitida Glhr.
Keine
Gruben
Eine
(■lube.
Zwei
Gruben.
Ueber Gruben an Schuppen der Schlangen.
147
181. Cenchris contortrix (Lin.) . .
182. Trigonocephalus Blomhoffii Boie
183. „ rhodostonuisReinw
184. Bothrops jararaca (Wied.)
185. Bothrops sp. ?
186. Bothrops alternatus D. et B. ?
187. „ gramineus (Shaw)
188. „ bilineatus (Wied.) .
189. Atropos punicea (Reinw.) . .
190. Tropidolaemus bivittntiis Kr
Mus. Haf. . .
191. „ mystaxKr. inMus
Haf. . . .
191
in
Keine
(iruben
85
Eine
Grube.
Zwei
Gruben.
44
62
Die hornigen Kieferplatten des amerikanischen
i^lanatus.
Von
Dr. H. möbius
in Hamburg,
(Hierzu Taf. VII).
Das Hamburger naturhistorische Museum erhielt in
diesem Jahre von Belize am Golf von Honduras den Kopf
eines Manatus in Fleisch und Haut. Aus Mangel an Wein-
geist Avar das Fleisch von angehender Fäulniss ganz mürbe
geworden; nur die Horngewebe hatten sich erhalten und
unter diesen auch die hornigen Platten auf dem Ober- und
Unterkiefer; allein das Gewebe, welches dieselben mit den
Knochen verbunden hatte war zerstört; denn sie Hessen
sich ohne Widerstand von ihrer Unterlage abheben.
Die Umrisse derselben entsprechen im Allgemei-
nen den Knochenfläclien , worauf sie ruhen. Die obere
Hörn platte (Fig. 1) bedeckt die unlere Fläche der Zwi-
schenkieferbeine und den vorderen Theil der Oberkie-
ferbeine, die letzleren in einer Länge von 6 Centime-
tern , wenn man von der vordersten Spitze ihres inneren
Randes aus misst. Von einer geraden Linie, welche die
Vorderränder der ersten Backzahnalveolen verbindet, steht
der Hinterrand dieser Hornplatte 18 Mm. weit ab. Sie ist
10,5 Cm. (oder fast 4 Par. Zoll) lang und nahe beim Vor-
derende 5 Cni. breit. Von dieser breitesten Stelle aus
rundet sie sich nacii vorn zu ab. In der Mitte des Vor-
derrandes ist eine schmale Bucht (Fig. 1, b) , die Oefli'nung
einer Einsenkung zwischen den beiden Zwischenkieferbei-
nen. Nach hiiil'U zu versclimälert sich die Platte, so dass
sie in einem Abstände von 1,5 Cm. nur 3,5 Cm. Breite hat.
Mob ins: Die hornigen Kieferplatten d. amerik. Manatus. 149
Die untere Hornplatte (Fig. 2 von oben, Fig. 3
von unten gesehen) ruhet auf einer zerfressenen Fläche,
welche die vereinigten Unterkieferäste bilden. Diese Fläche
dacht sich homcr n«ch vorn ab und hat vorn in der Mitte
O TS
eine Furche, worin der Kiel der Hornplatte passt (Fig. 3, k),
und hinten drei niedrige Riefen. Am vorderen Ende die-
ses gewölbten und zerfressenen Theiles stehen drei zahn-
förmige Fortsätze. Bis hierher reicht das Yorderende der
unteren Hornplatte, während ihre beiden hinteren Hörner
auf den schmalen Kanten der Unterkieferäste bis an die
ersten Backzähne laufen. Misst man von einer Verbindungs-
linie der beiden Hörnerenden (Fig. 3, h h) aus bis zum vor-
dersten Punkte der Platte, so ergiebt sich eine Länge von
8,5 Cm. , ihre grösste Breite , etwas vor der Mitte, beträgt
4,5 Cm. Sie verschmälert sich nach beiden Enden , nach
hinten jedoch etwas mehr als nach vorn , wo sie sich in
einem flachen Bogen abrundet, während sie hinten eine
Bucht bildet, deren Winkel gegen 100*^ beträgt.
Die Dicke der Platten liegt an den meisten Stellen
zwischen 2 und 4 Mm. Da jedoch, wo sich der Kiel der
Unterkieferplatte am tiefsten einsenkt (Fig. 3, k), beträgt die
Dicke 8 Mm., wenn man von den Spitzen der feinen Horn-
fasern aus misst, die oben in der Mittelfurche stehen. In
beiden Platten sind die vorderen Stücke dicker als die hin-
teren und der Rand dünner als der innere Theil. An der
Oberkieferplatte ist derselbe in der ganzen hinteren gross-
warzigen Abtheilung hautartig dünn. Am Hinterrande sind
beide Platten so dünn , dass sich die Hornmasse einrollt,
wenn sie trocken wird.
Der grösste Theil der äusseren Fläche beider Platten
ist dunkelbraun; nur die vorderen Stücke sind schmutzig
grau; ihre Innern Flächen sind gleichmässig hellgrau.
Die Oberkieferplatt e ist grösstentheils mit dicken
Warzen besetzt, die 2 — 5 Mm. Höhe haben und fast alle
ihre Spitze schräg nach unten und hinten wenden. Die
hinteren Warzen ordnen sich rechts und links in Reihen,
die vorderen stehen in unregelmässigen Gruppen oder ein-
zeln. Das vorderste Fünftel der äusseren Fläche hat nur
kleine Wärzchen mit pflasterförmig zusammengedräng-
150 Möbius;
ten Spitzen, deren Durchmesser höchstens 0,5 Mm. beträgt;
noch feinere, aber weniger zusammengedrängte Wärzchen
bedecken den ganzen übrigen Theil derselben zwischen und
auf den grossen Warzen.
Die äussere Fläche der Unterkieferplatte
hat eine liefe Mittelfurche und zwei gebogene Sei-
tenfurchen (Fig. 2). Neben jener stehen niedrige, mei-
stcntheils flach oder selbst concav abgekauete Warzen
(Fig. 8), deren Seitenflächen mit stufenförmig heraufragen-
den Hornplättchen bedeckt sind. Aehnliche , oft einige
Millimeter lange, haarfeine Hornfasern füllen die Furchen aus.
Auf den abgenutzten Stellen beider Platten werden
dünne Röhren sichtbar, besonders auf dem Gipfel der gros-
sen Warzen (Fig. 8) und am vorderen Ende der Unterkie-
ferplatte (Fig. 9). Dies sind die Endflächen der Horncy-
linder, in welche sich mürbe Stücke der Platten leicht zer-
reissen lassen. (Vergl. Fig. 6 und 7.)
Die inner n, den Knochen zugewandten Flächen
der Platten haben, den grossen Warzen auf der äusse-
ren Fläche entsprechende tiefe Löcher ; recht zahlreich
sind solche in der oberen Platte in dem ganzen grosswar-
zigen Theile; in der unteren aber nur zu beiden Seiten
des Mittelkiels (Fig. 3).
Dieser Kiel erinnert an die Crista eines Vogelbrust-
beins. Er beginnt bei dem Winkel zwischen den Hörnern
mit 1,5 Mm. Höhe und steigt vorn (bei k in Fig. 3) bis zu
6 Mm. an. Hier hat seine Basis auch die grösste Breite.
Derselbe entspricht der tiefen Mittelfurche, wie die bogi-
gen Erhöhungen an seinen Seiten den Scitenfurchen der
Oberfläche.
Ueberall, selbst in den Warzenlöchern ist die Innen-
fläche der Platten mit Poren übersäet. Diese sind am
grössten in dem vorderen kleinwarzigen Stücke der Ober-
kieferplatte und in dem Mitteltheile und an den Seitenrän-
dern der Unterkieferplatte ; am kleinsten in dem grosswar-
zigen Theile der Oberkieferplatte. Jene sind meistentheils
eckig (Fig. 10), diese gewöhnlich rund (Fig. 11). In den
Wänden der grösseren Poren sitzen häufig wieder kleinere.
Die Platten bestehen aus zwei Schichten von
Die hornigen Kieferplatten des amerikanischen Manatus. 151
Horn Zellen. Die un tere Schi cht (Fig. 6, 7 u. 13, u)
erscheint in Querschnitten schmulzig weiss, die obere
(Fig. 6, 7 u. 13, o) glänzend graiigelb. Die untere ent-
hält zahlreiche Röhren, die obere ist dicht. Diese
Röhren erstrecken sich fast bis an die Grenze der dichten
Schicht. Offenbar ragen die Papillen der unterliegenden
Haut auf ähnliche Weise in dieselben hinauf wie die Blät-
ter des Nagelbettes in die Schleimschicht des Nagels ein-
dringen.
In feinen Schnitten der unteren Schicht sind die
Zellkerne ohne Anwendung von Reagentien deutlich
(Fig. 13, u); doch treten die Zellwände erst bei Zusatz von
verdünntem Kali scharf hervor (Fig. 16).
Feine Schnitte der oberen graugelben Schicht
erscheinen im Wasser gestreift; in der Mitte der Wärzchen
ist die Streifung dunkel und grob, an den Seiten hell und
fein. Durch Zusatz von Kali oder Natron werden auch in
in dieser Schicht bald Zellen sichtbar (Fig. 17); nach einer
4V2 stündigen Einwirkung von kalter concentrirter Kali-
lauge trat auch noch der Kern hervor (Fig. 18). Der dun-
kele innere Theil der Wärzchen besteht aus flacheren Zel-
len als der helle; ihre Oberfläche ist rauh, rissig und un-
durchsichtig schwarzbraun (Fig. 13).
In feinen Horizontalschnitten durch die un-
tere Schicht erscheinen die Poren umgeben von Schich-
ten, in welchen schon bei geringen Vergrösserungen die
dunkeln Zellkerne zu sehen sind (Fig. 14 u. 15).
In Horizontalschnitten durch die obere
Schicht legen sich ähnliche, aber zellkernlose Schichten
um die dunkle Achse herum, welche das Centrum der klei-
nen Wärzchen einnimmt (Fig. 12).
An sehr abgekaueten Stellen , z. B. auf den Spitzen
der grossen Warzen und am Vorderende der Unterkiefer-
platte ist die Achse etwas tiefer abgenutzt als ihre concen-
trischen Hüllen, so dass diese einen kleinen Wall um eine
flache Aushöhlung herum bilden (Fig. 8 u. 9).
Zusammenfassung :
Die inneren Flächen der Ober- und Unter-
kiefer des amerikanischen Manatus sind von
152 RIöl. ins:
gefurchten und warzigen Hornplatten bedeckt,
w el c h e i n ihrer ganzen Ausdehnung aus einer
unteren r ö h r i g e n und einer oberen dichten
Schicht bestehen. Die obere trägt zahlreiche
Wärzchen, welchen Röhren in der unteren ent-
sprechen. Diese sind von concentrischen Zell-
schichten umgeben, weicheunter einander fe-
ster zusammenhängen, als die Grenzschichten
verschiedener nebeneinander liegenden Röh-
ren, sodass sich die Platten inHorncylinder
zerfasern lassen, die rechtwinkeliggegenihre
Oberflächen stehen.
A. V. Humboldt sagt in Wiegmann's Archiv J838.
p. 5, dass der Gaumen des Manatus mit einer chagrinirten,
von Ritzen durchzogenen Haut bekleidet sei, und dass das
Polster der Unterkinnlade 3 — 4 Furchen zeige. Das Thier
reisst, nach seinen Beobachtungen, mit dem Gaumen Gras
ab, wozu diesen offenbar die rückwärlsstehenden rauhen
Warzen der Hornplatle, deren abgenutzte Theile sich von
unten fortwährend ergänzen, sehr geschickt machen.
Bei einem jungen Manatus aus Para fand S l a n n i u s ^)
den harten Gaumen mit einem dicken derben Epithel be-
kleidet, das sehr flache , pflasterlörmige in Querreihen ge-
stellte Vorragungen bildete. Auf dem Unterkiefer sah er
zwei derbe, durch eine seichte Längsfurche getrennte Pol-
ster, welche vorn einen gemeinsamen convexen Rand be-
sitzen und zahlreiche kurze und dicke Borsten tragen.
Aehnliches bemerkt auch Albers -).
In diesen Beschreibungen der inneren Flächen des
Ober- und Unterkiefers erkennt man leicht die Hornplatten
wieder, die ich oben nach Exemplaren eines beinahe aus-
gewachsenen Thieres geschildert habe.
Die Beschalfenheit und Lage derselben erinnert auf-
fallend an die Kauplatten der Steller'schen Seekuh, Rhytina
1) Beiträge zur Kenntniss der amerik. Manatis. Rostock 1845.
p. 5 u. 6.
2) Icones ad illustiand. anatom. comparat. Fascic. II. p. 7 (nach
einem bei Stannius a. a. 0. p. 3 abgedruckten Cilate).
Die hornigen Hieferplatten des amerikanischen IManalus. 153
Stellen Desm. Man lese nur folgende Stelle in Steller's
ausführlicher ßeschreibuno- von sonderbaren Meerlhieren,
Halle 1753. p. 59 ii.GO: „Das Kauen verrichten diese Thiere
mit zwei langen Knochen , die gleichsam ganze Reihen
oder eine Zahnmasse vorstellen. Einer von diesen ist am
Gaumen , der andere an dem Unterkinnbacken fest. Diese
Knochen sind aber auf ganz ungewöhnliche Weise befe-
stigt und man kann ihrer Art der Vereinigung keinen be-
kannten Namen geben. Eingenagelt kann es nicht heissen,
weil diese Beine nicht in dem Kinnbacken Avio Zähne stek-
ken, sondern ihre viele Hügelchen und Löcher in andere
Löcher und Hügelchen im Gaumen und Unterkinnbacken
zusammentreffen. Am hinteren Theile wird das- Zahn-
bein durcli einen doppelten Fortsatz in den Gaumen und
Unterkinnbacken eingelassen und dergestalt befestigt. Diese
zermalmenden Knochen haben unterwärts viele Löcherchen,
wie ein Fingerhut oder Schwamm — , oben sind sie mit
viel gekrümmten wellenähnlichen Furchen ausgehöhlet,
zwischen denen Erhabenheiten hervorgehen."
Der von Steller angeführte doppelte Fortsatz findet
sich am hinteren Ende der Unterkieferplatte des Manatus
ebenfalls und seine Platten sind aus Horncylindern zusam-
mengesetzt, wie die Kauplatten der Rhytina Stellen nach
den Untersuchungen von Brandt ^) , von dessen Abbil-
dungen J. A. Wagner im T.Bande der Säugethiere von
Schreber auf Taf. 385 eine Copie gegeben hat.
Bei einer so weit gehenden Uebereinstimmung zwi-
schen den Kieferplatten von Manatus und Rhytina kann
darüber kein Zweifel mehr sein, dass die Platten der letz-
leren nicht hornige Backenzähne sind, wie einst angenom-
men wurde , sondern dass sie eigenthümliche , unpaarige
Organe sind , die vor den auseinanderweichenden Kiefer-
äslen sitzen und es liegt nahe, zu vermuthen, dass die
Steller'sche Seekuh im Jugendzustande Backenzähne besitze,
wie der neugeborne Manatus Schneidezähne hat.
Wenn fernere Untersuchungen die noch bezweifelte
Unterscheidung zweier amerikanischen Manatus-Arten sicher
1) iMem. de l'Acad. de Petersbourg 6. Serie H. 1833.
154 Mob i US:
begrünilen sollten, so gehört der Kopf des Hamburger Mu-
seums mit den hier beschriebenen Kieferplalten einem Ma-
natus latirostris Harl. an , da er mit den von dieser Form
gegebenen Beschreibungen und Abbildungen harmonirt.
Der Schädel ist grösser als irgend einer der zehn,
deren Masse Krauss in Müller's Archiv 1858. p. 422 mit-
theilt. Das mögen folgende Grössen zeigen:
Länge von der Spitze der Zwischenkiefer bis
zur Oberfläche der Hinterhauptsgelenkköpfe 34 Cm.
Grösster Querdurchmesser zwischen den
äusseren Flächen der Jochfortsätze der Schlä-
fenbeine 22,7 „
Querdurchmesser des Gesichtstheils an der hin-
teren oberen Vereinigung der Zwischen-
kiefer 5 „
Querdurchmesser des Hinterhauptsloches . . 5 „
Länge der Stirnbeine in der Mittellinie . . 8,5 „
Breite der Nasenhöhle zwischen den hintersten
Spitzen der Zwischenkieferbeine .... 8,2 „
Länge des Zwischenkieferbeines 15 „
Länge des Unterkiefers von dem hinteren Rande
des Winkeltheils bis zur Spitze der Sym-
physis 22,5 „
Weite des Unterkiefers zwischen den äusseren
Rändern der Gelenkköpfe 18,1 „
Höhe des aufsteigenden Astes des Unterkiefers
von der hinteren Ecke des Kronfortsatzes
bis zum unteren Winkel 13,3 „
Entfernung der vorderen Ecken der Kronfort-
sälze von einander 9,6 „
Höhe an der Kinnecke (so weit die Naht läuft) 7,2 „
Grösste Breite der. inneren Fläche der verei-
nigten Oberkiefer (an der Grenze der Zwi-
schenkieferbeine) 5,2 „ •
Grösste Breite der Fläche der vereinigten Un-
terkiefer 4,1 „
Länge derselben (von dem vorderen zahnför-
migen Fortsatz bis zur Trennung der Unter-
kieferäste) 6,4 „
Die hornigen Kieferplatten des amerikanischen Älanatus. 155
In jedem Kieferaste sind (oben wie unten) 6 völlig
herausgetretene, zum Kauen gebrauchte Backzähne; der
siebente ist halb horaufgewachsen , ein achter und neunter
stecken noch in ihren Alveolen und müssen nach vorn ge-
schoben werden, wenn sie zum Kauen kommen sollen.
Die abweichenden Meinungen, welche unter den Zoo-
logen über die Nasenbeine des Manatus herrschen, ver-
anlassen mich , noch einige Worte über diese Theile hier
anzuschliessen.
Nach dem Befunde unseres Schädels halte ich mit
Cu vier, S ta nn ius , A. Wagner und Kr aus s die man-
delförmigen Knochen , welche in die Bucht des vorderen
Randes der Stirnbeine eingeschoben sind, für die Nasen-
beine. Sie Hessen sich , nach Ablösung der Haut leicht
aus den Vertiefungen herausheben, woraus sich erklärt,
dass sie vielen Schädeln verloren gegangen sind. Die Länge
ihrer oberen freien Oberfläche beträgt 2,6 Cm., die grösste
in die Mitte fallende Breite 1,5 Cm.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1. Aeussere Fläche der hornigen Oberkieferplatte des
amerikanischen Manatus. b Bucht und Einsenkung
zwischen den Zwischenkieferbeinen.
„ 2. Aeussere Fläche der hornigen Unterkieferplatte, h, h
die beiden auf den Unterkieferkanten liegenden Hörner,
welche bis zu den Backzähnen reichen.
„ 3. Innere F"läche der Unterkieferplalte. k die höchste Stelle des
Mittelkieles, die sich in eine Furche der Unterkieferfläche
einsenkt,
„ 4, Durchschnitt der Oberkieferplatte von vorn nach hinten
(zwischen Mitte und Seitenrand), v vorn, h hinten.
„ 5. Durchschnitt der Unterkieferplatte (ungefähr quer durch die
Mitte).
„ 6. Seitenansicht eines senkrechten Schnittes durch ein Stück
der Oberkieferplatte in natürlicher Grösse, u untere, o obere
Schicht.
„ 7. Ein kleineres Stück desselben Schnittes zweifach vergr.
u untere röhrige, o obere, dichte dunkele Schicht.
156 Möbius: Die hornigen Kieferplalten d. anierik. Manatus.
Fig. 8. Obere Ansicht einer grossen Warze der Unterkieferplatte,
4nial vergr. In der Mitte eine ausgekauete Vertiefung mit
den Enden der llorncylinder.
„ 9. Ein Stück von der abgenutzten äusseren Fläche der Unter-
kieferplatte niclit weit von dem Vorderrande nut Endflächen
von Horncylindern.
,, 10. Innere Fläche der Oberkieferplatte unter dem vorderen klein-
warzigen Theile. 3mal vergr.
„ 11. Innere Fläche der Oberkieferplalle unter dem grosswarzigen
Theile. 3mal vergr.
„ 12. Querschnitt eines Wärzchens des kleinwarzigen Theiles der
Oberkieferplatte nahe der äusseren Fläche. Links sind drei
llorncylinder nur gestreift, so dass der rauhe dunkelbraune
Beleg der äusseren Fläche noch zwischen ihnen liegt.
85mal vergr.
„ 13. Senkrechter Durchschnitt des kleinwarzigen Theiles der
Oberkieferplatte. o obere dichte Schicht, u untere röhrige
Schicht. 85mal vergr.
„ 14. Wagerechter Schnitt durch die röhrige Schicht der Ober-
kieferplatte mit kleineren runden Foren (vom grosswarzigen
Theile). 85mal vergr.
„ 15. Ebenso mit grösseren eckigen Poren (vom kleinwarzigen
Theile). 85mal vergr.
„ 16. Zellen der röhrigen Schicht mit verdünntem Kali behan-
delt. 260mal vergr.
„ 17. Zellen der dichten Schicht in verdünntem Kali. 260mal
veigrössert.
„ 18. Zellen der dichten Schicht, deren Zellkerne nach 4*/. stün-
digem Liegen in starker Kalilauge sichtbar wurden. 350n)al
vergrössert,
„ 19- Zellen aus den concentrischeu Schichten eines Wärzchens
der Oberkieferplalte in verdünntem Kali.
Hamburg, 9. Juni 1861.
Beobachtungen über den Bau und die Fortpflanzung
der Eleutheria (luatref. ')
Von
Dr. A. Krohn.
Herr Hincks hat neuerlich in den Annais and Magaz.
of natural history (3. Ser. Vol. 7. p. 73) höchst schätzbare
Beobachtungen über die Eleutheria mitgetheilt, die beson-
sers dadurch in's Gewicht fallen, dass sie die bisher immer
noch in der Schwebe gebliebene Frage über die Herkunft
und Stellung dieses überaus zierlichen Coelenteraten, zur
endlichen Lösung bringen. Denn obschon bereits von van
Beneden und Dujardin gegen die Ansicht des Ent-
deckers , der die Eleutheria den Hydrinen zugesellt hatte,
mancher gegründete Einspruch erhoben, ihre Verwandt-
schaft mit den Medusen erkannt, und ihre Abstammung von
einem Quallen — oder Hydroidpolypen vermuthet worden
war , so blieb doch der letztere noch zu entdecken ^).
Dies ist nun Hincks geglückt. Der Mutterslock an dem
die Eleutheria als Knospe entsteht, gehört nach Hincks
zur Abtheilung der Keulenpolypen f Coryniadae) , wo er
eine neue Art und Gattung — Clavatella prolifera — re-
präsentirt.
Ich habe im Mai dieses Jahres, während der beiden
letzten Wochen meines Aufenthaltes in Nizza, die Eleutheria
1) A. de Quatrefages, Mein, sur rEleulheiie dichotome,
nouveaii gerne de Rayonne, voisin des Hydres. Annal. d. scienc.
natur. 2. Ser. T. 18. p. 270.
2) V. Beneden, Bullet, de l'Acad. d. Bruxelles. 1844. T. 2.
p. 305. — Dujardin, Annal. d. scienc. natur. 1843. 2. Ser. T. 20.
p. 370 und ibid. 1845. 3. Ser. T. 4. p. 257.
158 Krohn:
täglich zu untersuchen Gelegenheit gehabt. Sie findet sich
dort ausschliesslich auf einer zarten confervenartigen Alge,
ganz dicht am Meeresufer, längs jener Strecke, die den
Namen Boulevard de rimperatrice führt. Diesen Beobach-
tungen ist es zu verdanken, dass ich im Stande bin, man-
che in den Arbeiten meiner beiden Vorgänger noch offen
gelassene Lücke auszufüllen.
Die bei Nizza anzutreffende Eleutheria kommt in allen
Stücken mit der an der Küste von Devon lebenden überein.
Wie schon Hincks anführt, unterscheidet sie sich von der
bei den Chaussey-Inseln entdeckten E. dichotoma dadurch,
dass bloss einer von den beiden Aesten in die jeder der
sechs Arme sich theilt, einen reichlich mit Nematocysten ge-
spickten Knopf trägt, während bei der E. dichotoma beide
Armäste mit einem solchen Knopfe (pelote) versehen sind.
Der Grösse nach stimmt die Eleutheria von Nizza mit der
E. dichotoma überein , indem sie bei völlig ausgestreckten
Armen 1,25 bis 1,50 Mm. misst , wovon 0,50 Mm. auf
Diameter des Leibes kommen.
Hat man ein lebenskräftiges Exemplar der Eleutheria
in einem Tropfen Seewasser auf den Objectträger gebracht
und betrachtet es nun unter einer angemessenen Vergrös-
serung, so sieht man es alsbald mittelst seiner Arme von
der Stelle rücken. Man überzeugt sich dann, dass die Pro-
gression ausschliesslich durch die an ihren Enden mit einer
saugnapfartigen Scheibe versehenen Armäsle, die in mannich-
fach wechselnder Reihenfolge bald an die Unterlage sich
anheften , bald wieder loslösen , vollführt wird. Die ge-
knöpften Armäste sieht man bloss bald hierhin bald dorthin
sich krümmen. Hat sich das Thierchen nach einer Weile
mit allen seinen Armen festgesogen, und verharrt es eine
Zeit lang in diesem Zustande , so sieht man die mit dem
Nesselknopf versehenen Aeste über den angehefteten, auf
welchen der Leib gleich wie auf eben so vielen Fussge-
Stellen ruht , in wagerechter Richtung nach aussen vorge-
streckt, sodass sie nun wie direkte Fortsetzungen der Arm-
stämme sich ausnehmen. Es hat dann das Thierchen, nach
einem ganz zutreffenden Vergleiche des Herrn Hincks,
das Ansehen eines winzigen sechsstrahligen Seesterns. Löst
Beobachtungen über den Bau der Eleutheria. 159
man es nun mittelst Nadeln von der Objectplatte los und
wendet es um , so dass nun die Mund Öffnung dem Be-
obachter zugekehrt ist , so sucht es aus dieser unbe-
quemen Stellung zu kommen, indem es den mit der Saug-
scheibe versehenen Ast des einen oder des anderen oder
mehrerer Arme , gegen die Unterlage hinkrümmt, um mit-
telst ihrer sich anzuheften. Ist dies geschehen, so gelingt
es ihm auch bald sich umzuwenden und so wieder die
frühere Stellung anzunehmen.
Mag demnach die Eleutheria, wie in dem eben ange-
führten Falle, auf einer horizontalen Ebene, oder wie in
natura auf der erwähnten in den mannichfaltigsten Richtun-
gen sich verzweigenden Alge umherkriechen , stets bleibt
hierbei die vom Munde durchbrochene Leibesfläche der Un-
terlage zugekehrt. Es ist also diese Fläche als Unterseite
(distale Fläche Hincks) , die entgegengesetzte stärker ge-
wölbte als Rückseite (proximale Fläche H.) zu bezeichnen ^).
Herr Hincks hat die Richtung, in welcher die Ga-
belung der Arme statthat , wenn nicht gerade übersehen,
so doch nicht mit dem gehörigen Nachdrucke hervorgeho-
ben. Bei genauerer Untersuchung wird man sich nun bald
überzeugen , dass der geknöpfte Ast bei seinem Abgange
vom Stamme, in mehr oder weniger geneigter Direction
nach oben und aussen, der mit der Saugscheibe versehene
nach unten sidi erstreckt, so dass der Divergenzwinkel,
wenn beide in dieselbe Linie zu stehen kommen oder, wie
man zu sagen pflegt, sich decken, eine zur Leibesachse
parallele oder senkrechte Stellung hat.
Was den Mund anlangt, so sieht man ihn häufig in
Form eines cylindischen, durch seine weisse Farbe ausge-
zeichneten Rohres sich hervorstrecken , wobei denn auch
1) Ich darf nicht unbemerkt lassen, dass diese Bezeichnungen kei-
nesweges mit denen des Herrn v. Quatrefages übereinstimmen. Es
will nämlich dieser Forscher beobachtet haben, dass die auf eine
Glasplatte gebrachte E. dichotoma, während des Fortschreitens, immer
nur die Fläche auf welcher der Mund, nach oben gekehrt habe. Hier-
nach wird diese Fläche als obere (respect. vordere) die entgegenge-
setzte als untere (respect. hintere) aufgefasst.
160 K r 0 h n :
die sonst nur massig gewölbte Unterseite des Leibes sich
stärker auftreibt. Dieses Mundrohr, das rüsselartig hin und
her gekrümmt wird, wechselt jedoch nicht selten seine Ge-
stalt. So wandelt es sich zuweilen zur Form eines kurzen
Trichters mit weiter Mündung um, treibt sich auch wohl zur
Gestalt einer Kugel auf. Hierin gleicht es also dem Mund-
zapfen der Quallenpolypen, dem wie nicht minder dem so-
genannten Magenstiele der Oceaniden, es auch morpholo-
gisch entspricht. Ist das Rohr vorgestreckt, so zeigt sich
der Mund, mag das Rohr seine Gestalt noch so oft ändern,
immer geöffnet , zieht es sich zurück, so schliesst sich der
Mund völlig. Offenbar ist durch diese Vorrichtung das
Thier in Stand gesetzt, seine Nahrung, die theils aus Dia-
tomaceen , theils ans kleinen Crustaceen (Copepoden) be-
steht, von den Zweigen der Alge abzulesen. — In Betreff
der Unterseite des Leibes will ich hier noch anführen, dass
deren äussere Schicht (Ectoderma) , wie bei E. dichotoma,
eine zahlreiche Menge von Nematocysten enthält , die dem
Mundrohre so wie allen übrigen Theilen des Leibes, mit
Ausnahme der Arme, ganz abgehen.
Herr Hincks hat die Angaben des Herrn v. Qua-
trefages über den Bau der Augen nicht bestätigen kön-
nen. Es scheinen ihm blosse Pigmentanhäufungen, ohne
Spur von brechenden Medien. Meinen Beobachtungen zu-
folge, kann ich für die Richtigkeit jener Angaben bis auf
die Annahme einer Cornea, deren Anwesenheit ich in Ab-
rede stellen muss, nur einstehen.
Wüsste man nicht bereits durch Hincks, dass die
Eleutheria von einem Hydroidpolypen stammt, so dürfte
der Nachweis eines Gastrovascularsystems , das nach mei-
nen Untersuchungen ihr eben so wenig wie den mit einem
Schirme ausgestatteten Medusen fehlt, allein schon hinrei-
chen, jeden Zweifel über ihre wahre Natur und Stellung
aus dem Wege zu räumen. Es ist dieses System freilich
viel schwächer als bei den eine pelagische Lebensweise
führenden Medusen entwickelt, besteht aber nichtsdesto-
weniger, dem Typus gemäss, aus Radiärkanälen, deren
Zahl den Armen entsprechend auf sechs sich belauft, und
einem an der Peripherie des Leibes angebrachten Ringge-
Beobachtungen über den Bau der Eleutheria. 161
fasse. Das ganze System ist als eine lacunenartige Aus-
höhlung- der inneren, bei aufTallendem Lichte weissgelblich,
unter dem Mikroskope braungelblich erscheinenden Leibes-
schicht (Endoderma) anzusehen ^). Um einen Ueberblick
dieses Systems zu gewinnen, verfährt man am besten, wenn
man denFocus zunächst auf die Rückseite des Leibes, dann
allmählich immer tiefer einstellt. Man überzeugt sich dann,
dass die sechs verhältnissmässig sehr weiten aber äusserst
kurzen Radiarkanäle von einer scharf umschriebenen, schei-
benförmigen, den Grund der Leibes - oder Magenhöhle ein-
nehmenden Stelle entspringen , von wo aus sie längs den
Radien die den Armen entsprechen, sich herabkrümmen, um
zuletzt im Umkreise des Leibes in das sichtlich engere
Ringgefäss einzumünden -). Von dem Ringgefässe geht für
jeden der Arme ein sehr enger, daher äusserst schwer
wahrzunehmender Kanal ab, der in der Achse des Arm-
stammes verlaufend , sich an der Rifurcationsstelle in zwei
Zweigespaltet, von denen je einer in den respectiven Arm-
ast sich einsenkt und ihn bis an sein Ende reichend, durch-
zieht ^).
1) Dem durch die äussere transparente Schicht (Ectoderma)
hindurchschimmernden Endoderma verdankt die Eleutheria ihre vveiss-
gelbe Farbe. Es hat diese Farbe ihren Sitz in rundlichen, in zahl-
reicher xMenge in dem Endoderma eingebetteten Körperchen, die wie
Quatrefages bereits erwähnt, aus einer Accumulation sehr kleiner
Körner bestehen.
2) Die oben erwähnte scheibenförmige Stelle ist allem Anscheine
nach eine seichte Ausbuchtung des Magengrundes und dürfte dem
sogenannten, von Gegenbaur (Grundzüge d. vergl. Anatomie p. 82,
84 u. 85) bei mehreren niederen Medusen (Craspedota) nachgewiese-
nen Chylusbehälter entsprechen.
3) Die Arme der Eleutheria stimmen im Bau mit denen der
meisten Hydrozoen durch ein fächeriges oder zelliges Gewebe über-
ein, dessen histiologische IVatur und physiologische Bedeutung noch
immer nicht genügend erforscht scheinen. Bei der Eleutheria, wo
der Achsenkanal mitten durch dies Gewebe sich erstreckt, sitzen den
Fächern oder Zellen in der nächsten Umgebung des Kanals , die
schon erwähnten braunen Körperchen , obwohl in äusserst sparsamer
Menge auf, wornach man denn berechtigt wäre , das ganze Gewebe
für eine eigenthümliche Modificalion des Endoderma anzusehen. Ich
fand es für nöthig diese Bemerkung hier einzuschalten, weil die An-
Archiv f. Naturg. XXVIT. Jahrg. 1. Bd. 11
162 K r o h II :
In den Achsenkanälen der Anne lassen sich häufig
Strömiino^en eines mit Körnchen geschwängerten Fluidiinis
(Chylus) wahrnehmen. Sie werden ohne Zweifei durch
das Spiel schwingender Cilien , dessen EITecte man an den
stellenweise in wirbelnder oder osciliatorischer Bewegung
begriffenen Körnchen leicht erkennt, hervorgerufen. Sie
stehen aber auch offenbar unter dem Einflüsse der wech-
selvollen Contractionszustände der Arme selbst, und erlei-
den dadurch manche Deviationen. In den übrigen Abschnit-
ten des Gastrovaskularsystems sind solche Strömungen we-
gen der viel dichteren Zusammendrängung der mehrfach
erwähnten braunen Körperchen , kaum zu unterscheiden.
Doch sah ich sie an manchen Stellen des Ringgefässes ganz
deutlich ^).
Die Eleutheria pflanzt sich theils durch Eier , theils
durch Knospen fort. Die erslere dieser Vermehrungsweisen
hat schon Quatrefages beobachtet und Hincks neuer-
lich bestätigt. Ich fasse sie zunächst in's Auge.
Als Bildungsstätte der Eier erweist sich die ganze
obere Wandung der Leibeshöhle oder die Rückseite. Hier
entstehen die Eier zwischen dem Ecto- und Endoderma,
hier durchlaufen sie auch sämmtliche Entwickelungsstufen
bis zur Reife der Embryonen. Der Erzeugungsheerd der
Eier ist also zugleich Brutstätte.
Die jüngsten mir zur Ansicht gekommenen Eier wur-
den bei einem noch nicht völlig ausgewachsenen Indivi-
duum angetroffen, das ihrer wohl an 30 enthielt. Die nä-
here Untersuchung einzelner derselben ergab Folgendes.
Einige erschienen von rundlicher, andere von mehr ovaler
Gestalt, alle aber von derselben Grösse, die ^ Mm. betra-
gen mochte. Mitten in dem körnigen, bei auffallendem Lichte
mattweiss erscheinenden Dotter, Hess sich eine Zusammen-
sichten des H. V. Quatrefages über den Bau der Arme, denen auch
H. Hincks folgt, von den nieinigen in vieler Beziehung abweichen.
1) War es mir nicht möglich, die Anwesenheit der Cilien im
Gastrovaskularsysteme zu consfatiren, so habe ich sie dagegen auf's
Deutlichste auf der Innenwand der Leibeshohle erkannt. Sie erschei-
nen hier als äusserst feine, verhältnissmässig lange, aber sehr ver-
streut vorkommende» Füden.
Beobachtungen über den Bau der Eleutheria. 1G3
Häufung von einzelnen grösseren, anscheinend soliden Kör-
perchen, denen etwas kleinere, kugelrunde, wie rothbräun-
liche Oeltropfen aussehende Bläschen beigemengt waren,
unterscheiden. Jedes der Eier war von einer zarten, von
dem Dotter durch einen kleinen Zwischenraum getrennten
Hülle (Chorion) umgeben.
Was die Dotterlurchung anlangt, so sind mir nur
zwei spätere Phasen derselben, nämlich die unter dem Na-
men der Maulbeerform bekannte und eine minder vorge-
rückte zu Gesicht gekommen. In diesem letzteren Stadium
zeigte sich der Dotter zwar schon in zahlreiche, aber ver-
hältnissmässig noch grosse, durch scharfe, hie und da po-
lygonale Begränzungon gegen einander demarkirte Fur-
chungsballen getheilt. Auch schien jeder Ballen den be-.
kannten Centralkern zu enthalten. Sämmtliche in der Fur-
chung begriffene Eier zeigten sich um ein Ansehnliches
(um zwei Dritttheile etwa) grösser als die oben beschrie-
benen Eikeime.
Die Embryonen, die ein und dasselbe Mutterthier be-
herbergt, sind der grösseren Zahl nach von ungleicher
Entwickelungsstufe, was darauf zurückschliessen lässt, dass
die Eier successive nach einander sich erzeugen. Je mehr
nun die Zahl der Embryonen zunimmt und je näher der
Zeitpunkt ihrer Reife heranrückt, desto stärker treibt sich
auch die Ruckseite des Mutterthieres auf, indem das Ecto-
derma immer weiter von dem Endoderma abgehoben wird.
Haben sich nun die Embryonen so weit entwickelt, dass
ihr Ausschlüpfen nahe bevorsteht, so zeigt sich die Rück-
seite in eine entsprechende Zahl von rundlichen Buckeln
hervorgehoben. Zuletzt reissen diese Buckel des Ecto-
derma einer nach dem anderen auf, und es kommen so die
Jungen in einer entsprechenden Reihenfolge in's Freie ^).
1) Hiernach unterliegt es wohl keinem Zweifel, dass das von
Hincks in der Leibeshühle eines Individuums angetrollene und für
einen freigewordenen Embryo angesehene Wesen, das nach mehrfa-
chen Versuchen nach Aussen zu gelangen, immer wieder in dieselbe
sich zurückzog , nur auf ein zufällig in den iMagen gerathcnes oder
verschlucktes Thierchen, wahrscheinlich einen Copepoden, zu bezic-
hen ist.
164 K r o h n :
Es lässl sich schon von vorn herein errathen , dass
diese Jungen nichts anderes sind als sogenannte Planulae,
deren Bestimmung es ist, nach längerem Umhcrscliwäimen
irgend einen passenden Standort zu finden, um sicli hier
festzusetzen und in einen neuen Polypen — oder Mutler-
stock — in unserem Falle also zur Clavatella — auszu-
wachsen.
Die Jungen der Eleutheria gleichen, um nur an ein
nahe liegendes Beispiel zu erinnern, denen der Meduse Cla-
donema. Ihr Körper ist länglich, cylindrisch, an dem einen
Ende stumpfer zugerundet, gegen das andere Ende hin
ziemlich rasch sich verschmächtigend. Er besteht aus einer
nahezu transparenten, dicken Aussenhülle (dem Ecloderma
der künftigen ersten Polypensprosse) , unter welcher noch
eine sehr dünne durch die schon oft erwähnten braunen
Körperchen ausgezeichnete Schicht (Endoderma der Poly-
pensprosse) zu liegen scheint , und einem Hohlräume, der
von einer scheinbar zelligen , bei reflectirtem Lichte krei-
deweiss erscheinenden Substanz (wahrscheinlich ein Ue-
berrest des umgewandelten Dotters) ausgefüllt ist. Die
Aussenhülle enthält eine nicht unbeträchtliche Menge von
Nesselkapseln, von gleicher Beschaffenheit mit denen des
Mutterthieres, nur um Vieles kleiner. Mittelst langer, fei-
ner, nicht gar dicht neben einander gestellter Cilien, gleitet
das Junge, immerfort um seine Achse sich drehend und das
stumpfere Ende voraustragend, ziemlich rasch in den ver-
schiedensten Richtungen fort. Es ändert seine Gestalt nicht
selten. Bei völlig ausgestrecktem Leibe misst es der Länge
nach c. ^Mm. , ist somit absolut grösser als das Junge des
Cladonema, dessen Länge höchstens auf i Mm. zu veran-
schlagen ist.
In Bezug auf die , wie wir nun wissen , im Multer-
leibe vor sich gehende Entwickelung der Embryonen,
glaube ich noch folgendes Wenige anführen zu müssen.
Noch vor der Reife des Embryo, der selbst in den späte-
sten Stadien die ihm gleich anfangs zukommende runde
Gestalt beibehält, lässt sich an ihm sowohl die transparente
Aussenhülle als auch die von der oben erwähnten, anfangs
noch maltweiss erscheinenden Zellenmasse ausgefüllte Cen-
Beobachtungen übei den Bau der Eleuthciia. 165
tralhöhle unterscheiden. Die AiissenhüIIe ist noch ohne
Cilien , und es fehlt auch noch jede Andeutung der späte-
ren Nesselkapseln. Je mehr nun der Embryo heranwächst,
desto stärker trübt sich auch die zellige den inneren Lei-
besraum einnehmende Masse, so dass sie zuletzt jene sa-
turirt weisse Farbe annimmt, die ihr in den freigeworde-
nen Jungen eigen. Während dieser Veränderungen be-
deckt sich die Aussenhülle mit Cilien, und später treten in
ihr auch die Nesselkapseln auf i).
Die Männchen der Eleutheria scheinen sehr selten.
Es ist mir ein solches nur ein einziges Mal zur Beobach-
tung gekommen. Gleichwie im Weibchen die Eier, so er-
zeugt sich auch beim Männchen das Sperma auf der Rück-,
Seite, zwischen Ecto- und Endoderma. Bei dem erwähn-
ten Männchen erschien nun der Rücken durch eine bedeu-
tende Quantität des als kreideweisse Masse durch das Ecto-
derma hindurchscheinenden Samens, stark angeschwollen.
Winzige Flöckchen dieses völlig reifen , durch Aufreissen
des Ectoderma künstlich herausbeförderten Sperma, zeigten
sich aus Tausenden von ungemein rührigen , durch ein
stabförmiges Köpfchen und ein langes , gegen sein Ende
fein auslaufendes Schwänzchen ausgezeichneten Zoosper-
mien zusammengesetzt.
Ich komme nun auf die zweite Art der Fortpflanzung,
nämlich die durch Gemmen , zu sprechen. Sie kommt nicht
nur den geschlechtslosen , sondern auch , was bemerkens-
werth ist, den geschlechtlich vollkommen entwickelten Indi-
viduen zu. So trugen die meisten mir zur Ansicht ge-
1) Nach der Ansicht von Qu a tr e f a g es sollen die Eier, wenn
sie eine gewisse Grösse erreicht, von einer durchsichtigen , durch
eine dünne helle Zwischenschicht vom Dotter getrennten, selbststän-
digen Membran umhüllt sein (1. c. p. 280. Fl. 8. fig. 1). Ich kann diese
angeblichen Eier nicht als solche gelten lassen. Es scheinen mir
Embryonen. Ich möchte demzufolge jene helle, den Dotter unmit-
telbar umgebene Zwischenschicht für nichts anderes als für die Aus-
senhülle der Embryonen halten, während mir die Annahme einer diese
Schicht noch äusserlich überziehenden Membran , falls nicht die
Eihülle oder das Chorion damit gemeint ist, auf einer Täuschung zu
beruhen scheint.
1616 Krohn:
kommenen Weibchen, mochte ihre Zahl der grossen Menge
geschlechtsloser Individuen gegenüber , auch noch so ge-
ring sein, theils mehr, tlieils minder entwickelte Knospen,
und in dem gleichen Falle war auch das oben bespro-
chene Männchen ^).
Die Knospe erscheint anfänglich unter der Gestalt
eines niedrigen , abgerundeten Auswuchses auf der Rück-
seite des Mutterthieres, dicht am Umkreise des Leibes, in
einem der Interbrachien oder Interradien. Sie ist ihrer
frühesten Entstehung nach nichts w eiter als eine Aussackung
des Ringgefässes , die bei ihrer Vergrösserung das Ecto-
derma vor sich hergeschoben und hügelig emporgehoben
hat. Sie besteht demnach aus zwei über einander gela-
gerten Schichten, dem Ecto- und Endoderma und einer mit
dem Gastrovaskularsystem communicirenden Höhle.
Der Auswuchs nimmt nun im Laufe der Entwickelung
die Gestalt eines hemisphärischen Gebildes an , indem er
an seiner dem Mutterthiere, noch breit aufsitzenden Basis,
immer mehr sich verengt oder einschnürt , während sein
von der Mutter abgewendetes oder distales Ende sich ver-
breitert und abflacht. Bald sieht man an der Peripherie
dieser distalen Fläche sechs rundliche Vorsprünge in glei-
chen Abständen von einander sich erheben, wobei denn
auch das die Höhle der Gemme begränzende Endoderma in
eine entsprechende Zahl von Aussackungen sich auszieht.
Es sind diese Vorsprünge, wie leicht zu errathen, die An-
lagen der künftigen Arme.
Haben sich die gedachten Vorsprünge zu den Arm-
stämmen entwickelt , so kommen bald darauf auch deren
Aeste zum Vorschein. Das Ende des einen Astes, näm-
1) Meine Untersuchungen fallen, v\ie gesagt, in die erste Hälfte
des Mai. Es scheint nun aus den Beobachtungen des H. v. Qua-
trefagcs hervorzugehen, dass die Knospenbildung zu anderen Jah-
reszeiten vor der geschlechtlichen Fortpflanzung ganz zurücktritt.
Dieser Forscher sagt niinilich ausdrücklich , dass er an der in den
Sommermonaten beobachteten E. dicholonia nicht die geringste An-
deutung von Knospen wahrgenommen habe, so dass die Vermehrung
derselben während dieser Jahresperiode, wohl ausschliesslich durch
Eier zu Stande kommt.
Beobachtungen über den Bau der Eleutheria. 167
lieh des späteren oberen , schwillt immer stärker an, ver-
sieht sich mit einer immer grösseren Zahl von Nematocy-
sten und wird so zum Nesselknopfe. In diesem Stadium
scheint das den Armen zukommende fächerige Gewebe noch
kaum angedeutet. Das die braungefärbten Körperchen in
reichlicher Menge enthaltende Endoderma der Arme, liegt
nämlich dem Ectoderma dicht an, und die Achsenkanäle
sind noch um ein Bedeutendes weiter als im ausgewachse-
nen Thiere. Der Sprössling sitzt mittelst eines kurzen,
vom Scheitel der gewölbten Fläche (der späteren Rück-
seite) abgehenden Stieles dem Mutterthiere auf.
Während nun derselbe zu seiner künftigen Gestalt
heranreift, treten dicht über den Ursprüngen der Arme zu-
nächst die Augen auf und später kommt auch der bisher
noch vermisste Mund zum Vorschein. In den Armen lässt
sich zwar jetzt die fächerige Structur schon viel deutlicher
erkennen, allein das Endoderma , wenngleich sichtlich von
dem Ectoderma abgehoben und gegen die Achse der Arme
hingedrängt , hat nach immer die frühere intensiv braune
Farbe.
Kurz vor der Reife erwacht nun im Sprösslinge der
Trieb zu selbstständiger Bewegung. Man kann dann wahr-
nehmen , wie er die Arme immerfort hin und her krümm l,
auch wohl mittelst ihrer an die nächstliegenden Gegen-
stände sich anzuheften versucht. Ist nun der Zeitpunkt
seiner Lostrennung vom Mutterthiere herangerückt , so fällt
er sammt dem Anheftungsstiele ab, wornach denn der letz-
tere rasch sich verkürzt, um schliesslich einzugehen. Die
Grösse des freigewordenen Sprösslings ist dem Leibesdurch-
messer nach auf ^ Mm. zu veranschlagen , so dass er bis
zur definitiven Grösse noch um das Doppelte zu wachsen
hat 1).
Die Knospenbildung beginnt schon in einer sehr frü-
1) Yergleicht man die obige Schilderung der Knospenenlwicke-
lung mit der von II indes, dem es vergönnt war, sie am Polypen-
stocke zu beobachten , so wird man die beiderseitige Uebereinstim-
mung in Bezug auf die wesentlich hierbei in Betracht kommenden
Momeute wohl nicht verkennen.
168 Krohn:
hen Periode des Lebens, zu einer Zeit, wo die junge Eleu-
theria als Sprössling noch mit dem Mutterthiere zusammen-
hängt. Kurz vor der Loslösung des Sprösslings lässt sich
nämlich in einem der Jnterradien schon die erste im Her-
vorkeimen begriffene Knospe unterscheiden. Ist der Spröss-
ling frei geworden, so nimmt die Zahl der Gemmen mit dem
fortschreitenden VVachsthume zu, und zwar in der Weise,
dass in je einem der fünf übrigen Interradien , immer nur
eine einzige Knospe sich erzeugt. In seltenen Fällen kommt
noch eine siebente Knospe hinzu , die meistens dicht un-
ter einer schon weit ausgebildeten hervorzubrechen scheint.
Es alterniren so die Gemmen, wenn ihre Zahl, wie
ich das nur bei den geschlechtslosen Individuen und auch
nur selten beobachtet, auf sechs sich beläuft, sehr regel-
mässig mit den Armen , und stellen je nach der Zeit, in
welcher sie erschienen sind , sehr verschiedene Entwicke-
lungsstufen dar.
Am Schlüsse des vorliegenden Aufsatzes kann ich
wohl, dreist den Ausspruch thun, dass die Eleutheria zu
den Medusen gehöre. Zur Stütze dieser bereits vor der
Entdeckung des Mutterpolypen von manchem neueren For-
scher acceptirten Ansicht, habe ich weitere Belege beige-
bracht, von welchen die Entdeckung des Gastro vaskular-
systems , die Aufschlüsse über die auf geschlechtlichem
Wege erzeugte Brut, wodurch eine fühlbare Lücke in der
Entwickelungsgeschichte des mütterlichen Polypen ausge-
füllt wird , so wie der Nachweis einer ursprünglich vom
Gastrovaskularsysteme ausgehenden Fortpflanzung mittelst
Gemmen, besonders hervorzuheben sind ^).
1) Meines Wissens ist bis jetzt nur eine Meduse bekannt, die
gleich der Eleutheria , im geschlechtsreifen Zustande zugleich Knos-
pen treibt. Es ist die Sarsia prolifera Forb. (s. Busch, Beobach-
tungen über Anatomie und Enlvvickelung einiger niederen Seethiere
p. 7). Als ein weiteres Beispiel der Art glaube ich, zufolge einer
schon vor mehreren Jahren gemachten Beobachtung, noch die Gcryo-
nia proboscidalis anführen zu müssen. Während meines Aufenthaltes
in Messina, im Jahre 1843, kam mir nämlich ein weibliches Exem-
plar dieser Meduse zu Gesicht, dessen, wie bei Liriope, frei in die
31agenhöhlc biuaLrcicIieudes Stielende, mit Sprösslingen von unglei-
Beobachtungen über den Bau der Eleuthci ia. 169
Es ist wahr, die Eleiithoria weicht von den übrigen
Medusen durch die Abwesenheit eines Propulsionsorgans
oder Schirms in nicht geringem Grade ab, allein dieser Man-
gel steht, w ie Niemand läugnen wird, in vollstem Einklang
mit ihrer Lebenweise. Gleichwohl lässt sich die Eleuthe-
ria, mit Beihülfe der Phantasie, in eine gewöhnliche Meduse
umw^andeln. Man braucht sich nur den Leib von der Pe-
ripherie aus, aber ohne dass die Magenhöhle dabei in An-
spruch genommen wird , verbreitert und zur Form eines
Schirms oder einer Glocke umgeschlagen zu denken. Die
Magenhöhle bleibt dann in ihrer Ausdehnung, wie etwa bei
den Oceaniden , auf das Centrum des also entstandenen
Schirms beschränkt. Die Arme nebst den Augen und dem
Ringgefässe rücken dagegen um die ganze Länge der
Schirmradien aus ihrer früheren Stellung, w^omit denn auch
selbstverständlich eine entsprechende Verlängerung der
Radiärkanäle sich vergesellschaftet.
Was nun schliesslich die verwandtschaftlichen Bezie-
hungen der Eleutheria zu den bisher aufgestellten Medu-
sengattungen betrifft, so ist sie neuerlich von Gegen bau r,
und wie mir däucht mit vollem Rechte , in die Nähe der
Gattung Cladonema Duj. gebracht worden (s. Zeitschr. f.
wissensch. Zoolog. Bd. 8. p. 230). Es zeigt sich in der
That theils im Bau , theils in der Lebensw^eise manche be-
cher Entwickelung dicht besetzt erschien. Die minder entwickelten
nahmen den oberen , die weiter vorgeschrittenen den unteren Theil
desselben ein. An jenen Hessen sich bloss Schirm und Stiel unter-
scheiden j diese hatten nicht nur schon die sechs Fangfäden oder
Tentakel, sondern auch die Randkörper entwickelt. Alle diese Spröss-
linge sassen mit dem Scheitelpunkte ihres Schirmes dem Stielende
des Mutterthieres fest auf. So befremdend es auch sein mag, Knos-
pen innerhalb eines Organs hervorkeimen zu sehen, das zugleich zur
Aufnahme und Verdauung der Nahrung bestimmt ist , so darf doch
nicht übersehen werden, dass dieselbe Erscheinung bereits an einer
anderen ]\leduse beobachtet ist. Es ist die Aegineta prolifera Gegenb.
(s. Verhandl. d. physical, -medicin. Gesellsch. in Würzburg Bd. 4.
p. 209) — Im Ganzen aber scheint die Forlpllanzuug mittelst Knos-
pen nijirr den Quallen nur von geringer Verbreitung und nach dem,
was daiübcr verlautet, zumeist auf die Jugendzeit beschränkt zu sein.
170 Krohn: Beobachtungen über den Bau der Eleutheria.
merkenswerthe Uebereinstimmiing zwischen beiden. In Be-
treff des ersten Punktes ist zunächst an die dichotoinische
Theilung- der Arme, die bei Cladonema freilich in grösserem
Maassstabe ausgeführt; ist, während der Entwickelung am
mütterlichen Poiypenstocke (Stauridium) jedoch noch ganz
mit der bei Eleutheria übereinkommt ^), sodann an die verhält-
nissmässig hohe Organisation der Augen zu erinnern. Was
den anderen Punkt anlangt , so weiss man bereits seit den
Beobachtungen Dujardin's, dass das Cladonema zu Zei-
ten mittelst seiner Arme, gleich der Eleutheria, sich anzu-
heften und längere Zeit in diesem Ruhezustande zu ver-
bleiben pflegt. Im Hafen von Messina , wo diese Meduse
nicht selten vorkommt, hält sie sich nach meinen Erfahrun-
gen, meistens auf einer converfenartigen, den Meeresgrund
in Menge überziehenden Alge auf und scheint nur selten
an die Meeresoberfläche zu kommen.
1) Dujardin 1. c. 1843. T. 20. p. 372. —Nach Keferstein
und Ehlers (Zoologische Beiträge 18G1. p. 86) ist an den Armen
junger bereits freigevvordener Cladonemen von 0,8 Mm. im Schirni-
durchmesser, noch eben so wenig eine Andeutung weiterer Veräste-
lung wahrzunehmen.
Bonn, den 8ten Juli 1861.
lieber die Ilirnfiinctioiieii mit besonderer Beziehung
zur allgemeinen Zoologie,
Von
Rud. Wagner
in Göttingen.
Abgedruckt aus den Göttinger Nachrichten 1861. No. 10).
Es ist merkwürdig, dass in allerjüngster Zeit wieder
ein überaus lebhaftes Interesse für gewisse naturwissen-
schaftliche Fragen von sehr allgemeiner und weittragender
Tendenz sich geltend macht, die seit mehr als einem Men-
schenalter fast völlig ruhten, nachdem sie im vorigen Jahr-
hundert der Gegenstand vielseitiger Theilnahme und Bear-
beitung gewesen waren. Es sind dies diejenigen Fragen,
welche zunächst an die Naturgeschichte des Menschen-Ge-
schlechts anknüpfen , aber von da aus nicht bloss in die
allgemeinsten Grundprinzipien der gesammten organischen
Naturlehre eingreifen, sondern auch die geschichtlichen und
vorgeschichtlichen Ereignisse in der belebten Bevölkerung
unseres Planeten, die Geologie und historische Anthropo-
logie, auf das Wesentlichste berühren.
Die durch triviale Behandlung und unzureichende Be-
weisführung bereits langweilig gewordenen älteren Unter-
suchungen über den Unterschied des Menschen von den
Thieren, über die Verwandtschaft des Menschen mit den
Affen, über die Artidentität der Menschen -Rassen u. s. w.,
welche lange ein stehendes Kapitel in den Compendien
einnahmen, haben durch die vor einigen Jahren erfolgte
Entdeckung eines neuen und zwar kolossalen anthropomor-
phen Affen, des Gorilla in West-Afrika, neben dem Chim-
172 Wagner:
panse und dem oslindischen Orang-Utang-, die Zoologen
wieder auf das Studium dieser merkwürdigsten höchsten
Gruppe von Säugethicren geleitet und das bekannte neue
Werk von Darwin hat ebenfalls das Interesse an den an-
geblichen Uebergangsformen vom Menschen zum Affen nur
gesteigert. Erst vor wenigen Wochen haben zwei der
ausgezeichnetsten englischen Naturforscher, R. Owen (wel-
cher sogar jüngst versucht hat, die systematische Einthei-
lung der Säugethiere auf die Hirnbildung zu gründen) und
Huxley einen ziemlich erbitterten Streit im Athenaeum ^)
weitergeführt, der bei der vorjährigen Versammlung der
British Association in Oxford schon begonnen hatte. Der
Streit betrifft zunächst die Frage, ob die Bildung des Ge-
hirns bei dem Menschen und den Affen im Wesentlichen
identisch sei oder nicht. 0 w e n sprach sich in letzter
Zeit für eine durchgreifende Verschiedenheit des mensch-
lichen Gehirns einerseits und des Gehirns aller Affen ande-
rerseits aus, so dass er die Behauptung aufstellt, die höch-
sten und niedersten Affen ständen sich in dieser Hinsicht
näher, als die höchsten Affen und der Mensch, während
Huxley, ohne freilich in dem Maasse wie Owen eigene
ausgedehnte Untersuchungen über diesen Gegenstand ge-
macht zu haben, der entgegengesetzten Ansicht ist und
diese durch Zusammenstellung der namhaftesten neueren
encephalotomischen Arbeiten zu beweisen sucht. Gleichzei-
tig hat in Frankreich insbesondere Gratiolet, einer der
genauesten Kenner der Anatomie des Gehirns bei Menschen
und Thieren , diese Fragen ebenfalls aufgenommen und in
der seit anderthalb Jahren gegründeten, bereits mit dem
schönsten Erfolge thätigen Societe d'Anthropologie Vor-
träge gehalten. Gratiolet hat nicht bloss den Gorilla
und die anderen anthropoiden Affen in Bezug auf die Hirn-
bildung genau studirt, sondern, was sehr wichtig ist, be-
sondere Rücksicht auf diejenigen niedersten Entwickelungs-
formen des Gehirns beim Menschen genommen, welche bei
den mikrocephalischen Idioten vorkommen , die zuweilen
1) March lÖGl. p. 394. p. 433. April p.4G7u. 498.
lieber die Hirnfiinclionen. 173
selbst das volle Mannes-Alter erreichen und unter günsti-
gen umständen ihr Leben aul" mehr als drei Dezennien brin-
gen können , Mährend sie forhvährend auf der tiefsten
Stufe der Intelligenz , weit unter derjenigen der höheren
Thiere, verharren.
Die Gefälligkeit meines Freundes, des Medizinal-Raths
und Professors Theile in Weimar, der einen von ihm
jüngst in Hcnle's und Pfeufer's Zeitschrift vortrefflich be-
schriebenen Schädel eines Mikrocephalus von 26. Jahren
nebst Gehirn zur Benutzung für meine encephalotomischen
Studien hieher sandte, verschaffte mir die längst gewünschte
Gelegenheit, ein solches Gehirn näher kennen zu lernen.
Ich Hess ausserdem an dem Schädel einen Ausguss der
Hirnhöhle in Gyps machen und verglich denselben mit
einem zu dem Zwecke angefertigten Schädel-Ausguss des
31jährigen Mikrocephalus der Bliimenbach'schen Samm-
lung ^); beide wurden sodann mit den wenigen guten Be-
schreibungen und Abbildungen von Gehirnen solcher Idio-
ten verglichen, welche wir nur allein von Vrolick und
Gratiolet besitzen.
Diese Untersuchungen haben begreiflicher Weise auch
auf die Kenntnisse anderer interessanten Verhältnisse ^ros-
sen Einfluss. Dahin gehören gewisse psychologische Fra-
gen über die Beziehung gewisser Form- und Massen-Ver-
hältnisse des gesammten Gehirns und einzelner Theile zu
den psychischen Leistungen. Indem wir die mikrocephalen
Gehirne mit normalen Menschengehirnen vergleichen, kön-
nen wir erfahren , welche Theile und in welchem Maasse
dieselben verkümmert sind und, indem wir die daraus ab-
geleiteten Erfahrungen mit anderen zusammenhalten , wel-
che wir aus der Untersuchung von Individuen, die an Hirn-
krankheiten gestorben sind, oder mit den Erfahrungen von
Experimenten an Thieren , gewinnen wir Vergleichungs-
punkte und fügen so den Forschungen über diese dunklen
1) Abgebildet aber nicht weiter beschrieben in Blumen-
b a c h's Abhandlung: de anomalis et vitiosis quibusdam nisus fornia-
tivi aberrationibus. Goett. 1813. 4. Auch in den Conimentat. soc.
scientiar. Goelt, recentior. Vol. II.
174 W a g n er:
Materien ein neues Element der Beobachtung bei, welches
bisher nicht hinreichend benutzt worden ist.
Ebenso ist diese Untersuchung des Idioten- Gehirns
und Idioten-Schädels wichtig für die Frage nach dem Art-
begrifle und nach den Uebergangsformen der organischen
Körper, speciell also für die einzelnen Menschenformen, die
sogenannten höheren und niederen Rassen, und für die Be-
hauptung, dass diese letzteren den Quädrumanen näher
stehen. Ohne hierüber in weitere Discussionen einzugehen,
welche einer besonderen grösseren Abhandlung vorbehal-
ten sind, lege ich meine vorläufigen Resultate in folgenden
Sätzen ^) vor :
1) Als Anhaltspunkte lür Messungen wurden an einer Reihe
vonGypsausgüssen von Schädeln folgende Resultate gewonnen. Diese
Messungen beziehen sich zunächst nur auf drei Durchmesser der Gyps-
gehirne und zwar eigentlich nur des grossen Gehirns; diese sollen
später durch sorgfälligere und ausgedehntere Messungen der Über-
flächen und des kubischen Inhalts ersetzt werden. Die Länge ist
von der Spitze der Vorderlappen zur Spitze der Hinterlappen, die
Breite nach dem grössten Querdurchmesser der Hemisphären, welche
ungefähr der hänge der Parietalhöcker entspricht, die Höhe von dem
unteren Rande der Brücke nach dem gewöhnlich senkrecht darüber
liegenden höchsten Funkte der Hemisphären genommen. Daraus er-
gaben sich folgende Zahlen in 31illimetern.
Länge Breite Höhe
1) Gauss 185 141 125
2) Deutscher 168 131 125
3) Tnnguse 165 143 116
4) Russe 167 131 120
5) Neger 175 128 115
6) 31jähr. Microceph. . 102 6Q 71
7) 26jähr. Microceph. . 101 65 73
8) Alter Orang-Utang . 101 108 87
Man sieht hieraus, dass das Gehirn von Gauss unter die-
sen Normalgehirnen, (es sind typische Exemplare der Hauptvölker-
formen gewählt worden) das grösste ist, in allen Dimensionen die
stärksten Durchmesser zeigt und dies um so mehr, als der Aus-
guss hier relativ etwas kleiner ist als bei den anderen Schä-
deln. Denn bei Gauss ist der Ausguss in der frischen Schädelhöhle
gemacht und enthält somit die dura raater. nicht mit, während diese
bei den anderen an trockenen Schädeln gemachten Ausgüssen hinzu-
lieber die Hirnfunctionen. 175
1. Bei den Mikrocephalen tritt eine Verminderung
der gesammten Hirninasse auf, welche in allen einzelnen
Theilen nachweisbar ist , aber sehr verschiedene Verhält-
nisse zeigt. Bei starker Mikrocephalie bleibt das Gehirn
erwachsener Individuen nach Volum und Gewicht selbst
hinter den Gehirnen neugeborener Kinder zurück.
2. Bei weitem die grösste Verminderung erleiden
die Hemisphären des grossen Gehirns , welche hinter den-
jenigen eines neugeborenen Kindes stark zurückbleiben,
während das kleine Gehirn bei weitem stärker entwickelt
ist als bei neugeborenen Kindern. Das Verhältniss von
Medulla, Kleinhirn, Pons und Vierhügel zu den Grosshirn-
hemisphären ist bei wohlgebildeten Gehirnen erwachsener
Menschen = 1 : 7 bis 8, beim Orang-Utang 1 : 5, sinkt
dann bei erwachsenen Mikrocephalen wie 1 : 3 bis 4.
3. Die geringere Entwickelung dehnt sich auf alle vier
Haupthirnlappen aus, ist jedoch am geringsten relativ beim
Schläfelappen , dann im Stirnlappen , am stärksten im Pa-
rietallappen und sodann im Hinterhauptslappen , (wobei je-
doch Variationen vorkommen , z. B. zum Nachtheile der
Stirnlappen). Der Stamm- oder Centrallappen, die soge-
nannte Insel mit den entsprechenden Randwülsten scheint bei
hochgradiger Mikrocephalie zugleich mit dem Klappdeckel zu
fehlen oder höchst rudimentär zu bleiben, während dieselbe
bei den anthropoiden Allen vorhanden und mit Randwülsten
versehen ist ^).
kommt. Um möglichst rationell zu verfahren, habe ich als zweiten
Deutschen den sehr schön entwickelten Schädel eines Landsmannes
von Gauss, eines Braunschweigers, gewählt. Tunguse und Neger mit
besonderer Auswahl repräsentiren die anderen beiden Hauptrassen,
der Russe den einzigen ßrachycephalus neben den Dolichocephalen.
Der Orang-Utangschädel ist von einem ganz alten Thiere mit hohem
Sagittalkamm versehen und man sieht, dass dessen Grösse viel be-
trächtlicher ist, als die der beiden Mikrocephalen. Vergl. übrigens
meine Miltheilung in der letzten Sitzung. Nachrichten 1.5. Mai 1861
zur Beruhigung derjenigen, welche, in Betreff früherer Alitlheilungen,
mein Material für später weiter vorzulegende Forschungen zu gering
zu achten geneigt sind.
1) So fand ich dieselben wenigstens beim Orang-Utang wohl
entwickelt, vgl. meine ..Vorstudien u. s. w." p. 14.
17ß Wagner:
4. Die Windungen (gyri) sind schmaler , zum Theil
verkümmert oder fehlend , die graue Randschicht ist we-
niger dick; sie zeigen aber sonst in ihrer typischen An-
ordnung ganz dieselben V^erhältnisse , wie die normalen
Menschengehirne, welche nach den von mir gemachten
Schädelausgüssen und den sparsamen Untersuchungen fri-
scher Rassengehirne, bei allen Hauptvölkern der Erde eine
und dieselbe typische Anordnung und gleiche Hauptver- *
hältnisse der Lappen wahrnehmen lassen.
5. Die Seitenventrikel scheinen relativ grösser
und dies , so wie anderes spricht dafür, dass die Mikroce-
phalie wesentlich auf einem theilweisen Stehenbleiben der
Grosshirnhemisphären auf einer früheren Rildungsstufe be-
ruht, also eine Hemmungsbildung ist und zwar schon frühe,
meist im 4ten oder 3ten Monat beginnt , wo die Parietal-
und Occipitallappen (welche später gewöhnlich am meisten
verkümmert sind) erst sich zu vergrössern anfangen,
(obwohl ursprünglich alle Hauptlappen schon gleichzeitig
angelegt werden) der Stammlappen noch sehr rudimentär
ist, während Schläfe- und Stirnlappen, besonders crsterer,
schon viel weiter entwickelt sind. Ein Mikrocephalus bleibt
theilweise ein embryonaler Hydrocephaius. Auch die em-
bryonalen Verhältnisse einzelner Schädelknochen sprechen
für diese Ansicht. Aber wie bei allen Bildungshemmungen
oder richtiger Hemmungsbildungen , ist es nicht ein reines
Stehenbleiben auf einer früheren Bildungsstufe; die Win-
dungen und Lappen wachsen vielmehr fort, nur in gerin-
gerem Grade, und die Verkümmerung zeigt sich am stärk-
sten in denjenigen Theilen, welche in der Zeit der Genesis
die am wenigsten entwickelten waren.
6. Die Verähnlichung mit den Affengehirnen , na-
mentlich dem Chimpanse- Gehirne, ist doch mehr nur eine
scheinbare, indem allerdings durch die grössere Einfachheil
und Schmalheit der Windungen und die schon dadurch
bedingte grössere Symmetrie beider Hemisphären das mi-
krocephcilische Gehirn eine grössere Aehnlichkeit mit dem
der höheren Affen, namentlich des Chimpanses, erhält und
die relativen Volum- und Gewichtsverhältnisse des Gehirns
dieser verkümmerten Menschen den bei den Affen beste-
lieber die Hiinfunctionen. 177
henden ähnlicher werden. Aber gewisse fundamentale An-
ordnungen, z. B. die eigcnthümliche starke Entwickelung
und Abgrenzung der Hinterhauptslappen, die mächtige hin-
tere senkrechte Hirnspalte (fissura occ. posterior) und so
manches andere zeigen beim Menschen, allen AfTen gegen-
über, eine gewisse Grundverschiedenheit der Architektonik,
so dass wir sagen können : der beiden Gruppen (Bimanen
und Quädrumanen) allerdings gemeinsame Grundplan im
Hirnbaue zeigt zweierlei Hauptvariationen in beiden Ord-
nungen ^).
7. Die Beschaffenheit der Knochensubstanz , die hie
und da stark asymmetrische Entwickelung der Knochen
auf beiden Seiten des Schädels und die dadurch entstehen-
den Deformitäten, die häufige frühe Verschmelzung einzel-
ner oder mehrerer Suturen u. s. w. machen es wahrschein-
lich, dass bei diesen Bildungen noch tiefer liegende, fötale
Krankheiten des Knochengerüstes oder der gesammten Er-
nährung eine Rolle spielen , welche vielleicht mit der so-
genannten fötalen Rachitis, wie sie neuerdings von H.
Müller in Würzburg aufgestellt wurde, im Zusammenhange
stehen 2).
8. Es ergeben sich aus der anatomischen Betrach-
tung der Mikrocephalen - Gehirne gewisse interessante
Schlüsse für die Physiologie des Gehirns, von welchen ich
nur einige der wichtigsten erwähnen will. Es bestätigen
die mikrocephalen Gehirne die Annahme ^J, dass das kleine
Gehirn nicht bei der Intelligenz , wohl aber bei den Kör-
perbewegungen betheiligt ist. Während erstere ausseror-
dentlich gestört ist, sind es letztere in viel geringerem
Grade oder gar nicht. Sie lernen zwar meist später ge-
hen, haben zuweilen einen schwankenden oder trippelnden
1) Zu specielleren Vergleichungen ist hier kein Raum. Ich be-
merke nur, dass ich in dieser Frage weder mit Owen, noch mit
Huxley ganz übereinstimme, indem beide gewisse Wahrheiten aus-
sprechen, in beiden aber zu weit gehen.
2) Vgl. AVürzburger medizinische Zeitschrift Bd. I. 1860. S.222.
3) Vgl. meine früheren Mittheilungen über das kleine Gehirn
in den Nachrichten und den neuen Aufsalz in Henle und Pfeufer's
Zeitschrift. 3te Reihe. Bd. XI.
Arch. für Naturg. XXVII. Jahrg. 1. Bd. 12
178 Wagner:
Gang , oft aber sind sie hurtig- und hastig und selbst im
Klettern behende. Die bei solchen Idioten fortbestehende
Integrität der Sinnesorgane, insbesondere des Gesichts und
Gehörs , sprechen zu Gunsten der Ansicht, dass die voll-
ständige Umbildung der Sinneseindrücke zu Vorstellungen
mehr in den innern Hirntheilen, im ßasaltheile des grossen
Gehirns, dann in einer gewissen Summe von feineren Hirn-
elementen der Hemisphären - Oberflächen vollbracht wird,
welche bereits im Stirn- und Schläfelappen gegeben sind.
Das Verhältniss der Grosshirnlappen zur Intelligenz, lässt
sich vielleicht so ausdrücken, dass man sagen kann, es ist
eine gewisse Massenentwickelung des grossen Gehirns, na-
mentlich seiner Windungen nöthig, wenn eine solche Aus-
bildung von Intelligenz erfolgen soll , wie sie den Menschen
vom Thiere scheidet.
Denn in dieser Hinsicht bleiben die mikrocephalischen
Idioten entschieden hinter fast allen Säugethieren und Vö-
geln zurück. Sie lernen bei den höheren Graden von
Hirnarmuth nicht sprechen, wiederholen höchstens papagey-
artig einzelne W^orte, die sie oft gehört haben ^) und sind
nicht erziehungsfähig. Ist aber eine gewisse Quantität von
Hirnsubstanz mit Ausbildung aller Hauptwindungen vor-
handen, wie sie bei der Mehrzahl der Menschen vorkommt,
so hängt es theils von unbekannten primären Organisations-
verhältnissen und von der Erziehung ab , ob höhere Lei-
stungen der Intelligenz erfolgen. Nur in limitirter V\^eise
kann man mit Recht sagen, dass grösseres Volum des Ge-
hirns und grösserer Windungsreichthum der Hemisphären
mit höherer Intelligenz parallel gehen , indem bei ausge-
^ zeichneten Männern die genannten beiden Momente wenig-
stens so weit vorkommen, dass in der Skala einer grösse-
1) Der 26jährjge Mikrocephalus von Theile sprach nur das AVort
„Mutter" ziemlich deutlich, sonst stiess er nur unarlikulirte Töne aus.
In „Notizen vom J. 1812 über den Schädel des 31jährigen Thiermen-
schen von ßückeburg" in unserer Sammlung, sagt der Berichterstat-
ter: „Sprechen konnte er gar nicht. Seine Angehörigen sagten, er
habe folgende Wörter, die er wahrscheinlich oft sehr accentuirt ge-
hört halle, wiewohl sehr unverständlich ausgesprochen : Teufel, Don-
nerwetter, Schwere-Koth, Narr." —
Ueber die Hirnfunctionen. 179
ren Reihe von Gehirngewichten die bis jetzt bekannten von
geistig bedeutend gewesenen Männern vorzugsweise in der
Reihe der höheren Ziffern stehen.
Ich benutze die Gelegenheit, hier noch einige weitere
Mittheilungen zu machen, welche sich naturgemäss an die
vorstehenden Untersuchungen anreihen.
Oben wurde der neugegründeten Societe d'anthropolo-
gie in Paris gedacht. Ich erlaube mir hier deren Bulletin
und Memoires vorzulegen. Von ersterem sind bis jetzt 4
Lieferungen , welche einen Band bilden , von letzterem 2
Lieferungen erschienen. Die im Schoosse der Societät ge-
pflogenen Verhandlungen sind sehr reich an wichtigen Mit-
theilungen und beurkunden namentlich das Bestreben, die-
sem bisher öfters unexakt, vag und dilettantenhaft bearbei-
teten Gebiete eine feslere wissenschaftliche Grundlage zu
geben. Man sucht für einzelne Hauptfragen sichere stati-
stische Data zu gewinnen, z. B. für die Frage, in wie ferne
die aus der Verbindung von verschiedenen Menschenrassen
hervorgehenden Mischlinge durch Fortpflanzung unter ein-
ander einer dauernden Erhaltung fähig sind oder nicht —
eine höchst wünschenswerthe Untersuchung, deren Ender-
gebniss von grosser Bedeutung sein wird. Hieran knüpfen
sich weitere Untersuchungen über die geschichtliche Ver-
breitung der europäischen Menschheit aus naturhistorischen
und antiquarischen Daten, Forschungen über die erbliche
Fortpflanzung lokaler Eigenthümlichkeiten, über die Ein-
flüsse künstlicher Deformationen auf folgende Generationen
und andere Kapitel, die wir jetzt in das Gebiet der all-
gemeinen Zoologie rechnen können oder diejenige
höhere wissenschaftliche Betrachtung, welche als selbst-
ständiger Zweig sich neben der Thierphysiologie, der ver-
gleichenden Anatomie und der zoologischen Systematik aus-
zubilden strebt.
Der Wunsch, meine jetzige grössere Müsse theils
hierauf, theils auch auf weitere ethnologische Forschungen
auszudehnen, hat mich auf den Gedanken gebracht, schon
früher begonnene, aber seit mehr als 20 Jahren liegen ge-
180 Wagner: lieber die Hirnfunctionen.
bliebene Arbeiten wieder aufzunehmen , zur Herausgabe
eines Atlasses für Naturgeschichte des Menschengeschlechts
unter dem Titel Icones antliropologicae mit wissenschaftli-
chen Excursen. Ich habe mich zunächst mit Männern in
Deutschland, Holland, Dänemark , England, Frankreich und
Nord-Amerika in Verbindung zu setzen angefangen, indem
ich von dem Gedanken ausging, dass das so sehr zerstreute
Material von keinem Einzelnen mehr bewältigt werden kann,
dass eine Theilung der Arbeit, eine monographische Bear-
beitung- einzelner Völkerschaften von einzelnen Verfassern
zunächst das Wünschenswertheste sein würde, nachdem
erst einmal eine allgemeine Einigung über gewisse gemein-
same Prinzipien, z. ß. über die Arten der Schädelmessung
erfolgt sein wird. Meine Bemühungen scheinen nicht ohne
Erfolg zu sein und bereits haben eine Anzahl Männer ihre
Unterstützung zugesagt. Die politische Weltlage , welche
der hier so nothwendigen Verbindung verschiedener Na-
tionalitäten eben nicht sehr günstig ist , ist freilich auch
diesem Unternehmen nicht hold. Indess ist es mir erfröu-
lich, hier in unserer Societät wenigstens einen Beitrag
vorlegen zu können, eine Sendung unseres altehrwürdigen
Ehren-Mitffliedes S.D. des Prinzen Max von Wied. Hoch-
derselbe hat die Güte gehabt , mir zum eben genannten
Zwecke seine noch nicht publizirten Portraite von nordame-
rikanischen Völkern zur Disposition zu stellen, welche der-
selbe treffliche Zeichner und Reisebegleiter des Prinzen,
Herr Bodmer, gefertigt hat, dem wir in dem Reisewerke
des Prinzen die schönsten Rassenbilder verdanken, die wir
bis jetzt besitzen. Mit der jugendlichsten Theilnahme hat
der Prinz in seiner an mich gerichteten Correspondenz sich
für die Ausführung des eben mitgetheilten Plans ausge-
sprochen.
Verzeichiiiss der auf meiner Reise in Nordamerika
beobachteten Säugethiere.
Vom
Prinzen Maximilian zu Wied.
(Hierzu Taf. -B^.W//
Die Herren Richard son, Audubon und Spencer
Baird haben durch ihre wichtigen Werke über die Säuge-
Thiere von Nord-Amerilia sehr viel zur Vervollständigung
unserer Kenntnisse dieses Zweiges der Zoologie beigetra-
gen, dennoch aber finden wir in den Schriften der zwei
letzteren Zoologen eine grosse, sehr fühlbare Lücke, in-
dem beide die Ordnung der Fleder- Thiere (Chiroptera)
gänzlich unbeachtet Hessen. Für den Norden konnte Dr.
Richardson freilich nur sehr wenige Arten aus dieser
Ordnung auffuhren. Von Audubon ist es kaum zu be-
greifen, warum er jene Thiere vernachlässigte, dagegen
war es Herrn Bairds Absicht, nur diejenigen Materialien
in seinem Berichte zu vereinigen, welche von verschiedenen
Untersuchungs-Reisen zurück gebracht wurden.
Seit einigen Jahren hat nämlich die Zoologie von
Nord -Amerika durch die Sorge der Regierung der Verei-
nigten Staaten eine ganz andere, weit ausgedehntere An-
sicht gewonnen. Um die beste Richtung für eine colossale
Eisenbahn vom Missisippi bis zu den Gestaden des stillen Mee-
res auszufmden, wurden zahlreiche, wohl ausgerüstete, mit
Astronomen , Naturforschern , Zeichnern und Toxidermisten
versehenen Expeditionen ausgerüstet und in verschiedenen
Direclionen ausgesendet. Sie durchforschten die Felsen-Ge-
birge (Rocky - Mountains) und ihre Pässe, so wie die von
den Spaniern so lange jeder Untersuchung unzugänglich
182 Prinz Maxim i li an zuWied:
gemachten Provinzen von Neu - Mexiko , Oregon und Cali-
fornien, und ihre Entdeckungen waren zahlreich. Bereits
haben wir nun die ersten Früchte jener Reisen aus den
Händen der Herren Spencer Baird, Cassin, Girard
u. s. w. erhalten , wodurch diese thätigen Zoologen sich
den lebhaftesten Dank aller Freunde und Verehrer des
schönen Studiums der Natur in hohem Grade erwarben.
Richar dson, 1) als ein vortrefflicher Beobachter,
gab uns sehr gewissenhafte Nachrichten von den nordi-
schen Thieren , und durch Audubon und ßachmans
grosses Werk ^) erhielten wir viele interessante Nachrich-
ten über die Lebensart und Verbreitung der Thiere, auch
sind ihre Abbildungen meist gut; dagegen gab uns Spen-
cer Baird eine noch vollständigere Arbeit 3) , welche
viele neue Arten beschreibt und durch gute Abbildungen
einzelner Theile und charakteristischer Züge erläutert.
Würden jetzt noch die Chiropteren , die Phoken und Ceta-
ceen bearbeitet, so könnte man eine vollständige Säuge-
thier- Fauna von Nord -Amerika aufstellen, da zu einer
solchen Arbeit ohnehin noch eine Menge von partiellen
Publikationen vorhanden sind, z. B. neuerdings wieder über
die Thiere von Mexiko interessante Beiträge von Saus-
sure ^) u. s. w.
Bei der nun schon so vollständigen Kenntniss der Zoo-
logie des Continentes von Nord-Amerika, könnte man es viel-
leicht Vermessenheit nennen, wenn ein einzelner Reisender
es wagt, seine flüchtig gesammelten Notizen aus den Tage-
büchern zusammenzustellen, um sie der Oeff'entlichkeit zu
übergeben ; jedoch solche Bemerkungen können dennoch
hier und da zur Vervollständigung und Vergleichung füh-
ren, auch wohl über die Verbreitung der Thier-Artcn zum
Theil andere Ansichten geben, so wie sich hier und da
1) Fauna bor. americana.
2) Audubon und Bachman Quadrupeds of N. Anier. New-
York. 3. Vol. 8.
3) Spencer Baird: (ieneral reporl upon Ihe zoology of the
several Pacific Railroad Routes etc. Washington 1857.
4) Revue et Magasin de Zool. 2. Serie T. XII. 1860.
Verzeichniss IVordamerilianischer Säugethicre, 183
auch kleine Berichtigungen werden anbringen lassen , da
kleine Irrthümer auf einem so weiten Felde der Beobach-
tung wohl nicht gänzlich vermieden werden können.
Da der Verfasser den grössten Theil seiner in den
westlichen Gegenden gemachten Sammlungen verlor, so
blieben viele Beschreibungen der auf dieser Reise beob-
achteten Thiere unvollständig, der Leser möge daher mit
Nachsicht dasjenige aufnehmen, was in der Eile und im
ersten Augenblicke , jedoch gewissenhaft aufnotirt wurde.
Ein Theil der Exemplare wurde gerettet und konnte daher
in dem nachfolgenden Verzeichnisse der beobachteten Thiere
weitläuftiger behandelt werden.
Würde man eine solche Reise nach dem hohen Nor-
den von Amerika ausgedehnt haben , so müsste die Iden-
tität mancher dortigen Thier-Arten mit den verwandten der
benachbarten Welttheile, zu interessanten Vergleichungen
Anlass gegeben haben , da man in dieser Materie immer
noch nicht vollständig auf dem Reinen ist , und eben so
im Süden , wo wieder mancherlei Arten aus dem heissen
Amerika vorkommen sollen. Leider berührt das nachfolgende
Verzeichniss weder die^ganz nördlichen, noch die südli-
chen Gegenden, indem sich dasselbe beinahe gänzlich auf
der Mittel -Linie von Osten nach Westen ausdehnt. Der
Maassstab, nach welchem hier die Thiere gemessen wur-
den, ist der alt französische pied du Roi, dessen sich auch
ßlasius bei seinen Messungen der deutschen Thiere be-
diente , und dessen Angaben hier und da aus dieser Ur-
sache zur Vergleich ung benutzt werden konnten.
Ord. 1. Chiroptera.
H a n d - F 1 ü g 1 e r.
In den beiden Werken von Audubon, ßachman
und Spencer Baird sind, wie oben gesagt, die Fleder-
Thiere nicht beachtet worden, wodurch die Kenntniss der
zahlreichen Thier-Arten für diese Ordnung sehr mangel-
haft bleibt. Dieser weite Continent ernährt aber in seinen
184 Prinz Maximilian zu Wied:
gemässigten und warmen Provinzen , besonders in Texas,
Oregon, Mexiko und Californien, eine Menge hieher gehö-
riger Arten, welche zum Theil selbst generisch mit denen
des tropischen Amerikas verwandt sind. Dort in dem heissen
Clima, wo die Thätigkeit der Natur zu der höchsten Kraft-
Entwickelung gesteigert wird, herrscht der grosse Reichthum
an generischen Formen vor, der nach Norden hin allmählich
immer mehr abnimmt, so dass in den mittleren Staaten
zwar noch viele specifische Verschiedenheiten sich zeigen,
dagegen die generische Abweichung immer mehr abnimmt.
Hier bemerkt man die ächten Vespertilionen und die Nycti-
ceius, mehr südlich für Mexiko dagegen beschreibt man
schon Phyllostoma, Vampirus, Tylostoma, Mormops, Molos-
sus, Glossophaga, Ischnoglossa, Stenoderma, Artibaeus, Pla-
tyrhinus, Machotus, Anoura u. a. Genera der neueren Zoo-
logen, bei welchen die generische Zersplitterung eine im-
mer hervortretendere Liebhaberei zu werden scheint.
Wie bei uns in Europa , so sieht man auch in Ame-
rika in der Dämmerung, ja selbst hier und da am Tage die
Fleder -Mäuse umherstreichen. Ueberall fliegen sie über
den Gebüschen, Wäldern, auf deren Lichtungen, Wegen,
besonders aber über den Gewässern umher, und man be-
merkt sie in der Abend - Dämmerung sowohl in den ent-
fernten , menschenleeren Einöden des Westens , als in den
stark bewohnten Gegenden des Landes, des Missisippi- und
unterem Missouri-Laufes, so wie aller übrigen Staaten. An
der Oberfläche der grossen Flüsse ist es besonders, wo sie
eine reichliche Nahrung in den unzähligen Mücken und
Stechfliegen (Tipula, Simulium etc.) finden, mit welchen im
Sommer oft ihr ganzer Rachen angefüllt gefunden wird.
Zur Plage der Reisenden sind jene lästigen Insekten in den
trockenen heissen Monaten des Jahres in den westlichen
Prairies so zahlreich, dass man sich vor ihrer Qual kaum
zu schützen weiss.
Beobachter, welche für die Jagd der Fleder -Mäuse
eine gewisse Fertigkeit im Schiessen besitzen , werden in
Nord -Amerika gewiss noch viele Entdeckungen machen.
Ebenso sehr ist die Aufmerksamkeit des Sammlers auf
Felsen - Schluchten , hohe Ufer der Flüsse und Wasser-
Vcrzeichniss Nordaraerikanischcr Säugethiere. 185
Risse, hohle Bäume u. dergl. Schlupf- Winkel zu richten,
wo sich diese Thiere am Tage verbergen , und man sieht
sie zuweilen an nackten Felsen unter Vorsprüngen ange-
heftet den Tag hinbringen. Am oberen Missouri findet man
sie, da dort häufig waldlose Flussufer vorherrschen , in den
einzelnen an denselben vertheilten alten Cedern (Juniperus),
deren Stämme häufig hohl sind, und hier muss die Auf-
merksamkeit der Holzhauer durch ausgesetzte Preise und
Prämien angeregt werden , denn sie finden bei dem tägli-
chen Schlagen des Brandholzes für die Dampf-Schifi'e die
meisten dieser Thiere , und wir erhielten sie gewöhnlich
auf diese Art. — Da es übrigens schwierig Avar, den über
den breiten, stark strömenden Flüssen umherstreichenden Fle-
der- Mäusen beizukommen, so ist auch das nachfolgende
Verzeichniss nur von geringem Umfange, wie folgt.
Genus Nycticeius Raf. Schwirr -laus.
1) JV. pruinosns Say. Die Schwirr-Maus mit
weissem Hals-Ringe.
Vespertilio pruinosus Say.
Temmincks Monogr. T. IL p. 154.
Godman T. I. p. 68.
Wagners Schreber Suppl. I. p. 544.
Diese schöne Fleder-Maus ist, so viel mir bekannt,
nirgends umständlich beschrieben worden , es mögen dem-
nach hier einige Notizen über dieselbe folgen.
Beschreibung. Der Kopf ist klein und kurz, Na-
senkuppe breit und kurz, etwas aufgeworfen ; beide Nasen-
löcher von einander entfernt seitwärts geöff*net , wie ein
Knöpfchen über die Kuppe erhaben , da ihr Rand aufge-
schwollen erscheint; Auge klein und rund; Ohren kurz,
wenig über den Kopf hinauf tretend, an ihrem Ober-Theile
breit, an der Spitze sehr sanft abgerundet, also beinahe ein
wenig abgestutzt, oder oben beinahe geradlinig abgeschnit-
ten, an der hinteren oberen Ecke etwas winklig ; Ohrdeckel
1 86 I'iinz M a \ i in i I i a n zu W i c d :
(Trag-iis) ziemlich breit, doch nicht die halbe Höhe des
äusseren Ohres erreichend, etwas halbmondförmig-, ein we-
nig zugespitzt, nach aussen abgerundet ; Zunge stark, läng-
lich, sie lässt sich über drei Linien lang aus dem Munde
über die Kieferspitze hinaus hervorziehen , ist mit rauhen
Papillen besetzt und auf ihrer Mitte liegt ein erhöhter,
dick häutiger, vielleicht drüsenartiger Aufsatz.
Das Gebiss wird hier als bekannt angenommen. Der
Daumen ist ziemlich lang und schlank, mit höchst feinem,
scharfe Krallennagel; Flughaut ziemlich schmal und lang
ausgedehnt, d. h. die Finger sind lang; unter dem Ober-
Arme zieht sich ein breiter behaarter Streifen längs der
Flughaut hin bis zwischen die Wurzel der Finger; Hals
kurz; Brust breit und abgeplattet; Flanken eingezogen;
Schienbeine auf der Unterseite nackt; Fuss sehr klein, mit
5 starken Zehen, deren 3 mittlere ein wenig länger sind
als die Seitenzehen; Nägel fein und scharf gekrümmt; Sporn
beinahe doppelt so lang als der Fuss; Sohle nackt; männ-
liche Geschlechtstheile wie bei den europäischen Fleder-
mäusen ; Schwanz beinahe so lang wie der Körper , vier
Gelenke stehen ausserhalb des Körperpelzes, ein fünftes ist
sichtbar im Umfange der Behaarung; Schwanzflughaut etwa
dreieckig, auf ihrer ganzen äusseren Fläche dicht behaart
wie der Rücken des Thieres; Pelz des Körpers dicht und
weich, an den Obertheilen die Haare ziemlich lang; Flug-
haut von aussen gänzlich nackt und unbehaart, von innen
ist auch der Winkel derselben behaart, der über dem Ellen-
bogen-Gelenke gelegen ist.
Färbung: Nasenkuppe und Lippenrand hell fleisch-
braun; Ohren an ihren Obertheilen röthlichbraun, beinahe
wie der Körperpelz, im Grunde weisslich ; Kopf, Hals und
alle Obertheile des ganzen Thieres von einem schönen leb-
haften Fuchsroth , die Haare an der Wurzel gelblich , an
den Spitzen rothbraun, ebenso die Schwanzflughaut auf der
Oberseite; an der Brust, von einer Schulter zur anderen
haben die Haare schneeweisse Spitzen , wodurch ein weis-
ser Brustquerring, oder Brustkragen entsteht; von dem
genannten Brustringe abwärts sind alle Unterlhcile fahl
röthlichbraun , aber viel blässer röthlich gefärbt als der
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 187
Rücken; nackte untere Fläche der Schwanzflughaut roth-
braun ; Seitenflughaut längs den Seiten des Leibes und un-
ter den Armen hin stark rothbraun behaart, ihre zwei äus-
sersten Abtheilungen fein mit helleren Punkten, aber die
innerste Abtheilung mit Punkten und feinen' perpendikulä-
ren helleren Linien bezeichnet: ganze Flughaut von aussen
und innen , da wo sie nicht durch Behaarung anders ge-
färbt erscheint, schwarzbraun, allein längs des Leibes, des
Armes und eines jeden Fingers röthlichbraun.
Ausmessung: Ganze Länge 3" O'/:'" ^) ; Breite
(leicht ausgespannt) 10" 10'"; Länge des Schwanzes 1"8"';
Höhe des äusseren Ohres Sy^"'; Höhe des Tragus I^ö"';
Länge des Daumens 2V2'"; der Schwanz ist frei von Be-
haarung an seiner Unterseite auf 12^2'"^ Länge des Sporns
6V4"'; Länge des Kopfes 6V3"'.
Diese Fledermaus scheint über einen grossen Theil
von Nord-Amerika verbreitet zu sein. In Pennsylvanien,
namentlich in der Gegend der Bruder-Colonie von Bethle-
hem ist sie nicht selten, da wir in kurzer Zeit drei Exem-
plare erhielten , und zwar in den Monaten August und
September.
Beschreibung eines sehr alten T hie res,
oder einer Varietät: Gesicht schwarzbraun, oben so
rund um die Einfassung der Ohren; Stirn, inneres und
äusseres Ohr und ein breiter Ring an Kinn und Kehle hell
rostroth, der Unterkiefer schwärzlich; Oberkopf hell rost-
roth, mit starken weissen Haarspitzen; ganzer Körper dun-
kel rothbraun, mit starken weissen Haarspitzen, welche an
der Brust dichter stehen und. stärker sind , wodurch sie
daselbst einen weissen Querring bilden; Haare der Ober-
theile an ihrer Wurzel lebhaft rostgelb, dann schwarzbraun,
ihre Spitze weiss, sie sind also dreifarbig; Bauch und
Aftergegend mehr bräunlich, die Haarspitzen matt gelblich ;
der helle Streifen an der Flughaut ist hell rostgelb, an der
Wurzel des Daumens und an der Flughaut, unmittelbar
1) Unter dem Ausdrucke „Ganze Länge" verstehe ich die Äles-
suno" von der Spitze der Käsen -Kuppe bis zum Ende des ausge-
streckten i)chwonzes.
188 Prinz Maximilian zu Wicd:
Über dem Ellenbogen -Gelenke steht ein kleiner Büschel
von gelblichwcissen Haaren; Oberfläche der dichtbehaarten
Schwanzflughaut dunkel rothbraun mit weisslichen Haar-
spitzen.
Ausmessung: Ganze Länge 5" ; Länge des Schwan-
zes 2" 2'"; ganze Breite (ausgespannt) 15"; Länge des Dau-
mens 5'"; Länge des Kopfes O'/j"'? Höhe des äusseren Oh-
res (oben am Kopfe gemessen) etwa 4'"; Länge des Fas-
ses 472'"; Länge des Spornes 9'".
Dieses vorzüglich schöne Exemplar wurde am 12. Juni
in der Nähe der Arikkara - Dörfer Hohka-Wiratt und Ach-
lärahä am oberen Missouri erlegt. Sie hatte zwei grosse
starke Junge im Leibe mit dicken, länglich runden Köpfen,
aufwärts anliegenden Ohren, die Flughaut über die Schnauze
gelegt und noch völlig nackt.
2) N. lasiurus Schreb. Die Schwirr-Maus mit
bunter Flughaut.
Sie ist bekannt. Ich erhielt ein Exemplar dieser schö-
nen Fledermaus, ohne sie jedoch nach dem frischen Exem-
plare beschreiben zu können.
3) N. novaeboracensis Erxl. Die rostrothe
Schwirr-Maus.
Temmincks Monogr. IL p. 158. Wagners Suppl. I.
p. 546.
Beschreibung: Kopf ziemlich klein, Schnauze sehr
kurz; Nasenkuppe breit, in der Mitte ein wenig getheilt ;
Nasenlöcher rund und nach der Seite eröfi'net; Ohren stark
aufrecht, ziemlich eiförmig, oben massig zugespitzt, inwen-
dig mit einzelnen Haaren besetzt, von aussen gänzlich nackt;
Tragus ziemlich kurz, lanzettförmig; Zunge ziemlich platt,
mit höchst feinen, zarten Papillen besetzt ; Gebiss bekannt ;
Arme und Flughaut massig lang , die letztere ziemlich
zugespitzt; Vorderarme stark und dick; Daumen lang
und schlank, mit gekrümmtem Nagel; am Hinterbeine ist
die Flughaut (Seiten - Flughaut) nahe an dem Fusse selbst
Verzeichniss Nordamerikaiiischer Säugethiere. 189
befestigt; sie hat an der Seite des Leibes an ihrer ünter-
fläche ziemlich starke Behaarung , wie am Bauche ; der
Schenkel etwa 2y2 Linien lang nackt; Fuss mit 5 ziemlich
gleichen Zehen, mit gekrümmten Nägeln, Sporn ein wenig
länger als der Fuss; Schwanz lang, aber etwas kürzer als
der Körper , etwa fünf Gelenke liegen frei ausserhalb des
Pelzes; Schwanzflughaut an der Oberseite bis zu ihrer
Hälfte behaart; Spitze des Schwanzes etwas über eine Linie
lang frei; Haar des Leibes dicht und zart.
Färbung; Die ganze Behaarung ist zimmetbraun,
die Ohren dunkler gefärbt, d. h. röthlichbraun, an ihrer
Spitze und am äusseren Rande mehr schwärzlichbraun; Vor-
derarm, ein Streif der Flughaut unter demselben, oberer
Theil der Schwanzflughaut und ein Theil der Flughaut an
den Seiten äusserlich am Hinterbeine hinab sind röthlich-
braun , alle übrigen Theile der Seitenflughaut, so wie die
Spitze und unterer Rand der Schwanzflughaut sind schwarz-
braun, welches gegen das Rothbraun der übrigen Theile
nett absticht.
Ausmessung: Ganze Länge 3"; Länge des Schwan-
zes 1" 2'"; Länge des Kopfes 6'"; Höhe des äusseren Oh-
res an der Kopfseite 4'"; Länge des Tragus IV3'"; ganze
Breite des Thieres 8"5"'; Länge des Daumens 2%'"; Länge
des Hinterfusses 4'"; Länge des Sporns etwa 5'".
Ich fand diese schöne Fledermaus im Monat August
in den Waldungen bei Bethlehem in Pennsylvanien. Sie
hat an der Wurzel der Armflughaut häufig einen weissen
Fleck, der dem hier beschriebenen Exemplare aber fehlte.
Godman giebt eine zu kurze Beschreibung von ihr. Aus
dieser Fledermaus hat Rafinesque bekanntlich sein Ge-
nus Atalapha gebildet , in dessen Charaktere der Mangel
der Schneidezähne aufgenommen ist, die auch meinem Ex-
emplare fehlten, vielleicht im Alter begründet.
Genus Vespertilio Lin. Fledermaus.
Bei genauerer Betrachtung dürfte sich die Zahl der
Thiere aus dieser Gattung gewiss noch sehr vermehren,
190 Prinz Maximilian zu W i e d :
da man sie überall umherfliegen sieht. Die von mir be-
schriebenen Arten , welche ich für neu hielt, theilte ich
Herrn Temminck für seine Monographien mit, der sie
auch daselbst unter den von mir gegebenen Benennungen
bekannt machte, ohne jedoch dabei zu sagen, dass es die
meinigen seien.
1) V. ursinus. Die baren artige Fledermaus.
Temmincks Mongr. II. p. 235. Wagner Suppl. I.
p. 525. Beschreibung meiner Reise in Nord-Ame-
rika Bd. I. p. 330 und 366.
Beschreibung einer männlichen Fleder-
maus, nach dem Leben: Der Kopf ist massig gross,
die Schnauze ziemlich lang (d. h. die Kiefer ziemlich ver-
längert), breit und etwas platt gedrückt, die Oberlippe ein
wenig aufgetrieben ; Nasenlöcher weit von einander entfernt,
nach der Seite geöffnet, gross, etwas halbmondförmig, in-
dem der hintere Winkel stark aufsteigt; Nasenkuppe breit,
an ihrer Vorderfläche mit einer seichten senkrechten Ver-
tiefung oder schwachen Höhenfurche; Unterkiefer an seiner
Spitze mit einer glänzenden Hautstelle; die Kiefer oder die
Schnauze zeigen im Allgemeinen nur sparsame Behaarung,
der Unterkiefer ist beinahe gänzlich nackt; das Auge ist
ziemlich gross, völlig frei und nicht im Pelze versteckt,
wie bei vielen Fledermäusen; Ohren ziemlich eiförmig, be-
deutend höher als der Kopf, ihr Vorderrand sehr sanft ab-
gerundet, mit einem starken Winkel über dem Auge vor-
tretend und auf diese Art nach dem Ohrdeckel (Tragus)
zurückgezogen; Spitze des äusseren Ohres sanft abgerun-
det, sein Hinterrand geradlinig, nur befindet sich hinter
der Ohrspitze ein kleiner Ausschnitt; Ohrdeckel lang, stark,
lanzettförmig, nicht sehr zugespitzt, sondern massig abge-
rundet, bei einigen Exemplaren einen kleine sanfte Biegung
einwärts zeigend; an den inneren Seiten des Ohres be-
merkt man parallele Querfurchen, an seiner äusseren Fläche
ist dasselbe an seiner Wurzel ein wenig behaart.
Gebiss: Vorderzähne im Oberkiefer 4, zwei dersel-
ben gepaart enge zusammen an jeder Seite gestellt, da-
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 191
zwischen eine breite Lücke; im Unterkiefer 6 Vorderzähne,
ein jeder derselben mit zweimal gekerbter Krone , also
dreilappig, sie stehen nahe an einander; Eckzähne im Ober-
kiefer zwei, kegelförmig , stark gekrümmt; im Unterkiefer
ebenso , nur sind sie kleiner ; Backenzähne im Oberkiefer
an jeder Seite 4, der erste kegelförmig, die anderen mit
mehreren Spitzen , der hinterste klein ; im Unterkiefer an
jeder Seite 5 Backenzähne, der erste eine kleine Kegel-
spitze, die übrigen an der äusseren Seite mit zwei Kegel-
spitzen,
Die Flughaut dieses Thieres ist im Allgemeinen stark,
der Daumen stark, mit starkem, scharf gekrümmten Nagel;
Schenkel gänzlich aus dem Körperpelze frei ; Nägel der
Hinterfüsse sehr lang, stark und bogenförmig; Sporn etwa
IVa^ial so lang als der Fuss; äussere Hinterzehe die kür-
zeste; Schwanz lang, doch kürzer als der Körper, gänzlich
aus dem Körperpelze frei , man zählt 7 bis 8 Gelenke an
demselben, und seine Spitze ist über ein Glied lang aus der
Scliwanzflughaut frei; der Penis ist stark, an seinem Vor-
dertheile bogig über den Wurzeltheil herab gelegt ; Pelz
des Thieres lang, sanft, glänzend, an den Untertheilen
nicht so dicht und lang als an den oberen; Brust breit,
der Hinterleib schmal; Flughaut unbehaart, nur unter den
Armen stehen nahe am Leibe einzelne sparsame Haare;
Schwanzflughaut mit parallellaufenden Linien bezeichnet und
mit einzelnen sehr schwachen, sparsamen Haaren besetzt.
Färbung: der ganze Leib hat ein schönes lebhaf-
tes und glänzendes Umbrabraun, an den Untertheilen etwas
heller, die Haare an der Wurzel grau, welches man aber
nicht bemerkt; Flughäute schwärzlich, die Glieder mit einer
röthlichen Mischung, ebenso das Gesicht.
Ausmessung: Ganze Länge 3" 11'"; Breite 10" 9'";
Länge des Schwanzes 1" 6V2'"; Länge des Kopfes 9"';
Höhe des äusseren Ohres 4V2"'; Breite desselben an der
breitesten Stelle 4"'; Länge des Tragus, so weit er sicht-
bar ist 2"'; Länge des Daumens 3"'; Länge des Sporns 7"';
Länge des Hinterfusses 473"'; Länge des längsten Hinter-
nagels 1"'.
Weibliches T h i e r : Ein solches Exemplar war
1 92 Prini Maximilian zu W i e d :
etwas stärker, übrigens gebildet wie das Männchen. Es
hatte zwei ßrustzitzen; der Tragus war hier an der inneren
Seite ein wenig concav.
Ausmessung: Ganze Länge 4'' 4'" : Breite 11" 10'';
Länge des Schwanzes 1" 8'".
Varietät : Der eine Tras^us fehlte hier gränzlich. der
andere war kurz, breit, nach aussen abgerundet, nach in-
nen geradlinig; Oberleib ein wenig heller braun als an den
übrigen Exemplaren; Bauch und Unlertheile an Kehle, Sei-
len der Brust und des Leibes gelblichfahl, etwa weisslich-
graugelb: 31itle der Brust und des ganzen Bauches bis zum
Schwänze röthlichbraun.
Ausmessung: Ganze Länge 4" 2"'; Breite 12"
272'"; Länge des Sporns 7'": Länge des Schwanzes 1" 7'".
Von dieser letzleren Varietät war noch ein anderes
Exemplar vorhanden, welches die Seitenflughaut an der
Seite des Körpers etwas behaart zeigte. Diese unten hell-
gefärblen Thiere scheinen meistens die weiblichen zu sein,
ob diese gleich ebenfalls oft auch gänzlich braun an die-
sen Theilen gefärbt erscheinen.
Diese schöne Fledermaus hat in Gestalt und Farbe
viele Aehnlichkeit mit der europäischen Noctula, obgleich
sie dennoch bedeutend verschieden von einander sind. Ich
erhielt eine ganze Gesellschaft von ihnen am oberen Mis-
souri und zwar am 20. Mai im Gebiete der Dacota->'alion,
wo sie unsere Holzhauer beim Schlagen des Klafterholzes
fanden. Sic ist mir weder vor- noch nachher wieder zu
Gesicht gekommen. Die sieben Exemplare, welche ich er-
hielt, glichen sich, die angemerkten Verschiedenheiten ab-
gerechnet, vollkommen.
2. V. pulcerulentus. Die bepuderte Fledermaus.
Temmincks Monogr IL p. 2.35-
Wagner Suppl. I. p.58T.
Beschreibung: Gestalt breit und kurz; Kopf sehr
breit, die Ohren weit von einander entfernt: Schnauze sehr
kurz, breit abgerundet; Oberkiefer länger als der untere;
Nasenkuppe breit, die Nasenlöcher nach der Seite hin ge-
Verzeichniss Nordatnerikanischer Säugethiere. 193
Öffnet; Lippen des Mundes stark und fleischig, etwas von
Haaren entblösst ; Augen im Pelze verborgen ; Ohren ziemlich
kurz, sehr breit eiförmig, beinahe ohne Ausschnitt am
Rande; Tragus ziemlich kurz, elliptisch oder eiförmig;
vorderer Ohrrand vom Ohrdeckel mit einem Winkel gegen
die Stirn vortretend, und dieser Rand ist etwas weisslich
gefärbt, bildet dabei eine Falte, vor welcher sich zwischen
ihm und dem Kopfe durch Umschlagung eine Art von Ta-
sche bildet ; innere Fläche des äusseren Ohres mit Quer-
leisten bezeichnet.
Ge b is s : Eckzähne kegelförmig und gekrümmt. Vor-
derzähne des Oberkiefers jeder Seite zwei , nahe zusam-
mengedrängt; im Unterkiefer an jeder Seite drei, mit breit
abgestutzter Krone; die Backenzähne des einzigen mir ge-
bliebenen Exemplares waren schadhaft, doch befanden sich
derselben mehr als vier an jeder Seite eines jeden Kiefers ;
sie sind mit starken Spitzen versehen , wovon die kleinste
unmittelbar hinter dem Eckzahne steht, die zweite Spitze
ist die grösste.
Flughaut massig^ stark und lang, an keiner ihrer Flä-
chen behaart; Schwanz, Flughaut, die Spitze des massig
langen Schwanzes etwa auf 2 Linien Länge frei lassend, an
der Oberfläche ihrer Wurzel lang, aber nicht besonders
dicht behaart; innere Fusszehe die kürzeste; Sporn bedeu-
tend länger als der Fuss; Körperpelz dicht, sanft, an den
Obertheilen die Haare ziemlich dicht.
Färbung: Ueberall schwarzbraun , an den Ober-
theilen am dunkelsten, allein alle Haare an diesen Theilen
haben weisse Spitzen; Bauch mehr grau -bräunlich über-
laufen, und hier sind die Haarspifzen nicht so rein weiss-
lich, sondern mehr bräunlichweiss als an den Obertheilen ;
Ohren und Flughäute schwarzbraun.
Ausmessung: Ganze Länge 3" 872'"; Länge des
Schwanzes 1" 6'"; Länge des Kopfes 8V2'"; Länge des
äusseren Ohres an der oberen Seite am Kopfe gemessen 5'";
Länge des sichtbaren Tragus IV2 l^is iVä'"; Breite des Thiercs
9" 10'"; Länge des Fusses 3'"; Länge des Sporns 6 bis 6V2'".
Diese Fledermaus erhielt ich am 12. Alai in der Nähe
des Punka- Dorfes und am 19. Juli, als nuin Holz für das
Archiv f. Naturg. XXVJI. Jalirg. 1. Bd. 13
194 Prinz iM a x i m i 1 i a n zu W i e d :
DanipfschifT schlug. Sie bewoluit also die Gegend am L'eau
qui court oder von den Punka- bis zu den Mandan- und
Monnitarri - Dörlern am Missouri, also wahrscheinlich den
oranzen Lauf dieses Stromes.
? 3. V. siibulatus Say. 1) i e F 1 e d e r m a u s mit lanzett-
förmigem Tragu s.
Beschreibung: Kopf ziemlich klein, Gesicht kurz,
Nase breit, an der Yorderfläche gefurcht; Ohren ziemlich
gross, elliptisch, am inneren Seitenrande gewölbt, am äus-
seren mehr geradlinig, an der Spitze massig zugespitzt;
Tragus beinahe die Mitte der Ohrhöhe erreichend, schmal
lanzettförmig und zugespitzt. Auge rund und ziemlich gross.
Gebiss: Vorderzähne des Oberkiefers vier, wovon
zwei gepaart an jeder Seite stehen, etwas kegelförmig zu-
gespitzt, zwischen ihnen in der Mitte eine Lücke ; im Un-
terkiefer 6 Vorderzähne, kurz, abgestumpft, und mit ein
wenig ausgerandeter Krone; bei einem anderen, wahr-
scheinlich alten Individuum, fehlten die Vorderzähne in
beiden Kiefern , nur stand im unteren an jeder Seite ein
gabelförmiger Vorderzahn; Eckzähne kegelförmig; die des
Unterkiefers tragen nach vorne eine Nebenspitze; Backen-
zähne bilden an jeder Seite hinter den Eckzähnen eine
Reihe von 9 Kegelspitzen; die zwei vordersten sind klein,
dann folgt eine sehr grosse Spitze, die übrigen sind wieder
etwas kleiner, aber sämmtlich stark, nur die letzteren sind
wieder etwas kleiner. Es scheinen an jeder Seite des Un-
terkiefers 6, an jeder Seite des Oberkiefers 5 bis 6 Ba-
ckenzähne zu stehen, zusammengenommen zeigen sie wie
gesagt eine Reihe von Kegelspitzen in ihrer Mitte , und
haben am inneren Rande einen niederen Höcker.
Die Flughaut ist massig lang und breit; Daumen
schlank und nicht besonders lang; Seiten-Flughaut äusser-
lich am Wurzelgelenke der Zehen befestigt; die 5 Zehen
des Fusses sind einander ziemlich gleich, die mittleren nur
wenig länger; Sporn länger als derFuss; Schwanz mit aus
der Flughaut freier Spitze, 8 Gelenke liegen ausserhalb des
Körperpelzes; nur unter den Armen stehen einzelne Haare
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 195
auf der Flughaut, übrig-ens ist sie nackt; Pelz mäuseartig-,
dicht und zart, am Bauche wie am Rücken.
¥ ä r b u n g : Obertheile gelblichgraubraun , die Haare
an der Wurzel schwarzgrau, an ihrer Spitze gelblichgrau-
braun; Bauch und üntertheile gelblichwcissgrau, die Haar-
wurzeln schwarzgrau, die Spitzen gelblichweiss; nackte
Theile schwarzbraun.
Ausmessung: Ganze Länge 3" 1'"; Breite 8" 9'";
Länge des Kopfes T'/j'"; Länge des Schwanzes 1" 3'"; Höhe
des Ohres 6'"; Länge des sichtbaren Tragus '2^1 2** \ Länge
des Daumens 2^/^'"\ Länge des Sporns ö'/j'"; Länge des
Fusses mit dem Nagel 3VV"-
Diese Fledermaus, welche ich in meinem Tagebuche
unter dem Namen „lanceolatus^ beschrieb, hat viele Aehn-
lichkeit mit Say's Vespertilio subulatus, und Temminck
versah die demselben mitgetheilten Exemplare mit einem
Fragezeichen, obigen Namen aber zugleich auch mit drei
solchen Zeichen. Auch mit der folgenden Art hat diese
Fledermaus viele Aehnlichkeit, doch scheint sie von ihr
verschieden , welches die Verhältnisse des Körpers dar-
zuthun scheinen.
Ein paar Exemplare dieser Fledermaus erhielt ich zu
Bethlehem in Pennsylvanien im Monat August, welche ein-
ander vollkommen ähnlich waren.
Varietät: Bei einem Halte am 15. Mai Abends am
Missouri, erhielt ich ein ähnliches Exemplar, welches die
Holzhauer in dem Stamme eines alten Juniperus fanden, das
im Allgemeinen vollkommen auf obige Beschreibung passte,
allein dessen Färbung etwas abweichend war.
Alle Obertheile des Thieres waren sehr schön hell-
fahl gelbröthlich , die üntertheile gelblichweiss ; Gesicht,
Flughaut und übrige nackte Theile schwarzbraun, welche
Färbung gegen einander sehr nett abstach.
? 4. V. brevirostris. Die Fledermaus mit kurzer
Schnauz e.
Beschreibung: Kopf sehr kurz, Nasenkuppe breit,
ein wenig vortretend ; Ohr massig hoch, ziemlich eiförmig,
1 9G Pri nz Maximilian zu \V i e d :
(Jer Vorderrand etwas abgerundet, der äussere beinahe
geradlinig, unter der Spitze ein wenig ausgeschnitten ; Ohr-
deckel ziemlich schmal, beinahe lanzettförmig; der Pelz tritt
am Kopie sehr weit vor, so dass die Augen darin gänzlich
verborgen sind.
Gebiss: Da ich die Exemplare dieser Fledermaus
verlor, so kann ich hier die Bildung der Zähne nicht nach-
tragen.
Die Flughaut ist ziemlich schmal. Daumen lang und
schmal, mit grossem gekrümmten Nagel. Schwanz lang,
etwa 8 bis 9 Glieder liegen ausserhalb des Pelzes in der
Schwanzflughaut, seine Spitze aber ist beinahe IV2 bis 2
Linien lang, frei über die Haut hinaustretend; die 5 Hinter-
zehen sind gleich lang, die Nägel zart und scharf ge-
krümmt; Sporn ziemlich lang; Pelz dicht, am Bauche mäu-
seartig, am Rücken länger; Flughäute nach dem Leibe hin
etwas behaart; Penis wie an den europäischen Arten.
Färbung: Flughaut und Ohren dunkel schwarz-
braun; Obertheile des Körpers dunkel gelblichgraubraun,
die Haare an der äusseren Hälfte fahl gelblichgraubraun,
an ihrer Wurzel dunkelgrau ; Untertheile weisslichgelbgrau,
an den Spitzen sind also die grauen Wurzeln gedeckt,
gänzlich von dieser Farbe.
Ausmessung: Ganze Länge 3"; Breite 9" 4'"; Höhe
des Ohres an der Oberseite öVj'"; Länge des sichtbaren
Tragus IV3'"; der Schwanz ist aus dem Pelze frei auf T'ö'";
Länge des Sporns 5'".
Ich erhielt diese Fledermaus zu Freiburg in Pennsyl-
vanien am letzten Tage des Monats Juli. Sie fliegt schon
ziemlich früh am Tage. Wie gesagt hat sie mit der vor-
her beschriebenen viele Aehnlichkeit, zeigt aber Verschie-
denheiten in ihren Verhältnissen , besonders ist der Kopf
viel kürzer, wovon auch die Benennung abgeleitet.
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 197
Ord. II. Rapacia.
Raubthiere.
See. I. Insectivora.
Insekten fresser.
Farn. 1. Soricina, Spitzmäuse,
(ienus Sorex Linn. Spitzmaus.
Obgleich mehrere Arten dieser Gattung und Familie
in Nord-Amerika vorkommen, so haben wir doch nur eine
Art derselben kennen gelernt.
1. S. talpoides Gapper. Die kurzschwänzige
S pitz m aus.
Sorex brevicaudus Say. Wagner Suppl. II. p. 62.
Blarina talpoides Gray. Spencer Baird 1. c. p.37.
Beschreibung: Gestalt und Pelz mäuseartig; Kör-
per weich, dick und gedrungen; der Rüssel ziemlich breit
und stark, seine Kuppe ein wenig gespalten. Unterkiefer
sehr kurz; sehr zarte lange Bartborslen stehen rund um
den Oberkiefer; Auge ohne Bewaffnung kaum sichtbar, eine
höchst kleine längliche Oeffnung, das Augenlied ziemlich
nackt; Ohr eine grosse, weite, elliptische senkrecht ge-
stellte Oeffnung, die dehnbare Haut rings umher ist dicht
behaart, der hintere Rand steht eigentlich nicht vor, kann
aber gleich einer Tasche aufgehoben werden, da er doppelt
ist. Gebiss kann nicht beschrieben werden, da das Exem-
plar verloren ging. Vorderbeine kurz , maulwurfsartig, bis
zur Hand behaart; diese mit 5 zarten, fein benagelten Ze-
hen, von denen die beiden äussersten kurz, etwa unter sich
gleich lang, die 3 mittleren auch einander gleich lang sind,
es existirt also keine Daumwarze; Hinterfuss ebenfalls mit
5 Zehen, gebildet wie die Vorderfüsse, nur der Hinterfuss
schmäler und länger als der vordere; Hände sehr fein mit
kleinen Haaren besetzt, Schwanz rund, glatt, ziemlich kurz,
mit kurzen , zarten Haaren ziemlich dicht bedeckt, die am
Ende eine kleine Haarspitze bilden; Pelz sehr dicht, weich
und maulwurfartig, am Rücken kaum länger als am Bauche.
198 Prin 7. Maximilian zu W j c d :
Färbung: Vorderzähne schwarzbraun ; Ober th eile
des Thieres dunkel schwärzlichgrau, beinahe wie an Talpa
europaea, auf der Mitte des Rückens mit einem bräunlichen
Schimmer. Untertheile aschgrau; Lippen und Mundrand
beinahe nackt, röthlich gefärbt, ebenso die vier Hände und
Füsse fleischröthlich; alle Nägel an der Wurzel mit einem
bluthrothen Flecke, wahrscheinlich beim Tode entstanden.
Ausmessung: Ganze Länge 4" ; Länge des Schwan-
zes 11'"; Länge des Kopfes 11%'" 5 der Rüssel tritt über
den Unterkiefer vor um 3'"; Länge des Vorderlusses mit den
Nägeln 4'"; Länge des Hinterfusses bis zur Ferse ey/".
Diese Spitzmaus erhielt ich zu Bethlehem in Pennsyl-
vanien im Monat August. Das Exemplar ging verloren.
Farn. 2. Talpina. Wurfe.
Genus Scalops Cu v . W a s s e r w u r f.
1. S. aquaiicus Linn. Der gemeine W.
Sorex aquaticus Linn. Sc. canadensis Desm. Wag-
ner Suppl. IL p. 104. Sp. Baird 1. c. p. 60. Au-
dub. 1. c. L p. 81.
Beschreibung: In Gestalt und Farbe gleicht dieses
Thier sehr Talpa europaea. Der Rüssel ist nackt und vor-
tretend , die Unterlippe sehr kurz, von ihrer Spitze an läuft
an der Unterseite des Rüssels eine Längsfurche bis zu der
etwas abgeplatteten Nasenkuppe vor. Die Hände sind fünf-
zehig, die vorderen sehr breit, nach innen mit einem
breiten Callus ; Hinterhände klein und schmal , die Zehen
durch Haut verbunden , übrigens gebildet wie an Talpa ;
Schwanz beinahe nackt, nur mit einzelnen, höchst feinen,
seidenartigen Haaren besetzt. Pelz ganz maulwurfsariig,
sehr dicht und zart; die Ruthe des Männchens steht nahe
vor dem Schwänze , die Testikel unter dem Pelze ver-
borgen.
Färbung: Ein schönes Silbergrau, weit heller als
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethierc. 199
an unserem Maulwürfe , an Kopf, Hals und Brust oft etwas
blässer, zuweilen ein wenig- bräunlich überlaufen, besonders
an den Untertheilen; Rüssel fleischroth, die Hände röthlich-
weiss , die Grabeklauen weisslich. — ■ Oefters ist der Pelz
des Thieres dunkelg-rau , aber immer w^it heller als an
Talpa europaea , und nach dem Lichte schön silberfarben
und weisslich schillernd.
Ausmessung" eines starken weiblichen
Exemplares: Ganze Länge 7" 4'"; Länge des völlig
nackten Schwanzes 1" 2V2'"; wovon einige Linien im Pelze
verborgen sind; frei oder nackt ist der Schwanz auf 1"3"';
Dicke dieses cylindrischen Schwanzes im Durchmesser V-/^*'',
der Rüssel tritt über den Unterkiefer vor um 6'"; Länge
des Kopfes 2" 1'"; Länge der Vordersohle mit dem. läng-
sten Nagel liy^'"; Länge der Hintersohle mit dem längsten
Nagel 9'"; Breite der Vorderhand lOVs'"; Breite der Hin-
terhand an der breitesten Stelle 4'"; Länge des längsten
Vordernagels 4'"; Länge des längsten Hinternagels IVö'"-
Dieses Exemplar erhielt ich am Wabasch in Indiana
Ende Decembers, wo diese Thiere häufig sind.
Der Wasser -Maulwurf, wie man ihn nennt, kommt
überall in Pennsylvanien , selbst im Alleghany - Gebirge
ebenso jenseits desselben vor, in Indiana, Illinois, am Ohio
und Missisippi, und ersetzt daselbst vollkommen den euro-
päischen Maulwurf, mit dem er auch in Gestalt und Le-
bensart sehr viele Aehnlichkeit zeigt. Im Aeusseren lin-
findet man beinahe keinen Unterschied, und es haben ihn
die Zoologen der Verschiedenheiten seines Zahnbaües hal-
ber generisch getrennt. Er macht Gänge unter der Erde
und wirft ganz ähnliche Erdhaufen auf wie Talpa europaea.
Im Monat September erhielt ich mehrere dieser amerikani-
schen Thiere lebend. Sie waren ausserordentlich schnell
im Graben, und in einem Momente waren sie in der Erde
verschwunden, wollte man sie festhalten, so bissen sie hef-
tig um sich. Sie waren gequält von sehr vielen, grossen,
hellbraunen Flöhen. Aus der völlig ähnlichen Gestalt und
Bildung dieses Thieres mit unserem Maulwurfe wird es un-
umstösslich, dass dasselbe auch gänzlich dessen Lebensart
haben müsse, wie es denn auch wirklich ist.
200 Prinz Maximilian zu Wied:
Godnia n 1) giebt interessante Nachrichten von diesem
Thiere, auch von einem von Herrn Titian Pcale, dem
Besitzer des zoologischen Museums zu Philadelphia, gezähm-
ten Individuum. Nach Bartrams Zeugniss glaubte man
früher Talpa europaea sei auch in Nord -Amerika einhei-
misch; allein schon Thomas Say widerlegte dieses, und
es ist jetzt allgemein der Ungrund dieser Annahme bekannt.
Nach A u d u b 0 n und anderen Beobachtern variirt Sca-
lops , wie unser Maulwurf, in der Farbe. Er geht nicht
hoch nach Norden hinauf, weil es dort keine Regenwürmer
giebt, dagegen ist er von Canada bis Florida hinab verbrei-
tet und S. Baird erwähnt Exemplare aus verschiedenen
Gegenden der Union , doch soll er nicht über 50^ nördl.
Breite aufwärts verbreitet sein.
Am oberen Missouri fand ich ihn so wenig als Au -
dubon, er scheint also dort nicht vorzukommen ^).
See. II. Carnivora. Raubthiere.
Farn. 1. Ursina^ Bären.
Genus Ursus Linn. Bär.
1. V. americanus Fall. Der schwarze amerika-
nische Bär.
Richardson Fauna bor. amer. I. p. 14. Audubon 1. c.
p. 127. Tab. 112. S. Baird 1. c. p. 225.
Der schwarze Bär ist gegenwärtig in den bewohnten
Gegenden der Vereinigten Staaten meist ausgerottet und
zeigt sich hier und da nur einzeln noch in bewohnten Ge-
genden, dagegen war er zur Zeit unserer Reise im Alle-
ghany- Gebirge und an den Grenzen der stark bewohnten
Staaten, auch in w^eniger stark bewohnten Gegenden noch
vorhanden und in vielen , besonders dem Gebirge, noch
1) S. Godman american Natural-History Vol. 1. p. 84.
2) Den Stern- Maulwurf (Condylura) haben wir nicht zu sehen
bekommen, obgleich ich wohl von ihm hörte und ihn auch zuge-
sendet bekam,
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 201
häufig. Dort fing man diese Thiere in Baum - oder Schlag-
fallen i), oder man erlegte sie mit der Pürschbüchse. Am
Ohio kommt er nur noch einzeln vor, am Wabasch in In-
diana Avar er schon damals eine grosse Seltenheit, am Mis-
sisippi dagegen lebt er noch in ziemlicher Anzahl , doch
natürlich nur in den grossen Waldungen; denn er ist ein
Thier der Wälder und nicht der Prairies oder offenen Ge-
genden, wie die nachfolgende Art. Ebenso fand man ihn noch
am unteren Missouri. Im Alleghany-Gebirge, am Missisippi
und Missouri , auch an der Mündung des Ohio sahen wir
öfters junge Thiere dieser Art lebend bei den Pflanzern, und
in ersterem Gebirge bezahlte man ein solches starkes Bä-
renfell etwa mit 2 bis 2y2 Dollars.
Die indianischen Nationen zogen bekanntlich bedeu-
tenden Nutzen aus der Jagd dieser Thiere, indem sie bei-
nahe alle ihre verschiedenen Theile benutzten. Fleisch,
Fell, Sehnen, Magen, Blase, Knochen, weshalb sie dieses
Thier beinahe heilig hielten, ihm Feste und Opfer brachten
und bei seiner Erlegung öfters gewisse Ceremonien beob-
achteten , wie man sich aus allen älteren Schriften über
Nord -Amerika unterrichten kann. Auch die weissen Ein-
wanderer in diesem Welttheile benutzen den erlegten Bä-
ren sehr gewissenhaft. Das schwärzliche , dem Hammel-
fleische ähnliche Wildpret wird von ihnen gern gegessen,
das Fett oder Oel stark benutzt und wie Schoolcraft
sagt 2) , gegen das Ungeziefer angewendet.
Ueber die Liebe , welche dieser Bär für seine Jungen
zeigt 3), so wie überhaupt über seine Lebensart und Eigen-
schaften findet man in den verschiedenen zoologischen
Werken und Reisebeschreibungen die nöthigen Nachrich-
ten, unter anderen auch in Capt. Cartwright Tagebuch
seines langen Aufenthaltes an der Küste Labrador^).
Es giebt eine zimmlbraune Varietät dieses Bären, de-
1) Dieselbe habe ich in dem 1. Theile meiner amerikanischen
Reise p. 92 abgebildet.
2) Siehe Governor Cass exped. 1820. p. 183.
3) Bradbury travals etc. p. 35.
4) L. c. II. p. 343.
202 Prinz Maximilian zu W i e d :
ren Existenz man hat in Zweifel ziehen wollen; allein ich
habe ein solches sehr schönes Thier in der Menagerie des
Tower zu London gesehen, und ein Fell bei den Oto - In-
dianern am unteren Missouri , wo sonst keine andere Bä-
renart vorkommt. — Sabine redet ebenfalls von diesem
Gegenstande, und Audubon hat neuerdings diese rost-
gelbe Varietät abgebildet und beschrieben.
Die Benennungen , welche der schwarze Bär bei den
verschiedenen indianischen Stämmen tragt, sind zum Theil
folgende :
Bei den Eskimaux an der Küste La-
brador (nach der Aussage der
Brüder Missionäre) Akelak ^).
Der Bär mit dem weissen Halsring
(Varietät oder Jugendkleid) . . Akelak - kagodalik.
Bei den Ojibuäs Machkuä (ach guttural,
kuä kurz).
„ „ Krih's Kaskitäh-Maskuä^).
r ^ Otös \
„ „ Ayowä's \ Montchä (tehämintiä).
„ „ Missouri's )
Omähas / «?<? -i^u- /
\ Wassobba (a zwi-
P'^^^c^'s 1 sehen a und e).
„ „ Wasaji (Osagen) .... üassöbbä.
„ „ Dacota (Sioux) .... Uachank od.Wachank-
Sitscha („ch" guttural, sitscha
ohne Nachdruck und Accent).
„ „ Assiniboins Linketschena ( ke
kaum hörbar, na ebenso).
„ „ Mandans . Ischidda (da kurz)
„ „ Mönnitarris Haschidä.
„ „ Arikkaras Malu.
r) 11
1) Gallali n giebt für diesen Bären den Eskimaux-Nameu Nen-
nock an, allein dieses ist iinrichlig, NennocU heisst bei jeuem Volke
der Eisbar, der schwarze hingegen Akelak.
2) Gallatin giebt diese Benennung „ÜHi^aquaw", allein man lese
Verzeichniss IVordanierikanischer Säiigethiere. 203
Bei den Blackfeet Siiku - Kiäiu.
„ „ Grosventres des prairies . Uatäniss.
„ „ Kutanä's Nepko.
2. U. ferox Lewis et Clarke. Der falilköpfigc Bär.
Lewis and Clarke bist, of the exped. elc.
Major Longs exped. Rocky-Mount.
Richardson faima bor. amer. L p. 24. Tab. L et L B.
Audubon 1. c. Vol. lU. p. 141. Tab. 131.
Mayer Anat. dieses Bären und Nachrichten von dem-
selben in N. A. Acad. Caes. Leop. Carol. etc.
T. XXVL p. 39 und Folge.
Ursus horribilis S. Baird 1. c. p. 219. Tab. 41 et 42.
Es ist nicht meine Absicht alles das hier zu wieder-
holen, was wir über diese Thierart in den Schriften der
Kaiserl. Leop. Carol. Akademie der Naturforscher gesagt
haben, und ich muss daher auf jene Abhandlung, besonders
auf die so wichtige anatomische Arbeit des Herrn Geh. Ralh
Mayer verweisen, wodurch man wohl hinlänglich von der
Selbstständigkeit der Species des Ursus ferox überführt sein
wird. Seitdem ist nun das gehaltvolle Werk des Herrn
Spencer Baird zu Washington erschienen, worin auch
die hier berührte Thierart nicht vergessen wurde. Schade
das der Verfasser unsere Abhandlung zu spät erhielt, um
sie gehörig zu benutzen und in ihren einzelnen Theilen zu
beleuchten. Aus dieser Ursache hat der gelehrte Zoologe
die alten Vorurlheile zum Theil beibehalten und neuerdings
wieder aufgeführt , worüber ich mich weiter unten auslas-
sen werde.
Herr Spencer Baird führt für unseren Bären man-
cherlei Varietäten auf, und allerdings ändern diese Thiere
auch ziemlich bedeutend ab, wie alle Bären, allein doch
nur in gewissen Grenzen. Wir haben viele frische Exem-
plare und sehr viele trockene Felle auf den Handelsposten
der Pelzhandel - Compagnie zu sehen Gelegenheit gehabt
und in der Hauptsache nur folgende Abweichungen ge-
funden •
In der Jugend sind diese Thiere, wahrscheinlich dem
204 Pr i nz M a X i m i 1 i n n zu W i e d :
Geschleclite zu Folge, oft mehr weisslich gefärbt, und wir
fanden die jungen Weibchen von dieser Farbe; dagegen
waren die männlichen jungen Bären beinahe schwarz oder
dunkel schwarzbraun. Die Weibchen im erwachsenen Zu-
stande sind mehr gelblichbraun als die männlichen Thiere,
ja ihr Kopf zeigt zuweilen eine lebhaft rostgelbe Farbe.
Zwei- bis dreijährige Männchen sind meist ohne Unter-
schied schwarzbraun mit rostrothen Spitzen der Haare am
ganzen Körper , ausgenommen den Extremitäten , und sie
verloren meist jetzt diese Maare, um die vollkommene Zeich-
nung des Alters anzunehmen. Der alte Bär hat gewöhn-
lich die Farbe, wie sie in der Diagnose angegeben ist, d. h.
er ist mehr oder weniger einfarbig schwarzbraun, aber
an den Seiten des Kopfes und oft am ganzen Kopfe stark
mit gelblichweissen Haarspitzen bezeichnet, wodurch die-
ser Theil ein weissgelblich bereiftes Ansehen erhält. Ein-
zelnen Individuen fehlt diese letztere Zeichnung des Ko-
pfes , doch ist dieses selten und gewöhnlich nur in den
drei ersten Jahren der Fall. — Die vier Extremitäten sind
in allen Altern bräunlichschwarz.
Gestreifte oder gefleckte Thiere dieser Art , wie sie
Baird erwähnt, sind uns am Missouri nie vorgekommen.
Sie sollen sich an den Küsten des stillen Meeres finden. —
Grau könnte ich diesen Bären nie nennen, wie man dieses
öfters gethan hat; denn von dieser Farbe ist mir kein ein-
ziges Fell vorgekommen.
Der Name „ferox" scheint mir mehr passend als „hor-
ribilis," da dieser letzlere Ausdruck wohl etwas zu stark
gegriffen sein dürfte.
Um Ursus ferox vom europäischen arclos zu unter-
scheiden, haben wir ausser den anatomischen Abweichun-
gen auch die des äusseren Körperbaues, wie es mir scheint,
hinlänglich angegeben , und sie bestehen, kurz gefasst, in
etwas abweichender Gestalt des Kopfes , kürzerem äusse-
ren Ohre, abweichender Färbung und viel längeren, zum
Graben eingerichteten kolossalen Klauen. Baird vergleich
diese Fussnägel, nicht mit Unrecht , den langen Nagezäh-
nen des Biebers. Dass man übrigens behaupten will , die
Bären des Gebirges hätten längere Klauen als die der Ehe-
Verzeiclmiss Nordamerikanischer Säugethiere. 205
nen oder Prairies , dieses ist gewiss irrig. Im Gegenlheile,
alle Thierarten nutzen in bergigen Gegenden ihre Nägel
und Hufe weit mehr ab, als in ebenem oder sandigem Bo-
den, wie der deutsche Jäger bezeugen kann. Hirsche, die
im Gebirge leben , haben stets kürzere und mehr stumpf
abgeschliffene Hufe (Schalen), als die der Ebenen, wo
diese Theile lang zugespitzt bleiben, und so ist es gewiss
auch rait den Bären. Dagegen gräbt Ursus ferox überall
Wurzeln aus , wobei er seine Klauen ebenfalls abnutzt
und der Unterschied wird daher für beide Lokalitäten nicht
bedeutend sein.
Betrachten wir nun einige von uns schon früher wi-
derlegte Punkte in der Beschreibung des Herrn ßaird,
welche wir auch jetzt noch als unhaltbar ansehen müssen,
so sind dieses die nachfolgenden :
1) Ursus ferox soll Varietät des europäischen arclos
sein. Dieses ist nun hinlänglich widerlegt, ferox ist also
nicht Varietät, sondern gute Species.
2) Baird beschreibt ein Exemplar dieses Bären, wel-
ches eine Mähne vom Hinterkopfe bis über die Schultern
trug. Wir können versichern bei keinem einzigen Bären
eine so lang ausgedehnte Mähne beobachtet zu haben. Da-
gegen haben alle starken Bären dieser Species über den
Schulter -Blättern oder auf dem Widerrüste einen verlän-
gert aufrecht stehenden Haarbusch , der sehr charakteri-
stisch ist, und welchen man nebenbei als Kennzeichen der
Art benutzen kann. Diese Art von Mähne, wenn man sie
so nennen will, ist in ihrer Mitte am längsten und nimmt
nach beiden Enden allmählich in der Länge ab. Bei Ur-
sus arctos habe ich diesen Zug nie beobachtet , aber auf
dem Oberhalse sah ich bei keiner Art der Bären eine sol-
che Haarverlängerung. Baird's Exemplar ist also jeden-
falls eine Ausna!:me von der Regel.
3) Die Teslikel sollen in getrennten Säcken hängen,
nach der Aussage Lewis undClarke's. Dass dieses eine
unrichtige Beobachtung ist, hatte ich schon an frischerleg-
ten Thieren gefunden und aufnotli't; alleinHerr Geh. -Rath.
Mayer hat dieses ebenfalls an meinem Irisclien Bären be-
206 Prinz Maximilian zu W i e d :
stäligt und die Sachlage beschrieben. Diese Sage ist also
vollkommen beseitigt und muss gestrichen werden.
4) Ursus ferox soll eine weit bedeutendere Grösse
erreichen als arctos. Audi diese Aussage habe ich wi-
derlegt , denn von den vielen Bärenfellen, welche wir zu
sehen Gelegenheit hatten, übertraf nicht eins die Länge
von 7 Fuss meines Maasses (etwa 8 Fuss englisch) , wie
selbst Lewis und Clarke das grösste der von ihnen
gemessenen Thiere dieser Art angeben. — Dagegen habe
ich noch grössere russische Bärenfelle gesehen , die mich
in Erstaunen versetzten, ohne damals in der Lage zu sein,
sie ausmessen zu können.
Ueber die Lebensart und Manieren des fahlköpfigen
Bären habe ich an anderen Orten weitläufig geredet und
will die dort gegebenen Nachrichten niclit sämmllich wie-
derholen.
Bei den verschiedenen von uns besuchten indianischen
Nationen hat Ürsus ferox nachfolgende Benennungen :
Bei den Ojibuäs Wabach - Qua
(ach guttural).
„ „ Crihs (Crees) Uapih - Maskuä.
„ ,, Dacota's (Sioux) .... Malö.
„ „ Assini boins Matö.
„ „ Mandans Matö.
^ „ Otos Mantö (an franz.)
„ „ Omäha's Man-tchu (an franz.
tchu wie tiü).
Arikkara's Kühnuch - tähka
Monnilarris Lachpitzi (ach gut-
tural).
Crows ebenso.
, Blackfeet - Apoch - Kiäiu
(och guttural).
Verzeiclmiss Nordainerikanischcr Säugethiere. 207
Genus Procyoii Storr. Waschbär, Rakuhii.
1. S. lotor Linn. Der gemeine Waschbär.
Richardson faun. bor. amer. I. p. 16.
Audubon 1. c. II. p. 74. Tab. 61.
Spencer Baird 1. c. I. p. 209.
Beschreibung-: Die Gestalt dieses Thieres ist be-
kannt. Die Testikel liegen im Leibe verborgen , auch die
Ruthe liegt unter der Haut; ihre Oeffnung ist durch einen
Haarbüschel bezeichnet, und in derselben fühlt man so-
gleich die getheilte Spitze des Penisknochens, welcher gross
und beinahe Störmig gebogen ist. (Siehe diesen Knochen
Tab. IX. Fig. 7.)
Ausmessung eines starken männlichenRa-
k u h n s : Ganze Länge 29" 6'" ; Länge des Schwanzes 9" 10'";
Länge des Kopfes 4" 10"'; Länge von der Nasenspitze bis
zum Auge 2"; Länge der Augenöffnung 7'"; Länge vom hin-
teren Augenwinkel bis zur vorderen Ohrbasis 1" 7%'"; Breite
des Ohres 1" 10'"; Breite des Kopfes zwischen den Ohren
2" 676'"; Länge der Vordersohle 2" 4'/8'"; Länge der Hin-
lersohle bis zur Ferse 3" 8V2'"; Länge des längsten Yorder-
nagels 6'"; Länge des längsten Hinternagels 5V4'"; Länge
des oberen Eckzahnes 5Vö"'; Länge des unteren Eckzahnes
ö'/a'"; die Schnauzenspitze tritt über den Unterkiefer vor
um 11 Vj'"; Haar auf dem Hinterrücken (im Winter) über 2"
lang, auf den Schultern IV4": Länge der Bartborsten 3" 3'";
das Haar amSchv. anze ist 2" lang, darunter am ganzen Kör-
per eine dichte Grundwolle. Umfang des Leibes hinter den
Vorderblättern 13"; Umfang in der Dünnung vor den Hinter-
schenkeln 16" 9'"; Breite des Schwanzes mit den Haarspitzen
äusserlich 3" 4 bis 5'"; Länge des Schwanzes ohne die
Endhaare 8" 3'"; Länge des Knochens in der männlichen
Rulhe 4" 2'" (in gerader Linie gemessen).
Das grösste unter sehr vielen mir in Amerika vorge-
kommenen Thieren dieser Art hielt in der ganzen Länge
30" 8'", mit den Endspitzen (Haaren) des Schwanzes , der
Knochen in seiner Ruthe hielt in der Länge 3" JOVa'"-
Färbung: Die gewöhnliche Zeichnung dieses Thie-
res ist bekannt, doch variirt es zuweilen etwas, indem
208 Prinz i^Faxiinilian zu Wied:
man Exemplare findet , deren Grundfarbe mehr aschgrau,
bei anderen mehr graugelb ist. Die Iris im Auge ist braun,
die feuchte Nasenkuppe schwarz; Fusssohlen dunkel schmut-
zig bräunlichgrau, die Nägel dunkel horngraubraun.
Innere T heile: In den Mägen dieser Thiere fand
ich gewöhnlich zerbissene Fruchtkerne, besoinlers Maiskör-
ner, schwarze Fruchtkerne und rothe Samen (Smilax?),
dabei aber auch animalische Ueberrste, wahrscheinlich von
Flussmuscheln (Unio); das Thier ist also omnivor, wie die
Bären. — Die Nieren waren gänzlich im Fette verbor-
gen, das Netz mit drei Linien breiten Streifen von w eissem
Fette sehr zierlich durchwachsen , die Gedärme dick auf-
geblasen, weisslich von Farbe, wie am Schweine, die das
Gekröse verbindenden Häute ebenfalls sehr zierlich mit
weissen Fettstreifen durchzogen.
Der Rakuhn ist über den grössten Theil von Nord-
Amerika verbreitet. Nach Richard son ist er bis zum
ÖOsten Grade nördl. Breite zu finden , und südlich soll er
sogar noch in Paragua vorkommen. Wir selbst haben ihn
in Brasilien nicht beobachtet. In allen nordamerikanischen
Waldungen ist dieses Thier gemein, selbst bei Bethlehem,
eine kleine Tagereise von Philadelphia, kommt er nicht sel-
ten vor, er ist aber da besonders häufig, wo die soge-
nannte Civilisation noch nicht zu kräftig aufgetreten ist,
daher findet man ihn in Pennsylvanien schon nicht mehr
so häufig 5 als in den grossen Waldungen von Indiana, Il-
linois, Ohio u. s. w.
Am Wabasch in Indiana erhielt ich im Winter 1832 —
1833 sehr viele dieser Thiere, die ausserordentlich fett
waren und von den Bewohnern, den Backwoods-Men, sehr
gerne verzehrt werden. Das Fell sitzt, wie beim Dachse,
fest an der Haut und kann nur abgeschnitten werden. Bei
den im Walde einzeln zerstreuten Pflanzer-Wohnungen in
Indiana sah man häufig an der Thüre oder der äusseren
Seite des Blockhauses das Fell des Rakuhns zum Trocknen
angeheftet, während die Federn der wilden Truthühner um-
herlagen , und von dem w ilden Jägerleben der Bewohner
zeugten. Man kaufte dort gewöhnlich den Rakuhn für 25 Cents
oder Y^ Dollar.
Verzeichniss Nordanierikanischer Säugethiere. 209
Da der Rakuhn ein nächtliches Thier ist , wenigstens
in allen mehr oder weniger bewohnten Gegenden, so jagt
man ihn auch vorzüglich bei Nacht. Am Tage verbirgt er
sich gewöhnlich in hohlen Bäumen , wozu die kolossalen
Platanen vorzüglich geeignet sind , und geht des Nachts
seiner Nahrung nach. Alsdann lässt man die Hunde suchen,
die ihn bald zu Bau treiben und daselbst verbellen , man
haut den Stamm um oder erklettert ihn und bemächtigt sich
auf diese Art der Beute. An allen sandigen Flussufern iin-
det man dort die Spuren dieser Thiere in Menge, besonders
am Wabasch, wo sie die grossen ünio-Muscheln aufsuchen.
Am oberen Missouri, so wie überhaupt in den westlichen
Prairies kommt der Rakuhn nicht vor, da er bloss die gros-
sen Waldungen bewohnt.
Die' Canadier nennen den Waschbären le Chat sauvage,
die Ojibuä's kennen ihn unter dem Namen : „Asäban," auch
Pähsche-nächkano (d. h. den gestreiften Schwanz), die
Assiniboins : Uitschä , oder auch „Sitä-pussä" (d. h. eben-
falls der gestreifte Schwanz) ; dieMandans: Schuntä-pussä
(dieselbe Bedeutung).
(Äeiius Meles Briss. Dachs.
Baird hat unter der Benennung Taxidea Berlandieri
einen neuen Dachs aus Mexiko beschrieben, und es würden
nun dem zu Folge zwei Species für dieses Genus in Nord-
Amerika bekannt sein.
1. M. labradoria Sab. Der nordamerikanische
Dachs.
Taxidea labradoria Waterh.
Audubon 1. c. II. p. 360. Tab. 47.
Taxidea americana Baird 1. c. I. p. 202.
Wir erhielten auf der Reise durch Nord-Amerika nur
zwei Exemplare dieses Dachses, von welchen nur das jün-
gere, kleinere gemessen werden konnte; denn bei dem er-
wachsenen Thiere wurde ich verhindert die Maasse zu
nehmen.
Archiv f. Natiirg. XXVII. Jahrg. 1. Bd. 14
210 Pr 1 11 7. M a X i m i 1 i «a n z u W i c d :
Kurze Beschreibung: Die Ohren sind länger oder
höher als am europäischen Dachse , der Oberkiefer tritt
weit über den unteren vor , der Kopf ist breit, ziemlich
kurz, oben abgeplattet, die Schnauze kurz und breit. Ueber
die Verschiedenheiten des Scliädclbaues bei dem europäi-
schen und amerikanischen Dachse hat VYateriiouse in
Transactions of the Zool. Society (T. IL p. 343. Tab. 59)
Nachricht gegeben.
Ausmessung eines jungen Thieres: Ganze
Länge 18" 5V2'"; Länge des- Schwanzes 6" 8'" (mit den
übertretenden Haaren gemessen); Länge des Schwanzes
ohne die Haarspitzen 4" 11'"; Höhe des Ohres 1"; Länge
des Kopfes 5" 1'"; Breite des Kopfes zwischen den Ohren
(vorne gemessen) 3" 6"'; Länge der Hintersohle bis zur
Ferse 4" 2V2'"; Länge der Vordersohle 4".
Ausmessung des alten Dachses: Länge der
Vordersohle 4" 1'"; Länge der Lintersohle 4" 3'"; Länge
der längsten Vorderklaue 1" 6'"; Länge der längsten Hin-
terklaue 8'"; Länge des oberen Eckzahnes 8'"; Länge des
unteren Eckzahnes 8"'; der Oberkiefer tritt über den un-
teren vor um 9'".
Dieser Dachs ist weit verbreitet und findet sich auch
in den Prairies des oberen Missourilaufes , wo man häufig
Höhlen oder Baue beobachtet. Zu Fort Union bei den
Assiniboins erhielt ich einen alten Dachs, ein jüngeres Thier
trafen wir bei unserer Schifffahrt auf dem Missouri zufällig
mitten im Flusse , welches denselben zu durchschwimmen
im Begriffe stand. Von diesem Exemplare habe icli eben
die genaue Ausmessung gegeben.
Dieser Dachs soll , nach der Versicherung der Jäger,
4 bis 6 Junge werfen, nach Art des europäischen Dachses,
auch macht er sich eben ein solches Winterlager. Trifft
man ihn über Erde in der Prairie, so sucht er sich schnell
einzugraben, welches er mit seinen starken Klauen sehr
schnell bewerkstelligt; da jedoch die Prairie-Jäger häufig
zu Pferde sind, reiten sie ihn schnell an und er wird ge-
wöhnlich ihre Beute.
Seine Nahrung besteht in den Prairies in Wurzeln,
Beeren, kleinen Thieren, und kommt mit der des curopäi-
VerzeichnissNordamerikanischer Säugetliiere. 211
sehen Dachses überein, dessen Lebensart er im Alloemeinen
besitzt. Seine unterirdisclien Baue sollen oft sehr lief und
verzweigt sein. Schnell ist dieses Thier nicht. Man isst
das Fleisch und benutzt das Fell nicht, da es ohne Werth
ist ; allein die Indianer machen sich zuweilen Mützen oder
Gewehrschlossdeckel davon, wie sie überhaupt die meisten
Arten der Thierfelle zu allerhand Endzwecken zu benutzen
pflegen.
Die Ojibuäs nennen den Dachs Mitänask; die Mandans
Mahtäckä; die Assiniboins Chöka (ch guttural); die Mönni-
tarris Amakäh ; die Wasagis ( Osägen ) Hogä ( gä deutsch
guttural).
Farn. 2. Mustelina, marderartige Thiere.
Nord-Amerika hat viele Thiere aus dieser Familie, die
uns aber nur zum geringsten Theile vorgekommen sind.
Genus Gulo Storr. Vielfrass.
Gulo luscus Richardson 1. c. I. p. 41.
Audubon et Bachm. 1. c. I. p. 202. Tab. 26.
Spencer Baird 1. c. I. p. 181.
Der Vielfrass lebt bekanntlich im Norden, kommt aber
schon am Red-River an der Grenze von Canada vor, wel-
cher in den See Winipick fällt. Am Missouri scheint er
nicht zu leben, jedoch könnten sich im Winter einzelne
Individuen verstreichen, und wir haben auf einem der Han-
delsposten der Pelzhandel-Compagnie ein starkes Fell die-
ses Thieres gefunden , welches jedoch gänzlich ohne An-
gabe der Herstammung war. Dieses Thier hat zum Theil
die Gestalt des Dachses und Marders, der Kopf soll gestaltet
sein wie am Dachse, Gebiss sehr stark , aber die Schnauze
ist dicker und kürzer als an dem letzteren. Beine kurz
und stark, die Pfoten sehr gross und dick.
Die Stärke des Thieres beschreiben die Canadier als
sehr gross. Es soll starke eiserne Fallen zerbrechen,
welche ein Wolf nicht würde beschädigen können. Man
befestigt deshalb die Tellereisen mit schweren Stücken Holz
21Ö Pi i nz M a X i m i 1 i n n zu W i e d :
und dennoch werden sie oft weil fortgeschleift. Man sagt
der Vielfrass steige auf Bäume und habe den springenden
Gang des Marders, daher scheint es passend, diese Thier-
art im Systeme den Uebergang von den Bären zu den
Mardern (Mustela) bilden zu lassen.
Die Ojibuäs nennen den Vielfrass: Kuinggua-agä
(kurz zusammen gesprochen).
(Jeiuis Mephitis Cuv. Stink-Thier.
Lichtenstein hat das Verdienst, die Confusion,
welche im Systeme unter diesen Thieren herrschte, etwas
aufgeklärt zu haben. Allgemein ist man gegenwärtig über-
zeugt, dass es mehrere Arten dieser Gattung gebe , ob-
gleich ich nicht unterschreiben möchte, dass alle die bisher
angenommenen wirklich verschiedene Species sind, da diese
Thiere ziemlich variiren. Nur zwei gewiss verschiedene
Arten sind mir in Amerika bekannt geworden, von welchen
ich die eine ziemlich genau beschreiben kann , da wir da-
von viele Exemplare in Händen hatten und ihre Bildung
ziemlich constant fanden.
1. M. mesomelas Licht. Das gemeine Stinkt hier.
Lichtenst. Darst. der Säugeth. Tab. 45. hg. 2.
Audubon und Bachm. 1. c. L p. 317. Tab. 42.
Mephitis mephitica S. Baird 1. c. L p. 135.
Beschreibung eines männlichen Thieres
aus Indiana und zwar im Winterhaare: Gestalt
eines starken Marders, aber etwas dicker am Leibe, Beine
stark, kurz und muskulös ; der Kopf ist marderartig gebil-
det, allein in seiner oberen Region etwas schmäler, da-
gegen die Schnauze dicker und mehr verlängert als am
Marder; die Länge des Kopfes ist etwas mehr als dreimal
in der des ganzen Rumpfes (Kopf und Körper ohne den
Schwanz) enthalten; der Ober- Kiefer tritt 4V.h Linie über
die Spitze des unteren hinaus; die Nasenkuppe ist dick und
mit weiten, schief rück- und aufwärts geschlitzten Nasen-
löchern versehen; Auge ziemlich klein, länglich, etwas
Yeizeichniss Nordanicrikanischcr Säugelhiere. 213
sclnveinsartig geschlitzt , schwarzbraun ; Bartborslen am
Oberkiefer sehr zart, fein und nicht über sieben Linien
lang, doch stehen einige kleine verlängerte Haare unter
dem Auge über dem Mundwinkel; Einfassung der Augen-
lieder nackt; äusseres Ohr kurz, ziemlich senkrecht an der
Seite des Kopfes und nicht über die Horizontalfläche des
Scheitels hinaufreichend, Zunge den Unterkiefer ausfüllend,
an ihrer Oberfläche sehr glatt, d. h. ohne fühlbare Papillen.
DasGebiss wird hier als bekannt angenommen. Der
Gaumen ist mit erhabenen , sanft bogigen Querleisten be-
zeichnet; Vorder- und Hinterbeine dick und stark, mus-
kulös , fünfzehig; Vorderfuss bis über die Handwurzel an
der Sohle nackt; Daumzehe die kürzeste, dann folgt in der
Länge die äusserste, dann der Zeigeünger, nun der vierte
und der Mittelfinger ist der längste ; alle Zehen haben we-
nig Spaltung, indem sie von der Haut an ihrer Sohle ziem-
lich vereint werden, ohne jedoch eine wahre Spannhaut zu
besitzen; ihre Klauen sind lang, ziemlich schlank, sanft
gekrümmt zugespitzt, und an der Unterfläche ein wenig
ausgehöhlt ; an der Sohle der Vorderzehen steht hinter
jedem Nagel ein dicker starker Ballen , und an der Sohle
der Hand unmittelbar hinter den Zehen steht ein grosser
breiter, etwas herzförmiger Ballen, der beinahe die ganze
Breite der Hand einnimmt, hinter diesem befindet sich an der
Mitte der Sohle eine Grube und hinter dieser an der Hand-
wurzel zwei kleine Ballen neben einander; vorderer Sei-
tentheil der Zehen nackt ; am Hinterfusse herrscht dasselbe
Verhältniss der Zehen, wie eben beschrieben, allein die 4te
Zehe mit ihrem Nagel ist hier kaum merklich länger, alle
Nägel sind viel kleiner und schwächer , der Fuss selbst
kleiner und schmäler, dabei die Sohle nicht völlig nackt,
indem vor der Ferse noch ein kleines Stück mehr behaart,
d. h. an den Seiten die Behaarung weiter vortretend ist,
und diese Haare legen sich über und bedecken beinahe die
nackte Mittelregion des hinteren Theiles der Sohle; die
Ballen des Hinterfusses sind sehr vorschieden von denen
der Vordersohle; alle Zehen haben hier dicke ballenarlige
Sohlen, die nach hinten in einen gemeinschaftlichen Quer-
ballen vereinigt sind, hinter diesem so zu nennenden Ze-
214 Prinz iMaximilian ru Wied:
henballen steht ein zweiter, dicker und breiter Owerballen,
der die glänze Breite des Fusses einnimmt, und hinter die-
sem, an der Mitte der Fersensohle wieder ein einfacher
dicker Ballen; Nägel wie vorne, aber weit kleiner; die
Zehen nur sehr wenig- gespalten. Männliche Geschlechts-
öffnung nach vorne gerichtet , die Ruthe nicht viel sicht-
bar; Testikel unter der Haut verborgen ; Aftcröffnung nahe
unter dem Schwänze , darunter zwei dicke Erhöhungen,
Schwanz sehr stark, lang und buschig behaart, etwas kürzer
als der übrige Rumpf, seine Haare rundum stehend und in
der Mitte dieses Theiles zum Thcil 4 Zoll und darüber
lang, dichte, etwas hart und glänzend, die Haare der
Schwanzspitze über 4y2 Zoll die Rübe überlängend.
Färbu ng: Nasenkuppe , Augenliederrand schwärz-
lichgraubraun; Lippenrand mehr röthlichblass; Klauen röth-
lichweiss; ganzer Körper schwarz, an einigen Stellen mehr
bräunlichschwarz ; hinter der Nasenkuppe beginnt ein zier-
licher , schmaler weisser Streifen, der sich auf der Mitte
des Scheitels verliert; ganzer übriger Vordertheil und Sei-
ten des Kopfes schwarz wie Hals und Körper; hinterer
Theil des Scheitels, Hinterkopf, Nacken, Oberhals und ein
starker Streifen über die Mitte des Vorderrückens, welcher
letztere sich spaltet, sind weiss; die beiden Schenkel des
gespaltenen Rückenstreifen laufen schief etwa 5 Zoll lang
fort nach der Seite des Rückens, wo sie plötzlich aufhö-
ren; ebenso die Spitze des Schwanzes, welche 5 Zoll lang
weiss ist, und dieser weisse Endbüschel hat weit längere
Haare als die angrenzenden schwarzen sind , daher ist er
gleichsam wie in die schwarzen Haare eingepflanzt; an der
Schwanzwurzel sind alle Haare gänzlich schwarz, liaben
aber sämmtlich weisse Wurzeln , an dem letzten Viertheil
oder der Spitze sind sie gänzlich weiss.
Ausmessung: Ganze Länge 2' 2" 6'"; Länge des
Schwanzes mit den übertretenden Haaren 13"; Länge des
Schwanzes (der Rübe) ohne die Haarspitzen 9"; Länge des
Kopfes 3" 3'"; Länge von der Nasenkuppe bis zum vorde-
ren Augenwinkel 1" 3'"; Länge der Augenöffnung 4V3'";
Länge vom Auge bis zur vorderen Ohrwurzel 11'"; Höhe
des äusseren Ohres etwa 5"'; Länge des oberen Eckzahnes
Verzeichniss IVordamerikanischer Säugelhiere. 215
4'"; Länge des unleren Eckzahnes 3'"; Länge der Vorder-
sohle mit Zehe und Nagel 1" 11'"; Länge des längsten Vor-
dernagels 672'"? Länge der Hintersohle mit dem Nagel
2" 5'"; Länge des längsten Hinternagels 475'"; Länge der
längsten Rückenhaare etwas über 2".
Innere Theüe: Die Ruthe des männlichen Thie-
res ist sehr dünn, vorne an ihrer Spitze durch einen klei-
nen, dünnen, 6'" langen Knochen unterstützt; Älagen sehr
voll gepropft mit Ueberresten von Mäusen und Insekten;
die Leber war zufällig durch den Schuss zerstört; Netz
sehr mit Fett durchwachsen , auch der ganze Körper sehr
fett; der After sehr weit, so wie der Mastdarm mit dem
Drüsen-Apparate des Gestankes.
Das junge noch kleine Thier fand ich mit dem
allen ganz übereinstimmend.
Varietäten: Obgleich wir viele dieser Thiere er-
legten und erhielten , so sind mir doch nur sehr wenige
Abweichungen unter ihnen vorgekommen , und ich fand
sowohl in Pennsylvanien als in Indiana, jenseits des Alle-
ghany-Gebirges und am oberen Missouri, alle diese Thiere
auf dieselbe Art constant orefärbt. Bei den Punka-Indianern
erhielt ich indessen ein Stinklhier, dessen Farbe am gan-
zen Leibe bräunlichschwarz oder schwarz war, und wel-
chem der weisse Rückenslreif gänzlich fehlte , nur der
Nacken war weiss und ein kleiner 11 Linien langer Strich
auf der Nase bis zu den Augen ebenso gefärbt ^).
Ein anderes Thier von der oben beschriebenen Fär-
bung erhielt ich, welchem die weisse Schwanzspitze fehlte,
die es aber durch Zufall verloren zu haben schien.
Bei einem dritten Thiere verlief der weisse Rücken-
streifen nicht gabiig, sondern endete ungetheilt auf dem
Rücken.
Ein gänzlich und ohne Beimischung schön rein weis-
ses Stinklhier erhielt ich an dem in den Missouri von Süden
einfallenden Chayenne-Flusse.
Das Thior dieser Beschreibung ist über einen grossen
1) Siehe die Beschreibung meiner Heise in Nord - Amerika
Bd. II. p. 352.
216 Prinz Maximilian zu Wied:
Theil von Nord- Amerika verbreitet. In Pennsylvanien
scheint es sehr häufig zu sein , nicht ganz so zahlreich
vielleicht in Indiana. Am Missouri ist es nicht selten, auch
in den benachbarten Prairies von Illinois wurde es bald
für uns erlangt und mehrere Exemplare eingesendet. Dort
soll es besonders in den bewaldeten Gegenden leben. Nur
in bewohnten Gegenden kann man dieses Thier nächtlich
nennen, denn am oberen Missouri haben wir es öfters am
hellen Tage in den Wermuthgebüschen langsam umherwan-
deln gesehen. Es verbirgt sich in hohlen Bäumen, Fels-
klüften und Löchern, ist nicht schnell und kann leicht er-
legt werden. Bei Bethlehem in Pennsylvanien suchte man
bei Nacht die Waldungen ab und die Hunde würgten meh-
rere Thiere dieser Art. Ein halberwachsenes Thier wurde
mir lebend gebracht und ich hielt es im Garten in einem
Kasten, wo es umherlief, ziemlich zahm war und nicht den
mindesten übelen Geruch verbreitete , welches nur in der
Angst und als Nothwehr geschieht. Seine schöne Zeich-
nung gewährte uns Unterhaltung und wir besuchten und
fütterten es oft.
Die Nahrung des Stinkthiers besteht in lebenden Thie-
ren, Mäusen, Heuschrecken u. a. Insekten, Fröschen u. dgl.,
wie bei unserem Fuchse. Es wirft gewöhnlich in einer
Erdhöhle seine Jungen und man sagt bis zu 8 Stück. Im
Winter soll es , wie der Bär , in seinem Baue liegen und
niemand bekommt es alsdann zu sehen, auch soll es wäh-
rend dieser Zeit keine Nahrung zu sich nehmen.
Das Fleisch dieser Thiere wird von den Canadiern
und Indianern gegessen , nachdem man ihm die Drüsen am
After ausgeschnitten hat. Das Fell brauchen die Indianer
zu Tabacksbeuteln, auch bringen sie es zur Verzierung an
ihren Beinen an oder es ist ihnen zuweilen geheiligt (me-
decine) und wird alsdann aus dieser Absicht getragen.
Die Ojibuäs nennen dieses Stinkthier . Schikähk.
„ Assiniboins Makahn.
„ Dacötas Mankäh.
„ Mandan's Schöchtä
(och guttural).
Vcrzcichniss NordamciiUanischer Säugcthicrc. 217
Die Mönnitarri's Chüchkä
(uch guttural).
„ Krihs (Crees) Sikähk.
„ Wasaji (Osagen) Mang-gä.
- tj''''^l ! Mong-äh.
„ Missouri s \
„ Omäha's Mong-gä.
„ Arikkaras Nimbitt.
„ Blackfeet Apikaieh
(pi kurz).
Richardson beschreibt ein Stinkthier dem hier er-
^vähnten ziemlich ähnlich, doch hatten alle mir vorgekom-
menen Exemplare dieser Art nur eine weisse Schwanz-
spitze, die auch B a i r d gerade so wie eingepflanzt beschreibt,
wie sie mir vorgekommen ist; ich glaube daher, dass der
erstere vielleicht die hier unten nachfolgende Art, Mephi-
tis chinga vor Augen gehabt hat. — Sehr richtig scheint
Prince Charles Bonapart e's Bemerkung i) : „dass er
weniger Varietäten unter diesen Thieren gefunden, und dass
die Abweichungen in der Färbung wohl grossentheils Spe-
cies sein könnten, und Lichtenstein hat diese Vermu-
thung bestätigt, indem er mehrere interessante Arten be-
kannt machte und abbildete. G od man und Audubon
geben interessante Nachrichten vom Stinkthiere im Allge-
meinen, der letztere Schriftsteller sieht aber alle die ver-
schiedenen Abweichungen unter diesen Thieren als Varie-
täten an und wirft sie alle auf einen Haufen zusammen.
Dieses ist auf jeden Fall unrichtig und ausser dem
von mir genau beschriebenen gemeinen Stinkthiere oder
Mesomelas (mephitica Baird) habe ich noch eine zweite
mehr nördlich vorkommende Art kennen gelernt, ohne Zwei-
fel Mephitis chinga der Zoologen, wovon weiter unten mehr.
Spencer Baird erwähnt L ich t enst e i n's Meso-
melas mit der Bemerkung, dass er dasselbe gar nicht kenne,
und dass dasselbe in seiner Gegend gar nicht vorkomme,
und gerade dieses ist bei ihm die gemeinste Art, seine Me-
1) Siehe Sulla seconda edizioiie dcl Hegno aniiiiale del Baron
Cuvier (1830) p- 18.
21^ Prinz Maximilian z u W i c d :
phitis mephiticn , die in Pennsylvanien überall vorkommt.
Ich kann mir diesen Irrthum nur erklären, indem ich an-
nehme, dass der gelehrle Zoologe der deutschen Sprache
nicht mächtig sei. Er redet von behaarten Soiilen (die
vielleicht bei jungen Thieren in geringerem Grade vorkom-
menmögen), allein ich linde in Li c h tens t e i n's Diagnose
und Erklärung der Tafel nichts von diesem Charaklerzuge
gesagt.
2. M. chinga Tiedem. D a s w e i s s s e i t i g e S 1 i n k t h i e r.
Lichtenst. Darstellung u. s. vv. Tab. 45 m.it Erklärung.
Mephilis mephitica S. Baird 1. c. 1. p. 195-
Herr Spencer Baird sagt, er habe nie Stinkthiere
gesehen , welche eine so starke und breite weisse Zeich-
nung an ihren Obertheilen getragen, als dieses Lichten-
st ei n's Abbildung von M. chinga darstelle. Von dieser
Aussage kann ich nun gerade das Gegentheil bestätigen.
Wir haben nämlich bei den zufällig zu St. Louis getroffenen
Saki-Indianern vom oberen Missisippi, sehr viele Felle eines
am Rücken beinahe ganz weissen Stinkthieres gesehen, die
alle mit einander übereinstimmten , und von welchen die
Indianer aussagten, sie kämen mehr nördlich vor. Noch ge-
genwärtig besitze ich solche Felle.
Sie sind an den Obertheilen beinahe gänzlich weiss,
nur auf der Mitte des Ilintcrrückens belindet sich ein nur
ganz schmaler schwarzer Längsstreifen. Dieses ist Mephi-
tis chinga Tiedem.
Auch am Missouri haben wir bei den Indianern solche
Felle eingetauscht, die aber leider verloren gingen. Sic
sind sehr schön und lang behaart, und die Indianer verzie-
ren damit ihre Beine , indem sie sie am Knie befestigen,
und das ganze gegerbte Fell mit dem langen buschigen
Schwänze herabhängen lassen. Wahrscheinlich brachten
sie sie vom Red - River an der Grenze von Canada und
vom Saskalschawan herab. Ob aber diese Thiere auch am
Missouri vorkommen , kann ich nicht sagen , doch ist mir
dieses sehr unv.ahrscheiniich , da wir dort nichts Aehnli-
ches in Erfahrung gebracht, auch nie ein solches Thier im
Yollkommenen Zustande zu sehen bekommen haben- Au-
Vcizoithniss Kordaraerikanischer Säugethiere. 219
(lubon und Bach man bilden (T. III. Tab. 102) ihr Me-
phitis macroura ab, welche Figur mit meinen €hinga-Fellen
viele Uebereinstimmung zu haben scheint.
Genus Miistela Linn. Marder.
Die mittleren Provinzen von Nord-Amerika sind nicht
reich an marderartigen Thieren , und nur ein paar Arten
der Wiesel sind uns daselbst vorgekommen. Die wahren
Marderarten muss man in den mehr nördlichen Gegenden
suchen , und in den Gebirgen, wo ihr Pelzwerk einen be-
deutenden Handelsartikel bildet.
1. M. canadensis Linn. Gmel. Der Pekan- Marder.
Richardson 1. c. 1. p.52.
Audubon I. p. 307. Tab. 41.
S. Baird 1. p. 149.
Dieses Thier ist uns im frischen Zustande nicht vor-
gekommen und es lebt mehr in den nördlichen Gegenden ;
doch hat man mir zu New-Harmony am VVabasch versi-
chert , dass man es daselbst zuweilen fange. Auch am
oberen Missouri ist es mir nicht vorgekommen. Die Pelz-
handel-Compagnie erhält zuweilen einzelne Felle dieser
Art von den Krih-, Assiniboin-, Dacota-, Blackfeet- und
andern Indianern. Ich erhielt zu Fort M'Kenzie ein solches
starkes Fell, das vollkommen die Grösse der Brasilianischen
Irära oder Hyrära (Galictis barbara) hatte.
Die Farbe dieses Felles war graubraun , überall mit
langen , gelblichen Haarspitzen , die über einen Zoll lang
waren. Hinten unter dem Hinterleibe befanden sich einige
weisslichgelbe Fleckchen ; der Schwanz war mehr röth-
lichbraun als der Körper , auf der 3Iitte seiner Höhe
schwarzbraun.
Die Ojibuäs nennen diesen Marder „Otschihk ;^ die
französischen Canader nannten ihn „Pekan ;" die Anglo-
Amerikaner hingegen „Fisher.^
220 Prinz Maximilian zu Wied:
Geuiis Piitorius Cuv. Wiesel.
Man kannte bis jetzt nur wenige Thierarten aus dieser
Gattung- aus Nord - Amerika, allein Spencer Baird hat
neuerdings mehrere Arten von Wieseln aufgestellt , deren
Selbstständigkeit ich nicht zu beurtheilen vermag. Mir
scheint es indessen , dass diese neuen Species vielleicht
hier und da nur als Varietäten zu betrachten seien.
Nur zwei bis drei Arten von Wieseln habe ich nach
der frischen Natur zu beobachten Gelegenheit gehabt, die
ich in den nachfolgenden Zeilen beschreiben werde.
1. P, novaeboracerisis Dek. Der gemeine nordame-
rikanische Hermelin.
Putorius longicauda ßonap.
Richardson 1. c. I. p. 46.
Putorius Erminea Aubub. 1. c. II. p. 56.
S. Baird 1. c. I. p. 166.
Während wir uns in Nord-Amerika aufhielten, bekam
ich dieses Thier nicht zu sehen , erhielt es aber nachher
in Branntwein zugesendet, und zwar ein Exemplar im Som-
merhaare aus New-York, welches ich alsdann sogleich mit
einem frischen europäischen Hermelin verglich, der zufällig
gerade dieselbe Grösse besass und daher die Vergleichung
sehr erleichterte. Ob die am Missouri erhaltenen Exemplare
eine andere Species bilden , darüber wird man am Ende
dieser Beschreibung besser urtheilen können.
Von dem danebenliegendcn deutschen Hermelin war
der aus New-York weder in der Bildung noch Färbung
verschieden, und es zeigten sich bei der genauesten Ver-
gleichung nur nachfolgende kleine Verschiedenheiten :
Bei dem amerikanischen Thiere waren Kopf und Hals
zusammengenommen etwas länger und ebenso der Schwanz,
jedoch sehr unbedeutend ; die Zehen dagegen waren bei
dem Amerikaner etwas weniger gekrümmt, als an dem Eu-
ropäer, übrigens kein Unterschied. Die Bariborsten waren
bei dem amerikanischen Hermelin braun, bei dem europäi-
schen weiss, übrigens die Färbung ganz dieselbe.
Vcizeichniss Nordainerikanischer Säugethiere. 221
Baird giebt in seiner Beschreibung- immer an, wie
lang das schwarze Ende des Schwanzes ist; allein dieses
variirt bei diesen Thieren sehr, wte man sich leicht über-
zeugen kann , ebenso die Länge der Haarspitzen am Ende
des Schwanzes , es ist daher besser zur Vergleichung die
Länge dieses Theiles ohne die Haarspitzen zu messsen, also
bloss die sogenannte Rübe des Schwanzes.
Vergleichende Ausmessung:
Europäischer Nordamerik.
Hermelin. Hermelin.
Ganze Länge 15" 3'" 15" 3"'
Länge des Schwanzes mit den Haar-
spitzen 5" 8"' 5" 9'
Länge des Schwanzes ohne die Haar-
spitzen 3" 4"' 4" 6'
Länge des Kopfes etwa .... 2" — 2"
Länge des Rumpfes ohne den Schwanz 9" 9"' 9" 7'
Ganze Länge des Thieres ohne die
Haarspitzen am Schwanzende . . 13" 7"' 14" 2'
Länge von der Nasenspitze zum
Schulterblatte 3" 8"' 3" 9"'
Skelett: Die Vergleichung beider Skelette zeigt nur
unbedeutende Abweichungen. Am europäischen Hermelin
fand ich 12 bis 13 Schwanzwirbel , am pennsylvanischen 14,
die aber ein wenig länger gestreckt sind , wodurch der
Schwanz im Allgemeinen etwas mehr an Länge gewinnt.
Im Uebrigen stimmt die Zahl der Wirbel zusammen, und
es ist sowohl im Aeusseren , wie gesagt , als im Skelette
kein bedeutender Unterschied vorhanden.
Anatomie: Herr Geh.-Rath Mayer zu Bonn hatte
die Güte die Anatomie des amerikanischen Thieres zu über-
nehmen und es folgen hier dessen eigene Worte: „Da beide
Thiere gleich gross waren und beide männlichen Geschlech-
tes, so ist die Vergleichung dadurch sehr erleichtert. Das
Herz ist bei Must. curopaea ein wenig schmäler und klei-
ner , was aber vielleicht von Blut-Entleerung beim Tode,
durch den Schuss herzurühren scheint. Die Lungen zeigen
einige Differenz , nämlich die linke Lunge hat bei Must.
w//
///
U44
>///
222 Prinz Maximilian zu Wied:
americana zwei Lappen , ^vovoll der erste zweiprctheilt ist,
der bei M. curop. einfach; die rechte Lunge hat bei bei-
den vier Lappen; im Ganzen sind die Lungen bei jenem
etwas grösser. Die übrigen Organe sind gleicliförmig ge-
baut, auch der Darmkanal gleich lang, ohne Coecum. —
Dasselbe gilt auch von den Geschlechtstheilen und der
Afterdrüse. Nur das Os penis zeigt Abweichendes ^). Bei
Must. americana ist es dünner, mehr gerade, bei europaea
dicker und mejir gebogen, besonders nach vorne. Noch
muss ich bemerken, dass der sogenannte Ventriculus Mon-
gagni im Larynx bei Must. americana mir merklicli grösser
schien, was damit übereinstimmt, dass dieser Ventrikel sehr
gross sich bei den Thieren Amerikas zeigt , vornehmlich
bei AiTen, aber auch bei Dicotyles torquatus und labiatus,
Myrmecophaga u. s. w."
Dem Gesagten zu Folge hängt es nun bloss von in-
dividueller Ansicht ab, ob man den amerikanischen Wiesel
als Varietät des europäischen oder als Species betrachten
wolle. Es ist aber heut zu Tage im Gebrauche, alle klei-
nen Verschiedenheiten für specifisch trennende Charaktere
anzunehmen und zur Aufstellung neuer Genera und Species
zu benutzen.
AuchAudubon in seiner Naturgeschichte der nord-
amerikanischen Säugethiere sagt , er habe bei dem ameri-
kanischen Hermelin keinen unterschied von dem europäi-
schen aufünden können. Der erstere werde im Winter
immer weiss, worin also auch noch eine kleine Verschie-
denheit begründet ist, die indessen wohl im Clima ihren
Grund haben kann, indem der deutsche Hermelin im Win-
ter meist seine braune Farbe behält, und die weissen Exem-
plare eine constante Varietät bilden, die in allen Jahres-
zeiten weiss bleibt.
Der Hermelin des oberen Missouri.
Beschreibung eines weiblichen T h i e r e s :
Gestalt und Färbung des europäischen Hermelins (d. h. die
letztere eines weissen Exemplars, da ich dasThier im Win-
1) Siehe die Abbildung dieser Knochen in natürlicher Grösse
Tab. Vlll. flg. 8.
Verzeicliniss IVordumniKanisclier Säiigcthiwp. 223
ter erhielt). Der L'nlerkieler ist beinahe um 4'" kürzer
als der obere (von der Spitze der Nassenkiippc gemessen);
die Ohren erreichen eben die Höhe der Scheitelflärhe, sie
sind weit eröd'net, mit kurzem Rande, der nach hinten eine
Verdoppelung' zeigt , an ihrer äusseren Seite behaart , der
Rand aber auch an seiner inneren Seite; am unteren Rande
des äusseren Ohres befindet sich vor der Ohröffnung ein
Ausschnitt, inwendig eine quergespannte Haut, den Tra-
gus bildend.
G e b i s s : Eckzähne gross und nageiförmig, dazwisclien
am Oberkiefer 6 kleine, dicht an einandergestellte Schnei-
dezähnchen , mit gleich abgestutzten Kronen; im Unter-
kiefer, ebenfalls 6 Schneidezähne , die zwei mittleren ste-
hen weiter vor , das darauffolgende an jeder Seite mehr
zurück, der äusserste an jeder Seite dagegen wieder so
Aveit vor als die mittleren, etwa auf diese Art: OoOOoO.
Die Zunge hat in ihrer Mitte eine Längsfurche , von wel-
cher seitwärts feine Ouerlinien verlaufen , welche , genau
besehen, aus Reihen von kleinen Papillen bestehen; ßeine
dick, stark und massig kurz; der dritte und vierte Finger
sind die längsten, sie sind unter sich gleich lang; die
Daumwarze steht am weitesten zurück und ist benagelt;
Zeigefinger etwas kürzer als der kleine, welcher weiter zu-
rück steht; Vorder- und Hinterzehen durch eine Spannhaut
vereint, welche an den vorderen bis zu den hinteren Nä-
geln vortritt , an den Hinterfüssen aber nur die halben Ze-
hen vereint; sie ist behaart wie die Fusssohle, mit Aus-
nahme der Ballenspitzen ; Klauen stark , sanft gekrümmt
zugespitzt; Leib lang gestreckt, so dick wie der] starke Hals;
Hinterschenkel kräftio- , der Hinterfuss gebildet wie der
vordere , aber die Sohlen mehr behaart und die Nägel
(Klauen) kürzer als am Vorderfusse. Schwanz zwei Zoll
über die Spitze des vorgestreckten Hinterbeines mit dem
Fusse hinausreichend ; Testikel länglich, im Leibe verborv^en.
Färbung: Die Nasenkuppe ist fahlröthlichbraun,
ebenso dieFussballen; das Auge ist schwarz; die Schwanz -
spitze ist einen Zoll lang, kohlschwarz ; die Klauen an der
Spitze weisslich, an der Wurzel fleischroth, zuweilen blut-
rolh, ohne Zweifel weil diese Thiere in Schlingen gefan-
224 Prinz Maximilian zu W i e d :
gen werden ; Färbung des Körpers vollkommen wie an dem
europäischen Hermelin, weisse Varietät, also ganz sclinee-
weiss, der Bauch gelblich überlaufen ; Bartborsten am Ober-
kiefer weiss; das Ohr weisslich.
Ausmessung: Ganze Länge 13" 8'"; Länge des
Schwanzes mit den Haarspitzen 5" 2'"; desselben ohne die
Haarspitzen (der Rübe) 4"; Länge des Kopfes 1"11'"; Breite
des Kopfes zwischen den Ohren etwa 1"; Länge von der
Nasenspitze zum vorderen Augenwinkel 7'"; Länge der
Augenöifnung SVj'"; vom hinteren Augenwinkel zur vor-
deren Ohrbasis ö'/z'"; Länge der Bartborsten 1" 7'".
Ausmessung eines starken männlichen
Thieres vom oberen Missouri: Ganze Länge 17" 8'";
Länge des Schwanzes mit den Haarspitzen 6" 10'"; Länge
desselben ohne die Endhaare 5" 10"'; Länge des Kopfes
2" 2VV"5 Breite des Kopfes zwischen den Ohren 1" 1'";
Länge von der Nasenspitze zum vorderen Augenwinkel 8'";
Länge der Augenöffnung 4'"; vom hinteren Augenwinkel
zur vorderen Ohrbasis 7'"; Länge der Bartborsten 2";
Länge der Vordersohle bis zum Handgelenke 1" 3'"; Länge
der Hintersohle 1" 1'"; Länge des Vordernagels am Mit-
telfinger 37^'"; Länge des Hinternagels an demselben Fin-
ger 2 V2'"; Länge von der Nase bis auf das Schulterblatt 4";
von da bis zur Schwanzwurzel 6" 4'"; Länge des oberen
Eckzahnes S'/j'"; die Schwanzspitze war etwa 1" 7'" lang
schwarz; der Körper rein weiss.
Das männliche Thier trägt in der Ruthe einen Kno-
chen, der bei dem zuletzt gemessenen Hermelin 11 Linien
lang war, dünn, V3 seiner Länge gerade, dann schief auf-
wärts gebogen, die Spitze mit einem kleinen Höckerchen
aufwärts, dieser Knochen hat an der unteren Fläche seines
Vordertheiles eine kleine Hohlkehle.
Dem hier Gesagten zu Folge sehe ich keinen Grund
den Hermelin des Missouri's von dem von New- York für
specifisch verschieden zu halten , und ich muss beide für
eine und dieselbe Species ansehen. Leider habe ich die
Exemplare verloren und kann weiter nichts über dieselben
hinzufügen.
■ Dieses Thier kommt in allen von mir bereisten Ge-
Verzeichniss Nordameiikanischer Säugethiere. 225
genden vor und soll im Sommer gewöhnlicli braun mit
weissem Bauche, im Winter weiss sein, mit Ausnahme der
kohlschwarzen Schwanzspitze, welche permanent ist. Ich
erhielt im Winter bloss weisse Exemplare, und zwar in
ziemlicher Anzahl, da sie in Menge vorhanden waren. Sie
sollen in dieser Jahreszeit immer weiss werden, was bei
dem verwandten europäischen Thiere nicht der Fall ist.
Die Indianer fangen sie sehr geschickt mit Schlingen von
Pferdehaaren vor ihren Löchern, welche wir häutig in den
Ufern fanden, da man das Thier im Schnee spüren konnte.
Die schönen weissen Fellchen werden zu dem indianischen
Putze sehr gesucht, besonders als Verzierungen an Mützen,
Lederhemden und an den Bogen. Bei den Mandan- und
Mönnitarri-Indianern, wo wir einen ganzen Winter verleb-
ten , bezahlte man ein solches Fellchen mit 6 Dollars an
Werth (etwa 15 fl.) Jene Indianer befestigen zuweilen
ganze Felle dieser Art auf ihren Köpfen, als ein Medecine-
Zeichen oder Talisman, gewöhnlich aber wurden sie in
schmale Streifen geschnitten. Für vier solcher Felle kau-
fen die Indianer eine Flinte. — Ungeachtet der starken
Nachstellung ist der Hermelin in der Nähe der Mandan -
Dörfer noch ziemlich häufig, ich erhielt auch hier in kur-
zer Zeit mehrere Exemplare , welche ich sämmtlich durch
den Brand des Dampfschiffes einbüssle.
Lebensart und Manieren dieses Thieres sind völlig wie
bei der europäischen verwandten Art. Nach Capt Lyon^j
soll der Hermelin im Norden Gänge unter dem Schnee ma-
chen , welches ich in der von mir bereisten Gegend nicht
bemerkt habe.
Bei den Ojibuäs heisst der Hermelin Tschingöhs; bei
den Mandans Mahchpach-Pirakä (ach guttural); bei den
Mönnitarris Ohsisa.
2. P. pusillus Audub. Das kleine amerikanische
Wiesel.
Richards. 1. c. 1. p. 45.
1) Private Journal p. 82.
Archiv f. Naturg. XXVII. Jahrg. 1. Bd. 15
226 Prinz Maximilian zu Wicd:
Audub. 1. C. II. p. 100.
S. Baird I. c. I. p. 159.
Beschreibung eines weiblichen Thier-
chens: Gestalt und Färbung- in der Hauptsache ganz wie
an dem europäischen kleinen Wiesel. Der Leib ausseror-
dentlich schlank gestreckt, der Hals sehr lang, Kopf sehr
klein; Beinchen höchst kurz und zart, das Schwänzchen
sehr kurz.
Der Kopf ist klein, schlank, schmal; die Nasenkuppe
breit, in ihrer Mitte mit einer kleinen senkrechten Furche;
das hochstehende Nasenloch ist nach der Seite hin geöff-
net; Bartborsten massig lang, am Oberkiefer über und an
den Seiten der Nase , auch oberhalb des Auges stehend ;
Auge länglichschmal, dabei glänzend; das Ohr erreicht mit
seiner oberen Spitze nicht vollkommen die Höhe des Schei-
tels, es ist platt am Kopfe anliegend, eine steife Haut, an
der inneren und äusseren Seite behaart , aber sein Rand
ist nackt; die Eckzähne sind gross; der Hals ist lang
und dabei dicker als der Kopf; Beine und Füsse sehr klein
und kurz , der Vorderfuss schmal, zwei mittlere Zehen die
längsten, sie sind einander gleich, sowohl Sohle als Ballen
waren an dem hier beschriebenen Sommer -Exemplare be-
haart, und alle Zehen dergestalt in den Haaren verborgen,
dass man sie mit der Lupe kaum sehen konnte und wo-
durch auch die halbe Spannhaut der Zehen verborgen wird;
der Daumen der Vorderhand ist benagelt; am Hinterfusse
5 Zehen , der Daumen bedeutend kürzer als die übrigen,
an allen tritt der Pelz oder die Behaarung über die Nägel
hinaus , Sohle und Ballen ebenfalls gänzlich behaart , der
Zeigefinger länger als der kleine, die beiden mittleren Ze-
hen sind die längsten; Schwanz kurz, streckt man die Hin-
terbeine gerade aus, so erreicht er die Spitze derselben,
er ist behaart wie der Körper.
Färbung: Alle Obertheile haben ein dunkles Grau-
braun, beinahe chocoladebraiin, alle Untertheile sind schmut-
zig- oder gelblich weiss ; vier Füsse weiss, aber die Vor-
derseite des Vorderbeines und Vorderlheil der Ferse des
Hinterbeines über dem Fusse sind von der Farbe des
Rückens; Vorderseite und Vorderrand des Hinterschenkels
Verzeichniss Nordamcrikanischer Säugethiere. 227
und des Beines sind weiss; äussere Seite der Beine, Schwanz
und Aftergeg-end haben die Bückenfarbe; Ohrrand weiss-
lich, d. Ii. heller als das übrige Ohr; Nasenkuppe bräun-
lich. Das Auge ist glänzend schwarz, am Unterkiefer steigt
die weisse Kehlfarbe ein wenig über den Mundwinkel
hinauf.
Ausmessung: Ganze Länge 5" 10'"; Länge des
Schwanzes mit den Haarspitzen 11 Vj'"; desselben ohne die
Haarspitzen 8'"; Länge des Kopfes 1" '/j'"; Breite des Ko-
pfes bei den Ohren 7'"; Höhe des äusseren Ohres Sy^"';
Länge von der Nasenspitze zum vorderen Augenwinkel
BVs'"; Höhe des Thierchens auf den Schulterblättern 1" 2'";
Höhe über den Hüften 1" 6'"^; Länge der Vordersohle 57^^"';
Länge der Hintersohle Tyg'"; Länge von der Nasenspitze
bis auf das Schulterblatt etwa 2" 3'"; Länge von da bis zur
Schwanzwurzel 2" 7'".
Ein ganz weisses, imDecember am oberen
Missouri erhaltenes Exemplar.
Färbung: Durchaus schneeweiss, ohne Abänderung,
nur an der Spitze des Schwänzchens befanden sich einige
wenige schwarze Haare; Ohren fleischroth, aussen und am
Rande sparsam weiss behaart , innere oder vordere , nach
aussen gekehrte Seite nackt ; das Naschen und die Bartbor-
sten waren graubraun; Fusssohlen dicht weisslich behaart,
so dass man weder Ballen noch Klauen bemerkt.
Zur Vergleichung werde ich nachfolgend gegen die
Ausmessung dieses weissen amerikanischenWiesels, die eines
nur wenig grösseren europäischen setzen, beide auf völlig
gleiche Art gemessen :
Amerikanisches Europäisches
Wiesel. Wiesel.
Ganze Länge mit den Haarspitzen . 6" 6V3'" '^" "'"
Länge des Schwanzes mit den Haar-
spitzen 1" 3'" 1" 5'"
Länge des Schwanzes ohne Haar-
spitzen — 10"' 1" 2'"
Länge des Kopfes — 15'" — 18'"
228 Prinz Maximilian zu Wicd:
Amerikanisches Europäisches
Wiesel. Wiesel.
Breite des Kopfes zwischen den Oh-
•en in der Mitte — 6VV" — 10'
>///
lOi
Länge der Bartborsten — 10'" — 9
Länge der Vordersohle bis zum
Handgelenke — 4V2'" — 8
Länge der Hintersohle .... — TVj'" — 10'"
Länge von der Nasenspitze bis über
das Vorderblalt 2" — — —
Länge von da bis zum Schwänze .3" — — —
Länge von der Nasenspitze bis zum
vorderen Augenwinkel .... — ■ — — ^y^'"
Länge der Augenöffnung .... — — — 2V3'"
Höhe des äusseren Ohres ... — — — SVs'"
Das kleine amerikanische Wiesel hat vollkommen die
Lebensart und Manieren des Europäischen, man sagt aber,
dass dasselbe im Winter immer weiss werde, obgleich nach
Spencer Baird das Gegentheil anzunehmen ist. Im
Winter sucht dieses Thierchen die Hütten der Indianer auf,
wie auch Dr. King bestätigt, und das von mir eben be-
schriebene weisse Winterexemplar dieser Art wurde von
demMandan-Chef Matö-Töpe in dessen eigener Hütte erlegt.
Dieses amerikanische niedliche Thierchen hat viele
Aehnlichkeit mit dem verwandten europäischen Wiesel, doch
zeigt es auch wieder einige Abweichungen, so z. B. dass
sein Fuss weit mehr behaart ist , als an unserem Thiere,
man könnte es füglich dasypus nennen. Ich habe übrigens
meine Exemplare verloren und kann keine weitere, nähere
Yergleichung anstellen.
Die Mandan- Indianer nennen den kleinen Wiesel
„Makschipka"; die Mönnitarri's „Ohsissa- isipparui."
3. P. mson Briss. Der Mink.
Richardson 1. c. I. p. 48.
Audubon 1. c. I. p. 250. Tab. 33.
Sp. Baird I. p. 177.
Dass der Mink dem europäischen Nörz (Mustela lu-
Verzeichniss Nordanierikanischer Säugethiere. 229
treola Linn.) sehr nahe verwandt und höchst ähnlich , ja
selbst vollkommen dessen Repräsentant für Nord-Amerika
ist , wird von allen Zoologen anerkannt. Man war überall
zweifelhaft, ob man diese Thiere für ein und dieselbe Spe-
cies ansehen, oder specifisch trennen müsse; es war mir
also sehr viel daran gelegen , eine genaue Vergleichung
beider Thiere anstellen zu können. Lange trachtete ich
vergebens nach einem frischen vollständigen Exemplare des
Nörz oder unserer Sumpf -Otter. Ich erhielt zwei präpa-
rirte Bälge, den einen aus Pommern , den andern aus Tra-
chenberg in Schlesien, die aber zu meinem Endzwecke
nicht passend waren. So viel bewiesen sie indessen, dass
diese Thierart immer noch einzeln in Deutschland gefun-
den werde, obgleich sie im Allgemeinen ziemlich ausge-
rottet ist. Ehemals war dieses Thier über ganz Deutsch-
land, Polen und Russland verbreitet. Es glückte mir end-
lich aus Sarepta , im russischen Asien, das gewünschte
Exemplar im Fleische zu erhalten. Seitdem haben wir nun
auch in Blasius gehaltvollem vortrefflichen Werke über
die deutschen Säugethiere ^) eine gute Beschreibung des
Nörz mit allen Ausmessungen erhalten, und da der Ver-
fasser sich desselben Maasses bediente wie ich, so wird sich
weiter unten eine Vergleichung der Ausmessungen gegen
einander stellen lassen. Für jetzt wollen wir den Vison
oder Mink genau nach dem Leben und nach vielen Exem-
plaren beschreiben und später zeigen, dass er sich in eini-
gen Zügen vom Nörz unterscheide, also vorläufig, wenig-
stens mit demselben Rechte wie das amerikanische Wiesel
(Putorius novaeboracensis oder longicauda Bonap.) , als
besondere Species betrachtet werden könne.
Beschreibung eines starken männlichen
Minks nach dem eben erlegten Thiere: Gestalt
der des Iltisses ähnlich, der Kopf etwa ebenso, massig
breit; Augen klein , über denselben stehen einige lange
Borstenhaare ; Schnauze massig abgerundet, die Nasenkuppe
mit einer perpendiculären, wenig tiefen Furche von oben
nach unten bezeichnet ; Unterkiefer um drei Linien kürzer
1) Fauna der Wirbeltlnere üeutschlands Bd. I. p. 234.
330 Prinz Maximilian zu Wied:
als der obere; Ohren ziemlich kurz, nicht über den Pelz
vortretend, an ihrem vorderen Rande oben mit einem Aus-
schnitte, am Hinderrande ziemlich geradlinig und an der
Basis einer kleinen Verdoppelung sind sie leicht mit kur-
zen Haaren besetzt; Bartborsten neben und einige über
der Nasenkuppe. Das Gebiss kommt mit dem des Nörz
überein; Leib massig schlank; Beine dick und muskulös;
am Vorderfusse der vierte Finger der längste, der Daumen
am kürzesten , sie sind über die Hälfte ihrer Länge durch
deutliche Spann- oder Schwimmhäute vereint, welche un-
ten und an ihrem Rande dicht und lang , und an ihrer
Oberseite sparsamer behaart sind; Nägel zusammengedrückt,
gekrümmt, scharf zugespitzt; Yordersohle behaart, nur die
Spitzen der Ballen sind nackt , auch der vorderste Ballen
unter der Zehe unmittelbar hinter dem Nagel ist nackt;
hinter den Zehen stehen drei Ballen zu einer Hufeisenge-
slalt vereint, und an der äusseren Seite der Handwurzel
noch einer, alle sind nackt, aber der übrige Theil der Sohle
ist behaart; Hinterbeine stark, lang behaart; die Sohle
behaart, nur die Ballen auch hier nackt, und diese letz-
teren sind auf dieselbe Art vcrtheilt wie an den Vorder-
füssen, nur mit dem Unterschiede, dass hinler den Zehen
vier Ballen das Hufeisen bilden und dagegen der weiter
zurückstehende fehlt; der Mittel- und vierte Finger sind
die längsten und einander gleich, der äussersle ist nicht
bedeutend kürzer, der Daumen aber bedeutend kürzer;
die Behaarung der Zehen reicht über die Spitzen der
Nägel hinaus und verbirgt diese zum Theil ; zwischen den
drei äusseren Zehen tritt die Schwimmhaut beinahe bis
zur Spitze vor , zwischen der dritten und vierten ist sie
etwas kürzer; Geschlechtstheile äusserlich nicht sichtbar,
nur an der Oeffnung der Ruthe befindet sich ein klei-
ner, iy2 Linien langer Haarzopf oder Pinsel; Schwanz
etwa so lang wie der Körper ohne Hals und Kopf, ziemlich
dick und stark behaart, vielleicht ebenso wie am Htis, oder
etwas weniger; Pelz des Thieres dicht und fein, mit einer
dichten Grundwolle , dabei längeren glänzenden Stachel-
haaren. Das Haar ist etwas kürzer als an dem Marder, hat
aber etwa die schöne Farbe und Glanz wie am Zobel.
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 231
Färbung-: Das Auge ist schwarz ; Nasenkuppe röth-
lichgraubraun; die Zähne weiss: an der Spitze des Unter-
kiefers befindet sich ein rein weisser Fleck, der bald etwas
grösser, bald kleiner, zuweilen etwas schief gestellt ist;
an einigen Exemplaren steht auch am Mundwinkel ein klei-
nes weisses Fleckchen; Klauen weisslich; das ganze übrige
Thier einförmig von einem schönen, glänzenden, dunkeln
Braun, die Grundwolle heller und die langen Haare glän-
zend schwärzlichbraun ; Beine und letzte zwei Dritttheile
des Schwanzes am dunkelsten braun.
Ausmessung: Ganze Länge 21" 5'"; Länge des
Schwanzes mit seiner Haarspitze 8" 6'"; ohne die Haar-
spitzen 7" 2'": Länge des Kopfes etwa 2" 6'"; Breite des
Kopfes zwischen den Ohren 1" 5 bis 6'"; Höhe des Ohres
an des Kopfseite 6'"; Breite des Ohres 8'"; Länge von der
Nasenkuppe bis zum Auge 11"'; Länge der Augenöffnung
2y5'"; Länge des oberen Eckzahnes SVs'"; Länge des un-
teren Eckzahnes 3'"; Länge der Vordersohle mit der läng-
sten Zehe und Nagel 1" 7'"; Länge des längsten Vorder-
nagels 3'"; Länge der eben so gemessenen Hintersohle von
der Ferse an 2" 5'"; Länge des längsten Hinternagels
Sy^'"; die längste Bartborste 273'".
Innere T heile: Die Zunge ist glatt; das Herz ist
kurz, dick und breit; die Leber in mehrere Lappen ge-
theilt; der häutigmuskulöse Magen war mit Hasenhaaren und
Federn angefüllt. — Testikel unter der Haut verborgen,
schmal und jetzt im Winter ziemlich klein; im Penis befin-
det sich ein Knochen, welcher bei diesem Exemplare 1" 7'"
lang Avar, er ist gerade , an seinem vorderen Dritttheile
knieförmig im stumpfen Winkel gebogen, zeigt an der Spitze
ein abwärts gekrümmtes Häkchen und auf seiner Ober-
fläche eine Längsrinne, die über die gekrümmte Spitze
hinabläufl i), die beiden Nieren sind dick, gross und boh-
nenförmig; am After an jeder Seite des Mastdarms steht
eine gelbe Drüse, welche eine übel- und starkriechende
Flüssigkeit absondern; der Geruch ist wohl schwächer als
1) Siehe die Abbildung dieses Knochens Taf. Vlll. fig. 5 in na-
türlicher Grösse.
232 Prinz Maximilian zu Wied:
der des Stinkthieres, giebt ihm aber nicht viel nach, indem
er dem unseres Iltisses gleicht.
Weibliches Thier: Gebildet wie das männliche;
der weibliche Geschlechtstheil besteht in einer kleinen wenig
vom After entfernten Oeffnung. — Der weisse Fleck des
Unterkiefers nimmt hier zuweilen diesen ganzen Theil bis
zum Mundwinkel ein , ist zuweilen etwas irregulär durch
einen braunen Strich getheilt, zuweilen stehen unter dem
Halse ein Paar weisse Haare, und auch zwischen den Hin-
terbeinen kommen an diesen Thieren zuweilen weisse P'lecke
vor. — Geruch sehr streng und iltisartig.
Junges Thier: Die Sohlen sind in der Jugend mehr
behaart, übrigens alles vollkommen gleich.
Varietät: Ein männlicher Mink, im Januar am Wa-
basch erlegt , hatte die Testikel unter der Haut schon stark
entwickelt unmittelbar vor dem After liegend, weil sich die
Ranzzeit nahete. Der Unterkiefer war schief weiss be-
zeichnet , also auf der einen Seite etwas mehr als auf der
anderen; unter der Brust zwischen den Vorderbeinen ste-
hen zwei weisse Flecken hintereinander, welche etwa 6 bis
8 Linien lang sind; die Ruthe , welche mit ihrem Knochen
von ihrer Oeffnung bis zu den Testikeln (1" 8'" bis 1" 9'"
lang) unter der Haut ausgestreckt liegt, ist an jeder Seite
von einem schmalen, weissen Längsstreifen eingefasst, und
vor den Testikeln steht an jeder Seite hinter dem weissen
Streifen noch ein isolirter weisser Fleck: überhaupt varii-
ren diese Thiere öfters mit einzelnen, weissen Fleckchen.
Ein Paar der Minke, welche ich erhielt, trugen oben zwi-
schen den Schulterblättern und an den Vorderbeinen zwi-
schen Haut und Muskeln lange weisse Würmer (Bandwür-
mer?) etwas platt und völlig weiss von Farbe, jedoch
zusammenffewickelt in einer von der Unterbaut des Thieres
gebildeten Blase. Sie waren bedeutend lang, aber ausser-
ordentlich weich und zerbrechlich; zerriss man sie , so
floss eine schleimige Masse aus, in welcher sie sich auf-
lösten. Ich habe diese Würmer leider verloren , wie so
viele andere Gegenstände. Einige dieser Würmer zeigten
ein paar Tage nach dem Tode des Minks noch Leben.
Man Jindel auch völlig weisse Minke hier und da, ein
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 233
solcher hielt sich zur Zeit unserer Anwesenheit bei den
Mönnitarri-Dörfern auf, welchem die Indianer eifrig nach-
stellten , ohne dass es ihnen bis jetzt gelungen war, ihn
zu fangen.
Unter sehr vielen Minken, welche ich erhielt, maass der
grösste in seiner ganzen Länge 22" 5'" mit den Haarspit-
zen des Schwanzes. Länge des Schwanzes mit den Haar-
spitzen 8" 6'"; das Gewicht betrug bei einem 21" 4"' lan-
gen Exemplare 1% Pfund.
Vergleichung desMink mit dem Nor z. Verglei-
chende Ausmessung:
üer Nörz : Der Mink :
nach Blasius nach eigner Erf.
Ganze Länge 19" — 21" 5"'
Schwanzlänge 5" 6"' 8" 6"'
(ohne Haarspitze) 7" 2"'
Kopflänge 2" 8"' 2" 6"'
Höhe des Ohres .../.. — 5"' — 6"'
Ohrbreite — 8%o"' — 8"'
(an der
Kopfseite)
Entfernung zwischen der Schnau-
zenspilze und dem Auge . . — 8Vio"' — H'"
Länge der Augenspalte ... — 4"' — 2V5'"
Vordersohle mit dem Nagel . . 1" 8"' 1" 7"'
Hintersohle mit dem Nagel . . 2" 1"' 2" 5"'
Vergleichung des Skelettes beider T hier-
arten :
Zwei Skelette sind zu vergleichen , von welchen das
eine, eines Nörz (lulreola) aus Sarepta an der Wolga, 16"
in der Länge hält , während ein damit zu vergleichender
Mink vom Wabasch 22 Zoll lang ist.
1) Beim Nörz ist die Länge des Kopfes in der des
Rumpfes (ganzer Körper ohne Schwanz) nicht vollkommen
4mal enthalten; bei dem Mink vollkommen 5mal.
2) Die Länge des Schwanzes war bei dem Nörz in
der des Rumpfes etwas über zweimal , beim Mink etwas
mehr als lyjmal enthalten.
234 Prinz Maximilian zu Wied:
3) Schädel und Gebiss zeigen keine bedeutende Ver-
schiedenheiten, wenn man abrechnet, dass bei dem jünge-
ren JNörze der Schädel mehr glatt, die Kämme und Leisten
zur Befestigung der Muskeln weniger slark ausgewirkt und
der Oberkopf ein wenig mehr gewölbt sich zeigte.
4) Zahl der Hals- Rücken- und Lendenwirbel waren bei
beiden Thieren gleich, 13 ächte und 2 falsche Rippen wa-
ren jeder Seite an beiden Thieren vorhanden ; allein am
Schwänze zählte ich bei dem Nörz 19, bei dem Mink da-
gegen 21 NYirbel , welche dabei weit länger, d. h. mehr in
die Länge gezogen waren, wodurch der Schwanz eine be-
deutende Länge erhält.
5) Der Oberarm und die UIna sind bei beiden Thie-
ren etwa gleich lang, überhaupt die Verhältnisse an Armen
und Beinen, so wie den vier Füssen ganz gleich, nur hat
der jüngere Nörz bedeutend längere Klauen an seinen Ze-
hen als der Mink.
Zieht man einen Schluss aus allen diesen Vergleichun-
gen, so zeigt sich, dass es mit diesem Thiere gerade so
gteht wie mit Putorius novaeboracensis , d. h. beide euro-
päische Thiere sind ihren amerikanischen Repräsentanten
höchst ähnlich , unterscheiden sich aber besonders durch
die grössere Länge des Schwanzes bei den amerikanischen
Thieren.
Baird führt für die Verschiedenheit des Mink und
des Nörz an , der erstere sei grösser und der letztere
zeige zuweilen etwas Weiss an seinen Oberlippen; allein
diese beiden Punkte haben wenig Gewicht , da ich einen
Nörz aus Trachenberg erhielt, der dem Mink an Grösse
nichts nachgab, und da ich auch Minke mit weisser Ober-
lippe gesehen zu haben mich erinnere.
Der Mink ist ein überall in Nord -Amerika zahlreich
verbreitetes kleines Raublhier, welches vollkommen die Le-
bensart unseres Nörzes oder Sumpfotter zeigt und dabei ein
geschickter Schwimmer ist. Er lebt in Uferhöhlen unter alten
Baumstöcken, doch meistens in der Nähe des Wassers, wo
man überall seine Spuren bemerkt. Er fällt alle kleineren
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 235
lebenden Thiere an , ist den Hühnerställen gefährlich und
wir sahen auf dem Pokono, im Alleghany-Gebirge, am hel-
len Tage ein solches kühnes Raubthier aus dem Walde her-
vorkommen und die Hühner unseres Hauswirllies neben
dem Hause angreifen , wobei es jedoch mit seinem Balge
bezahlen musste. Zu New-Harmony erlegten wir bei dem
Orte ein solches Thier unter einem Haufen Holze, nachdem
dasselbe während der Nacht sechs Hühner gelödlet , ihnen
das Blut ausgesogen und das Hirn verzehrt hatte. Am
Wabasch sahen wir den Mink unter die Wurzeln alter Ufer-
stämme in seine Höhle einkriechen. — Er schwimmt sehr
geschickt und schnell mit lang ausgestrecktem Körper, und
bei Gefahr auf dem Lande sucht er sogleich das Wasser
und taucht unter, kann aber nicht lange unter Wasser blei-
ben, sondern muss, wie die Fischotter, mit der Nase bald
hervorkommen, um Alhem zu holen. Einen übelen Geruch
findet man gewöhnlich bei dem frisch erlegten Thiere nicht.
Im Winter nähern sie sich häufig den menschlichen Woh-
nungen und man fängt und schiesst sie alsdann häutig.
Der Mink nährt sich , wenn er sonst kein lebendes Thier
fangen kann, auch von Flussmuscheln, die in den dortigen
Flüssen sehr gross und mannichfaltig , auch sehr zahlreich
sind , daher findet man viele leere Muschelschalen in der
Nähe seines Wohnplatzes, selbst auf alten Stöcken mitten im
Wasser, wohin er sie trägt und verzehrt. — Die Bewoh-
ner jener Gegenden und selbst die Fischer zu Piltsburgh
schrieben diese Ueberreste der Moschusratte zu; allein es
kann dieses nur vom Mink herrühren, da die erstere von
Vegetabilien lebt, und die Verwechselung beider Thiere in
dieser Hinsicht ebenso leicht zu entschuldigen ist, wie die
des Kuckuks und Sperbers bei uns.
Man fängt den Mink in Fallen verschiedener Art am
Wabasch und Ohio , aber besonders auch in Schlagfallen,
wie sie die Jäger in manchen Gegenden auch bei uns er-
bauen , und der Balg des Thieres , welchen die Ameiican-
Furcompany in Menge erhält, kostete von 18 bis zu 25 Cents
das Stück.
Die Benennungen, welche der Mink in Amerika trägt,
sind zum Theil folgende : die französischen Canadier nennen
236 Prinz Maximi li an zuWied:
ihn le Foutereau; die Ojibuäs „Tschang-goäsch" (zusammen
zu sprechen); die Mandans „Mönnika- sünlackä ; die Mön-
nitarris „Dacksiia« (u starker Accent und a getrennt); die
Assiniboins „Ihkussan" (an französisch).
denus Lutra Erxl. Fisehotter.
Nur eine Art dieser Gattung scheint in den von mir
besuchten Geffenden von Nord-Amerika zu leben, während
Baird für die ganze Ausdehnung dieses weiten Landes
zwei Arten beschreibt, wovon mir Lutra californica Gray
nicht bekannt geworden ist.
1 . L. canadensis Sabine. Die gemeine nordameri-
kanische Fischotter.
Richardson 1. c. L p. 57.
Audubon 1. c. IL p.2. Tab. 51.
S. Baird L c. L p. 184. Tab. 38.
Beschreibung meiner Reise in Nord-Amerika L p. 211.
Beschreibung einer männliclien Otter vom
Wabasch, im Monat December erlegt: Gestalt in
der Hauptsache ganz die der europäischen Otter , allein
Kopf und Schnauze scheinen dicker und breiter zu sein.
Gestalt im Allgemeinen gedrungen, stark, Kopf breit, wohl
Vä breiter als hoch , auf der Oberfläche nur höchst sanft
gewölbt, im Allgemeinen ziemlich flach auf dem Scheitel;
Gesicht sehr kurz , Nasenloch , Auge und Mitte des Ohres
beinahe in einer Horizontallinie liegend , aus welcher das
Auge nur kaum merklich in die Höhe reicht; Nasenkuppe
sehr dick, breit, ihr Umfang ist nach vorne sanft abgerun-
det , sie misst in der Breite an dem frischen Thiere lOy^
Linien; die ziemlich weilen Nasenlöcher stehen an der
Seite ziemlich an dem unteren Winkel der Nasenkuppe:
Lippen dickhäutig und neben der Nasenkuppe sanft abge-
rundet zurückweichend ; der Unterkiefer ist kurz, schmal
und der obere tritt sowohl an der Spitze als an den Sei-
ten stark über den ersteren vor , welcher um öy^, Linien
Verzeichniss IN'ordameiikanisclier Säugelliiere. 237
kürzer ist als der obere; der Mundrand ist am Oberkiefer um
8'/2 Linien hinter die Spitze der Nasenkuppe zurückgezo-
gen; Seiten des Oberkiefers von der Nase auf mehr als
die Hälfte ihrer Länge zum Mundwinkel mit vielen langen,
starken Bartborsten besetzt, von welchen die hinteren und
läjigsten 2" 4V3'" in der Länge messen; hinter dem Mund-
winkel steht an jeder Seite des Rachens ebenfalls ein Busch
von langen Bartborsten; das Auge ist klein, länglichellip-
tisch und der Pelz tritt bis zu dem Rande des nackten Au-
genliedes vor; Ohren klein, abgerundet, nach hinten ein
wenig kurz zugespitzt , d. h. ihre Axe und Spitze nach
hinten geneigt , dabei dicht mit kurzen Haaren bedeckt;
Zunge fleischig und ziemlich glatt.
Gebiss: Die Eckzähne schon etwas abgenutzt; Vor-
derzähne oben 6, die beiden mittleren die kleinsten, die
äussersten bedeutend grösser , alle mit ziemlich stumpfer
Krone ; im Unterkiefer 6 Vorderzähne, eng zusammen ge-
schoben, die mittleren sehr klein , der äusserste an jeder
Seite bedeutend grösser, die zwischen stehenden klein und
etwas in die Höhe geschoben, aber doch nicht länger, alle
ziemlich stumpf; Backenzähne gebildet wie an der europäi-
schen Otter, nur war der zweite Zahn von vorne hier etwas
länger und mehr zugespitzt, und am Reisszahne waren die
äusseren Höcker der Wurzel etwas stärker ausgeprägt.
Die Stirn schien gebildet wie an der europäischen
Otter; der Hals ist kurz, sehr dick muskulös, beinahe so
breit wie der breite Hinterkopf, die Schultern treten etwas
vor den Hals heraus, wenn das Thier auf dem Rücken oder
Bauch liegt; Leib dick, langgestreckt, fleischig, wie bei
allen Ottern. Schwanz kürzer als der Körper, an der Wur-
zel sehr breit und muskulös, in seiner ganzen Länge etwas
abgeplattet, allmählich an Breite abnehmend und von bei-
den Seiten in gerader Linie allmählich zugespitzt, welches
bei der brasilianischen Otter verschieden ist, auch fehlt
an der europäischen Otter die Abplattung dieses Theiles;
die brasilianische Otter hat die Seilenlinie ihres Schwan-
zes mehr scharfkantig; die Vorderbeine der nordamerika-
nischen sind dick, kurz und muskulös , der Arm am Ellen-
bogen etwa C Zoll breit; Vorderfuss sehr stark, kurz, breit,
238 Prinz Maximilian zu Wied:
mit kurzen gewölbten Zehen und ziemlich kurzen, bogi-
gen , massig zugespitzten , etwas zusammengedrückten
Klauen; Zehen mit behaarten Schwimmhäuten verbunden,
die in der JVlitte ihres Randes etwas buchtig ausgeschnitten
sind; Fuss und Zehen dicht und kurz behaart; der Dau-
men ist am kürzesten, dann folgt in Zunahme der Länge
der kleine Finger , dann der Zeigefinger , nun der vierte,
der Mittelfinger ist der längste. Hinterschenkel und Beine
höchst muskulös und stark; Hinterfuss etwas länger und
schmäler als der vordere, Verhältniss der Zehen wie vorne,
allein der Mittel- und vierte Finger sind gleich lang;
Schwimmhäute der Hinterfüsse stärker und weiter vortre-
tend als an den vorderen; Vordersohle nackt, bis auf die
Vertiefungen und die Seiten der Zehen; hinter dem Nagel
hat eine jede Zehe einen dicken Ballen, hinter den Fin-
gern stehen 4 Ballen im Hufeisen dicht an einander gereiht,
der zweite von aussen , welcher am weitesten vortritt, ist
der grösste, ein fünfter Ballen steht unter der Handwurzel;
Hintersohle ebenso gebildet wie die vordere, allein es fehlt
hier der Handwurzelballen; Klauen der Hinterzehen kurz,
wenig gekrümmt , ziemlich stumpf und ein wenig aufge-
richtet; Aflerölfnung an der Schwanzwurzel; die Testikel
liegen nahe vor dem After unter der Haut verborgen, bil-
den aber eine starke Erhöhung, und 6 Linien weit davor
befindet sich die Oeffnung für die Ruthe , die mit einem
starken Knochen versehen und in gerader Richtung von
den Teslikeln vorwärts unter der Haut gefühlt werden
kann. — Haar des Körpers ziemlich kurz , dicht , sanft,
glänzend, an den Untertheilen kürzer, am Rücken schein-
bar ein wenig länger als an der europäischen und brasi-
lianischen Otter.
Färbung: An allen Obertheilen ein dunkles schwärz-
liches Braun, einförmig, auf dem Vorderkopfe kaum merk-
lich heller , am glänzendsten und dunkelsten am Rücken
und Schwänze; Unterseite des Thieres etwas heller grau-
braun, die Haare mehr glatt wie abgeschliffen, anliegend
und kürzer, daher heller gefärbt; Seiten des Halses und
Unterseite desselben von einem matten liellen bräunlichen
Grau, indem hier die V^'urzeln der Haare dunkel und die
Verzeichniss Nordamcrikanischcr Säugelhiere. 239
Spitzen heller gefärbt sind, dabei mit einem matten Glänze;
die weisse Farbe habe ich an diesen Thiercn nie gefunden,
wie dieses bei den brasilianischen der Fall ist, dagegen
kommt die hier beschriebene untere Halsfarbe der Wa-
basch - Otter beinahe vollkommen mit der der europäischen
an diesen Theilen überein; die Nägel sind graubraun mit
weisslichen Spitzen; Sohlen dunkel graubraun; Nasenkuppe
schwärzlichbraun.
Ausmessung: Ganze Länge 3' 9" 5'" (45 Zoll 5 L.);
Länge des Schwanzes (auf der Oberseite gemessen) 18" 5'" ;
Länge des Kopfes etwa 6"; Breite des Kopfes zwischen
den Ohren 4"; Länge von der Nasenspitze zum vorderen
Augenwinkel 1" 8V3'"; Länge der Augenspalte 5'"; Länge
vom hinteren Augenwinkel zur vorderen Ohrbasis 1" TYj'";
Breite des Ohres an seiner Basis 7^//"; Höhe des äusseren
Ohres 5%'"^ Länge der längsten Bartborsten 2" 4y^"';
Länge des oberen Eckzahnes ÖVs'"? Länge des unteren
Eckzahnes 5'"; Länge von der Nasenspitze zum vorderen
Schulterknochen 8" 1'"; Länge des Vorderarmes vom El-
lenbogen zur Klauenspitze 6"; Länge der Vordersohle 3";
Länge der längsten Vorderzehe ungefähr 1" 6'"; Länge der
längsten Vorderklaue ^/^*'* ; Länge der längsten Schwimm-
haut an ihrer Mitte gemessen 1" 1%'"; Länge des Hinter-
fusses von der Ferse zur Nagelspitze 4" 7y,,'"; Länge der
längsten Hinterzehe 2" 1'"; Länge der längsten Hinter-
klaue 378'"5 Länge der längsten Hinterschwimmhaut 1" Q'/a'";
Breite der Schwanzwurzel (hinter dem After gemessen) 4";
Breite des Schwanzes in der Mitte seiner Länge 2" 6'" ;
Höhe des Schwanzes in der Mitte 1" IV^,'"; Länge von der
Nasenspitze bis zur Afteröffnung 28" 8%"' ; Länge vom
After biz zur Schwanzspitze \^*' 9"'; Länge von der Ge-
schlechtsölfnung bis zum Ende der Testikel 6"; Länge der
männlichen Ruthe 4" 3"'; Länge des Knochens in derselben
3" 7"'; Umfang des Kopfes hinter den Ohren 12" 7"'; Um-
faiig des Halses 13" 10"'; Umfang .des Leibes hinter den
Vorderbeinen 14" 10"'; Umfang desselben vor den Hinter-
schenkeln 16" 10"': Gewiclit dieser Otter 21 »/j Pf.
240 Prinz iMaximilian /u Wied:
Verglcichung der Ausmessung obiger Fisch-
otter mit einer beinahe eben so grossen deut-
schen Otter.
Amerikanische Otter. Europäische Otter.
Ganze Länge .... 3' 9" 5'" 3" 7" 5'"
Länge des Schwanzes . — 18" 5'" — 16" 9"'
Länge des Kopfes . . . _ 6" — — 5" S'A"'
Breite des Kopfes zwi-
schen den Ohren . . _ 4" — — 3" 2V2"'
Länge von der Nase bis
zum vorderen Augen-
winkel — 1" 8V3'" — 1" 6"'
Länge der Augenspalte . — — 5"' — — ^^U"
Länge vom hinteren Au-
genwinkel zur vorde-
ren Ohrbasis .... — 1" 7V2'" — 1" 9V2"'
Breite des Ohres an der
Basis — — 72/3"' — — 10"'
Höhe des äusseren Ohres — — ÖV*'" — — 5"'
Länge des oberen Eck-
zahnes — — 54/3'" — ^ 7"'
Länge des unteren Eck-
zahnes _ — 5'" — — 6"'
Länge von der Nasenspitze
zur Schulter . . . . _ 8" 1"' — 7" 10"'
Länge des Vorderarms vom
Ellenbogen zur Klauen-
spitze — 6" — — 6" 1'"
Länge der Vordersohle . ~ 3" — — 2" 10'"
Länge der längsten Vor-
derzehe ^1" 6'" — 1" 3'"
Länge des längsten Vor-
dernagels — — 4V6'" — — 4'"
Breite des Schwanzes an
der Wurzel .... — 4" — -^3" 6'"
Breite des Schwanzes in
der Mitte — 2" 6'" — 2" 5'"
Länge von der Nasenspitze
bis zur Afteröffnung . — 28" 8^/5'" — 24" 4%
///
Verzeichniss Nordamerikanischer Sängetbiere. 241
Innere T heile: Der Knochen in der Ruthe der
männlichen nordamerikanischen Otter hat, wie bei Lutra
brasiliensis, an der oberen Seite seines Vordertheiles eine
liefe Rinne oder beinahe Spaltung, und ist mit seiner Spitze
sanft abwärts gekrümmt (siehe die Abbildung Tab. VIII. fig. 6).
A. Hintertheil des Knochens. B. seine Spitze. C.Ein-
schnitt zur Befestigung , a. die Rinne oder der Einschnitt
an der oberen Seite des Vordertheiles zur Durchlassung
von Gefässen und Flüssigkeiten. Schon aus der Bildung
dieses Knochens lässt sich die Verschiedenheit der brasi-
lianischen von der nordamerikanischen Otter ersehen , ob-
gleich diese Theile an beiden Thieren auch wieder viele
Aehnlichkeit zeigen. Die Leber ist gross , in sieben Lap-
pen getheilt, zwischen welchen die ziemlich grosse Gallen-
blase liegt. Der Magen ist länglich, sanft gekrümmt, mit
mehreren Querialten oder leichten Einschnürungen an der
Oberseite, Nieren gross , aus vielen eckigen, neben ein-
ander liegenden kleineren Theilen zusammengesetzt, die
etwas halbkreisförmig in drei Reihen an einander befestigt
sind; Magen und Darm mit Ueberresten von Fischen an-
gefüllt; der Blinddarm fehlt; Rectum sehr dick und stark,
mit einem dicken zähen Schleime angefüllt; Bauchfell und
übrige Theile höchst muskulös; die beiden Seitenkanten des
etwas flachgedrückten Schwanzes werden vom Fette ge-
bildet.
Varietäten: Man hat einst am Missisippi eine günz-
lich weisse Fischotter gefangen. Die verschiedenen Exem-
plare , welche wir erhielten , kamen in allen Stücken mit
einander überein.
Diese Otter des Wabasch, Ohio, Missisippi und Mis-
souri hat vollkommen die Lebensart und Manieren der eu-
ropäischen verwandten Art. Sie bewohnt Höhlen in den
Flussufern, wo sie ihre zwei , drei bis vier Jungen wirft.
Diese kleinen Thiere sollen sogleich laufen können, sobald
sie den Leib der Mutter verlassen , wie uns mehrere zu-
verlässige Leute versicherten.
Das Fell dieser Otter wird gut bezahlt, auch die In-
dianer gebrauchen dasselbe zu ihren schönen Anzügen und
zur Verzierung. Ganze Otterhemden und lange Binden
Aroliiv f. Nalurg. XXVII. Jahrg. 1. Ba. 16
•n
r>
n
242 Prinz M a x i m i I i a n z u W i e d :
dieses Felles sah man bei ihren Chefs und ausgezeichne-
ten Kriegern. Man fängt die Ottern in den Vereinigten
Staaten mit eisernen Telierfallen und Schlagbäumen.
Die Benennungen , welche dieses Thier bei den Na-
tionen des Missouri und Missisippi trägt , sind etwa fol-
gende :
Bei den Ojibuä's Nikihk.
.. .. Maschkiegon .... Schgauih - tikuock
(letztes Wort kurz zu-
sammen gesprochen).
., Assiniboin Ptan oder Petän (an
franz., e kaum hörbar).
^ Dacota wie Assiniboin.
., Musquake Kattatawe ( w zwi-
schen ü und w, ekurz).
„ Sauki (Saki) ..... Kittäh.
„ Crih (Cree) Nikitt.
.. Wasaji (Osage) .... Tochenängä
(ch deutsch guttural).
., ^ Ohto Tohsch-nong-ä
(alle Silben gleich).
„ „ Omähha Tuhsch - nongä.
„ „ Mandan Pähchtekeh (ch gut-
tural, e nur halb gehört).
„ Mönnitarri Bidda-pöhkä.
^ ,, Arikkara Tschitähpat oder
Tschittäh - pätte
(e halb ausgesprochen).
., „ Blackfoot Emonähs.
Schon in der Beschreibung meiner Reise in Nord-
Amerika habe ich gesagt, dass diese Otter als eine von der
europäischen verschiedene Specics anzusehen sei, und dass
man sie mit noch mehrerem Unrecht mit der Brasilianischen
verwechseil habe, wie früher einige amerikanische Schrift-
steller thaten, welches nun aber längst widerlegt ist. A u-
dubon, Richardson nnd Spencer Baird haben sie
richtiger Weise als selbstständige Species behandelt. Mit
der europäischen Otter könnte man aber diese nordameri-
kanische Art sehr leicht verwechseln , da beide überaus
Verzeichniss Noidamerikanischer Säugethiere. 243
viele Aehnlichkeit, besonders gänzlich dieselbe Färbung
zeigen. Es sind bei diesen Thieren besonders der Kopf
und der Schädel , welche Verschiedenheiten zeigen , auch
ist der Schwanz des amerikanischen Thieres etwas mehr
abgeplattet u. s. w.
Der Schädel der europäischen Otter ist im Verhält-
nisse etwas schmäler und länger als der der Amerikani-
schen, dabei etwas weniger abgeplattet, da bei der letzteren
hinter den Gesichtsknochen oberhalb der Augenhöhlen auf
der Oberfläche des Kopfes selbst eine kleine Concavität
sich zeigt; an der amerikanischen Otter ist die Nasenöff-
nung mehr rund, bei der europäischen eiförmigsenkrecht,
übrigens finden sich nur sehr unbedeutende Unterschiede,
welche wahrscheinlich durch das etwas verschiedene Alter
hervorgebracht sein können.
Lutra lataxina der französischen Zoologen kenne ich
nicht aus eigener Ansicht. Herr Professor Isidore Geof-
froy St. Hilaire, jener ausgezeichnete Zoologe, hat die
Güte gehabt, den Otterschädel des Wabasch mit dem der
ersteren zu vergleichen, wobei derselbe einige kleine Ver-
schiedenheiten des Zahnbaues fand. Spencer Baird zieht
Lutra lataxina zu canadensis, worüber ich indessen nicht
hinlänglich zu entscheiden vermag.
Farn. 3. Ganina. Hunde.
Es ist wohl keine Familie der Säugethiere so schwierig
für den Zoologen, wie die der hundeartigen Thiere, da sie
höchst zahlreich an Arten und Individuen, überall in allen
Climaten und Breiten unserer Erde verbreitet , und dabei
dem Abändern ganz ausserordentlich stark unterworfen
sind. Der Mangel genauer, gründlicher Beschreibungen lässt
sich auch auf diesem Felde ganz besonders fühlen, denn
unter einem allgemeinen ähnlichen Habitus sind bei diesen
Thieren doch oft grosse Verschiedenheiten der äusseren
und inneren Bildung vorhanden , und es würden sich ge-
wiss Kennzeichen für die Bilduno- mehrerer Gattunoren finden.
Bei der grossen Menge der Varietäten der Hunde-Ar-
244 Prinz Maximilian zu Wied:
teil in der Farbe, hat man auch viele Species gebildet, wel-
che wegfallen müssen , und man geht dabei oft höchst
leichtsinnig zu Werke. So ist z. B. über eine von mir
für Brasilien beschriebene Fuchsart , Canis Azarae , sehr
viel geschrieben und allerhand Deutungen versucht worden,
ohne dass jemand sich bemühet hätte, das Originalexemplar bei
mir zu vergleichen, und viele haben dasselbe gewiss ganz
unrichtig gedeutet. Auch für Nord-Amerika ist eine Fest-
stellung der Arten zum Theil nicht leicht, es ist indessen
gewiss, dass man dort zwei Arten von eigentlichen Wölfen
annehmen könne, den einen in den mittleren und vielleicht
östlichen Staaten, und einen zweiten, von Richa rdson be-
schriebenen, welcher aus dem Norden an der Westseite des
Continents hinab bis nach dem Missouri und den Rocky-Moun-
tains verbreitet zu sein scheint. Westlich vom Alleghany-
Gebirge, im Staate Indiana , haben wir einen Wolf kennen
gelernt, den ich nach genauer Vergleichung nicht von dem
europäischen zu unterscheiden vermag, und welcher ge-
wiss auch im Alleghany-Gebirge und den östlichen Staaten
vorkommt. Dagegen ernähren die westlichen Prairies eine
in der Färbung beständig höchst variabele Wolfsart in gros-
ser Menge , und diese scheint es mir zu sein, welche der
vortreffliche Beobachter, Dr. Richa rdson, beschreibt.
Ich werde in den nachfolgenden Zeilen die von mir
dort beobachteten Thiere beschreiben , so gut es mir, nach
dem Verluste der meisten Materialien noch möglich ist.
Geuus Canis Linn. Uuud.
A. Lupini. Wölfe.
Mit deutlich an den beiden Seiten oder doch an der
einen derselben, gelappten Vorderzähnen.
1 . C. Lupus (americanus^ Linn. Der gemeine
amerikanische Wolf.
Canis occidentalis var. S. Baird 1. c. 1. p. 104.
Canis Lupus occidentalis Richards. 1. c. i. p. 60.
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. ?4r)
Beschreibung einer vom Wabasch erhal-
tenen Wölfin ^) : Gestalt gänzlich die des europäischen
Wolfes.
Färbung: Im Allgemeinen fahl graugelblich, überall
mit starken schwarzen Haarspitzen , die an den Seiten des
Halses und an den Schulterblättern kleiner und blässer,
auf dem Rücken und an den Seiten des Leibes länger und
schwärzer sind, besonders ist die Mittellinie dos Rückens
recht stark schwarz bespitzt; die Seiten der Hinterschen-
kel zeigen weniger schwarze Mischung ; die grosse breite
Nasenkuppe ist dunkelbraun; Stirn, Oberkopf und Mitte
des Nasen - und Schnauzenrückens sind fahl graubraun,
indem hier die Haare an der Wurzel graubraun , dann
gelblich und an der Spitze schwarzbraun gefärbt sind; Sei-
ten des Oberkiefers oder der Schnauze etwas mehr ins
Rothbräunliche fallend ; Einfassung des Rachens oder die
Lippen, Unterkiefer und Kehle schmutzig weisslich ; Rand
der Augenlieder schwarzbraun. Seiten des Kopfes fahl
weisslichgraugelb , mit schwärzlichen Haarspitzen ; inneres
Ohr mit langen schmutzigweissen Haaren besetzt; äussere
Fläche des Ohres rothbraun, in ihrer Mitte und an den
Rändern der Spitze zu beiden Seiten mit schwarzen Haar-
spitzen; Hals mit langen starken Haaren, deren Spitzen
schwarz sind ; Bauch ungemischt schmutzig graugelblich-
weiss; Schwanz fahl graugelb, auf seiner Oberseite, an
seinen Seiten, an der Spitze und unterhalb derselben stark
schwarz bespilzt; die vier Beine sind fahl gelbröthlich, an
den vorderen läuft an der äusseren Seite der oberen Vor-
derkante des Vorderarmes ein schwarzgemischter Längs-
streifen hinab; innere Seite der vier Glieder ungemischt
fahl weissgelblich, Klauen schwarzbraun.
Ausmessung: Ganze Länge 4' 9" 9'" (57" 9'");
Länge des Schwanzes mit den Haarspitzen 18" 8'"; dessel-
ben ohne die Haarspitzen 14" 9'"; Länge des Kopfes 9" 9"';
1) Der Versicherung der dortigen Jäger zu Folge, war dieses
Exemplar kein starker Wolf, die Wölfinnen sind ohnehin immer ge-
ringer als die Wölfe. Er wog 60 amerikanische Pf., etwa 75 unse-
res Gewichtes, und war vollkommen so stark wie eine gewöhnliche
Wölfin bei uns.
246 Prinz Maximilian zu Wied:
Länge von der Nasenspitze bis zum vorderen Augenwinkel
4" OVs'"; Länge der Augenöffnung 8V3'"; Länge vom hin-
teren Augenwinkel zur vorderen Ohrbasis 3" 4'" ; Breite
des Ohres an der Wurzel 2" 8'"; Höhe des Ohres (an der
Scheitelseite gemessen) 4" S'/j'"; Umfang des Kopfes vor
den Ohren 16" 3'"; Länge des Vorderarmes (vom Ellen-
bogen bis in die Mitte des Vordergelenkes gemessen) 8" 6'";
Länge der Vordersohle bis zum Handgelenke 6"; Länge
der Hintersohle bis zur Ferse 9" 4'"; Breite des Vorder-
fusses 2"; Breite des Hinterfusses 1" OVj'"; Höhe des aus-
gestreckten Vorderbeines bis über die Schultern 27"; Höhe
des ausgestreckten Hinterbeines bis über die Hüfte 25" 6'";
Umfang des Wolfes hinter den Vorderblättern 2ö" 5"'; Länge
des obern Fangzahnes O'/j"'; Länge des unteren Fangzah-
nes 9V3"'.
Der Schädel des hier beschriebenen Exemplares wurde
mit dem eines deutschen Wolfes verglichen und zeigte keine
bemerkbare Verschiedenheiten. Das Thier selbst steht jetzt
ausgestopft neben seinem europäischen Verwandten, und der
Beobachter wird dasselbe schwerlich davon unterscheiden
können. Dem Gesagten zu Folge kann ich diesen Wolf nur
als identisch mit dem europäischen ansehen, man möge ihn
daher Canis Lupus (americanus) nennen. Ich besitze leider
keine ganz genaue Ausmessung des europäischen Wolfes,
Blas ins hat dagegen einige Maasse desselben angegeben,
ob sie aber auf dieselbe Weise genommen sind, wie die
meinigen, kann ich nicht sagen. Ich werde diesen Mangel
der vergleichenden Ausmessung, so bald ich dazu Gelegen-
heit linde, nachzutragen suchen.
Der Wolf der mittleren Staaten von Nord-Amerika ist
in den grossen Waldungen von Indiana, am Wabasch nicht
selten, und in New - Harmony vernahm man ihr Geheul in
kalten Nächten. Man fängt sie in Wolfsgruben , starken
Tellereisen oder in Schlagfallen. In den Prairies von Il-
linois soll man diese Thiere im Winter zuweilen noch in Ru-
deln vereint sehen. Es giebt hier graue und röthliche Wölfe
wie in Europa, auch schwarze, wie man mir versicherte,
und welche Audubon abgebildet hat. Der Balg eines
Wolfes gilt in dieser Gegend etwa 50 bis 75 Cents.
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 247
Den schwarzen Wolf der Prairies von Illinois beschrie-
ben mir die Pflanzer auf nachfolgende Art: „er unter-
scheide sich von dein grauen, beschriebenen, durch weni-
ger spitzigen Kopf und einen Schwanz , welcher dem des
Hundes ähnlich sei , d. h. etwas gebogen und dünner be-
haart, auch sollen die Haare daran herabhängen. Dieses
Thier wird gross und stark und soll viele Schafe rauben.
Man soll sie in Trupps gehen sehen , zuweilen auch mit
dem grauen Wolfe gemischt. Da ich übrigens dieses Thier
nicht selbst gesehen habe, so kann ich über die Wahrheit
der Aussage nicht entscheiden , bezweifle sie übrigens
durchaus nicht, und halte diesen schwarzen Wolf für Va-
rietät des grauen.
Audubon bildet verschiedene Varietäten amerikani-
scher Wölfe ab, sein weisser Wolf gehört aber gewiss zu
der nachfolgenden Art. üebrigens ist dieser Beobachter
der Ansicht, dass alle amerikanischen Wölfe nur Varietä-
ten einer und derselben Species seien, welches mir aber
nicht richtig scheint.
2. Canis Dariabilis. Der veränderliche Wolf.
Diagnose: Ohr kürzer und mehr abgestumpft als
am östlichen Wolfe, Schnauze dicker; Vorderbeine gewöhn-
lich ohne den schwarzen äusseren Längsslreifen; Farbe
von der gewöhnlichen grauen bis zur rein weissen variirend.
Lewis and Clarke Reise.
ßeschr. meiner Reise in Nord-Amerika.
Audubon 11. p. 156 mit Abbild.
? Richardson 1. c. 1. (Canis Lupus occidentalis) p. 60.
Sp. Baird 1. c. p, 105-
Var. Canis nubilus Say.
Dieser Wolf scheint von dem der östlichen Staaten
verscliieden zusein, und schon Lewis and Clarke spre-
chen diese Ansicht aus.
Beschreibung eines starken männlichen,
am 12. D e c e m b e r bei P^ o r t Clarke erlegten Wol-
fes von der gewöhnlichen grauen ^' a r i e t ä I :
Gestalt in der Hauptsache die des europäischen Wolfes,
248 Prinz Maximilian zu Wied:
allein das Ohr ist etwas kürzer und weniger zugespitzt,
die Schnauze scheint etwas dicker zu sein, dabei variiren
diese Wölfe weit mehr, und meist ins Weisse, welches bei
den östlichen nicht der Fall zu sein scheint, auch werden
sie nicht völlig so stark wie unser europäischer WoU". Ge-
biss dem des letzteren ganz ähnlich.
Färbung: Ziemlich wie an dem oben beschriebenen
Wolfe vom Wabasch; allein das Gesicht weicht etwas ab.
Iris im Auge fahl gelblichgraubraun, nach der Pupille hin
etwas dunkler , bei dem lebenden Thiere weisslichgrau,
gelblich überlaufen und am Rande dunkler punctirt, um die
Pupille herum gelbbraun ; Umgebung der Augen , Backen
und Seiten der Schnauze weisslich; Stirn grau gemischt,
der Schnauzenrücken bis zur Nasenkuppe hinab ist röth-
lichfahl : die kurzen abgestumpften Ohren sind fahl gelblich-
grau, Rücken und alle Obertheile des Thieres gelblichgrau
mit starken schwarzen Haarspitzen; vier Beine, Bauch und
alle unteren Theile ungefleckt weisslich; der Längsstreifen
auf den Vorderbeinen , den man an No. 1 bemerkt, ist mir
bei diesem veränderlichen Wolfe nie vorgekommen.
Ausmessung: Ganze Länge 4' 10" 3'"; Länge des
Schwanzes 1'6"6'"; Länge desselben ohne die übertreten-
den Spitzenhaare 15"; Länge des Kopfes 10" 2"'; Breite
des Kopfes vorne zwischen den Ohren etwas 4"; Höhe des
Ohres an der Scheitelseite 3" 5"'; Breite des Ohres an der
breitesten Stelle 2" Sy^"'; Länge von der Nasenspitze zum
vorderenAugenwinkel4"8V2"'; Länge der Augenöffnung 8"';
Länge vom hinteren Augenwinkel zur vorderen Ohrbasis
3" 8"'; Höhe des Vordergestelles bis auf die Schultern
2' 4" 7"'; Höhe des Hintergestelles 2' 3" 2"'; Länge der
Vordersohle bis in das Fussgelenk 6" 5"': Breite der Vor-
derfährte (des Vorderfusses an der Sohle) 2" 7"'; Länge
der Fersensohle 9" 2"'; Breite der Hinterfährte 2" 3"';
Länge des oberen Eckzahnes 1" 2"' (er war abgenutzt und
stumpf, daher der Wolf schon all), unterer Eckzahn noch
mehr abgenutzt und abgestumpft ^). Gewicht des beschrie-
1) Durch das Zerbeissen der in der Prairie umherliegenden
Knochen und zahlreichen Skelette nutzen diese Wölfe ihre Zähne ge-
wiss früher ab als andere.
Verzeichniss Nordameiikanischer Säugethiere. 249
benen Wolfes in seinem im Winter ausgehungerten Zu-
stande 58 Pf. amerikanisch.
Der Knochen in der Ruthe dieses männlichen Wolfes
hielt 4 Zoll 7 Linien in der Länge. Er war beinahe ge-
rade und zeigte nur kleine wellenförmige Biegungen seines
Randes , dabei eine lange Hohlkehle oder Rinne , welche
etwas vor der Spitze an der Oberseite endete; am Leib-
ende war dieser Knochen ein wenig abwärts gebogen (siehe
die Abbildung dieses Knochens in natürlicher Grösse Tab.VIlL
flg. 1).
Die Wölfin ist gewöhnlich etwas kleiner, ihre Fär-
bung in der beschriebenen grauen Varietät nicht verschie-
den. Die grösste Wölfin , welche ich maass , hielt in der
Totallänge 4' 6" 10'"; der grösste männliche Wolf 5 Fuss.
Varietäten: Der veränderliche Wolf des oberen
Missouri ändert in der Farbe sehr stark ab, und man findet
diese Thiere von der beschiebenen grau- und schwarzge-
mischten Färbung bis zu der ganz rein weissen in allen
Abstufungen und Uebergängen in ein und derselben Truppe,
doch sieht man nie eigentlich gefleckte. Oft ist das Thier
ganz weiss , oft gelblichweiss , oft w eiss mit schwärzlichen
Haaren auf dem Rücken , oft auch befindet sich nur der
Schwanz an seiner Oberseite mit schwarzen Haarspitzen
besetzt, oder der Rücken etwas grau oder schwärzlich ge-
mischt, und wie gesagt bemerkt man alle diese Färbung
in einem Rudel vereint, was einen eigenen Anblick giebt;
doch sind mir auf unserer Reise den Missouri aufwärts bei
weitem mehr weisse als graue Thiere dieser Art zu Ge-
sicht gekommen. Ein Hauptcharakterzug dieser Species
scheint es mir zu sein, was mir alle dortigen Jäger ver-
sicherten, dass diese Wölfe ihre Jungen immer in Erdhöh-
len oder Bauen werfen, und nicht, wie der östliche und
der europäische Wolf, über Erde.
Beschreibung einer ganz rein weissen Wöl-
fin, welche in ihren Ausmessungen etwas
abwich.
Sie hatte in der Hauptsache die beschriebene Gestalt,
250 Prinz Maximilian zu Wied:
allein der Kopf schien etwas mehr schlank. Die Farbe war
gänzlich rein weiss; Wasenkuppe schwärzlich; Iris im Auge
wie oben beschrieben.
Ausmessung: Ganze Länge 4' 8"; Länge des
Schwanzes mit den Haarspitzen 17" 2'"; desselben ohne
die Haarspitzen 14" 6"'; Länge des Kopfes 9" 6"'; von der
Nasenspitze zum vorderen Augenwinkel 4" 5"'; Länge der
Augenspalte 872'"? ^om hinteren Augenwinkel zur vorde-
ren Olirbasis 2" 10"'; Höhe des Ohres (am Kopfe gemes-
sen) 8" 2V2'"; Breite des Ohres an der breitesten Stelle 2";
Breite des Kopfes vorne zwischen den Ohren 3"; Höhe des
Yordergestelles, die Rückenhaare angelegt, dabei Fuss und
Nägel ausgestreckt 25" 6"'; Hintergestell ebenso gemes-
sen 26" 9"'; Länge des abgenutzten und etAvas abge-
brochenen oberen Eckzahnes IOYj"'.
Diese Wölfin erlegten wir in der Abenddämmerung
in der Prairie, als wir sie umher traben sahen, indem wir
uns hinter einem Ufer verbargen und die Hasenstimme
nachahmten. Sie kam darauf auf etwa 80 oder 90 Schritte
herbei , und wurde mit der Büchse erlegt. Sie wich in
ihren Verhältnissen von den übrigen dortigen Wölfen etwas
ab, der Kopf schien schmäler und der Schwanz länger und
dünner behaart, sie könnte deshalb leicht eines jener Ba-
starde von Hund und Wolf gewesen sein, die dort öfter
vorkommen sollen.
Meine Beschreibung dieses veränderlichen Wolfes
scheint mit der von Richardson gegebenen ziemlich
übereinzustimmen, und es könnte, wie es mir scheint, wohl
sein, dass diese Wolfsart von Norden in den westlichen
Gegenden bis zum Missouri und den Rocky-Montains hinab
verbreitet wäre. Am oberen Missouri sind diese Thiere
sehr zahlreich und es verging kein Tag, wo wir ihrer nicht
welche, oft sehr viele sahen. Zu Fort Pierre, Fort Clarke,
auch M'Kenzie sah man sie am hellen Tage in der Prairie
herum traben und mit einander scherzen. Sie waren höchst
kühn, kamen auch besonders Morgens und Abends den in-
dianischen Dörfern sehr nahe. Oeflers belaufen sie sich
daselbst mit den indianischen Hunden, und es entstehen
dadurch , wie gesagt , Bastarde , mit deren Beschreibung
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 251
man sich vorzusehen hat. S a y's Canis nubilus ist wahr-
scheinlich Varietät des beschriebenen Wolfes, auch die wei-
ter oben beschriebene weisse Wölfin würde ich zu den
Bastarden zählen, wie schon gesagt ^). Alle lebenden Thiere
der Prairie werden von diesen durch ihre Zahl besonders
gefährlichen Raubthieren gejagt. Man braucht nur einen Flin-
tenscluiss zu thun , so sieht man schon in der Ferne die
bunte Gesellschaft der Wölfe heranziehen. In einiger Ent-
fernung setzen sie sich auf die Kruppe nieder und beob-
achten den Jäger. Abends und in der Nacht hört man ihr
Geheul überall. Ist ein Thier angeschossen , so folgen sie
augenblicklich der blutigen Spur und der Jäger muss sich
sehr beeilen , wenn er nicht zu spät kommen will. Im
Schlamme versunkene Thiere in der Zeit der niedrigen Ge-
wässer sind ihnen angenehme Versammlungspunkte , der
Schlamm wird alsdann von ihren Fusstritten (Fährten) fest-
getreten. Wo die Bülfelheerden umherziehen lindetman auch
diese Art der Wölfe, in Gesellschaften von 10 bis 30, doch
mehr habe ich wohl nicht zusammen gesehen. Besonders
in der Strenge des Winters sind sie sehr dreist, sie heulen
alsdann heftig und es sind öfters Indianer in den Missouri-
gebüschen von ihnen angefallen worden. Das Geheul ist
dem der indianischen Hunde sehr ähnlich , die auch nahe
mit ihnen verwandt zu sein scheinen. Lebensart und Ma-
nieren sind übrigens denen des europäischen Wolfes ähn-
lich. In den Beschreibungen der amerikanischen Reisen-
den findet man vielfältig Nachrichten von den Wölfen, be-
sonders bei Lewis und C 1 a r k e , A u d u b o n und ande-
ren, auch bei Governour Gass^j, wo Schooleraft
Nachrichten über die Wolfsarten des Missisippi gab. Boss
Cox 3) erzählt von der Art wie die Prairie - Wölfe das
Wildpret jagen sollen; allein diese Nachricht scheint mir
etwas abenteuerlich und es ist uns nie etwas Aehnliches
1) Siehe die Beschreibung meiner Reise, wo sich viele IXach-
richten über diese Thiere finden.
2) Exped. 1820.
3) Siehe dessen Werk p. 191 ii. 212.
252 Prinz x\I a x i ni i I i a n i u W i e d :
vorgekommen , noch von den dortigen Jägern bestätigt
vv'orden.
Die Höhlen dieser Wölfe, in welchen sie im Monat
April 4 bis 9 Junge werfen sollen, haben wir in der Prai-
rie häufig gefunden und alsdann im Schnee gespürt, dass
die Bewohner am frühen Morgen eingekrochen waren. Spä-
ter wenn die Jungen etwas heranwachsen, suchen sie diese
Erdhöhlen nicht mehr auf.
Die Indianer fangen die Wölfe in Fallen oder schies-
sen sie bei einen Raube auf dem Anstände, indem sie häufig
ihre gestorbenen und verhungerten Hunde im Schnee hin-
ausschleifen. Den Balg verkaufen sie an die Pelzhandel-
Campagnie, verzieren auch ihre Anzüge damit, oder tragen
Streifen von Wolfsfell um den Kopf, oder als Medecine-
zeichen.
Einige Benennungen des Wolfes bei verschiedenen
Indianerstämmen sind die nachfolgenden:
Bei den Ojibuäs heisst der Wolf . Ma-i-gän (kurz zu-
sammen gesprochen).
„ „ Omäha's Schänton (on franz.).
der graue Wolf . . . Schänton - son ( on
franz.).
der schwarze Wolf . . Schänlon sobbä.
„ „ Otos Schänton.
der graue Schänton Schkah.
der schwarze .... Schänton sä-uä.
„ „ Osagen (Wasaji's) . . . Schomikasse (e ganz
ausgesprochen).
„ „ Dacotäs Schuk-töketscha-
tanka.
„ „ Assiniboins Schunk- togitsche
(e halb).
„ „ Arikkaras der graue Wolf Szirihtsch - tehu-
nehnoch.
der weisse Wolf . . . Szirihtsch -slähka.
„ „ Blackfeet , Sikkapehs.
., „ Chayennes Hoh-ni (nikurz).
„ „ Kutanä's Kachki od. Kachkin
(ach guttural).
Yerzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 253
Bei den Mandan's Chäratä (cha gult).
der graue Wolf . . . Chäratä -chöttä.
der weisse Wolf . . . Chäralä schöttä.
der schwarze Wolf . . Chäralä psih.
„ „ Mönnitarris der graue Wolf Sähscha (schakurz).
der weisse Wolf . . . Sähsch-attäki.
der schwarze Wolf . . Sah - tschüpischä.
Townsend hat einen Lupus gigas aus den Ebenen
von Columbia beschrieben, der sich durch die Grösse, Kürze
des Schwanzes als auch Bildung des Schädels auszeichnen
soll. Ich kenne diesen Wolf nicht und Baird hat ihn auch
nicht als besondere Species aufgenommen.
o. C. latrans Say. Der Prairie-Woll.
M. Long exped. to Rocky-Mont. Vol. L p. 168.
Richards, faun. bor. amer. l. p. 73.
Audubon IL p. 150. Tab. 71.
S. Baird 1. c. I. p. 113.
Coyote der Mexikaner.
Beschreibung eines weiblichen Thieres.
Die Gestalt ist wolfsartig, steht aber doch mehr in
der Mitte zwischen Wolf und Fuchs, die Beine sind höher
als am Fuchse, der Schwanz kürzer, der Kopf kleiner
und mehr schlank als am Wolfe , daher mehr fuchsartig.
Die Schnauze ist lang und etwas mehr zugespitzt als am
Wolfe, der Kopf oben breit, die schwarze Nasenkuppe feucht;
Bartborsten lang , ähnliche Haare stehen über dem Auge
und hinter dem Mundwinkel, das Ohr ist steif, stark, ziem-
lich zugespitzt, gebildet wie am Wolfe, an seiner inneren
Fläche stark behaart.
Das Gebiss ist stark; Vorderzähne |, von den oberen
ist der äusserste an jeder Seite länger als die übrigen,
dabei etwas kegelförmig zugespitzt, die vier mittleren ha-
ben einen kleinen Flügel oder Seitenlappen an jeder Seite.
im Unterkiefer ist der äusserste Zahn jeder Seite grösser,
254 Prinz Maximilian zu Wied:
die beiden mittelsten Zähne oben und unten (d. h. in bei-
den Kiefern) sind etwas kleiner als dieübrigren, alle Schnei-
dezähne des Unterkiefers haben ebenfalls einen Seitenflü-
gel oder Seitenlappen ; Eckzähne lang , kegelförmig und
sanft gekrümmt; Backenzähne |; im Oberkiefer zuerst ein
kleiner Spitzzahn, eine einfache kurze Spitze, dann fol-
gen zwei grössere und längere , welche hinten eine kleine
Nebenspitze oder ein Knöpfchen zeigen , nun der grosse
Reisszahn (carnassiere) mit zwei Spitzen wovon die vor-
dere stark und zugespitzt , die hintere kürzer und mehr
stumpf ist ; hinter dem Reisszahne steht ein breiter Zahn,
aussen mit zwei aufeinanderfolgenden Kegelspitzen , nach
innen mit etwa 3 Höckern , welche kürzer sind, der letzte
Zahn ist gebildet wie der zuletzt beschriebene, aber weit
kleiner und seine zwei Kegelspitzen sind kurz. — Im Un-
terkiefer steht vorne ein kleiner Spitzzahn, dann folgen 8
einspitzige, lange Zähne, welche nach vorn und hinten
etwas verlängert sind , der dritte hat nach hinten eine
starke Nebenspitze ; hinter diesem folgt der grösste Zahn
mit zwei starken Kegelspitzen , von welchen die vordere
kürzer und mehr stumpf ist, und neben dieser hinteren
derselben steht nach innen eine kleine Nebenspitze; dann
folgt ein kleiner Zahn mit zwei Höckern neben einan-
der , nun ein grösserer mit vier gepaarten Höckern , wo-
von die vorderen die grossesten , und zuletzt ein klei-
nes rundliches Zähnchen , das in seiner Mitte eine Längs-
furche trägt.
Des Hals des Prairie-Wolfes ist kurz, der Leib dick,
beide Theile wolfsartig, also mehr dick und nicht so schlank
als am Fuchse; Vorderfuss : zwei mittlere Zehen gleich
lang, der Zeige- und kleine Finger einander gleich lang
und bedeutend kürzer als die mittleren ; Daumen weit zu-
rückstehend ; alle fünf Nägel massig gross, sanft gekrü?nmt,
etwas zusammengedrückt; Ballen der vier Zehen nackt,
ziemlich eiförmig, hinter denselben steht ein grosser etwas
breit herzförmiger Ballen, indem derselbe an den Seiten
etwas ausgeschweift ist; unter dem Handgelenke steht ein
kleiner , rauher , etwas zugespitzter Ballen in der Mitte ;
Hinterfuss ebenso gebildet, hat aber nur vier Zehen, da
Verzeichniss Nordanierikanischer Säugethiere. 255
der Daumen fehlt; Ballen und Verhältniss der Zehen wie
vorne, nur ist der herzförmige Ballen etwas kleiner;
Schwanz dick, wolfsartig, reicht ohne die übertretenden
Haare bis zum Fresengelenke hinab, und mit seinen Haar-
spitzen bis zur halben Ferse, das ganze Thier ist kürzer, hö-
her und dicker als der europäische Fuchs. Weiblicher Ge-
schlechtstheil wie am Wolfe und Fuchse. Zunge mit zar-
ten feinen Papillen besetzt und mit bogig parallellaufenden
oder concentrischen Querleisten auf ihrem Hintertheile be-
setzt, welche am Vordertheile fehlen.
Färbung: Nasenkuppe schwarz; Farbe des gan-
zen Thieres schmutzig gelblichgrau, auf Ohren und Na-
senrücken gelbröthlich, auf Oberhals, Rücken, Oberseite
und Spitze des Schwanzes mit schwarzen Haarspitzen ; Sei-
ten des Halses, Vorderblatt, Hinterschenkel, Vorder- und
Hinterbein an der äusseren Seite hell rostroth oder rost-
gelb ; Untertheile und innere Seite der Beine weisslich ;
Ohren rostgelb, hier und da mit schwärzlichen Haarspitzen,
ihre innere Seite mit weisslichen Haaren bedeckt; Stirn
und Umgebung der Augen hellfahl bräunlichgrau mit weiss-
lichen Haarspitzen; Schnauzenrücken röthlichgelb, grau ge-
mischt; Einfassung des Oberkiefers oder Lippenrand weiss-
lich; Bartborsten schwarz; der Unterkiefer an der äusse-
ren Seite schwärzlich eingefasst , übrigens weisslich; das
Haar auf Hals und Rücken ist 472 Zoll lang, dicht, an
der Wurzel aschgrau , dann bis zu 2/3 seiner Länge gelb-
röthlich, dann mit einer schwarzbraunen Binde, dann wie-
der weisslich und an der Spitze schwarzbraun; in den Sei-
len des Thieres ist das Haar nur l^ Zoll lang, an der
Wurzel aschgrau, dann fahl graugelb, alsdann weisslich und
an den Spitzen schwarzbraun, doch gilt dieses nur von den
längeren einzelnen Stachelhaaren , die hier weit sparsamer
sind als am Rücken , daher haben die Seiten weit weniger
schwarze Haarspitzen, als die Obertheile ; Hüften und Ober-
Iheil der Schenkel ein wenig mehr schwarz bespitzt oder
gemischt als der Rücken; Nägel bräunlichschwarz.
Ausmessung: Ganze Länge 3' 6" 10'"; Länge des
Schwanzes 15" 5'"; desselben ohne die Haarspitzen 10" 11"';
Länge des Kopfes 7" öy,'" ; von der Nasenspitze zum vor-
256 Prinz Maximilian zu Wied:
deren Augenwinkel 3" 5'"; Länge der Augenspalte Oy^'";
vom hinteren Augenwinkel zur vorderen Ohrbasis 2" 9'";
Breite des Kopfes vorn zwischen den Ohren 3" 2 bis 3'";
Höhe des Ohres (an der Scheitelseite gemessen) 3" 1^^|^'*'^,
Breite des Ohres (an der breitesten Stelle) 2" 3 bis 4'";
Vordergestell des Thieres 1' 7" 6'"; Hintergestell auf den
Hüften (der Fuss ausgestreckt) 1' 7" 8'"; Länge der Vor-
dersohle bis zum Handgelenke 3" 11'"; Länge der Hinter-
sohle bis zur Ferse 6" IV2'"; Länge des längsten Vorder-
nagels 8'"; längster Hinternagel 6'"; Länge des oberen
Fangzahncs 8'"; des unteren 7'"; Umfang des Leibes hin-
ter den Vorderblättern V 4" 6'"; Umfang vor den Hinter-
schenkeln 1' 5" 2'"; Umfang des Halses in seiner Mitte 11" 2'";
Umfang des Kopfes hinter den Ohren 10" IV2'".
Innere Theile: Der ganze Körper ausserordentlich
fett, die Haut wie bei den Bären und Wölfen fest an den
Muskeln hängend; jeder Lungenflügel war in drei Lappen
getheilt; die Leber in fünf Lappen, die Gallenblase, lebhaft
grün , zwischen den Lappen der Leber gelegen , von der
Grösse einer Wallnuss; Milz gefärbt wie die Leber, 6 Zoll
lang, schmal; die Länge des Darmkanals vom Magen ab-
wärts, betrug bei einem solchen Wolfe von 3' 6" 4"' Länge
— 8' 8" 4"'. — Der Magen war an diesem Exemplare
durch den Schuss zerstört.
Ein männliches Thier: Gestalt und Färbung in
der Hauptsache wie beschrieben , allein die Hinterbeine
waren stärker und lebhafter rothbraun gefärbt.
Ausmessung: Ganze Länge 3' 7"; Länge des
Schwanzes 14" 6"'; desselben ohne die Haarspitzen 12" 8V/";
Länge des oberen Eckzahnes 7%"'; des unteren 7"'; Länge
des Kopfes 7" 8"'; Höhe des Ohres 3" 11"'; Breite des
Ohres 2" 5 bis 6'".
Ein anderer männlicher Wolf: Er war der
grösste, welchen ich erhielt und maass in der ganzen Länge
3' 7" 7'"; Länge des Schwanzes mit den Haaren 14" 2'";
desselben ohne die Haarspitzen 11" 3'"; Länge des Kopfes
7" 9'"; der obere Eckzahn 81/2'"; der untere 8'"; Höhe des
Ohres vom Scheitel an 3" 11'"; Breite des Ohres 2" 5
bis 6'".
Yerzeichiiiss Nordainerikanischer Säugethiere. 257
Innere Theile: Der Magen war massig* gross, zu-
sammengekrümmt, die Leber in sieben grössere Lappen
gelheilt, ausserdem mit einigen kleinen Nebenzipfeln ; Tes*
likel ganz ausserordentlich klein, wie ich sie noch bei
keinem Thiere beobachtete ; der Knochen in der Ruthe
hielt bei einem 3' 7" langen Exemplare 2" 4'" in der Länge;
er war in der Hauptsache gebildet wie an Lupus variabi-
lis , aber ein wenig mehr gebogen, wie die Abbildung
Tab.VIIL Fig. 2 zeigt, a die Hohlkehle. In dem Schlünde
dieses Thieres befand sich Mist und Koth, ein Zeichen von
dem Hunger, den diese Thiere im Winter zuweilen leiden.
Varietäten: Ein anderes männliches Thier dieser
Art war im Allgemeinen mehr weisslich gefärbt, besonders
an den Seiten ; an den vier Beinen sah man nur sehr we-
nig Rostgelb; Schnauzenrücken bis zum Stirnabsatze rost-
gelb, Stirn und Scheitel weisslichgraugelb.
Der Prairie-Wolf wurde zuerst von T. Say beschrie-
ben , und verschiedene Schriftsteller haben seiner Erwäh-
nung gethan; allein nirgends hat man ihn bis jetzt genau
nach dem Leben beschrieben. Er ist weit über das Innere
von Nord-Amerika verbreitet, worüber die nöthigen Anga-
ben bei Audubon zu linden sind. In den westlichen
Ebenen des Missouri bis zu den Rocky-Mountains, am Red-
River, Saskatschauan und in Mexico hält er sich auf, denn
der dortige Coiote ist dasselbe Thier, wie ich mich durch
den Augenschein überzeugte, und wie auch Ferd. Rö-
mer vcrmuthet.
Nur einzeln oder paarweise haben wir diese Thiere
beobachtet , nie aber in Rudeln , wie die veränderlichen
Wölfe. Sie haben die Lebensart unseres europäischen
Wolfes und rauben alles was sie bezwingen können, glei-
chen auch in Hinsicht der Schlauheit vollkommen unseren
Wölfen und Füchsen. Des Nachts kommen sie bis in die
indianischen Dörfer und im Winter sieht man sie oft auch
am Tage umher traben , wie unsere Wölfe und Füchse bei
tiefem Schnee und Kälte. Sie bewohnen in der Ranzzeit
selbst gegrabene Baue oder Höhlen, wo sie ihre sechs bis,
wie man sagt, 10 Jungen werfen, und zwar im Monat April.
Schon vor dieser Zeit, im Januar und Februar, ihrer Ranz-
Arolüv f. Natixrg. XXVII. Jahrg. 1. Bd. 17
268 Prinz M r x i in i I i a n z u \Y i e d :
zeit, verniiuiiil man ihre Stimme in der Prairie , ein dem
des Fuchses ähnliches, am Ende etwas gezogenes Bellen,
woher die Benennung „lalrans'' und „Barking- Wolf" des
Audubon. In dieser Zeil hat auch der Prairie - Wolf
einen strengen Geruch wie der europäische Fuchs.
Der hier beschriebene Wolf ist ein hübsches Thier
und viele indianische Munde gleichen ihm in der Gestalt
nicht wenig, auch ist zu vermuthen, dass Vermischungen
zwischen beiden Thieren zuweilen vorkommen. — Die
Fährte oder Spur des Prairie -Wolfes ist weit kleiner als
die der ächten Wölfe ^ etwa zweimal so gross als die un-
seres Fuchses , übrigens gestaltet wie am veränderlichen
Wolfe , vielleicht ein wenig mehr rund , der Hinterballen
scheint bei dem Wolfe nach vorne mehr zugespitzt zu sein,
und die beiden herzförmigen Flügel sind deulicher. Die-
ses Thier ist, wie gesagt, sehr listig; es geht schwieriger
in die Falle als Wolf und Fuchs. Der Balg hat keinen
Werth und die Pelzhandel-Compagnie beachtet ihn nicht.
Bei einigen indianischen Nationen trägt unser Wolf
die nachfolgenden Benennungen:
Bei den Ojibuä's Mischtatähsä.
„ „ Olo's Schah -monnikassih.
„ „ Omäha's Mikkasseh.
„ „ Dacota's Mihtscack- sih.
^ „ Mandan's Schähäcke.
y, „ Mönnitarri's .... ßöhsa.
„ „ Arikkara's .... Pachkälsch.
„ „ Blackfeet Senipäh.
B. Vulpini. Füchse.
4. C. fulcus Desm. Der rot he amerikanische
F uchs.
Richardson 1. c. I. p. 91.
Audubon 1. c. II. p. 263. Tab. 87.
Spencer Baird 1. c. 1. p. ]23.
Wenn wir die verschiedenen zoologischen Schriftstel-
ler über Nord-Amerika vergleichen, so hnden wir bei ihnen
Verzeichnis9 Nordamerikanischer Säugethiere. 259
allen für die mittleren Staaten dieses Continentes nur zwei
gewiss feststehende Arten von Füchsen aufgeführt, den
rothen , der dem europäischen sehr ähnlich ist, und den
grauen, dessen Seiten des Halses lebhaft fuchsroth gefärbt
sind. Beide sind sehr leicht kenntlich von einander zu
unterscheiden, und ihre Unterschiede sind von Audubon
und Baird bereits sehr richtig und gut angegeben worden.
Mit dem europäischen Fuchse kann der graue ameri-
kanische (C. virginianus oder cinereo-argenteus) gar nicht
verwechselt werden , dagegen wohl Canis fulvus, der sehr
viele Aehnlichkeit mit demselben zeigt. Schon Richard-
son gab eine Vergleichung dieser beiden rothen Füchse,
Audubon und Baird in ihren grossen Werken thaten
dasselbe, und der letzlere zählt u.a. zu den Verschieden-
heiten beider, die grössere Dicke des Schwanzes bei der
amerikanischen Art. Dass mir dieser Zug nicht standhaltig
scheine, muss ich hier bekennen; denn wir finden bei den
europäischen Füchsen abwechselnd ebenso stark behaarte
an diesem Theile. Dagegen unterscheiden sich beide Thiere
ausser den kleineren Verschiedenheiten in der Gestalt,
durch eine etwas verschiedene Färbung, die mehr hell-
gelbe Mischung der Obertheile, durch das längere und wei-
chere Haar am Balge des amerikanischen und durch die
an den Vorderfüssen gelbröthlich oder weiss gefärbten Spit-
zen der Zehen desselben. Audubon nennt die Zehen-
spitzen „fulvous« (gelbroth) und so habe ich sie auch be-
funden , d. h. bei einem Exemplare aus New- York, dage-
gen bei einem anderen aus Pennsylvanien waren sie gänz-
lich schwarz (eine Ausnahme), jedoch bei denen vom obe-
ren Missouri waren diese Zehenspitzen immer gänzlich rein
weiss, wovon man bei dem europäischen nichts beobachtet.
Diesen letzteren Zug übersahen Richards on und Baird
gänzlich, wie es mir scheint, und welches mir auffallend
ist, da er jedenfalls ein hübsches Unterscheidungskennzei-
chen von dem europäischen abgiebt.
An den prachtvollen Exemplaren dieser Füchse, wel-
che wir im kalten Winter am oberen Missouri erlegten,
und welche ich leider sämmtlich verlor, war jener Zug
höchst nett und constant ausgeprägt.
260 Trinz M a .\ i iii i 1 i i. n tu \\ i e d :
Dem Gesagten zu Folge müsste man die von A u d u -
1) 0 n gegebene Diagnose auf folgende Art abändern, v>ie
evS mir scheint: „V. supra rurescenle-flavus, sublus alliidns,
peetore cano, pedibus nigris, digitis apice fulvis, saepe al-
bis." Was die übrigen Nachrichten über obige Fuchsarten
anbotritrt, so sind sie von den amerikanischen Zoologen
schon hinlänglich abgehandelt, ich Avill daher noch hinzu-
fügen, \^as auf die von mir bereisten Gegenden Bezug hat,
und besonders den schönen rothen Fuchs des oberen j\1is-
süuri genau nach dem Leben beschreiben und vergleichende
Ausmessung desselben mit dem pennsylvanischen und dem
europäischen geben.
B e Schreibung des rot henFuchses vom obe-
r^en Missouri, nach einem im Winter erlegten
weiblichen ganz f r i s ch en Th i er e : Gestalt in der
Hauptsache die des europäischen Fuchses, allein Kopf und
Füsse ein wenig abweichend. Die Schnauze (die beiden
Kiefer von den Backen an) scheint schmäler und länger als
am europäischen Fuchse, die Haare an den Backen und der
Slirn sind weit länger, wodurch diese Theile mit der Schnauze
einen w^eit stärkeren Winkel oder Absatz bilden , auch
scheinen die Ohren vielleicht ein wenig höher zu sein.
Der Kopf scheint bei dem amerikanischen Fuchse (auch der
Schädel) mehr platt gedrückt; die sehr langen, zarten und
lockeren Haare der Kehle, der Backen und des Halses stre-
ben im Leben vorwärts und bilden einen feinen, langhaa-
rigen und lockeren vortrefflichen Pelz, der bei der gering-
sten Luflbewegung auf- und abwärts wallt; die langen
Haare an den Backen bilden vollkommen vorwärts stre-
bende, dichte Büschel, beinahe wie an Felis tigris, welches
dem europäischen Fuchse gänzlich iehlt, die Füsse sind unten
durch ihre Behaarung etwas dicker, die Sohle gänzlich mit
Telz bedeckt, nur die kleinen Spitzen der Ballen sind nackt;
die Klauen scheinen länger als am europäischen Fuchse zu
sein; die vier Beine sind hoch und stark , der Schwanz
dick , ausserordentlich dicht und lang behaart, der ganze
Balg, wie gesagt, mit langen, dichten, höchst zarten und
lockeren, weichen Haaren bedeckt.
Der Kopf ist abgeplattet, die Schnauze schmal verlän-
Veizeirhniss I\'oi(l;itnei ilüiiiischer Säiigclhicif. 2G1
gert, gerade vortretend, die Commissur der Mundränder und
die Linie des Nasenrückens laufen parallel, daher erscheint
die Schnauze dünn und abgeplattet; Nasenkuppe wie am eu-
ropäischen Fuchse; von ihr läuft nach dem Rande der Ober-
lippe eine kleine unbehaarte schwarzbraune Hautfurche hinab;
Bartborsten lang und sanft gekrümmt; über jedem Auge steht
ein Büschel von ähnlichen, aber etwas kürzeren Bartborsten,
älinliche stehen unter dem Auge , so wie einzelne kürzere
Borsten am Unterkiefer zerstreut sind; Auge wie am euro-
päischen Fuchse , es steht nahe über dem Mundwinkel und
wenig entfernt vom Nasenrücken; Commissur der Augen-
lieder ziemlich horizontal, ihre Ränder sind nackt, das
Auge selbst mit einer starken Nickhaut versehen; Stirn
und Oberkopf zwischen den Ohren sehr abgeplattet, am
Nasenrücken nur höchst sanft gewölbt aufsteigend ; Ohren
sehr gross , breit zugespitzt , aussen und innen stark be-
haart, besonders stehen am inneren Vorderrande sehr lange
(1" 4 bis 5'" lange) Haare; Beine hoch und stark, die Füsse
durch die Behaarung dicker erscheinend ; Daumen sehr kurz,
der Mittelfinger der längste, alle fünf Vorderzehen, den
Daumen nicht ausgenommen, mit starken, langen, s-.inft
gekrümmt zugespitzten, zusammengedrückten und unten ein
wenig ausgehöhlten Klauen versehen; Hinterfuss vierzehig,
die Klauen kürzer und höher als vorne, bei den mittleren
Zehen ziemlich gleich lang ; zwischen allen Zehen der Vor^-
der- und Hinterfüsse befindet sich dichte Behaarung, daher
ist die Vordersohle dicht mit Pelz bedeckt, nur zeigt sich
unter einer jeden der vier Vorderzehen ein kleiner, nack-
ter, schwärzlicher Ballen, auch steht unter dem Gelenke
des Vorderfusses ein kleiner Ballen im Pelze versteckt, den
man nur fühlen, aber nicht sehen kann; Hintersohle eben
so gebildet; Sohle der Ferse so wie ganzes Bein sehr dicht,
aber etwas rauh und lang behaart und mit dichter Grundwolle
versehen ; Schwanz dicht und lang behaart, legt man ihn über
den Rücken des Thieres aufwärts, so erreicht seine Spitze etwa
die Mitte des Halses. Pelz des Thieres überall sehr dicht
und lang, mit ausserordentlich dichter Grundwolle; von
der Nasenkuppe bis zu den Augen ist die Behaarung kurz,
dicht und glatt, Backenhaare zum Theil 2% Zoll lang, Stirn-
2(>2 Prinz Maximilian zu >\ i c d :
und Scheilelhaare 1 Zoll bis 1" 2'" lang; Haare an der Seile
und auf der Höhe des Halses 3% Zoll lang, am Unterhalse
2y2 Zoll, auf dem Hinterrücken 2'/2 , am Bauche 2\/n Zoll
lang; der Schwanz missl mit seinen lockeren Haaren an der
dicksten Stelle etwa 5 Zoll im Durchmesser, und das Haar
ist an der Schwanzwurzel 3 Zoll 6 Linien , in der Mitte
dieses Theiles 3 Zoll 1 Linie lang.
Färbung: Nasenkuppe und Bariborsten schwarz, der
nackte Rand der Augenlieder schwarzbraun; das Auge selbst
ist lebhaft gelbroth , wie am europäischen Fuchse ; Pupille
scheinbar rund, wie an jenem ; Umgebung des Auges leb-
haft gelb- oder fuchsroth; Nasenrücken blass gelblich, an
seinen Seiten etwas dunkler; Rand des Oberkiefers (Lip-
penrand) und Backen weisslich; Unterkiefer hell graubraun ;
innere Seile des Ohres weisslich; äussere Fläche dessel-
ben an ihrer Wurzel fahl röthlichgelb , Spitzenhälfte des
Ohres schwarzbraun oder schwarz, während beim europäi-
schen Fuchse an der Basis des Ohres jeder Seite nur ein
gelber Fleck steht, Kehle hell aschgrau, die Haare an der
Wurzel aschgrau mit langen starken weissen Haarspitzen,
welche die graue Frabe beinahe verdecken, indem dieselbe
nur durchschimmert; Brust und Unterhals weiss, mit grauen
Wurzeln der Haare; Bauch und Unterseite des Körpers
schwärzlichgrau mit blasseren Haarspitzen , ebenso ist ein
Feld an der inneren Fläche der Hinterschenkel gefärbt;
vorderer Rand der Hinterbeine weiss, und diese Farbe
läuft an der vorderen Innenseite des ganzen Hinterbeines
hinab ; innere Seite des Vorderbeines hell gelbroth , in
ihrer Mitte hinab weisslich; vordere und äussere Seite des
Vorderbeines , so wie die Ferse des Hinterfusses und die
vier Füsse bräunlichschwarz oder schwarz, allein die Spit-
zen aller Zehen oberhalb der Klauen gelblichweiss; Hals,
Vorderrücken, Wurzel des Vorderarmes schön lebhaft hell
gelbroth, auf dem Scheitel mehr wachsgelb; Mittel-, Hin-
ter-Rücken und Schenkel weisslich, auf den Obertheilen
mit starken rothbraunen Haarspilzen , allein alle Haare der
Obertheile haben graubräunliche Wurzeln; unterer Theil der
Hinterschenkel nach aussen rostgelb, graubraun gemischt;
Schwanz an der Oberseite an den Haarwurzeln fahl grau-
Veizeithniss iVordainerikaiiischer Saugethiere. 1,'(J3
braun, dann weissgelblich , «lie Spitzen rothbraun und
schwarzbraun gemischt; Seilen des Schwanzes hell graugelb
(wolfsfarbig); die Haare in der Mitte unter der Schwanz-
spitze mit langen schwarzbraunen Spitzen ; Spitzenhaare
des Schwanzes lang und eine weisse starke Blume bildend,
wie an unserem Fuchse.
Ausmessung: Ganze Länge 3' 6" 10'"; Länge des
Schwanzes (mit den Haarspitzen) 1' 7"; Länge desselben
ohne die Endhaare 15" 4'"; Länge des Kopfes 6"; von der
Nasenspitze zum vorderen Augenwinkel 2" Oy^"'; Länge
der Augenspalte 7%"; Länge vom hinleren Augenwinkel
zur vorderen Ohrbasis 1" 2"'; Höhe des Ohres (am Schei-
tel gemessen) 3" 472"'; grösste Breite des Ohres 3" 4V2'";
Länge der Vordersohle bis zum Ballen des Handgelenkes
3" 8"'; Länge des längsten Vordernagels 8"'; Länge def
Hinlersohle und Ferse mit dem längsten Nagel 6" 2y2"' ;
Länge des längsten HinternageJs 8"'; Umfang des Kopfes
vor den Ohren 9" 4"'; Umfang des Halses 8" 8"'; Umfang
des Leibes in der Dünnung 10" 10"'; Umfang hinter den
Vorderbeinen 12" 9'"; Höhe des Thieres vorne mit ausge-
strecktem Fusse 16" 11'"; Höhe des Hintergestelles (ebenso
gemessen) 18" 4V2'"; Länge der längsten Barlborslen 4";
Länge des oberen Eckzahnes 87^'"; Länge des unteren 6'",
Innere Theile: Im Rachen ist der Gaumen mit
Querleisten bezeichnet; Zunge ziemlich zugespitzt, mit
höchst feinen Papillen besetzt, also ziemlich glatt zu nennen,
an ihrem Hintertheile stehen stärkere, mehr rauhe, mit
blossem Auge sichtbare Papillen; die Linea alba ist stark und
deutlich; Blase ziemlich klein, im geleerten Zustande viel-
fältig und dicht längsgefaltel; Leber in fünf eigentliche
Lappen gelheiU, die aber mehrere kleinere Einschnitte zei-
gen ; Magen zusammengekrümmt, in seiner grössten Län-
genausdehnung hielt er fangefülll) 3"2'"; Herz dick, 2" 5"/
lang mit seinen beiden Ohren, im Durchmesser 1" 5 bis 6"'
haltend; Lunge sehr gross, der linke Flügel in drei, der
rechte in vier Lappen getheilt, wovon der eine ziemlich in
der Mitte liegt.
Der Schädel dieses Fuchses ist sehr abgeplattet, mehr
als beim europäischen Fuchse, das Auge steht hoch am
i4i
264 Frinz Maximilian z u VV i e d :
Kopfe. — Die Bemerkungen über das männliche Tliier die-
ser Art sind leider verloren gegangen , so wie alle Exem-
plare vom oberen Missouri.
V ergl e ic hende Ausmess ung zweier etwa ein-
jährigen Füchsinne n vonNew-York und von
Deutschland.
Amerikanische Deutsche
Füchsin. Füchsin.
Ganze Länge mit den Haarspit-
zen des Schwanzes ... 2' IC" 3' 3"
Länge des Schwanzes mit den
Haarspitzen 14" 5'" 15" 9"'
Länge des Schwanzes ohne die
Endhaare 11" 5"' 13" 7"'
Länge des Kopfes .... 5" 6"' 6" —
Höhe des Ohres (am Kopfe ge-
messen) 2" 8"' 3" 10"'
Länge von der Nasenspitze zum
vorderen Augenwinkel . . 2" 6 bis 7"' 2" 7
Länge vom hinteren Augenwin-
kel zur vorderen Ohrbasis 1" 9"' 1" 5"'
Der rothe nordamerikanische Fuchs ist mir schon im
Alleghany-Gebirge vorgekommen, und ich erhielt ihn aus den
Staaten New-York und Pennsylvanien. Die am oberen Mis-
souri erlegten Exemplare wichen in einigen kleinen Zügen
von denen der östlichen Staaten ab , daher lasse ich hier
die Ausmessung eines geringen weiblichen Fuchses aus
New-York und eines starken desselben Geschlechtes vom
Missouri folgen :
Fuchs aus New-York. Vom Missouri.
Ganze Länge ... 2' — 10"' 3' 6" 10
Länge des Schwanzes
(mit den Haarspilzen) — 14" 5'" 1' 7"
Länge des Schwanzes
(ohne die Haarspitzen) — 11" 5'" — 15" 4
Länge des Kopfes . , — 5" 6'" — 6" —
Höhe des Ohres . . — 2" 8'" — 3" 4%'"
Von der Nase zum Auge — 2" 6-7'" — 2" 9V5
Vom Auge zum Ohre — 1" 9'" — 1" 2'"
\4i4
\U4
444
Veizeichniss Koidsunciikunisclur Sängelhicrc. 265
Die amerikanischen Reisenden haben nun seitdem einen
Fuchs in der Nähe des grossen Salt -Lake der Mormonen
kennen gelernt, welcher Baird Vulpes macrourus genannt
hat, da er sich durch grössere Länge des Schwanzes aus-
zeichnet, und ich vermulliete anlänglich, mein rolher Mis-
souri-Fuchs könne identisch mit diesem langgeschwänzlen
sein. Wenn wir aber die Ausmessungen, wie lolgt, von
Spencer Baird's Werk entlehnen, so muss doch mein
Missouri-Fuchs zu Vulpes iulvus gezählt werden.
V e r g 1 e i c h u n g der M a a s s e des \ f u 1 v u s vom
oberen Missouri mit V. macrourus Baird
(nach engl is ch em M a a sse).
Canis Cjinis
fiijvus. macrourus.
Von der Nase zur Schwanzspitze . . 41" 33"
Schwanz ohne die Haarspitzen . . . I2Y2" IS"
Schwanz mit den Haarspitzen . . . 17" 22"
Das Verhältniss zwischen Körper und Schwanz ist
bei macrourus auffallend von fulvus verschieden, ich kenne
den letzteren nicht, muss folglich den von mir beschriebe-
nen rothen Missouri-Fuchs als eine kleine Varietät dessen
der östlichen Staaten betrachten. Ich habe viele Felle des
Missouri-Fuchses verglichen und sie in der Hauptsache ein-
ander sehr ähnlich befunden, doch giebt es auch hier Va-
rietäten, wie bei allen Füchsen der Erde. Sie sind manch-
mal mehr schwärzlich, mehr dunkelbraun, und dem Schwänze
fehlt oft die weisse Spitze oder Blume, wie wir dies auch
sehr häufig bei unseren Füchsen beobachten können, wo
der oberflächliche Beobachter Brand- und Birkfüchse als
verschiedene Species betrachtete. Das gewöhnliche Vor-
kommen dieses schönen Missouri- Fuchses ist aber das
oben beschriebene hell rölhlichgelbe, und man könnte die-
sen Fuchs , der Farbe zu Folge , füglich den Goldfuchs
nennen.
Die Lebensart dieses Fuchses ist vollkommen die des
europäischen, wenn man ausnimmt, dass er in den westli-
chen Gegenden weniger die Waldungen bewohnt und sich
mehr in den offenen Prairies aufhält. Oefters findet man
26G IMnK Maximilian tu W i e d :
ihn in den Prairie - Hügeln und den dort befindlichen Hö-
hen - Züg-en, welche ihm Schutz gegen die rauhe Wilterung
gewähren. Seine vier bis fünf Junge wirft er in Erdhöh-
len oder Bauen, wie alle Füchse. 31an fängt ihn in Schlag-
fallen und kann ihn auch reizen, wie unseren Fuchs, in-
dem man die Stimme des Hasen oder das Vogelgezwitscher
nachahmt. Er zieht mit den Wölfen den Bisonheerden nach
und die Indianer wissen aus der Erfahrung, dass er da
selten ist, wo jene wilden Rinder Sich weggezogen haben.
Sein Balg ist sehr schön und wird im Pelzhandel
gesucht.
Die Anglo-Amerikaner nennen ihn den rothen Fuchs
(Red-Fox), bei einigen indianischen Nationen trägt er nach-
folgende Namen :
Bei den Ojibuä's Uagöhsch (allgemeiner
Name) man setzt die
Farbe hinzu.
„ „ Wasaji (Osagen) . . Schongrescha.
„ „ Ohtos Mischäkä- schudjä
(j französisch).
„ „ Assiniboin's .... Schonga-schane.
(e halb ausgesp.).
Mandan's Hirütt-sä.
r)
„ „ Monnitarri's .... Ehchockuschi-säotta.
„ „ Arikkara's Tschiwaküh-küss.
» »
Crihs (Crees) .... Machkeh - siss (ach
guttural).
5. C. vlrginianus Gmel. Der dreifarbige Fuchs.
Canis cinereo-argenleus Sclireb.
Richardson 1. c. I. p. 98.
Audub. u. Bachm. I. p. 162. Tab. XXI.
S. Baird 1. c. 1. p. 138.
Dieser bekannte schöne Fuchs ist über den grössten
Theil von Nord - Amerika verbreitet, geht aber nach Ri-
chardson nicht ganz nördlich hinauf, da ihn dieser vor-
treffliche Beobachter nicht zu sehen bekam. In Pennsyl-
vanien, Indiana, Illinois u. a. Staaten ist er gemein, kommt
auch vor bis zu den Rocky- Mountains und Audubon
Verzeichniss Nordanierikanischcr Säiigethiere. 2(57
giebl über diesen Geg-enstand weitere Nachrichten. Har-
lan und Godman sagen, diese Thierart lebe auch in Pa-
raguay und nach Pöppig in Chili ^); allein es ist mög-
lich, dass ich selbst an diesem Irrthum Ursache bin, indem
ich in meinen brasilianischen Beschreibungen dieselbe An-
sicht aussprach. Beide Füchse, der virginische und der
Aguara-chay des Azara, haben nämlich in der abwechseln-
den Mischung ihrer Haare an den Obertheilen einige Aehn-
lichkeit; allein als ich den virginischen Fuchs näher kennen
lernte , erblickte ich sogleich , dass er eine ganz andere
Gestalt und Verhältnisse habe. Seine Beine sind viel hö-
her, der Kopf kleiner und der Schwanz kürzer und mehr
dickbuschig, die Klauen stärker und grösser, das Ohr ist
grösser und stärker und die Farbe der Obertheile mehr
schwarz, die Seiten des Halses dagegen sehr schön fuchs-
roth, während die Färbung des brasilianischen Fuchses nur
fahl graugelblich und ohne besondere Abzeichen sich zeigt.
Zu New-Harmony am Wabasch sah ich ein solches
Thier an der Kette. Kam man ihm zu nahe ohne von ihm
gekannt zu sein , und besonders wenn er mit fressen be-
schäftigt war , so gnurrte er wie ein Hund. Er ist nicht
so stark und läuft nicht so anhaltend wie Vulpes fulvus,
was die amerikanischen Jäger bei ihren Fuchsjagden zu
Pferd bestätigt finden, wie schon Richardson erwähnt.
Von den Hunden gestellt, soll er sogleich Schutz auf einem
Baume suchen, in eine Erd - oder Baumhöhle einkriechen.
Ein ausgewachsenes Exemplar dieses Fuchses, welches
ich im Monat März zu New - Harmony erhielt , hatte den
Knochen in der Ruthe 1" 1'" lang, sanft doppelt gebogen,
und am Vordertheile aufwärts gekrümmt, wie Tab. Vlll.
Fig. 3 zeigt, er ist ziemlich dreikantig, von oben stark
ausgehöhlt in a, und hat unten in der Mitte eine stark vor-
tretende Längskante und an jeder Seite derselben eine
starke Hohlkehle, oder Va seiner Länge am Wurzeltheile
eine Längsaushöhlung.
Die Mandans nennen diesen Fuchs den weissen, Hi-
rütt-schöttä. Obgleich dieses Thier von den Indianern
1) Siehe Pöppig's Reisen Bd. I. p.ol4.
268 Prinz AI a x i in i I i a ii tu ^^' i c d :
am oberen Missouri gekannt ist, so ist er mir dort doch
nicht vorgeküMJinen.
6. C, velox Say. Der Prairie- Fuchs.
T. Say in Major Longs exped. lo Rocky-Mount.
Beschreibung meiner Reise in Nord-Amerika.
Audubon 1. c. II. p. 13.
S. ßaird 1. c. I. p. 133.
Der Name Kit -Fox, welchen dieser niedliche kleine
Fuchs im westlichen Nord - Amerika bei den Pelz - Jägern
trägt, wurde von Richardson und Capt. Back auf den
vorhergehenden Fuchs angewendet, was wohl bloss einer
Verwechselung zu Folge geschah^). Say beschreibt den
westlichen Kit-^Fox nach einer unvollständigen Haut, allein
nicht bloss der Name, sondern auch die Eigenschaften, dass
er sehr klein sei und ausserordentlich schnell laufe, setzen
es ausser Zweifel, dass Say von diesem Thiere redet,
welches ich nachfolgend genau nach dem frischen sehr
vollständigen Exemplare beschreiben werde, deren ich viele
in Händen hatte, aber sämmllich leider verlor, auch haben
wir ein ganzes Jahr lang ein solches Thierchen lebend
besessen.
Beschreibung: Gestalt vollkommen die des euro-
päischen Fuchses , nur mehr schlank und zierlich , dabei
kaum halb so gross wie ein erwaclisener europäischer
Fuchs. Der Kopf ist schlank und die lange Schnauze sehr
zugespitzt; die schwarze Nasenkuppc ist immer feucht; Bart-
borsten lang und schwarz; über dem Auge stehen auch
einige ähnliche lange Haare, die aber weiss gefärbt sind;
Auge wie am deutschen Fuchse gestaltet, lebhalt, die Pu-
pille scheint rund zu sein; Ohren stark, oben zugespitzt,
inwendig mit langen Haaren besetzt; Zunge schmal und
und ziemlich glatt; Beine zierlich und schlank; Vorderfuss
1) S. Capt. Bacli nanat. of Ihe arctic Land -Exped. p. 498.
Hier wird deutlicli von ihm als dem lileinsten der nordameiilianisclien
Füchse geredet, allein fälschlich auf C. cinereo - argenteus bezogen,
und ebenso Richardson im Append. zu Capt. Backs Keise.
Verzciclinis.-} ^ü^dame^iki^Ilij!cllc^ Säiigelhiere. 20^
mit 5 Zehen , die zwei minieren sind läng-er als die übri-
gen, der Daumen steht weit zurück, alle sind mit füchsar-
tigen gelirümmfcn Klnuen versehen; Hinterfuss mit 4 eben
so gebildeten Zehen; Schwanz lang und dick behaart, wie
am deutschen Fuchse; männliche Geschlechlstheile ebenfalls
wie an dem letzteren gebildet und mit Pelz überzogen ; das
Gebiss kann ich leider nicht beschreiben , da ich alle Ex-
emplare und selbst die Schädel verlor.
Färbung: Nasenkuppe und nackte Einfassung der
Augenlieder schwarzbraun; die Iris im Auge grünlichgrau
mit dunkler Pupille; ßarlborsten an der Nase schwarz, da-
bei 3V2 Zoll lang, die über dem Auge stehenden sind weiss-
inneres Ohr mit weisslichen Haaren angefüllt; alle Ober-
Iheile des Thieres hellfahl gelbroth, die Haare an der Wur-
zel von genannter Farbe, an den Spitzen weisslichgelb, und
unter der Spitze beiindet sich zwischen beiden Farben eine
rölhlichgraubraune Stelle; Schwanz gefärbt wie der Kör-
per, aber seine Spitze ist schwarz: Stirn und Oberkopf
sind ein wenig dunkler gefärbt als der Rücken, indem die
Haare hier eine graubraune Mischung haben; der Nasen-
rücken hat die Farbe des Kopfes, er ist gelbroth, allein die
beiden Seitenflächen der Schnauze , von der Nasenkuppe
bis zum Auge hinauf, sind schwärzlich gefärbt; Unterkieler
und alle Untertheile des Thieres , so wie die Vorderseile
der Hinterbeine sind weisslich gefärbt ; das Hinterbein ist
längs der weisslichen Vorderkante hinab, sowie der Schen-
kel an seiner äusseren Fläche röthlichbraun; Gegend um
die Ohrwurzel hell röthlichgelb , ebenso der obere Theil
der Seiten des Halses.
Gegen den Winter hin sind die Obertheile des Thie-
res mehr fahl bräunlichgrau überlaufen, indem alle Haare
alsdann starke weisse Spitzen zeigen , und ebenso der
Schv.anz, jedoch sind hier die Haare nicht weisslich, son-
dern mehr schwärzlich bespitzt, die Unterseite dieses Thei-
les rothbräunlich gefärbt.
Innere Th eile : In der Ruthe des männlichen Fuch-
ses beündet sich ein Knochen, der bei dem eben beschrie-
benen Exemplare ]" T'/a'" lang war. Er ist gerade und dem
des Wolfes sehr ähnlich, vorne zeigt er eine etwas kolbige
270 Prinz Maximilian x ii W i e d :
Spitze, hinter dieser ist er rund und verdünnt, dann nach
oben rinnenförinig ausgehöhlt, am Hintertheile zugespitzt,
und von der Seite betrachtet macht er zwei kleine wellen-
förmige Biegungen. (Siehe die Abbildung dieses Knochens
in natürlicher Grösse Tab. VIII. fig. 4). Der Magen ist zu-
sammengekrümmt und war mit Stücken von Fellen, Leder,
theils mit allerhand Beeren , Haaren und Ueberresten von
Mäusen und mit Heuschrecken (Gryllus) angefüllt, wovon
diese Füchse in den Prairies hauptsächlich leben müssen.
Die Leber scheint in 7 grössere und kleinere Lappen ge-
lheilt zu sein ; fett waren diese niedlichen Füchse im Monat
October durchaus nicht.
Ausmessung: Ganze Länge 2' 8" 7'"; Länge des
Schwanzes mit den Haarspilzen 12"; desselben ohne die
Endhaare 10" 2"'; L*änge von der Nasenspitze zum vorde-
ren Augenwinkel 2"; Länge der Augenspalte 8"'; Länge
vom hinleren Augenwinkel zur vorderen Ohrbasis 1" 7"';
Höhe des äusseren Ohres 2" 1"'; Breite des Ohres an der
Wurzel 1" 6"'; Breite des Kopfes zwischen den Ohren
1" 11"'; Länge des Kopfes 4" 8"'; Höhe des Vorderge-
slells (mit ausgestrecktem Fusse und Zehen) 11" 8"'; Hin-
tergestell (ebenso gemessen) 13" ; Länge des längsten Vor-
dernagels 7'"; Länge des längsten Hinlernagels 6"'; Länge
des oberen Fangzahnes 5'"; des unteren 472'"«
Weiblicher Fuchs: Länge 2' 6" 9"'; Länge des
Schwanzes mit den Endhaaren 12" 3"'; Länge des oberen
Fangzahnes 6"'.
Der kleine Fuchs dieser Beschreibung ist über die
ganzen westlichen Prairies bis zu den Rocky -Mountains
verbreitet, ich kann aber nicht sagen ob er in- und jen-
seits dieses Gebirges vorkomme. Man sieht ihn gewöhnlich
einzeln umherstreifen und er gräbt sich Höhlen in den
Hügeln und Ufern, wo das Weibchen im April seine 4 bis
8 Jungen wirft. Oefters verbirgt er sich, besonders bei
schönem Wetter, auch über der Erde, im Gebüsche oder
in den höheren Pflanzen der Prairie. Besonders im Win-
ter kommt er den menschlichen Wohnungen sehr nahe, um
daselbst den Abfall aufzusuchen. Seine Lebensart ist ganz
die des europäischen Fuchses und er ernährt sich von Mäu-
Verzeichniss Nordamerikanischcr Säugelhiere. 271
scn, Heuschrecken, Fröschen, Käfern und allen anderen
lebenden Thieren , die er bezwingen kann, ohne Zweifel
auch von todten Thieren Seine Stimme ist ein lauter rau-
her Kehllaut, der viele Aehnlichkeit mit der des europäi-
schen Fuchses hat, man hört sie besonders in der Paar-
oder Ranzzeit, im Februar und März.
Diese kleinen Thiere sind ausserordentlich schnell Im
Laufe, viel schneller als die übrigen Arten, und ein Pferd
soll sie nie einholen können , dabei laufen sie selten ge-
rade aus, sondern hin und her, welches das Einholen noch
erschwert. Sie thun im Laufe einige weite Sprünge, ste-
hen dann still, mit ausgestrecktem Halse hoch aufgereckt
und sehen sich um, dann geht es blitzschnell weiter. Man
fängt sie zuweilen in ihren Höhlen mit Schlingen, die man
in der Röhre aufstellt und dann das Thier von Hunden
zu Bau treiben lässt , oder man gräbt sie aus, reitet ihnen
auch zuweilen an und schiesst, aber da es gewöhnlich weit
ist, mit der Kugel, welches einen höchst fermen Schützen
verlangt. Die gewönliche Art sich ihrer zu bemeistern,
geschieht durch Fallen , welche man mit Fleisch anködert,
jedoch der Balg hat wenig Werth und die Compagnie bringt
dieses Pelzwerk nicht in den Handel, da das Haar weder
sehr weich noch lang ist.
Gewöhnlich sind diese Füchse sehr von Flöhen ge-
plagt, wie auch die W'ölfe der Prairies.
Jung aufgezogen werden sie sehr zahm und sind als-
dann allerliebste Schoosslhierchen. Ich besass ein solches,
das dem niedlichsten Schoosshündchen nichts nachgab. In
der Ruhe legte sich mein kleiner Fuchs rund zusammen
auf ein Häufchen und bedeckte die Schnauze mit dem
dicken Schwänze. Das Feuer suchte er im kalten Winter sehr
und verbrannte sich dabei häutig den Balg. Als er schon
beinahe ein Jahr alt war, spielte er noch immer sehr gerne.
Wenn ich ihn rief, so sprang er sogleich von seinem Lager
auf, kam zu mir, schmeichelte und leckte mir die Hände,
und besonders wenn ich an meinen Kleidern kratzte oder
klopfte, so kam er herbei gesprungen, stieg an mir in die
Höhe, rannte wieder fort, drückte sich platt auf den Boden,
sah mich schelmisch an , rannte dann wieder im Zimmer
272 Tri HZ Maximilian zu Wied:
herum und gab einige Stimmen des Wohlbehagens von sich,
dann machte er Bogensätze in die Luft, bis er wieder her-
bei kam, um sich kratzen und liebkosen zu lassen, welches
ihm ganz besonders viel Vergnügen gewährte. Um ge-
kratzt zu sein kam er auch leise herbei , nahm uns die
Hand oder das Bein in den Rachen und schmeichelte auf
diese Art. Seine Luft- und ßogensprünge waren oft sehr
unterhaltend. Im Monat Februar hatte er weit w^eniger
Ruhe als zuvor, suchte auch beständig nach einer Gelegen-
heit um zu entkommen, weil es jetzt die Ranzzeit war. Er
ging alsdann häufig an die Thür und kratzte mit den Pfo-
ten daran. Er war ausserordentlich klug, merkte sich und
behielt alles, auch schmeichelte er beständig, wenn er
irgend einen Endzweck erreichen wollte. Häufig ergriff er
mit den Zähnen den ersten besten Gegenstand, zerrte ihn
herum, rannte dann schnell fort, versteckte sich, kam eben
so schnell wieder, machte Bocksprünge und dergleichen
Possen mehr. — Wir hatten ihn gelehrt das Plötchen zu
geben, wie einen kleinen Hund und er that es wenn er
gekratzt sein wollte. Im Frühjahre Hess er, wie gesagt,
seine sehr laute Kehlstimme öfters hören, drei- bis vier-
mal hinler einander. Sie ist lauter und rauher als bei dem
europäischen Fuchse, hat aber dennoch einige Aehnlichkeit
mit derselben. Sie klingt sehr sonderbar und wir waren
von Anfang dadurch sehr überrascht, man glaubte nicht,
dass sie von einem so kleinen Thiere kommen könne.
Ratten und Mäuse frass dieser kleine Fuchs beson-
ders gern und wir setzten ihn deshalb auf einen über uns
befindlichen Boden , wo ein grosser Vorrath von Mais auf-
geschichtet lag, dem die Ratten und Mäuse sehr gefährlich
waren. Hier setzte man ihn Abends hinauf und hörte nun
in der Nacht die Jagd über unseren Köpfen umhertoben.
Am Morgen nahm man ihn dann wieder herunter und be-
merkte wie wohl er es sich hatte schmecken lassen, denn
er war dick aufgelrieben. Hatte er eine Maus gefange?.,
so tödtete er sie nicht sogleich, sondern spielte erst damit,
wie es die Katzen ebenfalls zu thun pflegen. Bei dem
Fressen eines solchen Thieres fing er immer mit dem Kopfe
an und kauele wie die Katzen auf der Seile mit den
Vei'zeichniss Nordainerikanischer Säugethiere. 273
Backenzähnen, indem er den Kopf schief stellte, dann beleckte
er sich das Maul und öfters auch die kleinen Vorderpföt-
chen. Hatte er keinen Hunger mehr, so verscharrte er den
Rest seiner Mahlzeit, schob mit der Nasenspitze die Erde
darauf, oder in einen Winkel und deckte ihn wohl zu.
Er frass im Allgemeinen weniger , trank aber sehr oft,
jedoch auch nicht viel auf einmal. Gekochtes Fleisch liebte
er nicht besonders , desto mehr aber rohes. — Die Vögel
frass er ausserordentlich gern. Sein Geschlechtstrieb er-
wachte als man am 19. Februar eine geschossene Füchsin
(Canis fulvus) in das Zimmer brachte, wo er sich befand.
Er wurde sogleich sehr lebendig, gab zweierlei Stimmen
von sich , den lauten Kehlton und kurzen stotternden oder
murksenden , etwa wie „murk, murk !" Als ich im April
den Missouri hinabreiste biss er während der JNacht den
Strick entzwei, an dem er angebunden war und entwischte
zu unserer aller Kummer, denn der kleine Fuchs war der
Liebling aller meiner Leute , und ich hatte gehoift diese
noch unbekannte Thierart glücklich lebend nach Europa zu
bringen.
Bei den Ojibuäs heisst
dieser Fuchs , Ma-igan-nähs.
„ „ Mandans . . Ohcha (6h Accent, ch guttural).
„ „ Mönnitarris . Ehchochka (ch guttural).
„ „ Arikkaras . Tschiuähk (u und a getrennt).
„ „ Osagen . . . Schongrescha- schinga.
Audubon's Beschreibung scheint von der meinigen
abzuweichen, auch behauptet er diesem Fuchs komme der
Name velox nicht zu, wovon ich aber doch das Gegentheil
bezeugen kann. Er soll nach diesem Schriftsteller nicht
weiter nördlich als bis zum Saskatschawan verbreitet sein,
was ich wohl glaube, und in Texas und Californien komme
er nicht vor. — Audubon's Abbildung gleicht sehr we-
nig der Natur. Ich habe unter diesen Füchsen nie ein
auf diese Art gefärbtes Exemplar gesehen. Spencer Baird
hat auch eine Beschreibung mitgetheilt, die gewiss genau
nach vielen Exemplaren dieses Thieres und gewissenhaft
entworfen ist.
Archiv f. Naturg. XXYII. Jahrg. 1. Bd. 18
274 Prinz Maximilian zu W i e d :
Nachträglich noch ein paar Worte über den indiani-
schen Hund am Missouri, der allen jenen Nationen ein wich-
tig-es Hausthier geworden ist. Er wird bei ihnen in grosser
Menge angetroffen, dient ihnen als Nahrungsmittel in Zeiten
derNoth, als einziges Zugthier, indem er vor die Schlitten
und Lasten gespannt und bepackt wird, sowie zur Jagd. Es
cxistircn daselbst , wie gesagt , mehrere Kassen von Hun-
den, von welchen die gemeinste und verbreitetste ein gros-
ses dem Wolfe ähnliches Thier ist, mit starkem Kopfe,
aufgerichteten , zugespitzten Ohren , langem buschigen
Schwänze, schwarz, weiss, oder von diesen Farben gefleckt,
zuweilen auch grau , ganz wie der Wolf. Diese Hunde
bellen nicht, sondern heulen nur, sind gegen Fremde sehr
falsch und fallen dieselben an , wenn man die indianischen
Dörfer betritt.
Eine zweite Varietät ist kleiner und mehr schlank,
hat daher etwas mehr Aehnlichkeit mit dem Fuchse oder
Eskimaux-Hunde, unterscheidet sich aber in der Farbe nicht
bedeutend von dem grösseren Hunde.
Endlich findet man unter den Indianern auch Hunde,
jedoch nur einzeln und selten , welche mehr den europäi-
schen Jagdhunden ähneln , und die sie ohne Zweifel von
den Pelzhändlern erhielten. — Diese Hunde bellen und sind
oft gefleckt, oft auch gänzlich rothbraun oder gelbroth. — -
Ueber den Nutzen , welchen der Hund den Indianern ge-
währt, siehe die Beschreibungen der verschiedenen Reise-
berichte, so wie auch des meinigen.
Fam. 4. Feiina, Katzen.
Genus Felis Linn. Katze.
A. Leoninae ^ Löwen.
Gross, ungefleckl mit langem Schwänze.
1. F. concolor. Linn. Der Cuguar.
Audub. et Bachm. 1. c. IL p. 305. Tab. 96. 97.
S. ßaird. 1. c. I. p. 83.
Wir haben auf unserer nordamerikanischen Reise den
Verzeichniss Nordanierikanischer Säugethiere. 275
dortigen sogenannten Panther im wilden Zustande nicht zu
sehen bekommen , wolil aber in Menagerien. In den Ver-
einigten Staaten ist dieses Thier nun grossentheils ausge-
rottet, in anderen weniger bewohnten Gegenden schon sehr
seilen geworden. In den grossen Waldungen von Indiana,
am Missisippi und Missouri kommt es noch einzeln vor. In
den Rocky-Mountains und den Black-Hills soll der Panther
oder Cuguar nicht selten sein. Bei den Blackfoot-India-
nern sieht man eine Menge grosse Felle dieser Thiere, wel-
che sie mit Tuch verbrämen und zu schönen Pferdedecken
verarbeiten. Auch die Köcher für die Pfeile sind bei sehr
vielen Missouri-Indianern aus diesem Felle gemacht, wobei
alsdann dnr lange Schwanz mit Tuch gefüttert und verziert
herabhängt. Sie bezahlen solche Felle oft sehr theuer.
Ehemals war diese Thierart überall verbreitet, ist
aber jetzt in den bewohnten Gegenden ausgerottet.
Die Anglo- Amerikaner nennen den Cuguar „Panther"
oder Painter.
„ Ojibuäs Mischipischü.
„ Osagen Ingrönga (ga kurz).
,, Omähas Ingrönga- sindä-snaddäh.
„ Mandans Schuntä-Haschka (der lange
Schwanz).
„ Mönnitarris .... Ihtupäh -ächtia (äch Zun-
genspitze, i u. a getrennt).
Vollkommen treue Abbildungen des nordamerikanischen
Cuguar hat Audubon Tab. 96 u. 97 gegeben.
B. Lynces, Luchse.
Mit mehr oder weniger abgekürztem Schwänze, meist
einen Haarpinzel an der Spitze des Ohres.
2. F. rufa Güld. Der Rothluchs.
?Richardson 1. c. I. p. 103.
Audub. 1. c. I. p. 2. Tab. 1.
S. Baird 1. c. I. p. 90.
B a i r d nimmt für Nord-Amerika drei Arten von Luch-
sen an, von welchen ich jedoch nur zwei kenne, den nor-
dischen und den der mittleren Staaten , von welchem ich
276 Prinz AI a x i m i 1 i a n zu W i e d :
nachfolgend ein weibliches , aber nicht starkes Exemplar
beschreiben werde, welches ich in den grossen Waldungen
von Indiana erhielt.
Beschreibung eines weiblichen Luchses im
Winterhaare: Gestalt sehr schlank und dünnleibig, mit
hohen, starken, sehr muskulösen Beinen, dicken Pfoten mit
kolossalen, einziehbaren Klauen, kurzem an der Spitze oben
schwarzen Schwänze , ziemlich kleinem Kopfe mit massig
hohen Ohren, die nur einen sehr kleinen Haarpinsel tragen.
Der Kopf ist gebildet wie an Felis concolor, also acht kat-
zenartig , die Schnauze kurz, massig stumpf, mit ziemlich
kleiner Nasenkuppe und langen Bariborsten am Überkiefer;
die Stirn steigt mit einem Absätze vom Nasenrücken auf,
ist abgerundet und bis zwischen die Ohren hin abgeflacht;
die Backen breiten sich aus, an ihrem unteren Theile unter
dem Ohre steht, wie beim Tiger und dem Cuguar, ein
Busch von verlängerten Haaren, der etwas seit- und hin-
abwärts hinaus tritt. Augen massig gross mit starker
Nickhaut und grosser runder Pupille; Augenwinkel vorn
schief hinabgeneigt; Ohren massig hoch und breit, massig
zugespitzt , von innen länger behaart als aussen, an ihrer
Spitze steht ein kleiner Pinsel von Haaren, nur 3 bis 4'"
lang und sehr dünn; Rachen oben im Gaumen mit erhöh-
ten Querleisten bezeichnet ; Gebiss sehr scharf und stark,
mit langen Eckzähnen ; Zunge rauh wie an der Hauskatze ;
Hals kurz und stark; ganzer Körper höchst schmal und
von den Seiten zusammengedrückt , wie an der Katze, die
Schultern ebenfalls, dabei aber stark; Vorderbeine hoch,
dick rundlich muskulös, mit starken dicken Pfoten oder Füs-
sen und sehr starken , grossen platt zusammengedrückten
Klauen, welche in ihren Scheiden vorborgen liegen; Vor-
derfuss wie an der Hauskatze gebildet; der Leib ist so
platt , dass er , wenn das Thier auf der Seite liegt, kaum
3 Zoll hoch ist; Hinterbeine schlank, dabei zierlich und
muskulös, wie an der Katze; Hinterfuss mit vier Zehen, die
zwei mittleren länger und gleich lang, die äussere und innere
einander ebenfalls gleich lang, wie an der Katze; am Vor-
derfusse steht inwendig eine kurze Daumwarze mit einer
grossen zusammengedrückten, fest anliegenden und etwas
Yerzeichniss Kordamcrlknnischer Säugcthiere. 277
abwärts gerichteten Klaue, die an ihrer unteren Wurzel
eine kleine nackte Stelle, oder eine Art von Ballen zeigt;
der Vorderfuss hat unter jeder der vier Zehen einen rund-
lichen, nackten Ballen, hinter den Zehen steht ein ähnli-
cher grosser, etwas herzförmiger, der an den Seilen etwas
ausgebuchtet ist, und hinter diesem, unter dem Handge-
lenke, ein etwas zugespitzter, rauher, schmal kegelförmi-
ger Ballen, von beinahe 5 Linien Länge; an der Hinter-
sohle ist es ebenso, die Ballen sind aber etwas mehr läng-
lich, besonders der Herzballen, der vorne etwas stumpf
und mehr in die Länge gezogen ist; Schwanz sehr kurz,
nicht völlig fünf Zoll lang, an der Spitze abgerundet und
kurz behaart, massig dick, etwas weniges dichter und mehr
wollig oder weicher behaart, als der Rücken; After- und
Geschlechtsöffnung nahe unter dem Schwänze, wie an der
Hauskatze; Behaarung der Obertheile im December ziem-
lich kurz, auf dem Hinterrücken etwa 1 Zoll 3 Linien lang
(die einzeln darin vertheilten Slachelhaare sind länger), sie
bildet bloss die etwas sanfte, zartwollige Grundbehaarung;
Bauch und innere Seite der Schenkel mit zarten, weichen
272 Linien langen Haaren besetzt, übrigens verhält sich
die Behaarung wie an der Katze.
Färbung: Nasenkuppe röthlichbraun; Einfassung des
Auges und der Lippen schwarzbraun , ebenso der Augen-
winkel; Iris im Auge breit feurig gelbraun, oder gelb;
Bartborsten weiss; alle Obertheile des Thieres von der Na-
senkuppe bis zum Schwänze haben eine Mischung von fahl
röthlichgraubraun und schwarz , indem die Haare an der
Wurzel fahl graubraun , dann schwarzbraun und an der
Spitze weisslichgclb gefärbt sind; es stehen aber zwischen
ihnen einzelne längere schwarze Stachelhaare; die Stirn
zeigt einige Reihen kleiner, schwarzbrauner Fleckchen, die
zwischen den Ohren einen gefleckten Schild bilden , der
nach hinten von einer hufeisenförmigen Linie oder schwarz-
braunen Zeichnung eingeschlossen ist; von der oberen
weissen Einfassuno- des Auofes treten zwei kurze weisse
streifen nach der Stirn hinauf; Ohr an seiner äusseren
Fläche an der Wurzel mit einem starken schwarzen Quer-
streifen, seine ganze Mittelfläche ist weisslich, die obere
278 Prinz Maximilian zu Wie d:
Spitze aber, so wie ein grosser Theil des Randes an bei-
den Seiten, so wie der kleine dünne Haarbusch an der
Spitze kohlschwarz; innere Behaarung- des Ohres fahl gelb-
lichweiss ; Backen auf weissgrauem Grunde mit drei etwas
bogenförmig abwärts gekrümmten, dann nach dem Ohre hin-
aufgerichteten und zuletzt nach dem langen Backenbarte an
dem hinteren Winkel des Unterkiefers hinablaufenden Strei-
fen, wo man aber nur noch den unteren von ihnen wahr-
nimmt, die beiden anderen haben schon früher aufgehört;
der genannte längste Streifen färbt den hinteren Theil des
Backenbartes schwarzbraun, dessen vordere Haare gemischt
sind, von denen aber die längsten lange weisse Spitzen
haben; zu beiden Seiten der Nasenkuppe stehen an der
Oberlippe vier kurze horizontal parallellaufende Streifen,
aus welchen die Bartborsten zum Theil entspringen ; Kinn
und Kehle sind weisslich ; doch stehen an der letzteren
zwei kurze, schwärzliche, winkelförmig gegen einander
gestellte Streifen , nach vorne gegen einander geneigt;
Gegend hinter den Ohren fahl röthlich ; Seite des Halses
mehr grau und schwärzlich gemischt; Vorderblätter, Hin-
terschenkel und Seiten des Thieres zeigen eine Mischung
von röthlichen , schwärzlichen und weisslichen Haaren,
an den Beinen mit verwaschenen, rundlichen, dunkel grau-
braunen und röthlichen Fleckchen , welche an den Vor-
derbeinen weniger sichtbar sind, als an den hinteren;
Brust fahl röthlich, mit langen weissen Haarspitzen, doch
bemerkt man an diesem Theile zuweilen ein Paar undeut-
liche punktirte oder gefleckte Querlinien; die langen Haare
des Bauches und der inneren Seite der Beine sind fahl
röthlichweiss mit vielen schwarzen Fleckchen; an der in-
neren Seite des Vorderarmes stehen zwei starke schwarze
Querbinden, so wie kleine Fleckchen, und an der inneren
Seite der Schenkel sind die schwarzen Flecken gross;
Hinterfläche der Schenkel röthlichbraun, ins Rostrothe zie-
hend; Fussballen schwärzlich, die ganze Sohle beinahe
schwarz und diese Farbe zieht an den Hintersohlen hinauf,
nur ist sie an ihrem oberen Theile weniger dunkel, sie
reicht bis gegen die Ferse hinauf; Schwanz an der Unter-
seite weisslich , an seinen Seiten röthlich , an der Ober-
Verreichniss Nordamerikanisrher Säugethiere. 279
Seite , wie am Rücken des Thieres , aber an der Schwanz-
spitze befindet sich ein breiter schwarzer Flecken, der die-
selbe aber nicht gänzlich , sondern nur halb umgiebt, und
oberhalb dieses grossen schwarzen Endfleckens bemerkt
man noch ein Paar undeutliche, schwarze Querstreifen auf
der Oberfläche; Klauen der Zehen weisslich. — Im Sommer
ist diese Luchsart mehr rothbraun gefärbt und mehr mit
kleinen Flecken bezeichnet, da die weisslichen Haarspitzen
mehr fehlen. Diese Species ist übrigens unter den Luch-
sen leicht zu unterscheiden.
Ausmessung: Ganze Länge (mit den ziemlich kur-
zen Haarspitzen des Schwanzes) 2' 9"; Länge des Schwan-
zes 4" 7'", doch treten die längsten Haarspitzen noch ein
wenig über diese Länge hinaus ; Länge des Kopfes etwa
4" 8'"; Länge von der Nasenspitze zum vorderen Augen-
winkel 1"6%'"; Länge der Augenspalte 8V5'"; Länge vom
vorderen Augenwinkel zur vorderen Ohrbasis 2" Öy«'";
Breite des Ohres über dem Kopfe 1" 9'"; Höhe des Ohres
an des Kopfseite (ohne den Haarpinsel) 2" 3'" ; Länge des
Haarpinsels an der Spitze des Ohres 3 bis 4'"; Länge des
Backenbartes 1" 8'"; Länge der Bartborsten 3" 4'"; Länge
des oberen Fangzahnes 6'"; des unteren 5Vä'"J Höhe des
Vordergestelles 15" 9'"; Länge des Hintergestelles (mit
ausgestreckter Fussspitze) 17" 2'"; Umfang des Vorder-
beines unter dem Ellenbogen 4" 8"'; Umfang der Vorder-
pfote (oder des Fusses) 4"; Länge der längsten Vorder-
klaue 772"'; Länge der Klaue des Daumens 7"'; Breite der
stärksten Klaue an ihrer Wurzel S'/s"'; Länge der Vorder-
sohle bis zum Handgelenke 2" 8"'; Länge der Hintersohle
bis zur Ferse 5" 8"'; Umfang der Hinterpfote 3" 7"'; Länge
der längsten Hinterklaue öVö'''^ Breite des Scheitels zwischen
den Ohren etwa 2" 3"'; Umfang des Thieres hinter den
Vorder-Blätlern 12" 10"'; Umfang in der Mitte des Leibes
11" 8"'; Umfang vor den Hinterschenkeln in der Dünnung
11" 2"'; Gewicht 15 amerikanische Pfund.
Innere T heile: Der äusserlich sehr schmale schlanke
Körper ist ohne alles Fett; Schenkel und Beine höchst mus-
kulös; der Bulbus des Auges ist gross; Kaumuskeln sehr
stark; Schädel etwas flach und breit; Herz dick und breit;
280 Prinz Maximilian zu Wied:
Leber in 7 Lappen getheilt , davon sind einige gross, die
übrigen klein; Gallenblase schmal und länglich; zwischen
einem grossen und einem kleinen Lappen der Leber gele-
gen; Zwerchfell muskulös; Nieren dick, 1" 8'" lang; Magen
beinahe 4" lang, länglich geformt, mit mehreren Querfal-
ten oder Einschnürungen ; innere Magenfläche ein wenig
faltig, mit grüngelblichem Magensafte angefüllt, gänzlich leer;
Urinblase im angefüllten Zustande eiförmig, im Durchmesser
2" TVV" haltend, gestaltet wie ein grosses Truthühnerei.
Ein jüngeres weibliches Thier, am 12ten
Januar erhalten: es war jung, ohne Zweifel
vom vergangenen Frühjahre, also etwa 10 Mo-
nate alt: Ganze Länge 21" 1'"; der Pelz war grob, etwas
uneben und kurzhaarig, übrigens in allen Stücken mit dem
vorherbeschriebenen Luchse übereinstimmend ; den Ohren
fehlte der Spitzenpinsel noch gänzlich , der lange Backen-
busch war noch undeutlich; Sohlen und Fersen noch nicht
so schwarz, nur schwärzlichgrau ; Haare des Leibes roth-
bräunlich und weiss gemischt, auf dem Rücken mit schwarzen
Spitzen; Hinterbeine rothbräunlich, dunkler gefleckt; Vorder-
beine rothbraun, klein dunklerschwärzlich gefleckt, an der
inneren Seite weiss, mit drei schwarzen Querbinden und sol-
chen Flecken ; obere Barthaare schwarz, die unteren weiss.
Innere Theile: Wie früher beschrieben, allein der
Körper mehr fett, das Netz gänzlich mit Fett durchwach-
sen; Leber dunkel rothbraun, in sieben Lappen getheilt;
nur ein Stückchen Fleisch befand sich in dem Magen, des-
sen innere Fläche in Längsfalten gelegt war.
Altes männlich es Thier, w^ahrsc heinlich im
Sommerpelze: Ich kann die B'ärbung nur nach dem
ausgestopften etwa 3 Fuss langen Thiere angeben. Umge-
bung des Auges und ein Fleck an jeder Seite der Nasen-
kuppe sind weiss; Vorderkopf rothbraun ; Backen weisslich
mit 3 bis 4 gebogenen schwarzbraunen Längsstreifen, von
welchen die unteren schon unmittelbar hinter der Nasen-
kuppe beginnen; Kinn weiss; Unterhals röthlich; die vier
Beine und Hinterschenkel überall mit runden kleinen schwarz-
braunen Fleckchen bezeichnet, übrigens wie da« oben be-
schriebene Weibchen.
Verreichniss Nordamerikanischer Säugethierc. 2S1
Der Rothluclis ist noch gegenwärtig über alle waldi-
gen Theile von Nord-Amerika verbreilet und wir erhielten
die beiden beschriebenen Exemplare in den grossen Wal-
dungen am Wabasch mitten im Winter. Einige Landleute
wollten hier behaupten es gebe zwei Arten von Luchsen
in Indiana , wovon die eine kürzeren Schwanz und Beine
habe; allein Herr Thomas Say, ein tüchtiger und auf-
merksamer Beobachter der Natur , der lange in dieser Ge-
gend lebte, wollte nur eine Luchsart für das mittlere Nord-
Amerika gelten lassen , und so ist es auch ohne Zweifel.
Macht man doch in Europa Kalbs- und Katzen -Luchse,
Brand- und Birk- Füchse, Hunds- und Schweins- Dachse
u. s. w. , und alle gehören unumstösslich nur einer Art
an. Dass übrigens im höhern Norden von Amerika eine
zweite Luchsart vorkomme, davon kann man sich in den
Magazinen der grossen Pelzhandlungen überzeugen.
Der Rothluchs der mittleren Staaten wird dort die
wilde Katze, Wild-Cat oder auch wohl Catimount genannt.
Jetzt kommt er nur noch in zusammenhängenden Waldun-
gen, besonders den Gebirgen , z. B. den AUeghany's vor,
ist daselbst aber nicht selten. Wie alle grössern Raub-
thiere ist er übrigens nirgends sehr häufig , doch erhielt
ich in Indiana in kurzer Zeit zwei Exemplare, mehrere
andere sind ohne Zweifel erlegt worden , wovon ich keine
Nachricht bekam. Im Jahre 1832 soll man auf Fox-Island ^)
kurz vor unserer Ankunft , einen besonders starken Luchs
erlegt haben, der leider nicht conservirt wurde. Sie wer-
den entweder in Fallen gefangen, oder mit Hunden gejagt,
welche sie auf die Bäume treiben, da der Luchs sehr geschickt
klettert. Dort oben drückt er sich auf einen Ast, und sieht
nur mit dem Kopfe hervor. Deshalb waren auch die bei-
den Exemplare, welche ich erhielt, mit der Kugelbüchse
durch den Kopf geschossen. Den einen derselben hatte man
12 Miles von Harmony erlegt, sechs Schüsse waren nach
seinem Kopfe in grosser Höhe geschehen, bis er herabge-
schossen wurde.
1) Siehe die Beschreibung von INevv-IIaiinony in dem 1. ßande
meiner Reisebeschieibunff.
282 Prinz Maximilian zu Wied:
Wie bekannt ist der Luchs ein für alle kleineren Arten
des Wildes sehr gefährliches Faubthier. Auch in Nord-
Amerika behauptet man , dass er von den Bäumen auf das
Wild herabspringe , was aber dennoch nicht erwiesen ist
und sich meines Wissens dem deutschen Jäger nicht be-
stätigt hat. In Amerika soll er besonders den jungen im
Walde umher laufenden zahmen Schweinen nachstellen.
Das Fell dieses Luchses ist schlecht und er wird da-
durch ganz vorzüglich gut von dem canadischen oder nörd-
lichen Luchse unterschieden. Das Haar des Rothluchses
bleibt Winter und Sommer kurz , selbst bei der strengsten
Kälte, und man bezahlte ein solches zu New-Harmony am
Wabasch nur mit 25 bis 27 Cents; dagegen giebt Felis
canadensis ein langes und lockeres, dabei feinhaariges Pelz-
werk, welches weit höher im Preise steht.
Mehrere Zoologen haben für Nord -Amerika mehrere
Arten von Luchsen angenommen; allein ich glaube mit
Godman, dass nur zwei bestimmt verschiedene Thiere
dieser Art für dieses Land festzusetzen sind, da alleRaub-
thiere in der Färbung etwas variiren. Wenn man mit Ka-
fines qu e jede Farbenvarietät zur Species erheben wollte,
so könnten wir in Europa fünf bis sechs verschiedene Ar-
ten von Füchsen und wenigstens drei verschiedene Luchs-
arien aufstellen. Dergleichen Irrthümer können aber nur
da vorkommen, wo man die Natur bloss im Zimmer be-
obachtet.
Eine gute Abbildung von Felis rufa hat Fr. Cuvier
im dritten Bande seiner grossen Zoologie ^) unter dem
Namen „Chat-Cervier adulte" gegeben.
Bei den Ojibuä's heisst der Rothluchs Aeh-säbban (letztes
Wort kurz).
„ „ Ojibuä's der nordische Luchs
(Le Loup - Cervier der Ca-
nadier) Pischü.
„ „ Mandans der Rothfuchs . . Schuntä-pussä (der
bunte Schwanz -).
1) S. Hist, natur. des Manimifercs par GeolTroy et Fr. Cuvier.
2) Pussähsch oder puhsälisch, es ist bunt oder gefleckt.
Verzeichniss Kordamcrikanischer Säugethierc. 283
Ord. III. Marsupialia.
ßeiitel-Tliiere.
Nur eine Art aus dieser Ordnung kommt bekanntlich in
Nord-Amerika vor , welche noch gegenwärtig- überall ge-
funden wird.
Genus Didelphys Linn. Beutcl-Thier.
Für die südamerikanischen Beutelthiere haben wir in
der neueren Zeit wichtige Beiträge mit schönen Abbildun-
gen, durch Herrn Professor Burmeister erhalten, ande-
ren vielleicht sehen wir noch entgegen, welche dieser ge-
lehrte Reisende uns mittheilen dürfte. Ich will hier nur
gelegentlich bemerken , dass Didelphys aurita meiner bra-
silianischen Beiträge ^) von Burmeister ebenfalls wie-
der verkannt worden zu sein scheint. Die beiden von mir
an jenem Orte unter den Benennungen „D. marsupialis und
aurita" beschriebenen Thiere sind nicht identisch ; denn
wenn die weiblichen Thiere beider Arten sich durch dop-
pelte Ohrhöhe unterscheiden , so kann man sie gewiss für
verschiedene Arten halten. Bei meinem marsupialis hält das
äussere Ohr 1" 1'", bei aurita 1" 10'" in der Höhe; ich
kann also mit Burmeister's aurita nicht einverstanden
sein, unter welchem , wie es mir scheint, zwei Arten ver-
borgen sind. B u rmeister's Abbildung 2j stellt augen-
scheinlich meinen marsupialis dar, aber bei meinem aurita ist
das Ohr ganz anders gestaltet, übrigens haben beide Thiero
viele Aehnlichkeit, nur ist der Kopf bei aurita grösser und
stärker. — Der Name Gambä entscheidet nichts , weil die
Brasilianer beide Arten unter demselben verwechseln.
1) Bd. II. p. 395.
2) Erläuterungen zur Fauna Brasiliens. Tab. 111.
28i Prinz Maximilian zu Wied;
1. D. virginiana Shaw. Das nord amerikanische
B c u t e 1 1 Jii e r oder Opossum.
Alldllbon und Bachm. 1. c. II. p. 107. Tab. Gß.
Spencer ßaird 1. c. I. p. 232.
Beschreibung ^) eines weiblichen T h i e -
res nach dem Leben: Gestalt dick, gedrungen, der
Körper breit , mit dichtem , ziemlich langem Pelze be-
deckt; Gestalt beinahe bärenarlig, Kopf schweinsartig, etwas
kegelförmig zugespitzt, der Rachen sehr gross, bis unter
die Mitte des Auges gespalten. Auge ziemlich klein, rat-
tenartig, länglich, bräunlichschwarz; Nasenkuppc gross,
breit, nackt, vorne durch eine perpendiculäre Furche oder
Hohlkehle etwas gespalten: Unterkiefer nur BYi^'" kürzer
als der obere; Ohren massig gross, an der Basis schmä-
ler , in ihrer Mitte am breitesten, oben abgerundet, dabei
nackt, häutig, glatt; Beine kurz, stark und muskulös; Ze-
hen am Vorderfusse wenig ungleich in der Länge, der Mit-
telfinger der längste ; die Nägel sind kurze , scharf ge-
krümmte Klauen; Füsse behaart, oben an den Fingern ist
die schuppige Haut sichtbar, indem hier nur einzelne kleine,
sehr zarte Haare stehen; Hinterhände behaart wie die Vor-
derfusse; drei mittlere Finger ziemlich gleich lang, der
Daumen dick und stark, mit rundlichem, stumpfen Kuppen-
nagel ; Vordersohle mit sechs beinahe gepaart stehenden
fleischröthlichen Ballen , die Hintersohle mit vier starken
Ballen; Nägel der Hinterzehen etwas grösser, mehr aufge-
richtet und abstehend als an den Vorderzehen ; der Beutel
dieses Thieres ist ringsum durch eine Hautfalte angedeutet,
er wird weit und breit geöffnet , an seiner inneren Fläche
mit dichtem Pelze bedeckt; Schwanz wie an den Mäusen,
mit regelmässigen , denen der Fische in der Gestalt ähnli-
chen Hautschuppen bedeckt , zwischen welchen dünne,
zarte, anliegende, weissliche, nach der Spitze hin strebende
Haare eingepflanzt sind , er ist muskulös , mit unterwärts
1) Wenn dieses Thicr gleich sehr beliannt ist , will ich doch
die Beschreibung nachdem lebenden oder frischen Thiere hier folgen
lassen.
Vcrzcichniss Norclainerikanischer Säugctiiiere. 285
cing-erollter Greüspilze ; die Zunge desThieres ist an ihrem
vorderen Rande ein wenig gefranzt , auf ihrer Mitte mit
stari^en, rauhen, rückwärts strebenden Papillen besetzt, an
ihrer Unterseite zeigt sie einen vortretenden Äiittelstreifen
über ihre Länge hinab; das Gebiss ist bekannt; Gaumen
mit starken, rückwärts gericliteten Querleisten besetzt; der
Pelz des Thieres besteht aus einer sehr dichten, über einen
Zoll langen Grundwolle, in welcher weit längere, glänzende
Haare vertheilt sind; diese sogenannten Stachelhaare mes-
sen auf dem Rücken über zwei Zoll sechs Linien in der
Länge; Beine an ihren unteren Theilen nur mit Wolle be-
deckt , hier und da stehen darin einzelne kurze Stachel-
haare vertheilt; Haar des Kopfes, besonders an beiden Kie-
fern, sehr dicht, wollig und ziemlich kurz; lange Bartbor-
sten am Ober- und Unterkiefer, über dem Auge und vor-
deren Ohre; die längsten derselben, oder die Barihaare
halten drei Zoll in der Länge.
Färbung: Der Kopf ist weiss, der Rand der Augen-
lieder schwärzlich; Nasenkuppe und Lippenrand bräunlich-
fleischroth; Ohren schwarz , matt glänzend, die Spitze auf
2'/3 Linien breit röthlichweiss ; vier Beine schwarzbraun,
ebenso die vier Füsse , die erstem mit einzelnen, weissen
in der schwarzbraunen Wolle vertheilten Haaren; die vor-
dere Hälfte der Zehen oder Finger röthlichweiss ; ganzer
Körper weisslich, die Wolle des Rückens mit schwarzbrau-
nen Spitzen, die langen darin stehenden Stachelhaare glän-
zend weiss; Schwanz an der Wurzel schwärzlichbraun, der
Vordertheil; mehr als die Hälfte betragend, schmutzigweiss ;
am Oberkiefer stehen schwarze und weisse Bartborsten,
weisse am Unterkiefer, gelblichweisse vor den Ohren, und
einige schwarze oberhalb des Auges.
Ausmessung: Ganze Länge 26" 2'" ; Länge des
Schwanzes 11" 3'"; Länge des Kopfes 3" 11"'; Länge von
der Nasenspitze bis zum vorderen Augenwinkel 5"'; Länge
vom hinteren Augenwinkel zur vorderen Ohrbasis l"5y2"';
Höhe des Ohres an der Scheitelseite 1" 8V-»"'; Breite des
Ohres über seiner Mitte 1" V^^"'; Länge der Vordersohle
mit dem Nagel 1" 7"'; Länge der Hintcrsohle von der
Ferse zur Nagelspilze 2" ly^"'; Breite des Scheitels zwi-
286 Prinz Maximilian zu W i e d :
sehen den Ohren etwa 1" 7'"; Länge des längsten oberen
Fangzahnes 4'"; des längsten unteren 3'"; der Scliwanz ist
nackt auf 8" 10'" seiner Länge.
Ein männliches Thier: Gestalt und Färbung wie
am Weibchen, von Leib dick und gedrungen, die Ohren
an der Spitze nur mit einem kleinen fleischfarben weissli-
chen Flecke bezeichnet , der in der Breite etwas variirt,
indem man ihn zuweilen gross, zuweilen klein antrifft ; Te-
stikcl mit weisslicher Wolle bedeckt, an einer dünnen, nackt-
häutigen , schwärzlich gefärbten und hinten und vorne
weisslich gcrandeten 7 Linien langen Hautverbindung auf-
gehängt; die Ruthe ist nach hinten gekehrt, ihr Vorder-
theil, wie bekannt, gespalten und gleich zwei Hörnern
beide Theile zugespitzt gegen einander einwärts gewölbt;
die Testikel selbst sind unter ihrer Haut schwarz und hän-
gen , wie gesagt, an dünnem Strange; der Körper dieser
Thiere ist gewöhnlich mit einer dicken Lage von Fett
überzogen.
Ausmessung: Ganze Länge 25" 7'"; Länge des
Kopfes 4" 2'"; Länge des Schwanzes 10" 3"'.
Ein vorzügliches grosses männliches Thier,
am 2len Januar erhalten, hatte folgende
Ausmessung.
Die Eckzähne waren so kolossal, dass sie nicht gänz-
lich unter den Lippen verborgen werden konnten , wes-
halb sie 4 Linien lang über den Unterkiefer herab traten;
Ohren ziemlich kurz, breit, oben abgerundet, an der Spitze
kaum merklich weiss, ja man kann sagen, das Weisse fehlte
hier an der Spitze, und nur bei genauer Betrachtung be-
merkte man oben an der Spitze einen schmalen, w^eisslich-
fleischfarbigen Rand ; Farbe des Schwanzes sehr schmutzig,
ohne Zweifel vom Schleifen auf dem Boden , der Wurzel-
theil nur blass schwärzlich gefärbt. Dieses Individuum
war unter sehr vielen Thieren dieser Art , die ich erhielt,
das grösste und gewiss sehr alt.
Ausmessung: Ganze Länge 31" 8V2"'; Länge des
Kopfes 5" 2"'; Länge von der Nasenspitze bis zum verde-
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 287
ren Augenwinkel 2" 3'"; Länge der AugenöiTnung 6V(>'";
Länge vom hinteren Augenwinkel zur vorderen Ohrbasis 2";
Breite des Ohres an der Basis Ty^'"; Länge des oberen
Fangzahnes 8'"; Länge des unteren 5'"; Länge der Vor-
dersohle 2"; Länge der längsten Vordcrzche II y^'"; Länge
des längsten Vordernagels 5'"; Länge der Hintersohle
2" 5V2'"; Länge des Hinterdaumens Ty^'"; Länge der läng-
sten Hinterzehe 10'"; Länge der längsten Hinterklaue 572'"?
Länge der Testikel OV^'"; Länge der Verbindungshaut, an
welcher sie hängen etwaöyi'"; Länge des Haares auf dem
Vorderrücken 2" 6'"; Länge desselben am Hinterrücken 3"
2-3'"; Umfang des Kopfes vor den Ohren 9" 5'"; Umfang des
Halses 9" 1'"; Umfang hinter den Vorderblättern 13" 10'";
Umfang vor den Hinterschenkeln 14" 8'"; Umfang des
Schwanzes an der Wurzel 3" 8V2'"; in seiner Mitte 2" 6'";
Gewicht des Thieres 11 amerikanische Pfund. Im Magen
Ueberreste von kleinen Thieren, Haut und Fleisch.
Die weiblichen Thiere scheinen viel mehr Weiss an
dem oberen Tlieile des Ohres zu tragen als die männlichen.
Das Opossum der Amerikaner ist über den grössten
Theil von Nord - Amerika verbreitet , geht aber nicht viel
weiter nördlich als New-York , bei Audubon findet man
sehr weitläufige Nachrichten über dieses Thier und seine
Verbreitung. Am oberen Missouri kommt es gar nicht vor,
in Pennsylvanien findet man es noch , und in Indiana war
es sehr gemein. Seine Lebensart hat Audubon vortreff-
lich beschrieben. Es ist ein gefrässiges Raubthier, vor
welchem man vorzüglich die Hühner- und Taubenhäuser
zu wahren hat. Im gezähmten Zustande ist es ein stupi-
des Thier, das den Rachen sogleich weit aufsperrt, sobald
man sich ihm nähert, übrigens sich aber kaum von der Stelle
bewegt. In bewohnten Gegenden sind sie nächtliche Thiere,
man sucht die Waldungen mit Hunden ab, um sie zu fan-
gen. Die Hunde beissen das Thier todt, oder es besteigt
einen Baum, wird verbellt und dann herab geschossen. Ein
gezähmtes Beulelthier dieser Art, welches ich besass, suchte
dunkle Winkel auf. Zum Schlafen legte es sich rund zu-
sammen, wie der Fuchs. Er frass bald die ihm hingewor-
fenen Vögel, hatte besonders viel Durst, welchen es durch
288 Prinz Maximilian zu W i e d :
Aufsperren des Rachens zu erkennen gab. Sein Geruchs-
sinn mussle sehr scharf sein , denn es bewegte die Nasen-
kuppe iiäufig hin und her , um den Geruch der umgeben-
den Gegenstände zu bekommen. — Ueber die Fortpflanzung
dieser Thiere spricht Au dubon lang und breit, man kennt
jetzt vollkommen den Hergang jener merkwürdigen Fort-
pflanzungsweise, worüber ich keine Gelegenheit fand, Be-
obachtungen anzustellen. — Ich erhielt indessen weibli-
che Thiere mit 10 bis 12 starken Jungen.
Man erzählt in Nord-Amerika eine Menge von Fabeln
von diesen sonderbaren Thiercn. Ein übrigens scheinbar
ziemlich instruirter Pflanzer erzählte mir u. a., er habe bei
dem wTiblichen Opossum nie einen Uterus finden können,
es sei gewiss , dass diese Thiere keine Innern Geschlechts-
theile besässen , und man sei in den Prairies von Illinois
überzeugt , dass das Männchen das Weibchen in die Nase
befruchte , worauf dieses die Samenfeuchtigkeit mit jenem
Theile in den Beutel bringe, wo alsdann die Jungen an den
Zitzen aufwüchsen.
Bei den Deutschen in Pennsylvanien trägt das Beu-
telthier den Namen ßassem, die Anglo-Amerikaner nennen
es Opossum.
Bei den Osagen heisst es Sindiäschtä.
„ „ Otos Ik-scha-mina (zusammen ge-
sprochen) d. h. der sich niederlegt oder schläft
mit Lachen.
(Fortsetzung im nächsten Jahrgange.)
Erklärung der Abbildungen.
Taf. VIII. Fig. 1. Penisknochen des Lupus variabiiis.
„ 2. „ „ Canis latrans.
„ 3. „ „ „ virginianus.
„ 4. ,, „ „ velox.
„ 5. „ „ Pulorius vison.
„ G. ,. der Lutra canadensis.
„ 7. „ von Procyon lotor.
„8. n des Hermelin vom Missouri,
Neue Wirbelthiere von Chile.
Von
Dr. R. A. Philipp! und Ludw. Landbeck.
A. lammalia.
Im Januar d. J. wurde ein Weibchen einer, wie es
uns scheint, noch unbeschriebenen Fledermaus in der Cor-
dillere von Santiago in einer Höhe von c. 7000 Fuss ge-
fangen , welche in der Mitte zwischen Vespertilio velatus
(Plecotus velatus Is. Geoffr.) und V. chiloensis steht und
namentlich der ersteren nahe kommt. W^ir haben ihr den
Namen Vespertilio montanus beigelegt und glauben , dass
sie durch folgende Diagnose zu unterscheiden ist.
Vespertilio montanus Ph. et L. auriculis amplis, oblon-
gis, disiunctis; trago angusto elongato; cauda truncum di-
inidium aequante; pilis in parte superiore corporis murinis,
in inferiore cinereo albis; facie supra nigra; antibrachio
20 lin. longo, caudam tertia parte superante.
Da die wesentlichen Unterschiede zwischen Y. velatus
und montanus in den Verhältnissen der Körpertheile beru-
hen, so lasse ich die Masse beider Arten hier folgen.
1) Nach der Beschreibung bei Gay.
2) Nach dem Exemplare unseres Museums.
3) Auf der Abbildung bei Gay gemessen; das eine Ohr missl
14j das andere 16 Linien.
4) Scheint ein Druckfehler zu sein.
Archiv f. Nalurg. XXVIL Jahrg. 1. Bd. 19
290 r h i 1 i p p i und Landbeck:
Wie man hieraus sieht, ist bei V. velatus der Schwanz
weit länger, so lang wie der Vorderarm, während er bei
V. montanus bedeutend kürzer ist. Auch der Vorderarm
ist bei V. montanus etwas liürzer. In noch auffallenderem
Grade ist dies bei den Ohren der Fall. Die Färbung zeigt
ebenfalls Verschiedenheiten. Der obere Theil des Gesichts
ist bei V. montanns beinah schwarz, bei V. velatus hell
röthlichbraun; der obere Theil des Körpers ist bei unserer
neuen Art mäusegrau, bei V. velatus röthlichgrau; die
Ohren und die Flughaut sind bei V. montanus schwärzlich-
grau; bei velatus röthlichbraun. Der Bauch ist bei unse-
rer Art ebenfalls etwas dunkler. In der Gestalt der Ohren
ist auch eine kleine Verschiedenheit, aber da diese Theile
durch das Eintrocknen sich etwas verändert haben können,
so will ich kein Gewicht darauf legen. Leider hatte Herr
Landbeck die Fledermaus ausgestopft ohne vorher den
Zahnbau genau zu noliren, so dass ich hierüber nichts sa-
gen kann.
B. Ares.
1. Upucerthia albiventris Ph. et L.
Artkennzeichen: Die Mitte längs der Unterseite
so wie ein Längsfleck auf den meisten grossen Schwung-
federn weiss.
Beschreibung: Länge 7", Schnabel 8'", Schwanz
2" 8'", Flügel vom Bug bis Spitze 3" 9'", Schienbein 1" 3'"
Tarsus 1" 1'", Mittelzehe IOV2", Aussenzehe 7V2", Innen-
zehe 7'", Hinterzehe 8'", der Nagel allein 5'".
Schnabel lang, dünn, gerade , ziemlich bachstelzenar-
tig, schwarz. Iris dunkelbraun; Tarsus dunkelbraun; Nä-
gel schwach gebogen nicht sehr lang, schwarz. Die Haupt-
farbe der Oberseile ist ein düsteres Erdbraun, auf dem Rük-
ken, Bürzel und Oberschwanzdeckfedern mit dunkel rost-
braunem üeberfluge; der Zügel , so wie die Ohrfedern bis
zum Genick haben die Erdfarbe des Scheitels. Die kleinen
und grossen Flügeldeckfedern der 2ten Ordnung sind lich-
ter als der Rücken, mehr hellgraubraun mit rostgelblichen
, Neue Wirbellhiere von Chile. 291
Rändern, die Daumenfedern braunschwarz , der Flügelrand
vor und unter denselben weiss, die zehn Deckfedern Ister
Ordnung gelblichwciss mit braunschwärzlichen Spitzen. Die
3te und 4te Schwungfeder sind gleich lang, die Iste so
lang wie die 7te. Die Schwungfedern sind braunschwarz ;
auf der [nnenfahnc der 4ten Schwungfeder ist ein weiss-
licher Längsflcck, welcher im ersten Drittel von der Wurzel
an gerechnet, beginnt und 6'" vor der Spitze verläuft; auf
den fünf folgenden Federn befinden sich ähnliche Flecke,
welche sich aber auch auf die Aussenfahne erstrecken und
einen etwa 10'" langen weissen Spiegel bilden; die folgen-
den bis vor die letzten Schwungfedern haben einen hellen
rostweisslichen Fleck auf dem ersten Drittel, wodurch ein
zweiter gelber Spiegel gebildet wird , das 2te Drittel be-
deckt ein kohlschwarzer Fleck und von da bis zur Spitze
sind die Aussenfahnen hell rostbraun gefärbt. Die zwei
mittlem Schwanzfedern sind einfarbig fahl erdbraun, die
übrigen schwarz , die äusserste mit rostfarbiger Spitzen-
hälfte, die 2te mit kleinerer rostfarbiger Spitze, die 3te mit
rostfarbigem Keilfleck in der Spitze. Auf der Unterseite des
Flügels weisse Deckfedern und quer über den Flügel eine
gelblichweisse Querbinde. Die Unterseite des Schwanzes
hat die Farbe und Zeichnung der oberen , nur matter und
undeutlicher. Vom Nasenloche bis zum Genick zieht sich
über das Auge hin eine weissgelbliche Binde. Die Haupt-
farbe der ganzen Unterseite ist gelblichwciss, an Kinn und
Kehle am reinsten, an der letzteren hat aber jede Feder
eine schwärzliche Spitze, wodurch dieser Theil getüpfelt
erscheint; Unterbrust und Bauchmitte sind ungefleckt weiss,
die Brust- und Bauchseitenfedern sind graubraun, letztere
wie die Schenkel-, After- und Unterschwanzdeckfedern
in hell rostbräunlich übergehend.
Dieser Vogel lebt in der Gegend von Arica in Peru
und stammt aus der Sammlung des verewigten Frobeen
in Arica.
Anmerkung. Auf den ersten Anblick erscheint der
hier beschriebene Vogel mitUpucerthia vulgaris Lafren. d'Orb.
identisch und er hat auch in der Zeichnung sowohl als in
der Färbung sehr grosse Aehnlichkeit. Er weicht jedoch
292 riiilippi und Landbeck:
in folg-endcn wesentlichen Punkten von der erwähnten
Art ab.
1) Der Schnabel ist bei unserem Vogel länger, ge-
rader, schmäler und niedriger, also im Ganzen schlanker
und schwächer als bei U. vulgaris, welcher Unterschied so
bedeutend ist , dass er auf den ersten Blick auffällt.
2) Der Tarsus ist bei U. albiventris um IV2'" länger
als bei U. vulgaris und sämmtliche Nägel weniger gebo-
gen, sondern mehr gerade und stumpfer, was auch auf eine
andere Lebensart hindeutet.
3) Bei U. albiventris ist der B'lügcl um 5'" länger als
beim vorigen.
4) Der grösste Theil der Unterseile ist beinahe rein
weiss, während derselbe bei U. vulgaris schmutzig ölgrau-
bräunlich ist.
Diese Unterschiede sind so bedeutend , dass sie die
Grenzen klimatischer Abänderung überschreiten und zur
Aufstellung einer besonderen Art berechtigen. Beobach-
tungen am lebenden Vogel würden die Sache zur sicher-
sten Entscheidung bringen.
2. Larus Frobenü Ph. et Ldb.
Artkennzeichen: Flügel und Schwanz fast ganz
schwarz.
Beschreibung: Ganze Länge 1' 7", Schnabel 1" 10'",
Schwanz 4" 6'", Flügel vom Bug bis zur Spitze 1' 1" 6'",
Schienbeins", Ferse 2" 3'", Mittelzehe 2", Aussenzehel"10'",
Innenzehe 1" 6'", Hinterzehe 3"'.
Die Flügelspitze überragt die Schwanzspitze ungefähr
um 1". Die Iste Schwungfeder die längste. Der Schnabel
ist hoch, seitwärts stark zusammengedrückt, der Kieferast-
winkel stark vorspringend , so dass der Schnabel vor dem
Nasenloche höher als hinter demselben ist, der Oberschna-
bel ziemlich stark abwärts gebogen ; das Nasenloch steht
ziemlich in der Mitte des Schnabels und beginnt 5'" vor
der Spitze der Seitenbefiederung des Oberschnabels ; das
Nasenloch ist Syj'" lang und sehr schmal. Der Schnabel
ist grünlichgelb, der vordere Theil vom Nasloche bis Spitze
Nene Wirbellhiere von Chile. 293
lackröthlich , in der Milte dieser Spitzenhälfte auf dem
Oberschnabel ein grosser hornschwarzer Fleck, welcher
auf dem Schnabelrücken die grösste Ausdehnung hat und
sich sodann schnell verschmälert, so dass auf dem Unter-
schnabel nur noch eine Spur davon bemerkt wird. Das
Augenlied ist weiss beliedert, der nackte Rand gelblich. Iris
wahrscheinlich dunkel. Tarsus und Schwimmhäute blass-
gelb, Nägel schwarz. Die Hinterzehe sehr kurz, verküm-
mert, der Nagel konisch zugespitzt. Kopf, Hals, die ganze
Unterseite , die Spitzen der meisten Schwungfedern 2ter
Ordnung , die Oberschwanzdeckfedern , Wurzel und Spitze
des Schwanzes weiss ; der Oberrücken beginnt am Hinter-
halse mit Schwarzgrau und verläuft in die dunkel schiefer-
schwarze Färbung des Rückens, Schultern und Flügel. Die
sechs ersten Schwungfedern jedes Flügels sind sammt de-
ren Schäften einfarbig schwarz, die vier übrigen Schwung-
federn Iter Ordnung haben kleine weisse Spitzen, die sich
auf den Spitzen der Schwungfedern 2ter Ordnung so ver-
grössern, dass sie bei der letzteren über 1" lang sind, und
wodurch eine sehr hübsch abstechende weisse Querbinde
über die Flügel entsteht. Die Spitzen, etwa 6'" breit, sämmt-
licher Steuerfedern sind weiss, die Spitzenhälfte des Schwan-
zes sodann schwarz , die äusserste Feder an der Aussen-
fahne ganz weiss, die zwei mittelsten fast bis an die Wur-
zel ganz schwarz , die übrigen an der Wurzelhälfte weiss.
Der Flügelrand ist auf der untern Seite weiss, die kleinen
Unterflügeldeckfedern hellgrau, die grossen weiss.
Die Reschreibung ist einem im August 1854 vom ver-
ewigten A. Frobeen in Arica erlegten alten weiblichen
Vogel entnommen und wir haben zu Ehren des eifrioen
Sammlers demselben seinen Namen beigelegt.
3. Larus einer eo-caudatus Ph. etLdb.
Artkennzeichen: Die sechs mittlem Schwanzfe-
dern aschgrau, die seitlichen weiss.
Reschreibung: Ganze Länge 1' 2", Schnabel 1" 3'",
Schwanz 3" 6'", Flügel vom Rüg bis zur Spitze 10" 9'";
überragt die Schwanzspitze um 2", Schienbein 2" 6'", Tar-
294 P h i 1 i p p i und L a ii d b e c k :
sus 1" 6'", xMiltelzehe 1" 4'", Aussenzehc 1" 3'", Innen-
zehe 1" 1'", Hinterzehe 4'", die nackte Stelle des Schien-
heins üher dem Fersengelenke 9'".
Alter Vog-el im Ueberg-ange vom Winter-
zum Sommerkleide. Schnabel kirschroth mit hellro-
ther Spitze und vor dieser mit schwarzem 3'" breiten Quer-
bande. Derselbe ist an der Wurzel ziemlich breit, 5'",
verschmälert sich regelmässig bis vor das Nasloch, wo
er noch 2'" Querdurchmesser hat, und ist von da an
bis zur Spitze gleichmässig zusammengedrückt ; das Nas-
loch beginnt in der Mitte des Schnabels und ist 3'" lang;
an der Wurzel ist der Schnabel 5'" hoch ; die Spitze
stark abwärts gebogen. Die Iris ist dunkelbraun; der
nackte Theil des B'usses rothbraun ; die Nägel horn-
schwarz. Stirn, Kinn , Kehle , Wangen und drei Viertheile
des hinteren ümfanges des Auges sind weiss, erstere Theile
mit einzelnen schwarzen Federn vermischt; der übrige
Theil des Kopfes bis Genick und Gurgelseiten russschwarz.
Der ganze Hals bis Oberrücken, die Bürzel- und Ober-
schwanzdeckfedern , so wie die drei äusseren Schwanzfe-
dern jeder Seite, die ganze Unterseite sammt Flügel- und
Unlerschwanzdeckfedern schnceweiss, an Brust und Bauch mit
rosenrothem Anfluge, wie bei L. ridibundus, glaucodes und
mehreren anderen Arten. Rücken, Mantel, Flügel und sechs
mittlere Schwanzfedern schön dunkel aschgrau, letztere am
hellsten. Sämmtliche Schwung - und die längsten Schul-
terfedern haben weisse Spitzen, wovon erstere gewöhnlich
6'" lang sind. Die Aussenfahne der ersten — längsten — -
Schwungfeder ist schwarz, welche Farbe auch die Spitze der
Innenfahne auf 3" lang herein einnimmt, die vier zunächstfol-
genden Schwungfedern haben vor der weissen Spitze ein
breites schwarzes Querband, welches sich auf der Aussen-
fahne mehr nach der Wurzel zu erstreckt, als auf der In-
nenfahne, auf welcher vielmehr das Schwarze einen run-
den weissen Ausschnitt nach Form der Federspitzen zeigt.
Bei zusammengelegten Flügeln erscheint die Spitze auf 3'"
herein kohlschwarz mit drei weissen Flecken. Der Schaft
der ersten Schwungfeder ist auffallend gefärbt: so weit die
schwarze Spitze der Fahnen reicht , ist derselbe ebenfalls
Neue Wirbelthiere von Chile. 295
schwarz, von da an bis zur Wurzel an beiden Seiten schwarz
gestreift und in der3Iitte weiss; bei den Schäften der übri-
gen Schwungfedern wiederholt sich dieselbe Zeichnung nur
weniger auffallend, indem, was bei jener schwarz ist, bei
dieser grau erscheint.
Das vollständige Sommerkleid unterscheidet sich von
dem eben beschriebenen nur dadurch, dass der ganze Kopf
bis Genick, Wangen, Kinn und Kehle dunkel schieferschwarz
ist und nur hinter dem Auge durch einen kleinen weissen
Halbmond ausgezeichnet ist. ■ — Im reinen Winterkleide da-
gegen ist der Kopf weiss, vor dem Auge und am Ohre mit
schwarzem Fleck.
Junger Vogel im ersten Frühlingskleide.
Schnabel im Ganzen dunkler , die vordere Hälfte braun-
schwarz, die Wurzelhälfte schwarzroth, die äusserste Spitze
durchsichtig hellbraun. Der nackte Rand ^es Augenliedes
dunkelroth, Fuss dunkel rothbraun. Das Schwarz des Ko-
pfes erstreckt sich nicht über den Schnabelwinkel herab,
ist weniger intensiv, sondern mehr braunschwarz mit vielen
weissen Spitzenrändern der einzelnen Federn. Der Schwanz
ist mehr silbergrau, also heller gefärbt als beim Alten. Die
vier ersten Schwungfedern jeder Seite einfarbig braun-
schwarz, die folgenden sind gefärbt wie bei dem alten Vogel.
Das Jugendkleid zeigt dieselben Zeichnungen wie
bei Larus ridibundus und glaucodes und ist stets durch eine
schwarze Schwanzfeder-Binde ausgezeichnet.
Diese kleinste der chilenischen Möven ist an der chi-
lenischen Küste nicht häufig und nicht überall verbreitet;
ich bemerkte dieselbe im September 1859 in den Häfen von
Tome und Valparaiso. Das Museum besitzt aber auch einen
alten Vogel im Sommerkleide aus der Gegend von Arica
in Peru.
€. Amphibia.
1. Leiosaurus torquatus Ph.
L. post mortem supra obscure griseus, concolor, sub-
tus e caerulescente albidus, torque gulae atro ; cauda cor-
pus multo superante.
29G rhili ppi und Landbeck:
Von Herrn Germain in der Nähe von Concepcion
gefunden.
Dimensionen: Länge des Körpers vom Schwänze
bis zum After 3 Zoll 5 Lin. , des Kopfes von der Ohröff-
nung bis zur Schnauze 12 Lin.; Breite des Kopfes 9 Lin.,
Höhe desselben SVjLin., Länge der Mundspalte 10 Linien;
Länge der Vorderbeine von der Achsel bis zur Spitze der
längsten Zehe 16 Linien; Länge der Hinterbeine 2 Zoll
2 Linien; Länge des Schwanzes 5 Zoll.
Der Kopf ist oben flach; eine deutliche Kante scheidet
den Scheitel von den Schläfen ; die Schnauze ist stumpf.
Die Nasenlöcher sind kreisrund und liegen in der Linie,
die von der Schnauze zu den Augenliedern führt. Zwischen
der Nasenschuppe und dem seitlichen Winkel der Rostral-
schuppe liegt eine einzige Schuppe ; man zählt deren fünf
zwischen den beiden Nasenschuppen. Die Platten, welche
den oberen Theil des Kopfes bekleiden, sind klein, eckig und
etwas gewölbt ; sie werden von einem Bogen begrenzt,
dessen Convexität nach hinten sieht und dessen Ende die
Augenbrauen berühren. Auf jeder Seite dieses ßogens ist
der Kopf mit kleinen Schüppchen bedeckt, welche mit de-
nen des Rückens übereinkommen. Die Seitentheile des
Kopfes zeigen flache Platten, grösser und in die Länge ge-
streckt zwischen den Augen und dem Maul , kleiner und
nur so lang wie breit in der Gegend hinter dem Auge.
Ebenso sind die Labialschuppen in dem hinter den Augen
liegenden Theile auffallend kleiner als die vorderen. Im
Gegenthelle sind die Schuppen , welche den unteren und
vorderen Theil der Augenhöhle begränzen, schmal, und die
am hinteren Theile des Augenhöhlenrandes breit und denen
der Schläfen ähnlich. Die Rostralplatte ist zweimal so lang
wie hoch, siebeneckig, und ihre Seitenränder stehen senk-
recht. Die Kinnschuppe ist beinah dreieckig, und fast so
hoch wie breit. Die übrigen Schuppen des Unterkiefers
nehmen rasch an Grösse ab , und ist dieser Theil grössten-
theils mit glatten, sechseckigen, sehr regelmässigen Schup-
pen bekleidet. Die Ohröffnung ist gross , oben etwas
schmaler, fast birnförmig, und das Paukenfell wenig sicht-
bar. Die Schuppen an den Seiten des Halses hinter den
Neue Wirbeltbiere von Chile. 297
Ohren sind sehr klein , und gleichen halbkugeligen Wärz-
chen. Der Rücken wird von kleinen, sechseckigen, glatten
Schuppen bekleidet, die keine besonders regelmässigen
Querreihen bilden. Es ist keine Spur von Kamm vorhan-
den. Die Schuppen des Bauches sind fast dreimal so gross
wie die des Rückens, gleichfalls sechseckig und regelmäs-
siger gestellt. Die des Schwanzes bilden Wirbel, sind glatt
und eben , und auf der Rückenseite schmaler als auf der
Bauchseite. Der Schwanz ist etwas seillich zusammenge-
drückt. An der Kehle ist eine tiefe Querfalte, und an den
Seiten des Halses bemerkt man einige unregelmässige Fal-
ten. Die Schuppen, welche den oberen Theil der Vorder-
beine bedecken , sind sechseckig , glatt , quergestellt und
viel grösser als die Schuppen des Rückens ; die auf der Unter-
seite der Vorderbeine sind kleiner, zeigen aber sonst keine
Verschiedenheit. Die Zehen sind etwas zusammengedrückt,
ziemlich kräftig ; die innere ist die kürzeste, die dritte und
vierte sind von gleicher Grösse und am längsten , darauf
folgt an Länge die zweite; die äussere ist länger als die
innere, aber kürzer als die zweite. Eine einzige Reihe
Schuppen bekleidet die Unterseite der Zehen , und diese
sind glatt und breiter als lang. Bei den Hinterbeinen ist
der Hintertheil der Schenkel mit ebenso kleinen Schuppen
wie der Rücken bedeckt; die Schuppen des vorderen und
unteren Theiles aber sind ebenso gross wie die des Bau-
ches. Die Zehen sind sehr ungleich; die innere ist sehr
kurz, die drei folgenden nehmen rasch an Länge zu, und die
äussere ist so lang wie die zweite. Es sind weder Schen-
kelporen noch Bauchporen vorhanden.
Die Zunge ist kurz , ziemlich dick und etwas ausge-
randet. Die Zähne (wenigstens die vorderen) sind drei-
spitzig , doch ist die mittlere Spitze weit grösser als die
seitlichen. Es sind Gaumenzähne vorhanden.
Die Farbe des einzigen Individuums, welches das Mu-
seum besitzt, ist dunkelgrau, auf dem Rücken beinahe
schwärzlich, auf dem Bauche heller, ins Bläuliche ziehend,
ohne alle Flecke und Zeichnungen; nur die Kehlfalte ist
mit einer tiefschwarzen Binde eingefasst und der Schwanz
zeigt dunklere Querbinden. Ich habe keine Nachricht wie
298 Philippi und Landbeck :
die Färbung des lebenden Thieres gewesen ist, und weiss
auch nichts über seine Lebensweise.
2. Leiosaurus valdivianus Ph.
L. post mortem supra fuscus, maculis fasciisve trans-
versis varie pictus, cauda corpus subaequante.
In der Provinz Valdivia, selten.
Auf dem Grundstücke S. Juan, welches ich in Valdivia
besitze, fingen meine Arbeiter im Nov. 1860 ein Individuum
dieser Eidechse auf einem Baume; sie behaupten, das Thicr
wäre auf dem Baume recht flink, auf dem Erdboden aber
langsamer und unbeholfener gewesen. Zwei Monate spä-
ter fingen meine Kinder ein zweites , etwas kleineres Ex-
emplar, das auf einem Malten sass und bestätigten die An-
gabe meiner Knechte. Dies letztere Thier habe ich vier
und zwanzig Stunden lebendig gehabt und einen merk-
würdigen Farbenwechsel daran beobachtet. Ich hatte es
unter ein umgestülptes Glas geslellt und fand den anderen
Morgen, dass die lebhafte Färbung desselben einer dunkeln
schwärzlichen Platz gemacht hatte, und dass alle Zeichnung
so gut wie verschwunden war. Ich vermuthete, dass eine
mangelhafte Oxydation des Blutes in der eingeschlossenen
Luft die Ursache dieser Erscheinung wäre, und legte ein
Hölzchen unter das Glas , so dass frische Luft einströmen
konnte, und in der That kehrte bald die ursprüngliche leb-
hafte Färbung wieder.
Dimensionen : grösseres kleineres
Länge des Rumpfes von der Spitze Individ. Individ.
der Schnauze bis zum After . 3 Z. 4L. 3 Z. — L.
Länge des Schwanzes , vom After
an gemessen 3„3„ 3„5„
Länge des Kopfes, vom Ohre bis
zur Schnauzenspitze . . . . — „11 „ — - „ 10 „
Breite des Kopfes — „ Sy^j,, — „ 8 „
Höhe desselben — ^ „ 8 ,, • — w '^ ??
Länge der Mundspalte . . . . — „ 9V2?? — ?? 9 „
Länge der Vorderbeine von der
Achselhöhle bis zur Spitze der
längsten Zehe 1 „ 1%^ 1 „ 2 „
Länge der Hinterbeine .... 1 „ 11 „ 1 „ 10 „
Neue Wirbelthiere von Chile. 299
Die Gestalt des Kopfes ist genau wie bei der vorigen
Art und die Bescliuppung desselben ist ebenso, mit gerin-
gen Ausnahmen. Die Schuppen, welche im vorderen Thcile
der Wangen auf die Labialschuppen folgen, sind in den
zwei oder drei ersten Reihen beim L. valdivianus sehr
viel kleiner, die Kinnschuppe ist weit höher als breit und
die Schuppen auf der Unterseite des Unterkiefers sind
weit kleiner als bei L. torquatus; auch die Schuppen, wel-
che die Beine bekleiden, sind kleiner. Das kleinere Indivi-
duum , welches einen verhältnissmässig längeren Schwanz
besitzt, zeigt in der Mittellinie des Rückens vom Hinter-
kopfe an bis zur Mitte des Rumpfes eine Reihe erhabener,
vortretender Schuppen ; beides ist vielleicht Geschlechtsver-
schiedenheit. Die Zehen scheinen mir bei L. valdivianus
etwas kräftiger als bei L. torquatus zu sein, stehen aber
in demselben Verhältnisse zu einander. Die Vorderzähne
sind ein klein wenig grösser und die seitlichen Spitzchen
derselben undeutlicher. Zunge, Gaumen, Ohren , Kehlfalle
und die seitlichen Falten des Halses zeigen keine Verschie-
denheit.
Die Färbung scheint ziemlich variabel zu sein. Das
grössere Individuum erscheint jetzt auf dem Rücken grau-
braun mit schwärzlichen Querbinden, die beim Hinlerkopfe
anfangen und auf dem Schwänze besonders deutlich sind.
Diese Binden sieht man auch auf den Beinen bis zu den
Zehen. Der Untertheil des Körpers ist schmutzig grau-
braun. Das kleinere Exemplar erscheint jetzt dunkelbraun,
fast einfarbig und mit Mühe erkennt man an den Seiten
Spuren von Flecken; der Bauch ist hellgrau. Im Leben
war das Thier sehr hübsch und lebhaft gefärbt. Die Grund-
farbe der Oberseite war dunkelbraun, auf jeder Seite sah
man sieben , blasse halbmondförmige , schwarz eingefasste
Flecke, deren Convexität nach oben sah; unter denselben
zeigten die Seiten weissliche Tropfen, die nach dem Bauche
hin mehr oder weniger zusammenflössen und Querbinden
über denselben bildeten. Bläuliche Querbinden verbanden
auf dem Rücken die halbmondförmigen Flecke der Seiten,
Schwanz und Beine waren hellbraun mit dunkeln, schwarz
eingefassten Querbinden. Die Kehle war bräunlichgelb mit
300 r h i 1 i p p i und L a n d b c c k :
weissen Flecken, und diese gelbe Färbung" zog sich jeder-
seils bis zum oberen Rande des Ohres. Hinter der Kehl-
falte sah man einen schwarzen Fleck , der sich mit dem
schwarzen Rande des dritten , halbmondförmigen Fleckes
jederseits vereinigt. Die Gegend unter dem Auge war hell-
braun mit zwei bläulichweissen Flecken im hinteren Theile.
Der Bauch war gelb ins Rostfarbene ziehend.
3. Fhryniscus guttatus Ph.
Phr. supra verruculosus, niger, guttis sulfureis (posl
mortem albidis) in medio dorsi per series longitudinales
dispositis ornatus; subtus antice pariter granulatus; pedi-
bus manibusque luteis (post mortem albidis); digitis manus
liberis, pedis semipalmalis.
Findet sich in der Cordillere von Santiago in mehr
als 10,000 Fuss Meereshöhe, im Valle largo.
Dies ist die kleinste Chilenische Kröte , denn sie ist
nur 1% Linie lang und 5 Linien breit. Sie ist von Ge-
stall sehr gedrungen; von der stumpfen Schnauze geht
jederseits eine schwach convexe Linie bis zu der Mitte
zwischen Vorder- und Hinterbein, wo der Körper seine
grösste Breite hat , von wo aus sein ümriss einen Halb-
zirkel beschreibt, dessen Scheitelpunkt der After ist. Die
Beine sind kurz und dünn. An den Vorderfüssen ist die
erste Zehe die kürzeste , die zweite ist so lang wie die
vierte, und die dritte ist die längste; an den Hinterfüssen
nehmen die Zehen regelmässig von der ersten bis zur
vierten an Länge zu , und die fünfte ist so lang wie die
dritte. Alle Zehen sind etwas flach gedrückt, oder richti-
ger jederseits mit einem kleinen Saume versehen. Die
Haut, welche die Zehen der Hinterfüsse verbindet, ist ziem-
lich kurz. Der ganze Körper ist mit kleinen aber ziem-
lich spitzen Warzen bedeckt; die des Tarsus sind grösser,
entfernter , unregelmässiger , fast so gross wie die des
Handtellers oder der Fusssohle. An der Hand - und Fuss-
wurzel sind je zwei grössere Höcker. Das Kinn, die Brust,
der vordere Theil des Bauches sind fein gekörnclt, aber
der hintere Theil des Bauches und der untere Theil der
Schenkel haben eine glatte graugelbe Haut. An der Stelle
Neue Wirbelthiere von Chile. 301
der Parotis ist eine massige Anschwellung-, von einer Linie
im Durchmesser, die im grossesten Theile ihres Umfanges
eine schwefelgelbe Einfassung hat. Die Oberseite des Thie-
res ist schwarz mit zahlreichen im Leben lebhaft schwe-
felgelben Tüpfeln oder Tropfen , die , wenn das Thicr in
Spiritus geworfen wird, bald gelb werden. Diese Tropfen
bilden Längsreihen, und sind namentlich die beiden mittle-
ren, welche sehr nahe bei einander stehen, auffallend re-
gelmässig. Die oberen Augenlieder sind gleichfalls mit
gelben Pünktchen gesprenkelt. Das Knie, der untere Theil
der Vorder- und Hinterschenkel und der hintere Theil des
Unterleibes sind hellgrau; die Brust, der vordere Theil
des Bauches , der obere Theil des Vorderarms und der
Unterschenkel sind dunkelgrau; Handteller und Fusssohle
sind im Leben lebhaft gelb, nach dem Tode aber, wenn
das Thier einige Zeit in Alkohol gelegen hat, weisslich.
Santiago den 17. Juni 1861.
lieber die systematische Stellung der Charybdeideu.
Von
Fritz Müller
in Desterro.
Die E seh s Chol t z'sche Abtheilung der Discophorae
phanerocarpae bildete eine wohlumschriebene Gruppe eng-
verwandter Thiere, verbunden durch eine grosse Zahl ge-
meinsamer Merkmale: die Scheibe ein flaches, glattes Ku-
gelsegment, aber beim Schwimmen starker Wölbung fähig,
mit gekerbtem Rande, in dessen Einschnitten, stets in der
Achtzahl , die Randkörperchen mit in Säuren unlöslichen
Krystallen; keine Randhaut; um den Mund vier Arme und
mit ihnen wechselnd, in besonderen Gruben, die Geschlechts-
theile als krausenförmig gefaltete, bogig gekrümmte Bän-
der; an gleicher Stelle die Magenfäden u. s. w. — Der
Mund freilich bald frei geöffnet (Medusiden), bald ge-
schlossen und statt seiner zahlreiche Oeffnungen an den
Armen (Rhizostomiden); allein diese Eigenthümlichkeit
der Rhizostomiden, so bedeutungsvoll sie jedenfalls ist für
ihre ganze Ernährungsweise, störte doch nicht die mor-
phologische Einheit der Gruppe , da sie unschwer aus der
gewöhnlichen Mundform sich ableitete ^). Einige später
1) Gegenbaur (Zeitschr. f. wiss. Zool.VIII. S. 210 Anm.)
erklärt die Polystomie der Rhizostomiden für ein mit dem allge-
meinen Plane der Medusen unvereinbares Paradoxon und bezweifelt
selbst das Faktum. Das Faktum ist leicht zu constatiren und neuer-
dings wiederholt , auch von mir , conslatirt worden. Auch die Er-
klärung scheint mir ziemlich ,auf der Hand zu liegen. Eine tempo-
räre Polystomie, wenn man es so nennen will, kann man leicht
Müller: Ueber die systematische Stellung der Charybdeiden. 303
entdeckte etwas abweichende Formen der Medusiden thaten
ebenfalls der Einheit des Gesammtbildes , das sie nur ver-
vollständigten , keinen Eintrag 1). — Ein Anderes aber ist
es mit der Familie der Charybdeiden, die Gegen-
baur seinen Acraspeda , den Es chschol tz'schen Phane-
rocarpae anreihte. Die Charybdea marsupialis Per. und
mehr noch die von mir beschriebenen Tamoya haplonema
und quadrumana stellen sich fast in allen wesentlichen Zü-
gen ihres Baues jenem allgemeinen Bilde aufs ScIirofTsle
entgegen : eine Glocke mit tiefgefurchten Seiten und brei-
ter Randhaut, fast keines Formwechsels fähig; die Rand-
körperchen in der Vierzahl, fern vom Rande, in tiefen Ni-
schen an der Aussenfläche der Glocke; ein langer Mund-
trichter nach Art der Thaumantias ; Geschlechtstheile als
breite häutige Platten in den weiten Seitentaschen des Ma-
gens und daher fern von den Magenfäden ; Fangfäden auf
eigenthümlichen keulen- oder bandförmigen Fortsätzen, ein
scharf ausgeprägtes Nervensystem u. s. f.
Fast noch auffallender tritt den gew öhnlichen Medusen
in der äusseren Form, und nur diese ist bekannt, die Cha-
rybdea periphylla Per. entgegen ; gleichsam eine Tamoya,
quadrumana mit auf 16 vermehrten und ihrer Fangfäden
beraubten bandförmigen Anhängen.
bei Hydroidquallen sehen, wenn sich die Ränder eines vielgefalteten
vierlappigen Mundsaumes da und dort an einander legen. So wird
auch die Folystomie der Rhizostomiden entstehen durch Verwachsung
der häutigen Blätter, die die Arme der Phanerocarpen umfassen. Wo
die Oeffnungen der Arme die Form langer Spalten haben, die sich
oft in ricmenförmige Tentakel fortsetzen , wie bei einer Cephea der
südbrasilianischen Küste, kann über diese Entstehungsweise kaum ein
Zweifel bleiben. Schwieriger zu erklären scheint die Durchbrechung
des Armstiels, oder sein „Entspringen mit vier Wurzeln," wie es bei
derselben Cephea und nach Forskai bei C. ocloshjla vorkommt.
1) So Nausithoe Köll. mit ihren acht überaus einfachen Ge-
schlechtsdrüsen und Trichoplean. g. mit Randkörpern in tiefen
Nischen auf der Unterflärhe und 2 Zoll von dem ungetheilten Rande
der zwei Spannen im Durchmesser haltenden Scheibe. Unter den
älteren minder genau gekannten Arten ist \\oh\ Medusa Pcrsea Fursk.
(Rhizostoma Eschsch.) trotz des ungetheilten Randes und der grossen
Randhaut mit Sicherheil zu den „Acraspeda^' zu stellen.
304 Müller:
Vermittelnde Uebergangsformen sich vorzustellen zwi-
schen den Charybdeiden einer-, den Medusiden
und Rhizostomiden andererseits, oder auch beide
Gruppen herzuleiten aus einer gemeinsamen Grundform,
die wesentlich mehr enthielte , als die allgemeinen Züge
aller Hydromedusen, scheint somit kaum thunlich. Das an-
schaulich frische Bild der Eschscholtz'schen Phanero-
carpen würde schattenhaft verblassen durch die Auf-
nahme der Charybdeiden, und jedenfalls wäre ihre
Vereinigung eine durchaus unnatürliche.
Und doch, wenn man die übliche Zweitheilung der
Scheibenquallen beibehalten will, an der die Systeme von
Forbes, Lütken und Gegen bau r nichts geändert ha-
ben , als die Namen ^) , und die selbst da wiederkehrt, (in
Bezug auf die Quallenformen) , wo die Discophorae , und
mit Recht , nicht mehr als systematische Einheit anerkannt
werden, wie in den Acalephenund Hydroiden von
R. Leuckart, so können die Charybdeiden nur un-
ter den höheren Scheibenquallen ihre Stelle finden, mit
denen sie wenigstens noch die Magenfäden und den in
Säuren unlöslichen Inhalt der Randkörper gemein haben.
Noch ferner stehen sie , das bedarf keiner weiteren Erör-
terung, der Quallenbrut der Hydroiden.
Schon bei Gelegenheit der Beschreibung der Ta-
rn oyen gedachte ich deshalb einer wohl vorzuziehenden
Dreitheilung der Scheibenquallen und vermuthete , dass
diese sich auf die Entwickelungsgeschichte würde stützen
lassen. Früher schon , wenn auch später erst die Kunde
davon in mein Exil drang, hatte R. Leuckart demselben
Gedanken folgend, die Abtheilung der Ceratostera gebildet,
aber bald wieder aufgegeben. Denn jene Vermuthung hat sich
2) Nicht den Grund oder das Eintheilungsprincip , wie Ge-
genbaur -will. Eschscholz betrachtet keineswegs die „Keim-
wülste" weder als einziges , noch wichtigstes Merkmal der Phanero-
carpen ; schon er stellt, wie Gegen bau r, die Einschnitte des Ran-
des voran und kennt sehr wohl „den häutigen weichen Binglappen
am Rande der Scheibe" als gemeinsames Merkmal seiner Crypto-
carpen.
Ueber die systematische Stellung der Charybdeiden. 305
bekanntlich als durchaus unbegründet erwiesen. Krohn
sah die Pelagia noctüuca sich ohne ßrutwechsel entwickeln,
während Busch die Brut der kaum gcnerisch zu sondern-
den Chrysaora bis zur Polypenform verl'olgle. Unter den
Hydroiden haben Gegenbaur das Trachynema ciliatum,
und ich die Geryonia (Liriope) catharinensis als wahrschein-
lich direkt aus dem Ei erwachsend kennen gelehrt, wäh-
rend im Gegentheile die nur auf das Flimmerkleid der jun-
gen Aeginopsis gebaute Annahme einer direkten Entwicke-
lung der Aeginiden durch die flimmernde Brut im Magen
der Cunina KölUkeri ihre Stütze verlor.
Trotzdem ist die damals mir vorschwebende Gruppi-
rung der Scheibenquallen durch jede neue Untersuchung
immer plausibler geworden. Es scheint mir, dass hier,
wie so manches Mal, die unbefangene Anschauung der
älteren Beobachter das Rechte getroffen, indem sie mit der
Charybdea marsupiaUs und periphylla die Ch. bitentaculata
vereinigten , die heute als Aeginopsis mediterranea J. Müll,
oder Aeg. bitentaculata Köll. ^) in der Familie der Aegini-
den Ggb. am Ende der Cryptocarpen zu stehen pflegt.
Nicht dass ich die Vereinigung von Charybdea und Aegi-
nopsis in dieselbe Gattung, oder auch nur, nach dem Bei-
spiele von L ü t k e n, in dieselbe Familie befürworten möchte;
aber ich meine, dass die Familien der Charybdei-
den und Aeginiden Ggb. zu einer den Siphono-
p hören, Hydroiden und Acalephen (im Sinne R.
Leuckart's) gleich werthigen Gruppe der Hy-
dromedusen zu vereinig en seien. Die höchstorga-
nisirte aller bekannten Hydromedusen , und vielleicht aller
Coelenteraten , die Tamoya quadrumana mit den, wie es
schien, die tiefuntersle Stufe in der Reihe der Quallen be-
hauptenden Aeginiden zusammenzustellen , die zum Theil
selbst, wie Eurystoma Köll. , nur mit der durch die Rand-
haut theilweise geschlossenen Aushöhlung der unteren Kör-
1) Die abweichende Färbung darf liaum als Altunterschied gel-
ten in einer Thiergruppe, wo, wie bei den Acalephen (Rhizostoma,
Chrysaora u. a.) und Hydroiden (Coryniorpha) , die reichste Mannich-
faltigkeit der Färbung innerhalb der Art fast als Regel gelten kam:.
Archiv f. Natiirg. XXVII. Jahrg. 1. Bd. 20
306 Jläller:
perfläche verdauten i), schien mir freilich lange Zeit etwas
waglich. Seit ich eine gerade diesem Eurystoma in Form,
wie in der Entwickelung der im Magen knospenden Brut
höchst ähnliche Art selbst eingehender untersuchen konnte,
und seit mir Esch s chol tz's treffliches „System der
Acalephen" wieder zur Hand ist, ist mir dieses Beden-
ken geschwunden und ich halte jetzt meine Ansicht für
hinreichend begründet, um sie der Beurlheilung der Zoolo-
gen vorlegen zu dürfen.
Von der Unvereinbarkeit der Charybdeidenmit
den Acalephen R. Lt. ist schon gesprochen. In ganz
ähnlichem Gegensatze stehen die Cunina , Aeginopsis und
ihre VerwandJen zu den übrigen Cryptocarpen oder
den Hydroidquallen. — Die Scheibe dieser letzleren,
obwohl von sehr wechselnder Form, ist doch stets ganz-
randig , und wie bei den Acalephen glatt, oder etwa mit
schwach vorspringenden von der Mitte des Rückens aus-
gehenden Leisten versehen; sie haben stets Strahlgefässe
und Ringkanal, und zwar erstere, ausser bei sehr grosser
Menge, in fester Zahl; Randbläschen, wenn vorhanden, sind
stets rundlich und sitzend; die Randfäden, von sehr wech-
selndem Bau, nehmen doch stets die unmittelbare Nähe des
Ringgefässes ein. In der Bildung der Geschlechtstheile
endlich schliessen sich die Hydroidquallen den Acalephen
oder Phanerocarpen an; denn, obschon von ungemeinem
Formenreichthum, dessen äusserste Bildungen indessen durch
eine ziemlich engschliessende Reihe von Zwischenformen
verbunden sind, — von dem mundlosen Geschlechtskolben
der Corymorphaquallen bis zu den dichtgedrängten
Bäumchen längs der Strahlgefässe der Olindias^)^ — so
1) Ich glaubte diese wohl irrthümliche Darstellung Köl 1 ik er's
nicht bloss auf degenba ur's Autorität hin anzweifeln zu dürfen,
dessen Angaben ich bei anderen Quallen nicht immer ganz bewährt
gefunden hatte , und noch weniger auf Grund eines aprioristischen
„allgemeinen Planes der Medusen."
2) Olindias n. g. Habitus Aev Thaumanlias mediferranea Ggb.y
vier Strahlgefässe und zahlreiche (bis über 100) rücklaufende Ge-
fässe ; am Rande äusserst dehnbare Fangfäden und wenig bewegliche
Tentakel , beide hohl und von unbestimmter Zahl ; am Grunde der
lieber die systcnjatische Stellung der Charybdeiden. 307
nehmen sie doch stets die äussere Wand des Gastrovascu-
lärsystems ein und entleeren ihre Produkte nach aussen.
— Dagegen ist die Scheibe der Cunina um] ihrer Verwand-
ten häufig, wo nicht immer, am Rande gekerbt i), und, wie
bei den Charybdeiden, von mehr weniger tiefen, mehr
weniger weit auf die Rückenfläche sich fortsetzenden Für-
chen durchzogen; der Magen hat breite Seilentaschen in
oft schwankender Anzahl , nie Strahigefässe oder Ringka-
nal; die Randbläschen sind meist gestielt; die Tentakel,
nie die Zahl der Magentaschen überschreitend , sind stets
rückenständig, oft sehr fern vom Rande entspringend; aus-
serdem sind sie bald durch eine eigenthümliche Starrheit,
bald wieder durch „eine bei anderen Medusen gar nicht
bemerkte Beweglichkeit" (Eschsch.) ^) ausgezeichnet. Die
Tentakel paarweise die Randbläschen; (jeschlechtstheile baumförmig
verästelt längs der Strahigefässe. — Verniuthlich sind auch die „Fang-
fäden"' an den Strahlgefässen von Melicertum nichts anderes als Ge-
schlechtstheile , und dies um so eher als auch in der Bildung der
Randfäden Olindias zunächst an Älelicertun» sich anschliesst. — Als
Uebergangsbildung von magenständigen zu peripherischen Geschlechts-
theilen lässt sich, um mich nicht auf noch unbeschriebene Formen zu
berufen, seihst Lizzia Köllikeri anführen, wo nach Gegen bau r's
von mir an einer verwandten Art bestätigter Beobachtung, die dem
Magen anliegende Geschlechtsdrüse von einem Aste des Strahlgefäs-
ses durchzogen ist.
1) Gegenbaur ist der Ansicht, dass der Besitz eines Velum's
einen uneingeschnittenen Rand des Körpers voraussetze, und aus die-
sem Grunde, wie es scheint, leugnet er gegen E schsc h o 1 tz, Kol-
li ker und im Widerspruche mit sich selbst, die Kerbung des Ran-
des der Aeginiden. Denn bei Aegineta flavescens lässt er die Gal-
lertsubstanz sich in beträchtlicher Dicke auf die Magentaschen fort-
setzen ; dazwischen also sind nur häutig überspannte Lücken oder
Einschnitte der Gallertsubstanz, d. h. „des Körpers," da bei den eines
Ringgefässes entbehrenden Aeginiden doch nur das Aufhören der Gal-
lertsubstanz die Grenze zwischen Körper und Velum bezeichnen kann.
Wie die Muskelhaut der Unterfläche sich bei den Aeginiden über
einen gekerbten Rand fortsetzt, so kann die Randhaut auch wieder
bei ganzrandiger Scheibe fehlen , — selbst bei Hydroidquallen ; ich
vermag wenigstens keine Spur derselben aufzufinden bei einem klei-
nen, stets mit uingestülpter Scheibe schwimmenden Campanularia-
sprösslinge, Tintinnahuluni rcsupinatum n. sp.
2) So bei Aegina sulfurea , wie sie in Eschsch. System S. 9,
308 Müller:
Geschlechlsslofl'e der Cunina bilden sich im Innern der Sei-
tentaschen und zwar in den seitlichen Winkeln derselben,
von wo ihre Bildungsstätte hufeisenförmig von einer Tasche
zur andern sich hinüberzieht.
Nach alle dem ist die Verbindung der Cunitia, Äegino^
psi's U.S.W, mit den Hy droiden eine ebenso lockere und
gezwungene, durch keinerlei Uebergänge vermittelte, wie
es die der Charybdciden mit den Ac a 1 ep h e n ist.
Wenn also die Ausscheidung dieser beiden Familien aus
ihrem jetzigen Verbände keinem ernstlichen Bedenken un-
terliegen dürfte, so scheint ein solches auch ihrer Vereini-
gung nicht entgegenzustehen. Wohl liegt zwischen Ca-
nina und Tamoya eine weite Kluft, aber nicht weiter als
zwischen den tentakel-, äugen- und mundlosen Quallen
von Corymorpha und Olindias, zwischen 'Nausithoe und Ce-
j)}iea^ — eine Kluft wie zwischen junger Brut und erwach-
senem Thier, über die die Phantasie leicht durch Zwischen-
stufen einen allmählichen Uebergang findet, — und nicht
eine durch unvereinbare Merkmale errichtete Scheidewand.
Von den seichten Furchen in der fiachen, leicht gekerbten,
oft schon (nach Gege nbaur) knorpelharten Scheibe meh-
rerer Cunina führt die Zwischenform der Aegina citrea zu
Charybdea marsupialis und zu den complicirten Glocken der
Tamoyen, während auch den beiden äussersten Gattun-
gen, die weder bei Hydroiden noch Acalephen beobachtete
Verbindung einer Randhaut mit nicht ganzrandiger Scheibe
als gemeinsames Merkmal zukommt. Von der flach ausge-
spannten Magenhaut der Cunina mit ihrem einfachen pro-
teusartigen Munde, wie sie sich ähnlich bei Aeginela, Po-
lyxenitty Aeginopsis bitentaculata wiederholt , leiten die vier
oder Aeg. citrea, wie sie S, 113 heisst. Die zweite Eschscholtz'sche
Art, Aegina rosea , dürfte von dieser zu trennen und zu Cunina zu
stellen sein, da es nach Es chs eh o Itz's Abbildung (Taf. 10. Fig. 3 a)
natürlicher scheint, dem 3Iagen sechs dem Ursprünge der Tentakel
gegenüber ansgebuchtete Nebentaschen , als deren zwölf zuzuschrei-
ben. — Wenn man mit Gegenbaur die Aeginiden durch „starre
Tentakel" kennzeichnet, so ist die Wahl des Namens nach einer durch
das gerade Gegentheil vor allen anderen Medusen ausgezeichneten
Art nicht als besonders glücklich zu bezeichnen.
Ucber die systematische Stellung der Charybdeiden. 309
Arme am Munde der Aeginopsis Lavrenlii Brdt. zu der Ma-
genbildung der Charybdea und Tamoya. Ebenso lässl.sich die
Form der Geschlechtstheile von Tamoya zwanglos aus denen
diQxCunina herleiten, aber weder die eine noch die andere
auf die bei Hydroiden und Acalephen entwickelte Grund-
form zurückführen. Wenn Tamoya quadrumana eine ganze
Reihe ganz neuer , bei Cunina selbst nicht angedeuteter
Theile, wenn sie ein wohlentwickeltes Nervensystem hat,
so liegt darin nichts Auffallendes; einige derselben, wie
die acht fingerförmigen Fortsätze im Grunde der Glocke und
die dendritischen Drüsen , fehlen ja spurlos selbst noch der
T. haplonema.
Wesentlich verschieden ist allerdings die Bildung der
Randkörperchen; allein theils wissen wir noch nichts über
die Entwickelung derselben bei Charybdea und Tamoya^
noch über ihren Bau bei den Zwischenformen Aegina citrea
und Aeginopsis Laurentü , theils ist ihr Unterschied nicht
erheblicher als zwischen den Augenflecken und Randbläs-
chen der Hydroiden.
Ebenso ist die Tentakelbildung eine durchaus abwei-
chende, — aber immerhin durch ihren rückenständigen
Ursprung den Randfäden der Hydroiden und Acalephen ge-
meinsam sich entgegenstellend. Die Tentakel der Cunina
sind starr, die der Tamoya contractu; aber auch die der
jungen Cuninabrut sind letzteres. Die Tentakel der Cunina
sind solid , die der Tamoya hohl ; aber hohle und solide
Tentakel zeigen auch sonst nächstverwandte Gattungen, wie
die verschiedenen Campanulariasprösslinge ^) ; ja beiderlei
1) Den Campanulariensprösslingen mit soliden, wenig bewegli-
chen Tentakeln, ganz ähnlich denen der Campunularien selbst, schlage
ich vor, den D a ly e I l'schen Namen Tinlinnahulvm zu lassen; es
scheint, dass sie stets schon mit einer grösseren Tentakelzahl geboren
werden. Hierher gehört auch Eucope polysfijla Ggb. AVas Gegen-
baur bei dieser Art als rundliche in die Substanz der Scheibe ge-
richtete Auftreibungen des Ringgefässes beschreibt und abbildet, 'dürf-
ten nach dem nahe verv>andtcn Tinlinnabulum resupinalum n. sp. zu
schliessen, die verdickten Wurzeln der Tentakel sein. Die Campa-
nulariensprösslinge mit hohlen, an der Basis erweiterten, sehr con-
Iraktilen Fangfäden, die beim Freiwerden deren stets nur vier, und
310 Müller;
Formen finden sich gleichzeitig oder nacheinander bei dem-
selben Thiere (Liriope). Also auch hierin dürfte ein Grund
gegen die Vereinigung unserer beiden Familien nicht zu
suchen sein; was aber besonders für dieselbe spricht, ist,
dass es zur Zeit nicht einmal möglich ist, eine scharfe
Grenze zwischen beiden zu ziehen und die mittleren For-
men mit Sicherheit der einen oder der anderen zuzuweisen.
So Aegina citrea^ welche durch die Form der Glocke, durch
die Vierzahl der Arme und die grosse Beweglichkeit der
Tentakel, und Aeginopsis Laurentii , welche durch die vier
Arme am Munde den höheren Formen sich anschliesst. So
auch Charybdea periphylla Per. , welche durch die Gestalt
der Randanhänge an Tamoya qnadrumana erinnert , aber
durch die Vielzahl derselben von den übrigen Charyb-
d e i d e n sich entfernt.
Ich möchte demnach dieCharybdeiden in folgen-
der Weise dem Systeme der Hydromedusen einreihen:
Uydromedusae.
1. Röhren quallen, mit Einschluss der freien Ge-
schlechtslhiere (Chrysometra).
2. Hydroiden.
a. Tubularinen nebst den Hydroidquallen ohne
Sinnesorgane oder mit Augenflecken.
b. Sertularinen nebst den Hydroidquallen mit
Randbläschen ^).
von vier weiteren die ersten Spuren zu haben scheinen {Eucope Ggh.y
excl. E. polystyla) , haben meines Erachtens Anspruch auf den Ka-
men Thawnanlias ; denn es scheint mir kaum zweifelhaft, dass zu
ihnen und nicht zur Th. mediterranea Ggb. die beiden Eschscholtz'-
schen Thaumantiasarten zugehören , und für sie wäre also bei einer
Trennung der Gattung der alte Name zu erhalten.
1) Gegenba u r ist meines Wissens der Erste gewesen, der bei
dci]^ Hydroidquallrn die systematische Wichtigkeit der Ocellcn und
Raif^hJäschen hervorgehoben und auf die Verschiedenheit der Rand-
fäden jjewicht gelegt hat, wie denn überhaupt die von ihm aufge-
ste|,lt^)ni<'{^nj}iien der „Craspedota^' durch Natürlichkeit und nicht aus-
sc^|ijBsslf.che^jB^|onung eines Merkmals sich sehr vortheilhaft vor den
vop,Fp^be;^jjUail, selbst von Lülken voi geschlagenen auszeichnen.
üeber die systematische Stellung der Charybdeiden. 311
In BezuQ^ auf Enlwickelungr finden sich in dieser
Gruppe:
«) Polypen ohne freie Geschlechlsthiere.
ß) Polypen mit freien Geschlechtsthieren.
y) Freie Gesclilechlsthiere ohne Polypen (Trachy-
nema, Liriope).
3. Acalephen R. Lt. (Discophorae phanerocarpae
Eschsch.).
a. Einmündige (Medusidae Eschsch.).
b. Vielmündige (Rhizostomidae Eschsch.).
4. Aeginoiden (Aegineae Lütk.).
a. Niedere. Cunina (mit Aegina rosea Eschsch.);
Aegineta; Polyxenia; Aeginopsis bitentaculata.
b. Höhere, Charybdeiden. Aeginopsis Lau-
rentii (?); Aegina (citrea); Charybdea (marsu-
pialis); Tamoya ; Periphylla (Ch. periphylla Per.).
Desterro, Mai 1861.
und als bequemer Ausgangspunkt für weitere systematische Versuche
di-eneu können. Künftigen Bearbeitern möchte ich besonders ein©
sorgfältige Beachtung der Randfäden empfehlen , durch die, wie es
scheint, u. a. eine schärfere Umschreibung der Geryoniden und
T hau m an t i a d en Ggb. möglich sein wird.
Polypen uud ((iialleii von Santa Catharina.
Olindias samhaquiensis n. sp.
Von
Fritz Müller
in Desterro.
(Hierzu Taf. IX.)
Beschreibungen vereinzelter neuer Tliiere, die nur
die Zahl der schon verzeichneten Arten anschwellen,
ohne einen tieferen Einblick in ihren Bau , einen freien
Ueberblick über ihre verwandtschaftlichen ßeziehunsren zu
gewähren , sind im Allgemeinen mehr geeignet, den Fort-
schritt der Wissenschaft zu erscliweren , als zu fördern,
indem sie nur den zu bewältigenden Stoff und nicht auch
entsprechend die zur Bewältigung nöthige Kraft mehren.
Wenn daher ihre Veröffentlichung einer Rechtfertigung be-
darf, so würde sie für die farbenprächtigste Scheibenqualle
unserer Küste theils in dem eigenthümlichen Baue ihrer
Geschlechtstheile, in der Anordnung ihrer Gefässe, Rand-
fäden und Randbläschen liegen, die sie zu einer vor vielen
merkwürdigen und lehrreichen Art machen , theils in dem
Lichte , das von ihr aus auf einige ältere wenig bekannte
Formen zu fallen scheint, — wenn mir nicht schon dadurch
ausführlichere Miltheilungen über sie geboten wären, dass
ich ihrer bereits wiederholt anderweitig Erwähnung ge-
than 1).
Olindias samhaquiensis erscheint zu Zeiten, namentlich
im Winter, bei ruhiger See in grosser Menge in der Nähe
1) In diesem Archiv 1859. Bd. I. S. 314. Z. 6 v. u. steht durch
einen Druckfehler Plindias statt Olindias.
Müller: Polypen und Quallen von St. Calharina. 313
des Ufers. Ich sah sie zuerst im Winter 1856 bei der
Ortschaft Sambaqui, nördlich von Desterro, an der Westküste
der Insel Santa Catharina.
Die glashelle Scheibe ist farblos , seltener leicht
röthlich angehaucht, und von mittlerer Festigkeit i). Sie
wurde bis zu 108 Mm. Durchm. beobachtet, doch nur einmal
unter vielen Hunderten; in der Regel schwankt der Durch-
messer geschlechtsreifer Tliiere zwischen 50 bis 70 Mm. ; ■ —
das jüngste, noch völlig geschlechtslose Thier , das zur Be-
obachtung kam, hatte 16 Mm. Durchmesser. — Die Oberfläche
der Scheibe bildet im Zustande der Ruhe einen flachen Ku-
gelabschnitt, dessen Höhe etwa V'3 bis y^ des Durchmessers
beträgt. In der Mitte springt die Gallertsubstanz als stark
gewölbter Hügel nach unten vor, wodurch hier ihre Dicke
etwa Yö des Durchmessers erreicht; am Rande des Hügels,
dessen Durchmesser etwa 7^, des Durchmessers der Scheibe
misst, ist sie nur noch halb so dick und verjüngt sich von
da an allmählich nach dem Scheibenrande zu.
Die quergespannte Rand haut ist ziemlich schmal,
aber wie die stark entwickelte 3Iuskelschicht der Unter-
fläche kräftiger Zusammenziehungen fähig, die die Scheibe
des schwimmenden Thieres mehr als halbkuglig krümmen
(flg. 5). Dabei pflegt sich die Unterfiäche gürtelweisc stär-
ker zusammenzuziehen und dazwischen bleiben scharf vor-
springende Parallelkreise, die der Unterfläche das Ansehen
einer Crinoline mit ihren Reifen geben. Aufl'allende Grup-
pen von INesselzellen fehlen der Scheibe; einzelne ünden
sich unterhalb in der Nähe des Randes.
Die Ansatzstelle des Magens bildet ein Viereck,
dessen Seiten etwa V^ des Scheibenhalbmessers betragen.
Von hier hängt der Magen als mundwärts beträchtlich er-
weitertes Rohr nieder, und erreicht, wenn das ruhende Thier
ihn, wie tastend, umherschwingt, fast die Länge des Schei-
benhalbmessers. Der Mundrand ist krausenartig gefaltet
und in vier Zipfel ausgezogen, die den Ecken des Magen-
2) Die Festigkeit der hier häufigeren grösseren Scheibcnqual-
len ordnet sich in aufsteigender Reihe etwa wie folgt: Medusa, Chry-
sapra, Olindias, Cepbeu, Mesoneroa, Tamoya.
314 Müller:
priindes in ihrer Lage entsprechen. Einzelne Nesselzellen
finden sich überall auf der innern flimmernden Magenwand;
ein Saum aus dichtgedrängten, länglichen, etwa 0,02 Mm.
lano-en Nesselzellen umzieht den Mundrand.
o
Von den Ecken des Magengrundes gehen vier ziem-
lich weite Strahlgefässe zum Ri nggef äss e des Ran-
des und von diesem wieder eine grosse Zahl blinder Ge-
fässröhren rücklaufend dem Mittelpunkte zu. Rei jenem
grössten Thiere wurden zwischen zwei Strahlgefässen 27
rück laufende Ge fasse gezählt. Rei jüngeren Thieren
lässt sich an der verschiedenen Länge dieser Gefässe er-
kennen, dass sich zunächst eines in der Mitte zwischen zwei
Strahlgefässen bildet, dann eines in der Mitte jedes so ge-
bildeten Achtelkreises. Weiter ist strenge Regelmässigkeit
ihres Auftretens selten zu verfolgen. Die ältesten und läng-
sten dieser Gefässe reichen bis in die Nähe des Magens.
Ihr Verlauf ist in der Regel in gerader Linie mittelpunkt-
wärts. Abweichungen davon, Theilungen der rücklaufen-
den Gefässe , Verbindungen derselben unter sich oder mit
den Strahlgefässen kommen öfter vor. Ich vermuthe, dass
diese Unregelmässigkeiten , meist wenigstens , Folge von
Verletzungen sind.
Den Rand hält eine dreifache Reihe in Form und meist
auch in Färbung auffallend verschiedener Anhänge besetzt.
Zu äusserst eine Reihe Tentakel von wenig veränder-
licher ungefähr dem Halbmesser der Scheibe gleichkom-
mender Länge. Sie pflegen in Zahl und Lage mehr oder
weniger genau den Strahl- und rücklaufenden Gefässen zu
entsprechen. Die den Strahlgefässen entsprechenden ste-
hen ziemlich hoch (bis etwa 4 Mm.) über dem Rande; kaum
tiefer die 4 dazwischenliegenden; dann folgen 8 merklich
tiefer stehende, dann 16 wieder tiefer; was darüber hin-
ausgeht, und ihre Zahl steigt oft über 80 und selbst 100,
steht dicht am Rande. Die Tentakel sind hohl und mit dem
Ringgefässe in Verbindung, zu dem sich von dem Ursprünge
der etwas rückenständigen eine nach dem Ringgefässe zu
stark verengte Verbindungsröhre (fig. 4, v) hinzieht. Nes-
selwülste, deren dichtgedrängte, langgestreckte Nesselzellen
doppelt so lang sind wie die des Mundsaumes, umgeben die
Polypen und Quallen von St. Catliarina. 315
Tentakel , bald quer, bald schief gestellt, selten aber voll-
ständige Ringe bildend. In der Ruhe sind die über dem
Rande steJienden Tentakel meist schief nach aussen und
oben gerichtet mit sanft abwärtsgebogener Spitze, die an-
deren hängen nach unten. Diese letzteren sind , wie das
erwähnte geschlechtslose Thier bewies, dem sie noch fehl-
ten, die jüngere. V/ahrscheinlich entstehen alle unmittel-
bar am Ringgefässe und entfernen sich bei fortschreiten-
dem Wachsthume der Scheibe von demselben, so dass also
die Höhe ihrer Anheftung ihr Alter anzeigen und dass die
Ordnung ihres Auftretens dieselbe, wie bei den rücklaufen-
den Gefässen sein würde.
Nach innen von den Tentakeln, am Rande selbst, steht
in weit grösserer, etwa dreifacher Zahl, die Reihe der
Fangfäden, die sich fast immer durch verschiedene Fär-
bung, wesentlicher aber durch ungemeine Dehnbarkeit von
jenen unterscheiden. Auch sie sind hohl und am Ursprünge
nicht erweitert, sondern verengt; ihre Nesselzellen, die
denen der Tentakel gleichen, sind in meist ringförmige
Wülste geordnet. Zusammengezogen sind sie etwa von
der Länge der Tentakel , können sich aber über fusslang
ausdehnen. Diese Ausdehnung scheint mir hier, wie in
ähnlichen Fällen (Liriope, Eucope u. s. w.) , eine rein pas-
sive zu sein, ein allmähliches langsames Erschlaffen. Wenn
Olindias mit zusammengezogenen schopfartig nachschlei-
fenden Fangfäden herumgeschwommen ist und sich dann
ruhig schwebend in einem hohen Glase hält, von Zeit zu
Zeit durch einen leichten Ruck ihrem langsamen Nieder-
sinken entgegenwirkend, so sieht man, während die älteren
Tentakel strahlig sich ausbreiten, die Fangfäden ganz all-
mählich sich senken und ausdehnen; die verbindenden farb-
losen Fäden zwischen den anfangs dichtgedrängten Nessel-
wülsten entschwinden dabei fast dem Auge und man glaubt
einen dichten Regen goldener Perlen zu sehen; am Roden
des Glases bilden die niedergesunkenen Enden ein dichtes
Gewirr von Schlangen, aus dem ab und zu einzelne plötzlich
in die Höhe zucken, um sich wieder langsam und anschei-
nend nur dem Gesetze der Schwere folgend niederzusen-
ken, so dass dieser goldene Regen der Danae ununterbro-
316 Müller:
chen fortdauert. — Man hat gemeint, dass beim Zusammen-
ziehen der Fangfäden der Scheibenquallen Flüssigkeit aus
denselben in die Gefässe übertreten müsse , da sie dabei
nur unbedeutend an Dicke zunehmen, aber dabei vielleicht
ausser Acht gelassen, dass bei gleichbleibendem Inhalte die
Länge im umgekehrten qu a d ra t isch e n Verhältnisse der
Dicke sich ändert, dass also z. B., wenn der Faden von
zwei Fuss auf einen Zoll sich zusammenzieht, die Dicke
noch nicht ganz 5mal grösser wird. Dem Augenscheine
nach — und eine Messung dürfte kaum ausführbar sein, —
ist mir die Aenderung der Dicke diesem Verhältnisse ganz
entsprechend vorgekommen.
Endlich findet sich eine ebenfalls ansehnliche Zahl
(gegen 200 bei einem Thiere von 45 Mm. Durchmesser)
ganz kurzer Randanhänge, die an die keulenförmigen
Anhänge der Thaumantias mediterranea Ggb. erinnern, aber
hohl sind. Vielleicht sind es nur junge Fangfäxlen.
Bei dem mehrfach erwähnten geschlechtslosen Thiere
waren die Fangtäden verhältnissmässig weit kürzer und
viel weniger zahlreich (20 bis 30), die Tentakel länger als
bei erwachsenen Thieren. Es ist nicht unwahrscheinlich,
dass, wie bei Liriope, noch jüngere Formen nur Tentakel
besitzen.
Die Rand bläschen (hg. 4) sitzen paarweise am
Ursprünge der Tentakel; sie sind rundlich oder ellipsoidisch
von 0,2 Mm. Durchmesser mit einfacher lichtbrechender
Kugel von 0,03Mm., die wie bei Liriope befestigt ist. Ihr,
Inhalt ist meist wasserhell; ein paarmal sah ich feine Körn-
chen darin herumtreiben, wie von Flimmerhaaren bewegt.
Die Geschlechts theile (üg. 2) nehmen den gröss-
ten Theil der Slrahlgelässe ein, nur eine kleine Strecke
in der Nähe des Magens freilassend. Sie treten zuerst auf
als einfache walzenlörmige Ausstülpungen der Gefässwand,
die sich später unregelmässig baumartig verästelt (fig. 3),
und bis über 8 Mm. Länge erreichen können. Sie flimmern
nicht nur innen , wie alle Gefässe, sondern auch auf ihrer
äusseren Oberfläche , unter der sich Samen oder Eier bil-
den. Hoden und Eierstöcke zeigen für das unbewafl'nete
Auge keine Verschiedenheit. Bei einem Thiere mittlerer
Polypen iiud Quallen von St. Catharina. 317
Grösse zählte ich gegen 30 Bäumchen an einem Strahl-
gefässe.
Vielfach verschiedene Färbung bei Thieren dersel-
ben Art ist häufig bei Polypen und Quallen (Gorgonia,
Corymorpha , Cephea, Chrysaora u. s.w.); schwerlich aber
dürfte hierin ein anderes Thier unserer Olindias gleich-
kommen. Man denke sich alle Mischungen von Gelb, Roth,
Braun, Schwarz, — in allen Abstufungen von leisem An-
fluge bis zu voller Sättigung; und in allen möglichen Zu-
sammenstellungen an Fangfäden und Tentakel, Gefässe und
Geschlechtstheile, Magen und Nesselsaum des Mundrandes
vertheilt. Besonders häutig erscheinen Fangfäden, Rand-
stummelchen und Geschlechtstheile gelb (Schwefel-, gold-,
orangegelb) , die Gefässe rosenroth , der Magen gelb oder
morgenroth mit dunklerem Nesselsaume, die Tentakel braun;
häutig auch sind Fangfäden, Gefässe und Mundsaum rosen-
roth , die Tentakel brennend ziegelroth , die Geschlechts-
theile gelblichweiss. Bisweilen ist das ganze Thier farb-
los bis auf den blassrosenrothen Mundsaum, mennigrothe
Tentakelspitzen und leicht gelblich getrübte Geschlechts-
theile, — oder wieder, um aus der endlosen Menge ver-
schiedener Färbungen noch das Gegentheil hiezu hervor-
zuheben , die Fangfäden sind schwefelgelb , die Tentakel
rothbraun, die Randstummelchen und Geschlechtstheile
schwarz , die Gefässe schwarzbraun , der Magen bräunlich
mit gelbem Saume. — Die Färbung der Gefässe hat ihren
Sitz in der der Scheibe zugekehrten Wand (s. fig. 2), das
Ringgefäss ist stets farblos. An Fangfäden und Tentakeln
ist der körnige Farbstoff besonders an den Nesselwülsten
angehäuft. — . Bei den Thieren desselben Schwarmes, d. h.
bei den gleichzeitig an der Küste erscheinenden, pflegt eine
bestimmte Färbung vorzuherrschen , wie z. B. an manchen
Tagen nur gelbe, an anderen fast nur rothe Fangfäden ge-
sehen werden.
Im Magen der Olindias finden sich öfters Fischreste;
als Schmarotzer trifft man an ihr bisweilen Philomedusa
Vogtii.
Es ist bezeichnend für die Unsicherheit , die noch in
der Anordnung der Scheibenquallen herrscht, dass der Ver-
318 Müller:
such, Olinäias in die Systeme von Eschscholtz, For-
bos, Lüt ken, Gegenbaur einzureihen, sie zu den
Oceaniden von Eschs cli ol tz, den Geryoniden von For-
bes, den Aequoreaden von Lütken führt, ohne dass sie
weder mit Oceania, noch mit Geryonia oder Aequorca Aehn-
lichkeit hat, und dass sie in Gegenbaur's System gar
nicht Ph\tz findet, da sie durch die Randbläschen von den
Thaumantiaden, durch die Bildung der Geschlechtstheile von
den Eucopiden ausgeschlossen wird.
Die einzige Gattung, zu der sie verwandtschaft-
liche Beziehung zu haben scheint, ist iMe/tcer/wwi Oken;
auch bei diesen finden sich Randfäden von verschiedener
Grösse und in verschiedener Höhe angeheftet, und ausser-
dem bis jetzt völlig räthselhafte Fäden („cirri« Eschsch.)
längs der Strahlgefässe , die vielleicht im Hinblicke auf
ülindias als Geschlechtstheile gedeutet werden dürfen.
Als Gattungs merk male von Olindias lassen sich
vorläufig die folgenden hervorheben: Magen ein häutiges
Rohr; Strahlgefässe 4, mit baumförmig verästelten Ge-
schlechtstheilen besetzt; zahlreiche rücklaufende Gefässe;
äusserst dehnbare Fangfäden und weniger bewegliche Ten-
takel^) in grosser, unbestimmter Zahl; beide hohl und mit
dem Ringgefässe in Verbindung; Randbläschen paarweise
am Grunde jedes Tentakels.
Dester r 0 , Juni 1861.
1) Mit den von mir bei Liiiope als Tentakel bezeichneten An-
hängen haben die der Olindias im Gegensatze zu den Fangfäden ge-
mein: die mehr rückenständige Anheftung, die geringere Dehnbar-
keit, und wahrscheinlich das frühere Auftreten im Laufe der Ent-
wickelung. Auch auf eine nähere Beziehung zum Nervensysteme
scheint die Lage der Randbläschen an ihrem Ursprünge hinzuwei-
sen. Trotzdem also die Tentakel der Olindias hohl sind, die der
Liriope nicht , glaubte ich sie mit gleichem Namen bezeichnen zu
dürfen.
Polypen und (^unllen von St. Catharina. 319
Erklärung der Abbildungen.
Taf. IX.
Fig. 1. Olindias samhaquiensis , ruhig im Wasser schwebend, nat.
Grösse. Von den Fangfäden hat nur der kleinere Theil der
Länge Platz gefunden.
Fig. 2. Geschlechtstheile eines anderen Thieres , in seitlicher An-
sicht, nat. Grösse.
Fig. 3. Einzelne Geschlechtsbäumchen , um die Art der Verästelung
zu zeigen.
Fig. 4. Randbläschen , vergr. r Ringgefäss. t Tentakel, v Verbin-
dungsröhre zwischen beiden.
Fig. 5. Schwimmendes Thier , im senkrechten Durchschnitte, f Fang-
fäden, h. Randhaut.
lieber die angebliche Bilateralsymmetrie der
Rippenquallen.
Von
Fritz Müller
in Desterro.
Bei strahligen Thieren ist nur das Vorn vom Hinten,
oder das Oben vom Unten, bei zweiseitigen Thieren
gleichzeitig das Vorn vom Hinten und das Oben vom
Unten verschieden. Strahlige Thiere sind durch so viel
Ebenen , als Strahlen vorhanden , zweiseitige durch eine
einzige Ebene in symmetrische Hälften theilbar; strahlige
Thiere haben eine Achse , den Durchschnitt jener Ebenen,
zweiseitige nur jene Mittelebene und keine Achse. In ein-.
Fächer Zahl können bei strahligen Thieren nur die in der
Achse liegenden Theile vorhanden sein; alle Theile in der
Mitte und auf der Grenze der Strahlen wiederholen sich in
einfacher, alle anderen Theile in doppelter Strahlenzahl.
Bei zweiseiligen Thieren können in einfacher Zahl alle in
der Miltelebene liegenden Theile auftreten und alle Theile
ausserhalb dieser Ebene sind paarweise vorhanden.
Lässt man die Trennungsebenen der Strahlen mit Bei-
behaltung ihrer gegenseitigen Lage um die Achse sich drehen,
so wird durch dieselben fortwährend das Thier in congruente
Stücke geschnitten ; zweiseitige Thiere sind überhaupt nicht
in congruente Stücke zerlegbar. Jeder einzelne Strahl
eines Strahlthieres ist zweiseitig symmetrisch ; zweiseitige
Thiere sind durch ihrer Längsrichtung parallele Ebenen nicht
in Stücke theilbar, die selbst wieder zweiseitig symmetrisch
wären.
Bei paariger Strahlenzahl, also bei 2-, 4-, 6strahligen
Thieren schneidet ausserdem jede durch die Achse gelegte
Ueb. d. angebliche Bilateralsymmetrie d. Rippenquallen. 321
Ebene den Körper in congruente Hälften und jeder dieser
Durchschnitte wird selbst wieder durch die Achse in con-
gruente Hälften getheilt. Zweiseilige Thiere sind (wie
auch die Strahlthiere mit ungerader Strahlenzahl), überhaupt
nicht in congruente Hälften theilbar; — einerechte Hälfte
lässt sich nicht durch eine linke ersetzen und aus zwei rech-
ten Hälften congruenter Thiere nicht ein ganzes Thier ma-
chen. Würden dagegen zwei congruente paarig-strahlige
Thiere auf gleiche Weise in congruente Hälften geschnitten,
so würden sich beliebige zwei dieser vier Hälften zu einem
ganzen Thiere zusammenfügen lassen.
Jede durch die Mitte eines Strahls gelegte Ebene, so
wie jede Trennungsebene zweier Strahlen theilt paarig-strah-
lige Thiere in zweiseilig angeordnete Hälften. Die Hälften
eines zweiseitigen Thieres , rechts und links von der Mit-
telebene, sind, jede für sich betrachtet, nicht mehr zwei-
seitig angeordnet.
Leicht Hesse sich die Reihe dieser Merkmale, die scharf
und schroff die strahlige von der zweiseitigen Anordnung
des Thierleibes scheiden , noch weiter fortspinnen. Ich
breche sie hier ab , denn schon höre ich fragen : wozu
überhaupt diese müssige Aufzählung selbst verständlicher
Unterschiede zwischen Dingen , die Niemand je verwech-
seln kann ? Genügt es nicht , einen Seestern neben einem
Krebse gesehen zu haben, oder selbst nur die Bezeich-
nungen slrahlig und zweiseitig zu hören , um nie in Zwei-
fel zu kommen, welche der beiden Anordnungsweisen man
vor sich habe? — Man sollte es meinen; doch den Be-
weis des Gegentheils liefern u. a. die Rippenquallen.
Nach allen angeführten Merkmalen und wie man auch sonst
sich die Begriffe mathematisch zergliedern möge, ergeben
sie sich als vollkommen slrahlige und zwar zweistrah-
lige Thiere und zeigen diesen Bau in vollster Regel-
mässigkeit und strengster Durchführung ausgeprägt, ohne
die leiseste Spur eines Ueberganges zu zweiseitiger An-
ordnung. . — und doch scheint die herrschende Ansicht des
Tages die entgegengesetzte zu sein. Vorsichtig zweifelnd
spricht sich Burmeister aus: „die Rippenquallen schei-
nen nach beiden Typen gebaut zu sein, doch herrscht eine
Archiv f. Naturg. XXVH. Jahrg. 1. Bd. 21
822 Müller:
reguläre Eiform vor '^).^ ■ — Andere betrachten sie geradezu
als „zweiseitig-symmetrische'* Thiere, oder doch als Ueber-
gangsform „vom Radiärtypus zum bilateral-symmetrischen>
So Agassi z ^j, Vogt, Gogenbaur. Die gewichtigen
Stimmen solcher Gegner nöthigten mich zu einer etwas
umständlicheren Auseinandersetzung des an sich allerdings
höchst einfachen Gegenstandes; mit dieser Auseinander-
setzung der Unterschiede zwisciien strahligen und zwei-
seitigen Thieren ist zugleich auch schon mein Beweis für
die Stellung der Rippenquallen unter den ersteren gegeben.
Es bleibt mir übrig, die Gründe der entgegenstehenden An-
sicht zu besprechen , die ich leider nirgends in den mir
zugänglichen Schriften zusammenhängend dargestellt linde.
Die nächste Veranlassung, die Rippenquallen als zwei-
seitige Thiere oder als Mittelding zwischen diesen und den
strahligen anzusehen, hat wohl die „von zwei Seiten com-
primirte" Körperform vieler Arten und namentlich die lang
ausgezogene Bandform von Cestum gegeben, Indem Vogt
den „symmetrischen Typus" am deutlichsten ausgeprägt findet,
und auch Gegenbau r „die Bilateralsymmetrie ihren Gipfel-
punkt" erreichen lässt. Konnte nun diese auffallende Form
des Venusgürtels wohl Anlass geben zu einer neuen Prü-
fung seines Rechtes als Strahlthier, so kann sie doch so
wenig als Beweis dagegen gellend gemacht werden , als
etwa die Kugelgestalt eines eingerollten Sphäroma dasselbe
aus der Reihe der zweiseitigen Thiere ausschliesst. — Die
Rippenquallen als zweistrahlige Thiere aufgefasst, verliert
zudem jene Bandform alles Auffallende; neben die Cydip-
pen mit kreisrundem Querschnitte stellen sich dann die
Cestum in ganz ähnlicher Weise, wie neben die kugligen
Echinus die langstrahligen Asterien und Ophiuren.
Einen zweiten Grund zur Annahme einer „Bilateral-
symmetrie" scheint die Zweizahl verschiedener Theile, der
Trichteröffnungen, Mundschirme , Magengefässe, Senkfäden
u. s. w. abgegeben zu haben. — „Selbst bei den sonst ra-
diär gebauten Beroen" findet Gegenbaur in den beiden
1) Geschichte der Schöpfung. 6. Auflg. S. 330.
2) IVacli den Jahresberichten von V. Carus und R! Leu ckart
Ueber die angebliche Bilaleralsymmetrie der Rippenquallen. 323
Trichteröffnungen „die bilaterale Symmetrie angedeutet ^)"
und lässt die beiden Senkfäden der Cydippen u. a. „nach
bilateraler Symmetrie" vertheilt sein 2). In Zweizahl vor-
handen ist nun allerdings sogar die Mehrzahl der Theile
zweiseitiger Thiere; die Vertheilung aber dieser doppelt
vorhandenen Theile bei den Rippenquallen, ihr ausschliess-
liches Vorkommen in zwei aufeinander senkrechten Ebenen,
weit entfernt, Beweis „bilateraler Symmetrie" zu sein, ist
vielmehr etwas damit durchaus Unverträgliches und ver-
bunden mit der Vierzahl aller Theile ausserhalb dieser Ebe-
nen-ein sicheres Kennzeichen zweistrahliger Anord-
nung. Ganz abgesehen übrigens von den oben aufgestell-
ten Merkmalen strahliger und zweiseitiger Thiere , so ist
zu verwundern , dass man den Widerspruch nicht bemerkt
hat, der darin liegt, gleichzeitig die TrichteröfFnungen und
die Senkfäden als bilateral-symmetrisch zu betrachten. Sind
es die TrichteröfFnungen, so liegen z. B. bei Mnemia die
Schmalseiten und Mundschirme rechts und links, die Brei-
seiten mit Senkfäden ^j und Magengefässen oben und un-
ten. Sind es die Senkfäden, so finden sich die Breitseiten
und Magengefässe rechts und links , die Schmalseiten,
Mundschirme und Trichteröffnungen oben und unten. Eine
Annahme führt die andere ad absurdum. Bei beiden An-
nahmen ist überdiess , im Widerspruche mit dem wesent-
lichsten Grundzuge zweiseitigen Baues, kein Unterschied
zwischen Bauch und Rücken vorhanden.
Eine weitere hierher gehörige Bemerkung G egen -
baur's ist mir unverständlich geblieben. Es soll bei den
Ctenophoren der Radiärtypus der Cölenteraten in den bi-
lateral-symmetrischen übergehen, „indem an zwei symme-
trischen Körperhälften eine überwiegende Ausbildung der
einzelnen Theile erfolgt *)." Da das Thier nicht mehr als
zwei Hälften hat, also die beiden Hälften mit überwiegen-
1) Dieses Archiv XXII. Bd. 1. S. 170.
2) Ebenda S. 176.
3) Die bei Mnemia Schweiggeri Eschsch. zwar sehr winzig
sind, aber nicht fehlen.
4) Grundzüge der vergl. Anatomie S. 67.
324 Müller:
der Ausbildung der Theile das ganze Thier ausmachen, so
begreift man nicht, wo die in der Ausbildung zurückblei-
benden Theile Raum hnden. Wollte man aber unter .,Hälf-
ten" nur gegenüberliegende Körpertheile verstehen, — und
man ist allerdings gewohnt, in naturgeschichtlichen Werken
eine ganz neue mathematische Sprache zu finden, — . so würde
auch eijensowenig das bei Rippenquallen vorkommende, als
ein für „bilateral-symmetrischen Typus" bezeichnetes Ver-
hältniss ausgesprochen sein. Oder sind etwa die Trichter-
öffnungen und Mundschirme überwiegend ausgebildete Ma-
gengefässe und Senkfäden, oder auch umgekehrt? — Oder
sind unsere eigenen Arme und Reine überwiegende Aus-
bildungen irgend welcher Theile unserer Rücken- und
RauchÜäche ?
In gewohnter einlach lichtvoller Weise hat C. Vogt
in den zoologischen Rriefen ^) die Unterschiede zwischen
strahligem und zweiseitigem Raue auseinandergesetzt. Nach
dieser seiner eigenen Darstellung hätte er die Rippenqual-
len unbedingt als vollkommen strahlig gebaut bezeichnen
müssen. Und doch hat auch er von dem „langen Quer-
band" des Venusgürtels sich irren lassen, das, wie er in
„Ocean und Mittelmeer" bemerkt, „durch einen Schnitt, wel-
chen man quer auf die Achse des Randes führt , in zwei
vollkommen gleiche Hälften gespalten werden kann, in de-
nen sich auch nicht die mindeste Spur einer radiären An-
ordnung erkennen lässt;" — es genügt, hinzuzusetzen: „so
wenig, als in einem einzelnen Strahle irgend eines ande-
ren Strahlthieres ," um zu zeigen , dass die nicht zu be-
streitende Thatsache nichts gegen die strahlige Anordnung
des Thieres beweist. Und macht man noch darauf auf-
merksam , dass die Hälften in der That vollkommen
gleich, d. h. nicht bloss symmetrisch, sondern congruent
sind , und dass jede derselben eine zweiseitige Anordnung
erkennen lässt, so ist damit eine Eigenthümlichkeit bezeich-
net, die wohl allen paarig-strahligen Thieren, aber nicht
einem einzigen zweiseitigen zukommt.
Sind aber nicht, wenn auch vollkommene Strahlthiere,
1) Bd. 1. S. 64 u. 65.
üeber die angebliche Bilateralsymmetrie der Rippenquallen. 325
schon als zweistrahlig- die Rippenquallen den zwei-
seiligen Thieren näherstehend, als andere mehrstrahlige
Thiere, und somit immerhin als Mittelglied zu betrachten?
Ich meine : Nein. — Die nur in dem Namen liegende schein-
bare Aehnlichkcit verschwindet , sobald man „zweiseitig^-
mit „nicht strahlig'^ vertauscht. Im Gegentheile, je gerin-
ger die Zahl eines thierischen oder pflanzlichen Theiles,
um so sicherer pflegt sie festgehalten zu werden. Und so
wäre auch hier zu vermuthen, dass, je geringer die Strah-
lenzahl, um so strenger durchgeführt der slrahlige Bau
sein werde , und dass ein Uebergang in andere Anord-
nungsweisen sich eher bei hoher, als bei niederer Strah-
lenzahl werde finden lassen. Die Erfahrung bestätigt diese
Vermuthung: abgesehen von den Echinodermen, bei denen
Johannes Müller's Scharfblick überall Spuren zweisei-
tiger Anordnung erkannte, so finden sich solche unler den
Cölenteraten, z. ß. bei der 12strahligen Philomedusa Vogtii
und bei der jungen Brut der ebenfalls vielstrahligen Cu-
nina Köllikeri. In vollster Strenge dagegen zeigt sich der
strahligc Bau bei vielen vierstrahligen Scheibenquallen und
bei den zweisirahligen Rippenquallen, die also auch in die-
ser Beziehung als ächte Cölenteraten sich ausweisen.
■ '" Desterro im Juni 1861.
Heber den Unterkiefer der Schlangen und über die
fossile Sehlange von Rott.
Vom
Herausgeber.
(Hierzu Taf. X).
Die Schlangen haben neuerlich viele Zoologen zu ge-
nauerem Studium angezogen. Man ist bestrebt die Clas-
sification dieser Thiere fester zu begründen, und namentlich
die grösseren oder oberen Abtheilungen, etwa Unterordnun-
gen und Familien sicherer zu charakterisiren, als es früher
und bis in die neueste Zeit der Fall war. Schlegel,
dessen Classification lange Zeit die beste war, und die ge-
wiss viel Gutes hat, so dass sie von manchen Zoologen noch
heute den neueren Versuchen vorgezogen wird, Hess sich
bei seiner Eintheilung mehr durch die Physiognomie leiten
als durch feste, exclusive Charaktere, so dass sich Schwie-
rigkeiten ergeben, namentlich für die Nichtgeübten, Schlan-
gen nach seinem Systeme zu bestimmen.
Dumeril und Bibron betraten mit allen Conse-
quenzen einen neuen Weg, indem sie den Zahnbau, das
Gebiss, als den massgebenden, als den Charakter ersten
Ranges annahmen. Dieser Weg hatte an sich viel Anlok-
kendes, und wenn ich auch deneix, welche sich bemühen,
die D u meri 1- ßi bro n'schen Erfolge herabzusetzen, und
das Fehlerhafte ans Licht zu ziehen , um ein besseres Sy-
stem an die Stelle zu setzen, nicht als ein unbedingter
Verlheidiger der Eintheilung der genannten und berühmten
Verfasser entgegen treten kann und will , so möchte ich
doch hervorheben, dass dieselben schon dadurch viel Gutes
geleistet haben, dass sie die Schlangenkunde von Neuem
T rose hei: Ueb. den Unterkiefer der Schlangen. 327
aufgefrischt, und dass sie einen unter allen Umständen vorzüg-
lich wichtigen Charakter, wie das Gebiss bei allen Thieren
anerkanntermassen ist, conserjuent bei allen ihnen zugäng-
lichen Schlangen untersucht und verglichen haben. Bei
einem so grossen Unternehmen konnten hier und da Flüch-
tigkeiten, ja Fehler mit unterlaufen; das ist auch reichlich
geschehen, aber der Arbeit wird darum doch ein bleibendes
Verdienst nicht abzusprechen sein.
Alle neueren Versuche müssen auf den Schultern von
Schlegel und Dumeril-Bibron stehen; Alle werden
die Physiognomie und den Zahnbau berücksichtigen müssen.
Es wird aber darauf ankommen, auch andere Charktere zur
Gellung zu bringen und an möglichst vielen Organen zu
prüfen, ob sie nicht einen irgendwie brauchbaren Charak-
ter abgeben. Vielleicht bestand der grössle Fehler D u-
meril's und Bibron's darin, dass sie einen Charakter,
der bereits Gellung hatte, in den Hintergrund schoben, ich
meine das Vorhandensein oder Fehlen von rudimentären
Hintergliedmassen.
Doch es liegt nicht in meinem Plane hier in eine
Kritik der ophiologischen Systeme einzugehen. Ich möchte
.es nur entschuldigen , rechtfertigen , dass ich im Begriffe
stehe die Leser auf eine kleine Eigenthümlichkeit bei den
Schlangen aufmerksam zu machen, die bisher meistens ganz
übersehen , oder doch nur sehr beiläufig beachtet wor-
den ist.
Wie ich es für verdienstlich gehalten habe , dass
Reinhardt auf einen Charakter an den Schuppen der
Schlangen aufmerksam gemacht hat, der bisher kaum be-
achtet worden war , und deshalb oben seine Abhandlung
in der Uebersetzung mittheille , so glaube ich auch , die
folgende Mittheilung dürfe auf die Beachtung der Ophiolo-
gen Anspruch machen, weil sie auf eine kleine Eigenthüm-
lichkeit aufmerksam macht, die einen Wink für die natür-
liche Classification der Schlangen giebt.
Bevor ich auf den Gegenstand selbst, des Foramen
mentale und die Verhältnisse des Unterkiefers überhaupt,
komme, wiederhole ich die schon oft gemachte Bemerkung,
dass die Zoologie und die vergleichende Anatomie den Pa-
328 T r 0 s c h e I :
läontologen schon viele sehr werthvolle Entdeckungen ver-
danken. Für die Vergleichung der oft sehr dürftigen ani-
malischen Reste vorweltlicher Perioden wird es nothwen-
dig , einzelne Theile der lebenden Thiere genauer und
gründlicher zu betrachten , als es die Zoologen gewohnt
sind, weil sie an zahlreichen Organen hinreichende Diffe-
renzen finden, um ihre Objecte zu unterscheiden.
Der Paläontolog muss einzelne Knöchelchen, einzelne
Knochensplitter vergleichen , um Unterschieden nachzuspü-
ren, die zwar oft kleinlich erscheinen , die aber doch An-
leitung geben den natürlichen Verwandtschaften des Thiers
auf die Spur zu kommen , welchem einst die Reste ange-
hörten.
Auch in unserem Falle hat mich der Wunsch eine fos-
sile Schlange, welche in der Braunkohle des Siebengebirges
bei Rott vorkommt, zu bestimmen^ veranlasst die folgenden
vergleichenden Untersuchungen über den Unterkiefer der
Schlangen anzustellen.
Durch Herrn William Nevill hatte ich für das na-
turhistorische Museum zu Bonn eine fossile Schlange be-
kommen. Einige Exemplare derselben Schlange waren
bereits früher im Museum vorhanden; ich hatte sie mit dem
Namen Coluber papyraceus belegt, und Dr. W. Fischer
hatte sie in seiner Dissertation „De serpentibus quibusdam
fossilibus. Bonnae 1857" unter diesem Namen beschrieben.
Auch Hermann v. Meyer hatte ein Exemplar, ich ver-
muthe eines der im Bonner Museum aufbewahrten, durch
den Herrn Oberberghauptmann v. Dechen zur Ansicht und
Bestimmung in Händen gehabt. Er hatte die Schlange als
Tropidonotus bestimmt, und ihr den specifischen Namen T.
atavus '"') beigelegt.
Nach diesen älteren Exemplaren Hessen sich nur ziem-
lich allgemeine Schlüsse auf die systematische Stellung die-
ser Schlange machen , die nicht weiter reichten, als dass
sie der Ordnung der Aglyphodonten Dum. Bibr. angehöre,
dass sie keine Giftschlange gewesen sei. Durch das neu
aufgefundene Exemplar ist es mir gelungen, der Bestim-
) Leonhard und Bronn N. Jahrbuch.
lieber den Unterkiefer der Schlangen. 329
mung dieser fossilen Schlange näher zu treten, indem einige
Thoile des Kopfes vortrefflich erhallen sind. Vor allen zo-
gen die beiden Unterkieferäste meine Aufmerksamkeit auf
sich, von denen der rechte von der Aussenseite, der linke
von der Innenseite sichtbar ist , und die beide ihre Zähne
noch vollständig besitzen. Der Kopf liegt so, dass man
seine Gaumenfläche sieht , der linke Oberkiefer mit seinen
Zähnen und der Zwischenkiefer sind erkennbar, aus den
Resten des Kopfes ist nicht viel zu machen. Die Wirbel-
säule liegt auf dem Rücken, so dass überall die Bauchseite
dem Beschauer zugewendet ist. Sie kreuzt sich leider
gerade mit dem Anfange des Schwanzes, so dass diese
Stelle nichts mehr erkennen lässt.
Ich komme am Schlüsse dieser Abhandlung noch ein-
mal auf die Bestimmung der fossilen Schlange zurück.
Bei der Vergleichung des Unterkiefers, von dem das
Os dentale vollständig vorliegt, mit denselben Theilen der
im Bonner Museum vorhandenen Schädel lebender Schlan-
gen fiel mir sogleich auf, dass das Foramen mentale eine
sehr verschiedene Lage hat. Da aber die Anzahl der Schä-
del des Bonner Museums nur klein war, so fasste ich den
Entschluss gelegentlich mein Augenmerk in anderen Samm-
lungen hierauf zu richten und eine möglichst grosse Zahl
von Schlangen auf das Foramen mentale zu untersuchen,
um vor der Veröffentlichung das Gesetz, welches ich gleich
anfangs zu erkennen glaubte , fester zu begründen. Ich
habe die iin Berliner anatomischen Museum aufbewahrten
Schlangenschädel mit der Erlaubniss des Professor Rei-
chert verglichen. Eine besonders reiche Ausbeute hatte
ich beim Besuche des Britischen Museums, wo mir die un-
beschränkte Benutzung von Dr. Gray und unter der Bei-
hülfe des Dr. Günther gestattet wurde. Den genannten
Personen sage ich für die zuvorkommende Freundlichkeit
den besten Dank. Eine grosse Zahl von Schädeln fand ich
im Britischen Musenm in einer Sammlung , die von Herrn
Parzudaki in Paris gekauft und mit den Namen, nach
Dumeril und Bibron bestimmt, versehen war.
So habe ich nunmehr nicht weniger als 119 Species
verglichen, die 63 Genera und 20 Familien angehören; somit
330 T r 0 s c h e 1 :
bleiben nach D u in eri 1 ßibron noch 88 Genera, aber nur
4 Familien übrig, von denen ich nicht Gelegenheit gehabt
habe, die Unterkiefer zu sehen.
Die erste Bemerkung, welche ich zu machen habe,
ist die, dass den Schlangen nur ein einziges Fo-
ramen mentale in jedem Unterkiefer zukommt. Diese
Thatsache ist um so wichtiger, als hierin ein neuer noch
nicht beachteter Unterschied zwischen den Schlangen und
Eidechsen liegt. Letztere besitzen immer eine grössere
Anzahl Foramina mentalia. Ich kenne keine Eidechse, die
in dieser Beziehung den Schlangen gliche. Besonders be-
gierig war ich die Schädel derjenigen Eidechsen zu sehen,
welche wegen des Mangels oder der Verkümmerung der
Gliedmassen und wegen der langstreckigen Körpergestalt
früher den Schlangen zugezählt wurden, also unsere Blind-
schleiche Anguis fragilis, die Galtungen Amphisbaena und
Pseudopus. Alle zeigen sich auch in dieser Beziehung als
wahre Eidechsen.
Amphisbaena alba (Fig. ]) habe ich im Berliner ana-
tomischen Museum untersucht. Das Os dentale ist mit vier
Löchern zum Austritt der Gefässe und Nerven versehen,
die hinter einander in einer Reihe, unter dem 3. 4. 5. und
6. Zahne liegen und ziemlich gleiche Abstände von einan-
der zeigen.
Pseudopus Pallasii (Fig. 2) zeigt an einem Skelete des
Bonner Museums fünf Foramina mentalia des Unterkiefers,
die eine Längsreihe bilden. Das erste liegt vor dem zwei-
ten, das letzte unter dem achten Zahne.
Anguis fragilis (Fig. 3) hat vier Löcher, welche eine
Längsreihe längs des Körpers des Os dentale bilden. Sie
sind unregelmässig aber iongitudinal, wie wenn die dünne
Decke des im Kiefer liegenden Kanals hier oder da durch-
brochen ist. Dadurch ist es auch zu erklären , dass die
Löcher an dem linken Kieferaste etwas anders auftreten als
am rechten.
Bei den Schlangen habe ich nur als sehr seltene Aus-
nahmen zwei Foramina mentalia gefunden. So besitzt ein
Exemplar von Leptophis liocercus ( sub nom. Dendrophis
ahaetullae bestimmt) des Berliner anatomischen Museums
Ueber den Unterkiefer der Schlangen. 331
zwei Löcher , die unter dem 5. und 6. Zahne liegen und
von denen das vordere vor der Mitte, das andere hinter der
Mitte des Körpers des Os dentale liegt. Diesen Fall muss
ich um so mehr für eine individuelle Abweichung erklären,
als an zwei Exemplaren im Britischen Museum nur eine
Oeffnung vorhanden ist, die etwas langstreckiger und unter
dem 7. und 8. Zahne gelegen ist. Ob etwa das Berliner
Exemplar falsch bestimmt war, muss ich dahin gestellt sein
lassen. — Ein zweites Beispiel hat mir ein Exemplar von
Herpetodryas dendrophis im Britischen Museum dargeboten,
wo die Löcher vor dem 6. und 7. Zahne angebracht sind,
und beide hinter der Mitte des Körpers des Os dentale lie-
gen. — Endlich besitzt ein Skelet von Acrochordus java-
nicus, das ich aus einem grossen Weingeistexemplare, wel-
ches dem Bonner Museum durch Dr. Bleeker geschenkt
wurde, präpariren Hess, an jeder Seite des Unterkiefers
zwei Löcher
Das sind die einzigen Beispiele die mir von einer
Vermehrung der Foramina mentalia bei Schlangen vorge-
kommen sind. Von deren Verminderung kenne ich nur
einen Fall; das Loch fehlt nämlich auf dem rechten Unter-
kieferaste bei einem Exemplare des British Museum von
Xenopeltis unicolor gänzlich. Dies ist ohne allen Zweifel
als individuelle Abweichung zu deuten; denn theils ist es
auf dem anderen Unterkieferaste vorhanden, theils besitzt
ein Exemplar des Bonner Museums das Loch in beiden Kie-
fern sehr wohl entwickelt.
Hiernach ist das einfache Foramen men-
tale eine Eigenthümlichkeit der Schlangen,
den Eidechsen gegenüber.
Bei einer Vergleichung der Unterkiefer der Schlangen
mit einander fällt zunächst eine sehr verschiedene Lage des
Foramen mentale , ob weiter nach vorn oder weiter nach
hinten , in die Augen. Das Os dentale nimmt vorn die
ganze Höhe des Kiefers ein, nach hinten läuft es in zwei
Fortsätze aus, einen oberen und einen unteren, die einen
spitzen V^^inkel mit einander bilden, mit welchem sie das
vordere Ende des Os articulare umfassen. Ich will bei
den folgenden Vergleichungen den vorderen Theil zwischen
332 T r 0 s c h e 1 :
der Spitze des ganzen Kiefers und der Spitze jenes von
den Fortsätzen umfassten Winkels als den Körper des Os
dentale bezeiclinen und werde alle Messungen nur auf die-
sen beziehen , so dass die hinteren Fortsätze ausser Acht
gelassen werden. Es wird hauptsächlich darauf ankommen,
in welchem Theile der Länge dieses Körpers das Os den-
tale das Foramen mentale liegt, namentlich ob vor der
Mitte, oder hinter der Mitte. Da das Foramen mentale im-
mer eine gewisse Ausdehnung hat, ja zuweilen ziemlich
lang gezogen ist, so wird es nothwendig, auch für die Mes-
sung eine bestimmte und gleichmässige Vorschrift zu ge-
ben, und so habe ich ein für allemal den hinteren Rand
des Foramen als die Lage desselben bestimmt. Das Fora-
men ist zwar zuweilen punktförmig und rund , sehr oft
jedoch ein wenig langgezogen, ja zuweilen sehr langstrek-
kig, auch wohl nach vorn in eine lange Furche verlängert,
die sich mehr oder weniger der Spitze des Unterkiefers
nähert und es sehr erschwert , die vordere Grenze des
Loches genau festzusetzen. Demnach bestimme ich nach
dem hinteren Rande des Loches die Lage des Loches selbst.
Auf eine mathematische Genauigkeit kann es natürlich hier-
bei niemals ankommen , denn so genau stimmen die ver-
schiedenen Specimina derselben Art nicht überein. Aber
eine solche Genauigkeit der Uebereinstimmung, wie sie das
Augenmaass erkennt , finde ich allerdings , wenn ich von
einzelnen individuellen Abweichungen absehe , die man
monströs nennen könnte und wie ich oben einige angege-
ben habe.
Als ein Gesetz glaube ich erkannt zu haben, dass
bei allen Schlangen mit Rudiment von Becken und Hinter-
gliedmassen, also allen Peropodes , des Foramen mentale
vor der Mitte des Zahnbeinkörpers liegt , dass dagegen
bei allen anderen Schlangen das Foramen hinter der Mitte
beginnt.
Unter den Peropodes habe ich keine Ausnahme ge-
funden. Jedoch ist hier zu bemerken, dass Xenopeltis uni-
color, welche ich nach einem Exemplare des Bonner und
einem anderen des Britischen Museums untersucht habe,
sehr übereinstimmend das Loch hinter der Mitte des Zahn-
lieber den Unterkiefer der Schlangen. 333
beins hat, also nicht zu der Familie Holodonta Dum. Bibr.
gehört. Ich kann freilich auch an unserem Weingeist-Ex-
emplare keine Spur von Rudimenten der Hintergliedmassen
finden und daher nicht begreifen , weshalb diese Gattung
von Dumeril und Bibron in die Nähe von Tortrix ge-
stellt wird. Der Unterkiefer (Fig. 4) hat einen kurzen Kör-
per und einen sehr langen oberen Fortsatz, der reichlich
dreimal so lang ist wie der Körper, während der unlere
Fortsatz etwa gleiche Länge mit dem Körper hat. Die
Zähne , welche die ganze Länge des Os dentale mit Ein-
schluss des Fortsatzes besetzen, sind dicht aneinander ge-
drängt, alle von fast gleicher Länge und 29 an der Zahl.
Das kreisrunde Foramen liegt auf V^ der Länge des Kör-
pers des Os dentale.
Etwas anders steht es mit den Ausnahmen unter den
Schlangen, die der Hintergliedmassen entbehren. Hier habe
ich zu bemerken, dass bei einigen Leptognalhina, wie Ra-
chiodon scaber und Petalognathus nebulatus, ferner bei
einigen Diacranterina, wie Xenodon gigas, Zamenis floru-
leatus, Dromicus antillensis ,und Dromicus Temminckii, das
Loch in der Mitte des Körpers des Os dentale liegt, ja
noch vor dieselbe tritt. Bei beiden Familien liegt, wie wir
unten sehen w^erden, das Loch immer der Mitte nahe, wenn
auch sonst hinter ihr , so dass diese Familien der Familie
der ßoen nahe kommen. Bei Chloroechis angusticeps Gün-
ther endlich , so wie bei Psammophis elegans ist das Loch
entschieden vor der Mitte angebracht; eine Ausnahme, von
der ich ungewiss bin, ob sie Avirklich diesen Arten zu-
kommt, oder ob sie als eine individuelle Abweichung sich
ergeben wird , wenn man mehrere Exemplare untersu-
chen kann.
Man sieht aus diesen angeführten Beispielen, dass das
Gesetz nicht ein unumstössliches ist , indessen wenn ich
gegen die wenigen Ausnahmen die sehr zahlreichen Fälle
in die Waagschale lege , in denen das Gesetz zutrifft, so
wird man mindestens es als eine sehr allgemein geltende
Regel gelten lassen müssen , dass die Lage des Foramen
mentale nach den Gattungen und Familien verschieden ist,
und dass in den weitaus meisten Fällen aus dieser Lage
334 T r o s c h e I :
ein Schluss auf die systematische Stellung der Schlange
gezogen werden kann.
Obgleich ich , wie schon oben erwähnt, dieses Merk-
mal für das Leben und die Organisationsverhältnisse der
Schlangen nicht für an sich einflussreich und wesentlich an-
sehen kann, so wird es doch nicht uninteressant sein, das-
selbe noch weiter durch die einzelnen Familien zu verfol-
gen. Wir wollen prüfen, ob die Lage des Foramen men-
tale innerhalb der einzelnen Familien übereinstimmt, um
für den Fall der Bejahung dieser Frage darin eine Unter-
stützung der Natürlichkeit der Familie zu erblicken.
Ausdrücklich möchte ich mich aber vor dem Verdachte
bewahren , als wollte ich die Lage des Foramen mentale
als einen Charakter ersten Ranges auffassen. Ich will sie
nur als einen Prüfstein anerkannt wissen, der uns hier und
da für die Natürlichkeit des Systemes einen Wink zu ge-
ben im Stande ist. Namentlich werde ich nachweisen, dass
dieser Prüfstein für den Fall, welcher mich zu dieser Un-
tersuchung geleitet hat , nämlich für die Bestimmung der
fossilen Schlange aus der Braunkohle von Rott von mass-
gebender Wichtigkeit ist. Hierauf werde ich am Schlüsse
dieses Aufsatzes zurückkommen.
Familie üolodonta.
Dumeril und Bibron vereinigen hier alle Peropo-
des , welche Zwischenkieferzähne besitzen. Ich habe aus
dieser Familie 3 Python, 2 Tortrix und 1 Xenopeltis un-
tersucht.
Python tigris L. (molurus), P. natalensis und P. Se-
bae stimmen sehr gut mit einander überein. Das Os den-
tale übertrifft an Länge das Os articuiare, der ganze Kiefer
ist gedrungen und kräftig. Das Foramen liegt auf dem
ersten Drittel des Körpers des Os dentale, unter dem vier-
ten Zahne, und bildet ein längliches Oval. P. tigris ist in
Fig. 5 abgebildet.
Aus der Gattung Tortrix habe ich T. scylale (Fig. 6)
im Bonner und im britischen Museum, T. fasciatus im Ber-
liner Museum untersucht. Beide Arten sind ganz gleich.
lieber den Unterkiefer der Schifingen. 335
Das Os dentale ist wenig länger als das articulare und fügt
sich an letzteres in einer senkrechten , nach vorn ein we-
nig convexen Linie an, oder der Winkel, welchen die bei-
den Fortsätze des dentale einschhliessen ist sehr stumpf,
fast gleich zwei Rechten. Das Foramen liegt ganz eigen-
thümlich weit vorn, nahe der Kieferspitze, unter dein zwei-
ten Zahne. Alles spricht für Familien-Verschiedenheit von
Python. Wir werden gleich sehen , dass der Unterkiefer
mehr Aehnlichkeit mit Cylindrophis hat.
Von Xenopeltis unicolor , die ich im Bonner und im
Britischen Museum untersucht habe , ist schon oben ange-
geben , dass sie nach meiner Ansicht nicht hierher gehört.
Nach dem Zahnbaue würde sie in die Familie Isodonta
gehören (Fig. 4).
Familie Apr oterodonta.
Von den Gattungen, welche bei Dumeril und Bi-
bron dieser Familie zugezählt werden , weicht Cylindro-
phis, von der ich C. rufa (Fig. 8) untersucht habe, von
allen übrigen durch die vordere Lage des Foramen unter
dem zweiten Zahne in ganz gleicher Weise ab, wie in der
vorigen Familie Tortrix , und mit dieser letzteren Gattung
stimmt Cylindrophis so nahe überein, dass es scheint, als
müssten beide Gattungen zu einer eigenen Familie vereinigt
werden. Selbst das Verhältniss des Dentale zum Articulare
hat viel üebereinstimmendes, wenn gleich bei Cylindro-
phis die gleich langen Fortsätze des Dentale einen tiefen
spitzen Winkel bilden , mit welchem sie das Vorderende
des Articulare umfassen.
Die übrigen Gattungen , deren Unterkiefer mir be-
kannt ist (Boa constrictor, Eunectes murinus und Epicrates
cenchris) , stimmen in der Gestalt und den VerhäKnissen
dieses Knochens, wie in der Lage des Foramen überein. Das
Dentale mit seinen gleich langen Fortsätzen übertrifft das
Articulare an Länge; das Articulare hat dicht hinter dem
oberen Fortsatze des Dentale einen nach oben gerichteten
Fortsatz, der einem Kronfortsatze vergleichbar ist, und das
Foramen liegt genau auf der Mitte des Körpers des Den-
336 T r o 8 c h e 1 :
lale, unter dem vierten oder fünften Zahne. (Vergl. Fig. 7,
welche i\en Unterkiefer von Boa constrictor darstellt.)
Auch Eryx jaculiis hat das Foramen an derselben Stelle
unter und etwas vor dem vierten Zahne, aber der dem
Kronfortsatze ähnliche Vorsprung- ist nicht vorhanden.
Familie A er o chordin a.
Die beiden untersuchten Arten dieser kleinen, sehr
charakteristischen Familie, Acrochordus javanicus und Cher-
sydrus fasciatus , stimmen in der Bildung des Unterkiefers
überein. Das Dentale hat bei beiden sehr ungleiche Fort-
sätze, der obere ist viel länger als der untere; der Körper
ist kürzer als der obere, länger als der untere Fortsatz.
Der freie Theil des Articulare hat ungefähr die Länge des
ganzen Dentale. Das Foramen beginnt hinter der Mitte
des Körpers des Dentale , ist aber ein längliches, spalten-
förmiges Loch, welches bis vor die Mitte reicht, so dass
es ebensoweit vom hinteren wie vom vorderen Ende ent-
fernt ist. Wenigstens fand ich es so bei drei Exemplaren
von Chersydrus fasciatus. Des Exemplares des Bonner Mu-
seums von Acrochordus javanicus habe ich schon oben als
einer seltenen Ausnahme erwähnt , weil es zwei Löcher
besitzt, das eine hinter, das andere vor der Mitte. Dächte
man sich die beiden Löcher vereinigt , dann würde unge-
fähr ein Spaltloch entstehen, wie es bei Chersydrus fascia-
tus vorhanden ist , und es ist nicht unwahrscheinlich, dass
der Species ein solches Loch als Regel zukommt, von der
unser Fall nur eine individuelle Abweichung bildet.
Familie Calamarina.
Aus dieser Familie habe ich nur zwei Arten, Rabdo-
soma crassicaudata von Caraccas und Trachischium rugo-
sum Günther von Nepaul, beide im Britischen Museum un-
tersuchen können. Bei ersterer sind die Fortsätze des Den-
tale sehr kurz, und das Articulare länger als das Dentale;
bei letzterer sind gleich lange Fortsätze, das Dentale ver-
hältnissmässig länger , länger als die Hälfte des Körpers
Ueber den Unterkiefer der Schlangen. 337
dieses Knochens. Das Foramen liegt bei den beiden weit
nach hinten , nahe dem Winkel , bei letzterer Art beginnt
es sogar eigentlich unter dem Scheitelpunkte des Winkels
selbst. Es liegt bei Rabdosoma crassicaudatum unter dem
fünften bis sechsten bei Trachischium rugosum unter dem
siebenten bis achten Zahne.
Familie Coryphodonta.
Von der einzigen von Dumeril und Bibron hier-
hergezogenen Gattung habe ich vier Arten untersucht: C.
pantherinus, constrictor, mento-varius und korros. Der freie
Theil des Articulare ist ungefähr so lang wie das Dentale,
dessen oberer Fortsatz länger ist als der untere. Das Ar-
ticulare steigt schräg nach vorn und unten herab, so dass
es mit dem Dentale einen stumpfen nach oben concaven
Winkel bildet und trägt oben fast in ganzer Länge eine
lamellenartige Erhöhung, die wohl einem Kronfortsatze ver-
glichen werden kann. Das Foramen liegt hinter der Mitte
des Körpers des Dentale, ungefähr auf % der Länge, un-
ter dem sechsten und siebenten Zahne. Bei einem Exem-
plare des Britischen Museums von C. pantherinus, welches
als Skelet aufgestellt ist, liegt es unter dem vierten Zahne;
ich muss jedoch um so mehr an der richtigen Bestimmung
zweifeln , als ein anderes Exemplar , ein Schädel aus der
oben erwähnten Sammlung von Parzudaki in Paris, von
jenem abweicht und der so eben gegebenen Beschreibung,
so wie den übrigen erwähnten Arten dieser Gattung ent-
spricht.
Familie Isodonta.
Aus dieser Familie habe ich fünfzehn Arten, die sie-
ben Gattungen angehören, untersucht. Ich finde bei allen,
dass der Zahnrand etwa so lang ist wie der hinter ihm lie-
gende freie Theil des Articulare, und dass der letztere eine
Lamelle trägt , die dem Kronfortsatz zu vergleichen , die
aber verschieden entwickelt sein kann; meist erreicht sie
den Zahnrand nicht. Das Foramen liegt überall hinter der
Mitte des Körpers des Dentale. — Nach meinen Notizen
und Zeichnungen kann ich nicht sagen, dass zwischen den
Archiv f. Natiirg. XXVII. Jahrg. 1. Bd. 22
338 . Troschel:
Formen dieser Unterkiefer eine rechte Uebereinstimmung
stattfände; da ich jedoch die Kiefer selbst jetzt nicht mehr
vergleichen kann , so miiss ich mich begnügen über die
einzelnen Arten, die ich untersuchte, einige Bemerkungen
beizufügen. Günther '"*) hat diese Gattungen in vier ver-
schiedene Familien vcrtheilt; Dendrophis in die Dendrophi-
dae , Herpelodryas in die Dryadidae , Spilotes, Rhinechis,
Elaphis in die Colubridae, Ablabes rufula in die Coronel-
lidae, während sich Ablabes triangulum unter den Colubri-
dae findet. Die Verschiedenheiten des Kiefers correspon-
diren nicht diesen Familien , so dass durch diese Einthei-
lung eben solche Verschiedenheiten in einer Familie bei
einander verbleiben würden.
Bei Dendrophis picta von Borneo und Java ist der
obere Fortsatz des Dentale nicht viel länger als der un-
tere; das Foramen liegt auf y^ der Länge des Körpers
dieses Knochens, und ist ein ovales Loch.
Bei allen vier untersuchten Arten der Gattung Her-
pelodryas ist der untere Fortsatz des Dentale etwa halb so
lang wie der obere. Bei H. aestivus liegt das Foramen
unter dem 6. Zahne nahe dem Winkel zwischen den Fort-
sätzen, und weiter nach hinten als bei den übrigen Arten,
bei denen es auf Y5 der Länge des Körpers angebracht
ist. Bei H. carinatus (Fig. 9) liegt es unter dem 9. Zahne,
bei H. fuscus unter dem 13. Zahne, bei H. Boddaerti un-
ter dem 14. Zahne. Bei beiden letzteren ist der Unterkie-
fer überhaupt viel langstreckiger und niedriger, das Den-
tale mit einer viel grösseren Anzahl von Zähnen besetzt.
Bei H. dendrophis sind, wie schon oben bemerkt, an dem
Exemplare des British Museum von Caraccas zwei Fora-
mina vorhanden, von denen das vordere auf ^/^ der Länge,
das hintere nahe dem Winkel liegt.
Die drei untersuchten Arten von Spilotes weichen
von einander beträchtlich ab , obgleich sie in der verhält-
nissmässigen Kräftigkeit übereinstimmen. Bei Sp. korais
(Fig. 10) ist der untere Fortsatz des Dentale viel kürzer als
*) Catalogue of Colubrine Snakes in the Collection of Ihe bri-
tish Museum. London 18.58.
Ueber den Unterkiefer der Schlangen. 339
der obere, das Foramen liegt nahe dem Winkel unter dem
7. Zahne. Bei Sp. variabilis ist der untere Fortsatz nur
wenig kürzer als der obere, das Loch, unter dem 7. Zahne
gelegen , beginnt etwas entfernter von dem Winkel, und
ist länger, nach vorn spitz bis gegen die Mitte des Körpers
des Dentale auslaufend. Sp. poecilostoma (Fig. 11) endlich
hat den oberen Fortsatz reichlich doppelt so lang wie den
unteren und wird sehr eigenthümlich durch den Umstand,
dass auf dem Körper des Dentale nur vier grosse Zähne
stehen, während auf dem Fortsatz zehn viel kleinere, gleiche,
höchstens halb so lange Zähne angebracht sind; das Fo-
ramen beginnt unter dem vierten Zahne und ist ziemlich
langstreckig. Auch das Articulare ist durch seine grössere
Länge von den übrigen Arten abweichend.
Rhinechis scalaris hat einen sehr kurzen unteren
Fortsatz des Dentale, höchstens den vierten Theil der Länge
des oberen erreichend; das Foramen liegt nahe dem Win-
kel und ist ein länglich ovales Loch. Das Articulare
trägt nahe der Mitte seiner Länge eine spitze Erhebung,
wodurch es ganz eigenthümlich wird, wenn man nicht ge-
neigt sein sollte, diese Erhebung mit der von Python zu
vergleichen, die jedoch dicht hinter dem Fortsatze des
Dentale ziemlich steil aufsteigt.
Bei Elaphis guttatus liegt das Foramen als ein läng-
liches vorn spitziges Loch auf % der Länge des Körpers
des Dentale unter dem 6. Zahne, nicht ganz bis zur Mitte
reichend, der untere Fortsatz ist halb so lang wie der obere.
Bei E. Aesculapii liegt das Foramen ganz ähnlich, unter
dem 6. Zahne beginnend, zieht sich aber in eine Furche
aus, die sich deutlich bis zum Vorderende des Kiefers er-
streckt.
Bei Ablabes rufula und triangulum beginnt das eiför-
mige Loch ungefähr auf y^ der Länge des Körpers des
Dentale; der untere Fortsatz ist etwas kürzer als der obere.
Das Foramen von Calopisma abacurum (Farancia fa-
sciata) beginnt unter dem 6. Zahne auf % der Länge des
Dentale und reicht bis auf die Mitte; der untere Fortsatz
ist halb so lang wie der obere. Der ganze Unterkiefer ist
sehr kräftig gebaut.
340 T 1- o s c h e 1 :
Nach dem Zahnbaue glaube ich , Xenopeltis unicolor
müsse in diese Familie gestellt werden. Der Unterkiefer
(Fig. 3) ist schon oben beschrieben.
Familie Lyco donta.
Die beiden untersuchten Arten dieser Familie haben eine
gute Uebereinstimmung. Bei beiden sind die vorderen Zähne
entschieden grösser als die hinteren, welche auf dem obe-
ren Fortsatze und dem hinteren Theile des Körpers des
Dentale stehen , was dem Kiefer ein eigenthümliches An-
sehen giebt. In dieser Beziehung gleicht ihnen der in
der vorigen Familie besprochene Spilotes poecilostoma, der
dort durch diese Anordnung der Zähne störte.
Bei Lycodon aulicus, den ich im Bonner Museum un-
tersuchen konnte, stehen vorn 2 bis 3 grössere Zähne, und
dann folgt von der Mitte des Körpers des Dentale ein
Dutzend kleinerer Zähne, die den Rand bis zum Ende des
oberen Fortsatzes einnehmen. Dieser Fortsatz ist etwas
kürzer als der untere. Das Foramen liegt auf y^ der Länge,
und ist ein ovales Loch, welches von der Mitte weit ent-
fernt bleibt.
Bei Lamprophis aurora ist der obere Fortsatz um ein
Unbedeutendes länger als der untere. Vorn auf dem Den-
tale stehen vier grosse Zähne , die von vorn nach hinten
grösser werden; dann folgen kleinere Zähne, hinter der
Mitte des Körpers des Dentale beginnend bis zum Ende des
oberen Fortsatzes. Das Foramen beginnt auf Va der Länge
des Körpers des Dentale und erreicht die Mitte, so dass
es unter dem vierten grössten Zahne liegt.
Familie Lept ognat ha.
In der von Parzudaki in Paris gekauften Samm-
lung von Schlangenschädeln des Britischen Museums zu
London findet sich ein als Leptognathus bestimmter Schä-
del, an dessen Unterkiefer die Zähne von hinten nach vorn
an Grösse beträchtlich zunehmen und bei dem das Foramen
auf dem ersten Drittel der Länge des Körpers des Dentale,
lieber den Unterkiefer der Schlangfen. 341
also etwa wie bei den Pythonen liegt. Ich habe um so mehr
Grund anzunehmen , dass dieser Schädel falsch bestimmt
sei, als ich durch die Güte meines Freundes Dr. Günther
sogleich Gelegenheit fand mehrere Arten dieser Familie
nach Weingeistexemplaren zu untersuchen, bei denen allen
ich das Foramen richtig hinter der Mitte und nahe dem
Winkel des Dentale fand. Unter ihnen war auch ein von
Günther richtig bestimmtes Exemplar von Pelalognathus
nebulatus von Berbice im Norden von Honduras. Es scheint
eine Eigenthümlichkeit dieser Familie zu sein, dass der
obere Fortsatz des Dentale kürzer oder doch schwächer
entwickelt ist als der untere. Auffallend zeigt sich dies
bei Dipsadomorus Indiens und Ischnognathus Dekayi , wo
der obere Fortsatz sehr kurz ist , minder auffallend bei
Stremmatognathus Catesbyi. Bei Rachiodon scaber, den ich
in Berlin untersuchen konnte , ist der untere Fortsatz viel
kräftiger, daher der Winkel nahe dem oberen Rande, aber
beide Fortsätze gleich lang. Das Foramen liegt bei dieser
Art auffallend nach vorn, fast auf der Mitte.
Familie Syncranteria.
Jan vereinigt diese Dumeril'sche Familie mit des-
sen Coryphodonten. Ich habe 2 Arten Leptophis , 7 Tro-
pidonotus und 4 Coronella untersucht. Im Allgemeinen
linde ich bei ihnen das Os dentale geschweift, d. h. das
Vorderende herabgesenkt , den oberen Fortsatz etwas ge-
hoben ; einen Familiencharakter möchte ich aber doch darin
nicht finden, weil es nicht immer deutlich ausgesprochen
ist, auch in anderen Familien vorkommt. Der Zahnrand
des Dentale hat ungefähr die Länge des freien hinter ihm
gelegenen Articulare, dessen Kronforlsatz ähnliche Lamelle
den Zahnrand nicht erreicht. Das Foramen liegt bei allen
hinter der Mitte des Körpers des Os dentale.
Aus der Gattung Leptophis habe ich L. liocercus in
drei Exemplaren und L. margaritiferus untersucht. Von
dem Berliner Exemplar von L, liocercus , welches zwei
Foramina besitzt, ist schon oben die Rede gewesen. Der
obere Fortsatz des Dentale ist etwas länger und kräftiger
342 T r 0 s c h e 1 :
als der untere; darin stimmt das Exemplar mit den beiden
anderen überein, bei denen nur ein Foramen vorhanden ist,
das aber langstreckig- ist und etwa die Länge der beiden
Löcher des Berliner Exemplars einnimmt. — Bei L. mar-
garitiferus, wovon ich ein Exemplar von Caraccas aus der
Parzudaki'schen Sammlung im Britischen Museum unter-
sucht habe , ist der obere Fortsalz kürzer und schwächer
als der untere, so dass man hiernach die Schlange der
Familie Leptognatha zuschreiben möchte. Das Foramen liegt
unter dem 12. Zahne, beginnt auf y^ der Länge und reicht
bis zur Mitte des Körpers des Os dentale.
lieber die Arten von Tropidonotus, nämlich T. rhodo-
gaster, natrix (Fig. 12), quincunciatus, fasciatus, spilogaster,
viperinus und bipunctatus kann ich nur berichten, dass das
Dentale mehr oder weniger geschweift, der obere Fortsatz
desselben doppelt so lang ist wie der untere, und dass das
Foramen auf 2/3 bis % der Länge des Körpers des Dentale
liegt und meist eine länglich ovale Oeffnung ist.
Der Unterkiefer von Coronella, wovon ich C. laevis,
getalus, girondica und cana untersucht habe, verhält sich
ähnlich, doch ist die Verschiedenheit der beiden Fortsätze
des Dentale geringer , weil der obere weniger entwickelt
ist als bei Tropidonotus.
Familie JJicranteria.
Im Allgemeinen finde ich keinen wesentlichen Unter-
schied im Unterkiefer von der vorigen Familie. Das Den-
tale ist häufig in derselben Weise ein wenig ausgeschweift,
der obere Fortsatz ist stets länger, meist doppelt so lang
wie der untere. Der Zahnrand ist fast gleich dem hinter
ihm liegenden freien Articulare, im Allgemeinen zeigt sich
aber die Neigung zum Zurücktreten gegen letzteren. Nur
bei Liophis cobella und Xenodon typhlus ist das Dentale
etwas länger und bei Amphiesma stolatum ist es sogar be-
trächtlich länger, reichlich lYjmal so lang, als das Articu-
lare. Das Foramen liegt in den meisten Fällen näher der
Mitte als bei der vorigen Familie und ist länglich. Wenn
CS aber auch öfters mit dem vorderen Ende die Miüc er-
lieber den Unleikiel'er der Schlangen. 343
reicht, so liegt es doch entschieden mit dem Anfange hin-
ter der Mitte , nur bei Xenodon gigas fand ich an einem
Exemplare der Parzudaki'schen Sammlung das rundliche
Foramen in der Mitte des Körpers des Dentale. Dieser
Schädel schien jedoch einem sehr alten Thiere angehört zu
haben und der Unterkiefer war vorn so abgerundet, dass
vielleicht derselbe als etwas monströs oder als krankhaft
betrachtet werden könnte.
Untersucht sind aus dieser Familie Dromicus anguli-
fer, Cursor, antillensis und Temminckii ; Periops hippocre-
pis; Zamenis viridiflavus und florulentus ; Liophis cobella
und Merremii; Amphiesma stolatum ; Helicops angulatus;
Xenodon severus , viridis, gigas und typhlus; Heterodon
platyrhinus.
Familie 0 xycephala.
Die einzige untersuchte Art dieser Familie ist Dryi-
nus nasutus nach einem Exemplare des British Museum
aus Indien. Das Os dentale ist kürzer als das Articulare,
sein Körper ist viel länger als die Fortsätze, deren oberer
etwa doppelt so lang ist wie der untere. Dabei ist die
Mitte des Dentale tief sattelförmig eingesenkt, wodurch der
Knochen in drei Abschnitte getheilt wird : einen vorderen
convexen , einen mittleren concaven und einen hinteren
convexen, der dem oberen Fortsatze entspricht. Auf dem
vorderen convexen Theile stehen vier grössere Zähne, der
übrige Rand ist mit kleinern Zähnen besetzt, wodurch man
auffallend an die Lycodonta erinnert wird. Das Foramen
erscheint bei der beträchtlichen Länge des Körpers des
Dentale weit von dem hinteren Winkel entfernt, liegt aber
in der That hinter der Mitte und sein Hinterrand auf V3 der
Länge (Fig. 13).
Familie St enocephala.
Auch aus dieser Familie habe ich nur eine Art un-
tersuchen können, nämlich Erythrolamprus venustissimus.
Das Dentale ist kürzer als das Articulare und verhält sich
zu ihm wie 2 : cJ; letzteres ist stark gekrümmt, d. h. nach
344 T r 0 s c h e 1 :
oben concav; das Foramen ist ein längliches Loch, welches
ganz hinter der Mitte liegt. Die Forlsätze des Dentale sind
kurz, der obere wenig länger als der untere.
Familie Anisodonta.
Psammophis elegans , moniliger und punctatus sind
untersucht. Sie haben viele Aehnlichkeit mit Dryinus na-
sutus , was für die Vereinigung eines Theiles der Oxyce-
phala mit dieser Familie, wie sie Jan vorgeschlagen hat,
zu sprechen scheint. Bei Ps. elegans (Fig. 14) stehen auf dem
vorderen convexen Theile des Dentale zwei grosse Zähne
der ganze übrige Theil ist mit viel kleineren Zähnen be-
setzt. Der obere Fortsatz ist doppelt so lang wie der un-
tere. Das Foramen liegt auf der Mitte. — Bei Ps. moni-
liger stehen auf dem vorderen convexen Theile drei grös-
sere Zähne, dann folgen nach einer Lücke etwas kleinere
Zähne. Das Foramen liegt nahe hinter der Mitte. Bei Ps.
punctatus stehen vorn vier Zähne bei einander, von denen
der dritte der grösste, dann folgen nach einem kleinen Zwi-
schenräume zwei etwas kleinere, und den hinteren Theil des
Zahnrandes nimmt eine grössere Anzahl noch kleinerer
Zähne ein, die nach hinten allmählich kürzer werden.
Familie Platyrhina.
Die Länge des Zahnrandes übertrifft oder gleicht dem
Articulare. Das Foramen liegt hinten nahe dem Winkel
auf 2/3 oder % der Länge des Körpers des Dentale. Bei
Homalopsis und Cerberus ist eine hohe abgerundete Kron-
fortsatz-Lamelle vorhanden. Eine Aehnlichkeit mit der vo-
rigen kann ich nicht finden.
Bei Hypsirhina enhydris ist der obere Fortsatz des
Zahnbeins fast doppelt so lang wie der untere; das Loch
ist klein, rund und liegt weit hinten nahe dem Winkel.
Homalopsis und Cerberus stimmen ausser der hohen
Lamelle des Articulare auch darin überein , dass die vor-
deren Zähne grösser sind und nach hinten allmählich ab-
nehmen.
lieber den Unterkiefer der Schlangen. 345
BeiCerberus boaeformis (cinereus) ist der dritte Zahn
der grösste, das Loch liegt unter dem siebenten und läuft
nach vorn in eine Spitze aus. Bei Homalopsis buccata
(Fig. 15) ist der erste Zahn der längste , das runde Loch
liegt bei H. buccata unter dem fünften, bei H. quinquevit-
tata unter dem achten Zahne.
Familie Scytalina.
Bei Brachyruton plumbcum, Oxyrhopus Sebae und Chry-
sopelea ornata , ist der Zahnrand ungefähr von gleicher
Länge mit dem Articulare; die Zähne nehmen von vorn
nach hinten etwas an Länge ab. Die Kronfortsatz-Lamelle
ist niedrig und nimmt fast die ganze Länge des Articulare
ein. Das Foramen liegt auf V3 der Länge des Körpers des
Dentale. Der obere Fortsatz des Dentale überwiegt den
unteren.
Familie Dipsadina.
Mit Ausnahme von Coelopeltis insignitus, die nicht
hierher gehört, haben die untersuchten Arten viel Gemein-
sames. Der Zahnrand ist im Allgemeinen etwas kürzer als
das Articulare hinter ihm, der obere Fortsatz ist länger und
stärker entwickelt als der untere, die Zähne sind ziemlich
gleichförmig. Das Foramen liegt weit hinten nahe dem
Winkel, oder doch mindestens y^ der Länge. So ist es
bei Dryophylax Schottii und Olfersii , bei Dipsas trigonata,
annulata, Nattereri , Smithi, rhombeata und bei Anholodon
(Leptogathus) Mikanii.
Coelopeltis insignitus dagegen hat vorn grössere Zähne,
die von den kleineren auf dem hinteren Theile des Den-
tale scharf abgesetzt sind, und gleicht dadurch Psammophis,
Dryinus und den Lycodonten. Das Foramen liegt auf %
der Länge des Körpers des Dentale. Ich muss jedoch
hierbei bemerken , dass die beiden Exemplare, welche ich
im britischen Museum -untersuchen konnte, einigermassen
von einander abweichen. Der Unterkiefer von einem Ex-
emplare aus Algier in der Parzudaki'schen Sammlung be-
sitzt vorn vier grosse Zähne, die in Zwischenräumen von
346 T r 0 s c h c 1 :
einander getrennt stehen , das Foramen ist langstreckig
und liegt unter dem Räume zwischen den grösseren und
kleineren Zähnen. Ein anderes Exemplar des britischen
Museums von Montpellier ist viel kräftiger gebaut, trägt
vorn sechs grössere Zähne, denen nach einem kleinen Zwi-
schenräume die übrigen wenig kleineren Zähne folgen.
Unter diesem kleinen Zwischenräume liegt das rundliche
Foramen , auf V^ der Länge beginnend. Die Vermuthung
liegt nahe, dass eines der Exemplare nicht richtig be-
stimmt war.
Familie C onocerca.
Bei allen aus dieser Familie untersuchten Arten übertrifft
das Articulare an Länge den Zahnrand des Dentale ziemlich
beträchtlich, so dass sich ihre Längen annähernd verhalten
wie 3 : 2.
Elaps lemniscatus , frontalis und fulvius tragen auf
dem kurzen Dentale meist nur vier Zähne , die ziemlich
entfernt stehen. Bei einem Exemplare des Berliner anato-
mischen Museums der erstgenannten Art fand ich neun Zähne,
was mir die Bestimmung verdächtig macht. Die Fortsätze
des Dentale sind kurz , der obere kürzer als der untere
und sehr kurz. Das Foramen bildet eine kurze Längs-
spalte, die ganz hinter der Mitte des Zahnbeinkörpers liegt
und das dritte Viertel der Länge dieses Knochentheils ein-
nimmt.
Bei Trimesurus porphyreus ist der obere Fortsatz des
Dentale doppelt so lang wie der untere, so dass der Zahn-
rand dem Articulare weniger an Länge nachsteht als bei
den übrigen Gliedern dieser Familie. Das Foramen beginnt
auf % der Länge des Zahnbeinkörpers.
Der Unterkiefer von Alecto curta hat sehr viele Aehn-
lichkeit mit dem der vorigen Art; doch ist der untere Fort-
satz des Zahnbeins länger und nimmt reichlich V3 der Länge
des oberen ein. Foramen wie beim Vorigen.
Sepedon haemachates hat das Articulare fast doppelt
so lang wie den Zahnrand. Der untere Fortsatz des Den-
tale ist kaum halb so lang wie der obere. Das Foramen
beginnt noch hinter ^/^ der Länge des Zahnbeinkörpers.
lieber den Unterkiefer der Schlangen. 347
Bei Bungarus arcuatus und anniilaris ist das Aiticu-
lare iVjmal so lang wie der Zahnrand; der obere Fortsatz
des Zahnbeins etwas länger als der untere. Foramen klein
und beginnt auf V^ der Länge des Zahnbeinkörpers.
Naja tripudians und haje habe ich in mehreren Exem-
plaren untersucht, die aber etwas von einander abweichen.
Der obere Fortsatz des Dentale ist gleich dem unteren oder
auch wohl etwas kürzer; das Foramen beginnt auf 7^ der
Länge des Zahnbeinkörpers.
Die bishergenannten Arten dieser Familie lassen sich
leicht in 3 Gruppen unterscheiden : die Elaps zeichnen sich
durch den sehr kurzen oberen Fortsatz aus; bei Bungarus
bildet der ganze Zahnrand eine gleichmässige Linie; bei
Trimesurus , Alecto , Sepedon und Naja richtet sich der
obere Fortsatz nach oben, so dass der Zahnrand geknickt
erscheint und von den Schenkeln eines stumpfen Winkels
gebildet wird. Bei allen liegt das Foramen hinter der Mitte.
Ganz abweichend ist der Unterkiefer von Dendraspis
angusticeps (Naja angusticeps Fig. 16) gebaut. Der Zahn-
rand ist lyamal in der Länge des Articulare enthalten. Das
Zahnbein trägt vorn auf der Spitze einen sehr hohen Zahn,
der durch eine breite Lücke von den übrigen Zähnen, die
auf dem oberen Forsatze stehen, abgesetzt ist. Unter der
Zahnlücke liegt das Foramen und zwar vor der Mitte. Da-
durch macht dieser Kiefer eine rechte Ausnahme und scheint
die Auffassung Günther's, der eine eigene Familie aus
der Galtung Dendraspis bildet, zu rechtfertigen.
Familie Platycerca.
Die beiden untersuchten Arten sind Hydrophis schi-
slosus und pelamidoides , beide von Malabar und beide im
Britischen Museum untersucht. Bei beiden ist der Zahn-
rand gleich dem freien Rande des Articulare; bei ersterer
ist der obere Fortsatz des Dentale doppelt so lang , bei
letzterer wenig länger als der untere. Sehr verschieden
an Gestalt sind die Foramina. Bei H. schistosus beginnt
es nahe dem hinteren Winkel des Dentale und bildet ein
längliches Oval, so dass es mit dem Vorderrande das Drit-
348 T r o s c h c 1 :
tel des Körpers des Dentale noch nicht erreicht. Bei H.
pelamidoides (Fig. 17) beginnt es dicht vor und unter dem
Winkel und erstreckt sich als eine lange und schräg nach
oben gerichtete Spalte, die zwischen dem ersten und zwei-
ten Zahne endet, weit nach vorn, so dass das Foramen zwei
Drittel der Länge des Zahnbeinkörpers einnimmt. Dies ist
das langstreckigste Foramen, welches mir vorgekommen ist.
Familie Viperina.
Die drei Gattungen Pelias , Vipera und Echidna , von
denen ich aus dieser Familie die Unterkiefer gesehen habe,
stimmen nicht bloss unter sich , sondern auch mit den mir
bekannten Gattungen der folgenden Familie recht gut über-
ein, so dass der Unterkiefer für die Natürlichkeit der Ab-
theilung Solenoglypha spricht. Besonders fällt die Länge
und die Gestalt des Os articulare auf, welches mindestens
(bei Pelias berus) 3y4mal so lang ist, wie der Körper des
Dentale , dabei von dem Gelenke herabgebogen und in der
Nähe des Gelenkes an der oberen Seite mit einem blatt-
artigen abgerundeten Aufsatze versehen. Es scheint dieser
Aufsatz, ein Processus coronoideus, zum Ansätze kräftigerer
Muskeln bestimmt, die dann bei der Länge des Kiefers um
so kräftiger wirken müssen, als ihnen die Anfügung an den
Hebel nicht günstig ist , so dass hier die Geschwindigkeit
des Bisses begünstigt wird. Bei allen liegt das Foramen
hinten nahe dem Winkel zwischen den Fortsätzen des
Dentale.
Bei Pelias berus verhält sich der Zahnrand zu dem
freien Rande des Articulare wie 1 : 173, dagegen der Kör-
per des Dentale zum ganzen Articulare wie 1 : SV*- Der
obere Fortsatz des Dentale ist etwas länger als der untere.
Das Foramen ist eine schmale Spalte, die auf % des Zahn-
beinkörpers beginnt und auf % der Länge endet.
Die Längenverhältnisse der einzelnen Theile sind bei
Vipera aspis und ammodytes sehr ähnlich; auch die Lage
des Foramen ist ähnlich, nur erscheint es kürzer, mehr
wie ein länglich rundes Loch.
Echidna gabonica, untersucht im anatomischen Museum
Ueber den Unterkiefer der Schlangen. 349
ZU Berlin, nach einem Exemplare von Boror, hat den läng-
sten Unterkiefer von allen, der Körper des Dentale (Fig. 18)
verhält sich zum ganzen Articulare wie 1 : 67^; der obere
Fortsatz des Dentale ist länger als der untere , aber beide
länger als der Körper , und beide sind schmal und der
Winkel zwischen ihnen breit abgerundet. Das runde Fo-
ramen liegt nahe dem Winkel aber weit unten, dem unte-
ren Rande viel näher als dem oberen. — E. arielans ist
ähnlich, doch verhält sich der Körper des Dentale zu dem
Articulare wie 1 :4V2, ^^^^^ ^^^ Zahnbeinkörper länger ist
als seine Fortsätze, das gleichfalls runde Foramen liegt auch
weiter nach vorn, nämlich anf ^/.^ der Länge des Körpers.
Ganz ähnlich verhält es sich mit E. elegans, nur dass hier
der Körper des Dentale sich zum Articulare verhält wie
1 : 5, also etwas kürzer ist.
Familie Crotalina.
Schon bei der vorigen Familie habe ich auf die nahe
Verwandtschaft hingewiesen, welche durch die Beschaffen-
heit der Unterkiefer angedeutet wird.
Von der Gattung Crotalus habe ich drei Arten unter-
sucht: horridus, durissus und rhombifer. Der Körper des
Dentale verhält sich zum Articulare wie 1:5; die Fort-
sätze sind kürzer als der Körper, der obere etwas länger
als der untere. Das Foramen liegt nahe dem Winkel.
Bei Trigonocephalus ist das Articulare kürzer als bei
der vorigen Gattung; der Körper des Dentale verhält sich
zu dem Articulare wie 1 : 372 t)is 4^/^. Bei einem Schä-
del von T. tigrinus (Fig. 19) fand ich die Fortsätze kürzer
als den Körper des Zahnbeins und beide ziemlich gleich
lang, so dass der Zahnrand sich zu dem freien Rande des
Articulare verhält wie 1:27^,, ähnlich bei T. nexus; bei
T. piscivorus dagegen sind die fast gleichen Fortsätze län-
ger als der Körper, so dass der Zahnrand ebenso lang wird,
wie der freie Rand des Articulare. Bei allen liegt das
Foramen nahe dem Winkel und etwas nach unten hinab-
gesenkt.
Der Zahnbeinkörper von ßothrops verhält sich zu dem
350 T r o s c h e 1 :
Arliculare wie 1 : 5, ist also etwas l^ürzer als bei Trigo-
nocephalus und gleicht dem vonCrotalus; die Fortsätze sind
aber liier länger , fast so lang wie der Körper , so dass
der freie Zahnrand bei B. jaracara sich zum freien Rande
des Articulare verhält wie 1 : 2V25 bei B. viridis und lan-
ceolatus wie 1 : V/^. Bei ersterem sind beide Fortsätze
fast gleich , bei beiden letzteren ist der obere doppelt so
lang wie der untere. Das Foramen liegt bei allen dreien
nahe dem Winkel.
Mögen diese Angaben über die Unterkiefer der Schlan-
gen als ein Material für weitere Versuche einer natürlichen
Classification dieser interessanten Thiergruppe verzeichnet
bleiben. Sie werden mindestens den Beweis liefern, dass
es noch zahlreiche Gesichtspunkte in der Zoologie giebt,
denen noch keine hinlängliche Aufmerksamkeit geschenkt
und deren Bedeutung noch nicht gebührend anerkannt
worden ist.
Ich will aus dem Vorhergehenden einige Folgerungen
hervorheben, die vorzugsweise wichtig für die Systematik
werden könnten.
Die Länge des Unterkiefers und das Verhältniss des
Zahnbeins zum Gelenkbcine haben in sofern eine Wichtig-
keit, als hierdurch die Hebelkraft bedingt wird. Je weiter
der Zahntheil des Kiefers vor dem Muskelansatze hervor-
ragt, um so kräftiger werden die Muskeln wirken müssen,
um die Bewegung des Kiefers zu bewirken , und um so
mehr wird die Geschwindigkeit begünstigt. Je kürzer da-
gegen der Kiefer ist, um so kräftiger werden die Schlangen
beissen können. Auffallend am längsten ist das Articulare
bei den eigentlichen Giftschlangen (Solenoglypha Dum. Bibr.),
und bei ihnen liegt zugleich die dem Kronfortsatze zu ver-
gleichende Lamelle am weitesten nach hinten; hier kommt
es also auf die Schnelligkeit des Bisses an. — Am kürze-
sten ist das Arliculare bei den Stummelfüssern und bei
ihnen findet die Anfügung der bewegenden Muskeln am weite-
sten nach vorn statt ; hier ist also für die Kräftigkeit des
Bisses Fürsorge getragen. Zwischen beiden Extremen lie-
Ueber den Unterkiefer der Schlangen. 351
gen alle übrigen Schlangen. (Leider habe ich aus der
Dumerirschen Ordnung der Opoterodonlen keine Schlange
untersuchen könnenj.
Es scheint fast , dass die Ernährung der Kiefer und
die damit zusammenhängende Oeffnung für den Auslrilt der
Gefässe im Zusammenhange stehen: denn bei den Schlangen,
deren Zahnbein über das Articulare überwiegt , tritt die
innere Höhlung weit nach vorn und öffnet sich frühestens
auf der Mitte des Zahnbeinkörpers; bei den Solenoglypha
dagegen liegt das Kinnloch immer am Hinterende des Zahn-
beinkörpers , nahe dem Winkel zwischen den beiden Fort-
sätzen.
Wie schon oben erörtert ist, scheinen mir die Peropo-
des naturgcmäss in drei Familien zu zerfallen; Tortricina,
Pylhonina und Boina. — Unter den Solenoglypha werden
die beiden alten Familien der Vipern und der Grubenottern
beizubehalten sein.
Die Gattung Chloroechis Günther (Naja angusticeps
Smith; Dendraspis angusticeps Schi.) ist zwar in sofern
eine echte Giftschschlange , als sie bloss einen einzigen
Giftzahn im Oberkiefer hat, aber der Unterkiefer bestätigt es,
dass sie von ihnen entfernt 'zu halten sei. Diese Gattunff
hat mit einer Anzahl von Schlangen aus der mittlem Ab-
theilung das Gemeinsame, dass auf dem Unterkiefer zweier-
lei Zähne stehen, vorn grössere und hinten, meist durch
einen beträchtlichen Absatz davon getrennt, kleinere Zähne.
Solche sind die Gattungen Dryinus, Psammophis, Trimcsu-
rus , Alecto, Sepedon , Naja — also die Familien Oxyce-
phala und Anisodunta aus der Dumeril'schen Ordnung Opi-
sthoglypha , so wie die Gattung Coelopeltis, welche in die
Familie der Dipsaden wegen dieser Eigenschaft des Unter-
kiefers nicht passt, und die Familie Conocerca aus der Ord-
nung Proteroglypha mit Ausnahme der Gattungen Elaps und
Bungarus.
Es kann nicht meine Absicht sein, nach diesem Cha-
rakter die genannten Familien von den übrigen zu trennen,
um so weniger als auch bei der Galtung Spilotes unter den
Isodonten und bei der Gattung Lamprophis , die ich allein
aus den Lycodonten untersucht habe, ganz ähnliche Unter-
352 T r 0 s c h e 1 :
kiefer vorhanden sind. Ich hebe aber die Eigenthümlich-
keit der Unterkiefer hervor , weil gerade bei ihnen eine
weiter vorgerückte Lage des Foramen mentale auftritt, die
sogar bei Dryinus nasutus, bei Lamprophis aurora, bei Psam-
mophis moniliger fast als Ausnahme von der Regel gelten
könnte, weil das Loch sich der Mitte des Zahnbeinkörpers
nähert, und bei Chloroechis angusticeps und Psammophis
elegans entschieden zur Ausnahme wird, weil es unzwei-
felhaft vor der Mitte liegt.
Man wird also diese Ausnahmen unter allen Umstän-
den, wenn man auch bloss den Unterkiefer einer Schlange
vor sich hat, als solche erkennen und sie von dem Unter-
kiefer einer Boa oder eines Python unterscheiden können.
Einer Unterscheidung oder weitern Eintheilung der
Aglyphodonten nach Ausschluss der Peropodes , der Opi-
sthoglyphen und Proteroglyphen will ich mich enthalten,
weil ich doch nur das wiederholen könnte, was schon bei
den einzelnen Familien gesagt ist.
Nach genauerer Einsicht in das Verhalten so zahl-
reicher Unterkiefer von Schlangen aus den verschieden-
sten lebenden Familien wende ich mich nun noch einmal
zu der Bestimmung der bereits oben p. 328 erwähnten fos-
silen Schlange von Rott. Dies ist um so nothwendiger,
als meiner gewonnenen Ansicht eine paläontologische Au-
torität, Herr Hermann von Meyer jüngst entgegenge-
treten ist.
Diese Schlange der Braunkohle des Siebengebirges hat
folgende Literatur.
V. Meyer in Leonard und Bronn Neues Jahrbuch
1851. p.678.
Verhandl. des naturh. Vereins für Rheinland und West-
phalen. Bd. IX. 1852. p. 502.
Coluber papyraceus Trosch. ib. 1854. p. XIX.
Tropidonotus atavus v. Meyer Leonh. u. Br. N. Jahrb.
1855. p.336.
Coluber papyraceus Trosch. bei Fischer de Ser-
penlibus quibusdam fossilibus Diss. inaug. Bonnae
1857. p.26.
lieber den Unterkiefer der Schlangen. 353
Morelia papyracea Troscli. Verhandl. Naturh. Ver.
für Rheinland u. Westphalcn. Bd. XV. 1858. p. CXXVII.
Leonh. u. Br. N. Jahrb. 1859. p. 237.
Coluber (Tropidonotus ?) atacus v. Meyer Palaeonto-
graphica. Bd. VII. 1860. December p. 232. Taf. XXV.
Morelia papyraceaTrosch. inv.Dechen Geognosti-
scher Führer in das Siebengebirge. Bonn 1861. p. 326.
Da in den beiden älteren Notizen von den Jahren 1851
und 1852 der Schlange noch keine Benennung beigelegt
worden ist, so unterliegt es keinem Zweifel, dass meine
Benennung vom Jahre 1854 die älteste ist. Es ist also
nicht richtig, wenn H. v. Meyer Palaeontographica VII.
p. 235 sagt, ich habe seine Notiz übersehen und sie hier-
auf Coluber papyraceus genannt; vielmehr hat er meine
frühere Notiz übersehen. Dies konnte um so leichter ge-
schehen, als dieselbe nur in den Berichten über die Sit-
zungen der Niederrheinischen Gesellschaft für Natur- und
Heilkunde enthalten war, wo ich die Schlange vorge-
zeigt hatte.
An sich würde ich fortan ebensogern der Schlange
den specifischen Namen atavus vergönnen, wie papyraceus;
ich beharre auf letzterem wahrlich nicht aus eitelen oder
selbstsüchtigen Motiven. Die Priorität ist jedoch die un-
parteiische Schiedsrichterin. Uebrigens sei hier bemerkt,
dass gegen den Namen atavus nach meiner Auffassung
auch das spricht, dass diese Schlange nimmermehr der
Vorfahr oder Ahne unserer lebenden Nattern gewesen ist,
sondern einer ganz anderen Gruppe, den Pythoniden, an-
gehört hat, die auf unserem europäischen Erdtheile jetzt
nicht mehr vertreten wird. Der Name papyraceus wird
um so bezeichnender, als ich zu der entschiedensten Ue-
berzeugung gekommen bin , dass in der Papierkohle von
Rott, so weit die bisherigen Funde es zu beurtheilen ge-
statten, nur eine Schlangenart vorkommt.
Viel wichtiger als die Entscheidung des dieser Schlange
gebührenden Species -Namens ist die Beantwortung der
Frage, welcher Familie , welcher Gattung dieselbe ange-
höre. Hier handelt es sich nicht um eine Priorität, sondern
um die Beurtheilung der zu ermittelnden Charaktere.
Archiv f. Naturg. XXVII. Jahrg. 1. Bd. 23
354 T r 0 s c h e 1 :
Bereits im Jahre 1858 habe ich mein Augenmerk auf
die Beschaffenheit des Unterliiefers und namentlich auf die
Lage des Foramen mentale gerichtet, und kam zu dem Re-
sultate , welches ich auch jetzt noch, und zwar mit viel
grösserer Sicherheit, behaupten kann.
H. V. Meyer hat sich gegen diese Ansicht ausge-
sprochen, und da ich nicht voraussetzen kann, dass allen
Lesern , die sich für die Entscheidung der Frage interes-
siren, die Palaeontographica zur Hand sind, so lasse ich
hier wörtlich die Argumente folgen, welche dieser berühmte
Paläontologe für seine Auffassung und gegen die meinige
(Palaeontographica VIL p. 237) vorbringt, folgen :
„Diese Schlange aus der Braunkohle des Siebengebir-
ges war nicht giftig und gehörte jener grossen Abtheilung
an, deren Ober- und Unterkiefer mit völlig glatten Zähnen
sich darstellen. Es sind dies die Colubrinen- förmigen
Schlangen, unter denen die fossile zunächst an das Genus
Tropidonotus erinnert. Dieses Genus gehört nach Dume-
ril und Bibron (Espetologie VII, 1. p. 525. 549. t. 76.
flg. 4) zur famille des Syncranteriens, welche sich dadurch
auszeichnen soll , dass die letzten Zähne des Oberkiefers
länger und stärker sind als die davorsitzenden, von denen
sie kein freier Raum trennt, und dass in Form und Krüm-
mung alle Zähne gleich sind. Für Tropidonotus wird her-
vorgehoben , dass die zwei oder drei oberen Zähne des
Oberkiefers gewöhnlich um die Hälfte länger oder stärker
seien, als die Vorsitzenden. Zwar habe ich letzteres bei der
fossilen Schlange nicht wahrgenommen, bei denen die hin-
teren Zähne kaum stärker zu sein scheinen als die Vorsit-
zenden; es musste mich aber doch die grosse Ueberein-
stimmung in Form und Krümmung der eine ununterbrochene
Reihe bildenden Zähne , nebst anderen Aehnlichkeiten im
Knochenskelet veranlassen, die Schlange zu den Colubrinen,
und zwar in die Nähe von Tropidonotus zu stellen. Die-
ses Genus ist bekanntlich sehr reich an Species, von denen
Dumeril und Bibron (p. 554) selbst bekennen, dass es
schwer sei , Kennzeichen zur leichten Unterscheidung auf-
zufinden. Es kommen dabei hauptsächlich die Beschuppung
des Kopfes und Rumpfes, so wie die Färbung, mithin Theile
üeber den Unterkiefer der Schlangen. 355
in Betracht, welche an fossilen Schlangen nicht überliefert
sein können, und es werden diese Kennzeichen sogar zur
Unterscheidung von Genera, namentlich auch von Genera,
die Tropidonotus nahe stehen, angewendet, so dass man
sich ausser Stand sieht zu beurtheilen, welchem Genus eigent-
lich eine fossile Schlange angehört. Hier steht der Paläon-
tolog an Grenzen, die ihm der nur mit lebenden Formen
beschäftigte Zoolog gesetzt hat , dessen Methoden der Un-
terscheidung unmöglich von einem richtigen Gesichtspunkte
geleitet sein können, wenn sie auf Grund einseitiger Kenn-
zeichen zersplittern, statt nach der Summe der Kennzeichen
zu gruppiren."
Ich unterbreche hier die Argumentation des Verfas-
sers, um das bisher Gesagte zu widerlegen. Dass unsere
Schlange zu den nicht giftigen gehöre , darüber sind
wir einig. Tropidonotus hat im Oberkiefer hinten 2 — 3
grössere Zähne , das hat die fossile nicht , aber dennoch
soll sie mit Tropidonotus verwandt sein, weil die Form der
Zähne ähnlich sei und weil sie in ununterbrochener Reihe
stehen. Beides lässt sich von vielen Schlangen sagen, na-
mentlich auch von den Pythoniden, um die übrigen nicht
zu erwähnen, weil sie hier nicht in Betracht kommen. Fer-
ner wird auf andere „Aehnlichkeiten im Knochenskelete"
verwiesen , von denen aber Verf. keine nähere Angaben
macht, und von denen es mir erlaubt sein mag bis auf wei-
teres anzunehmen, dass es solche Aehnlichkeiten sein mö-
gen, die allen oder doch vielen Schlangen zukommen. Wor-
auf gründet sich also die Verwandtschaft zu Tropidonotus?
Auf einigen unwesentlichen Merkmalen, die vielen Schlan-
gen zukommen, und die zur Geltung kommen sollen, trotz-
dem der eigentliche Charakter (nämlich die grösseren Hin-
terzähne im Oberkiefer) durchaus fehlt. — Verf. sagt fer-
ner, man sehe sich ausser Stande zu beurtheilen, welchem
Genus eigentlich eine fossile Schlange angehört, nämlich nach
den von den Zoologen bisher angewendeten Merkmalen, und
der Paläontolog stehe an Grenzen, die ihm der Zoologe gesetzt
habe. Wo sind diese Grenzen? Mag der Palacontolog doch
selbst Zoolog sein; mag er doch selbstan denjenigen Organen,
die überliefert werden konnten, Charaktere auflinden, die
356 T r o s c h e 1 :
zur Feststellung der Verwandtschaft fossiler Formen zu ver-
wenden sind. Der Zoolog wird es ihm sehr Dank wissen,
wenn durch den Paläontologen die Kenntniss der Skelete
vermehrt wird, und wenn er auf Differenzen aufmerksam ge-
macht wird, die auch als zoologische von Wichtigkeit wer-
den müssen. Der Verf. fährt fort:
„Die fossile Schlange war lang, schlank, wohl ohne
Zweifel cylindrisch, der Uebergang in den Schwanz geschah
allmählich, wie auch der Schwanz sich nur allmählich zu-
spitzte. Der Kopf war nicht stärker als der Rumpf und
platt, der zwischen den hinteren Kieferenden liegende Hals
war anfangs schwächer, ging aber bald zur Stärke des
Rumpfes über. Die Zähne sind einander sehr ähnlich, klein,
hakenförmig, glatt, sie stehen nicht gedrängt, keiner zeich-
net sich durch auffallende Grösse aus. Alles dies stimmt
mit Tropidonotus, selbst dass die zwei oder drei hintersten
Zähne des Oberkiefers von den Vorsitzenden nicht durch
eine Lücke getrennt werden , nur kann ich nicht finden,
dass diese hintersten Zähne des Oberkiefers merklich grös-
ser wären als die Vorsitzenden. Das Paukenbein ist dem
in Tropidonotus natrix ähnlich und in letzterem Thiere nur
etwas länger und schräger hinterwärts gerichtet, wodurch
die Wirbelsäule scheinbar tiefer in den Schädel hineinragt.
Auch ist das Zitzenbein kürzer als das Paukenbein, die
Nasenbeine entsprechen sehr gut der lebenden Species;
dagegen ist das Zahnbein ein kräftigerer Knochen. Die
Wirbel gleichen denen der Colubrincn."
Das fügt Verf. noch zur Begründung seiner Bestim-
mung als Tropidonotus hinzu. Ich glaube wir kommen da-
durch nicht wesentlich weiter. Wieder wird der Mangel
des Hauptcharakters , der grösseren Hinterzähne im Ober-
kiefer beseitigt , als wenn er nicht so wichtig wäre. Da-
gegen beruft sich Verf. auf das Paukenbein, Zitzenbein und
die Nasenbeine. Ich will gern glauben , dass in diesen
Knochen Unterschiede für die verschiedenen Schlangenfa-
milien aufgefunden werden könnten , aber so viel mir be-
kannt, sollen sie erst noch aufgefunden werden. Gewiss
aber geht aus den Vergleichungen des Verf. gar nicht hervor,
dass die Schlange mehr mit den Tropidonotus verwandt
Ueber den Unterkiefer der Schlangen. 357
sei, als mit den Pylhoniden. Die Wirbel sollen denen der
Colubrinen gleichen; ich frage, wodurch unterscheiden sie
sich von denen der Pythoniden? Ein genauestes Studium
der Schlangenwirbel möchte wohl interessante Resultate
liefern. Mir hat es nicht gelingen wollen, durch Verglei-
chung zu entscheiden, üb die fossile Schlange, ihren Wir-
beln zufolge, zu den Pythoniden oder zu den Tropidonotus
gehört. INur das Eine möchte ich hier beifügen, dass die
seitlichen Fortsätze der ersten Schwanzwirbel bei einem
kürzlich aufgefundenen Exemplare unserer Schlange , wel-
ches im Besitze des Herrn Oberberghauptmann v. Dechen
ist, genau ebenso gabiig getheilt sind , wie ich es bei Py-
thon tigris linde.
Nun geht H. v. Meyer über zu der Widerlegung
meiner Ansicht, dass die Schlange zu den Pythoniden ge-
höre, indem er sagt:
„Später fand Tr ose hei durch Vergleichung mit den
Skeleten von fünfzehn lebenden Species nicht giftiger Schlan-
gen, dass das Foramen mentale bei allen mit Rudimenten
vom Becken und hinteren Gliedmassen versehenen Schlan-
gen in der vorderen Hälfte, bei allen denjenigen Schlangen
aber, die Becken-Rudimente und hintere Gliedmassen nicht
besitzen, in der hinteren Hälfte des Zahnbeines (Os dentale)
liege. Da nun bei der fossilen Schlange, die er, wie be-
reits angeführt, anlangs auch für eine Colubrine gehalten
hatte , das Foramen mentale in der vorderen Hälfte des
Zahnbeins auftritt, so glaubt er annehmen zu müssen, dass
sie zu ersterer Gruppe gehöre , in der sie sich nach der
Zahnbildung zunächst an die Pythoniden anscbliesse. Die
letzten Zähne des Oberkiefers seien winzig klein und da-
durch von den versitzenden auifallend verschieden , worin
der Charakter der Gattung Morelia liege, in die er daher die
Schlange unter dem Namen Morelia papyracea bringt.''
„Die Gattung Morelia Gray (Dumeril et Bibron,
erpet. VI. p. 377. 383) besitzt aber eine andere Kopfform,
indem sie einen kurzen Kegel darstellt, der an der Basis
aufgetrieben aussieht und am Ende stark abgestumpft er-
scheint. Auch ist der Schwanz bei ihr nur wenig verlän-
gert. Die hinteren Zähne des Oberkiefers sind gegen
358 T r o s c h c 1 :
die übrigen ausserordentlich kurz. Alles dieses passt nicht
auf die fossile Schlange, an der ich auch, ungeachtet ihrer
trefflichen Erhaltung, nichts von knöchernen Becken-Ru-
dimenten und hinteren Gliedmassen wahrnehmen konnte.
Das Foramen mentale liegt allerdings in der vorderen Hälfte
des Zahnbeins, woraus indess nur zu schliessen sein wird,
dass die Lage dieses Loches in Schlangen von sehr ver-
schiedener Natur sich ähnlich verhalten könne, und daher
nicht zu den untrüglichen Kennzeichen gehöre. Ein Skelet
von Morelia stand mir nicht zu Gebot, wohl aber von Py-
thon, einer Schlange derselben Abiheilung, bei der das
Foramen mentale allerdings in der vorderen Hälfte des
Zahnbeins auftritt. Bei Tropidonotus natrix fällt diese Oeff-
nung in die ungefähre Mitte , wenn man die Länge des
Zahnbeins nur bis zu dem hinteren, zur Aufnahme des Ge-
lenkbeins bestimmten Einschnitt annimmt. Dehnt man aber
die Länge des Knochens so weit aus als er wirklich hinter-
wärts reicht und mit Zähnen bewaffnet ist , so fällt die
Oeffnung auch in die vordere Hälfte , wiewohl nicht so
weit nach vorn, als in der fossilen Schlange.«
Verf. beruft sich zunächst zur Widerlegung meiner Be-
stimmung darauf, dass Morelia eine andere Kopfform habe,
und dass ihr Schwanz nur wenig verlängert sei. Die Kopfform
möchte sich schwer aus den zerdrückten Schädelresten aus
der Braunkohle so genau erkennen lassen, um einen erheb-
lichen Werlh darauf zu legen; den Schwanz linde ich bei
unserer Schlange nicht zu lang, um ihr den Eintritt in die
Pythonidenfamilie unbedingt streitig zu machen. Die win-
zig kleinen letzten Zähne des Unterkiefers habe ich an
einem Exemplare, welches H. v. Meyer freilich nicht ge-
sehen hat, wirklich beobachtet, während an seinen Exem-
plaren der hintere Theil des Oberkiefers überhaupt nicht
so überliefert ist, dass er sich zur Untersuchung der Zähne
geeignet hätte. Immerhin ist es sehr willkührlich, wenn
ein ausdrücklich als von mir beobachtet angegebenes Kenn-
zeichen so kurzweg als nicht beachtenswerth beseitigt wird.
Wie der Mangel der grossen Hinterzähne vorhin zu
Gunsten der Ansicht des Verf. für unerheblich angesehen
wurde, so bemüht er sich jetzt das positive Merkmal in
üeber den Unterkiefer der Schlangen. 359
der Lage des Foramen mentale ebenfalls zu seinen Gunsten
abzuschwächen. Hierüber brauche ich jedoch , nachdem
diese meine Abhandlung vorliegt, kein Wort mehr zu ver-
lieren.
Doch der einzig erhebliche Einw^and gegen meine An-
sicht bleibt noch zu erwähnen übrig, dass sich nämlich an
allen aufgefundenen Exemplaren, trotz der trefflichen Er-
haltung, nichts von knöchernen Becken- Rudimenten und
hinteren Gliedmassen wahrnehmen lasse. — -Wenn der Nach-
weis geliefert wäre, oder werden könnte, dass wirklich die
Gliedmassenrudimente fehlten, dann würde der Beweis vor-
liegen, dass mein oben aufgestelltes Gesetz wegen der Lage
des Foramen mentale falsch sei. Aber dieser Nachweis
kann nicht geliefert werden. Das Gliedmassenrudiment der
Riesenschlangen liegt so, dass wenn man sich ein solches
Skelet gequetscht denkt, dasselbe nur dann deutlich von
den Rippen zu unterscheiden wäre , wenn ein glücklicher
Zufall es in eine besonders günstige Lage gebracht hätte.
Es können daher noch zahlreiche Abdrücke unserer fossi-
len Schlange aufgefunden werden , bevor man im Stande
sein wird das Gliedmassenrudiment mit Sicherheit nachzu-
weisen. Unter keinen Umständen kann ich zugeben, dass in
dem Vermissen desselben an den zwei bisher aufgefunde-
nen Stücken mit vollständigem Schwänze, von denen Hr.
V. Meyer eines gesehen hat, der Beweis liege, dass solche
Rudimente überhaupt nicht vorhanden gewesen wären.
Nach meinen vielfachen und eingehenden Untersuchun-
gen der Unterkiefer der Schlangen, kann ich nunmehr, selbst
nach gewissenhafter Berücksichtigung der Darstellung H.
v. Meyer's, in dessen Figur 1 der überlieferte Unterkie-
fer in allen seinen Theilen vollständigst den Pythoniden
entspricht, nicht anders als auf meiner früher ausgesproche-
nen Bestimmung beharren und der fossilen Schlange von
Rott den Namen Morelia papyracea kräftigst erhalten.
360 Trost- hei: Ueber den Unterkiefer der Schlangen.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. X.
Heber das Gebiss der Gattung Cancellaria.
Vom
Herausgeber.
In dem laufenden Jahrgange dieses Archivs p. 91 habe
ich Gelegenheit genommen , das Gebiss einer Schnecken-
gattung, Solarium, zu beschreiben, von welcher man ange-
nommen hatte , ihr fehle eine Zungenbewaffnung gänzlich.
Am Schlüsse jener kleinen Mittheilung sprach ich die Ver-
muthung aus , die Zungenbewaifnung werde sich, wie bei
den übrigen Familien der sogenannten Gymnoglossen, Acu-
sidae und Architectomidae , auch bei den Pyramidellidae
und Gancellariadae wohl noch finden lassen.
Ich bin glücklicherweise schon heute im Stande, das
Vorhandensein des Gebisses für die letztgenannte Familie
nachzuweisen, und so würde nur noch ein Zweifel über die
Pyramidellidae und Eulimidac übrig bleiben.
Bevor ich jedoch zu der Beschreibung des Cancella-
rien- Gebisses schreite, muss ich noch darauf aufmerksam
machen, dass zu der Zeit, als obenerwähnte Mittheilung
über Solarium gedruckt wurde, mir der erste Theil des
23. Bandes der Transactions of the Linnean Society of
London 1860 noch nicht bekannt war. In demselben ist
p. 69 eine interessante Abhandlung von JohnDenis Mac-
donald enthalten: „Further observations on the metamor-
phosis of Gasteropoda, and the affinities of certain genera,
with an attempted natural distribution of the principal fa-
milies of the ordre," welche bereits am 16. Februar 1860
der Linnean Society vorgelegt war. Dort hat Mac donald
bereits das Gebiss von Solarium richtig erkannt. Wenn
ich somit Macdonald die erste Entdeckung zugestehen
362 T r o s c h e 1 :
muss , SO gereicht es mir zu grosser Befriedigung, dass
derselbe für die systematisciie Stellung der Gattung zu we-
sentlich denselben Resultate gekommen ist, wie ich. Ich
glaube die Gattungen Janthina , Scalaria und Solarium als
ebenso viele Familien nebeneinander stellen zu müssen ;
Macdonald dagegen vereinigt die Gattungen Scalaria
und Solarium in eine Familie, die er Scalariidae nennt. Er
giebt auch von dem Gebisse der Gattung Scalaria an , dass
die äusseren Zahnplatten zwei Spitzen besässen. Nach den
Angaben Loven's sind sie nur einspilzig; ich selbst habft
noch keine Scalaria untersuchen können.
Doch ich wende mich zu der Gattung Cancellaria, um
eine Notiz über das Gebiss, vorläufig ohne Abbildung, zu
geben , indem eine solche in dem nächsten Hefte meines
„Gebiss der Schnecken« erscheinen wird.
An einem Exemplare von Cancellaria crenifera Sow.,
welches mir Steenstriip aus dem Kopenhagener Museum
Christiani octavi zur Untersuchung anzuvertrauen die Güte
hatte, fand ich einen vorstreckbaren Rüssel, und in ihm
eine sehr kleine Mundmasse, in deren Mitte ein schmaler
Längsslreifen deutlich zu sehen war, der die muskulöse
Mundmasse nach hinten weit überragte. Dieser Streifen
ist^die Radula mit ihrer Bewaffnung. Auf ihr liegen in
zwei Reihen lange sehr dünne , bandförmige Platten, mit
dem freien Ende nach vorn gerichtet.
Die Länge dieser einzelnen Platten habe ich nicht
genau ermitteln können , weil es schwer hielt, eine ganze
Platte unversehrt zu isoliren , aber sie sind verhältniss-
mässig sehr lang. Ihre Breite beträgt im grössten Theile
ihres Verlaufes 0,035 Mm. , gegen das freie vordere Ende
verschmälern sie sich jedoch bis auf 0,01 Mm. , um sich
dann, am abgestutzten Ende selbst, wieder spatelförmig zu
erweitern und eine Breite von 0,0225 Mm. zu erreichen.
Die Ecken des abgestutzten Endes sind abgerundet.
Bei sehr starker Vergrösserung hat eine solche sehr
dünne Lamelle jederseits am Rande eine doppelte Contour-
linie. Die Fläche der Platte ist durch zwei sehr deutliche
longitudinale Linien in drei Felder getheilt, von denen das
mittlere etwas breiter ist als die seitlichen und bei durch-
lieber das Gebiss der Gattung Cancellaria. 363
fallendem Lichte etwas dunkler gefärbt ist, eine Folge da-
von, dass es dicker an Masse ist als die Seitenfelder. Die
letzteren sind gleichsam flügeiförmige oder saumartige Er-
weiterungen des Milleltheils.
In dem Mitteltheile sieht man einen engen Kanal die
ganze Platte der Länge nach durchziehen. Derselbe ist
in allen Theilen schwach geschlängelt, am engsten und re-
gelmässigsten jedoch in dem schmalen Theile, bis er sich
nahe dem Ende der Platte verliert. Der Kanal schlängelt
sich jedoch nicht in einer Ebene, sondern verläuft in einer
lang ausgezogenen Spirale. Die OefTnung selbst mit ihren
Contouren habe ich nicht finden können; es leidet jedoch
keinen Zweifel, dass eine solche vorhanden ist, Der Kanal
behält überall, so weit man ihn verfolgen kann, ein gleich
weites Lumen.
Wohin gehört demnach unsere Gattung Cancellaria ?
Die langen , nach vorn gerichteten Platten in zwei Reihen
hönnen nur auf die Gruppe Toxoglossa hindeuten. Die Ge-
stalt derselben weicht zwar stark von den pfeilförmigen
Zähnen der Conus, Pleurotoma und Terebra ab , indessen
der die Platte der Länge nach durchsetzende Kanal setzt es
ausser Zweifel, dass diese Platten zur Leitung einer Flüs-
sigkeit bestimmt sind und lassen keine andere Wahl unter
den bekannten Gruppen als die der Toxoglossen, wo nun-
mehr die Cancellarien eine eigene Familie bilden müssen.
Ob bei den Cancellarien, wie bei den Conus ct., eine
Speicheldrüse (Giftdrüse) vorhanden ist, weiss ich noch
nicht zu sagen. Ueberhaupt ist mir die Wirkung der zar-
ten, spateiförmig endenden Platten durchaus dunkel. Sie
sind zum Stechen nicht geeignet; um als Meissel wirken
zu können, erscheinen sie zu schwach und biegsam.
Nun bleiben noch die Pyramidellidae und Eulimidae
als sogenannte Gymnoglossen übrig. Von ihnen sagt auch
M a c d 0 n a 1 d 1. c, dass sie keine Mundbewaffnung besässen.
Mir selbst ist noch nicht die Gelegenheit geworden, eine
Art dieser Familie zu untersuchen. Ich werde aber in
meinem Argwohne , dass auch sie ein Gebiss besitzen,
durch die von Solarium und Concellaria bekannt geworde-
nen Thatsachen nur bestärkt.
364 Tioschel: Ueber das Gebiss der Gattung Cancellaria. ,,
Bei der Gattung Thetis L. in der Familie der Trito-
niaceen habe ich wiederholt vergebens nach einer Zunge
gesucht.
Bonn im November 1861.
Druckfehler.
Seite 99 Zeile 13 und 19 anstatt Scheide lies Schneide.
„ 181 „ 5 anstatt IX lies VIII.
Bonn, Druck von Carl Georgi.
Paiendiecher del.
er. oeKimdl iilli.
f^f 1861
Pa^ensteclier del
['j.Y. Sehiriidi lith.
18(il
Tni;
Pagsnsiecher del
3 1/
^ ^ C.F. 3:;}imidt lith.
TaF IV.
1861.
Taf . \.
Fw J
Fig.B.
Fig. a .
r^.h.
(SS^<^^'^^<^<y.^'.i^'>'^t^'^^^^'yasiS^
^^^^5^
.Fia./a
Auicr del
F üclrmu.:
Taf.V
Fagensrecher de]
C.F. Schmidt IIA.
l'af.Vl!
1861
Taf.Mll
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Autor del.
C.r.-ScKmidt lüK
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