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ARCHIV
FÜR
NATURGESCHICHTE
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN,
FORTGESETZT VON W. F. ER1CHS0N.
IN VERBINDUNG MIT
PROF. DR-LEUCKARTIN GIESSEN
HERAUSGEGEBEN
Dr. F. H. TEOSCHEL,
PROFESSOR AN DER FRIEDRICH-WILHELMS-UNIVERSITÄT ZU BONN.
DREISSIGSTER JAHRGANG.
Erster Band.
Mit sechs Tafeln.
Berlin,
Nicolaische Verlagsbuchhandlung.
(G. Parthey.)
1864.
Inhalt des ersten Bandes.
Ueber den Bau der Scheerenasseln (Asellotes heteropodes M.
Edw.) Vorläufige Mittheilung von Fritz Müller . 1
Die Häutungen der Gespenstheuschrecke (Mantis religiosa).
Von Prof. Dr. H. Alex. Pagenstecher in Heidel-
berg. Hierzu Taf. I. A. . . . . . 7
Die blasenförmige Auftreibung der Vorderschienen bei den
Männchen von Stenobothrus Sibiricus. Von Prof. Dr.
H. Alex. Pagenstecher in Heidelberg. Hierzu
Taf. I. B 26
Ueber Hydrochoerus capybara. Von Adolph Böcking. 32
Beiräge zur Ornithologie Chiles. Von Dr. R. A. Philipp i
und L. Landbeck in Santiago (Accipiter chilensis,
Chlorospiza plumbea, Sycalis auriventris) . . 41
Beiträge zur Ornithologie Chiles. Von Luis Landbeck
(Dendroica atricapilla, Arundinicola citreola) . . 55
Beobachtungen und Anzeichnungen über die Säugethierfauna
Finmarkens und Spitzbergens. Von Malmgren (aus
dem Schwedischen) ...... 63
Untersuchungen über den Bau und die Naturgeschichte von
Echinorhynchus miliarius Zenker (E. polymorphes) . Von
Dr. Richard Gree ff in Bonn. Hierzu Taf. II u. III. 98
Bemerkungen über den Bau des Hinterleibes bei den Forfi-
culen. Nachwort zu den Bemerkungen des Herrn Prof.
Schaum. Von Dr. Fr. Meinert in Kopenhagen . 141
Die Stellung der Strepsipteren im Systeme. Von Professor
Schaum . . . . • • 145
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter (Sphin-
gidae). Von Dr. A. B altz er in Bonn. Hierzu Taf. IV. 154
Die sogenannte Körnchenbewegung an den Pseudopodien der
Polythalamien. Briefliche Mittheilung an den Heraus-
geber. Von K. B. Reichert . . . .191
Beschreibungen einiger Amphipoden der istrischen Fauna.
Von Prof. Dr. Ed. Grube in Breslau. Hierzu Taf. V.
Q20 9
IV Inhalt.
Seite
(Dexamine brevitarsis, anisopus, leptonyx ; Nicea istrica ;
Iphimedia multispinis; Colomastix pusilla; Icridium
fuscum) ....... 195
Die Flora des Sumawa-Gebirges nach ihren topischen und
verticalen Verbreitungsformen. Von Prof. Johannes
Gistel in Freysing bei München . . .214
Zur Orismologie des Hinterleibes von Forficula. Erwiederung
auf Dr. M e in ert's Bemerkungen. Von Prof. Schaum 256
Kritische Uebersicht der Fischfauna Finlands. Von Dr. An-
ders Johan Malmgren. Aus dem Schwedischen von
Dr. C. F. Frisch 259
Ein Wort über die Gattung Herklotsia Gray. Von Fritz
Müller 352
Nachtrag zum vorstehenden Aufsatze von MaxSchultze . 359
Ueber die Uterusglocke und das Ovarium der Echinorhynchen.
Von Dr. Richard Greeff in Bonn. Hierzu Taf. VI. 361
lieber den Bau der Scheerenasseln (Asellotes
heteropodes M. Edw.).
Vorläufige Mittheilung
von
Fritz Müller.
Scheerenasseln kommen überall an den europäischen
Küsten vor; sie wurden bei Neapel und Nizza, an den
Küsten Englands und der Bretagne, Norwegens und Dä-
nemarks gefunden und fehlen selbst nicht der salzarmen
Ostsee. Da somit überall Gelegenheit zu deren Prüfung
ist, scheint es mir nicht unpassend, in Kürze die Haupt-
ergebnisse mitzutheilen, die mir die Untersuchung einer
hiesigen, kaum von Tanais dubius Kr. verschiedenen Art
lieferte.
Die Gliederung des Leibes, die Bildung der Füsse,
den Bau der Mundtheile des Weibchens fand ich über-
einstimmend mit den Angaben Kröyers 1).
Der Panzer, der den Kopf und den ersten schee-
rentragenden Brustring bedeckt, überwölbt, frei nach unten
vorspringend, kleine Höhlen zu den Seiten des Leibes.
1) Vergl. Naturhistor. Tidskrift 4. Bind 1842. S. 1(37 ff. und
Ny Räkke 2. Bind 1847. S. 412 ff. Wenn van Beneden (Recher-
ches sur la faune litt, de Belgique Crustaces. PI. XVIbis fig. 1—8) dem
Hinterleibe nur vier deutlich geschiedene Ringe, allen Füssen der
freien Brustringe gleichen Bau und ein kurzes erstes Glied giebt,
das den vonKröyer und mir beobachteten Arten fehlt, und wenn
er die Kieferfüsse in einer ganz wunderlichen unerhörten Form er-
scheinen lässt, so dürften alle diese Abweichungen wohl eher auf
einer irrthümlichen Auffassung als auf speeifischen Verschiedenheiten
der von ihm untersuchten Art beruhen.
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 1
2 Müller:
In diesen Höhlen bewegt sich ein von hinten nach
vorn gerichteter Wasserstrom, unterhalten wie bei den
Zoea und wie bei allen erwachsenen Krabben und Kreb-
sen, durch einen, hier lang säbelförmigen Anhang des
zweiten Maxillenpaares. — ■ Auch der äussere rückwärts
gerichtete Ast des ersten Kieferpaares liegt in dieser
Höhle.
Besondere Kiemen, wie sie die Diastyliden (Cuma-
ceen) haben, konnte ich nicht auffinden; dagegen sind
wie bei den Zoea, die Seitentheile des Panzers von sehr
reichlichen Blutströmen durchzogen, und sind als Haupt-
sitz der Athmung anzusehen.
Die Schwimmfiisse des Hinterleibs haben nichts mit
der Athmung zu thun ; ich sah nie auch nur ein einziges
der grossen Blutkörperchen in ihre langbeb orsteten blatt-
förmigen Aeste eintreten.
Das Herz erstreckt sich durch die ganze Länge der
Brust bis in den ersten vom Panzer bedeckten Ring;
seitliche Spalten zum Eintritte des Blutes sah ich im
2ten, 3ten und 4ten Ringe ; die beiden Spalten desselben
Ringes liegen einander nicht genau gegenüber.
Die Leber besteht, wie bei den Bopyriden, aus einem
einzigen Paare von Blindschläuchen, die vom Kopfe bis
in den Hinterleib reichen.
Im Grunde der oberen Fühler liegt ein Gehörwerk-
zeug, eine kleine von ;oben her zugängliche Höhle mit
einem Gehörsteinchen.
Die frei vorspringenden Augen liegen nach hinten,
aussen und unten von den vorderen Fühlern, eine Lage,
die sich nicht mit der Annahme eines vor dem Fühler-
ringe liegenden Augenringes verträgt 1).
Die Augen, wenigstens des Männchens, sind beweg-
lich; ihre Chitinhülle (durch Kochen mit Kalilauge und
Behandlung mit Säure dargestellt) zeigt in diesem Ge-
schlechte stark nach innen vorspringende linsenförmige
Verdickungen, die dem Weibchen fehlen.
1) Wie Claus, kann ich die Augen der Krebse nicht als
Gliedmassen ansehen.
Ueber den Bau der Scheerenasseln. 3
Die vorderen Fühler der Jungen tind der Weibchen
sind plump, wenig beweglich , viergliedrig (das 4te Glied
winzig) und tragen einen einzigen Riechfaden am Ende
des dritten Gliedes.
Die Eierstöcke sind einfache Schläuche; die unpaare
weibliche GeschlechtsöfFnung liegt am Hinterrande des
vorletzten Brustringes.
Die Bruttasche, die stets nur wenige, bisweilen nur
1 bis 3 Eier umschliesst, wird gebildet von vier Paar hin-
ter den Füssen der vier ersten freien Brustringe befestig-
ten Blättern, die für jede Brut sich neu erzeugen.
Die Männchen erleiden vor Erlangung der Geschlechts-
reife eine bedeutende Verwandlung und finden sich ge-
schlechtsreif in zwei verschiedenen Formen. Immer sind
ihre vordem Fühler lang, schlank, sehr beweglich, reichlich
mit Riechfäden ausgestattet ; es fehlen ihnen alle beweg-
lichen Anhänge des Mundes (mit Ausnahme der den Was-
serstrom durch die Athemhöhle unterhaltenden Geissein) ;
ob ihr Mund geschlossen ist, wurde mir nicht deutlich;
ihren Darm fand ich stets völlig leer. Wenn sie also
wohl im geschlechtsreifen Zustande nicht fressen, so wer-
den sie für diese Zeit des Fastens mit einem reichen
Vorrath von Fett ausgerüstet. Die Hoden scheinen, wie die
Eierstöcke, einfache Schläuche zu sein; sie münden in eine
grosse querovale unpaare Blase, die im letzten Brustringe
unter dem Darme liegt, die Geschlechtsöffnungen scheinen
an der Spitze zweier kurzen warzenförmigen Vorsprünge
zu liegen, die dieser letzte Brustring beim Männchen
trägt. Die Samenkörperchen sind Kügelchen von etwa
0,004 Mm. Durchmesser ; an denen ich weder einen Kern,
noch strahlenförmige Fortsätze sah; an einer Stelle haben
sie einen winzigen warzen- und knopfförmigen Vorsprung.
Die gewöhnlichere Form der Männchen erscheint
verhältnissmässig etwas breiter als die Weibchen; ihre
Scheeren sind von sehr abweichender Form, länger, lang-
fingeriger, beweglicher ; die Riechfäden stehen zu je zwei
bis drei (sehr selten zu vier) am Grunde des vierten und
am Ende dieses und der folgenden Fühlerglieder. Die
andere sehr seltene Form, die man wohl kaum einmal
4 Müller:
unter 100 gewöhnlichen Männchen findet, schliesst sich
in der Form des Leibes und der Scheeren eng an die
Weibchen an; ihre vorderen Fühler gleichen denen der
gewöhnlichen Männchen, sind aber noch reichlicher mit
Riechfäden ausgestattet , indem dieselben an denselben
Stellen wie dort zu je fünf bis sieben beisammen stehen.
Die Entwickelung ist die der Asseln ; das Junge im
Eie ist nach oben gekrümmt, so dass also die vordere
und hintere Hälfte der Rückenfläche einander zugewandt
sind, wie es schon Rathke bei Ligia und Idothea fand.
Die Leibesringe des ausschlüpfenden Jungen sind
vollzählig vorhanden ; die Anhänge des Kopfes und der
sechs ersten Brustringe sind wohlentwickelt, der längere
innere Ast der Schwanzanhänge hat nur drei Glieder,
statt der fünf des erwachsenen Thieres; aber es fehlen noch
vollständig nicht nur, wie bei vielen anderen Asseln *), das
letzte siebente Paar der Brustfüsse, sondern auch die fünf
Paar Schwimmfüsse des Hinterleibes. Diese sechs feh-
lenden Fusspaare treten später gleichzeitig auf.
So weit meine Beobachtungen.
Ich weiss nicht, ob Kröyer und van Beneden,
die auch von Männchen und Weibchen sprechen, diesel-
ben anders, als durch die nichts entscheidende Ab- oder
Anwesenheit der Brutblätter unterschieden haben, möchte
aber immerhin die Vermuthung wagen, dass nicht nur die
beiden von Kröyer bei Madeira gesammelten Formen
(Tanais Edwardsii und Savignyi) als Männchen und Weib-
chen zusammengehören, sondern ebenso die beiden For-
men desOeresunds (T. Curculio und Oerstedii). —Tanais
Edwardsii weicht in ähnlicher Weise von T. Savignyi ab,
wie das Männchen unserer Art von seinem dem T. Savignyi
höchst ähnlichen Weibchen. Diesem Weibchen steht
1) Nach Milne Edwards bei den Cymothoaden, ich fand
es ebenso bei den Bopyriden, bei Ligia und Philoscia; nach Unter-
suchung ziemlich weit entwickelter Eier vermuthe ich ein gleiches
Verhalten bei Idothea und Sphaeroma. Die geringe Entwickelung
des siebenten Brustringes bei Serolis macht auch hier ähnliche Ju-
gendzustände wahrscheinlich.
Ueber den Bau der Scheerenasseln. 5
ebenfalls T. Oerstedii sehr nahe, während allerdings T.
Curculio durch die Bildung des Kopfes und der Scheeren
sich weit von unserem Männchen, wie von allen Gattungs-
genossen entfernt; aber wenn innerhalb derselben Art
verschieden gebildete Männchen sich finden, so darf eine
weit auseinanderlaufende Gestaltung derselben innerhalb
der Gattung nicht auffallen. Ich führe noch zur Stütze
dieser Ansicht an, dass im Greifswalder Bodden zwei
Formen von Tanais zusammenleben, von denen die eine
häufigere dem T. Oerstedii, die andere, wie die Männ-
chen unserer Art, weit seltenere, dem T. Curculio sehr
nahe steht.
Welche Stellung im Systeme gebührt nun diesen Schee-
renasseln, die von allen anderen Asseln durch ihre Scheeren,
durch ihre Augen, ihre Gehörwerkzeuge, durch ihren der
Athmung dienenden Panzer, durch die Lage ihres Herzens,
durch ihre fastenden Männchen, durch die der Hinterleibs-
füsse entbehrenden Jungen u. s. w. sich entfernen, und er-
wachsen, kaum ein wesentliches Merkmal mit ihnen gemein
haben? — Die an die Amphipoden, denen ältere Beob-
achter sie anschliessen, durch die vorwärts gerichteten
Fühler, deren vorderes Paar bei Rhoea zwei Geissein
trägt, durch die abweichende Bildung der beiden vorderen
und die (wenigstens bei Tanais) verbreiterten Grundglie-
der der drei hinteren Fusspaare der Brust, so wie durch
Lage und Bau des Herzens erinnern und deren Athmung
vollständig wie bei den Jugendformen der Krabben und
Krebse vor sich geht?
Die Entwickelung scheint mir unzweideutig zu be-
weisen, dass sie ächte Asseln sind, dass sie sich nicht
den stieläugigen Krebsen und viel weniger noch den
Amphipoden annähern lassen , an die die erwachsenen
Thiere so vielfach erinnern. Es ist mir ausser zahlreichen
Asseln kein Krebs bekannt, der das Ei (oder, wie Ligia,
eine anhanglose früheste Larvenhaut *) ) verliesse mit bis
zum vorletzten Brustringe vollständig entwickelten Glied-
massen, während dieselben dem letzten Brustringe noch
1) Näheres hierüber nächstens.
6 Müller: Ueber den Bau der Scheerenasseln.
fehlen. — Dem Amphipoden-Ei scheint stets ein „Micro-
pyl- Apparat zuzukommen *) ; die Jungen liegen darin in
umgekehrter Weise gekrümmt und verlassen es mit voll-
zähligen Gliedmassen.
Aber was wollen nun innerhalb der Ordnung der
Isopoden die Scheerenasseln bedeuten? — Die Antwort
wird verschieden ausfallen je nach den systematischen
Grundanschauungen, von denen man ausgeht.
Wer die Arten als unveränderliche Bildungen an-
sieht, die bei jeder der hundertfach wiederholten Schöpfun-
gen fix und fertig aus den Elementen zusammenschössen,
und die Urform (den Typus) jeder grösseren oder kleine-
ren Gruppe aus den der Mehrzahl ihrer Mitglieder ge-
meinsamen Merkmalen aufbaut, der wird natürlich in den
Scheerenasseln die von dem Typus der Isopoden am wei-
testen abirrende Asselform erblicken.
Wer dagegen mit Darwin als Endziel der Syste-
matik die Aufstellung eines Stammbaumes der Thier- und
Pflanzenwelt, und wer daher als Urform einer Gruppe
den gemeinsamen Stammvater derselben betrachtet, der
wird im Gegentheile zu der Ansicht geneigt sein, dass
unter allen Asseln der Gegenwart die Scheerenasseln mit
ihren beweglichen Augen und ihrer Zoea-Athmung der
Urassel am nächsten stehen, die vielleicht noch, wie der
Urvater aller Malacostraca, eine durch Nauplius und Zoea-
formen hindurchgehende Verwandlung zu bestehen hatte.
1) Ich vermisste den „Micropyl-Apparat" bei keinem der zahl-
reichen von mir hierauf untersuchten Amphipoden aus den Gattun-
gen Gammarus, Amphithoe, Podocerus, Corophium, Orchestia u. a.
und fand ihn ebenfalls bei Caprella.
Desterro, im Juni 1863.
Die Häutungen der Gespeiistkeuschrecke
(Mantis religiosa).
Von
Prof. Dr. H. Alex. Pagenstecher
in Heidelberg.
(Hierzu Taf. I. A.)
In seinem ausgezeichneten Werke über die Europäi-
schen Orthopteren sagt L. H. Fischer bei Gelegenheit
der Biologie der Mantiden, es scheine noch Niemand
beobachtet zu haben, wie oft die Larven sich häuteten,
auch sei es ihm selbst nicht möglich gewesen, das am
lebenden Insekte auszumitteln ; er vermuthe jedoch nach
dem Baue der Flugwerkzeuge, dass aus der vierten oder
der fünften Häutung das erwachsene Insekt hervorgehe.
Auch mir hat die Durchsicht der betreffenden Lite-
ratur darüber nichts ergeben.
Als ich nun im vergangenen Jahre bemerkte, dass
aus der Eikapsel einer Mantis, welche ich aus Cette mit-
gebracht hatte und durch Benzin getödtet zu haben glaubte,
in einer Insektenschachtel unbeachtet die jungen Heu-
schrecken ausgeschlüpft waren und sich in der Schachtel
zerstreut hatten, schien es mir möglich, bei einer besser
beachteten ähnlichen Gelegenheit zu einer Ausfüllung
jener Lücke zu gelangen.
Ich brachte zu dem Ende in diesem Frühjahre wie-
der zwei Eikapseln von Mantis aus den Bergen von Men-
tone mit und hatte das Vergnügen aus beiden gegen Ende
Juni und Anfang Juli die junge Brut ausschlüpfen zu
sehen. Theilweise konnte ich dieselbe bis beinahe Mitte
August erhalten, ihre Lebensweise studiren und ihre Ent-
wickelung verfolgen.
8 Pagenstecher:
Dabei wurde, wie wir sehen werden, die Beobach-
tung glücklicher Weise bis zu dem Punkte geführt, von
welchem an bereits von Fischer die Larvenzustände
dargestellt wurden. Sie erfüllte somit ihren wissenschaft-
lichen Zweck. Die Hoffnung dagegen, die aus den Ei-
kapseln genommenen Thierchen bis zu voller Reife und
Bildung neuer Eikapseln verfolgen zu können, scheiterte.
Die Form der Kapseln, in welchen die Gespenst-
heuschrecken die Eier ablegen, ist für die einzelnen Ar-
ten verschieden und von Mantis religiosa durch Abbil-
dungen und Beschreibung im Allgemeinen bekannt.
Es besitzt diese Kapsel jedoch Einrichtungen, welche
für die Entwickelung der jungen Thiere von "Wichtigkeit
sind, und welche früher, da ihre Bedeutung nicht bekannt
war, wenig gewürdigt wurden. Ich muss mir deshalb
erlauben, zunächst die Eikapsel von Mantis religiosa einer
etwas genaueren Prüfung zu unterziehn.
Diese Eikapsel (Fig. 1) bildet eine gemeinsame Hülle
um die sämmtlichen Eier einer Heuschrecke, welche, etwa
120 bis 200 an der Zahl, in ihr in 18 bis 25 Querfächern
zu je 6 bis 8 eingereiht sind. Sie entsteht durch theils
schaumige, theils blättrige Erhärtung eines Sekretes ac-
cessorischer Drüsen und zeigt eine wechselnde Grösse.
Während eine der von mir gefundenen über 3 Cm. Länge
auf 2 Cm. grösster Breite misst, hat die andere kaum
2 Cm. und 1,5 Cm. in den gleichen Dimensionen.
Die Gestalt ist jedoch in der Hauptsache konstant,
wenigstens bei den äusseren Bedingungen, unter welchen
ich sie fand, nämlich unter Steinen angeklebt. Behufs
dieser Anklebung ist eine Fläche abgeplattet; dieselbe
ist ein wenig abgestutzt birnförmig. Obwohl diese Fläche
durch die Anklebung der Kapsel unter den Steinen
mehr oben liegt, muss sie doch als der Boden der Kapsel
betrachtet werden. Von diesem Boden aus steigen die
Aussenwände in der Quer- und Längsrichtung gebogen
empor, so zwar , dass das breitere Ende und die zwei
Längsseiten sich einfach convex wölben, das schmalere
Ende aber ziemlich tief concav ausgeschnitten ist.
Auf der Mitte der gewölbten Fläche verläuft eine
Die Häutungen der Gespenstheuschrecke. 9
vertiefte Längsnaht. In dieser findet sich eine Doppel-
reihe an der Spitze freier, quer über einander greifender
und sich auch in der Längslinie ziegeiförmig deckender
dünner Schuppenblättchen , welche den Blättchen der
Nadelholzzapfen oder der Hopfenfrüchte ähnlich sehn.
Am breiten Ende der Kapsel sind diese Schüppchen nicht
deutlich gesondert, mit einander verklebt, am schmalen
Ende bildet ihre Doppelreihe die hakig überragende Spitze
von dessen Ausbuchtung (Fig. 2). Ihre Zahl entspricht
jederseits der Anzahl der Querfächer, beträgt also im
Ganzen das Doppelte.
Auf den gewölbten Seiten verräth sich die Einthei-
limg der Kapsel in Querfächer nur durch leichte Andeu-
tung gebogen verlaufender Quernähte, auf dem Boden
deutlicher durch quergestellte tiefe Einsenkungen.
Bei der inneren Untersuchung zeigt die Kapsel
theilweise einen unregelmässig schaumig zelligen, theil-
weise einen blättrig gefächerten oder regelmässig waben-
artigen Bau. Die schaumig erstarrten Massen bedecken
längs den ganzen Langseiten sowohl als vorn und hinten,
eine sekundäre Umhüllung bildend, das Fächer- und Wa-
bensystem, welches die Eier aufnehmend in der Axe
liegt. Ueber den Bau der unregelmässig, zelligen Um-
hüllungen ist nichts besonderes zu sagen, sie sind an den
Aussenwänden durch die dickere, poröse Rinde glatt ver-
strichen und gehn innen allmählich in die Fächerwandun-
gen über.
Bei der Betrachtung des centralen Fächersystems
zur Aufnahme der Eier müssen wir davon ausgehen, dass
eigentlich in demselben für jedes Ei eine Büchse bestimmt
ist. Solche Büchsen sind auf dem Boden der Kapsel
wabenartig neben einander geordnet, wie man das gut
erkennt, wenn man bis zu einer gewissen Tiefe von oben
aus mit einem Horizontalschnitte die Convexität der Kap-
sel abträgt (Fig. 13, b). Man sieht dann den sechseckigen
Durchschnitt aller der in einander eingreifenden Bienen-
zellen ähnlichen Büchschen. Eine Kapsel, welche ich
früher in Nizza fand, zeigt das sehr hübsch durch einen
10 Pagenstecher:
Zufall, indem sie von oben bis zu verschiedener Tiefe
abgenagt ist.
Es stehen sechs bis acht in den einzelnen ziemlich
regelmässigen Querreihen, die jedoch nicht querüber ge-
rade durchgehen, sondern von rechts und links mit ein-
ander abwechseln und so in einander eingreifen. Die
eine Querreihe bildenden Büchsen stehen, unten divergi-
rend, etwas radiär gestellt (Fig. 4). Oben werden die
Büchsen, deren Wände mit einander verschmelzen, mehr
und mehr unvollständig und öffnen sich so auf jeder Seite
in einen gemeinsamen Raum des einzelnen Querfaches,
welchen man wieder bei einem etwas höher geführten
Horizontalschnitte erblickt (Fig. 13, a). Zwischen den
in der Mittellinie der Rückenfläche der Kaj)sel gelegenen
Schüppchen finden diese gemeinsamen Querfachräume
ihren Ausgang. Dabei ist die Sonderung der Fächer der
einzelnen Querreihen und die der Querreihen unter ein-
ander, an sich schon durch die nur wenig mächtigere
Entwickelung der Scheidewände in den bevorzugten Rich-
tungen , und die nicht ganz strenge Ordnung nicht sehr
deutlich, um so schwieriger zu verfolgen, weil die Fächer
querüber etwas gebogen verlaufen und ebenso im Auf-
steigen erst nach hinten sich erheben und dann oben vorn
überneigen (Längsdurchschnitt Fig. 3). Es ist das ganz
derselbe Verlauf wie er sich in den schwachen Nähten
der Aussenwand (Fig. 1) und der Concavität des einen
Endes der Kapsel (Fig. 2) zeigt und wir müssten einen
diesen Bedingungen entsprechenden hohlen Schnitt füh-
ren, wenn wir genau ein Querfach übersehen wollten.
Ein vertikaler Schnitt dagegen (Fig. 4) durchschneidet
eine gewisse Anzahl von Fächern oder der ausführenden
Wege von solchen an verschiedenen Stellen. Die radiäre
Stellung der einzelnen Eier wurde von Fischer erwähnt
und gezeichnet, der Beugung der Ausfuhrgänge nach vorn
aber von ihm nicht gedacht.
Ich habe nie die Ablegung der Kapsel durch das
Mutterthier beobachtet. Mit Rücksicht auf die Anklebung
des flachen Bodens an Steine, und Verklebung des ge-
rundeten Endes mit fremden Gegenständen, Reisern und
Die Häutungen der Gespenstheuschrecke. 11
dergleichen, kann man wohl mit Gewissheit annehmen,
dass der flache Boden der Bauchseite der Mutter ent-
spricht, und dass das concav ausgebuchtete Ende zuletzt
gebildet wird. Damit stimmt gut die Richtung der Blätt-
chen der Naht und auch Rös eis Angabe, dass das breite
Ende eher geboren werde, denn das ausgebuchtete ist
das schmalere. Die Eier an diesem concaven Ende schlü-
pfen übrigens zuerst aus.
Was die Bedeutung der einzelnen Theile der Kapsel
betrifft, so giebt die schaumige Umhüllung einen Schutz
gegen mancherlei Schädlichkeiten während der gerade
bei Mantis eine so lange Zeit erfordernden Entwickelung
im Eie.
' Yon noch grösserer Bedeutung aber scheint der Um-
stand zu sein, dass der Ausgang der Embryonen aus den
Eibüchsen und den gemeinsamen oberen Räumen der Quer-
fächer nur zwischen den schuppenförmigen Blättchen der
Mittellinie des Rückens genommen werden kann. Viel-
leicht ist auch die Beugung in der Richtung dieses Weges
mit in Rechnung zu bringen.
Um die Bedeutung der genannten Einrichtungen zu
verstehen, wollen wir das Ausschlüpfen der jungen Ge-
spenstheuschrecken aus der gemeinsamen Kapsel verfol-
gen. In der Beobachtung dieses Vorganges, meine ich,
liege der wichtigste Abschnitt dieser kleinen Mittheilnng.
Dieses Ausschlüpfen besteht nämlich aus zwei Akten,
erstens einem Auskriechen aus dem Eie, zweitens
einer ersten Häutung des ausgeschlüpften jungen
Thieres.
Die Eihaut bleibt beim Austreten des jungen Thiers
stets auf dem Grunde des Gefaches zurück, in welchem
das Eichen sich befand. Man kann sie für die einzelnen
ausgeschlüpften Jungen überall nachweisen und sie zeigt
sich im oberen Theile zerrissen.
Die Eihaut besteht aus einer homogenen durchsich-
tigen Membran, auf deren Innenfläche jedoch sehr feine
Moleküle, in ziemlich regelmässiger Anordnung anhaftend,
helle rundliche Fleckchen umgeben \md den Schein
einer epithelialen Auskleidung darbieten. Die Körnchen
12 Pagenstecher:
sind bei durchfallendem Lichte dunkel oder färben sich
auch durch Farbenzerstreuung. Man sieht das ganz ähn-
lich an der Umhüllung des Eis von Musca erythrocephala.
Man kann die Körnchen stellenweise vollkommen von
der glatten Eihaut entfernen und entgeht so dem Irrthume,
man habe es mit einer mit zahlreichen Poren ausgerüste-
ten Membran zu thun.
Weitere abgelegte Häute, Spuren embryonaler Mau-
serungen findet man in der Eihaut nicht.
Das aus dem Eie ausschlüpfende Thierchen zeigt in
wesentlichen Punkten eine andere Gestalt und ein ande-
res Verhalten als die frei umherlaufenden Mantiden. Es
hat in der That in diesem ersten Augenblicke des Lebens
eine Metamorphose durchzumachen , welche die spätere
in dem durch sie erlittenen Wechsel weit übertrifft, bevor
es fähig wird nach Art der älteren Formen seinen Lebens-
unterhalt zu gewinnen. Es bietet an seinem Leibe Ei-
genthümlichkeiten, welche darauf hinweisen, dass diese
ganze Phase des Lebens der Mantis nur ihre Bedeutung
finde in der Zurücklegung des Wreges aus der Tiefe der
gemeinsamen Eikapsel an die Aussenwelt.
Diese erste Larvenform von Mantis zeigt ein Kopf-
segment, drei deutlich gesonderte ringförmige thorakale
und neun abdominale Segmente. Der Kopf ist auf die
Brust herabgebogen, der Rücken gewölbt.
Am Kopfe sind facettirte Augenflächen von in die
Länge gezogener Gestalt, durch welche das dunkle Pig-
ment der Augen durchschimmert. An der abgelegten
Haut (Fig. 7) scheinen diese Augen einander zu berühren
und der Kopf sehr spitz zu sein; das ist aber nur durch
das Zusammenfallen so geworden, im Gegentheile er-
scheint der Kopf vor der Häutung sehr plump und er-
innert auffallend an das Uebergewicht des Kopfes bei
Wirbelthierembryonen. Unter den Augenflächen sind die
Antennen eingesetzt und die Mundtheile erscheinen in
Form eines mit einigen gebogenen und an der Basis
durch quer entwickelte Wurzelstücke verbundenen Chi-
tinstücken gestützten abgestumpft kegelförmigen Rohres
(Fig. 9). xluf den häutig dünnen Theilcn dieses Mund-
Die Häutungen der Gespenstheuschrecke. 13
kegeis erliebt sich die Chitindecke zu zahlreichen feinen
Körnchen, sonst ist die Umhüllung des Kopfes ohne Zeich-
nung. Sie bildet eine etwas kräftigere Kapsel als die
Körperdecke und bleibt an der abgelegten Haut steifer.
Die facettirten Augenflecken und die Wurzel der Anten-
nen sind gelblich, die Chitinstücke des Mundrohrs an den
dickeren Stellen sogar dunkelgelb. Am Thorax, welcher
den Hinterleib an Breite übertrifft, hängen, zwar vollkom-
men frei, aber unbeweglich, die Füsse an. Die geringe
Solidität der Chitindecken macht die Zählung der Tarsen-
glieder sehr unsicher, es sind hier entweder vier oder
fünf anzunehmen.
Yom Thorax an erhebt sich auf der Chitindecke,
erst in etwas unregelmässiger Zeichnung als wellige Li-
nien und stumpfe Papillen, dann, besonders auf dem Ab-
domen immer bestimmter in Form von Spitzen und feinen
gebogenen Häkchen, eine sehr grosse Zahl kleiner Erha-
benheiten, welche endlich die ganze Chitindecke ausser-
ordentlich fein bestachelt erscheinen lassen.
Statt der stielförmigen Anhänge der weiter entwickel-
ten Mantiden finden wir am Ende des Abdomen zwei Fä-
den , welche an der verbreiterten Basis ebenfalls mit
seinen Stachelhäkchen besetzt, danach zu einer den Körper
übertreffenden Länge ausgezogen sind.
Die Unthätigkeit der Antennen und Füsse, die Un-
vollkommenheit des Mundes, die Bestachelung, die Ver-
schiedenheit in der Form der thorakalen Segmente, end-
lich die Fadenanhänge des Hinterleibs sind also die we-
sentlichen Differenzen dieser ersten Larvenform.
Die Stigmenpunkte sind an diesen kleinen Geschö-
pfen zu erkennen.
In dieser Form verlässt also die junge Gespenstheu-
schrecke das Ei, welches in der Tiefe der gemeinsamen
Kapsel steht, und dessen gesprengte Schale an dieser
Stelle liegen bleibt und wandert an die Oberfläche der
Kapsel.
Diese Wanderung kommt zu Stande durch Bewe-
gungen der Segmente des Leibes gegen einander, welche
durch die feinen rückwärts gerichteten Häkchen und Sta-
14 Pagenstecher:
chelchen des Thorax und des Abdomen wesentlich unter-
stützt werden. Der Körper hebt sich durch Gegenstem-
nien und Schieben in Verkürzung und Streckung allmählich
ans den Fächern der Kapsel hervor in ganz gleicher Weise,
wie sich gewisse Puppen, z. B. die der Sesien, aus den von
den Larven bewohnten versteckten Stellen im Innern von
Hölzern hervorarbeiten, bevor der Schmetterling ausbricht,
gewissermassen, als wenn den zarten Gliedern und Flügeln
des erwachsenen Insektes dieser schwierige und gefähr-
liche Weg erspart werden sollte.
Bei dieser Wanderung der kleinen Püppchen, wie
wir wegen ihres sonderbaren Verhaltens diese ersten Ju-
genclzustände von Mantis wohl nennen dürfen, ist die
Bauchseite nach vorn gewandt. Sie folgt also der klei-
neren Krümmung, der Rücken liegt an der stärker ge-
krümmten, hintern später obern Wand des zu durchwan-
dernden Faches und wir können uns wohl vorstellen, dass
hierdurch die Wanderung des nach der Bauchseite zu
selbst eingekrümmten Püppchens erleichtert wird.
Windet sich nun oben in der mit den sich ziegei-
förmig deckenden Schüppchen verkleideten Mittelnaht das
Püppchen hervor, so liegt seine Bauchseite der Richtung
der Ausgangsspalten zwischen den Schüppchen entspre-
chend auf der Naht und der Rücken ist frei.
Wenn bei der nun zurückgelegten Wanderung von
den auszeichnenden Merkmalen dieses Püppchenzustandes
ohne Zweifel der Stachelbesatz die grösste Bedeutung
hatte, so kommen nun bei der sehr bald eintretenden
ersten Häutung die Fadenanhänge zur Verwendung. Nach-
dem die Püppchen mit der Masse des Körpers sich zwi-
schen den Schüppchen hindurchgewunden haben, legen
sich diese schwach federnd wieder auf einander und in
der sich schliessenden Spalte werden die Spitzen der Füsse,
besonders der des hinteren Paares, vor Allem aber und
überall die langen Schwanzfäden eingeklemmt. So erhält
das Püppchen eine Fixation, welche allein das Ausschlü-
pfen des Insekts ermöglicht, und welche bei den späteren
Metamorphosen der Mantiden durch Anklammern mit den
nun aktiv gewordenen Füssen, in anderen Fällen durch
Die Häutungen der Gespenstheuschrecke. 15
Ankleben, Anspinnen und andere Einrichtungen er-
reicht wird.
Die Püppchen sind ausserordentlich zart, weich und
blass; ihre Umwandlung erfolgt bei Mantis religiosa in
der Freiheit natürlich ebenfalls unter dem Schutze der
Steine, an welchen die Kapseln angeklebt waren, oder
in seltenen Fällen wohl auch unter dem Schatten des
Laubes u. s. w. Es scheint ihnen ziemlich genau zu
halten und überhaupt in allen Metamorphosen die Man-
tiden ein Bedürfniss zu haben einmal nach erfrischender
Kühle, Thau der Nacht oder Schutz durch Schatten und
auf der anderen Seite nach kräftiger erwärmender Durch-
strahlung durch südliche Sonne.
In einzelnen Fällen fand diese erste Häutung schon,
gewissermassen verfrüht, innerhalb der Kapsel statt, so
dass die Puppenhaut schon auf dem zurückzulegenden
Wege liegen blieb, und die kleine Mantis beweglich
oben zum Vorschein kam. Meist aber erschien oben das
Püppchen, stand etwas aufgerichtet auf der Mittelnaht auf
(in normaler Situation, unbeobachtet, unter dem Steine
versteckt, würde es herabhängen und natürlich auch die
Wanderung leichter haben) und führte nun mit Interval-
len der Ruhe den Akt der Häutung aus (Fig. 6, a).
Dabei springt zuerst die Chitinhaut auf dem gewölbten
Rücken. Dieser Riss verlängert sieh durch Beugung
und Streckung des Rumpfes nach vorn bis an die stärkere
den Kopf deckende Kappe. Nun drängt sich erst der
Mittelkörper hervor, die mittleren Füsse ziehen sich aus
den Scheiden. Mit grösserer Mühe und langsamer folgt
der Kopf, welchem die Antennen und die vorderen Raub-
füsse die Häutung sehr erschweren. Am meisten Zeit
erfordert dann endlich das Ausziehen der langen Hinter-
füsse, es bleibt unter sonst ungünstigen Umständen nicht
selten die Häutung in diesem Akte stecken und das Thier
geht gewissermassen an den Füssen gefesselt zu Grunde.
Ist die Häutung glücklich beendet, so bleibt die abgelegte
Puppenhaut an der Eikapsel hängen und die Reihe dieser
Exuvien an den Zahnblättchen in der Mittellinie der
Kapsel verräth, dass der Inhalt bereits ausgeschlüpft ist
16 Pagen Stecher:
(Fig. 6, b). Da ich die Püppchen selbst in der Entwicke-
lung nicht stören wollte, habe ich nur solche abgelegte
Häute unter das Mikroskop gebracht, Fig. 7 giebt ihre
Abbildung.
Die Bedeutung der Einrichtungen der Eikapsel für
die erste Häutung der Mantiden ist hiernach klar, die
Ausführungswege besonders die federnden Schüppchen
Hand in Hand mit den Fadenanhängen der Püppchen
sichern das Zustandekommen dieses Aktes. Findet man
ein solches Püppchen lose aufliegend auf der Kapsel, oder
entfernt man es von derselben, so ist das Thier, wenn
nicht die Fadenanhänge zufällig einen anderen Anhalt
finden, z. B. in den Exuvien der Geschwister sich ver-
stricken, nicht im Stande den zarten Leib und die langen
Anfangs sehr weichen und fadig dünnen Gliedanhänge
aus der sehr feinen abzuwerfenden Haut loszuwinden.
Es bringt dann die Häutung überhaupt nicht oder nur
unvollständig zu Stande, indem die Glieder hier oder da
von Fetzen der alten Chitindecke umhüllt bleiben. Ent-
weder geht dann das Thierchen nach vergeblichen An-
strengungen zu Grunde, oder es kommt ein oder das andere
Glied während glücklicher Entfaltung des übrigen Leibes
in einen verkrüppelten Zustand.
Uebrigens wissen die Thiere kleinen Mängeln der
Art noch nachträglich abzuhelfen, indem sie die mangel-
haft gehäuteten Stellen mit dem Munde putzen und rein
nagen.
Die geschilderten Eigentümlichkeiten dieses ersten
puppenförmigen Larvenzustandes von Mantis in Ueberein-
stimmung mit den physiologischen Erscheinungen, sind
um so interessanter, als ihnen gegenüber das ganze spä-
tere Leben der Heuschrecke eigentlich als ein hinausge-
zogener Imagozustand betrachtet werden kann. Die in
demselben stattfindenden Häutungen bringen nur noch
Veränderungen mit sich, welche, einschliesslich der un-
vollkommenen Anlegung und der Fertigstellung der Flü-
gel, entweder an und für sich, oder wenigstens, wenn
man die bei der Betrachtung der ganzen Gruppe der
Orthopteren sich zeigenden Modalitäten mit in Berück-
Die Häutungen der Gespenstheuschrecke. 17
sichtigung zieht; als von viel geringerer Bedeutung be-
trachtet werden können.
Man könnte dann etwa sagen, Mantis macht den Lar-
venzustand im Ei ab, jedoch ohne Häutung, verlässt als
Puppe (in der Mumienform) das Ei, und bildet im Ima-
gozustand in einer Anzahl von Häutungen allmählich die
Flügel aus, wobei nebenbei noch einige kleine Verände-
rungen erlitten werden.
Es erübrigt uns nun die Schilderung der an den aus
den Püppchen ausgeschlüpften Mantiden beobachteten
Lebenserscheinungen.
Wie oben erwähnt wurde, hatte ich bei meinen Un-
tersuchungen zwei Eikapseln benutzt. Die aus der ersten
zwischen dem 24sten und 26sten Juni nach und nach aus-
geschlüpfte Brut ging jedoch durchweg in den ersten
Tagen zu Grunde, ehe noch ein einziges der Thierchen
angefangen hatte zu fressen. Ich hatte sie in einem
kleinen Glaskästchen aufbewahrt, in welches ein befeuch-
tetes Stück Rasen gelegt war. Ob der? Wasserdunst,
ob die hinter den Glaswänden sich sammelnde Wärme
die Veranlassung zum Absterben abgaben, vermag ich nicht
zu sagen.
Die Brut der zweiten Kapsel fiel vom ersten bis zum
sechsten Juli aus. Ich hatte schon im ersten Falle das
Ausschlüpfen der Püppchen und die erste Häutung stu-
dirt und überliess jetzt diese zweite Kapsel ungestört unter
einem kleinen Haufen von Steinen in einem alten Aqua-
rium-Kasten sich selbst. Bald zerstreute sich die Brut
nach allen Richtungen, ich gewann wenigstens 50 — 60 junge
Mantiden. Der geräumige Aufenthaltsort wurde oben mit
einem durchlöcherten Papierrahmen geschlossen, nachdem
auf dem Boden etwas Rasen niedergelegt und Gruppen
von Steinen eingerichtet worden waren. In diesem Ka-
sten, der dicht bei einem nach Süden sehenden Fenster
stand, wurde es immerhin noch sehr warm, aber die jun-
gen Thiere konnten sich doch nach Bedarf entweder schat-
tige Stellen wählen oder an der der Sonne ausgesetzten
heissen Glaswand umherspazieren.
Es kam nun die Frage der Fütterung. Ich glaubte
Archiv f. Natura. XXX. Jahr«-. 1. Bd. 9
18 Pagensteclier:
erst annehmen zu dürfen, dass, da die ausgeschlüpften
Thierchen sich lange Zeit in der Nähe der Brutstätte und
auf derselben aufhielten, sie hier wohl auf die ausschlü-
pfenden Geschwister lauerten, um solche zu verzehren,
bevor sie widerstandsfähig geworden. Ich habe jedoch
von diesen brudermörderischen Gelüsten in diesem jugend-
lichen Alter keinen Beweis erhalten, wenige Tage später
freilich fehlte er nicht.
Die ausgeschlüpften Thierchen, wenn vollständig von
den Exuvien befreit (Fig. 6, c und Fig. 8, 2) und einige
Stunden an der Luft erhärtet, verloren bald eine anfäng-
liche Unsicherheit der Bewegungen und wurden sehr
behende, dabei blieben sie aber sehr ängstlich. Vor der
winzigsten Fliege ergriffen sie die Flucht oder fielen vor
Schreck hintenüber. Sie schienen überhaupt die ersten
Tage noch keine Nahrung zu begehren. Schon von die-
sem frühesten Alter an zeigten sie die Sonderbarkeit und
Zierlichkeit der Bewegungen, die Mannichfaltigkeit der
Stellungen, welche auch späterhin für die Gespenstheu-
schrecken so charakteristisch sind. Dazu wirkt einmal
mit die Verschiedenheit der Extremitäten, denn während
die zwei hinteren Paare als weit ausgreifende Schreitfüsse
den stabförmigen Leib hoch tragen, werden die vorderen,
welche schon jetzt durchaus die spätem Raubfüsse dar-
stellen, taschenmesserartig zusammengeklappt unter dem
erhobenen Vorderleib bereit gehalten zur Verteidigung
oder zum Angriffe oder dienen auch beim Klettern. Mehr
aber wird der charakteristische Ausdruck in den Stellun-
gen von Mantis bedingt durch die Leichtigkeit, mit wel-
cher die Stellung des Thorax und noch mehr die des
querentwickelten Kopfes am Thorax geändert wird. Es
kann eine Mantis ganz gut das Gesicht gerade nach hin-
ten wenden. Die Beweglichkeit erinnert dabei zuweilen
fast an die kleiner Vögel oder auch anderemale die Selt-
samkeit, mit welcher der Kopf am unbeweglichen von
den Umgebungen kaum unterscheidbaren Rumpfe gedreht
wird, an die Bewegungen des Chamäleons.
Ausser der Neigung, rasch in ein Versteck zu flüch-
ten , war dabei stets das Bestreben bemerklich zu den
Die Häutungen der Gespenstheuschrecke. 19
höchsten erreichbaren Punkten hinaufzuklettern, so dass
damals die Raubfüsse beinahe mehr den Namen vonKlet-
terfüssen verdienten. Ich kam dadurch auf den Gedan-
ken, die Thierchen möchten von Beute leben, welche sie
am ersten an der Spitze der Zweige finden könnten, und
es fielen mir die Aphiden ein. Später erst, nachdem ich
begonnen, solche als Futter darzubieten, sah ich, dass
auch ältere Autoren derselben als der Nahrung junger
Mantiden gedenken.
Auch vor den in den Kasten gebrachten Aphiden
(verschiedene Arten, besonders von Rosen, Johannistrau-
ben, Mohn und Schneeball) hatten die kleinen Geschöpfe
Anfangs eine schreckliche Furcht, hieben höchstens zur
Vertheidigung nach ihnen und suchten die an den Spitzen
der Vorderschenkel wohl hängen bleibenden wie in Ver-
zweiflung abzuschütteln. Es schien fast, wie wenn erst,
als nun ein oder das andere Mal die anhängenden Stück-
chen ebenso abgenagt wurden, wie früher etwaige Reste
der Puppenhaut, die Vorstellung sich bilde, dass das eine
Nahrung sei. Bald gingen dann daraus alle die kleinen
Kunstgriffe der Behendigkeit und List hervor, mit wel-
chen der nun erkannten Beute nachgestellt wurde. Ich
brachte ein einziges Exemplar sogar so weit, dass es die
mit einem Stäbchen hingehaltene Beute abnahm und frass.
Die Mundwerkzeuge sind zu dieser Zeit ganz ähn-
lich denen der erwachsenen Thiere und habe ich eine
Abbildung derselben gegeben (Fig. 10 von oben, Fig. 11
das Labium von unten). Ich glaube jedoch, dass der
mittlere Theil der Unterlippe dreitheilig ist und ausser-
dem noch auf seiner Oberfläche ein zu einer Halbrinne
gebogenes häutiges Stück liegt, welches als eine echte
Zunge betrachtet werden kann (Fig. 10, 1). Ocellen sind
nicht vorhanden, aber zwei braune Fleckchen zieren den
Scheitel. Dieselben sind durchaus so beschaffen, wie ähn-
liche Pigmentflecken am Rücken des Thorax und an an-
deren Stellen, fehlen übrigens auch den folgenden Alters-
stufen und können nie für Ocellen gehalten werden.
Ausser Aphiden frassen später die jungen Mantiden
auch Eriosomen und zwar nagten sie speziell deren Wachs-
20 Pagenstecher:
fäden ab, ferner Dipterenlarven, endlich auch die Leichen
ihrer Geschwister. So sah ich eine aus dem Kopfe einer
andern mit Behagen die Weichtheile ausnagen, ohne dass
ich jedoch angeben kann; ob sie selbst sie getödtet hatte.
Zuweilen schienen sie mir von der grossen Hitze erschöpft,
und wenn ich dann Wasser spritzte, so nahmen sie von
demselben auf die Yorderfüsse niedergekniet mit dem
Munde oder leckten die befeuchteten Vorderfüsse ab. Bis
zum elften und zwölften Juli waren viele tüchtig ge-
wachsen, man sah sie sehr oft eine Aphide mit den bei-
den Vorderfüssen fassen und bis auf die Flügel aufnagen,
sie füllten sich sichtlich.
Am löten Juli bemerkte ich zuerst eine zweite
Häutung, wenn wir das Abwerfen der aus dem Ei mit-
gebrachten Haut als die erste bezeichnen, und an diesem
Tage und am folgenden häuteten sich die meisten, am lTten
noch einige. Es hatte also die hiermit abgemachte Pe-
riode des Larvenlebens wahrscheinlich zwölf bis vierzehn
Tage gedauert. Die Zahl war schon sehr verringert,
einige waren entlaufen und ich fand einzelne weithin in dem
Saale unseres Museums zerstreut, andere wurden wohl
von den Kameraden aufgezehrt, manche hingen wie ver-
trocknet todt an den Grashalmen. Vor, während und
nach der Häutung sterben die meisten an Erschöpfung.
Fielen sie, ehe die neue Haut erhärtet war, und es
geschah das leicht, da sie sich, wie auch sonst bei Be-
rührung gern fallen liessen, so waren sie nachher wie
o-elähmt. Ich glaubte schwache durch Anfeuchten er-
quicken zu können, aber sie starben, wie es schien,
um so rascher, auch in diesem Falle wie gelähmt. Wollte
man in der Häutung helfen, so gingen sie erst recht
zu Grunde, es war eben nichts zu machen. Auch in
dieser Häutung brach der Rücken auf und es wurden
die Mittelbeine, deren Scheiden am festesten an den Hal-
men oder der Glaswand angeklammert hafteten, zuerst
ausgezogen, die Hinterbeine zuletzt. Aus der Häutung
gingen die Thierchen, die vorher gedunkelt hatten, wie-
der heller hervor, der Kopf und Thorax waren entschie-
den breiter, das Abdomen war nicht eigentlich gewachsen,
Die Häutungen der Gespenstheuschrecke. 21
sondern nur neuer Vergrösserung durch Füllen mit Nah-
rung fähig geworden, die frisch gehäuteten. Thiere massen
von der Stirn e bis zur Spitze des Abdomen etwa 1 Cm.
Ich sah nun eine mehrmals rasch vorüberlaufende
Milben (Rhyncholophus) fressen, eine ergriff eine Blattlaus-
schlupfwespe (Aphidius), warf sie aber wieder weg, eine
andere frass eine Ephemeride in einer Viertelstunde bis
auf die Beine, Flügel und ein Stück vom Thorax, welche
Reste sie wegwarf. Das Abputzen und Abnagen derFüsse,
das Lecken an feuchten Steinen wiederholte sich, die
sonderbarsten Stellungen wurden angenommen. Viele
lebten über den hauptsächlichen gewissermassen normalen
Häutungstermin vom löten bis 17ten Juli hinaus, ohne eine
Häutung zu machen; solche brachten aber auch später
eine Häutung nicht mehr zu Stande, sie schleppten nur
einige Tage ein immer ärmlicheres Dasein voran und
gingen endlich im Versuche der Häutung oder auch ohne
sie zu Grunde. Ich besass am 26ten Juli vielleicht noch
sechs Stück, von denen ich jedoch nur vier in weiterer
Beobachtung verfolgen konnte, während zwei auf irgend
eine Weise entwischten oder umkamen.
Von diesen vieren machte eine vom 31ten Juli auf
den Isten August, eine zweite am lsten August eine
dritte Häutung durch; bei den beiden anderen trat diese
Prozedur erst am Tten und 8ten August ein. Die Häu-
tungen fanden wieder unter Anklammerung vorzugsweise
der Mittelfüsse und gerade wie früher statt. Die zuletzt
(am 8ten) gehäutete frass nachher nicht und starb bereits
am 9ten August. Auch die am lsten August gehäutete
war schwach ; das grosse Thier von 13 Mm. Länge und
mit einer Kopfbreite von 2 Mm., mit gewaltigen Raub-
füssen und sehr geschwinde, fiel vor einer Blattlaus vor
Schreck um und starb, ohne gefressen zu haben, bereits
am 2ten.
Die beiden anderen, aus der dritten Häutung glück-
lich hervorgegangenen, waren recht munter, obwohl ich
der am 7ten August gehäuteten, welche ich als No. 2 be-
zeichnen will, wegen der Verspätung der Häutung von
Anfang nicht viel zutraute. Man konnte an ihnen die
22 Pagen Stecher:
Art zu leben und besonders zu fressen sehr hübsch stu-
diren.
No. 1 mass am 2ten August bereits 14 — 15 Mm. an
Länge und frass eine Blattwespenraupe , eine Speise,
welche von jetzt an mehrfach gereicht und gern, sogar an
demselben Tage mehrmals genommen wurde. Zu einer
Blattlaus brauchte sie nur eine halbe Minute, zu einer
Blattwespenlarve von 7 Mm. Länge 25 Minuten. Sie
Hess nur die Kopfschale übrig und man kann denken, dass •
sich der Leib tüchtig füllte.
Sie hielt die Beute mit den beiden Yorderfüssen und
frass sie mit ungemein rascher Bewegung der Mundtheile
von hinten nach vorn auf. Dabei sah man durch die
Chitindecken fortwährend eine wellenförmig gleitende
Bewegung der Muskeln des sich rhythmisch zuckend he-
benden Hinterleibes. Dieses Thierchen lauerte auch nicht
allein auf Beute stillsitzend, sondern lief nach, um sie zu
erhaschen. Wenn sie im Fallen nur mit einem Fusse an
einem Halme vorbeistreifte, so genügte 'ihr das um sich
sofort an demselben Halt zu verschaffen. Die Bewegun-
gen waren sehr zierlich, bald schleichend, bald blitzschnell.
Selbst beim Belauern von Beute war sie aufmerksam auf
Alles ringsum, stets neugierig und ängstlich. Auch am
7ten August frass sie eine Blattwespenlarve, obwohl ihr
Bauch sehr voll aussah.
No. 2, am Tten August gehäutet, lief sofort flink
davon. Am 8ten frass sie hinter einander drei Blattläuse,
am zehnten fand ich sie beschäftigt eine Stubenfliege
auszunagen. Jedes Beinchen wurde dabei einzeln ausge-
bissen und die oberen Segmente geradezu in den Mund
hineingeschoben und gefressen, wobei sich der Mund den
Knickungen der Gelenke geschickt anzupassen wusste;
besonders wurden aber auch der Kopf und die Brusthöhle
ausgefressen. Diese Mantis war das einzige Exemplar,
welches überhaupt von mir dargebotene Nahrung- direkt
annahm; sie war überhaupt dreist, nahm Beute, welche
sie fallen gelassen hatte, später wieder auf. Obwohl sie
am lOten noch eine Fliege gefangen und dabei recht
ausdrucksvoll die Gier, das vorsichtige Hin- und Herwie-
Die Häutungen der Gespenstheuschrecke. 23
gen auf den Beinen, wie in Berechnung der Entfernung,
das leise Besehleichen, den geschickten Fang und das
Wiederergreifen der Entwischten vorgeführt hatte und
mich glauben machte, die Verspätung der Häutung sei
nun überwunden, fand ich sie doch am Uten Morgens
eben gestorben.
No. 1 hatte unterdessen schon seit einigen Tagen
nichts gefressen und sich sichtlich zur letzten Häutung
vorbereitet. Sie war in ausgezeichnetem Futterzustande.
An dem sehr heissen Nachmittage des lOten August fand
ich sie dann wirklich gehäutet, aber noch mit den zwei
hintersten Füssen in den Scheiden der alten Haut ste-
ckend und leider todt, so dass damit meine sämmtlichen
Beobachtungen abgeschnitten wurden.
Die Länge des Thieres nach dieser vierten Häutung,
in dem fünften Stadium des Lebens ausser dem Ei, betrug
nunmehr gerade 2 Cm. Man wird wohl nicht fehlgehn,
wenn man hiernach die je zwischen zwei Häutungen ver-
streichende Zeit auf 10 — 14 Tage schätzt. Schlechte Um-
stände, wie Gefangenschaft, wirken verzögernd.
Die in der letzten Häutung von einem einzigen
Exemplare aus meiner gesammten jungen Brut erreichte
fünfte Altersstufe (Fig. 8, 5) entspricht sehr deutlich der
jüngsten von Fischer gezeichneten Form (Orth. Eur.
T. VIII, 1. i) in Grösse und vor Allem in den nun zuerst
in Form deutlich geäderter seitlicher Fortsätze des Meso-
und Metathorax erscheinenden Flügelrudimente (Fig. 12).
Zum wenigsten folgen auf diese vierte Häutung noch drei,
durch welche die von Fischer abgebildeten Formen 1. c.
1, k. 1, 1 und 1 entstehen. Auch in der Sammlung unse-
rer Universität besitzen wir ein Exemplar der vorletzten
Altersstufe 1, 1, welches den erwachsenen an Körpergrösse
nicht viel nachgiebt.
Mit Einrechnung der ersten Häutung gleich nach
Verlassen des Eis haben wir also ausser dem Ausschlü-
pfen aus dem Ei wohl sieben Häutungen und acht Alters-
stufen für die Gespenstheuschrecken anzunehmen, nicht
vier oder fünf, wie Fischer meinte, indem er seine
jüngste Form für viel jünger hielt als sie war. Die letzte
24 P a g e n s t e c h e r :
Häutung wird dann im Allgemeinen vor Mitte September
fallen, was mit der Zeit übereinstimmt, in welcher die
erwachsenen gefunden werden.
Während der Häutungen vermehrt sich entschieden
jedesmal die Zahl der Antennenglieder. Die Stelle, wel-
che auf die zwei ersten, dickeren, basalen Glieder folgt,
erscheint immer sehr undeutlich gegliedert, und man darf
vielleicht annehmen, dass an dieser Stelle hauptsächlich
die Vermehrung der Antennengliederzahl zu Stande kommt.
Die drei Ocellen finden sich erst mit den Flügelru-
dimenten ein, die Zahl der Tarsenglieder beträgt jeden-
falls sofort nach der ersten Häutung an allen Füssen fünf.
Bei der Leichtigkeit, mit welcher die Brut aus den
Eikapseln von Mantis in unseren Gegenden ausfällt, er-
scheint es möglich, dieses Insekt in wärmere Gegenden
Deutschlands, so weit es sich nicht schon in denselben findet
(Breisgau, Oesterreich, früher Frankfurt a. M.) vermittelst
jener Eikapseln überzusiedeln. Die Fauna würde an die-
sem Thiere einen unterhaltenden Beitrag und unsere Gär-
ten einen geschickten Vertilger schädlicher Blattläuse,
Blattwespenlarven und anderer ähnlichen Feinde der Ve-
getation gewinnen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit
auf die Möglichkeit einer solchen Akklimatisation auf-
merksam machen.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. I. A.
Fig. 1. Die gemeinsame Eikapsel von Mantis religiosa von der Seite
gesehen, in natürlicher Grösse.
„ 2. Dieselbe von vorn, ebenso.
„ 3. Dieselbe im Längsdurchschnitt, ebenso.
„ 4. Dieselbe quer durchschnitten, ebenso. Man sieht ausser
den radiär gestellten Eiern an den Seiten die schaumige
Umhüllung und oben die durchschnittenen Ausführwege
einer grösseren Anzahl von Querfächern.
„ 5. Ein Stück Eihaut, vergrössert,
„ G. Eine an einen Stein angeklebte Kapsel mit sich hervor-
hebenden püppchenförmigen Larven (a), abgelegten Exu-
vien (b) und jungen frei beweglichen Mantiden (c) in ver-
schiedenen Stellungen, in natürlicher Grösse.
Die Häutungen der Gespenstheuschrecke. 25
Fig. 7. Die erste abgelegte Larvenhaut, etwa 40mal vergrössert.
n s. 1—5. Die fünf ersten Altersstufen von Mantis religiosa, in
natürlicher Grösse.
„ 9. Der Mundkegel des ersten Larvenzustandes (des Püppchens)
stark vergrössert. a. Antenne, o. Mundöffnung.
„ 10. Die Mundtheile des zweiten Larvenzustandes, denen die
des folgenden analog sind, von oben gesehen und stark
vergrössert. a Basis der Antennen, o ein Theil des facet-
tirten Auges, 1 Oberlippe, m a Oberkiefer, mx Unterkiefer,
g dessen Galea, mp dessen Palpus, lb Unterlippe, lp de-
ren Palpus.
„ 11. Die Unterlippe desselben für sich von unten gesehen, stark
vergrössert. 1 i Mittlerer gemeinsamer Theil, 1 e Aeusse-
rer Lappen, p Palpus, 1 halbrinnenförmige Zunge.
„ 12. Der Meso- und Metathorax mit den ersten Flügelrudimen-
ten der fünften Altersstufe, vergrössert.
„ 13. Ansicht der Eikapsel von oben nach Wegnahme eines Stückes
durch horizontalen Schnitt, bei a mit den Querfächern
beider Seiten, bei b nach tieferem Schnitte mit den wa-
benartig geordneten Zellen für die einzelnen Eier.
Heidelberg, den 7. September 1863.
jJO
Die blaseiiförmige Anftreibniig der Vorderschienen
bei den München von Stenobotlirns Sibiriens.
Von
Prof. Dr. II. Alex. Pagenstecher
in Heidelberg.
(Hierzu Taf. I. B.)
Im Jahre 1854 sprach F i s c h e r in seinen Orthoptera
Europaea die Hoffnung aus, dass es durch Untersuchungen
an frischen Exemplaren gelingen möge, die Bedeutung
der blasenförmigen Erweiterung zu ergründen, durch
welche die Vorderschienen der Männchen von Stenobothrus
Sibiricus Linn. (Subgenus Gomphocerus Fieber (Thunberg)
sich vor denen der Weibchen auszeichnen.
Es begegnete mir nun diese sehr interessante kleine
Heuschrecke im Jahre 1861 im Canton Wallis auf dem
Gorner Grate (8400' über dem Meere) am Rande des
Gorner Gletschers. In jener Gegend, welche wohl zu den
grossartigsten Alpenpanoramen gerechnet werden darf,
in mitten der Bergriesen von einer Höhe bis über 14,000
Fuss, welche sich von den Mischabelhörncrn und dem Monte
Rosa zum Matterhorn und weiter hinziehen, hart am Rande
des ewigen Schnees und Eises erschallten die Töne dieser
Insekten unaufhörlich. Neben dem uns umkreisenden Adler,
der Alpendohle, dem durch die zahlreichen Bauten ver-
rathenen Murmelthier fast allein dort die Fauna darstel-
lend, fr-nden sich dafür diese Heuschrecken zu Millionen.
Wohin n ,eh auf dem knappen Alpengrase oder dem
Steinschutte der Fuss trat, in allen Richtungen sprangen
ihre Schwärme davon.
Ich sah diese Art damals zum ersten Male und gab
mich an Ort und Stelle, im Riffelhause, durch die seit-
Pagenstecher: Die blasenf. Auftreib, b. Stenoboth. Sibiric. 27
same blasenförmige Auftreibung der Vorderschienen der
Männchen gereizt, eigentlich zunächst im Gedanken an
Gehörwerkzeuge, an die Untersuchung dieser Einrichtung.
Die an den frisch gefangenen Thieren begonnene Arbeit
vollendete ich später an in Alkohol aufbewahrten, welche
sich sehr gut erhalten hatten, so dass ich glauben darf,
dass mir nichts Wesentliches entgangen sei.
Obwohl diese Untersuchungen kein besonders auf-
fallendes Resultat gegeben haben und ich auf sie nur
vermuthungs- und versuchsweise eine Erklärung der Be-
deutung jener Einrichtung begründen kann, will ich doch,
anknüpfend an die vorstehenden Mittheilungen über Mantis,
dieselben hier mittheilen.
Die anatomische Untersuchung ergab Folgendes :
Die vorderen Tibien der Männchen von Stenobothrus
Sibiricus sind nach dem Unterende hin stark birnförmig
aufgetrieben; bei einer Länge von 5,5 Mm. besitzen sie
eine Breite von 1,5 Mm. und eine* grösste Höhenentwicke-
lung von 2,5 Mm. Die von ihnen getragenen Tarsen sind
gehörig entwickelt und 2,3 Mm. lang.
Die Aussenseite, welche unten am stärksten anschwillt,
ist im Leben zart grau violet gefärbt, die Innenseite, welche
mehr gleichmässig gewölbt erscheint, ist weisslich mit
röthlichgelber Mischung. An der Vorder wand ist die
Grenze zwischen der dorsalen und ventralen Färbung
durch einen schwärzlichen Strich scharf bezeichnet (Fig. 1).
Die zarten Farbennüancen wurden im Tode mehr bräunlich.
Auf der blassen Unterseite findet man zwei ziemlich
parallele Längsreihen schwachgekrümmter schwarzgespitz-
ter Häkchen. In jeder Reihe stehen sechs Stück und
dann jedesmal noch ein grösserer vom unteren Ende der
Reihe etwas nach vorn abweichend dicht an der Insertion
des ersten Tarsengliedes (Taf. 1/ B. Fig. 1).
In der Substanz der Chitindecke lässt sich eine
äussere und eine innere Schicht unterscheiden. Jene ist
schuppig, stellenweise bis zur Bildung deutlich gereihter
Zähne, welche bis 0,018 Mm. mit ihren Ecken vorragen.
Unter ihr liegt eine zweite sehr fein liniirte und gekörnte
Chitinhaut (Taf. I, B. Fig. 3).
28 P a g e n s t e c li e r :
Auch in der weichen Haut lässt sich von der chiti-
nogenen Membran, welche zwischen ovalen, massig ge-
kernten Zellen reichliche Mengen mit feinen Molekülen
durchsetzter Zwischensubstanz zeigt, eine zweite Schicht
grosser grobgekernter Zellen erkennen, welche das An-
sehen von Drüsenzellen besitzen. Zwischen ihnen kann
man Nervenstämmchen und multipolare Ganglienzellen
bemerken (Fig. 4).
Die röthliche zarte Beimischung, welche sich eben-
sowohl in der grauen Färbung der Oberseite wie in der
gelblichweissen der Unter- oder Innenseite erkennen lässt,
rührt her von einer der Haut angehörigen Pigmentschicht.
In derselben liegen karminrothe Pigmentkörnchen von
0,012 Mm. Länge und 0,006 Mm. Breite, meist ziemlich
regelmässig etwa 0,08 Mm. auseinander gestellt, stellen
weise aber, besonders an den Ansatzstellen der Muskeln,
auch gedrängt und in Gruppen vereint. Dadurch entsteht
dann an solchen Stellen eine intensiver rothe Färbung.
Diese röthlich pigmentirte Membran setzt sich von
den Ansätzen aus über alle Muskeln als Ueberzug fort
(Fig. 2).
Die blasenförmige Auftreibung der Tibien erwies
sich beim Eröffnen zum grossen Theile leer, wenigstens
nicht mit festen Substanzen gefüllt. Im Uebrigen enthält
sie Muskeln, Nerven und Tracheen.
Die Muskeln sind nicht unbedeutend, aber doch nicht
so kolossal, dass man denken dürfte, die ganze Auftrei-
bung sei nur da, um für sie, behufs kräftigerer Bewegung
des Tarsus, grössere Ansatzüächen zu gewinnen.
Wir können vier Muskeln unterscheiden, nämlich
zwei Flexoren und zwei Extensoren. Jene gehen an die
ventrale, diese an die dorsale Seite der Tarsuseinfügung.
Die Flexoren überwiegen.
Wir bemerken einen Flexor latus, welcher vom
Dorsum des Innenraums der Tibia so ziemlich in dessen
ganzer Länge entspringt (Fig. 2, c') und einen Flexor tenuis,
welcher nur in geringer Stärke an der ventralen Seite
oberhalb der Mitte Ursprung nimmt (Fig. 2, c").
Dieser Flexor tenuis tritt alsbald ungefähr in der
Die blasenförmige Auftreibimg bei Stenobothrus Sibiricus. 29
Mitte des Gliedes an den Flexor latus heran, verschmilzt
mit ihm, verliert seine Selbstständigkeit, vermag nun aber
die Thätigkeit des latus, wegen der Verschiedenheit des
Ausgangspunktes, bedeutend zu modifiziren, je nachdem
er mit ihm wirkt oder unthätig bleibt. Den Verlauf des
allerdings sehr geschrumpften Flexor latus kann ich noch
in einem getrockneten Exemplare durch die durchschei-
nenden Chitindecken erkennen.
Ein Extensor longus (c"') entspringt ganz oben, ein
Extensor brevis von der unteren Hälfte der ventralen
Seite (c'").
Durch den rechlichen Ueberzug haben die Muskeln
ein sehr hübsches Ansehen, ihre Cylinder messen 0,02 —
0,025 Mm. in der Breite.
Mehr auffallend ist das Verhalten des die Tibia durch-
ziehenden Luftröhrenstammes.
Die Haupttrachee misst im Oberschenkel nur 0,1 Mm.
an Weite. Sie erweitert sich dann aber im Unterschenkel
auf 0,275 Mm. und durchzieht in dieser gleichmässigen
sackartigen Auftreibung dessen Hohlraum hier und da unter
rechten Winkeln starke Aeste entsendend. Die an die
Muskeln tretenden Aeste messen über 0,04, ihre nächsten
Zweige 0,012 Mm. Die Spiralstreifen des Hauptstammes
treten 0,004 — 0,005 Mm. auseinander.
In Begleitung des Trachealhauptstamms verläuft ein
Nerv, welcher 0,025—0,018 Mm. stark ist.
Das wäre das gesammte Resultat der Zergliederung.
Versuchen wir nun die Bedeutung dieser Tibialan-
schwellung zu erklären, so glaube ich den Gedanken,
den ich, wie oben bemerkt, Anfangs hegte, es möchten
diese Aufblähungen einen besonderen Gehörapparat ent-
halten, nicht festhalten zu dürfen. Der geschilderte Be-
fund giebt dafür keinen entscheidenden Anhaltspunkt.
Wir haben zwar einen grossen Hohlraum und in
demselben eine stark erweiterte Luftröhre, an welcher
dichtanliegend der Nervenstamm verläuft. Dieser Nerven-
stamm ist jedoch der gewöhnliche des Gliedes ohne Verän-
derungen oder Besonderheiten, nirgends mit Einrichtun-
gen, welche auf spezifische Sinnesverrichtungen hinweisen
30 Pagenstocher:
würden. Die Volumszunahme des Luftröhrenstamms ferner
im Vergleiche mit dem Verhalten während des Verlaufs
im Oberschenkel, stellt im Verhältnisse zu den austreten-
den starken Aesten und der Volumsvergrösserung des
ganzen Gliedes. Es bleibt also nur diese letztere zu be-
rücksichtigen, welche nicht allein dem Muskelbedürfnisse
zugeschrieben werden darf, weil die Muskeln den grossen
Hohlraum doch bei weitem nicht ausfüllen. Es scheint
demnach, dass wir hier eine Einrichtung vor uns haben,
welche in der Form desGliedes eine mechanische
Verwendungsmöglichkeit darbietet. Da sich die
Einrichtung nur beim Männchen findet, so ist sie muth-
masslich für Zwecke der Begattung und speziell zum
Festhalten des weiblichen Geschlechts bei der Copula
bestimmt.
Die sonderbare Gestalt der Tibien geht dabei Hand
in Hand mit der ebenfalls von Fischer als in ihrer
Bedeutung rathselhaft bezeichneten stärkern Buckelwöl-
bung des Notum des Männchens und mit einer bisher
nicht beachteten kräftigeren Entwicklung der ganzen
vorderen Extremität dieses Geschlechtes , also auch spe-
ziell der Hüften und der Femora.
Durch das Gemeinsame dieser letzteren Erscheinung,
welche sich auch bei verwandten Arten und Gattungen
findet, aber allerdings wenig auffallend ist, ist doch eine
Art von Verbindung zwischen jener sonderbaren Ausrü-
stung und dem gewöhnlichen Verhalten und ein Hinweis
auf die Erklärung der Bedeutung gegeben.
Ich glaube nicht, dass wir fehl schliessen, wenn wir
annehmen, dass die Vorderfüsse der Männchen im Allge-
meinen in diesen Fällen deshalb kräftiger sind, um die
Weibchen behufs der Copula festzuhalten, und dass das
gewölbtere Notum einen grösseren Reichthum von Mus-
keln fasst zum gleichen Zwecke. Dabei können dann
aber, wie es mir scheint, auch jene birnförmigen Auf-
treibungen Dienste thun.
Wenn das Männchen das Weibchen umfasst, so dürf-
ten sich wohl die vordersten Füsse dem Leibe dort an-
legen, wo die Hinterschenkel inserirt sind. Es würden
Die blasenförmige Auftreibung bei Stenobothrus Sibiricus. 31
dann vielleicht die Tibien in den engen Raum zwischen
dem Hinterbrustbein eingeschoben werden. Da sie nun
unten stark verdickt sind; würden sie selbst bei kräftiger
Gegenwehr des Weibchens nicht ausweichen und würden
in allen Fällen die senkrechte Bewegung der Hinterschen-
kel sehr behindern.
Ich habe in einer Zeichnung (Fig. 5) dargelegt, wie
ich mir die Situation vorstelle, hebe aber ausdrücklich
hervor, dass die Darstellung nur auf Vermuthung, nicht
auf Beobachtung gegründet ist. Verhält sich die Sache
so, so muss der dabei auf die Seiten des Abdomen statt-
findende Druck auch dazu mitwirken, die Copulations-
organe des Weibchens zur Entfaltung zu bringen.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. I, B.
Fig. 1. Die linke Tibia sammt Tarsus eines Stenobothrus Sibiricus
(f vergrössert. Colorit des frischen Zustandes.
Fig. 2. Dieselbe durch Abschneiden einer Seitenfläche geöffnet ;
a die Chitindecke, bb die weiche Haut, c' Musculus flexor
latus, c" M. flexor tenuis, c'" M. extensor longus, c"" M.
extensor brevis, dd Nervus tibialis, e der erweiterte Tra-
chealstamm.
Fig. 3. Die Zeichnung der zwei Schichten der Chitindecke bei
stärkerer Vergrösser ung.
Fig. 4. Die zwei Schichten der Cutis bei stärkerer Vergrösserung.
Fig. 5. Ein Paar von Stenobothrus Sibiricus, um den vermuthli-
chen Gebrauch der blasenf orangen Tibialerweiterungen (*)
des Männchens zu zeigen, im Begriffe die Copula zu voll-
ziehen (ideell).
Heidelberg, 9. September 1863.
Heber Hydrochoerus capybara.
Von
Dr. Adolph Böcking.
Carpincho oder Cubia'i heissen die Spanier und nach
ihnen auch die Zoologen den Vierfüssler, welcher von den
Brasilianern Capybara, von den Indianern am Apure Chi-
quirä und von den Guaranis in Paraguay Capiygua, d. i.
Bewohner des Capiy, einer amaryllisartigen Sumpfpflanze,
genannt wird ; bei den eingewanderten Europäern ist er
allgemein unter dem Namen: „Wasserschwein" bekannt.
Ein Schwein ist er aber nicht, führt also diesen Na-
men mit Unrecht, sondern ein Nager und zwar nach un-
seren heutigen Kenntnissen der Säugethierwelt, deren
allergrösster Vertreter.
Der alte Erxleben rechnete das Carpincho noch
zu den Cavien, Brisson aber trennte es bereits 1762
davon ab und nannte es „Hydrochoerus capybara.
Beide sind sich nahe verwandt und gehören zu der
Unterabtheilung der Subungulaten, Halbhufer, unterschei-
den sich aber ausser in Grösse und Farbe wesentlich
dadurch von einander, dass das Carpincho seine drei Hin-
terzehen durch halbe Schwimmhäute verbunden, die klei-
nere Art getrennte Zehen, und die jederseits vier gleich-
langen Kauzähne bloss mit zwei bis drei Lamellen hat,
wogegen diejenigen der grösseren Art ungleich sind,
besonders der hintere Backenzahn ist sehr lang und zehn
und mehr Schmelzfalten besitzen.
Diese blätterigen mit scharfeckig gebrochenen La-
mellen versehenen Kauapparate sind dem Thiere deshalb
nöthig, damit es seine nur aus Vegetabilien bestehende
Nahrung breiartig zerkleinern, und so in die trichterförmig
sehr eng sich verjüngende Schlundöffnung gelangen las-
sen könne. Gröber zermalmtes Futter würde die Speise-
röhre nicht passiren können, aber so vorbereitet wie es
Bö c kin g: lieber Hydrochoerus capybara. 33
ist, erleichtert es dem Magen seine mechanische Thätig-
keit schon , und desshalb ist dieser auch sehr einfach
construirt und das ganze Darmsystem nur kurz.
Der eigenthiimlichen Hautfalte ; welche bei beiden
Geschlechtern die Genitalien umschliesst, gedenkt bereits
Rengger, welcher das Thier sehr sorgfältig anatomirt
hat; sie ist es, welche den Beobachter der Thiere in ihrer
Eigenthümlichkeit den Irrthum begehen lässt zuerst sämmt-
liche Individuen für weibliche zu halten, denn man sieht
beide Geschlechter beim Uriniren sich hinten nieder-
drücken und die genässte Stelle ist stets zwischen und
etwas rückwärts der Fährten der hinteren Extremitäten.
Ausgewachsen ist bei dem Cubiai zwischen Männ-
chen und Weibchen kein bemerkenswerther Unterschied
in der Grösse, beide haben dasselbe rauhe graubraune
borstige Haar, welches stets zu dreien auf der Haut sitzt
und so dick und tief eingewurzelt ist, dass man die
Gruppirung noch auf dem verarbeiteten und geschorenen
Fell erkennt. Beide haben ohne Nuancirung den vier-
eckigen ungeschlachten Rumpf, den dicken vorn scharf
schräg nach unten abgestumpften Kopf, aus welchem die
mit einer äusseren Furche versehenen grossen Nagezähne
hervorblicken.
Beide haben statt des Schwanzes nur ein hornig-
warziges Rudiment und als Träger des ganzen plumpen
Gebäudes die kurzen muskulösen Extremitäten, welche
vorn in je vier und hinten in drei Zehen endigen, deren
Spitzen die hufartig umschliessenden auch in der Fährte
kenntlichen Nägel das Criterium der ganzen Familie sind.
Von den Lippen will ich noch bemerken, dass sie
wulstig hervorragen und dem Thiere dazu dienen sein
Futter, allerlei Sumpf- und Uferpflanzen und junge
Baumschösslinge, damit zu fassen, bevor die Nagezähne
dasselbe abbeissen.
Ans einer gewissen Entfernung auf dem Lande ge-
sehen, gleicht das Carpincho nicht übel einem zweijähri-
gen Hausschweine; dies und seine laut grunzende Stimme
(Azara sucht sie sonderbar genug durch die Silben A-pe
wiederzugeben) , welche dasselbe erschreckt von sich
Archiv f. Saturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 3
34 Böcking:
giebt, mag für den Volksmund ebenso wie das Quieken
bei den Cavien den Grund zu der Benennung Wasser-
schwein und Meerschweinchen abgegeben haben.
Geistige Fähigkeiten verräth das Cabiai gleich den
meisten Nagern wenig, und von dem Kunsttriebe, der
einige Familien der Ordnung charakterisirt, ist keine Spur
bei ihm zu finden, bemerkenswerth aber ist dasselbe durch
seine ungemeine Häufigkeit im ganzen tropischen und
gemässigt warmen Südamerika.
Oestlich der Cordilleren, vom Orinoco bis zum fünf
und dreissigsten Grade südlicher Breite, in der Pampa
wie im dichten Urwalde, überall wo Buschwerk, die gros-
sen Ströme wie kleine Gefliesse umrandet, in jedem nur
tiefe Lagunen besitzenden Sumpfe, ja selbst auf den Inseln
im Brackwasser der Flussmündungen, selten hingegen
an der eigentlichen Seeküste, sieht man seine Pfade im
Schilf und Rohr, seine Fährten im Schlamm und auf den
Sandbänken.
In diesen Abdrücken erblickt man oft die Spur von
Jaguaren und der Neuling wird dadurch leicht versucht,
diese die Einbildung immer etwas aufregende Erschei-
nung in halbverwischten Fährten unseres Thieres überall
als ein Zeichen der Anwesenheit von solch unheimlichem
Burschen zu schauen.
Gottlob giebt es aber nicht so viele Unzen als Car-
pinchos und diese Erkenntniss wird den Naturforscher
wie Jäger also nicht von seinen Excursionen abhalten,
die glyptische Schrift der Thierfährten seinem Geiste
vielmehr zu fortgesetzter Forschung und zu einer in einem
Lande wie das Südamerikanische Binnenland nie übel
angebrachten Vorsicht ermahnen.
Am häufigsten habe ich die Carpinchos an den klei-
nen Flüssen der Banda Oriental, wie der Aguila, Maciel,
Coladeras und der San Salvador sind, und ferner beson-
ders auf den Inseln des Paranä, Uruguay und Laplata
angetroffen, weniger in den Sumpfgebieten der genannten
Gegenden, vor allen aber häufig auf den erwähnten nie-
drigen jeder Ueberschwemmung ausgesetzten Eilanden.
Ueber Hydrochoerus capybara. 35
Dort findet in dem dichten Gewirre von Unterholz, über
welches nur die Sances, Laureles, Se'ibo's und Palmen her-
vorragen, alles Wild Schutz und eine nie gestörte Ruhe,
und dort erblickt man auch die das Thier kennzeichnen-
de Loosung, welche länglich eirund wie polirt aussieht,
hart zolllang und vier bis fünf Linien dick ist und sehr
häufig und reichlich edirt wird und die ich, wenn tant
de bruit pour si peu de chose am Orte wäre, niedlich
nennen möchte. Diese fast nur mehr Holzfasern enthal-
tenden und durch ihren kurzen Aufenthalt im Darmkanale
durchaus noch nicht in Fäulniss übergegangenen Excre-
mente, welche keinerlei assimilirbare Stoffe mehr enthalten,
erklären einestheiis die grosse absondernde Thätigkeit der
dem Anatomen nur muskelschwach sich zeigenden Ver-
dauungsorgane, die alles was von Nahrungssubstanz in
dem Genossenen enthalten ist, kräftig chemisch zersetzen
und umbilden, und dadurch anderntheils die Fähigkeit
des Thieres ausserordentlich fett zu werden ermöglichen.
Weiter als dreihundert Schritte vom Wasser entfernt
trifft man das Carpincho nie an ; in bewohnten Gegenden
ist es Nachtthier und bringt den ganzen Tag schlafend
zu, wird daselbst auch nur einzeln oder paarweise ange-
troffen und ist äusserst scheu. Im Innern sieht man das-
selbe in jeder Anzahl bis zu Vereinigungen von zwanzig
bis dreissig Stücken an den Ufern zerstreut, entweder
weidend oder, besonders zur Zeit der Siesta, hundeartig
mit gekreuzten Vorderbeinen daliegend und den Kopf
erhoben stundenlang, wie eine Statue unbeweglich der
Verdauung obliegen. Nähert sich etwas Verdächtiges,
von ihm stets eher durch Geruch und Gehör, als durch
das Gesicht wahrgenommen, so erhebt es ruhig den Vor-
dertheil oder steht ganz auf und blickt unverwandt nach
der Richtung der Gefahr hin, geht, wenn es ihm nicht
mehr geheuer scheint, in phlegmatischem Schritte den
gebahnten Pfad entlang ans Wasser, senkt sich geräusch-
los in dasselbe und schwimmt tauchend unter die Ufer-
pflanzen, wo es die Schnauze allein über der Oberfläche
hält, bis der Eindruck der Störung, der ihm jedoch lange
bleibt, wieder verschwunden ist.
36 Böcking:
Plötzlich aufgescheucht, lässt es sein lautes Grunzen
hören und springt mit den vier Füssen zugleich, Gebüsch
und Schilf durchbrechend, in weiten Sätzen mit solcher
Kraft schräg ins Wasser, dass ich bei klarer Fluth seinen
Körper bis dreissig Fuss unter der Oberfläche verfolgen
und aus viel grösserer Tiefe noch die mitgenommene Luft
in Blasen aufsteigen sah.
Das Cabiai ist überhaupt ein zum Verhältniss seiner
Grösse äusserst starkes Geschöpf, und halte ich die im
Lande vielfach gehörte Beobachtung, dass man hie und
da Individuen antreffe, welche deutliche Male einer
Begegnung mit einer der grösseren Katzenarten an sich
trügen, keineswegs für Uebertreibung. Es kann dabei
selbstverständlich von einem längeren Kampfe nicht die
Rede sein, überrascht die Unze aber das Thier nahe am
Wasser, so besitzt es, wenn ausgewachsen, Stärke genug
den Feind hinein zu schleppen, wo er loslassen muss,
denn er kann nicht tauchen; das Carpincho bleibt aber
mit Leichtigkeit fünf Minuten unten.
Verlegt der Schütze dem Thiere den Pass zum
Wasser und verwundet es, so muss er vier starke Hunde
haben, die scharf anpacken, wenn sie ihm mit Erfolg wi-
derstehen und seiner Meister werden wollen.
Ist die Natur der Verwundung so, dass es die Hunde
noch überrennen kann, so greift es vorab stets zu diesem
Mittel, was ihm auch gelingt und wären der Gegner
noch so viele ; ist es aber so getroffen, dass ein Knochen-
bruch sein Entkommen verhindert, so setzt es sich muthig
zur Wehr und macht den gefährlichsten Gebrauch von
seinen langen Schneidezähnen, verendet auch ohne einen
Laut des Schmerzes von sich zu geben. Gelingts ihm
das Wasser zu erreichen, so stirbt es in der Tiefe und
ist dann für den Jäger stets verloren ; es entwickeln sich
in dem lauen Wasser sehr rasch die Gase in den Höhlen
des Körpers und hierdurch an die Oberfläche gehoben
ist es dann bei der bereits eingetretenen Gährung schon
allen Gebrauchswerthes baar.
Wenn ich, den wüthendsten Stichen der Mosquitos
oder einem anderen plötzlichen Besuche auszuweichen, in
Ueber Hydrochoerus capybara. 37
die Krone eines Uferbaumes gestiegen war, um von oben
aus den Anstand auf die mannichfachen Thiere der dor-
tigen Breiten auszuüben , habe ich zum öftern unter mir
herschwimmende Cabia'is aus nächster Nähe und durch
den Kopf geschossen, immer aber war die Erfolglosigkeit
meiner Tödtung dieselbe. Otter und Nutria schwimmen
ans Land um zu verenden, oder treiben wenigstens noch
lange genug oben auf um gefasst werden zu können, das
Carpincho sinkt lautlos unter, eine Beute der Tarrar'is,
Dientudo's, Mojarito's, Bagre's und Dorado's oder wie die
Fische der Tropen alle Namen haben mögen. Steht der
Schütze wohl verborgen und hat übrigens sein Wild
gefehlt, so schreckt das Carpincho nicht etwa auf, sondern
horcht ruhig, wie noch mehrere andere Thiere derselben
menschenleeren Regionen, auf und man hat Zeit einen
besser gezielten Schuss zu thun; oder es geht, wenn ihm
Witterung von dem Pulverdampfe kömmt, in der eben
beschriebenen philosophischen Weise seinem schützenden
Elemente zu.
Das Wildpret schmeckt nicht sonderlich, es ist selbst
in richtiger Weise zubereitet weichlich und seines unge-
heuren Fettgehaltes wegen im dortigen Klima nicht ge-
sund zu essen. Man schiesst es eigentlich nur, um es
als Köder für die Raubthiere zu gebrauchen. Die Unze,
der Chibi-guazü, die Gatös del monte, der Aguarü, der
Fuchs und die Stink- und selbst Gürtelthiere werden
durch den Geruch eines frisch getödteten Carpinchos
häufig angelockt und dabei erlegt; besonders die beiden
Gatos del monte (Felis yaguarundi und eyra) sind oft
schon eine Viertelstunde nach Legung an der verhäng-
nissvollen Lockspeise, und können auf andere Weise, we-
gen ihrer äussersten Scheue kaum erlegt werden.
Was das Familienleben anbetrifft, so lässt sich dar-
über nicht viel sagen, es ist ein theilnahmloses Zusammen-
sein beim Fressen, wohl mehr durch Anhänglichkeit des
Thieres an seinen Geburtsort und den Instinkt der grös-
seren Sicherheit bei vermehrter Zahl, als durch Zuneigung
der Individuen unter einander hervorgebracht; nur um
den November, in welchem die Paarungszeit ist, hört man
38 Böcking:
häufiger ihr lautes Geschrei, und ist man in ihrer Nähe,
das Plätschern und Springen der Thiere im Wasser.
Ob das Männchen monogamisch oder mit mehreren
Weibchen zusammen lebe, habe ich aus eigener Beobach-
tung nicht constatiren können, ich neige mich aber der
Meinung der Gauchos , welche sie polygamisch leben
lassen, zu. Im vorgerückten Frühjahre erblickt man die
Weibchen mit ihren drei bis vier Jungen schon auf der
Weide und zwar friedlich unter und neben den Uebrigen
jederlei Alters und Geschlechts. Die Jungen ähneln den
Alten durchaus und in allen Stücken, halten sich aber im
Gefühl ihrer Wehrlosigkeit stets unmittelbar am Wasser
auf. Zu der nämlichen Zeit kann man häufig die Mutter
mit den Kleinen Abends ohne Geräusch und langsam in
den Bächen stroman schwimmen sehen, wobei die Nach-
kommenschaft sich durch etwas hastigere Bewegungen
als die Mutter auszeichnet.
Die letztere schwimmt den Rücken hoch über das
Wasser erhoben , senkt sich aber sobald die Jungen ihr
durch Kratzen zu erkennen geben, dass sie müde sind,
und lässt sie dann alle auf sich klettern. Dies duldet sie
kurze Zeit, wird es ihr zu lang, so schüttelt sie dieselben
herunter oder zwingt sie durch Untertauchen zu weiterem
Schwimmen. Erweckt man gut verborgen die Aufmerk-
samkeit der Gesellschaft in solchem Augenblicke durch
ein leichtes Geräusch, wie das nachgeahmte Pfeifen einer
Maus, so w-enden sich sogleich alle Köpfe bis an die
Augen im Wasser nach dieser Richtung und bleiben so
einige Momente unbeweglich ; das Knacken eines Zweiges
aber oder ein Ruf und sie tauchen blitzschnell unter, um
sich denselben Abend nicht wieder zu zeigen.
Ausgewachsen wird das Carpincho viertehalb bis
vier Fuss lang und etwas über anderthalb Fuss hoch und
erreicht je nach der Jahreszeit ein Gewicht von drei bis
vier span. Aroben.
Dass das Carpincho zähmbar, unterliegt keinem Zwei-
fel, es wird aber selten hierzu gewählt, weil ihm alle und
jede geselligen Empfehlungen abgehen. Ich sah längere
Zeit ein halberwachsenes Exemplar in Buenos - Ayres,
Ueber Hydrochoerus capybara. 3 9
welches auf dem Paseo zwischen den beiden Muelles
vergeblich jeden Tag zum Verkaufe ausgeboten wurde;
das Thier war gut genährt und durch keine Kette gehal-
ten, meistens lag es im Schatten der Ombus und schaute
mit leerem Blicke die Vorübergehenden an, zeigte aber
keine Anhänglichkeit an den Knaben, der es besass, noch
zeigte es Verständniss für dessen Liebkosungen oder die
Neckereien anderer; wurden ihm letztere zu fühlbar oder
bekam es Hunger, so lief es in seinen nahe dabeigele-
genen Hof.
Schaden richtet das Carpincho dem Menschen durch-
aus nicht an, denn das gelegentliche Benaschen der Was-
sermelonen einer Chacra ist nicht in Rechnung zu bringen;
ebenso aber auch ist der direkte Nutzen gering, das Fell
allein wird gebraucht.
Frisch in Streifen geschnitten dient es den Brasilia-
nern und Gaucho's beim Bauen der Ranchos dazu, die
Bambusröhre quer über die Dachsparren zu binden, später
trocknen und schrumpfen diese Riemen unter der Bedek-
kung von Binsen oder Palmblättern ein und bilden ein
so zähes und festes Dachgefüge, dass es einem starken
Sturme widerstehen kann.
Gegerbt wird es zu Fussdecken, Pantoffeln u. s. w.
benutzt, ist weich und schmiegsam, aber zugleich auch
dick und schwammig und so dem Eindringen der Feuch-
tigkeit und raschem Verschleisse unterworfen.
Bringt man aber von anderer Seite den Haushalt
der Natur mit der menschlichen Oeconomie in Bezug auf
unseren Nager in Verbindung, so ist uns der Nutzen, den
er indirekt durch seine ihm in der Reihe der Thiere
auferlegte Mission erfüllt, gewiss von unberechenbarer
Bedeutung.
Das Carpincho ist es, welches dem Menschen seine
der Eigentümlichkeit der dortigen Boden- und Clima-
verhältnisse angepasste und lucrative Beschäftigung der
Viehzucht in vielen Strichen allein ermöglicht, also im
weiteren Sinne einen Hauptfactor der Civilisirbarkeit jenes
noch so dünnbevölkerten Continents mit abgiebt.
Soll der Mensch auf der nicht zu umgehenden Cul-
40 Böcking: Ueber Hydrochoerus capybara.
turstufe des Hirtenlebens neben grossen Raubthieren, die
auszurotten selbst in unserer Zeit der Reisen und ver-
vollkommneten Waffen noch eine Unmöglichkeit ist, exi-
stiren können, so muss, damit das Gleichgewicht des
Thierlebens bestehe, ein Mittelglied da sein, auf dessen
Kosten und zu unserem Vortheile jene grossen Würger
ihr Dasein fristen können. Wo ein solches Mittelglied
fehlt, wie im französischen Algier, wo der Mensch nach
seiner tausendjährigen Geschichte des Löwen immer noch
nicht Meister 'geworden ist, derselbe vielmehr nach wie
vor seine Verwüstungen unter den Heerden anrichtet, da
ist ein rasches Vordringen milderer Sitten von den Küsten
nach dem Innern des Landes zu unmöglich.
Das Carpincho ist eine grosse Zeit des Jahres hin-
durch die Hauptbeute des Jaguars und Cuguars, des Si-
morrons und des Quebranta-huesos (Harpyia americ. Cuv.,
des Haubenadler), vor allem in der Periode, wo deren
junge Brut die Verwüstungen der Alten zu einer Plage
der umliegenden Estancias und Plantagen machen würde.
Das überall häufige und mit wenig Sinnenschärfe
begabte Cabiai beschützt vor allem die Schafheerden durch
seine Existenz, und veranlasst jene wander artigen Raub-
züge der Jaguarfamilien im Herbste.
Und in der That, bei der grossen Häufigkeit der
Raubthiere an den Ufern der Tributaire des La-Plata hört
man verhältnissmässig selten von Ueberf allen derselben auf
die Hausthiere.
Dies wissen auch die Gaucho' s. Mit der grössten
Sorglosigkeit habe ich dieselben den Bericht aufnehmen
hören, dass ich bei meinen Gängen da oder dort verdäch-
tige Tatzen abgedrückt gesehen hätte.
„Ya sabemos, no faltan los Carpincho ¥ (Wir wissen
schon; es ist kein Mangel an Carpinchos) ; war ihre laco-
nische Antwort, und wo der Europäer sein laufendes Ei-
genthum mit der Büchse Nachts bewacht und sich nutzlos
abgemüdet haben würde, schliefen sie ruhig sammt ihrem
Vieh, weil die Carpinchos da waren.
Enkirch, im Mai 1863.
Beiträge zur Ornithologie Chiles.
Von
Dr. R. A. Philippi und L. Landbeck
in Santiago.
In seiner Historia fisica y polytica de Chile. Tom. I.
p. 235 seq. beschreibt Herr Gay drei verschiedene Ha-
bi cht- oder Sperber- Arten, und zwar :
1) Accipiter magnirostria Linn., einen Vogel, welcher
über einen grossen Theil von Amerika verbreitet ist. Herr
Gay sagt 1. c. , dass er in den mittleren Theilen Ame-
rika's gemein genug, in Chile aber selten sei, bei den
Araucanern den Namen Nanca, bei den Chilenen Nanqui
erhalten habe. Dabei wurden über Lebensart, Nistweise,
Farbe der Jungen u. s. w. ziemlich ausführliche Nachrich-
ten mitgetheilt, woraus hervorgehen dürfte, dass der Vo-
gel nicht so gar selten sein kann.
2) A. püeatus Pr. Max. Prinz Maximilian von
Wied, J. Natterer undAg. Saint Hilaire brachten
diesen Vogel aus Brasilien und d'Orbigny aus Bolivia
und Herr Gay fand ihn in Chile.
3) A. Cooperi Bonap. Eigentlich ein Vogel Nord-
amerika's; Herr Gay sagt aber, xlass derselbe über ganz
Amerika verbreitet sei und auch in Chile bis nach Ma-
gellanos sich finde.
Darwin, Pöppig, Kittlitz, Lesson und Cas-
sin erwähnen keines Chilenischen Sperbers in ihren Rei-
sewerken, ebensowenig Bridges; dagegen war der
Freiherr von Bibra von Nürnberg, welcher sich, wenn
wir nicht irren, im Jahre 1851 oder 1852 einige Monate
42 Philippi und Landbeck
in Chile aufgehalten hat, so glücklich ein Paar chilenische
Sperber zu bemerken. Er sagt in seinem Berichte vom
Jahre 1853:
„Accipüer palumbarius am er icanus Wilson t. 52 fig. 3.
Acc. atricapillus Bonap. In Santiago und dem nördli-
chen Chile.«
„Accipüer pileatus (Falco — Max. Wied) Temm.
Col. 205. Ich habe diesen zierlichen schlankgebauten
Yogel nur einigemal etwa 12 Stunden von Valparaiso in
der Nähe eines Teiches getroffen.« (Hat ohne Zweifel
junge Circus cinereus gesehen!)
Herr Hartlaub giebt in der Naumannia vom Jahre
1853. p. 220 ein Yerzeichniss der mit Sicherheit als Chi-
lenisch bekannten Vögel und führt in demselben zwei Sper-
ber-Arten auf, nämlich Nisus pileatus Pr. Max. und Nisus
erythro cnemius G. R. Gray. Demnach gäbe es in Chile
fünf Sperber arten :
1) Accipiter magnirostris L. nach G ay.
2) — pileatus Pr. Max. nach Gay, Bibra,
Hartlaub.
3) — ■ Cooperi Bonap. nach Gay.
4) — palumbarius americ. Wils. nach Bibra.
5) — erythrocnemius G. R.Gray nach Hart-
laub.
Leider ist uns eine Beschreibung der letzteren Art nicht
zugänglich.
Wir beide, seit 10 und 12 Jahren in Chile anwe-
send und eifrigst bemüht, die hiesigen Vögel so vollstän-
dig wie möglich zu sammeln, waren bisher nicht so
glücklich wie unsere Vorgänger, denn wir fanden überall
von Norden bis Süden nur eine einzige Art, welche
sonderbarer Weise keiner der ersten vier oben angeführ-
ten angehört, indem sie durch keine der uns bekannten
Beschreibungen charakterisirt ist, wahrscheinlich aber,
nach dem Namen zu urtheilen, A. oder N. erythrocnemius
ist. Da die von uns vielfach beobachtete und erlegte Art
in ganz Chile gemein genug ist, so ist nicht anzunehmen,
dass sie den erwähnten Naturforschern entgangen sein
Beiträge zur Ornithologie Chiles. 43
sollte, um so weniger, als das, was Herr Gay über die
Lebensart des Nanqui sagt, selbst mit Einschluss der
Vulgairbenennung, ziemlich gut auf unseren Yogel passen
könnte, während dagegen die Beschreibung weit entfernt
ist, unseren Yogel zu bezeichnen.
Die Gründe dieser sonderbaren Abweichung in den
Beschreibungen wollen wir nicht näher untersuchen und
bemerken nur, dass die Benutzung einzelner Individuen
leicht zu Irrthümern Veranlassung geben kann, indem
unser Sperber wahrscheinlich drei Jahre zur völligen Aus-
bildung seines Hochzeitkleides nöthig hat, dass es also
mehrere und zwar so verschieden gefärbte Kleider unse-
res Vogels giebt, dass man, ohne die Uebergänge zu be-
sitzen, leicht versucht werden kann, alte und junge Yögel
für zwei sehr verschiedene Arten zu halten. So z. B.
stimmt die Beschreibung der Jungen des A. magnirostris
S. 236 in Gay einigermassen mit den Jungen von unse-
rem Yogel, nur trifft die Anzahl der Flügel- und Schwanz-
binden nicht zu.
Da der hiesige Sperber, wie bereits erwähnt, gemein
genug ist, so hatte es keine besondere Schwierigkeit den-
selben in seinen verschiedenen Alterszuständen, also im
Nest- und ausgefärbten *) so wie im Uebergangskleide
von jenem in dieses zu erlangen, und wir geben, um allen
Verwechslungen und Irrthümern für immer vorzubeugen,
hiernach ausführliche Beschreibungen derselben.
AcGipiter chilensis nov. spec. Ph. et Ldb.
an erythrocnemius R. A. Gray?
Artkennzeichen.
Der Schwanz hat 5 — 8 helle und ebensoviel dunkle
Querbinden und stets eine weisse Spitze.
*) Es ist übrigens höchst sonderbar und uns unerklärlich, woher
es kommen mag, dass man so äusserst selten alte Vögel findet; so
dass es leichter ist, ?0 junge x als nur 1 alten zu erlegen.
44 Philippi und Landbeck:
Beschreibung:
Männchen. Weibchen.
Totallänge (Paris. Maass) > 1' 2" — W V 4" 5'"
Schnabel vom Mundwin-
kel an — — 9 — 1 —
Schnabel über der Bug . — ■ — 9 — ■ 1 —
Schwanz — 6 6 — 8 — ■
Breite 21— 2 6 —
Flügel vom Bug bis Spitze — 7 8 — 9 —
Tarsus — 21 — 26
Mittelzehe ohne Nagel . . — 14 — 16
deren Nagel .... 6 7
Aussenzehe 10 — -1 —
deren Nagel .... 5 6
Innenzehe — — 8 11
deren Nagel .... 7 — • — 9
Hinterzehe 7 10
deren Nagel . . . . 7 9
Die Flügel endigen vor der
Schwanzspitze .... — 3 6 — 4 3
Männchen und Weibchen sind in der Grösse,
aber nicht in der Färbung verschieden, höchstens bemerkt
man beim ersteren etwas lebhafteres Rostroth.
Schnabel: vordere Hälfte schwarz, Wurzelhälfte
schön hellblau ; Wachshaut so wie die nackte mit schwar-
zen Borstenhaaren besetzte Haut zwischen Auge und
Schnabel, Zügel, gelbgrün bis hellgelb ; Augenlied zitro-
nengelb, Auge schwefelgelb, bei Jungen grüngelb; Tarsen
grünlichgelb, besonders an den Zehen ; Nägel an der Wur-
zel horngraubraun, an den Spitzen schwarz.
Alter Vogel. Die ganze Oberseite dunkel
russbraun, etwas schimmernd, aber einfarbig, ohne lich-
tere Federränder, nur auf der Haube dunkler, fast
schwarz. Wangen und Ohren ebenfalls russbraun; Kinn
und Kehle weisslich mit schwarzen Schaftstrichen und
graubräunlichen Federrändern, so dass diese Stelle etwas
trübe aussieht ; die Grundfarbe der übrigen Unterseite
bis zum After ist bei sehr alten Vögeln rostbraun, auf der
Brust etwas aschgrau überlaufen ; mit feinen schwarzen
Beiträge zur Ornithologie Chiles. 45
Schaftstrich en , jede Feder hat zwei bis drei weisse,
schwärzlich eingefasste Querbinden oder Querflecken, wel-
che nicht überall quer durch die ganze Feder gehen, wo-
durch häufig rostbraune mit der Spitze nach unten ge-
kehrte Dreiecke gebildet werden ; bei etwas jüngeren
jedoch ganz ausgefärbten Vögeln ist das Weiss mehr
vorherrschend und alsdann sind die rostfarbigen Bänder
schwarz eingefasst. Bei ganz alten Vögeln ist die Schien-
beinbefiederung, die Hosen, einfarbig lebhaft rostroth, bei
jüngeren ebenso roth, aber jede Feder mit breitem weissen
Saume. Die After- und Unterschwanzdeckfedern weiss,
bei älteren mit einigen braunen oder schwarzen Spitzen-
flecken, bei jüngeren ungefleckt. Die Schwungfedern sind
an den Aussenfahnen und vom Ausschnitte der Innenfahne
an russbraun mit 6 — 7 schwarzen Querbinden, von der
Wurzel bis zum Ausschnitte ist das Russbraun durch
Weiss ersetzt, was auch auf sämmtlichen Federn an der
Unterseite der Fall ist, indem diese Seite weiss und schwarz
qu ergebändert erscheint. Die Unterflügeldeckfedern sind
rostroth, die vordem mit dunkeln Spitzenflecken, die hin-
tern mit weissen Querbinden.
Auf ähnliche Weise wie die Schwungfedern sind
auch die Schwanzfedern gezeichnet und gefärbt. Der
Schwanz ist auf der Oberseite russbraun mit fünf bis acht
schwarzen Querbinden (das Männchen hat gewöhnlich
fünf, das Weibchen sechs Binden, acht sind bei letzterem
seltene Ausnahmen); die Spitze auf beiden Seiten rein-
weiss, die Unterseite schwarz und weiss quergebändert.
Die Wurzeln der Kopf-, besonders der Genickfedern, sind
schneeweiss, was jedoch nur bei Lüftung dieser Federn
bemerkt wird.
Jugendkleid: Oberseite graubraun bis schwarz-
braun, die meisten Federn an der Spitze rostbraun ein-
gefasst und mit verdeckten weissen Querbinden, wovon
diejenigen nach der Spitze zu etwas halbmondförmig sind,
jedoch bei ordentlich gelegtem Gefieder nicht sichtbar
sind. Die Hinterhals- und Nackenfedern haben breite
rostrothe Seiten, so dass das Schwarze mehr wie ein
grosser Keilfleck erscheint; die Haube ist ebenfalls dunkler
46 Philippi ued Landbeck:
als der Rücken und jede Feder zart rostroth gerändert.
Bei manchen, besonders Männchen, befindet sich im Genick
ein grosser weisser Fleck mit schwarzen Keilstrichen,
die Schwung- und Schwanzfedern sind ebenso gefärbt,
wie beim alten Vogel. Die Unterschwanzdeckfedern sind
aber weiss ohne Spitzenflecken und die Unterflügeldeck-
federn ganz licht rostweiss mit runden schwarzen Spitzen-
flecken. Die ganze Unterseite ist lehmgelblich mehr oder
weniger licht mit schwarzen lanzettförmigen Längsflecken,
auf den langen Seitenfedern mit zwei breiten schwarzen
Querbinden und einem runden Spitzenfleck, wodurch alle
Aehnlichkeit mit dem alten Vogel verschwindet. Bei
einigen wenigen Individuen sind nur die Brust- und Bauch-
seiten auf die erwähnte Weise gefleckt. Kinn und Kehle
ebenfalls mit schwarzen Längsfleckchen. Die Hosen beim
Weibchen lehmweiss, beim Männchen roströthlich, jede
einzelne Feder mit zwei oder drei braunen Querbinden
und einem dunkeln Fleck vor der Spitze, wodurch die
Schienbeinbefiederung quergewellt erscheint.
Im Uebergangskleide sind die Federn des Ju-
gendkleides mit denen des ausgefärbten vermischt.
Der chilenische Sperber bewohnt den grössten Theil
von Chile, wenigstens bemerkten wir denselben von der
Provinz Aconcagua bis nach Chiloe, am häufigsten aber
in den Umgebungen der Stadt Valdivia. Er bewoht da,
wo es, wie im Süden, grosse Wälder giebt, gewöhnlich
die Ränder derselben, in den Central-Provinzen die nie-
drigen Ausläufer der Cordillere, Gebüschwälder mit ein-
zelnen grösseren Bäumen gemischt, auch Baumfelder,
gewöhnlich nicht fern von den Ansiedelungen, indem es
hier die meisten kleinen Vögel, Tauben, Drosseln, Fin-
kenarten und junge Haushühner giebt, von welchen er
ein besonderer Liebhaber zu sein scheint. Stehen in der
Nähe eines Gehöftes hohe alte Bäume, so wählt er sich
diese aus, um darauf seinem Opfer aufzulauern, auf das
er schief hinunterstösst, es mit seinen Krallen ergreift
und im ununterbrochenen Fluge durch die Luft davon
fährt, bis er eine versteckte passende Stelle findet, auf
welcher er seinen Raub verzehren kann. Solcher Stellen
Beiträge zur Ornithologie Chiles. 47
findet man viele an den Waldrändern durch ein Häuf-
chen Federn des erbeuteten Vogels bezeichnet. Das ziem-
lich grosse und starke Weibchen wagt sich zuweilen
auch an erwachsene Hühner, ist aber ein streitbarer Hahn
in der Nähe, so wird es durch den wüthenden Ueberfall
desselben wieder verjagt. Wir schössen einmal in Val-
divia in der Zeit einer halben Stunde zwei Weibchen,
welche auf unserem Geflügelhofe alte Hühner anfielen.
Seine Lieblingsnahrung scheinen aber hauptsächlich Dros-
seln zu sein, welche grosse Angst verrathen, wenn ein
Sperber langsam durch die Lüfte segelt, um einen Raub
auszuspähen.
Er erbaut sein Nest aus Reisern, wie der europäische
Sperber, in den Astgabeln hoher Waldbäume und heckt
vier bis sechs Junge aus.
Die Grösse und Farbe der Eier können wir jedoch
nicht angeben, da es uns bis jetzt nicht gelungen ist, in
deren Besitz zu kommen.
Chlorospiza plumbea Ph. et Ldb.
Artkenn zeichen:
Das alte Männchen. Sämmtliche kleine Federn,
so wie die Ränder der Flügel- und Schwanzfedern sind
bleigrau; das Weibchen lerchenfarbig gefleckt,
Beschreibung:
Ganze Länge (paris. M.) . . — 5" 6'"
Schnabel lang — — 5
hoch — — 3
breit — -— 2
Schwanz — 2 5
Flügel vom Bug bis zur Spitze — 3 6
Schienbein — 1 4
Ferse — — 10
Mittelzehc — — 9
Aussenzehe — — 7
Innenzehe — — 7
Hinterzehe — — 8
wovon der Nagel die Hälfte einnimmt.
48 Philip pi und Landbeck:
Der Flügel endigt 10'" vor der Schwanzspitze.
Die lste und 5te Schwungfeder sind gleich lang,
die 2te und 3te gleich lang und die längsten des Flügels,
die 4te wenig kürzer; die 2te bis 5te an der Spitze deut-
lich verengt. Schwanz etwas ausgeschnitten.
Der Schnabel ist klein, schwach, seitwärts stark zu-
sammengedrückt, der Oberschnabel am Rande besonders
stark eingezogen, hornblau, der untere etwas lichter. Iris
dunkelbraun, die Augenlieder weiss befiedert. Tarsus und
Zehen nicht stark, die langen stark gebogenen, ziemlich
spitzigen Nägel stark comprimirt mit Seitenfurchen, horn-
braun. Die Hauptfarbe des ganzen Vogels ist ein schö-
nes Bleigrau, die Halsseiten und die ganze Unterseite
etwas lichter als der Rücken, Bauch und Rücken mit zar-
ten olivengrünlichen Federrändern. Sämmtliche Schwung-
und Schwanzfedern sind grauschwarz und haben Ränder
von der allgemeinen bleigrauen Färbung des übrigen Ge-
fieders. Die Unterschwanzdeckfedern sind ziemlich breit
weisslich eingefasst, die Unterseite der Flügel ist hell-
aschgrau.
Das Weibchen ist in der Färbung vom Männ-
chen gänzlich verschieden. Die Hauptfarbe ist ein fahles
braungrau, oben dunkler, unten lichter, fast schmutzig
weiss, auf Kopf, Rücken, Schultern, Hals, Brust und
Bauch schwarzbraun gestreift, indem jede Feder einen
breiten Längsfleck von dieser Farbe hat ; Bürzel und
Oberschwanzdeckfedern aschgrau, bräunlich überlaufen,
ohne Fleckung. Flügel- und Schwanzfedern , auch die
Deckfedern jener sclrwarzgrau, lichtbraun eingefasst.
Die Jungen sind dem Weibchen ähnlich, im Gan-
zen aber lichter, mehr fahl gefärbt als dieses.
d'Orbigny in seinem Reisewerke Tom. IV, 3. p.361.
Tab. 45. fig. 2 beschreibt und bildet einen ähnlichen Vo-
gel ab (als Emberiza carbonaria), welcher am Rio negro
und Patagonien gefunden wurde. Allein bei genauerer
Vergleichung ist unser Vogel nicht damit zu verwechseln,
indem E. carbonaria gelben Schnabel und gelbe Füsse
(pieds et bec janne brillant, wie d'Orbigny sagt) hat,
welche Theile bei unserem Vogel schwarzblau und dun-
Beiträge zur Ornithologie Chiles. 49
kelbraun sind; ferner ist bei E. carbonaria die Schnabel-
Umgebung und Unterseite des Körpers am dunkelsten schie-
ferschwarz, bei unserem Vogel diese Theile am hellsten,
endlich ist E. carbonaria auf dem Rücken und den Schul-
tern dunkel gestreift, unser Vogel aber ohne alle Flecken.
— Grössere Achnlichkeit 'hat das Weibchen von Ch.
plumbea mit dem Weibchen von Ch. xanthogramma Gray,
allein dieses ist grösser, robuster und hat einen weit
dickeren, sperlingsartigen Schnabel , so dass eine Ver-
wechselung nicht wohl möglich ist.
Die ersten Exemplare dieses Vogels erhielt das Mu-
seum im Juli 1854 aus der Nähe der Stadt Santiago, vom
Cerro de San Cristobal, wohin sich die Vögel des Schnees
halber, welcher ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort, die
hohe Cordillere, bedeckte, zurückgezogen hatten. Sonst
lebt derselbe in Höhen von 6 — 80C0' über dem Meere in
den Cordilleren der Provinzen Santiago und Colchagua.
Wir fanden den Vogel nicht selten in Las Aranas, Valle
larga, Yceba locau. s. w. und ziemlich häufig im December
1860 in der Cordillera der Hacienda, la Puerta, Provinz
Colchagua, in einer Höhe von 5—6000', wo er auf kahlen
oder mit wenigem Strauchwerk und vielen Steinen und
Felsblöcken bedeckten, steilen Abhängen sich aufhielt.
Er singt fliegend oder auf den Spitzen der Felsblöcke
sitzend, ziemlich unbedeutend, fast wie der chilenische
Pieper und Lerchenfink. Er setzt sich auch auf Baum-
gipfel und ist nicht scheu. — Er macht ein ziemlich ge-
räumiges weiches Nest von Grashälmchen, Federn und
Thierhaaren in Felslöchern gewöhnlich unter Gestrüppe
und legt 4—5 reinweisse Eier. Seine Nahrung besteht
in Sämereien und Insekten. — Weiteres ist über seine
Lebensart nicht bekannt.
Sycalis auriventris Ph. et Ldb.
Artkennzeichen:
Die 2te Schwungfeder ist die längste, die lste und
3te sind gleich lang und wenig kürzer als die 2te, die
grossen Flügeldeck- und Schwungfedern licht gerändert
ohne alles Gelb.
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 4
.;;/
50 Philip pi und Landbeck:
Beschreibung :
Totallänge 6"
Schnabel lang — 5'
hoch — 31/2
breit — 3
Schwanz 2 3
Breite 11 ~
Flügel vom Bug bis zur Spitze . 3 6
Schienbein 1
Tarsus — 8
Mittelzehe sammt Nagel .... — ■ 8
Aussenzehe sammt Nagel ... — 6
Innenzehe sammt Nagel .... — 6
Hinterzehe sammt Nagel ... — 7
Die mittleren Schwanzfedern sind um 3"' kürzer als
die äussern, der Schwanz bildet also eine schwache Gabel.
Oberschnabel ziemlich gebogen, an der Stirn mit einer
erhöhten Schneppe verlaufend, vor den weit auseinander
stehenden Nasenlöchern ziemlich stark gewölbt aufgetrie-
ben, nach vorn sich verschmälernd, aber rundlich; der
Unterschnabel gerade und konisch verlaufend, beide Hälf-
ten hornblau. Tarsen hornbräunlich, sehr licht, die ziem-
lich starken Nägel braun. Iris dunkelbraun.
Altes Männchen: Kopf, Hals und die ganze Un-
terseite hochgoldgelb, an Brust- und Bauchseiten asch-
grau überlaufen, am After weisslich, an den Unterschwanz-
deckfedern schwarzgrau gestreift ; auf Kopf und Hinterhals
olivengrünlich überlaufen (bei sehr alten Männchen jedoch
fast ebenso lebhaft gelb wie die Unterseite). Rücken und
Schultern olivengrünlich mit schwarzem Schaftstriche in
jeder Feder und weisslichen Rändern; Unterrücken, Bürzel
und Oberschwanzdeckfedern gelb, olivengrün überlaufen
mit sehr feinen dunkeln Schaftstrichen. Schwanzfedern
dunkelbraunschwarz, sämmtliche Federn an der Aussen-
fahne breit gelb gekantet und zwar an der äusseren und
nach der Wurzel zu breiter und schöner. Flügel etwas
Beiträge zur Ornithologie Chiles. 51
lichter braunschwarz, die kleinsten Deckfedern am Buge
und Vorderrande olivengelb, sämmtliche übrige Federn
fahlgrau eingefasst. Unterseite des Flügels grauweiss,
die Deckfedern am Rande des Vorderarmes blassgelb.
Altes Weibchen. Es hat im Allgemeinen die-
selben Farben wie das Männchen , aber verblichener,
schmutziger und heller. Die Rückenfedern haben nicht
nur einen dunkein Mittelstrich, sondern der grössere Theil
der Federn hat in der Mitte einen graubraunen Fleck,
auch die grünlichen Kopifedern sind schwarzbraun ge-
fleckt, so dass keine der beiden Farben dominirt. Unter-
rücken und Bürzel sind olivengraugrün mit braunen
Schaftstrichen und graulichen Rändern. Die seitliche Ein-
fassung der Schwanzfedern ist noch am reinsten gelb. Die
aschgraue Einfassung der Flügelfedern des Männchens
sind hier fahlbräunlich. Die Unterseite ist trübe schwe-
felgelb, aber durch fahlweisse Federränder verdeckt ; Hals-,
Brust- und Bauchseiten fahlgraubräunlich mit braunen
Schaftstrichen.
Im Winter kleide sind die lebhaften Farben durch
lichte Federränder etwas verdeckt, welche sich im Früh-
linge abreiben, wodurch das in reinen Farben prangende
Sommerkleid entsteht. Das Gefieder ist im Ganzen
harsch oder straff, und es reiben sich daher die zarten
Nebenfähnchen der Federn schnell ab, wozu noch das
Ausbleichen durch die Sonne kommt, indem der Vogel
sich gewöhnlich auf der den Sonnenstrahlen ausgesetzten
Felsspitzen aufhält. Gegen Ende des Sommers ist daher
die Befiederung in einem etwas defekten Zustande, was
der Schönheit des Vogels bedeutenden Eintrag thut.
Junger Vogel. Schnabel horngrau, Unterschnabel
hell bleigrau. Iris graubraun; Fuss lichthornbräunlich, die
Nägel horngrau. Oberseite erdbräunlich, mit rostbräun-
lichem Ueberfluge; Bürzel und Oberschwanzdeckfedern
ockergrünlich, sämmtliche Federn in der Mitte dunkel.
Schwanz schwarz, an den Rändern rostweisslich einge-
fasst, an der Aussenfahne der Wurzelhälfte schön grün-
lichgelb; sämmtliche Flügelfedern etwas fahlschwarz mit
52 Philipp! und Landbeck:
breiten lichtrostfarbigen Einfassungen, welche jedoch an
den Schwungfedern erster Ordnung schmal und nur weiss-
lich sind. Backen, Seitenhals und Kehle graugelblich,
die übrige Unterseite lehmgelb , am After und Unter-
schwanzdeckfedern am lebhaftesten, letztere mit dunkeln
Schaftstrichen; Unterseite der Flügel atlasglänzend grau.
Dies ist die Beschreibung des Männchens. Das Weib-
chen ist demselben ähnlich, aber im Ganzen dunkler,
mehr braungrau, auf der Oberseite fehlt das Rostfarbige
und die dunkeln Flecke der Federmitte sind breiter; die
Unterseite ist im Ganzen lichter, Kehle, Hals und Brust
wcissgraugelblich, ebenso die Bauchseiten, die Bauchmitte
weiss, Unterschwanzdeckfedern wie beim Männchen. Der
Federwechsel beginnt im März.
Unser Vogel hat grosse Aehnlichkeit mit einigen
verwandten Arten, welche die Cordilleren von Bolivia
und Peru bewohnen. Am nächsten steht er wohl der
Emberiza luteocephala d'Orb. (vergl. dessen Reisewerk
T.IY. P.S. p. 360. Tab. 44. fig. 2, wo d'Orbigny sagt:
„E. supra tota fusco-cinerea etc., alae dorso concolores,
tectricibus minoribus totis, mediis margine tantum, extus
flavo-olivascentibus; remigibus nigris, primariis totis, apice
excepto, margine extus late flavis, secundariis cinereo mar-
ginatis etc.") , mit der er wohl verwechselt werden könnte,
wenn man beide nur oberflächlich betrachtet. Bei genaue-
rer Yergleichung findet man jedoch bedeutende Verschie-
denheiten: 1) in der Rücken-, Bürzel- und Flügelfarbe,
welche bei E. luteocephala einfarbig braungrau, ohne alles
Gelb oder Grün, bei unserem Vogel aber olivengrün,
grau gerändert und schwarz gestreift, auf Bürzel- und Ober-
schwanzdeckfedern aber schön gelbgrün ist; 2) in der
Farbe der Ränder der Flügelschwung- und Deckfedern,
welche bei ersterem grösstentheils lebhaft gelb, bei letz-
terem hell fahlgrau sind und keine Spur von Gelb zeigen;
3) in den plastischen Verhältnissen : Beide Vögel sind
ungefähr gleich lang, nämlich 160 Mm., bei E. luteoce-
phala misst der Flügel vom Bug bis zur Spitze aber nur
85 Mm., bei unserem Vogel dagegen 97 Mm. , wonach
derselbe 12 Mm. längere Flügel besitzt, was von grosser
Beiträge zur Ornithologie Chile . 53
Bedeutung ist; bei jenem ist der Schwanz 50 Mm., bei
diesem 60 Mm. lang, abermals ein Unterschied von 10 Mm.
Diese Unterschiede dürften vollkommen geniigen, um
beide Vögel specifiseh zu unterscheiden und jede Ver-
wechselung unmöglich zu machen. In Peru leben zwei
unserem Vogel sehr ähnliche Sycalis- Arten, nämlich: S.
chloris und luteiventris Gab., allein beide sind kleiner,
schmächtiger mit kürzeren, dickeren Schnäbeln, kürzeren
Flügeln, weniger ausgeschnittenen Schwänzen, weicherem
Gefieder und mehr grüngelber Färbung, so dass eine
Verwechselung auch mit diesen nicht wohl möglich ist.
Bei beiden sind Oberflügeldeck- und Schwungfedern hell
gelbgrau gekantet, welche Theile bei unserem Vogel
grau sind.
Diesen recht hübschen Finken , welcher die Stelle
der Fringilla nivalis der europäischen Alpen in den An-
den vortritt, indem er, wie dieser, die Nähe des ewigen
Schnees liebt und diese öden Hochgebirge durch sein mun-
teres Treiben einigermassen belebt, wurde von uns bis
jetzt nur in den Cordilleren der Provinz Santiago be-
merkt, wo er in Yerbaloca, las Araucas, Valle larga, Valle
ploma u. s. w. nicht selten ist. Wir fanden ihn z. B. im
Februar 1861 alt und jung in ziemlicher Anzahl in der
Nähe der Laguna de los Peucriienes und von da aufwärts
bis zu einer Höhe von 9000' über dem Meere an Stellen,
welche viele Steintrümmer, Felsen, etwas Sumpf, Quellen
oder in der Nähe Schnee enthielten. Jüngere Vögel sind
sehr zutraulich, alte dagegen ziemlich scheu. Er fliegt
mit seinen langen Flügeln Avie der Schneefink, leicht und
zierlich, und setzt sich öfters auf die Felsenspitzen und
Geröllbrocken, läuft auf der Erde lerchenartig, lässt auch
öfters weiche, lerchenartige Locktüne hören, die etwa so
ausgedrü ckt werden können ; Weit, weit, w i 1 1 , weit;
weit, wie, weit, wie, wi, wie u. s. w. Einen eigent-
lichen Gesang hörten wir nicht von ihm; er soll aber
wirklich einen besitzen.
Sein Nest, das aus Halmen, Haaren und Federn be-
steht und dem Neste der Fringilla matutina gleicht, legt
54 Philippiu. Landbeck: Beiträge zur Ornithologie Chiles.
er in Felslöchern und Spalten an und legt 4 — 5 weisse,
besonders am stumpfen Ende rothbraun getüpfelte Eier.
Er scheint zweimal zu brüten, denn zu Ende des Januar
hatten einige Paare Eier und andere vollkommen erwach-
sene Junge. Er ernährt sich von Sämereien und Insekten
und sucht seine Nahrung häufig in den gras- und binsen-
reichen Vegas, welche unterhalb der Schneeränder durch
das absickernde Wasser entstehen.
Beiträge zur Ornithologie Chiles,
Ton
Luis Landbeck.
Der südwestliche Theil Amerika' s, von Peru bis zur
Magellanstrasse ist auffallend arm an Vögeln aus der Fa-
milie der sogenannten Grasmücken (Curruca, Sylvia etc.),
deren berühmteste Art cfie weltbekannte Nachtigall ist.
Während Deutschland auf beschränkterem Räume etliche
und 30 Repräsentanten dieser zahlreichen Familie zählt,
besitzt der erwähnte, weit ausgedehnte Theil Amerika's
nur einige wenige Arten und Chile bis jetzt nicht eine
einzige.
Herr Claudio Gay suchte zwar diesem Mangel in
Etwas abzuhelfen und beschrieb in seiner „Historia fisica
y politica de Chile zool. Tom. I. p. 318 zwei Arten unter
folgenden Namen :
1) Sylvia dorsalis King und
2) Sylvia obscura King.
Von ersterer Art bemerkt Herr Gay: „Esta Ave
la descubriö King en el puerto del Hanibre" und beschreibt
auf S. 321 des oben citirten Werkes denselben. Vogel als
Muscisaxicola nigra Gray, die zweite Art aber ist S. 308
als Scytalopus obscurus Gould, wahrscheinlich an der rich-
tigen Stelle ebenfalls zum zweitenmal beschrieben, wo-
durch also Chile die beiden ihm vindicirten Arten wie-
derum eingebüsst hat.
Um so interessanter und erfreulicher war es deshalb
für mich als ich am 17. Juni 1858 auf meinem Gute
Collico, 3/4 Leguas von Valdivia eine wirkliche, wahre
Grasmücke entdeckte und erlegte. Da diese von mir
56 Landbeck :
aufgefundene Art sowohl für die Wissenschaft als für die
Fauna von Chile neu ist, so beschreibe ich dieselbe
hiernach.
Dendroica *) atricapilla Landb. nov. spec.
Artkennzeichen:
Stirn, Scheitel bis zum Genick einfarbig kohlschwarz.
Beschreibung:
Totallänge 5" (paris.M.)
Schnabel — 5'"
Schwanz 1 6
Breite 8 —
Flügel vom Bug bis zur Spitze . 2 6
Schienbein — 10
Tarsus — 8
Mittelzehe — 6
Innenzehe — A}/2
Aussenzehe — 5
Hinterzehe — 5
Schnabel etwas stark und sanft abwärts gebogen ;
die Spitzenhälfte desselben seitwärts stark zusammen-
gedrückt (comprimirt) und an den Rändern etwas ein-
gezogen, während die Wurzelhälfte ziemlich dick und
breit ist; die Firste etwas scharfkantig. Nasenloch klein,
nahe an der Stirn, an der Basis eines bogenförmigen
Ausschnittes und durch eine Membran grösstentheils be-
deckt. Die Tarsen und Zehen sind schwach und letztere
sehr kurz, mit kaum wahrnehmbaren Schildern bedeckt.
Aeussere und Mittelzehe bis zum ersten Gelenke verbun-
den. Die erste und zweite Schwungfeder sind gleich
lang und die längsten des Flügels. Der Schwanz kaum
*) Die Gattung Dendroica ist von Gray aufgestellt und ent-
hält die den europäischen Grasmücken am meisten verwandten ame-
rikanischen Sänger. Sie unterscheiden sich jedoch von jenen da-
durch, dass ihnen die verkürzte erste Schwungfeder fehlt, so dass
ihr Flügel nur neun Fittig- oder Schwungfedern erster Ordnung zählt,
während die europäischen deren zehn besitzen.
Beiträge zur Ornithologie Chiles. 57
merklich abgerundet. — Oberschnabel hornschwarz, Un-
terschnabel horngrau, an der Wurzel gelb durchschim-
mernd; ebenso die Schnabelränder. Tarsus und Zehen
ockergelb; die ziemlich stark gebogenen Klauen hellgrau.
— Wangen, Kehle, Hals, Bauch, die Spitzen der grossen
Flügeldeckfedern ; die Unterseite der Flügel, ein keilför-
miger Fleck an der Spitze der Innenfahne zweier äussern
Schwanzfedern jeder Seite, After- und Unterschwanz-
deckfedern weiss ; die ganze Oberseite des Kopfes intensiv
schwarz, die Kehle, Brust und Bauch an den Seiten
schwarz gestreift und gefleckt, ebenso ein Kreis oder
Halbring um den Hinterkopf oder Nacken weiss, schwarz-
gefleckt , Schwanz und sämmtiiche Flügeldeckfedern
schwarz; Rücken und Bürzel schwarz gestreift, jede Fe-
der olivengrün eingefasst. An den Brustseiten ein gelb-
licher Anflug.
Der oben beschriebene Vogel war ein altes Männ-
chen mit theilweise erneuertem Gefieder und sehr we-
nig entwickelten Testikeln. Der Magen desselben ent-
hielt die Reste ganz kleiner Insekten, namentlich glän-
zender Laufkäferchen. Er hielt sich zwei Tage lang an der
nämlichen Stelle auf, nämlich in einem alten, trockenen
Mühlkanale, in welchem viele alte Hölzer umherlagen,
auf welchen der Vogel schnell hin- und herlief und sich
zuweilen auf kleine an den Rändern des Canals stehende
Gebüsche erhob; dabei war er in fortwährender Bewe-
gung. Dies ist Alles, was ich über die Lebensart dieses
Vogels sagen kann; denn ich habe später, trotz eifriger
Nachforschung, kein zweites Individuum mehr aufgefun-
den. Woher dieser Vogel mitten im Winter gekommen
sein mag, ist nicht zu bestimmen, höchst wahrscheinlich
aber entweder vom Süden oder von der Cordillere, indem
verschiedene Vögel des Südens und der Cordillere um
diese Zeit aus- oder hin- und herwandern.
Der hiesige Vogel hat grosse Aehnlichkeit mit eini-
gen nordamerikanischen Sängern der Gattung Dendroica,
z.B. Sylvia (D.) varia Lath. (Creeping Warbier), welcher
in der Hauptzeichnung ziemlich mit demselben überein-
kommt, sich aber durch einen weissen Streif längs der
58 Landbeck:
Kopfmitte und einen zweiten über dem Auge , so wie
durch weissgeränderte Rückenfedern unterscheidet.
Arundinicola citreola Landb. nov. spec.
d'Orbigny beschreibt in seiner Voyage dans l'Ame-
rique meridionale Tome quatrieme, 3. Part. Oiseaux p. 335
eine Arundinicola flaviventris, welche Azara unter dem
Namen Tachui vientre amarillo schon früher beschrieben
hatte. Beide Forscher fanden den beschriebenen Yogel
in Montevideo, Corrientes , Paraguay u. s. w. Einen ähn-
lichen — ■ vielleicht denselben — Vogel fand ich im De-
cember 1859 in einem Totorale oberhalb Santiago im
Thale des Mapocho. Da dieser Yogel jedenfalls für die
Fauna chilena, vielleicht auch für die Wissenschaft neu
ist, so theile ich — unter Angabe der xVbweichungen von
dem von d'Orbigny beschriebenen — eine genaue Be-
schreibung mit.
Artkennzeichen.
Ganze Unterseite gleichmässig citronengelb, an den
Brustseiten olivengrünlich.
Beschr eibung:
Chi. M. Alt paris. M.
Totallänge 5" 9'" 5" —
lll
Schnabel — 6 — 5V2
Schwanz 2 3 2 —
Breite 7 — 6 1
Flügel vom Bug bis Spitze 2 2 1 11
Ferse — 9 — 8
Mittelzehe — 9 8
Aussenzehe — 7 — 6V2
Innenzehe — 6 — 5V2
Hinterzehe — 8 — 7V2
Der Flügel endigt vor der
Schwanzspitze .... 1 8 1 6
Männchen: Schnabel glänzend schwarz, Iris dun-
kelbraun, Tarsus und Zehen braun, Nägel schwarz. Schna-
bel stark , fast gerade, ziemlich breit und mit scharfer
Firste, Nasenlocher rund und offen, an den Seiten des
Beiträge zur Ornithologie Chiles. 59
Schnabels schwarze Bartborsten. Stirn und Scheitel trübe
rostbraun, die ganze übrige Oberseite olivengrün, am
Bürzel am hellsten. Alle Flügelfedern braunschwarz mit
lichten schmalen Kanten. Der Flügel ist abgerundet, die
3te Schwungfeder die längste, die 4te und 5te aber kaum
etwras kürzer; ebenso ist der Schwanz abgerundet oder
stufig , und die äusserste Feder um 5'" kürzer als die
mittelsten. Die Schwanzfedern haben dieselbe Farbe wie
die Flügelfedern, mit gelbgrünen Säumen. Zügel und
Wangen sind grau, letztere etwas grünlich überlaufen.
Die ganze Unterseite lebhaft zitronengelb, an den Hals-,
Brust- und Bauchseiten olivengrün überlaufen. Unterseite
der Flügel und des Schwanzes gelblich schimmernd, die
Deckfedern ersterer schön licht gelb, am Bugrancle rost-
bräunlich. Die Befiederung des Schienbeins ist bräun-
lich gelb.
Das Weibchen unterscheidet sich vom Männchen
durch gelbliche Wurzel des Unterschnabels und etwas
lichtere Unterflügeldeckfedern , so wie durch dunklere
Färbung der Schienbeinbefiederung. Im Uebrigen trägt es
die Farben des Männchens. Während der Brütezeit bemerkt
man am Bauche des Weibchens einen grossen Brutfleck.
Das Winterkleid dieses Vogels ist von dem eben
beschriebenen Sommer- oder Hochzeitkleide sehr verschie-
den und sieht so aus:
Oberschnabel schwarz, Unterschnabel braun, auf der
Dillenkante gelb. Iris dunkelbraun, Füsse und Krallen
schwarz, die Sohle gelblich weiss. Stirn und Scheitel
rostbraun mit dunklern Schaftflecken. Genick, Hinterhals
und Rücken olivenbraun, Bürzel- und Oberdeckfedern des
Schwanzes lichter; Oberseite der Flügel und des Schwan-
zes braunschwarz, die Deckfedern mit rostgelblichen Spit-
zen, wodurch zwei lichte Querbinden entstehen. Die
Schwungfedern zweiter Ordnung mit gelblichen Aussen-
rändern, welche an den drei letzten sehr breit sind. Die
Schwanzfedern licht gerändert. Unterseite blassgelb, auf
den Wangen, Halsseiten, Brust, Bauchseiten, Schienbeinbe-
fiederung und Unterflügeldeckfedern rostfarbig angeflogen.
Der junge Vogel im Nestkleide hat einige
60 L a n d b c c k :
Aehnlichkeit mit dem eben beschriebenen; weicht aber
doch ziemlich ab. Der Schnabel ist ganz flach, deprimirt
breit, acht fliegenfängerartig , weissgelb. Der Tarsus
fleischfarbig, die Nägel grau. Kopf, Hals, Rücken und
Bürzel olivenbraun, im Grunde olivengrün durchschim-
mernd; ein Strich über dem Auge, die Wangen und Hals
seiten rostgelblich; ganze Unterseite schwefelgelb. Kinn,
Kehle und Brust roströthlich überlaufen. Flügel schwarz,
sämmtliche grossen Oberdeckfedern an den Spitzen breit
rostroth eingefasst, wodurch zwei deutliche Querbinden
entstehen. Die Schwungfedern zweiter Ordnung sind
ebenso gerändert, die vordem schmal, die hintern breit;
ebenso ist der Schwanz. Unterflügeldeckfedern rostgelb.
Die Gegend, in welcher ich diesen Vogel zuerst
auffand, ist ein ehemaliges Flussbett des Rio Mapocho,
welches landwirtschaftlich benutzt und zu diesem Zwecke
bewässert wird, wodurch eine Menge grösserer und klei-
nerer Schilfpartieen und viele andere hochwachsende
Sumpfpflanzen hervorgerufen wurden. In diesen Rohr-
dickichten nun lebt der Vogel einzeln und zwar ziemlich
versteckt, klettert gewöhnlich niedrig zwischen den Rohr-
stengeln umher und erhebt sich nur zuweilen auf höhere
Schilfgipfel, um sich umzuschauen. Er fliegt zuweilen
auch ziemlich weit hin und wieder, ebenso wie der Siete
color (Regulus omnicolor), mit dem er in seiner Lebensart
grosse Aehnlichkeit hat. Das Weibchen lebt noch ver-
steckter als das Männchen und ist deshalb dessen Erle-
gung ein glücklicher Zufall. Er ist im Ganzen scheu und
vorsichtig und in seinem sumpfigen Aufenthaltsorte schwie-
rig zu beobachten. Er scheint im Ganzen selten zu sein
und nicht alle Jahre dieselben Sümpfe zu bewohnen, denn
er wurde in den letzten zwei Jahren in der oben näher
bezeichneten Lokalität trotz emsiger Nachforschung nicht
wieder aufgefunden, obgleich in der physischen Beschaf-
fenheit derselben keine Veränderung zu bemerken war.
Dagegen wurde derselbe in den Sümpfen von Elalmahue,
in der Provinz Colchagua und zwar im Monat März 1862
beobachtet. Dieser Vogel, der Siete color und der Tra-
bajador (Synallaxis melanops) sind die wahren Stellver-
Beiträge zur Ornithologie Chiles. 61
treter der europäischen Schilfsänger, welche liier keinen
Gättungsrepräsentanten besitzen; denn sie leben, fressen
und nisten ganz auf dieselbe Weise, erheitern aber nicht
wie jene die öden Sümpfe durch lieblichen Gesang, viel-
mehr bestehen die von ihnen gehörten Töne in einem
Gezirpe, das ziemlich an die Töne der Cicaden erinnert.
Im Nestbau hat unser Vogel grosse Aehnlichkeit mit dem
Siete color, denn er erbaut auf dieselbe Weise zwischen
den Gabeln der Baccharis-Arten, zwischen beisammenste-
henden Schilfstengeln oder den Blumenschäften der Totora
(Typha angustifolia) und hohen Binsen sein niedliches war-
mes Nestchen.
So fand ich unter andern am 30. December 1860 in-
mitten einer dichten hohen Schilfpartie auf der Gabel einer
Baccharis ein eben fertig gebautes Nest dieses Vogels, leider
noch ohne Eier. Es stand etwa 5 Fuss hoch über der
Erde in einer dreiästigen Gabel und war so schön und
zart gebaut, wie nur irgend ein Schilfsängernest, die ganze
Höhe von aussen beträgt 4", von innen 2"; oberer äus-
serer Durchmesser 3", innerer 1" 3'". Es ist also ver-
hältnissmässig ziemlich tief und bildet von aussen einen
mit der Spitze nach unten gekehrten Kegel. Das Bau-
material besteht nur ans zweierlei Stoffen; aus den sehr
feinen, dürren Blüthenspitzen des Schilfes (Arundo phrag-
mites) und der Samenwolle der Sauce (^Salix Humboldti),
welche beide Pflanzen in der nächsten Nähe häufig wach-
sen. Ein anderes Nest, neben welchem das eben erst
ausgeflogene Junge sass, war dem beschriebenen ähnlich.
Die Eier kann ich leider nicht beschreiben, da ich die-
selben bis jetzt nicht erlangen konnte. Ebenso wenig
weiss ich über die sonstigen Eigenschaften des Vogels
weiteres mitzutheilen und muss "" dieses später nachholen.
Nur bemerke ich, dass er fast ausschliesslich von Cocci-
nella lebt.
Der von d'Orbigny 1. c. beschriebene Vogel, wel-
chem der hiesige auffallend ähnlich ist, sieht so aus :
A. supra olivaeeo-fusca, pileo paulo obscuriore, rufo
induto ; alis fuscis, remigibus seeundariis margine, tectri-
eibus apicc albido-iufescentibus ; cauda pallide fusca reetn-
62 Landbeck: Beiträge zur Ornithologie Chiles.
cibus mediis iimcorum collisu saepe detritis, subtus tota
flavescens, gutture pallidiore.
Sur le vivant. Bec noir, la femelle l'a brun en des-
sus, plus pale en dessous ; tarses noirs, yeux roux. Longueur
totale, 125mill.; de la queue, 40 mill.; du pli de l'aile ä
son extremite, 40 mill. ; du tarse au bout des doigts 40 mill.;
du bec, 7 mill. ; de l'ongle du pouce, 6 mill.
In der Färbung der Oberseite gleicht der eben be-
schriebene Yogel so ziemlich dem hiesigen, der Schwanz
ist jedoch den Flügeln gleich, gefärbt, die Unterseite ist
jedoch nicht gelblich (flavescens), sondern schön citronen-
gelb und zwar von der Kehle bis zu den Unterschwanz-
deckfedern ganz gleichförmig und erstere ist nicht lichter
(pallidiore) als alles Uebrige. Ferner ist beim hiesigen
Vogel das Auge dunkelbraun und nicht roth (roux).
Ebenso wenig ist das Weibchen in der von d'Orbigny
beschriebenen Weise vom Männchen verschieden, son-
dern trägt im Allgemeinen die Farben des letztern mit
den oben eben angegebenen Ausnahmen. Was nun die
Körperverhältnisse betrifft, so weichen auch hierin beide
Vögel ziemlich von einander ab. Wenn die Zeichnung
von d'Orbigny richtig ist, so hat der hiesige Vogel
einen fast doppelt so starken und auch längeren Schnabel,
ist überhaupt grösser und robuster als jener.
Vergleichung der Grössen-Verhältnisse in franz. Mill.
Ar. flaviv. Ar. citreola.
Totallänge 125 Mill. 134 Mill.
Schwanz 40 „ 53 „
Flügel 40 „ 50 „
Schnabel 7 „ 11 „
Daumennagel ... 6 „ 8 „
Die angeführten Verschiedenheiten sowohl in Fär-
bung, als den plastischen Verhältnissen dürften wohl zur
Aufstellung des hiesigen Vogels als besondere Art be-
rechtigen, wozu noch der Umstand kommt, dass der Vo-
gel nirgends weiter nach Süden oder Norden bis jetzt
aufgefunden wurde, wonach also kein Zusammenhang der
Wohnörter der Vögel von Paraguay, Montevideo u. s. w.
mit dem hiesigen denkbar ist.
Beobachtungen und Anxeicbiiungcn über die Siiuge-
thierfauna Finuiarkens und Spitzbergens.
Von
A. J. Malmgren.
'3'
Aus der Uebersicht der Verhandlungen der Königl. Schwed.
Academie der Wissenschaften 1863. II. S. 127 — 155.
Die folgenden Beiträge zur Kenntniss der Säng-
thierfauna Spitzbergens , des nördlichen Eismeeres und
Finmarkens beruhen auf den Beobachtungen und An-
Zeichnungen, welche ich während der schwedischen Expe-
dition nach Spitzbergen 18G1 zu machen Gelegenheit hatte,
und welche ich nach der Rückkehr der Expedition nach
Tromsö zu Ende des September in Finmarken während
eines bis in den Anfang des November verlängerten Auf-
enthaltes daselbst fortsetzte. In der Absicht, für das
Stockholmer Reichsmuseum Einsammlungen von unteren
Meerthieren zu veranstalten , machte ich in der Gesell-
schaft meines Freundes, Dr. A. v. Goes mehrere Ausflüge
von Tromsö in die umliegenden Scheren. Die lebhafte
Berührung , in welche icfr während des Aufenthaltes in
den Scheren mit erfahrnen Fischern, Fängern und Har-
punirern kam, die oft Theil genommen hatten an dem
Fange , welcher von den Städten Finmarkens alljährlich
im Eismeere, besonders bei Spitzbergen und Jan Mayen
betrieben wird und vertraut mit demselben waren, hat
mir Gelegenheit verschafft, hier auch Notizen über die
Robben- und Walartigen Thiere Finmarkens im Zusammen-
hange mit demjenigen, was ich von Spitzbergen her über
diese Thiere kenne, Notizen mitzutheilen.
64 Malmgren:
Sorex vulgaris Lin.
Da die Grenze der nördlichen Verbreitung der ge-
meinen Spitzmaus in Norwegen von Prof. Nilsfon1) in
die Nordlande versetzt wird, und Prof. Lilljcborg2)
dieselbe ebenfalls nicht in das Verzeichniss der von ihm
1848 in der Gegend von Tromsö observirten Säugthiere
aufgenommen hat, so verdient es Erwähnung, dass dieses
kleine Thier sehr allgemein in den Scheren zwischen
Tromsö und Hammerfest vorkommt und dort Skärmus
(Scherenmaus) genannt wird. In der Mitte des October
1861 wurde dieselbe aufRenö, 70° N. B., sowohl innerhalb
als ausserhalb der Häuser in Menge angetroffen. In den
kleinen Buden, welche die Fischer dort für ihre Gerät-
schaften aufgeführt hatten, erhielt man mehrere auf ein-
mal in Gefässen und Körben, welche frische Fische ent-
hielten, nach denen sie ausserordentlich begierig zu sein
schienen.
Ursus maritimus Lin.
Der Eisbär wird an denjenigen Küsten von Spitz-
bergen, an denen in den Buchten und Busen festes Eis
liegt oder Treibeis die Gestade umgiebt, sehr häufig an-
getroffen; dagegen kommt er dort, wo kein Eis ist, nur
ausnahmsweise vor. Die nördlichen und nordöstlichen
Küsten sind im Sommer reich an Eisbären, während die
westlichen nur dann von ihnen Besuche erhalten, wenn
Treibeismassen dort ans Land kommen. Wenn diese das
Land verlassen, so gehen die Bären mit und werden dann
nicht selten in weiter Ferne vom Lande draussen im Meere
angetroffen.. Unter Pari* y's Bootreise über das Eis gegen
den Nordpol 1827, tödtete seine Mannschaft zwei Eisbären
nahe an 82° 2' N. B. oder ungefähr 20 Meilen von dem
nächsten bekannten Lande. Torell und Nor denfkj ö ld,
Theilnehmer an unserer Expedition, trafen unter einer
1) Skandinaviens Fauna 1847. I. S. 70.
2) Bidrag tili norra Rysslands och Norges fauna in den Ver-
handl. der Acad. der Wies. 1850. IL Bidrag tili norra Rysslands och
Norges fauna.
Beobachtungen d. Saugethierfauna Finmarkens u. Spitzhergens. 65
geographischen Excursion in die nördlichsten Theile der
Inselgruppe Spitzbergens viele Bären und überraschten
einige, die zwischen dem Eise umherschwammen. Wenn
die Eismassen, welche mit dem kalten Strome von dem
Eismeere in den atlantischen Ocean längs der Ostküste
von Grönland herabtreiben und an die nördlichen Küsten
von Island gelangen, so kommen ein oder mehrere Eis-
bären an dieser Insel ans Land, wo sie sonst nie vorhan-
den sind. Im Winter ziehen sie sich südlicher mit dem
Eise und da besuchen sie auch Beeren-Island. Der Eis-
bär gehört der Fauna Finmarkens nicht an, doch hat man
dort, nach Th. M. Fries1), 1851 am Kjöllcfjord ein
Individuum getroffen und geschossen. Dieses Thier war
wahrscheinlich auf einem Stücke Treibeis so weit gegen
Süden gekommen, dass das Eis in dem wärmeren Meer-
wasser schmolz, worauf das Thier schwimmend Land suchen
musste.
Der Eisbär ist durch seine Lebensweise an das Eis
gebunden. Er lebt von Robben, Phoca hispida Erxl. und
Phoca barbata, und Walrossen, welche Thiere sich stets
am Eise aufhalten und mit demselben wandern. Er ver-
schmäht auchRenthiere nicht, und man hat seinen Magen
mit Vegetabilien angefüllt gefunden 2). Die Art und Weise
des Eisbären zu jagen geht darauf hinaus, .sich mit List
und Ueberrumpelung des Raubes zu bemächtigen. Hat
er sich eine bei ihrer Wake schlafende Robbe zu seiner
Beute ausersehen, so schleicht er sich langsam und vor-
sichtig an dieselbe. Sollte die Robbe inzwischen erwa-
chen oder sich unruhig bezeigen, so soll der Bär unbe-
weglich liegen bleiben, bis die Robbe von neuem einge-
schlafen ist, worauf er sich wieder näher schleicht. Ist
er der Robbe so nahe gekommen, dass er sie mit zwei
oder drei Sprüngen erreichen kann, so wirft er sich mit
1) Berättelse öfver en Rese i Finmarken 1857 in der Jahres-
schrift der Universität Upsala 1860. S. 260.
2) Tore 11 und Nordens kjöld fanden bei einem der Eis-
bären, welche sie auf ihrer Bootreise nach der Nordküste des Nord-
ostlandes tödteten, den Ventrikel vollgepfropft von Pflanzen.
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 5
66 M a 1 m g r e n :
der Schnelligkeit des Pfeiles über seinen Raub. Den
Menschen fällt der Eisbär nicht, oder wenigstens sehr
selten an, nähert sich ihm aber oft dreist und uner-
schrocken, wie es scheint, mehr aus gutmüthiger Neu-
gierde, als aus Verlangen ihn anzugreifen. Gewöhnlich
flieht er bei dem Anblicke eines Mannes. Er widersetzt
sich nicht, wenn er angegriffen wird, sondern er flieht;
wird er verwundet, so greift er niemals an, was der Land-
bär stets thut.
Der Eisbär hat zwischen der Haut und dem Fleische
eine Schichte von Speck, ein paar Zoll dick, wegen wel-
cher ihm von denjenigen, die auf Spitzbergen zum Fang
ausgehen, sehr nachgestellt wird. Man schätzt ihn eben
so hoch wie ein Walross. Dass er an den nördlichen
Küsten Spitzbergens ziemlich zahlreich vorkommt, lässt
sich daraus abnehmen, dass unser Fahrzeug elf Stück von
dort mitbrachte. Wir sahen bei weitem mehrere, als wir
erhielten.
Das Weibchen gebiert im Winter ein oder zwei
Junge, welche wenigstens zwei Jahre bei der Mutter
bleiben sollen.
Ursus arctos Lin.
Der Landbär zeigt sich selten an den Küsten Spitz-
bergens. Nach zuverlässigem Berichte soll vor einigen
Jahren ein Bär in Andersdalen am Baisfjord gesehen
worden sein.
Ganis lag opus Lin.
Der Blaufuchs ist das ganze Jahr auf Spitzbergen
ansässig und kommt allgemein vor an allen Küsten, am
zahlreichsten jedoch an der westlichen, wo er mehr Nah-
rung findet. Im Sommer nährt er sich von Vogeleiern
und Jungen, im Winter von Schneehühnern und den
Brocken, die von den Mahlzeiten des Eisbären übrig
bleiben.
Der Blaufuchs hat ein verschieden gefärbtes Winter-
und Sommerkleid. Das Winterkleid, welches weiss ist,
wird zu Ende des Juni oder Anfang des Juli abgelegt und
Beobachtungen d. Säugethierfauna Finmarkens u. Spitzbergens. 67
von einem schwärzlich blaugrauen ersetzt. Ein von Ma-
gister Chydenius in der Nähe von Shoal- Point,
80° 10' N. B. , am 15. Juli geschossener Fuchs war eben
dabei den weissen Winterpelz abzulegen, unter welchem
ein bläulich-stahlgrauer vorhanden war. Gegen das Ende
des August ist das dunkle Sommerkleid weiss geworden.
Alle Füchse, die wir um diese Zeit sahen, waren weiss,
während sie zu Ende des Juli und Anfang des August
dunkelgefärbt waren. Die letzte Farbenveränderung ge-
schieht wahrscheinlich durch Ausbleichung. Junge, die
eben das Lager verlassen hatten, waren in der Mitte des
August dunkelbraun.
Lutra vulgaris Erxl., Nils.
Der Otter soll in den Scheren bei Tromsö ziemlich
allgemein sein, wird aber gewöhnlich nur in geringer Zahl
gefangen, dann in Finmarken ist den Bewohnern die
Fischerei Hauptsache und die Jagd Nebensache.
Odobaenus rosmarus Lin., 1734;
Sundevall, Uebers. der Yerhandl. der Acad. der
Wiss. 1859. S. 441 ; Trichechus rosmarus Auct.
Das Walross ist bei Spitzbergen sehr allgemein,
kommt jedoch nicht mehr so zahlreich vor, wie ehemals.
Gleichwohl sind noch immer gegen 20 Fahrzeuge von
Finmarken alljährlich mit dem Walrossfange beschäftigt.
Am zahlreichsten scheint dieses Thier im Sommer an den
nördlichen und östlichen Küsten des Landes zu leben,
weil dort stets Vorrath an Treibeis vorhanden ist; an den
westlichen Küsten wird das Walross dagegen in dieser Jah-
reszeit niemals angetroffen, sofern nicht das Treibeis sich
dort anlegt. Es hält sich nämlich stets in der Nähe des
festen Treibeises auf, weil es gerne auf demselben liegt.
Das Walross ist ein geselliges Thier und lebt gerne in
grossen Heerden. Es hält sich in der Nähe des Landes
auf und geht nur bei seinen Wanderungen in die hohe
See hinaus. In der Hinlopen-Strasse sahen wir im Mo-
6ß Malmgren:
nate Juli oft Schaaren von 30 — 40 Individuen bei einan-
der , man soll jedoch bisweilen Heerden von Hunderten
treffen. Im Wasser halten sie sich dicht an einander ge-
schlossen und steigen gleichzeitig herauf um Athem
zu holen.
Das Walross wird um der Zähne und der Haut, be-
sonders aber um des Speckes willen gefangen. Die Speck-
schicht zwischen der Haut und dem Fleische ist auf dem
Rücken gegen drei Zoll dick und am Bauche etwas dün-
ner. Es beruht auf einem Irrthume, dass diese Speck-
schicht in der Skandinavischen Fauna 1847, I verläugnet
wird. Es heisst dort nämlich S. 275: „Bei den Robben,
nicht aber beim Wal rosse, liegt zwischen Haut und
Fleisch eine dicke Schicht von Speck", und ferner S.317:
„Beim Walrosse ist keine Speckschicht unter der Haut;
wenn sie Speck haben, so ist dieses mit dem Fleische
gemischt. Sie werden nur um der Haut und der Zähne
willen gefangen." — Der Speck von einem einzigen
Thiere soll eine Tonne Thran geben.
In Betreff der eigentlichen Bestimmung der Zähne
bin ich im Stande, die nöthige Aufklärung zu geben. Es
lässt sich nicht bestreiten, dass dieselben als Waffen an-
gewendet werden und als solche auch furchtbar sind; dass
sie aber auch als Lokomotionsorgane dienen sollten, ist
eine Fabel, und daher der Name Odontobaenus Steenstr.
nicht passend. Gleich den Robben bewegen sich die
Walrosse nur mit Hülfe ihrer Füsse , sowohl auf dem
Eise als an den sandigen Meeresgestaden, an denen sie
bisweilen hinaufsteigen, um zu schlafen, oft zu Hunderten
neben einander. Die Bestimmung der Zähne ist eine
ganz andere und für die Existenz des Walross es bei wei-
tem wichtigere, denn nur mit Hülfe derselben kann es
zu seiner Nahrung kommen. Ich fand, dass das Walross
sich ausschliesslich von zwei Muscheln , Mya truncata
und Saxicava rugosa, nährt, welche in einer Wassertiefe
von 10 — 50 Faden 3 — 7 Zoll in dem Bodenlehm einge-
graben leben. Um an diese zu kommen, muss das Wal-
ross sie aus dem Lehm aufgraben. Mit Hülfe seiner
stumpfen Kauzähne und der Zunge nimmt es dann das
Beobachtungen d. Säugethierfaura Finmarkens u. Spitzbergens. 69
Thier geschickt aus der Schale und verschlingt dasselbe
ohne es zu kauen. Bei den vielen erwachsenen, 10 — 11
Fuss langen Weibchen, die ich zu öffnen Gelegenheit hatte,
fand ich den Ventrikel stets angefüllt mit fast unzertheil-
ten Thieren mit wohlerhalt enem Sipho und Fuss von Mya
truncata und Saxicava, letztere in bedeutend geringerer
Menge als die erstellen. Die Muscheln waren merkwür-
dig gut geschält; unter mehreren Tausenden fand ich nur
ein Thier von Mya, an welchem ein Stück von der Schale
sass. Ein einziges Mal fand ich auch ein Thier von einer
andern Klasse als der Mollusken unter dem Inhalte des
Ventrikels im Walrosse, nämlich einen riesenhaften Pria-
pulus caudatus, der ebenfalls im Bodenlehm begraben
lebt. Nur bei den Erwachsenen fand ich den Ventrikel
mit geschälten Mollusken gefüllt; die vorjährigen Jungen
dagegen, welche, obgleich schon über ein Jahr alt, immer
noch ihre Mutter begleiteten, hatten gewöhnlich gar nichts
im Ventrikel oder etwas, das geronnener Milch glich und
gewiss auch nichts anderes war. Ihre Zähne waren erst
V2 — 1 Zoll lang und reichten nicht bis über die untere Kinn-
lade hinab. Es war also ganz klar, dass sie noch nicht im
Stande waren, die Lebensweise der Alten zu führen, und
ich fand wirklich, bei näherer Untersuchung, Milch in
Masse in den Saugwarzen und Eutern der alten Weib-
chen, oder in vorliegendem Falle bei den Müttern der
über ein Jahr alten Jungen. Dass die alten Weibchen
die Mütter dieser Jungen waren, ist ganz gewiss; denn
sie wurden in meiner Gegenwart am 13. Juli 1861 aus
einer kleinen Schaar gefangen, in welcher kein einziges
kleineres Junges vorhanden war, das im Frühlinge oder
Sommer dieses Jahres geworfen sein konnte. Weibchen,
die neulich geworfen haben, halten sich nämlich, so lange
das Junge noch klein ist, mit ihrem Jungen allein auf
und nie in Schaaren. Wenigstens traf unser Harpunirer
solche Weibchen stets allein noch zwei Monate nachdem
sie geboren hatten , und bei den vielen Schaaren von
Walrossen, die ich in der Nähe sah, bemerkte ich niemals
Junge von diesem Jahre, sondern nur Weibchen mit den
Jungen des vorigen Jahres. — Aus diesen Beobachtungen
70 M a 1 m % r o, n :
folgt, dass das Walrossweibchcn bis weit in das zweite
Jähr hinein sa'ugt, d. h. so lange, bis die Zähne des Jim-
gen so gross geworden sind, dass dieselben zum Aufgra-
ben der Nahrung aus dem Bodcnlchm angewendet wer-
den können, so wie aueli, dass das Walrossweibchcn
nicht in jedem Jahn* gebiert.
Die Paarung der Walrossc soll zu Ende des Mai
oder Anfang des Juni geschehen, was auch dadurch be-
kräftigt wird, dass Dr. A. v. (jocs am H.Juli L861 unter
80° N. B. im Uterus eines Walrosswcibchens einen kaum
einen Monat alten Fötus gefunden hat, der jetzt In Spiritus
im Stockholmer Rcichsmusenni aufbewahrt wird. Die Wal-
rossfänger behaupten, die Paarung gescheho „draussen auf
der Bank", d. h. auf seichten Stellen einige Meilen von
der Küste; dass sie aber zu diesem Zwecke weite Reisen
unternehmen sollten, wie Prof. Nilsfon angiebt, wird
nicht bestätigt durch die Nachrichten, welche ich von
erfahrenen Spitzbcrgsfahrern erhalten habe. Das Weib-
chen trägt ungefähr ein Jahr und gebiert im Mai oder
Juni nur ein Junges. Wahrscheinlich aber ist die Paa-
rungszeit nicht ganz bestimmt, denn noch zu Ende des
Juni oder im Juli werden bisweilen Weibchen mit reifem
Fötus gefangen. Unsere Expedition brachte an das Reichs-
muscum einen solchen mit, welcher aus einem zu Anfang
des Juli in der Ilinlopcn - Strasse gefangenen Weibchen
geschnitten worden war.
Auch der Umstand, dass die Paarungszeit beinahe
gleichzeitig mit der Zeit eintrifft, da die Weibchen Junge
werfen, spricht für unseren Schlusssatz, dass das Wal-
rossweibchcn nicht zwei Jahre nach einander Junge wirft ;
denn es ist eben nicht sehr wahrscheinlich, dass ein
Thier mit bestimmter Paarungszeit, das ein ganzes Jahr
trägt und fast zwei Jahre lang säugt, schon eine oder
zwei Wochen nach dem Gebären wieder empfänglich sein
sollte. Auch trifft man Weibchen, die geboren haben,
immer allein mit ihrem zarten Jungen, ohne die Gesell-
schaft anderer Walrosse, und Walrossfänger haben ver-
sichert, dass man niemals ein trächtiges Weibchen iindet,
welches das in demselben Jahre geworfene Junge bei
Beobachtungen d. Säugethierfauna Finmarkens u. Spitzbergens. 71
sich hat, ebenso wenig, wie man ein Weibchen sowohl
von dem in demselben als auch im vorigen Jahre gewor-
fenen Jungen begleitet sieht.
Diejenigen Weibchen, welche im zweiten Jahre säug-
ten, und von denen ich in der Mitte des Juli mehrere
öffnete, hatten den Uterus immer leer, obgleich die Paa-
rungszeit schon vor mehr denn einem Monate gewesen
war. Wäre die Conception im Mai oder zu Anfang des
Juni geschehen, so hätte der Fötus in der Mitte des Juli
nothwendig vorhanden gewesen sein müssen. Da aber
dies nicht der Fall war, so war auch seit der letzten
Trächtigkeit vor 13 bis 14 Monaten noch keine Paarung
geschehen, und da die rechte Zeit für dieselbe jetzt für
dieses Jahr längst vorüber wrar, so verblieben diese Weib-
chen wahrscheinlich bis zur nächsten Paarungszeit unbe-
fruchtet, und diese traf dann erst zwei Jahre nach der
Zeit ein, da sie zuletzt geworfen hatten. Wenn wir nun
wissen, dass das Weibchen ein ganzes Jahr trägt, so
würden also zwischen jeder regelmässigen Ge-
burt nicht weniger als drei Jahre v er fliessen,
falls es wirklich ein allgemeines Gesetz ist, dass die Wal-
rossweibchen sich im Jahre nach der letzten Geburt auf
keine Paarung einlassen.
Es ist schon angeführt, dass die Zähne des (12 — 13
Monate alten) jungen Walrosses nur etwa V2 — 1 ZoU lang
sind, und dass dasselbe seine Nahrung ausschliesslich aus
den Saugwarzen der Mutter holt. Ehe das Junge sich
selbst auf die Art und Weise der Alten von den im
Grunde des Meeres eingebetteten Muscheln nähren kann,
müssen die Zähne wenigstens eine Länge von 3 — 4 Zoll
erreicht haben. Diese Länge haben sie, wenn das Junge
zwei Jahre alt ist. Bei zwei aus "derselben Schaar gefan-
genen jungen Walrossen, die von den Fängern für Junge
von über zwei Jahren erklärt wurden, waren die Zähne
von dieser Länge, und der Ventrikel wurde zur Hälfte
von ausgeschälten Mya und Saxicava angefüllt gefunden.
Also nährt sich ein zweijähriges Walross un-
abhängig von der Mutter, aber bis das Junge
dieses Alter erreicht hat, saugt es. Dass das
72 Malmgren:
Walrossweibchen zwei Jahre oder wenigstens beinahe
zwei Jahre lang säugt, ist nicht zu bezweifeln, und es ist
höchst wahrscheinlich, dass es sich der Regel nach nicht
eher auf Paarung einlässt, als nachdem es aufgehört hat
zu säugen. Weibchen, welche im zweiten Jahre säugen,
werden immer mit ihren Jungen in grossen Schaaren
versammelt angetroffen , und sie haben einen anderen
Aufenthaltsort, als die erwachsenen Männchen. In der
Hinlopen-Strasse wurden im Monate Juli nur Weibchen
und Junge im zweiten und dritten Jahre gefangen. Von
den etwa 30 erwachsenen Walrossen, die unser Harpunirer
tödtete, war kein einziges ein Männchen. Wo die er-
wachsenen Männchen um diese Zeit sich aufhalten, ist
ungewiss. Die Walrossfänger vermuthen, dass sie „auf
der Bank", d. h. auf Untiefen in grösserer Entfernung
vom Lande, in grossen Haufen umherstreifen, während
die Weibchen mit ihren Jungen die Buchten und Meer-
busen besuchen und sich im Allgemeinen in der Nähe
des Landes aufhalten. Die erwachsenen Individuen beider
Geschlechter leben stets in getrennten Schaaren, die Weib-
chen für sich und die Männchen ebenfalls für sich.
Das Walross wird von keinen Intestinalwürmern
belästigt, wenigstens habe ich keine solchen gefunden.
Dagegen kommt in den Haaren auf dem Körper des
Walrosses ein grösseres Pediculus - artiges Thier sehr all-
gemein vor.
Das Walross gehört der Fauna Finmarkens nicht
an; doch ist dort einmal, 1816, nach Nilsfon (Skand.
Fauna I, 1847. S. 321), ein Individuum getödtet.
Cystophora cristata Erxl., Nils. : — Phoca Leonina
0. Fabr. , Faun. Grönl. ; Ph. cristata 0. Fabr.,
Naturhist. Selsk. Skr. I, 2. p. 120.
Die Klappmütze oder Blasenrobbe ist gleich der
Phoca groenlandica mehr pelagisch als die übrigen rob-
benartigen Thiere, und kommt daher selten in der Nähe
des Landes vor. An den südwestlichen Küsten Grönlands
zeigt sie sich im April, Mai und Juni und hält sich zum
Treibeise, mit welchem sie auch von Süden dorthin zu
Beobachtungen d. SäugethierfaunaFinmarkens u. Spitzbergens. 73
kommen scheint; während der übrigen Jahreszeiten aber
ist sie dort nicht vorhanden. Bisweilen wird die Klapp-
mütze an den Küsten von Island und höchst selten von
Finmarken, 'öfter jedoch bei Jan-Mayen in den Monaten
März und April angetroffen. Doch nicht diese Art, son-
dern Ph. groenlandica ist der Gegenstand des grossartigen
Robbenfanges, der alljährlich von einer Menge von Fahr-
zeugen, grösstenteils norwegischen, bei Jan-Mayen be-
trieben wird. Nach übereinstimmenden Angaben mehrerer
Fänger und Schiffer, die von Tromsö mit bei dem soge-
nannten Jan-Mayen-Fang gewesen, ist es der mondfleckige
Seehund, Ph. groenlandica, und besonders ihr neugebornes
weisshaariges Junges, das bei Jan-Mayen gejagt und
jährlich zu vielen Zehntausenden getödtet wird. Die
Klappmütze dagegen wird nur ausnahmsweise getroffen
und davon nur eine vergleichsweise unbedeutende Anzahl
getödtet. Bei Spitzbergen ist die Klappmütze in den
letzten Zeiten nicht mit Gewissheit observirt worden *).
Es ist zwar möglich, dass ihre Wanderungen im Sommer
sich bis in die Breite von Spitzbergen erstrecken; doch
ihre Lebensweise, nach demjenigen, was darüber bekannt
ist, scheint einen längeren Aufenthalt in hohen Breiten-
graden nicht zu gestatten. Ihre Nahrung besteht nämlich,
nach F a b r i c i u s, in grösseren Fischen, welche, so viel
man weiss, nicht in dem spitzbergischen Gewässer vor-
handen sind. Unter Torell's erster Reise nach Spitz-
bergen wurde ein jüngeres Individuum im Treibeise in
der Nähe von Beeren-Island gefangen (Nordenfkjöld).
Die Klappmütze wird von den Fischern Finmarkens
Kiknäbb genannt, und soll sich dort bisweilen im Früh-
ling und Vorsommer draussen im Meere, nie aber inner-
1) Härtens und Scoresby erwähnen gleichwohl der Klapp-
mütze für das Spitzbergische Meer. Es scheint, als wäre dieses
Thier ebenso wie alle übrigen , die der Gegenstand des verheeren-
den Eismeerfanges gewesen sind, in starker Abnahme begriffen.
Wir sahen auf unserer ganzen Reise nirgends die Klappmütze, ob-
gleich Scoresby sagt: „The booded seal is common near Spits-
bergen", Arct. Reg. T. p. 511.
74 Malmgren:
halb der Scheren zeigen. Darum wird er hier auch sehr
selten geschossen.
Halichoerus grypus Fabr., Nils.
Prof. Lilljeborg hat den grauen Seehund in Fin-
marken auf seiner Reise 1848 observirt. Sofern diese
Art identisch ist mit dem Grünfälg der Fischerlappen,
wie ich aus ihrer Beschreibung allen Grund zu glauben
habe, kommt sie an den Küsten Finmarkens spät im
Herbste und im Herbstwinter vor, doch nur in geringer
Zahl. Es wurde behauptet, der Grönfälg wäre jetzt sel-
tener, als vor einigen Decennien. Bei Spitzbergen kommt
diese Art nicht vor.
Phoca barbata Fabr., Nils. — Storkobbe oder
Blakobbe. Norwegische Spitzbergsfahrer; Ha-
fert, Norwegen.
Diese ist von allen im Eismeere vorkommenden Rob-
benarten die grösste und wird sehr zahlreich an den Küsten
Spitzbergens angetroffen. Sie wird fast immer allein,
niemals in Gesellschaften, wie Ph. groenlandica, auch nie-
mals weit von der Küste gefunden. In dem eisfreien
Wasser befindet sich diese Art nicht wohl. So lange das
Eis in den Buchten und Busen festliegt, hält sie sich eine
offene Wake, durch welche sie heraufsteigt, um auf dem
Eise zu liegen; ist dieses aber aufgebrochen, so trifft man
sie sehr oft auf dem ebenen Treibeise an der Küste.
Entfernt sich das Eis weit ins Meer hinaus, so geht der
Storkobbe, wie diese Art von den Spitzbergsfahrern ge-
nannt wird, nicht mit , sondern sucht solche Küsten auf,
an denen etwas Treibeis liegt. Daher ist es eine Selten-
heit, diese Art während der Sommermonate an der West-
küste von Spitzbergen zu treffen, sofern diese eisfrei ist,
was gewöhnlich der Fall ist; doch sobald das Eis, von
Süden oder Norden kommend, dieselbe einschliesst, finden
sich Walrosse und Storkobber in Menge in den Buchten
und Busen ein. Am Nordostlande dagegen, wo die Buch-
ten bis weit in den August hinein mit Eis bedeckt sind,
und wo stets unweit des Landes eine Menge von festem
Beobachtungen d. Säugethierfauna Finmarkens u. Spitzbergens. 75
Treibeise vorhanden ist, kommt er recht zahlreich wäh-
rend des ganzen Sommers vor. Während unseres Aufent-
haltes im südlichen Theile der Hinlopen-Strasse schössen
die Fänger eines Walrossfahrzeuges im Laufe von zwei
oder drei Tagen zu Anfang August nicht weniger als
etwa 60 Stück von dieser einsam lebenden Robbenart.
Wir sahen sie oft und mehrere wurden von unserem Har-
punirer geschossen.
Diese Art lebt hauptsächlich von grösseren Mollus-
ken und Crustaceen. Bei allen, die ich zu offnen Gele-
genheit hatte, fand ich den Ventrikel gefüllt von grossen
Crangon- und Hippolyte-Arten (Crangon boreas, Sabinea
septemcarinata, Hippolyte polaris, H. Sowerbyi und H.
borealis), Anonyx ampulla in Menge und von einem und
dem anderen kleinen Fische (Cottus tricuspis Reinh.).
Unter Contenta wurden überdies eine enorme Menge, ge-
wiss mehrere Hunderte, Opercula von grösseren Trito-
nium-Arten und Natica clausa, so wie Schalen von einer
grossen Lamellaria gefunden.
Ueber ein Weibchen, das am 1. Juni unter 80° N. B.
gefangen wurde, habe ich folgendes in meinem Tagebu-
che angezeichnet: „Sie hatte eben das alte graue Kleid
abgeworfen, von welchem nur noch einige Haarbüschel
stellenweise an den Seiten des Körpers sassen. Das neue
Kleid war kurzhaarig, dunkel stahlgrau, beinahe schwarz
auf dem Rücken und heller an der Bauchseite. Die Länge
bis an die hintere Fussspitze war 8 Fuss 2 Zoll, und bis
zur Schwanzspitze 7 Fuss 4 Zoll ; der Umfang dicht hin-
ter den vorderen Füssen 5V2 Fuss und über dem Bauche
6 Fuss 2 Zoll ; die dickste Speckschicht auf dem Rücken
war 3V2 Zoll dick — alles dänisches (rheinländisches)
Maass. Die Temperatur in den Lungen, nachdem die
Haut und das Specklager entfernt waren, oder etwa V2 — %
Stunde nach Erlegung des Thieres, war 4-27° R. und in
der Bauchhöhlung + 30° R. (-f 37,5° C.). Die Untersu-
chung geschah so, dass ein gutes Thermometer durch ein
mit einem Messer gestochenes Loch in die Brust- und
Bauchcavität gebracht wurde. Dass die Lungen abge-
kühlter waren, als die übrigen Eingeweide, scheint leicht
76 M a 1 m g r e n :
erklärlich zu sein durch die lange Zeit, die sie unter dem
Einflüsse der kalten Luft gewesen waren, nachdem das Le-
ben aus dem Körper gewichen war. Dass aber die Wärme
in der Bauche avität nach dem Verlaufe einer halben, ja
vielleicht 3/4 Stunde noch + 37,5 C. betrug, deutet an, dass
die Lebenswärme bei den Robben grösser sein muss, als
bei den Landsäugethieren, denn bei dem Exemplare, an
welchem diese Observationen mit aller möglichen Ge-
nauigkeit in Gegenwart der Reisegefährten und mit ihrer
Beihülfe angestellt wurden, musste die Körperwärme ge-
sunken sein während der langen Zeit, da der Körper in
dem eiskalten Wasser ( — 1,1° R.) und auf dem Deck in
einer Temperatur von — 4° R. gelegen hatte. Der Ven-
trikel war zur Hälfte gefüllt von ungekauten Crustaceen,
darunter grosse Individuen von Crangon boreas, Sabinea
septemearinata und Hippolyte polaris dominirten. Frag-
mente von schon vordauten Fischen, unter welchen ein
Cottus tricuspis sich erkennen Hess, waren ebenfalls vor-
handen. Was jedoch besonders überraschte, war eine
unzählige Menge Intestinalia, Liorrhyncus gracilescens Rud.
im Magensacke zu finden, von denen einige sich unter
Contentis umherschlängelten, andere aber mit dem Kopfe
in der innern Magenwand feststeckten. In der Leber, in
den Därmen und im Gekröse sass ebenfalls eine grosse
Menge von einem anderen Parasiten, der zu der Familie
Cestoideae gehörte, theils lose, theils fest. Es war dies
Ru dolphi's Tetrabothrion anthoeephalum. Dieser war
auch im Duodenum und in den Dünn-Därmen in solchen
Massen, dass ich ihn mit den Händen herausschöpfen
konnte. Der Uterus war leer." — An demselben Tage
war ein Harpunirer mit seinen Ruderern von einem Wal-
rossfänger - Fahrzeuge bei uns an Bord und erzählte, er
hätte am Tage zuvor, also am 31. Mai, ein Weibchen von
Phoca barbata Fabr. mit einem lebendigen und reifen
Fötus gefangen und seine Männer bestätigten dieses ein-
hellig. Also gebiert auch diese Robbenort später, als im
„Februar oder März".
Wenn der „Storkobbe" in der See ist, so ist er
sehr leicht zu fangen, denn da ist er nicht scheu. Dumm-
Beobachtungen d. Säugethierfauna Finmarkens u. Spitzbergens. 77
dreist und neugierig kommt er oft selbst dem Fangboote
so nahe, dass er mit der grössten Leichtigkeit geschossen
wird; liegt er aber auf dem Eise, so ist er äusserst wach-
sam und scheu, und es ist unmöglich zum Schusse zu
kommen ohne ein Schiesssegel, wie die Grönländer es
anwenden.
Ob die Phoca barbata an den Küsten Spitzbergens
überwintert, ist eine Frage, die sich mit Bestimmtheit
nicht beantworten lässt; doch scheint es mir mehr denn
wahrscheinlich zu sein, dass sie dies thut, hauptsächlich
aus zwei Gründen: 1) weil sie sich in dem festen Eise
offene Waken hält und 2) weil sie sich besonders von
Mollusken und Crustaceen nährt, welche sich am Grunde
des Meeres aufhalten und im Winter nicht migriren können.
Im Appendix zu Parry's Narrative of an Attempt
to reach the North-pole 182 T hat J. C. Ross diese Art
nicht für Spitzbergen aufgenommen, sondern nur Ph.
foetida Fabr. und Ph. groenlandica Fabr. Von der erst-
genannten wurden während der Bootfahrt nach dem Nord-
pole hin zwei Individuen geschossen, die letztere wurde
nur „zufälliger Weise (d. i. einsam) auf losem Treibeise
im Westen und Norden von Spitzbergen bis Seven-Islands
gesehen". Da er der Phoca barbata mit keinem einzigen
Worte erwähnt und es nicht denkbar ist, dass jemand,
der in einem Schiffe und einem Boote so viel während
des Sommers an den nördlichsten Küsten Spitzbergens
umhergereist ist, wie Parry und seine Offiziere, die
allgemeinste Robbenart Spitzbergens, was Ph. barbata Fabr.
doch ist, sollte übersehen haben, so wage ich den Schluss
zu machen, dass J. C. R o s s mit dem Namen Ph. groen-
landica die Phoca barbata Fabr. bezeichnet. Was dieser
Vermuthung um so mehr Wahrscheinlichkeit verleiht, ist
der Umstand, dass Ph. groenlandica Fabr. während des
Sommers das Meer bei Spitzbergen nur auf kürzere Zeit
und in grossen Schaaren besucht. Hätte Parry's Expe-
dition eine solche Schaar auf dem Eise gesehen, so würde
J. C. Ross nicht unterlassen haben es anzuführen. In
der Nähe der Küste steigt Ph. groenlandica nicht auf
das Eis. Ich habe bei der Untersuchung der Vogelfauna
78 Malmgren:
Spitzbergens die Erfahrung gemacht, dass die Offiziere,
welche 1827 an Parry's Expedition Theil nahmen, den
observirten Gegenständen oft ganz falsche Namen ertheil-
ten. Dasselbe ist meines Erachtens auch der Fall mit
der von ihnen gesehenen Ph. barbata Fabr. *
Bei Finmarken kommt diese Art, die dort Hafert
genannt wird, sehr selten und dann im Spätherbst und
Winter vor. Am Ende des October 1861 wurde ein
Hafert im Ersfjord, in der Nähe des Kaifjord bei Tromsö
geschossen. Die Individuen, welche sich bei Finmarken
zeigen, sind meines Dafürhaltens längs den Küsten des
Russischen Lapplands dahin gewandert von Novaja Semlja,
woselbst diese Robbenart allgemein ist.
Phoca groenlandica Müll., Fabr., Nils. — • Ph.
oceanica Lepechin.
Während wir in der Hinlopen-Strasse segelten, sah
ich einige Schaaren von dieser Art in der Mitte des
August. Sie hielten sich in dicht geschlossenen Geschwa-
dern, 20 — 30 beieinander, schwammen schnell und schie-
nen grosse Eile zu haben. Wenn sie athmen wollten, so
erhoben alle auf einmal, dicht an einander geschlossen,
ihre Häupter über das Wasser, und tauchten augenblick-
lich wieder unter, um in weiter Entfernung dasselbe
hurtige Manoeuvre zu wiederholen. Ihre Eilfertigkeit war
besonders auffallend, und ich glaubte erst, sie wären auf
einer langen Wanderung nach* einer bestimmten Richtung
hin begriffen; fand jedoch späterhin, das dieses keines-
weges der Fall war, denn die eine Schaar strich nach
Norden, eine andere nach Süden hin u. s. w., da es eben
ihre Paarungszeit war und die Geschlechter in getrennten
Haufen, Männchen und Weibchen für sich, leben, so ist
wahrscheinlich, dass ihre Eile sich von dem erwachten
Geschlechtstriebe herschrieb. Die südliche Einfahrt in die
Hinlopen-Strasse war damals von Treibeismassen gesperrt,
gegen Norden aber war das Merr eisfrei. Anderswo sah
ich den mondfleckigen Seehund auf der ganzen Reise nicht.
Die grönländische Robbe oder der mondfleckige See-
hund, wie diese Art von den Dänen und Norwegern ge-
Beobachtungen d. Säugethierfauna Finmarkens u. Spitzbergens. 79
nannt wird, wohnt nirgends das ganze Jahr hindurch,
sondern wandert regelmässig von einer Gegend zur an-
dern. Von der Westküste Grönlands wandert sie jährlich
zweimal aus. Die erste Auswanderung geschieht im März
in der Absicht, auf dem Eise weit vom Lande, entweder
in der Mitte der Davis-Strasse oder im nördlichen Theile
des atlantischen Oceans, Junge zu werfen. Gegen Ende
des Mai kehren sie dann, aus Süden kommend und ihre
Jungen mitbringend, in grossen Schaaren an die westli-
chen Küsten Grönlands zurück. Zum zweiten Male wan-
dern sie zu Ende des Juli aus und kehren zu Anfang des
Septembers zurück. Das Ziel dieser Auswanderung ist
ebenfalls nicht mit Sicherheit bekannt, die Absicht damit
scheint gleichwohl zu sein, die Paarung in Frieden be-
treiben zu können, denn bei der Rückkehr unter das Land
sind die Weibchen trächtig. Also fällt die Paarungszeit
in den August. Wrährend der übrigen Zeit des Jahres
halten sie sich in der Nähe des Landes auf, und es wird
ihnen eifrig nachgestellt von den Grönländern, welche
an den südwestlichen Küsten alljährlich 30 — 36,000 von
ihnen tödten sollen. Die grönländische Robbe hat im
Winter keine von ihr selbst gemachte Wake in dem festen
Eise, wie Ph. barbata und Ph. hispida, sondern versam-
melt sich in Menge bei den grossen Oeffnungen im Eise,
die von Meerströmen gebildet werden (Fabricius: Na-
turvid. Selsk. Skrivt. Bd. L Om Svartsiden Ph. groen-
laudica S. 87).
Denjenigen Schaaren der Ph. groenlandica, welche sich
im Meere zwischen Grönland, Spitzbergen und Novaja
Semlja aufhalten, scheint die Insel Jan -Mayen in den
Monaten Februar, März und April, oder während der Zeit
da sie Junge werfen, ein gemeinschaftlicher Sammelplatz
zu sein. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der grössere
Theil derjenigen, die zu Anfang des März in der Davis-
Strasse auswandern, ebenfalls nach den Eisfeldern bei
Jan-Mayen streben, um dort Junge zu werfen, so gewagt
eine solche Vermuthung auch sein mag. Schon Fabri-
cius (1. c. S. 116) weiss zu erzählen, dass eben die grön-
ländische Robbe mit ihrem Jungen auf dem Eise liegend,
80 Malmgren:
im März und April von den sogenannten Robbenschlägern
in dem Meere zwischen Ostgrönland und Spitzbergen ge-
jagt wird. Von Norwegen aus ist schon lange ein sehr
einträglicher Robbenfang mit mehreren Fahrzeugen bei
Jan-Mayen getrieben worden und besteht noch jetzt, ob-
gleich er, w7ie aller andere Fang im Eismeere, in starker
Abnahme begriffen ist. Besonders stellt man dem neuge-
bornen mit einer weissen und zarten Wolle bedeckten
Jungen der Ph. groenlandica nach. Da dieses, gleich
dem Jungen des Halichoerus grypus, nicht eher ins Was-
ser geht, als wenn es die Wolle abgelegt hat, selbst wenn
es von dem Menschen angefallen wird, so wird es eine
leichte Beute des Robbenschlägers. Noch in den letzten
Jahren sind viele Zehntausende von jungen und erwach-
senen mondfleckigen Seehunden jährlich von den Nor-
wegern bei Jan-Mayen getödtet worden.
Es wäre interessant zu wissen, ob Halichoerus grypus
oder Phoca groenlandica in so grosser Menge auf dem
Treibeise in der Mündung des weissen Meeres Junge
wrirft und dort der Gegenstand eines einträglichen Fanges
ist nach W. Bothlingk l). Nach Pallas und Lepe-
chin ist es Phoca groenlandica; doch diese Angabe be-
darf der Bestätigung, denn diese Robbenart wirft nicht
in der Nähe des Landes Junge, sondern im weiten Oceane
auf Treibeis.
In Betreff der Fortpflanzung dieser Art haben wir
schon erwähnt, dass die Paarung im August geschieht,
und dass das Weibchen im März ein weisses, mit Wolle
bedecktes Junges auf dem Eise gebiert. Prof. Nilsfon2)
hat die Vermuthung hingeworfen , dass das Junge der
Ph. groenlandica gleich dem der Ph. vitulina, das Woll-
haar schon im Mutterleibe abwürfe, auf Anlass der von
Fabricius angeführten richtigen Beobachtung, dass das
mit Wolle bedeckte Junge sich niemals im Wasser zeigt.
Dass dieses keineswegs der Fall ist, haben wir schon
gezeigt, und Fabricius giebt auch zu einer solchen
1) BulletinScientif.de l'Acad. de St. Petersburg T. VII. p. 202.
2) Skand. Fauna 1847. I. p. 290.
Beobachtungen d. Säugethierfauna Finmarkens u. Spitzbergens. 81
Vermuthung nicht den geringsten Anlass. Er sagt näm-
lich (1. c. S.92): „Wenn man auch ein Weibchen in der
letzten Zeit der Trächtigkeit fängt, da das Junge voll-
kommen reif ist, so findet man doch keine Veränderung in
der Farbe desselben, woraus man denn am vernünftigsten
schliesst, dass es weiss geboren wird. Nichts desto we-
niger sieht man ausser dem Leibe der Mutter niemals
ein solches wTeisses Junges im Wasser; die Farbenverän-
derung desselben wird also wohl geschehen in der Zwi-
schenzeit 1); da es gleich den Alten nicht unter Land ge-
sehen wird, und es verliert also wohl an dem Orte, wo
es geboren wird, seine ersten weissen Haare/
Bei Finmarken ist diese Robbe vor einer Anzahl
von Jahren im Winter ein regelmässig wiederkehrender
Gast gewesen, jetzt aber sieht man sie dort selten mehr —
eine in die Augen fallende Folge des verheerenden Fan-
ges bei Jan -Mayen. Besonders waren es die Jüngern,
zur Fortpflanzung noch nicht tauglichen Individuen, welche
regelmässig die Küsten Finmarkens besuchten. Sie haben
dort viele verschiedene , den verschiedenen Altern ent-
sprechende Namen erhalten. Nachdem das Junge seine
wollene Tracht abgelegt hat, nennen ihn die Norweger
Suulrygg, welche Benennung dem Atärak der Grönländer
entspricht. Der Suulrygg zeigt sich bei Finmarken nie
vor dem September oder November, da er schon grösser
geworden ist und mehrere dunkle Flecken erhalten hat.
Da hat er denn auch schon einen neuen Namen erhalten,
nämlich Oyskärkobbe (ein Kobbe, d. i. Robbe, gross wie
ein Osfass oder eine Schöpfgelte), entsprechend dem
Ataifiak der Grönländer, womit das Junge des mond-
fleckigen Seehundes während des ersten Herbstes und
Winters bezeichnet wird. Der Oyskärkobbe , welcher
dort früher zahlreich war, ist jetzt selten; er verlässt Fin-
marken im Februar. — Das Junge im zweiten und drit-
ten Jahre, welches Storfveiv heisst , fand sich früher
1) Diese Zwischenzeit ist lang genug für den Wechsel des
Kleides, denn sie dauert vom Anfange des März bis zum Ende
des Mai.
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. Q
82 Malmgren:
zahlreich zu Ende des April und zu Anfang des Mai zu-
gleich mit dem Kreuzerfindungs-Sei (Stockfisch) ein und
verschwand nach einigen Wochen wieder. Der Aaben-
kobbe oder der erwachsene mondfleckige Seehund zeigt
sich sehr selten und dann nur im Winter bei Finmarken.
Phoca hispida Erxl. ; F a b r i c i u s , Naturh.
Selsk. Skr. I, 2. p. 74; — Ph. foetida Fabr.,
Fauna Grönl. ; Ph. annellataNils.; Stenkobbe,
Norwegen.
Von allen Robbenarten geht diese am höchsten hinauf
gegen Norden und ist also im Sommer an den nördlichen
Küsten Spitzbergens nicht selten, kommt jedoch dort nicht
zahlreich vor. Das Eis scheint für das Wohlbefinden
dieser Robbe eben so unentbehrlich zu sein, wie für die
Phoca barbata. So lange das feste Eis liegt; hält sie sich
in den Buchten und Meerbusen, wenn aber das Eis auf-
bricht, so begiebt sie sich mit dem Treibeise nach Norden
hin. Die Nachbarschaft des Landes scheint für diese
Robbe von keiner solchen Bedeutung zu sein, wTie für die
Ph. barbata, denn man hat sie oft in weiter Ferne vom
Lande angetroffen. P a r r y sah sie unter dem Treibeise unter
823/4°N.B. oder etwa 20 Meilen von dem nächsten bekann-
ten Lande, und seine Mannschaft schoss zwei Individuen
auf dem Eise während der Reise gegen den Nordpol. Phoca
barbata ist an die Küste gebunden, weil sie ihre Nahrung
vorzugsweise von dem Meeresboden aus einer Tiefe von
höchstens 80— 100 Faden holt; Phoca hispida dagegen lebt
von Fischen und Crustaceen in der Nähe der Meeresfläche,
welche auch in grösserer Entfernung vom Lande vor-
handen sind. Es ist wahrscheinlich, dass die Hauptnah-
rung der Ph. hispida in einer kleinen Gadus-Art (Mer-
langus polaris) besteht, welche unter dem Treibeise an
der Wasserfläche in Menge umherschwimmt, und welchen
Parry noch unter 823/4°N. B. fand. — Im Winter hat
die Ph. hispida während ihres Aufenthaltes in den Buch-
ten und Meerbusen kleine Löcher im Eise, durch welche
sie die Nase steckt, um Athem zu holen ; grössere Waken,
durch welche sie aufsteigen könnte, um sich auf dem
Beobachtungen d. Säugethierfauna Finmarkens u. Spitzbergens. 83
Eise zu lagern, dürfte diese Art sich nicht machen, wie
Phoca barbata, sondern zu diesem Zwecke grössere Spalten
oder Waken benutzen, welche von Strömungen offen ge-
halten werden. So erzählt Fabricius (L c. S. 82 — 83),
und eben dieses habe auch ich an den finnischen Küsten
des bottnischen Meerbusens über ihre Lebensweise kennen
gelernt.
Ueber die Fortpflanzung dieser Art habe ich von
Spitzbergen keine Erfahrung. An der Westküste Finlands
wirft das Weibchen zwischen der Mattsmesse (24. Febr.)
und Marien (25. März) auf dem Eise am Rande einer
grösseren Wake oder Eisspalte ein mit Wolle bedecktes
Junges, welches schmutzig grau ist mit schwärzlichem
Anstrich auf dem Kopfe und dem Vorderrücken. Das
wollene Kleid wird innerhalb eines Monates abgelegt und
von einem andern ersetzt, ähnlich dem der Alten. Wenn
der„Kut" oder das neugeborne Junge der „Wikar-Robbe",
wie man die Phoca hispida an den Küsten Finlands
nennt, auf dem Eise liegt, ist er äusserst schwer zu fan-
gen, denn er geht bei dem geringsten Anzeichen von
Gefahr sogleich ins Wasser, während dagegen der .,Kut"
der grauen Robbe, Halichoerus grvpus, einen solchen
Schrecken vor diesem Elemente hegt, so lange er das
wollene Kleid trägt, dass er sogleich auf die Eiskante
klettert, sobald man ihn in eine Wake wirft. Nach Fa-
bricius 1. c. S. 84, gebiert diese Art in Grönland im
Februar und im März oder um dieselbe Zeit, wie im Fin-
nischen und Bottnischen Meerbusen, so wie am Ladoga.
Die Grösse wird auf 3 bis 4 Fuss angegeben, und nach
Fabricius und Nilsfon soll sie nie 4V2 schwed. Fuss
übersteigen. Dass die erwachsenen und alten Individuen
im Bottnischen Meerbusen diesem Maximum bedeutend
überschreiten, habe ich selbst nicht selten beobachtet. Die
grössten, welche ich gesehen habe, massen beinahe 6 Fuss
von der Nase bis an die hinteren Schwimmfüsse und 5J/2
schwed. Fuss bis an die Schwanzspitze. Sogar in den
finnischen Landseen Ladoga und Pyhäfelkä soll die ganze
Länge der alten Individuen nach der Aussage erfahrener
Männer beinahe einen Klafter , d. h. sechs Fuss betragen.
84 Malmgren:
Doch in diesen Seen wird diese Robbe gewöhnlich im
zweiten und dritten Jahre, selten erwachsen, geschossen.
Dasselbe ist nach F a b r i c iu s auch in Grönland der Fall ;
ich vermuthe daher, dass dies die Ursache ist, wesshalb
die Länge des Thieres zu klein angegeben ist, da sie
wahrscheinlich nach den ein- oder zweijährigen Indivi-
duen, die man am gewöhnlichsten erhält, bestimmt wor-
den ist.
Fkoca vitulina (L.) Phipps, Voyage towards the
North-pole 1773. p. 185 umfasst die sämmtlichen Robben-
arten Spitzbergens ; denn L i n n e hat im Systema Naturae,
nach welchem in Phipp's Reise das Verzeichniss über
die Thiere Spitzbergens entworfen ist, die Arten des Ge-
nus Phoca (sens. strict.) nicht unterschieden. Ph. vitu-
lina (L.) Nils., Skand. Fauna I. 1847. p. 276 ist von Spitz-
bergen noch nicht bekannt.
Mus decumanus Pallas; Nilsion.
Die Wanderratte ist in Handelsfahrzeugen nach
Tromsö gebracht worden, ist jedoch dort nicht allgemein.
Mus musculus Lin. ; Nils.
Ist überall in den Häusern der Stadt Tromsö vor-
handen ; doch erfuhr ich nichts über das Vorkommen der
Hausratte auf dem Lande.
Lemmus amphibius'Lm. ; Nils.; Arvicola amphi-
bius Blasius, Wirbelthiere Deutschlands
1857. S. 344.
In der Gegend von Tromsö ist diese Art auf dem
Festlande nicht selten, kommt jedoch in den äusseren
Scheren nicht vor. Im Innern des Baisfjord, 69,5° N. B.,
ist sie ziemlich allgemein und man erzählte, dass sie in
den dortigen Kartoffeläckern grosse Vorräthe von den
besten und grössten Kartoffeln für ihren Winterbedarf
vergräbt. Es war überraschend zu finde^ dass diese Art
hier unter fast 70° N. B. ganz dieselbe Lebensart führt,
wie im nördlichen Finland, woselbst ich in der Gegend
von Kajana zugesehen habe, wie einige von ihren soge-
nannten Wintervorräthen aufgegraben wurden, von denen
jeder etwa zwei Kappar (ä 175schwed. Kubikdecimalzoll)
Beobachtungen d. Säugethierfauna Finmarkens u. Spitzbergens. 85
Kartoffeln enthielten. — Die Bälge, welche ich am Bais-
fjord erhielt, waren von der braunen Varietät, welche
nach Nilsfon den Meergegenden eigenthümlich ist. Das
Thier wurde von den Norwegern Waan (spr. : Wohn)
genannt.
Lemmus agrestis Lin.; Nils.
Prof. Lilljeborg hat 1848 diese Art in Finmarken
auf dem Festlande gefunden; ich habe sie jedoch dort
nicht gesehen. Meine Zeit war nämlich durch andere
Arbeiten dermassen beschränkt, dass ich der Micromam-
malogie des Festlandes und der Inseln nur eine unbe-
deutende, oft gar keine Zeit und Aufmerksamkeit widmen
konnte.
Lemmus liudsonius (Arvicola) Richards, App.
to Parrys 2. Voyage et Fauna boreali-amer.
p. 132.
Parry fand 1827 auf seiner Bootfahrt nach dem
Nordpole ein Skelett dieses Thieres auf dem Eise unter
813/4° N. B. oder wenigstens 15 d. Meilen von dem näch-
sten bekannten Lande. Von welchem Lande dieses Skelett
herstammt, lässt sich nicht entscheiden, da das Thier über
die meisten Polarländer verbreitet ist; dass es jedoch
nicht von Spitzbergen war, kann ich mit Gewissheit be-
haupten. Auf Anlass dieses Skelett-Fundes von Parry
ist diese Art von neueren Schriftstellern unter die spitz-
bergischen Thierarten aufgenommen. Nichts kann gleich-
wohl unrichtiger sein; denn auf Spitzbergen lebt keine
einzige Lemmus-Art. Auf eigene Erfahrung gestützt kann
ich anführen, dass an den nördlichen Küsten Spitzbergens
keine Thierart von der Ordnung der Nager vorkommt;
auch haben T o r el 1, Norden fkj ö 1 d und B 1 o m f tr a n d
bei ihren umfassenden geologischen Untersuchungen an
den westlichen Küsten Spitzbergens von Beil-Sound bis
Hackluyts Headland nirgends Spuren, Gänge oder andere
Zeichen von der Anwesenheit einer Lemmus - Art , ge-
schweige denn ein Thier von dieser Familie angetroffen.
— Lemmus liudsonius ist bisher bekannt von den Hud-
sonsbay-Ländern, dem arktischen Archipelagus Amerika'»
86 Malmgren:
(Sabine und Richardson), dem Taymyrlande (Mid-
dendorff), der Halbinsel Kanin im Osten des weissen
Meeres (Ruprecht nach Middend.) und Novaja-Semlja
(Baer). An der Westküste von Grönland giebt es keine
Lemmus- Art; ander östlichen aber fandScoresby eine
Art, welche Dr. T raill unter dem Namen Mus groenlandi-
cus beschrieb. Richardson nahm diese Art in die Fauna
Bor.-Am. auf und beschrieb sie unter dem Namen Arvi-
cola groenlandica als eine von Arv. hudsonius verschie-
dene Art; Middendorff dagegen identificirt dieselbe
mit Lemmus hudsonius, der wiederum synonym ist mit
Myodes torquatus Pall., Middf.
Lemmus rufocanus (Hypudeus) Sundevall, K.
Yet. Akad. Öfversigt 1846. p.122. — Nils-
fon Skand. Fauna 1847. I. p. 365.
Diese Art ist bisher in Skandinavien nur von Tornea-
und Lulea- Lappmarken bekannt, woselbst sie „auf den
Feldern, in den Häusern und in den Zelten der Lappen"
am meisten in der Birkenregion vorkommt. Im October
1861 fand ich dieselbe auch sehr allgemein auf Brach-
feldern und Wiesen unter den hohen Bergen am Baisfjord
(im Andersthale) in der Nähe von Tromsö. In den Häu-
sern hatte man sie nicht bemerkt, obgleich sie allgemein
auf den Feldern war, wo sie in dem Rasen und Bulten
Gänge pflügte. Exemplare brachte ich von dort an das
Reichsmuseum mit. Auf den Inseln sah ich sie nicht.
Middendorff, „Sibirische Reise" II, 2. S. 114 giebt
diese Art an für das russische Lappland 69°, Boganida 71°,
Kamtschatka und Altai.
Lemmus norvegicus Worm.; Nils.
Seit 1860 ist der Berglemming (Fjell -Lemmcl) in
Westfinmarken , sowohl auf dem Festlande, als auf den
Inseln, sehr zahlreich gewesen. Selbst traf ich ihn nicht
in den Scheren, wo er doch nach der Versicherung der
Bewohner in Menge vorkommen soll ; auf dem Festlande
dagegen fand ich ihn allgemein, z. B. am Bals- und Ulfs-
fjord. Man soll diesen Lemming bisweilen in grossen
Schaaren zwischen dem Festlande und den Inseln schwim-
Beobachtungen d. Säugethierfauna Finmarkens u. Spitzbergens. 87
mend antreffen. Es geschieht dann wohl, dass bei diesen
gefährlichen Reisen ganze Schaaren umkommen und todt
ans Land treiben. Exemplare von Blasfjord sind im Stock-
holmer Reichsmuseum deponirt.
Cervus tarandus Lin.
Das Renthier ist allgemein an den Küsten Spitzber-
gens bis hinauf nach Seven-Island, 80°45'N. B., woselbst
Tor eil und No r den fkj öld dasselbe noch ebenso gross
und fett fanden, wie in südlicheren Theilen von Spitz-
bergen. An den grossen Fjorden der Westküste kom-
men sie zahlreich vor, besonders am Eisfjord, woselbst
alljährlich eine bedeutende Anzahl von den norwegischen
Spitzbergenfahrern geschossen wird.
Das spitzbergensche Renthier ist überhaupt kleiner,
als das skandinavische und erbietet ausserdem einige
osteologische Eigentümlichkeiten, auf welche Herr An-
derfen neulich aufmerksam gemacht hat 1). Aber das
spitzbergensche unterscheidet sich von dem skandinavischen
auch dadurch, dass bei jenem während der letzten Hälfte
des Sommers eine 2 bis 3 Zoll dicke Schicht von weis-
sem und wohlschmeckenden Speck zwischen der Haut
und dem Fleische vorhanden ist, was dieser nicht haben
dürfte. Diese Fettschicht wird innerhalb einer sehr kur-
zen Zeit im Juli gebildet ; denn noch zu Ende des Juni
waren die Renthiere an der Treurenberg-Bay mager und
kaum essbar ; doch schon zu Ende des Juli waren die an
der Brandywine-Bay, 80° 24' N. B., unglaublich fett. Ohne
Zweifel dient diese Fettschicht den Thieren im Winter
zum Schutze gegen die Kälte; doch ich bin geneigt, der-
selben noch eine andere, wichtigere physiologische Be-
deutung beizulegen. Ich halte nämlich dafür, dass das
Renthier im Winter, wenn der Schnee die überdies äus-
serst dürftige Vegetation bedeckt, von welcher es seine
Nahrung nimmt, zu nicht unbedeutendem Theile auf Un-
kosten dieser Fettschicht lebt. Im Frühling, im Mai oder
zu Anfang des Juni , hat das Renthier nach der langen
Fastenzeit während des ganzen Winters keine einzige Spur
1) Öfversigt af Kongl. Vct -Akad. Förhandlingar 1862. p. 457.
88 Malmgren:
von diesem Fettlager übrig und ist dann so mager und
elend, dass es kaum zu essen ist.
Delplünus delpkis (L.) Lilljeborg J).
Am Morgen des 7. April 1861 sah ich im Weftfjord
an der norwegischen Küste in der Nähe des Einlaufes
nach Hänningsvär, welches für den von Süden kommen-
den Postdampfer der erste Landungsort auf den Lofoten
ist, eine ungeheure Menge von gemeinen Delphinen oder
Meerschweinen, welche vielleicht \\ Quadratmeile von
der Meeresfläche bedeckte und aus mehreren Hunderten,
ja vielleicht Tausenden von Individuen bestand. Oft sah
man, wie mehrere sich ganz in der Nähe des Dampf-
schiffes über das Wasser erhoben, um auf die gewöhn-
liche Weise der Delphine Athem zu schöpfen, so dass
die Contouren des Kopfes, des Rückens und der Rücken-
flosse deutlich unterschieden und aufgefasst werden konn-
ten. Gleichzeitig sprangen in grösserer Entfernung vom
Fahrzeuge mehrere, oft 5 bis 10 auf einmal, hoch empor,
so dass man sehen konnte, dass sie auf der unteren Seite
weiss waren, obgleich die Entfernung allzu gross war,
als dass die Verbreitung der weissen Farbe über die
Seiten der Körper sich hätte beurtheilen lassen können.
Die Körperlänge schien etwa 6 — 7 Fuss zu sein, die Stirn
war stark convex, die Körperform spulförmig, untersetzt,
nach hinten stärker abnehmend, die Rückenflosse hoch,
belegen etwas hinter dem dicksten Theile des Körpers,
zugespitzt, nach vorn convex, nach hinten concav und
etwas nach hinten gebogen, der Rücken und der obere
Theil des Kopfes schwarz und die unteren Körpertheile
weiss. Wohlbedacht und ohne den geringsten Anstand
behalte ich den Namen bei, den ich diesem Delphin beim
ersten Anblick beilegte. Die Grösse, die convexe Stirn,
die Gestalt des Körpers und die Stellung und Form der
Rückenflosse stimmen vollkommen überein mit der Be-
schreibung des Delphinus delphis. DerDelphinus acutus
(J. Gray) Lilljeb. 1. c. , welcher an der Westküste von
1) Öfversigt af Skandinaviens Hvaldjur, Upsala Univers. Ärsskrift
1861. et 1862,
Beobachtungen d. Säugethierfauna Finmarkens u. Spitzbergens. 89
Norwegen öfter angetroffen und gefangen zu werden
scheint, als Delphinus delphis, weicht von dem von mir
observirten Delphin ab durch die bedeutendere Grösse
und die langsam abschüssige Stirn. Der zuletzt erwähnte
Unterscheidungscharakter fällt sogleich in die Augen,
wenn man Rasch's Abbildungen des Delphinus leuco-
pleurus Rasch *) ; welcher synonym ist mit D. acutus
Gray nach Prof. Lilljeborg, mit einer Contourzeich-
nung D. delphis vergleicht.
Fischer in Finmarken erzählten, dass sich dort oft
im Frühlinge Meerschweine zeigten; unmöglich aber ist
es zu entscheiden , ob es Schaaren von D. delphis oder
D. acutus Gray sind, welche Finmarken besuchen. Wahr-
scheinlich thun dies beide Arten.
Orca gladiator (Desm.) Sundevall, K. Yet. Akad.
Ofvers. 1861. p. 391. — ■ Grampus gladiator
Lillj., Skand. Hvaldjur, p. 15. — Stour-wagn
(Finmarken).
Martens erwähnt (Spitzb. Reiseb. 1675. S.94) im
Zusammenhang mit dem Butzkopf (Hyperoodon rostratus
Pont., Lillj.) eines anderen Thieres mit einer dreimal so
hohen Rückenflosse, „daher man es für einen Schwertfisch
halten könnte". Darunter kann Martens kaum ein an-
deres Thier verstehen, als Orca gladiator, der bisweilen
im Meere zwischen Finmarken und Spitzbergen ange-
troffen wird. An den Küsten von Finmarken zeigt er
sich nicht selten und ist allen Fischern unter den Benen-
nungen Stour-wagn oder Stour-hynning wohl bekannt.
Ob der Name Wagnhund, der in Finmarken allge-
mein angewendet wird, für die grosse Delphinenart, die
Walfische ans Land treibt, auch dem Orca gladiator bei-
gelegt wird, oder ob man sich desselben ausschliesslich
zur Bezeichnung des Orca grampus (Desm.) Sund. 1. c.
bedient, wie Prof. Lilljeborg meint, wage ich nicht
zu entscheiden. Bezeichnen die Fischer mit „Wagnhund-
eine von „Stour-wagn" verschiedene Art Orca grampus
Desm. (Grampus orca Schi. , Lillj eb.), so muss diese im
1) Nyt Magasin for Naturvidenskab. Bd. IV. Hft. 2. Tab. 11.
90 Malmgren:
Sommer allgemeiner in Finmarken sein, als Orca gladia-
tor, denn man hört weit öfter von Wagnhunden als von
Stourwagnen reden. Vor einigen Jahren sind drei klei-
nere Walfische , Balaenoptera rostrata Fabr. , auf einmal
von Schwertfischen im Innern des Ulfsfjord ans Land
getrieben worden. Im Grötiund, nördlich von Tromsö,
sollen sich Schwertfische oft im Sommer zeigen. Im An-
fange des October 1861 sah ich einen grossen Delphin im
Grötfunde, der wahrscheinlich ein Orca grampus (Desm.)
war. Er zeigte sich nur einmal und in weiter Entfernung,
daher meine Observation unsicher war.
Phocaena communis (Lesson) Lilljeb. I.e. p. 25;
— Nife (Finmarken).
Der Tümmler ist in Westfinmarken sehr allgemein.
In schmalen Fjorden, als im Baisfjord, wird er von den
Norwegern im Winter mit Netzen gefangen, die Lappen
aber ziehen es vor, ihn zu schiessen. Der Tümmler ist
das ganze Jahr in Finmarken. Im Grötfunde sah ich
am 9. October 1861 eine kleine Schaar von 3 oder 4 In-
dividuen.
DelpJmiapterus leucas (Pallas) Lilljeb. — Del-
phinapterus Beluga J. C. Boss in Parry's
Attempt to reach the North-pole 1827.
Der Weissfisch ist an den Küsten Spitzbergens all-
gemein. Seichte Ufer im Innern von Fjorden, wo Glet-
scherbäche ins Meer fallen und das Wasser von aufge-
löstem Lehm trübe ist, sind die liebsten Aufenthaltsörter
der Weissfisch-Heerden. Er ist gesellig und wird immer
in grossen Schaaren oder Heerden angetroffen, hält sich
gerne im seichten Wasser in der Nähe des Ufers auf,
entfernt sich selten oder nie von der Küste und ist un-
abhängig von dem Treibeise. In der Treurenberg-Bay
sahen wir in der Mitte des Juni eine grosse Menge von
Weissfischen, obgleich die Bay von Treibeis erfüllt war.
Bei den Waygats-Inseln sah ich in der Mitte des August
eine zahlreiche Schaar gegen Süden von der Hinlopen-
Strasse wandern. In der Lomme-Bay war am 22. August
eine ungemein zahlreiche Heerde an der Mündung eines
Beobachtungen d. Säugethierfauna Finmarkens u. Spitzhergens. 91
Gletscherbaches. Im Innern der Wyde-Bay sah Prof.
Blomstrand Weissfische in grosser Menge. An den Fjorden
der Westküste sind sie ebenfalls in Masse vorhanden.
In Finmarken kommt der Weissfisch nicht vor. Doch
versicherte ein Fischerlappe auf Hvalö bei Tromsö, er
hätte einmal mitten im Winter einige Individuen im Kai-
fjord gesehen. Dieses kommt mir nicht unwahrscheinlich
vor; denn ich habe selbst in der Mitte des Juli 1856 in
dem Innern des weissen Meeres zwischen Kern und So-
lovetskoi, 65° N. B., eine zahllose Menge von Weissfischen
gesehen1). Wenn der Weissfisch im Sommer das weisse
Meer bewohnt, so ist es denkbar, dass seine Winterwan-
derungen sich bisweilen in den Westen vom Nordkap
erstrecken. An der Ostküste von Asien wandern die
Weissfisch -Heerden im Winter bis 52° N. B. hinab und
steigen sogar im Amurflusse 40 Meilen hoch ins Land
hinein nach L. S ehre nk 2) und Arthur Nordmann3).
Der Weissfisch lebt besonders von Fischen.
Monodon monoceros Lin., Narhval.
Der Narwal hält sich Winter und Sommer vielleicht
von allen Säugthieren dem Pole zunächst auf. Er ist
stets draussen im Meere unter den Treibeismassen, nie-
mals in der Nähe der Küste, wie der Weissfisch, und
wird im Sommer nicht an den Küsten Spitzbergens an-
getroffen, ausser vielleicht an den allernördlichsten in kal-
ten Sommern, da diese von Eis eingeschlossen sind.
Parry sah auf der Rückkehr von seiner Bootfahrt gegen
den Nordpol einige Individuen unter losem Treibeise unter
81° 10' N. B. , wir aber bekamen auf der ganzen Reise
keine Narwale zu sehen. Im Winter ziehen sie sich gegen
Süden und halten sich da wahrscheinlich im Meere west-
lich von Spitzbergen auf. — An den Küsten des nörd-
lichen Grönland und in dem nördlichsten Theile des ark-
1) S. Sandinaviens Hvaldjur von Lilljeborg, p 117.
2) Reisen und Forschungen im Amurlande 1854 — 56. 1, 1. S. 191.
3) Bulletin de la Societe des Naturalistes de Moscou, 1861.
III. p. 237.
92 Malmgren:
tischen Archipelagus von Amerika scheint der Narwal
allgemeiner zu sein, als bei Spitzbergen.
Chaenocetus rostratus (Pontoppid.) ; — ■ Monodon
spurius 0. Fabr.; — Hyperoodon borealis
Nils., 1820; — Hyperoodon rostratus Lilljeb.,
1. c. p. 34. — ■ Näbbhval Eschricht : Undersö-
gelser over Hvaldyrene, 4. Abhandlung.
Auf der Ueberfahrt nach Spitzbergen trafen wir mehr-
mals kleinere Walfische, 2 bis 3 zusammen, am 15. — 17. Mai
1861 unter 74,5— 75,5° N. B. und 12— 13» Ö. L. Grw. „Sie
waren 4 — 5 Fuss lang, oben schwarz mit grünlichem An-
strich, die Körperform spulförmig, nach hinten stärker
abnehmend als nach vorne ; der grösste Umfang an der
vorderen Körperhalbe; die Rückenflosse zugespitzt, nach
vorne convex, nach hinten concav mit nach hinten gebo-
gener Spitze, der Kopf nach vorne etwas zusammenge-
drückt, mit vertikal sich senkender Stirn (den
untern Theil des Kopfes oder den Schnabel sah ich nicht
über dem Wasser) ; nur ein Spritzloch war vorhan-
den, aus welchem die Luft ohne einen merkbaren Strahl
ausgestossen wurde mit einem schwachen Laute, der nur
zu hören war, wenn der Walfisch 2 — 30 Faden vom
Fahrzeuge entfernt war," Sie kamen dem Fahrzeuge so
nahe, dass man sie beinahe mit einer langen Stange hätte
erreichen können , und schwammen eine Weile neben
oder hinter uns, so dass die Ccntouren der Stirn, des
Rückens und der Rückenflosse deutlich aufgefasst werden
konnten. Was ich in meinem Tagebuche über dieselben
angezeichnet habe, ist oben mit Citationszeichen ange-
führt. Hieraus erhellt deutlich, dass die fraglichen Wal-
fische Döglinge waren. Die Vermuthung des Professor
Eschricht *), dass der „ ButzkopP des Härtens 2) der
Dögling ist, halte ich für ganz richtig.
Während wir diese Zone des Eismeeres passirten,
1) Undersögelser over Hvaldyrene, wo die 4. Abhandlung ,om
Näbbhvalen."
2) Spitzberg. Reisebeschreib. 1G75. S. 93.
Beobachtungen d. Säugethierfauna Finmarkens u. Spitzbergens. 93
in welcher die Döglinge sich aufhielten, variirte die Tem-
peratur des Wassers der Oberfläche zwischen +2°— +3°R.,
und die Farbe des Meerwassers, durch das Hennegatt
gesehen, war schön azurblau. Aber am 18. Mai, da wir
uns unter 75° 45' N. B. und 12° 31' Ö. L. Grw. befanden,
sank die Temperatur des Wassers am Vormittage in einer
einzigen Stunde von +2°— 4- 3°R., bei welchem Grade
dieselbe sich während der drei zunächst vorhergehenden
Tage ziemlich constant gehalten hatte, hinunter auf 0° bis —
1° R. Gleichzeitig mit der plötzlichen Temperaturverän-
derung im Wasser traf auch eine merkliche Veränderung
in der Meeresfauna ein, und das Meer, welches schön
azurblau gewesen war, wwde plötzlich schmutzig grün
von einer Menge kleiner pelagischer Algen. Alles deutete
darauf hin, dass wir die Grenze zwischen dem Gebiete des
atlantischen Oceans oder richtiger des Golfstromes, für
dessen Gewässer die azurblaue Farbe charakteristisch sein
soll, und dem Gebiete des kalten Eismeeres überschritten
hatten. Unter vielen Veränderungen in der Meeresfauna
war das Verschwinden der Döglinge in demselben Au-
genblicke, da wir in die Grenze des kalten, schmutzig-
grünen Wassers kamen, allzu sehr in die Auge fallend,
als dass es hier nicht erwähnt werden sollte. Am 17.
und noch in der Nacht vor dem 18. Mai sahen wir ver-
schiedene Döglinge , darauf aber während der ganzen
Reise nicht früher, als am 14. September auf der Rück-
reise nach Norwegen, da wir ungefähr unter 78n N. B.
waren. Da kam einDögling unserem Fahrzeuge, Aeolus,
ganz nahe und schwamm eine Weile neben uns hin; da
jedoch der Aeolns schlecht segelte, so liess uns der
Walfisch bald hinter sich. Anmerkungswerth ist, dass
die Temperatur des Wassers an der Meeresüäche damals
+ 3,3° R. war oder ungefähr gleich der am 17. Mai, da
wir den Dögling zuletzt gesehen hatten. Es ist wahr-
scheinlich, dass die Döglinge sich niemals in kälterem
Wasser, als demjenigen, in welchem wir sie am 14. — 17.
Mai trafen, aufhalten, und die Grenze ihrer nördlichen
Ausbreitung fällt vielleicht zusammen mit der des Meeres
von dem erwähnten Temperaturgrade. Hierbei ist gleich-
94 Mal m g rem
wohl zu bedenken, dass diese Grenze im Sommer um
einige Grade hoher hinaufrückt, als sie im Winter ist,
wenigstens im Meere zwischen Grönland und Spitzbergen.
An den Küsten von Finmarken ist der Dögling den
Fischern wenigstens dem Namen nach bekannt; doch
zeigt er sich dort „sehr selten." Am Kaifjord, in der
Nähe von Tromsö, erhielt ich von einigen dort ansässigen
Fischcrlappen die Notiz, sie hätten in der Nähe von
Vengsö im Sommer 18(50 einen todten Dögling auf dem
Meere treibend angetroffen. Die Lappen, welche ihn ge-
funden, hatten versucht, den Speck zur Speisebereitung
anzuwenden, hatten jedoch an demselben eine so äusserst
heftig laxirende Eigenschaft befunden, dass ihnen dieses
im October 1861 noch in frischem Andenken war, und
sie sich beeilten, es sogleich als etwas höchst Sonderba-
res zu erzählen. Dieselbe unangenehme Erfahrung haben
die Grönländer schon vor langen Zeiten gemacht und
daher dem Dögling den Namen Anarnak *) gegeben, der
bedeuten soll „cacare faciens."
Balaenoptera muaculusl (Comp.) Lilljeb. 1. c
p. 42 ; Langrör, Finmarken.
Von den Bartenwalen, welche zu verschiedenen Jah-
reszeiten die Küsten Finmarkens besuchen, unterscheiden
die dortigen Fischer drei Arten, nämlich Seihval, Langrör
und Slätbak. Die beiden ersten haben Rückenflossen, die
letztere nicht. Langrör (Finnfisch) ist die grösste unter
ihnen und kommt im Frühling (März bis Mai) während
der Lodde- und Häringfischerei vor, da er bei Finmarken
sehr allgemein sein soll. Er soll nach der Beschreibung
der Fischer „schlank und langgestreckt, und der längste
von allen Walen sein. Er bläst ..sehr hoch" gleich dem
Slätbak und hat eine ..Rückenflosse". — Ich vermuthe,
dass dieser identisch ist mit dem Rörhval des Professor
Lilljeborg, welcher B. musculus (Comp.) ist.
Balaenoptera gigas (Eschr.) Lilljeb. 1. c. p. 56
— 57 ? ; Slätbak, Finmarken.
Während wir in der Meerenge zwischen Amsterdam-
1) Eschricht's Abhandling om Näbbhvalen-
Beobachtungen d. Säugethierfauna Finmarkens u. Spitzbergens. 95
Island und dem Lande Spitzbergen unter 79° 45' N. B.
vor Anker lagen, sah ich am 1. September 1861 zwei
kolossale Individuen dieser Art in einer Entfernung von
4 — 500 Faden vom Fahrzeuge ein einziges Mal blasen.
In dieser Entfernung konnte ich keine Rückenflosse un-
terscheiden; doch die Gefährten, Prof. Norden fkjöld
undMag. Chydenius, welche sie kurz zuvor dicht beim
Fahrzeuge hatten blasen sehen, versicherten, sie hätten
eine solche, obgleich sehr niedrig und weit nach hinten
auf dem Rücken befindlich. „Sie hatten einen langge-
streckten Körper von ungeheurer Länge ; die Rückenflosse
war sehr niedrig, weit nach hinten belegen und in einer
Entfernung von 4 — 500 Faden nicht mehr sichtbar; sie blie-
sen sehr heftig und hoch, so dass das dadurch entstehende
Geräusch in der angegebenen Entfernung als ein starkes
Brausen zu hören war ; die ausgeblasene Dampfsäule war
gewiss 3 — 4 Ellen hoch; die Körperfarbe liess sich nicht
deutlich unterscheiden; in der Ferne aber sahen sie
schwarz aus. Nachdem ich sie einmal hatte blasen sehen,
verschwanden sie und wurden nicht wieder gesehen, ob-
gleich der Tag klar und die See in der Meerenge fast ganz
ruhig wie ein Spiegel war. Die Temperatur des Wassers
an der Meeresoberfläche war -f- 3,1° R." — Dieses aus
meinem Tagebuche.
Wie schon erwähnt, soll sich an den Küsten Fin-
markens, nach der Angabe der Fischer, nicht so selten
ein grosser Walfisch zeigen, der sich von den übrigen
dort vorkommenden Walen dadurch unterscheidet, dass
er keine Rückenflosse hat. Davon hat er den Namen
Slätbak r) erhalten. Da sich vernünftiger Weise nicht
annehmen lässt, dass der grönländische Walfisch, Balaena
mysticetus, welcher der einzige Bartenwal des höheren
Nordens ist, dem die Rückenflosse fehlt, sich jemals bei
Finmarken zeigen sollte, so denke ich, es müssen Individuen
von Balaenoptera gigas Eschr. sein, welche im Winter
bei Finmarken vorkommen und dort von den Fischern
Slätbak genannt werden. Denkbar ist es wenigstens, wie
1) D. h. hinten glatt.
96 Malragren:
die vergleichsweise unmerklich kleine Rückenflosse *), die
sich weit nach hinten befindet, von den Fischern entwe-
der gar nicht als solche betrachtet oder auch übersehen
wird, welches letztere; nach meiner eigenen Erfahrung,
leicht geschehen kann. Nach Scoresby2) soll Balae-
noptera Gibbar, welcher nach Prof. Lilljeborg's Ver-
muthung mit B. gigas Eschr., im Meere bei Beeren-Island
und Novaja - Semla in Menge vorkommen und von See-
fahrenden nach Archangel oft für den grönländi-
schen Walfisch gehalten worden sein. Scoresby
meint, dass diese Art sich zwischen 70 — 76° N. B. aufhält,
fügt aber hinzu, dass er im Juni, Juli und August, wenn
das Meer eisfrei ist, bei Spitzbergen bis zum 80° N. B.
hinaufrückt.
Dass es nicht Megaptera boops (Fabr.) Liiljeb. (Ke-
porkak Eschricht) ist, den die Fischer Finmarkens Slätbak
nennen, halte ich für völlig ausgemacht. Der Keporkak
der Grönländer hat nämlich eine Rückenflosse, die sich
unmöglich übersehen lässt, und bläst die Luft mit weniger
Stärke aus als der grönländische Walfisch und die Ba-
laenopterae; der „Slätbak" dagegen bläst „sehr hoch";
seine Art unterzutauchen , nachdem er geblasen 3) , ist
dermassen abweichend von derjenigen der Balaenopterae,
dass dieses dem sicheren Auge der Fischer gewiss nicht
entgehen würde, und endlich ist der Keporkak ein äus-
serst seltener Gast an den europäischen Küsten, während
er dagegen an den westlichen Küsten von Grönland und
in dem westlichen Theiie des atlantischen Oceans allge-
mein zu sein scheint. Zwischen Finmarken und Spitzber-
gen haben wir ihn niemals gesehen.
Ob der Slätbak Finmarkens der Biscaya-Wal oder
der Nordkaper, der ein Balaena ist, sein kann, lasse ich
unentschieden. Prof. Eschricht (Kongl. Danske Yid.
1) An dem von Möller beschriebenen, 6'8 dänische Fuss
langen Exemplare von Grönland war die Rückenflosse nur 4 Zoll hoch.
Vergl. Eschricht's Undersögelser etc. 5. Abhandlung.
2) Account of Arct. Reg. I. p.478.
3) Eschricht's Undersögelser over Hvaldyrer, G. Abhandlung.
Beobachtungen d. Säugethierfauna Finmarkens U.Spitzbergens. 97
Selsk. Oversigt 1858. p. 226) erwähnt, es hätte sich am
17. Januar 1854 im innersten Theile des biscayischen Meer-
busens bei San Sebastian ein Weibchen des Biscaya- Wales,
welcher der „Sletbag" der Isländer und der Nordkaper
der Walfischfänger ist, mit ihrem Jungen gezeigt. Das
Junge wurde getödtet, und das Skelett wird jetzt in
Pamplona im nördlichen Spanien aufbewahrt.
Balaeneptera rostrata (Fabr.) Lilljeb.
In Finmarken kommt ein kleiner Wal, der kleinste
in der Familie (Zwergwal) vor, welcher im Frühling, im
Mai, die Sei- (Stockfisch-) Züge bis in die Fjorde hinein
verfolgt und Seiqual genannt wird. Dieser soll beson-
ders den wüthenden Angriffen der Wagnhunder ausge-
setzt sein und von ihnen oft ans Land getrieben werden.
Vor einer Anzahl von Jahren wurden auf einmal bei
Kjofen im innersten Theile des Ulfsfjordes drei Individuen
auf einmal auf den Grund gejagt. — Wahrscheinlich wird
die Benennung Seiqual auch für B. laticeps (J. Gray)
Lilljeb. angewendet. Dieser ist von gleicher Grösse mit
Balaenoptera rostrata und kommt, wie es scheint, in Ost-
finmarken nicht selten vor.
Scoresby l) hat ein Individuum der Balaenoptera
rostrata (Fabr.) bei Spitzbergen geschossen; doch ist das
dortige Vorkommen dieser Art wahrscheinlich nicht re-
gelmässig, sondern zufällig. Wir haben ihn im Spitzber-
gischen Meere niemals gesehen.
Balaena mysticetus L.
Der grönländische Walfisch, der" ehemals im Spitz-
bergischen Meere allgemein gewesen ist, zeigt sich dort
jetzt niemals.
1) Account of Arctic Regions I. p. 486.
ArchiT f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd.
Untersuchungen über den Bau und die Naturgeschichte
von Echinorhynchus niiliarius Zenker. (E. polymorphus.)
Von
Dr. Richard Greeff
in Bonn.
(Hierzu Taf. II und III.)
Schon seit längerer Zeit mit Untersuchungen über
die Anatomie der Echinorhynchen oder Acanthocephalen,
dieser für unsere Kenntniss bisher noch in mancher Be-
ziehung dunkeln Gruppe der Helminthen, beschäftigt,
■wurde ich im April d. J. (1863) durch eine Mittheilung
von Prof. R. Leuckart an die Königliche Gesellschaft
der Wissenschaften in Göttingen*) auf unsere Flussgar-
neele (Gammarus pulex) als Wohnthier für Echinorhyn-
chen geführt. Leuckart hatte nämlich im Gammarus
pulex mehrfach Echinorhynchen mit eingezogenem Halse
und unentwickelten Geschlechtsorganen gefunden, in denen
er Jugendzustände von Echinorh. proteus vermuthete.
Er fasste desshalb den Entschluss, den Gammarus pulex
mit reifen Eiern von Echinorh. proteus zu füttern, um
durch die meistens durchsichtigen Körperdecken der le-
benden Gammarinen die fortschreitende Entwickelung der
Echinorhynchen aus dem Eie zu beobachten. Er hatte
damit einen augenscheinlich äusserst glücklichen Weg
betreten, wovon auch die darauf folgenden interessanten
*) Nachrichten von der G. A. Universität u. s. w. No. 22. Hel-
mintholog. Experimentaluntersuchungen von Prof. Dr. R. Leuckart
in Giessen der Eönigl. Societät vorgelegt am 9. Oct.
Greeff: Unters, über Echinorhynchus miliarius. 99
und zum Theil überraschenden Resultate über di« Ent-
wickelung von Echinorh. proteus, die in den wesentlichen
Zügen in der oben angeführten vorläufigen Mittheilung
niedergelegt sind, Zeugniss geben.
Ich beschloss nun meinentheils den Echinorh. pro-
teus; der mir bisher wegen seiner Durchsichtigkeit, seiner
ausgeprägten anatomischen Charaktere, so wie wegen seiner
grossen Verbreitung m unseren Fischen als hauptsächli-
ches Material zu Untersuchungen gedient hatte, in dem
Gammarus pulex selbst ohne vorhergegangene Fütterung
aufzusuchen, um so meine eigenen Beobachtungen zu ver-
vollständigen und wo möglich die durch das Experiment
von Leuckart gewonnenen auf natürlichem Wege zu
wiederholen, wurde aber dabei auf eine Reihe zum Theil
ganz anderer Untersuchungen geleitet, die im Folgenden
mitgetheilt werden sollen, einestheils weil sie eine Be-
richtigung für das System enthalten, anderntheils einen
weiteren Beitrag zur Naturgeschichte und Anatomie der
Echinorhynchen liefern.
Als ich mir nämlich, um, wie oben gesagt, den
Echinorh. proteus in seinen Entwickelungsstadien im Gam-
marus pulex aufzusuchen, aus einem Bache hiesiger Ge-
gend eine grosse Anzahl Gammarinen verschafft hatte
und, noch unschlüssig, in welcher Weise ich die Unter-
suchung vornehmen sollte, die Thierchen in einer flachen
Schüssel beobachtete, fielen mir einige wenige mit lebhaft
orange - rother Färbung im Innern der Leibeshöhle vor
allen andern in die Augen. In der Hoffnung den ge-
suchten Parasiten schon gefunden zu haben (da ich auch
bei Echinorh. proteus eine röthliche Färbung häufig beob-
achtet hatte) brachte ich einen Gammarus mit besonders
stark durchscheinendem Roth auf ein Objektglas und
wollte, nachdem ich den Kopf abgetrennt, durch vor-
sichtiges Auseinanderzupfen des übrigen Körpers den
Sitz der rothen Färbung isoliren. Indem ich zu diesem
Behufe eine Nadel auf den Schwanztheil des Thierchens
aufsetzte, bemerkte ich, wie der rothe Körper im Innern
sich nach vorne schob und bei nachfolgendem Drucke
mit Leichtigkeit aus dem vorderen abgeschnittenen Rumpf-
100 Greeff:
ende hervortrat , und zwar in Gestalt eines lebhaft roth
gefärbten eirunden Körnchens, das an seinen Enden etwas
abgeplattet und eingezogen war (Taf. IL Fig. 9).
Bei weiterer Betrachtung unter massiger Vergrös-
serung zeigte sich dasselbe wegen des rothen Farbstoffs
im Innern durchaus undurchsichtig, aber von zwei hellen
Membranen umschlossen : die erste (Fig. 9, b), durchaus
glashell und farblos, lag überall fest an dem äusseren
Umfange an , hatte eine Dicke von 0,01 Mm. und schien
an den beiden eingezogenen Längsenden umzubiegen und
in das Innere des Körnchens einzudringen; die zweite
(Fig. 9, a) ebenfalls durchsichtig und strukturlos, aber
leicht gelblich-roth tingirt, berührte bloss lose den breiten
Umfang des Körperchens, resp. die unter ihr liegende
erste Membran, wölbte sich aber über die Längsenden in
Form ziemlich langer Hauben oder Zipfel hervor, so dass
dieselbe also wie eine spindelförmige weite Kapsel das
Körnchen umgab. Yon dieser letztern Membran umschlos-
sen mass das Körperchen 2,2 Mm. in der Länge, ohne
diese Membran 1,1— 1,2 Mm.
Als ich nun im Begriffe war versuchsweise vermit-
telst eines Deckgläschens einen schwachen Druck auf
dieses eigen thümliche Objekt auszuüben, sah ich zu mei-
nem Erstaunen wie an dem einen der vorher, wie oben
bemerkt, eingezogenen und abgeplatteten Längsenden eine
Wölbung entstand, die sich bald als eine freiwillige Her-
vorstülpung eines mit vollkommen ausgebildetem Rüssel,
Hakenapparat u. s. w. versehenen Echinorhynchus erwies.
Diese Hervorstülpung und der Anblick des schliesslich
ausgestreckten Echinorhynchus , wie ich es seitdem zu
zahlreichen Malen immer mit demselben Interesse beob-
achtet habe, bietet ein höchst anziehendes Schauspiel,
das wohl selten durch andere ähnliche Beobachtungen in
der niederen Thierwelt an Schönheit übertroffen werden
möchte, besonders weil dasselbe so klar und leicht in
allen Einzelnheiten zu verfolgen und im Ganzen zu über-
sehen ist (Taf. IL Fig. 10).
Zuerst drängt sich der mit kleinen Häkchen dicht
besetzte vordere Theil des Körpers in unregelmässigen
Untersuch, über Ecliinorliynchus miliarius. 101
Wülsten hervor ; aus diesem zieht sich ein langer nach
oben konisch zulaufender nackter Hals und endlich tritt
der länglich ovale Rüssel mit seinen aus der Tiefe stilett-
förmig hervorschiessenden starken Haken, die sich ge-
wöhnlich zu neun Querreihen um den Rüssel herumgrup-
piren, zu Tage (siehe Fig. 10). Dabei entfaltet sich all-
mählich während des Hervorstülpens ein äusserst zierliches
hochrothes Gefässnetz über den ganzen hervorgestülpten
Theil des Echinorhynchus. Aus dem Körnchen treten
nämlich zuerst zwei Haupt-Längsgefässe hervor (Fig. 10, a),
die nach allen Seiten hin vielfache Verzweigungen und
Anastomosen verbreiten und sich bis zum Beginne des Halses
als solche , nämlich als Hauptstämme, verfolgen lassen ;
hier, auf der Grenze zwischen dem eigentlichen Körper
und dem Halse, da wo die kleinen Körperhäkchen auf-
hören, sieht man ein ziemlich starkes Ringgefass (Fig. 10, b),
das sich rund um den Grund des Halses ziehend, nach
unten hin vollkommen geschlossen ist, d. h. gar keine
Verbindungen zeigt, nach oben aber mit anfangs noch
die Tendenz zu Ringgefass en zeigenden Kanälen in Ver-
bindung steht, welche letztere allmählich in Längsgefässe
übergehen, die über den ganzen übrigen Hals bis zum
Anfange des Rüssels durch Anastomosen untereinander
ein Netz von unregelmässigen in die Länge gezogenen
Feldern verbreiten (Fig. 10). Da, wie gesagt, das am
Grunde des Halses liegende Ringgefass nach unten ge-
schlossen ist, so wird die Verbindung mit den oben be-
schriebenen Hauptlängsgefässen des Körpers, die aus dem
Körnchen austreten, dadurch bewerkstelligt, dass diesel-
ben, wenn sie an das Ringgefass herangetreten sind, sich
unter das letztere nach innen durchschieben und in die
Gefässe des Halses übergehen. Das Ringgefass wird also
von den höher liegenden Kanälen aus gefüllt. Die Ge-
fässe des Halses gehen nun schliesslich in das überaus
zierliche Gefässnetz des Rüssels über, das aus regelmäs-
sig, je nach Zahl und Stellung der Haken, angeordneten
vierseitigen Maschen mit abgerundeten Ecken besteht,
die sich über den ganzen Umfang des Rüssels hinziehen ;
aus der Mitte einer jeden Masche ragt ein Haken hervor.
102 Greeff:
Es bleibt jetzt noch ein besonderes Gefässsystem,
wenn ich es so nennen darf, zu erwähnen übrig, nämlich
die sogenannten Lemnisken. Diese liegen als zwei rund-
ovale nach oben convergirende Blätter jederseits in dem
vorderen hervorgestülpten Körperabschnitte des Echino-
rhynchus (Fig. 10; c) , und zwar zwischen der äusseren
Körper - und Gefässhaut einerseits und dem Muskel-
schlauch andererseits, und bestehen aus einem den gan-
zen äusseren Rand des Blattes umschliessenden Haupt-
randgefässe (Fig. 10, c) und einem von diesem nach innen
verbreiteten dichten Gefässnetz. Nach aussen hat das
Randgefäss gar keine Verbindungen, nach oben in dem
convergirenden Ende des Blattes geht es in zwei ne-
beneinander laufende Gefässe aus, die sich wie die zwei
Hauptgefässe des Körpers unter das Ringgefäss des Halses
durchschieben und sich dann wie jene mit den Halsge-
fässen verbinden.
Es sei erlaubt hier einige Bemerkungen über diese
seltsamen Organe, die Lemnisken, anzureihen, indem ich
den Gang der Untersuchung kurz unterbreche und meine
bisherigen Beobachtungen darüber zusammenfasse. Um an
den zur Untersuchung vorliegenden Echinorhynchus anzu-
knüpfen, so präsentiren sich hier, wie eben beschrieben, die
Lemnisken als zwei, frei in die Leibeshöhle hineinragende
Gefässblätter, die anfangs aus einer homogenen durchsichti-
gen Grunclsubstanz bestehen, in welche das Kanalsystem
eingebettet ist. Später sieht man häufig 0,018 — 0,021 grosse
Zellen, deren grosse Kerne eigenthümlich granulirte Con-
turen zeigen, besonders an den Rändern der Blätter auftre-
ten. Nach oben stehen die Lemnisken jederseits durch
besondere Gefässe (siehe oben) mit dem Gefässsystem des
Körpers in Verbindung, sind sonst aber vollkommen ge-
schlossen, wesshalb also eine Oeffnung nach aussen, wie
einige glauben wahrgenommen zu haben, hier bestimmt
nicht Statt findet ; eine solche Oeffnung bildet sich auch
nicht in der späteren Entwickelung, da das beschriebene
Verhältniss auch bei vollkommen ausgebildeten, d. h. ge-
schlechtsreif en Thieren , die ich mehrere Wochen nach
erlangter Geschlechtsreife untersucht habe, dasselbe bleibt.
Untersuch, über Echinorhynchus miliarius. 103
Auch an keiner anderen Stelle des Echinorhynchus be-
•findet sich eine Oeffnung nach aussen, die z. B. nach Art
des Excretions - Apparates der Trematoden mit dem Ge-
fässnetze des Körpers in Verbindung stände, ebenso wenig
scheint eine Mündung der Gefässe in die* Ausführungs-
gänge der Geschlechtsorgane zu existiren, -wenigstens ist
es mir niemals bei häufigen und sorgfältig auf diese
Punkte gerichteten Untersuchungen gelungen, etwas der-
artiges zu sehen.
Was mir indessen besonders bemerkenswert!!, er-
scheint sind die Unterschiede, die zwischen dem Gefäss-
system der Lemnisken und dem des übrigen Körpers beste-
hen ; während nämlich der Inhalt des letzteren ein überall
gleichmässig hochrother ist, nimmt dagegen die Farbe
der Lemnisken sehr bald ein braunrothes Aussehen an;
besonders auffallend wird dieser Unterschied, wenn der
Echinorhynchus in dem Darme eines für ihn passenden
Wohnthieres seine Geschlechtsreife erlangt hat ; alsdann
tritt oft in den Lemnisken eine grünlichgraue bis schwarz-
graue Färbung ein und zwar zu einer Zeit, wo das Kör-
pergefässnetz seine orangerothe Färbung noch unverändert
besitzt. Bei anderen Echinorhynchen, wie z. B. bei
Echinorh. proteus, clavaceps, tuberosus, angustatus etc.
tritt mit der Zeit in den anfangs blassen Lemnisken zu-
weilen eine dunkelgelbe oder braungelbe Färbung ein,
während der ganze übrige Körper weiss und durchschei-
nend ist, so dass hier die Lemnisken bei den grösseren
Exemplaren oft mit blossem Auge durch ihre vom übri-
gen Körper differente Färbung zu erkennen sind. — Aber
nicht bloss in der Farbe des Gefässinhaltes besteht ein
Unterschied, auch die Formbestandtheile des In-
haltes und die der nächsten Umgebung der Gefässe
gestalten sich verschieden zwischen den Lemnisken und
dem übrigen Körper; in letzterem besteht nämlich der
Gefässinhalt aus einer feinkörnigen Masse (die zugleich
Träger des rothen Farbstoffes ist) , während man in den
Lemnisken in der weitern Entwickelung grössere, dunkle,
unregelmässig gestaltete Körner und Körperchen auftreten
sieht, die sich besonders zahlreich ausserhalb der Gefässe
104 Greeff:
in den von denselben gebildeten Maschen ablagern und
hier oft zu schwärzlichgrauen Klump chen zusammenge-
ballt liegen. Nebenbei sieht man constant in und ausser-
halb der Gefässe eine beträchltiche Menge grösserer und
kleinerer gewöhnlich gelb oder roth tingirter Fetttröpfchen
in den Lemnisken.
Endlich bemerkt man noch einen eonstanten Unter-
schied Sn der Resistenz gegen äusseren Druck u. s. w.,
was besonders in den jüngeren noch in der Entwickelung
begriffenen Formen leicht zu beobachten ist, bei denen
an den Gefässwandungen des Körpers oder (da ich be-
zweifeln möchte, dass eigene Gefässwandungen hier exi-
stiren) an dem die Gefässe bildenden Körperparenchym
oft durch den leisesten Druck ein Riss entsteht, worauf
die rothe Flüssigkeit ausiliesst, während zu gleicher Zeit
die Lemnisken noch unversehrt und gefüllt durchscheinen.
Häufig gelingt es sogar leicht, die Lemnisken durch Zer-
zupfen der umliegenden Theile unverletzt mit ihrem In-
halte zu isoliren, woraus sich schliessen lässt, dass diese
Organe einen zähern consistentern Inhalt und ein feste-
res Gewebe besitzen.
Was nun die Deutung der vorstehenden Beobach-
tungen betrifft, so ist leicht ersichtlich, dass dieselben
auf ein in den fraglichen Organen vertretenes Excretions-
organ hinleiten, welche Ansicht auch schon von anderen
Seiten als Vermuthung *) ausgesprochen ist, und durch
Obiges eine Bestätigung und theilweise Begründung finden
dürfte. Die erwähnten dunklen Körner und Körperchen
wären somit als ausgeschiedene Concremente aufzufassen.
Dieser Concremente, wie ich noch hinzufügen muss, habe
ich übrigens in grösseren und kleineren Klümpchen nicht
bloss in den Lemnisken gesehen, sondern auch in deren
Nähe oder weiter von ihnen entfernt und zwar frei in
der Leibeshöhle flottiren, so dass, wenn der Echinorhyn-
chus sich bewegte oder Rüssel und Hals aus- und einzog,
diese Concremente im Körper auf- und abwanderten, je
*) Gegenbaur: Grundzüge der vergleich. Anatomie p. 164.
Anni. 1 und p. 174. Anm. 1.
Untersuch, über Echinorhynchus miliarius. 105
nachdem sie durch die betreffenden Bewegungen da- oder
dorthin gedrängt wurden. Ob diese Dinge von den Lem-
nisken aus in die Körperhöhle abgesetzt werden, oder
ein direktes Excret des Körpers ausserhalb der Leni-
nisken sind; vermag ich durch Beobachtung nicht zu
entscheiden; wahrscheinlich ist mir das Erstere, dass näm-
lich die, wie oben beschrieben, in den Maschen des Lem-
niskengefässnetzes sich ablagernden Concremente durch
Anhäufung sich abstossen und in die Leibeshöhle fallen,
was um so leichter geschehen kann, da die Lemnisken
selbst ja auch frei in die Leibeshöhle hineinragen. Wie
diese Excrete und ob dieselben überhaupt wieder aus dem
Körper ausgeschieden werden, ferner wie ihre chemische
und genauere morphologische Natur sich gestaltet, müssen
weitere Beobachtungen lehren *).
Schliesslich drängt sich nun noch die Frage auf, in
welchem Verhältnisse das Gefässsystem des Körpers zu
dem der Lemnisken stehe, ob ersteres bloss der gewisser-
massen peripherische Theil der Lemnisken ist oder als
selbstständiges eigentliches Blutgefässsystem fungirt. Aus
verschiedenen Gründen möchte ich mich der letzteren
Ansicht zuwenden: erstens wegen der ausserordentlichen
Verbreitung durch Verzweigungen und Anastomosen-Bil-
dung über den ganzen Körper, zweitens wegen der in
den Gefässen constanten Formbestandtheile, die fast im-
mer, besonders in den jüngeren Stadien, in einer gleich-
förmigen körnigen, gewöhnlich eigenthümlich (roth) ge-
färbten Masse besteht ; drittens aus Gründen , die die
Entwicklung des Gefässsystems betreffen und die später
angeführt werden sollen.
Ebenso werde ich über die in den Lemnisken und
sonst im Körper an einigen Eckmorhynchen beobachteten
durch die Haut durchscheinenden Vacuolen oder vielmehr
grossen Zellen später bei Mittheilungen über die Ent-
*) Auf eine Art der möglichen Ausführung dieser Concremente
aus der Leibeshöhle möchte ich hier noch aufmerksam machen, die
aber bloss das weibliche Geschlecht betrifft, nämlich vermittelst der
sogenannten Uterusglocke.
106 Greeff:
wickelungsgeschichte einige Angaben anreihen können,
da dieselben, wie ich schon hier bemerken kann, bloss
Reste embryonaler Bildung sind.
Nach dieser Excursion erlaube ich mir zu dem
anfänglich angenommenen Gange der Untersuchung zu-
rückzukehren. Aus dem ursprünglich im Gammarus pulex
gefundenen rothen Körnchen haben wir also jetzt einen
Echinorhynchus vor uns, der besteht (siehe Fig. 10) : aus
einem länglich ovalen Rüssel mit gewöhnlich neun um
denselben herumlaufenden Querreihen starker Haken, aus
einem von dem Rüssel etwas abgesetzten, noch oben ko-
nisch zulaufenden langen nackten Halse, aus dem bauchi-
gen mit kleinen Häkchen dicht besetzten Vordertheil des
Körpers und endlich aus dem von dem vorigen durch
einen ziemlich tiefen Einschnitt abgegrenzten anfänglichen
Körnchen, dem nunmehrigen eigentlichen Hauptkörperab-
schnitt, dem sich noch ein kurzes Schwanzstück anschliesst,
das sich mittlerweile aus dem hinteren Ende des Körn-
chens hervorgestülpt hat, und in welchem die mit einander
anastomosirendcn Ausläufer der beiden Längsstämme des
Körpers und zuweilen auch das untere Ende der Ge-
schlechtsorgane durchschimmern.
Von den beiden oben beschriebenen glashellen Mem-
branen ist die äussere , lose umliegende (Fig. 9, a) , von
dem hervorgestülpten Rüssel durchbrochen und hängt
faltig und zerrissen um den Echinorhynchus, die zweite
glashelle Haut liegt wie anfänglich an dem Körnchen
fest an, geht aber nicht über dasselbe nach oben und
unten hinaus. Die Härte und Resistenz des letztern gegen
äusseren Druck ist dieselbe geblieben, wie vor der Her-
vorstülpung: durch ein Deckglas lässt sich dasselbe ebenso
wenig wie vorher zerdrücken, sondern weicht unter dem-
selben zur Seite aus. Um so zarter ist der obere her-
vorgestülpte Theil des Echinorhynchus : ein leichter Druck
(wie schon oben bei den Lemnisken erwähnt) reicht hin
einen Riss in den Gefässen oder dem Parenchym des
Körpers hervorzubringen. Zuweilen entsteht sogar wäh-
rend des Hervorstülpens durch die dadurch bewirkte
Spannung ein spontaner Riss. Die rothe feinkörnige Masse
Untersuch, über Echinerhynchus miliarius. 107
drängt sich nämlich aus dem unteren Körperabschnitte in
die in der Hervorstülpimg begriffenen Theile, injicirt
die letzteren nach allen Richtungen hin, wirkt dadurch
erigirend und gestaltgebend auf dieselben und nimmt
durch die Spannung und das Bestreben in die folgenden
Gefässbahnen einzudringen, einen, wie mir scheint, we-
sentlichen Antheil an der weiteren Hervorstülpung. Wird
nun diese Gefässspannung grösser als die Resistenz des
zarten Gewebes, so entsteht durch Sprengung der oben
erwähnte Riss, wobei natürlich die Flüssigkeit in kurzer
Zeit ausströmt und das Thier in Folge dessen ohne Zwei-
fel zu Grunde geht , selbst wenn es auch auf dem zu
seiner Entwickelung passenden Boden sich befände.
Im Vorstehenden sind die wesentlichen Charaktere
unseres Echinorhynchus, so weit sich dieselben am leben-
den Thiere ohne Verletzung desselben wahrnehmen las-
sen , angegeben. Ehe ich nun zur Beschreibung der
weiteren anatomischen Verhältnisse und zu Bemerkungen
über die Entwickelung übergehe, scheint es mir zweck-
mässig, die Stellung des fraglichen Parasiten im Systeme
zu erörtern, besonders da derselbe bisher keine ihm ge-
bührende inne gehabt hat.
Der einzige wirkliche Beobachter dieses Echinorhyn-
chus im Gammarus pulex ist J. C. 'Zenker in seiner
im Jahre 1832 veröffentlichten Commentatio de Gammar.
pulicis hist. natur. etc. In dieser Abhandlung über den
Bau, die Naturgeschichte und den Blutumlauf des Gam-
marus pulex beschreibt er am Schlüsse des ersten Theils
(p. 17 ff.) drei neue Parasiten, die er im Gammarus ge-
funden, nämlich zwei Echinorhynchen, Echinorh. miliarius
und E. diffluens, und als neues Genus einen Ectopara-
siten unter dem speciellen Namen Syphonostoma parasi-
ticum. Der letztere ist, nebenbei gesagt, weder ein
neuer Parasit noch überhaupt ein solcher, sondern ein
Rotifer, wie sowohl aus der Beschreibung Zenker's, der
freilich die ausgestreckten Räderorgane und deren Wim-
perung nicht gesehen zu haben scheint, und aus der man-
gelhaften Abbildung hervorgeht, als ich auch seihst sehr
häufig als zufälligen Begleiter an den Beinen und Kiemen
108 Greeff:
des Gamraarus Räderthiere habe anhängen und umher-
kriechen sehen *).
Von den beiden Echinorhynchen ist der erste, der
von Zenker so benannte Ech. miliarius (von milium
Hirsekorn) unzweifelhaft der von mir oben beschriebene.
Der zweite Echinorh. diffluens ist keine besondere Species,
sondern nur eine frühere Entwickelungsstufe des Echin.
miliarius. Man könnte der Echinorhynchi diffluentes (der
leicht zerfliessenden, daher der Name) eine ganze Reihe
von mehr oder minder verschiedenen Formen, die aber
sämmtlich Vorstufen in der Entwickelung von Echin. mi-
liarius sind, aufzählen. Es hat sich hier nämlich der
Körper noch nicht zu dem festen eirunden Körnchen
erhärtet wie bei der Endstufe, dem Echin. miliarius, son-
dern ist noch äusserst weich, so dass die geringste Ma-
nipulation (zuweilen geschieht dieses auch spontan), hin-
r eicht, die zarte Membran zu sprengen und den Inhalt
ausfliessen zu machen, was den oberflächlichen Anblick
gewährt als zerflösse das ganze Thier.
Ausser Zenker scheint von Siebold (s. dieses
Archiv I. S. 64. Anm. 1) den Echin. miliarius gesehen zu
haben aber nicht im Gammar. pulex, sondern im Fluss-
krebs (Astacus fluviatilis). Er sagt nämlich, dass er einen
Echinorhynchus, dessen Körper schön orangeroth gefärbt
war und der mit Zenker's Echin. miliarius aus dem
Gammar. pulex übereinzustimmen schien, sehr oft an dem
Darme des Flusskrebses habe anhängen sehen. Da
nun der Echin. miliarius im Gammarus pulex niemals nach
*) Der Gammarus pulex ist oft eine wahre Fundgrube für
Protozoen, Räderthiere u. s. w. verschiedener Art, die an dessen
Beinen, Kiemen und den übrigen Körpertheilen hängen und umher-
kriechen; besonders häufig fand ich an den Kiemen schöne Formen
von Acineten. Auch traf ich sehr oft im Darme des Gammarus
auf die Gregarina longissima v. Sieb. (Zeitschrift für wissenschaftl.
Zool. I. p. 34) , die daselbst angegebene andere Form (Fig. 29, y) ist
jedenfalls eine besondere Species, keine Entwickelungsform von Greg,
longiss. Ferner sah ich sehr häufig zwischen den Leberschläuchen
des Gammarus eine eingekapselte Cercarie, deren geschlechtsreife
Distomenform ich nicht genau bestimmen konnte.
Untersuch, über Echinohynckus miliarius. 109
Art der ausgebildeten geschlechtsreifen Echinorhynchen
am Darme oder sonstwo anhängt , sondern nach Zurück-
legnng seiner ihm im Gammarus zugewiesenen Entwicke-
lung mit eingezogenem Rüssel und Halse, wie oben aus-
führlich beschrieben, als eirundes Körnchen, sogar von
besonderen Häuten umschlossen, frei in der Leibeshöhle
(niemals, nach meiner Beobachtung, im Darme) liegt, so
vermuthete ich in dem von v. Siebold gesehenen Echi-
norhynchus eine weitere Entwickelungsstufe des Echin.
miliarius und habe in Folge dessen mehrere hundert
ältere und jüngere Flusskrebse, die mit den unsere Echi-
norhynehen häufigst enthaltenden Gammarinen in dem-
selben Bache zusammenlebten, sorgfältig untersucht, aber
einen Echinorhynchus weder im Darme noch in der son-
stigen Leibeshöhle gefunden. Jedenfalls glaube ich, ge-
stützt auf meine späteren Erfahrungen über die schliessliche
Entwickelung zur Geschlechtsreife des Echin. miliarius
mit Sicherheit annehmen zu können dass, wenn der Echi-
norhynchus, den v. Siebold im Flusskrebs fand, wirk-
lich Echin. miliarius war, derselbe keine höhere, jeden-
falls keine Entwickelung zur Geschlechtsreife daselbst
erlangt und das war mir bei der Untersuchung der Punkt,
auf dessen Entscheidung es mir ankam.
Ausser diesen beiden Autoren erwähnt keiner (so-
weit mir die literarischen Quellen zugänglich sind) des
Echin. miliarius nach eigener Beobachtung*, die übrigen
Angaben beziehen sich sämmtlich auf Zenker, so Du-
jardin (Hist. natur. des Helm. p. 542), Die sing (Syst.
Helminth. Vol. IL p. 7). Der letztere Helminthologe nimmt
die Beobachtungen Zenker's und v. Siebold's in Be-
treff der Echinorhynchen-Natur der beiden Parasiten mit
solchem Zweifel auf, dass er den Echin. miliarius und
diffluens in die zweifelhafte Gesellschaft der Gregari-
nen verweist und aus denselben eine Gregarina miliaria
und G. diffluens bildet, und gereicht es mir desshalb zur
Genugthuung an dem Echin. miliarius einen Akt der Ge-
rechtigkeit vollziehen und ihm sein natürliches Recht im
System wieder sichern zu können, wenn auch nicht als
selbständigen Echin. miliarius, da derselbe, wie wir weiter
110 Greoff:
sehen werden , bloss der Jugendzustand eines als ge-
schlechtsreifen "Wurmes längst gekannten und verbreite-
ten Echinorhynchus im Darme eines Wirbelthieres ist.
Ich hatte nämlich bald erkannt, dass der Echin. mi-
liarius im Gammar. pulex niemals seine Geschlechtsreife
erlangt, sondern in Form des rothen eirunden Körnchens
seiner Uebertragung in den Darm eines für seine weitere
Entwickelung sich eignenden Wirthes harrt. Um letzte-
ren aufzufinden beschloss ich, bevor ich zum Experiment
meine Zuflucht nähme, fürs erste den natürlichen Weg
zu versuchen, indem ich die Wirbelthiere, die möglicher-
weise Echinorhynchen beherbergen könnten , aus der
nächsten Umgebung des Gammar. pulex aufsuchte. Es
war mir allerdings bald eine gewisse Aehnlichkeit des
Echin. miliarius mit dem in Wasservögeln verbreiteten
Echin. polymorphus Brems, aufgefallen, die meisten An-
gaben der Autoren sprachen indessen dagegen, besonders
in Betreff der Jugendzustände des Echin. polymorphus,
indem derselbe hier einstimmig als über den ganzen
Körper mit kleinen Häkchen besetzt beschrieben wurde.
Um also sicher zu gehen, verschaffte ich mir zunächst
sämmtliche Arten der Fische, die mit den Gammarinen
denselben Bach bewohnten , so viel ich ihrer habhaft
werden konnte, und diese waren Cobitis taenia, Cyprinus
carpio, Carassius vulgaris und Cottus gobio, fand aber
in keinem von diesen Fischen einen Echinorhynchus, der
mit dem fraglichen Echin. miliarius hätte in Zusammen-
hang gebracht werden können. Ein gleiches negatives
Resultat ergab die Untersuchung verschiedener Frösche
und Tritonen, die in erweiterten Becken des Baches sich
fanden, deren Untersuchung ich allerdings ohne beson-
dere Hoffnung auf Erfolg bloss der Vollständigkeit wegen
vornahm.
Ich ging nun zu den Warmblütern über und wurde
dabei natürlich zuerst auf Wasservögel und zwar Enten
geführt, auf die ich schon früher mein Augenmerk ge-
richtet, da ich ihrer mehrere an einer Mühle, die an dem
Bache oberhalb des hauptsächlichen Fundortes meiner
Gammarinen gelegen war, bemerkt hatte. Da ich von diesen
Untersuch, über Echinorchynchus miliarius. 111
Enten vorläufig keine erhalten konnte, so musste ich hier
den, um mich so auszudrücken, natürlichen Weg verlas-
sen und zum Experimente übergehen. Ich kaufte des-
halb anderweitig zwei junge Enten und fütterte sie gleich-
zeitig jede mit einer Schüssel voll lebender Gammarinen,
die im Ganzen 50 60 Echinorhynchen enthalten mochten,
die sie mit grosser Begierde frassen. Am vierten Tage
nach der Fütterung tödtete ich eine Ente und fand an
dem unteren Darmstücke fest anhängend fünf Echino-
rhynchen, die durch ihre orangerothe Farbe sofort in die
Augen fielen ; meine Freude war nicht gering, als ich
nach kurzer Untersuchung sämmtliche als unzweifelhaft
identisch mit Echin. miliarius constatiren konnte.
Am siebenten Tage nach der Fütterung untersuchte
ich die zweite Ente und fand diesesmal 14 Echinorhyn-
chen ganz in derselben Weise wie bei der ersten Ente am
Darme anhängen. Ich konnte nun auch durch Verglei-
chung der Echinorhynchen aus der ersten und zweiten
Ente verschiedene Entwickelungsgrade in Bezug auf Eier-
und Spermatozoiden - Bildung feststellen ; an der zweiten
Reihe fand ich sogar schon deutliche Zeichen der statt-
gehabten Begattung, die, wie v. Siebold, glaube ich,
zuerst beobachtete, in einem eigenthümlichen (hier grün-
lich gefärbten) hutförmigen Aufsatz auf der Schwanz-
spitze des Weibchens besteht, und die als Abdruck des
männlichen glockenförmigen Umfassungsorgans beim Coi-
tus oder vielmehr als dieses losgerissene Organ selbst
angesehen wird *).
Ich beschloss nun ferner einen Versuch im Grossen
zu machen und fütterte demnach eine junge Ente acht
Tage lang mit Ausnahme eines einzigen Tages, an dem
mir das Material ausgegangen war, täglich mit einer
grossen Schüssel voll Gammarinen, so dass die Ente
*) Das fragliche Gebilde möchte wohl am ehesten ein Sekret
der im männlichen Geschlechtsapparate verbreiteten und zum Theil
stark ausgebildeten Drüsen (besonders der unterhalb der Hoden lie-
genden sechs grossen Schlauchdrüsen) sein.
112 Greeff:
täglich weit über 100 Echinorhynchen erhielt, und fand
am achten Tage ein dem vollkommen entsprechendes
Resultat im Darme der Ente, dessen unteres und mittle-
res Stück buchstäblich wie besät oder vielmehr bespickt
(denn sie hatten sich fast alle fest in den Darm einge-
bohrt) mit Echinorhynchen in verschiedenen Entwicke-
lungsstufen war. Alle liessen sich mit Leichtigkeit als
zu E. miliarius gehörig erkennen. In den nächsten acht
Tagen wiederholte ich dasselbe Experiment an einer an-
deren jungen Ente und fand am achten Tage ein noch
ergiebigeres Resultat.
Mittlerweile hatte ich auch zwei Enten aus jener
oben erwähnten Mühle, die täglich auf dem Wasser, aus
dem ich meine Gammarinen bezog, verkehrten, erworben,
und fand in beiden dieselbe Echinorhynchen- Art wie die,
die ich durch künstliche Fütterung im Entendarme aus
Echin. miliarius erzogen hatte, in grosser Menge vor. Es
war nun also durch den Kreis dieser Untersuchungen aufs
unzweifelhafteste festgestellt, dass der im Gammar. pulex
zur Geschlechtsreife nicht gelangende Echin. miliarius im
Darme der Ente nach wenigen Tagen geschlechtsreif wird
und sich demnächst hier begattet und ferner, dass aus den
reifen ins Wasser abgesetzten und von den Gammarinen
demnächst verschluckten Eiern dieses Enten-Echinorhyn-
chus der Echin. miliarius Zenk. im Gammar. pulex sich
entwickelt. Dass dieser Parasit kein anderer wie der unter
dem Namen Echin. polymorphus durch Bremser, Jas-
soy: De Echinorh. polymorph. Brems, dissert. inaug. 1820
ins System eingeführte aber schon früher vielfach be-
schriebene und bekannte Echinorhynchus der Enten und
anderer Wasservögel war, konnte nun ebenfalls trotz der
mit meinen Beobachtungen über die Jugendzustände di-
vergirenden Angaben Anderer leicht festgestellt werden.
Dieser Echinorh. polymorphus hat überhaupt bisher eine
sehr unsichere Stellung im Systeme inne gehabt und seit
seiner Entdeckung über ein Dutzend verschiedener Namen
zum Theil auf Annahme besonderer Arten gegründet,
geführt, bis man dieselben allmählich auf die Art und
den Namen Echinorh. polymorphus vereinigte. In neuerer
Untersuch, über Echinorhynchus miliarius. 113
Zeit ist wiederum durch G. Wagen er*) einer dieser
vereinigten als besondere Species abgetrennt worden, näm-
lich Echinorh. filicollis Rudolphi **). Es hat mir trotz
vieler hierauf gerichteten Untersuchungen nicht gelingen
wollen, im Darme der Ente einen Echin. filicollis als be-
sondere Species von Echin. polymorphus zu unterscheiden.
Wagener führt leider die unterscheidenden Merk-
male beider Arten nicht an bis auf eins, das aber nur in
gewisser Beziehung charakteristisch ist, nämlich die Ver-
schiedenheit des Eies und der embryonalen Haken. Die
letzteren (nämlich Ei und Haken) sind freilich durch
Wagener mit solcher Bestimmtheit als durchaus diffe-
rent bei Echin. polymorphus und E. filicollis beschrieben
und gezeichnet, dass diese Angaben eine höchst interes-
sante Bereicherung unserer Kenntnisse über die Echino-
rhynchen hoffen lassen, besonders wenn diese charakteristi-
schen Verschiedenheiten der Embryonen auch auf die übri-
gen Arten ausgedehnt werden könnten, als die sind, die bis
jetzt darauf untersucht worden sind***). Leider habe ich
für meinen Theil auch durch diese Punkte, selbst bei
sorgfältiger Prüfung die Ueberzeugung von der Existenz
eines vom Echin. polymorphus verschiedenartigen Echin.
filicollis im Darme der Ente nicht gewinnen können. Ich
habe bei allen reifen Echinorhynchen- Eiern aus dem
Darme der Ente immer nur eine Ei- und Hakenbildung
wahrgenommen, die mit der von Wagener für Echin.
filicollis beanspruchten Aehnlichkeit hat, die von ihm ge-
zeichneten grossen Haken der Embryonen des Echin.
polymorphus mit Wurzel und Kralle, nach Art der Tae-
nien-Haken, habe ich nicht gesehen. Ich muss desshalb
*) Helminthe-logische Bemerkungen u. s. w. in Zeitschrift für
wissenschaftl. Zoologie. Bd. IX. p. 78.
**) Entozoor. hist. nat. IL p. 2SfJ.
***) Wagen er hat schon auf Grund der Verschiedenheiten der
Stacheln und der äusseren Form der Embryonen eine embryonale
Classification in drei Hauptformen aufgestellt (Beitr. zur Entwickel.
der Eingeweidew. S. 83), deren weitere Ausdehnung und Bestätigung
ebenfalls noch zu hoffen steht.
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 8
114 Greeff:
vorläufig mein Urtheil über die Verschiedenartigkeit von
Echin. polymorphes und filicollis bis auf weitere günstigere
Untersuchungen zurückhalten und werde desshalb den vor-
liegenden Echinorhynchus mit dem bisher gebräuchlichen
Namen als Echin. polymorphus bezeichnen.
Im Folgenden will ich nun die Hauptentwickelungs-
formen von Echin. polymorphus, wie ich sie durch direkte
Beobachtung (ohne Fütterung der Gammarinen mit Echi-
norhynchen - Eiern) aus dem Gammarus pulex gewonnen
habe, mittheilcn, beanspruche indessen keines wcges eine
ins Einzelne gehende Entwiekelungsgeschichte zu liefern,
wie sie schon von Leuckart für Echin. proteus in den
Hauptzügen vorgezeichnet ist und wie sie ohne Zweifel
das Fundament für die Entwickelung der Echinorhynchen
im Allgemeinen bilden wird, sondern beabsichtige nur
die für Echin. polymorphus wichtigsten Thatsachen nach
eigenen Beobachtungen mitzutheilen, indem ich für die
vorhandenen Lücken die Schwierigkeit der Untersuchung
geltend machen möchte , da schon die frühesten Ent-
wickelungsformen sich alsbald mit einem dichten rothen
Farbestoff erfüllen, der den Einblick ins Innere des sich
heranbildenden leben den Thieres unmöglich macht, aus
welchem Grunde auch keine Form innerhalb ihres Wir-
thes (des Gammar. pulex) beobachtet werden konnte,
sondern alle aus letztern isolirt werden mussten, worauf
erst durch vorsichtige Manipulation der weichen und (wie
Zenker sagt) leicht zerfressenden Formen die innere
fortschreitende Organisation zur Anschauung gebracht
werden konnte.
Die reifen Eier von Echin. polymorphus (Taf. IL
Fig. 1) haben durchschnittlich eine Länge von 0,1 Mm.
und in ihrer Mitte eine Breite von etwa 0,02 Mm., indem
sie nach den Längsenden zu sich allmählich verschmälern,
haben also eine länglich spindelförmige Gestalt und um-
schliessen in zwei Häuten, einer dünneren leicht faltigen
(Fig. I, a), die aber selten und dann nur in geringerem
Masse, in die bekannten eigenthümlichen Falten, die bei
E. proteus fast regelmässig alle reifen Eier umhängen,
zerfällt, und einer derbem (b), welche letztere oben und
Untersuch, über Echinorhynchus miliarius. 115
unten in Oehre oder Knöpfe auf einem konischen Halse
aufsitzend ausgezogen ist, den im Innern gelagerten Em-
bryo (c). Der letztere zeigt einfache Verhältnisse, die
in den Hauptpunkten schon von v. Siebold (Burdach's
Pysiolog. II. Bd. 2. Auflage, S. 195) erkannt und beschrie-
ben worden sind: ein länglicher, ovaler Körper von
0,061 Länge und 0,014 Breite, der im Centrum einen
dichten Haufen von Körnern einschliesst, welcher eben-
falls von ovaler Gestalt ist. Der übrige Theil des Innen-
raums ist ganz mit sehr feinkörnigem hellen und zähen
Protoplasma erfüllt, in dem man besonders in der Um-
gebung des Körnerhaufens und nach dem Kopfende zu
noch vereinzelte grössere Körner unregelmässig dazwi-
schen liegen sieht. Ausser diesen Gebilden bemerkt man
bei starker Vergrösserung an dem Kopfende mehrere
feine bogenförmig um das nach einer Seite etwas schräg
abgestutzte Kopfende herumlaufende Längsstriche, die als
die embryonalen Haken oder vielmehr Stacheln angese-
hen werden und eine bestimmte Anordnung zu haben
scheinen: es präsentiren sich nämlich, wenn man eine
grössere Reihe von reifen Eiern nach einander betrachtet,
zwei Hauptbilder in Bezug auf die Stellung dieser Häk-
chen: bei dem ersten laufen acht gleichmässig lange und
überhaupt durchaus gleichmässig gestaltete Striche schräg
über das Kopfende, bei dem zweiten sieht man zwei die
Mitte einnehmende längere gerade Striche und zu beiden
Seiten von diesen in einem spitzen Winkel auf denselben
zulaufend jederseits vier kürzere Striche (d). Das letztere
Bild scheint den Embryo in seiner vorderen oder Rücken-
fläche zu zeigen, während das erstere ihn in der Seiten-
lage vorführt, so dass also im Gauzen vier längere Häk-
chen, nämlich in der Mitte der vorderen und hinteren
Fläche jederseits zwei, und zwischen diesen auf beiden
Hälften des Kopfscheitels jederseits herumlaufend acht,
also im Ganzen sechszehn kleinere Häkchen vorhanden
sind. Zwischen den beiden längeren Strichen in der
Mitte oben an der Scheitelfläche sieht man häufig ein
Grübchen, von G. Wagen er (Zeitschrift f. wissensch.
Zool. IX. S. 78 ff.) als constantes Gebilde der Echinorhyn-
116 Greeff:
chen-Embryonen (Kopfporus) genauer beschrieben •). Ob
die oben gegebene Darstellung der in der Mitte liegen-
den längeren Striche als Häkchen die naturgemässe ist,
weiss ich nicht; Leuckart beschreibt sie als „blosse
Verdickungen der Cuticula, die der contractilen Substanz
des Embryonalkörpers einen festen Insertionspunkt dar-
bieten", welche Ansicht um so begründeter erscheint, da
Leuckart die Bohrbewegungen der Embryonen zu be-
obachten Gelegenheit hatte und dabei sah, dass die beiden
Leistchen nach innen eingezogen und zusammengeklappt
wurden. Diese Beobachtung ist mir bis jetzt entgangen
und ich habe desshalb geglaubt in Anbetracht der ver-
schiedenen Species meine Wahrnehmungen in obiger
Weise wiedergeben zu müssen.
Unterhalb der um den Kopfscheitel herumlaufenden
Häkchen sieht man gewöhnlich noch mehrere Reihen
einer kurzen sehr feinen Strichelung, die allmählich ab-
wärts steigend als eine feine Punktirung sich verliert. G.
Wagener (Zeitschr. f. wissens. Zool. IX. Taf.YI. Fig. 15)
giebt noch ferner an als in der Leibeshöhle der Embryo-
nen, besonders von Echin. filicollis vorhanden „zwei aus
Körnern bestehende lange Körper, welche lebhaft an die
Lemnisken erinnern". Ich habe dieselben nicht wahrneh-
men können, keinenfalls sind sie aber die ersten Anlagen
der Lemnisken, da diese letzteren erst in einer viel spä-
teren Entwickelungszeit ihren Anfang nehmen.
Das jüngste Stadium (Taf. IL Fig. 2) der weiteren
embryonalen Entwickelung von Echin. polymorphus im
Gammar. pulex nach Durchbrechung der Eihäute, hatte
ungefähr die Gestalt eines Hühnereies mit der Spitze nach
unten, nur etwas mehr in die Länge gezogen; die em-
bryonalen Haken waren noch deutlich sichtbar, der ganze
Innenraum wurde aber schon durch eine grosse Menge
rother und gelber Körnchen ausgefüllt, in welcher der
*) An einer anderen Stelle (Beitr. z. Entwickel. der Eingew.
S. 83) bezeichnet er dieses Gebilde als ein rLoch, das man als das Maul
der Embryonen ansehen" könne. Dieses Loch führe wiederum bei
dem Embryo von E. tuberosus in einen kurzen Sack.
Untersuch, über Echinorhynchus miliarius. 117
ursprüngliche embryonale Körnerhaufen nur gewachsen
und mit dichteren und vergrösserten Körnern durch-
schimmert. Es mass in der Länge 0,08 und in der grössten
Breite 0,03 Mm.
Das zweite Stadium (Taf. IL Fig. 3) ist schon ganz
in den eigenthümlichen Bildungsprozess eingetreten, der
von nun an die weitere Entwickelung von Echin. polymor-
phus auszeichnet. Es stellt ein fast kugeliges hochrothes
Körnchen von 0;15 Mm. Durchmesser, das einige verhält-
nissmässig grosse helle und runde Räume im Innern
durchscheinen lässt und von einem glashellen etwas sich
abhebenden Häutchen umschlossen ist; sonst ist bei äus-
serer Betrachtung nichts distinktes an oder in diesem
Objekte wahrzunehmen. Auch die embryonalen Haken
scheinen schon abgefallen zu sein, wenigstens habe ich
sie nicht mehr sehen können , obschon ich ein solches
Körnchen aus dem Gammarus isolirt und unverletzt mit
starker Yergrösserung betrachten konnte.
Legt man ein feines Deckgläschen auf dieses Körn-
chen, so wird die es umhüllende zarte Membran sofort
gesprengt und eine rothe körnige Masse, die eine sehr
lebhafte Molekularbewegung zeigt, fliesst alsdann aus und
mit ihr die hell durchscheinenden runden Vacuolen, die
sich jetzt als 0,02 — 0,03 Mm. grosse Zellen mit einem
grossen häufig unregelmässig gestalteten und mehreren
kleinen Kernen und einem hellen feinkörnigen Protoplasma
um dieselben herum präsentiren. Das ist aber nicht Alles
was die Membran umschlossen hielt: zwischen der flüssi-
gen rothen Körnersubstanz und den grossen Zellen und
mit diesen zu gleicher Zeit aus der gesprengten Membran
herausgedrängt, wird gewöhnlich (wenn es nicht von der
rothen Körnermasse u. s. w. bedeckt ist), ein länglich ova-
les Gebilde von 0,12 Mm. Länge und 0,02 Breite sichtbar,
farblos und durchscheinend, dessen Innenraum mit grös-
seren und kleineren Kernen, die in lebhafter Vermeh-
rungsthätigkeit begriffen zu sein scheinen, ganz erfüllt
ist. Dieses Gebilde, das man sehr leicht als den schon
im Embryo des Eies sichtbaren ovalen Körnerhaufen er-
kennt, hat sich nun zu dem eigentlichen Embryonalkern
118 Greeff:
consolidirt und sich von seiner Umgebung, die sich aus dem
anfänglichen hellen feinkörnigen Protoplasma in die obige
flüssige Körnersubstanz mit den grossen Zellen umgebil-
det hat, als gewissermassen selbstständiges Centrum ab-
geschieden. Ungefähr in der Mitte dieses Embryonal-
kernes gewahrt man einen kleinen runden Ballen von
constant grösseren Körnern wie die des übrigen Innen-
raums. Dieser Ballen, der sich auch durch eine feine
Umgrenzung und durch ein stärkeres Lichtbrechungsver-
mögen von seiner Umgebung abzeichnet , ist die erste
sichtbare Anlage einer inneren Organisation und zwar,
wie sich aus der weiteren Fortbildung ergiebt, die des
Zeugungsapparates (Hoden oder Ovarium).
Um das Hauptverhäitniss des Embryos auf diesem
Stadium noch einmal zusammenzufassen, so besteht das-
selbe also aus einer Membran (die ursprüngliche Embryo-
nalhaut), welche kugelförmig einen Inhalt von flüssiger
rother Körnersubstanz, in der grosse Zellen suspendirt
sind, umschliesst. In diesem flüssigen Inhalte liegt voll-
kommen frei, ohne mit Membran oder Inhalt irgend wie
in Zusammenhang zu stehen, der Embryonalkern.
Dieses Yerhältniss bleibt nun während sowohl die
Membran wie der gesammte Inhalt stetig wächst ; aus der
kugligen Gestalt des Körnchens wird allmählich wie-
derum eine ovale und wenn dasselbe eine Länge von
0,3 Mm. erreicht hat, hat der im Innern eingeschlossene
Embryonalkern schon weitere wesentliche Organisations-
Fortschritte gemacht. Zuerst tritt in dem oberen Theile
die Umgrenzung der Rüsselscheide, die tief in den Innen-
raum nach unten hineinragt, hervor. Unterhalb der Rüs-
selscheide liegt der oben erwähnte centrale kleine Ballen
von grösseren Kernen aber stärker und von einem mit
einzelnen kleinen Fetttröpfchen besetzten hellen Hof,
der vom unteren Umfange der Rüsselscheide ausgeht,
eingefasst. Dieser Hof ist die erste Bildung des späte-
ren die Zeugungsorgane umschliessenden sog. Ligamentum
Suspensorium.
Ligament und Geschlechtsorgane sind also nicht,
wie man wohl angenommen hat, identisch, da jedes für
Untersuch, über Echinorhynchns miliarius. 119
sich entsteht, eins nach dem andern, und in verschiede-
nen Entwickeiungsformen. Nach unten schliessen sich
an den hellen Hof noch zwei aneinanderliegende oder,
wie es oft den Anschein hat, mehr oder minder in ein-
ander geschobene viereckige helle , ebenfalls mit Fett-
tröpfchen besetzte Stücke an, und an diese beiden ein
drittes etwas längeres und mehr ovales Endstück, das
neben den Fetttröpfchen in seinem Centrum auch noch
eine feine dankelkörnige Substanz enthält. Diese drei
Stücke, die also mit dem oben sogenannten Hof (Liga-
ment) denselben Entwickelungstypus zeigen, repräsentiren
die späteren Ausführungsgänge des Geschlechtsapparates.
Schon vor dem Eintritte der oben bezeichneten Grösse
(0,3 Mm.) des Embryos, sieht man noch eine weitere
Veränderung an demselben auftreten. Das ursprüngliche
embryonale Häutchen hebt sich nämlich beim weiteren
Wachsen immer mehr von dem Embryo ab, so dass es
denselben bald in Form einer weiten Kapsel umgiebt, wäh-
rend zu gleicher Zeit unter ihr eine neue Begrenzungs-
schicht für die rothe Substanz sich bildet, die sich in
kurzer Zeit als eine selbstständige Membran manifestirt.
Fig. 4 stellt ein solches Körnchen von 0,5 Mm. Länge
mit seinen beiden Membranen vor, die äussere (a) abste-
hende durchsichtige hat sich mittlerweile leicht röthlich-
gelb tingirt, die zweite neugebildete umschliesst in derber
Contour den Embryo. Der Embryonalkern (Fig. 4, A)
im Innern ist fast ebenso lang wie der ganze Embryo-
nalkörper und scheint sich immer mehr zum eigentlichen
Echinorhynchus herauszubilden, da er sich jetzt schon
als den Träger fast der gesammten Organisation darstellt.
Die Hauptfortschritte gegen das vorige Stadium betreffen
die Geschlechtsorgane. Der centrale Körnerballen ist be-
deutend gewachsen und hat sich entweder in zwei Theile
getheilt (Hoden) oder liegt noch ungetheilt (Fig. 4, a)
aber vergrössert auf derselben Stelle (Ovarium). Der
anfängliche den centralen Ballen umschliessende Hof
(Fig. 4, b) entwickelt sich immer mehr zu dem die Hoden
oder Ovarien umhüllenden sogenannten Ligament; das-
selbe lässt deutlich zwei Theile erkennen, die von be-
120 Greeff:
sonderen Stellen am Grunde der Rüsselscheide ausgehen
und das Ovarium oder die Hoden als dritten ebenfalls
von der Rüsselscheide entspringenden Theil zwischen sich
fassen. Auch die drei Abschnitte unterhalb des Körner-
ballens (siehe oben) haben sich geändert, besonders beim
weiblichen Geschlechtsapparate, hier sehen dieselben, um
mich eines bekannten Bildes zu bedienen, fast aus wie ein
Bandwurmkopf mit zwei anhängenden Gliedern (Fig. 4, c).
Der erste Abschnitt, der den Kopf vorstellen würde und
der früher von viereckiger Gestalt war, hat sich um das
Zweifache verlängert, ist oben in eine stumpfe Spitze,
die gegen den centralen Ballen (Ovarium) gerichtet ist,
ausgezogen und hat auf jeder Seite eine grosse Ausbuch-
tung erhalten, in denen wiederum beiderseits eine grosse
Zelle (den Saugnäpfen vergleichbar) liegt, deren äussere
Contour durch einen Kreis von regelmässig gestellten
Fetttröpfchen bezeichnet ist. Die beiden folgenden Ab-
schnitte haben sich gegen früher bloss durch ihre grös-
sere Länge und dadurch geändert, dass jetzt in der
Längsrichtung durch beide ein continuirlicher, feiner Ka-
nal zieht, der mit dunkler körniger Substanz erfüllt ist.
Im oberen Theile des Embryonalkernes hat sich die
Rüsselscheide mit dickeren Wandungen umgeben und
lässt in ihrem unteren Abschnitte einen Haufen äusserst
zarter Zellen (d), die auf Zusatz sehr verdünnter Essig-
säure aber nur für kurze Zeit deutlich werden, als das
spätere Ganglion erkennen, während in dem oberen Ab-
schnitte eine feine Längsstreifung (e) mit Fetttröpfchen
durchsetzt sich bemerklich macht — der spätere Retractor
proboseidis. Auch die sogenannten Retinacula oder viel-
mehr Retractor es reeeptaculi proboseidis sind meist jetzt
schon, oder etwas später als zwei zarte Bändchen rechts
und links von der Rüsselscheide nach aussen ziehend,
wahrzunehmen.
So ist also schon in diesem Stadium fast die ganze
innere Organisation eines Echinorhynchus in dem Em-
bryonalkern ausgeprägt und in voller Entwickelung be-
griffen.
Eines höchst eigenthümlichen Umstandcs muss ich
Untersuch, über Echinorhynchus iniliarius. 121
liier noch erwähnen, der hauptsächlich die eben beschrie-
benen Entwicklungsstufen betrifft und der zu gleicher
Zeit zur Erörterung des wichtigsten und für dieEntwicke-
lungsgeschichte der Echinorhynchen charakteristischen
Verhältnisses führen wird. Wenn man nämlich einen Em-
bryo in der Gestalt des beschriebenen rothen Körnchens
in der Grösse von 0,3 — 0,5 Mm. isolirt und ohne einen
Druck darauf angewandt zu haben, unter dem Mikroskope
beobachtet, bemerkt man zuweilen, dass an einer Stelle
der Oberfläche die umschliessende Membran (oder wenn
schon zwei vorhanden sind, beide) wTie von einem inneren
Drucke nach aussen getrieben wird, so dass hier die runde
Form in eine zugespitzte, konische übergeht. Nicht lange
so platzt die Hülle an dieser Spitze und der Embryonal-
kern, der ja vollkommen frei in seiner flüssigen Umge-
bung liegt , schlüpft sofort an der aufgerissenen Stelle
mit seinem Vordertheile hervor und befreit sich oft selbst-
ständig ganz von seiner Hülle, indem er deutlich eine
willkürliche Bewegung für kurze Zeit erkennen lässt.
Dieser Umstand ist desshalb so eigenthümlich, weil man
hiernach glauben sollte, der Embryonalkern sei in der
That der eigentliche Embryo, der sich allein zum Echi-
norhynchus ausbilde, während die umschliessende Hülle
bloss eine provisorische Kapsel sei, die zur bestimmten
Zeit durchbrochen oder abgeworfen werde, um den ein-
geschlossenen Wurm zu befreien. Das geschieht aber
keinesweges bei normaler Entwickelung, sondern sowohl
die Hülle wie der zwischen Embryonalkern und Hülle
befindliche Inhalt persistiren und verwachsen allmählich
mit dem Embryonalkern, indem sie sich zu wesentlichen
Organtheilen des Echinorhynchus umbilden, nämlich die
Hülle zur äusseren Haut und der rothkörnige Inhalt mit
den Zellen zu dem später so reichen Gefässnetz und den
Lemnisken.
Die Erkenntniss dieses seltsamen Vorgangs verdan-
ken wir den Untersuchungen Leuckart's an Echin.
proteus und sie wird jedenfalls eine der wichtigsten und
interessantesten Entdeckungen in der Entwickelungsge-
schichte der Echinorhynchen bleiben.
122 Greeff:
Es existiren also nach dem Obigen hier gewisser-
massen zwei Theile oder Abschnitte des ganzen Embryo-
nalkörpers, von denen der eine im andern entsteht, aber
jeder für sich und ohne mit dem anderen im Zusammen-
hange zu stehen. Jeder dieser beiden Theile entwickelt
für sich eigene Organe unabhängig vom anderen. Der
innere, der Embryonalkern, der Qualität nach der be-
deutendste, enthält, wie oben ausgeführt, die Geschlechts-
organe, Rüsselapparat u. s. w., und umgiebt sich mit der
innersten Haut des Echinorhynchus , der Muskelhaut.
Dem äusseren Theile ist die Bildung der beiden folgenden
Häute zuertheilt, nämlich der Gefässhaut mit Einschluss
der Lemnisken und der derben chitinigen äusseren Haut.
Haben beide Theile eine gewisse Stufe der Entwicklung
erreicht, so vereinigen sie sich zum vollständigen Thiere.
Nur das äusserste glashelle, leicht gelblich tingirte,
ursprüngliche Embryonalhäutchen (Fig. 4, a), das sich,
wie oben beschrieben, allmählich von der Oberfläche des
Embryonalkörpers abgehoben hat und denselben nun wie
eine weite Kapsel umgiebt, ist freilich bloss eine Schutz-
membran, die nur so lange bleibt, wie der Echinorhyn-
chus im Gammarus, aber sofort abgeworfen wird, wrenn
der Parasit in den Darm seines eigentlichen Wohnthiers
(Ente u. s. w.) gelangt.
In Bezug auf dieses embryonale Häutchen scheint
ein Unterschied in der Entwickelung zwischen Echin.
proteus und polymorphus zu bestehen, da nach Leu-
ckart's Angaben, diese Cuticula bei Echin. proteus viel
früher als bei E. polymorphus noch während der Ent
wickelung im Gammarus abgeworfen wird. Bei dem
embryonalen Hakenapparate findet das umgekehrte Ver-
hältniss statt; dieser fehlt bei Echin. polymorphus schon
in den frühesten Entwickelungsstadien (bei einer Grösse
von 0,15 Mm.), während er von Leuckart bei E. pro-
teus erst bei einer Länge des Embryo von 1 Mm. ver-
misst wurde, wobei freilich in Rechnung zu bringen ist,
dass der Embryo von Echin. proteus sich schneller streckt
und ungefähr das Vierfache der LeLnge von E. polymor-
phus im Gammarus pulex erreicht. Auch in dem Gros-
Untersuch, über Echinorhynchus miliarius. 123
senverhältnisse des Embryonalkernes zum ganzen Em-
bryonalkörper besteht ein nicht unbedeutender Unterschied;
während nämlich bei E. polymorphes die Länge des
Embrvonalkernes schon gleich nach den ersten Stadien
beinahe dem längsten Durchmesser des Embryonalkörpers
entspricht und fortan mit dem letztern mehr oder minder
gleichen Schritt hält, wächst bei Echin. proteus der Em-
bryonalkörper über seinen Kern um das Fünf- bis Sechs-
fache und noch weiter hinaus, worauf der Kern erst all-
mählich in den ihn weit umschliessenden Körper hinein-
wächst. Diese und noch andere unwesentliche Unterschiede
scheinen indessen nur durch die Eigenthümlichkeiten der
verschiedenen Species bedingt zu sein.
Was nun die weitere Entwickelung der Organe im
Embryo, die in ihren ersten Anlagen und ihrer nächsten
Fortbildung oben beschrieben wurden, betrifft, so will
ich mich vorläufig darauf beschränken, für den Endpunkt
der Entwickelung des Echin. polymorphes im Gammarus
pulex, der schon früher als Echin. miliarius Zenk. in
Rücksicht auf seine äusseren Charaktere, sein Gefässsy-
stem, seine Stellung im Systeme u. s. w. ausführlich be-
handelt worden ist, eine eingehendere anatomische Dar-
stellung der Hauptorgane zu geben, indem ich zu gleicher
Zeit, so weit die gemachten Beobachtungen dieses ge-
statten, bei den einzelnen Organen Rückblicke auf deren
vorhergehende Entwickelungsformen werfe und auf der
andern Seite, wo es erforderlich scheint, die Entwickelung
bis zur Geschlechtsreife verfolge.
Vorher mögen indessen noch einige hauptsächliche
äussere Entwickelengsformen ohne Rücksicht aef ihre
innere Organisation bis zem Stadiem des Echin. miliaries,
wie ich sie enverletzt aes dem Gammares isolirt beob-
achtet habe, Platz finden.
Wenn der Embryo die zuletzt oben beschriebene
Form eines ovalen Kernes (Taf. II. Fig. 4) erreicht hat,
streckt sich derselbe sehr rasch end bei einer Länge von
engefähr 1 Mm. tritt an dem vorderen Theile eine Wöl-
beng (Taf. IL Fig. 5) end aef dieser ein konischer Za-
pfen (Rüssel) hervor. Die grossen Zellen scheinen noch
124 Greeff:
immer als helle Räume im Innern durch, sowohl ihre
Zahl wie ihre Grösse hat zugenommen, so dass die letztere
jetzt oft 0,07 — 0,1 Mm. im Durchmesser erreicht, mit
grossen zerklüfteten und unregelmässig gestalteten Kern-
massen erfüllt.
Um bei dieser Gelegenheit über das Wesen und
die Bedeutung dieser schon mehreremal erwähnten eigen-
thümlichen grossen Zellen meine Beobachtungen mitzu-
theilen, so erscheint mir zuvörderst, dass diese Gebilde
trotz ihrer Grösse streng genommen keine vollständigen
Zellen, sondern nur freie Kerne mit grossen Kernkörpern
sind; die Jüngern Formen dieser Art und zwar schon
von ansehnlicher Grösse (0,01 — 0,02 Mm.) sind entschie-
den bloss Kerne mit einfachem Kernkörper, in welchem
letzteren ein durch verschiedenes Lichtbrechungsvermö-
gen u. s. w. distinktes Gebilde nicht existirt. In den spä-
teren grösseren Stadien ist der Inhalt in mehrere Körper
getheilt und sehr unregelmässig gefaltet, so dass hier
eine derartige Unterscheidung schwieriger wird, indessen
bleibt auch hier im Innern immer ein grösseres Gebilde,
das als der ursprüngliche und Ausgangs-Körper für die
übrigen anzusehen ist und dieser ist von einfacher und
gleichmässiger Substanz. Es wäre das also ein gewiss
seltenes Beispiel von sehr grossen freien Kernen *).
Was nun die Bedeutung dieser obigen fraglichen
Gebilde für die embryonale Entwickelung anbelangt, so
scheinen mir dieselben zweifellos die Vermittler der Ge-
fässbildung mit natürlichem Einschlüsse der Lemnisken zu
sein. Wenn sie nämlich die angegebene Grösse bis zu
0,1 Mm. erlangt haben, hat der Inhalt eine, wie schon
oben erwähnt, sehr unregelmässige Gestalt, die oft deut-
lich ein verzweigtes oder strahlenförmiges Ansehen an-
genommen hat ; besonders die letztere Form ist häufig
und scheinen dann die Strahlen von einem excentrisch
gelegenen derben Knotenpunkte auszugehen. Diese Bil-
*) Derartige freie Kerne kommen übrigens in den ausgebü-
deten Echinorhynchen auch auderwärts, besonders m Geschlechts-
apparate und der Rüsselscheide (siehe unten) sehr zahlreich vor.
Untersuch, über Echinorhynchus ruiliarius. 125
düngen sind nicht etwa das Resultat einer Gerinnung der
Kernkörper- oder Protoplasma-Massen im Innern, sondern
es präsentiren sich dieselben Bilder, wenn die fraglichen
Kerne frisch in einer Eiweisslösnng untersucht werden.
Es fehlt mir indessen noch die direkte Beobachtung des
Ueberganges der Kerne zu dem Gefässnetze und muss
ich mich desshalb vorläufig mit dieser Mittheilung be-
gnügen.
Die flüssige rothe körnige Substanz, in der die Kerne
suspendirt sind, ist der, wie es den Anschein hat, den
Gefässen präformirte Gefässinhalt, denn diese Substanz
ist im Embryonal - Körper vor jeglicher Gefässbildung
ganz dieselbe wie die, welche später in dem fertigen Ge-
fässnetze circulirt, und das ist ein weiterer Grund (wie
schon oben bei den Lemnisken angedeutet), warum ich
für das ganze Gefässnetz des Körpers nicht bloss eine
exeretorische Funktion, wie für die Lemnisken, anneh-
men möchte.
In Bezug auf die obigen grossen Kerne oder Zellen
möchte ich hier ferner noch eine Vermuthung anfügen,
die ich auch schon früher bei den Bemerkungen über die
Lemnisken berührt habe, dass nämlich die an manchen
ausgebildeten Echinorhynchen in den Lemnisken und durch
die Körperhaut durchscheinenden zellenartigen Vacuolen,
die v. Siebold zuerst beobachtete, Ueberbleibsel dieser
bei derEntwickelung des Gefässsystems nicht verwendeten
Kerne sind, was mir um so wahrcheinlicher ist, da diese
Vacuolen auch aus Kernen mit unregelmässig gebildetem
grossen Kernkörper bestehen, und weder in constanter Zahl
noch an constanten Stellen der Lemnisken oder des Körpers
vorkommen und oft an dem einen Thiere gesehen und an
dem anderen derselben Species vermisst werden.
Taf. IL Fig. 6. Hier hat die erste äusserlich sicht-
bare Gefässbildung am Rüssel und die erste Andeutung
des früher beschriebenen Ringgefässes am Halse Statt
gefunden. Die grossen Zellen sind meistens nicht mehr
oder nur undeutlich und sehr spärlich an Zahl durch-
scheinend. Die äussere glashelle Schutzmembran schliesst
nun wie ein weiter Mantel den Embryo ein. Die eigent-
126 Greeff:
liehe äussere Kürperhaut hat sich zu einer derben Mem-
bran entwickelt und zeigt bei starker Vergrösserung ein
körniges Aussehen.
Fig. 7 ist eine weiter entwickelte Form. Am Rüs-
sel, der sich häufig ganz umgebogen hat und dem Halse
aufliegt, hat die Hakenbildung begonnen und am Körper
sind zwei Einschnürungen sichtbar, deren in diesem Sta-
dium oft mehrere vorkommen; die sich aber später bis auf
eine (unterhalb der kleinen Körperhaken) wieder aus-
gleichen. Diese Entwickelungsform scheint es hauptsäch-
lich zu sein, die Zenker (de Gammar. pul. hist. nat. etc.,
siehe oben) unter dem Namen E. diffluens gemeint hat,
indem er den letzteren beschreibt, als versehen mit einem
„trunco oblongo , per intervallos coaretato facillime dif-
fluente."
Fig. 8 stellt den Echinorhynchus dar in der Ein-
stülpung begriffen; diese erfolgt, sobald die kleinen Kör-
per- und die grossen Rüsselhaken ein gewisses Stadium
der Ausbildung erreicht haben. Dieselben wachsen mit
stumpfer Spitze aus den Gefässfeldern des Rüssels, die
mit einer schwärzlichen körnigen Substanz erfüllt sind,
hervor. Zu gleicher Zeit sieht man jetzt die Lemnisken
durchscheinen ; durch schwache Compression ^treten die
schon zum Theil gebildeten Gefässnetze in den Lemnisken
und dem Vorderkörper und Halse hervor. Bei dem Akte
der Einstülpung wirken neben der Thätigkeit der Haut-
muskulatur hauptsächlich der Retractor proboseidis und
die beiden Retractores reeeptaculi.
Fig. 9 ist der vollkommen eingestülpte Echinorhyn-
chus, wovon unsere Untersuchung ausgegangen war, das
in der Leibeshöhle des Gammarus pulex liegende rothe
feste Korn, das seiner Uebertragung in den Darm eines
für seine weitere Entwickelung sich eignenden Wirbel-
thieres (Vogel) harrt. Dieses Korn hat sich noch unter
der weit umliegenden Kapsel (Fig. 9, a) mit einer zweiten
Schutzmembran umgeben und zwar in Form einer fest-
anliegenden durchaus glashellcn ziemlich dicken Haut
(Fig. 9, b). Dieselbe liegt bloss an den Seitenwänden
des Kornes an und ragt weder über dieselben hinaus noch
Untersuch, über Echinorliynchus rniliarius. 127
überzieht sie die im Innern liegenden eingezogenen Tlieile
des Echinorliynchus. Während des eingezogenen Zu-
stande^ erfährt sowohl das Gefässnetz als auch die übri-
gen Organe eine Weiterbildung bis zu einem gewissen
Grade.
Fig. 10 ist der ausgestülpte und gestreckte Echin.
rniliarius nach Entfernung ans dem Gammar. pulex mit
dem vielverzweigten Gefässnetze und den Lemnisken, die
oben eine ausführliche Erörterung gefunden haben.
Indem ich nun zur Darstellung der übrigen Haupt-
organsysteme (Körperbedeckungen, Muskulatur, Nerven-
system und Geschlechtsorgane) übergehe, bemerke ich,
dass ich mich hauptsächlich auf die speciellen Beobach-
tungen an Echin. rniliarius resp. E. polymorphes beschrän-
ken werde (wie das überhaupt in dem Plane der vorlie-
genden Mittheilungen lag), ohne hier Organisationsver-
hältnisse anderer Echinorhynchen, die, wenn auch nicht
im Prinzipe des Bauplanes, so doch in morphologischer
Hinsicht eine ziemliche Mannichfaltigkeit darzubieten schei-
nen, eingehender zu berücksichtigen, wesshalb ich auch
die an verschiedenen Echinorhynchen gemachten man-
cherlei Einzelbeobachtungen ausgezeichneter Forscher wie
Dujardin (Ilist. natur. des Helm.), vor allen v. Sie-
bold (Burdach's Physiologie IL 2. Aufl. S. 195 ff., Lehrb.
der vergl. Anat. u. s. w.), G. Wagener (Beiträge zur
Entwickelungsgeschichte der Eingeweidewürmer S. 79,
Zeitschr. f. wissensch. Zoologie IX. S. 77) u. A. hier nicht
in speciellen Vergleich ziehen kann*).
Die Körperdecken von E. rniliarius bestehen, abge-
sehen von den beiden glashellen Schutzmembranen, aus drei
differenten Häuten, nämlich der äusseren Haut, der
subcutanenGefässhaut und der Muskelhau t. Die
erste umschliesst als derbe ziemlich feste und dicke Membran
*) Vor Kurzem hat Prof. H. A. P agen steche r in Heidelberg
anatomische Abbildungen über Echinorh. proteus (Zeitschr. für wiss.
Zoolog.) veröffentlicht, die ich um so weniger in Betracht ziehen
konnte, da sie mir erst zu Gesicht gekommen sind, nachdem ich die
vorstehenden Beobachtungen schon vollkommen abgeschlossen hatte.
128 Greeff:
den eigentlichen Körper (das oben sogenannte Korn)
und überzieht dann in dünnerer Schicht nach unten die
Schwanzspitze und nach oben Hals und Rüssel. Die hi-
stologische Struktur dieser Haut beginnt schon in der
frühesten Entwickelung eine körnige zu werden; bis zum
Stadium des Echin. miliarius nimmt sie an Dicke bedeu-
tend zu und man unterscheidet dann im Querschnitte ge-
wöhnlich mehrere körnige Schichten, von denen die
äusserste sich besonders scharf und gleichmässig abgrenzt,
diese letztere hat anfänglich auch noch ein körniges Aus-
sehen, zeigt aber, sobald der E. miliarius in dem Darme
der Ente sich zur Geschlechtsreife entwickelt hat, ge-
wöhnlich deutlich eine feine Querstreifung. Die Quer-
streifen sind dunkel , die Intervalle heller, beide folgen
ziemlich regelmässig auf einander, so dass sie ungefähr
das Bild eines einreihigen äusserst feinen Cylinderepithcls
gewähren. Auf der Oberfläche gesehen präsentirt sich
wiederum ein körniges Gefüge. Nach dem Obigen ist
mir nun wahrscheinlich, dass die Körner und Querstriche
der Ausdruck von Poren sind, durch die auf der ganzen
Körperoberfläche Wasser und Nahrungsflüssigkeit aufge-
sogen und in das Innere des Körpers geleitet wird. An
anderen Echinorhynchen-Arten ist mir die quergestreifte
äussere Schicht nicht so deutlich geworden, bei einigen
habe ich sie sogar ganz vermisst, hingegen findet sich bei
allen der körnige Bau.
Die subcutane Gefässhaut, deren muthmass-
liche Entwickelung u. s. w. oben besprochen worden ist,
liegt (besonders in den ausgebildeten Thieren) der äus-
seren Haut fest an und wird beim Abziehen der letztern
zugleich mit abgestreift. Die Zwischensubstanz des Ge-
fässnetzes ist eine glashelle homogene mit kleinen Fett-
tröpfchen besetzt. Die in der Gefässhaut der Lemnisken
auftretenden eigenthürnlichen Zellen sind schon früher
erwähnt worden. Ob diese Gefässe eigene Wandungen
haben, ist mir zweifelhaft, in den jüngeren Thieren schei-
nen sie entschieden zu fehlen.
Die Muskelhaut besteht aus breiten bandartigen
Längs- und Quer- , oder vielmehr Ringfaserzügen. Die
Untersuch, über Echinorhynchus miliarius. 129
Längsfasern sind vorherrschend, die queren sparsam, bloss
an einigen Stellen reichlicher. Zwischen diese Muskel-
bänder sind überall grosse Zellen und Kerne eingelagert.
Was die einzelnen im Körper liegenden Muskeln
betrifft, so haben dieselben zum Theil andere histologische
Bildung. Der Retractor proboscidis ist ein Muskelschlauch
innerhalb der Rüsselscheide, der an der unterern Fläche
der Rüsselspitze enfspringt und im Grunde der Rüssel-
scheide endigt. Wie beim Hautmuskelschlauch sind auch
hier bandartige Längsfasern vorhanden, während statt der
Querbänder eine sehr feine um den Schlauch herumlau-
fende Querstrichelung sichtbar ist.
Die beiden Retractores receptacnli proboscidis Taf.III.
Fig. 1, d) stellen breite Bänder dar, in deren Mitte ein
Strang wellenförmig verlaufender continuirlicher Längs-
fasern liegt. Dieser Strang fährt an seinem Anheftungs-
punkt an den Körperwandungen in ein strahlenförmiges
Büschel von feinen Fasern aus. Von diesen Anheftungs-
stellen gehen die Muskeln schräg nach oben und innen,
durchbohren die Rüsselscheide und endigen innerhalb der-
selben mit einer rundlichen Anschwellung., die gewöhnlich
eine einzelne grössere Zelle enthält (Taf. IL Fig. 1).
Als Nervensystem der Echinorhynchen kennen wir
durch die Entdeckung v. Siebold's das im untern Dritt-
theile des Retractor proboscidis liegende Ganglion (Taf. III.
Fig. 1, G); ein ovaler Haufen von besonders bei jüngeren
Thieren aufs deutlichste hervortretenden Ganglienzellen.
Nach meinen Beobachtungen gehen von dem Ganglion
vier Hauptnervenstämme (Fig. 1, A) aus, zwei nach oben
und zwei nach unten. Jeder Hauptstamm setzt sich ge-
wöhnlich aus zwei Bündelchen (siehe Fig. 1, a'), deren
jedes wiederum zwei Primitivfasern enthält , zusammen,
so dass also ein Hauptbündel aus vier Primitivfasern be-
steht. Sie gehen vereinigt, aber jede Faser ihre Selbst-
ständigkeit bewahrend, so dass man sie im günstigen Falle
einzeln nebeneinander gelagert verfolgen kann, im ge-
schlängelten Verlaufe nach oben , und scheinen erst im
oberen Theile der Rüsseischeide einzelne Fasern wieder
abzugeben.
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. q
180 Greeff:
Ausser diesen Hauptstäinmen konnte ich gewöhnlich
noch sechs Primitivbänder vom Ganglion direkt ausgehend
beobachten (siehe Fig. 1), eins nach oben und eins nach
unten, je zwischen den beiden Hauptstämmen, dann jeder-
seits eins in die Wandungen der Rüsselscheide und ebenso
eins in die Retractores receptaculi eintretend. Die Pri-
mitivfasern sind homogene zarte Bänder mit feinen Con-
turen und ohne Scheide, in die während des ganzen Ver-
laufs einzelne kleine Fetttröpfchen eingestreut sind.
Im oberen Theile der Rüsselscheide habe ich con-
stant vier grosse freie Kerne (Fig. 1, b) mit einem oder
mehreren Kernkörperchen beobachtet, deren Bedeutung
mir durchaus räthselhaft ist. Sie stehen mit den Nerven-
fasern in keiner Verbindung und wandern je nach den
Bewegungen des Retractor probosciclis in der oberen Hälfte
der Rüsselscheide auf und ab. Ganz ähnliche Kerne,
ebenfalls vier (Fig. 1, e) liegen ganz im Grunde der Rüs-
selscheide.
In den Wandungen der Rüsselscheide sind zuweilen
aber weder in constanter Zahl noch an bestimmten Stellen
ovale grössere oder kleinere Zellen (Fig.l,c) eingelagert,
an denen ich, was indessen durch die Derbheit der Wan-
dungen sehr erschwert ist, einigemale Ausläufer nach
oben und unten glaube gesehen zu haben, und die ich
desshalb für Ganglienzellen halten möchte.
Den nun folgenden Bemerkungen über die Ge-
schlechtsorgane muss ich vorausschicken, dass ich
die in denselben vielfach vorkommenden eigenthümlichen
Zellen und Kerne, deren Bedeutung mir zum grossen
Theile dunkel geblieben ist, vorläufig nur vorübergehend
erwähnen werde, da ich es nicht für förderlich halte blosse
Vermuthungen darüber auszusprechen, und muss ich "dess-
halb hauptsächlich auf die beigegebenen Abbildungen
(Taf. II.) verweisen.
Der weibliche Geschlechtsapparat (Taf. IL Fig. 2)
besteht aus vier Haupttheilen : A dem Ovarium , B der
sogenannten Uterusglocke, C dem Eileiter und D der
Geschlechtsmündung nach aussen.
Untersuch, über Echinorhynchus miliarius. 131
Das Ovarium (A), ein einfaches muskulöses Blatt, in
dessen Maschen die Entwickelungszellen der Eier ein-
gelagert sind , von unregelmässiger mehr oder minder
länglich - ovaler Gestalt , befestigt sich an der Rüssel-
scheide und wird vom sogenannten Ligamentum Suspen-
sorium j das in zwei getrennten Partieen von der obern
und untern Seite des Rüsselscheidengrundes entspringt
(Fig. 2, a), eingeschlossen, so dass man also das Ovarium
als die Zwischenwand zwischen den beiden Ligamentthei-
len ansehen kann. Nach abwärts wird das Ovarium zu
einem hohlen Schlauch, der mit dem ihn umschliessenden
Ligamente in die obere Oeffnung der Uterusglocke eintritt.
Die Ligamentblätter bestehen hauptsächlich aus Muskelfa-
sern, und sind von leicht zerreisslicher Beschaffenheit, in-
dem sie gewöhnlich, wenn man den Geschlechtsapparat zu
isoliren versucht, mit ihren unteren Enden aus der Glocke
sich losreissen, so dass sie alsdann um das vollkommen
freigelegte Ovarium in faltigen zusammengezogenen Bän-
dern herumhängen (Fig. I, a). Was die Entwickelung
der Eier betrifft, so haben wir oben schon die Bildung
des Ovariums aus einem Körnerballen als der ersten An-
lage einer inneren Organisation erörtert. Die Körner
vermehren und vergrössern sich und haben sich auf dem
Stadium des E. miliarius zu grossen das Ovarium bedek-
kenden Zellen umgebildet, die in ihrem Innern ein dunkel-
körniges Protoplasma mit einzelnen Fetttröpfchen und fast
immer mehrere selten nur einen Kern erkennen lassen.
Diese letzteren sind in lebhafter Theilung begriffen, so
dass bald die ganze Zelle mit grösseren und kleineren
Kernen erfüllt ist. Eine weitere Entwickelung dieser
Zellen als ihre strotzende Anfüllung mit Kernen erfolgt,
so lange der E. miliarius im Gammar. pulex bleibt, nicht.
Sobald der erstere indessen in den Darm eines für ihn
passenden Vogels übergegangen ist, entwickelt sich, wahr-
scheinlich erst durch den Contakt mit den Spermatozoi-
den jede einzelne Zelle zu einem ganzen Ballen von Zel-
len, indem die Kerne im Innern sich sämmtlich in kurzer
Zeit zu vollständigen jungen Zellen ausbilden. In der
ersten Zeit haben diese Ballen noch eine eigene Membran,
132 Greeff:
später fehlt dieselbe und sie werden dann durch eine
verkittende Zwischensubstanz zusammengehalten.
In der weitern Entwicklung nun nehmen einzelne
der jungen Zellen innerhalb oder an der Peripherie des
Ballens eine länglich-ovale Gestalt mit etwas zugespitzten
Längsenden an, indem zu gleicher Zeit ein körniges Pro-
toplasma in ihrem Innern erscheint, während die übrigen
runden Zellen noch mehr oder minder hell sind. Bald
nachdem die jungen Zellen die ovale Gestalt angenommen
haben, lösen sie sich von dem Ballen ab, und bilden sich
dann allmählich zu den reifen Eiern aus, wie sie früher
beschrieben worden sind. Es wurde oben bemerkt, dass
die das Ovarium umschliessenden Ligamenttheile von leicht
zerreisslichem Gefüge sind, woraus erklärlich , dass die-
selben häufig, oder in der Regel, von der immer wach-
senden Menge der gegen sie andrängenden grossen Eier-
ballen und der reifenden und zur Reife gelangten einzel-
nen Eier an der einen oder anderen Stelle gesprengt
werden. Die Eierballen mitsammt den selbstständigen Eiern
fallen dann vom Ovarium ab und in die Leibeshöhle, die
allmählich durch die immer sich nachdrängenden Eier-
massen mit letzteren fast ganz erfüllt ist. Diese in der
Leibeshöhle lose flottirenden Eierballen sind die v. S i e-
bold'schen losen Ovarien. Die reifen Eier der Leibes-
höhle können nun nicht auf direktem Wege durch den
vom Ovarium sich fortsetzenden hohlen Schlauch in den
Eileiter gelangen, um durch diesen nach aussen abgesetzt
zu werden, und ist desshalb zu dieser Vermittlung ein
eigenes Organ bestimmt, die ebenfalls von v. Siebold
entdeckte sogenannte Uterusglocke (Fig. I, B). Diese
letztere ist mannichfachen Formverschiedenheiten bei den
einzelnen Arten der Echinorhynchen unterworfen. Bei
Ech. polymorphus besteht dieselbe aus einem weiten mus-
kulösen Sack , dessen obere trichterförmige Oeffnung
(Fig. 2, c) dazu bestimmt ist die reifen Eier ans der Lei-
beshöhle aufzunehmen, zu welchem Behufe, wie v. Si e b o ld
in treffender Weise (Burdach' s Pysiol. II. p. 195 ff.) schil-
dert, der Trichter sich fortwährend erweitert und verengt
(Schluckbewegungen macht), um die Eier heranzuziehen
Untersuch, über ' Echmorhynchus miliarius. 133
und aufzunehmen. Die aufgenommenen Eier werden nun
vermittelst der von dem Trichter nach unten sich fort-
pflanzenden peristaltischen Bewegungen durch die Glocke
in den Eileiter geführt. Diejenigen Eier, die sich noch
nicht vom Bereiche des Ovariums abgelöst haben, werden
von diesem , wenn sie ihre Keife erlangt haben, auf di-
rektem Wege durch den in die Glocke eintretenden
Schlauch, in den Eileiter gebracht. Dieser Schlauch
zeigt in der Glockenhöhlung eine sackartige Erweiterung
(Fig. 2, d), von dem schliesslich ein enger Kanal (e) in
den Eileiter mündet. Ausserdem durchziehen noch zwei
besondere Kanäle mit einer oder mehreren Erweiterungen,
in welchen letzteren gewöhnlich eine oder zwei grosse
Zellen liegen, die Glockenhöhlung von oben nach unten,
und münden in den engen Endkanal des Ovarial-Schlau-
ches. Dieselben scheinen Drüsen mit ihren Gängen zu
sein, die ihr Sekret in den Eileiter ergiessen.
Eben dieselbe Funktion als ein- oder mehrzelligen
Drüsen scheint den übrigen in der Uterusglocke verbrei-
teten grossen oft merkwürdigerweise mit srahlenförmi-
gen Stachelchen rundum besetzten Zellen und Kernen
zuzukommen, was besonders durch die Untersuchung der
geschlechtsreifen Thiere bestätigt wird, bei denen man
die einzelnen Drüsenschläuche, die die Zellen umkleiden,
deutlich erkennt. Vom oberen Theile der Glocke gehen
zwei eigenthümliche hohle Fortsätze mit dicken musku-
lösen Wandungen (g) nach aussen, die bei den ausge-
bildeten Thieren mit reifen Eiern oft ganz erfüllt sind
(Receptacula oder Taschen für die Eier). Zwei ähnliche
Fortsätze, die sich aber bei näherer Betrachtung als
zwei gestielte Zellen ( h ) präsentiren,' befinden sich am
unteren Theile der Glocke, die wiederum als Drüsen zu
fungiren scheinen.
Die Glocke geht nun nach unten in den langen
Eileiter (C) über, der mit einer Erweiterung beginnt,
allmählich nach abwärts laufend sich verschmälert, dann
wiederum ebenfalls allmählich in eine sackartige Erwei-
terung übergeht, die mit einer unteren Einschnürung en-
det, von der dann der Kanal in gleichmässiger Weite
134 Greeff:
in gerader Richtung nach unten geht, um schliesslich mit
einer letzten Erweiterung in die eigenthümliche Ge-
schlechts Öffnung nach aussen (D) überzugehen. Diese
letztere besteht aus einem obern in den Eileiter hinein-
ragenden und zur Aufnahme der Eier bestimmten becher-
förmigen Trichter D, i, der sich nach unten verengt, dann
wieder in eine ovale Erweiterung übergeht, sich wieder
verengt und dann mit einer dritten Erweiterung am unte-
ren Leibesende nach aussen endigt , so dass der ganze
Apparat ungefähr die Gestalt eines hohen Kelchglases
hat. Die beiden unteren Anschwellungen und das untere
Stück des oberen becherförmigen Trichters sind von einem
Rahmen (Fig. D, m) eingefasst , der als die Fortsetzung
des Eileiters angesehen werden kann, und in seinen Wan-
dungen gewöhnlich eine oder mehrere ovale Zellen (o)
einschliesst. Ausserdem liegen noch innerhalb des Rah-
mens an wechselnden, gewöhnlich aber in den Fig. 2, D
gegebenen Stellen 5 — 6 grosse Zellen von ähnlichem
Baue wie die obigen. Immer aber in constanter Zahl und
Stellung sind zwei grosse freie Kerne gerade über der
obern trichterförmigen OefYnung sichtbar.
Die samenbereitenden Organe des männlichen
Geschlechtsapparates (Taf. III. Fig. 4) sind bei allen
Echinorhynchen zwei rundovale, bald über- bald in schrä-
ger Richtung nebeneinander liegende Hoden (Fig. 4, a),
die vom Ligamentum Suspensorium , das wiederum wie
beim Ovarin m in zwei Portionen vom Rüsselscheidengrunde
entspringt, mehr oder minder eingehüllt sind. Von jedem
Hoden führt ein eigenes Vas deferens nach unten. Beide
treten zuerst mit einer trichterförmigen Erweiterung aus
dem oberen Theile der Hoden hervor, steigen etwas
convergirend als gleichmässig enge Kanäle nach unten,
gehen während der ersten Hälfte ihres Verlaufes beider-
seits wiederum in eine kolbenförmige Erweiterung über
und münden, zwischen den sechs schlauchförmigen grossen
Geschlechtsdrüsen sich durchwindend, nachdem sie kurz
vor ihrem Ende zu einem einzigen Kanäle verschmolzen
sind; rchliesslieh entweder direkt in den Penis oder in den
unteren Thcil der vom Penis aufsteigenden Samcnblase.
Untersuch, über Echinorhynchus miliarius. 135
In den jüngeren Entwicklungsstufen (vor dem E.
miliarius) ist das Gefüge der Hoden ein maschiges, in
das tiberall kleine Zellen mit ein oder mehreren das Licht
stark brechenden Kernen eingelagert sind, welche letztere
durch fortschreitende Theilung, ganz in. ähnlicher Weise
wie die Ovarialzellen sich vermehren und zuletzt die
Zellen ganz erfüllen. Auf diesem Stadium bleibt nun
wiederum die Entwickelung stehen, so lange der Pa-
rasit im Gammar. pulex bleibt. Den Uebergang dieser
Zellen in die Samenzellen der geschlechtsreifen Thiere
habe ich noch nicht genau verfolgen können, es scheint
mir indessen, dass jeder einzelne Kern in den Zellen sich
zu einem Samenfaden umbildet. Die letzteren sind von
äusserst feiner haarförmiger Gestalt und wie mir scheint,
ohne ein verdicktes Ende. Wegen ihrer Feinheit sind
sie meistens schwer zu sehen, ihre Bewegungen sieht
man nur wenn man sie in einer Ei weisslösung* untersucht;
sie erscheinen alsdann in büschelförmiger Gruppirung.
In Wasser suspendirt zerfallen sie* sehr bald in kleine
krümlige zusammengerollte Stückchen,
Nachdem das Ligamentum Suspensorium die Hoden
verlassen, setzt es sich als ein gleichmässig breites mus-
kulöses Band nach unten hin fort, in welches gewöhnlich
sechs zuweilen auch nur fünf lange schlauchförmige Drü-
sen , mit ihren blinden oberen Enden den Hoden zuge-
wandt, eingebettet sind (Fig. 4, c). Bei den meisten
Echinorhynchen- Arten haben dieselben eine birnförmige
Gestalt, bei E. polymorphus stellen sie in ihrer ganzen
Länge gleichmässig dicke Schläuche dar, von denen vier
in der Regel gleich an dem unteren Hoden beginnen, die
beiden anderen später, so dass die letzteren oft um die
Hälfte kürzer als die ersteren sind. Sie scheinen nicht
in den Penis zu münden, sondern in der Nähe desselben
direkt nach aussen. In E. miliarius sind sie mit grob-
körniger heller Substanz erfüllt, nach erlangter Geschlechts-
reife strotzen sie von einem dunkleln feinkörnigen, ziem-
lich dickflüssigen Sekret. Neben den Drüsen erscheinen
auch wiederum mehrere grosse Zellen sowohl direkt un-
terhalb der Hoden wie auf und zwischen den Drüsen, Ob
136 Grecff:
dieselben mit letzteren in Beziehung stehen, vermag ich
nicht zu entscheiden.
Vom Penis aus und mit demselben an dessen hinte-
rem Theile in Communication stehend, erhebt sich nach
oben bald gerade in der Mitte auf den schlauchförmigen
Drüsen liegend, bald mehr zur Seite gebogen eine grosse
Samenblase (d); die gewöhnlich vier; zuweilen auch nur drei
oder zwei, grosse helle Kerne mit einem oder mehreren
dunkeln Kernkörperchen enthält und die mir als Analoga
der in der Rüsseischeide zweimal oben und unten (siehe
Fig. 1) vorkommenden vier Kerne bemerkenswerth erschei-
nen. Zu beiden Seiten des unteren Theiles der Samenblase
zeigt sich ferner ebenfalls constant in der äusserenWand des
Ligam. Suspensorium eine durch ihre Grösse und ovale Ge-
stalt besonders ausgezeichnete Zelle (Ganglienzelle?) (e)
und gleich unter dieser wiederum beiderseits ein nach
aussen vorspringender grösserer Haufen von runden Zellen
(f), die eine grosse Aehnlichkeit mit Ganglienzellen ha-
ben, bei denen ich aber eins der wesentlichsten Merkmale,
nämlich Ausläufer von Nervenfasern, mit Sicherheit nicht
constatiren konnte.
Was nun die höchst eigenthümliche Endmündung
der männlichen Geschlechtstheile, das eigentliche Copu-
lationsorgan anbelangt, so besteht dasselbe aus einem mit
zwei seitlichen starken Muskeln (g) versehenen glocken-
förmigen Saugapparat (h), in deren Mitte der von einem
Längskanale durchzogene Penis liegt, von der ungefähren
Gestalt einer Lanzette mit der Spitze nach unten und
mit dem auf einer sanften Verschmälerung aufsitzenden
Knopfe nach oben *). Theils auf, theils in der unmittel-
baren Nähe des Penis gewahrt man wiederum mehrere
grössere und kleinere Zellen und Kerne, die zweifelsohne
wie die übrigen mannigfaltigen Einzelgebilde dieser Art
mit den betreffenden Organen in irgend einer funktionel-
len Beziehung stehen.
1) Bei E. proteus habe ich einigemale den Penis mit feinen
Stacheln besetzt gesehen ganz in der Weise, wie sich das bei den
Cestoclen und Trematoden in der Regel findet. Bei E. polymorphus
habe ich mich nicht von deren Anwesenheit überzeugen können.
Untersuch, über Echinorhynchus miliarius. 137
Die erwähnten beiden seitlichen Muskeln (g) des
Apparates liegen im ruhenden Zustande mit ihem oberen
Ende rechts und links vom Penis in eine nach aussen
gerichtete rundliche Scheibe aufgestellt und umgreifen
mit ihren unteren Ausläufern beiderseits die Saugglocke,
an welche sie sich befestigen. Ihre Wirkung ist, einen
seitlichen Druck und zu gleicher Zeit einen solchen nach
unten auf den Saugapparat auszuüben, so dass der letztere
bei der Begattung behufs der Umfassung des hinteren
weiblichen Leibesendes ganz aus der männlichen Ge-
schlechtsöfihung herausgedrängt werden kann. Die Saug-
glocke selbst (h) ist fast ganz aus muskulösen Elementen
zusammengesetzt: ausser den reichlichen Längs- und
Ringfasern sind um die Glocke herum von oben nach
unten greifende fingerförmige Klammer- oder Haftorgane
(siehe Fig. 3 k) gewöhnlich auf jeder Hälfte 8 oder 9
angebracht. Von dem mittleren Theile des Glockenum-
fangs zum Theil auf, zum Theil zwischen den Haftorganen
liegen wiederum gewöhnlich zwei Reihen ziemlich regel-
mässig gestellter grosser freier Kerne.
Nachträglich will ich noch die Resultate einiger
weiterer Fütterungsversuche, die ich mit E. miliarius an-
gestellt habe und die vielleicht, obgleich noch fragmen-
tarisch, nicht ohne Interesse sein dürften, kurz mittheilen.
Nachdem ich nämlich, wie oben berichtet, zu wiederhol-
ten Malen den E. miliarius als E. polymorphus in Enten
zur Geschlechtsreife erzogen, beschloss ich weitere Füt-
terungsversuche an anderen Thieren zu machen, um einen
Einblick in die ungefähren Grenzen des noch möglichen
Parasitismus von E. polymorphus zu gewinnen. Ich
wählte dazu fürs erste unseren Haushahn, in dem bisher
überhaupt niemals Echinorhynchen gefunden worden sind,
wesshalb ich allerdings auf ein günstiges Resultat wenig
Hoffnung setzte ; um so mehr war ich überrascht als ich
in dem ersten Hahnen, 'den ich drei Wochen nach der
ersten Fütterung untersuchte ein ganz ähnliches Resultat
wie in den Enten fand: der Darm war ganz mit ausge-
bildeten Ech. polymorphus» besetzt, die sich durch nichts
138 Greeff:
in Bezug auf ihre geschlechtsreife Entwicklung von den
Enten -Echinorhynchen unterschieden. Weniger Glück
hatte ich mit Versuchen an Tauben, deren ich zwei mit
allerdings nur wenigen Echinorhynchen fütterte. Bei der
Untersuchung des Darmes beider fand ich keine Echino-
rhynchen mehr vor.
Ebenfalls entschieden negative Resultate gaben fer-
nere Versuche, die ich an Fischen (Cyprinus carpio und
Carassius vulgaris) und an Amphibien (Rana esculenta
und Triton cristatus) machte, denen ich mit grosser Mühe
Echinorhynchen beibrachte 1), da sie in der Gefangen-
schaft zum Fressen der Gammarinen oder isolirten Echi-
norhynchen keine Lust verriethen. Bei den Thieren, an
denen die Fütterung gelungen war, gingen die leicht wie-
der auffindbaren rothen Echinorhynchen entweder unverän-
dert wieder ab, oder ich fand sie im Darme noch gerade
so wie ich sie eingeführt; einige hatten sich freilich aus-
gestülpt, waren aber dann abgestorben ; genug sie kamen
nicht über das Stadium des E. miliarius hinaus.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. IL
Fig. 1 . Reifes Ei von E. polymorphus aus dem Darme der Ente durch
Fütterung mit E. miliarius. Natürliche Grösse: 0,1 Mm.
in der Länge und 0,02 Mm. in der gross ten Breite.
Fig. 21 Embryo von E. polymorphus nach Durchbrechung der Ei-
häute im Gammarus. Natürliche Grösse: 0,08 Mm. in der
Länge und 0,03 Mm. in der Breite.
1 ) Ich bediente mich dazu, nach mehreren anderen vergeblichen
Versuchen, zuletzt eines elastischen Katheters, den ich am unteren
Ende oberhalb der gewöhnlichen seitlichen Oeffnungen abschnitt und
abrundete; in diese untere Oeffnung schob ich mehrere Echinorhyn-
chen in Form der geschilderten rothen Körnchen hinein, und führte
dann den Katheter vorsichtig durch die Speiseröhre in den Magen ;
hier angekommen blies ich leise in die obere Oeffnung, um die Echi-
norhynchen-Ladung in den Magen zu entleeren , wobei freilich der
Uebelstand häufig eintrat, dass zu viel Luft in den Magen und
Darmkanal eingeblasen wurde , dem die meisten , besonders die
Fische, kurze Zeit darauf erlagen.
Untersuch, über Echinorhynchus miliarius. 139
Fig. & Embryo in weiterer Entwicklung. Natürliche Grösse im
Durchmesser 0,15.
„ 4. Natürl. Grösse 0,5 Mm.\
„ 5. „ „ 1 Mm.l Weitere Entwickelungsstufen von
„ (',. ,. „ 1,5 Mm. j E.polymorphusimGammar. pulex.
„ 7. „ „ 1,8 Mm.)
„ 4A. Der im Innern des Embryo (Fig. 4) gelagerte Embryonal-
kern, a. Erstes Entwickelungsstadium des Ovariums (cen-
traler Körnerhaufen), b. Das den centralen Körnerhaufen
umschliessende Ligam. Suspensorium, c. Erste Bildung der
Uterusglocke. d. Ganglion im unteren Theile der Rüssel-
scheide. e. Retractor proboscidis.
„ 8. Weitere Entwickelungsform nach eingetretener Haken- und
Gefässbildung des Rüssels in der Einstülpung begrifien.
Natürliche Grösse 1,8 Mm.
„ 9. Vollkommen eingestülpter Echinorhynchus mit zwei glas-
hellen Schutzmembranen (a u. b) umgeben. Natürl. Grösse
ohne Schutzmembran. 1 Mm.
,. 10. Derselbe nach erfolgter freiwilliger Hervorstülpung. a. die
beiden Hauptlängsgefässstämme mit ihren Verzweigungen
und Anastomosen. b. Ein Ringgefäss. c. Die Lemnisken.
Natürliche Grösse 2,2 Mm.
Taf. III.
Fig. 1. Nervensystem von E. polymorphus innerhalb der Rüssel-
scheide gelegen. G. Ganglion, a. Die vier Hauptnerven-
stämme. a'. Die den Hauptstamm zusammensetzenden Bün-
del von je zwei Nervenfasern, b. und e. Vier grosse Kerne
im oberen und unteren Theile der Rüsselscheide , deren
Bedeutung unbekannt ist. c. Länglich ovale Zellen (Gan-
glienzellen?) in der Rüsselscheidenwand. d. Die Rectracto-
res receptaculi proboscidis.
„ 2. Weiblicher Geschlechtsapparat von E. polymorphus.
A. Ovarium. B. Uterusglocke. C. Eileiter. Fig. ?, D. End-
mündung nach aussen, a. Ligamentum Suspensorium, b.
Fortsetzung des Ovariums nach unten als hohler Schlauch,
c. Obere trichterförmige OefFnung der Uterusglocke, d.
Erweiterter Ovarialschlauch innerhalb der Uterusglocke, e.
Ausgang des letztern in den Eileiter. f. Zwei besondere
die Uterusglocke durchziehende Kanäle, die in den Ova-
rialschlauch münden, g. Eiertaschen, h. gestielte Zellen.
Fig. 2, D. Weibliche Geschlechtsöffnung nach aussen, i. obere
becherförmige Oeffnung. k. Erste Anschwellung. 1. Zweite
Anschwellung und Mündung nach aussen, m. Rahmen um
140 G-reeff: Untersuch, über Echinorhynchus miliarius.
den unteren Theü des Ausführungsapparates, n. Zwei freie
Kerne im untersten Theile des Eileiters.
Fig. 3. Männlicher Geschlechtsapparat.
a. Hoden, b- Vasa deferentia. c Schlauchförmige Drü-
sen, d. Samenblase. e. Grosse ovale Zelle in der Wand
des Ligam. Suspensorium (Ganglienzelle?), f. Zellenhaufen
von nicht zu bestimmender Bedeutung (Ganglion?). g.
Seitliche Muskeln um die Saugglocke seitlich zusammen
und nach unten zu drücken, h. Saugglockc. i. Penis, k.
Haftorgane der Saugglocke.
Bemerkungen über den Bau des Hinterleibes bei den
Forficulen.
(Nachwort zu den Bemerkungen des Hrn. Prof. Schau m.)
Von
Dr. Fr. ffleinert
in Kopenhagen.
Der Hr. Prof. Schaum hat in diesem Archive
Jahrg. 29. Heft 3. (1863) p. 365 ein Paar Punkte in mei-
ner Dissertation „Anatomia Forficularum" zum Gegenstande
seiner Kritik gemacht. Da ich die Richtigkeit der Re-
sultate dieser Kritik nicht anerkennen kann, erlaube ich
mir hiermit in aller Kürze seine Bemerkungen zu beant-
worten, und die Richtigkeit der von mir aufgestellten An-
sichten festzuhalten.
Dass Prof. Schaum sich nicht hinreichend in La-
treille's Theorie von dem Verhältnisse zwischen Thorax
und Hinterleib hinein gesetzt hat, erhellt aus mehreren
seiner Aussagen; genüge es hier hervorzuheben, dass er
die Benennung Segmentum mediale zu L atr eill e hinführt,
obschon sie gar nicht in dessen Schriften vorkommt. Und
er hat ebenso wenig meine Dissertation mit der Aufmerk-
samkeit gelesen, die von einem Criticus gefordert wer-
den kann. Er meint an einer Stelle einen merkwürdigen
Mangel an Logik bei mir entdeckt zu haben, und sagt
bei dieser Gelegenheit: „Das von Meinert als Lamina
supraanalis bezeichnete, hinter dem Zangenträger gelegene
und nach unten umgebogene Stück führt diesen Namen
wie Lucus a non lucendo, insofern es zu dem After in
gar keiner Beziehung steht, nicht über, sondern weit hin-
ter demselben gelegen ist." Der hier in Rede stehende
Theil des Skeletes heisst jedoch bei mir die ganze Ab-
handlung hindurch: Analplade, Lamina analis (Fischer),
und da letztgenannter Ausdruck auch in dem kurzen,
lateinischen Auszuge gebraucht wird, den ich am Schlüsse
gegeben habe, kann Prof. Schaum nicht einmal seine
142 Meinert:
Entschuldigung in den Schwierigkeiten suchen, die man
vermuthen muss, dass eine weniger bekannte Sprache
ihm darbieten würde. Die Benennung „Lamina supraana-
lis" kömmt nur einmal in meiner Dissertation vor, und an
dieser Stelle zeige ich deutlich durch den Context, durch
Citationszeichen und durch die Anführung von Schaum's
Figur *),*dass es die neunte — meine letzte — Rücken-
schiene (oder das neunte Dorsalsegment) ist, Schaum's
Zangenträger, die hiermit durch die von Schaum selbst
gebrauchte Benennung bezeichnet wird. Prof. Schaum
trifft auf diese Weise nicht mich, sondern nur sich selbst,
mit seinem Scherze.
Seine Beweise dafür, dass seine Lamina supraanalis
nicht als Segment betrachtet werden darf, sind 1) dass
ihr kein Ventralhalbring (Bauchschiene) und 2) kein Gan-
glion entspricht und 3) dass schon das vorhergehende Seg-
ment keine Stigmen (Spirakeln) habe.
Auf No. 1 antworte ich, dass die neunte Rücken-
schiene (Lamina supraanalis Schaum) an der unteren Seite
ein Paar trianguläre Platten hat, welche ich mit West-
wood (Introd. I. p. 401 vergl. meine Diss. p. 43) fort-
während als Bauchschiene betrachte. Prof. Schaum
macht gegen diese Auffassung geltend, dass a) der After
sich nicht an der Spitze dieser Theile, sondern vor der Basis,
am Anfange der Spalte öffne, und b) dass diese Theile
(Platten) weder durch ein Gelenk noch durch eine Naht
mit dem vorhergehenden Vertralhalbringe (Bauchschiene)
verbunden sind. Die Ursache, dass der After sich nicht
an der Spitze meines neunten Segmentes öffnet, muss
gewiss darin gesucht werden, dass der After wegen der
Muskeln, , welche die Zweige der Zange in Bewegung
setzen sollen, länger vorwärts an der unteren Seite 2)
1) P.45 ,.hvis han (Schaum) ikke havde betragtet vor niende
og sidste Skinne som en Tillägsplade" („lamina supraanalis" fig. V, c) ;
deutsch: „wenn er (Schaum) unsere neunte und letzte Schiene
nicht als eine Anhangsplatte („lamina supraanalis" fig.V. c) betrach-
tet hätte."
2) Aus dem nämlichen Grunde fallen auch die Stinkdrüsen
der Larve und der Nymphe im letzten Segmente weg bei dem Imago.
Bemerk, üb. d. Bau des Hinterleibes bei den Fornculen. 143
gerückt werden musste, so dass er bei den Forficulen,
nicht, wie Prof. Schaum sagt, vor, sondern hinter der
Basis, zwischen den Platten der Baiichschiene zu liegen
kömmt, und da, meines Wissens, bis jetzt noch keine
andere Insektenform mit einer solchen Zange beschrieben
ist, kann dieses vereinzelte Verhältniss in Bezug auf die
Lage des Afters (immer vorausgesetzt, dass es vereinzelt
ist) leicht in dieser Weise erklärt werden. Es ist eben-
falls anzunehmen, dass die starke Entwickclung der Zange
die letzte Bauchschiene von der vorhergehenden entfernt
hat, und so wie ich schon vorher (vgl. meine Diss. p. 43)
eine Bekräftigung meiner Deutung der zwei triangulären
Platten als die neunte Bauchschiene durch die entspre-
chende Bildung der Bauchschienen des siebenten und des
achten (rudimentären) Segmentes des Weibchen zu finden
geglaubt habe, so glaube ich auch, dass durch die Ent-
fernung dieser beiden unzweifelhaften Bauchschienen von
der vorhergehenden sechsten Bauchschiene und die An-
schliessung derselben an der folgenden Schiene (meiner
neunten gespaltenen Bauchschiene) ein vollständiger Be-
weis gegeben wird, dass eine solche von Prof. Schaum
verneinte Scheidung zweier auf einander folgenden Seg-
mente möglich ist und hier wirklich Statt findet.
Seinen zweiten Beweis dafür, dass die bestrittenen
Theile nicht als Segment zu betrachten sind, findet Prof.
Schaum in dem Mangel an einem entsprechenden Gan-
glion. Aber haben denn alle die übrigen Körpersegmente
auf jeglichem Stadium ihr eigenes Ganglion? Hierauf
muss man gewiss Nein antworten. Ich lege kein Ge-
wicht darauf , dass die Zahl der Ganglien bei den Ima-
gines immer geringer ist als die der Segmente; der Um-
stand aber, dass ihre Zahl, selbst in dem Lebensstadium
des Thieres, worin sie am grössten ist, doch immer ge-
ringer als die der Segmente ist, und dass sie uneinge-
denk der Umbildung der Segmente bei dem Imago in
grösserem oder geringerem Grade eingeschränkt wird,
so dass man annehmen muss, dass ihr grösseres oder
geringeres Zusammenfliessen und ihr theilweises Ver-
schwinden von der Veränderung der Segmente unabhän-
144 Meinert:
gig sei — scheint mir hingegen wohl Aufmerksamkeit
zu verdienen und zu beweisen, wie geringes Gewicht man
auf die Anwesenheit eines Ganglions legen kann, wenn
es darauf ankommt zu entscheiden, in wiefern irgend
ein Theil als Segment betrachtet werden muss. Uebri-
gens muss ich in diesem speciellen Falle verneinen, dass
das Segmentum mediale sein Ganglion hat, oder dass das
dritte Brustganglion bei den Forh'culen irgend eine Spur
von einer Verschmelzung mehrerer Ganglien zeigt; und
hinter dem Brustganglion findet man nur sechs Ganglien,
von denen das letzte sich an die sechste und nicht an
die achte (Prof. Schaum's letzte) Bauchschiene stützt.
Die dritte Einwendung des Herrn Professors, dass
sich schon das achte — sein neuntes — ■ Segment durch
Mangel an Spirakeln als das letzte zeige, geht davon aus,
dass man niemals hinter dem letzten spirakeltragenden
Segmente: dem achten Segmente des Hinterleibes (wenn
man das Segmentum mediale mitrechnet), mehr als ein
Segment finde. Wenn dieser Satz als richtig angenom-
men wird, beläuft sich die höchste Zahl der Segmente
zu zwölf im Ganzen (ohne den Kopf) : drei Brustsegmente
und neun Bauchsegmente. In der Abhandlung in den
Annais behauptet Prof. Schaum auch dieses ausdrück-
lich. Aber eben wie ich in meiner Dissertation von dem
ausgegangen bin, dass die typische Zahl der Körperseg-
mente — ohne den Kopf — dreizehn ist, so muss ich
auch dieselbe Ansicht hier noch ferner festhalten. Bei
sehr vielen Larven zeigen sich hinter dem letzten spira-
keltragenden Segmente noch deutlich zwei Segmente, von
denen das letzte sogar mit Bewegungswerkzeugen verse-
hen sein kann — als zum Beispiel mit Afterfüssen oder
sogenannten falschen Füssen bei den Schmetterlingsrau-
pen, Kletterhaken bei den Gyrinenlarven u. s. w. Eine
nähere Ausführung dieser Betrachtungen würde jedoch
hier zu weit führen.
Die Stellung der Strepsipteren im Systeme.
Von
Prof. Schaum.
Die durch ihre Entwickelung so merkwürdige In-
sektenfamilie der Strepsipteren oder Stylopiden
ist zuerst von Bur meist er (Handb. d. Naturgesch. 1837)
als eine Gruppe der Coleopteren betrachtet und in die
unmittelbare Nähe der in Blatten schmarotzenden Rhipi-
phoriden- Gattung Symbius Sundev. (Isis 1831. Tab. VIII)
= Hhipidius Thunb. gestellt worden. Später sind dieser
Ansicht Newman, Schiödteund andere Entomologen,
in der neuesten Zeit ist ihr La cor daire beigetreten, der
die Stylopiden im 5. Bande seiner Genera des Coleopteres
als eine den Rhipiphoriden sich anschliessende .Käferfamilie
behandelt, und bei dieser Gelegenheit einige von mir zu
Gunsten dieser Ansicht geltend gemachte Gründe und
Entgegnungen auf die dagegen erhobenen Einwände mit-
getheilt hat.
Auch Le Conte hat in seinem vor Kurzem erschie-
nenen Werke „Classification of Coleoptera ofNorth-Ame-
rica" die Stylopiden mit Rücksicht auf ihre Organisa-
tionsverhältnisse und ihre Entwickelung neben die Rhipi-
phoriden gestellt. In dem Berichte über die entomologi-
schen Leistungen im J. 1861 (dies. Arch. XXVIII. 2. S. 328)
ist von Dr. Gerstaecker hierzu die Bemerkung ge-
macht: „Welche Charaktere hat ein Strepsipteron mit
einem Käfer gemein? — keinen. Wo sind die Ueber-
einstimmungen in der Lebensweise ? — Die Strepsipteren
leben parasitisch von Hymenopteren, die Meloiden-Larven
nähren sich von Honig; beide haben also in der Ent-
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 10
146 Schaum:
"Wickelung nichts mit einander gemein. In Ele-
mentarbüchern sollte man Absurditäten doch am wenigsten
für baare Münze ausgeben." Dr. G e rsta eck er schliesst
die Strepsipteren in seinem Berichte den Neuropteren
mit vollkommener Verwandlung an und führt sie selbst in
einem Elementarbuche, einem kürzlich erschienenen Hand-
buche der Zoologie S. 78 als 3. Zunft der Neuropteren auf.
Ohne hier weiter den Ton zu beachten, dessen sich
der Referent einer von ausgezeichneten Entomologen
(Burmeister, Lacordaire) vertretenen Ansicht ge-
genüber bedienen zu dürfen glaubt, hoffe ich durch ein-
fache Darlegung der Thatsachen, von denen die Ent-
scheidung abhängt, jeden Zoologen, der sich für den
Gegenstand interessirt, in den Stand zu setzen, sich ein
seibstständiges Urtheil in Bezug auf die Stellung der
Strepsipteren zu bilden.
Die Strepsipteren bestehen eine vollkommene Meta-
morphose und haben im männlichen Geschlechte Mund-
theile (Mandibeln, Taster), die zwar rudimentär sind, weil
die Imagines nur wenige Stunden leben, aber auf den
Typus der kauenden Mundtheile zurückzuführen sind. In
diesen beiden Beziehungen stimmen die Strepsipteren so-
wohl mit den Coleopteren als mit den Neuropteren überein.
Die Charaktere der Neuroptera und Coleoptera sind
in dem erwähnten Handbuche wörtlich in folgender Weise
angegeben.
Neuroptera (S. 68) „mit vollkommener Verwandlung,
beissenden Mundtheilen, freiem Prothorax und häutigen
Vorder- und Hinterflügeln."
Coleoptera (S. 80) „mit vollkommener Verwandlung,
beissenden Mundtheilen, freiem stark entwickelten Pro-
thorax und harten hornigen Vorderflügeln (Flügeldecken).
Der Unterschied zwischen beiden Ordnungen liegt
dem Handbuche zufolge demnach allein darin, dass die
Neuropteren häutige , die Käfer harte hornige Vorder-
flügel haben; denn der freie stark entwickelte Prothorax
der Coleopteren soll doch wohl nicht einen Gegensatz
zu dem bloss freien der Neuropteren bilden, unter denen
Gattungen wie Corydalis, Mantispa einen weit stärker
Die Stellung der Strepsipteren im Systeme. 147
entwickelten Prothorax haben als viele Co]eopteren-Gat-
tungen.
Ein weiterer physiologischer Unterschied der beiden
Ordnungen, der zwar mit der häutigen oder hornigen
Beschaffenheit der Vorderflügel zusammenhängt, aber auch
eine ganz andere Muskulatur des Thorax voraussetzt, be-
steht darin , dass die Neuropteren mit beiden Flügelpaa-
ren, die Coleopteren nur mit den Hinterflügeln fliegen.
Die Stellung der Strepsipteren bei den Coleopteren
oder Neuropteren hängt also in erster Linie davon
ab, ob die Vorderflügel derselben häutig oder hornig
und ob beide Flügelpaare oder ob nur die Hinterflügel
den Flug ausführen. Von dem Prothorax, der bei den
Strepsipteren sehr verkümmert ist, hat man vorläufig ab-
zusehen, da derselbe ja den obigen Diagnosen zufolge
sowohl bei den Neuropteren als bei den Coleopteren
frei ist.
Die Vorderflügel der Strepsipteren sind nach S. 78
des Handbuchs «in Form kleiner an der Spitze aufge-
rollter Stummeln." Sind das häutige Vorderflügel?
Sind das Organe, die am Fluge betheiligt sind? Eine
Gleichstellung dieser Stummel mit den häutigen geäd er-
teil Vorderflügeln der Neuropteren ist völlig unstatthaft,
weil in den Ordnungen mit zwei häutigen am Fluge be-
theiligten Flügelpaaren (Neuropteren, Hymenopteren, Le-
pidopteren) niemals die Vorderflügel allein verkümmern
und bei der überwiegenden Bedeutung dieser Organe für
den Flug auch gar nicht verkümmern können. Es ver-
kümmern in diesen Ordnungen bisweilen beide Flügel-
paare (unter den Neuropteren bei Boreus), aber nirgends
ist die Function des Fluges den Hinterflügeln übertragen.
Die Vorderflügel der Strepsipteren stellen aber im
Leben dieser Thiere gar keine aufgerollten Stummel
dar, wie Smith, der Gelegenheit gehabt hat, sie lebend
zu beobachten1), ausdrücklich hervorhebt; sie verändern
1) Die ausserordentliche Seltenheit der Strepsipteren und
ihre Lebensdauer von nur wenigen Stunden ist die Ursache, dass
nur einzelne Entomologen sie lebend beobachtet haben.
148 Schaum:
bei der Zartheit des Käfers sehr bald nach dem Tode
ihre Form und der Zustand derselben in getrockneten
Exemplaren gestattet daher kein Urtheil über die Be-
schaffenheit derselben im Leben. Die Stelle von Smith
(Trans. Entom. Soc. IL Ser. IV. p. 116) lautet wörtlich:
„The texture of all parts of the body of a male ßtylops
is of so delicate a nature that within two hours after
death the entire appearence of the insect is changed bea-
ring no more resemblance to the living creature, than a
shrivelled mummy does to the once graceful Egyptian,
the remarkable lateral appendages of the thorax (an einer
anderen Stelle pseudelytra genannt) which in life were
rounded on one side and flattened on the other, become
entirely changed in form."
In der nach dem Leben entworfenen Abbildung von
Smith (a. a. 0.) zeigt der Vorderflügel von Stylops die
unverkennbarste Analogie mit den verkümmerten weit
auseinander gerückten und klaffenden Flügeldecken der
Käfergattungen Symbius und Atractocerus (auf die auch
schon Westwood Introd. to the mod. classif. IL p. 293
aufmerksam macht, obwohl er nur getrocknete Exem-
plare untersucht hat) ; er ist lederartig und ohne Ge-
äder; wie eine Flügeldecke. Eine solche Bildung der
Vorderflügel steht im vollständigen Gegensatze mit dem
wesentlichsten Charakter der Neuroptera.
Bei dieser Bildung der Vorderflügel sind selbstver-
ständlich die Hinterflügel die einzigen Flugorgane der
Strepsipteren. In dem oben erwähnten Handbuche wird
zwar S. 79 als ein Argument für die Stellung der Strepsi-
pteren unter den Neuropteren die Uebereinstimmung in
der radiären Aederung der Hinterflügel angeführt : »nur
dass dieselbe bei den Strepsipteren noch entschiede-
ner und reiner hervortritt." Die Hinterflügel haben
aber weder in der Entwickelung noch in dem Geäder
ein Analogon unter den Neuropteren, wohl aber haben
sie es in der Käfer-Gattung Atractocerus, wie dies schon
Westwood in seinem classischen Werke „Introduction
to the modern Classification of insects 1840. IL p. 293"
(welches noch heute die einzige gute Einleitung in das
Die Stellung der Strepsipteren im Systeme. 149
Studium der speciellen Entomologie ist) ganz richtig her-
vorhebt. Auch ist die radiäre Anordnung des Geäders
in viel höherem Grade charakteristisch für den Hinter-
flügel der Käfer als für die der Neuropteren.
Ehe wir jetzt zu der Entwicklung der Strepsipte-
ren übergehen, haben wir noch die Argumente ins Auge
zu fassen, die etwa für die Stellung bei den Neuropteren
beigebracht sind und die Einwendungen, die gegen die
Verbindung mit den Coleopteren erhoben werden. In
dem oben erwähnten Handbuche der Zoologie S. 79 heisst
es „die Familie (die Strepsipteren) schliesst sich durch
ihre wesentlichen Charaktere (etwa durch die Beschaffen-
heit der Vorderflügel ?) naturgemäss den Neuropteren und
unter diesen zumeist den Phryganiden an. Mit den letz-
teren (Phryganiden) stimmt sie in der bei den Coleopte-
ren niemals vorkommenden Bildung des Prothorax, den
verlängerten freien Vorder- und Mittelhüften, den ver-
kümmerten Mundtheilen, von denen die Unterkiefer mit
der Unterlippe verschmolzen sind, so wie auch in der ra-
diären Aederung der Hinterflügel überein, „nur dass die
letztere hier noch entschiedener und reiner hervortritt;"
beweisend sind für diese Verwandtschaft auch die von
Newport an den Hinterleibsringen der Strepsipteren
nachgewiesenen kiemenartigen Respirations-Organe.
Die Strepsipteren werden also nicht weil sie in dem
Hauptcharakter (der Beschaffenheit der Vorderflügel) mit
der Ordnung der Neuropteren übereinstimmen, der viel-
mehr im vollen Widerspruche mit der oben angeführten
Diagnose der Neuropteren steht, sondern weil sie in
einigen secundären Charakteren mit einer zu den Neu-
ropteren gestellten Familie (^Phryganiden) übereinkommen
sollen, den Neuropteren angeschlossen. Von diesen secun-
dären Charakteren wurde die radiäre Anordnung des Ge-
äders in den Hinterflügeln schon oben als charakteristisch
für die Käfer bezeichnet. Kiemenartige Respirations-
organe haben an den Larven der Strepsipteren weder
Klug noch v. Siebold beobachtet (vergl. dieses Archiv
1843. S. 154); auch Newport hat sie nicht nachge-
wiesen, vielmehr drückt er sich hierüber höchst vorsichtig
150 Schaum:
so aus (Trans. Linn. Soc. XX. p. 345) : In the larvae there
appeared to he eight pairs of bagshaped dark bodies at
the sides of the abdominal segments, sitnated in the place
of the respiratory organs of other insects. From their dar-
kened appearance and from their resemblance to bran-
chial sacs they may perhaps he regarded as imperfect
respiratory organs of the nature of branchiae. Und eine
solche Vermuthung, die nicht entfernt als Thatsache hin-
gestellt ist, und die sich gar nicht auf die definitive Larve,
sondern auf das erste Stadium derselben zu beziehen
scheint , soll für die Verwandtschaft der Strepsipteren
mit den Phryganiden „beweisend" sein. Auf die freien,
verlängerten Vorder- und Hinterhüften hat man in einem
Falle kein Gewicht zu legen, in dem es sich, wie hier,
um die Ordnungen der Insekten handelt. Es bleiben
also für die Verwandtschaft der Strepsipteren mit den
Phryganiden und die darauf begründete Stellung der-
selben unter den Neuropteren nur die Argumente übrig,
dass die Mundtheile verkümmert sind und der Prothorax
wie bei den Phryganiden gebildet ist. Eine Verkümme-
rung der Mundtheile, mit der stets eine Verwachsung der
einzelnen Theile verbunden ist, begründet aber an sich
keine Verwandtschaft. Die Mundtheile sind vielmehr in
allen Ordnungen der Insekten bei einzelnen Gattungen
und zwar bei solchen, die im Imago-Zustande keine Nah-
rung zu sich nehmen, verkümmert, unter den Orthopte-
ren beiEphemera, unter den Dipteren bei den Henopiern,
unter den Lepidopteren bei vielen Bombyciden. Die Ver-
kümmerung der Mundtheile ist daher auch kein Argu-
ment gegen die Stellung der Strepsipteren bei den Kä-
fern, es sind eben Käfer mit verkümmerten Mundtheilen,
wie die Phryganiden Neuropteren mit verkümmerten Mund-
theilen, wenn sonst nach der Beschaffenheit der Vorder-
flügel die Strepsipteren Käfer, die Phryganiden Neuro-
pteren sind.
„Mit den Phryganiden stimmen die Strepsipteren
in der bei den Käfern niemals vorkommenden Bildung
des Prothorax überein." Nach den Diagnosen der Phry-
ganiden (S. 75) und der Strepsipteren (S. 78 des Hand-
Die Stellung der Strepsipteren im Systeme. 151
buchst bestellt diese Bildung darin, dass der Prothorax
kurz und ringförmig ist. Ringförmig ist ein Prothorax,
wenn er aus einem einfachen Ringe besteht und nicht in
ein Notum und Sternum zerfällt. Ein solcher Prothorax,
der nur einen einfachen Ring darstellt, findet sich aber
unter den Käfern ganz allgemein in der Abtheilung der
Rüsselkäfer. Andererseits ist es keineswegs festgestellt
und an getrockneten Exemplaren gar nicht festzustellen,
dass der sehr wenig entwickelte Prothorax der Strepsi-
pteren nicht aus einem Notum und Sternum besteht. Es
bleibt also nur, dass der Prothorax bei den Phryganiden
und Strepsipteren kurz, bei den Coleopteren frei und
stark entwickelt ist. Wenn nun die Phryganiden und
Strepsipteren, obwohl sie einen kurzen Prothorax haben
zu den Neuropteren gestellt werden, zu deren Ordnungs-
charakteren nach S. 68 ebenfalls ein freier Prothorax ge-
hörte, so beweist dies einerseits, dass die oben angeführte
Diagnose auf die numerisch grössere Hälfte der Neuro-
pteren (die Phryganiden) nicht passt, andererseits,- dass
in der Entwickelung des Prothorax ein Charakter für die
Ordnung der Neuroptera nicht gegeben ist.
Die Entwickelung des Prothorax hat auch In der
Ordnung der Hymenoptera nicht die durchgreifende Be-
deutung, die man ihr gewöhnlich beilegt; allermeist ist
er hier zwar, wenigstens das Notum desselben, sehr re-
ducirt, aber in der Familie der Pompiliden, z. B. bei
Salius, recht wohl ausgebildet. Dass in den Ordnungen
der hemimetabolen Insekten (Orthopteren, Hemipteren)
der Prothorax entsprechend der Bildung der Vor-
der flu gel bald frei, bald mehr oder weniger verküm-
mert ist, hat Erich son (Germ.-Zeitschr. f. Entomol. I.
S. 156) ausführlich erörtert. Die Kürze des Prothorax
beweist also Nichts für die Stellung der Strepsipteren un-
ter den Neuropteren, die grossentheils einen freien Pro-
thorax haben und kann nur dann als Argument gegen
die Stellung derselben bei den Coleopteren verwerthet
werden, wenn man nicht zugeben will , dass der Protho-
rax m dieser Ordnung ausnahmsweise und zwar im eng-
sten Zusammenhange mit der Verkümmerung der Vorder-
152 Schaum:
flügel, verkümmern könne, wie er sich ausnahmsweise
unter den Hymenopteren bei Salius stark ausbildet. In
diesem Falle hat man die Strepsipteren als eine kleine
selbstständige Ordnung zu betrachten, die mit den Co-
leopteren in der vollkommenen Metamorphose in dem
Besitze (rudimentärer) kauender Mundtheile, in der Bil-
dung der Flügel und mit gewissen Coleopteren, wie sich
zeigen wird, in einem sehr eigenthümlichen Entwicke-
lungsvorgange übereinstimmt, sich aber durch den ver-
kümmerten Prothorax unterscheidet 1). Wenn man aber
in anderen Fällen einzelne Formen einer Ordnung ein-
reiht, obwohl einer oder der andere von den Charakteren
dieser Ordnung bei ihnen nicht zur Ausbildung kommt,
wenn man z. B. die Gattung Braula mit Rücksicht auf
gewisse Organisationsverhältnisse und auf ihre wie in
der Dipteren- Abtheilung der Pupiparen vor sich gehende
Entwickelung, mit den Dipteren verbindet, obwohl sie
wesentliche Charaktere dieser Ordnung, die Schwinger
und die typische Mundbildung, nicht besitzt, so kann
man mit vollem Rechte auch die Strepsipteren zu den
Käfern stellen.
Dass die Lebensweise der Strepsipteren mit der der
Meloiden, so weit sie die Nahrung der Larve betrifft,
übereinstimme, ist nie behauptet worden. Es ist aber,
und mit Recht, behauptet worden, dass sie in dieser und
in anderer Beziehung mit derjenigen der Käfer- Gattung
Mhipidius (Symbius) übereinsimmt, die in Blatten, wie
die Strepsipteren in Wespen schmarozt, und deren wurm-
förmiges Weibchen ebenso wenig wie das „wurmartige"
Weibchen der Strepsipteren, das Wohnthier, in dem es
sich entwickelt, verlässt. Mit den Meloiden (Meloe und
Sitaris, und wahrscheinlich auch mit Rhipidius, dessen
Metamorphose nicht vollständig bekannt ist) stimmen aber
die Strepsipteren in dem sehr merkwürdigen Entwicke-
1) Auf einen von anderer Seite erwähnten Unterschied, dass
die Vorderflügel , wenn die Thiere fliegen, bewegt werden, gehe ich
hier nicht nochmals ein, sondern verweise in dieser Beziehung auf
Lacordaire Gen. d. Col. V. II. p. 092).
Die Stellung der Strepsipteren im Systeme. 153
lungsvorgange, der von Fabre Hypermetamorphose
genannt und bisher in dieser Weise nur bei den Meloi-
den und Strepsipteren beobachtet ist, überein, und der
darin besteht , dass eine provisorische Larve aus dem Ei
kommt, die dazu bestimmt ist, das Thier in die Verhält-
nisse überzuführen, in denen es sich weiter entwickelt,
und dass aus dieser provisorischen Larve eine zweite
definitive Larve von ganz abweichender Form bei der
ersten Häutung hervorgeht.
Zur Anatomie und Physiologie der Dämnierungsfalter
(Spliingidae).
Von
Dr. A. Baltzer
in Bonn,
(Hierzu Taf.IV.)
Um eine nähere Einsicht in die Organisation Ver-
hältnisse der Lepidopteren zu gewinnen, beschäftigte ich
mich näher mit der Gruppe der Dämmerungsfalter (Sphin-
gidae), zu denen die Gattungen Smerinthus Latr., Sphinx
L., Acherontia Ochs. u. s. w. gehören.
Dieselben sind schon ihrer äusseren Gestalt, ihrer
Grösse und oft prachtvollen Färbung, ihrer eigentüm-
lichen, halbnächtlichen Lebensweise halber von Interesse;
wegen ihrer verhältnissmässigen Seltenheit scheint ihr in-
nerer Bau weniger untersucht worden zu sein als der
der leichter zugänglichen Tagfalter, trotzdem ihre Grösse
und entwickelte Organisation hierzu einladen !).
1) Yon Literatur stand mir zu Gebote: Swammerdamm:
„Biblia naturae," Leyden 1738, s. Tom. II, Tab. XXXVI, wo die in-
neren Theile von Vanessa urticae abgebildet sind. K. A. Ramdohr
„Ueber die Verdauungs Werkzeuge der Insekten," Halle 1811; s.
Tab. XVIII (Verdauungsorgane von Zygaena filipendulae). Herolds:
,.Entwickelungsgesckichte der Schmetterlinge, anatomisch und phy-
siologisch bearbeitet," Cassel und Marburg 1815. Herold giebt in
dieser Schrift eine gründliche Untersuchung aller Theile von Pontia
brassicae, hauptsächlich mit Berücksichtigung der Entwicklungsge-
schichte. L. Suckows „Anatomisch-physiologische Untersuchungen
der Insekten und Crustenthiere." Ersten Bandes erstes Heft, Heidel-
Baltzer: Zur Anat. u. Phys. d. Dämmerungsfalter. 155
Es standen mir folgende Species zu Gebote:
Smerinthus ocellatus L.; Abendpfauenauge. Smerin-
thus tiliae L., Lindenschwärmer. Sphinx ligustri L., Li-
gusterschwärmer. Sphinx elpenor L.; Weinschwärmer.
Ich verschaffte mir dieselben im Puppenzustande,
bewahrte sie den Winter über sorgfältig auf und begann,
als im Frühjahre die Schmetterlinge nach vollendeter
Entwicklung ausschlüpften , sofort die Untersuchung.
Mitte Mai erhielt ich die ersten Exemplare von Sm. tiliae,
darauf folgte Sm. ocellatus (fast nur in weiblichen Indi-
viduen), Ende Mai erschien Sph. elpenor, Anfang Juni
bekam ich die ersten Exemplare von Sph. ligustri.
Im Allgemeinen zeigen die Organisationsverhältnisse
der Sphingiden ziemliche Uebereinstimmung mit denen der
übrigen Lepidopteren, ich übergehe daher manche Organ-
systeme und greife namentlich zwei Punkte heraus, ein-
mal gewisse eigenthümliche als Sinnesorgane zu deutende
Gebilde an den Fühlern und dann die Geschlechtswerk-
zeuge. Auf jene Gebilde machte mich mein verehrter
berg 1818, behandelt Gastropaclia pini (zur Gruppe der Bombyciden
gehörig), ebenfalls mit Hervorhebung der Entwickelungsgeschichte.
Speziell über die Sphingiden stand mir zu Gebote Newporfs
ausgezeichnete Abhandlung „on the nervous System of the Sphinx
ligustri, •' Part II, in den philos. transactions 1834, p. 389, Tab. XIV etc.,
wo auch (in Fig. 13) eine Gesammtansicht über die inneren Theile
gegeben ist. In Wagner's Icones etc. Tab. XXIV, Fig. 5 findet
sich eine Abbildung der Verdauungsorgane von Acherontia atropos.
Vergl. ferner Burmeister's Atlas zum ersten Theile des Hand-
buchs der Entomologie Tab. XIII, Fig. 28—31 (vier kleine Abbildun-
gen die männlichen Geschlechtstheile von Deilephila galii betreffend).
Was die Sinnesorgane der Fühler anbelangt, so diente mir
als Grundlage Leydig's ausgezeichnete Abhandlung: ,. lieber Ge-
ruchs- und Gehörorgane der Krebse und Insekten" in Dubois und
Reichert's Archiv 1860, p. 265. Vergl. ferner Perris: „Memoire
sur le siege de l'odorat dans les articules," in den Annales des sc.
nat. Tome XIV, 1850, p. 149.
Vergl. ausserdem: C. Th. v. Siebold: „Lehrbuch der ver-
gleichenden Anatomie der wirbellosen Thiere." Burmeister: „En-
tomologie," erster Band mit Atlas. Gerstaecker: zweiter Band
des Handb. der Zoologie von Peters, Carus und Gerstaecker.
156 Baltzer:
Lehrer, Hr. Prof. Troschel, durch L e y d i g's Abhand-
lung „Ueber Geruchs- und Gehörorgane der Krebse und
Insekten" aufmerksam. Ich beziehe mich im Folgenden,
was die Fühler anbelangt, fortwährend auf diese ausge-
zeichnete Abhandlung. Histologische Untersuchungen
lagen nicht in meiner xAbsicht.
Die Fühlergebilde der Dämmerungsfalter.
Die Fühler der Dämmerungsfalter sind bekanntlich
anders gestaltet als die der Tag- und Nachtfalter. Die zier-
liche Form der einzelnen Glieder der Schmetterlingsfühler,
ihre bei den Männchen oft so elegante Behaarung u. s. w.
kannte man schon verhältnissmässig früh; weniger war
man von jeher über die Funktionen, die die Fühler aller
Insekten als Sinnesorgane besitzen, einig. Die verschie-
denen Hypothesen über die Sinnesfunktionen der Insek-
tenfühler findet man an anderen Orten angeführt. Der
Hauptmangel der früheren Ansichten lag darin, dass sie
sich nicht auf genaue anatomische Untersuchung der
Fühler gründeten, sondern nur auf Vermuthungen und
gelegentliche Beobachtungen an lebenden Thieren in der
Natur. Zwar war man über die Befähigung der Insekten
mittelst der Fühler zu tasten nie im Zweifel, wohl aber
über die Gehör- und Geruchsorgane der Insekten, die
man bald da-, bald dorthin versetzte. Leydig nun hat
in seiner oben erwähnten Abhandlung der Sache eine
neue Wendung gegeben. Gestützt auf genauere anatomi-
sche Untersuchung und äussere Beobachtung kommt er zu
dem Resultate, dass bei Krebsen und Insekten an den
Antennen neben gewissen zum Tasten bestimmten Füh-
lergebilden andere Gebilde;; auftreten, welche als Geruchs-
organe gedeutet werden müssen.
Auf diese Gebilde wurde ich gleich anfangs auf-
merksam, das Studium von Leydig's Arbeit gab mir
die Deutung. Ich stellte mir die Aufgabe diese Verhält-
nisse bei den vier oben angeführten Arten der Sphingiden
genau zu prüfen, um mir ein eigenes Urtheil zu erwer-
ben. Leydig hat von Schmetterlingen Acherontia atro-
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter. 157
pos (den Todtenkopf) und Catocala nupta (das rothe
Ordensband) untersucht. Jener gehört der Gruppe der
Sphingiden an, Catocala nupta der der Noctuiden oder
Eulen.
Die von mir untersuchten vier Arten zeigten , was
die Fühlergebilde anbelangt, nichts wesentlich Neues, ich
kann die Resultate Leydig's im Allgemeinen nur be-
stätigen, indessen hoffe ich doch das Folgende über die
Fühlergebilde Gesagte möge in Anschluss an Leydig's
Arbeit etwas Weniges zur Ergänzung und Erweiterung
beitragen.
Leydig giebt in seiner Abhandlung S. 288 über A.
atropos und C. nupta Folgendes an: „Sehr empfehlens-
werth sind ferner aus der Ordnung der Lepidopteren
einzelze Abend- und Nachtfalter. An den dunkeln, bor-
stenförmigen Fühlern der Catocala nupta z. B. kommen
folgende verschiedene Hautfortsätze zur Beobachtung : 1)
Schüppchen, 2) lange, geradeausstehende, starke Bor-
sten, 3) um vieles kürzere und schwächere nach vorne
gekrümmte Haare und endlich 4) kegelförmige Gebilde,
welche zweifelsohne in die Categorie der obigen specifi-
schen Körper gehören, und zwar erinnert die Weise, wie
sie über die Antenne vertheilt sind, lebhaft an gewisse
Krustenthiere. Das Endglied der Antenne nämlich trägt
einen grossen Kegel von dunklem , hornigen Aussehen,
dann die nächstfolgenden Glieder ebenfalls je einen von
0,0057—0,00856"' langen, dessen besondere Form man
auf der Fig. 12 erkennen mag. Die Kegel erstrecken
sich weit nach hinten, denn ich kann sie bis über die
Hälfte der Antenne hinaus verfolgen. — Besonders schön
ist ein Präparat, welches ich von einer frischen Ache-
rontia atropos in Canadabalsam aufbewahrt habe. Die
Antenne zerfällt in Ringel, welche breiter als hoch sind;
an der einen Seite deckt ein dichter Beleg von Schüpp-
chen die Segmente, während die grössere, von Schüpp-
chen freie Fläche einen zierlichen Haarbesatz hat. (Jedes
Haar kommt aus einer Grube, mit denen bei gewisser,
die Haare grösstenteils verschwinden lassender Fokalein-
stellung die Haut übersäet erscheint). Man erkennt nun
158 Baltzer:
aber an jedein Antennengliede wieder sehr deutlich 1) die
gewöhnlichen in Masse vorhandenen Haare, welche spitz
zulaufen und alle nach vorn gekrümmt sind, 2) in der
Nähe des hinteren Gelenkrandes in bestimmter Lagerung
einige cylindrische Stäbe, welche nicht gebogen sind, son-
dern geradeaus stehen, auch nicht spitz zulaufen, sondern
stumpf aufhören; am meisten aber markirt sich 3) je am
Vorderrande eines Segmentes ein eigenthümlicher Kegel,
dessen Breite an der Basis 0,0057"' beträgt, die Länge
0,01 142"'. Er ist im Innern hohl und seine Cuticula ist
hellbraun gefärbt."
Dies ist dasjenige, was Leydig über die Fühlerge-
bilde der Lepidopteren anführt.
Ich untersuchte namentlich die Fühler von Smerin-
thus ocellatus $, wo die fraglichen Gebilde am deutlich-
sten auftraten und verglich hierauf die drei übrigen
mir zu Gebote stehenden Arten. Ein Spinner (Notodonta
dictaea -j) , den ich gerade zur Hand hatte, zeigte die-
selben Verhältnisse in ausgezeichneter Weise.
Um Anordnung und Lage der Fortsätze an den
Fühlern der Sphingiden zu verstehen, muss man sich
zunächst über die Struktur des ganzen Fühlers ins Klare
zu bringen suchen. Wir wählen dazu einen Fühler von
Sm. ocellatus $.
Derselbe ist oberhalb des Auges nahe dem Rande
desselben eingelenkt und beschreibt eine aus Fig. 6 er-
sichtliche Biegung. Er entspringt aus einer knotigen An-
schwellung, verdickt sich deutlich gegen die Mitte zu und
verschmälert sich wiederum gegen die Spitze ; c. 50 ein-
zelne Ringel setzen denselben zusammen. Diese Ringel
oder Glieder haben die aus den Fig. 1 und 4 ersichtliche
Form: im Allgemeinen rundlich, beiderseits und unten
etwas kantig ; oben abgeplattet, gewölbt, unten mit stum-
pfer Kante. Ihrer Wölbung wegen schliessen sie nicht
eng aneinander, sondern wie aus Fig. 1 (die ein einzelnes,
durch Trennung von den andern erhaltenes Glied von
der Gelenkfläche aus darstellt) ersichtlich ist, nur mit
den Rändern i i.
Die Gebilde, wie Leydig sie anführt, treten nun in
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter. 159
folgender Weise auf. Oben befinden sich die Schüpp-
chen; die einen starken Beleg bilden (Fig. 4 und Fig. 2,aa).
Sie sind von derber, horniger Struktur, verschieden lang,
im Allgemeinen mehrfach länger als breit, vorn ausgeran-
det oder ausgeschnitten bis zugespitzt. Sie liegen dach-
ziegelförmig in Reihen neben- und übereinander , nicht
immer regelmässig. An den Querschnitten (Fig. 1, a a)
sind sie ebenfalls sichtbar. Die Unterseite der Fühler
ist schuppenlos, an ihr befinden sich die Haargebilde, die
kürzeren, vorn zugespitzten und gebogenen Haare (Fig. 5, bb)
und die langen überall gleich dicken , steifen Borsten
(Fig. 4, dd). Die eigentümlichen, bräunlichen Kegel finden
sich an jedem Gliede. Sie treten in der Regel einfach,
manchmal auch paarig auf. Ihre Einfügungsstelle ist vorn,
unten, wo das Segment abgerundet ist. Sie sind schräg nach
der Spitze des Fühlers zu gerichtet, ungefähr so lang oder
wenig länger als die gewöhnlichen Haare, viel kürzer als die
steifen Borstenhaare. Die genauere Form zeigen die Abbil-
dungen (Fig. 4 u. 5). Von breiterer Basis ausgehend, ver-
jüngen sie sich nach oben. Manchmal schienen sie mir mit
ihrer Basis auf einer Art Aufsatz zu sitzen. Die Spitze er-
scheint bei den einen ganz abgerundet, bei den anderen
abgestutzt. Dieselbe ist etwas dunkler gefärbt. Im In-
nern sind die Kegel hohl, ihre Wandungen scheinen
weichhäutiger Natur zu sein, sie sind durchscheinend.
Wie Fig. 5 zeigt, läuft unten eine Art stumpfen Kieles
über alle Segmente hin. Darauf sitzen die Kegel auf.
Anfangs schien es mir als seien nicht alle Segmente mit
Kegeln versehen. Sie verschwanden nämlich etwa vom
zwölften Gliede an, von der Spitze aus gerechnet. Ley-
dig konnte sie bis über die Hälfte^ der Antennen hinaus
verfolgen. An diesem Verschwinden ist aber nur eine
schraubenförmige Drehung Schuld, die der Fühler be-
schreibt. Fig. 6 zeigt dieselbe. In der Lage A scheinen
die Fortsätze in der Nähe des zehnten Segmentes aufzu-
hören, dreht man den Fühler aber herum, so bemerkt
man bei dieser Lage B, dass sie mit derselben Regelmäs-
sigkeit auf allen übrigen Segmenten auftreten. Auf jedem
Segmente steht der Kegel auf der entsprechenden Stelle,
160 Baltzer:
nämlich auf der der mit Schuppen belegten Seite entge-
gengesetzten. Könnte man den Fühler so um sich selbst
drehen, dass die schraubenförmige Biegung aufgehoben
würde, dass also die die Schuppen tragende Seite genau
nach oben, die andere genau nach unten zu stehen käme,
so würden auch in der Lage A alle Kegel sichtbar sein.
Die Kegel treten, wie erwähnt, an einigen Segmen-
ten paarig auf, eine Regel lässt sich indessen nicht er-
kennen. In Fig. 4 kommen solche paarige Kegel am
fünften, sechsten und den folgenden Gliedern vor, weiter
unten treten sie indessen wieder einfach auf. Nie fand
ich sie in grösserer Zahl als zu zweien. Solche paarige
Kegel stehen dicht nebeneinander und divergiren etwas
nach aussen. 'In Fig. 1 ist ein Segment mit doppelten
Kegeln von der Gelenkfläche aus gesehen abgebildet.
Das Endglied Fig. 3 zeigt auffallender Weise keinen
grösseren Kegel, dafür schienen mir aber zwei ganz kleine
Kegelchen (c'c') nahe der Mitte zu aufzutreten. Das
Endglied würde also in dieser Beziehung eine Ausnahme
bilden.
Dies Endglied ist überhaupt eigenthümlich gestaltet.
Wie aus Fig. 3 ersichtlich, ist es vorn abgerundet, der
Schuppenbeleg (a) ist sehr ausgebildet, er ragt vorn ganz
bedeutend über das Glied hinaus, jedenfalls um die wei-
che, zarte Unterseite, wo die empfindlichen Sinnesorgane
sich befinden, vor Stössen und harten Berührungen zu
schützen. Von den erwähnten, steifen Borstenhaaren (d)
befinden sich mehrere an diesem Gliede, namentlich vorn
an der Spitze.
Vergegenwärtigen wir uns nochmals lebhaft die Ke-
gel und die langen Borsten, so muss uns namentlich die
Regelmässigkeit und die Gleichmässigkeit ihres Auftre-
tens bedeutungsvoll erscheinen. Nicht mit regellosen
Epidermisgebilden, wie Schuppen und Haare sie darstellen,
haben wir es hier zu thun, jene Gebilde hängen offenbar tiefer
und inniger mit der Oekonomie des Thieres zusammen.
Ein Fühler von Sphinx ligustri $ zeigt im Wesent-
lichen dieselben Bildungen. Die obere Seite ist schnee-
weiss, die untere braunschwarz. Jene trägt, wie bei Sm.
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter. 161
ocellatus §, die Schuppen, die die Ursache der weissen
Färbung sind. Sie liegen ebenfalls in nicht ganz regelmäs-
sigen Reihen neben und aufeinander. Die dunkle Seite
hat ein körniges Ansehen und ist mit feinen Häärchen
besetzt. Die rundlichen Segmente schliessen hier fester
aneinander als bei Sm. ocellatus $. Die vier Gebilde sind
alle vorhanden. Abweichend verhält sich die Spitze des
Fühlers. Schon mit blossem Auge sieht man, dass der
Fühler vorn an der Spitze sich auffallend nadeiförmig
verdünnt. Unter dem Mikroskope erscheinen die letzten
Segmente sehr locker ineinander geschachtelt und ab-
weichend von den übrigen geformt. Das letzte Glied ist
etwa dreimal so lang als die übrigen, an der Spitze der-
selben stehen einige der erwähnten Borsten, alle nach
vorn gerichtet, ausserdem zierliche zweispitzige Schuppen
und kurze Häärchen. Die Kegel treten an den nächst-
folgenden Segmenten aufs deutlichste auf. Sie erscheinen
weit vorgestreckt , im Uebrigen nicht verschieden von
denen bei Sm. ocellatus ?. •
Auch einige Männchen dieser Thiere untersuchte
ich, jedoch konnte ich leider wegen mangelnden Materials
nicht sicher entscheiden, ob sie Kegel haben oder nicht.
Anscheinend fehlen sie ; es handelt sich indessen darum
den den Männchen eigentümlichen, oft ungemein zier-
lichen Haarbesatz zu entfernen, der die Kegelchen, na-
mentlich wenn sie klein sein sollten, zu verdecken wohl
im Stande ist. Bei einem Spinner (N. dictaea <?) habe
ich die Kegelchen deutlich gesehen. Da bei vielen Le-
pidopteren das Weibchen ruhig sitzend wartet, bis es von
dem umherirrenden Männchen befruchtet wird, so ist es
sehr wahrscheinlich, dass gerade ^die Männchen mit Ge-
ruchswerkzeugen ausgerüstet sind, um die Weibchen zum
Zwecke der Befruchtung auffinden zu können. Aglia
tau $ (der Schieferdecker) sitzt ruhig wie ein gelbes Blatt
am Fusse der Stämme, wie soll das Männchen anders im
Stande sein das Weibchen aufzufinden, als durch den
Geruchssinn? Ebenso verhält es sich bei Liparis dispar u. a.
Ja es giebt eine Anzahl von Lepidopteren mit nur kurzen
Flügelstummeln oder gar keinen Flügeln, wo also das
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. H
162 Baltzer:
Weibchen nicht im Stande ist sich weit von der Stelle
zu bewegen, dennoch wird es vom Männchen aufgefunden.
Ein Fühler von Sphinx elpenor $ zeigte 60 — 70
Glieder, auf der Gelenkfläche hatten die Segmente eine
stumpf- dreieckige Form, die ganze Antenne erwies sich
ebenfalls in der Mitte als am dicksten, oben und unten
war sie verschmälert. Jeder Ringel zeigte an den Ge-
lenkflächenrändern querstehend einen ungemein zierlichen,
eleganten Haarbesatz, der seitlich am stärksten entwickelt
war. Oben fehlten die Haare, unten waren sie kurz.
Das Spitzenglied zeichnete sich durch seine Länge und
durch mehrere lang hervorstehende Borsten aus.
Sph. tiliae J verhielt sich ähnlich.
Zufällig kam mir ein Spinner (N. dictaea tf) unter
die Hände. Er zeigte einen überraschend schönen und
zierlichen Fühlerbau und alle vier Gebilde waren vorhan-
den. Fig. 8 stellt den unteren, Fig. 7 den mittleren Theil,
Fig. 9 die Spitze des Fühlers dar. In der That, wenn
man die Feinheit und Zierlichkeit bewundern will, mit
der die Baumeisterin Natur selbst in ihren kleinsten
Schöpfungen zu Werke geht, so bietet sich in der mi-
kroskopischen Betrachtung der Insektenfühler ein reiches
Material. Das Charakteristische der Fühler dieses Spin-
ners besteht in den sperrig abstehenden Rippen. Der
mittlere Fühlertheil (Fig. 7) zeigt sie am deutlichsten.
Hier sind sie am längsten, entschieden rippenförmig,
vorn etwas gebogen und abgestumpft. An der Basis des
Fühlers (Fig. 8) erscheinen sie dagegen kurz und abge-
stumpft. Fig. 9 zeigt ihr Verhalten an der Spitze. Wo
werden nun hier die Borsten und Kegel stehen? Ganz
naturgemäss am Ende der Rippen, denn hier können sie
ihre bald näher zu besprechenden Funktionen am besten
verrichten. In der That, fasst man diese Spitzen näher
ins Auge, so gewahrt man schon hei massiger Vergrösse-
rung die steifen nach vorn gerichteten Borsten, die sich
in nichts von den Borsten bei Sm. ocellatus $ unterschei-
den. Jede Spitze trägt eine solche Borste (dd). Auch
die Kegel (cc) treten deutlich dicht neben den Borsten
hervor. Sie sind klein, oft zu zweien vorhanden (Fig. 7).
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter. 163
Neben den Borsten und Kegeln finden sich Schuppen und
Haare (Fig. 9), somit alle vier Gebilde vor.
Ein anderer Bombyx, den ich untersuchte, zeigte
gerade solche Rippen mit Borsten an der Spitze. Bei
den Tagfaltern dagegen scheinen einige der Fühlerge-
bilde entweder ganz zu fehlen oder doch nur schwach
entwickelt zu sein.
BeiVergleichung von L eydig's Beobachtungen mit
den meinigen ergiebt sich, dass die vier Fühlergebilde/
wie Leydig sie bei C. nupta und A. atropos vorfand,
ganz ebenso auch bei meinen vier Arten vorkommen.
Sie sind für die ganze Gruppe der Sphingiden specifische
Gebilde und kommen wohl auch den meisten Bombyciden
und Noctuiden zu.
Einige, wenn auch unbedeutende Differenzen zwi-
schen L eydig's Angaben und den meinigen, finden sich
indessen doch. C. nupta zeigt keine so charakteristische
Form des Fühlerendgliedes, wie die Sphingiden. Den grös-
seren Kegel vorn an diesem Endgliede fand ich bei den
Sphingiden nicht vor. An seine Stelle traten bei Sm.
ocellatus zwei kleine Kegelchen näher der Mitte zu auf.
Die Abbildung L eydig's zeigt an jedem Segmente nur
einen Kegel, ich fand nicht selten deren zwei. Die Ke-
gel, die Leydig von C. nupta abbildet, haben eine
kleine aufgesetzte Spitze, dieselbe fehlt den Sphingiden.
Bei C. nupta liessen sich diese Kegel weit nach hinten
verfolgen, wie Leydig anführt. Dass sie in der einen
Lage nicht an allen Segmenten sichtbar waren, wird wohl
auch bei C. nupta in der erwähnten schraubenförmigen
Biegung der Fühler seinen Grund haben.
Haben wir bisher die Fühlergebilde der Sphingiden
von anatomischer Seite her kennen gelernt, so wird es
sich nun um eine physiologische Deutung handeln. Die-
selbe hat Leydig bereits gegeben. Er deutet die Bor-
sten an den Antennen der Insekten und Krebse als Tast-
borsten, die Kegel als Geruchsorgane. Was zunächst die
Borsten anlangt, so bleibt das Entscheidende der Nach-
weis, dass an das betreffende Organ Nerven herantreten.
Ohne Nerv keine Sinnesempfindung. Bei durchsichtige-
164 Baltzer:
ren Insektenlarven und zarteren Krebsen hat Leydig
diesen Zusammenhang beobachtet, die dunkeln, hartscha-
ligen Fühler vieler Insekten und Krebse verwehren in-
dessen wegen ihrer Undurchsichtigkeit die Erörterung
dieses Punktes. Auch bei den Sphingiden konnte ich aus
dem angeführten Grunde leider über diesen Zusammen-
hang nichts wahrnehmen. Glücklicher Weise hat New-
port in der oben citirten Abhandlung das Nervensystem
von Sphinx ligustri bis ins Einzelnste verfolgt. Er bildet
Tab. XIV, Fig. 10 die Anfänge der Fühlernerven ab. Es
ist also an Sph. ligustri constatirt, dass Nerven sich in
die Fühler der Sphingiden verzweigen, combinirt man hier-
mit Leydig's Beobachtung, dass bei durchsichtigen In-
sektenlarven Nerven an die Borsten herantreten, so wird
es auch für die Sphingiden nahezu fest stehen, dass die
Fühlerborsten als Tastorgane (Tastborsten nach L eydig)
aufzufassen sind.
Wie verhält es sich nun mit der Deutung der Kegel
als Geruchsorgane. Nach Leydig kommen nur zwei
Möglichkeiten in Betracht: die Kegel vermitteln entweder
das Hören oder das Riechen. Erstere Deutung verwirft
er, da er als Gehörorgan ein bei verschiedenen Insekten
an der Wurzel der Hinterflügel (bei den Dipteren an der
Basis der Halteren) befindliches Gebilde nach dem Vor-
gange des Engländers Hicks betrachtet, was mit den
über das Gehörorgan bei Grillen und Heuschrecken be-
kannten Beobachtungen übereinstimmt *). Dass Gebilde
von der Form dieser Kegel zum Riechen dienen können,
ist nach Leydig gar nicht unwahrscheinlich. Endigen
doch bei den Wirbelthieren die Geruchsnerven auch in
stäbchenartigen Gebilden! Was dort die Stäbchen sind,
sind hier die Kegel.
Man erinnere sich ferner an den Umstand, dass die
Kegel hohl sind, dass ihre Wandungen, wie ich überzeugt
bin,, nicht aus hartem, hornigen, sondern aus weichem,
1) Vergl. Leydig's Abhandlung S. 299 : Nachweis eines Or-
ganes bei Coleopteren und Dipteren, welches dem „Ohr" der Or-
thopteren entspricht.
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter. 165
nachgiebigen Material bestehen. Nur scheinbar giebt
ihnen die bräunliche Farbe, verbunden mit einer gewissen
Durchsichtigkeit ein hornähnliches Aussehen. Einige so-
genannten Bürstenbinderraupen , z. B. die von Oregyia
fascelina, haben hinten auf dem Rücken zwischen den
Haaren einen kegelförmigen Fortsatz von ähnlicher Gestalt
und gleicher Farbe. Derselbe ist in hohem Grade weich
und empfindlich. Wenn ich an den Raupen von O. fasce-
lina denselben berührte, so wurde er eingezogen, wie die
Schnecke ihre Fühler zurückzieht, bald aber wieder her-
vorgestreckt. Die Bedeutung dieses Fortsatzes ist mir
unbekannt,
Den entscheidenden Nachweis, dass die Kegel mit
Nervenästen in Verbindung stehen, kann man bei den
Sphingiden der schon oben erwähnten Undurchsichtigkeit
der Fühler halber nicht liefern. Leydig hat ihn aber
für andere Arthropoden gegeben T). Wenn nun dort im
Uebrigen die Kegel ganz in ähnlicher Weise auftreten,
wie hier bei den Sphingiden, so wird auch die Verbin-
dung mit dem Nerv, wie sie dort stattfindet, hier anzu-
nehmen sein.
Nächst diesen anatomisch -physiologischen Gründen,
worin ich im Allgemeinen nur Leydi g gefolgt bin, glaube
ich, was speciell die Sphingiden anbelangt, noch einige
Beobachtungen anführen zu können, die das Gesagte noch
mehr erhärten.
Dass viele Insekten Geruchsempfindungen haben wie
wir, davon kann sich Jeder überzeugen, der Aaskäfer und
Aasfliegen beobachtet. Jedermann weiss, dass solche Thiere
auf weite Strecken durch den Geruch des faulenden Aases
angelockt werden.
Die Sphingiden ernähren sich während ihrer kurzen
Lebensdauer, die in der Regel nur wenige Tage beträgt,
von Blumensäften, die sie vermittelst des langen Rollrüs-
sels (Lingua spiralis), unter Mitwirkung des Saugmagens,
aus den Blüthen aufziehen. Wer Schmetterlinge sammelt,
1) Vgl. Leydig's Abh. (Tab. VII. 4) die Abbild, d. Endglieder
eines der kürzeren Fühlhörner einer Wasserassel (Asellus aquaticus).
166 Baltzer:
weiss, dass sie sich zu diesem Zwecke vorzugsweise an
gewissen mehr oder weniger wohlriechenden Blüthen,
z. B. der Bedunie, des Seifenkrautes (Saponaria officina-
lis) , namentlich aber an dem starkduftenden Geissblatt
(Lonicera caprifolium) , in der Morgen- und Abenddäm-
merung einfinden. Am Geissblatt fand ich sie an warmen
Tagen des Mai und Juni, sowie im August, stets sicher.
Lasst sich ein anderer Grund hierfür denken, als dass es
die Geruchsempfindungi ist, die sie zu ihren Nahrungs-
pflanzen hinleitet? Sie kommen aus grossen Entfernun-
gen oft zu ganz isolirt stehenden Geissblattlauben hin und
halten sich daran auf, selbst wenn andere blühende Pflan-
zen in Masse in der Nähe stehen. Mir war bei meinem
früheren Wohnorte ein einzeln auf dem Berge stehendes,
von Aeckern, Wiesen und Waldung umgebenes Haus
bekannt. Dasselbe hatte eine Geissblattlaube und siehe da,
die Dämmerungs- und Nachtfalter der ganzen Umgegend
fanden sich an den ihnen Nahrung gewährenden Blüthen
so reichlich ein, dass die Hausbewohner eine beträchtliche
Sammlung davon anlegen konnten.
Es gelang mir aber auch direkt durch Versuche mit
riechenden Oelen nachzuweisen, dass die Sphingiden für
Gerüche empfänglich sind. An anderen Insekten hat
schon ein Hr. M. Ed. Perris (s. dessen citirte Abhandl.)
ähnliche Versuche gemacht 1). Ich halte aber seine Me-
thode für eine unrichtige und deshalb auch seine Resul-
tate für nicht beweisfähig. Er spiesste nämlich die be-
treffenden Insekten an feinen Nadeln auf, um die Ver-
suche anzustellen. Dass er bei diesem Verfahren sehr
auffallende Empfindungsäusserungen wahrnahm, ist sehr
erklärlich. Zum mindesten ungenau ist aber der Schluss,
den er zieht, es sei die Riechsubstanz, die den Effekt
hervorgebracht habe. Das Aufspiessen, selbst mit aller
Vorsicht und mit der feinsten Nadel, wird das Thier so
irritiren und verletzen, dass jede Aeusserung der Em-
1) Noch frühere derartige Beobachtungen von Lehmann
und Hub er sind ganz unbrauchbar, weil widersprechend (s. Pe rri s'
Abh. S.187).
Zur Anatomie und Plrysiologie der Dämmerungsfalter. 167
pfindung mehr oder weniger nur eine Folge dieses Ein-
griffes in seine Organisation sein wird. Jeder nun mit
ihm vorgenommene Versuch wird unrein sein, der Effekt
ist durch einen fremden Faktor rnitbedingt, der das Re-
sultat ganz unrichtig, zum mindesten ungenau machen wird.
Man muss daher die Versuche mit den Thieren wie
sie sind vornehmen. Das Thier muss sich im normalen
Zustande befinden. Viele Insekten werden sich freilich
durch die Flucht der Einwirkung zu entziehen suchen,
nicht alle sind indessen so empfindlich. Gerade die Sphin-
giden eignen sich nach meiner Erfahrung ausnehmend
gut zu den Versuchen. Ich beobachtete die in meinem
Zimmer befindlichen Thiere bei Tage. Sie sassen ganz
ruhig in den dunklen Falten der Fenstergardinen. Ohne
das Thier im Mindesten zu berühren oder vorher zu rei-
zen, näherte ich nun den Fühlern das Ende eines in Ter-
pentinöl getauchten Stäbchens. Jedesmal bewegten sich
die vorher ausgestreckten Fühler langsam zurück und
legten sich endlich vollkommen an den Körper an. Dies
Anlegen geschah mit der Seite, woran die Kegel sich
befinden, so dass diese nun vor der Einwirkung des
Riechstoffs geschützt waren. Wir thun ja etwas ähnliches;
wenn wir mit Hand- oder Taschentuch das .Geruchsorgan
vor unangenehmer Einwirkung zu sichern suchen. Ein
Exemplar von Sphinx ligustri bemühte sich mehreremals
den afficirten Fühler mit den Vorderbeinen abzuputzen.
Davon zu kriechen oder zu fliegen versuchten die Thiere
selten und nur dann, wenn ich sie längere Zeit gereizt
hatte. Zum Fliegen entschliessen sie sich überhaupt bei
Tage nicht leicht, es kostet ihnen eine gewisse Anstren-
gung, da sie (wie die Maikäfer) erst dann dazu im Stande
sind, wenn sie während einiger Minuten durch zitternde
Bewegung der Flügel Luft in ihr Tracheensystem aufge-
nommen haben. Hierbei spielen gewisse blasige Erweite-
rungen des Tracheensystems eine bedeutende Rolle. Die-
selben liegen zu beiden Seiten des Körpers zu mehreren.
Beim Fliegen füllen sie sich mit Luft, ich fand sie stets
schlaff und faltig (Fig. 25, z). Die Stigmata liegen bei
den Sphingiden nicht, wie man nach Gerstaecker (S. 21)
168 Baltzer:
für alle Insekten annehmen könnte, auf der Grenze zweier
Körperringe, sondern es befindet sich je ein Stigma jeder-
seits in der Mitte jedes Segmentes auf der zarten Verbin-
dungshaut zwischen Rücken- und Bauchplatte. Es erscheint
als längliche Spalte von einem verdickten Rande umgeben.
Ich machte mir den Einwand das Stäbchen an sich
könne durch seine blosse Gegenwart das Thier in ande-
rer Weise irritirt haben. Vielleicht erhielt es durch den
Gesichtssinn von dem fremden Körper Kunde, oder das
angenäherte Stäbchen erregte einen geringen Luftstrom,
der das Thier irritirte. Dem war aber nicht so. Näherte
ich das Stäbchen, ohne es eingetaucht zu haben, und
zwar ganz vorsichtig, um den Luftzug zu vermeiden, ge-
gen den diese Thier e allerdings sehr empfindlich sind,
so erfolgte das Zurückziehen der Fühler nicht. Die Riech-
substanz allein war der Grund der Erregung.
Perris giebt an (S. 175 seiner Abhandl.), dass beim
theilweisen Abschneiden der Antennen die Empfindlich-
keit für Gerüche sich vermindere, um so mehr je mehr
Glieder man abschneide, dass sie ganz aufhöre, wenn man
den Fühler vollständig amputire.
Noch ein weiterer Beweis. Beim Ueberziehen der
Fühler mit einer Gummilage muss die vorher sich kund-
gebende Empfindlichkeit gegen Gerüche verschwinden.
Denn sind die Fühler wirklich Sitz der Geruchsorgane,
so verhindert der Gummi die Reizung derselben durch
den Riechstoff. Der Versuch bestätigt für die Sphingiden
diese Argumentation. Ich nahm das Ueberziehen vor,
das Thier wurde sehr lebhaft, flog im Zimmer hin und
her, setzte sich aber endlich nieder. Anfangs irritirte
der Gummiüberzug das Thier sehr, es versuchte vergeb-
lich mit den Vorderfüssen denselben zu entfernen, es bog
und krümmte dabei den Hinterleib, ein Zeichen von
Schmerz, denn beim Aufspiessen geschieht dasselbe. End-
lich kam es vollkommen zur Ruhe. Nun näherte ich das
mit Terpentinöl benetzte Ende des Stäbchens vorsichtig
und siehe da, es erfolgte kein Zurückziehen der Fühler.
Man könnte behaupten (vergl. Perris, S. 175),
die Reaktion dieser Thiere gegen Riechstoffe rühre nur
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsf alter. 169
von einem allgemeinen Unbehagen her, vielleicht dadurch
hervorgebracht, dass die mit dem Riechstoff geschwän-
gerte Luft durch die Stigmata in das Tracheensystem ge-
langt, wie wir z. B. durch Einathmen von Chlor unan-
genehm affizirt werden. Würden die Thiere dann aber
nicht der ihnen unangenehmen Einwirkung zu entfliehen
suchen? Weshalb bewegen sie gerade nur die Fühler,
woran die Geruchsorgane sich befinden? Bringt man die
Spitze des Stäbchens in die Gegend des Hinterleibes
unmittelbar an die Stigmata, so tritt die Fühlerbewegung
erst nach einiger Zeit oder gar nicht ein. Natürlich, der
Riechstoff trifft die Geruchsorgane nun nicht mehr un-
mittelbar, sondern erst nach gewisser Frist; nimmt man
hierbei nur ganz wenig von dem Terpentinöl an das Stäb-
chen, so reagirt das Thier gar nicht, die Einwirkung ist
nicht mehr intensiv genug, um das Thier zu vermögen
seine Geruchsorgane durch Anlegen an den Körper zu
schützen.
Unter den früheren Autoren, die den Insekten einen
Geruchssinn zuschrieben, waren einige der Meinung, die
Stigmata seien Sitz desselben, so z.B. Cuvier und auch
noch Burmeister, der die Fühler für Gehörorgane
hält 1). Aus dem bereits Angeführten ergiebt sich wohl
die Widerlegung. Dieselbe geben bereits Bergmann
und Leuckart in folgenden Worten: „Bringt man ein
Aethertröpfchen auf der Spitze einer Nadel den Luftlöchern
noch so nahe, niemals bemerkt man ein Zeichen, dass
eine Geruchsempfindung statt gefunden habe. Anders
aber ist es, sobald man dasselbe dem Kopfe nähert. Au-
genblicklich bewegen sich die Antennen und strecken
sich wie zu näherer Prüfung der riechenden Substanz
entgegen." Es ist mir nicht bekannt, mit welchen Insekten
diese vonPerris erwähnten Versuche vorgenommen wur-
den. Die Sphingiden verhalten sich nur in so fern an-
ders, als sie die riechende Substanz nicht zu betasten,
1) Vergl. Burmeister's Entomologie Bd. I. S. 319. Dage-
gen waren schon Reaumür und Lyon et der Ansicht, die Fühl-
hörner möchten Sitz der Geruchsorgane sein.
170 Baltzer:
sondern im Gegentheile ihre Geruchsorgane davor zu
schlitzen suchen.
Aus allem Angeführten ergiebt sich demnach nur
die Bestätigung der aus dem Baue der Fühler gezoge-
nen Resultate. Die Ergebnisse der anatomischen Unter-
suchung, wie die der mit Versuchen verbundenen äusse-
ren Beobachtung, führen zn dem Resultate: die Sphingi-
den riechen mittelst der an den Fühlern befindlichen
Kegel.
Beiläufig führe ich noch eine andere Art von Ein-
wirkung an, gegen die die Thier e, wie ich beobachtete,
sich gleichfalls sehr empfänglich zeigten. Ich führte durch
ein kleines Röhrchen, wie man sie zum Aufblasen in-
nerer Organe benutzt, mittelst des Mundes einen Luft-
strom bald auf diese, bald auf jene Stelle ihres Körpers.
Während der Riechstoff nur ihre Fühler in Bewegung
brachte, zeigten sie gegen diese Einwirkung eine auffal-
lende Empfindlichkeit. Richtete ich den Luftstrom gegen
den Kopf, so gerieth das Thier sofort in Bewegung und
suchte mit den Vorderfüssen sich des störenden Ein-
flusses zu erwehren. Am Hinterleibe zeigte sich weniger
Empfindlichkeit. Am stärksten war die Erregung, wenn
der Luftstrom den ganzen Fühler bestrich. Sobald ich
mit Blasen innehielt, war das Thier ruhig wie zuvor. Zu
allen derartigen Versuchen eignen sich in der That die
Sphingiden ausgezeichnet. Sie sind bei Tage äusserst
träge und ertragen mit dem grössten Phlegma solche Ein-
wirkungen, denen die meisten anderen Insekten entwi-
schen würden. Bei dem Thier, dessen Fühler mit Gummi
überzogen waren, erfolgte keine Erregung, wenn ich den
Luftstrom auf dieselben führte. Sofort zeigte sich die-
selbe, wenn der Rücken oder die Bauchseite des Körpers
afficirt wurde. Namentlich die Bauchseite war empfind-
lich , der ganze Hinterleib bewegte und krümmte sich
alsdann, das Thier wurde unruhig. Es begann fort zu
kriechen und schickte sich endlich zum Fliegen an. Die
Empfindlichkeit der Bauchseite hat jedenfalls darin ihren
Grund, dass dieselbe weichhäutiger Natur ist, und dass
hier das Nervensystem seinen Verlauf nimmt.
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter. 171
Das Angeführte scheint mir darzuthim , dass die
Sphingiden gegen Luftzug resp. gegen Wärme und Kälte
sehr empfindlich sind, es entspricht dem die dem Sammler
bekannte Thatsache, dass bei windigem Wetter die Sphin-
giden an den gewöhnlichen Standorten meistens aus-
bleiben.
Alles über die Funktion der Fühler in Anschluss
an Leydig Gesagte, lässt sich kurz in folgende Haupt-
sätze zusammenfassen :
1) Die Fühler der Sphingiden zeigen bei mikrosko-
pischer Betrachtung vier Gebilde : a) gewöhnliche Haare,
b) Schuppen, c) lange, gerade Borsten, d) Kegel.
2) Hiervon sind die beiden ersteren unwesentliche
Epidermisgebilde, die beiden letzteren dagegen sind ihrem
ganzen Baue und Auftreten nach als Sinnesorgane zu
betrachten.
3) Die Beobachtung der lebenden Thiere und Ver-
suche mit denselben liefern die wesentlichsten Stützen
für die Ansicht, es seien die Fühler Sitz von Tast- und
Geruchsorganen, ins Besondere wird das Letztere dadurch
fast zur Gewissheit erhoben.
4) Zum Tasten dient die nicht mit Schuppen be-
deckte Seite der Fühler, ins Besondere vertreten die Bor-
sten (Tastborsten nach Leydig) diese Funktion. Der
Schuppenbeleg bezweckt den Schutz jener Seite.
5) Als Riechorgane sind die Kegel zu betrachten.
6) Ausserdem zeigt der ganze Körper, namentlich
gewisse Partien desselben , Empfindlichkeit, z. B. gegen
Luftströmungen.
Der Verdauungsapparat der Sphingiden.
Die allgemeine Bildung des Verdauungsapparates bei
den Schmetterlingen ist genügend bekannt ]). Abbildun-
gen desselben, wie er bei den Sphingiden auftritt, waren
1) Vergl. Suckow, Tab. II, Fig. 10. Herold, Tab. III
Fig. 12. Swammerdamm; Tab. XXXVL Fig. 1. Ramdohr
Tab. XVIII; Fig. 1.
172 Baltzer:
mir nur von Ach. atropos und Sphinx ligustri zur Hand l) ;
dieselben dürften vielleicht noch einiger Ergänzungen
fähig sein.
Wie bei fast allen Schmetterlingen besteht der Ver-
dauungskanal auch hier aus folgenden Haupttheilen :
1) der Schlund, Faux ;
2) die Speiseröhre, Oesophagus (Fig. 10, a);
3) zwei Speichelgefässe, Glandulae salivales (bb);
4) ein Saugmagen (c) ;
5) ein Magen, Ventriculus (d) ;
6) ein Dünndarm, Illium (ee) ;
7) die malpighischen Gefässe, Vasa Malpighi (ff) ;
8) ein Dickdarm, Crassum (g) mit blindem An-
hange, Coecum (h) ;
9) ein Mastdarm, Rectum (i) mit dem After en-
digend.
Fig. 10 giebt die Ansicht dieser Theile von Sph.
ligustri $.
Der Oesophagus (a) ist schmal und eng, ganz in den
Muskelbündeln des Thorax versteckt. Die Speichelge-
fässe (bb) sind verhältnissmässig dicker, vielfach gewun-
den. Ramdohr unterscheidet bereits bei Zyg. filipendulae
„blasenartige Gefässe" und eine innere Röhre 2). Diese
beiden Gebilde zeigen auch die Sphingiden. Jedoch sind
die „blasenartigen Gefässe" nicht scharf abgegrenzt in
Gestalt regelmässiger, rundlicher Zellen wie Ramdohr
sie abbildet, es sind vielmehr unregelmässig vertheilte
und verschieden geformte Anschwellungen (Fig. 11, b'").
Sie sind bei Weitem nicht so zahlreich vorhanden und
liegen nicht regelrecht in Reihen nebeneinander. Die
innere Röhre (Fig. 11 u. 12, b' b') wird bei den Sphingiden
beim Zerreissen der äusseren Membran deutlich sichtbar.
Am blinden Ende zeigen die Speichelgefässe der Sphin-
giden eine keulenförmige Anschwellung (b"). Bei Sph.
1) Vgl. Wagner's Icones etc., Tab. XXIV. Fig. 5, von Ache-
rontia atropos, undNewport, philos. transactions, Tab.XIV. Fig.13,
von Sphinx ligustri.
2) Vergl. dessen oben citirte Abh. Tab. XVIII, Fig. 4.
Zur Anatomie und Physiologie der Dämme rungsfalter. 173
elpenor $ sind die rundlichen Anschwellungen (Fig. 12,
b'" b'") in grösserer Zahl vorhanden als bei Sph. li-
gustri £.
Der sogenannte Saugmagen (Fig. 10, c) mündet dort,
wo der Oesophagus in den Ventriculus übergeht. Ich
fand denselben nur einmal mit Luft angefüllt, er war
stets schlaft1 und daher unansehnlich. Seine Funktion ist
bekannt.
Der Magen (d), wenig länger als der Oesophagus,
erscheint im Allgemeinen länglich, etwa dreimal so lang
als breit, von den Tracheen, den malpighischen Gefässen
und dem Corpus adiposum '(Fettkörper), wie von einem
Pelze bedeckt. Bemerkenswerth sind die regelmässigen
schwachen Einschnürungen. Bei Sph. elpenor $ hat er
äusserlich zwei markirte Abschnitte, einen breiten, birn-
förmigen Theil und einen schmalen, cylindrischen.
Der lange, geschlängelte Dünndarm (Fig. 10, ee) ist
etwas dicker als der Oesophagus und fällt mehr in die
Augen als derselbe. Er windet sich vielfach hin und
her. Die malpighischen Gefässe (ff) kommen in der ge-
wöhnlichen Zahl sechs vor, je drei auf gemeinsamem Stiel.
Sie erscheinen hier als dünne, gelbliche Röhrchen von
sehr beträchtlicher Länge. Es ist kaum möglich sie aus-
einander zu wirren und zu isoliren. Nicht nur auf der
Oberfläche des Magens schlängeln sie sich hin , sondern
auch auf dem Darme, den sie förmlich umspinnen. Bei
einem Exemplare von Sphinx elpenor J bildeten sie auf
dem Darme die zierlichsten Figuren.
Das bei Weitem auffallendste Organ, welches beim
Aufschneiden des Thieres sofort in die Augen fällt, ist
der ganz colossal entwickelte, dicke, wurstförmig auf-
geschwollene Dickdarm (Fig. 10, g). Er strotz förmlich
von den Ueberresten der zum Aufbaue der inneren Organe
nur theilweis verbrauchten , nunmehr unbrauchbaren Bil-
dungsflüssigkeit, die das Thier während und nach dem
Ausschlüpfen mit ziemlicher Gewalt in Gestalt rother
Tropfen von sich spritzt. Dieselbe ertheilt diesem Darm-
abschnitte die so auffallende orangerothe Farbe. Stets
findet sich bei den Sphingiden der blinde Anhang, Coe-
174 Baltzer:
cum (Fig. 10, i) am Dickdarme. Nach Swammerdamm
fehlt derselbe bei Vanessa urticae, auch in Ramdohr's
Abbildung des Darmkanals von Zygaena filipendulae ist
er nicht vorhanden, dagegen bilden ihn Suckow bei
Gastropacha pini und Herold bei Pontia brassicae ab.
Lage und Form des Afters verlangen eine etwas
nähere Betrachtung, da die betreffenden Abbildungen bei
anderen Schmetterlingen, so weit sie mir bekannt sind,
keinen Aufschluss darüber geben. Die Fig. 13, 14, 15,
16, 17 zeigen den After von verschiedenen Seiten. Um
ihn deutlich zu sehen, müssen die umgebenden äusseren
Haare entfernt werden. Fig. 15 zeigt denselben bei Sm.
ocellatus $ von vorn, Fig. 14 von der Seite aus gesehen.
Drückt man bei diesem Thiere das Ende des Hinterleibes
gelinde zusammen, so stülpt sich aus der äusseren durch
das Hautskelett gebildeten Oeffnung an der Hinterleibs-
spitze ein Fortsatz hervor. Dieser Fortsatz zeigt zweier-
lei Gebilde (Fig. 14 u. 15), einen äusseren, ringförmigen,
mit Haaren besetzten Rand (p) und eine innere, dunkle
Stelle (o). Letztere ist indessen nicht die Afteröffnung
selbst. Drückt man noch etwas stärker, so erscheinen
zwei nierenförmige Klappen (Fig. 13, kk), die wir After-
klappen nennen wollen. Diese umschliessen die eigent-
liche Afteröffnung (1). In Fig. 13 sind sie allein abge-
bildet. Wie dort ersichtlich, sind sie mit starken Borsten
besetzt. Dieselben sind lang, zugespitzt, etwas gebogen
und sitzen auf kleinen warzigen Hervorragungen. Fig. 16
zeigt die beiden nierenförmigen Klappen (dd) von der
Seite. Die Haut t ist sehr muskulös und dehnbar,
darauf beruht es, dass der After sich einziehen und weit
hervorstülpen lässt. Der Haarkranz (s) ist hier deutlich
sichtbar, er besteht aus starken, steifen Borsten, die bün-
delweise zusammen stehen. Mit p ist der Afterring be-
zeichnet, der die nierenförmigen Afterklappen umschliesst.
Er ist in Fig. 30 deutlicher sichtbar. Der After ist also
bei den Sphingiden durchaus nicht so einfach construirt,
wie ihnRamdohr, Suckow und Herold bei Zygaena
filipendulae, Gastropacha pini und Pontia brassicae abbil-
den. Er erscheint im Gegentheile bei näherer Unter-
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter. 175
suchung durch die ihn umgebenden Apparate ziemlich
complicirt und es wird weiter unten von den letzteren
noch weiter die Rede sein.
Fortpflanzungs o rgane.
Wir gelangen jetzt zu denjenigen Organen, die beim
ausgebildeten Thiere überaus entwickelt sind und offen-
bar im ganzen Organismus desselben eine Hauptrolle
spielen. Der entwickelte Schmetterling soll die Fort-
pflanzung besorgen, dazu hat ihn die Natur bestimmt und
bei ihm deshalb diese Theile vorzugsweise entwickelt.
Der Schwerpunkt des ganzen Organismus liegt in diesem
Organsystem, nicht wie bei der Raupe in den der Er-
nährung dienenden Theilen. Im Raupenzustande hatte
das Thier die Aufgabe möglichst viele Stoffe zu assimili-
ren, damit für die Bildung des Schmetterlinges in der
Puppe das nöthige Material vorhanden sei. Grundver-
schieden ist also mit Bezug hierauf der Organismus der
Raupe von dem des Schmetterlings und höchst interessant
ist es, wie Herold bei Pontia brassicae es gethan hat,
das allmähliche Ueberhandnehmen der Geschlechtsorgane
und Zurückdrängen des Verdauungskanales in den ein-
zelnen Stadien der Puppe zu verfolgen. Hier wollen wir
indessen nur die ausgebildeten Organe betrachten. Ich
fand keine Abbildungen derselben von Sphingiden vor
und wenn sie auch im Allgemeinen sich ähnlich verhal-
ten, wie sie Suckow und Herold jener bei G. pini,
einem Bombyx, dieser bei V. urticae, einem Tagfalter,
abgebildet haben, so darf ich doch hoffen hier und da
etwas hinzufügen zu können.
Die männlichen Geschlechtstheile.
Ich beschreibe sie so, wie ich sie bei Sm. tiliae vor-
fand. Nachdem ich das Thier auf dem Boden der Secirschale
festgeheftet, öffnete ich dasselbe mittelst einer Scheere
von der Bauchseite her. Zuvor hatte ich die Haare und
Schuppen des Körpers entfernt und die Beine abgeschnit-
176 Baltzer:
ten. Darauf klappte ich die Lappen des Hautskelettes
nach beiden Seiten zurück und legte so die Eingeweide
bloss. Sofort fallen nun die sehr lebhaft gefärbten, grü-
nen Hoden in die Augen (Fig. 19, a). Es hält nicht
schwer, wenn man Fettkörper und Tracheen entfernt und
den Darmkanal auf die Seite legt, den ganzen männlichen
Geschlechtsapparat herauszupräpariren. Er besteht aus
folgenden Theilen *) :
1) Der Hode, Testiculus (Fig. 19, a);
2) Die zwei Ausführungsgänge des Hodens, Vasa
deferentia (bb);
3) Die Samenblase, Vesicula seminis (cc);
4) Der gemeinschaftliche Samen- oder Ausführungs-
gang, Ductus ejaculatorius (dd) :
5) Der Penis.
Der Hode von Sm. tiliae (Fig. 19, a) ist grün, läng-
lich rund. Er liegt ungefähr in der Mitte des Hinterlei-
bes. Herold zeigte, dass bei P. brassicae derselbe in
der Raupe und Puppe aus zwei getrennten Stücken be-
steht, welche sich mehr und mehr nähern und endlich
verschmelzen. Auch bei den Sphingiden wird dies der
Fall sein, es zeigt sich aber keine Einschnürung oder
Furchung, welche darauf hindeutet, dass im Larven- und
Puppenzustande zwei getrennte Hoden existiren. Bei
Sph. elpenor ist der Hode breiter als bei Sm. tiliae,
gleichfalls von grüner Farbe und im Uebrigen beschaffen,
wie dort.
Die Yasa deferentia (bb) kreuzen sich an ihrem
Ursprünge und sind daselbst bedeutend angeschwollen;
ungefähr in der Mitte ihres Verlaufes verengen sie sich
aber wieder zu schmalen Gängen, die in die grosse, ring-
förmige, gewundene Vesicula seminis (cc) einmünden.
Dieselbe besteht hier nicht aus zwei getrennten Schläu-
chen, es haben sich vielmehr dieselben vereinigt zu einem
einzigen ringförmigen Gefässe. Die Vesicula ist bedeu-
1) Vergl. die entsprechenden Theile bei V. urticae, P. brassi-
cae, G. pini: s. Swammerdaram, Biblia nat. Tab. XXXVI, Fig. 5;
Herold, Tab.IV> Fig. 7 u. Tab XXXII; Suckow, Tab. IV, Fig. 22.
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter. 177
tend dicker, als die untere Hälfte der Vasa deferentia.
Nicht weit von der Einmündung der letzteren geht von
der Vesicula seminis der lange, gewundene Ductus eiacu-
latorius (dd) ab, der mit seinem Ende hinten in den Penis
eintritt. Er, der Ductus eiaculatorius, wie auch die Ve-
sicula und die Vasa deferentia haben alle die gleiche
weissliche Färbung.
Das Merkwürdigste an dem ganzen männlichen Ap-
parate ist unstreitig der Penis, den man, wie ich glaube,
noch nie einer genügenden Untersuchung unterworfen
hat1). Die Aftergegend des männlichen Thieres verhält
sich etwas anders als beim Weibchen. Der Hinterleib
des Männchens ist daselbst zugespitzt und läuft oft in einen
Haarpinsel aus. Bei Sm. tiliae wird an dieser Spitze
durch klappenartige Theile eine Art Höhlung hergestellt,
in der man bei gelindem Drucke deutlich den Penis
wahrnehmen kann. Er tritt zwischen zwei mir nicht
näher bekannten Haken hervor, die dem Männchen bei
der Begattung zum Festhalten der weiblichen Theile
dienen werden. Die .Hinterleibsspitze von Sph. elpenor d*
zeigt Fig. 17.
Schon mit blossem Auge erkennt man am Penis drei
Haupttheile :
1) den Penisstiel (Fig. 20,1);
2) das keulenförmige Ende (m);
3) eine Art Halter (k), in welchem der Penis sich
hin und her schiebt.
Diese Gebilde finde ich weder von Suckow, noch
von Herold oder Jemand anderem beschrieben. Die
Fig. 20, 21, 22 und 23 stellen den Penis von Sm. tiliae
1) H erold bildet ihn von P. brassicae mit den umgebenden
Theilen ab (Tab. IV, Fig. 4 und Fig. 3). Ueber den Penis selbst
erfährt man aus der Figur nichts näheres. Gar keinen Aufschluss
giebt die Abbildung der männlichen Geschlechtsorgane von G. pini
bei Suckow (Tab. IV, Fig. 22). Burmeister, s. dessen Abbildun-
gen zum ersten Theile des Handbuchs der Entomologie (Tab. XIII,
Fig. 28— 31). bildet die Spitze des Hinterleibes und den Penis von
Deilephila galii ab. Der Penis von. Sm. tiliae hat eine ganz andere
Form, den Halter zeigt Burmeister's Abbildung nicht.
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 1 %
178 Baltzer:
dar. In Fig. 20 erscheint er in natürlicher Grösse mit
den umgebenden Tlieilen. Man bemerkt , dass er die
unmittelbare Fortsetzung des Ductus eiaculatorius ist. Die
Bezeichnungen sind (1) für den Penisstiel, (m) für die
Keule, (k) für den Halter. Ausserdem ist der Dickdarm (g)
sichtbar, der nach oben sich in den Dünndarm (e) fort-
setzt. Der Penis entspringt aus dem fleischigen Ende des
Ductus eiaculatorius. Seine Basis ist von dichten Muskel-
bündeln (Fig. 21, n) umgeben, durch deren Contraktion
und Ausdehnung er bewegt wird. Schiebt man diese
Umhüllungen etwas zurück, so bemerkt man, dass der
Penisstiel unten knieförmig gebogen ist. Dieser Stiel ist
im Innern hohl. Er ist braun gefärbt, steif und hornig.
Auffallend setzt sich oben die weiche zarte Endkeule (m)
ab. Sie lässt sich leicht zerdrücken, während der Stiel
hornig und hart ist. Ihre Farbe ist gelblich. Vorn be-
sitzt sie eine trichterförmige Vertiefung, in welcher die
Oeffnung liegt und die mit nach auswärts gerichteten
Borsten besetzt ist. Der Halter (Fig. 21 u. 22, h) scheint
dazu bestimmt dem Penis als Stützpunkt zu dienen und
ihn in einer gewissen Lage zu erhalten. Der Penis steckt
in ihm wie die Serviette im Serviettenring. In der Mitte
ist der Halter gleich einem Sattel ausgebogen, an den
Rändern erhöht und verdickt. Seine Farbe ist braun,
wie die des Penisstieles. Isolirt man den Stiel (Fig. 23),
so sieht man die erwähnte knieförmige Biegung aufs
deutlichste , auch oben ist der Penisstiel in natürlicher
Lage etwas gekrümmt.
Die weiblichen Geschlechtsth eile.
Wenn man bei den männlichen Geschlechtswerkzeu-
gen der Sphingiden von einer besonderen Complikation
nicht gerade sprechen konnte, so gilt das desto mehr
von den weiblichen. Eine Reihe von Anhangsdrüsen
treten hier auf, deren jede ihre Funktion hat. Der ganze
Apparat giebt ein hübsches Bild von dem Zusammenwir-
ken verschiedener Faktoren zu einem gemeinsamen Zweck,
dem nämlich, das Ei zu erzeugen und es, nach gehöriger
Vorbereitung nach aussen zu befördern.
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter. 179
Alle vier von mir untersuchten Specics zeigten fol-
gende Haupttheile der weiblichen Geschlechtstheile J) :
1) Zwei Eierstöcke mit gemeinschaftlichem Ausfüh-
rungsgange (Fig. 25, k 1 m).
2) Die Samentasche, Receptaculum seminis (Fig. 26,
r' r'j r'").
3) Ein paariges Kittorgan, Glandulae sebaceac sive
collcteriae (Fig. 25, n op.) mit gemeinschaftlichem
Aus f ü h r u n g s g a n g C .
4) Eine Begattungstasche, Bursa copulatrix (Fig.25,u).
5) Die äussere Scheide, Vagina.
Die sehr entwickelten Eierstöcke fallen beim Auf-
schneiden eines weiblichen Thieres sogleich ins Au^c.
bei einiger Geduld gelingt es trotz dem alle Thcile um-
spinnenden Fettkörper und den Tracheen, die einzelnen
Organe zu unterscheiden und über die Art ihrer Einmün-
dung ins Reine zu kommen.
Die Anordnung im Allgemeinen ergiebt sich aus
Fig. 25 bei Sm. occllatus. Fig. 26 zeigt dieselben Thcile
von Sph. ligustri $.
Der Mastdarm und die beiden Eierstöcke münden
bei m aus (Fig. 25 und Fig. 26). In Figur 25 ist auch
Dickdarm, Dünndarm und Magen sichtbar. Oberhalb
der Einmündung des Mastdarmes ( vom After aus ge-
rechnet) mündet das Kittorgan in den Ausführungs-
gang des Eierstockes. Es ist an seinen beiden bau-
chigen Anschwellungen (Fig. 25, oo) und den langen
gewundenen Enden (pp) leicht zu erkennen. Das Rec.
seminis ist nur in Fig. 26, r' r" r'" sichtbar. Das Kitt-
organ war paarig, hier haben wir > ein einfaches Organ.
Es mündet oberhalb des Kittorganes gleichfalls in den
Eierstock ein. Die Bursa copulatrix (Fig. 25, u), ein
höchst interessantes Organ, ist in Fig. 25 durch die Eier-
stöcke verdeckt, in den Fig. 27 und 28 ist sie besonders
1) Vergl. diese Theile bei V. urticae: Swammerdamm,
Tab. XXXVI, Fig. 8j bei P. brassicae: Herold, Tab. IV, Fig 1 und
Tab.XXXIII; hei G. pini: Suckow, Tab VI, Fig. 29.
180 Baltzer:
abgebildet. Sie stellt einen kurzen Beutel dar, für den
der Name Begattungstasche sehr passend gewählt ist, er
bezeichnet zugleich Form und Funktion dieses Theiles.
In Fig. 26 ist der kleine Ausführungsgang sichtbar, mit-
telst dessen Tasche und Eierstöcke in Verbindung stehen.
Betrachten wir nun die angeführten Theile im Ein-
zelnen und zwar zunächst die Eierstöcke. Dieselben
lagern sich breit über die anderen Organe hin. Mit ihrem
muskulösen Enden inseriren sie sich an die Rückenwand.
Schneidet man diese beiden Enden ab und schlägt die
Eierstöcke zurück, so erhält man die Ansicht Fig. 25.
Jeder der zwei Eierstöcke besteht aus vier langen schnur-
förmigen Eierreihen (kk). Sie sind hier nur zum Theil
abgebildet. Die vier Reihen des einen Eierstockes ver-
einigen sich zu einem Stamme (1), der mit dem entspre-
chenden Stamme des anderen Eierstockes zusammen-
tritt zu dem gemeinschaftlichen Ausführungsgange (m).
Die Eierstöcke sind in der That die zierlichsten
Gebilde, die man sich denken kann. Wie die Perlen
einer Perlenschnur reihen sich die Eier hintereinander
auf. Sie stecken in den durchsichtigen, glashellen Eier-
röhren, eines hinter dem anderen. Diese farblosen gal-
lertartigen Röhren bemerkt man kaum. Sie sind ela-
stisch , die Eier sind in sie hineingepresst, wodurch die
Röhren bauchig ausgedehnt werden. Im Zwischenräume
der Eier haben die Röhren ihre gewöhnliche Weite. Je
weiter vom Ausführungsgange die Eier liegen, desto klei-
ner werden sie , schliesslich wie Pünktchen. Die vier
getrennten Reihen nähern sich und verschmelzen endlich
miteinander zu einem Strange, der mit seinem muskulösen
Ende an die Rückenwand sich heftet. An diesem End-
theile sind die Eichen farblos, weiter nach vorn zu haben
sie eine lebhaft grüne Färbung. Sie sind bei Sm. ocel-
latus elliptisch, schön perlmutterglänzend. Eine consi-
stente , derbe Epidermis verleiht dem Eiinhalte den nö-
thigen Schutz. Das Thier legt die Eier auch ohne vor-
hergegangene Befruchtung am zweiten oder dritten Tage,
nicht auf einmal, sondern nach und nach. Die unbefruch-
teten Eier erhalten aber bald einen Eindruck und schrum-
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter. 181
pfen zusammen, woraus sich ihre Untauglichkeit ergiebt.
Nie gehen Räupchen aus solchen Eiern hervor.
Interessant ist die Frage, wie denn die Eichen, wenn
das Thier sie nach und nach legt, in den Eiröhren vor-
wärts geschoben werden. Jedenfalls dadurch, dass hinten
neue Eier nachwachsen, die bei zunehmendem Wachsthum
die reiferen Eier vorwärts schieben. Dieser Nachwuchs
hat indessen seine Grenze, denn beim Oeffnen solcher
Exemplare, die schon gelegt haben, erscheint der Eier-
stock bedeutend kleiner. Die elastischen Eiröhren mögen
wohl durch Contraktionen ihrer Wandungen an der Her-
ausbeförderung der Eier mitwirken.
Hiilfs- und Anhangsorgane der weiblichen Geschleehts-
theile sind Samen- und Begattungstasche, sowie das Kitt-
organ.
Die Samentasche (Fig. 26, r' r" r'") mündet weiter
oben als das Kittorgan, d. h. weiter vom After entfernt,
in den gemeinschaftlichen Ausführungsgang (m) der bei-
den Eierstöcke. Man unterscheidet an ihr 1) den Aus-
führungsgang (V), 2) die birnförmige Anschwellung (r"),
3) das lange, dünne, blinde, gewundene Ende (r'"j. Wie
bei den Speichelgefässen , so wird auch hier beim Zer-
reissen der äusseren Membran eine innere Röhre sichtbar.
Sollte deshalb dieses Organ nicht neben der Funktion
als Behälter der Samenfäden noch eine andere haben?
Bei Sph. elpenor ist die Samentasche am Ende kurz zwei-
hornig. Die Eichen können den Ausführungsgang der
Samentasche nicht passiren ohne daselbst befruchtet zu
werden, Samenfäden wird man natürlich nur dann in der
Samentasche finden, wenn eine Begattung stattgefun-
den hat.
Am Kittorgane (Glandulae sebaceae sive colleteriae)
unterscheidet man drei paarige Theile und einen unpaa-
ren, den gemeinschaftlichen Ausführungsgang. Die bei-
den langen, blinden, gewundenen Enden (Fig. 25 u. 26, pp)
haben unten eine Anschwellung (oo). Jede der beiden
Anschwellungen setzt sich in einen dickeren Stamm fort,
und diese beiden Stämme vereinigen sich zu dem kurzen
gemeinschaftlichen Ausführungsgange (n\ An der Verei-
182 Baltzer:
nigungsstelle befindet sich eine kleinere Anschwellung
(Fig. 26, o'). Das ganze Kittorgan ist durchsichtig wie
Glas. Seine bekannte Funktion ist die eine Art Leim
zu bereiten. In dem Momente, wo das Ei sich am Aus-
führungsgange des Kittorgans vorbeischiebt, wird es mit
diesem Leime überzogen und haftet dann dort, wo der
Schmetterling es ablegt. Bekanntlich wissen diese Thiere
sehr wohl, an welche Pflanzen sie die Eier befestigen
müssen, um dem sich entwickelnden Räupchen die ihm
nöthige Nahrung zu verschaffen. Dieser Leim versieht
seine Dienste sehr gut, es gehört ein gewisser Druck
dazu, um die Eier von ihrer Unterlage, loszureissen.
Das merkwürdigste Organ ist die Begattungstasche
(Bursa copulatrix). Suckow bildet sie bei G. pini ab,
sie findet sich auch bei anderen Insekten, doch zeigt sie
bei den Sphingiden Eigenthümiichkeitcn, namentlich was
das Vorhandensein eines Gebildes bei Sph. elpenor an-
belangt, welches ich für ein Reizorgan halte.
Die Begattungstasche (Fig. 27 nat. Gr. Fig. 28 vergr.)
zeigt zwei Haupttheilc: 1) die sackförmige Tasche selbst,
2) den verbindenden Gang zwischen der Tasche und dem
Ausführungsgange der Eierstöcke. Aus der äusseren
Scheide gelangt man unmittelbar in die Tasche hinein.
Sic ist in hohem Grade muskulös, ihre Wandungen sind
derb und dehnbar. Der kurze Verbindungsgang entspringt
von der Basis der Tasche und geht quer hinüber nach
dem Ausführungsgange der Eierstöcke. Er mündet ge-
rade gegenüber dem Receptaculum seminis. Bei Sphinx
elpenor untersuchte ich die Tasche näher und fand eine
ungemein zierliche Struktur an ihr vor. Die ganze Tasche
hat ungefähr die Form eines Daumens. Man kann je
nach der Verschiedenheit der Struktur an der Tasche drei
Partien unterscheiden, eine obere (Fig. 28, u";), eine mitt-
lere (Fig. 28, u") und eine untere (Fig. 28, u'j. Die mitt-
lere Partie (u") zeigt regelmässige ring- oder wellenför-
mige Bänder auf der derben Wandung. Auf der unteren
Partie (u') dagegen beobachtete ich, dass diese Bänder
ganz unregelmässig, spiralig verliefen und stärker entwickelt
waren als auf dem Thcile u". Zwischen den spiralig ver-
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter. 183
laufenden Bändern bemerkte ich eingelagerte Zellen.
Offenbar wird diese Struktur durch die Lagerung und
Schichtung der Muskeln bedingt, wodurch die Ringe und
Spiralen gebildet werden. Die Oeffnung gegen die Scheide
zu ist mit t bezeichnet. Der obere Theil des Organes
(Fig. 28, u"') zeigt die erwähnte Struktur nicht, dagegen
ist in ihm ein merkwürdiges Gebilde vorhanden, welches
ich bei Sph. elpenor beobachtete. Schon mit blossem
Auge sieht man an der inneren Wandung des oberen
Theiles der Tasche einen braunen Streifen. Ich finde
nirgends seiner Erwähnung gethan und beschreibe ihn
daher genauer. Fig. 29 zeigt ihn vergrössert, seine Struk-
tur erhellt am besten aus der Figur selbst. Auf beiden
Seiten eines helleren Längsstreifens stehen hornige braune
Schuppen. Sie sind quer gestellt und die der einen Seite
schauen mit ihren Spitzen nach der entgegengesetzten
Seite, wie die der anderen. Die Schuppen lagern daeh-
ziegelförmig aufeinander, sind unten breit, oben gerundet,
mit einer kleinen aufsitzenden Spitze versehen. Diese
Spitze ist dunkler gefärbt. Die braune Farbe des Strei-
fens rührt von der braunen Farbe der Schuppen her. Man
hat, wenn man mit einer Nadel über die Schuppen hin-
fährt , das Gefühl als striche man über ein Reibeisen,
denn die Schuppen sind stark, hart und hornig. Was
die Deutung dieses sonderbaren Schuppenbesatzes anbe-
langt, so glaube ich der Wahrheit am nächsten zu kom-
men, wenn ich ein Reizorgan darin sehe, bestimmt bei
der Begattung die Eiaculation des Samens zu vermehren.
Die Begattungstasche hat zunächst die Funktion den
Penis aufzunehmen, der durch die äussere Scheide in das
Organ hineingeschoben wird. Der entleerte Same bleibt
zunächst in der Tasche selbst, Tbald aber gelangen die
Samenfäden vermöge ihrer schlängelnden Bewegung durch
den Verbindungsgang in den Ausführungsgang des Eier-
stockes und schlüpfen, da sie in Masse vorhanden sind,
in das Rec. seminis. Es wird keinem Eichen gelingen
unbefruchtet vorbei zu kommen, denn von der Samen-
tasche und von der Begattungstasche her dringen die
Samenfäden auf dasselbe ein.
184 Baltzer:
v. Siebold (s. dessen vergl. Anat. S. 644, unten)
erwähnt bei Melitaea, Zygaena tf. s. w. zwei kleine, ver-
ästelte Drüsenorgane, welche kurz vor der äusseren Schei-
denöffnung münden und einen zur Begattung anregenden
Riechstoff absondern sollen. Bei den Sphingiden schei-
nen solche nicht vorzukommen.
Es bleibt schliesslich übrig Form und Lage der äus-
sern Scheide zu besprechen.
Die äussere Scheide von Sph. ligustri $ ist Fig. 30,
von der Bauchseite aus gesehen, dargestellt. In Wirk-
lichkeit, wenn das Thier auf seinen Füssen steht, liegt
sie unter dem After. Ihrer Einrichtung bei anderen
Schmetterlingen ist nirgends genauer Erwähnung gethan.
Oberhalb des Afters (in der Figur) gelangt man in die
Scheide hinein, die sich nach hinten in die Begattungs-
tasche fortsetzt, s ist der Verbindungsgang zwischen Be-
gattungstasche und Eierstock. Im Scheideneingang lie-
gen rechts und links zwei klappenartige Theile (Fig. 30, vv),
in der Mitte ein rinnenförmiger Theil (w).
Am After sind deutlich die beiden nierenförmigen
Afterklappen (kk) und die Afteröffnung (1) sichtbar. Den
After umschliesst der hornige Ring (p). Die (in der Fi-
gur) obere Seite dieses Ringes hat einen fleischigen
Wulst (p'). Es sei mir verstattet, eine Deutung dieser
einzelnen Theile zu versuchen. Die hornigen, festen
Klappen, sowie der Afterring dienen jedenfalls zunächst
als Stütz- und Haltpunkte für die weichen Theile, die
sich an sie anfügen. Die Klappen der Scheide sichern
derselben die gehörige Geräumigkeit. In der mittleren
Rinne kann sich !der Penis bequem hin und her schie-
ben, wobei er auf den fleischigen Wulst aufzuliegen kommt.
Durch letzteren Umstand wird seine Bewegung gleich-
falls erleichtert. In der natürlichen Stellung des Thieres
liegt die Rinne oben, die Fig. 30 zeigt ja die Ansicht der
Theile von der Bauchseite aus. Wrenn die Rinne zunächst
bestimmt ist den Penis aufzunehmen, so sollte man er-
warten sie läge unten. Erinnert man sich indessen an
die Krümmung des Penisstiels (Fig. 23 u. 24), so ergiebt
sich der Sachverhalt leicht. Der fleischige Endkolben
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter. 185
des Penis wird bei der Begattung sich nicht am Boden
der Scheide, sondern eben seiner Krümmung halber, an
der Decke der Scheide der Rinne entlang hinschieben und
deshalb ist die Rinne daselbst angebracht.
Wenn man sämmtliche den After umgebende Weich-
theile entfernt, so bleibt schliesslich ein festes horniges
Gerüst übrig, welches nach aussen den erwähnten After-
ring bildet und an welches sich unten die hornigen Klap-
pen der Scheide anlehnen und stützen. Ich will dieses
Gestell Aftergerüst nennen. Dasselbe hat mehrere hornige
Fortsätze, an denen man oben noch die sich davon inse-
rirenden abgerissenen Muskeln sieht. In Fig. 18 ist nicht
das Aftergerüst, aber wenigstens die Form dieser Stüt-
zen (im) angedeutet. Ihre Zahl ist vier. Da sie den mus-
kulösen Partien zum festen Ansatzpunkte dienen, will
ich sie Afterstützen nennen.
Es bietet vielleicht Interesse, noch einen kurzen Ver-
gleich anzustellen zwischen dem inneren Baue der Sphin-
gidenund dem anderer Lepidopteren. Soviel mir von Lite-
ratur zugänglich war, ist nämlich untersucht worden:
V. urticae (Verdauungs- und Geschlcchtswerkzeuge)
von Swammerdamm.
P. brassicae (alle Theile) von Herold.
Z. filipcndulae ( Verdauungs Werkzeuge) von Ram-
d ohr.
G. pini (alle Organe) von Suckow.
So übereinstimmend im Allgemeinen der Bau der
Lepidopteren ist , gewisse Differenzen finden sich doch
vor. Bei V. urticae und P. brassicae bilden die betref-
fenden Autoren nur einen Saugmagen ab l) und zwei
Samenblasen2). P. brassicae hat eine einhornige Samen-
tasche 3). Der blinde Anhang des Dickdarms, den P. bras-
sicae besitzt, findet sich in S wamm erdamms Abbildung
1) Swammerdamm, Tab. XXXVI, Fig. ]. Herold, Tab. III,
Fig. 12.
2) Swammerdamm, Tab. XXXVI, Fig. 2. Tab. IV, Fig. 7.
3) Herold Tab. IV, Fig. 1, u y p und Tab. XXXII. Swam-
merdamm bildet Tab. XXXVI, Fig. S keine Samentasche ab,
186 Baltzer:
von V. urticae nicht. Die Speichelgefässe, sagt S wam-
mer dämm, besitzen bei V. urticae einen gemeinschaft-
lichen Ausführungsgang *), Herold bildet einen solchen
nicht ab Nach Swammerdamm besässc der Magen
von V. urticae zwei Abtheilungen , P. brassicae besitzt
nach Herold nur eine.
Zygaena filipendulae unterscheidet sich nach Ram-
d oh r s Abbildung auffallend von allen übrigen durch das
Vorhandensein von zwei Saugmägen 2), der Magen hat der
Abbildung zufolge zwei Abtheilungen , der Dickdarm
besitzt keinen blinden Anhang.
G. pini nach Suckow besitzt überhaupt keinen
Saugmagen3), der Magen hat eine Abtheilung, der Dick-
darm zeigt deutlich den blinden Anhang. Das Rec. se-
minis ist zweihornig 4), bei den obigen Tagfaltern war es
einhornig.
Nach meinen Erfahrungen über die Sphingiden ist
hier durchgängig nur ein einziger Saugmagen vorhanden,
der blinde Anhang kommt allen zu. Die beiden bei den
Tagfaltern getrennten Samenblasen fand ich bei Sm. tiliac
verbunden zu einem kreisförmigen Gefässe. Das Rec.
seminis scheint theils ein-, theils zweihornig zu sein.
Für die Systematik scheinen mir die Unterschiede
zwischen den verwandten Familien der Zygaenen und
Sphingiden von Interesse zu sein. Dieselben werden
äusserlich dadurch unterschieden, dass jene Nebenaugen
besitzen, diese nicht, ferner durch den Bau der Flügel-
rippen, der Fühler u. s. w., dazu käme nun von anatomi-
scher Seite hinzu, dass die Zygaenen zwei Saugmägen
besitzen und keinen Blinddarm, die Sphingiden einen
Saugmagen und stets einen Blinddarm. '
1) Swammerdamm, Tab. XXXVI, Fig. 1.
2) S. Ramdohr's Abh. Tab. XVIII, Fig. 1.
3) S. Suckow's Abb. Tab. II, Fig. 10.
4) Tab. VI, Fig. 2\\
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter. 187
Erklärung der Abbildungen.
Taf. IV.
Gleiche Theile sind mit gleichen Buchstaben bezeichnet.
Fig. 1. Ein einzelnes Fühlersegment von Sm. ocellatus $ von der
Gelenkfläche aus gesehen, aa Der Schuppenbeleg, bb Die
gewöhnlichen Haare, c Ein Kegelpaar, h Die innere Höh-
lung des Segmentes, ii Ränder, mittelst denen die Segmente
zusammenhängen.
„ 2. Ein einzelnes Fühlersegment von Sm. ocellatus £ von
oben gesehen, aa Der Schuppenbeleg, c Der Kegel.
„ 3. Spitze des Fühlers von Sm. ocellatus $ von unten gese-
hen, a Der Schuppenbeleg, c Der Kegel des vorletzten
Segmentes. c' c' Kleinere Kegel des letzten Segmentes.
d Tastborsten.
„ 4. Endtheil eines Fühlers von Sm. ocellatus $ von oben ge-
sehen, aa Schuppenbeleg, bb Die gewöhnlichen Haare,
cc Die Kegel (auf dem fünften und sechsten Segment dop-
pelt auftretend), c' Kleinerer Kegel des letzten Segmentes,
dd Tastborsten.
„ 5. Stück eines Fühlers von Sm. ocellatus $ von unten, um
den Kiel zu zeigen, auf dem die Kegel eingefügt sind, b
Die gewöhnlichen Haare, cc Die Kegel, f Der Kiel.
„ 6. Ein Fühler von Sm. ocellatus $, in zwei verschiedenen
Lagen, um die schraubenförmige Biegung und die dadurch
bedingte Verrückung der Kegel sichtbar zu machen. In
der Lage A (die normale) verschwinden die Kegel am
zehnten Segmente, weil sie auf die andere Seite rücken.
In der Lage B sind alle Kegel sichtbar. Bezeichnung der
übrigen Theile wie in Fig. 4.
„ 7, 8, 9. Die drei Stücke des zerschnittenen Fühlers eines
Spinners (ISTotodonta dictaea) rf.
„ 7. Mittlerer Theil des Fühlers von N. dictaea 3*. bb. Die
gewöhnlichen Haare, cc Die Kegel, dd Die Tastborsten,
ee Die langen Rippen, deren jedes Segment zwei hat.
„ 8. Unterer Theil des Fühlers von N. dictaea </. Bezeichnung
wie in Fig. 7.
„ 9. Spitze des Fühlers von N. dictaea J. a Schuppenbeleg.
Bezeichnung im Uebrigen wie in Fig. 7.
„ 10. Verdauungsapparat von Sm. ocellatus g. a Oesophagus,
bb Die zwei Speichelgefässe. b' Die innere Röhre des
Speichelgefässes. b" Das keulenförmige Ende, c Der
Saugmagon, hier luftleer und zusammengefallen, d Magen,
188 Baltzer:
ee Dünndarm, ff. Die malpighischen Gefässe. g. Dickdarm,
h Blinder Anhang des Dickdarms, i Mastdarm.
Fig. 11. Endstück eines Speichelgefässes von Sm. ocellatus $. b'
Die innere Röhre, b" Das keulenförmige Ende, b'" An-
schwellungen, hier nur einzeln vorkommend.
„ 12. Vollständiges Speichelgefäss von Sph. elpenor $, mit zahl-
reichen Anschwellungen. Bezeichnung wie in Fig. 11.
„ 13. Die nierenförmigen, die Afteröffnung einschliessenden Af-
terklappen von Sm ocellatus £. Sie werden nur bei star-
kem Drucke auf die Aftergegend sichtbar. kk Die After-
klappen. 1 Die Afteröffnung.
„ 14. Spitze des Hinterleibes von Sm. ocellatus $ von der Seite.
Durch gelinden Druck ist ein Fortsatz hervorgestülpt wor-
den, an dem man einen Rand oder Ring und innen den
eigentlichen After unterscheidet. Letzterer (erst bei stär-
kerem Drucke sichtbar) ist hier undeutlich. In Fig. 13 ist
er vollständig und allein abgebildet, mm Die hornigen
Rückenschienen der letzten Segmente, nn Die diesem ent-
sprechenden Bauchschienen, o Der vom Afterring einge-
schlossene, eigentliche After (in Fig. 13 deutlicher), p Der
Afterring, aussen mit einem Haarbesatz.
„ 15. Die Spitze des Hinterleibes von Sm. ocellatus $ von vorn
gesehen. Unter dem After ist die Scheide undeutlich be-
merkbar. Bezeichnung wie in Fig. 14.
„ 16. Der After von Sm. ocellatus £, isolirt, von der Seite ge-
sehen, bei stärkerer Vergrösserung, um den Haarkranz und
die muskulöse Haut, die die Hervorstülpung ermöglicht,
sichtbar zu machen, s Der Haarkranz. t Die muskulöse
Haut. Sonstige Bezeichnung wie in Fig. 14.
„ 17. Spitze des Hinterleibes von Sph. elpenor (f, um die Art
und Weise zu zeigen, wie die hornigen Rückenschienen an
die weichen Bauchschienen sich anfügen, m Die Rücken-
schienen, n Die Bauchschienen, q Letzte, den After von
oben bedeckende, zugespitzte Rückenschiene.
„ 18. After, mit einem Theile des gemeinschaftlichen Ausfüh-
rungsganges der Eierstöcke und des Darmes von Sm. ocel-
latus £. e Dünndarm, g Dickdarm. h Blinder Anhang,
i Mastdarm, kk Die nierenförmigen Afterklappen. 1 Af-
teröffnung, m Gemeinsamer Ausführungsgang der beiden
Eierstöcke, uu Hornige Fortsätze des hier nicht gezeich-
neten Aftergerüstes, an deren Enden abgerissene Muskel-
fäden hängen.
„ 19. Männliche Geschlechtstheile von Sm. tiliae. a Die beiden,
in eine rundliche Masse verschmolzenen Hoden, bb Die
beiden, bis zur Mitte ihres Verlaufes stark angesch wolle-
Zur Anatomie und Physiologie der Dämmerungsfalter. 189
nen Ausführungsgänge (Vasa deferentia) der Hoden. cc
Die ringförmige Samenblase, Vesicula seminis. dd Der Aus-
führungsgang, Ductus eiaculatorius. e Dünndarm, g Dick-
darm, h Blinder Anhang, i After.
Fig. 20. Ductus eiaculatorius und Penis von Sm. tiliae (etwa in
nat. Gr.). dd Ductus eiaculatorius. e Dünndarm, g Dick-
darm, i Mastdarm, k Penishalter. 1 Der hohle, hornige
Penisstiel. m Die weiche Endkeule des Penis.
,, 21. Penis von Sm. tiliae (vergrössert). n Muskelbündel, die
sich an den Penisstiel inseriren. Sonstige Bezeichnung wie
in Fig. 20.
„ 22. Penis von Sm. tiliae (noch stärker vergrössert), aus den
ihn umgebenden Theilen hervorragend. Bezeichnung wie
in Fig. 20. Der Stiel ist vorn mit Borsten besetzt.
„ 23. Der Penisstiel von Sm. tiliae, ganz blossgelegt, um die
Krümmung desselben und die knieförmige Biegung an der
Basis (m'j zu zeigen. Sonst Bezeichnung wie in Fig. 20.
„ 24. Samenfaden aus der Hode von Sph. elpenor.
„ 25. Abbildung eines von der Bauchseite her geöffneten Exem-
plars von Sm. ocellatus $. Die die Organe umspinnenden
Tracheen und der Fettkörper sind entfernt, die Eierstöcke
wurden dort, wo ihre Enden an die Rückenwand sich in-
seriren, abgeschnitten und zurückgeschlagen, das Kittorgan
ist ausgebreitet, d Magen, e Dünndarm, f. Die malpi-
ghischen Gefässe. g Dickdarm, kk Die Eierstocksröhren,
jederseits je vier auf gemeinsamen Stamm. 11 Der gemein-
same Stamm, m Der gemeinschaftliche Ausführungsgang
der beiden Eierstöcke. n Der Ausführungsgang des paa-
rigen Kittorganes. oo Die zwei blasigen Anschwellungen
des Kittorganes. o' Die kleinere Anschwellung, pp Die
beiden langen, geschlängelten, blinden Enden des Kittor-
ganes. u Die Begattungstasche, y Das Bückengefäss (Vas
dorsale). z Einer der seitlichen häutigen Luftsäcke (luft-
leer und deshalb zusammengefallen).
„ 26. Der Ausführungsgang des Eierstockes mit dem Receptacu-
lum seminis und dem Kittorgane von Sph. ligustri, nach-
dem die Eierstöcke abgeschnitten und zurückgeschlagen
wurden, r' Ausführungsgang der Samentasche, r" Die
birnförmige Anschwellung der Samentasche, r'" Das lange,
gewundene, blinde Ende, s Der abgerissene Verbindungs-
gang zwischen der Begattungstasche und dem gemeinschaft-
lichen Ausführungsgang der Eierstöcke. Bezeichnung im
Uebrigen wie bei Fig. 25.
190 Baltzer: Zur Anat. u. Pliys. d. Dämmer ungsfalter.
Fig. 27. Begattungstasche von Sph. elpenor $ (etwa in natürl. Gr.).
q Der braune, hornige Streifen (Reizorgan?), t Die Oeff-
nung gegen die Scheide.
,, 28. Begattungstasche von Sph. elpenor $ (vergrössert). Be-
zeichnung wie in Fig. 27. uy" Der obere Theil der Begat-
tungstasche, u" Die mittlere Partie der Begattungstasche
mit regelmässiger, wellenförmiger Zeichnung, u' Die durch
unregelmässige, spiralige Bänder (Muskelbündel) ausgezeich-
nete untere Partie der Begattungstasche.
„29. Der braune, hornige Streifen (Reizorgan) von Sph. elpenor
(vergrössert). q' Mittlere, schuppenlose Partie, q" q" Die
beiden seitlichen mit Schuppen besetzten Partien. Die
Schuppen der einen stehen entgegengesetzt denen der an-
deren Seite. Sie sind braun, hornig, rundlich, oben mit
einer kleinen, aufgesetzten dunkleren Spitze.
„30. After und Scheide von Sph. ligustri £, von der Bauchseite.
Der After liegt über der Scheide, in der Figur unten, weil
die Theile von der Bauchseite aus gesehen dargestellt sind.
Die Scheide setzt sich nach hinten in die Begattungstasche
fort, kk Die nicrenförmigen Afterklappen. 1 Afteröffnung.
p Afterring. p' Unterer Wulst des Afterringes, s Abge-
rissener Verbindungsgang zwischen Begattungstasche und
Ausführungsgang des Eierstockes, u Begattungstasche, vv
Die beiden seitlichen, hornigen Stücke der Scheide (Klap-
pen), w Die mittlere Rinne, x Aeusseres Hautskelett, x'
Muskulöse Haut.
Die sogenannte Körnchenbewegiing an den Pseudopo-
dien der Polythalaniien.
Briefliche Mittheilung an den Herausgeber.
Von
K. B. Reichert.
In Ihrem Archiv (29. Jahrg. Heft III. S. 361— 362)
hat M. S chultze -Eifrige Worte zur Verständigung" in
Betreff der sogenannten Körnchenbewegung an den Pseu-
dopodien der Polythalamien veröffentlicht. Es bezichen
sich diese Worte auf meine Verteidigung (Reichert's und
du Bois-Reymond's Archiv 1863. S. 388 — 392) gegen seine
Angriffe (das Protoplasma der Rhizopoden u. s. w. 1863),
betreffend die von mir gegebene Erläuterung dieser Körn-
chenbewegung (a. a. O. 1862. S. 638 ff.).
Meine Verteidigung schloss mit den Worten : „Schliess-
lich bemerke ich, dass M. S chultze nach wie vcr einen
Unterschied zwischen Zellsaftströmungen in den Pflanzen-
zellen und der Körnchenbewegung an den Pseudopodien
nicht zu finden weiss. So lange der Verfasser auf die-
sem Standpunkte sich befindet, wird es für Jeden, der
die Bildung und das Verschwinden der (scheinbaren)
Körnchen in der Körnchenbewegung an den Pseudopo-
dien verfolgt hat, unmöglich sein, sich mit ihm über die
zur Sprache gebrachten Erscheinungen zu verständigen. u
Wenn ich dessen uncrachtet meinen Entschluss än-
dere und Sie bitte folgende Bemerkungen in Ihr Archiv
aufzunehmen, so veranlassen mich dazu zwei hier unten
wörtlich beigefügte Sätze des Verfassers. „Jetzt nach
dem Erscheinen meiner Schrift giebt Reichert seinen
192 Keichert:
Kampf gegen die Körnchenbewegung auf. Auffallend ist
es nur, dass er dem conccdirenden Artikel eine heftig
polemische Form gegeben hat." — Ausserdem findet sich
am Schlüsse des drittes Abschnittes der Satz: „wenn nicht
Reichert die eigentliche Körnchenbewegung
und die wirklichen Körnchen nunmehr bald selbst
zu entdecken nicht undeutlich in Aussicht stellte. u
Da ich voraussetzen muss , dass M. Schultze in
den „Worten zur Verständigung'' seine wirkliche Auf-
fassung meiner Verteidigung gegeben hat, und dass auch
die Leser Ihres Archiv' s, denen meine Abhandlungen
nicht zur Hand sind, den Stand der Sache in gleicher
Weise auffassen werden, so darf ich die nachfolgende
Antwort nicht zurückhalten.
Indem ich meine Verteidigungsschrift noch einmal
sorgfältig durchlese, so vermag ich für die in obigen
Sätzen M. S ch ul tz e's ausgedrückte Auffassung ausser der
oben citirten Schlussbemerkung nur noch folgenden Ab-
schnitt anzuführen, den ich wörtlich den Lesern Ihres
Archiv' s vorlege: „Ob bei anderen Foraminifercn in der
hyalinen Substanz der Pseudopodien seibstständige Körn-
chen eingebettet und bei der in Rede stehenden Körn-
chenbewegung passiv betheiligt sind, desgleichen unter
welchen Erscheinungen dies geschieht, darüber kann ich
Nichts angeben. Es wird für die Zukunft eine zweite
Aufgabe werden, das Verhalten solcher Körnchen zu der
eigentlichen (sogenannten R.) Körnchenbewegung zu studi-
ren, vorausgesetzt, dass man Pseudopodien mit
wirklichen K örnchen vor findet. — M. S chultze's
Arbeit ist in dieser Beziehung gänzlich unbrauchbar, da
ihm die entscheidende Thatsache zur Lösung einer solchen
Aufgabe völlig unbekannt geblieben ist u. s. w."
Wie M. Schultze aus diesen und den vorhin an-
geführten Worten seine Sätze hat ableiten können, ver-
mag ich nicht einzusehen; dennoch ist nun einmal ein
recht grobes Missverständniss vorhanden, und dieses nÖ-
thigt mich folgende Erklärung — gleichfalls zur Verstän-
digung — abzugeben.
1. Die Körnchenbewegung, welche ich an den in
Die sog". Köruchenb. an d. Pseudop. d. Polythal. 193
der Bucht Zaole (Triest) häufig- vorkommenden Miliola
und Rotalia, — deren Species ich wegen Mangel an sy-
stematischen Büchern nur aus Vorsicht nicht nach den
daselbst gemeinen Formen benannt habe, — der genaue-
ren Untersuchung unterwarf , ist diejenige, welche ich
später auch bei anderen Polythalamien, namentlich auch
bei der von M. Schultz e gezeichneten Polystomella
strigillata, neuerdings verfolgt habe. Die Erscheinungen
sind überall wesentlich dieselben, obschon nicht überall
gleich günstig für eine genauere Untersuchung. Die so-
genannten Körnchen sind in allen Fällen nur scheinbar;
sie stellen den optischen Ausdruck einer Con-
t racti onswelle dar, deren Entstehung schon J.Müller
beobachtete, und die an jeder beliebigen Stelle der aus-
gestreckten Pseudopodie sich bilden und wieder vergehen
kann. Bei der bezeichneten Polystomella habe ich auch
den S c hu ltze1 sehen Versuch mit Karmin gemacht, und
es hat sich bestätigt , was vorauszusehen war, dass mit
diesen Versuchen sich gar Nichts entscheiden lässt.
2. Ich wiederhole, dass ich die Möglichkeit der
Existenz von in der Substanz der Pseudopodien einge-
betteten Körnchen bei irgend einer bisher noch nicht be-
kannten Polythalamie nicht bestreiten kann; es wäre ja
selbst denkbar, dass man in den Pseudopodien noch eine
Höhle mit Flüssigkeit und darin suspendirten Körnchen
entdeckte. Allein ich bestreite, dass irgend ein Beob-
achter bisher dergleichen wirkliche Körnchen gesehen
und beschrieben habe. Solche Körnchen müssten sich
wesentlich anders verhalten, als jene scheinbaren Körn-
chen und die von allen Beobachtern bisher allein ge-
sehene , sogenannte Körnchenbewegung. Bei allen Po-
lythalamien, die ich zu untersuchen Gelegenheit hatte,
gab es Zustände, in welchen die Pseudopodien völlig
hyalin erschienen; und aus einem selbst ruhenden dunk-
len Pünktchen an den Pseudopodien und deren scheinba-
ren Netzen sofort auf die Anwesenheit wirklicher Körn-
chen zu schliessen, ist, wie ich gezeigt habe, völlig un-
statthaft. Nur aus einer fast peinlichen Vorsicht habe
ich es daher als Möglichkeit hingestellt, dass auch wirk-
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 13
194 Reichert: Die sog. Körnchenb. an d. Pseudop. d. Polythal.
liehe Körnchen in der Substanz der Pseudopodien vor-
kommen können; die bisherigen Erfahrungen sprechen
aber dagegen, und ich halte es sogar für wahrscheinlicher,
dass die Substanz der Pseudopodien überall dieselbe
hyaline Beschaffenheit zeigen werde. Jedenfalls haben
meine Beobachtungen über das Entstehen und Vergehen
der ruhenden oder sich bewegenden Körnchen in der
sogenannten Körnchenbewegung gezeigt, dass das mikro-
skopische Bild, welches man als ein wirkliches Körnchen
gedeutet hat, auf eine durch die Contraction bewirkte
Veränderung in der Form der an sich hyalinen Pseudo-
podie zu beziehen sei, mag diese Formveränderung in
einer Verdickung oder in einer wellenförmigen oder
schlingenförmigen Biegung der fadenförmigen Pseudopo-
die bestehen.
3. M. Schultze's „Worte der Verständigung"
haben leider bestätigt, dass man sich mit dem Verfasser auf
eine wissenschaftliche Verhandlung über die sogenannte
Körnchenbewegung an den Pseudopodien der Polythala-
mien nicht einlassen könne.
Beschreibungen einiger Anipliipodeu der istrischen
Fauna.
Von
Professor Dr. Ed. Grube
in Breslau.
In meinem „Ausfluge nach Triest und dem Quarnero"
habe ich einige neue Thiere aus der Ordnung der Am-
phipoden aufgeführt und nach Massgabe der mir damals
zu Gebot stehenden literarischen Hülfsmittel beschrieben.
Da letztere jedoch durch die Publikation der wichtigen
Schriften von Bruzelius, Spence Bäte und West-
wood so bedeutend vermehrt sind, war es meine Pflicht,
jene Beschreibungen zu revidiren und zu vervollständigen,
wobei zugleich hin und wieder auch ein entschiedener
Irrthum von meiner Seite entdeckt ward.
Ich habe zunächst vier Thiere als Amphithöen im
früheren Sinne beschrieben, keines davon gehört zu der
Gattung Amphithöc in der beschränkten Bedeutung wie
sie Spence Bäte festhält, sondern drei derselben, näm-
lich Amphith'öe brevitarsis, A. anisopws und A. leptonyx
zu der von Leach bereits aufgestellten, dann aber von
Mi Ine Edwards wieder eingezogenen Gattung Dexa-
mine, der Subfamilie Gammaridae Sp. B., zu der auch
Amphitonotus spiniventris Costa zu stellen ist, für welche
folgende Charakteristik gilt :
Dexamine: Antennae superiores peduneulo biarticu-
lari, articulis sat longis, flagello simplici munitae. Mandi-
bulae palpo carentes. Pedes paris lmi et 2<*i debiles,
proximis breviores, subchelati. Segmenta septirnum se-
quentia dente dorsuali armata. Telson produetum, supra
fissum.
196 Grube:
D. brevitarsis. Antennae superiores inferioribus paulo
longiores, corpore y4 breviores, articulis fcre 20, a. pe-
dunculi l»io vix breviore quam 2do; multo longiore quam
3io (seu flagelli lmo), articulis flagelli iam ab initio gra-
cilibus, setas tenerrimas ex parte praelongas gerentibus,
antennae inferiores articulis fere 18, a. peduncidi lmo
brevissimo vix distinguendo 2do longiore sed multo breviore
quamSio, articulis flagelli cum antennis superioribus con-
gruentibus, lm° paulo tantum breviore quam antecedente.
Oculi suborbiculares satis magni. Pedes paris Imi et 2di
subchelati, lmi paulo breviores, manu setosa supra leniter
convexa, subtus obtusangula, haud ita longiore quam lata,
2di paulo longiores, manu et articulo proximo paulo pro-
duetis. Pedes ceteri longitudine subaequales articulo pen-
ultimo et antepenultimo aeque brevibus, junetis antece-
dente (4to) brevioribus, 4to longitudinem femoris paulo
superante, spinulis haud ita armati, ungue curvato, longi-
tudinem articuli proximi paene adaequante, p. 5ti f 6ti y Imi
femore angustius triangulo. Segmentum lltum et postre-
mum sola supra in dentem exeuntia. Pedes spurii retror-
sum versi paene aeque inter se et cum pari 3io natato-
riorum prominentes ; appendieibus styliformibus acuminatis
brevispinibus. Telson duplex similis formae atque Dexa-
mines jissidentis.
Länge im Bogen gemessen fast 4 Hill.
Ich habe nach Herausgabe meiner Schrift von die-
ser Art noch ein paar Weingeistexemplare zu untersuchen
Gelegenheit gehabt, bei diesen war das zweite Paar der
Springfüsse nicht kürzer als die anderen, wie bei dem
zuerst von mir beschriebenen. Da ich an den Mandibeln
keine Palpen erkennen kann und das 3te Glied der obe-
ren Antennen von dem 4ten nicht zu unterscheiden ist,
auch das lste und 2te Fusspaar Hände mit Greifklauen
von fast gleicher Form haben, so bringe ich diesen Am-
phipoden, der sonst viele Aehnlichkeit mit Atylus gibbo-
sus Sp. B. besitzt, zur Gattung Dexamine, von deren
anderen Arten er sich sogleich dadurch unterscheidet,
dass nur sein drittletztes und letztes Segment in einen
Rückenzahn ausläuft, und dass am 3ten und an allen fol-
Beschreibungen einiger Amphipoden der istrischen Fauna. 197
genden Beinpaaren das 5te und 6te Glied wie bei jenem
Atylus sehr kurz und zusammengenommen nicht einmal
ganz so lang als das 4t e ist ; letzteres kommt beim 3ten
und 4ten Beinpaare an Länge beinahe dem 2ten Gliede
gleich, übertrifft aber dasselbe bei den übrigen Beinpaa-
ren. Trotz seiner Länge trägt dieses Glied doch nur
wenige und schwache Stacheln, an der Unterecke des
Hinterrandes vom 5ten Fussgliede sitzen 3 — 4 Stacheln,
welche noch nicht halb so lang als dieses sind. Die so-
gleich von Anfang an gestreckten Geisselglieder der Anten-
nen fallen durch ihre zum Theil sehr langen Borsten auf:
bei Aiylus gibbosus sind der Abbildung nach die Glieder
höchstens halb so lang als breit. Die Stirn endet in einen
ganz kurzen Fortsatz. Das lange und schmale Telson
ist entschieden doppelt; ich habe bei einem Exemplare
seine Hälften auseinander klaffend gefunden.
D. aniSOpUS. $ Rubra. Antennae superiores paene
corporis longitudine, articulis 33, a. peduneuli lmo infra
in spinam exeunte, Vi longitudinis 2di aequante, crassitu-
dine dupla, flageilo primario duplici peduneuli longitudine,.
inferiores illis paulo breviores, articulis 26, peduneuli lmo
brevissimo, supra in spinam brevem exeunte, 2do multo
longiore, breviore quam 3i°- Oculi oblongi. Pedes paris
lmi fortiores quam 2di ; manu similiter atque in D. spini-
ventri conformata sed paulo breviore, vix longiore quam
lata, p. 2di debiles, inermes articulis aeque angustis, pro
ungue stylo brevi obtuso muniti, p. 3ü et 4ti utrinque in-
aequales, dextri2<ü* similes, etiam paulo breviores, sinistri
pari lmo longiores, 2do fortiores spinis armati unguibus
longis. Pedes posteriores et p. nataforii spuriique (ut
dentes segmentorum posteriorum cum D. spiniventre con-
gruentes (Pedes spurii p. 3ü haud conservati erant).
Länge bei gestreckterem Körper über 6 Mill.
Die auffallenden Verschiedenheiten im Bau des 2ten^
3ten und 4ten Beinpaars der rechten und linken Seite
machen mich auch jetzt noch, nachdem ich D. spiniveri-
tris aus eigener Anschauung kennen gelernt habe und
auf die Abweichung einiger Theile von Costa's Darstel-
lung aufmerksam geworden bin, zweifelhaft, ob ich dieses
198 Grube:
Thier mit jener Art vereinigen soll. Keines meiner
Weingeistexemplare von D. spiniventris (die ich freilich
lebend nicht beobachtet) zeigt die kirsch- oder fast blut-
rothe Farbe, welche D. anisopus auch nach fast fünf-
jähriger Aufbewahrung in Weingeist behalten hat. Der
Zahn, den ich an der Unterseite des drittletzten Segmen-
tes in meiner früheren Beschreibung angegeben, ist nur
die Endzacke der Hüftplatte vom letzten Paare der
Schwimmfüsse, ebenso ist das dextri und sinistri jener
Beschreibung in das Gegentheil zu verwandeln und hin-
ter tertio vor longitudine V3 einzuschalten. Das Telson
war nicht erhalten.
D. leptonyx. $. Antennae superiores inferioribus paulo
breviores articulis 30, pedunculi Imo inermi, V2 longitu-
dinis 2di aequante, crassitudine dupla; inferiores articulis
plus 30, fere usque ad segmentum lQmum pcrtincntes, pe-
dunculi lmo brevissimo inermi, 2do muito longiore supra
dense piloso, pilis tenerrimis, 3io hoc paene V3 longiore,
tenuiore, supra serie setarum ternarum distantium ornato.
Oculi magni, ex ovali oblongi. Spina frontalis obtusa. Pedes
paris lmi et 2di subchelati , subtus fasciculis setarum te-
nuibus muniti, lmi paulo latiores manu subovali, 2di manu
supra paene truncata, p. ceteri tenuissimi, setarum loco
spinulis geminis vel ternis armati, ungue gracili minus
curvato, in anterioribus longitudine articuli penultimi haud
multo, in posterioribus dimidio breviore, articulo 4to et 6to
aeque longis, in anterioribus antepcnultimo (5to) multo
longioribus, in ceteris multo brevioribus. Pedes naiatorii
pari 7mo paulo breviores, p. spurii paris im tertio illo-
rum paulo breviores, sed retrorsum versi longius promi-
nentes, spurios paris 3ü ut telson excedentes. Segmen-
tum 8vum et sequentia (penultimo excepto) supra in den-
tem magnum exeuntia, ultimum dente laterali quoque et
infero armatum.
Länge 8 Mill.
Diese zartfüssige Art steht ohne Zweifel der Amphi-
thöe tenuicornis Rathke's nahe , unterscheidet sich aber
von derselben dadurch, dass das 2te Stielglied der unte-
ren Antennen oben mit einer kurzen Bürste dichtstehen-
Beschreibungen einiger Amphipoden der istrischen Fauna. 199
der Haare besetzt und das letzte Paar der Springbeine
länger als das vorletzte ist, während es bei A. tenuicornis
kürzer als das vorletzte und das 2te Stielglied jener An-
tennen wie das 4te mit spärlichen Dornen und einigen
Haaren besetzt sein soll. Von der Hand des lsten Fuss-
paares sagt Rathke, dass sie viel kleiner als die Hand
des 2ten sei; bei unserer Art findet beinahe das Umge-
kehrte statt, indem die erste Hand bei fast gleicher Lange
merklich breiter ist. Was die relative Länge der Anten-
nen betrifft, so giebt der Text die oberen etwas kürzer
als die unteren an, die Abbildung dagegen stellt sie län-
ger als diese dar. Der Ampkipode, den Spence Bäte
als Dexamine tenuicornis abhandelt, und für einerlei mit
Rathke's gleichbenanntem Amphipoden erklärt, weicht
in manchen Stücken von demselben ab. So sind z. B.
die Geissein der Antennen gar nicht so sehr viel länger
als ihre Stiele, wie Rathke doch ausdrücklich anführt,
das letzte Paar der Afterfüsse ist länger als das vorletzte
und der Unterrand des 8ten; 9ten und lOten, der Ober-
rand des 12ten und 13ten Segmentes jener mit einer weit-
läufigen Reihe sehr ins Auge fallender langer Borsten
oder Dornen, dieser mit einzelnen dergleichen besetzt.
Die Brütschuppen sind ansehnlich breit und zeigen keine
Randborsten. Das Telson war nicht erhalten.
Meine 4te Amphithöe, A. (Hyale) istrica ist eine Nicea.
Diese von Nie ölet aufgestellte neben Allorchestes in
der Familie der Orchestidae stehende Gattung, kann fol-
gendermassen charakterisirt werden.
Antennae breves, subaequales. Pedes paris lnn et
2di subchelati. Telson profunde divisum. Cetera ut in
Allorcheste genere.
Spence Bäte fügt ausdrücklich hinzu: Coxae of
the thircl pair of pereiopoda (d. h. des 5ten Beinpaars)
much shorter than the proceding, doch finde ich bei der
Vergleichung seiner Figuren von Allorchestes und Nicea
hierin keinen Unterschied, wohl aber einer solchen Orchestia
gegenüber, wo die Hüftplatte des 5ten Fusspaars ebenso
hoch oder nur wenig niedriger als am 4ten Beinpaare ist.
Auf die Aehnlichkcit mit Hyale hat schon Spence Bäte
200 Grube:
hingewiesen und diese hatte mich verleitet die Einfach-
heit des letzten Schwanzanhanges für eine zufällige Ver-
stümmelung meines Exemplars zu halten und nicht wei-
ter zu beachten.
N, istrica. </. Antennae breves, fere V4 longitudinis
corporis aequantes, peduneulo flagelloque minus distinetis,
inferiores superioribus paululum longiores, peduneulo
paulo longiore quam p. superiorum , breviore quam fla-
gello, articulos 9 continente ; articuli flagelli superiorum 8.
Frons inermis. Oculi parvi, ovales. Pedes paris lmi bre-
viores quam 2<li; manu ovali paene diniidio breviore et
angustiore; antico truncata. Carpi angulo infero satis
prominente , piloso, p. 2di manu magna oblonga, subqua-
drangula, antice oblique late truncata, carpi angulo infero
magis produeto, acutiore. Fedes 3ü et 4ti vix longiores
quam 2di; ceteri multo fortiores, setis validioribus armati,
posteriores longiores. Fedes natatorü proximo spuriorum
pari paulo longius prominentes, spurii spinulis singulis lon-
gioribus armati , longitudine valde decrescentes. Telson
obtusum, profunde bilobum.
Länge im Bogen gemessen etwas über 6 Mill., grösste
Höhe 1,5 Mill.
Das einzige Exemplar, das ich erhalten, ist ein
Männchen. Sein Körper ist stärker zusammengedrückt
als bei den Talorchestien und Taletrus. Die oberen An-
tennen haben etwa die doppelte Länge des Kopfes, ihre
drei Stielglieder sind ziemlich gleich lang, während sie
bei den unteren an Länge zunehmen und das 3te zweimal
so lang als das lte ganz kurze aber stärkere ist. Der
kurze Carpus des 2ten Fusspaars verlängert sich nach
unten und vorn in eine lange, am Unterrande mit einer
Reihe Borsten besetzte Spitze.
Der Amphipode aus dem Vranasee auf Cherso, den
ich unter dem Namen Gammarus recurvus besehrieben
habe *), lässt sich zu der von Gammarus abgezweigten
Gattung Crangonyx Spence Bäte bringen, welche er auf
nur eine Art Cr. subterraneus begründet hat und so cha-
*) Ausflug nach Triest und dem Quarnero p, 137.
Beschreibungen einiger Amphipoden der istrischen Fauna. 201
rakterisirt: Snperior antennae having a secondary appen-
dage. First pair of gnathopoda rather larger than the
second. Posterior pair of pleopoda unibranched, not lon-
ger than the proceding pair. Telson simple, entire.
Von jener Art, einem aus einer Pumpe erhaltenen
Thier mit weniger deutlichen Augen *), würde sich frei-
lich die unsrige zunächst durch die mit schwarzem Pig-
ment versehenen Augen, dann aber auch dadurch unter-
scheiden, dass das erste Fusspaar dem zweiten ganz
ähnlich ist, und beide kürzer als die folgenden sind.
Uebrigens stehen die einzelnen Aeugelchen mitunter weit
auseinander und ihre Zahl beträgt bei einem Exemplare
nicht mehr als 15.
Ich habe unter meinen Vorräthen nachträglich noch
ein Exemplar gefunden, dessen oberem Antennen 17 oder
18 Glieder und dessen untere 9 und 10 Glieder haben,
der Stiel der oberen ist kaum doppelt so lang als der
Kopf, die kurze zweigliedrige Nebengeissel der oberen
Antennen geht sehr leicht verloren. An keinem Exem-
plare eine Spur von Stachelchen oder Borstchen auf dem
Rücken der drei letzten Segmente.
Meine Ausbeute an Amphipoden von meinem da-
maligen Ausfluge nach Triest und dem Quarncro war
nichts weniger als reich zu nennen, ungleich mehr habe
ich von der Insel Lussin mitgebracht, auf der ich mich in
den Monaten August und September 1861 einige Wochen
aufhielt. Da ich Gelegenheit gehabt habe, auch die von
Herrn Professor Lorenz während so vieler Excursionen
in dem Quarnero gesammelten Amphipoden zu untersu-
chen, so sehe ich mich jetzt im Stande, ein ungefähres
Bild der betreffenden Fauna auch für diese Ordnung der
Crustaceen zu entwerfen; doch will ich hier aus meinen
Arbeiten, auf die ich bereits in einigen Sitzungen der
Schlesischen Gesellschaft (s. Jahresbericht für 1862) nur
*) Spence Bäte nennt die Augen einmal iruperfeetly de-
veloped, an einer anderen Stelle imperfectly formed and distin-
guishable by some small irregulär patches of lemon-eoloured pigment.
202 Grube:
die ausführlichen Beschreibungen einiger auffallenderer
Formen mittheilen. Dieses sind folgende:
Iphimedia Rathke.
Antennae superiores iuxta processum frontalem in-
sertae, flagello simplici, dimidio corporis breviores; infe-
rioribus plerumque breviores. Oculi prominuli. Pedes
maxillares haud unguiculati. Segmenta anteriora 5 vel 6
proximis multo breviora, haec in dentes dorsuales exeun-
tia. Pedes paris lmi et 2di debiles , illi nngue simplici
chelave muniti, hi quasi chelati; ceteri robusti coxis (epi-
meris) validis. Pedes spurii paris 3ü biramei. Telson
simplex, squamaeforme (Char. emend.).
I. multispinis Gr.
Ex carneo albicans, seriebus macularum aurantiacarum
transversis orhata. Antennae superiores inferioribus paulo
breviores, longitudine segmentorum anteriorum fere 6
iunctorum, articulis flagelli 16, pedunculi 2, basali iongiore
et crassiore in spinas 2, proximo in spinam 1 exeunte,
antennae inferiores paulo tenuiores, articulis pedunculi
gracilibus 3, longitudine sensim crescentibus, flagelli 20.
Oculi semiovales, quasi reniformes, rubri, haud ita magni.
Corpus crassum, dorso segmentorum anteriorum 6 laevi,
1m\i 8vi ; 9ni, lO^i in spinas geminas validas exeunte, 8vi;
9ni, 10mi praeterea impari media armato. Pedes paris
lmi filiformes, chela fortasse tenuissima muniti, 2<ü multo
longiores, crassiores, articulo penultimo sensim dilatato,
chela obsoleta, ceteri ungue minus curvato armati; coxae
parium anteriorum 4 subtus acutangulae, posteriorum 3
quadrangulae, articulo proximo laminam haud minorem
referente, spina postica 1, paris 7mi spinis 2. Pedes spurii
2iaris\vn\ cum ceteris aeque longo, natatoriis longius pro-
minentes, appendicibus pedunculi longitudinem acquanti-
bus. Telson breve, obtusum, antice cavum.
Länge bis zur Spitze des letzten Paares der Rücken-
stacheln bei ausgestrecktem Körper gemessen 6,3 Mill.,
Beschreibungen einiger Amphipoden der istrischen Fauna.
203
von da ab geht der Rücken scharf abwärts und das hier
beginnende Körperstück ist ebenso lang als der Rücken
des vorhergehenden Segments. Höhe am 7ten Segment
etwa 3,5 Hill., Dicke 2 Mill.
Gefischt in der Bucht von Cigale auf Lussin.
Die Art, die erste, die im Mittelmeer gefunden ist,
ähnelt am meisten der Iplumedia nodosa Dan. vom Feuer-
lande *) darin, dass das 8te, 9te und lOte Segment ausser
dem hinteren Zahne ihres Rückenrandes (der dort jedoch
nicht doppelt zu sein scheint), noch einen auf der Mitte
des Rückenkammes sitzenden haben, weicht aber darin
ab, dass die dort ausserdem noch an den Flanken dieser
Segmente befindlichen Zähne oder spitzen Höckerchen
fehlen, die Augen nicht kreisrund, sondern oval vorn
etwas ausgebuchtet, die oberen Antennen nicht so viel
kürzer als die unteren, auch ihre Stielglieder nicht un-
bewaffnet sind. Das lte starke Stielglied läuft bei unse-
rer Art an seinem Endrande oben in zwei Stacheln aus,
zwischen denen das 2te halb so dünne und kürzere Stiel-
glied sitzt; dieses endet nur in einen Stachel, der nicht
viel weiter als der äussere des lten Gliedes vorragt. Der
Stirnfortsatz hat die Form eines herabgekrümmten Schna-
bels, der zwar oben platt aber nicht so breit ist, um die
Basis der Antennen zu bedecken. Die drei Stielglieder
der unteren Antennen sind unbewaffnet, nehmen allmäh-
lich an Länge zu und ragen fast so weit als der Stiel
der oberen vor, sind aber sehr viel dünner. Bei beiden
Antennen sind die Geisseiglieder noch nicht halb so breit
als lang, gegen die Spitze hin schmäler und mit kurzen
wenig ins Auge fallenden Endborsten versehen, bei den
unteren Antennen die ganzen Geissein dünner als bei den
oberen und ihre Glieder noch weniger abgesetzt. Die
Länge dieser Antennen kommt noch nicht der halben
Länge des Leibes gleich. Der Kopf springt unterhalb
derselben jederseits in zwei Zacken vor, eine obere brei-
tere fast gleichseitige und eine untere schmälere etwas
emporgekrümmte. Uebrigens entspringen die Antennen
*) Dana Unit. Stat Explor. exped. Crust. p. 928. pl. 63. fig. 3.
204 Grube:
ganz unter, nicht vor einander, wie es bei den Phoxiden
Spence's sonst meistens der Fall zu sein pflegt.
Die Mundtheile hat Rathke von I. obesa einzeln
untersucht und abgebildet *)': ich finde, so weit ich sie
bei meiner Art erkennen konnte, einige Abweichungen.
Die schlanken , schmal dreieckigen etwas sichelförmig
emporgebogenen Mandibeln ragen weiter vor und sind
länger als ihre sehr dünne Palpe. Zwischen den Man-
dibeln liegt ein ziemlich lanzettförmiges Blatt, welches
ich für die Oberlippe halte. Das 2te und 3te Kieferpaar
haben gestrecktere Laden als Rathke darstellt, wogegen
ihre Palpen nicht diese Länge erreichen. Hinter den
Mandibeln und vor dem 2ten Kieferpaare bemerke ich
jederseits ein zartes Blatt, das einer halben Pfeilspitze
ähnelt, und vor der Spitze am Aussenrande einen Wider-
haken bildet : es muss der sogenannten Zunge (langue)
Savigny's entsprechen. An dem Kicferfusspaare kann
ich, wie Rathke, auch nur fünf Glieder erkennen, eine
Basalplatte, die sich mit der der anderen Seite hinten
ganz vereinigt, vorn von ihr getrennt bleibt, und am
Vorderrande neben der Palpe ein lanzettförmiges Blatt
trägt und vier Palpenglieder, deren ltes am Innenrande
ein ähnliches Blatt trägt, während ihr 3tes (vorletztes) in
einen schmalen Fortsatz verlängertes Glied mit dem End-
gliede eine Art Scheere bildet. Aus der Gestalt sowohl
der Mandibeln als der andern Mundtheile muss man fast
schliessen, dass sie mehr zum Stechen als zum Zerkleinern
bestimmt sind.
Das lste Fusspaar ist fadenförmig dünn und viel
kürzer als das 2te; ob sein Endglied in eine zartfingerige
Scheere ausläuft, wie Rathke fand, oder nicht, vermag
ich nicht mit Sicherheit anzugeben, eine Längslinie, die
von der Spitze gegen die Mitte hinläuft, ist vorhanden,
doch habe ich die beiden Hälften nicht klaffen gesehen:
an der Spitze stehen sieben Borsten. Das 2te Fusspaar,
ebenso lang aber minder breit und stark als das 3te, hat
ein gegen das Ende verbreitertes, hier abgestutztes und
*) Rathke Beiträge zur Fauna Norweg. p. 85. tab III. fig. 1.
Beschreibungen einiger Amphipoden der istrischen Fauna. 205
am Unterrande mit zwei Reihen Borsten besetztes End-
glied , an dessen breitem Endrande die obere Hälfte
von einer ganz kleinen kurzfingrigen Sclieere eingenom-
men wird. Das vorletzte Glied hat die Länge des End-
gliedes. An den übrigen Fusspaarcn sieht man kräftige
Klauen, das anstossendc Glied ist am Vorder- und Hin-
terrande mit einer weitläufigen Heike kurzer Stachelchen
besetzt, jener am 3ten und 4ten Fusspaare mit einzelnen,
dieser mit paarigen oder je zu drei stehenden, an den
übrigen nicht viel längeren Füssen umgekehrt. Bei er-
steren ist die Klaue nur wenig, bei letzteren merklich
kürzer als das nächste Glied, das nicht minder kräftig
als die beiden vorhergehenden und ebenso lang als sie
zusammengenommen ist. Die mächtige Zacke, in welche
das viertletzte Glied des 5ten; 6ten und 7ten Beinpaars hin-
ten ausläuft, ragt bis zum Anfange des vorletzten Gliedes
vor. Die Hüftplatten, welche an den vier vordersten
Beinpaaren an Breite zunehmend unten in eine vordere
scharfe Zacke enden, erscheinen an den drei folgenden
nur halb so hoch, nicht schmäler als die letzte derselben,
unten breit-abgestutzt mit spitzer Hinterecke und das 2te
Beinglied nimmt ebenfalls die Gestalt einer kaum kleine-
ren viereckigen Platte an, deren Hinterrand unten noch
in eine breite spitze Zacke vorspringt. Die Hüftplatten
der Schwimmbeine setzen sich in ihre Segmente ohne
Grenze fort. Zwischen diesen Platten des lOten Segments
können sich die unterwärts nach vorn geschlagenen drei
hintersten Segmente mit ihren Springbeinen vollkommen
verstecken. Letztere ragen alle fast gleich weit und
merklich weiter als die Schwimmbeine vor, die paarigen
Anhänge des 2ten Paares sind ebenso lang als ihr Stiel,
die des lsten etwas kürzer und die des 3ten viel länger
als ihr Stiel, alle Anhänge gestreckt, spitz griffeiförmig.
Das Telson, etwa so lang als der kurze Stiel des 3ten Paa-
res, stellt eine nach der Vorderseite tief coneave Schuppe
mit mitten eingekerbtem Rande vor.
206 Grube:
C ol omastix Gr.
Grube Ausflug nach Triest und dem Quarnero.
p. 137 *).
?Cratippus Spence Bäte ßrit. Sessil-eyed Crust. I.
p. 484.
Corpus subteres, depressum, postice attenuatum, coxis
humilibus. Antennae breves, fortes flagellis maxiine ob-
soletis vei nullis, superiores inferioribus vix longiores,
flagello secundario nullo. Pedes maxillares exungues.
Pedes paris lmi tenues, exungues, 2di fortiores, subchelati.
Pedes spurii omnes biramei, spinulis nullis, ramo paris 3ü
exteriore neque uncinato, neque uncinis armato. Telson
siinplex, laminare.
C. pusilla Gr.
Colomastix pusilla Grube Ausflug nach Triest und
dem Quarnero p. 137.
Frons in dentem brevem excurrens. Antennae
haud pilosae, flagello brevissimo superiores paululum cras-
siores articulis 6, lmo longitudine fere capitis, aeque longo
ac 2do; paulo longiore quam 3io , 4to ne dimidium quidem 3ü
aequante; öto et Üto vix distinguendis, ut 4to setas paucas
gerentibus, inferiores sub iis insertae, paulo breviores, ar-
ticulis 6, a. superiores imitantibus. Oculi orbiculares, in basi
lobi lateralis siti. Pedes paris lmi ceteris tenuiores stylifor-
mes articulo 3to; 4to; 5to^ 6to fere aeque longis et latis, sub-
tus setas gerentibus, margine manus supero recto, infero
leniter curväto, ungue dimidia fere longitudine eius. Pe-
des ceteri prioribus haud breviores, paulo fortiores sed
tarso attenuato; longitudine haud ita intcr se differentes,
esetes ungue brevi, posteriores 3 femoribus haud dilata-
tis. Pedes natatorii pari 7mo multo breviores, pedunculo
valido, ramis haud longioribus, articulis 4. Pedes spurii
spinulis nullis armati, omnes biramei; paris 2<li (extensi),
lmis longius prominentes, 3ü , 2dos paene aequantes, ramis
*) Colomastix: y.6\o$ verstümmelt. /uuöti$ Geissei.
Beschreibungen einiger Amphipoden der istrischen Fauna. 207
per se brevioribus. Telson simplex laminare triangu-
lum setis nullis, pedunculo pedum spuriorum 3iorum vix
longius.
Länge 3—4 Mill.
Von mir bei Triest, auch neuerlich bei Neresine auf
der Insel Lussin gefunden.
Diese neue Gattung steht am nächsten Podoceros
und Cratophium, hat wie diese am 3ten Paare der Spring-
fiisse zwei Aeste, aber am Aussenastc keinerlei Häkchen,
selbst die sonst gewöhnlich vorkommenden Stachelchen
am Oberrande und Ende der Springfiisse fehlen hier gänz-
lich. Die Geissein der Antennen sind noch mehr ver-
kümmert, so dass das 3te Glied länger als die übrige
Spitze der Antenne ist und diese Partie wie verkümmert
aussieht.
Nachdem ich Gelegenheit gehabt, noch einige Exem-
plare dieses interessanten Amphipoden zu untersuchen,
muss ich meine frühere Angabe von den oberen Anten-
nen dahin berichtigen, dass sie ebenfalls 6 Glieder be-
sitzen, von denen die äussersten drei aber bei schwäche-
ren Vergrösserungen sclrwer zu unterscheiden sind, und
wenn zwischen ihren Borsten etwas Schmutz haftet, wie
eines aussehen. Diese Endborsten ausgenommen kommen
an den Antennen gar keine einigermassen längere Bor-
sten, sondern bloss ein Paar kurze kaum ins Auge fal-
lende vor. Das Grundglied der unteren Antennen zeichnet
sich durch seine Länge aus, da es kaum viel kürzer als
das der oberen Antennen ist, und besitzt keinen Zahn.
Auch die Beine fallen durch ihren Mangel an längeren
Borsten oder Stachelchen auf, nur das 2te Paar macht
an Hand, Carpus und vorhergehendem Gliede eine Aus-
nahme. Ich finde diese wie auch die übrigen Extremi-
täten bei allen meinen Exemplaren, von denen zwei
Weibchen mit Eiern sind, gleich gebildet. Das lste Fuss-
paar ist an seinen drei unteren Gliedern dünner und
schlanker als alle übrigen. Diese Glieder haben gleiche
Länge, und sehen zusammen wie ein geknickter Griffel aus ;
die Klaue fehlt hier ganz, statt ihrer erscheint ein dünnes
Endbüschelchen zarter, nicht langer am Ende etwas ge-
208 Grube:
krümmter Borsten. Das 2te Fusspaar ist in seinem Hand-
und Carpusgliede nicht so sehr viel breiter als die fol-
genden Beine: die Hand ist etwa zweimal so breit als
der Tarsus des 3ten Fusspaars, länglich, vorn allmählich
verschmälert mit geradem Ober- und leicht convexem Un-
terrande, gegen dessen Ende allein die sonst gekrümmte
Klaue einschlägt. Bei den Männchen mögen diese beiden
Fusspaare eine sehr abweichende Gestalt besitzen. An
den anderen Füssen sind die Klauen höchstens % so lang
als der Tarsus, dieser verjüngt zulaufend, länger als das
nächste und ebenso lang als das nach unten verbreiterte
und hier scharfeckige 4te Glied. Die drei Stachelchen
der Tarsen, die sehr weitläufig stehen, sind so klein, dass
man sie erst bei 60-facher Vergrösserung bemerkt. Das
ßte und 7te Fusspaar übertrifft das 3te und 4t e weder an
Länge noch an Stärke, das 5te ist ein wenig kürzer, das
lte und 2te ragt nicht länger als die übrigen vor. Alle
Hüftplatten sind oblong, viel niedriger als ihre Segmente,
viel länger als hoch, mit ihrer abgerundeten schmäleren
Vorderecke vorragend. Die Seitenstücke der Segmente,
welche die Schwimmfüsse tragen, abgerundet -rechteckig.
Die Brütschuppen sind am Rande mit ausserordentlich
langen gekrümmten Borsten besetzt, die hinterste (5te)
(am 6ten Segmente befindliche) viel kleiner als die vor-
deren. Von den nach hinten gestreckten Schwimmfüssen
ragt das 2te Paar am weitesten vor, doch sind seine Aeste
nicht länger als die des lsten; die Anhänge des oten
merklich kürzer, aber länger als ihr Stiel. Die Aeste
haben alle die Gestalt eines langen sehr schmalen Dreiecks,
sind aber bei einzelnen Exemplaren etwas kürzer als bei
andern; ihr Oberrand erscheint bei seitlicher Lage und
starker Vergrösserung ganz kurz gewimpert, nicht mit
einzelnen stärkeren Borsten bewaffnet. Das Telson ist
von oben herab schwer zu erkennen, scheint aber die
Form eines fast gleichseitigen Dreiecks zu besitzen.
Als ich die Gattung Colomastix aufstellte, hatte ich
keine Kenntniss vonSpence's Gattung Cratippus, welche
vermuthlich mit ihr identisch ist. Der von Spence
Bäte beschriebene und abgebildete C. tenuipes scheint
Beschreibungen einiger Amphipoden der istrischen Fauna. 209
ein männliches Thier zu sein, dürfte jedoch mit meinem
nur im werblichen Geschlechte beobachteten Colomastix
pusilla kaum zu derselben Art gehören, da hier nach der
Abbildung, auf der übrigens das lste Beinpaar fehlt, die
hinteren Beine stärker als das 3te und 4te Paar, das 5te
Glied an allen diesen ebenso lang oder länger als das ßste,
das 4te unten in keine scharfe Ecke vorgezogen erscheint,
auch die Stachelchen des 6ten länger sind. Das Auge
scheint etwas kleiner und mehr nach hinten gelegen, die
Aeste der Springfüsse kürzer.
Icridium Gr.
Corpus depressum ex ovali oblongum, postice elon-
gatum. Antennae breves, articulis paucis, inferiores su-
perioribus breviores , tenuiores. Caput (deorsum visum)
quadrangulum, angulis anterioribus prominentibus, oculos
ferentibus. Pedes omnes ambulatorii, longitudine sensim
crescentes. Postabdomen ex segmentis 5 compositum,
appendices anteriorum 4 birameae, setigerae, segmenti 5tt
brevissimae, simplices esetes. Telson nulluni.
J. fuscum Gr.
Sitzungsberichte der Schles. Gesellsch. vom 18ten
Februar 1863.
$ Corpus fuscum depressum, Caput longitudine fere
segmenti lmi quadrangulum, basin versus angustius, fronte
truncata dente medio minuto, angulis anticis in lobos ocu-
ligeros productis. Corporis pars anterior oblonge ovalis
segmentis 7 longitudine medium versus crescentibus, serie
tuberculorum simplici carinatis ; postabdomen angustius,
segmentis 5, anterioribus 3 aeque latis, primo carinato,
postremis angustioribus. Antennae divergentes, superiores
fortiores, apicem versus maxime attenuatae, plus dupla
capitis longitudine, articulis 3, sensim paulo brevioribus,
lmo crassissimo supra processu brevi obtuso extrorsum di-
latato, 3io in fasciculum setarum suae longitudinis exeunte,
inferiores illis satis breviores et tenuiores articulis 4, lmo et
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 14
210 Grube:
4to brevissimis, mediis dupla longitudine eorum, setis api-
cis 4ti longitudine eius. Oculi subglobosi. Feldes utrinque
7 aequales, posteriores longitudine sensim crescentes ; coxae
subtus serie setarum munitae, anteriores altiores, lma
ceteris brevior, posteriores 3 illis humiliores et breviores,
articulus pedum 2dus et 3ius aeque longi, 4tus et 5tus multo
breviores, 6tus Ulis praesertim in posterioribus longior,
unguis validus, acutus, minus curvatus, longitudine arti-
culi 5ti. Organa respiratoria articulo 2do longiora, lami-
nae fotoriae angustae, apice paulo truncato dilatato, iis
haud breviores. Postabdomen segmcnto lmo paulo angu-
stius, paene V4 totius longitudinis aequans, segmentis an-
terioribus 3 aeque latis, longitudine paulo decrescente,
4to brevissimo, 5to eo paulo longiore triangulo, aequila-
tero, marginibus lateralibus paulo convexis. Appendices
segmentorum 4 anteriorum bifurcae, lmi omnino antrorsum
vergentes longissimae usque ad segmentum 4tum patentes,
graciles setis longis limbatae , segmenti 2di et 3ü multo
breviores, articulo basali brevissimo, ramo interiore styli-
formi, exteriore leniter curvato basin versus dilatato utris-
que apicem versus obsolete articulatis setis longis limba-
tis, appendtces segmenti 4ti ab iis differentes, pedunculo
longo 2-articulari, ramis laevibus styliformibus brevioribus,
paulo extrorsum curvatis, pari 3io longius prominentes ut
hoc posteriora versus spectantes, apice tantum setigero, app.
segm. 5ti (postremi) simplices styliformes, pari 4to brevio-
res, articulis 2 aeque longis, setis paucis tantum munitae.
Länge 3,5 Mill. , grösste Breite ohne Hüftplatten
1,5 Mill.
Von mir gefunden bei Neresine auf der Insel Lussin.
Das beschriebene Exemplar war ein Weibchen, das
unter seinem Bauche schon Junge trug.- Diese wurden
nicht bloss durch die Brütschuppen der Beine, sondern
auch durch die eigenthümlichen langen und langbehaar-
ten ganz nach vorn gerichteten steifen gabiigen Griffel-
anhänge des lten Postabdoniinalsegments unterstützt.
Die Gattung Icridium vereint in sich so viel Eigen-
tümliches, dass ihre Stellung näher besprochen zu wer-
den verdient. Der breitgedrückte Körper unseres Thieres
Beschreibungen einiger Amphipoden der istrischen Fauna. 211
gestattet mehr eine Ansicht vom Rücken als von der
Seite, und erinnert durch seinen Habitus am meisten an
Praniza, obschon dasselbe, wie der Bau der Extremitäten
beweist, entschieden ein Amphipode und nicht ein Iso-
pode ist, auch nicht 5, sondern 7 Segmente mit eigentli-
chen Füssen hat. An dem Basalglicde dieser Fusspaare
befindet sich nämlich ausser der Brut- oder Deckschuppe
für die Eier das charakteristische säckchenförmige Respi-
rationsorgan der Amphipoden, und von den Anhängen
des Postabdoniens zeigen die blattförmigen zwar eine
Aehnlichkeit mit den Kiemenblättern der Isopoden, lassen
jedoch bei genauerer Besichtigung eine mehr oder minder
deutliche kurze Gliederung erkennen, wie sie bei den
Schwimmfüssen der Amphipoden vorkommt. Hält man
aber unter den Amphipoden Umschau, so fällt hier zu-
nächst der Blick auf die Gattung Icilius Dan., bei des-
sen einziger Art 1. ellipticus Dan. *) sich ebenfalls an
dem plattgedrückten Körper das Postabdomen gegen den
Vorderleib absetzt und selbst einen Rückenkiel von einzel-
nen Zähnen trägt, ebenso sitzen die Augen auf besonderen
Seitenlappen des Kopfes, allein die Antennen sind mit lan-
gen, die oberen kürzeren entschieden mit vielgliederigen
Geissein versehen, die schon bis zum Ende des Vorderleibes
reichen, auch die Beine viel gestreckter (vergiform). Die
unteren Antennen sitzen zugleich nach aussen und, wie
es scheint, nach hinten von den oberen; das Postabdo-
men hat 7 Segmente, von denen 6 Extremitäten tragen,
das 7te wohl dem Telson der übrigen Amphipoden ent-
spricht; diese Extremitäten sind alle gabelig. Bei unse-
rem Icridium dagegen fehlt den Antennen eine ausge-
bildete Geissei und die bedeutende^ Länge, den Beinen
die gestreckte Gestalt, die Hüftplatten, die sonst bei den
Corophiiden meist klein zu sein pflegen, haben hier eine
nicht unansehnliche Grösse, und das Postabdomen besteht
nur aus 5 Segmenten, von denen jedes ein Paar Extremi-
täten trägt. Die vorderen 4 Paar sind gabiig gebaut, die
3 ersten derselben mit ganz kurzem Basalgliede und gros-
e) United States exploring expedition Crust. p. 844. pl. 56. fig.
212 Grube:
sen langborstigen Aesten, das 4te mit gestreckterem zwei-
gliedrigen Basalstiel und kürzeren griffeiförmigen leicht
nach aussen gekrümmten Aesten, die nur an der Spitze
neben einem Stachelchen ein paar kurze Borsten besitzen.
Von jenen 3 ersten Extremitätenpaaren zeichnet sich das
vorderste durch die grosse Länge und lineare Form sei-
ner Aeste aus, welche beide gleich beschaffen, am Rande
mit langen Borsten besetzt und ganz nach vorn gerichtet
sind, so dass sie bis zum 4ten Segmente reichen. Diese
auffallenden Gabeln, von denen ich der Gattung den Na-
men ertheilt, dienen, wie oben erwähnt, zugleich mit den
schmalen Brütschuppen der eigentlichen Beine zum Un-
terstützen der Eier und Jungen. Die beiden folgenden
Extremitätenpaare sind mehr nach unten gerichtet und
ihre Aeste bei weitem weniger lang, der äussere mehr
blattförmig und etwas nach innen gekrümmt, der innere
mehr griffeiförmig und gerade. Das hintere dieser bei-
den Paare reicht zwar nicht so weit als die Anhänge des
4ten Paares, aber doch weit über das Endsegment hinaus
und beinahe so weit als dessen Anhänge. An den Extre-
mitäten des 4ten Paares ist der zweigliedrige Stiel etwas
länger als die Aeste, und das 2te Glied des Stiels fast
zweimal so lang als das lste. Das 5te Paar Extremitäten
endlich ist einfach griffeiförmig mit zwei gleich langen
Gliedern, deren lstes mit der Spitze des Postabdomens
abschneidet.
Die Mundtheile setzen eine ansehnliche fast eiför-
mige, dem Kopfe angedrückt bis an das 2te Fusspaar
reichende Masse zusammen, in der ich eine Oberlippe,
ein Paar Mandibeln und ein Paar Kieferfüsse genauer
unterscheiden konnte. Die Oberlippe ist kurz und drei-
eckig, die Mandibeln wie die Arme einer Beisszange ge-
staltet und mit vier stumpfen Zähnchen versehen, frei
liegende Mandibelpalpen waren nicht vorhanden, die Pal-
pen müssen hier entweder sehr versteckt sein oder fehlen.
Von Maxillen glaube ich zwei Paar zu unterscheiden, und
an dem einen bemerke ich auch eine drei- oder wenig-
stens zweigliedrige Palpe, deren Endglied mit einem Fä-
cher von etwa 10 an der Spitze scharf und kurz umge-
Beschreibungen einiger Arapiiipoden der istrischen Fauna. 213
bogenen Borsten versehen ist. Die Kieferfüsse bilden
eine Unterlippe , die jederseits aus zwei ungleich langen
oben abgestutzten Blättchen (deren eines kürzer und schmä-
ler) und einer dreigliedrigen Palpe besteht, beide sitzen
auf einem unten sehr verengten Basalblatt.
In der Bruthöhle fand ich bereits ein Paar junge
Thierchen von 1,5 Mill. Länge. Obwohl sie noch ganz
farblos und ihre Augen wenig erkennbar waren, zeigten
sie doch schon die grösste Aehnlichkeit mit den Alten,
dieselbe Form der Anhänge des Postabdomens, dieselbe
Gliederzahl der Antennen, wenigstens der oberen, auph
den Fortsatz aussen am Basalgliede, nur waren diese Or-
gane noch viel kürzer. Diese Jungen hatten bereits 7
Fusspaare.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1. lpkimedid mullispinis Gr., 8mal vergrössert.
„ La Die 3 Endglieder von einem Fusse des lten Paares stär-
ker vergrössert.
„ 1. b Dieselben von einem Fusse des 2ten Paares, desgleichen.
.. 1. c Hinterende des Körpers, 8mal vergrössert.
Fig. 2. Vordertheil von Colomastix pusilla Gr., 20mal vergrössert.
„ 2. a Hinterende desselben Thiere3.
„ 2. b Endglied von einem Fusse des lten Paares, stärker ver-
grössert.
Fig. 3. Icridium fuscum Gr., von der Oberseite, 12mal vergrössert.
„ 3. a Dasselbe Thier von der Unterseite.
„ 3. b Die Anhänge der 3 letzten Segmente, von unten gese-
hen, stärker vergrössert.
„ 3. c Der innere Ast des drittletzten Anhanges
„ 3. d Der äussere Ast desselben.
„ 3. e Der Anhang des vorletzten Segmentes.
„ 3. f Der Anhang des letzten Segmentes.
Die Flora des Sumawa-Gebirges nach ihren topischen
und verticalen Verbreitungsformen,
Von
Prof. Dr. Johannes Oistel
in Frey sing bei München.
Die südlichen Abhänge des Böhmerwaldes oder
Sumawa, mit welchen diese Schrift in der Hauptsache zu
thun haben wird , bestehen in oro- und topographischer
Beziehung aus folgenden Abschnitten:
1) der inneren Kette des Ostsüdostzuges vom Schwarz-
berge weg (wo der Dreisesselberg und Plöckenstein);
2) der inneren Kette des Westnordwestzuges vom
Schwarzberge aus (mit Lusen, Plattenhausen und Rhachel) ;
3) der von diesem isolirten Gruppe des Arberstockes ;
4) von der äusseren (böhmischen) Kette des West-
nordwestzuges das Nordende im Ossa (Ossergebirge), um
den sich südlich das Zwergeck, dann noch der Lindberg,
Ruckowitzberg und Schleicherberg erheben;
5) dem isolirten Hohenbogen , vor der Einsenkung
von Neumark;
6) den südwestlichen Verzweigungen des Cerchow-
gebirges;
7) einigen kleinen Ausläufern des Bernstein-Gebir-
ges mit der „Hölle", dem obersten Schwarzachthaie.
Im Innern durchziehen das Gebirge zwei Haupt-
thäler : "
1) das Längenthal des Regen von SO gen NW.
2) das Längenthal der Hz, von NW gen SO.
Querthäler werden von den Zuflüssen des Regen und
der Hz gebildet, die sich gegen die Längenthäler in Win-
keln ausmünden, mit Ausnahme des breiten und anmuthi-
Gistel: Die Flora des Sumawa-Gebirges. 215
gen Chambthales (von Neumark in Böhmen nach der Ober-
Pfalz ziehend).
Wir unterscheiden daher :
a) das Grenzgebirge (den Hinterzug), als die eigent-
liche Südabdachung des Böhmerwaldes.
Hierzu gehören:
Der Plöckenstein oder Dreisesselberg 4010' hoch.
Das Plateau von diesem bis Finsterau 3000-3500' hoch.
Der Lusen 4258' hoch.
Der Gebirgsrücken vom Lusen bis zum Rhachel,
4000' hoch.
Vom Rhachel der Gebirgsrücken bis an den Lacka-
berg (Ursprung des grossen Devernik).
Jenseits des Regens hinter bayrisch Eisenstein das
kahle Zwergeek, an 4000' hoch.
Hieher der 4100' hohe Ossa.
b) das Donaugebirge (der Vorderzug) zwischen Vils-
hofen und Tittlling, in massig hohen Bergen. Hieher Ru-
sel, Oberbreitenau, Vogelsang, Oedenwies und Engelmar;
etwa von 3C00' Mittelhöhe.
Es sendet drei Aeste, den Zug des Arbers, des rinch-
nacher Hochwaldes und des Frauenwaldes aus. Der Ar-
ber erhebt sich zu 4554'.
Hieher gehören Bodenmais, der Silberberg, Horlach-
berg, Keittersberg, Kötzting, Drakelried.
Zum rinchnacher Hochwald gehören der Rhachel,
Klingenbrunn, Zwiesel, Regen.
Zum Frauenwalde gehören Waldkirchen, Houzen-
berg und Wegscheid (Altreichenau u. s. w.) oder derBis-
thumswald.
Der Abfall des Donaugebirges ^eigt die Donauleiten
mit den lallinger und graflinger Winkeln, mit Hengersberg,
Deggendorf, Bogen u. s. w.
Das vorherrschendste Gestein ist durch das ganze
Gebiet der Granit, mit abwechselnden Schichten von
Gneis (Waldgneis) und Glimmerschiefer. Mächtige Aus-
scheidungen bilden die Einlagerungen von Quarz, Feld-
spath, Porzellanerde und Graphit.
Die Gegend von Fürth bis Kötsting und Eschlkam
216 Gistel:
und von da längs der böhmischen Grenze besteht aus
Glimmerschiefer , mit Ausnahme der Gegend von Neu-
kirchen (Ilornblendegestein). Wolfstein ruht auf Diorit.
Von Kötzting bei Zwiesel und nahe Grafenau herrscht
Gneis - Granit und einen Strich um Regen, Falkenstein,
Viechtach, Grafenau, Wolfstein bis Wegscheid und Wil-
denrana bildet der porphyrartige Granit; um Bogen, Deg-
gesdorf, Hengersberg bis Wildenrana hinab der jüngere
Granit.
Die hydrographischen Verhältnisse anlangend, ent-
spinnen sich von den beiden Gebirgsknoten, dem südli-
chen um den Schwarzberg , dem nördlichen um den
Pfraumberg, die meisten Gewässer nach beiden Seiten.
Die Südhäifte dieses Felsenstockes, dieser Wiege vieler
kleinen Gewässer, .überbietet an Grossartigkeit ihres Ge-
sammtcharakters die Nordhälfte.
Um den nördlichen Knoten entfesseln sich die Flüss-
chen und Flüsse: Schwarzach, Pfreimt, Waldnab, Rad-
bnsa und Mies ; um den südlichen Regen und Hz, Moldau
und W'otawa.
Und diese Gewässer sind es auch, die Böhmen in die
drei grossen Platten durch ihre Thalungen zerlegen und
die baierischen Vorstufen unter sich abgrenzen. — Das
vielfach zerstückte Gebirge ist in seinem Innern rauh und
wild. Unwegsame, sumpfige Strecken, hohe mit Tannen
bewachsene Berge voll steiler Felswände, Abgründe und
Windbrüche, menschenleere Thäler von dunkeln Wald-
bächen melancholisch durchbrauset , erinnern hier den
Wanderer an die schauerlich erhabene Natur, die uns die
Reisebeschreiber von den Urwäldern am Mississippi und
Orinocco darstellen. Die Kämme und Gipfel sind, nach
Art aller Granitgebirge, von den Trümmern der zusam-
mengebrochenen höheren Kuppen in grotesken Formen
übersäet. Zwischen den Felslabyrinthen finden sich dann
Wiesenplätze oder krüppelige Fichten und Föhren auf den
breiteren Bergrücken. An den Gehängen der Berge des
rauhesten Theiles (längs der baierisch-böhmischen Grenze)
findet sich eine grauenvolle Verwirrung in den sumpfigen
Wäldern, die den grössten Theil der Oberfläche über-
Die Flora des Sumawa-Gebirges. 217
kleiden. Da sind moorige Wiesen, die unter Wasser
stehen und die nur die heisscste Sommerglut trocken legt,
in Versumpfung begriffene Seen (am Fusse des Rhachels
und desLusen, die Seen am Arber und Plöckenstein u. s. w.),
durch Jahrhunderte übereinander geworfene Windbrüche,
auf deren vermoderndem Rücken sich bereits eine neue Ge-
neration erhebt. Von den emporstrebenden Wurzeln ein-
gesunkener Bäume („Ranen", wie diese Baumleichen ge-
nannt werden) neigen sich fruchtbeladene Aeste hoher
Himbeerstauden.
Die Luhe, Flanitz, Rinchnach, die Ohe (Ache), Geissa,
Erla und Rana bewässern ausserdem in verschiedenen
Richtungen das Land. Am Fusse des Plöckenstein ent-
springt die Miehl. —
Die Abhängigkeit der Qualität des Wassers von der
Bodenbeschaffenheit ist ein feststehender, unbestrittener
Lehrsatz, qualis terra, talis aqua.
Die verschiedenen Gegenden des Böhmerwaldes ha-
ben, was die Südseite betrifft, je nach ihrer Lage, so zu
sagen ihren eigenen Himmel. Gen die Donau ist das
Klima mild, im Regenthaie gemässigt, an den baierisch-
böhmischen Grenzen rauh. Auch sich ganz nahe liegende
Thäler, je nachdem sie gegen Süd oder Nord sich öffnen,
oder so weniger oder mehr den rauhen Winden ausgesetzt
sind, zeigen die auffallendste Verschiedenheit des Klima.
Die örtliche Lage bietet hier Contraste grellster Art.
Die Vorderterrasse des Gebirgs längs der Donau
prangt oft schon im herrlichsten Frühlingsschmucke, wenn
im Innern, namentlich vom Dreisesselberge bis zum Ossa
hin, der Winter noch mit voller Strenge gebietet. Er
dauert hier vom November bis zum April, und wenn auch
die Kälte keinen russischen Grad erreicht, so ist doch der
Schneefall sehr bedeutend, bedeutender als selbst in den
Hochalpen des Südens. Der Lenz tritt spät, aber mit Macht
ein. Schnell streift er die weisse, kalte Decke von den
Gefilden ab, und kaum sind die Schneewasser verlaufen,
spriesst schon in üppiger Grüne das junge Gras hervor,
und die Frühlingsblumen entfalten an den wieder rege ge-
wordenen Bächen ihre Kelche. Auf den Hochgipfeln
218 Gistel:
bleibt übrigens der Schnee bis Mitte Juni liegen, und
dort wehen auch im Sommer stets kühle Winde, während
in den Thälern und Klüften die Hitze ungemein drückend
ist. Die Gewitter entladen sich oft mit furchbarem Don-
ner und schweren Regengüssen,
Die Cicindela campestris, welche im Flachlande im
März und April erscheint, fliegt am Dreisesselberge erst
zu Ende Juli!
Auf die Pflanzenwelt äussert das verschiedene Klima
des Böhmerwaldes auch die verschiedensten Einwirkun-
gen; denn während an den sonnigen Hängen der Vor-
berge die Weintraube reift, und in einigen warm liegen-
den Thälern noch die feineren Obstarten gedeihen, kommen
tiefer im Gebirge mit Noth nach Weizen und Gerste fort,
und im Hochlande an der Grenze zweier Länder, um den
Fuss des Arber, Rhachel und Lusen, erlaubt die Kürze des
Sommers nur noch Hafer und Sommerkorn zu bauen.
Ueber Windrichtung, Barometer- und Thermometer-
beobachtungen lese der verehrliche Freund des Verf*
„Reisehandbuch durch den Böhmerwald" nach.
In Beziehung auf das Pflanzenwachsthum im Allge-
meinen sind drei Bezirke unterschieden worden.
1. Der eigentliche Südabhang des Böhmerwalds,
genannt der baierische Wald, nämlich der Vorder- und
Hinterzug mit den Ausläufern und Gebirgsästen, ein-
schlüssig des Hohenbogen.
2. Das Zwischenland und die höheren Abdachungen
des Waldgebirges gegen die Donau.
3. Die Vorberge des Gebirges und dessen Fuss an
der Donau, das Donauthal.
Im ersten Bezirke herrscht das Gebirgsklima. Der
Winter dauert fast ein halbes Jahr, auf den sehr hohen La-
gen noch länger und bringt viel Schnee, welcher je nach
der Höhenlage 4 bis 10' hoch anfällt und zu Anfang,
Mitte und Ende Mai, häufig erst nach dem Ausbruche
des Buchenlaubes, weggeht. Auf den höchsten und nörd-
lichen Abhängen des Arber, Rhachel, Lusen u. s. w-
bleibt er oft bis Mitte Juli liegen. — Duft und Schnee-
anhang richten öfter Schaden an, Reife und Forstbeschä-
Die Flora des Sumawa-Gebirges. 219
digungen sind in den feuchten Niederungen häufig. Spät-
fröste, wegen des spätem Beginnens der Vegetation im
Lenze, seltener als in den tiefer liegenden Landstrichen,
aber um so verderblicher, wenn sie eintreten. Die mitt-
lere Höhenlage des Terrains kann zu 2300 bis 3200' an-
genommen werden.
Die vorherrschenden Holzarten sind Fichten, Tannen
und Buchen. Eingesprengt und in Horsten kommen
Ahorne, Ulmen, Eschen, Erlen und Birken, Aspen und
Saalweiden, selten Rotheiben vor. Am meisten sind die
mit Buchen, Tannen und Fichten gemengten Bestände ver-
breitet. Sie nehmen die Gehänge und die trocknen Wald-
theile am Fusse des Gebirges ein und steigen bis zu einer
Höhe von 3400' über d. M. Diese drei Holzarten zeigen
hier das üppigste Gedeihen. Fichten und Tannen mit
einer Höhe von 130 — 140' sind nicht selten, ja man trifft
Baumriesen bis zu 180' Höhe und 15 bair. Normalklaftern
Masseninhalt an Scheitholz bei einem Alter von 3 — 400
Jahren. Auch die Buche erreicht eine ungewöhnliche
Höhe und Stärke.
Die sehr hohen Lagen und bewaldeten Bergrücken
sind mit Fichten in lichter Stellung bewachsen, welche
hier ein Alter von 4 — 500 Jahren erreichen und Stämme
von mittlerer oder geringerer Höhe und kegelförmigem
Wüchse mit zahlreichen herabhängenden langen Aesten
zeigen.
In Privatwaldungen sind die gemischten Bestände
durch Kahlhiebe oder Aushauung des Buchenholzes zum
Theil verschwunden und haben der Fichte Platz gemacht.
Vorkommen mehrerer Holzarten, mit barometrischen
Messungen in absoluter Höhe in Pariser Füssen.
Buche in vollkommenem Wüchse kommt vor in
südlicher, südwestlicher und südöstlicher Ex-
position bis zu . . . . . . . 3450
Steigt in nördlicher Exposition bis zur äusser-
sten Höhe von . . . . . 3500
In verkümmertem Wüchse findet sie sich noch
in einer Höhe von 3980
320 Gistel:
Tanne in vollkommenem Wüchse steigt in den
südlichen Expositionen bis ... 3400
Steigt in den nördlichen Expositionen bis . 3460
Höchster Stand in verkümmertem Wüchse . 3870
Fichte in vollkommenem Längenwuchse bis . 4000
Im konischen Wüchse bis .... 4200
Höchster Stand als verkrüppelter Baum . 4400
Ahorn, gemeiner und Spitzahorn, noch in gutem
Wüchse bis 4000
Mehr oder weniger verkümmert ; höchster Stand 4150
Vogelbeerbaum als Strauch noch bis . . 4240
Die bewohnten Theile dieses Bezirks bieten dem .
Landwirthe vielfältig ein trauriges Bild dar, der Hafer
und die Kartoffeln werden oft vor der Reife eingeschneiet.
Obst gedeiht nicht.
Im zweiten Bezirke herrscht auf dem Zwischenlande,
auf den Vorbergen der Gebirgszüge die Fichte mit der
Tanne vor und die früher häufig vorhandene Buche ver-
schwindet immer mehr; auf den südwestlichen höheren
Abhängen des Waldgebirges gen die Donau, so wie in
dem Gebiete zwischen der Passauer-Schönberger-Strasse,
Gumpenrent, Zenting und der Gaissa auf einer sehr quarz-
reichen Abänderung des porphyrartigen Granits wurden
seit 40 Jahren die Buche und Tanne durch die Föhre
verdrängt. Ahorne und Ulme trifft man im nördlichen
Theile dieses Bezirkes selten, häufiger die Esche, im süd-
östlichen Theile um Waldkirchen, Hautzenberg, Weg-
scheid u. s. w. sind diese Holzarten auf Feldrainen, an
Bergwiesen u>. s. w. aber häufig vorhanden. Die Eiche
erscheint nur in den mittleren Thälern und in geschüzten
Hängen. Hier wird Winter- und Sommerkorn, Hafer
und Flachs mit Erfolg gebaut ; Obst gedeiht nur in den
gen Ost und Nord geschützten Lagen gut.
Eine bedeutende Fläche nehmen die Birkenbergo
ein, welche meistens licht mit Birken und horstweise mit
Fichten bewachsen sind, in einem Umtriebe von 20 bis
30 Jahren abgetrieben, nach dem Abtriebe 3 Jahre lang
zum Feldbaue benutzt und dann der Viehweide hingege-
ben werden.
Die Flora des Sumawa-Gebirges. 221
Im dritten Bezirke herrschen in den höheren Lagen
Fichten und Föhren vor, welche letztere Holzart eine immer
grössere Ausbreitung gewinnt und hiermit wecheln Bir-
kenberge ab. Die Thalwände der Donau bestehen mei-
stens aus Niederwald, welche Birken, Hainbuchen, Roth-
buchen, Ahorne, Eschen, Eichen, Ulmen, Erlen und ver-
schiedene Straucharten, unter diesen auch die Pimpernuss
und den Elzbeerbaum beherbergen.
Im ganzen Bezirke wächst die Eiche zu einem schö-
nen Baume und gedeiht das Obst in vorzüglichem Grade ;
am Fusse des Gebirges werden alle Cerealien, auch Han-
delsgewächse mit Erfolg gebaut. (Winnebeger, Vers,
einer geogn. Bcschr. d. baier. Waldes. Pas. 1851.)
In Beziehung auf die Gebirgsarten ist zu bemer-
ken, dass die Holzgewächse unter günstigen Verhältnissen
auf dem Gneis-, Granit-, Glimmerschiefer- und Horn-
blende-Boden sehr gut, auf dem Diluviallehm gut, auf
dem Diluvialkiese aber, wo er zu Tage liegt, nur die
Föhre und Birke kümmerlich gedeihen. -Dignoscitur sie
ex sola plantarum inspectione subjeeta terra et solum"
Linne, philos. botan. §.334.
Das Glimmerschiefergebiet des Waldes und die Ge-
genden um Viechtach, Kötzting u. s. w. sind phytologisch
noch ganz unerforscht und Verf. selbst ward durch Gicht-
leiden, welche ihn in Folge seiner vielen durchgemachten
Alpentouren und grossen Reisen im Interesse der Wissen-
schaft und auf Kosten seiner Gesundheit, von einer beab-
sichtigten Erforschung desselben ernstlich abgehalten.
Ueber die vertikale Verbreitung der selteneren Pflan-
zenformen des Sumawa-Gebirges diene Nachstehendes, ein
Auszug aus einem grösseren Werke des Verfassers.
Die Bergflora des Sumawa-Gebirgs ist entweder ziem-
lich arm, oder noch so ziemlich unerforscht. Letztere
allein über mich zu nehmen, geht über meine Kräfte.
Der Hauptfehler aller phytologischen Reisen besteht
darin, dass solche nicht zu allen Monaten, sondern nur im
Herbste unternommen werden.
Anthoxanthum odoratum, Adenostyles albifrons, Hie-
racium alpinum, Cineraria crispa, Delphinium elatius, Fe-
222 Gistel:
sttica rubra, Luzula albida, Salix myrtilloides und sile-
siaca, Isopyrum thaiictroides L., Polygala niontana, Arnica
montana, Nuphar luteum, Empetrum nigrum , Orobus
albus etc. habe ich sowohl auf dem Arber, als am Drei-
tannenriegel, Plöckenstein, Keitersberg, am Zwergeck bei
Zwiesel, Rhachel, dem grossen und kleinen, auf dem Sie-
bensteinfelsenberg beim Lusen, Plattenhausen, Ossa, Lu-
sen, Hirschenstein und Hausstein der Rusel angetroffen.
Den Gipfel dieser Berge lieben Carex leporina, Aira
flexuosa, Solidago virgaurea, Hieracium murorum, Rubus
idaeus und die unten nach der Gradation näher bezeich-
neten Pflanzen. Von der vertikalen Erhebung der Bäume
und Sträucher war bereits oben die Rede.
Achillea ptarmica; fast auf allen Alpen von 2 — 3000'.
Aconitum multifidum Rchb. 3000', cammar.Jacq.3000',
anthora 2CC0', halleri 4000', variegatum 2000'.
Agrostis rupestris Scop. 3000'.
Aira flexuosa, Arbergipfel 4568', caespitosa desgl.
Alchemilla fissa Schu. 4-50C0', aldrovanda vesic. 2000'.
Alisma ranunculoides 3000'.
Allium schoenoprasum 3500', sibiricum W. 3400', sco-
rodoprasum L. 3—4000'.
Alyssum saxatile 2000'.
Andromeda polifolia, Arbersümpfe 3000'.
Anemone pratensis 2100', halleri 2115', narcissi-
flora 3C00', hepatica 1900'.
Arabis petraea 4000', sudetica Taus. 4500'.
Archangelica officinalis Hoffm. 4500'.
Arrhenatherum elatius M. K. 4500'.
Asperula odorata (Ulrichsberg) 1997'.
Astragalus bohemicus 2112'.
Avena planiculmis Schrad. 2000'.
Bupleurum longifolium var. 3319'.
Calamagrostis epigeios Rth. Rhachel 4200', halleriana,
Arbergipfel 4200'.
Calla palustris, Rusel 2600'.
Campanula glomerata 2600'.
Cardamine trifolia, Dreisesselb. 4000', resedifolia4100'.
Carduus defloratus 2500'.
Die Flora des Sumawa- Gebirges. 223
Carex maxiina 2 — 4000'. compacta Hop. 3500', sa-
xatilis, Arbergipfel 4000—4500', ovata Good, Rhachel
(grosser) 4400', brizoides, Dreisesselb. 4000', divulsa Good
4000', cyperoides Schrk. 3560', steliulata Good, Dreisesselb.
4000', montana 2000—4000', pauciflora , Lightf. 3000',
irrigua (Rhachel) 4400', decolorans Wimm. 4300'.
Carlina acanlis 2000'.
Cephalanthera pallens Rieh. 3500'.
Chaerophyllum aureum (Deschenitzersee) 2100'.
Chondrilla prenanthoides Vill. Dreisesselb. 4000'.
Chrysosplenium alternifolium, ebenda.
Circaea alpina, ebenda und Freiung (1681').
Cineraria crispa Jacq. 3099', spathulaefolia Gmel.
Plattenhausen 4256', integrifolia, Arbermitte 2200'.
Convallaria verticillata, Dreisesselb., Lusen 4000'.
Cypripediurn calceolus, Dreitannenriegel 3700'.
Crepis grandiflora Taus. Falkenstein 4100'.
Danthonia decumbens, Hirschenstein 3390'.
Delphinium elatum, Almberg 3509'.
Dentaria enneaphylla, Dreisesselb. 4000', bulbifera,
ebenda. 3800'.
Dianthus deltoides 3900'.
Doronicum pardalianches, Dreisesselb., Lusen 4200',
mathioli Taus. 4000'.
Drosera intermedia Hayne 3000'.
Elatine triandra Schrk., Rhachel 4000', 4200'.
Empetrum nigrum, ebenda, Dreisesselberg.
Epilobium trigonum Schrk. 3000', palustre, Zwie-
sel 1790'.
Erica carnea, Dreisesselb. 4000', tetralix , ebenda
3— 400CK.
Eriophorum alpinum, ebend. und Rusel 2700', latifo-
lium, Zwiesel 1700'.
Erythronium dens canis, Lackaberg 4000'.
Festuca gigantea Vill. 1860', drymeia M. K. Keiters-
berg 3200', varia, ebenda, Galega officinalis 2300'.
Gentiana pannonica Scop., Rhachel kl. 4322', aestiva
Schm., Dreisesselb. 4000', purpurea, ebend., punctata Rha-
chel 4400', lutea, Rhachel, Lusel 4200—4400'.
224 Gistel:
Gnaphaliurn norwegicum Gunn., Siebensteinfelsen-
berg 4050', hoppeanum Koch 3038'.
Hedysarum obscurum i960'.
Helichrysum margaritaceum, Zwiesel 1790'.
Hieracium alpinum 4250', var. nigrescens W., cbend.,
var. decipicns Taus., ebend., murorum, Arberwiesen, pi-
losella, ebend., pratenseTsch., ebend., gothicum, Lusen4200'.
Helleborus niger 3509'.
Hypochaeris uniflora Yill. 4000'.
Imperatoria ostruthium, Rusel 2750'.
. Inula ensifolia, Kötzting 1282', Isnardia pal. 4004'.
Juncus conglomeratus, Deschenitzersee 2000', trifidus,
Arberniitte, sudeticus Willd., Arberkuppe.
Lilium martagon, Dreisesselkuppe, bulbiferum, Ru-
sel 2760', Linaria alpina MilL, Freyung.
Linnaea borealis Gronov 1791'.
Listera ovata R/Br. 1861', cordata, Flohenbogen 3360'.
Luzula maximaDC, Rissloch am Arber, spicataDC,
Keitersberg 3260'.
Meum anethifolium, Arberkuppe, athamanticum Jacq.
Ossa 4100', mutellina Gaert., Arber, Rhachel, Ossa.
Montia fontana 2000'.
Mulgedium alpinum Less., Dreisesselb. etc. 2 — 4000'.
Myrrhis odorata, Waldhäuser 2842—2430'.
Nymphaea semiaperta KL, Deschenitz.
Orchis sambucina Rusel, Arber etc.
Parnassia palustris 1997', Ulrichsberg und tiefer
hinab.
Pedicularis sceptrum Carolinum 980'.
Peristylus viridis Lindl., Rhachel 4200'.
Peucedanum oreoselinum Mnch., Fladnitz.
Phyteuma nigrum Schm., Oberfraunau 2173.
Pinus mnghus Scop., var. pumilio Haenke, Arber,
Rhachel u. s. w., Pinguicula alpina 2000'.
Potentilla canescens Pers., Falkenstein 4100'.
Prenanthes muralis, Dreisesselb. und tiefer.
Primula minima (Waldhäuser) 2842'.
Pyrola secunda, ßogenberg 1356'.
Ranunculus aconitifolius, Dreisessel. 2 — 4000.
Die Flora des Sumawa-Gebirges. 225
Rhamnus pumila L., Quelle der Moldau.
Rhodiola rosea 3350'.
Rhynchospora alba Vahl., Lackaberg 4000', fusca R.
et S., Musirhäusel am Darrstein 2954'.
Rubus liirtusW.K. und chamaemorus,Deschenitz 2000'.
Rnmex sanguineus, Oberfrauenau 2170'. arifolius All.
Almberg 3509'.
Sagina saxatilis Wimm., Klingenbrunn 2576'.
Sanicula europaea, Rusel.
Saxifraga hypnoides, Dreisesselb. 40C0', museoides,
3800', hirculus, Arber.
Sedum rubens Hnke., Keitersberg 3200', renexum,
Almberg 3309'.
Selinum carvifolium, Rhachel 4200'.
Senecio paludosus Uuds. var. Arberfuss 2164', gla-
bratus Koch, Klingenbrunn 2574', lyratifolius Rchb., Rhachel
43U0', subalpinus Koch., Hirschenstein 3392'.
Seseli varium Trevir. 3307' und tiefer.
Silcne nemoralis W. K., Grafenau 1864'.
Sonchus alpinus, Dreitannenriegel etc. 3770'.
Soldanella montana, Fürsteneckl495; Dreisesselb.3000'.
Sorbus aria Crtz. Dreisesselb. 3200'.
Sparganium ramosum Huds. Deschenitzersee 2000'.
Spergula morrisonii 1356'.
Streptopus amplexifolius DC, Dreisesselb. etc. Arber
2C00— 2099', Toneldia calyculata Wahlbg. 4200'.
Teucrium scorodonia, Rusel 2759'.
Thesium alpinum, Lackaberg 3800'.
Thysselinum palustre, Deschenitzersee.
Tiientalis europaea, Dreisesselb., Ossa, Lusen 4000',
4200', Plattenhauscn 4250', Almberg *) (steigt herab).
Trifolium spadiceum, Rusel 2610'.
Valeriana sambueifolia Mikan, Metten 956'.
Yeratrum lobelianum 3600' und tiefer.
Veronica henningii Opiz. Dreisesselb. oder Plöcken-
stein 3500', bellidioides 37C0'.
*) Auf dem Almberg ist das höchst gelegene Ackerfeld des
Sumawa. Der Almberg gehört dem Grenzgebirgsrücken an.
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 15
226 Gistel:
Willemetia apargioides 4200'.
Lycopodium selago, (u. var. recurvum) Arberwälder
3900', inundatum, Arbersee, alpinuin, ebenda.
Woodsia ilvensis, Arberwälder 3700 — 800'.
Asplenium septentrionale Sw. 2300 — 3000'.
Blechnum spicant Roth 1900'. (Vogelsangberg.)
Allosoms crispus Bernh. 2000'. (Keitersberg.)
Struthiopteris germanica, Metten 980'.
Die Bemerkung des sei. Zuecarini (Vegetationsgrup-
pen Bayerns), dass die Pflanzen der Südalpen nie die
Donau überschreiten, wird das Hauptverzeichniss der Pflan-
zenwelt des Sumawagebietes einigermassen widerlegen.
Vor 311 Jahren schon bestieg der arme vom Schick-
sale grausam verfolgte grosse Botaniker Pierre del'
Ecluse (1553) die Gebirge des Sumawa um zu sammeln;
nach ihm Joachim Camm erarius (1588), der die Pflanze
Streptopus amplexifolius Dec. auf dem Arber (im Monte
arbario) aufgefunden. (Vgl. Hort. med. 1588.)
Dem zufolge waren diese Gelehrten die allerersten
Botaniker, welche die Zinnen dieses Gebirges bestiegen
hatten.
Lange darauf herborisirten erst Ignaz Poschin-
ger, jedoch nur umFrauenau (vgl. Schrank bayr. Flora.
1.21. Vorw.), und Prof. Hunger (Benedictiner von Nie-
deraltaich) botanisirte nur um St. Oswald um 1786 u. 87.
In den neunziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts
hat der gelehrte J. B. Elger (eigentlich Oelgg er) Mit-
glied des 1803 aufgelösten Benedictinerstiftes Metten um
die botanische Exploration der Umgegend von Metten und
des übrigen Waldgebietes unvergängliche Verdienste er-
worben und sogar ein schönes Werk voll Pflanzen von
eigener Hand gezeichnet und gemalt, davon hinterlassen,
das noch im Besitze der wieder hergestellten Abtei Met-
ten sich befindet. Oelgg er starb zu Deggendorf und
hinterliess ein ziemlich grosses Herbarium (etwa 12 Fo-
liobände voll eingeklebter Pflanzen), das nun in der Abtei
Metten aufbewahrt wird.
Die Flora des Sumawa-Gebirges. 227
Ein nicht so günstiges Schicksal hatte das Herbar des
im Jahre 1852 zu Passau verstorbenen Domvicars Leop.
Reuss, der eine Flora von Reichersberg und von Nie-
derbayern herausgegeben und den Wald emsig durch-
forscht hat. Ein Apotheker, der das Reussische Herbar
auctionaliter erstanden, was ein Berg gewesen sein soll,
benutzte nur das Löschpapier, die Pflanzen warf er weg.
Verfasser botanisirte im Böhmerwalde 1832, vor sei-
ner südländischen Reise mit dem Naturforscher Grafen
Jeni son-Wal wor th ; dann in den Jahren 1850, 51,
55, 56 — 59, soweit es seine Leiden zugelassen. Einst er-
schien eine Copie von Reuss Flora in der Isis, die nur das
Verdienst des Abschreibern hat und in den fünfzigern ver-
irrte sich ein Narr in die böhmischen Wälder, der die
Flora in einem Jahresausflug erforscht zu haben die
Arroganz hatte. — In Prof. Schnizleins Flora von
Bayern, in analytischer Wxeise abgefasst, ist der Böhmer-
wald so viel als — • ignorirt, was keineswegs auffallen kann,
da nicht ein einziger wissenschaftlich gebildeter Botani-
ker seit Oelgger das Sumawagebiet, resp. den südli-
chen Theil desselben, dessen Waldungen allein zweimal-
hunderttausend Tagwerke von 125 D Meilen Flächenraum
einnehmen, erforscht hat und es noch eine lange Zeit
dauern wird, bis ein vollständiges Bild der Vegetations-
gruppen davon aufgestellt werden kann. Hier sei noch
des Schullehrers zu Deggendorf, der, leider mit spärlichen
Hülfsmitteln versehen, recht fleissig in der Umgegend
seines Wohnorts sammelt und besonders gut einzulegen
versteht, lobend erwähnt.
Zur Orientirung über die von mir selbst beobachte-
ten Pflanzenspecies erachte ich für nöthig, mehre Stand-
orte gemäss ihrer geographischen Lage und barometrischen
Verhältnisse aufzuführen.
228
Gistel
Ortsangaben
nach Lamont' seilen u. s. w. barometrischen Messungen
in Pariser Fuss.
Namen.
Höhe.
Vorherrschende
Bodenunterlage.
Bergspitzen des Grenzgebirges.
Plöckenstein oder Dreisesselberg
Lusen
Grosse Rhachel
Kleine Rhachel
Ossa
Grenzgebirgsrücken.
Almberg (zwischen dem Plöckenstein und Lu-
sen; ein Plateau)
Siebensteinfelsen (östl. vom Lusen)
Plattenhausen ' * • * I ^ § S3
Ruckowitz (Abfall gen gross. Regen) . > o | 5-
Zwergeck (zwischen Regen und Ossa) I cf g-
Südabfall des Grenzgebirges.
Finsterau (Dorf)
Heilstein \
Oberes Waldhaus I £P
Schönauer Diensthütte 1 tr
Altschönau (Försterhaus) / £ ^
Rhachel schachte! f ^jCfq
Bärenlochschachtel „>
Steinschachtel / er K"
Guglöd (Dorf) ?L£
Klingenbrunner Diensthütte . . . . 1 s p
Geisberg (grosser) I t"1
Oberfrauenau (Nordwestfuss des Rhachels) 1 g
Lohberg am Fusse des Ossa .... I 2j
Rittsteig (Kirche) ■
Bergzng des Frauenwalds.
Wollaberg (Signal)
Frauenwald
Hauzenberg (Südwestfuss des Zugs) ....
Staffelberg (bei Hauzenberg)
Pfaffenreuterberg
4003
4258
4496
4322
4002
3509
4052
4256
4004
4201
2138
3038
3644
3020
2268
3717
3768
3764
2475
3038
2611
2173
1991
2602
2419
2933
1709
2440
2438
Porphyrgr.
Gneissgranit
Gneissgranit
Glimmersch.
Porphyrgr.
Gneissgranit
Glimmersch.
Porphyrgr.
Die Flora des Sumawa-Gebirges.
229
Namen.
Höhe.
Vorherrschende
Bodenunterlage.
Bergzug des rinchnacher Hochwaldes.
Klingenbrunn (Wirthshaus zwischen Rhachel und
rinchnacher Hochwald)
Flanitzer Glasfabrik
Eschenberg (höchster Punkt des Bergzugs) . .
Habichtstein
Wagensonn (Felsspitze)
Holleruck
Dreikegelspitz
Rinchnacher Waldhaus •
Asberg (höchster Punkt auf der Chaussee nach
Zwiesel)
Bergzug des Arbers.
Arber
Keittersberg (höchste Spitze) . . .
Rabenstein (Südwestfuss des Arbers)
Bodenmais (am Südfuss desselben) .
Die Frath (Seitenzweig des Arbers)
Weissenregen (Nordwestabhang) . .
Wettzeil (auf Einsattelung) . . .
Neunussberg (Schloss. am Südabhange)
Hohebogen (isolirter Berg) . . .
Neukirchen (am Fusse desselben) .
Höhen des Donaugebirges.
Sonnenwald: Jacklriegel (höchster Punkt) . ..
Sturmriegel
Aschenstein
Darrstein: Musirhäusel
Neusang (Wirthshaus; höchstes Ackerland da-
selbst)
Klingenberg (bei Rusel; südl. höchster Gipfel) .
Dreitannenriegel (Nordgipfel) .
Wolkenscheid (zwischen Regen und Deggendorf,
Quelle)
Hausstein (auf Rusel , Bergvorsprung) . . .
Oberbreitenau (Dorf in Bergeinsattelung) . .
Geisberg
Muschenriederberg
Krackel , . . . .
Predigtstuhl
Hirschenstein
Oedenwies (Forsthaus auf dem Gebirgsrücken) .
Kagelberg
Glashüttenriegel (Fels ober Engelmar) . . .
2578
197
3217
2685
2970
2708
2567
2774
2418
4568
3267
2019
2164
1524
1819
2178
o362
1521
3033;
2992'
2971
2953J
2954!
3774'
3772
2758
2777
3274
o609
3649
3133
3336!
3392
3107;
31741
3219i
Gneissgranit
Glimmersch.
Gneiss
Porphyrgr.
Gneiss
230
Gistel:
Namen.
Vorherrschende
Bodenunterlage.
Am nordöstlich. Abfalle des Donaugebirges.
Bischofsmais (Dorf, unter Breitenau, am Ge-
birgsfusse)
Hilgenreut (Dorf am Fusse des Sonnenwald)
Am Südwestabhange.
Garham (Dorf ober Vilshofen)
Ulrichsberg (Kirche am Südabhange) ....
Rammünz (Wirthshaus)
Todtenackerberg
Brücke im Kolbachthale (am Gebirgsfusse) . .
Degernberg (Kapelle)
Oberaltaich
Bogenberg (isol. Berg an der Donau) ....
Buchberg (östlich von Mitterfels)
Dachsberg (nordöstlich von da)
Stallwang (Post)
Gefälle. Zwischenland :
im Flussgebiete des Regens.
Oberfrauenau (Glashüttengut)
Frauenau (Brücke an der Flanitz)
Zwisel
Kirchberg
Kötzting (am weissen Regen)
Runding (Schlosshof)
Haidstein (Berg bei Kötzting)
Cham (Stadtkirche)
Buchberg (bei Cham)
Weissenstein (Ruine auf dem Pfahl) ....
Neurandsberg
Fürth . . . .
Im Flussgebiete der Hz.
Oberkreuzberg (Kirche)
Ramersberg bei Schönberg (Ruine)
Frauenberg bei Grafenau
Perlesreut
Fürsteneck
Blumersberg (Anhöhe bei Tittling) ....
Engelburg (Schlossgiebel)
Fürstenstein (Schlosshof) . . '
Oestlich von der Hz.
Unterkreuzberg (Kirche)
Freyung (Kirche) .
2048
2002
1508
1997
2320
2243
1077
1706
1005
1356
2598
2365
1111
2173
1791
1796
2041
1282
1680
2404
1217
1825
2258
1817
1376
2440
1800
2260
1687
1495
1818
1917
1794
2350
1681
Gneiss
Jung. Granit
Porphyrgr.
Gneiss
Porphyrgr.
Quarz
Porphyrgr.
Glimmersch.
Porphyrgr.
Porphyrgr.
Die Flora des Sumawa-Gebirges.
231
Namen.
Hohe.
Vorherrschende
Bodenunterlage.
Röhrenbach
Kaltenstein
Hutthurn
Kelberg (Kirche)
Thürnau (Schloss)
Strasskirchen
Untergriesbach (Kirche)
Thurnreuterborg bei Wegscheid
Radberg
Umgegend von Passau:
am linken Ufer der Donau.
Freudenhain
Oberhaus 1296-
Hals (Ruine)
Oed (hinter Hals)
1589
1760
1474
1509
1437
1378
1748
2514
2711
Porphyrgr.
V
Jung. Granit
Porphyrgr.
1098, Jung. Granit
1309;
11301 Diorit
1269! Jung. Granit
Der grösste Theil dieses Gebietes besteht aus pri-
mitiven Gebirgsarten in nachstellenden Formationen:
Gneiss-, Granit- und Glimmerschiefer:
Gneiss-Granit ,
Glimmerschiefer.
Massiger Granit, —
a. Porphyrrtiger Granit,
b. Gebirgsgranit.
Jüngerer Granit.
Untergeordnet :
1) Granulit. 2) Hornblendegestein. 3) Diorit. 4) Aphanit.
5) Serpentin. 6) Quarzfels. 7) Dolomit und körnig-blättriger Kalk.
8) Besondere Lagerstätten und Gänge.
Diluvianische Gebilde.
Muschelsand, Tegel.
Geschiebe und Schuttland.
Löss.
Lehm und Mergel.
232
Gistel:
Die periodischen Phänomene an den Pflanzen des Sumawa
im Hinterzuge.
(Temperaturen zwischen 6°,9 und 1°,6 mittlerer Wärme.)
Namen der Pflanzen.
Aufblühen
mittleres von
1856—1859.
frühestes
spätestes.
Fagus sylvatica . . .
Taxus baccata ...
Pinus Larix ....
Pinus sylvestris . . .
Pinus mughus Scop.
Pinus picea L. . . .
Pinus Abies L. . . .
Sorbus aucuparia . .
Acer platanoides . .
Rubus suberectus And.
Rubus glandulosus Bell.
Lychnis viscaria . . .
Viscum album . . .
5. Juni
15. Mai
17 Mai
14. Mai
10. Juni
16. Mai
15. Mai
28. Juni
25. Mai
6 Juli
30 Sept.
28. Nov.
22. Juni
1. Juni
10. Mai
9. Mai
10. Mai
2 Juni
10. Mai
8. Mai
20. Juni
23. Mai
1. Juli
29 Sept.
25. Nov.
20. Juni
10. Juni
28. Mai
16. Mai
17. Mai
22. Juni
20. Mai
17. Mai
1. Juli
30. Mai
10. Juli
5. Oct.
3. Dec.
25. Juni
Das Fichtelgebirge (Mons piniferus), ehemals zu dem
alten Norgau gehörend, der seine Begrenzung gen Eger,
Coburg, Bamberg, Nürnberg und die Oberpfalz hatte, ist
als ein Vermittlungsglied zwischen dem Böhmerwalde ei-
nerseits und dem voigtländischen und fränkischen Gebirge
anderseits zu betrachten. Aus diesem Grunde wurde
bei der Enumeration der sumawaischen Pflanzen ver-
gleichende Rücksicht hierauf genommen und im Texte
stete Nachweisung des Fehlens oder Vorhandenseins ge-
pflogen. Ueber die Flora des Fichtelgebirgcs ist unter
gleichem Titel von J. C. Meyer und Fr. Schmidt
(Apotheker in Baireut und Wunsiedl) zu Augsburg 1854
Die Flora des Sumawa-Gebirges. 233
eine Schrift von hohem Interesse erschienen, welche dem
Verf. zum Anhaltspunkte bei dieser comparativen Arbeit
gedient hatte. *)
Die Czechen nennen den gegenseitigen transalpinen
Theil der böhmischen Wälder (Czesky Les), oder die süd-
östlichen Abhänge des gabretischen Gebirges „Surnawa";
wesshalb der Verfasser der Flora Sumawae diesem der
vagen Bezeichnung „Bayerwald" oder „Böhmerwald" den
Vorzug gegeben. Wenn ursprüngliche Ländercomplexe
von grosser Ausdehnung, wie der Nordgau zum Exempel
in Stücke und Stücklein zerbröckelt werden, ist es, wie
im Natursystem, angezeigt, diesen Fragmenten den pas-
sendsten wenn auch neuesten Namen zu vindiciren.
Naturforschern, welche dieses so viel als unerfor-
schte höchst interessante Gebiet zu bereisen gesonnen sind,
seien nachstehende Anzeichnungen zugeeignet!
In floristischer Beziehung mögen, was Phaneroga-
men betrifft, ausser Reuss's niederbayrischer Flora .noch
Sternberg's Wanderungen (1816) nachgelesen werden.
Was die Algen anlangt, so ist über die des Sumawa
noch nichts explorirt; eben so wenig über die gnomen-
haften secundären Zellenpflanzen, die Pilze, an denen diese
sylvose Zone als die Urquelle jener Tausenden von Pilzen,
welche im Sumawa den unlieblichen Namen „Hadersau"
führen, und welche vor einem Decennium etwa als Zim-
merdecorirnng in Mode gewesen, besonders reich ist. Die
Cryptogamisten haben diesen unverwüstlich scheinenden
Pilzen den Namen Polyporus pes caprae, perennis, pictus
u. s. w. ertheilt, deren Bestandteile jedoch bald in trok-
*) Anmerk. d. Herausgebers. Dem nun folgenden ausgedehnten
Verzeichniss der phanerogamischen Pflanzen, welches die Species
von 518 Genera enthält, und die Standorte nach eigenen mühevollen
Beobachtungen des Herrn Verfassers angiebt, glaube ich, so werth-
voll es ist , in unserem Archiv keinen Platz verstatten zu dürfen.
Es eignet sich besser für eine ausschliesslich botanische Zeitschrift.
Hoffentlich wird sich bald eine Gelegenheit zur Veröffentlichung des-
selben geeigneteren Ortes ünden.
234 Gistel:
nen Grabzunder verstäuben, auch wenn sie überfirnisst
worden sind, denn der Cis boleti, der sie zerstört, kömmt,
so scheint es, mit ihnen zugleich auf die Welt.
Die Haupterfordernisse, Feuchtigkeit, Wärme, geeig-
neter Boden, wenig Licht, finden die Pilze in Sumawa's un-
endlichen Forsten geboten, um ihr geschlechtsloses und
doch eierlegendes Dasein, dessen Genesis tiefe Nacht ver-
birgt, gleich den schwarzen Schatten des Urwalds, sich im-
merwährend fortspinnt, endlos zu machen.
Ausser den köstlichen essbaren Pilzen begegnen dem,
der diese unwegsamen, von überstürzten Baumleichen (Ra-
nen) und Felsblöcken verbarrikadirten Wälder betritt, noch
folgende systematisch bestimmte Gattungen und Arten :
Polyporus ovirtus Schaef.. brumalis F., deformis F.. umbellatus
F. (Eichhase), sulfureus Bull., giganteus P. (mesentericus Schaef.), ni-
dulans F. (versicolor Schaef.), borealis F. (albus Schrk. bayr. Flora),
fomentarius L. (igniarius Schrk.), igniarius Lin. (hippocrepis Schrk.),
pinicola Swarz (fulvus Schaef.), zonatus Nees et F. (niulticolor Schaef.),
versicolor Lin. (atrorufus Schaef.) , vulgaris F. (papyraceus Schrk.),
perermis L. (coriaceus Schaef.), suaveolens Lin., pes caprae Pers.,
confluens Alb. Schw., intybaceus Fr. (giganteus Fl. dan., frondosus
Schrk.), giganteus (Pers.) Fr., amorphus Fr., erubescens Fr., abieti-
nus (Pers.) Fr. etc.
Boletus bovinus L., rubellus Krombh., elegans Schum., luteus
L. (granulatus Lin.), variegatus Sw., olivaceus Schaef., edulis Bull,
(bulbosus Schaef.), luridus Schaef, nigricans L. (bovinus Seh., luteus
Schrk.), regius Kronibh., Satanas Lenz, (sanguineus Krombh.), sub-
tomentosus Lin.
Agaricus vaginatus Bull, mit Var. griseus Schrk., procerus
Scop. (lazarus Schrk.), robustus Alb. Schw., anniophilus Lasch (hy-
pnorum Schrank; um Windberg in Unzahl), viseidus L. (fuscus Schrk.
Zwiesel), srobiculcatus Scop. (crassus Schrk.), terminosus Schaef.
(pseudonymus Schrk.), fuliginosus F. (cinnamomeus Schrk. non Lin.),
ruber DC. (diversicolor Schrk.?), integer L. (ruber Schaef.), umbo-
natus Gmel. etP. (Mitterfels), scorodonius F. Agdh. (parasitus Schrk.),
androsaceus L., stipticus Bull, (semipetiolatus Schaef. Windberg) etc.
Paxillus? melacloon Schrk. (Cham.)
Daedalea latissima Fr. (Ploeckenstein, Duschelbergerforst), quer-
cina Ag. (Lin.).
Trametes perennis L. (coriaceus Schaef.), Pini Fr.
Hyperrhiza inquinans Rab. (Zwiesler Waldhaus).
Polysaccum crassipes DC
Pompholyx sapidum Corda (um Regen).
Die Flora des Sumawa-Gebirges. 235
Geaster rufescens Fr. (Cham.).
Fistulina hepatica Schaef.
Hydnum repandum L., coralloides Scop., squalinum F. (Du-
schelberg), pinastri Fr.
Craterellus clavatus P. (elveloides Wulf, et Schrk.) (Eschel-
kamm). cornucopiae L.
Thelephora radiata Fr.
Guepinia helvelloides DC. (Frauenau und Zwiesel , von Poschin-
ger, Firmiansrent. etc.).
Ciavaria flava Fr. (fastigiata Schrk.); Botrytis Pers. (coralloides
Sehr.), fastigiata L. (pratensis P.), museoides L. (corniculata Schaef.)3
rugosa Bull, (damaecornis Schrk.), suecica Fr. (rubella Schaef.), pi-
stillaris Lin., ligula Schaef. (pistillar. Schrk.), viscosa Pers.
Schizophyllum commune F. (alneus Lin.) (Bogen).
Hericium stalactiticum Schrk. (Ueberall wo Schwemmholz von
Fichten und Tannen aufgeklaftert wird, jedoch zwischen den engen
Zwischenräumen der Holzstösse. wo er sich entwickelt. Am vollstän-
digsten erhält man Exemplare aus dem Holzgarten von Steinweg
am Regenflusse. Verf. hat viele disponible Exemplare im Weingeist).
Morchella bohemica Kromb. (um Regen, Kötzting, Bogen,
Neureichenau).
Gyromitra esculenta Pers. (Deggendorf).
Helotium serotinum P.
Hysterium elatinum Ach., melaleucum Fr.
Phacidium Yaccinii F. (Rhachel und Arber).
Cordyceps militaris L., typhinna Per.
Xylaria polymorphe Pers.
Diatribe lenta Tode.
Sphaeria tephrotricha F. (auch im Baireutschen). Eine Menge
Arten dieser Gattung.
Phallus impudicus L. (nur um Winzer im Donauthale unter
Vilshofen getroffen. Wächst schnell und hat einen Geruch wie Men-
schenleiche. Heisst um Handlab „Teufelsei*').
Elaphomyces cervinus Corda. — Byssus jolithus L.
Die Flechtenk unde des Sumawa hat in neuerer
Zeit durch einen rastlosen und gediegenen Lichenographen
Hr. A. v. Kr empelhuber Licht und Begriff (170 Arten)
erhalten. Leider sammelte dieser Forscher nur einmal im
Gebiete (Flora 1854. No. 13). Es kommen vor:
Usnea barbata Fr. und var. florida L. nebst hirta L.
Evernia jubata Fr. (mit var. bicolor Ehrh. und jubata L.),
ochroleuca Fr., divaricata L., prunastri L., furfuracea.
Ramalina calicaris Fr., pullinaria Ach.
Cetraria tristisWeb-, islandica L., cucullata (Beil.), nivalis L.,
236 Gistel:
glauca Kremp. (Dreisessel mit var. fallax), sepincola (Cham.), pina-
stri Schreb., aculeata L ., juniperina L.
Nephroma resupinatuin L.
Peltigera aphthosa L. (Bucheck), caninaL., rufescens Fr. (Bu-
check), polydactyla Fr., horizontalis L., venosa L.
Sticta pulmonaceaL. (u. var. pleurocarpa Schaer.), sylvatica L.
(Bucheck).
Parmelia tiliacea Ehrh., Borreri Turn., saxatilis (und var.
omphalodes), panniformis, aleurites Hoff., physodes L. (var. vittata
und encausta Gm.), sinuosa Sm., perforata Wulf., pertusa Schrank,
perlata (beide auf dem Dreisessel), caperata L., conspersa Ehrh.,
incurva Pers., ambigua Wulf. (var. albescens), olivacea L., fahlunen-
sis L., stygiaL. (var. lanata) , dendritica Pers., parietina L., ciliaris
L., stellaris L., caesia Hoffm., pulverulenta Schreb. lanuginosa Ach.
(Bucheck), microphylla Sw., saxicola Pollich., murorum Hoffm., cervina
Pers. (und var. smaragdulum Ach.), cinerea L. (mit var.), gibbosa
Ach., atra Huds., subfuscaL., (und var.), cateilea Ach., albella Hoffm.,
pallescens L., tartarea Hoff'm. (und var. corticola, auf Plöckenstein),
rubra Hoffm., badia Pers., ventosa L., vitellina Ehrh., orosthea Fr.,
glaucoma Ach., cenisia Ach., scruposa L., atroalba (mit var. irrigua
Flotow. Bucheck), obscura, sophodes, varia.
Thelotrema lepadinum Ach.
Stereocaulon tomentosum Fr., coralliimmFr., denudatum Flot.
Cladonia pyxidataL. (mit 2 Formen), chlorophaeaFlke., ochro-
chlora Flke., gracilis L. (variae formae) , cervicornis Ach. , degene-
rans Flke., fimbriataL. (formae variae), carneolea Fr., amaurocraea
Flke., cornucopioides L. (mit var. pleurofa Flke), bellidiflora Ach.,
deformis L. (Dreisessel), digitataL., macilenta Ehrh. (Bucheck), bra-
chiataAch., furcata Schreb., squamosa Hoffm., rangifera L. (var.
sylvatica Ach. und alpestris L.), arbuscula Flotow, uncialisL., ? ver-
micularis Sw.
Baeomyces roseus P.
Biatora byssoides L. — triptophylla Ach., muscorum L., atro-
rufa Dicks., cimadophila Ehrh., decolorans Hoffm., vernalis. anomala,
polytropa Ehrh. (mit var. intricata Schrad. und sulphurea Hoffm.),
lucida, rivulosa Ach. (mit var. Kochiana Hepp.), griseo - atra Flotow,
uliginosa Schrad., viridi-atra Stenh., aurantiaca Lightf., ferruginea
Huds. (mit var. festiva Ach.).
Lecidea Dubenii Fr., Wahlenbergii Ach., sabuletorum (mit var,
enteroleuca Fltw.), miliaria Fr , arctica Fr., squalida Ach., citrinella
Ach., sanguinaria L., parasema Ach., enteroleuca Ach. (Dreisessel),
caesio-pruinosa Schaer., albo -caerulescens Wulf., spilota Fr., conti-
gua Hoff, (und var. a. Fries. Um Bucheck; dann mehreren Aen-
derungen), platycarpa Ach., confluens Web., ambigua Ach. (var. lac-
tea Flke.), obBcurata Schaer., atro-alba L. (mit vielen Varietäten),
Die Flora des Sumawa-Gebirges. 237
petraea Schaer. En., lugubris Smrf., fusco-atra L., armeniaca Ram.,
aglaea Smrf., atro - virens L. (mit einer Abart), viridi - atra Flke,
melanophaea Fr. (Urceolaria oederi Seh.).
Umbilicaria pustulata L. (Bucheck), polyphylla L. (mit var.),
hyperborea Ach., erosa Web , cylindrica L. (mit var ), vellea L.
Opegrapha varia Pers., atra Pers., herpetica Ach., scripta.
Trachylia tympanella Ach., tigillaris Ach., chlorina Stenh.
Calicium lenticulare Ach., trichiale Pers., hyperellum Whlbg.,
chrysoeephalum Turn., roseidum Fl. (adspersum P.), curtum Turn.
Coniocybe furfuracea L.
Sphaerophoron coralloides Pers., fragile L.
Endocarpon miniatum L. (und var. complicatum Ach.), fluvia-
tile Web. (Bucheck), sinopicum Whlbg.
Pertusaria communis DC. (und var. a. u. Form : sorediata
Kprlhbr. auf dem Dreisesselstein).
Segestrella thelostoma Hartm. (Bucheck).
Sagedia gibbosa Fr.
Verrucaria macularis Wallr. , nitida Schrad., glabrata Ach.,
epidermidis.
Pyrenothea leueoeephala Ehrh.
Collema rupestre Schaer. (Bucheck), cyanescens Schaer.
Leptogium atroeephalum (mit var. lophaeum Schaer.), musci-
cola Sw.
Diese Flechten vertheilen sich auf einigen Stationen
also:
Bei Passau (am linken Donaustrande; auf Gneiss):
Peltigera rufescens , Collema rupestre, Endocarpon miniatum
(mit var. cana Krplhbr. sehr häufig um Hauzenberg), Lepraria chlo-
rina, Baeomyces roseus, Parmelia sinuosa, pulverulenta, saxatilis, bor-
reri, tiliacea (sämmtlich an Obstbäumen), conspersa, dubia, olivacea,
asperata, lanuginosa (steril wie die nächste), orosthea, atra, subfusca
(mit var. campestris Schaer.), Hagenia ciliaris und Ramalina calica-
ris (beide auf Obstbäumen).
Bei Hauzenberg (auf Granit und Gneiss):
Parmelia sinuosa, pulverulenta, saxatilis, physodes, caperata,
dubia, saxicola, glaueoma, caesia, olivacea, dendritica, perforata, con-
spersa, badia mit var. polytropa («. campestris, ß. acrustacea), sub-
fusca mit var. conferta. Lecanora coaretata y. elacista Schaer. Le-
eidea fumosa , confervoides mit var. concreta und fusco - atra, pe-
traea. Parmelia vitellina. Biatora lucida, ferruginea mit var. festiva
Schaer. Cladonia macilenta, fimbriata (in diversen Formen), squa-
mosa, degenerans , furcata (var. subulata und recurva) , cenotea,
chlorophaea. Peltigera rufescens, polydaetyla, canina. Endocarpon
smaragdulum Schaer. Stereocaulon corallinum. Nephroma resupi-
238 Gistel:
natum, scruposa a vulgaris, cinerea, gibbosa. Verrucaria macularis
a contigua und var. acrotella. Umbilicaria pustulata pollinaria.
Lichenen auf dem Dreisessel :
Biatora icmadophila, triptophylla var. pezizoides Schaer. En.
Cladonia squaraosa, deformis (forma scyphosa, crenulata, centralis,
cylindrica), degenerans (forma tubaeformis, simpliciuscula, margina-
lis, centralis), furoata, racemosa, spinosa, gracilis, turbinata, s'qua-
mulosa Schaer., cliordalis, pallida, carneola, rangiferina (forma vul-
garis, sylvatica et alpestris). Peltigera horizontalis , polydactyla.
Evernia jubata (var. bicolor, ochroleuca). Cetraria juniperina, glauca,
islandica (die schmallappige Form). Evernia furfuracea. Parmelia
saxatilis a (var. penniformis) , physodes (var. vittata) , lanuginosa,
ventosa, tartarea (saxicola et forma sorediata Krplhbr.) , cenisia,
scruposa («. vulgaris). Umbilicaria polyphylla («. glabra ß. floccu-
losa). Lecidea geographica (a. contigua, ß. alpicola, y. atrovirens
Schaer.). Biatora rivulosa («. saxicola, ß. Kochiana), lucida. Stereo-
caulon corallinum. Sphaerophorus coralloides. Cladonia stellata
(«. uncialis).
Auf dem Dioritfels von Wolfstein :
Ilamalina pollinaris. Peltigera horizontalis. Parmelia olivacea,
conspersa, saxatilis, atra, murorum. Urceolaria gibbosa. Lecidea
silacea, confervoides , geographica. Biatora lucida. Stereocaulon
corallinum. Endocarpon miniatum, rupestre. Collema atrocaeruleum.
Auch in dieser Richtung ist schon vor 70 Jahren ein
Anfang gemacht worden, da v. Poschinger Usnea ca-
pillaris etc. an Schrank sandte. Diese ist Bryopogon
capillare (Dillen.) = Usnea citrina Schrk. Fl. (u. arenaria
Fries). Die in der bayerischen Flora erwähnte Usnea hip-
potrichioides Web. ist eine Form von barbata, welche Verf.
bei seinem stabilen Aufenthalte im Sumawa oft gesam-
melt hat. Solch ein längeres Verweilen ist unbedingt
nöthig , um zu allen Jahreszeiten die Vegetation beob-
achten zu können, wie es dem Verf. gegönnt ward. Bis-
her haben die Botaniker auf ihren Streifzügen binnen
wenigen Tagen im Sturm zu nehmen gewähnt, was nur
successive und leise durch eine lange Zeit hindurch ge-
wonnen werden kann. Auch nicht auf der breiten Heer-
strasse findet man, was dem Gewöhnlichen fremd ist; der
Forscher soll sie grundsätzlich vermeiden. — Es mögen
noch einige Namen vom Verf. aufgelesener Flechtenformen
eine Stelle finden:
Stereocaulon quisquiliare Hoffm. (Felsenklüfte im Bisthums-
Die F lora des Sumawa-Gebirges. 239
walde); incrustatum Flk. (um Heiligenblut); paschale (Lin.) Acliar.
(Bogen, Steinach, Maut etc.) ; Biatora pineti? ? Fr. (Duschelberg etc.);
Lecanora gelida (Lin.) Ach. (Hirschenstein); Gyalecta odora Ach.
(Gneissblöcke in den Keitersbergen) ; Yerrucaria laevata Ach., cata-
lepta Schaer. (häufig) ; Cladonia papillaria (Ehrh.) Duf. ; Solorina
saccata Ach. (Winzer) ; Pyrenula gibbosa Achar. (Kötzting, Heiligen-
blut etc.) ; Sphaeromphale thelostoma Rabhst. ; Sagedia clopima Fr.
( auf Gneiss bei Neureichenau) ; Umbilicaria proboscidea DC. forma
rigida Hoffm.
Einen längeren Aufenthalt erheischt die Erforschung
der vielen Formen aus der Ordnung der moosartigen Ge-
wächse. Aus dieser Ursache sind die beiden Familien
derselben äusserst nothdürftig theils oder gar nicht er-
forscht worden. Die Lebermoose, an denen der Sumawa
als gesegnet erklärt werden kann, haben ausser den man-
gelhaften aber unausgesetzt gepflogenen Untersuchungen
durch mehrere Jahre an den Standorten und in allen Jah-
reszeiten; welche Verf. dieser so vernachlässigten Ord-
nung zuzuwenden die Freude gehabt, bisher auch nicht
einen Beobachter gefunden und dürfte noch vieles, sage
vieles zu entdecken und zu berichtigen sein. Was Verf.
davon neben seinen Hauptzwecken aufzufinden und zu be-
stimmen im Stande gewesen, soll hier verzeichnet wer-
den, mit den Bemerkungen, dass eine nicht kleine Zahl,
die natürlich nicht aufgeführt werden konnte, noch der
systematischen Bestimmung entgegen sieht und Verf. be-
reit und froh sein wird, solche einem Fachkundigen an-
vertrauen zu können. Im Sumawa erscheinen:
Plagiochila asplenioides M. N. (gemein auf Waldwiesen), un-
dulata M. N. ; Mastig obry um resupinatum Poll. (compactum M. N.),
trilobatum (L.) Nees (häufig um Regen etc.) ; Liochlaena lanceolata
Nees (Windberg u. s. w.) ; Jungermannia -.barbata Nees (mit var.
quinquedentata L. Moore, sehr gemein), bicuspidata (Linn. In vielen
Formen häufig), nov. gen. trichophylla (Weiss.) ; Calipogeia tricho-
manis forma communis = Lichenastrum trichomanes Dillen, (überall
im Sumawa); Lepidozea reptans (Schrk.) Nees = Lichenast. multi-
fidum Dil. (überall) ; Frullania tamarisci (L.) Nees. (Im Moose, Nat-
ternberg, Freyung u. s. w.), dilatata (L.) Nees (Passau) ; Schrankia
epiphlaea (Schrk.) (Jungermanni. Dillen, tab. 72. fig. 34 B) ; Metzgeria
furcata Nees (überall unter Moosen, z. B. Deggendorf) ; Aneura pin-
guis (L.) Nees (in Gräben bei Altach, Bogen und an der Wallfahrts-
kirche daselbst) ; Marchantia polymorpha Lin. (Regen, Hals, Pas-
240 Gistel:
sau u. s. w.); Grimaldia dicliotoma (triloba et trianclraScop. Jungerm);
Rebouillia hemisphaerica (Pal) Rad. (Oberaltach); Blasia pusilla
Mich, (am Silberberg bei Bodermiais); Anthoceros punctatus, lae-
vis L.; Chiloscyphus polyanthus (Lin.) Nees (überall in Gebirgsbä-
chen, auf Steinen), pallescens Dumort. (sehr häufig zwischen Moos) ;
Harpanthus flotovianus Hpe. (in den Sümpfen des Arbers u. s. w.
häufig) ; Lophoclea heterophylla Nees (überall in den Hochforsten
zwischen Moosen); Jungermannia Taylori Hook, (häufig auf tieflie-
genden Wiesen), curvifolia Dicks, (in den Sümpfen der Forste ge-
mein) ; Mülleri Nees (zwischen Hypnen zahlreich), divaricata Engl.
Bot. (auf allen Mooren häufig), setiformis Ehrh. (auf Bergen und
in Thälern, -auf Flechten nicht selten), incisa Schrad (überall), socia
Nees (Neureichenau und Klafterstrass mit anderen, jedoch selten),
porphyroleuca Nees (häufig auf nackten Bergen) ; Scapania rosacea
Corda (häufig in Wirths- und Kellergärten um Deggendorf u. s. w.),
umbrosa Nees (um Viechtach , auf Felsen gemein) ; Sphagnoscelis
communis (Dicks.) Nees (auf allen Brüchen durch den Hinter- und
Mittelzug) ; Gymnomitrium coralloides Nees (unter dem Gerolle der
Lusenkuppe), concinnatum Lightf. Corda (in Räsgen auf allen Berg-
kuppen) ; Jungermannia undulata Nees (Lin.) (in mannichfachen For-
men unter fast allen Moosen), Bartlingii Nees (häufig auf Felsen
um Kötzting); Sarcoscyphus Funkii W. et M. Nees (überall auf
Felsblöcken). (Ueber Octospora Schrank bayr. Flora, mit den
Arten immarginata, pallida Schrk., scutellata L. und applanata Hed-
wig, mehreres in einer besondern Schrift); Riccia fluitans L.
(Münsterweiher an Deggendorf) , natans L. (Weiher zu Nieder-
altach); Targionia germanica (forma subovata) Corda (Freyung,
gute Art?,; Grimaldia fragrans (Balb.) Corda (Hengersberg); Fe-
gatella conica (Lin. , Marchant. Schrank) Corda (Maria Handlab) ;
Aneura pinnatifida Nees (Ahornöd bei Freyung); Pellia epiphylla
Nees (in der Schlucht vor der Rusel links); Blyttia Lyellii Nees
(Hook.) (Neureichenau und Deggendorf) ; Lejeunia serpyllifolia (Dicks.)
Libert. (Passau); Frullania fragilifolia Taylor und Rabenhorst (auf
Felsen, im ,.Landl" beobachtet); Madotheca navicularis Nees (Vie-
chtach und Neureichenau u. s. w.), porella Nees (Sümpfe um Frey-
ung) ; Radula complanata ( L. ) Dumort. ( Die Form plumulosa
Nees s. hfg. unter Moos in allen Forsten des Hinterzugs); Ma-
stigobryum deflexum Nees, ß. elongatum Nees (an Felsen des Hir-
schenstein) ; Ptilidium ciliare (L ) Nees (sehr gemein auf der Rusel beim
Gasthause); Physiatium cochleariforme Nees (Steinach, Oberaltach).
Sehr wichtig erscheint des zu früh dahin geschwun-
denen Freundes Hrn. Forstraths Winneberger Ver-
such einer geognostischen Beschreibung des bayrischen Wal-
des (Passau 1851, auf eigene Kosten) für alle Ordnungen
Die Flora des Sumawa-Gebirges. 241
dieser Zellenpflanzen als auch für die Gefässpflanzen.
Was Yerf. über die in der Isis vor vielen Jahren publi-
cirte Flora (ein Raub aus Reuss) geäussert, findet zu-
gleich hier Anwendung, indem (wie Winneb erger in
dem Vorworte seiner Schrift selbst andeutet) derselbe Pla-
giarius die mündlichen Mittheilungen Winneberger's
benutzend — für Eigenes ausgab, was er genommen hatte.
Anlangend die Flora der eigentlichen Moose (Laub-
moose), hat der selige Th. G um bei 139 Arten, welche
sein trefflicher Bruder Hr. Bergmeister Wilhelm Gü ru-
bel auf einem geognotischen Ausflüge durch den Suma-
wa aufgesammelt, in der Flora (1854. No. 12) systematisch
bestimmt und bekannt gemacht. Es sind aber viele
Moose anderer Gegenden hiebei aufgeführt worden.
Das wenige, was dem Yerf. während seines Aufent-
haltes aufgestossen, aufzuführen möchte an der Stelle
sein; doch sollen jene Moosarten, welche der vielver-
diente W. Gümbel in seinem „Beitrag" aufgeführt hat,
weiter unten enumerirt werden. Auf eine Angabe der
Standorte kann Verf., der Weitläufigkeit wegen , sich
nur ausnahmsweise einlassen. Zu bemerken steht, dass er
in seinem encyclopädischen Taschenbuche für allgem.
Naturgeschichte Jahrgg. I. (Berlin 1865. Thiele) Skizzen
aus der Flora Sumawa mitzutheilen beabsichtige.
Laubmoose des Sumawa.
Andreaea rupestris Hedw., alpina Hedw.
Sphagnum compactum Brid. (S. cymbifolium Ehrh. auf der
Arberkuppe), subsecundum Nees.
Pleuridium alternifolium Brid., nitidum Hedw.
Brucliia palustris Müll.
Pyramidium tetragonum Brid.
Enthosthodon curvisetus Müll. (Freyung).
Tetraplodon mnioides (Lin.) Bru. Seh. (Donauthal und Hin-
terzug).
Tayloria serrata Br. Seh. (Keitersberge, Plöckenstein u. s. w.).
Splachnum vasculosum Lin. (auf dem Plöckenstein, N. W.).
Desmatodon latifolius Brid. (Frauenau), flavicans Bruch.
Barbula rigida Schul., unguiculata Hed., paludosa Schw., tor-
tuosa Web. M , subulata Brid.
Triebe- stonium tophaceum Bird., pallidum (Schreb.) Hedw.
Leucobryum vulgare Hampe.
Arcihv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 10
242 Gistel:
Gymnostomurn rupestre Schw.
Hymenostonmin tortile Fürnr.
Weisia apiculata Nees (firnaians Reut.).
Cynodontium Bruntoni Br. (Kötzting, Griesbach u. s. w.).
Rhabdoweisia denticulata Br.
Encladium verticillatum Bruch. (Lin.).
Brachyodus trichoides Nees.
Seligeria pusilla Br.
Blindia acuta Br. Seh.
Trernatodon arabiguus Schw. (Häufig).
Dicranum cerviculatum Hedw., montanum Hedw., spurium
Hedw., undulatum Ehrh.
Thysanomitrium flexuosum Schw., turfaceum Br.
Campylostelium saxicola Br. Seh.
Rhacomitrium sudeticum Garov. (Rissloch am Arber)., micro-
carpon Bird. (gemein).
Grimmia ovata Web. M., leueophaea Grev. ?
Encalypta vulgaris Hedw., rhabdocarpa Schw.
Orthotrichum Sturmii Hop. Hörn., Drummondii Hook. ?, pu-
milum Schw., fallax Br. (Reuss), rivulare Turn., Lyellii Hook.
Catascopium nigritum Dick. Brid. (auf allen Hochmooren).
Meesia uliginosa Hedw. (wie voriges), longiseta Hedw., tristi-
cha Br., Seh..
Amblyodon dealbatus Palis (Zwislerwaldhaus).
Bryum uliginosum Br. Seh., Zierii Dicks. , crudum Schreb.,
Wahlenbergii Schw., pyriforme Hedw., intermedium Brid., pseudo-
triquetrum Schwaegr. , Duvalii Yoit. , cyclophyllum Schwaegr., ro-
seum Schreb.
Cinclidium stygium Sw. (in allen Hochmooren, z. B. denen
des Rhachels, Dreisesselb. u. s. w.), aretienm Br. (ebenda).
Mnium hornum Lin. (häufig), serratum Brid . spinulosum Br.
(unter dem gemeinen spinosum) , rostratum Schwaegr., cuspidatum
Schrank, Hedw. (äusserst häufig), medium Br., Seh., palustre Hook.,
Schw. (Sümpfe ; auch die Form polycephalum Brid.).
Georgia repanda Rbhst., Ehrh. (Funk.), Browniana Dicks.).
Timmia megapolitana Hedw. (gemein).
Catharinea (Atrichum) hereynica Ehrh.
Polytrichum gracile Menzies, piliferum Schreb. (wie voriges,
gemein), commune Lin.
Buxbaumia aphylla Hall., Lin. (gewöhnlich).
Cinclidotus fontinaloides (Dill.) Palis, riparius Walk.
Anoectangium compactum Schwaegr.
Fontinalis antipyretica Lin. (überall).
Leptohymenium striatum Schw. (Lin.), filiforme Hueb.
Anomodon curtipendulus Hook., Tay! (gemein).
Die Flora des Sumawa-Gebirges. 243
Leskea complanata (Lin.) Hedw., trichomanoides Hedw., po-
lyantha Hedw., subtilis Hedw. (alle gemein).
Hookeria lucens (Lin.) Smith (gemein auf den Höhen u. s. w.).
Hypnum tectorum Brid. (Var. von dimorphum), recognitum?
Hedw., alopecurum Lin., revolvens Swar. (Abart von aduncum),
lycopodioides Schwaegr., rugosum Ehrh., scorpioides Dill, et Lin.,
mammillatumBrid., (Var. des häufigen cupressiforme), Mühlenbeckii
Bruch., pallescens Palis., squarrosum Lin. Schrk. , brevirostre Ehrh.,
striatum Schreb. , polymorphum Hook., Halleri Lin. fil., umbratum
Ehrh. (auch um Baireut), reflexum Sta r., Stockesii Turn., sylvaticum
Lin., ruscifolium Neck., murale Neck., cordifolium Hedw., cuspida-
tum Lin., stramineum? Dicks., trifarium Web. M;, curvatum Sw.,
serpens L. (mit Yar. sehr gemein), fluviatile Sw., riparium Lin., albicans
Neck., Vaucheri Lesq., lutescens Huds., rutabulum Lin.
Neckera sciuroides Lin.
Fissidens incurvus Schwaeg., bryoides (Lin.) Hedw.
Hr. Gümbel hat noch nachstehende Moose, welche
ich der Vollständigkeit der Aufzählung wegen anführe, (und
in des Verf. Herbar in vielen Doubletten sich befinden
und Freunden zu Diensten stehen), gefunden:
Auf dem gneisigen Arber.
Andreaea alpina Hedw. ; Bartramia pomiformis Hedw. ; Dicra-
num gracilescens W. et M, polycarpon Ehrh., subulatum Hedw.,
Grimmia incurva Schw. , uncinata Kaulf. ; Amblystegium subtile Br.
eur.; Brachythecium reflexum Br. eur.; Hylocomium splendens Br.;
Hypnum praelongum L. , uncinatum Hedw.; Plagiothecium denticu-
latum Br., undulatum Br. ; Plagygyrium repens Br. ; Pogonatum al-
pinum Brid.; Sphagnum acutifolium Ehrh., cuspidatum Ehrh.; Rha-
comitrium canescens Brid., heterostichum Brid. ; Rhabdoweisia schisti
Br.; Weisia crispula Hedw.
Auf dem grossen granit- und glimmerführenden Ossa:
Andreaea RothiiWeb. M. ; Bartramia pomiformis Hedw.; Bryum
bimum Schreb. , elongatum Dicks., inclinatum B. et Seh., pallescens
Schw.; Dicranum congestum Brid., gracilescens W. et M., polycarpon
Ehrh.; Grimmia uncinata Kaulf.; Hylocomium splendens Br. eur.;
Hypnum ineurvatum L., praelongum L., uncinatum Hedw.; Plagio-
thecium denticulatum Br., pulchellum Br., undulatum Br. ; Plagygy-
rium repens Br. , Pogonatum alpinum Br.; Sphagnum cuspidatum
Ehrh., acutifolium Ehrh. ; Barbula alpina B. et Seh. ; Distichium ca-
pillaceum Br. ; Rhacomitrium aciculare Br., canescens Br., heterosti-
chum Br. ; Rhabdoweisia fugax Br. eur.
Uebrigens finden sich noch auf dem Gebiete Sumawa's
nachfolgende Arten:
244 Gistel:
Bartramia fontana Schw.: halleriana Hedw., pomiformis Hedw.
Aulacomnium androgynum Schw , palustre Schw.
Bryum alpinum L., argenteum L. , bimum Schreb. , caespiti-
cium L., capillare Hedw., elongatum Dicks., inclinatum B. Seh., nu-
tansSchr., pallens Sehr., pallescens Schwgr. ; Mnium spinosum Schw.,
undulatum Hedw.
Diphyscium foliosum Mohr.
Ceratodon purpureus Brid.
Dicranum congestum Brid., flagellare Hedw., gracilescens W.
et M., heteromallum Hedw., longifolium Hedw., polycarpon Ehrh.,
Sauteri Bryol. eur. (Falkenstein), scoparium Hedw., strictum Schleich.,
subulatum Hedw.
Dicranodontium longirostre Br.
Oncophorus glaueus Br. (stets nur steril).
Encalypta ciliata Hedw. (Rhachel).
Fissidens adiantoides Hedw.
Fontinalis squamosa L. (in allen Waldbächen; steril).
Funaria hygrometrica Hedw. (stets fast auf alten Kohlenmei-
lern mit Marchantia polymorpha).
Physcomitrium fasciculare B. Seh. (im Gebiete von Bogen.
Gistel).
Grimmia alpestris Schi., ineurva Schw., uncinata Kaulf , obtusa
Schw. (Rhachel, Keitersberg), pulvinata Hook, (auch um Deggendorf
und Passau. G.).
Schistidium apocarpum B. et Seh., confertum B. et Seh.
Hedwigia ciliata Hedw. (allenthalben).
Pterygophyllum lucens Br. (diese Hookeriacee ist häufig in
Wasserrinnen).
Amblystegium serpens Br. (Hirschenstein), subenerve Br. (Süs-
senbach), subtile Br. (Arber), tenuissimum Br.
Brachypodium glareosum Br. eur. (Süssenbach).
Brachythecium plumosum Br. eur. (Hfg.), reflexum Br. (sehr
verbreitet), velutinum Br. eur. (ebenso), graniticum Gümb. (spec.
ined. bei Süssenbach).
Climacium dendroides W. et M. (Hirschenstein).
Heterocladium dimorphum Br. eur.
Hylocomium loreum Br. eur. (überall), splendens Br., trique-
trum Br. (ebenso bei allen).
Hypnum aduncumL. (Hirschenstein), crista castrensis L. (überall),
cupressiforme L. (ebenso), fluitans L. (bei Hirschenstein), ineurva-
tum, longirostre Ehrh., purum L. (gemein), protuberans Bruch i lit.,
praelongum L. (wie vorig, sehr verbreitet), Schreberi Dill, (ebenso),
strigosum Hoffm., uncinatum Hedw. (eines der gemeinsten im Sumawa).
Isothecium myosuroides Br. eur. (auch im Sumawa).
Limnobium palustre Br. eur. (Bach).
Die Flora des Sumawa- Gebirges. 245
Plagiothecium denticulaturn. Br. eur., pulchellum Br., silesia-
cum Br. (überall durch den ganzen Sumawa), undulatum Br. (ebenso).
Plagygyrium repens Br. (weit verbreitet).
Pterigynandruni filiforme Hedw. (Hirschenstein auf Buchen).
Rhynchostegium depressuni Br. (Firmiansreut , Herzogsreut.
Gistel).
Pterogonium gracile Swar.
Pylaisaea polyantha Br. eur. (Steinach).
Thujidium abietinum Br. eur. (überall und überall steril), ta-
marisciuum Br. ebenso).
Anomodon viticulosus Hook, (weit verbreitet).
Leskea polycarpa Hedw.
Neckera crispa Hedw. (Hirschenstein), pennata Hedw.
Orthotrichum anomalum Hedw. (häufig), cupulatum Hrnsch.
(um Deggendorf und Moos. Gist., auf Gneiss bei Schwarzeck), Hut-
chinsiae Hook, et Tayl. (Viechtach) , pallens Br. , rupestre Schi.,
speciosum Nees, stramineum Hrnsch.
Acaulon muticum C. M. (Donauschlamm bei Deggendorf).
Phascum bryoides Dicks. (Hutthurm), cuspidatum Schreb.
(durch alle Züge).
Atrichum undulatum Pal. B. (sehr gemein).
Pagonatum alpinum Brid. , aloides Br. (gemein), nanum Br.,
urnigerum Br. (Falkenstein).
Polytrichum formosum Hedw. (sehr verbreitet), juniperinum
Hedw. (Gneis).
Schistostega osmundacea W. et M. (als Vorkeimgebilde bei
Fichtelberg ; längst als Goldmoos berüchtigt ; phosphorescirt wie
Tetraphis pellucida).
Sphagnum acutifolium Ehrh. in allen Sümpfen des Sumawa,
aber am häufigsten ist das nächste), cuspidatum Ehrh., cymbifolium
Ehrh., squarrosum Pers.
Splachnum ampullaceum L.
Barbula aloides B. et Seh., alpina B. et Seh., convoluta Hedw.
(um Winzer), fallax Hedw. (auf Mauern um Niederaltach angeflogen),
muralis (Kapellenmauer am Arber).
Didymodon rubellus Br. eur. (im Ilzgebiete auf Detritus).
Distichium capillaceum Br. eur. (grosser Ossa).
Rhacomitrium aciculare Brid., canescens Brid. (häufig), hete-
rostichum Br., lanuginosum Br.
Trichostomum rigidulum Sm. (Hirschenstein), homomallumBr.
Bhabdoweisia fugax Br. eur. (Gneis - und Glimmerschiefer),
Schisti Br. eur.
Weisia crispula Hedw. (Falkenstein, Hirschenstein u. s. w.)
Die Fauna hat Verf. vorläufig durch Veröffentli-
246 Gistel:
chung der Phytozooen und Würmer Bayerns theilweise in
seiner Zeitschrift Vacuna (Bd. IL 1856) bekannt gemacht,
welcher die Ergebnisse anderartiger Forschungen, nament-
lich aus dem Gebiete der Malacozoologie und Entomo-
gnosie nachfolgen werden. Vor dreissig Jahren ist so
manches im Sumawa hausende Gethier in der südländi-
schen Reise des Grafen Rudolph v. Jenison-Wal-
worth (redigirt von dem Verf.) im Appendix zum III.
Bde. beschrieben, wie auch in der Vacuna eine Ueber-
sicht der von ihm um Passau, Vilshofen und im Sumawa
beobachteten Hymenopteren und hartschaligen Kerfe be-
kannt gegeben worden.
Schliesslich, zur Orientirung der Naturforscher, wel-
che den Sumawa zu besuchen gedenken, einige dieses Ge-
birgsland berührende Anzeichnungen !
Die höchste Zone der Böhmischen Wälder (Cesky Les)
befindet sich auf dem Areale des Sumawa. Die geogra-
phische Lage dieses nahe an 81 Quadratmeilen bedecken-
den Alpenlandes ist verschieden : einmal ist es unter dem
48° 48' 48" N. Br. und 31° 12' 27" 0. L. (Wolfstein) ge-
legen, dann unter 48° 36' 5" N. Br. und 31° 27' 6" 0. L.
(Wegscheid, 1230' U.d.M.); oder unterm 49° 04' 48" N.
Br. und 30° 33' 05" 0. L. (Viechtach, 1516' U.d.M. —
Regen liegt 1842', Kötzling 1244', u.d.M.); endlich unter
dem 480 51/ 32" N. Br. und 39° 47' 43" 0. L. (Grafenau,
1585' ü. d. M. Vergl. des Verf. Geogr. u. Statist, d. Kö-
nigr. Bayern 1856 S. 19. u. 185) ; während Baireut im Fich-
telgebirge 1019' ü. d. M., etwa unter dem 50° 19' 2" N. Br.
und 29° 36' 0. L. (Hof 1455' ü. d. M.) gelegen ist. Dieses
Land hat der Verf. in einer Monographie vollständig be-
schrieben.
Verschiedene Flüsse nehmen aus den Seen und Mo-
rästen des Sumawa ihren Ursprung : der kleine Regen, die
Ohen (Aehen, die später andre Namen annehmen), die Mol-
dau (am Rhachel) und die Uz ; der weisse Regen (aus dem
kleinen See des Arbers) ; die grosse Mihel (am Dreisesselb.;
durchströmt das östreichische Mihelviertel). Die Grösse
der Herabstimmung der Temperatur beträgt 2° (vergl.
Gistel: physis. Geogr. des Königr. Bayern. Erl. 1855.
Die Flora des Sumawa-Gebirges. 247
S. 303). — Was dem Sumawa fehlt, das sind die Seen,
welche den südbayrischen Alpen eine unaussprechliche
Anmuth verleihen. Das Gebirge ist desshalb ernst, wie
jede Gegend, der ein offnes Gewässer, das Auge jeder
Landschaft, fehlt. Die Augen des Sumawa sind nur Guin-
pen oder der Austrocknung nahende Moräste, auf den
höchsten Rücken der Alpen gelegen; denn der Desche-
nitzersee ist bereits auf böhmischem Territorium (bei bay-
risch Eisenstein) und der Freudensee (auch Feuersee
genannt) bei Hauzenberg, unbedeutend. Sämmtliche Flüsse
brausen in tiefen Rinnsalen oder Schrunden dahin, der
Donau zueilend. Ausnahmen machen der offene Regen
und die südöstlich dann nördlich abströmende Moldawa,
deren Wiege, wie gesagt, der mächtige See des Rhachels
ist, der, rings von einem düstern Coniferenwalde umstellt,
in melancholischer Schönheit hoch (3360y) am Südabhange
sich ausbreitet und dessen schwärzlichbraune, immerwäh-
rend geglättete Oberfläche glänzend gleich einem Spiegel
erscheint.
Der Pausilipp der Ilzstadt bei Passau ist gleichsam das
Einzugsthor, das der Wanderer, der den Sumawa bereiset,
zu passiren hat. Die aufstrebenden Urgebirgsmassen sind die
Propylaeen für den Geognosten, Lichenologen, Bryologen,
wie für den Landschaftskünstler. Die hohe Rusel führt
den Forscher wieder in das Donau thal hinab nach Deg-
gendorf, in die freie weite heiterere Welt hinaus; sie
ist als der Ausgangspass anzusehen aus der erhabenen
schweigsamen und verrufenen Landschaft. Der sog. Bis-
thnmwald , in welchem der hochromantische Dreisessel,
der Lusen u. s. w. gelegen sind, ist weit romantischer, als
jeder andere Theil des Gebiets, wenn man die hoch-
romantischen (schottländischen) Wildnisse und malerischen
Eigentümlichkeiten des Arwa (Arber, aber so nennt ihn
im Sumawa kein Mensch; nur Schriftsprache), seinen schö-
nen See, die Wasserfälle des Rissbaches, das merkwürdige
Rissloch und was über alles geht, die Aussicht von seinem
Königshaupte ausnimmt. Zu Freyung erblickt man den
Gipfel des Lusen, den unter allen Kuppen des Landes
lichtgefärbtesten (durch Lecidea geographica u.a. der Varie-
248 Gistel:
tat alpicola Schaer.). Von liier aus theilen sich die Strassen
nach Neureichenau mit dem Dreisessel, nach Böhmen und
nach Grafenau und dem Lusen. Von Freyung nach
Kreuzberg sind V/2 Stunden und von da gelangt man
durch Wälder und über trockene Wiesen gehend, bald
nach Maut. Man verlässt das neue Försterhaus und den
schönen Pfarrhof, um nach 1 Stunde nach Finsterau zu
kommen. Der Weg führt durch Wald und über luftige
Höhen (im Sumawa weht immerwährend Wind). Herr-
liche Aussicht nach Böhmen hinunter in unübersehbare
Wälder, welche sich terrassenförmig, fast durch gar keine
Culturen unterbrochen, fortsetzen. Gefühl grossartiger
Einsamkeit und tiefer Verlassenheit!
Dennoch ist alles auch in seiner Einförmigkeit noch
lieblich wegen der sanften Färbung des Lufttons, denn solche
Linien und Farbenharmonie an heitern Abenden versöh-
nen den Reisenden mit Jedem und Allem. Jener Dunst-
ton verhüllt alles Nackte, Zerrissene, Sonnenverbrannte
hier ebenso gut wie auf der göttlichen Insel, auf welche
die himmlische Sichel fiel. Wie dort mischen sich Ho-
hes und Wildes, Erhabenes und Romantisches, Schauer-
liches und Idyllisch-Freundliches. Die Bilderstudien eines
Freundes aus der oberen Waldzone des Sumawa in dieser
Nähe aufgefasst, erregten ob ihrer reizenden Perspectiven
und des eigentümlichen Farbenspiels der Luft im Kunst-
vereine zu München allgemeine Bewunderung. Hier blauen
die Hintergründe, wie in Italien und die Forste nehmen,
wenn Regen bevorsteht, tiefschwarzes Colorit an.
Auf dem Wege nach Maut und Finsterau hat man,
von Freyung kommend stets den Lusen, nach welchem
indessen immer noch 2 bis 3 Stunden durch die unüber-
sehbaren Forste sich hinziehen, zur Linken, in drohen-
der Nähe. Von Finsterau Ausflug ins Böhmische lohnend,
nach Buchwald. Einsames Forsthaus; K. Kais. Förster
Tatra, ein gastlicher, rüstiger Greis; Urbild eines Forst-
mannes. Aussergfield ist gleichfalls böhmisch.
Man befindet sich in einer Gegend, wo es noch vor
80 Jahren von Bären nur so wimmelte. Die letzten
wurden etwa 1810 — 15 geschossen. Eber, die Hr. B. C otta
Die Flora des Sumawa-Gebirges. 249
hieher versetzt, gibt es nicht. Wölfe hat es gegeben (die
sind in Carantanien noch zu Hause).
Ein kürzerer Weg, der nächste, führt von Freynng
in zwei Stunden nach Kirchl, einem freundlich gelege-
nen Dorf. Von hier aus ist ein Führer zu nehmen.
Auf einem neugebahnten Forstwege, der durch einfache
Holzarbeiter sogar in den Hochbauten, worunter natür-
lich keine Brücken, indessen immerhin respectable Unter-
lagen über Schlünde und Risse zu verstehen, recht brav
ausgeführt ist, gelangt man bis nahe an den Gipfel des
Lusen, wo er jedoch uns verlässt und ein rauher, steiniger
Pfad anhebt, der hier und da von tiefem Moorgewässer un-
terbrochen wird, an welchem im Hochsommer, Ende Julis
das ätherisch reine Sternchen der Trientalis europaea und
der dunkelblaue Eisenhut in seiner tückischen Pracht blüht.
Im Sommer kommt am Lusen jedoch nur sehr vereinzelt
Gentiana lutea und pneumonanthe und häufig im Herbste
G. Amarella vor.
Die Scenerie ist grossartig wild und schauerlich.
Ranen (Baumleichen) strecken ihre knochenbleichen Arme
aus und erinnern an die künstlerischen Phantasien Moriz's
Schwind, der solche Ranen personificirt hat. Hier ist
auch der Ort der superlativsten Holzverschwendung ! Arme
dürfen die gefallenen Stämme der Tannen aufarbeiten; doch
hiezu braucht es weitschichtiger Umwege und Gnaden.
Der Gipfel dieses mächtigen Berges (4163', der Ke-
gel misst allein an Höhe 250') ein chaotisches Durcheinan-
der von Granitfragmenten, stellt einen stumpfen Kegel
vor und scheint, nach Hrn. v. Kre mp elhuber's treffli-
cher Bemerkung, von einer schönen grüngelben Farbe wie
übertüncht, was von den vorweg genannten Flechten her-
rührt, welche die meist tafelförmigen Granittrümmer über-
ziehen und einen überraschenden Anblick gewähren. .,Es
wird nicht leicht einen Ort, bemerkt abermals treffend
der genannte Naturforscher, geben, wo Lecidea geogra-
phica in solcher Schönheit und in solcher üppigen Ent-
wickelung und weiten Verbreitung wie hier vorkömmt."
Aber auch andere Flechten (Parmelien, Umbilicarien, Leei-
deen, Stereocauleen, Cladonien und schmallappige Cetra-
250 Gistel:
rien) tragen mit den 2 — 3" breiten Rasen von Sphaero-
phc-rus fragilis, zur Nuancirung der Färbung des vielleicbt
vor tausend Jahren schon eingestürzten Kegels des Lusen
bei. Welche Höhen müssen die Giganten des Sumawa
vor dieser unendlich scheinenden Zeit eingenommen haben!
Welche Aussicht hatte damals der kleine Mensch auf
dem Gipfel, da die gegenwärtige fast nicht schöner mehr
sein kann ? Der arroganteste Bursche, wenn er hier oben
zwischen Himmel und Urschutthaufen steht, spürt eine
Portion Demuth.
Aufgeschrecktes Auerwild eilt mit schwerem und
schnarrenden Fluge durch die Luft und senkt sich über
die tiefer liegenden Tannen wipfel ein. Entweder schon im
Hinaufweg, oder, wofern man nach Kirchl zurück will,
auch im Herabsteigen wäre der Tummelplatz der Tetrao-
nen zu besehen! Einsames kleines Diensthaus für Forst-
leute, von einem braven Holzhauer bewohnt, der Bier
und Proviant mühsam heraufträgt. Hier findet man we-
nigstens guten Willen, ein gutes Glas Bier und einen
Rettig!
Die Hütte ist gut gebaut und von einem viereckigen,
mit starken Palissaden verzäunten Platz umgeben, wie in
den Prairien eines anderen Welttheiles. Tiefe Ruhe.
Hinausblick in weite blauduftige Forste. Buchen- und
Tannengesäusel; Amselgesang, Meisengewisper und Fin-
kenschlag; ein Schrei aus rauher Kehle von einem Raub-
federspiel mittlerweile.
Keine Viertelstunde und der Tummelplatz für Auer-
hahnwild ist erreicht — das sogenannte Grossalmeierschloss
— eine hohe Gneiswand von schöner malerischer Bil-
dung. Fernsicht auf tausend und aber tausend Wipfel
und fern sich dehnende Hochwälder. Es rührt sich da
unten Alles wipfelseelig und scheint mit dem Winde
Plaisir zu treiben.
Abwärts steigend schlägt der bedächtig gewordene
Wanderer die Richtung nach St. Oswald ein, das er bin-
nen 2 Stunden erreicht. Wer einen Führer zum Tragen
der Gesteine bei sich hat, sehe sich öfter nach diesem
Die Flora des Sumawa-Gebirges. 251
nm; damit es ihm nicht wie meinem Freunde Win n eb er-
ger gehe , dessen Führer von Zeit zu Zeit die geogno-
stischen Handstücke absichtlich aus dem Sacke zu verlie-
ren wusste !
Nicht im Posthause zu Freyung, auch nicht beim
Reichenberger, wo Verf. mehrere Monate logirte, bringe
man seinen müden Leib zur Ruhe — länger als es sein
muss; wohl aber lange und länger zu St. Oswald im
Brauhause , das man nicht genug empfehlen kann, weil
es das Diadem der Gasthäuser des ganzen Sumawa ist.
Von hier aus unternehme der Forscher seine Touren und
er wird fortwährend zufrieden dahin zurückkehren; denn
aller Weisheit Ausgang ist das leibliche Wohlergehen.
Auch von St. Oswald aus besteigt man den licht-lichenir-
ten Lusen.
Die Tour von Freyung nach Bucheck ist äusserst
gering, doch lohnend für den Botanisten. In dem engen
langen Felsenthal, vom Sau- und Röschwasser durchraset,
bewundert man die Bizarrerie der Granitblöcke, die allent-
halben hier durch-, auf- und unter einander liegen und des
vegetativen Lebens dasige Triebkraft in perennirender
Feuchtigkeit. Hier vermag man zur rechten Zeit die ächte
Soldanella montana einzusammeln , an einem Tage tau-
send Exemplare, wie die Arnica montana auf den Berg-
lehnen zu Millionen, und wie Digitalis purpurea. Auch
liefert diese Leite die schönsten Flechten (Parmelia lanu-
ginosa, Collemen, Sticten, Endocarpen, Segestrellen, Le-
eideen, Cladonien und Peltigeren) z. B. von Umbilicaria
pustulata ungewönliche handgrosse Exemplare!
Hier und in der nahen Leite (Schlucht) von Buch-
berg i alle Namen sind da botanisch^ — in der Welt des Hol-
zes — : wie Ahornöd u. s. w.) ist vom Verf. in Bayern
wohl zum ersten Male der seltene einsiedlerisch lebende
amphibische Potamophilus acuminatus aufgefunden wor-
den, den er in der Pfalz wieder einmal getroffen hat.
Wie an schönen und seltenen Vegetabilien ist der
Sumawa auch an interessanten Gliederthieren nicht arm,
wovon beispielsweise einige vom Verf. längst beschriebene
Formen die hier zu Plause sind, angeführt werden sollen.
252 Gistel
P antagasta (Hallomenidae). Caput parvum angusta-
tum, antice angustius, postice subconvexum. Clypeus sub-
acuminato-productus. Oculi laterales. Antennae breves,
procul ab oculis insertae, deceroarticulatae , crassae, arti-
culo 1° incrassato magno cylindrico, 2° 3°que brevibus,
4° 5° et 6° incrassatis dentiforniibus ; caeteris quatuor de-
presso-rotundatis, subcylindricis, ultimo truncato. Prono-
tum angustatum, medio convexissimum, subreflexo-margi-
natum; foveola una utrinque antice maiorique una posticali
mediana impressa. Scutellum elongato-subtrigonum. Elytra
pronoto paullo latiora; parallela, immarginata , humeris
subconvexis, posticem versus devexa, apicibus acuminatis.
Corpus alatum. Alae obscurae. Pedes simplices, antici
quadriarticulati, articulo basali apicalique longissimis, medii
quinque - articulati ; femoribus subincrassato - compressis,
tibiis denticulatis. (Pedes postici desunt.) Typus generis.
P. paradoxa: tota nigra ; capite subscrobiculato; pronoto
impresso -punctatissinio, trifoveolato; scutello nigro ; ely-
tris castaneis, utrinque longitudinaliter striato-punctatis,
profunde novemseriatis, setis disparsis obtectis , margini-
bus anticis anteliumeralibus fuscis. Magnitudo Elateris
(Ampedi) sanguinei. Antennarum articulis 2° 3nque basa-
libus ferrugineo-rubris.
Ar gante (Gistel in Jenison's Reise Append. zum
III. Bde. und injenis. Doubl. Cat.) (Buprestidae). Caput
rotundatum; frons impressa; oculi oblongi laterales. An-
tennae breves, vel acutius vel obtuse serratae, tenues.
Pronotum breviusculum, transversale, late profundeque
emarginatuni, lateribus ante medium rotundato-dilatatum,
ad basin angustatum; basi profunde bisinuatum, angulis
lateralibus pro parte prominulis, subacuminatis; inaequali
superficie, late depresso — dilatatis lateribus, antico con-
vexo disco , longitudinaliterque elevato-birugoso. Elytra
lateribus apicem versus integris; apice oblique truncato.
Subtus carina elevata pectorali femoralique carens. — Ty-
pus: Buprestis moesta Fabr., Zetterst., Gyllenh.
Der Spaziergang von Freyung nach Grafenau mag
4 Stunden beanspruchen. Zuerst Heschmühle , schönes
Gebäude am sausenden Reschbache; dann Bierhütte ; grosse
Die Flora des Sumawa-Gebirges. 253
Brauerei. Bier zwar nicht gehaltlos, doch dürfte der
Brauer bei seinem guten Willen und guten Kenntnissen
endlich die unzweckmässigen Rauchdörren mit englischen
Dörren vertauschen , um dem Bier den unangenehmen
Beigeschmack des Rauches, der häufig auch in Grafenau
und Umgegend getroffen wird, zu nehmen. In der Mitte
des Weges zwischen Freyung und Grafenau liegt Pfarr-
dorf Hohenau. Reinlich und ziemlich wohlhabend. Un-
erwartet in solcher Einsamkeit das gute Gasthaus der
Wittwe Moosbauer. Gute Weine; Reinlichkeit; gute
Betten. Auch beim Krämer Kr ottenthaler finden an-
spruchlose Reisende gutes und billiges Quartier. Von
Hohenau weg nach Grafenau liegt das unbedeutende Dörf-
lein Saldenau, welches einen Schatz birgt — ein Christus-
bild in Oel von unbekannter Meisterhand — (vielleicht
von Eyck). Durch freundliche Dörfchen und stets wech-
selnde Thäler und Höhen — alles mit Tannen bewach-
sen — gelangt man nach Grafenau, das man von Freyung
kommend, nicht eher gewahrt, bis man dicht davor steht.
Charakter tiefer Einsamkeit des sich vom Hügel in
einen Kessel hinabziehenden Städtchens ; rings von Wald-
hügeln umschlossen. Ferne kranewitblaue Wälder ! Das
Herz will einem wehe thun. Dies ist der Eindruck fast
aller Fernsichten im Sumawa. Gute Gasthäuser beim
Enthammer; desgleichen bei Schmierdorfer (omi-
nöser Name !) Glasschleife von Schmitzberger ; thätig und
mit viel Kunstsinn begabt, bescheiden, aber ohne Unter-
stützung und desshalb kümmernd.
Von Grafenau % Stunde nach Bärnstein, einst Raub-
schloss. Blick in wilde Leiten, die durch ihre herrlichen
Buchenmassen das Auge erfreuen; Bärnstein selbst ist
verschwunden. Die Gebäude, in denen zuletzt das Land-
gerichtspersonal herrschte, sind neu und uninteressant.
Von der Burg nur wenige Spuren der Reste, die, noch
vor 20 Jahren ziemlich bedeutend, mit sacrilegischer
Hand zerstört wurden, um Steine und, o Einfalt! Schätze
zu gewinnen. Tiefe Gewölbe noch vorhanden, deren
Oeffnungen jedoch, um Gefahr des Hinabstürzens zu ver-
meiden, verschüttet. In einem Burgverliessloche fand
254 Gistel:
Verf. vor einigen Decennien eine zoographische Rarität :
Bufo Roeselii.
Die imposanteste Ruine, wie auch die wohlerhal-
tenste des ganzen Sumawa ist Hildegardsberg im Do-
nauthale bei Vilshofen. Von hier aus botanische und
entomologische Streifziige zu unternehmen, wird Keiner
bereut haben. Die seltensten Lepidopteren und eine Menge
Buprestiden (namentlich die Föhren liebende Chalcophora
mariana in Unzahl) belohnen reichlich. Auch giebt es in
Vilshofen gute und billige Gasthöfe. Die Gasthäuser in
Bodenmais, Zwiesel und Regen sind passabel aber un-
passabel theuer. Es wird gut sein, wie in Italien, vorher
zu accordiren ; da der Ureinwohner des Gebietes blutwenig
danach fragt, ob der Fremde wiederkomme.
Die Bärnsteiner Leite, in welcher sich die wilde
Grafenauer Ohe (Ache, Aha, daher Altach) von Fels zu
Felsen stürzt, schäumend und wasserreich, wimmelnd von
Forellen. Charakter ungebändigter Wildheit. Man fängt
an , mit unverantwortlichem Leichtsinne die herrlichsten
Stämme, den Schutz der Wände , niederzuhauen.
Wolfstein ist geognostisch merkwürdig, da es auf
einem Ungeheuern Dioritblocke, völlig ilsolirt dasteht, wie
eine Landinsel (was die Slaven „vic" nennen, z.B. Oster-
witz in Kärnten).
Der Dreisessel, zu dem man von Freynng fahrend in
drei Stunden gelangt, ist bequem zu ersteigen. Man
übernachtet beim „Rosenberger" oder zu Neureichenau
im guten Gasthause (treffliches und billiges Hühnerge-
flügel). Schöner Menschenschlag — Colonisten aus allen
Ländern. — Der Aufsteig zum Dreisessel und Plöcken-
stein ist der lohnendste aller Bergexcursionen, in pitto-
resker sowohl als naturhistorischer u. s. w. Hinsicht. Auf
die Beschreibung verzichtend verweist Verf. auf seine
Monographie des eben besprochenen Alpenlandes. Der
Urwald des Duschelberger Königsreviers, den man auf-
wärts durchzieht, zeigt die Ranen oder richtiger Rahnen,
wie sie als alte, dürre Bäume, allen Rindenüberzugs gänz-
lich entblösset, aber hier meist noch stehend, neben
schon dahingeschleuderten ein grosses Schlachtfeld der
Die Flora des Surnawa-Gebirges. 255
Natur darbietend sich mannichfach wiederholen. Aus
einer hohlen Bahne zog Verf. einst einen lebenden Ve-
spertilio serotinus, welchen er noch besitzt.
Von St. Oswald besuche man den Rhachel; von Zwiesel
aus den Arber und den Falkenstein, den Silberberg u. s. w.,
doch nie ohne Führer. Grosses Gewicht lege man auf die
Empfehlung eines solchen. Die Kuppe des Arbers zu
gewinnen sind vier gute fuchsgemessene Stunden erfor-
derlich. Auch der Arber hat einen einsamen See; denn
ringsumher ist die Einsamkeit ein Urton. Zwischen Gneis-
gruppen trägt der König des Gebirges eine Kapelle —
über der noch eine schönere — der Himmel — sich befin-
det, der mehr geeignet ist, Andacht zu entzünden. Auf
der Rusel lasse man sich zum Hausstein führen, um ganz
Niederbayern mit einem Blicke zu überschauen und im
Fernungsdufte den Rand der Südalpen zu erspähen, wo
es noch weit schöner ist als im — Sumawa.
Zur Orismologie des Hinterleibs von Forficula.
(Erwiderung auf Dr. M e i n e r t's Bemerkungen.)
Von
Prof. Schaum.
In den Bemerkungen über den Bau des Hinterlei-
bes bei den Forficulen (d. Archiv 1864. S. 14) stützt Dr.
Me inert seinen Ausspruch „dass ich mich nicht hinrei-
chend in Latr eille's Theorie von dem Verhältniss zwi-
schen Thorax und Hinterleib der Insekten hineingesetzt
habe* mit der Behauptung „dass ich die Bezeichnung
Segmentum mediale auf Latr eil 1 e hinführe, obgleich
sie gar nicht, in dessen Schriften vorkommt." Zur
Kritik dieser Aeusserungen wTird es genügen, hier auf
Cuvier's Regne animal. T. V. p. 428 (Paris 1829) und
auf Latreille's Cours d'Entomologie p. 231 u. 232 (Pa-
ris 1831) zu verweisen. Am ersten Orte sagt Latr eille
wörtlich „ce demi - segment , que dans mon memoire sur
les appendices articules j'ai nomme segment mediaire,"
am anderen wörtlich „j'ai nomme ce segment (premicr
arceau abdominal) devenu thoracique mödiaire."*)
Mit der Angabe, dass Dr. Meinert das kleine Chi-
tinstück an der Basis der Zangen von Forficula Lamina
supraanalis genannt habe, habe ich ein mir unerklärliches
Versehen begangen, indem M. es Lamina analis nennt,
und nehme ich das in Bezug auf jenen Terminus Ge-
sagte hiermit zurück.
*) Es mag hier beiläufig erwähnt werden, dass in keinem der
mir bekannten neuern "Werke, welche über die Organisation der In-
sekten handeln, das sehr eigenthümliche Verhältniss dieses Segmen-
tes zur Sprache gebracht ist.
Schaum: Zur Orismologie d. Hinterleibs von Forficula. 257
Ich hatte den Beweis, dass die dreieckigen im Hin-
terleibe verborgenen Platten am Grunde der Zangen von
Forfiicula, nicht, wie Dr. Mein er t annimmt, den letzten
Banchhalbring darstellen können, damit geführt, dass der
After sich dann an der Basis des letzten Bauchhalbringes
öffnen würde *), wo er sich bei keinem anderen Insekte
befindet, und dass diese Platten gar nicht mit dem vor-
hergehenden Bauchsegmente verbunden sind. Statt irgend
ein anderes Insekt zu nennen, bei dem der After eine
andere Stelle als die unter dem letzten Rücken- und über
dem letzten Bauchharbringe (an der er nach meiner Deu-
tung der Theile auch bei Forficula gelegen ist) einnimmt,
glaubt Dr. Meinert diese Argumente mit der Annahme
entkräften zu können, dass bei den Forficulen die Ent-
wickelung der Zangen eine Veränderung- in der Lage
des Afters und die Trennung des Bauchhalbringes von
dem vorhergehenden zur Folge haben könne. Meinert's
Auffassung führt aber auch noch zu anderen Consequen-
zen, die ebenso triftige Gründe gegen die Richtigkeit der-
selben liefern als die Lage des Afters. Wenn die drei-
eckigen Platten den letzten Bauchhalbring darstellten, so
würden bei Forficula die Anhänge eines Segmentes (die
Zangen) zugleich mit dem Rücken- und mit dem Bauch-
halbringe desselben Segmentes verbunden sein, ein Fall
der auch nicht weiter vorkommen dürfte. Es würden
ferner die Forficulen auch darin von allen anderen Insek-
ten abweichen, dass der letzte Bauchhalbring in beiden
Geschlechtern gleich, der ihm vorhergehende aber ver-
schieden gebildet ist. Bei den anderen Insekten ist es
gerade der letzte Bauchhalbring, der sich in den beiden
Geschlechtern ganz verschieden verhält.
*) Ich habe gesagt vor der Basis der dreieckigen Platten,
Dr. Meinert sagt hinter derselben. Es ist dies ein ganz unwesent-
licher Punkt, das Wesentliche ist, dass der After an der Basis des
letzten Bauchhalbringes liegen würde. Wenn die Platten im Hinter-
leibe -verborgen sind, so liegt die Afteröffnung ein wenig hinter der
Basallinie derselben, wenn sie aber bei Bewegungen der Zange her-
vortreten, oder wenn man sie hervorpresst, so liegt die Afteröffnung
vor der Basallinie, wie ich dies gerade in Bezug auf den letzteren
Fall gesagt hatte.
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. yj
258 Schaum: Zur Orismologie d. Hinterleibs von Forficula.
Wenn ich aus diesen Gründen die dreieckigen Platten
nicht als den letzten Bau chhalbring ansehen kann, sondern
sie ihrer Lage und Verbindung wegen als Grundtheile der
Zangen bezeichnet habe, so fällt auch jeder Grund fort,
die grosse obere Endplatte des Hinterleibes bei Forficula
als Rückenhalbring eines Segmentes zu betrachten; sie
ist vielmehr völlig der Lamina supraanalis der Locusten
analog, ein am Hinterleib angebrachtes Skelettstück, wel-
ches den After, wie die Oberlippe den Mund, von oben
bedeckt. Die Zangen, welche diese Platte trägt, sind
die Analoga der bei den Locusten an demselben Stücke
angebrachten Raife.
Dr. M einer t hält, wie aus dem Schlüsse seiner
Bemerkungen hervorgeht, an seinen Bezeichnungen fest,
weil er von der Ansicht ausgeht, dass die typische Zahl
der Hinterleibsringe bei den Insekten nicht neun sondern
zehn ist, und weil er diese zehn Ringe bei den Forficulen
nachweisen will. Auch bei vielen Larven sollen sich hin-
ter dem letzten stigmentragenden (8.) noch zwei deutliche
Segmente zeigen, von denen das letzte sogar oft mit Be-
wegungsorganen (Afterfüssen , Kletterhaken) ausgestattet
ist. Der Vorstellung, die ich mit einem Segmente ver-
binde, entspricht aber der hintere dieser beiden Theile
(das angebliche 10. Segment) nicht *), da er nur in einem
vortretenden Afterrohre besteht; auch da nicht, wo er mit
Bewegungsorganen versehen ist ; es wäre im letzten Falle
erst nachzuweisen, dass diese Organe von Muskeln dieses
Theils bewegt würden. Bewegliche Anhänge befinden
sich auch als Raife und Zangen an der Lamina supraana-
lis der Orthopteren, berechtigen aber nicht, die letztere als
einen Segmenthalbring zu bezeichnen, da sie nicht von be-
sondern Muskeln dieses Theils bewegt werden.
*) Dass ein Einschnitt in der Körperbedeckung eines Insekts
für sich allein noch nicht zur Annahme eines Segmentes genügt,
beweist u. A. der in zwei Abschnitte getheilte Kopfring mancher
Dipterenlarven (der Larven von Cecidomyia, der Oestriden).
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlaiids.
Von
Dr. Anders Johan fflalnigren.
Aus dem Schwedischen
von
Dr. C. F. Frisch.
Die ersten Nachrichten über die Fischfauna Finlands
hat P.A. Gadd geliefert in seinem o,.Förfök tili Ichthyo-
logia Fennica", aufgenommen in Abo Tidningar 1771,
S. 153 und 163, so wie 1772. S. 364 u. 372. Sein Verzeich-
niss, welches offenbar mit Leitung der Arbeiten Linne's
entworfen ist und sich nur in sehr wenigen Fällen auf
eigene Erfahrung oder Autopsie gründet, nimmt leider all-
zuviele Arten auf, welche niemals an unsern Ostseeküsten
gefunden sind und dort niemals gefunden werden können,
als dass man diesem „Versuche" das Verdienst zuschrei-
ben könnte, zur Verbreitung der Kenntniss über die
ichthyologischen Verhältnisse unseres Landes wesentlich
beigetragen zu haben. Von grösserem Werthe ist Dr.
Radloff's Verzeichniss der Fische Alands1), welches,
wenn auch keineswegs vollständig, vor Gadd's Arbeit
den Vorzug besitzt, dass die Bestimmungen und die sy-
stematischen Benennungen richtig sind bis auf drei Aus-
nahmen. Mit Leitung dieser Vorarbeiten von Gadd und
Ra dlo ff arbeitete S adelin in Fauna Fennica II, 1819
ein allgemeines Verzeichniss über die Fischarten aus,
welche nach seiner Ansicht der Fauna Finlands angehör-
ten. Alle von Gadd und Radioff angeführten Arten
nahm er ohne die geringste Bedenklichkeit auf, und
die Anzahl solcher, die unmöglich unserer Fauna ange-
1) Beskrifning öfver Aland 1795. S. 232.
260 Malmgren:
hören können, wurde von Sadelin noch mit einigen
Arten vermehrt. Durch ein solches Verfahren wurde der
ichthyologische Theil seiner Fauna Fennica gänzlich un-
brauchbar. Die vielen darin vorkommenden ungereim-
ten Angaben zur Widerlegung aufzunehmen, würde uns
allzu weit führen und überdies für die Wissenschaft von
gar keinem Nutzen sein.
Set den Zeiten Sadelin's hat kein Zoolog es bei
uns der Mühe werth erachtet, mit Anwendung der nöthigen
Kritik die sparsamen Notizen über die Fischfauna Fin-
lands zu sammeln, welche zerstreut in den verschiedenar-
tigsten Schriften zu finden sind, oder selbst diesen Theil
unserer Fauna einer gründlichen , auf eigene Erfahrung
gestützten Bearbeitung zu unterwerfen. Wenn ich jetzt
mit einer, hauptsächlich auf eigene Erfahrung gegrün-
deten Darstellung über die Grundzüge der Fischfauna
Finlands hervorzutreten wage , so geschieht dieses mit
dem Bewusstsein, dass auch dieser Versuch in mancher
Rücksicht noch unvollständig und vieler Zusätze und Ver-
besserungen bedürftig ist. Gleichwohl hege ich die Hoff-
nung, dass dieser Aufsatz für eine künftige vollständigere
Bearbeitung der Fischfauna Finlands nicht ganz un-
brauchbar befunden werden wird.
Das Gebiet, von dessen Fischfauna diese Abhand-
lung die Grundzüge darzulegen bestimmt ist, wird nicht
eingeschlossen von den nach Gutdünken gezogenen Gren-
zen, welche Finland in politischer Hinsicht von den an-
grenzenden Staaten absondern, sondern vielmehr von den
sogenannten natürlichen Grenzen Finlands. Im Norden
grenzt unser Fauna- Gebiet an den Waranger -Fjord und
das Eismeer, im Westen an den bosnischen Meerbusen,
im Süden an den finnischen, und im Osten an das weisse
Meer und an die tiefen Waldgegenden zwischen diesem
Meere und dem östlichen Ufer des Ladoga-Sees. Zwi-
schen dem bosnischen Meerbusen und dem Waranger-
fjord ist gegen die Skandinavische Halbinsel keine natür-
liche Grenze vorhanden, daher wir uns hier mit der po-
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 261
litischen begnügen müssen, die wir uns bis an den inner-
sten Theil des Warangerfjordes fortgezogen denken. Die
natürliche östliche Grenze von dem weissen Meere bis
an den Ladoga wird gebildet von den weiten mit tiefem
Walde bedeckten Heiden und Sandrücken mit dazwischen
liegenden Morästen, welche sich von der südwestlichen
Ecke des weissen Meeres in südwestlicher Richtung im
Westen des Onega-Sees bis an das östliche Ufer des
Ladoga ausbreiten.) Näher bestimmt meinen wir, dass
diese Grenze gezogen werden müsse im Osten des Sees
Wig und des Flusses Wig in fast gerader Richtung nach
der Gegend des östlichen Ufers des Ladoga, wo die po-
litische Grenze ist. Von hier wird die Grenze in süd-
westlicher Richtung quer über den Ladoga fortgeführt
bis in die Gegend südlich von Kexholm, wo die politi-
sche Grenze wiederum mit der natürlichen zusammenfällt.
Das Flussthal der Newa, das des Swir und den Onega-
see können wir nicht zu den natürlichen Grenzen Fin-
lands zählen, denn hier begegnet uns schon ein so mäch-
tiges mittel-europäisches und russisch-asiatisches Element
in der Fauna und Flora, dass die Grenze hier nicht län-
ger scharf oder natürlich wird. Flussthäler und Land-
seen können im Allgemeinen nicht als natürliche Gren-
zen dienen, während dagegen ausgedehnte Sandfelder mit
tiefen und mächtigen Wäldern eine weit sichrere Scheide-
mauer zwischen verschiedenen Fauna- und Floragebieten
bilden. Diese Gebiete bestehen hier auf der einen Seite
in dem skandinavisch-finnischen und auf der anderen in
dem mitteleuropäischen und russisch-asiatischen.
Die sämmtlichen skandinavischen Naturforscher, die
finnischen mit eingerechnet, welche sich ein Verdienst
um die finnische Naturgeschichte erworben haben, als
W. Nylander, J. E. Bonsdorff, A. v. Nord mann,
Th. Saelan und M. v. Wright, haben angenommen,
und einige , z. B. W. Nylander und W. L i 1 1 j e b o r g,
mit deutlichen und klaren Thatsachen bewiesen, dass die
natnrhistorische Grenze zwischen dem skandinavisch-fin-
nischen und dem russisch-sibirischen Gebiete von dem
weissen Meere und dem Landstriche zwischen diesem
262 Malmgren:
Meere und dem Ladoga gebildet wird. Wenn auch ich
diese Grenze als die einzige natürliche aufstelle, so ge-
schieht das nicht in Folge eines willkührlichen Einfalles
oder auf den Grund eines bequemen Autoritätsglaubens,
sondern in Uebereinstimmung mit der Forderung der
Naturnotwendigkeit. Alles im Westen dieser Grenze
ist skandinavisch-finnisch, sei es in geognostischer, zoolo-
gischer oder botanischer Hinsicht, ja ich möchte geneigt
sein hinzuzufügen auch in ethnographischer. Im Osten
beginnen Russland und Sibirien.
Die Anzahl der bis jetzt innerhalb des auf solche
Weise begrenzten Finlands mit Bestimmtheit gefundenen
Fischarten beträgt 80; doch ist dabei wohl zu bedenken,
dass ein ansehnlicher Zuwachs in unserer Fauna von un-
serer Küste des Eismeeres und des weissen Meeres zu er-
warten ist, wenn diese erst der Gegenstand sorgfältiger
Untersuchungen werden wird. Die von dieser Küste bis
jetzt mit Gewissheit bekannten Fische bestehen aus 33
Arten, von denen 7 ausschliesslich vom weissen Meere
bekannt sind, nämlich : Cottns quadricornis, Liparis linea-
tus , Anarrhichas pantherinus, Platessa Dvinensis , Gadus
Navaga, Gadus Saida und Clnpea Harengus v. membras.
Von den übrigen 26 Arten leben 23 auch in West-Finmar-
ken, die übrigen 3 Arten dagegen gehören der hochnordi-
schen Meerfauna an, nämlich : Liparis barbatus Spitzber-
gen, Phobetor tricuspis Grönland und Spitzbergen, und
Aspidophorus decagonus nur Grönland. Es bestätigt sich
also auch bei der Fischfauna, was man aus vielen Grün-
den zu vermuthen Anlass hat, dass die marine Fauna an
dieser Küste eine Mischung von Thierformen ist, die drei
verschiedenen Stämmen oder Fauna-Gebieten angehören,
nämlich dem skandinavisch - europäischen, dem grönlän-
disch - spitzbergenschen und dem russisch - sibirischen.
Das russisch - sibirische Element tritt im weissen Meere
schon an der westlichen Küste desselben merklich hervor,
ist aber an der östlichen besonders deutlich ausgeprägt.
Es lässt sich auch voraussehen, dass von der Ostsee-
seite und vielleicht auch von dem südlichen Theile des
Ladoga die eine und die andere, unsere Gestade zufällig
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 263
besuchende Art künftig in der Fauna Finlands einen
Platz erhalten wird, und es wäre mit keiner Schwierigkeit
verbunden, schon im Voraus ein Verzeichniss über diese
möglichen Acquisitionen zu entwerfen ; doch muss ein
solches Verfahren vermieden werden, weil es leicht zu
Missbräuchen und Missverständnissen Anlass geben kann.
Es ist früh genug, dieselben in die Fauna zu introdu-
ciren, wenn sie erst in unserem Faunagebiete angetroffen
worden sind.
Unsere eigentlichen Süsswasserfische, 38 Arten bil-
dend, kommen auch in der skandinavischen Halbinsel
vor, doch mit Ausnahme zweier, nämlich der über ganz
Finland verbreiteten Cobitis barbatula, so wie des Pelecus
eultratus, welcher bis jetzt mit Gewissheit nur vomLadoga
bekannt ist. Beide stammen augenscheinlich aus dem euro-
päischen Russland her. Denselben Ursprung haben bei
uns auch Cobitis Taenia, Petromyzon Planeri und viel-
leicht auch Gobio fluviatilis und Aspius rapax. Die übri-
gen 32 Arten sind skandinavischen Ursprunges. Von un-
seren eigentlichen Süsswasserfischen fehlen 5 (vielleicht 7)
Arten in der Ostsee, nämlich Petromyzon Planeri, Sal-
mo alpinns, Coregonus Nilssonii, Cobitis barbatula, Silu-
rus Glanis, (Coregonus Maraena und Aspius rapax). Die
übrigen 31 Arten leben in unseren Scheren zusammen
mit 21 Arten eigentlicher Meerfische. Von diesen letzt-
genannten sind 10 gemeinsam mit dem Eismeere ; die
übrigen haben ihre eigentliche Heimath in der Nordsee
und fehlen im Eismeere.
Die Meerfische , welche der nördliche Theil der
Ostsee mit der Nordsee gemeinsam hat, welche aber an
unserer Küste des~Eismeeres noch nicht angetroffen wor-
den, sind: Cottus bnbalis, Spinachia vulgaris, Gobius ni-
ger, Gobius minutus, Rhombus maximus, Ammodytes lan-
ccolatus , ßelone vulgaris , Clupea Sprattus , Siphostoma
Typhle, Nerophis Ophidion und Acipenser Sturio. Mit
Ausnahme von Clupea Sprattus und vielleicht Nerophis
Ophidion sind alle diese Arten bei uns nur zufällig vor-
kommende, d. h. sie pflanzen sich, so weit bekannt, an
unseren Küsten nicht fort. Keine derselben geht weit
264 Malmgren:
hinein in den bosnischen und finnischen Busen, die mei-
sten kommen sehr sparsam vor und viele, z. B. Rhombus,
Ammodytes, Acipenser und Belone, zeigen sich an un-
seren südwestlichen Küsten in grossen, kräftig ausgebil-
deten einzelnen Individuen, welche letzterwähnte That-
sache an die Hand giebt, dass diese nur wandernde
Fische sind. Die Seltenheit und geringe Verbreitung
dieser Arten an unseren Küsten, so wie der Umstand,
dass bei uns gewöhnlich nur grosse Individuen gefangen
werden, beweist deutlich, dass sie in dem nördlichen
Theile der Ostsee nicht einheimich sind, sondern durch
das Oresund in die Ostsee eingewandert und von dort an
unsere Küsten gelangt sind.
Wenden wir unsere Aufmerksamkeit auf die Arten
von Meerfischen in dem nördlichen Theile der Ostsee,
welche mit denen des Eismeeres gemeinsam sind, so fin-
den wir, dass es sich mit ihnen ganz anders verhält. Die
Eismeerfische, welche auch in der nördlichen Ostsee an-
getroffen werden, sind: Cottus Scorpius, Cottus quadri-
cornis, Cyclopterus Lumpus, Liparis barbatus, Centrono-
tus Gunellus, Zoarces viviparus , Platessa Flesus, Gadus
Morrhua, Clupea Harengus v. membras und Lampreta
marina. Wir finden gleich beim ersten Blicke unter die-
sen Arten solche, die von allen Meerfischen bei uns am
zahlreichsten vorkommen, und die in den innersten Thei-
len des bottnischen und finnischen Meerbusens ansässig
sind. Ich brauche hier nur aufmerksam zu machen auf
den Strömling (Clupea Harengus v. membras), See-
skorpion (Cottus Scorpius), Seebul (Cottus quadri-
cornis), Dorsch (Gadus Morrhua) und die Flunder
(Patessa Flesus). Alle diese pflanzen sich an unseren
Küsten überall fort und zeigen sich hier vollkommen ein-
heimisch. Sie gleichen ihren Stammeltern im Eismeere
in allen Theilen und weichen von ihnen nur ab durch
ihre im Allgemeinen geringere Grösse. Die Ostseefor-
men sind klein, verkrüppelt, mager, fast verhungert in
Vergleich mit den entsprechenden Repräsentanten im
Eismeere. Ich erinnere nur an Cottus Scorpius, der bei
uns~höchstens 7 — 10 Zoll lang wird, im Eismeere dage-
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 265
gen gewöhnlich 14 — 16 Zoll, Gadus Morrhua, von dem
bei uns nur 2 — 6 Pfund schwere Individuen gefangen
werden, der aber im Eismeere eine Grösse von 10 — 40
Pfund erreicht, Cvclopterus Lumpus, Zoarces viviparus u. a.,
welche sämmtlich im Eismeere unvergleichlich grösser
werden als an unseren südlichen und westlichen Küsten.
Dagegen sind diejenigen Arten, welche sich bei uns
nicht fortpflanzen und augenscheinlich durch das Oresund
in die Ostsee gekommen sind, im Allgemeinen wenig-
stens eben so gross, wie in dem Westmeere. Von eini-
gen in der nördlichen Ostsee höchst seltenen Arten, als
Lampetra marina und Centronotus Gunellus, von denen
es über allen Zweifel erhaben ist, dass sie nur auf ihren
Streifzügen in das Innere der Ostsee unsere Küsten be-
suchen, sind die in der Ostsee gefangenen Individuen die
grössten, welche ich gesehen habe.
Unter den Meerfischen, welche der nördlichen Ost-
see und dem Eismeere gemeinsam sind , giebt es ausser-
dem drei Arten, die auf unsere Aufmerksamkeit ganz
besonders Anspruch machen, nämlich: Cottus quadricor-
nis, Liparis barbatus und Clupea Harengus v. membras.
Diese kommen nur in den nördlichen Theilen der Ostsee
vor, fehlen jedoch gänzlich in den südlichen Theilen der-
selben und an der ganzen westlichen Küste Skandina-
viens. Es kann daher keinem Menschen einfallen anzu-
nehmen, dass diese durch das Oresund in die nördli-
chen Theile der Ostsee gekommen sind.
Der Prof. S. Loven hat in den letzten Jahren die
besondere Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt
auf einige kleine Thierarten von maritimem Ursprünge
gerichtet, welche nach und nach entdeckt worden sind im
Wener, Wetter, Uleäträfk, Rehja, Höytiäinen, Pyhäfelkä,
Ladoga und in der Ostsee. Diese werden als der Nord-
see und dem atlantischen Ocean völlig fremde befunden,
mehrere derselben aber, z. B. Idothea entomon, Gamma-
rus loricatus, Halieryptus spinulosus und Polynoe Sarsi
sind schon in ihrer kraftvollsten Entwickelung in den
kältesten Theilen des Eismeeres gefunden worden. Prof.
Lovön hat mit Recht den Erklärungsgrund dieser Eis-
266 Malmgren:
meerthiere in der Tiefe unserer grossen Landseen und
in der Ostsee in einem ehemaligen Zusammenhange zwi-
schen der Ostsee und dem Eismeere gesucht. Während
der zweiten Hälfte der s. g. Glacialzeit stand der grösste
Theil des Festlandes Finlands und des mittleren Schwe-
dens unter das Meer gesenkt, und die Ostsee, welche sich
damals wahrscheinlich nicht so weit gegen Süden er-
streckte, wie in unseren Tagen, auch nicht mit der Nord-
see in Verbindung stand, war damals ein grosser Busen
des Eismeeres. Durch die fortgesetzte Hebung des skan-
dinavischen Nordens wurden allmählich die Ostsee von
dem Eismeere und die grossen Landseen nach und nach
von der Ostsee abgeschieden. In demselben Verhältnisse,
wie das Meerwasser in der abgeschiedenen Ostsee den
Charakter des Landseewassers annahm , starb die höchst
wahrscheinlich reiche Meerfauna aus, mit Ausnahme
eben dieser Eismeerthiere, die dort und in unseren Land-
seen noch fortleben. — Dieses ist in dem kürzesten Aus-
zuge die von Prof. Loven dargestellte Erklärung, und
wir nehmen dieselbe unbedingt an und machen davon
hier eine Anwendung, um die Frage zu erörtern, deren
Lösung wir uns vorgesetzt haben.
Seit jener Zeit, da das weisse Meer mit der Ostsee zu-
sammenhing, lebt noch der Seebul im Wetter und Ladoga,
so wie im bottnischen und finnischen Meerbusen. Dieser
Fisch kommt, wie schon erwähnt, in der südlichen Ost-
see und im ganzen Westmeere gar nicht vor, lebt jedoch,
kräftig entwickelt, im weissen Meere und weiter östlich
wahrscheinlich in dem ganzen kalten asiatisch-amerika-
nischen Eismeere bis an die s. g. Parry-Inseln (Melville
Isl.). Liparis barbatus, dieser seltene hyperboräische Dop-
pelgänger aus derselben längst entschwundenen Zeit,
führt ein hinsterbendes Leben in den nördlichsten Thei-
len der Ostsee, während seine Stammeltern in üppigem
Wohlbefinden bei Spitzbergen und Kamtschatka leben.
Der kleine Strömling (Clupea Harengus v. membras),
der so zahlreich an unseren Küsten ist, zählt zwar eine
entfernte Verwandtschaft mit den grösseren Formen des
Häringes in der südlichen Ostsee und im Westmeere, ist
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 267
jedoch nicht identisch mit diesen, sondern mit einem in
jeder Hinsicht ähnlichen Strömling im weissen Meere.
Wenn dem mm so ist, dass diese drei Fischarten
als an unseren südlichen und westlichen Küsten von der
Zeit her fortlebend gedacht werden müssen, da die Ost-
see noch ein Busen des Eismeeres war, warum sollte das
nicht auch der Fall gewesen sein mit anderen Fischarten,
auf welche die Veränderung in der Beschaffenheit des
Meerwassers keine tödtende Wirkung ausübte ? Mehrere
gewichtige Gründe zwingen mich zu der Annahme, dass
auch folgende Arten gleichzeitig und auf gleichem Wege
in den nördlichen Theil der Ostsee gekommen sein müs-
sen, nämlich: Cottus Scorpius, Cyclopterus Lumpus, Zoar-
ces viviparus, Gadus Morrhua und vielleicht auch Platessa
Flesus. Die Gründe, auf welche ich diese meine Ansicht
baue, sind hauptsächlich folgende :
1) Diese Arten sind nebst Cottus quadricornis und
Clupea Harengus v. membras die allgemeinsten unter
allen unseren Meerfischen, sie sind in den innersten Thei-
len der Scheren ausgebreitet und pflanzen sich auch an
unseren südlichen und westlichen Küsten fort. Dagegen
sind die aus der Nordsee stammenden, durch das Oresund
eingewanderten Arten im Allgemeinen selten; sie gehen
nicht weit hinein in den bottnischen oder finnischen
Meerbusen, vermeiden die inneren Scheren, und man
weiss mit Gewissheit nur von einer einzigen Art, Clupea
Sprattus, dass sie sich an den südwestlichen Küsten Fin-
lands fortpflanzt.
2) Diese Arten sind in der nördlichen Ostsee im
Allgemeinen weit kleiner als im Eismeere und im West-
meere, welches beweist, dass die Ostseeformen degene-
rirt sind. Fände eine noch fortdauernde Einwanderung
durch das Oresund statt — und ich kann nicht einsehen,
warum diese nicht länger fortdauern sollte, wenn sie ein-
mal angefangen hatte — so müssten die fraglichen Arten
in der Ostsee keineswegs degenerirt sein, denn es ist
faktisch, dass die meisten Arten , von denen bewiesen
werden kann, dass sie durch das Oresund in den nördli-
chen Theil der Ostsee gekommen sind, vollkommen so
268 Malmgren:
gross und kräftig entwickelt sind, wie die im Kattegat und
in der Nordsee lebenden.
3) Es streitet gegen alle Erfahrung und vernünftige
Naturordnung, wenn man annehmen wollte, diese Arten
wären aus ihrer eigentlichen Heimath, dem salzigen Meere
mit seinem reichen Ueberflusse an Nahrungsmitteln, frei-
willig in die innersten Theile der Ostsee eingewandert,
um dort ein dürftiges Leben zu führen und eine degene-
rirte Nachkommenschaft fortzupflanzen.
In der nachfolgenden Darstellung der Fischarten
Finlands bin ich dem ziemlich allgemein angenomme-
nen Systeme J. Müller's gefolgt; doch mit den Verän-
derungen , wozu die Fortschritte der Wissenschaft Anlass
gegeben haben.
I. Teleostei.
Acanttiopteri.
l. Fam. Percoidei.
Perca L. Barsch
1. P. fluviatilis L.
Artedi, Genera piscium p. 39. n. 1.
„ Descript. spec. pisc. p. 74. n. 1.
„ Synon. nom. pisc. p. 66. n. 1.
Perca fluviatilis L. Syst. natur. edit. XII, 1. p. 481. n. 1.
„ Bloch, Naturg. der Fische Deutschlands II. p. 66
Taf. 52.
,, Pallas, Zoographia Kosso-Asiatica III. p. 248.
„ CuvieretValenciennes, Histoire natur. des Pois-
sons 4to II. p. 14.
„ Kröyer, Danmarks Fiske I. p. 1.
„ W. v. Wright, Ek ström et Fries, Skandin. Fiskar
Taf. I. fig. 1.
„ Nilsson, Skandin. Fauna IV. p. 5. ^
„ Heckel u. Kner, Die Süsswasserfische der Oester-
reichischen Monarchie p. 3.
„ S i e b o 1 d , Die Süsswasserfische von Mitteleuropa p. 44.
The Perch Yarrel, British Fishes, 3. edit. IL p. 112.
Schwedisch Abborre. Finnisch Ahven.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 269
Der Barsch ist ein im ganzen Lande vorkommen-
der Süsswasserfisch. Er ist eben so zu Hause in den
Scheren Finlands und des bottnischen Meerbusens, wie
in Flüssen, Seen und Sümpfen bis hoch hinauf in Lapp-
marken (Kilpisjaur, 69° N. B.). Die Laichzeit ist zu
verschiedenen Zeiten in den verschiedenen Strömen und
variirt sogar ganz bedeutend in einem und demselben
Gewässer wegen der Unregelmässigkeit des Aufbruches
der Eisdecke. Man kann annehmen , dass die Laichzeit
im ganzen Lande von dem Anfange des Mai bis zur Mitte
des Juni eintrifft.
Luciopera Cuv.
3. IL, Sandra Cuv., Zander.
Artedi, Gen. pisc. p. 39. n. 2.
„ Descript. spec. pisc p. 76. n. 2.
„ Syn. nom. pisc. p 67. n. 2.
Perca Lucioperca L. Syst. Natur, edit. XII, 1. p. 481. n. 2.
„ Bloch, Naturg. der Fische Deutschlands II. p. 62.
Taf. 51.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p.247.
Lucioperca Sandra Cuv. etVal. Hist. nat. des Poiss. II. p.81. Taf. 15.
„ Kröyer, Danm. Fiske I. p. 32.
„ Nilsson, Skandin. Fauna IV. p. 22.
„ Heckel u. Kner, Süsswasserf. d . Oesterr.M. p. 8.
„ Siebold, Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 51.
Schwedisch Gös. Finnisch Ktiha.
In den meisten unserer tiefen Landseen von 66,5°
N. B. bis in das südlichste Finland kommt der Zander vor
und wird in nicht geringer Menge mit Netzen und Ha-
men gefangen. Ich habe ihn in Uleäträfk, Pielisjärvi,
Ladoga !) gefunden, so wie auch in mehreren Landseen
in Satakunta , als: Kyröfelkä, Karijärvi in Luvia; Ifo-
järvi in Saftmola und Joutsjärvi in Kulla. Nach Dr.
Widegren2) ist der Zan der in dem Kirchspiele Ofver-
1) In British Museum wird ein Individuum dieses Fisches aus
dem Ladoga aufbewahrt, nach Günther, Catalogue of the Acan-
thopterygian Fishes in British Museum I. p. 75. 1859.
2) Om Fiskfaunan och Fiskerierna i Norrbottens Län 1860
S. 4 (Reisebericht an die Landwirtschaftliche Akademie).
270 Malmgren:
Torneä vorhanden. In Nyland kommt er an mehreren Orten
vor, z. B. im Art-See. In den westliehen Scheren Fin-
lands habe ich diesen Fisch nicht angetroffen, was auch
übereinstimmt mit der Angabe des Prof. Sundevall1),
dass er gänzlich in den Stockholmer Scheren fehlt ; dage-
gen wird er an der Südküste östlich von Helfingfors ziem-
lich allgemein gefangen. Doch scheint er der Ostsee
nicht ganz fremd zu sein , denn N i 1 s f o n hat ihn ein-
mal von dort erhalten, und Eckström2) hat ihn in den
Scheren bei Mörkö, südlich von Södertelje, gefangen.
Radioff führt ihn auch für Aland auf.
Das Laichen wird auf hartem, steinigen Boden in
einer Tiefe von 2 — 4 Faden verrichtet. In Uleäträfk, Jouts-
järvi n. a. fällt die Laichzeit in das Ende des Juni, im
Ladoga soll sie schon im Frühlinge sein
Acerina Cuv.
3. A. cernua L. Kaulbarsch, Schroll.
Artedi, Gen. pisc. p.40. n. 4.
„ Descr. spec. pisc. 80. n. 3.
„ Syn. nom. pisc. p. 68. n. 4.
Perca cernua L Syst. Nat. XII, 1. p. 487. n. 30.
Bloch, Fische Deutschi. IL p. 74. Taf. 53. fig. 2.
„ Pallas, Zoogr. R. -Asiat. III. p. 245-
Acerina vulgaris Cuv. et Val. Hist. nat. d. Poiss. III. p. 4. Taf. 41.
„ W. v.Wright, Ekströni et Fries, Skand. Fis-
kar Taf. 1. fig. 2.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 28.
„ Heckelu. Kner, Süsswasserf. d. Oesterr. M. p. 19.
„ (Perca cernua) Kröyer, Danm. Fiske I. p. 43.
Acerina cernua Siebold, Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 58.
The Ruffe Yarrel, Brit. Fish. 3. ed. IL p. 122.
Schwedisch Gers. Finnisch Kiiski.
Der Kaulbarsch ist allgemein in allen fliessenden
Gewässern Finlands bis hinauf an den Polarkreis ; auch
kommt er an den Küsten des bosnischen und finnischen
Meerbusens in Menge vor. In Hvittisbofjärd (nördlich von
1) Berättelse om Fiskeriet i Stockholms Läns skärgärd 1851 in
Stockholms Läns Hushällningssällskapets Handlingar, Heft 6. S. 83.
2) Mörkö-fiskar, K. Vetenskaps Akad. Handlingar 1831. S. 94.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 271
Björneborg) wird der Kaulbarsch in grosser Menge im
Winter mit Eisnetzen gefangen.
Laicht früh im Frühling.
2. Fam. Triglidae Kaup. *)
a. 8 cor 'paenini (Kaup) Günther. 2)
Sebastes Cuv.
4. S. norvegicus Müll.
Perca marinct L. Fauna Svec. edit. alt. p. 118 (pro parte).
Perca norvegica 0. Müller, Prod- Zool. Danic. p. 46. n. 390.
„ Fabricius, Fauna Grönl. p. 167. n. 121.
„ Ascanius, Icon. rer. nat. Taf. 16.
Sebastes ?wrvegicus Cuv.etVal. Hist. nat. d.Poiss. IV. p. 240. Taf. 87.
„ Kröyer, Danmarks Fiske I. p. 159.
„ „ Naturhist. Tidskr., iiyRaekkel. p. 270.
b Nilsson, Skand. Faun. IV. p. 91.
The Bcrgylt and Nortcay HaddockY arrel Brit. Fish. 2. ed. II. p. 72.
Couch, Fishes IL p. 3. fig. 58.
Schwedisch Kungsßsk. Finmarken Ouer, Uer.
Dieser Fisch ist längs der ganzen Westküste Nor-
wegens allgemein bis an das Nordkap. Wie weit er im
Osten an der europäischen Eismeerküste vorkommt, ist
nicht bekannt; doch in dem Warangerfjörd kommt er
vor nach Exemplaren, die E. Nylander und M. Gadd
von dort geholt haben. Lilljeborg erwähnt desselben
nicht von Schuretskaja. Bei Grönland kommt dieser
Fisch vor und vielleicht auch bei Spitzbergen, denn
Scoresby 3) erwähnt unter dem Namen von Mullus
barbatus? eines rothen, zwölf Zoll langen Fisches, der
einem Seehunde aus dem Maule genommen wurde und
vortrefflich schmeckte, als er gekocht wurde.
b. C ottini (Kaup) Günther. 2)
Cottus L.
5. C. goMo L., Kaulkopf, Koppen.
Art edi, Gen. pisc. p. 48. n. 2.
1) Archiv für Naturgesch. 1858. S. 329.
2) Catalogue of the Acanthopterygian Fishes in British Mus.
IL S. 87.
3) Account of the Arctic Regions I. S. 541.
272 Malmgren:
Artedi, Descr. pisc. p. 82. n. 1.
„ Syn. nom. pisc. p. 76. n. 1.
Coltvs gobio L. Syst. Nat. edit XII, 1. p.452. n. 6.
Bloch, Fische Deutschi. II. p. 12. Taf. 39. fig. 1. 2.
Pallas, Zoogr. R.-Asiat. III. p. 125.
„ Cuv. et Val., Hist. Nat. d. Poiss. IV. p. 106.
„ Kröyer, Danm. Fiske I. p. 141.
,, W. v. Wright , Ekström et Fries, Skand. Fiskr.
Taf. 7. fig. 2.
„ Nil s s o n; Skand. Fauna IV. p. 64.
„ He ekel et Kner, Süsswasserf. d. Oesterr. M. p. 27.
„ Siebold, Süsswasserf. von Mittelem*, p. 62.
Cottus affinis Hecke 1, Ann. des Wiener-Museums II. p. 145.
The river Bullhead Yarrel, British Fishes IL p. 48.
Schwedisch Stensimpa. Finnisch Kivihala (Kajana), Rantala-
tikko, Rantamaihho (Ladoga).
Heckel hat 1. c. den skandinavischen Cottus gobio
als eine eigene Art unter dem Namen Cottus affinis auf-
gestellt, in der Vermuthung, dass diese Art verschieden
wäre von seinem in dem mittleren Europa vorkommenden
Cottus gobio. Ekström J) hat nämlich aus Irrthum
angegeben, dass die Strahlen der Bauchflossen bei dem
schwedischen C. gobio an der Spitze getheilt sind, und
in dem Texte zu Skandin. Fiskar Taf. 7. Fig. 2 ist diese
Angabe in so weit bestätigt worden , als es dort heisst,
dass die Flossenstrahlen dieses Fisches im Allgemeinen
eine Neigung zeigen, sich an der Spitze zu theilen. Aus
diesem Grunde nahm Heckel den skandinavischen C.
gobio für eine eigene Art an und gab ihm den Namen
C. affinis, obgleich er keine Exemplare davon gesehen
hatte. Diese imaginäre Art ist darauf in einige systema-
tische Arbeiten aufgenommen worden, z. B. in Catalogo
metodico dei pesci europei di C. Bonaparte S. 95 und
in Charles Girard's2) A monograph of the Cottoids,
S. 5, wesshalb es nicht überflüssig sein dürfte, hier zu er-
wähnen, dass Prof. Sundevallin Vetenskaps Akade-
miens öfversigt 1851. S. 186 schon die Unnahbarkeit der
1) Mörkö Fiskar, Kongl. Vetenskaps Akademiens Handlingar
1831. S. 309.
2) Smithsonian contributions to knowledge Vol. III. Art. 3.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 273
ArtHeckel's deutlich dargetlian hat. Der skandinavi-
sche Fisch hat nämlich die Strahlen der Bauchflossen an
der Spitze eben so ungetheilt wie der mitteleuropäische,
und wenn sich eine scheinbare Andeutung zu einer Thei-
lung in den Strahlenspitzen zeigt, so beruht dieses auf
einer feinen Falte in der Haut der Strahlen, keineswe-
ges aber auf einer Theilung der Strahlenspitze selbst.
Ueber ganz Finland kommt der gemeine Kaulkopf
sehr allgemein vor in Flüssen und Bächen bis an den
Polarkreis hinauf (Widegren 1. c.) und wird auch sehr
zahlreich gefunden an den Ufern der Scheren des bos-
nischen und finnischen Meerbusens, so wie auch im La-
doga, auch kommt er wahrscheinlich in anderen grösseren
Seen des Landes vor. Er hält sich in einer Tiefe von
1 — 3 Fuss unter Steinen auf. Die Exemplare von Kajana
und einigen anderen Orten Finlands zeichnen sich aus
durch 3 — 4 undeutliche dunkle Querflecken an den Bauch-
flossen, die nach und nach verschwinden, wenn der Fisch
in Spiritus aufbewahrt wird; doch gehören sie nichts
desto weniger der fraglichen Art an, denn ich habe Ge-
legenheitgehabt, sie mit solchen zu vergleichen, die keine
Flecken an den Bauchflossen haben, und keine Charak-
tere gefunden, welche zu einer Artenunterscheidnng be-
rechtigen könnten. Von Cottus poecilopus *), der bei
1) Eine dem C. gobio nahe stehende Art, welche in Schweden
an verschiedenen Stellen gefunden worden ist und wahrscheinlich
auch in Finland nicht fehlt, obgleich sie hier noch nicht angemerkt
worden, ist:
Cottus poecilopus Heckel, Ann. des Wiener Museums IL S. 145. Taf. 8.
Fig. 1 u. 2.
„ Nilsson, Skandinavisk "Fauna IV. S. 67.
„ Heckel u. Kner, Süsswasserf. d. Österr. M. S. 31.
„ v. Siebold, Süsswasserf. von Mittelem-, S. 64.
Diese Art, welche in Skandinavien zuerst in den Stockholmer Sche-
ren von Prof. Sundevall angetroffen wurde, scheint in dem nörd-
lichen Schweden allgemeiner zu sein als C. gobio. Widegren hat
dieselbe in Quickjock und Nyström*) in Jemtland gefunden, wo-
*) Jakttagelser rörande faunan i Jemtlands vattendrag, Aka-
demisk Afhandling, Stockholm 1863. p. 3. (Beobachtungen über die
Fauna in den Gewässern Jemtlands.)
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 18
274 M a 1 m gren:
uns« noch nicht angetroffen worden ist, lässt er sich leicht
durch den dem C. gobio charakteristischen nach oben ge-
krümmten oberen Stachel auf dem Vordeckel, so wie da-
durch unterscheiden, dass die Bauchflossen die Analöff-
nung bei weitem nicht erreichen. Die Laichzeit trifft
zeitig im Frühlinge vor dem Aufgange des Eises
ein, denn in der Mitte des März habe ich in der Kajana
Elf Individuen gefangen , die voller Rogen und Milch
waren, dagegen im Anfange des Mai nur ausgelaichte
Exemplare erhalten. Im nördlichen Finland wird er
im Winter als Köder für Aeschen und Forellen ange-
wendet.
6. Cottus scorpius L., Seeskorpion.
Artedi, Gener. pisc. 49. n. 3.
„ Descript. spec. pisc. 86. n. 3.
„ Syn. nom. 77. n. 3.
C. scorpius L-, Syst. Nat. XII, 1. p. 452. n. 5.
Bloch, Naturg. Fische Deutschi. II. p. 18. Taf. 40.
„ Pallas *), Zoogr. R. -Asiat. III. p. 130 (pro parte).
„ Kröyer, Danm. Fiske I. p. 130 et 583.
„ W. v. Wright, Ekströra et Fries, Skand. Fisk.
p. 23. Taf. 5. fig. 1—2.
Nilsson, Skand. F. IV. p. 68.
Cuv. et Val., Hist. d. Poiss. IV. p. 117.
Sea scorpion Yarrel2), Brit. Fish. 3. ed. II. p. 54.
selbst sie die einzige Art des Geschlechtes zu sein scheint. Es sind
also Gründe vorhanden zu der Vermuthung, dass sie bald auch in
unserem Lande entdeckt werden wird, daher ich hier ihren Art-
Charakter aufnehme :
„Der Mund breit, reicht bis unter die Augen, die Bauchflossen
schmal, gezeichnet mit einigen dunklen Querflecken und so lang,
dass sie gut die Analöffnung erreichen; der obere Kiemendeckel
klein und fast gerade."
1) Unter dem Namen Cottus scorpius hat Pallas I.e. sowohl
unseren gewöhnlichen C. scorpius L. als auch eine ihm nahe ste-
hende Art von Kamtschatka begriffen, welche Cuv. u. V al. IV. p. 126
beschrieben und Cottus jack benannt haben.
2) Ich bezweifle keinesweges , dassYarrel's Sea scorpion
mit unserem Cottus scorpius identisch ist, muss aber doch anmer-
ken, dass seine Abbildung schlecht und fast unkenntlich ist, weil
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 275
Father-Lasher Couch, Fishes of the Brit. Isl. II. (1863) p. 8. Taf. 60.
(Die Figur schlecht.)
Schwedisch Rötsimf a, Simpa, Horkel (Hvittisbofjärd) ; Finnisch
Simppu.
Der Seeskorpion, welcher eigentlich ein Meerfisch
ist, kommt ziemlich allgemein an den südlichen und west-
lichen Küsten Finlands vor , wenigstens bis hinauf nach
Uleäborg. Auch kommt er vor längs der Küste des Eis-
meeres von dem Warangerfjörd bis an den innersten
Thcil des weissen Meeres nach Mittheilungen des ver-
storbenen Candidaten G. Selin, welcher 1861 Exem-
plare aus der Gegend von Kola an das finnische Mu-
seum geliefert hat. Im Westen des Nordkap ist er aus-
serordentlich häufig und erreicht dort eine ungemeine
Entwickelung. Ich habe in Tromsö Exemplare gesehen,
die 14 — 16 Zoll lang waren.
Die Laichzeit ist im bottnischen und finnischen Meer-
busen vom Ende des November bis zum Anfange des
Januar.
7. Cottus bubalis Euphr.
„ K. Vet. Akad. H. 1786. p. 65. Taf 3. fig. 2. 3.
„ Cuv. et Val., Hist. d. Poiss. IV. p..l20. Taf. 78.
„ Kröyer, Danm. Fisk. I. p. 118 et 582.
W. v. Wright, Fries, Ekström, Sk. Fiskar
p. 27. Taf. 6. fig. 1. 2.
„ N i 1 s s o n, Skand. Fauna IV. p. 74.
Father-Lasher Yarrel, Brit. Fishes. 3. ed., II. p. 58.
Bubalis Couch, Fishes of the Brit. Isl. IL p. 11. Taf. 61.
(Schlecht und falsch colorirt.)
Schwedisch Oxsimpa.
Auch diese Art ist eigentlich ein Meerfisch und wir
nehmen ihn in die finnische Fauna nur auf als zufällig
vorkommend. Er wird bisweilen zusammen mit dem See-
skorpion in den Stockholmer Scheren und am südwestli-
chen Aland gefangen, ist jedoch sehr selten. Im bott-
nischen Meerbusen, nördlich von Aland kommt diese Art
ihr die Occipital-Stacheln fehlen. Doch ist zu bemerken, dass diese
bisweilen auch bei unseren Exemplaren des C. scorpius beinahe
verschwinden.
276 Malmgren:
nicht vor, ist auch, so viel ich weiss, nicht an den nörd-
lichen Küsten des finnischen Busens gefangen worden.
An der Westküste von Norwegen ist dieser Fisch sehr
allgemein bis hinauf nach Finmarken, woselbst Kröyer
ihn gleich im Westen des Nordkap bei der Ebbe beinahe
eben so allgemein fand, wie den C. scorpius. Es ist da-
her glaublich, dass diese Art auch an unseren Eismeer-
küsten, wenigstens im Warangerfjörd vorkommt.
8. Cottus quadricornis L., Seebul, Seebol.
Artedi, Gen. pisc. p. 48. n. 2.
„ Descr. spec. pisc. p. 84. n.2.
„ Syn. nom. p. 77. n. 2.
Cottus quadricornis L. Syst. Nat. XII, 1. p. 451. n.2.
„ Pallas, Zoogr. R-Asiat. p. 127.
„ Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. III. p. 170.
Taf. 108.
Cuv. et Val. Hist. d. Pois. IV. p. 123.
„ W. v. Wright, Fries et Ekström, Skand.
Fisk. p. 30. Taf. 7. fig. 1.
„ Kröyer, Danm. Fiske I. p. 140 et 583.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 80.
Colins hexacornis Richardson *), Fauna B.-Americ. III. p.44.
The horned Bullhead Yarrel, Brit. Fishes, 3. edit. II. p. 64.
Four-horned Cottus Couch, Fishes II. p. 15. Taf. 63.
Schwedisch Hornsimpa, Ulk. Finnisch Merihärkä (Ladoga).
Nach Ri chardso n's *) eigener Angabe ist sein
C. hexacornis identisch mit C. quadricornis der englischen
Verfasser. Ob aber der englische C. quadricornis mit unse-
rem finnischen identisch ist , das ist sehr zweifelhaft,
denn die Beschreibungen sowohl Y arrel's als Couch's
sind dermassen unvollständig und oberflächlich, dass man
aus ihnen keine Schlusssätze ziehen kann. Zwar citiren
beide in der Synoymie Bloch's Abbildung unseres Cot-
tus quadricornis; doch die Abbildungen, welche diese
Verfasser selbst von dem englischen C. quadricornis lie-
fern, sind schlecht und fast unerkennbar. Sind diesel-
1) Belcher, the last of the Arctic Voyage II. p. 349 und
Yarrel, Brit. Fishes, dritte von Richardson besorgte Ausgabe
IL p. 64 (synon.).
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 277
ben getreu, so weicht der englische Fisch von dem un-
srigen wenigstens eben so sehr ab, wie ihr Cottus groen-
landicus von unserem C. scorpius. Da ich aber den 0.
groenlandicus für nichts anderes ansehen kann, als für
eine hochnordische Rassenveränderung oder Varietät un-
seres C. scorpius, so nehme ich an, dass auch der eng-
lische C. quadricornis von dem unsrigen nicht als eine
eigene Art abgeschieden werden kann, sondern wahr-
scheinlich nur eine Varietät ist, in ihrer Entstehung ana-
log mit derjenigen, welche im Wetter und im Ladoga
vorkommt.
Der Seebul fehlt gänzlich in den Meeren, welche
die Westküsten Skandinaviens bespülen, und ist auch in
dem südlichen Thcile der Ostsee eine grosse Seltenheit,
dagegen aber in den nördlichen und östlichen Theilen
der Ostsee höchst gemein. Von dem Wettersee ist er
seit alten Zeiten her bekannt, und ich fand ihn auch im
Ladoga in einer Tiefe von 40 — 80 Faden sehr allgemein
vorkommend. Pallas hat angegeben, dass diese Art
auch im Baikal und im Jeneseiflusse vorkommt, und dass
sie allgemein'ist im Eismeere und bei Kamtschatka; wenn
aber Tilesius in Zoogr. R-Asiat. III. P. 127 in einer
Note hinzufügt, dass er in drei Jahren bei Kamtschatka
kein einziges Individuum gesehen hat, so dürfte das Vor-
kommen im Eismeere mit um so mehr Grund bezweifelt
werden können , als die Art damals noch nicht an den
Eismeerküsten von Europa oder bei Grönland und Spitz-
bergen gefunden worden war. Es war daher äusserst
wichtig, dass der leider allzu früh verewigte Cand. G.
Sei in 1861 von Kantalahti am weissen Meere ein gros-
ses und schönes Exemplar an das finnische Museum mit-
brachte.
Sabine hat in Supplement to the Appendix of
Parrys first Voyage 1819 — 20 angeführt, dass Parry's
Expedition bei der Melville- Insel in dem arktischen Ar-
chipelagus Amerikas zwei 5 — 6 Zoll lange Individuen eines
Cottus erhalten hat, die „in jeder Hinsieht mit der
Beschreibung und Abbildung des Cottus qua-
dricornis in Bloch's Ichthyologie III, Taf. 108
278 Malmgren:
ü b er ei ns timmten". Richardson nahm schon an,
als er seinen C. hexacornis von der Nähe der Mündung
des Kupferminen-Flusses in das Eismeer beschrieb, dass Sa-
bin e's C. quadricornis vielleicht sein C. hexacornis war.
Dies hat er späterhin auch bestätigt und erklärt, dass sein
C. hexacornis mit C. quadricornis identisch ist. Da es
jedoch aus Yarrel's Beschreibung und Abbildung höchst
zweifelhaft wurde, ob sein C. quadricornis wirklich mit
dem des L i n n e und Bloch identisch war, obgleich diese
in die Synonymie aufgenommen wurden, so verblieb es
auch ungewiss, ob Richardson's C. hexacornis und Sa-
bin e's C. quadricornis wirklich identisch wären mit un-
serem Fische dieses Namens. Jetzt dagegen, seitdem
Sei in den Cottus quadricornis im weissen Meere ent-
deckt hat, verfällt dieser Zweifel, und daher halten wir
dafür, dass Sab in e's und Richardson's Angaben von
dem Vorkommen dieser Art an der Melville-Insel und
an der Mündung des Kupferminenflusses Vertrauen ver-
dienen.
Der Cottus quadricornis L. kommt also vor in dem
Eismeere von dem weissen Meere an östlich längs der
nördlichen Küsten von Asien und Amerika bis an die
Parry-Inseln (Melville Insel) und die Mündung des Ku-
pferminenflusses, scheint aber hier allmählich in dem
nördlichen Archipelagus Amerikas aufzuhören, denn von
der Baffins-Bay oder von den Küsten Grönlands ist er
bis jetzt noch nicht bekannt. In dem Gebiete des atlan-
tischen Oceans fehlt er gänzlich , ausgenommen an den
Küsten Englands, woselbst er, wie es scheint, in gerin-
ger Anzahl und mit einem so sehr veränderten Aeussern
auftritt, dass man, nach den Abbildungen zu schliessen,
gleich in den Verdacht verfallen muss, dass die Art hier
nicht mehr in ihrer rechten Heimath ist, sondern auftritt
als ein Doppelgänger von einer längst entschwundenen
Zeit — wir meinen die Glacialzeit.
Da der Seebul gänzlich an den Westküsten Skan-
dinaviens fehlt und in der Ostsee so selten ist, dass, so
viel mir bewusst, noch kein Exemplar in Dänemark an-
getroffen ist, so ist es unmöglich anzunehmen, dass dieser
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 279
eigentliche Bewohner des Eismeeres in die Ostsee einge-
wandert sein sollte. Wir müssen daher einen anderen
Weg für diese Einwanderung annehmen, und dieser Weg
geht über das weisse Meer, den Onega und Ladoga in
den finnischen Meerbusen. Die Zeit für diese Einwande-
rung fällt zusammen mit derjenigen Zeit, da der grössere
Theil von Finland noch unter Wasser stand und die Ost-
see ein Busen des Eismeeres war. Erinnerungen aus
dieser Zeit bilden die im Wretter, W7ener, Uleäträfk, Höy-
tiäinen, Ladoga und in der jetzigen Ostsee gefundenen
merkwürdigen marinen Thierformen, welche in dem Ge-
biete des atlantischen Oceans fehlen, und in denen Prof. S.
Loven1) wirkliche Bewohner des Eismeeres erkannt hat,
die noch jetzt an den kältesten Küsten von Spitzbergen
und Grönland in ihrer grössten Entwickelung leben.
Zwischen den Exemplaren aus dem Wetter und aus
dem Ladoga habe ich keinen bemerkenswerthen Unter-
schied gefunden. Beide weichen ab von den im finnischen
Meerbusen und im weissen Meere vorkommenden durch
geringere Grösse, bleichere Körperfarbe und kleinere
knöcherne Höcker an dem Kopfe. Diese sind nämlich
bei der Landseeform nicht versehen mit schwammartig
ausgebreiteten und unebenen Kronen, wie bei der Meer-
form. Doch steht die Ladoga-Form durch ihren übrigen
Habitus der im Finnischen Meerbusen lebenden näher,
als die Form des Wetters, oder mit anderen Worten, sie
ist eine wirkliche Uebergangsform zwischen dem Seebul
1) Den für die Frage interessirten Leser muss ich verwei-
sen auf die Abhandlungen von Prof. Love n ,.Om nägra i Wettern
och Weiiern funna Crustaceer" (Ueber einige im Wetter und Wener
gefundenen Crustaceen) in Wetenskaps Akademiens Öfversigt 1861.
S. 285. ..Till frägan an Ishafsfaunans fordna utsträckning öfver en
del af Nordens Fastland ' (zu der Frage über die ehemalige Er-
streckung der Eismeerfauna über einen Theil des Festlandes des
Nordens) ebendaselbst 1862. S. 463, so wie auf die noch nicht im
Druck erschienenen Verhandlungen bei der Zusammenkunft der
Naturforscher in Stockholm 1863, in welche ein von Prof. Lov&ai
gehaltener öffentlicher Vortrag über die Ostsee-Fauna aufgenommen
werden wird.
280 Malmgren:
des Wetters und des finnischen Meerbusens. Das von
Sei in aus dem weissen Meere geholte Exemplar weicht
in keiner Hinsicht ab von denen im finnischen Meerbusen.
Die Laichzeit trifft gleichzeitig mit der des See-
skorpions.
Phobetor Kröyer.
9. Ph. tricuspis Reinhardt.
Cottus triscuspis Reinhardt, Danske Vid. Selsk. Naturh. og Mat.
Afhandl.V. p.52. och VII. p. 117.
C. gobio 0. Fabrieius, Faun. Grönlandica No.115. p.159.
Coltus tricuspis Nilsson, Skand. Fauna. IV. p. 78.
Lilljeborg, K. Vet. Ak. H. 1850. IL p. 309.
Phobetor tricuspis Kröyer, Naturh. Tidskr. ny Raekke,I. p. 263.
„ „ Gaimard's Voyage en Skandinavieetc,
Poissons Planche 4. fig. 1 a — c.
An den Küsten von Grönland und Spitzbergen ist
diese Art sehr allgemein. Als europäisch ist sie bekannt
seit 1848, da Prof. Lilljeborg sie bei Schuretskaja an
der Eismeerküste der russischen Lappmarken fand. Ich
bin im Stande, hier die Grenze ihrer westlichen Ver-
breitung an dieser Küste bis in den Warangerfjord aus-
zudehnen, nachdem ich mehrere grössere Individuen von
dort, mitgebracht 1856 von E. Nyla nd er und M. Gadd,
gesehen und geprüft habe. Im Westen des Nordkap ist
diese hochnordische Art weder von Kröyer noch Lill-
jeborg noch von mir angetroffen worden.
c. Gataphracti Günther1).
Aspidophorus Lacep.
lO. A. decagonus Bl.
Cottus calaphractus Fabr. Faun. Grönl. p. 155. n. 112.
Agonus decogonus Bloch-Schneider, Syst. Ichthyol. 1801. 1. p. 105.
Taf. 27.
Aspidophorus dccagonus Cuv. et Val., Hist. d. Poissons IV. p. 163.
„ Reinhardt, Danske V.-Selsk. Naturh. og
Mat. Afh.V. p.53. och VII. p. 119.
„ Kröyer, Naturh. Tidskr., ny Raekke, 1844.
I. p. 243.
1) Catalogue of the Acanthopt Fishes in Brit. Mus. II. p. 87.
Kritische Uebersicht der Fisch- Fauna Finlands. 281
Aspidophorus decagonus Gaymard's Voyage etc., Zoologie Poissons
Planche 5. fig. 1.
,, Nilsson Skand. Fauna IV. p. 88.
Junger Fisch:
Aspidophorus spinosissimus Kröyer. Naturh. Tidskr., ny Raekke
I. p. 250.
„ Gaymard's Voyage etc., Zoologie Poissons,
Planche 5. fig. 2 (a — d).
Dieser Fisch wurde zuerst beschrieben von O. Fa-
bricius in Faun, groenl. unter dem Namen Cottus cata-
phracius. Bloch hat ihn späterhin unter einem neuen
Namen Agonus decagonus beschrieben, aber aus Miss-
verständniss sein Vaterland nach Ostindien verlegt. Rein-
hardt der A eitere hat diesen Irrthum berichtigt und
gezeigt, dass sowohl diese Art als auch Aspidophorus
monopterygius BL, der von Bloch ebenfalls fehlerhaft
für Ostindien (Tranquebar) angeführt wird, nur an den
Küsten Grönlands lebt und vorkommt. Ausserdem wird
für Grönland noch eine Nominalart angeführt, nämlich
Aspidoph. spinosissimus Kröyer. Keine von diesen Arten
ist zuvor als europäisch bekannt.
Wenn ich nun diesen Fisch zum ersten Male in die
Fauna von Europa einführe, so geschieht dieses auf den
Grund eines einzigen kleinen Exemplares, gefangen 1856
von E. Nylander l) und M. Gadd im Warangerfjord und
dem Museum der Universität Helsingfors zugehörig. Un-
ser Exemplar ist ein Junges, wenig grösser als das von
Kröyer unter dem Namen Aspidophor. spinosissimus
als eine verschiedene Art beschriebene und abgebildete.
Auch stimmt Kröyer's Beschreibung und Figur des
Aspid. spinosissimus so ganz mit unserem Exemplare über-
ein; dass kein Zweifel über ihre Identität aufkommen
kann. Doch ist nach Steenstrup's und Lütken's2)
1) Dr. Nylander hat in Öfversigt af Finska Wetenskaps
Societets Förhandlingar 1S56 — 57. S. 77 aus Irrthum diesen Aspid.
catapkractns genannt. An derselben Stelle wird Centronolus gunel-
lus vom Warangerfjord der Name Lumpenus maculatus beigelegt.
2) ,.Om Ungerne af de nordiske Aspidophor us-Arter og om
de Forandringer , som disse undergaae med Alderen" (Ueber die
282 Malmgren:
gemeinschaftlichen Untersuchungen Kröyer's Aspid.
spinosissimus nur ein Junges des Äspidophorus dacago-
nus Bl.
Die nähare Beschreibung unseres Exemplares über-
gehe ich hier, ich will nur erwähnen, dass ich an unse-
rem 35 Mm. langen Exemplare 5 Paar Schilde zwischen
den Rückenflossen und 5 Paar zwischen 'Anus und der
Afterflosse gezählt habe. Der After ist wie bei Kröyer's
Exemplar nach hinten vorgedrängt zu einer kegelförmi-
gen Anschwellung. Die Bartfäden sind genau so, wie
Steenstrup und Lütken sie bei Kröyer's Origi-
nalexemplar beschreiben. Die Flossenstrahlen an unse-
rem Exenplare sind :
I. Rückenfl. 6, II. Rückenfl. 8, Brustfl. 15 und
Afterfl. 8.
3. Farn. Scomberoidei (Cuv.) Heck, et Kner.
Gasterosteus l) L.
11, G-. aculeatus L. Stichling.
Artedi, Gen. pisc. p. 52. n. 1.
p Descr. spec. pisc. p. 96. n. 1.
„ Syn. nom. pisc. p. 80. n. 1.
Gasterosteus aculeatus L, Syst. Nat. XII. ed., 1. p. 489. n. 1.
0. Fabricius, Fauna Grönl. n. 122. p. 169.
„ Bloch. Fische Deutschi. II. p. 79. Taf. 53. fig. 3.
Gaster acanlhus aculeatus Pallas, Zoogr. R.-Asiat. III. p. 229.
Gasterosteus aculeatus Kröyer, Danm. Fiske I. p. 169.
,. W. v. Wright, Fries et Ekström, Skand.
Fiskar, Taf. 4. fig. 1 (a— b).
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 103.
„ He ekel et Kner, Süsswasserf. d. Oester-
reicli. Mon. p.38.
„ S i e b o 1 d, Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 66.
Jungen der nordischen Äspidophorus- Arten und über die Verände-
rungen, welche diese im Alter erleiden) in Videnskab. Meddel. fra
det Naturhist. Forening i Kjöbenhavn 1861.
1) Wir halten es für das Richtigste , Hecke l's und K n e r's
Beispiele folgend, das Genus Gasterosteus auf die Familie Scombe-
roidei Cuvier's und Müller's hinüberzuführen. Günther hat,
Catal. of Acanlh. Fislies in Brit Mus. 1859. I p. 1. für dieses Ge-
nus eine eigene Familie Gasteroidei gebildet.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 283
G. Irachurus et G. leiurus Cuv. et Tal., Hist. d. Poissons IV. p. 352.
Taf. 98. fig. 1 et 4.
The rovgk.-tailed Stickleback) Yarrelj BrR> 3> ed) jt p.75et83.
The smooth- tailed SlickleLackj
G. loricatus v) Reinhardt s. Danske Y.-S. Nat. og Mat. Afh. VII.
p. 114 och 119.
Schwedisch Spigg. Finnisch Raulakala (Ladoga).
Der dreistachlige Stichling ist äusserst zahlreich
an den südlichen und westlichen Küsten Finlands, im
Ladoga und in mehreren Landseen bis hinauf nach Lapp-
marken. Wahrscheinlich kommt er längs unserer ganzen
Eismeerküste vor, denn L i 1 1 j e b o r g fand G. trachurus
Cuv. in Archangel, und in Finmarken ist er westlich vom
Nordkap äusserst allgemein. Der bei uns am allgemein-
sten vorkommende gehört zu der Varietät trachurus Cuv.-
G. leiurus Cuv. (= G. gymnurus Cuv.) ist seltener, und
ich habe ihn an unserer südlichen und westlichen Küste
(Kaskö) gesehen, wenn auch in unvergleichlich geringe-
rer Anzahl als den vorigen. S u n d e v a 1 1 2) erzählt , er
habe in den Stockholmer Scheren einen Stichling mit 4
Rückenstachelstrahlen gefangen; er nennt denselben G.
4t-8pi7iosa und hält ihn für eine bloss individuelle Varietät
der gewöhnlichen Art. Wahrscheinlich ist Jenyns' und
Yarrel's G. spinulosvs ebenfalls nichts anderes als eine
ähnliche individuell Varietät, obgleich Günther, Acanth.
Fishes in Brit. Mus. I. p. 5, ihn als eigene Art beibe-
hält. Günther hat sonst G. gymnurus Cuv. (= leiurus
Cuv.), G. semiarmatus Cuv et Val., G. semilorioatus Cuv.
et Val., G. trachurus Cuv. et Val. und G. noveboracensis
Cuv. et Val. (der zuletztgenannte von Grönland und
Nordamerika) als eine einzige Art zusammenstellt. Couch
geht noch weiter, indem er Yarrel's alle fünf Arten,
ja auch G. brachyoentrus Cuv., der von He ekel und
1) Kröyer. Danmarks Fiske , merkt an, dass G. loricatus
Rhdt. von Grönland identisch ist mit G. trachurus Cuv.
2) Berättelse om Fiskerierne i Stockholms skärgärd 1855
(Bericht über die Fischereien in den Stockholmer Scheren) in Stock-
holms Läns Hushällningssällskaps Handlingar (Verhandlungen der
Ilaushaltungsgesellschaft in Stockholms Län), Heft 6. S. 178.
284 * Malmgren:
Kner als eine sichere Art betrachtet wird, und O. spi-
nulosus Jenyns als eine einzige zusammenschlägt.
12. G-asterosteus pungitius L. Kleiner Stichling.
Artedi, Gen. pisc. p. 52. n.. 2.
„ Descr. spec. pisc. p. 97. n. 2.
„ Syn. nom. pisc. p. 80 n. 2.
G. pungitius L. Syst. Nat. XII. ed., I. p. 491 n. 8.
„ Bloch, Naturg. d. F . Deutschi. II. p. 82. Taf. 53. fig. 4.
Gasteracanthus pungitius Pallas, Zoogr. R. -Asiat. III. p. 228.
Gasterosteus pungitius Cu v. et Val. IV. Hist. n. des Poissons p. 370.
„ Kröyer, Danm. Fiske I. p. 188.
„ W. v. Wright, Fries etEkström, Skand.
Fisk., Taf. 4. fig. 2.
Nilsso n, Skand. F. IV. p. 110.
„ Siebold, Süsswasserf. v. Mitteleur. p. 72.
The Ten-spined Stickleback Yarrel, Brit. Fish. 3. ed., II. p. 91.
Schwedisch Tiotaggad spigg , Benunge , Benhäst (Nyland).
Finnisch Ranlakala (Ladoga).
Diese Art ist bei uns eben so allgemein wie die
vorhergehende, wenn auch nicht so zahlreich. Im bos-
nischen und finnischen Meerbusen, im Ladoga und in
einem Sumpfe in Hyrynsalmi (nördl. von Kajana) kommt
sie in Menge vor. Auch aus Lappmarken habe ich Exem-
plare gesehen, und Lilljeborg fand ihn bei Archangel ;
doch fehlt er an unserer Eismeerküste, so wie auch an
der Westküste Skandinaviens.
Das Laichen wird gleichzeitig mit dem vorherge-
henden vom Ende des Juni bis zum Anfange des Juli
verrichtet
Spinachia Flem.
13. Sp. vulgaris Flem. Dornfisch, Seestichling.
Artedi, Gen. pisc. p. 52. n. 3.
„ Syn. nom. p. 81. n. 3.
Gasterosleus spinachia L. Syst. Nat. XII. ed. I. p. 492. n. 10.
Bloch, Naturg.FischeD.il. p. 84. Taf. 53. fig. 1.
Cuv. et Val., Hist. d. Poiss. IV. p. 370.
„ W. v. Wright, Ekström etFries, Skand.
Fiskar p. 21. Taf. 4. fig. 3.
Nilsson, Skand. F. IV. p. 112.
The Fifteen-spined Stickleback Yarrel, Brit. Fishes, 3. ed. 1. p. 93.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 285
Spinachia vulgaris Fleming-, British Anim. 1828. p. 219. n. 165.
„ Kröyer, Danra. Fiske I. p. 193.
Couch, Fishes of Brit. Isl. I. p. 180. Taf. 38.
Schwedisch Ta ngsp igg .
Diese Art ist sehr selten an den südlichen und süd-
östlichen Küsten Finlands und fehlt vermuthlich in dem
ganzen bottnischen Meerbusen. Die einzigen finnischen
Exemplare , welche ich zu sehen Gelegenheit gehabt
habe, sind von Arthur Nordmann in der Gegend von
Helsingfors genommen und werden in dem Museum der
Universität zu Helsingfors aufbewahrt. Der Dornfisch
ist ein Meerfisch, der in der südlichen Ostsee und beson-
ders in der Nordsee vorkommt, aber in Finmarken und
an unserer Eismeerküste fehlt.
4. Fam. Gobioidei.
Gobius L.
14. €}-• niger L. Meergrundel.
Art edi, Gen. pisc. p. 28.
„ Syn. nom. p. 46. n. 1.
G. niger L. Syst. Nat. XII. ed. I. p. 449.
Fries, Vet. Akad. Handl. 1838. p. 242.
„ Bloch, Naturg. der F. D. IL p.5. Taf. 38. fig. 2— 5.
„ W. v. Wright, Sund, et Ekström, Skand. Fisk. p. 157.
Taf. 36.
„ Kröyer, Danm. Fiske I. p. 382.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p 219.
„ Cuv. et Val.. Hist. d. Poissons XII. p. 7.
The black Gobij Yarrel, Br. F. 3. ed., IL p. 318.
Roch Goby Couch, Fishes of Br. Isl. IL p. 153. Taf. 98.
Schwedisch Smörbult.
Dieser Fisch ist ziemlich selten und kommt in dem
Gebiete unserer Fauna nur an den südlichen und süd-
westlichen Küsten Finlands vor. Exemplare von Bothby
und Helsingfors werden im Universitätsmuseum zu Hel-
singfors verwahrt.
15. Gobius minutus Gmel.
G. minulus Gm. Syst. Nat. I, 3. 1199'
„ Cuv. et Val., Hist. d. Poiss. XIL.p.29.
Fries, Vet. Ak. H. 1838. p. 242.
286 Malmgren:
O. minutus Kröyer, Danm. Fisk. I. p. 407.
Nil ss on, Skand. F. IV. p. 222.
The Spotted Goby Yarrel, Brit. Fish. 3. ed. IL p. 325.
Schwedisch Sabbih (Stockholmer Scheren).
In den nördlichen Stockholmer Scheren soll diese
Art nach Prof. Sundevall in Menge vorhanden sein,
wesshalb sie ohne Zweifel auch bei Aland und an der
südlichen Küste Finlands vorkommt; doch ist ihre geo-
graphische Verbreitung bei uns noch unbekannt. In dem
finnischen Museum werden Exemplare, wahrscheinlich
aus der Gegend von Helsingfors, verwahrt.
5. Fam. Discoboli J) Cuv.
Cyclopterus L.
16. C. lmiipug L. Seehase.
Artedi, Gen. pisc. p. 62.
„ Syn. nom. p. 87.
Cyclopterus lutnpusL. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 414. n. 1. (excl.var. ßety).
„ 0. Fabricius, Fauna Grönl. n. 92. p. 131.
Bloch, Nat. d Fische Deutschi. III. p. 103. Taf.90.
„ Pallas, Zoogr. R.-Asiat. p. 72.
„ Kröyer, Danm. Fiske IL p. 490.
„ Gaymard's Voyage etc. Zool. Poiss. Planche 8.
Nil s s o n, Skand. Fauna IV. p. 232.
The Lump Sucker Yarrel, British Fishes , 3. ed. IL p. 343,
Lump fish Couch, Fishes IL p. 183. Taf. 105.
Lumpus Anglorum D. H. Stör er, A History of the Fishes of Mas-
sachusets, Memoires of American Acad. 1863.
Vol. VIII, 2. p. 402. Taf. 32. fig.2.
Junger Fisch:
Cyclopterus minutus Pallas, Spicil. Zool. fasc. VII. p. 12. Taf. 3.
fig. 7-9.
1) Cuvier hat in Regne Animal LT. p. 344. 1829 diese Familie
unter Malacopterygii gleich hinter Plenronectidae. gestellt. J. Mül-
ler hat diesen Fehlgriff berichtigt und die Verwandtschaft dieser
Familie mit Gobioidei unter Acanthopteri gezeigt. Wenn er aber
Discoboli und Gobioidei zu einer einzigen Familie vereinigt, so
wird diese Gruppirung höchst unnatürlich. Die meisten neueren
Ichthyologen sind darin einig, dass Gobioidei und Discoboli als Fa-
milien getrennt werden müssen. Bonaparte nennt die Familie
Discoboli Cuv. in seinem ,.Catalogo" Cyclopteridae , welche Benen-
nung wir gerne adoptirt hätten, wenn nicht Discoboli die ältere wäre.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 287
Cyclopterus minulus 0. Fabricius, Fauna Grönl. n. 94. p. 135.
„ Fries, Vet. Acad. Hand. 1838. p. 226. Taf. 4.
fig. 1 (a— c).
Schwedisch Sjurygtj.
Diese Art ist nicht selten an der südlichen und
westlichen Küste Finlands, wenigstens gegen Norden bis
Quark cn (»wischen Wasa und Umeä). Man fängt sie in
verschiedenen Geräthen, am meisten aber früh im Früh-
linge in Strömlingsnetzen (Sastmola). — In Finnmarken
ist der Seehase sehr gemein und heist dort Rognkjegsc.
Längs unserer ganzen Eismeerküste von dem Waranger-
fjord (E. Nicander und M. Gadd) bis an das weisse
Meer (G. Selin) scheint er ebenfalls allgemein zu sein.
Gegen Westen ist er verbreitet bis Island, Grönland und
die Ostküste von Nordamerika. Auch bei Spitzbergen
kommt ein Cyclopterus vor, doch bin ich jetzt nicht im
Stande zu sagen, ob es dieser oder C. spinosus (Fabr.)
Kr. *) ist.
Liparis Art. 2)
ltf. Ii. Iiarbatus Ekstr.
Liparis barbcdus Ekström, Yet. Akad. Handl. 1832. p. 168. Taf. 5.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 237. (excl. syn.).
Cyclopterus liparis S adelin. Fauna Fenn, p 41.
Dieser merkwürdige Saugfisch ist bis jetzt mit Gewiss-
heit nur von dem nördlichen Theile der Ostsee bekannt.
Südlicher als vor Ostergöthiand ist er niemals angetroffen
worden, wohl aber mehrmals in den Stockholmer Sche-
ren und im Bottenmeere, z. B. bei Neder-Calix. Das3
er auch an unseren Küsten gefunden wird, leidet keinen
Zweifel, denn Sandelin's Cyclopterus liparis, von wel-
chem es in Fauna Fennica p. 41 heisst: „perrarus ad nostra
littora advena", kann nicht gut ein anderer als dieser
Fisch sein. An den Küsten Dänemarks 3) oder an den
1) Naturhist. Tidskrift. 2. Raekke II. p 2G2 und Gaimard
Voy. Zool. Poiss. PI. 4. Fig. 2 (a— e).
2) Syn. pisc. p. 117.
3) K r ö y e r nimmt ihn zwar unter Dänemarks Fische auf in
der Vermuthung, dass die in der Ostsee gefundenen Exemplare
288 Malmgren:
westlichen Küsten der skandinavischen Halbinsel ist er
niemals angetroffen worden. Dagegen hat Prof. S. Lo-
ven1) nach der sorgfältigsten Untersuchung und Ver-
gleichung dieses Ostseefisches mit einem im Stockholmer
Reichsmuseum verwahrten Liparis von Kamtschatka nicht
den geringsten Unterschied zwischen denselben gefunden.
In der Hinlopen Strasse an der Ostküste von Spitzbergen
fing ich einen 6 Zoll langen Liparis, welcher verschieden ist
von den anderen an der Westküste Spitzbergens vorkom-
menden Arten, welchen ich aber bei der Vergleichung mit
Ostsee-Exemplaren für identisch halten musste mit L. bar-
batus Ekström. Es erscheint mir daher als wahrscheinlich,
dass auch die Liparis- Art, deren Lepechin2) erwähnt un-
ter dem Namen Cyclopterus liparis L., als vorkommend an
den Küsten des weissen Meeres, identisch ist mit Liparis
barbatus Ekström. Es ist möglich, dass das weisse Meer
auch noch andere Arten dieses Geschlechtes enthält, wel-
ches reichlich in dem kalten Eismeere repräsentirt ist
— ■ nur von Grönland hat Kröyer4) nicht weniger als
4 Arten beschrieben — ; in demselben aber kann kaum
eine Art fehlen, welche gemeinschaftlich ist für die nörd-
liche Ostsee, Kamtschatka und Spitzbergen. Dieser Fisch
scheint also eine von den wenigen hochnordischen Thier-
arten zu sein , welche noch fortleben seit der Zeit , da
die Ostsee mit dem Eismeere in Verbindung stand.
Bei der Vergleichung eines 4V2 Zoll langen Exem-
plares aus der Ostsee mit einem 6 Zoll langen von der
Ostküste Spitzbergens fand ich die vollständigste Ueber-
einstimmung in den Proportionen des Körpers, der Form
der Flossen, der Gestalt des Kopfes, dem Zahnbaue, der
Anzahl und Lage der Poren am Kopfe , ja sogar in der
durch das Sund eingewandert sein sollten, sagt jedoch ausdrücklich,
dass er nie an den dänischen Küsten gesehen worden ist. Seine,
so wie auch Nilsson's, Synonymie ist unrichtig, denn Yarrel's
Sea-Snail gehört sicherlich einer anderen Art als der unsrigen an.
1) Wetenskaps Akademiens Öfversigt 1862. p. 465.
2) Novi comment. Acad. Petrop. Tom. XVIII. p. 122.
3) Naturh. Tidskr. 3. Raekke. Heft 2.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 289
Farbenzeichnung. Auch die Anzahl der Flossenstrahlen
stimmt auf eine überraschende Weise überein, mit Aus-
nahme der Rücken- und Afterflosse, von denen jede bei
dem Exemplare von Spitzbergen 4 Strahlen mehr hat als
das von der Ostsee, eine Erscheinung, die vielleicht ihren
Grund in der grossen Verschiedenheit der Körperlänge
hat. Die Haut ist bei dem in Spiritus gelegten Exem-
plare sehr weit und sitzt ganz lose gleich einem Mantel
um den Körper. Die Zahl der Flossenstrahlen wurde
befunden: bei einem 6 Zoll 1. Ex. v. Spitzb. : 32 in der
Brustfl., 36 in der Rückenfl., 32 in der Aftern1, und 12
(10-f t) in der Schwanzfl. Bei einem 4 Zoll 1. Ex. v. der Ost-
see : 32 in der Brustfl., 32 in der Rückenfl., 28 in der
Afterfl. und 12 (10 4-}) in der Schwanzfl. In dem Lappen
der Brustflosse ist bei beiden unter den aus der Haut
hervorstehenden Strahlen der fünfte am längsten. Die
Schwanzflosse hat 10 Strahlen, welche die gerade Schwanz-
spitze erreichen und einen kürzeren oben, einen unten,
wodurch die ganze Anzahl 12 wird.
18. Liparis lineatus Lepecliin.
Liparis lineatus Lepecliin, Nov. comment. Acad. Petropolitanae
1774. Tora. XVIII. p. 222. Taf. 5. fig. 2. 3.
Gmelin, Syst. Nat. ed. XIII, 1. 1478.
Diese Art ist gefunden in der Mündung des weissen
Meeres bei Triostrowa an unserer russischen Lapplands-
küste und beschrieben von Lepechin. Ob sie identisch
ist mit einem von Tromsö von. Kröyer als neu beschrie-
benen Liparus lineatus l), lässt sich unmöglich mit Gewiss-
heit entscheiden. Inzwischen ist über diese Frage ein
äusserst heftiger Streit entstanden zwischen Dr. Lüt-
ken 2), welcher dieselben für identisch hält, und Professor
Kröyer3), der sie fortwährend trennt.
1) Ib. 2. Kaekke. Heft 2. S. 284 und Gaymard Voyage etc.
Zoolog. Poisson PI. 13. fig. 2 (a— g).
2) Vidensk. Meddel. fra det Naturhist. Foren, i Kjöbenhavn
1860-62.
3) Naturh. Tidskr. 3. Raekkes. Heft 2 et 3.
Archiv für Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 19
290 Malmgren:
6. Fam. Blennioidei.
Centronotus Bl.
19. Cent. Gunellus L. Butterfisch.
Artedi, Gen. pisc. p.27. n. 5.
„ Syu. spec. 45. n. 5.
Blennius Gunellus L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 443. n. 9.
Bloch, Naturg. d. F. Deutschi. II. p. 18G. Taf. 71.
fig. 1.
Ophidion imbcrbe L. Fauna Sv. 2. ed. p. 114.
Centronotus gunellus Bl o ch-S chneider, Syst. Ichthyol, p. 167.
„ W. v. Wright, Ekström et Fries, Skand.
Fiskar p. 105. Taf. 25. fig. 1.
Gunellus vulgaris Cuv. etVal., Hist. des Poissons XI. p. 309.
„ Kröyer, Danm. Fiske I. p. 340.
„ Nils s on, Skand. Fauna IV. p. 200.
The spotted Gunnel (Muraenonles guttata Lacep ) Yarrel, Brit. Fish.
3. ed. n. p. 376.
Schwedisch Teisteßsh.
In Westflnniarken ist dieser Fisch äusserst allgemein
und wird leicht bei der Ebbe gefangen, besonders in der
Springzeit. Von dem Warangerfjord haben E. Nylan-
d e r und M. G a d d ein kleines bei Pejsen gefangenes
Exemplar mitgebracht. Wie weit gegen Osten diese Art
an unserer Eismeerküste geht, ist noch unbekannt. — An
der Westküste Skandinaviens , so wie auch in dem süd-
lichen Theile der Ostsee kommt er vor, doch so nördlich,
wie im Alands-Meere ist er nicht früher als zu Anfange
dieses Jahres angetroffen worden , da ein 8 Zoll langes
Exemplar zwischen dem Leuchtthurme Svartklubben und
Signilsfkär von Dr. H. Widegren mit einem Grund-
kesser gefangen wurde. So viel mir bewusst, ist diese
Art zuvor an der Südküste Finlands nicht gefunden
worden.
Zoarces Cuv.
SO. *. vivipartiH L. Aalmutter.
Artedi, Syn. nom. pisc. p. 45. n. 7.
Blennius viviparus L. Syst. Nat. XII. ed. 1. p. 443. n. 11.
„ Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. II. p. 188.
Taf. 72.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 291
Zoarces viviparus Cuv. et Val., Hist. d. Poissons. XI. p. 335.
„ Kröyer, Danmarks Fiske I. p. 355.
„ W. v. Wright, Fries et Ekström p. 36. Taf. 8.
% 1.
The viviparous Blenmj Yarrel, British Fishes, 3. ed. IL p. 380.
„ Couch, Fishes ofBrit. Isl. p.239. Taf. 116.
Schwedisch Tunglake, Slcnlake (Hvittisbofjärd).
Die Aalmutter ist keinesweges selten an den süd-
lichen Küsten Finlands, wo man sie oft in Netzen erhält
zusammen mit Breitlingen und Strömlingen, deren Rogen
sie mit Begierde verzehren soll. Wie weit dieser Fisch
gegen Norden an unserer westlichen Küste verbreitet ist,
ist noch nicht bekannt, doch noch nördlich von Björne-
borg (Hvittisbofjärd) ist er den Fischern wohl bekannt un-
ter dem Namen Stenlake, und Widegren führt ihn
auch für die Scheren von Norrland an. Nur 6 — 9 Zoll
lange Exemplare erhält man an unseren Küsten. — In
Finnmarken, wo er bedeutend grösser wird, ist er im We-
sten des Nordkap sehr allgemein und heisst dort Tarfpräl
(norweg. Tara, schwed. Tang = Tang, Seetang). Dass dieser
Fisch auch weit östlich vom Nordkap vorkommt, erhellt
daraus, dass Cand. Fellman im Sommer 1863 an das
finnische Museum ein kleines Exemplar aus dem Kola-
busen mitgebracht hat. Wahrscheinlich fehlt er auch im
weissen Meere nicht.
Anarrhichas L.
£1. A. lupus L. Seewolf.
Artedi, Gen. pisc. p. 23.
„ Syn. pisc. p. 38.
Anarhichas Ivpus L. Syst. Nat. XII. ed. I. p. 430.
„ 0. Fabricius, Fauna Grönl. p. 138. n. 97.
„ Bloch, Naturg. der Fische Deutschlands III. p. 19.
Taf. 74.
„ Pallas, Zoogr. Eosso-Asiat. III. p. 80.
„ Cuv. et Val., Hist. d. Poissons XI. p. 349. (pp.).
„ Kröyer, Danmarks Fiske I. p. 369.
„ W. v. Wright, Fries et Ekström Skand.
Fiskar. p. 39. Taf. 8. fig. 2.
,. Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 208.
The Wolf-ßsh Yarrel, Brit. Fish. 3. ed. II. p.384.
llaf-kati.
292 Malnigren:
Dieser Fisch kommt zahlreich an den Küsten Islands,
Finmarkens und Grönlands vor. Pallas führt ihn für
das nördliche Eismeer an. Die letztere Lokalangabe wahr-
scheinlich nach Bloch, welcher sagt, Fische Deutsch-
lands III. S. 21, er besitze ein in der Nähe von Peters-
burg gefangenes Exemplar. Nach Nil sfon und Kröyer
geht der Seewolf höchst selten durch das Sund in die
Ostsee, und da der Fisch in späteren Zeiten, so viel be-
kannt, niemals in dem oberen Theile der Ostsee ange-
troffen ist, so erscheint Bloch's Angabe als zweifelhaft
und beruht wahrscheinlich auf einem Irrthume. An der
südlichen und westlichen Küste von Finland ist er niemals
gefunden worden. An unserer Eismeerküste kommt er
nach einer in Finnmarken erhaltenen zuverlässigen Angabe
vor, und vom weissen Meere habe ich ein Exemplar im
Reichsmuseum zu Stockholm gesehen, das nebst anderen
Fischen von dem Consul Fleischer in Archangel ein-
gesendet worden ist. In der Gegend von Tromsö habe ich
ihn oft gesehen.
22. Aiiarrliiclias pantherinus Zouiew.
A. panlhcrinus BasilZouie w, ActaPetropolit. 1781. 1. p. 271. Taf. 6.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 76.
Fab er1) hält diesen Fisch nur für eine Varietät des
gewöhnlichen A. lupus, und Valenciennes, Hist. des
Poissons XL p. 359, ist unbedingt derselben Ansicht.
Ich meine aber dennoch, man müsse die Art beibehalten,
theils weilZouiew's Beschreibung und Abbildung meh-
rere wichtige Charaktere enthält, welche jungen Indivi-
duen des Anarrliiclias lupus nicht zukommen, theils auch
darum, weil Stecnstrup2) und Kröyer3) von V a 1 e n-
1) Fische Islands S. 70.
2) Skandinaviska Naturforskare mötets Förhandlingar (Ver-
handlungen der Zusammenkunft skand. Naturforscher) 1842 und Bo-
naparte Catal. dei pesci europei p. 69.
3) Danske Videnskabs Selskabs Översigt (Uebersicht der Dan.
Gesellsch. der Wissenschaften) 1844. S. 140 und Gay mar d Yo-
yage etc. Zoologie, Poissons PI. 19, woselbst eine schöne Figur des
Anarrhichas denticulatus Kr. mitgetheilt wird.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 293
ciennes' Anarrh. lupus, der eine collective Art zu sein
sich bewiesen hat, wenigstens schon drei wohlgeschiedene
Arten abgesondert haben, welche alle in dem nördlich-
sten Theile des atlantischen Oceans entweder bei Island
oder Grönland leben. Bei Island leben An. Lupus L.,
An. egcrti Steenstrup und An. latifrons Stnstr., und bei
Grönland An. lupus L., An. denticulatus Kr. und An.
minor? Fabr. (Glahns Fisch). Keine von diesen kann
verwechselt werden mit unserem An. pantherinus, wel-
cher zuerst von Laxmann im weissen Meere entdeckt
und von Zouiew I.e. beschrieben wrorden ist. Später-
hin wurde er von Lepechin im nördlichen Eismeere
wieder gefunden. Darum ertheilen wrir der Art einen
Platz in unserer Fauna.
Malacopteri ).
A. Malacopteri subbracliii.
7. Fam. Pleuronectidae.
Rhombus Cuv.
23. Rli. maximus L. Steinbutte.
Artedi, Gen. pisc. p. 18. n. 9.
„ Syn. nom. pisc. p. 32. n. 7.
Pleuronectes maximus L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 459. n. 14.
„ Bloch, Naturg. d. FischeDeutschl.il. p 53.
Taf. 49.
Rhombus maximus Cuvier, Regne Animal. 2. ed. IL p. 340.
„ Kröyer, Danm. Fiske IL p. 424.
„ Nils son, Sk. Fauna IV. p. 636.
The Turbot Yarrel, Brit. Fishes 3. ed. I. p. 634.
Schwedisch Pigghvar, Pigyhvirf (Björneborg).
Nicht besonders selten an unseren südlichen und
westlichen Küsten bis in Quarken (zwischen Wasa und
Unieä) hinauf. Im Hvittisbofjärd fängt man ihn biswei-
1) Diese Unterabtheilung umfasst J. Müller's Anacantkini,
Pharyngognathi malacopterygii und Physostomi.
294 M a 1 m g r e n
len, doch dürfte er gegen Norden kaum über den Quar-
ken hinaus gehen. Ist weder in Finnmarken noch im
Eismeere vorhanden.
£4. Pleuronectes Flesus L. Flunder.
Artedi, Gen. pisc. p. 17. n. 4.
„ Descr. sp. pisc. p. 59. n. 4.
„ Syn. pisc. p. 31. n. 2.
Pleuronectes ßesus L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 457. n. 7.
„ Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. II. p. 39.
Taf. 44.
„ Pallas, Zoogr. Eosso-Asiat. p.421.
„ W.v.Wright, Ekström, Sundevall, Skand.
Fiskar p. 215. Taf. 55.
„ Nilsson, Sk. Fauna IV. p. 618.
The Flunder Yarrel, Brit. Fishes 3. ed. I. p. 612.
Platessa ßesus Cuvier, Regne animal II. p. 339.
„ Kröyer, Danm. Fiske II. p.276.
„ Siebold, Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 77.
Mit den Augen auf der linken Seite.
Pleuronectes passer L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 459. n. 15.
„ Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. II. p. 57.
Taf. 50.
Schwedisch Flundra. Finnisch Kampela Maarian kala (Sata-
kunta).
Die Flunder ist allgemein und wird an den südlichen
und westlichen Küsten Finlands in Menge gefangen. Im
bottnischen Meerbusen kommt sie bis an den Quarken
ziemlich zahlreich vor, von dort ab gegen Norden jedoch
sparsamer. Sie wird dort an vielen Orten in Netzen ge-
fangen, z. B. bei Enfkär vor Björneborg. In Finmarken
an unserer Eismeerküste ist sie ebenfalls allgemein. Von
dem Warangerfjord haben *E. N y 1 a n d e r und M. G a d d
Exemplare geholt, und Prof. Lilljeborg fing sie bei
Archangel. — Herr Insp. Ho Im b er g nennt in seinen
Jahresberichten über die Fischerzeugimg Finlands un-
sere Flunder unrichtig Pleuronectes patessa; eine Art,
welche zwar in den südlichen Theilcn der Ostsee vor-
kommt, aber gänzlich in den Scheren von Mörkö (Ek-
ström) und Stockholm (Sundevall) fehlt. Zwar giebt
Nilsfon sie für Aland an, aber auf Sadelin'b Aucto-
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Fililands. 295
rität. S adelin aber hat wahrscheinlich seine Angabe aus
R ad 1 o f f s Beskrifning öfver Aland 1795 S. 232 geschöpft,
woselbst nur zwei Flunderarten für Aland angegeben
werden, nämlich Pleur. flesus und Platessa. Die letztere
Benennung ist jedoch offenbar unrichtig, denn der Fisch,
welcher darunter verstanden wird , kann unmöglich ein
anderer sein als Rhombus maximus , welcher nebst Pla-
tessa flesus dort vorkommt und ziemlich oft gefangen
wird. Eine andere Flunder ist dort nicht vorhanden nach
demjenigen, was ich habe erfahren können. — Platessa
flesus tritt bei uns oft so auf, dass die ganze Augen- Seite
von zackigen Schuppen rauh ist. Dies ist Gottsche's1)
Sandskrubbe. Uebergänge zwischen dieser und der ge-
wöhnlichen (Mudd erskrubbe G.) sieht man überall,
daher Kröyer sie mit Recht nicht einmal als Varietäten
unterscheidet.
Ä5. Platessa Svinensis Lilljeborg.
K. Vet. Ak. Handl. 1850. II. p. 306.
Taf. XX. fig. 1—2.
„ Nilsson, Sk. Fauna IV. p. G17.
Diese Art ist bis jetzt nur vom weissen Meere be-
kannt, woselbst Prof. Lilljeborg sie bei Archangel
fand. Einige kleine Individuen habe ich in Fischfuhren
von Kern am weissen Meere gefunden. Die Russen brin-
gen nämlich alljährlich in das nördliche Finland bedeu-
tende Quantitäten gefrorner Strömlinge (Selti), welche
sie im Herbstwinter in den südwestlichen Theilen des
weissen Meeres in Eisnetzen fangen.
£6. Platessa Llmaiida L. Glahrke oder Kliesehe.
Art edi, Gen. pisc, p. 17. n. 2.
„ Descr. sp. pisc. p. 58. n. 2.
„ Syn. norn. pisc. p. 33. n. 9.
Pleur onectes limanda L. Syst. Nat. ed. XII, 1, p. 457. n. 8.
„ Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. II. p. 45.
Taf. 46.
W. v. Wright, ßfcström Sundevall, Sk.
Fiskar p. 150. Taf. 34.
,; N i 1 s s o n , Sk. Fauna IV. p. 627.
1) Archiv für Naturgesch. 1635. II. S. 147.
296 M a 1 m g r e n :
Plalessa limanda Cuvier, Regne animal, 2. ed. IL p. 339 et 340.
„ Kröyer, Danm. Fiske IL p. 298.
The common Dab Yarrel, Brit. Fishes, 3. ed. I. p. 628.
Schwedisch Sandßundra, Sandsküdda.
In Finmarken und. an unserer Eismeerküste ist diese
Art allgemein, wenigstens bis Schuretskaja, wo Prof.
Lilljeborg sie genommen hat; doch ist mir nicht be-
kannt, dass sie an irgend einer von unseren Ostseeküsten
vorkommen sollte, obgleich Prof. Nilsfon in seiner Skan-
dinavisk Fauna IV. 8.628 dieses angiebt. Ek ström hat
sie nicht unter die Fische von Mörkö aufgenommen, auch
hat Sundevall sie nicht in den Stockholmer Scheren
angetroffen. In dem südlichen Theile der Ostsee kommt
sie vor.
£¥. Platessa limaiidoides Bloch.
Pleuronectes limaiidoides Bloch, Naturg. d. Ausl. Fische III. p. 24.
Taf. 106.
„ W. v. Wright, Fries, Ekström, Sk.
Fiskar p. 117. Taf. 27.
„ Nils so n, Sk. Fauna IV. p. 629.
Plalessa limaiidoides Kröyer, Danm. Fiske IL p. 358.
The long-roufjh Dab Yarrel, Brit. Fishes, 3. ed. I. p. 625.
Schwedisch Lerskäo'da.
Von dem Warangerfjord sind einige grosse Exem-
plare von E. Nylander und M. Gadd mitgebracht
worden, woraus erhellet, dass diese Art weit östlich vom
Nordkap vorkommt. Sie geht nicht in die Ostsee hinein
und wird daher bei uns niemals angetroffen.
llippoglossus Cuv.
£8. H. vulgaris Flem. Heiligebutt, gemeine Heilbutte.
Artedi, Gen. pisc. p. 17. n. 3.
,, Syn. spec pisc. p. 31. n. 3.
Pleuronectes hippoglossus L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 456. p 4.
„ Fabricius, Fauna Grönl. n. 117. p. 161.
„ Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. IL
p. 47. Taf. 47.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p.421.
„ Gairaard's Voyage etc. Zoologie Poiss.
Planche 14.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 297
Le grand Fletan Cuvier, Regne Animal 2. ed. IL p. 340.
Uipyoglossus maximus Minding, 1832 Lehrb. d. Naturg. d. Fische.
Gott sehe, Archiv f. Nat. 1835. II. p. 164.
„ Kröyer Danm. Fiske II. p. 381.
Nils s o n, Sk. Fauna IV. p. 631.
Hippoglossus vulgaris Fleming 1828 Hist. of Brit. Animals.
,, {The Holibut) Yarrel, Brit. Fishes 3. ed. I.
p. 630.
„ D. H. Stör er, Memoires of Americ. Acad.
Vol. VJ, 2. P. 370. Taf. XXX. fig. 1.
Schwedisch Hälleßundra, Norwegisch Queite.
Der Heiligebutt ist von der Ostküste Nordamerikas
und Grönlands ausgebreitet über den nördlichen Theil
des atlantischen Oceans bis an unsere Eismeerküsten, wo
er noch bei Kola von den Russen in Menge gefangen
wird (Pallas). In Westfinmarken und längs der gan-
zen Westküste von Norwegen ist er allgemein; doch
geht er nicht in die Ostsee hinein.
8. Fam. Gadoidei.
tiadus (L.) Cuv.
£9. in. Morrhua L. Dorsch.
Artedij Syn. nom. p. 35. n. G.
Gadus Morrhua L. Syst. Nat. XII, 1. p. 436. n. 3.
„ Fabricius, Fauna Grönl. n. 102. p. 146.
„ Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. IL p. 145. Taf. 64.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 181.
„ W. v. Wright, Ekström, Sundevall, Skand.
Fiskar p. 191. Taf 47.
„ Kröyer, Danm. Fiske IL p. 1.
„ Nils so n, Sk. Fauna IV. p. 527.
Morrhua vulgaris Cuv. Regne Animal 2. ed. IL p. 331.
The common Cod Yarrel, Brit. Fishes, ed. I. p. 524.
Jüngerer Fisch.
Artedi, Gen. pisc. p. 20. n. 4.
„ Syn. nom. pisc. p. 35. n. 4.
„ Descr. spec. pisc. p. 63. n. 4.
Gadus callarias L. Syst. Nat, ed. XII, 1. p. 436. n, 2.
„ Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. IL p. 142. Taf. 03.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. p. 182.
Gadiis barbatus L. Syst. Nat. XII, 1. p. 437. n. 5.
Schwedisch Torsk. Finnisch Turska.
298 Malmgrcn:
In dem finnischen Meerbusen ist der Dorsch allge-
mein ; dasselbe ist auch der Fall in dem bottnischen
Meerbusen bis zum Quarken ; von dort aber wird er sel-
tener und dürfte kaum weiter gegen Norden als bis Uleä-
borg gehen. Widegren erwähnt seiner nicht unter
den Fischen von Norrbotten. In Strömlingsnetzen fängt
man ihn oft, doch legt man auch an vielen Orten sowohl
Hamen als Garne für den Dorsch aus. Die gewöhnliche
Grösse ist 2—4 Pfund; doch wird er an vielen Stellen,
z. B. bei Kaskö mit Hamen in grösserer Tiefe von weit
grösseren Dimensionen gefangen. — In Finmarken so
wie auch im Warangerfjord werden Dorsche in grosser
Menge gefangen. Nach Lepechin1) kommt er auch
im weissen Meere (Kantalahti) vor. Bei Grönland und
Island ist er allgemein. Wahrscheinlich ist auch Morrhua
Americana D. H. Storer 2), die bei New-Foundland den
Gegenstand der grössten Fischerei auf Erden bildet , der
Art nach nicht von .unserem Dorsch verschieden. Bei
Beeren-Island soll man, nach einer in Finmarken erhal-
tenen Angabe, Dorsche gefunden haben, von Spitzbergen
aber ist er nicht bekannt.
Bei den Lofoten sind nach offiziellen Angaben jähr-
lich über 20000 Mann mit der Dorschfischerei während
der Laichzeit (Januar bis März) beschäftigt, und der jähr-
liche Fang wird durchschnittlich auf nicht weniger als
20 Millionen Fische veranschlagt.
30. Gaclus Navaga Koelreuter.
CI. Navaga Koelreuter, Nov. Comment. Acad. Petrop. Tom. XIV.
p.484. Taf.12.
„ Pallas, Zoogr. Eosso-Asiat. III. p. 19G.
„ Lilljeborg, Vet. Ak. Ilandl. 1850. II. p. 305.
Diese Art ist allgemein im weissen Meere, wo er
nach Lepechin in grosser Menge mit Hamen im Oc-
tober und November gefangen wird. In Fischfuhren von
1) ISu\i (.'oiiimt.'iil Apa4 Petropiol, luiu, jlVJ.I1. p. 513 (die
Note).
2) ..Fislies of Massachusetts,- Mcinoires of Americ. Acad. Vol.
VI, 2. p.343. Plate27. fig. 1.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 299
Kern habe ich unter Strömlingen einige Individuen ge-
funden. Man unterscheidet sie leicht von der vorherge-
henden Art durch ihre eigenthümlichen Processus trans-
versa welche unten ausgehöhlt sind und mit hohlen, am
Ende geschlossenen und abgerundeten Spitzen endigen,
ähnlich dem Ende des Rohres an einer Schreibfeder. —
Im Westen des weissen Meeres ist diese Art nicht ge-
funden worden.
31. Oaclus Saicla Lepechin.
Gadvs Saida Lepechin, Nov. Comment. Acad. Scient. Petrop.
Tom. XVIII. p. 512. Taf. 5. fig. 1.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 199.
Wird im weissen Meere im Herbste nebst Gadus
Navaga gefangen , von den Russen aber wegen seines
losen und trockenen Fleisches verachtet. Nach Lepe-
chin's Beschreibung zu urtheilen ist dies eine gute Art;
ich selbst habe sie nicht gesehen.
3». Gadus Aeglefinus L. Schellfisch.
Artedi, Gen. pisc p.20. n. 5.
„ Syn. nom. pisc. p. 36. n. 7.
„ Descr. spec p. 64. n. 5.
Gadus Aegleßnus L. Syst. Nat. XII. ed. I. p 435. n. 1.
„ Bloch, Naturg. d. Fische Deutsclil. p. 138. Taf. 62.
„ Cuvier, Regne Animal 2. ed. II. p. 331.
„ W. v. Wright, Fries et Ekström, Skandin.
Fiskar p. 86 Taf. 19.
„ Kröyer, Danmarks Fiske II. p. 42.
„ Nilsson, Skandin. Fauna IV. p. 550.
The Haddok Yarrel, British Fishes 3. ed. I. p. 536.
Morrhua aeglefmus D. H. Stör er, Mem. of Amer. Acad. Vol. VI, 2.
p.355. Taf. XXVIII. flg. 1.
Schwedisch Kolja. Finmarken llyse.
Der Schellfisch ist höchst allgemein in Finmarken
und an unserer Eismeerküste, wenigstens im Waranger-
fjord (E. Nylander u. M. Gadd). Ob er weiter gegen
Osten bis an die Küste des weissen Meeres vorkommt,
ist nicht bekannt, scheint aber glaublich zu sein, denn
Kröyer hat ihn bei Spitzbergen gefangen. Bei Grön-
land ist er nicht vorhanden, wohl aber bei Island und
300 Malmgren:
nach S torer an der Ostküste von Nordamerika. In die
südliche Ostsee geht der Schellfisch höchst selten hinein;
in dem nördlichen Theile derselben ist er noch niemals
gefunden worden.
33. Gadus carwonarius L. Köhler, Kohlenmund.
Artedi, Gener. pisc. 20. n. 2.
„ Syn. spec. pisc. p. 3. 34. n. 2.
Gadus carbonarius L Syst. Nat. XII. ed. I. p. 438. n. 9.
„ Bloch, Naturg. der Fische Deutsch!. II. p. 164.
Taf. 66.
„ W. v. Wright, Ekstr. et Suudevall, Skand.
Fiskar p. 195. Taf. 48.
Le Merlan noir Cuvier, Regne Aninial 2. ed. II. p. 332.
Merlangus carbonarius Kröyer, Danm. Fiske II. p. 102.
Gadus vircns Nilsson, Sk. Fauna IV. p 559.
The Coalfish Yarrel, Brit. Fishes, 3. ed. I. p. 554.
Jüngerer Fisch.
Gadus virens L. Syst. Nat.XII. ed. I. p. 438. n. 7.
Schwedisch Sej.
Allgemein in Finmarken und an der Eismeerküste
der russischen Lappmarken. Bei Kola soll nach der
Mittheilung des Cand. G. Selin diese Art hauptsächlich
der Gegenstand der Fischerei sein. Er kommt auch nach
Phipps, Ekstr öm und Kröyer bei Grönland und
Spitzbergen vor; ich selbst habe ihn dort nicht gesehen.
In die Ostsee begiebt er sich selten, und fehlt gänzlich
in dem nördlichen Theile derselben.
Lota Cuv.
34t, I<. Molva L. Leng.
Artedi, Gen. pisc. p. 22. n. 9.
„ Syn. noni. p. 36. n. 9.
Gadus Molva L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 439. n. 12.
„ Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. IL p. 174. Taf. 69.
Lola Molva Cuvier, Regne Animal IL p. 333.
„ Kröyer, Danm. Fiske. IL p. 153.
Molva vulgaris Nilsson, Skand. Fauna IV. p 5.3.
The Ling Yarrel, Brit. Fishes 3. ed. I. p. 569.
Schwedisch Longa.
Der Leng wird in Finmarken an Leinen in grossen
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 301
Tiefen von 80 — -200 Faden gefangen. Wie weit er an
dieser Küste gegen Osten geht, ist unbekannt; im Wa-
rangerfjord aber soll er nach sicherer Angabe noch vor-
kommen. Von Grönland ist der Leng nicht mit Sicher-
heit bekannt, so wie auch nicht von Spitzbergen ; ob-
gleich Faber, Naturgesch. der Fische Islands, dies an-
giebt. In der Ostsee fehlt er gänzlich.
35. L»ota vulgaris Cuv. Quappe, Rutte.
Artedi, Gen. pisc. p.22. n. 10.
„ Descr. spec. p. 107.
„ Syn. nom. p. 38. n. 13 et p. 111. n. 2.
Gadus Iota L. Syst. Nat. XII. ed. I. p. 440. n. 14-
„ Bloch, Naturg. d. Fische Deutschl. II. p. 177. Taf. 70.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. p. 201.
Lola vulgaris Cuvier, Regne Animal 2. ed. II. p. 334.
„ W. v. Wright, Ekström, Sundevall, Skand.
Fiskar p. 170. Taf. 41.
„ Kröyer, Daum. Fiske II. p. 169.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 580.
„ H e c k e 1 et K n e r, Süsswasserf. der Oesterr. Monarchie
p. 313.
„ Siebold, Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 73.
The Burbot Yarrel, Brit. Fishes, 3. ed. I. p. 572.
Schwedisch Lake. Finnisch Made, Mae, Malikka.
In allen Gewässern Finlands, sowohl in Landseen
und Flüssen bis hinauf nach Utsjoki Lappmark, als auch
in den Scheren des bottnischen und finnischen Meerbusen
sehr allgemein. Wird meistens im Winter mit Reusen
unter dem Eise, so wie im Frühling und Herbste mit
Hamen gefangen.
Laicht im Januar und Februar. -
Brosmius Cuv.
36. Brosmius vulgaris Cuv.
Gadus Brosme O. Müller, Prodr. Zool. Dan. 41. n. 340.
„ Ascanius, Icon. rer. nat. Tab. 17.
Gadus Lubb Euphrasen, Vet. Ak. Handl. 1794. p. 223. Taf. 8.
Gadus brosma Cuvier, Regne Animal 2. ed., II. p. 334.
Brosmius vulgaris Kröyer, Danm. Fiske II. p. 215.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 597.'
302 Malmgren:
Gadus Brosma Gaimard's Voyage en Scand. Island etc. Zool. Pois-
sons Planche 5.
The Torsk, or Tvsk Yarrel, British Fishes I. p. 591.
Schwedisch Lubb. Norwegisch Brosme.
Kommt in Finmarken ziemlich allgemein in grossen
Tiefen vor. Von dem Warangerfjord haben E. Nylan-
d e r und M. G a d d ein grosses Exemplar für das Mu-
seum der Universität zu Helsingfors mitgebracht. Ist nie-
mals in der Ostsee angetroffen worden.
B. Malacopteri apodes.
9. Fam. Ammodytidae.
Ammodytes L.
37, Jl. lanceolatus Le Sauv. Tobiasfisch, Sandaal.
Ammodytes lanceolatus Le Sauvage, Bullet, des Sc. 1825. Febr.
„ W. v. Wright, Ekström et Sundevall,
Skand. Fiskar Lat. Text. p. 127.
Ammodytes tobianus Cuvier, Regne Animal 2. edit, II. p. 360.
„ Bloch, Naturgesch. der Fische Deutschi. III.
p.24. Taf. 75.
„ W. v. Wright, Ekström et Sundevall,
Skand. Fiskar Taf. 54.
„ Kröyer, Dänin. Fiske III, 1. p. 575.
„ N il s s o n, Skand. Fauna IV. p. 652.
The sand-Eel Yarrel, Brit. Fish. 3. edit. I. p. 89.
Schwedisch Tobiskung.
An sandigen Küsten in den Scheren von Aland und
Abo dürfte der Tobiasfisch nicht ganz selten sein, denn
unsere Museen besitzen von dort mehrere Exemplare. Es
ist nicht bekannt, dass dieser Fisch an einer anderen
von Finlands Küsten gefunden worden ist.
38. Ammodytes lancea Cuv.
Ammodytes lancea Cuvier, Regne Animal 2. edit., II. p. 360.
„ Kröyer, Danmarks Fiske 111,1. p.593.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 656.
The sand Launce Yarrel, British Fishes 3. edit. I. p. 94.
Schwedisch Blatobis. Finmarken Siil.
In Finmarken kommt dieser Fisch allgemein an
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlande. 303
sandigen Meeresufern vor, wo er sich zur Zeit der Ebbe im
Sande V2 — 1 Fuss tief verbirgt und dann leicht mit Hülfe
eines Spatens gefangen wird. Von dem Warangerfjord
haben E. Nylander und M. Gadd Exemplare geholt,
und Lilljeborg fand ihn bei Schuretskaja. Er ist also
weit im Osten des Nordkap verbreitet, kommt dagegen
aber nicht an unseren Ostseeküsten vor. Hier wird er von
der vorhergehenden Art ersetzt, welche wiederum an den
Eismeerküsten gänzlich zu fehlen scheint. Prof. S u n-
devall fand Amm. lancea ebenfalls nicht in den Stock-
holmer Scheren, wohl aber Amin. la?iceolatusIje Sauv. An
den Küsten von Skäne (Schonen) kommen beide Arten
zusammen vor.
10. Fam. Muraenoidei.
Anguilla Thunb.
39. Anguilla vulgaris Flem. Aal.
Artedij Gen. pisc. p. 24. n. 1.
„ Descr. spec. pisc. p. 66. n. 1.
„ Syn. nom. pisc p.39. n. 1.
Muraena anguilla L. Syst. Nat. XII, 1. p. 426.
„ Bloch, Naturg. d. F. Deutschi. III. p. 4. Taf. 73.
„ Pallas, Zoogr. R.-Asiat. III. p. 71.
Nilsson, Skand. F. IV. p.661.
Anguilla vulgaris Fleming, British Anim. p. 199.
„ Cuvier, Regne Animal 2. edit. II. p. 349.
„ Siebold, Süsswasserf. v. Mittelem*, p. 342.
Anguilla migratoria Kröyer, Danm. Fiskelll, 1. p. 616.
Anguilla fiuviatilis He ekel u. Kner, Süsswasserf. d. Oesterr. Mo-
narchie p. 319.
Anguilla aculiroslris Yarrel, Brit. Fish. 3. ed. I. p. 44.
Anguilla latiroslris Yarrel, Br. F. 3. ed., I. p. 62.
©
Schwedisch AI. Finnisch Airokas (Kajana), Angeriainen (Sa-
takunta), Ängeri (Ladoga).
Der Aal kommt im bottnischen und finnischen Bu-
sen, so wie auch in den meisten Seen und Flüssen vor,
welche mit dem Meere in Verbindung stehen. Ob er
auch in Lappmarken gefunden wird, ist mir unbekannt.
Pallas führt ihn zwar für die Flüsse an, welche sich in
304 Malmgren:
das weisse Meer ergiessen, Prof. Lilljeborg aber fand
auf seiner Reise in dem nördlichen Russland den Aal nur
in Novaja Ladoja. Ich selbst bin nur im Stande gewesen
seine nördliche Ausbreitung im Lande bis in die Gegend
von Ka Jana zu verfolgen, wo man ihn bisweilen im Uleä-
Träsk (— See) «) erhält (Ö4V2° N. B.). Im Ladoga ist er
ziemlich allgemein ; aber es sieht fast so aus, als ob der
Imatrafall seiner Verbreitung in das weite Wassersystem
des Saimen ein unüberwindliches Hinderniss in den Weg
legte, denn ich habe ihn in Savolaks niemals gesehen,
auch nicht gehört, dass er dort vorhanden sein soll. Es
ist wahrscheinlich, dass der Aal nach der Eröffnung des
Saima-Kanales in den Saimen einwandern und sich dort
allmählich Orientiren wird, wie es schon in dem Wenersce
der Fall gewesen ist. Die Aalbrut konnte nämlich an den
Trollhättefällen nicht hinaufkommen, und darum fehlte ehe-
mals der Aal imWener ; seit der Eröffnung des Trollhättc-
kanales aber bediente er sich dieses Kanalweges und kommt
jetzt regelmässig im Wener und in den Gewässern vor,
welche mit diesem See in Verbindung stehen. Bei uns
kommen zwei Formen des Aales vor, nämlich eine mit
breitem und stumpfen und eine mit schmalem und zuge-
spitzten Kopfe; doch findet man oft Zwischenformen,
welche unter keine von diesen beiden Arten gebracht
werden können. Dass sie nicht verschiedenen Arten an-
gehören, lässt sich nicht bezweifeln , obgleich mehrere
neuere Ichthyologen, z. B. Yarrel und Kröyer dieses
annehmen. Prof. Sundeva 11 2) vermuthet, dass möglicher
Weise der Geschlechtsunterschied diese Verschiedenheit
bedingt. — An den Küsten von Frankreich machen die
Fischer einen Unterschied unter 4 Arten von Aalen (Cu-
vier). Yarrel und Kröyer unterscheiden 3 Arten,
aber Nilsson und Siebold haben diesen Arten mit
1) Im nördlichen Skandinavien bezeichnet man mit „Träsk", das
ist Sumpf, einen Landsee, der jedoch gewöhnlich keine bedeutende
Tiefe hat, und dessen Wasser nicht ganz klar ist.
2) Stockholms Läns Hushällningssällskaps Handlingar. Heft 6.
S.93.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 305
Recht alles Artenrecht abgesprochen. — Ueber die Fort-
pflanzung des Aales hat man bei uns keine Erfahrung.
Ueber diese Frage herrscht immer noch grosse Unge-
wissheit, da man noch keine solche Individuen angetrof-
fen hat, von denen es über allen Zweifel erhaben gewesen
wäre, dass sie Männchen wären. Untersuchungen über
diesen Gegenstand würden von grossem Interesse sein,
und ich kann hier die Vermuthung nicht zurückhalten,
dass bei uns Aland ein ganz besonders passender Ort
sein würde zur Anstellung solcher Untersuchungen, da
der Aal dort in Menge vorkommt und beinahe das ganze
Jahr hindurch mit Gabeln und Hamen gefangen wird. —
Anmerkenswerth ist, dass der Aal in allen Flüssen fehlt,
welche sich in das schwarze Meer ergiessen, obgleich er
übrigens im mittelländischen Meere allgemein ist.
C. Malaeopteri abdominales.
11. Fam. Siluroidei.
Silurus L.
•4(h Silurus {jlaiiis L. Wels, Waller.
Artedi, Gen. pisc. p. 82. n. 2.
Descr. spec. pisc. p. 110. n. 1.
Silurus Glanis L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 501 n. 2.
Bloch. Naturg. d. Fische Deutschi. I. p. 242. Taf. 34.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 82.
Cuv. et VaL, Hist. d. Poiss. XIV. p. 241. Taf. 409.
„ Kröyer, Danm. Fiske III. 1. p. 120.
Nilsso n, Skand. F. IV. p. 359.
„ Heckel u. Kner. Süsswasserf. d. Oesterr. M. p. 308.
„ S i e b o 1 d, Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 79.
The sly Silurus Yarrel, Brit. Fishes. 3. ed.. 1. p. 454.
Schwedisch Malfish. Finnisch Sähe, Säkiä, Monni (Sadelin).
In Finland kommt, so viel mir bewusst, der Wels
nur in denSeen um Tavastehus vor. P. A. Gadd be-
richtet in Abo Tidningar 1772 S. 366, dass der Wels
„bisweilen in dem Kirchspiele Hattula in den Seen um
Archiv für Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 20
306 Malmgren:
Tavastehus gefangen wird, und oft so gross ist, dass ein
Paar Ochsen erforderlich sind, um ihn von der Stelle
zu bringen". S adelin sagt von Silurus glanis in Fauna
fennica p. 46: „Interdura captus in lacu Wanajanvesi
paroecia Hattula et alibi circa Tavasteburgum, nee non
in paroecia Kangasala, nonnunquam etiam in lacubus illis
profundioribus Keitele et Kolima paroecia Wiitasaari."
Die Angabe von dem Vorkommen des Welses in allen
diesen Seen bedarf gleichwohl der Bestätigung. Mit Ge-
wissheit weiss man nur, dass er in den Seen bei Tavastehus
vorhanden ist, aber dort höchst selten gefangen wird.
In diesem Jahre (1863) soll dort ein solcher gefangen wor-
den sein, und wahrscheinlich schreibt sich ein im fin-
nischen Museum verwahrtes Exemplar ebenfalls aus der
Gegend Tavastehus her. Eine Angabe des Herrn Holm-
berg x), dass der Wels im Höytiäinen vorhanden sein
soll, erlaube ich mir, gestützt auf Nachrichten, die ich im
Sommer 1862 an Ort und Stelle selbst eingezogen habe,
zu bezweifeln.
12. Farn. Acanthopsides Heckel et Kner.
Cobitis L.
4H. C. l>arl>atula L. Schmerle, Bartgrundel.
Art edi, Gen. pisc. p. 2. n. 2.
„ Syn. nom. p. 2. n. 2.
Cobitis barbatula L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 499. n. 2.
„ Bloch, Naturg. der F. D.I. p. 224. Taf. 31. fig.3.
Pallas, Zoogr. R.-Asiat. III. p. 164.
Cuv. et Val., Hist. Nat. d. Poissons XVIII. p. 10.
Taf. 520.
„ Kröyer, Danm. Fiske III. 1. p. 539.
„ W. v. Wright, Ekström et Sundevall, Lat.
Text p. 125. Taf. 53.
1) Underdänig berättelse om resultatet af anställda undersök-
ningar, beträffande orsakerna tili fiskets aftagande i Finland etc.
(Unterthäniger Bericht über das Resultat angestellter Untersuchun-
gen in Betreff der Abnahme der Fischerei in Finland u. s. w.).
Helsingfors 1859. S. 5.
Kritische Uebersicht der Fisch- Fauna Finlands. 307
Cobitis barbatula Nils so n, Skand. Fauna IV. p. 343.
„ Heckel u. Kner, Süsswasserf. d. Oesterr. M. p.301.
„ Siebold, Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 337.
The Loach, Loche or Beardie Yarrel, Brit. Fishes 3. ed. I. p. 446.
Schwedisch Grünling. Finnisch Jauhoturpa (Kajana) ; Kiven-
nuoliainen; Kitvriima (Suvanto i Wiborgslän).
Dieser kleine Fisch ist allgemein im ganzen Lande.
Er hält sich in Strömen und Flüssen in seichtem Gewäs-
ser unter Steinen auf. Wie weit gegen Norden seine
Verbreitung sich erstreckt, weiss ich nicht ; in ganz Ka-
janalän aber (65° N. B.) ist er noch allgemein. In ganz
Savolaks und Karelen, im südlichen Österbotten (Storän)
und in Sakunta kommt er ebenfalls vor, doch nirgends in
den Scheren. In Sordavala erhielt ich von dem Apothe-
ker Relander Exemplare von Uguniemi , welche 6 — 7
schwed. Zoll lang waren. Die gewöhnliche Länge ist nur
3—5 Zoll.
Die Laichzeit ist im Frühlinge zu Anfang des Juni.
Es ist sehr merkwürdig, dass diese Art weder auf
der skandinavischen Halbinsel noch in Dänemark vorkommt
obgleich sie in ganz Finland, Russland, Deutschland und
England allgemein ist. Der Fisch, den W. v. Wright
abgebildet hat in Skandinaviska Fiskar Taf. 53, war von
Kuopio in Finland.
48. Cobitis taenia L. Dorngrundel , Steinpitzger, Steinbeisser.
Artedi, Gen. pisc. p. 2. n. 1.
„ Descr. spec. pisc 4. n. 1.
„ Syn. nom. pisc. p. 3. n. 2.
Cobitis taenia L. Syst.Nat. ed. XII, 1. p.499. n. 3.
„ Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. I. p. 221. Taf. 31.
fig. 2.
,, Pallas Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 166.
Cuv. et Val. Hist. nat. Poiss. XVIII. p.44.
Botia Taenia Kröyer, Danm. Fiske III. p. 564.
Cobitis taenia Nilsson Skand. Fauna IV. p. 345.
,. Heckel et Kner. Süsswasserf. der Oesterr. Monar-
chie p. 303.
„ Siebold, Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 338.
The spined Loche Yarrel, Brit. Fishes. 3. ed., p.446.
Schwedisch JSissöga.
308 Malmgren:
Während die vorige Art in Finland allgemein ist;
in dem übrigen Skandinavien aber fehlt, verhält es sich
mit dieser Art beinahe umgekehrt , denn sie ist im süd-
lichen und mittleren Schweden so wie auch in Däne-
mark allgemein, fehlt aber beinahe ganz in Finland. P. A.
Gadd *) sagt zwar, Cobitis taenia „ist in Tavastland be-
kannt unter dem Namen Lettomadet" ; aber er hat augen-
scheinlich die Namen verwechselt, denn Cobitis iaenia ist,
so viel ich habe erfahren können, in Tavastland nicht vor-
handen, wohl aber Cobitis barbatula. Sandelin nimmt
in seine Fauna Fennica ausser Cobitis barbatula auch
Cobitis taenia auf, augenscheinlich aber auf Gadd's Au-
ctorität. Von den beiden finnischen Exemplaren, die ich
zu sehen Gelegenheit gehabt habe, und welche beide in
Helsingfors in dem Museum der Universität aufbewahrt
werden, ist das eine in Björkösund in der Nähe von Wi-
borg von Herrn L. Krohn genommen worden, und das
andere ist von dem Kirchspiele Mohla in Wiborgs län.
Also kommt diese Art in dem südöstlichsten Theile des
Landes vor, wahrscheinlich aber sehr wenig verbreitet,
denn in der Gegend des Ladoga fand ich sie nicht,
13. Fam. Cyprinoidei.
Carassius Nilss.
43. C. vulgaris Cuv Karausche.
Var. a. Karausche oder Seekarausche.
Artedi, Gen. pisc. p. 4 n. 7.
„ Descr. spec. p. 29. n. 15.
„ Syn. nom. p. 5. n. 5.
Cyprinus Carassitts L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 526. n. 5.
„ Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. I. p. 69.
Taf. 11.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. p. 297.
„ Cuv. et Val., Hist. nat. d. Poiss. XVI.
„ W. v. Wright, Sundevall et Ekström,
Skand. Fiskar p. 140. Taf. 31.
„ Nilss ou, Skand. Fauna IV. p. 291.
Carassius vulgaris Kröyer, Danm. Fiske III, 1. p. 294.
1) Abo Tidningar 1772. p. 365.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 309
Carassius vulgaris He ekel u.Kner, Süsswasserf. der Oesterr. Mo-
narchie p. G7.
„ Siebold, Die Süsswasserfische von Mitteleu-
ropa p. 98.
The crucianCarp Yarrel, Brit. Fishes. 3. ed. I. p. 364.
Var. b. Giebel- oder Teichkarausche.
Cyprinus Gibclio Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. I. p. 71. Taf. 12.
,, Nilsson, Skand. Fauna. IV. p. 294.
Cuv. et Val., Hist. nat. d. Poiss. XVI.
„ Heckel u. Kner , Süsswasserf. der Oesterr. Mo-
narchie p. 70.
Cyprinus carassius v. b. gibelio, W. v. Y/right, Sundeva 11 et
Ekström, Skand. Fiskar p. 140. Taf. 32.
The prussian Carp Yarrel, Brit. Fishes, 3. ed. I. p. 368.
Nach Siebold gehören noch als Syn. hieher :
Carassius Moles et Carassius oblongus Heckel u. Kner, Die Süss-
wasserf. d Oesterr. Monarchie p. 71. fig. 32.
und p. 73. fig. 33.
Schwedisch Ruda. Finnisch Ruutana, Kouri.
Es ist Ekström's1) Verdienst dargelegt zu haben,
dass Cyprinus Gibelio Bl. nur eine degenerirte Form des
Cyprinus Carassius L. ist. Siebold hat in seinem vor-
trefflichen Werke „die Süsswasserfische von Mitteleuropa
1863" nicht allein Ekström's Ansicht adoptirt, sondern
auch die Reduction noch weiter geführt und gezeigt,
dass auch Cyprinus Moles Cuv. et. Val. und Carassius
oblongus Heck, et Kner. zu Linne's Cyprinus Carassius
gehören.
Die Karausche ist ziemlich allgemein im südlichen
und mittleren Finland sowohl in Tümpeln mit Moder-
grund als auch in seichten Meerbusen und Landseen in
den Scheren (z. B. Quarken). Am weitesten gegen Nor-
den habe ich sie in Paldamo (64,5° N. B.) in einem klei-
nen Tümpel angetroffen, wohin sie versetzt worden sein
soll. Die Teichkarausche ist seltener. Das finnische Mu-
seum besitzt Exemplare derselben aus Kikkalampi bei
1) Kongl. Wetenskaps Akademiens Handlingar 1838, übersetzt
von Creplin (Beobachtungen über die Formveränderungen bei der
Karausche) in Oken's Isis 1840. S. 145 und Skandinaviens Fiskar,
310 Malingren:
Sordavala, gesammelt von J. J. Chydenius und J. E.
Fu ruhj elm.
Tinea Cuv.
4H. Tinea vulgaris Cuv. Schleihe.
Artedi, Gen. pisc. p. 4. n. 6.
„ Descr. spec. p. 27. n. 14.
„ Syn. nom. 5. n. 7.
Cyprinus Tinea L. Syst. Nat. ed. XII. p. 526. n. 4.
„ Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. I. p. 83. Taf. 14.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 296.
„ W. v. Wright, Ek ström, Sundevall, Skand.
Fiskar p. 205. Taf 52
Tinea vulgaris Cuv. et Val. , Hist. nat. d. Poissons XVI. p. 246.
Taf. 484.
„ Kröyer, Danm. Fiske III, 1. p.351.
„ Nilsson, Sk. Fauna IV. p. 297.
„ Heckel et Kner, Süsswasserf. der Oesterr. Monar-
chie p. 75. fig. 34 et 35.
„ Siebold, Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 106.
The Thench Yarrel, Brit. Fishes, 3. ed. I. p. 389.
Schwedisch Lindare , Sutare. Finnisch Suutari , Tnutain
(Kexholm).
In Finland kommt die Schleihe nur in dem südli-
chen Theile des Landes in kleineren Landseen und seich-
ten Meerbusen in den innersten Scheren vor. Sie wird
in den Sümpfen um Kexholm und in Kronoborg gefun-
den nach J. J. Ch yd e n i us *). Th. Sälan hat an das
finnische Museum Exemplare aus den Inga-Scheren ge-
liefert. Die Grenzen der nördlichen Verbreitung der
Schleihe lässt sich nicht mit Bestimmtheit feststellen,
wahrscheinlich aber geht sie bei uns nicht über 62° N. B.
hinaus. In Wasa-, Uleäborgs- und Kuopiolän fehlt sie
nach meiner Erfahrung gänzlich , und wahrscheinlich ist
sie auch nicht in Satakunta , Tavastland und Savolaks vor-
handen, obgleich einige Angaben Sadelin's Anlass zu
der Vermuthung geben, dass sie in den südlichen Thei-
len der zuletzt erwähnten Landschaft vorkommen soll.
1) Sällskapets pro Fauna et Flora Fennica notiser (Notizen
der Gesellschaft pro F. et Fl. F.), Ny serie (Neue Serie) L S. 90.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 311
Gobio Cuv.
45. Cr. fluviatilis Cuv. Gründling, Gressling.
Artedi, Gen. pisc. p.4. n. 10.
„ Descr. spec. p. 13. n. 5.
„ Syn. nom. p. 11. n. 20.
Cyprinus Gobio L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 526. n. 3-
„ Bloch, Naturgesch. der Fische Deutschi. I. p. 57
Taf. 8. fig. 2.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 295.
Gobio fluviatilis Cuv. et Val., Hist. d. Poiss. XVI. p. 230. Taf. 481.
Kröyer, Danm. Fiske III, 1. p. 334.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 300.
„ Heckel u. Kner , Süsswasserf. der Oesterr. Mo-
narchie p. 90.
„ Siebold, Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 112.
The Gudgeon Yarrel, Brit. Fishes, 3. ed. I. p. 383.
Schwedisch Sandkrypare.
Von diesem Fische habe ich nur ein einziges Exem-
plar gesehen, das von L. Krohn in Björkösund südlich
von Wiborg gefangen ist. Er kommt also wenigstens
im südlichen Theile von Wiborgs län vor.
Abramis Cuv.
46. .Vbr. JElrama L. Brachsen, Blei.
Artedi, Gen. pisc. p. 6. n. 16.
„ Descr. sp. p. 20. n. 10.
„ Syn. nom. p. 4. n. 2.
Cyprinus Brama L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 531. n. 27.
„ Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. I. p. 75. Taf. 13.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 325.
„ W. v. Wright, Ekström, Sundevall, Skand.
Fiskar p. 175. Taf. 42.
Abramis Brama Cuv. et Val., Hist. des Poiss. XVII. p. 7.
,, Kröyer. Danm. Fiske III. p. 369.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 324.
„ Heckel et Kner, Süsswasserf. der Oesterr. Mo-
narchie p. 104.
,, Siebold, Süsswasserf. von Mitteleuropa p 121.
The Bream Yarrel, Brit. Fishes 3. ed. I. p. 397.
Nach Siebold gehören noch hieher:
Abramis velula Cuv. et Val., Hist. d. Poissons XVII. p. 45.
312 Malmgren
Abramis vetula Heckel et Kner. Süsswasserf. der Oesterr. Mo-
narchie p. 108.
Abramis microlepidotus Cuv. et VaL, Hist. d. Poiss. XVII. p. 32.
Abramis argyreus Cuv. et VaL, Hist. d. Poiss. XVII. p.33.
Junger Fisch.
Cyprinus iridi flava, pinna ani ossiculorum, viginli seplem Artedi,
Gen. pisc. p. 3. n. 4, Descr. sp. p. 23. n. 12, Syn. nom.
p. 13. n. 28.
Cyprinus Farenus Ekström, K.Vet. Ak. Handl. 1830. p. 175. Taf. 5.
Linnes Cypr. farenus Syst. Nat. XII, 1. p. 532.
n. 30 gehört zu Abr. Ballerus.
Schwedisch Braxen. Finnisch Lahna.
In den Scheren des botanischen und finnischen Meer-
busens, so wie in allen grösseren Gewässern des Landes,
Landseen und Flüssen, bis an den Polarkreis kommt der
Brachsen allgemein vor. Die Grenzen der Lappmarken
soll er nicht überschreiten (Widegren). Die Laichzeit
des Brachsens trifft im Mai und Juni ein. Das Laichen
geschieht nach übereinstimmender Aussage der Fischer
an drei verschiedenen etwa durch eine Woche getrennten
Zeiten. Die Kleineren laichen früher, die Grössten zu-
letzt. In Satakunta (Kulla) heisst die erste Laichzeit
Lehtikutu und die dritte Kesäkutu. Am Ladoga
bezeichnet der gemeine Mann den Brachsen während der
verschiedenen Laichzeiten mit verschiedenen Namen. Der-
jenige, welcher zuerst im Frühlinge laicht, heisst Tou-
kolahna, der darauf folgende Kesä-lahna, und der
zuletzt laichende He'elm ä-lahn a (J. J. Chydenius).
4t7, Abramis Vimba L. Zärthe, Russnase.
Artedi, Gen. pisc. p. 6. n. 16.
„ Syn. spec p. 18. n. 8.
„ Syn. nom. p. 14. n. 32.
Cyprinus Vimba L. Syst. Nat. ed. XII. p. 531. n. 25.
„ Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. I. p. 38. Taf. 4.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 322.
Abramis Vimba Cuv. et Val., Hist. d. Poissons XVII. p. 48.
„ Kröyer, Danm. Fiske III, 1. p. 400.
„ Nilsson, Sk. Fauna IV. p. 322.
„ Heckel u. Kner, Süsswasserf. der Oesterr. Mo-
narchie p. 109.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 313
Abramis Vimba Siebold, Die Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 125.
Schwedisch Vimba. Finnisch Sulkava (Ladoga).
Im finnischen und bottnischen Meerbusen kommt
die Zärthe allgemein vor, und wird an vielen Orten in
grosser Menge gefangen, z. B. bei Borgä und im Käll-
fjärd (nördlich von Björneborg), wenn sie im Frühlinge
in die Flüsse hinaufsteigt um zu laichen. Die Zärthe
wird auch im Ladoga gefunden und heisst dort Sulkava;
doch kommt sie, so weit ich habe erfahren können, in
unseren übrigen grossen Landseen nicht vor. — Lector
Strömborg hat mir mitgetheilt, dass die Fischer in
Borgä zwei Arten der Zärthe unterscheiden, welche zu
verschiedenen Zeiten laichen und während der Laichzeit
eine verschiedene Farbentracht annehmen. Möglicher
Weise ist die zweite Art HeckeTs neue Art Abramis
melanops, die sich durch eine weniger langgestreckte und
stumpfere Schnauze auszeichnet, und welche Siebold
geneigt ist, nur als eine solche Varietät der A. Vimba L.
anzusehen, die nicht aus den Flüssen ins Meer wandert
und sich auf solche Weise dem Einflüsse des Meerwas-
sers entzieht.
Blicca Heck.
48. B. Björkna (Artedi). Blicke, Güster.
Artedi, Gen. pisc. p. 3. n. 3.
„ Descr. spec. p. 20. n.9.
,, Syn. nom. p. 13. n. 27.
Cyprinus Blicca Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. I. p. 65. Taf. 10.
„ W. v. Wright. Ekström et Fries, Sk. Fiskar
p. 64. Taf. 12.
Leuciscus Blicca Cuv. et Val., Hist. nat. des Poissons XVII. p. 23.
Abramis Blicca Kröyer, Danm. Fiske III, 1. p. 389.
Abramis Björkna Nilsson, Sk. Fauna IV. p. 328.
Blicca argyroleuca Heckel u. Kner, Die Süsswasserf. der Oesterr.
Monarchie p. 120.
Blicca Björkna Siebold, Die Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 138
(Excl. syn. L. Syst. Nat.)
The white Bream Yarrel, Brit. Fishes 3. ed. I. p. 403.
Nach S i e b o 1 d gehören noch hieher :
Blicca Laskyr (Cyprinus) Güldenst, Pallas Zoogr. Rosao-Asiat.
III. p. 326.
314 Malmgren:
Abramis micropteryx Cuv. et Val., Hist. nat. d. Poiss. XVII. p. 32.
Abr. erythroplerus Cuv. et Val.. Hist. nat. d. Poiss. XVII. p. 43.
Schwedisch Blicca, Björkna, Panka, Braxenpanha. Finnisch
Lopperi (Sordavala), Varolainen (Kmno).
Diese Art ist im südlichen Finland ziemlich allge-
mein, die Bestimmung ihrer nördlichen Verbreitung in
unserem Lande stösst aber noch immer auf grosse Schwie-
rigkeiten, da die Fischer sie überall mit dem jungen Brach-
sen verwechseln. Im Sommer 1859 entdeckte ich die Güs-
ter im Kirchspiele Kümo, wo sie Varolainen genannt
wurde. Späterhin fand ich, dass sie in unseren südlichen
Scheren keines weges selten ist, und 1862 erfuhr ich, dass
sie im Ladoga allgemein vorkommt. Wahrscheinlich ist
sie über das ganze südliche Finland ausgebreitet, wenig-
stens bis zum 62° N. B. In ganz Österbotten, im nörd-
lichen Savolaks und im nördlichen Karelen ist sie nach
meiner Erfahrung nicht vorhanden.
Im Ladoga soll das Laichen in seichten mit Gras
bewachsenen Busen im Monate Juni geschehen. — Cypri-
nus gibbosus Pallas Zoogr. Rosso-Asiat. p. 324 ist wahr-
scheinlich unsere Blicca Björkna Art.
PeleCUS Agass.
4:9. P. cultratus L. Sichling, Ziege.
Cyprinus cultratus L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 531. n. 28.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 331.
„ Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. I. p. 255.Taf. 37.
Leuciscus cultratus Cu v. et Val., Hist. nat. d. Poissons XVII. p. 245.
Abramis cultratus Nilsson, Sk. Fauna IV. p. 340.
Pelecus cultratus Kröyer, Danm. Fiske III. p. 511.
„ Heckel u. Kner. Die Süsswasserf. der Oesterr.
Monarchie p. 126.
„ Siebold, Die Süsswasserf. v. Mitteleuropa p. 152.
Schwedisch Shärbraxen. Finnisch Miehkahala (Sakkola).
Bei uns kommt dieser Fisch nur im Ladoga vor,
wo er am meisten in dem südwestlichen Theile des Sees
im Kirchspiele Sakkola gefangen wird. — Uebrigens ge-
hört die Art eigentlich den Wassersystemen des schwar-
zen und kaspischen Meeres an, kommt aber auch in dem
südlichen Theile der Ostsee vor, aus welcher er in die
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 315
norddeutschen Flüsse hinaufsteigt. Nur zufällig und so
viel bekannt seit L i n n e's Zeiten nicht gefangen an der
Ostseeküste von Skane (Schonen). Uebrigens fremd
für die skandinavische Halbinsel.
AlburnUS (Kond) Heckel.
50. A. lucidus Heck, Ückelei, Laube.
Art edi, Gen. pisc. p. 6. n. 18.
„ Descr. sp. p. 17. n. 7.
,, Syn. nom. p. 10 n. 19.
Cyprinus alburnus L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 531. n. 24.
„ Bloch, Naturgesch. der Fische Deutschi. I. p.54*
Taf. 8. fig. 4.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 321.
W. v. Wright, Ekstr. et Sundevall, Skand.
Fiskar p. 203. Taf. 51.
Leuciscus alburnus Cuv. et Val., Hist d. Poiss. XVII. p. 202.
Aspius alburnus Kröyer, Danm. Fiske III, 1. p. 485.
Abramis alburnus Nilsson, Sk. Fauna IV. p. 337.
Alburnus lucidus Heckel u. Kner, Die Süsswasserf. der Oesterr.
Monarchie p. 131.
„ Siebold, Die Süsswasserf. V.Mitteleuropa p. 154.
The Bleah or Blich Yarrel, Brit. Fishes, 3. ed. I. p. 438.
Siebold zählt noch hieher :
Alburnus brericeps Heckel u Kner, Süsswasserf. d. Oesterr. Mo-
narchie p. 131.
Leuciscus alburnoüles Cuv. et Val., Hist. nat. des Poissons XVn.
p. 186.
Schwedisch Loja. Finnisch Salahka, Salkko.
Von dem südlichsten Finland bis hinauf an die Tor-
neä-Elf (Widegren) kommt dieser Fisch ganz allge-
mein in den meisten grösseren Landseen und Flüssen
vor. Die nördlichste Stelle , wo ich selbst ihn gefangen
habe, ist Hyrysalmi (65° N. B.) in Kajana Län. In dem
Wassersysteme des Saimen und im Ladoga ist er sehr
allgemein, ebenso an vielen Orten in Satakimta. Auch
in den Scheren des bottnischen und finnischen Meerbu-
sens kommt der Ückelei in Menge vor.
316 Ma lmg rem
Aspius Agass.
51. A. rapax Pallas. Rapfen, Schied.
Artedi, Gen. pisc. p. 6. n. 19.
,, Descr. sp. p. 14. n. 6.
Syn. nom. p. 14. n. 31.
Cyprinus aspius L. Syst. Nat. XII, 1. p. 530. n. 22.
Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. I. p 48. Taf. 7.
C. rapax Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. p. 311.
Leuciscus aspius Cuv. et Val., Nist. nat. des Poiss. XVII. p. 196.
Abramis aspius Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 334.
Aspius rapax Kröyer. Dänin. Fiske III, 1. p. 500.
„ Heckel u. Kner, Die Süsswasserf. der Oesterr. Mo-
narchie p. 142.
„ Siebold, Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 169.
Schwedisch Asp. Finnisch Teuta. -
Nach Mittheilung des Lectors J. E. Ström borg
soll dieser Fisch bei Teutkoski inElimä wo er Teuta ge-
nannt wird, in Menge gefangen werden. In dem Museum
der Universität zu Helsingfors werden Exemplare aufbe-
wahrt, doch ohne sichere Lokalangabe. Auf meinen Rei-
sen im mittleren , nördlichen, östlichen und westlichen
Finland habe ich diese Art nirgends angetroffen, auch
keine Notizen über ihr Vorkommen erhalten, woraus ich
schliesse, dass sie bei uns eine geringe Verbreitung hat
und vielleicht auf das östliche Nyland, das südliche Ta-
vastland und das südliche Savolaks beschränkt ist.
Idus Heck.
58. I. melanotus Heck. Aland, Nerfling.
Artedi, Gen. pisc. p.5. n. 14.
„ Descr. spec p. 6. n. 1.
„ Syn. nom. p. 14. n. 30 u. p. 7. n. 11.
Cyprinus Idus L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 529. n. 17.
Cypvinus Jeses L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 530. n. 20.
„ Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. I. p. 45. Taf. 6.
Cyprinus Idus Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. p. 316.
„ W. v. Wright, Fries et Ekström, Skandin.
Fiskar p. 59. Taf. 11.
Cypvinus Jeses Cuv. et Val., Hist. nat. d. Poiss. XVII. p 120.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 317
Leuciscus Idus Kröyer, Danm. Fiske III. p. 447.
„ Nils so ii, Skand. Fauna IV. p. 306.
Idus melanotus Hecke 1 u. Kner, Die Süsswasserf. d. Oesterr. Mo-
narchie p. 135.
„ Siebold, Die Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 176.
The Ide Yarrel, British Fishes 3. ed. I. p. 418.
Schwedisch hl. Finnisch Säy?ie, Säynäjä.
Der Aland ist einer der allgemeinsten Fische in
ganz Finland bis hinauf an den Polarkreis (Karesuando).
An den Küsten des bottnisclien und finnischen Meerbu-
sens kommt er in grosser Menge vor, am zahlreichsten
dürfte er aber dennoch in unseren Landseen, Flüssen und
Strömen leben. — Die Laichzeit ist früh im Frühlinge.
Scardinius Bonap.
53. Sc. erythrophthalmug L. Rothauge, Rothfeder.
Artedi, Gener. p. 3. n. 2.
„ Descr. sp. p. 9. n. 2.
„ Syn. nom. p. 4 n. 3.
Cyprinus erythrophthalmus L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 530. n. 19.
„ Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. I.
p. 28. Taf. 1.
„ W. v. Wright. Fries- et Eks tröm
Skand. Fiskar. p. 74. Taf. 16.
Cyprinus erytrops Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 317.
Leuciscus erythrophthalmus Cuv. et Val. , Hist. nat. des Poissons
XVII. p.80.
„ Kröyer, Danm. Fiske III. p. 421.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p 313.
Scardinius erythrophthalmus Heckel u. Kner, Die Süsswasserf. d.
Oesterr. Monarchie p. 153.
„ Siebold, Die Süsswasserf. von Mittel-
europa p. 180.
The Red-eye, or Rudd Yarrel. Brit. Fishes, 3. ed. I. p. 411.
S i e b o 1 d führt hieher auch :
Scard. macrophlhalmus Heckel und Kner, Die Süsswasserf. der
Oesterr. Monarchie jd. 160.
Schwedisch Sarf. Finnisch Sorica.
Kommt im finnischen und im südlichen Theile des
bottnischen Meerbusens vor, ist aber nirgends besonders
allgemein. Im Norden nimmt er ab und ist schon bei
Björneborg ziemlich selten. Es ist mir nicht bekannt, dass
318 Malmgren:
dieser Fisch in irgend einem von unseren Landseen lebt,
wenigstens habe ich ihn im Innern des Landes niemals
gesehen. Weder J. J. Chydenius noch ich haben ihn
im Ladoga gefunden.
LeUCiSCUS (Rond) Sieb.
54, JL. rutilus L. Rothange, Plötze.
Artedi, Gen. pisc. p.3. n. 1.
„ Descr. spec. n. 10. n. 3.
„ Syn. nom. 10. n. 18.
L. rutilus L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 529. n. 16.
Bloch, Naturg. d. Fische Deutsch! I. p. 32. Taf. 2.
r Pallas, Zoogr. Kosso-Asiat. p. 317.
Leuciscus rutilus Cuv. et Val., Hist. nat. d. Poissons XVII. p. 97.
„ Kröyer, Danm. Fiske III, 1. p. 435.
„ W.v. Wright, Fries et Ekström Skand. Fiskar
p. 72. Taf. 15.
Nilsso n, Skand. Fauna IV. p. 316.
„ He ekel u. Kner, Die Süsswasserf. der Oesterr.
Monarchie p. 169.
.. Siebold, Die Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 184.
The Iioach Yarrel, British Fishes 3. ed. I. p. 433.
Siebold zählt hieher auch:
Leuciscus rutiloidesSel., Leuciscus pretsinus Agass ., Leuciscus Selysii
Heck., Leuciscus Pausingeri Heck.
Schwedisch Mört. Finnisch Särhi.
Die Plötze ist höchst allgemein in allen Gewässern
Finlands von dem bottnischen Meerbusen bis an das rus-
sische Karelen und von dem finnischen Meerbusen bis
an die Tundren Lappmarkens.
Squalins Bonap.
55, Sq. Cephalus Aitel, Dickkopf.
Artedi, Gen. pisc. p. 5. n. 12.
„ Syn. pisc. p. 7. n, 10.
Cyprinus Cephalus L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 527. n. 6. (Excl. syn.
Mus. Ad. Frederici.)
„ W. v. Wright, Ekström et Fries, Skand.
Fiskar p. 67.
Cyprinus Jeses W. v. Wright, Ekström et Fries, Skand. Fiskar
Taf. 13.
Kritische Uebersicht der Fisch- Fauna Finlands. 319
Cyprinvs Idus Bloch, Naturg. d. Fisrche Deutschi. I. p. 253. Taf. 36.
Leuciscus Dobula Cuv. et Yal., Hist. nat d. Poiss. XVII. p 129.
Leuciscus Cephalus Kröyer. Daum. Fiske III, 1. p. 482.
Leuciscus latifrons Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 309.
Squalius Dobula Heckel u. Kner. Die Süsswasserf. der Oesterr.
Monarchie p. 180.
Squalius Cephalus Siebold, Die Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 200.
The Chub Yarrel, Brit. Fishes 3. edit. I. p. 421. (excl. syn.)
S i e b o 1 d rechnet hieher :
Leuciscus frigidus Val.
Schwedisch Färna. Finnisch Tvrcas, Turppa (Björneborg.)
Im Sommer 1859 fand ich diesen Fisch bei Björne-
borg in der Kumo-Elf, wo er nicht selten ist, und bei
der Lachsfischerei von Klockarsand bisweilen 8 — 10 Pfund
schwer gefangen wird. Auch in der Kapellengemeinde
von Norrmark wird er in nicht geringer Anzahl im Früh-
ling und Sommer gefangen, wenn er aus dem Meere in
die Flüsse hinaufsteigt um zu laichen (?). Nach der Mit-
theilung des Staatsrathes Herrn Nordmann kommt er
auch bei Stockfors in der Kymmene-Elf vor, von wo auch
Exemplare in dem Museum der Universität zu Helsing-
fors verwahrt werden. Uebrigens kommt er meines Wis-
sens bei uns in keinem Landsee vor. Die Verbreitung
dieser Art an unseren Küsten ist noch nicht bekannt.
Sandelin's Cyprinus asmiis gehört ohne Zweifel hieher,
denn er legt dieser Art den finnischen Namen „Turpa*
bei, welcher richtig unserem Squalius Cephalus L. zu-
kommt. Nach Angabe dieses Verfassers soll dieser Fisch
auch in Iskmo im Kirchspiele Mustasaari vorkommen.
56. Squalius ILeuciseus L. Hasel, Häsling.
Artedi, Gen. pisc. p. 5. n. 13.
„ Desc spec. p. 12. n. 4. Stamm.
„ Syn. nom. p. 5. n. 4. Stamm, (Excl. syn. Grisl. Augustae.)
Cyprinus Grislagine L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 529. n. 14. (Excl.
cit. Act. Upsal. 1774.)
C. leuciscus L. Syst. Nat ed. XII, 1. p. 528. n. 12.
Cyprinus leuciscus Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. III. p. 141.
Taf. 97. fig. 1.
„ Pallas. Zoogr. Rosso-Asiat. p. 318.
320 M a 1 m g r e n :
Leuciscus Grislagine Kröyer, Danmarks Fiske 111,1. p.472.
,. Ni 1 s s o ii, Skand. Fauna 1Y. p. 303.
Cyprinus Grislagine W. v. Wright, Ekström et Fries, Skand.
Fiskar p. 69. Taf. 14.
Squalius leuciscus Siebold, Die Süss wasserf. von Mitteleuropa p.203.
Nach Siebold gehören noch hieher:
Cyprinus Dobnla L. Syst. Nat. p. 528. n. 13.
Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. II. p. 42. Taf. 5.
„ Kröyer, Danm. Fiske III, 1. p. 463.
Leuciscus roslrahts, L. vulgaris, L. rodens et L. lancastriensis Cuv.
et Val. Hist. nat. des Poiss. XVII.
Squalius lepusculus. Sq. chalybaeus, Sq. rodens, Sq. leuciscus, Sq. ro-
stralus Heckel u. Kner, Süsswasserf. d. Oesterr. Monarchie.
Leuciscus Dobula, L. vulgaris et L. lancastriensis Yarrel, British
Fishes: m. fl.
Schwedisch Stamm. Finnisch Seipi (Osterbotten), Korpiainen
(Ryska Karelen) Korpus oder Korpsärki (n. Ladoga).
In dem mittleren und nördlichen Finland ist dieser
Fisch höchst allgemein in grösseren Landseen und Flüs-
sen. In der Kemi- und Torneä-Elf steigt der Hasel
hinauf bis weit in die Läpp marken hinein. In den Sche-
ren des bottnischen Meerbusens kommt er ebenfalls vor,
wenn auch sparsam. In dem russischen Karelen habe
ich ihn im Flusse Kern in der Nähe der Mündung des-
selben ins weisse Meer erhalten. An dem nördlichen
Ufer des Ladoga nennt man ihn Korpus oder Korp-
särki und bei Päjäne Mo rakk a nach Herr Holmberg.
Phoxinus Agass.
57. Ph. laevis Agass. Elritze, Pfrille.
Art edi, Gen. pisc. p. 4. n. 9.
,. Descr. spec. p. 30. n. 16.
Syr. nom. p. 13. n. 29. et p. 12. n. 23.
Cyprinus phoxinus L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 528. n. 10.
C. aphya L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 528. n. 11.
Cyprinus phoxinus Bloch, Naturgesch. der Fische Deutschi. I. p. 60.
Taf 8. fig. 5.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III, 1. p 330.
Leuciscus phoxinus Cuv. et Val., Hist. nat. d. Poissons XVII. p. 270.
Phoxinus aphya Kröyer. Danmarks Fiske III, 1. p 524.
Leuciscus phoxinus Nilsson, Sk. Fauna IV. p. 319.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 321
Phoxinus laevis He-ckel u. Kner, Die Süsswasserf. der Oesterr.
Monarchie p. 210.
„ S i e b o 1 d, Die Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 222.
The Minnow, or Pink Y^rrel, Brit. Fishes 3. edit. I. p. 442.
Schwedisch Elriza, Mudd. Finnisch Spitalikala.
In den Scheren des bottnischen und finnischen Meer-
busens allgemein, so wie auch im Innern des Landes in
den meisten Landseen und Flüssen bis weit hinein in
Lappmarken.
14. Fam. Salmonidae.
Die skandinavischen Arten des Geschlechtes Core-
gonus sind bis auf die neuesten Zeiten wenig bestimmt,
verkannt oder auch gar nicht bekannt gewesen. Die
Darstellung des Prof. Nilsson über die Schnäpelarten
Schwedens in seiner bei uns allgemein benutzten, übri-
gens verdienstvollen Arbeit „Skandinavisk Fauna IV*,
leidet an bedeutenden Mängeln sowohl hinsichtlich der
Bestimmung und Begrenzung der Arten als auch in •Be-
treff ihrer Synonymie. Er hat zu einer einzigen Art
wenigstens drei gute Arten zusammen geschlagen, Core-
gonus oxyrhynchus L., Coregonus lavaretus L. und Gore-
gonus fera Widegren (non Jurine"), und als eine eigene
Art das Junge des wirklichen Coregonus lavaretus L.
aufgenommen. Doctor Widegren hat das Verdienst,
in seinen „Bidrag tili kännedomen om Sveriges Salmo-
nider- (Beiträge zur Kenntniss der Salmoniden Schwe-
dens) nicht allein diese Irrthümer berichtigt, sondern auch
eine vollständige auf gute Charaktere gegründete Dar-
stellung der bis jetzt in Schweden ^bekannten Arten des
Geschlechtes, mit Ausnahme der kleinen Maränen, gelie-
fert zu haben. Zwar bin ich mit Dr. Widegren ver-
schiedener Ansicht, nicht allein in Fragen, welche die
Synonymie betreffen, sondern auch in der Frage über
die Begrenzung und Auffassung wenigstens einer von
seinen Arten, Coregonus fera Widegren, welche meines
Erachtens zwei gute Arten nmfasst, nämlich Coregonus
Maraena Bl. und Coregonus Widegreni ; doch dieses hält
mich nicht ab, in der Hauptsache seinen verdienstvollen
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 21
322 Mal mg reu:
Aufsatz der nachfolgenden Darstellung über die mir be-
kannten Schnäpelarten Finlands zum Grunde zu legen.
Coregonus Art.
58. C. lavaretus L.
Artedi. Gen. pisc. p. 10. u. 2.
Descr. sp. p. 37. n. 1.
„ Syn. nom. pisc. p. 19. n 2. v. a.
Salmo Lararetus L. Syst. nat. ed. XII. 1. p. 512. n. 15 (p. p.).
„ Pallas, Zoogr. R. -Asiat, p. 395 (p. p.).
Coregonus lararetus Kröyer, Danm. Fiske III, 1. p. 55 (excl. syii.
Coreg. Maraena VA.).
n Nils son, Sk. Fauna p. 458. (junger Fisch!)
Widegren, V. Akad. Öfvers. 1862. p. 67.
(excl. syn. Der Schnepel Bl ) Taf. 6. fig. 3 et
Taf. 9. fig. 3.
Coregonus o.ryrhgncliusx. ß. Knubbsik Nils son, Skand. Fauna p. 453
(excl. syn. C. Maraena Bl. et Val.).
The Powan, Coregonus Cepedei (P am eil) Yarrel, British Fishes
3. ed. I. p.314.
Schwedisch Sik. Finnisch Siiha.
Ar tc liarakt er. Die Oberkinnlade, welche beiden
älteren bedeutend, bei den jüngeren aber wenig länger ist,
als der Unterkiefer, endigt in einer stumpfen, fleischigen
Anschwellung zwischen den Nasenhöckern. Die Entfer-
nung von der Schnauzenspitze bis an die hintere Kante
des Auges gleich der Entfernimg des vorderen Jiandes
des Auges bis zur. hinteren Kante des Vorderdeckels. Der
vertikale Durchmesser des Auges (1 — 2 Mm.J kleiner als
der horinzontale. Die Breite der ScJinauze immer merk-
bar (1 — 2 Mm.J grösser als die Höhe.
Der Körper langgestreckt- ausgezogen, spindelför-
mig; die Contur des Rückens in schwachem Bogen gebogen,
ohne plötzliche Senkungen bei den Flossen zu bilden.
Der Zwischenkiefer fast vertikal abwärts stehend.
Das Auge, fast V/2 Augendurchmesser von der Schnau-
zenspitze entfernt, ist ungefähr ömal in der Ivopflänge
enthalten. Die Farbe auf dem Rücken dunkel, an den
Seiten mehr oder weniger stahlbläulich silberweiss; die
Schnauze dunkelgrau; Iris silberweiss, bisweilen schwach
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 323
in messinggelb spielend, mit dunklerem Obertheile. Die
Pupille gewöhnlich schwach gewinkelt in der vorderen
Kante, bisweilen fast rund. Die Schuppen der Seiten-
linie 90 — 100. Anzahl der Flossenstrahlen: Rückenfl.
14, Bauchn. 12, Aftern. 15—16, Schwanzfl. 19.
Diese Art ist bei uns die am allgemeinsten vor-
kommende des ganzen Geschlechtes. Im bosnischen und
finnischen Meerbusen, so wie in allen grössern Gewäs-
sern des inneren Landes wird sie in grosser Menge ge-
fangen, besonders vor ihrer Laichzeit, wenn sie in die
Flüsse oder auf Untiefen hinaufsteigt um zu laichen.
Das Laichen geschieht nämlich nicht immer in Flüssen,
sondern oft auch in stillem Wasser, das 2 — 3 Faden
tief ist Die gewöhnliche Grösse ist 1 — 3 Pfund.
In dem südlichen Theile der Ostsee scheint diese
Art von dem Schnäpel der Deutschen, welche der
rechte Coregonus oxyrhynchus L. ist , entsprochen zu
werden. Diese letztere Art lebt auch im Wener und
Wetter und an den schwedischen Küsten der Ostsee,
daher sie wahrscheinlich auch an den südwestlichen Kü-
sten von Finland gefunden werden wird. Ich nehme da-
her hier ihren von Widegren gegebenen Artcharakter
nebst ihrer Synonymie auf :
Coregonus oxyrhynchus L. Schnäpel.
Artedi, Gen. pisc. p. 10. n. 4.
„ Syn. nom 21. n. 4.
Salmo oxyrhynchush. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 512. n. 18.
Salmo Lavaretus (Der Schnepel) B lo ch, Naturg. der Fische Deutschi.
I. p. 163. Taf. 25.
Coregonus oxyrhynchus Val., Hist. d. Poissons XXI. p. 356. Taf. 630.
„ Kröyer, Danm. Fiske III, 1. p.76.
Widegren, Vet. Akad. Öfvers. 1862. p.61
(excl. syn. Coreg. hiemalis Jurine) Taf. 6.fig. 2.
„ S i e b o 1 d, Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 259.
Artcharakter. Der Kopf Mein, dünn und zuge-
spitzt; die Oberkinnlade länger als der Unterkiefer y und
konisch zugespitzt; die Entfernung von der Schnauzen-
spitze bis an die hintere Kante des Auges ist bedeutend
länger, als die Entfernung von der vorderen Kante des
324 Malmgren:
Auges bis an die hintere Kante des Vordeckels ; die
Rückenflosse befindet sich verhältnissmässig weiter nach
hinten, und die hintersten Strahlen sind kürzer als 'bei
den beiden folgenden Arten (Coreg. fera und Coreg. la-
varetusj.
59. Coregonas Maraena Bloch (non Nilsson). Grosse Maräne.
Salmo maraena Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. I. p. 172. Taf. 27.
Coregonus Maraena Va 1., Hist. nat. d. Poissons XXI. p. 351. Taf. 629.
„ Siebold, Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 263
(excl. syn. Art., Linn. Kr.)
Coregonus fera Widegren, K. Vet. Ak. Öfvers. 1861. p. 64. (p. p.)
Finnisch Walkea-siika (Ladoga.)
Artcharakter. Die Schnauze fast gerade abge-
stutzt, sehr stumpf ; der vordere Theil derselben schwach
abschüssig gegen die Spitze des Unterkiefers ; die Oberkinn-
lade länger als der Unterkiefer , die Breite desselben
zwischen den Nasenhöckern merklich grösser als seine
Höhe, die Augen rund, der Vertikaldiameter gleich dem
Horinzontaldiameter.
Der Körper sehr hoch, gedrungen; der Kopf
dick, konisch und merklich höher in Verhältniss zu seiner
Länge, als bei der folgenden Art; der Rücken niedri-
ger hinter der Rückenflosse als vor derselben, eben so
hinter der Fettflosse, wodurch seine Contour durch plötz-
liche Senkungen treppenförmig abgetheilt wird ; die vor-
dere Seite der nach unten gegen die Spitze des Unter-
kiefers langsam abschüssigen Schnauze hat die Gestalt
einer rechtwinkligen Fläche (nicht quadratförmig,
wie bei der folgenden Art). Die Schuppen der Seiten-
linie 85—91.
Diese Art kommt ziemlich allgemein im Ladoga
vor, wo sie "Walkea-siika genannt wird. Sie lebt
in grossen Tiefen und wird meistens im Winter mit Eis-
netzen gefangen, so wie auch im Herbste, im Monate Sep-
tember, auf 2 — 3 Faden tiefen Untiefen, auf welche sie
zum Laichen emporsteigt. Die gewöhnliche Grösse ist
5—8 Pfund, doch soll man oft 10—12 Pfund schwere
Individuen erhalten. Von anderen Gegenden Finlands
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 325
habe ich diese Art bis jetzt noch nicht gesehen; doch
lässt sich vermuthen, dass sie bei uns bis Lappland ver-
breitet ist und als identisch mit dem sogenannten Lapp-
sik befunden werden wird.
60. Coregonus Widegreni.
Goregonvs fern Widegren {non Jurine), Bidrag tili känned. om
Sveriges Salmonider, K. Vet. Akad. Handl. 1862.
p. 64. Taf. 18. fig. 1—2 (excl. syn.) (p. p.).
Finnisch Walamka-siika (Ladoga).
Artcharakter. Die Schnauze stumpf, schräge
nach hinten gegen die Spitze des Unterkiefers abgestutzt,
die Oberkinnlade länger als der Unterkiefer ; die Höhe
derselben gleich der Breite zwischen den JSlasenh Ockern;
die Augen beinahe rund; der Vertikaldiameter beinahe
ganz gleich mit dem Horizontaldiameter ; die Entfernung
von der Nasenspitze bis an den vorderen Hand des Auges
etwas grösser, als ein Augendiameter.
Von- der vorigen Art, welcher diese gar sehr gleicht,
unterscheidet sie sich durch einen besonders nach vorne
bei weitem dünneren langgestreckteren Kopf, schlan-
kere Körperform, Gestalt der Schnauze, geringere Grösse
und spätere Laichzeit. Der Kopf ist in Verhältniss zu
der Länge desselben bedeutend niedriger als bei der vo-
rigen Art und sehr zusammengedrückt; der Körper
ist ebenfalls niedriger und langgestreckt, aber nicht spin-
delförmig, wie bei C. lavaretus L., sondern erreicht seine
grösste Plöhe gleich hinter dem Kopfe ; die nach unten
gegen die Spitze des Unterkiefers stark sich senkende
vordere Seite der Schnauze gleicht einer quadrati-
schen Fläche. Die Schuppen der Seitenlinie unge-
fähr 90. Die Farbe, wie bei der vorhergehenden, dunkel
auf dem Rücken und silberblank an den Seiten. Die
Iris silbergrau stark in messinggelb spielend. Die Pu-
pille nach vorne stark gewinkelt. Grösse 1 — 3 Pfund.
Die Laichzeit zu Ende des November und Anfang des
December.
In dem nördlichen Theile des Ladoga kommt diese
Art an den tiefsten Stellen vor und wird meistens wäh-
326 Malmgren:
rend der Laichzeit zu Ende des November und in der
ersten Hälfte des December in einer Tiefe von 50 — 100
Faden mit eigenthümlichen Netzen, die dort Saima-
verkot heissen, gefangen. Dr. Widegren hat mir
gütigst ein Exemplar seines Coregonus fera aus dem
Wettersee mitgetheilt, wodurch ich jetzt nach einer de-
taillirten Vergleichung im Stande bin, seinen Coreg. fera
mit meinem Coregonus Widegreni aus dem Ladoga zu
identificiren. Gleichwohl sehe ich mich genöthigt, für
diese Art einen neuen Namen vorzuschlagen, denn Wi d e-
gren's C. fera umfasst nicht allein diese Art, sondern
auch die vorhergehende, G. Maraena Bl. Der Name ist
überdies unrichtig, denn Jurine's Coregonus fera aus
dem ßodensee hat, nach Rapp's ]) Beschreibung und
schöner Abbildung zu schliessen, einen relativ kürzern
und höhern Kopf, nicht so weit nach hinten ausgezo-
gene Kiemendeckel und kürzere Flossen. Die vordere
Seite der Schnauze senkt sich auf Rapp's Figur weit
weniger nach hinten gegen die Spitze des Unterkiefers,
als an unserer Art. Durch das alles kommt Coregonus
fera Jurine vorn Bodensee unserem Coregonus Maraena
Bloch weit näher als unserer Coregonus Widegreni, welche
identisch ist mit Widegrcn's Coregonus fera vom
Wetter. Siebold ist sogar geneigt, Coregonus fera Ju-
rine für eine Lokalform des C. Maraena Bl. zu halten.
— Die Verbreitung dieser Art bei uns zu bestimmen ist
noch unmöglich. Ausser von dem Ladoga habe ich sie
auch von unseren südlichen Scheren gesehen.
61. Coregonus Vilssonii Val.
„ Val., Hist. nat. des Poissons XXI. p. 363.
Taf. 631.
„ Nilsso n, Skand. Fauna IV. p. 460.
„ Widegren, Bidrag tili Sveriges Salm. p.71.
Taf. 10. fig. 3—4.
Diese Art ist beschrieben in Prof. Nils fon's Fauna,
wesshalb ich ihren Artcharaktcr hier nicht aufzunehmen
brauche. Sie kommt im Ladoga vor, von wo der Staats-
1) W. Kapp, die Fische des Bodensees. Taf. 2.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 327
rath Nord mann ein Exemplar an das Museum der
Universität in Helsingfors mitgetheilt hat, und höchst
wahrscheinlich auch in anderen von unseren Landseen.
Dr. Widegren hat (1. c. S. 73) eine neue Schnä-
pelart des nördlichen Schwedens beschrieben unter dem
Namen Goregonus megalops, deren Artcharakter ich hier
mittheilcn zu müssen glaube, weil sie möglicher Weise
auch bei uns vorkommt:
„Beide Kiefer gleich lang; die Breite der Oberkiun-
lade grösser als die Höhe; der Zwischenkiefer gerade
herabsiehend; Nase und Stirn breit mit der Schnauze vor
den Augen krumm nach unten gebogen; die Augen gross,
sind kaum mehr als dreimal in der Kopf länge enthalten ;tt
Die grössten von dieser Art haben eine Länge von 200 Mm.
Alle bisher in Finland bekannten Schnäpelarten
leben zusammen in dem Ladoga. Auf meiner Reise im
Sommer 1862 hörte ich von den dortigen Fischern noch
eine Art von Schnäpel erwähnen, welche sie Musta-
Süka nannten, die ich aber leider zu sehen keine Gele-
genheit hatte, wesshalb ich jetzt kein Urtheil über ihre
wahre Natur zu geben im Stande bin. Vielleicht bildet
diese eine eigene Art.
6£. C. altoula Lin. Kleine Maräne,
Artedi, C4en. pisc. p. 9. n. 1.
,. Descr. spec. p. 40. n. 2.
,. Syn. nom. pisc. p. 18. n. 1.
C. albula L. Syst.Nat. ed. XII, 1. p.512. n. 16.
Salmo albula Pallas, ZoogT. Rosso-Asiat. p. 413.
„ maraenula Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. I. p. 176. Taf.
28. fig. 3.
Coregonus albula Kröyer, Danm. Fiske III, 1. p. 93.
„ Cuv. etVal., Hist. Nat. d. Poissons XXI. p. 379.
Taf. 633.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 465.
„ Siebold, Die Süsswasserf. V.Mitteleuropa p. 265.
The Yendace Yarrel, Brit. Fishes, 3. ed. I. p. 324.
Schwedisch Siklöjo. Finnisch Muihku (n. Österbotten), Muje
(Savolaks), Reäpys (Kexholm).
In den meisten von unseren grösseren Landseen und
Flüssen kommt die kleine Maräne in Menge vor. Sie
328 Ma Imgren
wird mit Garnen in grosser Masse gefangen in Kajana
Län, Savolaks, Karelen, Tavastland und Satakunta. Im
bottnischen Meerbusen ist sie ebenfalls vorbanden und
wird dort an vielen Orten, z. B. bei Jakobsstad, gefan-
gen. Die Nordgrenze dieser Art dürfte mit dem Polar-
kreise zusammenfallen. Sie variirt selbst in einem und
demselben Landsee an Grösse und Gestalt gar sehr. Die
gewöhnliche Länge beträgt 4 — 6 Zoll ; doch kommt sie
im Ladoga 12 — 14 Zoll larrg vor. In einem kleinen Tüm-
pel an der Landspitze von Koutaniemi bei Uleaträsk er-
hält man sie eben so gross wie im Ladoga. — Die Laich-
zeit fällt in das Ende des October und den Anfang des
November.
Bei Archangel kommen noch zwei Schnäpelarten
vor, welche dadurch, dass der Unterkiefer bei beiden länger
ist als die Oberkinnlade unserer kleinen Maräne (Muikka)
nahe stehen. Die eine wird dort von den Russen Nelma
genannt und dürfte Coregonus leucicldhys Güldenst. (<sp
Cor eg onus Nelma Pallas) sein; die andere, wTelche Prof.
Lilljeborg ?) bei Archangel gefangen hat, ist von
ihm bestimmt worden als Coregonus clupeoidcs Pallas.
Da es noch nicht bekannt ist, ob diese Arten 2) auch in-
nerhalb des Gebietes unserer Fauna vorkommen, d. h. in
den Flüssen, welche sich von der Westseite her in das
weisse Meer ergiessen, so können wir dieselben nicht mit
zu unserer Fauna zählen.
Salmo (Val) Siebold.
63. S. alpinus L. Saibling, Alpforelle.
Artedi, Gen. pisc. p. 13. n. 8.
„ Descr. spec. pisc. p. 52.
„ Syn. nom. p. 25. n. 10
1) Kongl. Vetenskaps Akademien s Handlingar 1850. II. S. 304.
2) Zwar ist Coregonus clupeoidcs in Flora Karelica von Prof.
W. Nyl ander für den Ladoga angeführt; doch dieses beruht
sicherlich auf einem lnthumc. Wahrscheinlich hat der im Ladoga
vorkommende Coregonus Fsilssonii Val. oder vielleicht die grosse
Ladoga-Muikka dieser Angabe zu Grunde gelegen.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 329
Salmo alpinus L. Syst. Nat. XII. ed. I. p. 510. n. 8-
Salmo sahelinus B.l o ch.Naturg. d. Fische Deutschi. III. p. 149. Taf. i)9.
Salmo umbla „ » ,. » P 154. „ 101.
„ Agassiz, Poiss. d'eau douce de I/Europe contrale
Taf. 9, 10, 10a, 11.
„ Val. Hist. nat. d. Poissons. XXI. p. 169.
Salmo sahelinus Val., Hist- nat. d. Poiss. XXI. p. 178.
„ Salmo alpinus, SaJma carbonarius und Salmo ru-
tilus Nilsson, Sk. Fauna IV. p. 422— 430.
Salmo umbla W. Rapp, Die Fische des Bodensee p. 32. Taf. 5.
Salmo sahelinus et Salmo umbla Heckel u. Kner, Süsswasserf. d.
Oesterr. Monarchie p. 280—285.
Salmo sahelinus Siebold, Die Süsswasserf. v. Mitteleuropa p. 280.
The Ckarr Yarrel, Brit. Fishes,. 3. ed. I. p.242.
Schwedisch Röding. Finnisch ISieriä.
Durch Vergleichung verschiedener Exemplare von
Finmarken, Lappland, den Gebirgsgegenden in Werni-
land, dem Wener und dem Ladoga bin ich zu dem Re-
sultate gelangt, dass nur eine einzige Art des Saiblinges
in Skandinavien lebt. Agassi z lJ hat vor längerer Zeit
nicht allein den in den Seen des nördlichen Englands
vorkommenden The Charr mit UOmbre Chevalier (Sal-
mo umbla) von der Schweiz identiflcirt, sondern auch die
Ansicht ausgesprochen, dass Linne's Salmo umbla, S.
sahelinus und S. alpinus einer und derselben Art ange-
hören. Wenn man die Beschreibungen und die vielen
schönen Abbildungen des VOmbre Chevalier , welche
Agassiz und W. R,app von diesem Fische aus den
schweizerischen Landseen geliefert haben, mit Saiblingen
aus Skandinavien vergleicht, so kann man unter ihnen
keine einzige Abweichung finden, welche wichtig genug
wäre, dass darauf eine Artenunterscheidung gebaut wer-
den könnte. Daher ist es überraschend, wenn man sieht,
wie der berühmte Prof. Siebold in seinem vortreffli-
chen Werke „Die Süsswasserfische von Mitteleuropa"
S. 287 die bestimmte Ansicht ausspricht, der Lappländi-
sche Saibling (Röding) wäre verschieden von dem in
Mitteleuropa vorkommenden. Ich vermuthe, dass Prof.
1) Reports of the Fourth Meeting of the British Association
p. 617— 623 und Yarrel Brit. Fishes. 2. ed. I. p. 241.
330 Malmgren:
S i e b o 1 d diese seine Ansicht ganz auf die Darstellung des
Prof. Nilsfon in „Skandinavisk Fauna" stützt, denn auf
der vorhergehenden Seite bekennt Prof. Sicbold, dass
er den Lappländischen Röding niemals gesehen hat. Doch
die Charaktere, auf welche Prof. Nilsfon Linne's Sal-
mo alpinus von Bloch1 s S. salvelinus trennt, nämlich ein
kleinerer Kopf, kleinere Augen, kürzere Flossen und
dunklere Körperfarbe, sind keinesweges constant. Auch
benutzt Prof. Nilsfon dieselben nicht als Artcharaktere,
denn er betrachtet die von ihm aufgestellten Formen der
Saiblinge nur als Varietäten einer einzigen Art.
Von dieser Art tritt in tieferen Gewässern eine grössere
und eine kleinere Form auf, gewöhnlich in so verschie-
denen Farbentrachten, dass die Fischer sie als verschie-
dene Arten unterscheiden und diesen verschiedene Namen
geben. Im Ladoga heisst die kleinere Form, welche in
den grösseren Tiefen lebt, Pehuli, und die grössere
Nieriä. Pehuli hält sich nur in den grösseren Tiefen
auf (50 — 100 Faden) und wird auch immer nur dort ge-
fangen, während Nieriä auf seichterem Gewässer umher-
streift und ein gefrässiger Raubfisch ist. Der Art nach
können sie unmöglich geschieden werden, und es ist
offenbar, dass der kleinere, Pehuli, nur ein jüngerer
Nieriä ist, was jedoch diese Verschiedenheit in der
Lebensweise und in der Tracht hervorruft, das ist noch in
Dunkel gehüllt. Ich erlaube mir gleichwohl, die Ver-
muthung zu äussern, dass der jüngere Fisch, welcher
hauptsächlich von Crustaceen lebt, sich darum in den
grösseren Tiefen aufhält, weil er dort den reichsten Vor-
rath derjenigen Lebensmittel findet, welche er am meisten
liebt. Bei meinem Dreggen im Ladoga während des
Sommers 1862 fand ich nämlich, dass Gammarus lorica-
tus und Gammarus cancelloides in grosser Menge in einer
Tiefe von 40 — 100 Faden leben, und gerade diese Cru-
staceen frisst Pehuli vorzugsweise. Der grosse Nieriä
dagegen verzehrt besonders kleinere Fische, die in seich-
terem Wasser leben.
In Finland kommt der Saibling vor im Ladoga, Py-
häselkä, Orivesi und in einigen Landseen in Kuusamo
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 331
so wie in Lappland. Vor der Senkung des Höytiäinen
lebte dieser Fisch dort in grosser Menge, wanderte aber
darauf aus in den Pyhäselkä, von wo er sich späterhin weiter
in den Orivesi und andere dem Wassersysteme des Sai-
men angehörende Seen verbreitet hat, in denen er früher
gar nicht vorhanden war. Jetzt soll er im Höytiäinen
gänzlich ausgestorben sein.
Das Laichen geschieht im Octobcr an seichten, nur
2 — 3 Faden tiefen Stellen. Während dieser Zeit soll der
Fisch im Ladoga in grosser Menge gefangen werden, be-
sonders bei der Insel Wosseni.
Trutta (Nilss.) Siebold.
64. Tr. Salar L. Lachs.
Artedi, Gen. pisc. p. 11. n. 1.
„ Descr. spec p. 48. n. 1.
„ Syn. noni. p. 22. n. 1.
Samlo Salar L. Syst. Nafc. ed. XII, 1. p. 509. n. 1.
„ Bloch, Naturgesch. der Fische Deutschi. I. p. 128.
Taf. 20. et III. p. 146. Taf. 98.
„ Agassiz, Poiss. d'eau douce Taf. I, 1 a, lb et 2.
Val., Hist. d. Poiss. XXL p. 123. Taf. 614.
Saltno hamatus „ - „ „ p 154. Taf. 615.
Salnto Salar Kröyer, Danm. Fiske IL p. 540.
„ Nil ss on, Skand. Fauna IV. p. 370.
„ W. v. Wright, Ekström et Sund evall, Skand.
Fiskar Taf. 58 et 59 (excl. fig b.)
„ Widegren, Bidrag tili Sveriges Salmonider p. 25.
Trtitta Salar S i e b o 1 d, Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 292.
Saltno Salar et S. hamatus He ekel und Kner, Die Süsswasserf.
der Oesterr» Monarchie p. 273—276.
The Salmon Yarrel, Brit. Fishes. 3. ed. I. p. 155.
Junges in Stirrtracht *) :
*) Stirrtracht. Der Uebersetzer hat hier den schwedischen
Ausdruck beibehalten, weil ihm kein entsprechender deutscher be-
kannt war. Unter St irr verstehen die schwedischen Ichthyologen
den jungen Lachs in den beiden ersten Lebensjahren , da er nur
3 — 8 Zoll lang ist, und mit „Stirrtracht'' bezeichnen sie die
Farbentracht dieses jungen Lachses, welche sich durch eine Reihe
grosser, ovaler, querstehender, Flecke an den Seiten des Körpers
332 Malmgren:
Salmo Salmulus Fries, Vet. Ak. Handl. 1837 p. 1 Taf. 1.
Schwedisch Blanklax. Finnisch Lohi.
Aus dem botanischen und finnischen Busen steigt
diese Art in alle grösseren Flüsse hinauf, um dort zu
laichen, und ist an vielen Orten der Gegenstand einer
sehr einträglichen Fischerei. Nachdem das Laichen vor-
bei ist, kehrt der Lachs in das Meer zurück. Er kommt
auch im weissen Meere und im Eismeere vor. Stör er1)
nimmt den Salmo Salar L. unter die Fische von Massachu-
setts auf und giebt dem amerikanischen Lachs eine Fi-
gur, die sich in keiner Hinsicht von der des europäischen
unterscheidet.
Im Ladoga kommt eine Art von Lachs vor, welche
Dr. Widegren für identisch mit der im Wen er leben-
den erklärt hat. Wenn aber Dr. Widegren den Lachs
des Wener ( = Salmo Salar v. lacustris Hardin und S.
lacustris Nilss.) mit dem Lachs des Salzmeeres zusam-
menschlägt, ohne sie nur als Varietäten zu unterscheiden,
kann ich um so weniger seiner Anschauungsweise folgen,
als ich weiss, dass der Lachs des Ladoga sich durch
mehrere Charaktere und biologische Verhältnisse von
dem eigentlichen Lachs unterscheidet. Auch ich bin über-
zeugt, dass der Lachs des Ladoga keine eigene Art ist,
sondern eine eingeschlossene Form des Trutta Salar L.,
aber es ist darum nicht unwichtig, genau in Richtigkeit
auszeichnet. Die Benennung St irr ist zuerst angewendet wor-
den von dem berühmten Prof. Bengt. Fr edr. Fries (geb. 1799,
gest. 1839) , der denselben wohl aus der Volkssprache bei einer
Lachsfischerei in Schweden entlehnt hat. Es ist nämlich wahrschein-
lich, dass die schwedischen Fischer irgendwo dem jungen Lachs
einen besonderen Namen beigelegt haben, wie solches z. B. auch in
England geschehen ist, wo der junge Lachs in der Stirrtracht „The
Parru genannt wird . in der Yermuthung, dass er eine besondere
Art ist; denn die „Stirrtracht- sowohl bei Trutta salar als bei Trutta
trutta mit ihren Varietäten ist dermasseu abweichend von der
Tracht des älteren Lachses, dass sogar ausgezeichnete Ichthyologen,
wie z.B. der erwähnte Fries, den St irr als eine eigene Art auf-
geführt haben unter dem Namen Salmo salmulus.
1) Memoires of Americ. Acad. VI, 2. p. 320. Taf. 25, Fig. 2.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 333
zu kommen mit den Veränderungen, welche ein bestän-
diger Aufenthalt im Süsswasser während des Verlaufes
von Jahrtausenden bewirkt hat, und nicht gänzlich die
Charaktere zu übersehen, wodurch der Lachs des Ladoga
sich von Trictta Salar L. unterscheidet. Daher schlage
ich vor, den Lachs des Ladoga künftig als Varietät der
Trutta Salar unter dem Namen Truita relicta aufzuführen.
Trutta relicta, wie sie bei Kexholm gefangen wird,
unterscheidet sich bei dem ersten Anblicke von der eigent-
lichen Trictta Salar durch ihre geringere Grösse und
die verschiedene Vertheilung der schwarzen Flecken auf
dem Körper. Trutta Salar L. hat im Allgemeinen we-
nige schwarze Flecken, die gewöhnlich sämmtlich ober-
halb der Seitenlinie belegen sind; bei Trutta relicta
dagegen gehen die Flecken an dem vorderen Körper-
theile unterhalb der Seitenlinie und treten ziemlich
zahlreich oberhalb der Brustflossen gleich hinter dem
Kiemendeckel auf. Trutta relicta erreicht selten ein Ge-
wicht von über 20 Pfund; die gewöhnliche Grösse scheint
10 — 16 Pfund zu sein.
Die Trutta relicta verliert die Zähne am Pflugschar-
bein weit früher als Trutta Salar. Bei allen, die ich un-
tersucht habe, selbst bei den kleinsten, die nur 4 — 6
Pfund wogen, fand ich keine Spur von der Zahnreihe
am hinteren Theile des Pflugscharbeines übrig ; bei Trutta
Salar dagegen habe ich sie bisweilen noch bei 6 — 8 Pfund
schweren Exemplaren gefunden. Bei Trutta relicta sitzen
stets 3—4 Zähne in einer Querreihe ganz vorn am Pflug-
scharbeine. Der Milcher der Trutta Salar erhält wäh-
rend der Laichzeit einen stark entwickelten Haken an
der Spitze des Unterkiefers, bei dem der Trutta relicta
dagegen ist dieser Haken unbedeutend.
Die Rogenkörner der Trutta relicta sind b e d e u-
tend kleiner als die der Trutta Salar und sie ent-
wickeln sich mehrere Wochen früher nach der Beob-
achtung des Inspektor Holmberg.
Eine ausführlichere Beschreibung der Trutta relicta
will ich hier nicht liefern, in der Hoffnung, dass das be-
reits Angeführte mein Verfahren rechtfertigen wird, sie
334 Malmgren:
hier unter einem eigenen Namen als eine Varietät der
Trutta Salar aufzunehmen.
Gleich allen anderen Lachsfischen wird auch Trutta
relicta während der Laichzeit überzogen mit einer schlei-
migen Haut, reich an schwarzen, sternförmigen Chroma-
tophoren, wodurch die Farbe bei weitem dunkler wird.
Diese Farbentracht nimmt der Fisch schon vor der Laich-
zeit an und behält dieselbe eine lange Zeit nach dersel-
ben; am Ladoga wird er dann Harmaja lohi genannt.
Ob dagegen die dortigen Bewohner mit dem Namen
Walkea-lohi andere als solche Individuen bezeichnen,
welche die dunklere Laichtracht noch nicht angenommen
haben, ist mir bei meiner Reise nicht ganz klar gewor-
den. Doch will ich erwähnen, dass ein erfahrener Fi-
scher behauptete, der Walkea-lohi laiche nicht. Es
wäre von grossem Interesse, wenn es erforscht würde, ob
Walkea-lohi permanent steril ist, oder ob er, wie an-
dere Fischer behaupteten, nur in jedem zweiten Jahre
laicht. Es sind Gründe zu der Vermuthung vorhanden,
dass auch Trutta Salar, der eigentliche Meerlachs , nicht
alljährlich laicht.
65. Trutta Trutta L. Lachsforelle.
Salmo Trutta L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 509. n. 3.
„ Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. I. p. 143. Taf. 21.
„ Kröyer, Danm. Fiske II, 1. p. 582.
Fario argenteus Val., Hist. nat. d. Poiss. XXL p. 213. Taf. 616.
Salmo Eriox, S. Ocla oder S. Trutta Nilsso n, Skand. Fauna IV.
p. 395, 397 u. 406.
Salmo Trutta Widegren, Bidrag tili Sveriges Salm. p. 44 (p.p.)
The Salmon Trout Yarrel, Brit. Fishes, 3. ed. I. p. 250.
Sterile Form.
Trutta Trutta Siebold, Die Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 314.
Salmo Trutlula Nilsson, Prodromus p. 5, Skand. Fauna IV. p. 411.
Schwedisch Hafsforell, Börling , Gralax. Finnisch Taimen (n.
Österbotten), Pohjolainen (Björneborg).
Gleich dem Meerlachs ist auch dieser ein wandern-
der Fisch, welcher aus dem Meere in die Flüsse hinauf-
steigt um zu laichen. Prof. Nilsfon hat von ihm nicht
weniger als drei besondere Arten unterschieden, nämlich
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 335
Salmo Trutta L., den jungen ausgewachsenen Fisch im
Winter und Frühling während seines Aufenthaltes im
Meere, Salmo Ocla, den laichfertigen Fisch in den Flüs-
sen und besonders den Rogener gleich nach der Laichzeit,
und Salmo Eriox {Grey-trout or Bull-trout Yarrel), wel-
cher ein sehr alter Fisch ist, der die Zähne an dem hin-
teren Theile des Pflugscharbeines verloren hat. Die An-
gabe des Prof. Nilsson, dass der Ockla auch in den
grössern schwedischen Landseen vorkommt, beruht auf
einer Verwechselung mit der folgenden Varietät. In Fin»
land wrird Trutta Trutta L. meistens in den grösseren Flüs-
sen von Osterbotten gefangen und dort Taimen ge-
nannt ; doch kommt sie auch im finnischen Meerbusen und
im Eismeere vor. Dass Salmo spurius Pallas zu dieser
Art gehört, ist unzweifelhaft.
Salmo Tricttula Nilsson Prodromus, von welcher ich
durch die Güte des Dr. Widegren Exemplare aus dem
Idefjord in Bohuslän erhalten habe, ist ohne Zweifel eine
sterile Form der Lachsforelle, wie auch Salmo Schief er-
mülleri Bloch (= dem Silberlachs des Wettersees) eine
nicht fortpflanzungstüchtige Form der folgenden Varie-
tät ist.
Var. b. Trutta lacustris (L.) Siebold.
Salmo Trutta Agassiz, Poiss. d'eau douce Taf. 6.7, 7 a. 8 (v. Le~
manus).
Fario Trutta Rapp, Die Fische des Bodensee p. 29 Taf. 4.
Fario Marsiglii PI e ekel u. Kne r, Süsswasserf. d. Oesterr. M. p. 267.
Salmo ferox Jardine, Yarrel, Brit. Fishes 3. ed. I. p. 288.
„ Nil ss on, Skand. Fauna IV. p 412.
Salmo microps Hardin, K. Vet. Ak. Öfvefs. 1861 p. 382.
Salmo Trutta Widegren. Bidrag tili Sveriges Salm. p. 44 (p.p.)
Taf. 8.
Sterile Form nach S i e b o 1 d :
Trutta lacustris Siebold, Die Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 301.
Salmo Schieffermülleri Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. III.
p. 157 Taf. 103 (Silberlachs).
Salmo lacustris Agassiz, Poiss. d'eau douce Taf. 14 u. 15.
Fario lacustris Rapp, Die Fische des Bodensee p. 27 Taf. 3.
Salar lacustris Heckel u. Kner, Süsswasserf. der Oesterr. Mo-
narchie p. 265.
336 Malmgren:
Sterile Form nach Widegren.
Welterns silfverlax Widegren, Bidrag tili Sv. Solnionid. Taf. 6 fig. 1.
Schwedisch Insjöforell.
So wie Trutta relicta eine im Ladoga eingeschlos-
sene Form d«s Meerlachses {Trutta Salar L.) ist, so ist
auch diese anzusehen als einein unseren grösseren Land-
seen eingeschlossene Varietät der Lachsforelle (Trutta
Trutta L.). Zwar sehen die meisten Ichthyologen in dieser
Form eine eigene Art, obgleich es noch nicht gelungen
ist, durch Charaktere ihr Artenrecht festzustellen, doch
gemäss meiner Erfahrung ist es eben so unmöglich, diese
und die folgende Varietät zu wirklichen wohlbegrenzten
Arten zu erheben, als es unrichtig ist, wie Dr. Wide-
gren gethan hat, alle mit einander auf eine einzige Art
zu reduciren, ohne Rücksicht zu nehmen auf die verschie-
denen Formen, unter welchen die Art in der Natur auf-
tritt, und diese anzugeben. Das Eigenthümliche für diese
Varietät ist ihr stärkerer Zahnbau und überhaupt ihre
dunklere Körperfarbe. Sie lebt in unseren grösseren
Seen , als Nasijärvi, Ladoga, Höytiäinen, Saimen, Pyhä-
selkäu.a., aus denen sie in die Flüsse tritt um zu laichen.
S i e b o 1 d, der in dieser und der folgenden Varietät
gute Arten sieht, beruft sich noch als auf eine Eigen-
thümlichkeit der Landseeforelle, dass sie grössere Schup-
pen hat, als die Lachsforelle; doch kann hierauf keine
Rücksicht genommen werden, denn die Grösse der Schup-
pen ist selbst bei einer und derselben Varietät grossen
Variationen unterworfen. Der stärkere Zahnbau bei der
Landseeforelle hat annehmbar seine Ursache darin, dass
dieser Fisch hauptsächlich von kleineren Fischarten lebt,
während die Lachsforelle allerlei kleinere Thiere, beson-
ders Crustaceen, verzehrt, zu deren Fang kein stärkerer
Zahnbau erforderlich ist. Zwischen unseren Exemplaren
der finnischen Landseeforelle und denjenigen, welche in
den grösseren Landseen Schwedens, der Schweiz und
Englands unter vielen verschiedenen hier oben in der
Synonymie aufgenommenen Namen leben, kann ich nicht
den geringsten Unterschied entdecken.
Eben bei der im Bodensee lebenden Landseeforelle
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 337
entdeckte Prof. S i e b o 1 d *) zu allererst die Sterilität,
welche unter den Lachsfischen ziemlich allgemein vorzu-
kommen scheint. Widegren hat später mit der Wärme
der Ueberzeugung dargethan, dass der sogenannte Sil-
berlachs des Wettersees auch nichts anderes ist, als
eine ähnliche sterile Form der Landseeforelle, die in jeder
Hinsicht übereinstimmt mit der sterilen Landseeforelle
des Bodensees, welche bisher als eine gute und sichere
Art betrachtet worden ist und den Namen Salmo lacu-
stris Agassiz geführt hat. Bei uns hat man dieselbe mit
Sicherheit noch nicht gefunden. Die sterile Landseefo-
relle zeichnet sich aus durch eine schlankere Körperform,
gabelförmige Schwanzflosse, hellere Körperfarbe — die
jüngeren sind stahlblau — geringere Anzahl Flecken und
übrigens durch ein Aeusseres, das höchlich an Trutta
Salar erinnert , wovon sie doch sogleich an ihren stär-
keren Zähnen längs dem ganzen Pflugscharbeine unter-
schieden wird.
Var c. Trutta Fario L. Waldforelle, Steinforelle, Teichforelle.
Artedi, Gen. pisc. p. 12 n. 4.
„ Descr. spec. p. 51. n, 4.
„ Syn. nom. p. 23. n. 3.
Salmo Fario L. Syst. Nat. ed. XII. p. 509. n. 4.
,. Bloch. Naturg. der Fische Deutschi. I. p. 148 Taf. 22
et p. 157 Taf. 23.
„ Agassiz, Poiss. d'eau douce Taf. 3,3 a. 3b, 4, 4b, 5.
Salar Ausonii Val., Hist. nat. d. Poiss. XXI. p. 232 Taf. 618.
r. Heckelu. Kner, Süsswasserf. der Östr. M. p. 248.
„ Nilsso n, Sk. Fauna IV. p. 415.
Salmo Fario Kröyer, Daum. Fiske II. p 625.
Trutta Fario Forelle Siebold, Süsswasserf." von Mitteleuropa p. 319.
The common Trout Yarrel, British Fishes, 3. ed. I. p. 261.
Schwedisch Forell, Bächforel. Finnisch Forelli, Taimen (Kajana).
In unsern kleineren Flüssen und Bächen ist die
Waldforelle ziemlich allgemein, besonders in dem nörd-
lichen Theile des Landes und in Lappland. Grosse In-
dividuen dieser Varietät lassen sich durch keine sicheren
1) Amtlicher Bericht über die 35ste Versammlung deutscher
Naturforscher und Aerzte in Königsberg 1860. S. 74.
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 22
338 Malmgren:
Charaktere von gleich grossen der vorigen Varietät un-
terscheiden. Es kann nicht gut etwas anderes sein, als
ein Exemplar der Waldforelle, welches Prof. N i 1 s s o n
bestimmt hat als Salmo ferox Jardine in Skandinavisk
Fauna IV. S. 415, und welches aus der Torneä-Elf her-
stammte. Herr Staatsrath Nordmann1) hat ebenfalls
eine in der Kajana-Elf oberhalb des Ammä-Falles gefan-
gene ausgewachsene Forelle als Salmo ferox bestimmt.
Diese Bestimmungen werden nur angeführt, um zu zei-
gen, wie schwer es ist diese und die vorhergehende Va-
rietät von einander zu unterscheiden. Im Forellenstadium
können Lachsforelle und Landseeforelle gar nicht unter-
schieden werden von gleich grossen Exemplaren der Wald-
forelle, wie Widegren mit Recht anmerkt. Gleichwohl
kann man bei der zuletzt erwähnten eine Tendenz anmer-
ken, die Schwanzflosse länger gespalten beizubehalten;
grössere Individuen aber haben dieselbe stets stumpf ab-
geschnitten. Gleich grosse Individuen dieser Varietäten zu
unterscheiden ist oft ganz unmöglich, wenn man nicht
weiss, von welchem Gewässer sie herstammen. Wie kann
man sie also in vollem Ernste als Arten aufstellen?
Auch bei der Waldforelle hat Prof. Siebold ste-
rile Exemplare in Menge gefunden. Ohne Zweifel wer-
den künftig auch bei uns solche gefunden werden.
Thymallus Cuv.
66. Th. vulgaris Nilss. Asch, Äsche.
Artedi, Gen. pisc. p. 24. n. 3.
„ Descr. spec. p. 41. n. 3.
„ Syn. nom. p. 20. n. 3.
Salmo Thymallus L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 512. n. 17.
Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. I. p. 158. Taf. 24.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 364.
L'Ombre commune Cuv., Eegn. Anim. II. p. 364.
Thymallus cexillifer Cuv. etVal., Hist. d. Poiss. XXI. p. 319.
TA. yymnolhorax Cuv. et Val., Hist. d. Poiss. XXI. p. 323. PI. 625.
„ vulgaris Kröyer, Daum. Fiske III, 1. p. 35.
„ texillifer He ekel und Kner, Süsswasserf. der Oesterr. Monar-
chie p. 242.
1) Finska Vetenskaps Societetens Öfversigt, 1856—1857. S. 22.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 839
Th. vulgaris Xilsson, Skand. Fauna p. 448.
„ „ Siebold, Die Süsswasserf. V.Mitteleuropa p. 267.
The Grailinfi Yarrel, Brit. Fishe3. 3. ed. I. p. 304.
Schwedisch Harr. Finnisch Harjus, Harri (Kajana).
Kommt allgemein vor in den meisten Strömen und
Flüssen, besonders der nördlichen Theile des Landes bis
nach Utsjoki Lappmark hinauf1). Ziemlich allgemein in
den Scheren des bosnischen Meerbusens, so wie auch
im Ladoga.
Osmerus Art.
67. Osmerus Eperlanus L. Stint.
Artedi, Gen. pisc p. 10. n. 1.
„ Descr. sp. p. 45. n. 1.
„ Syn. nom. p.21. n. 1.
Salmo Eperlanus L. Syst. nat. ed. Xu, 1. p. 511. n. 13.
„ „ Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. I. p. 179.
Taf. 28. fig. 2.
„ Eperlano-marinus Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. I.
p. 182. Taf. 28. fig. 1.
Eperlanus Pallas, Zoogr. R.-Asiat. III. p. 386.
„ Spirinckus ,. .. HL p. 387.
Osmerus Eperlanus Cuv. et VaL, Hist. nat. d. Poiss. XXI. p. 270.
PI. 620.
„ Spirinchus Cuv. et VaL, Hist. nat. d. Poiss. XXI. p. 281.
„ Eperlanus Nilsson, Skand. Fauna p 433.
„ ,. Siebold, Süsswasserf. V.Mitteleuropa p. 271.
The Smelt Yarrel. Brit. Fishes. 3. ed. I. p. 295.
Schwedisch Nors. Finnisch JS'orssi, Kuorre, Siniäinen.
Der Stint kommt in allen grösseren Seen von dem
südlichen Finland bis in die nördlichsten Gegenden von
Uleaborgs Län (66° K. B.) vor. In ganz Kajana Län ist
er allgemein. An den Küsten bes bosnischen und finni-
schen Meerbusens von Tornea. bis Wiborg allgemein und
wird an vielen Orten an der Westküste mit Wintergar-
nen in Menge gefangen.
Wallotus Cuv.
68. WL villosus Müll.
Clupea tillosa Müller, Prodr. Zool. Dan. p. 50. n. 425.
1) A. J. Sjögren. Anteckingar om Kemi Lappmark 1828
p. 206.
340 Malmgren:
Salmo arcticus Fabricius, Fauna Grönl. p. 177. n. 128.
Salmo groenlandicus Bloch. Naturg. d. Ausl. Fische Taf 381. flg. 1.
Salmo socialis Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 389.
Osmerus villosus Faber. Fische Islands p. 174.
Mallotus villosus Cuv. et Val., Hist. Nat. d. Poiss. XXI. p. 286.
Taf. 622 et 623.
Mallotus arcticus Kröyer. Danin. Fiske III, 1. p. 23.
Osmerus arcticus Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 441.
Mallotus villosus Gaimar d's Voyage en Island etc. Zoologie, Poiss.
Planche 18. fig. 1.
Norwegisch Lodda, Faxelodda, Äsingslodda (Finmarken).
Dieser Fisch ist von Grönland und Island bis Fin-
marken und unsere Eismeerküste ausgebreitet und soll
nach Pallas auch bei Kamtschatka in ungeheurer Menge
vorhanden sein. — An der Eismeerküste tritt er im Früh-
linge und Frühlingsommer in zahllosen Schaaren auf und
ist da von grosser Wichtigkeit für die Fischerei, weil er
allgemein als Köder angewendet wird und als solcher
unentbehrlich ist.
15. Fam. Esocidae.
ESOX Art.
69. 13, lucius L. Hecht.
Artedi. Gen. pisc. p. 14. n. 1.
„ Descr. spec. p. 53.
„ Syn. nom. p. 26. n. 1.
Esox lucius L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 516. n. 5.
Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. I. p. 229. Taf. 32.
Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat III. p. 336.
Cuv. et Val., Hist des Poissons XVIII. p. 207.
,, Kröyer, Danm. Fiske III. p.236.
W. v. Wright, Ekström et Fries, Skand. Fiskar
p. 49. Taf. 10.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 348.
„ Heckelu. Kner, Die Süsswasserf. der Oesterr. Mo-
narchie p. 287.
„ Siebold, Die Süsswasserf. von Mitteleuropa p. 325.
The Pike Yarrel, Brit. Fishes, 3. ed. I. p.342.
Schwedisch Gädda. Finnisch Hauhi.
In allen Gewässern Finlands kommt der Hecht sehr
allgemein vor, sowohl im bottnischen und finnischen Meer-
busen, als in Landseen, Sümpfen und Strömen bis in
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 341
Lappland; ja sogar in Gebirgsseen oberhalb der Birken-
region hat man ihn gefunden (Skand. Fiskar p. 51).
16. Fam. Scomberesocidae.
Betone Cuv.
70. B. vulgaris. L. Hornhecht, Hornfisch.
Artedi, Gen. pisc. p. 14. n. 2.
„ Syn. nom. p. 27. n. 2.
Esox Betone L. Syst. Nat. XII, 1. p. 517. n. 6-
Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. I. p. 236. Taf. 33
,. Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III p. 337.
Betone rostrata Faber Naturg. d. Fische Islands p. 152.
Kröyer, Danm. Fiske III, 1. p. 255.
Betone vulgaris Cuv. et Yal.. Eist, nat, d. Poiss. XVIII. p. 296.
„ Nilsso n. Skand. Fauna IV. p. 354.
The Gar fisch Yarrel. Brit. Fishes, 3. ed. I. p. 459.
Schwedisch fsäbbgädda.
o m ' .
An der Südküsste von Aland und Finland wird
dieser Fisch nicht selten in Strömlingsnetzen gefangen.
Im bottnischen Busen kommt er, wenn auch sparsam, bis
an den Quarken und im finnischen Busen wenigstens bis
Helsingfors vor.
17. Fam. Clupeoidei.
Clupea L.
31. Cl. Harengus L. Häring. Strömling.
Artedi, Gen. pisc. p.7. n. 1.
„ Syn. nom. p. 14. n. 1.
Descr. spec. p. 31. n. 1.
Clupea Harengus L. Syst, Nat. ed. XII. 1. p. 522. n. 1.
„ Bloch, Naturg. der Fische Deutschi. I. p. 186.
Taf. 29. fig. 1.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 209.
Cuv. et Val. , Hist. nat. des Poissons XX. p. 22.
fig. 591, 592, 593.
„ Kröyer, Danm. Fiske III. p. 139.
Nilsson, Sk. Fauna IT. p. 491.
The Herring Yarrel. British Fishes 3. ed. I. p. 98.
Schwedisch Sill, Stromming. Finnisch Sitli, Sitakka, Haiti.
An unserer Eismeerküste und im weissen Meere ist
der Häring allgemein. Die im bottnischen und finni-
342 Malmgren:
sehen Meerbusen in grosser Menge vorkommende Varie-
tät, welche bekannt ist unter dem Namen Strömling
(Clupea Harengus v. membras L) unterscheidet sich von
dem Meerhäring durch ihre bedeutend geringere Grösse.
Der Strömling erreicht durchschnittlich nur eine Länge
von 6 — 8 schwed. Zoll. — An unseren südlichen und
westlichen Küsten kommt ausserdem bis hinauf an den
Quarken noch eine Varietät des Strömlings vor, die von
den Fischern gewöhnlich Häring genannt wird und eine
Länge von 13 — 15 Zoll erreicht. Diese bildet gewiss eine
eigene vom Strömling verschiedene Art, denn sie lebt
stets getrennt von dem Strömlinge und benutzt andere
Laichstellen. Bei Badstugfkär in Källfjärd wird eine be-
sondere Fischerei auf den grossen Strömling getrieben
während seiner Laichzeit, die regelmässig zwischen Jo-
hannis und Jacobi eintrifft. Der kleinere Strömling dage-
gen laicht, wie bekannt, während des ganzen Sommers
vom Anfange des Frühlinges bis zum September. Bei
Helsingfors wird der grosse Strömling in Garnen gefan-
gen, die man für andere Fische auslegt, besonders im
Spätherbste ; immer aber in geringer Anzahl. Ich habe
nicht Gelegenheit gehabt, diesen Häring mit dem in der
südlichen Ostsee vorkommenden zu vergleichen.
Im weissen Meere wird im Spätherbste mit Eisgar-
nen eine kleine Varietät des Häringes gefangen, welche
von den Eingebornen weit im nordöstlichen Finland zum
Verkauf umhergeschleppt und von ihnen Selti benannt
wird. Dieser stimmt in allen Theilen so vollkommen mit
unserem Strömling überein, dass man sie identificiren
muss. Unser Strömling ist also keine degenerirte Form
des bohuslänschen Häringes, sondern eine in der nörd-
lichen Ostsee eingeschlossene, aus dem weissen Meere
herstammende, kleinere Varietät des Meerhäringes.
?&. Clupea Sprattus L. Breitling.
Artedi, Gen. pisc. p. 7. n. 2.
„ Descr. sp. p. 33. n. 2.
„ Syn. nom. p. 17. n. 4.
Clupea Sprattus L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 523. n. 2.
„ Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. I. p. 206.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 343
Clupeo Sprattus Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III, 1. p. 214.
„ Kröyer. Danm. Fiske III, 1. p. 177.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 516.
„ Gaimard's Voyage en Scandin. etc. Zoologie Pois-
sons PI. 18. fig. 2 (a— e).
Schwedisch Hvassbuk.
An den südlichen und südwestlichen Küsten Fin-
lands allgemein. Im bottnischen Meerbusen kommt er
wenigstens bis Björneborg vor, ist aber im Norden von
Raumo nicht länger der Gegenstand einer besonderen
Fischerei. — Die nahe verwandte Glupea Schoneveldii
Kr. *) ist bei uns noch nicht angemerkt worden.
Jjopliobrancliii.
18. Fam. Syngnathidae. Bon.
Siphostoma Rafinesque.
*3. S. Typhle L.
Art edi, Gen. pisc. p. 1. n. 3.
„ Descr. spec. p. 2. n. 2.
„ Syn. nom. p. 2. n. 3.
Syngnathus Typhle L. Syst. Nat. ed. I. p. 416. n. 1.
Fries, Yet. Ak. Handl. 1837. p. 28. Taf. III. fig. 2.
„ Sundevall, Vet. Ak. Öfver. 1852. p. 25.
„ Nilsson, Sk. Fauna IV. p. 689.
Syngnathus acus Ekström, Vet. Ak. Handl. 1831. p. 271. Taf. 2.
fig. 1-2.
„ Malm, Vet. Ak. Öfvers. 1852. p.83.
Siphostoma Typhle Kröyer, Danm. Fiske III, 1. p. 673.
The Deep-nosed Pipe-ßsh Yarrel, Brit. Fishes, 3. ed. IL p.406.
In Betreff der Synonymie ist zu bemerken, dass
Linne" (I.e.) unter No. 1, Syngnathus Typhle, die Syno-
nymie anführt , welche No. 2 oder Syngnathus acus zu-
kommt, so wie unter No. 2 die Synonymie, welche recht-
lich No. 1 oder Syngn. Typhle zukommt.
In den Aländischen und unseren südwestlichen Sche-
ren nicht selten. Seine Ausbreitung gegen Norden und
Osten an unseren Küsten lässt sich noch nicht mit Sicher-
1) Danmarks Fiske III, 1. p. 193. — Gaimard Voyage en
Scand. etc. Zool. Poissons PI. 18. Fig. 1 (a — e).
344 Malmgren:
heit bestimmen; nur so viel ist gewiss, dass er weder so
allgemein ist, wie die folgende Art, noch so weit in den
bosnischen und finnischen Meerbusen hineingeht.
NerophiS Rafines(fue.
IJ4r. ST. Opbidion L. Meerschlange.
Artedi, Gen. pisc. p. 1. n. 2.
„ Descr. spec. p. 1. n. 1.
„ Syn. nom. p. 2. n. 4.
Syngnatkus Ophidion L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 417. n. 5.
„ Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. III. p 115.
Taf. 91. fig. 3.
Ekström, Vet. Ak. Handl. 1831. p. 280. Taf. 2.
fig. 3—4.
Fries, Vet. Ak. Handl. 1837. p. 36. Taf. 3. fig. 4.
Scyphius Ophidion Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 694.
Nerophis Ophidion Kröyer, Danm. Fiske III, 2. p. 716.
The Straight-nosed Pipe-fish Yarrel, Brit. Fish. 3. edit. II. p. 416.
Schwedisch Hafsnal. Finnisch Merineula.
Dieser Fisch ist ziemlich allgemein in unseren süd-
lichen und westlichen Scheren, wenigstens von der Gegend
bei Helsingfors bis zum Quarken; doch ist noch nicht
bekannt, ob er bis an die innersten Theile des bottnischen
und finnischen Meerbusens geht.
IL Ganoidei.
Cliondrostei.
19. Fam. Acipenserini.
Acipenser L.
75, A. Sturio L. gemeiner Stör.
Artedi, Gen. pisc. p. 65. n. 1.
„ Syn. nom. p.91. n. 1.
Acipenser Sturio L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 403. n. 1.
„ Bloch, Naturgesch. der Fische Deutschi. III.
p. 89. Taf. 88.
„ Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 91.
„ Kröyer, Danm. Fiske III, 2. p. 747.
„ Nilsson, Sk. Fauna IV. p. 699.
,, Siebold, Die Süsswasserf. v. Mitteleuropa p. 363.
The common Sturgeon Yarrel, Brit. Fishes, 3. ed., IL p. 442.
Schwedisch Stör. Finnisch Sampi.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 345
Kommt im bosnischen und finnischen Meerbusen vor,
ist jedoch ziemlich selten und wird nur zufällig in Netzen
oder Garnen, die man für Robben auslegt, gefangen. Im
Ladoga ist er zahlreicher vorhanden, wird auch dort jähr-
lich gefangen und lebendig nach Petersburg gebracht.
Die gewöhnliche Länge ist 6 — 8 Fuss.
Nach einer Angabe in Flora Karelica soll auch der
Sterlet, Acipenser liuthenus L., im Ladoga vorkommen;
doch ist mir noch nicht gelungen, diese Angabe bestätigt
zu erhalten. Ist der Sterlet zuweilen im Ladoga gefangen
worden, so sind es wahrscheinlich solche von der Wolga
herstammende Individuen gewesen , denen es während
des Transportes nach Petersburg gelungen ist sich die
Freiheit zu verschaffen. Pallas berichtet nämlich in
Zoogr. R-Asiat. III P. 183 von dem Vorkommen dieser
Art im Ladoga folgendes : „In lacu Ladoga et Neva fluv.
non ita dudum apparuit, fugitivus, naufragio navium, quae
vivos hos pisces e Volga fluvio Petropolin afferunt."
III. Selachii.
Plagiostomi.
20. Fam. Scymnoidei,
Laemargus Müll, et Henle.
?6. Ii. microcephalus Bloch.
Scymnus microcephalus Bio ch- S chneider, Syst. Ichthyol, p. 138.
,• Kröyer, Danm. Fiske III, 2. p. 914.
Squalus carcharias Fabricius, Fauna Grönl. p. 127. n. 89.
Squalus borealis Scoresby. Account Arct. Reg. I. p. 538. et IL
Taf. 15. fig. 3—4.
Sq. glacialis (Faber) Lilljeborg, Yet. Ak. Handl. 1850. II. p. 334.
Sctjmnus borealis Nilsson, Skand. Fauna IY. p. 724.
Laemargus borealis Gaimard's Yoyage on Island etc., Poissons
Planche I.
Norwegisch Haaskjaerding.
Diese Art ist allgemein bei Finmarken und an un-
serer Eismeerküste, doch ist ihre Ausbreitung gegen Osten
noch nicht bekannt. Bei Grönland und Island ist sie eben-
falls allgemein.
346 Malmgren:
Es ist noch nicht ausgemacht, welche von den übri-
gen in Finnmarken vorkommenden Arten des Haigeschlech-
tes im Osten des Nordkap vorkommen. Im Westen des
Nordkap findet man ausser Laemargus microcephalus noch
folgende: Lamna comubica Gm., Acanthias vulgaris M.
et H. und Selache maxima Gunn.
21. Fam. Rajae.
Raja Cuv.
77» R. radiata Donov.
Raja fullonica Fabricius, Fauna Grönl. p. 125. n. 87.
Raja clavata Pallas, Zoogr. R. -Asiat. III. p. 58. (excl. syn.).
Raja radiata Fries, Vet. Ak. Handl. 183S. p. 146.
W. v. Wright, Ekström et Sundevall, p. 178.
Taf. 43.
- Kröyer, Danm. Fiske III, 1. p. 939.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 736.
The starry Ray Yarrel, Brit. Fishes 3. ed. II. p. 587.
Schwedisch Klorocha. Finmarken Skate.
In Finmarken ist diese Art äusserst allgemein. Nach
sicherer Angabe kommt sie auch allgemein im Waran-
gerfjord vor; und soll auch nach Pallas sogar in weissen
Meere in Menge vorhanden sein. Gegen Westen ist sie
bis nach Grönland verbreitet.
IV. Cyclostomi.
Hyperoartii.
22. Fam. Petromyzonini.
Petromyzon L.
S8. P. fluviatilis L. Pricke, Neunauge.
Artedi, Gen. pisc. p. 64. n. 1.
., Descr. spec. p. 99. n. 1.
„ Syn. nom. p. 89. n. 1.
Petromyzon fluviatilis L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 394. n. 2.
„ Bloch, Natürg. d. Fische Deutschi. III. p. 41
Taf. 78. n. 1.
„ Pallas, Zoogr. R.-Asiat. III. p. 66.
„ Kröyer, Danm. Fiske 111,2. p. 1042.
„ Cuvier, Regne Animal IL p. 404.
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 347
Petromyzon ßuviatilis He ekel und Kner, Die Süsswasserf. der
Oesterr. Monarchie p. 377.
„ Malm, Göteborgs Vitterh. Ak. Handl., ny
serie, h. 8. p. 88.
„ S i e b o 1 d, Süsswasserf. v. Mitteleuropa p. 372.
The Lampern Yarrel, Brit. Fishes 3. ed. p. 28.
Schwedisch Nejonöga. Finnisch Nahhiainen, Silmu (Ladoga).
In den Scheren des bosnischen und finnischen Meer-
busens ist dieser Fisch allgemein. Er steigt aus dem Meere
in die Flüsse und ist an mehren Orten in den grossen
Flüssen der Gegenstand einer eigenen Fischerei. Die
Ausbreitung dieser Art im Lande ist noch so wenig be-
kannt, dass hier von einer Bestimmung der nördlichen
Grenze keine Rede sein kann. In der Torneä-Elf wird
sie noch gefangen und ist allgemein im Ladoga.
ff9. Petromyzon Planeri Bloch. Kleines Neunauge, Querder.
Pelromyzon Planeri Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. III. p.47.
Taf. 78. fig. 3. (?)
Kröyer, Danm. Fiske III. 2. p. 1052.
„ Nilsson. Skand. Fauna IV. p. 747.
„ Malm, Göteborgs Vitterh. Ak. Handl. 8. p.92.
„ S i e b o 1 d. Die Süsswasserf. v. Mitteleuropa p. 375.
Junger Fisch, Querder Bloch.
Pelromyzon branchialis L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 394. n. 3.
„ Bloch, Naturg. d. Fische Deutschi. III. p. 45.
Taf. 78. fig. 2 (Querder).
Ammocoetes branchialis Kröyer, Danm. Fiske III, 2. p. 1060.
„ Nilsson, Skand. Fauna IV. p. 748.
„ H e c k e 1 und Kner, Die Süsswasserf. der
Oesterr. Monarchie p. 382.
Exemplare des ausgebildeten Fisches vonHaminanlaks
bei Kuopio, 63° N. B., (Ad. v. Wright) und von Asikkala
(E. Siven) im südlichen Tavastland werden im Museum
der Universität zu Helsingfors aufbewahrt.
Dr. Aug. Müller hat in Müller's Archiv für
Anatomie 1856, Heft 4, die Resultate seiner Untersu-
chungen in Betreff des Ammocoetes branchialis bekannt
gemacht, nach denen dieser Fisch das Junge des Pelro-
myzon Planeri sein soll. In Bulletin de l'Academie royale
de Belgique ; 26 Annee 2 Serie T. IL 1857. P. 550 sagt
van Beneden, er habe während eines Aufenthaltes
348 Malmgren:
in der Gegend von Berlin Gelegenheit gehabt, sich von
der Richtigkeit der Lehre des Dr. Müller von der Me-
tamorphose des Ammocoetes in den Peiromyzon zu über-
zeugen. Er berichtet, er hätte gesehen, wie der Ammo-
coetes seine halbrunde Lippe verloren, wie die kleinen
unvollkommenen Augen grossen mit weisser Iris Platz
gemacht, kurz : wie Ammocoetes sich allmählich in einen
Peiromyzon verwandelt habe, ohne darum seine Grösse
oder Körperform zu verändern. Inzwischen fuhren die
Ichthyologen fort die Richtigkeit dieser Observationen zu
bezweifeln, und man findet noch inHeckel's undKner's
Werke: „Die Süssw asser fische der Osterrei-
chischen Monarchie", 1858, das Junge des Petro-
myzon Planeri aufgenommen als Repräsentanten eines be-
sonderen Genus Ammocoetes. Prof. S i e b o 1 d dagegen hat
neulich in seinem ausgezeichneten Werke: „Die Süss-
wasser fische von Mitteleuropa," 1863, sich so
bestimmt für die Ansicht des Dr. Müller über die Ver-
wandlung des Ammocoetes in Petromyzon ausgesprochen
und so siegreich die sämmtlichen dagegen erhobenen
Einwendungen zurückgewiesen, auch eine so klare und
deutliche Darstellung dieser allmählich geschehenden Me-
tamorphose geliefert, dass es für alle Zeiten als abge-
macht angesehen werden kann, dass Ammocoetes branchia-
lis nichts anderes ist als ein junger Petromyzon Planeri
Bl. Inzwischen bleibt noch zu entwickeln, ob auch die
übrigen Petromyzon- Arten ihre entsprechenden Ammocoe-
fes-Formen haben und wie diese beschaffen sind.
Ammocoetes branchialis habe ich in der Gegend von
Kajana gefangen und 1859 in der Kumo-Elf in blauem
Thon in 3 — 6 Zoll tiefem Wasser oberhalb der Lachsfi-
scherei bei Klockarsand. Doch bin ich geneigt zu dem
Glauben, dass die Exemplare von dem letzteren Lokale
Ammocoetes-Yormen von Peiromyzon fluviatilis sind, wel-
cher in der Kumo-Elf allgemein ist, weil Petromyzon
Planeri dort noch nicht gefunden ist. Von Lillkyrö hat
Herr Eliel Lagus an das finnische Museum Exemplare
von dem, wie es scheint, echten Ammocoetes branchialis
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 349
L. geschickt. Also ist Petromyzon Flaneri über den gröss-
ten Theil des Landes bis 64° N. B. verbreitet.
Lampetra Malm.
80, li. mar i na L. Seelamprete.
Art edi, Gen. pisc. p. 64. n. 2.
,, Syn. nom p. 90. n. 2.
Petromyza marinus L. Syst. Nat. ed. XII, 1. p. 394. n. 1.
Bloch, Naturg. d Fische Deutschi. III. p. 38.
Taf. 77.
Petromyzon lampetra Pallas. Zoogr. Rosso-Asiat. III. p. 66.
Petromyzon marinus Kröyer, Danm. Fiske III, 2. p. 1025.
„ N i 1 s s o n , Skand. Fauna IV.
„ Heckel u. Kner, Die Süsswasserf. der Oesterr.
Monarchie p. 374.
„ S i e b o 1 d, Die Süsswasserf. v. Mitteleuropa p. 368.
Lampetra marina Malm, Göteborgs Vet. och Vitterh. Samh. Handl.
ny serie VIII. p. 87.
Schwedisch Hafs-nejonöga.
Ein sehr grosses und schönes Exemplar dieser Art
ist im J. 1854 in der Gammelstads - Bucht gefangen und
durch die Fürsorge des Herrn Tschetsculin und" des
Prof. Cygnaeus an die Sammlungen der Universität
zu Helsingfors abgeliefert worden. Das Exemplar wird
in dem osteologischen Museum der Universität aufbe-
wahrt und ist vom Staatsrathe Nord mann erwähnt
in Finska Vetenskaps Societets Ofversigt für 1853 — 1855
P. 73. Nach Pallas ist diese Art von Lepechin auch
im weissen Meere angetroffen worden.
Nachträge.
1. Coregonus megalops Widegren, Bidrag tili Sve-
riges Salmonider (Kongl. Wetenskaps Akademiens Ofver-
sigt 1862. P. 73. Taf. XL Fig. 15).
Diese kleine Sclmäpelart kommt vor im Uleäträsk
(65° N. B.), wo dieselbe von mir im December 1863 ent-
deckt wurde. Die Laichzeit ist zu Anfang oder in der
Mitte des December. Exemplare davon werden im Mu-
seum der Universität zu Helsingfors aufbewahrt.
350 Malmgren:
2. Goregonus pachycephalus n. sp.
Mit diesem Namen bezeichne ich eine im Ladoga
lebende Schnäpelart, welche dort von den Bewohnern
Musta Siika (Schwarz- Schnäpel) benannt wird. Dieser
Fisch ist hinsichtlich der Art verschieden so wohl von
Goregonus maraena Bloch und Goregonus Widegreni Mgrn,
welche ebenfalls im Ladoga leben, aber mit einer im
Wenersee lebenden Schäpelart zusammen zu fallen schei-
nen, welche W i d e g r e n (1. c.) zu Goregonus fera Wi-
degren (non Jurine) geführt hat. Widegren's Gore-
gonus fera ist gleichwohl eine Collectiv-Art, aus welcher
ich bereits drei gute Arten abgesondert habe. Nach meiner
Rückkehr in mein Vaterland werde ich mich beeilen die
Diagnose und genaue Beschreibung über diese Arten zu
liefern.
Von Abramidopsis Leuchartii Heck, ist ein Exem-
plar aus dem Saimen in dem Museum der Helsingfors'er
Universität vorhanden ; doch ist dieser Fisch ausgeschlos-
sen aus dem vorstehenden Verzeichnisse , weil ich ihm
kein Artenrecht zugestehen kann, da seine Bastardnatur
über allen Zweifel erhaben zu sein scheint.
Endlich kann ich nicht unerwähnt lassen, dass meine
oben unter No. 63 ausgesprochene, auf Erfahrung gegrün-
dete Ansicht, dass Lappland, Finland und Schweden nur
eine einzige wirkliche Art des Saiblings (Salmo alpinus
L.), welche identisch ist mit Salmo salvelinus (Bl.) Sie-
bold des mittleren Europa, besitzen, nicht im geringsten
erschüttert worden ist durch den Aufsatz des Dr. Gün-
ther, „Contributions to the Knowledge of the British
Charrs" in „Proceedings of the Zoological Society of Lon-
don 1862 Part. I", der mir neulich zu Händen gekommen
ist. Dieser Verfasser hat nämlich schon nicht weniger als
drei Arten des englischen Saiblings aufgestellt, sämmt-
lich neu für die Wissenschaft, und er scheint auf gutem
Wege zu sein, noch mehre Arten bloss für England zu
entdecken, wenn er fortfährt wie er begonnen hat. Denn
die Methode zur Arten - Bestimmung, welche er anwen-
det, führt, consequent durchgeführt, dahin, dass jeder
Landsee, in welchem Saiblinge leben, eine eigene Art
Kritische Uebersicht der Fisch-Fauna Finlands. 351
enthält, und wird die Methode auch auf die übrigen
Lachsfische angewendet, so bleibt noch eine sehr zahl-
reiche Menge neuer Arten aufzustellen übrig. Doch muss
jeder Ichthyologe, der die Lachsarten in der Natur studirt
hat, solchen Arten, wie z.B. den von Dr. Günther auf-
gestellten, eben so sehr seine Anerkennung verweigern, als
man jede Vermehrung des schon jetzt hinlänglich grossen
Sündenregisters der Wissenschaft, das in alltäglicher Rede
Synonymie heisst, bedauern muss. Es ist bei weitem be-
quemer neue Arten aufzuführen, als die vielen überflüs-
sigen, welche schon vorhanden sind , einzuziehen.
Stockholm den 24. Februar 1864.
Eid Wort über die Gattung Herklotsia J. E. Gray.
Von
Fritz Müller.
„In my opinion, this inordinate multipli-
cation of genera destroys the main ad-
vantages of Classification.
Darwin, Lepadidae S. 21C ')•
Herklots hat in seiner Bearbeitung der Seefedern
drei Arten von Renilla -unterschieden, R. reniformis Pall.,
violacea Quoy et Gaim., und Edwardsii n. sp. — ■ Die
von ihm gegebenen Diagnosen enthalten indess kein ein-
ziges Merkmal, das die wirkliche Verschiedenheit dieser
Arten verbürgte. — Die Gestalt der Scheibe, die Strei-
fung ihrer Unterfläche, die Länge und Form des Stiels
sind sämmtlich Verhältnisse, die beim lebenden Thiere
in beständigem Wechsel begriffen sind, so dass danach
bisweilen dieselbe Scheibe in derselben Minute jeder der
drei Arten eingereiht werden könnte. Der angebliche
Mangel der „spicules" bei R. violacea beruht offenbar auf
schlechter Erhaltung der Exemplare und die geringe
Zahl der Polypen bei R. Edwardsii würde nur dann als
bezeichnend gelten dürfen, wenn nachgewiesen wäre, dass
von ihr die beobachtete Zahl nicht überschritten würde;
denn bei jüngeren Scheiben aller Arten ist die Polypen-
zahl natürlich eine geringe. Ueber Zahl und Stellung
der die Polypenzellen umstehenden Zähne oder sonstige
1) Darwin schrieb diese Worte in Bezug auf die Gattung
Scalpellum , deren vier ihm bekannte Arten J. E. Gray in ebenso
viele Genera vertheilt hatte. Dabei hatte er spasshafter Weise die
Zahl der Stücke des Gehäuses, auf welche diese Genera fast aus-
schliesslich begründet waren, für drei derselben irrig angegeben.
Müller: Ein Wort über die Gattung Herklotsia. 353
zu sicheren Unterscheidung' von Renillaarten brauchbare
Merkmale findet man bei Hcrklots nichts.
Dass man nun auf solche Merkmale, die selbst zur
Artunterscheidimg völlig ungenügend sind , Gattungen
hauen könne , scheint kaum glaublich. Doch dem uner-
müdlichen Fabricanten neuer Gattungen und Arten in
allen Klassen des Thierreichs, Herrn J. E. Grav, ist in
dieser Beziehung nichts unmöglich. Er hat denn auch
(s. R. L e u c k a r t's Jahresbericht in dies. Archiv. XXVII.
Bd. 2. S. 346) die Renilla Edwardsii zum Typus einer
neuen Gattung Herklotsia zu erheben verstanden.
Diese Gattung Herk io ts ia ist ein zu ergötzliches
Beispiel der Verirrungen, die der Beobachter der leben-
den Thierwelt so manches Mal an den Museumszoologen
zu rügen hat, als dass ich mir das Vergnügen einer kri-
tischen Beleuchtung versagen könnte.
Die von Gray gegebenen Diagnosen der Gattun-
gen Herklotsia und Renilla sind (nach Leuckart's Jahres-
bericht a. a. O.) die folgenden:
Herklotsia. Disk expanded, upper surface armed
with spicula surrounding the edge of the cells , lower
nioderately striated. The stem inserted in a deep noteh
on the lower edge, and separated from the disk by a
well defined groove. Polypes few, piaced in series.
Renilla. Disk smooth above and beneath, without
spicula and continued into the stem. Polypes numerous.
Sehen wir uns die einzelnen Merkmale etwas nä-
her an.
„Disk expanded" — Vortrefflich; — ganz als wollte
man die Diagnose einer Vogelgattuhg mit den Worten
beginnen: „Flügel ausgebreitet", als wollte man die zu-
fällige Stellung, die der Ausstopfer einem Thiere gege-
ben, als Gattungskennzeichen verwerthen. „Disk expan-
ded" , als wäre die Renillascheibe ein starres Gebilde,
wie eine Muschelschale oder Krebsscheere, und nicht
vielmehr der wechselvollsten Gestaltveränderung in unge-
wöhnlich hohem Grade fähig. — Entnimmt man zur Ebbe-
zeit eine prächtige dunkelviolette Renilla, bei der je sieben
mit goldgelben Kalknadeln durchspickte Zähne den Rand
Archiv für Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 23
354 Müller:
der Zellen umgeben , dem Boden des Meeres, so findet
man die Scheibe trichterförmig eingezogen und unmittel-
bar in den langen; am Ende bald kolbigen, bald zuge-
spitzten Stiel sich fortsetzend. In ein Glas mit Seewas-
ser geworfen, breitet sich die Scheibe zunächst, ohne sich
auszudehnen, flach in einer Ebene aus; der Stiel zieht
sich aufs Aeusserste zusammen und während er eben etwa
die dreifache Länge des Scheibendurchmessers hatte und
von der Unterseite gerade abwärts gerichtet war, liegt
er jetzt als unbedeutender Vorsprung von kaum !/4 des
Scheibendurchmessers in der Aasbucht der Scheibe und
in gleicher Ebene mit dieser. Bei längerem Liegen be-
ginnt die Scheibe sich durch eine in der Mitte ihrer
oberen Fläche gelegene grosse Oeffnung *) allmählich
mit Wasser zu füllen. Die Polypen treten hervor, der
Durchmesser der Scheibe steigt nach und nach wohl auf
mehr als das Fünffache ; (genaue Messungen sind mir
augenblicklich nicht zur Hand). Dabei wölbt sich die
obere Scheibenfläche, die beiden Lappen, zwischen denen
der Stiel entspringt, schieben sich übereinander, und auch
der Stiel streckt sieh wieder und füllt sich mit Wasser.
Die vorgestreckten Polypen sieht man ohne äusseren
Anlass nur selten sich bewegen, die Scheibe dagegen ist
,nie in Ruhe; sie zeigt langsame kräftige Zusammenziehun-
gen, die vom Ansatzpunkte des Stieles nach dem gegen-
überliegenden Rande der Scheibe fortschreiten und dabei
diese durch eine Reihe auffallend verschiedener Gestal-
ten hindurchführen. Auch der Stiel nimmt an diesen Zu-
sammenziehungen Antheil; er schnürt sich dabei biswei-
len von der Spitze her zu einem fadenförmigen Strange
1) Diese wie es scheint bisher übersehene Oeffnung wurde zu-
erst, vor einigen Jahren, von meiner damals siebenjährigen Tochter
Rosa bemerkt . die aus ihr einen kräftigen Wasserstrahl spritzen
sah, als sie eine lebende Renilla aus dem Meere nahm. Eine ähn-
liche Oeffnung fand später, nach brieflicher Mittheilung, Max
Schul tze bei Pennatula. Auch an der Spitze des Stiels hat Re-
nilla eine kleine Oeffnung, aus der ebenfalls bisweilen ein zarter
Wasserstrahl hervorspritzt , wenn man eine aufgeschwellte Scheibe
aus dem Wasser nimmt.
Ein Wort über die Gattung Herklotsia. 355
V
zusammen, um dann sofort wieder zu einem weiten Rohre
sich aufzublähen. — Ganz ähnlich verhält sich Renilla
reniformis, nur dass sie nicht die vollkommene Trichter-
form der anderen Art anzunehmen vermag. '2)
„Upper surface armed with spicula surrounding the
edge of the cellsu heisst es weiter von Herklotsia und im
Gegensatze dazu von Renilla: „disk smooth, wilh out spicu-
la." Wenn unter „spicula'*' Kalknadeln verstanden sind, so
begreife ich nicht, wie man von deren Fehlen bei Renilla
sprechen kann, da dieselben alle Theile der Scheibe durch-
setzen und bei der oberflächlichsten Untersuchung in die
Augen fallen. Sollten aber, unpassender Weise, durch
diesen Ausdruck die von zahlreichen Kalknadeln gestütz-
ten vorspringenden Zähne um den Zellenrand bezeichnet
sein, so fehlen diese wahrscheinlich ebenso wenig irgend
einer Art; bei R. reniformis sind sie wohl entwickelt.
Wenn Gray sie vermisste, so lag dies ander schlechten
Erhaltung seiner Exemplare. Bei verwesendem und schon
hei langsam sterbenden Thieren fallen die oberflächlichen
Kalknadeln leicht ab und die Zähne am Zellenrande sind
dann nur schwierig nachzuweisen.
„Low er surface moderately striaied1' bei Herklotsia,
— „disk smooth beneathu bei Renilla. — Die Streifung
der Unterfläche oder richtiger die netzförmige Zeichnung
mit langstreckigen strahlig geordneten Maschen bezeich-
net die Grenzen der einzelnen Polypenzellen. Wo deren
Scheidewände auf die untere Wand der Scheibe stossen,
stehen die oberflächlichen Kalknadeln dichter und ausser-
dem erscheinen, wenn die Zellen sich aufblähen, ihre
Grenzen als vertiefte Linien, an deren Stelle umgekehrt
beim Einschrumpfen der Zellen wieder deutliche erhabene
Linien treten können. Dazwischen liegt natürlich ein
Mittelzustand, in welchem abgesehen von den leicht ab-
fallenden zarten Kalknadeln, die Unterfläche glatt er-
scheint. Daraus ergiebt sich von selbst der systema-
tische Werth dieses Merkmals.
2) Näheres über diese und andere Lebenserscheinungen der
Renillen bleibt einem anderen Orte vorbehalten.
356 Müller:
„The stem separated from the disk byawell defined
groove" bei Herklotsia, — the dish continued into the
stemu bei Renilla. Bei Renilla reniformis sieht man fast
nie, selten bei älteren, häufig dagegen bei jüngeren
Scheiben unserer zweiten Art den Stiel durch eine deut-
liche tiefe Furche von der Scheibe geschieden. Diese
Furche ist aber nicht etwa, wo sie vorkommt, etwas Festes,
Bleibendes, sondern tritt nur bei bestimmten Contractions-
zuständen hervor. Dieselbe Renlilascheibe kann , was
dieses Merkmal betrifft, in einer Stunde ein Dutzendmal
aus einer in die andere Gattung und wieder zurüekspa-
zieren.
Ich kann wohl den wirklichen Werth all dieser
Gray'schen Gattungsmerkmale nicht besser ins rechte
Licht setzen, als indem ich ein untrügliches Recept mit-
theile, eine Herklotsia bei lebendigem Leibe tuto, cito
et jueunde in eine Renilla zu verwandeln. Man setze das
Thier in einer flachen Schale, nur so eben von Wasser
bedeckt, eine Stunde lang den Strahlen der tropischen
Mittagssonne aus, spüle es ab und die Renilla ist fertig.
Die Kalknadeln der Oberfläche liegen abgefallen am Boden
der Schale, die Zähne am Zellenrande sind zusammenge-
sunken, und bei dem Zustande von Erschlaffung in dem
sich das Thier befindet, ist sicher wreder Streifung der
TJnterfläche , noch eine Furche am Grunde des Stieles
vorhanden. Man sieht, für Gray'sche Genera bedarf es
keiner jahrtausendelangen natürlichen Züchtung, um eines
aus dem anderen hervorgehen zu lassen.
Doch es bleibt uns noch ein Kennzeichen der Gat-
tung Herklotsia: „Polypös feto, placed in series" , und da-
gegen bei Renilla : „Polypes numerous." Zuerst sei hierzu
bemerkt, dass die Ausdrücke few und numerous überhaupt
zu denen gehören, die ihrer Unbestimmtheit wegen für
immer aus allen Diagnosen -verbannt werden sollten. Ist
z. B. in unserem Falle bei 10, oder 20, oder 100 Polypen
die Grenze zwischen dem few und dem numerous zu
suchen? — Aber abgesehen hiervon, so hätte Herr G ray
am Rande jeder beliebigen Renillascheibe sehen können,
dass hier eine Neubildung von Zellen und Polypen statt-
Ein Wort über die Gattung Herklotsia. 357
findet, — er hätte sich danach sagen können, dass über-
haupt die dem Rande näheren Polypen jünger sind als
die mittelständigen; — er hätte sich sagen können, dass
auch die polypenreichste Renillascheibe in ihrer Jugend
nur wenige Polypen besass und dass somit das few und
das mimerotis nichts mehr und nichts weniger als eine
Altcrsverschiedenheit bezeichnet und wie all seine übri-
gen Merkmale nicht einmal speeifischen, geschweige denn
gencrischen Werth hat.
In den ersten Wochen, das sei hier beiläufig ange-
führt, sind sogar, wie man sich denken konnte, die jungen
Renillen einfache Polypen ohne Kalknadeln; aber schon in
dieser frühesten Zeit ist, wie später, der Stiel durch eine
Längsscheidewand in zwei Kammern getheilt und an der
Spitze mit einer Oeffnung versehen. Glücklicherweise
hatte Herr J. E. Gray im British Museum keine Gele-
genheit, diese jüngsten Renillen zu sehen, auf die sonst
unfehlbar wieder ein neues Genus gegründet worden wäre.
Ich habe die Aufstellung der Gattung Herklotsia eine
ergötzliche Verirrung genannt. Leider hat die Sache auch
ihre ernste Seite. — Die Gattung wurde nicht beiläufig,
etwa bei Beschreibung einer neuen Art, von einem Neu-
linge aufgestellt, sondern in einer Abhandlung, welche
eine kritische Revision der systematischen Anordnung der
Seefedern zum Zweck hat, und von einem Manne, mit
dem sicher Wenige sich messen können, was Reichthum
und Vielseitigkeit der auf eigene Anschauung und Unter-
suchung gestützten zoologischen Kenntnisse betrifft. Welch
trauriges Licht wirft es auf den Zustand der häutigen
Systematik, dass an solcher Stelle und von solcher Hand
ein ähnlicher Missgriff gethan werden durfte. Und der
Fall ist kein vereinzelter. Fast jede Seite eines zoologi-
schen Jahresberichtes liefert Belege für die wüste, grund-
satz- und haltlose Weise, in der man heutzutage so viel-
fach ins Blaue hinein Gattungen und Arten fabricirt. Um
ihre Wissenschaft vor vollständiger Verwilderung zu be-
wahren, ist es wahrlich die höchste Zeit, dass die Syste-
matiker sich allen Ernstes der Erörterung der allgemei-
358 Müller: Ein Wort über die Gattung Herklotsia.
neren Fragen zuwenden, von denen ans sie allein für ihre
Arbeiten festen Boden und sichere leitende Grundsätze
gewinnen können. — Die Anregung, die hierzu durch
Darwin's Buch über die Entstehung der Arten gege-
ben wurde, hätte zu keiner gelegeneren Stunde kommen
können.
Dcsterro, 31. März 1804.
Nachtrag zum vorstehenden Aufsatze.
Von
Max Schultze.
Fritz Müller's Beobachtung grösserer Oeffnungen
zur Wasseraufnahme und Abgabe bei Renilla, welche mir
bereits seit längerer Zeit durch briefliche Mittheilungen
bekannt war, veranlasste mich die mir zu Gebote stehen-
den Spiritusexemplare von Pennatula auf solche Oeffnun-
gen anzusehen. Dass bei den Pennatuliden sämmtlich der-
gleichen Oeffnungen vorhanden seien war an sich nicht
zu bezweifeln, da die Wasserlöcher ein wesentliches Glied
in der Organisation der Coelenteraten darstellen. Es han-
delte sich aber darum die Lage dieser Oeffnungen, deren
bisher Niemand Erwähnung gcthan, zu bestimmen und
vor allen Dingen festzustellen, ob ein der bei Renilla con-
stanten grösseren mittleren Scheibenöffnung entsprechen-
des Wasserloch auch den echten Pennatuliden zukomme.
Gleich die ersten Nachforschungen bei zwei wohl erhal-
tenen Exemplaren der Pennatula rubra aus dem Mittel-
meere , welche das hiesige anatomische Museum besitzt,
führten zu einem sehr bestimmten Resultat, insofern an
beiden Exemplaren je eine grössere Oeffnung gefunden
wurde, welche offenbar nur zur Wasseraufnahme und Ab-
gabe in das innere Höhlensystem des Stammes dienen
konnte. Doch verhielten sich beide Exemplare verschie-
den. Auf der körnigen hinteren Oberfläche des Stammes
von P. rubra verläuft eine mittlere Längsrinne mit glat-
tem Boden und von weisslicher Farbe. Dieselbe beginnt
kaum sichtbar am oberen Ende des Schaftes und verbrei-
tet sich nach abwärts um am Anfange des drehrunden
Stieles zu verschwinden. Hier an der Grenze von Fahne
360 Schultze: Nachtrag zum vorstehenden Aufsatze.
und Stiel entsteht aus der Längsrinne an einem der bei-
den Exemplare eine tiefe seitlich ausweichende Furche,
und führt sofort in eine weite Oeffnung, durch welche
leicht eine geknöpfte Sonde in das Hohlraumsystem des
Stieles vorgeschoben werden kann. Drückt man den
Stiel aufwärts nach der Oeffnung zu , so fliesst eine
ansehnliche Menge Flüssigkeit aus dem Innern aus. An
dem anderen Exemplare fehlt hier an der Hinterseite die
tiefere Furche mit der Oeffnung gänzlich, dafür zeigt sich
auf der vorderen Fläche in der Höhe des sechsten Po-
lypen tragenden Zweiges etwas seitlich von der Mittel-
linie in versteckter Lage eine ansehnliche Oeffnung mit
wulstigen Rande, durch welche eine geknöpfte Sonde
leicht aufwärts und abwärts in das Hohlraumsystem des
Körpers vorgeschoben werden kann.
Nach diesem Befunde war ich erstaunt an mehreren
Exemplaren von Pennatnla (JPteroeides Her k lots) spi-
nosa des hiesigen anatomischen und zoologischen Museums
keine Spur einer solchen grösseren Oeffnung zu finden.
Ebensowenig bei den kleinen zierlichen Pennatula pul-
chella. Dagegen fand sich eine den beschriebenen ent-
sprechende Oeffnung an einem Exemplar von Pteroeides
japonicum des hiesigen zoologischen Museums und zwar
auf der Mitte der Hinterseite des Schaftes in der Höhe
des von unten gerechnet sechsten Polypen tragenden
Armes. Die Sonde glitt von hier aus leicht aufwärts in
das Innere.
Ausser diesen grösseren Wasserlöchern kommen bei
der Pennatula wie bei Renilla wrie es scheint allgemein
kleinere Oeffnungen vor und zwar constant an der Spitze
des Stieles. Bei Renilla sind dieselben von Fritz Müller
gesehen. Ihre Anwesenheit bei Pennatula ist leicht zu
canstatiren, wenn man Exemplare, die nicht gar zu stark
in Spiritus erhärtet sind, nach der Spitze des Stieles zu
mit den Fingern streicht. Ich sah bei dieser Operation
immer mehrere feine Strahlen Flüssigkeit aus winzigen
Oeffnungen des Stieles hervordringen.
Heber die Iterusglocke und das Ovariuui der
Ecliinorhyucheu.
Von
Dr. Richard Greeff
in Bonn.
(Hierzu Taf VI.)
Im vorletzten Hefte dieses Archives !) habe ich
einige wesentliche Züge ans der Entwickelungs- und Na-
turgeschichte der Echinorhynchen, sowie die wichtigsten
Organisationsverhältnisse derselben genauer zn schildern
versucht. Die gegenwärtigen Mittheilungen bilden ge-
wissermassen einen Nachtrag zu den vorangegangenen
und betreffen hauptsächlich das wohl nierwürdigste Or-
gan der Echinorhynchen, nämlich die sogenannte Uterus-
glocke. Hiermit zusammenhängend mögen noch einige
weitere Bemerkungen über den Bau der Geschlechtsor-
gane im Allgemeinen und über die Entwicklung der Ge-
schlechtsprodukte Platz finden.
Der Entdecker der Uterusglocke ist G. II. A. ßu-
row. -) Er untersuchte den Echinorh. strumosus aus dem
Darm des Seehundes, und so unvollständig und nach un-
serer heutigen Kenntniss in vielen Punkten irrthümlich
die von ihm gelieferte Anatomie der Echinorhynchen auch
1) Untersuchungen über den Bau und die Naturgeschichte von
Echinorh. miliarius (E. pelymorphus). (XXX. Jahrg. l.Bd.^p. 98.)
2) Echinorh. strumosi anatome. Diss. zootom. Regiomont. 1836.
Ich benutze diese Gelegenheit um eine frühere Angabe (siehe meine
Untersuchungen über Echin. mil. p. 132), wonach ich v. Siebold
die Entdeckung der Uterusglocke zuschrieb, zu berichtigen. Die
Dissertation von Burow hatte mir damals nicht vorgelegen.
362 Greeff:
ist, so ist doch gerade di-e Uterusglocke in den äussern
Formverhältnissen im Wesentlichen richtig aufgefasst
(p. 21 u. ff., Fig. 1. G. u. Fig. 6). Auch die Funktion die-
ses Organes ist von ihm erkannt worden. Pag. 23 sagt
er: „Ova potius" (im Gegensatz zu der früheren fälsch-
lichen Annahme, dass die Eier durch den Rüssel nach
aussen getrieben würden) „aperto utero recepta, in ovi-
ductum perveniunt et e foramine genitali exeunt." Die
merkwürdigen Schluckbewegungen der Glocke sind ihm
entgangen, ebenso der übrige speziellere Bau derselben.
Er beobachtete freilich wie es scheint, bei nur sehr ge-
ringer Vergrösserung (die Uterusglocke ist in 15maliger
Vergrösserung abgebildet).
Der zweite Beobachter der Uterusglocke ist Th. v.
Sicbold x), der zuerst und in unübertrefflicher Weise
die Schluckbewegungen und den ganzen interessanten
Mechanismus der Aufnahme der Eier aus der Leibeshöhle
und Durchführung der erstem durch die Glocke in den
Eileiter u. s. w. schilderte.
Nach ihm beschrieb D u j ar d i n 2) die Uterusglocke als
„entonnoir mnsculeux", indem er die v. S ie bo ld'schen
Beobachtungen im Wesentlichen bestätigte. Auf den Wi-
derspruch zwischen Du j ardin und v. Siebold in Be-
zug auf den Entstehungsort der Eier werde ich später
zurückkommen. Eine ebenfalls hauptsächlich eng der v.
S i eb o 1 d'schen Darstellung folgendeBeschreibungderUte-
rusglocke gab D i e s i n g ?'). In neuerer Zeit hat Stein 4)
zum Theil sehr schöne anatomische Abbildungen über
Echinorhynchen geliefert, die sich ebenfalls den Beschrei-
bungen und Abbildungen v. Siebolds und D u j a r d i n s
1) Burdach's Physiolog. II. Bd. 2. Aufl. 1837. p. 197 und
Lehrbuch der vergl. Anatomie der wirbellos. Thiere 1848. p. 149.
2) Hist. nat. des Helm. 1845. p.494 und Taf. 7. Fig. D. 5.
3) Zwölf Arten von Acanthocephalen. Aus dem XI. Bande
der Denkschr. d. math. - nat, Klasse der kaiserl. Akad. d. Wissen-
schaft. 1856.
4) Zootomischer Atlas von Victor Carus 1857. Taf. VII.
Fig. 2— 10.
Ueb. d. Uterusglocke u. d. Ovarium d. Echinorhynchen. 363
anschliessend aber in Bezug auf die Darstellungen der
Geschlechtsorgane unvollständig und ungenau sind.
Wichtiger ist die in demselben Jahre (1857) publi-
cirte Arbeit von G. Wagner in seinen so reichhaltigen
„helminthologisehen Bemerkungen" '■). Besonders schön
und sorgfältig sind die Abbildungen über die weiblichen
Geschlechtsorgane von Echin. acus aus dem Darme von
Platessa üesus. Ich werde Gelegenheit haben das eine
oder andere dieser Arbeiten später noch spezieller zu be-
rücksichtigen.
Im Jahre 18G2 erschienen darauf die für die Entwik-
kelungsgeschichte der Echinorhynchen so überaus bedeu-
tungsvollen und interessanten Mittheilungen R. Leuc-
kart's-) und im vorigen Jahre (1863) endlich sind von
H. A. Pagenstecher 3 ) in Heidelberg ausführliche
anatomische Abbildungen über Echinorh. proteus ver-
öffentlicht worden ? die indessen einer früheren Zeit,
nämlich dem Jahre 1858 angehören, in welchem Jahre
der Verfasser „der o4ten Versammlung deutscher Natur-
forscher und Aerzte in Kaisruhe einen Vortrag über die
Organisation von Echin. proteus hielt." Neben den viel-
seitigen die sämmtlichen Hauptorgane der Echinorhyn-
chen betreffenden Abbildungen scheinen die Darstellun-
gen über die Uterusglocke (Taf. XXIII. Eig. 2, o und 4)
und deren Adncxa nicht glücklich ausgefallen zu sein.
Es ist mir wenigstens nicht gelungen jene Zeichnungen
mit den Bildern zu vereinigen, die ich durch vielfache
Untersuchungen an Echinorh. proteus gewonnen habe.
(Vergl. die beifolgende Tafel Eig. 1.)
Nach dieser kurzen literarischen Uebersicht über
den zu behandelnden Gegenstand will ich, bevor ich zur
Beschreibung der Uterusglocke selbst übergehe, einige
1) Zeitschr. für wissensch. Zoologie Bd. IX. p. 77. Taf. 6.
2) Nachrichten von d. G. A. Universität und der K. Gesellsch.
d. Wissensch. zu Göttingen 1862. Nr. 22. Ilelmintholog. Experimen-
taluntersuchungen vorgelegt der Königl. Societät am 9. Okt. 1862.
3) Zeitschrift für wissenschaftl. Zoologie Bd. XIII. p. 413.
Taf. XXIII u. XXIV.
364 Greeff:
Bemerkungen über das Ovarium, die zum Theil zum Yer-
ständniss jener notliwendig sind , vorausschicken. Ich
werde dabei hauptsächlich sowie auch bei der später zu
beschreibenden Giocke u. s. wl von der Untersuchung an
Echinorh. protens ausgehen als dem am leichtesten zu
beschaffenden Material, da er in den meisten unserer
Flussfische zu gewissen Jahreszeiten, bei vielen ununterbro-
chen in grosser Menge vorkommt *)j — Es haben sich
1) Ich habe mich nicht von dem Vorhandensein eines im
Darme unserer Süsswasserfische schmarotzenden Echinorh. tereti-
collis Rud. als eine dem E. proteus nahestehende aber eigene Art,
wie sie v. Siebold (Burdach's Physiolog. II. Bd. 2. Aufl. p. 196)
bestimmt geltend macht, überzeugen können. Rudolphi selbst,
der den E. tereticollis zuerst aufstellte (Entoz. hist. natur. IL 1.
p. 284) bezeichnet bei der auf den erstem folgende Beschreibung
des E. proteus diesen als „species praecedenti (E. tereticolli) pro-
ximal Derselbe scheint den Unterschied beider hauptsächlich auf
die Verschiedenheit der Länge und Dicke des Halses und der am
oberen Theile des Halses 'befindlichen Bulla gegründet zu haben.
Thatsache ist, dass in der Form dieser Theile aber innerhalb der
Grenzen des E. proteus mancherlei Varietäten vorkommen, indem
bei einigen sich ein sehr langer dünner Hals mit grosser kugliger
Bulla findet, während bei andern der Hals kürzer, dicker und run-
zelig zusammengezogen und die Bulla klein ist, oblong, zusammen-
gefallen oder fast ganz fehlt. Mehrentheils beruht dies auf contra -
hirtem und in die Leibeshöhle zurückgezogenem Zustande des
Halses und auf durch Verletzung oder Compression collabirter
Bulla, anderntheils mögen das auch wirklich bestehende unwesent-
liche Differenzen sein, wie solche ja auch in anderer Beziehung,
besonders in der Färbung vorkommen und hier sehr häufig durch
den Träger des Parasiten bedingt zu sein scheint. So ist z. B. der
E. proteus aus dem Darme von Barbus fluviatilis meistens durch-
weg orange - gelb gefärbt , während er in anderen Wolmthieren
(Anguilla vulgaris, Esox lucius, Cobitis taenia etc.) meistens weiss
erscheint. Bald beschränkt sich die Färbung nur auf gewisse Theile
des Wurmes, wie man z. B. häufig einen roth- oder gelbgefärbten
Hals (Cypr. carpio) antrifft, während der übrige Körper weiss ist.
Genug ich glaube hiernach, dass ein E. tereticollis als eigene Spe-
cies neben E. proteus nicht zulässig ist. Uebrigens haben Duj ar-
din (Hist. nat. d. Helm. p. 529) und Die sing (Syst. helminth. IL
p. 51) den E. tereticollis auch schon ausgeschieden und mit dem
E. proteus identificirt.
Ueb. d. Uterusglocke u. d. Ovarium d. Echinorhynehen. 365
über das Ovarium oder (da von einer Seite kein bestimm-
tes Organ hierfür angenommen wird) über den Entste-
hungsort der Eier bei den Echinorhynehen seit längerer
Zeit zwei ziemlich differente Ansichten geltend gemacht,
beide von ausgezeichneten Zoologen vertreten. Nach der
einen, die ihre Begründung v. Siebold 1) verdankt,
sprossen die Eier lediglich aus dem Ligamentum Suspen-
sorium hervor, fallen als Eierballen (lose Ovarien) in die
Leibeshöhle und entwickeln sieh hier zu den reifen Eiern,
indem sie sich von den Eicrballen ablösen um dann von
der Uterusglocke aufgenommen und in den Eileiter und
nach aussen geführt zu werden.
Der Begründer der zweiten Ansicht, Dujardin2),
verwirft das Lig. suspensor. als Boden für die Eierbil-
dung und nimmt denselben als auf die ganze innere Lei-
beswand (;ja la paroi interne de la cavite viscerale ou de
la couche musculaire" oder an einer andern Stelle „a la
face interne de la couche musculaire ou du sac visceral")
verbreitet an, so dass also hiernach die Eier ähnlich wie
die Echinococcus-Brut auf der inneren Fläche des Sackes
so hier von der ganzen inneren Wand des Echinorhyn-
ehen-Leibes hervorknopsen, und auf einem gewissen Sta-
dium der Entwickelung abfallen, in die Leibeshöhle ge-
rathen, und sich hier in der bekannten Weise weiter ent-
wickeln.
Was zuvörderst die zweite Ansicht betrifft, so scheint
es mir, dass Dujardin hauptsächlich durch einen beson-
deren Fall dazu geführt oder wenigstens darin befestigt
worden ist, der bisher, wie ich glaube, nicht gebührend
berücksichtigt worden ist. Er berichtet nämlich (Ilist.
nat. d. Helm. pag. 494) über eine sehr merkwürdige Ab-
weichung vom normalen Bau der weiblichen Geschlechts-
organe der Echinorhynehen: bei Echin. agilis Bud. aus
dem Darm von Mugil cephalus, einem Fisch des Mittel-
meeres, fand er statt der sonst bei allen Echinorhynehen
1) Burdach's Physiol. IL Bd. 2. Aufl. p. 199 und Lehrb. der
vergl. Anat. der wirbellos. Thiere p. 148. Anm. 1.
2) Hist. nat. des Helm. p. 484 u. 493,
366 Greeff:
terminalen Geschlechtsöffnung am hinteren Leibesende
diese Oeftnung seitlich gelegen und zu gleicherzeit als
zweite höchst auffallende Ausnahme von der Regel das
Ligamentum Suspensorium nebst Uterusglocke, Eileiter
u. s. w. vollkommen fehlend und statt dessen eine einfache
Leibeshöhle aller innern Organe entbehrend, vorne weit,
wo sie die Rüsselscheide und dieLemnisken umfasste, und
nach hinten eng und fast fadenförmig auslaufend. Es
würde also in diesem Falle allerdings kein anderer Boden
für die Entstehung der Eier übrig bleiben als die innere
Leibeswand. Wenn ich nun auch die Richtigkeit der
Beobachtung des ausgezeichneten Forschers nicht zu be-
zweifeln wage, zumal sich mir im Laufe meiner Echino-
rhynchen-Untersuchung keine Gelegenheit geboten hat
den seltenen Fall selbst zu prüfen, so möchte ich doch
mir erlauben einerseits darauf aufmerksam zu machen,
was mir gewiss jeder, der sich mit Echinorhynchen be-
schäftigt hat, zugeben wird, dass es oft der sorgfältigsten
Betrachtung nicht gelingt bei dem unverletzten Thiere
der weiblichen Geschlechtsorgane in den dichten sie über-
all umgebenden Eiermassen ansichtig zu wrerden. Versucht
man es aber jene Organe durch Präparation zu isoliren,
so zerreisst oft das Ligamentum Suspensorium mit den an-
hängenden Geschlechtsorganen in mehrere Stücke, die
sich alsbald vermöge ihrer muskulösen Elemente contra-
hiren und aufrollen und so zwischen den zu gleicher Zeit
aus der Leibeshöhle ausströmenden Eierballen und reifen
Eiern der Beobachtung schwer oder gar nicht mehr zu-
gänglich sind. Auf der anderen Seite ist hervorzuheben,
dass dieser von Duj ardin berichtete Fall bei E, agilis
der einzige bisher bekanntg ewordene ist, in dem das Lig.
susp. und die weiblichen Geschlechtsorgane *) ganz feh-
1) Was den E. agilis noch interessanter erscheinen lässt ist,
dass in dem Grade, wie die weiblichen Geschlechtsorgane verküm-
mert sind, die männlichen Zeugungsorgane um so kräftiger ent-
wickelt hervortreten. Es sollen nämlich bei den Männchen von
E. agilis, wie Dujardin (Hist. nat. d. Helm. p. 536) angiebt, statt
der sonst bei allen Echinorhynchen vorhandenen zwei Hoden sich
deren drei finden.
Ueb. d. Uterasglocke u. d. Ovarium d. Echinorhynchen. 367
len, wo man allerdings ausnahmsweise zu der obigen An-
nahme gedrängt sein würde. Die Ausnahme kann aber
nicht zur Regel gemacht werden. Es fragt sich daher,
ob abgeseh.cn von jenem besonderen Falle anderweitige
Gründe zu der Annahme vorhanden sind, dass auch bei
den übrigen resp. allen Ecliinorhynchen, wie Dujardin
dieses will, die Eikeime an der inneren Leibeswand her-
vorsprossen. A priori treten der Duj ar di n'sehcn An-
sicht manche Bedenken entgegen: die Echinorhynchen
sind getrennten Geschlechts, mit einem deutlich ausge-
prägten Nervensystem (Ganglion mit seinen Ausläufern in
der Rüsselscheide) wodurch sie sich vor allen übrigen Ein-
geweidewürmern auszeichnen; der männliche Geschlechts-
apparat ist ebenfalls auf einer verhältnissmässig hohen
Stufe der Entwickclung, indem überall zwei rundovale
grosse Hoden, die in sich haarförmige, lebhafter Bewe-
gung fähige Spermatozoiden entwickeln, vorhanden sind.
Unter den Hoden, von denen eigene Vasa deferentia nach
unten führen, liegen sechs schlauchförmige Drüsen und
unter diesen endlich das durch einen complicirten Bau
sich auszeichnende Begattungsorgan. Und sollte neben
einem so hoch entwickelten männlichen G.eschlechtsap-
parat der weibliche auf eine der ersten Stufen des Her-
maphroditismus zurückversetzt sein, indem die eigentlichen
Zeugungs or g anc ganz fehlen und bloss eine Knospung
an indifferenten Stellen der inneren Leibesw^and statt-
findet? Entscheidend ist natürlich bloss die direkte Beob-
achtung der Eibildung. Dujardin selbst führt, mit
Ausnahme des obigen Falles , nichts hierauf Bezüg-
liches an, sondern stellt einfach ^seine Ansicht hin und
der v. Si eb o 1 d'schen gegenüber. Auch von anderer
Seite sind keine für die D uj ar d in'sche Meinung zeu-
gende Beobachtungen bekannt geworden. Ich für meinen
Theil habe vielfach die innere Leibeswand der Echino-
rhynchen auf diesen Punkt untersucht, aber mich weder
bei dem sich entwickelnden noch bei dem geschlechts-
reifen Thiere von dort hervorsprossenden und sich ablö-
senden Eikeinien überzeugen können. Es finden sich
allerdings, besonders in den jüngeren Entwickelungssta-
368 Greeff:
dien, überall in die innere Leibeswand grosse Kerne und
Zellen eingestreut , die aber unzweifelhaft, wie ich auf's
genaueste verfolgt habe, dem sich entwickelnden Muskel-
schlauche angehören, und sich niemals zu Eiern resp.
Eierballen entwickeln und abfallen.
Ich kann desshalb die D u j a rd i n'sche Ansicht im
Allgemeinen dem thatsächlichen Befund nicht für ent-
sprechend halten !), besonders da ich den wirklichen Bo-
den für die Eibildung resp. das Ovarium bei versebie-
nen Eehinorhynchen glaube gefunden zu haben.
Doch das führt mich zunächst zu der zweiten von
v. S i e b o 1 d zuerst ausgesprochenen Meinung, nämlich class
die Eibildung im Ligamentum suspens. vor sich gehe oder
vielmehr dass das Lig. susp. selbst die Eikeime producire.
v. Siebold gründet seine Ansicht auf eine treffende
Beobachtung an Echin. gibbosus 2). Er fand hier die Liga-
mente mit grossen körnigen Kugeln besetzt, während er
in der Leibeshöhle lose Ovarien und Eier vermisste, und
schliesst hieraus ganz richtig, dass diese Kugeln die spä-
teren losen Ovarien selbst seien, v. Sicbold scheint in-
dessen hier nicht das Ligament sondern das Ovarium selbst
vor Augen gehabt zu haben; die das letztere mehr oder
minder umschliessenden Ligamenttheile hat er übersehen,
was um so leichter geschehen konnte, da er, wie es scheint,
diese Organe bloss in dem unverletzten Thiere durch
die Hautdecken beobachtete. Der v. Sieb ol d'schen Mei-
nung hat sich G. Wagener3} und auch Pagcnste-
1) Ich nehme natürlich den oben erwähnten Fall bei E. agilis
vorläufig aus, in der Hoffnung mich bald selbst von der Richtigkeit
desselben überzeugen zu können.
2) Burdach's Physiol. II. p. 200 und Lehrb. der vergl.Anat.
p. 148. Anm. 1.
3) Wagen er (Zeitschr. f. wiss. Zool.IX. p. 182) sucht ne-
benbei die beiden Ansichten von Du j ardin und v. Siebold zu
vereinigen, indem er dafür, dass neben dem Lig. susp. auch an der
inneren Körperwand die Eibildung stattfinden könne, die Beobach-
tung anführt, dass das Lig. susp. oft nur mit Gewalt von den Kör-
perwänden sich trennen Hesse. Das möchte indessen wohl eher ge-
gen als für die D uj ardi n'sche Ansicht sprechen, da wohl gerade
an den Stellen der inneren Körperwand, die von dem Lig. susp. so
Ueb. d Uterusglocke u. d. Ovarium d. Eehinorhynclien. 369
eher angeschlossen. Wenn man bloss ältere Eehinorhyn-
clien, die schon in dem Darm ihres eigentlichen Wo-hn-
thieres angekommen sind, und bei denen meistens die
Leibeshohle schon mit Eiermassen erfüllt ist, untersucht,
wie dieses von den obigen Forschern hauptsächlich ge-
schehen zu sein scheint, so möchte es schwer fallen eine
andere Ansicht zu gewinnen, als dass das Lig. susp. selbst
die Stätte der Eibildung ist. Bei jüngeren Kratzern in-
dessen, die noch in Zwischenträgern der Uebertragung
in den Darm eines für sie passenden Wohnthieres harren,
um erst zur Geschlechtsreife zu gelangen, lässt sich dias
thatsächliche Verhalten ohne grosse Schwierigkeit erkennen,
nämlich, dass die von der Rüsselscheide entsprin-
genden Ligamentt heile ein eigenes selbst-
ständiges Ovarium umschliessen, aber nicht
dieses letztere selbst sind, mit anderen Worten, es
gelingt dabei oft leicht die Isolirung des Ligamentes vom
Ovarium, so dass sich jedes besonders zur Anschauung
bringen lässt. Die Form des Ovariums ist entweder ein
einfaches mehr oder minder länglich ovales Blatt, an dem
äusserlich die Eier hervorsprossen, wie es z. B. bei E. po-
lymorphe (Unters, über E. mil. pag. 131) zu sein scheint
und E. gibbosus, dem oben erwähnten Siebold'schen
Fall, oder es ist ein mehr oder minder geschlossener
Schlauch, an den sich das Ligament eng anlegt, und wo
also die Eier auf der Innenseite hervorsprossen. Bei Ech.
polymorphus, dem im Gammanis pulex sein Zwischen-
wohnort (zwischen Ei und Geschlechtsreife ) angewiesen
ist, glaube ich dieses Verhältniss sowohl aus der Ent-
wickelungsgeschichte wie durch Präparation an Echin. mi-
liarius (siehe meine „Untersuchungen über E. mil." p. 118
u. 131. Taf. III. Fig. 2.) deutlich erkannt zu haben. Das-
selbe lässt sich an Echin. proteus, der ebenfalls im Gam-
marus pul. seine Jugendzeit, wie wir durch Leuckart
wissen, verlebt, nachweisen. Ich habe seitdem mich viel-
fach bemüht noch andere Zwischenträger für Echinorhyn-
dicht bedeckt und mit demselben so fest verklebt sind, dass sie
sich nur mit Gewalt trennen lassen, wohl kaum eine Eibildung
stattfinden kann.
Archiv f. Naturg. XXX. Jahrg. 1. Bd. 24
370 Greeff:
chen aufzufinden, theils um mich fernerhin von dem obi-
gen Verhältnisse zu überzeugen, theils um den Echino-
rhynchen in ihren Wanderungen, die nach den Beob-
achtungen an E. polymorphus und proteus mir ebenso wie
bei anderen Helminthen zu ihrer naturgemässen Entwik-
kelung zu gehören schienen, nachzuspüren. Es ist mir
dieses auch noch für einen dritten Echinorhynchen ge-
lungen, nämlich für E c h. a n g u s t a t u s, dessen J u-
gendform ich in der Wa s s e r a s s e 1 ( A s e 1 1 u s a qua-
ticus) fand, wo dieser Parasit eine solche Grösse er-
reicht, dass er fast die ganze Leibeshöhle seines Wirthes
ausfüllt. Und gerade hierbei habe ich auch eine für die
obige Frage interessante Beobachtung gemacht: der Wurm
liegt nämlich in der Weise wie der E. proteus und poly-
morphus im Gammarus pulex mit eingezogenem Rüssel
in der Assel in Form einer rundlichen gestreckten Puppe.
Um ihn nun durch gelinden Druck zur Ausstülpung des
Rüssels zu bewegen, bedeckte ich ihn, auf einem Objekt-
glase isolirt, mit einem Deckgläschen und beobachtete
ihn dann unter massiger Yergrösscrung. Während der
Rüssel mit seinen schon fast fertigen Haken sich lang-
sam nach aussen stülpte, bemerkte ich, dass die Rüssel-
scheide, indem sie sich ebenfalls dem Rüssel folgend nach
vorn schob , einen mit Eierballen (losen Ovarien) prall
gefüllten Schlauch nach sich zog. Der Schlauch lag frei
in der Leibeshöhle, wie auch schon daraus hervorging,
dass er ohne Hinderniss den Bewegungen der Rüssel-
scheide, folgte. Als die Ausstülpung des Rüssels noch
nicht vollendet war, barst der Eierschlauch, wohl theils
durch den Druck des Deckglases, theils durch den for-
cirten Zug der Rüsselscheide verursacht, im vorderen
Drittheil und die Eierballen ergossen sich strömend aus
dem Risse in die Leibeshöhle. Die hintere Hälfte des
Schlauches war indessen noch gefüllt und endigte als ab-
gerundeter geschlossener Sack vor der Uterusglocke, in
die ein einfacher Strang als Fortsetzung des Schlauches
eintrat. In diesen Strang waren durch keinerlei Manipu-
lationen die Eierballen hineinzutreiben. Es geht nun also
auch aus dieser Beobachtung hervor, 1. dass auch bei
Ueb. d. Uterusglocke u. d. Ovarium d. Echinorhynchen.
371
Echin. angustatus die Eibildung in einem in der Längs-
achse des Leibes frei liegenden geschlossenen Schlauche
erfolgt, 2. dass bei demselben Parasiten schon in seinem
Zwischenwirthe, dem Asellus aquaticus (also schon vor der
Begattung) innerhalb dieses Schlauches die bekannten Eier-
ballen sich vollständig ausbilden1), und 3. dass dieser
Schlauch nach hinten blind endigt und mit der Uterus-
glocke in keiner directen Communication steht. Dieser
letzte Punkt führt nun zu der Frage, ob überhaupt eine
directe Verbindung zwischen Ovarium und Uterusglocke
besteht, resp. ob die vom Ovarium in und an die Glocke
tretenden Fortsätze Eileiter sind , wie man angenommen
hat und wie neuerdings von P a g e n s t e c h e r hervorge-
hoben ist. Für E. proteus glaube ich jedwede direkte
Eileitring durch die beiden vom Ovarium in und an die
Glocke tretenden Ligamentthcile nach genauer Untersu-
chung in Abrede stellen zu müssen (siehe die» beifolgende
Tafel VI. Fig. 1, b it. c). Es sind einfache Fortsätze oder
Stränge, die der Glocke zum Halt und zur Befestigung
an die von der Rüsselscheide zur hinteren Geschlechts-
öffnung ziehenden Längsachse dienen. Von eben demsel-
ben Verhältniss habe ich mich bei Echinorh. angustatus
(wie auch aus der oben mitgetheilten Beobachtung her-
vorgeht) und Echin. tuberosus überzeugt, bei denen nur
ein einfacher Fortsatz in die Höhlung der Glocke ein-
tritt. Bei Echin. polymorphus habe ich früher durch die
Untersuchung an dessen Jugend form E. miliarius den in
die Glocke eintretenden Fortsatz als hohl auffassen zu
müssen geglaubt, was um so leichter geschehen konnte,
da auf diesem Stadium noch keine Eier gebildet sind, und
also die Eileitung oder Nichtleitung nicht gegrüft werden
konnte. Seitdem ich aber an dem geschlechtsreifen und
mit Eiern erfüllten Echin. polym. diesen Punkt aufs Neue
1) Bei E. polymorphus und proteus erstreckt sich die Eibil-
dung-, so lange sie in ihrem Zwischenwirthe dem Gammarus pulex
wohnen, nicht bis auf die Eierballen, sondern die Eikeime kommen
nicht über das einfache Zellenstadium mit mehreren Kernen hinaus.
(Meine „Untersuchungen über E. mil." p. 131.)
372 Greeff:
ins Auge gefasst, habe ich mich auch hier von einer Ei-
leitung im obigen Sinne nicht überzeugen können. Die
Eier werden vielmehr lediglich von der oberen Oeffnung
der Glocke aus der Leibeshöhle aufgenommen und in den
unteren Eileiter geführt, nach dem bekannten Mechanis-
mus, wie ihn v. S i e b ol d in so trefflicher Weise beschrie-
ben und wie er von anderen vielfach bestätigt' worden
ist *). Die beifolgende Figur 1 Taf, VI soll ein übersicht-
liches Bild des ziemlich complicirten Baues und ihres
Zusammenhanges mit dem Ovarium geben, einem ge-
schlechtsreifen Weibchen von Echin. proteus, aus dem
Darm von ßarbus fluviatilis entnommen. Die Pfeile be-
zeichnen den Cours der Eier von der oberen Oeffnung (e)
zur unteren (f), von wo sie entweder in die Leibeshöhle
zurückgestossen werden oder in den offen stehenden
Trichter (g) fallen, um dan nnach unten in die Scheide ge-
schoben zu« werden. Häufig werden auch von dem Trich-
ter aus wiederum Eier in die Leibeshöhle abgegeben, wenn
1) v. Siebold hat die Bewegungen der Glocke bloss durch
die Körperdecken bei uneröffneter Bauchhöhle beobachtet und be-
richtet, dass, so wie die letztere doch eröffnet worden, es augen-
blicklich mit den Bewegungen der Glocke vorbei gewesen wäre.
Ich habe nun eine einfache Methode gefunden, um die Glocke ganz
isolirt noch in ihren vollen Bewegungen beobachten zu können. Ich
lege nämlich den Echinorhynchus, so wie er dem frischen Darme
entnommen ist, in wenig Hühnereiweiss auf eine Glasplatte, trenne
mit einem scharfen Messer die Schwanzspitze und den vorderen
Theil des Körpers unterhalb der Rüsselscheide ab, so dass also nur
noch das mittlere Rumpfstück bleibt; indem ich dann dem vordem
Ende dieses letzteren eine Nadel aufsetze, streiche ich mit einem
Messerrücken oder einer zweiten Nadel sanft andrückend allmäh-
lich von vorn nach hinten den ganzen Inhalt aus der Leibeshöhle
heraus. In diesem Inhalte, der hauptsächlich aus den milchweissen
Eiermassen besteht, sucht man nun unter dem Mikroskope die
Glocke, die man sehr bald an den in dem Eiweiss sich erhaltenden
Bewegungen erkennt. Man kann dieselbe nun noch weiter in Ei-
weiss mit dem oben und unten anhängenden Ovarium und Eileiter-
Stücke isoliren, um sie mit einem Deckplättchen' (unter dem sich
die Bewegungen auch fortsetzen) zu bedecken und bei stärkeren
Vergrösserungen zu studiren.
Ueb. d. TJterusglocke u. d. Ovarium d. Echinorhynchen. 373
derselbe sowie der untere Eileiter angefüllt ist. v. Sie-
bold und nach ihm Stein (V. Carus Atlas) geben an,
dass bloss die unreif e n Eier durch die untere Glocken-
öffnung wieder in die Leibeshöhle zurückgegeben würden,
während den reifen stets die glückliche Durchfahrt in den
Einleiter gestattet sei. Diese allerdings sehr zweckmäs-
sig scheinende Einrichtung kann ich nach meinen Beob-
achtungen nicht bestätigen. Reife sowohl wie unreife
Eier wurden ohne diese sorgfältige Auswahl aus der un-
teren Glockenöffnung entweder wieder zurückgetrieben,
oder durch den Trichter aufgenommen. Zuzugeben ist
indessen, dass die reifen Eier wegen ihrer gestreckteren
und an den Längsenden zugespitzten Spindelform eher
Aussicht haben direkt aus der unteren Glockenöffnung in
den Trichter zu fahren, als die mehr ovalen und kürzeren
unreifen Eier. — Die Glocke selbst hat dicke muskulöse
Wandungen. Leydig !) giebt an, dass die Muskeln der
Uterusglocke quergestreift seien, und bezeichnet dieses
als das einzige Beispiel von echt quergestreifter Musku-
latur bei den Helminthen. Ich kann diese Beobachtung
des ausgezeichneten Histologen nicht bloss vollkommene
bestätigen, sondern auch dahin erweitern, dass sich diese
Querstreifung von der Glocke auch auf den ganzen un-
teren Eileiter fortsetzt. Was die theils in theils an der
Glocke liegenden grossen einzelligen Drüsen (Fig. 1. h u.
h') betrifft, deren auch mehrere im Ovarium sich finden
(Fig. 1 a'), so habe ich an einigen derselben eine höchst
merkwürdige Beobachtung gemacht. Bei den Drüsen näm-
lich, die ich mit h' bezeichnet habe, sieht man schon bei c.
300-facher Vergrösserung eine deutliche regelmässige ra-
diäre Streifung rund um den in der Mitte der Drüsenzelle
liegenden grossen Kern herumlaufen. Prüft man dieses
Objekt genauer, so bemerkt man, dass die Streifung nach
innen und aussen durch ziemlich scharfe Contouren be-
grenzt ist (siehe Fig. 2), mit anderen Worten, es erweist
sich, die sehr verdickte Wandung des Kernes als Träger
dieser sonderbaren radiären Streifung. Stellt man den
1) Lehrbuch der Histologie des Menschen u. d. Thiere p. 135,
374 Greeff:
Tubus auf die obere Fläche des Kernes ein, so zeigt sich
diese überall glcichmässig punktirt, was also wohl als das
Bild der in der ganze Kern wand ung eingebetteten Strei-
fung anzusehen ist. Was nun die Frage nach der Bedeu-
tung dieser eigenthümlichen Erscheinung betrifft, so wüsste
ich für meinen Theil bloss eine Antwort, nämlich die Strei-
fung sei der Ausdruck von feinen radiären Porenkanälen
in den Wandungen des Kernes. Welcher physiologi-
sche Antheil nun ferner diesen Kernporen (Vorausge-
setzt, dass es welche sind) zuzuertheilen ist für die Bil-
dung oder Funktion der betreifenden Drüse, oder welche
Wechselwirkungen diese Poren zwischen Kern und des-
sen unmittelbarer Umgebung resp. dem Zellen -Proto-
plasma vermitteln, darüber, wage ich keine Meinung aus-
zusprechen, besonders da dieses Beispiel, so viel ich weiss,
das einzige ist was von derartigen Kernen bisher bekannt
geworden ist.
Von den weiteren Theiien des Geschlechtsapparates,
dem auf die Uterusglocke nach hinten folgenden Eileiter
und der eigenthümlichen äusseren Geschlechtsöffnung mit
den anhängenden Drüsen brauche ich wohl eine Beschrei-
bung nicht hinzuzufügen, da dieselben schon anderwärts
durch G. W a g e n e r, Pagenstecher und mir erörtert
worden und nebenbei auf der beifolgenden Tafel Fig. 1, i
und Fig. o abgebildet worden sind.
Ausserdem habe ich die Ilauptstadien der Eibilclung
in Fig. 4 — 13 aufgezeichnet, die auch in meiner früheren
Abhandlung eine Besprechung gefunden haben. Fig. 4
ist ein Zellenhaufen, wie deren in den früheren Entwicke-
lungsstufen im Ovarium mehrere (gewöhnlich 2 oder 3)
vorkommen und einzelne junge Zellen sich allmählich
durch Kern und Protoplasma - Theilung zu den grossen
körnigen Kugein (Fig. 5 und 6) wie sie v. Siebold bei
Echin. gibbosus sah, heranbilden, aus denen dann durch
weiteres Wachsthum die Eierballen (Fig. 7 u. 8) entstehen.
Von diesen lösen sich die oval gewordenen einzelnen Eier
ab und entwickeln sich selbständig in der bekannten Weise
Zu den reifen Eiern aus (Fig. 9 — 13).
Ueb. d. Uterusglocke u. d. Ovarium d. Echinorhynchen. 375
Erklärung der Abbildungen.
Taf. VI.
'ig. 1. Ovarium und Uterusglocke von Ecbin. proteus bei massi-
ger Vergrösserung.
a. Ovarium vom Ligam. susp. umschlossen,
a'. Drüsen im Ovarium.
b. u. c. Fortsätze des Ligam. susp. in und an die Glocke
tretend.
d. Uterusglocke.
e. Obere Oeffnung der Glocke.
f. Untere Oeffnung der Glocke.
g. Trichter , der die durch die Glocke eingeführten reifen
Eier aufnimmt und in den Eileiter führt.
Die Pfeile zeigen den durch die peristaltischen Bewegun-
gen der Glocke erzeugten Strom der Eier an.
h. u. h'. Einzellige Drüsen der Uterusglocke.
Die mit h' bezeichneten besitzen constant einen radiär
gestreiften Kern,
i. Eileiter.
ig. 2. Stärker vergrösserter Kern aus h'.
ig. 3. a. Fortsetzung des Eileiters von Fig. 1 i, resp. unteres
Stück desselben.
b. Vordere trichterförmige in den Eileiter .sehende Oeff-
nung der äusseren Geschlechtstheile.
c. Einzellige Drüsen der letztern.
ig. 4 — 13. Entwickelungsstadien der Eier.
4. Embryonaler Zellenhaufen.
5 u. 6. Einzelne Zellen des letztern durch Kern- und Proto-
plasma-Theilung zu grossen das Ovarium besetzenden Ku-
geln herangewachsen.
7 u. 8. Eierballen (lose Ovarien v. Siebold's).
9 — 13. Entwickelung der einzelnen .Eier mit ihren Häuten
nach der Ablösung vom Eierballen.
12. a, b, c. Die drei Eihäute des reifen Eies.
d. Der Embryo mit seinen am vorderen Ende befindlichen
stäbchenförmigen Stacheln.
e. Der centrale Körnerhaufen des Embryo.
13. Zeigt den häufig vorkommenden zuerst durch v. Siebold
gesehenen Zerfall der äussern Eihaut in Fäden und Falten.
Bonn, Druck von Carl Georgi.
Fig.2.
Taf.JB
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Fig.3
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Taf. 17.
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