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ARCHIT
• FÜR
NATURGESCHICHTE.
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN,
FORTGESETZT VON W. F. ERICHSON.
IN VERBINDUNG MIT
PROF. Dr. LEUCKART IN GIESSEN
UND
PROF. Dr. R. WAGNER IN GÖTTINGEN
HERAUSGEGEBEN
VON
Dk. f. h. troschei.,
PROFESSOR AN DER FRIEDRICH-WILHELMS-UNIVERSITÄT ZU BONN.
ACHT UND ZWANZIGSTER JAHRGANG,
Erster Band«
Mit dreizehn Tafeln.
Berlin,
NicolaiscRe Verlagsbuchhandlung.
(G. Parthey.)
1862.
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Inhalt des ersten Bandes.
Seite
Die Rhizocephalen, eine neue Gruppe schmarotzender Kruster.
Von Fritz Müller in Desterro. Hierzu Taf. I . . 1
Entoniscus Porcellanae, eine neue Schmarotzerassel. Von d e ra-
se Iben. Hierzu Taf. II ....... 10
Ueber ein neues Gürtelthier aus Surinam. Von Prof. Dr. Krauss
in Stuttgart. Hierzu Taf. III ..... • 19
Ueber Typhlops flavoterminatus und Herrn Prof. Jan's Icono-
graphie descriplive des Ophidiens, als Erwiderung auf
dessen Bemerkungen in dem Archiv für Katurgeschichte
1861. p. 7. Von W. Peters in Berlin ....
Eine neue Art von Coronella mit Furchenzahn. Von Dr. Al-
bert Günther in London ......
Systematische Uebersicht der Familien der Stachelflosser. Von
dem selbe n .....♦•• •
Eine neue Art von Mormyrus. Von demselben
Verzeichniss der auf seiner Reise in Kordamerika beobach-
teten Säugelhiere. Vom Prinzen Maximilian zuWied.
Schluss. Hierzu Taf. IV— VI
Ueber die Verdrängung der naturgeschichtlichen Wissenschaf-
ten im Vorbereitungs-Examen der Mediziner auf den Freus-
sischen Universitäten. Von Rudolph Wagner in
Götlingen 191
Die Verwandlung der Porcellanen. Vorläufige Mittheilung. Von
Fritz Müller in Desterro. Hierzu Taf. VII . . .194
Ein Beitrag zur Kenntniss der Tänien. Von Ludwig Stieda
aus Dorpal. Hierzu Taf. VIII ...•••
Die Larven der Hypodermen, ein Beitrag zur Lösung der Frage,
"Wie dieselben unter die Haut ihres Wohnthieres gelangen.
Von Friedrich Brauer in Wien .... 210
Ueber die chilenischen Wasserhühner aus der Gattung Fulica
Linn. Von Ludw. Landbeck in Santiago
35
48
53
64
65
200
215
IV Inhalt.
Seite
Kurzer Ueberblick der in der Kieler Bucht von uns beobachte-
ten wirbellosen Thiere, als Vorläufer einer Fauna dersel-
ben. Von H. Adolph Meyer und Karl Möbius in
Hamburg 229
Ueber die Familien der Eryciden und Tortriciden. Von Prof.
Jan in Mailand 238
Bemerkungen über Aufenthalt und Grenzen der Thiere in ex-
tremen Höhen und Einfluss der Höhe auf den Menschen.
Nach den Beobachtungen von Hermann, Adolph und
Robert V. Schlagint weit . . . . . 253
Carcinologische Beiträge. Von Dr. Strahl in Berlin. Hierzu
Taf. IX. ]. Ueber Cancer Calypso Herbst. 2. Uebcr Cancer
Tyche Herbst. 3. Ueber die Stellung der Dana'schen Fa-
Or milie Bellidea .. ., 266
Eine neue Art von Spatularia. Von Prof. J. Kaup in Darmstadt. 278
Allgemeine Orismplogie der Ameisen, mit besonderer Berück-
sichtigung des Werthes der Classifikationsmerkmalc. Von
W. H. Fenger. Hierzu Taf, X— XII ... .282
Bruchstück zur Entwickelungsgeschichte der Maulfüsser. Von
Fritz Müller in Desterro. Hierzu Taf. XIII. . . 353
Phaedimus Jagori, ein neuer Goliathide von Luzon. Beschrie-
8' ben von Dr. A. Gerstaecker in Berlin . . . 362
Noch ein Wort über die Capitellen und ihre Stelle im Systeme
ij, der Anneliden. Von Prof. Dr. Ed. Grube in Breslau . 366
40
öl)
Die Rhizocephaleii^ eine neue Gruppe scbmarotzender
Kruster.
Von
Fritz Müller
in Desterro.
(Hierzu Taf. I.)
Ra thke's Beiträge zur Fauna Norwegens schliessen mit
der Beschreibung zweier Tliiere, Peltogaster paguri und car-
cini, die mir schon beim Lesen der vortrefflichen Abhandlung
als die merkwürdigsten der ganzen reichhaltigen Sammlung
erschienen und seitdem einen der ersten Plätze behauptet ha-
ben in der Reihe der Thiere , die selbst zu untersuchen
mich verlangte. Zu dieser Untersuchung wurde mir kürz-
lich Gelegenheit durch die Entdeckung zweier nahe ver-
wandten Arten; ihre Ergebnisse waren zum Theil so über-
raschend, aus dem Kreise der gewohnten Vorstellungen her-
austretend, dass es mir bei deren Mittheilung in der That
eine Beruhigung ist, an den europäischen Küsten jene bei-
den Verwandten zu wissen und auf sie die Fachgenossen
zur Prüfung meiner Angaben verweisen zu können.
Der in den Leib des Wirthes eingesenkte Kopf die-
ser scheinbaren Würmer treibt pflanzenartig Wurzeln, hohle
Röhren, die vielverzweigt dessen Eingeweide umspinnen,
und ihre Brut stellt sich in die Mitte zwischen die der Ler-
naeen und der Rankenfüsser. Sie bilden also eine neue
Abtheilung schmarotzender Kruster, die ich nach jener er-
sten Eigenthümlichkeit Rhizocephala nenne. Es steht zu
erwarten, dass in diesen Rhizocephalen sich eine reiche
Fundgrube neuer Formen eröffnen werde, da jeder der
beiden Krebse , die ich bis jetzt in grösserer Zahl unter-
Archiv f. Naturg, XXVIII. Jahrg. 1. Bd. 1
2 Müller :
suchen konnte, eine Art ernährt. Leider fehlen mir alle
liülfsrniltel zur Bestimmung dieser Wohnlhiere; doch wer-
den sie spätere Besucher unserer Küste auch ohne weit-
läufiorc Beschreibung leicht wiederfinden. Fast unter jedem
Steine werden sie eine schwärzlichgrüne, glattscheerige,
ungemein flinke Porcellana trefTen, und kaum minder häufig
einen kleinen Pagurus, der fast ausschliesslich in den Ge-
häusen eines Cerilhium Obdach sucht.
Der Schmarotzer der Porcellana maff Lernaeodiscus
Porcellanae , der des Einsiedlerkrebses Sacculina piirpurea
heissen. Ich beschreibe zunächst die beiden geschlechts-
reifen Thiere und dann ihre Larven.
Lernaediscus Porcellanae (fig. 1 — 4) findet sich ziem-
lich häufig ^), meist einzeln, selten zu zweien, dem Schwänze
seines Wirthes an einem der vorderen Ringe angeheftet,
und füllt oft vollständig den Raum zwischen Schwanz und
Brustschild. Er hat die Gestalt einer fleischigen und blass
gelblichfleischfarbenen Scheibe, die bis über lOMm. breit
wird, bei etwas geringerer Länge. Vorn und hinten ist
die Scheibe tief ausgebuchtet und jederseits in 5 bis 7 Lap-
pen getheilt, deren meist verbreitertes Ende häufig wie-
der eingebuchtet ist. Auf der Rückenfläche der Scheibe, die
dem Schwänze der Porcellana zugekehrt ist, sieht man in
der Nähe des Randes oft noch jenen Lappen ähnliche klei-
nere Hervorragungen. Auf der Bauchfläche, die sich dem
Brustschilde der Porcellana zuwendet , fällt zunächst der
Eierstock (fig. 2, b) in die Augen, der fast die ganze Fläche
bis an den Ursprung der Randlappen einnimmt, hinten eine
breite und seichte Bucht, vorn aber einen schmalen hinter-
wärts keulenförmig verbreiterten und ihn zur bis Hälfte
theilenden Einschnitt hat.
Unter dem Eierstocke (der Bauchfläche näher) liegen
nahe dem Vorderrande der Scheibe zwei sehr ansehnliche
rundliche oder nierenförmige Drüsen (fig. 2, c) von dem
eigenthümlich durchscheinenden Ansehen, das so häufig den
Hoden niederer Thiere zukommt; ihre anfangs engen, spä-
1) S. u. den Aufsatz, über Entonisctis.
Die Khizocephalen, eine neue Gruppe schmarotzender Kruster. 3
ter erweiterten und dann sehr dünnhäutigen und schwer
zu verfolgenden Ausführungsgänge verlaufen an ihrer in-
neren Seite nach hinten ; ich verinuthe , dass die am' hin-
teren Rande dos Eierstocks in die gleicli zu erwähnende
Bruthöhle münden. Gleichfalls unter dem Eierstocke und
in ihren Umrissen demselben entsprechend, aber auch des-
sen vorderen Einschnitt füllend breitet sich eine zartwan-
dige Höhle aus, die eine röthliche durchsichtige Flüssigkeit
enthält; dass es eine einzige Höhle ist, wird deutlich, wenn
sie sich zusammenzieht; im ausgedehnten Zustande könnte
man versucht sein , ein Netzwerk zwischen den einzelnen
Eiergruppen sich hinziehender Röhren anzunehmen , die
von einer im vorderen Einschnitte des Eierstocks liegenden
Blase ausgingen , indem dann über den stärker vorsprin-
genden Eiern die Farbe der dünnen Flüssigkeitsschicht fast
unmerklich wird und deutlicher nur in den Furchen zwischen
ihnen hervortritt.
In der hinteren Ausbucht der Scheibe findet sich eine
ansehnliche, von gekerbtem Rande umfasste Oeffnung (fig.2,a),
durch die man unter abwechselndem Ausdehnen und Zu-
sammenziehen des Körpers das Wasser ein- und ausströmen
sieht. Sie führt zu einer weiten Bruthöhle , von deren
Ausdehnung man sich am leichtesten überzeugt, wenn man
sie mittelst einer fein ausgezogenen Glasröhre aufbläst.
Man sieht dann, dass sie die ganze Rückenfläche einnimmt,
ausgenommen den vorderen Einschnitt des Eierstocks, und
sich in die Randlappen erstreckt, die nur Aussackungen
derselben sind. Man findet die Bruthöhle meist prall ge-
füllt mit Eiern , die namentlich ihrer äusseren Wand an-
kleben und alle gleich alt sind. Wenn sie sich der Reife
nähern, erscheint der Rand der Scheibe durchsichtiger und
endlich Randlappen und Rücken schwarz punktirt durch die
Augen der jungen Brut, die gleichzeitig ausschwärmt. Zwei
Tage nach dem Ausschwärmen fand ich bei einem Thiere
schon wieder frische, in totaler Furchung begriffene Eier
(flg. 7) in der Bruthöhle. — Das in die Bruthöhle einströ-
mende Wasser dient meines Erachtens nur dem Athmen
der Eier, die ziemlich vollständig seinen Zutritt zum Leibe
der Mutter hemmen dürften. Auch bei vielen andern Kru-
4 Müller:
Stern mag die Befesligung der Eier am mütterlichen^Kör-
pcr weniger durch den gewährten Schutz , als durch den
steten Wasserwechsel für die Enlwickelung der Brut nö-
thig sein; selbst der Reife nahe sind mir vom Leibe der
Mutter gelöste Eier von Krabben und Garneelen immer
zu Grunde gegangen, während das gefangen gehaltene
Weibchen sie sicher ausbrütet.
In der vorderen Ausbucht der Scheibe liegt ein ge-
wölbtes Chitinschild (fig. 2, s) mit concentrischen Streifen,
zwischen denen bräunliche Farbetheilchen abgelagert zu
sein pflegen. Aus seiner Mitte entspringt ein kurzer Hals,
der die Haut der Porcellana durchbohrt. Innen umgiebt ihn
ein starker Chitinring von 0,2 bis 0,3 Mm. Durchmesser,
der sich in eine zackige nach oben erweiterte, goldglän-
zende Krone fortsetzt. Je nach dem Alter des Thieres ist
diese Krone (lig. 2, 3, 4, k) verschieden entwickelt. Sie
entsteht durch Chitinisirung der Kopfhaut. Einzelne kleine
Chitinplältchen (fig. 3,4, b) trifft man bisweilen noch ober-
halb der Krone, die von der weichen Kopfhaut nur wenig
überragt wird. — Von der oberen Fläche des Kopfes, an
dem ich von Mund, Augen, Fühlern keine Spur fand, ent-
springen nun zahlreiche Röhren (fig. 3, 4, w), bis zu 0,15 Mm.
weit, die zum Theil, namentlich die äusseren, schon in der
Nähe blind enden, zum Theil, sich vielfach verästelnd, be-
sonders nach dem Darme der Porcellana sich hinziehen, ihn
weithin, selbst bis in die Brust hinein, umspinnen und zu-
letzt in blinde Reiferchen auslaufen. Nicht selten sieht man
bis über 0,5 Mm. dicke , aus zahlreichen einzelnen Röhren
geflochtene Stränge den Weg zum Darme der Porcellana
nehmen. Diese Wurzeln, so kann man sie nach Ansehen
und Verrichtung nennen , enthalten in ihrer zarten Haut
zahlreiche Fetlkügelchen , die sich durch Aveit geringere
und dabei gleichförmige Grösse leicht von den Fetttheil-
chen im Schwänze des Krebses unterscheiden.
Dafür, dass die Wurzeln durch den Hals mit dem wei-
len Flüssigkeitsbehälter unter dem Eierstocke in Verbindung
stehen , hat man einen sehr einfachen und sicheren Beweis
in einem vor Auffindung der Wurzeln mir unerklärlichen Um-
stände; wenn man den Kopf des Schmarotzers aus dem Leibe
Die Rhizocephalen, eine neue firuppe schmarotzender Kruster. 5
des Wirtlies herauslöst, und bisweilen schon, wenn man
den Schwanz der Porcellana vom Bruststücke losreisst, er-
folgt ein augenblickliches und höchst augenfälliges Erblas-
sen des Lernaeodiscus durch Entleeren jener röthlichen Flüs-
sigkeit. Ob die mit blinden Wurzeln beginnende Höhle
für die ernährende Flüssigkeit, die man kaum Verdauungs-
höhle nennen kann, auch blind endige, muss ich noch un-
entschieden lassen, obgleich mir ein öfter gesehener schma-
ler Fortsatz nach der Oeffnung der Bruthöhle zu eine Aus-
mündung an dieser Stelle wahrscheinlich macht.
Nach Männchen des Lernaeodiscus habe ich um so
eifriger ausgeschaut, da Rathke in der Bruthhöhle von
Peltogaster paguri einen kleinen Krebs, seine Liriope pyg-
maea, beobachtet hat; allein bis jetzt ohne Erfolg. In der
aus den erwähnten grossen Drüsen gewonnenen Flüssigkeit
sehe ich dagegen bewegliche Theilchen, deren Gestalt ge-
nau zu erkennen mein Mikroskop nicht ausreicht; nach der
Art ihrer Bewegung trage ich kaum Bedenken , die Flüs-
sigkeit für Samen zu erklären.
Sacculina purpurea (fig. 5 u. 6) , der Schmarotzer un-
seres kleinen Einsiedlerkrebses, scheint nicht minder häufig
zu sein , als Lernaeodiscus. Nachdem ich einmal auf ihn
aufmerksam geworden, konnte ich aus den während einer
Ebbe gesammelten Schneckenhäusern über 30 mit ihm be-
haftete Paguren herausklopfen. Der Schmarotzer hängt als
dicke, schwach gebogene, purpurrothe Wurst, die bis über
6 Mm. lang und halb so dick beobachtet wurde, am An-
fange des weichen Hinterleibes und zwar an dessen linker
gewölbter Seite , sein etwas dickeres Hinterende mit der
Oeffnung der Bruthöhle dem Kopfe des Wirthes und also
der Mündung des Schneckenhauses zuwendend. — Der An-
heftungspunkt liegt auf der hohlen Seite der Wurst, dem
hinteren Ende etwas näher; die Enden erscheinen von oben
kuglig abgerundet.
Der Gast ist ebenso windschief wie sein Wirth ; wenn
man als untere die hohle Fläche nimmt , mit der das Thier
festsitzt, und das Hinten durch die Oeffnung der Bruthöhle
bestimmt, so ist von den beiden Seiten, die unterhalb durch
Darm und Eierstock, auf dem Rücken durch eine seichte
e Müller:
Furche geschieden sind , hinten die linke, vorn die rechte
stärker entwickelt. Vorn ist die Verschiedenheit unbedeu-
tend, hinten so stark, dass die OefTnung derßruthöhle ganz
nach der rechten Ecke des Hinterrandes gedrängt ist. Diese
OelTnung bildet eine kleine Längsspalte, und lässt dieselbe
Wasserströmung gewahren , wie bei Lernaeodiscus. Links
läuft der hintere Rand meist in eine mehr oder weniger
deutliche, scharfe Ecke aus. Der Darm und der darüber
liegende Eierstock bilden einen ziemlich schmalen, hinten
und vorn verjüngten Streifen , der sich vom Anheftungs-
punkte vorwärts fast bis zum Vorderrande, hinterwärts bis
zur OefTnung der Bruthöhle erstreckt. — Die ganze übrige
Wurst ist Bruthöhle. Die nahende Reife der Eier verräth
sich durch blassere, mehr durchscheinende Färbung.
Der concentrisch geriefte Schild am Anheftungspunkt
ist schwach entwickelt; die goldene Krone im Innern des
Wirthes (fig. 6, k) dadurch von der des Lernaeodiscus ver-
schieden, dass von dem Ringe einzelne breite Aeste ab-
gehen, deren breite Zweige allmählich in die dünnere Kopf-
haut verfliessen, während Lernaeodiscus spitze, scharf um-
schriebene Zacken hat. Die dem Kopfe entsprossenden
Wurzeln erstrecken sich auf der linken Seile des Pagurus
nach hinten und bilden zwischen den Leberschläuchen ein
dichtes Büschel aus w^enigen Hauptstämmen entspringender
Röhren. Man kann aus diesem Büschel ziemlich leicht
die es durchsetzenden Leberschläuche hervorziehen und
es so vollständig isoliren (fig. 5. B, w). Die Farbe des
Wurzelbüschels ist dunkelgrasgrün ; es schimmert deutlich
durch die dünne Leibeswandung des Pagurus hindurch.
Die Larven der beiden Schmarotzer haben so viel
Uebereinstimmendes, dass ich nur die des Lernaeodiscus
beschreibe und für die der Sacculina nur auf das von jener
Abweichende aufmerksam machen werde.
Die Larve von Lernaeodiscus (fig. 8) ist 0,2 Mm,
lang, vorn 0,12 Mm. breit und nach hinten anfangs schwach,
im letzten Drittel rascher veriünfrt. Am Hinterende träfft
•IC ^
sie zwei kurze Spitzen. Der schwach gewölbte Vorder-
rand läuft jederseits in ein kurzes an der Spitze etwas
nach hinten gebogenes Hörn aus. Den Rücken deckt ein
Die Rhizocephalen, eine neue Gruppe schmarotzender Kruster. 7
Schild, das den Körper vorn und seitlich um 0,04 bis 0,05 Mm.
überragt; hinten deckt es kaum den Ursprung- der beiden
Spitzen und ebenso nur den Anfang der Hörner des Stirn-
randes.
Auf der Unterfläche liegt in geringer Entfernung vom
Vorderrande ein grosses , etwas quergezogenes und vorn
meist seicht ausgerandetes schwarzes Auge , von dem sich
ein starker Nerv hinterwärts verfolgen lässt, dem aber ein
lichtbrechender Körper zu fehlen scheint. Die Borsten zu
den Seiten des Auges, auf die M a x Schnitze bei den
jungen Rankenfüssern aufmerksam gemacht hat, vermisse ich.
Die Ursprungsstelle der drei Fusspaare liegt etwa in
der Mitte zwischen Mittellinie und Seitenrand ; das vorderste
entspringt dicht hinter dem Auge, das letzte am Ende des
zweiten Fünftels der Länge. Das vorderste hat ein dickes
cylindrisches Grund-, und ein kurzes Endglied mit zwei
längeren Borsten; — das zweite trägt auf dickem Grund-
gliede einen längeren äusseren (und vorderen) Ast mit fünf,
und einen kürzeren inneren mit drei langen Borsten ; —
dass dritte Fusspaar ist bedeutend kürzer und schwächer
als das zweite; sein äusserer Ast trägt vier, der innere zwei
längere Borsten. Die längeren Aeste sind geringelt, doch
nicht deutlich gegliedert.
Zwischen dem mittleren Fusspaare entspringt ein drei-
eckiger Schnabel mit rückwärtsgerichleter Spitze. Der
weite Darm , der den Schnabel noch etwas nach vorn
überragt, ist in den ersten Tagen noch dicht mit brauner
Dottermasse gefüllt. Hinter dem letzten Fusspaare ist bis-
weilen eine leichte Einschnürung des Körpers zu sehen.
Die Larve der Sacculina ist verschieden durch ein
viel grösseres, die Stirnhörner und Endspitzen weit über-
ragendes Rückenschild , durch Mangel des Auges , durch
mehr eiförmige Gestalt des Leibes und gerade, schief vor-
wärts gerichtete Stirnhörner. Ausserdem fand ich bei ihr
die bei Lernaeodiscus vermissten Borsten in der Nähe des
Vorderrandes und hinter dem letzten Fusspaare zu jeder
Seite des Darmes ein Häufchen bräunlicher undurchsichti-
ger Körnchen (Harn ?), von dem ich ebenfalls bei Lernaeo-
discus nichts finden kann.
8 AI ü 1 1 e r :
Nach den gegebenen Beschreibungen würden sich als
bezeichnende Eigenthümlichkeilen der Rhizocephalen , die
n die Älitle zwischen Siphonostomen und Rankenfüsser zu
stellen sein dürften, fogende hervorheben lassen :
Crustacea Rhizocephala. Larve mit drei paar Schwimm-
füssen, von denen die beiden hintern zweiästig, mit zwei
seitlichen Stirnhörnern, zwei Spitzen am Ende des Leibes
und häutigem Rückenschild. Erwachsenes Thier weich-
häutig, ungegliedert, ohne Augen, Fühler, Füsse und
(?)Mund. Kopf in das Wohnthier eingesenkt, am Grunde zu
einem Chitinkranze erhärtet, durch wurzelartige blinde
Forlsätze Nahrung aufnehmend. Zwitter mit beweglichen
Spermatozoiden (?) , ohne Eiersäcke (wie die Rankenfüs-
ser) , mit weiter hinten geöffneter Bruthöhle.
Gattungen :
1) Peltogaster Rthk. i).
2) SaccuUna. Körper unsymmetrisch, wurstförmig;
Kopf mitten auf der Bauchfläche. — Larve ohne
Auge, mit zwei Stirnborsten.
3) Lernaeodiscus. Körper symmetrisch, scheibenför-
mig, Kopf am Vorderrande der Scheibe. — Larve
mit Auge, ohne Stirnborsten.
1) Nach mehr als 15 Jahren sind mir die Einzelnheiten von
Rattike's Beschreibungen zu sehr entschwunden, um diese Gattung
charakterisiren oder selbst nur entscheiden zu können, ob nicht Sac-
culina damit zu vereinigren sei.
Erkläruug der Abbildungen.
Taf. L
Fig. 1. Lernaeodiscus am Schwänze der Porcellana angeheftet, we-
nig vergr.
n 2. Ein kleineres Exemplar, V. d. Bauchseite, 15mal vergr. a Oeff-
nung der Bruthöhle, b Eierstock, c Hoden (?)• s Chitin-
scliild. k Krone. — Der weiche Theil des Kopfes fehlt.
Die Rhizocephalen, eine neue Gruppe schmarotzender Krusler. 9
Fig. 3 u. 4. Der innerhalb der Porcellana liegende Theil von Ler-
naeodiscus, 25nial vergr. b einzelne Cbitinplällchen. k
Krone, w Wurzeln, d Darm der Torcellana.
„ 5. Sacculina purpui-ea, 3nial vergr. A von unten. B von der
rechten Seite, a, b, k wie in fig. 2.
„ 6. Der innerhalb des Pagurus liegende Theil der Sacculina, 15mal
vergr. k Krone, w Wurzeln.
„ 7. Ei aus der Brutböhle des Lernaeodiscus, in totaler Furchung,
90mal vergr.
„ 8. Erster Jugendzustand des Lernaeodiscus, ISOmal vergr. von
unten.
„ 9. Erster Jugendzustand der Sacculina^ v. oben, ISOmal vergr.
Desterro, Ende Juli 1861.
Anmerk. des Herausgebers. Der Herr Verf., dem wir schon so
werthvolle an der brasilianischen Küste angestellte Beobachtungen
verdanken, hat offenbar die neueren Mittheilungen über Peltogaster ct.
(dies Archiv XXI. p. 3 5 und XXV. p.232) nicht gekannt; ebenso we-
nig die Beobachtungen von Wright und Anderson Wew Phil.
Journ. VII. p. 312 , sonst würde er dieselben erwähnt haben. Die
Beobachtungen der Letzteren von den sich im Wirthe verästelnden
Canälen , werden durch unseren Verf. auf das Vollständigste bestä-
tigt. Um durch eine Rückfrage bei der weiten Entfernung des Verf.
diese interessante Mittheilung nicht zu verzögern , habe ich sie un-
verändert abdrucken lassen.
Entoniscus Porcellaiiae^ eine neue Schmarotzerasse].
Von
Fritz Müller
in Desterro.
(Hierzu Taf. U).
Als äusserstes Glied in der Reihe der durch Schmarot-
zerleben verkümmerten Asseln galt bis jetzt die Gattung-
Bopyrus. Weit über diese Grenze hinaus entfernt sich von
Lebensweise und Bau der frei lebenden Asseln und von
seiner eigenen jugendlichen Gestalt ein Schmarotzer der-
selben Porcellana , um deren Darm Lernaeodiscus seine
Wurzeln schlingt und in deren Kiemenhöhle, beiläufig be-
merkt, nicht selten ein Bopyrus sich ansiedelt.
Das Weibchen dieses Schmarotzers liegt in einem dünn-
häutigen Schlauche zwischen Leber , Darm und Herz des
Wirthes; sein Kopf hat Augen und Fühler verloren und
den Magen in sich aufgenommen ; die Brust ist zu einem
regungslosen, ungegliederten, mit ungeheueren Brutblätlern
besetzten Schlauche geworden ; der lange wurmförmige
äusserst beweorliche Hinterleib hat säbelförmige Beine und
kuglig über ihn hervorquellend, wie in einem Bruchsacke,
liegt am Anfange seines ersten Gliedes das Herz !
Als erster ßinnenassel gab ich dem Thiere den Namen
Entoniscus Porcellanae.
Das Weibchen (fig. 1) erreicht eine Länge von 10
bis 15 Mm. Der Kopf bildet einen etwa 1 Mm. langen,
1,5 Mm. breiten weisslichen, w^eichen, rundlichen Klumpen.
Oberhalb ist er durch eine seichte Längsfurche etwa wie
ein Hirn in zwei gewölbte Hälften geschieden , zwischen
denen vorn und unten ein kurzer abgerundeter Lappen vor-
springt. Etwas vor der Mitte der ziemlich flachen Unter-
Müller: Entonisciis Porcellanae, eine neue Schniarotzerassel 11
fläche sieht man als winziore Längsspalte den Mund , und
um ihn — wahrscheinlich Andeutungen früher deutlicherer
Mundtheile — verschiedene Linien, für die ich, da ich sie
im Einzelnen nicht zu deuten weiss , auf die Abbildung
(flg. 5) verweise. Die Aehnlichkeit des Kopfes mit einem
Hirne wird noch erhöht durch unregelmässige Furchen, die
ihn fast wie Hirnwindungen durchziehen. Zerzupft man
die äussere Haut , so sieht man , dass sie herrühren von
zahlreichen kegelförmigen Blindsäckchen, deren fettreichem
Inhalte der Kopf seine weisse Farbe dankt und die den
früher als Leber gedeuteten Blindsäckchen am vorderen
Theile des Darmes vonBopyrus entsprechen dürften. Von
Fühlern und Augen ist bei geschlechtsreifen Weibchen nichts
zu finden; bei einem jüngeren sah ich einmal ein paar
plumpe kurze Zipfel über dem unpaaren unteren Lappen,
die wahrscheinlich Fühlerreste waren.
Aufwärts sich biegend bildet der Kopf einen stumpfen
Winkel mit der Brust und ist nur unbedeutender Bewegung
von oben nach unten fähig. Ganz regungslos scheint das
lange schlauchförmige ungegliederte Bruststück zu sein,
das Leber und Eierstöcke fast vollständig füllen ; beide
fallen durch lebhafte Färbung sofort in die Augen , jene
durch ein prachtvolles gesättigtes Orange, diese durch ein
röthliches Violett. Die Leber besteht aus zwei auf der
Bauchseite dicht aneinander gelagerten etwa 0,2 bis 0,3 Mm.
weiten Schläuchen, die 0,5 Mm. vom Hinterende der Brust
blind beginnen und sich bis an den Kopf erstrecken. Die
Eierstöcke nehmen die Rückenseite ein, über die sie in
unreq^elmässio-en Hüijeln hervorrag-en und lassen vorn eben
SO viel freien Raum, wie die Leber hinten. Füsse habe ich
in der Regel selbst bei Jüngern Weibchen, die wegen der
weniger entwickelten Brutblätter leichter darauf zu un-
tersuchen sind, völlig vermisst. Einige Male, und nicht
gerade bei jüngeren, traf ich einen oder den anderen in
Form kurzer, kegelförmig zugespitzter, rückwärtsgekrümm-
ter , mit kleinen Borstchen zerstreut besetzter Zipfelchen
(lig. 7). Zu ungeheueren, vielgefalteten, gelappten und zer-
schlitzten häutigen Lappen sind dagegen die Brutblätter
entwickelt. Wo ich sie deutlich zählen konnte, — denn oft
12 Müller:
erscheinen sie als eine einzige kaum cntwirrbarc, gewaltige
Blätterkrause, — fand ich sechs Paar! Sie sind durchzo-
gen von engen bauinförmig verästelten Gängen, in die man
bisweilen durch den Druck des Deckglases die Galle aus
der zersprengten Leber hineintreiben kann und enthalten
äusserst zahlreiche dichtgedrängte Fettkügelchen einge-
lagert.
Wenn man schon bei Bopyrus verwundert die Eier-
menge betrachtet, die sich unter ihrer breit schildförmigen
Brust anhäuft, so ist dieselbe bei Entoniscus noch weit er-
staunlicher; sie bildet unregelmässig zusammengeballte
Haufen, deren Breite oft der Länge der Brust gleichkommt,
die sie vorn und hinten bisweilen noch weit überraoren, so
dass nicht selten der ganze Körper vollständig in ihnen
versteckt ist. Und während Bopyrus , wie andere Asseln,
jede Brut erst vollständig sich entwickeln und ausschwär-
men lässt, ehe er neue Eier legt, häuft Entoniscus eine
ganze Beihe aufeinander folgender Brüten gleichzeitig um
sich an , so dnss man Stoff für die ganze Enlwickelungs-
geschichte den Brutblättern desselben Thieres entneh-
men könnte.
Dem Bruststücke folgt ein weit dünnerer höchst be-
weglicher, scchsgliedriger Hinterleib, von sehr wechseln-
der Länge, bald weit kürzer, bald über anderthalb Mal so
lang wie die Brust. Diese Verschiedenheiten der Länge
rühren namentlich her von den beiden ersten zu lang-en
Cylindern ausgezogenen Bingen. Bei einem Thiere von
14 Mm. Länge finde ich für die Länge des ersten Hin-
terleibsringes 2,3; des 2ten 2; des 3ten 1,2; des 4ten
0,32; des 5ten 0,25 und des 6ten 0,38 Mm.; die Dicke war
beim ersten Binge 0,25 und beim letzten 0,2 Mm. Die 5
ersten Binge tragen nahe ihrem hinteren Ende ein Paar
ungegliederter säbelförmiger borstenloser Füsse: die des
dritten Paares sind die längsten und reichen bis zum Ende
des vorletzten Ringes. Die Füsse lassen sich nicht nur
heben und senken, sondern auch seitlich ausspreiten. Das
letzte Glied des Hinterleibes (fig. 6) ist am Ende oben ab-
gestutzt und hat unterhalb einen bis zu seiner Mitte rei-
chenden Vförinigen Ausschnitt. — An der Bauchfläche des
Enloniscus Porcellanae, eine neue Schinarotzerassel. 13
Isten und 2ten Hinterlcibsrinores, und weniger entwickelt
an der des 3ten, zieht sich jederseits eine weit vorsprin-
gende contractile Hautfalte hin; ihr stark wellig gebogener
Rand enthält eine gefässartige Höhlung , die sich in den
Rand des entsprechenden Fusses fortsetzt.
Am Anfange des ersten Hinterleibsringes trägt dessen
Rückenfläche eine bruchsackartige Ausstülpung von etwa
0,5 Mm. Länge und fast gleicher Höhe; darin liegt das
ziemlich matt pulsirende Herz.
Wenn nun im Baue des Weibchens kaum die Blind-
därmchen am Anfange des Verdauungsrohres , die beiden
Leberschläuche, und das am Anfange des Hinterleibes lie-
gende kurze Herz an Bopyrus erinnern , so tritt die Ver-
wandtschaft mit dieser Assel unverkennbar hervor in den
Männchen (fig. 2 u. 3), die wie dort fast beständige Be-
gleiter des Weibchens, aber viel zwerghafter und daher
zwischen den unendlichen Eiermassen leicht zu übersehen
sind. In der Regel findet sich nur eines; ein einziges Mal
sah ich ihrer zwei auf dem Leibe derselben Dame spazieren
gehen.
Das Männchen ist gegen 0,8 Mm. lang, kaum 3 —
4mal länger als die eben ausgeschlüpften Jungen; in der
Mille der Brust erreicht die Breite fast % der Länge; von
da ab ist der Körper schwach nach vorn, stark nach hin-
ten verjüngt. Die Brust ist deutlich in 7, der Hinterleib in
6 Ringe geschieden ; die Grenze zwischen Kopf aber und
erstem Bruslringe ist nur durch eine tiefe seitliche Ein-
schnürung angedeutet. Der Kopf (fig. 8) hat die Gestalt
eines Trapezes mit abgerundeten Ecken, dessen Höhe der
kürzeren der parallelen Seiten etwa gleich und die Hälfte
der längeren hinteren ist. Er trägt ein Paar ungeglieder-
ter, platter, viereckiger Fühler; mit der inneren Seite ent-
springen sie von der Unterfläche des Kopfes, die vordere
schliesst sich dem Stirnrande desselben an, die hintere ist
ihr ziemlich gleichlaufend und die äussere richtet sich
schief nach hinten und aussen. An der vorderen, stumpfen
Ecke sieht eine Gruppe kurzer, einwärts gekrümmter Bor-
sten. Augen fehlen oft; sind sie vorhanden, so sind sie
vom Kopfe bis fast an den Hinlerrand des damit verschmol-
14 Müller:
zenen ersten Bruslringes gerückt. Der Ursprung des drei-
eckigen Saugrüssels liegt auf der hinteren Grenze des Ko-
pfes ; seine Spitze legt sich zwischen den Ursprung der
Fühler.
Die sechs vorderen Brustringe tragen nahe dem Rande
zu fast sitzenden ungegliederten rundlichen Klumpen ver-
kümmerte Füsse (fig. 9) , mit denen nichts desto weniger
das Thier sich ziemlich rasch von der Stelle hilft. Der 7.
Ring ist fusslos, trägt aber am hinteren Rande jederscits
einen warzenförmigen Vorsprung und auf diesem die Ge-
schlechtsöifnung.
Der hinterwärts stark verjüngte Hinterleib ist ohne
Anhänge, wie bei den Männchen zweier anderen hiesigen
Bopyriden; der letzte Ring zeichnet sich durch grössere
Länge vor den übrigen aus und ist am Ende mit winzigen
Dörnchen besetzt.
Von innern Theilen fallen zunächst zwei weite, stark
bräunlich gefärbte , contractile Leberschläuche auf, die im
Isten oder 2ten Hinterlcibsringe blind beginnen und bis
zum 2ten ßrustringe sich erstrecken. Zwischen ihnen ver-
läuft der Darm. Ueber Darm und Leber lagert sich jedcr-
seits ein weiter schlauchförmiger Hode, der von der schon
erwähnten Geschlechlsöllnung durch 3 bis 4 Ringe nach
vorn sich erstreckt und in der Regel in jedem nach aussen
eine seitliche Aussackung hat. — Das Herz sieht man dicht
hinter der Leber pulsiren.
Ebenso ähnlich, wie die Männchen, sind die Larven
(fig. 4) denen von Bopyrus. Der flache asseiförmige Kör-
per ist etwa 0,2 Mm. lang und halb so breit ; die grösste
Breite fällt auf den 2ten und 3len Brustring, von wo sich
der Körper hinterwärts bis auf 0,04, vorwärts bis auf 0,06 Mm.,
die Breite des fast geradlinigen Slirnrandes, verschmälert.
Von der Länge nimmt etwa y^ der Kopf, den Rest nehmen
zu gleichen Theilen Brust und Hinterleib ein, von denen
jedes deutlich in sechs Ringe geschieden ist. Der Kopf
trägt oberhalb nahe der hinteren Ecke zwei rundliche
schwarze Augenflecke, wie es scheint, ohne lichtbrechenden
Körper, unterhalb zwei kurze dicke zweigliedrige vordere
Fühler, die nur mit ihren Endborsten den Kopfrand *über-
Entoniscus Porcellanae, eine neue Schniarotzeiassel. 15
ragen, und zwei lange hintere Fühler, die gerade unter den
Augen entspringen und bis zum Anlange des Hinlerleibes
reichen; sie sind sechsgliedrig; das vorletzte Glied und das
letzte borslenförmige sind die längsten. — Im Munde, der
nahe dem Hinterrande des Kopfes liegt , konnte ich nur 2
Kiefer unterscheiden. — • Dicht am Vorderrande des Kopfes
fällt ein rundlicher, vorn ausgerandeter, aus hellen runden
Körnchen gebildeter Fleck in die Augen; er erinnerte mich
an den Fleck , den man am Kopfe vieler Amphipoden be-
merkt (besonders deutlich bei dem Gammarus ambulans
der pommerschen Torfmoore, auch bei Leptocheirus pilo-
sus Zadd.).
Die fünf vorderen Bruslringe tragen gleichgebildete
Füsse, die nahe an deren Rande entspringen; man unter-
scheidet an ihnen zwei längere cylindrische Grundglieder,
ein kurzes drittes Glied , ein verdicktes eiförmiges Hand-
glied von der Länge des I.Grundgliedes und eine schwach-
gekrümmte kräftige Klaue, die reichlich halb so lang, wie das
Handglied ist. ' — Am sechsten Fusspaare, das dem Rande we-
niger nahe entspringt, sind nur drei Glieder zu unterschei-
den: ein cylindrisches Grundglied, ein winziges zweites und
ein elliptisches Endglied , das 0,04 Mm. lang und halb so
breit ist. Dieses Fusspaar pflegt dem Leibe dicht anzulie-
gen mit einwärtsgerichtelem Grund- und rückwärts gewand-
tem Endgliede.
Der Hinterleib trägt zunächst vier Paar Schwimmfüssc
mit halbmondförmigem Grundgliede, das etwa in der Mille
der gewölbten Seile so angeheftet ist, dass das eine we-
nig längere Hörn nach innen und etwas nach hinten, das
andere nach vorn und aussen gerichtet ist. Die Entfer-
nung der Hörner ist 0,03 Mm. Das äussere Hörn trägt ein
lanzettförmiges Endglied, das gerade in den Ausschnitt des
Halbmondes passt und an seinem schief abgeschnittenen
Ende drei Borsten von etwa doppelter Länge des Gliedes
trägt. Bisweilen ist dieses Endglied am vierten Paare
merklich kleiner, als an den drei vordem; meist aber sind
sie alle gleich. Am inneren Hörne der drei vorderen Grund-
glieder steht eine einfache Borste; bald fand ich diese
Borsten alle gleich lang, etwas länger als die des End-
liß ^ Müller:
gliedcs, öfter die 2te und 3te merklich kürzer, die letzte
nur Yä der Länge der ersten erreichend. Dem 4. Schwimm-
fusspaare fehlt diese Borste. Der 5te Hinterleibsring trägt
einen schmalen und kurzen borstenlosen Anhang (fig. 13),
der in eine längere innere und kürzere äussere Spitze ge-
spalten ist. Endlich zu den Seiten des letzten Hinterleibs-
ringes stehen ansehnliche Anhänge mit dickem Grundgliede
und zwei schlanken zweigliedrigen Endästen , von denen
der äussere unbedeutend länger ist. Das letzte dornförmige
Glied dieser Aeste ist gerade ; ein kurzer Dorn lindet sich
aussen am Ende des Grundgliedes und des ersten Gliedes
der Aeste.
DieThierchen kriechen nicht besonders behend, schwim-
men aber recht hurtig. Die ruckweise Bewegung, im Ver-
eine mit den langbeborsteten Schwimmfüssen und dem durch
die seitlichen Anhänge gabiig erscheinenden Schwänze,
giebt ihnen dabei eine entfernte Aehnlichkeit mit Cyclops.
Das Weibchen des Entoniscus ist im Innern der Por-
cellana so gelagert, dass sein Kopf zwischen den Blind-
säckchen der Leber verborgen liegt; dann zieht es sich
hinterwärts und unterm Herzen bis ans Ende der Kopfbrust;
die Brutblätter reichen sogar bisweilen noch ziemlich weit
in den Hinterleib hinein. Das ganze Thier, auch Kopf und
Mund, ist ziemlich eng umschlossen von einem häutigen
Schlauche, der sich nach hinten in einen engeren Ausfüh-
rungsgang fortsetzt, und bis auf die Grenze zwischen ßrusl-
schild und dem freien Ringe sich verfolgen lässl, der bei den
Porcellanen das verkümmerte fünfte Fusspaar trägt. Die-
ser umhüllende Schlauch entsteht wahrscheinlich, indem der
junge Entoniscus , um ins Innere der Porcellana zu gelan-
gen, die weiche Haut jenes Gelenkes nicht durchbricht, son-
dern vor sich herstülpt. So könnte man ihn, als in einer
Einstülpung der äusseren Haut seines Wirthes lebend, einen
äusseren Schmarotzer nennen, wie Bopyrus und andere As-
seln, obwohl er zwischen Leber, Darm und Herz sich bettet
und von den Windungen der Samengänge umschlungen ist.
Nicht selten finden sich 2, einmal traf ich sogar 3
Entoniscus bei derselben Porcellana.
Sicher umschlossen von dem umhüllenden Schlauche
Entoniscus Porcellanae, eine neue Schmarotzerassel. 17
bedarf das Männchen des Entoniscus nicht die scharfkral-
ligen Klammerfüsse der Bopyrusmännchen , und das Weib-
chen hat wiederum eine ausreichende Bürgschaft für die
eheliche Treue seines Genossen in jenen Klumpfüssen, die
ihm einen Ausflug ins freie Meer unmöglich machen.
In Bezug auf das Vorkommen habe ich noch eines be-
merkenswerthen Umstandes zu gedenken, dass nämlich häufig
Lernaeodiscus und Entoniscus bei derselben Porcellana sich
finden. Aufmerksam geworden auf dieses Verhältniss und
wohl wissend , wie trüglich Schälzungen von Zahlenver-
hältnissen ohne wirkliche Zählung sind, habe ich über die
Schmarotzer von 1000 vom 4. Juli bis 1. August unter-
suchten Porcellanen Buch geführt. Glücklicherweise wurde
diese Untersuchung dadurch sehr erleichtert, dass auch En-
toniscus von aussen zu erkennen ist, indem bei stark zu-
rückgebogenem Schwänze bald die Leber oder die Eier-
stöcke, bald die Eier zwischen den Brutblättern , oder
selbst die schwarzen Aeugelchen der jungen Brut in dem
Gelenke hinter dem Brustschilde durchschimmern. — Es
fanden sich Lernaeodiscus 84, Entoniscus bei 49 unter jenen
1000 Porcellanen; danach hätte man bei 49 x 84 unter
einer Million, oder bei 4 unter Tausend beide Schmarotzer
zugleich finden sollen, während sie 21mal ^) vereinigt vor-
kamen, also 5mal häufiger, als die Häufigkeit jeder einzel-
nen Art erwarten Hess. — Die Erklärung dieses häufigen
gemeinsamen Vorkommens glaube ich darin zu finden, dass
Lernaeodiscus ein dichtes Aneinanderschliessen von Schwanz
und Brustschild hindert und so dem jungen Entoniscus den
Zugang zur Bauchfläche der Porcellana erleichtert.
1) Wobei weder die jüngeren, von aussen nicht erkennbaren
Entoniscus mitgezählt wurden, die sich später bei den Lernaeodiscus
tragenden Porcellanen fanden, noch auch die mit Entoniscus behaf-
teten, die nur noch die goldene Krone abgefallener Lernaeodiscus an
sich trugen.
Ajrohiv f. Naturg. XXVIII. Jahrg. 1. Bd.
18 Müller: Entoniscus Porcellanae, eine neue Schmarotzerassel.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. II.
Fig. 1. Entoniscus Porcellanae, Weibchen, nach Entfernung der Eier
aus den Brutblättern, 15mal vergr. e Eierstock, h Herz,
1 Leber.
„2. Männchen, bei gleicher Vergrösserung.
„ 3. Dasselbe, 90mal vergr. h Hoden, 1 Leber, a Augen.
„4. Larve, den Brutblättern des Weibchens entnommen , 180mal
vergr.
„ 5. Mund des Weibchens und dessen Umgebung, 90mal vergr.
„ 6. Letzter Hinterleibsring desselben, 45mal vergr.'*' U'r/.^injllid
„ 7. Füsse von der Brust desselben, 90mal vergr. \iunf:U!
„ 8. Kopf des Männchens, V. oben; wie alle folgende Figuren,
ISOmal vergr.
„ 9. Fuss desselben.
„10 — 14. Füsse der Larve; fig. 10 vom letzten Brustringe: fig. 11
vom ersten, 12 vom dritten , 13 vom fünften und 14 vom
sechsten Hinterleibsringc.
Desterro, Anfang August 1861.
-11'.)
•M hnii
Heber ein neues Gürtelthier aus Surinam«
Von
mit Prof. Dr. Hrauss
in Stuttgart.
(Hierzu Taf. III.)
Das K. Naturalien-Kabinet in Stuttgart hat durch Herrn
A. Kapp 1er aus den Urwäldern des Marowiniflusses in
Surinam bis jetzt drei Arten von Gürtelthieren erhalten,
nämlich Dasypus (Cheloniscus Wgir.) gigas Cuv., Dasypus
(Xenurus Wglr.) 12-cinctus Schreb. (D. gymnurus 111.) und
den langschwänzigen Tatu, bisher als D. novemcinctus L.
bezeichnet.
lieber die richtige Bestimmung der beiden ersten Ar-
ten , die zu den Seltenheiten jenes Landes gehören , ist
kein Zweifel, dagegen befinden sich unter dem langschwän-
zigen Gürtelthiere zwei an Grösse verschiedene Thiere. Das
kleinere, das nach Kappler's Mittheilungen in Surinam
häufig vorkommt, ist der von Burmeister aufgestellte
Dasypus Pepa. Burmeister hat nämlich im ersten Bande
von d'Alton's und seiner Zeitschrift für Zoologie und im
ersten Bande seiner systematischen Uebersicht der Säuge-
thiere Brasiliens diese Gürtelthiere (Praopus Burm.) in
zwei Arten : in D. Pepa aus Guyana und in D. longicaudus
Pr. Max. aus Brasilien getheilt. Das grössere, das immer
selten ist, hat schon W. v. Rapp (anatomische Untersu-
chungen über die Edentaten , 2. Aufl. 1852. p. 8) als altes
Thier von Dasypus (Tatusia Fr. Cuv.) pepa = D. novem-
cinctus L. und D. longicaudus Pr. Max. angeführt und von
demselben neben den Grössenverhältnissen zuerst die merk-
20 K r a u s s :
würdigen klaiionaiiigen Schuppen an clor vonleren Seite der
Unterschenkel bekannt gemacht. Ausser diesen und an-
dern Eigcnlhüinliclikeiten ist aber der Schädel dieses grös-
seren Tatu von dem des Burm e ister'schen Dasypus Pepa
und aller mir bekannten Arten so auffallend verschieden,
dass es gerechtfertigt ist, eine eigene Art aufzustellen. Ich
will dieses Gürtelthier dem Entdecker zu Ehren Dasypus
Kapplei^i nennen. Ehe ich aber diese neue Art beschreibe,
wird es nöthig sein zur Vergleichung beider Arten eine
ausführliche Beschreibung des surinamischen D. Pepa Burm.
vorauszuschicken.
Zu nachstehender Untersuchung standen mir folgende
ausgestopfte Thiere und Schädel , welche ich durch Herrn
Kapp 1er aus Surinam erhalten habe, zu Gebote:
Von Dasypus Kappleri n. sp. a) ein altes Männchen
sammt Schädel aus dem zoologischen Museum in Tübingen,
das mir Herr Prof. Dr. Leydig gütigst mitgetheilt hat und
in nachstehender Tabelle mit I bezeichnet ist, b) ein altes
Weibchen sammt Schädel aus dem hiesigen k. Naturalien-
Kabinet (II in der Tabelle) und c) zwei einzelne Schädel
von jüngeren Thieren, die gerade im Zahnwechsel sind
(III u. IV);
Von Dasypus Pepa Burm. a) ein altes Männchen sammt
Schädel aus dem k. ISaturalien-Kabinet (V in der Tabelle),
b) ein Schädel eines alten Thiers (VI), c) ein Schädel eines
jüngeren Thiers im Zahnvvechsel (VII), beide aus dem hie-
sigen Kabinet, d) ein Schädel eines alten Thiers, von Hrn.
Prof. Dr. Leydig gütigst mitgetheilt (VIII), und e) ein
Skelet eines halbgewachsenen Thiers aus dem hiesigen k.
Gymnasium (IX) durch die Güte des Hrn. Prof. Dr. Köst-
lin erhalten.
Dasypus Pepa Burm.
Alle grösseren Hornschilder des Kopfes, Panzers und
Schwanzes sind gewölbt. Das Auge liegt % der Kopf-
länge "") vom hintern Rande des Kopfpanzers entfernt. Der
^) Unter Kopflänge ist hier die gerade Linie von der Schnau-
i^^nspilze bis zum hinteren Rande des Kopfpanzers verstanden.
Ucber ein neues Gürtelthier aus Surinam. 21
Kopfpanzer endigt zwischen den Ohren mit einer dreieckigen,
aus 11 — 12 verschieden gestalteten festen Hornschildern, be-
stehenden stumpfen Schneppe , die von den übrigen Kopf-
schildern, denen sie an Festigkeit und Aussehen ganz gleich
sind , durch eine Querfurche getrennt ist und w^ahrschein-
lich einige Beweglichkeit gestattet. Die Schilder auf dem
Kopfe sind meist 5-6seitig und werden gegen die Schnauze
allmählich kleiner und eiförmig. Die Borsten an der schie-
fen Warzenreihe hinter dem Auge sitzen am hintern, die
der übrigen Warzen an den Seiten des Kopfes am obern
und vordem Bande und sind lang. Die Ohren sind 5 Cm.
lang, am Ende stumpf.
Der Schulterpanzer ist hinter den Ohren rund ausge-
schnitten. Hinter dem vorderen Bande desselben sind drei
scharf abgesonderte Beihen, deren grössere Hornschilder
auf dem Bücken des Thiers undeutlich dreiseitig, erhaben,
hinten abgestutzt und vorn mit 2—3 kleinen Schildern um-
geben, an den Seiten aber grösser, flacher und fast vier-
seitig sind. Von diesen vordem Beihen bis zur gürtelähn-
lichen Beihe am hintern Bande des Schulterpanzers sind die
Hornschilder nur etwas grösser als die sie umgebenden
Zwischenschilder, sie ordnen sich gegen den seitlichen Band
an Grösse zunehmend in 13 — 14 weitere Beihen. Drei grös-
sere meist sechsseitige Hornschilder schliessen gewöhnlich
ein 4 — 5-seitiges, in der Mitte längsgefurchtes Zwischen-
schild ein , und zuweilen ist noch an den Seiten zweier
grösserer ein kleines vierseitiges zwischen zwei Zwischen-
schilder eingelagert. Die gürtelähnliche Beihe am hintern
Bande des Schulterpanzers besteht aus 61 grossen (parabo-
lischen nach Burm.) Hornschildern von der Gestalt eines
länglichen gleichschenkligen Dreiecks mit convexen Schen-
keln , zwischen welchen dreiseitige hinten in eine sehr
schmale Spitze ausgehende Zwischenschilder liegen, die auf
dem Bücken ebenso lang, an den Seiten aber kürzer sind,
als die Hornschilder. Unmittelbar vor einem jeden dieser
schmalen Zwischenschilder liegen auf dem Bücken des Pan-
zers zwei kleine einander sich berührende Schildchen, da-
gegen an den Seiten nur ein grösseres sechsseitiges und eben-
falls eines vor jedem parabolischen Hornschilde.
22 K r a »1 s 3 :
Die Gürtel, neun an der Zahl*), bestehen jeder aus
58 — 63 grösseren parabolischen Hornschildern, welche auf
dem Rücken am ersten Gürtel 0,6 Cm. breit und 1,2 Cm.
lang, am letzten Gürtel 0,5 Cm. breit und 0,8 Cm. lang
sind , gegen den seillichen Rand etwas länger werden.
Die parabolischen Schilder erreichen mit ihrer stumpfen seit-
lich etwas geiterbten Spitze nicht ganz den vorderen Gür-
telrand, weil die schmalen Zwischcnschilder, welche flach,
der Länge nach gefurcht und hinten in eine lange feine
Spitze ausgezogen sind, mit ihrem vorderen breiten Ende
einander berühren. Die parabolischen Schilder nehmen vom
ersten bis zum letzten Gürtel auf dem Rücken an Grösse
ab und an Wölbung zu , an den Seiten dagegen sind sie
gleichförmiger und flacher, der Randschild ists schmal,
länglich.
Der Kreuzpanzer ist am vorderen Rande durch eine
gürtelähnliche Reihe von Hornschildern eingefasst , die
noch kürzer und gewölbter sind , als die des letzten Gür-
tels ; sein hinterer Rand ist über dem Schwänze nur seicht
ausgeschnitten und geht unter schwacher Wölbung, ohne
den Schwanz zu umfassen, in den unteren seitlichen Rand
über. Die Randschilder sind am Ausschnitte oberhalb und
zur Seite des Schwanzes 4 — 5-seitig , sehr stark gewölbt,
gleich gross, aber nicht grösser als die vor ihnen liegen-
den Schilder des Kreuzpanzers und nehmen von da an bis
zum letzten Rückengürlel sich verflachend eine längliche
vierseitige Gestalt an. Die übrigen Schilder des Kreuz-
panzers sind auf dem Rücken des Thiers ein wenig grösser
als die des Schulterpanzers, drei grössere, die abgerundet
Gseitig und gewölbt sind, schliessen ein kleines flaches, in
der Mitte gefurchtes, 5 — 6-seitiges Zwischenschild ein. An
den Seiten des Kreuzpanzers ordnen sich die grösseren
Hornschilder wie ein Schulterpanzer in 15 — 16 Reihen, die
nach hinten an Deutlichkeit abnehmen.
Der Schwanz ist vor dem ersten Schwanzgürtel mit
einer Reihe kleiner Warzen besetzt. Die ersten zwei Drit-
tel des Schwanzes sind in 15 Gürtel gelheilt, von welchen
*) Auch zwei Fötus haben 0 Gürtel.
lieber ein neues Gürtelthier aus Surinam. 9B
auf der Oberseile die 2 ersten und kürzesten mit 2, die
9 — 10 folgenden mit 3, die übrigen, die überhaupt weniger
scharf abgegrenzt sind, wieder mit 2 Reihen von Hornschil-
dern bedeckt sind. Die Schilder der vordersten Reihe der
12 ersten Gürtel sind flach , in der Mitte gewöhnlich mit
einer Längsfurche versehen und nehmen vom ersten bis
zum zwölften Gürtel nach und nach an Grösse ab, sie ha-
ben an den vordem 7 — 8 Gürteln eine fünf-, an den übri-
gen eine dreiseitige Gestalt. Die Schilder der übrigen
Reihen eines jeden Gürtels sind gewölbt, nach hinten die
gegen die Seiten des Schwanzes sogar stumpf gekielt, die
der mittleren Reihe haben eine sechsseitige, die der hin-
tern Reihe eine fünfseitige Gestalt; die letzteren sind an
den ersten 8 Gürteln länger, dann aber ebenso lang wie
die Schilder der vorhergehenden Reihe. Auf der Unter-
seite des Schwanzes haben auch die 2 ersten Gürtel 3 Rei-
hen Hornschilder ; die der ersten Reihe sind dünner, kür-
zer als die auf der Oberseite und fehlen schon vom zehnten
Gürtel an. Die Hornschilder der 2 übrigen Reihen dage-
gen sind unten und an den Seiten der Gürtel sehr stark
und gekielt und die Kiele dieser Schilder nehmen so sehr
an Schärfe zu, dass der Schwanz vom 10. Gürtel an auf
seiner unteren Hälfte sechs Kanten zeigt, gegen die Spitze
aber in seinem ganzen Umfange sechskantig wird. Der
zweite Gürtel besteht im Umkreise aus 26 , der siebente
aus 16, der elfte aus 12 Hornschildern der letzten Reihe.
(,rn Auf der Unterseite des Körpers ist die Haut am Rande
des Panzers glatt und kahl, in der Mitte mit kleinen, dün-
nen, rundlichen Warzen versehen, die in etwa 1 Cm. von
einander entfernten Querreihen geordnet und je mit 3 — 7
langen weisslichen Borsten besetzt sind. Ebenso sind die
Beine auf ihrer Hinterseite beschaffen, nur sind die War-
zen etwas grösser und dichter an einander gereiht. Auf
ihrer Vorderseite dagegen sind die Vorderbeine oben kahl,
auf dem Fusse mit 10 — 12 Reihen grösserer, 4 — 6-seitiger
Hornschilder dicht bedeckt, die Hinterbeine oben mit 6 — 8
Querreihen rundlicher dünner Warzen besetzt, auf dem Fusse
mit 4 — 6-seitigen Hornschildern dicht bedeckt. Jede Zehe
hat hinter der Kralle ein grosses viereckiges Hornsciiild: •»
24 K r a ti s s :
Die grösseren llornschiider an den Seiten des ganzen
Panzers, auf der unteren Seite des Schwanzes und vorn
und in der Mitte der Vorderfüsse so wie alle Krallen sind
weisslicli, der übrige Tlieil des Panzers ist dunkelbraun.
Der Kopf ist von dem hinteren Rande der Schneppe
bis zur Schnauze 12, der Schulterpanzer in der Mittellinie
8,5, der Gürtelpanzer 10,2, der Kreuzpanzer 13,6 und der
Schwanz 39,5 Cm. lang. Die ganze Länge von der Schnau-
zenspitze bis zum hinteren Rande des Panzers ist 46 Cm.
Dasypus Kappleri n. sp.
Die Hornschilder des Kopfs und Panzers sind flach
und glatt. Das Auge liegt 2/7 der Kopflänge vom hinteren
Rande des Kopfpanzers entfernt. Der Kopfpanzer endigt
einen Fingerbreit vor den Ohren mit einem schwach con-
vexen Rande, ohne bewegliche Schneppe mit festen Horn-
schildern und besteht aus unregelmässig aneinander gefüg-
ten, meist 5—6- (selten 3 — 4-) seitigen, ziemlich gleich
grossen festen Hornschildern; vor denselben auf der Schnauze
liegen noch einige warzenartige Schilder, die nach vorn
an Grösse abnehmen. Zwischen dem Kopfpanzer und den
Ohren liegen einige Reihen kleiner länglicher lederartiger
Warzen. Die Seiten des Kopfes sind ähnlich wie bei D.
Pepa, doch nicht so dicht mit platten, vorn gewimperten
Warzen besetzt. Die Ohren sind 4 Cm. lang; in der Mitte
ziemlich breit, am Ende etwas zugespitzt.
Der Schulterpanzer ist hinter den Ohren nicht rund,
sondern unter einem spitzen Winkel ausgeschnitten. Die
Hornschilder desselben sind am vorderen Rande nicht so
scharf in Reihen abgesondert und überhaupt flacher und
grösser als bei D. Pepa. Zwischen je zwei grösseren Horn-
schildern der ganzen ersten Reihe und zwischen den der
3 — 4 folgenden an den Seiten des Panzers liegt ein 3-sei-
tiges Zwischenschildchen, zwischen zwei grösseren Horn-
schildern der zweiten bis vierten Reihe auf dem Rücken aber
liegen drei kleine unregelmässige Zwischenschilder. Von
der fünften Reihe an bis zur hinteren gürtelähnlichen Reihe
sind um die grösseren Hornschilder die Zwischenschildchen
ebenso geordnet wie bei D. Pepa , aber die letzteren sind
lieber ein neues GürteUhier aus Surinam. 25
auf dem Rücken nur wenig kleiner als die ersteren, beide
ganz flach. Die grösseren Hornschilder sind oben und an
den Seiten des Schullerpanzers ziemlich regelmässig 6-sei-
tig, die meist unregelmässig 5-seitigen Zwischenschilder
zeigen besonders an den Seiten eine seichte Vertiefung.
Die hinterste Reihe am Schulterpanzer besteht aus 73, beim
Männchen aus 65 grossen, denen der Gürtel ähnlichen, vorn
abgestutzten Hornschildern, zwischen welchen die schmalen
Zwischenschilder liegen, die auf dem Rücken länger oder
ebenso lang, an den Seiten kürzer sind. Vor jedem grossen
Hornschilde liegt auf dem Rücken nur ein breites Schildchen,
welches mit dem des nächstliegenden Hornschildes in Be-
rührung steht, an den Seiten aber durch ein 6-seitiges
Schildchen, das sich vom vorderen Ende des schmalen Zwi-
schenschildes absondert, getrennt ist.
Der Gürtelpanzer hat 8, beim Männchen nur 7 von
vorn nach hinten an Breite abnehmende Gürtel. Diese bestehen
je aus 58 — 68 grossen Hornschildern, welche insbesondere
auf dem Rücken die Gestalt eines länglichen gleichschen-
keligen Dreiecks mit convexen Schenkeln : (Parabelform nach
Burm.) ■"■) haben, oben am ersten Gürtel 0,7 Cm. breit und
1,3 bis 1,6 Cm. lang, am letzten 0,7 Cm. breit und 1,0 Cm.
lang sind, an den Seiten aber bei 0,8 Breite eine Länge bis
zu 2 Cm. erreichen. Die parabolischen Hornschilder, die na-
mentlich am Weibchen sehr auffallend sind , nehmen von
vorn nach hinten an Grösse ab und reichen mit ihren
Spitzen bis zum vorderen Rande des Gürtels ; nur am ach-
ten Gürtel des Weibchens erreichen einige der sehr kur-
zen, jedoch nur die zwischen dem Rücken und Rande des
Panzers liegenden Hornschilder den vorderen Gürtelrand
nicht. Die Hornschilder an den Seiten des Panzers haben
die Gestalt langgestreckter Dreiecke, deren Schenkel beim
Weibchen convex, beim Männchen gerade sind. Die klei-
*) Diese Form der Hornschilder ist sehr bezeichnend und fällt
bei Vergleichung mit den schmalen eines brasilianischen Gürtelthiers,
D. longicaudus Pr. Max., das ich mit kurzem, an der Spitze in einen
hornartigen Zapfen endigenden Schwänze ( D. uroceras Lund ) zu
vergleichen habe, sogleich in die Augen.
2B
r n II s s
nercn Zwisrhcnschilder sind ebenfalls mit einer Läng-sfurche
versehen , etwas breiter als bei D. Pepa , und endigen in
der Mille des letzten Gürtels sogar mit einer abgestutzten
Spitze. Der Randscliild des Gürtelpanzers ist schmal und
länglich.
Der Kreuzpanzer ist verhältnissmassig lang und in der
Mitte des hinteren Randes tief halbkreisförmio- auso^eschnit-
ten. Der einwärts gebogene Rand umklammert die Seiten
des ersten Schwanzrinofes und ist daselbst mit 4 — 5 ffros-
sen rundlichen, flachen und hellgefärbten Hornschildern von
0,8 Cm. 'Durchmesser besetzt , an welche sich nach unten
und vorn 15 schmale länglich viereckige, nach oben (am
Ausschnitte) 15 — 18 halbrunde Randschilder von der Grösse
der übrigen Panzerschilder anreihen. Am vorderen Rande
des Kreuzpanzers zeigt das Männchen eine Reihe von Horn-
schildern, die auf dem Rücken kurz , rundlich und durch
breite dreieckige Zwischenschilder von einander getrennt
sind, an den Seiten aber allmählich die Gestalt der Horn-
schilder der wirklichen Gürtel erhalten; das Weibchen da-
gegen hat auf dem Rücken nicht die geringste gürtelähn-
liche Absonderung, sondern die erste Reihe besteht, der
zweiten des Männchens entsprechend , aus einfachen kur-
zen dreieckigen Hornschildern, jedes derselben theilt sich
nach den Seiten hin in drei, nämlich in zwei vordere rund-
liche und ein hinteres länglich dreiseitiges, und diese ver-
einigen sich noch weiter gegen den unteren Rand wieder
zu einem einzigen dreiseitigen mit ausgezogener Spitze, das
die Gestalt der Zwischenschilder der Gürtel selbst hat. In
ähnlicher Weise verändern sich auch die grösseren Horn-
schilder des übrigen Theils des Kreuzpanzers. Diese sind
auf dem Rücken abgerundet 6-scitig, dunkelbraun und kaum
grösser als die Zwischenschilder, nehmen aber gegen den
Seitenrand allmählich eine grössere und länglich dreisei-
tige, den parabolischen Gürtelschildern ähnliche Gestalt und
eine blassgelbc Färbung an und sind, wie am Schulterpan-
zer und von gleichgestalteten Zwischenschildern umgeben,
in 14 — 16 deutlichen Reihen geordnet.
Der Schwanz ist an der Rasis sehr breit, oben vor
dem ersten Gürtel nur mit einioen , 5-— 6-seitigen Horn-
Ueber ein neues Gürlelthier aus Surinam. 89f
schildern besetzt und in dem ersten drei Viertel seiner
Länge in 14 — 15 stufenweise und steil abgesetzte Gürtel
abgetheilt. Auf der Oberseite des Schwanzes bestehen die
Gürtel aus drei Reihen verschieden gestalteter Hornschil-
der. Die Hornschilder der vordersten Reihe, die kleinsten
von allen, sind dünn, glatt, an den ersten Gürteln 4 — 5-sei-
tig, sie werden an den letzten Gürteln allmäiilich kleiner
und nehmen zuletzt die Gestalt kleiner Schuppen an. Die
Hornschilder der zweiten Reihe haben einen schwachen
Längskiel, nehmen nach hinten an Stärke zu und sind auf
den sechs ersten Gürteln kurz-, auf den übrigen gestreckt
6-seilig; die der hintersten Reihe endlich sind am stärk-
sten, 5-seitig, werden von vorn nach hinten allmählich ge-
streckter und haben ebenfalls einen Längskiel, der aber,
was diese Art auszeichnet , mit einem dreieckigen Knoten
endigt. Dieser Knoten nimmt bis zum 4. und 5. Gürtel an
Stärke zu, dann bis zum 10. Gürtel wieder allmählich ab
und fehlt auf den übrigen Gürteln gänzlich, wo die Schil-
der der zweiten und dritten Reihe gleiche Grösse haben.
Die Hornschilder des letzten Schwanzviertels sind 5-seitig,
gewölbt, schwach gekielt und nehmen bis zur Spitze rasch
an Grösse ab. Anders verhält sich der Schwanz auf sei-
ner Unterseite. Hier fehlen die dreieckigen Knoten am
Ende der Hornschilder der letzten Reihe ganz , dagegen
ist der Längskiel der Schilder der zwei letzten Reihen
jedes Gürtels deutlich und nimmt nach und nach so an
Schärfe zu, dass der Schwanz von den letzten Gürteln an
bis zur Spitze eine sechskantige Gestalt annimmt. Die
Hornschilder der ersten Reihe sind sehr klein und nur bis
zum 9. Gürtel vorhanden, die 6-seitigen der zweiten Reihe
erreichen vom 2. Gürtel an den vorderen Rand, im Lebri-
gen haben die Hornschilder der zweiten und dritten Reihe
auf der Unterseite eine ähnliche aber gestrecktere Gestalt,
als auf der Oberseite und sind flacher und grösser als bei
D. Pepa. Die Zahl der Hornschilder der letzten Reihe eines
Gürtels ist im Verhältnisse zur Dicke des Schwanzes nicht
viel grösser als bei D. Pepa, denn der 2. Gürtel hat 30,
der siebente 17, der elfte 12 Hornschilder im ganzen Um-
kreise. , / Hiu / < )\)l(.
28 K r a n s s :
Auf der Unterseile dos Körpers ist die Haut ähnlich
wie bei 1). Pepji, nur etwas sparsamer beschuppt und be-
haart, ebenso an den Vorderfüssen. Die Hinterlüsse aber
sind, was diese Art besonders auszeichnet, auf der vor-
deren Seite des Unterschenkels mit zwei 0"cr-
reihen eigenthümlicher krallenartiger, mit dem un-
teren Ende frei hervorragender Schilder besetzt; die
obere Querreihe besteht aus 5, von welchen die beiden
mittleren, die längsten von allen, fast 2 Cm. lang und über
Vj Cm. breit , krallenartig und gewölbt, die äusseren kür-
zer, flacher und 3-seitig sind ; die 3 — 5 Schilder der unte-
ren Ouerreihe sind schief vierseitig, kürzer und flacher als
die der oberen Reihe. Diese Schilder sind beim Männchen
hellgelb, beim Weibchen hellbraun, die beiden längsten
gelblich gefleckt. Unter diesen eigenthümlichen Schildern,
die ebenfalls mit langen Borsten besetzt sind , folgen in
kurzen Zwischenräumen drei Querreihen mit Warzen. Die
Hinterfüsse sind beim Weibchen über der Sohle mit knor-
rigen, braunen, beim Männchen mit flachen gelblichen War-
zen besetzt. Die Füsse sind auf der Vorderseite mit acht
Reihen 4 — 6-seitiger Hornschildern dicht bepanzert. Jede
Zehe hat hinter der Kralle ein grosses viereckiges Horn-
schild. Die Krallen sind stark, weisslich, die längste des
Vorderfusses ist bis 3,2 Cm. lang und an der Basis 0,8 Cm.
breit, die des Hinterfusses 2,6 Cm. lang und 1 Cm. breit,
Das Männchen hat am rechten Vorderfusse einen Finger
breit hinter der äussersten Kralle ein Rudiment einer Kralle
von 0,5 Cm. Länge , auf dem linken Vorderfusse scheint
es abgebrochen zu sein.
Das Weibchen hat zwei lange Zitzen zwischen den
Vorderfüssen und zwei etwas vor den Hinterfüssen.
Die Farbe ist ähnlich wie bei D. Pepa.
Die Länge des Kopfes vom hinteren Rande des Kopf-
panzers bis zur Schnauzenspitze ist beim Männchen 13,
beim Weibchen 12 Cm., des Schulterpanzers in der Mittel-
linie beim Männchen 12, beim Weibchen 12,5, des Gürtel-
panzers beim Männchen 7,2, beim Weibchen 10,3, des Kreuz-
panzers beim Männchen 18, beim Weibchen 17,2 und des
ganzen Schwanzes (vom vorderen Rande des ersten Gürtels
Ueber ein neues Gürtelthier aus Surinam. '^
bis zur Spitze) 39 — 42 Cm. Die ganze Länge von der
Schnauzenspitze über den Rücken bis an den hinteren Rand
des Panzers beträgt beim iVJännchen 53,5, beim Weibchen
56,5 Cm.
Schädel.
Der Schädel von D. Kappleri (Fig. 1. 2) unterschei-
det sich sogleich von dem des D. Pepa (Fig. 3. 4) durch die
Grösse, durch einen verhältnissmässig längeren Gesichtslheil,
durch die Form der Thränenbeine, durch die Zähne, insbeson-
dere aber durch den knöchernen Gaumen, der auf beiden Sei-
ten durch senkrecht abwärtsstehende Lamellen begrenzt ist.
Die Zwischenkiefer- und Nasenbeine sind bei beiden
Arten einander sehr ähnlich, letztere sind am hinteren
Ende bald abgestutzt , bald zugespitzt. Auch der kleine
Knochen mit seinen breiten Enden, welcher am Eingange
der beiden Nasenhöhlen an der Basis des Zwischenkiefer-
knochens sitzt, ist bei beiden Arten ähnlich, bei D. Kapp-
leri fast noch einmal so gross, über einen Centimeter lang.
Das Oberkieferbein reicht bei D. Pepa mit seinem die Slirn-
beine berührenden Rand höher hinauf, als bei D. Kappleri,
daher der von den Oberkieferbeinen eingeschlossene Theil
der Stirnbeine bei D. Pepa schmäler ist als bei D. Kappleri,
obgleich der Schnauzentheil bei D. Pepa verhältnissmässig
breiter ist als bei der neuen Art. Das Thränenbein ist bei
D. Kappleri (Fig. 2) ziemlich regelmässig dreiseitig, mit
der mehr oder weniger scharfen Spitze zwischen Stirn-
und Oberkieferbein eingekeilt und hat an der den Oberkie-
fer berührenden Seite einen geraden Rand, während diese
Seite bei D. Pepa (Fig. 4) bauchig und daher auch die
vordere Spitze des Thränenbeins breit und abgerundet ist.
Die Stirnbeine dachen sich bei D. Kappleri nach vorn etwas
flacher ab und sind bei allen , auch bei den Schädeln der
Jüngern Thiere vollständig mit einander verwachsen, wäh-
rend sie selbst bei den alten D. Pepa noch getrennt sind ^).
*■) Die querlaufende Naht zwischen den Stirn- und Scheitel-
beinen, auf welche Burmeister (Säugethiere Bras. l. p. 301) eini-
gen Werth legt, ist bei D. Kappleri in der Mitte etwas convex nach
vorn, bei D. Pepa bald etwas convex, bald ganz gerade, bald sogar
ein wenig nach hinten zurückgezogen.
30 . t ii. Krauss:
Die innere Augenhöhlenwand ist bei D. Pepa vertieft und
oben durch einen hervorragenden Rand des Stirnbeins be-
grenzt, bei D. Kappleri dagegen ganz flach. Das Jochbein
ist bei D. Pepa kürzer und am oberen Rande tiefer ausge-
schnitten als bei der neuen Art.
Am meisten verschieden sind die Schädel beider Ar-
ten durch die Gaumenbeine. Diese stellen bei D. Kappleri
(Fig. 1) eine etwas concave Platte dar, deren äusserer Rand
als scharfe Lamelle senkrecht abwärts gebogen ist. Der
knöcherne Gaumen erscheint daher , eingefasst auf beiden
Seiten durch die 0,7 Cm. hohe, senkrechte äussere Wand
des Gaumenbeins wie ausgehöhlt. Die hintere Ecke dieser
Wand ist aufgeblasen. Der hintere Rand des knöchernen
Gaumens ist gerade abgestutzt und reicht über die Naht,
durch welche bei beiden Arten das Keilbein von seinem
vorderen lanzettförmigen, zwischen das Pflugscharbein ein-
gekeilten Schnabel getrennt ist, so weit zurück, dass sie
von unten betrachtet nicht sichtbar ist. Die Choannen sind
senkrecht abgeschnitten und stellen durch eine senkrecht
aufsteigende dicke Wand eine viereckige OefTnung dar.
Diese Wand besteht aus dem aufsteigenden Aste des Gau-
menbeins, an dessen hintere Fläche sich das Flügelbein
anlegt, welches an den Schädeln der älteren Thiere mit
dem Gaumenbeine vollständig verwachsen, dessen Verbin-
dungsnaht aber bei dem jüngeren Thiere (IV) noch ange-
deutet ist. Wird das Gaumenbein weggenommen, so zeigt
sich seine obere Fläche durch eine erhabene Grähte in zwei
Theile getheill , der innere Theil bildet die untere Fläche
der Nasenhöhle , auf die äussere Fläche setzen sich die
sehr erweiterten Zellen des Siebbeins fort. Der hintere
aufsteigende Ast , der aus dem Gaumen - und Flügelbeine
besteht, legt sich mit schief abgeschnittener Fläche auf einen
hervorragenden Rand des Keilbeins an der Stelle an, an
welcher von dessen Körper der grosse Flügel abgeht; an
der äusseren Seite dieses Randes liegt das eiförmige Loch.
Das Labyrinth des Siebbeins ist sehr gross und erstreckt
sich von der inneren Fläche des Thränenbeins bis auf die
obere des Gaumenbeins und von dem breiten Theile des
Oberkieferbeins bis zum vorderen Rande des Keilbeins. Die
Ueber ein neues Gürtelthier aus Surinam. 31
Sutiir zwischen Gaumen- und Oberkieferbein ist ausge-
zackt und reicht unter ziemlich gerader Linie bis zum äus-
sern Rande.
Ganz anders verhält es sich bei D. Pepa (Fig. 3), bei
welchem der knöcherne Gaumen von einer Seite zur andern
convex erscheint, die senkrecht abwärtsstehenden Lamellen
des D. Kappleri gänzlich fehlen und das einzelne Gaumen-
bein mit leicht gewölbter Fläche schief aufwärts steigt. Der
hintere Rand des Gaumenbeins ist in der Mitte ausgebuch-
tet, in die Bucht greift das vordere hakenförmige dünne
Ende des einwärts gebogenen Flügelbeins, das eine Länge
von 1,3 Cm. erreicht, ein und verlängert an beiden Seiten
den knöchernen Gaumen nach hinten, während in der Mitte
der hintere Rand des Gaumens die Naht, welche das Keil-
bein von seinem vorderen Schnabel trennt, nicht erreicht;
die Choannen erscheinen dadurch schief nach hinten abge-
schnitten. Während bei D. Kappleri das Flügelbein mit dem
aufsteigenden Aste des Gaumenbeins verwachsen ist, stellt
dasselbe bei D. Pepa einen völlig abgesonderten Knochen
dar, welcher sich unten und vorn an das Gaumenbein,
oben und hinten an das Keilbein anlegt , ohne dass dieses
einen hervorragenden Rand zeigt. Nur an dem Schädel des
alten Thiers (VIII) ist dieses Flügelbein mit beiden Kno-
chen in einer zwar noch sichtbaren Naht aber fest verbun-
den. Der vordere Rand des Gaumenbeins ist an der äus-
seren Ecke abgerundet , auch reicht daselbst der Fortsatz
des Oberkieferbeins bis zur Mitte des Gaumenbeins zurück.
Was nun dasGebiss anbelangt, so haben drei Schä-
del von D. Kappleri im Ober- und Unterkiefer jederseits
8 Zähne, der Schädel des ausgestopften alten Weibchens
aber im Oberkiefer jederseits nur 7, im Unterkiefer auch
8 Zähne. Die Zähne des Oberkiefers greifen zwischen je
zwei des Unterkiefers ein, und so umgekehrt, daher die
Kauflächen meistens nach vorn und nach hinten dachförmig
abgeschliffen sind. Der erste Zahn des Unterkiefers steht
vor dem ersten des Oberkiefers. Die Zähne des Männ-
chens, insbesondere die zwei vordersten sind kräftiger als
die des Weibchens, bei allen sind die zvvei vordersten von
aussen nach innen plattgedrückt, daher länger als breit
82 K r a u s s :
und stehen sowohl von einander selbst als von den übri-
gen etwas mehr entfernt als diese unter sich; die andern
sind rund cylindrisch, im Oberkiefer ziemlich gleich gross,
nur der letzte des Männchens , der beim Weibchen ganz
fehlt, ist nur halb so gross , im Unterkiefer ist bei beiden
der letzte nur wenig kleiner als die übrigen. — Die zwei
Schädel der jüngeren Thiere (III und IV), an welchen zum
Theil noch die Milchzähne auf den hervorbrechenden blei-
benden Zähnen, wie Kappen sitzen, haben im Ober- und
Unterkiefer jederseits 8 Zähne, nur am Schädel IV ist vor
dem vorderen Zahne rechts im Oberkiefer noch eine kleine
Lücke vorhanden, in welcher wahrscheinlich ein neunter
Zahn steckte. Die Kaufläche der bleibenden Zähne sind
bei den meisten noch nicht abgenutzt, die 2 — 3 vordersten
ein-, die übrigen zweihöckerig. Die noch vorhandenen
2 — 3 vordersten Milchzähne sind schmäler und von vorn
nach hinten länger als die bleibenden der beiden Schädel
der alten Thiere, und wird ein solcher Milchzahn wegge-
nommen, so liegt ein kleinerer einspitziger Zahn darunter.
An dem Schädel IV sind an den Seiten der hinteren blei-
benden Zähne noch die Splitter der Milchzähne vorhanden.
Von Dasypus Pepa hat der Schädel des ausgestopften
alten Männchens (V) oben rechts 8, links 7, unten jeder-
seits 8, der eines alten Männchens (VI) oben jederseits 7,
unten 8, der eines jüngeren Thiers (VII) oben und unten
jederseits 9, der eines alten Thiers (VIII) oben und unten
8 Zähne. Die Zähne sind kleiner als bei D, Kappleri , die
zwei vordersten sind von aussen nach innen etwas zusam-
mengedrückt, kleiner als die 4 — 5 folgenden, die rund,
cylindrisch und auf ihren Kauflächen dachförmig abge-
schliffen sind. Der vorderste steht von den übrigen etwas
entfernt, dagegen steht der letzte und achte im Oberkiefer
von V und VIII, der neunte in beiden Kiefern von VII sehr
dicht an dem vorletzten und ist um vieles kleiner als alle
anderen; er fehlt im Oberkiefer des Schädels VI, obgleich
er nach der Deutlichkeit der Suturen einem weniger alten
Thiere angehörte als VIII. Im Unterkiefer von V, VI und
VII ist der letzte und achte wohl etwas kleiner als der
vorletzte, aber bei weitem nicht so klein wie der im Ober-
Ueber ein neues Gürtelthier aus Surinam.
33
kiefer. Im Schädel VII sind die Kauflächen meist höckerig
und noch nicht abgeschliffen, auch sind noch Splitter von
den Milchzähnen vorhanden. — Der Schädel des Skelets IX
von einem halbgewachsenen Thier hat oben und unten je-
derseits 7 kleine fast gleich grosse Milchzähne. Dieses
Skelet hat 10 Rücken- und 6 Lendenwirbel, das Kreuz-
bein besteht aus 9 und der nicht ganz vollständige Schwanz
aus 23 Wirbeln, es fehlen etwa noch 4 — 5.
fflaass-Verhältuisse der Schädel
von Dasypus Kappleri und Dasypus Pepa.
Nach Centimeties
Länge von der Spitze
der Nasenbeine bis
zur Grähte auf der
hintern Fläche der
llinterhauptsschuppe
Grösste Breite des Schä-
dels, von einemJoch-
bogen zum andein
Breite des Schädels an
derEinschnüning der
Stirnbeine von einer
Augenhöhle zur an-
dern
Länge der Nasenbeine
Länge von der Spitze
der Nasenbeine bis
zum hintern Rande
des Thränenbeins
Länge des Gaumenbeins
Breite des knöchernen
Gaumens, hinten
( IX.
skelet.
8,2
3,3
2,2
2,6
5,0
1,5
1,3
*) Wegen des schadhaften Hinterhauptbeins ist keine genaue
Messung möglich , der Schädel II. scheint aber nicht kürzer zu sein
als I.
Archiv f. Naturg. XXVIII. Jahrg. 1. Bd. 3
34 Krniiss: liebet ein neues (iürteltluer ans Surinam.
Erklärung der Abbildungen.
Alle Figuren sind in natürlicher Grösse.
Taf. 111.
Fig. 1. Schädel des Dasypus Kappleri , von der Gaumenfläche ge-
sehen.
„ 2. Schädel des Dasypus Kappleri^ von der Seite gesehen.
„ 3. Schädel des Dasypus PepUf von der Gaumenfläche gesehen.
„ 4. Schädel des Dasypus PepUy von der Seite gesehen.
lieber Typhlops f layoterminatus und Herrn
Prof. Jan's Iconographie descriptive des Ophidiens^
aU Erwiederung auf dessen Bemerkungen in dem
Archiv für Naturgeschickte 1861. p. 7.
Von
W. Peters
in Berlin.
Typhlops flavoterminatus ist eine durch ihre Färbung
und Kopfbeschildung von allen anderen leicht zu unter-
scheidende Art. Ich gab von ihr im August 1857 (Monats-
berichte der K. Akademie der Wissensch. zu Berlin 1857.
p. 402) eine Diagenese, welche sie von allen damals bekann-
ten Arten deutlich unterscheidet : „T. corpore versus cau-
dam crassiore; naribus inter sculella bina positis; scutello
praeoculari scutelium superius tangente , capite caudaque
flavidis , corpore reliquo nigro vel brunneo, squamis mar-
gine dilutioribus."
Es war damals erst eine einzige Art von Typhlops, T.
braminus, bekannt, bei der das Praeoculare mit dem Nasale in
Verbindung steht, daher wäre dieses Merkmal und die An-
gabe eines doppelten Nasale allein hinreichend gewesen,
sie von allen anderen Arten zu unterscheiden.
Da indess eine andere ebenda aufgestellte Art, Rhino-
typhlops albirostris , ebenfalls zwei Nasalia hatte, auch mit
ihr durch das grosse Praefrontale und das grosse Suprala-
biale primum übereinstimmt , so stellte ich sie mit dieser
(1. c. p. 509) in dieselbe Gattung, obgleich diese letztere
kein Praeoculare hat, wie bereits aus der Diagnose zu er-
sehen ist. Es geschah dieses, weil ich mich scheute, gleich
zwei neue Genera mit je einer Species aufzustellen.
36 Peters:
Als ich aber eine dritte Art erhielt, welche mit Ty^
phlops flaDoterminatus noch mehr durch die Anwesenheit
eines doppelten Praeocularc übereinstimmte und von ihr
nur durch die Anwesenheit eines weniger wichtigen Subo-
culare unterschied , hielt ich es für gerechtfertigt, diese
beiden Arten mit einander zu einer neuen Gattung zu ver-
einigen , gab nicht allein von der neuen Art , HeltninthO'
phis frontalis , eine Abbildung, sondern hob auch die we-
sentlichen Merkmale hervor, welche beide von allen ande-
ren bekannten Arten unterscheiden (Monatsbericht u. s. w.
1860. p. 517 u. 518). Ich hob bei dieser Gelegenheit na-
mentlich hervor 1) die sehr grosse Ausdehnung des Prae-
Irontale ; 2) die Anwesenheit von zwei Praeocularia und 3)
dass die äusseren Winkel des Praefrontale (durch die Prae-
ocularia superiora) von den Nasofrontalia ausgeschlossen
werden.
Alles dieses sind so wichtige und wesentliche Merk-
male, dass ich kaum jetzt noch andere anzuführen wüsste,
um diese ausgezeichnete Art besser zu charakterisiren.
Als ich Herrn Prof. Jan's Verlangen, ihm die Schlan-
gen des Berliner Museums nach Mailand zu senden , den
bestehenden Gesetzen zufolge nicht entsprechen, auch eine
solche Versendung von meist unersetzlichen ünica nicht
befürworten konnte und derselbe in einem zweiten Briefe
hervorhob , dass er besonders bedaure , die von mir dia-
gnosticirlen Schlangen nicht genauer zu kennen, weil die-
ses leicht zu einer doppelten Namengebung Veranlassung
geben könne , sandte ich ihm ausser den meist fertigen
Schlangentafeln, welche zu meinem afrikanischen Reise-
werke gehören, auch eine unfertige Tafel, welche zu einer
in der Königl. Akademie gelesenen Abhandlung gehört,
ebenfalls aber noch nicht publicirt ist. Diese Tafel ent-
hält, wie man später sehen wird , Detailzeichnungen von
fünf Arten, welche von oben nach unten in folgender Reihe
auf einander folgen : 1) Onychocephalus bicolor ; 2) Typhlops
flavotejinmatus ; 3) Rhinotyphlops albirostris; 4) Stenostoma
macrolepis ; 5) Stenostoma fallax. Die Veröffentlichung
dieser Abhandlung ist theils durch die Ausführung an-
derer Tafeln , theils durch die Absicht , einen vollstän-
üeber Typhlops flavoterminalus. 37
dig^eren systematischen Anhang hinzuzufügen, verzögert
worden.
Wenn Hr. Prof. Jan sich nun bewogen gefunden hat,
öffentlich zu erklären , dass ich ihm eine „ganz falsche"
Abbildung von Typhlops flavoterminatus zugesandt hätte und
meine Beschreibungen ^ungenügend" seien , so dürfte es
auch seine Pflicht gewesen sein, diese Behauptungen zu be-
gründen.
Ich habe aber nun meine Abbildung dieser Art noch
einmal mit den Originalen genau verglichen und auch jetzt
durchaus nichts daran zu ändern gefunden. Auch die
Herren Dr. Haeckel, Sc.hneider, Gerstaecker und
Strahl haben sich überzeugt, dass die Form und Begren-
zung der Kopfbeschildung ganz so ist, wie sie in den in
Rede stehenden Figuren meinen Angaben entsprechend
dargestellt ist. I>a ferner dieselbe Art durch Tausch an
die Museen zu Paris und Leyden gelangt ist, so findet sich
auch dort Gelegenheit, die Richtigkeit meiner Angaben zu
controlliren.
Zwar stimmen meine Figuren mit denen von Herrn
Prof. Jan (Iconographie generale etc. Taf. VI. Fig. 10)
so wenig überein, dass man glauben sollte, es handele sich
um zwei ganz verschiedene Arten oder es könne eine und
dieselbe Art so sehr variiren. Dieses ist jedoch nicht der
Fall. Mehrere Exemplare dieser Art, welche ich mit ein-
ander verglichen habe , darunter auch das des Hamburcrer
Museums , welches von mir bestimmt worden ist und der
Jan'schen Abbildung zu Grunde liegt, stimmen in allen
Punkten der Beschildung des Kopfes vollkommen mit ein-
ander überein.
Dass also Herr Prof. Jan, obgleich er eine richtige
Beschreibung und Abbildung vor sich hatte, nicht einmal
im Stande gewesen ist , richtig zu sehen , ist zwar bekla-
genswerth für ihn, aber nicht meine Schuld.
Nach der Ankündigung von Herrn J a n's Plan d'une
Iconographie descriptive von Ophidiens musste man sehr
gespannt sein auf die versprochenen ^vollkommenen Zeich-
nungen des Herrn Sordelli,« „die Beschreibungen des
Hrn. Jan" und „die bis dahin unerhörten Erleichterungen
38 Peters:
in der Bestimmung der Schlangen." Man durfte ein Werk
erwarten, welches denen von Savigny und Lyon et in
anderen Zweigen der Zoologie an die Seite gestellt zu wer-
den verdiente.
Da erschienen als erstes Resultat mehrjähriger ophio-
logischer Forschungen zwei Bogen : Prodrome d'une Sono-
graphie descriptive des Ophidiens, „ein Auszug des noch
ungedruckten Textes der Sonographie descriptive." Diese
Probe fiel für ein Werk , welches nach der Ankündigung
gewissermassen alle bisherigen ophiologischen Werke über-
flüssig machen sollte, bekanntlich ziemlich unglücklich aus.
Neben sehr dankenswerthen Nachrichten über einige neue
Schlangen enthielt diese erste Publikation vielen Stoff zu
neuen Verwirrungen. Einige der „lautes plus graves"
beeilte sich zwar der Verf. , von verschiedenen Seilen
öffentlich und privatim darauf aufmerksam gemacht , zu
reclificiren , andere wie z. ß. dass dieselbe Schlange auf
p. 7 Rhynchelaps , auf einer anderen desselben Bogens
p. 16 Simoselaps genannt wird, blieben unerörtert. Obgleich
Hrn. Jan (nach seiner eigenen Angabe) das Pariser Mu-
seum ganz zu Gebote stand , so wurde ihm doch selbst
nach einer wohlbegründeten kritischen Bemerkung von
anderen Seiten nicht klar, dass sein neuer Elaps mvUifascia^
tus nichts anderes als der Elaps decussaius D. B. sei, und
Hr. Jan der „mehrere Tausende von Schlangen unter-
sucht hat" und für deren genaue Bestimmung den Museen
garantirt , kann den Laien, denen in seiner neusten
Publikation seine Sonographie descriptive auch besonders
empfohlen wird, nur die beruhigende Versicherung geben,
dass sein Elaps multifasciatus „peut-etre un jeune individu
de VE, semipartitus D. B., dont VE. decussaius est une Va-
riete" sei. Elaps lubricus passirt zwei Correctionen , das
letzte Mal , um mit Causus und Sepedon zu einer Gattung
vereinigt zu werden, wobei sich bereits der Verf. das von
ihm neuerdings ausgewählte Motto: „die Behandlung der
höheren systematischen Begriffe und ihrer Ausdrücke wird
immer mehr Sache der Willkühr und des Geschmacks" an-
geeignet zu haben scheint.
Endlich in diesem Frühjahre (mit dem Monat Deccm-
Ueber Typhlops flavoterininatiis. ^
bei* 1860 bezeichnet) erschien das erste Heft des Werkes,
von dem Alle auf dem etwas heikligen Felde der Schlangen-
kunde weniger Bewanderten für die Bestimmung dieser Tliiere
ihr Heil erwartet hatten : eine Probe der Iconographie des
(wirklich vortrefflichen Zeichners) Herrn Sordelli, aber
ohne partie descriptive des Herrn Jan. Warum die sehr
zweckmässige Herausgabe in Monographien, wie sie in dem
Prodrome angekündigt worden, aufgegeben wurde, wie
wenigstens aus der fortlaufenden Numerirung der sechs
Tafeln hervorzugehen scheint , ist nicht gesagt. Dagegen
wird den Subscribenten eine colorirte Doppeltafel als
Prämie zugesagt.
Die erste Tafel enthält eine Abbildung des Herpeton,
um so überflüssiger, als die Abbildung von Schlegel
(Abbildungen u. s. w. Taf. 10) gar nichts zu wünschen übrig
lässt und diese letztere sogar den Vorzug verdienen möchte,
weil sie nach dem Originalexemplare ausgeführt ist. Viel-
leicht hat aber Hr. Jan geglaubt, dass dieselbe einen be-
sonderen Werlh durch die fünfzehn Zahnstifte erhielte,
welche aber nach der neueren Darstellung- in Guerins Ma-
gasin und in diesem Archiv (1861. Taf. V), weder der Stel-
lung, noch der Form, noch der Zahl (sechszehn) nach nicht
einmal ganz richtig gezeichnet sind.
Taf. 2 enthält eine, wie aus den unverwachsenen letz-
ten Schwanzschildern hervorgeht, junge Boa. Worin
die Merkmale der neuen Gattung Acrantophis bestehen,
wird verborgen bleiben , so lange der descriptive Theil
uy.Q(hTog ist.
Taf. 3 stellt Salvadora Grahami und S. BaMi vor. Die
erstere ist mir unbekannt, von der zweiten besitzen wir
zwar ein Exemplar, welches einige Verschiedenheiten zeigt,
die indess individuelle sein können, wesshalb ich mir ohne
Vergleichung des Originalexemplars kein Urtheil über diese
Figuren erlaube, welche ausserdem zu den allereinfachsten
gehören.
Taf. 4 enthält eine ganz vortreffliche Zeichnung des
bekannten Acrochordus javanicus. Dagegen sind die auf
dieser Tafel befindlichen drei Schädelfiguren durchgezeich-
nete und verschlechterte Copien der schönen Schlegel'-
40 Peters:
sehen Abbildungen Taf. 17. Fig. 12. 13. 14, wovon sich Je-
der leicht überzeugen kann, der die Figuren auf einander
legt und mit einem natürlichen Schädel vergleicht.
Taf. 5 und 6 enthalten Typhhpina. Eine grosse An-
zahl der Spccialfiguren, auf die ich mich hier nur einlassen
kann, sind so voller Fehler, dass es ganz unmöglich ist,
darnach ohne gründliche, nach den Thieren selbst und nicht
etwa nach den Abbildungen gemachte Beschreibungen, die
betreffenden Arten zu erkennen.
Diese Fehler sind zum grossen Theil solche , welche
sich schon aus den Figuren selbst nachweisen lassen, in-
dem die Detailzeichnungen von einer und derselben Art
mit einander in Widerspruch stehen, und welche daher auch
selbst Jeder, der nicht die Thiere, welche dargestellt wer-
den sollen, zur Hand hat, leicht erkennen wird.
Um nicht zu weitläufig zu werden und da es der Sache
wegen genügt, werde ich nur einige der Figuren specieller
durchgehen, einige andere nur im Vorübergehen erwähnen.
Ich bediene mich dabei der Terminologie vonDumeril und
Bibron.
I. Stenostoma b icolor Taf. V. Fig. 15.
a) Hauptsächlich steWidersprüche in den
Figuren.
1) In Fig. a ist der Dorsaltheil des Rostrale um den
dritten Theil schmäler als der Ventraltheil desselben Schil-
des in Fig. b; dagegen zeigt Fig. g (das flachgelegte Ro-
strale) umgekehrt den Dorsaltheil um die Hälfte breiter als
den Ventraltheil.
2) In Fig. a liegen jederseits zwischen dem Parietale
und dem Rostrale auf jedem Wege oben zwei Schildchen,
entweder das Supraorbitale und das Praefrontale oder das
Frontale und das Praefrontale; in Fig. f müsste daher je-
denfalls noch der ümriss eines Schildchens zwischen dem
Rostrale und dem Parietale sichtbar sein, von dem sich aber
keine Spur findet, abgesehen davon, dass in der Profilzeich-
nung f die Entfernung zwischen dem Parietale und dem
Rostrale, da die seitliche Abrundung des Kopfes erst am
Ueber Typhlops flavolerminatus. 41
Oculare beginnt, eher grösser sein müsste als in Fig. f, wo
die obere Convexität in Abrechnung kommt, während sie
in der That aber viel kleiner gezeichnet ist.
3) In Fig. a liegt das Auge und das obere Ende des
Ocularschildes beinahe hinter der Mitte der Frontonasale,
in Fig. f dagegen unbegreiflicherweise nahe hinter seinem
oberen Ende, was, im Voraus gesagt, davon herrührt,
dass das Supraoculare in dieser Fig. f ganz vergessen und
das Auge daher an eine andere Stelle gerückt ist, wo das
Supraoculare sein müsste.
4) In Fig. a ist hinter dem Parietale ein Postparietale
gezeichnet, welches ebenso breit und eher noch etwas brei-
ter als das Parietale ist, welches auf der Mitte der Rück-
seite durch einen wenigstens ebenso grossen Zwischenraum,
wie die beiden Parietalia von einander, von dem der ande-
ren Seite getrennt wird, und welches ebenso weit, wie das Pa-
rietale, mit seinem äusseren Winkel nach aussen reicht; den-
noch ist dieses Postparietale in Fig. f ganz unbegreiflicher-
weise um ein Drittlheil kürzer gezeichnet als das Parietale,
um für ein ziemlich grosses Schild über dem letzten Su-
pralabiale Platz zu machen , für welches man nun wieder
in Fig. a gar keinen Raum finden kann.
b) HauptsächlichsteFehler dieserZeich-
nungen nach Vergleichung mit den
Originalexemplaren zu Leyden.
1) In Fig. a ist das Frontale zu klein und von dem
Parietale kann man bei dieser Ansicht nicht, wie es die
Zeichnung zeigt, den äusseren unteren Winkel, noch viel
weniger aber das unter und vor demselben hervorkommende
vierte Supralabiale sehen , indem das Parietale viel breiter
als das Postparietale ist, welches letztere allein bei dieser
Ansicht in seiner ganzen Ausdehnung sichtbar ist.
2) Das Rostrale verbreitert sich nicht nach dem Schnau-
zenende hin , wie es Fig. a, b und g zeigen , sondern die
Seitenränder desselben laufen hier parallel und bieten an
der ümbiegungsstelle keinen Vorsprung dar, wie es Fig. g
zeigt, sondern sind hier kaum merklich concav.
3) Der Ventraltheil des Rostrale ist auch nicht vorn
am breitesten, wie es Fig. b und g zeigen, sondern er ist
42 Peters:
hier am schmälsten und wird nach dem Lippenrande hin
bis zu einer C-förmio-cn dem Lippenrande parallelen (in der
Zeichnung gar nicht angedeuteten) Vertiefung immer breiter.
4) Die Augen liegen entschieden weiter zurück als
die Frontonasnlia , während die Zeichnung a sie weiter
vorn als das hintere Ende dieser Schilder zeigt, was daher
rührt , dass sowohl die Frontonasalia nach aussen hin zu
schmal als auch das Frontale und die Supraocularia zu klein
gezeichnet sind.
5) In Fig. b erscheint das Mentale durch eine mitt-
lere Naht getheilt, was sonst bei keiner einzigen Schlange
vorkommt und mir daher auch gleich auffiel , als ich diese
Abbildung sah. Eine solche Naht ist aber auch gar nicht
vorhanden, sondern das Mentale ist wie bei allen anderen
Schlangen einfach, zeifft aber in seiner Mitte eine breite
flache Vertiefung, die jedoch mit einer Naht auch gar keine
Aehnlichkeit hat, wovon nicht allein ich, sondern auch Hr.
Prof. Schlegel durch Betrachtung des Originalexemplars
sich überzeugten.
IL T. Preissi Taf. V. Fig. 2.
In Fig. a wird der innere oder obere Winkel des
Oculare von zwei grösseren Schildchen, vorn von
dem Supraoculare, hinten von dem noch grösseren Parietale
eingeschlossen; wie dieses letztere in Fig. c sich in kleine
Schuppen hat auflösen können, ist um so räthselhafter, da
eine Querlinie , welche in Fig. a den hinteren Rand der
beiden Ocularia trifl't, alle kleineren hinter den beiden Pa-
rietalia und dem Interparietale liegenden Schüppchen ab-
schneidet.
III. Anomalepis mexicanus Taf. VI. Fig. 1.
In Fig. a bildet das Oculare nach innen (oder oben)
einen stumpfen Winkel, der vorn von dem Supraoculare,
hinten von einem Parietale (oder Supraoculare posterius)
begrenzt wird. Unerklärlich bleibt daher, wie in Fig. c
dieser Winkel des Oculare ganz verschwunden, der obere
Rand dieses Schildes ganz gerade ist und dieser gerade
lieber Typhlops navolerminatus. 43
Rand von einem das Oculare nach hinten weit überragenden
langen Schilde begrenzt wird, von dem in Fig. a keine Spur
zu finden ist. Diese beiden sonst sehr einfachen Figuren
mit einander in Einklang zu bringen, ist ganz unmöglich.
IV. T. Bianconii TaF. VI. Fig. 3.
In Fig. a und c ist der Dorsaltheil des Rostrale um
die Hälfte breiter als der Ventraltheil desselben in Fig. b
und d und der letztere verschmälert sich allmählich nach
dem Mundrande hin. Die zu noch grösseremVerständniss hin-
zugefügte Fig. g stellt aber rälhselhafter Weise das Ro-
strale in ßiscuitform mit gleichbreiten dorsalen und ventra-
len Theilen und mittlerer Verschmälerung dar. In Bezug
auf die Begrenzung des Oculare gilt dasselbe, was bereits
bei T. Preissii gesagt ist.
Aehnliche Widersprüche finden sich ohne Aus-
nahme bei allen folgenden Figuren. Ich erlaube mir da-
her nur noch zu bemerken , dass Cathetorhinus melanoce-
phalus sich nicht allein durch seine ganz verschiedene
Kopfgestalt von Typhina lineata unterscheidet , sondern die
Fig. 8 auch (nach einer gefälligen Mittheilung des Hrn. Prof.
Dumeril) das Postoculare viel zu klein darstellt. Da aber
eine Vereinigung dieser beiden Arten in eine einzige Gat-
tung „nach Willkühr und Geschmack" einem Jeden frei
steht, so schliesse ich die Betrachtung der Figuren mit dem
V. Typhlops flavoterminatus Taf. VI. Fig. 10.
a)HauptsächlichsteWidersprüchederein-
zelnen Figuren.
1) In Fig. a bildet das Supraoculare vorn einen stum-
pfen Winkel; dasjenige der linken Seite steht gar
nicht mit dem Nasofrontale in Verbindung, das der rech-
ten Seite berührt es mit der Spitze dieses Win-
kels. Es erscheint daher unmöglich, dass es, wie in Fig. f,
durch einen breiten Rand mit dem Nasofrontale in
Verbindung steht.
2) In Fig. a befindet sich hinter den Nasofronlalia
41 Peters:
ein sehr grosses Prae frontale, welches so weit
nach hinten reicht, wie die Ocularia; in Fig. f findet man,
dass auf dem Scheitel nach dem Naso frontale hin die
Schuppen immer kleiner werden und drei bis
vier derselben die Stelle des Praefrontale einnehmen.
3) In Fig. b verschmälert sich das Roslrale allmählich
nach dem Lippenrande hin ; in Fig. g zeigt der entsprechende
Theil einen jederseits convexen Rand.
4) In Fig. a legen sich die Nasofrontalia hinter dem
Roslrale breit übereinander; in Fig. f dagegen slossen
die hinteren Enden der Nasofrontalia mit dem hinteren Ende
des Rostrale in einem Punkte zusammen.
b) Hauptsächlichste Fehler n ach Verglei-
ch ung mit den 0 rigin a lexem p 1 a r.en.
Diese würden sich am leichtesten aus der Vergleichung
mit der von mir gegebenen Abbildung ergeben. Da diese
indessen später in meiner Abhandlung veröffentlicht werden
wird, so will ich Hrn. Jan nicht vorgreifen, falls derselbe
etwa die ihm übersandte „falsche" Abbildung mitthei-
len will.
1) In Fig. a ist ein Hauptfehler, dass das Praefrontale
mit seinen beiden seitlichen Winkeln an die Nasofrontalia
stösst, indem es vielmehr jederseits durch den inneren
(oder oberen) Winkel des Praeoculare von den Nasofrontalia
ausgeschlossen wird. Wenn es daher richtig gezeichnet
wäre, so würde der Contour des Praefrontale wie bei Uebnin-
thophis frontalis (Monatsberichte der K. Akad. d. Wissensch.
zu Berlin 1860. p. 517. Taf. Fig. 1) vorn an vier Schil-
der stossen , mit dem Unterschiede, dass die Grenzlinien
zwischen Praefrontale und Praeocularia beträchtlich kleiner
sind als bei dieser letzteren Art. Dann würden von selbst
die Supraocularia, von welchen hier das rechte mit seinem
vorderen Winkel , das linke in Fig. f sogar durch einen
breiten Rand mit deni Nasofrontale in V« rbindung steht, in
die gehörige Entfernung von den Nasofrontalia treten.
2) Sind in derselben Fig. a die Ocularia zu nahe an-
einander gerückt und dieselben für diese Ansicht viel zu
breit gezeichnet, was zur Folge hat, dass nicht die fünfte,
Ueber Typhlops flavoterminatus. 45
sondern fälschlich die v i er te Längsreihe der Körperschup-
pen nach vorn hin die Mitte des Oculare trifft.
3) In Fig. f ist ein Suboculare gezeichnet, was gar
nicht existirt, indem das Oculare grösser ist und mit sei-
nem unteren Winkel zwischen drittes und viertes Suprala-
biale hinabgeht.
4) Statt der fünften Schuppenreihe endigt hier sogar
die dritte hinter der Mitte der Oculare.
5) Das Praeoculare müsste in dieser Fig. f höher nach
oben hinaufsteigen , längs dem Nasofrontale bis über das
grosse Praefrontale; statt dessen ist es fälschlich nicht höher
gezeichnet als das Oculare und dieses hat nun die Folge
gehabt, dass das Praeoculare mit einem breiten Rande den
Platz desselben oben hinter dem Nasofrontale einnimmt und
das grosse Praefrontale ganz verschwunden ist.
6) Der obere Rand des ersten Supralabiale ist S-för-
mig und nicht , wie es fälschlich in Fig. f angegeben ist,
C-förmig.
7) In Fig. b ist das Rostrale so gezeichnet als wenn
es von vorn nach hinten zu schmäler würde, und in Fig. g
hat dieser Theil umgekehrt eine vorn und hinten sich ver-
schmälernde bauchige Gestalt. Beides ist jedoch falsch,
indem dieser ventrale Theil des Rostrale vielmehr die Ge-
stalt einer breiten kurzen Sanduhr hat, indem er vorn und
hinten breit, in der Mitte aber eingezogen ist. Dem ent-
sprechend ist auch in Fig. g die schmale Stelle des Rostrale
fälschlich als am Schnauzenrande liegend angegeben.
Als Erläuterung zu den Typhlopinen erschien nun
ein bereits lange vorher verkündeter Aufsatz, mit welchem
der Jahrgang 1861 des Archivs für Naturgeschichte beginnt.
Hr. Jan theilt hierin zunächst, „durch vieljährige Un-
tersuchung von Tausenden von Schlangen belehrt," mit,
dass „die Berücksichtigung der seitlichen Beschildung des
Kopfes** „wesentlich das Bestimmen der Arten erleichtert."
Eine gewiss alle Ophiologen höchst überraschende neue
Entdeckung! Dann macht er die, den Laien gewiss be-
sonders willkommene Bemerkung, dass die Benennung der
einzelnen Kopfschilder nach Dumeril und Bibrondas
Bestimmen nur erschwere, dass dieses vielmehr leichter
46 Peters:
nach naturgetreuen (S ord el 1 i - Jan'schen) Abbildungen
geschehen könne. Wir erfahren hieraus also, dass die im
Prodrome versprochenen „noch ungedruckten Beschreibun-
gen" nicht erscheinen werden und daher der Titel des
Jan'schen Werkes nicht Sonographie dcscriptive, sondern
Iconogniphic sans descriptions heissen müsste. Was die
Terminologie anbelangt, so erlaube ich mir die ganz erge-
benste Gegenbemerkung, dass die genauere Unterscheidung
und Kenntniss der Typhlopina erst durch die trefflichen ge-
nauen Beschreibungen von D u m e r i 1 und B i b r o n möglich
geworden ist, und dass die von ihnen vorgeschlagene Ter-
minologie wesentlich zum gegenseitigen Verständnisse bei-
getragen hat , ich auch keine Erschwerung , sondern eine
Erleichterung darin gefunden habe.
Ferner hat Hr. Jan die allerdings ganz neue Ent-
deckung gemacht , dass sich in dem Nasalschilde der Ty-
phlopinen „eine Ritze befinde , welche charakteristisch
sei." So nennt er nämlich die Stelle , wo sich das Nasale
über das Nasofronlale hinüberlegt. Ohne Herrn Jan's Ent-
deckungen auf diesem Felde vorgreifen zu wollen, erlaube
ich mir nur Herrn Prof. Jan ganz ergebenst zu bemerken,
dass derartige Ritzen auch zwischen den anderen Schup-
pen und Schildern befindlich sind, und dass zwischen die-
sen und jener zwischen dem Nasale und Nasofrontale gar
kein Unterschied besteht , wenn auch diese Schilder zu-
weilen über dem Nasenloche mehr oder weniger verwach-
sen sind. Dass Dumeril und Bibron gerade bei der
Unterscheidung der Arten auf die Begrenzung der Labialia
besondere Rücksicht nehmen und dadurch zu ganz densel-
ben Merkmalen gelangten, wie Herrn Jan mit seiner Ritze,
scheint derselbe bei der „erschwerenden" Nomenklatur die-
ses Werkes nicht bemerkt zu haben.
Die so charakteristische Lage der Augen bei den ver-
schiedenen Gallungen der Typhlopinen erklärt Herr Jan,
wahrscheinlich nach Betrachtung seiner „unübertrefflichen"
Abbildungen für variabel und wirft dabei Herrn A. Du-
meril vor, aus einer Varietät von Typhlpos reticulatus
eine neue Art 0 phthalmi dion crassum aufgestellt zu
haben, wahrscheinlich weil seine Abbildungen von diesen
Ueber Typhlops flavoterminalus. 47
beiden (wie mir noch Hr. A. Dumeril ganz neuerdings
schreibt, ganz verschiedenen) Thieren ganz gleich aus-
gefallen sind. Wie leicht Hrn. Professor Jan Varietäten
findet und wie er sich in seiner Fähigkeit , Schlangen zu
bestimmen, überschätzt, davon sind mir auch anderweitig
viele Beispiele bekannt. Es möge genügen , einige der-
selben anzuführen. So sind von Hrn. Jan im Hamburger
Museum Pseudodipsas torquata als Dipsas annulala (NB. !
die erstere hat ungefur ch t e, die zweite gefurchte
Oberkieferzähne !), Rhinophis melanogaster als Rh. oxyrhyn^
chus bestimmt, so erklärt er Hrn. Dr. Fischer's Dipsas
glohiceps., valida und fasciata aus Westafrika identisch mit
Opetiodon cynodon Cuv. aus Java, Taphrometopon lineolatum
(das Originalexemplar von Chorisodon sibiricum) im Leydener
Museum für vollkommen identisch mit Psammophis elegansl
Herrn Prof. Jan's neueste Publikation indem so eben
erschienenen 2. Hefte dieses Archivs p. 87 über Homalo-
psidae enthält ausser einem neuen Angriffe auf Herrn Dr.
Günther wegen der Furchung der Herpetonzähne die
Zusammenstellung ei ni g e r Gattungen dieser Familie. Sfe-
norhina und Ficimia sind nach Herrn Prof. J a n's systema-
itschen Grundsätzen darin aufgenommen , die hieher gehö-
rige im Pariser Museum (auch in Berlin) befindliche Gat„
tung Tretanorhinus dagegen daraus verbannt worden. Hr.
Prof. Reinhardt erhält eine sanfte Zurechtweisung, dass
er Stenorhina zu den Coronellidae und nicht zu den Homalo-
psidae gesetzt habe, weil natürlich gar nicht vorausgesetzt
werden kann, dass Hr. Jan ungeachtet „seiner unübertreff-
lichen Abbildungen," vollkommenen „Beschreibungen," „un-
erhörten Erleichterungen zur genaueren Bestimmung der
Schlangen," „nach Untersuchung von vielen Tausenden von
Exemplaren" und „den Originalexemplaren von vier und
dreissig Museen" sich im Irrthume befinden könne, wie es
hier doch ganz ohne Zweifel der Fall ist, da Stenorhina
weder hinsichlich der Nasenlöcher, noch der Augen irgenrf
etwas mit den Homalopsidae zu thun hat.
Eine neue Art von Coronella mit Furchenzahn.
Von
Dr. Albert dünther
in London.
Coronella brems.
Schuppen in 23 Längs r ei lion; Anal-Platte
gespalten, acht Oberlippen-Scliilder, wovon
der vierte und fünfte ans Auge treten. Oben
bräunlich -oliven farbig mit netzförmigen
schmalen, schwärzlichen Quer-ßändern; Na-
ckenzeichnung wie inC. cucullata; Bauch ein-
farbig weiss; der hintere Oberkieferzahn ge-
fur c ht.
Diese Art zeichnet sich schon auf den ersten Blick
durch ihren kurzen Habitus aus, indem bei einer Totallänge
von 11 Zoll der Umfang in der Mitte des Rumpfes 15 Li-
nien beträgt. Die Bauchschilder sind nicht ganz so zahl-
reich (165) als in C. cucullata, aber sehr schmal und breit.
Wie in vielen Exemplaren der letztgenannten Art reicht
der 6. Oberlippen -Schild mit seiner Spitze unmittelbar an
das Occipitale. Die Pupille ist rund. Die meisten Schup-
pen haben an ilircr Spitze eine kleine glänzende Grube.
Im Uebrigen gleicht die Art der C. cucullata-, die Aufstel-
lung einer neuen Art scheint mir aber gerechtfertigt durch
den kurzen Habitus, durch den einfarbig weissen Bauch und
durch die vermehrte Zahl der Schuppen. C. cucullata hat
gewöhnlich nur 19 Schuppen-Reihen, ausnahmsweise 21.
Die Art wurde durch Hrn. Lowe auf einer kleinen,
namenlosen Insel, vor dem Hafen von Mogadora entdeckt.
Günther: Eine neue Art von Coronella mit Furchenzahn. 49
Der Umstand, dass ich wieder eine Schlange mit
gefurchtem hinterem Zahne in ein Geschlecht stelle,
für welches man den Charakter ungefurchter Zähne
vindicirt hat, veranlasst mich, meine Ansicht über den sy-
stematisclien VVerth dieses Merkmales vor den Lesern des
Archivs auszusprechen.
Dass der Furchenzahn ein giftleitendes Organ sei, zu
welcher Annahme man sich seit seiner Entdeckung hin-
neigte , ist eine reine Hypothese. Es ist nicht erwiesen,
dass die Speichelflüssigkeit der Opisthoglyphen andere —
giftige oder die Verdauung mehr befördernde — Eigen-
schaften besitze , als die der Aglyphodonten. Die Furche
ist in vielen Arten so seicht, dass man gar nicht einsehen
kann, wie sie die Einleitung des Giftes in die Wunde ver-
mitteln könnte. Direkte Beobachtungen an lebenden Ex-
emplaren von Schlangen mit Furchenzähnen haben nie eine
Vergiftung nachweisen können. Dieser Furchenzahn findet
sich bei den verschiedensten Schlangenformen und ist von
keinem zweiten Charakter conslant begleitet. Seine Bedeu-
tungslosigkeit zur systematischen Begründung von Fami-
lien ist desshalb auch von allen thätigen Herpetologen
der gegenwärtigen Zeit anerkannt.
Ich halte das Vorhandensein dieser Furche jedoch
nicht für vollkommen bedeutungslos. Schlangen, bei wel-
chen der hintere Zahn des Oberkiefers überhaupt verlän-
gert und verstärkt ist, können verhältnissmässig kräftigere
Thiere erbeuten und überwältigen. Die Widerstandsfähig-
keit dieser hinteren Zähne ist nun durch das Vorhanden-
sein einer an der convexen Seite gelegenen Furche ver-
stärkt, gerade wie ein röhren- oder kegelförmiger Körper,
dessen Oberfläche auf einer Seite rinnenartig eingebuchtet
ist, in der Richtung dieser Rinne schwieriger abzuknicken
ist, als wenn er eine gleichmässige Abrundung besässe.
Aus diesen Gründen finde ich in der An- oder Ab-
wesenheit eines längeren hinteren Zahnes nicht bloss eine
Berechtigung zur generischen Trennung von Schlangen
mit gleichen und ungleichen Zähnen , sondern ich halte
diese Trennung sogar durch die Natur selbst geboten; kann
aber in der Zugabe einer Furche zu einem verlängerten
Archiv f. Naturg. XXVIII. Jahrg. 1. Bd. 4
50 fJ ü n t h e r :
Zahne nur eine Modifikation mit ähnliclier Bedeutung sehen,
wie wir sie in der getheilten oder ungetheilten Anal-Platte
der Schlangen , oder in der An - oder Abwesenheit von
Gaumenzähnen neben den Vomer-Zähnen in manchenFischen
linden.
Es ist sehr natürlich, dass Zoologen, welche sich nicht
speciell mit Ophiologie beschäftigen , noch heute geneigt
sind, den Principien eines Systems mehr oder weniger voll-
ständig zu huldigen, die von einem anscheinend so
wichtigen und in der That durcho^reifenden Charakter
^renommen sind. Wer jedoch Gelegenheit hat und sich die
Mühe nimmt, die Species, welche zu Coronella gestellt
worden sind, zu untersuchen , der muss zugeben, dass C.
austriaca, girundica, cucullata und brevis in einer näheren
natürlichen Verwandtschaft mit einander stehen , als mit
irgend einer der anderen Coronellae, so dass es noch Niemand
eingefallen ist, Schlegel einen Vorwurf zu machen, wenn
er sie seiner Zeit als eine Art betrachtete: und doch ha-
ben zwei davon Furchenzälme ! Man kennt bis jetzt keine
vierte Schlange , welche mit Leptodira torquata , annulata
und discolor näher verwandt wäre, als diese es unter sich
sind, so dass zwei davon bis in die letzte Zeit vom Heraus-
geber der ersten Nummer einer „Iconographie generale des
Ophidiens" mit einander verwechselt wurden *'^) und doch
hat eine einen Furchenzahn und die andere nicht! Aehn-
lich verhalten sich Coronella lissidens und C. decorata, Dro-
micus lineatus und Tomodon lineatus etc.
Demjenigen , der diese Schlangen kennt , muss die
Ansicht, dass die An- oder Abwesenheit des Furchenzahns
selbst nur eine generische Trennung immer gebiete , sehr
bedenklich erscheinen. Wo dieser Charakter von einem
anderen begleitet ist — in der Physiognomie , im Habitus,
in der Beschuppung, oder wo sich durch ihn zwei geo-
graphisch geschiedene Gruppen unterscheiden lassen, be-
nutze ich ihn mit Freuden als einen technischen Cha-
rakter, wie die gespaltene oder ungespaltene Afterflosse,
wie die Kiele der Schuppen , oder wie die neuerlich von
} Monatsber. ßerl. Akad. 1860. p. 521,
Eine neue Art von Coronella mit Furchenzahn. 51
Reinhardt beschriebenen Gruben; wo aber sich die
Trennung zweier höchst ähnlichen Schlangen nur auf .die-
sen einen Charakter basiren lässt, verwerfe ich ihn: und
Niemand , der sich vor dem Vorwurfe der Pedanterie be-
wahren will, wird es wagen, das Verfahren dessen, der
mit Vorsicht sich eines solchen Merkmals bedient, ein
-unbeffründetes und unwissenschaftliches" zu nennen.
Herrn Jan, der sich dieser beiden Ausdrücke gegen
mich neuerlich '-*) bediente , sollte es leid tliun , sich in
dieser unüberlegten Weise ausgesprochen zu haben. Die-
ser Herr, der erst vor vier Jahren (1857), d. h. zu einer
Zeit, wo, nach seinen verschiedenen Programmen zu schlies-
sen, seine Ansichten über Systematik abgeklärt gewesen
sein sollten, einen Bericht über seine nach dem Systeme
der französischen Herpetologen geordnete Sammlung ver-
öffentlichte , und 1858 sein beabsichtigtes Schlangenwerk
unter französischen Auspicien ankündigte: erklärt jetzt,
dass er „keineswegs den in der Herpetologie generale auf-
gestellten Ansichten huldige", und denuncirt das Verfahren
dessen , der ihm auf dem Wege der Weiterentwickelung
des früheren deutschen Systems voranging, als unbe-
gründet und unwissenschaftlich ! Uebersieht der Verfasser
jenes Artikels ganz, dass, wenn er mein Verfahren in der
systematischen Anwendung des Zahnsystems verdammt,
derselbe Vorwurf vom Standpunkte eines Anhängers des
Dumeril -Bibro n'schen Systems ihn selbst treffen muss,
wenn er Schlangen mit „rückwärts gefurchten" Zähnen mit
anderen, die „ganz glatte" haben, in eine und dieselbe Fa-
milie stellt ? zumal da er , wie er selbst gesteht, nicht im
Stande sein wird , eine andere gründliche Familienabthei-
lung „nur halbwegs zu bewirken", dieses vielmehr „von
den Ansichten und vom Auge des Herpetologen abhängig"
sein lässt.
Noch zwei W^orte zum Schlüsse. Herr Jan hat „zur
Steuer wissenschaftlicher Wahrheit" in diesem Archiv (1. c.)
eine Abbildung der Zähne von Herpeton gegeben. Er wird
indessen gesehen haben, dass dem von mir begangenen
^) Siehe dieses Archiv 1861. p.
52 Günther: Eine neue Art von Coronella mit Furchenzahn.
Trrtliumc bereits *) gesteuert wurde und ich wünschte
nur, die im Archiv gegebene wahre Abbildung wäre für
die in der Iconographie enthaltene Zeichnung, welche auch
„mit der grössten wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit"
ausgeführt wurde, substituirt. Jeder der diese beiden Ab-
bildungen vergleicht, wird sehen, dass die erste nicht von
der Art war, um unbedingtes Vertrauen in ihre Richtigkeit
einzutlössen , und demjenigen sehr verdächtig erscheinen
musste , der nach Autopsie sich davon überzeugt zu haben
glaubt , dass jene Zähne furchenlos seien ^^*). Dass ich
aber jenen Artikel zur „Discreditirung" von Hrn. Jan's „Ar-
beit" geschrieben haben sollte , ist eine ganz ungerecht-
fertigte Vermuthung. Wie er seine richtige Beobachtung
vertheidigt, so vertheidigte ich meine unrichtige so lange
ich sie für richtig hielt. Wenn freilich ein Verfasser, wie
Hr. Professor Jan, sich genöthigt findet, auf 32 Seiten
Arbeit 8 Seiten „Additions et Corrections" folgen zu las-
sen, so kann man es sich wohl erklären, dass er in der
Darstellung eines abweichenden Beobachtungs -Resultates
das Gespenst der Discreditirung sieht.
*) Ann. and Mag. nat. hist. 1861. VIH. p. 266. et ßerl. Monats-
Ber. 1861. p. 902.
■""■) Wir überlassen es Hrn. Jan, seinen vielleicht nur in der
Hast begangenen Irrthuni, die Bezahnung von Helicops betrefFend, zu
berichtigen.
Systematische Tebersicht der Familien der
Stachel flosser *)•
Von
Dr. Albert Günther
in London.
Die folgende Synopsis ist theils in der Absicht zu-
sammengestellt, meine Ansichten über die natürliche Ver-
wandtschaft dieser Fische kund zu geben , theils um bei
der Bestimmung eines Fisches und zur Auffindung der Fa-
milie , zu der er gehört , behülflich zu sein. Daher sind
technische Charaktere mit künstlichen verbunden , so weit
dies für letzteren Zweck erforderlich schien. Die Arten,
welche nicht in die Grenzen dieser Charaktere passen, und
Ausnahmen von dem allgemeinen Organisationsplane bil-
den, sind unter dem Texte angegeben.
Diese vorläufige Eintheilung der Acanthopterygier ist
hauptsächlich auf den Bau der Flossen begründet. Sie hat
zunächst den Zweck als Schlüssel beim Gebrauche der er-
sten Abtheilung meines Fischwerkes **) zu dienen, enthält
aber noch keineswegs die Durchführung der Principien,
welche ich in einem Systeme der Fische überhaupt anzu-
wenden hoffe. So bin ich mitBleeker zur Ueberzeugung
gelangt, dass die Pharyngognathen als Ordnung fallen müs-
sen, und eine grosse Abtheilung derselben mit den Acan-
thopterygiern zu verschmelzen ist. Darin liegt der Grund,
*) Die Einleitung ist eine briefliche Miltheilung vom Herrn Verf.
ein den Herausgeber; die Synopsis selbst ist vom letzteren aus dem
Englischen übersetzt.
**) Catalogue of the Acanthopterygian Fishes. 3 Bände. London
1859—61. 8.
54 Günther:
warum ich meine Ihnen versprochene Arbeit über die Ein-
theilung dieser Thiere so lange verschoben habe, und noch
länger zu verschieben mich genöthigt sehe.
Die erste Division wird seiner Zeit einen grossen
Theil der Pharyngognathen mit aufnehmen; durch die Un-
tersuchung der Skelette der letzteren , und Vergleichung
mit denen der Nicht - Pharyngognathen , bin ich zu aufl'al-
lenden Resultaten gelangt , welche mir diesen Charakter
mehr und mehr wichtig für die Eintheilung .erscheinen las-
sen ; es fehlen mir noch die Skelette einiger Hauptformen,
doch will ich schon jetzt aus Analogie schliessen, dass
z. B. das von Olistherops ein viel-wirbeliges ist. Die Zahl
der Familien dieser Division wird demnach beträchtlich ver-
mehrt werden , zumal da die Percidae und w ahrscheinlich
auch die Cirrhitidae noch kein natürliches Ganze bilden.
Die Familie Cataphracti lasse ich auch fallen. Die knö-
cherne Verbindung des Infraorbital - Ringes mit dem Prae-
operculum ist nicht von einer solchen Bedeutung, wie der
Flossen- und Skelettbau; ich behalte aber den Charakter,
um kleinere Familien darauf zu begründen, die verschie-
denen Divisionen angehören. Gasterosteus, Agriopus etc.
sind von Hause aus keine Catapbrakten, da die Verbindung
des Infraorbitalrings und Praeoperculums bei ihnen anato-
misch eine andere ist und eine andere Function hat.
Für die achte Division werde ich wohl kämpfen
müssen; sie hat mir am meisten zu arbeiten gegeben, und
ich bin ganz vorbereitet, sie zu vertheidigen , da sie ge-
wiss eine natürliche ist. Lange wusste ich nicht was mit
den Acronuridae (Acanthurus) anzufangen sei; dem Flos-
senbaue nach gehörten sie zu dieser Abtheilung, dem Ha-
bitus nach zu der ersten. Als ich aber ihr Skelett unter-
suchte, namentlich auch den Schädel), und mir klar wurde,
dass ihre Schwanz-Bewaffnung nur eine Modilication der von
Caranx ist , blieb mir kein Zweifel mehr über ihre natür-
liche Stellung bei den Carangidae.
Cyltina, Stromateina, Cottina etc. erhebe ich nun alle
zu Familien.
Die Discoboli sind von den Gohiesocidae himmelweit
verschieden , wie man sich aus meinem Calaloge selbst
Systematische Uebersicht der Familien der Stachclflosser. f»5
Überzeugen wird. Die Bauchflossen nehmen bei den letz-
teren an der Scheiben-Bildung keinen Antheil.
Die Helerolepidina (Hexagraminus, Agrammus etc.) sind
gute Blennioiden; ihre oft mehrfache Seitenlinie tritt ge-
rade bei manchen echten Blenniidae von denselben Mee-
ren auf.
Die Vereinigung der Sphyraenidae und Mugilidae in
eine Division will mir noch nicht recht gefallen ; ich weiss
aber nicht zu helfen; die Differenzen sind nicht von der
Art, dass man darauf besondere Abtheilungen gründen
könnte, während auf der anderen Seite sie in wesentlichen
Punkten übereinstimmen , und die lang-schnauzigen Athe-
rinidae eine Art Bindeglied zu machen scheinen.
Die Fistularidae sind See-Stichlinge; man vergleiche
nur Spinachia mit Fistularia oder besser mit Aulostoma.
Pedantische Systematiker werden wohl unzufrieden
sein über die Ungleichmässigkeit des Umfanges der Abthei-
lungen ; darüber ist natürlich kein Wort zu verlieren. Eine
andere Frage aber ist , ob die 16 Divisionen nicht sich in
einige weitere höhere Categorien unterbringen lassen. Ich
halle das für unnöthig, und vielleicht für unmöglich.
I.
Eine weiche Rückenflosse und eine After-
flosse. After vom Schwänzende entfernt,
hinter den Afterflossen, wenn diese vor-
handen sind.
Erste Division: Acanthopterygii peixiformes.
Körper mehr oder weniger comprimirt , hoch oder
länglich , nicht langstreckig. Keine vorstehende Afterpa-
pille; kein Superbranchial-Organ. Die Rückenflosse oder die
Rückenflossen nehmen den grösseren Theil des Rückens
ein; der Stacheltheil der Rückenflosse wohl entwickelt, im
Allgemeinen mit steifen Dornen, von massiger Ausdehnung,
56 Günther:
etwas länger oder ebenso lang wie der weiche Theil ^);
der weiche Theil der Afterflosse ähnlich der weichen Rük-
kenflosse, von massiger Ausdehnung oder ziemlich kurz 2).
Bauchflossen thoracisch, immer vorhanden, mit einem Dorne
und fünf oder vier wohl entwickelten Strahlen.
I. Bauchflossen 1 . 5, selten 1 . 4j keine Deckelstütze ^).
Ein e Seitenlinie.
A. Seitenlinie ununterbrochen *) : weder schneidende
Zähne , noch Mahlzähne ; keine Bartfäden an der
Kehle. Die unteren Brustflossenstrahlen verzweigt.
a. Zähne am Gaumen^); verticale Flossen nicht
schuppig Percidae.
b. Gaumen zahnlos ^) ; Körper länglich, oder, wenn
hoch, mit schuppenlosen verticalen Flossen.
Pristipomatidae.
c. Verticale Flossen beschuppt; Körper hoch, oder,
wenn länglich , mit borstenförmigen Zähnen in
den Kiefern oder sammetartigen Binden am Gau-
men SquamipeuDes.
ß. Seitenlinie unterbrochen .... Nandidae.
C. Ein Paar beweglicher Bartfäden an der Kehle.
llullidae.
D. Entweder schneidende Zähne in den Kiefern oder
Mahlzähne an den Seiten Sparidae.
E. Kielerzähne zu einer schneidenden Lamelle ver-
schmolzen Hoplognathidae.
F. Die unteren Brustflossenstrahlen nicht verzweigt;
weder schneidende Zähne , noch Mahlzähne in den
Kiefern CirrMtidae.
1) Rhypticus, Centrarchus sparoides, Hyperoglyphe.
2) Haplodactylus, einige Arten von Chilodacfylus ; lang bei Latris.
3) Mit diesem Namen (englisch bony slay for Ihe operculum)
bezeichne ich den Knochen, welcher bei den echten Cataphracti Cuv.
vom Suborbitalringe bis zu dem Winkel des Praeoperculum reicht,
und als Stütze für den Stachel dient, mit welchem der Winkel bewaff-
net ist.
4) Ambassis interrupta, buruensis.
5) Prionodes.
6) Einige Arten von Therapon,
Systematische Ucbersicht der Familien der Stachelflosser. 57
II. Eine Deckelstülze für das bewaffnete Praeoperculum,
die vom Infraorbitalringe entspringt . . Scorpaeniilae.
III. Keine Seitenlinie; Dorntheil der Afterflosse lang.
Polycentridae.
IV. Bauchflossen mH einem äusseren und inneren Dorne 1.4.1.
Teuthididae.
Zweite Division : Acanth. beryciformes.
Körper comprimirt, länglich oder hoch; Kopf mit gros-
sen schleimführenden Höhlen, die nur von dünner Haut be-
deckt sind. Bauchflossen thoracisch, mit einem Dorne und
mehr als fünf, bei Monocentris mit nur zwei, weichen
Strahlen.
Nur eine Familie Berycidae.
Dritte Division : Acanth. kurtiformes.
Nur eine Rückenflosse, viel kürzer als die Afterflosse,
welche lang ist. Kein Superbranchial-Organ.
Nur eine Familie . Kurtidae ').
Vierte Division : Acanth. polynemiformes.
Zwei ziemlich kurze Rückenflossen, etwas entfernt von
einander; freie Fäden am Schultergürtel unter den Brust-
flossen ; Kopf mit wohl entwickeltem Schleimkanal-System.
(Ansehen sciaenoidenartig.)
Nur eine Familie Polynemidae.
Fünfte Division : Acanth. sciaeniformes.
Die weiche Rückenflosse ist mehr, meist viel mehr
entwickelt als die stachlige, oder als die Afterflosse. Keine
Pectoral-Fäden ; Kopf mit wohlentwickeltem Schleimkanal-
System.
Nur eine Familie Sciaenidae.
7) Diese Familie bildete früher eine Gruppe der Carangidae
(Kurtina).
5Q- (j ün th er:
„ff Secliste Division: Acanth. xiphiiformes.
Der Oberkiefer ist in ein langes keilförmiges Schwert
ausgezogen.
Nur eine Familie Xiphüdae.
Siebente Division : Acanth. trichiuriformes.
Körper langstreckig, comprimirt oder bandförmig;
Mundspalte gross, mit einigen kräftigen Zähnen in den Kie-
fern oder am Gaumen. Der Stacheltheil und weiche Theil
der Rückenflosse , so wie die Afterflosse sind fast gleich
gross, lang, vielstrahlig, zuweilen in falsche Flossen endi-
gend ; Schwanzflosse, wenn vorhanden, gabiig.
Nur eine Familie Trichiuridae.
Achte Division : Acanth. cotto-scomhriformes ^).
Die Dornen mindestens in einer der Flossen entwik-
kelt. Die Rückenflossen entweder vereinigt, oder dicht
bei einander; die stachlige Rückenflosse, wenn vorhanden,
stets kurz, zuweilen in Tentakeln oder in eine Saugscheibe
umgewandelt, die w^eiche Rückenflosse stets lang, wenn
die stachlige fehlt ^) ; Afterflosse ähnlich entwickelt wie
die weiche Rückenflosse, und beide meist viel länger als
die stachlige ^^), zuweilen in falschen Flossen endigend.
Bauchflossen thoracisch oder jugular , wenn vorhanden,
niemals in einen Haftapparat umgewandelt. Keine vorste-
hende Afterpapille.
I. Eine Rückenflosse, vorn mit mehreren stechenden Stacheln ;
ein oder mehrere Knochenstachel an jeder Seite des
Schwanzes; Zähne comprimirt, abgestutzt, oder gelappt,
eng- in einer einzelnen Reihe . . »-'^ .'"'. Acronuridae.
II. Skeleltheile solide; keine Deckelstütze; Zähne konisch
oder dreieckig, wenn vorhanden.
8) Die echten Cottoiden gehen allmählich in die eigentlichen
Scombroiden über.
9) Aspidophoroides.
10) Einiyc Allen von Agonus.
Systematische Uebersichl der Familien der Stachelflosser. 59
A. Der Stacheltheil der Rückenflosse vorhanden , zu-
weilen rudimentär. Körper comprimirt, länglich
oder hoch. Wirbel 10 . 14 ^^) . . . Carangidae.
B. Körper hoch, mit zwei deutlichen Abtheilungen der
Rückenflosse. Wirbel 10 + x . 14 + y . Cyttidae.
C. Rückenflosse ohne deutlichen Stacheltheil; Kopf und
Körper comprimirt. WMrbel 10 + x . 14 + y-
a. Gezähnte Fortsätze ragen in den Oesophagus
hinein Stromateidae.
b. Keine Zähne im Oesophagus . . Coryphaeuidae.
D. Zwei Rückenflossen; zuweilen falsche Flossen;
Schwanzflosse gabiig. Cycloidschuppen von massi-
ger Grösse. Wirbel 10 + x . 14 -|- y ^^j Nomeidae.
E. Zwei Rückenflossen; entweder falsche Flossen, oder
der Stacheltheil aus freien Dornen bestehend, oder
in eine Haftscheibe umgewandelt, oder die Bauch-
flossen jugular und vierstrahlig. Schuppen fehlen
oder sind sehr klein Scombridae.
F. Körper mehr oder weniger langstreckig. Eine stach-
lige Rückenflosse oder ein stachliger Theil meist
deutlich, die Stacheln durch Haut verbunden; keine
falsche Flossen; Schwanzflosse nicht gabiig; Bauch-
flossen aus einem Dorne und fünf weichen Strahlen
bestehend. Appendices pyloricae fehlen, oder sind
in kleiner oder massiger Zahl vorhanden.
a. Wirbel 10 oder 10 + x . 14 -f y . Trachinidae.
b. Wirbel 10 . 14 lalacanthidae.
G. Die stachlige Rückenflosse vorhanden , aus einigen
stechenden Stacheln bestehend; Bauchflosse jugular,
1.2 Batrachidae.
H. Die stachlige Rückenflosse auf den Kopf vorgerückt,
und mehr oder weniger in Tentakel umgewandelt.
Pediculati.
11) Zuweilen einer oder zwei mehr oder weniger als vier
und zwanzig.
12) l'latyslethus scheint eher zu den Carangidae zu gehören.
60 Günther:
III. Eine Dcckelstütze für das bewaffnete Praeoperculuni,
die vom Infraorbitalring entspringt.
A. Körper nackt oder mit gewöhnlichen Schuppen be-
deckt, oder unvollständig gepanzert mit einzelnen
Reihen plattenförmiger Schuppen . . . Cottidae.
B. Körper vollständig gepanzert mit knöchernen ge-
kielten Platten oder Schuppen . . . Cataphracti.
IV. Skelett weich . Comephoridae.
Neunte Division: Acanth. gobiiformes.
Die stachlige Rückenflosse , oder der Stacheltheil der
Rückenflosse , ist stets vorhanden ^^) , kurz , entweder aus
biegsamen Dornen zusammengesetzt, oder viel weniger
entwickelt als der weiche Theil; die weiche Rückenflosse
und die weiche Afterflosse von gleicher Ausdehnung. Bauch-
flossen thoracisch oder jugular, wenn vorhanden, aus einem
Dorne und fünf, selten vier, weichen Strahlen. Eine vor-
stehende Afterpapille ^*).
I. Analdornen 0 — 2; Bauchflossen.
A. Bauchflossen ganz in eine vollkommene dem Bauche
anhängende Scheibe umgewandelt . . . Discoboli.
B. Bauchflossen mit stets deutlichen Strahlen, zuwei-
len zu einer Flosse vereinigt .... Gobiidae.
II. Analdornen sechs; keine Bauchflossen . Oxudercidae.
Zehnte Division: AcaTith. blennüformes,
Körper niedrig, subcylindrisch oder comprimirt, lang-
streckig , selten länglich wie in Pataecus. Rückenflosse
sehr lang: der Slacheltheil der Rückenflosse, wenn deut-
lich, ist sehr lang, ebenso wohl entwickelt wie der weiche,
oder viel mehr ^"'') ; zuweilen die ganze Rückenflosse nur
aus Dornen bestehend ; Afterflosse mehr oder weniger
lang ; Schwanzflosse abgestutzt oder abgerundet, wenn vor-
13) Luciogobius.
14) Astenopteryx.
15) Zoarces.
Systematische Uebersidht der Familien der Stachelflosser. 61
banden; Bauchflossen thoracisch oder jugular , wenn vor-
handen.
I. Körper bandförmig; keine Deckelstütze; Bauchflossen
thoracisch, 1.5 Cepolidae.
II. Bauchflossen jugular, 1.5 Trichonotidae.
III. Eine Deckelstütze, die vom Infraorbitalring entspringt.
lleterolepididae.
IV. Bauchflossen jugular ^^), aus wenigen Strahlen beste-
hend, wenn vorhanden; eine vorstehende Afterpapille;
keine Analdornen , oder in sehr geringer Zahl.
Blenniiflae.
V. Analdornen zahlreich Äcanthocliuidae.
VI. Keine Bauchflossen; keine vorstehende Aiterpapille;
Körper aallörmig; zahlreiche freie Rückenflossendornen.
Mastacembelidae.
Elfte Division: Äcanth. inugiliformes.
Zwei Rückenflossen, mehr oder weniger von einander
entfernt; die vordere entweder kurz, wie die hintere, oder
aus schwachen Dornen zusammengesetzt; Bauchflossen wohl
entwickelt, 1 . 5, abdominal.
I. Bezahnung kräftig; Wirbel 24 ... Sphyraeuidae.
II. Bezahnung schwach oder massig kräftig; Wirbel 10 + x .
14 -{- y Ätherinidae.
III. Bezahnung schwach; Wirbel 24 ISugilidae.
Zwölfte Division: Acanth. gaster o st eiformes.
Die stachlige Rückenflosse besteht aus isolirten Dor-
nen, wenn vorhanden; die Bauchflossen haben wegen der
Verlängerung der Beckenknochen, die an dem Schultergürtel
angeheftet sind, eine abdominale Lage.
I. Bauchflossen an den Beckenknochen angeheftet, mit
einem Dorne und mit einigen rudimentären Strahlen.
Gasterosteidae.
II. Bauchflossen von dem Beckenknochen entfernt, mit
sechs weichen Strahlen Fistularidae.
16) Pseudobiennius ; ?Andamia.
62 Günther:
Dreizehnte Division : Acanth. centrisciformes.
Zwei Rückenflossen , die stachlige kurz , die weiche
und die Afterflosse von massiger Ausdehnung. Bauchflos-
sen wirklich abdominal, unvollständig entwickelt.
Nur eine Familie . Centriscidae.
Vierzehnte Division : Acanth. gobiesociformes.
Keine stachlige Rückenflosse; die weiche Rücken-
flosse und die Afterflosse kurz, oder von massiger Länge, auf
dem Schwänze gelegen; Bauchflossen subjugular, 1 .5(4),
mit einem Haftapparat zwischen ihnen oder ganz fehlend.
Körper nackt.
I. Ein Haftapparat zwischen den Bauchflossen. Gobiesocidae.
II. Keine Bauchflossen Psychrolutidae.
Fünfzehnte Division : Acanth. channiformes.
Körper langstreckig, mit Schuppen von massiger
Grösse bedeckt; keine der Flossen mit einem Stachel, Rük-
kenflosse und Afterflosse lang. Kein Superbranchial-Organ,
nur ein Knochenvorsprung an der inneren Fläche des Os
epitympanicum.
Nur eine Familie Ophicephalidae.
Sechszehnte Division : Acanth. labyrinthibranchii.
Körper comprimirt, länglich oder hoch, mit Schuppen
von massiger Grösse. Ein Superbranchial - Organ in einer
accessorischen Kiemenhöhle, zum Aufbewahren von Wasser.
I. Stacheln in der Rücken- und Afterflosse vorhanden,
zuweilen in grosser Zahl Labyrinthici.
II. Weder in der Rückenflosse noch in der Afterflosse
Stacheln Luciocephalidae.
II.
Rücke n- un d Afterflosse entwickelt. After
vor den B auchflossen.
Nur eine Familie Aphredoderidae.
Sysleinallsche Üebersicht der Familien der Starhelflosser. 63
III.
Körper bandförmig, mit d e m Af ter nahe se i-
nem Ende; eine kurze Afterflosse hinter dem
After; Rückenflosse so lang wie der Körper.
Nur eine Familie .... ,s*,;n. . . . Lophotidae.
IV.
Afterflosse fehlt; Schwanzflosse rudimentär
oder nicht in der Längsachse des Fisches.
Skelettweich.
Nur eine Familie, mit schwacher Bezahnung.
Trachypteridae.
V.
Eine weiche Rückenflosse fehlt', oder ist
ganz rudimentär; Bauchflossen abdominal, be-
stehen aus einigen ungegliederten und geglie-
derten Strahlen.
Nur eine Familie Notacanthi.
Eine neue Art von Mormyrus.
Von
Dr. Albert (lUiither.
Mormyrus Petersii. Unterlippe in einen langen
konischen Zapfen verlängert. D. 27. A. 34.
L. lat. 66.
Der Charakter, durch welchen sich diese Art vor den
bekannten Mormyri auszeichnet, ist so auffallend, dass man
sie wohl generisch davon trennen wird , wenn andere ihr
verwandte Arten entdeckt werden sollten. Der Zapfen ist
biegsam, beinahe halb so lang wie der Kopf. Auf der rech-
ten Seite der Kehle befindet sich ein schmaler Schlitz, der
in einen bis zur Basis des Zapfens reichenden Kanal führt;
dieser Kanal steht in keiner Communication mit der Kie-
menhöhle. Die Mundspalte ist wie gewöhnlich sehr klein,
und oben wie unten mit einigen kleinen comprimirten, an
der Spitze gekerbten Zähnen bewaffnet. Die Schuppen
sind vorne ziemlich klein , nehmen aber nach hinten an
Grösse etwas zu. Die Basis der Bückenflosse ist etwas
kürzer als der Kopf, die der Afterflosse etwas länger. Der
Fisch ist dunkelbraun , mit zwei schmalen hellen Querbin-
den zwischen dem Anfange und der Mitte der Bücken-
und Afterflosse; er ist beinahe sechs Zoll lang und wurde
von Old-Calabar (West -Afrika) für das Britische Museum
acquirirt.
Verzeichuiss der auf seiner Reise in Nordamerika
beobachteten Säugethiere.
Vom
Prinzen Dlaxittiiiian zu Tfied.
Fortsetzung.
(Hierzu Taf. IV— VI.)
Ord, IV. Rodentia.
Nager.
Diese Ordnung ist bekanntlich in allen Welttheilen
eine der reichhaltigsten, und Amerika steht in dieser Hin-
sicht den anderen Theilen unserer Erde nicht nach. Baird
hat in seinem neuesten Werke wieder viele neue Arten
der Nager beschrieben , und gewiss werden in den süd-
westlichen Provinzen noch manche andere gefunden, sobald
man jene weite Gegenden wird gehörig durchforschen
können.
Farn. I. Sciurina. Eichhörnchen.
Nord-Amerika ist reich an dieser Thierform und be-
sitzt sowohl eine gute Anzahl von Arten dieser Familie,
als besonders eine überaus grosse Anzahl von Individuen.
Das dortige graue Eichhorn ist in manchen Gegenden und
in manchen Jahren unendlich zahlreich gewesen, besonders
in früheren Zeilen, wo die eingewanderte Bevölkerung die
Verminderung dieser Thiere noch nicht in einem so be-
deutenden Grade bewirken konnte, als dieses jetzt der
Fall ist. Bei der Bebauung des Landes mit Mais sind diese
Thiere zur wahren Landplage geworden, und der Pflanzer
erklärt ihnen unbarmherzig den Krieg. Für die grossen
Waldungen von Nord - Amerika waren diese Thiere recht
eigentlich geschaffen; denn die vielen Arten von Wall-
Archiv f. Nalurg. XX. VIII. Jahrg. 1. Bd. 5
66 Prinz Maximilian zu W i e d :
nuss-Bäumen (luglans) , so wie zahlreiche Eichen- Arten
(Quercus), die unzähligen Kastanien-, Buchen-, Tannen -
und Fichten- Arten boten ihnen eine unendlich reichhalti-
gere Nahrung, als in irgend einem anderen Welttheile.
Von diesen Früchten werden diese Thiere sehr l'ett und
wohlschmeckend und überall strebt der Pflanzer nach die-
sem beliebten Gerichte. Ueber die ungeheuere Vermehrung
der Eichhörnchen in Nord - Amerika findet man nähere
Nachrichten in den verschiedenen Reisebeschreibungen , so
wie beiAudubon, es passen aber diese Nachrichten, der
zunehmenden Bevölkerung wegen, grossentheils nicht mehr
auf die jetzige Zeit.
€enus Sciurus Linn. Eichhorn.
Nord-Amerika ist, wie gesagt, höchst reich an diesen
Thieren , allein ihre Species sind leider sehr unbestimmt
beschrieben und müssen gewiss sehr reducirt werden , da
manche Arten variiren, nicht aber alle.
1. S. cinereus Linn. Das graue amerikanische
Ei chh orn.
Richardson 1. c. I.
Audubon 1. c.
S. Baird 1. c. I. p. 248.
Gestalt und Färbung dieses Thieres sind bekannt, ich
will daher nur die Ausmessungen nach frischen Thie-
ren geben.
Ausmessung eines männlichen Indivi-
duums: Ganze Länge 21" 3'"; Länge des Schwanzes 10" 10"';
Länge des Schwanzes ohne die Haarspitzen T" 9"'; Breite
des Schwanzes mit seinen lockeren Haaren in der Mitte
3" 3"'; Länge des Kopfes 2" 6"'; Breite des Kopfes auf
den Augen 1" 3"'; von der Nase bis zum Auge 1" 1"';
Länge der Augenöffnung öVa"'; Höhe des Ohres an der
Kopfseite 10"'; Breite des Ohres in seiner Mitte 6V2'";
Länge des Vorderarmes vom Ellenbogen zum Handgelenke
1" 11'"; Länge der Vorderhand an der Oberseite gemessen
1" 5V2'"? Länge der Hintersohle von der Ferse an (es wird
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 67
immer die längste Zehe mit dem Nagel gemessen) 2" 4'";
Länge des längsten ßarthaares 2" 3'"; Länge der Testikel
1" 3'".
' Innere Th eile: Das männliche Thier trägt in der
Ruthe einen kleinen Knochen , bei dem beschriebenen Ex-
emplare 4^2 Linien lang, dessen Ausbreitung nach vorn
gerichtet ist (siehe die Abbildung Tab. IV. Fig. 1). Die
Testikel mit den Nebenhoden sind sehr gross , und er-
stere mit schönen concentrisch verlaufenden Blutgefässen.
Merkwürdig ist der Apparat der grossen Drüsen am After
und den Geschlechtstheilen, von welchen ich noch bei kei-
nem Schriftsteller Nachricht fand , und welcher mir auch
an anderen Eichhörnchen nicht vorgekommen ist (siehe
Taf. IV. Fig. 2). Die Abbildung ist nach einer genauen
Skizze gemacht , die in Branntwein conservirten Präparate
sind leider zu Grunde gegangen.
Varietät: Der bei dieser Thierart gewöhnlich ganz
weisse Bauch halte hier (bei einem männlichen Thiere)
von der Brust an über seine Mitte hinab zwei parallele,
grauröthliche und graugelblich gemischte Längsstreifen,
welche sich in der Gegend der Geschlechtstheile vereinigten.
Eine andere Varietät: Manche dieser Thiere
haben die äussere oder obere Seite des Ohres von der
Wurzel bis in die Mitte aufwärts weisslich, zuweilen weiss
gefärbt, der übrige Theil des Ohres ist gelblichgrau, oder
gelbröthlich gefärbt; der Rücken ist bald mehr, bald we-
niger gelbbraun überlaufen; die Grenze der grauen und
weissen Farbe an den Seiten des Bauches ist beinahe im-
mer gelbbräunlich gefärbt; Testikel weissgrau behaart, oft
mit gelbbräunlichen Haarspitzen; Sohlen gewöhnlich dun-
kelbraun, oft schwärzlich; Bartborsten gänzlich schwarz;
Seiten des Kopfes hell gelblichgrau, Augeneinfassung weiss-
lich; Nagezähne orangengelb.
Varietät, das schwarze pennsyl van i s ch e
Eichhorn: Gestalt wie an S. cinereus. Kopf wie ge-
sagt, das Ohr ziemlich schmal und hoch, an seinem Rande
ohne übertretende Haare, beinahe nackt, äusserlich nur
sparsam und kurz behaart; Bartborsten am Oberkiefer lang;
Fusssohlen nackt, an der Vorderhand die zweite Zehe von
68 Prinz Maxim ilian tu Wied:
aussen die längste, die innerste (der Zeigefinger) die kür-
zeste; Daumenvvarze mit einem kurzen dunkelbraunen Kup-
pennagel bedeckt; hinter den vier Zehen stehen drei Bal-
len, neben dem Daumen in dem Hlntertheile der Hand zwei
Ballen; am Hinterfusse sind die Zehen in demselben Ver-
hältnisse wie vorn, aber die äusserste ist die kürzeste und
der Daumen ist noch kürzer; hinter den fünf Zehen der
Hinterhand stehen vier Ballen , hinter diesen , an der bis
zur Ferse nackten Sohle, noch einer an der inneren Seite;
alle Nägel der Zehen sind zusammengedrückt und gekrümmt;
Schwanz lang und dicht rundum behaart , mit den Haar-
spitzen länger als der Körper; dieser ist dick, stark und
schwer ; Pelz dicht und zart.
Färbung; Iris im Auge dunkelbraun; Nagezähne
gelbbraun ; ganzer Körper schwarz ; Bauch blässer , ins
Bräunliche ziehend; Seiten des Kopfes und des Leibes fein
gelbbraun punktirt und gemischt , indem hier die Haare
gelbrothe Spitzen tragen. Seitenhaare des Schwanzes mit
bräunlichen Spitzen ; auf die eben beschriebene Art gelb-
röthlich gemischt sind die Kehle, Brust und Bauch ; Kopf,
Rücken und Beine glänzend schwarz.
Ausmessung verglichen mit der des gewöhn-
lichen grauen Eichhorns derselben Gegend:
Schwarzes Eichhorn. Graues Eichhorn.
Ganze Länge 21" 6'" 21" 3'"
Länge des Schwanzes . . 11" 6"' 10" 10"'
Länge des Schwanzes ohne
die Haarspitzen ... 8" 2V2'" 7" 9'
Länge des Kopfes ... 2" 6"' 2" 6'
Breite zwischen den Ohren — IIV2'" — —
Höhe des Ohres oben . . -- 10"' — 10'"
Breite des Ohres an der
Wurzel — 6'" — 61/2'"
Länge der Vorderhand oben 1" 8'" 1" 5V2'"
Breite des Kopfes zwischen
den Augen , . , , . 1" 3V2'" 1" 3'"
)'"
Verxeichniss IVordamerikanischer Säugethiere. 69
Schwarzes Eichhorn Graues Eichhorn.
Breite des Ohres in der • •>
Dieses schöne schwarze Eichhorn kommt überall in
Pennsylvanien vor, und es scheint bloss Varietät des ge-
meinen grauen zu sein. Das beschriebene erlegte ich in
den grossen Waldungen bei Ebensburgh im Alleghany-Ge-
birge. Seine Stimme glich zuweilen etwas der des euro-
päischen Eichhorns, sie war schmatzend : „tack! tack! tack!"
wie die des grauen Eichhorns. Es hielt sich dieses Thier
zwischen umgefallenen Urstämmen im V/alde auf, wo es
auf dem Boden im Herbste die abgefallenen Kastanien, Ei-
cheln und Wallnüsse aufsuchte. Am Wabasch ist dieses
schwarze Eichhorn seltener, Herr Lesueur sah während
einer Reihe von Jahren dort nur ein solches Exemplar.
Die grauen Eichhörnchen färben sich das Gesicht und
selbst die Beine und Seiten des Körpers olivenbraun, wenn
sie viele wilde Wallnüsse gefressen haben, deshalb hält
man sie alsdann leicht für Varietäten oder verschiedene
Species. Sciurus cinereus ist überall in allen waldigen
oder mit Waldungen abwechselnden Gegenden von Nord-
Amerika gemein und zwar zuweilen in grosser Menge. Es
ist ein schnelles schüchternes Thier, kriecht sogleich in Baum-
höhlen ein oder verbirgt sich zwischen den Zweigen, seit-
dem man sie häufig verfolgt. Oft blickt es dann nur mit
dem Kopfe hinter den dicken Aesten hervor. Die Ameri-
kaner sind sehr geübt diese Thiere mit ihren langen Büch-
sen von hohen Bäumen herab zu schiessen. Die Büchsen
schiessen ein nur ganz kleines Blei von der Dicke eines
Kirschkernes. Durch die beständigen Nachstellungen sind
die Eichhörnchen höchst schüchtern geworden , und ihre
Schnelligkeit und Fertigkeit sich zu verbergen, ist bewun-
dernswürdig. Selbst auf einem dünnen Baume sind sie
70 Prinz Maximilian zu Wied:
augenblicklich verschwunden und unsichtbar, sobald sie
den Jäger bemerken, und man kann sie alsdann lange ver-
gebens suchen. In Gegenden, w^o man ihnen sehr nach-
stellt, kommen sie jetzt beinahe am ganzen Tage nicht
zum Vorschein und man kann lange vergebens im Walde
umhcrschleichen. — Als dem Mais schädlichen und dabei
wohlschmeckenden Thieren, wird ihnen ungemein fleissig
nachgestellt. — Ihre Stimme ist verschiedenartig, sie haben
einen sanften Pfiff als Lockton, geben aber noch mancher-
lei andere Stimmen von sich, die zum Theil sonderbar
klingen; das schmatzende tack! tack! tack! habe ich schon
früher erwähnt. Sie bauen im Frühjahre ein Nest von
Laub und Moos wie unsere Eichhörnchen, wo sie ihre Jun-
gen werfen. Für den Winter sammeln sie einen Vorralh
von Früchten, woran die dortigen Wälder unendlich viel
reicher sind als die europäischen. In manchen Gegenden,
z. B. am Wabasch in Indiana, wo dieser Fluss in manchen
Jahren grosse Ueberschwemmungen macht, müssen alsdann
diese Thiere allein von ihren eingesammelten Vorräthen
leben, wie mir die Bewohner der Gegend ebenfalls ver-
sicherten. In dieser Zeit kommt alsdann manches Thier
ums Leben, selbst Hausthiere, Rindvieh und Schweine.
Die Bälge dieser Eichhörnchen, ob sie gleich im Win-
ter recht schön sind , werden im Pelzhandel gar nicht
beachtet.
2. S. r uflvent er Geof^r, Das rostbräunliche
Eichhorn.
S. macrourus Say.
S. Sayi Audub. 1. c. IL p. 274. Tab. 89.
S. Baird L c. I. p. 251. (Sciurus ludovicianus).
Dieses Eichhorn hat im Allgemeinen viele Aehnlichkeit
mit dem vorhergehenden, so dass mehrere Zoologen das-
selbe nur für Varietät desselben nahmen, allein bei genaue-
rer Vergleichung zeigen sich constante Abweichungen —
S. rufiventer hat stärkere Glieder, etwas breiteres und kür-
zeres Ohr, etwas gröberes Haar, besonders am Schwänze,
wo dasselbe dichter und härter ist.
Verzeichniss Kordamerikanischer Säugethiere. 71
Beschreibung eines männlichen Thieres:
Gestalt sehr stark und gedrungen; Kopf sehr dick, rundlich,
beinahe gestaltet wie an den Murmelthieren, Backen aufge-
blasen und dicht behaart, am Oberkiefer starke Bartborsten;
Auge ziemlich klein; Ohren kurz, kaum über die Fläche des
Kopfes hinauf reichend , von aussen und innen dicht be-
haarl, der Rand mit Haaren besetzt, welche um 2 bis 3 Li-
nien übertreten; Arme und Beine sehr stark und musku-
lös; Leib sehr dick und corpulent; Vordersohle nackt, die
hintere , die Ballen ausgenommen , mit weisslichen Haaren
bewachsen ; Schwanz in natürlicher Lage sehr stark und
breit, in der Mitte 4 Zoll breit; Testikel kolossal, nach in-
nen und hinten nackt, an den übrigen Theilen behaart;
Pelz sehr dicht, mit einer starken Grundwolle.
Färbung: Nagezähne orangenfarben; Ohren rost-
roth ; Seiten des Kopfes, Untertheile desselben und des gan-
zen Körpers sehr schön lebhaft hell rostroth , oder feurig
rostgelblichroth ; ebenso sind die vier Hände, die innere und
hintere Seite der vier Beine gefärbt; obere Theile schwärz-
lichgraubraun, alle Haare mit graugelben Spitzen und zwei
weissgelblichen Querbinden bezeichnet, die Farbe ist also
im Allgemeinen an den Obertheilen gemischt, und ebenso
ist die Aussenseite der Glieder und der Obertheil des
Kopfes bis zur Nase gefärbt, doch sind auf dem Oberkopfe
die Haarspitzen länger und dabei zum Theil kohlschwarz
gefärbt, wodurch der Scheitel eine dunklere Farbe erhält;
etwa 3 bis 4 Linien weit unter dem Auge stehen schwärz-
liche Haare, welche hier zuweilen eine dunklere Linie
bilden, nachdem man sie streicht; Bartborsten schwarz; der
Schwanz ist an seiner Oberseite mit sehr langen rostrothen
Haarspilzen versehen, jedes Haar der Oberseite hat vier
rostrothe und drei schwarze Binden , ihre Wurzeln und
Spitzen sind rostroth, von oben gesehen ist der Schwanz
schwarz und rostroth gemischt, von unten gesehen aber
gänzlich rostroth, denn die Haare sind hier ungemischt und
nur am Rande dieses schönen Schwanzes läuft rund um
ein schwärzlicher Streifen in der Mitte der Haare , die
Spitzen aber sind rostroth ; nackte Theile der Testikel
schwarzbraun , nach vorn und an den Seiten rostroth be-
73 Prinz M a X i m i 1 i a n z u W i e d :
haart; nackte Stellen der Fusssohlen schwärzlich, zuweilen
auch nur graubraun, ihre Behaarung- weisslich; an den Hin-
terschenkeln und Vorderarmen geht längs der Hand hinab
die grau gemischte Behaarung allmählich immer mehr ins
Roslrothe über.
Ausmessung: Ganze Länge 22" 4'"*); Länge des
Schwanzes mit den Haarspitzen (an der Oberseite gemes-
sen) 12"; derselbe ohne die Haarspitzen 8" 6V2'"; Länge
des Kopfes 2" 8'"; Breite zwischen den Ohren 1" 5V2'";
von der Nasenkuppe zum vorderen Augenwinkel 1" 2'";
Länge der Augenöffnung 5'"; vom hinteren Augenwinkel
zur vorderen Ohrbasis 5'"; Höhe des Ohres (an der Kopf-
seite gemessen) 7'"; Breite des Ohres in dessen Mitte 6V2'""
längstes Barthaar 2" 9'"; Länge der Vordersohle 1" 8'";
Länge der Hintersohle mit den Klauen 2" 6'"; Breite der
Vorderhand am Daumen 6^2 '"^ Breite der Hinterhand über
den Zehen 9'"; Länge des längsten Vordernagels 4'"; des
längsten Hinternagels 43/4'"; Länge des Testikels 1" 8^/2'"-
Innere Theile: Herz von den Seiten etwas zu-
sammengedrückt; der leere Magen krumm zusammengelegt ;
die Leber dunkelbraunroth, in 7 Lappen getheilt, von wel-
chen einer sehr klein ist; die Gallenblase liegt in einem
Einschnitte der Leber, ist beinahe rund, ziemlich durch-
sichtig und von blass röthlicher Farbe; Milz schmal, lang,
glatt, in der Mitte ihrer Länge verschmälert; das Weib-
chen hat acht schwärzliche Saugwarzen , zwei inguinale,
zwei abdominale und zwei pectorale. In dem Penis des
Männchens befindet sich ein kleiner Knochen (siehe Tab. IV.
Fig. 3).
Dieses schöne starke Eichhorn ist uns zuerst am
Wabasch in Indiana vorgekommen, wo es häufig ist, es
scheint also östlich das Allegliany- Gebirge nicht zu über-
schreiten, wie weit dasselbe am Ohio aufwärts verbrei-
tet ist, kann ich nicht angeben. Es ist jedoch immer sel-
ener als das graue Eichhorn, auch hält es sich nicht
1) Das grösste Exemplar, welches ich erhielt, mass in der
Länge 23" G'", wovon der Schwanz mil den Ilaaispitzen 12" 4"
wegnahm.
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugelhiere. 73
mit den übrigen verwandten Arten zusammen. Varietäten
haben wir in dieser Species nicht beobachtet. Im Herbste
findet man diese Thiere häufig auf dem Boden der grossen
Waldungen, um daselbst die abgefallenen Baumfrüchte auf-
zusuchen. Sie legen sich Wintervorräthe an. An den
Flussufern halten sie sich besonders gerne auf. Am unte-
ren Missouri und am Missisippi scheint diese Art ebenfalls
vorzukommen , jedoch am oberen Missouri haben wir sie
nicht beobochtet. Man schiesst sie in Amerika ihres Flei-
sches wegen , wie die übrigen Eichhörnchen. Gezähmt
sind sie unterhaltende schöne Stubenthiere und werden
sehr zahm.
Audubon's Abbildung (T. II. Tab. 89) ist nur mit-
telmässig.
In Indiana wird das rostbäuchige Eichhorn gewöhn-
lich Fox-Squirrel genannt.
3. S. hudsonius Linn. Das hudsonische Eichhorn.
Richardson 1. c. 1. p. 187.
Audubon I. c. I. p. 125. Tab. 14.
S. Baird 1. c. I. p. 269.
Beschreibung eines alten Weibchens: Ge-
stalt zierlich und schlank, Schwanz nicht zweizeilig, aber
breit und abgeplattet; Kopf wie an unserem deutschen
Eichhorn, Slirn breit und sanft gewölbt, Oberkopf flach ;
Auge gross, glänzend schwarz; Ohren ziemlich kurz, oben
sanft abgerundet und mit glattem Rande , an der äusseren
Fläche sehr kurz und fein behaart , von innen sparsamer
und mit noch kürzeren Haaren besetzt; Bartborsten am
Oberkiefer lang; äussere Vorderzehe die kürzeste, die bei-
den mittleren viel länger als die Nebenzehen ; Daumwarze
kurz , nach innen gerichtet , mit einem beinahe menschli-
chen Kuppennagel; Vorderhand sehr schmal; an dem Hin-
terfusse die innere Zehe die kürzeste , die drei mittleren
bedeutend länger als die Nebenzehen; Schwanz stark be-
haart , am Ende breit und mit langen rundumstehenden
Haaren , also nicht zweizeilig : Haar wie am europäischen
74 Prinz Maximilian zu W i e d :
Eichhorn; Zitzen 8, zwei an der Brust, vier am Bauche und
zwei Inguinalzitzen.
Färbung-.- Bartborsten schwarz; Nagezähne gelb;
Nasenkuppe, Ober- und Unterlippe und ganze Umgebung
des Mundes, untere Backen, so wie das Kinn gelbbraun;
Einfassung des Auges, Mitte der Backen, Kehle und alle
Untertheile, so wie innere Seite der Vorderbeine weiss, an
der Brust gelbbraun überlaufen; Seiten des Kopfes oliven-
grau ; Ohren an der äusseren Seite röthlichbraun , an der
inneren röthlicholivenfarbig ; alle Oberlheile des Thieres
olivengelbbraun und sehr fein und niedlich schwarz mar-
morirt , auf Scheitel und Mittelrücken ein wenig dunkler,
mehr grauröthlich und am Schulterblatte und der äusseren
Seite der Vorderbeine gelblichrostroth; ebenso ist die Fär-
bunff an der äusseren Seite der Hinterschenkel an der Grenze
der weissen Farbe; an der Seite des Leibes ist die Rük-
kenfarbe von der des weissen Bauches durch einen netten
schwarzen Längsstreifen geschieden , welcher die Species
sehr charakterisirt; Schwanz lebhaft rostroth , die Seiten-
haare mit hell gelber Spitze und unterhalb dieser schwarz-
braun, wodurch ein gemischtes Ansehen entsteht; Unter-
seite des Schwanzes fahl gelblichgrau , mit fahl roströth-
lichen Spitzen der Haare und etwas schwarzer Mischung;
innere Vorderhand schwarzbraun; die Hintersohle hell
fleischbräunlich, in den Vertiefungen weissröthlich.
Ausmessung; Ganze Länge 12" 6'" (mit den über-
tretenden Haarspitzen des Schwanzes) ; Länge des Schwan-
zes 5" 9'"; desselben ohne die Haarspitzen 4" 1'"; Länge
des Kopfes 1" 1'"; Breite zwischen den Ohren 11'"; Länge
der Bartborsten 1" 10'"; Länge der Vordcrsohle mit dem
längsten Nagel 1"; Länge des längsten Vordernagels IVg'";
Länge der Hintersohle bis zur Ferse (mit dem Nagel) 1"8"';
Länge des längsten Hinternagels IVg'" 5 Breite des Schwan-
zes an der breitesten Stelle 1" 10'"; Breite des Ohres an
der Wurzel 5'"; Höhe des Ohres ßVe'"-
Ein starkes männliches Thier: Nicht verschie-^
den von dem Weibchen, der Rücken ein wenig mehr röth-
lichbraun, aber die Gestalt ist stärker und gedrungener als
am anderen Geschlechte; Kehle, Unterhals und Brust sind
Verzeichniss Nordamerikanischcr Säugcthiere. 75
gänzlich weiss. Es scheint, dass die gelbbraune Farbe der
weissen Untertheile , welche man nicht selten an diesen
Thieren beobachtet, bloss von dem in den Wallnüssen (lu-
glans) enthaltenen färbenden Safte herrühre. Man findet
die bräunliche Bcschmulzung am stärksten in der Zeil der
Reife dieser Früchte. Die Naffezähne waren mehr weiSvS-
lieh als am beschriebenen Weibchen. Tcstikel sehr gross
und lang, behaart, aber an der unteren Spitze nackt; Zunge
wie am europäischen Eichhorn , bei dem beschriebenen
Exemplare war sie an der Spitze schwärzlich und rauh,
wahrscheinlich von den rauhen Fruchtschalen erzeugt.
Ausmessung: Ganze Länge 13" 5'"; Länge des
Schwanzes 6" 4'"; Höhe des Ohres an der Kopfseite 7'";
Länge des Schwanzes ohne die Haarspitzen 4" 8'"; (als-
dann ist die ganze Länge des Tliieres um 1" 8'" kürzer;
Länffe des Hodensackes 1".
Dieses niedliche Eichhorn ist vom hohen Norden bis
gegen das Alleghany-Gebirge hinab verbreitet, wenigstens
scheint es dasselbe nicht zu überschreiten. In Pennsylva-
nien ist es sehr zahlreich und man bemerkt es in allen
Waldungen. Auf der Insel im Flusse Niagara unmittelbar
bei den grossen Fällen habe ich es oftmals beobachtet. In
waldigen Gegenden sieht man diese Thierchen häufig in
Gesellschaft des gestreiften Erd-Eichhorns an den HoJzzäu-
nen (Fences) an den Waldungen und Feldern umherlaufen.
Auch auf denLecha- (Lehigh) Inseln bei Bethlehem, etwa
eine kleine Tagereise von Philadelphia haben wir dieses
Eichhorn oft beobachtet, auf jenen prachtvoll hochbewalde-
ten Inseln, von welchen Herr L, Bodner eine so schöne
treue Zeichnung entwarf ""*). — In der Lebensart unter-
scheiden sich diese Thiere nicht von ihren Gattungsver-
wandten. Sie sammeln ebenfalls einen Wintervorrath, er-
bauen ein schützendes Nest in den Bäumen, wo sie sich im
Winter verbergen und den Eingang verstopfen , wenn das
Wetter zu schlecht ist, sonst sieht man sie den ganzen
f ;>! ] t'ifl.
*) Siehe die erste Tafel meioes Atlasses der Reise io Kord-
Amerika,
7(^ Prinz Maximilian zu Wied:
«
Winter hindurch. Sie sind sclinell und verbergen sich
geschickt.
Die Ojibuäs nennen die Eichhörnchen im Allgemeinen
Ojittamöh (ji französisch).
Audubon's Abbildung ist ziemlich kenntlich, allein
an den Obertheilen zu einförmig roth angestrichen.
4. S. niger Linn. Das schwarze Eichhorn mit
bräunlichem Schwänze.
? Richardson 1. c. I. p. 191.
Audubon 1. c. I. p. 201. Tab. 34.
Beschreibung eines männlichen Thieres:
Gestalt wie am deutschen Eichhorn ; Ohren ziemlich schmal
und elliptisch, oben massig abgerundet, wenig behaart und
glattrandig, d. h. ohne übertretende Haare am Rande; an
der Vordersohle stehen fünf Ballen; an der Hintersohle
nur vier hinter den Fingern, ein kleinerer steht weit rück-
wärts und hinter diesem ein Busch bräunlichgelber Haare;
der Schwanz ist nicht zweizeilig, wie an S. cinereus (No. 1),
sondern rundum behaart, länger als der Rumpf, dabei schmä-
ler als an No. 1; Bartborsten stark.
Färbung: Nagezähne orangengelb ; Barthaare
schwarz; das ganze Thier ist kohlschwarz oder dunkel
bräunlichschwarz , der Schwanz aber immer etwas mehr
ins Bräunliche ziehend, also bräunlichschwarz; Fusssohlen
dunkel fleischbraun; Nasenkuppe schwarzbraun; Lippen-
ränder ein wenig weisslich, jedoch kaum bemerkbar.
Ausmessung: Ganze Länge 18" 11'"; Länge des
Schwanzes mit den Haarspitzen 10" 2V2"'; desselben ohne
die Haarspitzen 8"; Breite der Stirn auf den Augen 1" 1"';
Höhe des Ohres an der Kopfseite 10"'; Länge der Vorder-
sohle 1" 6'"; Länge der Hintersohle bis zur Ferse (mit der
längsten Zehe und dem Nagel) 2" 4'"; Länge des Kopfes
2" 6'"; breiteste Stelle des Ohres bVz''-
Dieses schöne Eichhorn habe ich auf meinen Reisen
in Nord-Amerika bloss nördlich vom Erie-See angetrofl'en,
und zwar sehr zahlreich auf den Inseln und den Flussufern
des Niagara in der Nähe der grossen Fälle und bis zum
Verzeicliniss Noidamerikanischei' Säugethiere. 77
Ontario-See hin. Wahrscheinlich ist es über ganz Canada
verbreitet, wo es auch von Rieh ard son erwähnt scheint.
Audubon's schwarzes Eichhorn scheint auch das hier
erwähnte zu sein , allein alsdann ist dessen Abbildung- zu
einförmig- schwarz angestrichen, indem der Schwanz in der
Natur ins Bräunliche zieht. Meine Exemplare dieses schwar-
zen Eichhorns, welches Baird gar nicht zu erwähnen
scheint, habe ich leider sämmtlich verloren.
Genus Pteromys €uy. Flughörnchen.
Nur eine Art dieser niedlichen Thiere lebt in den von
uns bereisten Gegenden von Nord- Amerika, und scheint
in allen bewaldeten Gegenden der mittleren Staaten vor-
zukommen.
P. volucella Linn. Das gemeine nordamerika-
nischeFlughörnchen.
Audubon und Bachm. 1. c. I. p. 216. Tab. 28.
Spencer Baird 1. c. I. p. 286.
Beschreibung: Gestalt dem Eichhorn sehr ähn-
lich, zierlich; das Auge gross und schwarz; Vorderhand
mit vier Fingern und sehr kleiner Daumwarze , die kei-
nen Nagel hat. Hinterfuss fünfzehig, die Daumenzehe kür-
zer ; Pelz äusserst zart, mäuseartig -weich ; Schwanz
nicht vollkommen zweizeilig, aber platt gedrückt; Testikel
sehr gross.
Färbung: Nagezähne orangengelb; Unterseite des
Thieres weiss ; Obertheile fahl röthlichgrau; Rand der
Flughaut dunkler grau mit weissem Saume; Rand der Au-
genlieder schwärzlich.
Ausmessung: Ganze Länge 8" SVx'"? Länge des
Schwanzes 3" 7V2'"; Länge des Kopfes 1" 5'"; Breite des
Kopfes etwa 11'"; Länge des längsten Barthaares 1" 10'";
Höhe des äusseren Ohres 6'"; Breite des Ohres 5 Vs'";
Länge der Vorderhand TVa'"; Länge der Hintersohle bis
zur Ferse 1" IV4'"; Breite des Thieres in seiner Mitte, mit
7s Prinz Maximilian zu Wied:
ausgespannter Flughaut etwa 3" 6'"; Länge derTestikelll'^';
Breite des Schwanzes 1" 6'".
Dieses Thier ist nicht selten in Pennsylvanien , wo
ich sogleich in der Nähe von Bethlehem mehrere Exem-
plare erhielt. Auch in Indiana war es nicht selten. Es
ist, wenigstens jetzt, ein nächtliches Thier, das sich in hoh-
len Bäumen am Tage verborgen hält. Dort bereitet es
sich ein Nest, oder eine Unterlage, wo es seine vier bis
fünf Junge wirft. Es sammelt einen Wintervorrath von
Wallnüssen , Kastanien , Bucheckern , Eicheln u. a. Baum-
früchten , ist sehr schnell , klettert höchst geschickt und
springt vermöge seiner Flughaut sehr weit, soll sich auch
zuweilen einen kleinen Aufschwung geben können. Selbst
im Winter sollen sie an warmen Tagen zuweilen zum Vor-
schein kommen, doch nur da, wo sie bei ihrer Schüchtern-
heit durch Menschen nicht gestört werden. Am oberen
Missouri kommt diese Thierart nicht vor , ob sie aber am
unteren Theile dieses Stromes und am Missisippi vorkom-
me, kann ich nicht sagen, doch muss ich dieses vermu-
then. Audubon, der die Lebensweise dieser Thiere aus
eigener Ansicht beschreibt, sagt, er habe sie aus dem Staate
Missouri erhalten. Er giebt auch eine ganz gute Abbildung
dieses Thieres.
Im gezähmten Zustande trinkt das fliegende Eichhorn
sehr viel, wie wir selbst beobachtet haben.
denus Tamias Illis. Eril-Eichhorn.
»o
Nord - Amerika hat mehrere Arten dieser niedlichen
mit schönen Streifen nett bezeichneten Thierchen, und die
Zahl ihrer Arten nimmt zu, wenn man sich in westlicher
Richtung fortbewegt. Bei genauer Durchforschung und
Untersuchung der Thonhügelketten des Westens wird man
gewiss noch mehrere Arten von ihnen entdecken. Wir
haben gewiss noch mehrere Arten von ihnen gesehen, ohne
sie erhalten zu können. Sie scheinen gänzlich geschaffen
für jene originellen , sonderbaren Thonhöhenzüge, wo sie
in Erdlöchern leben und in den hohen Pappelwaldungen,
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 'TD
deren Untergebüsche grossentheils aus hohen Rosensträu-
chern bestehen , von deren zahlreichen Früchten sie sich
ernähren. Von diesen Hagebutten sammeln sie sich auch
Vorräthe.
1. T. Lysteri Rieh. Das gemeine gestreifte
Erd -Eich hörn.
Richardson 1. c. I. p. 181. Tab. 15.
Audubon u. ßachm. 1. c. I. p. 63. Tab. 8.
Tamias striatus Sp. Baird 1. c. I. p. 292.
Beschreibung: Gestalt ziemlich die des Eichhorns,
zierlich ; Ohren massig gross , ebenmässig abgerundet, an
der äusseren Seite kurz behaart , allein die Haare treten
nicht über den Ohrrand vor; inneres Ohr sparsam behaart;
Bartborsten am Ober- und Unterkiefer und über dem
Auge ; Schwanz lang und rundum behaart, er ist also nicht
zweizeilig; Backentaschen im Munde häutig.
Färbung: Rand des Augenliedes und ein kurzer
Streifen hinter dem Auge sind schwarzbraun , Augenlied
und ein Streifen nach dem Ohre hin, ober- und unterhalb
des schwarzen Augenstreifen sind weisslich ; Stirn, Backen
und Nase röthlichbraun und schwarz gemischt; Ohren röth-
lichbraun ; Oberhals und Oberrücken aschgrau , schwarz
und bräunlich gemischt; ganzer Hinterkörper und Hinter-
schenkel mit den Hinterbeinen sind rothbraun, ebenso der
Schwanz an seiner Unterseite; die Haare an der Schwanz-
oberfläche sind an ihrer Wurzel graugelb , in ihrer Mitte
schwarzbraun und an ihrer Spitze weisslich; der Mittel-
streifen des Rückens ist schwarzbraun, an jeder Seite des-
selben liegt ein starker weisslicher Streifen , der oben
und unten sehr stark schwarzbraun eingefasst ist; die vier
Nagezähne sind gelb.
Ausmessung: Ganze Länge 8" 5'"; Länge des
Schwanzes mit den Haarspitzen 3" und einige Linien ; Länge
des Kopfes bis zum Ende des Ohres 1" 7'"; Länge des
Hinterfusses (von der Ferse an mit dem längsten Nagel)
1" 2V3'"; Länge der Testikel 11'".
Diese Thiere stehen sowohl, was ihre Gestalt als Le-
80 Prinz M a X i in i 1 i u n z u \V i e d :
bensart und Manieren anbelrilTt, gerade in der Mitte zwi-
schen den Eichhörnclien und den Mäusen. Sie bewohnen Erd-
höhlen, Holz- und Steinhaulen, Steinritzen, Haufen von aufge-
schichtetem oder vom Wasser zusammen geschobenem Holze
an den Ufern, mit Steinen belegte Dämme und dergleichen Lo-
kalitäten, gewöhnlich in grosser Menge. Sie sind in Penn-
sylvanien sehr gemein , so waren sie z. B. sehr zahlreich
an dem Damme des Mauch-Chunk-Canals, der von diesem
Orte bei Bethlehem vorbei in den Delaware geführt ist.
Ebenso häufig halten sie sich in ganz Pennsylvanien und
anderen Staaten an den Holzzäunen (Fences) auf, mit welchen
in Nord-Amerika alle Besitzungen und Felder der Bauern,
wegen des Viehes eingezäunt sind. Sie laufen dort ge-
schickt und schnell auf den Latten umher, oft in Gesell-
schaft anderer Eichhörnchen , und sind überall zahlreich.
Sie sind sehr schnell, sitzen beim Fressen wie die Eich-
hörnchen aufrecht, klettern auch eben so geschickt. Beim
Laufen tragen sie zum Theil den Schwanz hoch aufge-
richtet, zum Theil horizontal. Auf Bäume sieht man diese
Art nicht steigen, ob ich gleichwohl überzeugt bin , dass
sie es können. Auch mit den Schläfern (Myoxus) sind diese
Thierchen nahe verwandt und sollten im Systeme ihre na-
hen Nachbaren bilden. Sie tragen im Herbste in ihren
Backenlaschen eine Menge von Körnerfrüchten ein, um
einen Wintervorrath zu bilden. Ich schoss ein solches
Thierchen, welches am 1. August seine Backentaschen bis
vorn in den Mund mit Weizenkörnern ausgestopft trug, die
Körner völlig unversehrt.
Am Wabasch, jenseits des Alleghany - Gebirges , ist
das gestreifte Erd -Eichhorn sehr selten, mir ist es dort
gar nicht vorgekommen; allein Herr Lesueur, der dort
viele Jahre gelebt hatte, gab mir eine solche unvollkom-
mene Haut des einzigen dieser Thierchen , welches ihm
dort vorgekommen war. Es glich in der Färbung dem
pennsylvanischen, hatte aber scheinbar einen weit kürze-
ren und mehr dünnen Schwanz , es könnte daher viel-
leicht eine ähnliche aber verschiedene Species gebildet
haben.
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethierc. 81
2. T. quadriviitatus Say. Das vier streifige
Erd-Eichhorn.
Richardson 1. c. I. p. 184. Tab. 16.
S. Baird 1. c. p. 299.
Beschreibung: Gestalt einer Maus, aber die Hin-
lerbeine beinahe doppelt so lang als die vorderen; Kopf
etwas dicker und mehr eichhornartig gewölbt, ebenso der
Schwanz dem der Eichhörnchen ähnlich. Nasenkuppe vor-
tretend, die Unterlippe 4 Linien weit hinter derselben zu-
rückstehend, Scheitel und Stirn breit, und bis zur Nase in
einem sanften Bogen gewölbt; Auge wie am Eichhorn, mit-
telmässig gross und gänzlich schwarz; Ohren mäuseartig,
sehr kurz behaart, ziemlich zugespitzt, der Hinterrand sanft
ausgeschnitten; Hals sehr kurz; Vorderbeine wie an den
Mäusen; zwei mittlere Zehen länger als die nebenstehenden,
übrigens einander gleich, so wie die letzteren; Daumwarze
klein, mit einem dicken, kurzen, zugespitzten Nagel; Sohle
nackt, mit vier im Halbzirkel hinter den Zehen stehenden
Ballen; Leib gestreckt; Geschlechtstheile wie an den Mäu-
sen; Hinterschenkel stark, Ferse lang, drei mittlere Hin-
terzehen schlank, ziemlich gleich lang , die äusserste um
ein Gelenk kürzer, der Daumen noch kürzer als diese; alle
Zehen haben unter dem Nagel einen vortretenden Ballen;
die Nägel sind sanft gewölbt, etwas aufgerichtet wie am
Eichhorn, die der Hinterfüsse kleiner als die der Vorder-
füsse und die Zehenhaare liegen etwas über sie hinaus;
Sohle des Hinterfusses nackt, aber nicht die der Ferse, in
der Hand vier Ballen wie an der Vordersohle ; Schwanz
lang, aber kürzer als der Rumpf mit dem Kopfe, breit be-
haart, aber nicht vollkommen zweizeilig, sondern rundum
behaart; Pelz mäuseartig, aber die Haare etwas länger,
etwa wie an Sciurus europaeus ; Bartborsten am Oberkiefer
etwa bis zum Ohre reichend , es stehen auch noch einige
an den Backen.
Färbung: Auge schwarz; die Nagezähne gelb; Na-
senkuppe vorn blass graugelb behaart; Rand der Ober-
und Unterlippe dunkel graubraun ; das Innere der Hände
schwärzlichbraun; Bartborsten schwarz; Seiten des Kopfes,
Archiv f. Nalurg. XXVIII. Jahrg. 1. Bd. 6
32 Prinz Maximilian zu VV i c d :
alle Untertheile, innere und vordere Seile der vier Glieder
weisslich; vor dem Auge befindet sich eine graubraune
Stelle, von dieser läuft über den Backen unter dem Ohre hin
ein olivenbrauner Streiten, ein anderer ähnlicher lasst an
jeder Seite die bräunlichoraue, schvvärzlichgemischte Stirn
und Scheitel ein ; noch ein anderer Streifen derselben Farbe
läuft vom Auge nach der vorderen Ohrwurzel; Hinterkopf
hell weisslichgrau, bräunlich gemischt, aber vom Hinter-
scheitel läuft ein olivenbrauner Streifen über die Mitte des
Rückens bis zum Schwänze hinab , der über den Schulter-
blättern in seiner Mitte schwarzbraun ist und sodann auf
diese Art fortsetzt, er ist an seinen Seiten olivenbraun;
zwei ähnliche Streifen laufen an den Seiten des Rückens
hinab, und zwischen ihnen stehen breite weissliche Streifen,
die bis ans Ende des Rückens und der Schenkel verlaufen, im
Ganzen also fünf schwarzbraune, und vier weissliche Längs-
streifen an den Obertheilen ; die Seiten sind fahl rostgelb,
nach oben mehr röthlich ; Hinterschenkel aschgrau, bräun-
lich gemischt; die vier Beine und Füsse sind weisslich;
Schwanzhaare an der Wurzel hell rostgelb, in ihrer Mitte
schwärzlich, ihre Spitze ist wieder gelblich , wodurch die-
ser Theil an der Oberfläche schwärzlich und rostgelb ge-
mischt, an der Unterfläche hell rostgelb, und an jeder Seite
hinab von den Spitzen etwas zurückgezogen mit einer
schwarzen Linie bezeichnet erscheint; Spitze des Schwan-
zes schwärzlich.
Ausmessung: Ganze Länge 7" 10'"; Länge des
Schwanzes (mit den Haarspitzen) 3" 2'"; ohne die Haar-
spitzen 3" 2'"; Länge des Kopfes 1" 4'"; von der Nasen-
kuppe bis zum Auge 6'"; Höhe des Ohres 3'"; Breite des
Ohres (unten) 3'"; Breite des Scheitels zwischen den Oh-
ren V") Länge der Vordersohle 6'"; Länge des längsten
Vordernagels IVs'^'j Länge der Hintcrsohle (so weit sie
nackt ist) 6V4'"; Länge der Ferse (mit der längsten Zehe
und Nagel) V'V/2"' y Länge des längsten Hinternagels lV2'"j
Breite des Schwanzes an seiner breitesten Stelle 7'".
Dieses niedliche Erd-Eichhorn wurde zuerst von Hrn.
T. Say beschrieben, der dasselbe auf der Reise nach den
Rocky-Mountains unter Major Long entdeckte. Dort am
Verzeichniss Nordamerikanischer Sänjrethiere. 63
oberen Missouri ist es sehr häufig, und ich fand dasselbe
zuerst am 26. Juli am rechten JVIissouri-Ufer, doch scheint
es nicht weiter abwärts als bis zu den Mandan-Dörfern ver-
breitet zu sein. Es lebt dort zahlreich in den höchst ori-
ginellen Hügelketten von Thon, Sandstein und Thonschie-
fer , so wie in den Thonufern des Missouri, wo es in Lö-
chern wohnt oder sich unter Steinhaufen, zusammengeflöss-
tem Holze oder in hohlen Stämmen verbirgt. Sie lebten
nicht bloss auf dem Boden, sondern bestiegen auch häufig
die Gesträuche und selbst Bäume, wenn man sie verfolgte.
Sie suchten an den Untergebüschen der Waldungen am
Ufer die Beeren und Früchte, besonders der wilden Rosen,
die man bei ihnen im Munde fand. Sie fressen auch aller-
hand Nüsse , wahrscheinlich auch andere Pflanzentheile,
aber die Hagebutten lieben sie ganz besonders.]
Sie sind in der Gestalt noch zarter und zierlicher als das
pennsylvanische gestreifte Eichhorn, und wenn sie sitzen so
rundet sich der Rücken , die Gestalt gleicht alsdann der
einer Maus, die Ohren sind angelegt und der Schwanz
ausgestreckt, — So rückt alsdann das schnelle muntere
Thierchen schussweise fort und giebt eine zwitschernde
Stimme von sich wie ein kleiner Vogel , die schnell Avie-
derholt wird und am Ende herabsinkt. Im Zorne beisst
es um sich und macht alsdann eine kleine schnarrende
Stimme. Oft sahen wir diese Thierchen mit Leichtigkeit
an den steilen Thonufern des Flusses von oben herablau-
fen und in ihre Löcher einkriechen, und ebenso oft sahen
wir sie auf den Treibholzstämmen am Ufer umherlaufen
und sich zwischen denselben verbergen. Im September
und October waren sie besonders mit dem Einsammeln der
Rosenfrüchte (Hagebutten) beschäftigt, von welchen sie
Wintervorräthe sammeln , da sie dort sehr häufig sind. —
Im gezähmten Zustande wird dieses Erd- Eichhorn bald
ziemlich zutraulich und lässt sich leicht im Käfig erhalten.
Es frass alsdann bald allerhand Beeren, Mais und derglei-
chen, so wie Brod und würde ein allerliebstes Stubenthier-
chen sein, wenn die Angestellten der Pelzhandel - Com-
pagnie industriöse Menschen wären und an dem Trans-
port von dergleichen interessanten Gegenständen nur eini-
^ Prinz Maximilian zu Wied:
ges Interesse nehmen wollten. Die Anglo -Amerikaner
nennen das Erd-Eichhorn Ground-;Squirrel , die Franzosen
rEcureuil Suisse.
(icnus Sperniophilus Cut. Ziesel.
Nord-Amerika hat viele Arten dieser Gattung, beson-
ders in den nördlichen Gegenden, und Richardson be-
schrieb und bildete etwa 9 Arten meist sehr gut ab. Uns
ist in den westlichen Ebenen des Missouri nur eine Art
bekannt geworden. Seitdem hat Spencer Baird in sei-
nem neuesten Werke 14 Arten dieser Thierchen aufgestellt.
S. Hoodii Sab. Der vielstreifige Ziesel.
Richardson 1. c. I. p. 177. Tab. 14.
S. Baird 1. c. I. p. 316.
Audubon 1. c. I. p. 294. Tab. 39.
Beschreibung eines männlichen T hie res:
Gestalt sehr schlank und gestreckt, mehr den Wieseln als
den ächten Murmelthieren ähnlich; Schnauze ein wenig zu-
gespitzt, der Oberkiefer weit länger als der untere; Auge
gross und schwarz; Ohren sehr kurz, länglich, aufrecht, be-
haart, am Vorder- und Hinterrande mit einem kleinen
Ausschnitte; Hals kurz; Beine kurz, der Leib lang, schmal,
schlank und weich ; Schwanz ziemlich lang , auf den Rük-
ken des Thieres aufwärts gelegt, reicht er bis zu den Vor-
derbeinen , er ist schmal und etwas abgeplattet^ Vorder-
hand mit schmaler benagelter Daumwarze, Mittelfinger der
längste , dann folgen der Zeigefinger und der vierte, und
sind beinahe gleich lang, der kleine Finger ist kürzer als
alle, aber länger als der Daumen; Nägel dieser Zehen zu-
gespitzt , sanft gekrümmt , lang und schmal und zusam-
mengedrückt; der der Mittelzehe bedeutend länger als
die übrigen , dann folgen die des Zeigefingers und des
vierten, der des kleinen Fingers ist viel kürzer; die Vor-
dcrsohlc hat fünf Ballen, zwei grosse gepaart an der Hand-
Verteichniss Kord.nmcrikanischer Säugethiere. 85
Wurzel und drei im halben Monde gestellt hinter den Wur-
zeln der Zehen, eine jede Zehe hat ausserdem unmittelbar
hinter dem Nagel noch einen Ballen an ihrer Sohle; Ver-
hältniss der Zehen des Hinterfusses wie das des vorderen,
allein die Mittelzehe ist im Verhältnisse nicht so lang, die
Nägel sind dicker und weit kurzer; an der Sohle stehen
vier Ballen hinter den Zehen im Halbkreise; Geschlechts-
theile wie an den Ratten; Testikel unter der Haut verbor-
gen; Haar an den Obertheilen glatt und kurz, besonders
ist dieses aber an den üntertheilen der Fall, wo dasselbe
noch mehr glatt anliegend und glänzend ist.
Färbung: Alle Untertheile des Thieres sind blass
grauffelb, die Haare an der Wurzel dunkelgrau; Obertheile
schwärzlichbraun mit etwa zehn schönen , zwei bis zwei
und eine halbe Linien breiten, regelmässigen fahl graugelb-
lichen Längsstreifen, wovon vier hinter den Ohren am Hin-
terkopfe beginnen und bis ans Ende des Körpers verlau-
fen, wo sie sich an den Schenkeln in Flecken auflösen; in
den Seiten sind die Streifen undeutlich und es werden ihrer
daher bald mehr, bald weniger gezählt, sechs von ihnen ste-
hen aber recht nett in dem schwarzbraunen Grunde da, und
zwischen ihnen in der Grundfarbe steht jedesmal eine zier-
liche Längsreihe von runden Perlflecken von der Farbe der
Streifen; Oberkopf schwarzbraun mit kleinen gelblichen
Fleckchen; Einfassung des Auges wie der Bauch; Seite des
Kopfes grau und gelblich gemischt. Hinterschenkel ge-
fleckt; Schwanz an der Oberseile schwärzlichbraun, mit
zwei netten , gelblichen , spitzwinklig zusammenlaufenden
Streifen, auf seiner Wurzel gelblich quergefleckt; Nage-
zähne gelb.
Ausmessung: Ganze Länge 10" 6'"; Länge des
Schwanzes (mit den Haarspitzen) 3" 10'"; ohne dieselben
3" 31/2"'; Länge des Kopfes etwa 1" 8"'; der Oberkiefer tritt
über den unteren vor um 5"'; Länge von der Nasenkuppe
bis zum vorderen Augenwinkel 8"'; Länge der Augenöff"-
nung 5"'; Höhe des Ohres an der Kopfseile beinahe 2"';
Länge der V^ordersohle mit dem längsten Nagel 10"'; Länge
des längsten Vordernagels 3'" ; Länge der Hintersohle 1" 4'";
Länge des längsten Hinlernagels l^V".
86 Prinz Mfiximilian zu Wied:
'•/Innere Theile: Dieses Thier hat wenig- geräumig-e
Backentaschen , sie öffnen sich hinter dem Mundwinkel im
Munde und erstrecken sich etwa bis geg-en das Ohr; ihre
innere Fläche ist glatt und unbehaart; die Leber ist in
fünf Lappen getheilt, von welchen zwei gross sind ; Magen
zusammengekrümmt, am vorderen Ende an der Cardia ver-
dickt; ein Weiler Blinddarm, weit vom Magen entfernt, der
sich zu beiden Seiten des Darms ausbreitet, aber bei wei-
tem nicht so voluminös als an dem nachfolgenden Prairie-
Dog; dieser Blinddarm ist so gross als der Magen, beinahe
zwei Zoll lang, nur nicht völlig so dick.
Das niedliche Thierchen dieser Beschreibung lebt in
den ebenen Prairies des oberen Missouri und wir fanden
es zuerst in der Nähe von Fort Union bei den Assiniboins,
ob es gleich viel weiter östlich verbreitet sein soll. Bei
den Mandan-Dörfern kommt es vor, ob aber bei Fort Pierre
am Teton-Biver, also noch mehr östlich, kann ich nicht sa-
gen, doch vermuthe ich dieses. Westlich bis zu den Bocky-
Mounlains sind sie überall verbreitet. >! fc^h
Dieses Thier hat vollkommen die Lebensart und Ma-
nieren des europäischen Ziesels und ist schnell und ge-
wandt. Man sieht es nicht selten bei Tage in der Prairie
laufen, wo sie sehr zahlreich sind. Im Monat October be-
merkt man sie nur noch einzeln , und im November haben
sie sich gänzlich zum Winterschlafe zurückgezogen. Erst
im Monat April kommen sie wieder zum Vorschein und
suchen die Sonne an warmen Tagen, wo auch schon die
Paarzeit eintritt. Die männlichen Thiere hatten nun schon
sehr angeschwollene Testikel , von der kolossalen Länge
von 1" 1'" dick am Leibe vorliegend, und um V3 über den
Schenkel parallel hinaus tretend. .u^»
Die Anglo-Amerikaner nennen diesen Ziesel „Ground-
Squirrel", die französischen Canadier „l'Ecureuil-Suisse";
die Mand - Indianer kennen ihn unter der Benennung „Ma-
schirönika" ; die Mönnitarri's „Dähksassi" (sassi kürzer als
die erste Silbe); die Ojibuä's „Akuan-guiss^; die Assini-
boin's ..Ifi'inkana."
Eine Abbildung des gestreiften Ziesels finden wir in
Fr. Cuvier's und Geoffroy's grosser Naturgeschichte
i
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugelhiere. 87
der Säugethierc unter dem Namen ßpermophile raye, auch
hat Richardson eine sehr gute Figur gegeben, so wie
Audubon. « . ^
Genus Cy nomys Ruf. H u n d e - M a u s.
li'iil'i-iirf
Wenn gleich die Unterschiede dieser Thiere von den
Murmelthieren nur unbedeutend sind, so kann man sie,
streng genommen , dennoch als verschiedene Gattung auf-
stellen , und es hängt dieses lediglich von der indivi-
duellen Ansicht der Zoologen ab. Spencer Baird hat
in seinem neuesten Werke die Abweichungen der Schädel
beider Thiere nachgewiesen , und ich möchte die nachfol-
genden Züge zur Unterscheidung beider, Gattungen fest-
halten: ' :
1) Die Kauflächen der Backenzähne des Unterkiefers
zeigen bei Cynomys eine kleine Abweichung von Arctomys,
indem bei ihnen die Höcker so gestellt sind, dass sie vier
regelmässige schief von hinten nach vorn und von aussen
nach innen gerichtete , nur in ihrer Mitte ein wenig ver-
tiefte Querleisten bilden, wie meine Abbildung des Unter-
kiefers *"") zeigt. Bei Warmota scheinen die letzten und
vordersten Höcker der aneinander stossenden Zähne beinahe
ein Andreaskreuz zu bilden.
2) Mag die Gestalt und Bildung des Schädels mit in
Betrachtung gezogen werden, wie sie Baird genau ange-
geben hat.
3) Cynomys trägt an der kleinen Daumwarze einen
entschiedenen Krallen - und nicht Kuppennagel , wie man
ihn an Arctomys marmota und monax findet, und der Na-
gel des MitleKingers der Vorderhand ist bei Cynomys sehr
viel länger und stärker als bei den Murmelthieren. Auf
die übrigen von Baird angegebenen Verschiedenheiten,
z. B. die mehr runde Gestalt des Kopfes, die Kürze des
Schwanzes würde ich kein Gewicht legen, da im Uebrigen
Cynomys sich in den Körperformen nicht bedeutend von
-) Siehe T;tf. IV. Fig. 9 n. 10 von ohen und von der Seite
jiesehen.
88 Prfnz Maximilian zu VV i e d :
den ächten Murmelthieren unterscheidet. Baird hat noch
eine zweite Art aufgeführt.
C. ludoticianus Raf. Die Prairie-Hundemaus.
Richardson 1. c. p. 154.
Audubon (Spermophilus) II. p. 319. Tab. 99.
S. Baird (Cynomys) I. c. 1. p. 331. Tab. 47.
Beschreibung" eines männlichen Thieres
frisch nach dem Leben: Im Allgemeinen der Habitus
der Murmelthiere, ist aber etwas mehr schlank, höher auf
den Beinen und hat kleineren , etwas schlankeren Kopf;
von oben gesehen sind die Backen dieses Thieres weit
über die Stirn hinaustretend , diese sind also dick und der
Scheitel schmäler als an Arctomys monax; Augen mittel-
mässig gross; die Ohren äusserst klein, ihr Rand kaum
ein Paar Linien breit, an der äusseren und inneren Seite
kurz behaart; Schnauze kurz, ziemlich zugespitzt, die Na-
senkuppe etwas breit und gänzlich mit feinen kurzen Haa-
ren bedeckt; Bartborsten an den Seiten der Nase lang, an
den Augenbraunen und Backen stehen auch welche; Hals
kurz und ziemlich dünn; Vorderbeine schlank; der Daumen
kurz mit einem Klauennagel und einem starken doppelten
Ballen darunter; Mittelfinger der längste, dann folgt in der
Länge der Zeigefinger, dann der vierte, zuletzt der kleine
Finger, der dem Daumen gegenüber steht, aber viel länger
ist. Nägel stark, lang, zugespitzt, sanft gekrümmt, ein we-
nig zusammengedrückt; Hinterschcnkel schlank; der Hin-
terfuss gebildet wie der vordere; der Zeigefinger und der
vierte sind hier gleich lang, der Daumen länger als an
der Vorderhand; an der Vordersohle steht neben dem dop-
pelten Ballen des Daumens noch ein starker, etwas kleine-
rer Ballen und drei andere im Halbkreise hinter den vier
Zehen; Hintersohle mit vier Ballen, im Halbzirkel hinter
den fünf Zehen stehend; die Sohle ist in der Hauptsache
nackt , allein an ihrer Mitte steht ein kleiner, nach vorn
flach aufliegender Zopf von Haaren; Schwanz massig lang
behaart, massig lang , kaum etwas platt gedrückt zu nen-
nen, streckt man das Hinterbein aus, so reicht die Schwanz-
spilze etwa bis an die Wurzel des Daumens ; Teslikel vor-
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 89
borgen; die männliche Ruthe ist äusserlich ein kleiner,
stumpfer, kurzer, etwas nackter Kegel; Haar an den Ober-
theilen dicht, ziemlich kurz, nicht sehr sanft anzufühlen,
an den Untertheilen fest anliegend, glatt und glänzend.
Färbung: Das Auge ist dunkel , die Iris dunkel;
Bartborsten schwarz; das ganze Thierchen hat an den
Obertheilen eine fahlröthliche, weisslich bespitzte Farbe,
auf dem Hinterrücken mit schwarzen Haarspitzen gemischt,
und an diesen Theilen ist die Färbung Felis canadensis
ähnlich; Seiten wie der Rücken, die Haarspitzen weisslich;
Vorderbeine an ihrer ganzen äusseren Seite hell rostroth ;
an den Hinterbeinen die Unterschenkel oder Schienbeine
hell gelblich und die Füsse gelblichweiss; Kopf fahl gelb-
lich mit schwärzlichen Haarspitzen , über der Nasenkuppe
steht ein schwarzbrauner Fleck; Backen stark schwarz-
braun gemischt und bespilzt , welches sich scharf gegen
die hell gelbe ungemischte Farbe der Seiten des Oberkie-
fers, den weisslichen Unterkiefer und die eben so gefärbte
Kehle absetzt; Bauch und innere Seite der Glieder blass
gelblich; Brust und Unterhals hell roströthlich; Schwanz
rostgelblich, an der Spitze schwärzlich; Nagezähne gelb;
Nägel der Zehen schwarzbraun mit weisslichen Spitzen; Vor-
dersohle dunkelbraun , die hinteren mehr dunkelgrau.
Ausmessung: Ganze Länge 14" 2'"; Länge des
Schwanzes mit den Haarspitzen 3" 6'"; Länge des Schwan-
zes ohne dieselben 2" 9V2'"; Länge des Kopfes 2" 8'";
Höhe des Ohres an der breitesten Stelle 2'"; Länge von
der Nasenspitze zum vorderen Augenwinkel 1" V2'"j Länge
der Barthaare 1" 8'"; Länge der AugenöfFnung SVg'" ; vom
hinteren Augenwinkel zur vorderen Ohrbasis SVs'"; Länge
der nackten Vordersohle 1" 5'"; Länge des längsten Vor-
dernagels 52/3'"; Länge der Hintersohle bis zur Ferse mit
dem Mitlelnagcl 2" 1'"; Länge des längsten Hinternagels
3V3'"; Höhe des Thierchens vorn bei ausgestrecktem Arm
und Zehen 5" 3'"; Höhe hinten auf dieselbe Art gemessen
etwa 6" 3'".
Innere Thcile: Backentaschen klein und wenig
tief; der Magen hat eine Einschnürung und war gewöhn-
lich mit Gras- und Pdanzennahrung vollgepfropft, auch be-
9Ö l'rini M n \ i ni i ] i n n zu Wied:
fanden sich lange dünne Würmer darin; die Leber ist in
7 Lappen getheilt ; Milz sehr lang und schmal; ein grosser
kolossaler Blinddarm , weit grösser als der Magen , über-
haupt ist der ganze Darmapparat, das Colon sehr gross
und weit. Ganzer Körper des Thieres mit einem sehr stren-
gen und unangenehmen Gerüche.
Ein anderes Männchen: Ganze Länge 15" 7"';
Länge des SchAvanzes mit den Haarspitzen 3" 10'"; derselbe
ohne die Haarspilzen 2" IOV2'"; Länge des Kopfes 2" 10"';
Breite desselben zwischen den Ohren 1" 2V2'"; Länge der
Vordersohle 1" 6V2'"; Länge der Hintersohle bis zur Ferse
2" 4^2'"? ^^^ längste Vordernagel 6"'; der längste Hinler-
nagel 5'".
Ein weibliches Thier: Ganze Länge 13" 10'".
Die Weibchen scheinen nie so stark zu werden als
die Männchen.
Man hat in sehr vielen Reisebeschreibungen über das
westliche Nord-Amerika Nachrichten von diesen Thieren ge-
geben, die aber meist sehr oberflächlich, unrichtig und selbst
albern waren, bis T. Say eine bessere, der Wahrheit ange-
messene Beschreibung von ihnen gab. Die Amerikaner nen-
nen dieses Thier Prairie-Dog oder Barking- Squirrel, also
Prairie- aber nicht Wiesenhund, oder bellendes Eichhorn,
beides gänzlich unpassende Benennungen, indem die Stimme
durchaus keine Aehnlichkeit mit dem Bellen des Hun-
des hat.
Man muss den Missouri schon weit aufwärts verfol-
gen, bis man die ersten Spuren dieser Thiere trifft, und
wir erhielten nicht eher Nachricht von ihrem Vorkommen,
als bis wir den l'Eau qui court und den Punea- River am
südlichen Ufer erreicht hatten. Am Saskutschawan (Riviere
du Pas) findet man sie noch bei dem Fort des prairies, so
wie am Red -River an der Grenze von Canada, und west-
lich sind sie bis zu den Rocky -Mountains verbreitet. In
Texas sollen sie auch vorkommen, doch kann man bei der
südlichen Verbreitung der Species nicht genau urtheilen,
wenn man die Exemplare nicht vergleichen kann.
Sie sind harmlose niedliche Thiere , höchst gesell-
schaftlich , legen ihre Höhlen oder Baue in der ebenen
^ Verzeichniss ^^ovdamerikanischer Säiigethierc. 91
Prairie gesellschaftlich an, oft in grosser Anzahl und in
geringer Entfernung von einander, welches die Amerikaner
ein Dorf der Prairie -Dogs zu nennen pflegen. Man sagt,
dass oft Hunderte und Tausende von Bauen zu einem sol-
chen Dorfe gehören , was aber wohl übertrieben ist. Ihre
Höhlen oder Röhren sind etwa vier bis fünf Zoll weit und
zwanzig bis dreissig Schritte , auch öfter mehr von einan-
der entfernt. Sic zeigen an ihrer Mündung einen flachen,
festgetretenen und nackten Ertlaufwurf und führen anfäng-
lich in senkrechter, bald aber in mehr schiefer oder hori-
zontaler Richtung hinab. Zwischen diesen verschiedenen
Bauen treten sie das Gras mehr oder weniger nieder, beis-
sen auch die Pflanzen ab, so dass man diese sogenann-
ten Dörfer schon aus der Ferne als einen weisslichen Fleck
in der grünen Prairie bemerkt. Sie lieben mancherlei
Pflanzen vorzüglich, darunter nennt man besonders die Cri-
staria coccinea, mit ihren schönen hell zinnoberrothen Blu-
men, die wir auch wirklich häufig sehr von ihnen abge-
weidet gefunden haben. Sie halten einen Winterschlaf
und tragen einen Vorrath von Kräutern und Wurzeln in
ihre Baue ein. Unter diesen Pflanzen sollen sich beson-
ders manche wohlriechende Arten befinden und die Prairie-
Jäger behaupten , ein solches Dorf verbreite daher öfters
einen gewissen Wohlgeruch, wovon wir aber kein Beispiel
bemerkt haben. In ihren Röhren werfen sie vier, fünf
bis sechs Junge. Man sieht diese Thierchen., wenn die
Gegend nicht beunruhigt ist , häufig auf den flachen Hü-
geln vor ihren Löchern sitzen, und sie lassen bei dem An-
blicke eines fremdartigen Gegenstandes ihre — nicht bel-
lende — sondern fein und kurz quickende Stimme mehr-
mals hinter einander hören , wobei sie mit dem Schwänz-
chen schnellen, und kommt man ihnen dann näher, so fah-
ren sie plötzlich in ihr Loch hinunter. Alsdann dauert es
oft ziemlich lange bis sie wieder zum Vorschein kommen.
Die Jäger stellen oder setzen sich an das Loch, um sie zu
erwarten. Gewöhnlich werden sie von den Amerikanern mit
ihren langen Büchsen und zwar gerade auf den Kopf ge-
schossen , da dieser Theil gewöhnlich zuerst hervorblickt.
Auf diese Art waren die ersten Exemplare unbrauchbar
92 Prinz Maximilian zu Wicd:
gemacht, die wir erhielten ; wir stellten uns aber bald selbst
an und schössen mit Schrot sechs bis acht solcher Thier-
chen ohne grosse Mühe , wenn man sich nur ein wenig
verbergen konnte, oder regungslos auf dem Boden sass,
bis das Thier ein wenig vertraut geworden war. — Neu-
gierig sind sie, daher kommen sie immer wieder, wenn sie
auch etwas bemerkt haben. Getödtet sind diese Thiere sehr
bald dick aufgetrieben, wegen des grossen Umfanges ihrer
Gedärme und des Colons, so wie wegen der Älenge ihrer
Pflanzennahrung.
Ungeachtet ihres unangenehmen Geruches werden sie
dennoch von den Amerikanern und Canadiern gern geges-
sen. Am Ende des Monats Juli waren die geschossenen
Exemplare inwendig ganz mit weissem Fette verwachsen,
selbst am Hinterleibe und in den Seiten.
Die Erd-Eule (Urucurea) oder Coquimbo-Eule, wel-
che die verlassenen Höhlen der Murmellhiere bewohnen
soll, haben wir an einigen Stellen zwar in der Prairie an-
getroffen aber nicht erlegen können.
Das Fell des Prairie-Dog hat keinen Werlh, das Haar
ist kurz und schlecht , die Indianer bereiten daraus zum
Theil ihre Tabacksbeutel, die aber weder schön noch dauer-
haft sind.
Sehr komisch ist die Beschreibung, welche Bracken-
ridge von diesen Thieren giebt. Er nennt den Kopf
„clumsy," findet überhaupt die Bildung höchst sonderbar
und merkwürdig, die Stimme nennt er ein Bellen, wie das
eines kleinen Hundes u. s. w. — Audubon giebt weit-
läuftige Nachrichten von unserem Thierchen , allein seine
Abbildung (Tab. 99) ist schlecht, viel zu gelbbraun illumi-
nirt und zu schwarz schallirt, auch ist der Schwanz an
der Spitze zu stark schwarz angegeben.
Die Ojibuä's nennen den Prairie-
Dog Tschähgunäh-uäschisch.
„ Mandan's Schopkä.
„ Mönnilarri's Sichpä (deutsch) oder
Sihchpä.
„ Dacota's Pispihsa.
Verzeichnis» Nordamerikanischer Säugethiere. 93
Genus Arctomys Schreb. üurmelthier.
Amerika besitzt mehrere Arten aus dieser Gattung,
welche Richardson meistens beschrieben hat. Spen-
cer Baird in seinem neuen Werke führt vier Arten von
Murmelthieren auf, von welchen vielleicht die eine noch
zu reduciren , oder doch anders zu benennen ist ; denn
Arctomys pruinosus scheint, wenigstens die von Lich-
tenstein so benannte Species, mit monax identisch, und
nur Varietät desselben zu sein.
Wir haben auf unserer Reise nur eine Art der äch-
ten iMurmelthiere kennen gelernt, welche, was die äussere
Gestalt und Bildung anbelangt, vollkommen mit dem euro-
päischen Alpenmurmelthier übereinstimmt. Sie variirt etwas
in der Färbung und man hat daher unbezweifelt mehrere
Arten aus dieser einen gebildet. Nur Vergleichung der
Exemplare , ihrer Schädel und übrigen anatomischen Ver-
hältnisse, wird diese Confusion aufklären, daher sind ge-
naue , in die kleinsten Verhältnisse eingehende Beschrei-
bungen von den reisenden Zoologen zu fordern und ober-
flächliche Notizen haben keinen Werth.
Spencr Baird hat auch über diese Thiere werlh-
volle Notizen gegeben und seine Schädel-Abbildungen er-
läutern seinen Text ganz vorzüglich. Ich habe dessen
Tafeln nicht einzeln citirt , weil man von dem Verfasser
selbst in seinen Beschreibungen darauf hingewiesen wird.
A, monax Linn. Das pennsylvanische
Murmelt hier.
Richardson 1. c. I. p. 153.
Audubon 1. c. 1. p. 16. Tab. 2.
S. Baird 1. c. p. 339.
Beschreibung eines weiblichen Thieres:
Ein dickes stark gedrungenes Thier; der Kopf auf der
Oberseite flach und gänzlich gebildet wie an Marmota; Auge
ziemlich klein; Bartborsten über demselben und an beiden
Kiefern; Ohren abgerundet, glattrandig, kurz , inwendig
9i Prinz Maxim ilinn zu Wied:
sparsam bcliaart ; Leib g-estrcckt, breit und platt; Schwanz
nicht halb so lang als der Körper, stark und dicht be-
haart; Vorderbeine stark, kurz und sehr muskulös; Vor-
derhand breit und stark; Daumwarze sehr klein mit einem
sehr unbedeutenden flachen Kuppennagel versehen; der
Millelünger ist der längste , der dritte etwas kürzer, dann
folgt der Zeigefinger, zuletzt in der Länge der kleine"^);
Nägel stark und sanft gekrümmt, massig zugespitzt; in der
Vorderhand stehen vorn drei Ballen , dahinter zwei weil
grössere. Hinterbeine sehr fleischig und muskulös , das
Schienbein iiat förmliche VV^aden ; Daumen der Hinterhand
mit einem Klauennagel, der aber bedeutend kürzer ist als
die übrigen; Verhältniss der Finger wie am Vorderfusse,
die Hinternägel weit kürzer als die vorderen; hinter den
Hinterzehen stehen auf der Sohle vier Ballen , dahinter
zwei kleinere, niedrige und mehr weiche; Geschlechtstheile
behaart kurz vor dem Schwänze ; Haar des Hinterbauches,
der inneren Schenkel und inneren Arme sparsam , so dass
man die Haut stark durchblicken sieht, übrigens ist der
Körper dicht und stark behaart, am Grunde mit einer dich-
ten Wolle, dazwischen mit einzelnen längeren Stachelhaa-
ren; Stirn , oberes Gesicht und Hände kurz und glatt mit
harten Haaren besetzt.
Färbung: Die vier Nagezähne an ihrer äusseren
Fläche weiss (bei Marmota gelb); Auge, Nasenkuppe und
Nägel bräunlichschwarz glänzend, über und unter dem Au-
genliede ein weisslicher Flecken ; über der Nase auf schwarz-
braunem Grunde ein noch schwärzerer hufeisenförmiger
Fleck, der aber nicht immer vorhanden ist; Seiten der Nase
und des Halses, so wie die Backen weisslichgrau, alle
Haare sind hier weissgrau und haben in der Mitte eine
schwarzbraune Binde. Haare des Vorderkörpers an der
Wurzel weissgrau , d^nn schwarzbraun und an der Spitze
weisslich , wodurch ein gemischtes , so zu sagen bereiftes
Ansehen entsteht; die hinlere Hälfte des Körpers fällt mehr
*) Bei (itMii Alpcnmiirmellliieie scheint die äussere Zehe etwas
läiifjer, die A'iigel starker zu sein, doch ist der Unterschied nicht
bedeutend.
Verzeichniss Nordanierikanischer Säuge thiere. 95
ins Schwarzbräunliche und ist nur weisslich punktirl, weil
hier die Haare an ihrer Wurzel fahl rölhlich, dann schwarz-
braun sind und ihre weissliche Spitze nur kurz ist; Schwanz
schwarzbraun mit rostgelblichen Haarspitzen; Vorderbeine
mit sehr starken rostrothen Haarspitzen, wodurch diese
Theile ein rostrothes Ansehen erhalten ; die vier Hände
sind schwarz und glänzend; Ohren dunkel röthlichgrau ;
Bauch rostroth und schwärzlich gemisclit.
Ausmessung: Ganze Länge 21" 4'"; Länge des
Schwanzes mit den Haarspitzen 6" 10'"; Länge des Ko-
pfes 3" 7—8"'; Breite des Kopfes vor den Ohren 2" 7'";
Höhe des Ohres 8'"; Breite des Ohres 11'"; das längste
ßarthaar misst 2" 2'"; Länge der Vorderhand auf der
Sohle 2" 1'"; Breite der Vorderhand hinter den Fingern 11'";
Länge der Hintersohle bis zur Ferse 3"; Breite der Hin-
terhand oberhalb der Finger 1" 1'"; Länge des längsten
Vordernagels 5"'; Länge des längsten Hinternagels 3'". Ich
habe später bedeutend grössere Exemplare erhallen, leider
aber die Ausmessungen verloren.
Innere Theile: Im Februar fand ich diese Thiere
sehr fett, das Netz besonders war sehr stark schneeweiss
mit Fett durchwachsen , auch 'zwischen den Muskeln der
Schenkel und der Haut. Am 13. März erhielt ich ein sehr
starkes Weibchen, welches vier noch nicht völlig ausge-
bildete etwa 1" 11'" lange Junge bei sich trug. Ihr Kopf
und Körper waren sehr glatt, dick und plump, rundlich,
aber ziemlich ausgebildet, der Schwanz lag fest zwischen
den Hinterschenkeln angelegt , die Zehen waren ziemlich
ausgebildet, der Mund ein wenig geöffnet und die Zunge
etwas hervortretend, die Augen schimmerten nur sehr blass
bläulich durch die Haut. Die Gestalt der Jungen gleicht
der eines Hippopotamus.
Varietäten: Diese Thiere kommen zuweilen mit
weisslichem oder weissgrauem Unterleibe vor , ein solches
erhielt ich am unteren Missouri , das sich aber übrigens
durchaus nicht von dem beschriebenen unterschied. Ge-
wöhnlich haben diese Thiere einen rothbraunen Bauch und
Unterlheile. An den Schenkeln und Vorderbeinen solcher
Exemplare bemerkt man alsdann öfters etwas von der roth-
96 Prinz Maximilian zuWicd:
braunen Mischung. Die graubäuchigen Individuen schei-
nen diejenigen zu sein, welche man pruinosus genannt hat,
die aber wohl ohne Zweifel nicht von monax verschie-
den sind.
Dieses grosse starke Murmelthier, von den Anglo-
Amerikanern Ground - Hog , Erdschwein oder Wood-Chick
genannt, kommt in allen von uns in Nord-Amerika berei-
sten Gegenden vor, nur nicht am oberen Missouri, wie ich
alle Ursache zu vermuthen habe. Es lebt über alle mitt-
leren Staaten verbreitet und bei Audubon kann man
weitläultigere Nachrichten über seine Lebensart finden. In
der Hauptsache stimmt diese überein mit der des Alpen-
murmelthieres, nur dass es nicht die Höhen sucht, sondern
in allen ebenen Gegenden gefunden wird. Ich erhielt es
sowohl östlich bei Boston und Philadelphia, als auch west-
lich vom Alleghany- Gebirge in Indiana und Illinois. Am
Wabasch erhielt ich sehr starke Exemplare , da sie bedeu-
tend stärker werden als das Alpenmurmellhier. Sie wa-
ren gewöhnlich von der Varieiät mit rostrothem Bauche,
doch gab es auch welche, die an diesem Theile nur grau
gefärbt waren, und sie scheinen diejenigen zu sein, die man
pruinosus genannt hat. Da diese Thiere in der Farbe etwas
variiren, so hat dieses ohne Zweifel Anlass zur Aufstel-
lung mehrerer Arten gegeben, die nur auf eine zu reduci-
ren sind. In der Gestalt gleichen sie sehr dem Alpenmur-
mellhier. Sie leben in tiefen, oft weit verzweigten selbst
gegrabenen Bauen , in welche sie in ihren nicht sehr ge-
räumigen Backentaschen Vorräthe von mancherlei Früchten,
Kräutern und Körnern eintragen. Im Herbste verkriechen sie
sich bei den ersten kalten Nächten und kommen im Frühjahre
wieder hervor. In diesen Bauen wirft das Weibchen auch
seine 3 bis 5 Junge, von welchen ich weiter oben geredet
habe. Am 7. März fanden wir in den grossen Waldungen
bei New-Harmony am Wabasch in den Niederungen, wel-
che öfters von dem Flusse überschwemmt werden , zwei
solcher Thiere zufällig über der Erde. Das eine erreichte
glücklich seine Röhre , allein das andere wurde von der-
selben abgeschnitten, erkletterte in der Eile einen Busch-
baum und wurde von demselben herabgeschossen. Der
, Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. W
Bau lag gewiss nicht viel über dem Wasser erhoben, doch
befand er sich vielleicht in einer solchen Höhe , dass ihn
die gewöhnlichen Ueberschwemmungen nicht erreichen
konnten. Er war an der Seite einer kleinen muldenförmi-
gen Vertiefung oder Thälchen eingegraben, welches nicht
mehr als zehn Fuss Tiefe halte. Man bemerkte mehrere
Eingänge, zum Theil unter Baumwurzeln und umgefallenen
Stämmen, welche das Nachgraben erschwerten, gerade wie
bei unseren Fuchs- und Dachsbauen im Walde. Wir Hes-
sen am folgenden Tage nachgraben, fanden mehrere diver-
girende Röhren und Canäle und, wie es schien, bald auch
eine grössere Kammer , allein die Hauptgänge lagen einige
Fuss tief in einer Sandschicht und nach bedeutenden An-
strengungen stellte man die Arbeit wieder ein.
Man fängt diese Thiere bei Nacht mit Hunden, die sie
bis zur Röhre verfolgen , wo man sie nachher ausgräbt.
Für Dachshunde sind die Röhren zum Theil zu eng, doch
hätte man diese nützlichen Hunde auch wohl gebrauchen
können, sie sind aber sehr seilen in Amerika.
Vergleicht man den Schädel des Monax mit dem des
europäischen Murmellhieres , so findet man eine zwar un-
bedeutende, aber dennoch verschiedene Bildung der Zahn-
höcker; im Oberkiefer haben die Kauflächen der Zähne
keine bedeutende Abweichung bei beiden Thieren, allein
im Unterkiefer hat jeder Zahn an der inneren Seite bei
Marmota zwei erhöhte Knöpfe oder Randerhöhungen, bei
Monax nur eine, indem die hintere Randerhöhung niedri-
ger, also weniger in die Augen fallend ist, ein zwar nur
sehr kleiner Unterschied; der Jochbogen hat bei einem
Exemplare des Monax einen etwas stärker abwärts treten-
den Winkel in seiner Mille als an Marmota, sonst bemerke
ich keine bedeutenden Unterschiede.
Herr Professor Valenciennes in Paris hat die
Güte gehabt , meine Arctomys monax mit den verwandten
Thieren des Pariser Museums zu vergleichen, in Folge des-
sen der gelehrte Zoologe die Wahrscheinlichkeit gewann,
dass Monax Cuv. , so wie pruinosus Licht, und empetra zu
ein und derselben Species gehören und nur Varietäten oder
Altersverschiedenheiten sind.
AjtcMt f. Naturg. XXVUI. Jahrg. 1. Bd. 7
96 . > : liilPrinz M a xi mi 1 ia n z u Wie d:
' Fam. 2. Bipoda. Springer.
Nur eine Arf dieser Familie ist uns in Nord-Amerika
vorgekommen , welche ich leider zu früh verlor , um sie
genau bestimmen zu können.
H'm'>\l({\ti:tmi , > ■ "iH
o'iH »iH i , ^jeiiiig 'jaculus Wagl. Springmaus. '"^
-«joil "»17/
^1'. J. labradorius Sab. Die nordamerikanische
il'jij« i)ißd ^ii'Mii Springmaus.
ov»i
_(^/ Richardson 1. c. I. p. 141. Tab. 8. (Meriones).
Audubon und Bachmann 1. c. II. p. 251. Tab. 8^^
*My. '^jf (Meriones).
j,:, Sp. Baird 1. c. I. p. 430. y.it]
if.)(, Mir selbst ist dieses Thier im vollkommenen Zustande
nicht vorgekommen, und ich kann daher keine Beschreibung
desselben geben, allein ich erhielt von Herrn Thomas
Say zu New-Harmony am Wabasch das vollständige Skelet
eines solchen in jener Gegend erhaltenen Thierchens, das
also noch westlich vom Alleghany-Gebirge gefunden wird,
Leider gieng dieses Präparat verloren und ich kann nun
nichts weiter über diesen Gegenstand hinzufügen.* ; ',,,\>A
Herr Spencer Baird belehrt uns, dass er dte ver-
schiedenen Exemplare dieser Thiere, welche er aus den
verschiedenen Provinzen des Landes erhielt, sämmtlich nur
für ein und dieselbe Species halte, er führt daher auch nur
diese eine Art für das Genus Jaculus auf. i'jnhl.
Farn. 3. Gunicularia. Wnrfmäuse.
Die westlichen Prairies von Nord -Amerika haben in
den dort sogenannten Golfers oder Gophers (Ascomys, Geo-
mys, Diplostoma, Oryctomys, PseudoStoma) zahlreiche Ver-
treter der osteuropäischen und ostasiatischen "Wühlmäuse
(Spalax, Aspalax, EUobhis etc.) und geben jenen Gegenden
in dieser Hinsicht nichts nach. Schon sobald man den Missi-
VerzeicÜniss Nordamerikanischer Säugethiere. 99
^pp Überschreitet, findet man diese Thiere in den Prairies
von St. Louis.
"'*'* Die Kenntniss dieser nicht immer leicht zu erhalten-
den unterirdischen Thiere Hess bis jetzt immer noch sehr
viel zu wünschen übrig-, jedoch Spencer Baird hat seit-
dem die beste Uebersicht und Vergleichung von ihnen mit
guten Abbildungen der Schädel und Köpfe nach dem Le-
ben gegeben, indem er an 18 Arten zu dieser Familie ge-
höriger Thiere, in dem Sinne, wie ich sie hier mit Wag-
ner annehme, aufführt. In den Prairies des oberen Mis-
souri sind mir zwei hierher gehörige Thiere vorgekom-
men, die ich leider zum Theil nur in verstümmeltem Zu-
stande erhielt, und man sieht hiernach ein, wie schwer es
oft dem Reisenden fällt, sich gute Exemplare zu verschaf-
fen. Daher sind auch alle hieher gehörigen Beiträge von
Nutzen , wenn man nur genau beschreibt und richtig be-
obachtet, thhi^
.fl.nii^of^ Genus Geomys Raf. Goffer.
"'^'* Ich kann nachfolgend nur ein grosses, aber verstüm-
meltes Exemplar dieser Thiere beschreiben , dem man die
Haut abgezogen und diese ausgestopft halte, ohne den Schä-
del darin zu belassen. Genau kann also dieses Exemplar
nicht mehr bestimmt werden, dasselbe scheint aber unbe-
zweifelt zu der nachfolgenden Species zu gehören , die
schon bei St. Louis am Missisippi vorkommt, also auch in
den Prairies des mittleren Missourilaufes vorkommen wird.
G. bursarius Shaw. Der weiss füssige Goffer.
Richardson 1. c. L p. 203.
Audubon und Bachm. L p. 332. Tab. 44.
Pseudost. bursarius Say. Longs exped.
Sp. Baird 1. c. L p. 372.
Beschreibung eines verstümmelten Exe m-
plares, dem der Schädel und der Unterkiefer
fehlt; Gestalt im Allgemeinen die aller verwandten Wurf-
mäuse; der Körper dick, walzenförmig und maulwurfsartig.
100 Prinz Maximilian zu Wied:
der Schwanz ziemlich kurz, äusseres Ohr klein, ein kaum
bemerkbares Hauträndchen ; Backentaschen sehr gross, ihre
OefTnung beinahe horizontal , hinter dem Mundwinkel be-
ginnend und bis gegen die Brust ausgedehnt, wie sie
Baird beschreibt, ebenso die Füsse ; Vorderlüsse stark
und gross, mit starken gewölbten, etwas zusammengedrück-
ten, zugespitzten Grabeklauen; die dritte Zehe von aussen
ist bei weitem die stärkste und ihre Klaue ist kolossal,
dann folgt in der Länge die zweite Zehe von aussen , mit
etwa halb so langem INagel , dann die innerste mit noch
kürzerer Klaue, die äusserste ist ganz klein und steht weit
zurück, etwa gegenüber der ganz kleinen Daumwarze, de-
ren Nagel sehr unbedeutend ist ; die Hinterbeine sind zart
und schlank , mit leinen glatten Haaren bedeckt, der Fuss
klein und zart, die Zehen ganz wie an den ächten Mäu-
sen, mit kurzen ziemlich abgestumpften Nägeln; die drei
mittleren Zehen sind hier ziemlich gleich lang, die äussere
sehr kurz und die Daumwarze mit kleinem Nagel steht noch
weiter zurück als die äussere Zehe.
Das Haar des ganzen Thieres an allen Obertheilen ist
dicht und anliegend , dabei schön glänzend , aber an den
Untertheilen weniger.
Färbung: Alle Obertheile und Seiten des Thieres
haben ein schönes ziemlich dunkeles röthliches Braun , an
den Untertheilen mehr fahl graubräunlich ; die vier Füsse
sind weiss, der Schwanz ebenfalls in seiner Mitte. Klauen
blass weisslichhornfarben; am Kinne scheint ein weisser
Fleck gestanden zu haben , ebenso ist die Unterseite des
Kopfes.
Ausmessung nach dem ausgestopften
Thiere: Länge des Rumpfes (das Thier ohne den Schwanz)
etwa 10"*, Länge des Schwanzes etwa 3"; Länge der läng-
sten Grabeklaue des Vorderfusses etwa 18%'"
Dieses Exemplar war in der Prairie bei Cantonnement
Leavenworth am Missouri gefangen worden , und ich ver-
muthe , dass es zu derselben Art gehört , die man auch
schon bei St. Louis findet. Auch bei Vincennes am Wa-
basch soll sie vorkommen. Am oberen Missouri hat man
mir von ganz ähnlichen dort gefangenen Thieren erzählt,
Yerzeichniss Nordameriknnischer Säugethiere. 101
ich hatte aber nicht das Glück ein solches dort zu erhalten.
Say erzählt, dass auf seiner Reise nach den Rocky-Moun-
tains , die Pferde oft Gefahr liefen , in die unterirdischen
Gänge dieser Wühlmäuse einzubrechen.
Genus Tomomys. Sandmaus.
Die Aufstellung dieses Genus war angefochten wor-
den, allein eine gewichtige Stimme der Zoologie hat sich
seitdem für dieselbe vernehmen lassen, indem Herr Staats-
rath Brandt zu St. Petersburg ihr das Wort redete und
in seiner vortrefflichen Abhandlung über den Schädelbau
der Nager *) eine vergleichende Beschreibung des Schädels
dieser Thiere gab. Ich würde die Reihe der von mir für
Nord-Amerika zu erwähnenden Nagethiere nach der von dem
gelehrten Verfasser angegebenen Verwandtschaft geordnet
haben, wenn mein Manuskript nicht schon zu weit vorge-
rückt gewesen wäre.
Spencer Baird hat ebenfalls durch die Verglei-
chung eines reichhaltigen Materials, die Kennzeichen un-
seres Genus vervollständigen und vermehren können , ich
miiss daher auf des letzteren vorzügliches Werk, so wie
aufBrandt's erwähnte Abhandlung verweisen und wie-
derhole die generischen Charaktere hier nicht.
T. rufescens. Die röthliche Sandmaus.
S. Nova Acta Acad. C. L. Carol. XIX. i. 1839. 383.
Wiegmann's Archiv 1841. II. 43.
Spencer Baird 1. c. I. p. 397.
Beschreibung: Gestalt maulwurfsartig, langge-
streckt walzenförmig, nach dem Tode breit auseinanderge-
hend, der Kopf etwas abgeplattet, etwas mehr als ein Vier-
theil der Länge des Thieres haltend, wenn man den Schwanz
*) S. Memoires de l'Acad. de St. Petersbourg G.Serie, Sc. Na-
tur. T. VU. p. 77 und Folge.
102 Prinz Maximilion zu Wied:.
«brechnet. Er ist breiter als der Körper , die Schnauze
abg-erundet, d. h. ziemlich stumpf; Nasenkuppe an der Ober-
seite behaart, nach vorn nackt, durch eine perpendiculäre
Furche getheilt; die runden kleinen Nasenlöcher öffnen sich
an den Seiten; Lippen bis in die schmale Mundöffnung be-
haart; die Unterlippe ist dick; Spitzen der Vorderzähne
bei geschlossenem Munde sichtbar; ßartborsten am Ober-
kiefer massig lang, fein, mit ihren Spitzen rückwärts ge-
krümmt; Auge klein, schwarzbraun, die Oeffnung elliptisch,
dasselbe steht weiter von der Nase entfernt als vom Ohre,
dabei hoch am Kopfe ; Ohröffnung beinahe frei , bloss mit
einem Haulrande umgeben, der nach hinten eine kurze ab-
gerundete Spitze bildet , daher ist die Figur des äusseren
Ohres ein wenig dreieckig; an jeder Seite befindet sich
neben dem Mundwinkel die weite Oeffnung einer grossen
äusseren Backentasche, welche eine beinahe horizontal ge-
richtete behaarte Haulfalte bildet; der vordere Anfang die-
ser Oeffnung steht 5^2 Linien von dem Nasenloche entfernt,
aber etwas tiefer, und die ganze Spalte hat eine Länge von
1" 1'"; ihr Anfang befindet sich weit vor dem Auge, das
Ende steht unter dem Ohre; diese kolossalen Backentaschen
laufen noch über das Schulterblatt hinweg und sind inner-
lich und äusserlich dicht behaart, jedoch ist die innere Be-
haarung feiner und mehr zart, als der äussere Körperpelz ;
betrachtet man das Thier von der Unterseite, so zeigen
sich die hinteren Enden der Backentaschenöffnung (quer
über die Kehle hinweg gemessen) 1" IV2'" ^on einander
entfernt.
Der Gaumen ist mit leicht erhabenen Querleistan be-
setzt, die zwischen den Backenzähnen spitzige Winkel bil-
den; Zunge glatt, mit der Loupe besehen zeigt sie höchst
feine Papillen und nur an ihrem Vordertheile stehen einige
grössere vertheilt. '.-r',... 1 ,'./i
... "' '"2 4'' — "4' _,
-■•i^Gebiss: Vorderzähne—; Backenzähne 7 r. Voft
2 ' 4 — 4
■• i ' • ' 1 Ja
derzähne im Oberkiefer zwei; kürzer als die unteren, breir,
mit quer abgestutzter, scharfer, nach hinten ausgeschnitte-
ner Schneide; sie sind glatt und ihnen fehlt die Längsfurche
an der Vorderfläche, dagegen findet sich nahe am inneren
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 103
Rande der Vorderfläche bloss ein seichter, senkrecht über'
dieselben hinablaufender Eindruck ""*). Im Unterkiefer zwei
Schneidezähne, schmäler als die oberen, ihre Schneide^
wie dort, aber etwas mehr abgerundet oder nageiförmig-,
nach hinten mit langem Ausschnitte , sie sind ebenfalls
glatt. Backenzähne : Im Oberkiefer an jeder Seite vier, sie
sind rückwärts strebende Cylinder, ohne getheilte oder
eigentliche Wurzeln, ihre Mahlfläche discoidisch, glatt und
ohne Zacken, bloss mit gleichem, rundum erhöhten Rande,
welcher in der Mitte der Fläche verläuft; von oben gesehen
bildet diese Scheibe oder ihr Rand eine elliptische Figur,
der längste Durchmesser quergestellt, und das äussere Ende
mehr zugespitzt als das innere; der erste oder vorderste
Zahn erscheint doppelt, durch eine tiefe senkrechte Sei-
lenfurche , oder aus zwei Cylindern zusammengesetzt, von
welchen der vordere kleiner ist als der hintere, wie dies
auch S a y von seinem Pseudostoma angiebt.
Im Unterkiefer sind die Backenzähne wie oben, sie
streben aber rückwärts und die spitzigen Winkel ihrer
Mahlflächen stehen nach innen und nicht nach aussen ge-
richtet.
-n:j Vorderbeine sehr kurz, der Arm breit und muskulös;
Fusse ziemlich schmal, fünfzehig; die Mittelzehe ist die
längste, ihr Nagel sehr gross , sanft gekrümmt, zugespitzt,
an den Seiten sanft convex, an seiner Sohle abgeplattet und
scharfkantig, also eine ächte Grabeklaue; Zeigefinger nächst
jenem der längste, allein die Klaue weit kürzer, dann folgt
in der Länge der dritte Finger, die Klaue etwas länger als
am Zeigefinger, der vierte Finger mit seiner Klaueist
viel kleiner; Daumen sehr klein, an der inneren Seite des
Fusses weit zurück stehend , seine Klaue sehr klein und
zugespitzt; Sohle weichhäutig, unter dem Zeigefinger
quergefurcht , unter der Mitte der Hand ohne Ballen, nur
unter der Handwurzel steht ein dicker, auf seiner Mitte
!(i'>üiofi
*) Dieses Gebiss hat die grösste Aehnlfchkeit mit der Beschrei-
bung, welche Eydoux und Gervais von Oryctomys Bottae geben;
nur kann ich die Mahlflächen der Backenzähne nicht netzförmig
nennen. '.■[:-l\/ '<i
104 Prinz Maximilian zu Wied:
längsgefurchler, also etwa doppelter Höcker; Oberfläche
der Hand fein und glatt behaart; Hinterbeine stark, kurz,
muskulös, Ferse und Fuss kurz, der letztere schmal, Zahl
und Verhältniss der Zehen wie am Vorderfusse, nur steht
hier der Daumen vorwärts der kleinen Zehe, ist dabei län-
ger und hat einen grösseren Nagel , da er hingegen am
Vorderfusse bedeutend weiter zurückgestellt ist; Sohlen
nackt, feinhäutig, beinahe gänzlich ohne Ballen, nur hinter
dem Daumen befindet sich eine kleine, kaum bemerkbare
Erhöhung.
Schwanz ziemlich kurz, etwa Vg der Länge des gan-
zen Thieres haltend , also beinahe halb so lang als der
Körper; allein sein aus dem Pelze des Körpers frei vor-
tretender Theil hält noch nicht % der Rumpflänge ; er ist
massig dick, cylindrisch, gegen das Ende sanft abnehmend
und mit einer kleinen übertretenden Haarspitze , übrigens
mit zarten , feinen Haaren glatt und mäuseartig besetzt,
zwischen welchen die Haut ein wenig durchschimmert und
an der man Querringe fühlt.
Geschlechtslheile gebildet wie an den Mäusen , die
Ruthe beinahe im Pelze verborgen , durch einen dünnen,
cylindrischen , beinahe sieben Linien langen Knochen un-
terstützt *), Testikel unweit der Schwanzwurzel unter dem
Felle verborgen.
Pelz des ganzen Thieres mäuseartig dicht und sanft,
mit starker Grundwolle, am Bauche kürzer als an den Ober-
theilen, indem sie an letzteren Theilen 5V2 Linien in der
Länge halten; Beine und Schwanz kürzer und mehr sei-
denartig behaart. Am ganzen Thiere befindet sich keine
andere von Haaren entblösste Stelle als die Nasenkuppe;
die Haut umgiebt das Thier weit und locker, indem sie
rundum Falten schlägt. ^"
Färbung: Nasenkuppe hell karminroth; Nagezähne
an der Vorderfläche hell orangcngelb; Sohlen und Klauen
hell fleischrolh , die Farbe der letzteren mehr weisslich;
Obertheile des Thieres ohne Unterschied graubraun, etwas
*} Die Abbildung dieses Knochens siehe Tab. IV. Fig. 5.
Verzeirhniss Nordamerikanischer Säugethiere. 106
röthlichbraun und dunkel graubraun gemischt , indem die
Wurzeln der Haare dunkel aschgrau, die Spitzen aber rölh-
lichaschgrau gefärbt sind; Bartborsten weisslich und glän-
zend; auf der Schnauze und dem Oberkopfe sind die Haar-
spitzen etwas mehr schwärzlichbraun gefärbt; Schwanz
weisslich; üntertheile des Thieres überall fahl weisslich-
grau oder schmutzig weisslich, die Haarwurzeln aschgrau;
Umgebung der Backentaschen kaum merklich mehr röth-
lichgelb.
Ausmessung: Ganze Länge 8" 8'"; Länge des
Schwanzes (mit dem Endbüschel) 2" 7%'"; Länge des aus
dem Pelze hervortretenden Schwanzes 2"; Länge des klei-
nen Haarbüschels am Schwänze 2'"; Dicke des Schwanzes
vor dem Körperpelze 2V2'"> Länge der ausgestreckten Bart-
borslen 11'"; Entfernung von der Nasenkuppe zum Auge
9V2'"; Länge der AugenölTnung IV4'"; Länge vom hinteren
Augenwinkel zur vorderen Ohrbasis ÖV^'"; Längendurch-
messer des Ohres 3'"; Höhe des äusseren Ohres (am Hin-
terrande gemessen) IVs'"? ßreilo des Kopfes zwischen den
Ohren 9V2'"j Länge des Kopfes 1" 8'"; Länge des oberen
Schneidezahnes 2^2'" j Länge des unteren 5%'"; Länge der
Vordersohle 1"; Länge des längsten Vordernagels in der
Sehne gemessen öVg'"; Länge der Hintersohle (von der
Ferse bis zur längsten Klauenspitze) 1" V5'" ; Länge der
längsten Hinterklaue 2"; Breite des Vorderfusses4"'; Breite
des Hinterfusses 4%'"-
Innere Theile: Der Kopf ist ziemlich klein, der
Schädel etwas schmal und abgeplattet, nur die dicke, weite,
lockere Haut mit den dicken Backentaschen macht ihn
gross; der Schädel ist übrigens ziemlich wie am Murmel-
thiere gebildet, der Jochbogen weit auswärts geschweifl,
ganz, rundlichdünn, in seiner Mitte sanft abwärts gebogen;
Augenhöhle höchst flach, dabei ziemlich nach oben gerich-
tet; Oberfläche des Schädels beinahe gänzlich flach und
horizontal; der Processus condyloideus des Unterkiefers
fehlt beinahe ganz, dagegen befinden sich an seiner Stelle
zwei seilliche Ausbreitungen, von welchen die untere hori-
zontal etwas verlängert und mit scharfem Rande versehen
ist, ohne Zweifel zur Anheftung starker Muskeln der ßak-
106 "' Prinz Maximilian zu AVied:
kentasche. Brandt hat eine ganz ähnliche Bildung am
Schädel von Tomomys bulbivorus *) abgebildet. Hinter
dem runden mäuseartigen Auge liegt unmittelbar eine
starke weissliche, längliche Drüse, von SVj Linien Länge **^).
Die Wühlmaus dieser Beschreibung ist zahlreich in
den Prairies des oberen Missourilaufes und kommt bis zu
den Rocky-Mountains vor, ich kann aber nicht sagen, miu
wert si^e südlich oder nördlich verbreitet ist. Man soll weÜ
grössere Exemplare dieser Thiere dort finden, als das be-
schriebene war, jedoch hatten alle, die wir sahen, etwa die-
selbe Grösse.
Sie lebt das ganze Jahr, wie der Maulwurf, unter der
Erde, gräbt auch daselbst weitläuftige, winklige Gänge und
wirft Haufen auf, die aber mehr flach sind , als die von
Tafpa europaea. Ist das Wetter warm und windstill, so
kommen sie oft an die Oberfläche. Sie sollen in der Erde
viele Junge werfen , welche sie auf ihren unterirdischen
Zügen umher tragen , indem sie sich an die Zitzen der
Mutter festsaugen. Auf diese Art lödtet man diese Thiere
über Erde zuweilen mit ihrer Nachkommenschaft. Die^
Füchse, Wölfe, Wiesel, Klapper- u. a. Schlangen sind ihre
Feinde und vermindern ihre Anzahl. Wir tödtelen einst
eine grosse Klapperschlange , der man ein halb verdautes
Thier dieser Art aus dem Magen zog. Diese Mäuse sind
übrigens zornige und bissige Geschöpfe. W^enn der Bär
sie zufällig überrascht, so fliehen sie nicht, sondern setzen
sich , aufgerichtet dem ungleichen Kampfe aus. Auch an
den Menschen sollen sie öfters in die Höhe springen um
zu beissen, wenn man ihren Jungen zu nahe kommt. ' '
Die Ang^lo- Amerikaner kennen alle diese unteiifdf-
sehen Wühlmäuse unter der Benennung Gopher oder Gof-
fefK' Bei den Mandan - Indianern wird die beschriebene Art
„Machtöhpka'' (ach guttural) genannt; bei den Mönnitarri's
iufif liiHi« «i »iiXO*^^ ')ilH(i; iVj^lO il'»l
i*Ti't-<i/{r)!n-.) ■<•>' '■ : 'r'-ioxi-iOfi
■:.'',]> v'-;- f ., , .. .■ ■■{ M.ht
. .*) S. Brandt 1. c. Tab. V. Fig. 1, 6 u. 8.
"["'Hl '•>'>: '^ V (■ r,' , ' ff\
, **) Da ich die in Branntwein befindlichen Exemplare veiloren
li'at'e, so kann diese Beschreibung der inneren Thiilc nicht vervoll-
ständigt weiden. 'If r>A-vM -JinM'.il-,. '.10 M
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 10t
„Kippapülidi" (di leise und kurz); bei den Arikkara's „Dji-
pärmas" (j franz. as beinahe wie es), iii sil» > ■^ülii) -Ju!
US Ingpenceir Baird ^iebt unter der Rubrik dieser Spe^
cies eine Besclireibung des Thiores , die nicht ganz mit
meinen Beobachtungen übereinstimmt. So nennt der ge-
lehrte Verlasser z. B. die Backentaschen klein, da sie doch
bis über die Schultern ausgedehnt sind, den Schädel un-
proportionirt gross , die Färbung wird etwas verschieden
angegeben. "^^
A \*iiii iiJii ii/^ — •
Farn. 4. Murina. Mäuse.
Es giebt in Nord-Amerika viele Arten aus dieser Fa-
milie, doch sind uns nur wenige derselben vorgekommen.
Die europäischen Arten haben sich nun ebenfalls schon
dort verbreitet, wie man bei Audubon und Spencer
Baird nachlesen kann. .„
/
Genus Aus Linn. Haus.
-nir rt'>il
IqoH JM. decumanus Fall. Die Wanderratte.
Die gemeine Wanderratte, so wie die schwarze Ratte
(Mus Raltus L.) sind durch europäische Schiffe nach Ame-
rika gebracht worden und haben sich dort weit verbreitet:
Mus Rattus haben wir nicht zu sehen bekommen, dagegen
desto häufiger die Wanderratte. Zur Zeit unserer Anwe-
senheit waren diese Thiere westlich am Missouri bis Fort
Clarke bei den Mandan-Dörlern vorgerückt, wo wir wäh-
rend des Winters viele von ihnen an sonnigen Tagen von
den Dächern der Gebäude herabschössen, deren Maisvorrä-r
then sie fleissig nachstellten. üeber diesen Gegenstand
siehe die Beschreibung meiner Reise den Missouri aufwärts,
Ausmessung einer solchen zuFort Clarke
erlegten weiblichen Ratte: Ganze Länge 16" 9'";
Län^e des Schwanzes 6" 11'"; Länge des Kopfes 1"11V2"';
im December hatte die Ratte sechs stark entwickelte Zitzen,
iwei pectorale, zwei abdominale und zwei inguinale.
108 Prinz Maximilian zu >Yied:
Bei den Mandan's heisst die europäische Ratte „Mih-
tick-chtä" (die grosse Maus); und bei den Mönnitarris
^Ahta-hichtia" (ti starker Nachdruck, ti und a gelrennt zu
sprechen).
Genus Hesperomys Waterh. Waldmaus.
Spencer Baird führt für diese Gattung 15 Arten
aus Nord-Amerika auf, von welchen wir nur zwei kennen
gelernt haben; dagegen habe ich eine Maus in Indiana ge-
funden, deren Züge von jenen der von Baird beschrie-
benen Arten abzuweichen scheinen.
1. U. /ewcopMS Raf. Die wei ssb äu c hige amerika-
nische Waldmaus.
Richardson 1. c. p. 142.
Audubon u. Bachm. I. p. 300. Tab. 46.
Sp. Baird. 1. p. 459.
Beschreibung: Gestalt und Farbe sehr ähnlich un-
serer grossen Waldmaus (Mus sylvaticus L.), aber der Kopf
scheinbar dicker und der Schwanz kürzer, auch scheint der
letztere etwas mehr behaart zu sein. Kopf gross und auf
dem Nackenrücken ein wenig gewölbt, besonders weil hier
lange Haare stehen ; Augen vortretend und schwarz; Schnauze
an der Seite ein wenig aufgetrieben; Bartborsten am Ober-
kiefer sehr lang; Unterkiefer sehr kurz, weit hinter die
Nasenkuppe zurückgezogen ; Ohren ziemlich gross, breit,
nackt, etwas seitwärts abstehend; Füsschen sehr zierlich
und zart, mit sehr kleinen, schwachen Nägeln, daher passt
der deutsche Name Scheermaus, wie es scheint, nicht auf
dieses Thier; Schwanz wie an sylvaticus, aber bedeutend
kürzer als der Körper; vier Inguinalzitzen und scheinbar
zwei an der Brust.
Färbung: Obertheile gelblichgraubraun, über der
Mitte des Rückens hinab ein wenig dunkler oder mehr
schwärzlich melirt , die Seiten mehr gelblich- oder röth-
lichbraun ; Seiten des Unterkiefers, Vorder-, Hinter- und
Veizeichniss Nordamerikanischer Säugelhiere. 109
innerer Theil der Schenkel, so wie alle Untertheile des
Thieres sind schön rein und nett weiss; die nur fein und
seidenartig behaarten Füsschen sind weisslich, dabei durch-
scheinend fleischroth; Schwanz an der Oberseite graubraun,
an der unteren grau ; Nase zu beiden Seiten bräunlichgrau;
obere Bartborsten schwärzlich, die unteren weiss; Ohren
grau, in ihrer xMltte röthlichgrau.
Ausmessung: Länge 6"1V2'"; Länge des Schwan-
zes 2" 8V2'"; Länge des Kopfes 1" 2%"'; von der Nasen-
kuppe zum Auge öVe'"; Länge der Bartborsten 1" 2V3'";
Höhe des Ohres an der Kopfseite 6'"; Breite des Ohres
41/2'"? die Nasenkuppe tritt über den Unterkiefer vor um 3'";
Länge der Vorderhand auf der Oberseite SVs'"^ Länge der
Hintersohle von der Ferse an SVs'"-
Männliches Thier: Wie das Weibchen ; etwa zwei
Linien vor dem After steht die Ruthe, nur wenig als ein
Knöpfchen vortretend; Testikel unter der Haut verborgen.
Ausmessung: Ganze Länge 6" 4'"; Länge des
Kopfes 1" IV2'"; Länge des Schwanzes 2"10V2'"; von der
Nasenspitze bis zum Auge 6'"; vom vorderen Augenwin-
kel zur vorderen Ohrbasis 5%'"; Höhe des äusseren Oh-
res 6'"; Breite des Ohres in der Mitte seiner Höhe 4'";
Länge der längsten Barthaare 1" 1'"; Länge der Vorder-
sohle 4'"; Länge der Hintersohle bis zur Ferse 8V2'" 5 Länge
der längsten Vorderzehe 2V5'"; Länge der längsten Hin-
terzehe 4'"; Länge der Vorderhand an der Oberfläche ge-
messen (so weit sie sich beim Auftreten umbiegt) 4V4'";
<lie Nase tritt über den Unterkiefer um 3'".
Innere T heile: Das männliche Thiere hat in sei-
ner Ruthe einen höchst feinen, zarten, völlig geraden Kno-
chen, der vorn nur ein wenig verdickt ist, übrigens ge-
rade, cylindrisch. Er maass an einem kleineren Exemplare,
als das hier beschriebene , 2^^ Linien in der Länge und
V5 Linie im Durchmesser (siehe Tab. IV. Fig. 4). — Diese
beschriebenen Exemplare erhielt ich während des Winters
am Wabasch in Indiana.
Ein bei den Mandan- Dörfern am oberen
Missouri erhaltenes Exemplar: Farbe ein wenig
mehr graubraun als an den früher beschriebenen Thieren,
110 Prinz Maximilian zu Wied: ./
unten fein weiss ; Unterseite des Schwanzes graulichwciss,
übrigens denen des Wabascli ganz gleich ; die gelbbraun-
liehe Rückenfarbe umgiebt die Schvvanzwurzel von unten
auf eine sehr nette Arl, wo sich diese Farbe von der weis-
sen des Hinterschenkels sehr sauber absetzt; Nagezähne
gelb; unter der Vordcrsohle stehen drei Ballen im Halb-
zirkel hinter den Zehen und hinter diesen wieder zwei ne-
ben einander; die Hintersohle hat drei Ballen, welche hin-
ter den drei Mittelzehen stehen ; hinter dem Daumen steht
ein grösserer, dann hinter einander zwei sehr kleine.
Ausmessung: Ganze Länge 5" 4'"; Länge des
Schwanzes (mit den Haarspitzen) 2" 2y2'" 5 ohne die Haar-
spilzen 1"11V2'"; Länge des Kopfes 1" 2'"; Höhe des „Oh-
res 5'"; Länge der Bartborsten 1" 3'". »f> ffo' "fffogf'ffnill
Diese schöne Maus scheint bis in den Norden und über
den grössten Theil des nördlichen Amerikas verbreitet zu
sein. Am Wabasch in Indiana und Hlinois , so wie am
Oljio ist sie nicht selten und vertritt daselbst unsere eu-
ropäische, ihr in der Hauptsache sehr ähnliche Waldmaus
(Mus sylvaticus Linn.). Am oberen Missouri kommt sie
bis zu den Rocky- Mountains vor, ob jenseits ist mir
nicht bekannt.
-i.MiiAn jenem Flusse und anderen Orten nennt man sie
Meadöw-Mouso (Wiesenmaus). Sie lebt in Wäldern, Pflan-
zungen und Feldern, so wie besonders in Ufern und klei-
nen Gebüschen der Prairies, wo man in den westlichen
Gegenden diese Thiere überall im Winter im Schnee spürte,
und wo ihnen, gerade wie bei uns, die kleinen Raubthiere,
als Füchse, Wiesel, Wölfe eifrig nachstellen.
Schon in den Prairies am Nischnebottoneh erhielt ich
diese Maus und noch weiter aufwärts am Missouri fanden
wir sie an verschiedenen Stellen. Eine alte und eine junge
Maus dieser Art tödtete man in einem alten Baum-Stamme,
wo sie ohne Zweifel genistet hatte. Auf einer Missouri-Insel
jenseits der Bijoux-Hills schoss man eine solche von einem
Baume herab, an welchen sie, wie die Haselmäuse, umher-
klettern. Diese Maus war an den Seiten des Rückens viel
stärker rostroth gefärbt , als die früher erhaltenen. Bei
den Mandaa- Dörfern spürte man sie häufig im Schnee an
Verzeichniss NordanieriUanischer Säugethiere. 111
den Ufern und Gebüschen , gerade wie unsere Feldmäuse,
und wir stellten ihnen Fallen, um zu sehen, welche Art.en
von Mäusen wir kennen lernen würden. Ihre vier Fusstritte
(Fährten) standen gewöhnlich im Schnee gepaart neben
einander, auf nachstehende Art: •./. — Unsere Mäusefal-
len wurden während der Nacht häufig von den Prairiewöl-
fen oder Füchsen hinweggetragen, ohne Zweifel w^enn sich
eine Maus darin gefangen hatte, und wir mussten dann oft
weit der Wolfsspur folgen , um die leere Falle wieder zu
finden. Nur diese einzige Art der Mäuse wurde übrigens
in jenen Gegenden von uns gefangen. .iii
Im Winter legen diese Thiere Vorräthe an, wie man
sagt. Als sich Herr T. Say am Missouri befand, hatte ein
solches Thier in einem seiner Stiefel seinen Wintervorralh
aufgehäuft.
Audubon, bei dem man über diese Species weit-
läuftige Nachrichten findet, bildet sie ganz gut ab, nur zu
klein zusammengezogen, die Illumination ist gut.
Spencer Baird giebt weitere Vergleichungen und
fügt hinzu, De Selys Mus novae boracensis sei eine gute
Beschreibung unserer Maus. ib »fn^vni!' ni!/l
[ Jim ;
? 2. U. indianus Wied. Die W aba sch-Waldmaus.
Diagnose: Gestalt der Hausmaus; Farbe dunkel
graubraun , an den Untertheilen heller ; Ohren nackt und
ziemlich gross; Schwanz ziemlich nackt, etwas weniges
kürzer als dfr übrige Rumpf.
,.; Diese Art hat viele Aehnlichkeit in der Gestalt mit
der europäischen Hausmaus , allein diese letztere scheint
etwas dickeren Kopf zu haben. Von H. leucopus unter-
scheidet sie sich durch bedeutend kleineren Kopf, länge-
ren Körper und Schwanz , so wie gänzlich verschiedene
Färbung.
;, .Beschreibung: Gestalt unserer Hausmaus; Ohren
gross, völlig nackt, an der Spitze abgerundet, oft mit einer
oder zwei sehr kleinen Ausrandungcn an dieser Stelle; an
seinem vorderen Rande ist das Ohr eingerollt, oder ein-
geklappt; Oberkiefer weit über den unteren vortretend;
112 Prinz Maximili an zu Wied:
Nasenkuppe an der Oberfläche behaart, an der Vorderseite
nackt; Auge länglich und ziemlich gross; Bartborslen am
Oberkiefer lang , zurückgelegt , die längsten erreichen die
Mitte des Ohres.
Gebiss. Oberkiefer: Nagezähne an der Vorderseite
orangengelb; Backenzähne 4.4, der hinterste der kleinste,
sie haben an der inneren Seite an ihrem Rande zwei Hök-
ker, dann hinler diesen eine Längsfurche und an der Aus-
senseite einige wenig erhöhte Schwielen; Unterkiefer: 4 .4,
der hinterste der kleinste , sie haben alle auf ihrer Mille
hinab eine Längsfurche.
Der Hals ist kurz, die Füsschen sehr zart und zier-
lich; äussere Zehe die kürzeste, Zeigefinger etwas länger,
Mittelfinger der längste, der vierte beinahe ebenso lang;
Daumwarze kurz, mit kurzem, stumpfen Nagel, im Inneren
-der Vorderhand stehen drei Ballen im Dreiecke; am Hinter-
fusse ist der Daumen länger und mit einem Klauennagel ;
drei mittlere Zehen bei weitem die längsten, beinahe gleich
lang, die äusserste etwas länger als der Daumen; in der
Hintersohle stehen zwei Ballen gepaart hinter den drei
Mittelfingern, drei andere stehen weiter zurück; alle vier
Füsschen sind mit kleinen, zarten Haaren bedeckt, die Fin-
ger beinahe nackt; Schwanz kürzer als der Rumpf, er ist
so lang wie die Entfernung vom Auge bis zur Schwanz-
wurzel, ist also um Vg der Rumpflänge kürzer als diese
letztere; er ist vollkommen gebildet wie an Mus musculus,
mit hautschuppigen Ringen und rundum mit einzelnen Haa-
ren besetzt, die aus den Fugen entspringen und gewöhn-
lich so lang sind, dass sie über zwei Ringe hinwegreichen ;
Pelz gebildet wie an M. musculus.
Färbung: Nasenkuppe fleischroth ; Nagezähne gelb,
das ganze Thier hat eine dunkel bräunlichgraue F'arbe,
am Bauche und den Untertheilen heller oder fahl gelblich-
grau , an den Obertheilen dunkel graubraun , indem die
Haarwurzeln aschgrau und die Spitzen olivenbraun gefärbt
sind; Ohren röthlichgrau , an der inneren Fläche heller;
Füsse fleischröthlich.
Ausmessung: Ganze Länge 6" 2^/2'"; Länge des
Schwanzes 2" 11'"; Länge des Kopfes 9V3'"; von der Na-
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 113
senkuppe zum vorderen Augenwinkel ^/^"\ Länge des
Auges IV4'"; vom hinteren Augenwinkel bis zur vorderen
Ohrbasis 3'"; Höhe des äusseren Ohres an der Kopfseite
4V2"'j Breite des Ohres in seiner Mitte SVg'"; Länge der
längsten Barthaare OVg"'; Länge der Vordersohlc SVa^'J
Länge der Hintersohle bis zur Ferse T^/s'".
Diese Maus findet sich in den Feldern, rauhen Dorn-
hecken, Ufern und Gebüschen bei New-Harmony am Wa-
basch in Indiana. Im Monat Januar fanden wir ihre Spuren
im Schnee, und zwar gepaart abgedrückt, stellten Fallen
mit gebratenem Speck und fingen diese Mäuse. Sie haben
viele Aehnlichkeit mit der europäischen Hausmaus, von
welcher sie aber bei genauer Vergleichung doch sehr we-
sentlich verschieden sind. — Sic brachten den Winter bei
Eis und Schnee in den Maisfeidern zu, von deren Früchten
sie sich nähren. Die Hausmaus würde in dieser Jahreszeit
die menschlichen Wohnungen gesucht haben. In den Häu-
sern zu New - Harmony erhielt ich bloss Hesperomys leu-
copus, dagegen in den Feldern die eben beschriebene Spe-
cies, die eine wahre Feld- und Waldmaus zu sein scheint.
Ich muss aber doch noch bemerken, dass man später auch
solche Mäuse in den Gebäuden fing, und dass Herr T. Say
dieselben für Mus musculus hielt, mit welchem wir sie aber
damals nicht vergleichen konnten. Mit den von Spencer
Baird beschriebenen Arten von Hesperomys scheint sie
mir nicht vollkommen überein zu stimmen.
3. H. leucogaster W. Die weissbäuchige
Wald maus.
Hypudaeus leucogaster Wied. Beschreibung der
Reise in Nord-Amerika IL p. 99.
Audubon und Bachm. (Mus missuriensis) IL p. 237.
Tab. C.
Sp. Baird I. p. 480.
Beschreibung: Gestalt gedrungen und stark, Kopf
etwas dick , Ohren ziemlich kurz *) , Schwanz kurz , der
*) Den Umriss des Kopfes der beschriebenen Maus nach dem
Leben siehe Tab. lY. Fig. 8.
Archiv f. Naturg. XX VIII. Jahrg. 1. Bd. 8
114 Prinz Maximilian zu Wied:
Kopf etwa % der Länge des ganzen Körpers (ohne den
Schwanz) ausmachend; die Unterlippe SVg"' hinter die
Spitze des Oberkiefers zurückgezogen; Oberlippe durch
eine kleine Furche getheilt; Kopf auf dem Scheitel breit
und flach, in einer sanft gewölbten Linie nach der Nasen-
kuppe hinabfallend; Nasenkuppe ein wenig vortretend;
Auge ziemlich gross, glänzend schwarz ; die starken ßart-
borsten an der Seite der Schnauze etwa 1" lang, abstehend
und mit ihren Spitzen vorwärts gekrümmt; Ohren ziemlich
klein , steigen nicht über die Horizontalfläche der Scheitel-
haare hinauf, ziemlich eiförmig, unten ein wenig breiter
und an ihrer Spitze abgerundet , am Hinterrande mit einer
sehr seichten Ausrandung, der Vorderrand ein wenig rück-
wärts umgelegt, an der Wurzel etwas nackt, gegen den
Rand hin mit kurzen , glatt anliegenden Haaren besetzt,
welche nicht über denselben vortreten ; Leib dick und ge-
drungen; Vorderbeine stark und kurz, der Arm fleischig
und stark, wie die Schulter, die Hand breit und kurz;
Daumwarze klein, mit einem kurzen stumpfen Kuppenna-
gel ; Mittelzehe ein wenig länger als die Nebenzehen, der
vierte Finger etwas länger als der Zeigefinger, der kleine
noch etwas kürzer als der letztere ; Sohle der Vorderhand
mit drei kurzen hohen Ballen neben einander besetzt, hin-
ter welchen zwei ganz ähnliche stehen , und es beflndet
sich neben den beiden hinteren nach innen der kleine
Daumenballen; Nägel lang, schlank zugespitzt, sanft ge-
krümmt , am Mittelfinger bei weitem am längsten ; Hinter-
fuss mehr verlängert als der vordere , aber mit denselben
Verhältnissen der Zehen; hinter jedem Nagel an der Ze-
hensohle befindet sich eine ballenartige Erhöhung, übrigens
an ihrer Unterseite mit Querfurchen parallel besetzt; der
Daumen des Hinterfusses hat mehr Länge und Freiheit als
der des Vorderfusses und trägt einen kleinen etwas zuge-
spitzten Klauennagel; Nägel der Hinterzehen überhaupt
kürzer als die der vorderen; hinter den Zehen stehen an
der Hintersohle drei Ballen im Halbkreise, indem die bei-
den hinteren der Vorderhand hier fehlen, dagegen bemerkt
man an der Wurzel des Daumens eine kleine Verdickung der
Sohle; Oberseite der Hände und Füsse, so wie die Fersen-
Verzeichnis» Pfordameiikanischcr Säugethiere. 115
sohle der Hinterbeine leicht und glatt anliegend seidenartig
behaart, die Fusssohle nackt, mit zarter fleischrother Haut;
Schwanz kurz, er reicht bei ausgestreckten Hinterbeinen
noch nicht bis zur Wurzel der Hinterzehen, nimmt von der
Wurzel zur Spitze allmählich an Dicke ab, ist massig zu-
gespitzt, dicht mäuseartig behaart, die Haare an der Ober-
seite länger als an der unteren; Rückenhaar des Thieres
etwa 3 Linien lang, am Bauche etwas über 2 Linien, auf
dem Scheitel ist es länger, dicht gedrängt und über 3 Li-
nien lang.
2
Gebiss: Vorderzähne—, die unteren lang, etwas zu-
gespitzt, mit sehr langem Ausschnitte an der inneren Fläche,
von den Seiten etwas zusammengedrückt ; die oberen kurz,
stark, an der Schneide nach ihrer Vereinigung hin ein we-
3 . 3
nig ausgerandet; Backenzähne 5 — ^; von den oberen
ist der vorderste der grössle , der hinterste ist klein und
seine Mahlfläche nach hinten ein wenig zugespitzt; die
Mahlflächen aller dieser Zähne haben rundum auf jeder Seite
ein Paar Höcker und Furchen, dabei einen erhöhten, ein-
und ausspringenden Rand und in der Mitte ihrer Fläche,
zwischen den Rändern und Erhöhungen befinden sich Ver-
tiefungen; der hinterste Backenzahn hat in der Mitte sei-
ner Mahlfläche eine kesselartige Vertiefung *).
Färbung: Obere Bartborsten schwarz, die unteren
oder tiefer stehenden weisslich; Nasenkuppe, Lippenrand
und Fusssohle fleischroth; Seiten der Nase, Rand der Ober-
lippe, Unterkiefer, Kinn und Kehle, Vorderbeine innen und
aussen bis gegen die Mitte des Schulterblattes, innere und
vordere Seite der ganzen Hinterbeine, so wie alle übrigen
Unterthcile schön rein weiss, und diese Farbe steigt bis in
die Mitte der Seiten hinauf und deckt auch die Unterseite
^■) Ich habe leider im ersten Augenblicke die Wurzeln dieser
Zähne nicht untersucht und das Exemplar ging verloren. Dem äus-
seren Habitus zu Folge gehört diese Alaus eher zu Hypudaeus als zu
Hesperomys; allein da Sp. Baird sie in letzteres Genus setzt, so
muss er doch wohl dio Zahnwurzeln untersucht haben, und ich bin
ihm daher gefolgt, versehe die Art aber mit einem ?.
Ijk^ frinz Maximilian zu Wied:
des Schwanzes; alle Obertheile des Thieres sind röthlich-
grau, in den Seiten mehr röthlich , auf dem Rücken mehr
grau; die Haare sind daselbst grau und an den Spitzen
röthlich und in den Seilen sind diese röthlichen Haarspitzen
länger, daher herrscht hier die röthliche Farbe etwas vor;
Schwanz auf der Oberseite wie der Rücken ; an der vor-
deren Ohrbasis beündet sich ein kleiner weisser Fleck, die
etwas ^ verlängerten Haare sind hier weiss; das Ohr selbst
ist wenigstens etwas behaart , dunkelgrau, an seinen nack-
ten Theilen fleischroth.
Ausmessung: Ganze Länge 4" 10'"; Länge des
Kopfes 1" IV2'"; Länge des Schwanzes 1" IVa'"» ^on der
Nasenspitze zum vorderen Augenwinkel 5'"; von da zur
Ohrwurzel 3'"; Höhe des Ohres an der Scheitelseite 3V4'";
Breite des Scheitels zwischen den Ohren 7'"; Breite des
Ohres an der breitesten Stelle 22/3'"; Länge der Vorder-
handsohle mit dem Nagel 5'"; Länge des längsten Vorder-
nagels IV3'"; Länge der Fersensohle mit dem Nagel 8V2'"5
Länge des längsten Hinternagels V2'"; Länge der Augen-
önnung2V8'"; Umfang des Kopfes vor den Ohren etwa 2" 2'";
Umfang des Leibes in der Mitte 2" 8'" ; in der Dünnung 2" 1'".
Innere Theile: Das Auge ist stark und ganz ku-
gelförmig; Backentaschen fehlen; Zunge länglich, glatt,
vorn mit einer kleinen Längsfurche, überall mit höchst fei-
nen, kaum sichtbaren Papillen bedeckt, auf ihrem Hinter-
theile steht eine gewölbte, wahrscheinlich drüsige Er-
höhung; Rachen und Gaumen mit starken, erhöhten Quer-
leisten bezeichnet, die in ihrer Mitte ausgerandet sind;
Magen zusammengekrümmt, mit zerbissenen Pflanzentheilen
angefüllt, am Pylorus setzt sich der Darm erweitert fort;
scheinbar kein Blinddarm; Rectum dünn, glatt und rund;
Leber in sechs Lappen getheilt; Nieren gross und ziem-
lich bohnenförmig; Herz 4V5 Linien lang; Testikel zu bei-
den Seiten, gross, sie sitzen etwas hinter der kleinen dün-
nen und zugespitzten Ruthe.
Diese Maus kommt häufig in den Prairies des oberen
Missouri vor und zieht sich im Winter in die indianischen
Dörfer und Hütten, wo sie die Wärme sucht und den Vor-
räthen aller Art nachstellt.
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere, 117
Die Mandan - Indianer kennen sie unter dem Namen
„Mihtickä", ihrer allgemeinen Benennung für alle Arten -der
kleineren Mäuse, und bei den Mönnitarris ist derselbe
„Ehtaho" (eh stark, taho leise und kurz; bei den Arikka-
ra's „Sähkeh.« Ich erhielt nur ein einziges Exemplar die-
ser Species, deren Stellung im Systeme leider unbestimmt
war, da ich , wie gesagt, die Zahnwurzeln nicht untersu-
chen konnte. Da S. Baird diesen Theil wohl untersucht
haben wird , so bin ich ihm gefolgt; allein in der Gestalt
weicht diese Maus, wie gesagt, von Hesperomys bedeu-
tend ab.
Spencer ßaird citirl zu seiner Beschreibung un-
serer Maus Audubon's Abbildung (T. II. Tab. C) , die
auch wohl hieher zu beziehen sein dürfte , allein sie ist
auf jeden Fall schlecht gezeichnet , die Färbung viel zu
roth, überhaupt verfehlt. i^uff/
Audubon hat diese Maus lange nach mir kennen
gelernt, meine Beschreibung aber ohne Zweifel übersehen.
Er erhielt sie bei Fort Union, sie ist demnach ohne Zwei-
fel bis zu den Rocky-Mountains, und vielleicht noch weiter
verbreitet.
Clenus Neotoma Say. Bilchratte.
Diese von Say aufgestellte Gattung hat Richardson
genauer beschrieben , man hatte aber eine Art derselben,
N. Drummondii , für den Missouri noch nicht beobachtet.
Leider waren die Exemplare , welche ich dort erhielt,
sämmtlich etwas verstümmelt , ich kann daher nur eine
ziemlich unvollkommene Beschreibung geben.
1. N. floridana Say. Die gemeine Bilchratte^^/
Say and Ord J. A. N. Sc. Philad. IV. 346.
Audubon 1. c. I. p. 33. Tab. 4.
Sp. Baird 1. c. I. p. 486.
Die grosse Waldratte dieser Beschreibung habe ich
im vollkommen frischen Zustande nicht erhalten , aber sie
gesehen und am unteren Missouri bei den Pflanzern Klagen
118 Prinz Maximilian zu Wied:
Über ihren Schaden gehört. Sie zieht sich nämlich in die
Scheunen und Vorrathshäuser und bringt daselbst Schaden,
wie alle Raltenarten.
? 2. A'. Drummondii Rieh. Drummond's Bilchratte.
Richardson 1. c. I. p. 137.
Sp. Baird 1. c. I. p. 499. (Neotoma cinerea).
Beschreibung eines auf Cedar-Island er-
legten weibliche n Thieres : Gestalt und Farbe etwa
von Mus decumanus, allein der Schwanz kürzer und weit
stärker behaart, der Kopf scheinbar etwas kleiner; er ist
länglich, ziemlich gestreckt, mit langen, starken Bartbor-
sten an jeder Seite der Nase und des Oberkiefers; Augen-
Öffnung etwas länglich ; Ohren massig gross, ziemlich eiför-
mig, oben an der Spitze abgerundet, nackt, aussen an ihrer
Wurzelhälfte behaart; Beine kurz und stark, Schenkel stark
und breit, Leib dick und gestreckt, wie an der Ratte; Vor-
derfuss mit kurzem, kurz benagelten Daumen; Zehen zart,
die äusserste die kürzeste; hinter den Fingern stehen auf
der Vordersohle drei Ballen, hinter diesen zwei grössere;
Hinterfuss bedeutend stärker als der vordere, der Daumen
am kürzesten, mit einem gekrümmten Krallennagel verse-
hen; die kleine Zehe ist länger, die übrigen noch länger,
die dritte von innen (also der Mittelfinger) die längste ;
Nägel aller Zehen vorn und hinten etwas durch die Haare
verborgen; vier sichtbare Inguinalzitzen stark entwickelt,
da das Thier vier Junge in einem hohlen Baume verbor-
gen hatte , die man ebenfalls fand. Schwanz bedeutend
kürzer als der Körper und dabei weit stärker behaart als
an Mus Rattus , so dass man die Haut kaum hindurch se-
hen kann, die Spitze der Schwanzhaut war zufällig abge-
rissen, hier ohne Zweifel mit verlängertem Haarbusche
wie an Myoxus nitela.
Das Gebiss des Thieres kam überein mit dem von
Harlan *) abgebildeten, mit dem kleinen Unterschiede,
dass der hintere Backenzahn des Unterkiefers auf seiner
Mahlfläche zwei gleichgeformte Rundungen bildete, wo in
') S. 3Iedical and physic^l Rcscaiches p, 53.
Verzeichniss Nordamerikanischer Sängelhiere, 119
Harlan's Figur noch ein kleiner Einschnitt angegeben ist,
welcher, wie gesagt, meinem Thiere fehlt. Die Nagezähne
sind gross und gelb gefärbt.
Färbung: Etwa wie an unserer Wanderratte. Alle
unteren Theile mit der inneren und hinteren Seite der Glie-
der und den ganzen Füssen sind weiss , die Wurzeln der
Haare an den Untertheilen aschgrau; Sohle fleischroth;
Obertheile des Thieres röthlichaschgrau , der Rücken bei-
nahe grau, in den Seiten hell röthlichgrau, zuweilen fahl
röthlich, ebenso die Seiten des Kopfes; Barthaare schwärz-
lich mit weissen Spitzen; Schwanz an der Oberseite röth-
lichgrau, an seiner unteren weiss.
Ausmessung: Ganze Länge 11" 11'"; Länge des
Schwanzes etwa 4" 10 bis 11"' (die Spitze kann , da die
Haut fehlte, noch um einige Linien länger gewesen sein);
Länge des Kopfes 2"; Höhe des äusseren Ohres (oben am
Kopfe gemessen) 7'"; Länge der Vordersohle 8'"; Länge der
Hintersohle von der Ferse an 1" 4%'''; das längste Barthaar
hielt 2" 6'" in der Länge.
Dieses weibliche Thier wurde auf Cedar - Island im
Missouri in einer alten hohlen Ceder (Juniperus bermudiana)
erschlagen und leider am Schwänze beschädigt. Es hatte
sein Nest im Monat Mai in dem hohlen Baume gemacht, in
welchem sich vier noch blinde Junge befanden. Sie wa-
ren 4" 10'" lang, oben dunkel aschgrau, unten weiss, mit
kurzen sehr glänzenden Haaren bedeckt, der Kopf sehr
dick , die Ohren noch klein , die Nagezähne waren schon
vorhanden.
Dies ist ohne Zweifel die Waldratte, von welcher Le-
wis und Clarke reden*).
Ein anderes, am 24.0ctober bei Fort Union
erhaltenes Exemplar: Der Schwanz war hier voll-
ständig, länger und durchaus stark behaart, etwa wie an
Myoxus glis, also gerade so wie ihn Richardson abge-
bildet hat. Der Kopf des Thieres war gewaltsam zerstört,
daher die Ausmessung nicht vollständig genommen werden
konnte.
■) Siehe deren Reise (englische Ausgabe) Vol. I. p. 8.
120 Prinz Maximilian zu Wied:
Ausmessung einiger Theile des Thieres:
Länge von der vorderen Ohrbasis bis zum Schwanzende
13" 4'"; Länge des Schwanzes mit den Haarspilzen 7" 1'";
desselben ohne die Haarspitzen 6" 4'"; Breite des Schwan-
zes an der breitesten Stelle 10'"; Höhe des Ohres (an der
Kopfseite) 9"'; Breite des Ohres SVj'"; Länge der Vordcr-
sohle mit dem Nagel 10"'; Länge der Hintersohle 1" 71/2'"-
Dieses Exemplar erhielt ich bei Fort Union in einem
jenseits des Flusses gelegenen Gebüsche; man findet dieses
Thier aber auch am Yellow-Stoneflusse und in der ganzen
Umgegend, ohne Zweifel bis zu den Rocky-Mountains und
jenseits.
Das zuletzt beschriebene Thier stimmt in der Beschrei-
bung ziemlich mit Richardson's Neotoma Drummondii
überein, wenn man die Ohren ausnimmt, die jener gelehrte
Reisende als behaart angiebt. Bei dem früher beschriebe-
nen Thiere war der Schwanz kürzer behaart und trug am
Ende nur einen verlängerten und verdickten Haarbusch,
wie an Myoxus nitela ; es fragt sich daher, ob beide Thiere
identisch sind, oder nicht vielleicht verschiedenen Species
angehören? da Spencer Baird deren mehrere aufführt.
Ich muss das Gegentheil vermuthen, kann jedoch nicht mit
Gewissheit entscheiden. Das zuerst beschriebene Thier
würde ich für N. floridana gehalten haben , wenn dieses
nicht bedeutend abwiche , indem es einen sehr viel länge-
ren, kurz behaarten Schwanz und am Körper eine mehr
dunkelbraune Färbung zeigt.
Die von Baird beschriebenen Arten haben zum Theil
viele Aehnlichkeit , ich kann sie aber nicht vergleichen,
um ihre feineren Unterscheidungszüge aufzusuchen. Ich halte
mein Thier für Spencer ßaird's N. cinerea, oder Drummon-
dii Richardson.
Das von mir hier beschriebene Thier hat die Lebens-
art aller Rattenarten, besonders der Waldratten, und wird
von den Mönnitarri- Indianern „Aihta-hitia" (ti und a ge-
lrennt, i mit starkem Accent) genannt.
Verzeichniss Kordamerikanischer Säugethiere. 121
deous Fiber Cut. 91oschusratte.
F. zibethicus Linn. Die gemeine Moschusratte.
Richards. I. p. 115.
Audubon I. p. 108. Tab. 13.
S. Baird I. p. 561.
Beschreibung: Ein dickes abgerundetes Thier. Der
Kopf ist dick, oben abgeplattet, die dicke Schnauze abge-
rundet, beinahe gestaltet wie am Biber , allein die Ohren
weit länger; Auge klein, seine Oeffnung rund, es steht
hoch oben am Kopfe; Nasenkuppe breit, ihr oberer und
vorderer Theil behaart; Nasenloch an der Seite geöffnet,
sein vorderer Rand und der Raum zwischen beiden Oeff-
nungen sind unbehaart ; am Oberkiefer sehr lange Bari-
borsten, kürzere stehen am Kinne ; Ohren breit und abge-
rundet, dicht und lang behaart, die Haare des Vorderrandes
zum Theil über 5'" lang; Gebiss bekannt, die Nagezähne
breit, stark, die oberen sind in der Mitte der Schneide
etwas ausgerandet oder aiisgeschliffen ; Zunge länglich,
vorn abgerundet , mit kleinen , etwas rauh anzufühlenden
Papillen besetzt; Vorderbeine kurz und stark, die Arme dick,
der Fuss fünffingerig, wovon der Daumen eine kurze, be-
nagelte Warze ist; äusserer Finger der kürzeste, Zeige-
finger ein wenig länger, Mittelfinger der längste; alle haben
starke, zugespitzte, massig gekrümmte, unten ausgehöhlte
Nägel ; in der Vorderhand stehen hinten zwei starke, w eiss-
liche Ballen neben einander, wovon der äussere mehr zu-
gespitzt ist, vor diesen bemerkt man hinler den Fingern
noch drei sehr kleine Ballen; Hinterfüsse gross und plump,
von der Ferse an sehr lang und beinahe nackt , nur mit
kleinen kurzen Haaren besetzt, welche die Haut nicht ver-
bergen; innere Hinterzehe die kürzeste, dann folgt in der
Länge die äussersle, die zweite und dritte von aussen sind
gleich lang und die längsten ; Hinternägel ziemlich gerade
zugespitzt, zusammengedrückt; die ganze Fusssohle bis
zur Ferse mit einer glatten, feinen, schwärzlichen Haut be-
deckt, allein die ganze Sohle zeigt von der Ferse an an jeder
Seite des Fusscs eine Einfassung von steifen, dicht gestell-
122 Prinz Maxim i 1 i an zu Wi ed :
ten , steifen borslenarligen Haaren und dieser steife Haar-
saum befindet sich auch an jeder Seite der Zehen ; ausser-
dem zeigt die Hintersohle oberhalb der vier- äusseren Ze-
hen drei kleine glatle, schwarze Ballen im Dreieck gestellt,
und etwas weiter zurück hinter dem Daumen noch einen
kleineren, und hinter diesem, noch weiter rückwärts einen
länglichen Ballen , der grösser ist als alle vorhergehenden
der Hintersohle; alle Zehen am Vorder- und Hinterfusse ha-
ben in ihren Winkeln eine höchst kurze Spannhaut, welche
man kaum bemerkt; Schwanz lang, aber kürzer als der
Körper, an den Seiten zusammengedrückt, oben und unten
kantig, an den Seiten sanft gewölbt , im Durchmesser also
etwa von dieser Gestalt Q ; er ist mit schmalen häutigen
Querringen bezeichnet, die wie bei den Mäusen aus Haut-
schuppen zusammengesetzt sind und mit einzelnen, kurzen,
dazwischen stehenden Haaren ; an der Wurzel ist der
Schwanz etwas mehr rundlich, am Ende zugespitzt, wo
eine kleine Haarspitze übertritt, sein letztes Viertheil hat
eine sanfte Krümmung abwärts; Geschlechtstheile nicht
weit vom Schwänze entfernt, einen starken Moschusgeruch
ausstossend. Pelz des ganzen Thieres höchst dicht und
weich, eine dichte W^olle , mit schönen, glänzenden länge-
ren Haaren darin , welche am Bauche kurz , am Rücken
über einen Zoll lang sind.
Färbung: Obertheile dunkelbraun, so ist die Grund-
wolle, welche überall durchblickt; Stachelhaar am Rücken
schwarzbraun , sie färben den Oberkörper auf diese Art,
aber die hellere Grundwolle unterbricht überall diese Farbe;
Seiten und Untertheile dunkel graubraun.
Ausmessung: Ganze Länge 21" 5'"; Länge des ■
Schwanzes 9" 1'"; Länge des Kopfes 2" 10'"; Länge des I
Auges 2"'; Höhe der Augenöffnung IV2"'; Höhe des Ohres \
am Kopfe mit den Haarspitzen 11"'; Länge der Vorderhand
auf der Sohle 14'"; Länge des ganzen Hinterfusses (von
der Ferse zur längsten Nagelspitze) 3" 1'"; Breite der
Vorderhand über den Fingern 6'"; Breite der Hinterhand
eben daselbst 1'"; Länge des längsten Vordernagels 4'";
Länge des längsten Hinternagels 5'"; Höhe des Schwanzes
an der Wurzel 6"'; desselben in der Mitte 6V2'"; Quer-
Verzeichniss Kordamerikanisrher Säugethiere. 123
durchmcsser des Schwanzes an der Wurzel 6'" ; desselben
in der Mitte ^^/2**\ Länge der längsten Bartborsten 2" 10'''.
Innere Theile: Das Herz ist nicht gross; Lunge
in 5 Lappen getheilt; Magen häutig, ohne Unterschied mit
grünem Futter voll gepfropft ; Colon breit und gross, quer
überliegend; drei verschiedene Ooffnungen für die Scheide,
den After und den Harnweg; Moschusgeruch der After drü-
sen sehr stark.
Dieses weibliche Individuum wurde am 9. August in
dem Bache Monocusa bei Bethlehem in Pennsylvanien ge-
fangen.
Ein grosses männliches T hier, am 5. Ja-
nuar am Wabasch erhalten: Gestalt und Färbung
wie früher beschrieben: Geschlechtstheile äusserlich etwa
wie bei den Mäusen.
Ausmessung: Ganze Länge 22" 4'" ; Länge des
Schwanges 10" *) ; Länge des Kopfes 2" 8'"; Länge von
der Nasenspitze bis zum vorderen Augenwinkel 1" 2%'";
Länge der Augenölfnung 2V4'" ■'>'^*') ; Länge vom hinteren
Augenwinkel zur vorderen Ohrbasis 1" 2'"; Breite des
Ohres an der Wurzel etwa TV2'"; Höhe des Ohres (mit sei-
nen Randhaaren gemessen) 10 bis 11'"; Breite des Schwan-
zes in der Mitte 41/2'" 5 Höhe desselben in der Mitte lOi/j'"?
Breite desselben an der Wurzel 6'"; Länge der Vorder-
sohle 1" 4V8'"J Länge des längsten Vorderfingers (Mittel-
finger) ÖVe'" j Länge des längsten Vordernagels 41/2'"? Länge
der Hintersohle bis zur Ferse 3"; längste Hinterzehe (Mit-
telzehe) 9'"; längster Hinternagel 5V5'"; Umfang des Ko-
pfes auf den Ohren etwa 6" 4'"; Umfang des Leibes hinter
den Vorderbeinen 9" 6'"; Umfang desselben vor den Hin-
terschenkeln 11" 2'"; Gewicht 3 amerikanische Pfund.
Innere Theile: Penis des Männchens ohne Kno-
*) Da sich bei diesem Thiere der Schwanz nicht wohl auf-
wärts Liegen lässt, so wurde seine Länge vom hinteren Rande der
Afleröffnung gemessen und mit der kleinen Ilaarspilze an seinem Ende.
**) Harlan sagt die Augen seien gross, allein es ist gerade
umgekehrt, wie auch Spencer Baird bestätigt, der überhaupt eine
recht gute Beschreibung der iMoschusralte gegeben hat.
124 Prinz MaximilianzuWied:
chen; Testikel zu den Seiten liegend; die Moschusdrüsen
sind beinahe 6 Linien lang und ungemein stark riechend *) ;
Magen zusammengekrümmt, darin ein klein gekauter weiss-
licher Brei , ohne Zweifel von Maiskörnern , ein ähnlicher
dunkel schiefergrauer , wahrscheinlich von Früchten, und
ein grüner von Blättern, aber keine Spur von Fischen, so
fanden wir diese Magen beständig.
Varietäten: Eine rolhbraune Moschusratte hatte
alle Obertheile glänzend röthlichbraun ; Vordertheil des Ko-
pfes bis gegen die Stirn mehr schwärzlichbraun ; obere
Nagezähne orangengelb, die unteren heller gelb; Beine, so
weit sie kurz behaart sind, dunkel graubraun, die Klauen
an ihrer Wurzel roth durchscheinend; Unterseite des Ko-
pfes und Halses bis zu den Vorderbeinen weisslichgrau-
braun , die übrigen Untertheile hell röthlichgraubraun.
Ausmessung: Länge 21" 1'"; Länge des Schwan-
zes 9"; er ist nackt (d. h. von dem Pelze des Rumpfes
entblösst) auf 8" 4V2'"; Länge des Kopfes etwa d*' 0'";
Breite des Schwanzes an der breitesten Stelle 9'"; Länge
des längsten Vordernagels 41/2'" j des längsten Hinterna-
gels 4%'".
Eine dunkelbraune Varietät: Obertheile
schwärzlichbraun, die Wolle am Grunde dunkelaschgrau,
dann graubraun, die langen Haare röthlichbraun mit star-
ken schwarzbraunen Spitzen; Seiten graubraun , hier und
da röthlich gemischt; untere Theile fahl graubraun, die
Haarspitzen röthlichbraun. — Solche schwarzbraune Mo-
schusratten sind gewöhnlich die kleineren, vielleicht ist
daher die dunkle Färbung die der jüngeren Thiere.
Audubon schildert sehr weitläuiig die Lebensart und
die Natur der Moschusratte und man liest bei ihm, dass
dieses Thier über beinahe ganz Nord -Amerika verbreitet
ist. In manchen Jahren waren diese Nager so ausseror-
dentlich zahlreich , dass gewisse Werke über jenes Land
interessante Zusammenstellungen der ungeheueren Zahl die-
ser Felle gaben, welche in einem Jahre an die Pelzhandel-
Compagnien abgeliefert wurden. Der Preis eines solchen
*) Hierüber siehe Harlan u. a. SchriflsleHer.
Verzeichniss Nordanierikanischer Säugethiere. 125
Fellchens war zur Zeit unserer Anwesenheit in Amerika
etwa 25 Cents oder % Dollar. — jNoch jetzt ist die Mo-
schusratte selbst in bewohnten Gegenden nicht selten, in
vielen Provinzen noch sehr häufig-, selbst in dem stark
bewohnten Pennsylvanien. In der Stadt Philadelphia sollen
sie an den Quays und Wehren noch häufig vorkommen, so
dass sie ganze Ufer untergraben. Am Ohio, Wabasch, Mis-
sisippi und St. Petersflusse werden sie überall gefunden,
besonders zahlreich auch am oberen Missouri an kleinen
Gewässern, Teichen, Seen und Lachen. Zwischen dem
Missouri und dem Yellow - Stone in dem Winkel beider
Flüsse in der Nähe von Fort Union, liegt ein See, wo man
Alle Arten von Wasser- und Sumpfvögeln jagt, hier sollen
auch diese Nager sehr häufig sein. Die Jäger brachten
von dort täglich ganze Haufen dieser Thiere , 15 bis 20
Stück mit zurück. Je grösser ihre Anzahl in einem Jahre
ist, desto mehr variiren sie in der Farbe, wie die Mäuse,
bald sind sie mehr dunkel , bald mehr hell oder röthlich
gefärbt, bald mehr blass oder fahl. Nach Richardson
sollen sie im Norden schwarz und weissbunt vorkommen,
wovon uns indessen kein Beispiel vorgekommen ist. In
Jahren, wo sie sehr häufig sind, sollen sie zuweilen in
Masse ausgewandert sein , wie andere Arten der Nager,
besonders die Lemminge.
Bekanntlich bauen die Moschusratten kegelförmige,
etwa drei Fuss hohe Nester oder Haufen von Binsen, in
welchen sie ihr eigentliches Lager oder Nest anbringen,
und zu welchem sie einen Eingang unter dem Wasser ha-
ben. Diese Wohnungen befinden sich in Teichen oder
seichten Gewässern und es befand sich eine solche in der
Nähe des Fox-River in Indiana.
In dieser Hinsicht, so wie in einigen anderen Zügen,
haben diese Thiere einige Aehnlichkeit mit dem Biber.
Bei Bethlehem in Pennsylvanien sahen wir die Moschus-
ratte mit grünem Futter im Munde abwechselnd hin und
her nach ihren Jungen schwimmen.
Capt. Franklin sagt "^j, wenn diese Gewässer gänz-
*) Siehe dessen erste Reise p. 91 der englischen Originalausgabe.
126 Prinz Maximilian zu Wied:
lieh gefrören , so frässen sich diese Thiere untereinander
auf. Auf dem Eise lialten sie sich gewöhnlich ein Loch,
welches sie ausna^on, und über solchen OefPnungen sollen
sie gewöhnlich kleine Erdhaufen anbringen. — Um das
Thier zu tödten, stechen die Pelzjäger mit einem spitzigen
eisernen Bolzen in die Nester , indem sie wissen , wo das
Thier seinen Sitz hat. Man fängt sie auch in Fallen, gräbt
sie aus und schiesst sie mit der Flinte. Im Frühjahre ist
der Moschusgeruch dieses Thieres sehr stark, besonders im
Februar. Sie sind beissige Thiere , greifen den Menschen
an, der sich ihren Jungen nähert , und springen zuweilen
hoch an ihm in die Höhe, um zu beissen.
Bei den Ojibuäs heisst die Moschusratte „Waschäsk";
bei den Krih's (Crees) ebenfalls; bei den Osagen (Wasaji)
„Täh-si"; bei den Assiniboins „Sihntebä" (e halb ausge-
sprochen); bei den Mönnitarris „Zih- zirrükka" (starker
Accent auf zih).
Genus Hypudaeus 111. Feldmaus.
Nur zwei Arten aus dieser Gattung sind uns vorge-
kommen , und von beiden kann ich heute keine Verglei-
chung vornehmen, da die Exemplare verloren gingen.
H. riparius Ord. Die pennsylvanische Feldmaus.
Arvicola pennsylvanica Ord.
Audub. III. p.302.
S. Baird I. p. 522.
Ich hielt dieses Thier anfänglich für Arvicola xantho-
gnatha, allein S. B air d will diese Species in seinem Werke
nicht anerkennen. Die hier erwähnte Maus ist gemein in
Pennsylvanien , ich erhielt aber nur ein Exemplar dersel-
ben, das ich in der Eile nicht beschreiben konnte und wie-
der verlor. Man nennt sie in ihrem Vaterlande Meadow-
Mouse (Wiesenmaus).
Verzeichniss IVordamerikanischer Säugethiere. 127
Genus Perognathus. Taschenmaus.
Da diese Gattung nun schon bekannt und durch Spen-
cer Baird mit mehreren neuen Arten vermehrt worden
ist, so werden die generischen Cliaraktere hier nicht wie-
derholt werden. Ich werde mich also auf die genaue Be-
schreibung der einzigen mir vorgekommenen Species be-
schränken.
P. fasciatus. Die Taschenmaus mit röthlichen
S eiten.
Acta Acad. C. L. C. Nat. Cur. T. XIX. p. 1.
Audubon 1. c. III. p. 341.
S. Baird 1. c. I. p. 420.
Beschreibung: Der Kopf ist breit, die Schnauze
ein wenig abgerundet, der Oberkopf oder Scheitel erhaben
und von da zur Schnauze in einer ziemlich geraden Linie
abfallend; Nasenkuppe nach vorn nackt, an ihrer Ober-
seite behaart, von einer kleinen Furche senkrecht getheilt;
Mund weit hinter die Nasenkuppe zurückgezogen; die Kehle
stark eingezogen oder wie eingeschnürt; Auge ziemlich
gross, schwarz, die Oeffnung elliptisch und an beiden En-
den etwas zugespitzt; äusseres Ohr eiförmig, kurz, nicht
die Höhe des Kopfes erreichend , etwas seitwärts liegend,
seine Längenaxe bei dem todten Thiere ein wenig hori-
zontal nach hinten gerichtet , also weniger senkrecht als
gewöhnlich bei den Mäusen; das Ohr ist übrigens inwen-
dig beinahe nackt , mit glattem Hautrande muschelförmig
concav ; unter seinem äusseren Rande stehen an der inne-
ren Seite einzelne anliegende Haare; der Ohrrand tritt an
der äusseren dem Kopfe zugewendeten Seite kaum über den
Pelz hervor , ist also beinahe angeheftet und behaart wie
der Kopf. Schnauze und Lippen fein behaart, die Haut
scheint röthlich zwischen den Haaren hindurch ; Spitzen
der unteren Schneidezähne bei geschlossenem Munde im-
mer etwas sichtbar: Seiten- und Obertheil der Schnauze
über und neben der Nase mit zarten weissen und schwarz-
braunen Bartborsten besetzt ; an jeder Seite des Unterkie-
128 Prinz Maximilian zu Wied:
fers befindet sich eine lialbinondförmige , beinahe 5 Linien
lange Längsspalle , welche der Eingang zu der grossen
Backentasche ist. Diese Taschen lassen sich leicht umkeh-
ren , und bilden in diesem Zustande an jeder Seite einen
breiten, platten, beinahe durchsichtigen Hautflügel ^) ; sie
sind an ihrer inneren Fläche mit feinen, kurzen, weissen
Haaren besetzt, 7 Linien lang oder tief und 5% Linien
breit, und dehnen sich gegen das Schulterblatt aus; der
Gaumen ist an jeder Seite mit kurzen, erhabenen Querlei-
sten bezeichnet, die in ihrer Mitte unterbrochen sind.
2 4.4
G e b i s s; Vorderzähne — : Backenzähne :; — ,. —
2 ' 4.4
Schneidezähne: oben und unten zwei, die oberen lang,
kegelförmig zulaufend, von den Seiten zusammengedrückt,
die scharfe Schneide abgestutzt; an der Vorderfläche des
Zahnes läuft eine tiefe , starke Längsfurche hinab, welche
an der Schneide (scalprum) einen kleinen Ausschnitt oder
Ausrandung verursacht; diese Furche steht nicht auf der
Mitte des Zahnes, sondern ein wenig entfernt von der äus-
seren Kante der Vorderflächen. Backenzähne: an jeder
Seite oben und unten vier; die oberen nehmen nach hin-
ten an Grösse ab , die beiden vorderen sind einander an
Grösse etwa gleich, der letzte oder hinterste der kleinste;
sie haben auf ihrer Mahlfläche sämmllich abegrundete Ke-
gelspitzen oder Höcker, der erste vier, wovon einer vorn,
und hinter demselben drei in einer Querreihe stehen; die
beiden nachfolgenden Zähne tragen ein jeder sechs Spit-
zen, die in zwei, durch eine geradlinige Furche getrennten
Querreihen, immer zu dreien neben einander stehen ; der
letzte oder hinterste Zahn hat wieder vier oder fünf Höcker.
— Im Unterkiefer sind die Kegelspitzen stark. Der
vorderste kleine Zahn hat deren fünf, die beiden nächst-
folgenden grössten jeder sechs , der hinterste oder letzte
ist kleiner und hat , wie es scheint, zwei Spitzen weniger
als die mittleren Zähne; Wurzeln der Backenzähne sehr
kurz und scheinen kranzförmig rund um den äusseren Rand
*) Siehe die Gestalt der umgestülpten Backentascben Taf. IV.
Fig. 6 u. 7.
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugelhiere. 129
ZU Stehen, in der Mitte der Unterfläche des Zahnes aber
eine kleine Höhlung zu bilden.
Die Vorderbeine des Tiiieres sind sehr kurz, die Füss-
chen klein, höchst zart und schmal, mit vier Zehen und
einer kleinen Daumwarze, welche einen JNagel trägt; Mit-
telfinger der längste, der Zeige- und vierte Finger beinahe
gleich lang, der kleine ist kürzer, alle mit starken, zusam-
mengedrückten, sanft gewölbten, zugespitzten Nägeln be-
setzt, welche auf % ihrer Länge von den Zchenhaaren be-
deckt werden; Sohlen nackt; hinter jedem Finger steht ein
Ballen; zwei andere neben einander unter der Hinterhand ;
Hinterbeine gebildet wie an der Hausmaus, die Schenkel
stark, der Fuss mit vier Zehen und einer benagelten Daum-
warze, die etwas weniges weiter zurücksteht, als der kleine,
ebenfalls sehr kurze Finger; Mitlelzehe die längste, die
Nebenzehen einander beinahe gleich, der vierte Finger
scheint kaum merklich länger als der Zeigefinger; auch
hier steht hinter jeder Zehe ein Ballen, zwei andere klei-
nere warzenartige Hornballen stehen neben einander in der
Höhe der Daumwarze; Nägel der Hinterzehen denen der
vorderen ähnlich, allein etwas kleiner und mehr gestreckt.
Schwanz etwas kürzer als der Rumpf (mit dem Kopfe),
rund, mit schuppigen Hautringen umgeben, welche durch
die ziemlich starke, steife Behaarung hindurch blicken;
Körper mit sehr glatt aufliegenden, zarten, glänzenden Haa-
ren dicht bedeckt.
Einige Lücken dieser Beschreibung in Betreff der
Zunge, der Geschlechts- und inneren Theile sind durch
den Verlust eines Theiles meiner Sammlung verursacht
worden.
Färbung: Nase und Lippen fleischroth durch die
weissliche Behaarung hindurch schimmernd, ebenso die vier
Beine vom Schenkel an abwärts; alle Untertheile des Kör-
pers sind schön rein weiss; Obertheile bräunlicholivengrau,
die Haare an der Wurzel olivengrau, an der Spitze gelb-
lich oder schwärzlich, daher das Thier ein gemischtes An-
sehen von Schwärzlich und Gelbröthlich hat, oder gestri-
chelt ist; ebenso sind die Seiten des Kopfes; Umgebung
des Auges und oberer Ohrrand mehr fahl röthlichgelb; die
Arohiv f. Naturg. XXVIII. Jahrg. 1. Bd. 9
130 Prinz Maximilian zu Wied:
weisse Farbe des Unterleibes läuft bis über die Vorder-
schenkel hinauf und die Seiten des Bauches sind ebenso
gefärbt, allein längs der ganzen Seiten des Thieres von der
Nase bis über den hinteren Schenkel und bis zur Ferse
hinab wird die Rückenfarbe von den weissen Theilen durch
einen niedlichen, fahl gelbröthlichen oder hell rostrothen
Uebergangsstreifen oder eine solche Einfassung getrennt;
Schwanz durchscheinend röthlichgrau, auf der Oberseite
mehr grau, auf der unteren mehr weisslich gefärbt.
Ausmessung: Ganze Länge 4" 8V2'"5 Länge des
Schwanzes mit den Haarspilzen 2" 1'" ; die Haarspitzen tre-
ten etwa 1'" lang über die Schwanzspilze vor; Länge des
Kopfes 11'"; Breite des Kopfes zwischen den Ohren 5%'";
von der Naseiikuppe zum vorderen Augenwinkel 4y5"';
Länge der Augenöifnung 1V2'"> vom hinteren Augenwinkel
zur Spitze des Ohres 5%'"; Länge des äusseren Ohres 2'''/^"\
Absland des oberen Ohrrandes vom Kopfe IV9'"; Länge
der Bartborsten 10 bis 11"'; der Mund ist hinter die Na-
senkuppe zurückgezogen um 3 V3'"; Höhe des ganzen Thie-
res am Vordergeslell mit ausgestreckten Beinen und Hand
V* 2'"; Höhe des Hinlergestelles auf dieselbe Art 1" 6'";
Länge des Hinterfusses von der Ferse an 8"'; Länge der
vorderen Mitlelzehe 2'"; Länge der hinteren Miltelzehe (mit
dem Nagel) 2V5'"; Länge des längsten Vordernagels V5'" i
des längsten Hinternagels Vj'".
Ein anderes Exemplar war etwas grösser, es hielt in
der Totallänge 4" 10"'.
Diese niedliche Maus lebt in den Gebüschen an den
Ufern des oberen Missouri und wurde von uns zuerst in
der Gegend der Vereinigung des Ycllow-Stone-Flusses mit
dem Missouri beobachtet. Sie soll auch in den Gebüschen
in der Nähe der Mandan-Dörfer Mih-tutta-hangkusch und
Ruhpläre vorkommen, ist also ohne Zweifel über alle die
westlichen Prairies bis zu den Rocky-Mountains hin ver-
breitet. In den Gebüschen bei Fort Union muss sie häufig
sein, da die indianischen Kinder sogleich mehrere dersel-
ben einbrachten. Sie wohnt in der Erde, gleich unseren
Waldmäusen, unter alten Stöcken, Wurzeln, Steinen, wo
sie Vorräihe verschiedener Sämereien einträgt. Ihre gros-
Verzeichniss Noidamerikanischer Säugethiere. 131
sen Backentaschen fand ich mit den kleinen Sämereien von
Gräsern angefülU, auch vielleicht anderer Pflanzen, vi^elche
sie Tür ihren Wintervorrath sammelt. Dieses Thier scheint
seine Taschen leicht umkehren zu können, um sie zu ent-
leeren, da sie sich sehr leicht in eine solche Lage bring-en
lassen. Ob diese Maus auch in der offenen Prairie gefun-
den werde, oder bloss in den Gebüschen, kann ich nicht
sagen, doch glaube ich das letztere. Nahrung und Fort-
pflanzung scheinen mit denen der Mäuse übereinzustimmen.
Diese Maus ist nahe verwandt mit Fr. Cuvier's Sac-
comys anthophilus^ doch ist das Gebiss zum Theil verschie-
den. Die von mir im 19. Bande der Schriften der Kaiser!.
Leop. Carol. Akad. der Naturf. gegebene Abbildung ver-
danke ich der Güte des Herrn Frederic Cuvier, der
sie noch kurz vor seinem leider so früh erfolgten Tode von
dem berühmten Werner in Paris nach meinem Exemplare
halte ausführen lassen.
Herr Spencer Baird beschreibt für diese Species
eine Maus aus der Gegend von Cihuahua in Mexico nach
einem präparirten Exemplare, die aber in der Grösse sehr
bedeutend von der meinigen verschieden ist, auch wird der
Bau des Ohres anders angegeben, und ich muss daher ver-
mutlien, dass sie zu einer anderen Species gehöre, worü-
ber nur die nähere Vergleichung entscheiden wird. Baird
beschreibt übrigens schon sechs Arten dieses neuen Genus,
ein Beweis, dass dasselbe zahlreich an Arten und selbst
weil verbreitet ist.
Farn. 5. Gastorina. Biber.
Genus Castor Linn. Biber.
Die Biber bilden bekanntlich eine der interessantesten
Thiero^atlunorcn und zeio;en in den verschiedenen Welflhei-
len grosse Aehnlichkeit unter einander. Die Frage, ob der
europäische und amerikanische Biber zu ein und derselben
Species zu zählen seien, war bis jetzt noch immer nicht
188 Prinz Maximilian zu Wied:
vollsländig beantwortet. Um so mehr habe ich es zu be-
dauern, dass wir alle die interessanten, sich auf diese PVage
beziehenden Materialien unserer dort gemachten SammUing
verloren, sowohl Branntwein-Präparate, als colossale Schä-
del und schriftliche Notizen, weshalb ich denn auch nur
sehr wenig Aulklärung in dieser Angelegenheit geben kann.
Schon Fr. Cuvier fand an den Schädeln der Biber
beider Welltheiie bedeutende Abweichungen und diese wur-
den neuerdings von Brandt*) bestätigt und noch gründ-
licher und genauer angegeben, so dass es wohl unbedingt
gerechtfertigt erscheint, wenn man beide Thiere als beson-
dere Species betrachtet. Im Aeusseren gleichen sie sich
sehr, doch würden hier gewiss die vergleichenden Aus-
messungen von entscheidender Wichtigkeit gewesen sein,
so wie die anatomische Untersuchung der inneren Theile,
allein es sollte dieses andern Beobachtern vorbehalten blei-
ben. Die vortreffliche Abhandlung von Brandt und Ratze-
burg über den Biber'""-*) ist für die europäische Art ganz
erschöpfend, um so interessanter würde es sein, wenn nun
die Vergleichung geliefert würde. Ich werde in den nach-
folgenden Zeilen meine Notizen über den amerikanischen
Biber mittheilen, wie ich sie niederschrieb, und keine Rück-
sicht auf jene Abhandlung von Brandt und Ratze bürg
nehmen, da ich sie erst später erhielt.
1. C. americanus Fr. Cuv. Der amerikanische
Biber.
Richardson 1. c. I. p. 105.
Audubon und Bachmann I. c. I. p. 347. Tab. 46.
Spencer Baird 1. c. I. p. 355.
Die Aehnlichkeit des amerikanischen Bibers mit dem
europäischen ist, wie gesagt, sehr gross, selbst in der Fär-
*) S. Memoiies de l'Acad. Imp. de St. Petersb. 1. cit. p. 67
und 77.
*') S. Brandt und Ratzeburg medizinische Zoologie. Bd. I.
p. 12 u. Folge.
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 138
bung scheint kein bedeutender Unterscliied statt zu finden.
Man bemerkt in Amerika dunkle, mehr schvvärzlichbraune,
mehr röthiiche und mehr graubraune Exemplare, auch sciiön
weiss gefleckte, wie ich deren mehrere sah. Die aus dem
Norden kommenden Felle schienen aber meist dunkler ge-
färbt als die vom Missouri, und dieselbe Beobachtung kann
man auch an anderen Pelztliieren machen, wie es scheint,
z. B. an Fischottern, Mardern u. s. w. Dass in jenen weit
kälteren Gegenden die Pelze der Thiere weit schöner be-
haart seien, kann man sich denken. Die Grundwolle ist
dort viel dichter und stärker und das obere längere Haar
dunkler und von schönerem Glänze. Der Biber des Mis-
souri hat die Farbe des europäischen, er ist oft ziemlich
hellbraun. Die weiss gefleckten Exemplare zeigten silber-
glänzende irreguläre, weisse, bald kleinere, bald grössere
Flecken, und wir haben sehr schöne Thiere dieser Art ge-
sehen, die auch nicht sehr seilen waren. Ebenso giebt es
daselbst auch gänzlich weisse oder gelblichweisse Indivi-
duen, deren Felle jedoch nicht theuerer verkauft werden
als die gewöhnlichen. Man soll solche gelblichweisse Biber
besonders an einigen Nebenflüssen des Yellovv-Stone (La
Roche Jaunej finden.
Ein einziges Stück des amerikanischen Bibers, wel-
ches ich noch besitze, ist ein vollständiger Schwanz des-
selben, von 8 Zoll 8 Linien Länge, während ein europäischer
Biber, bei einer Totallänge von 2 Fuss 9 Zoll, einen etwa
9 Zoll 9 Linien langen Schwanz trägt, von welchem etwa
noch ein Zoll breit von den Haaren des Körpers bedeckt
wird. Vergleicht man diese beiden Schwänze miteinander,
so haben sie eine bedeutend abweichende Gestalt, indem
der europäische weit schmäler und im Verhältnisse mehr
gestreckt ist, wie nachfolgende Ausmessung zeigt:
Europäischer Biberschwanz. Amerikanischer Biberschwanz.
Länge 9" 4'". Länge 9" —
Breite in der Mitle . 4" 4'". Breite in der Mitte . 5" 7'"
Breite an der Wurzel 3" 6'". Breite an der Wurzel 3" 7'"
Breite zwei Zoll ober- Breite zwei Zoll ober-
halb der Spitze . . 3" 2'". halb der Spilze . . 4" —
Aus diesen angegebenen Maassen erhellt, dass der Schwanz
184 Prinz Maximilian rn Wicd:
des europäischen Bibers weit schmäler und weni^rer rund
grstHltel ist, also nn seinen Seiten mehr parallel läuft, auch
ist der amerlkanisehe unten an seinem Ende in der Milte
zugespitzt, \vo der erstere sich mehr abgestumpft zeijjt. In
den Bedeckunsjen diese s Th<Mles zeigt sich kein bedeuten-
der ünterscliied. Die Hautschuppen sind am amerikanischen
vielleicht ein wenig grösser, besonders was ihre Breite an-
betrifft *).
Der amerikanische Biber wird sehr gross, wir haben
Exemplare von der Grösse eines starken zweijährigen
St'hweines gesehen, mit liöclist schwerem, massivem Kör-
per, an vier Fuss lanjr, oder woiil darüber. Die Biber
bild«*n, wie bekannt, eine höchst originelle interessante
Thier^atluncr, welche ganz eioenthümlich für die Weiden-
(Salix-) und Pappel -Waldungen der nördliclien und nord-
westlichen Gegenden Europa's, Asiens und Amerika's ge-
schaffen scheinen. Nur in solchen Gebüschen und Weich-
holzwablungen der Ufer der Flüsse und Landseen sind
diese Thiere an dem Orte ihrer Bestimmung, weil sie von
den Binden dieser Ge\>ächse leben, auch selbst starke
Stämme mit ihrem scharfen Gebisse fällen, theils um sie zu
ihren Bauten zu gebrauchen und anderentheils, um zu
den Aesten zu gelangen. — An solchen Stellen findet der
Naturfreund und Beobachter die Spuren des merkwürdigen
Kunstlriebes oder Instinkts, welcher diese harmlosen und
von den habsüchtigen Menschen leider auf das grausamste
verfolgten Thiere auszeichnet.
In Europa ist nun der Biber bis auf wenige Stellen,
wo man sie schützt, beinahe gänzlich ausgerottet, in Nord-
Amerika in weiten Gegenden ebenfalls, doch giebl es da-
selbst auch noch weite Landstriche, wo er noch ziemlich
häufig ist. Bei der methodisch betriebenen Nachstellung
der Biber nimmt ihre Anzahl jährlich ab und der Augen-
blick ist nicht mehr fern, wo die Pelzhandel-Compagnien
ihre Geschäfte gänzlich werden einstellen müssen. Die Biber
bewohnten früher in grosser Menge die Flüsse und Seen
''*) Siehe den ümriss der Gestalt dieses amerikanischen Biber-
schwanzes Tab. IV. flg. 11.
Verzeichniss Nordamerikanischer Säogethiere. 135
des inneren Nord-Ainerika's. Richardson und andere
Schriftsteller, besonders auch A u d u b o n , haben über diesen
Gegenstand schon Vieles gesagt, doch bei dem letzteren findet
man auch viele fabelhafte Erzählungen von diesen Thieren
aufgenommen. Ueber die grosse Anzahl der Biberfelle,
welche die englischen und amerikanischen Pelzhandel-Com-
pagnien ausführten, findet man daselbst interessante aber
zugleich traurige Kachrichten, welche ich hier nicht wie-
derholen werde. Den hohen Norden von Amerika beuteten
in dieser Hinsicht bekanntlich die englische Hudsons-Bay-
Company und die North -West-Company aus, deren Ange-
stellte sich untereinander förmlich bekriegten, bis sich beide
Gesellschaften endlich vereinigten. An diese schloss sich
südlich die American-Fur-Company an, welche nach und
nach eine noch weitere Ausbreitung gewann, und alle ar-
beiten gemeinschaftlich an dem nahe vorher zu sehenden
Ruin dieser merkwürdigen Thierart. Schon haben sie weite
Gegenden aufgeben müssen, wo der Ertrag nicht mehr lu-
craliv war. Am unteren Theil des Missouri-Laufes ist der
Biber jetzt schon sehr selten geworden, ja vermuthlich
gänzlich ausgerottet. Die ersten Spuren dieser Thiere, ab-
genagte Stämme, fanden wir bei unserer Reise flussaulwärts
in der Gegend des Sioux-River und des Vermillon , den
ersten Biberbau hingegen in der Nähe der Mündung des
While-Stone-River'^). Von Fort Union aufwärts bis Fort
M'kenzie zählten wir 27 Biberbaue im Flusse, und in der
Gegend der Arikkara-Dörfer Höhka-Wirält und Achlärahä
scheinen sie noch am zahlreichsten zu sein, ohne Zweilei,
weil diese Indianer, in Folge ihrer Misshelligkeiten mit den
Weissen, ihre Dörfer schon seit Jahren verlassen und mit
Sack und Pack nach den Grenzen von Neu-Mexico ausge-
wandert waren. Ihre besten Geschälte macht jetzt noch
die Pelzhandel-Compagnie in den entferntesten Gegenden,
wo die Weissen noch nicht lange Fuss gelasst haben und
sie strebt desshalb danach, das Netz ihrer Handelsposten
mmer weiter auszudehnen.
Der Kunsttrieb des Bibers ist bekannt und gewiss in-
*) S. die Beschreibung meiner Reise Bd. I. p. 423.
136 Prinz Maximilian zu Wied:
teressnnt, allein man hat diesen mechanischen Instinkt weit
uhertriehen un«l diesen Thieren Verslandesäusserungen zu-
geschrieben, welche die Naiur allein dem Menschen ver-
liehen hat. Wir haben nicht sell)st Gelegenheit gehabt grosse
ßiberbaue und ihre so viel besprochenen Dämme zu sehen,
sondern nur die am Missouri noch heut zu Tajjc nicht sel-
ten vorkommenden ßeaver-Lodges (Biberhüllen), welche stets
am Uferrande, aber dennoch immer im Wasser gelegen
sind. Sie bestehen in einem 4 bis 6 Fuss hohen Reisig-
haufen, der oben abgerundet ist, zum Theil durch einen
kleinen Erd- und Holzdamm mit dem Ufer in Verbindung
steht und in dem sich die Kammer der Thiere befindet. Ein
eigentlicher Schutzdamtn, um das Wasser abzudämmen und
aufzustauen, kant» in einem rcissenden Flusse nicht statt-
linden und wird nur in Landseen und seichten Flussarmen
angelegt. — Die Bewohner haben zu diesen Bauen ihren
Eingang unter dem Wasser. Es soll aber hier am Mis-
souri ebenfalls Biber geben, welche nur in üferröhren oder
Erdbauen, wie die Dachse, wohnen, und in welchen sie
zuweilen mehrere Kammern anlegen. Auch zu diesen Woh-
nungen soll sich der Eingang unter Wasser befinden, aber
bald aufwärts steigen, so dass die Bewohner nie vom Was-
ser vertrieben werden können. Bei den Flussbauten der
Biber bringen diese Thiere eine Menge von Zweigen, Aeste,
Holzstücke, Steine, Knochen, ja selbst zuweilen die alten,
in den Prairien in Menge umherliegenden Bisonschädel zu-
sammen, besonders wenn sie Dämme errichten, welche eine
bedeutende Festigkeit haben müssen. — In diesen nach
ihrem Gefallen hinter den Dämmen anorestauten W^assern
erbauen sie alsdann ihre zuweilen 20 bis 30 Fuss im Durch-
messer haltende Hütte, welche ein bedeutend geräumiges
Haus ist. Capt. Cartwright*) giebt eine vortreffliche
Nachricht von der Lebensweise der Biber, die in allen
Punkten mit den von uns gemachten Erfahrungen über
diesen Gegenstand übereinstimmt. Die einzige Abweichung
hierbei ist, dass mir die Biberjäger immer versicherten, es
) S. Capt. Cartwrigfit Tagebuch »eines langjährigen Aufent-
haltes an der Küste Labrador (1772).
Verzeichniss ?fordanierikani8cher Säugethiere. 137
befänden sich mehrere Kammern in einem Baue; allein auch
dieser Nachricht widerspricht Cartwright, und er wird
ohne Zweifel die Wahrheit sagen, denn er setzt hinzu „es
würden zuweilen zwei Baue aufeinander gesetzt und dieses
verleite die Jäger, zwei Kammern anzunehmen'**). Um
die Dämme zu erbauen bedienen sich die Biber des Mau-
les, der Hände und des Schwanzes, sie tragen die Mate-
rialien im Munde, schieben die Erde mit der Brust und den
Vorderfüssen und schlagen sie mit den Händen und dem
Schwänze platt. Mit einer Bürde schwimmen sie leicht und
schnell, und das Holz und die übrigen Materialien verfilzen
und verarbeiten sie so fest, dass es den Jägern grosse Mühe
macht, eine solche Hütte zu durchbrechen, und selbst star-
ker Strom und Eisgang kann ihnen nicht viel Schaden zu-
fügen.
Man eröffnet die Biberbaue an der Oberfläche und be-
dient sich dazu starker eiserner Instrumente, scharfer Aexte,
Hacken, Hauen und langer Dorne. Mir ist es nicht gelun-
gen einer solchen Demolirung beizuwohnen, um das Innere
der Hütte untersuchen zu können, man wollte jene Biber-
baue schonen, in den grossen Gebäuden sollen zuweilen
15 bis 20 Thiere beieinander wohnen, mehrere Generatio-
nen vereint. Die Kammern sind mit Gras und Heu ausge-
füttert, wo die Bewohner warm liegen. Wollen die Biber
in ihr Haus einkriechen, so tauchen sie unter und suchen
den Eingang von unten, deren sie gewöhnlich mehrere ha-
ben. Wenn sie Zweige für ihre Nahrung haben wollen, so
eilen sie der Weidendickung zu, beissen einzelne Ruthen
ab, ziehen sie mit den Zähnen aus dem Schlüsse der Dik-
kung heraus und legen sie regelmässig auf einen Haufen
zusammen, und sobald sie einen Bündel von der Dicke
eines Armes zusammengeschnitten haben, fassen sie ihn mit
den Armen und tragen ihn neben den Bau, wo er bis zu
vorkommender Gelegenheit liegen bleibt. Will der Biber
*) Es sind mir selbst in Deutschland noch ganz ähnliche grosse
Bauten der Biber beliannt. Oberforstmeister v. JMcyringk hat einen
solchen von der Elbe beschrieben und ein anderer befand sich auf
den Gütern des Generals v. Jagow bei Magdeburg u. s. vv.
138 Prinz Maximilian in Wied:
später fressen, so taucht er hinab, schneidet eine Ruthc
von dem grünen Zweigvorralhe ab, zieht diese in den Ein-
gang seiner Röhre und frisst die Rinde an dieser Stelle. Das
Fressen geht höchst schnell von stalten, wie ich mich an
lebenden gezähmten Bibern selbst überzeugt und mit Be-
wunderung ongestaunt habe. Sie nehmen die Zweige hori-
zontal in beide Hände und drehen sie stets mit merkwür-
diger Geschwindigkeit um, indem die Zähne ebenso schnell
nagen, wobei im Augenblicke ein langes Reis seiner gan-
zen Rinde beraubt wird.
Da wo das Eis zwischen dem Ausgange und der
Hütte bis auf den Grund gefriert, machen die Biber nach
verschiedenen Richtungen Canäle unter dem Eise, indem
sie die Erde heraus arbeiten, und durch diese von dem
Wasser erfüllten Gänge gehen sie ab und zu nach ihrem
Baue. Das Eis durciinagcn sie nach Bedürfniss. Findet
der Jäger die Biber nicht in ihrer Wohnung, so sucht man
jene Gänge auf und schlägt das Eis über ihnen entzwei.
Hier liegen alsdann die geängstigten Thiere unbeweglich
still, dicht aufeinander gedrängt, man hebt sie an einem
Hinterbeine auf und wirft sie auf das Eis, da sie langsame
und schwerfällige Thiere sind. Um sie zu tödten wirft man
sie auf den Rücken und giebt ihnen einen Schlag auf die
Brust. Verwundet oder geängstigt beisst sich der Biber
oft unter Wasser an einer Wurzel oder einem Stücke Holz
fest und die stärksten Männer sollen dann nicht im Stande
sein, ihn loszureissen. Man soll öfter träge oder schwäch-
liche Biber finden, welche keinen Zweigvorrath (apat) für
den Winter sammeln; diese nagen alsdann im Winter ein
Loch durch das oft 4 bis 5 Fuss dicke Eis, gehen durch
dasselbe ein und aus und suchen ihre Nahrung in den be-
nachbarl(;n Weiden- und Pappelgebüschen. Diejenigen Bi-
ber, welche einen Wintervorrath sammeln, kommen nicht
über das Eis herauf, sie cirkuliren durch ihre früher er-
wähnten Canäle unter Wasser und man bekommt sie im
Winter nicht zu sehen.
Sehr häufig haben wir an den Ufern des Missouri die
Zerstörungen beobachtet, welche diese Thiere in den Ufer-
waldungen anrichten, und welche der Forstmann bei uns
Verzeichniss IVordamerikanischer Säogcthiere. 139
nicht approbiren würde. Grosse Pappeln von IVg ^^ss im
Durchmesser waren rundum durchnag^t, bis sie fallen muss-
len, und so lagen sie an einigen Stellen kreuz und quer
durcheinander.
Die Biber leben im Monogamie und pflanzen sich erst
im dritten Jahre fort. Die Jungen, deren man zwei bis
drei, zuweilen sogar bis zu sieben oder acht finden soll,
sind im zweiten Jahre gepaart beieinander und sie er-
bauen sich nun zum Theil ihre besondere Hotte. Im drit-
ten Jahre werfen sie alsdann Junge, anlänglich weniger, all-
mählich aber mehrere. Im Februar, März, April und Mai ist
die Ranzzeit dieser Thiere. Sie sind unter sich immer auf-
merksam auf ihre Feinde, dabei schüchtern und sobald sie
etwas Fremdartiges vernehmen, geben sie mit ihrem flachen
Schwänze einen Schlag auf das Wasser, Avelcher einen lau-
ten Knall hervorbringt.
Das Leben der Biberjäger ist voll von Entbehrungen
und Gefahren, hat jedoch für den kräftigen unternehmen-
den Schlag jener Abenteurer sehr viel Anziehendes. Von
den Indianern, auf deren Gebiet sie die Jagd betreiben,
werden sie mindestens ausgeplündert oder misshandelt; es
giebt aber mehrere Nationen, unter ihnen besonders die
Blackfeet-lndianer, welche solchen Trappern nie das Leben
schenken und alljährlich werden mehrere von ihnen getöd-
tet. Oft ereignen sich zwischen den Indianern und den
Jägern bedeutende Gefechte. Oefters gehen die Trapper
truppweise aus, oft auch nur allein. Im letzteren Falle zie-
hen sie mit einem Reit- und einem Packpferde aus, wel-
ches ihr Gepäcke und die eisernen Fallen trägt. Sie über-
nachten unter freiem Himmel und ihre Büchse versorgt sie
mit Fleisch. Die zum Biberfange ungünstige Jahreszeit
bringen sie auf den Handelspöisten derCompagnie hin, von
welcher sie gewöhnlich alle ihre Bedürfnisse auf Abrech-
nung gegen die zu erbeutenden Biberfelle nehmen. Die
Hauptzeiten für diese Jagd sind Frühling und Herbst, weil
im Sommer das Fell an Güte abnimmt, was im Norden nicht
der Fall sein soll. Das Pfund Biberfell galt zur Zeit unse-
rer Anwesenheit etwa zwei bis drei Dollar, ein grosses Bi-
berfell wiegt aber zwei bis drei Pfund. Das Gewicht eines
140 Pri nf. Maximilian zu W i e d :
starken Bibers soll öfters über 60 Pfund erreichen. Bei
Opposilion verscliiodener Pelzhändler wird der Preis dieser
Felle oft sehr in die Höhe getrieben, wie dies u. a. im
Winter 1833 — 34 der Fall war, wo man das Pfund mit zehn
bis zwölf Dollar bezahlte.
Junjr oingefangcn wird der Biber sehr zahm, wie wir
an mehreren Thioren dieser Art zu beobachten Gelegenheit
fanden. Zu Fort Union befand sich ein altes Thier dieser
Art, welches so gross wie ein zweijähriges Schwein, gewiss
über 4 Fuss lang, aber vollkommen blind war. — Es war
sehr zahm und ging ungehindert im ganzen Hause herum.
Alle ihm unbekannten Personen suchte es zu beissen,
wehrte sich gegen sie und gab laute, sonderbare Stimmen
von sich; dagegen war es gegen bekannte Personen sehr
zutraulich. Die Klauen an den Zehen waren ihm überaus
lanof und krumm seitwärts hinausg^ewachsen und es kratzte
sich häufig damit. Sein Fressen war interessant zu beob-
achten, wie weiter oben beschrieben. In der Buhe lag es
platt auf dem Bauche, w obei man nichts von den vier Bei-
nen sah. Zum Fressen sass er aufrecht wie ein Eichhörn-
chen. Uebrigens sind alle Bewegungen dieser Thiere lang-
sam, nur beim Schwimmen nicht.
Das Fleisch des Bibers ist sehr zart und wohlschmek-
kend, wir haben dasselbe immer sehr gern gegessen, auch
bestätigt dieses Capt. Cartwright, der ihm den ersten
Bang unter allem Wildpret im Norden von Amerika ein-
räumt. Der Schwanz des Bibers wird als eine Delikatesse
betrachtet; wir haben ihm aber keinen Geschmack abge-
winnen können.
An Fabeln und Erdichtungen über die Natur eines so
originellen Thieres konnte es wohl nicht fehlen und man
erzählt eine Menge von albernen Geschichten von der Klug-
heit und dem Menschenverstände desselben. In der Le-
bensgeschichle des Capt. Bonneville*) findet man u.a.
gesagt, der Biber lasse die ihm von den Trappern geleg-
ten Tellereisen (Steel-Trapps) losschlagen, indem er sie mit
*) S. Advenlures of Capt. Bonne ville by AV as h i ng t o n I r vi n g.
Paris 1837.
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugelhiere. 141
einer Ruthe oder einem Stocke absichtlich berühre u. s.w.,
Sagen, welche Capt. CartYrright schon hinlänglich wi-
derlegt hat*).
Der Biber trägt in seinen verschiedenen Altersperio-
den bei den Pelzhändlern verschiedene Benennungen. Ei-
nen alten Biber nennen sie einen Plus (Plüh) , die Ojibuäs
„ketschih-apü-menikue^ (e nur halb auszusprechen) ; einen
dreijährigen Biber nennen die Indianer „Pättamiek" ; im
zweiten Jahre heisst er „Opüiauä", woraus dann die Jäger
gewölinlich „Pou" machen, oder im französisch-canadischen
patois „unpou". Im ersten Jahre heisst der Biber bei den
Ojibuäs „Ha-uä-na-schin" (in d. die Nase wie i), bei den
Canadiern und anderen Biberjägern aber im jugendlichen
Alter „Aouäla".
Bei den Ojibuäs ist der allge-
meine Name des Bibers . . Amick.
Bei den Ohto's 1
„ „ Ayowä's \ . . . Rauä.
ij „ Missouri's \
„ .. Omäha's Jabä (J französ., bä kurz).
„ „ Wasaji's (Osagen) . . Tschähbä.
-„'• „ Dacota's (nach Long) . Chäpä.
■\ "'^. Assiniboin's .... Tsäpo (e nur halb).
„ „ Mandan's Uärapä oder Wärapä.
„ „ Mönnitarri's .... Wirapa.
„ „ Crow's Birepä (e kurz).
,, „ Arikkara's .... Tschittuch (uch guttural)
-, Grossentres des prai-
ries Häbass (a beinahe wie ä,
dabei kurz). '^
„ ,. Kutanä's Sinna.
Flat-Heads .... Skalö.
Blackfeet Kehstake (e ganz ausge-
sprochen).
r> r)
Capt. Carlwright Vol. II. p. 261.
142 Frinz Maximilian zu Wied:
Farn. 6. Daplicidentata. Doppelzähne r.
Genus Lepus Liuu. Hase.
Die amerikanischen Zoologen haben seit einiger Zeit
eine Menge von Hasenarten unterschieden, von welchen
wir indessen nur drei kennen gelernt haben. Leidep. sind
selbst von diesen letzteren beinahe alle Materialien verlo-
ren gegangen und ich kann nur einige in der Kürze aufge-
zeichnete Notizen mittheilen, welche keinen Anspruch auf
Vollständigkeit machen.
1. h. americanus Erxl. Der pennsylvanische Hase.
Richardson 1. c. I. p. 217.
Audubon und Bachm. I. p. 93. Tab. 11. 12.
Sp. Baird 1. c. I. p. 579.
Beschreibung: Ein kleiner Hase von der Gestalt
und Grösse unseres wilden Kaninchens. Er ist ziemlich
schlank, der Kopf ziemlich klein, ein wenig zugespitzt;
Ohren so lang wie der Kopf von der Nasenkuppe zur vor-
deren Ohrbasis; Auge massig gross; Bartborsten am Ober-
kiefer, ein Paar ähnliche oberhalb des Auges; Sohlen und
Zehen wie an unserem Hasen; dabei dicht behaart.
Färbung: Kinn, Kehle und Brust sind weiss; Stirn
rothbraun und schwarz gemischt; Backen röthlich und grau
gemischt; Unterhals röthlichbraun ; Vorderbeine von aussen
rostrolh, an ihrer inneren Seite gclblichweiss; Nacken,
Oberseite des Halses und hinterer Rand der Schenkel rost-
roth, dabei nur mit Wolle bedeckt, alle übrigen Obertheile
sind röthlichbraun und schwarz gemischt, die Haare (Wolle)
an der Wurzel grau, dann mit einer schwarzbraunen Binde,
und hierauf mit einer rothbraunen und zuletzt mit schwar-
zer Spitze; Schwanz an seiner Unterfläche weiss, an der
oberen röthlichbraun, oder vielmehr rotiibraun mit schwärz-
lich gemischt; Hinterbeine hell rostroth.
Ausmessung: Ganze Länge 16" 5'"; Länge des
Schwanzes 2" 6'"; Länge des Kopfes 3"; Länge des aus-
Verzeichniss Nordainerikariischer Säugethiere. 143
seren Ohres an der Kopfseite 2" 8'"; Breite des Ohres an
der breitsten Stelle 1" 1V2'"> Länge des VorderCusses auf
der Sohle 1" 6'"; Länge der Hintersohle bis zur Ferse
3" 4V2'"-
Ein anderes weibliches Exemplar: Ganze
Länge 17"; Länge des Schwanzes mit den Haarspilzen 2"
5'"; es ist viel, wenn ein solcher Hase fünf Pfund wiegt.
Diesen kleinen Hasen haben wir überall in Pennsylva-
nien, Indiana und dem Alleghany-Gebirge gefunden und
er scheint östlich und nördlich überall verbreitet zu sein.
Er lebt wie unser Hase immer über Erde, macht also nicht,
wie die Kaninchen, mit denen er übrigens viel Aehnlich-
keit hat, Baue oder Röhren unter der Erde. Die Amerika-
ner benennen ihn Rabbit (Kaninchen). Man findet sie in
Wäldern und Feldern, wo Hecken, Raine oder kleine Ge-
büsche ihnen Schutz gewähren, selbst unter Steinhaufen,
alten Baumstöcken und Wurzeln verbergen sie sich. Auf
diese Weise haben wir sie oft in den Gärten, nahe bei den
Wohnungen in offenen Ortschaften gesehen. In New-Har-
mony fanden wir einen solchen Hasen nahe bei dem Orte
unter einem Steinhaufen, erhielten ihn aber nicht. Als man
am folgenden Tage dieselbe Stelle wieder untersuchte, fand
man an der des Hasen einen Mink, der ihn vielleicht ge-
fressen hatte. An solchen Orten werfen diese Hasen ihre
4 bis 8 Jungen, wie man sagt. In der Flucht sind diese
kleinen Thicre sehr schnell und sie schnellen im Sprunge
mit dem Hinterkörper und dem Schwänze sehr stark in die
Höhe, wodurch man alsdann recht deutlich die weissen Hin-
tertheile bemerkt.
Das Fleisch dieses Hasen ist schlecht und wird nicht
gesucht, dennoch sind diese Thiere nirgends so häufig wie
der europäische Hase, sondern werden immer nur einzeln
und zufällig angetroffen. Der Balg wird von den Hutma-
chern benutzt, man bezahlt aber nur zwei Cents für das
Stück.
Im Norden sollen diese Thiere im Winter weiss wer-
den, wie man sagt.
Bei den Ojibuäs heisst der Hase „Uaböhs"; bei den
Wasaji (Osagen) „Manschtin-schinga" (an franz., erstes in
144 Prins Maximilian zu Wied:
wie i durch die Nase); bei den Mandan's „Mähchtikä-; bei
den Mönnitarri's „Ilitach-Schüpischa".
? 2. L. sylcalicus ßaclini. Der kleine Missouri-
hase.
Audubon und Bachmann 1. c. I. p. 173. Tab. 22.
Spencer Baird 1. c. 1. p.597.
Rabbit am Missouri.
Beschreibung- eines weiblichen Hasen: Ge-
stalt wie am vorhergehenden Hasen, allein die Ohren l)e-
deufend kürzer und der Schwanz länger; Auge gross; Oh-
ren sehr kurz und breit, etwa halb so breit als hoch,
bedeutend kürzer als der Kopf, oben an der Spitze breit ab-
gerundet; Kopf schmal; die Bartborsten sehr lang; Schwanz
massig lang, tief angesetzt; Hinterbeine sehr lang und stark,
die vorderen sehr kurz ; Ohren beinahe nackt.
Färbung: Iris im Auge kaffeebraun; Obertheile des
Thiercs dunkel schwärzlichgraubraun mit fahl gelblichbrau-
nen Haarspitzen ; in den Seiten ist die Grundfarbe mehr
fahl bräunlichgrau, mit blass gelblichen Haarspilzen ; Un-
terhals rölhlichgraubraun mit röthlichgelben Haarspitzen;
Vorderbeine mehr fahl rothbraun ; Ohren sparsam grau-
braun behaart, am oberen und vorderen Rande an der Kopf-
seite etwas schwärzlich bezeichnet; inneres Ohr weisslich ;
Nacken und Oberhals auf ihrer Mitte rölhlichzimmctbraun ;
Kopf wie der Rücken mit hellen Haarspitzen ; Umgebung
des Auges weisslich; Nase ein wenig mehr röthlich; Hin-
terbeine über dem Fersengelenke etwas rölhlichbraun; übri-
gens blassgraugelblich ; innere Seite der Schenkel weiss,
ebenso die Unterseite des Schwanzes, dessen Oberfläche
schwärzlichgrau gefärbt ist. Vorderseite der Hinterbeine
weiss.
Ausmessung: Ganze Länge 16^^ 6^'^; Länge des
Schwanzes 3" 3'"; Länge des Kopfes 3" 3'"; Höhe des Oh-
res 2" IV3'"; Breite des Ohres an der breitesten Stelle 1"
IV2'"; Länge von der Nasenspitze zum vorderen Augen-
winkel 1" 9'" ; Länge der Augenöffnung 6V2'" ; vom hinte-
ren Augenwinkel zur vorderen Ohrbasis 11'"; Länge des
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere.
\4Sf
Vorderbeines vom Ellenbogen an 4" 41/2'"; Länge des Hin-
lerbeines vom Knie bis zur Fussspitze 7"2V2'"; Länge der
Vordersohle 1" 4^2'"; Länge der Hintersohle 3" 9'".
Vergleichende Ausmessung des L. americ anu s
und sylvaticus.
Lepiis americanvs.
Lepus sylvaticus.
16" 6"'
3" 3"'
3" 3"'
2
IV3'"
Ganze Länge . .
L. d. Schwanzes
L. d. Kopfes . .
Höhe des Ohres
Breite d. Ohres (an
der breitesten
Stelle) 1" 11/2'"
L. d. Vordersohle . 1" QVj"'
L. d. Hintersohle . 3" 9"'
I n ner e Th e i le : Im Leibe fand man bei dem be-
schriebenen weiblichen Hasen sechs Junge.
Dieser Hase scheint am Missouri den americanus zu
ersetzen, mit welchem er auf den ersten Anblick viel Aehn-
lichkeit zeigt. — Er ist in den Gebüschen und Uferwaldun-
gen am Missouri nicht selten. — Die Exemplare sämmtlich
verloren, sowie ein Theil der Notizen. Audubon's Ab-
bildungen der beiden beschriebenen Hasenarten sind seflr
oberflächlich und schlecht illuminirt.
3. L. campestris Bachm. Der grosse Hase des obe-
ren Missouri. Prairiehase.
Lepus Townsendi Audub. et Bachm. 1. c. L p. 25.
Tab. HL
Lepus campestris Bachm. et Baird I. c. L p. 585.
Lepus virginianus s. m. Reisebeschr. Bd. L p. 508.
Beschreibung eines starken männlichen,
am 19. November bei Fort Clarke bei den Man-
dan-Dörfern erlegten Hasen: Gestalt wie an Lepus
timidus Linn.; Sohlen und Bürste wie dort bürstenartio- niit
ausserordentlich dichtem Pelze bedeckt; Kopf ziemlich klein
Arohiv für Naturg. XXVIII. Jahrg. l.Bd. 10
146 Prinz Maximilian zu Wicd:
und schmal ; Schwanz gross, bogig- aufwärts gekrümmt, mit
sehr dichter und langer Wolle bedeckt.
Färbung: Das ganze Thier ist schneeweiss, biosauf
dem Mittelrückcn stehen noch etwas graue Sommerhaare
und über den Schulterblättern noch ein Fleck, dessen Haare
an der Wurzel grau, dann bräunlichgclb, und an der Spitze
schwarzbraun gefärbt sind. Stirn hell graubraun mit weiss-
lichen Haarspifzen; Ohren an der Kopfseite weiss, ihre
Spitzen schwarz, der Vorderrand aussen graubraun, mit
weisslichen Haarspitzen; inneres Ohr graubräunlichgelblich,
an den Rändern weisslich ; vom Ohre nach dem Auge und
über dem letzteren hinweg befindet sich ein weisser Strei-
fen; unterer Theil des Vorderfusscs auf der Oberseile gelb-
roth. Dieser Hase war beinahe ausgefärbt.
Ausmessung: Ganze Länge 23" 6'"; Länge des
Schwanzes von der Einlenkung am Rücken gemessen 5"
4'"; Länge desselben ohne die Haarspitzen 3" 6'"; Länge
des Kopfes 3" 11'"; Breite des Kopfes zwischen den Augen
2" 1"'; Höhe des Ohres (an der Scheitelseite gemessen)
4" 6"'; Breite des Ohres an der breitesten Stelle 1" 8"';
Länge der Bartborsten 4"; Länge des Vorderbeines vom
Ellenbogen bis zur Spitze 6" 9%"'; Länge des längsten
Vordernagels 6V2'"; l^änge der Ferse 5" 6"'; Länge des
läpgsten Hinternagels 6V3'"; Umfang des Thieres am Brust-
kasten 13" 5"'; Umfang in der Dünnung 9" 3"'; Länge von
der Nasenspitze bis zur Spitze des ausgestreckten Hinter-
beines 2' 5" 9"'.
Innere Theile: Zunge glatt, nur mit höchst feinen,
zarten Papillen besetzt, auf ihrem oberen hinteren Theile
ein flacher erhöhter Aufsatz, ohne Zweifel drüsiger Natur,
dessen Rand mit dem der Zunge ziemlich parallel läuft;
Schädel nach hinten, hinter den Augenhöhlen auf der Ober-
fläche schnell und stark abfallend; Nieren rundlich, massig
gross; Magen gross und dick, darin ein Brei von zerkau-
tem Grase und Baumrinden; Leber in fünf Lappen getheilt,
von denen vier gross sind und der fünfte sehr klein ist;
Colon niedlich gefaltet, wie gezähnt an den Seiten.
Ein vollkommen ausgefärbter Winterhase
weiblichen Geschlechts, am 12. December bei
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 147
Fort Clarke erlegt. Färbung: Gänzlich schnee-
weiss; Iris im Auge gelblicligraubraun, nach der Pupille
hin dunkler; Nasenspitze, Seiten der Oberlippe neben der
Hasenscharte bis zum Mundwinkel, Oberfläche des Vorder-
fusses, äusserer Rand des Vorderarmes (doch letzterer nur
sehr blass) schön gelbroth oder Kafl'ee mit Milch ; auf dem
llinterfusse läuft über jede Zehe hinab ein solcher gelbro-
ther Streifen; dichter Sohlenpelz fahl graubräunlich, wie
am deutschen Hasen; Stirn gelb gemischt; Ohren auf der
Vorderkante und dem äusseren Theile der Aussenseite gelb-
roth, Spitze des Ohres schwarz; die nach dem Scheitel hin
gekehrte Ohrseite ist weiss, bloss der Vorderrand dieses
Theiles an dieser Seile ist gelb; Nagezähne gelblich, aber
eine hellere Linie läuft über die beiden oberen derselben
hinab ; die vorderen der kürzeren Barthaare sind in ihrer
Mitte schwarz, an Wurzel und Spitze gelblich, die hinteren
langen Bartborsten weiss, es stehen auch noch einige über
dem Auge.
Ausmessung: Ganze Länge 23" 6'"; Länge des
Schwanzes mit den Haarspitzen 5" 4'"; desselben ohne die
Haarspilzen 3" 6'"; Länge des Kopfes 4" 3'"; Breite des
Kopfes oberhalb der Augen 1" 1'"; Höhe des äussseren
Ohres (auf der Scheitelseite) 4" 11'"; Breite des Ohres 1"
8"'; Umfang hinter den Vorderbeinen 13"; in der Dünnung
11" 5"'; Länge des Vorderarmes 4" 5"'; Länge der Vorder-
sohle bis zum Handgelenke 2" IOV2"'; Länge des Schien-
beines 5" 7—8"'; Länge der Hinlersohle 5" 5'"; Länge des
Vordernagels 4V2'"; Länge des Hinternagels 6'"; Länge der
längslen Bartborsten 4"; von der Nase zum vorderen Au-
genwinkel 2" 2^/2'"; Länge der Augenöffnung TVg'".
Ein dritter weiblicher, im Monat März bei
Fort Union erlegter Hase: Die Ohren waren hier
an der Vorderseite nur wenig graubraun und nicht so gelb-
roth, wie früher beschrieben, die Ohrspitzen waren schwarz;
Seiten des Kopfes weiss.
Innere Theile: Der Magen zusammengekrümmt,
3" 8"' lang; Leber in fünf Haupllappen gelheill, welche
noch mehrere kleine Einschnitte zeigen; am Uterus noch
keine Befruchtung bemerkbar; ein langer Blinddarm, an
148 Prinz Maximilian zu Wied:
dessen Ende harte Losung (faeces) fest eing-edrückt
waren.
Ein männlicher Hase, mit denn vorherge-
henden an einem Tage erlegt: Ganze Länge 25";
Länge des Schwanzes mit den Haarspitzen 5" 9'"; dessel-
ben ohne die Haarspitzen 4"; Länge des Kopfes 4"; Höhe
des Ohres 4" IOV2'"; Länge der Hintersohle 5" 9'"; Länge
des längsten Vordernagels 6'"; Länge des Hinternagels 7'".
Innere Theile: Leber auch hierin fünf Lappen
getheilt, übrigens die meisten Eingeweide vom Schusse
zerstört; Testikel jetzt im Monat März stark angeschwollen.
Weiblicher Hase im Sommerhaar,am7. Juli
erlegt: Sehr schlecht und sparsam behaart, denn an den
Obertheilen fehlten die längeren Haare und die Haut blickte
überall hervor: Kopf klein, die Iris gelblichbraun; die Be-
schreibung ist leider mit den Exemplaren verloren gegan-
gen, doch ist die Farbe mehr oder weniger graubraun, an
einigen Stellen weisslich; an den grauen Stellen sind die
Haare graubraun, mit gelblichen und schwarzbraunen Rin-
gen, wenigstens zum Theil. Die erwähnte Häsin hatte vier
Junge im Leibe. Audubon hat diesen Hasen (T. I. Tab. 3)
recht schön abgebildet.
Der Hase dieser Beschreibung kommt am ganzen obe-
ren Missouri bis zu den Rocky-Mountains vor und wir
schössen den ersten am 7. Juli, welches auf seine Verbrei-
tung flussabwärts schliessen lässt. Er ist in allen Prairies
nicht selten, doch nirgends häufig, und hält sich gern in
den Artemisia-Gebüschen auf, sitzt aber ebenso gern in
der offenen Prairie ohne Schutz und an völlig nackten Hü-
geln. Er macht ein Lager gerade wie unser europäischer
Hase, in welchem er mit dem Hinterleibe etwas vertieft ein-
geschoben ist, auch legt er alsdann die Ohren ebenso fest
an. Er sitzt gern in Löchern, Furchen, an Ufern, wo er
Schutz vor dem rauhen Winde findet. Treibt man ihn auf,
so hüpft er, schnellt mit dem weissen Schwänze und macht
dann gewöhnlich ein Männchen, wie man zu sagen pflegt,
um sich umzusehen. Im Winter bei Schnee, weil er die-
selbe Farbe hat, ist er nicht leicht zu finden und zu er-
kennen, liegt aber kein Schnee, so bemerkt man das weisse
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 149
Thier leicht, doch hielt man sie alsdann öfters für daselbst
liegende ßisonschädel , deren es überall in den Prairies
giebt. — Bei den Mandan-Dörfern, wo man sie auch in den
Maispflanzungen fand, waren sie Mitte November schon bei-
nahe ganz weiss, nur zeigten sich noch einige graue Flek-
ken am Kopfe. Diese Hasen werfen zwei bis fünf Junge,
jedoch meistens zwei, wie die Jäger behaupten.
Feinde haben diese Thiere sehr viele, jedoch der ge-
fährlichste ist immer der Mensch, besonders der Europäer
mit seiner Doppelflinte. Wenn es kürzlich geschneit hat,
so laufen diese Hasen nicht gern umher, daher spürt man
sie alsdann am ersten Tage gewöhnlich nicht, gerade wie
bei uns in Europa. Absprünge und zuweilen sehr weite,
macht auch dieser Hase von der Fährte ab, wenn er sich
in sein Lager setzen will. Gefangen schreit er laut und
kläglich. Sein Fleisch, im Frühjahr ziemlich mager, ist
dennoch zarter als das des europäischen Hasen und daher
ein ganz gutes Essen.
Bei den Ojibuäs heisst dieser
Hase Maskuttäh-Wabohs.
(von „Maskuttäh«, Prairie, und „Wabohs", Hase.)
Bei den Dacota's Mostintscha.
„ „ Mandan's Mähchtikä.
„ „ Mönnitarri's .... Ihtacki.
„ Wasaji's Manschtin-Shäh (an franz.,
in wie i in der Nase).
„ Olos Misch- tsching -gä (zusam-
gesprochen).
„ „ Arikkara's .... Wadüch (Deutsch).
j?
»
Genus Erethizon Fr. Cut. Borstenschwein.
Nur eine Species dieser Gattung war früher aus Nord-
Amerika bekannt, bis Brandt eine zweite aus Californien
unterschied, von welcher Sp. Baird vermuthet, dass sie
den bekannten Ursen am oberen Missouri vertrete. Ich
würde über diese Frage haben entscheiden können , wenn
150 Prinz Maximilian zu Wied:
ich nicht die Exemplare und Notizen aus jenen Gegenden
über das Stachelscliwcin sämmtlich verloren hätte. Ich
kann nur nachfolgende unbestimmte Notiz geben.
Das Borstenschwein vom oberen Missouri ist ein son-
derbares Geschöpf mit kurzem runden Kopfe, kleinem Auge
und langem borstenartigem Haar, unter welchem die kur-
zen, höchst scharf zugespitzten Stacheln verborgen sind,
die aber durchblicken. Diese Stacheln sind schön rein weiss
gefärbt und haben eine schwarze Spitze. Ich kann leider
nicht untersuchen, ob das von uns gesehene Thier zu E.
dorsatus oder epixanthus Brandt gehörte.
Ich erhielt zwei Exemplare dieses originellen Thieres,
die wir in den Artemisia- oder strauchartigen Wermuth-
Gebüschen des oberen Missouri zufälliof antrafen. Am 21.
Juli Abends fingen wir das eine dieser Thiere. Als man
ihm zu nahe kam sträubte es die langen Haare vorwärts
und bog seinen Kopf unterwärts, um ihn zu verstecken,
indem es sich dabei im Kreise herum drehte. Wollte man
es angreifen, so kugelte es sich mit dem Vorderkörper zu-
sammen und war alsdann, wegen seiner äusserst scharfen,
leise in der Haut befestigten Stacheln nicht zu berühren.
Kam man ihm sehr nahe, so rüttelte es den Schwanz hin
und her und rollte sich zusammen. Es ist ein langsames,
unbeholfenes Thier und kann seinen Feinden durch die
Flucht nicht entgehen. Man soll es meistens auf Bäumen
linden, von deren Rinden sie leben, besonders von der der
Ulmen (Ulmus). Eine Stimme soll man von ihnen nie ver-
nehmen. Sie werfen zwei Junge, und die Indianer glau-
ben die sonderbare Fabel, dass das weibliche Thier keine
Zilzen habe, daher seine Jungen nicht säuge, die Mutter
treibe diese letzteren von sich und diese ernährten sich so-
gleich von den Rinden der Bäume und der Zweige.
Die Haut dieses Thieres ist ausserordentlich weich,
dünn und zerbrechlich, in manchen Jahreszeiten höchst fett,
und die Stacheln sind ihr dergestalt lose eingepflanzt, dass
man sie augenblicklich in den Händen schmerzhaft befestigt
findet. Das Fleisch wird von den Jägern und Indianern
sehr gerne gegessen, die Stacheln aber machen bekanntlich,
mit schönen lebhaften Farbestoffen gefärbt, ein wichtiges
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 151
Material des indischen Putzes aus, indenn man die ledernen
Auzüge auf künstliche und oft wirklich höchst zierliche und
geschmackvolle Art damit stickt, worin die indianischen
Weiber eine grosse Fertigkeit besitzen. Sie spalten näm-
lich diese etwa einen Zoll langen Stacheln der Länge nach,
färben sie und befestigen sie in den schönsten Arabesken
und Farben-Abstufungen auf den Lederanzügen.
Bei den Mönnitarri's trägt das Stachelschwein des obe-
ren Missouri die Benennung „Apäh-dii".
Herr Ba d m er hat den Kopf des hier erwähnten Thie-
res sehr treu im Umrisse nach dem Leben skizzirt.
Ord. lY. Riiminantia.
Wiederkäuer.
Farn. 1. Gervina. Hirsche.
Genus Cerrus Linn. Hirsch.
Vier Arten von Hirschen sind uns auf der Reise im
nördlichen Amerika vorgekommen, noch mehrere andere
sollen in den südlichen und südwestlichen Staaten gefun-
den werden. Auch im NorSen existiren bekanntlich noch
mehrere, welche ich aber in der Natur nicht habe beob-
achten können. So viel ist gewiss, dass in der neueren
Zeit die Zahl der Hirscharten für Nord-Amerika sehr ver-
mehrt worden ist. Herr Spencer Baird zählt ihrer 9
Arten auf.
A. Hirsche mit rund en äs t ig e n Sta ngen.
1. C. canadensis Erxl. Der Elk- oder canadische
Hirsch.
Richardson 1. c. L p. 251.
Audub. et Bachm. H. p. 84. Tab. 62.
Spencer Baird 1. c. L p. 638.
Dieser grösste prachtvolle Hirsch von Nord-Amerika
152 Prinz Maximilian xu Wied:
befindet sich jetzt häufig- lebend in den europäischen Me-
nagerien und zooloirischen Gärten, er ist daher seit Kurzem
den Zoolooren sehr bekannt geworden. Der Irrthum ist
nun längst abf^estreift, als sei diese Thierart identisch mit
dem europäischen Hirsch, mit dem sie allerdings sehr viel
Aehnlirhkeit, doch aber auch wieder manche Abweichun-
gen zeigt. Er ist bedeutend grösser, hat schwerere Kno-
chen, breiteren und stärkeren Huf, kürzeren Hais und
Schwanz, dabei ist die Farbe etwas abweichend und das
übrigens sehr ähnliche colossale Geweih in den Spitzen der
Kronen gewöhnlich mehr dichotom als bei Cervus elaphus.
Der canadische Hirsch hat im Sommer eine mehr dun-
kelbraune Farbe, selbst sein Kopf ist auf diese Art gefärbt
und nicht an den Seiten aschgrau, wie an elaphus. Im
Winter gleichen sich beide Arten mehr in der Farbe und
sogar der hell roslrothe schmal dreieckige Fleck auf dem
Hinterrücken, welcher den Schwanz mit einschliesst, kommt
bei beiden Thieren sehr gleichartig vor. Im Herbst hat
der canadische Hirsch eine schöne, fahl graugelbliche Fär-
bung, wobei die schwarzbraunen Extremitäten schön ab-
stechen, denn der Hals und vier Glieder sind von dieser
Farbe.
Beschreibung eines alten, sehr starken
Hirsches von ungerade zwanzig Enden, am
19. September am oberen Missouri erlegt:
Gestalt schon beschrieben.
Färbung: Umgebung des Auges und inneres Ohr
gelblichfahl; der übrige Kopf, Vorderhals, Bauch und die
vier Beine schwarzbraun; Hinterschenkel graubräunlich
überlaufen, Hinterseite der Schenkel an der äusseren Kante
(das Schild in der deutschen Jägersprache) schwarzbraun
eingefasst, d. h. ein schwarzbrauner Streifen trennt die hin-
tere Farbe der Schenkel von der Farbe der Seiten des
Thieres; der übrige Leib des Hirsches hat eine schöne fahl
gelbröthlichc, öfters hell gelblichweisse Färbung, mit Aus-
nahme des erwähnten hell rostrothen Dreieckes auf dem
Hinterrücken, welches den Schwanz, wie am europäischen
Hirsche, mit einschliesst; am Hinlerbeine befindet sich an
der äusseren Seite des Fersenknochen ein hellrostrother
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 153
Haarbüschel oder Bürste; die Hufe (Schalen) sind an ihrer
Vorderseite oben öfters rothbraun eingefasst; die Eckzähne
(Haken) sind bei diesem Hirsche weit grösser und breiter
als am europäischen, sie fehlen auch dem weiblichen Thiere
nicht, doch sind sie kleiner als an dem männlichen.
In der Brunftzeit bemerkt man bei vielen dieser Thiere
schon eine Mischung von bläulichgrau, welches durch das
Hervorkommen der Winterhaare verursacht wird. Der hier
beschriebene sehr starke Hirsch hatte kein Feist (Fett) mehr
bei sich, allein er war gross und colossal wie ein Ochse
mit ausserordentlich starkem Geweih von ungerade zwan-
zig Enden.
Ausmessung: Ganze Länge (mit ausgestrecktem
Kopfe und Halse in horizontaler Richtung) von der Nasen-
spitze bis ans Schwanzende 7' 9" 6'"; Länge des Schwan-
zes mit den Haarspitzen 7": Länge des Kopfes 1' 10" 7'";
Länge des Halses 2'; Höhe des Vordergestelles 4' 11" 6'";
Höhe des Hintergestelles 4' 9" 6'"; Breite der Brust V 5";
Breite des Vorderfusses (quer über die Sohle gemessen)
3" 10"'; Breite der Hinterfährte 3" 3"'; Länge von der
hinteren Ohrwurzel bis an das Vorderblatt (also Länge des
Halses) 2'; Länge vom Ende der Hinterschenkel (Keulen)
bis auf den Brustknopf 4' 6"; Länge des Armknochens von
seinem hinteren Knopfe bis ans Knie 1' 5" 2"'. — Höhe
des Geweihes von der Rose (dem knotigen Kranze auf dem
Rosenstocke) bis zur höchsten Spitze (in der geraden Linie
oder Sehne gemessen) 4' 1"; Länge derselben Stange (nach
der Krümmung gemessen) 4' 7" 11"'; Umfang der Stange
über dem Eissprössel (dem zweiten Ende von unten) 7"
10'"; Gewicht der an den Rosen abgesägten beiden Stangen
26 Pfund. Siehe die Abbildung dieses Geweihes Tab. V. fig. 1.
Ausmessung des Kopfes eines alten weib-
lichen Thieres dieser Art: Ganze Länge 18"; Höhe
des Ohres 7" 4'" : Breite des Ohres (an der breitesten
Stelle) etwa 3"; Länge von der Nasenspitze zum vorderen
Augenwinkel 10" 6'"; Länge der AugenöfTnung 1" 2'";
Länge des sinus lacrimalis 2"; Breite der Nasenkuppe (un-
terhalb der Nasenlöcher) 3" 3'"; Breite des Kopfes zwi-
schen den Augen etwa 5" 8'".
154 Prinz Maximilian zu Wied:
Färbung des Kopfes an einem am 10. Juni
erlegten Schmalspiesser (zweijährigem Hirsch):
Stirn und Nasenrücken dunkler braun als der übrige Kopf,
allein etwas heller als die Stirn bei C. elaphus zu sein
pflegt; Ohren scliwärzliclibraun, ebenso ein Fleck am Mund-
winkel, der jedoch wenig abgesetzt ist, und ein Längsstrei-
fen über die Unterlippe hin, welche letzlere zu beiden Sei-
ten eine fahl graubraune Farbe zeigt; ganze übrige Färbung
des Kopfes ziemlich dunkelbraun; das innere Ohr fahl grau-
braun. — Die Spiesse waren noch beharrt wie der Kopf,
die Nasenkuppe nackt, feucht und schwärzlich gefärbt. Die
Bildung des Kopfes ist in der Hauptsache vollkommen wie
am europäischen Hirsche.
Ausmessung des Kopfes: Länge 16" 8'"; Höhe
der mit Bast bedeckten Spiesse 4" 5'".
Die Grösse des alten Thieres ist die eines starken Hir-
sches von 14 Enden bei uns, der Spiesser wie ein guter
Hirsch von 10 Enden. Die alten Hirsche sind sehr stark
und prachtvoll und mit ihrem colossalen Geweihe höchst
majestätisch. Am Muscle-Shell-River fand Major Mitchell,
mein Reisegefährte, jetzt Superintendent of Indian Aifairs
zu St. Louis am Mississippi, ein solches Geweih, das auf
die Kronen gestellt, 5 Fuss 4 Zoll in der Länge hielt.
Diese Geweihe haben übrigens Zahl und Stellung der En-
den, und die Abweichungen derselben, gerade wie am eu-
ropäischen Hirsche, nur findet man selten eigentliche Kron-
gehörne unter ihnen, sondern sie sind an ihrem oberen
Ende mehr dichotom, jedoch mit sehr langen starken En-
den besetzt, auch sind die Augensprossen häufig mehr ge-
rade oder selbst etwas abwärts gerichtet. Lewis und
Clarke*) geben die Höhe eines solchen Hirsches auf den
Vorderblättern, oder das Vordergeslell desselben auf 5 Fuss
3 Zoll Höhe (englisches Maass) an , welches mit meiner
obigen Angabe übereinstimmt. Das Huf des Hirsches ist,
wie gesagt, breiter als das an C. elaphus und für den
deutschen hirschgerechten Jäger kann man die Bemerkung
machen, dass die Fährte in der Breite gerade das Mittel
*) Siehe deren Reise Vol. L p. 27.
Verzeichniss Nordamerikniiischcr Säu^ethicrc. 155
hält zwischen der des europäischen Elennhirsches (C. alces
Linn.) und der des alten Elennthiercs aus Preussen, wovon
Hartig*) die Umrisse geg-eben hat. \
Das Kalb oderjungeThier, im Monat Juni
erlegt, 4 bis 6 Wochen alt: Gestall vollkommen die
eines europäischen Hirschkalbes, die Läufe vielleicht etwas
dicker, das ganze Thier etwas grösser und mehr dunkel-
braun, die weissen Flecken schon etwas erloschen.
Der canadische Hirsch ist über den grössten Theil von
Nord-Amerika verbreitet gewesen, an vielen Stellen nun
aber schon vollkommen ausgerottet. Ueber seine ehema-
lige Verbreitung geben Audubon, Wa gner u. A. Nach-
richt, ich kann also dorthin verweisen. In den meisten Ge-
genden der Staaten New- York und Pennsylvanien findet man
diese prachtvolle Hirschart schon nicht mehr wild, doch
kamen sie in einigen sehr bewaldeten Gegenden zur Zeit
unserer Anwesenheit noch vor, z. B. in Lycoming-County,
wohin noch Jagdliebhaber sich begaben, um dergleichen
Hirsche zu erlegen, und wir haben von dorther noch sehr
starke Geweihe gesehen. Auch am unteren Missouri-Laufe
sind sie selbst schon gänzlich verschwunden, am oberen
dagegen waren sie zu unserer Zeit noch häufig, wir muss-
ten aber schon sehr weit aufwärts reisen, bis wir die er-
sten dieser Hirsche zu sehen bekamen. Dort oben haben
wir sie in den Jahren 1833—34 oft in grosser Anzahl ge-
sehen, besonders an ruhigen Stellen, und alsdann zu allen
Zeiten des Tages. Sie bewohnen die Wälder und Gebüsche
am Missouri, die Uferwaldungen, und treten in die grüne
Prairie zur Aessung hinaus, sobald die Gegend ruhig ist.
Im Mai und Juni sahen wir alsdann die alten Thiere mit
ihren Kälbern zu vier, fünf bis zehn beisammen. Die star-
ken Hirsche gehen, zu Rudeln oder Trupps vereint, von
den weiblichen und jungen Thieren getrennt umher, gerade
wie bei unserem europäischen Hirsche, und sie suchen erst
in der Brunftzeit die Thiere auf. Ueberhaupt haben beide
verwandte Hirscharten ganze dieselben Naturzüge und Le-
bensart. Sie brunften zu derselben Zeit im September und
*) S. Hartig im 1. Jahrg. Heft 4 seines Archives.
156 Prinz Maximilian zu Wied:
Oclober, sie setzen ihre Jungen zu derselben Zeil, werfen
ihr Geweihe in demselben Monat ab, setzen es zur selben
Zeil wieder auf, fegen oder schlagen und setzen auf dem
Hinterrücken und im Leibe das Feist (Fett) ganz zu der-
selben Zeil an. Die Spiesser und geringen Hirsche halten
sich zu den weiblichen Rudeln oder bilden wieder kleine
Gesellschaften unter sich. Man bemerkt oft zahlreiche Ru-
del, deren Staub wir in der Prairie aufsteigen sahen , wie
von den Bisonheerden. Ueberall liegen in der Ebene die
abgeworfenen Geweihe dieser Hirsche umher, an den Stan-
gen in den Pappelwaldungen fand man, wo sie geschlagen
oder den Bast vom Geweihe abgerieben halten und ihre oft
tief ausgetretenen Pfade (Wechsel) führten nach dem Flusse,
den sie zum Trinken aufsuchen, auch um sich in dessen
Wasser zu kühlen.
In der Brunftzeit, im September, nehmen die starken
Hirsche Besitz von den Rudeln und ihre höchst originelle
Stimme wird alsdann überall am Missouri vernommen. Sie
ist ein feiner, hoher, aufwärtssleigender Tonlauf, gleich
dem eines Flageolels, ein aufsteigender Pfiff, der alsdann
von der Höhe zur Tiefe mit einem starken Basstone plötz-
lich herabfällt. Oft glaubten wir bei unserer Fahrt den
Missouri hinab im Mondschein im September und October
das Pfeifen der Indianer zu hören und es waren immer
diese Hirsche, welche uns täuschten. Zu der Grösse des
Thieres passt allerdings der feine hohe Puff nicht und man
würde denselben hier nicht suchen. Die Hirsche kämpfen
alsdann heftig und schlagen ihre Nebenbuhler ab, die ge-
ringen Hirsche müssen sich in der Entfernung halten. Wie
bei uns kann man alsdann auch diese Hirsche locken, wenn
man ihre Stimme, oder die des Thieres nachahmt, oder zu-
letzt Reiser knickt.
Das Thier setzt Ende Mai oder Anfang Juni ein Kalb,
zuweilen, doch seltener, zwei. Diese Kälber kann man leicht
aufziehen und man lindet sie in den Vereinigten Staaten
hier und da im gezähmten Zustande; allein wie bei allen
ähnlichen Thieren werden die Hirsche bei vorrückendem
Aller immer bösartig und alsdann gefährlich, wovon ich
zu Economy am Ohio und zu Mauch-Chunk in Pennsylvanien
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 157
Beispiele fand, indem man solche Hirsche dort hatte todt-
schiessen müssen, weil sie zu böse wurden. Wir sahen
sie noch ausgestopft.
Es ist unbegreiflich, wie man den beschriebenen Hirsch
mit dem europäischen hat verwechseln können, wenn man
beide in der Natur gesehen hatte; dennoch ist es gegrün-
det, dass beide sehr nahe verwandt sind. — Sabine war
noch nicht gewiss, ob Cervus canadensis und Wapiti eine
und dieselbe Species bilden, worüber jedoch jetzt kein Zwei-
fel mehr besteht. Der Name Wapiti sollte übrigens durch-
aus gestrichen werden, da er selbst in Amerika nirgends
bekannt ist, als vielleicht bei einer kleinen indianischen
Nation im Norden.
Vollkommen gute Abbildungen dieser Hirschart sind
mir nicht bekannt, ausser denen der jüngeren Thierc, wel-
che die Herren Fr. Cu vi er und Geo ff roy in ihrer gros-
sen Naturgeschichte der Säugthiere (T. I) gegeben haben.
Die Färbung scheint indessen auch hier etwas zu gelbroth
angegeben zu sein. Richardson bildet unseren Hirsch
nicht ab, aber Audubon's Figur des männlichen Thieres
ist gut, die des weiblichen hingegen weniger. Spencer
B a i r d hat eine Stange eines jungen Hirsches abgebildet und
anf meiner beifolgenden fünften Tafel habe ich das oben
beschriebene Geweih eines starken Hirsches von 20 Enden,
Fig. 1, abbilden lassen.
Bei den verschiedenen Nationen von Nord-Amerika
trägt der grosse Hirsch folgende Benennungen :
Bei den Ojibuäs im Allgemei-
nen Omaschköhs.
Der männliche Hirsch . Ayähbä-Omaschköhs.
Der weibliche Hirsch . Onijähn-Omaschköhs.
Das Kalb Umanischähs-Omaschköhs.
Bei den Krih's (Crees) . . . Uähwaschkehsch.
„ „ Saüki's (Säki's) . . Mäschauäh.
n „ Omäha's On-pah (on französisch).
„ „ Ohto's Hö-ma (ma kurz) so heisst
der männliche Hirsch.
„ „ Musquake ^^Foxes) . Maschauawe (e kurz, das
ganze zusammengespr.).
158 Prinr Maximilian zu Wied:
Bei den Assiniboin's .... Upan (an französisch).
Der Hirsch Aechähka.
Das Thier Upän.
„ „ Mandan's Umpa oder Oinpa (wie im
Französischen).
Der Hirsch Ümpa-Berockä.
Das Thier Ompa-Mihkasch.
„ „ Crow's Hschirikasi (erstes i kaum
hörbar).
„ ^ Grosvenlres des prai-
ries Uosseh.
„ „ Wasaji's (Osagen) . . Opan (französisch).
Der Hirsch Opän-tanga oder Hächaga
(an franz., ch guttural).
Das Tliier Opän-minga (letztes Wort
ganz deutsch gesproch.)
Das Kalb . . . . . Opän-schinga (letztes Wort
ganz deutsch).
„ „ Arikkara's . . . . üä.
Der Hirsch Uä-nuküss.
Das Thier Uauahta-esch.
y) r, Kutanä's Keskässe (sk mit einem ei-
genen Zungenschnalzc).
y, „ ßlackfeet Purnokäh-stomick.
yt „ Flat-Heads .... Chton-Skutsiss (ch guttural,
das Ganze undeutlich und
leise gesprochen).
Die Anglo-Amerikaner nennen diesen Hirsch bekannt-
lich Elk und man könnte diesen Ausdruck mit dem deut-
schen „Elk" oder „Elch" verwechseln, welchen das Elenn-
thier in Preussen trägt, allein dieses wird in Amerika
Moose-Deer genannt.
2. C. virginianus Gmel. Der virginische Hirsch.
Audubon und Bachm. II. p. 220. Tab. 81. T. 111. 136.
Spencer Baird 1. c. I. p. 643.
Beschreibung eines weiblichen Thieres
(Schmallhieres), im Monat November am Wa-
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugetbiere. 159
basch erleg-t: Gestalt zierlich und schlank, der Schwanz
lang und mit langen dichten Haaren besetzt, beinahe bis zur
Ferse herabhängend; Kopf ziemlich klein, das Ohr massig
lang; die Eckzähne fehlen, welche bei dem canadischen
Hirsche vorkommen; vier Inguinalzitzen; die Zunge ist
glatt; Afterhufe massig zugespitzt.
Färbung: Alle oberen Theile des Thieres sind grau-
braun, etwa von der Farbe unseres Rehes im Winter, un-
ten am Rande der Seiten mehr ins Röthliche ziehend , am
Rücken mehr schwärzlich gemischt; Beine und Schenkel
gelbröthlichbraun, ohne schwärzliche Beimischung; Haare
über der Spaltung der Hufe (Schalen) und ein Fleck an
jeder Seite an den Afterhufen weiss ; Haarbüsche (scopae)
an der äusseren Seite der Ferse weiss, ein jeder von ihnen
ist seiner Länge nach mit einer offenen Stelle versehen,
welche unbehaart ist; ausser diesen Haarbüscheln steht an
der inneren Seite des oberen Fersengelenkes noch ein an-
derer dicker Büschel von gelbröthlichen Haaren; Stirn und
Nasenrücken des Thieres sind stark schwärzlichgraubraun
gemischt; die Ohren an der äusseren Seite dunkel grau-
braun, an Rand und Spitze schwärzlich, inwendig weisslich
und in der Mitte nur sparsam behaart; ein Fleck aussen
am unteren Ohrwinkel, Unterseite des Kopfes, Hinterseite
der Vorderschenkel, Bauch, innere und Vorderseite der Hin-
terschenkel, sowie die Unterfläche des lang und dicht be-
haarten Schwanzes sind rein weiss; Oberseite des Schwan-
zes röthlichbraun, nach der Spitze hin aschgrau, die weissen
Unterhaare treten aber als Endspitze über; die Nasenkuppe
ist nackt, feucht und röthlichgrau gefärbt; hinter dein Na-
senloche steht an der Lippe ein dunkel schwärzliclibrauner
Fleck, ein ähnlicher dem ersteren gegenüber am Unterkie-
fer; hinter dem oberen dunklen Flecken bemerkt man einen
hellröthlichen; Spitze des Unterkiefers gelblichweiss; die
Hufe (Schalen) sind schwarz.
Ausmessung: Ganze Länge 4' 4" 5'"; Länge des
Schwanzes 9" 10'"; Länge des Kopfes 8" 8'"; Länge von
der Nasenspitze zum Auge 5" 8"'; Länge der Augenöff-
nung 10'"; Höhe des Ohres 5" 3'"; Breite des Ohres 2"
7'"; Höhe des Vordergestelles auf den Schultern bis zur
160 Prinz Maximilian zu Wied:
ausgestreckten Hufspitze 2' 3" 6'"; Höhe des Hintergestel-
les über den Hfiftcn 2' 6" 4"'; Länge der Vorderhufe längs
ihrer Spalte gemessen 14"',' Länge der Hinterhufe 15'";
Länffe des Halses vorn Olire bis zum Schulterblatte 10" 6'".
Das alte weibliche Thier ist bedeutend stärker als das
beschriebene zweijährige.
Ein männlicher Hirsch von mittlererStärke
zuderselbenZeit und an demselben Orte erlegt.
Da diese Hirschart sehr bekannt, vielfältig abgebildet und
beschrieben ist, so wird hier eine Beschreibung des Hir-
sches nicht nöthig sein. Fr. Cuvier hat ihn im Som-
merhaare, A u d u b 0 n (Tab. 139) im Winterhaare abgebil-
det. Ein starkes Geweih habe ich abbilden lassen (Tab. V.
Fig. 3 von vorne und von der Seite gesehen), welches sich
in meiner zoologischen Sammlung befindet. Ich gebe nach-
folgend die Ausmessung des oben erwähnten Hirsches.
Ausmessung: Ganze Länge 5'8"y2'"^ Länge des
Schwanzes mit den Haarspitzen 11" 8'"; Länge des Kopfes
12" 5'"; Länge von der Nasenspitze bis zum Auge 6'' 2%''' ',
Länge der AugenöfTnung 1" 2V2'"; Höhe des Ohres 6";
Breite des Ohres 2" 8V2'"j Höhe des Gehörns vom Rosen-
slocke perpendikulär aufwärts gemessen 12" 5"'; Weiteab-
stand des Gehörns oben 15" 5"'; Länge einer jeden Stange
an ihrer Hinlerseile längs der Krümmung gemessen V 7"
9"'; Zahl der Enden an der rechten Stange vier und ein
Knopf, an der linken vier; Höhe des Vordergestelles 3' 1"
8V2"'; Höhe des Hintergestelles 3' 3" 6"'; Länge der Vor-
derhufe (längs der Spaltung) 1" 6"' ; der Hinterhufe 1" 6"';
Länge des Halses vom Ohre zum Schulterblatte 11" 6"';
Umfang des Halses an der dicksten Stelle 2' 2" 10"'; die-
ser Theil war dick, weil jetzt die Brunftzeit dieses Wild-
prets ist; Breite des Halses von der Seite gesehen 9" 6'".
Dem Hirsche fehlen ebenfalls die Eckzähne (Haken
oder Steine), sein Kopf sieht in der Brunftzeit klein gegen
den Hals aus, da dieser angeschwollen ist. An dem ge-
messenen Hirsche war die Farbe etwa wie an dem beschrie-
benen Thiere, nur fehlten ihm die weissen Flecken am Ge-
äfter des Vorderfusses, die jedoch an den Hinterfüssen
vorhanden waren und es gewöhnlich an allen vier Füssen
Verzeichniss Kordamerikanischer Säugethiere. 161
sind; der Schwanz ist sehr dicht und lang behaart und
wird häufig aufgerichtet getragen, besonders wenn diese
Thiere in der Flucht sind. In den Nasenlöchern dieser
Hirschart fand Herr Lesueur eine kleine OeiTnung, wel-
che aufwärts zu einem besonderen Sacke oder Höhlung
führte, deren Nutzen noch unbekannt ist, vielleicht zur
Verstärkung des Geruches dient. Ich weiss nicht, dass
diese Einrichtung von irgend einem Analomen erwähnt sei;
die Urinblase, aufgeblasen, ist birnförmig und mit höchst
regelmässigen, zierlichen Muskelstreifen zu ihrer Comprimi-
rung umgeben.
Im Sommerhaare ist dieser Hirsch sehr schön rein
gelbroth gefärbt, und ich will hier diese Färbung nach
einem Spiesser (im zweiten Jahre) angeben : an der Spitze
des Oberkiefers, sowie an jeder Seite der Unterlippe befin-
det sich ein weisser Fleck; der Nasenrücken ist dunkler
grau, der ganze Körper schön lebhaft rothbraun, ins Gelb-
liche ziehend, an dem Bauche und der inneren Seite der
Glieder blässer; über den Hufen befand sich nichts Weis-
ses, dagegen ist der Schwanz unten und an den Seiten
weiss, auf seinem Rücken ein wenig schwärzlich gefärbt.
Das Kalb ist sehr zierlich weiss gefleckt auf rothbraunem
Grunde, dabei mit schwarzbraunem Rückenstreifen, ebenso
zierlich wie das Kalb des bengalischen oder Axis-Hirsches.
Audubon hat (Tab. 81) ein solches abgebildet.
Die Geweihe dieser Hirsche gleichen sich gewöhnlich
sehr, doch variiren sie ein wenig in der Stellung und
der Zahl der Enden. Das stärkste, welches ich besitze und
habe abbilden lassen, hat etwa folgende Ausmessung : Höhe
vom Rosenstock« gerade aufwärts 15"; Länge der Augen-
sprossen 3" 3'"; Länge an der Rückseite nach der Krüm-
mung gemessen 1' 5" 10'"; Dicke der Stange im Umfange
(oberhalb der Rose) 4" 6'". — Ich habe aber weit stärkere
Geweihe dieser Art gesehen.
Der virginische Hirsch hat in mancher Hinsicht einige
Aehnlichkeit mit unserem Dammhirsche, doch erreicht er
eine weit bedeutendere Grösse; denn ich habe solche Hir-
sche gesehen, besonders in der Brunft, die an Stolz dem
Edelhirsche nicht viel nachgeben. Sie sind höchst flüchtig,
ArcWv für Naturg. XXVIII. Jahrg. l.Bd. 11
162 Prinz Maximilian zu VV i e d :
trnoren den Kopf hoch, den Schwanz gerade auFg-erichtet,
wo man sie alsdann an diesen weissen Fahnen in der Dik-
kuno- des Waldes von Ferne erkennt. Da die weissen Un-
terhaare dieses Schwanzes sehr lang sind, so fallen sie als-
dann etwas rückwärts und geben dadurch diesem Theile
beinahe d^is Ansehen eines Fuchsschwanzes. Der dicke
Hals ist hoch ausgestreckt und der Vorderfuss ebenfalls,
was dem Thiere ein sehr stolzes Ansehen giebt.
Dieser schöne Hirsch ist über alle Waldungen von
Nord-Amerika verbreitet und war ehemals ausserordentlich
häufig. Richardson führt ihn für die Pelzgegenden nicht
auf, er soll aber in Canada vorkommen und westlich ist er
bis zu den Rocky-Mountains ausgebreitet. In stark be-
wohnten Gegenden sind sie jetzt meistens schon ausgerot-
tet, doch trafen wir sie in vielen Gegenden noch an, z, B.
häufig im Alleghany-Gebirge, wo an den Wohnungen der
einzelnen Pflanzer im dichten Walde oft ganze Haufen von
Geweihen dieser Thiere zu sehen waren. In Indiana bei
New-Harmony und auch in Pennsylvanien kommen sie an
vielen Orten noch vor. Auch am Columbia westlich von
dem Gebirge soll man sie noch finden. Am Missouri ist
diese Art das zahlreichste Wildpret und wir schössen sie in
Menge. — Ihr Wildpret ist zart und wohlschmeckend.
Sie leben in Polygamie und brunften zu derselben Zeil
wie unsere Hirsche, setzen auch ihre Kälber, gewöhnlich
eins, zuweilen zwei, zu derselben Zeit, ja ich sah zu New-
York ein solches Thier mit drei Kälbern. In einem Thier-
gartcn zu Mauch-Chunk in Pennsylvanien hatten die Hir-
sche im Monat September noch den Bast an ihren Gewei-
hen, abwerfen thun sie im März und schlagen oder fegen
Ende Juli und August, also gerade wie unsere Hirsche.
Sie verfärben sich im October wie unsere Rehe und neh-
men alsdann die orraue Winterfarbe und weit dichteres
längeres Haar an. Die Brunftzeit ist im September und Oc-
tober. Alsdann schreit oder brummt dieser Hirsch eben-
falls, scharrt mit dem Fusse und fordert den Gegner heraus.
Sie kämpfen heftig und der Fall kommt bei dem sonderbar
vorwärts gebogenen Geweihe nicht selten vor, dass sie sich
mit demselben verfangen oder dergestalt verwickeln, dass
Verzeichniss Nordainerikanischer Säugethiere. 163
beide Kämpfer im Walde verhungert gefunden werden.
Dergleichen Beispiele kamen mir öfters vor, und ich be-
sitze ein Paar solche noch ineinander verwickelte Geweihe.
Der eine Hirsch war todt, der andere lebte noch und die-
ser Kampf ereignete sich bei Evansville; ein anderes Bei-
spiel erwähnt Major Long in seiner zweiten Reise. Am
oberen Missouri bemerkten wir dieses Wildpret gewöhnlicli
in kleinen Rudeln von 8 bis 10 Stück, wo man sie in den
dichten Weiden- und Pappelgebüschen stehen sah. Be-
merkten sie dann die Fremden, so hoben sie den Schwanz
auf und setzten flüchtig davon.
Das Wildpret dieses Hirsches ist zwar gut essbar,
allein nicht so zart als dasjenige unseres Rehes, dagegen
zarter und besser als das des unten nachfolgenden schwarz-
schwänzigen Hirsches. Die Haut giebt das bekannte bei
uns beliebte amerikanische Wildleder. Die südwestlich und
östlich lebenden Indianerstämme haben schon beinahe kei-
nen anderen Handelsartikel mehr für die Pelzhandel-Com-
pagnie, als dergleichen Hirschhäute, sie nehmen aber über-
all auch schon sehr an Anzahl ab. In der Brunft haben
die Hirsche einen starken Geruch und sind dann weniger
gut zu essen.
Folgende Namen trägt diese Hirschart bei einigen in-
dianischen Nationen :
Bei den Ojibuäs Uauäschkess.
„ „ Otos Tahg-tsche oder bloss Thä.
„ „ Omäha's „ „ „ „
„ „ Assiniboin's .... Tähchtinjah.
„ „ Mandan's Mähmanakuh.
„ „ Mönnitarri's .... Sih-tatacke (e ganz).
Das ist der allgemeine Name.
Der Hirsch Sih-tatacke-kihrape.
Das Thier Sih-tatacke-michka (ich
deutsch, mit der Zun-
spitze).
^ „ Arikkara's .... Nochnunähts (noch kaum
hörbar).
164 Prinz Maximilian zu Wied:
Bei den Grosventres des prai-
riüs Lasikge (g deutsch, c nur
halb).
„ „ Kutanä's Zupka(u zwischen u und o).
3. C. macrotis Say. Der seh war z seh wänzige
Hirsch.
T. Say Exped. of Major Long II. p. 98.
Richardson 1. c. I. p. 254.
Audubon und Bachm. IL p. 206. Tab. 78.
Dieser Hirsch hat im Allgemeinen viel Aehnlichkeit
mit Nro. 2, unterscheidet sich aber auf den ersten Anblick
durch seinen kleinen kurz behaarten Schwanz, der am
Ende eine kleine schwarze Quaste trägt, durch die weit
längeren Ohren und ein verschieden gebildetes Geweih.
Beschreibung eines drei- bis vierjähri-
gen Hirsches. Grösse etwa die eines G. elaphus von
acht Enden, auch das Geweih etwa so stark. Der Kopf
hat die Gestalt etwa wie am virginischen Hirsche, allein
der Nasenrücken scheint ein wenig mehr gewölbt zu sein.
Auge mit einem starken sinus lacrimalis; Ohren sehr gross
und breit; Gestell des Thieres hinten bedeutend höher als
vorne, die Beine und Füsse etwa wie am virginischen Hir-
sche, allein die letzteren stärker, die Afterklauen weil grös-
ser, auseinanderstehend und sehr stark ; Schwanz dünn,
unten und an den Seiten beinahe nackt, auf der Oberseite
kurz behaart, an der Spitze ein steifer Haarbüschel; Scro-
tum klein und mit kurzen Haaren bedeckt, die Brunftruthe
lang und cylindrisch, mit der Spitze ein wenig herabhän-
gend; das Haar auf dem Leibe ist hart und nicht gedrängt
gestellt; Geweih in diesem Alter etwa gestellt wie an C.
elaphus, die Augensprossen kleiner und etwas mehr auf-
steigend, später nimmt es eine andere Gestalt an, wie die
beigegebenen Zeichnungen zeigen.
An dem beschriebenen Exemplare war die Augen-
sprossc, wie gesagt, klein, kurz, etwas aufwärts gerichtet
und mehr nach innen gestellt als am Edelhirsche, also mehr
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 165
wie bei dem virginischen; nach diesem Ende folgt ein sehr
langes, ziemlich bogig aufwärts gerichtetes Ende (Eisspros-
se]) und oben am Ende der Stange eine Gabel.
Färbung: Der ganze Körper ist höchst fahl gelblich
gefärbt, unter dem Vorderleibe mehr graubraun, unter dem
Bauche gelblich weiss; innere Seite der vier Glieder weiss-
lich; Slirne gelblichgrau, der übrige Kopf weisslich, und
der Hals graugelb wie die Slirne; Ohren an ihrer äusseren
Seite graugelb, nach den Spitzen hinauf ein wenig dunk-
ler; Schwanz wie der Leib, aber etwas mit Grau gemischt,
der kleine steife Haarbüschel am Ende schwarz.
Ausmessung: Ganze Länge von der Nase bis zur
Schwanzspitze 5' 9" 8'"; Länge des Schwanzes mit den
Haarspitzen (auf der Oberseite gemessen) 10" 8'"; dessel-
ben ohne die Haarspitzen 6"; Länge des Kopfes 12" 8"';
Höhe des Ohres (an der Kopfseile) 8" 7"'; Breite des Oh-
res (an der breitesten Stelle) 3" 2"'; Höhe des Vorderge-
stelles (Fuss ausgestreckt) 2' 9"; Höhe des Hintergestelles
(ebenso gemessen) 4' 3".
EinSchmalthier (zweijähriges weibliches
Thier): Ohren sehr gross und lang, an ihren Spitzen dun-
kel grau gefärbt; Gestalt zierlich; Schwanz gebildet wie
am beschriebenen Hirsche. Farbe ganz wie oben beschrie-
ben, allein beinahe noch reiner hell gelb ; vier Inguinal-
Zitzen.
Ein Kalb, am 25. Juli erlegt: Kopf und Haupt-
färbung wie an dem Schmalthiere, der Leib fahl gelbröth-
lich, mit vielen weissen Flecken ; Schwanz wie an den
älteren Thieren.
Beschreibung des abgebildeten Gewei-
hes eines starken Hirsches dieser Art (Tab. IlL
Fig. 2 u. 2) : Höhe der längsten Stange von a bis a 16"
2'"; Länge von der Haupttheilung der Stange in b bis zur
Rose a 7" 8V2"'; Länge der aufgerichteten Augensprosse c
2" 8"'; Breite der Rose in a. a 2"; am unteren Theile des
Geweihes bis zu über den Augensprossen befinden sich
viele Perlen, übrigens ist die Oberfläche dieses Gehörns
gänzlich glatt.
Der schwarzschwänzige oder langöhrige Hirsch lebt
166 Prinz Maximilian zu Wied:
Überall am oberen Missouri und seinen Nebenflüssen, bis zu
den Rorky-Mountains bin, und soll aucb jenseit am Colum-
bia vorkommen. JVördlieh findet man ibn am Rcd-River,
ohne Zweifel auch am Saskatschawan, und nach der Aus-
sage einiger Pelzjäger soll er auch am Lake Superior vor-
kommen, was aber wohl eine Verwechselung zu sein scheint.
Richardson hat ihn im Norden nicht gefunden, sondern
nur Felle gesehen; diese Hirschart ist daher nördlich und
östlich nicht weit verbreitet, sondern mehr westlich und
südlich einheimisch.
Dieser Hirsch wird grösser und stärker als der vir-
ginische und hält das Mittel zwischen Nro. 1 und 2 mei-
ner Beschreibung. Er ist höchst charakteristisch und mit
den beiden eben genannten gar nicht zu verwechseln. Es
scheint, dass man dieselbe Thierart zuweilen unter dem
Namen Mule-Deer und Blacktailed-Deer verwechselt habe;
allein diese beiden Benennungen beziehen sich auf ein und
dieselbe Species, deren beide hervortretendste Charakter-
züge sie hervorheben.
In den Monaten Juni und Juli fanden wir die Geweihe
dieser Hirsche mit Bast (behaarter Haut) bedeckt, welche
sie Ende Juli und August abfegen oder abreiben, und sie
werfen im März ihr Geweih ab. Im Monat September
treten diese Thiere in die Brunft. Alsdann soll der Hirsch
einen eigenthümlichen, unangenehmen Geruch von sich ge-
ben, wie alle eigentlichen Hirsche.
Nach Aussage der Jäger soll der schwarzschwänzige
Hirsch schwerer sein und nicht so leicht und schnell lau-
fen als der virginische, er hüpft auch nicht auf diese Art,
wie jener, wenn er anfängt flüchtig zu werden. Er soll
nicht schneller laufen als eine Bisonkuh, trägt alsdann auch
nicht den Schwanz hoch, sondern lässt ihn gerade herab-
hängen. Die weiblichen Thiere setzen gewöhnlich ein
Kalb, zuweilen doch auch zwei. Sie halten sich in den
Gebüschen und Uferwaldungen des Missouri und seiner
Nebenflüsse gemeinschaftlich mit den übrigen Hirscharten
auf. Man jagt und benutzt sie auch auf dieselbe Weise,
allein ihr Wildpret ist grobfaserig und weniger schmack-
haft als das des virginischen Hirsches.
55 55
55
Vereeichnis.« Noidamerlkanischer Säugelhiere. 167
Bei den verschiedenen indianischen Nationen hat der
schwarzschwänzige Hirsch beinahe ausschliesslich Benen-
nungen, welche sich auf diesen seinen hervortretendsten
Zug beziehen, wie folgt :
Bei den Ojibuä's Machkadeh- Uanösch (der
schwarze Schwanz)
„ „ Mönnitarri's .... Sih-schüpischä (d. schwarze
Schwanz).
„ „ Crow's Sih-tschüpitä (dieselbe Be-
deutung).
„ „ Mandan's Schümpsi.
„ „ Grosventres des prai-
ries Bühe-ih.
Kutanä's oder Kutne-
hä's Aknesnink (s wie schw.).
„ Flat-Heads .... Zinechkohch (ch kurz und
guttural, 0 voll, das
Ganze undeutlich).
„ „ Arikkara's .... Tahkatitt.
Bei den verschiedenen Schriftstellern findet man über
die hier beschriebene Hirschart nur wenig brauchbare No-
tizen, ein jeder genaue Beitrag über diesen Gegenstand
hat daher Werth. Leider sind die besten Stücke meiner
Sammlung verloren gegangen. Von guten Abbildungen
dieser Thierart existirt bis jetzt nur eine und dieses ist
Audubon's Darstellung eines weiblichen Thieres (Bd. IL
Tab. 78). Hier ist der charakteristische Schwanz sehr treu
dargestellt und man kann ihn nach dieser Figur vollkom-
men kennen lernen. Nicht so gut ist der Kopf an dieser
Zeichnung dargestellt, dem man die Zeichnung des Herrn
Bodmer in der Beschreibung meiner Reise in Nord-Ame-
rika *) vorziehen möge. Die Farbe des Thieres zeigt die
citirte Audubon'sche Abbildung ganz gut. Der von dem-
selben Zeichner (auf seiner 106. Tafel Band III) abgebil-
dete Cervus Richardsoni scheint auch auf den hier be-
schriebenen Hirsch bezogen werden zu können, wenigstens
*) Band II. p. 5.
168 Prinz Maximilian zu Wied:
hat die Abbildung grosse Aehnlichkeit mit dem schwarz-
schvvänzigen Hirsche des oberen Missouri.
Richardson's Abbildung hat keinen Werth. Die Ge-
stalt des Thieres ist daselbst zwar ziemlich gut, allein die
Beine scheinen zu schlank, die Ohren zu kurz und breit,
der Schwanz viel zu dick und buschig. Der letztere ist
hier gänzlich unrichtig abgebildet, wie man aus der Ver-
gleichung mit Audubon's Tab. 78 ersehen wird.
Spencer Baird redet von seinem Cervus leucurus
als sei er am Missouri einheimisch ; allein ich habe dort
nie von einer fünften daselbst vorkommenden Hirschart re-
den gehört, kenne sie also auch nicht, lieber den Punkt
der stärkeren Hufe bei Cervus macrotis, welchen jener Zoo-
loge hervorhebt, indem er sagt: „er habe zwischen virgi-
nianus und macrotis in dieser Hinsicht keinen bedeutenden
Unterschied gefunden" kann ich leider keine weitere Auf-
klärung geben, da meine Notizen gerade diesen Punkt mit
Stillschweigen übergehen, und die Exemplare verloren gin-
gen. Was ich davon sagte, war nach der einstimmigen
Aussage der Prairiejäger niedergeschrieben. Baird's ge-
naue Vergleichung und Abbildung der Füsse kann nicht
bestritten werden, wenn er den ächten, von mir beschrie-
benen macrotis des S a y vor Augen hatte, was man doch
vermuthen muss, und so könnte denn die Schwerfälligkeit
des Ganges bei diesem Hirsche weniger in seinen Hufen
als in dem übrigen Gebäude des Thieres liegen. Wenn
wir aber auch diesen Punkt der schwereren Hufe gänzlich
unbeachtet lassen, und also in dieser Hinsicht B aird's Ta-
feln XXIIl und XXIV volle Gerechtigkeit widerfahren las-
sen, so sind die beiden Züge der Länge der Ohren und
der Bildung des Schwanzes ganz allein schon hinlänglich
zur vollen Begründung der Species. Baird's Unterneh-
men, die Hufe der Hirscharten genau abbilden zu lassen,
sollte aber immer bei diesen Thieren nachgeahmt werden.
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 1^9
B. Hirsche mit schauf eiförmigem Geweih.
4. C. alces americanus. Das amerikanische Elenn.
Richardson 1. c. I. p. 233.
Audub. et Bachm. II. p. 179. Tab. 76.
Spencer Baird 1. c. I. p. 631.
Obgleich ich nur theilweise diese Hirschart am Mis-
souri selbst gesehen habe, so kommt sie doch in gewissen
Gegenden, besonders in der Nähe des Milk-River oberhalb
Fort Union und an anderen Orlen zuweilen vor, und es
wurden dort während unserer Anwesenheit ein Paar sol-
cher Thiere erlegt, von welchen ich mehrere frisch abge-
löste Theile zu sehen bekam. Die Jäger brachten mir den
Kopf eines weiblichen Thieres, dessen Barigehänge bedeu-
tend länger und stärker zu sein schien, als an dem euro-
päischen Elenn in diesem Alter. Dieses erregte in mir
schon damals den Gedanken, beide Thierarten dürften wohl
verschieden, dennoch aber höchst nahe verwandte Species
sein. Eine ganze Haut, welche ich später von dem cana-
dischen Elenn oder Moose erhielt, schien mir nicht wesent-
lich verschieden von dem verwandten europäischen Elenn
zu sein.
Am Missouri ist diese Thierart schon oft erlegt wor-
den und man soll nicht hoch aufwärts am Milk-River und
den anderen Tributarien des Missouri in jener Gegend zu
gehen haben, um sie zu finden.
An dem erhaltenen weiblichen Kopfe schienen mir
folgende Unterschiede von dem europäischen vorzukommen:
die Nase war weniger gelblich gefärbt, die Ohren waren
sehr breit, dabei von Farbe graulichbraun, auch scheinbar
etwas kürzer, dagegen war der herabhängende Bart länger
und stärker, als ich ihn am europäischen Elenn je gese-
hen habe.
Die Ojibuä's nennen das Elenn
(Moose-Deer) .... Mons (französ. alle Buch-
slaben gehörlV
„ Assiniboins Tab.
170 Prinz Maxim i I i a n z u Wi ed :
Die Mandan's Pahchub-Pläpta.
„ Blackfect Sikitisuh.
„ Arikkara's Wah-siichärut (ach gultu-
.i..n)l ral).
„ Mönnitarri's Apalapä.
Farn. 2. Gavicornia. Hohlhörner.
Genus Antilocapra Ord. Gabel-Antilope.
Man hat für dieses Genus als Hauptcharakterzug die
gabelförmige Theilung der Hörner angenommen und diese
sieht auch allerdings in der zahlreichen Familie der Anti-
lopen als einzig da. Der zweite unterscheidende Zug liegt
in dem Mangel der Afterklauen, welche manchmal gänzlich,
öfters auch nur zur Hälfte fehlen. Beide genannten Kenn-
zeichen sind aber nicht ganz untrüglich, indem man von
diesen Thieren findet, welchen die Gabelung der Hörner
fehlt, und die meisten von ihnen haben einen Afterhuf, nur
zuweilen fehlen beide.
1. A. americana Ord. Die Frairie-Antilope
oder Ca b ri.
Richardson 1. c. 1. p. 261. Tab. 21.
Audubon und Bachm. IL p. 193. Tab. 77.
Spencer Baird I, c. I. p. 666.
Beschreibung eines starken Bockes: Ge-
slalt antilopenartig, schlank, die Beine hoch, der Hals lang,
Kopf schlank und etwas zugespitzt, die Hörner gerade auf-
gerichtet, der Schwanz kurz, beide Geschlechter meist ge-
hörnt, doch die des weiblichen Thieres nur klein und öfters
gänzlich fehlend.
Der Kopf ist schafartig gebildet, etwas zugespitzt, in
der Augengegend breit, die Stirn etwas concav; das Auge
steht hoch, hat keinen Sinus lacrimalis, sein vorderes Ende
steht höher als das hintere; Augenlieder mit starken steifen
Verzeichniss Nordamerikanischer Säiigetbiere. 171
Wimpern besetzt, welche 6 bis 7 Linien lang- sind; die
das Auffe nmorebenden Knochen treten von allen Seiten vor
und beschützen dasselbe; Ohr ziemlich lang-, schmal zu-
gespitzt, äusserst kurz und glatt behaart; Nase etwa gebil-
det wie am Schafe, ihre Kuppe behaart; die Nasenlöcher
stehen nahe beisammen , nähern sich einander an ihrem
Vordertheile und divergiren am hinteren Ende; ihre Ein-
fassung ist nackt, sowie ein schmaler Streifen der Nasen-
kuppe , der senkrecht sich zwischen ihrem Vordertheile
zeigt; ßaird hat diesen Theil, sowie die Fährte des Thie-
res abgebildet. Die Zunge ist mit feinen Papillen besetzt,
aber dennoch etwas rauh anzufühlen; einen Zoll hoch über
den Augen entspringen die Hörner; sie sind gerade auf-
gerichtet, ein wenig sanft auswärts gebogen, haben eine
starke, oft abwärts gekrümmte Hakenspitze, und an der
Mitte ihrer Vorderseite ein starkes, stark zusammengedrück-
tes, breites Ende, welches 2V2 ^oll lang, und an seiner
Wurzel beinahe 2 Zoll breit ist; die Basis der Hörner ist
eingeschnürt und an ihrer unteren Hälfte bis zu dem Ende
oder dem vorderen Auswüchse öfters aufwärts zusammen-
gedrückt, so dass sie nach vorne eine scharfe Kante zeigen;
sie sind etwas rauh und an ihrem unteren Theile zuweilen
mit einzelnen kleinen Haaren besetzt; bei vielen Böcken
fehlt das vordere Ende, bei jungen Böcken immer, gewöhn-
lich ist dasselbe aber vorhanden; die Haare des Scheitels
und Kopfes decken die Wurzeln der Hörner rundum ziem-
lich weit aufwärts, und der obere Theil der Hörner, von
der Gabel aufwärts ist mit leichten Längsfurchen bezeich-
net; öfters variiren diese Hörner etwas in ihrer Gestalt,
doch sind die Abweichungen gewöhnlich nicht bedeutend;
bei einigen Böcken sind selbst die Spitzen der Hörner etwas
zusammengedrückt; auf dem Occiput, hinter den Hörnern
des Thieres bilden die langen Haare einen Wirbel, d. h.
eine scharfe Kante, gleich einer über einen Zoll hohen auf-
gerichteten Mähne, indem sie gegeneinander anstreben, und
von jedem Hörne aus läuft ein ähnlicher Wirbel oder Haar-
kante nach der Mitte des Occiputs hin, wo sie sich beide
vereinigen, um jenen Mittelkamm zu bilden; der Hals ist
lang, stark, ziemlich dick und muskulös, dabei mit ziem-
172 Prinr iMaximilian tu Wied:
lieh langen, sehr dichten Haaren besetzt; der Schwanz des
Tliieres ist kurz, schmal, zugespitzt und an seiner Unter-
fläche gänzlich nackt; Beine zierlich und schlank, Hufe zu-
gespitzt und wie am Schafe gebildet; nur eine Af'terklaue
ist vorhanden, welche an der inneren Seite steht, die äus-
sere fehlt gänzlich, aber man bemerkt an ihrer Stelle unter
der Haut einen kleinen, runden, sehnigen, ziemlich weichen
Callus; Teslikel gebildet wie am Rehbocke, dabei behaart;
Haar des ganzen Thieres spröde, lang und hart, dabei
dicht, wie am Aluflon, aber ohne Grundwolle, dabei nicht
sehr fest in der Haut sitzend; an den Hinterbacken ist es
länger als am übrigen Körper und sehr dicht; ein Streifen
zwischen den Hinterschenkeln vom After abwärts ist unbe-
hehaarl; unter dem grossen schwarzbraunen Flecke an den
Endflügeln des Unterkiefers liegt eine grosse, weit ausge-
dehnte Parotisdrüse. — Die Haare an dieser Stelle, sowie
am übrigen Kopfe sind hart, dicht, zum Theil etwas glän-
zend und fest aufliegend ; das Haar ist auf dem Nasen-
rücken am kürzesten, ebenso an den Ohren, der Umgebung
der Augen und den Lippen.
Ausmessung: Ganze Länge mit ausgestrecktem
Halse, Kopf und Schwanz 4' 10" 8'"; Länge des Schwan-
zes (vom Rücken aufrecht gestellt gemessen) 7" 3'"; Länge
des Kopfes 11" 4"'; Höhe des Vordergeslelles bis zu den
gestreckten Hufspitzen ungefähr 2' 6" 10"'; Höhe des Hin-
tergestelles (ebenso) 3' 1"; Höhe der Hörner (in gerader
Linie gemessen) 8" 8"'; Länge des Vorderhufes 1" 6"';
Länge des Hinterhufes 1" 3"'.
Ausmessung des Kopfes eines anderen
Bockes: Länge von der Nasenspitze zum vorderen Au-
genwinkel 7" 8"'; Länge der Augenöffnung 1" 3"'; Länge
des Nasenloches 1" 3"'; Länge der MundölTnung vom Mund-
winkel bis zur Spitze 3" 2"'; Länge vom hinteren Augen-
winkel bis zur Spitze des Ohres 7"; Höhe des Hornes von
der äusseren Basis bis zu seinem höchsten Theile etwa
8" 3"'; Länge des Horns von seiner inneren Basis bis zu
der herabgekrümmten Spitze 7" 2"'; Breite des Horns an
seiner Basis 1"!'"; Durchmesser der Basib von vorne nach
hinten 2" 3"'; Breite des Ohres an der breitesten Stelle
Verzeichniss Nordamerikinnischer Säugelhiere. 178
1" 10'",- Breite des Kopfes von Auge zu Auge 5" 4'";
Breite zwischen den Hörnern 2" 6'"; Länge des Ohres un-
gefähr 6".
Ein stärkeres Gehörn eines Bockes mass in gerader
Linie seiner Höhe 10".
Färbung: Rand der Augen, Lippen und Nasenlöcher
schwarzbraun und nackt. Augenwimpern schwarz, Stirn
und Umgebung der Augen fahl gelbröthlich (Kaffee mit
Milch), ebenso ein Streif von der hinteren Hornbasis zwi-
schen Auge und Ohr herab ; Seiten des Kopfes weisslich,
ebenso ein etwa fingerbreiter Rand der Oberlippe, sowie
die ganze Unterlippe und Unterseite des Kopfes in ihrer
Mitte; diese Unterseite ist an ihren Seitentheilen hell gelb-
röthlich; Nasenrücken dunkel röthlichbraun und diese Zeich-
nung bildet einen grossen dunkelbraunen Fleck, der zu
beiden Seiten bis gegen die weisse Einfassung des Ober-
kiefers herabsteigt und diese durch nette Abgrenzung hebt,
auch die Nasenlöcher einschliesst; ein ähnlicher dunkel-
brauner oder schwarzbrauner Fleck von 3V2 bis 4 Zoll
Länge steht hinter den Endflügeln des Unterkiefers, über
dem Kehlkopfe, und der hellrothe Streifen, der zwischen
Auge und Ohr herabkonimt, triiTt seine obere Spitze; oft ist
auch der Streifen vom Hörne abwärts nach dem schwarzen
Halsfleck hell gelbroth; Stirn weisslich und gelblichbraun
gemischt; Gegend hinter den Hörnern sowie der ganze Hin-
terkopf sind weisslich, allein die hervortretenden Haarkan-
ten oder Wirbel hell gelbroth; Ohren aussen hell fahl gelb-
roth, nach ihrer Spitze hin mehr dunkel und ins Graue
ziehend; inneres Ohr weiss, ebenso dessen Wurzel nach
vorne und oben, wo sich ein grosser weisser Fleck befin-
det; der dunkle Nasensattel ist an seinem oberen Theile
mit weisslichen Haaren gemischt, sendet aber einen dun-
kelbraunen Streifen nach jedem Hörne hinauf; über jedem
Auge steht über dessen Vorderende unter dem Hörne ein
kleiner schwarzer Fleck im weisslichen Grunde; Farbe aller
Obertheile des Thieres grauröthlichfahl, gelbbräunlich ge-
mischt; alle Unterlheile, Schenkel nach hinten und innere
Seite der Glieder sind weiss; Haare an der Seite des Hal-
ses und hinter dem Kopf an ihrem Wurzeltheile weiss;
174 Prinz Maximilian zu Wied:
Gehörn schwärzlichbniun, die obere Hakenspilze gewöhn-
lich weisslichhornfarben ; an der Vorderseite des Halses
unter der Kehle steht häufig- ein weisslicher Fleck, unter
diesem eine rölhliche Querbinde und darunter wieder weiss,
doch fehlen diese Flecken zuweilen. Hufe schwarz.
Weibliches Thier: Gehörnt, aber die Hörncr sind
immer nur sehr klein, etwa 2 bis 3 Zoll lang, oft aber auch
gänzlich fehlend, woher denn die Sage kommt, das Weib-
chen sei ungehörnt. In den übrigen Theilen des Körpers
ist es von dem Bocke nicht verschieden, nur immer klei-
ner und schwächer.
Ausmessung des Kopfes einer erwachse-
nen weiblichen Cabri: Länge von der Nasenspitze
zu dem Hörne 8"; Länge des Hornes 1" 2'", es ist mit
der Spitze etwas rückwärts und einwärts gebogen; Länge
des Ohres 5" 6'"; Breite von einem Hörne zu dem anderen
(von Mitte zu Mitte) 3". — Die Färbung wie am Bocke, nur
soll der schwarzbraune Fleck an den Seiten der Kehle hier
fehlen, was ich übrigens in meinen Notizen nicht ange-
merkt finde.
Das junge Thier hat die Farbe der alten und ist
ungefleckt, dabei sehr niedlich.
Die Prairie-Antilope oder Cabri ist über einen gros-
sen Theil des nördlichen, besonders den nordwestlichen
Theil von Nord-Amerika verbreitet. Nach Norden geht sie
bis zum 53. Grad bei Fort des Prairies am Saskatschawan
und wird westlich jenseit der Rocky-Mountains gefunden,
in Oregon, Mexico, Californien und Texas. Am Red-River
oder an der Grenze von Canada soll sie auch noch leben.
Sie halten sich im Sommer einzeln oder in kleinen Gesell-
schaften und familienweise in den weiten Prairies auf, die
ihren Bewegungen weiten Raum gestatten. Die alten Böcke
gehen mehr für sich zu einigen wenigen beieinander oder
auch ganz allein. Im Herbst und Winter vereinigen sie
sich zu zahlreichen Rudeln und man sieht alsdann 30, 40
bis zu 100 und mehr bei einander. Sie ziehen sich als-
dann mehr aus der Ebene fort, wo die kalten Winde sie
belästigen, auch später der tiefe Schnee ihnen das Auf-
decken ihrer Nahrung nicht erlaubt. Alsdann suchen sie
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 175
die Hügelketten und ihre Schluchten, wo sie an geschütz-
ten warmen Abhängen ihre Nahrung finden. — Von d.en
Prairies bei den Mandan-Dörfern sagten uns schon Lewis
und Clarke, dass sich diese Thiere im Winter nach den
Black-Hills zögen, welches sehr richtig ist. Zu Fort Union
sah man zuweilen während des ganzen Winters diese Thiere,
jedoch nur in geringer Anzahl. Ihre Stimme ist ein lautes
zischendes Pfeifen durch die Nase, nach Art dessen der
Gemsen. Sie sind unbezweifelt die schnellsten Thiere der
Prairie und machen weite Sprünge, wenn sie flüchtig werden.
Zu Fort Clarke sieht man sie gewöhnlich im Monat April
von ihren Wintersländen zurückkehren, alsdann kommen sie
rudelweise an und setzen durch den Missouri, um ihre Som-
merweideplätze wieder aufzusuchen. Ihre Brunftzeit ist im
September. Der Bock soll dann häufig seine Stimme hören
lassen und da er in Polygamie lebt, so sieht man ihn alsdann
sein Rudel zusammenhalten und zusammentreiben, dasselbe
umschwärmen und nach Gefallen umher treiben. Im Mai
gewöhnlich wirft die Ziege ihr Junges, zuweilen, doch sel-
tener, auch zwei. Die Mutter vertheidigt ihr Kitzchen sehr
tapfer gegen die Feinde und soll zuweilen selbst den Wolf
abschlagen, besonders wenn mehrere Antilopen beieinander
sind. Bei Sioux-Agency fanden wir Ende April ein sol-
ches junges Thierchen in der Prairie, das sich nieder-
drückte, als man ihm nahe kam. Leider konnte man es
nicht mitnehmen, da man zu Pferde war. Man hat es schon
öfters versucht diese jungen Thiere aufzuziehen, allein sie
starben gewöhnlich nach 14 Tagen. Man hatte aber immer
versäumt ihnen eine Ziege zur Ernährerin zu geben, wel-
ches bei verwandten Thieren immer der sicherste Weg ist.
Townsend erzählt von einem solchen jungen Thiere,
welches glücklich aufgezogen worden war. — Wenn die
Mutter nach der Nahrung ausgeht, so lässt sie in der ersten
Periode ihr Junges zurück, welches sich dann ganz ruhig
verhält, gerade wie dieses bei unseren Hirscharten der
Fall ist.
Man jagt die Antilopen nur im Nothfalle, wenn man
kein Bisonfleisch haben kann, und schiesst sie dann mit der
Büchse, indem man sie hinter Hügeln, Steinköpfen oder Ge-
17G Prinz Maximilian zu VV i e d :
buschen beschleicht, worüber schon Say und Audubon
die nöthigen weitläuligen Nachrichten gegeben haben. Mit
einem recht raschen Plerde soll man sie zuweilen einge-
holt haben, wenn man die Vcriolgung lange genug fortsetzt,
denn sie stehen zuweilen still, besonders wenn sie Hügel
erreichen, oder kommen, wie man zu sagen pflegt, aus
dem Sprunge, wo dann die erste Gelegenheit zum Schusse
benutzt werden muss. In der Beschreibung meiner Reise
habe ich die verschiedenen Arten der Jagd angegeben,
welche die Indianer bei diesen Thieren anwenden.
Das Fleisch der Cabri ist ziemlich wohlschmeckend und
hat uns sehr häufig zur Nahrung gedient. Die Haut giebt ein
leichtes, aber wenig dauerhaftes Leder, welches die India-
ner zu ihren, wenn sie neu sind, sehr hübschen und nett
weisslichgelben Lederhemden benutzen.
Die von Richardson gegebene Abbildung der Prai-
rie-Antilope ist gut, auch die von Au d üb on, wo man die
Färbung sieht, besonders befindet sich auf jener Tafel ein
solches Thier von vorne gesehen, das sehr treu ist.- — Was
die Farben anbelangt, so hat sie der übrigens sehr ge-
schickte und fleissige Maler an dieser Zeichnung ein wenig
zu scharf gegeneinander abgesetzt. Spencer Baird hat
die Nasenkuppe des Thieres abgebildet, sowie den Huf von
der Unterseite.
Die Benennungen einiger indianischen Nationen für die
Antilope sind folgende :
Die Ojibuäs nennen sie . . . Apista-tigüss (ta und ti sehr
1-^ kurz).
„ Krih's (Crees) .... Apestat-jehkus (e halb, j
franz., kus leise und
ohne Nachdruck).
Dacöta's Tatöga od.Tat6kana(o voll).
„ Assiniboin's Tatöga (o voll).
„ Mandan's Koka (der allgem. Name).
Der Bock Kock-Berockä.
Wenn die Antilope ge-
I '!t hörnt ist .... Kokästu.
„ Mönnitarri's Ohchi-Kihdapi (ch guttural,
dapi kurz).
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 177
Die Crow's Ohchkä (ch guttur.).
„ Arikkara's Arikatock (och guttur.).
Der Bock Arikatoch.
Die Ziege Askahi-hani-sapält.
Das Kitzchen .... Achkäh-nihän.
„ Blackfeet Aiiokähs.
„ Kutanä's oder Kutnehä's . Nestükp.
Genus Oris Linn. Schaf.
Die verschiedenen Arten der wilden Schafe sind für
Europa und Nord-Amerika ziemlich festgestellt, weniger für
Asien, wo es mehre Arten derselben giebt; dennoch hat
mir ein der Gebirge ziemlich kundiger Jäger versichert,
es gebe in Nord-Amerika oberhalb des Fort des Prairies in
den Gebirgen des Saskatschawan noch eine zweite Art von
wilden Schafen, welche mit Wolle, wie linser zahmes Schaf
bedeckt sei, und sehr grosse, dicke, gewundene Hörner
trage, deren Spitzen beinahe die Augen des Thieres er-
reichten, und welche doppelt gewunden seien, also etwa
wie am spanischen Widder. Die Farbe des Thieres sei
weisslich. Ein gewisser Monteur soll einen ganzen Kopf
dieser Schaf-Art nach dem Forte gebracht haben. Für die
Wahrheit dieser Aussage kann ich jedoch nicht bürgen.
1. 0. montana Cuv. Das nord-am erikanische
Berg-Schaf, Bighorn.
Richardson I. cit. I. p. 271. Tab. 23.
Audubon et Bachm. II. p. 163. Tab. 73.
Spencer Baird 1. cit. I. p. 673.
Bighorn der Anglo-Amerikaner.
La Grosse-Corne der Canadier.
Beschreibung eines starken weiblichen
Thieres: Stark, gedrungen und muskulös, von der Grösse
und ziemlich von der Bildung der Stein-Ziege (Capra ibex).
Archiv für Naturg. XXVllI. Jahrg. 1. ßd, 12
178 Prinz Maximilian zn Wied:
Der Kopf hnt vollkommen die Gestalt wie an dem eben ge-
nannten verwandten Thiere^^), er ist gross, der Nasenrücken
völlig gerade, die Unterlippe ein wenig über die obere vor-
tretend "*'■*) ; das Auge ist ziemlich gross; vor demselben,
aber etwas davon abgesondert, steht der Sinus lacrimalis;
die Ohren sind klein und kurz; die Hörner mehr schaf-
als ziegenartig, sie sind gestellt wie an der Stein-Ziege,
sind aber mehr platt gedrückt und mit Querrunzeln besetzt,
sanft bogenförmig rückwärts und mit den Spitzen ein wenig
auswärts gebogen, aber nicht zugespitzt , sondern sanft
abgerundet; der Hals ist dick, der Rücken breit^ der Schwanz
kurz und schmal; Schenkel sehr fleischig und muskulös,
dick, gebildet wie am Steinbocke ; Beine ebenfalls stark und
gedrungen, die Hufe sehr kurz und vorne ziemlich senk-
recht abgeschnitten ; Afterhufe breit und stumpf, hinten mit
einer Querleiste; Brust breit und stark; After und Ge-
schlechlstheile nahe bei einander; zwei Inguinalzitzen;
Haar des Thieres kurz, ziemlich hart, kürzer als an der
Antilope, also etwa -wie am europäischen Steinbocke, an der
hintern Seite der Schenkel ganz kurz, auf der Stirn beün-
det sich ein Haarwirbel.
Färbung: Die Farbe des Thieres ist schmutzig grau-
braun, wie am Steinbocke, die Rückenlinie ein wenig dunkler;
Bauch, innere und Hinterseite der Beine weiss, ebenso die
ganze Hinterseite der Hinlerschenkel und diese Farbe tritt
IV2 Hände hoch über den Schwanz auf den Rücken hinauf;
Vorderseite der Beine mehr schwärzlich graubraun als der
Rücken, also etwa wie der Rückenstreifen ; Kopf hell asch-
grau oder weisslich grau, unter dem Kinne weiss und an
dem Kehlkopfe steht ein weisser Fleck auf graubraunem
Grunde: Ohr gefärbt wie der Kopf, allein anseinerinneren
Seile weisslich; Schwanz graubraun.
Ausmessung des Kopfes: Ganze Länge 10"
*) Die Abbildung des Kopfes des weiblichen Ovis montana siehe
nach Herrn Bodmers Skizze in Schinz Monographien der Säugethiere
(Monoorraphie der Schafe Tab. 3). • m,
**) Die Nasenkuppe und die Unterseite des Fusses hat Spencer
Baifd abgebildet. ' '^^
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere, 179
4 bis 5'"; Breite von einem Auge zu dem anderen (quer
über die Stirn) 5" 4'"; Länge des Horns in gerader Linie
6"; Breite des Horns an seiner Basis 1" 7"'; die übrigen
Maasse des Tliieres sind verloren.
Der Bock: Ist weit stärker, grösser, gedrungener
und kräftiger gebaut als das Schaf; seine Hörner sind oft
colossal, seitwärts gekrümmt und die Spitze wieder nach
vorne gerichtet; sie sollen zuweilen an 40 Pfund wiegen
können. Alte Böcke sind mehr hell grau gefärbt, oft bei-
nahe weisslich. Im Herbste und Winter hat das Bio--Horn
eine graubraune melirtc Farbe, aber der Hinter-Rücken
und die Einfassung der Schenkel bleiben immer rein weiss:
über den weissen Hinter-Rücken zieht ein dunkel grau-
brauner Strich bis zu dem ebenfalls dunkel graubraunen
Schwänze.
Da ich den Bock nicht vollkommen beschreiben kann,
so will ich doch die Abbildung und Ausmessung eines star-
ken männlichen Schädels dieser Art geben, welchen ich
noch besitze, und der ein höchst characteristisches Stück
ist. Siehe Tafel VI Fig. 1 denselben von vorne, Fig. 2 von
der Seite.
Ausmessung dieses Schädels: John Richardson
hat in der Zoology der Reise des Schiffes Herald*-) das
ganze Skelet eines männlichen Schafes dieser Art beschrie-
ben und abgebildet, welches aber bei weitem nicht so alt
war, als der von mir hier erwähnte Kopf. Dagegen hatte
das von Dr. Richardson in der Fauna bor. americana ge-
messene alte Thier beinahe dieselben Dimensionen, wie der
hier von mir abgebildete Kopf.
Ausmessung: Länge des Kopfes
vom Hinterhaupte bis zur Spitze des Ober-
kiefers 11" 6'"
Breite des Kopfes oberhalb der Augenhöhlen 6" 4 — 5'"
Breite des Oberkiefers an der Spitze der
Nasenbeine 2" 4—6'"
Länge der Nasenbeine 4" 1'
///
*) Siehe The Zoology of the voyage of H. U. S. Herald, p. 87.
Tab. I.
2
444
2
7444
180 Prinz Maximilian zu Wied:
Breite der vereinten Nasenbeine .... 2" V"
y, eines jeden einzelnen 1" y.
Höhe des Schädels mit geschlossenen Kie-
fern vor den Augenhöhlen . . 5" 6
Höhendiirchmcsser der Augenhöhle ... 1" 10
Läno-endurchmesser derselben 1" 11'"
Anfang der Hornbasis über dem Rande der
Orbita — 9V;
Umfang des Horns an der Wurzel . . . 13" 4'"
„ desselben in seiner Mitte .... 11" 4'"
Entfernung der Spitzen beider Hörner von
einander 21" 5'"
Länge des Horns nach der Krümmung auf
der äussern Seite gemessen . . 2' 2"
Länge desselben längs der Krümmung der
unteren Kante gemessen ... V 5" 7'
Der Jochbogen ist sehr kurz, etwas auswärts gewölbt,
in seiner Mitte etwa 3 Linien breit, in der Zoologie des
Herald ist er mehr gerade abgebildet; der processus con-
dyloideus des Unterkiefers ist sehr kurz, etwa 5 Linien
lang, der coronoideus ist um beinahe zwei Zoll länger,
gekrümmt, abgeplattet und am Ende breiter und abgestumpft;
die Stirn ist sanft concav ; die hintere Wand des Schädels
nach dem cirkelrunden foramen magnum hinab ziemlich
senkrecht, dabei sanft concav. Zwischen den Hörnern ver-
läuft eine rundlich erhöhte Leiste.
Die Hörner sind rundlich dreieckig, die Hinter- oder
Grundfläche des Dreiecks etwas abgerundet, die Spitze des
Dreiecks nach oben und ein wenig abgerundet; an der
Wurzel hat das Hörn überall Querfurchen, von welchen die
der Wurzel genäherten an der Oberkante die tiefsten sind ;
an dem Spitzendrittheile des Horns befinden sich an der
äusseren Kante deutliche Knoten, von welchen Leisten rund
um verlaufen, aber nie ist die Spitze aufwärts gebogen, wie
dieses auch Baird sehr richtig bemerkt. — Die Farbe der
Hörner ist gelblich graubraun; Baird hat die Hörner des
Bockes und des Schafes dieser Art (p. 675 und 677) sehr
gut abgebildet.
Das Bergschaf ist bekanntlich über die westlichen und
Verzeichniss Nordanierikanischer Säugethiere. 181
südwestlichen Gegenden von Nordamerika in allen Höhen-
Zügen zahlreich verbreitet, worüber man bei Richardson,
Audubon, Spencer Baird u. a. weitläufige Nachrichten fin-
det. Am obern Missouri, in den Rocky-Mountains und jen-
seit derselben kommt es überall vor, wo Berg- und Höhen-
Züge das Land durchsetzen, und man sieht diese Thiere
an den steilen Ufern des Missouri öfters in zahlreichen Ru-
deln. Die ersten dieser Thiere, welche wir antrafen, zeig-
ten sich in der Nähe von Lewis und Clarke's sogenannten
White-Earth-River am 4. August*). Zwei weibliche Thiere
und ein Bock standen an der Spitze eines hohen Ufers und
betrachteten ruhig das pochende Dampfschiff. — Auch am
Yellow-Stone Flusse sind sie sehr häufig und man bemerkt
daselbst Rudel von 50, 80 und mehren Thieren. Die alten
starken Böcke sind gewöhnlich nicht bei solchen Gesell-
schaften, sondern sie stehen zu dreien, vieren, sechsen und
selbst mehren für sich allein, suchen jedoch die Weibchen
sobald die Brunftzeit heran nahet. Ihre Farbe ist oft sehr
weisslich oder weissgrau, woran man die alten Böcke mit
ihren grossen Hörnern von Ferne erkennt. Hire Lebensart
ist beinahe vollkommen die der Steinböcke. Sie flüchten
auf steile Höhen, sobald sie etwas Fremdartiges gewahren,
kommen übrigens, wenn die Gegend ruhig ist, auf die
Wiesenstellen und Grasplätze in den Schluchten und an
den Ufern der Flüsse herab, um zu grasen. In den son-
derbaren Gestalten der Sandstein-Hügelketten sahen wir sie
oft in den unteren Regionen in grosser Anzahl. Sie werfen
ein, seltener zwei Junge, welche schwer zu erhalten sind.
Herr M'kenzie versprach seinen Jägern ein gutes Pferd,
wenn sie ihm ein solches Thierchen verschaffen würden,
erhielt aber bis damals noch keines derselben. Im Springen
und Klettern sind diese Thiere Meister, wie die Steinböcke
und Gemsen.
Ihre Haut wird von den Indianern zu ihren netten
Lederhemden sehr gesucht, gerade wie bei der Antilope
oder Cabri. Das Leder derselben hat auch dieselben Ei-
*) Siehe die Beschreibung meiner Reise über diesen Gegenstand
an mehren Stellen.
182 Prinz Maximilian zu Wied:
gcnschalten und ist nicht sehr dauerhaft und stark. Das
Fleisch wird gefressen; doch hat dieses Thier einen schaf-
artigen, bei dem Bocke in der Brunft sehr strengen Geruch,
weshalb wir dasselbe nicht liebten.
Bei verschiedenen indianischen Nationen kennt man
diese Thiere unter den nachfolgenden Benennungen:
Bei den Ojibuäs Älanastahnis (2. und 3. a
zwischen a und o gespr.,
voll, s ganz gehört).
„ „ Dacöta's Kihskä.
„ „ Assiniboin's .... Hähktschischka.
„ ,, Mandan's Ahs-chtä oder Ans-chtä
(ch guttur, man spricht
aus wie Ahsäch-tä).
„ „ Mönnitarri's .... Ansechtia (an franz., ich
deutsch guttur., i und a
getrennt, i Accent).
„ „ Grosventres desprai-
ries Hotteh.
„ „ Kutanä's .... Kuisskussä (kus kurz).
„ „ Crows ..... Ichpöa-tassa (alles zusam-
mengespr. guttural, tassa
leise, a nur halb).
„ „ Arikkara's .... Arikiissu.
Richardson hat das männliche Bergschaf sehr gut abge-
bildet, weniger gut, wie es mir scheint, ist Audubon's Abbil-
dung, wo das männliche Thier viel zu dunkelbraun illuminirt
ist. Die Farbe ist in der Natur mehr graubraun, und bei dem
alten hier dargestellten Bocke weissgrau. — Den Kopf des
weiblichen Thieres hat Schinz nach einer Zeichnung des
Herrn C. Bodmer gegeben.
Genus Capra Liun. Ziege.
Nur eine Art aus dieser Gattung ist für Amerika bis
jetzt bekannt, wovon Richardson die, wie mir scheint, beste
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 183
Abbildung gegeben hat. Ich habe von diesem Thiere nur
ein Fell gesehen, aber vicllältig Nachricht davon erhalfen.
fl'Jfll) Ti'
1. C. americana Rieh. Die amerikanische Berg-
Ziege.
Richardson 1. c. I. p. 268. Tab. 22.
Audubon und Bachm. III. p. 128. Tab. 128.
Aploccros montanus Baird 1. c. I. p. 671.
Diese schöne Bergziege, von welcher ich zu St. Louis
eine sehr grosse, vollständige Haut sah, welche aber leider
durchaus nicht feil w^ar, hat, wie es mir schien, grosse
Aehnlichkeit mit der Angoraziege, obgleich ich sie nur flüch-
tig untersuchen konnte. Spencer Baird ist der Ansicht, dass
dieses Thier zu den Antilopen zuzählen sei, ich kann dieses
aber dem äusseren Anscheine zu Folge nicht unterschrei-
ben, und es scheint mir zweckmässig, Richardson zu folgen,
bis dieses Thier anatomisch untersucht sein wird, wo man
seine wahre Verwandtschaft besser wird beurtlieilen können.
Da ich leider die Rocky Mountains nicht völlig erreichte,
so habe ich dieses interessante Thier nicht in der Freiheit
beobachten können, aber viel von ihnen gehört. Sie leben
besonders in dem Theile des Gebirges, welcher von den
Kutanä-Indianern bewohnt wird und an den Quellen des
Columbia-Flusses. Mehre Expeditionen wurden zur Zeit
meiner Anwesenheit dorthin ausgesendet, um diese weisse
Ziege zu bekommen, allein sie missriethen und man bekam
keine Felle. Die Canadier nennen dieses Thier Nane.
Genus Bos Linn. Ochse.
1. B, americanus Gniel. Der Bison.
Richardson 1. c. 1. p. 279.
Audubon und Bachm. 1. c. II. p. 32. Tab. 56. 57.
Spencer Baird 1. c. I. p. 682.
Es würde Wiederholung sein, wenn ich von dieser
interessanten, aber bekannten Thierart eine weitläufige ße-
134 Prinz Maximilian zu Wied:
schreibung^ geben wollte, doch sind einzelne Punkte in der
Geschichte und selbst in der Beschreibung des amerikani-
schen Bison, welche bis jetzt übersehen, oder doch nicht
gehörig hervorgehoben worden sind.
Der Bison bildet bekanntlich eine characteristische,
von allen übrigen wilden Ochsenarten verschiedene Species.
Sein Kopf ist sehr gross, die Stirn sehr breit, im Verhält-
niss weit grösser, wie es scheint, als am europäischen
Auerochsen. Der Kopf wird stets sehr tief getragen, da-
bei ist der Hals sehr kurz, der Widerrist sehr hoch er-
haben und gewölbt, der Vorderleib colossal und breit, das
Hintergestell dagegen verhältnissmässig sehr schmal und
schwach, der Schwanz ziemlich kurz, glatt und kurz be-
haart, am Ende mit einer dickeren Haarquaste versehen.
Eben so characteristisch ist die Behaarung dieses Thieres,
die während der Sommermonate beinahe der eines gescho-
renen Pudels gleicht. Kopf, Hals, Schultern, Vorderleib
und Vorderschenkel sind bis auf die Höhe des Rückens mit
längeren Haaren bedeckt und die längere Behaarung endigt
scharf abgesetzt hinter den Vorderblättern und Schultern.
Der ganze übrige Körper, Mittel- und Hintertheil, ist mit
sehr kurzen, dichten Haaren besetzt. Stirn und Oberkopf
tragen sehr lange, schlichte 12 bis 16 Zoll lange Haare,
und ebenso sind sie an den Vorderbeinen, wo sie bis auf
die Mitte der Schienbeine herabhängen. Kopf, Hals und
das lange Haar der Brust und Vorderbeine sind kohlschwarz,
die Schultern und Vorderblätler gelblichbraun, zuweilen mehr
oder weniger dunkel oder heller, jedoch selten, der ganze
übrige kurz behaarte Hinterleib ist schwarzbraun. Die sanft
bogig aus- und aufwärts gekrümmten Hörner ^'j sind kurz
*) Townsend (siehe Sportingexcurs. to the Rocky Mo unt.) nennt
diese Ilöiner ,, colossal", allein dieser Ausdruck ist ganz unpassend,
da sie durchaus nicht gross sind, sondern immer weit kürzer als die
eines gewöhnlichen deutschen Ochsen. Eben so unrichtig ist es, wenn
man sagt (siehe Major Long's exped. to St. Peters River Y. IIp.25),
die Runzeln dieser Hörner zeigten die Zahl der Jahre des Thieres an.
Es ist dies ebenso unrichtig, als wenn man das Alter der Klapper-
schlange nach der Zahl ihrer Schwanzklapperringe bestimmen wollte»
I
Verzeichniss Nordamerikanischer Säugethiere. 185
und dick, dabei immer gänzlich schwarz von Farbe. Die Aus-
messungen und genauere Beschreibung habe ich leider mit
mancherlei Präparaten von dieser Thierart verloren.
Im Winter ist das Haar des Bison am Hinterleib eben-
falls länger, dabei mit dichter Grundwolle, und die Behaa-
rung des Vorderleibes ist alsdann weniger abgesetzt und
unterschieden von der des Vorderkörpers. Die Kuh zeigt
nie die regelmässige Verlängerung der Haare des Vorder-
theiles, wie der Stier, auch sind ihre Haare am Kopf nur
unregelmässig buschig und struppig, aber nie lang herab-
hängend, und die langen Haare der Stirn und der Vorder-
beine fehlen gänzlich, dabei ist sie bedeutend kleiner.
Audubon giebt auf seiner 57. Tafel (des 23. Bandes) die
Abbildung einer sitzenden Bisonkuh mit ihrem Kalbe, die
ganz gut ist; dagegen ist seine Abbildung des Stiers (Tab. 56)
sehr schlecht.
Der Stier hat an jeder Seite seiner Brunftruthe ein
Kennzeichen, welches ich in keiner Beschreibung angemerkt
linde, nämlich zwei gepaarte Zitzen dicht neben einander,
deren Gestalt länglichschmal und zugespitzt ist.
Die Fährte oder Spur des Bison-Stieres ist colossal
und sehr abgerundet, w oran das Ersteigen der hohen Ufer-
berge am Missouri Ursache ist; sie misst in der Breite we-
nigstens 5 Zoll 1 Linie und ist 5 Zoll 4 Linien lang; die
Afterhufe sind kurz, breit und etwas dreieckig, dabei aus-
einanderstehend; das Vorderbein ist sehr dick, vom Knie
abwärts kurz behaart, die lang herabhängenden Haare des
Vorderschenkels sind am Knie immer abgenutzt und abge-
schliffen.
Man hat von dieser Thierart weisse und weiss gefleckte
Varietäten, doch sind dieselben nicht häufig. Von einer
Rasse mit seidenartig glänzenden feinen Haaren, welche im
Sonnenschein wie Biberhaar glänzen und schillern sollen,
wurde mir häufig erzählt, doch habe ich sie nicht selbst
gesehen.
Missgeburten mit zwei Köpfen, oder mit mehren Bei-
nen und dergleichen Defecten, will man öfters unter
diesen Thieren beobachtet haben. Man hat mir sogar
von einer erwachsenen zweiköpfigen Bisonkuh erzählt,
186 Prin« Maximilian zu Wied:
welche geschossen worden sein soll, ohne Zweifel eine
Jäger-Fabel.
Ehemals war der Bison oder BufTaloe der Amerikaner
über den grösslon Theil von Nord-Amerika verbreitet; diese
nützliche, harmlose Thierarl ist aber gegenwärtig in allen
östlichen Staaten ausgerottet und ihre Ueberreste sind so
weit westlich hinausgeschoben, dass man jenseit des Mis-
sisippi den Missouri schon sehr weit aufwärts reisen muss,
bevor mann ein einziges dieser Thiere erwarten kann.
Wir erreichten, den Missouri aufwärts verfolgend, die ersten
frischen Spuren von ihnen in der Gegend von Cedar-lsland,
etwa 1100 Miles vom 31issisippi entfernt. Hier waren sie
indessen noch selten und sie nahmen nicht eher an Anzahl
zu, bis man den Teton-River passirt hatte. Recht zahlreich
fanden wir sie erst, als wir etwa 8 Tagereisen aufwärts
von Fort Union zurückgelegt hatten. Gegenwärtig hat man
sie schon über die Rocky Mountains getrieben, wohin sie
sich vor den weissen Jägern geflüchtet haben sollen, wie
man sagt. Ueber den gegenwärtigen Aufenthalt der Rison-
ten geben Major Long in seiner Reise nach dem St. Peters-
River (V. II. p. 25), so wie Audubon und Spencer Baird
Nachricht, ich darf also dorthin verweisen. Die Nachstel-
lungen sind überall so stark, dass diese Thiere auf eine
reissende Weise abnehmen.
Die Heerden der ßisonten weiden zum Theil in grosser
Anzahl in jenen ausgedehnten Prairies und man erstaunt zu-
weilen über ihre Menge, wenn man von der Kuppe eines Hügels
in die Ferne blickt, wo man grössere und kleinere Trupps von
ihnen über die ganze Ebene verbreitet sieht, zwischen wel-
chen sich dann wieder einzelne zerstreute Thiere in bedeu-
tender Anzahl zeigen. Solche Anhäufungen der Bisonten
zeigen alsdann an, dass die Indianer sich nicht in der
Nähe befinden, die ihnen beständig nachstellen. Ausser
der Brunftzeit, die im Monat Juli eintritt, halten sich die
Stiere in kleineren Gesellschaften vereint, von den Kühen
und Kälbern getrennt, alsdann aber suchen sie die letzteren
auf und sind in 8 bis 10 Tagen, wie man versichert, schon
schlecht an Wildpret, nehmen dann aber auch bald den
strengen, unangenehmen Geruch an, der alsdann das Fleisch
Verzeichniss WoidameriUanischer Säugcthiere. 187
der männlichen Thicre verleidet, welches ohnehin hart und
weniger beliebt ist als das der Kühe. Alsdann vernimmt
man die lautröchelnd brummende Stimme des Stiers in allen
Heerden.
Die Kuh wirft gewöhnlich ein Kalb, und zwar im
April oder Mai, doch zuweilen auch zwei. — Diese haben
eine hell röthliclibraune Farbe und man kann sie leicht
aufziehen. Wenn man sie haben will, so reitet man den
Kühen in der Prairie nach, fängt alsdann leicht das Kalb,
welches anfänglich stössig ist und ausschlägt, bald aber,
da es sich von der Mutter verlassen sieht, den Pferden
nachläuft und sehr schnell zahm wird.
Im Sommer leben die Bisonten in den weiten Ebenen
und Hügeln zerstreut, im Winter hingegen suchen sie die
Gebüsche und Walddistricte, und man findet sie alsdann oft
in Mencre in den Ufer-Gebüschen und auf bewaldeten Inseln
des Missouri, aus welchen sie oft bei den kalten Schnee-
Stürmen kaum zu vertreiben sind. Im Sommer suchen sie
täglich die Flüsse auf um zu trinken, und die Heerden treten
alsdann tiefe Pfade oder Wechsel aus, welche sie gewöhn-
lich einzuhalten pflegen. Sie lieben überhaupt sehr das
Wasser um sich zu kühlen, und es kostet ihnen wenig den
starken Missouri heerdenweise zu durchschwimmen und zu
durchsetzen oder zu durchwaten, wobei ihrer manchmal
viele im Schlamme der Sandbänke (Quicksands) versinken,
die alsdann oft die Beute der Indianer, der Wölfe, Bären
und Füchse werden. Jun^e Thiere ertrinken und treiben
den Fluss öfters hinab.
lieber die endlosen Nachstellungen, denen diese Thier-
art ausgesetzt ist, sowohl von den Weissen als den India-
nern, habe ich in der Beschreibung meiner Reise geredet.
Das Fleisch der Kühe ist sehr wohlschmeckend, besonders
liebt man den hump (den erhöhten mit Fett durchwachse-
nen Schulterhöcker), die Zunge und die schweren vortreff-
lichen Markknochen. Ihre Haut giebt einen gesuchten
Handelsartikel und daher sind die unter diesen Thieren an-
gerichteten Niederlagen meistens nur dem weiblichen Ge-
schlechte zugedacht. — Der Stier wird, wenn er alt ist,
nur in der Noth geschossen, da sein Fleisch hart und zum
188
Prinz Maximilian eu Wied
Theil übelriechend, die Haut aber von zu dickem Leder ist.
Oft schiessen die Prairie-Jäger diese Thiere bloss ihrer wohl-
schmeckenden Zungen wegen und lassen (ünlzig, oft mehr
gelödtete Thiere dieser Art unangetastet verfaulen, oder
als Beute für die Haubthiere liegen. — Dem Indianer ist
das ungeborne Bisonkalb ein grosser Leckerbissen.
Die Pelzhandel -Compagnie sendet alljährlich etwa
48,000 bis 50,000 Bisonkuh-Felle nach Sl. Louis und das
Stück wird zu 4 Dollars (10 Fl.) verkauft. Gezähmt ist
der Bison zur Arbeit bei weitem nicht so brauchbar, als
unser Ochse, doch soll man Bastarde von ihnen gezogen
haben, d. h. vom Hausstier und der Bisonkuh, welche sehr
stark und tapfer waren und alle anderen Stiere abschlugen.
Ein recht grosser starker Hausstier soll aber einen Bison-
stier besiegt haben.
Die Benennungen, welche diese Thierart bei einigen
indianischen Nationen trägt, sind die nachfolgenden :
Vereeichniss Nordamerikanischer Säugethiere.
189
Erkläruns der Abbildungen.
Taf. IV.
Fig. 1. Penisknochen von Sclurus cinereus.
„ 2. Drüsen am After desselben Eichhorns.
„ 3. Penisknochen von Sciiirus rufiventer.
190 Prinz Maximilian eu Wied: Nordamerik. Säugethiere.
Fig. 4. Penisknochen von Hesperomys leucopus.
„ 5. Penisknochen von Tonioinys rufescens.
„ 5. Perognalhus fasciatus von unten mit umgekehrten Backen-
taschen.
„ 7. Derselbe von der Seite gesehen, die ßackentaschen ebenfalls
herausgeslülpt.
„ 8. Kopfumriss von Hesperomys leucogaster.
„ 9. und 10, Unterkiefer von Cynomys ludovicianus.
„ 11. Umriss des amerikanischen Biberschwanzes.
Taf. V.
Fig. 1. Geweih des Cervus canadensis von ungerade zwanzig Enden.
„ 2. 2. Geweih des Cervus macrotis von vorn und von der Seite
gesehen.
„ 3. 3. Geweih des Cervus virginianus, ebenfalls von vorne und
von der Seite gesehen.
Taf. VI.
Fig. 1. Kopf des männlichen Ovis montana von vorn gesehen.
„ 2. Derselbe Kopf von der Seite gesehen.
Heber die Verdrängung der natiirgesehiclitlicheii Wis-
senschaften im Vorbereitungs-Examen der Mediziner auf
den Preussischen Universitäten
von
Rudolph Wagner
in Göttinffen.
Die ausführliche Besprechung der Gedächtnissrede auf
Johannes Müller von Du Bois Reymond am Schlüsse meines
diesjährigen Jahresberichts führt mich auf ein Kapitel, das
ich unter besonderer Ueberschrift hier unserem Archive
einverleibe.
In Preussen, dessen Universitäten nach den Freiheits-
kriegen mit jenen musterhaften Verbesserungen und mit der
Beschaffung reicherer Sammlungen und Bildungs-Anstalten
für die Naturwissenschaften vorangingen, war bisher eine
vorbereitende Prüfung für die Mediziner in den letzgenann-
ten Fächern eingerichtet. Im vorigen Jahre ist an deren
Stelle ein Tentamen physicum getreten, in welchem Ana-
tomie und Physiologie neben Physik und Chemie die Prü-
fungsgegcnslände bilden, während Botanik und Zoologie
plötzlich ausgeschlossen sind.
Ich will hier nicht untersuchen, bin auch zu wenig
unterrichtet, inwieweit die mehrfach gehörten Klagen über
unzweckmässige Einrichtung des früheren sogenannten phi-
losophischen Examens in Preussen gegründet sind, in wie
ferne auch der Unterricht in den beiden genannten Fächern
vielleicht zu sehr und ausschliesslich auf die systematischen
Theile gerichtet war. So viel ist gewiss, dass man an
anderen Orten, z. B. in Giessen, in Leipzig, wo man die
bisherige preussische Einrichtung einführte, die günstigsten
Folgen davon gesehen hat.
Aber es ist unverkennbar, dass diese neue Verordnung
den unheilvollsten Einfluss auf das Studium der gesammten
Naturgeschichte schon jetzt hat und weiter noch haben muss.
Durch das Hinauswerfen dieser Fächer hat man dieselben
für bedeutungslos für den Mediziner erklärt und man gräbt
dadurch deren ganzer Cultur in Deutschland die Wurzel ab.
192 Rudolph Wagner:
Diess ist die Folge der auf der einen Seite sicher ge-
botenen und sehr heilsamen Accenluirung der matliemalisch-
physikalischen Wissenschaften. Dieselben sind für die Fort-
schritte der Physiologie und Medizin unentbehrlich ; aber
ohne Hereinziehung der Zoologie und Botanik, unter wel-
cher freilich keine blosse Specicskränierei verstanden werden
darf (bei welchem Ausdrucke ich die Systematik in beiden
Wissenschaften in vollen Ehren gehalten wissen will) wird
jene Richtung vollkommen einseitig und muss allmählich
eben so hemmend für den ächten Fortschritt der Physiologie
und Medizin wirken, wie ihre Vernachlässigung.
Ein einfacher Blick a\if meinen diesjährigen und den
vorigen Jahresbericht mag genügen um zu zeigen, welche
wichtige, für die allgemeine wie für die spezielle Bildung
des Arztes nothwendige Kapitel, mit denen sich unsre heu-
tige Schulphysiologie gar nicht mehr beschäftigt, hier zur
Sprache kamen. Es sind darunter geradezu fundamentale
Fragen für die gesammte Hygiene, für die Erblichkeit, Ent-
stehung und Verbreitung der Krankheiten und Krankheits-
Anlagen, begriffen.
Eine einseitige rein physikalische Betrachtung des
menschlichen Organismus zieht ganz ab von dem geneti-
schen und historischen Zusammenhang des Menschenge-
schlechts mit den übrigen Gliedern des Haushalts auf dem
Erdball, mit den Bodenverhältnissen, der Pflege der Cuitur-
pflanzen und Hausthiere, deren Verwendung zur Nahrung,
zu den socialen und geschichtlichen Bildungsverhältnissen,
den Entwickelungsbedingungen der Völker, der grossen
Verkettung der merkwürdigsten Erscheinungen des Men-
schengeschlechts in seiner räumlichen und zeitlichen Ver-
breitung. Dadurch wird die atomistische Zersplitterung,
die von allen allgemeinen Gesichtspunkten sich lösende
Mikrologie, gefördert. Die gründliche Bearbeitung von
Spezialitäten hat ihre grosse Bedeutung nirgends mehr, als
in den Naturwissenschaften, sie darf aber nicht in eine völ-
lige Ablösung von aller allgemeinen Bildung ausarten.
Indem auf diese Weise den jungen Aerzten eines
Staates von 18 Millionen Einwohnern das Studium grosser
Wissenschaftszweige als bedeutungslos hingestellt wird,
Verdrängung d. naturgesch. Wissensch. etc. 193
entzieht man diesen unmittelbar Kräfte, welche bisher so
vortheilhaft auf die Ausbildung dieser Wissenschaften selbst
gewirkt haben. Anatomie und Physiologie sind ganz un-
entbehrliche Hülfswissenschaften, ja Grundlagen der Zoologie.
Die bedeutendsten Zoologen der Gegenwart und Vergangen-
heit sind Männer, welche sich meistens als Acrzte, um ein
sicheres Brodfach hinter sich zu haben, ausgebildet haben
und in der Schule die Kenntnisse jener Hülfswissenschaften
erwarben. Durch jene Verordnung wird für die Zukunft
ein unberechenbarer Nachtheil geschaffen. Es wird die Aus-
bildung solcher Männer seltener werden. Die gegenseitige
Unterslützuno- der Naturgreschichte und Medizin wird einen
gefährlichen Stoss erhalten. Es wird diess eine Rückwir-
kung auf die ganze Vielseitigkeit und Universalität des
deutschen Geistes haben. Die Naturwissenschaft und die
geschichtlichen Forschungen, die Wissenschaften des Geistes,
werden zum Schaden allgemeiner Cultur noch mehr ausein-
andergehen, ja sich wechselseitig ignoriren und noch mehr
befehden. Die grössten und anziehendsten Fragen, mit
deren Lösungsversuchen, auch wenn sie niemals gelingen
sollten, sich die Welt immer beschäftigen wird, werden nur
um so gleichgültiger oder einseitiger gerade von denen be-
handelt werden, welche zu ihrer Prüfung berufen sind. So
werden nachtheilige Einflüsse auf das höhere Geistesleben
erfolgen, das aus der Biologie stets neue Anschauungen
schöpft.
Das einfachste Nachdenken wird lehren, ohne dass ich
auf spezielle Nachweisungen eingehe, dass diese Verord-
nung nach allen Seiten hin, schon durch das schlimme Bei-
spiel, nachtheilig auf das Studium der organischen Natur-
wissenschaften wirken, dass, wenn dieselbe nicht aufgehoben
oder modiüzirt wird, die unheilvollsten Folgen für die Fort-
schritte der gesammten organischen Naturlehre eintreten
müssen, deren Cultur uns in meinen vorzugsweise für das
deutsche Publikum bestimmten Jahresberichten beschäftigt,
was mir ein Recht giebt, die Sache auf eine entschiedene
Weise, wenn auch am ungewöhnlichen Orte, zur Sprache
zu bringen.
Archiv für Naturg. XXVIII. Jahrg. l.Bd. 13
Die Verwandlung der Porcellanen.
Vorläufige Millheilung.
Von
Fritz Müller
in Deslerro.
(Hierzu Taf. VII.)
Seit zwei Jahren kenne ich eine Zoea, die sich durch
den Mangel des Rückenstachels und durch ungemeine Länge
des gerade vorgestreckten Stirnhorns vor ihren Verwand-
ten auszeichnet; doch erst vor wenigen Monaten erkannte
ich in ihr den Sprössiing derselben Porcellana, deren son-
derbare Schmarotzer ich in meinen letzten Aufsätzen den
Lesern des Archivs vorführte. Inzwischen fand ich Gelegen-
heil, die junge Brut von noch zwei anderen Porcellaniden
zu untersuchen. Die eine ist eine kleinere Porcellana mit
fast kreisrundem Rückenschilde, die sich selten an Felswän-
den zwischen Polypen und Moosthieren findet; — die andere
(Fig. 1 — 3) hält sich schmarotzend auf einigen Arten after-
loser Seeslerne auf und unterscheidet sich im ganzen Aus-
sehen, in den Scheeren , und besonders durch die Kürze
der äusseren Fühler so sehr von den eigentlichen Porcella-
nen, dass ich sie als Vertreter einer eigenen Gattung an-
sehe und Porcellina stelHcola nenne ^'^).
Da diese Porcellana-Larvcn in allen wesentlichen Ver-
hältnissen mit der Zoeaform der jungen Krabben überein-
stimmen, verspare ich ihre ausführliche Beschreibung für
*) Koch merkwürdiger durch ihre Lebensweise ist eine andere
Porcellana (P. Creplinii n. sp.), die sich paarweise in der Röhre des
Ohaetopterus pergamentaceus aufhält.
Müller: Die Verwandlung der Porcellanen. 195
eine grössere Arbeit über die Jugendzustände der Krabben,
zu der ich seit läng-erer Zeit StoIT sammle und beschränke
mich für jetzt auf eine übersichtliche Schilderung- ihres
Baues.
Der Rückenschild ist von eiförmigem Umrisse und
deckt nicht nur oben und seitlich den vorderen ungeglie-
derten Körpertheil, sondern auch die ersten freien Ringe
des Hinterleibes. Gerade vorgestreckt entspringt seinem
Vorderrande ein Stachel oder Hörn, das die Länge des
Schildes bis über 5mal (bei der kleineren Porceliana 8mal)
übertrifft. Zwei ähnliche Stacheln erstrecken sich vom
Hinterrande des Schildes gleichlaufend (bei Porcellina bis-
weilen auseinanderweichend) gerade nach hinten; bei der
kleineren Porcellana (Fig. 10), wo sie nur 2/3 der Länge
des Schildes erreichen, ist ihre Spitze leicht abwärts ge-
bogen und nahe ihrem Ursprünge tragen sie einen ansehn-
lichen schief nach unten und vorn gerichteten Dorn; bei
der gemeinen Porcellana sind sie unten mit einer ganzen
Reihe kleiner Dornen weitläufig besetzt und übertreffen
schon die Länge des Schildes, dessen mehr als dreifache
Länge sie bei Porcellina erreichen. So ist bei dieser letz-
ten Art der Schild der eben ausgeschlüpften Jungen mit
seinen Fortsätzen doppelt so lang, als der der Mutter.
Ausser diesem wunderlichen Rückenschilde ist nur
noch die Bildung des zu einer Flosse verbreiterten letz-
ten Ringes auffallend von anderen jungen Krabben ver-
schieden. Es ist bekannt, dass der letzte Ring der Krab-
benlarven jederseits in ein oft sehr ansehnliches Hörn sich
auszieht, und dass in der mittleren Bucht zwischen diesen
Hörnern jederseits drei kurze gefiederte Borsten zu stehen
pflegen. Bei den Porcellanen sind die seitlichen Hörner
durch unbedeutende Stacheln vertreten, und der mittlere
Theil springt zwischen ihnen so weit vor, dass der ganze
Schwanz ungefähr die Gestalt einer Raute annimmt. Be-
sonders langgezogen, über doppelt so lang als breit, ist
derselbe bei Porcellina. An jeder der beiden hinteren
Seiten der Raute stehen 5 lange gefiederte Borsten. (Eine
Mittelform, näher jedoch den Porcellanen sich anschliessend,
bildet der Schwanz der jungen Paguren.J
196 Müller:
In allein Uebrigen , dem Baue der Augen, Fühler,
Mundtheile und Füsse, so wie der inneren Tlieile, stimmen
die jungen Porcellanen vollständig mit den jungen Krabben
überein und zeigen keine grössere Verschiedenheit von
ihnen, als sie selbst oder jene unter sich.
Hier wie dort sind die vorderen Fühler (Fig. 5, a)
ungegliedert und haben einen starken Nervenknoten in
der Nähe ihrer Spitze, von der ausser einigen winzigen
Borstchen zwei (bei Porcellina drei) längere eigenlhümliche
Fäden entspringen. Sie sind von gleichmässiger Dicke,
oder seltener schwach verjüngt, enden abgerundet und
unterscheiden sich ausserdem durch sehr zarte Umrisse
und matte Trübung von anderen Borsten. Dieselben Fäden
kehren übrigens wieder auch an den vorderen Fühlern der
jungen Bopyriden (besonders deutlich bei Eutonitaes Can~
crorum n. sp.) und Rankenfüssern, bei welchen letzteren
sie einzeln auf einem winzigen Grundgliede dicht neben dem
Auge entspringen.
Die hinteren Fühler (Fig. 5, b) zeigen bei Porcellina
slellicola schon grosse Aehnlichkeit mit denen des erwach-
senen Thieres (Fig. 2) ; dasselbe aufgetriebene Grundglied
mit der bekannten Oeffnung des noch immer streitigen
Sinnesorganes, dasselbe spitzig dreieckige zweite Glied,
von dem aussen und oben hier eine mehrgliedrige Geissei,
dort ein einfacher stachelförmiger Fortsatz entspringt. Die-
selben Stücke in ganz ähnlicher Gestalt finden sich auch
bei den anderen Arten *).
Die Mundtheile (Fig. 5) bestehen aus einer höchst
ansehnlichen Oberlippe (c), zwei starken, scharf gezähnten,
wie es scheint, tasterlosen Oberkiefern (d), einer zweithei-
ligen Unterlippe (e) und zwei Paaren Unterkiefer (f, g).
Der vordere Unterkiefer (Fig. 8) ist in drei, der hintere
(Fig. 9) in fünf mit starken , zum Theil gezähnten oder
gefiederten Borsten bewehrte Blätter gespalten, und letzterer
trägt nräch aussen noch eine grössere häutige Platte , die
*) Bei der Zoea einer 4(leinen Xantho erreichen die äusseren
Fühler (Fig. 11) die Länge des Slirnhorns und die spätere Geissei ist
von fast verschwindender Kleinheit.
Die Verwandlung der Porcellanen. 197
nach hinten in einen fingerförmig-en Fortsatz ausläuft, der
Fortsatz trä^t eine, die Platte selbst vorn und am Rande
sechs gefiederte Borsten. Diese Platte ist aufwärts gebo-
gen und zwischen Leib und Rückenschild in beständiger
Bewegung.
Die beiden Schwimmfusspaare bestehen aus einem
starken cylindrischen Grundgliede und je zwei Endästen,
der innere Ast, den das Thier vorwärts zu strecken liebt,
hat vier, der äussere, der nach aussen und oben geschla-
gen zu werden pflegt, zwei weniger deutlich geschiedene
Glieder. Am Ende des äusseren Astes stehen vier längere
Fiederborsten, eine einzelne Fiederborste am Ende des 3ten
Gliedes am inneren Aste des letzten Paares, einfache Bor-
sten am Grundgliede und an allen Gliedern des inne-
ren Astes.
Hinter dem Ursprung der Schwimmfüsse beginnt der
sechsgliedrige anhangslose Hinterleib, der oben etwas
hinter der Mitte des Rückenschildes von diesem sich loslöst.
Der Magen ist etwas erweitert, und zeigt schon
(wenigstens bei Porcellina) mit Borsten besetzte Längs-
leisten; neben ihm liegen jederseits zwei vorwärts und
zwei rückwärts gerichtete Leberblindsäcke; der Darm ver-
läuft gerade und öffnet sich etwas vor der Mitte des
Schwanzringes.
Das Herz, am Hinterende der Brust gelegen (bei
jungen Krabben unter dem Ursprünge des Rückenstachels),
scheint schon ganz wie beim erwachsenen Thiere gebaut
zu sein und dieselben Gefässe abzugeben. Das vordere
unpaare Gefäss lässt sich leicht bis fast zur Spitze des
Stirnhorns verfolgen, dessen oberer Wand es anliegt. Blut-
körperchen sind in den ersten Tagen äusserst sparsam (was
indessen nicht für alle Zoea gilt).
In jedem Hinterleibsringe liegt ein ansehnlicher Ner-
venknoten, der durch zwei getrennte Stränge mit seinen
Nachbarn in Verbindung tritt; im vorderen Theile des
Thieres konnte ich das Nervensystem im Zusammenhange
noch nicht mit rechter Schärfe erkennen.
Wenn es leicht ist, in reichlicher Zahl sich die frü-
hesten Zustände der verschiedensten Kruslenthierc zu ver-
198 Müller:
schaiTen , so ist es um so schwieriger, über ihre späteren
Schicksale Aufschluss zu erhallen. Obschon die Porcelianen
zu den allgemeinsten Kruslern gehören , fand ich erst ein
einziges Mal (im December vorigen Jahres) eine ältere
Larve (Fig. 6, 7). An der Stelle, \vo ich sie fing, lebt
weder Porcellina slellicola, noch Porcellana Creplinii; die
Larven aber der gemeinen und der kleineren Porcellana
sind schon durch die hinleren Forlsälze des Rückenschildes
auf den ersten Blick zu unterscheiden und so kann diese
Larve unbedenklich der ersteren Art zugetheilt werden,
von deren frühester Form sie nur durch 12 (statt 10)
Borsten des Schwanzringes und durch die Anwesenheit je
eines Paares kurzer ungegliederter Anhänge an den vier
vorhergehenden Ringen verschieden ist. Diese eine Larve
war zum Glück ungemein lehrreich dadurch, dass sie, der
Häutung nahe, schon die neuen Glieder mit verschiedener
Deutlichkeit innerhalb der alten wahrnehmen Hess.
Die neuen äusseren Fühler hallen eine vielgliedrige
Geissei, Füsse mit grossen Scheeren und andere nicht voll-
sländig zu entwirrende Gliedmassen waren hinter den
Schwimmfüssen angelegt, so wie innerhalb des Schwanz-
ringes eine fächerförmige Endflosse (Fig. 7).
Wenn somit die Larve selbst sich eng an den frühe-
sten Jugendzustand anschliesst , so dürfte das aus der
nächsten Häutung hervorgehende Thier kaum noch wesent-
lich von der erwachsenen Porcellana verschieden sein.
So weil meine zu vorläufiger Miltheilung geeigneten
Beobachtungen. Ihr Ergebniss fasse ich in einige kurze
Sätze zusammen :
Die Zoeaform der Krabben entbehrt vollständig der
fünf eigentlichen Fusspaare und selbst der sie tragenden
Ringe.
Die Schwimmfüsse der Zoea werden zu Kieferfüssen
der Krabbe.
Die Porcelianen sind Krabben, die auf der Slufe der
Megalops stehen geblieben sind ^').
^) Auch bei Aiilne Edwards sieben bekanntlich Megalops
und Porcellana in derselben Familie.
Die Verwandlung der Porcellanen. 199
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1. P orcellina stellicola n. g. et n. sp. 5mal vergr.
2. Aeussere Fühler derselben, 25nial vergr.
3. Fünftes Fusspaar des Männchens derselben, 45mal vergr.
4. Jüngste Zoeaform derselben, v. oben, 15mal vergr.
5. Kopftheil derselben, v. unten, 90nial vergr.
a vordere, b hintere Fühler, c Oberlippe, d Oberkiefer,
c Unterlippe, f erstes, g zweites Paar der Unterkiefer.
6. Aeltere Zoeaform der (in Santa Catharina) gemeinen
Porcellana, 6mal vergr.
7. Schwanzende derselben (45mal vergr.). Im Innern sieht
man die fächerförmige Schwanzflosse des nächstfolgenden
Zustandes angelegt.
8. Erster und
9. Zweiter Unterkiefer der jüngsten Zoeaform der gemeinen
Porcellana.
10. Hintere Fortsätze des Rückenschildes von der jüngsten
Zoeaform einer kleineren Porcellana.
11. Aeussere Fühler der jüngsten Zoeaform einer kleinen
Xantho. g Geissei.
Desterro, Anfangs November 1861.
Ein Beitrag zur Keuutniss der Tänien.
Von
Luduig Stieda
aus Dorpat.
(Hierzu Taf. YIII).
Aus den so zahlreichen die Gruppe der Taenioiden
bildenden Cestoden sind bisher fast nur die ßlasenband-
würmer einer besonderen Untersuchung in Bezug auf die
Geschlechtsorgane unterworfen worden, während die ande-
ren Tänien wenig Berücksichtigung gefunden haben. Es
bieten aber die einzelnen Formen — wie bereits die von
Pagenstecher^) gelieferte Beschreibung der Geschlechts-
organe der Taenia microsoma gelehrt hat — sehr eigen-
thümliche und in vielen Stücken von der bei den Blasen-
bandwürmern gefundenen Anlage der Geschlechtsorgane
abweichende Bildungen, welche insofern an Wichtigkeit
gewinnen, als es scheint , dass sich gerade auf die ver-
schiedene Bildung der Geschlechtsorgane eine sichere und
naturgcmässe Eintheilung der unzähligen Taenioiden wird
begründen lassen, als bisher es möglich war. Desshalb
hoffe ich, dass vorliegende geringe Mittheilung, in der ich
eine Beschreibung der Geschlechtsorgane einiger, zum Theil
wenig, zum Theil gar nicht gekannter Tänien versucht habe,
nicht ganz ohne Interesse sein wird.
Im Dünndarme der Feldmaus (Hypudaeus arvalis) findet
sich häufig ein ansehnlicher Bandwurm , den ich nach der
^•■) 1* ag e ns tech er , Beitrag zur Kenntniss der Geschlechls-
organe der Tänien in Kölliker's ii. v. Siebold's Zeitschrift für wis-
senschaftliclic Zoologie Bd. IX. ]^-b2'd.
Stieda: Ein Beitrag zur Kenntniss der Tänien. 201
von Dujardin gegebenen Charakteristik *) mit besonde-
rer Berücksichtigung des Fundortes für die Taenia ompha-
lodes Hermann halten muss.
Diese Tänie ist 120 — 160 Mm. lang; der Kopf ist
viereckig*, misst 1,5 — 2,5 Mm. und ist deutlich vom Band-
wurmkörper abgesetzt, besitzt weder einen Rüssel noch
Hakenkränze, sondern nur vier runde, 0,35 Mm. im Durch-
messer haltende Saugnäpfe. Der sogenannte Halstheil, an
welchem man auch mit Hülfe des Mikroskopes keine Glieder
erkennt, ist 1,5 — 2,5 Mm. lang und 1 Mm. breit. Die nun
folgenden deutlich erkennbaren Glieder nehmen schnell an
Breite zu, so dass in einer Entfernung von 25 — 35 Mm. vom
Kopfe die Glieder schon 4 — 5 Mm. breit sind. Diese Breite
behalten die Glieder jedoch nicht bei, sondern verschmä-
lern sich in dem untersten Theile des Wurmes bis auf 3 Mm.
Die Länge der Glieder nimmt am Kopfe sehr allmählich,
aber stelig zu; die breitesten Glieder besitzen eine Länge
von 1/2 — 1 Mm., so dass sie etwa fünfmal so breit als lang
sind, die letzten Glieder sind etwa 2 Mm. lang. Dieser
Kürze der Glieder wegen hat die Tänie in ihrem oberen
Theile ein sehr fein gestreiftes Aussehen, während erst im
unteren Theile mit dem Längerwerden der Glieder auch die
den Bandwürmern im Allgemeinen mehr oder weniger eigen-
thümliche Zackenform sich darbietet. Die Geschlechtsöff-
nungcn linden sich nicht stets auf einer und derselben Seite,
sondern in unregelmässigen Abschnitten bald auf der einen,
bald auf der anderen Seite. Die Zahl der die Tänie for-
menden Glieder lässt sich durch direkte Zählung, welche
an dem dem Kopfe zunächst liegenden Theile mittelst des
Mikroskopes vorgenommen werden muss, auf 250 — 300 be-
stimmen. Einen vollkommen ausgebildeten Fruchthälter mit
deutlich erkennbaren Eiern zeigen die ersten Glieder des
dritten Hunderts ; vollkommen entwickelte Embryonen linden
sich etwa 25 Glieder später.
An den dem Kopfe zunächst liegenden 40 — 50 Gliedern
erkennt man noch keine ausgebildeten Geschlechtsorgane,
*) Dujardin, llistoire naturelle des llclminthes. Paris 1845-
pag. 578.
202 Stieda:
wohl aber in der Partie eines jeden Gliedes, in welcher
die Geschlechtsorgane entstehen sollen, eine stärkere Zel-
lenanhäulung. Diese differenzirt sich allmählich in der
Weise, dass sich ein in der Mittellinie des Gliedes gelege-
ner rundlicher Maulen, aus welchem die weiblichen keim-
bereilenden Organe sich herausbilden, abgrenzt: einerseits
von einer an dem Seitenrande des Gliedes zur Entwicke-
lung der Hoden bestimmten Masse und andererseits von
einer am entgegengesetzten Rande des Gliedes gelagerten
kleinen und länglichen Zellenmasse, welche den keimlei-
tenden Organen zur Entwickelung dient.
In den folgenden Gliedern (40 — 80), welche nament-
lich in der Breite zunehmen, entwickeln sich hier zuerst
die Hoden. Aus der Masse, welche an der dem Genital-
porus entgegengesetzten Seite beündlich ist , bildet sich
nämlich eine grosse Gruppe kleiner 0,035 — 0,056 Mm. im
Durchmesser haltender rundlicher Körperchen (Fig. I u. UaJ,
welche allmählich an Grösse und an Zahl zunehmend, bald
die eine Hälfte des Gliedes einnehmen. Diese Körperchen
erscheinen zuerst feinkörnig, später blass und durchsichtig
und repräsentiren die bekannten Hodenbläschen oder
Hodenschläuche der Tänien. Querschnitte lassen er-
kennen, dass diese Hodenbläschen von einer feinen struk-
turlosen Membran umschlossen im Innern eine noch zellige
Masse enthalten, während am Rande schon die feinen, zar-
ten, sehr langen Samenfäden aufgerollt sich vorlinden. Bis-
weilen ist man im Stande, einen feinen Auslührungsgang
an diesen Körperchen zu erkennen. Zugleich hat sich auf
der den Hoden entgegengesetzten Seite des Gliedes aus der
hier befindlichen Zellenanhäufung eine längliche Blase
(Fig. I f) gebildet, welche 0,210 Mm. lang und an der
breitesten Stelle 0,070 Mm. breit ist. Es ist der Cirrus-
beutel, welcher an seinem der Mittellinie des Gliedes
zugewandten Ende etwas zugespitzt ist, mit dem anderen
abgerundeten an den Genitalporus anstösst. Er enthält den
0,056 Mm. langen und 0,014 Mm. breiten Penis oder Lem-
niscus. Dieser setzt sich in das Vas deferens fort, welches
ohne Schlingen zu bilden hinter dem Cirrusbeutel
verschwindet. Auf günstigen Querschnitten lässt es sich
|£in Beitrag zur Kenntniss der Tänien. 203
jedoch bis über die Mittellinie des Gliedes hinaus verfolgen.
Einen Zusammenhang mit den oben beschriebenen feinen
Ausführungsgängen der Hoden habe ich niemals gesehen.
In den folgenden Gliedern (80—100) treten, bei noch
weilerer Grössenzunahme der Hodenbläschen und des Cir-
rusbeutels, auch die weiblichen Organe entgegen (Fig. 1).
Während bisher zwischen Hoden und Cirrusbeutel sich nur
ein undeutlich begrenztes Organ von unbestimmtem Aus-
sehen wahrnehmen Hess, lassen sich jetzt zwei deutlich in
Form und Inhalt von einander getrennte Organe unter-
scheiden. Am unteren Rande eines jeden Gliedes befindet
sich ein elliptischer mit seiner Längsaxe im Breitendurch-
messer des Gliedes gelagerter Körper, der Keimstock
(Fig.Iu. IIc), der 0,0280— 0,0350 Mm. lang und 0,210 Mm.
breit ist und mit einem feingekörnten Inhalte erfüllt
erscheint. Wach unten zu ist der Keimstock ziemlich scharf
abgegrenzt, während nach oben zu die Grenzen sich nicht
so deutlich ausprägen, weil die Dotterstöcke sich dar-
über lagern. Diese nehmen den Zwischenraum zwischen
dem Keimslocke und dem oberen Rande des Gliedes ein,
sich nach rechts und links ausbreitend, und stellen sich als
aus einer Menge grösserer und kleinerer Blinddärme zu-
sammengesetzt dar, die zur Mittellinie des Gliedes hin sich
zu vereinigen scheinen (Fig. I u. IIb). Sie haben, wie
man beim Zerzupfen und noch deutlicher auf Querschnitten
sieht, einen grobkörnigen Inhalt, der aus einer Menge das
Licht stark brechender, homogener sehr kleiner Körperchen
besteht. — Am unteren Rande des Cirrusbeutels liegt ein
mehr oder weniger deutlich hervortretender Kanal (Fig. I
u. H e), der an seiner in den Porus genitalis einmündenden
Oefinung etwas erweitert ist. Dieser an der Mündung
0,021 Mm., späternur 0,007— 0,014 Mm. breiter Kanal stellt
die Vagina dar. Dicht hinter dem der Mittellinie des
Gliedes zugewandten Ende des Cirrusbeutels schwillt dieser
Kanal plötzlich zu der bedeutenden Anschwellung von
0,070 Mm. an (Fig. I, II d); die Grenzen dieser Anschwellung
entziehen sich in der Nähe des Keimstockes und der Dot-
terstöcke der Wahrnehmung, so dass es scheint, als ob die
Anschwellung sich zwischen jene Organe hineinschöbe.
204 Stieda:
Einen Zusammenhang zwischen der Anschwellung des Va-
ginalkanals und den keimbereitenden Organen habe ich
nicht ermitteln können. Der Inhalt dieser Anschwellung
besieht, wie man sich leicht überzeugen kann, aus Samen-
fäden , so dass man es hiernach nur mit einer zu beson-
derer Ausdehnung gelangten Samentasche der Vagina
oder einem Receptaculum seminis zu thun hat.
Während nun das Receptaculum seminis sich durch
vermehrte Aufnahme von Samen stärker füllt und der Keim-
stock nebst den Dotterstöcken sich mehr und mehr ausdeh-
nen, treten die Hoden eine rückschreitende Metamorphose
ein und verschwinden allmählich (Fig. II).
Mit dem löOsten Gliede etwa tritt die erste Andeutung
des Fruchthälters oder Uterus auf (Fig. II). Nicht allein am
oberen Rande, sondern auch an den beiden seitlichen Rän-
dern des Gliedes erscheint der Uterus als ein mit Ausstül-
pungen versehener Hohlraum im Körperparenchym angefüllt
mit einer dem Inhalte der Dotterstöcke gleichenden Masse.
Die folgenden Glieder bieten die verschiedenen Entwicke-
lungsstufen des Uterus dar, während die anderen Organe
allmählich verschwinden. Gegen das Ende des 2ten Hun-
derts der Glieder, an welchen sich der Fruchthälter in
seiner Ausbildung darstellt, sind von den übrigen Organen
nur der Cirrusbeutel und Vaginalkanal nebst dem Recepta-
culum seminis erhalten (Fig. III); letztere Organe sind ganz
an den unteren Rand des Gliedes gedrängt worden und
haben an Ausdehnung bedeutend abgenommen. Charakte-
ristisch ist die Form des Uterus, indem der Hauptstamm
desselben, entsprechend der kurzen aber breiten Form der
Proglottiden, der Quere nach verläuft, während die seitlichen
Aeste oder die einzelnen Ausstülpungen der Länge des
Gliedes entsprechend gestellt sind.
Da die Entwickelung der Eier nicht ausreichend von
mir erforscht worden ist, so füge ich nur Einiges über die
in den letzten Proglottiden gefundenen reifen Eier hinzu.
Dieselben (Fig. IV) erscheinen glatt, vollständig rund, sind
0,035 — 0,420 Mm. im Durchmesser, sie besitzen zwei Hül-
len, von denen die äussere 0,0035 Mm. dick ein geschich-
tetes Ansehen darbietet, während die andere dem Embryo,
Ein Beitrag zur Kenntniss der Tänien. 205
an welchem die Embryonalhäkchen kaum sichtbar sind, eng
anliegend, sehr fein und strukturlos erscheint.
Es fand sich bisweilen, doch nur selten, im Dünn-
därme der Feldmaus noch eine andere Tänie, welche ich
hier noch anführe, weil dieselbe in Bezug auf den Genilal-
apparat vollständig mit der Taenia omphalodes überein-
stimmt. Ganz genaue Angaben über Länge, Grösse dieser
Tänie zu machen, bin ich nicht im Stande, da die mir zu
Gesicht gekommenen Exemplare niemals ganz vollständig,
namentlich nicht in Besitz von ausgebildeten reiten Pro-
glottiden waren. Ich erwähne nur, dass diese Tänie in
Bezug auf den Kopf und den oberen Theil ganz der Taenia
omphalodes gleicht, jedoch von etwas geringeren Dimen-
sionen ist, im unteren Theile sich aber dadurch auszeich-
net, dass die Glieder, während dieselben schmäler werden,
sich bedeutend verlängern, so dass die letzten Glieder
dreimal so lang als breit sind und seitlich etwas zusam-
mengedrückt erscheinen. Ich halte diese Tänie für iden-
tisch mit der Taenia pusilla Goeze , die freilich bisher nur
als bei den Hausmäusen und Ratten vorkommend erwähnt
wird, deren Beschreibung aber auch recht gut auf die hier
vorliegende Tänie passt.
Im Dünndarme der Spitzmäuse (Sorex araneus) habe ich
zwei sowohl durch Grösse, als auch durch Form der Haken
deutlich von einander unterschiedene Tänien angetroffen,
die jedoch mit der von Dujardin^*") gelieferten Charak-
teristik einiger von ihm in den Spitzmäusen gefundenen
Tänien nicht übereinstimmen. Ich halte dieselben daher
für bisher unbekannt gebliebene Formen.
Die eine dieser beiden Tänien, die sich sehr häufig
zu 10 — 20 fast in jeder Spitzmaus vorfindet und die ich als
Taenia uncinata bezeichnen will, ist 10 — 15 Mm. lang. Der
Kopf ist 0,280 Mm. breit, hat vier 0,056 Mm. im Durch-
messer haltende Saugnäpfe und einen kurzen Rüssel, der
einen einfachen aus 14 — 18 Haken bestehenden Kranz trägt.
Der Kopf geht unmittelbar in den nur wenig schmäleren
Hals, der keine Gliederung zeigt, über. Die Zahl der
*) Dujardi n 1. c. p. 562.
206 S t i e d a :
zählbaren Glieder beträgt etwa 120. Die an den Halstheil
sich anschliessenden Glieder sind 0,182 Mm. breit und
nehmen weiter sowohl an Breite als an Länge zu, so dass
die letzten Glieder etwa 0,560 Mm. breit und 0,210 Mm.
lang sind. Die GeschlechtsöfTnungen befinden sich alle auf
einer Seite des Wurmes, je in derMilte des Gliedes. Die
Ilaken haben eine sehr charakteristische Form : sie sind
sehr (Fig. VII, a) stark gekrümmt und besitzen eine ziem-
lich feine Spitze. Die äusserste Spitze des Hakens ist am
äussersten Ende des Wurzelfortsatzes 0,0175 Mm., vom Ende
des Zahnfortsatzes nur 0,0035 Mm. entfernt; die beiden
Fortsätze stehen 0,0140 Mm. von einander.
Die verschiedenen Entwickclungsstufen der Geschlechts-
organe, wie sie sich in den verschiedenen Gliedern dar-
stellen, sind bei dieser Tänie nicht so gut zu beobachten,
als es bei der Taenia omphalodes möglich war. Es ergiebt
sich nur, dass auch hier in jedem Gliede, besonders an
drei Stellen, die Entwickelung beginnt. Die eine befindet
sich am oberen Rande eines jedes Gliedes, hier bilden sich
der Cirrusbeutel und die Vagina, wogegen aus zwei in der
Mitte des Gliedes gelegenen Zellenhaufen sich die keim-
bereitenden Organe herausbilden.
An einem geschlechtsreifen Gliede (Fig. V) fällt vor
allem ein in der Mitte des Gliedes gelagertes Organ auf,
welches der Form nach mit einer Retorte verglichen wer-
den kann. Das zum Rande des Gliedes hingewandte Rohr
derselben (Fig. Ve) mündet in den Genitalporus ein, wäh-
rend der Kolben (Fig. Vd) fast den unteren Rand des
Gliedes berührt und hier von zwei anderen Organen um-
geben wird. Der Durchmesser des Rohres beträgt an der
äusseren Mündung 0,0070 Mm., erweitert sich bis auf
0,0105 Mm.; der Durchmesser des Kolbens ist 0,035-0,52 Mm.
Der Inhalt besteht, wie man sich leicht überzeugt, aus
Samenfäden. Unter oder über dem Rohre, oft völlig durch
dasselbe verdeckt, befindet sich eine kleine, 0,042 Mm.
lange und 0,0105 Mm. breite, nach beiden Enden zugespitzte
Blase (Fig. V f), die oberhalb der Einmündung des Rohres
in den Genitalporus ausläuft. Es ist dieses der Cirrus-
beutel, welcher den kleinen, selten hervorgestülpten Penis
Ein Beitrag zurKenntniss der Tänien. 207
enthält; nach hinten geht der Penis in das Vas defe-
rens über, welches auch hier keine Schlingen zeigt,
sondern vom retortenförmigen Organ bedeckt, verschwindet.
Dieses ret ortenförmige Organ findet sich, wenngleich
nicht stets, von derselben Ausdehnung und Form auch bei
anderen Bandwürmern und ist früheren Forschern nicht
unbekannt geblieben, hat aber meist eine nicht richtige
Deutung erfahren. Von Dujardin ist dasselbe, wie aus
der Beschreibung und Abbildung der von ihm beobachteten
Tänien ^') der Spitzmäuse (Taenia pistillum, T. tiara, T.
scalaris und T. murina) hervorgeht, für den in den Cirrus-
beutel einmündenden Hoden gehalten worden — eine An-
sicht, welche auch in jüngster Zeit Wei nl a nd *^) für das
nämliche Organ der Taenia flavopunctata ausgesprochen hat.
Dagegen hat Herr Prof. Leuckart, wie ich aus münd-
lichen Mittheilungen weiss, bereits vor längerer Zeit bei
der Taenia nana das entsprechende Organ als den Vagi-
nalkanal mit sehr stark erweitertem Receptaculum seminis
erkannt. Nach der oben gegebenen Beschreibung bedarf
es keiner weiteren Auseinandersetzung, um auch hier bei
der Taenia uncinata mit Sicherheit in jenem Organe die
Vagina und das sich daraus hervorbildende Recepta-
culum seminis zu erkennen, welches diese Gruppe der
Tänioiden ganz besonders von denBlasenbandwürmern unter-
scheidet. An dem dem unteren Rande des Gliedes genäher-
ten Theile des Receptaculum liegt der elliptische 0,025 Mm.
lange und 0,014 Mm. breite mit feinkörnigem Inhalte an-
gefüllte Keim stock (Fig. Vc), zu beiden Seiten die
grobkörnig aussehenden Dotterstöcke (Fig. V b). Einen
Zusammenhang zwischen Keimstock, Dotterstöcken und Re-
ceptaculum seminis konnte ich nicht finden. Der noch
übrige Raum des Gliedes wird von 3 — 5 hellen durchsich-
tigen Hodenbläschen, welche rund sind und 0,035 Mm.
im Durchmesser haben, eingenommen.
") Dujardin 1. c. p. 562 ff.
'^) Beschreibung zweier neuer Tänioiden des 3IenschcQ. Jea^
1861. S. 9.
208 Stieda:
An den die nächstfolgenden Enlwickclungsslufen dar-
bietenden Gliedern sind alle Organe bis auf den Cirrusbeutel
und das Receptaculum seminis, welches deutlich zum un-
teren Rande des Gliedes hin eine kanalförmige Forlsetzung
hat, verschwunden; dagegen tritt alsbald der Uterus mit
seinen Eiern auf. Er bietet jedoch hier nicht wie bei an-
deren Tänien die oftmals schon mit einem Stamme und
Nebonästen verglichene charakteristische Form, sondern
bildet nur einen mit dicht neben einander liegenden Eiern
erfüllten Schlauch, der das ganze Glied einnimmt. Jedes
Glied enthält etwa 100 bis 150 Eier. Die vollkommen aus-
gebildeten Eier (Fig. VII) sind elliptisch, 0,0560 Mm. lang
und 0,0455 Mm. breit und zeigen drei Eihüllen, von denen
die äusserste glatt und durchsichtig ist, die mittelste sehr
dünne sich leicht faltet, die innerste dem Embryo eng an-
liegende 0,0035 Mm. dick ist. Der Durchmesser des sechs-
hakigen Embryos beträgt 0,0315 Mm., die deutlich sicht-
baren Embryonalhäkchen sind 0,0105 Mm. lang.
Die zweite in der Spitzmaus angetroffene Tänie, die
ich der gabelförmigen Form ihrer Haken wegen Taenia fur-
cata nennen will, ist sehr selten. Ihre Länge beträgt
g — 10 Mm.; der runde vom Halstheile deutlich abgesetzte
Kopf ist 0,151 Mm. in der Breite, besitzt vier Saugnäpfe
und einen kurzen Rüssel, der mit einem durch 22 — 28 Ha-
ken gebildeten Hakenkranz versehen ist. Der Halstheil ist
0,210 Mm. breit. Die Breite der Glieder nimmt allmählich
mit der Länge zu, so dass die breitesten Glieder 0,56 Mm.
breit und 0,21 Mm. lang sind; die letzten Glieder, aus
denen die Eier schon entfernt sind, zeigen kleinere Dimen-
sionen; sie sind 0,280 Mm. breit und 0,105 Mm. lang. Die
Zahl der deutlich zählbaren Glieder ist 100. Die Genital-
öfTnungen sind alle auf einer Seite.
Die Haken zeichnen sich durch einen langen und dün-
nen Wurzelfortsatz aus, der sich deutlich vom eigentlichen
Hakenfortsatz abgrenzt. Die Entfernung des Wurzelfort-
satzes von der Hakenspitze beträgt 0,0240 Mm.; die Haken-
spitze ist vom Zahnfortsatze 0,005 Mm. entfernt, die beiden
Fortsätze von einander 0,0210 Mm.
In Bezug auf die Geschlechtsorgane und die Eier habe
Ein Beilrag zur Kenntniss der Tiinien. 209
ich Nichts hinzuzufügen, da Alles bei der Taenia unciata
gesagte auch für diese Täuie gilt.
Ich halle es für eine angenehme Pflicht, auch hier
Herrn Prof. Leuckart meinen Dank auszusprechen, nicht
allein für die Bereitwilligkeit, mit welcher er mir die zu
meinen Untersuchungen nothvvendigen Hülfsmittcl des zoo-
logischen Institutes zu Giessen zu Gebote stellte, sondern
auch für die freundliche und anregende Theilnahme, welche
er meinen Arbeiten schenkte.
Giessen, Ende November 1861.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. I— IV gehören der Taenia omphalodes an.
Fig. I. Glied mit entwickeltem Geschlechts-Apparat.
a. Hodenbläschen.
b. Dotterslock.
c. Keimstock.
d. Receplaculum seminis.
e. Vagina.
f. Cirrusbeutel mit Penis. *
Fig. 11. Bezeichnung wie bei Fig. I.
g. Uterus.
Fig in stellt ein Glied mit vollkommen ausgebildetem Ulerns dar.
Bezeichnung wie oben.
Fig. IV. Eier der Taenia omphalodes.
a. Embryo.
b. Aeussere Eihülle.
Fig. V. Glied der Taenia uncinata.
a — f. Wie in Fig. I.
Fig. VI. a. Haken der Taenia uncinata.
b. Haken der Taenia furcata.
Fig. VII. Eier der Taenia furcata.
a. Aeussere,
b. mittlere,
c. innere Hülle.
Archiv f. isaturg. XXVIIL Jakrg. 1. Bd. 14
Die Larven der Hypodermen,
ein Beitrag" zur Lösung der Frage , wie dieselben unter
die Haut ihres Wohnthieres gelangen.
Von
Friedrich Brauer
in Wien.
Im vorigen Jahrgange Ihres Archivs hat Herr Prof.
R. Leuckart einen sehr interessanten Aufsatz über die
Larvcnzustände der Museiden veröffentlicht, welcher mich
veranlasst, Ihnen nachstehende Beobachtung zu übersenden,
mit der Bitte, dieselbe in Ihrer geschätzten Zeitschrift
aufnehmen zu wollen.
Ich habe im August 1860 in der k. k. zoologisch-bo-
tanischen Gesellschaft meine Beobachtungen über das Häuten
der Hypodermen-Larven veröffentlicht und war sehr freudig
überrascht, als ich später Prof. Leuckart's Beobachtun-
gen über die Larven der Museiden las, da sie in allen
Punkten meine Beobachtungen bestätigten, so wie auch mich
in meinen dort ausgesprochenen Vermuthungen bestärkten.
Da Prof. Leuckart meine Beobachtung nicht kannte, so
ist dieses gleiche Resultat für die Larven verschiedener
Museiden sehr wichtig und ich will hier zugleich versuchen
ein Bild zu geben, in wie weit die Verschiedenheit der
jungen Museiden-Larven von den erwachsenen für die Sy-
stematik maassgebend sein kann.
Bei Oestriden vermuthete schon Neuman Häutungen,
und zwar wurde er, wie später Joly, durch die Verschie-
denheit der jungen Gast rus-Larven von den erwach-
senen zu diesem Schlüsse gebracht. Gesehen hat weder
Joly noch sein Vorgänger eine solche Häutung. Dass
Brauer: Die Larven der Hypoderinen. 211
sich die Pupiparen häuten, hatLeuckart gesehen und
bei den Hypod er men -Larve n konnte ich dieses sicher
konstatiren (siehe d. Verhandl. d. k. k. zool.-bot. Geseil-
schaft zu Wien 1860. p. 652), ebenso wie die grosse Ver-
schiedenheit der Larven in diesen Häutungen, was früher
Joly fürGastrus-, später L euckart für Musca vomitoria
und caesarea nachwies. Obwohl die Beobachtungen von
Joly und Leuckart gewiss höchst interessant sind, so
gewinnen dieselben doch noch mehr, wenn man der Ur-
sache dieser Verschiedenheit nachforscht. Bei einer wäh-
rend ihres ganzen Wachsthums, vom Ausschlüpfen aus dem
Ei bis zur Verpuppung, stets gleich lebenden Larve ist
es schwer einen solchen Grund aufzufinden; anders ist
diess bei Oestriden -Larven , die zuerst an den Platz hin
wandern müssen, an welchem sie zur Reife kommen kön-
nen. Die Oestriden zerfallen in dieser Hinsicht in zwei
Gruppen und zwar in Eierlegende und Madengebärende.
Zu ersteren gehören die Gattungen Gastrus und Hypoderma,
zu letzteren die Gattungen Cephalomyia und Cephenomyia.
Bei den ersteren Gattungen ist es die Larve, welcher es
obliegt in den Magen oder unter die Haut zu gelangen, da
die Eier von der Imago an Haare abgelegt werden, wie
diess für Gastrus erwiesen, für Hypoderma, wenn die Form
der Eier einen Schluss erlaubt, zu vermuthen ist; bei Ce-
phenomyia und Cephalomyia spritzt das fliegende Weibchen
die Maden in die Nase der Wohnthiere. Die grösste Ver-
schiedenheit (und zwar in wesentlichen Punkten) der neu-
gebornen Larven von den erwachsenen findet sich , wie
wohl leicht begreiflich, bei jenen Larven, welche eine
grössere Wanderung zu machen haben, d. h. also bei den
Gastrus- und Hypodermen-Larven.
Das Schwinden von jederart Bewegungsorganen oder
Bohrwerkzeugen bei parasitischen Thieren, wenn sie den
Ort ihrer Bestimmung erreicht haben, ihr, wie man sagt,
Zurücksinken auf eine tiefere Stufe ist durch viele Beob-
achtungen bestätigt, wenn es auch nicht für alle Fälle zu-
trifft. Bekannt sind gewiss allen Entomologen die Beob-
achtungen an Meloe-Larven und jene an Sitaris von Favre.
Ich erwähne die letztere Beobachtung nicht nur um einen
212 Brauer:
speciollcn Fall aus der KInsse der Insekten anzuführen,
sondern auch weil Joly die Meinung aussprach den Oeslri-
den käme eine IJyperinelainorphose zu, wie dies bei Sitaris
beobachtet wurde. — Zu dieser Annahme fühle ich mich
nicht veranlasst, als sich alle Veränderungen der Larven
hier durch die Lebensweise bedingt erklären lassen. —
Ich lasse hier eine kurze Beschreibung der iiypodermen-
Larven in den drei Häutungen folgen, ohne jedoch eine
ausführliche Beschreibung derselben geben zu wollen,
welche ich mir für die Monographie der Oestriden vor-
beJialte.
Die Beobachtung wurde an zahlreichen Individuen von
Larven der Hypoderma Diana m. aus der Haut des Rehs
gemacht.
Erstes Stadium. (Dauer unbekannt, doch wahrschein-
lich sehr lange , da die Fliege im Mai erscheint und ihre
Flugzeit nur wenige Tage dauert, so dass alle Individuen,
wie es bei Ephemeren der Fall ist, auf wenige Tage be-
schränkt, zugleich schwärmen, während die Larve noch im
Februar in diesem Stadium angetrofTen wird. Ende Januar
und Anfang Februar lassen sich als Uebergang zum zweiten
Stadium betrachten.) Die Larve wächst in diesem Stadium
bis zu 6V2 Linien, bleibt aber fast cylindrisch und wird
kaum 1 Linie breit. Vorderes Ende abgerundet, hinteres
dem vorderen Ende gleich oder die letzten drei Ringe
schwanzartig verdünnt, was von der Willkür der Larve
abhängt. Mundtheile sehr klein, erst bei 20maliger Ver-
grösserung deutlich sichtbar. MundöOnung trichterförmig,
oben ragt ein gerader Spiess heraus , der auf einem im
Schlünde verborgenen queren Chilinbalken ruht, von wel-
chem letzteren jederseils ein Chilinbogen nach hinten geht
und sich in eine schaufelförmige Chitinplalte erweitert,
wie diess fast bei allen Fliegenmaden vorkommt. Die
Schaufelplatten liegen zu beiden Seiten des Schlundes und
ihre Fläche steht vertikal.
JNeben dem zuerst erwähnten Spiess liegen zwei Ha-
ken (einer jederseits), welche rechtwinklig gebogen sind
und deren freie Spitze nach aussen und abwärts sieht. Sie
können so bewegt werden, dass sie mit dem Spiess in der
Die Larven der Hypodermen. 213
Mitte eine Spitze bilden, werden dann ihre Spitzen nach
aus- und rückwärts, vom mittleren Spiess abgebogen , so
ist es klar, dass die Larve sich vorschiebt und indem sie
Gegenstände ansticht, sich in dieselben leicht einbohrt. —
Vorderstigmen ziemlicli gross. Sie liegen oben jederseils
am zweite Ringe, sind rund und am inneren Rande von
einer halbmondförmigen Chitinleiste gesäumt. Hinlerstig-
men zwei unregelmässige, poröse, kleine schwarze Chitin-
platten bildend. Der letzte Ring trägt um die Stigmen
herum zahlreiche runde kleine Chitinplatten, wodurch er
ein punklirtes Aussehen erhält. Die Larve ist 11-ringelig,
erscheint nackt , nur in der trichterförmigen Grube des
Mundes und am Rande der Unterlippe stehen mikroskopische
Dornen.
Zweites Stadium. (Dauer sehr kurze Zeit, höchstens
1 Monat. Diese Form erscheint Ende Januar bis Mitte
Februar, mit der ersten und dritten Form meist zugleich.)
Larve anfangs kürzer als im ersten Stadium, dafür aber
breiter. Sie wächst von 5 bis zu 7 Linien und ist leicht
an den schwarzen Flecken an der Unterseite zu erkennen,
die sich bei geringer Vergrösserung als dicht in Gruppen
beisammen stehende schwarze Dornen erweisen. Oben ist
die Larve mit Ausnahme der drei ersten Ringe ganz nackt.
Mundtheile eine V-förmige Grube bildend , deren Ränder
von rauhen dicken Chitinleislen seitlich und unten begrenzt
werden, welche unten fest verbunden sind und nach innen
und hinten in die erwähnten Chitinschaufeln und zahlreiche
Fäden ausstrahlen, welche den Schlund zwischen sich fas-
sen. Der Spiess und die Haken fehlen. Vorstigmen beob-
achtete ich noch nicht. Hinterstigmen nierenförmig jeder-
seils eine sehr grobzellige (nicht im histologischen Sinne)
Platte bildend. Form der ganzen Larve sehr veränderlich,
besonders oft das hintere Ende sehr verdünnt, schwanzartig
ausgestreckt.
Drittes Stadium. (Dauer vom Februar bis April.) Mund
eine trichterförmige Grube mit häutigen Rändern, in der
Grube ein kleiner Hornring, dem sich unmittelbar die Spei-
seröhre anschliesst, welche gleich darauf über ein ovales
Loch in einem Chitinrahmen läuft, von welchem die Chi-
214 Brauer: Die Larven der Hypodermen.
linschaufeln ausstrahlen, lieber der Mundgrube zwei Horn-
nnge als riidimenläre Fühler. Vorderstigmen sehr klein,
am Hinterrande des ersten Ringes über der Deckelfurche.
Hintersligmen nierenförmig fast glatt, flach, radiär gefurcht.
(Siehe d. Verh. d. k.k. zoolog.-bot. Gesellsch. 1858. p. 407.)
Es geht hieraus hervor, dass sich die jungen Larven
in die Haut einbohren können und später ihre Mundtheile
einer rückschreitenden Metamorphose unterliegen, die sich
auch durch die verkümmerten Mundtheile der Fliege kund
giebt. Ebenso sieht man aber, dass selbst sonst so wich-
tige Organe für die Systematik wie die Mundtheile, ihren
Werth verlieren können, und ihre Entwickelung in engem
Verbände mit der Lebensweise des Thieres steht. Ferner
ersieht man, dass Veränderungen der Mundtheile sehr ver-
schiedener Art vorkommen können, ohne durch Parasitismus
bedingt zu sein, wie diess bei den Larven von Musca vo-
mitoria und M. caesarea nach Leuckart der Fall ist, und
andererseits ein wahres parasitisches Leben keine Verän-
derungen der Mundtheile bewirkt, wenn die Verhältnisse
für den Parasiten von Anfang bis zu Ende gleich blieben,
wie dicss bei den Cephenomyien -Larven der Fall ist, wo
die iun^en Larven von den erwachsenen nur in unwesenl-
liehen Punkten verschieden sind. So interessant daher alle
diese Beobachtungen für die Biologie der Larven sind, so
unwesentlich sind sie für die Systematik, da so nahe ver-
wandte Thiere, wie die Cephenomyien und Hypodermen
unnatürlich weit getrennt, so weit verschiedene Insekten
wie Musca vomitoria und Hypoderma auffallend nahe ge-
rückt würden.
Dass übrigens die Mundtheile der Larven von im
Systeme mit Recht sehr nahe stehenden Fliegen sehr ver-
schieden sein können, hat Dufour bei den Laphrien-Lar-
ven gezeigt.
Eine genauere Auseinandersetzung dieser Beobachtung
behalte ich mir für meine Oestridenmonographie vor.
Wien, den 5. Februar 1862.
OK-
lieber die chilenischen Wasserhühner ans der
Gattung Fulica Linn.
Von
Ludw. Landbeck
in Santiago.
Obgleich die Wasserhühner der oben genannten Gat-
tung in ganz Chile , so weit es Wasser und Sümpfe giebt,
zu den gemeinsten und unter dem allgemeinen Namen
„Tagua" bekanntesten Vögeln gehören, so waren dieselben
doch bis heute nicht gehörig nach den Arten gesondert
und gekannt. Da diese Vögel als Wildpret häufig zu Markte
gebracht werden, so wäre es leicht gewesen, dieselben mit
aller Gemächlichkeit im Trockenen zu studiren, und es
scheint, dass gerade dieser Umstand, nämlich die Alltäg-
lichkeit ihres Vorkommens, deren näheres Studium verhin-
dert hat, wozu freilich auch noch der Umstand kommt, dass
die Wasserhühner nach Alter und wohl auch nach Jahres-
zeit und Zufälligkeiten in einer Menge auffallender Abän-
derungen vorkommen, welche leicht irre führen können,
wenn man nicht bestimmte charakteristische Kennzeichen
im. Auge behält.
Herr Gay beschreibt im ersten Bande seiner Natur-
geschichte von Chile eine von King in Magellan gefun-
dene und im Journ. zool. T. IV. p. 95 beschriebene Art
unter dem Namen Fulica chloropoides , und in den Nach-
trägen zum 8. Bande seiner Zoologie eine von ihm selbst
aufgefundene Art unter dem Namen Fulica chilensis. Es
geht jedoch aus der Beschreibung der letzteren hervor,
dass er sie mit der ersteren verwechselte. Endlich führt
er noch eine Diagnose von einer von Vi ei Hot F. armil-
216 L a n d I) c c k :
lata gehcisscncn Art an, an deren Existenz Hr. Gay aber
selbst zweifelt. Die Beschreibungen sind etwas flüclilig und
ungenau, und es ist hier wie last bei nllcn Bcsciireibungen
von Gay nicht möglich mit vollkommener Sicherheit darnach
zu bestimmen.
Hr. V. Tschudi in seinen Untersuchungen über die
Fauna Peruana beschreibt als peruanischen Vogel eine Fulica
ardesiaca (wohl identisch mit F. americana ?) und bemerkt
dabei, dass derselbe an der ganzen Westküste und somit
auch in Chile vorkommt.
Ehe wir zur kritischen Beleuchtung und Vergleichung
der erwähnten Arten und zur Bcsclircibung einer von uns
in Chile aufgefundenen übergehen, sciiicken wir einige Be-
merkuno-en über die Gatlungr im Allgemeinen und über de-
ren Auftreten in Chile insbesondere voraus, um bei der
Beschreibung der einzelnen Arten Wiederholungen zu
vermeiden.
Die Galtung Fulica gehört in die Klasse der rallen-
artigen Vögel (Rallidae) und ist am nächsten verwandt mit
den Gattungen Porphyria und Gallinula, welche beide sich
hauptsächlich durch den Mangel belappter Zehen unterschei-
den. Sie sind charaklerisirt durch einen starken, an der
Spitze kaum etwas abwärts gebogenen konischen seitwärts
zusammengedrückten Schnabel, dessen Rücken sich als
Wachshaut, Schneppe, oder wie man die häutige Stirnzierde
nennen will , weit über die Stirn, bei manchen bis über
den Scheitel verlängert. Da diese Verlängerung gewöhnlich
ziemlich über dem Schädel erhaben und mit lebhaften Farben,
weiss, gelb oder roth geschmückt ist, so gereicht sie dem
Vogel zu besonderer auffallender Zierde und ist weithin
sichtbar. Die Nasenlöcher liegen seitwärts fast in der
Mitte des Schnabels und bilden eine schmale, etwas schräg
stehende, durch eine weiche Haut bedeckte Ritze. Die
Augen sind eher klein als gross, im Allgemeinen braunroth.
Die Füsse sind gross, die Tarsen, wie bei den Steissfüssen,
seitlich comprimirt, die Zehen lang und an den Seiten mit
Haullappen besetzt, was sie sowohl im Gehen auf Wasser-
pflanzen, als auch im Schwimmen und Tauchen unterstützt.
Der Körper ist gedrungen, dick und rund, die Flügel hohl
Ueber die chilenischen Wasserhühner. 217
und abgerundet, erreichen nicht die Schwanzspitze, und
lassen kein grosses Flugvermögen vermulhen, der Schwanz
kurz abgerundet. Die Befiederung ist reich , die Federn
locker zerschlissen und von derselben Struktur wie bei der
ganzen Classe.
Die Hauptfarbe sämmtlicher ächten Fulicaarten ist am
Kopfe ein Samnictscliwarz , an den übrigen Körperlheilen
ein dichteres Schiefer- oder Schwarzgrau, bei einigen
Arten mit etwas Bronzeglanz auf Rücken und Flügeln, die
Unterschwanzdeckfedern schwarz und weiss. — In ihrem Be-
tragen haben die Wasserhühner wirklich so viel hühnerar-
tiges, dass ihr Name gerechtfertigt ist. Sie gackern und
schreien fast ohne Uoterbrechung und da, wo viele beisam-
men sind, giebt es auch oft Streitigkeiten, die nur mit der
Flucht der besiegten Partei endigen. Im Allgemeinen leben
sie in grossen und kleinen Seen, Sümpfen und Flüssen,
wenn sie langsam fliessen oder sogenannte Allwasser haben
und mit Schilf, Binsen u. s. w. an den Ufern oder auf Inseln
bewachsen sind. In diesen Lokalitäten treiben sie sich
den ganzen Tag gackernd, schreiend, einander neckend, doch
im Ganzen friedlich mit einander lebend und nur in der
Paarungszeit kämpfend herum und brüten auch daselbst.
Im Süden von Chile scheinen Fulica chilensis und chloro-
poides nur Strichvögel zu sein, wenigstens verlassen sie im
Winter die Seen und streichen längs den beschilften Fluss-
ufern, im Norden ist dies nicht der Fall, indem die Seen
ihre Beschaffenheit nicht so sehr ändern, wie dies in Folge
der regenreichen südlichen Winter der Fall ist. In der
Provinz Valdivia brüten die Wasserhühner auch später als
im Norden, und gewöhnlich erst, wenn die Seen mit neuem
Schilfe und Binsen bewachsen sind. Im Nestbau stimmen
alle Wasserhühner miteinander überein; sie machen ein
IV2 — 2' breites plumpes, unkünsiliches, ziemlich plattes
schwimmendes Nest aus dürren Binsenstücken ins Rohr oder
Binsendickicht, befestigen dasselbe an einigen Halmen, doch
so, dass es mit dem Wasser steigen und sich senken kann,
legen von 3 — 15, in Chile gewöhnlich 8 bis 10 strohgelb-
grünliche, dunkelbraungesprenkelte Eier, welche so gut
wie Hühnereier schmecken ; die kleinen Jungen sind mit
218 Landbeck:
kohlschwarzen Flaumfedern bedeckt und sehen sehr son-
derbar aus. Da sie nicht scheu, sondern sogar zutraulich
sind, ist ihre Erlegung sehr leicht, auch ihr Fang nicht
schwierig, ebenso wenig ihre Angewöhnung in der Gefan-
genschaft, wo sie bald so zahm werden wie Haushühner.
Ihr Fleisch hat zwar einen etwas schlämmernden Ge-
schmack, ist aber, gut zubereitet, besonders wenn die Haut
abgezogen wird, kein schlechtes Wildpret.
Die verschiedenen chilenischen Wasserhühner sind in
der ganzen Republik verbreitet, an manchen Orten sehr
zahlreich auf den Seen der mittleren Provinzen ungemein
häufig; auf der Lagune in Perral bei Cartagena, 1/2 Legua
von der Meeresküste, ist wohl ein Achtel der ganzen Was-
serfläche mit Wasserhühnern bedeckt, so dass manche
Stelle derselben ganz schwarz gefleckt erscheint.
Trotz dieser grossen Anzahl werden die Wasserhühner
nicht schädlich , da sie sich von Gegensländen ernähren,
welche der Mensch sonst nicht benutzen kann, nämlich von
Wassergräsern, Conferven, kleinen Wasserschnecken, Wür-
mern, Insekten u. s. w., welche Gegenstände man im Ma-
gen der Geschossenen als grünen Brei vermischt findet.
Gezähmt fressen sie alles, was vom Tische kommt, Fleisch,
ßrod, gesottene Eier, auch gequellten Waizen.
Um für immer Verwechselungen der chilenischen Arten
zu verhüten, folgen die genauen Beschreibungen derselben
zuerst einzeln und dann unter sich verglichen.
1. Fulica choropoides King.
Artkennzeichen:
Stirnschneppe gewölbt, an der Spitze abgerundet, nicht
lang, gelb.
Beschreibung:
Alter Vogel. Ganze Länge 1'2"3'"; Schnabel bis
zur Stirn 1" 2'"; bis ans Ende der Stirnschneppe 1" 6'";
Schwanz 2"; Breite 2'; Flügel vom Bug bis zur Spitze 6" 9'";
Schienbein ß"; Ferse 1" 10'"; Mittelzehe 2" 10'"; äussere
Zehe 2" 4"'; innere 2" 3"'; Hinterzehe sammt Nagel 1"2"'.
Schnabel entweder rein hell schwefelgelb und ganz ohne
lieber die chilenischen Wasserhühner. 219
irgend welche Fleckung oder auch schwefelgelb, 1'" vor der
Spitze mit einem 2'" langen braunrolhen Fleck auf dem
Rücken des Oberschnabels (diese rothen Flecken variiren
ziemlich); Schneppe rund, ziemlich aufgetrieben, schön
cilronen- bis orangegelb; Unterschnabel ungefleckt; Iris
braunroth, Tarsen hellolivengrün, an sämmtlichen Gelenken
grau, Nägel grauschwarz. Schwanz und Flugeispilzen fast
gleich lang, doch finden in diesem Verhältnisse Abweichun-
gen statt. Vorderrand des Flügels und eine ganz schmale
Kante der ersten Schwungfeder, ein Fleck an der Spitze
der breiten Fahne von 6 Schwungfedern zweiter Ordnung,
die seitlichen Unterschwanzdeckfedern rein weiss. Kopf,
obere Hälfte des Halses, die Schäfte aller grösseren Federn,
der Schwanz, ein Mittelstreif der Unterschwanzdeckfedern
sammelschwarz; der übrige Körper schieferschwarz, am
Unterhals , Brust, Rücken, Bürzel und Oberschwanzdeck-
federn am dunkelsten, unter den Flügeln und am Bauche
am hellsten.
Am 12. April 1861 enhielten wir aus der Gegend von
Santiago ein auffallend kleines Exemplar, ein Weibchen im
Uebergangskleide vom Jugcndkleide ins ausgefärbte :
Ganze Länge 1" 9'"; Schnabel von der Spitze bis
ans Ende der Schneppe 1" 3'", Schnabel von der Spitze
bis zur Mundspalte 1"1"'; Schwanz 1" 6'"; Breite 1' 9" 3'";
Flügel 5" 6'"; Schienbein 3"; Tarse 2"; Aussenzehe 2" 2'";
Mittelzehe 2" 6'"; Innenzehe 2" 1'"; Hinterzehe 1".
Die Flügelspitzen endigten 1" 3'" vor der Schwanz-
spitze. Spilzenhälfte des Schnabels olivengrün, der übrige
Theil des Unterschnabels orangegelb. Stirnschneppe klein,
gewölbt, rund endigend, orangegelb, Iris braunroth. Füsse
olivengrasgrün, an den Gelenken, Lappenrändern, Sohlen
und Nägeln aschgrau. Vorderrand des Flügels, der ersten
Daumen- und der ersten Schwungfeder, die breite Spitze
von 8 der letzten Schwungfedern, die seitlichen Unter-
schwanzdeckfedern weiss; Kopf und Hals kohlschwarz mit
grünlichem Seidenglanz, Oberrücken, Schullern und Un-
terseite hellschiefergrau, am Unterhals und Oberbrust mit
fahlbraunen Rändern, Unterrücken und Schwanz schwarz
mit braungrünlichem Schimmer, Flügel braunschwarzgrau.
220 L a n d b e c k :
Bei Vögeln im Neslkleide ist der Schnabel mehr oli-
vengrün, die Schncppc sehr klein und hellgelb, das Gefieder
kürzer und mit mehr olivengraugrünem Anfluge.
Wir besitzen ein Wasserhuhn aus Peru, aus der Ge-
gend von Arica. Es soll jedoch nach der brieflichen Be-
merkung des Sammlers nicht häufig daselbst vorkommen.
Dieses Wasserhuhn hat so grosse Aehnlichkeit mit einem
Jüngern Vogel des eben beschriebenen, dass wir keinen
Anstand nehmen, es dieser Art beizuzählen, wodurch sein
Verbreitungsbezirk allerdings eine grosse Ausdehnung von
Süden nach Korden erhielte, da es auch in Magellan, Val-
divia, Santiago vorkommt.
V. T s c h u d i in seinen Untersuchungen über die Fauna
von Peru, beschreibt unter dem Namen „Fulica ardesiaca"
ein vermeintlich neues Wasserhuhn , ebenfalls aus Peru,
welches an der ganzen Westküste, also auch in Chile ge-
funden werden soll, und welches wir geneigt sind, für
identisch mit dem vorhin erwähnten, aus der Gegend von
Arica herstammenden und somit auch mit unserem F. chlo-
ropoides zu halten, obgleich einige Abweichungen zu be-
merken sind. V. Tschudi 1. c. sagt:
„Kopf und Hals sind schwärzlich ; der Bücken und
die obern Schwanzdecken grau, besonders auf dem hinteren
Theile stark ins Olivengrüne spielend. Die Brust ist schie-
fergrau, mit undeutlichen hellem Querstreifen überzogen.
Die Flügelfedern sind matlschwarz, mit weissem Saume am
äusseren Fahnenbarte. Die obern Flügeldecken sind theil-
weise weiss, die untern schmutzig weiss. Bauch, Hinterbrusl,
Weichen und Schienen braungrau, mit heilern Nuancen. Die
untere Seite des Schwanzes ist blendend weiss, Stirnhöcker
hellgelb ; Schnabel röthlichgelb, an der Spitze hornfarben;
Tarsen schwarz; Nägel schwarzbraun. Iris gelblichbraun.
Ganze Länge l'i" 6'"; Schnabel 2"; Flügel 8"6'"; Tarse 2"7,5'"j
Verhällniss der Tarse zum Flügel 1 : 3,1. Eine ähnliche
aber kleinere Species von Fulica wurde von Wag 1er aus
Mexiko beschrieben. Die F. ardesiaca findet sich fast an
der ganzen Westküste von Süd-Amerika und zwar in allen
Klimaten an der Küste des stillen Oceans bis zu 14000' über
dem Meere. Besonders häufig ist sie an der Lagune von
lieber die chilenischen Wasserhühner. 221
Junin. Die Indianer schlagen sie dort mit Stöcken todt,
trocknen ihr wohlschmeckendes Fleisch als Mundvorrath auf
ihren Reisen-
[11 den Körperverhällnissen sowohl, als in der Fär-
bung weicht das eben beschriebene Wasserhuhn von un-
serem Vogel ab, allein dessenungeachtet ist es möglich,
dass es identisch mit demselben ist, denn 1) gehört das
aus Arica stammende unstreitig zu F. chloropoides; 2) kön-
nen die beschriebenen weissen Federspitzen Ueberreste des
Winterkleides sein, und 3) sind die Füsse jedenfalls nach
einem getrockneten Exemplare und die Augen aus dem
Gedächtnisse oder nach einem jungen Vogel beschrieben,
da die alten Vögel sämmtlicher bis jetzt bekannten Arten
braunrothe Iris haben.
(Nach einer Bemerkung von Reichenbach soll F.
ardesiaca ebenfalls identisch mit F. americana Gm. sein.)
2. Fulica chilensis Gay.
Art ke nn zei chen :
Schnabel dick, gerade, die Stirnschneppe sehr gross,
breit, aber spitzig endigend, in der Mitte vertieft, goldgelb
mit rothem Rande.
Beschreibung:
Sehr alter Vogel. Im März 1861 erlegt. Länge
1' 3" 6'"; Schnabel bis zur Oeffnung 1" 4'"; Schnabel bis
zur Stirn 1" IV2'"; Schnabelspitze bis zur Schneppenspitze
2" 1"'; Breite der Schneppe am breitesten Theile 9'"; Breite
der ausgebreiteten Flügel 2" 1'"; Flügel vom Bug bis zur
Spitze 7" 3'"; Schienbein 4"; nackte Stelle desselben 10'";
Tarsus 2" 6'"; Aussenzehe 3"; Mittelzehe 3" 9'"; Innen-
zehe 2" 9'"; Hinterzehe 1" 3'"; Schwanz 1" 9'".
Schnabel und Stirnschneppe sind schön schwefelgelb,
letztere am Aussenrande mennigroth eingefasst, der Schna-
belrücken endigt an der Stirn am Anfange der Schneppe
in einen gegen die Stirn quer abgeschnittenen dunkelblut-
rothen Fleck, welcher über die ganze Länge der Nasen-
löcher sich erstreckt und am Anfange derselben in einer
222 Landbeck:
Gabel zu beiden Seiten niedergeht; vor der Spitze ist der
Schnabelrücken schön lichtrolh angeflogen. An der Wurzel
des Oberschnabels geht vor der Schneppe beginnend ein
dunkelrother Fleck quer bis zur Schnabelöffnung; am Un-
terrande der Wurzel des Unterschnabels befindet sich ein
ähnlicher Fleck mit rechtwinkliger Ecke nach vorne. Die
Form der Schneppe ist breit oval, stark zugespitzt, in der
Mitte vertieft, gleichsam hohl muschelförmig mit aufgewor-
fenen Rändern. Die Schneppe sitzt nicht unmittelbar auf
dem Schädclknochen, sondern auf einem gegen deren Spitze
höher werdenden Fettwulste, dessen höchster Punkt 8'"
erreicht; wodurch die Schneppe mit dem Schnabelrücken
einen stumpfen Winkel bildet. Die Nasenlöcher sind 4'"
lang, lanzettförmig, an der Spitze gegen die Stirn sich ver-
engend und etwas aufwärts gebogen, Iris braunroth. — Die
Grundfarbe des Fusses ist ein helles Grüngelb, welche
Farbe aber nur in den Falten und Vertiefungen sichtbar
ist, denn der nackte Theil des Schienbeins und der Tarsus
sind krebs- oder corallenroth , oben fast blutroth, die
Rückseite des Fersenglenkes bläulich, die Vorderseite mehr
gelb, ein schmaler Streif an der Rückseite des Tarsus grün-
lichgelb, die grossen Schilder auf den Zehen hochorange-
gelb, die klein geschilderten Ränder gelblichblau ; die Sohlen
aschgrau mit gelbem Schimmer, die Nägel horngrau.
Kopf und die Hälfte des Halses lang- und weichbe-
fiedert, tief sammetschwarz, der ganze übrige Körper schön
schieferschwarz, auf dem Rücken mehr ins Blaugrau über-
gehend, am Bauche mehr aschgrau mit weissen Federspitzen.
Unterschwanzdeckfedern, der ganze Flügelrand so wie die
Aussenfahne sämmtlicher grossen Randfedern schneeweiss,
Schwanzfedern schwarz, Flügelfedern grauschwarz; Ge-
wicht 2 Pfund 6 Loth.
Bei jungen Vögeln ist die Stirnschneppe kleiner und
nicht so hübsch gefärbt, und der nackte Theil der Füsse
hat nicht die schöne rothe Farbe, sondern ist mehr roth-
gelb und olivengrün.
Zwischen Männchen und Weibchen ist äusserlich kein
Unterschied zu bemerken.
lieber die chilenischen Wasserhühner. 223
3. Fiilica rufifrons Ph. et Landb.
Artkennzeichen:
Die Stirnschneppe lang, schmal, lanzettförmig-, blut-
roth, die Aussenfahne der ersten Schwungfedern ohne Weiss.
Beschreibung:
Aller Vogel: Länge 1' 3" 6'"; Schnabel von der
Spitze bis zur Oeffnung 1" 3'"; Schnabelspitze bis zur
Spitze der Schneppe 2" 2'"; Schwanz 2" 6'"; Breite 1' 10" 3'";
Flügel 6" 6'"; Schienbein 3" 9'"; Tarsus 2" 1'"; Aussen-
zehe 2" 6'"; Mittelzehe 3" 5'"; Innenzehe 2" 6'"; Hinter-
zehe 1"2'"; Breite der Stirnschneppe 5'".
Der Flügel endigt 2" vor der Schwanzspitze; Schnabel
schön citronengelb , an der Wurzel mit einem 2'" breiten
blutrothen Querbande; 2'" hinter der Spitze des Oberschna-
bels beginnt ein dunkelröthlicher Anflug, welcher über dem
ersten Drittel der Nasenlöcher intensiv dunkelblutroth wird
und sich in dieser Farbe über die ganze lanzettförmige
Stirnschneppe ausdehnt; die weiche Nasendecke ist rein
citronengelb. Die hintere Spitze der Schneppe erhebt sich
3'" über den Schädelknochen und hat eine Fettunterlage.
Iris graulichrothbraun. DerFuss ist hellgelbgrün, an sämmt-
lichen Gelenken und Sohlen bleigrau; ein Band über dem
Fersengelenke schön gelb, nach hinten mit röthlichem An-
fluge; die Nägel hornschwarz. Die Kopf- und Halsbefie-
derung etwas steif, weniger weich und nicht so sammet-
artig wie bei den anderen Arten , kurz und kohlschwarz,
der übrige Körper schieferschwarz, auf Kücken, Schultern,
letzten Schwungfedern, Unterrücken, Bürzel und Ober-
schwanzdeckfedern umberbraun überlaufen, Brust und Bauch
dunkelaschgrau, letzterer mit langen weissen Federspitzen,
wodurch dieser Theil beim frisch vermauserten Vogel fast
ganz weiss erscheint. Flügel grau-, Schwanz braunschwarz,
die seitlichen Unterschwanzdeckfedern schneeweiss, die mitt-
leren kürzeren kohlschwarz , Unterflügeldeckfedern grau-
schwarz. Vorderrand des Flügels weiss, aber die schma-
len Fahnen der ersten Daumen- und Schwung-
federn ohne alles Weiss, höchstens ist das Weiss be^
224 L a n d 1) e c k :
einigen Exemplaren durch ein schmales Rändchen ange-
deutet.
Bei jungen Vögeln ist die Stirnschneppe klein, schmal,
aber äusserst spitzig, Schnabel und dieselbe grünlich, die
Farben des Gefieders schmutzig graubraun und olivengrau,
der Fuss dunkelolivengrün.
?ergloichung der charakteristischen Interscheidungsmerkmaie
der chilenischen Wasserhühner.
1. Fulica chloropoides King.
Schnabel schwach, fast gerade, Oberschnabel auf der
Spitzenhälfte wenig abwärts gebogen , seitwärts ziemlich
stark comprimirt. Stirnschneppe gewölbt, ovalrund mit
sehr stumpfer Spitze, welche jedoch gewöhnlich abgerun-
det ist, beide hellcitronen- bis pomeranzengelb, ersterer
zuweilen rothgefleckt. Die Schneppe bildet mit dem Schna-
belrücken einen stumpfen Winkel. Die Eckbefiederung an
beiden Seiten des Oberschnabels sehr stumpfwinklig aus-
laufend. Zehennägel ziemlich kurz, die einzelnen Tafeln
auf den Fusslappen sind durch feine weisse Linien ange-
zeigt; diejenigen erster Grösse sind unter sich beinahe
gleich lang, weshalb ihr Ende fast eine gerade Linie bil-
det. Fuss olivengrün, ohne Roth. Yorderrand des Flügels,
ein Rand der schmalen Fahne der ersten Daumen- und
Schwungfedern weiss.
2. F. chilensis Gay.
Schnabel robust , im Verhältnisse breiter als beim
Vorigen ; Unterschnabel gegen die Wurgel etwas ausge-
schnitten, der ganze Schnabel etwas abwärts gebogen.
Die Schneppe gross, breit und hoch, ovril, an der Spitze
rosenblattförmig endigend, in der Mitte gewöhnlich flach
muschellormig vertieft, greift mit zwei dreieckigen Armen
in die Seiten des Oberschnabels herein ('nn anderen Arten
bemerkt man nicht einmal eine Andeutung dieser Bildung);
lieber die chilenischen Wasserhühner. 225
Schnabelrücken und Schneppe einen stumpfen Winkel bil-
dend, Seitenbefiederung des Oberschnabels endigt rund.
Schnabel gelb und roth gefleckt, Schneppe hochgelb, ge-
wöhnlich am Rande roth eingefasst. Fuss stark, Nägel lang
und stark; die einzelnen Tafeln der Fusslappen sind mas-
siver als beim vorigen und durch aufl'allend aufgeworfene
Endränder unterschieden. Die Längslinien zwischen den
Tafeln erster und zweiter Grösse sind mehr gebogen als
beim vorigen. Der Fuss mit olivengelber Grundfarbe
grösstentheils krebs- oder korallenroth. Die weisse Rand-
einfassung der Flügel so ziemlich wie beim vorigen.
3. F. rußfrons Ph. et Ldb.
Schnabel seitwärts schwach zusammengedrückt, schlank,
im Verhältnisse schwächer als bei der vorigen Art, nach
vorn sich regelmässig zuspitzend, sanft abwärts gebogen.
Stirnschneppe und Schnabelrücken verlaufen in einer fast
ganz geraden Linie, wodurch der Scheitel sehr flach er-
scheint. Erstere ist lanzettförmig, schmal in einer scharfen
Spitze endigend, fest und glänzend. Schnabel gelb, an der
Wurzel roth. Schnabelrücken vom Anfange der Nasen-
löcher an, so wie die ganze Stirnschneppe blutroth. Sei-
tenbefiederung des Oberschnabels recht-, fast spitzwinkelig
(bei F. chloropoides stumfwinkelig, bei F. chilensis rund).
Täfelung der Fusslappen von den vorigen Arten bedeutend
abweichend, indem z. B. auf den Innenlappen der Mittel-
zehen nach der ersten Reihe grosser Tafeln zwei fast
gleich grosse Reihen kleinerer Tafeln folgen, während bei
den vorigen nur eine solche Reihe mittelgrosser Tafeln
vorhanden ist, zudem verlaufen die Abtheilungs-Längslinien
fast gerade (bei den anderen mehr oder weniger im Halb-
kreise) und die Lappen selbst sind schmäler und an den
Gelenken nur seicht ausgeschnitten, während sie bei den
vorigen rund und tief ausgeschnitten sind. Fuss mehr oli-
venbraungrau als grün, wie bei F. chloropoides. — Weder
Daumen- noch Schwungfedern haben weisse Ränder an der
Aussenfahne.
Diese eben ausführlich dargestellten ünterscheidungs-
Archiv f. Naturg. XXVIIL Jahrg. 1. Bd. 15
226 Landbeck:
merkmale, festgestellt nach alten ausgefärbten, vollständi-
gen Exemplaren der drei chilenischen Arten sind so auf-
fallend, dass bei genauer Beachtung derselben künftighin
eine Verwechselung der hiesigen Wasserhühner fast un-
möglich erscheint, und es zeigt insbesondere die zuletzt
beschriebene neue Art so viel Charakteristisches, dass
deren spezifische Verschiedenheit Jedem auf den ersten
Blick unzweifelhaft erscheinen muss.
Da wir im Besitze der Eier von sämmtlichen drei
Arten uns belinden , so dürfte es von Interesse sein, die-
selben unter sich zu vergleichen, da sie fast ebenso grosse
Verschiedenheiten zeigen, wie die Vögel selbst. Daher
hier ihre Beschreibung:
1. F. chilensis Gay.
Länge 2" 3'"; Breite 1" 6'". Es ist regelmässig eiför-
mig; Schale etwas rauh und grobkörnig; hellolivenbräun-
lich mit zweierlei dunklern Flecken und Punkten. Eine Anzahl
meist grösserer ovalrunder Fleckchen in der Grösse von
Mohn - bis Hanfsamenkörnern scheint in die Schale einge-
beizt und zum Theil etwas verblichen, von Farbe bläulich-
braun; eine grosse Anzahl chokoladefarbiger Punkte, Pünkt-
chen und Flecken aber erscheint wie auf die Schale
aufgespritzt. Die Schale hat wenig Glanz.
2. F. rufifrons Ph. et Ldb.
Länge 2" 2'"; Breite 1" 41/2'"- Es ist schlanker oder
gestreckter als das vorige, hat feinere Schale, ziemlich viel
Glanz, olivengrünliche Grundfarbe, dieselben Flecken,
Schmifze und Punkte, aber im Allgemeinen sind dieselben
mehr von gleicher Grösse, etwa wie ein grosser Fliegen-
schmilz, und diese Punkte am stumpfen Ende des Eies
mehr gehäuft. Ist mit dem vorigen nicht leicht zu ver-
wechseln.
Ueber die chilenischen Wasserhühner. 227
3. F. chloropoides King.
Läng-e 1" 10'" bis 2"; Breite 1"3— 4'". Es ist sonach in
der Regel etwas kleiner als die beiden vorigen. Die Schale
hat wenig Glanz und ein etwas kalkiges Aussehen. Die
Grundfarbe ist bedeutend lichter als bei den vorigen, ei-
gentlich leichenfarbig (lividus). Die braunen Fleckchen
sind gewöhnlich weit kleiner, aber auch weit zahlreicher
als bei den vorigen. Einige Exemplare haben eine Menge
runder Fleckchen von der Grösse der Mohnkörner, andere
aber sind so fein getüpfelt als ob sie mit Sand bestreut
wären.
Zum Schlüsse erwähnen wir noch einer kollossalen
Taguas, welche, von S oul eye t in Peru entdeckt, vielleicht
auch auf den Andenseen des nördlichen Chile gefunden
wird. Diese Art erreicht fast die Grösse der Hausgans
und ist in den Sammlungen noch sehr selten. Das Museum
in Santiago besitzt ein Exemplar desselben aus den hohen
Cordilleren von Peru.
J. J. V. Tschudi in seinen Untersuchungen über die
Fauna von Peru sagt unter anderem von derselben : „Wir
beobachteten zum erstenmale die F. gigantea im Juni 1840
im kleinen See „„Ascacocha"" (die stinkende Laguna), in
den Altos von Huaihuai. Der uns begleitende Indianer
bemerkte, dass diese Vögel nicht fliegen können, und in
der That haben wir sie, trotz des anhaltenden Schiessens
nie sich ihrer Flügel bedienen gesehen. Dem sie verfolgen-
den Hunde entzogen sie sich durch sehr behendes Unter-
tauchen. Nach Angabe der Indianer soll das Weibchen
die Jungen in der ersten Zeit auf dem Rücken herumtragen;
es legt auf den Felsen in den Lagunen drei Eier."
„Diese Species ist in Peru sehr selten; während un-
serer vielen Reisen haben wir sie nur zweimal gesehen.
Die Indianer nennen sie (wie auch die übrigen Arten von
Fulica) „Anashsinqui," was „Bohnen-Nase" heisst.
Zum Beweise, wie vorsichtig man sein müsse, wenn
man aus einzelnen Thatsachen oder einseitigen Beobachtun-
gen allgemeine Schlüsse ziehen will, wie es hier Herr v.
228 Landbeck: Ueber die chilenischen Wasserhühner.
Tschudi in Beziehung- auf das seltene Vorkommen des
erwähnten Wasserhuhns in Peru gethan hat, theilen wir
einen Auszug aus einem Briefe des verstorbenen A. Fro-
been in Arica an Landbeck vom 30. Januar 1855 mit:
„Auf den Cordilleren- Lagunen fand ich eine grosse
präclitige (Fulica-) Art, schwarz mit gelbem Schilde, ro-
then Läufen, gelappt und langen Krallen. Der Ton dieses
Vogels gleicht dem Lachen eines Menschen. Ich fand sie
zu Hunderten des Morgens beinahe vor Kälte erstarrt
auf dem Eise (etwa 16,000 Fuss hoch) und in dieser Lage
blieben sie, bis die Sonne hoch kam und die Lagune auf-
thaute und ihnen somit der Weg gebahnt wurde, ihr Futter
zu suchen."
Santiago, im August 1861.
Kurzer lleberblick der in der Kieler Bucht Ton uns
beobachteten wirbellosen Thiere^
als Vorläufer einer Fauna derselben.
Von
U. Adolph Hey er und Karl IHöbius
in Hamburg.
Die Kieler Bucht ist ein schmaler, 2 Meilen langer
Busen der Ostsee , der von Nordost nach Südwest in den
nördlichsten Theil Holsteins eindringt. Er öffnet sich eine
Meile weit bei Bülk, das an seinem äussersten Nordpunkte
liegt, verengt sich bis auf ungefähr 3600 Fuss bei der
kleinen Festung Friedrichsort, südsüdwestlich von Bülk und
erweitert sich dann wieder nach der Mündung des Eider-
kanales zu bis über V4 Meile, worauf er sich am äussersten
Ende des Badeortes Düsternbrook wiederum verschmälert,
bis er endlich südwestlich hinter Kiel in eine schmale und
seichte Spitze ausläuft.
Seine beiden Ufer schliessen theilweise mit schönen
Buchen bewaldete Hügel ein, welche an vielen Stellen die
Wasserfläche vor der Gewalt des Windes schützen, so dass
bei Stürmen eigentlich nur in den ausserhalb Friedrichsort
gelegenen Theil desselben die hohen und langen Wogen der
See hereindringen.
Ausser dem Eiderkanale auf der Westseite bringt nur
noch die Schwentine, ein kleiner holsteinischer Fluss, der
Düsternbrook gegenüber auf der Ostseite mündet, eine be-
merkcnswerthe Menge süssen Wassers in die Bucht.
Die Tiefe derselben beträgt in der Mitte vom Kieler
Hafen an bis hinaus in den offenen Theil nach den Anga-
230 Meyer und Möbius:
ben der Seekarten gewöhnlich 7 — 9 Faden; nur an wenigen
Stellen sind 10 — 20 Faden verzeichnet. Dem Ufer näher
ist der Wasserstand bei ruhigem Wetter meistens 4 — 6 Fa-
den, dann steigt der Boden gewöhnlich rasch bis zu ge-
ringer Tiefe an, so dass die Böte ohne Steg fast nirgends
landen können.
An diesen seichten Ufern wächst reichlich zu beiden
Seilen des Busens S eegra s, Zostera marina, und wuchert
an manchen Stellen so üppig, dass es die Strandbewohner,
bis ans Knie im Wasser stehend, mit Sensen abmähen und
am Strande zum Verkaufe trocknen. Auf den Steinen, die
überall in der Bucht zerstreuet liegen oder zum Schutze
von Rheden , Uferbauten oder Badeslellen aufgeschichtet
worden sind, hat sich Tang (Fucus vesiculosus und we-
niger häufig serratus) angesiedelt, von welchem bei starken
Südwestwinden, die das Wasser aus der Bucht hinauswe-
hen, oft grössere Strecken trocken liegen. Auf tieferen
sandigen Stellen finden sich stellenweise Ceramien und
Polysiphonien in Massen; auf mehr schlammigem Grunde
Furcellaria fastigiata und dem Strande nahe mischt sich
mit Seegras Chorda filum hier und da. Im Frühjahre wu-
chert an vielen Stellen des flachen Strandes Ulva Lactuca.
Dies sind diejenigen Pflanzen des Busens, welche den
anderen gegenüber vorherrschen, und welche deshalb auch
für das unmittelbar oder mittelbar von ihnen abhängige
Thierleben eine hohe Bedeutung haben.
Die tiefe innere Mulde des Busens ist mit dunk-
lem Moder angefüllt, der viele verfaulte organische Slofl'e
enthält , die Schwefelwasserstoff" aushauchen, wenn sie an
die Oberfläche gehoben werden. Aber dennoch hat er,
wie die mit lebenden Pflanzen bewachsenen Theile, Ihieri-
sche Bewohner.
An der Oberfläche haben wir vom Juli bis in den
Oktober hinein bei Düsternbrook und im Kieler Hafen See-
leuchten beobachtet, das hauptsächlich von Infusorien (be-
sonders Peridinien) hervorgebracht wird.
Den grössten Theil des Jahres treiben zwei Arten
Quallen, Medusa aurita L. und Cyanaea capillata Bast, zahl-
reich im Wasser hin. Jene verschwindet im Spätsommer
Kurzer Ueberb. d. in d. Kieler Bucht beobacht. wirb. Thiere. 231
mehr als diese, von welcher uns am 14. December noch
viele Exemplare mit weissen Embryonalmassen besetzt,
begegneten. Aus den Polypenformen derselben, die wir
an jenem Datum mit nach Hamburg nahmen, entwickelten
sich 6 Tage nachher in unseren hier gehaltenen Aquarien
junge Quallen.
Im Frühling erscheint die zierliche Sarsia tubulosa
Sars auf kurze Zeit in so grosser Menge, dass das Wasser
an der Oberfläche, nach dem Ausdrucke unseres Boolfüh-
rers , davon „ganz haarig^ wird. Sie entwickelte sich
auch aus ihrer Polypenform (Syncoryne Sarsii Loven) im
Aquarium.
Auf einem grossen Fischkasten, der tief eingetaucht
im äusseren Theile des Hafens zwei Monate lang gelegen
hatte, wucherte im November Eudendrium rameum in üp-
pigen Büscheln, zwischen welchen zahlreiche Aeolidien
herum krochen. Dieser Polyp wohnt auch mit Syncoryne
Sarsii und Campanularia geniculata Ell. auf Muschelpfählen,
auf den Bäumen, welche zur Anzucht der Miessmuscheln
in den Boden gesteckt werden.
Auf Fucus und Zostera marina trifft man Büschel der
hübschen Clava mullicornis Forsk. und Gruppen von Dyna-
mena pumila L., Campanularia volubilisL. und die Polypen-
formen der bei den oben ancjeführlen Medusen an. Mit Nassa
reticulata zogen wir in der inneren und äusseren Ablhei-
lung der Bucht eine Hydractinia v. Ben., welche stets auf der
Schale jener Schnecke schmarotzt, mit derselben im Aquarium
vortrefflich fortlebt und Medusenformen aus Knospen bildet,
aus der Tiefe.
Auch Actinien sind vorhanden. Auf den Muschelpfäh-
len lebt Aclinia plumosa Gm. häufig und auf tiefliegenden
Steinen sitzt Bunodes crassicornis. Beide Arten haben sich
viele Monate in unseren Aquarien gehalten. Individuen
der ersteren Art schufen sich daselbst eine zahlreiche
Nachkommenschaft durch Ablösung kleiner Stückchen ihres
Fussrandes (bis zu 0,5 Mm. Durchmesser), auf deren Gipfel
sich Arme entwickelten, die Anfangs nur durch Vergrösse-
rung wahrzunehmen waren.
Nirgends in der Bucht kann man das Schleppnets
Meyer und Möbi us :
auswerfen oder den Kätscher über das Seegras ziehen, ohne
Mengen von Asteracanthion rubens L. zu fangen. Am
häufigsten ist die breitarmige, dunkelviolelte Varietät; sel-
tener, und zwar in grösserer Tiefe, die schmalarniige reihe
und graubraune Abänderung. In tiefen schlammigen Stel-
len hält sich Ophiolepis ciliata massenweis verborgen. Im
äusseren Theile der Bucht wurden zwei junge Exemplare
eines Seeigels gefangen, über deren Species wir noch nicht
sicher sind.
Würmer sind reichlich vertreten. An Seegrasblätlern
und Muschelpfählen wimmelt es von Polynoe cirrata Müll,
in verschiedenen Farbenvarietäten und Grössen. Dieser
Wurm leuchtet prächtig mit zwei Reihen hellblauer Punkte
an den Seiten des Körpers, sobald er berührt wird. An
denselben Oertern leben auch zwei Arten Terebellen ; die
kleinere davon ist fast auf jedem Seegrasblatt in zarten mit
Schlamm belegten Schleimröhren anzutreffen. Im Aquarium
sucht sie gern die Lichtseite auf und verkittet, wenn sie
keinen Schlamm erlangen kann, hier auch Sandkörnchen
zu einer neuen Röhre.
Mit dieser Terebelle bemerkt man auf Seegras aus
grösseren Tiefen in ähnlichen, nur etwas grösseren Schlamm-
röhren Nereis Dumerilii Aud. et Ed. Wo viel abgestorbe-
nes Seegras liegt, halten sich Nereis diversicolor Müll, und
Scoloplos armiger Müll, häufig auf. Nereis pelagica L.
kommt auf Muschelpfählen in grossen Exemplaren vor. Die
Schalen von Mytilus edulis und Balanen sind oft mit den
Röhren einer kleinen Leucodore besetzt.
Hetcronereis fuciola Oersd., Nephthys borealis Oersd.
und Phyllodoce mucosa Oersd. haben wir bis jetzt nur ver-
einzelt an tiefen Stellen angetroffen.
Der Blasentanor ist zuweilen über und über von
den Kalkröhren der kleinen Scrpula spirorbis L. weiss
punktirt. Auf sandigem Grunde leben in tieferem Wasser
Amphitrile auricoma Müll. , in seichterem Arenicola pisca-
torumL. in grosser Menge und im Schlammgrunde mehrere
Arien Nemertinen und Planaricn. In Ilöhluno-en faulen
Holzes, das in der Tiefe liegt, hallen sich zusammenge-
knäuelte Gruppen einer Oncholaimus-Spccies auf. In tiefen
Kurzer Ueberb. d. in d. Kieler Bucht beobacht. wirb. Thiere. 233
schlammigen Stellen enldeckfen \vir auch Priapulus cauda-
tus Lm., Ilalicryptus spiniilosus v. Sieb, und noch einen
drillen Wurm mit ausstülpbarem Rüssel.
Von Crustaceen kommt im flachen Wasser Carcinus
Maenas Bast, häufig- vor. Palaemon squilla L. füllt im
Sommer die Bucht in Millionen an, während Crangon vul-
garis Fab. hier lang-e nicht so zahlreich als in der Nordsee
lebt. Streift man im Sommer den Kätscher nahe am Strande,
durch das frische Seegras, so wimmelt es in demselben von
Grammarus locusla Moni. undSabinei Leach, Mysls spinulosus
Lch., Idothea tricuspidata Desm. und zwei Amphitoe-Arten
in allen Grössen. AufFucusund an Steinen trifl't man zwei
Arten Jaera und ein Sphaeroma in jeder Jahreszeit.
In den Bruthöhlen der Medusa aurita ist Hyperia La-
treillei Guer. nicht selten. Leptomera pedata Müll, und
Capreila linearis übst, wurden in vielen Exemplaren auf
Spongien, Tangen und Seegras sitzend gefunden und Coro-
phium longicorne Fab. am Strande gesammelt. In der tiefen
schlammführenden Mittelrinne ist eine Diastylis-Art nicht
selten, welche sich im Aquarium mit aufgehobenem Abdo-
men schnell in den Schlamm- und Sandgrund eingräbt.
Balanen leben in kleinen Gesellschaften auf Miessmuscheln,
Steinen und Holz in allen Theilen der Bucht. Lernaeonema
monillaris Edw. und Anchorella uncinata Müll, haben wir
von ihren Wirthen abgesucht.
Die kleinen Crustaceen konnten wir bis jetzt noch
wenig beachten, obgleich uns öfter verschiedene Gattungen
von Entomostraceen begegneten. Von Pycnogoniden trafen
wir bei ßülk auf einer häufig an Fucus wachsenden Spongia
ein Nymphon an und zwischen faulenden Substanzen am
Boden des Aquariums sahen wir eine kleine Milbe (Halacarus
Goose sp.) herumkriechen.
An Mollusken ist die Kieler Bucht reicher, als ge-
meiniglich die Ostsee überhaupt gehalten wird. E. Boll
führt (im Archiv des Vereins d. Freunde d. Naturgesch.
in Mecklenburg 1847) nur 7 marine Conchiferen und 5
marine Cephalophoren an, während wir bis jetzt 13 Con-
chiferen, 28 Cephalophoren und mehrere Tunicalen beob-
achtet haben.
234 Meyer und Möbius:
Auf Seegras ist Mempranipora Flemingii ßusk ge-
mein. Auf Fusus antiqiuis beobaclilcten wir Uebergänge
von einer Bowerbankia und auf Fucus kleine ßüscliel von
Crisia geniculala Edw. und cburnea L. Die Aliessmuschel-
pfälile sind fleckenweis dicht mit der grossen Ascidia ca-
nina Müll, beselzt, die das Wasser weit von sich spritzt,
wenn sie in die Luft gebracht wird.
Auf Seegras lebt häufig in mehreren Faden Tiefe eine
sehr durchsichtige Art, welche wahrscheinlich mit Ascidia
scabra und aspersa Müll, identisch ist.
Auf einem rolhbraunen Tang (Furcellaria fastigiata),
auf Fucus serratus und vesiculosus sitzt die kleine, eiför-
mige rolhe Cynthia rustica Müll, oft in Gruppen.
Die gemeinste Muschel ist Mytilus edulis L., welche
Steine, Tange, Badeschiffe und Hafenpfähle in dichten Bar-
ten überzieht. Gegessen werden nur die von den Muschel-
pfählen in der kalten Jahreszeit abgepflückten ausgewach-
senen Exemplare. Die am Boden lebenden sollen einen
moderigen Beigeschmack haben,
Im seichten Wasser mit Sandgrund sind Mya arena-
ria L., Teilina solidula Pult, und Cardium edule L. häufig;
Scrobicularia piperata Gm. , Syndosmya alba Wood, Solen
pellucidus Penn., Corbula nucleus Lm., Cyprina islandica L.
Cardium fasciatum Mont. , Astarie arclica Gray und Cre-
nella discors leben an tiefen Stellen in verschiedenen Thei-
len der Bucht. Teredo navalis L. arbeitet in den Muschel-
pfählen und im Holzwerke des Hafens, während die Miess-
muschel draussen ihren Byssus spinnt.
Im äusseren Theile der Bucht sahen wir Chiton
cinereus L. auf Littorina littorea L. sitzen, die mit der
langgestreckten Rissoa labiosa Mont. (membranacea Ad.J
zu den gemeinsten Schnecken der Bucht in der oberen
Region gehört. Zwei andere kleinere Arten, Rissoa incon-
spicua Aid. und Rissoa ulvae Penn, leben gesellig an
Steinen und Pflanzen im flachen Sirandwasser. Neben ihnen
findet man Littorina tenebrosa Mont. Eine dritte Littorina,
nämlich littoralis L. (= obtusata L.) kriecht manchmal
zahlreich auf Fucus serratus. Auf Ulven und Seegras
wohnen Lacuna vincta Mont. (Var. quadrifasciata) und La-
Kurzer Ueberb. d. in d. Kieler Bucht beobacht. wirb. Thiere. 235
cuna pallidula Da Costa. Zwischen Ceramien im äusseren
sandigen Theile der Bucht fanden wir das zierliche Ceri-
thium reliculatum Da Costa. Nassa reticulata L. kommt In
tiefen Stellen durch das ganze Gebiet vor und ist stets mit
Hydraclinien besetzt. In grösseren Tiefen lebt Buccinum
undatum L. und Fucus antiquus L.
Die Grenzen der Regionen des Seegrases und des
Moders sind der Lieblingsaufenlhalt der hübschen Akera
bullata Müll., die sich hier ausserordentlich stark vermehrt
und auch in Aquarien, deren Boden mit Schlamm und einigem
Seegras bedeckt ist, leicht gehalten werden kann. Im Juni
hängen so viele von ihren federkieldicken Eierschnüren an
den Pflanzen, dass man zuweilen ganze Hände voll aus dem
Grundnetze sammeln kann. Die ihr nahe stehende Philine
aperta L. liebt liefen Schlammgrund; zwei andere kleine
Thiere aus der Familie der BuUiden, nämlich Cylichna
truncata Mont. und Amphisphyra hyalina Turt. fanden wir
bis jetzt nur vereinzelt auf Sandgrund im äusseren Theile
der Bucht. Die kleine Limapontia nigra Johnst. trafen wir
auf Zostera marina in einige Faden Tiefe an und einmal auch
eine ziemlich grosse tief sammetartig braunschwarze Ely-
sia Risse, deren Rücken und halbkreisförmige, hinten stumpf
verschmolzene Mantellappen mit melallischglänzenden Punk-
ten übersäet sind , weiche bei den Bewegungen in rolhen,
grünen und blauen Farben spielen.
Von Gymnobranchiaten sammelten wir auf Zostera ma-
rina und auf Muschelpfählen häufig eine schöne Aeolis, die
sehr lange Vorderfühler und dichte lange Rückenpapillen
in Büscheln trägt. Dieselbe stimmt am meisten mit der bei
Aid er und Hankock von Aeolis Drummondii Thomps.
gegebenen Beschreibung überein, so dass wir sie mit der-
selben für identisch halten, obwohl einige Differenzen vor-
handen sind, die sich auf die Verschiedenheit der Lebens-
bedingungen für die Britischen und Kieler Individuen
erklären mögen. Mit den übrigen genauer untersuchten
Gymnobranchiaten verhält es sich ähnlich, nämlich mit Aeo-
lis rufibranchialis Johnst., welche kürzere Fühler, einen
gestreckteren Körper und eine ganz andere Zunge als A.
Drummondii besitzt. Diese Arten leben fast überall unter-
236 Meyer und Möbius:
mischt neben einander. Nicht weit von der Mündung der
Schwenline entdeckten wir die schöne Aeolis alba Aid. et
}fank. neben A. Driimmondii. Aeolis exigua kommt auf
Cernmien, auf Eiidondrium rameum und Campanularien vor.
Wir haben einige Exemplare derselben Monate lang im
Aquarium gehallen, wo sie bedeutend wuchsen und zuletzt
Eier in Bändern legten, während sie jung nur kleine nie-
renförmige Kapseln erzeugten. Einmal fanden wir eine
kleine Embletonia, deren Species wir noch nicht festsetzen
konnten.
Aus der Gattung Doris haben wir zwei Arten von
Seegras und Tang gesammelt, die eine ist Doris muricata
Müll., mit keulenförmigen, durch Kalknadeln rauhen War-
zen, die andere D. pilosa Müll., mit weichen kegelförmigen
Papillen. Die letztere kommt in einer gelben und einer
braunen Varietät vor. Auf Muschelpfählen ist Dendronotus
arborescens Müll, häufig, und auf grünen Tangen und See-
gras lebt in der ganzen Bucht eine Polycera nicht selten,
die wir bis jetzt mit keiner beschriebenen Art identificiren
konnten. Von den meisten dieser Schnecken fanden wir
vom Mai bis Anfang Winters Eier und sahen von vielen
solche auch im Aquarium legen.
Dieser Blick auf die Evertebraten der Kieler Bucht
macht keinen Anspruch darauf, der Vollständigkeit nahe
gekommen zu sein; denn wir wollten nur anführen, was
wir, um eine völlig sichere Basis für eine Fauna zu ge-
winnen, bis jetzt selbst beobachteten, und veröffentlichen
schon diese Skizze, um zu zeigen, dass die Ostsee viel
mehr Thierformen erzeugt als bisher angenommen wurde.
Ausserdem wollen wir damit die Freunde der einheimischen
marinen Thierwelt auf eine Fundstätte aufmerksam machen,
die zu jeder Jahreszeit, selbst vom Innern Deutschlands
aus leicht zu erreichen und für die Belebung der See-
aquarien auszubeuten ist.
Als wir uns im Sommer 1859 in Düslernbrook bei Kiel
aufhielten, fischten wir die häufigeren Bewohner der Bucht
zur Belebung unserer Aquarien. Der Plan , eine Fauna
dieses kleinen Ostseebusens zu bearbeiten, wurde erst im
Jahre 1860 gefasst. Wir reisen von Zeit zu Zeit, jeden
Kurzer Ueberb. d. in d. Kieler Bucht beobacht. wirb. Thiere. 237
Monat wenigstens einmal, nach Kiel , sammeln mit dem
Kätscher und Grundnetz an der Oberfläche und in der Tiefe,
durchsuchen im Winter den Besatz der aufgezogenen Mu-
schelpfähle und bringen in Gläsern und Zinkbüchsen un-
seren Fang grösslentheils lebend nach Hamburg, wo wir
die verschiedenen Thiere in grössere und kleinere Aqua-
rien vertheilen, um sie längere Zeit zu Untersuchungen
zu erhalten, denen wir unserer Berufsbeschäftigungen hal-
ber nur Mussestunden widmen können. Von Ostern 1860
bis zum Sommer 1861 nahm Herr Dr. E. Graeffe aus
Zürich, der jetzt auf den Samoi- Inseln lebt, sammelnd,
beobachtend und bestimmend an diesen Vorarbeiten Thcil.
Haben sich dieselben bis jetzt eingehender auch nur auf
die Gymnobranchiaten unseres beschränkten Gebietes er-
strecken können, so eröffnen sie doch schon interessante
Blicke auf den Einfluss, welchen die Eigenthümlichkeiten
der Ostsee auf das thierische Leben ausüben, so dass wir
hoffen dürfen, aus unseren speciellen Untersuchungen einst
auch Folgerungen zur Beleuchtung wichtiger allgemeiner
Fragen der Zoologie ziehen zu können.
Um ein möglichst vollständiges Bild unserer Thiere
zu geben, beabsichtigen wir ausser diagnostischen und
anatomischen Eigenthümlichkeiten hauptsächlich auch bio-
logische Beobachtungen mitzutheilen und werden die Be-
schreibungen derselben mit colorirten, nach dem Leben
entworfenen Abbildungen begleiten, deren Ausführung wir
besondere Sorgfall zuwenden, da von vielen Seethieren
immer noch lebenswahre Darstellungen fehlen, obwohl sol-
che gerade hier um so wichtiger sind, je schwieriger sich
die Lebensformen und Farben in Sammlungen conserviren
lassen.
lieber die Familien der Eryciden nnd Tortriciden.
Von
Professor Jan
in Maihind.
Es ist eine augenfällige unbestreitbare Tlialsache, dass
die physischen sowohl als die psychischen Aehnlichkeilen
oder Verwandtschaften der Thierarten im Allgemeinen und
in jeder Klasse derselben insbesondere, so vielfältig sind,
dass, so zu sagen, jede Art in näherer oder entfernterer
Verbindun(r mit den anderen steht, und oft mit mehreren
Arten eine gleich nahe Verwandtschaft beurkundet; dass
daher, vorausgeselzt, es wären uns alle gegenwärtig den
Erdkreis bewohnende Thierarten bekannt, man dieselbe nur
wie die Orte auf der Landkarle zusammenstellen möchte,
um eine halbwegs natürliche Anordnung derselben zu er-
kennen.
Dieser dadurch gewährte Ueberblick ihrer Verwandt-
schaften müsste auf Beobachtungen fussen, die aber ausser
dem Bereiche unseres Könnens liegen.
Das einzig wahre Natursystem aber, nach welchem
das Thierrcich geregelt ist, mit unserem Verstände zu be-
greifen , müssten wir fähig sein, das Schema einer Mappe
zu entwerfen, in welcher nach ihren Afüniläten alle Arten
der Thiere, welche die Erde in den verschiedenen geolo-
gischen Epochen bewohnten, in chronologischer Ordnung
eingezeichnet wären. Dies wäre der Entwurf des Schö-
pfungsplanes des Thierreichs, den aber ein für unser gei-
stiges Auge undurchdringlicher Schleier deckt, den kein
menchliches Wissen je heben wird. Es bleibt daher in
Jan: Ueber die Familien der Eryciden und Tortriciden. 239
der wissenschaftlichen Systematik die allein erreichbare und
vorzugliche Aufgabe, die Thiore der anerkannten verschie-
denen Klassen in lineare Reihenfolg-cn zu stellen, in wel-
chen die nächst verwandten Arten bei einander stehen,
und diesem Grundsätze gemäss dieselbe in Gallungen,
Familien und Ordnungen unterzubringen.
Eine solche Zusammenstellung, wenn auch auf gründ-
liche Beobachtungen gestützt und mit dem grössten Scharf-
sinne entworfen, wird doch immer nur einen relativen
Werth haben und grösstenlheils von der verschiedenen
Beobachtungsgabe und den Ansichten des damit sich be-
schäftigenden Naturfo-rschers abhängen, und daher stets
mehr oder minder künstlich sein.
Die systematische Anordnung der Schlangen aberbietet,
bei der mangelhaften Kenntniss der Arten, in jeder Rück-
sicht viel grössere Schwierigkeiten als die der anderen
Wirbellhiere.
Wagler in seinem „Natürlichen Systeme der Amphi-
bien. München 1830 p. 265" betrachtet die Schlangen als
einer einzigen Familie angehörig, und nachdem er Jeden
Versuch als vereitelt erklärt, in dieselbe nach dem Zahn-
baue Zünfte oder Gruppen zu errichten," bemerkt er, „dass
nichts anderes übrig bleibe, als im Allgemeinen die vor-
züglichsten Eigenthümlichkeilen ihres Körpers und ihrer
Lebensweise zusammenzufassen, vergleichend gegen einan-
der zu halten und sie hiernach in gewisse Haufen oder
Gruppen zu bringen. Aber auch diese Gruppen lassen sich
durch keinen allen ihren Gliedern adhärirenden Charakter
bezeichnen und festsetzen, denn überall zeigen sich Ueber-
gangsstufen in ihren Formen, die die Bestimmung , ob
diese Schlange zu dieser oder jener Gruppe gehöre, durch-
aus unmöglich machen" und zieht hieraus den obigen
Schluss : „dass diese Thicre nur eine einzige Familie bilden,
deren Glieder sich sämmllich innig berühren und eine un-
unterbrochene Kette bilden."
Wagler vertheilt im erwähnten Werke, viele neue
Gattungen schaffend, die Schlangen in 7 Gruppen.
Schlegel in seinem „Essai," das in den Händen
aller Herpetologen ist, bringt dieselben in 8 Familien unter,
240 J a n :
WO dieselben soviel als möglich der Physiognomie, das ist
dem Habitus nach nalürlich gruppirt sind.
So wichtig auch für die Schlangcnkunde „DumeriTs
und Bibron's Erpetologie generale- ist, und wie sehr
auch deren auf den Zahnbau gegründetes System das Be-
stimmen der Arten erleichtert, so werden doch dadurch die
Familienbande der Verwandtschaften zu sehr zerrissen.
Eigentlich liegen die Hauptunterschiede der Zähne
des Oberkiefers darin , dass solche entweder solid oder
innen hohl sind , die letzteren sind wahre Giftzähne, die
ersteren sind entweder ganz glatt, oder mit einer Furche
versehen, die wahrscheinlich die vermehrte Absonderung
des Speichels erleichtert, oder auch für den Abfluss irgend
einer anderen vielleicht auch manchen Thieren verderbli-
chen oder tödtlichen Flüssigkeit dienen mag.
Die soliden gefurchten Zähne stehen immer gegen
das Ende des Oberkieferbeins, und es sind der festsitzen-
den nie mehr als 3, meist 2, gewöhnlich sind dieselben
etwas entfernt gestellt von den anderen Zähnen.
In dieser Rücksicht theile ich die Schlangen in
Toxicodonta, Aglyphodonta und Glyphodonta.
Zuweilen beobachtet man auch an den hohlen Zähnen,
die stets vorwärts liegen, eine äussere Furche, welche die
zur Aufnahme und Ausfluss des Giftes bestimmten beiden
Oeffnungen des Zahnes äusserlich verbindet.
Wenn gleich manche Schlangenarten an dem Giftzahne,
ausser dem inneren Kanäle, auch diese Furche zeigen, so
bemerkte ich doch anch bei jungen Zähnen mancher Art
diese Furche, welche bei älteren nach Consolidirung der
äusseren Zahnsubstanz ganz verschwindet.
Von den mir bis zum Jahre 1858 bekannten Giftschlan-
gen (Toxicodonta), habe ich in G u e r i n - M e n e v i 1 1 e's Re-
vue et Magasin de Zoologie ein Verzeichniss der Arten
geliefert, welchem ich nun das der anderen Aglyphodonta
und Glyphodonta folgen lasse.
Diese habe ich nach den von Schlegel in seinem
Essai entwickelten Ansichten mit solchen Modifikationen,
welche dem jetzigen Standpunkte der Ophiologie mir ent-
sprechend schien, in Gruppen geordnet.
lieber die Familien d. Eryciden und Tortriciden. 241
Bei dieser Gruppirung benutzte ich auch vorzüglich
das bis jetzt umfassendste herpetologische Werk Duin-e-
ril's und Bibrons, indem ich die Gattungen der Arten,
welche gefurchte und ungefurchte Zähne haben, wenn
solche im Habitus sonst übereinstimmen, parallel in dieselbe
Gruppe stellte.
Nach diesem meinem Versuche einer systematischen
Anordnung der mir bekannten Arten folgen den Typhlopi-
den die Pseudotyphlopiden (Uropeltacea J. Müll.), dann die
Eryciden und Tortriciden, welche ich in eine Familie ver-
einige. Mit dieser 3ten Familie der Schlangen beginne ich
nun die für das Archiv bestimmte Aufzählung der Arten.
Die Eryciden, welche die Iste Gruppe der Familie
bilden, sind in zwei Sectionen vertheilt, die erste enthält
Schlangen, welche die alte, die zweite die, welche die neue
Welt bewohnen, und die sich auch ausser dem so ver-
schiedenen Vaterlande, durch andere wesentliche Kenn-
zeichen von einander unterscheiden.
In der zweiten Gruppe stehen die Tortriciden, deren
Hauptrepräsentant die in allen Sammlungen befindliche
Tortrixscytale ist, welche denTyphlopiden und Uropeltaoeen,
durch das in einem Schildchen liegende Auge nahe steht,
zu dieser Gruppe gehört noch Gylindrophis und Xenopel-
tis, dieses letzte Glied der dritten Familie stimmt mit dem
ersten derselben Plastoseryx in der obern Kopfbeschildung,
dem Spitzern Schwänze und den zweizeiligen Schwanz-
schildern überein.
So bewährt sich schon bei dieser kleinen Familie die
von Wag 1er oben erwähnte Unmöglichkeit hinsichtlich
der richtigen Einreihung einer Schlange in die eine oder
andere Gruppe.
Dies voraus bemerkt, gehe ich zur Aufzählung der
Arten über, welche alle mit den charakteristischen Details
für die „Sonographie des Ophidiens" abgebildet und von
mir neu beschrieben wurden.
Ausser dem Vaterlande ist bei jeder Art das Museum
erwähnt , in welchem sich die abgebildete Schlange be-
findet. Da am häufigsten das Mailänder und Pariser Museum
Archiv für Naturg. XXVIII. Jahrg. l.Bd. 16
242 Jan:
citirt werden, so wird der Kürze wegen das erstere bloss
mit M., das zweite mit P. bezeichnet.
Wo bei einer Art der Name des Autors nicht ange-
führt, ist solche von mir benannt.
Ist der Name des Autors in Klammern eingeschlossen,
so bedeutet dies, dass derselbe die Art in eine andere Gat-
tung stellte.
Dritte Familie.
Erste Gruppe.
Erycid en.
A. Mit elliptisch vertikaler Pupille des Auges.
Ers te S ection.
a. Schilder auf dem Kopfe.
f Körper-Schuppen glatt.
'^'* Regelmässig gelagerte obere Kopfschilder.
a. Doppelte Schwanzschilder (12 — 13) (scutella).
I. Plastoseryx.
1. Bronni (Heidelberger) Amerika.
ß. Einfache Schwanzschilder (scuta).
II. Pseiidoeryx.
1. Botlae (Blainv.) (P.) Californien.
■^^■•"" Unregelmässig gelagerte obere Kopfschilder
(16-17).
III. Wenonia Baird et Girard.
1. plumbea B. G. (M. Washington) Nord -Amerika
(Puget-Sound).
ff Körper-Schuppen mit drei Kielen.
IV. Platygaster.
1. multicarinatus Peron (P.) Port Jackson.
Zweite Section.
b. Schuppen auf dem Kopf.
V. Eryx Oppei. Dum. Bibr. Vol. VI. p.454.
Ueber die Familien der Eryciden und Tortriciden. 243
1. Johnii (Russ). (M.P.) Dekan, Bengalen ^^^).
2. jaculus (L.) (M.) Cairo.
3. thcbaicus GeofF. St. Hil. (M.) Aogypten.
Var. senaariensis (M.) Senaar.
4. conicus (Schneid.) (M. P. Genf, Stuttgart). Mala-
bar, Pondichery.
Zweite Gruppe.
Tortriciden.
B. Runde Pupille.
a. Nasenschilder einfach *""''*).
Schwanzschilder einfach.
'"* Augfe in einem Schilde.
VI. Tortrix Opp. (Dum. Bibr. VI. p. 584).
1. scytale fL.) (31.) Guyana.
-«-"- Auge frei.
VII. Cijlindrophis Wagl., D. B. VI. 590. '
1. rufa (Laur.) (M,) Java.
2. melanota (Boie) (M.) Celebes.
3. maculata (L.) (M. Bonn) Ceylon.
b. Nasenschilder doppelt, Schwanzschilder doppelt.
Schi. Ess. T. II. p. 21. D. B. VII. p. 28.
VIII. XenopelHs Reinw.
1. unicolor Reinw. (M.) Java.
luven. : X. leucephala Reinw. (M. Leyden) Java.
*) Wenn bei derselben Art mehrere Museen citirt sind, so zeigt
dieses an, dass mehrere von solchen mitgetheilten Exemplaren abgebildet
wurden, in derselben Reihenfolge steht die Angabe des Vaterlandes,
z. B. Dekan ist das des Mailänder, Bengalen das vom Pariser Mu-
seum mitgetheilten Exemplars.
^") Das IVasal benenne ich einfach, wenn das Nasenloch in einem
einzigen Schildchen liegt, zusammengesetzt, wenn solches zwischen
mehreren Schildern liegt, daher doppelt zwischen 2, dreifach zwi-
schen 3 u.s. w. Diese Schildchen sind zuweilen auch zum Theil mit
einander verwachsen.
244 Jan:
Erste Gruppe.
Längsschuppenreihe nicht weniger als 30, nicht mehr
als 70.
I. Plastoseryx Bronni. Diese ausgezeichnete neue
Art fand ich in der mir von Prof. Bronn freundlichst
mitgetheilton Sciilangensammlung des Heidelberger Uni-
versitäls- Museums; sie wurde, wie er mir schrieb,
durch Dr. Eich 1er im Jahr 1859 von einem SchifTskapitän
angekauft mit anderen Schlangen, die meist südamerikani-
sche sind, ohne nähere Bezeichnung des Vaterlandes der-
selben.
Als Vorläufer der Abbildung in meiner Iconographie
mag eine Beschreibung derselben hier Platz finden, und
zwar beginne ich dieselbe mit der Aufzählung der Merk-
male, die besonders in der Kopfbeschildung zu finden sind,
ich unterlasse jedoch als zwecklos, die Formen dieser
Schilder, von denen nur ein naturtreues Abbild eine klare
überschauliche Ansicht geben kann , ausführlich zu be-
schreiben.
Wie ich schon in früheren Schriften bemerkte , dass
ich für die Charakteristik der Art mein besonderes Augen-
merk auf die seitliche ßeschildung des Kopfes richte, so
beginne ich die Beschreibung damit.
Das Nasal ist klein und doppelt , es fehlt ein eigent-
liches Frenal , das Prareocular ist sehr schmal und biegt
sich etwas über das Auge, den grossen Zwischenraum vom
Nasal zum Praeocular füllt das Praefrontal aus. Ober dem
Auge schliesst sich vorne das Supraocular an das Praeocu-
lar und rückwärts an das obere Postocular, deren zwei
vorhanden sind, ein grösseres Schildchen als jedes derselben
liegt unter dem Auge, (Subocular), sowohl dasPrae- als
untere Postocular berührend, so zwar, dass das Auge von
einem aus fünf Schildchen gebildeten Ring eingeschlossen
ist, daher auch kein Lippenschild das Auge berührt. Die
Stellung dieser Labiale, deren 10 die obere und 12 die un-
tere Lippe bilden, ist folgende: das erste Labial reicht bis
zum Nasenloche, das zweite berührt den übrigen hinteren
Theil des Nasal und das Praefrontal, das dritte bloss das
lieber die Familien der Eryciden und Tortriciden. 245
Praefrontal, das vierte das Praeociilar und mit hinterem
Winkel das Subociilar , das fünfte dieses unter dem Auge
liegende Scliildchen ganz allein, oder auch eine Temporal-
Schuppe, das sechste im ersten Falle dasselbe und die
Temporal-Schuppen, das siebente bis zehnte berühren bloss
diese zahlreichen Schuppen.
Von den oberen Lippenschildern ist das zweite das
längste und steht in gleicher Höhe mit dem vierten.
Der obere Theil des Kopfes hat viele Aehnlichkeit mit
dem von Xenopcltis, wie bei diesem sind 12 Schilder vor-
handen, die ebenso gelagert sind.
Die untere Seite des Kopfes ist überall sehr abwei-
chend von der anderer Erycinen, man bemerkt zwei lange
untere Zwischenkieferschilder (interinframaxillar, die ich
terminologischer Kürze wegen als inframaxillar bezeichne) ;
an die äussere Seite jedes dieser Schildchen legt sich dann
ein schmales fast eben so langes Schildchen oder Schuppe
an, was ich auf diese Weise gestellt bei keiner anderen
Schlange noch wahrnahm, die Inframaxillar stehen in Be-
rührung mit dem ersten und zweiten, das bemerkte äussere
Schildchen, das sich leistenartig an die Inframaxillar anlegt,
mit dem dritten unteren Labiale in Berührung.
Eine nalurtreue Abbildung würde die vorgesagte Be-
schreibung grösstentheils entbehrlich machen , höchstens
könnte solche als Fingerzeig dienen, wohin die Aufmerk-
samkeit des Auges beim Vergleichen und Bestimmen der
Schlange hauptsächlich zu lenken ist.
Nach meinen Beobachtungen ist diese wechselseitige
Stellung der Kopfschilder höchst constant, und die dem
Anscheine nach unbedeutendsten Abweichungen von der-
selben, bei sonstiger normalen Bildung der Kopfschildcr,
erleichtert meist das Erkennen auch anderer specifischer
Unterschiede.
Nach dieser kleinen Abweichung füge ich nur noch
einiges in Bezug des mir bekannten einzigen Exemplars von
Plasloseryx bei.
Was die Farbe desselben betrifft, die der Weingeist, in
dem es aufbewahrt, wohl vielleicht vetändert haben mag,
246 Jan:
SO ist dasselbe oben rothbraiin, mit zerstreuten kleinen
weisslichen Makeln, unten schrnulzifr weiss.
Bis weit über die Mitte des Körpers bemerkt man
33 Längsschuppenreihen, am hinteren Theile desselben bis
zum After, wo die Fussrudimente stark vorstehen, 28, an
der Wurzel des Schwanzes sind 15 — 13, in der Mitte des-
selben 8, an der Spitze 5. Alle die Schuppen sind unge-
kielt, die äusserste Reihe derselben etwas grösser als
die anderen.
Nach 9 Gularschuppen folgen 242 Bauchschilder, das
Anal ist getheilt, Schwanzschilder, die zweizeilig, sind 45
in jeder Zeile. Totallänge der Schlange 72", Schwanz 9".
II. Pseudoeryx Bottae. Diese von B 1 a i n v i 1 1 e in
Nouv. Annal. du Museum 1835. T. IV. p. 289 kurz beschrie-
bene Schlange, von welcher derselbe auch eine Abbildung
giebt pl. 26. fig. 1, die leider nicht naturgetreu ist, erhielt
ich mit gewohnter Liberalität von Prof. Dumeril milge-
theilt, dieselbe ist in der Erpetologie generale übergangen
worden. Nach Gray's Catalogue of Snakes 1849. p. 113
soll sich auch ein Exemplar in der Sammlung des British
Museums beiinden, er führt solches unter dem Namen Cha-
rina Bottae auf.
Ich habe dasselbe dort nicht gesehen, aber Gray's
Beschreibung verglichen mit dem Originalexemplare lässt
mich vermulhen, dass sie eine ganz verschiedene Art sein
müsse. Diesen Vergleich kann jeder anstellen, sobald in
der Sonographie die Abbildung des von Botta in Cali-
fornien entdeckten Originalexemplars erscheinen wird.
Vorläufig nur einige Bemerkungen über dasselbe ; was
die seitliche Kopfbeschildung betrilFt, so hat dieselbe 10
obere und 11 untere Lippenschilder (ij) , ein doppeltes
Nasal, ein Frenal, ein grosses Prae- und 3 Postocular, ein
kleines fast fünfeckiges Supraocular.
Die Stellung der oberen Lippenschilder gegen die mit
denselben in Berührung kommenden Schildchen ist fol-
gende : Das Isle Labial geht über das Nasenloch, das 2te
berührt Nasal und Frenal, das 3le Frenal und Praeocular,
das 4te das Praeocular und Auge, das 6te das Auge und
I
lieber die Familien der Eryciden und Tortrieiden. 247
unterste Postociilar, das 6le dieses letztere und die Tem-
poralschuppen, das 7te bis lOte inclusive bloss die Tem-
poralschuppen. Längsschuppenreihen sind 39, am hinter-
sten Theile des Körpers bis vor den After 27, Mitte des
Schwanzes 19. Nach vielen Gularschuppen zählt man 202
Bauchschilder, Anal einfach, Schwanzschilder einfach, bei-
läufig 30. — Totallänge 57"; Kopf 1" 8'"; Schwanz 6".
Ich muss dabei bemerken, dass der Kopf wohl gut
conservirt ist, aber der Körper fehlt, daher ich das Maass
nach der Haut nur anzeigen konnte, auch ist der Schwanz
an der Spitze ein wenig beschädigt. Farbe oben braun und
unten mehr rothbraun.
III. We7ionia phimbea. Im Catalogue of North-Ame-
rican Reptiles in the Museum of the Smithsonian Institution
by Baird and Girard 1853 sind zwei Arten der Gattung
Wenonia p. 139, 140, W. plumbea und W. isabella beschrie-
ben, bloss die erste Art ist mir durch Zusendung eines
Exemplars derselben von Dr. Baird, welches daher als
Typus derselben gelten kann, bekannt. Was die Zähne
betrifft , so sind im Oberkiefer 14 gegen hinten an Grösse
allmählich abnehmend, Palatinalzähne 2 und 5 sehr kleine
Pterygoidalzähne, im Unterkiefer 9. — Es mangeln die Zähne
im Zwischenkieferbein; auch bei den anderen zwei Gattun-
gen der ersten Section scheinen, nach den mitgetheillcn
Exemplaren zu urtheilen, die Zähne am Zwischenkieferbein
zu fehlen, wenn solche nicht ausgefallen sind, dadurch ist
auch die erste von der zweiten Section in dieser Gruppe
verschieden. Das Exemplar im Mailänder Museum hat auf
beiden Seiten des Kopfes eine etwas abnorme Beschildung,
auf der linken sind 10, auf der rechten 11 Supralabial (B.
und G. geben 9 an), das Auge selbst ist von einem Ringe
von Schildchen umgeben, und zwar auf der rechten Seite
schliessen 7, auf der linken 4 dasselbe ein, und nur auf
der rechten Seite berührt das fünfte Labial ein weniff
das Auge.
IV. Platygaster multicarinatus (Peron). Erpetol. gener.
Vol. VI. p. 497. TortiixpseudoeryxSchleg. Abbild. Amphib.
p. 112. pl.34.
Was die zwfeile Section der Gruppe betrilTt, welche
248 Jan:
bloss die Gattung Eryx begreift, so sind die Arten der-
selben, obgleich sie sich sehr ähnlich sehen, doch schon
bloss aus der Inspizirung des Rostrals zu erkennen, da
solches bei jeder Art verschieden gestaltet ist, ich verweise
auf die Abbildung derselben, da es nicht wohl thunlich ist
davon eine klare Beschreibung zu geben.
Obwohl oben auf dem Kopfe ausser den zwei kleinen
Schildchen, welche zwischen dem Nasal liegen (Internasal)
bloss Schuppen vorhanden sind und seitwärts man ebenfalls
nur Schuppen sieht, mit Ausnahme der Labialschilder und
des Nasal, so fand ich doch bei vielen Exemplaren der-
selben Art auch irgend eine Beständin;keit in der seitlichen
Beschuppung , die das Erkennen der Art erleichtert. Das
Auge ist von 9 bis 12 nur ausnahmsweise von 13 Schup-
pen umgeben , so wie auch nur ausnahmsweise eine oder
zwei dieser Ringschuppen unmittelbar das in gerader Rich-
tung unter dem Auge liegende Labial berührten, nämlich
das 5te oder 6te, wenigstens findet man 11 Supralabial. Das
Iste und 2te berühren das Nasenschild, welches zwei- oder
dreifach ist, bei Eryx Johnii fand ich es stets doppelt, bei
E. jaculus hingegen dreifach, nur abnorm zweifach. Drei-
fach ebenfalls bei E. thebaicus, abnorm sogar vierfach. Bei
E. conicus dreifach und abnorm doppelt.
Wenn man die Schuppen zählt, die zwischen dem
Nasal und dem Augenringe liegen, so findet man zwei der-
selben bei Eryx Johnii. Eryx jaculus und E. thebaicus,
die im ganzen Habitus sehr ähnlich, kann man gewöhnlich
auch schon dadurch unterscheiden, dass zwei bis drei Schup-
pen nur vom Nasal zum Augenringe in gerader Richtung
liegen, während bei E. thebaicus 4 — 5. Bei E. conicus
fand ich nie 2, wohl aber 3 — 5.
Diese praktischen Beobachtungen, wenn dieselben gleich
höchst unbedeutend erscheinen, haben mir doch beim Be-
stimmen der Eryxarten geholfen, und so gebe ich dieselben
ohne einen besonderen Werth darauf zu legen, als einen
kleinen Beitrag zu den in anderen Werken nachzusehenden
langen Beschreibungen der verschiedenen Eryxarten.
Ueber die Familien der Eryciden und Tortriciden. 249
Zweite Gruppe.
Längsschuppenreihen nicht wenig-er als 15, nicht mehr
als 21.
Die zu dieser Gruppe gehörigen Gattungen und Arten
sind sowohl in Schlegel's Essai als Dum. ßibr. Erpe-
tologie aufgeführt, ich füge deren Beschreibungen nur
einiges Wenige, besonders in Berücksichtigung der Lippen-
stellung hinzu.
Torlrix scytale , Labiale oben 5, unten 6, das erste
der oberen Labiale geht bis zu Ende des Nasal, welches
einfach ist, bei dem weit hinten liegenden Nasenloch zeigt
sich eine gegen innen gekehrte Ritze , dasselbe ist fünf-
seitig und die hinterste Seite davon sehr schmal, das 2te
Labial berührt bloss diese schmale Seite, und dass grosse
Schild (Frontonasal), das sich zu den Lippen herunterzieht
zwischen dem Nasal 'und dem Ocular oder Auo-enschild:
das 3te Labial dieses Frontonasal und das Augenschild,
das 4te dieses und das einzelne Temporal, das 5te dies
allein. — Schuppenreihen 21.
CyUndrophis. Das Colorit abgerechnet, unterscheidet
sich in der seitlichen Beschildung des Kopfes C. rufa von
C. melanota, die erstere hat 6, die letztere 5 obere Labiale.
Schlegel betrachtet letztere und wohl mit Recht als Lo-
kalvarietät, dieselbe Cyl. rufa var. celebensis benennend.
Verschieden von diesen Arten ist C. maculatus, besonders
hierdurch, dass sein Frontalschild eine von den zwei Arten
sehr abweichende Gestalt hat, es ist schmal und klein,
während es bei jenem gross und an der Basis besonders
sehr breit ist.
Was die seitliche Beschildung betrifft, so fehlen allen
drei Arten das Frenal und Praeocular, alle haben bloss ein
Postocular.
Die Lippenstellung mit Inbegriff des 5ten Labial ist bei
allen drei Arten ebenfalls ganz gleich, nämlich das Isle
Labial schliesst sich an die Seite des unteren Winkels des
Nasal an, die daran stossende rückwärtige Seite, welche
höher liegt, steht mit dem 2ten Labial in Berührung, eben
SO wie das rraelronlal, 3te mit Praefrontal und Auge, 4le
250 Jan :
Auge, Postocular und Temporal, 5te berührt allein das Tem-
poral, lieber die Lippenstcllung jeder der drei Arten ist
nur beizufügen, dass C. rufa, welche 6 obere Labiale hat,
wodurch der Mundwinkel mehr rückwärts liegend statt einem
einzelnen Temporal, wie die zwei anderen Arten, 3 = 1/2 hat,
und das 6te Labial berührt davon sowohl das vorne lie-
gende, als auch das untere der 2ten Reihe.
Schuppenreihen bei C. rufa und C. melanotus 19, bei
C. maculata 21.
Xenopeltis hat Labial %, oben 12 Kopfschilder und 15
Längs-Schuppenreihen.
Seitliche Beschildung des Kopfes : kein Prae- aber zwei
Postocular, wovon das obere viel grösser als das untere,
weit über dasselbe vorsteht, daher die hinter demselben
befindlichen Temporal sehr schief gestellt sind. Das kleine
doppelte Nasal steht mit einem grossen Schilde in Berüh-
rung, welches Frenal und Praeocular vertrilt und das ich
der Kürze wegen als Praeocular bei der folgenden Lippen-
stellung erwähne.
Das Iste Labial schliesst sich an die vorderen zwei
Winkel des Nasal an, das 2te geht über das Nasalloch, sich
an den hinteren unteren Winkel des Nasal anschliessend,
das 3te berührt die untere Seite des Nasal und des Prae-
ocular an den vorderen beiden Winkeln desselben, das 4te
das Praeocular und Auge, das 5te das Auge und mit dem
hinteren Winkel des unteren Postocular, das 6ste das
Postocular und das untere Temporal in erster Reihe, das 7te
dies und das hinter demselben liegende Temporal, das 8le
letzteres allein.
Oppel in seinem Prodrom der Naturgeschichte der
Reptilien, München 1811 , bemerkt S. 52 zur Definition der
Schuppen und Schilder der Schlangen :
„Schilder (scuta) sind jene, die sich fast durchaus
durch ihre Grösse auszeichnen und gewöl nlich den Unter-
leib und mehr oder weniger den Kopf bedecken. Auch
diese bleiben sich, vorzüglich am Kopfe bis aufs klein-
ste Eckchen beständig. Ich halte in Paris Gelegen-
heit, sehr junge und ganz ausgewachsene vielfältig zu
Ueber die Familien der Eryciden und Torliiciden. 251
vergleichen, fand sie aber an allen Individuen der-
selben Art beständig-.«
Ohne diese durch Beobachtung und Erfahrung aner-
kannte Beständigkeit der Kopfschildcr, abgerechnet die Ano-
malien, welche sich bei gehöriger Routine leicht erkennen
lassen, wäre das Bestimmen der Schlangen platterdings un-
möglich, und das kleinste Eckchen, welches in nor-
maler Form di-e gegenseitige Lage der Schilder verändert,
besonders in der seitlichen Beschildung, ist für die Artun-
terscheidung wichtig , so z. B. kann irgend ein Labial,
nehmen wir an das 6te, das Postocular berühren, aber nicht
das nächstliegende Temporalschild, während bei einem an-
deren Individuum, dem Anscheine nach zu derselben Art
gehörig, mit dem 6ten Labial das Postocular und Temporal
in Berührung stehen, so kann man annehmen, so anschei-
nend höchst unbedeutend diese Verschiedenheit der wech-
selseitigen Stellung ist, dass sich, wenn man beide Schlan-
gen genauer untersucht, auch noch andere und meist
spezifische Unterschiede finden werden.
Wenn ich daher etwas genauer die Lippenstellung
angab bei den verschiedenen Arten der zweiten Familie,
so geschah es bloss, um das Auge des Beobachters hier-
auf zu lenken, in der sicheren Ueberzeugung, dass dadurch
das Bestimmen mancher Schlange erleichtert wird.
Eine naturtreue Abbildung bis aufs kleinste Eckchen
würde diese Erklärung grösstentheils überflüssig machen.
Es war die Aufgabe, welche ich mir setzte, eine solche
von allen mir bekannten Schlangen zu liefern, und so ent-
schloss ich mich zur Herausgabe der „Ic ono gr a p h ie
d es Oph i dien s," als ich vergeblich oft nach Beschrei-
bungen die Schlangen zu beslimmen suchte, und bei dem
Mangel von guten Abbildungen so oft in Zweifel über die
Richtiorkeit meiner Bestimmung- blieb.
Beim Vergleiche der in der Iconographie gelieferten
Abbildungen mit den Schlangen selbst, mögen die Natur-
forscher entscheiden, in wieferne die Ausführung der mir
gestellten Aufgabe entspricht.
Kleider machen Leute ist ein altbekanntes Sprüchwort,
welches man richtiger auf die Schlange und deren Haut
252 Jan: Ueber die Familien d. Eryciden und Torlriciden.
anwenden könnte, da man wohl meist, wenn die Schlange
sich gehäutet, aus dem abgelegten Kleide, welches der
natürliche Abdruck derselben ist, die Art ebenso gut er-
kennen kann, von welcher es herstammt, als wenn die Haut
selbst noch den Körper derselben umhüllt.
Bloss in der Beschildung und Beschuppung sind die
vorzüglichsten charakteristischen Merkmale der Schlangen-
arten aufzufinden; wenn auch bei manchen Gattungen, wo
sich keine wesentliche Unterschiede der Haut der zu den-
selben gehörigen Arten auffinden lassen , selbst auch die
regelmässige Vertheilung des Colorits von untergeordneter
Wichtigkeit bei Bestimmung der Arten sein kann, wie z. B.
bei Elaps.
Bemerkungen über Aufenthalt und Grenzen der
Tkiere in extremen Höhen und Einfluss der Höhe
auf den Menschen.
Nach den Beobachtungen
von
Hermann^ Adolph und Robert v. Schlagiutweit *).
Die folgenden Notizen sind ein Auszug aus unserem
2ten Bande der Results of a scientific mission to India and
High Asia, welcher die „Höhenbeslimmungen" (3,495 Punkte)
enthält. Wir haben dort auch versucht einige allgemeine
Resultate über die Höhengrenzen des organischen Lebens
vergleichend zusammenzustellen.
Das untersuchte Terrain bot Gelegenheit zur Beobach-
tung der extremsten Verhältnisse, und zwar in einem Ge-
birgslande, welches, die Grenze des tropischen und ge-
mässigten Klimas bildend, an beiden Antheil hat. Auch
der Umstand, dass hier die grössten Erhebungen
der Erde und die grösste Massenanhäufung von Ge-
birgsketten, Thälern und Plateaux sich vereinen, war für
vergleichende Untersuchungen sehr vortheilhaft.
Wie glaubten diese einerseits für uns günstigen Um-
stände besonders erwähnen zu müssen, da andererseits der
"■) Bemerkung für die Transscription indischer Namen: Die Vo-
cale und Diphthongen lauten wie im Deutschen. Consonanten wie
im Deutschen mit folgenden Modifikationen : ch = tsch im Deutschen,
3= ch im Englischen; j = dsch im Deutschen, = j im Englischen;
sh = seh; V = w in Wald. ' bezeichnet die Silbe, welche den
Ton hat.
254 Gebrüder v. Schlagint weit:
Gegenstand, über den wir uns zu berichten erlauben, nicht
vermeiden lässt manches zu berühren, was allerdings we-
niger unmittelbar mit den gewöhnlichen Objekten zoologi-
scher Forschungen zusammenhängt.
Wir haben auch einige analoge Daten aus den Anden
und den Alpen zur Vergleichung beigefügt. Für Amerika
haben wir die Angaben aus Humboldt's Schriften ent-
nommen; in den Alpen hatten Hermann und Adolph
bereits früher Beobachtungen angestellt "").
Alle Höhenangaben sind in englischen Füssen.
A. llühengrenzen der Thiere.
Affen scheinen im Himälaya bis zu Höhen über
11,000 Fuss vorzukommen; am höchsten unter ihnen Sem-
nopilhecus schistaceus Hodgs. Man hat sie in Gärhväl und
Simla wiederholt bei 11,000 Fuss gesehen, selbst zuweilen
im Winter. In Indien kömmt diese Affenart nicht vor, aber
eine andere, Macacus Rhesus Audeb. ist sowohl in ßengäl
und Assäm, als auch im Himälaya heimisch, wo sie noch
bei 8,000 Fuss beobachtet wurde. In Tibet, und noch
weiter nördlich, hat man bis jetzt noch keine Affen ge-
funden.
Tigf er -"-"') sieht man im Himälaya noch bei 11,000 Fuss;
sie fehlen aber in Tibet und im Kuenlüen. Verschiedene
Arten von Leoparden trifft man im Himälaya selbst noch
bei 13,000 Fuss; am Kidarkänta (12,430 Fuss) ist im Okto-
ber eines unserer Schafe von einem solchen Thiere fort-
genommen worden. In West - Tibet sah man sie noch in
Höhen von 14,000 Fuss.
'"") Unteisuchungen über die phys. Geographie und Geologie der
Alpen, Vol. I. 1850. Vol. II. 1854. Vergl, auch Auszüge daraus in
den betreuenden Jahrjängen dieses Archivs.
**) Der Löwe, obwohl oft in der Mythologie Hochasiens er-
wähnt, scheint in historischer Zeit nur in Kashmir vorgekommen zu
sein. Eine interessante Abhandlung über seine Verbreitungssphäre
in Asien ist in Ritter's Erdkunde enthalten.
lieber Aufenthalt und Grenzen der Thiere ct. 255
Die Hauskatze ist über ganz Tibet verbreitet*").
Hunde sind die beständigen Begleiter der tibetanischen
Hirten und folgen ihnen selbst über Pässe von 18,000 Fuss
scheinbar ohne irgendwie vom verdünnten Luftdrucke zu
leiden. Auch verschiedene Arten wilder Hunde kommen
in grossen Höhen vor.
Auf Jakale stiessen wir im Karakorüm noch in Höhen
von 16,000 bis 17,000 Fuss. Hodgson erwähnt zwei Species
von Füchsen, die in Ost-Tibet vorkommen.
Wölfe kennt man im Himälaya nicht, aber sie kommen
in Tibet vor; wir selbst haben in der Nähe des Karako-
rüm-Passes bei 18,300 Fuss Thierspuren gesehen, von denen
unsere Leute mit Bestimmtheit glaubten, dass sie von Wölfen
herrührten.
- Verschiedene Arten von grossen wilden Schafen und
Steinböcken gedeihen zugleich mit dem Kiang und
dem wilden Yak in sehr grossen Höhen. Man findet sie,
oft in zahlreichen Heerden , in den Hochebenen zwischen
dem Karakorüm und dem Kuenlüen (16,000 bis 17000 Fuss),
und mehr als einmal haben wir solche Heerden Schultere-
hänge in Höhen von mehr als 19,000 Fuss durchziehen sehen;
sie hatten demnach die Grenze, selbst die extreme, des
Graswuchses bedeutend überschritten *»""*).
In Beziehung auf kleinere Säugethiere erwähnen wir,
dass man einigen Arten von Fledermäusen im Himälaya
bis zu 9,000 Fuss begegnet, und dass der tibetanische
Hase noch in Höhen über 18,000 Fuss geschossen worden
ist. Besonders häufio- fanden wir ihn längs der Route von
Ladäk nach Turkistän.
'•■) Tschudi erwähnt, dass in den Andes in Höhen über
12,800 Fuss weder Katzen, noch die zarten Racen von Hunden leben
können. Sie sterben gewöhnlich schon nach wenigen Tagen, unter
schrecklichen Zuckungen.
**) Unter den Hausthieren gehen nicht nur Schafe, Ziegen,
zahme Yaks, Pferde und Hunde als Begleiter des Menschen über die
höchsien Pässe, sondern sogar das zweihöckerige Kameel, das mit
Erfolg als Lastthier in diesen Höhen benutzt wird. Es war uns nicht
besonders schwierig, zwei dieser Kameele unbeladen selbst über die
viel steileren Pässe des Himälaya zu bringen.
256
Gebrüder v. Schlagintweit:
Dass Zugv ög el Über dem Himälaya wegziehen, wie
diess manche Arten über die Alpen thun, ist nicht beliannt.
Raubvögel, Geier und Adler, fliegen am höchsten; sie
erheben sich selbst bis 22,000 und 23,000 Fuss. Ihnen reiht
sich die tibetanische Krähe an. Wir erlebten selbst den
merkwürdigen Fall , dass einige dieser Vögel sechs Tage
lang unseren Lagern folgten, von 16,000 bis 22,000 Fuss,
da sie dort stets etwas Nahrung zurückgelassen fanden.
Ueberraschcnd war uns auch, Tauben im Karakorüm in
unerwartet grossen Höhen zu finden, besonders in der Nähe
von Murgäi, wo andere Vögel fast gänzlich fehlten. Das
Huhn ist innerhalb der letzten Jahro mit sehr gutem Er-
folge von Guläb Singh in Bälti, Ladäk und Nübra einge-
führt worden.
Fische haben auch wir, ähnlich wie andere tibeta-
nische Reisende in einigen der kleineren Flüsse bei 15,000
Fuss angetroffen. In den Alpen kommen sie noch bei 7,000
Fuss vor, aber nicht höher; in den Seen am St. Bernhard
(8,114 Fuss) gedeihen weder Forellen noch andere einge-
setzte Fische.
\ox\ den Reptilien^'''') findet man Schlangen und Eidech-
sen vereinzelt noch bei 15,200 Fuss; in den Alpen gehen
Schlangen *"""') bis 6000 Fuss, in den Pyrenäen bis 7,000 Fuss.
Schlangen und Eidechsen scheinen im Himälaya höher hin-
aufzugehen, als Batrachier, wie dies auch in den Alpen
der Fall ist. Man hat den Salamander in grösseren Höhen
gefunden, als den Alpenfrosch, ja Zootoca pyrrhogastra aus-
nahmsweise selbst bei 9,700 Fuss (am ümbrail).
Im Himälaya nimmt mit der Höhe rasch die Zahl der
Species von Schlangen und Fröschen ab, aber für Eidech-
*) Vergleiche Dr. Günther's Abhandlung in den Proc. Zool.
Sog. London 18G0. Dr. Günther halte die Güte, die von uns mit-
gebrachte Sammlung der Reptilien zu uniersuchen (im Ganzen 118
Exenjplare) unter denen sich zwei neue Genera und neun neue Spe-
cies befanden.
"■^') Es scheint fast zufällig zu sein, dass man, wie Dr. Gün-
ther a. a. 0. erwähnt, in den Anden bis jetzt noch keine Schlange
über 7,500 Fuss Höhe gefunden hat.
lieber Aufenthalt und Grenzen der Thiere ct. 257
sen ändert sie sich fast gar nicht zwischen 1,000 und
15,000 Fuss.
Schmetterlinge sahen wir im Himälaya bei 13,000
Fuss, in Tibet und Turkistän selbst bei 16,000 Fuss. Kä^
fer reichen wahrscheinlich noch hinauf bis zu den höchsten
Rasenbildungen, ähnlich wie auch in den Alpen. Die obere
Grenze der Mosquiios ist bei etwa 8,500 Fuss ; kleinere,
aber ebenfalls sehr unangenehme Fliegen linden sich im
östlichen Himälaya während der Regenzeit bis 13,000 Fuss.
Aelinlich wie die Firne der Alpen sind auch jene Hoch-
asiens Ott mit einer grossen Anzahl von Insekten bedeckt,
welche der aufsteigende Luftstrom heraufbrachte.
Das Vorkommen von Infusorien scheint auch im
Himälaya so wenig von der Höhe begrenzt zu sein, wie in
den Alpen. Kleine Proben für das Mikroskop, die wir von
der Oberfläche der Felsen von Ibi Gämin-Pass abkratzten
(20,459 Fuss) enthalten, wie Prof. Ehrenberg zeigte ^^),
Infusorien in grosser Anzahl und Mannigfaltigkeit. Es fan-
den sich 12 neue Species, und viele der Thierchen hatten
eine auffallende Aehnlichkeit der Form, selbst Ucberein-
stimmung einzelner Theile mit jenen aus Materialien, welche
wir früher am Monte Rosa gesammelt hatten.
Die allgemeinen Verhältnisse der Ernährung und des
Klimas in den verschiedenen, hier berührten Höhenzonen
dürften in Kürze genügend durch einige Angaben über
Pflanzengrenzen und Schneelinie charaklerisirt werden.
Bäume reichen im Himälaya sehr allgemein bis
11,800 Fuss, und etwas tiefer findet man auch ausgedehnte
Waldungen.
In West -Tibet haben wir nirgends einen eigentli-
chen Wald angetroffen. Aprikosen - Räume , Weiden und
Pappeln werden häufig in grosser Anzahl gehegt, selbst noch
in Mängnang (13,457 Fuss) sahen wir grosse Pappeln; sie
^) Abhandliins[en der Akademie der Wissenschaften zu Berlin
1858. S. 429 bis 456.
Archiv f. Naturg. XXVIII. Jahrg. 1. Bd. 17
2B8 Gebrüder v. Schlagintweit:
werden aber von den Lamas sorgfältitrst gepflegt und all-
gemein als Gegenstände besonderer Verehrung betrachtet.
Im Kuenlüen fanden wir Bäume auf der Nordseite der
Gebirgskette nur bis 9,100 Fuss; auf der Südseite fehlten
sie gänzlich, da die Höhen, selbst der tiefsten Thalsolilen,
zu bedeutend waren. In den Andes ist die Baumgrenze
bei 12,130 Fuss, in den Alpen im Mittel bei 6,400 Fuss,
ausnahmsweise bei 7,000 Fuss.
Getr eidecult uren fallen im Allgemeinen mit den
höchsten ständig bewohnten Orten zusammen, aber die
äusserste Grenze des Anbaues ist doch etwas tiefer, als die
höchsten Orte. Im Himälaya reicht der Getreidebau nicht
über 11,800 Fuss, in Tibet ist seine Grenze bei 14,700 Fuss,
in den Andes erreicht er die Höhe von 11,800 Fuss, in
den Alpen ein Mittel von 5,000 Fuss. Als extreme Höhen
sind die Culturen bei Findelen zu nennen (6,630 Fuss).
Die mittlere Grenze des Graswuchses ist im Hi-
mälaya bei 15,400 Fuss, in Tibet, wo sie nahezu mit den
höchsten Weideplätzen zusammenfällt, bei 16,500 Fuss. Die
grosse Trockenheit des Klimas scheint das isolirte Auftre-
ten von Rasenbildungen in noch grösseren Höhen zu be-
schränken. Im Kuenlüen findet man Graswuchs noch bei
14,800 Fuss.
Sträucher finden sich im Himälaya noch bei 15,200
Fuss, in Tibet bei 17,000 Fuss, (sogar als extremste Grenze
am Gunshankär bei 17,313 Fuss), in den Plaleaux, nördlich
vom Karakorüm bei 16,900 Fuss. Besonders auffallend ist,
dass im Karakorüm kolzbildende Gewächse häufig an Orten
wachsen, an welchen sie die Grasgrenze bedeutend über-
schreiten, an solchen, wo ungeachtet der verhältnissmässig
geringen Höhe Graswuchs durch die sandige Beschaffenheit
des Bodens und die Trockenheit ausgeschlossen ist. Wir
bemerkten dieses besonders am Vohäb-Chilgäne- Plateau
(16,419 Fuss) und in Bashmalgün (14,207 Fuss).
Im Kuenlüen gehen Sträucher auf der Südseite bis
14,000 Fuss, auf der Nordseite nur bis 11,500 Fuss. Sie
bleiben hier ungewöhnlich weit unter der Grenze der
Grasvegetation zurück. Als Mittel für beide Abhänge neh-
men wir 12,700 Fuss an.
Ueber Aufenthalt und Grenzen der Thiere ct. 259
In den Andes fand man Gesträuche noch bei 13,420 Fuss,
in den Alpen ist ihre obere Grenze bei 8,100 Fuss, obwohl
sie vereinzelt noch weit höher vorkommen, wie z. B. am
Lyskamme, bei 11,164 Fuss.
Die äusserste Phanerog amengrenze trafen
wir in Tibet, an den nordöstlichen Abhängen des Ibi Gämin
Passes, in einer Höhe von 19,809 Fuss ; ihnen folgten Pflan-
zen am Gunshankär bei 19,237 Fuss. Im Himälaya wuchsen
einige Pflanzen in der Nähe des Jänti Passes bei 17,500 Fuss.
In den Andes hat Oberst Hall die höchsten phanerogami-
schen Pflanzen in den Umgebungen des Chimborazo bei
15,769 Fuss gefunden. In den Alpen hatten wir die extrem-
sten Phanerogamen an den Abhängen der Vincentpyramide
bei 12,540 Fuss getroff'en.
Die Mittel für die Schneegrenze sind:
Fuss
A. Im Himälaya. Südlicher (indischer) Abhang 16,200
Nördlicher (tibetanischer) Abhang 17,400
B. Im Karakorüm. Südlicher tibetanischer) Abhang 19,400
Nördlicher (gegen die Plaleaux von
Turkistän) 18,600
C. Im Kuenlüen. Südlicher Abhang .... 15,800
Nördlicher (gegen die Ebenen von
Turkistän) 15,100
In den Andes sind die Schneegrenzen nach
Humboldt und P e n 1 1 a n d :
Oestliche Andes von Bolivia 15,900
Westliche Andes von Bolivia 18,.500
Andes von Quito 15,700
Für die Alpen hatten wir folgende Werthe er-
halten :
Nördliche Abhänge 8,900
Südliche Abhänge 9,200
Extreme an der Montblanc- und Monte-Rosa-
Gruppe . . '. 9,800
200 G'ebrübcr v. S chlag in twei t:
B. Eiufluss der Höhe auf den Menschen.
Als Grenzen für den Aufenlhall der Menschen nennen
wir das Kloster Hanlc 15,117 Fiiss und die kleinen Dörfer
Chüshul 14,406 Fuss, Panainik 14,146 Fuss. Aber die
höchsten uns bekannten Hirtenplätze, die (in Zelten, nicht
Alpenliütten) nur für wenige Monate bewohnt werden, liegen
noch weit höher, sie reichen bis 16,500 Fuss, aber für kür-
zere Perioden, selbst für 10 bis 12 Tage kann diese Höhe
l)cdeutend überschritten werden, zwar nicht, ohne mehr-
faches Unwohlsein zur Folge zu haben, aber doch ohne
anhaltenden Einfluss auf die Gesundheit. Als wir die
I r
Ibi Gämin Gletscher -Gruppe untersuchten, lagerten und
schliefen wir in Begleitung von acht Leuten vom 13. bis
23. August 1855 in ungewöhnlich grossen Höhen. Wäh-
rend dieser zehn Tage war unser niedrigstes Lager bei
16,642 Fuss, unser höchstes bei 19,326 Fuss (dies war die
grösste Höhe, in welcher wir eine Nacht zubrachten) ; zwei
waren über 18,300 Fuss, und die übrigen zwischen 17,000
und 18,000 Fuss. Ueberdies waren wir bedeutenden kör-
perlichen Anstrengungen während dieser zehn Tage aus-
gesetzt; einmal passirten wir einen Pass von 20,459 Fuss,
und drei Tage früher erstiegen wir am Ibi Gämin Gipfel
22,259 Fnss. Dies ist, so wiel wir wissen, die grösste,
bis jetzt an Bergen erreichte Höhe; aber — wir
versäumen nicht darauf aufmerksam zu machen — niedri-
ger als jene, welche man in Luftballons erreichte ^'). An
den Ausläufern des Sässar Gipfels kamen wir am 3. Au-
gust 1856 bis zu 20,120 Fuss ; Dr. James G. Gerard
hat bereits im Jahre 1821 (?) (31. August) in der Nähe
des Porgyäl oder Tazhigäng einen Punkt von 20,400 Fuss
Höhe bestiegen. Die Offiziere der trigonometrischen Ver-
^^) In Ballons ist man bereits etwas über 23,000 Fuss hoch ge-
stiegen. Gay Lussac kam am 16. Sept. 1804 23,020 Fuss hoch; ihm
folgten später Bixio und Barral, und innerhalb der letzten acht
Jahre mehrere Luftschillfahrlen in England, bei denen unter Leitung
eines Conntes der Uoyal Society eine Ueihe wissenschaftlicher Beob-
achtungen gemacht wurde.
lieber Aufenthalt und Grenzen der Thiere ct. 261
messung Indiens haben innerhalb der letzten zwei Jahre
einen 19,979 Fuss hohen Punkt zweimal bestiegen, uild
einmal einen anderen von 19,958 Fuss. Ein trigonometri-
sches Signal wurde sogar 21,480 Fuss über der JVleeres-
flärhe errichtet.
In den Andes erreichte Humboldt am 23. Juni 1802
am Chimborazo die Höhe von 19,286 Fuss, bis dahin die
bei weitem grösste erstiegene Höhe; später, am 16. December
1831, kam Boussingault, ebenfalls am Chimborazo, bis
zu 19,695 Fuss.
Bei allen diesen hohen Bergbesteigungen zeigte sich
auf's Entschiedenste der Einfluss der Höhe, zunächst
in der Abnahme der Temperatur und des Luftdruckes. Die
Kälte in grossen Höhen des Himälaya ist zwar nicht viel
bedeutender, als in den höchsten Theilen der Alpen; aber
die Abnahme des Luftdruckes ist in direktem Verhältnisse
zu der erstiegenen Höhe. Auch anderen Modifikationen
der Atmosphäre begegnen wir, in Beziehung auf absolute
Feuchtigkeit, 'chemische Zusammensetzung der Luft, Elek-
tricität; aber ihre Veränderungen sind so gering, dass sie
nur durch Beobachtung mit Instrumenten wahrnehmbar sind,
und sich nicht direkt dem Menschen fühlbar machen.
Obwohl die äusserste Grenze der Luftschicht aus opti-
schen Verhältnissen annähernd zu 70 bis 80 engl. Meilen
angenommen wird, so muss der Luftdruck doch bereits bei
10 oder 13 Meilen Entfernung von der Oberfläche äusserst
gering sein. Schon bei 22,200 Fuss, wo das Barometer
13,364 engl. Zolle zeigte, hatte wir drei Fünftel des Ge-
wichts der Atmosphäre unter uns. In einer Höhe von etwa
18,600 Fuss hat man die Hälfte des Luftdrucks.
Die Grenze, in welcher die Verdünnung der Luft dem
Menschen unmöglich macht zu leben, wird man immer nur
annähernd bestimmen können, da sie abhängt von seiner
individuellen Constitution, und von dem Einflüsse, den ein
längerer Aufenthalt in grossen Höhen auf ihn übte. Auch
der Grad der Bewegung der Atmosphäre (die Intensität des
Windes) ist von grosser Wichtigkeit. Wir hatten oft Ge-
legenheit uns zu überzeugen, wie sehr, bis zu einem ge-
wissen Grade , allmähliclics Gewöhnen mildernd einwirkt.
262 Gebrüder v. Schlagintweil:
Anfangs litten wir ziemlich viel beim Uebergange über
Pässe von 17,500 bis 18,000 Fuss; später, nachdem wir
einige Tage in grossen Höhen zugebracht hatten, empfan-
den wir selbst bei 19,000 Fuss nur geringe, rasch vor-
übergehende Beschwerden, obwohl es wahrscheinlich ist,
dass ein längerer Aufenthalt in solchen Erhebungen von
bleibenden nachtheiligen Folgen für die Gesundheit gewe-
sen wäre.
Der Einfluss der Höhe ist verschieden bei verschie-
denen Menschen; Gesundheit und Rüstigkeit vermindert im
Allgemeinen seine Wirkung. Die verschiedenen Racen
scheinen ihm fast gleichmässig ausgesetzt zu sein; die
Tibetaner, die doch gewöhnt sind, in beträchtlichen Höhen
zu leben, klagten ebenso wie wir, wie die Turkistänis und
die Indier. Erst bei 16,500 Fuss fängt der verminderte
Luftdruck an bemerkbar zu werden, also \n einer Höhe,
die mit jener der höchsten Weideplätze fast zusammenfällt.
Von Hauslhieren scheinen besonders Pferde und Kameele
von der Verdünnung der Luft zu leiden; wir konnten aber
dies erst in Höhen über 17,500 Fuss beobachten.
Die Beschwerden, welche die Höhe bedingt, sind :
Kopfweh , Schwierigkeit zu athmen, Reizung der Lungen,
zuweilen selbst Blutspucken, Appetitlosigkeit und allge-
meine Abgespanntheit und Apathie. Ueberraschend ist,
dass diese unangenehmen Symptome fast augenblicklich
verschwinden , sobald man wieder in tiefere Regionen
herabsteigt.
Kälte steigert den Grad der oben angeführten Leiden
nicht wesentlich, aber Wind ganz entschieden. Da wir
diese Eigenthümlichkeit von anderen Reisenden nie erwähnt
fanden, so waren wir darauf, sobald wir sie bemerkten,
besonders aufmerksam. Wiederholt ereignete es sich, be-
sonders in den hohen Plateauregioncn des Karakorüm, dass
unsere Begleiter sowohl, als wir selbst, Nachts gleichzeitig
erwachten , auch wenn wir in Zelten schliefen , also in
einer wenigstens theilweise geschützten Lage. Die einzige
Ursache war, dass ein Wind, bisweilen nicht einmal heftig,
sich erhoben hatte. Wenn wir Beobachtungen machten,
halten wir zuweilen während 36 Stunden keine körperlich
lieber Aufenthalt und Grenzen der Thiere ct. 263
sehr ermüdenden Arbeilen, unsere Leute noch weniger ; wir
alle befanden uns in bester Stimmung; aber auch an solchen
Tagen kam es vor, dass uns des Abends eine lebhafte Brise
alle unwohl machte. Selbst die Hauptmahlzeit des Abends
wurde dann nicht genossen, sogar das Kochen derselben
aufgegeben. Am nächsten Morgen, bei Windstille, war der
Appetit um so lebhafter. Ueberhaupt fühlten wir uns alle
im Allgemeinen am Morgen wohler als am Abend, was
ebenfalls mit dem Zustande der Atmosphäre im Zusammen-
hange zu stehen scheint, da wir vor 9 Uhr Morgens selten
Wind beobachteten.
Körperliche Anstrengung vermehrt den Einfluss des
verdünnten Luftdrucks in einer Weise, die überraschend
ist. Bei dem Uebergange über hohe Pässe oder bei Berg-
besteigungen kam es oft so weit, das selbst das Sprechen
beschwerlich wurde und fühlbar ermüdete. Fast gleich-
zeilig mit der allgemeinen Muskelschwäche tritt jene Apathie
ein, die sich rasch bis zu völliger Gleichgültigkeit gegen
Gefahr oder die Möglichkeit sie zu vermeiden steigert.
Wiederholt sanken unsere Begleiter — die uns eigentlich
als Führer hätten dienen sollen — auf den tiefen Schnee
und erklärten hier sterben zu wollen; nur mit Anwendung
von Gewalt gelang es uns, obwohl wir uns nicht minder
niedergeschlagen gestimmt fühlten, sie zum Aufstehen und
Weitergehen zu bewegen.
Zum Schlüsse reihen wir eine tabellarische Uebersichl
an, in welcher wir versuchten, einige der wesentlichsten
hypsometrischen Daten vergleichend zusammenzustellen.
Unter den so mannigfachen Gegenständen der physikalischen
Geographie, die wir Gelegenheit hatten zu beobachten,
wurden hier nur jene ausgewählt, welche besonders cha-
rakterisch für allgemeine Höhen-Verhältnisse sind.
264
Gebrüder v. Schlagintweit:
Tabelle der wichtigsten hypsometrischei
verglichen mit dei
Höchste, ständig be-
wohnte Orte
„ Sommerdörfer
„ Weideplätze
Plaleaux
„ Pässe
„ Gipfel
Mittlere Höhe der
Schneegrenze
Tiefe Gletscher-
enden
Grenze des Getreide-
baues
„ der Bäume
„ der Sträucher
Höchste phanerog.
Pflanzen an den
Abhängen von
Name
Höhe
"^Für die Höhen von
llndien und Ceylon
[noch nicht durch das
>Klima beschränkt.
iDodabetta Observa-
1 torium 8,640
^Utakamand 7,490
3Iahabaleshvar 4,500
Sigur 7,204
Dodabetta 8,640
Bis jetzt ist auf den
'höchsten Gipfeln in
Indien und Ceylon
nie ein Schneefall
Ibeobachtet worden.
[Für die Höhen von
Indien und Ceylon
noch nicht durch das
Klima begrenzt.
Name
Darche
Kidarnath
Ramchak
Höhe
11,746
Name
Hanle
11,794 Nörbu
14,395
Larsa
Höhe
15,117
15,946
16,349
Kommen nicht vor. Dapsang 17,500
(Höchster-See :
Tso-Gyagär 15693)
ibi Gämin Pass
20,459
Gaurisankar 29,002
Nördl. Abdachung
17,400
Südl. Abdachung
16,200
Chaia 10,520
Tsöji 10,967
i 11,800
11,800
11,200
Janti-Pass 17,500
Mustagh
19,019
Däpsang-Gipfel
28,278 1'
Nördl. Abdachung
18,600
Südl. Abdachung
19,400
Bepho
9,876
Tami Chüet 10,460
14,700
Mittel ) 13,400 1
17,000
Ibi Gamin Pass
19,809
Grösste erstiegene Höhen: 1) Die Brüder v. Schlagintweit
Dr. J. G. Gerard 20,400 Fuss.
2) In den Andcs : Boussingault
lieber Aufenthalt und Grenzen der Thiere ct. 265
Verhältnisse Indiens und Hochasiens
Andes und den Alpen.
Hueiilüen.
Alpen.
Name
Büshia
Höhe
9,310
An nördl.Ab-( 10,200
hängen des \
Elchi Passes (■ 13,000
Elchi Pass
17.379
Wahrscheinlich nicht
über 22,000
Nördl. Abdachung
15,100
Südl. Abdachung
15,800
Grosse Gletscher,
aber die tiefsten
nicht bekannt.
Mittel
9,700
9,100
12,700
Käme
Höhe
Cerro dePasco 14,098
Polosi 13,665
Titicaca 12,843
(Hier ist der höchste
See)
Alto de Toledo 15,590
Lagunillas 15,590
Aconcagua 23,004
Andes v. Quito 15,700
„ „ West-
Bolivia 18,500
„ „ Ost-
ßolivia 15,900
Gletscher fehlen.
Mittel
11,800
12,130
13,420
Chimborazo 15,769
Name
Juf
St. Bernhard
Findelen
Fluhalpe
Höhe
7,172
8,114
7,192
8,468
Schvveizerplaux 1,460
Weissthor 11,871
St. Theodule 11,001
Montblanc 15,784
Nördl. Abdachung
,900
Südl. Abdachung
9,200
Extreme am Montblanc
u. Monte-Rosa 9,800
Unt. Grindelwald 3,290
Mehr, andere 5,000
Mittel
5,000
6,500
8,000
Vincentpyramide
12,540
22,259 Fuss ; Indische Vermessung errichtet ein Signal bei 21 ,480 Fuss ;
19,695 Fuss; A. v. Humboldt 19,286 Fuss.
Carcinologische Beiträge.
Von
Dr. Strahl
in Berlin.
(Hierzu Taf. IX.)
1. lieber Cancer Calypso Herbst.
Milne Edwards (bist. nal. des Crust. I. p. 422) ist
geneigt den C. Calypso Herbst zur Gattung RüppeHia zu
ziehen. Er hat damit eben nicht sehr fehl gegriffen, in
besonderer Erwägung, dass ihm nur die nicht sehr gelun-
gene Herbst'sche Abbildung, die näheres Detail nicht
giebt, zu Gebote stand.
Der C. Calypso Herbst gehört zur Gattung Pilumnoides
Dana. Er gehört jedenfalls zuDana's Familie der Eriphi-
den, denn das Palatum oder Spatium praelabiale ist deut-
lich durch eine Längsleisle getheilt. Das erste Glied der
äusseren Antenne erreicht ferner die Stirn nicht und die
Augenhöhle ist an der inneren Seite nicht durch die An-
fügung des Pterygostomium an die Stirn geschlossen, wie
bei den Eriphinen, sondern hier ist ein geöffneter Spalt,
wie bei den Ozinen. Die Scheeren sind r.icht gelöffelt.
Die hiesige zoologische Sammlung besitzt zwei Original-
Exemplare von Herbst. Das eine misst IOV2 P^r. Linien in
der Breite, das andere nur 6. Leider sind beides weib-
liche Exemplare und es lässt sich demnach vom männlichen
Abdomen Nichts aussagen. Bei Cancer Calypso Herbst geht
der vordere Seitenrand in den hinteren nicht zugerundet
über, sondern es bilden beide mit einander einen Winkel,
Strahl: Carcinolo{!^ische Beiträge. 267
auch sind die Zähne des Seitenrandes nicht zurückgebogen
wie bei Pilumnoides perlatns Edw. et Lucas. Es ist mithin
C. Calypso H. eine andere Species als Pilumnoides perlatus
Edw. et Lucas und es ist der Priorität gemäss die Gattung
Calypso Herst, aufzunehmen, dafür aber Pilumnoides Edw. et
Lucas einzuziehen. Die Gattung Calypso umfasst demnach
drei Species, und zwar Calypso Herbstii (Cancer Calypso
Herbst), Calypso pilumnoides (Pilumnoides perlatus Edw. et
Lucas) und Calypso Danai Kinahan.
Der Körper des C. Calypso ist nicht flach gedrückt,
sondern dick, ähnlich wie Actaea , daher denn auch die
Stirn vorn sehr geneigt ist; der vordere Seitenrand, gleich
lang mit dem hinteren, ist mit vier spitzen nach vorn ge-
richteten Zähnen besetzt, deren vorderster durch leichte
Buchtung in den äusseren Augenhöhlenzahn übergeht; die-
ser ist von dem oberen Augenhöhlenrande durch einen
scharfen Einschnitt gelrennt. Der obere Augenhöhlenrand
trägt abermals noch einen Einschnilt. Die Stirn ist durch
eine mediane Furche in zwei Lappen getheilt, welche in
ihrer Nähe am meisten hervorragen; seitlich ist noch ein
kleinerer Zahn, der durch einen Einschnitt vom oberen
Augenhöhlenrande getrennt ist. Die Oberfläche des Rücken-
schildes ist in der grösseren vorderen Hälfte in Felder
getheilt, wie dies viele aus der Familie der Chlorodinen
zeigen. Diese Felder, ebenso wie die Seitenzähne, der
obere Augenhöhlenrand und die Stirnlappen sind deutlich
periförmig granulirt.
Der untere Augenhöhlenrand ist geperlt, leicht nach
hinten gebogen, scharf, fast im rechten Winkel, gegen den
äusseren Augenhöhlenzahn abgesetzt. Die äussere Antenne
hat das erste Glied kurz, fast gerade, nur wenig nach aus-
sen schief, stösst genau an den kleineren äusseren Stirn-
zahn; das zweite Glied liegt in der hinter jenem befindli-
chen Incisur und erfüllt fast den Hiatus orbitalis internus.
Das zweite Glied der inneren Antenne liegt, wenn einge-
schlagen, schief quer.
Die Kaufüsse zeigen nichts Besonderes; das dritte Glied
trägt das vierte am vorderen Winkel des inneren Randes
in einem besonders dafür angelegten Einschnitt; der vor^
268 Strahl:
dere Rand dieses Gliedes ist ganzrandi^ und fast ganz
gerade, nur ganz leicht nacii einwärts gebuchtet und somit
im Ganzen parallel dem hinteren Rande desselben Gliedes.
Die vier liinteren Gangfüsse sind seitlich zusammen-
gedrückt, aber ihr oberer Rand ohne Leiste und vielmehr
abgerundet ; ihre seillichen Flächen sind glatt. Sie sind
alle fast gleich lang. Das dritte und vierte Glied sind am
oberen Rande leicht behaart, und scheinen so wie der
Tarsus mit dichtem Pflaum bedeckt zu sein. An den Schee-
renfüssen sind Manus und Carpus mit Ausnahme der Aus-
senfläche glatt, diese allein mit zugespitzten hellen Körnern
bedeckt. Auf der Hand stehen diese Körner fast in Längs-
reihen und sind am stärksten auf dem oberen Rande, der
zugeschärft ist, während der Unterrand fast glatt und zuge-
rundet ist. Auf dem Carpus stehen die Körner eher in Quer-
reihen. Der bewegliche Finger ist dunkel gefärbt, zeigt auf
der oberen Kante mehrere Reihen Körner, die von der Wurzel
nach der Spitze desselben hin allmählich flacher und klei-
ner werden. Die Finger sind gezähnelt. Die Hände sind
ungleich; beim grössern Exemplare ist die rechte Hand grös-
ser, beim kleineren hingegen die linke.
Wie man aus der Abbildung ersieht, ist das erste
Glied des Abdomens auflallend lang. Ob das grössere Ex-
emplar schon geschlechtsreif, muss dahin gestellt bleiben.
lieber die Färbung der Schale lässt sich nichts an-
geben, da beide Exemplare wohl ganz verblichen sind.
Im Allgemeinen sehen sie rostbraun aus und die Körner
sind ziemlich lichtweiss. Das Vaterland ist wahrscheinlich
Trankebar.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1. Calypso Herbslii von oben und hinten gesehen.
„ 2. Die Stirn desselben, von oben und vorn gesehen ; ein halb-
mal vergrössert.
„ 3. Fühlergegend und Episloinium; Önial vergrössert.
„ 4. Ein äusserer Kaufuss, doppelt vergrössert.
„ 5. Aussenseite der rechten Scheere, doppelt vergrössert.
„ 6. Das Abdomen, 3mal vergrössert.
Carcinologische Beitrage. 269
2. Ueber Cancer Tyche Herbst.
Nach der von Dana gegebenen Diagnose ist C. Tyche
eine Halimede de Haan. Die noch von Herbst herrühren-
den Exemplare der hiesigen zoologischen Sammlung messen
3 — 5 Linien im grösslen Breitendurchmesser, während de
Haan von der von ihm abgebildeten Halimede fragifer
8 Linien als Maass angiebt. Die mir vorliegenden Exem-
plare weichen von de Haan's Species nur unwesentlich
ab. Das Rückenschild ist nicht so warzig, sondern mehr
glatt, namentlich in der vorderen Hälfte; wo de Haan auf
der hinteren Hälfte ebenfalls Warzen abbildet, zeigen die
Her b st'schen Exemplare nur Granula. Das geringere Maass
der Herbst'schen Exemplare führt schon zu der Vermu-
thung, als seien es jüngere Thiere und diese wird noch
dadurch bestätigt, dass einige derselben den vorderen Sei-
tenrand des Cephalothorax mit drei Spinen bewaffnet zei-
gen. Aus diesen Spinen entstehen durch allmähliche Ab-
reibung jene eigenthümlichen Warzen, welche de Haan
abbildet und Herbst beschreibt. Die vier Herbst'schen
Exemplare zeigen die allmählichen Uebergänge und gewäh-
ren so die Ueberzeugung , dass auch die Warzen auf der
Hand und dem Carpus dieselbe Bewandtniss haben. De
Haan hat ausser der Ansicht von oben nur noch eine
Scheere abgebildet; ich erlaube mir daher zur Ergänzung
eine untere Ansicht abzubilden, welche nicht nur die Regio
antennaris, sondern auch noch die äusseren Kaufüsse zeigt.
An letzteren sieht man den vorderen Rand des dritten
Gliedes deutlich eingebuchtet, wodurch eine permanente
Oeffnung des ausführenden Kanals der Kiemenhöhle herge-
stellt wird. Das Spatium praelabiale trägt zur Bildung die-
ses Kanals eine ziemlich deutliche Leiste, die aber nicht
bis an den Rand des Epistomium vordringt.
Der Name Tyche, der nun eigentlich für diese Gat-
tung einzuführen wäre, ist leider schon anderweitig (von
Bell für eine Gattung der üxyrhynchen) verbraucht, dess-
halb behalten wir den de Haan'schen Gattungsnamen Ha-
limede bei, nennen aber die Species mit dem Herbst'-
schen Namen Tyche.
270 S t r H h 1 :
Die vorhandenen Exemplare sind alle männlichen Ge-
schlechts und stammen aus Ostindien, lieber Geschlechts-
reife fehlen die Angraben und es bleibt bei der Kleinheit
der Thiere die Vermuthung offen, als seien es jugendliche
Thiere.
Der Chlorodius fragifer Adams et White (Voy. of Sa-
ninrang p. 4. tab. XI. fig. 2) ist aller Wahrscheinlichkeit
nach hiermit identisch. Die Abbildung zeigt zugespitzte
Scheerenüngcr statt gelöffelter, es ist mithin der Charakter
als Chlorodius vollständig verfehlt. Die Bestimmung als
Chlorodius ist nach Milne Edwards gemacht und diese
ist freilich nicht sehr scharf. Die wenigen Worte des Textes
und die Abbildungen gestatten eine nähere Einsicht nicht.
Die natürliche Grösse des Thiers ist laut beigegebener
Maasse 5 paris. Linien, welche ebenfalls zu Gunsten der
Identität spricht.
Den diagnostischen Charakter der Gattung Chlorodius
hat Dana viel präciser gefasst als Milne Edwards, der
das Verhallen des ersten Gliedes der äusseren Antenne
nicht in Betracht zieht. Auch in Beziehung auf die äus-
seren Kieferfüsse ist M.Edwards im Irrthum. In seinem
Tableau verlangt er von Chlorodius, dass der vordere Rand
des dritten Gliedes derselben gerade sei; in der Auseinan-
dersetzung aber der Species sagt er von Chi. longimanus:
„Une echancrure arrondie au milieu du bord anterieur du
troisieme article des pates-mächoires externes." Und dies
ist gerade der allgemeine Gattungscharakter.
3. Ueber die Stellung der Dana'schen
Familie Bei lidea.
Die Abiheilung der Anomoura, wie sie Milne Ed-
wards aufgestellt, hat D a n a nicht genügt. Denn einmal
hat er zu ihr noch die Galateiden gestellt, die Milne Ed-
wards unter die Macrouren gewiesen hatte, und zum an-
deren hat er die Familie der Bellidea hineingezogen, welche
Milne Edwards als eine besondere Gruppe zwischen den
üxystomen und den Anomouren betrachtet wissen wollte.
Carcinologische Beiträge. 271
Die Familie derBellidea umfasst die beiden Gattungen Bellia
Edvv. und Corystoides Edw. et Lucas, beide mit eigenthüm-
lichem Verhalten der äusseren Fühler. Bellia besitzt näm-
lich nach Milne Edwards Beschreibung, ganz so wie
Acanthocyclus Lucas, vom äusseren Fühler nur das erste
Glied oder article basilaire, wie es Milne Edwards
nennt (Annal. des sc. nat. (3.) IX. p. 192). An diesem
Orte sagt er auch, dass Corystoides sich ebenso verhalte
und weist die in dem Reisewerke von d'Orbigny gege-
bene Erklärung zurück, dass dem Corystoides die inneren
Fühler fehlen die äusseren aber vorhanden seien. Die be-
treffende Stelle lautet: c'est ä tort que, dans les caracleres
assignes ä ce genre par M. Lucas, on ä considerc les
appendices fronleaux comme etant des antennes externes:
leur denomination comme antennes externes (muss wohl
heissen internes) ne souffre aucune incertitude ä raison de
leur Position et des deux filets qui les terminent. Die
beiden verschiedenartigen Geissein, die Lucas beschreibt
und abbildet, verdächtigen allerdings die Deutung als äus-
serer Fühler, noch mehr aber die Lage, und ins Besondere
darum, weil, so weit ich nach der Abbildung zu beurthci-
len vermag, diese Fühler nicht mit ihrem Contour an das
Operculum stossen, wie es doch die äussern Fühler müss-
ten, vielmehr sich noch Epistomium dazwischen befindet,
was nur für innere Fühler passt. Die Frage, ob sich innere
oder äussere Fühler finden, wird sich aber definitiv ent-
scheiden, wenn in dem ersten Gliede derselben sich Appa-
rate finden, die in letzter Zeit für die Gehörorgane bean-
sprucht worden sind. Vorbehaltlich dieser Entscheidung,
deren Ausfall ich nur im Sinne Milne Edwards erwarte,
behaupte auch ich, dass dem Corystoides die äusseren
Fühler fehlen , er dagegen nur innere besitze und berege
gelegentlich , wie unwahrscheinlich es demnach sei, dass
der äussere Fühler mit dem Gehörsinne in engerer Bezie-
hung stehe, wenn seine Organisation sich bis auf das Vor-
handensein eines einzigen Gliedes (Bellia *) reduciren und
er sogar ganz fehlen kann (Corystoides).
■") Ueber das Verhalten bei der Gattung Acanthocyclus gele-
gentlich der Veröffentlichung einer neuen Species derselben.
272 Strahl:
Als wichligsten Grund für die Annahme, dass dem
Corystoides der äussere Fühler gänzlich mangle, halte ich
vorläufig das Verhalten des Fühlers zum Operculum, denn
weitergehende Untersuchungen über den äusseren Fühler
leiten mich darauf, einen innigen Zusammenhang zwischen
diesem Theile und dem äusseren Fühler aufzustellen.
Bei den eigentlichen Macrouren ist nämlich der drei-
gliedrige Fühler, dem weiter die mehr- oder wenigerglie-
drige Geissei aufgesetzt ist, an das Epistomium vermittelst
eines besonderen Gelenkstücks aufgehängt. Dies Gelenk-
stück bildet einen halben Ring, trägt immer das Tuberculum
auditivum und ist in Letzterem von dem Ausführungs-
gange der Succow'schen Drüse durchbohrt; an dieses erst
ist der Fühler mit seinem Nebenorgan , der Fühlerdeck-
schuppe, eingelenkt. Die Gelenkbildung zwischen den ein-
zelnen Fühlergliedern ist eine eigenthümliche und ihre
Betrachtung lehrt sogleich in scharfer Weise, ob etwas
wirkliches Fühlerglied oder Geissei ist. Ich kann hier
nicht ausführlicher darauf eingehen und begnüge mich
einstweilen damit zu erwähnen, dass nach diesen Ergeb-
nissen z. B. der äussere Fühler von Scyllarus dreigliedrig
und nicht viergliedrig ist, dass das als viertes Glied be-
trachtete Stück die Geissei ist, welche hier nur aus einem
einzigen Stück besteht. Dies Verhalten der Geissei trennt
die Scyllariden scharf von den Palinuriden , während sie
gemeinsam den Eryoniden gegenüber keine Deckschuppe
besitzen, was freilich bei den Galateiden auch der Fall ist;
allein letztere müssen davon getrennt bleiben, weil ihr
Arlikulalions- oder Aufhängestück des äusseren Fühlers
isolirt ist (wie bei den eigentlichen Astaciden und den Ca-
riden), während es bei den Scyllariden, Palinuriden und
Eryoniden (?) mit dem Epistomium zu einem Stücke ver-
schmolzen ist. Die Scyllariden, Palinuriden und Eryoniden
haben also den gemeinsamen Charakter der Verschmel-
zung zweier, bei den Makruren sonst getrennt bleibender,
Skeletstücke, des Epistomiums und des Aufhängestücks,
welches Milne Edwards auch article basilaire nennt;
es beschreiben hier die Carcinologen gemeinhin ein grosses
Epistomium, ohne zu erwägen, dass sonst nie das Tuber-
Carcinologische Beiträge. 273
culum auditivum im Epistomium , sondern immer im Auf-
hängestücke des äusseren Fühlers liegt. Die Annahme dpr
Verschmelzung genannter Stücke erleichtert jedenfalls di&
Vorstellung der Bildung der betreffenden Theile im Ver-
hältnisse zu der sonst bei den Makruren herrschenden An-
ordnung. Es ist ja auch möglich, dass das Aufhängestück
hier gänzlich ausfällt und nur die Ausmündung der Suc-
cow'schen Drüse in das Epistomium hineinfällt. Welche
der beiden Anschauungen die richtige ist, kann nur aus
der Entwickelunffso-eschichle entnommen werden.
An die Galateiden reihen sich aber zunächst die Pa-
guriden, Aeglea und die Porcellanen, Albunea mit Hippa
und Remipes an, welche alle ein isolirles Artikulationsstück
des äusseren Fühlers haben, das hier, mit Ausnahme der
Paguriden , niemals auch nur eine Spur von Deckschuppe
(ecaille) trägt. In der angegebenen Reihe verliert das
Abdomen allmählich alle Appendices, schliesslich die Cau-
dales. Das Abdomen hat somit die Form angenommen, in
der es bei den Brachyuren auftritt und schon bei dem Rest
von Milne Edwards Anomuren sich findet. Müssen
von diesem Reste nun dieRaniniden als gesonderte Gruppe
getrennt werden, weil sie Leucosier in Betreff der Orga-
nisation ihres Athemapparates repräsentiren, so verlangt
doch auch Lithodes eine gesonderte Stellung , weil sie
einen Rest von Deckschuppe hat, der anscheinend bisher
übersehen worden ist. MilneEdwards sagt, das zweite
Glied des Fühlers • habe einen Dorn ; doch dies bedornte
Glied gehört gar nicht zum eigentlichen Stiele des Fühlers,
sondern zum Schuppenapparate. Denn was Milne Ed-
wards hier das erste Glied des Fühlers nennt, ist nur das
Aufhängestück für denselben, weil es das Tuberculum au-
ditivum trägt und in diesem von dem Ausführungsgange
der Succow'schen Drüse durchbohrt ist, ich nenne dies
Slüch intercalare. Es folgt hierauf bei sehr vielen Makru-
ren ein Glied, das der gemeinschaftliche Träger-der Schuppe
und des Fühlers ist, ich nenne es Armiger; es trägt aussen
die Schuppe, innen den Fühler und hat oft aussen einen
Stachel, z. B. beim Hummer. Etliche Makruren verlieren
die Schuppe und der Armiger bleibt ; so ist es bei den zu
Arcliiv für Naturg. XXVIII. Jahrg. l.Bd. 18
274
Strahl:
den Thalassinen gehörigen Calocaris, Callianassa, Thalassina
und ualirsciicinlich auch bei Axius und Glaucolhoe. Li-
thüdes zeigt nun ganz dieselbe Organisation, die Schuppe
ist verschwunden aber der Armiger ist noch vorhanden
und trägt den dreigliedrigen Fühler. Ich gebe hier eine
Abbildung des
vorderen Theils
einer Lithodes
arctica Lmk. von
unten gesehen.
Es bedeutet ai =
antenna interna,
ae = antcnna ex-
terna , welche
ausser der Geis-
selaus drei cylin-
drischen Gliedern
besteht; neben
dem ersten ist d = der Armiger, beide gemeinschaftlich
in b, dem Intercalare, eingelenkt, welches letztere nach
der Medianlinie des Thiers hin das durchbohrte Tuberculum
trägt. Die nächste Figur zeigt dasselbe Präparat in ande-
rer Stellung, um die Lage des Aufhängestücks zu den be-
nachbarten Thei-
len zu zeigen; zur
Vermehrung der
Deutlichkeit ist
rechterseifs in
das durchbohrte
Tympanum eine
Borsteeingeführt.
Alle nun noch
übrig bleibenden
Genera von M.
Ed wards'Ano-
muren hat Dana
in die Familie der Dromidea vereinigt und zu ihnen
Latreillia gezogen wegen der erst in neuerer Zeit ent-
deckten Lage der weiblichen Geschlechtsöffnung. Für
Carcinologische Beitrüge. 275
die Stellung, die Dana der Latreillia angewiesen und
gegen ihre bisherige Aulnaliine unter die Oxyrhynchen
lässt sich ferner noch anführen, dass sie, wie de Haan
von seiner Latreillia valida abbildet, kein Operculum, son-
dern ein durchbohrtes Tuberculum hat, mithin ein AuChän-
gesfück wie die Makruren besitzt, an welches nur der
Fühler und keine Deckschuppe eingelenkt ist. Bei Dromia
ist das Aufhängestück schon ziemlich klein, die Durchboh-
rung in Form eines Schlitzes, welcher anscheinend nur mit
Haaren besetzt und wohl nur von einer geringen Tympa-
nalmembran geschlossen ist; auch hier fehlt jegliche Spur
einer Deckschuppe.
Immer haben aber diese Dromiden noch zwei makru-
rale Charaktere bewahrt : das Tuberculum und die Lage der
Vulva. Das Genus Grapsus, sonst als durchaus brachyural
betrachtet, weist einen makruralen Charakter auf, das
durchbohrte Tuberculum. Diese Organisation verlangt eine
Trennung von den Gattungen, mit denen es bisher die Car-
cinologen vereinigt haben. Es bildet mithin die Gattung
Grapsus, noch näher als die Dromiden , eine Vermittelung
von den Makruren zu den Brachyuren, und müsste mit
gleichem Rechte wie die Bellidea unter die Anomuren auf-
genommen werden. Denn die Bellidea haben nur die ma-
krurale Vulva, w^enigstens wird dies von i3cllia angegeben,
von Corystoides fehlt die Angabe. Dana's Bellidea stehen
also gleichwerthig neben Grapsus, in BetrefT des äusseren
Fühlers verhalten sie sich aber entschieden wie Brachyu-
ren, denn sie haben kein Tuberculum^ sondern ein Oper-
culum, zeigen aber an diesem Fühler eine so charakteristi-
sche Anomalie, die sie scharf von den übrigen trennt.
Aus den vorhergehenden Betrachtungen über die ein-
zelnen Familien der Anomuren geht hervor, dass ihre
Trennung von den Makruren ziemlich künstlich ist und
durchaus nicht auf strickte Charaktere gegründet ist. Das
Verhalten ihres äusseren Fühlers schliesst sie jedenfalls
eng an die Makruren, indem sich ja auch hier alle die
Varialionen seiner Organisodon finden, die bei den Makru-
ren auftreten. Die Paguriden haben einen vollständigen
Deckschuppenapparat wie die Cariden; die Lithodiden be-
276 Strahl:
sitzen "von diesem Apparate nur den Armiger wie einig-e
Thalassinen; die übrigen Anomuren sind ohne Deckschup-
penapparat wie die Scyllaridcn und Palinuriden. Ich ent-
nehme hieraus den Grund die Anomuren mit den Makru-
ren als tuberkulare Dekapoden zu vereinigen. Ich ziehe
natürlich zu dieser Abtheilung die Gattung Grapsus und
stelle sie den übrigen operkularen Dekapoden gegenüber.
Die ßcllidea müssen nun von den tuberkularen Deka-
poden, unter welche sie Dana gestellt hatte, zu den oper-
kularen hinüberwandern. Im Uebrigen ist von den tuber-
kularen Dekapoden zu den operkularen nur ein Schritt.
Denken wir uns nämlich den Schlitz im Tuberculum eines
Grapsus oder einer Dromia nach der Medianseile herausge-
führt, so dass hier der peripherische Rand vollständig ge-
trennt ist, so haben wir das Operculum der Brachyuren
in seiner ganzen Gestaltung. Es hat überdies vollständig
die Funktion des Tuberculum in Betreff des Verhältnisses
zur Succow'schen Drüse. Denn dies Operculum hat keines-
wegs eine dem Steigbügel im Gehörorgane der höheren
Thiere vergleichbare Construktion; es ist vielmehr eine
Klappe, die nach aussen am Pterygostom eingelenkt ist und
nach der Medianlinie des Thiers hin gelüftet werden kann,
die Eröffnung und Schliessung ist der Willkür unterwor-
fen und besitzt zu diesem Behufe das Operculum an seinem
hinteren Rande ein in das Innere des Thieres hinaufstei-
gendes Manubrium, an welches sich die betreffenden Mus-
kulaturen ansetzen. In beistehender Abbildung sieht man
^ die innere Seite des Operculums der rechten
<=2SlS^^ Seite einer Maia squinado. o ist die Gelenkfläche,
die beweglich durch chitinhäutige Verbindung angeheftet ;
von n bis o über s geht der innere, vordere freie Rand ;
b ist das Manubrium, an dessen oberem Knopfe ein Schliess-
muskel und sein Antagonist sich anheften; a ist ein kleiner
Fortsatz, an welchen sich die Chitinhaut anheftet, welche
den Raum zwischen a und s schliesst, bei s ist die Stelle,
die ohne Chitinhautverbindung die freie Ausführungsöffnung
von unten halb umfasst. Bei Carcinus maenas so wie bei
Platycarcinus pagurus habe ich diesen Bau ausführlich un-
Carcinologische Beiträge. 277
tersuchl und auch hier gefunden, dass man hier in ein
Reservoir gelangt, analog der Gehörblase bei Astacus etc.,
das ebenfalls vor dem Magen liegt und mit einem drüsigen
gelbgrünlich gefärbten Organ zusammenhängt, welches das
apfelgrüne Organ ist.
In den Monatsberichten der Berl. Akad. vom J. 1861.
p. 713 und 1004 habe ich, auf die Eintheilung der Deka-
poden in tuberkulare und operkulare fussend, eine weitere
Eintheilung der operkularen auf anatomischer Grundlage
versucht. Dort erhalten die Bellidea als Orbata wegen der
Obsolescenz des äusseren Fühlers ihre feste Stellung; ich
habe ihnen desshalb auch Acanthocyclus zugetheilt und sehe
nun noch, dass Stimpson's Onychomorpha (Proceed. of
acad. of nat. sc. Philad. 1858. p. 161) ebenfalls dahin gehört.
Berlin, den 17. Februar 1862.
nsMw
Eiue neue Art von Spatularia.
Von
Professor J. Kaup
in Darmstadt.
Vor etwa 64 Jahren lernten wir aus den Nebenflüssen
des Mississippi die Spatularia folium kennen und glaubten
seit dieser Reihe von Jahren, dass sie die einzige Reprä-
sentantin ihres Genus und beschränkt auf Amerika sei.
Man wird daher nicht wenig überrascht sein, zu er-
fahren, dass auch in der alten Welt und zwar aus dem
nördlichen reichen japanischen Meere eine zweite Art auf-
gefunden ist, die sich sehr wesentlich von Sp. folium un-
terscheidet. Wegen der Schmalheit der seitlichen Ausbrei-
tung des Schnabels habe ich sie
Spatularia (Polyodon) angustifoliutn
genannt. Die grösste Breite des blattähnlichen Schnabels
verhält sich zur Länge des Schnabels vom vorderen Nasenloche
bis zur Spitze wie 1 : 10V2^ während der viel breitere Schnabel
bei Sp. folium sich wie 1 : 4^^ verhält. Bei Sp. folium
geht die Verbreitung bis fast zum vorderen Nasenloche,
bei Sp. angustifolium ist sie am vorderen Drittel nur eine
Hautfalte und verbreitet sich erst am zweiten Drittel ; bei
Sp. folium ist das Ende des Schnabels breit, wie bei un-
serer Löffelente, während es bei der neuen Art sich ver-
engt und eine sehr schmale stumpfe Spitze bildet. Bei
der neuen Art sind die Sterne aus feinen Gräten gebildet,
die die Seitenblätter des Schnabels bedecken, viel weniger
zahlreich und geringer entwickelt.
Kaup: Eine neue Art von Spatularia. 279
Mein Exemplar aus dem Hamburger Museum hat eine
Länge von 1080 Mm., während ein grosses Exemplar von
Sp. folium derselben Sammlung nur eine Länge von 554 Mm.
besitzt. Wir haben es daher leider mit einem alten Fisch
bei Sp. angustifolium zu thun und die Vergleichung würde
viel lohnender sein, wenn meine beiden Exemplare von glei-
chem Alter und gleicher Grösse wären.
So zeigt Sp. folium an den Kiemenbögen die oberen
knöcheren Strahlen dicht und lang wie die Fahne einer
Feder^ während sie bei Sp. angustifolium kürzer, breiter,
stumpfer und weiter auseinander stehend sind. Bei Sp.
folium sind diese Strahlen nicht zu zählen , während sie
bei Sp. angustifolium zählbar sich zeigen.
Nur junge Exemplare von Sp. angustifolium können
den Nachweis liefern, ob die knöcherne Siebstrahlen einer
Metamorphose im Alter unterworfen sind oder nicht.
Bei Sp. angustifolium ist der Oberkiefer über dem
Mundwinkel, der Operkelknochen , ein grosser Knochen
vor dem Anfange der Anal und die oberen Randschuppen
des Schwanzes blasig- aufgetrieben.
Bei Chonerhinus (Telraodon naritus Rieh.) Bleeker,
Drepane punctatus (Harpochirus Cantorj, Platax arlhriticus
und bei Pagellus lithognathus Cuv. Val. finden sich ähnliche
Auftreibungen der Knochen bei alten Individuen, die ich
mit Cantor für krankhafte Erscheinungen (Hypertrophie)
halte und ihnen desshalb nicht den geringsten specifischen
Werth beilege. Diese Krankheit scheint nur in den Mee-
ren von Asien und Afrika vorzukommen.
Das Japanische Meer ist erschlossen und wir können
bald auch jüngere Individuen erwarten. Dann wird sich
eine ausführlichere Beschreibung mit Abbildungen geben
lassen.
Nach den abnorm entwickelten Kiemen mit ungeheu-
rer weit geöffneter Spalte giebt Spatularia sich als die
Repräsentantin des Respirationsfisches zu erkennen und
zieht die Störe und Chimären zu sich herauf in die zweite
Familie der Selacier.
Diese Familie hat einen wenn auch sehr unvollkom-
menen Kiemcndeckcl für die Athmungsorgane und eine
280 K a u p :
Schwimmblase. Meine zweite Familie der Selacier ist
identisch mit Cuvier's Sturioncs, die ich gerne nach dem
Typus der ganzen Familie Spalularidae benennen möchte.
Diese zweite Familie Spatularidae enthält die Sub-
familien :
I. fehlte II. Spatularinae, III. Accipenserinae, IV. fehlt,
V. Chimaerinao.
Die Spatularinae sind die Respirationsfische, die Ac-
cipenserinae die Knochenfische und die Chimaerinae mit
ihren unzähligen Schleimporen die Haut- oder Geschlechts-
fische ihrer Familie. Die Spatularinae und Accipenserinae
haben das Spritzloch und den heterocerken Schwanz *)
der meisten Haien, welche beiden Charaktere an den leben-
den Chimären nicht zu finden sind.
Zu den Accipenserinae gehört noch ein nicht näher
bestimmtes fossiles Genus Chondrosteus Ag. und zu den
Chimaerinae viele Genera der Urwelt, die jedoch nicht alle
tief begründet sind.
Manche dieser Genera werden bei näherer Kenntniss
der Gebisse reducirt werden.
Obgleich ich glaube, dass Spatularia mit ihrer Clupea-
ähnlichen Entwickelung der Kiemen und dem langen Haut-
lappen des unvollkommenen Operkeldeckels in die zweite
Familie der Selacier gehört, so glaube ich doch nicht, dass
Spatularia der eigentliche Typus des Respirationsfisches ist
und glaube eher, dass sie in ihrer Familie als Genus den
dritten Rang einnimmt. Spatularia kann desshalb für ihre
Unterfamilie nur annähernd als die Grundform betrachtet
werden. Das zweite Genus der zweiten Unterfamilie wäre
eigentlich der Urtypus der Familie Spatularidae.
Ueberhaupt lassen sich nur annähernd der Wahrheil
die fünf Typen der Selacier andeuten:
*) Nennt man alle Fischschwänze heterocerlt, bei denen die
Caudalwirbel bis an das oder gegen das Ende der Caudal reichen,
gleichviel, ob der untere Lappen der Caudal ausgebildet ist oder
nicht, so ist auch Chimaera wie Trygon etc. helerocerk. Der Sta-
chel derTrygon ist nichts weiter, als die freigewordenen verschmol-
zenen Randschuppen der oberen Schwanzhälfte der Ganoiden.
Eine neue Art von Spatularia. 281
So giebt Amia mit seinen Zellen der Schwimmblase
allen Ganoiden den ersten Rang als erste und oberste Un-
terfamilie, obgleich auf keinen Fall Amia als erstes Glied
der ersten Unterfamilie zu betrachten ist.
Eins der Genera der Cephalaspidae ist der Repräsen-
tant des Knochensystems und diese rein urweltliche Fa-
milie muss demnach als dritte betrachtet werden.
Betrachten wir die vorigen Familien und die noch
übrige fünfte Familie Petromyzontidae^ so ist es klar, dass
die Plagiostomi Cuv. das Bauch-, Schwanz- und Magen-
thier mit der möglichst grössten Zahl von Zähnen, die
meist alle schneidend sind, vorstellen. Ich nenne diese
Familie Carcharidae. Die Rajanae betrachte ich als die
tiefstehendste Unterfamilie und zerfalle sie in die Sectio-
nen: I. Myliobateae, II. Squatinae, III. Pristiae, IV. Torpe-
diae und V. Rajae.
Alle diese Sectionen zerfallen in Genera, von denen
viele leider als Typen von Familien betrachtet werden, in-
dem man einseitigen Kennzeichen einen zu hohen Werth
beilegt, statt die Totalform im Auge zu behalten. Obgleich
ich fest überzeugt bin, dass bei den Selaciern nur die fünf
Haupttypen der Thierwelt wie der Fischwelt auftreten, und
desshalb nur fünf grosse Sectionen in dieser Ordnung exi-
stiren können, so bin ich schon längst von dem Glauben
zurückgekommen, dass auch in den kleineren Abtheilungen
die Zahl Fünf die herrschende sei.
Darmstadt, den 20. Februar 1862.
fhv
Allgeniciue Orismologie der Ameisen^ mit besouderer
Berücksichtiguug des Werthes der Classificatious-
merkmale.
Von
W. H. Fenger
in Bonn.
(Hierzu Taf. X— XII).
Der Körper der Ameisen ist, wie derjenige der In-
sekten überhaupt, von einer erhärteten Hülle, dem soge-
nannten Hautskelete, umschlossen, dessen Bestimmung
sowohl den Schutz der inneren Theile des Organismus, als
besonders auch die Anheflung und Stütze der Muskeln in
sich vereinigt. Dieses Hautskelet besteht aus C hitine,
einer stickstoffhaltigen Masse, welche in Aetzkali unlöslich
ist und eine äussere^ so wie eine innere Schichtung er-
kennen lässt. Die äussere Schicht ist aus flachen, kern-
losen, dicht neben einander gelagerten Zellen von sechs-
eckiger Gestalt zusammengesetzt (Taf. XL Fig. 32 a. Fig. 33 a).
Auf diese äussere Schicht, die sogenannte Epidermis,
lagert sich von Innen her eine Chilinmasse auf, welche
über und neben einander liegende Fasern erkennen lässt,
wesshalb man auf Intercellulargänge und Porenkanäle in
dem Hautskelete schliessen kann.
Die Chitinmasse, welche also das Hautskelet der
Ameisen bildet, besitzt bei dem völlig ausgebildeten Insekt
eine hornarlige Beschaffenheit und zeigt sowohl bei den
verschiedenen Ameisengattungen, als auch bei ein und
demselben Thiere an den verschiedenen Körperstellen eine
sehr verschiedene Dicke und Härte. Es giebt Ameisen
Fenger: Allgemeine Orismologie der Ameisen. 283
(Formica ligrniperda) , deren Hautskelet eine solche Festig-
keit erlangt hat, dass es völlig spröde erscheint, und dass
man einen ganz namhaften Druck des Messers anwenden
muss, um dasselbe zu spalten, während das Skelet anderer
Ameisen (Formica flava) eine lederartige BeschafTenheit
zeigt und dem anatomischen Messer so wenig Widerstand
entgegensetzt, dass es mit geringer Mühe zerschnitten
werden kann.
Die letztere Consistenz des Hautskeletes ist den mei-
sten Ameisen eigen, während jene harte, spröde Hornbil-
dung unter den Formiciden äusserst selten vorgefunden
wird und bei den Myrmiciden trotz ihres häufigeren Auf-
tretens dennoch nicht als die gewöhnliche anzusehen sein
möchte.
Selbst bei ein und demselben Thiere ist die Härte des
Skeletes, wie gesagt, an den verschiedenen Körpertheilen
eine sehr verschiedene. Durchgängig findet man, dass der
Kopf, so wie besonders der Thorax der Ameisen, eine
grössere Härte besitzen, als der Hinterleib, was wohl darin
hauptsächlich seinen Grund haben mag, dass diese Theile
des Körpers sowohl die meisten und wichtigsten Muskeln
enthalten, welche einen ihrer Stärke entsprechend festen
Anheftungspunkt besitzen müssen, als auch darin, dass sie
die Hauptstütze des vorzugsweise in die Länge ausgedehn-
ten Körpers bilden. In dem Larven- und selbst noch in
dem Puppenzustande ist die Chitinmasse bei allen Ameisen
weich und biegsam, und sie erlangt ihre eigenthümliche
Härte erst nach und nach, wenn das Thier sich frei an der
Luft bewegen kann. Auch die Färbung des Skeletes ist
in jenen Zuständen ganz verschieden von derjenigen des
Imago. In dieser Beziehung haben alle Ameisen, wie ver-
schieden sie auch später gefärbt sein mögen, das gemein,
dass sie im Larven- und Puppenzustande eine weissgelb-
liche Farbe zeio^en.
Die Farbe der erwachsenen Ameisen ist je nach den
verschiedenen Arten eine überaus mannigfaltige; sie kann
aus dem blassesten Gelb in's Graue und Schwarze, und aus
dem lichtesten Roth durch alle Nuancen bis in's tiefste
Braun übergehen. Zuweilen ist sie mit einem ganz cha-
284 Fenger:
rakteristischen Glänze verbunden, der oft dem schönsten
Metallglanze nicht nachstehen dürfte. Dieser Glanz, >vel-
chen man bei einzelnen Ameisenspecies vorfindet , kann
entweder dem Chitinskelete selber angehören, oder er wird
durch die Behaarung des Körpers hervorgerufen. (Ersle-
res z. B. bei Hypoclinea Frauenfeldii Mayr; letzteres z. B.
bei Formica cinerea Mayr, wo der ganze Körper dicht mit
kurzen, anliegenden, seidenschimmernden Härchen bedeckt
isl.j Ueberhaupt findet man nie , dass der Körper der
Ameisen ganz nackt ist, sondern stets ist derselbe mehr
oder weniger, theils mit kurzer, anliegender Pubescenz
versehen (Formica rufa Nyl.), theils ganz dicht mit abste-
henden, langen Borsten besetzt (Formica truncicola Nyl.),
theils ist die Pubescenz mit solchen Borsten untermengt
(Formica aethiops Ltr.).
Diese verschiedene, bei ein und derselben Species con-
stante Art der Behaarung, so wie der Glanz des Skeletes
oder der Pubescenz bilden ein vortreffliches Unterscheidungs-
merkmal der verschiedenen Arten, wie solches auch bisher
in den Schriften über die Classification der Ameisen, beson-
ders in der ausgezeichneten Abhandlung von Dr. Mayr*)
Berücksichtigung gefunden hat. Genannter Abhandlung ge-
bührt entschieden das grosse Verdienst eines ersten und
wirklich im Allgemeinen gelungenen Versuches einer ge-
nauen Determination und strengen Classifikation der euro-
päischen Ameisen. Wiewohl jedoch durch sie die gren-
zenlose Verwirrung, welche auf diesem so interessanten
Gebiete der Entomologie bisher herrschte, grösstentheils
beseitigt worden ist, so muss man doch gestehen, dass der
Verfasser besonders bei der Classification der Formiciden
noch zu viel Gewicht auf die Körperfarbe gelegt hat. Die
Farbe bildet einestheils kein so sehr conslantes Merkmal,
dass sie in ihrer Eigenthümlichkeit allen Individuen einer
und derselben Species völlig gemein wäre, anderentheils
sind die Uebergänge derselben bei verschiedenen Species
so zahlreich, dass sie als strenges Unterscheidungsmerkmal
*) Formicina austriaca, in den Verhandlun«^en des zoologisch-
botanischen Vereins in Wien. Bd. V. Jahr 18Ö5.
Allgemeine Orisniologie der Ameisen. 285
von keinem besonderen Werthe sein kann. Wir wollen
nicht einmal berücksichtigen, dass Individuen, welche noch
nicht lange ihre Puppenhülle verlassen haben , eine ganz
abweichende Färbung von den älteren Thieren derselben
Art zeigen, wodurch schon mancher Irrthum entstanden
ist, sondern nur auf die vielen Fälle aulmerksam machen,
wo selbst ältere Individuen ein und derselben Species unter
sich ganz verschiedene Färbungen zeigen , die bald der
einen, bald der anderen fremden Species mehr oder weni-
ger nahe kommen, oder völlig gleichen (Formica lateralis
Oliv. etc.). Diejenigen Arten, welche sich hauptsächlich
nur durch die Färbung von einander unterscheiden, sollte
man füglich als Varietäten betrachten.
Wegen dieser so grossen Inconstanz der Körperfär-
bung werde ich dieselbe in Folgendem ganz unberücksich-
tigt lassen, und mich nur an die Bildung und Form der
Organe, so wie an die Schraffirung und äussere Bekleidung
der Körpertheile halten.
Was vorerst noch die Grösse des Körpers bei den
Ameisen anbelangt, so ist dieselbe im Allgemeinen nicht sehr
bedeutend. Sie variirt fast stets bei den verschiedenen Ge-
schlechtern einer und derselben Species. JVIan unterscheidet
nämlich, um dieses gleich zu erwähnen, bei den Ameisen eine
dreifache Geschlechtsbildung der Individuen, ein völlig aus-
gebildetes männliches, ein völlig entwickeltes weibliches und
ein unentwickeltes, verkümmertes weibliches Geschlecht; er-
stere sind die Männchen (^) der Colonie, die zweiten
sind die Weibchen ($) , letztere die sogenannten Ge-
schlechtslosen (2), welche sich in einer europäischen
Ameisengattung sogar wieder in zwei verschieden gebildete
Individuen spalten, in eigentliche Geschlechtslose und so-
genannte Soldaten. Letztere muss man als anomale
Bildungen der Ersteren betrachten. Auf diese drei Ge-
schlechter, wenn man sie so nennen darf, werden wir noch
oft zurückkommen; einstweilen bemerken wir nur, dass
man in Bezug auf die Körperausdehnung die grösslen In-
dividuen unter den Formiciden findet, wo z. B. das 2 von
Formica ligniperda Nyl. eine Grösse von 14 Mm., das $ von
18 Mm., das ö^ von 12 Mm. erreichen kann. Dieselbe Un-
286 F e n g e r :
terfamilie besitzt auch die kleinsten, bis jetzt bekannten
Ameisen, nämlich Tapinoma pygmaeiim Ltr. , von denen
das 2 ""r IV3 Mm.? das ^ 3 Mm., das criV2Mm. gross
angelroiren wird. Die Länge der Myrniicidenneulra liegt
z\vischen 2 und 9 Mm.; letzlere Grösse wird jedoch nur
sehr selten erreicht, während auch ein Fall vorkommt, wo
sie nur IV2 Mm. beträgt (Monomorium minulum Mayr.);
die Grosse der $ liegt zwischen 2 — 14 Mm. (letztere Zahl
nur bei Atta capitata Ltr.), diejenige der ^ zwischen
2 — 10 Mm. (letztere Zahl nur bei Atta capitata Ltr.). Die
2 der Poneriden erreichen eine Länge von 2% — 3 Mm.,
die $ derselben von 3V2 — 4 Mm. und die ^ von 2% — 3 Mm.
Schon aus diesen übersichtlichen Angaben erhellt, dass
man bei den Ameisen fast allgemein die ^ als die grössten
Individuen einer Colonie annehmen darf; die </ sind mei-
stens nur etwas grosser als die J; erreichen aber auch
oft nur die Grösse der letzteren (Formica fuliginosa Ltr.,
Myrmica sulcinodis INyl. etc.).
Die Körpergrösse darf an und für sich im Allgemeinen
ebenso wenig als Eintheilungsprincip der Species betrachtet
werden, wie die Farbe ; denn auch sie wechselt zwischen
den einzelnen Individuen einer und derselben Colonie stets
etwas. Dieser Unterschied beträgt oft mehrere Millim., so
dass man bei einer und derselben Art sehr oft grössere und
kleinere Individuen unterscheiden kann.
Der Körper der Ameisen besteht aus drei Hauptab-
schnitten, aus dem Kopfe (Caput), der Brust (Thorax)
und dem Hinter leibe (Abdomen).
Der Kopf ist im Allgemeinen länger als breit (Taf. X.
Fig. 1 — 6); die Länge desselben kann sogar doppelt so
gross sein, als die Breite (Gatt. Aphaenogaster). Selten
kommt es vor, dass die Breite des Kopfes überwiegend ist
(ö^ von Polyergus rufescens Ltr. und annähernd kann das-
selbe Verhältniss bei der Galtnng Ponera angenommen
werden). Seine Seiten divcrgiren gewöhnlich nach hinten
hin, während sie nach dem Vorderende des Kopfes zu con-
vergiren, so dass der Kopf bei geschlossenem Gebisse mei-
stens eine fast dreieckige Gestalt mit abgerundeten Ecken
erhält. Diese Gestalt des Kopfes ist bei Weitem die hau-
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 287
figste; es kommen jedoch auch Fälle vor, wo derselbe
eine rundliche Gestalt besitzt (Myrmica rugulosa TaLX.
Fig. 5; ebenso das ^^ von Formicn flava Fabr. Taf. X. Fig. 6) ;
er kann ferner oval sein (bei einigen Arten der Gattung
Myrmica), oder herzförmig (Form, fuliginosa Ltr.) , oder
viereckig (bei einzelnen Individuen von Form, ligniperda
Nyl. Taf. X. Fig. 1). In letzlerem Falle stehen die Seiten
desselben oft ziemlich rechtwinklig zu einander und sind
ausserdem unter sich fast gleich, so dass der Kopf nahezu
quadratisch erscheint {^ von Formica flava Fabr.). Bis-
weilen findet man sogar eine fünfeckige Gestalt des Kopfes
(beim ^ der Gatt. Formicoxenus Mayr.), in welchem Falle
die zusammengelegten Oberkieferspitzen die vorderste Ecke,
die Augen jederseits die mittleren, und die Seitenländer
mit dem Hinterrande des Kopfes die zwei stark abgerun-
deten Hinterecken bilden. Es kann auch der vordere Theil
des Kopfes von der Spitze der Oberkiefer an bis zu der
Augengegend dreieckig gestaltet sein, während der hintere
Theil abgerundet erscheint (d^ von Hypoclinea quadripun-
ctala Ltr.).
Meistens ist der Kopf an seinem Hinterende, wo er
in den Thorax eingelenkt ist, am breitesten, und nur ab-
normer Weise findet man ihn auch in der Mitte am ausge-
dehntesten (j von Form, exsecta Nyl.J. Gar nicht selten
laufen seine Seiten fast parallel mit einander, so dass er
an seinem vorderen Theile so breit erscheint, wie an dem
hinteren (Myrmica laevinodis Nyl. J Taf. X. Fig. 4).
Fast stets ist der Kopf der Ameisen breiter als der
Thorax; man findet jedoch bei den Männchen, so wie bei
den Weibchen^ zuweilen einen im Verhältnisse zum Thorax
ziemlich kleinen Kopf. Dieses Verhällniss entsteht dadurch,
dass der Thorax bei den geschlechtlichen Ameisen über-
haupt eine kräftigere Entwickelung besitzt, als bei den
Geschlechtslosen. Abnorme Bildungen des Kopfes in Bezug
auf seine Grösse sind selten ; sie kommen jedoch vor bei
den Soldaten der Gatt. Oecophthora Heer, wo derselbe im
Verhältnisse zum übrigen Körper unproportionirt genannt
werden kann. Dasselbe findet man bei den $ der Galtung
Atta Fabr., wo sogar bei einer und derselben Species vom
888 Fenger:
kleinsten Kopfe bis zum grössten die regelmässigslen, suc-
cessiven Uebergänge auftreten, was bei der oben erwähn-
ten Gattung nicht der Fall ist. Dieses merkwürdige Variiren
des Kopfes in Bezug auf seine Grösse hat man auch bei
den 5 und $ von Form, aethiops Ltr., Form, pubescens
Fabr. und bei Form, marginata Ltr. vorgefunden; ebenso
bei Form, ligniperda Nyl.
In Bezug auf die gegenseitige Neigung von Ob er-
und Unterseite zu einander bietet der Kopf der Amei-
sen durchgängig die Gestalt eines Keiles dar, dessen eine,
untere Fläche horizontal liegt. In der Scheitelgegend er-
reicht er seine höchste Höhe, senkt sich von da ab gegen
seine hintere Grenze hin gewöhnlich etwas nach abwärts,
während er nach dem Vorderende zu allmählich und fast
regelmässig in eine schmale Kante ausläuft. Dieses Ver-
hältniss von Ober- und Unterseite des Kopfes kann man
als das normale annehmen; denn nur bei dem ^ von Atta
subterranea Ltr. zeigt sich in sofern eine auffallendere
Bildung, als sich hier der Kopf seiner ganzen Ausdehnung
nach fast wie eine Fläche ansieht, w^elche zudem auffallend
dünn erscheint.
Solche abnorme Bildungen des Kopfes in Grösse und
Gestalt bilden natürlich eine gute Charakteristik der be-
treffenden Gattungen und Species, bei welchen dieselben
vorkommen.
Was die Schraffirung des Kopfes anbetrifft, so
besteht dieselbe gewöhnlich aus feinen und groben Run-
zeln und zerstreuten Punkten. Die Runzeln können sich
entweder in der Längsrichtung des Kopfes hinziehen (Myr-
mica laevinodis Taf. X. Fig. 4), oder sich in die Quere
ausdehnen (meist nur auf dem Scheitel), oder in die Länge
und Quere zugleich, so dass eine netzartige Zeichnung
entsteht (Myrmica rugulosa Nyl.). Die Maschen dieses Netzes
sind entweder glatt, oder selbst fein gerunzelt (Myrmica
rugulosa Nyl. Taf. X. P'ig. 5). Sehr selten kommt es vor,
dass der Kopf auf seiner Oberfläche glatt und glänzend
erscheint ($ von Formicoxenus nitidulus Nyl.), und selbst
in diesem Falle erkennt man noch bei guter Beleuchtung
. unter dem Mikroskope höchst feine Runzeln. Die Art der
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 289
Schraffirung haben Ober- und Unterseite des Kopfes gemein,
nur ändert sich zuweilen auf letzterer die Richtung der
Runzeln, wie es z. B. bei Myrmica laevinodis Nyl. der
Fall ist, wo sich dieselben von den Seiten des Kopfes nach
der Mitte hinziehen und dort in hintereinander liegenden
regelmässigen spitzen Winkeln zusammenstossen.
Ausser diesen Runzeln und zerstreuten Punkten zeigt
der Kopf gewöhnlich noch eine mehr oder minder anlie-
gende kurze Behaarung oder zerstreute Borsten, auf wel-
che wir bei der Beschreibung seiner einzelnen Theile zu-
rückkommen werden.
Schraffirung und Behaarung bilden wegen ihres con-
stanten Auftretens eine weit bessere Charakteristik der
Ameisen, als die Färbung.
An dem Kopfe unterscheidet man mehrere wichtige
Theile, welche wir des besseren Verständnisses halber zu-
nächst übersichtlich auf einander folgen lassen wollen, um
sie sodann einzeln einer genaueren Betrachtung zu unter-
werfen. Man findet :
A. Auf der Oberseite :
1. Die äusseren Fresswerkzeuge (Taf. X. Fig. 1, a, a.
ähnlich in Fig. 2 — 7).
2. Den Kopfschild (Clupeus) (Taf. X. Fig. 1, d).
3. Das Stirnfeld (Area frontalis) (Taf. X. Fig. l,n,
dunkel schattirt).
4. Die Stirnlappen (Laminae frontales) (Taf. X. Fig.l,p).
5. Die Fühlergruben nebst den Fühlern (Antennae)
(Taf. X. Fig. 1, g und e).
6. Die Stirne (frons) mit der Stirnrinne (Taf. X. Fig.l,h).
7. Den Scheitel mit den Punktaugen (Ocelli) (Taf. X.
Fig. 2, a. Taf. X. Fig. 3, a).
8. Die Netzaugen (Oculi) (Taf. X. Fig. 1, i).
9. Die Wangen (Taf. X. Fig. 1, k).
10. Das Hinterhaupt (Taf. X. Fig. 1. r).
B. An der Unterseite:
1. Die inneren Fresswerkzeuge nebst den Tastern
(Palpi) Taf. X. Fig. 7, d, f, e; Fig. 11, a, b, c, d, e.
2. Die Kehle (Gula) an dem hinleren Theile der Un-
terseite.
Arohiv f. Naturg. XXVIII. Jakrg. 1. Bd. 19
290 F e n g e r :
3. Das Hinterhauptsloch (Taf. X. Fig. 7, i).
4. Die Kehlrinne Taf. X. Fig. 7, li).
Was zunächst die Fress Werkzeuge angeht, so be-
trachten wir die inneren und äusseren am besten im Zu-
sammenhange. Man unterscheidet bei denselben :
a) 2 Oberkiefer (Mandibulae) (Taf. X. Fig. 1, a, a).
b) 1 Oberlippe (labrum).
c) 2 Unterkiefer (Maxiilae) nebst ihren Palpen (Taf. X.
Fig. 12 einen für sich dargestellt).
d) 1 Unterlippe (labium) nebst ihren Palpen (Taf. X.
Fig. 13 für sich dargestellt).
Die Oberkiefer sind zu jeder Seite des Kopfes in
den Mundwinkeln eingelenkt und schützen den Mund von
vorn und von oben her. Meistens an ihrer Oberseite bo-
e^enförmig gekrümmt, bilden sie, wenn sie sich zusammen-
legen , die vordere abgerundete Ecke des Kopfes. Ihre
innere Fläche ist concav (Taf. X. Fig. 7; Fig. 8, d). An der
Basis sind sie gewöhnlich schmal und mehr oder weniger
stielförmig abgerundet, während ihr vorderer Theil allmäh-
lich breiter wird. Zuweilen zeigen sie eine merkwürdige,
fast dem Anfange einer Spirale gleichende Windung (Taf. X.
Fig. 8, a), wobei sich der breitere, vordere Theil (Fig. 8a, d)
grösstentheils von oben auf den Clupeus legt, während der
schmälere , spitz zulaufende (Fig. 8a, e), der als Axe der
Spirale betrachtet werden könnte, mit seiner äusseren Flä-
che (e) die unterste Begrenzungslinie des Mundes bildet.
Meistens, wie gesagt, sind sie an ihrer vorderen
Fläche breiter, als am Grunde; zuweilen bleibt jedoch die
Breite der ganzen Ausdehnung der Oberkiefer nach fast
dieselbe (Gatt. Formicoxenus Mayr). Bei den ^ fast aller
Galtungen sind sie sehr schmal und überhaupt sehr schwach
gebildet, während sie bei den $ gewöhnlich dieselbe Ent-
wickelung zeigen, wie bei den J. Anomaler Weise findet
man bei den J und $ der Galt. Polyergus Ltr., dass die
Oberkiefer am Grunde am meisten entwickelt sind und gegen
das Ende hin sich bedeutend zuspitzen, so dass sie bei
convexer Oberseite und concaver Unterseite fast stielrund
erscheinen. Die Unterseite der Oberkiefer ist stets unbe-
haart und ohne besondere Runzeln, während die Oberseile
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 291
durchgehends gerunzelt, punktirt und mit langen Borsten,
so wie mit kleinen, zerstreuten Härchen mehr oder we-
niger bedeckt erscheint. Die Punkte sind oft, wie ein-
gestochen (2 Formica pubescens Fabr.) , und aus ihnen
entspringen die Borstenhaare; nur sehr selten ist die
äussere Seite der Oberkiefer glatt und glänzend (5 von Po-
lyergus rufescens Ltr.).
Wichtiger als diese Schraffirung und Bekleidung ist
für die Classihkation derjenige Rand der Oberkiefer, wel-
cher dieselben in ihrer Längsrichtung nach vorn abgrenzt.
Seine Wichtigkeit erlangt er durch die Zähne, die sich
an ihm vorfinden (Taf. X. Fig. 1, c; Fig. 8a, b, f). Diese Zähne
sind meistens gut entwickelt, spitz und in grösserer An-
zahl vorhanden. Ihre Zahl liegt zwischen 1 — 10; eine
grössere als 10 (Formica austriaca Mayr), möchte wohl
bei den Ameisen nicht vorkommen. Die Neutra und die
Weibchen besitzen meistens eine gleiche Anzahl Zähne,
während es fast als allgemeine Regel angesehen werden
darf, dass, so wie die Oberkiefer des ^ durchgehends nicht
jene kräftige Entwickelung zeigen, wie man sie bei den
5 und $ vorfindet, auch ihre Zähne in Bezug auf Stärke
denen jener nachstehen. Während manche Neutra z. ß.
7 — 8 Zähne besitzen, hat das ^ derselben Species oft nur
zwei Zähne oder nur einen Zahn, der entweder schmal ist,
— in welchem Falle der Zahnrand sich nicht in die Breite
ausdehnt, sondern in eine Spitze ausläuft (Formica fuligi-
nosa ^, Formica flava ^, Taf. X. Fig. 10b, — oder der
breit und flach erscheint, so dass er dem Zahnrande in
seiner ganzen Ausdehnung mit der ganzen Basis ange-
wachsen ist (^ von Formica nigra Ltr.). Ja, es kommen
sogar auch Edentate unter den Ameisen vor, welche
man jedoch sehr selten, und zwar nur unter den Männchen
vorfindet; zu diesen Zahnlosen gehört z. B. Leptolhorax
acervorum Nyl., so wie die Gattung Ponera Ltr.; bei letz-
terer Galtung ist ausserdem die Spitze der Oberkiefer ganz
abgerundet, so dass dieselben ihre Funktion als Beisswerk-
zeuge verlieren.
Meistens besitzt jedoch das ^ 1 — 3 Zähne, wenn das
5J und das $ deren mehrere haben; ja, hier und da findet
392 F e n g e r :
man, dass die Zahl der Zähne bei allen drei Geschlechtern
dieselbe ist (Tapinoma erraticiim Ltr., Myrmica Inevinodis
Nyl. , Tetramoriiim Kollari Mayr etc.). Nur ein Beispiel
existirt meines Wissens unter den bis jetzt bekannten eu-
ropäischen Ameisen, wo das $ keine Zähne besitzt; dies
ist nämlich der Fall bei Tetramorium atratulum Schenk, bei
welcher Species der Zahnrand der Oberkiefer bloss vorne
zugespitzt ist. Diese Spitze könnte man allerdings auch
als Zahn betrachten.
Fast durcho-ehends findet man bei den Ameisen, dass
nicht alle Zähne gleichmässig entwickelt sind; stets ist
der unterste in der Zahnreihe der grosseste, spitzeste und
stärkste (Taf. X. Fig. 8, c) ; sehr oft sind die 2 oder 3
letzten Zähne kräftiger entwickelt, als die anderen, wäh-
rend auch unregelmässig der eine oder andere Zahn mehr
ausgebildet sein kann, als die übrigen (Taf. X. Fig 9). In
einigen Fällen sind die Zähne plump und stumpf, wie es
bei Formica ligniperda (Taf. X. Fig. 8, a, b) vorkommt.
Eine ganz gewöhnliche Erscheinung unter den Amei-
sen ist die, dass einer oder mehrere Zähne gar nicht zur
Entwickelung gekommen sind, so dass die Stelle derselben
auf dem Zahnrande unausgefällt bleibt. Stets kann man
durch Combination dieser leeren Stellen, an welchen sich
gewöhnlich eine unmerkliche Erhebung des Zahnrandes
zeigt, mit den zur Entwickelung gelangten Zähnen erken-
nen, wie viele Zähne die betreffende Species besitzt, zu-
mal, wenn man ausserdem noch andere Exemplare derselben
Species, bei welchen die Zähne sämmtlich gut ausgebildet
sind, untersucht. Man kann daher meiner Meinung nach
annehmen, dass jede Ameisenspecies eine ganz be-
stimmte, constante Anzahl Zähne besitzt; ich habe
dieses , so weit ich meine Untersuchungen bereits seit
längei'er Zeit gemacht habe, noch stets bestätigt gefunden,
und es möchte daher wohl die Bemerkung gerechtfertigt
erscheinen, dass die Zähne in Bezug auf ihre Entwickelung
und Zahl bei den Ameisen als treflliches Unterscheidungs-
merkmal der verschiedenen Species angesehen werden
könnnen. Freilich hat man die Zahnentwickelung in den
bisherigen Arbeiten über die Classifikation der Ameisen
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 293
fast ganz unberücksichtigt gelassen; es wird sich aber
wohl dennoch bei einer besseren Würdigung dieser Beiss-
werkzeuge der Werlh derselben als Unterscheidungsmerk-
mal der Species ergeben.
Die Oberlippe liegt unter dem Clupeus verborgen
und ist an dessen Unterseite etwas hinter dem vorderen
Rande befestigt, so jedoch, dass ihr unterer Rand frei
bleibt. Sie ist breiter als lang und alle ihre verschiedenen
Eigenthümlichkeiten bestehen nur in der verschiedenen
Gestaltung des Vorderrandes. Der Vorderrand ist bei den
meisten Ameisen in der Mitte mehr oder weniger tief aus-
geschnitten, so dass die Oberlippe, von Aussen betrachtet,
anscheinend in zwei getrennte Lappen zerfällt. Dieser Ein-
schnitt stellt entweder nur eine geringe Ausbuchtung dar
(Tapinoma erraticum Ltr., Gatt. Polyergus Ltr., Formicoxe-
nus Mayr), oder er wird winklig und mehr oder weniger
tief (Gatt. Monocombus Mayr, scharf rechtwinkelig; stumpf-
winckelig bei der Gatt. Atta Fabr.).
Diese verschiedene Gestaltung der Oberlippe, welche
durch den Einschnitt des Vorderrandes begründet wird,
dient recht gut zur Unterscheidung der Gattungen.
Die Unterkiefer beiinden sich jederseits am Kopfe ;
sie sind weicher als die Oberkiefer und bestehen aus vier
Theilen :
1) Aus der Angel, demjenigen Theile, der dem Mund-
rande zunächst liegt und mit demselben verbun-
den ist.
2) Aus dem Stiele, welcher den grössten Theil des
Unterkiefers bildet und wegen seiner hornigen Be-
schaffenheit am stärksten ist (Taf. X. Fig. 12, aj.
3) Aus dem Lappen, welcher eine fast dreieckige
Gestalt hat, häutig und nach Innen am Rande gewim-
pert ist (Taf. X. Fig. 12, c).
4) Aus dem Kiefertaster (Palpus maxiliaris), welcher
zwischen dem Stiele und dem Lappen, am Ende und
in einer Aushöhlung des ersteren eingelenkt ist und
aus 1 — 6 Gliedern zusammengesetzt sein kann (Taf. X.
Fig. 12, b).
Gewöhnlich herrscht bei der Gestalt des Unterkiefers
294 F p n g e r :
die Läng"srichtung vor; sehr klein ist er bei der Gattung
Monocombus Mayr. Seine drei erst erwähnten Theile zei-
gen bei den Ameisen keine wesentlichen Verschiedenheiten,
während der Palpus in Länge, Gestalt und Glieder-
zahl mehreren Veränderungen unterworfen ist. Bei den
Formieiden ist er gewöhnlich lang und reicht, nach hinten
gelegt, bis zum Hinterhauptsloche; bei Form, pressilabris
Nyl. jedoch ist er kurz und überragt nur wenig den Hin-
terrand des Mundes. Bei den Myrmiciden ist er meistens
kürzer. Seine einzelnen Glieder sind gewöhnlich cylindrisch,
nicht sehr dick und oft in Bezug auf ihre Richtung schief
eingelenkt. Das Grundglied ist kürzer, kräftiger und dicker,
als die anderen Glieder. Diese kräftigere Entwickelung hat
oft das zweite Glied (Gatt. Polyergus Ltr.), so wie das 2te
und 3te Glied (Gatt. Monocombus Mayr) mit dem ersten
gemein. Die folgenden Glieder sind gewöhnlich dünner
und länger, während wir jedoch das umgekehrte Verhält-
niss bei den J und $ der Gatt. Myrmecina Curt. vorfinden,
wo die zwei ersten Glieder, so wie das letzte am längsten
sind; bei dem ^T derselben erscheinen alle Glieder gleich
lang. Das Endglied ist stets konisch zugespitzt, am läng-
sten von allen Gliedern, und trägt, wie die übrigen, eine
nicht eben dichte, kurze, feine Behaarung, ohne jeden son-
stigen Anhang. Zwei merkwürdige Fälle kommen jedoch,
so viel mir bekannt ist, unter den europäischen Ameisen
vor, wo das letzte Glied des Palpus maxillaris mit einer
starken Borste endet; dies ist der Fall bei der Gattung
Diplorhoplrum Mayr und bei der Galt. Monomorium Mayr.
Bei den Formieiden besteht der Palpus maxillaris stets
aus 6 Gliedern , mit Ausnahme der Gatt. Polyergus Ltr.,
wo er 4-gliedrig ist. Bei den J und $ der Poneriden hat
derselbe nur 2 Glieder, von denen das letzte ausnahms-
weise keulenförmig und nebenbei mehr als doppelt so
lang ist, als das erste, während man bei den J" derselben
Subfamilie eine 4-gliedrige Theilung des Palpus undeutlich
erkennen kann. Bei den Myrmiciden wechselt die Anzahl
der Glieder sehr; 6-gliedrig ist der Palpus maxillaris bei
der Gatt. Myrmica Ltr., 5-gliedrig bei den Gattungen Lepto-
thoraxMayr, Aphaenogaster Mayr und Crematogaster Lund.,
Allgemeine Oiismologie der Ameisen. 295
4-glieflrig bei den Gattungen Forinicoxenus Mayr, Myrme-
cina Ciirt., Tetramoriiim Mayr und Atta Fabr., 3-gliedrig
nur beim ^ der Gatt. Oecophthora Heer, und 1-gliedrig
nur bei der Gatt. Monomorium Mayr. Die Anzahl der
Glieder wechselt bei den verschiedenen Geschlechtern einer
und derselben Species meist nicht; eine Ausnahme von
dieser Regel machen die beiden Gattungen Ponera und
Oecophthora. (Siehe vorher.)
Der Palpus maxillaris bildet also, wie man aus diesen
Angaben ersehen kann , in Bezug auf seine Gliederanzahl
und Gestalt eine vortreffliche Gattungscharakteristik und
ist desshalb auch schon mit Nutzen bei der Classifikation
der Ameisen angewandt worden.
Den vierten Haupttheil des Gebisses bildet die Un-
terlippe (Taf. X. Fig. 13). Sie besteht ebenfalls aus 4
Theilen :
1) Aus dem Kinn (mentum) , welches ein gewölbtes,
längliches Hornplättchen darstellt von halbmondförmi-
ger Gestalt (Taf. X. Fig. 13, a).
2) Aus der eigentlichen Unterlippe, welche eine
fast dreieckige Gestalt hat, flach, sehr gross, hautartig
oder mehr oder weniger hornig ist (Taf. X. Fig. 13, c).
3) Aus den Lippentastern, welche am Vorderrande
der eigentlichen Unterlippe stehen, 2 — 4-gliedrig sind
und eine mit den Palpis maxillaribus analoge Bildung
zeigen (Fig. 13, b).
4) Aus der Zunge (ligula) (Fig. 13, d), welche zwischen
den Lippentastern am Ende der Unterlippe liegt, sehr
klein, oft kaum deutlich sichtbar, einfach und häutig
ist. Sie hat bei den Ameisen nicht die Funktion eines
Saugorgans, wie dies bei vielen Hymenopteren vor-
kommt, wesshalb die Unterkiefer derselben auch ihre
Bedeutung als Kauorgane behalten.
Das Kinn, so wie die eigentliche Unterlippe und die
Zunge bieten bei den Ameisen sehr wenig oder gar keine
wesentliche Veränderungen dar; an den Lippentastern da-
gegen lassen sich dieselben Unterschiede in Bezug auf
allgemeinen Bau , Gestalt und Anzahl der Glieder hervor-
296 F e n g e r :
heben, wie wir solche bei den Kieferlastern bereits vorge-
führt haben.
Im Allgemeinen zeigen auch die Glieder der Lippen-
taster jene iinregelmässige Richtung in Bezug auf ihre
Einlenkung, wie dies bei den Kiefertastern vorgefunden
wurde ; sie sind cylindrisch und meist in die Länge ge-
zogen; keulenförmig findet man sie bei der Gatt. Diplorho-
ptrum Mayr, plattgedrückt und dünn bei der Gatt. Formi-
coxenus Mayr und der Gatt. Oecophthora Heer. In Länge
und Kürze bieten sie dieselben Verschiedenheiten dar, wie
die Kiefertaster. Sind letztere 6-gliedrig, so findet man
stets, dass die Lippentaster 4 Glieder haben (Formiciden
und unter den Myrmiciden die Gatt. Myrmica Ltr.) ; sind
die Kieferlaster 5-gliedrig, so sind die Lippentaster stets
3-gliedrig (Gatt. Leplothorax Mayr, Aphaenogaster Mayr,
Crematogaster Lund.) ; haben erstere 4 Glieder, so besitzen
letztere meistens 3 Glieder (Gatt. Formicoxenus Mayr, bei
dem cT der Gatt. Ponera, ferner bei den Gattungen Myrme-
cina Gurt., Tetramorium Mayr und Atta Fabr.) und in einem
Falle nur 2 Glieder (die Gatt, der Formiciden : Polyergus
Ltr.); der 3-gliedrigen Theilung des Palpus maxillaris bei
den (^ der Gatt. Oecophthora Heer steht die 2-gliedrige
Theilung des Palpus labialis bei demselben ^ gegenüber;
sind die Kiefertaster 2-gliedrig, so besitzen die Lippenta-
ster stets dieselbe Gliederanzahl; eingliedrig sind meines
Wissens die Lippentaster nie; denn selbst dem eingliedri-
gen Maxillartaster der Gatt. Monoraorium Mayr entspricht
ein 2-gliedriger Lippentaster.
Kiefer- und Lippentaster hängen meistens ausserhalb
des Kopfes und sind nach hinten gerichtet; letzlere bilden
ebenfalls ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal der Gat-
tungen.
Diese sogenannten inneren Mundlheile liegen in einem
Ausschnitte an der Unterseite des Kopfes verborgen (Taf. X.
Fig. 7, bb, Fig. 11 mm); sie können in den Kopf zurückge-
zogen und aus demselben noch theilweise über den Vor-
derrand des Clupeus hinaus vorgestreckt werden, wobei
ihnen der Clupeus zum Schulze von oben her dient. Die
beiden Kieferpaarc bewegen sich seitlich gegeneinander.
Allgemeine Orisinologie der Ameisen. 297
Ob bei den Ameisen der Geschmackssinn ent-
wickelt ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit behaupten,
da, so viel mir bekannt ist, bis jetzt keine Untersuchun-
gen über diesen Gegenstand vorliegen; dennoch glaube
ich aber, dass die Entwickelung des Geschmackssinnes bei
diesen Insekten viele Wahrscheinlichkeit für sich hat, wel-
che sowohl durch die häutige Beschaffenheit der Zunge,
als durch die mehr oder minder erwiesene Auswahl der
Nahrung begründet sein dürfte.
Befindet sich das Gebiss im Ruhezustande, so liegen
die Stiele der Unterkiefer genau an ihrem inneren Rande
der Unterlippe an, während die Aussenränder derselben
sich an den seitlichen Mundrand anschmiegen. Auf diese
Weise wird der Mund von untenher geschlossen. Von
vorne wird derselbe dadurch geschlossen, dass die etwas
nach aufwärts gebogenen Lappen der Unterkiefer von der
nach abwärts gerichteten Oberlippe theilweise überdeckt
werden. Von oben ist der Mund durch den Clupeus abge-
sperrt und zugleich hinreichend geschützt.
Der Kopfschild bildet den vorderen Theil der
Oberseile des Kopfes (Taf. X. Fig. 1, d, ähnlich in Fig. 2—6);
er begrenzt nach vorne den Mund und ist seitlich durch
mehr oder weniger tiefe Furchen von dem übrigen Kopfe
gelrennt; an seinem hinleren Ende ist er meistens ebenfalls
durch eine vertiefte Furche bogenförmig abgeschlossen.
Der Clupeus bildet bei den Ameisen eine starke,
hornartige, gewölbte Fläche von meistens länglich vierecki-
ger Form, deren Ecken jedoch stets abgerundet sind. Vorne
ist er gewöhnlich breiter als hinten, und dieses Verhältniss
des vorderen Theiles zu dem hinteren erreicht seine Grenze
in einer dreieckigen Gestalt des Clupeus (Formica austriaca
Mayr, Hypoclinea quadripunctata Ltr. , in welchem Falle
stets die hinlere Ecke des Dreieckes stark abgerundet ist
und der Clupeus selbst mehr flach erscheint. Die Wölbung
des Clupeus senkt sich gewöhnlich sanft von dem hinteren
Rande nach vorne herab , so dass derselbe eine ziemlich
in die Länge gezogene Gestalt annimmt (Taf. X. Fig. 1,2, 3),
während sie zuweilen auch fast jäh nach unten geht, wo-
durch der Clupeus verkürzt erscheint (Taf. X. Fig. 4, 5),
298 F e n g e r :
und oft höckerförmig gewölbt ist (^ von Ponera con-
tracta Ltr.).
Als Kegel darf man annehmen, dass der Clupeus vor
der Einlenkungsstelle der Fühler endet (Taf. X. Fig. l,g;
ebenso in den übrigen Figuren) ; ein Fall kommt jedocli
vor, wo derselbe sich noch zwischen die Fühler hinzieht
und erst hinter diesen endet. Bei dieser Bildung liegt die
Stelle der stärksten Wölbung ebenfalls zwischen den Füh-
lern (2 der Gatt. Monomorium Mayr).
Die Furche, welche den Clupeus von der Seite be-
grenzt, ist mehr oder weniger tief (Taf. X. Fif. l,f); ich
habe dieselbe dunkel schattirt), während diejenige, welche
ihn an seinem hinteren Ende abschliesst, mehr verflacht
erscheint und meistens in eine schwache Curve übergeht.
Gewöhnlich zeigt der Clupeus an seiner Oberfläche
eine zerstreute Punktirung und eine feine lederartige
Längsrunzelung (Taf. X. Fig. 1, 2 etc.), die auch sehr grob
werden kann (Taf. X. Fig. 4); nur selten ist er glatt und
glänzend (Formicoxenus nitidulus Nyl.). Oft zeigt er auch
eine kurze Behaarung, welche nie sehr dicht steht und
sich gewöhnlich nicht über die ganze Oberfläche (Taf. X.
Fig. 2, 3) erstreckt, sondern nur gegen die Seitenränder
hin der Hinterecke zu vorgefunden wird (Taf. X. Fig. 4).
Wichtiger, als diese allgemeine Oberfläche des Clu-
peus, ist die Bildung seiner Mitte und seines Vorder-
randes. In der Mitte des Clupeus bemerkt man sehr
häutig eine erhabene Linie, welche sich in der Längsrich-
tung seiner Oberfläche hinzieht, und die, wenn man sich
den Clupeus aus zwei Seitenhälften entstanden denkt, die
Verwachsungsstelle letzterer vorstellt. Diese ausgezeich-
nete Linie nennt man den Kiel, nach dessen Vorhanden-
sein oder Fehlen man einen geki el te n und einen unge-
kielten Clupeus unterscheidet. Der Kiel kann entweder
schwach und kaum merklich ausgedrückt sein (Formica
ligniperda 5 und $ Taf. X. Fig. 1), er kann vorne schwach,
hinten schärfer (</ von Form. ligniperdaj, oder seiner gan-
zen Länge nach deutlich und scharf ausgeprägt erscheinen
(Formica rufa Nyl. $ Taf. X. Fig. 1 etc.). Nicht alle Amei-
sen besitzen einen Kiel und wo er fehlt, stellt der Clupeus
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 299
eine ununterbrochene gewölbte Fläche dar (5 von Formica
flava Fabr. Das Vorhandensein oder Fehlen des Kieles i$t
nicht, wie man leicht glauben könnte, allen Geschlechtern
ein und derselben Species gemein, sondern es kommt sogar
meistens vor, dass entweder die 2 ""d $ einen gekielten
Clupeus haben, während die c^ keinen Kiel besitzen (For-
mica rula Nyl.), oder es tritt das umgekehrte Verhältniss
ein (Formica pressilabris Nyl.); ja man findet sogar Fälle,
wo die 2 einen gekielten Clupeus haben, während der Clu-
peus der ihnen so nahe verwandten $ ungekielt ist (For-
mica marginata Ltr.).
Man ersieht hieraus, dass der Kiel des Clupeus ein
nicht eben besonders brauchbares Merkmal zur Unterschei-
dung der Ameisen ist, wiewohl er dennoch hier und da
als solches zur Erkennung der Species dienen kann, zumal
man bei der Classiükalion der Ameisen fast nie Merkmale
aufzustellen vermag, welche alle 3 Genera umfassen, son-
dern die Aufstellung der Kennzeichen für jedes Geschlecht
eine besondere sein muss.
Statt des Kieles, welcher also eine über die Fläche
des Clupeus erhabene Linie darstellt, tritt zuweilen eine
Vertiefung der Oberfläche auf, welche eine stets
glatte Rinne bildet (beim $ und beim Soldaten der Gatt.
Oecophthora Heer): bei Leptothorax clupeatus 5 Mayr ist
diese Rinne seitlich durch zwei Leisten begrenzt, welche
nahe am Mundrande in zwei kleine Zähnchen endigen. Eine
eigenthümliche Ausbildung zeigt dieselbe Rinne bei den $
der Gatt. Diplorhoptrum, indem sie vorne sehr breit ist,
sich dann nach hinten zu mehr und mehr verengt und seit-
lich von zwei scharfen Leisten begrenzt wird, welche den
Clupeus in 3 Felder Iheilen.
Oft besitzt der Clupeus an verschiedenen Stellen seiner
Oberfläche noch andere Eindrücke und vertiefte Stellen,
welche für die betreifenden Species, wo dieselben vorkom-
men, charakteristisch sind. So ündet man z. B. bei den $
von Hypoclinea quadripunctata Ltr. einen Quereindruck
vorne in der Mitte; bei Aphaenogaster Mayr ist ein solcher
hinter der Mitte, bei Formicoxenus nilidulus Nyl. nahe am
Hinterrande des Clupeus sichtbar.
300 F e n g e r :
Endlich verdient ann Clupeus noch der Vorder- und
Hinterrand eine genauere Betrachtung. Der Vorderrand
ist stets mit mehr oder weniger langen^ sehr starken, nach
abwärts gerichteten Borsten besetzt und entweder ganz-
randig, oder in seiner Mitte verschiedenartig, regelmässig
ausgeschnitten. Meistens findet man ihn ganzrandig (For-
mica ruta Nyl. Tai. X. Fig. 2) ; schwach wellenförmig aus-
geschnitten ist er bei Formica ligniperda (Taf. X. Fig. 1) *),
in der Mitte scharf wellenförmig ausgeschnitten bei Myr-
mica laevinodis JNyl. (Taf. X. Fig. 4) *"*'''), in der Mitte ziem-
lich tief ausgerandet bei Formica sanguinea Ltr. (Taf. X.
Fig. 3), halbkreisförmig ausgeschnitten bei Tapinoma erra-
ticum Ltr. , in der Mitte fast bis zum Hinlerrande hasen-
schartenähnlich ausgeschnitten nur beim $ von Tetramorium
atratulum Schenk. Bei der Gatt. Myrmecina Curt. ^ und
$ und bei den 2 und $ von Diplorhoptrum besitzt der Vor-
derrand noch 2, sonst nirgendwo vorkommende Zähne,
welche bei ersterer stumpf sind, bei letzterer aber spitze
Dornen darstellen, in welche die beiden Leisten des Clu-
peus ausgehen. (Den d^ beider Gattungen fehlen dieselben.)
Gewöhnlich neigt sich der Vorderrand des Clupeus
nach abwärts ; bei Formica pressilabris jedoch ist er auf-
wärts gerichtet.
Der Hinterrand des Clupeus zeigt ähnliche Gestaltun-
gen wie der Vorderrand; jedoch treten dieselben nicht in
der oben vorgeführten Mannichfaltigkeit auf. Gewöhnlich
findet man ihn als eine regelmässige Curve (Formica rufa
Nyl. Taf. X. Fig. 2; Formica sanguinea Ltr. Taf. X. Fig. 3;
ferner Fig. 4. 5j , während er auch in der Mitte stark oder
schwach ausgebuchtet erscheinen kann (Formica ligniperda
Nyl. Taf. X. Fig. 1 ; Formica nigra Ltr.)
Diese verschiedene Gestaltung des Vorder- und Hin-
terrandes des Clupeus ist, ausser in dem Falle, wo die
*) Was weder Dr. Förster (llymenopterologische Studien,
1. Heft. Foriiiicariae. Aachen 1850, S. 11), noch Dr. AI a y r (Foruii-
cina austriaca in den Verhandlungen des zoologisch-botanischen Ver-
eins in Wien. Bd. V. Jahr 1855. p. 304) bemerkt haben.
*^) Ebenfalls nicht in vorstehenden Werlien angeführt.
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 301
Dornen am Mnndrande auftreten, den drei Geschlechtern einer
und derselben Spocies gemein, wesshalb diese Theile ein
besseres Unterscheidungsmerkmal der Species bilden, als
der Kiel. Als Gattunffscharakter dürfen sie deshalb nicht
zugelassen werden, weil die Species, welche man nach
wichtigeren Merkmalen zu derselben Gattung zählen muss,
unter sich sehr verschiedene ßegrenzungsformen des Clu-
peus zeigen.
Unmittelbar hinter dem Clupeus liegt das Stirn fei d
(area frontalis Taf. X. Fig. 1, n, dunkel schattirt; ebenso
in den übrigen Figuren). Dasselbe stellt fast durchgängig
ein entweder spitzes, oder stumpfwinkeliges Dreieck dar
von sehr geringer Ausdehnung; meistens ist es im Ver-
gleiche zum Clupeus und dem hinteren Theile des Kopfes
vertieft, wird nach vorne von dem Hinterrande des Clupeus,
seitlich von den laminis frontalibus (Taf. X. Fig. 1, p) und
nach hinten von der Stirne (h) begrenzt. Es zeigt wenige
bemerkenswerthe Eigenschaften, behält, so zu sagen, bei
allen Ameisen dieselbe Form bei, nur dass es zuweilen
mehr flach (Formica rufa Taf. X. Fig. 2), als gewölbt er-
scheint und einige Abwechselungen im Glänze bei verschie-
denen Species und den verschiedenen Individuen einer
und derselben Species zeigt. Gewöhnlich ist es, wie der
Clupeus, fein längsgestreift, zuweilen völlig glatt. Oft ist
seine Abgrenzung vom Clupeus sehr undeutlich und fast
gar nicht sichtbar, während es nach den übrigen Richtun-
gen hin scharf umgrenzt erscheint (Gatt. Aphaenogaster
Mayr), oder auch die hintere Abgrenzung ist mehr oder
weniger verwischt, indem die Runzeln der Stirne in das
Stirnfeld hinübertreten (Myrmica rugulosaNyl. Taf.X. Fig. 5).
Durch das gleichzeitige Verschwinden der vorderen und
hinteren Grenze kommt es sehr oft unter den Ameisen vor,
dass das Stirnfeld gar nicht ausgeprägt erscheint (J der
Gatt. Tapinoma Forst.). Diesen Fall darf man als den ge-
wöhnlichen annehmen ; denn nur selten ist das Stirnfeld
nach allen Seiten hin deutlich abgegrenzt. Desshalb kann
die Beschaffenheit des Stirnfeldes bei der Classiükation
nicht als Gattungscharakter angewandt werden; ja selbst
als Kennzeichen für die einzelnen Rotten der Gattungen ist
302 F eng er:
es im Allgemeinen nicht anwendbar, insofern nur bei allen
Species der Rotte Rufa Mayr ein scharf abgegrenztes Stirn-
feld auftritt; wohl kann es hier und da mit Rücksicht auf
Abgrenzung und Glanz als Unterscheidungsmerkmal der
Species, jedoch selbst hier nur mit Vorsicht, angewendet
werden.
Seitlich wird also das Stirnfeld durch die sogenannten
Stirnlappen (laminae frontales) begrenzt (Taf. X. Fig. l,p;
ebenso in den übrigen Figuren). Diese Stirnlappen stellen
jederseits mehr oder weniger breite, aufgebogene Streifen
dar, welche von der Masse des Kopfes getrennt sind, so
dass sie mit letzterer eine bald grössere, bald geringere
Spalte bilden, die sich an ihrem vordersten Ende zu einer
ziemlich bedeutenden Grube, der sogenannten Fühler-
grube, erweitert. In Folge dieser Biegung nehmen die
Stirnlamellen eine S-förmige Gestalt an, welche oft sehr in
*^ie Länge gezogen ist, so dass sie sich fast zu einer flachen,
regelmässigen Curve ausdehnen (Formica rufa Nyl. Taf. X.
Fig. 2), während sie in anderen Fällen (was sehr selten vor-
kommt) fast ohrförmig aufgebogen erscheinen (Myrmica
scabrinodis Nyl.). Oft sind die Stirnlamellen sehr kurz und
bilden dann fast nur die Fühlergrube (Formica nigra Ltr.;
ebenso Formica flava Fabr.); zuweilen divergiren sie sehr
stark nach hinten, während sie sich in der Mitte bedeutend
einander nähern (Myrmica rugulosa Nyl. Taf. X. Fig. 5).
Bei den ^ werden die Stirnlamellen durchgängig sehr
schmal und sind kaum aufgebogen, so dass sie fast voll-
ständig verschwinden (Taf. X. Fig. 6).
Nur sehr selten können die Stirnlamellen als Kenn-
zeichen der Species angewandt werden, in welchen Fällen
bloss die Art ihrer Aufbiegung und ihre Länge zu berück-
sichtigen ist.
Die Fühl ergruben (Taf. X. Fig. l,g dunkel schat-
tirt; ebenso in den übrigen Figuren) werden, wie gesagt,
durch die Stirnlamellen von oben her begrenzt und stellen,
wie ihr Name schon andeutet, eine kleine Vertiefung in
dem Kopfe dar. Meistens erstrecken sich die Runzeln von
den Seiten des Kopfes bis tief in dieselben hinein, wäh-
rend es bei Myrmica rugulosa Nyl., welche von ihren Ver-
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 303
wandten sonst so schwer zu unterscheiden ist, als charak-
teristisch angesehen werden darf, dass die sehr weiten
Fühlergruben völlig glatt erscheinen (Taf. X. Fig. 5,a)*).
In diese Fühlergrubcn sind die Fühler (Antennae)
(Taf. X. Fig. 1,1m-. ebenso in den übrigen Figuren) ver-
mittelst eines Gelenk knopfes (Taf. XII. Fig. 34». 34^, d)
eingelenkt, so zwar, dass sie sich frei nach allen Richtun-
gen hin bewegen können. Der Gelenkknopf bildet also den
Anfang des Fühlers ; auf ihn folgt ein stets stark entwik-
kelter Theil , der sogenannte Schaft (Scapus) Taf. X.
Fig. 1,1 etc. Taf. XII. Fig. 34». 34b,b), an den sich an dem
äussersten Ende die Geissei (Funiculus) (Taf.X. Fig. 1, m
etc. Taf. XII. Fig. 34, c) ansetzt.
Was zunächst den Schaft anbetrifft;, so ist derselbe
stets an seinem vorderen Ende weniger dick, als nach hin-
ten zu, so dass er annähernd eine langgezogene conische
Gestalt annimmt. Unmittelbar hinter dem Gelenkknopfe ist
er durchgehends etwas bogenförmig nach abwärts gekrümmt,
wodurch die Ameise befähigt wird, den Schaft der Länge
nach auf die Oberfläche des Kopfes aufzulegen. Liegt der-
selbe auf diese Weise auf, so kann er entweder vor dem
Hinterrande des Kopfes endigen fj von Polyergus rufescens
Ltr., so wie bei vielen ^ verschiedener Species, Taf. XII.
Fig. 34''), oder denselben mit seinem äussersten Ende er-
reichen. Meistens überragt er den Kopf sogar um ein
grösseres oder geringeres Stück (in den Figuren auf Taf. X)
und kann in diesem Falle bis zu dem mittleren Theile der
Brust gelangen.
Die bogenförmige Krümmung des Schaftes an seiner
Basis, von der wir eben gesprochen haben, wird zuweilen
bedeutend (Myrmica rugulosa Nyl. und Myrmica sulcinodis
Taf. XII. Fig. 34») und kann sogar in eine fast rechtwin-
kelige übergehen (Myrmica scabronodis Nyl.). In dem letz-
tern Falle findet sich oft in der knieförmigen ßeugungsslelle
^') Was Dr. Förster (Hermenopterologische Studien, 1. Heft.
Formicariae p. 63) und Dr, Mayr (Formica austriaca in den Verhand-
lungen des zool.-bot. Vereins in Wien. Bd. V. Jahr 1855. p. 405)
übersehen haben.
304 . Fenger:
des Schaftes ein stumpfer, aufwärts gerichteter Zahn, oder
ein nach Innen und aufwärts o-erichteter kleiner Lappen
(Myrmica scabrinodis Nyl.), während sonst der Schaft stets
ohne jeden Anhang ist. Solche ungewöhnlichen Bildungen
sind natürlich für diejenigen Species, bei denen dieselben
vorkommen, charakteristisch.
Ebenso charakteristisch ist in vielen Fällen die Be-
haarung des Schaftes; meistens findet man denselben mit
einer kurzen, anliegenden Pubescenz dicht bedeckt, die
fast stets mit einzelnen kleinen Borsten untermengt ist (wie
man aus den verschiedenen Figuren ersehen kann), wäh-
rend ihm zuweilen diese zarte Pubescenz fehlt, und an ihre
Stelle mehr oder minder starke, abstehende Borsten treten
(Formica umbrala $ Nyl., Myrmica rugulosa Nyl. Taf. XII.
Fig. 34). Diese Borsten erlangen bei den cl^ letztgenannter
Species eine seltene Zartheit und Länge (Taf. XU. Fig. 34b).
Die Geissei (Taf. X. Fig. 1, m etc.) ist an dem äus-
sersten Ende des Schaftes beweglich eingelenkt und besitzt
eine ganz bestimmte Gliederanzahl. Diese Glieder sind fast
nie völlig cylindrisch, sondern meistens kegelförmig, wobei
jedes Glied mit seiner Spitze in die Basis des vorhergehenden
ebenfalls beweglich eingefügt ist. Die einzelnen Glieder
sind entweder alle annährend eben dick und gleich lang, und
dann hat man eine fa d e nförmige Geissei (Taf. X. Fig. 1
etc.), welche Form wir bei den meisten Species der Gatt.
Formica vorfinden, oder sie nehmen vom Grunde der Geis-
sei an gegen das Ende derselben hin regelmässig an Dicke
zu, wodurch die Geissei eine keulenförmige Gestalt
erhält (Taf. X. Fig. 4 und Taf. Xll. Fig. 34). Es kann auch
vorkommen, dass die Glieder in der Mitte der Geissei
dicker sind, als am Anfange und am Ende; diese Bildung
muss man jedoch als abnorme betrachten; denn sie kommt,
so viel ich weiss, nur bei den 5 und $ der Gatt. Polyer-
gus vor. Es kann auch das eine oder andere Glied der
Geissei eine aussergewöhnliche Bildung zeigen, indem es
z. B. länger und schmäler ist, als die anderen (Myrmica
laevinodis ^ Nyl., Myrmica rugulosa ^ Nyl.--) Taf. XU.
*) Diese sehr schöne und seltene Species, welche Dr. F örster
Allgemeine Orismologie der Ameisen.
305
Fig. 5) Glieder: sehr oft trill dieser Fall bei den J' der
Gatt. Myrmica auf. Das Endglied der Geissei ist stets
dicker als alle übrigen, länger und conisch zugespitzt. Die
Gestalt der Geissei, welche durch die Form ihrer Glieder
bedingt wird, ist ein sehr gutes Merkmal für Gattungen und
Species.
Mehr noch, als in der Gestalt, wechselt die Geissei
in der Anzahl ihrer Glieder, welche bei den 5 und J zwi-
schen 10 und 11 liegt, während die J" stets ein oder zwei
Glieder mehr besilzen. Die gewöhnlichste Anzahl der Geis-
selglieder ist bei den 2 und $ 11 ; diese Zahl kommt unter
den Formiciden überall vor, mit Ausnahme der Galt. Hy-
poclinea Forst, (wovon man bisher nur eine Species : Hy-
pocl. Frauenfeldi Mayr kennt), wo $ und $ 10 Glieder
besitzen, sowie der Gatt. Tapinoma Forst., wo Tapin. pyg-
maeum Ltr. dieselbe Gliederanzahl hat, während die Geissei
der ^ von beiden Gattungen 11-gliederig ist. Dann findet
man 11-gliederige Fühlergeissein bei den g und $ der Po-
neridcn (wo die ^ 12-gliederige Geissein haben), ferner
unter den Myrmiciden bei den Gattungen Myrmica Ltr.,
Myrmecina Gurt. , Tetramorium Mayr (ausser Tetr. atratu-
lum Schenk, wo die $ 11, das § aber 10 Geisselglieder
besitzt), ferner bei der Gatt. Leptothorax Mayr, wo nebenbei
auch oft 10-gliederige Geissein auftreten (Leptoth. acervo-
rum Nyl., Lept. Gredleri Mayr, Lept. muscorum Nyl. etc.),
sodann bei den J und $ der Gattungen Monomorium Mayr,
Oecophthora Heer, Atta Fabr. und Aphaenogaster Mayr. Bei
allen diesen Gattungen hat das ^^ 12 Geisselglieder, ausser
dem ^ von Tetramorium atratulum Schenk, dessen Geissei
nur 9-gliederig ist, und dem J" einer aussereuropäisctien
Species der Gatt. Oecophthora Heer, bei dem sogar 16 Geis-
selglieder vorkommen. Ausserden bisher bereits angeführ-
ten Fällen findet man noch 10-gliederige Geisscln bei den
am Rheine nur bei Crefeld vorgefunden lial, traf ich in mehreren
Colonien mit allen drei Geschlechtern in einer Wiese an der Erft bei
Wevelinghoven an. Die Colonien waren sämmllich sehr wenig zahl-
reich und waren auf flacher Erde unter Rasenstücken angelegt.
Archiv f. Naturg. XXVIII. Jahrg. 1. Bd. 20
306 Fcnger:
2 und $ der Galt. Formicoxenus Mayr und Crematogaster
Lund., welche zu den Myrmiciden gerechnet werden. Be-
sonders erwähnenswerlh ist noch die Galt. Diplorhoplrum
Mayr., wo die Gliederanzahl der Geissei sich bei allen 3 Ge-
schlechtern ändert, insofern das J 9, das § 10 und das (^
11 Glieder besitzt: in dieser Galtung also, so wie bei Te-
trainorium atratulum Schenk, besitzen die '^ und $ eine
verschiedene Anzahl Geissclglieder, während dieselbe bei
diesen beiden Geschlechtern sonst überall unter den Ameisen
gleich ist; ausserdem ist die Geissei des </ (so wie beim d"
der Gatt. Formicoxenus Mayr), um zwei Glieder länger, als
diejenige der J, während dieser Unterschied in der Länge
sonst überall (ausser im entgegengesetzten Falle von Te-
tramorium caespitum Ltr.) nur 1 Glied beträgt. Die Geis-
sein aller bis jetzt gefundenen Ameisen haben nie weniger
als 9 Glieder und, so viel bis jetzt bekannt ist, nie mehr
als 16.
Zuweilen kommt es vor, dass das eine oder andere
Individuum einer Ameisenspecies nicht die bei derselben
gewöhnlich vorkommende Anzahl Geisselglieder besitzt,
sondern abnormer Weise eine andere; diesen Fall hat Dr.
Mayr bei der Galt. Crematogaster Lund. vorgefunden und
hat sich über denselben in seiner Schrift : „Ueber den
Werlh bestimmter Merkmale, welche gewöhnlich zur Cha-
rakteristik der Gattungen der Insekten benutzt werden"
ausgesprochen.
Unter den Myrmiciden wechselt also die Anzahl der
Geisselglieder, wie man aus obiger Zusammenstellung er-
sieht, sehr; derselbe Wechsel tritt hier und da unter den
Formiciden hervor. Wegen dieser Mannichfaltigkeit, wel-
che dennoch auf constante Zahlen zurückgeführt werden
kann, eigenen sich die Fühler ziemlich gut für eine Gat-
tungscharaklerislik.
Die Behaarung der Geissei ist analog derjenigen des
Schaftes; auch hier findet man meistens eine dichte Pubes-
cenz, welche fast stets an der Einlenkungsstellc der ein-
zelnen Glieder mit mehr oder minder starken Borsten
untermischt ist (wie die Figuren zeigen) ; seltener ist die
Pubescenz der Geissei durch Borsten vertreten (Myrmica
Allgemeine Orisinologie der Ameisen. 307
rugulosa Nyl. Taf. XII. Fig. 34a, 34b). Wo aber immer eine
solche Beborstung vorkommt, wird man bemerken, dass,
dieselbe nur an den Grundgliedern der Goissol auflrilt,
während die Endglieder, und besonders das letzte Glied,
stets eine sehr zarte Pubescenz besitzen. Diese Erschei-
nung hängt gewiss innig mit der Funktion der Fühler, dem
Tastsinne, zusammen. Dass bei den Ameisen überhaupt
der Tastsinn hauptsächlich in den Fühlern concentrirt sein
muss, lässt sich schon aus der hornigen ßeschalTenhcit ihrer
übrigen Körpertheile schliessen ; allein auch die unmittelbare
Beobachtung beweist dies unwiderleglich. Man braucht zu
diesem Zwecke nur das Benehmen verschiedener Ameisen,
besonders von Formica rufa und ihren Verwandten zu ver-
folgen, so wird man sich hiervon vollkommen überzeugen.
Nicht allein, wenn sie Nahrung suchen, sind ihre Fühler
überall hin tastend vorgestreckt, sondern auch, wenn sie
anderen Ameisen auf ihrem Wege begegnen, scheint das
gegenseitige Erkennen hauptsächlich nur durch die Fühler
vor sich zu gehen. Naht man sich ihnen mit der Hand,
oder auf sonstige bemerkliche Weise, so nehmen sie so-
gleich eine Stellung auf den Hinterbeinen ein, strecken den
Hinlerleib zwischen den Beinen durch nach vorne, den Kopf
nach oben und setzen sich so zur Wehr, wobei stets ihre
ausgestreckten Fühler durch die Luft hin und her schlagen.
Ferner kann als besonders wichtiger Beweis für diese Be-
"hauptung die grosse Unsicherheit gelten, welche die Ameisen
zeigen, wenn sie im Kampfe mit anderen, oder durch einen
sonstigen Unfall einen oder beide Fühler verloren haben. Ich
habe täglich Gelegenheit gehabt, diese und ähnliche Beob-
achtungen an meinen in künstlichen Behältern aufgehobenen
Ameisencolonien zu machen. Ob aber auch der Geruchs-
sinn in den Fühlern der Ameisen vertreten ist, darüber
kann ich einstweilen noch keine bestimmten Resultate an-
führen. Eine anatomische Untersuchung der Fühler in
Bezug auf den Geruch wird bei den Ameisen wegen der
dichten Pubescenz, mit welcher dieselben bedeckt sind, mit
bedeutenden Schwierigkeiten verbunden sein.
In dem Ruhezustande haben die Fühler eine solche
Lage, dass der Schaft dem Kopfe aufliegt, während die
Ö08 F e n g e r :
Gcisscl nach vorne und ihre Spitze nach unten gerichtet
ist (wie die Figuren zeigen).
Zwischen den Stirnlamellen und unmittelbar hinter
dorn Stirnfclde liegt die Slirne (frons), welche nach hinten
liin keine Begrenzung hat, sondern ohne Weiteres in den
Scheitel übergeht. Von der hintersten Spitze des Stirn-
feldes an zieht sich mitten durch die Stirne bis zum ersten
und mittleren Punktauge eine mehr oder weniger deutliche
Rinne, die sogenannte Stirn rinne. Diese Stirnrinne ist
bei den meisten Ameisen vorhanden, und überall, wo sie
vorkommt, ist sie fast stets allen drei Geschlechtern ge-
meinsam, wobei sie freilich in Länge, Tiefe und Breite, so
wie im Glänze bei den einzelnen Individuen verschieden
sein kann. Völlig deutlich und scharf ausgeprägt findet
man die Stirnrinne z. B. bei Formica sanguinea Ltr. (Taf. X.
Fig. 3), wo sie gewöhnlich auch das mittlere Punktauge
erreicht; bei den $ von Formica rufa Nyl. (Taf. X. Fig. 2)
und Formica ligniperda Nyl. (Taf. X. Fig. 1) wird sie schon
feiner und undeutlicher, erreicht jedoch ebenfalls noch das
erste Punklauge, während sie bei dem $ der letzteren Spe-
cies vor dieser Stelle verschwindet; sie erreicht wiederum
das erste Punktauge beim J' derselben Species und wird
nebenbei ziemlich tief. Bei Formica nigra Ltr. wird sie
fast verschwindend fein und verliert sich ganz schon in
beträchtlicher Entfernung vor dem Punktauge. Das um-
gekehrte Vcrhältniss findet man z. ß. beim J" von Formi-
coxenus nitidulus Nyl., wo die Stirnrinne vorne undeutlich
ist, nach hinten zu aber deutlich wird und sich mehr und
mehr in die Breite ausdehnt, bis sie an das mittlere Punkt-
auge herantritt. Ungewöhnlich tief und breit erscheint sie
bei dem $ der Gatt. Tetramorium Mayr; ebenso beim $ der
Gatt. Diplorhoptrum Mayr, wo sie ausnahmsweise in der
Mitte grubenartig vertieli ist. Eine solche kleine Grube
findet sich zuweilen am Ende der Stirnrinne vor (Myrmica
rugulosa Nyl. (Taf. X. Fig. 5). Gewöhnlich reicht die
Slirnrinne nur bis zum mittleren Punktauge, dagegen bei
dem $ und bei den Soldaten der Gatt. Oecophthora Heer
geht sie selbst noch durch den Scheitel bis zum Hinter-
hauplloche. Die Stirnrinne fehlt ganz bei der Gatt. Tapi-
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 309
noma Forst, und meistens auch bei der Galt. Hypocli-
nea Forst.
Dieses Schwanken der Stirnrinne in ihrem Vorkom-
men und in ihrer Form, welches man bei den Individuen
einer und derselben Species beobachtet, beweist, dass sie
kein besonders gutes Merkmal zur Classifikation der Amei-
sen ist, und sie kann desshalb nicht als Gattungschanikter,
selbst nicht als Erkennungszeichen der Rotten angewandt
werden, sondern darf höchstens hier und da bei der De-
termination der Species mit Vorsicht Berücksichtigung lin-
den, wobei man ihre Deutlichkeit, ihre Länge und Breite
in Betracht zieht.
Die Stirne bietet an und für sich keine besonderen
Eigenthümlichkeiten dar. Es mag nur bemerkt werden,
dass sie ausnahmsweise hier und da unter den Ameisen
einen deutlichen Quereindruck zeigt (^ der Gatt. Oeco-
phthora Heer), welcher, wenn eine Stirnrinne vorhanden
ist, diese kreuzt ((^ von Tetramorium caespitum Ltr.). Im
Uebrigen besitzt sie stets dieselbe Schraffirung und Behaa-
rung, wie der Scheitel und die Seiten des Kopfes.
Mehr Berücksichtigung verdient der Scheitel (Ver-
tex) wegen der Punktaugen (Ocelli), oder einfachen
Augen, welche sich auf demselben vorfinden. Diese
Punktaugen werden bei den eigentlich geschlechtlichen
Ameisen stets, bei den Arbeitern häufig angetroffen. Sie
stehen durchgängig in der Form eines Dreieckes, dessen
Spitze nach vorne und dessen Basis nach hinten gerichtet
ist. Bei den geschlechtlichen Ameisen, besonders bei den
^ sind sie am grössten und zeigen eine gewölbte, kuge-
lige Gestalt (Taf, X. Fig. 6). Ihre Cornea ist meistens
schwarz gefärbt, zuweilen auch ins Gelbliche übergehend
(c^ Formica ligniperda Nyl., Formica truncicola Nyl. etc.).
Gewöhnlich fehlen die Punktaugen bei den Arbeitern (Taf. X.
Fig. 1 und Fig. 5) '^)\ wenn dieselben aber vorhanden sind,
*) Sie fehlen bei den J der Gattungen:
Tapinoma Forst. Monomorium 3Iayr.
Ponera Ltr. Oecophthora Heer.
Myrniica Ltr., Mayr. Atta Fabr.
610 F enger :
sind sie ebenfalls stets in der Zahl 3 da; nur bei dem J
von Hypoclinea quadripunclata Ltr. ist bloss das mittlere
Punklaiiffe bemerkbar, wenigstens kann man selbst bei der
besten Vcrgrösserunor die beiden hinteren Ocellen nicht
entdecken. Sehr häufig werden die Punktaugen verschwin-
dend klein. Beim $ von Formica nigra Llr. habe ich drei
deutliche hügelformige Erhöhungen des Scheitels bemerkt,
auf welchen sich die Ocellen vorfinden, so dass dieselben
über die Oberfläche des Kopfes erhaben stehen ■»"').
Die Punktaugen können natürlich bei denjenigen Gat-
tungen, wo sie den 2 constant fehlen, oder wo sie stets
vorhanden sind, als Galtungscharakler auftreten ; in denje-
nigen Gattungen jedoch, wo dieselben sowohl fehlen, als
auch vorhanden sind, können sie nur zur Unterscheidung
der Species, resp. der J dienen. Das Fehlen oder Vorhan-
densein der Ocellen bleibt constant bei allen Individuen
einer und derselben Species.
Wichtiger, als die Nebenaugen, sind die eigentlichen
Augen, oder Netz äugen (Oculi) (Taf. X. Fig. 1, i, ebenso
in den anderen Figuren). Ameisen ohne Netzaugen hat
man bis jetzt nicht gefunden. Die Netzaugen stehen stets
an den Seiten des Kopfes und zwar so, dass sie nach vorn
hin mehr oder weniger divergiren; sie haben stets eine
schwarze oder dunkelbraune Farbe und sind gewöhnlich
oval. Bei den verschiedenen Gattungen zeigen sie oft in
sofern eine verschiedene Stellung, als sie dem Vorder-
oder Hinterende des Kopfes näher stehen. Ihre gewöhn-
liche Stellung ist hinter der Mitte des Kopfes (Taf. X. Fig. 1
bis 4); bei der Gatt. Myrmica Llr., Mayr befinden sie sich
meistens in der Mitte (Taf. X. Fig. 4), oft aber auch mehr
dem Mundrande genähert (Myrmica rugulosa Nyl. Taf. X.
Fig. 5, Gatt. Diplorhoptrum und besonders Oecophthora Heer).
Ihre Grösse steht meistens im Verhältnisse zur Grösse des
Myrinecina Curt. Aphaenogaster 3Iayr.
Tetraniorium Mayr. Crenmtogaster Lund.
Diploihoplrum Mayr.
*) In den Werken von Dr. Förster und von Dr. Mayr finde
ich dies übergangen.
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 311
Kopfes ; jedoch finden wir an dem ziemlich grossen Kopfe
der Gatt. Ponera sehr kleine und undeutliche Netzaugen.
Bei den 5 aller Species liegen die Netzaugen überhaupt
mehr innerhalb des Kopfes und ragen nur wenig über die
Oberfläche desselben hervor; bei den 5 sind sie etwas
stärker gewölbt, und bei den ^ treten sie fast ganz aus
dem Inneren des Kopfes heraus (Taf. X. Fig. 6).
Die Netzaugen sind die Hauplorgane des Sehvermö-
gens für die Ameisen. Im Gegensatze zu den einfachen
Augen, welche wir vorher betrachtet haben, und die aus
einer schwach gewölbten rundlichen Cornea bestehen, hin-
ter der eine kugelige Linse verborgen liegt *), zeigen die
Netzaugen eine sehr zusammengesetzte Construktion. Letz-
tere bilden einen Complex von unzähligen, einfachen Au-
gen, deren Abgrenzung man äusserlich auf der Cornea
erkennen kann. Die Cornea der zusammengesetzten Augen
ist nämlich facettirt, d. h. in einzelne kleine Felder
abgetheilt. Diese Felder oder Facetten stellen, jedes
für sich, die Cornea eines einfachen Auges dar; meistens
sind sie von viereckiger Gestalt, von weissgelblicher Farbe,
durchsichtig, haben eine schwarze Umgrenzung und liegen
dicht mit ihren Seiten aneinander. Es wird hier am Orte
sein, eine Muthmassung auszusprechen, die ich leider in
Folge eines ungünstigen Umstandes noch nicht zur Gewiss-
heit erheben kann, die ich aber dennoch gerne anführen
möchte, damit die Myrmecologen diesem Gegenstande ihre
Aufmerksamkeit zuwenden möchten. Alan behauptet näm-
lich, bei den Ameisen nur viereckige Facetten an den zu-
sammengesetzten Augen vorgefunden zu haben. Diese
Behauptung ist zwar im Allgemeinen richtig; aber ich
glaube, dass ausser diesen noch sechseckige Facetten vor-
kommen. Es ist mir wenigstens im Laufe meiner Unter-
suchungen ein solcher Fall aufgestossen, wo ich zudem die
Facetten grösser, als sie gewöhnlich bei den Ameisen sind,
vorfand ^^). Hinter einer jeden Facette der Cornea liegt
*) Vergl. Treviranus Beiträge n. s. w. Ocellen von Vespa
p. 84. Taf. 2. Fig. 25—35.
**) Ich fand nämlich am 29. Aug. im Garten ein vereinzeltes $.
312 F c n g e r :
nun eine durchsichtige Pyramide, welche ganz dieselbe
Funktion hat, wie die Linse der Ocelleii. Die Spitze der
einzelnen Pyramiden liegt nach hinten und taucht in das
Corpus vitreum ein, einen durchsichtigen Körper von finger-
hutarliger Gestall, welcher dem Glaskörper des einlachen
Auges entspricht und von einer becherlörmigen Anschwel-
luno" des Sehnerven umschlossen wird. Jede lichlbrechende
Pyramide ist mit ihrem Corpus vitreum und der becherför-
mio-en Anschwellung des Nervenfadens von der sogenannten
Choroidea, einer braun gefärbten Pigmenlscheide, welche
hinler der Cornea eine Art Pupille bildet, umschlossen*).
Als eine eigenthümliche Erscheinung bei den zusam-
mengesetzten Augen muss deren Behaarung erwähnt wer-
den, welche man sehr häufig bei den Ameisen vorfindet.
Diese Behaarung tritt in Form von mehr oder weniger
langen Borsten in den Winkeln der Facetten auf. Sie kommt
nicht immer conslant bei allen Geschlechtern einer Species
vor; denn, während oft die $ keine behaarten JNetzaugen
haben, tritt die Behaarung der Augen bei $ und J" auf,
oder umgekehrt (Formica flava Fabr., exsecta JVyi., Irun-
cicola Nyl. etc.). NicJit immer sind die Augen der Ameisen
behaart; ebenso häufig tindet man nackte Nelzaugen (For-
mica sanguinea, Form, fusca Ltr. etc.).
Die Behaarung der Augen kann wegen ihres unbe-
ständigen Auftretens nicht als Gallungscharakler benutzt
werden, sondern höchstens hier und da als Unterschei-
dungsmerkmal der Species Anwendung finden. Dagegen
welches ich unvorsichtiger Weise mit einzelnen J von Myrmica lae-
vinodis Kyl. in ein Dösclicn zusammenbrachte. Als ich die Ameisen
kaum '74 Stunde nacliiier iierausnahm, um dieselben zu untersuchen,
fand ich bereits zu meinem üedauern das $ dermassen übel ziige-
riclitet, dass Flügel, Fühler und Füsse ausgerissen, der Kopf abge-
bissen und theilweise zerstört war. Die Determination war desshalb
vergeblich; an dem Kopfe jedoch, dem sämmtliche Mundtheile fehl-
ten, beobachtete ich zu uieiner Verwunderung die schönsten 6-eckigen
Facetten in den ISetzaugen.
*) Das Speciellc kann man in Will's Beiträgen zur Anatomie
der zusammengesetzten Augen mit facettirter Hornhaut 1840, ersehen.
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 313
ist es wohl erlaubt, die Stellung der Netzaugen in Folge
ihrer grösseren Beständigkeit als Charakteristik der Gener.a
zu gebrauchen.
Die Wangen bilden denjenigen Theil des Kopfes,
welcher sich von den Mundwinkeln bis zu den Netzaugen
erstreckt; sie, so wie das Hinterhaupt, bieten ebenso wenig,
wie die Stirne an und für sich besonders merkwürdige
Veränderungen dar. Alle drei genannten Theile des Kopfes
zeigen meist dieselbe Schraflirung und Behaarung; gewöhn-
lich sind sie längsgerunzelt und entweder mit anliegender,
kurzer Pubescenz bedeckt, oder mit Borstenhaaren besetzt
(Formica fuscipes Mayr, Form, ligniperda Nyl. etc., wie
man Taf. X aus den Figuren ersehen kann). Eine netzar-
tige Runzelung zeigen diese Theile des Kopfes bei Myrmica
scabrinodis Nyl. und Myrm. suicinodis Nyl. , wo die Ma-
schen des Netzes glatt und glänzend sind, während diesel-
ben bei Myrmica rugulosa Nyl. fein granulirt gerunzelt
erscheinen. Solche aussergewöhnliche Schraffirung des
Kopfes kommt nur bei wenigen Species vor und bildet für
diese, natürlich ein sehr gutes Erkennungsmerkmal.
Seilen findet man die Oberfläche des Kopfes völlig
glatt und glänzend ($ von Formicoxenus nitidulus Nyl.),
und selbst in solchen Fällen erkennt man immer noch bei
guter Beleuchtung äusserst feine Längsrunzeln.
Wir haben nunmehr an dem Kopfe noch die Gestalt
des Hinterrandes zu berücksichtigen. Der Hinterrand
des Kopfes ist selten regelmässig abgerundet (was fast nur
bei den ^ der Ameisen vorkommt, so wie bei den ^ der
Gattungen Monocombus Mayr, und Myrmica Ltr., Mayr),
sondern meist in seiner Mitte mehr oder weniger ausge-
buchtet (Formica rufa Taf.X. Fig. 2, Formica ligniperda Nyl.
Taf. X. Fig. 1 etc.). Die $ und $ zeigen gewöhnlich die-
selbe Bildung des Hinlerhauptes. Unter den Myrmiciden
tritt diese Ausbuchtung des Hinterkopfes weniger häufig
auf als unter den Formiciden und Poneriden; jedoch findet
man bei ersteren ausnahmsweise einen Fall, wo die Aus-
buchtung sogar ins Extrem übergeht. Die Soldaten der
Gatt. Oecophlhora Heer zeigen nämlich eine so starke
Ausbuchtung des Hinlerhauptes, dass die seitlictien Ecjien
314 Fenger:
des Kopfes als abgerundete, nach hinten gerichtete Höcker
erscheinen.
Der Kopf kann an seinem Hinterendc auch abgestutzt
«ein (bei den $ und $ der Gatt. Atta Fabr. und der Galt.
Crematogaster Lund.). Eine gemeinsame Bildung bei allen
drei Geschlechtern derselben Species kommt, so viel mir
bekannt ist, nur bei den Rotten Rufa und Fuliginosa Mayr
vor *).
Die Unterseite des Kopfes (Taf. X. Fig. 7) zeigt
stets dieselbe Schraffirung, Behaarung und denselben Glanz,
wie die Oberseile, nur nehmen die Runzeln, wie schon
früher bemerkt wurde, zuweilen auf ersterer eine andere
Richtung (Myrmica laevinodis) ein.
Vorne an der unteren Fläche des Kopfes bemerkt man
einen A ussch nitt (Taf. X. Fig. 7, b), der bei den ver-
schiedenen Gattungen gewöhnlich eine verschiedene Ge-
stalt zeigt. Dieser Ausschnitt, in welchem, wie wir wissen,
die inneren Mundtheile liegen, ist bisher bei der Classifi-
kation unberücksichtigt geblieben; ob derselbe in dieser
Beziehung einigen Werth hat, kann ich einstweilen nicht
bestimmen.
Von der Mitte dieses Ausschnittes aus zieht sich durch
die Kehle (Gula), welche den hinteren Theil der Unter-
seite des Kopfes bildet, eine slets deutlich ausgeprägte
Linie von meist schwarzer Farbe, die Kehlrinne (Taf. X.
Fig. 7, h), wie man sie wohl nicht unpassend nennen könnte.
Dieselbe theilt die Unterseile des Kopfes in zwei symme-
trische Hälften (Taf. X. Fig. 7, g, g) und mündet in das Hin-
terhauptsloch (Taf. X. Fig. 7, i), durch welche die
Verbindung des Kopfes mit der Brust slatlfindet. Im Um-
kreise des letzteren findet man bei allen Ameisen eine
mehr oder minder grosse Ausbuchtung (Taf. X. Fig. 7, 1),
die nach vorne durch einen bogenförmig gekrümmten Rand
begrenzt wird, und deren Ausdehnung sich nach der Grösse
des vorderen Theiles der Brust, welcher in dieselbe hin-
einpasst, richtet. Siels liegt das Hinlcrhauplsloch nahe am
*) Dr. Mayr, Formicina austriaca in den Verhandl. des zool.-
bot. Ver. in Wien. Bd. V. Jahrg. 1855. p. 325 und 351.
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 315
Hinterende des Kopfes, und nur die Gatt. PoneraLtr. macht
von dieser allgemeinen Regel eine Ausnahme, insofern man
bei ihr das Hinterhauptsloch ungewöhnlich weil nach vorne
gerückt findet, wesshalb der Hinterkopf dieser Ameisen
eine sehr hohe Stellung einnimmt.
Im Uebrigen bietet die Unterseite des Kopfes keine
für die Classiükation der Ameisen wichtige Merkmale dar.
Wenn wir nunmehr zu dem zweiten Haupttheile des
Ameisenkörpers übergehen, zu dem Thorax, so sind an
demselben drei Hauptabschnitte zu betrachten:
1) Der Prothorax (Taf. X. Fig. 14, a, b, c).
2) Der Mesothorax (Taf. X. Fig. 14, e, f).
3) Der M e t a th 0 r a X (Taf. X. Fig. 14, g, h, i).
Jeder dieser Bruslabschnitte wird von zwei Halbrin-
gen gebildet, von denen der eine jedesmal dem Rücken,
der andere dem Bauche des Insektes angehört; den ersten
Rückenhalbring nennt man das Pronotum, den zweiten
das Mesonotum und den dritten das Metanolum (in
den Figuren die eben bezeichneten Theile), während man
die ßauchringe analog mit den Namen Prostern um, Ale-
sosternum und Metastern um bezeichnet (in den Fi-
guren sind dieselben wegen ihrer senkrechten Lage zur
Ebene der Tafeln nicht sichtbar). Letztere Halbringe zei-
gen gar keine Eigenthümlichkeiten, und da sie auch keinen
diagnostischen Werlh besitzen, so erschien mir eine beson-
dere Zeichnung derselben überflüssig.
Der Thorax bildet in Bezug auf seine Gestalt den für
die Classifikation wichtigsten Körpertheil der Ameisen, in-
sofern durch ihn die natürlichste Einlheilung in Galtungen
begründet wird. Ehe wir jedoch zur Betrachtung der
einzelnen Abschnitte des Thorax übergehen , wollen wir
kurz noch Einiges über die Gestall des Thorax im Allge-
meinen vorausschicken, wodurch die Vorstellung von sei-
nen einzelnen Theilen an Klarheit gewinnen wird.
Der Thorax bildet den ausgedehntesten Körpertheil der
Ameise, ist fast stets schmäler als der Kopf (einige Aus-
nahmen kommen bei verschiedenen </ vor), meistens höher
als breit, an seiner oberen Fläche abgerundet und an der
Bauchseite ziemlich verflacht, so, dass an der Grenze der
316 Fenger:
Rücken- und Bauchringe eine Kante entsteht. Selten findet
man denselben walzenförmig (Galt. Ponera), sondern mei-
stens nehmen die einzelnen Abschnitte gegen einander
verschiedene Höhenlagen ein. Gewöhnlich ist er vorne am
schmälsten, indem sich zwischen Meso- und Metanotum
eine mehr oder minder breite und starke Einschnürung
vorfindet (Taf. X. Fig. 15. Fig. 16 und Fig. 11); diese Ein-
schnürung fehlt jedoch vielen Gattungen, wo dann die
Seilen des Thorax mehr eine cylindrische, ununterbrochene
Wölbung annehmen (hier und da in der Galt. Formica L.,
ferner bei der Galt. Ponera Ltr., Gatt. Formicoxenus Mayr);
zuweilen findet man die Seiten auch verflacht (Formica
ligniperda $, Taf. X. Fig. 14 etc.).
Die einzelnen Abschnitte des Thorax sind von einan-
der durch mehr oder minder tiefe und breite Einschnitte
gelrennt und erheben sich, wie bereits bemerkt, gewöhn-
lich zu verschiedener Höhe. Häufig verschwinden jene
tiefen Einschnitte fast ganz und bleiben nur noch als Furchen
sichtbar, wie es sehr oft der Fall ist zwischen Pro- und
Mesolhorax, seltener zwischen Meso- und Melathorax; alle
drei Bruslabschnilte sind durch eine blosse Furche von
einander gelrennt bei den 2 von Formica ligniperda ]\yl.
(Taf. X. Fig. 14, d, p), wodurch ein bogenförmig gekrümmter
Rücken entsteht.
Bei den geschlechtlichen Ameisen überhaupt ist der
Thorax (Taf. X. Fig. 21" Ansicht von oben) kräftiger ge-
baut als bei den Geschlechtslosen, insofern bei ersleren in
demselben die starken Flügelmuskeln liegen, welche ihrer
Stärke entsprechende Stützen finden müssen. Ausser durch
diese kräftigere und gedrungenere Enlwickelung unter-
scheidet sich der Thorax der $ und </ von demjenigen
der 2 auch noch durch sonstige Eigenthümlichkeilen, wel-
chen wir jedoch am besten bei der Betrachtung der ein-
zelnen Bruslabschnilte eine specielle Berücksichtigung
schenken.
Die Schrafürung des Thorax besteht in einer mehr
oder minder groben oder feinen Längsfurchung, welche,
so wie gewöhnlich die Behaarung, allen Brustabschnitten
gemeinsam zukommt. Selten ist der ganze Thorax glatt
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 317
und glänzend (nur bei Formicoxenus nilidulus Nyl.); da-
gegen findet man sehr oft diese Glätte an einzelnen, be-
stimmten Stellen desselben.
Dem Kopfe zunächst liegt der Prothorax^ dessen No-
tum stets nach vorne halsförmig verlängert ist (Taf. X.
Fig. 14, a). Diese halsförmige Verlängerung bildet
meistens eine schwach gewölbte, nach vorne bogenförmig
abgegrenzte Scheibe, welche sich als ein schmaler, etwas
aufgebogener Rand auch noch theilweisc an den Seiten des
Pronotums hinzieht. Unterhalb der Mitte dieser halsförmi-
gen Verlängerung ist der Kopf des Insektes in den Thorax
eingelenkt. Bei den Formiciden ist die halsförmige Ver-
längerung des Pronotums verschwindend kurz, während
sie bei den Myrmiciden (Gatt. Myrmica Ltr., Mayr) bedeu-
tend entwickelt, scharf vom Pronotum abgegrenzt und
stärker bogenförmig gekrümmt erscheint, so dass das ganze
Pronotum fast die Gestalt einer mit einem Schirme verse-
henen Mütze erhält (Taf X. Fig. 18a). Bei einer solchen
Entwickelung der halsförmigen Verlängerung habe ich ge-
funden, dass dieselbe an ihrer äusseren Fläche mit einer
kurzen, ziemlich dichten Pubescenz bedeckt ist.
Statt dieser Verlängerung kann das Pronotum nach
vorn hin auch einen halbmondförmigen Ausschnitt besitzen,
so dass an seinem Vorderrande beiderseits eine verlängerte
Spitze entsteht (nur bei der Gatt. Hypoclinea Forst.).
Gewöhnlich ist das Pronotum gewölbt, zuweilen auch
abgeflacht (Gatt. Myrmica Ltr., Mayr, $ und ^ von Formica
ligniperda Nyl. Taf. X. Fig. 14, c), seine Scheibe ist selten
glatt und glänzend ($ von Myrmica rubida Ltr.), sondern
meistens gefurcht und entweder mit mehr oder minder
dichter Pubescenz oder mit Borsten versehen.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Thorax
der 2 und demjenigen der $ und ^ ist in der Stellung
des Pronotums begründet. Während nämlich das Pronotum
der 2 stets in schiefer Richtung von vorne nach hinten
aufsteigt, so dass man einen vorderen und einen hinteren
Rand an demselben unterscheiden kann, erhebt sich das-
selbe bei den $ und ^ vertikal von unten nach oben,
W Fenger:
wobei man also einen unteren und einen oberen Rand an-
nehmen muss (Taf. X. Fig. 21b).
Für die Classifikation ist der Prothorax unwesentlich,
es sei denn, dass man seinen Glanz oder seine Behaarung
berücksichtigen könnte.
Wichtiger wird zu diesem Zwecke schon der Meso-
Ihorax, welcher sich unmittelbar an den Prothorax an-
schliesst und meistens etwas höher Hegt, als dieser (wie
man aus den Figuren auf Taf. X. ersehen kann). Pro- und
Mesothorax bilden oft einen über den Metathorax hoch er-
habenen Buckel (Gatt. Atta Fabr.). Gewöhnlich ist der
Mesothorax etwas schmäler als der Prolhorax, insofern er
eine seitlich zusammengedrückte Gestalt besitzt; sein No-
tum ist meistens kegelförmig gewölbt, zuweilen auch mehr
oder weniger abgeflacht (J der Gatt. Myrmica Ltr., Mayr ;
Formica ligniperda Taf. X. Fig. 14, e; Formica flava Taf. X.
Fig. 17, b).
Bei den J ist der Mesothorax im Verhältnisse zu den
übrigen Abschnitten der Brust am wenigsten entwickelt,
während derselbe bei den § und ^ eine sehr kräftige
Entwickelung zeigt und den grösslen Theil des Thorax
einnimmt. Daher unterscheidet man bei den J auch nur
ein einfaches Mesonotum, während dieses bei den 5 und c^
in mehrere Theile zerfällt :
1) in das eigentliche Mesonotum (Taf. X. Fig. 21a,
a,f; wo f die Seitentheile vorstellt und a den ver-
flachten Rücken von oben; Fig. 21b, b, c von der
Seite gesehen).
2) Das Schildchen (Taf. X. Fig. 21a, b).
3) Das Hinlerschildchen (Taf. X. Fig. 21a, c), wel-
ches streifenförmig erscheint.
Schildchen und Hinlerschildchen sind nur bei den ge-
schlechtlichen Ameisen deutlich zu erkennen, während sie
bei den Geschlechtslosen verschwinden; das eigentliche
Mesonotum hingegen kommt den drei Geschlechtern gleich-
massig zu. Auf dem letzteren bemerkt man zuweilen eine
schwach vertiefte Mittellinie ($ von Formica nigra Ltr.
Taf. X. Fig. 21a, r), welche sich oft, besonders bei dem ^
ungefähr in der Mitte des Mesonolums in zwei Aeste Iheilt,
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 319
die an dessen abschüssiger Fläche bis zu der unleren
Grenze divergirend hinabsteigen (beim ^ von Myrmica
laevinodis Nyl. Taf. X. Fig. 19, e von der Seite gesehen).
Diese aussergewöhniichen Linien nennt man Para-
psidenlinien; sie theilen den Miltelbruslrücken in drei
Theile, von denen die beiden seitlichen Parapsiden und
der mittlere Dorsulum hcisst. Die Parapsidenlinien sind
desshalb sehr charakteristisch, weil sie bei den Species,
wo sie vorkommen, völlig constanl bleiben. Uebrigens
treten sie bei den Ameisen nicht gerade häufig auf.
Das Schildchen zeigt sehr oft eine von den übrigen
Theilen des Mesonotums abweichende äussere Beschaffen-
heil; meistens ist es glatt und glänzend (Formica piniphila
Schenk), oft beschränkt sich die Glätte nur auf seine Mitte>,
während an den Seiten eine deutliche Streifung auftritt
(Myrmica rubida Ltr.) , welche sich übrigens auch über
die ganze Fläche des Schildchens ausdehnen kann (Myr-
mica laevinodis Nyl.). Was die Behaarung des Schildchens
anbetrifft, so findet man selten auf seiner mittleren Fläche
Borsten, deren Auftreten beschränkt sich vielmehr meistens
auf den Rand, während das Schildchen wohl seiner ganzen
Ausdehnung nach mit kurzen Härchen besetzt sein kann,
wiewohl auch diese gewöhnlich nur sehr spärlich vertreten
sind (Taf. X. Fig. 21a).
Das Schildchen kann mit Rücksicht auf seinen Glanz
und seine Schraffirung recht gut als Unterscheidungsmerkmal
der Species angewandt werden.
An der Grenze zwischen dem eigentlichen Mesonotum
und dem Schildchen ist das erste, oder obere Flügelpaar
eingelenkt; das zweite, oder untere Flügelpaar ist dem
Hinterschildchen angefügt.
Während das Prosternum das erste Paar Beine trägt,
ist an dem Mesosternum das zweite und an dem Metaster-
num das dritte Paar eingefügt. Den Beinen sowohl wie
den Flügeln wollen wir jedoch eine besondere Betrachtung
zukommen lassen und vorerst, um besser im Zusammenhange
zu bleiben, das Metanotum besprechen.
Der Mctathorax ist mit seiner vorderen Fläche dem
Mesothorax unmittelbar angefügt, während er mit seinem
320 Fonger:
hinteren Theile die Brust abschliesst. In Bezug auf die
Classifikation bildet er den wichtigsten Theil der Brust und
verdient desshalb eine ganz besondere Beachtung.
Das Metanolum kann mit dem Mesonotum entweder
in derselben Ebne liegen (zuweilen bei der Galt. Formica L.
z. B. Form. ligniperda Taf. X. Fig. 14, g; dann bei der
Gatt. Ponora Ltr.), oder es kann im Vergleiche zu diesem
eine tiefere Stellung einnehmen. Letzteres ist gewöhnlich
bei den Ameisen der Fall (Taf. X. Fig. 15, e ; Fig. 16 c;
Fig. 20a); selten liegt es höher als das Mesonotum, und in
dieser Lage erlangt es oft eine ganz hervortretende Aus-
bildung, so dass es die Gestalt eines abgerundeten, stumpfen
Kegels annimmt, der an Höhe das Pro- und Mesonotum
weit überragt (^ der Gatt, Polyergus Ltr.).
Wegen der Wichtigkeit, welche das Metanotum in
Bezug auf die Classifikation besitzt, unterscheidet man an
demselben verschiedene Theile , welche mit besonderen
Namen belegt sind. Zunächst dem Mesonotum der J, resp.
dem Hinterschildchen des ^ und des ^, liegt der soge-
nannte Basal theil des Melanotums (Taf. X. Fig. 14, g;
Fig. 16, c; Fig. 17, e; Fig. 18a, f ) ; an seiner hinleren
Grenze senkt sich dieser Theil in schiefer Richtung nach
abwärts und diese abschüssige Fläche des Melanotums nennt
man den abschüssigen Theil (Taf. X. Fig.l4, h; Fig.
16, d; Fig. 17, f; Fig. 18a, h). Genannte beiden Haupllheile
des Melanotums werden jederseils von den sogenannten
Seitenflächen begrenzt (Taf. X. Fig.l4, i : Fig.l7, h etc.).
An der Grenze dieser Seilenflächen und des abschüssigen
Theiles ragen sehr oft bei den Ameisen entweder Do rnen
oder Zähne hervor, die eine sehr verschiedene Länge und
Dicke besitzen (Taf. X. Fig. 18a, ii; Fig. 18c ; Fig. 20a, ii ;
Fig. 20b), und im Falle sie unentwickelt geblieben sind,
niedrige Höcker darstellen. Diese Auswüchse bilden ein
sehr wichtiges Kennzeichen der Gattungen, und wir werden
sie desshalb später noch specieller betrachten.
Wenn wir aber davon sprachen, dass das Metanotum
eine verschiedene Höhenlage zum Mesonotum einnehmen
könne, so meinen wir hiermit natürlich, das Höhenver-
hältniss des Basaltheils zu dem Mesonotum.
AlIgemeiDe Orismologie der Ameisen. 321
So wie man bei der Classikation mit Recht einen
grossen Werth auf dieses Höhenverhältniss legt, ebenso
wichtig erscheint die Lage und Länge des Basallheiles zu
dem abschüssigen Theile. Beide Theile des Metanolums
können ohne deutliche Grenze in einander übergehen, wo-
bei sie zusammen entweder eine bogenförmig gewölbte,
hinten abwärts geneigte Fläche bilden (Taf. X. Fig. 14;
Fig. 15), oder in derselben Ebene liegen, die jedoch fast
nie horizontal ist, sondern sich meistens nach dem Hin-
terleibe zu senkt. In letzterem Falle kann also keine Un-
terscheidung beider Theile mehr stattfinden, sondern man
betrachtet das Ganze nunmehr als abschüssigfe Fläche mit
fehlendem Basaltheile fg der Gatt. Oecophthora Heer). Bei
dieser Bildung trägt also der Metathorax zur Länge der
Brust oben nichts mehr bei. Das entgegengesetzte Ver-
hältniss kommt ebenfalls unter den Ameisen vor, wo also
der Metathorax die Länge der Brust um seine eigene Länge
vermehrt und eine fast horizontale abschüssige Fläche auf-
tritt, natürlich ebenfalls mit fehlendem Basaltheile ($ der
Gatt. Leptothorax Mayr).
Diesen unmerklichen Uebergang des Basaltheiles in
den abschüssigen Theil findet man bei den Alyrmiciden
stets; jedoch kann man hier den Basaltheil von dem Vor-
derende des Metanotums bis zum Anfange der Dornen oder
Zähne rechnen, während von da ab der abschüssige Theil
beginnt.
Sehr oft bildet bei den 5 der Basaltheil mit dem ab-
schüssigen Theile ein-en scharfen Winkel, der entweder
stumpf (Formica sanguinea Taf. X. Fig. 16), oder annährend
ein Rechter ist (Formica nigra Ltr. ; ferner bei der Gatt.
Ponera Ltr., bei Formica marginata Ltr., Form. latera-
lis Ol. etc.). Nie wird, so viel ich weiss, der Winkel
zwischen beiden Theilen des Metanotums zu einem spitzen;
seine äusserste Grenze ist der Rechte.
Ausser dieser Art des Zusammentreffens hat man für
die Classifikation noch das gegenseitige Längenverhältniss
des Basal- und abschüssigen Theiles in Betracht zuziehen.
Unter der Formiciden ist der Basaltheil gewöhnlich kürzer
als der abschüssige Theil (J von Formica rufa Nyl. Taf. X.
Archiv f. Naturg. XXVIII. Jahrg. 1. Bd. 21
322 Fenger:
Fig. 15; Formica flava Taf. X. Fig. 17); es können jedoch
beide Theile auch gleich lang sein (^ von Formica ligni-
perda Nyl. Taf. X. Fig. 14 ; Formica sanguinea Ltr. Taf. X.
Fig. 16). Zuweilen wird dieses Längenverhältniss von
grösster Wichtigkeit, so dass es fast das einzige und
hauptsächlichste Unterscheidungsmerkmal gewisser Species
bildet (z. B. zwischen Formica polyctena Schenk und For-
mica rufa Nyl.). Seltener findet man, dass der Basaltheil
länger ist als der abschüssige Theil (Formica fuscipes
Mayr ^). Bei Myrmiciden fällt der Charakter, der in dem
Längenverhältnisse des Basaltheiles zum abschüssigen Theile
beruht, weg, insofern man annehmen kann, dass hier beide
Theile ziemlich gleich lang sind; es treten aber in dieser
Sublamilie der Ameisen andere Gebilde an dem Metanotum
auf, welche ebenfalls wichtige Unterscheidungsmerkmale der
Species abgeben, denen wir sogleich eine genauere Be-
trachtung schenken wollen.
Die Basalfläche ist meistens gewölbt (wie man aus den
Figuren ersehen kann) ; zuweilen ist sie auch flach (For-
mica ligniperda Nyl. Taf. X. Fig- 14; $ von Formica san-
guinea Ltr. Taf. X. Fig. 16). Bei Formica sanguinea Ltr.
fand ich in der Mitte des Basaltheiles ein deutlich sicht-
bares Grübchen Taf. X. Fig. 16, c •») ; ausser diesem Falle
zeigt der Basaltheil meines Wissens keine besonderen Eigen-
thümlichkeiten; meistens erscheint er gerunzelt, wie die
Seiten des Thorax, und nur sehr selten ist er glatt und
glänzend (Formicoxenus nitidulus Nyl. j).
Glanz und Glätte treten weit häufiger auf der abschüs-
sigen Fläche auf; unter den Formiciden scheint dies aller-
dings weniger der Fall zu sein (ausser den $ und ^ ver-
schiedener Species); jedoch findet man z.B. bei den ^ von
Formica nigra Ltr. die Mitte der abschüssigen Fläche glatt
und glänzend, während der Rand derselben , gleich dem
übrigen Thorax, mit dichter Pubescens bedeckt ist. Weil
häuhger, ja fast allgemein beobachtet man diese Erschei-
nung bei den Myrmiciden (jedoch auch hier besitzt z. B.
*) Was ich in den Schriften von Dr. Förster und Dr. Mayr
nicht angegeben finde.
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 323
Tetramorium caespitum Ltr. eine quergestreifte abschüs-
sige Fläche).
Der Methathorax der Foriniciden zeigt meistens keine
besonderen Auswüchse; nur bei den $ und ^ der Galt.
Hypoclinea Forst, treten zahnartige Bildungen an demsel-
ben auf. Solche Auswüchse entspringen stets an der Grenze
des abschüssigen Theiles und der Seitenflächen und stellen
entweder mehr oder weniger lange, spitze Dornen oder
stumpfe Zähne oder Höcker dar.
Wenn man das Auftreten dieser verschiedenen Aus-
wüchse an dem Metathorax bei den einzelnen Ameisenspe-
cies verfolgt *"'), so kommt man zu dem bemerkenswerthen
Resultate, dass die meisten Gattungen der Myrmiciden
Dornen besitzen, wenige Zähne und ebenso wenige Höcker,
oder einen unbewehrten Thorax; dass ferner die Dornen
nur bei den J und $, nie bei den ^ vorkommen. Die ^
*) Um einen üeberblick über diese merkwürdigen Auswüchse
des Metathorax zu gewinnen, lassen wir folgende Zusammenstellung
folgen :
a) Dornen treten auf :
1) bei den ^ und $ der Gatt. Myrmica Ltr. Mayr (ausser Myrm.
rubidn Ltr.)
2) bei den ^ und $ der Galt, Myrmeeina Curt.
3) „ „ „ „ „ „ „ Tetramorium IMayr.
4) „ „ „ „ „ „ „ Leptothorax Mayr.
5) „ „ „ „ „ » „ Aphaenogaster Mayr.
6) „ „ „ „ „ „ „ Crematogasler Lund.
b) Zähne treten auf bei den ^ der Gattungen, wo die ^ und $
Dornen besitzen (selten bei der Gatt. Leptothorax Mayr), so wie
1) bei den ^ und $ der Gatt. Formicoxenus 3Iayr.
2) bei den ^, $ und bei den Soldaten der Gatt. Oecophthora Heer.
3) bei den ^, ^ und ^T der Gatt. Atta Fabr. (meist).
c) Höcker treten auf, ausser bei den ,^ letztgenannter Gattungen
wo Zähne vorkommen, noch
1) bei den ^ und $ von Myrmica rubida Ltr.
2) beim <-^ der Gatt. Leptothorax (meistens),
3) beim $ der Galt. Diplorhoptrum 3Iayr.
d) Ein unbewehrter Thorax findet sich
1) bei dem (^^ von 3Iyrmica rubida Ltr.
2) bei den ^ und ^T ^^^' ^^^*' Diplorhoptrum Mayr.
8) bei der Gatt. Mouomorium Mayr.
324 Fenger:
derjenigen Gallungcn, bei denen die J und $ Dornen be-
sitzen, haben Zähne, d. h. verkürzte, stumpfe Dornen (aus-
ser der Galt. Leptolhorax Mayr) ; haben die J und $ Zähne
an dem Mctanotum, so besitzen die ^ blosse Höcker und,
wo blosse Höcker bei den J und $ vorkommen, findet man
bei den ^ einen unbewehrten Thorax.
Diese merkwürdige, constante Unterordnung der ver-
schiedenen Geschlechter bei den Ameisen, auf welche man
bisher noch wenig oder gar nicht aufmerksam gemacht hat,
auf die wir aber früher schon bei der Zahnbildunjj hing-e-
wiesen haben und die hier in der Bewehrung des Meta-
notums von Neuem hervortritt, hängt meiner Meinung nach
jedenfalls innig mit der Lebensbestimmung des Individuums
zusammen.
Zu bemerken ist noch , dass die abschüssige Fläche
des Metanotums zwischen diesen Auswüchsen stets mehr
oder weniger ausgehöhlt erscheint ; über den Zweck dieser
Aushöhlung, deren Erklärung man bisher ebenfalls unbe-
rücksichtigt gelassen hat, werden wir später Näheres
angeben.
Die Seitenflächen des Metathorax sind in Rücksicht
auf die Classifikation von keiner besonderen Bedeutung;
sie besitzen stets dieselbe Schraffirung und Behaarung, wie
der übrige Thorax. Bei den Myrmiciden bemerkt man sehr
häufiff an dem hinteren Ende der Seitenflächen des Meta-
thorax eine schwache bogenförmige Aufbiegung (Taf. X.
Fig. 18a, k), welche ich bei Myrmica rugulosa Nyl. ziemlich
bedeutend vorgefunden habe (Taf. X. Fig.2üa, b, Fig. 20b, c).
Ob diese Aufbiegung einigen Werlh für die Classifikation
besitzt, kann ich einstweilen noch nicht bestimmen.
Die Stigmen (stigmala), oder Ausführungsgänge der
Tracheen liegen für den Thorax an dem Meso- und Meta-
thorax. Ist die Brust zwischen Meso- und Metathorax nicht
eingeschnürt, so liegt das Stigma mehr oder weniger tief
unterhalb der Oberfläche des Rückens an der Grenzlinie
zwischen beiden genannten ßrustabschnitlen (Taf X. Fig.
14, k') ; das zweite Stigma liegt sodann an den Seiten des
Metathorax , tiefer als das erste und ebenfalls an einer
schwach eingedrückten Linie. Ist hingegen der Thorax
I
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 325
zwischen Meso- und Metathorax stark eingeschnürt, so habe
ich das erste Stigma beiderseits hoch an dem oberen Ende
dieser eingeschnürten Stelle bemerkt, wo es mir als ein
kleines rundliches Knöpfchen erschien (Taf. X. Fig. 15, d ;
Fig. 17, c). Das zweite Stigmenpaar befindet sich in die-
sem Falle an derselben Stelle, wie vorher, wenn der ab-
schüssige Theil des Metathorax nicht abgeflacht ist, Taf. X.
Fig. 15, d) ; ist lelzterer aber abgeflacht, so bemerkte ich
das zweite Stigmenpaar auf der abschüssigen Fläche in der
Nähe der Seitenrandes derselben (Taf. X. Fig. 17, g). Bei
den Myrmiciden scheint das zweite Stigmenpaar stets an
der Seite des Metathorax kurz vor der Basis der Dornen
zu liegen (Taf. X. Fig. 18a; Fig. 20a).
Ein solches Stigma habe ich vergrössert dargestellt
Taf. X. Fig. 20c, wo b ein kugeUormig gewölbter Ring ist
und a die mittlere spaltenförmige Athemöfl'nung. Dass diese
bei der Classifikation bisher unbeachtet gelassene Lage der
Stigmen in dieser Beziehung einigen Werth hat, glaube
ich nicht.
Die Betrachtung des Thorax müssen wir nun noch
durch diejenige der Beine und der Flügel vervollständigen.
Die Beine der Ameisen (Taf. XII. Fig. 35a, 35b) sind,
wie wir bereits wissen, an den Bauchringen des Thorax
eingelenkt und sie bestehen aus der Hüfte (coxa) , dem
Schenkelringe (trochanter), dem Schenkel (femur),
dem Schienbeine (tibia) und dem fünfgl iede ri gen
Fusse nebst dem Fussballen (pulvillus).
Die Hüfte (Taf. XII. Fig. 35a, 35b, a) ist stets kegel-
förmig und stark entwickelt, meistens massig lang, oft kurz.
Der Schenkelring (Fig. 35, b) ist kürzer als die Hüfte
und ebenfalls konisch gestaltet; seine äussere Fläche ist
stärker gewölbt, als die innere, welche der Brust zuge-
kehrt ist.
Der Schenkel (Fig. 35, c) bildet den kräftigsten und
längsten Theil des Beines ; in der Mitte ist er verdickt und
und an beiden Enden zugespitzt; an seiner Innenseite ist
er ebenfall weniger stark gewölbt, als an der äusseren, ja
meistens noch etwas ausgehöhlt.
Das Schienbein (Fig. 35, d) ist stets an den beiden
326 F e n g e r :
ersten Beinpaaren, welche man die Vorder- und Mittel-
beine nennt, etwas kürzer als der Schenkel; an dem letz-
ten Beinpaare hat es gleiche Länge mit demselben; an
seinem Vorderende ist es stets zugespitzt, an dem hinte-
ren verdickt und schief abgeschnitten. An der äusseren
Hälfte dieser schiefen Endfläche setzen sich die Fussfrlie-
der an, während an der inneren Hälfte sich ein anderes,
eigenthümliches Organ (Fig. 35«, e; Fig. 35b, p) vorfindet,
welches wir sogleich näher besprechen werden.
Die Zahl der Fussglieder beträgt bei den Ameisen
stets 5; von denselben ist das erste so lang wie alle übri-
gen zusammengenommen; die folgenden nehmen gewöhn-
lich regelmässig an Länge ab. AufTaf. XII. Fig. 35 a, b ha-
ben wir einen aussergewöhnlichen Fall vor uns; hier ist
nämlich das vierte Fussglied auffallend klein und kurz,
während das fünfte Glied fast so gross ist , wie die drei
vorhergehenden zusammengenommen; zugleich erscheint
es verbreitert und abgeplattet *"). Dieser abnorme Bau der
Fussglieder kann die Myrmica rugulosa Nyl. von den ihr
sehr nahe verwandten Arten bestimmt unterscheiden. Zu-
gleich ist dieser Fall, der sich sicherlich unter den Amei-
sen wiederholt, ein Gegenbeweis für die Becauptung von
Dr. Mayr, dass die Beine der Ameisen gar keinen diag-
nostischen Werth hätten *«""'), wesshalb er sie bei seiner
Determination ganz unberücksichtigt gelassen hat.
Der Ballen ist dem äusseren Ende des letzten Fuss-
gliedes eingefügt (Taf. XII. Fig. 35a, 1 ; Fig. 35b, k ; der-
selbe für sich dargestellt Fig. 37). Er besteht aus einem
kurzen dünnen Stiele (Fig. 37, c), welcher (bei a) zu dem
eigentlichen Ballen anschwillt. Dieser angeschwollene Theil
zeigt eine rauhe, warzige Oberfläche, ist kugelig und besitzt
vorne noch einen kleinen Ansatz (b). Seitlich von diesem
Ballen entspringen an dessen Basis zwei Krallen (Fig.37 m,m),
welche bei allen Ameisen vorkommen, stets gekrümmt und
"■') Was Dr. Förster (Ilymenopterologische Studien, 1. Heft
p. 63 Myrmica chtndeslina) und Dr. Mayr (Formicina austriaca in den
Yerh. d. zoolog.-bol. Vereins in Wien. Bd. V. 1855. p. 405) überse-
hen haben.
**) Ebendaselbst p. 298.
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 327
mehr oder weniger stark entwickelt sind; sonst aber zei-
gen sie nirgendwo wesentliche Verschiedenheiten, so dass
sie bei der Determination von keinem Werthe sind. Ver-
möge dieses Ballens und seiner Krallen können die Amei-
sen sich an glatten Gegenständen festhallen und dieselben
ersteigen.
Um den Ballen herum, so wie an den Fussgliedern
überhaupt, treten bei den Ameisen stets zahlreiche, lange,
kräftige Borsten auf, während die übrigen Theile des Bei-
nes bei den verschiedenen Species eine sehr verschiedene
Behaarung zeigen oder fast ganz nackt sind (^ von For-
mica ligniperda Nyl.). Eine eigenthümliche, sehr seltene
Behaarung zeigen die Beine des c^ von Myrmica rugulosa
Nyl. (Taf. XII. Fig 35a und 35l>), in sofern dieselben ohne
Fubescenz ziemlich dicht mit feinen, sehr langen , fast
senkrecht abstehenden Borsten besetzt sind.
Die Behaarung der Beine ist ebenfalls sehr oft bei der
Unterscheidung der Species von Wichtigkeit.
Was das bereits früher angedeutete eigenthümliche
Organ (Taf. Xil. Fig. 35a, e; Fig. 35b, p, ferner für sich
dargestellt Fig. 36a und 36b) anbetrifft, so ist dasselbe, wie
man aus den Figuren schon ersehen kann, an dem ersten
Beinpaare anders gebaut (Taf. XII. Fig. 35a, e; Fig. 36a),
als an den übrigen Beinen (Fig. 35b und Fig. 36b). An dem
ersten Beinpaare besteht dasselbe aus einem etwas gebo-
genen, starken, fast durchsichtig hornigen Längsbalken, der
an seiner Innenseite, die dem ersten Fussgliede zugekehrt
ist, mit vielen dicht neben einander gestellten, langen und
spitzen Zähnen (h) besetzt ist. Letztere beginnen klein
an der Spitze des Balkens, werden von da ab stets grös-
ser, wobei sie eine regelmässige, genau nach der Biegung
des Balkens zugeschnittene Begrenzung zeigen; nie ist
das oberste Ende des Balkens mit Zähnen besetzt.
Die Bedeutung dieses merkwürdigen Organes ist bis-
her von den Entomologen nicht genau erkannt worden.
De Geer, einer der ältesten Schriftsteller über die Amei-
sen, welcher manches Bemerkenswerthe über diese Insekten
berichtet und der auch Abbildungen von dem in Rede ste-
henden Organe giebt, glaubt, dass es als Bürste zum Zu-
328 F e n g e r :
sainineiiregen des von den Blattläusen abgesonderten Ho-
niglliaucs diene "^"), welchen bekanntlich einzelne Spccies
der Ameisen sehr begierig aulsuchen , was die Ameisen-
schriftsteller schon seit den ältesten Zeiten beobachtet
haben. Auf D e Gcer berufen sich die anderen, später
lebenden Schriftsteller und unter diesen auch Brandt und
Ratzeburg -"-"), Unter den Schriftstellern der neuesten
Zeit ist keine Rede, so viel ich weiss, von der Bedeutung-
dieses Organes.
Schon die Stelluno- des in Rede stehenden Org-anes
an dem Schienbeine zeugt gegen die bis jetzt angenommene
Bedeutung desselben. Stets ist es nämlich fast senkrecht
gegen den Boden gerichtet und nicht etwa horizontal zu
demselben, wesshalb es zum Zusammenfegen von Honigthau
durchaus nicht geeignet ist. Wollte das Insekt trotzdem
dieses Organ zu bekanntem Zwecke benutzen, so müsste es
seine Beine in eine ganz unnatürliche Stellung versetzen;
aber wenn alle Theile des Organismus die grösste Zweck-
mässigkeit in ihrer Einrichtung und Anordnung bekunden,
so darf man bei diesem Organe allein keine Unzweckmäs-
sigkeit annehmen.
Denn, wenn man nur die Winzigkeit dieses Organes
berücksichtigt, kann man sich schwerlich mit der bis jetzt
angenommenen Meinung über den Zweck desselben einver-
standen erklären.
Wenn überhaupt die Ameisen mit ihren Füssen den
Honigthau zusammenlegen sollten, was ich, trotz aller Auf-
merksamkeit, nie beobachtet habe und durchaus nicht glau-
ben kann, so können die fast dicht mit Borsten besetzten,
langen Fussglieder für sich allein schon diesen Zweck besser
erlüllen, als jenes winzige Nebenorgan.
INiemand hat aber auch, so viel ich weiss, das Zusam-
menfegen von Honigthau bei den Ameisen wirklich beob-
achtet; vielmehr ist diese dem Organe beigelegte Bedeutung
eine muthmassliche. Die Beobachtung aber ist die einzige
*) Abhandlungen zur Gesctiichte der Insekten. Bd. II. 2ler
Theil p.311.
**) Medizinische Zoologie Bd. II.
Allgemeine ürisniologie der Ameisen. 829
und wahre Quelle der Wahrheit auf dem Gebiete der Na-
turwissenschaften und durcli die Beobachtung-, welche ich
sowohl täglich an meinen in künsilichen Beiiällern aufge-
hobenen, als auch in der Natur lebenden Ameisen gemacht
habp, hat sich mir die wahre und einzige Bedeutung dieses
Organes ergeben.
Dieses Organ ist nämlich, in einem Worte gesagt, nur
ein Kamm für die Antennen und l^alpcn der Ameise. Die
Ameise stellt sich, wenn sie nicht arbeitet, fast jeden Au-
genblick auf ihre Hinterfüsse, richtet den Kopf etwas empor,
streckt die Fühler oder Fressspitzen aus und zieht diesel-
ben zwischen dem ersten Fussgliede und jenem Kamme,
wie ich ihn wohl nicht unzweckmässig nenne, hindurch;
hierauf bringt sie diesen Theil des Beines an den Mund,
um denselben entweder zu befeuchten (was ich wohl nicht
glaube), oder zu reinigen und kämmt sodann von Neuem
ihre Fühler.
Der Kamm dient also als Mittel zur Verschönerung
der Fühler und Palpen; aber er scheint mir nicht allein
hierzu bestimmt zu sein, sondern er hat auch jedenfalls
den Zweck, die schmarotzenden Milben, welche ich haupt-
sächlich und oft zahlreich an den Fühlern und Fressspitzen
vorgefunden habe, zu entfernen.
Wenn wir nunmehr die Construklion dieses bisher so
räthselhaften Organes genauer betrachten, so werden wir
die schönste Zweckmässigkeit in seiner Einrichtung erken-
nen. Die Zähne sind fein, ziemlich lang, stehen dicht
neben einander, so dass sie den feinen Härchen der Fühler
und Palpen ganz anpassend sind. Dann ist das erste Fuss-
glied an seiner Innenseite, diesen Zähnen gegenüber, der
Biegung des Kammes entsprechend ausgehöhlt (Taf. XII.
Fig. 36aj und an der Stelle dieser Aushöhlung mit einer
doppelten Reihe feiner Zähnchen besetzt, so zwar, dass die
Zähne des Kammes zwischen letztere eingeschoben wer-
den, wenn sich das erste Fussglied gegen den Kamm hin
bewegt. An demjenigen Theile des ersten Fussgliedes, der
dem oberen, zahnlosen Ende des Kammes gegenübersteht,
befinden sich ebenfalls keine Zähne, so dass der Balken
des Kammes sich an dieser Stelle dicht gegen das, erste
330 F e n g e r :
Fussglicd anlegen kann, während die Zähne beider Theile
sich in einander schieben.
An den Miltel- und Hinlerbeinen ist dieses Organ
etwas anders gebaut (Taf. XII. Fig. 36b); stets ist der Längs-
balken desselben gerade, und seine Zähne sind meistens
unentwickelt und kaum sichtbar. Auch hier ist die Innen-
seite des ersten Fussgliedes mit einer doppelten Zahnreihe
besetzt; jedoch sind die Zähne nicht so regelmässig und
fein, wie am ersten Fusspaare. Keinesfalls hat dieses Organ
der hinteren Beine die Bestimmung, die Fühler zu kämmen;
denn einestheils kann das Insekt dasselbe nicht so weit
nach vorne strecken, dass es die Fühler erreichte; ande-
rentheils wäre es neben jenem Organe der Vorderbeine ein
sehr überflüssiger Theil des Organismus; ich vermuthe
hingegen, dass es zur gegenseitigen Reinigung der Füsse
dient. Der Körper der Ameise ist gleichsam in einem Horn-
panzer eingeschlossen ; er kann sich also weder seitlich
noch nach unten biegen, so dass die Ameise sich etwa mit
dem Munde reinigen könnte, und da dieselbe dennoch trotz
ihrer fast unausgesetzten* Erdarbeiten, stets rein vorgefun-
den wird, so wird sie doch wahrscheinlich ein besonderes
Organ zur Reinigung ihrer Füsse besitzen, als welches das
in Rede stehende sowohl in Bezug auf Stellung als Con-
struklion sehr passend ist.
Wir wenden uns nunmehr zur Betrachtung der Flü-
gel, welche ebenfalls zu dem Mesothorax gehören. Nur
die cT und $ besitzen bei den Ameisen Flügel, während die
2 stets ungeflügelt sind. Jedes geflügelte Individuum hat
zwei Paar Flügel, ein oberes, grösseres und ein unteres,
kleineres Paar, oder zwei Vorder- und zwei Hinter-
flügel.
Die Flügel der Ameisen, wie der Insekten über-
haupt sind eigentlich Duplicaluren des Hautskeletes, von
Blulkanälen und Tracheen durchzogen ^'). Sie bestehen
aus der Flügel würzet (Taf. XU. Fig. 38a, b bei r (hier
*) Lehrbuch der vergleichenden Anatomie der wirbellosen
Thiere v. C. Th. v. Siebold, Professor zu Freiburg. Berlin 1848.
p. 564.
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 331
weggelassen), der eigentlichen Flügelmembran und den
Rippen.
Die Flügelwurzel bildet eine feste, hornartige Masse
am vordersten Ende des Flügels, zu welcher die Rippen
des Flügels gleichsam verschmelzen, und an welche sich
nach dem Innern des Körpers hin schnenartige Fortsätze
ansetzen. An Letztere inseriren sich die vom mittle-
ren und hinteren ßrustsegrnente herkommenden Muskeln
der Flügel (zwei Streck- und mehrere kleine Beugemus-
keln). Sie ist ohne irgend welche Bedeutung für die Clas-
siiikation.
Ebenso hat die eigentliche Flügelmembran in dieser
Beziehung sehr wenig Werth; sie ist dünn, durchsichtig,
häutig und ihrer ganzen Ausdehnung nach mit sehr feinen,
anliegenden kleinen Härchen besetzt, die aus unzähligen
kleinen Grübchen entspringen. Man kann an ihr weder
eine zeliige, noch sonst irgend welche Struktur erkennen;
grösstentheils ist sie wasserhell und zuweilen von der
Flügelwurzel bis zur Haltte des Flügels bräunlich oder
bräunlichgelb getrübt. Völlig klare, wasserhelle oder milch-
weisse Flügel ohne jede Trübung sind bei den Ameisen
selten (Formica nigra Ltr., Poncra contracta Ltr., Lepto-
thorax acervorum Nyl. etc.) und bilden eben desswegen ein
wichtiges Unterscheidungsmerkmal verwandter Species, bei
denen dieselben vorkommen.
An dem oberen Rande der Flügel, besonders an der
hinteren Hälfte des Unterrandes sind die Härchen länger,
als auf der Oberfläciie der Membran. An den Vorderflügeln
ist die vordere und untere Randhällte stets ohne jede Be-
haarung.
Den wichtigsten Theil der Flügel, durch welchen
dieselben erst zu _einem und zwar dem besten Gattungs-
merkmale werden, sind die Rippen oder Adern. Diese
stellen hohle, meistens bräunlichgclb gefärbte (selten farb-
lose) (Leptothorax acervorum Nyl.) Kanäle dar, welche die
Membran des Flügels durchziehen, an ihrem Ursprünge
ziemlich weit sind und gegen das Ende hin haarfein wer-
den. Die Rippen sind bei den Ameisen auf verschiedene
Weise vertheilt und eben durch diese mannigfaltige An-
332 F e n g e r :
Ordnung werden die Flügel zu jenem tretriichen Unter-
scheidungsmerkmale. Man hat desshalb den einzelnen Rip-
pen, so wie den von ihnen abgegrenzten Theilen der
Flügelmembran, besondere Namen beigelegt. Ich glaube,
mjin unterscheidet am besten 5 Ilauptgruppen *); diese sind:
1. Die Costa marginalis (Tat". XII. Fig. 38a, 1); sie
verläuft am äusseren Rande des Flügels von der Flügel-
vvurzel bis zur Flügelspitze.
2. Die Costa scapularis (Fig. 38a, 2), welche an der
Flügelwurzel der ersten Rippe sehr nahe liegt, sich dann
bogenförmig von derselben entfernt, sich ihr ungefähr in
der Hälfte des Flügels wieder nähert, hier meistens durch
einen kleinen Zweig mit ihr in Verbindung tritt, sich dann
wiederum boofenförmiof oder mehr winkelior von ihr entfernt
und zuletzt gegen das hintere Ende des Flügels hin völlig
mit ihr verschmilzt.
3. Die Costa externo - media ( Fig. 38a, 3 ) verläuft
etwa durch die 3Iitte der Flügelbreite, spaltet sicli vor der
Längenmitte des Flügels in zwei Zweige, von denen der
eine nach oben geht, um sich mit der Costa scapularis zu
verbinden, während der andere sich nach unten gegen die
Einschnürungsstelle des Unterrandes hinwendet. Ersterer
Zweig, der sich gewöhnlich in der Mitte winkelich biegt
(Fig. 38a, 4), heisst Costa basalis, letzterer Costa transversa-
media und er entsendet häufio- kurz vor seinem Ende noch
einen Nebenzweig, dem, so viel ich weiss, bisher kein be-
sonderer Name beigelegt ist (Fig. 38a, 9).
4. Die Costa cubitalis (Fig. 38a, 5j , welche aus der
Mitte der Costa basalis entspringt und gegen das Ende des
Flügels hinläuft; hinter der Mitte des Flügels theilt sich
dieselbe ebenfalls in zwei Zweige, von denen der eine nach
oben geht und sich meistens mit der Costa marginalis
vor der hinteren Spitze des Flügels verbindet; man nennt
diesen Zweig (Fig. 38a, 7) den äusseren Cubitalast;
der andere Zweig wendet sich an seinem Ursprünge mehr
*) Dr Mayr und Andere unterscheiden deren vier (Formicina
austriaca in d. Verh. d. zoolog.-botan. Vereins in Wien. Bd.V. Jahrg.
1855. p.295.
Allgemeine Orismologie der Ameisen. !S33
nach unten und verläuft sodann in der Mitte der Flügel-
breite, ohne jedoch den äussersten Rand des Flügels zu
erreichen (Fig. 38a, 8); derselbe heisst inn er er Cubi-
tal a s t.
Die Costa cubitalis hat eine zweifache Verbindung mit
den benachbarten Rippen; kurz nach ihrem Ursprünge aus
der Costa basalis tritt sie durch eine Zwischenrippe mit.
der Costa transvcrso-media in Verbindung ; man nennt diese
Zwischenrippe die Costa recurrens (Fig. 38a, 10). Vor der
Theilunofsslelle steht ferner die Costa cubitalis durch eine
Rippe mit der Costa scapularis in Verbindung (Fig. 38a, 6);
diese Rippe nennt Dr. Mayr die Costa transversa.
Die Costa cubitalis kann sich auf dreifache Weise
theilen^*). Sie theilt sich entweder hinter der Einmün-
dungsslelle der Costa transversa (Fig. 38«, 8), oder kurz
vor der Costa transversa (Taf. XII. Fig. 39a)5 oder endlich
gleich an ihrem Ursprünge aus der Costa basalis (Taf. XII.
Fig. 40a). In dem letzteren Falle ist der äussere Cubitalast
an seinem Anfange nicht ausgeprägt, während er kurz vor
der Costa transversa, so wie hinter derselben deutlich her-
vortritt; der innere Cubitalast hingegen ist in seinem ganzen
Verlaufe deutlich sichtbar.
In dem ersten Theilungsfalle (Taf. XII. Fig. 38a) ver-
bindet sich die Costa transversa mit dem eigentlichen Cu-
bitalaste selbst; in dem zweiten Falle verbindet sie sich
entweder nur mit dem äusseren Cubitalaste, oder, indem
sie in derselben Richtung weiter geht, mit beiden Cubital-
ästen (Taf. XII. Fig. 39a, 39b). Im dritten Theilungsfalle
verbindet sich die Costa transversa ebenfalls mit beiden
Cubitalästen (Taf. XII. Fig. 40a).
Wegen dieser verschiedenen Theilung der Costa cu-
bitalis und ihrer mehrfachen Verbindungsart mit der Costa
transversa, bildet diese Rippe bei der Classifikation der
Ameisen den wichtigsten Theil des Flügels.
*) Dr. Mayr unterscheidet eine vierfache Theilung (Formicina
austriaca in d. Verh. d. zool.-botan. Ver. V. in Wien, Bd. Jahrg. 1855.
p.296). Wir haben seinen zweiten und dritten Theilungsfall zusam-
mengefasst.
384 Fenger:
5. Die Costa Inferno -media (Taf. XH. Fig. 38a, 11),
welche von der Flügelwurzel gegen die Einschnürungs-
stelle des unteren Randes hinläuft. In ihrer Mitte verbin-
det sie sich mit der Costa externo-media durch eine Zwi-
schenrippe (Fig. 38a, 12), der meines Wissens bis jetzt kein
besonderer Name zuerkannt ist. Aus Gründen, die später
ersichtlich sein werden, glaube ich sie nicht unpassend
Costa separans zu nennen.
Durch diese Rippe wird nun die Flügelmembran in
verschiedene Felder oder Zellen getheilt, denen man
ebenfalls besondere Namen beigelegt hat. Man unterscheidet
nämlich :
1. Die Cellula scapularis (Schulterzelle), welche be-
grenzt wird von der Costa marginalis und dem ersten
freien Theile der Costa scapularis; sie liegt zunächst der
Flügelwurzel (Fig. 38a, a).
2. Das Stigma (Randmal) (Fig. 38a, b), welches be-
grenzt wird von der Costa marginalis und dem zweiten
freien Theile der Costa scapularis ; es ist hornig verdickt
und meist anders gefärbt, als die übrige Flügelmembran;
gewöhnlich zeigt es eine bräunlichgelbe Färbung.
3. Die Cellula externo-media (äussere Mittelzelle
Fig. 38a, cj, sie wird umschlossen von dem ersten freien
Theile der Costa scapularis, von der Costa externo-media,
so wie von der Costa basalis.
4. Cellula cubitalis - clausa (geschlossene Cubitalzelle
Fig. 38a, d); sie wird abgegrenzt von dem mittleren Theile
der Costa scapularis, der oberen Hälfte der Costa basalis,
der eigentlichen Costa cubitalis und der Costa transversa.
Tritt jedoch hier der Fall ein, wo sich die Costa cu-
bitalis schon vor der Einmündungstelle der Costa transversa
theilt und wo letztere sich mit beiden Cubitalästen ver-
bindet, so entsteht eine zweite geschlossene Cubitalzelle,
welche umgrenzt wird von den beiden Cubitalästen und
von der Costa transversa.
Tritt dagegen der Fall ein, wo sich die Costa cubitalis
an ihrem Ursprünge aus der Costa basalis spaltet, so ent-
steht eine grosse Cubitalzelle, welche umschlossen wird
von dem mittleren Theile der Costa scapularis, dem oberen
Allgemeine Orismologie der Ameisen.
Theilc der Costa basalis, dem inneren Cubitalaste und der
Costa transversa. Ausserdem wird sie durch den hinteren
Theil des äusseren Cubitalasles, der bis zur Mitte in die
Zelle hineinragt, in zwei unvollkommen geschiedene Hälften
getheilt (Taf. XII. Fig. 40a).
5. Die Cellula radialis (Radialzelle Taf. XII. Fig. 38a, f)
wird begrenzt von der Costa marginalis, der Costa trans-
versa und dem äusseren Cubitalaste. In Fig. 38 ist dieselbe
geschlossen ; meistens hingegen ist sie otJen , indem der
äussere Cubitalast den hinteren Rand des Flügels nicht
erreicht (Taf. XII. Fig. 40a).
6. Die Celliäa cubitalis aperta (offene Cubitalzelle
Fig. 38a, e) wird umschlossen von dem äusseren und inne-
ren Cubitalaste, während sie nach der Spitze des Flügels
hin geöffnet ist.
7. Die Cellula discoidalis-aperta (offene Discoidalzelle
Fig. 38a, g); sie wird begrenzt von der eigentlichen Costa
cubitalis, dem inneren Cubitalaste, der Costa recurrens und
einem Theile der Costa transverso-media, während sie nach
unten und hinten geöffnet ist.
8. Die Cellula discoidalis - clausa (geschlossene Dis-
coidalzelle Fig. 38a, i), welche begrenzt wird von dem
vordersten Theile der Costa cubitalis, dem untersten Theile
der Costa basalis, dem vordersten Theile der Costa trans-
verso-media und der Costa recurrens.
9. Die Cellula interno-media apicalis (Fig. 38a, k) ; sie
wird begrenzt von dem letzten Theile der Costa externo-
media, der Costa separans und von dem letzten Theile der
Costa interna-media, während sie hinten offen ist.
10. Die Cellula int er no - media basalis (Fig. 38a, m)
wird begrenzt von dem vorderen Theile der Costa externo-
media, dem vorderen Theile der Costa interno-media, der
Costa separans, während sie nach vorne durch die Flügel-
wurzel geschlossen ist.
Die Cellula interno-media apicalis und basalis bilden
zusammen die Cellula interno media '^^).
*) In der Trennung dieser Cellula interno-media in jene bei-
den Hälften Gndet der Name „Costa separans" seine Bedeutung.
3S6 A inb Fenger:
Zuweilen kommt es vor, dass einzelne Rippen stellen-
weise nicht ganz ausgeprägt sind, so ist es z. ß. der Fall
bei Myrmica laevinodis (Taf. XII. Fig. 40a), wo der Anfang
der Costa externo-niedia, das Ende der Costa interno-media,
so wie der Costa Iransverso- media, ferner das Ende der
Cubilaläste nicht ausgeprägt erscheinen; jedoch selbst in
solchen Fällen kann man deutlich in der Flügelmembran
durch eine bräunlichgclbe Trübung die Richtung der zu
ergänzenden Theile verfolgen.
Die H in ter flüge 1 , welche stets kleiner sind als
die Vorderflügel, werden an dem Hintcrschildchen einge-
lenkt. Ihre Wurzel ist dieselbe wie am ersten Flügelpaare;
die Membran weicht nur in der Form von derjenigen der
Vorderflügel ab , in sofern der obere Rand concav ist
(Taf. XII. Fig. 38b; Fig. 40b), während der unter eine con-
vexe ßeo;renzunff bildet und in seiner Mitte keine Einbie-
gung besitzt. Die Rippenvertheilung hingegen ist eine
andere. Man findet nämlich hier vier Hauptrippen:
1. Die Costa scapularis (Taf. XII. Fig. 38b, 2). Die-
selbe ist dicker als an den Vorderflügeln, läuft mit dem
äusseren Flügelrande, an dem die Costa marginalis fehlt,
anfangs parallel, geht sodann in der Mitte des Flügels in
denselben über und läuft sofort his zur Flügelspitze.
2. Die Costa externo-media (Taf. XII. Fig. 38b, 3) zieht
sich anfangs durch die Mitte der Flügelbreile hin, theilt sich
dann vor der Längenmitte des Flügels in zwei Zweige,
von denen der eine, entsprechend der Costa basalis der
Vorderflügel, nach oben geht (Fig. 38b, 4), der andere nach
unten; letzterer entspricht der Costa transverso- media
(Fig. 38b, 9). Zwischen der Costa basalis des Vorder- und
Hinderflügels besteht der Unterschied , dass bei letzterem
die erste Hälfte derselben stets länger ist als die zweite.
3. Die Costa cubitalis (Fig. 38b, 5) entspringt als
gerade Rippe aus der Winkelspilze der Costa basalis ^).
r;-jl>*i(.l ; V
*) Dr. Mayr nimmt keine Costa cubitalis an, sondern sagt, dass
die Costa externo-media sich in zwei Aeste theile, von denen der
obere Ast gegen die Costa scapularis hinlaufe und ein Querästchea
zu derselben sende (Formicina austriaca in d. Verb. d. zoolog.-botan.
Allgemeine Orismologie der Ameisen, 337
4. Die Costa interno -media (Fltr. 38b, 11), welche dem
äusseren Flügclrande parallel läuft. Auch hier ist die Co^ta
separans (Fig-. 38b, 12) vorhanden.
Wie an den Vorderflüg-eln, so findet man auch an den
Hinlerflügeln oft einzelne Theile der Rippen nicht ausge-
prägt; dies ist z. B. der Fall beiMyrmica laevinodis Taf. XII.
Fig. 40b), wo das Ende d^r Costa scapularis, das Ende der
Costa cubitalis, der Costa transverso-media, der Costa in-
terno-media und der Anfang der Costa externo-media nicht
ausgeprägt sind.
Die Rippenvertheilung der Hinterflügel ist bei den
verschiedenen Ameisengattungen im Ganzen dieselbe. Viel-
leicht Hessen sich dennoch durch die verschiedene Ent-
wickelung der Costa basalis und der Costa cubitalis Spe-
ciesunterschiede feststellen. Genaueres kann ich jedoch
hierüber nicht angeben.
Es bleibt also die Rippenvertheilung der Vorderflügel
Hauptcharakteristik der Gattungen *).
Die Flügel der Ameisenweibchen brechen an ihrem
Grunde sehr leicht ab. Nachdem die geschlechtlichen
Ameisen sich in der Luft begattet haben, entledigt sich
Yer. in Wien ßd. V. 1855. p. 297). Besser scheint mir unsere Erklä-
rung zu sein.
*■) In wie fern man die Rippenvertheilung der Flügel zur
Galtungscharakteristik benutzt, lasst sich aus folgender Zusammen-
stellung übersehen :
Fig. 38« stellt den Vorderflügel von Formica nigra dar; dieselbe Rip-
penvertheilung kommt vor bei den Gattungen Formica, Ta-
pinoma, Polyergus, Tetramorium, Strongylognathus und Le-
ptothorax.
„ 39* stellt den Vorderflügel von Diplorhoptrum fugax dar; die-
selbe Form findet man bei den (iattungen Myrmecina,
Diplorhoptrum, Crematogaster.
„ 39l> stellt den Vorderflügel von Atta siibterranea dar; als Form
für die Gattungen llypoclinea, Touera, Oecophthora und Atta.
„ 40a stellt den Vorderflügel vonMyrmica ruginodis dar; als Form
der Gatt. Myrmira.
„ 38b stellt den Hinterflügel von Formica flava dar; Fig. 40*» den
Hinterflügel von Myrmica laevinodis.
ArcWr für Naturg. XXVIII. Jahrg. l.Bd. 22
338 F e n g e r :
(las $ entweder selbst seiner Flügel durch vertrackte Be-
wegungen, welche es mit denselben anstellt, oder sie wer-
den ihm von den 2 abgekneipt. Hierauf gründet es seine
Colonie durch Eierlegen. Vor dem Schwärmen behält es
stets seine Flügel bei, wesshalb man zu dieser Zeit immer
geflügelte $ in den Colonien antrefl"en kann, während diese
nachher selten gefunden werden. Häulig hingegen kommen
auch noch später geflügelte </ in den Colonien vor; bei
Formica flava z. B. fand ich solche noch im December, als
schon eine bedeutende Kälte eingetreten war. Wahrschein-
lich also überwinterten dieselben mit den J.
Höchst interessant ist die Beobachtung, mit welcher
Klugheit die $ die Flügel eines </ oder $, welches eben
erst die Puppenhülle verlassen hat, zu entfalten streben.
Mehrere Male habe ich mit Vergnügen diesem Treiben bei
meinen künstlich aufgehobenen Ameisencolonien zugesehen.
Nachdem die Puppenhülle von den 2 an der Stelle, wo der
Kopf des Insektes liegt, aufgebissen ist '""), fängt das Thier-
chen an, in dem Cocon unruhig zu werden **«*), reckt sich
nach verschiedenen Richtungen hin und sucht die Vorder-
füsse durch die OefTnung des Cocons herauszustrecken.
Auf diese Weise tritt das Imago nach langem Arbeiten aus
der Puppenhülle hervor; es versammeln sich mehrere J
um dasselbe und befreien es unter Liebesbezeugungen von
den zarten, weissen Häutchen, in welche jedes Glied des
Körpers eingehüllt ist. Bewunderungswürdig ist die Zärt-
lichkeit und Geschicklichkeit, mit welcher sie diese Arbeit
verrichten. An allen Körpertheilen sind sie mit ihren
Oberkiefern beschäftigt, und besonders die Flügel machen
ihnen viele Arbeit. Auch diese liegen nämlich zusammen-
gefallen in einer Hülle. Die $ stellen sich mit den Vor-
derfüssen auf den Leib des Insektes und entfernen theils
mit ihren Oberkiefern, theils durch Kratzen mit den Füssen
*) Die geschlechtlichen Ameisen können sich nicht selbst aus
dem Cocon befreien, sondern stets geschieht dies durch die ^.
*""■) Selbst noch nicht gerade völlig entwickelte Puppen bewegen
sich, wenn man an dieser Stelle den Cocon öffnet, wie ich oftmals
beobachtet habe.
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 339
das umschliessende Häiitchen. Nachdem sie dieses nach
langer, emsiger Beschäftigung weggesciiafft haben, drücken
sie vorsichtig die Oberflügel seitwärts, um sie von den
Unterflügeln zu trennen, an welche sie in Folge einiger
Feuchtigkeit anhaften. Während einzelne $ hiermit be-
schäftigt sind, stecken andere den Kopf unter die Flügel
und reinigen Brust und Hinterleib. Alles dieses lässt das
Insekt geduldig geschehen ; doch bemerkte ich, dass während
dieser Reinigung ein $ mit seinen Vorderfüssen jenem auf
der Brust stand und seinen Kopf auf dasselbe niedergelegt
hatte, was wahrscheinlich desshalb geschah, damit es desto
ruhiger sich verhalte.
';'; = 'In den Thorax ist der Hinterleib vermittelst eines
Stiel ch ens (Petiolus) eingelenkt. Dieses Stielchen stellt
das erste, oder das erste und zweite metamorphosirte Hin-
terleibssegment dar, je nachdem es entweder aas einem,
oder aus zwei. Gliedern besteht. Nach der Gliederzahl des
Stielchens theilt man alle Ameisen in zwei Hauptgruppen
ein, von denen die erstere zwei Unterfamilien, die Formi-
Ciden und Poneriden (der Unterschied zwischen beiden ist
durch den Hinterleib, wie wir später sehen werden, gege-
ben) umfasst, welche beide ein eingliederiges Stielchen be-
sitzen, während der zweiten Gruppe, die nur eine Subfamilie,
die Myrmiciden, bildet, ein zweigliederiges Stielchen zu-
kommt.
Das eino-liederio-e Stielchen ist an und für sich ein-
"fach und unwichtig; allein es trägt in den meisten Fällen
eine sogenannte Schuppe (Taf. XI. Fig. 28, b; so wie
Fig. 22), deren Stellung, Form und Behaarung mir wichti-
ger erscheint, als es bisher von den Myrmecologen ange-
nommen worden ist.
Ich nehme aus Gründen, die ich sogleich entwickeln
werde, gegen die bisherige Ansicht der Myrmecologen an,
dass alleFormicidenund Poneriden eineSc huppe
besitzen, wo hing-egen die Myrmiciden anstatt der Schuppe
an dem zweigliederigen Stielchen Knoten haben (Taf. XI.
Fig. 27).
Die Schuppe ist bei den Poneriden stets gehörig aus-
gebildet, während dies nicht immer der Fall ist bei den
340 K e n g e r :
Formiciden. Hier unterscheide ich zwei Hauplfälle in Be-
zug auf die Entwickelung der Schuppe, nämlich:
1) entwickelte und vom Slielchen getrennte Schuppen;
2) unentwickelte , mit dem Stielchen verwachsene
Schuppen.
Die entwickelten Schuppen stehen entweder völlig
aufrecht (Gattungen Formica L. und Polyergus Ltr.), oder
sind stark nach vorne geneigt (Tapinoma Forst, etc.). Bei
der Gatt. Monocombus betrachte ich die Verdickung des
Stielchens nicht als einen Knoten, der einem Myrmiciden-
Knolen entspricht, sondern als eine unentwickelte, mit dem
Stielchen verwachsene Schuppe. Dr. Mayr zählt ferner
zu den Formiciden mit knotenförmigem Slielchen ausser
der Gatt. Monocombus Mayr, noch das J" der Gatt. Hypo-
clinea Forst. *"*). Abgesehen aber davon, dass es unnatür-
lich ist, das (/ einer Gattung aus dieser auszuscheiden und
unter eine andere Rubrik der Eintheilung zu bringen, ist
diese Versetzung auch aus folgendem Grunde überflüssig.
Wenn man die Bildung der Schuppe bei den verschiedenen
Geschlechtern betrachtet, so findet man stets, dass die
Schuppe des d^ niedriger und unentwickelter ist, als die-
jenige der $ und der $. Ich habe dieses überall bei
den Ameisen bestätigt gesehen. Besonders auffallend tritt
diese untergeordnete Entwickelung der Schuppe bei der
Gatt. Tapinoma Forst, hervor, wo die Schuppe der 2 ^^^ ?
völlig entwickelt ist und mit dem Stielchen einen Keil
bildet, dessen Basis an das Metanotum grenzt , während
diejenige der J" schon theilweise mit dem Stielchen ver-
schmolzen ist. Dieselbe Bildung zeigt die Schuppe der
5 und J aus der Gatt. Hypoclinea; hier jedoch ist diejenige
des J' ganz mit dem Stielchen verwachsen. Dr. Mayr
betrachtet nun dieses Stielchen als einknotig, im Gegen-
satze zu den Myrmiciden, welche ein zweiknotiges Stiel-
chen besitzen; allein, wie gesagt, billige ich diese An-
schauungsweise nicht, weil die allgemeine Betrachtung der
Schuppenentwickelung meine Erklärung als eine viel na-
^'') Formicina austriaca in d. Verh. d. zool.-bot. Ver. in Wien.
Pd. V. 1855. p. 300,
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 341
fürlichere erscheinen lässt, als diejenige, dass unter den
Formicidcn, welche sonst sämmtlich eine deutliche Schuppe
besitzen, bei anderüialber Gattung statt der Schuppe ein
Knoten vorkommen soll. Dann ist auch die unnatürliche
Versetzung des ^ der Gatt. Hypoclinea Forst, aus dieser
unter eine andere Rubrik des Systems unnöthig, es können
vielmehr alle drei Geschlechter vereinigt bleiben und die
Gattung Hypoclinea Forst, bildet sodann einen schönen Ue-
bergang zu der folgenden Gatt. Monocombus Mayr, wo alle
drei Geschlechter eine mit dem Stielchen verwachsene
Schuppe besitzen. Auf die Gatt. Monocombus kann sodann
ganz naturgemäss die Gatt. Ponera Ltr. folgen, weil diese,
trotzdem, dass sie eine Schuppe besitzt, doch wegen ihres
Stachels, der unter den mit Schuppen versehenen Ameisen
sonst nur noch bei der Gatt. Polyergus Ltr. vorkommt, den
üebergang zu den Myrmiciden bildet.
AufTaf. XI habe ich die Schuppe verschiedener Spe-
cies abgebildet; es würde zu weit führen, auf eine genaue
Beschreibung ihrer verschiedenen Formen einzugehen; die-
selben sind aus den einzelnen Figuren am besten ersichtlich.
Ich bemerke nur, dass man an der Schuppe ausser ihrer
Stellung noch
1) ihre Höhe und Breite und deren gegenseitiges
Verhältniss zu einander;
2) ihre Form, besonders die Bildung des oberen
Randes; und
3) ihre Behaarung so wie ihren Glanz bei der
Classifikation zu berücksichtigen hat.
Wenn man diesen Punkten eine gehörige Beachtung
zukommen lässt, so bin ich der Ansicht, dass bloss durch
die Bildung der Schuppe schon eine genaue Unterscheidung
der Species bewerkstelligt werden könne ; denn kein Theil
des Ameisenkörpers zeigt eine solche Mannigfaltigkeit in
seiner Form, Grösse und Glanz, wie gerade dieser, so dass
ich im Verlaufe meiner Untersuchungen noch nie verschie-
dene Species vorgefunden habe, welche in jeder Beziehung
ganz dieselbe Schuppe besessen hätten. Es scheint mir
also, dass der Schuppe bei der Classifikation der Formici-
den und Poneriden bisher nicht die gehörige Beachtung
342 F e n g e r :
zuerkannt worden ist, und ich glaube, dass es sich sicher-
lich der Mühe lohnen würde, die Bildung- dieses Theiles
als eine Charakteristik der Species anzunehmen. Freilich
kann eine solche Unterscheidung nur durch unmittelbare
Anschauung des betreuenden Theiles gebildet werden.
Bei den Myrmiciden findet man, wie gesagt, nie eine
Schuppe, sondern das Stielchen besteht au§ zwei Kno-
ten (Taf. XII. Fig. 27). Der erste Knoten (a) ist vorne
gewöhnlich sticHörmig verlängert (Gatt. Myrmica Llr.,
Oecophlhora Heer etc.). Auf der Oberseite dieser sliel-
löimigen Verlängerung habe ich bei Myrmica nach hinten
gerichtete, kurze, dicht gestellte Härchen vorgelunden; in
wie weit dieselben unter den Myrmiciden verbreitet sind,
ob sie stets an der stielförmigen Verlängerung des ersten
Knotens auftreten, kann ich einstweilen noch nicht völlig
entscheiden. An der Unterseite dieser stielförmigen Ver-
längerung bemerkt man gewöhnlich einen kleinen Zahn (g),
welcher in seltenen Fällen (Gattung Diplorhoptrum Mayr)
ziemlich lang und spitz wird. Zuweilen fehlt die stielför-
mige Verlängerung des ersten Knotens gänzlich (Gatt. For-
micoxenus Mayr, Myrmecina Curt. etc.), so dass sich der
erste Knoten unmittelbar an die Brust ansetzt.
Der erste Knoten stellt an und für sich eine stumpfe
konische Erhebung dar und zeigt gewöhnlich keine son-
stigen Eigenthümiichkeiten; zuweilen findet man jedoch an
seiner Oberseite vorne jederseits einen zahnartigen, stum-
pfen Höcker (Gatt. Myrmecina Curt., bei dem (/ dieser
Gattung hat er an der hinteren, oberen Fläche einen Quer-
eindruck).
Die Masse des Knotens befindet sich gewöhnlich nur
an der Oberseite des Stielchens, während die Unterseite
des letzteren concav gewölbt ist (Taf. XI. Fig. 27), und
nur bei der Gatt. Formicoxenus Älayr dehnt sich dieselbe
auch auf die Unterseite des Slielchens aus und bildet dort
einen stumpfen starken Zahn.
Neben der Form muss man bei der Classifikation noch
die Höhe und Breite des ersten Knotens für sich, so wie
im Vergleiche zum zweiten Knoten berücksichtigen; aus-
serdem kann seine Behaarung und Schraffirung, welche
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 343
ebenfalls bei den verschiedenen Species sehr wechselt, bei
den Individuen einer und derselben Art jedoch constant zu
bleiben scheint, in Betracht gezogen werden.
Der zweite Knoten des Stielchens (Taf. XI. Fig. 27 b)
ist von dem ersten durch ein sehr kurzes, dünnes Stielchen
getrennt und sein oberer Höcker ist demjenigen des ersten
Knotens in der Richtung entgegengesetzt. An seiner obe-
ren, vorderen Fläche ist derselbe gewöhnlich convex, an
der hinteren concav gewölbt ; sein Höcker dehnt sich auch
noch auf die Unterseite des Stielchens aus und bildet hier
ebenfalls einen mehr oder weniger starken Auswuchs. Oft
bildet sich an dieser Stelle ein nach vorn gerichteter Dorn
(Gatt. Formicoxenus Mayr), dessen Erscheinen jedoch zu
den Seltenheiten gehört.
Für die Classifikation sind auch hier ganz dieselben
Merkmale zu berücksichtigen, auf welche wir bei der Be-
trachtung des ersten Knotens hingewiesen haben.
Zwischen dem zweiten Knoten und dem Hinterleibe
tritt dasselbe dünne Stielchen auf, wie wir es zwischen den
beiden Knoten vorgefunden haben.
Die Bildung der Knoten in den im Vorhergehenden
angedeuteten Beziehungen betrachtet, besitzt dieselbe Wich-
tigkeit für die Classifikation der Myrmiciden, wie diejenige
der Schuppe für die Formiciden und Poneriden; erstcre ist
bisher mehr berücksichtigt worden als letztere.
Was die Bedeutung der Knoten so wie der Schuppe
anbetrifft, so ist dieselbe, so viel mir bekannt ist, bisher
keiner näheren Erörterung gewürdigt worden. Freilich
mag es schwierig erscheinen, den Zweck dieser merkwür-
digen Gebilde an dem Ameisenkörper zu erklären ; aber
einen Zweck müssen dieselben doch haben, da jedem noch
so geringen und anscheinend unwichtigen Theile des Orga-
nismus eine feste Bestimmung zukommt.
Meiner Meinung nach, welche ich auch durch die
Beobachtung theilweise bestätigt gefunden habe, ist der
Zweck der Knoten und der Schuppe ein doppelter. Erstens
tragen dieselben zur Stärke des an und für
sich sehr schwachen und dennoch ziemlich
langen Hinlerleibsstielchens Vieles bei. Bei
344 F e n g e r :
den Knoten sieht man dieses ohne Weiteres ein; aber auch
für die Schuppe ist diese Behauptung insofern gerechtfer-
tigt, als dieselbe an ihrem unleren Ende, wo sie dem Stiel-
chen aufsitzt, am kräftigsten und dicksten gebildet ist und
hier gleichsam einen wulstigen Ring um den Stiel herum
darstellt. Diese Verdickung reicht für die Stärkung des
Stielchens, welches eine Schuppe trägt, vollkommen hin,
weil dasselbe nicht so sehr in die Länge ausgedehnt ist,
als dasjenige der Myrmiciden.
Der Hauptzweck der Schuppe sowohl wie der Knoten
scheint mir jedoch der zu sein, dasssie eine Gegen-
stütze für den ganzen Vordcrleib bilden, wenn
derselbe eine rückwärts gebogene Stellung einnimmt, wäh-
rend der Hinterleib horizontal verbleibt. Solche rückwärts
gekehrten Biegungen des Vorderleibes kommen bei den
Ameisen gar nicht selten vor; man kann dieselben zuwei-
len beobachten, wenn das Insekt mit anderen im Kampfe
begriffen ist, wie auch bei sonstigen Verrichtungen. Wenn
auch bei diesen Biegungen der Thorax nicht in Gefahr
stände, von dem sehr dünnen Stielchen völlig abzubrechen
(was übrigens leicht der Fall sein könnte), so würde die
Ameise doch wenigstens durch die bedeutende, ungewöhn-
liche Ausdehnung des Gelenkes Schmerz empfinden und
sich beschädigen. Ohne Schuppe und Knoten stände die
schwache Bildung des Stielchens in keinem Verhältnisse
zu dem stark entwickelten Vorder- und Hinterleibe. Die
Schuppe des eingliederigen und der erste Knoten des
zweigliederigen Stielchens heben durch ihre doppelte Be-
stimmung dieses Missverhältniss auf. Die Stellung und der
Bau dieser Gebilde sprechen entschieden für diese Bestim-
mung. Kräftig an ihrem Grunde, können sie einen ziem-
lich grossen Druck , der auf ihre Oberfläche einwirkt,
aushalten und durch ihre Richtung nach vorne hin gestatten
sie dem Thorax nur bis zu einer bestimmten Grenze eine
rückwärts gerichtete Bewegung anzunehmen. Dann zeugt
für diese Bestimmung die Bildung des Metanotums, dessen
abschüssige Fläche bei den mit einer Schuppe versehenen
Ameisen nie (ausser den J und $ der Gatt. Hypoclinea
Forst.) ausgehöhlt erscheint. Das AJclanotum legt sich mit
Allgemeine Oiismologie der Ameisen. 345
seiner abschüssigen Fläche bei jener Stellung des Thorax
gegen die Schuppe an. Bei den j und 5 von Hypocliriea
Forst, hingegen ist das Metanolum hoch und besitzt an
seiner höchsten Stelle zwei Zähne, während die Schuppe
in dieser Gattung an ihrem oberen Rande stark halbmond-
förmig ausgeschnitten ist, so dass beiderseits ebenfalls zwei
lange Zähne an derselben gebildet werden; diese verschie-
denen Zähne legen sich bei der rückwärts gerichteten
Stellung des Thorax in einander, wodurch ebenfalls der
Zweck der Schuppe völlig erreicht wird.
Die Schuppe bildet also einestheils eine Stütze für
den Thorax; anderentheils dient sie auch dem Hinterleibe,
wenn derselbe in eine ungewöhnliche Stellung versetzt
wird, insofern als Gegenstütze, als sie diesem mit ihrer
starken Basis näher steht als dem Thorax '^).
Bei den Myrmiciden tritt die Bestimmung des ersten
Knotens als Gegenstütze für den Thorax noch auffälliger
hervor. Der Höcker derselben ist ebenfalls nach vorne
gerichtet und das Metanotum zeigt eine höchst angemessene
Bildung zu seiner Aufnahme, im Falle der Thoraxjsich
rückwärts biegt. Letzteres ist nämlich an seiner abschüs-
sigen Fläche stets ausgehöhlt, wie wir früher gesehen
haben; in diese Aushöhlung legt sich der Höcker des ersten
Knotens hinein und die damit angenommene Lage desselben
wird noch durch die seitlich am Metanotum stehenden Zähne
und Dornen so befestigt, dass eine Verrückung des Knotens
in jener glatten Vertiefung nicht stattfinden kann, indem
sich die Dornen an seinen Seitenflächen herunterlegen.
Der zweite Knoten hingegen, dessen Höcker nach hinten
gerichtet ist, bildet eine Grenze für die nach vorwärts ge-
richtete Biegung des Hinterleibes.
Auf diese Weise wird also dem von einem starren
Hornpanzer umgebenen Ameisenkörper durch das llinler-
leibssticlchen die nötiiige Gelenkigkeit verliehen, und dieser
Gelenkigkeit wird durch die Schuppe, so wie durch die
Knoten eine bestimmte Grenze gesetzt, über welche hinaus
*) Auf Taf. XL Fig. 28 ist dieser gegenseitige Absland /.wischen
Schuppe und Hinterleib zu gross ausgedrückt.
346 F e n g e r :
dieselbe dem Thiere zum Schaden gereichen würde. Es
besläH<ft sich also auch an dem winzig-en Ameisenkörper
die überall in der Nalur hervortretende Wahrheit, dass
zwischen der Form und dem Zwecke alles GeschalFenen
die innigste und schönste Uebereinstimmung herrscht.
Um nunmehr zur Belrachtung des Hinterleibes
überzugehen, so mündet das Slielchen stets an der Grenze
von Ober- und Unterseite in denselben ein; nur in einem
Falle führt es nicht an dieser Stelle in den Hinterleib,
sondern geht durch dessen Oberseite hindurch (bei den 2
und $ der Gatt. Crcmatogaster Lund).
Der eigentliche Hinterleib ist bei den w und $ läng-
lich ; zuweilen ist er mehr kurz und nähert sich der run-
den Form (Formica austriaca Mayr; ferner bei den Gattun-
gen Oecophthora Heer und Atta Fabr.). Meistens erscheint
er an seiner Oberseite stärker gewölbt, als an der Un-
terseite (Taf. XI. Fig. 28); jedoch findet das umgekehrte
Verhältniss bei der Gatt. Crematogaster Lund statt, wo der
fast flachen Oberseite eine gewölbte Unterseite gegenüber-
steht. Der Hinterleib der $ gleicht im Allgemeinen dem-
jenigen der J; nur ist er dicker und etwas grösser; der-
jenige des J" ist mehr schmal und in die Länge gezogen.
Der Hinterleib besteht stets aus einer gleichen Anzahl
Rücken- und Bauch Segmente. Bei den ^ und $
der Formiciden und Poneriden findet man von jeder Art
Hinlerleibssegmenten 5, bei den </ dagegen 6. Die 5 und $
der Myrmiciden haben nur 4 Rücken - und 4 Bauchsegmente,
während die (^ deren 5 haben. Eigentlich besitzen eines-
Iheils die ^ und $, anderntheils die J" aller Ameisen
dieselbe Anzahl von Hinterleibssegmenten, wenn wir bei
den Formiciden und Poneriden das zum Slielchen metamor-
phosirte erste, und bei den Myrmiciden die beiden ersten
metaniorphosirten Segmente mit in Betracht ziehen wollen.
Stets sind die Rückensegmentc länger als die ßauch-
segmente und legen sich an der Bauchseile über diese hin
(Taf. XL Fig. 30, wo die äusseren Abschnitte a, b, c, d, e
die herübergebogenen Enden der Rückensegmenle bezeich-
nen, während die in der Mille zwischen denselben liegen-
den Abschnitte die ßauchscgmentc andeuten). Die ersten
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 347
Segmente, sowohl des Bauches als des Rückens, sind am
breitesten, während die folgenden allmählich schmäler wer-'"
den. Gar nicht selten ist es besonders unter den Myrmi-
ciden , dass das erste Segment eine aussergewöhnliche
Breite besitzt und für sich allein schon den grössten Theil
des Hinterleibes bedeckt (Taf. XI. Fig. 29). Dieses ausser-«'^
gewöhnliche Breitenverhältniss des ersten Segmentes kann 'l
natürlich recht gut als Unterscheidungsmerkmal der ver-
schiedenen Species benutzt werden.
Das Hintcrende eines jeden Segmentes bildet stets
einen mehr oder weniger breiten, häutigen und durch-
scheinenden Rand; dieser Rand zeigt nie eine Behaarung,
wohl zuweilen eine schöne Metallfarbe (bei Formica ligni-
perda Nyl. Taf. XI. Fig. 28, 8 ist er glänzend goldgelb).
Ebenso ist der vordere Theil eines jeden Segmentes, der
unter dem Hinterrande des vorhergehenden verborgen liegt,
niemals behaart, sondern stets glatt und zuweilen metalK-
glänzend. Die übrige Fläche der Segmente zeigt eine bei
den verschiedenen Species sehr wechselnde Behaarung, die
entweder als dichte Pubescenz (Formica herculeana Nyl.),
oder als in regelmässige Ouerreihen gestellte oder zer-
streute Beborstung auftritt (bei den meisten Ameisen, zu-
mal an den letzten Hinterleibssegmenten).
Der Hinterleib der Myrmiciden ist stets völlig glatt
und meistens glänzend (ausser der Gatt. Aphaenogaster
Mayr) ; nie ist er wohl ganz dicht mit Borsten besetzt,
wie man dieses gewöhnlich bei den Formiciden findet.
Die verschiedenartiore ßehaaruno- so wie der Glanz
der einzelnen Segmente, dienen als gute Unterscheidungs-
merkmale der Species.
Gewöhnlich legen sich die aufeinanderfolgenden Seg-
mente so übereinander, dass sie einen regelmässig ge-
wölbten, nach hinten in eine Spitze auslaufenden Körper
bilden; so ist der Hinterleib bei allen Formiciden und Myr-
miciden gestaltet; bei den Poneriden hingegen weicht er
von dieser Form insofern ab, als er zwischen dem ersten
und zweiten Segmente eine Einschnürung besitzt. Durch
diese abweichende Form des Hinlerleibcs ist die Unter-
scheidung zwischen Poneriden und Formiciden, welche sonst
348 F e n g e r :
in dem cingliederigen Hintcrieibsstiele mit einander über-
einstimmen, kurziund scharf gegeben.
Am Ende des Hinterleibes findet man die äusseren
Geschlechtsorgane. Dieselben sind am einfachsten und un-
entwickeltsten bei den 2j hier stellen sie nämlich eine
kurze, dünne und enge Röhre dar (Taf. XI. Fig. 39a u. 39l>),
welche mehr häutig als hornig zu sein scheint; in die
Membran derselben inseriren sich am hinteren Rande ziem-
lich lange Borsten (c), die meist an ihrer Spitze haken-
förmig gekrümmt sind und in einem Kranze geordnet stehen.
In Fig. 391) habe ich die Röhre plattgedrückt dargestellt
und man ersieht aus derselben, dass die Borsten tief in
die Röhrenmembran eindringen ; an diesen Theil der Röh-
renmembran, in welcher also die Wurzeln der Borsten lie-
gen, schliesst sich ohne Weiteres eine zellige Schicht an,
die eine Erweiterung der engen Röhre bildet und eine
hellere Farbe und weichere Beschaffenheit, als die Hinter-
leibssegmente , zeigt (Fig. 31b> b). Dieser ganze Apparat
kann zwischen die letzten Hinterleibssegmente eingezogen
und aus denselben vorgestreckt werden.
Mehr entwickelt sind die äusseren Geschlechtstheile
bei den $ (Taf. XI. Fig. 32a u. 32b); erstere Figur stellt
die Röhre so dar, wie sie sich im natürlichen Zustande an
dem Hinterleibsende des j vorfindet. Man sieht, dass auch
hier die Röhre in Borsten endet, welche bedeutend kürzer
sind als bei den $, und deren Wurzeln tief in die Röhren-
membran eingesenkt erscheinen. An der Stelle, wo die
Borsten aus der Röhre hervortreten (Fig. 32b, f), bemerkt
man einen dunkel gefärbten Ring; durch diesen hindurch
setzen sich die Borsten fort, bis sie vor einem zweiten,
etwas breiten Ringe (Fig. 32b, d) enden. Hinter diesem
zweiten Ringe beginnt nun die heller gefärbte, zarte Zel-
lenschicht (Fig. 32b, b), welche wir ebenfalls bei den Ar-
beitern vorgefunden haben.
Schon diese äusseren Theile der Geschlechtsorgane
beweisen die nahe Verwandtschaft der 5 und ^; bei bei-
den findet man nur den Unterschied, dass die Röhre des $
weiter und länger ist und eine zweifache Gliederung zeigt,
während diejenige der 5 eng, kurz und eingliederig ist.
Allgemeine Orismologie der Ameisen. 349
Es liegt Tiiclil in unserer Aufgabe, speciell auch auf
die inneren Theile der Geschlechtsorgane bei den Ameisen
einzugehen ; nur möge noch darauf aufmerksam gemacht
werden, dass dieselben beim $ hauptsächlich aus zwei, an
den Seiten des Hinterleibes liegenden Eierstöcken be-
stehen, welche aus mehr oder weniger zahlreichen, stets
mehrfächerigen, oben blind endenden, an der Spitze mit
einander verschlungenen Eierstock röhren zusammen-
gesetzt sind, die von einem dichten Tracheennetze um-
sponnen werden. Dieselben münden in die sogenannten
Tuben (Eileiter). Ausserdem findet man noch das sog.
Receptaculum seminis, ein kleines, seitlich angebrachtes
Bläschen, welches zur Aufbewahrung des Samens dient,
und die Bursa copulatrix (ßegattungstasche), die bei der
Begattung den Penis so wie oft Samenmasse in sich auf-
nimmt.
Aehnliche, sehr unentwickelt gebliebene Organe findet
man in dem Hinterleibe der J; die Vergleichung derselben
mit den inneren Geschlechtstheilen des $ beweist ebenfalls,
dass die ^ von Natur 5 vorstellen, deren Geschlechtsorgane
nicht zur vollen Entwickelung gelangt sind ^^).
Die äussern Theile der männlichen Geschlechts-
organe sind meistens kräftig entwickelt (Taf. XI. Fig. 33
und 33b), ragen stets mehr oder weniger aus dem Hinter-
leibe hervor (wie Fig. 33a zeigt, wo d das letzte Hinter-
leibssegment und a b c die Geschlechtstheile bedeuten),
sind nach unten gekrümmt und bestehen aus mehreren
Theilen:
1) Aus den halbkreisförmigen Platten (Fig. 33b,
d d), welche beiderseits liegen.
2) Aus den zwei Penice lli (Fig. 33b, aa), welche bei-
derseits an dem oberen Ende dieser Platten hervor-
ragen, eine konische Gestalt haben und mit ziemlich
langen Borsten besetzt sind, die aus punktförmigen
Vertiefungen hervorzukommen scheinen.
3) Aus drei verschiedenen Klappenpaaren.
'•') Vergleiche weiter Leon Dufour, Rechercbcs sur les Or-
tbopteres p. 406.
350 F e n g e r :
a) einem äusseren Paare, Vag'tnae exlernae;
b) einem mittleren Paare, Vaginae intermediae;
c) einem inneren Paare Vaginae internae.
Letzteres Klappenpaar, welches Fig. Sb^- für sich dar-
gestellt ist, bildet eine vorne fast dreieckig ausgeschlitzte
Röhre; auf der unteren Seite dieser Röhre liegen die Klap-
pen über einander, während sie mir an der Oberseite mit
einander verwachsen zu sein scheinen (Fig. 33b*).
Diese harten, hornigen äusseren Theile der Geschlechts-
organe bieten bei den verschiedenen Species bestimmte
Formverschiedenheiten dar. Desshalb weisst schon v. Sie-
bold darauf hin, dass die äusseren Geschlechlstheile bei
den Insekten überhaupt vermöge ihrer verschiedenen For-
menverhältnisse ein treffliches Unterscheidungsmittel der
Species abgeben können *"""). Diese Angabe habe ich, so-
weit meine Untersuchungen reichen, bei den Ameisen be-
stätigt gefunden und v. Siebold scheint völlig Recht zu
haben, wenn er behauptet, dass selbst sehr verwandle In-
sektenarten keine Rastarde erzeugen können, weil die
äusseren männlichen Regattungsorgane einer Species durch
ihre Form und Ausbildung nur für die weibliche Geschlechts-
öffnung der Individuen, welche derselben Species zugezählt
werden, anpassend sind. tu
"^) Ueber die inneren männlichen Geschlechtsorgane vergleiche
manf^eon Dufour, Recherches sur les Orthopteres p. 399. pl. 3 — 10.
^"^) V. Siebold: Lehrbuch der vergleichenden Anatomie der
wirbellosen Thiere, p. 660. Anmerk. ?.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. X.
Fig. 1. Der Kopf von Forniica lignipcrda von oben gesehen.
„ 2. Kopf von Form, rufa 5 ^'^n oben gesehen.
„ 3. Kopf von Form, sangiiinea ^ von oben.
„ 4. Kopf von Myrmica laevinodis ^ von oben.
„ 5. Kopf von Myrm. nigiilosa ^ von oben.
„ 6. Kopf von Formica llava ^^ von oben.
„ 7. Kopf von Formica iignipcrda ^ von unten.
„ 8*. Der Oberkiefer von Formica ligniperda ^ von unten.
„ 8^, Derselbe von oben gesehen.
i
Allcfemeine Orismologie der Ameisen. 351
Fig. 9. Oberkiefer von Formica flava ^ von oben.
„ 10a. Derselbe von dem (-^ mit zwei Ziihnen.
„ lOb. Derselbe von dem (^ mit einem Zahne.
„ 11. Innere 3Iundtheile von Formica ligniperda ^.
„ 12. Unterkiefer von Form, lignip. ^.
„ 13. Unterlippe von Form, lignip. ^.
„ 14. Thorax von Formica lignip. ^.
„ 15. Thorax von Formica riifa ^.
,, 16. Thorax von Formica sanguinea ^.
„ 17. Thorax von Formica flava ^.
„ ]8a. Thorax von Myrmica laevinodis ^.
„ 18b. Prothorax von Myrmica laevin. ^.
„ 18c. Metathorax von Myrmyca laevin. ^.
„ 19. Prothorax von Myrmica laevin. (^.
„ 20a. Thorax von Myrmica rugulosa ^.
„ 20b. Metathorax von Myrmica rugulosa ^.
„ 20c. Stigma.
„ 21a. Thorax von Formica nigra $ von oben.
„ 21b. Prothorax von Formica nigra $ von den Seite.
Taf. XI.
Fig. 22a. Hinterleibssehuppe von Form, lignip.^; kleineres Individuum.
„ 22b. Dieselbe von der Seite gesehen.
„ 22c. Hinterleibssehuppe von Formica lignip. ^ ; grösseres In-
dividuum.
„ 23. Hinterleibssehuppe von Formica rufa ^.
„ 24a. Hinterleibssehuppe von Form, sanguinea ^.
„ 24b. Etwas anders gestaltete Schuppe von Form, sanguinea ^.
„ 24«. Hinterleibssehuppe von Form, sanguinea $.
y, 25a. Schuppe von Formica flava ^.
„ 25b. Dieselbe von einem anderen Individuum derselben Species,
etwas anders gestaltet.
„ 25c. Schuppe von Formica flava $.
„ 25^. Dieselbe von Formica flava (^.
r, 26a. Schuppe von Formica nigra ^.
„ 26b. Dieselbe von Form, nigra $.
„ 27. Hinterleibsstielchen von Myrmica laevinodis ^.
„ 28. Hinterleib von Formica ligniperda ^.
„ 29. Derselbe von Myrmica rugulosa ^.
„ 30. Derselbe von Formica rufa $ von dem Bauche gesehen.
„ 31a. Aeussere Geschlechtstheile von Formica flava ^ in natürli-
cher Lage.
r> 31^. Dieselben plattgedrückt.
352 Fenger: Allgemeine Oiismologie der Ameisen.
Fig. 32«. Die äusseren Geschlechlslheile von Formica ligniperda $ in
natürlicher Lage.
„ 32b. Dieselben plattgedrückt.
„ 33*. Aeiissere Gcschlechtstheile von Formica flava (^ in natürli-
cher Lage.
„ 33b' Dieselben plattgedrückt.
Taf. XII.
Fig. 34». Fühler von Myrmica rugulosa J.
„ 34*». Dieselben von Myrm. rugulosa <^.
„ 35*. Vorderbein von Myrm. rugulosa (^.
„ 35b. Eines der beiden hinteren Beine derselben Species f^.
„ 36*. Kamm nebst dem ersten Fussgliede an den Vorderbeinen
von Myrmica rugulosa ^.
„ 36^. Kamm nebst dem ersten Fussgliede an den hinteren Beinen
von derselben Species.
„ 37. Fussballen eines Ameisenbeines.
„ 38*. Vorderflügel von Formica flava.
„ 38b. Hinterflügel derselben Species.
M 39*. Vorderflügel von Diplorhoptrum fugax (nach Mayr).
„ 39b. Vorderflügel von Atta subterranea (nach Mayr).
„ 40*. Vorderflügel von Myrmica laevinodis.
„ 40b. Hinterflügel von derselben Species.
Briiehstück zur Entwickelungsgeschichte der
Naiilfüsscr.
Von
Fritz flüller
in Desterro.
(Hierzu Taf. XIII).
Seit lange kennt man unter dem Namen Zoea Jugend-
zustände der Krabben und Einsiedlerkrebse, die sich be-
sonders durch den Mangel der zehn Füsse auszeichnen,
denen die erwachsenen Thiere den Namen der Decapoden
verdanken. Denen der Krabben aufs Engste sich anschlies-
sende Zoeaformen beschrieb ich kürzlich von den Porzel-
lankrebsen. Aber auch bei gewissen Garneelen und Maul-
füssern kommen, wie ich seitdem fand, ähnliche Zustände
vor. üeber die Verwandlungsgeschichte der ersteren, die
bald, wie bei Rankenfüssern und Wurzelkrebsen (Rhizoce-
phalen), mit monoculusartigen Formen anheJ)t, um durch
sehr eigenthümliche Zoea- und Mysis- ähnliche Zustände
hindurchzugehen, bald mit Zoeaformen beginnt, die in Bau
und Art der Bewegung denen der Einsiedlerkrebse ähneln,
während bei wieder anderen bekanntlich kaum von einer
Verwandlung die Rede sein kann, — hoffe ich in Kurzem
eine einigermassen vollständige Uebersicht geben zu können ;
bei letzteren habe ich fürs Erste keine Aussicht zu neuen
Beobachtungen und theile daher mit, was ich über die ein-
zige bis jetzt gefundene Larve aufgezeichnet habe.
Das 3,25 Mm. lange Thierchen (Fig. 1) hat im Allge-
meinen die Gestalt und hat auch in vollem Masse die glas-
Arch. für Naturg. XXVIII. Jahrg. 1. Bd. 23
354 Müller:
helle Durchsichtigkeit einer Alima. Die Körperringe sind
fast in gleicher Zahl, wie bei erwachsenen Maulfüssern
vorhanden ; denn nur der sechste und siebente Hinterleibs-
ring sind noch nicht von einander geschieden; aber wie
bei den Zoea der Krabben und Porzellankrebse fehlen noch
spurlos die Anhänge der sechs hinteren ßrustringe ^^), und
die Seitenblätter der Schwanzflosse "-'"').
Das Schild, das die drei hintersten Brustringe un-
bedeckt lässt, ist flach, fast gar nicht seitlich herabgebogen.
Sein hinterer Theil hat ungefähr die Gestalt einer sog.
Seemaus, also eines Vierecks, dessen Ecken in vor- und
hinterwärts gerichtete Spitzen ausgezogen, dessen Vorder-
und Hinterrand gleich breit (etwa 2/3 der Länge), und des-
sen Seiten sanft gewölbt sind. Der Hinterrand ist in der
Mitte, so weit er dem Körper aufliegt, ausgebuchtet. Die
^■) Der überaus gezwungenen Auffassung, die die Brust der
Krnsler, wie die der Insekten, auf drei Ringe beschränken will, habe
ich mich nie befreunden können. Sie wird, scheint mir, durch die
Enlwickelungsgeschichte der einer Verwandlung unterliegenden Krebse
widerlegt, während die altherkömmliche augenfällige Grenzlinie zwi-
schen Brust und Hinterleib dadurch bestätigt wird. Kur die Rück-
sicht auf die Insekten konnte von dieser ab und zu jener neuen
künstlichen Demarcationslinie hinführen. Wenn nun aber überhaupt
Kruster in ihren Körperabschnitten mit Sicherheit den Insekten ver-
gleichbar sind, so sind es gewisse Zoeaformen (z. B. von Pagurus)
mit drei Paar Mundtheilen, drei Paar Füssen und anhangslosem Hin-
terleibe. Diese drei Fnsspaare werden nun allerdings, wie jene
Auflassung will, zu Kieferfüssen des Krebses, aber die fünf eigent-
lichen F'usspaare^desselben entstehen nicht etwa aus dem Hinterleibe
der Zoea, während hinten ein neues „Postabdomen" hervorsprosst, —
sondern sie entstehen vor dem Hinterleibe und häufig gleichzeitig
und in gleicher Form mit dem dritten Paare der Kieferfüsse. Sie
sind als ein den Insekten ganz fehlender Zuwachs zur Brust zu be-
trachten, und es wiederholt sich hier noch einmal der Vorgang, dass
nach dem Auftreten neuer hinlerer Füsse die vorderen ihrer ursprüng-
lichen Verrichtung untreu und zu Fühlern oder Fresswerkzeugen
werden.
^'0 Die beiden letzten Ilinterleibsringe, die meist so auffallend
von den vorhergehenden abweichen, denselben unter eigenem Namen,
als Schwanz, entgegenzustellen, lässt sich ebenfalls aus der Ent-
wickelungsgeschichte der Genannten rechtfertigen.
Bruchstück zur EnlW'icUelunffsjTeschichte der Maulfüsser. 355
'o o
vorderen Ecken liegen über dem Urspriino-e der hinteren
Fühler; zwischen ihnen setzt sich das Schild nach vorne
fort, rasch sich verjungend und in eine Spitze auslaufend,
die den Körper um etwa Vg seiner Länge überragt. Die
Längre des vom Schilde bedeckten vorderen verhält sich zu
der des hinteren unbedeckten Körpertheiles etwa wie 3 : 5.
Der vorderste, Augen und Fühler tragende Abschnitt
des Körpers (Fig. 2), der fast ganz von einer ansehnlichen
Nervenmasse gefüllt ist, bildet ein 0,28 Mm. langes, hinten
ebenso, vorn halb so breites Viereck, in dessen Mitte auf
der Unterseite ein kurzer vorwärts gerichter Dorn steht.
Von seinen vorderen Ecken entspringen die Augen , deren
äusserste Wölbungen, wenn sie gerade seitwärts gerichtet,
0,5 Mm. von einander entfernt sind ; V3 dieser Entfernung
kommt auf den Stirnrand und die schlanken Grundglieder
der Stiele. Das Endglied des Augenslieles bildet einen
schiefen Kegel, dessen vorderer Rand etwa Vg des hinteren
misst; letzterem kommt der Durchmesser der Grundfläche
etwa gleich, über welche sich das eigentliche Auge wölbt.
Unter dem Stirnrande sieht man in der Mitte eines
halbkreisförmigen Vorsprunges ein kleines schwarzes un-
paares Auge, welches vielleicht daraufhindeutet, dass
auch hier die Entwickelung mit einäugigen Zuständen
beginnt.
Etwas näher den Augen als den hinteren Fühlern
entspringen vom Rande des Körpers die vorderen Füh-
ler; die auf dreigliedrigem Stiele einen zweigliedrigen
oberen und inneren ungegliederten unteren Ast tragen und
etwa V5 der Körperlänge erreichen. Von den drei Gliedern
des Stieles ist das mittlere halb so lang als jedes der bei-
den anderen; die beiden ersten sind walzenförmig, das
dritte nach oben verdickt. Der obere Ast ist schlank, von
der Länge des Stiels und trägt eine lange Rorste am Ende
des ersten, zwei am Ende des kurzen zweiten Gliedes.
Der untere Ast ist kegelförmig zugespitzt, kürzer, aber weit
dicker als der obere, mit langer Endborste; er trägt (Fig. 3)
etwa in der Mitte seiner oberen Fläche sechs dünne, wal-
zenförmige Fäden oder „Stäbchen" mit abgerundeter Spitze
und sehr zarten Umrissen. Die drei oberen sind etwa
356 Müller:
0,2 Mm. lang ; die drei unteren erreichen nur V3 dieser
Länge.
In Bezug auf diese „Stäbchen" an den inneren
Fühlern der Kruster sei mir eine kleine Abschwei-
fung gestattet. Es scheinen diese Gebilde, auf die man in
neuerer Zeit bei niederen Kruslern von mehreren Seiten
aufmerksam geworden ist *) sehr allgemein in der ganzen
Klasse vorbreitet zu sein. Ich fand sie bei verschiedenen
Copepoden, bei den Larven von Balanen und Rhizocepha-
len, bei jungen Bopyrus bei Tanais u. a. Isopoden, bei
Caprella, bei vielen Gammarinen, bei Hyperia, bei Cuma
und Bodotria und bei allen stielaugigen Krebsen, die ich
darauf untersuchte. Ich vermisste sie nur bei einigen
Schmarotzern (Bopyrus, Cymothoa) und landbewohnenden
Krustern (Ligia, Orchestia). Von zwei hiesigen Arten der
letztgenannten Gattung fehlen sie der einen, während die
andere sie besitzt **). Ihre Zahl und Anordnung, ihre
*■) Sc hö dl er sah sie 1846 bei Acanthocercus, Leydig 1851
bei Branchipus, später bei Polyphemus u. a. Daphniden, Max Schultze
1852 bei Balanenlarven. Auch „eigenthümliche, schotenförmige, ge-
stielte Anhängsel" (Fig. 12), die mir 1846 am dritten und den fol-
genden Geisselgliedern der inneren Fühler des Sphäroma der Ostsee
auffielen, dürften trotz der abweichenden Gestalt hierher gehören.
'•■*) Zusatz von M. Schultze: Ausführlicher noch- als an den
Fritz Müller bekannten Stellen sind die in Rede stehenden Ge-
bilde geschildert von de la Valette in seiner Inauguraldisserl. de
Gammaro puteano 1857, von Leydig Naturgeschichte der Daphni-
den 1860. p. 42 — 46 und am genauesten von demselben in dem Archiv
für Anatomie und Physiologie 1860. „Ueber Geruchs- und Gehöror-
gane der Krebse und Insekten" p. 281 (T. Leydig kommt wie Fritz
Müller zu dem Schlüsse, dass die Gebilde aller 'Wahrscheinlichkeit
nach Geruchsorgane seien. Was aber als das eigentlich Charak-
teristische für die als Geruchsorgane zu deutenden Anhänge zu gel-
ten habe, gehl auch aus Leydig's Darstellung noch nicht hervor,
doch dürfte vorläufig, abgesehen von ihrem Sitze an den Antennen
(bei den Krebsen am inneren Fühlerpaare), ihrem IS'ervenreichthume
und einer gewissen Zartheit der äusseren Haut die stumpf geen-
digte Spitze und der Anschein einer OefTnung an derselben als
charakteristisch gelten. Hiernach würden die zuerst von mir bei Ba-
lanenlarven beschriebenen neben dem Auge entspringenden bor-
Bruchstück zur Entwickelungsgeschichte der Maulfüsser. 357
Grösse und Form unterliegt vielfacher Verschiedenheit.
Ein einziges Stäbchen fand ich an der Spitze der Fühler bei
mehreren Isopoden (Fig. 15), mitten am Fühler bei einem
Copepoden (Fig. 18j; einen Fächer von etwa zehn Stäbchen
bei jungen Bopyrus (Fig. 13). Bei Isopoden, Caprcllen,
Amphipoden pflegen sie zu einem oder zweien an der
Spitze und auf der unteren Seite der Geisseiglieder zu
stehen, bald aller, bald mit Ausnahme der unteren (Fig 14,
17). Bei Squilla, wo der äussere Ast der inneren Fühler
sich nochmals spaltet, fand ich sie zu drei am Ende der
14 letzten Glieder des kürzeren 42-gliedrigen Zweiges.
Bei den Decapoden scheinen sie meist den Anfang der
Geissei einzunehmen und das Ende frei zu lassen. So
bei Mysis, wo sie bei einer Art (Fig. 10) sich auf einem
eigenen Vorsprung zusammendrängen. So auch bei Krab-
ben, Porcellanen und Paguren (Fig. 8), wo sie in grösster
Zahl und ansehnlichster Grösse (bis 1 Mm. lang) vorkom-
men und in einer oder mehreren Querreihen die dicken
kurzen Glieder des einen aus verdickter Basis rasch ver-
jüngten Fühlerastes besetzt halten. Wo die vorderen
Fühler noch als Füsse dienen, fehlen die Stäbchen, wie bei
Garneelenlarven ^'"), oder entspringen vom Körper selbst,
wie bei den Larven der Balanen und Rhizocephalen.
Die Gestalt der Stäbchen ist in der Regel einfach
walzenförmig; unten zwiebeiförmig angeschwollen und hier
mit derberer Hülle versehen fand ich sie bei Squilla
(Fig. 11), bei einer kleinen Garneele (Hippolyte? Fig. 9)
und bei Ocypoda. Das Ende ist meist halbkuglig abgerun-
det und zeigt bisweilen einen kleinen stärker lichtbrechen-
den Fleck. Bei der erwähnten Garneele (Fig. 9a) war dem
abgerundeten Ende ein kurzes, zartes Spitzchen aufgesetzt.
Bisweilen sind sie nach dem Ende zu verjüngt; so fand
stenartigen Fühler (siehe Zeitschr. f. wiss. Zoologie Bd. IV. 1852.
p. 191), welche spätere Beobachter übersahen, Fritz Müller aber
wiederfand und mit zu den Geruchsorganen rechnet, eher Tastor-
ganc sein.
*) Die Fühler der Garneelen sind umgewandelte Schwimmfüsse;
schwerlich aber umgekehrt die Ruderfüsse der Daphnien ^umgeformte
Antennen.'^
358 Müller:
ich sie bei Pagurus; hier, wie bei Krabben und Porcellanen,
sind sie durch zarte Ringfurchen in kürzere oder längere
Glieder getheilt und kegelförmig zugespitzt. Bei grösseren
Stäbchen erscheint der Inhalt bisweilen zart längsgestreift,
oder man sieht längsgeordnete feinste Körnchen.
Welches ist nun wohl die Verrichtung dieser stäb-
chentragenden Fühlergeissein? Will man nicht
an einen uns Landbewohnern ganz fehlenden Sinn denken,
— und dafür Hesse sich allerdings die Verkümmerung der
inneren Fühler bei landbewohnenden Krustern, bei Asseln,
bei Orchestia, bei Ocypoda "") anführen — so wird man kaum
umhin könne'n, sie als G er uchs Werkzeuge zu deuten
Zum Betasten fester Körper sind sie bei den Krabben, wo
ihr Stäbchenbesalz gerade am reichsten entwickelt ist, un-
tauglich wegen ihrer Lage, ihrer geringen Länge und selbst
wohl wegen jener so zarten, leichtverletzlichen Anhänge. Be-
wegungen des Wassers wahrzunehmen, wozu ebenfalls schon
ihre Kürze sie wenig passend erscheinen lässt, hindert sie
eine lebhafte vom Munde aus bei ihnen vorüberziehende Strö-
mung. In einer solchen vom Munde wegführenden Strö-
mung wird man ebenfalls kein Geschmackswerkzeug suchen
wollen. Es bleibt so von unsern fünf Sinnen nur der Ge-
ruch übrig. Derselbe kann Thieren nicht fehlen, die sich
durch stark riechende Köder anlocken lassen. Sieht man
nun, wie die inneren Fühler der Krabben, Porcellanen, Pagu-
ren, in fast ununterbrochener Bewegung sind, in kurzen,
raschen Schlägen mit ihrem Stäbchenbüschel das Wasser
gleichsam durchfühlend, das in beständigem Strome bei
ihnen vorüberzieht, so darf man sie wohl für ebenso
geeignet zu Wahrnehmung von Gerüchen halten , wie die
bisher als Geruchswerkzeuge gedeuteten Theile im Grund-
gliede der äusseren oder inneren Fühler hierzu ungeeignet
erscheinen, da ihnen das unerlässlichste Erforderniss eines
Geruchwerkzeuges, leichter und freier Zutritt des Wassers,
abgeht *^^).
^) Auch bei Gelasimus finde ich die Stäbchen ungewöhnlich
zart und kurz.
^") Wenn Leydig (Histologie S. 280) mit Recht Bedenken tiägt,
l
Bruchstück zur Entwickelungsgeschichte der Maulfüsser. 359
Ich kehre zurück zu unserer Larve.
Die hinteren Fühler entspringen ebenfalls vom
Rande des Körpers an den hinteren Ecken des erwähnten,
Augen und Fühler tragenden Vierecks; kaum kürzer als
die vorderen bestehen sie aus einem zweigliedrigen Stiele
und einem gegen das abgerundete Ende etwas verbreiter-
ten und mit Borsten besetzten blattförmigen Endgliede, das
dem Stiele an Länge gleichkommt und in der Ruhe hinter-
wärts gerichtet ist. Die gegliederte Geissei der erwach-
senen Maulfüsser vermisse ich.
Der Mund liegt in der Mitte zwischen den vier seit-
lichen Ecken des Schildes; vor ihm eine ansehnliche helm-
förmige Oberlippe; zu seinen Seiten die anscheinend
tasterlosen Oberkiefer (Fig. 4), mit je drei spitzen Zäh-
nen bewaffnet, die nach hinten an Länge zunehmen und
an ihrem vorderen Rande wieder fein gezähnelt sind.
Dann folgen zwei Paar schwach entwickelter Unterkie-
fer; der vordere (Fig. 5) hat zwei mit je drei dornar-
tigen Borsten bewaffnete Aesle und einen winzigen Taster;
der hintere (Fig. 6) ist ein ganz ungegliedertes längli-
ches Stummelchen mit einigen Borstchen am Ende.
Das nächstfolgende Fusspaar ist dünn, schlank, fünf-
gliedcrig, und reicht zu den Seiten des Mundes nach vorn
bis fast zum Ursprünge der hinteren Fühler ; seine beiden
letzten kurzen Glieder pflegen einwärts und rückwärts ge-
richtet zu sein.
Dicht dahinter entspringen die ansehnlichen Raub-
füsse. Das Thierchen liebt sie, während es senkrecht im
Wasser schwebt, weit ausgespreizt zu tragen (Fig. 1).
Dann reicht das Grundglied quer nach aussen bis zum
Rande des Schildes ; das zweite und dritte bilden einen
gegen das Ende schwach verdickten, 1 Mm. langen Stiel,
der schief nach oben gerichtet bis zur Höhe der Augen
reicht; das vierte Glied ist kurz und undeutlich geschie-
eine Höhlung, in der sich „allerlei Detritus" anzuhäufen pflegt, ohne
Weiteres als „Ührhöhle" anzuerkennen, so dürfte dieser wenig zu-
gängliche Raum mit seiner Ansammlung verwesender Slolfe gewiss
noch weniger sich als „Nasenhöhle" empfehlen.
360 Müller:
den und verbindet den Stiel mit dem wagerecht nach aus-
sen gerichteten, 1 Mm. langem Handgliede, das schwach
keulenförmig verdickt ist und am geraden Innenrande einen
längeren und . eine Reihe ganz kurzer Dornen trägt. Die
Klaue endlich ist schwach gekrümmt, ungezähnt und hat
etwa Vg der Länge des Handgliedes. Am Grunde der Raub-
füsse bemerkt man einen kleinen rundlichen, blatt- oder
blasenf'örmiofen Anhangf.
Hinter den Raublüssen folgen sechs anhangslose
Ringe; die drei vorderen, noch vom Schilde bedeckt, aber
nicht mit ihm verwachsen, nehmen nach hinten an Länge
zu und verhalten sich etwa wie 2:3:4; zusammen sind
sie halb so lang als die drei hinteren, die unter einander
gleich sind. Die sechs Ringe zusammen sind 0,75 Mm.
lang; ihre Breite beträgt 0,2 Mm.
Um die Hälfte breiter, an den Gelenken etwas einge-
schnürt und an den hinteren Ecken mit je einem kurzen
Dorne bewehrt, erscheinen die folgenden fünf Ringe, die
zusammen reichlich % der Körperlänge ausmachen. Die
vier vorderen von diesen fünf Ringen tragen Schwimm-
füsse (Fig. 7), die alle in gleicher Weise gebildet sind;
ein 0,3 Mm. lariges, kräftiges, am Ende etwas verbreiter-
tes Grundglied trägt zwei etwa halb so lange mit Borsten
besetzte Endblätter, von denen das innere gegen das Ende
seines Innenrandes einen kleinen fingerförmigen Fortsalz
hat. Kiemen fehlen noch vollständior.
Der Schwanz endlich, aus einem einzigen Stücke
bestehend, bildet ein ansehnliches, viereckiges Blatt von
etwa 1/5 der Körperlänge und kaum minderer Breite; seine
Seitenränder sind sanft gewölbt, sein Hinterrand seicht
ausgebuchtet; 16 winzige Zähnchen stehen in dieser Aus-
bucht, ein etwas längeres an jeder Hinlerecke und sechs
an jedem Seilenrande.
Der einzige Maulfüsser, den ich hier kenne, ist eine
Squilla, wenig oder nicht verschieden von Squ. Mantis.
Ihm wird wahrscheinlich die eben beschriebene Larve zu-
gehören. Junge Squillen derselben Art von etwa 10 Mm.
Länge, gleichen schon ganz den Erwachsenen bis auf die
geringere Zahl der Fühlerglieder, der Zähne an den Raub-
I
Bruchstück zur Entwickelungsgeschichte der Maulfüsser. 361
füssen, der Kiemenfäden u. dergl. — Sie hatten noch die
glashelle Durchsichtigkeit unserer Larve und besassen, wie
diese, ein unpaares Auge.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1. Zoeaform "") eines Maulfüssers aus dem Meere von Santa
Catharina, lömal vergr.
„ 2 — 7. Einzelne Theile desselben, stärker (SOmal) vergr.
„ 2. Vorderster Theil des Körpers, v. u.
„ 3. Vordere Fühler, v. d. Seite.
„ 4. Oberkiefer.
„ 5. Vorderer Unterkiefer.
„ 6. Hinterer Unterkiefer.
„ 7. Die beiden letzten Ringe der Brust und der erste des Hin-
terleibs mit einem seiner Schwiramfüsse.
„ 8 — 18. Stäbchen von den inneren Fühlern verschiedener Kruster ;
90mal vergr. (mit Ausnahme von Fig. 10, 12 u. 16). s Stamm,
a äusserer, i innerer Ast des Fühlers, v Blutgefäss.
„ 8. Von einem kleinen Pagurus. 8«. Die Spitze eines der
Stäbchen.
„ 9. Von einer kleinen Garneele (Hippolyte ?). 9a. Die Spitze
stärker vergr.
„ 10. Von 3Iysis (45mal vergr.).
„ 11. Von Squilla.
„ 12. Von dem Sphäioma der Ostsee (Vergrösserung unbestimmt).
„ 13. Von einem jungen Bopyrus.
„ 14. 15. Von zwei verschiedenen Tanaisarten.
„ 16. Von Caprella (180mal vergr.). g Ganglion (?)
„ 17. Von Gammarus.
„ 18. Von einem Copepoden.
Desterro, im Januar 1862.
*) Ich möchte den Namen Zoea auf alle Krebslarven ausdeh-
nen, die 2 Paar Fühler, 3 Paar Mundtheile und 2 bis 3 Paar Füssc
an der Brust besitzen, aber noch der 5 bis 6 letzten Paare der Brust-
füsse entbehren.
Phacdimiis Jagori^
ein neuer Goliathide von Luzon.
Beschrieben von
Dr. A. Gerstaecker
in Berlin.
Die sehr in die Augen fallenden Unterschiede dieser
neuen, nur im männlichen Geschlechte vorlieg-enden Art
von Phaedimus Cumingii Waterh., Westw^. bestehen in Fol-
gendem: Der Kopf ist rein metallisch grün, das Kopfhorn
um die Hälfte kürzer als bei Ph. Cumingii, auf der Vor-
derseite dicht und gleichmässig fein ciselirt, daselbst ohne
Höcker und Kiel, sondern vollständig flach, an der Basis
mehr denn halb so breit als an der tief ausgeschnittenen,
zweilappigen Spitze; die seitlichen Kopfleisten senken sich
von hinten nach vorn gegen den Seitenrand des Clypeus
herab, in welchen sie allmählich übergehen; der Scheitel
ist nicht tief grubig, sondern seicht muschlig sculpirt. Das
Halsschild, im Profile gesehen, ist von der Basis aus nicht
blasig aufgetrieben, sondern nur schwach gewölbt und
nach vorn hin deutlich abschüssig, daher ouch das Thorax-
horn vom Kopfe nicht durch eine liefe Lücke getrennt ist,
sondern dem Scheitel fast unmittelbar aufliegt; letzteres
ist zugleich sehr viel kleiner und schujaler als bei Ph.
Cumingii, seitlich stark zusammengedrückt und daher stumpf
gekielt, an 'der Unterscile ohne zaiinförmige Erweiterung,
sondern gerade abgeschnitten. Die ganze Oberfläche des
llalsschildes ist gleichmässig dicht und fein ciselirt, daher
Gerstaecker: Phaedimus Jagori. 363
nirgends polirt, sondern überall matt seidenartig glänzend,
nur der ziemlich stark verdickte Seitenrand glatt; die ganze
Scheibe und der Seitenrand metallisch grün, zwei Längs-
binden innerhalb desselben rothgelb, indessen vor der
Mitte durch einen grünen Randfleck unvollständig unter-
brochen. Die ßrustseiten aller drei Thoraxringe sind gleich-
falls rothgelb, aber mit deutlichem, grünem Metallschinimer
Übergossen ; die eingerissenen Linien auf den Seiten des
Prothorax sind zahlreicher und dichter als bei Ph. Cumingii.
Das Schildchen ist seicht lederartig gerunzelt, rolhgelb mit
grünen Rändern. Die Flügeldecken sind an der Basis etwas
breiter als bei Ph. Cumingii, ihre Schulterecken stärker
heraustretend und der hintere Theil daher mehr verengt
erscheinend ; ihre Oberfläche ist durch gleichmässige und
feine Ciselirung matt, lässt ausserdem ziemlich regelmässige
Längsreihen feiner Punkte, ferner eine sehr schwache Längs-
rippe in der Mitte zwischen Naht und Seilenrand, endlich
auch eine seichte Vertiefung in der Schildchengegend er-
kennen, auf welche zwei leichte Querbeulen folgen. Ihre
Färbung ist goldgelb mit leichtem grünen Metallschimmer,
die Naht, der Seitenrand und eine von der Schulter- bis
zur Spitzenbeule verlaufende, scharf abgegränzte, gerade
Längsbinde lebhaft metallisch grün. Das Pygidium ist rost-
rot!), leicht metallisch schimmernd, sehr viel dichter und
seichter querriefig als bei Ph. Cumingii. Auf der Unter-
seite ist das Sternum, die Hinterhüften und das Abdomen
metallisch grün; die Behaarung ist hier sehr viel dichter
und stärker als bei der bekannten Art, so dass mit Aus-
nahme der nackten ßrustmitte überall die Grundfarbe sowohl
als die dichte, querriefige Stulptur fast ganz verdeckt wird.
Sie zeigt dieselbe greise Farbe wie bei Ph. Cumingii, nur
ein dieser Art ganz fehlender dichter Busch aufrechter
Haare auf der Mitte des fünften Hinterleibsringes ist ziem-
lich lebhaft gelb. Die Beine sind in allen Theilen kräfti-
ger gebaut, besonders in den Schienen, von denen zugleich
die beiden hinteren Paare merklich länger sind; die Vor-
derhüften sind hell rostroth mit grünem Schimmer, die
Kniee so wie die Schienen an der Ausscnseite bis über die
Mitte hinaus intensiv metallisch grün, im Uebrigen rothgelb.
364 Gerstaecker:
An den Mittel- und Hinterschienen ist die rothgelbe Haar-
bürste nicht auf die kleine untere Hälfte und auf die In-
nenkante beschränkt, sondern sie dehnt sich in starker
Fülle auf die ganze Innenseite und fast bis zum Kniege-
lenke aus. Die Schiendornen und die ganzen Tarsen mit
Einschluss der grossen Fussklauen sind einfarbig metallisch
grün, nur ihre ßedornung und die Afterklaue rostroth.
Ein von Herrn Dr. F. Ja gor an das Berliner Museum
aus Luzon gesandtes Männchen misst von der Spitze des
Kopfhornes bis zum Hinterrande des Pygulium 9V4 Lin.
Durch diese Art erhält die Gattung Phaedimus Waterh.
Weslw., deren Berechtigung man in Zweifel gezogen und
die man als Untergattung mit Mycteristes hat verbinden
wollen, einen Zuwachs, welcher ihre Gattungsrechte ausser
allen Zweifel stellt. Der Gesammthabitus, die Nacktheit der
Körperoberfläche, die kräftige Bildung der Beine, der Man-
srel der Zähne an den Vorderschienen des Männchens u. s. w.
schliessen beide Arten eng aneinander und zugleich von
Mycteristes aus. Die Hauptunterschiede beider Arten lassen.
sich folgendermassen gegenüberstellen: ^^
1) Phaedius Cumingii.
Westwood, Arcan. entom. I. p. 5. pl. I. fig. 1. 2.
Waterhouse, Transact. entom. soc. IV. p. 36 f.
Phaed. cornu capitis antrorsum tuberculato, basi for-
tiler attenualo, apice truncato : thorace inflato, disco lae-
vigato, toto metallico-viridi, lucido, cornu a capite dislante,
subtus dentato -producto: scutello laevi, cupreometallico:
elytris irregulariter cicatricoso-punctatis, regione scutellari
laevi, abdomine parce piloso: coxis anticis viridi-metallicis,
tibiis ferrugineis, viridi-resplendentibus, posleriorum scopa
fulva angusta, vix ad medium usque adscendente: tarsis
cum unguiculis ferrugineis, articulis singulis apice viridi-
metallicis.
2) Phaedimus Jagori Gerst.
Phaed. cornu capitis antrorsum deplanato, basi parum
attenualo, apice bifido : thorace parum convexo, antrorsum
declivi, ubique subtiliter coriacco, subopaco, viridi, vilta
I
Phaedimus Jagori. 365
utrinque crocea subinterrupta: cornu thoracico capili in-
cumbente, subtus truncato: scutello subliliter coriaceo,
flavo, viridi-marginato: elytris ubique subtiliter coriaceis,
serialim punctulatis, flavescenti - aiireis, sutura, margine
viltaquc laterali viridibus: abdomine densissime piloso,
segmento qiiinlo scopa pilorum flavescentiuni vestito; coxis
anticis ferrugineis, tibiis extus ultra medium usque larsis-
que totis cum unguiculis viridi-metallicis : tibiarum poste-
riorum scopa fulva lalissima, ad basin fere usque ad-
scendente.
Noch ein Wort über die C<^|Htelleii und ihre Stelle
im Systeme der Anneliden.
Von
Prof. Dr. Ed. Grube
in Breslau.
Durch die Mittheilungen, welche Herr Professor van
Beneden 1) über die Gattung Capitella Blainv. (Lumbri-
conais Oersd.), speciell über C. capitata (Lumbricus capi-
tatus Fabr.), veröffentlicht hat, ist unsere Kenntniss von
diesen sehr eigenthümlichen Anneliden aufs wesentlichste
gefördert worden. Diese Mittheilungen vervollständigen
nicht bloss, was A. S. Oersted^) und Leuckart^)
über ihren äusseren Bau und die Beschaffenheit des Darni-
kanals ermittelt hatten , sondern umfassen auch die ge-
sammte übrige Organisation, die Geschlechtsverhältnisse,
auf deren Abweichung von den Lumbrici schon Leu ck art
hingewiesen, und die Entwickclungsgeschichte, und geben
Resultate, die durch unabhängig angestellte Untersuchungen
bestätigt werden. Als ich 1856 nach Kopenhagen kam,
legte mir nämlich Oersted eine Reihe die Anatomie der
Capitellen betreffender Zeichnungen vor, und forderte mich
auf, mich während meines Aufenthalts von den mancherlei
Eigenthümlichkeiten zu überzeugen, die ihm im Verfolge
1) Histoire naturelle du genre Capitella Bull, de TAcad. royale
de Belgiques 2. ser. III. Nr. 9. 10. (1857).
2) Conspectus generum specierumque Naiduin. Kroyer Tidsskr.
IV. 1842. p. 128. pl.III. Fig. 6, 10, 11.
3) Beiträge zur Kenntniss wirbellos. Thiere (1847) p. 151 und
Archiv für Naturgeschichte Jahrg. XV. (1849) I. p. 163.
Grube: Noch ein Wort üb. d. Capitellen u. s. w. 367
seiner Beobachtungen aufgeslossen waren und unter denen
ihm das Vorhandensein zahlreicher, bestimmt geformter
vcrhältnissmässig grosser rother Körperchen in der Lei-
beshöble, das ungemeine stellenweise eintretende Aufblä-
hen des Leibes und der gänzliche Mangel an Blutgefässen
am meisten aufgefallen war. Auch hatte er Männchen und
Weibchen nach äusserem und innerem Baue unterscheiden
gelernt, und glaubte den vordersten Theil des Nervensy-
stems erkannt zu haben. Das Vorkommen dieser Anneli-
den in dem grossen Kanäle von Kopenhagen setzte mich
in den Stand, in den wenigen Tagen meines Aufenthalts,
diese so höchst interessanten Beobachtungen an einer Reihe
von Exemplaren zu wiederholen ; allein obwohl wir da-
mals — es war in den letzten Tagen des Juli — in man-
chen Weichen noch Eier antrafen, gelang es doch nicht
in den Hoden der Männchen Spermatozoon zu finden, die
Oersted mehr spindelförmig als van Beneden mit
spitzerem Vorderende und kürzerem Endfaden abgebildet
hatte. Dass ich damals der Aufforderung Oersted's,
diese Beobachtungen bekannt zu machen, nicht entsprach,
lag zum Theil an dem Mangel eines Mikrometers — denn
es schien mir nothwendig, auch den Durchmesser jener
in der Leibeshöhle fluctuirenden Körperchen anzugeben. —
Eine zweite unabhängige Bestätigung der va n Ben e deut-
schen Untersuchungen ist vor Kurzem durch Claparede *)
erfolgt, der, ohne von ihnen zu wissen, dieselbe Species
auf den Hebriden beobachtet hatte, aber ebenso wenig als
ich die Geschlechtsverhältnisse einer vollständigen Prüfung
unterziehen konnte.
Was nun das Fluidum der Leibeshöhle und jene ro-
then so massenhaft in ihm enthaltenen Körperchen betrift't,
so erklärt sich auch Claparede für die Analogie des-
selben mit der Blutflüssififkeit. Van Beneden bezeichnet
sie als globules und nennt ihre Form tenticulaire; ich über-
zeugte mich beim Ausflicssen derselben aus einer Wunde
der Leibeswand , dass sie scheibenförmig kreisrund sind.
1) Meraoires de la societe de phys. et d'hist. nat. de Geneve
1861. p. 110. pl. 1.
368 Grube:
indem sie dem Beobachter bald ihre breite Fläche, bald
ihren Rand zeigen; auch Claparede nennt sie disques,
und ich möchte sogar glauben, dass sie biconcav wie die
Blutkörperchen der Säugthiere sind: dass sie einen wirk-
lichen Kern enthalten, wie vanBeneden und Claparede
angeben, dessen konnten Prof. Reichert und ich sich
nicht vergewissern; was man dafür halten konnte, schien
nur zufällig anzuhaften und eines der Körperchen zu sein,
die auch sonst noch frei in der Leibeshöhle vorkommen;
auch wollte es durchaus nicht gelingen, durch Anwendung
von Essigsäure einen Nucleus deutlicher zur Anschauung
zu bringen. Die Wirkung dieses Mittels bestand darin, dass
die Scheibchen kaum etwas kleiner wurden, und während
ihr Aussenrand gleichmässig kreisrund bleibt, ihr Inneres
wie zerknittert oder granulirt erscheint — man konnte
winzige scharf umschriebene Körnchen darin unterscheiden.
In Aether werden sie entschieden unregelmässiger
und Rand und Inneres setzen sich schärfer gegen einander
ab. Doch muss ich bemerken, dass ich dieses alles nur
an solchen Capitellen beobachtet habe, welche mir durch
die Güte des Herrn Prof. van Beneden nach Breslau zu-
geschickt waren, und die von der Decemberwitterung be-
günstigt zwar noch lebend ankamen, aber zum kleinsten
Theile lebensfrisch aussahen , dennoch zeigten auch die
zerrissenen oder halbtodten kein wesentlich verschiedenes
Verhalten in jener Beziehung. Den Durchmesser der Kör-
perchen giebt Claparede auf 0,010 Mill. (d. h. 0,005 Lin.
rhein.) an, ich fand ihn grösser 0,006 bis 0,008 Lin., oder
etwa ^ der Länge der kürzeren Hakenborsten: nach meiner
Erinnerung zeigten die in Kopenhagen beobachteten ein
ähnliches Grössenverhältniss, obwohl sie mir damals wegen
der Kleinheit der Thiere , die ich vor mir hatte — sie
massen meist nur 5 Linien — ungemein gross vorkamen.
Die Körperchen strömten mit der Flüssigkeit der Leibes-
höhle aus einem Segment in das andere ober- und unter-
halb der Ligamente oder Dissepmente, wie sie van Beneden
nennt, welche den weiteren Theil des verdauenden Kanals
an die Leibeswand befestigen. Dieser nahm den bei wei-
tem längsten Theil des Körpers ein und erstreckte sich
Noch ein Wort üb. d.Capitell, u. ihre Stelle im Systeme etc. 369
bei einem Exemplare von 33 Segmenten, wie die meisten
von mir in Kopenhagen untersuchten waren, durch 16 der-
selben, gegen die Mitte langsam an Weite zunehmend. Der
etwa halb so dünne Oesophagus pflegte in der Ruhe, in
der er 1 oder 2 Biegungen macht, bis in das 9te Segment
zu reichen, das Ende des Darmkanals, das wiederum be-
deutend dünner wird und sich in kurze Windungen legte,
4 bis 9 Segmente zu durchziehen, doch nahm ich schon in
der hintersten Partie der weiteren Abtheilung des verdauen-
den Kanals Excrementballen wahr. In dem äusserst engen,
in der Ruhe linearen Lumen des sehr muskulösen Oeso-
phagus bemerkte ich wiederholt Flimmerbewegung.
Die Hakenborsten zu 4 bis 5, an den hintersten
Segmenten zu 2 bis 1 stehend, wurden, so viel ich gese-
hen, in derselben Weise wie die Haarborsten bewegt, in-
dem sich an das frei in die Bauchhöhle ragende Ende des
Bündelchens von der Wandung her einzelne Muskelslränge
setzten. Mitunter nur waren in einem der Haarborsten-|
bündel, die bloss an den ersten 7 (oder 8 van Beneden)
Segmenten vorkommen und ebenfalls 4 bis 5 Borsten ent-
hielten, einzelne Haar- durch Hakenborsten ersetzt und zwar
nur in dem 1., 2. oder 3. hintersten derselben; van Be-
neden giebt dies als Regel an. Oersted machte mich
auf einen von ihm entdeckten platten ziemlich ovalen und
wie in zwei Zipfel auslaufenden Körper aufmerksam, der
über der Mundhöhle lag und in dem er die obere Gan-
glienmasse eines Nervenmundringes zu sehen glaubte: ich
halte diese Deutung für um so weniger unwahrscheinlich,
als sich auf jedem der beiden Zipfel ein scharf umschrie-
bener schwarzer Punkt befand, der ganz nach einem Au-
genpunkt aussieht. Auch Claparede gedenkt dieser
Punkte, setzt aber hinzu, dass er nicht darin habe eine
Linse nachweisen können.
Eier, die ich in einem Exemplare in Kopenhagen beob-
achtete, befanden sich weder in paarweise liegenden sich
mit den Segmenten wiederholenden Säckchen, noch in der
Leibeshöhle, in welche sie nach van Beneden aus die-,
sen gelangen sollen, sondern in zwei zur Seite dos Darm-
kanals gelegenen zartwandigen Schläuchen, welche im 12.
Archiv f. Naturg. XXVIII. Jahrg. 1. Bd. 24
370 Grobe»
Segment anfingen und bis zum 17ten reichten, und deren
Durchmesser nicht viel grösser als ein Eichen war.
D'Udekem^) in seiner „Classification" spricht eben-
falls nur von zwei Ovarien. Auch in einem der Ostender
Exemplare, die mir Herr Prof. van Beneden im März
zugestellt hatte, fand ich Eier, sie hatten 0,05 Lin., ihr
Keimbläschen 0,0015 Lin. im Durchmesser, lieber die harn-
absondernden Organe, die nach d'Udekem in fast allen
Körpersegmenten liegen sollen, kann ich keine eigene Er-
fahrungen beibringen.
Die merkwürdigen ankerförmigcn Gregarinen, welche
Oersted in dem Darme seiner Capitellen entdeckt hatte,
sind auch von V an B ened en, Leuckart, Claparede
und mir gefunden. Die Abbildung von Claparede zeigt
eine ganz entwickelte Form derselben , in welcher der
Nucleus bloss durch den hellen Fleck in dem vordersten
Körperdritttheil angedeutet ist, in jüngeren Thieren, deren
Leib noch nicht so viele grünliche Masse erfüllt, tritt
dieser Nucleus sehr viel deutlicher hervor, er ist bald mehr
kreisrund, bald oval, enthält einen Nucleolus und liegt fast
immer an derselben Stelle, mitunter mehr nach vorn, zwi-
schen der Basis der Ankerarme. Wie der Mittelkörper an
Länofe zunimmt und schlanker wird, wachsen auch diese
Arme erst allmählich aus, sie sind anfangs ganz kurz, wie
zwei blosse Zacken und wagerecht fortgestreckt, und in
noch jüngeren Zuständen, wenn die Länge des Körpers
noch kaum V4 des erwachsenen Thieres beträgt, sieht man
keine Spur von ihnen, und die Form desselben ist dann
einem nach hinten stark verlängerten Rhombus mit abge-
rundeten Ecken vergleichbar. Diese ganze Reihe von Ver-
änderungen, von denen ich nur einzelne gesehen, hat
Oersted beobachtet.
Die nächste Frage, die sich mir aufdrängt, ist, ob
jene in Kopenhagen beobachteten und die bei Ostende, auf
1) Mcmoires de l'Acad. royale des sciences des lettres et des
beaux arts de Belgique XXXI. 1859. p. 25.
2) Mem. de la soc. de phys. et d'hist. nal. de Geneve pl, 1.
Fig. 15.
Noch ein Wort üb. d. Capitell. u. ihre Stelle im Systeme etc. 371
Helgoland und auf den Hebridcn gefundenen Capitellen mit
dem von Fabricius beschriebenen Lumbricus capilatus
einerlei Art angehören. Die Grössenunterschiede geschlechts-
reifer Individuen sind sehr beträchtlich: während Oersted
die Länge seiner Lumbriconais marina auf 10 bis 12 Linien
angiebt, ich sogar Männchen von nur 5 Linien in Händen
hatte, fand van Beneden die Männchen 24— -27 Linien,
die Weibchen bis 4 Zoll lang und Claparede mitunter
noch etwas längere, Leuckart sogar bis 7 Zoll lange Exem-
plare! Fabricius Bezeichnung „longitudine Lumbrici ter-
restris" beweist, wenn auch nach seiner Angabe die
grönländischen Thiere dieser Art keine so ansehnliche
Grösse als die norwegischen erreichen, (unter denen er
einen fusslangen erwähnt), jedenfalls, dass seine Exemplare
zu den ansehnlicheren gehörten. Die grönländischen Ca-
pitellen, die ich besitze, haben eine Dicke von 1,3 Linie
und eine Läng-e von mehr als 2 Zoll. Ebenso schwankt
die Zahl der Segmente, der Grösse entsprechend, von 33
und 45 (bei den kleinen Kopenhagenern) bis 60 und 82;
bei allen von van Beneden, Oersted und mir unter-
suchten Männchen ist es das 8te und 9te Segment, an
welchen die eigenthümlichen grossen gekrümmten Bauch-
borsten vorkommen ^) und das 9te, in welchem die Ge-
schechtsöffnung und der Hoden liegt. In der Zahl der
Borsten herrscht eine merkliche Verschiedenheit: van Be-
neden giebt 8 als die Normalzahl sowohl in den Bündeln
der Haar- als in den Querreihen der Hakenborsten an, ich
zählte an den Kopenhagener Exemplaren von beiden nie
mehr als 4 bis 5, dagegen in mehreren belgischen 12, in
den Grönländischen 12 oder mehr Haarborsten und weit
mehr als 12, ja bis gegen 30 Hakenborsten, von denen
freilich die der Mittellinie des Bauches am nächsten ste-
henden kaum zu unterscheiden waren, während sie in der
1) Bei van Beneden scheint die Angabe des 9ten und lOlen
Segments (p. 17) ein blosser Druckfehler, da seine Zeichnung das
8te und 9te als die betreffenden darstellt. Bei einem grönländischen
Exemplar finde ich merkwürdiger Weise diese Borsten nicht an der
Bauch-, sondern an der Rückenseite!
372 Grube:
entg-eorennresetzten Richtung- merklich an Länge zunehmen.
Da nun die kleinste Zahl der Borsten gerade den kleinsten
Exemplaren zukommt, so liegt die Annahme nahe, dass
dieselbe mit dem Wachsthume zunimmt, und ich sehe in
diesen Abweichungen ebensowenig wie in den früher be-
sprochenen eine Nöthigung zur Annahme zweier Arten,
glaube vielmehr, dass die Capitellen der Ostsee, wie manche
andere Thiere, die sie mit der Nordsee gemein hat, keine
so grossen Dimensionen wie dort erreichen.
Ich muss ferner darauf hinweisen, dass zwar D al y el l's
Lumbricus coplitatus ^) nicht hieher gehört, wohl aber der
von Johns ton beschriebene Lumbricus capitaius, dessen
Länge 3 bis 6 Zoll beträgt ^), dieselbe Species ist, und dass
er auch seinen früheren L. littoralis^), welchen er „aculeis
uniserialibus" charakterisirt halte, damit vereinigt. Dass er
für das Blut, dessen sehr unregelmässiges Hin- und Her-
fliessen und grümliche Massen ihm auch aufgefallen waren,
zwei zwischen Darm und Leibeswand gelegene Seitenge-
fässe annimmt, lässt sich, wenn er nicht anhaltend beob-
achtet hat, wohl entschuldigen. Er sagt selbst, dass die
Bewegung desselben von den ßev/egungen des Körpers und
der Ausdehuung seiner Segmente abzuhängen scheine. Das
Synonym von Lumbricus fragilis Müll., in dem jetzt ein
Scoloplos erkannt ist, wird von ihm nur als fraglich cilirt.
Unsere Annelide wird ferner von Fabricius als einerlei
mit Olaffsen's L. littoralis minor aus Island angesehen.
Doch schliesst die Verbreitung der Capitelta capitata auch
noch nicht mit den isländischen und englischen Küsten ab,
tritt vielmehr im adrialischen Meere wieder auf, denn der
Lumbricus canalium, dessen Nardo vorübergehend als eines
Bewohners einiger weniger tiefen und weniger befahrenen
Kanäle Venedigs gedenkt ^) ist, wie ich mich durch die
Untersuchung der von ihm selbst empfangenen Weingeist-
1) The powers of IheCicnlor Vol. IL 1853. pl. XVIL Fig. 8. 9.
2) Loudon Magazin of nat. liist. Vol. VllL 1855. p. 258.
3) Zoolog. Journal III. 1827. p. 328.
4) ProspeUo della Fauna marina volgare del Veneto estuario
1847. p.ll.
Noch ein Wort üb, d. Capitell. u. ihre Stelle im Systeme etc. 373
exemplare überzeugt habe, ebenfalls keine andere Annölide
als unsere Capitella ; ob sie auch an den französischen
Küsten vorkommt, ist bisher nicht ermittelt.
Die Entscheidung über die Stelle, welche die Gattung
Capitella im Systeme einnehmen soll, scheint Herrn Dr.
Claparede durch die Erörterungen, mit welchen van
Beneden seine Mittheilungen schliesst, noch nicht erle-
digt, und ich bin derselben Ansicht. VanBeneden kommt
zu dem Resultat, dass die Capitellen diöcische Lumbrici-
nen seien; alles was man zu Gunsten der Annahme, dass
sie zu den Polychaeten gehörten, anführen könne, beschränke
sich zuletzt auf die Art der Entwickelung, auf die Form
der Embryonen, die mit kugligem Körper, mit zwei Augen
und zwei Wimperbüschelchen neben denselben zur Welt
kommen und dann eine Metamorphose durchmachen, indem
zu dem Wimperkranz vor den Augen, der an jenen ßüschel-
chen entstände, noch ein hinterer Wimperkranz trete, und
die zwischen beiden gelegene Körperpartie sich strecke
und in Ringe theile: die Abwesenheit von Gefässen und
die Vertheilung der männlichen und weiblichen Geschlechts-
organe auf zwei Individuen sei nicht von solcher Bedeu-
tung, um darauf ein grosses Gewicht zu legen. Was aber
spricht nun positiv dafür, die Capitellen zu den Lumbrici-
nen zu rechnen, und in welcher Bedeutung ist dieser Name
genommen? Er entspricht nicht der Familie, die ich unter
diesem Namen aufgestellt, da van Beneden auch die
Tubifex(Saenuris),Enchylraeen und Chaetogaster dazu zieht,
sondern entspricht vielmehr d'Udekem's Unterordnung
der Agemmes, die den Gegensatz zu seinen Gemmipares
(den Naiden) bildet. Da nun die Lumbricinen im Sinne
d'Udekem's lauter Anneliden mit Reihen von einzeln oder
paarweise stehenden wenig vorragenden Hakenborsten um-
fassen, so würde sich Capitella weniger an sie als an Tu-
bifex anschliessen, eine Gattung, von deren 6 Arten 3 im
Meere vorkommen, während dies Verhältniss bei den Lum-
brici sich für die Meerbewohner viel ungünstiger gestaltet.
Die Organisation der Agemmes spricht sich neben dem
Vorkommen von Haken-, selten auch Haarborsten, vorzüglich
in der Concentration der Genitalien auf gewisse beschränkte
374 G I u b e :
Regionen des Körpers, in der Zwitterbildung und in dem
Aultreten der sogenannten sc h I e i f en form ige n Or-
gane aus, wogegen äussere Respirationsorgane (mit Aus-
nahme von Alma niloüca) niemals erscheinen. Wenn also
die Capitellen, wie van Beneden annimmt, Lumbrici auf
einer niedrigen Stufe der Ausbildung der Organisation sind,
so zeigt sich diese Abschwächung des Typus in dem Schwin-
den der Blutgefässe und der einfacheren Anordnung der
Genitalien. Als etwas Neues kommen die grossen gekrümm-
ten Borsten an der Mündung des Hodens hinzu, die An-
ordnung der Borsten in den seitlichen Reihen, das gelrennte
Geschlecht, die abweichende Bildung der Eier und die
Metamorphose der Jungen, doch muss man freilich hinzu
setzen, dass man die Jugendzuslände der marinen Formen
der Agemmes nicht kennt, und ob diese eine Metamorphose
durchlaufen, dürfte ebenso wenig voraus zu sagen möglich
sein, als man dies beim Hummer hätte vermuthen können,
der seinen nächsten Verwandten am Flusskrebs hat und
doch einer anderen Entwickelung folgt.
Wenn man sich nun zu den Polychaeten wendete,
fiele es schwerer, unter ihnen Formen zu linden, an die
sich die Capitellen anreihen Hessen? Ich gestehe, dass,
so sehr ich durch die ersten Miltheilungen Oersted's^)
und bevor ich diese Thiere selber gesehen, ihm zu folgen
und sie unter die Naiden aufzunehmen bestimmt ward -),
ich nachher Bedenken trug, ihnen diese Stellung zu las-
sen, und beim ersten Anblicke eines grösseren Weingeist-
exemplars weder mehr an JVaiden noch an andere Oligo-
chaelen dachte. Bei diesem Exemplare waren die Segmente
verhältnissmässig merklich länger, in der vorderen, nur
mit Haarbürsten versehenen Partie des Körpers halb so
lang, in der hinteren Hakenborsten tragenden 1^201»! so
lang als breit, überdies die Hakenborsten zu wahren Kämm-
chen gruppirt und in deutliche Wülste eingesetzt! Dies war
auch Claparede aufgefallen und für ihn so massgebend,
1) A, S. Oersted Conspectus generiim specierumque Kaidum
ISalurhist. Tidskr. IV. 1842. p. lol.
2) (irube Familien der Anneliden 1851. p. 104.
Koch ein Wort üb. d. Capitell. ii. ihre Stelle im Systeme etc. 375
dass er die Capitcllen den Maldanien annäherte ^),die
zwar nach Cu vi er's und Milne Edwards Ansicht neben
den Lumbricinen stehen, aber schon von Savigny und
Lamarck, denen ich beipflichtete, neben die Arenicolen
und Terebellen gestellt wurden. Ich für mein Theil
wurde noch lebhafter an die Gattung Dasybranchus (frü-
her Dasymallus -) und an Notomastus ^) erinnert. Wenn
van Ben eden nur annimmt, dass die Ausbildung der Or-
ganisation bei den Lumbricinen sinken und das Gefässsy-
stem schwinden kann, so findet dasselbe bei den Polychaeten
entschieden statt. Was zunächst die Athmungsorgane an-
langt, so bemerken wir in der Gattung Eunice neben Arten
mit sehr entwickelten Kiemen wie E. gigantea und E, Ha-
rassii^ andere mit sehr verkümmerten, wie E, siciliensis
und in der Gattung Lumbricoiiereis i. w. S. neben Arten
mit sehr einfachen Kiemen, andere ganz ohne Kiemen. Das-
selbe gilt von den Glyceren. Wie neben den Polychaeten
mit überall hin verzweigtem Gefässsystem, andere auftreten,
bei denen es nur theilweise entwickelt ist, und wieder
andere, bei denen es gänzlich fehlt, bei denen dagegen die
in der Flüssigkeit der Leibeshöhle enthaltenen Körperchen
zahlreicher und ausgebildeter erscheinen, das hat schon
Quatrefages durch Beispiele erläutert^). Ich habe bis-
her an den Dasybranchen weder im lebenden Zustande noch
an einem Weingeistexemplare Blutgefässe erkennen können,
ihre Kiemen scheinen sich ähnlich wie bei den Glyceren
zu verhalten, indem sie eine Aussackung der Leibeshöhle
bilden, und wenn sie sich ausdehnen, deren Fluidum auf-
nehmen. Wie die Glyceren neben anderen mit gefässlüh-
renden Kiemen versehenen Polychaeten stehen, so stelle
ich die Dasybranchen neben die Arenicolen hin. Die No-
tomasten aber stimmen so sehr mit den Dasybranchen
1) Memoires de la soc, de phys. et d'hist. naf. de Geneve 1861
p. 110.
2) Archiv für Katurgesch. XII. 1846. Bd. I. p. 166. Tab. V. Fig. 3.
3) Sars Fann. litt. Korveg. II. p. 11. Tab. II. Fig. 8— 17.
4) Anna!, des sciences nat. Troisieme Serie. Zoolog. Tora. XIV.
p. 268. 294. 296. ..y
376 Grube:
uberein, dass sie wesentlich bloss der Mangel der Kiemen
unterscheidet. Auch bei ihnen habe ich bisher keine Blut-
gefässe wahrgenommen, wohl aber sah ich an einem le-
benden Exemplare sich deutlich eine rothe Flüssigkeit
zwischen Darm und Leibeswand bewegen, deren Anhäufung
die Segmente anschwellen machte , und die fast ganz aus
kreisrunden Körperchen von 0,006 Lin. Durchmesser bestand;
in einem .Weingeistexemplare, dem die hintere Hälfte fehlte,
fand ich ganze Ballen von anscheinend ähnlichen Körperchen
in der Leibeshöhle. In Betreff des verdauenden Kanals gilt für
beide Gattungen dasselbe : er beginnt mit einem ziemlich kur-
zen ausstülpbaren, von Pro- und Retractoren umfassten Pha-
rynx, der sich ausstülpen kann, also einen Rüssel bildet; dann
folgt ein enges Rohr (Oesophagus oder Magen?), wo etwa
der Borstenwechsel eintritt, geht dieses Rohr in einen von
Dissepimenten umfassten Darm über, dessen vorderer Theil
in den untersuchten Weingeistexemplaren nicht weiter als
jener und enger als der hintere, gewöhnlich mit vielen
Excrementen gefüllt ist. Der deutlich doppelle Nerven-
strang mit auseinanderstehenden Anschwellungen zeigt die
grösste Aehnlichkeit mit Lumbricus ^), die Anordnung der
Muskulatur mit Arenicola.
Ich muss ferner daran erinnern, dass bei beiden Gat-
tungen die Borsten jederseits in zwei Zeilen gruppirt sind,
dass in den vorderen Segmenten nur Haarborsten, in den
übrigen, weit zahlreicheren nur Hakenborsten vorkommen,
jene stehen in ganz kurzen Querreihen hinter ebenso schma-
len niedrigen Wülsten, diese in Kämmchen auf Wülsten.
Es verdient Beachtung, dass der vorragende Theil der bei-
derlei Borsten gesäumt ist "), eine Eigenthümlichkeit, die
bei den Haarborsten der Polychaelen häufig, bei den Haken-
borsten im Ganzen sehr selten vorkommt; (so bei mehreren
Gattungen der Euniceen und an einzelnen Segmenten bei
Leucodore und Colobranchus unter den Ariciaden) unter
den Oligochaeten mir aber noch nie begegnet ist.
1) Vgl. Cuvier Regne anim. Annelid. p. 1*. Fig. 2.
2) van Beneden 1. c. pl. 1. Fig. 8. 9. Claparede 1. c.
pl. 1. Fig. 12.
Noch ein Wort üb. d. Capitell. u. ihre Stelle im Systeme etc. 377
Kehren wir nun wieder zu den Capitellen zurück, so
wiederholt sich, abgesehen von den Genitalien und den
sonstigen Geschlechtsverhällnissen, über die ich für Dasy-
branchus und Nolomaslus nichts niittheilen kann, alles, was
ich so eben auseinandergesetzt habe, und es dürfte, wenn
es sich um Gattungscharaktere handelt, schwierig
sein anzugeben, wodurch sich überhaupt noch die Notoma-
sten von den Capitellen unterscheiden. Ja es kann sogar
fraglich erscheinen, ob Dasybranchus und Notomaslus ge-
nerisch zu trennen sind, denn wenn es sich bestätigt, dass
einigen Glyceren die Kiemen fehlen, die Gegenwart dieser
Organe hier also keinen Gattungscharakter abgiebt, so
könnte man dasselbe für Dasybranchus geltend machen.
Bei beiden rücken die oberen Kämmchen der Hakenborsten
im Anfange der hinteren Leibesabtheilung ganz auf den
Rücken und sind viel schmäler als die unteren, wodurch
Notomaslus grössere Aehnlichkeil mit Dasybranchus als mit
Capitella gewinnt, auch ist nur bei jenen beiden ein Rüssel
(ein ausstülpbarer Pharynx) beobachtet, doch muss ich, nach
dem, was ich bei der Anatomie einer Capitella gesehen,
vermuthen, dass bei ihnen ebenfalls der Anfang des ver-
dauenden Kanals umgestülpt werden kann. Den Appareil
secrelaire renal, den d'üdekem bei Capitella angiebt, habe
ich bisher bei Dasybranchus und Notomastus nicht finden
können, indessen waren die von mir untersuchten Exem-
plare nicht die besten: es wäre sehr wichtig bei wieder-
holten Untersuchungen darauf zu achten.
Bisher nur bei den Capitellen beobachtet, sind die
ansehnlichen gekrümmten Borsten, welche vor und hinter
der Genitalöflfnung der Männchen in einer Querreihe auf-
treten und mit den Spitzen gegeneinander gerichtet sind,
und die man vielleicht als eine Umwandelung der an den
betreffenden Segmenten fehlenden Kämmchen der kleinen
gesäumten Hakenborsten ansehen kann. Aber kennen wir
bereits die Männchen der Dasybranchus und Notomaslus?
Vielleicht besitzen sie eine ähnliche Auszeichnung. Je-
denfalls erinnern jene Organe an die beiden starken ha-
kenförmigen Borsten (Spicula), die an der Bauchseite der
Thalassemen^ Echiuren und Bonellien so ins Auge fallen
378 Grube: IVoch ein Wort üb. d. Capitellen ii. ihre Stelle etc.
und ebenfalls vor der paarigen und unpaarigen GenitalöfT-
nung dieser Thiere ihre Stelle haben. Bei den Echiuren soll
auch noch ein hinteres Paar in der Haut versteckt sein ^).
Die schärfere Abgrenzung oder theilvreise Verschmelzung
der Gattungen Dasybranchus, Notornastus und Capitella muss
noch weiteren genaueren Untersuchungen vorbehalten blei-
ben, das aber glaube ich nachgewiesen zu haben, dass
diese drei in einer engen Verbindung stehen, und einer
Familie zugezählt werden müssen, den Capitellaceen, die sich
nach meiner Ansicht so zu den Arenicolen verhalten, wie die
Gephyreen ohne Gefässe mit höher entwickelter Flüssigkeit
der Leibeshöhle zu den Gephyreen mit Gefässen. Die Ent-
wickelung der Capitellen, über die wir van Beneden so
interessante Aufschlüsse verdanken und die mit den Are-
nicolen 2) so grosse Aehnlichkeit hat, die Form der Eier,
das getrennte Geschlecht, — i dies alles passt vortrefflich zu
dem, was in der Abtheilung der Polychaeten Regel ist, es
wird Ausnahme, wenn man die Capitellaceen zu den Oli-
gochaeten rechnet, dasselbe gilt von dem Fehlen des Ge-
fässsystems, dasselbe von der Gestalt der Borsten und ihrer
Einfügung in Wülste.
'^'^^'* In Bezug auf die Unterschiede zwischen Dasybranchus
und Notornastus, die Sars neben dem Vorkommen und
Fehlen der Kiemen hervorhebt, will ich nur noch bemer-
ken, dass bei wohlerhaltenen kleineren Weingeistexempla-
ren von Dasybranchus caducus, das zweiringelige der
Segmente deutlich hervortritt, und dass der Rüssel eines
solchen Exemplars weniger schuppig als mit Papillchen
besetzt erscheint.
1) M. Müller Observat. analom. de verniib. quibusd. marin.
1843. p. 11.
2) iM. Schultze: üeber die Entwickelung von Arenicola pis-
catorum. Halle 1856.
V2Ul»'.ßill(
'^•' Bonn, Di-uck von Carl Georgi.
1862
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f. Lliiller del .
C.F. Schmidt. litK.
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Gedr V. XusLner.
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18G2.
Taf.TII.
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CT Scltmidtlitli
1862.
Taf.Vill.
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Autor de
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1861
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(hh/fibo Iferbstü , Str.
Halim/^de Ti/cJu'^ De Waaii . Jferhst.
■Strahl ad nat. del. Gl'. Sr.hmidt liüi.
. Fen^er^ez.
CF.Sofimidniih
18 G2.
Itß-£^6
Taf:IL.
H.F';!n^rge2
C. I- '.chiiiifl
18G2.
Taf:5I[.
H.Fenöei Aez.
C.F.5chiniiiHiJ
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