^3&*
mm
mm*
wM
^m^.
*tm.
Zf#ms
ARCHIV
FÜR
NATURGESCHICHTE
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN,
FORTGESETZT VON W. F. ERICH SO N.
IN VERBINDUNG MIT
PROF. W- LE UCK ART IN LEIPZIG
HERAUSGEGEBEN
Dr. F. E. TROSCEEL,
FRÖFESSOR AN DER FRIEDRICK-WILHELMS-UNIVERSITÄT ZU BONN.
EIN UND VIERZIGSTER JAHRGANG.
Erster Band.
Mit 10 Tafeln.
Berlin,
Nicolaische Verlagsbuchhandlung.
(Stricker.)
1875.
Inhalt des ersten Bandes.
Zoologisch-embryologische Untersuchungen. Von M. Ussow
(Fortsetzung von pag. 372 des vorigen Jahrgangs). Die
Mantelthiere j
Ueber Equus bisulcus Molina's. Von H. B u r m e i s t e r, Director
des Museums zu Buenos Ayres 19
Beitrag zur Metamorphose der zweiflügeligen Insekten. Vom
Forstmeister Th. Bei in g in Seesen am Harz. ... 31
Ueber taube und abortive Bieneneier. Von Dr. Rud. Leu-
ckart in Leipzig 58
Die Zoophyten. Ein Beitrag zur Geschichte der. Zoologie. Von
Dr. Rud. Leuckart in Leipzig 70
Ueber die Rieseneidechse der Inseln des grünen Vorgebirges.
VonTroschel. Hierzu Tafel 1 111
Ueber Nahrung und Lebensweise der Salme, Forellen und Mai-
fische. Von der phil. Facultät in Bonn gekrönte Preis-
schrift. Von Dr. Dietrich Barfurth 122
Ueber die geographische Verbreitung der europäischen Cherne-
tiden (Pseudoscorpione). Von Ant. Stecker in Prag. 150
Beobachtungen an neuen und bekannten Helminthen. Von
Dr. von Linstowin Ratzeburg. Hierzu Taf. II— IV. — 183
Beitrag zur Kenntniss der Gattung Serolis und einer neuen
Art derselben. Von Prof Dr. Ed. Grube. Hierzu Tafel
V und VI 203
J2/00
IV Inhalt.
Seite
Ueber den Generationsapparat der Araneiden. Ein Beitrag
zur Anatomie und Biologie derselben. Von Dr. Bert-
kau. Hierzu Taf. VII 235
Beiträge zur Naturgeschichte der Hydrachniden. Von Dr. P.
Kr am er in Schleusingen. Hierzu Tafel VIII und IX. 263
Ueber die Knospung der Cuninen im Magen der Geryoniden.
Eine vorläufige Mittheilung von B. Uljanin aus Moskau. 333
Beschreibung eines Finnwales, Balaenoptera musculus Camp.
Von Professor G. Zaddach in Königsberg. Hierzu
Taf.X 338
Zoologisch-embryologisclie Untersuchungen.
Von
M. Ussow.
(Fortsetzung von pag. 372 des vorigen Jahrgangs.)
Die Mantelthiere.
Mit der genaueren Kenntniss der Anatomie und be-
sonders der Entwicklungsgeschichte der verschiedenen
Arten der Tunicaten, findet unter den neuesten Zoologen *)
die Meinung von der Verwandtschaft der Mantelthiere
mit den Weichthieren (Acephala, Molluscoidea, Himatega),
welche lange Zeit die herrschende gewesen, immer weniger
Anhänger. Seit dem Erscheinen der epochemachenden
Arbeit von A. Kowalevsky 2) über die Embryologie der
einfachen Ascidien und einiger späterer 3) nicht weniger
fruchtbarer und interessanter sich auf denselben Gegen-
stand beziehender Untersuchungen desselben Gelehrten,
— so wie auch der Arbeiten Kupfer's 4), El. Metschni-
1) Haeckel Gener. Morphol. Bd. IL p. CVI, CVII, 413. —
Gegenbaur Vergl. Anat. 2te Aufl. p. 474. — Huxley Comp^
Anat. Less. V.
2) Entwickelungsgesch. d. einf. Ascid, Mem. d. l'Acad. d. St.
Petersb. T. X. 1866.
3) Weitere Studien üb. d. Entw. d. einf. Ascid. Arch. f. mi-
crosc. Anat. Bd. VII. p. 101. — Nachr. d. K. Ges. d. Wiss. p. 401
u. f. 1868. — Ueb. d. Knosp, d. Perophora Listeri Wiegm. Zapiski
d. Naturf. Ges. z. Kiew Bd. III. Abth. I. Z. f. wiss. Z. p. 285 1871.
4) Arch. f. microsc. Anat. p. 459—1869, p. 115-1870, p. 358
-1872.
Archiv f. Naturg. XXXXI. Jahrg. Bd. 1. 1
2 Ussow:
koffs *), Ganin's2) u. a., welche die von A. Kowa-
levsky erhaltenen Resultate bestätigten und ergänzten,
— hat sich die Ansicht über die phylogenetische Ver-
wandtschaft der Mantelthiere mit den Wirbelthieren, und
zwar mit deren niedrigsten Formen (Amphioxus), Geltung
in der Wissenschaft verschafft. Die auf Grund der oben
angeführten Forschungen nothwendig gewordene Ausschei-
dung der Mantelthiere aus dem Molluskentypus wird jetzt
mehr oder weniger von allen Zoologen zugegeben, wobei
einige derselben, wie Gegenbaur3) und E. Haeckel4),
die Mantelthiere den Würmern hinzuzuzählen für möglich
halten, — andere aber, wie Ose. Schmidt5), welche die
Klassifikation hauptsächlich auf embryologische Daten be-
gründet wissen wollen, aus ihnen eine besondere, selbst-
ständige Klasse der Urwirbelthiere bilden. Anderseits
jedoch giebt es auch noch heute nicht wenige Gelehrte
(Lacase-Duthiers 6), Dönitz 7), Hertwig 8), Baer 9),
welche den Mantelthieren eine jede Verwandtschaft mit
den Wirbelthieren absprechen, und in ihnen scharf ausge-
prägte Charaktere des Weichthiertypus finden.
Bei meinen Studien der Mantelthiere stellte ich mir
zur Aufgabe: einerseits durch eigene Untersuchungen die
hochwichtigen Ergebnisse ihrer Entwickelungsgeschichte
zu prüfen, anderseits verschiedene Lücken und streitige
Fragen in Betreff ihrer Anatomie möglichst aufzuklären.
In letzterer Beziehung suchte ich vorzüglich zu erforschen:
1) den Bau des Nervensystems und seine Umbildungs weise
1) Bull. d. l'Acad. d. St. Petersb. T. XIII. p. 293. 1869. — Z.
f. wiss. Z. p. 339 XXII. 1872.
2) Neue Thatsachen aus Entwickelungsgeseh. d. Ascid. in. Z.
für wiss. Z. 1870. p. 512.
3) Vergl. Anat. 2te Aufl. p. 158, 474. 1870.
4) Natürl. Schpfgsgesch. 4te Aufl. p. 448, 466, 467. 1873.
5) Vergl. Anat. 6te Aufl. p. 248. 1872.
6) Rech. s. l'organ. d. Pembryog. des Ascidies Cpt. rend. p.
1154. 1870.
7) Arch. f. Physiol. p. 762. 1870.
8) Jen. Zeitschr. Bd. VII. p. 46. 1872.
9) Mem. d. l'Acad. d. St. Petersb. T. XIX 8. 1873.
Zoologisch-embryologische Untersuchungen. 3
aus der dem Embryonal- und Larvenzu stände eigenen Form,
die bis jetzt nur sehr oberflächlich untersucht und be-
schrieben worden; 2) den feineren Bau sämmtlicher
Sinnesorgane der Mantelthiere, welcher auch noch nicht
genügend erkannt worden, 3) die Structur des inneren und
besonders des äusseren Mantels, und dann der Circulations-
und Ernährungsorgane, wo sich ebenfalls noch wichtige
ungelöste Fragen darboten.
In verschiedenen Richtungen sind von mir folgende
Formen erforscht worden: I. Sitzende Tunicaten: —
Ascidia mammülata, intestinalis, canina, mentula. — Cyn-
thia microcosmus, papulosa, ampuloidea. — Clavellina lepa-
diformis. — Botryllus sniaragdus, auratus. — Diazone vio-
lacea. — IL Schwimmende Tunicaten: Appendicularia
furcata, flagellum, coerulescens. — Pyrosoma gigas, Salpa
africana — maxima, democratica — mucronata, rimcinata
— fusiformis, bicaudata, pinnata. — Döliolum Ehrenb.,
Nordm., Müll. —
Ich gehe nun zur gedrängten Zusammenstellung der
Ergebnisse meiner Untersuchungen über.
I. Das Nervensystem, seine Anatoinie, feinerer Bau und
Bildungsweise.
Alle von mir untersuchten Mantelthiere (die Apendicu-
larienart ausgenommen) haben einen e i n z i g e n unpaarigen
(0,1 — 1,5 Mm.) Nervenknoten (Centralganglion, Aut.),
welcher analog und zugleich homolog ist dem Central-
theile des Nervensystems der niederen Wirbelthiere (Am-
phioxus). Er liegt stets an der Mittellinie an der Rücken-
fläche der Mantelthiere, unweit oder dicht am Eingange
in die Athemhöhle. Sowohl der Nervenknoten als auch
alle peripherischen Nerven befinden sich in der durchsich-
tigen Schicht des inneren Mantels, in welcher auch die
Muskelbündel und das netzfaserige Bindegewebe (Haut-
muskelschlauch) eingebettet sind. Die Vertheilung der
Nervenelemente im Ganglion ist sehr einfach und ein-
förmig. Die meistentheils multipolaren Nervenzellen (Gym-
nocyta) liegen gewöhnlich schichtenweise im periphe-
rischen Theile des Ganglion, während das Centrum des-
4 Ussow:
selben von ihren Fortsätzen, welche in der Richtung der
Längenaxe des Knotens verlaufen, ausgefüllt wird.
Alle Nervenelemente, abgerechnet ihre unbedeutende
Grösse (0,003—0,02 Mm.) und die völlige Abwesenheit der
s. g. Markscheide, unterscheiden sich wenig von den Ele-
menten des Nervengewebes, welche sich z. B. im Cerebel-
lum, in dem Gangl. Hasser, und in den anderen Theilen
des Centrainer vensystems der Wirbelthiere (besonders der
Fische) finden. Der s. g. Schlundnervenring, welcher von eini-
gen Gelehrten (Chiaje1), Eschscholz2) u.a.) beschrieben
worden ist, fehlt allen von mir untersuchten Tunicaten.
Die Zahl der peripherischen, sich unabhängig vom Gang-
lion entwickelnden Nerven ist bei verschiedenen Arten,
Sippen und Generationen (Salpen) sehr verschieden. Sie
variirt zwischen drei Einzel-Nerven (Cynthia papulosa) und
36 Paaren von Nerven (Salp. maxima, pinnata, bicaudata
u. a.). Peripherische Nervenknoten finden sich bei den
Appendicularien, während bei allen übrigen Mantelthieren
weder im Embryonalzustande, noch im ausgebildeten solche
Knoten vorkommen. Die Ganglia caudalia der Appendicu-
larien, 10—18 an der Zahl, welche vermittelst eines unteren
Nerven des Centralganglion unter sich verbunden sind,
bilden eine in den s. g. Ruderschwanz hineinreichende
Kette 3), die über dem s. g. Axenstrange (ähnlich der
chorda dorsalis) verläuft. Etwas Gemeinschaftliches im
Bauplane des Nervensystems der Appendicularien und dem
des Embryo und der Larven der Ascidien, bietet uns die
Eintheilung ihres Centralganglions in drei, besonders bei
Appendicularia flagellum bemerkbare Theile. Das centrale
Ganglion dieses Thieres ist nämlich eingetheilt: 1) in
einen oberen, kegelförmigen Theil mit 3 Nervenpaaren;
2) in einen mittleren, kugelförmigen Theil mit dem ihm
1) Notom. degli anim. invert. V. III. p. 28, 29.
2) Isis p. 5. 1824.
3) Müll. Arch. p. 106, 1846, — Leuckart Zool. Unters.
Heft II. p. 85, — Phil. Trasact. p. 596 Th. XVIII f. 2 m. 1851. —
Kowalevsky Entwickelungsgesch. d. ein! Ascid. p. 13 — dess.
Ant. Zapiski d. Naturf. Ges. z. Kiew Bd. III. Abth. I. p. 47.
Zoologisch-embryologische Untersuchungen. 5
aufsitzenden Ohrbläschen und 3) in einen unteren keil-
förmigen Theil mit zwei paarigen, und einem unteren un-
paarigen Nerven, welcher letztere gleichsam die Fortsetzung
des Ganglion bildet, und bis zum Ende des Ruderschwanzes
sich erstreckt. Eine ähnliche Gliederung des Centralgang-
lions (bisweilen mit einem Ueberreste der Centralhöhle
oder des „Centralcanals") finden wir bei den sitzenden,
aber nur sehr jungen Ascidien, z. B. den Cynthien (Cyn-
thia microcosmus). Ueberhaupt kann das Nervensystem
der Mautelthiere im Regressivzustande, was den morpho-
logischen Plan seines Baues, und noch mehr den Typus
seiner embryologischen Entwickelung anbetrifft, keines-
wegs mit dem Nervensystem der Mollusken verglichen
werden (Baer).
Die bei den Mantelthieren völlige Abwesenheit des
bei den Mollusken beständigen und für sie ckarakteristi-
schen Schlundnervenringes, — die Einheit im Baue ihres Cen-
tralganglions und die Entwickelung aller Theile ihres Central -
nervensystems aus dem oberen Keimblatte, in der Form einer
in drei Theile sich gliedernden Nervenröhre — sind That-
sachen, welche die ihnen irrthümlich zugeschriebene Ho-
mologie fs. g. Siphonalganglien bei Teredo navalis) *) ent-
schieden verneinen.
Aus der vergleichenden Uebersicht des Nervensystems
bei den verschiedenen Arten der Mantel thiere, lassen sich
folgende Schlüsse ziehen: bei den Appendicularien ist der
Bauplan des Nervensystems eingermaassen dem der Asci-
dien ähnlich; — das Nervensystem der Pyrosomen kann
als eine Uebei gangsform zwischen dem umgebildeten Nerven-
system der erwachsenen Ascidien und dem Bautypus des
Nervensystems der Salpen und Cyclomyarien betrachtet
werden.
Der Umbildungsprocess des Nervensystems der
Ascidienlarven fängt sogleich nach ihrer Befestigung an
(s. g. sitzende Form). Der Nervenknoten wird durch Ver-
1) 13a er loc. cit. p.
6 U s s o w :
mehrung der Embryonalzellen,, die hauptsächlich den
unteren Theil der oberen Sinnesblase, und den oberen
Theil der Rumpfblase ausfüllen, gebildet. Der Schwanz-
theil („Rückenmark") der Embryonalnervenröhre wird ohne
Rest atrophirt. Das Pigment der Seh- und Hörorgane,
und auch alle übrigen Theile des sich auflösenden Nerven-
systems der Ascidienlarven, bilden sich zu Fetttropfen um,
welche allmählich von den jungen Nervenzellen, die immer
mehr und mehr die sich verengernde Höhle der Nerven-
blasen ausfüllen, resorbirt werden. Die Bildung der Blut-
körperchen ist nicht abhängig von der obenerwähnten Me-
tamorphose des schwindenden Embryonalsystems *). Auf
diese Weise geht die Umbildung des Embryonalnerven-
systems zu einem Centralganglion vor sich. Die gangliöse
Membran entwickelt sich aus der äusseren Zellenschicht
des jungen Nervenknotens. Zur Zeit der Bildung der
Kiemenspalten ist der Nervenknoten bereits beinahe voll-
kommen ausgebildet. Zahlreiche Fortsätze allmählich
länglich gewordener und sich theilender, anfangs kugel-
förmiger Zellen der Nervenblase füllen stufenweise deren
ursprüngliche Höhle aus. Die Entwickelung der periphe-
rischen Nerven geschieht auf dem Wege einer kettenför-
migen Zusammenwachsung einzelner Nervenzellen, die den
inneren Mantel ausfüllen. Das feinkörnige Protoplasma
dieser Zellen können wir als die ursprüngliche Substanz,
aus der die fibrillären Axencylinder der Nervenfasern ge-
bildet werden, ansehen. Die sternförmigen Zellen des
Bindegewebes bilden durch Zusammenwachsen das Neu-
rilemm aller genannten Nervenbündel.
II. Der Bau und die Bildungsweise der Sinnesorgane.
1) Die Gefühl- oder Tastnervenapparate,
welche bei allen Mantelthieren angetroffen werden, kann
man nach der Eigenthümlichkeit ihres Baues folgender-
maassen eintheilen.
a) Einfache, — sehr einförmig gebaute Apparate.
Die peripherischen, — - von unzweifelhafter Nervennatur, —
1) Müll. Arch. p. 317. 1852.
Zoologisch-embryologiaehe Untersuchungen. 7
multipolaren mit den dünnen Endzweigen der Nerven ver-
bundenen Zellen % entsenden zahlreiche Fortsätze, die sich
unmittelbar mit dem Protoplasma der Epithelialzellen
(, Nervenepithel") des inneren Mantels vereinigen.
b) Mehr zusammengesetzte Tastorgane der Tunicaten
sind stäbchenförmige, spitzzulaufende Fortsätze 2) eben
solcher nur etwas kleinerer, zuweilen gruppenweise sich
verbindender (Doliolidae) peripherischer Nervenzellen. Diese
Fortsätze finden sich in den Lippen und einigen anderen
Theilen des inneren Mantels bei einigen Arten schwim-
mender Mantelthiere (Salpidae, Doliolidae).
2) Riech organe. Die s. g. Flimmergrube von un-
zweifelhafter Nervennatur — welche nicht selten mit einem
besondern Nerven (Nervus Olphactorius — Salpaey JDoliolum,
Pprosoma u. a.) verbunden ist, entwickelt sich in der Form
einer Vertiefung der Epithelialschicht (aus dem oberen
Keimblatte) des inneren Mantels. Anfangs enthält sie nur
eine Höhle (diese bleibt für das ganze Leben bei Doliolum,
Pyrosoma und einigen Sippen der Salpen), deren Wände
sich darauf wiederum falten und dabei mehr oder weniger
zahlreiche, gekrümmte Flimmerhöhlen bilden (bei den
meisten sitzenden Mantelthieren und vielen Sippen der
Salpen). Bei der Ascidia mammülata steigt die Zahl der
einfachen Flimmerhöhlen bis auf 200, welche vermittelst
sich verzweigender, ebenso wie die Höhlen in der durch-
sichtigen mittleren Schicht des inneren Mantels sich lagern-
der blinder Flimmercanäle untereinander verbunden werden.
Die Oeifnungen der Flimmergruben befinden sich bei der
ebengenannten Ascidie im inneren Räume (Atrialraum,
— Huxley) zwischen der inneren Epithelialschicht und
der Wand des Kiemensackes. In den Höhlen findet sich
stets nur ein einschichtiges, bisweilen von besonderen, ku-
1) Aehnliche Zellen erwähnt Leuckart Zool. Unters. Heft
II. p. 23 wie auch bei den Heteropoden und anderen Mollusken. —
Z. f. wiss. Z. Bd. III. p. 325. — s. auch Boll Beitr. z. vergl. Histol.
p. 20.
2) Aehnlich wie bei anderen Mollusken s. Leydig Lehrb. d.
Histol. p. 212. - Schult ze's Arch. p. 448 Tf. XXV f. 6.
8 Ussow:
gelförmigen Pigmentzellen, deren Zahl mit dem Alter des
Thieres zu wachsen scheint, umgebenes Flimmerepithel
(besonders bei Ascidia mammülata).
3) Gehörorgane. Die s. g. Gehörbläschen kommen
vor : a) unpaarig, vereinzelt (Appendicularien, Cyclomyarien)
— b) paarig, ohne Canäle (Pyrosomen) l) und c) paarig,
mit zwei Canälen versehen (Salpen) 2). Die Lage der Ge-
hörbläschen ist bei verschiedenen Arten der Tunicaten
sehr verschieden. Sie liegen öfters in der Nähe des Cen-
tralganglion (Appendicularien, Pyrosomen, Salpen) und sind
stets entweder mit einem besondern Nerven (Nervus acusti-
cus), der in ihren dünnen Wänden endigt, oder mit einem
sehr kurzen Stiele des Ganglion verbunden (Appendicularien,
Pyrosomen^. Bei den Salpen, wo sie die Form flacher
Trichter haben, liegen die Gehörbläschen mit ihrer Basis
dem Ganglion dicht an, während die spiralförmig ge-
wundenen, von ihrer Spitze ausgehenden Canäle mit breiten
Oeffnungen in den Kiemencylinder münden. Von innen
sind die Gehörbläschen mit einfachem Epithel, in dem
keine stäbchenförmigen Fortsätze bemerkbar sind, ausge-
kleidet. Die Zahl der bisweilen gefärbten (Pyrosomen),
sowohl in den Gehörbläschen selbst, als auch in deren
Canälen eingeschlossenen (Salpen) kalkigen, glänzenden
Otolithen ist sehr verschieden; bei den Appendicularien und
den Cyclomyarien findet sich gewöhnlich nur einer vor,
während bei den Pyrosomen, und besonders bei den Salpen,
ihre Zahl recht bedeutend ist. Die Entwickelung der Ge-
hörbläschen ist mir, zu meinem grossen Bedauern, unbe-
kannt geblieben.
4) Sehorgane. Diese Organe entwickeln sich bei den
Mantelthieren entweder durch eine Vertiefung der Epithe-
lialschicht des inneren Mantels (Ocelli einfacher und socialer
Ascidien) oder auf die Weise, dass die Vorderwand der
1) Während die Eine bei Fyrosoma gigas unter dem Central-
ganglion liegt, befindet sich die Andere auf d. inneren Oberfläche
der röhrenförmigen Lippe der Vorderöffnung.
2) cf. H. Müller's Beschr. Z. f. wiss. Z. p. 330. — Leuckart
loc. cit. Heft II, p. 25.
Zoologisch-embryologische Untersuchungen. 9
oberen Blase der Embryonalnervenröhre sich ausstülpt
(Salpen, Pyrosomen) l). Sie stellen sich bei allen Ascidien
sehr spät, bei den sitzenden Mantelthieren aber schon im
Embryonalzustande ein, wobei das Pigment der Sehorgane,
das anfangs aus runden, wenig gefärbten und später aus
sechseckigen, verschmolzenen Zellen besteht, sich aus
denselben Embryonalzellen der äusseren Schicht des ge-
nannten Nervensystemtheiles entwickelt. Die einfachen
Augen der Ascidien (Ascidia intestinalis, mentiäa, canina
u. a.) sind sehr zahlreich (8/6). Bei den Pyrosomen und
bei vielen Sippen der Salpen ist das Auge gewöhnlich
unpaarig (Salpa fusiformis, africana — maxima, democratica
— mucronata). Bei den übrigen ist es paarig (Salpa bi-
caudata) und sogar dreifach (Salpa pinnata). Die äussere
Fläche der Augen ist bald der Athem- oder Vorderöffnung
(Ascidia, — viele Salpen), — bald der Cloaken- oder
Hinteröffnung (Pyrosoma) und bei paarigen oder dreifachen
Augen sowohl der ersteren als auch der letzteren Oeffnung
zugekehrt. Bei allen Sippen der Salpen und der Pyro-
somen sind die Augen mit dem Centralganglion vermittelst
eines mehr oder weniger langen s. g. Stieles (Nervus opti-
cus) verbunden; während bei den Ascidien, wo ihre Ent-
fernung vom Ganglion eine beträchtliche ist, -die Verbindung
mit demselben durch dünne Zweige der vorderen Nerven-
paare vermittelt wird. Die Augen, die gewöhnlich eine
mehr oder minder ovale Form haben, sind entweder mit
inneren, mit einer durchsichtigen Substanz gefüllten Höhlen 2)
(Ascidien, Pyrosomen) versehen, — oder entbehren dieser
s. g. Augenkammern (Salpen). Im letzteren Falle bilden
die kolbenförmig verdickten Enden ziemlich langer, stäb-
chenförmiger Fortsätze der Nervenscheide, welche Fortsätze
das ganze Auge ausfüllen, eine Halbkugel. Die mit Kammern
versehenen Augen haben ausser der sie bedeckenden verdünn-
1) Wie es Kowalevsky bei Salpa beschrieben hat. — Götting.
Nachr. p. 410—1868.
2) F. Will (Froriep's Not. 1844) fand in solchen Ascidien-
augen eine flache Linse, was meine Untersuchungen nicht bestätigen.
S. auch Bronn Weichth. I. Abth. p. 154.
10 Ussow:
ten Epithelialschicht des inneren Mantels noch eine eigene
dünne Scheide (Ascidien) oder (bei den Pyrosomen) enthalten
ausserdem noch einen senkrecht liegenden, aus concentrischen
Schichten bestehenden, durchsichtigen, linsenförmigen
Körper (ebenso wie z. B. bei Anodonta). Falls die Augenkam-
mern fehlen, ist der Bau der Augen dem der Insecten und hö-
heren Krebse ähnlich, — mit anderen Worten, — er nähert
sich dem Typus der zusammengesetzten, facettirten Augen.
Wir treffen also in der Entwickelungsweise und der
Structur der Sehorgane bei den Tunicaten (alle Appendicu-
lariden und Dolioliden J), die keine Spur von Augen auf-
weisen, ausgenommen) verschiedene Bautypen.
Während die s. g. „Ocelli" der Ascidien den Augen
der niederen Krebse und Würmer entsprechen, sind die
zusammengesetzten Augen der Salpen den Sehorganen der
Arthropoda homolog; das einzige, mit einer Linse ver-
sehene Auge der Pyrosomen, kann sogar mit den Seh-
organen einiger Mollusken verglichen werden. Die Er-
scheinung, dass im Verhältniss zu den sitzenden Tunicaten,
die schwimmenden, bei gleicher oder sogar geringerer
Grösse des Centralganglion s, eine beträchtlichere Anzahl
peripherischer Nerven besitzen, — hängt sehr wahrscheinlich
vod der grösseren Entwickelung ihrer Bewegungsorgane
(ring- oder bandförmige Muskelbündel) ab. Die grosse
Anzahl und der hohe Entwicklungsgrad dieser letzteren,
und auch die viel grössere Entwickelung der Sinnesorgane
bei den schwimmenden Mantelthieren, können durch die
beweglichere und energischere Lebensweise dieser Thiere
erklärt werden.
III. Die Körperwand.
Die Körper-Hülle oder -Wand besteht bei allen Man-
telthieren aus zwei an einander anliegenden Mänteln, dem
äusseren (Tunica externa) und den inneren (Tunica interna).
1) Bei Böliölum denticulahim Nor dm. u. a. fand ich oft hinter
dem Nervenknoten einen einfachen, rothen Pigmenthaufen (bisweilen
auch bei einigen Botryllus), der aber mit den s. g. Ocelli nicht ver-
glichen werden kann.
Zoologisch-embryologische Untersuchungen. 1 1
Bei den meisten dieser Thiere (hauptsächlich bei den
Chthonasciden) besteht der äussere Mantel aus drei Schich-
ten: a) einer peripherischen, bisweilen fehlenden Schicht
von stachelförmigen Zellen (Cynthiae), b) einer mittleren,
mehr oder weniger dicken, gallertartigen Grundschicht aus
ziemlich festen, zusammengewachsenen Scheiden, den s. g.
,Testazellen% welche aus den Epithelialzellen der Mem-
brana granniüosa der Graafschen Follickel hervorgehen,
und c) einer dritten, zuweilen sehr dünnen und kaum be-
merkbaren (z. B. bei Ascidia intestinalis, canina. — Salpen)
Schicht, welche ausschliesslich aus langen, elastischen Fasern
zusammengesetzt ist, die fest an die peripherische Epithe-
lialschicht des inneren Mantels anliegen (mit ihr aber nie
zusammenwachsen). Der äussere Mantel der Tunicaten
entwickelt sich nicht als ein Secretionsproduct der Epi-
dermoidalzellen des inneren Mantels (Hertwig *), Ar-
senjew2), sondern durch Vermehrung und Wachsen der
genannten „Testazellen" (Kupfer 3), A. Kowalevski4),
die sich anfangs einschichtig zwischen dem Dotter und
der Dotterhaut (Chorion) ablagern. Das Ergebniss meiner
Forschungen über die Bildung der s. g. Testazellen stimmt
vollkommen mit den von A. Kowalevski erhaltenen Re-
sultaten überein 5). Die gelben Körperchen sind in der
That nichts weiter als Zellen der Graafschen Follickel,
welche sich einreihig um die gewachsene Eizelle abge-
lagert, und an sie, vor der Bildung des Chorion, ange-
schlossen haben. Bei den Larven der einfachen Ascidien,
bei den Embryonen der Salpen und der Pyrosomen be-
steht das Rudiment des äusseren Mantels ausschliesslich
aus strahleniörmigen, durch Theilung sich rasch vermeh-
renden primitiven gelben Zellen und deren Intercellularsub-
stanz. Diese Zellen, die zahlreiche Fortsätze hervortreiben
und nicht selten ihre Lage ändern („Wanderzellen"
1) Jen. Zeitschr. Bd. VII 1872. p. 46.
2) Berichte d. Mosk. Ges. f. Naturg. u. Anthrop. Bd. X. p. 86
1872. — Jahresb. üb. d. Anat. u. Physiol. Art. Tunicata p. 307. 1873.
3) Schultze's Arch. Bd. VI. p. 149, 159. —
4) Entwickelungsg, d. einf. Ascid. p. 13 u. f.
5) Schultze's Arch. Bd. VII. p. 103 u. f.
12 Ussow:
Kolli k. x), wachsen bald mit ihren Scheiden zusammen.
Das contractile Protoplasma solcher Zellen verschwindet
allmählich (wird resorbirt?). Das dichte Netz der zu-
sammengewachsenen, verdickten Scheiden bildet also die
poröse, blasenähnliche, immer viel Wasser (besonders bei
Phattusia mammülata) enthaltende Grundsubstanz des inne-
ren Mantels. Die verzweigten, bekannten 2), keulförmigen
blinden Röhren, welche in der zweiten und dritten Schicht
des äusseren Mantels angetroffen werden, entwickeln sich
bei den Embryonen der Cynthia, Phallusia aus fünf blinden
von der Hauptbaucharterie — Vene hervorwachsenden (Phal-
lusia mammülata) und darauf sich allmählich verlängernden
und dichotomisch verzweigenden Ausstülpungen.
Das ganze, zwei Ringe (Cynthia microcosmus) bildende
System der so verzweigten Röhren, ist nichts anderes als
das ganze System der Capillarblutgefässe des äusseren
Mantels, welches (System) mit dem Herzen durch einen
dicken, aus der Hauptbaucharterie — Vene hervorwachsen-
den Zweig verbunden wird. Beim Beginn der Verzweigung
haben die dickeren Blutgefässe dreischichtige Wände, be-
sitzen eine äussere faserförmige, eine mittlere aus Muskel-
faserringen bestehende und eine innere aus 6 eckigen Epi-
thelialzellen zusammengesetzte Schicht. Vermittelst der
Zusammenziehungen der muskelfaserigen Schicht der Ge-
fässe und der Pulsationen des Herzens wird das Blut bis
zur entferntesten Peripherie des äusseren Mantels getrieben.
Die Wände der feinen Capillargefässe und ihre keulför-
migen Verdickungen bestehen aus einer einfachen Epithe-
lialschicht. Der volle Blutumlauf im äusseren Mantel ge-
schieht auf doppelte Weise: 1) Alle Gefässe, auch ihre
verdickten Theile mit eingerechnet, bestehen aus zwei zu-
sammengewachsenen Röhren, wobei auf der einen Seite
dieser, so zu sagen Doppelgefässe (wie man es z. B. bei
den Embryonen der Pyrosomen ß) bemerken kann) der
1) Ann. d. sc. nat. T. V. p. 220. — Müll. Arch. p. 325. 1852.
— Schultze's Arch. Bd. VI p. 125.
2) Ann. d. sc. nat. T. V. p. 110. Löwig u. Kölliker. —
Bronn Weichth. II. Abth. Tf, III.
3) Quart, journ. microsc. sc. p. 283. Tb. XII. f. 9. 1872.
Zoologisch-embryologische Untersuchungen. 13
centrifugale, und auf der anderen Seite gleichzeitig der
eentripetale Blutstrom sich bewegt. 2) zerfällt das ganze
Netz der Blutgefässe des äusseren Mantels in zwei Theile
(Cynthiae) a) in den entfernteren Theil der Blutgefässe, der
sich näher an der Peripherie des äusseren Mantels ver-
zweigt, — in ihm fliesst zum Beispiel im gegeben Momente
der Blutstrom in der Richtung vom Herzen her, — und
b) in den Theil der Capillargefässe, die sich unweit der
dritten faserigen Mantelschicht vertheilen, — in ihnen
fliesst das Blut in demselben Momente umgekehrt, in der
Richtung zum Herzen hin. Beide erwähnte Theile der Ca-
pillarblutgefässe werden durch Seitenzweige verbunden.
Der regelmässigen Veränderung der Pulsationsrichtung
des Herzschlauches entsprechend, verändert sich auch die
Richtung des Blutumlaufs in allen von mir beschriebenen
Gelassen.
Der äussere Mantel der Tunicaten kann von dem
inneren sehr leicht getrennt werden, und wächst nie mit
der epithelialen Cuticularschicht desselben zusammen, was
sich schon aus der Art und Weise ihrer Bildung aus der,
vom Dotter und vom Embryo isolirten, obenerwähnten Tes-
tazellenschicht, schliessen lässt. Die einzige Stelle, wo
sich der äussere und der innere Mantel näher verknüpfen,
ist jener Zweig der Hauptbaucharterie — Vene („Sinus
dorsalis" M. Edwards), durch welchen das Blutgefässnetz
des äusseren Mantels mit dem Hauptblutsystem der Tuni-
caten, ihrem kammerlosen Herzschlauche verbunden wird.
Der innere Mantel, oder Hautmuskelschlauch der Man-
telthiere, besteht aus einer durchsichtigen, porösen und
faserigen, durch Zusammenwachsen der strahlenförmigen
Zellen gebildeten Substanz. In dieser Schicht liegen die
Muskelbündel und die verschiedenartig sich kreuzenden
Fasern des Bindegewebes. Von der Seite des Kiemen-
sackes l) und von der des äusseren Mantels ist die ge-
1) Bei allen von mir untersuchten Mantelthieren habe ich auf
dem inneren Mantel ausser der dem äusseren anliegenden Epithelial-
schicht noch eine zweite an der Seite des Kiemensackes gefunden,
cf. Leuckart Zool. Unters. Heft II. p. 13.
14 Ussow:
nannte Schicht von Pflasterepithelium bedeckt. Der ganze
innere Mantel entwickelt sich, wie das bewiesen ist, aus
den Zellen des oberen Keimblattes (A. Kowalevski,
Kupfer u. a.) und entspricht folglich, was seine Bil-
dungsweise anbetrifft, den Epidermoidalbedeckungen aller
übrigen Thiere.
IV. Das Blutgefässsystem.
Die genaue Erforschung des Blutgefässsystems bei den
einfachen Ascidien (Ascidia intestinalis, canina, mammillata)
und bei den Salpen (Salpa maxima, fusiformis, pinnata, bi-
caudata) hat mir bewiesen, dass das Blut genannter Thiere
in einem System geschlossener Gefässe circulirt. Es
ist möglich, dass nur die geringe Körpergrösse vieler zu-
sammengesetzten Ascidien, Pyrosomen, Cyclomyarien und
Appendicularien nicht erlaubt hat, ähnliche mit Wänden
versehene Gefässe bei diesen Thieren nachzuweisen *). Die
Gefässwände bestehen aus einer einzigen Schicht flacher,
rhomboidaler Zellen. Die von mir erlangten Resultate in
Bezug auf die Vertheilung des Systems der Blutgefässe im
inneren Mantel, im Kiemensacke und in vielen anderen
Körpertheilen, stimmen völlig mit den auf diesem Gebiete
von M. Edwards2) und N. Wagner3) gemachten For-
schungen überein. Zu der Zahl der dem Blutsystem zu-
gehörigen Nebenorgane rechne ich hinzu: a) die am häu-
figsten bei Salpa pinnata anzutreffenden s. g. „streifen-
förmigen Organe 4) und b) die paarigen, kugelförmigen
1) Ueberhaupt scheint die sehr verbreitete Meinung von dem
Lacunensystem der Tunicaten (Gegenbaur Yergl. Anat. 2te Aufl.
p. 243, 244) durch Thatsachen nicht genügend bestätigt zu sein.
Paven's Meinung (loc. cit.p. 283). dass das Vascularsystem bei den
erwachsenen Pyrosomen atrophirt wird, kann ich auf meine Unter-
suchungen mich stützend auch nicht theilen. da doch wenigstens die
Hauptgefässe stets mit Wänden versehen sind.
2) Mem. d. l'Acad. d. Paris V. XVIII. Regne anim. part. d.
Mollusques 1842.
3) Mel. biol. d. Bull. d. l'Acad. d. St. Petersb. V. VI. p. 11 et
sqq. 1866.
4) Leuckart Zool. Unters. Heft II. p. 45. 46 Tf. I. f. 2. — Ca-
rus Icon. Zoot. Tf. 18 f. 33, 34 g.
Zoologisch-emhryologische Untersuchungen. 15
Körper der Pyrosomen („Ovaire" Sav.) *), welche im inne-
ren Mantel, zwischen dem Ganglion und dem Endostyl zu
beiden Seiten des Körpers liegen. Diese Organe entstehen,
wie ich glaube, aus einer Verdickung vieler vereinigter
Blutgelasse. Sie bestehen aus dünnen Epithelialwänden,
und ihre Höhle ist immer angefüllt mit losen bläulichen,
den Blutkügelchen der Mantelthiere sehr ähnlichen Körper-
chen, deren Protoplasma sehr contractu 2) ist. Bei den
Embryonen der Salpa pinnata erscheinen die streifenför-
migen Organe sehr spät ; anfangs als unbegränzte Häufchen
contractiler Körper, welche sich später zu länglichen, cy-
linderförmigen Streifenorganen umbilden. Ihre Zahl bei
der Ammenform der Salpa pinnata beträgt jederseits 5, —
bei den Ketten-Salpen findet sich auf jeder Seite nur
ein solches Organ vor. Ihre Function ist mir ganz dunkel
geblieben.
V. Die Verdauungsorgane.
Die Verdauungsorgane der Tunicaten lassen sich ein-
theilen in den eigentlichen Nahrungscanal, welcher aus
einem kurzen Oesophagus, einem einfachen oder doppelten
Magen, einem Mitteldarm und einem geraden Darm mit
dem After besteht, und in drüsenartige Nebenorgane: den
Flimmerbogen und mehr oder minder abgesonderte Haufen
von Leberzellen, welche bisweilen einen eigenen Ausfüh-
rungsgang, der in den unteren Magentheil ausmündet
(einige Cyclomyarien) besitzen.
Der histologische Bau aller genannten Verdauungs-
organe ist sehr einförmig und besteht: 1) aus einer mehr
oder weniger dünnen serösen Haut, in welche schlingen-
förmige Blutgefässe (z. B. bei den einfachen Ascidien) und
Nerven eindringen; 2) aus einer einschichtigen inneren
Epithelialhülle, deren Drüsen- und häufig Flimmerzellen
1) Mem. s. 1. anim. sans vert. 2de part. PI. XXII f. I4.
2) Von den streifenförmigen Organen im frischen Zustande
isolirt, treiben diese Körperchen lange Pseudopodien hervor, und
bewegen sich sehr rasch, ähnlich den weissen Blutkügelchen höherer
Thiere.
16 Ussow:
auf ihrer inneren, glatten, oder viele Falten bildenden
Oberfläche sich ablagern. Die Resorption des Nahrungs-
stoffes geht unmittelbar durch die dünnen Wände der
Blutgefässe vor sich. Ein besonderes Lymphgefässsystem
besitzen die Tunicaten nicht. Jene einst von Huxley *)
Lymphgefässe genannten Röhren sind einfache Drüsen
(„Pancreas" anderer Autoren?), welche auf der Oberfläche
der Schleimhaut des Darmcanales und des Magens aus-
münden (einfache Ascidien, Salpen).
Zu den Nebenorganen des Verdauungsapparates zähle
ich noch ein räthselhaftes, von mir bei einigen einfachen
(Ascidia intestinalis, canina, Cynthia microcosmos) und so-
cialen Ascidien (Clavellina lepadiformis) aufgefundenes,
drüsenartiges Organ hinzu. Diese schlauchförmige, aus
zwei zusammengewachsenen Theilen bestehende Drüse
liegt bald unter 2) bald über3) dem Centralganglion.
Sie besteht aus vielen, sehr verschiedenartig gekrümmten,
blinden Röhren, die in einer gemeinschaftlichen Hülle
liegen. Ihre von innen mit einfachem Cylinderepithel be-
deckten Höhlen enthalten kugelförmige Körper von ver-
schiedener Grösse. Alle Röhren einer jeden Drüsenhälfte
vereinigen sich in ihrem Centrum zu einer mehr oder
weniger dicken Röhre, oder zu einem Ausführungsgange,
welcher in eine der nächstliegenden Höhlen der Flimmer-
grube ausmündet. Die genannte Drüse findet sich bei den
jungen Ascidien schon recht früh, aber es ist mir nicht
gelungen die Frage, aus welchem Keimblatte oder aus den
Theilen welcher Organe (durch Ausstülpen ?) sie sich bildet,
zu lösen.
Die Mantelthiere sind keine Weichthiere. Selbst ohne
die Art und Weise der Embryonalentwickelung in Betracht
zu ziehen, genügt schon eine Vergleichung des Bau-
planes der verschiedenen Mollusken und der Tunicaten,
um die Letzteren mit mehr Recht den Würmern beizuzählen.
1) Philos. Transact. p. 570, 711 PI. XV. f. 6. 1851.
2) Bei Ascid. intestinalis, canina, — Clavelina lepadiformis.
3) Bei Cynthia microcosmos.
Zöologisch-embryologische Untersuchungen. 17
Die einfache Herzröhre, — die Abwesenheit der Schlundgan-
glien und ihrer Commissur, — die völlige Abwesenheit des
Fusses, — die zu dem Herzen gerichteten Krümmungen
des Darmkanals, — die Anwesenheit des äusseren Mantels
und die Eigenthümlichkeiten seines Baues, seiner Bildungs-
weise und seiner chemischen Zusammensetzung, — die
Veränderlichkeit in den Richtungen der Contractionen der
Herzröhre u. s. w., alle diese Kennzeichen ziehen eine
mehr oder weniger scharfe Gränze zwischen den Mantel-
thieren und den Mollusken; am nächsten kommen noch
die Mantelthiere den Bryozoen *).
Andererseits muss man zugeben, dass die Einfachheit
im Baue des Nervensystems (die Appendicularien ausge-
nommen) und der Herzröhre, — das Verhältniss der Ath-
mungsorgane zu dem oberen Theile des Darmcanals (Bala-
noglossus), — die nicht scharfe Absonderung des inneren
Mantels von der Muskelschicht (Hautmuskelschlauch), —
der sehr verbreitete Generationswechsel, — Kennzeichen
bilden, durch welche die Mantelthiere sich einigermaassen
dem Würmertypus 2) (welchen jetzt, Dank den genaueren
Forschungen, auch die Klasse der Bryozoen 3) beigezählt
wird) nähern.
Weiter: der Entwickelungstypus des Centralnerven-
systems, — der bei vielen Arten vorhandene s. g. Axen-
strang oder die Chorda dorsalis, — das genannte Ver-
hältniss der Speiseröhre zum Kiemensack (Amphioxus),
— alles das sind höchst genaue und jetzt vielfach bestä-
tigte, sehr wichtige embryologische Thatsachen, welche
darauf hindeuten, dass die Klasse der Mantelthiere die
Grundform darbietet, aus welcher sich der bis jetzt im
1) Huxley, Lect. of. Comp. Anat. p. 80, 85. — Haeckel,
Gener. Morphol. Bd. IL p. CHI. Alm an, Rep. Brit. Ass. 1850. -
Transact. R. Irish. Acad. V. XX. p. 275. 1852. vanBeneden, Mem.
d. l'Acad. d. Belg. V. XX. p. 54—58. Rech. s. 1. Ascid. simples.
2) Gegenbaur Vergl. Anat. 2te Aufl. p. 158. — Haeckel,
Natürl. Schpfgsgesch. 4te Aufl. p. 448, 466, 467.
3) Hauptsächlich auf Grund der ausgezeichneten Forschungen
Nit sehe's über Alcyonella fungosa Pall. — S. auch Mem. d.
l'Acad. d. St. Petersb. V. XV. p. 50.
Archiv f. Naturg. XXXXI. Jahrg. 1. Bd. 2
18 Ussow: Zoologisch-embryologische Untersuchungen.
System des Thierreichs vereinzelt stehende Typus der
Wirbelthiere l) entwickelt hat.
Die völlige Abwesenheit von Tunicatenüberresten in
allen geologischen Erdschichten wird uns wahrscheinlich
für immer die Uebergangsformen, welche die verschiedenen
Arten der Mantelthiere mit den niedrigsten Wirbelthieren
(Amphioxus) verbunden haben, vermissen lassen.
Alles Gesagte zusammenfassend, gebe ich Oscar
Schmidt's 2) Ansicht, nach der die Mantelthiere eine be-
sondere Klasse der Ur wirbelthiere bilden, den Vorzug
vor allen übrigen Meinungen.
1) In Bezug darauf s. Haeckel, Gener. Morph. Bd. II. p. CXVI
u. f., 413 u. f.
2) Vergl. Anat. 6te Aufl. p. 248. 1872. ~ S. auch Haeckel,
Natürl. Schpfgsgesch. 4te Aufl. p. 466, 467. Tf. XII, XIII.
Ueber Equus Msulcus Molina's.
Von
H. Burmeister,
Director des Museums zu Buenos Aires.
Im vorigen Jahre sandte ich der Englischen Zeit-
schrift Nature eine kurze Notiz über den Guamul, welche
in No. 214 (Tom. IX. pag. 82) abgedruckt ist. Das unter
diesem Namen im Süden der Provinz von Buenos Aires
ziemlich allgemein bekannte Thier lebt in den höheren
Thälern der Cordilleren gleicher Breite, und wurde zuerst
von Molina unter dem bizarren Namen Equus bisulcus
beschrieben. Obgleich es nicht bis in die Ebene der
Pampas hinabgeht, so wird es doch von den wilden Pam-
pas-Indianern gejagt, weil sie das Fell des Thieres als
Kleidungsmaterial benutzen, und ein oder das andere Fell
kommt ausnahmsweise auch bis zu den Ansiedelungen der
europäischen Nachkommenschaft an der Mündung des Rio
Negro, wohin es die Indianer zum Kauf bringen. Auf
diese Art sind im vorigen und diesem Jahre drei schöne
Felle nach Buenos Aires gelangt, wovon die beiden ersten,
welche sich im Besitz meines jungen Freundes, Herrn
Francisco P. Moreno befinden, meiner früheren Beschrei-
bung zur Grundlage dienten, während das dritte, kürzlich
aufgebrachte, alte männliche Exemplar, als Geschenk
desselben Herrn, in die hiesige öffentliche Sammlung kam.
Da dasselbe einige weitere Angaben über das fragliche
Thier gestattet, so stehe ich nicht an, eine etwas weiter
ausholende Schilderung hier niederzulegen. —
20 Burmeister:
Molina, gedenkt des Thieres in seiner Saggio sulla
storia naturali del Chile sehr ausführlich l), scheint aber
dasselbe nur flüchtig gesehen, wenigstens nicht genau
untersucht zu haben, denn fast alles, was er von seinen
charakteristischen Eigenschaften angiebt, ist unrichtig.
Er bezieht sich zuvörderst auf die Notiz des Capitain S.
Wallis in dessen Reise durch die Magelhans-Strasse vom
Jahre 1766 (Hawkerworth's travels etc. Tom. I. Cap. 2.
pag. 38) und citirt dessen Angaben wörtlich; sie lauten
wie folgt: „An dieser Stelle, Bahia Descordes, der Magel-
hans-Strasse sahen wir ein Thier, was dem Esel ähnelte,
aber gespaltene Klauen besass, wie wir später erfuhren,
als wir seiner Spur folgten, die es mit der Schnelligkeit
eines Rehes zurücklegte. Dies war der erste Vierfüsser,
welchen wir in der Bai sahen, nachdem wir den Eingang
passirt hatten ; weiterhin trafen wir auch Guanacos, welche
indessen die Patagonier uns um keinen Preis überlassen
wollten. Wir schössen nach jenem anderen Thier, konnten
es aber nicht erlegen; es scheint als ob die Naturforscher
Europa's es noch nicht kennen *.
Obwohl nun Molina in der Fortsetzung seiner Be-
schreibung sagt, dass er ein eben getödtetes Individuum
selbst untersucht und seinen Magen einfach, ja das Gebiss
wie beim Esel gefunden habe, so ist es doch sicher, dass
er sich bei beiden Beobachtungen getäuscht hat ; denn das
Thier, welches noch heute den Namen Guemul führt und
in derselben Gegend lebt, ist ein Hirsch, also auch ein
Wiederkäuer mit vierfachem Magen und ohne obere Schnei-
dezähne. Eckzähne sollen beide Geschlechter, wie von A.
Wagner im Supplem. Bd. V. pag. 381 angegeben wird,
besitzen, aber in den Zeichnungen der Schädel, die Gray
publicirt hat (Proc. zool. Soc. 1869. 498 und Ann. and Mag.
1) Mir liegt von diesem Buche die zweite italienische Aus-
gabe (Bologna, 1810. 4.) vor, wo pag. 262, 5 der Guemul abgehan-
delt wird, und die an dieser Stelle sehr viel kürzere spanische
Uebersetzung der älteren Ausgabe (Madrid, 1788. 8. Tom. I. pag. 364),
nicht aber der älteste Text vom Jahre 1782. —
Ueber Equus bisulcus Molina's. 21
nat. bist. 5. Ser. Tom. XL pag. 214) fehlen sie. Deren
Anwesenheit mag den Pater Moli na verführt haben, auch
die nicht vorhandenen oberen Schneidezähne anzugeben.
Wenn er dann weiter behauptet, dass alles: Körper, Haar-
kleid und besonders die langen Ohren mit denen des Esels
übereinstimmen, auch die Genitalien denselben Bau zeigen,
gleich wie Kopf, Schnauze, Augen, Hals, Schultern, Rücken,
Schwanz und Beine, mit Ausnahme der gespaltenen Hufe,
und von den anderen Theilen nur ihre geringere Grösse
und mehr zierliche Form als Unterschiede anzugeben
weiss, so begreift man wahrlich nicht, wo der gute Pater
seine eigenen Augen gehabt haben mag, als er das Thier
betrachtete ; denn die Hirschnatur ist in allen angegebenen
Punkten viel ausgeprägter, als die des Esels. Nur in Be-
zug auf das Colorit, aber nicht in der Beschaffenheit des
Haarkleides, könnte man ihm allenfalls beistimmen, denn
das ziemlich hellfarbige gelblichgraue Winterkleid des
Thieres ähnelt einigermassen dem des Esels, wenigstens
aus der Ferne gesehen; obgleich das mangelnde schwarze
Kreuz des Schulterstücks, welches Mol in a mit Nachdruck
hervorhebt, auch hier widerspricht und den Esel im Thier
unwahrscheinlich macht. In der zweiten italienischen
Ausgabe vergleicht er es darum lieber mit dem Hemionus ;
auch Tapir, Schwein und Gnu werden in die Vergleichung
gebracht, aber kein Hirsch; selbst der fabelhafte Hippo-
gryph wird herangezogen und schliesslich die Meinung
ausgesprochen, dass das Thier eine eigene Gattung auf der
Grenze der Pecora und Bellua bilde, deren nähere Be-
stimmung dahin gestellt bleibt. —
Seit dieser sonderbaren Beschreibung Molina's
waren alle Zoologen höchst neugierig auf frische Nach-
richten und keiner wusste, was er daraus machen sollte.
Linne's Herausgeber, Gmelin, behielt den Equus bisulcus
bei (Ed. XIII. Tom. I. pag. 209. 1788) und so figurirte das
Thier noch hie und da, selbst bei 0 k e n in seinem Hand-
buch der Naturgeschichte (Jena 1816. Bd. III. Th. 2. S. 704);
ja Leuckart der ältere machte den Equus bisulcus sogar
zum Gegenstande seiner Inauguraldissertation (De Equo
bisulco. Götting. 1816. 4.) und gründete darauf die von
22 "" Burmeister:
Mol in a schon verlangte neue Gattung wirklich unter dem
Namen Hippocamelus. —
In neuerer Zeit ist dieser Name nebst dem Equus
bisulcus aus den Thierregistern verschwunden und dafür
der eines ächten Hirsches an dessen Stelle getreten. Der
kürzlich in Paris verstorbene Claudio Gay, welcher für
Rechnung der Chilenischen Regierung mehrere Jahre
hindurch das Land wissenschaftlich durchforscht hatte,
brachte 1845 den ersten Guemul nach Europa; leider nur
ein junges weibliches Thier, auf welches er, mit Gervais
Hülfe, den Cervus chilensis gründete und in den Ann. d.
scienc. natur. Zool. (III. Ser. 1846. Tom. V. pag. 91) be-
kannt machte. Diese ausführliche Beschreibung wurde
später, von einer hübschen Abbildung begleitet, in der
Historia polit. y fisica de Chile wiederholt (Zoolog. Tom.
I. pag. 159. pl. 10 et 11. 1847. 8.) und dabei eine inzwischen
von Lesson in Vorschlag gebrachte Benennung: Cerve-
quus andicus erwähnt (Nouv. tabl. du Regne anim. pag. 175.
Paris. 1842. 8.), welche weiter zu keiner Bedeutung ge-
langt ist, als dass sie unter den Synonymen mit fort-
schwimmt.
Aber schon 10 Jahre vor dieser Bekanntmachung des
Guemul hatte D'Orbiguy von Bolivien aus einen ähn-
lichen Hirsch, der dort den Namen Taruga oder Tarusch
führt, als Cervus antisiensis aufgestellt. (Nouv. Annal. du
Mus. d'hist. natur. Tom. III. pag. 94. 1834.) Er wiederholte
seine Beschreibung später in dem grossen Werke über seine
Reise (Tom. IV. Mammif. pag. 26. pl. 20. 1847. 4.) und be-
gleitete dieselbe mit einer schönen Abbildung, während
Pucheron ihm in seiner Monographie der Gatt. Cervus
(Arch. du Mus. d'hist. nat. Tom. VI. pag. 265, 1842) mit
einer anderen Schilderung zuvorkam, welche A. Wagner
in seinem Text zu Schreber's Säugethieren (Bd. IV. S. 384.
1844) auszugsweise mittheilte, und so den Cervus anti-
siensis ins System einschaltete. —
Bis zu diesem Zeitpunkte war der Cervus chilensis
Gay's noch nicht bekannt gemacht, eine Vergleichung
desselben 'mit dem Cervus antisiensis D'Orbigny's also
nicht anzustellen ; als später jener neue Hirsch aus Chile
Ueber Equns bisulcus Molina's. 23
bekannt wurde, trat die grosse Aehnlichkeit beider in An-
sehn und Grösse schon hervor, und bald wurden Stimmen
laut, welche die Zusammenhörigkeit beider vermutheten;
doch es fehlte an Beweisgründen, weil D'Orbigny's Figur
ein altes männliches Individuum vorstellte, und Gay's ein
junges weibliches, das ausserdem in der Zeichnung des
Rumpfes zu kurz gerathen war.
Etwas später gelangte nun auch der Guemul nach
England und zwar zuerst in die Sammlung des Grafen
Derby, der ein Fell von der Magelhans-Strasse erhalten
hatte, das sich noch jetzt in Liverpool befindet. J. E.
Gray beschrieb dasselbe unter dem Namen Cervus leu-
cotis in den Ann. et Mag. nat. hist. II. Sei*. Tom. V. pag. 224,
und in den Proceed. Zool. Soc. 1849. pag. 64. pl. 12, ohne
zu bemerken, dass er ein weibliches Individuum des Gue-
mul vor sich hatte, der in Gay's oben citirtem Werke
kenntlich beschrieben und abgebildet war. In einer etwas
später (Ann. etc. IL Ser. Tom. IX. pag. 427) von ihm be-
kannt gemachten Uebersicht der Hirscharten nahm er für
die beiden Andes-Hirsche, mit Wagner und Sundeval,
die eigene Untergattung Furcifer an, stellte darin die beiden
Arten F. antisiensis und F. Huamul, und führte unter
letzterer auch seinen C. leucotis mit auf, nachdem er sich
von der Identität desselben mit dem Guemul überzeugt
hatte. Als dann neuerdings (1869) mehrere Felle aus Süd-
Peru von Teuta nach London gelangt waren, unter denen
sich ein männliches mit einem sehr merkwürdigen Geweih
befand, dessen asymmetrisches Gehörn vom Grunde ab
einen dicken, zackigen Zapfen nach hinten absendet, so
hielt er diese sonderbare Form für den männlichen Typus
des Guemul und belegte das Thier jetzt mit dem Namen
Xenelaphus huamel, die Abbildung des weiblichen Schädels
hinzufügend (Proceed. zool. Soc. 1869. pag. 496). Hiergegen
erhob sieh Philippi in Wiegman's Archiv, fortges. von
Troschel, Jahrg. 1870. Bd. I. S. 46 mit der Bemerkung,
dass eine Hirschart mit so sonderbarem Geweih in Chile
gar nicht vorkomme, dieselbe also nicht der Guemul sein
könne; Hess es aber unbeachtet, dass Gray selbst diese
Geweihform (a. a. 0. S. 498) für möglicher Weise ab-
24 Burmeister:
norme Bildung erklärt hatte, was nach meiner Ansicht un-
zweifelhaft der Fall sein wird, die Identität mit dem Gue-
mul also füglich bestehen konnte. Gray kam später noch
mehrmals auf diesen Hirsch zurück, bei Gelegenheit neu-
erworbener Specimina, und änderte dann z. Th. seine
Ansichten. So beschreibt mein rastlos thätiger, mir be-
sonders zugethaner Freund, dem ich viele Gefälligkeiten
verdanke und darum ungern zu nahe treten möchte, in den
Ann. et Mag. nat. hist. vom Jahre 1872 (V. Ser. Tom. X.
pag. 445) wieder 2 kürzlich aus Chili von Mr. Simpson
eingeschickte Häute als Huamela leucotis, indem er seinen
früheren Cervus leucotis als eigene Art festhält und vom
Guemul, über den er mit grosser Belesenheit alle Schrift-
steller anführt, unterscheidet. Bald darauf publicirte er
noch eine Abbildung des männlichen Schädels mit dem
Geweih (ebenda, Tom. XL pag. 214. 1873), wobei er noch-
mals auf den Xenelaphus eingeht und denselben als X. ano-
malocera nicht bloss speciflsch, sondern sogar generisch
davon unterscheidet. Man muss den Scharfsinn im Auffin-
den der Unterschiede bewundern, wenn man auch seine
eigene Meinung über den Werth der Unterschiede daneben
festhalten will. —
Die meisten der hier niedergelegten Thatsachen
hatte ich in meiner oben erwähnten Notiz in der
Zeitschrift Nature bereits erwähnt, und dabei mich
auf die Zusammenstellung in A. Wagner's Supple-
mentband V. zum Text der Schreberschen Säugethiere
bezogen (S. 380. Leipzig 1855. 4.), wo derselbe sich
auf die inzwischen von v. Tschudi in der Fauna
peruana (S. 241. Tafel 18. 1844) niedergelegten Beobach-
tungen stützend, die specifische Identität des Cervus anti-
siensis und C. chilensis mit Bestimmtheit aussprach und
sich dahin erklärte, dass dieser Hirsch die ganzen
Cordilleren, von der Magelhans-Strasse bis nach Ecuador
hin bewohne. Freilich kommt in diesem Verbreitungsbezirk
eine ansehnliche Lücke vor, wo das Thier gänzlich fehlt ; denn
nordwärts vom 34° S. Br. bis zum Titicaca-See hin ver-
misst man den Guemul völlig; erst in den Gegenden öst-
lich vom genannten See tritt er in einer Bodenhöhe von
Ueber Equus bisuicus Molina's. 25
3500 — 4000 Meter über dem Meere wieder auf, und ver-
breitet sich von da durch ähnliche Gegenden Peru's, be-
sonders vom 0 stabhange der Küsten- Cordillere, bis in die
Umgebungen Quito's, wo er am Chimborazo, wie am Pi-
chinka und Cotopaxi beobachtet worden ist.
Das Vorkommen jener grossen Lücke im Verbreitungs-
bezirk des Thieres ist sonderbar, sie hat aber wahrschein-
lich in der höchst ärmlichen Vegetation eben dieses Thei-
les der Cordilleren ihren Grund. Denn wenn der Hirsch
in den hohen Gebirgsthälern, die er bewohnt, hauptsäch-
lich von den an den Felsen haftenden Moosen und nie-
drigen Kräutern lebt, wie v. Tschudi berichtet, so wird
er auf der bezeichneten Strecke gar keine Nahrung finden,
weil der grösste Theil dieses Strichs der Cordilleren, dessen
Mitte ich auf meiner Reise von Catamarca nach Copiapö
passirte, aller Vegetation beraubt ist, und nur hie und da
in tiefen Senkungen schwache Wiesengründe hat, welche
den dort hausenden Vicunnas ihre kärgliche Nahrung liefern.
Die angegebene Lücke im Verbreitungsbezirk, welche
den nördlichen Cervus antisiensis von dem südlichen Cer-
vus chilensis trennt, ist übrigens ein Motiv der Sonderung
für diejenigen Zoologen geworden, welche die specifische
Differenz beider Formen behaupten. Ich kann leider hier-
über nicht nach eigener Erfahrung mich äussern, weil mir
keine Bolivischen Exemplare zur Vergleichung vorliegen;
nach den Beschreibungen und Abbildungen zu urtheilen
sind die nördlichen Thiere etwas kleiner und heller ge-
färbt als die südlichen, bieten aber weiter keine erheb-
lichen Unterschiede dar. Auf die Verschiedenheit des
Sommer- und Winterkleides muss hierbei besondere Rück-
sicht genommen werden, da dieselbe sehr gross ist. Nach
Untersuchung meiner 3 Exemplare, von denen 2 sich im
Haarwechsel befinden, ist das Winterkleid nicht bloss viel
länger in Haar, sondern auch viel heller gefärbt, wenig-
stens bei der südlichen Form des Cervus chilensis, und in
diesem Kleide ähneln die Thiere der Abbildung des Cer-
vus antisiensis in D'Orbigny's Reisewerk sehr. Ich bin
darum nicht abgeneigt, die wahrgenommenen Unterschiede
des Pelzes auf Rechnung der Jahreszeit zu schieben und
26 Burmeister:
die specifische Identität des Cervus antisiensis mit dem
Cervus chilensis für sicher zu halten. Es bestärkt mich
in dieser Auffassung, ausser A. Wagner's bestimmter Be-
hauptung, auch Philip pi's Autorität, der in einem kürz-
lich mir aus Chili zugegangenen Aufsatz (Sinonimia del
Huemul, in der Revista cientiiica y literaria, no XIV. Dec.
1873) sich entschieden für die specifische Uebereinstim-
mung beider Formen ausspricht (pag. 380 1. 1.).
Nach dieser historischen Erörterung komme ich zur
Beschreibung meiner 3 Exemplare, wobei ich mit dem
alten männlichen Thier, das ich früher nicht in Betracht
ziehen konnte, den Anfang mache. In seiner Gesammtform
ähnelt es unter den Hirschen am meisten dem Rent hier
(C. Tarandus), in so fern es relativ dicker und plumper
gebaut ist, als Edelhirsch, Reh und der hiesige Cervus
campestris, namentlich einen relativ längeren Rumpf und
kürzere, etwas kräftigere Beine besitzt. Ich finde diese
Aehnlichkeit mit dem Renthiere weder in D'Orbigny's?
und noch weniger in Gay's Figur ausgedrückt, die letz-
tere ist offenbar zu kurz gerathen ; das Thier erscheint
in ihr zwar dick im Rumpf, aber hochbeinig, was es nach
der Angabe meiner 3 Exemplare nicht ist, sondern viel-
mehr niedrig, lang im Rumpf, wenn auch nicht schlank,
sondern dick. Das grosse männliche Exemplar bietet
folgende Verhältnisse in englischem Maass dar :
Ganze Länge, mit der Krümmung, 5' 6" = 1,622 Mtr.
Länge des Kopfes bis hinter die Ohren 11" = 0,280 „
„ Ohrs ..." 772"= 0,192 „
„ Halses 8" « 0,204 „
„ Rückens 3' 2" = 0,962 „
,, „ Schwanzes 6" = 0,150 „
Höhe des Vorderbeins 18" = 0,415 „
Höhe bis zur Fusswurzel .... 11" = 0,282 „
Höhe des Widerrüst 2' 8" = 0,810 „
Höhe des Kreuzes 2' 10" - 0,862 „
Höhe bis zum Hacken 1' 1%'V 0,340 „
Geweih, vordere Stange 6" = 0,150 „
„ hintere Stange 10" = 0,255 ,
Ueber Equus bisulcus Molina's. 27
Diese Maasse beweisen, dass das gemessene Indivi-
duum ein sehr grosses, völlig ausgewachsenes Thier ge-
wesen ist, weil sie ein Beträchtliches über die von D'Or-
bigny, Tschudi, Gay und Gervais angegebenen
Grössenverhältnisse hinausgehen ; selbst die beiden jüngeren,
früher von mir untersuchten Thiere sind noch etwas
grösser, als die von jenen Naturforschern ausgemessenen
Individuen. Ich gab davon folgende Maasse.
Ganze Länge, mit Krümmungen, 4' 6" = 1,366 Mtr.
Länge des Kopfes 10" = 0,255 „
Länge der Ohren ..... 7" = 0,187 „
Länge des Halses 7" = 0,187 „
Länge des Rumpfes .... 3' = 0,912 „
Länge des Schwanzes .... 4" == 0,096 „
Höhe des Rückens 2' 6" = 0,758 „ l)
Nach v. Tschudi ist Cervus antisiensis nur 4 Fuss
3 Zoll lang und 2 Fuss 4 Zoll hoch, während Gay und
Gervais für C. chilensis in grader Linie 1,0 Länge und
0,68 Höhe des Körpers angeben. Mögen nun auch die
hiesigen Felle beim Ausstopfen etwas zu sehr gedehnt sein,
also in Länge und Höhe zu gross gerathen; beträchtlich
kann der Unterschied nicht sein, vielleicht etwa 1 — 2 Zoll
für jede der beiden Dimensionen, und so würden meine
jungen Thiere gut mit Gay's und Gervais Angaben,
gleich wie mit v. Tschudi's Maassen harmoniren.
In Bezug auf die Färbung ist zu bemerken, dass der
Hauptton des Sommerkleides ein gelbliches Braun ist;
darin stimmt das alte Thier völlig mit dem früheren jungen
überein. Dieser Farbenton ändert sich ein wenig an ge-
wissen Stellen des Körpers, er ist am dunkelsten vor dem
Widerrüst, d. h. in der vorderen Schultergegend, wird
heller am Halse und an den Seiten, und nimmt in der
Kreuzgegend wieder etwas zu. Der Kopf ist hellfarbig
an den Backen und besonders um die Augen, mit einem
sehr dunklen fast schwarzen Streif auf dem Nasenrücken,
welcher sich an beiden Enden in 2 Aeste spaltet, von
1) Meine frühere Angabe von 3 Fuss Höhe der Thiere ist
zu gross gerathen, sie sind nur 2ij2 Fuss hoch.
28 Burmeister:
denen sich die hinteren über jedem Auge fortsetzen, wäh-
rend die vorderen sich über die Oberlippe ausbreiten. Die
Unterlippe dagegen ist rein weiss bis zum Kinn und einen
feinen weissen Rand hat auch die obere neben den nackten,
wie die Nase schwarzgefärbten Lippensäumen. Vor der
schwarzen Opperlippe ist die Färbung der Seiten sehr hell
gelblich, so dass sich hier ein lichterer Fleck etwas ab-
sondert. Die Brust bis zur Mitte des Bauches hin ist
einfarbig dunkelbraun, denn hier haben die Haare keine
helleren, goldgelben Ringe, längs der Mitte sogar schwarz.
Die Leistengegend, die Innenseite der Schenkel und die
untere des Schwanzes sind weiss, auch besonders lang-
haarig ; auch die Innenfläche der Ohren ist mit ebensolchen
weissen langen Haaren besetzt, der Rand aber schwarz.
Hufe und Afterhufe sind schwarz. Im Einzelnen betrachtet
ist das Haar zwar nicht sehr weich, aber doch nicht so
straff wie das des Rehs im Winterkleide. Auf der Mitte
des Rückens haben die Sommerhaare des alten Thieres
eine Länge von 2 — 21/2 Zoll, sie sind am Grunde fast weiss,
dann hellgrau und werden bis auf 5/e ihrer Länge allmählich
etwas dunkler. Diese Strecke des Haares ist leicht wellen-
förmig geschlängt; dann folgt eine einfache grade Spitze
von schwarzer Farbe, die in der Mitte ihrer Strecke einen
hochgelben, 2—3 Linien breiten Ring einschliesst. Je
breiter dieser Ring, desto lichter die Gesammtfarbe, bis er
an den schwarzen Stellen ganz fehlt. Am Kopf und an
den Beinen sind die Haare viel kürzer, auf der Nase wie
Aussenseite der Ohren kaum noch 1/i Zoll lang und auf
der nackten Strecke zwischen den Nasenlöchern bis zur
Oberlippe hinab fehlen sie ganz. — Am Hacken hat das
Thier, auf der Innenseite zwischen der Achilles-Sehne und
dem Unterschenkel, einen länglichen Schopf längerer
brauner Haare, der wahrscheinlich eine drüsige Stelle an-
zeigt. Der Lauf dagegen ist ohne den bekannten Haar-
busch der ächten Hirsche. Das Gehörn besteht aus einer
kleinen, etwa 1 1/4: Zoll im Durchmesser haltenden Rose und
darüber einem kurzen Stamm von derselben Länge; dann
theilt es sich in zwei Aeste ; der vordere ist schief nach
vorn gerichtet, etwas nach innen gebogen und 4 — 5 Zoll
Ueber Equus bisulcus Molina's. 29
lang, der hintere etwas längere (6—8 Zoll) biegt sich leicht
S förmig, d. h. mit der Spitze nach hinten. Oefters sind
beide Stangen sehr ungleich, wie Gray's Abbildung lehrt
(Ann. and Mag. nat. hist. V. Ser. Tom. XL 216). Ueber-
haupt scheint das Geweih dieses Hirsches nicht so über-
einstimmende Formen festzuhalten, wie das anderer Arten
mit grösserem Gehörn; D'Orbigny bildet schon 2 Stangen,
jede mit 3 Aesten ab, deren Aeste wellenförmig ge-
schwungen sind, und ganz abnorm ist die Form, worauf
Gray seinen Xenelaphus anomalocera gegründet hat (Proc.
zool. Soc. 1869. pag. 497.). Auch die übrigen Hirscharten des
hiesigen Gebietes neigen zu vielen Abweichungen in der Form
des Geweihs ; wir besitzen in der Sammlung unter 10 Exem-
plaren von Cervus campestris nicht zwei ganz gleiche selbst an
demselben Individuum; bald ist das vordere der beiden
oberen Enden das grössere, bald das hintere; mitunter
ist letzteres am Ende gegabelt, aber nur an der einen
Seite, und sehr oft haben Stamm und Enden kurze spitze
Nebenäste, ganz ähnlich wie in Gray's Figur von X. ano-
malocera. Wir haben ein Geweih mit fünf und zwei mit
vier Enden in der Sammlung und zwei andere mit vier
links und drei rechts. Aehnliche Verschiedenheiten zeigen
auch die Geweihe von Cervus paludosus aus den Wal-
dungen am Rio Parana. Denkt man sich übrigens die
dritte obere Stange bei Cervus campestris abgeschnitten,
oder schneidet man sie wirklich ab, so hat man ziemlich
genau das Gehörn des Guemul vor sich, und darum scheint
es mir unnöthig, für dies Thier eine eigene Gruppe Fur-
cifer zu bilden; ich trete der Ansicht Pucheran's als
richtiger bei, den Cervus antisiensis, also auch den ihm
damals noch unbekannten C. chilensis, mit C. paludosus
und C. campestris in dieselbe Gruppe zu stellen und selbige
durch den längeren Schwanz zu charakterisiren. Auch ein
Streif etwas längerer Haare ist an der Innenseite des
Hackens bei C. campestris bemerkbar.
Die beiden jüngeren Exemplare, deren Dimensionen
ich schon früher angegeben habe, sind im Haarwechsel be-
griffen und zwar überwiegt beim Weibchen das Winter-
haar, beim Männchen das Sommerhaar. Die des letztern
30 Burmeister: Ueber Equus bisulcus Molina's.
sind völlig so beschaffen, wie beim alten Thier, nur etwas
kürzer, IV2— l3/* Zoll lang, dagegen hat das Haar des
Winterkleides dieselbe Länge wie beim alten Thier. Ihm
fehlt die entschiedenere Färbung der Spitze, sowohl das
schwarze Ende, als auch der gelbe Ring; seine Farbe ist
einfach röthlich grau, dunkler und mehr braun nach der
Spitze zu, • völlig grau im Grunde. Im Uebrigen verhält
sich die Behaarung, nach der relativen Länge an den
verschiedenen Körpertheilen, wie beim alten Thier, doch
ist der Farbenton auf der Nase nicht so schwarz, wie bei
diesem, obgleich das Weiss der Innenseite der Ohren, der
Leistengegend und deren Umgebungen dieselbe Frische
hat. Nase und Aussenseite der Ohren sind am kürzesten
behaart, demnächst die Beine vom Hand- und Hackenge-
lenk abwärts. Die deutlichen, über 3/4 Zoll langen Thrä-
nengruben sind in der Tiefe haarlos, am Rande aber von
einem Haarsaum eingefasst; sie fallen sichtbar durch ihre
Länge in jedem Alter in die Augen. Das junge Männchen
hat 3 Zoll hohe, am Ende, wie gewöhnlich, etwas ange-
schwollene, noch von der Haut mit kurzem Haarkleide be-
deckte Stirnzapfen, aber keine Andeutung von Zacken oder
Enden daran. Es war im späteren Frühjahr erlegt.
Von der Lebensweise des Thieres in unseren Gegen-
den weiss ich weiter nichts zu berichten, als was mir im
Süden Ansässige mitgetheilt haben. Niemand hat es le-
bendig gesehen, man kennt nur die Haut, von den Indi-
anern angeboten. Letztere sagen aus, dass das Thier äusserst
scheu und darum schwer zu erlangen sei; mit allen Beo-
bachtern rühmen sie seine ungemeine Schnelligkeit und Ge-
wandtheit, dem Jäger auszuweichen. Dass man jung einge-
fangene Thiere gezähmt habe, wie ich früher nach Hören-
sagen angab, wird von Anderen durchaus widerstritten.
Beitrag zur Metamorphose der zweiflügeligen
Insecten.
Vom
Forstmeister Th. Beling
in Seesen am Harz.
Die nachstehende Mittheilung umfasst einen Theil
meiner in den letzten Jahren über die früheren Stände von
Dipteren in hiesiger Gegend gemachten Beobachtungen
und Entdeckungen.
1. Xylophagus ater Meig.
Larve: bis 20 Mm. lang, 2,5 Mm. dick, stielrund,
spindelförmig nach hinten verdickt, llgliedrig, die Glie-
derung scharf und deutlich, gelblichweiss, glänzend. Kopf
eine bis 2,5 Mm. lange, bald nur in dem vordersten Theile,
bald in der ganzen Länge schwarze oder schwarzbraune,
glänzende, mit einzelnen abstehenden braunen Haaren be-
setzte schnabelartige, grade, hornige, nach hinterwärts ver-
breiterte, an jeder Seite etwas ausgeschweifte, plattge-
drückte Spitze. Erstes Leibesglied am Vorderrande schmal
weiss gesäumt, im Uebrigen auf der oberen Seite braun,
glänzend, mit zwei geschlängelten weissen Seitenlinien und
unterhalb dieser Linien mit je einem verhältnissmässig
grossen runden schwarzbraunen Stigma. Zweites Glied
auf der Oberseite im vorderen Viertheil weiss, in dem
32 Beling:
übrigen hinteren Tbeile mit drei nahe bei einander ste-
henden quadratischen gelbbraunen Flecken. Die Ober-
seite des dritten Gliedes mit zwei rundlichen, weit aus ein-
ander stehenden braungelben Flecken. Am Anfange des
vierten und eines jeden folgenden bis einschliesslich des
neunten Gliedes eine langgedehnte Vertiefung mit unregel-
mässiger, theils dunkler theils heller Spritzfärbung. Letztes
Glied mit einem braunen vierseitigen, diagonal von oben
nach unten gerichteten Schilde, dessen Ecken sehr stumpf
abgerundet sind und innerhalb welchem zwei kurze, dunkel-
braune, mit der Spitze nach oben gebogene und divergi-
rende, mit einzelnen Wimperhaaren besetzte Griffel stehen.
Oberhalb dieser Griffel und mehr zur Seite in jenem Schilde
je ein rundes schwarzbraunes Stigma, von der Grösse des-
jenigen am ersten Gliede. Vor dem Schilde oberhalb an
jeder Seite je ein ovaler, mit seiner Länge in der Längen-
achse des Körpers liegender gelbbrauner Fleck und am
Beginne des letzten Gliedes oben je ein weit kleineres
gelbbraunes Fleckchen. Zuweilen inmitten des Schildes
am letzten Gliede vier zahnartige, in einige Wimperhaare
auslaufende Höcker. In anderen Fällen fehlen diese Höcker
und es stehen dann nur in dem gröblich und weitläufig
punktirten Schilde am Rande jederseits zwei gekrümmte
braune Wimperhaare. — Oben auf jedem Leibesringe in
der Mitte, zwischen vorn und hinten seitwärts je drei
nahe beisammen in Querreihe stehende braune Wimper-
haare und ausserdem in der Verlängerung der dadurch ge-
bildeten Querreihe nach der Rückenmitte hin noch je ein
gleiches Haar. — Jeder Leibesring vom 5ten bis einschliesslich
loten auf der Oberseite mit zwei weit entfernt stehenden,
nach hinterwärts sehr stark divergirenden Reihen von
drei bis zehn kleinen punktförmigen runden, im Grunde
gebräunten, nahe bei einander befindlichen Grübchen,
welche sich in ihrer Anzahl bei verschiedenen Individuen
nicht gleich bleiben. Auf der Unterseite der Leibesringe
sind vom vierten Gliede einschliesslich an ähnliche, aber
aus zahlreicheren, bis 15 Punkten bestehende Reihen gleich-
falls vorhanden. Die Unterseite des ersten Gliedes ist in
bald grösserer, bald geringerer Ausdehnung braun gefärbt;
Beitrag znr Metamorphose der zweiflügeligen Tnsecten. 33
an der Unterseite des zweiten und dritten Gliedes finden
sieb mitunter von hinten nach vorn hin convergirende
Punktreihen der vorher gedachten Art, mitunter fehlen
solche aber auch. Im Allgemeinen nehmen die Punktreihen
auf der Oberseite wie auf der Unterseite der Leibesringe
von vorn nach hinten hin an Zahl der Punkte zu. Ausser-
dem finden sich auf der Oberseite der ersten drei Leibes-
abschnitte am Hinterrande eine Querreihe von etwa vier
eingedrückten grösseren, in ungleichen Räumen von ein-
ander entfernten Punkten. An jeder Seite des vierten bis
letzten Leibesringes eine Doppelreihe kleiner, runder, im
Grunde gebräunter Grübchen; beide Reihen bilden, in der
Mitte aus einander tretend und nach beiden Enden hin
convergirend, ein Art lang gedehnte Ellipse. An der Un-
terseite des dritten bis einschliesslich zehnten Gliedes je
ein längliches Grübchen von gleicher Form und Färbung
wie dergleichen auf der Oberseite an der Basis des vierten
bis einschliesslich neunten Gliedes sich finden. Letztes
Glied unterwärts mit kreisförmiger schwarzbrauner Zeich-
nung, die an jeder Seite einen winkelförmigen, mit der
Winkelspitze nach hinterwärts gerichteten Arm hat.
Uebrigens kommen in der vorstehend beschriebenen
braunen Flecken etc. Zeichnung an den verschiedenen
Gliedern mannigfache Modifikationen vor, unter Anderem in
der Weise, dass mitunter die ersten drei Glieder obenauf
vollständig gebräunt und nur mit einigen äusserst schmalen,
unregelmässigen, hellen Längslinien besetzt, in anderen
Fällen aber grösstenteils weiss wie die übrigen Glieder
und nur mit mehr oder weniger belangreichen Flecken-
Rudimenten versehen sind.
P u p p e : 1 2 Mm. lang, 2,3 Mnx dick, stielrund, nach hinten
kaum verdünnt, frisch schmutzig gelbgrünlichweiss, mit
schwarzbraunen, stark firnissartig glänzenden Scheiden.
Vor der Stirn zwei seitwärts gerichtete, kurze, dicke, stumpfe,
schwarzbraune, glänzende Hörnchen; oberhalb der Stirn-
kante ein Büschel ziemlich weitläufig gestellter, gekrümm-
ter langer heller Haare, ausserdem einige gleichgefärbte
kürzere Haare in der Mitte des Thorax an jeder Seite.
Hinterleib neungliedrig; drittes bis einschliesslich achtes
Archiv f. Naturg. XXXXI. Jahrg. Bd. 1. 3 *
34 Beling:
Glied hinter der Mitte nahe am Hinterrande mit einem
Kranze dicht gestellter kleiner brauner Zähne und Borsten-
haare umgeben, von welchen letzteren die an den beiden
Leibesseiten stehenden die längsten sind. Letztes Glied
mit einem solchen Zahn- und Borstenhaar-Kranze in der
Mitte, am Ende dagegen mit einer zweizähnigen gebräunten
Spitze, an deren Basis auf der Unterseite drei ganz kleine
Zähnchen stehen. Unterseite des Kopfendes am Innen-
rande der sich wenig markirenden Augen jederseits mit
zwei langen, steil abstehenden bräunlichen Borstenhaaren.
Flügelscheiden bis etwa zur Mitte des vierten Hinterleibs-
gliedes reichend. Stigmen an den Leibesseiten verhält-
nissmässig gross, gelbbraun, auf der Oberfläche flach
warzenförmig verunebnet.
Die Larven fand ich vorzugsweise im schmierig feuchten
Moder der in Zersetzung begriffenen Bastschicht des Rin-
denüberzuges von Fichtenstämmen, die nach stattgehabter
Fällung oder nachdem sie von Stürmen umgeworfen worden,
noch längere Zeit im Walde verblieben und von Borken-
käfern stark angegangen gewesen waren, ausserdem auch
unter der Rinde abgestorbener Schwarzerlen und in ver-
modernden Schwarzerlen- und Birken-Stöcken. Die Ver-
puppung geschah meist im Mai und Juni und die Puppen-
ruhe dauerte drei bis vier Wochen.
2. Xylophagus cinctus Degeer.
Puppe: 17 Mm. lang, 3,5 Mm. am Thorax dick, stiel-
rund, nachahmten verdünnt. Vor der Stirn zwei kurze,
dicke, stumpfe, braunrothe, ringsum fein quer geriefte
Hörnchen, welche von der Mitte der Stirn aus divergirend
oder gespreizt nach beiden Seiten hin der Stirnkante fast
anliegen. Oberhalb dieser Hörnchen zwei neben einander
stehende Büschel langer, heller, massig dicht stehender
Haare, ausserdem einige vereinzelte gleich gefärbte kür-
zere Haare an jeder Thorax-Seite, etwa in dessen Mitte.
Hinterleib neungliederig, schmutzig gelblich oder grün-
lich, glanzlos, zweites bis einschliesslich achtes Hinter-
leibsglied nahe am Hinterrande mit einem Kranze
dicht gestellter kleiner brauner, in ein bald mehr bald
Beitrag zur Metamorphose der zweiflügeligen Tnsecten. 85
weniger langes steifes Borstenhaar verlängerter Zähnchen,
von denen die an den Leibesseiten stehenden länger als
die übrigen sind, rings umgeben. Letztes Glied erheblich
schmaler und kaum halb so dick als das vorletzte, auf
der Oberseite etwa in der Mitte mit einigen starken,
braunen, weitläufig stehenden Stachelzähnen in einer Quer-
reihe und auf der Unterseite nahe vor der Spitze mit
einigen gleichfalls in eine Querreihe stehenden höcker-
artigen stumpfen Zähnchen; die Spitze selbst mit zwei
neben einander stehenden gespreizten, stachelig stumpfen
grösseren braunen Zähnen endend. Vorderrand des dritten
bis achten Hinterleibsgliedes auf der Oberseite mit einer
Querreihe kleiner, dicht gestellter brauner, zahnartiger
Höckerchen. Unterseite des Kopfendes und der Mittelbrust
wie bei der Puppe von Xylophagus ater. Die zu jeder
Seite am zweiten bis einschiesslich achten Gliede befind-
lichen Stigmen massig gross, rothbraun, glänzend, auf der
Oberseite warzig verunebnet.
Am 17. Juni 1872 fand ich in einem älteren Nadel-
holzbestande unter der in Vermoderung begriffenen Rinde
einer Fichte, welche, vom Winde geworfen und dann
von Borkenkäfern stark angegangen, schon längere Zeit
am Boden gelegen hatte, zwei Larven, die im äusseren
Ansehen den Larven von Xylophagus ater vollständig
glichen, dafür auch von mir gehalten und deshalb nicht
genauer untersucht wurden. Die Durchwinterung der mit-
genommenen beiden Larven in einem ungeheizten Zimmer
gelang, im nächsten Frühjahr aber starb die eine der
beiden Larven, wogegen die andere sich in der Zeit vom
ersten bis fünften April verpuppte und am 26. April eine
Imago fem. lieferte.
3. Tabanus bromius L.
Larve: Bis 16 Mm. lang, 4 Mm. dick, blassgelb, stark
seidenglänzend, der Länge nach scharf und dicht fein
längsgerieft, mit zwölf Leibesabschnitten ausschliesslich
des kleinen, schmalen, braunen, in die ersten Glieder ganz
zurückziehbaren Kopfes. Letzterer auf der Mitte der Ober-
seite mit einer wandförmigen Längenerhöhung, die im
86 Beling:
vorderen Theilc mit kurzen Haaren besetzt und an jeder
Seite mit einem rundlichen, dicht bürstenartig gezähnten
Höcker versehen ist. Fühler nicht wahrnehmbar, Taster
sehr kurz, eingliederig", dick. Erstes Leibesglied kurz,
abgestumpft kegelig, einstülpbar und in das zweite Glied
ohne scharfe Grenze übergehend. Letzter Glied kurz und
weit dünner als die vorhergehenden, kuppeiförmig, an der
Unterseite mit bald mehr, bald weniger stark vortretendem
halbkreisförmigen, von einer tiefen Längenrille oder Spalte
durchzogenen After im vorderen Theile. Die Spitze des
letzten Gliedes eine rundliche, warzenförmige einziehbare
mit einer vertikalen Stigmenspalte versehene Erhöhung
Die Leibesabschnitte vom fünften bis einschliesslich zehnten
mit wulstigem Vorderrande ringsum. Innerhalb dieses
Wulstrandes treten acht Erhöhungen deutlich hervor, von
denen zwei kleinere auf den Rücken, eine auf jeder Seite
und zwei Paar unter einander genäherte, als Kriechschwielen
auf die Unterseite fallen. Die durch die ersten Glieder
hindurchscheinende Platte des eingezogenen Kopfes er-
scheint als ein von zwei breiten, geschwärzten, in der
Mitte etwas weiter aus einander tretenden, nach hinten
hin sich ausspitzenden Linien begrenztes gelbbraunes lang-
gedehntes Feld.
Puppe: 16 — 18 Mm. lang, 3,6 bis 4 Mm. dick, vorn
stumpf, nach hinten hin etwas verdünnt, schmutzig grün-
lich gelb, glatt, etwas glänzend und wenn älter mit schwärz-
lichen Säumen der Glieder- Abschnitte. Vor der Stirn 5
bis 6 kleine, flache braune Höcker oder Warzen, von
denen die beiden untersten zahnartig erweitert, die obersten
zwei platt abgestutzt und in der Mitte der Abstutzung mit
einem kurzen schwarzbraunen Haar besetzt sind. Zu jeder
Seite dieser Stirnpunkte ein zahnartiges, nach auswärts
gerichtetes Spitzchen. Oberhalb der Stirnpunkte zwei
kleine warzenförmige Höckerchen mit je einem kurzen
schwarzen Haare. Unter brüst jederseits mit zwei kleinen
braunen, ein nach hinterwärts gerichtetes, fast anliegendes
Haar tragenden Warzen und einem länglichen schwarzen
Punkte, welche zusammengenommen zwei nach hinten hin
divergirende Reihen bilden. Hinterleib neungliederig, erstes
Beitrag zur Metamorphose der zweiflügeligen Iusecten. 37
Glied sehr kurz, drittes bis einschliesslich achtes Glied
an jeder Seite mit zwei ziemlich weit von einander ent-
fernten parallelen Längseindrücken, welche zusammen-
genommen zwei die Hinterleibsseiten entlang laufende,
eingedrückte Linien bilden. Inmitten dieser Eindrücke
an jedem der gedachten sechs Glieder in der vorderen
Hälfte ein kurzer dornenförmiger Auswuchs und; ein
gleicher Auswuchs auch am zweiten Gliede unmittelbar
hinter den Flügelscheiden. Dritter bis einschliesslich
achter Hinterleibsring nahe am Hinterrande mit einem
Kranze dicht gestellter, ungleich langer, nach hinterwärts
anliegender oder fast anliegender, bald gelblicher, bald bräun-
licher oder auch schwärzlicher Haare umgeben. Letztes
Hinterleibsglied mit sechs kurzen, dicken, schwarzbraun-
spitzigen, nach aussen gespreizten Dornen endend, von denen
vier in einer Horizontalreihe stehen, und zwar ein starker
an jeder Seite und zwei schwächere in der Mitte. Flügel -
und Fuss-Scheiden nicht besonders stark markirt, mit dem
übrigen Körper von gleicher Färbung, bis zum Beginne
des dritten Hinterleibsgliedes reichend.
Die Larven leben vorzugsweise in berasetem Boden
auf Wiesen, Angern, Feldrainen und an ähnlichen anderen
Stellen. Sie werden häufig von Maulwürfen zu Tage ge-
wühlt und im Frühjahr und Sommer 1874 habe ich sie
und später auch die Puppen insbesondere auf Wiesen in
frischen Maulwurfshügeln oft gefunden. Die Puppenruhe
dauert in der Regel zwischen zwei und drei Wochen und
die Imagines erscheinen von der zweiten Hälfte des Mo-
nats Juni an. Die Larven saugen Regenwürmer, Larven
und Puppen anderer Insecten und wenn es ihnen an
Anderem mangelt, die eigenen Geschlechtsverwandten be-
hufs der Ernährung aus, können aber wie es scheint im
Nothfalle auch von blosser Erde leben, worin ich sie Mo-
nate lang unterhalten und zur Verpuppung gebracht habe.
4. Haematopota pluvialis L.
Larve: 10 bis 12 Mm. lang, 2,5 Mm dick, etwas
contractu, ganz ausgestreckt bis 15 Mm. und mitunter noch
darüber lang, 12 gliederig, blassgelb, stark glasglänzend,
38 Beling:
sehr fein nadelrissig längsgerieft, nach vorn und hinten
hin etwas verdünnt und insbesondere beim Kriechen im
vorderen Theile spindelförmig verdünnt erscheinend, mit
kleinem, schmalen braunen, in die ersten Glieder ganz zu-
rückziehbaren Kopfe, welcher auf der Rückenseite der
ersten Glieder als ein brauner, nach hinterwärts verbrei-
terter, zweizackig endender Längenstreifen durchscheint.
Letztes Leibesglied .kürzer und dünner als das vorherge-
hende, am Hinterrande kuppeiförmig abgerundet, mit einer
der Mitte der Abrundung aufsitzenden polsterartigen Er-
höhung, welche zuweilen wie ein kurzer, dicker, walzen-
förmiger, gerade abgestutzter Endgriffel erscheint und in
der Mitte mit einer von oben nach unten ziehenden Stig-
menspalte versehen ist. After an der Unterseite des letzten
Gliedes stark wulstig vortretend. Unterseite des fünften
bis einschliesslich elften Gliedes zunächst des Vorderrandes
mit Kriechschwielen, welche zusammengenommen sechs
Längenreihen bilden, von denen am eigentlichen Bauche
je zwei und zwei genähert stehen, während die äussern
Schwielen-Reihen etwas weiter entfernt sind und die
Schwielen innerhalb derselben mehr nach hinterwärts stehen.
Puppe: 10— 13 Mm. lang, 2,2 bis 2,5 Mm. dick, stiel-
rund, schmutzig bräunlich gelb, etwas glänzend, nach
hinten hin wenig verdünnt. Unterhalb der Stirn zwei nahe
neben einander stehende Zähnchen und oberhalb der
Stirnkante zwei wenig weiter von einander entfernte, mit
einem langen Haar besetzte Höckerchen; oberhalb dieser
Höckerchen in einiger Entfernung noch je ein isolirt stehen-
des Haar und ausserdem an jeder Vorderleibsseite noch je
zwei nahe hinter einander befindliche Haare. Hinterleib
neungliederig, erstes Glied sehr kurz, kaum den vierten
Theil der Länge des zweiten Gliedes erreichend; drittes
bis einschliesslich achtes Glied in der Nähe des Hinter-
randes mit einem Kranze ziemlich dicht gestellter, ungleich
langer, rückwärts anliegender, bräunlicher Borstenzähne
umgeben, welche auf der Bauchseite kürzer als auf der
Rückenseite sind. Letztes Hinterleibsglied klein, an der
Unterseite in der Mitte mit einer Reihe ähnlicher Borsten-
zähne wie die übrigen Glieder sie zeigen, an der Spitze
Beitrag zur Metamorphose der zweiflügeligen Insecten. 39
mit sechs auswärts gespreizten, verhältnissmässig starken,
an der Spitze geschwärzten, in einem Sechseck stehenden
Zähnen, von denen die oberen beiden kürzer und schwächer
als die übrigen sind.
Eine Larve erlangte ich am 24. März 1873 aus ab-
gesammeltem und an einem Wiesenrande aufgehäuften
Schweinedung. Dieselbe hatte sich bei der Unterhaltung
in einem ungeheizten Zimmer am 24. Juni verpuppt und
lieferte am 6 Juli, also nach 12 Tagen, eine Imago mas.
Vom Monat December 1873 an fand ich die Larven öfter
vereinzelt in Ackererde, einige Male auch in Erde an
Wiesenhecken. Die aufgefundenen Larven wurden zum
Theil in einem mit Ackererde gefüllten Glase unterhalten
und lebten darin Monate hindurch friedfertig bei einander.
Als aber die Zeit der Verwandlung herannahete, tödteten
sie einander, offenbar zum Zwecke des Aussaugens der ge-
testeten behufs der Ernährung, so dass von 10 Larven
schliesslich nur eine einzige übrig blieb, welche am 25.
Juni 1874 zur Verpuppung gelangte und am 5. Juli, also
nach 11 Tagen, eine Imago fem. lieferte.
Die Larven sind denen von Tabanus bromius in Fär-
bung, Gestalt und Lebensweise sehr ähnlich, unterscheiden
sich aber sogleich durch geringere Länge und Dicke und
die weit feineren nadelrissigen Längsriefen. Hinsichtlich
der Fundstellen hat sich mir bislang der Unterschied er-
geben, dass die Haematopota-Larven vorzugsweise in Acker-
erde, die Larven der vorhin gedachten Tabanus-Species
dagegen mehr in berasetem Wiesen- und Anger-Boden vor-
kommen.
5. Empis trigramma Meig.
Larve: 10 Mm. lang, 2 Mm. dick, gelblich weiss, etwas
seidenglänzend, sehr fein nadelrissig längsgerieft, 12glie-
derig, mit ganz kleinem, braunen, in die ersten Leibes-
glieder zurückziehbaren Kopfe, hinter welchem auf der
Rückenseite der ersten Glieder zwei innere braune, nach
hinterwärts gabelig gespreizte und zwei äussere tiefer lie-
gende breitere geschwärzte Linien durchscheinen. Auf der
Bauchseite am Hinterrande des sechsten bis einschliesslich
elften Gliedes schmale Kriechschwielen. Letztes Leibes-
40 Beling:
glied von gleicher Länge mit dem vorletzten, nach hinten
hin etwas verdickt und daselbst kuppeiförmig abgerundet,
oben mit vier schwachen, unten mit zwei tieferen Längen-
furchen, rundum fein netzförmig nadelrissig, gewissermassen
sehr fein schuppig erscheinend, am kugelig abgerundeten
Hinterende in der Mitte mit zwei verhältnissmässig grossen,
gelbbraunen, um etwa den zweifachen Durchmesser des
einen von einander entfernten Stigmen.
Puppe: 8 Mm. lang, am Thorax 2,3 Mm. dick, nach
hinten hin kegelig verdünnt, bräunlich-gelblich, an den
Scheiden so wie an Kopf und Thorax glänzend, sonst
glanzlos, vor der Stirn mit zwei kleinen neben einander
stehenden, schildförmigen, horizontal stehenden, nach vor-
wärts gerichteten Plättchen, von denen jedes an der Ober-
seite ein ziemlich langes, steil aufwärts gerichtetes Haar
trägt. Oberhalb dieser beiden Kopf-Plättchen je ein ähn-
liches, noch etwas längeres Haar. Kopf vom Thorax durch
eine deutliche Quernaht geschieden, letzterer mit einigen
langen, steil aufwärts stehenden bräunlichen Haaren be-
setzt. Der nach der Spitze hin kegelig verdünnte Hinter-
leib neungliedrig. Zweites bis einschliesslich achtes Hin-
terleibsglied an der Oberseite mit einer Querreihe ungleich
langer, dicht stehender, nach hinterwärts anliegender
brauner Borstenhaare nahe am Hinterrande. An jeder
Seite der Hinterleibsglieder vom zweiten bis einschliesslich
achten eine in nach hinten geöffnetem Bogen stehende Reihe
langer dünner abstehender bräunlicher Haare. Unterseite
jedes Leibesringes mit einer durch je zwei breitere Zwischen-
räume unterbrochenen Querreihe gleicher Haare. Letztes
Glied kurz und schmal, in 2 stumpf gerundete, mit langen
dünnen Haaren wimperig besetzte zahnartige Zipfel endend.
Flügelscheiden bis Mitte des dritten, Fussscheiden bis Ende
des vierten Hinterleibsgliedes reichend.
Eine Larve fand ich am 16. April 1874 auf einer
Wiese in einem Kuhfladen vom vorangegangenen Herbste.
Dieselbe hatte sich am 4. Juni in dem Gefässe mit feuchtem
Baummoder, worin sie bis dahin unterhalten war, ver-
puppt und am 14. Juni, also nach 10 Tagen Puppenruhe,
erschien eine Imago fem.
Beitrag zur Metamorphose der zweiflügeligen Insecteii. 41
6. Leptogaster cylindricus Degeer.
Larve: 8 Mm. lang, 1,5 Mm. dick, walzig rund, zwölf-
gliederig, ziemlich scharf gegliedert, weiss, porcellanartig,
glänzend, stellenweise wasserklar, der Länge nach fein
und scharf nadelrissig. Kopf klein, braun, oben und unten
mit einzelnen langen braunen Haaren besetzt und mit nach
vorn hin stumpflich gespitzem, tief gespaltenen Schilde,
in die ersten Glieder zurückziehbar und auf deren Rücken
als eine gerade, gleichbreite, anfänglich dunkele, weiterhin
aber gabelig getheilte hellere Linie durchscheinend. Letztes
Leibesglied kegelig mit aufgesetzter griffeiförmigen, von
einer vertikalen Stigmenspalte durchzogenen stumpflichen
Spitze und sammt den ersten drei Leibesgliedern mit
einzelnen steil abstehenden braunen Haaren besetzt.
Puppe : 6 Mm. lang, 2 Mm. dick, gelblichweiss, etwas
glänzend, nach hinten hin kegelig verdünnt, vor der Stirn
mit zwei nahe beisammen stehenden, unregelmässig vier-
seitigen kurzen, platten, braunen Erhöhungen und unter-
wärts am Kopfe mit zwei kurzen, braunen, stark divergi-
renden Fühlerscheiden. Kopf durch einen tiefen Querein-
druck vom Halsschilde geschieden. Auf dem Rücken eines
jeden der ersten sieben Glieder des neunringeligen Hinter-
leibes eine Querreihe von 6 bis 8 mit der Spitze nach
hinterwärts gerichteten, lebhaft braun gefärbten Zähnchen,
welche auf dem zweiten Gliede am kräftigsten sind, auf
dem dritten und vierten Gliede etwas kleiner werden und
auf dem ersten und den letzten Gliedern weit dünner,
schmal und borstenförmig sind. Letztes Glied kurz und
stumpf. Im Uebrigen alle Hinterleibsglieder ringsum mit
langen, dünnen, bräunlichen, steil abstehenden, theils in
Reihen, theils in anderer Anordnung vertheilten und an
den letzten Hinterleibsgliedern am dichtesten stehenden
Haaren besetzt. Flügelscheiden bis Ende des zweiten,
Fussscheiclen bis Ende des fünften Hinterleibsgliedes
reichend.
Eine am 11. Mai 1874 in einem Ackerfelde nahe
unter der Erdoberfläche aufgefundene Larve lieferte, in
einem Glase mit frischer Erde unterhalten, am 25. Juni
42 Beling:
eine Puppe und am 9. Juli, also noch zwei Wochen Kühe,
eine Imago mas.
7. Asilus geniculatus Fabr.
Larve: 10 bis 12,5 Mm. lang, 2 bis 2,5 Mm. dick,
zwölfgliedrig, walzenförmig rund, nach beiden Körperenden
hin etwas verschmälert, also in der Mitte am dicksten,
gelblichweiss, glänzend, flachrunzelig, mit kleinem, lang und
steif behaarten, braunen, in die ersten Glieder ganz zurück-
ziehbaren und auf dem Rücken als dunkler Längsstreifen
durchscheinenden Kopte. Leib ziemlich scharf gegliedert,
die ersten drei Glieder an jeder Seite etwas hinter der
Mitte mit einem abstehenden bräunlichen, ziemlich langen
Wimperhaar. Letztes Glied stumpf kegelig, breit gedrückt,
längs gefurcht, mit acht braunen Wimperhaaren, von denen
zwei oberhalb und zwei unterhalb der keilförmig zusammen-
gedrückten Endkante befindlich sind und je zwei mehr
nach vorn hin sowohl an der Oberseite wie an der Unter-
seite des Gliedes in weitem Zwischenräume nahe an der
Seitenkante stehen. Auf der Rückenseite des letzten
Zwischenringes zwei kleine kreisrunde, bräunlich gelbe,
weit von einander entfernt stehende Stigmen.
Puppe: 8,5 bis 10 Mm. lang, am Thorax 2,5 Mm.
dick, gelblich, etwas glänzend, nach hinten allmählich etwas
verdünnt. Hinterleib neungliederig, zweites bis einschliess-
lich achtes Glied mit einer erhabenen, auf den letzten
Gliedern dem Hinterrande nahen Querleiste und auf dieser
mit einem Kranze dicht gestellter Zähne und Haare der-
gestalt umgeben, dass auf der Rückenhälfte jedes Leibes-
gliedes längere und kürzere, lebhaft braune, breite, hakig
nach rückwärts gebogene Wimperzähne, auf der Bauch-
hälfte aber und an beiden Seiten noch etwas auf den
Rücken übergreifend blasse Wimperhaare von mindestens
doppelter Länge der vorgedachten Zähne oder Dornen
auf kleinen, braunen, zahnartigen Höckern stehen. Die
zwei letzten Hinterleibsglieder kürzer und dünner als die
übrigen; letztes Glied in vier gespreizte kurze, an der
Spitze gebräunte Dornen oder Zähne endend; auf der
Unterseite des Gliedes nahe vor diesen vier Endzähnen
Beitrag zur Metamorphose der zweiflügeligen Insecten. 43
zwei kleine Zähnchen und vor der Mitte des Gliedes ein
unvollständiger Zahn- und Borsten-Kranz. Vor der Stirn
zwei abwärts gebogene, mit der dicken Basis nahe bei
einander stehende, an der Spitze gebräunte starke Zähne
und unterhalb eines jeden dieser Zähne etwas weiter nach
hinten hin eine auswärts gerichtete Erhöhung mit drei
kleinen ungleichen braunen, nach unten gerichteten Zähn-
chen in Form eines Kammes. Flügelscheiden bis Ende
des dritten oder auch Mitte des vierten Gliedes, Fuss-
scheiden bis Ende des vierten Gliedes reichend, an der
Spitze dunkel gebräunt. Augen gross, durchscheinend
braun.
Zwei Larven fand ich am 30. Juni 1871 auf einer
Viehruhe im Fichtenwalde in der mit Kuhdung vermisch-
ten humosen Erde, von denen sich die eine am 2., die
andere am 4, Juli in eine Puppe verwandelt hatte. Am
21. Juli entschlüpfte der einen Puppe eine weibliche Imago,
während die andere Puppe in Verderbniss übergegangen war.
Im April und Mai 1872 fand ich vereinzelte Larven
in vermoderten Laubholzstöcken, ferner auf einem Kuhlager
im Laubholzwalde im Kuhdung, unter der Nadeldecke des
Bodens in einem Kiefernbestande und einmal auch unter
einem Steine im Walde. -~ Aus einer am 6. Mai aus Kuh-
dung im Walde mitgenommenen Puppe ging am 29. Mai
ein Weibchen hervor. Von zwei im Hause unterhaltenen
Larven lieferte die eine am 2. Juni eine Puppe und am
21. Juni die Imago, die andere am 8. Juni eine Puppe
und am 29. Juni das fertige Insect und zwar beide Male
Männchen. — Die Puppenruhe ist hiernach auf durch-
schnittlich etwa drei Wochen anzunehmen.
8. Thereva nobilitata Fabr.
Larve: bis 30 Mm. lang, 1,2 bis 1,5 Mm. dick, stiel-
rund, nach beiden Leibesenden hin etwas verschmälert und
somit in der Mitte am dicksten, weiss mit bräunlichgelben
Längsflecken und Bandirungen und schwach bräunlich
durchscheinendem Darminhalte, stark glasglänzend, hart-
häutig. Leib ausschliesslich des Kopfes in 20 Abschnitte
44 B e 1 i n g :
getheilt (nach Bouche bei der gleichgebildeten Larve der
Thereva plebeja daher rührend, dass jeder der ersten acht
Hinterleibsabschnitte in zwei Ringe geschieden ist). Kopf-
schild klein, nach vorn hin stumpf dreieckig verschmälert,
am Hinterrande gerade abgestutzt, kastanienbraun, hinten
fein schwarz gesäumt, resp. mit schwarzen Hinterecken,
glänzend, an jeder Seite vorn mit einem kurzen, hinten
dagegen mit einem langen braunen Haar. Unterseite des
Kopfes an jedem Seitenrande mit zwei langen braunen
Haaren. Der erste Leibesring oder Prothorax-Abschnitt in
der Mitte der Oberseite mit ziemlich gleich breiter, schwarzer,
durchscheinender Längslinie. An jeder Seite des vierten,
sechsten, achten, zehnten, zwölften, vierzehnten und sechs-
zehnten Abschnittes je eine von eingedrückten feinen
Rillen gebildete, einem liegenden Doppelkreuze ähnelnde
Figur von nebenstehender Form £. An den ersten drei
Abschnitten — den Thorax-Gliedern — unterwärts je ein
langes steil abstehendes braunes Haar, welches am ersten
Abschnitte in der Mitte, am zweiten Abschnitte etwas hinter
der Mitte und am dritten Abschnitte etwa am Beginne des
letzten Drittheils steht. Vorletzter Leibesabschnitt oben
etwa in der Mitte jederseits mit einem aufrecht stehenden
braunen Haare und in der Nähe des Hinterrandes an
jeder Seite mit zwei in ziemlich weitem Zwischenräume
über einander stehenden gleichen Haaren. Letzter Leibes-
abschnitt klein, wasserhell, in zwei neben einander gestellte
kurze, gerade abgestutzte Spitzen endend. An jeder Seite
des ersten Leibesabschnittes gegen dessen Ende hin ein
kleines, rundes, braunes Stigma. Am siebenzehnten Ab-
schnitte hinter dem ersten Viertheile jederseits ein ähn-
liches gleich grosses Stigma.
Die Larve bewegt sich aalartig, schlangenförmig, mit
den Leibesenden rasch zur Seite schnellend und kann
nicht wie die meisten anderen Dipteren-Larven die Leibes-
abschnitte zusammenziehen oder in einander schieben, ist
also nicht contractu.
Puppe: 11 bis 14 Mm. lang, am etwas verdickten
Mittelleibe 3 bis 3,5 Mm. dick, unmittelbar dahinter 2,5
bis 3 Mm. dick, nach hinten hin kegelig verdünnt, schmu-
Beitrag- zur Metamorphose der zweiflügeligen Insecten. 45
tzig gelblich, wenn ganz frisch auf dem Rücken des mit
dem übrigen Körper gleich gefärbten Thorax mit einem
unregelmässigen grossen, grünlichen, wasserhellen Flecke.
Vor oder etwas unterhalb der Stirn an jeder Seite ein
seitwärts gerichtetes, gerades, in eine glänzende braune
Spitze auslaufendes dornenförmiges Hörnchen. Hinterleib
neungliederig, rund, nach hinten hin konisch zugespitzt;
erstes Glied sehr kurz, zweites Glied über doppelt so
lang und von ziemlich gleicher Länge mit einem jeden der
folgenden. Zweites bis achtes Hinterleibsglied in seinem
hinteren Theile sowohl oben wie unten mit einer Quer-
reihe weitläufig gestellter, nach hinten gerichteter langer,
mit dem Körper gleich gefärbter Borstenhaare; an jeder
Seitenkante zwischen diesen beiden Borstenhaar-Reihen auf
wulstiger Verdickung je 3 bis 5 lange, steife, nach hinter-
wärts gekrümmte ganz gleiche Borstenhaare. Etwas vor
der wulstigen Verdickung an jeder Seite eines Hinter-
leibsgliedes vom zweiten bis einschliesslich achten ein et-
was, kleinerer, sonst ganz gleicher dornenartiger Zapfen,
wie solche an den Mittelleibsseiten befindlich sind. Letztes
Leibesglied kegelförmig, spitz, ohne Borstenkranz, in einen
bald zweitheiligen, bald nur mehr oder weniger weit von
der Spitze her zweigespaltenen, bald ganz ungetheilten,
langen, auf dickem Höcker stehenden borstenhaarförmigen
an der Basis meist schwarzbraunen Aftergriffel endend.
Scheiden etwas gebräunt, die der Flügel bis Ende des
zweiten, die der Füsse bis Ende des dritten Hinterleibs-
gliedes reichend. An den Seiten der Mittelbrust in der
Mitte je ein langes, aus dicker Basis allmählich fein zu-
gespitztes, nach rückwärts gerichtetes Haar und daselbst
weiter nach vorn hin ein kurzer, gerader, nach oben hin
etwas verdünnter, daselbst gerade abgestutzter und ge-
bräunter dornenartiger Zapfen.
Die Larven, deren Weiterführung zu Puppe und Imago
mir nur in den Fällen gelang, wenn sie bereits vollständig
erwachsen waren, fand ich seit dem Jahre 1871 öfter, aber
immer vereinzelt, an sehr verschiedenen Orten, insbesondere
in älteren Fichten- und Kiefern-Beständen unter der Nadel-
decke, auch wohl in und unter dem Moosüberzuge des
46 Beling:
Bodens, seltener in Lanbholzbeständen unter Laub und
Geniste, so wie in altem Kuhdung auf Viehruhen, sodann
in alten, in Vermoderung begriffenen Laubholz- namentlich
Erlen-Stöcken im Walde, einige Male auch in der Erde
an Feldhecken. Sie scheinen vorzugsweise von in Ver-
wesung befindlichen vegetabilischen Substanzen zu leben,
vergreifen sich aber auch an Larven anderer Insecten und
ihrer eigenen Art. Von mehreren gleichzeitig in einem
Gefässe unterhaltenen Larven blieb immer nur eine einzige
übrig, während die anderen von den Ueberlebenden ge-
tödtet und ausgesogen wurden. Man findet zu gleicher
Zeit Larven ganz verschiedener Grösse und es ist nicht
unwahrscheinlich, dass sie länger als ein Jahr zu ihrer
vollständigen Ausbildung nöthig haben.
Bei den von mir gezüchteten zahlreichen Individuen
dauerte die Puppenruhe in weitaus den meisten Fällen
etwa drei Wochen.
Thereva oculata Egger züchtete ich aus Larven und
Puppen, denen der Th. nobilitata so ähnlich, dass ich keine
Unterschiede aufzufinden vermocht habe. Aus einer am
19. Juni 1872 in einem alten Kuhfladen auf einer Viehruhe
innerhalb eines älteren Fichtenbestandes aufgefundenen
Puppe mit zweigespaltenem Aftergriffel ging am 29. des-
selben Monats eine Imago fem. hervor. Eine daselbst an
demselben Tage gleichfalls aus altem Kuhdung entnommene,
anscheinend ganz ausgewachsene und in einem Glase mit
dem gedachten Nahrungsmittel unterhaltene Larve lieferte
am 23. April 1873 eine Puppe und am 30. Mai, also erst
nach 37 Tagen, eine weibliche Imago. Eine am 8. Juni
1872 in einem Kehrichthaufen auf einem Wiesenwege auf-
gefundene Larve ergab bei der Unterhaltung im Hause am
10. Mai 1873 eine Puppe mit zwei ganz getrennten After-
griffeln und am 6. Juni eine Imago fem. Aus einer ande-
ren am 21. Mai 1872 aus einer in Kuhdung im Laubholz-
walde aufgefundenen Larve erzielten Puppe entwickelte
sich am 11. Juni, also nach 21 Tagen Ruhe, eine Imago
fem. und aus einer am 30. August 1873 aus Kuhdung von
einer Viehruhe im Walde mit nach Haus genommenen
Larve war am 12. Mai 1874 eine Puppe mit kurzem, un-
Beitrag zur Metamorphose der zweiflügeligen Insecten. 47
gespaltenen Aftergriffel und aus dieser am 3. Juni, mitbin
nach 22 Tagen, ein fertiges Insect hervorgegangen.
Thereva circumsscripta Loew. züchtete ich in drei
männlichen Exemplaren und zwar 1. aus einer am 15. Mai
1873 in dem Beete eines Blumengartens aufgefundenen
Larve, welche am 31. Mai eine Puppe mit ungespaltenem
Aftergriffel und am 17. Juni Imago war. 2. aus einer
am 26. Mai 1873 in einem faulen Birkenstocke im Laub-
holzwalde aufgefundenen Larve, welche am 5. Juni sich
verpuppt hatte und am 20. Juni das fertige Insect lieferte.
3. aus einer im Mai 1873 in einem Buchenbestande unter
Streulaub aufgefundenen Larve, welche am 9. Juni eine
Puppe mit doppeltem Aftergriffel und am 23. Juni die
Imago lieferte. Auch diese Larven und Puppen sahen
denen der Thereva nobilitata so ähnlich, dass mir kein
wesentlicher Unterschied bemerkbar geworden ist. Im
Uebrigen bin ich bei dem Umstände, dass ich von dieser
Thereva bis jetzt weiter keine Exemplare als die gezüch-
teten drei Männchen erlangt habe, nicht ganz sicher, ob
sie die wirkliche Thereva circumsscripta Loew. oder viel-
leicht eine neue Species sei, was unzweifelhaft festzustellen,
späteren Beobachtungen vorbehalten bleiben muss.
M eigen fand zufolge Seite 116 des 2. Theils seiner
„Systematischen Beschreibung der bekannten Europäischen
zweiflügeligen Insecten" die Larve der Th. nobilitata in
faulen Baumstöcken und beschrieb deren Kopf als „klein,
schwarz, hornartig". Dies stimmt mit meinen Beobach-
tungen insofern nicht überein, als alle von mir bislang
aufgefundenen zahlreichen Thereva-Larven und insbeson-
dere auch diejenigen der Th. nobilitata einen entschieden
kastanienbraunen Kopf, welcher nur am Hinterrande schmal
schwarz gesäumt war, hatten. Nach Bouche, Naturge-
schichte der Insecten, Berlin 1834 S. 45 ist der Kopf
der Thereva plebeja dunkelbraun und schon J. L. Frisch
hat im ersten Theile seiner Beschreibung von allerlei
Insecten, Berlin 1720 eine Thereva-Larve abgebildet und
daselbst S. 34 als schlängliche weisse Erdmade mit kasta-
nienbraunem Kopf schilde, welche in feuchter, von
Mist etwas fetter Erde lebt, beschrieben.
48 Beling:
Die Erfahrungen, welche ich hinsichtlich der Metamor-
phose mehrerer Arten der Gattung Leptis sammelte, lassen
es wünschenswerth erscheinen, zunächst auf das Gemein-
same im Bau und in der Lebensweise der Larven jener
Gattung einzugehen. Die mir bekannt gewordenen Leptis-
Larven sind weiss, gelblich oder blassgelb, glänzend,
ziemlich contractu, stielrund, wenn ganz ausgestreckt spin-
delförmig, nach vorn hin verdünnt. Die Kopfplatte ist
klein, braun, in der Mitte mit einer wandförmigen, schmalen,
gleichbreiten, oben gerade abgeschnittenen Längen-Erhöhung
und hat am vorderen Ende zwei kräftige, braune, nach
unten gebogene divergirende Hornhaken, deren jeder an
der Oberseite der Biegung einen plattenförmigen, meist
vierzähnigen, braunen, etwas in die Höhe gebogenen An-
satz trägt. Zu jeder Seite der Kopf haken ein kegelförmiger,
an der Basis wasserheller, dann brauner, dann wieder
wasserhell geringelter und an der Spitze gebräunter
Taster. Weiter nach hinterwärts an jeder Seite der Kopf-
platte ein etwas dünnerer, kegelig gespitzter, unten wasser-
heller, oben gebräunter Fühler. . Auf der Oberseite der
ersten beiden Leibesglieder markirt sich ein durchschei-
nendes breites Längenband, welches von zwei schmalen,
schwärzlichen, in der Mitte etwas bauchig aus einander
tretenden Linien eingefasst wird. Innerhalb dieses Längen-
bandes zeigt sich zunächst ein helles, hinten gerundetes,
in der Mitte von zwei parallelen, feinen, schwarzen Linien
durchzogenes Feld, Hinter diesem Felde befindet sich ein
schwarzbraunes, von einem hellen schmalen Längenstreifen
getheiltes, mit der bald verwaschenen und stumpfen, bald
deutlich hervortretenden und scharfen Spitze nach hinten
gerichtetes Dreieck. Dann folgt eine helle, mehr oder
weniger intensiv bräunliche Abtheilung und schliesslich
ein aschgrauer oder graubrauner, verwaschener, unregel-
mässig vierseitiger Fleck. Dieser Fleck wird in der Mitte
von einer schon vor demselben beginnenden und hinter
demselben meist keulig erweiterten, über die Seitenlinien
des ganzen Längenbandes hinausragenden schwarzen oder
schwarzbraunen Längenlinie durchzogen. Zu beiden Seiten
des im Stocke stehenden Längenbandes befindet sich bald
Beitrag zur Metamorphose der zweiflügeligen Insecten. 49
hinter bald vor dem beregten Dreieck (Nackendreieck)
ein schwarzer rundlicher Fleck. Beide Flecken stehen
nicht immer einander gegenüber, der an der einen Seite
ist vielmehr häufig weiter nach vorn gerückt als der an der
anderen Seite. Das Afterglied endet mit vier breitbasigen,
gleich grossen stumpfen, in einem Viereck stehenden Haut-
zähnen. In dem oberen Theile des von diesen vier Zähnen
umgebenen Feldes stehen neben einander zwei verhältniss-
mässig grosse, länglich runde, von oben nach unten mehr
oder weniger stark divergirende Stigmen. Die Bauch-
seite des dritten bis einschliesslich elften Gliedes am Vor-
derrande mit Kriechschwielen versehen, welche quergerieft
und längsgefurcht, an den ersteren Gliedern ziemlich un-
scheinbar sind, an den folgenden Gliedern allmählich immer
etwas stärker hervortreten.
Durch die vorhin beschriebene, am Rücken der ersten
Leibesglieder durchscheinende Zeichnung, durch die Be-
schaffenheit des Aftergliedes und insbesondere auch durch
eine grosse Beweglichkeit unterscheiden sich die Leptis-
Larven auf den ersten Blick von anderen ähnlichen z. B.
Chrysopila-, Haematopota-, Asilus- etc. Larven. Sie leben
vorzugsweise von erdigen und in Vermoderung begrif-
fenen vegetabilischen Stoffen und finden sich mehrentheils
im Walde unterhalb der Laub- und Nadeldecke des Bodens,
auch in Holzerde, morschen Baumstöcken und dergl.
Die Puppen sind gleichförmig braun, fast glanzlos,
mit neungliederigem Hinterleibe und bis zum Ende des
dritten oder Anfang des vierten Gliedes reichenden Flügel-
und Fussscheiden. Die Fühlerscheiden bilden vor dem
Kopfe je eine nach aussen oder seitwärts gerichtete, im
vorderen Theile dicht anliegende kurze Spitze. Der erste
Hinterleibsring ist sehr kurz, in der Regel nicht halb so
lang als einer der folgenden. Der dritte bis einschliesslich
achte Hinterleibsring haben auf der Oberseite in der Nähe
des Hinterrandes eine Querreihe rückwärts anliegender
brauner steifer Borstenzähne. An der Unterseite des
fünften bis einschliesslich achten Hinterleibsgliedes zunächst
dem Hinterrande eine Querreihe ähnlicher, jedoch minder
kräftiger resp. breiter und langer Borstenzähne. Auf der
Archiv f. Natur?. XXXXI. Jahrg. 1. Bd. 4
50 Beling:
Oberseite im vorderen Theile des dritten bis einschliess-
lich siebenten Hinterleibsgliedes je zwei ziemlich weit von
einander entfernte kurze Zähne oder Dornen in Quer-
reihe. Afterglied mit vier nach hinterwärts gerichteten,
unter sich gleich grossen spitzen braunen Zähnen oder
Dornen in einer Querreihe etwa in der Mitte des Gliedes,
und an der Spitze mit zwei weit von einander stehenden
spitzen, nach oben hin etwas divergirenden Dornenzähnen
in Horizontalreihe.
Nach dieser Darlegung kann ich mich bei Beschrei-
bung der einzelnen Species ganz kurz fassen.
Leptis scolopacea L.
Larve: 20 Mm. lang, 2,5 Mm. dick, gelblich weiss mit
stumpfspitzigem Nackendreieck.
Puppe: 14 Mm. lang, am Thorax 4 und nahe hinter
demselben 3,5 Mm. dick.
Aus einer am 30. April 1872 in einem vermoderten
Buchenstocke im Laubholzwalde gefundenen Puppe ging
am 11. Mai eine Imago mas hervor. Zwei am 7. Mai 1873
innerhalb der Modererde des Stockes einer im Jahre zuvor
gelallten hohlen Eiche im Laubholzwalde aufgefundene
Larven lieferten bei der Unterhaltung im Hause am 7. und
am 10. Mai Puppen und am 2. resp. 5. Juni Imagines
mas et fem. Eine an derselben Fundstelle am 24. Mai
1873 aufgenommene Puppe ergab am 28. Mai die Imago
fem. Einer am 24. April 1874 am Rande einer Dünger-
grube in Erde aufgefundenen Puppe entschlüpfte am 16.
Mai das fertige Insect und einer am 10. Mai 1874 am Rande
eines Torfstiches unter Abraum aufgefundenen Puppe ent-
kroch die Imago fem. am 23. Mai.
Leptis tingaria L.
Larve: bis 15 Mm. lang, 2 Mm. dick, blassgelb mit
stumpfspitzigem Nackendreieck.
Puppe: bis 11 Mm. lang, am Thorax 3 Mm. dick.
Die durch ihre gelbe Färbung ausgezeichneten Larven
fand ich vielfach in Holzbeständen hiesiger Gegend unter
der Laubdecke des Bodens in humoser Erde lebend. Die
Beitrag- zur Metamorphose der zweiflügeligen Insecten. 51
Imagines, welche ich züchtete, wurden sämmtlich im Monat
Juli nach 10 bis 14tägiger Puppenruhe erzielt. Aus einer
am 29. Juni 1872 einem Composthaufen auf einem Wiesen-
wege entnommenen Puppe ging am 8. Juli das fertige
Insect hervor.
Leptis latipennis Loew.
Larve: bis 12 Mm. lang, 1,8 Mm. dick, weiss bis
gelblichweiss, mit scharfspitzigem Nackendreieck.
Puppe: bis 10 Mm. lang, an 2 Mm. dick.
Die Larven wurden an gleichen Orten wie diejenigen
der L. tingaria gefunden und die Imagines gleichfalls im
Juli, auch einmal zu Anfang Juni, nach acht- bis zehn-
tägiger Puppenruhe erlangt.
Leptis lineola Fabr.
Larve: bis 10 Mm. lang, 1,6 Mm. dick, gelblichweiss
mit scharfspitzigem pfeilförmigen Nackendreieck.
Puppe: bis 9 Mm. lang, fast 2 Mm. dick.
Auch diese Larven wurden an gleichen Orten wie
diejenigen der L. tingaria, ausserdem aber auch in mo-
dernden Baumstöcken angetroffen. Die gezüchteten Ima-
gines erschienen nach 8 bis 12tägiger Puppenruhe fast
sämmtlich im Monat Juni.
Ausserdem züchtete ich noch eine Leptis conspicua
mas Meig. aus einer 17 Mm. langen, am Thorax 5 Mm.
und unmittelbar dahinter 4 Mm. dicken Puppe, welche ich
am 10. Mai in einem Buchenbestande unterhalb der Laub-
decke des Bodens fand, am 24. Mai. Ferner eine Leptis
notota mas Meig. aus einer am gleichen Orte aufgefundenen
Larve, die sich in den Tagen vom 10. bis 14. Mai
verpuppte, am 4. Juni, und aus einer am 22. Mai in
einem anderen Buchenbestande unter der Laubdecke des
Bodens aufgefundenen gelblichen Larve, die sich gleich
hinterdrein in eine 10 Mm. lange, am Thorax 2,3 Mm.
dicke Puppe verwandelte, am 7. Juni eine Leptis strigosa
mas Meig.
52 Beling:
Chrysopila atrata Meig.
Larve: bis 15 Mm. lang, 2 Mm. dick, weiss, hart-
häutig porcellanartig, stark glänzend, nach vorn hin etwas
spindelig verdünnt, mit kleinem braunen, in die ersten
Glieder ganz zurückziehbaren Kopfe, dessen Platte als
ein breites lichtbraunes, in der Mitte erweitertes, an den
Seiten bald mehr bald weniger breit schwärzlich geran-
detes und am Hinterende mit, den schwärzlichen Ein-
fassungen sich ausspitzendes, mitunter aber auch ganz
gleichmässig dunkelbraunes Band durchscheint. An jeder
Seite dieses Bandes innerhalb des ersten Gliedes ein ziem-
lich grosser, schwarzer Augenpunkt. Fühler zweigliederig ;
erstes Glied kurz, an der Basis dicker; zweites Glied
länger als das erste,a walzig, an der Spitze gerundet, mit
einem ganz kurzen aufgesetzten Griffel. Stirnwand ähnlich
wie bei den Leptis-Larven, die obere Kante unregelmässig
bogig und auch unregelmässig verunebnet resp. gezähnt.
Zu beiden Seiten der Stirnwand eine polsterförmige, mit
rückwärts gerichteten Stachelzähnchen dicht besetzte Er-
höhung. Mundhaken oder Oberkiefer neben einander
stehend, bogig nach abwärts gekrümmt, stumpfspitzig,
ein jeder derselben in seinem oberen Theile mit einem an
der Spitze gezähnten dicken Anhange. Leib zwölfglie-
derig. Unterseite des fünften bis einschliesslich elften
Gliedes in der Nähe des Vorderrandes mit einer Kriech-
schwiele. Afterglied etwas kürzer als das vorletzte Glied,
verdickt, mit vier stumpflichen, in einem Viereck stehenden
Hautzähnen endend, von denen die oberen zwei mit je drei
Längenriefen, die unteren beiden dagegen mit je zwei
Längenriefen versehen und an der Aussenseite nach der
Spitze hin seicht ausgerandet sind. Unterhalb eines jeden
der beiden oberen Hautzähne ein gelbbraunes, rundliches,
ziemlich grosses, um etwa seine zwei Durchmesser von
dem anderen entferntes Stigma. Vorderstigmen am Ende
des zweiten Gliedes sehr klein, verdeckt und wenig in die
Augen fallend. Jeder Körperseite entlang laufen zwei ziemlich
parallele, verhältnissmässig weit von einander entfernte
Längenriefen. After an der Unterseite des letzten Gliedes
Beitrag zur Metamorphose der zweiflügeligen Insecten. 53
ein ungefähr gleichseitiges Dreieck mit abgerundeten
Ecken bildend.
Puppe: 10 Mm. lang, am Thorax 2,3 und unmittel-
bar hinter den Scheiden 2 Mm. dick, rund, nach hinten
hin etwas verdünnt, gleichförmig braun, am Thorax so
wie an den Flügel- und Fussscheiden etwas glänzend,
sonst ziemlich glanzlos. Hinterleib neungliederig, die
ersten beiden Glieder sehr kurz, das dritte bis einschliess-
lich achte Glied am Hinderrande rundum mit einem
Kranze dicht gestellter, nach hinterwärts gerichteter
spitzer, mit dem übrigen Körper gleich gefärbter Borsten-
zähne umgeben. Der vordere Theil dieser Glieder bei
etwa ein Drittheil der Länge vom Vorderrande ab mit
einer stumpfkielförmigen Erhabenheit oder Querleiste.
Letztes Leibesglied hinten abgestutzt, am hinteren Unter-
rande mit zwei dickbasigen spitzen und daselbst seitwärts
und am oberen Hinterrande mit vier aus meist je vier
weit dünneren spitzen Zähnchen zusammengesetzten Zahn-
gruppen, in deren jeder ein Zahn erheblich stärker als
die übrigen ist und welche meist in eine haarförmige
Spitze enden.
Die Larven fand ich an verschiedenen Waldesstellen
in nasser Erde theils eines alten Hohlweges, theils in der
Nähe von Bachrinnen unter Streulaub, immer vereinzelt
und öfter zugleich mit Leptis-Larven. Die Imagines
züchtete ich in den Monaten Juni und Juli. Die Puppen-
ruhe dauerte durchschnittlich etwa zwei Wochen.
Bolichopus latilimbatus Macq.
Larve: 8 Mm. lang, 1 Mm. dick, 12gliedrig, weiss,
glänzend, mit kleinem schwarzbraunen, in die ersten
Glieder zurückziehbaren Kopfe. Hinter diesem zwei dicke,
schwarze, bis zum Ende des dritten Gliedes reichende,
fast gerade, nach hinterwärts stark divergirende, am Ende
keulenförmig verdickte Linien und tiefer liegend zwei
ähnliche, aber nicht verdickte kürzere, bis zum Ende des
zweiten Gliedes reichende Linien durchscheinend. Am
Vorderrande des fünften bis einschliesslich elften Gliedes
54 B e 1 i n g :
auf der Bauchseite schmale, scharf längsgeriefte Kriech-
schwielen. Erstes Leibesglied sehr kurz, die folgenden
bis einschliesslich zum elften allmählich an Länge zuneh-
mend. Letztes Glied kürzer als das vorhergehende, scharf
längs gerieft, am Hinterrande oben mit zwei kleinen,
unten dagegen mit zwei grossen breitbasigen, denen der
Leptis-Larven ähnlichen Hautzähnen, deren jeder mit
einer Längenrille versehen ist. Unterhalb der oberen
beiden kleinen Zähne zwei blasse, bräunlichgelbe, um
mindestens den vierfachen Durchmesser des einen von ein-
ander entfernt stehende, kleine unscheinbare Stigmen mit
hellerer Scheibe und dunklerem Rande.
Aus am 8. Juni am Rande eines Torfstiches auf einer
Wiese unter Abraum aufgefundenen und mit nach Haus
genommenen Larven, deren Verpuppung nicht näher beob-
achtet ist, gingen am 10. Juli zwei Imagines mas. et fem.
hervor.
Xylota segnis L.
Larve: 10 Mm. lang, 3,5 Mm. dick, ganz ausge-
streckt bis 15 Mm. und darüber lang, zwölfgliederig,
schmutzig graugelblich, an der" Oberseite glanzlos, kurz
und dicht braun borstig tomentos, an der Unterseite
glänzend und daselbst vom dritten bis einschliesslich
achten Gliede mit je zwei fussförmigen, an der Spitze
mit kurzen, steifen rückwärts gekrümmten Borsten ver-
sehenen Warzen besetzt, die zusammengenommen an der
Bauchseite zwei Längenreihen bilden. Im Uebrigen die
Larve hochgewölbt, nach vorn hin ein wenig verschmälert,
in der Mitte am dicksten, hinter derselben mitunter etwas
buckelig erhöhet und darauf nach hinterwärts spindelig
verdünnt, in einen etwa 1,5 Mm. langen hornartigen wal-
zenförmigen, gelbbraunen, glänzenden, durchscheinenden,
punktirten, an der Spitze geschwärzten Stigmenträger endend
und an beiden Leibesseiten vor diesem Stigmenträger mit
drei in einer Längenreihe stehenden dicken, stumpfen,
braunen, zapfen artigen Auswüchsen, von denen der eine
oder andere einen walzenförmigen, stumpfspitzigen, wasser-
hellen, mit steifen, rechtwinkelig abstehenden hellen Borsten
Beitag zur Metamorphose der zweiflügeligen Insecten. £5
besetzten Fortsatz trägt. Oberhalb der au der Unterseite
des breiten ersten Körpergliedes befindlichen Mundöffnung
ein kurzer, in der Mitte tief rundlich ausgebuchteter Stamm,
welcher jederseits auf einem zapfenartigen, grossen rund-
lichen Lappen zwei der Länge nach mit einander verwach-
sene kurze Glieder (Taster) trägt, von denen das äussere
etwas länger als das innere und an der Spitze mit einem
Kranze ganz kleiner Zähnchen besetzt ist, das innere
gleich dicke, etwas kürzere Glied aber in eine kurze
stumpfe Spitze endet und dadurch das anliegende äussere
Glied etwas an Länge überragt. Das erste Leibes- Glied
mit gerundetem wulstigen Vorderrande und auf demselben
mit kurzen steifen braunen, an der Basis breiten, oben spitzen,
nach rückwärts gerichteten, in mehrfachen Reihen hinter
einander stehenden Borsten besetzt.
Puppe: 8 bis 9 Mm. lang, 3 — 4 Mm. dick, von der
bleibenden Larvenhaut umhüllt und deshalb einer zu-
sammengezogenen Larve ganz ähnlich und wie diese
schmutzig graugelblich oder gelblichgrau gefärbt, an der
Unterseite etwas platt, an der Oberseite sehr eonvex, im
Umrisse rundlich, nach hinterwärts rasch und sehr merk-
lich verdünnt, rübenförmig, am Afterende mit der hornigen
Stigmenröhre der Larve. Kopfende stumpf sehnauzen-
förmig, am hochgewölbten Thorax zwei etwas über 1 Mm.
lange, gleichdicke, etwas nach rückwärts gebogene steife,
vorn abgeglättete, an den Seiten und hinterwärts muricat
geringelte helle fühlerähnliche Hörnchen, welche die Puppe
von der zusammengezogenen, erwachsenen, im Uebrigen
ganz ähnlichen Larve sogleich unterscheiden.
Zahlreiche, gesellig beisammen lebende Larven fand
ich am 4. September 1873 auf dem Stocke einer im Winter
zuvor gehauenen, über ein Meter im Durchmesser starken,
theilweise in Vermoderung begriffen gewesenen Buche
unter Hauspänen und Holzmoder, welche mit aus dem Stocke
getretenem Holzsafte und Regenwasser eine schmierig
feuchte Masse bildeten. Die an jenem Tage mitgenom-
menen und sammt ihrem eben gedachten Nahrungsmittel
in einem Glase unterhaltenen Larven erhielten sich in
grösserer Anzahl lebend bis zum nächsten Frühjahre und
56 Beling:
am 29. April 1874 erschien die erste Imago, ein Männchen,
welcher zu Anfang des Monats Mai noch mehre andere
folgten. Bei einem Besuche der Fundstelle im Walde am
5. Mai 1874 fand ich noch mehrentheils Larven und erst
einige wenige Puppen. Aus den an diesem Tage mitge-
nommenen Larven resp.-- Puppen erzielte ich unter Anderen
auch eine Xylota lenta Meig. fem. und unter den weiterhin
bis zum 18. Juni gezüchteten Imagines befand sich noch
eine X. lenta, welche am 16. Mai aus ganz ähnlicher nur
etwas grösserer Puppe wie die der X. segnis erschien.
Boletina nigricoxa Staeg.
Larve: 12 bis 13 Mm. lang, 1,5 Mm. dick, cylin-
drisch, nach hinterwärts verdünnt, mit gestumpft kegel-
förmigem Aftergliede, glänzend weiss, sehr zarthäutig, mit
stark durchscheinendem schwarzbraunen Darminhalte. Kopf-
schild linsenförmig, bräunlichgelb glänzend, im vorderen
Theile und an dem in der Mitte tief spitzwinkelig ausge-
buchteten Hinterrande dunkeler, schwärzlich. Die Larve
sieht einer Sciara-Larve ähnlich, unterscheidet sich in-
dessen davon durch den anders ausgebuchteten Hinterrand
des Kopfschildes und den am Hinterende stärker ver-
dünnten, stielförmig endenden Leib.
Puppe: 5— 6 Mm. lang, 2 Mm. dick, mit neunglie-
derigem Hinterleibe, schmutzig weiss, etwas glänzend, an
jeder Leibesseite mit scharf abgesetzter schwärzlicher
Längenkante. Erstes Hinterleibsglied kurz, die folgenden
fünf von ziemlich gleicher Länge, das siebente Glied noch
kürzer als das erste; achtes und neuntes Glied gleichfalls
kurz. Letztes oder neuntes Hinterleibsglied der männlichen
Puppe dick, stumpflich gespitzt mit einigen flachen Längen-
eindrücken; letztes Glied der weiblichen Puppe in zwei
kurze, stumpfe, neben einander stehende Zäpfchen endend.
Augen als grosse braune Flecken durchscheinend. Flügel-
scheiden bei der männlichen Puppe bis Ende des dritten,
Fussscheiden bis Ende des achten Gliedes, bei der weib-
lichen Puppe Flügelscheiden bis Ende ides zweiten, Fuss-
scheiden bis nahe zum Ende des fünften Hinterleibsgliedes
reichend.
Beitrag zur Metamorphose der zweiflügeligen Insecten. 57
Am 24. März 1874 fand ich in einem etwa 20jährigen
Mittelwaldbestande Larven und auch schon vereinzelte
Puppen unter der Laubdecke des Bodens. Die Puppen
hatten meistentheils noch den abgestreiften kleberigen
Larvenbalg am Afterende hängen und waren mittelst des-
selben an ein Laubblatt, eine ausgewitterte Blattrippe oder
dergleichen befestigt. Aus den mitgenommenen Puppen
gingen schon am 30. März die Imagines hervor, aber nur
Männchen, kein einziges Weibchen. —
Die Larven leben von in Zersetzung begriffenen Laub-
blättern der Bodendecke des Laubholzwaldes.
lieber taube und abortive Bieneneier.
Von
Dr. Rud. Leuckart
in Leipzig.
Die heutige Lehre von der Parthenogenese knüpft
bekanntlich an die merkwürdige Erscheinung der Drohnen-
brütigkeit an, d. h. an die Thatsache, dass es Bienen-
königinnen giebt, welche das Vermögen, weibliche Nach-
kommen (Arbeiter und neue Königinnen) zu erzeugen, ent-
weder niemals besessen oder allmählich verloren haben, so
dass die Eier, die sie legen, sämmtlich sich zu Drohnen
entwickeln. Derartige Fälle sind seit Schirach und
Huber vielfach von den Bienenzüchtern beobachtet, aber
sie erschienen unerklärlich, „ein Abgrund, den Niemand
ergründen konnte", bis im Jahre 1845 der jetzt so berühmt
gewordene Pfarrer Dzierzon in Karlsmarkt, „ dieses be-
sondersbegnadigte Bienengenie", wie Baron v. Berlepsch
ihn bezeichnet, mit der Behauptung hervortrat*), dass die
Ursache der Drohnenbrütigkeit in einem vollständigen
oder nahezu vollständigen Mangel an Sperma in der Samen-
tasche der Königinnen zu suchen sei. Dzierzon stützte
seine Behauptung auf die Beobachtung, dass die Königinnen,
wenn sie von Anfang an drohnenbrütig waren, nicht selten
als flügellahm und damit als unfähig zum Begattungsaus-
fluge sich erwiesen, oder nachweislich zu einer Zeit er-
brütet waren, in der es keine Drohnen gab, eine Begattung
"') Bienenzeitung 1845. S. 113.
Ueber taube und abortive Bieneneier. 59
also gleichfalls nicht erfolgen konnte. Ebenso glaubte er
die secundäre Drohnenbrütigkeit vorzugsweise bei älteren
Königinnen beobachtet zu haben, die, wie er annahm, ihren
Samenvorrath völlig oder nahezu völlig erschöpft hatten.
Da überdies auch die Arbeitsbienen, die nach der kümmer-
lichen Bildung ihrer Geschlechtsorgane zur Begattung über-
haupt unfähig sind, unter gewissen Umständen, besonders
in weisellosen Stöcken, nicht selten Eier legen, die gleich-
falls, wie schon Aristoteles*) wusste, immer nur zu Drohnen
werden, so glaubte sich Dzierzon zu der Annahme be-
rechtigt, dass die Drohnen überhaupt zu ihrer Entwicklung
der Befruchtung nicht bedürften, dass, wie er sich aus-
drückte, die Bieneneier im Eierstocke sämmtlich als Droh-
neneier entständen und erst durch die Befruchtung in
weibliche Eier umgewandelt würden.
Wenn Dzierzon alle die Schwierigkeiten gekannt
hätte, die vom Standpunkte der damals in der Zeugungs-
lehre herrschenden Ansichten seiner Erklärung entgegen-
standen, dann würde er vielleicht Bedenken getragen haben,
dieselben so ohne Weiteres auszusprechen. Wir würden
dann aber vielleicht noch heute um die Kenntniss eines
der interessantesten und wichtigsten Vorgänge auf dem
ganzen Gebiete des Fortpflanzungslebens ärmer sein. Denn
das, was vom theoretischen Gesichtspunkt aus kaum glaub-
lich schien, was zahlreiche Physiologen als geradezu un-
möglich verlachten und verspotteten, ist durch eine ganze
Reihe nachfolgender Unteruchungen, von denen ich hier nur
die von Siebold's**) und meine eigenen***) nenne, die
direct durch die Behauptung von Dzierzon angeregt
wurden, ausser Zweifel gestellt. Wir wissen heute mit
absoluter Bestimmtheit, dass die Eier nicht bloss der Bienen,
*) Yergl. Aubert und W immer, die Parthenogeuesis bei
Aristoteles' Beschreibung- der Geschlechts- und Zeugungsverhältnisse
der Bienen. Zeitschi-, für wissensch. Zoologie. Bd. IX. S. 507 ff.
**) Wahre Parthenogeuesis bei Schmetterlingen und Bienen.
Leipzig 1856.
***) Zur Kenntniss des Generationswechsels und der Parthenoge-
nesis bei den Insekten. Frankfurt a. M. 1858
60 Leuckart:
sondern zahlreicher niederer Thiere, besonders aus der
Gruppe der Insekten und Krebse, auch ohne Befruchtung
ihre Embryonalentwicklung durchlaufen und zu Thieren
werden, die bald, wie bei den Bienen und Verwandten,
ausschliesslich männlichen, bald auch (Schildläuse, Sack-
träger, Blattkrebse) blos weiblichen Geschlechts sind, und
nur in seltenen Fällen beliebig beiderlei Geschlechter re-
präsentiren. Selbst unter den höhern Thieren kennen wir
einige, bei denen, wie z. B. den Vögeln, die ersten Vor-
gänge der Embryonalentwicklung im unbefruchteten Ei
auf dieselbe Weise geschehen *), wie im befruchteten, ohne
dass es deshalb freilich jemals zur Ausscheidung eines
eigentlichen Embryo kommt.
Wenn es nun aber wahr ist, dass die Entwicklung
der Bieneneier zu Drohnen von der Befruchtung unabhängig
vor sich geht, dann kann es auch keine tauben Bieneneier
geben — vorausgesetzt natürlich, dass die Eier regelrecht
bebrütet werden, d. h. der Brutwärme des Stockes und der
Pflege der Arbeiter unterliegen. Männlich sein und taub
sein, sagt Dzierzon**), sind bei den Bieneneiern iden-
tische Begriffe, und v. Berlepsch ist von der Richtig-
keit dieser Behauptung so fest überzeugt, dass er sich
dazu erbot***), zwanzig seiner schönsten Dzierzonbeuten
mit italienischen Völkern für eine Königin zu geben, deren
Eier taub blieben und keine Brut erzeugten. Doch v. B e r-
lepsch hätte bald Gelegenheit zu solchem Tausche finden
können, denn im Jahre 1857 benachrichtigte mich ein
ebenso eifriger, wie erfahrener Bienen wirth, Lehrer Hucke
in Kleinrettbach bei Neudiettendorf, dass er auf seinem
Stande eine Bienenkönigin besitze, die fleissig Eier lege,
ohne dass je eines derselben auslaufe, auch dann nicht,
wenn die mit diesen Eiern besetzten Waben zum Zwecke
::) Oellacher, Zeitsch. für wissensch. Zool. Bd. 1872. S. 181.
Vgl. auch Leuckart, Art, Zeugung in Wagner's Handwörterbuch
der Physiologie. Bd. IV. S. 958, wo diese Erscheinungen bereits
(1853) der spontanen Entwicklung parallelisirt sind.
**) Bienenzeitung 1851. S. 139 und 1853. S. 103.
***) Ebendas. 1855. S. 77.
Ueber taube und abortive Bieneneier. 61
der Bebrütung einem entwei selten Volke zugetheilt würden*).
Hucke übersendete mir auch zwei Wabenstückchen mit
solchen tauben Eiern, allein dieselben trafen bei mir ein,
während ich auf einer Reise begriffen war, und konnten,
weil zur Zeit meiner Rückkehr gänzlich eingetrocknet,
nicht näher untersucht werden.
Seit dieser ersten Beobachtung sind nun durch die
Bienenzeitung**) noch einige andere ähnliche Fälle be-
kannt geworden, so dass v. Berlepsch, der noch im
Jahre 1860***) die Existenz von tauben Bieneneiern leug-
nete und den Hucke'schen Fall durch mangelhafte Be-
brütung zu erklären versucht hatte, später gezwungen
wurde, dieselbe anzuerkennen. Er bezeichnet in der zweiten
Auflage seines berühmten Werkes über die Biene f) die
Taubheit der Eier als eine Erscheinung, „die zweifelsohne
in irgend einer krankhaften Constitution der Mutter ihren
Grund habe".
Ebenso urtheilt auch v. Siebold. Anfangs sind es
freilich nur theoretische Gründe, die seine Meinung be-
stimmen, denn er muss zugeben, bei der Untersuchung
einer derartigen Königin ff) nicht die geringste Abnormität
gefunden zu haben. Später glaubt derselbe aber auch
den directen Beweis für die Richtigkeit seiner Ansicht
beibringen zu können, und zwar auf Grund von Unter-
suchungen, die theils von ihm selbst, theils aber auch und
vorzugsweise von Claus in zweien Fällen angestellt
wurden ff t).
*) Leuckart, zur Kenntniss des Generationswechsels
u. s. w. S. 62.
**) Jahrgang 1864. S. 169 und 1871. S. 171.
***) Die Biene und die Bienenzucht in honigarmen Gegenden.
Mühlhausen. S. 52.
f) Ebencjas. 2. Aufl. Mannheim 1869. S. 81.
ff) Es ist der oben schon aus der Bienenzeitung 1871 S. 17t
angezogene Fall.
ttf) Zeitschrift für wissensch. Zoologie 1873. Bd. XXIII.
S. 198 — 210, über taube Bieneneier, mit Reproduction der ursprüng-
lich in dem Bienenwirthschaftlichen Centralblatt 1871. S. 180 und
1872 S. 6 veröffentlichten Untersuchungen von Claus.
62 L e u c k a r t :
Der erstere dieser zwei Fälle hat eine kurze und
aphoristische Darstellung gefunden, da der Zustand der
Königin keine eingehende Untersuchung zuliess. Trotzdem
aber glaubt Claus, bei der sonst ganz normalen und
auch befruchteten Königin eine partielle Degeneration des
Eiröhreninhaltes beobachtet zu haben. Einige wenige
dieser Röhren, so sagt er, waren bis zur Einmündung in den
Eierkelch sehr eng und ohne Auftreibung der Fächer ge-
blieben. Ihr Inhalt bestand aus Ballen einer käsigen gel-
ben Masse. Die meisten freilich hatten die einzelnen
Eifächer zur Entwicklung gebracht, aber auch in diesen
war die Dottersubstanz der Eianlagen degenerirt. Auch
an grössern, nahezu reifen und normal beschälten Eiern,
deren Zahl freilich nur sehr klein war, glaubte Claus an
einzelnen Stellen des Dotters die gleiche Degeneration con-
statiren zu können. Ebenso wird auch in den abgelegten
Eiern eine partielle Schrumpfung und Entartung der Dotter-
substanz vermuthet.
Der zweite eingehend beschriebene Fall zeigte „ähn-
liche Verhältnisse, nur dass Alles bei der bessern Erhal-
tung des Objectes viel klarer und schärfer hervortrat".
Verfasser sah bei der betreffenden Königin in der untern
Hälfte der Eiröhren, soweit die Dotter- und Eifächer stär-
ker sich absetzten, eine nach dem Ende zu immer mehr
fortschreitende fettige Entartung der Dotterbildungszellen,
in Folge deren die Anfangs ganz normale Eianlage ge-
wöhnlich in eine bröckliche Masse von käsiger Beschaffen-
heit zusammenschrumpfte, die keinerlei Aehnlichkeit mit
einem Bienenei mehr darbot. In dem untern Abschnitt
einiger Eiröhren fanden sich auch grössere Eier mit ge-
schrumpftem oder sonst degenerirtem Dotter, hier und da
selbst mit einer dünnen Eihaut, die durch die allem An-
schein nach nur wenig veränderten Epithelzellen des Ei-
faches abgesondert war. Völlig reife Eier wurden ver-
misst; ihre Abwesenheit sucht Claus durch einen Hinweis
auf die ungünstige Jahreszeit (Spät-Herbst ?) zu erklären.
v. Siebold findet in dem Eierstocke seiner Königin
wohl vollkommen reife Eier, glaubt aber in denselben
gleichfalls die Zeichen eines eingetretenen Zersetzungs-
Ueber taube und abortive Bieneneier. 63
processes zu erkennen, da der sonst gewöhnlich feinkörnige
Inhalt aus dichtgedrängten wasserhellen Bläschen (Eiweiss-
tropfen) mit dazwischen eingelagerten feinen Körnern zu-
sammengesetzt war. Auch die jungen Eier schienen un-
serm Verfasser in Zersetzung begriffen zu sein. Das
Keimbläschen war nirgends deutlich und die umgebende
Dottermasse, wie in dem reifen Ei, „ nicht gleichmässig
feinkörnig, sondern aus vielen hellen kleinen Bläschen ge-
bildet, zwischen denen eine feinkörnige Masse spärlich
und in unregelmässiger Weise eingestreuet war. Auch
die Dotterzellen der Dotterfächer besassen nicht die re-
gelmässige Beschaffenheit des Zelleninhaltes und Zellen-
kernes, sondern stellten einen Haufen ganz unregelmässiger
und ungleich gebildeter Körper mit körnigem und bla-
sigem Inhalte dar."
v. Siebold zieht aus den voranstehenden Beobach-
tungen den Schluss, dass die Taubheit der Bieneneier durch
eine Störung der regelmässigen Dotter- und Eibildung be-
dingt sei, und in den von ihm und Claus untersuchten
Königinnen speciell von der Unfähigkeit der letztern her-
rührte, normale Dotterbildungszellen hervorzubringen.
Ist diese Auffassung richtig, dann sind die tauben
Bieneneier als pathologische Gebilde zu betrachten, die in
Folge ihrer fehlerhaften Constitution überhaupt zur Aus-
scheidung eines Embryo untauglich geworden sind.
Auffallender Weise ist nun aber die wirkliche Taub-
heit in keinem dieser Fälle durch eine Untersuchung der ge-
legten Eier direct bewiesen worden. Die Königin, in der
man die nächste und einzige Ursache der merkwürdigen
Erscheinung vermuthete, hat die Aufmerksamkeit der
Untersucher so vollständig in Anspruch genommen, dass
die Eier ohne Berücksichtigung blieben. Es wird nicht
ein Mal erwähnt, dass sie den Beobachtern vorlagen —
ein Umstand, der freilich andrerseits auch die Vermuthung
zulässt, es möchten dieselben von den betreffenden Bienen-
züchtern zurückgehalten und überhaupt nicht in die Hände
der Untersucher gekommen sein. Dabei wird jedoch mit
Ausnahme des zweiten Falles von Claus ausdrücklich er-
64 L e u c k a r t :
wähnt, dass die fraglichen Eier in Menge von den be-
treffenden Königinnen abgelegt seien.
Trotz dem mangelnden Nachweise wirklicher Taub-
heit schien übrigens die von v. Berlepsch und v. S i e b o 1 d
gegebene Erklärung so zutreffend, dass auch ich gerne
gestehe, ihr eine längere Zeit hindurch gehuldigt zu haben.
Doch schon vor Veröffentlichung der Aufsätze von Claus
und v. Siebold war ich von dieser Meinung zurück-
gekommen, denn ich hatte mich bereits im Jahre 1868
durch drei kurz nacheinander mir zur Untersuchung vor-
liegende Fälle zu meiner Ueberraschung davon überzeugen
müssen, dass die frühern Voraussetzungen über die Be-
schaffenheit der betreffenden Eier vollkommen irrig seien.
Der erste dieser Fälle kam auf dem Bienenstande
des Herrn Dörr in Mettenheim (Rh. Hessen) zur Beobach-
tung. Unter dem 23. September 1868 erhielt ich darüber
folgende Mittheilung: „Ich beobachte schon seit zwei Mo-
naten die Eierablage einer diesjährigen Königin ; immer
sehe ich nur Eier, nie eine gedeckelte oder ungedeckelte
Made. So sah ich es vor sieben, so auch wieder vor drei
Wochen, was Anfangs mich glauben Hess, es sei inzwischen
ein Wechsel der Königin vorgekommen, so dass die zu-
letzt gesehenen Eier als die ersten einer neuen Königin
, zu betrachten seien. Heute sind nun abermals drei Wochen
vergangen, aber ich finde immer nur Eier und keine Spur
von Brut. Da unter diesen Umständen das Volk sehr zu-
sammengeschmolzen ist, legt die Königin weniger stark,
als früher, aber trotzdem finden sich in den einzelnen
Zellen meist mehrere Eier, bis zu fünf. Ich erkenne je-
doch sehr genau, dass immer nur eines dieser Eier frisch
gelegt ist, während die andern durch Eintrocknen mehr
oder weniger, zum Theil bis auf die Eihäute, zusammen-
geschrumpft sind/'
Die Königin, die am 12. Juli bei reichlichem Drohnen-
fluge ausgeschlüpft war und seit Anfang August regel-
mässig Eier gelegt hatte, ohne dass eines derselben je-
mals eine Larve geliefert, erwies sich mir bei der Unter-
suchung in Betreff ihres äussern und innern Baues als
völlig normal und wohl gebildet, Der Eierstock zeigte
Ueber taube und abortive Bieneneier. 65
einen noch ziemlich reichen Besatz mit Eiern auf allen
Entwicklungsstufen und eine massig starke Schwellung,
wie es auch sonst um die betreffende Jahreszeit (October)
der Fall zu sein pflegt. Das Receptaculum enthielt eine
dichtgedrängte Masse beweglicher Samenfaden.
Die anatomische Untersuchung der Königin ergab
demnaeh Nichts, was über die Natur der Abnormität Licht
verbreitet hätte. Aber anders gestaltete sich die Sach-
lage, als ich nach der Königin die abgelegteu Eier zum
Gegenstand der Beobachtung machte.
Schon das erste Ei, welches ich unter das Mikroscop
brachte — es war noch frisch und von normalem Aus-
sehen — , Hess mich erkennen, dass die Annahme, es handle
sich in unserm Falle um „ taube" Eier, völlig unbegründet
war. Statt eines ungeformten Dotters enthielt dasselbe
einen ausgebildeten Bienenembryo mit deutlichem Amnion,
so dass ich das Ei ohne weitere Kenntniss der Umstände
für völlig normal gehalten haben würde. Und wie dieses
erste Ei, so verhielten sich die übrigen, soweit die Be-
schaffenheit des Inhaltes überhaupt ein Urtheil zuliess.
Die grössere Menge der Eier (deren ich gelegentlich übri-
gens bis zu sieben und acht in einer Zelle zählte) war
stark geschrumpft und ausgetrocknet, so dass der Inhalt
nicht mehr deutlich erkannt werden konnte.
Die Taubheit der Eier war in dem vorliegenden
Falle also nur eine scheinbare. Sie beruhte nicht auf
einem Mangel der Entwicklungsfähigkeit, sondern darauf,
dass der ganz wie gewöhnlich beschaffene Embryo nicht
zum Ausschlüpfen gekommen war. Da weder die Eihaut,
noch die Embryonalhülle (Amnion) abnorm verdickt schien,
der Embryo auch in Kieferbildung und sonstigem Bau
keinerlei Abbildung zeigte, ein mechanisches Hinderniss
des Ausschlüpfens also nicht vorlag, blieb nur die Annahme
übrig, dass die scheinbare Taubheit der Eier durch einen
vorzeitigen Tod der jungen Larve bedingt wurde.
Was ich über den D ö r r'schen Fall hier mitgetheilt habe,
gilt in ganz übereinstimmender Weise auch von den zwei
andern, die, wie erwähnt, fast gleichzeitig mit demselben
zur Untersuchung kamen. Auch hier enthielten die schein-
Archiv f. Natur«. XXXXI. Jahrg. 1. Bd. 5
66 Leuckart:
bar tauben Eier ausnahmslos — so weit eine nähere Analyse
möglich war — einen normal entwickelten Embryo. Der
eine dieser Fälle (von Herrn Lehrer Ed Böttger aus Wie-
senburg) gewann noch dadurch ein weiteres Interesse, dass
die betreffenden Eier in dreizehn verschiedenen Stöcken,
in die sie mit ihren Waben übertragen wurden, sich eben
so taub erwiesen, wie in dem Mutterstocke, obwohl dieser
doch solche Eier, die andern normalen Völkern entnommen
waren (selbst Drohneneier),, in völlig regelrechter Weise
zur Entwicklung brachte.
Nach dieser Erfahrung kann es nicht zweifelhaft sein,
dass die Ursache des frühzeitigen Todes in den Eiern ge-
geben ist — in letzter Instanz also wirklich der Mutter
entstammt.
Das völlig übereinstimmende Resultat meiner Fälle
-— das übrigens schon vor Veröffentlichung der Aufsätze
von Claus und v. Siebold in der Bienenzeitung niitge-
theilt war*) — berechtigt zu dem Schlüsse, dass in der
Regel auch sonst die sog. tauben Bieneneier nicht
eigentlich taub sind, sondern nur taub er-
scheinen, weil die darin entwickelte Brut nicht
ausschlüpft. Die Zweifel, welche Dzierzon und
v. Berlepsch aus aphoristischen Gründen gegen die
Existenz von wirklich tauben d. h. entwicklungsunfähigen
Eiern hegten, ergeben sich somit als vollkommen be-
rechtigt.
Natürlich übrigens, dass es sich in dieser Frage zu-
nächst nur um sog. normale Eier handelt, d. h. um Eier,
die in Betreff ihrer äussern und innern Bildung von den
gewöhnlichen Eiern nicht merklich abweichen. Denn dass
ein d e g e n e r ir t e s Ei die Bedingungen einer Embryonal-
entwicklung nicht besitzt, ist selbstverständlich ; die Taub-
heit derselben kann in keinerlei Hinsicht als eine auf-
fallende Erscheinung gelten.
Trotzdem verlangt aber auch dieser Fall hier unsere
Berücksichtigung. Wissen wir doch von Bienenköniginnen,
*) A. a. 0. Jahrg. 1871. S. 227. (Leider durch zahlreiche
Druckfehler entstellt.)
lieber taube und abortive Bieneneier. (M
die statt der normalen Eier solche von mehr oder minder
veränderter Beschaffenheit in ihrem. Ovarium erzeugen und
nach aussen ablegen. Schon im Jahre 1866, also gleich-
falls schon längere Zeit vor der Publication der oben an-
gezogenen Beobachtungen von Claus und v. Siebold
ist solch ein Fall von mir in dem Vereinsblatt für die
Bienenzüchtervereine des Grossherzogthums Hessen*) be-
schrieben worden.
Die betreffende Königin war mir von Herrn Bier-
brauer Ullrich in Pfungstadt zur Untersuchung zugestellt,
Es war ein ausgezeichnet schönes und grosses Exemplar,
dass nach der Versicherung des Lieferanten, von dem Herr
Ullrich es bezogen, im vorhergehenden Jahre befruchtet
war, und auch Arbeitsbienen erzeugt hatte. Trotzdem er-
wies sich die Königin auf dem Stande des Herrn Ullrich
als unfruchtbar, indem sie keinerlei Brut erzeugte.
Sogleich bei Eröffnung des Abdomen fiel mir auf,
dass das untere Drittel der nur massig entwickelten Eier-
stöcke ein ungewöhnliches Aussehen hatte. Es zeigte eine
gelbliche Trübung, deren Grund bei mikroskopischer Unter-
suchung in einer fettigen Entartung des gesammten Ei-
röhreninhaltes erkannt wurde. Die oberen zwei Dritttheile
der Eiröhren enthielten ganz normale Eikeime mit Dotter-
bildungszellen, dann aber begann allmählich eine Trübung
der letzteren, die von einer Anhäufung von Fettmassen
herrührte und schliesslich sich auch auf das Epithel der
Eifächer ausdehnte. Die so veränderten Zellen konnten
die Eikeime nicht zur normalen Entwicklung bringen.
Statt sich zu vergrossern und die Eifächer immer stärker
aufzutreiben, blieben dieselben klein; sie füllten sich mit
Fettmassen verschiedener Grösse; die das Keimbläschen
verdunkelten, und den Dotter allmählich in eine bröckliche
Substanz verwandelten, welche schliesslich in kleine ovale
Stücke von 0,4—0,5 Mm. auseinander fiel. In dieser Form
erfüllten die Producte der Eierstocksthätigkeit den untersten
Theil der Ovarialröhren; sie wurden einzeln auch in den
*) Mittheilungen über Bienenzucht. IV. Jahrgang. S. 1. (In
Kürze angezogen .bei v. Berlepsch, Biene. 2. Aufl. S. 106.)
68 Leuckart:
Leitungsorganen gefunden und sind bestimmt auch statt
der normalen Eier in die Brutzellen abgelegt. Die Dege-
neration war in allen Eiröhren dieselbe; es wurde kein
einziges Ei gefunden, das mit Schale versehen war und
sonst durch seine Beschaffenheit einem normalen Eierstocks-
producte ähnlich gewesen wäre.
An diesen Fall scheint sich nun unmittelbar die von
Claus untersuchte zweite Königin anzuschliessen. Nur
insofern besteht ein Unterschied, als statt des Zerfalles
der veränderten Dottersubstanz bei letzterer nur eine
Schrumpfung eintrat, hier und da sich auch eine dünne
Schale um die (vermuthlich dann auch weniger degene-
rirten) Eier ablagerte. Und diese Verschiedenheiten wer-
den uns verständlich, wenn wir damit die Thatsache zu-
sammenhalten, dass nach der Darstellung von Claus bei
seiner Königin die fettige Degeneration des Eierstockes
eine weniger vollständige war und namentlich die Epithe-
lialbekleidung der Eifächer verschont hatte. Wie weit
solche weniger veränderte Eier sich etwa dem Normal-
zustande annäherten, ist aus den Mittheilungen freilich
nicht ersichtlich.
In dem ersten Falle von Claus und dem Falle von
v. Si'ebold wurden dagegen wirkliche Eier von den Köni-
ginnen abgelegt. Die Producte der Geschlechtsthätigkeit
müssen hier also, wenn auch vielleicht immer noch abnorm,
doch in ihrer äussern Bildung den gewöhnlichen Bieneneiern
zum Verwechseln ähnlich gewesen sein. Mit dieser An-
nahme stimmt auch der anatomische Befund, denn die
Degeneration des Eierstockes war beide Male verhältniss-
mässig nur wenig auffallend und namentlich bei der Kö-
nigin v. Siebold's so gering, dass man sich fast ver-
sucht fühlen könnte, die vorgefundenen Veränderungen als
blosse Leichenerscheinungen zu deuten.
Doch dem mag sein, wie ihm wolle, soviel ist nach
unsern jetzigen Erfahrungen ausser Zweifel, dass wir
neben den sogen, tauben Eiern als eine zweite
krankhafte Form von Bieneneiern diejenigen
zu unterscheiden haben, die aus einem dege-
nerirten Eierstocke stammen und selbst in
Ueber taube und abortive Bieneneier. 69
mehr oder minder hohem Grade degenerirt
sind. Diese letzteren — wir können sie vielleicht passend
als Abortiveier bezeichnen — sind zur Entwicklung unfähig ;
sie produciren keinen Embryo, während dagegen die sog.
tauben Eier, die von einem scheinbar ganz normalen Ova-
rium gebildet sind und keinerlei auffallende Zeichen einer
pathologischen Veränderung zur Schau tragen, wohl einen
Embryo ausscheiden, aber keine Brut bilden, weil der
Embryo vor dem Ausschlüpfen aus den Eihüllen zu
Grunde geht.
Da die Ursache dieser letzten Erscheinung zunächst
übrigens gleichfalls in einer ungewöhnlichen Beschaffenheit
des Eies zu suchen sein dürfte — wenn auch einer solchen,
die wir mit unsern dermaligen Hülfsmitteln aufzufinden nicht
im Stande sind — , die Abortiveier aber in der Art und
dem Grade der Degeneration vielfach von einander ab-
weichen, so ist es vom theoretischen Standpunkte aus
wahrscheinlich, dass diese beiderlei Formen, so verschieden
sie auch in ihren Extremen sind, durch Zwischenglieder
in einander übergehen. Man darf also vermuthen, dass es
neben den Königinnen, die sog. taube Eier legen, und
solchen, die Abortiveier produciren, noch andere giebt,
deren Eier, dem Aeussern nach vollkommen normal, nur
unvollständig sich entwickeln, d. h. eine mehr oder minder
lange Reihe von Entwicklungszuständen durchlaufen, ohne
diese jedoch durch Ausscheidung eines fertigen Embryo
zum Abschluss zu bringen.
Die Zoophyten.
Ein Beitrag zur Geschichte der Zoologie,
Von
Rud. Leuckart,
Professor iu Leipzig.
(Zuerst als akademisches Programm abgedruckt.)
„Omni um optime arboris imagine adumbraretur cor-
porum organicorum systema, quae a radice statim e sim-
plicissimis plantis atque animalibus duplicem varie conti-
guum proferat truncum, animalem et vegetabilem. Quorum
prior per molusca pergat ad pisces, emisso magno inter
haec insectorum laterali ramo, hinc ad amphibia, et ex-
tremo cacumine quadrupedia sustineret, aves vero pro la-
terali pariter magno ramo infra quadrupedia exsereret."
Den voranstehenden Satz entlehne ich nicht etwa den
Schriften eines modernen Zoologen, eines Anhängers der
Darwinschen Lehre von dem genealogischen Zusammen-
hange der gesammten thierischen und pflanzlichen Schö-
pfung, sondern dem Elenchus zoophytorum von Pallas,
einem Werke also, das vor mehr als hundert Jahren er-
schienen ist *). Meines Wissens enthält derselbe den ersten
Versuch, dem zoologischen Systeme das Bild eines Baumes
zu Grunde zu legen und damit eine Anschauungsweise in
*) Pallas, Elenchus zoophytorum. Hagae comitum 1766.
p. 23.
Leuckart: Die Zoophyten. 71
unsere Wissenschaft einzuführen, die durch die Auls tel hing
von „Stammbäumen" bei den Anhängern Darwin's eine
weitere Entwicklung gefunden hat*).
Der Zusammenhang zwischen dem thicrischen und
pflanzlichen Stamme wird nun nach Pallas durch die
Zoophyten oder Pflanzenthiere vermittelt, „ durch j ene
wunderbaren Geschöpfe, in denen thierische und pflanzliche
Charaktere der Art gemischt sind, dass es oft schwer hält,
die wahre Natur zu erkennen**)".
Es ist namentlich die" Art des Wachsthums und der
Fortpflanzung, die diese Aehnlichkeit bedingt und den
Zoophyten den Habitus der Pflanzen in einer so unverkenn-
baren Weise aufprägt, dass Pallas geradezu sagt: „zoo-
phyta sunt animalia vere vegetantia, in plantae formam
excrescentia, plantarumque alias quoque proprietates affec-
tantia; sunt plantae quasi animatae" (I.e. p. 19).
Bei der Darlegung dieser Ansichten wusste sich
Pallas in Uebereinstimmung mit Linne, welcher in der,
wenige Jahre vorher erschienenen zehnten Ausgabe seines
berühmten Systema naturae, derselben, in welcher die schon
früher begonnene Reform der thierischen Systematik ihren
vorläufigen Abschluss fand, die Zoophyten folgendermaassen
charakterisirt hatte: .,Zoophyta composita animalia, in
bivio animalium vegetabiliumque constituta, radicata plera-
*) Dass die Idee solcher Stammbäume übrigens gleichfalls
schon eine ältere ist, beweist u. a. die Bemerkung meines Onkels
Fr. S. Leuckart, »dass er schon seit längerer Zeit daran sammle
und arbeite, einen Baum des Lebens, einen Stammbaum der
organischen Welt, zu construiren.c Zoologische Bruchstücke,
Helmstädt 1819. S. 7. Anm. b. (Vergl. weiter desselben Versuch
einer naturgemässen Eintheilung der* Helminthen nebst dem Ent-
würfe einer Verwandtschafts - und Stufenfolge der Thiere über-
haupt. Heidelberg 1827.) Wie Elenchus Praef. p. VIII. zeigt,
war auch Pallas schon nahe daran, die einzelnen Glieder und
Zweige seines Baumes durch Weiterentwickelung auseinander hervor-
gehen zu lassen.
**) »In zoophytis vegetabilis natura cum animali ita miscetur
ut vere aneeps et dubia passim sit.« L. c. Praef. VIII. »Animalis
natura cum vegetabili indole et habitu coniuneta est in zoophytis.«
Ibid. p. 11.
72 Leuckart:
que caulescunt multiplicata vita rainis, gemmis caeduis,
metamorphosique florum animantiuni, sponte sese moven-
tium, in capsulas seminiferas transeuntium *) ; ac si plan-
tae essent zoophyta sensu motuque destitut'a, et zoophyta
verae plantae, sed systemate nerveo, sensus motusque or-
gano instructae" **).
Die so chärakterisirten Zoophyten bilden die letzte
Ordnung der Linne'schen Würmer, einer Gasse, die
daneben nocb die Gruppen der Intestina, Mollusca, Testacea
und Lithophyta enthält. Allerdings war es unserem grossen
Forscher nicht entgangen, dass die Lithophyten durch ihr
Aussehen an die Zoophyten sich anschlössen, allein an-
dererseits schienen ihm die betreffenden Geschöpfe (Tubi-
pora, Millepora, Madrepora) durch ihre Kalkskelete wieder
so nahe Beziehungen zu den Conchylien zu haben, dass er
eher geneigt war, sie den letzteren („animalia mollusca,
simplicia, domo calcarea propria obtecta"), als zusammen-
gesetzte Formen („animalia mollusca composita, pullulantia
e corallio lapideo subjecto, cui inserta quodque aedificant")
zur Seite zu setzen. Pallas war in dieser Beziehung anderer
Meinung, er erkennt in den Lithophyten „animalia zoo-
phytis nimium affinia et aeque pro plantis nervoso syste-
mate animatis et organorum paulo multipliciori apparatu
nobilioribus habenda" ***), und sieht sich hierdurch, sowie
durch die augenscheinliche Verwandtschaft der Milleporen
mit Eschara und Isis, sowie der Madreporen mit Alcyo-
nium f ) veranlasst, die Ordnung der Lithophyten überhaupt
zu unterdrücken und die von Linne dahin gerechneten
Formen ohne Weiteres den Zoophyten zu verbinden.
Auf diese Weise natürlicher begrenzt, umfasst die
Ordnung der Zoophyten im Sinne Pallas alle
*) Offenbar, dass dieser Ausspruch auf die sogen. Genital-
kapseln der Hydroidpolypen Bezug hat, auf eine Eigenthümlichkeit
also, die lange nicht allen Zoophyten zukommt.
**) Ich citire nach dem Halle-Magdeburgischen Nachdrucke.
P. I, 1760. p. 643.
***) L. c. p. 20.
f) Ibid. p.241.
Die Zoophyten. 73
Thierforinen, welehe die Fähigkeit der Colonie-
bildung besitzen, d. h. die Fähigkeit, durch Knospung
und Theilung nach Pflanzenart zu einem zusammenge-
setzten Organismus, einem Animal compositum, zu werden.
Der Hauptstock der Gruppe wird von den sog. Polypen
(mit Ausschluss der Actinien, die als einfache Thiere keine
Zoophyten sind, sondern mit den Holothurien, Asterien,
Medusen, Salpen, Ascidien, Nacktschnecken, Tintenfischen
u. a. den Mollusken*) zugehören), den Bryozoen so gut,
wie den Anthozoen und Spongien gebildet, von Geschöpfen
also, die bekanntlich Coloniethiere aclt i^oxrjv sind, nach
unseren heutigen Kenntnissen aber keineswegs alle zu
einer und derselben natürlichen Gruppe gehören. Da je-
doch der unterscheidende Charakter der Zoophyten ein
bloss physiognomischer ist und von einer Uebereinstimmung
in den Grundzügen des Baues vollständig absieht, ist es
begreiflich, dass unter diesem Namen (sowohl bei Linne,
wie bei Pallas) mancherlei fremde Formen zusammenge-
fasst wurden. Und so finden wir denn neben den Polypen
weiter noch eine Anzahl zusammengesetzter Ascidien (Arten
des Gen. Alcyonium, das aber auch echte Polypen enthält),
das Gen. Taeuia, dessen Repräsentanten wir auch heute
wieder als zusammengesetzte Thiere zu betrachten pflegen,
Vorticellen, Volvocinen und selbst evidente Pflanzen (Coral-
lina). Ueberdies sind von den Vorticellen nicht bloss die
coloniebildenden Arten, sondern auch solche aufgeführt, die
bloss gesellig leben. Sie bilden mit den Süsswasserbryo-
zoen, mit Stentoren und Rotiferen zusammen das Gen.
Brachionus (Hydra L.), ein Geschlecht, das also sehr he-
terogene Elemente in sich einschliesst, und meistens sogar
solche die nicht einmal Zoophyten sind.
Aus den oben angezogenen Stellen geht übrigens zur
Genüge hervor, dass Pallas so gut wie Linne die Zoo-
phyten trotz aller Pflanzenartigkeit immer noch dem Thier-
reiche zurechnete. Wenn auch vegetantia und gemmantia,
sind und bleiben sie doch animalia, so dass die Zwischen-
*) Vgl. über die Stellung, die P a 1 1 a s den Actinien vindicirte,
Miacellanea Zool. 1766. p. 152.
74 Leuckart:
Stellung zwischen beiden organischen Reichen, mag sie
hier und da auch noch so stark betont sein, streng genommen
nicht als eine vollständig indifferente betrachtet werden
kann. Zu dieser Auffassung kommt man auch durch das
unbefangene Studium des trefflichen philosophisch-physio-
logischen Excurses über die Natur der Zoophyten, den
Pallas iu seinem Elenchus der speciellen Darstellung der
einzelnen Formen vorausschickt. Die Polemik, die Ellis
bei Gelegenheit der in einem Briefe an Lord Kilsborough
niedergelegten Beschreibung der „vielmäuligen" Actinia
sociata gegen die Annahme richtet*), dass Pallas die
Zoophyten als bewegliche Pflanzen und nicht als pflanzen-
förmige Thiere in Anspruch genommen habe, geht dess-
halb denn auch über ihr Ziel hinaus.
Unter solchen Umständen ist es begreiflich, dass der
Aufstellung der Zoophytengruppe im Sinne von Linne
und Pallas zunächst erst die Entdeckung von der thie-
rischen Natur der Korallen vorausgehen musste. Und diese
Entdeckung verdanken wir bekanntlich dem Marseiller
Schiffsarzte Pey ss onel, der (1727) mit aller Bestimmtheit
zuerst die Behauptung aussprach, dass die von Graf Mar-
sigli kurz zuvor bei Alcyonium, Isis und anderen ver-
wandten Formen beobachteten**) beweglichen „Blüthen"
nach Bau und Leistung (Nahrungsaufnahme) entschiedene
Thiere seien, und zwar Thiere, die den Meernesseln ver-
wandt wären. Auf Grund dieser Thatsache trug er auch
kein Bedenken, die Korallen, die seit den ältesten Zeiten
den Pflanzen zugezählt waren, als Aggregate beschälter
Nesselthiere (Polypennester nach Reaumur) in Anspruch
zu nehmen ***).
Obwohl die Angaben P ey s s o ne l's durch gelegentliche
Bemerkungen älterer Forscher, wie Rumph, Imperato
und namentlich auch Gesner (der in zapfenförmigen
*) Philosoph. Transact. 1767. p. 428.
**) Histoire physique de la mer. Amsterdam 1725.
***) Philosoph, transact. Vol. 47. London 1753. p. 445. Vgl.
auch Flourens, Annal. des sc. natur. 1838. T. IX. p. 343.
Die Zoophyten. 75
Vorsprängen der Gorgonien bereits *) „minimum quid rufum,
an vermiculus multipes" gesehen hatte \ vorbereitet waren,
erschienen sie den Mitgliedern der Pariser Akademie, der
sie zuerst communicirt wurden, und besonders deren Prä-
sidenten Reaumur so unglaublich, dass es erst der be-
rühmten Entdeckung des Süsswasserpolypen bedurfte **.),
sie zur Anerkennung zu bringen. Reaumur selbst beeilte
sich, nachdem er durch Trembley Gelegenheit zur eige-
nen Untersuchung dieses wunderbaren Geschöpfes erhal-
ten, das Peyssonel von ihm zugefügte Unrecht durch
eine offene Erklärung ***) zu sühnen und mit der Auto-
rität seines Namens für die alsbald auch durch Bernh.
Jussieu (1741) und Guettard (1742) weiter bestätigte
Entdeckung einzutreten. Einige Jahre später erschienen
die Werke von Donatif) und E lli s f+), durch welche
die Stellung der Corallen oder Polypen, wie diese Thiere
nachReaumur's ursprünglich bloss für deren Süsswasser-
form in Anwendung gebrachten Bezeichnung allmählich
immer häufiger genannt wurden, für alle Zeiten ihre Ent-
scheidung fand.
Bei den nahen Beziehungen nun, welche diese Polypen
zu den Zoophyten von Linne und Pallas darbieten,
könnte es leicht den Anschein gewinnen, als wenn man
vor Peyssonel, Trembley und Ellis überhaupt noch
nicht von Zoophyten hätte sprechen können. Doch mit
Nichten. Schon bei den Zoologen des siebenzehnten Jahr-
hunderts, ja schon bei denen aus der zweiten Hälfte des
*) De rerum fossil, figuris et sirailitudin. Tiguri 1565. p. 136.
**) Trembley, mem. pour servir a l'hist. d'un genre de
polype d'eau donce. Leyde 1744. Deutsch von Götze, Quedlinburg
1775. (Wie Hai ler, Physiol. Vol. VIII. p. 165 hervorhebt, sind die
Süsswasserpolypen ührigens schon vor Trembley vonLeeuwen-
hoek, Joblot, Lyonet gesehen und erwähnt worden. Ebenso
nach Reaumur von Jussieu.)
***) Mem. pour servir ä Fhist. des insectes. Caen 1742. P. VI.
Pref. p. 51. Götze's Uebersetzung von Trembley, S. 464.
f)#Della storia natur. marina del' Adriatico. Venez. 1750.
ff) An essay towards a nat. hist. of the Corallines. Lon-
don 1754.
76 Leuckart:
sechszehnten lesen wir von Geschöpfen dieses Namens.
Sie bilden eine eigene Gruppe, die auf der untersten Stufe
des Thiersystemes steht und mit den Insekten, Weichthie-
ren, Krustern und Schalthieren die Abtheilung der blut-
losen, oder wie wir heute sagen, der wirbellosen Thiere
zusammensetzt.
Die Gruppe der Zoophyten ist also weit älter
als das Linn6ische System. Sie existirte bereits zu
jener Zeit, in der nach mehr als tausendjährigem Schlafe
mit dem Forschungstriebe auch zugleich das Studium der
Zoologie zu neuem Leben erwachte.
Aber die Zoologen dieser Periode waren Anfangs
mehr auf die Sammlung, als auf die Vermehrung des vor-
handenen Materiales bedacht ; es waren zunächst nur die Re-
sultate der Aristotelischen Forschung, die sie in mehr oder min-
der veränderter Form ihren Zeitgenossen boten. Die Abhän-
gigkeit von Aristoteles ging so weit, dass selbst die ein-
zelnen Abschnitte, von denen man damals in den Werken
über Zoologie zu handeln pflegte, zum grössten Theil nach
Namen und Inhalt aus den Schriften des grossen Stagiri-
ten entlehnt waren. Da solches besonders auch für die
oben erwähnten Gruppen der Insekten, Weichthiere, Kru-
ster und Schalthiere gilt, so liegt die Vermuthung nahe,
dass die Aufstellung einer besonderen Ordnung der Zoo-
phyten gleichfalls schon auf Aristoteles zurückzuführen sein
dürfte.
Obwohl eine derartige Vermuthung gegen die bisher
fast allgemein verbreitete Annahme verstösst, nach der es
Wotton gewesen, der (1552) die Ordnung der Zoophyten
in unsere Wissenschft eingeführt habe, wird sie durch das
Studium der Aristotelischen Werke doch über allen Zwei-
fel erhoben.
Allerdings darf man sich dabei nicht ausschliesslich
auf das vierte Buch der Thiergeschichte beschränken,
dass man (Cap. 1 — 8) gewöhnlich zu citiren pflegt, wenn
es gilt, die Ansichten von Aristoteles über den Bau und
die Eintheilung der sog. blutlosen Thiere (avaipa) wieder-
zugeben. Denn das, was hier und namentlich in der vor-
ausgeschickten Uebersicht über die Blutlosen und deren
Die Zoophyten. 77
einzelne Gruppen gesagt wird, könnte in der Tliat leicht die
entgegengesetzte Meinung veranlassen.
Die Blutlosen, so sagt Aristoteles a. a. 0. *) „zerfal-
len in mehrere Abtheilungen, und zwar erstens in die sog.
Weichthiere (naläxia, mollia — später mollusca — zu-
nächst nur unsere heutigen Cephalopoden). Es sind alle
diejenigen Blutlosen, welche die dem Fleische entsprechende
Masse aussen, das Feste aber, wenn es vorhanden ist, innen
haben, ebenso wie die Blutthiere (evaifxa): dahin gehören
die Sepien. Zweitens in die Weichschaligen dualcty.ooTQaxcc,
crustata, Krustenthiere, zunächst nur die höheren
Krebse ; dies sind alle diejenigen, bei denen die feste Masse
aussen, die weiche und fleischartige Masse aber innen
liegt; die harte Müsse ist bei ihnen nicht spröde, sondern
lässt sich zerreiben**): dergleichen sind die Langusten
und Krabben (twv Kccgaßiov yevog nuxl to tcov xaQxivtov).
Drittens in die der Hartschaligen {ooTQa^odeQf.iaxa^ testacea,
S c h a 1 1 h i e r e), bei welchen sich die Fleischmasse inwendig,
das Harte aber, welches spröde und brüchig, jedoch nicht
zerreiblich (?) ist, auswendig befindet ; hierher gehören die
Schnecken und Muscheln (tcov xoxkiwv yevog Kai to tujv
oöTQtwv). Die vierte Abtheilung bilden die Insekten
(tWo^a), welche wiederum viele, einander sehr unähnliche
Gruppen begreift. Zu ihnen gehören, wie der Namen an-
zeigt, alle diejenigen, welche auf der Bauch- oder auf der
Rückenseite oder auf beiden Seiten Einschnitte haben, und
bei welchen die Substanz des Körpers weder knochenartig
noch fleischartig ist, sondern zwischen beiden die Mitte
hält/' Mit den Insekten vereinigt Aristoteles auch die we-
nigen ihm bekannten Würmer (mit Ausnahme der Gehäuse-
würmer), sowohl die freilebenden (oxoloTrevdgai üalccT-
*) Ich citire nach der Ausgabe und Uebersetzung von Aubert
und Wimmer. Leipzig 1868. Th. I. S. 369.
**) »ro ($£ axb](i6v ctwwv IgtIv ov &Qavöj6v uXka &XUÖTOV«.
Meyer übersetzt (Aristoteles Thierkunde , Berlin 1855. S. 109),
wohl richtiger »das Harte ist bei ihnen nicht brüchig, sondern lässt
sich drücken«. Es dürfte sich bei dem betreffenden Ausdrucke
wohl zumeist um die elastische Beschaffenheit des Krebspanzers
handeln.
78 * Leuckart:
xiai *), vornehmlich wohl unsere heutigen Nereiden), wie
auch die Eingeweidewürmer, deren er drei Arteu**) auf-
zählt, den Bandwurm (el^ig n/.azela, unstreitig die Taenia
niediocanellata, die in den Mittelmeerländern weit häufiger
ist, als die T. solium, und auch weit häufiger als diese
ihre Glieder ***) einzeln abstösst), den gemeinen Spulwurm
(ek^ig oTQoyyukq, Ascaris lumbricoides) und den Spring-
wurm (aoY.aQig, jetzt Oxyuris). In ähnlicher Weise werden
die Seeigel {sylvot) zu den Schalthieren gestellt, obwohl
sie sich, wie ausdrücklich bemerkt wird f) von den Schne-
cken und Muscheln dadurch unterscheiden, dass sie über-
haupt kein Fleisch haben. Ebenso abweichend sind die
Ascidien (vrf&va), deren Körper in einer lederartigen Schale
steckt und aus einer Fleischmasse besteht, welche von
einer sehnigen Haut umgeben ist und „keinem Theile der
andern Schalthiere gleicht" ff).
In der Thieranatomie spricht sich Aristoteles ganz
bestimmt dahin aus, dass die Seeigel sowohl, wie auch die
Ascidien, wenngleich den Schalthieren zugehörig, unter
diesen doch besondere Gruppen repräsentiren ftt)-
Auch die aKalrjcpm bilden unter den Schalthieren
„eine eigene Sippe" {ysvog Ydiov), die durch den Mangel
der Schale und die ausschliesslich fleischige Beschaffenheit
zur Genüge charakterisirt ist*f)- Die Schale wird gewis-
*) An einem andern Orte (bist, animal. Lib. II. Cap. 14) wer-
den diese Thiere in Verbindung mit den Wasserschlangen erwähnt,
allein die Stelle ist nach Aubert und W immer wahrscheinlich
erst spätem Ursprungs. Die italienischen Fischer nennen übrigens
noch heute die grösseren Anneliden, besonders Lysidice parthenopea,
>Schlangen«, serpente.
**) L. c. Lib. V. Cap. 19.
***) »Der breite Eingeweidewurm haftet am Darme und ge-
biert kürbiskernähnliche Körper, woraus die Aerzte auf sein Vorhan-
densein schliessen.« L. c.
f) Ibid. Lib. IV. Cap. 5.
ff) Ibid. Cap. 6.
ttt) ^twff <?' e/ovoi T(av 6aionxo(HQfib)V oi t' l/lvoij xal ol tcöv
xaXovfxtvwv Trj&vwv ysvog. De partibus animal. Lib. IV. Cap. 5.
*f) Histor. animal. Lib. IV. Cap. 5.
Die Zoophyten. 79
serrnassen durch den Fels vertreten, auf dem dieselben
aufsitzen *). Trotzdem sind aber die Unterschiede von
den echten Schalthieren so bedeutend, .dass Aristoteles sie
an einer andern Stelle geradezu davon ausschliesst **).
Die Eigenschaften, die den Akalephen beigelegt
werden, lassen keinen Zweifel, dass sie dieselben Thiere
sind, die wir jetzt als Actinien zu bezeichnen pflegen.
Manche meinen freilich (mit Rondelet), dass Aristoteles
auch die heutigen Akalephen d. h. Medusen mit diesem
Namen bezeichnet habe, allein diese Annahme ist ent-
schieden unrichtig. Der Name xvldac (urticae, Nesselthiere),
dessen sich Aristoteles statt äxaXrjqxxi gelegentlich bedient,
passt auf gewisse Actinien eben so gut, wie auf Medusen,
bedingt also keineswegs die Notwendigkeit, an letztere
zu denken. Und das um so weniger, als beide Ausdrücke
in der Thieranatomie ***) geradezu als synonym bezeichnet
werden. Auch der Umstand kann kaum zu Gunsten der
Rondelet'schen Auffassung angeführt werden, dass es,
wie wir in der Thiergeschichte f) lesen, „zwei Arten von
Nesseln giebt, von denen die einen in Höhlungen leben
und auf der Unterlage festsitzen, während die anderen von
den glatten und platten Felsen, denen sie ansitzen, sich
ablösen können und ihren Ort verändern", da es sich hier
und an anderen Parallelstellen, wo es von den Akalephen
heisst : „sie haften, wie manche Schalthiere, an den Felsen,
lösen sich aber auch davon ab" ff), oder: ,, manche lösen sich
bei Nacht ab, um Nahrung zu suchen" f ff) doch immer nur um
Thiere handelt, die, wie wir das in der That von manchen
*) Ibid. Lib. VIII. Cap. 2. § 22.
**) De partib. animal. Lib. IV. Cap. 5. ug dk xaloudiv ot tu£v
xvldag, ol 6s axc<lrj(fccg, tört jukv ovx omoaxö^eo^i« ccXV |£m ninxu
räiv dtr)Qr]iu€vm> yevwv.
***) L. c.
f) Lib. V. Cap. 16.
ff) Ibid. Lib. IV. Cap. 6.
fff) Ibid. Lib. I. Cap. 1. § 9.
80 Leuckart:
Actinien wissen*), gelegentlich ihren Standort wechseln
(ccTTolvofAavai /n£Ta%wQovoiv), nicht aber um solche, die,
wie die Medusen, ausschliesslich zu einer Schwimmbe-
wegung befähigt sind. Ueberdies passt die Bezeichnung
(.letaxcöQovoiv wohl für kriechende Actinien, aber nicht für
Medusen, deren Schwimmbewegung, eigenthümlich, wie sie
ist, wohl eine andere Bezeichnung gefunden haben würde.
Da Aristoteles dieser eigenthümlichen rhythmischen
Bewegungen nirgends gedenkt, darf man wohl annehmen,
dass er niemals Gelegenheit gehabt habe, Medusen lebend
zu beobachten. Daraus folgt aber nicht ohne Weiteres,
dass Aristoteles diese Thiere überhaupt nicht gekannt und
erwähnt habe. Die Medusen sind in ihren grösseren Ver-
tretern so häufige Bewohner des Mittelmeeres, sie werden
so oft durch Sturm und Wellenschlag an's Ufer geworfen,
so häufig von den Fischern mit Netz und Angelschnüren
emporgezogen, dass sie, wenn auch vielleicht nur todt und
verstümmelt, mit anderem Untersuchungsmateriale vermuth-
lich gar nicht selten werden dem grossen Forscher vorge-
legen haben.
Solche Wahrscheinlichkeitsgründe sind es auch ge-
wesen, die vielfach in den Aristotelischen Werken nach
Medusen haben suchen lassen. Die Zoologen des Mittel-
alters (Massarius, Gyllius, Belon) glaubten dieselben
in den gelegentlich von Aristoteles erwähnten, aber nirgends
näher beschriebenen Ttveifxoveg gefunden zu haben. Wenn
man weiss, dass die Medusen noch heutigen Tages viel-
fach an den französischen und deutschen Küsten als „See-
lungen" (poumons) bezeichnet werden, dann gewinnt diese
Deutung von vornherein etwas Verführerisches, was freilich
wieder verloren geht, sobald man bedenkt, dass jene Be-
zeichnung augenscheinlicher Weise von den Schwimmbe-
wegungen entlehnt ist, die durch ihren Rhythmus einige
Aehnlichkeit mit den Athembewegungen haben, durch eine
Eigenschaft, die für Aristoleles, der seinen 7ivev(.iove^ wie
*) Es ist also durchaus nicht nöthig, bei diesen kriechenden
Actinien an die Actiniae ambulantes vou Pallas (1. s. c.) d. h. un-
sere heutigen Holothurien zu denken.
Die Zoophyten. 81
den mehrfach daneben genannten gleichfalls problema-
tischen oko&nvQia, Bewegungen und Gefühl geradezu ab-
spricht *), in keiner Weise massgebend sein konnte.
Trotz alledem aber ist es mir immer noch am wahr-
scheinlichsten, dass die Tirsv/noveg des Aristoteles auf toclte
und verstümmelte Medusen, wie die Fischer sie lieferten,
zu deuten seien.
Aristoteles nennt seine cmlvoicc, einen Schwamm mit
grossen Löchern und schlüpfriger dichter Durchschnittsfläche
(wahrscheinlich Sarcotragus Schm.) nveviwvcodeg**); wir
müssen also voraussetzen, dass dieselbe in ihrer Beschaf-
fenheit einige Aehnlichkeit mit den nvev^ovsg gehabt habe.
Es spricht das ganz für unsere Vermuthung, denn die von
grösseren und kleineren Kanälen durchsetzte leimartig
compacte Körpermasse eines derartigen Schwammes lässt
sich immerhin einer abgestorbenen grossen Meduse (etwa
Rhizostomum) mit ihrer Gallertscheibe und dem daran
hinziehenden Canalsvstem vergleichen, und das um so
mehr , als die Sarcotragen gewöhnlich auch durch ihre
regelmässigen Formen — 0. Schmidt giebt seinem S.
foetidus z. B. die Gestalt eines grossen runden Brotlaibes
— an Medusen erinnern. Auch das, was von den 7ivev-
(.lovag weiter bemerkt wird ***), dass sie losgelösten Pflan-
zen glichen (cooftaQ ovtcc (pvxa aTColeXv(.dva), dient nur
dazu, unsere Deutung zu bestätigen, denn unter den zu
Aristoteles Zeiten bekannten Thieren dürfte kaum eine
andere Gruppe mit grösserem Rechte einen Vergleich mit
vegetabilischen Gebilden herausfordern. Allerdings sind
es die 7ivav(.wveg nicht allein, die in der hervorgehobenen
Weise mit Pflanzen verglichen werden, sondern auch die
olo&ovQia, aber das beweist wohl nur, dass die letzteren
zu den 7tvsvfioveg, mit denen sie mehrfach zusammen ge-
nannt sind, gewisse nahe Beziehungen haben. Wenn wir
annehmen dürften, dass unter diesen olo&ovgia Rippen-
*) De partibus animal. Lib. IV. Cap. 5.
**) Histor. animal. Lib. V. Cap. 16. Ueber die Deutung vergl.
Schmidt, die Spongien des Adriatischen Meeres, 1872. S. 2 u. 35.
***) De partib. animal. 1. c.
Archiv f. Naturg. XXXXI. Jahrg. Bd. 1. 6
82 Leuckart:
quallen zu verstehen seien, dann würden alle diese Angaben
in befriedigendster Weise ihre Ausgleichung finden. Jeden-
falls haben die oko&ovQia des Aristoteles mit den heutigen
Holothurien keinerlei Gemeinschaft, wie am bestimmtesten
daraus hervorgeht, dass die letzteren unserm Zoologen, wie
wir alsdann sehen werden, anderweitig bekannt waren*).
Je flüchtiger übrigens die Bemerkungen sind, die Ari-
stoteles über diese problematischen Geschöpfe macht, desto
ausführlicher behandelt er **) die der oben schon erwähnten
dnlvöia verwandten Spongien (oitoyyog), die ihm offenbar
in reicher Auswahl und von verschiedenen Fundorten vor-
lagen. Er unterscheidet unter denselben — neben ajclvoia
— noch drei verschiedene Arten: eine lockere (nach
Schmidt die Spongia oder Cacospongia equina), eine
dichte (Spongia mollissima) — der als rauhere Abart noch
die Bockschwämme (zgayoi, wohl Hircinia Schm.) hinzu-
gefügt werden — und den sog^ Achillesschwamm (Ayll-
leiov, nach Schmidt vielleicht Spongia zimocca), der sich
durch besondere Feinheit, Dichtigkeit und Festigkeit seines
Gewebes vor den Verwandten auszeichnet. Alle diese
Schwämme sind, obwohl ausserordentlich pflanzenartig ***),
*) Wie weit übrigens die Ansichten über die Natur der Ari-
stotelischen nvsvfiovsg und öXod-ovQta auseinander gehen, beweist
schon die Thatsache, dass Linne und Pallas z. B. die ersteren
für Salpen, Strack dagegen für grössere Nacktschneken (Aplysia,
Tethis) halten konnten. Theodorus Gaza übersetzt nveiiuovzg
mit tubera, worauf J. Müller dann (Archiv für Anat. u. Physio-
logie 1858. S. 92) an Pyrosomen, Alcyonium domuncula, welches
leere von Paguren bewohnte Schneckenschalen umgiebt, oder die im
Meere nmhertreibenden Eimassen von Buccinum, ja selbst an trei-
bende Algen denkt — »alles Dinge, die ebenso bei der Deutung
der olo&ovQia in Betracht kommen«. Grube versucht (A über t und
Wimmer ed. bist. ani. .;al. T. I. p. 181 Adnot.) eine ähnliche Deu-
tung, indem er an zusammengesetzte Ascidien, wie Didemnium lo-
batum, Botryüoides Leachi u. dergl, erinnert.
**) Hist. animal. Lib. IV. Cap. 16.
***) 6 anoyyog navrelojg Moixe rolg (fvtoTg, I.e. Lib. VIII. Cap. I.
§ 6, o anöyyog . . . oftoicog l^ff rolg (furcclg 7iuvreXuig , de part.
animal. Lib. IV. Cap. 5.
Die Zoophyten. 88
nach Aristoteles doch entschieden als Thiere zu betrachten,
auch, wie bemerkt wird, „nach Vieler Meinung" mit Em-
pfindung begabt, aber von den Schalthieren verschieden
und auch sonst keiner anderen Abtheilung zugehörig. Sie
bilden, wie hinzugefügt wird *), mitsammt den Nesselthieren,
die früher noch in einem lockeren Verbände mit den Schal-
thieren belassen waren, die Schalenlosen (ta firj t%o v%a
oocqcckov), streng genommen also eine neue, fünfte Abthei-
lung der Blutlosen, eine Abtheilung freilich, deren in der
oben erwähnten Aufzählung nicht gedacht ist, wenn man
nicht das yivoq Iölov rtov axalrjqiiüv als eine Hindeutung
darauf ansehen will.
Die Stelle^ in der Aristoteles die Nesselthiere und
Schwämme im Gegensatze zu den übrigen Abtheilungen
als Schalenlose zusammenfasst, ist übrigens so gehalten,
dass man vermuthen muss, es möchten denselben auch
noch anderweitige Thierformen zugehören **). Wir brauchen
auch nicht lange nach derartigen Geschöpfen zu suchen.
Denn nicht bloss, dass die sonst nur locker mit den übrigen
Abtheilungen in Zusammenhang gebrachten schalenlosen
7tvevfA.ov€Q und oko&ovQicc dahin gezählt werden könnten,
auch die Trj&va, deren lederartige Bedeckungen doch eigent-
lich nur mit Unrecht als Schale gedeutet werden, Hessen
sich ohne Zwang vielleicht mit denselben zusammenstellen.
Dazu kommt schliesslich noch eine Anzahl uoa TregiTra,
absonderliche Geschöpfe, die hinter den übrigen Blutlosen
anhangsweise ***) besprochen, aber nicht classificirt werden,
weil sie zu selten und zu unvollständig bekannt seien.
Auch unter diesen dürfte leicht noch das eine oder andere
schalenlose Thier sich verstecken.
Die Angaben über diese t$a ksqittc! lauten freilich
nur sehr aphoristisch. „Es erzählen", so lesen wir, „manche
von den Handel treibenden Fischern, Thiere im Meere ge-
sehen zu haben, welche die Gestalt von Balken hatten
*) Hist. animal. Lib. V. Cap. 16. ,
**) T« (JLT) £%OVTU OOQTaXOV, OlOV Cef TS XVlfStU XCtl Ol OTtÖy/Ol.
L. c.
***) Ibid. Lib. IV. Cap. 7. § 78.
84 Leuckart:
(ofLioia öokIglv), von schwarzer Farbe, rund und gleich-
massig dick waren; ferner andere schildförmige (aomaiv
o(.ioia), von rother Farbe und mit zahlreichen Flossen.
Alsdann welche von der Gestalt und Grösse einer männ-
lichen Scham (ofioia aldolqj avögog xö xe eiöog xal to
lueye&og), nur dass statt der Hoden zwei Flossen gewesen
wären; ein solches Thier sei einmal an der Spitze einer
Angel gefangen worden."
Dass dieser geflügelte Meerpenis auf eine Pennatula
zu beziehen sei, ist meines Wissens zuerst von Schnei-
der*) und dann später auch von J. Müller**) hervorge-
hoben. Selbst über die Art kann kein Zweifel sein, denn
die von Aristoteles betonte Uebereinstimmung in Form
und Grösse passt nur auf Pteroeides grisea, die im Mittel-
meere durchaus nicht selten ist. Ebenso sicher weist das
balkenförmige schwarze Thier auf eine unserer heutigen
Holothurien hin, wohl Holothuria tubulosa, die man an den
Küsten des Mittelmeeres oftmals in einem Zustande erhält,
auf den die Beschreibung von .Aristoteles Wort für Wort
ihre Anwendung findet. Am zweifelhaftesten erscheint die
Deutung des schildförmigen Thieres. J. Müller glaubt,
dass die Beschreibung wieder auf eine Seefeder bezogen
werden könne, wenn sie nicht etwa auf die vonBohadsch
abgebildete strahlige gelbrothe Eiermasse von Loligo
passe***), allein andererseits scheint es doch weit näher
zu liegen, dabei, wie Grube meint f), an gewisse Nackt-
schnecken, wie Doris, Aeolis und Idalia zu denken, oder,
wie mir noch natürlicher dünkt, an Porpita resp. Velella,
die beide bei ihrem meist massenhaften Auftreten leicht
die Aufmerksamkeit der Schiffer erregen konnten, und der
durchscheinenden Leber in der That auch eine röthliche
Färbung verdanken.
Die Gruppe der Schalenlosen mag nun aber grösser
*) Schneider edit. animal. hist. T. IV. p. 379.
**) Archiv für Anatomie und Physiol. 1857. S. 93.
***) Ebendas.
f) Aubert und Wimmer ed. hist. animal. T. I. p. 417.
Adnot.
Die Zoophyten. 85
oder kleiner sein, so viel ist sicher, dass Aristoteles durch
seine nachträglichen Bemerkungen über diese Thiere ( Lib.
V. hist. animal.) in dem ursprünglich von ihm (Lib. IV.)
aufgestellten Systeme eine Lücke aufgedeckt hat, die seinen
Nachfolgern um so mehr in die Augen fallen musste, je
mehr und ausschliesslicher diese sich damit beschäftigten,
die betreffenden Schriften zu commentiren und ihren Inhalt
in encyclopädischer Form zu bearbeiten. Dabei stellte
sich denn auch zugleich das Bedürfniss heraus, die neu
hinzugekommene Gruppe bestimmter zu charakterisiren
und durch eine specifische Bezeichnung von den übrigen
Abtheilungen zu unterscheiden.
Und diesem Bedürfniss zu genügen, erfand man den
Namen der Zoophyten. „Sunt animalia quaedam ex-
clusa omnino iis quae in genera divisimus; quae scilicet
ancipiti natura sunt; neque enim in iis perfectum animal
est, neque planta/ Mit dieser Definition resp. Erklärung
beginnt Wo t ton, auf den man, wie oben bemerkt, ge-
wöhnlich die Gruppe der Zoophyten zurückführt, in seinem
Werke de differentiis animalium *) das Capitel, welches den
neuen Namen in der Ueberschrift führt. Die Thiere, die
darin abgehandelt werden, sind (bis auf die Seesterne,
stellae) dieselben, die wir oben der Gruppe der Schalen-
losen vindicirt haben : tethya, holothuria, pulmo, Urtica und
spongia mit ihren verschiedenen Formen. Und das, was
über dieselben gesagt wird, ist kaum mehr, als eine Zu-
sammenstellung Aristotelischer Aussprüche in meist sogar
ganz wörtlicher Uebersetzung. Auch die Cya tisquito. fehlen
nicht. Sie werden, wie bei Aristoteles, am Schlüsse der
Darstellung mit einigen anderen unbestimmbaren Objecten
zusammen als „Purgamenta aliqua relatu indigna" bezeichnet,
die mehr den Algen, als den Thieren zugerechnet werden
müssten.
Doch nicht bloss der positive Inhalt und die Form
der Darstellung ist es, die in dem Capitel de zoophytis
auf Aristoteles hinweist, auch der Begriff d er Pf lan-
zenthiere ist Aristotelischen Ursprungs. Selbst
*) Lutet. Paris. 1552. Lib. X. Cap. 248,
86 Leuckart:
die oben angezogene Definition erscheint als die fast wört-
liche Uebersetzung eines Ausspruches, den Aristoteles zu-
nächst in Bezug auf die Nesselthiere, die er bekanntlich
selbst schon den Schalenlosen zugerechnet, gethan hat:
„ag Si xaXovot xvidag .... s'^o) tzitztei tcov dttjQrjf.iev(ov
yeviov, 87taf.iq)OT£Ql^si öi tovto Kai cpvcio xai'Cfoq) xr^v cpv-
olvu *), oder, wie Theodorus Gaza übersetzt: „Quas autem
Urticas appellant exclusae omnino sunt iis, quae
in genera divisimus; ancipiti natura hoc genus est, ambi-
gens et plantae et aniraali".
Gleich gross als Naturforscher, wie als Philosoph,
kennt Aristoteles bekanntlich keinen principiellen Gegen-
satz zwischen Thier und Pflanze. Die Natur, so lehrt
er**), geht allmählich von den unbeseelten Wesen zu den
beseelten über, und zwar durch Formen hindurch, die wohl
nach thierischer Art leben, aber doch keine beseelten Thiere
sind. Schon die pflanzenartig festsitzenden Seescheiden
(t7]d-va) bilden eine solche Mittelform — daher denn auch
die Stellung, die Wo 1 1 o n diesen Geschöpfen anweist — ,
aber sie sind doch noch thierischer {twTntcoTSQa), als die
Schwämme, die fast alle Eigenschaften der Pflanzen haben.
Bei den Seelungen und Holothurien und anderen derartigen
Seethieren (kccl fvsga tohxvt sv ff] d-aXavTirj) ist selbst die
Empfindung verloren gegangen. Sie sind wie Pflanzen,
die von ihrem Stamme abgelöst worden. Auch die Nesseln
schwanken zwischen Thier und Pflanze. Der letzteren
gleichen sie durch ihren einfachen Bau (rw 6 ' drekig sivat)
und ihre Befestigungsweise, sowie dadurch, dass sie trotz
der Anwesenheit des Mundes keine Excremente entleeren
— der Zusatz, dass sich die Seesterne in dieser Beziehung
ganz ähnlich verhalten ***), hat Wo 1 1 o n offenbar dazu ver-
*) De partibus animal. Lib.IV. Cap. 5.
**) Vergl. hier namentlich die voranstehend citirte Stelle der
Thieranatomie »Natura continue ab inanimatis ad animalia transit
per ea, quae vivunt quidem, sed non sunt animalia, ita ut paene
admodum differe alterum ab altero videatur propter suam propin-
quitatem« übersetzt Gaza.
***) Zu der Annahme, dass die Seesterne und Actinien keine
Die Zoophyten. 87
anlasst , die letztem gleichfalls den Zoophyten zuzuzäh-
len — , während sie in Bezug* auf Bewegung und Empfin-
dung entschiedene Thiere sind.
So ungefähr lautet es bei Aristoteles. Was er sagt,
zeichnet mit jedem Zuge das Bild der Wottonschen Pflan-
zenthiere*). Nur der Namen fehlt, obwohl auch er schon
durch die Darstellung und selbst die gebrauchten Worte
(e7zaf.i(poT£QitovTa xai cpvTifi xal Cww) nahe gelegt ist.
Man nimmt, wie bemerkt, in der zoologischen Li-
teratur gewöhnlich an, dass Wotton die Bezeichnung Zoo-
phyta zum ersten Male in Anwendung gebracht habe.
Aber dabei übersieht man, dass Wotton in der Ueberschrift
zum zehnten Buche seines Werkes bei der Aufzählung der
zu behandelnden Gegenstände nicht einfach von Zoophyten
spricht, sondern von Thieren, „quae zoophyta appellan-
tur"**). Daraus geht deutlich hervor, dass Wotton diesen
Namen bereits vorfand, nicht erst selbst bildete. Es must?
derselbe schon zu Wotton's Zeiten als terminus technicus
in den zoologischen Kreisen bekannt gewesen sein.
Blainville, der Einzige fast, der von den neueren
Zoologen den Ursprung der Zoophytengruppe über Wotton
hinausführt, behauptet in dem Dictionnaire des sciences
natur. Art. Zoophytes ***) und dem grösstenteils daraus
abgedruckten Manuel d'aetinologie, dass bereits Albertus
Magnus (Anfang des 13. Jahrhunderts) und Isidorus von
Sevilla (Anfang des 7. Jahrhunderts) des Namens Zoophyta
sich bedient hätten, doch muss ich die Richtigkeit dieser
Excremente entleerten, ist Aristoteles offenbar durch den bei bei-
derlei Thieren vorkommenden Mangel eines eigenen Afters verleitet
worden.
*) Zu meiner Freude sehe ich mich hier in völliger Ueberein-
stimmung mit den Ansichten, die J. B. Meyer in seinem vortreff-
lichen Werke über Aristoteles (Berlin 1851. S. 171) in Betreff der
Stellung ausspricht, die Letzterer den Zoophyten gegenüber ein-
nimmt.
**) »Continet exsanguium aquatilium u differentias , scilicet
mollium, crustaeeorum, testaeeorum et quae zoophyta appellantur,
quae a nonnullis etiam piscium nomine vocantur.« L. c. p. 198.
***) Bd. LX. Paris 1830. p. 5.
88 Leuckart
Angabe bezweifeln, da ich in den Werken derselben ver-
gebens nach einer Belegstelle gesucht habe. Der Erstere
spricht allerdings von T liieren „secundum aliquid plantae
et secundum aliquid animalia" *), er versteht darunter auch
die Wotton'schen Zoophyten, aber die Benennung fehlt.
Trotzdem jedoch lässt sich der Nachweis führen, dass
dieser Namen bereits vor jener Zeit existirte. Petrus
Belonius erwähnt im Jahre 1553, also kurze Zeit nach
Wotton der „ancipitis naturae animalia, t$6qwTa Graecis
dicta, inter plantas et pisces (i. c. aquatilia) ambigentia **),
und Aldrovandi beginnt das vierte Buch seines Werkes
de reliquis animalibus exsanguibus, qui est de zoophytis sive
plantanimalibus ***) mit den Worten : „quae nee animalium
nee fruticum seu plantarum, sed tertiam ex utroque na-
turam habent, et ut loquitur Aristoteles ta ETca^upoieQL-
'Covxa cpvTto Kai u<><i>, i. e. Budaeo f) et Gaza interpretibus
*) De vegetab. et plantis Tract. I. Cap. IV. (Opera T. V. p. 340.
Lugduni 1651.)
**) De aquatilibus libri duo Paris 1553. p. 328.
***) Bononiae 1G06. p. 543. Aldrovandi entlehnt diese Worte
theilweise Wotton, theilweise auch Rondelet, der Universae
aquatil. historiae pars altera (Lugdun. 1555. p. 107) als Zoophyten
bezeichnet: »ea, quae nee animalium, nee frueticum, sed tertiam
ex utroque naturam habent, quae latine nominare non possumus,
nisi plantanimes aut plantanimalia dicamas«. Die Quelle von Ron-
delet ist wieder Plinius, wie auch aus Gesner's oben angezo-
genen Worten hervorgeht. Stephanus giebt von den Zoophyta
folgende Erklärung (Thesaur. graecae linguae. Paris 1572. Vol. I.
p. 1390): »ZcpocfVTd dieuntur, quae nee animalium, nee frueticum,
sed tertiam ex utroque naturam habent, ut' urticae et spongia, de
quibus Plinius I. 9. Cap. 45, hoc est (ut Aristoteles habet) tnafiipo-
T£Qi£ovTctr <fvro) y.al £tö(p, id est (Budaeo interprete) ambigentia et plan-
tae et animali, id est medium quiddam inter animal et plantam; cu-
iusmodi sunt quae mediam naturam inter sensibilia et vegetabilia
habent, quae fortasse plantanimantes dieere possumus vel plantani-
malia. ut idem Budaeus in annotationibus tradidit.«
f) Der hier mit dem vornehmsten Uebersetzer von Aristoteles
zusammen genannte Budaeus ist der Verfasser eines lexicographi-
schen Werkes, das unter dem Titel Commentarii linguae graecae
zuerst Basel 1530 erschienen ist und in gewisser Beziehung einen Vor»
Die Zoophyten. 89
ambigentia et plantae et animali, £<p®yi)tifx Graeciö dicuntur.
Latine ea nominare non possumus, nisi plantanimes aut plan-
tanimalia vocemus." Anhnlich hatte vorher schon Gesner
sich ausgesprochen *). „Equidein et his inesse sensum
arbitror, quae nee animalium neque fruticum, sed tertiam
ex utroque naturam habent, urticis dico et spongiis, Plinius
sie autem circumloquitur ea, quae zoophyta Graeci vocant,
plantanimalia Theodorus".
Griechische Schriftsteller also waren es, die den Na-
men Zoophyta erfanden, Gelehrte vermuthlich, die der Alexan-
drinischen Periode angehörten. Bei solcher Sachlage ist es
auch begreiflich, dass weder Albertus Magnus, noch Isido-
rus von Sevilla die Bezeichnung kennen. Der Erstere hat
bei Abfassung seiner zoologischen Schriften, wie von
Schneider nachgewiesen ist**), statt der griechischen
Quellen die arabisch-lateinische Uebersetzung der Aristo-
telischen Thiergeschichte von Michael Scotus zu Grunde ge-
legt, und Isidorus entnimmt seine Angaben fast ausschliess-
lich dem Plinius. Bei beiden aber findet sich weder das
Wort Zoophyta ***) noch dessen lateinische Uebersetzung,
die nach Stephanus, der als Philologe hier wohl am glaub-
läuier von Stephani Thesaurus bildet. Ieh habe die betreifende Stelle
nicht aufgefunden, wohl aber (Ed. 1556. p. 796) bei tyocpmov einen
Verweis auf Themistius de anima Lib. II. auf eine Stelle, die im
Texte später noch angezogen wird. Von Aristotelischen Schriften
übersetzte Budaeus nur nsgl xog/uov tiqos AXägavdgov (Berliner Aus-
gabe Bd. III. S. 203).
*) De aquatilibus Art. Spongia (Ed. pr. 1558. p. 888).
**) Aristoteles de animal. hist. T. I. Praefat. p. XXVIII. Vergl.
hierüber auch Jourdain rech. crrC bot Tage et Porig, des tra-
duet. d'Aristote, Paris 1843. p. 327.
***) Blainville behauptet freilich (I.e.), dass bereits die ara-
bisch - lateinischen Uebersetzer des Aristoteles — er nennt dabei
ausser Gaza irrthümlicher Weise auch Budaeus — den Ausdruck
tyoyvia gekannt hätten , allein das ist ein Irrthum, der wahr-
scheinlich aus einem Missverständniss der oben angezogenen Angabe
von A ldrovandi hervorgegangen ist. Auch sonst hat B lainville
bei seinen geschichtlichen Bemerkungen über die Zoophyten den Al-
drovan,di mehrfach (ohne Quellenangabe) benutzt.
90 Leuckart:
würdigsten sein dürfte , zuerst von B u d a e u s gebraucht
ist*). Das schliesst natürlich nicht aus, dass Plinius von
Nesselthieren und Schwämmen spricht und sie als Ge-
schöpfe bezeichnet, „quae neque animalium neque fruti-
cum, sed tertiam quandam ex utroque naturam habent" **),
mit Worten also, die von den späteren Zoologen vielfach
zur Definition der Zoophytengruppe angezogen sind.
Doch nicht bloss, dass Aldrovandi die Einführung
des Wortes Zoophyta im Allgemeinen den Griechen vin-
dicirt, er nennt dabei — und ebenso nach ihm Blain-
v i 1 1 e — ausdrücklich den Namen des Sextus Empiricus,
eines um das Jahr 200 n. Chr. lebenden Skeptikers. Sex-
tus Empiricus, so sagt er in der oben erwähnten Einlei-
tung zum vierten Buche seiner Naturgeschichte der Wir-
bellosen, „non ignobilis philosophus , recenset zoophyta,
quae ex igne generantur. Nam animalium differentias
enumerans secundum varios generandi modus sie loquitur :
eorum, quae absque coitu generantur, alia ex igne edun-
tur , ut zoophyta", quae in caminis videmus , alia ex
aqua corrupta , ut culices" etc. Die Stelle, um die es
sich handelt, steht, wie ich sehe — bei Aldrovandi
ist kein näherer Nachweis gegeben — in dem Pyrrhonia-
rum hypotyposeon Lib. I. Cap. 14 ***) und lautet im Ur-
texte folgendermassen : y.ai xeov ycoglg /negetog yivo/nevwv
xa f.tiv ex 7tvQog ylvexcci, tag xa iv xolg xa/idvoig (peuvo/ueva
£(t)6cpvTa, xa d' e£ vSaxog (pd-eiQOf.ievovy tag yiwviOTCtg.
Die Art, in der die betreffenden Geschöpfe hier er-
wähnt sind, erweckt die Vermuthung, dass auch Sextus
Empiricus die Bezeichnung ^woyvxa nicht erfunden^ sondern
nur als eine sonst schon gebräuchliche in Anwendung ge-
bracht hat, indessen hat es mir nicht gelingen wollen, ältere
*) W ott on (1. c. p. 341) und Gesner (hist. animal. aquatil.
Lib. IV. Spongia) führen den Namen Plantanimalia freilich auf Gaza
zurück, allein allem Anschein nach mit Unrecht. Ich habe wenig-
stens an den betreffenden Stellen vergebens nach dieser Bezeich-
nung gesucht.
**) Plinii hist. nat. Lib. 9. Cap. 83. p. 172. Edit. Bipont. T.II.
***) Opera quae exstant, Genevae 1621. p. 9.
Die Zoophyten. 91
Spuren eines solchen Gebrauches aufzufinden *). Eben so
wenig weiss ich darüber zu sagen, welcher Art die Zoo-
phyten sind , die da in Feuerstätten **) gefunden wer-
den ***).
Dass aber das Wort tiöoyvxa (oder, wie Manche schrei-
ben, tpKpvta) auch schon von den Alexandrinischen Ge-
lehrten zur Bezeichnung der niederen Seethiere gebraucht
wurde, beweist eine Stelle bei Themistius, der im vierten
Jahrhundert n. Chr. lebte und mgi? ipvxijg Cap. II f) u. a.
sagt: zoig de 7,a?,ovjidvoig LwocpvToiQ aq>rjv f.iov^v TtQoaovoav
OQtSjuev und unmittelbar darauf : cuGd-avexai 6i ra Kcoofpvra
vijg ye Tgocprjg, xfi yaq acpf],%Qrfica aal dvrl yevaswg. Ebenso
spricht Joannes Philoponus (550 n. Chr.) in seinem Com-
mentare über die Mosaische Schöpfungsgeschichte ff) von
*) In P a s s o w's Handwörterbuch der Griechischen Sprache
(neue Ausgabe von Rost und Palm, Leipzig 1841) wird gleichfalls
bei tyotpvTov nur auf Sextus Empiricus — und irrthümlicher Weise,
auf Plinius — verwiesen.
**) Blainville übersetzt xciuivoi mit chemins — statt che-
minees — und zwar ebensowohl in dem Art. Zoophytes, wie in dem
Manuel d'actinologie.
***) Auch Wotton handelt (1. c. p. 195) de bestiolis quibus-
dam, quae in igne gignuntur. Als solche werden die bestiolae pen-
natae und xm'coneg i. e. culices genannt. Mouffet erwähnt (Iu-
sectorum theatrum London 1634) noch im 17. Jahrhundert eines
Insects (Pyrigonium), das im Feuer lebe und aus feurigen Dämpfen
entstehe — offenbar eine Reminiscenz aus Wotton. Im Aristote-
les finde ich Nichts, was zu solcher Annahme Veranlassung gege-
ben haben könnte. Wohl aber sagt derselbe (hist. animal. Lib. V.
Cap. 15 § 73) : yiyvovrcu 6k xai ol y.aXov{x8Voi nvevfMOveg avTojuccjot —
eine Angabe, die später mehrfach auf die ganze Gruppe der Zoo-
phyten übertragen wurde.
f) Opera, Venet. 1534. S. 75 b. Die lateinische Uebersetzung
(ed. Aldina Venet. 1498. p. 79 b. Cap. XI), umschreibt das Wort
Zoophyta mit animalia imperfecta (»plane quemadmodum imperfectis
animalibus sola tangendi vis data est« , »imperfecta animalia sensum
habent cibi, quod loco gustus utuntur tactu«), wohl ein neuer Beweis,
dass die Bezeichnung plantauimalia damals noch nicht gebräuch-
lich war.
ft) neol xoöfionou'ag Lib. VII. Cap. 13, in Gallandii Bibl. vet,
patrum 1788. T. XII. p. 608.
92 Leuckart:
einer zwischen Pflanzen und Thieren in der Mitte stehen-
den Zoophytengruppe (tov d' e(.i\pv%ov to /.iev (pvzdv, to
de tiocpvrov, tö de %$w), also ganz in demselben Sinne, in
dem sich Plinius früher über die urticae und spongiae
(tcc f.trj e%ovra ootqccxov des Aristoteles) geäussert hatte.
Während des Mittelalters kann der Gebrauch des
Wortes nicht einmal ausschliesslich auf die gelehrten Kreise
beschränkt gewesen sein, denn Eugenicus, ein griechischer
Theologe aus dem Anfange des 1 5. Jahrhunderts , er-
wähnt der CcoocpvTa bei einer Schilderung der Vorzüge
Trapezunts neben den Y%&vesy unter Verhältnissen also,
die auf eine allgemeinere Kenntniss dieser Geschöpfe hin-
deuten *).
Von Wotton stammt also weder der Name Zoo-
phyta, noch die Gruppe, die diesen Namen trägt. Aller-
dings kam diese Gruppe nach Wotton in immer grössere
und allgemeinere Aufnahme, allein das erscheint weniger
als ein Verdienst des Letzteren, denn als ein Zeichen des
von da an immer wachsenden zoologischen Interesses.
Unter den Zoologen der Renaissance dürften in der
That nur Wenige gewesen sein, die es verschmäht hätten,
die Berechtigung einer besonderen Gruppe der „Zoophyten"
anzuerkennen. Nicht bloss weil der Namen wohlgebildet
und bezeichnend war, sondern namentlich auch deshalb,
weil die Annahme einer zwischen Thier und Pflanze ver-
mittelnden Gruppe den damals herrschenden Anschauungen
um so mehr entsprach, je mehr man seit Paracelsus ge-
lernt hatte, den Schwerpunkt der Unterscheidung von Thier
*) Laus Trapezuntis, herausgegeben von Tafel, Eustathii
opuscula, Francof. 1832. p. 372. mgti Iqi&iv dtvQo cictqxog t]7iuq6v rs
xctl &ä.kaaaav, ir\v fxhv olccg ctysXag Tnrjvcov xal x&Qüatwv Ctoiav xcii
xvoiSalioVy ttjv dt t%&vo)V xal tyoifwrwv nooßalkofjiivr]v. (Und so
streiten hier offenbar Festland und See, indem jenes ganze Schaa-
ren von Vögeln und Landthieren und wilden Thieren, diese von
Fischen und Pflanz enthieren — den Trapezuntiern — vorwirft.)
Ich entnehme diese Stelle, sowie die aus Philopon der durch Hase
und die Gebrüder Dindorf besorgten neuen Ausgahe von Stephani
Thesaurus, Paris 1842. T. IV. p. 61. Art. Cw^utok
Die Zoophyten. 93
und Pflanze hinweg auf die Erscheinungen der organischen
und unorganischen Welt zu übertragen.
Dazu kam, dass die den Zoophyten zugerechneten
Geschöpfe sich nicht gut anderswo in dem seinen Grund-
zügen nach immer noch geltenden Aristotelischen Thier-
systeme unterbringen liessen. Freilich waren nicht alle
Zoologen über den Inhalt der Zoophytengruppe der glei-
chen Ansicht.
Belon, der an Umfang und Selbständigkeit seines
zoologischen Wissens weit über Wotton hinausreicht, mit
Rondelet der bedeutendste Zoologe jener Zeit, rechnet
nur solche Thiere zu den Zoophyten, die bei einem gerin-
gen Maass von Bewegung und Empfindung pflanzenartig
auf dem Boden befestigt sind*), wie die Schwämme, die
Holothurien (tubera, vertibula, calli, wie Gaza nach Aristo-
teles übersetzt, wahrscheinlich Thiere von verschiedener
Beschaffenheit), Tethyen (unter deren Namen aber mehr
Alcyonidien, als einfache Ascidien beschrieben werden)
und Lepaden (pollicipedes), welche letztere auch bei Ari-
stoteles gelegentlich neben den Tethyen genannt, sonst
aber den Schalthieren belassen werden. Die Actinien ge-
hören als entschiedene Thiere trotz ihrer Anheftung zu
den Mollia, zu einer Abtheilung , die bei Aristoteles be-
kanntlich bloss die Tintenfische enthält, aber schon bei
Wotton daneben noch die unter dem Namen Lepus ma-
rinus zusammengefassten grösseren Nacktschnecken, beson-
ders Aplysien, aufgenommen hat**). Auch Belon spricht
*) »Zoophyta, quasi plantanimalia dicas, parum quidem a plan-
us Avistoteies differre tradit. Nam adeo ancipitis sunt naturae, ut
neque perfectum in iis animal contineri asseverare possis, neque
tarnen plantam esse iudices. Hoc enim cum plantis aut fungis con-
veniunt, quod non nisi adhaerendo vivunt. Verum quod aliqua
carne praedita, ac sensum aliquem habere videri possint, hoc etiam
cum animalibus habent commune. Plinius neque ad animalis neque
ad plantae genus ea referre voluit, sed ad tertiam quandam ex
utroque naturam. In his quaedam absolute vivunt, absque ullo
manifesto sensu, perinde ac plantae, ut holothuria, aures, et multa
eiusmodi. Alia vero non nisi adhaerendo, ut thethya et quos Ar»
morici pollicipedes vocant.« L. c. p. 432.
**) Wotton bemerkt , dass schon Dioscorides die Aehn-
94 Louckart:
von einem Lepus marinus, allein das, was er mit diesem
Namen bezeichnet, ist keine Aplysia*), überhaupt keine
Schnecke, sondern eine stark gewölbte Meduse mit Saug-
zotten an den Armen (also wohl Rhizostomum). Dieser
Seehase aber steht bei Belon nicht unter den Weich-
thieren, sondern mit anderen gut beschriebenen Medusen
(Pulmones), mit den ihm bekannten Wurmformen (Nereis,
Arenicola, Aphrodite = Eruca marina), mit Fischläusen
und einigen wurmähnlich gestalteten Fischen (Hippocampus,
Typhle, Remora) zusammen in einer eigenen den Wotton'-
schen Purgamenta entsprechenden Gruppe, deren Glieder
als Dejectamenta maris bezeichnet werden. Eine weitere
Abweichung von Wotton besteht darin, dass Belon die
Stellae (Asteriden und Ophiuriden) mitsammt den Seeigeln
zu den Schalthieren bringt. Er weiss auch, was J. Müller
mit Recht als eine wichtige Thatsache hervorhebt **), dass
beiderlei Formen durch den Besitz beweglicher Saugfüsschen
(promuscides, unsere heutigen Ambulacralfüsschen) unter
sich übereinstimmen, und beobachtet ganz dieselben Gebilde
bei seinem Genitale marinum ***), das uns zum ersten Male
lichkeit bemerkt habe, die zwischen dem Seehasen und einer klei-
nen Loligo obwalte. Andrerseits soll auch Aelian denselben einem
Schalthiere verglichen haben, das seine Schale verloren habe —
eine Bemerkung-, die Aldrovandi, dem ich dieselbe entlehne
(1. c. p. 80), für vollkommen zutreffend hält. Jedenfalls ist dieselbo
als erste und älteste Andeutung einer natürlichen Verwandtschaft
zwischen' den beschälten und unbeschalten Weichthieren von In-
teresse.
*) Obwohl die Zoologen der Renaissance (besonders auch Ron-
delet nnd Aldrovandi) nicht bloss die Aplysien, sondern auch
Arten des gen. Doris und Pleurobranchus als Lepus marinus be-
zeichnen, sind es doch vornehmlich die ersteren, denen der Namen
zukommt. So geht besonders auch aus der von Gesner angezoge-
nen Bemerkungt des Apulejus (apologef de lepore marino) hervor:
»duodecim numero ossa ad similitudinem talorum suillorum in ven-
tre connexa et catenata geriti», einer Bemerkung, die ganz unver-
kennbar auf die Magenbewaffnung einer grösseren Aplysia (etwa A.
Poli) Bezug hat.
**) Archiv für Anatomie und Physiologie 1858. S. 96.
***) L. c. p. 411.
Die Zoophyten. 95
mit einer Holothurie im heutigen Sinne des Wortes bekannt
macht. In systematischer Hinsicht wird dieser Aehnlich-
keit freilich so wenig Rechnung getragen, dass letztere,
weit von den Seesternen und Seeigeln entfernt, den oben
schon erwähnten Dejectamenta maris zugetheilt ist *).
Diese letzteren repräsentiren überhaupt eine sehr
bunte Gesellschaft, indem sie so ziemlich Alles enthalten,
was keine directen Anknüpfungspunkte an andere Formen
darbot. Begreiflich, class eine solche Gruppe einen durch-
aus provisorischen Charakter trug und eine nur beschränkte
Anerkennung finden konnte. Schon bei Rondelet suchen
wir darnach vergebens. Was Belon und Wotton als
Dejectamenta oder Purgamenta marina bezeichneten, wird
von ihm mit Insecta aquatilia und Zoophyta vereinigt, die
beide gemeinschaftlich abgehandelt werden, „quod quae-
dam sunt zoophyta, quae ad insectorum et quaedam in-
secta, quae ad zoophytorum naturam accedunt" **). Unter
den Insecta aquatilia versteht Rondelet Würmer, beson-
ders Gliederwürmer: Scolopendrae marinae (Lycoris, Neph-
thys u. a.), Sipunculiden (Vermis (.uiiQOQvyxoTeQog) und Ne-
mertinen (Rondelet's Vermis /uaxQOQvyxoTeQog ist entschie-
den eine Meckelia), Serpula, Sabella (Penicillum marinum)
und Blutegel, an die dann, gewissermassen als Uebergangs-
formen zu den Zoophyten, eine an den Flossen von Thyn-
nus lebende Lernäade (oestrus s. asellus, wohl Lernanthro-
pus) und Hippocampus angereihet werden. Dafür aber
sind die Nesselthiere, die hier zum ersten Male auch die
Medusen (als urticae liberae) umfassen, und die Echini
von den Zoophyten abgetrennt und, wie bei Belon, die
ersteren zu den Mollia, die anderen — freilich ohne die
Stellae, die den Zoophyten verbleiben — den Testacea zu-
*) Es hängt das vielleicht damit zusaammen, dass Belon
seinen Lepus marinus gleichfalls mit promuscides (den oben erwähn-
ten Saugzotten) ausstattet. Daraus geht andererseits aber auch her-
vor, dass Belon die specifische Natur dieser Bildungen noch nicht
vollständig erkannt hatte.
**) Rondelet ii universae aquatilium historiae pars altera.
Lugduni 1555. p. 108.
96 Leuckart:
gerechnet. Trotzdem aber ist die Zahl der Zoophyten
nicht unbeträchtlich gewachsen. Ausser den Stellae, unter
denen wir auch schon Euryale (stella arborescens) aufge-
zählt finden, den Holothurien, d. h. unseren heutigen Ho-
lothurien, für die Rondelet zum ersten Male den alteu
Aristotelischen Namen in Anwendung brachte, obwohl er
noch mancherlei fremde Formen damit vereinigte*), den
Ascidien (Tethya, zum Theil wohl Alcyonidien) und Schwäm-
men stossen wir unter den Rondelet'schen Zoophyten auch
zum ersten Male auf eine Kalkbryozoe (Eschara Rond. =
Retepora cellulosa), eine Seefeder (Penna marina, wie das
aidolov dvdgos von Aristoteles **) = Pteroeides grisea)
*) Während die Holothuriorum prima species unverkennbar
eine echte Holothurie darstellt, repräsentirt die altera species eine
schalenlose Carinaria (keine Firola, wie Blainville meint), ein
Thier also von ganz anderer Beschaffenheit. Ueberhaupt kennt Ron-
delet die Holothurien keineswegs so genau wie Belon, der nicht
bloss die Füsschen und Mundtentakel mit ihren Saugnäpfen be-
schreibt, sondern auch den Knochenring am Munde und den ge-
wundenen Darm gesehen hat. Rondelet weiss von den Holothu-
rien kaum mehr, als dass sie »Zoophyta saxis non haerentia, aspero
corio contecta« sind. Die Anwesenheit von Saugfüsschen und der in-
nere Bau sind ihm unbekannt geblieben; es lässt sogar die Bemerkung,
dass letzterer nicht zu erkennen sei, die Vermuthang zu, es möch-
ten Rondelet bloss Thiere mit ausgestossenen Eingeweiden vor
Augen gekommen sein. Unter solchen Umständen können wir uns
auch nicht wundern, wenn wir sehen, dass das als mentula marina
(neben der als altera mentula marina bezeichneten Ascidia mamil-
lata) von Rondelet abgebildete Geschöpf gleichfalls eine echte
Holothurie ist — ebenso auch Aldrovandi's Epipetrum — , wie nicht
bloss aus der beigefügten Beschreibung, sondern auch aus der Be-
merkung hervorgeht, dass die Küstenbewohner es obscöner Weise
als cazo marino bezeichneten , mit einem Namen, der auch von
Belon bei seinem Genitale marinuin angezogen und noch heute in
Italien für die Holothurien gebräuchlich ist. (Gesner's Pudendum
marinum, Paralipomena p. 35, ist eine Salpa maxima.)
**) Zur Vergleichung mit der oben angezogenen Beschreibung
von Aristoteles mag hier die Bemerkung aus Rondelet (1. c.
p. 129) stehen : »nostri piscatores formam, extremi alterius similitu-
dine indueti, Mentulam alatam vocant. Est enim ea pars peni sine
praeputio i. e. glandi simili; altera vero parte pennam refert.«
Die Zoophyten. 97
und einen Botryllus (uva marina), dessen Thiergruppen so
deutlich hervortreten, dassRondelet sagen konnte : flores
optinie expressos refert. Ob das weiter den Zoophyten
zugerechnete Malum insanum marinum, das seinen Namen
von der Aehnlichkeit mit den als pommes d'amour be-
kannten Solanumfrüchten bekommen hat, ein aufgeblähetes
Veretillum darstellt, oder, wie Blainville vermuthet, ein
Alcyonium mit halb zurückgezogenen Polypen, bleibt zwei-
felhaft, wie denn auch die Deutung des Cucumis marinus
und Pulmo marinus sehr unsicher ist. Den ersteren könnte
man möglicher Weise auf Pyrosoma, den anderen auf das
zur Algengattung Codium gehörende Alcyonium bursa L.
beziehen , das von den Neapolitanischen Fischern Palla
marina genannt und (nach Cavolini) Winters nicht selten
am Strande gefunden wird*).
BeTAldrovandi**) ist die Abtheilung der Zoophyten
insofern wiederum anders begrenzt, als die Actinien und
Medusen damit vereinigt, die Seesterne aber ausgeschlossen
sind — freilich nur, um, mit gänzlicher Verkennung ihrer
natürlichen Verwandtschaft, mit den Würmern u. a. zu-
sammen den Insecten angehängt zu werden. Die Schwämme
sind bis auf einzelne bei Tethya aufgeführte Formen aus
dem Thierreiche entfernt, da sie auf unsern Autor weit
mehr noch, als die eigentlichen Zoophyten, die übrigens
für ihn auch keine echten Thiere sind***), den Eindruck
von Pflanzen machen.
Bei der Aufzählung und Beschreibung der einzelnen
Formen schliesst sich übrigens Aldrovandi eng an Ron-
d e let an. Allerdings veröffentlicht er neben dem Bekannten
*) Vergl. von älteren Beobachtern über diese Gebilde Klein,
dissert. epistol. de pilis marinis, in den Descript. tubulorum marinor.
Gedani 1731. p. 19.
**) De reliquis aniraal. exsang. librt quattuor, post mortem ed.
Bononiae 1606. p. 564—593.
***) »Quamvis zoophyta propria animalia dici non mereantur,
tarnen, cum multa habeant cum exsanguibus communia, affirmem . . .
rectius animalibus quam plantis esse annumeranda.« L- c, p. 1.
Archiv f. Natur*?. XXXXI Jahrg. 1. Bd. 7
98 Leuckart:
auch eine Reihe neuer Abbildungen *), aber es sind dar-
unter doch nur wenige, wie namentlich die Penna marina
sanguinei coloris (Pennatula phosphorea) und Manus marina
(Alcyonium palmatum), die eine wirkliche Bereicherung
unserer Kenntnisse abgeben. Die übrigen dienen fast
sämmtlich dazu, die Zahl der zweifelhaften Formen, deren
Menge ohnehin schon gross genug war, zu vermehren **).
G-esner, der, älter als Aldrovandi, eigentlich auch
vor demselben hätte erwähnt werden müssen, tritt für
unsere Zwecke deshalb zurück, weil die lexicographische
Anordnung seines Stoffes die systematischen Beziehungen
der einzelnen Thierformen in den Hintergrund gedrängt
hat. Trotzdem spricht sich derselbe mehrfach unumwunden
dahin aus, dass die Gruppe der Zoophyten, deren charak-
teristische Merkmale er darin sieht, dass sie „minimum
sensus et motus habent" ***), eine vermittelnde Stellung
zwischen den Thieren und Pflanzen einnehme, bald mehr
den einen, bald mehr den andern sich annähernd. „In
plantarum fine, zoophytorum initio, spongiae sunt, primum
proprie dictae, deinde aplysiae, pulmones, holothuria, tethya
ac multa deinceps zoophyta alia, fere aliis perfectiora usque
ad conchas" f). An dem einen Ende der Zoophyten stehen
*) Die Mehrzahl dieser Abbildungen erhielt Aldrovandi
von einem gewissen Cornelius Sittardus, der dieselben gleich-
zeitig auch Gesner und einem mehrfach von Aldrovandi citir-
ten, mir sonst aber unbekannten Zoographus communicirt hat. Aus
Gesner's hist. animal. Lib. IV. entnehme ich, dass dieser Corne-
lius Sittardus ein Nürnberger Arzt war, der gegen Ende
des 16. Jahrhunderts starb und die betreffenden Zeichnungen sei-
nerseits von Gysbert Horst aus Rom, gleichfalls einem Arzte, er-
halten hatte.
**) Wie kritiklos Aldrovandi bei seiner Darstellung ver-
fahren, beweist nicht blos die Abbildung des berüchtigten Piscis
monachi und episcopi habitu mit seinen Genossen, sondern auch der
Umstand , dass Pilze von gewöhnlicher Scheiben- und Kugelform
ohne Anstand von ihm als meerbewohnende Zoophyten beschrieben
wurden. L. c. p. 587.
***) De aquatilib. Art. Holothuria. p. 437.
t) Ibid. Art. Spongia p. 888.
Die Zoophyten. 99
nach Gesner die Spongien: „spongiam non sentio esse
animal, immo vix zoophyton" *), au dem anderen die urticae,
die wegen ihrer grösseren Lebendigkeit eigentlich schon
Thiere sind, aber, wie ihre Beziehungen zu den Zoophyten
zeigen, noch nicht ganz vollkommene Thiere**).
Aus den voranstehenden Mittheilungen erhellt zur
Genüge, dass die Gruppe der Zoophyten, wie sie
uns bei den Commentatoren des Aristoteles und
den Zoologen der Renaissance entgegentritt,
mit der gleichnamigen Pallasischen Gruppe nur
wenig gemein hat. Allerdings liegt ihnen beiden die
Annahme zu Grunde, dass es dabei um Geschöpfe sich
handele, die, zwischen Thier und Pflanze vermittelnd, diese
Organismen zu einem gemeinschaftlichen Ganzen ver-
einigten, aber die Art der Vermittlung und Aus-
gleichung erscheint doch beide Male sehr verschie-
den. Während es bei Pallas vornehmlich das physio-
gnomische Moment war, was die Zoophyten kennzeich-
nete und den Pflanzen annäherte, suchten die früheren Zoo-
logen den auszeichnenden Charakter mehr in gewissen
physiologischen Eigenschaften. Die Zoophyten ergaben
sich hiernach als Geschöpfe, bei denen die Fähigkeit der
Bewegung und Empfindung, die man von jeher als die
augenfälligsten und wichtigsten Eigenthümlichkeiten der
Thiere anzusehen gewohnt war, beträchtlich, bisweilen
sogar bis zur Unmerklichkeit, zurücktraten. Trotzdem
aber sah die Mehrzahl der Zoologen in den Zoophyten nach
Aristoteles Vorgange immer noch Thiere, wenngleich nur
niedere und wenig lebhafte Thiere. Einige glaubten die-
selben freilich (mit Plinius) als eine selbständige, von
den Thieren so gut wie den Pflanzen verschiedene Zwi-
schengruppe auffassen zu können, allein die Durchführung
dieser Ansicht scheiterte an der Unmöglichkeit, die höheren
Zoophyten, wie namentlich die Actinien, in genügender
*) L. c.
**) »Urticas non inter zoophyta, ut Plinius, sed inter animalia
non omnino perfecta numerabimus.« Ibid. Art. Urtica.
100 Leuckart:
Weise gegen die genuinen Vertreter des Thierreichs abzu-
grenzen.
Es waren aber nicht bloss die auszeichnenden Cha-
raktere, die zwischen den Zoophyten der Aristotelischen
Schule und denen von Pallas einen Unterschied bedingten.
Auch der Inhalt der Gruppen war beide Male ein durch-
aus verschiedener. Von den ursprünglichen Zoophyten
rinden wir bei Pallas nur das Geschlecht der Schwämme,
also gerade diejenigen Formen, deren Zoophytennatur in
den späteren Zeiten wenigstens am meisten angezweifelt
wurde. Die pflanzenartigen Polypen dagegen, die bei
Pallas fast ausschliesslich die Zoophytengruppe bilden,
jedenfalls deren Hauptstock ausmachen, waren den älteren
Zoologen unbekannt. Und selbst als durch Rondelet und
Gesner und Aldrovandi die ersten dieser merkwürdigen
Formen der Zoophytengruppe hinzugefügt wurden, blieben
sie doch so in der Minderzahl, dass sie auf die Gestaltung
der bis dahin herrschenden Anschauungen über die Natur
der Zoophyten keinerlei Einfluss auszuüben vermochten.
Dabei dürfen wir übrigens nicht ausser Acht lassen,
dass die Abnahme der Bewegung und Empfindung, durch
die sich die Zoophytengruppe charakterisiren sollte, ein
ziemlich vages, jedenfalls sehr dehnbares Merkmal abgab.
Um diesem Uebelstande abzuhelfen, hatte bereits Belon
den Versuch gemacht, die pflanzenartige Befestigungsweise
der Zoophyten zu betonen, aber nach den hergebrachten
Ansichten gab es ja auch Zoophyten, die ihren Standort
zu wechseln vermochten, so dass die Alternative vorlag,
diese Geschöpfe entweder in anderer Weise unterzubringen
— man erinnere sich hier an Belon's Dejeetamenta ma-
rina — oder die Unzulänglichkeit des neu gefundenen
Charakters anzuerkennen.
Jedenfalls entbehrte die Gruppe der Zoophyten bis
auf Pallas, der nur die Animalia composita dahin
rechnete, eines Merkmales, das die Systematiker befähigte,
überall und jederzeit die zugehörigen Geschöpfe als solche
zu erkennen und von anderen Formen zu unterscheiden.
Hiernach wird es denn auch begreiflich, dass manche der
späteren Zoologen nicht recht wussten, was mit ihnen an-
Die Zoophyten. 101
zufangen sei. Unter den bekannteren Vertretern unserer
Wissenschaft gehört dahin besonders Klein, der die Zoo-
phyten. d. h. die Holothurien, Seeledern, Nesselthiere, Sec-
lungen und ähnliche, mit Umgehung des sonst gebräuch-
lichen Namens als Anomala bezeichnete*), „quibus animalis
character vix ac ne vix quidem assignari potest", und
neben den Radiata, Pinnata und Reptilia seinen Apoda
unterordnete. Dass Klein in dieser Abtheilung der Fuss-
losen, wenigstens der Ordnung der Pinnata und Reptilia,
die verschiedensten höheren und niederen Thiere bunt
durcheinander gewürfelt hat, ist hinreichend bekannt. Ich
kann mich deshalb auf die Bemerkung beschränken, dass
die zum ersten Male hier aufgestellten Radiata neben den
Seesternen nicht etwa die Seeigel enthalten, die (als Echi-
nodermata) vielmehr bei den Schalthieren verbleiben und
zu den sog. Reptilia gehören, sondern die Cephalopoden,
die doch eine nur sehr oberflächliche Aehnlichkeit mit
wirklichen Strahlthieren besitzen. Die Kleinschen Ra-
diata lassen sich also in keiner Weise mit der späteren
gleichnamigen Gruppe von Lamarck und Cuvier ver-
gleichen. Uebrigens geht aus der Art und Weise, wie
Klein seine Anomala begrenzte und charakterisirte, zur
Genüge hervor, dass die Kenntniss der Zoophyten seit
Gesnerund Aldrovandi kaum irgend welche besondere
Fortschritte gemacht hat. Wir könnten die Worte von
Klein dreist ein Jahrhundert und noch mehr zurückdatiren,
ohne mit der damaligen Auffassung in Widerspruch zu ge-
rathen. Dafür erscheint das Klein'sche Werk aber auch
als letzter Versuch, die Zoophytengruppe, wenngleich mit
verändertem Namen, im alten Sinne des Wortes dem immer
mehr sich umgestaltenden Thiersysteme zu erhalten. Schon
nach weniger als Jahresfrist folgte (1735) demselben die
erste Ausgabe des später so berühmt gewordenen Systema
naturae von Linne, in dem überall das Bestreben sich kund
thut, die einzelnen grösseren und kleineren Gruppen des
Thierreiches, wenn auch zunächst noch in möglichst nahem
Anschluss an die bis dahin gebräuchliche Systematik, auf
') Naturalis dispositio P^chinodermatum. Gedani 1734. p. 73.
102 Leuckart:
ganz bestimmte objective Merkmale zurückzuführen. Die
Zoopkytengruppe wurde dem Namen nach beibehalten, sie
bildete, wie bei Aldrovandi u. A., eine Ordnung der
exsanguia aquatilia oder, wie Linne, mit Ausschluss
allerdings der ferner den Insecten verbundenen Krebse,
diese Thiere nannte, der Würmer (Vernies). Neben den
Zoophyten erscheinen als gleichwertige Ordnungen noch
die Reptilia und Testacea, von denen die ersteren die der
äusseren Anhänge entbehrenden Weiclithiere (Gordius,
Taenia, Lumbricus, Hirudo, Limax) in sich einschliessen.
Die mit Gliedmassen versehenen Weiclithiere, also na-
mentlich auch die Tintenfische, werden den Zoophyten zu-
gerechnet, die gradezu als „Vermes artubus donati" cha-
rakterisirt sind und ausser dem Gen. Sepia sowie den
alten Zoophyten: Tethya, Holothurium, Penna niarina (die
Anfangs sammt und sonders unter dem Genus-Namen Te-
thys vereinigt sind) und Medusa (Urtica) noch die See-
igel und Seesterne, sowie das Gen. Microcosmus (Ascidia
microcosmus) enthalten.
Der alte specifische Begriff der Zoophyten
ist damit aufgegeben, die Zoophyten repräsentiren
nicht mehr gewisse Uebergangs formen zu den Pflanzen,
sondern Thiere, die ganz nach Art der übrigen sich durcli
gewisse zoologische Merkmale als Glieder einer bestimmten
Gruppe ergeben. Nur aus historischen Gründen bleibt der
früher so bedeutungsvolle Namen der Zoophyten. Die
Spongien waren von den Thieren ausgeschlossen und
wurden mit Eschara, Isis, Madrepora und den übrigen
Corallen unter dem, soviel mir bekannt, zuerst von Lui-
dius*) in Anwendung gebrachten Namen Lithophyta dem
Pflanzenreiche zugerechnet.
So blieb es im Wesentlichen — nur dass Microcos-
mus und Echinus inzwischen von den Zoophyten zu
den Schalthieren versetzt waren — bis zur sechsten Auf-
lage des Systema, also bis zum Jahre 1748, in dem Linne
sich veranlasst sah, der von Reaumur jetzt anerkannten
und durch neue Untersuchungen bestätigten Entdeckung
*) Lithophyt. brit. London 1703. p. 11.
Die Zoophytcn. 103
Peyssouel's dadurch Rechnung zu tragen, dass er die
Gruppe der Lithophyta (mit Tubipora, Madrepöra, Mille-
pora, Sertularia) als vierte und letzte Ordnung seinen
Würmern hinzufügte. Gleichzeitig wurde auch die Ord-
nung der Zoophyta mit einer Anzahl neuer Formen ver-
mehrt, nicht bloss mit dem Genus Hydra, sondern nament-
lich auch mit Kiemenwürmern (Nereis, Aniphitrite, Aphro-
dite) und anderen Thieren (wie Triton = Baianus und
Lernaea), mit Formen also, deren Häufung den durch die
Bezeichnung Zoophyta ursprünglich so treffend ausgedrück-
ten Charakter allmählich vollständig obsolet machte. Es
war das auch wohl der Grund, weshalb Linne in der
zehnten Auflage seines Werkes (1758), nachdem die be-
treffende Gruppe abermals durch Arten wie Doris, Scyllaea,
Priapus u. s. w. bereichert war, den Namen Zoophyta
mit Mollusca — entsprechend der älteren Bezeichnung
Mollia — vertauschte. Die jetzigen Weichthiere
werden als „Animalia simplicia, nuda, artubus instructa,
libera" bezeichnet, im Wesentlichen also charakterisirt wie
früher die Zoophyta. Nur die Namen Holothuria (die bei
Linne freilich sehr heterogene Dinge — Physalia, Salpa
— umfasst), Medusa, Asterias und Echinus (welcher letz-
tere wieder von den Schalthieren entfernt war) erinnern
noch einigermassen an die früheren Schicksale dieser
Gruppe, deren wesentlichster Inhalt jetzt aus Kiemen Wür-
mern und Nacktschnecken besteht.
Die durch Restitution des Namens Mollia
(Mollusca) frei gewordene Bezeichnung Zoo-
phyta wird aber von Linne nicht preisgegeben, son-
dern mit glücklichem Tacte — als gelte es, ein früheres
Unrecht gut zu machen — jetzt auf die am meisten
pflanzenartigen Polypen, die Horncorallen und Ser-
tularien, welche bis dahin bei den Lithophyten standen,
übertragen. Mit anderen Polypen, Hydra, Tubularia,
Pennatula, Alcyonium, Eschara, sowie mit Taenia und Vol-
vox vereinigt, bilden diese Geschöpfe in der zehnten Aus-
gabe des Thiersystemes als Zoophyta die fünfte und letzte
Ordnung der Vermes, eine Gruppe, die, wie wir oben sahen,
durch die von Pallas vorgeschlagene Einfügung der Li-
104 Leuckart:
thophyten vervollständigt, das Bild der Pflanzenthiere in
weit prägnanterer Form dem Beschauer vor die Augen
führt, als es die Zoophyten der Aristotelischen Schule je-
mals vermocht hatten. Von den letzteren ist ausser den
Spongien, die erst Pallas wieder zu den Thieren rechnete,
keine einzige Form in die neue Gruppe übergegangen:
die Pallasischen Zoophyten haben mit der äl-
teren gleichnamigen Gruppe ausser dem Namen
nur noch die Idee gemein, die dieser Namen
kundthut.
Aber auch mit dieser neuen Phase war die Entwick-
lungsgeschichte der Zoophytengruppe noch nicht zum Ab-
schluss gekommen.
Auf eingehende Untersuchungen des äusseren und in-
neren Baues gestützt erkannte Cuvier sehr bald die
Schwäche und Unzulänglichkeit des Linne'schen Systemes
besonders in Bezug auf die grosse Abtheilung der Wür-
mer. Die Anwesenheit oder der Mangel einer Schale, ein
Charakter also, auf den man seit Aristoteles einen so
grossen Werth gelegt hatte, ergab sich als unzureichend
für die Aufstellung der höheren Gruppen. Zwischen den
Testacea und gewissen Vertretern der Linne'schen Mol-
lusca, den Nacktschnecken und Cephalopoden, stellten sich
so nahe Beziehungen heraus, dass eine Vereinigung aller
dieser Formen nothwendig erschien *). Andererseits zeig-
ten aber die Kiemenwürmer, die mit letzteren bisher die
Gruppe der Mollusca gebildet hatten, zum Theil auch den
Reptilia oder, wie sie später genannt wurden, den Intestina
zugezählt waren, durch Körperform und Gliederung eine
solche Annäherung an die Linne'schen Insecteu, dass hier
gleichfalls eine Zusammenstellung gerechtfertigt schien. Die
*) Uebrigens "ist schon von Pallas die nahe Verwandtschaft
der Cephalopoden und Nacktschnecken mit den Schalthieren ganz
richtig erkannt worden. Miscellan. zool. 1766. p. 73. Ebendas. wird
auch bemerkt, dass die von Linne den Mollusca zugerechneten Ne-
reides und Aphroditae mit den Serpulae zu einer Gruppe zusam-
mengehörten, der vielleicht auch die Lumbrici, Hirudines, Ascarides,
Gordii, möglicherweise sogar die Taeniae, zu vereinigen seien.
Die Zoophyten. 105
durch eine derartige Fassung der Linne'schen Mollusca frei
gegebenen Medusen, Aetinien, Seesterne, Seeigel und Ho-
lothurien wurden nun mit den noch übrigen Wirbellosen
zusammen wieder der Zoophytengruppc zugesellt.
Eine solche Vereinigung lag um so näher, als man
allmählich die Ueberzeugung gewonnen hatte, dass die Fä-
higkeit zur Prolitication, die Pallas als das charakteristi-
sche Merkmal der Zoophyten betrachtete, nicht nur T liie-
ren sehr verschiedener Natur zukomme — besonders wichtig
erschien in dieser Hinsicht die Beobachtung der zusam-
mengesetzten Ascidien — sondern vielfach auch nur ge-
wisse Arten einer natürlichen Gruppe auszeichne. Dazu
kam dann weiter noch der Umstand, dass die oben ge-
nannten Medusen, Aetinien u. s. w. durch die vielfache
Wiederholung und die strahlenförmige Anordnung ihrer
äusseren und inneren Organe nicht bloss mit der Mehr-
zahl der Pallas'schen Zoophyten übereinstimmten, sondern
auch- auffallend an den regelmässigen Bau der pflanzlichen
Blüthen erinnerten, so dass die Bezeichnung Zoophyta im-
mer noch in gewissem Sinne anwendbar blieb.
Demgemäss zerfällte Cuvier in seinem ersten syste-
matischen Versuche *) das Thierreich zunächst in sieben
Classen, von denen die vier ersten die bekannten vier —
schon von Aristoteles unterschiedenen — Wirbelthiergrup-
pen repräsentiren, während die drei anderen: Mollusca,
Insecta et Vermes, Zoophyta den Ordnungen der Linne0-
schen Insecten und Würmer entsprechen.
Später als Cuvier die ursprünglich von Lamarck
herrührende Lehre von den thierischen Typen sich zu
eigen gemacht und selbständig weiter gebildet hatte, wur-
den die drei letztgenannten Classen zu ebensovielen grossen
Abtheilungen, die der Abtheilung der Wirbelthiere, unter
deren Namen jetzt nach Lamarck's Vorgange die vier
ersten Classen zusammengefasst wurden, als gleichwerthig
zur Seite standen**). Die Abtheilung der Zoophyta
*
*) Tableau element. d'hist. nat. desanimaux, Journal de phy-
sique. Paris 1798. p. 370.
**) Regne animal. Paris 1817. T. I.
106 Leuckart:
oder Radi ata, wie sie von jetzt an weiter noch genannt
wurde *) , zerfiel dabei wieder in die Echinodermen, En-
tozoen, Akalephen, Polypen und Infusorien, von denen die
letzteren übrigens schon in der von Gmelin besorgten
dreizehnten Auflage des Linne'schen Systema naturae als
eine eigene Gruppe unter den Zoophyten aufgezählt sind.
Die Aufstellung der Echinodermengruppe, die freilich
schon von Belon, so wie später von Pallas**) und be-
sonders von Bru giere ***) vorbereitet war, gehört, wie die
natürliche Begrenzung der Mollusca, zu den grössten Ver-
diensten, die Cuvier sich um die Reform unserer syste-
matischen Zoologie erworben hat. Weniger glücklich ist
die zuerst von Dumeril empfohlene Aufstellung einer
besonderen Gruppe der Entozoa, die einen durchaus fauni-
stischen Charakter trägt und Thiere enthält, welche nicht
bloss unter sich sehr ungleich sind, sondern auch zu den
Echinodermen, Akalephen und Polypen weit weniger Be-
ziehungen haben, als zu den Würmern. In der Classe der
Akalephen werden neben den schwimmenden Formen, den
spätem Medusen, Rippenquallen und Siphonophoreu auch die
Actinien (acalephes fixes) aufgezählt, die richtiger bei den
Polypen stehen und später auch von Cuvier selbst damit
vereinigt sind. Aber auch die Gruppe der Polypen erscheint
als eine Zusammenstellung sehr verschiedenartiger Geschöpfe
und blieb es so lange, bis Ehren b er gf) sie inAnthozoa und
Bryozoa auseinanderlegte ff), deren letztere (Eschara u. a.)
*) Lamarck spricht schon vor Cuvier von Radiaires, was er
aber so nennt, ist die von Cuvier schon früher aufgestellte Gruppe
der Echinodermen, der (als rad. molasses) dann noch die Akale-
phen zugesellt wurden. Systeme des anim. sans vertebres. Paris
1816. (deux. ed. 1835).
**) Miscell. zool. p. 153, wo die nahe Verwandtschaft der Acti-
niae ambulantes (Holothurien) mit Echinus, Asterias und sogar mit
Encrinus betont und für diese Thiere — mit Einschluss freilich der
echten Actinien — die Bezeichnung Centroniae (die so ziemlich das-
selbe sagt, wie Racliatae) in Vorschlag gebracht wTurde.
***) Tableau encyclop. et meth. hist. nat. des Vers. Paris 1791.
f) Akalephen des Rothen Meeres. Abhandl. der Berl. Akad.
vom Jahre 1835. S. 233.
ff) Johnston, der die Gruppe der Zoophyten, zumeist an
Die Zoopbyten. 107
sich namentlich durch den Besitz eines vollständigen Darm-
apparates charakterisirten und auch sonst von den Antho-
zoen so abwichen, dass sie heute mit Recht aus der Classe
der Polypen gänzlich entfernt sind.
Nachdem schliesslich auch die Infusorien als Thiere
besonderer Organisation erkannt waren, die aus der Ab-
theilung der Zoophyten auszuscheiden hätten, blieb darin
nur noch die Classe der Echinodermen, Akalephen und
Polypen (Anthozoen) zurück, eine Summe von Thieren, die
wegen der auffallenden Bildung ihres gesammten Körpers
im Laufe der Zeit allmählich immer mehr und ausschliess-
licher mit dem Namen der Strahlthiere bezeichnet wurden.
Je mehr die charakteristischen Züge dieses
strahligen Baues Beachtung fanden, desto
mehr gerieth die Benennung Zoophyta, die trotz
der von Cuvier betonten Blumen ähnlichkeit der Strahl-
thiere doch nicht mit dem früheren Recht auf diese Ge-
schöpfe passte, in Vergessenheit, aus der auch die
verschiedensten Versuche zur Restitution des Namens, die
namenlich von französischen Forschern ausgingen, sie nicht
zurückzurufen vermochten.
Im Laufe der Zeit haben nun aber auch dieCuvier'-
scheu Strahlthiere aufgehört, als eine eigene Abtheilung
des Thierreiches zu gelten. Wir sprechen allerdings noch
heute von solchen Thieren, aber nur in dem Sinne, in dem
wir andere nach den mathematischen Verhältnissen ihres
Baues als bilaterale und als reguläre Thiere bezeichnen.
Wie die Bilateralthiere mehrere typische Abtheilungen in
sich einschliessen, so unterscheiden wir unter den Strahl-
thieren heute die Abtheilungen der Echinodermen und Coe-
lenteraten *). Die letztere umfasst zunächst die Anthozoen
Pallas sich anlehnend, auf die Polypen beschränkt, theilt dieselben
in die Abtheilungon der zoophyta radiata und z. molluscoidea s.
ascidioda (i. e. Anthozoa und Bryozoa). History of british zoophytes.
Edinb. 1838. p. 75.
*) Vergl. Leuckart, Morphologie der wirbellosen Thiere.
Braunschweig 1849. S. 13. Ihre erste Begründung erhielt die Gruppe
der Coelenteraten übrigens schon 1847 in den von mir in Geraein-
108 Leuckart:
und Akalephen, zweierlei Tliierformen, die nicht bloss durch
eine ganze Reihe sehr eigentümlicher Organisationsver-
hältnisse und namentlich die Einfachheit ihres vegetativen
Höhlensystemes einander gleichen, sondern auch entwicke-
lungsgeschichtlich derart zusammenhängen, dass man die
Jugendzustände der letzteren früher vielfach als selbstän-
dige Formen den Polypen (besonders dem gen. Sertularia)
zurechnen konnte.
Unter solchen Umständen hat denn auch die von mir
aufgestellte Gruppe der Coelente rat en nicht bloss in
Deutschland, sondern auch im Auslande *) — bis auf L.
Agassiz — einen ungeteilten Beifall und eine so all-
gemeine Annahme gefunden, wie kaum jemals vorher eine
andere. Auch der später von mir motivirte Vorschlag,
die Spongien der neuen Abtheilung einzuverleiben **), ist
vielfach als naturgemäss erkannt und namentlich von
Häckel, der diese Geschöpfe freilich noch im Jahre 1868
nicht einmal als Thiere gelten Hess, vielmehr mit anderen
problematischen Wesen und unzweifelhaften niederen Pflan-
zen zusammen in einem besonderen Zwischenreiche (dem
sog. Protistenreiche) unterbrachte f), dessen Aufstellung ge-
schaft mit Frey herausgegebenen Beiträgeu zur Kenntniss wirbello-
ser Thiere. Braunschweig S. 70. (Da der betreuende Aufsatz von
mir allein herrührt, wie das mehrfach schon von mir bemerkt ist,
hat man kein Recht, Frey und mich zusammen als Begründer der
Coelenteratengruppe zu nennen.)
*) Wenn in England und Frankreich heute noch gelegentlich
von Zoophyten gesprochen wird, so bezeichnet man damit die Poly-
pen im C u vi er'schen Sinne (also Anthozoen, Hydroiden, Bryozoen.
Die Gruppe der Coelenteraten wird nirgends mit diesem Namen be-
nannt, so dass die Angabe Häckel's (Kalkschwämme II. S. 463),
nach der in England und Frankreich die Bezeichnung »Zoophyta statt
Coelenterata« die gebräuchlichere sei, rein ans der Luft gegriffen ist.
**) Archiv für Naturgeschichte 1854. Bd. II. S. 472 und beson-
ders 1866. Bd. II. S.126.
f) Allgemeine Morphologie. Berlin 1866. Bd. II. S. XX u. XXIX.
Sechs Jahr vorher hatte übrigens Hogg (New philos. Edinb. Jour-
nal 1860. T. XX. p. 216) unter dem fast gleichlautenden Namen der
Protoctista genau dasselbe Zwiscbenreich aufgestellt.
Die Zoophyten. 109
nau den Ideen entspricht, welche die älteren Zoologen von
den Zoophyten hatten, später mit einer so grossen Lebhaf-
tigkeit ergriffen und vertheidigt, dass er selbst vielfach
als Derjenige gilt, der die Coelenteratennatur der Schwämme
erkannt habe. Trotzdem hat Häckel neuerlich in Vor-
schlag gebracht, die Bezeichnung Coelenterata aufzugeben
und mit dem „fast 300 Jahre älteren u Namen Zoophyta zu
vertauschen *).
Wenn allein das Alter entschiede, könnte kein Zwei-
fel über die Berechtigung des Vorschlages sein, denn der
Namen Zoophyta ist nicht bloss 300, sondern, wie voran-
stehend nachgewiesen, vielleicht 2000 Jahre alt. Dass aber
diese Zoophyten — und namentlich die Zoophyten Wot-
ton's, den Häckel als Begründer der Zoophytengruppe
nennt — ganz andere Thiere sind, als unsere Coelentera-
ten, scheint dem Autor der Kalkschwämme unbekannt ge-
wesen zu sein ; er scheint auch die Umgestaltungen wenig
zu kennen, welche die betreffende Gruppe bei L i n n e,
Pallas und Cu vier erfahren hat, denn sonst müsste
derselbe doch wohl einiges Bedenken getragen haben, für
den vollständig neu begrenzten und auf ganz bestimmte, hier
zum ersten Male erkannte Organisationsverhältnisse gegrün-
deten Kreis der Coelenteraten einen Namen in Anwendung
zu bringen, der nach Begriff und Inhalt zu den verschiede-
nen Zeiten auf das Mannichfaltigste geschwankt und ge-
wechselt hat. Und das noch dazu in demselben Augenblicke, in
dem zur weiteren Motivirung dieses Verfahrens bemerkt wird,
dass die Bezeichnung Coelenterata dadurch unbestimmt
und zweideutig geworden sei, dass die meisten Zoologen
darunter bloss die Nesselthiere verständen und nicht auch
noch die Spongien denselben zurechnen!
Wenn ein solches Verfahren in unserer Systematik
Platz griffe, dann wäre der Willkür des Einzelnen bei der
Namengebung Thor und Thür geöffnet. Unter dem Vor-
wande einer historischen Restitution könnte dann Jeder un-
sere Nomenclatur beliebig verändern. Die Wirbelthiere
würden vielleicht Enaemata, die Radiaten Centroniae, die
:) Die Kalksehwämme. Kerlin 1872. Bd. I. S. 468.
110 Leuckart: Die Zoophyten.
Actinien Urticae oder Priapus heissen. Und doch würden
alle diese Veränderungen immer noch weniger Bedenken er-
regen, als der von H ä c k e 1 proponirte Nainentausch *),
bei dem es sich um eine Gruppe handelt, die sowohl nach
der ihr zu Grunde liegenden Combination von Charakte-
ren, wie auch nach ihrem Inhalt als durchaus verschieden
von den früheren Thiergruppen dasteht. Nach der bisher
in unserer Wissenschaft üblichen Sitte hat aber Der, wel-
cher zuerst eine solche Gruppe — mag sie gross oder
klein sein — begründet und benennt, ein Anrecht auf Bei-
behaltung des von ihm gebrauchten Namens. Und so wird
es auch für die Folgezeit bleiben. Nur in dem Falle war
eine Ausnahme gestattet, dass die betreffende Gruppe nach
Inhalt und Fassung einer wesentlichen Aenderung unterlag
— und dieser Fall ist bei unserer Gruppe selbst dann nicht
eingetreten, wenn die ursprünglich von mir ausgesprochene
Ansicht von der morphologischen Natur des inneren Höh-
lensystemes bei den Coelenteraten als irrig sich erweisen
sollte. Dass ich diese Frage aber auch durch die neue sog.
Gastraea-Theorie noch nicht als erledigt ansehe, bedarf
kaum der ausdrücklichen Versicherung.
*) Der jüngere van Beneden reclamirt (de la distinct. ori-
gin. de testicule et de l'ovaire Bruxelles 1874. p. 1) für meine Coe-
lenteraten die schon 1845 von seinem Vater für dieselbe Gruppe in
Anwendung gebrachte Benennung »Polypi.« Allein ganz abgesehen
davon, dass die Bezeichnung Polypi eine scharf begrenzte historische
und specifische Bedeutung hat, die eine Uebertragung auf die Akale-
phen ausschliesst, ist die von meinem hochverehrten Freunde damals
(rech, sur l'anat., la physiol. et l'embryogen. des Bryozoaires Brux.
1845. Introduct. p. 8) aufgestellte Gruppe mit der im Jahre 1847
von mir begründeten Coelenteratenabtheilmig durchaus nicht iden-
tisch, da sie ausser den echten Coelenteraten auch noch dieBryozoen und
sogar die Tunicatcn in sich einschliesst, die doch beide nichts weniger
als Coelenteraten sind.
lieber die Rieseneideclisc der Insel« des
Grünen Vorgebirges.
Von
Troschel.
Hierzu Tafel I.
Zu den allerseltensten Eidechsen gehört Euprepis Co-
ctei, unter welchem Namen sie von Dumeril und Bibron
in der Erpetologie generale Tome V. p. 666 beschrieben
wurde. Diese Verfasser kannten nur ein Exemplar, welches
sich im Pariser Museum befand, und welches im Jahr 1809
aus dem Museum in Lissabon mit anderen Naturalien er-
worben war. Das Vaterland desselben war ihnen unbe-
kannt, sie glaubten, dass es von den Africanischen Küsten
herstamme.
Diese Eidechse fiel schon durch ihre enorme Grösse
auf, denn das beschriebene, wahrscheinlich ausgestopfte
Exemplar hatte eine Länge von 5 Fuss 4 Zoll.
Seit dem Jahr 1839, in welchem die Eidechse zuerst
a. a. 0., und zwar sehr gut beschrieben war, ist uns keine
weitere Kunde bis zum vorigen Jahre über sie geworden;
denn die kurzen Angaben von J. E. Gray in Catalogue
of the specimens of lizords in the collection of the British
Museum 1845, p. 110 sind nur ein Auszug aus der Du-
meril-Bibron'schen Beschreibung, und das britische Mu-
seum, sonst so überaus reich, besitzt, oder besass bis 1845,
kein Exemplar. Es ist sogar wahrscheinlich, dass Gray
das Pariser Exemplar gar nicht gesehen hat.
112 Troschel:
Eine Notiz, welche Greeff in dem Programm der Uni-
versität Marburg 1872 über eine grosse Eidechse von den
Canarischen Inseln giebt, ist zu unbestimmt, als dass man
sie auf den Euprepis Cocteani, auch nur mit einiger Wahr-
scheinlichkeit, beziehen könnte. Die Stelle lautet p. 24:
„Seit der Eroberung der Canarischen Inseln haben sich
Angaben erhalten über das Vorkommen gewaltig grosser
Eidechsen auf der kleinen Insel Hierro (des Lezards gros
comme les chäts et hideux, wie die mit den Eroberern
ausgezogenen Geistlichen berichten). Zweifellose Mitthei-
lungen über ihr Vorkommen oder genauere Beschreibungen
sind bis jetzt nicht beigebracht worden. Es ist mir daher
nicht unwahrscheinlich, dass alle diese Angaben grosse
Exemplare von Lacerta Galotti betreifen. Ich habe' auf
Tenerife solche von 1 Fuss Länge und darüber gefunden,
die bei dem schnellen Dahinhuschen dem ungeübten und
überraschten Auge noch weit grösser erscheinen. u
Der Ausdruck „gros comme des chats et hideux*
würde auf unseren Euprepis Coctani sehr gut passen,
während es kaum zu vermuthen ist, dass selbst das Auge
eines Laien die schlanke Lacerta Galotti, wenn er auch
Exemplare von gegen zwei Fuss Länge dahinschlüpfen sieht,
mit einer Katze vergleichen sollte. Es muss abgewartet
werden, ob auf jener kleinen Insel Hierro vielleicht eine
ähnliche dicke Eidechse vorkömmt, oder ob Euprepis Coc-
teaui bis auf die Canarischen Inseln verbreitet ist. Frei-
lich ist das Letztere sehr unwahrscheinlich.
Im Jahr 1873 stellte Bar boza du Bocage das Vater-
land unserer Eidechse in den Proceedings of the zoological
society of London p. 703 sicher. Ich wiederhole seine in-
teressante Notiz wörtlich :
„II y a quelque temps j'avais decouvert au Museum
de Lisbonne parmi d'autres reptiles provenant, comme
l'exemplaire du Museum de Paris, de Fanden Cabinet
d'Ajuda, trois specimens d'un gros Scincoidien qui, mal-
gre leur mauvais etat de conservation, ressemblaient d'une
maniere frappante ä FE. Coctei. Malheureusement ces in-
dividus, prepares a sec, ne portaient pas aucune indication
d'apres laquelle il me tut permis de verifier leur prove-
Ueber die Rieseneidechse der Inseln des Grünen Vorgebirges. IIB
nance. Du reste il parait que c'etait l'habitude dans l'an-^
cien cabinet d'Ajuda de faire disparaitre toute indication
de ce genre, car nous n'avons pu la trouver dans aucun
des exeniplaires ayant appartenu ä ses collections."
„Le facies de l'espece me faisait partager 1'opinion
de Dumeril et Bibron quant ä leur h abitat, je la cro-
yais comnie eux africaine; cependant il me seuiblait peu
probable quelle dut venir des possessions portugaises de
FAfrique continentale, et javais un vague espoir, appuye
sur des raisons qu'il serait fort long d'enumerer ici, qu'on
la retrouverait un jour ou dans les iles de St. Thome et
du Prince ou, plus probablement, dans celle de l'archipel
du Cap Vert."
„Quelques renseignenients que j'avais recus derniere-
ment dun voyageur francais tres-instruit, M. de Cessac, au
sujet de l'existence probable d'un Lacertien de grande taille
dans un ilot inhabite de ce dernier archipel, paraissaient
apporter une uouvelle confirniation ä nia maniere de voir."
„Or nies previsions viennent en effet de se realiser.
Je viens de recevoir 3 specimens vivants, deux adultes et
un jeune, de l'Euprepes Coctei, identiques aux anciens
specimens du Cabinet d'Ajuda et parfaitement conformes
ä la description publiee dans l'Erpetologie generale. Ces
trois individus, qui m'ont ete envoyes de Tile Saint Jago
du Cap Vert par M. le Dr. Hopffer, Chef de service de
Sante dans ces lies, ont 6te pris sur un ilot inhabite situe
ä proximite de l'ile Saint Vincent et bien connu sous le
nom de Ilheo-branco (ilot blanc)."
„Les specimens de l'ancienne collection du Museum
de Lisbonne (Cabinet d'Ajuda) proviennent da meme en-
droit. Ils ont ete envoyes en 1784 par un naturaliste por-
tugais, J. da Silva Fei jö, avec d'autres produits naturels.
J'ai pu retrouver une liste, ecrite de la main de Feijö, des
produits naturels rassambles par ce zele naturaliste sur
l'Ilheo-branca et envoyes par lui au Cabinet d'Ajuda, parmi
lesquels les specimens du l'E. Coctei se trouvent indiqu^s
sous le nom de Lagartos, nom dont on se sert encore au-
jourd'hui pour les designer."
Barboza du Bocage hat somit das Verdienst, das
Archiv für Naturg. XXXXI. Jahrg. 1. Bd. 8
114 Troschel:
Vaterland des Euprepes Coeteaui unzweifelhaft festgestellt
zu haben. Er fügt der Beschreibung von Dumeril und
Bibron nichts hinzu, und trägt auch sonst nichts zur Kennt-
niss dieser grossen, schon wegen ihres Aufenthaltes merk-
würdigen Eidechse bei. Ich bin in der Lage, die Kennt-
niss derselben um ein Weniges zu erweitern.
Durch Herrn Dr. Alphons Stübel, der sich längere
Zeit auf den Inseln des Grünen Vorgebirges aufgehalten
hatte und sich jetzt zum Zweck geologischer Untersuchun-
gen seit mehreren Jahren in Ecuador befindet, kam ein
Exemplar einer grossen und dicken Eidechse in Weingeist
als Geschenk an das Naturhistorisehe Museum in Bonn.
Herr Dr. Stübel schrieb mir damals: „Das Vorkommen
dieser, wohl einer africanischen Gattung angehörenden
Eidechsen auf der sterilen Insel Raro (Cap Verdische
Inseln) ist in der That eigenthümlich. Sie nähren sich,
wie ich mich zu überzeugen Gelegenheit hatte, besonders
von den Samen einer kleinen Malve und von den Eiern
der dort in grosser Anzahl brütenden Vögel. Ein noch
grösseres Exemplar als das Ihnen übersendete, fand ich
beschäftigt sogar einen Vogel, Thalassidroma Leachii Tem.
lebendig zu verspeisen."
Nachher theilte mir Herr Dr. Stübel mündlich mit,
dass er und seine Begleitung zuweilen den Ladestock ihrer
Gewehre, der am Ende mit einer Schraube zum Ausziehen
der Kugeln aus dem Laufe versehen war, in die zahlreichen
Löcher und Höhlungen der Felsen am Strande jener ste-
rilen kleinen Insel steckten, um dadurch den Inhalt der-
selben zu ermitteln und sich der Bewohner zu bemächtigen.
Auf solche Weise hatte er auch unsere Eidechse angebohrt
und herausgezogen. Es scheint, als ob dadurch die Ver-
letzungen des Exemplares entstanden seien, dessen Leibes-
höhle an einer Seite ganz geöffnet ist, ohne in Verwesung
zu sein. Die Oeffnung ist freilich viel grösser als sie der
Bohrer des Ladestocks hätte veranlassen können, aber man
kann wohl begreifen, dass das Thier bei einem derartigen
Angriff sich nicht eben geduldig und ruhig werde verhalten
haben.
Diese Eidechse ist Euprepis Coctei Dum. Bibr., von
Ueber die Rieseneidechse der Tbsein des Grünen Vorgebirges. 115
der schon Barboza du Bocage 1. c. bemerkt hat, dass
der Name Cocteauii geschrieben werden müsse. Mir scheint
ein i am Ende dieses Namens genügend, und ich schreibe
daher Euprepis Cocteaui.
Ich will nun diese Gelegenheit wahrnehmen, das-
jenige den älteren Beschreibungen hinzuzufügen, was mir bei
der Betrachtung des Bonner Exemplares vor die Augen trat.
Der Charakter, welchen Dumeril und Bibron be-
benutzt haben, um unsere Art von allen übrigen der Gat-
tung Euprepes zu unterscheiden, ist, dass die Schuppen
des Rückens mit zwei sehr deutlichen Kielen versehen sind.
Das hat keine andere Art. Gray hat in seinem Cata-
logue p. 73 in der Uebersicht der Gattungen, die ja wegen
der Kürze der Diagnosen zuerst beim Bestimmen benutzt
wird, sich eine kleine Ungenauigkeit zu Schulden kommen
lassen, indem er die Gruppe, wohin Euprepis gebracht
wird, charakterisirt : Scales moderate, 3- or 5-keeled.
Da Euprepes Cocteaui nur zwei Kiele hat, wird man
ihn nicht in der Gattung Euprepes vermuthen. Erst bei
der Gattung Euprepis selbst, p. 110, findet man: Scales
2- to 7-keeled. Wie leicht kann man beim ersten Nach-
sehen verleitet werden, in dieser Gruppe nicht weiter zu
suchen! Mir wenigstens ist es so ergangen, und darin liegt
die Ursache, dass ich längere Zeit diese unsere Eidechse
für eine neue Art gehalten habe, da mir die Herpetologie
generale nicht gerade bequem zur Hand war. Auf die
weitern Angaben von Gray gehe ich nicht ein, da sie nur
ein Auszug aus der Dumeril-Bibron'schen Beschreibung
sind. Hätte ich dieses Werk zuerst benutzt, würde ich
sofort auf den rechten Weg geleitet sein.
Dumeril und Bibron begannen ihre Beschreibung
nach einem Hinweis auf die Grösse und den verhältniss-
mässig kurzen Schwanz, mit den Gliedmassen. Die Vor-
dergliedmassen reichen, wenn man die Zehen mitrechnet,
wie es doch zu geschehen pflegt, nicht bis zu den Augen,
sondern bis zur Schnauzenspitze. Die Länge der Finger und
Zehen stimmt mit der Dumeril-B ibron'sehen Angabe über-
ein, wie sich aus den unten anzugebenden Maassen ergiebt.
Diese grossen Eidechsen müssen aber auch auf ihrer ste-
HC Troschel:
rilen Insel ihre Feinde haben, denn an dem linken Vor-
derfuss sind die beiden ersten Zehen bis auf den Grund
verstümmelt und vernarbt; ebenso die vierte Zehe des lin-
ken Hinterfusses bis über die Hälfte ihrer Länge. Die
Krallen sind Kuppennägel, zusammengedrückt, unten bis
fast zur Spitze offen. Zehen und Finger sind etwas zu-
sammengedrückt. Alle haben jederseits eine deutliche
Furche, die Grenze der oberen und unteren Schildchen, von
denen sie bedeckt sind, und die oben und unten in der
Endhälfte den ganzen Umfang von Furche zu Furche ein-
nehmen. Das letzte obere Schildchen ist grösser als die
übrigen, und stellt gleichsam eine zweite Kralle dar. S.
Fig. 8.
Der Schwanz ist an seiner Basis rund, ebenso hoch
wie breit, weiterhin wird er immer mehr zusammengedrückt,
bleibt jedoch bis zu seinem stumpfen Ende, welches übri-
gens nicht ganz intact, sondern wie vernarbt erscheint,
oben und unten abgerundet. Der Schwanz ist kürzer als
die halbe Totallänge des Thieres.
Der Kopf ist etwas breiter als hoch, vierseitig, pyra-
midal, vorn abgerundet. Die Ohröffnungen ziemlich gross,
bilden eine senkrechte, weite Spalte, an deren Vorderrande
eine grössere und zwei kleinere Schuppen als undeutliche
Läppchen vorspringen, Die durchsichtige Stelle am unte-
ren Augenliede ist elliptisch, zweimal so lang wie hoch,
und nimmt die Hälfte der Länge der Augenspalte ein.
Ueber das Innere des Mundes haben die Pariser Her-
petologen bei ihrer Beschreibung nichts gesagt. Wahr-
scheinlich hatte ihr ausgestopftes Exemplar ihnen keine
Gelegenheit gegeben, in das Innere zu blicken. Hätten
sie von dessen Beschaffenheit Kenntniss gehabt, dann wür-
den sie gewiss ein eigenes Sous-genre für unsere Eidechse
gegründet haben, denn wir finden darin wesentliche Ab-
weichungen an dem Bonner Weingeist - Exemplare. Die
Zähne stehen, wie überall bei den Scincoiden, in einer zu-
sammenhängenden Reihe, aber sie weichen durch ihren
crenulirten Rand von allen übrigen ab. Nach den Dume-
ril-Bibron'schen Angaben haben die allermeisten Gat-
tungen conische, einfache Zähne, und nur wenige zeichnen
Ueber die Rieseneidechse der Inseln de» Grünen Vorgebirges. 117
sich durch andere Zahntbrmen aus. So werden die von
Tropidophorus als cylindrisch, am Gipfel zusammenge-
drückt, die von Scincus als stumpf, die von Amphiglossus
als kurz und stumpf schneidend, die von Cyclodus als he-
misphärisch, die von Trachysaurus als kurz und gerundet,
die von Anguis als lang, spitz und nach hinten geneigt,
bezeichnet. Nirgends eine Andeutung von Crenulirung des
Zahnrandes. Von Gongylus, was hier zunächst zu beach-
ten ist, heisst es, die Zähne seien conisch, oft ein wenig
comprimirt und wie keilförmig, einfach. Bei den meisten
Untergattungen wird über die Zähne nichts gesagt, und
die Verfasser haben daher wohl keine Abweichung be-
merkt, nur von Gongylus und Eumeces heisst es, die Zähne
seien conisch, einfach und ein wenig am Gipfel zusam-
mengedrückt. Leider enthält das Naturhistorische Museum
in Bonn nur eine geringe Zahl von Arten aus der Gattung
Euprepes. Da ich jedoch bei keiner derselben gekerbte
Zähne in den Kiefern finde, so rauss ich die Angaben von '
D u m e r i 1 und B i b r o n, die ohne Zweifel viele Arten auf
die Zähne untersucht haben, für richtig halten, und das
führt mich auf die Ansicht, die Zähne von Euprepes Coc-
teaui seien so verschieden von denen der übrigen Eupre-
pes, dass unsere Art wohl schwerlich in dieser Gattung
verbleiben kann. Die Zähne sind an der Basis cylindrisch,
verbreitern sich gegen den Gipfel, werden zusammenge-
drückt, und haben eine gekerbte Schneide. Das gilt von
den Zähnen des Oberkiefers (Fig. 4) und des Unterkiefers
(Fig. 5). Die Vorderzähne sind kleiner, aber auch an ihnen
ist die Crenulirung angedeutet. Die Zähne des Unterkiefers
erscheinen ein klein wenig schlanker als die des Oberkiefers.
— Wenn man nun noch hinzu nimmt, dass die Pterygoid-
zähne, welche von D u m eri 1 und B i b r o n den Euprepes
in der Gattungsdiagnose zugeschrieben werden, bei E.
Cocteaui gänzlich fehlen, so wird man in der Ansicht be-
stärkt, dass diese Art aus der Gattung oder Untergattung
Euprepis entfernt werden müsse. Ich zähle oben 9 Zähne,
im Zwischenkiefer und jederseits 23 im Unterkiefer ; unten
8 Vorder zahne und 23 Backenzähne jederseits.
Die Zunge ist flach, lang, nach vorn ve rschmälert, an
118 Troschel:
der Spitze kaum merklich ausgeschnitten, der hintere Aus-
schnitt ist reichlich so tief, wie ein Viertel der ganzen
Länge der Zunge. Sie ist ganz mit kleinen Papillen be-
setzt, und gleicht sehr der Zunge der übrigen Arten. Die
Papillen stehen pflasterartig unregelmässig geordnet. Nahe
der Spitze sind sie breiter als lang und kleiner, weiter
nach hinten werden sie grösser, unregemässig rhombisch
(Fig. 6 und 7).
Die Beschuppung des Kopfes stimmt im Wesentli-
chen mit der Beschreibung von Dumeril und Bibron
überein ; ich wiederhole sie daher hier nicht, sondern führe
nur einige kleine Abweichungen an, im Uebrigen auf die
Abbildungen (Fig. 1, 2 und 3) verweisend. Das Internasale,
von dem die französischen Verfasser sagen, es sei der
Länge nach in zwei Platten getheilt, was vielleicht zufällig
bei ihrem Exemplare sei, bildet an dem Bonner Exemplare
nur eine Platte, die jedoch im vordem Drittel getheilt ist,
wie auf unserer Zeichnung angegeben, ein Zeichen, dass
sie gelegentlich wohl auch ganz getheilt sein mag. Das
Nasale ist kaum pentagonal zu nennen, eher länglich vier-
eckig oder oval, ihre Begrenzung gegen die benachbarten
Platten stimmt mitD nmeriTs Angabe. Zu erwähnen würde
hier noch sein, dass das Nasloch, durch einen von oben
herabhangenden Vorsprung verengt, eine gekrümmte Gestalt
hat, und dass es näher dem Hinterrande seiner Platte als
deren Vorderrande gerückt ist. Anstatt der oberen 8 La-
bialia Dumeril's zähle ich nur sieben, von denen die
ersten fünf viereckig und ziemlich gleich gross sind, die
sechste ist höher und pentagonal, die siebente ist läng-
lich eiförmig.
Die Schuppen des Körpers sind klein, kleiner als ich
sie bei irgend einem Euprepes kenne, und die Schuppen
des Rückens sind mit zwei deutlichen Kielen versehen.
Die Schuppen des Bauches und die des Schwanzes sind
grösser und glatt. Unser Exemplar hat acht grössere Anal-
schuppen (Fig. 9). Die Bauchschuppen vor denselben sind
breit sechseckig, weiter nach vorn werden sie rhombisch.
Hinter dem After, auf der Unterseite des Schwanzes, .sind
die Schuppen sehr klein, werden aber bald grösser.
Ueber die Rieseneidechse der Inseln des Grünen Vorgebirges. 119
Die Farbe unseres Exemplares, in Weingeist, ist
bläulich grau mit dunklen Flecken und Punkten; der
Bauch ist weisslich mit zerstreuten dunklen Punkten.
Da die Bauchhöhle des Thieres an der linken Seite
auf eine Strecke geöffnet ist, lassen sich die Eingeweide
zum Theil übersehen. Der Oesophagus ist überaus lang
und gewunden, so dass der langstreckige Magen weit nach
hinten liegt. Er ist häutig muskulös, 115 Mm. lang, im
vorderen Theile 44 Mm., im hinteren 25 Mm. dick, und
ganz mit Nahrungsstoffen erfüllt. Dieselben sind bereits
durch die Verdauung angegriffen, lassen sich jedoch als
scheibenförmige Körper, die auf der ganzen Oberfläche mit
sternförmig gestellten Borsten bedeckt sind, erkennen, auch
einige sehr zierliche Spiralfasern liegen dazwischen. Das
spricht also für die von St übel angegebene Nahruug
von einer kleinen Malve, Weiter vorn liegt die aus sehr
flachen Lappen bestehende Leber. Hinten in der Bauch-
höhle befinden sich dann die beiden flachen langstreckigen
Eierstöcke. Von sonstigen Organen ist nichts zu melden.
Ich füge noch einige Maasse hinzu:
Ganze Länge des Thieres 489 Mm.
Länge des Schwanzes 211 „
Länge der Vorderbeine 83 ,.
Länge des Mittelfingers 24 ,,
Länge seiner Kralle 4 „
Länge der Hinterbeine 103 ,,
Länge der vierten Zehe 35 „
Länge ihrer Kralle . 6 „
Höhe der Ohröffnung 11 „
Länge der Augenspalte 8 „
Länge der durchsichtigen Stelle des un-
teren Augenliedes 4 „
Höhe derselben 2
Länge der Zunge 36
Tiefe des hinteren Ausschnittes ... 10 „
Breite derselben am Grunde .... 19 „
Nach den obigen Erörterungen passt die Eidechse
ganz gut in die von Wieg mann in der Herpetologia me-
120 Trosohel:
xicana p. 35 aus der Vereinigung von Wagler's Eupre-
pis und Gongylus gebildete Gattung Euprepes ; denn wenn
er die Zähne als „Dentes maxillares cylindrici, apice obtuso
plus minusve compresso, primores 7 vel 9" bezeichnet, so
liegt darin nicht gerade ein Widerspruch, da nicht gesagt
ist, dass sie einfach, oder ungekerbt sein müssen. Ebenso
gehört sie in die (ib. p. 36) charakterisirte Untergattung
Euprepis, und passt darin in die Gruppe b, Palpebra su-
perior brevis, inferior perspicillata ß, Squamis dorsi ca-
rinatis.
Ebenso ist kein Grund vorhanden, sie aus der Gat-
tung Gongylus Dum.-Bibr. zu entfernen, obgleich diese Ver-
fasser bei den Zähnen sagen, sie seien conisch, oft ein
wenig comprimirt, und wie keilförmig, einfach, womit
doch wohl das Gekerbte der schneidenden Ränder ausge-
schlossen sein soll. Anders verhält es sich jedoch in Be-
treff der Untergattungen. In der* Erpetologie generale V.
p. 612, wo die Eintheilung in Untergattungen als Tableau
synoptique du genre Gongyle gegeben ist, wird man auf
Eumeces oder Euprepes geleitet, bis auf die Schuppen und
auf die Bezahnung des Gaumens. Die gekielten Schuppen
leiten auf Euprepes, der zahnlose Gaumen auf Eumeces.
Die Verfasser haben unsere Eidechse bei Euprepes unter-
gebracht, offenbar wegen der gekielten Schuppen ; den Gau-
men haben sie wohl nicht untersuchen können. Wenn man
daher die Dumeril-Bibro n'schen Sousgenres anerken-
nen will, so muss man ein eigenes Sousgenre zwischen
Eumeces und Euprepes gründen.
J. E. Gray hat Catalogue of the Lizards in the
British Mus. p. 70 die Gattungen noch mehr vervielfältigt.
Nach seiner Synopsis of the Genera wird man auf IL D
geleitet, wo unter** steht: Supranasals 1 pair, scales mode-
rate, 3- or 5-keeled , palate toothed. Wenn unsere Ei-
dechse dahin passen soll, dann müsste es heissen 2- or
5-keeled, und das palate toothed müsste gestrichen wer-
den. Freilich müssten diese letzten Worte bei Dasia, Ti-
liqua und Euprepes wieder hinzugefügt, und bei der neuen
Gattung müsste das Fehlen der Gaumenzähne als Cha-
rakter aufgenommen werden.
Ueber d. Rieseneidechse der Inseln des Grünen Vorgebirges. 121
Die neue Gattung oder Untergattung lässt sich fol-
gendennassen charakterisiren :
Charactodon *).
Nares in scutello nasali margini posteriori propiores,
curvati ; scutella supero-nasalia duo, dentes palatini nulli ;
dentes maxillares compressi crenati ; squamae dorsales par-
vae, bi-carinatae.
Charactodon Gocteaui.
1839. Euprepes Coctei Dumeril et Bibron, Erpetologie
generale V. p. 666.
1845. Eiiprepis Coctei Gray Catalogue of the speeimens
of lizards in the collection of the Britsh Museum p. 110.
1873. Euprepes Cocteauii Barboza de Bocage Procee-
dings of the zoological society p. 703.
1874. Euprepes (Charactodon) Cocteaui Troschel Si-
tzungsber. der niederrheinischen Gesellsch. für Natur-
und Heilkunde. November 1873.
Hab. Insulae Viridis Promontorii.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. I.
Fig. 1. Der Kopf von Charactodon Cocteaui von der Seite gesehen ;
in natürlicher Grösse.
» 2. Der vordere Theil der Schnauze, von der Seite gesehen:
etwas vergrössert, r Rostrale, n Nasale, sn Supranasale,
nf Nasofrenale, f Frenale, pfr Praefrontale, 1' 1" Labialia.
» 3. Der Kopf, von oben gesehen; in natürlicher Grösse.
» 4. Fünf Zähne aus dem Oberkiefer; vergrössert.
» 5. Fünf Zähne, aus dem Unterkiefer ; vergrössert.
» 6. Die Zunge ; in natürlicher Grösse.
» 7. Die pflasterförmige Beschuppung der Zunge; vergrössert.
» 8. Die fünfte Zehe des rechten Vorderfusses; in natürlicher
Grösse.
» 9. Die Aftergegend; in natürlicher. Grösse.
*) X((QcctT6tv kerben, Xaorcy.iog gekerbt, odovg Zahn.
Ueber Nahrung und Lebensweise der 8alme,
Forellen und Maifische.
(Von der phil. Facultät in Bonn gekrönte Preisschrift.)
Voll
Dr. Dietrich Barfurth
aus Dinslaken.
Einleitung.
Im Jahre 1852 wollte die preussisehe Regierung- den
Rümpchenfang verbieten, weil man glaubte, in ihnen würden
später nutzbare grössere Fische weggefangen. Herr Pro-
fessor Troschel in Bonn untersuchte nun die Fischbrut,
die unter dem Namen „Rümpchen" in den Handel gebracht
wird und fand in dem „Lutter-Rümpchen" oder „süssen
Rümpchen" eine Cobitis barbatula L., in dem „Riedlingchen"
oder „Bitter-Rümpchen" den Phoxinus laevis Ag., in dem
„Güwehen" den Gobio fluviatilis C. und in dem „Kaulkopf"
den Cottus Gobio L. Die unter dem Namen „Gesäms" auf
den Markt gebrachten Rümpchen bestehen nach Troschel
aus der Brut sämmtlicher in der Ahr lebenden Fische,
also ausser der Brut der schon genannten Species noch
aus der von Alburnus lucidus H., Squalius Cephalus L.,
Leuciscus rutilus L., Barbus fluviatilis Ag. und Trutta fario
Lin. (nach Siebold). Auf Grund dieser Untersuchungen *)
erklärte Troschel, dassj da die meisten Rümpchen für
die Fischerei durchaus werthlose Fische seien, der Rümp-
chenfang nicht als schädlich betrachtet werden könne.
Nachdem diese Frage erledigt war, tauchte aber bald die
Behauptung auf, das Wegfangen der Rümpchen sei trotz-
1) Mitgetheilt in deu Verhandlaugen des naturhistorisehen
Vereins der pr. Rheinl. und Westphalens. 8. Jahrg. Bonn 1851.
p. 563.
Barfurth: Ueb. Nahrung u. Lebensweise d. Salme, Forellen etc. 123
dem schädlich, weil man dadurch den edlen Fischen die
unentbehrliche Nahrung entzöge J) und deshalb stellte die
philosophische Facultät der Friedrich -Wilhelms -Universi-
tät in Bonn für das Jahr 1873—74 folgende Preisaufgabe:
„Es wird behauptet, dass das Wegfangen der Rürnp-
chen, wenn dieselben auch nicht werthvolle Fische seien,
dennoch der Fischerei im Rhein verderblich sei, weil man
den grossen Fischen: Salmo salar, Salmo hamatus und
Salmo fario die nöthige Nahrung entziehe. Salmen und
Lachse gehen in's Meer, um sich als Raubfische zu nähren
und kommen nur des Laichens wegen in die Flüsse. Die
Forellen sind stets in Gebirgsbächen. Es soll nun durch
Untersuchung der Eingeweide der genannten Fische in
verschiedenen Jahreszeiten ermittelt werden, worin ihre
Nahrung in den süssen Gewässern besteht, um darnach
festzustellen, ob der Rümpchenfang schädlich ist, oder nicht.
Es wird gewünscht, dass auch die Maifische (Alausa vul-
garis) in den Bereich der Untersuchung gezogen werden,
da dieselben auch im Meere leben und nur im Mai in die
Flüsse steigen."
In der Absicht, die in dieser Aufgabe gestellten Fragen,
so viel es mir möglich war, befriedigend zu beantworten,
habe ich die folgenden Untersuchungen angestellt.
I. Die Nahrung von Trntta salar L. (nach Siebold) —
Salmo salar und hamatus Val. — und Trntta trntta L.
(nach Siebold) — Fario argenteus Val. — im Rhein.
Die der Gattung Salmo angehörigen, im Rhein vor-
kommenden Fische werden von den Fischern als „Salm",
„Lachs" und „Lachsforelle" unterschieden. Die Lachs-
forelle hat Valenciennes2) als Fario argenteus, S i e-
bold2) als Trutta trutta als Species genau bestimmt und
1) Siebold, die Süsswasserfische von Mitteleuropa, Leipzig
1863. p. 420.
2) Valenciennes, Histoire naturelle des poissons, Paris
1848. Tome XXI, pag. 294.
3) Siebold, a. a. 0. p. 314.
124 Barfurth:
beschrieben. Ueber die iehthyologische Abgrenzung der
Fischspecies aber, die unter den populären Namen „Salm"
und „Lachs" in den Handel gebracht werden, sind die
Ansichten der Zoologen immer noch getheilt. Cuvier
unterschied zuerst zwei Species und Valenciennes be-
schrieb sie genau als Salmo salmo, le Saumon commun l)
und Salmo hamatus, le Becard 2). Ihm folgen He ekel
und K n e r 3), T r o s c h e 1 4) u. A. A g a s s i z dagegen er-
klärte Salmo hamatus für das alte Männchen von Salmo
salar und nahm bloss diese letztere Species an. Seiner
Ansicht stimmen Siebold5), Günther6) und viele An-
dere bei.
Eine solche Verschiedenheit der Ansichten erscheint
auffallend, da es sich doch um so werthvolle und allgemein
bekannte Fische handelt. Es ist dabei aber zu bemerken,
dass keine andere Fischgattung dem Ichthyologen so viele
Schwierigkeiten macht, als gerade die Gattung Salmo.
Gesteht doch selbst ein so gewiegter Systematiker wie
Günther7): There is no other group of fishes, which öf-
ters so many difficulties to the Ichthyologist with regard
to the distinetion of the species as well as to certain points
in their life-history, as this genus.
Wenn nun auch eine ausführlichere Kritik der sich
hier gegenüber stehenden Ansichten dem eigentlichen Zweck
dieser Arbeit fern liegt, und mich zu weit führen würde,
so ergibt es sich doch aus der Natur der Sache, dass ich
zu dieser Streitfrage Stellung nehme und das thue ich
zunächst.
Nach den Untersuchungen, die ich über diese Sache
1) Val., a. a, 0. p. 169.
2) Val., a. a. 0. p. 212.
3) Heckel und Kner, die Süsswasserfische der österr. Mo-
narchie, Leipzig 1858, p. 273 u. 276.
4) Troschel, Handbuch der Zoologie VII. Aufl. 1871, p. 266.
5) Siebold, a. a. 0. p. 293.
6) Günther, Catalogue ol the fishes in the British Museum,
London 1866. Vol. VI, pag. 11.
7) Günther, a. a. 0. p. 3.
Ueber Nahrung u. Lebensweise d. Salme, Forellen u. Maifische. 125
angestellt habe, muss ichAgassiz und Siebold beistim-
men, d. b. ich erkenne bloss die eine Species Salmo salar
an. Die Gründe für meine Ansicht entwickle ich in aller
Kürze.
Valenciennes gibt als Unterscheidungsmerkmale
zwischen Salmo salar und S. hamatus hauptsächlich fol-
gende an:
1) S. hamatus hat mehr Blinddärme (appendices pylo-
ricae) als S. salar 1).
2) S. hamatus hat auf der Vorderplatte des Vomer
stets nur einen Zahn, während S. salar deren mehrere hat 2).
3) S. hamatus hat einen grau-röthlichen Rücken, welche
Farbe an den unteren Theilen der Seite lebhafter wird ;
der Bauch ist mattweiss. S. salar dagegen ist auf dem
Rücken schieferblau, an den Seiten leicht silberfarben, am
Bauche silberweiss, perlmutterglänzend 3).
4) Das Fleisch von S. hamatus ist viel weniger ge-
färbt und trockener, als das von S. salar4).
5) S. hamatus hat am Ende des Unterkiefers einen
Höcker (tubercule), der bei geschlossenem Rachen in eine
beträchtliche Vertiefung (enfoncement considerable) des
Oberkiefers passt 5). Der Unterkiefer bildet so einen vor-
springenden Haken, so dass Ober- und Unterkiefer nicht
mehr an einander gedrückt werden können. S. Salar hat
diesen Haken nicht.
Diesen Ausführungen gegenüber ist folgendes zu con-
statircn.
Ad 1. Die Zahl der Blinddärme ist bei derselben
Salmoneer-Art sehr wandelbar und schwankt innerhalb zwei
ziemlich weit auseinanderliegenden Zahlen hin und her 6).
Valenciennes hat bei S. salar 60, bei S. hamatus
67 appendices pyl. gefunden. Bei den Zählungen, die ich
1) Val. a. a. 0. pp. 176 u. 217.
2) Derselbe pp. 172 u. 213.
3) Derselbe pp. 174 u. 217.
4) Derselbe p. 222.
5) Derselbe p. 215.
6) Siehe Siebold a. a. 0. p. 314.
126 Barfurth:
vorgenommen habe, kam ich zu dem Resultat, dass bei den
Salmoneern, die Valenciennes als zwei Species unter-
scheidet, die Anzahl der Blinddärme kein sicheres Unter-
scheidungsmerkmal abgeben kann, da dieselbe von 56 bis
72 variirte und bei den hakenlosen Individuen oft grösser
war als bei den „Hakenlachsen". Günther gibt die Zahl
der Blinddärme als zwischen 53—77, Richardson1) als
zwischen 63—68 schwankend an. Auch K n e r 2) hat schon
nachgewiesen, dass die Zahl der Blinddärme bei derselben
Salmoneerspecies eine sehr variable ist.
Ad 2. Die Bezahnung des Vomer ist von Valen-
ciennes durchaus falsch angegeben, wie schon 8 i e b o 1 d 3)
dargethan hat. Die vordere kurze Vomerplatte (chevron)
von S. salar (und hamatus) ist stets zahnlos, nur der lange
Vomerstiel ist mit Zähnen besetzt. Diese Zähne fallen aber
der Reihe nach mit zunehmendem Alter aus und werden
nicht wieder ersetzt, so dass ein vollkommen zahnloser
Vomer bei alten Individuen nicht selten ist. Daraus er-
gibt sich von selbst und ich habe es auch bei meinen Un-
tersuchungen gefunden, dass die Zahl der Vomerzähne sehr
variirt. Im hiesigen Museum finden sich zwei ältere als
S. hamatus bezeichnete Exemplare, von denen das eine nur
noch zwei, das andere gar keine Zähne im Vomer mehr
besitzt. Ein jüngeres auch als S. hamatus bezeichnetes
Exemplar hat noch vier Zähne in zwei Reihen hinter ein-
ander, während ein als S. salar bezeichnetes etwas jüngeres
Exemplar nur noch zwei Vomerzähne besitzt.
Weitere Auseinandersetzungen hierüber sind überflüs-
sig, da Siebold diese Verhältnisse und die Irrthümer
von Valenciennes hinreichend genau dargelegt hat.
Ad 3. „Bei keinem unserer einheimischen Fische findet
je nach den verschiedenen Einwirkungen der Nahrung, des
1) Günther, a. a. 0. p. 13.
2) R. Kner, über die Verschiedenheiten der Blinddärme bei
den Salmonen (in den Sitzungsberichten der mathem.-naturw. Olasse
der kaiserl. Akademie der Wissenschaften Bd. VIII. Jahrg. 1852.
p. 201.)
3) Siebold, a. a. 0. p. 301.
Ueber Nahrung u. Lebensweise d. Salme, Forellen u. Maifische. 127
Wassers, des Lichts, und der Temperatur eine so grosse
Farben Verschiedenheit statt, wie bei den bezahnten Salmo-
neern" 1). Auch Günther hebt diesen Farbenwechsel bei
S. salar ausdrücklich hervor 2). Es ist also wissenschaft-
lich wohl nicht berechtigt, nach dieser Farbenverschieden-
heit allein zwei verschiedene Species aufzustellen, wenn
die andern Merkmale zur Unterscheidung der Species hin-
fällig sind 2).
Ad 4. Wie sehr Farbe und Qualität des Fleisches bei
derselben Salmoneerspecies variirt, hat schon Bloch3)
dargethan. Auch Siebold macht an mehreren Stellen4)
auf diese eigentümliche Veränderung aufmerksam. Ferner
brauche ich auf die bekannte physiologische Wahrheit, dass
bei allen Thierspecies das Fleisch alter Individuen 5), die
viele Jahre hindurch dem Fortpflanzungsgeschäfte obgelegen
haben, .schlechter wird, nur im Vorbeigehen aufmerksam
zu machen. Dass unser Rheinlachs ein besseres Fleisch
hat, als der in der Oder, Weser und Weichsel vorkom-
mende, ist bekannt; niemand aber hält ersteren für eine
von letzterem verschiedene Species.
Ad 5. Der vorspringende Haken des Unterkiefers bei
gewissen Individuen ist so auffallend, dass hauptsächlich
dieser Umstand einige Ichthyologen zur Aufstellung der
besonderen Species Salmo hamatus „ Hakenlachs " veran-
lasst hat. Schon Bloch hatte aber constatirt, dass diese
Hakenbildung nur bei älteren männlichen Individuen vor-
kommt. Agassi z stimmt ihm bei und ebenso alle neuern
1) Siebold, a. a. 0. p. 276.
2) Ich will schon an dieser Stelle bemerken, dass nach mei-
nen Beobachtungen diese Verschiedenheit der Färbung, die Val.
als Species-Differenz aufstellte, nur für eine Unterscheidung der
fruchtbaren Form der Species Salmo salar von der zeitweilig sterilen
— deren Vorkommen ich später nachweisen werde — einen Anhalts-
punkt geben kann.
3) Bloch, Oekon. Naturgesch. der Fische, Berlin 1782. p. 139.
4) Siebold, a. a. 0. pp. 276. 299 etc.
5) Warum ich hier nur von alten Thieren spreche, wird sich
gleich ergeben.
128 Barfurth:
Ichthyologen Englands l) ; auch 8 i e b o 1 cl 2), S c h 1 e g e 1 3) u. A.
sind derselben Ansicht. Die Beobachtungen, die ich darüber
gemacht und die Erkundigungen, die ich bei erfahrenen
Fischern eingezogen habe, führten zu demselben Resultat:
die Hakenbildung findet sich bloss bei Männchen und zwar
— wie ich hier schon ausdrücklich beifüge — nur bei sol-
chen, deren Milch zur Befruchtung fast reif ist. Dass die-
ser Haken sich beim Männchen mit zunehmendem Alter
und mit dem Reifwerden der Milch allmählich bildet, davon
habe ich mich an vielen Exemplaren überzeugen können;
auch unterscheiden die Fischer an diesem Merkmal selbst
bei jüngeren Individuen das Männchen vom Weibchen.
Wenn deshalb Valenciennes p. 213 angibt, dass auch
die Weibchen einen ebenso stark gekrümmten Haken hät-
ten, so muss das wohl ein Irrthum gewesen sein. Warum
sich übrigens diese Eigenthümlichkeit bloss bei dem einen
Geschlecht in solchem Masse findet und nicht auch beim
andern, ist noch nicht aufgeklärt. Man hat gesagt, ein zu
langer Aufenthalt im süssen Wasser und das Schwimmen
gegen den Strom sei die Ursache; warum dann aber beim
Weibchen sich nicht ebenso der starke Haken bilden sollte,
als beim Männchen, ist nicht einzusehen.
Uebrigens kommt diese Hakenbildung am Unterkiefer
auch bei den Männchen von manchen andern Salmoneer-
species vor. Wartmann4) hat sie z. B. nachgewiesen
bei Trutta lacustris (nach S i e b o 1 d). Ebenso hat H e c k e 1 5)
sie gefunden bei Trutta fario (nach Siebold) und glaubt,
dass diese Eigenthümlichkeit den meisten Species der Sal-
moneer zukomme.
1) Valenc, a. a. 0. p. 224.
2) Siebold;, a. a. 0. p. 293.
3) Schlegel, de Dieren van Nederland; Visschen p. 127.
4) Wartmann, von den Rheinanken oder Illanken, in den
Schriften der Berlinischen Gesellschaft naturforschender Freunde.
Bd. IV. 1783. p. 55. (Citirt nach Siebold, a. a. 0. p. 32.)
5) Heckel, Bericht einer ichthyol. Reise, in den Sitzungs-
berichten der kaiserl. Akademie der Wissenschaften. Bd. VIII. 1852.
p. 355.
Ueber Nahrung u. Lebensweise d. Salme, Forellen u. Haifische. 129
Auf Grund dieser Thatsachen kann ich also nur an-
nehmen, dass im Rhein von den dem Ocean angehörigen
Salmoneern bloss zwei Species vorkommen: 1) Die Lachs-
forelle, Fario argenteus, V a 1. ; Trutta trutta, nach S i e b o 1 d ;
2) der Lachs (Salm), Salmo salar Lin., Trutta salar, nach
Siebold. Ausserdem kann ich an dieser Stelle die Be-
merkung nicht unterdrücken, dass man zur Aufstellung der
beiden Species : Salmo salar und S. hamatus nur durch das
Vorkommen einer fruchtbaren und einer zeitweilig sterilen
Form derselben Species Salmo salar verleitet worden ist.
Von jetzt an bediene ich mich nun ausschliesslich
der Siebold' sehen Nomenclatur, da durch seine Unter-
suchungen die Stellung unserer Salmoneer im System jeden-
falls endgültig festgesetzt ist.
Ich wende mich nunmehr zur Untersuchung über die
Nahrung von Trutta trutta und T. salar im süssen Wasser
(Rhein).
Die Frage: Worin besteht die Nahrung der zu uns
kommenden Salmoneer im süssen Wasser und im Meer?
ist nicht nur von wissenschaftlichem, sondern auch von
hohem volkswirtschaftlichen Interesse. Die hier einschla-
gende Literatur enthält aber auffallender Weise hierüber
fast gar keine oder falsche Angaben.
Valenciennes spricht nur an einer Stelle über die
Nahrung von Trutta salar *) : La nourriture consiste en pois-
sons et Ton dit qu'il prefere 1'Ammodite (Ammodytes to-
bianus). Da dieser Sandaal in der Nord- und Ostsee lebt,
so würde sich diese Angabe also auf die Nahrung des
Fisches im Ocean beziehen; ob und was er im süssen Was-
ser frisst, darüber finde ich keine Notiz.
Dieser Bemerkung entgegen sagt Figuier2): On n'a
pu faire jusqu'ici que des conjeetures sur leur genre d'ali-
mentation dans la mer; mais on est plus instruit de leur
maniere de vivre dans les eaux douces (?). Pendant leur
premier äge, ils vivent d'insectes, de frai, et aussi de pe-
1) Tal., a. a. 0. p. 197.
2) Figuier, la vie et les raoeurs des animaux. Paris 1868.
p. 106.
Archiv f. Naturg. XXXXI. Jahrg. Bd. 1. 9
130 Barfurth:
tits poissons, des qu'ils ont atteint une certaine taille. A
l'etat de grilse (im 3. Lebensjahr) et ä l'etat adulte ils
devorent une foule de poissons. (?) — Bloch1) gibt an,
dass der Lachs von kleinen Fischen, Wasserinsecten und
Würmern lebe; auch Hesse er sich mit Jungfern, Würmern
und kleinen Fischen anlocken, wenn sie an die Angel
gespiesst wären. (?)
Im Werke von Heckel und Kn'er 2) finde ich in Bezug
auf die Nahrung von Trutta trutta bloss die sehr allge-
meine Notiz, dass er „ein gewaltiger Raubfisch" ist. Das
vortreffliche Werk von Siebold3) endlich enthält mehr-
fache Bemerkungen über die Nahrung unserer Salmoneer
im süssen Wasser 4). Die wichtigste und, wie sich später
zeigen wird, richtigste (p. 246) lautet: „Ich kann es hier
nicht mit Stillschweigen übergehen, dass man bei der
Untersuchung und Beschreibung des Verdauungsapparates
der Salmoneer es bisher ganz unbeachtet gelassen hat,
dass diese Fische vor und während ihrer Laichzeit wochen-
lang nichts fressen und nur dem Fortpflanzungsgeschäfte
nachgehen, wobei sich ihr leerer Magen ungemein eng
zusammenzieht und die appendices pyloricae, sowie der
Darm selbst sich nur mit den verschiedenen Secreten der
Verdauungswerkzeuge anfüllen. u Aus dem folgenden wird
sich nun ergeben, ob und in wie weit die Angaben der
oben citirten Ichthyologen richtig sind.
Am 20. Sept. 1873 untersuchte ich die ersten zwei
Mägen von Trutta salar, die in der Nähe von Bonn im
Rhein gefangen waren. Es waren weibliche „Laichsalme",
d. h. solche, die der Fortpflanzung wegen in den Rheiu
1) Bloch, a. a. 0. p. 135 und 137.
2) Heckel und Kner, a. a. 0. p. 266.
3) Siebold, a. a. 0. pp. 246, 276, 299 ff.
4) Nach Vollendung meiner Arbeit ist in den ,,acta Univer-
sitatis Lundensis", Lund 1871—72, eine Arbeit von P. Olsson — Jakt-
tagelser öfver skandinaviska fiskar föda — erschienen, in der ich
werthvolle Angaben über die Nahrung von Trutta salar und Trutta
trutta im Meer finde. Ich komme später darauf zurück, da mir
diese Angaben es ermöglicht haben, meine Ausführungen an einer
Stelle zu vervollständigen.
Ueber Nahrung U.Lebensweise d. Salme, Forellen u. Maifische. 131
gekommen waren. Die Eier beider Individuen waren
erbsengross und reif für die Befruchtung. Die Magen-
wände waren stark contrahirt, die Blinddärme lagen frei,
d. h. sie waren nicht mit Fettmassen tiberzogen, wie es
bei andern Individuen derselben Species — später wird
davon die Rede sein — der Fall ist. Die Oeffnung des
ganzen Verdauungsapparates ergab folgendes: Der Oeso-
phagus und der Magen selbst enthielt nur das Beeret der
Schleimhaut, einen weissen meist sehr zähen Schleim, der
immer vorhanden ist, mag sich Nahrung im Magen finden
oder nicht. An der Stelle, wo der eigentliche Magen in
den Darm übergeht und die appendices pyloricae be-
ginnen, vermehrte sich die Masse dieses Schleimes und
hatte zugleich durch die Absonderungen der appendices
eine gelb-grüne Färbung bekommen; auch die appendices
selbst waren mit derselben Masse erfüllt. Weiter nach
dem anus zu wurde der Schleim dunkler und hatte zuletzt
eine schwarz-rothe Farbe. In keinem Theile des ganzen
Verdauungsapparates fand ich etwas, was auf die Einnahme
irgend welcher consistenten Nahrung hätte schliessen lassen.
In der Pylorusgegend fand ich in dem einen Exemplar
mehrere taenia mit den Köpfen in den appendices steckend.
In dem Bindegewebe, welches alle diese Organe, nament-
lich die Blinddärme umgibt, schmarotzte eine Menge Ento-
zoen l).
Ich habe nun diese Untersuchungen während der
Monate September, October, November und December fort-
gesetzt und immer dasselbe Resultat bekommen.
Auch der Verdauungsapparat von Trutta trutta zeigte
die oben characterisirten Erscheinungen. Bei beiden Spe-
cies, bei Männchen und Weibchen, - bei solchen, die ihrem
Fortpflanzungsgeschäft schon obgelegen hatten und auch
bei solchen, deren Leibeshöhle noch Eier oder Milch ent-
1) Ueber diese, sowie über die Eingeweidemürmer, die ich in
den später untersuchten Fischspecies — Trutta fario und Alausa
vulgaris — fand, siehe Gurlt: Verzeichniss der Thiere, bei welchen
Entozoen gefunden worden sind, in Wiegmann's Archiv für Natur-
gesch., XI Jahrg. 1. Band. 1845. p. 223.
132 Barfurth:
hielt, entsprach die Beschaffenheit des Magens und Darmes
immer der, die ich an den beiden ersten Exemplaren von
Trutta salar constatirt hatte, und ich fand niemals irgend
welche Nahrung oder auch nur einigermassen nachweisbare
Reste von eingenommener Nahrung. In den meisten Fällen
konnte ich auch den Darm bis zum anus mit in die Unter-
suchung hineinziehen, mehrfach habe ich den Schleim aus
verschiedenen Stellen des Verdauungsapparates einer mi-
kroscopischen Untersuchung unterworfen, aber keine Nah-
rungsreste auffinden können. Drei Mal glaubte ich eine
Fischgräte gefunden zu haben, die nähere Untersuchung
ergab aber, dass es Holz- oder Basttheilchen waren, die
sich mit Schleim umhüllt und «an die Magen- oder Darm-
wand angelegt hatten; die stark verdickte oder verkorkte
Cellulose hatte der ohnehin fast auf Null reducirten Ver-
dauungskraft widerstanden und es war keine neue Nahrung
eingenommen, durch welche diese unverdaulichen Theile
hätten mit weggeführt werden können. So habe ich bis
Anfangs Januar d. J. vier und vierzig Mägen solcher „Laich-
salme" (Trutta salar und T. trutta) untersucht und keine
Nahrung gefunden. Ich bemerke hierbei ausdrücklich,
dass diese Untersuchungen angestellt wurden während der
eigentlichen Laichzeit l) der beiden Species.
Im Folgenden ist nun bloss noch von Trutta salar die
Rede, da Trutta trutta nur bis c. Anfangs Januar des
Laichens wegen im Rhein erscheint.
1) Die Laichzeit der Salme fällt nach Val. p. 179 in die Zeit
von Ende Mai bis Ende Februar, nach Siebold p. 299 in die Zeit
vom Mai bis November. Nach den Erkundigungen aber, die ich
von erfahrenen Fischern einzog und nach den Beobachtungen, die
ich selbst zu machen Gelegenheit hatte, dürfte wohl kein Laichsalm
vor Ende August sich im Rhein zeigen; diejenigen, die sich früher
im Rhein finden, kommen eben nicht des Laichens wegen in den
Fluss. Da mir ferner nach dem 10. Januar kein Laichsalm mehr zu
Gesicht gekommen ist, so glaube ich annehmen zu dürfen, dass die
eigentliche Laichzeit in den Zeitraum vom Anfang des September
bis Anfangs Januar fällt. Daraus erklärt es sich auch, dass die
Schonzeit für die Salme, d. h. die Zeit, in der die Holländer keine
Salmfischerei betreiben dürfen, vom 15. Sept. bis 15. Nov. dauert.
(Nach einer Mittheilung des Fischhändlers Herrn Lisner in Wesel.)
Ueber Nahrung u. Lebensweise d. Salme, Forellen u. Maifische. 133
Von Januar an werden in der Nähe von Bonn nur
selten Salme (Trutta salar) gefangen; am Niederrhein aber
(bei Wesel) ist auch um diese Zeit der Fang lohnend. Es
gelang mir, in Wesel die Mägen mehrerer Individuen zu
erlangen x) und untersuchen zu können. Alle diese Salme
und auch die, welche ich im März, Mai und Juni zu Ge-
sicht bekam, zeigen nun eine auffallende Verschiedenheit
von denen, die während der eigentlichen Laichzeit ge-
fangen werden. Die Fischer nennen sie „Wintersalme"2);
sie sind wegen ihres ausgezeichneten Fleisches, welches an
Qualität das der „Laichsalme" (wenigstens in der eigent-
lichen Laichzeit) bei weitem übertrifft, ausserordentlich
geschätzt, und auch die Beschaffenheit der inneren Theile
weicht sehr von der der Laichsalme ab.
Dieser Wintersalm erscheint fast das ganze Jahr durch
im Flusse, auch während der eigentlichen Laichzeit 3), wird
aber von den Fischern speciell während der Wintermo-
nate, wenn er das beste Fleisch hat, Wintersalm genannt.
Wenn ich oben sagte, dass die innern Theile dieser
Salme sich von denen der Laichsalme auffallend unter-
scheiden, dann bezieht sich das auf die Beschaffenheit der
Geschlechtsorgane und der Umgebung der Eingeweide. Von
1) Durch die Freundlichkeit des Herrn Ridder in Wesel. In
Bonn bekam ich das Material zu meinen Untersuchungen grösstentheils
von Herrn Brenner, zuni Theil auch von Herrn Schumacher.
Ferner verdanke ich den Herren Lisner und Ridder in Wesel.
Brenner in Bonn, Josten in Dinslaken und Rennings in Ruhr-
ort manche werthvolle Mittheilung über die Lebensweise der Salme.
2) Ich mache hier und im folgenden einen Unterschied zwischen
,, Wintersalm" und , .Laichsalm", obgleich beide derselben Species
— Trutta salar — angehören. Den Unterschied werde ich später
genauer characterisiren; ich bemerke aber hier schon, dass ich unter
Laichsalmen die Individuen verstehe, die in der Laichperiode des
Laichens wegen in die Flüsse steigen, während ich Wintersalme die
nenne, die etwa von October an fast das ganze Jahr durch er-
scheinen und nicht direkt des Laichens wegen kommen, da ihre
Geschlechtsorgane vom October bis Mai ganz unentwickelt sind und
erst vom Mai ab sich auszubilden beginnen.
3) Herr Ridder in Wesel erhielt den ersten Wintersalm am
3. Oct., Herr B renner in Bonn den ersten am 6. Oct. 1873.
134 Barfurth:
dem ersten Unterschiede soll später die Rede sein, zu-
nächst characterisire ich den zweiten. Wie der ganze Fisch
ein viel besseres und fetteres Fleisch hat, als der Laich-
salm, so sind auch die Eingeweide vollständig mit Fett
überwachsen, so dass die gesammte Umgebung des obern
Theils des Darmkanals (die appendices pyloricae) einem
Fettklumpen gleicht *). Als ich dann zur Untersuchung
des Magens schritt, gelangte ich fast zu demselben Resultat,
wie ich es bei den Laichsalmen fand: bei weitem in den
meisten Fällen war keine Spur von Nahrung vorhanden.
In einem Magen fand ich ein Panzertheil und einen Flü-
gelstummel eines Käfers, in einem andern die Haut einer
nicht mehr näher bestimmbaren Insectenlarve. Bei einem
dritten Individuum fand ich im letzten Drittel des Darm-
canals eine Fischschuppe , wie es schien eine Cycloid-
schuppe; sie lag hinter einer der zahlreichen ringförmigen
Klappen, die sich im untern Theil des Darmes überall
finden und war noch nicht mit den übrigen Excrementen
ausgestossen.
Ausser diesen habe ich dann noch 23 Mägen unter-
sucht, aber keine Nahrungsreste gefunden. Die drei Fische,
in deren Verdauungsapparat ich Nahrungsreste fand, wa-
ren bei Wesel gefangen ; diese Nahrung mochte also theils
an der Mündung des Rheins, theils noch im Meere auf-
genommen sein.
Eine interessante Beobachtung, die mir die Herren
Ridder und L isner mittheilten, knüpfeich hier an. In
den Mägen der Salme, die nahe an der Mündung des
Rheines gefangen werden, haben die holländischen Fischer
zuweilen Fischtheile gefunden, die sie als vom Häring
(Clupea harengus) herrührend bezeichnen. Die Mägen der
Salme aber, die höher den Rhein hinauf gefangen wer-
den, enthielten, nach den übereinstimmenden Angaben der
Fischer, nie Reste von Fischen oder sonstiger Nahrung;
eine Beobachtung, die mit der meinigen vollkommen über-
einstimmt.
1) Das Fett ist so massenhaft vorhanden, dass es ausgebraten
und als Schmiermaterial benutzt wird. (Nach einer Mittheilung des
Herrn Lisner in Wesel.)
Ueber Nahrung u. Lebensweise d. Salme. Forellen u. Maifische. 135
Aus diesen Untersuchungen muss ich also den Schluss
ziehen: Trutta salar und T. trutta nehmen im Rhein zu
keiner Jahreszeit Nahrung zu sich, und es erklärt sich
hieraus auch die Thatsache, dass es nicht gelingt, die
Salme künstlich im süssen Wasser zu erhalten und gross
zu ziehen 1). Es gibt künstliche Brutanstalten (z. B. in
Hüningen bei Strassburg und in Arnheim), die die reiten
Salmeier künstlich befruchten, zum Ausschlüpfen bringen
und die so erhaltenen jungen Salme „Sälmlinge" genannt,
eine Zeit lang (etwa 1—3 Jahre) unterhalten; sollen aber
aus diesen Sälmlingen Salme werden, so müssen sie frei
gelassen werden, damit sie in den Ocean gelangen, sich hier
nähren und wachsen können. Der gütigen Mittheilung
eines befreundeten Herrn verdanke ich folgende Notiz : Die
Anstalt bei Arnheim an der Yssel hat in diesem Frühjahr
300,000 Sälmlinge künstlich gross gezogen und in die
Yssel gesetzt. Diese sollen ins Meer steigen, in den näch-
sten Jahren wieder in die Yssel kommen 2) und dann al*
Salme gefangen werden. Die Sälmlinge werden im Yssel-
wasser ernährt, welches aus dem Fluss in Pweservoirs ge-
pumpt und durch die Behälter geleitet wird, in denen die
Fische leben. Nahrung wird diesen nicht verabreicht, sie
finden sie im Wasser. (Also wohl Infusorien, Insectenlar-
ven u. s. w.) Sollen Sälmlinge versandt werden, so wer-
den sie in besondere Behälter gebracht und mit Kalbshirn
und Würmern ernährt.
1) Günther sagt hierüber a. a. 0. p. 9: The question, wheter
any of the migratory species (der Gattung Salmo) can be retained
in fresh water, and finally accomodate themselves to a permanent
sejourn therein, must be negatived for the present.
2) Dass die Salme in deu Fluss "zurückkehren, in dem sie ge-
boren sind und ihre erste Lebenszeit zugebracht haben, steht wohl
fest. »In der Bretagne zeichnete man ein Dutzend junge Salme mit
kupfernen Ringen am Schwänze und im folgenden Jahre wurden da-
von 5, im zweiten 3 und im dritten nochmals 3 davon gefangen, e
(C.Cornelius, Zug- und Wanderthiere , Berlin 1865. p. 202.)
Die Anstalt in Hüningen hat übrigens im Sommer 1873 500 Sälm-
linge, 21 Monate alt, 5 — 6" lang mit einem Zeichen versehen und
in den Rhein gesetzt, um später constatiren zu können, ob die Salme
in denselben Strom zurückkehren. (Nach einer Zeitungsnotiz.)
136 Barfurth:
Ebenso erklärt sich folgende Beobachtung, die San-
der im Naturforscher1) mittheilt: „Ein sicherer Fischer
schloss Sälmlinge zur Probe viele Jahre ein und fütterte
sie — womit ? das hat er mir leider nicht berichtet. Er
gab genau auf sie Acht, fand aber, dass sie nicht nur
nicht gross wuchsen, sondern immer gleich blieben, und
dass sie sich noch viel weniger vermehrten."
Demnach ist also v. 8 i e b o 1 d in Bezug auf die im
Rhein vorkommenden Salmoneer: Trutta salar und T. trutta
der Wahrheit am nächsten gekommen, wenn er sagt, die
Salme frässen vor und während ihrer Laichzeit wochen-
lang nichts. Ich erweitere diese Aussage dahin, dass ich
sage, sobald diese Salmoneer aus dem Ocean in den Rhein 2)
kommen, fressen sie nichts mehr.
Dass ich, wie oben erwähnt, in den Mägen dreier
Wintersalme Nahrungsreste gefunden habe, spricht nicht
gegen, sondern eher für meine Behauptung. Diese drei
Salme waren unterhalb Wesel, also verhältnissmässig nahe
an der Mündung des Rheines gefangen. Die Nahrung,
deren spärliche unverdauliche Reste ich fand, konnte also
im Meer aufgenommen sein, oder sie war eingenommen,
als die Fische noch nicht lange im süssen Wasser 3) ge-
lebt hatten und das Verlangen nach Nahrung noch nicht
ganz erloschen war. Dass sich im Magen der Salme, die
weiter oben im Rhein gefangen wurden, nichts fand, ist
der beste Beweis dafür. Und so erklärt sich denn auch
ganz einfach die oben angeführte Beobachtung der Fischer,
dass die Mägen der Salme, die in Holland nahe der Mün-
dung des Rheins gefangen werden, zuweilen Fischtheile
enthalten.
1) Der Naturforscher 15. Stück 1781. p. 176.
2) Dass sie im süssen Wasser überhaupt nichts fressen, folgt
freilich direkt nicht aus meinen Untersuchungen ; es ist aber jeden-
falls sehr wahrscheinlich, dass das Sachverhältniss in der Oder, Elbe,
Weser. Weichsel und auch in den Flüssen anderer Länder, die von
den Salmen aufgesucht werden, dasselbe ist. (Von den englischen
Flüssen wird unten noch die Rede sein.)
3) Letzteres würde von den beiden Individuen gelten in de-
ren Magen ich Insectenreste fand, da ja im Meere keine Insecten
leben,
Ueber Nahrung u. Lebensweise d.' Salme, Forellen u. Maifische. 137
Dieses Resultat ist nun sehr überraschend. Fische,
die sich lange Zeit im Rhein aufhalten, viele und zum
Theil sehr energische Bewegungen ausführen % nehmen
trotzdem keine Nahrung zu sich.
Eine so auffallende Thatsache konnte beim Volke
wohl den Glauben wachrufen, dass der Salm in drei Mi-
nuten (!) alles verdaue, was ja eine physiologische Unmög-
lichkeit ist 2). Ich selbst hatte einen Augenblick den Ge-
danken, der Salm könne nach seiner Gefangennahme die
zugenommene Nahrung verdauen, da er ja vielfach in den
Fischbehältern noch eine Zeit lang lebend erhalten wird.
Dem widerspricht jedoch die Thatsache, dass die meisten
Salme von den Fischern gleich nach dem Fange durch
einen Schlag auf den Kopf getödtet werden und dass auch
deren Magen nie Nahrungsreste enthält. Alle Fischer, die
ich befragte, bestätigten mir, dass sie im Salm, auch wenn
er gleich nach dem Fange aufgeschnitten würde, nie Nah-
rung gefunden hätten.
Angesichts dieser merkwürdigen Thatsache drängen
sich einem unwillkürlich zwei Fragen auf: 1) Wie können
die Salme eine verhältnissmässig lange Zeit ohne Nahrung
leben, ohne dass sie (wie es wenigstens beim Wintersalm
der Fall ist) merklich abmagern? 2) Wie kommt es, dass
1) Siehe darüber Siebold, a.a. 0. p. 297. Val., a. a. 0. p 194,
200 etc.
2) James G. Bertram (the harvestofthe sea, London 1865)
theilt mit: »that one gentleman who writes on this subject accounts
for the emptiness of the stomach by asserting that the salmon vo-
mits at the moment'of being taken« (p. 192). Abgesehen davon, dass
die Fischer von diesem sonderbaren Act des Erbrechens nichts wis-
sen, könnte der Salm doch wohl nicht auch den Darm auf diese
Weise entleeren. Man findet aber so wenig im Darm, wie im Magen
Nahrungsreste. Bertram, dessen Buch mir übrigens leider erst
nach Vollendung meiner Arbeit zu Gesicht kam, gesteht zu, dass
man Hunderte von Fischen untersucht und nur sehr selten Spuren
von Nahrung gefunden habe, gesteht auch ferner zu, dass der Salm
im süssen Wasser nicht wächst, behauptet aber doch, dass er im
süssen Wasser frässe. Eine jüngst erschienene Schrift zwingt mich
übrigens später auf diesen Punkt noch einmal zurückzukommen.
138 Barfurth:
die Salme nach dem Eintritt in's süsse Wasser nichts mehr
fressen? Die erste dieser Fragen ist weniger schwierig zu
beantworten, als die zweite. Ich unterziehe zunächst diese
erste einer kurzen Erörterung.
Der Stoffwechsel und die daraus resultirende Eigen-
wärme des thierischen Organismus erreicht bekanntlich bei
den Vögeln und Säugethieren den höchsten Grad, ist aber
bei den Amphibien und Fischen viel geringer, weil die
Organe der, Respiration und des Blutkreislaufs bei diesen
Vertebraten unvollkommener sind, als bei den beiden ersten
Klassen. Daraus erklärt sich denn auch die bekannte
Thatsache, dass Amphibien und Fische eine viel längere
Zeit ohne Nahrung leben können, als die höheren Wirbel-
thiere. Immerhin aber reicht dieser Umstand noch nicht
aus zur Erklärung dafür, dass die Salme, ohne wesentlich
abzumagern (Wintersalm), eine so lange Zeit ohne Nahrung
existiren können. Man möchte sich versucht fühlen, hier
an eine Analogie zum Winterschlaf vieler Thiere zu denken,
wenn dem nicht die starken Bewegungen der Salme wider-
sprächen. Wenn das Schwimmen und die Sprünge der
Salme wie jede Bewegung dieser Art, nur eine Verwand-
lung von Molekular- in Massenbewegung ist und wenn diese
Molekularbewegung nur das Resultat einer Verbrennung
sein kann, so müssen Stoffe da sein, die diese Verbrennung
möglich machen, und wenn diese Stoffe nicht, wie es ge-
wöhnlich der Fall ist, durch Nahrungsaufnahme geliefert
werden, so muss der Körper auf eigene Kosten sie dar-
geben. Und das ist denn in der That beim Salm der Fall.
Was zunächst den Wintersalm anbetrifft, so habe ich oben
hervorgehoben, dass sein Magen von einer sehr bedeutenden
Fettmasse umgeben ist. Diese Fettmasse nun bildet den
Reservefonds, aus dem die Kosten der Verbrennung be-
stritten werden. Der Fonds ist gross und reicht so lange,
dass der Wintersalm während seines ganzen Aufenthalts im
Rhein (der nicht so lange dauern dürfte, als man gewöhn-
lich glaubt) ein sehr geschätzter Fisch ist.
Anders ist es aber beim Laichsalm. Wenn er in den
Rhein steigt, sind die Eier schon erbsengross und die Milch
ist fast zum Befruchten reif. Schon im Ocean nahm die
Ueber Nahrung u. Lebensweise d. Salm«, Forellen u. Maifische. 139
Ausbildung der Eier und der Milch längere Zeit die Haupt-
thätigkeit der innern Organe in Anspruch. Beim Eintritt
in den Rhein ist er nun zwar wohlgenährt, besitzt aber
im Vergleich zum Wintersalm nur einen geringen Vorrath
an Reservestoffen. Letztere werden nun durch die starken
Bewegungen des Fisches schon bedeutend angegriffen, und
der Rest wird zur gänzlichen Ausbildung der Geschlechts-
organe so vollständig verbraucht, dass die Qualität des
Fleisches ausserordentlich abnimmt und der ganze Fisch
elend und schwach wird. Da ist es denn nicht zu ver-
wundern, wenn man die Thiere nach vollendetem Laichge-
schält ganz kraftlos sieht, „flottant *) ä la surface de l'eau
saus faire aucun mouvement; on peut les prendre alors
facilement a la main."
Was nun die zweite Frage anbetrifft: Wie kommt es,
dass der Salm im süssen Wasser nichts frisst? so gibt es
zur Erklärung dieser Thatsache zwei Möglichkeiten: Ent-
weder das süsse Wasser (der Rhein) bietet ihm keine
passende Nahrung, so dass er nichts fressen kann, oder
dem Salm schwindet mit dem Eintritt in's süsse Wasser
das Verlangen nach Nahrung, so dass er nichts mehr fressen
mag. Was den ersten Punkt betrifft, so ist es bekannt,
dass der Rhein den Fischen überhaupt wenig Nahrung
bietet. Der Salm namentlich findet im Rhein von seiner
Lieblingsnahrung jedenfalls sehr wenig. P. Olsson 2) hat
an den Küsten Scandinaviens Untersuchungen über die
Nahrung verschiedener Fischspecies angestellt und u. a.
auch 12 Exemplare von Trutta salar untersucht: Er sagt
über den Mageninhalt: Ofta tom eller med gult slem (al
sötvattens crustaceer?) Smärrefiskar (hos 7 ex.) insynnerhet
Ammodytes och Gasterosteus aculeatus (hos en 12 ex.)
samt fiskyngel, äfven crustaceer neml. smä decapoda ma-
croura och isopoda; äfven Mysis vulgaris enl. Lilljeborg
(K. Vetensk. Ak. Förh. 1852) en gang fanns der en stör
Coleopter (Carabus) 3). Fragt man nun' nach dem Auf-
1) Val. a. a. 0. p. 179.
2) A. a. 0. p. 6.
3) Von Trutte trutta hat Olsson 2 Exempl. untersucht; in
140 Barfurth:
enthaltsort der hier genannten Thiere, so findet man, dass
Ammodytes ausschliesslich und die genannten Crustaceen
fast ausschliesslieh im Meere leben. Gasterosteus aculeatus
kommt zwar im Rheinstromgebiet häufig vor, » wählt sich
aber als Lieblingsaufenthalt die kleineren Seitenbäche des
Rheins, des Mains und des Neckars aus; im Rhein selber
sucht er die sogenannten todten Arme desselben auf" (S i e-
bold, a. a. 0. p. 67), ist also dem Salme im Rheinstrom-
gebiet wohl nur sehr schwer zugänglich. Der Carabus muss
wohl in der Nähe der Küste oder einer Flussmündung ge-
fressen sein, da im Meere ja keine Insecten vorkommen.
Was endlich den Schleim anbetrifft, so hätte 01s so n
bei mikroscopischer Betrachtung wahrscheinlich nur zer-
rissene Epithelzellen, Blutkörperchen etc. gefunden. Wenn
also der Mangel an seiner gewohnten Nahrung den Salm
auch dazu zwingen müsste, im Rhein weniger zu fressen,
als im Meer, so fällt es einem doch schwer zu glauben,
dass der Salm im Rhein gar keinen Ersatz für die fehlende
Lieblingsnahrung sollte finden können. Wenn er im Meer
fiskyngel, Fischbrut, frisst, warum sollte er es nicht im
Flusse thun, sei es auch die Brut von andern Fischspecies V
Wenn er im Meer oder an der Flussmündung einen Cara-
bus frisst, warum sollte er nicht im Flusse selbst Jagd
auf Insecten machen V Es scheint mir in der That, dass
der Mangel an geeigneter Nahrung nicht der eigentliche
Grund ist, weshalb er im Flusse nichts frisst. Ich glaube
vielmehr, dass das Leben im süssen Wasser den Salm mit
einer gewissermassen krankhaften Abneigung gegen jeg-
liche Nahrungsaufnahme erfüllt, und zwar nicht bloss den
Laichsalm, bei dem das nicht so auffallend ist l), sondern
auch den Wintersalm, der nicht des Laichens wegen (we-
nigstens nicht direkt) in den Rhein kommt 2).
einem fand er nichts, im andern 14 Ex. von Clupea sprattus und
3 Ex. von Ammodytes.
1) S. Siebold, a. a. 0. p. 299.
2) Dass der Salm in ganz vereinzelten Fällen auch im Rhein
Lust zur Nahrungsaufnahme verspürt, will ich nicht bestreiten und
ist ja auch natürlich. So berichtet von dem Borne in seinem
Ueber Nahrung u. Lebensweise d. Salme, Forellen u. Maifische. 141
Was nun diesen Wintersalm, den ich so oft schon
erwähnte, anbetrifft, so habe ich über denselben bis jetzt
(Octbr. 1874) einige Beobachtungen gemacht und fühle
mich veranlasst, diese im Zusammenhange hier noch mitzu-
theilen.
Bis in die neueste Zeit hat die Ansicht geherrscht,
Trittta salar laiche jedes Jahr. Dass diese Ansicht falsch
ist, hat zuerst ein Ungenannter in Loudon's Magazin1)
ausgesprochen. Derselbe sagt: „Weder Lachs noch Forelle
laiche jedes Jahr, denn man fange im Januar oft von beiden
Individuen, deren Rogen kleiner als Senfkörner sei, die
mithin in dem Jahre nicht gelaicht haben könnten; da-
gegen sei bei einem Laichfisch (rjedfish), welcher im No-
vember und December in den Flüssen aufsteige, der Laich
fast zum Auskommen reif und noch im März und April
keine Spur von Rogen vorhanden." Diese Beobachtung ist
richtig. Es erscheinen vom Septr. bis Mai Individuen der
Species Trutta salar im Rhein, deren Fortpflanzungsorgane
ganz unentwickelt sind. Die Fischer nennen diese Indivi-
duen „Wintersalme" und schätzen sie sehr hoch wegen
ihres fetten rothen Fleisches (Rheinsalm). Dass diese
Fische in dem einen Jahre nicht gelaicht haben können,
steht fest, denn sie erscheinen mit den Leichsalmen, deren
Eier erbsengross sind, zu gleicher Zeit 2) ; es fragt sich
soeben erschienenen interessanten »Handbuch der Angelfischerei«,
Berneuchen 1875, dass der Engländer Sachs bei Schaffhausen mit
oinem künstlichen Häseling (Squalius leuciscus) einen I6V2 Pfä.
schweren Lachs fing. Nach den Angaben von dem Borne's scheint
der Salm in den englischen Flüssen mehr auf Nahrung auszugehen,
als im Rhein. Er sagt zwar auch: »Auf seinen Fahrten in die
Flüsse frisst der Lachs wenig. Buckland hat die Eingeweide von
Hunderten von Lachsen untersucht und sie immer leer von Futter,
nur oft besetzt mit Eingeweidewürmern gefunden« — gibt aber
doch nachher Köder (Insecten, Fische) an, mittelst deren der Lachs
in England gefangen wird.
1) Loudon, the Magazine of natural history, Vol. II. 1834
p. 207; im Auszuge in Wiegmann's Archiv für Naturgepchichte.
1835. Bd. II. p. 267.
2) Von Herrn Ridder in Wesel habe ich die Eingeweide
142 Barfurth:
nun aber, ob diese Sterilität permanent ist, oder nur vor-
übergehend.
Siebold, der zuerst gezeigt hat, dass bei mehreren
Salmoneerspecies dauernd sterile Formen vorkommen *), ist
geneigt, auch diese „Wintersalme" für bleibend sterile
Exemplare zu halten 2) und ich glaubte anfangs, dass er
Recht habe, und zwar aus den Gründen, die ich im Fol-
genden zunächst entwickeln will.
Siebold weist an Trutta lacustris nach, dass die
sterilen Formen sich von den fruchtbaren durch einige
unwesentlichere Merkmale unterscheiden: der Körper der
sterilen Formen ist viel schlanker und erreicht lange nicht
ein so grosses Gewicht, als das der fruchtbaren ; das Maul
erscheint tiefer gespalten, die Schwanzflosse verliert nicht
so bald ihren Ausschnitt ; es bildet sich an der Unterkiefer-
spitze bei alten Männchen kein Haken aus, und sie weichen
in der Färbung von den fruchtbaren sehr ab.
Ich habe nun beim Wintersalm ebenfalls gefunden,
dass sich am Unterkiefer älterer Männchen nie der auf-
fallende Haken zeigt, wie es beim fruchtbaren Salm-
männchen („Hakenlachs") der Fall ist; ferner sind Winter-
salm und Laichsalm in der Färbung verschieden. Die
Wintersalme sind auf dem Rücken grau-blau, an den Seiten
silberweiss, während die Laichsalme dunkler, oft röthlich-
grau gefärbt sind ; erstere haben auf den Seiten nur wenige
schwarze Flecken, letztere zeigen an den Flanken und den
Kiemendeckeln meistens zahlreiche rothe Flecken; die
Urogenitalpapille ist bei den Wintersalmen kaum bemerk-
bar, dagegen bei den Laichsalmen gross, hervortretend, an
den Rändern aufgeschwollen. Die Wintersalme hinwiederum
erreichen meist ein bedeutenderes Gewicht, als die Laich-
salme und ihr Fleisch ist röther und fetter. In Bezug auf
Grösse und Gewicht scheint demnach hier das Gegentheil
des ersten Wintersalms in dieser Periode (1874) am 24. September
erhalten.
1) Siebold, a. a. 0. pag. 276, 302, 321.
2) Siebold, a. a. 0. p. 277.
Ueber Nahrung u. Lebensweise d. Salme, Forellen u. Maifische. 143
stattzufinden von dem, was Siebold bei Trutta lacustris
gefunden hat 2).
Alle diese Thatsachen scheinen also dafür zu sprechen,
dass der Wintersalm in der That die bleibend sterile Form
von Trutta salar ist. Trotzdem aber bin ich jetzt zu der
Ueberzeugung gekommen, dass diese Sterilität nur vorüber-
gehend 2) ist und dass die Fische, die in dem einen Herbst
und Winter als sterile Wintersalme erscheinen , wahr-
scheinlich in der nächsten Laichperiode 3) schon als Laich-
1) Auch in Bezug auf Qualität des Fleisches scheint bei der
sterilen Trutta lacustris das Gegentheil stattzufinden von dem, was
für den Wintersalm gilt. Siebold sagt wenigstens, dass am Boden-
see die stets magere sterile „Schwebforelle" weniger geschätzt sei,
als die fruchtbare „Grundforelle" (p. 309). Bei der sterilen Trutta
fario ist dagegen das Fleisch besser, als bei der fruchtbaren.
2) Günther (a. a. 0. p. 8) sagt: Siebold appears to have
gone too far, when he stated that this state of sterility extends
over the whole period of existence of such individuals." In der
That hat Widegren — Nya bidrag tili kännedomen om Sveriges
Salmonider, mitgeth. in den Kongl. Vetenscaps - Akademiens För-
handlingar, Stockholm 1865 — an ganz jungen (1—3 Jahre alten)
Individuen von Trutta trutta und Trutta salar gezeigt, dass die
Sterilität, die fast bei der Hälfte der Exemplare vorkommt, nur
vorübergehend ist. Als Hauptunterschied zwischen sterilen und
fertilen Thieren gibt er an, dass bei sterilen der kürzeste mittlere
Strahl der Schwanzflosse nicht ganz die Hälfte oder höchstens die
Hälfte der längsten äussern erreicht, während bei den fertilen die
kürzeste etwas mehr als die Hälfte der längsten hat. Dieses an und
für sich etwas subtile Unterscheidungsmerkmal (er gibt z. B. das
Verhältniss 19 : 40 mm. bei den sterilen, gegen 20 : 38 mm. bei den
fertilen an, S. 290), das noch Ausnahmen erleidet (S. 280), gibt für
ältere Individuen gar kein Kriterium mehr ab, da die Schwanzflosse
mit zunehmendem Alter der Fische ihren Ausschnitt immer mehr
verliert. (S. Siebold p. 295.) Widegren zeigt dann, dass bei
den sterilen Exemplaren die Geschlechtsorgane sich allmählich ent-
wickeln, dass das Verhältniss des kürzesten zum längsten Schwanz-
flossenstrahl sich nach und nach so gestaltet, wie es bei den fertilen
ist, dass die Farbe sich ändert u. s. w.
3) Widegren meint zwar, dass vielleicht mehrere Jahre
vergingen, ehe die sterile Form fruchtbar werde (p. 292). William
Brown dagegen (Natural history of the Salmon by the recent
experiments at Stormontfield, citirt nach Widegren p. 294) be-
144 Barfurth:
salme zum Laichen kommen. Nachdem ich nämlich meine
Beobachtungen über ein Jahr lang (vom Sept. 1873 bis
Octbr. 1874) fortgesetzt habe, ist es mir klar geworden,
dass alle oben erwähnten Unterschiede zwischen Winter-
salm und Laichsalm mit fortschreitender Jahreszeit und
mit der fortschreitenden sexuellen Entwicklung verschwin-
den. Vom September bis etwa Mai sind die Unterschiede
zwischen beiden Formen so auffallend, dass man sie ohne
weiteres für verschiedene Species erklären würde, wenn
man die weitere Entwicklung des Wintersalms nicht kennte.
So wundert's mich gar nicht, dass man den Laichsalm
„Salmo haniatus" als Species von dem Wintersalm, „Salmo
salar", trennte, als man beide neben einander sah, ohne zu
wissen, dass die Unterschiede zwischen beiden nur vorüber-
gehend sind. Ungefähr vom Mai an ändert sich der ganze
Habitus des Wintersalms und nähert sich allmählich dem
des Laichsalms : die Flecken werden zahlreicher, es treten
neben den schwarzen rothe auf, die silberweissen Seiten
werden schmutzig- weiss, während der Rücken seine schiefer-
blaue in eine schmutzig-graue Farbe verwandelt, die Kiefer
des Männchens verlängern sich und am Unterkiefer bildet
sich der Haken, die Appendices verlieren ihr Fett, das
Fleisch wird blasser und trockner, die Milch oder die Eier
vergrössern sich in entsprechendem Masse und die Ränder
der Urogenitalpapille hinter dem After treten mehr und
mehr durch Anschwellung hervor. Interessant ist es, das
Wachsthum der Eierstöcke zu verfolgen. Ein Eierstock
des oben erwähnten am 22. Sept. d. J. bei Wesel ge-
fangenen Wintersalms wiegt 13 Gramm. Nach meinen
richtet p. 48, dass von den in's Meer gewanderten jungen Weibchen,
die man gezeichnet hatte, ein Theil im Herbst zurückkam, um zu
laichen, die andern im Herbst des folgenden Jahres. Ebenso sagt
v. d. Borne p. 339: Es gibt unter den Lachsen eine Anzahl, die
nur ein Jahr um das andere laichen, ebenso wie es unter der Lachs-
brut welche gibt, die erst nach 2 Jahren das süsse Wasser verlassen.
(Ich bemerke hier, dass v. d. Borne aus englischen Quellen schöpft,
die mir nicht zugänglich waren.)
So glaube ich denn auch, dass für die Salme, deren Heimath
der Rhein ist, dasselbe gilt.
Ueber Nahrung u. Lebensweise d. Salme, Forellen u. Maifische. 145
Aufzeichnungen und Beobachtungen vom vorigen Winter
nimmt dann das Gewicht der Eierstöcke bis zum April
nur sehr wenig zu: ein Ovarium eines im April d. J. ge-
fangenen Wintersalms wiegt 19 Gr.; das eines im Mai d.
J. gefangenen Individuums 22 Gr.; im Juni 48, im Juli 91,
im August 211 Gramm und das reife Ovarium eines zum
Laichen fähigen Fisches (im November) 800—1000 Gr. ').
Aus diesen Zahlen folgt also, dass die Grösse der Eier
erst vom Mai ab schnell zunimmt und dass dann gegen
die Laichzeit zu das Wachsthum rapide wird.
Es drängen sich einem nun hier zwei Fragen auf:
1) Weshalb ^steigt der Wintersalm in den Rhein lange
bevor ein Laichen möglich ist? und 2) Wie lange bleibt
er im Flusse?
Die erste Frage ist schwierig zu beantworten. Man
pflegt in solchen Fällen zu einem „dunkeln Triebe" seine
Zuflucht zu nehmen. Das wäre denn hier der Trieb der
Fortpflanzung, obgleich dieselbe factisch noch nicht reali-
sirbar ist. Freilich scheinen alle Salme zum Reifwerden
ihrer Geschlechtsorgane eines kürzeren oder längeren Aufent-
halts im süssen Wasser zu bedürfen 2). Es ist möglich,
dass beim Wintersalm ein wenn auch nur vorübergehender
Aufenthalt im süssen Wasser den Anstoss zur Ausbildung
der Geschlechtsorgane geben muss — ja sogar wahrschein-
lich. Der Fisch hat sich im Meer so gemästet, dass bei
fortgesetzter, reichlicher Nahrung Milch und Eier gar nicht
zur Entwicklung kommen würden, wie das eine auch bei
andern Thieren längst beobachtete physiologische Thatsache
ist. Diese Entwicklung wird dann ermöglicht durch die
Fastenzeit im Rhein.
In vielen Fällen mag es auch ein äusserer Anlass
sein, der die Fische bewegt, in den Rhein zu steigen lange
bevor sie laichen können. Ich fühle mich veranlasst, dar-
über folgende Beobachtung mitzutheilen.
1) Es ist natürlich bei diesen Zahlen zu berücksichtigen, dass
die Fische, denen die Eierstöcke entnommen wurden, nicht absolut
gleich an Alter, Grösse und Gewicht waren; im Durchschnitt wogen
sie neun Kilogr.
2) S. Siebold, a. a. O. p. 298.
Archiv f. Naturg. XXXXI. Jahrg. 1. Bd. 10
146 Barfurth:
Am Körper der Wintersalme habe ich ziemlich häufig
Wunden gefunden, die von den Zähnen anderer Thiere
herrührten. Diese Bisse fanden sich an den verschieden-
sten Theilen des Körpers, waren kleiner oder grösser und
meistens schon ziemlich vernarbt. Den Fischern ist diese
Thatsache auch bekannt und die Herren Ridder und
L i s n e r in Wesel machten mir die interessante Mitthei-
lung, dass ein reiches Salmjahr (in Bezug auf Wintersalme)
zu erwarten wäre, wenn verhältnissmässig viele Individuen
mit solchen Wunden erschienen. Es liegt nahe, aus diesen
Beobachtungen gewisse Schlüsse zu ziehen. Nach dem
schönen Fleische des Wintersalms sind nicht nur die Men-
schen lüstern, sondern auch andere Geschöpfe. Als Haupt-
feind des Salms ist der Seehund (Phoca vitulina und an-
nellata) zu nennen 1). Räuberisch und gewandt, wie er ist,
stellt er dem Salm nach 2), dieser flieht vor seinem Feinde
— und sucht Schutz im Rhein. Mehren sich Zahl und
Angriffe seiner Feinde, so erscheint in Folge dessen auch
der Wintersalm häufiger im Rhein und die oben erwähnte
Beobachtung wäre dadurch erklärt. Was dann die zweite
Frage anbetrifft: Wie lange bleibt der Wintersalm im
Rhein ? so glaube ich auf Grund meiner Beobachtungen
behaupten zu dürfen, dass er vom September bis etwa Mai
sich nur zeitweilig im Rhein aufhält 3), und dass erst vom
Mai an sein Verweilen im Rhein dauernd wird 4).
1) S. darüber auch Bloch, a. a. 0. p. 139.
2) Dies findet wohl gerade im Winter hauptsächlich statt, weil
es dann dem Seehund an anderer Nahrung fehlen dürfte, und der
Wintersalm nicht wie die andern Fische in der Tiefe, sondern lieber
nahe der Oberfläche des Meeres zu leben scheint. So sagt z. B.
auch Mangold (citirt nach S i e b o 1 d p. 309), dass die sterile
Trutta lacustris an der Oberfläche des Wassers zu leben pflege,
während die fruchtbare Grundforelle in der Tiefe des Sees sich
aufhalte.
3) Seine Muskelkraft befähigt ihn, grosse Strecken in kurzer
Zeit zurückzulegen. Nach Cornelius (a. a. 0. p. 199) durch-
schwimmt er in 1 Stunde 8 — 10 Stunden Weges, nach v. d. Borne
(a. a- 0. 338) legt er in 1 Minute 1500 Fuss, also in 1 Stunde c. 8
Stunden zurück.
4) N. Loberg, Norges Fiskerier, Cristiania 1864, p. 280, sagt
Ueber Nahrung u. Lebensweise d. Salme, Forellen u. Maifische. 147
Von dem in den englischen Flüssen vorkommenden
temporär sterilen Salm sagt v. d. Borne (p. 338), dass er
fast ein ganzes Jahr lang im Flusse bliebe. Es mag das
in den englischen Gewässern möglich sein, was den Rhein
anbetrifft, so muss ich es entschieden in Abrede stellen,
schon aus dem einfachen Grunde, weil der Wintersalm im
Rhein so gut wie gar nichts frisst. Die Fischer sagen, er
„verirre" sich bloss in den Rhein. Thatsache ist, dass er
nahe an der Mündung das ganze Jahr durch häufig, bei
Wesel noch ziemlich häufig, bei Bonn aber bis etwa Mai
nur selten gefangen wird. Und da auch, wie ich oben ge-
zeigt habe, das Wachsthum der Eier erst von Mai an be-
trächtlich zunimmt, so glaube ich, dass erst von dieser
Zeit an sein Aufenthalt im Rhein dauernder oder ganz
dauernd wird.
Das Resultat der Untersuchungen also, die ich bis
jetzt über die im Rhein vorkommenden Salmoneer anstellen
konnte, ist kurz folgendes : Es kommen im Rhein nur zwei
Species vor: Trutta salar und T. trutta; beide nehmen im
Rhein so gut wie gar keine Nahrung zu sich. Von Trutta
salar gibt es eine fruchtbare Form (Laichsalm) und eine
temporär sterile (Wintersalm) *). Erstere Individuen steigen
etwa von September bis November in den Rhein, um zu
laichen, letztere erscheinen vom September bis Mai spora-
disch und auf kurze Zeit und bleiben wahrscheinlich vom
Mai an bis zur Laichzeit längere Zeit oder dauernd im
Rhein. Durch diese Resultate beantwortet sich nun, was
die ausgewachsenen Salmoneer betrifft, die Frage: Ist der
Rümpchenfang schädlich, weil man dadurch den werthvollen
Fischen die Nahrung entzieht? von selber. Da diese Salme
im Rhein überhaupt nichts fressen, so kann ihnen durch
von den norwegischen Salmen überhaupt, dass sie den ganzen Som-
mer über sich in den Flüssen aufhielten.
1) Die Sache ist so zu verstehen, dass von den Salmen, die
im Winter nach vollbrachtem Laichgeschäft aus dem Rhein in's Meer
zurückkehren, eine Anzahl im nächsten Jahre steril bleibt, indem
wahrscheinlich die zu reichliche Nahrung und die starke Fettan-
sammlung die Entwicklung der Fortpflanzungsorgane verhindert.
148 Barfurth:
das Wegfangen der Rümpchen auch keine Nahrung ent-
zogen werden.
Etwas anders aber dürfte sich die Sache für die
jugendlichen „Sälmlinge" (Salme vom 1. — 3. Lebensjahre, die
noch keine Reise in's Meer gemacht haben) gestalten. Herr
Prof. von LaValette St. George hierselbst, der unsre
einheimischen Fische gründlich kennt und sich auch selbst
mit künstlicher Fischzucht beschäftigt, theilt mir mit, dass
er seine Sälmlinge (im Durchschnitt c. 8 Zoll lange Indi-
viduen der Species Trutta trutta und T. lacustris) grössten-
teils durch Rümpchen ernährt und dass die Sälmlinge
diese mit grosser Begier verschlingen. Da sich im freien
Rheinwasser die Sache wahrscheinlich ebenso verhalten
wird und die junge Trutta salar in Bezug auf die Nah-
rungseinnahme jedenfalls mit Trutta trutta übereinstimmt,
so dürfte durch den Rümpchenfang diesen jungen Sahnen
immerhin ein beträchtliches Contingent der Nahrung ent-
zogen werden J).
Ich untersuche nun zweitens die Frage, ob die Fo-
rellen (Trutta fario) durch den Rümpchenfang in ihrer Er-
nährung beeinträchtigt werden.
IL Die Nahrung von Trutta fario.
Nebst den beiden oben behandelten Species ist die
Forelle 2) die am häufigsten bei uns vorkommende Salmo-
neerart und wegen ihres zarten wohlschmeckenden Fleisches
ausserordentlich geschätzt. Sie lebt am liebsten in kleinen
schnellfliessenden, klaren Gewässern und wird deshalb haupt-
1) Ich muss hierzu aber bemerken, dass diese Sälmlinge wohl
meistens sehr früh — nach S i e b o 1 d a. a. 0. p. 299 schon im
2. Lebensjahre, wenn sie etwa 4 Zoll lang sind, nach neueren Un-
tersuchungen von englischen Forschern einige auch erst im 3. Jahre
bei einer Grösse von c. 8 Zoll — sich in's Meer begeben, dass also
das Vorhandensein der Rümpchen für sie doch wohl keine Lebens-
frage ist.
2) Ueber den Artcharacter siehe Siebold a. a. 0. und Val.
a. a. 0. p. 320.
Ueber Nahrung u. Lebensweise d. Salme, Forellen u. Maifische. 149
sächlich in kleineren Flüssen und Gebirgsbächen — in der
Ahr, Sieg, Roer, Wupper, in der Wied und im Aubach bei
Neuwied und in der Kyll bei Gerolstein — gelangen. Da
nun aber gerade in diesen Gewässern auch die Rümpchen
zum grössten Theil gefangen werden, so ist es speciell in
Bezug auf die Forelle von der grössten Wichtigkeit zu ent-
scheiden, ob ihr durch den Rümpchenfang die Nahrung
entzogen wird oder nicht.
Das erste Material zu meinen Untersuchungen bekam
ich am 25. November v. J. von Herrn Brenner in Bonn *).
Unter 22 Individuen fand ich 14 weibliche und 8 männ-
liche ; in zwei weiblichen Exemplaren waren die Eier und
in einem männlichen war der Samen ganz unentwickelt,
während in den übrigen die Geschlechtsorgane ganz reif
waren. Ebenso waren an diesen drei Individuen die Flos-
sen geringer entwickelt, es fehlte ihnen die für die frucht-
bare Forelle zur Laichzeit charakteristische Hautwucherung,
kurz ich erkannte in diesen die sterile Form der Forelle.
Da schon S i e b o 1 d 2) das Vorkommen solcher sterilen
Formen mit Sicherheit nachgewiesen und die für dieselben
characteristischen Merkmale mit hinreichender Genauigkeit
angegeben hat, so gehe ich auf diesen Punkt nicht weiter
ein und bemerke nur noch, dass ich auch später immer
einzelne unfruchtbare Forellen gefunden habe. Auch füge
ich hier gleich bei, dass in Bezug auf die Stoffe, von de-
nen sie sich nähren, kein Unterschied zwischen sterilen
und fruchtbaren Individuen stattfindet.
Die Oeffnung des Verdauungsapparates ergab sofort
dass seine Beschaffenheit eine ganz andere war, als die
oben bei Trutta salar und T. trutta charakterisirte. Oeso-
phagus und Magen waren nicht contrahirt, sondern meist
ziemlich stark ausgedehnt und zeigten die Symptome einer
für die Laichperiode lebhaft zu nennenden Ernährungs-
thätigkeit. Fast alle Organe, die bei der Verdauung funk-
tioniren, vom Oesophagus an bis zum Anus, enthielten Reste
1) Genanntem Herrn danke ich auch das Material für alle
späteren (auch an Alansa vulgaris gemachten) Untersuchungen.
2) Siebold, a. a. 0. p. 323.
150 Barfurth:
von eingenommener Nahrung. Unter den 22 Individuen
fand ich bloss eins, dessen Verdauungsorgane gar keine
Nahrungsreste enthielten; unter den andern waren zwar
mehrere, deren Magen keine Nahrungsstoffe mehr enthielt,
ich fand aber dann im Darm die unverdaulichen Reste der
früher eingenommenen nährenden Substanzen. Ich gebe
nun kurz an, was ich in diesen 21 Forellen gefunden
habe J).
1) 21 häutige Flügel von Insecten (meist Neuropteren).
2) 26 Panzertheile, Ringe, Kopftheile und Flügelstum-
mel von Coleopteren, Orthopteren und auch Crustaceen und
Myriapoden.
3) 35 Tarsen und andere Theile der Beine von densel-
ben Insecten u. s. w.
4) 26 aus Quarzstückchen und Pflanzentheilchen zu-
sammengesetzte Gehäuse von Phryganidenlarven.
Das, wonach ich am eifrigsten spähte, nämlich Fisch-
reste, habe ich in diesen 21 Forellen nicht gefunden. Der
Magen selbst enthielt zuweilen noch grössere zusammen-
hängende Theile von Insecten, in einigen Mägen fand ich
die noch ziemlich gut erhaltene Larve von Sialis lutaria.
Phryganidengehäuse fand ich zuweilen in einem Fische
sechs, manchmal lagen 3 oder 4 dicht zusammen gedrängt,
so dass sie die Wand des Magens oder Darmes spannten
und schon von aussen zu erkennen waren. In einigen Fäl-
len waren die Larven dieser Gehäuse noch ziemlich gut
erhalten. Kalkstücke fand ich in den Gehäusen nicht, eine
Behandlung mit Salzsäure ergab kein Aufbrausen. Auf-
fallend war es mir, dass ich in drei Exemplaren 1—4 Zoll
1) Jeder, der sieh mit ähnlichen Arbeiten beschäftigt hat,
weiss, dass es in den meisten Fällen geradezu unmöglich ist, aus
den halbverdauten und zerissenen Bruchstücken, die man findet,
einen Schluss auf Gattung, Familie und sogar Ordnung, der die
verschlungenen Thiere angehören, zu machen. Wenn nun auch in
den meisten Fällen eine nähere Bestimmung dieser Thiere keinen
practischen Werth hat, so ist es für den Zoologen doch von Inter-
esse, auch hier der Wahrheit möglichst nahe zu kommen. Wo es
deshalb anging, habe ich eine nähere Bestimmung versucht.
Ueber Nahrung u.Lebensweise d. Salme, Forellen 11. Maifische. 151
lange zusammengefaltete Theile des Bastes einer Pflanze
(vielleicht Juncus oder Carex) fand. Als Nahrung konnte
die Forelle diese Stoffe nicht aufgenommen haben ; ich er-
kläre mir die Sache so : Auf diese Pflanzentheile oder auch
auf die Pflanze, der sie angehörten, selbst hatte sich ir-
gend ein Insect oder eine Larve niedergelassen, die Forelle
war gierig auf ihren Lieblingsfrass losgeschossen l) und
hatte dabei die Pflanzentheile mit verschlungen. Ferner war
ich erstaunt, als ich im Magen einiger lodividuen reife
erbsengrosse Eier fand, die, wie eine Vergleichung ergab,
mit den Eiern der Forelle selber vollkommen übereinstimm-
ten. Ich glaubte anfangs, sie wären beim Aufschneiden
der Thiere 2) von aussen durch einen Zufall hineingera-
then, wurde aber bald anderer Meinung. Diese Eier fan-
den sich, wie ich später bei andern Individuen sah, nicht
bloss im Magen, sondern auch im Darm der Forellen; sie
waren theilweise schon im Magen, immer aber im Darm
durch die Verdauung ihres Inhalts beraubt und die leeren
Schalen hatten sich dann übereinander geklappt. Daraus
folgt also, dass die gefrässige Forelle den Laich ihrer eige-
nen Species verschlingt.
Einen ganz ähnlichen Magen- und Darminhalt fand
ich nun bei 10 anderen Forellen, die ich am 6. December
untersuchte. In dem Darm eines Exemplars fand ich dann
ausserdem noch Reste eines verschlungenen Fisches : Wir-
bel und Gräten im rechlichen Schleim des Darmes einge-
hüllt. Welcher Gattung dieser Fisch angehörte, war na-
türlich nicht mehr zu bestimmen.
Am 14. December bekam ich dann 15 und am 16.
noch 8 Forellenmägen, und bei der Untersuchung derselben
fiel mir sofort auf, dass die Nahrungsreste sich bedeutend
1) Es ist bekannt, dass die Forelle, wenn sie auf den darge-
botenen Angelköder losschiesst, meistens die Angel mit verschlingt.
S. Valenciennes, a. a. 0. p. 330.
2) Bei dem Aufschneiden und Ausreissen der Eingeweide ge-
schieht es z. B. zuweilen auch, dass frische unversehrte Schuppen
desselben Thieres oder anderer Individuen in den Oesophagus ge-
langen.
152 Barfurth:
vermindert hatten. Ich fand eine Menge zum Theil ver-
dauter Forelleneier, eine Anzahl Gehäuse von Phryganiden,
aber nur wenige Theile von sonstigen Insecten. Die Ur-
sache dieser auffallenden Verminderung der Nahrungsauf-
nahme lag ohne Zweifel in der Veränderung des Wetters.
Bis zum 13. Dec. hatte milde, sonnige Witterung geherrscht,
von da an aber war ziemlich starker Frost eingetreten.
Daraus resultirten also zur Erklärung für die Verminderung
der Nahrungsaufnahme zwei Möglichkeiten. Entweder hat-
ten die Insecten, Larven u. s. w. vor der Unbill des Wetters
Schutz gesucht in verborgenen Schlupfwinkeln, so dass sie
den Nachstellungen der Forellen entgingen oder aber die Ab-
nahme der Temperatur hatte die Lebensthätigkeit der Fo-
rellen selber beeinträchtigt und das Nahrungsbedürfniss ver-
mindert. Das wahrscheinliche ist, dass beide Umstände
zusammen wirkten und eine Verminderung der Nahrungs-
einnahme bedingten. Am 7. Januar d. J. untersuchte ich
dann die letzten 13 Forellen. Die Oeffnung und Besichtigung
des Magen- und Darmkanals ergab im Ganzen dasselbe
Resultat, was ich oben an den zuerst untersuchten Exem-
plaren dargelegt habe. Das Wetter war wieder etwas mil-
der geworden und die Nahrungsreste hatten sich in Folge
dessen auch wieder vermehrt- In zweien dieser Forellen
fand ich endlich deutlichere Reste eines verschlungenen
Fisches. In dem einen Exemplare fand ich Schuppen,
Gräten und Bartfäden, in dem andern das ziemlich gut er-
haltene Scelet eines kleinen Fisches. Bei diesem letztern
war noch die ganze Wirbelsäule mit Gräten stumpfen und
ein Theil des Kopfes mit drei Bartfäden erhalten geblie-
ben, die Länge des ganzen Scelets betrug c. 4 Zoll. Die
Forelle selber, die ihn gefressen hatte, war c. 10 Zoll lang,
und der verschlungene Fisch steckte zum grössten Theil
in der unteren Hälfte des Oesophagus *), da er im eigent-
1) »Dieser unmittelbar vor der ersten Curvatur liegende Theil
des Verdauungsrohres fungirt als wahrer Magen und die Verdauung
schreitet in ihm bereits weit vor.« Kner, über die Mägen und
Blinddärme der Salmoniden, in den Sitzungsberichten der Kaiserl.
Akademie der Wissenschaften. Bd. VITI. 1852, p. 203.
U eber Nahrung u. Lehensweise d. Salme, Forellen u. Maifische. 153
liehen Magen nicht Platz hatte. Aus der Beschaffenheit
dieses Scelets glaube ich mit Grund schliessen zu dürfen,
dass der verschlungene Fisch eine Cobitis barbatula war,
die ja auch, wie die Forelle, klares fliessendes Wasser
liebt.
Es ist mir dann auch gelungen, noch in jüngster Zeit
(10. Jnni d. J.) durch die Güte eines mir befreundeten Herrn
6 Mägen von Forellen zu bekommen, die in der Kyll bei
Gerolstein gefangen waren. Die Untersuchung des Magen-
und Darminhaltes ergab mir ganz andere Resultate, als
ich sie bei den in der Laichzeit gefangenen Forellen con-
statirt habe.
Im ersten Exemplar fand ich 4 Phryganidengehäuse,
die aber kürzer und dünner waren und eine viel zartere
Wandung besassen, als die, die ich im Winter fand; im
zweiten, fand ich 136 solcher Gehäuse, 1 Insect (halbver-
daut), einen Libellenflügel und Reste eines Fisches, im drit-
ten 585 (!) Gehäuse, 1 Insect und eine Fischschuppe, im
vierten 116 Gehäuse, 1 Insect und Reste eines Fisches, im
fünften 186 Gehäuse und eine Blüthe einer Graminee; im
sechsten endlich 115 Gehäuse, eine kleine Raupe und eine
Anzahl Fischeier, ausserdem noch die hintere Hälfte eines
etwa 4 Zoll laugen Fischchens. Die Phryganidengehäuse
fanden sich bei allen Individuen im Magen und auch im
Darm, bei dem einen (oben als drittes bezeichnet) war der
Verdauungscanal bis zum Anus geradezu vollgepfropft von
diesen Gehäusen. Ich füge ausdrücklich noch bei, dass
alle sechs Fische, wie ich mich selbst überzeugte, sehr
wohlgenährt waren.
Hieraus ergibt sich klar, dass die Nahrungsaufnahme
der Forellen vor der Laichzeit eine viel bedeutendere ist,
als während derselben, dass aber auch in dieser Zeit ihre
Hauptnahrung nicht aus Fischchen, sondern aus Insecten
und deren Larven besteht; sodann ziehe ich noch den wei-
teren Schluss hieraus, dass bei dieser vorwiegenden Insecten-
nahrung die Qualität des Forellenfleisches durchaus nicht
abnimmt, sondern an Gehalt und Wohlgeschmack gar
nichts zu wünschen übrig lässt.
Die Resultate dieser Untersuchungen stimmen also
154 Barfurth:
im Allgemeinen ziemlich mit den Angaben anderer Auto-
ren tiberein. Günther l) sagt: die Forelle ist ein aus-
serordentlich gefrässiger Fisch, ihre Nahrung besteht aus-
ser in den verschiedenen Insecten und deren Larven und
Würmern, noch besonders (?) in Fischbrut. Aehnlich
sprechen sichValenciennes 2), Heckel und Kner 3)über
diesen Punkt aus.
Ziehe ich nun mit Bezug auf Schädlichkeit oder Un-
schädlichkeit des Rümpchenfangs aus diesen Untersuchun-
gen das Facit, so ergibt sich, dass unter den zur Laich-
zeit gefangenen 53 Forellen 3 waren, die Fische gefressen
hatten und dass unter den 6 vor der Laichzeit gefangenen
4 Individuen Fischreste enthielten. In jedem Falle bilde-
ten aber die Fische nur einen sehr geringen Theil der ein-
genommenen Nahrung. Nehme ich nun den wahrschein-
lichen Fall an, dass diese Fische der Gattung Cobitis,
Phoxinus, Leuciscus oder einer andern Rümpchenart ange-
hörten, so würde durch das Wegfangen dieser Fische den
Forellen schlimmsten Falls nur ein verhältnissmässig ge-
ringes Contingent ihrer Nahrung entzogeu. Und da die
Forellen auch bei ganz überwiegender Insectennahrung
recht wohl gedeihen, so folgt daraus, dass sie eventuel
ohne alle Fischnahrung leben können und dass ihnen also
durch das Wegfangen der Rümpchen kein wesentlicher Scha-
den zugefügt wird.
Zum Schluss gebe ich dann noch das Resultat der
Untersuchungen, die ich über die Nahrung des Maifisches
(Alausa vulgaris) angestellt habe, um darnach endgültig über
die Rümpchenfänger zu Gericht sitzen zu können..
III. Die Nahrung von Alausa vulgaris im Rhein.
Während die drei vorher behandelten Species der
Familie der Salmonoiden angehören, haben wir in Alausa
vulgaris einen Vertreter der Clupeoiden-Familie 4). Der
1) Günther, die Fische des Neckars, Stuttgart 1853, p. 116.
2) Valencienn es, a. a. 0. p. 330.
3) Heckel und Kner, a. a. 0. p. 252.
4) Ueber Familien- und Artcharacter siehe H eckel und Kner,
Ueber Nahrung u. Lebensweise d. Salme, Forellen u. Maifische. 155
Maifisch hat seinen Namen von dem Monat, während des-
sen er des Laichens wegen in den Rhein steigt und am
meisten gefangen wird. Er ist kein so geschätzter Tafel-
fisch, wie der Salm, aber immerhin ist sein Fleisch ein
beliebtes und werthvolles Nahrungsmittel, so dass die
Frage, ob ihm durch den Rümpchenfang die Nahrung ent-
zogen wird, wohl einer wissenschaftlich begründeten Ant-
wort werth ist.
Bis in die neuere Zeit wurde der Maifisch (Alausa
vulgaris) mit der Finte (A. Finta) identificirt (z. B. noch
von H e c k e 1 und K n e r). Zwar hatten schon C u v i e r *)
und andere Ichthyologen gewisse Verschiedenheiten zwischen
beiden feststellen wollen, diese waren aber von Valen-
ciennes2) als durchaus unhaltbar erkannt worden und
deshalb erklärte er beide Fische für dieselbe Species (Alau-
sa vulgaris). Erst seitdem Troschel3) genauere Un-
tersuchungen über diese Fische angestellt und wirkliche,
constante Differenzen zwischen beiden nachgewiesen hat,
ist es möglich geworden, beide zu unterscheiden. Der
Hauptunterschied liegt in der Beschaffenheit der Kiemen-
bögen: Alausa vulgaris hat auf dem 1. Kiemenbogen 99—
118 lange, schlanke und dünne Lamellen, auf dem 2. Bogen
96—112, auf dem 3. 74—88 und auf dem 4. 56—65, Alau-
sa finta dagegen hat auf dem ersten und zweiten Bogen
nur 39—43 kurze und dicke Dornen, auf dem dritten 33—
34 und auf dem vierten 23 — 27.
Das Fleisch der Finten ist übelriechend, magerer und
lange nicht so wohlschmeckend, wie das des Maifisches 4),
a. a. 0. p. 228; Siebold, a. a. 0. p. 828; Val.? Tom. XX., 1847.
p. 391.
1) Cuvier, regne animal Tom. II. 1829 p. 319.
2) Val., a. a. 0. p. 403.
3) Troschel in Wiegmann's Archiv für Naturgeschichte
1852. Bd. I. p. 228 und Lehrbuch der Zoologie 1859 p. 229.; in der
VII. Aufl. 1871. p. 268.
4) Siebold, a. a. 0. p. 334. bezweifelt mit Unrecht, dass
die Verschiedenheit des Fleisches von Alausa vulgaris und A. finta
mit der specifischen Verschiedenheit beider Fische zusammenhängt.
156 Barfurth:
so dass die Fischer die Finten (von ihnen auch „Finken"
genannt) geradezu verachten. Da Alausa finta demnach
für meine Untersuchungen nicht in Betracht kommt *), so
habe ich mich darauf beschränkt, die Nahrung von Alausa
vulgaris einer Besichtigung zu unterziehen.
Ueber die Nahrung des Maifisches finde ich bei den
oben genannten Autoren keine Angabe. Nur Günther
(der freilich von den im Neckar vorkommenden keinen
hat untersuchen können (p. 121)) sagt p. 124: „Die Nahrung
des Maifisches besteht hauptsächlich in Würmern und In-
secten; er soll jedoch auch mit gekochten Erbsen gefangen
werden können". In wiefern er Recht hat, wird sich aus
dem folgenden ergeben.
Die zwei ersten Mägen von Alausa vulgaris bekam
ich am 3. Mai; später erhielt ich dann nach und nach noch
18, so dass sich die Gesammtzahl der untersuchten Exem-
plare auf 20 beläuft. Das Resultat war im ganzen bei
allen übereinstimmend; bei den meisten fand ich einen
Mageninhalt, nur bei einigen wenig oder gar nichts. Die
Besichtigung dieses Inhalts ergab folgendes : Im Innern
des eigentlichen, stark contrahirten Magens befand sich eine
cylindrische, am untern (nach dem Pylorus zu liegenden)
Ende zugespitzte Masse; sie schien aus weissem, zähem
Schleim zu bestehen und zeigte die Eindrücke der Magen-
falten. Ein Längsschnitt legte das Innere bloss und da
zeigte sich denn, dass der Schleim bloss eine Umhüllung
bildete, die einen röthlichen oder grauen körnigen Inhalt
umschloss. Eine Betrachtung desselben mit der Loupe
führte zu keinem Resultat, wohl aber die mit dem Mikros-
cop. Eine kleine Menge dieses körnigen Inhalts zeigte
Nicht bloss nach dem Laichen, sondern auch während ihres ganzen
Aufenthalts im Rheine (also auch, wenn sie noch nicht durch das
Laichen werthlos geworden ist), hat die Finte das schlechte Fleisch,
so dass viele Fischhändler sie gar nicht einmal „führen' ' mögen.
1) Es kann sich bei der Untersuchung über Schädlichkeit oder
Unschädlichkeit des Rümpchenfangs natürlich nur um solche Fische
handeln, die an Qualität die Rümpchen übertreffen; für andere
Fische, für den Hecht z. B. wird man doch die Rümpchen nicht
schonen wollen.
Ueber Nahrung n. Lebensweise d. Salme, Forellen u. Maifische. 157
schon bei 80facher Vefgrössenmg eine grosse Anzahl von
Resten winziger thierischer Organismen und eine fast
ebenso bedeutende Menge wohl ausgebildeter zellenartiger
Formen. Was die ersteren anbetrifft, so erkannte ich
Tarsen, Fühler etc. von mikroscopischen Entomostraceen
und anderen Crustaceen. Zuweilen waren noch grössere
zusammenhängende Theile dieser Thierchen vorhanden.
Dass diese Tarsen etc. zum Theil auch von kleinen Insecten
herrührten, ist wohl möglich, doch habe ich nie Flügel,
Panzertheile etc. etc. eines Insects finden können. Ferner
muss ich bemerken, dass ich in keinem Individuum Fisch-
reste gefunden habe.
Was nun die zellenförmigen Organismen anbetrifft,
die ich im Magen von Alausa vulgaris fand, so zeigten
sich unter dem Mikroscop zwei Formen, eine kuglige und
eine schlauchartige. In den Kugeln erkannte ich thierische
Eier (wahrscheinlich von Ascaris adunca, die sich im
Magen des Maifisches in grosser Menge findet), die Schläuche
schienen encystirte Embryonen einer Nematode zu sein
Da ich aber meine Untersuchungen darüber noch nicht ab-
schliessen konnte und eine weitere Diskussion dieses
Gegenstandes dem Zwecke dieser Schrift fern liegt, so
beschränke ich mich auf die gemachten Andeutungen.
Schluss.
Es bleibt mir jetzt nur noch übrig, aus den Resul-
taten meiner Untersuchungen das Resume zu ziehen, um
darnach die Frage über Schädlichkeit oder Unschädlich-
keit des Rümpchenfanges entscheiden zu können.
Von den aus dem Meer in den Rhein und seine Neben-
flüsse aufsteigenden werthvollen Fischen, Trutta salar, T.
trutta und Alausa vulgaris fressen die beiden ersten Species
gar nichts und die dritte nur Crustaceen und vielleicht
Insecten. Die im Rhein lebenden Sälmlinge scheinen zwar
in den Rümpchen eine Lieblingsnahrung zu finden, bringen
aber meistens nur die Lebenszeit im süssen Wasser zu, in
158 Barfurth: Ueb. Nahrung u. Lebensweise d. Salme, Forellen etc.
der sie noch zu klein sind, um schon Jagd auf die Rtimp-
chen machen zu können. Die Nahrung von Trutta fario
besteht hauptsächlich in Insecten und deren Larven und
nur zum geringen Theil aus kleinen Fischen, die wohl den
Rümpchen zuzuzählen sind. Durch den Rümpchenfang
wird also nur einem Theil der Sälmlinge und den Forellen,
diesen aber nur in geringem Masse, die Nahrung entzogen.
Da also, wie Troschel gezeigt hat, in den Rümpchen
keine werth vollen jungen Fische weggefangen werden, da
durch ihren Fang den werthvollen grösseren (und kleineren)
Fischen keine unbedingt nothwendige Nahrung entzogen
wird, und da endlich die Rümpchen selbst ein gutes und
wohlschmeckendes Nahrungsmittel bilden und so der geringe
Schaden, der durch ihren Fang der grossen Fischerei zu-
gefügt wird, reichlich durch sie selbst ersetzt wird, so
muss ich den Rümpchenfang für unschädlich
erklären.
Ueber die geographische Verbreitung der euro-
päischen Chernetiden (Pseudoscorpione).
Von
Ant. Stecker
in Prag.
Die geographische Verbreitung der europäischen
Pseudoscorpione *) kann derzeit wohl noch nicht mit jener
Schärfe und Sicherheit festgestellt werden, welche den
strengen Anforderungen der Wissenschaft entspricht. Voll-
kommen fehlende oder äusserst lückenhafte Daten über
mitunter grosse Länderstrecken einerseits, höchst unge-
naue oder selbst fehlerhafte Angaben anderseits, machen eine
präcise Erledigung dieser Frage für jetzt noch nahezu un-
möglich. Nebstdem variiren die einzelnen Arten nach
*) Was die Chernetiden-Literatur betrifft, nennen wir insbe-
sondere: 1) Latreille, genera crustaceorum et insectorum, 1. vol.
Paris 1806. 2) Leach, Transactions of the Linnean Society XL
p. 391, und in den Zoological Miscellany III. 1817 (Onthecharacters of
Scorpionidea, with descriptions of the british species of Chelifer and
Obisium). 3) Walckenaer, histoire naturelle des Insectes;
Apterespar Gervais, tome III, Paris 1844; tome IV. Paris 1847. 4) Hahn
et Koch C. Die Arachniden, Nürnberg 1831; Bd. I— II von Hahn;
III — XVI von Koch. 5) Menge A. Ueber die Scheerenspinnen,
Neueste Schriften der naturforsch. Gesellsch. in Danzig, 1855, V. 2.
6) L. Koch, übersichtliche Darstellung der europ. Pseudoscorpione
1873, Nürnberg. 7) Stecker A. Einige Beiträge zur Kenntniss
der von Prof. Menge beschriebenen Chernetiden, Deutsche entoraol.
Zeitschrift 1875. (2. Heft). 8) Stecker A. Zur Kenntniss der Cher-
netidenfauna Böhmens, Sitzungsberichte der Königl. böhm. Gesellsch.
der Wissenschaften 1874. (12. Heft.)
160 Stecker:
Alter, Standort und Gegend viel mehr, als dies der Fall
bei anderen Arachniden ist, und in Folge dessen kann auch
die Bestimmung der einzelnen Species aus den Angaben
der meist nur die Färbung und Zeichnung beschreibenden
Autoren, oft nur eine sehr zweifelhafte sein. Demunge-
achtet halte ich es für nicht unangemessen, dasjenige, was
auf Grundlage der bisher vorliegenden Daten in dieser
Richtung angeführt werden kann, nicht mit Stillschweigen
zu übergehen, da sich aus diesem im Ganzen ziemlich
lückenhaften Bilde doch schon so manche interessante
Resultate ergeben, und von der Zukunft zu erhoffen ist,
dass sie, ist schon einmal zu einer europäischen Cherne-
tidengeographie der Anstoss gegeben, diesem Gegenstande
mehr Aufmerksamkeit widmen und durch Erläuterungen
und Berichtigungen zur Vervollständigung und Rectifici-
rung dieses Aufsatzes beitragen werde. Es werden gewiss
die künftigen Forschungen manche Lücke in den nun fol-
genden Angaben ausfüllen, sowie allfällige Zweifel, oder
bei dem gegenwärtigen Stande der Dinge kaum zu ver-
meidende Unrichtigkeiten begleichen.
Nach den uns bisher bekannten Daten sind in Europa
52 Chernetidenarten aufgefunden, die sich in 9 Genera
vertheilen, von denen auf die Cheliferinae*) 5 Gattungen
mit 30 Species, auf die Obisinae 4 Gattungen mit 22 Arten
entfallen.
Um für unsere Zwecke von der ganzen Ordnung,
so wie sie in Europa vertreten ist, ein übersichtliches
Bild zu gewinnen, wollen wir die beiden Chernetidenfami-
lien im Nachfolgenden vergleichend zusammenstellen. Es
repräsentirt sich nämlich die Chernetidenfauna auf un-
serem Welttheile in nachfolgender Weise:
*) Für die Chernetidae, deren bewegliches Mandibelnglied in
ein feines Stielchen endet, habe ich den Namen »Cheliferinae« (seu
Chernetidae mandibulis acutis), für die aber, deren bewegliches Man-
dibelnglied vorn einfach gekrümmt ist, und vor dieser Krümmung
ein rundliches Höckerchen trägt, habe ich den Namen »Obisinaet
(seu Chernetidae mandibulis obtusis) gegründet. Dadurch zerfällt
die ganze Ordnung in zwei Familien.
Ueb. d. geograph. Verbreitung d. europäischen Chernetiden. 161
I.
Genera:
1. Cheiridium, Menge.
2. Chernes, Menge.
3. Chelifer Geoffr.
4. Olpium, L. Koch.
5. Garypus, L. Koch.
II
Genera :
1. Blothrus, Schiödte
Archiv f. Naturg. XXXXI. Jahrg.
Cheliferinae.
Species :
1. museorum, Leach.
2. Iberus, L. Koch.
3. cyrneus, L. Koch.
4. scorpioides, Herrn.
5. lacertosus, L. Koch.
6. Wideri, C. Koch.
7. Mengei, R. Koch.
8. eimieoides, Fabr.
a) Hahnii I n ^ ,
, ( -r, . \ C. Koch.
b) ranzen |
9. oblongus, Menge.
10. bohemicus, Stecker.
11. Reussii, C. Koch.
12. cancroides, Lin.
13. Schaffen, C. Koch. -
14. lamprosalis, L. Koch.
15. meridianus, L. Koch.
16. ixoides, Hahn.
17. granulatus, C. Koch.
18. tingitanus, L. Koch.
19. hispanus, L. Koch.
20. disjunetus, L. Koch.
21. heterometrus, L. Koch.
22. maculatus, L. Koch.
23. peculiaris, L. Koch.
24. chironomum, L. Koch.
25. graecum, L. Koch.
26. Hermanni, Savigny.
27. dimidiatum, L. Koch.
28. minor, L. Koch.
29. littoralis, L. Koch.
30. Beauvoisii, Savigny.
Obisinae.
Species :
1. spelaeus, Schiödte.
2. Abeillei, E. Simon.
1. Bd. ii
162
Stec ker:
II. Obisinae.
Genera :
2. Roncus, L. Koch.
3. Chthonius, C. Koch.
4. Obisium, Illig.
Species:
3. lubricus, L. Koch.
4. Cambridgii, L. Koch.
5. alpinus. L. Koch.
6. Rayi, L. Koch.
7. trombidioides, Latr.
a) maculatus, Menge.
8. orthodactylus, Leach.
9. tenuis, L. Koch.
10. Simoni, L. Koch.
11. cavernarum, L. Koch.
12. elimatum, C. Koch.
13. fuscimanum, C. Koch.
14. manicatum, L. Koch.
15. dumicola, C. Koch.
16. muscorum, Leach.
17. erythrodactylum, L. Koch.
18. jugorum, L. Koch.
19. carcinoides, Herrn.
20. validum L. Koch.
21. simile, C. Koch.
22. silvaticum, C. Koch.
Wie man aus dieser Zusammenstellung gleich ersieht,
sind beide Familien an Artenzahl von einander nicht be-
deutend verschieden, indem die erste Gruppe die zweite
nur um acht Species überwiegt. Doch müssen wir bemerken,
dass nebst diesen hier angeführten Arten, noch einige an-
dere europäische von verschiedenen Autoren gegründete
Species existiren, die man aber der wankenden Beschreibun-
gen ihrer Kennzeichen wegen, nicht feststellen konnte, und
welche darum nur als zweifelhafte Arten angeführt werden.
Es gilt dies am meisten von dem Chelifer nepoides, Herrn.;
Chelifer Latreillii, Leach ; Chelifer Olfersii, Leach ; Obisium
Hermanni, Leach, Obisium Theisianum, Walck. ; Obisium
Walcknaerij de Theis; Obisium Bravaisii, Gervais. Daher
Ueb. d. geograph. Verbreitung d. europäischen Cbernetiden. 163
führte auch ich in der Tabelle der europäischen Chernetiden
diese zweifelhaften Arten nicht an.
Was die Vertheilung der einzelnen Arten unter die
Gattungen anbelangt, springt uns sofort die ausserordent-
liche Entwickelung der Gattungen Chernes, Chelifer und
Obisium in die Augen, deren Artenzahl verhältnissmässig
eine so grosse ist, dass factisch genau die Hälfte aller
europäischen Chernetiden aus ihnen besteht, und dieselben
etwas über 6OV2 Procent unserer ganzen Pseudoscorpione-
fauna ausmachen.
Was nun die Vertheilung dieser Arten und Gattun-
gen über die Länder Europa's betrifft, so wird es am be-
sten sein, die einzelnen naturgemäss mehr zusammengehö-
renden Ländercomplexe in dieser Richtung näher zu un-
tersuchen, da wir auf diesem Wege nicht nur zur Kennt-
niss der verschiedenen Specialfaunen gelangen, sondern
auch aus der vergleichenden Betrachtung der letzteren auf
die der Verbreitung unserer Chernetiden zu Grunde liegen-
den Gesetze hingeführt werden können. Indem wir hier-
mit die den einzelnen Gebieten zukommenden Chernetiden
namentlich anführen, wollen wir die einem Lande eigen-
thümlichen noch durch Cursivschrift hervorheben, während
wir die nur äusserst selten und vereinzelt auftretenden und
daher für den Charakter der betreffenden Fauna wenig er-
heblichen Arten in Klammern einschliessen, und die nicht
auf dem Festlande vorkommenden Species mit einem Stern-
chen (*) bezeichnen. Die mit zwei Sternchen (**) bezeich-
neten Arten kommen sowohl auf dem Festlande, als auch
auf den dazu gehörigen Inseln vor.
Es finden sich demnach in : -
I. Island. III. Grossbritanie n.
0? 1. Cheiridium museorum.
2. Chernes cimicoides.
IL Skandinavien. 3. [Chelifer Schaffen].
4. Chelifer ixoides.
1. Cheiridium museorum. 5. Roncus lubricus,
2. Chernes cimicoides. 6. Roncus Cambridgii.
164
Ste cker:
7. Chthonius Rayi.
8. Chthonius trombidioides.
Pyrenäische Halb
inse 1.
IV. Frankreich.
1. Cheiridium museorum.
2. Chernes Reussii. **
3. — cyrneus. *
4. — Wideri.
5. — cimicoides.
6. — lacertosus. *
7. Chelifer cancroides.
8. — Schaffen **
9. — lamprosalis. **
10. — meridianus. *
11. — granulatus.
12. — ixoides.
13. — maculatus. *
14. — peculiaris.
15. Olpium Hermanni. *
16. Blothrus Abeillei.
17. Garypus minor. *
18. — littoralis. *
19. Roncus lubricus. *
20. Chthonius Rayi. **
21. — trombidioides.
22. — orthodactylus.
23. — tenuis. **
24. Obisium Simoni.
25. — simile. **
26. [ — silvaticum].
27. — dumicola. *
28. — cavernarum.
29. — museorum. **
30. — carcinoides.
1. (Chernes Iberus).
2. Chelifer lamprosalis.
3. (— tingitanus).
4. (— hispanus).
5. — disjunetus.
6. Olpium Hermanni. *
7. Roncus lubricus. *
8. (Blothrus Abeillei).
9. (Obisium cavernarum).
10. Chernes cimicoides.
11. Cheiridium museorum.
VI. Schweiz.
1. Cheiridium museorum.
2. Chernes cimicoides.
3. ( — Reussii).
4. Chelifer lamprosalis.
5. — peculiaris.
6. Chthonius Rayi.
7. — trombidioides.
8. Obisium Simoni.
9. — simile.
10. — silvaticum.
11. — museorum.
12. — jugorum.
13. — carcinoides.
VII. Oesterreich-Unga-
rische Monarchie.
1. Cheiridium museorum.
2. Chernes cimicoides.
3. — Wideri.
4. — Mengei.
Ueb. d. geograph. Verbreitung d. europäischen Cliernetiden. 165
5. (Chernes bohemicus).
6. Chelifer cancroides.
7. — lamprosalis.
8. — granulatus.
9. (— Schaffen).
10. Chelifer ixoides.
11. (Blothrus spelaeus).
12. (Olpium chironomum).
13. Roncus lubricus.
14. — alpinus.
15. Chthonius Rayi.
16. — trombidioides.
17. — tenuis.
18. Obisium silvaticum.
19. ( — fuseimanum).
20. — dumicola.
21. (— erythrodaetylum).
22. — muscorum.
23. — jugorum.
VIII. Deutschland.
1. Cheiridium museorum.
2. Chernes eimieoides.
3. ( — Reussii).
4. (— scorpioides).
5. — Wideri.
6. ( — oblongus).
7. Chelifer cancroides.
8. — Schaffen.
9. — granulatus.
10. — ixoides.
11. Chthonius Rayi.
12. — trombidioides.
13. — orthodaetylus.
14. (Obisium elimatum).
15. — silvaticum.
16. — dumicola.
17. -— muscorum.
18. (Obisium erythrodaetylum).
19. — carcinoides.
IX. Italien.
1. Cheiridium museorum.
2. Chernes eimieoides.
3. — Mengei.
4. Chelifer disjunetus.
5. — lamprosalis.
6. — meridianus.
7. — maculatus.
8. — ixoides.
9. (Olpium chironomum).
10. Roncus alpinus.
11. Chthonius Rayi.
12. Obisium dumicola.
13. — silvaticum.
X. Türkei.
1. Cheiridium museorum.
2. Chernes eimieoides.
3. Chelifer heterometrus.
4. Olpium Hermanni.
5. (Garypus Beauvoisii). *
6. (Obisium validum). *
XI. Griechenland.
1. Cheiridium museorum.
2. Chernes eimieoides.
3. Chelifer meridianus.
4. — heterometrus. *
5. Olpium dimidiadum. :
6. — graecum.
7. — Hermanni. **
8. (Obisium manicatum).
9. — muscorum.
166
Stecker:
XII. West:Russland.
1. Gheiridium museorum.
2. Chernes eimieoides.
3. (Chelifer Schaffen).
4. (Obisium erythrodaetylum).
[Chernetidenfauna des nördli-
chen Russlands unbekannt.1
Um nun das numerische Verhältniss der diesen Ge-
bieten zukommenden Chernetiden noch übersichtlicher bei-
sammen zu haben, wollen wir die den einzelnen Faunen
zustehenden Arten, in Zahlen ausgedrückt, neben einander
tabellarisch zusammenstellen. Da, wie wir aus der obi-
gen Aufzählung ersehen, in Island bisher noch keine Cher-
netiden beobachtet wurden, so werden wir in der Folge
von diesem Lande ganz absehen, und haben somit in den
einzelnen Ländern die neun Gattungen hinsichlich ihrer
Arten in nachfolgender Weise vertheilt:
Wenn wir nun die hier gemachten Zusammenstellun-
gen etwas aufmerksamer durchgehen, so können wir daraus
so manche interessante Ergebnisse ersehen.
Bevor wir an die einzelnen Faunen einige Bemerkun-
gen knüpfen wollen, mag erwähnt werden, dass die Cher-
netidenordnung auf Island ganz zu fehlen scheint, da mir
keinerlei Angaben bekannt sind, die in dieser Richtung
einen sicheren Schluss zuliessen. Sollte übrigens doch
eine europäische Art daselbst vorkommen, so dürfte es
Ueb. d. geograph. Verbreitung d. europäischen Chernetiden. 167
kaum eine andere als Cheiridium museorum sein, welche
Art als eine kosmopolitische erscheint ; denn man
findet diese Species sowohl in den Tropen, als auch im
höchsten Norden Russlands und Skandinaviens, kurz tiberall,
wo der Mensch sein Haus gebaut hatte.
Was die skandinavischen Arten betrifft, sind uns
bisher nur die überall vorkommenden Arten Cheiridium
museorum und Chernes cimicoides bekannt ; übrigens könnte
man wohl auch hier (so wie im nördlichen Russland) mehr
als diese zwei Arten finden; diese Lücke werden gewiss
die künftigen Forschungen ausfüllen.
Wenn wir nun die einzelnen Ländergebiete unter
einander vergleichen, so sehen wir, dass der Reichthum
der Chernetiden in den verschiedenen Ländern ein sehr
verschiedener ist. Als das an Chernetiden reichste Ge-
biet stellt sich sofort Frankreich heraus, welches, wenn
auch die Anzahl der Genera im Verhältniss zu anderen
Ländern daselbst keine besonders überwiegende ist, doch
an Menge der Arten alle übrigen Faunen bei weitem
übertrifft. Die in Europa vorkommenden 9 Gattungen sind
in Frankreich sämmtlich vertreten, die zusammen 30 Ar-
ten, also etwas über die Hälfte, oder 57.69 Procent unse-
rer einheimischen Chernetiden enthalten. . Auffallend ist
noch besonders der grosse Reichthum an Obisium- und
Chelifer - Arten , von welchen Gattungen Frankreich fast
drei Viertel sämmtlicher, in Europa vorkommenden Spe-
cies besitzt. Nicht viel ärmer an Chernetiden erweist sich
die 0 es terreich-Ung arische Monarchie, welche der
französischen Fauna an Artenzahl zwar um sieben nach-
steht, aber was die Gattungen anbelangt bis auf das Ga-
rypus-Germs völlig gleicht. Auf diese Länder folgen dann
in hinsichtlich der Chernetidenmenge absteigender Reihe
in nachstehender Weise die übrigen Faunen, welche wir
der leichteren Uebersichtlichkeit halber, mit Wiederholung
der bereits besprochenen zwei Gebiete, untereinander an-
führen, und zwar :
1. Frankreich .... mit 30 Arten in 9 Gattungen.
2. Oesterr.-Ungar.Monarchie mit 23 Arten in 8 Gattungen.
3. Deutschland .... mit 19 Arten in 5 Gattungen.
168 Stecker:
4. Italien mit 13 Arten in 7 Gattungen.
5. Schweiz mit 13 Arten in 5 Gattungen.
6. Pyrenäische Halbinsel mit 11 Arten in 7 Gattungen.
7. Griechenland .... mit 9 Arten in 5 Gattungen.
8. Grossbritanien . . . mit 8 Arten in 5 Gattungen.
9. Türkei mit 6 Arten in 6 Gattungen.
10. West-Russland . . . mit 4 Arten in 4 Gattungen.
11. Skandinavien .... mit 2 Arten in 2 Gattungen.
Es entfallen somit auf Frankreich über die Hälfte,
auf österr. - ung. Monarchie und Deutschland weniger als
die Hälfte, auf Italien und Schweiz etwa ein Viertel, auf
pyren. Halbinsel weniger als ein Viertel, auf Griechen-
land, Grossbritanien etwa ein Sechstel, auf Türkei ein
Neuntel, auf Westrussland ein Dreizehntel und auf Skan-
dinavien ein 26stel der in Europa vorkommenden Cher-
netiden.
Von eigenthümlichen Arten, die ausserhalb den be-
treffenden Gebieten noch nicht gefunden wurden, finden
sich in Frankreich vier (Chernes cyrneus, Chernes lacerto-
sus, Garypus minor, Garypus littoralis), in Griechenland
ebenfalls vier (Chelifer heterometrus, Olpium dimidiatum,
Olpium graecum, Obisium manicatum), auf der pyrenäischen
Halbinsel drei (Chernes Iberus, Chelifer tingitanus, Chelifer
hispanus), in österr. -ungar. Monarchie drei (Chernes bohe-
micus, Blothrus spelaeus, Obisium fuscimanum), in Türkei
zwei (Garypus Beauvoisii, Obisium validum), in Deutsch-
land drei (Chernes oblongus, Chernes scorpioides, Obisium
elimatum), und in Grossbritanien endlich nur eine Art
(Roncus Cambridgii).
Auch sind von den Species mancher Faunen einzelne
ausschliesslich pelasgische Thiere, welche auf den be-
treffenden Festländern vollkommen fehlen und nur auf den
dazu gehörigen Inseln vorkommen ; dies ist bei Frankreich
mit vier (corsicanischen) (Chernes cyrneus, Chernes lacerto-
sus, Garypus minor, Garypus littoralis), bei Griechenland
mit zwei (Chelifer heterometrus, Olpium dimidiatum), und
bei Grossbritanien mit einer Art (Roncus Cambridgii) der
Fall. Garypus littoralis lebt nur am Meeresstrande unter
den Steinen. — Blothrus spelaeus, Blothrus Abeillei, Obisium
Ueb. d. geograph. Verbreitung d; europäischen Chernetiden. 169
cavemarum erscheinen als Grottenarten; die erste Art lebt
in den Grotten Kärnthens (Adelsberg) und Mährens (Ada-
mov), während die zweite Species sammt der dritten in der
Grotte Estellas bei Arriege (in Pyrenäen) gesammelt wurde.
Parasitisch, d. h. an Stubenfliegen und Mücken schmaro-
tzend, kommen nur die Arten Chernes Beussii und Chernes
cimicoides vor.
Wenn wir jetzt die Areale der einzelnen Gattungen
und Arten betrachten, so ersehen wir aus den obgemachten
Zusammenstellungen, dass von den ersteren die Genera
Cheiridiiim und Chernes die verbreitetsten sind, indem sie
sich, obwohl nicht immer in denselben Arten, in allen Ge-
genden, wo überhaupt Chernetiden vorkommen, also in
sämmtlichen zur Betrachtung kommenden elf Gebieten
finden, also als echt europäische Charaktergattungen an-
zusehen sind; diesen zunächst stehen die Gattungen Che-
lifer und Obisium, welche mit Ausnahme von Skandinavien
(bei der ersteren) und Grossbritanien (bei der zweiten
Gattung) ebenfalls in ganz Europa vertreten sind. Hier-
auf folgen dann die Gattungen Chthonius und Olpium, die
in sechs Gebieten vorkommen, und auf diese in absteigen-
der Reihe die Genera Boncus (in fünf Gebieten), JSlothrus
(in drei Gebieten) und Garypus (in einem Gebiete).
Wenn wir nun die einzelnen Arten betreffs ihrer Ver-
breitung einer ähnlichen Betrachtung unterziehen, so können
wir hierbei von jenen, die in ihrer Gattung allein stehen
(Cheiridium), absehen, da sich ihr Vorkommen bereits aus
dem, über das bezügliche Genus Gesagte ergiebt. Hin-
sichtlich der übrigen Species mag Folgendes angeführt wer-
den. Zu den in Europa am weitesten verbreiteten Cher-
netiden gehört unstreitig Chernes cimicoides (mit seinen
Varietäten Hahnii und Banzeri), da er in sämmlichen Faunen
vertreten erscheint; ihm schliessen sich dann in fallender
Reihe an Chelifer lamprosalis und Chthonius Bayi (in je 6);
Chelifer Schaffen, Chelifer ixoides, Chthonius trombidioides,
Obisium silvaticuni und Obisium muscorum (in je 5); Bon-
cus lubricus und Obisium dumicola (in je 4); Chernes Beussii,
Chernes Wideri, Chelifer cancroides, Chelifer meridianus,
Chelifer granulatus, Olpium Hermanni und Obisium ery~
170 Stecker:
throdactylum (in je 3); Chernes Menget, Chelifer disjunctus,
Chelifer maculatus, Chelifer peculiaris, Olpium chironomum,
Boncus alpinus, Blothrus Äbeillei, Chthonius tenuis, Chtho-
nius orthodactylus, Obisium Simoni, Obisium cavernarum,
Obisium simile, Obisium jugorum und Obisium carcinoides
(in je 2); Chernes cyrneus. Chernes lacertosus, Chernes scor-
pioides, Chernes Iberus, Chernes bohemicus, Chernes oblon-
gus, Chelifer tingitanus, Chelifer hispanus, Chelifer hetero-
metrus, Olpium dimidiatum, Olpium graecum, Garypus mi-
nor , Garypus littoralis, Garypus Beatwoisii , Roncus Cam-
bridge Blothrus spelaeus, Obisium elimatum, Obisium vali-
dum, Obisium fuscimanum, Obisium manicatum (in je einem
Landesgebiete).
Um nun das zuletzt Besprochene übersichtlicher beisam-
men zu haben, wollen wir sämmtliche Genera und Species
schliesslich nochmals unter Beifügung der von ihnen be-
wohnten Länder zusammenstellen, wobei wir von den wei-
ter verbreiteten zu den weniger verbreiteten herabsteigen.
Fassen wir vorerst die Gattungen ins Auge, so er-
giebt sich nachstehende Reihenfolge.
1. Gheiridium: Skandinavien, Grossbritanien, Frankreich,
pyren. Halbinsel, Schweiz, österr.-ungar. Monarchie,
Deutschland, Italien, Türkei, Griechenland, Russland.
2. Chernes: Skandinavien , Grossbritanien , Frankreich,
pyren. Halbinsel, Schweiz, österr.-ungar. Monarchie,
Deutschland, Italien, Türkei, Griechenland, Russland.
3. Chelifer : Grossbritanien, Frankreich, pyren. Halbinsel,
Schweiz, österr.-ungar. Monarchie, Deutschland, Ita-
lien, Türkei, Griechenland, Russland.
3. Obisium: Skandinavien, Frankreich, pyren. Halbinsel,
Schweiz, österr.-ungar. Monarchie, Deutschland, Ita-
lien, Türkei, Griechenland, Russland.
5. Olpium: Frankreich, pyren. Halbinsel, österr.-ungar.
Monarchie, Italien, Türkei, Griechenland.
6. Chthonius : Grossbritanien, Frankreich, Schweiz, österr.-
ungar. Monarchie, Deutchland, Italien.
7. Roncus: Grossbritanien, pyren. Halbinsel, österr.-ungar.
Monarchie, Italien.
Ueb. d. geograpb. Verbreitung d. europäischen Chernetiden. 171
8. Blothrus: Frankreich, pyren. Halbinsel, österr.-ungar.
Monarchie.
9. Garypus: Frankreich, Türkei.
Stellen wir endlich in gleicher Art auch sämmtliche
Species zusammen, so folgen dieselben unter gleichzeitiger
Anführung ihrer Areale in nachstehender Weise nachein-
ander :
1. Cheiridium museorum: Skandinavien, Grossbritanien,
Frankreich, pyren. Halbinsel, österr.-ungar. Monarchie,
Schweiz, Deutschland, Italien, Türkei, Griechenland,
Russland.
2. Chernes eimieoides: Skandinavien, Grossbritanien,
Frankreich, pyren. Halbinsel, österr.-ungar. Monarchie,
Schweiz, Deutschland, Italien, Türkei, Griechenland,
Russland.
3. Chelifer lamprosalis: Frankreich, pyren. Halbinsel,
österr. - ungar. Monarchie , Schweiz , Deutschland ,
Italien.
4. CMhonius Bayi: Grossbritanien, Frankreich, österr.-
ungar. Monarchie, Schweiz, Deutschland, Italien.
5. Chelifer Schaffen: Grossbritanien, Frankreich, österr.-
ungar. Monarchie, Deutschland, Russland.
6. Chelifer ixoides: Grossbritanien, Frankreich, österr.-
ungar. Monarchie, Deutschland, Italien.
7. CMhonius trombidioides : Grossbritanien, Frankreich,
österr.-ungar. Monarchie, Schweiz, Deutschland. t
8. Obisium silvaticum: Frankreich, Schweiz, österr.-ungar.
Monarchie, Deutschland, Italien.
9. Obisium museorum: Frankreich, Schweiz, österr.-ungar.
Monarchie, Deutschland, Griechenland.
10. JRoncus lubricus: Frankreich, österr.-ungar. Monarchie,
pyren. Halbinsel, Grossbritanien.
11. Obisium dumicola: Frankreich, österr.-ungar. Monar-
chie, Deutschland, Italien.
12. Chernes Reussii: Frankreich, Schweiz, Deutschland.
13. Chernes Wideri: Frankreich, österr.-ungar. Monarchie,
Deutschland.
14. Chelifer cancroides: Frankreich, österr. - ungar. Mo-
narchie, Deutschland.
172 Stecker:
15. Chelifer meridianus: Frankreich, Italien, Griechenland.
16. Ghelifer granulatus: Frankreich, öster.-ungar. Monar-
chie, Deutschland.
17. Olpium Hermanni: pyren. Halbinsel, Türkei, Griechen-
land, i
18. Obisium erythrodactylum : österr. ungar. Monarchie,
Deutschland, Russland.
19. Chemes Mengei: Italien, österr.-ungar. Monarchie.
20. Chelifer disjunctus: Italien, pyren. Halbinsel.
21. Ghelifer maculatus: Frankreich, Italien.
22. Chelifer peculiaris: Frankreich, Schweiz.
23. Olpium chironomum: Italien, österr.-ungar. Monarchie.
24. Roncus alpinus: Italien, österr.-ungar. Monarchie.
25. Rlothrus Äbeillei: Frankreich, pyren. Halbinsel.
26. Chthonius tenuis: Frankreich, österr.-ungar. Monarchie.
27. Chthonius orthodactylus: Frankreich, Deutschland.
28. Obisium Simoni: Frankreich, Schweiz.
29. Obisium cavemarum: Frankreich, pyren. Halbinsel.
30. Obisium simile: Frankreich, Schweiz.
31. Obisium jugorum : österr.-ungar. Monarchie, Schweiz.
32. Obisium carcinoides: Frankreich Deutschland.
33. Chemes cyrneus: Frankreich.
34. Chemes lacertosus: Frankreich.
35. Chemes scorpioides : Deutschland.
36. Chemes Iberus: pyren. Halbinsel.
37. Chemes bohemicus: österr.-ungar. Monarchie (eine
speciell böhmische Art).
38. Chemes oblongus: Deutschland.
39. Ghelifer tingitanus: pyren. Halbinsel.
40. Chelifer hispanus: pyren. Halbinsel.
41. Chelifer heterometrus : Griechenland.
42. Olpium dimidiatum: Griechenland.
43. Olpium graecum: Griechenland.
44. Garypus minor: Frankreich.
45. Garypus littoralis: Frankreich.
46. Garypus Beauvoisii: Türkei.
47. Roncus Cambridgii: Grossbritanian.
48. Blothrus spelaeus: österr.-ungar. Monarchie.
49. Obisium elimatum: Deutschland.
Ueb. d. geograph. Verbreitung d. europäischen Chernetiden. 173
50. Obisium validum: Türkei.
51. Obisium fuscimanum: österr.-ungar. Monarchie.
52. Obisium manicatum: Griechenland.
Um von allen bisher besprochenen Thatsachen noch
einen Totaleindruck zu gewinnen, wollen wir die Gesammt-
resultate über die Verbreitung aller Gattungen und Arten
in einer Schlusstabelle zusammenstellen, wobei wir die
Gattungen durch römische, die denselben entsprechende
Specialzahl aber durch daneben gestellte arabische Ziffern
bezeichnen, und zuletzt noch den in Procenten ausgedrückten
Reichthum an Chernetiden jedes Gebietes hinzufügen wollen.
Es gestaltet sich hiermit eine Gesammtübersicht der
verschiedenen Localfaunen mit Rücksicht aller in denselben
vertretenen Gattungen und Arten, sowie auch der ihnen
zukommenden, eigenthümlichen Formen in nachstehender
Weise:
Wenn wir aus dieser Schlusstabelle auch keinerlei
neue Thatsachen ersehen, so ist sie doch geeignet um
einige Gesetze über die Verbreitung der europäischen Cher-
netiden sehr gut zur Anschauung zu bringen, und uns über
die Menge und Vertheilung derselben in den einzelnen
174 Stecker:
Lokalfaunen eine vergleichende Uebersicht zu verschaffen.
So ersehen wir aus derselben, dass die Cheliferinae die
Obisinae fast in allen Gebieten überwiegen, was besonders
hinsichtlich der Genera auffallend hervortritt, nicht selten
aber auch betreffs der Species der Fall ist, und dass im
Ganzen die Zahl der Cheliferinenarten in den einzelnen
Ländern viel geringeren Schwankungen unterworfen ist,
als die der Obisinen. Aus beiden Thatsachen ist daher
ersichtlich, dass die ersteren eine viel weitere und gleich-
massigere Verbreitung besitzen, während die Obisinae viel
häufiger auf einzelne und kleinere Gebiete beschränkt sind.
Endlich geht aus dieser letzten Zusammenstellung
noch hervor, dass im Westen Europa' s beide Familien der
Chernetiden der Hauptsache nach ziemlich gleichförmig
vertreten sind, während nach Osten hin die Obisinae im
Verhältniss zu den Cheliferinen ein wenig abnehmen. In
Deutschland und der Österreich-ungarischen Monarchie
gleicht bis auf eine Species die Zahl der Cheliferinen der-
jenigen der Obisinen; derselbe Fall ist auch bei der gross-
britanischen Chernetiden-Fauna.
Nachdem wir nun die Verbreitung der Chernetiden
in den einzelnen Ländercomplexen näher kennen gelernt
haben, bleibt uns noch die Aufgabe übrig, die Vertheilung
derselben in den grösseren Theilen unseres Faunengebietes
zu erörtern, wodurch dann die geographischen Beziehungen
der ganzen Ordnung noch klarer und deutlicher hervor-
treten dürften. Wiv wollen zu dem Ende Europa von
Norden nach Süden zu in drei Theilen unterscheiden, die
wir als Nord-, Mittel- und Südeuropa bezeichnen. Nord-
europa, als dessen Grenze nach unten wir etwa den 55. Gr.
nördl. Br. annehmen, umfasst Island, Schottland, Skandi-
navien und Nordrussland; zu Mitteleuropa, vom 55. bis
45. Gr. nördl. Breite reichend, gehört England mit dem
grössten Theile Frankreichs, dann Deutschland, österreich-
ungarische Monarchie, mit dem nördlichen Theile Italiens,
so wie das übrige Russland. Südeuropa endlich umfasst alle
vom 45. Gr. nördl. Br.,nach abwärts gelegenen Länder, wie die
pyrenäische Halbinsel, Süd- Frankreich und Italien, die Bal-
kan-Halbinsel sammt Griechenland.
Ueb. d. geograph. Verbreitung d. europäischen Chernetiden. 175
Wir stellen nun im Nachfolgenden die diesen drei
Hauptgebieten zukommenden Chernetidenarten übersichtlich
zusammen, wobei wir, um die den einzelnen Faunen eigen-
tümlichen Species ersichtlicher zu machen und die Ver-
gleichung überhaupt zu erleichtern, die gleichnamigen Ar-
ten in eine Reihe neben einander setzen, die Plätze für
etwa fehlende Species durch Striche ersetzend.
Es findet sich demnach in:
Nordeuropa.
1. Cheir. museorum.
Mitteleuropa. Südeuropa.
1. Ch. museorum. 1. Ch. museorum
— 2. Chernes Iberus.
2. Chern. scorp.
3. — cyrneus.
4. — lacertosus.
5. — Wideri.
2. Chern. eimieoides.
3. — Wideri.
4. — Mengei.
5. — eimieoides. 6. — eimieoides.
— 6. — oblongus. —
— 7. — bohemicus. —
— 8. — Reussii. 7. — Reussii.
— 9. — cancroides. —
3. Chelifer Schaffen. 10. Chel. Schaffen. 8. Chel. Schaffen.
— 11. — lamprosalis. 9. — lamprosalis.
— — 10. — meridianus.
4. Chelifer ixoides. 12. — ixoides. 11. — ixoides.
— 13. — granulatus. —
— — 12. — tingitanus.
— — 13. — hispanus.
— - — ^ 14. — disjunetus.
— — 15. — heterometrus.
— — 16. — maculatus.
— 14. — peculiaris. —
— 15. Olp. chironom. 17. Olpium chiron.
— — 18. — graecum.
— H 19. — Hermanni.
— — 20. — dimidiatum.
— — 21. Garypus minor.
176 Stecker:
Nordeuropa. Mitteleuropa, Südeuropa.
— — 22. Garyp. Beauv.
— — 23. — littoralis.
— 16. Blot. spelaeus. —
— — 24. Bloth. Abeillei.
— 17. Rone, lubricus. 25.Roncus lubricus.
5. Rone. Cambridgii. 18. — Cambridgii.
— 19. — alpinus. —
6. Chthonius Rayi. 20. Chthon. Rayi. 26. Chthon. Rayi.
7. — trombidioides. 21. — trombidioid. —
— 22. — orthodaetyl. —
23. — tenuis. 27. — tenuis.
— 24. Obis. Simoni. —
— — 28. Obis. cavernar
— 25. — elimatum. —
— 26. — fuseimanum. —
— — 29. — manicatum.
— 27. — dumicola. 30. — dumicola.
— 28. — muscorum. 31. — muscorum.
8. Obis. erytbrodact. 29. — erythrodact. 32. — erythrodact.
— 30. — jugorum. —
— 31. — carcinoides. —
— — 33. — validum.
— 32. — simile. 34. — simile.
— 33. — silvaticum. 35. — silvaticum.
Nachdem wir hier die Species zusammengestellt,
wollen wir in gleicher Weise auch mit den Gattungen ver-
fahren, da dadurch der Ueb erblick derselben, und in Folge
dessen auch die daraus sich ergebenden Schlüsse noch
besser und deutlicher hervortreten.
Es finden sich nämlich in den drei Haupttheilen
Europas folgende Scheerenspinnen, und zwar in:
Nordeuropa. Mitteleuropa. Südeuropa.
1. Cheiridium 1. Cheiridium. & 1. Cheiridium.
2. Chernes. 2. Chernes. 2. Chernes.
3. Chelifer. 3. Chelifer. 3. Chelifer.
Ueb. d. geograph. Verbreitung- d. europaischen Chernetiden. 177
Nordeuropa. Mitteleuropa. Südeuropa.
— 4. Olpium. 4. Olpium.
— — 5. Garypus.
— 5. Blothrus. 6. Blothrus.
4. Roncus. 6. Roncus. 7. Roncus.
5. Chthonius. 7. Chthonius. 8. Chthonius.
6. Obisium. 8. Obisium. 9. Obisium.
Die Schlüsse, welche sich aus diesen beiden Zusammen-
stellungen für die geographische Verbreitung der europäi-
schen Scheerenspinnen ergeben, sind leicht ersichtlich. Vor
allem fällt sofort die entschiedene Zunahme unserer Thier-
chen von Norden nach Süden zu in die Augen, indem schon
Mitteleuropa viermal, Südeuropa aber fast fünfmal so viel
Arten besitzt als Nordeuropa, da nämlich der Norden un-
seres Welttheiles den sechsten (8 Arten), Mittel- und Süd-
europa weit über die Hälfte (33—35 Arten) der einheimi-
schen Chernetiden enthält. Aus einer Vergleichung der
diesen drei Hauptgebieten zukommenden Artenmenge er-
giebt sich ferner, dass die nördliche Fauna hinter der
mitteleuropäischen um 25, hinter der südeuropäischen um
27 Species zurückbleibt, während diese jene wieder nur
um 2 Arten übertrifft.
Was die Gattungen anbelangt ist der Unterschied
nicht so auffallend, da das Verhältniss der Genera in den
drei Gebieten wie 6:8:9 erscheint; daraus ergiebt sich,
dass Mitteleuropa ein und ein Drittel-mal, Südeuropa aber
ein und ein Halb-mal so viel Gattungen als Nordeuropa
besitzt. Sehen wir uns endlich noch um die den einzelnen
Gebieten eigenthümlichen Formen um, so bemerken wir, dass
der Norden keine einzige, Mitteleuropa aber 15, und Süd-
europa 19 specifische Arten besitzt, so dass hiermit fast
ein Drittel aller europäischen Scheerenspinnen auf den
Süden unseres Welttheiles beschränkt erscheint. Da ferner
von der Gesammtzahl der einheimischen Pseudoscorpione
in Südeuropa nur 12 fehlen und alle nordeuropäischen Ar-
ten auch in Mitteleuropa vertreten sind, so ersieht man
auch, dass den im Norden auftretenden Formen nach Sü-
den zu eine viel weitere Verbreitung zukommt, als dies
umgekehrt von den südlichen Arten der Fall ist.
Archiv f. Naturg. XXXXI. Jahrg. l.Bd. 12
178 Stecker:
Es versteht sich übrigens wohl von selbst, dass die
einzelnen Gattungen und Arten über jedes der drei Gebiete
nicht gleichförmig verbreitet sind, sondern bald ein grös-
seres, bald ein kleineres Areal haben. Es mag in dieser
Richtung bemerkt werden, dass die Chelil'erinen, deren wei-
tere Verbreitung im Allgemeinen wir schon früher consta-
tirten, auch viel weiter nach Norden gehen, als die Obisi-
nen, und während letztere das südliche Skandinavien kaum
überschreiten dürften, erstrecken sich die cheliferartigen
Scheerenspinnen bis an den Polarkreis. Unter allen ein-
heimischen Chernetiden scheint Cheiridium museorum am
weitesten nach Norden vorzudringen, da es sich viel-
leicht, wie wir bereits oben erwähnten, sogar auf Island
findet. Ihm zunächst folgt Chernes cimicoides, auch eine
ausserordentlich verbreitete Form.
Nachdem wir nun die Verbreitung unserer Thierchen
von Norden nach Süden hin verfolgt, wollen wir noch den
Westen und Osten unseres Welttheiles einer ähnlichen,
vergleichenden Betrachtung unterziehen, wobei wir den
35. Gr. östl. L. als Grenze zwischen West- und Osteuropa an-
nehmen. Zu ersterem gehören hiermit ausser Island und
den britischen Inseln noch fast ganz Skandinavien, ferner
Frankreich und die pyrenäische Halbinsel, Deutschland,
ein Theil der Österreich, -ungarischen Monarchie und Ita-
lien; Osteuropa umfasst Ungarn, Russland und die Bal-
kan-Halbinsel sammt Griechenland.
Stellen wir nun für beide Theile zuerst die Species
in einer der früheren analogen Weise zusammen, so er-
giebt sich hiermit nachfolgende Uebersicht :
Westeuropa. Osteuropa.
1. Cheiridium museorum. 1. Cheiridium museorum.
2. Chernes Iberus. —
3. — cyrneus. —
4. — scorpioides. —
5. — lacertosus. —
6. — Wideri. —
7. — Mengei. —
Ueb. d. geograph. Verbreitung d. europäischen Chernetiden. 179
Westeuropa.
8. Chernes eimieoides.
9. — oblongus.
10. — bohemicus.
11. — Reussii.
12. Chelifer cancroides.
13. — Schaffen.
14. — lanrprosalis.
15. — meridianus.
16. — ixoides.
17. — granulatus.
18. — tingitanus.
19. — hispanus.
20. — disjunetus.
21. — maculatus.
22. — peculiaris.
23. Olpiura chironomum.
24. — Hermanni.
25. Garypus minor.
26. — littoralis.
27. Blothrus spelaeus.
28. — Abeillei.
29. Roncus lubricus.
30. — Cambridgii.
31. — alpinus.
32. Chthonius Rayi.
33. — trornbidioides.
34. — orthodaetylus.
35. — tenuis.
36. Obisium Simoni.
37. — cavernarum.
38. — elimatum.
39. — fusciuianum.
Osteuropa.
2. Chernes eimieoides.
3. Chelifer meridianus.
4. — ixoides.
5.
heterometrus.
6. Olpium chironomum.
7. — graecum.
8. — Hermanni.
9. — dimidiatum.
10. Garypus Beauvoisii.
11. Blothrus spelaeus.
12. Chthonius Rayi.
13. Obisium manicatum.
180
Stecker:
Westeuropa.
40. Obisium muscorum.
41. — dumicola.
42. — erythrodactylum.
43. — jugorum.
44. — carcinoides.
45. — simile.
46. — silvaticum.
Osteuropa.
14. Obisium validum.
15. — muscorum.
16. — erythrodactylum.
17. — silvaticum.
Eine ähnliche Zusammenstellung der Gattungen lie-
fert nachstehende Uebersicht:
Westeuropa.
Osteuropa.
1. Cheiridium.
2. Chernes.
3. Chelifer.
4. Olpium.
5. Garypus.
6. Blothrus.
7. Roncus.
8. Chthonius.
9. Obisium.
1. Cheridium.
2. Chernes.
3. Chelifer.
4. Olpium.
5. Garypus.
6. Blothrus.
7. Chthonius.
8. Obisium.
Wenn wir nun die Resultate dieser letzten Zusam-
menstellungen überblicken, so ersehen wir, dass der Un-
terschied zwischen dem Westen und Osten unseres Erd-
theiles noch auffallender ist, als es bei den vorigen der
Fall war. Namentlich tritt hier das schon im Früheren
erwähnte Gesetz der Abnahme der Scheerenspinnen nach
Osten zu in sehr auffallender Weise zur Erscheinung, in-
dem der Westen fast alle in Europa üherhaupt vorkommen-
den Species enthält, wogegen auf den Osten von der Ge-
sammtzahl nur ein Drittel entfällt. Was die eigenthümlichen
Species betrifft, besitzt der Westen Europas deren 35, also
sechsmal so viel als der Osten. Nebstdem können wir aus
dieser letzten Zusammenstellung leicht erkennen, dass die
Cheliferinen und die obisiumartigen Scheerenspinnen so-
wohl im Westen als auch im Osten Europas fast gleich-
Ueb. d. geograph Verbreitung d. europäischen Chernetiden. 181
massig verbreitet sind; weim man nämlich die zwei Fa-
milien bezüglich ihrer Vertheilung in beiden Gebieten ver-
gleicht, so sieht man, dass von den Cheliferinen 28 Species
im Osten nicht vertreten sind, während von den Obisinen
eine Gattung und 15 Arten nur im Westen vorkommen.
Um nun von allem bisher über die geographische
Verbreitung der Chernetiden Gesagten noch einen Total-
eindruck zu gewinnen, wollen wir die Resultate unserer
gesammten Untersuchungen in einer Haupttabelle zusam-
menstellen, wobei wir wie vordem die Gattungen durch
römische, die denselben entsprechende Specieszahl aber
durch daneben gestellte arabische Ziffern bezeichnen und
zuletzt noch den in Procenten ausgedrückten Reichthum
an Chernetiden für jedes einzelne Gebiet, sammt den den
einzelnen Ländercomplexen zukommenden, eigenthümlichen
Formen, hinzusetzen.
Es würde sich demnach die Uebersicht der europäi-
schen Scheerenspinnenfauna mit Rücksicht sämmtlicher
daselbst vertretener Gattungen und Arten für die fünf
Haupttheile des ganzen Faunengebietes in nachstehender
Weise gestalten:
Wenn auch aus dieser letzten Tabelle keine neuen
Thatsachen mehr hervorgehen, so bringt dieselbe doch die
der Verbreitung unserer Chernetiden zu Grunde liegenden
Gesetze sehr klar zur Anschauung, so dass wir dieselben
zum Schlüsse unserer Betrachtungen noch einmal zusam-
menfassen wollen. Es geht nämlich aus den bisher ge-
pflogenen Untersuchungen hervor, dass :
1) die Anzahl der Chernetiden von Norden
nachSüden und namentlich nach Westen
182 Stecker: Ueb. d. geogr. Verbr. d. europ. Chernetiden.
hin in steigendem Verhältnisse zunimmt,
und
2) dass sich die Ch eliferinae undObisinae
in den einzelnen Gebieten so ziemlich
das Gleichgewicht halten und nur im
Süden die ersteren die letzteren bedeu-
tend tiberwiegen.
Indem wir hiermit die Untersuchungen über die geo-
graphische Verbreitung der europäischen Chernetiden
schliessen, wollen wir nochmals hervorheben, dass dieser
ganze Aufsatz eben nur als ein Versuch anzusehen ist,
welcher zu genaueren und allseitigen Beobachtungen
in dieser Richtung aneifern soll, da es auf diesem Wege
allein möglich ist, das etwa Unvollständige und Unrichtige
dieser Untersuchungen zu beseitigen, und über die geo-
graphischen Beziehungen der einheimischen Scheerenspin-
nen ein genaues und vollständiges Bild zu erlangen; doch
kann auch nicht geläugnet werden, dass schon aus dem
Gegebenen eine hinreichende Menge interessanter Resultate
ersichtlich ist, und dass hiedurch die, der Verbreitung der
europäischen Chernetiden zu Grunde liegenden Gesetze
wenigstens in ihren Hauptmomenten mit genügender Klar-
heit hervortreten.
Anmerkung: In meiner Abhandlung „Zur Kennt-
niss der Chernetidenfauna Böhmens" (siehe Anm.
S. 159) habe ich eine neue Species Chelifer serratus ge-
gründet, deren ich in diesem Aufsatze darum nicht er-
wähne, weil mir bisher nähere Angaben über das Vor-
kommen dieser Art fehlen. Dieselbe scheint aber weit ver-
breitet zu sein.
Beobachtungen an neuen und bekannten
Helminthen.
Von
Dr. von Linstow
in Ratzeburg.
(Hierzu Tafel II-IV).
1. Taenia globifera Batsch.
-Die älteren Schriftsteller reden bei dieser Art, die ich
im Darm von Buteo vulgaris fand, von einem Rostellum
inerme, und Mol in 2) von einem caput apice truncatum,
oris limbo prominulo; das betreifende Gebilde ist aber
ein scheitelständiger, fünfter Saugnapf, wie ihn z. B. auch
Taenia mediocanellata hat; bemerkenswerth sind eigen-
thümliclie, kuglige, resp. nieren- oder muschelförmige Kalk-
concremente von brauner Farbe, die sich in den reifen
Gliedern finden, besonders am Rande, und nicht zu ver-
wechseln sind mit den bekannten, kleinen, regelmässig ge-
stellten, weit zahlreicheren, concentrisch geschichtetön
Kalkkörpern.
2. Taenia macrocephala Creplin
aus Anguilla vulgaris. Der Scolex ist gegen den fol-
genden Körper nicht abgesetzt; die 4 grossen Saug-
näpfe haben einen Durchmesser von 0,166 Mm.; dazwischen
steht ein viel kleinerer, fünfter, scheitelständiger, von
0,026 Mm. Durchmesser, der oft schwer aufzufinden ist. Die
Girren sind 0,2 Mm. lang und 0,06 Mm. breit, am äusseren
Drittel zeigen sie eine Einschnürung, so dass ungefähr
1) Sitzungsber. d. k. Akad. XXX, 1858, pag. 138.
184 v. Linstow:
die Gestalt der Kegel entsteht, wie sie beim Kegelschieben
üblich sind; sie ragen nur wenig mit der Spitze über den
Rand des Gliedes hinaus und stehen unregelmässig ab-
wechselnd. Die äussere Eihülle ist hyalin und umgiebt
das Ei weitläuftig, denn sie hat einen Durchmesser von
0,089 Mm., während der der inneren Eihülle nur 0,029 Mm.
und der der Eizelle selber 0.023 Mm. beträgt. Die Embiyo-
nalhäkchen sind sehr fein, sie haben eine Länge von
0,006 Mm.
3. Taenia osculata Goeze
aus Silurus glanis. Die von Wagener !) zuerst beschriebenen
kleinen Haken sind 0,0071 Mm. lang, und ist ihre Gestalt
aus der Abbildung ersichtlich.
4. Taenia longicollis Rudolphi
aus Osmerus eperlanus. Diese Art hat 4 grosse und
einen scheitelständigen etwas kleineren Saugnapf; erstere
haben einen Durchmesser von 0,18, letzteres von 0,098 Mm.
Die Cirren haben eine ähnliche Gestalt wie die von Taenia
macrocephala, sind 0,34 Mm. lang und an ihrer Wurzelseite
von einem 0,11 Mm. breiten Cirrusbeutel umgeben; sie
ragen bis 0,2 Mm. über den Rand der Glieder hinaus und
stehen unregelmässig abwechselnd.
5. Taenia ocellata Rudolphi
aus Perca fluviatilis. Hat ebenfalls 4 grössere und einen
kleineren, scheitelständigen Saugnapf; erstere haben 0,05,
letzterer 0,028 Mm. im Durchmesser.
6. Taenia attenuata Duj ardin
aus Fringilla coelebs. Das Fragezeichen, welches Du-
j ardin dem Worte un seul (?) rang bei Beschreibung
der Haken beifügt, ist gerechtfertigt, denn es finden sich
in der That zwei Reihen, und auch zwei Arten Haken,
die allerdings an Grösse und Form wenig verschieden
sind. Die Zahl der Haken in je einer Reihe ist 10, und
1) Nov. Act. Nat. Cur. XXIV., Suppl. pag. 32—34, 69, tab. II,
fig. 25, tab. III, fig. 26- 29.
Beobachtungen an neuen und bekannten Helminthen. 185
inisst die grössere Sorte 0,023, die kleinere 0,019 Mm.
Der Körper der Tänie versehmächtigt sich nach dem Sco-
lex zu plötzlich sehr beträchtich, so dass ein sogenannter
„Hals" entsteht, der nur y5 so breit ist, wie der vorher-
gehende Körpertheil; der Scolex schwillt dann wieder be-
trächtlich an. Die Saugnäpfe treten, stark hervor; die Ge-
schlechtsöffnungen liegen einseitig, die Cirren sind cylin-
drisch, 0,3 Mm." lang. Alles Uebrige ist bei Du j ardin J)
nachzusehen, der die Art sonst genau schildert. Dujar-
din's Abbildung des Hakens tab. IX3 S, ist nicht gut, da
der Haken nicht ganz von der Fläche, sondern etwas von
der Kante gesehen ist.
Eine ähnliche Form der Haken und dieselbe Zahl von
2x10 haben die beiden irrten Taenia constricta Molin und
Taenia puncta m. Bei letzterer Art2) aus Corvus corone
beträgt die Länge der Haken 0,04 und 0,034 Mm. ; Taenia
constricta3) aus Turdus iliacus, Turdus musicus, Corvus
cornix hat Haken von 0,029—0,04 resp. 0,027—0,036 Mm.,
und ist die Form derselben denen von Taenia puncta
ähnlich, aber nicht gleich, wie eine Anschauung der Ab-
bildungen lehrt, und unterscheiden sich die beiden letz-
teren Arten ausserdem z. B. dadurch, dass T. constricta
einseitige, T. puncta abwechselnd gestellte Geschlechts-
öffnungen hat.
7. Taenia acuta Rudolphi
aus Vesperugo noctula und serotina. Die Anzahl der
Haken beträgt 38—42, ihre Länge 0,04 Mm.; bei einzelnen
Exemplaren zeigen sich neben den normalen viel kleinere,
unregelmässige, verkümmerte Haken. Der Scolex ist gegen
den folgenden Körper nicht abgesetzt; die Länge der
ganzen Tänie beträgt bis 64 Mm., die Breite bis 2 Mm. ;
die einzelnen Proglottiden sind sehr kurz; bei unreifen ver-
hält sich die Breite zur Länge wie 12 : 1, bei reifen wie 7:1;
der Hinterrand ragt über die folgende Proglottide weit
1) Histoire naturelle des Helminthes pag. 566.
2) Troschel's Archiv 1872, I, pag. 56, tab. III, fig. 10.
3) Krabbe, Fuglenes Baendelorme pag. 329. tab. IX, fig. 253.
186 v. Linstow:
hervor; die Geschlechtsöffnungen stehen einseitig, und
zwar sind sie nicht wand- sondern flächenständig bei einer
Breite der Glieder von 1,5 Mm. stehen sie 0,01 Mm. vom
Rande entfernt ; der Cirrus ist im zurückgezogenen Zustande
kurz, kegelförmig; die äusseren Embryonalhaken der Eier
messen 0,0197, die mittleren 0,017, die inneren 0,0214 Mm.
8. Taenia Polygramma n. sp.
aus Parus major. Länge der Tänie 10 Mm., Breite
1 Mm.; das Verhältuiss der Länge der hinteren Glieder
zu ihrer Breite ist wie 1 : 3. Die von mir gefundenen
Exemplare haben noch keine geschlechtsreifen Proglottiden,
so dass ich über die Sexualorgane nichts angeben kann.
Der Scolex ist knopfförmig verdickt, das Rostellum ist
cylin drisch, vorn etwas verdickt, die Saugnäpfe sind
gross; die ganze Tänie zeigt sehr zahlreiche Kalkkörperchen.
Die Zahl der Haken beträgt 10, ihre Länge 0,017 Mm.
Taenia multiformis aus Podiceps minor hat 10 ähnlich ge-
formte Haken *), welche indessen eine Länge von 0,048 —
0,052 Mm. haben. Mit Taenia nasuta und parina aus ver-
schiedenen Meisenarten kann diese Species nicht identificirt
werden wegen gänzlich anderer Form der Haken, wie
Du j ardin2) und Krabbe3) sie beschreiben und ab-
bilden. Taenia nasuta dürfte überhaupt als Art eingehen
müssen, da Krabbe4) sie mit Taenia Fringillarum Rud.
identificirt, und zwar gewiss mit Recht, denn Krabbe's
Abbildung der Haken dieser Art (Tab. IX, fig. 245—246)
ist wohl mit Dujardin's (Tab. XI, fig. D 4 und D 10) zu
vereinigen, wie sich auch Krabbe's Abbildung der Eier
(ibid. Fig. 247) und Dujardin's (ibid. fig. D 9) durchaus
gleichen. Die Zahl der Haken ist hier wie dort 10, und
giebt Krabbe ihre Grösse auf 0,028 Mm., Du j ardin auf
0,023—0,026 Mm. an (so soll es wohl statt 0,023 a 0,06 Mm.
heissen; die letztere Zahl ist entschieden ein Druckfehler).
Für Taenia Fringillarum Rud. ~ T. nasuta Rud.
1) Krabbe, 1. c. pag. 305, tab. VII, fig. 173.
2) 1. c. pag. 568, tab. XI, fig. D.
3) 1. c. tab. X, fig. 291—292.
4) 1. c. pag. 327.
Beobachtungen an neuen und bekannten Helminthen. 187
kann ich übrigens einen neuen Fundort, nämlich Fringilla
inontifringilla, angeben.
Taenia depressa v. Siebold
aus Hirundo urbica. Die geschlechtsreifen Glieder dieser
Art sind es, welche ich einer genaueren Untersu-
chung unterzogen habe. Die Geschlechtsöffnungen stehen
abwechselnd, an der Vorderseite der Glieder. Die Anord-
nung der Geschlechtsorgane ist so durchaus verschieden
von der Schilderung, welche F e u e r e i s e n l) von Taenia i as-
ciata Krabbe (= Taenia setigera Feuereisen) giebt, dass
ich das bei T. depressa Gefundene hier wiedergeben will.
Etwa in der Mitte der Proglottiden liegt ein rund-
licher, schwach gelappter Körper, der viele gleiehgrosse.
hyaline Kügelchen in seinem Innern erkennen lässt, und
sich dadurch als Keimstock kennzeichnet; dicht vor diesem
liegt ein kuglicher, viel kleinerer Körper mit einem un-
deutlich strahligen Bau, die Schalendrüse, in welche hinein
der Ausführun^sgang des Keimstocks mündet. Seitlich
von diesen beiden Organen liegt zu beiden Seiten je ein
tief gelapptes Organ, den Keimstock nach vorne überragend,
und verjüngen sich alle Läppchen in der Richtung zu der
Schalendrüse hin, — die beiden Dotterstöcke, und endlich
geht von der Schalendrüse nach vorn ein schlauchartiges
Organ, die Vesicula seminalis inferior, die sich an ihrem
peripherischen Ende verjüngt, und in einen kugeligen
Hohlraum, von starker Muskulatur gebildet, übergeht, die
Vagina, die sich röhrenförmig verjüngt, und in den Ge-
schlechtsporus mündet. An der Stelle nun, wo Vesicula
seminalis inferior und Vagina in einander übergehen, findet
sich ein sehr bemerkenswerthes, eigenthümliches Organ.
Es ist, wenn man eine noch nicht mit Eiern gefüllte Pro-
1) Beitrag zur Kenntniss der Tänien; Zeitschr. f. w. Zool.
XVIII, pag. 161—206, tab. X. Nicht minder weicht der Bau von dem
der T. solium und mediocanellata ab, dessen Schilderung von
Sommer (Z. f. w. Zool. XXIV, 4) mir soeben zugeht, wo das
paarige, gelappte Organ als Dotter- und Keimstock zugleich fungirt
(Eierstock), und hinter demselben eine unpaare Eiweissdrüse liegt.
188 v. L in stow:
glottide betrachtet, der auffallendste Körper in dem unter-
suchten Objecte, da es stark lichtbrechend ist, und augen-
scheinlich aus Chitin besteht. Die Gestalt erinnert ent-
fernt an die einer Sanduhr, doch sind die Endflächen offen.
Die Einschnürung liegt mehr nach der Seite der Vesicula
seminalis inferior hin, und befindet sich in der nach der
Vagina hin gerichteten trichterförmigen Höhle eine beweg-
liche Lamelle, so dass ich das Ganze nur für einen Klap-
penventil-Apparat halten kann, der das Zurückströmen des
Samens von der Vesicula sem. inf. in die Vagina verhin-
dern soll. Die trichterförmige Chitinlamelle Sommer's
bei T. solium und mediocanellata gehört offenbar hierher.
Die männlichen Sexualorgane bestehen aus einer ansehn-
lichen Anzahl kugeliger Hodenbläschen, welche den hin-
tersten Raum in der Proglottide einnehmen; die Ausfüh-
rungsgänge derselben vereinigen sich in der Gegend des
Keimstocks und bilden am Vorderrande des Gliedes, gegen-
über dem Porus, eine Anzahl Windungen, die man als Vas
deferens bezeichnen kann, und dieses geht in eine von
einer starken Muskelwand gebildete Vasicula seminalis
superior über, die zugleich Cirrusbeutel ist, in der das
Vas deferens sich ebenfalls vielfach hin und her gewunden
verbreitet, und etwa die Gestalt einer Trichinenkapsel hat.
Der Cirrus ist lang, und hat an seinem vorderen Drittel
eine mit rückwärts gerichteten Stacheln besetzte Anschwel-
lung; das letzte Drittel ist dünner, und ist das Endstück
wieder mit Stacheln besetzt, die aber viel kleiner als die
erstgenannten sind.
In Betreff der Bemerkung Leuckart's auf pag. 453
des Berichts über die wissenschaftlichen Leistungen in
der Naturgeschichte der niederen Thiere pro 1870—71,
dass die Kenntniss der cysticerkoiden Formen weiter gehen
als meine Angaben, bemerke ich, dass ich von den letzteren
nur in soweit gesprochen habe, als sie zu Vogel tänien
gehören im Gegensatz zu den zu Säugethiertänien ge-
Beobachtungen an neuen und bekannten Helminthen. 189
hörigen Cysticerken, und ich den Stein'schen Cysticercus l)
also nicht erwähnen durfte, da derselbe der Jugendzustand
einer Tänie ist, die nach Leuckart2) in der Ratte lebt.
Die mir bekannten Cysticerken von Vageltänien sind
nun folgende:
1. Gryporhynchus pusilius Aubert e. p. aus Tinea vul-
garis (Gallenblase) = Taenia unilateralis Rud. aus Ar-
dea cinerea und virescens.
2. Gryporhynchus pusilius v. Nordmann, Aubert e. p.
aus Tinea vulgaris (Darm) == Taenia macropeos Wedl.
aus Ardea nyeticorax.
3. Taenia Arionis aus Arion empiricorum = Taenia Ario-
nis Krabbe aus Tolanus hypoleucos.
4. Cysticercus Lumbriculi aus Saenuris variegata == Tae-
nia? crassirostris Krabbe aus Scolopax rusticola und
Ascolopax gallinago.
5. Cysticercus Taeniae gracilis aus Perca fluviatilis =
Taenia gracilis Krabbe aus Anas boschas und Mergus
merganser.
Die vierte Art scheint zu Taenia crassirostris aus
Scolopax und Totanus zu gehören, da die Form und Grösse
der Haken (0,033—0,039 Mm.) sowie ihre Zahl (10) mit
denen des von Ratz el beschriebenen Cysticercus stimmen.
Die Zahl der Cysticerken der Vogeltänien, welche der
Wissenschaft bekannt sind, bleibt also immerhin noch er-
heblich kleiner, als die der zu Süugethiertänien gehörigen,
und ist angesichts der grossen Zahl von Vogeltänien hier
noch ein grosses Feld der Thätigkeit.
6. Distomum vitellatum n. sp.
aus Totanus hypoleucos. Die Körperform ist cylindrisch,
oben und unten gleich breit, an den Enden abgerundet;
Länge 1,3 Mm., Breite 0,36 Mm. Die vordere Körperhälfte
ist mit kleinen, feinen Stacheln besetzt. Der Mund-
saugnapf ist grösser als der Bauchsaugnapf, ersterer hat
1) Zeitschr. für wissensch. Zool. IV, pag 205—214, tab. X.
fig. 12-20.
2) Bericht etc., 1866—67, pag. 125.
190 v. Linstow:
einen Durchmesser von 0,15 Mm., letzterer, der genau im
vorderen Drittel des Körpers liegt, von 0,075 Mm. Un-
mittelbar auf den Mundsaugnapf folgt ein sehr muskulöser
Schlundkopf, dicht hinter diesem gabelt sich der Darm.
Beide Geschlechtsoffnungen liegen dicht vor dem Bauchsaug-
napf; der kolbenförmig gebogene Cirrusbeutel legt sich
halbmondförmig um den Vorderrand desselben, und tritt
aus ihm ein 0,2 Mm. langer, 0,023 Mm. breiter Cirrus her-
vor. Hinter dem Bauchsaugnapf liegt zunächst der Eier-
stock, hinter diesem die Hoden, der eine etwas mehr links,
der andere etwas mehr rechts gerückt hinter einander.
Die Dotterstöcke sind sehr weit verbreitet, denn sie begin-
nen schon dicht hinter dem Schlundkopf und reichen bis
zur Schwanzspitze ; der Vereinigungspunkt der beiden Dot-
tergänge liegt unmitelbar hinter dem Eierstock. Die Eier
sind 0,029 Mm. lang und 0,023 Mm. breit,
7. Distomum macrophallos n. sp.
aus Totanus hypoleucos. Länge 1,1 Mm., Breite 0,38 Mm.
Die Gestalt ist eiförmig; wie bei der vorigen Art ist auch
hier der Mundsaugnapf grösser als der Bauchsaugnapf, und
der Durchmesser von ersterem beträgt 0,098, von letzterem
0,072 Mm. Der Bauchsaugnapf liegt weit nach hinten gerückt,
und ist seine Mitte nur 0,3 Mm. vom Schwanzende entfernt.
Auf einen 0,15 Mm. langen Oesophagus folgt der kuglige
Schlundkopf, und gabelt sich der Darm dicht vor dem
Bauchsaugnapf; die beiden hier abgehenden Schenkel sind
kurz. Der Körper ist an seiner vorderen Hälfte gedrängt
mit ansehnlichen Stacheln besetzt. Die Fortpflanzungsor-
gane sind auf den hintersten Raum des Körpers beschränkt.
Von dem Bauchsaugnapfe in dem Winkel, den die beiden
Darmäste mit einander bilden, liegt die Vesicula seminalis
superior, eigenthümlicher Weise von dem Cirrus gänzlich
getrennt, und bemerkt man in derselben bei jungen Ex-
emplaren einen grossen, glänzenden Kern. Der Keimstock
findet sich rechts hinter und neben dem Bauchsaugnapf,
hinter diesem der rechte Hode , der linke an der ent-
sprechenden Stelle links. Der Dotterstock liegt versteckt
zwischen den Windungen des Eileiters, welcher das hin-
Beobachtungen an neuen und bekannten Helminthen. 191
tersteFtinftelaniLeibeeinnimmtjiinddieVeremigungsstelleder
Dottergänge findet sich in der Mitte zwischen beiden Hoden.
Der Cirrus ist eigenthüinlich gestaltet, und muss in Be-
treff seiner Form auf die Abbildung verwiesen werden ; er
ist 0,066 Mm. breit und 0,12 Mm. lang; er bedeckt die
weibliche Geschlechtsöffnung, die links neben und etwas
vor dem Bauchsaugnapf liegt, und bald weit geöffnet, bald
geschlossen ist. Der Anfangstheil der Vagina ist sehr
weit und dehnbar und besitzt eine sehr kräftige Muskula-
tur ,und erscheint ihr Lumen sehr wechselnd ; sie ist offen-
bar bestimmt, den Cirrus bei der Copula aufzunehmen, d. h.
den eines zweiten Exemplars, denn eine Selbstbegattung
ist hier unmöglich. Die Eier sind nur 0,023 Mm. lang und
0,013 Mm. breit. Für ihren Durchtritt ist die Ausmün-
dung des Eileiters mithin nicht so auffallend erweitert;
dass diese Erweiterung vielmehr bestimmt ist, den Cirrus
aufzunehmen , scheint mir zweifellos, und dürfte diese
Beobachtung eine Widerlegung der Ansicht Blumberg's 2)
sein, der allen Trematoden den Laurer'schen Kanal zu-
schreibt, der als Vagina gedeutet wird, was für Amphi-
stomum conicum gewiss zutrifft. Warum aber sämmtliche
Trematoden einen solchen Laurer'schen Canal haben sollen,
weil Amphistomum conicum einen solchen besitzt, kann ich,
selbst wenn dieses Organ bei Distomum hepaticum, wo
ihm indessen von anderen Forschern eine andere Func-
tion beigelegt wird, wiedergefunden ist, nicht verstehen.
Der Cirrus und die Erweiterung des Eileiters schwinden
bei älteren Exemplaren, und können hier meistens gar nicht
mehr aufgefunden werden. Zum ersten und einzigsten
Male bei meinen sehr zahlreichen Untersuchungen von Di-
stomen habe ich als Curiosum bei einem Exemplare dieser
Art einen aus dem Cerkarienstande persistirenden Stachel
gefunden, der in der Mitte des Mundsaugnapfes befestigt
ist, und 0,25 Mm. lang und 0,0033 Mm. breit ist. Aus der
Litteratur ist mir ein zweiter derartiger Fund nicht be-
kannt. Vielleicht gelingt es, durch diesen Stachel die hier-
her gehörige Cerkarienform aufzufinden, und ist diese Beob-
1) Ueber den Bau des Amphistoma conicum, pag. 33 und 34.
192 v. Linstow:
achtung ein Beweis, dass die Distomen sich nicht häuten,
wie die Nematoden und Acanthocephalen es thun.
8. Distomum Putorii Molin.
Im Prospectus helminth. quae in prodrom, faunae
helminthol. Venet. contin. wird diese Form ohne alle Be-
schreibung als species inquirenda aufgeführt '), und war
ich erstaunt, in ihr das Ebenbild des Distomum tetracystis
wiederzuerkennen. Ich traf sie in dünnwandigen, länglich-
eiförmigen Cysten zwischen Hals- und Nackenmuskeln und am
Oesophagus von Foetorius putorius. Die Lauge beträgt 0,9,
die Breite 0,7 Mm., doch ist die Gestalt sehr wechselnd;
bald ist der Körper langgestrekt, bald breiter und kürzer.
Das Thier bewegt sich, aus der Hülle befreit, sehr lebhaft,
und ist daher schwer zu beobachten; in Glycerin aufbe-
wahrte Exemplare lassen Nichts erkennen. Mund- und
Bauchsaugnapf sind gleich gross, sie haben 0,088 Mm. im
Durchmesser; dieser liegt etwas vor der Körpermitte, und
finden sich um denselben herum vier gekernte Drüsen,
die nach vorn ihre Ausmündungsgänge zu der Mundöffnung
schicken; letztere zeigen nach der Mündung zu eine Er-
weiterung. Der Darm zeigt dicht vor der Gabelung eine
kleine Ausbuchtung, und verlaufen die weiten Schenkel
bis zum dritten Fünftel des Körpers. Die Excretionsge-
fässe sind deutlich, und haben auch sie vor ihrer Ver-
einigung eine Anschwellung. Ob diese Art mit Distomum
tetracystis der Frösche identisch ist, wird wohl die Zukunft
lehren; ich habe keine Unterschiede finden können.
9. Distomum coelebs n. sp.
An der Innenwand des Darms von Fringilla coelebs
fanden sich dichtgedrängt zahlreiche kugelige Cysten, die,
vorsichtig zerdrückt, ein geschlechtlich unentwickeltes Disto-
mum austreten Hessen; der Körper ist eiförmig, 1,6 Mm.
lang, 0,8 Mm. breit; Saugnäpfe gross, Mundsaugnapf um-
fangreicher; die Vorderhälfte des Körpers ist mit Stacheln
1) Sitzungsber. d. k. Akad. Wien XXX, 1858, pag. 131.
Beobachtungen an neuen und bekannten Helminthen. 193
besetzt; Darmschenkel kurz; hinter dem Bauchsaugnapf
ein grosser, kugelförmiger, heller Körper.
Die Zahl der von mir aufgeführten M eingekapselten
Distomen, die in diesem encystirten Zustande schon Eier
produciren, kann ich übrigens durch zwei vermehren, welche
Gastaldi aufführt, indem er sagt2): „Questa credenza era
fondata su questo, che tutti i vermi incistidati fin ora tro-
vati, erano tutti privi di organi genitali."
„Pontaille (Ann. d. Sciences natur. 1851, pag. 217)
fu il primo, che portö un fatto contrario a tale opinione;
esso vide nella regione laringea del Triton marmoratus un
distome incistidato, avente giä i suoi organi genitali bene
sviluppati, e numerose uova giä mature."
„Un secondo fatto di simil genere mi occorse di os-
servare in un distoma non ancora descritto dai zoologi,
che io vidi frequentemente lungo i tronchi nervosi dei
plessi bracciali della rana" (es folgt die Beschreibung des
Distomum acervocalcoforum, oder wie Di es in g richtiger
schreibt: acervocalciferum).
10. Cercaria stylosa n. sp.
Vielfach habe ich mich bemüht, die zu Distomum he-
paticum gehörige Cerkarienform zu finden, indem ich eine
bedeutende Anzahl Eier dieses Distomum in ein kleines
Aquarium that, wo sie ihre Entwicklung bis zum Aus-
schlüpfen des Embryo durchmachten; zugleich mit den
Eiern wurden kleine Wasserschnecken in das Aquarium
gethan, um dem Embryo Gelegenheit zur Einwanderung
zu bieten. Der Erfolg war stets ein negativer, und be-
sonders habe ich oft mit Succinea amphibia und Planorbis
vortex experimentirt, die daher mit Wahrscheinlichkeit
als Zwischenwirth auszuschliessen sind. Bei Gelegenheit
1) Troschel's Archiv 1872, pag. 4.
2) Degli elminti in genere, e di alcuni nuovi in specie, p. 29.
Archiv f. Naturg. XXXXI. Jahrg. Bd. 1. 13
194 v. Linstow:
dieser Untersuchungen fand ich in Planorbis vortex eine
Cerkarie, die ich indessen wegen Grösse und Stellung der
Saugnäpfe nicht als zu Distomum hepaticum gehörend be-
trachte, v. Wi llemoes-Suhm l) hat übrigens die Beo-
bachtung gemacht, dass auf den Fär-Öern das Distomum
hepaticum sehr häufig ist, und dort an Land- und Stiss-
wassermollusken nur folgende Arten vorkommen:
Arion ater Vitiina pellucida (= beryllina).
Arion cinctus Hyalina (= Helix) alliaria.
Limax agrestis Limnaea truncata (= Limnaeus minutus).
Limax marginatus Limnaea peregra.
Die gefundene Cerkarie, welche ich nirgends be-
schrieben finde, entsteht in völlig structurlosen Keim-
schläuchen; sie hat einen etwa gleich grossen Mund- und
Bauchsaugnapf, mitunter erscheint ersterer etwas grösser,
und letzterer steht ungefähr in der Mitte des Körpers.
Der Schwanz ist etwas kürzer als der Körper, der Schlund-
kopf ist deutlich, und stehen vor dem Bauchsaugnapf ein-
zelne Drüsen mit nach der Mundöffnung ziehenden Aus-
mündungsgängen. Der Körper ist sehr platt, die Bewe-
gungen sind lebhaft, und wird hier wie auch bei anderen
Arten der Schwanz öfter fortgeschnellt, der sich dann
allein weiterbewegt. Der Mundsaugnapf führt einen 0,038 Mm.
langen und 0,006 Mm. breiten Stachel, der am vorderen
Drittel an der Unterseite etwas erweitert und mit der
Spitze nach unten gebogen ist, wodurch seine Gestalt etwas
an eine Stahlfeder erinnert. Unmöglich ist der Zusammen-
hang mit Distomum hepaticum immerhin nicht; vielleicht
ist auf den Fär-Öern die Anwesenheit von Planorbis vortex
übersehen, einer Art, die ihrer Kleinheit und des flachen
Baues wegen vortrefflich geeignet wäre, gelegentlich mit
am Ufer stehenden Pflanzen von Schafen verzehrt zu
werden. Die Stellung der Saugnäpfe ist kein absolutes
Hinderniss der Vereinigung mit Distomum hepaticum, ob-
gleich bei der Cerkarie der Bauchsaugnapf in der Mitte
1) Zeitschrift für wissensch. Zool. XXIII, 3, pag. 339.
Beobachtungen an neuen und bekannten Helminthen. 195
des Körpers, bei Distomuni hepaticum etwa im vordersten
Achtel des Körpers steht, da an dem späteren Wachsthum
des Distomum der Körpertheil zwischen den beiden Saug-
näpfen oft einen verschwindend kleinen Antheil nimmt; so
besitze ich Distomum mesostomum, bei denen Exemplare
von 0,6 Mm. den Bauchsaugnapf in der Mitte, Exemplare
von 3,3 Mm. denselben am vordersten Fünftel des Körpers
zeigen.
11. Bactylogyrus Dujardinianus Diesing
von den Kiemen von Leuciscus rutilus. An der
Schwanzscheibe befinden sich 2 grössere, an einen Angel-
haken erinnernde und 14 kleinere Haken; erstere beiden
werden an der Rückenseite durch eine in der Mitte ge-
bogene Klammer vereinigt, und an der Bauchseite derselben
steht ein anderer, mit 2 Haken versehener Apparat, wie
die Abbildung ihn veranschaulicht. Die Länge der
kleinen Haken beträgt 0,036 Mm., der grossen 0,043 Mm.,
die Klammer ist 0,029 Mm. breit und der letztgenannte,
vierarmige Apparat 0,026 Mm. lang. Der sogenannte
Bauchhaken hat noch immer keine richtige Deutung
und Beschreibung gefunden. Die beiden Geschlechtsöff-
nungen liegen, wie bei den meisten Trematoden, neben
einander. Der sogenannte Bauchhaken ist zweifelsohne
nichts Anderes als der Cirrus, wofür er schon anderwei-
tig gehalten wurde; er ist ein hakenförmig gebogener,
hohler Körper, und neben seiner durchbohrten Spitze findet
sich die weibliche Geschlechtsöffnung; der Anfangstheil
der Vagina hat eine chitinisirte, manchettenartige Umklei-
dung. Vor diesen Theilen liegt ^ ein grösserer, nierenför-
miger Körper; die Vagina tritt in gebogenem Verlauf in
denselben hinein; er liegt innen in der Oberfläche des
Körpers und ist wahrscheinlich ein Stützapparat.
12. Filaria Stomoxeos n. sp.
Herr Pastor Luther in Gronau im Lauenburgischen
hat im Rüssel von Stomoxys calcitrans einige kleine Nema-
toden entdeckt, und hatte die Gefälligkeit, mir das Prä-
196 v. Linstow:
parat zur Ansicht zu senden ; es waren 6 Exemplare einer
Nematodenlarve, bis 2 Mm. lang und 0,05 Mm. breit; das
Präparat hatte ein so dickes Deckglas, dass eine Beobach-
tung mit stärkeren Vergrößerungen unmöglich war; um
diese Art frisch und lebend zu beobachten, untersuchte ich
41 Köpfe von Stomoxys calcitrans, und hatte das Glück,
zweimal den fraglichen Nematoden zu finden, einmal 5(1 Em-
bryo, 4 Larven), einmal 1 Exemplar (Larve). Sie be-
wohnen frei die Muskulatur zwischen Stechrüssel und
Rüsselscheide. Der Embryo, offenbar erst vor Kurzem ein-
gewandert, war 0,27 Mm. lang und 0,01 Mm. breit. Der
Kopf ist knopfförmig verdickt, seitlich stehen 2 Papillen,
zwischen diesen ein pfriemenförmiger Bohrstachel. Der
Oesophagus ist relativ sehr lang; seine Länge verhält sich
zu der des ganzen Thieres wie 1 : 2,7. Der Darm ist
dünner als der Oesophagus, von bräunlicher Farbe, mit
dunkeln Kernen durchsetzt; sonst ist das ganze Thier
farblos. Ein After ist nicht vorhanden; das Schwanzende
ist gestreckt conisch, die äusserste Spitze rundlich abge-
stumpft. Die Haut trägt in der Oesophagusgegend 2 Reihen
von je 9 Papillen an der Bauchseite, die nur dann deut-
lich sind, wenn das Thier so liegt, dass eine der beiden
Reihen am Rande sichtbar wird, wo sich die Papillen als
glänzende Pünktchen markiren. Das Thier machte im
Wasser lebhafte Bewegungen.
Die Larve ist 1,6 bis 2 Mm. lang, 0,05—0,059 Mm.
breit. Die Muskulatur, zu den Polymyariern gehörig, ist
kräftig entwickelt, und die Bewegungen im Wasser sehr
lebhaft. Der Mund zeigt 3 schwache Wülste mit 2 kleinen
Papillen auf jedem. Der Oesophagus besteht aus einem
vorderen kürzeren, 0,05 Mm. langem Theil, der sich nach
vorn am Munde zu einem trichterförmigen Vestibulum er-
weitert, und einem hinteren, etwa doppelt so dicken, dessen
starke Muskelwand mit zahlreichen kleinen Kernen durch-
setzt ist. Der Oesophagus ist, wie bei dem Embryo, re-
lativ lang, und verhält sich seine Länge zu der des ganzen
Körpers wie 11 : 16.
Der Darm ist gelblich von Farbe, dünner als der
Oesophagus und aus polygonalen Zellen zusammengesetzt;
Beobachtungen an neuen und bekannten Helminthen. 197
der After mündet 0,07 Mm. von der Schwanzspitze, und
ist der Darm an seinem letzten Ende mit cylindrischen,
auffallenden, gekörnelten Drüsen besetzt. Das Schwanzende
ist allmählich verjüngt, und ist die äusserste Spitze abge-
rundet, und mit äusserst feinen, gedrängt stehenden, rund-
lichen Knöpfchen oder Papillen besetzt. Ausser dem Oeso-
phageal-Darmtract finden sich keinerlei innere Organe.
Anfangs glaubte ich, mit dieser Art Habronema
Muscae *) aus dem Kopf und Rüssel der Stubenfliege wie-
dergefunden zu haben, doch sind die beiden Species nicht
zu vereinigen. Meine Art ist völlig geschlechtslos, eine
Larve, und, wie man mir beistimmen wird, ohne Zweifel
eine Filaria im Schneider'schen Sinne, worauf der Bau
von Kopf und Oesophagus mit Sicherheit deuten. Habro-
nema Muscae dagegen ist geschlechtlich entwickelt, und
zwar hermaphroditisch, das Schwanzende ist aufgebläht,
der Mund von 4 Papillen umgeben und das Schwanzende
mit Häkchen besetzt (extremitate caudali echinata), was
Alles auf vorstehend beschriebene Art nicht passt.
13. Filaria Gruis n. sp.
Diese Art ist der vorigen verwandt, und findet sich
eingekapselt in der Leber von Ciconia alba und der Darm-
wand von Grus cinerea; sie wird bis 2,8 Mm. lang und
0,16 Mm. breit. Die Muskelzellen sind sehr deutlich als
zu den Polymyariermuskeln gehörig kenntlich. Der Mund
ist mit zwei stumpfen, vorstehenden Zähnen bewaffnet,
deren Fortsetzung nach hinten ein 0,05 Mm. langes Vesti-
bulum umschliesst. Wie bei der vorigen Art besteht der
Oesophagus aus einem vorderen, dünneren, und einem hin-
teren dickeren Theile, wie er der Gattung Filaria oft
eigenthümlich ist. Der dünnere Theil ist 0,13 Mm. lang;
der gesammte Oesophagus ist auch hier verhältnissmässig
lang und verhält sich seine Länge zu der des ganzen
1) Carter Ann. and Mag. nat. bist. Vol. VII, pag. 29—33,
tab. I, fig. 1—4; Leuckart, Bericht über die wissensch. Leist.
1861—62, pag. 59 und 64.
198 v. L in stow:
Thieres wie 16 : 37. Der Darm ist dünner als der Oeso-
phagus und besteht aus Zellen. Das Rectum ist mit birn-
förmigen, gekörnelten Drüsen besetzt, und mündet 0,06 Mm.
vom Schwanzende. Die Excretionsgetassmündung befindet
sich in der Bauchlinie da, wo der dünnere Theil des
Oesophagus in den dickeren übergeht. Das Schwanzende
ist hier ähnlich wie bei voriger Art ausgezeichnet, nur
sind die Knöpfchen hier grösser und stehen auf einer durch
eine Einschnürung vom übrigen Körper getrennten kleinen
Halbkugel. Diese Art kennzeichnet sich noch deutlicher
als Filarie durch die Bildung des Mundes und Verdauungs-
tractus, und fehlen auch hier alle Geschlechtsorgane; die
Form ist also auch als Larve anzusehen. Ob Wedl's
^Trichina affinis" (Sitzungsber. der k. Akad. XIX, p. 130 —
133, fig. 15 — 18) hierher gehört, kann ich nicht entscheiden.
Eine ähnliche Larve hat Bakody l) beschrieben, die
er im Verdauungskanale von Gallus domesticus fand. Die
Schwanzspitze dieser Species trägt aber statt der Kügelchen
kleine Spitzen oder Dornen. Zu Filaria gehört sie wohl
ohne Zweifel auch.
14. Sphaernlaria Bornbi, Leon Dufour.
Der Embryo ist 0,8 Mm. lang und 0,029 Mm. breit;
Schwanz- und Kopfende sind zugespitzt- abgerundet; die
Haut ist quergeringelt; der Darm geht bis an das
Leibesende, ein After ist nicht vorhanden. Oesophagus ist
0,066 Mm. lang, mit weitem Lumen; die Seitenlinien sind
deutlich. Am Munde glaube ich mitunter eine kleine, rund-
liche Herorragung zu sehen. Dass der von Bütschli 2)
tab. XI, fig. 67 abgebildete Nematode die Larve dieser
Art sei, ist mir wegen der Länge des Oesophagus sehr
zweifelhaft.
15. Trichosoma trilobiim n. sp.
Diese Art wohnt zwischen den Magenhäuten von
Vanellus eristatus ; an dieser Stelle, wo sonst nur Repräsen-
1) Zeitschr. für wissensch. Zool. XXII, 4, pag. 422, tab. XXXIV.
2) Beiträge zur Kenntniss der freilebenden Nematoden.
Beobachtungen an neuen und bekannten Helminthen. 199
tanten des früheren Genus Spiroptera sich finden, war ich
erstaunt, eine schöne, grosse Trichosomen- Art in ansehn-
licher Menge zu finden. In dem dem Westrumb'schen
Werke über die Acanthocephalen angefügten Verzeichniss
der Helminthen des Wiener Museums stehen pag. 75 zwei
Trichosomen, die zwischen den Magenhäuten von Himan-
topus rufipes und Charadrius minor gefunden sind, aber
ohne alle Beschreibung und Namen; ausserdem wird noch
Trichosoma obtusiusculum aufgeführt, das zwischen den
Magenhäuten von Grus cinerea wohnt, wegen glatter Pe-
nisscheide, viel bedeutenderer Grösse und kürzerem Zell-
körper und anderer Unterschiede mit unserer Art aber
nicht zu vereinigen ist.
Die Species gehört zu den Echinothecae Eberth's.
Das Männchen ist 8,7 Mm., das Weibchen 23 Mm. lang;
die grösste Breite beträgt bei ersterein 0,06, bei letzterem
0,12 Mm. Man findet ein breites Rücken- und ein schmales
Bauchband; das Verhältniss zum Körperdurchmesser ist
bei ersterem 11 : 15, bei letzterem 5 : 18; Seitenbänder finde
ich nicht. Die Stäbchen des Rückenbandes stehen sehr
dicht; die Spitzen derselben münden in trichterförmige
Einziehungen der Cutis, so dass man von der Fläche be-
trachtet lauter eng an einander liegende Ringe mit einem
glänzenden Mittelpunkt sieht; letzterer ist die Endfläche
des Stäbchens selber, und sind die Pünktchen des Bauch-
bandes viel feiner, auch ohne den umgebenden Ring, da
die Haut hier eben ist; auch stehen hier die Stäbchen
sehr viel vereinzelter. Das Verhältniss der Länge des Zell-
körpers zum übrigen Körper ist beim Männchen wie 1 : 3,
beim Weibchen wie 7 : 26 ; es scheint eine constante Eigen-
thümlichkeit aller Trichosomen zu sein, dass beim Männchen
der Zellkörper relativ länger ist als beim Weibchen.
DieCirrusscheide ist im eingezogenen Zustande 0,43 Mm.
lang, und ist mit grossen Dornen dicht besetzt. Das
männliche Schwanzende ist an der Bauchseite rundlich
vorgezogen, und seitlich stehen darüber zwei kleinere,
rundliche Lappen, die jeder eine kleine Papille tragen.
Beim Weibchen liegt die Vulva 0,2 Mm. nach hinten
200 v. Linst ow:
vom Ende des Zellkörpers ; die Eier sind 0,031 Mm. breit
und 0,074 Mm. lang.
IG. Trichosoma Totani spec. inquir.
aus dem Coecum von Totanus hypoleucos. Von dieser
Art habe ich nur das Männchen gefunden, von dem ich
nur eine unvollkommene Beschreibung geben kann, weil
bei den Stachelbändern nicht zu ersehen ist, ob sie Seiten-,
Rücken- oder Bauchbänder sind, die Länge beträgt 7,6,
die grösste Breite 0,066 Mm. Der Querdurchmesser der
Zellen des Zellkörpers ist etwa dreimal grösser als der
Längendurchmesser. Der Cirrus ist 1,3 Mm. lang, 0,7 Mm.
frei hervorragend, die Scheide ist 0,2 Mm. weit hervorge-
stülpt und ist mit nach hinten gerichteten Stacheln besetzt;
die Art gehört also auch zu den Echinothecae.
Trichosoma contortum habe ich im Oesophagus von
Anas crecea gefunden.
17. Angiostoma entomelas Dujardin.
18. Angiostoma macrostoma n. sp.
Unter ersterein Namen hat Dujardin zwei Arten zu-
sammengefasst, welche beide Anguis fragilis bewohnen,
und ist er selber zweifelhaft *), ob seine grosse und kleine
Form nicht in zwei Arten zu trennen seien. Die Männchen
scheinen äusserst selten zu sein, denn ich habe trotz des
angestrengtesten Suchens immer nur Weibchen gefunden;
Dujardin giebt an, unter vielen weiblichen Exemplaren
nur einmal ein Männehen entdeckt zu haben. Da ich die
Männchen beider Arten nicht gesehen habe, weiss ich nicht,
auf welche das von Dujardin1) beschriebene Männchen
zu beziehen ist. Blanchard2) sagt von dem Männchen
von Angiostoma entomelas, es habe 2 fast gleich lange spitze
Spicula und sei weit kleiner als das Weibchen ; seine Beschrei-
bung bezieht sich offenbar auf Angiostoma entomelas s. str.
Beide Arten sind nahe verwandt, und gehören zu den
Meromyariern. Die rhombischen Muskelzellen sind deutlich
1) Histoire des Helminthes, pag. 263.
2) Annales des sc. natur. III. serie, tome XI, 1849, Zool.
pag. 180-182.
Beobachtungen an neuen und bekannten Helminthen.
201
längs- und quergestreift, und zeichnen sich durch auffal-
lende Grösse aus; bei Angiostoma macrostoma erreichen
sie die Länge von 0,93 Mm.
Es wird am besten sein, zum Vergleiche die Beschrei-
bung der beiden Arten nebeneinanderzustellen. Den Namen
entomelas habe ich für die gestrecktere Art mit kleiner
Mundkapsel gelassen, weil hier der Darm schwärzlich ist,
und der Name auf die andere Art nicht passen würde.
Angiostoma macrostoma. Angiostoma entomelas.
Länge d. Weibchens 3,3 Mm. Länge d. Weibchens 4,4 Mm.
Breite 0,4 Mm. Breite 0,15 Mm.
Gestalt gedrungen, dick. Gestalt schlank, lang ge-
streckt.
Verhältniss der Länge zur
Breite 30: 1.
Muskulatur undeutlich, atro-
phirt.
Mundsaum ohne Wulst und
Papillen.
Verhältniss der Länge zur
Breite 8:1.
Muskulatur sehr kräftig.
Mundsaum von einem ring-
förmigen Wulste mit 6
Papillen umgeben.
Länge der Mundkapsel
0,12 Mm.
Breite der Mundkapsel
0,14 Mm.
Am Grunde derselben ß
Spitzen.
Ohne Mundstachel.
Oesophagus 0,7 Mm.
Darm bräunlich.
Schwanzende pfriemenför-
mig, ohne feine Spitze.
Länge der Mundkapsel
0,036 Mm.
Breite der Mundkapsel
0,04 Mm.
Am Grunde derselbe 3
Spitzen.
Mit beweglichem nadeiför-
migem Mundstachel, der
stossweise nach vorn be-
wegt wird.
Oesophagus 0,48 Mm. lang,
hinten mit bulbusartiger
Anschwellung, wie bei
Sclerostomum syngamus.
Darm schwarz.
Schwanzende spitz, in eine
feine, nadeiförmige, 0,02
Mm. lange Endspitze
endend.
202 v. Linstow:
Vulva 2,1 Mm. vom Kopf- Vulva 2,4 Mm. vom Kopf-
ende, ende.
Fundort Pleurahöhle von Fundort Lunge von Anguis
Anguis fragilis. fragilis.
Der Unterschied beider Arten ist ausserdem aus den
Abbildungen des Kopfendes klar, welche beide unter der-
selben Vergrösserung gezeichnet sind.
Die Embryonen von Angiostoma entomelas, die schon
im Uterus ausschlüpfen, sind 0,33 Mm. lang und 0,033 Mm.
breit. Sie zeigen einen kleinen Mundnapf, einen 0,09 Mm.
langen (bsophagus mit doppelter Anschwellung, einen
pfriemenförmig zugespitzten Schwanz; der Darm hat ein
weites Lumen und mündet in einen After; der Körper ist
farblos und die Bewegung eine lebhafte. Ich brauche wohl
nicht darauf aufmerksam zu machen, wie sehr dieser Em-
bryo an die Gattung Rhabditis Bütschli erinnert ; vielleicht
ergeben spätere Forschungen, dass diese Embryonen zu den
frei lebenden Nematoden gehören.
Der vorstossbare Mundstachel von Angiostoma entomelas
ist ein Gebilde, welches ich bei parasitischen Nematoden
noch nicht angetroffen habe. Die Bastian'schen Gattungen
Dorylaimus (= Enoplus Schneider), Tylenchus und Aphe-
lenchus haben auch einen Stachel; Dorylaimus erinnert
hierin am meisten an unsere Art.
Die Stellung im System müsste bei Sclerostoma sein.
Sclerostoma syngamus, tracheale und dispar wohnen be-
kanntlich auch in luftführenden Organen, pflanzen sich aber
durch Eier fort, während Angiostoma lebende Embryonen
producirt. Die Gattung Angiostoma besteht vorläufig nur
aus den beiden angeführten Arten, denn Angiostoma Li-
macis ist jetzt Leptodera angiostoma, und Angiostoma
terricola jetzt Rhabditis terricola benannt.
19. Ascaris Cornicis Gmel.
Im Darm von Corvus corone gefunden. Das Männchen
ist 26 Mm. lang und 0,7 Mm. breit, das Weibchen 58 Mm.
lang und 2 Mm. breit. Die Oberlippe erinnert an Ascaris
ensicaudata, doch ist die Form keineswegs gleich,
und sind übrigens die Papillen des Männchens bei beiden
Beobachtungen an neuen und bekannten Helminthen. 203
Arten durchaus verschieden. Die Oberlippe ist fünfseitig,
mit 2 querstehenden Papillen; die Pulpa hat 2 vordere,
schnabelförmige Fortsätze, wie aus der Abbildung ersicht-
lich ist, und der Vorderrand hat eine Zahnleiste mit
spitzen Zähnen; Zwischenlippen sind vorhanden. Das
Männchen hat ein conisches Schwanzende, auf dem in
jeder Reihe 4 Papillen stehen; vor der Geschlechtsöffnung
finden sich jederseits weitere 15 Papillen, also 19 in jeder
Reihe, deren Stellung aus der Abbildung ersichtlich ist.
Die Spicula fand ich stets zurückgezogen; sie sind fast
gerade und ziemlich kurz. Beim Weibchen liegt die Vulva
27 Mm. vom Kopfende.
20. Ascaris spiralis Zed.
Die Arten Ascaris spiralis und depressa sind von
Rudolph! Anfangs getrennt, dann zu einer vereinigt,
Dujardin trennt sie wieder, während Diesing sie
wieder vereinigt und Molin sie wieder sondert. Herr Pro-
fessor H. Landois in Münster hatte die Güte, mir vor
einiger Zeit zahlreiche Exemplare von Ascaris spiralis aus
Bubo maximus zur Untersuchung zu senden, wofür ich an
dieser Stelle nochmals meinen herzlichsten Dank ausspreche,
und bin ich in der Lage, zu zeigen, dass allerdings As-
caris spiralis aus Nacht- und Ascaris depressa aus Tag-
raubvögeln specifisch verschieden sind.
Mol in1) führt Ascaris spiralis aus Strix brachyotus,
nycta, Tangmali, flammea, strigula, bubo, otus, aluco an,
und ist aus seiner Beschreibung der Unterschied von As-
caris depressa nicht ersichtlich. Zu bemerken ist, dass
Molin den Namen Ascaris -spiralis für zwei ver-
schiedene Arten gebraucht 2), doch wird derselbe für die
hier beschriebene Species aus Eulen bleiben müssen, weil
der in diesem Sinne gebrauchte Namen die Priorität hat.
1) Sitzungsber. d. k. Akad. XXXVIil, pag. 21.
2) Sitzungsber. d. k. Akad. XL pag. 339. Eine Art mit einem
»corpus armatum« aus dem brasilianischen Picus comatus wird auch
Ascaris spiralis genannt.
204 v. Linstow:
Die Oberlippe ist sechsseitig; Lippen mit Zwischen-
lippen und Zahnleisten, die Zähnchen scharf zugespitzt;
Oberlippe mit 2 Papillen, Pulpa nach vorn fingerförmig
erweitert, vordere und hintere Hälfte des Seitenrandes
gleich lang.
Länge des Männchens bis 48, Breite 1,5 Mm. Die
Girren ragen immer nach aussen hervor und sind sichel-
förmig gekrümmt, hinter der Geschlechtsöffnung ist der
Körper in eine conische Spitze ausgezogen, die jederseits
2 Papillen trägt, welche in etwa gleichen Abständen von
einander und von den Enden des conischen Körpers stehen ;
weiter nach vorn findet sich jederseits eine Doppelpapille,
dann folgen nach grösserem Zwischenraum nach vorn 4
und nach abermaligem Zwischenraum noch weiter vorn
2 Papillen, so dass, die Doppelpapille einfach gerechnet,
jede Reihe aus 9 Papillen, 3 hinter und 6 vor der Ge-
schlechtsöffnung, besteht. Das Weibchen ist bis 64 Mm.
lang und 1,7 Mm. dick; die kegelförmige Vorragung des
Schwanzes fehlt hier; das Kopfende verdickt sich nach
hinten zu sehr allmählich, während das Schwanzende sich
plötzlich nach hinten zu verdünnt. Es finden sich, wie
gewöhnlich, 2 Ovarien, die sich am hintersten Fünftel des
Körpers vereinigen; die Vulva liegt etwas hinter der
Körpermitte, der hierdurch gebildete vordere Abschnitt
des Körpers verhält sich zum hinteren wie 8 : 7. Die Va-
gina ist ebenso sichelförmig gebogen wie die Cirren, mit
der Convexität nach hinten, und ist sehr starkwandig.
Die Eier sind elliptisch, 0,102 Mm. lang und 0,06 Mm. dick ;
sie sind doppelschalig ; die äussere Schale ist an den End-
punkten verdickt, und mit kleinen glänzenden Erhabenheiten
besetzt. Auf ihre längliche Gestalt und Grösse, sowie die
Form der Spicula im Gegensatz zu Ascaris depressa macht
schon Duj ardin l) aufmerksam.
21. Ascaris depressa Rud.
aus Falco tinnunculus und Buteo vulgaris. Junge, ge-
schlechtlich unentwickelte Individuen dieser Art fand
1) 1. c. pag. 197.
Beobachtungen an neuen und bekannten Helminthen. 205
ich in grosser Zahl im Magen eines jungen Buteo vulgaris,
und waren dieselben sämmtlich im Begriff, die Larvenhaut
abzustreifen, die ohne Lippen ist, während die 3 defini-
tiven Lippen unter derselben schon vorgebildet sind.
Lippen mit Zahnleisten und Zwischenlippen; die
Zähnchen der Zahnleisten sind stumpf, im Gegensatz zu
Ascaris spiralis, wo sie scharf sägeförmig zugespitzt sind.
Die Oberlippe ist sechsseitig; die Vorderhälfte des
Seitenrandes ist doppelt so lang als die Hinterhälfte; bei
Ascaris spiralis sind beide Hälften gleich lang; die seit-
lichen Lobi der Pulpa sind jeder in 2 fingerförmige Lo-
buli getheilt; zwei grosse Papillen.
Das Schwanzende des Männchens hat einen conischen
Anhang, auf dessen Bauchseite zwei Reihen von je 3 Pa-
pillen stehen, seitlich von diesen stehen noch 2 weitere,
so dass der conische Anhang im Ganzen 10 Papillen trägt.
Die vorderste der bauchständigen Papillen hat Schneider
nicht gesehen, vermuthet aber ihre Anwesenheit *). Hinter
der Geschlechtsöffnung auf dem eigentlichen Körper steht
jederseits eine grosse Doppelpapille, und vor derselben
jederseits in einer Reihe 17 Papillen, so dass im Ganzen
23 Papillen jederseits bemerkbar sind; ihre Anordnung
bitte ich aus der Abbildung zu ersehen. Die Pulpa des
conischen Schwanzanhanges ist nach hinten über die Cutis
hinaus in eine feine Spitze verlängert, was bei Ascaris
spiralis nicht der Fall ist. Die Spicula sind fast gerade,
und habe ich sie nie vorgestreckt gefunden, während sie
bei Ascaris spiralis sichelförmig gebogen sind.
Die Eier habe ich nicht gesehen, doch giebt der sehr
zuverlässige Duj ardin an, dass sie kuglich sind, während
die von Ascaris spiralis elliptische- Form zeigen.
1) Monographie der Nematoden, pag. 41
206 v. Linstow:
Erklärung der Abbildungen.
Tafel IL
Fig. 1. Reife Proglottide von Taenia depressa.
a. von der Fläche.
b. von der Seite.
Fig. 18. Bauchhaken-Apparat von Dactylogyrus Dujardinianus.
a. Cirrus.
b. Vulva.
Fig. 19. Haftorgane der Schwanzscheibe derselben Art.
a. grosser Haken. c. Klammer der Bauchseite.
b. kleiner Haken. d. Klammer der Rückseite.
Fig. 20. Kopfende von Filaria Stomoxeos (Larve).
Beobachtungen an neuen und bekannten Helminthen. 207
Fig. 21. Schwanzende von Filaria Stomoxeos (Larve).
Fig. 22. Filaria Stomoxeos (Embryo).
Fig. 23. Kopfende von Filaria Gruis (Larve).
Fig. 24. Schwanzende derselben Art.
Fig. 25. Schwänzende des männlichen Trichosoma trilobum.
Fig. 26. Kopfende von Angiostoma entomelas.
Fig. 27. Embryo derselben Art.
Tafel IV.
Fig. 28. Kopfende von Angiostoma macrostoma.
Fig. 29. Oberlippe von Ascaris depressa.
Fig. 30. Oberlippe von Ascaris spiralis.
Fig. 31. Ei derselben Art.
Fig. 32. Oberlippe von Ascaris Cornicis.
Fig. A— C männliches Schwanzende von der Bauchseite gesehen,
schematisch, um die Papillen zu zeigen.
Fig. A. Ascaris spiralis.
Fig. B. Ascaris depressa.
Fig. C. Ascaris Cornicis.
Beitrag zur Kenntniss der Gattung Serolis
und einer neuen Art derselben.
Von
Prof. Dr. Ed. Grube.
Hierzu Tafel V u. VI.
Die Gattung Serolis, deren Körper durch seine Breite
und Flachheit, die Grösse des Kopf- und Schwanzschildes
und die durch die abgesetzten Epimeren so in's Auge fal-
lende Dreitheilung der zwischenliegenden Segmente an die
Trilobiten erinnert und schon Fabricius zu dem Zusatz
„an protypon Entomolithi paradoxi ?u veranlasste, erweckt
eben dadurch ein allgemeineres Interesse und hat noch
ganz neuerlich zu einer durch die Tagesblätter verbreiteten
Mittheilung Anlass gegeben, nach welcher L. Agassiz
bei seiner Umschiffung von Südamerika bei Patagonien auf
trilobiten-artige Thierformen gestossen sein sollte. Diese
Mittheilung sollte einen neuen Belag dafür geben, dass die
grösseren Meerestiefen Geschöpfe beherbergen, die man bisher
für ausgestorben gehalten. Jene Thiere, von denen ich
einige Exemplare der grossen Freundlichkeit des bei der
Agassiz'schen Expedition sich betheiligenden Herrn Dr.
Steindachner verdanke, waren nichts anderes als eine
echte Serolis, die S. Orbignyana.
Von dieser Gattung war mehrere Jahrzehnte hindurch
1) Archives du Museum d'hist. nat. II. 1841.
Grube: Beitrag zur Kenntniss der Gattung Serolis. 209
nur eine Art, die zuerst von Fabricius als Oniscus para-
doxus beschriebene, von Leach Serolis Fabricii benannte
bekannt. In der von Audouin und Milne Edwards
verfassten, von 2 Tafeln begleiteten Monographie *) finden
wir vier Arten verzeichnet, nach wiederum längerer Pause
haben dann Dana und Ltitken zwei und ganz vor
kurzem Cunningham noch eine hinzugefügt; eine achte
werde ich in dieser Mittheilung beschreiben.
Diese acht Arten sind folgende:
Serolis Fabricii Leach. Dict. Scienc. nat. Tome XIT,
p. 340, Bucklund Geology and Mineralogy Vol. II PL 45
Fig. 6—8 (Uebersetzung von L. Agassiz PI. 45 Fig. 6 — 8;
Fig. 6 allein copirt in den Bridgewaterbüchern auf Taf 24
Fig. 8), Milne Edwards Hist. nat. des Crustac. Tome III,
p. 231, Cuvier Regne anim, Crustac. pl. 64. Fig. 3. Serolis
paradoxa Aud. et Edw. Arch. du Mus. p. 28, Oniscus para-
doxus Fabric. Mantissa I. 1787 p. 240, Gymothoa paradoxa
Fabric. Entomol. syst. II. 1793 p. 503 (die andern Citate
s. bei Milne Edw.).
S. trilobitoides Aud. et Milne Edwards Arch. du Mus.
II p. 59 pl. 2 Fig. 11, Copie von Brogniartia trilobitoides
Eights Transact. of the Albany instit. IT. 1833 pl. 1 u. 2
(mir nicht bekannt), Serolis Brogniartiana Milne Edwards
Hist. nat. des Crustac. Tome III p. 232.
S. Orbignyana Milne Edw. 1. c. Serolis Orbignyi Aud. et
Edw. 1. c. p. 25 pl. 2 Fig. 8 u. 9, Cunningham Notes on
the nat. bist, of the strait of Magellan p. 74 pl. 4.
S. Gaudichaudi Milne Edw. 1. c. p. 232, Aud. et Edw. Arch.
du Museum p. 32 pl. 1, Cuvier Rigne anim. Crustac. pl. 64 Fig. 2.
S. plana Dana United. Stat. Explor. exped. Crust. II.
p. 764 pl. 53 Fig. 1.
8. Schythei Lütken, Naturhist. Foren. Vidensk. Med-
deleiser. 1858 p. 98 Tab. I. A Fig. 12 u. 13.
S. convexn Cunningham Rept. Fish. Mollusc. Crustac.
obtaining during the voyage of H. M. S. Nussau 1865—69
in Linn. Transact. XXVIII. 1871 p. 498, tab. 59 Fig. 3.
S. tuber culata Gr. n. sp., aus der Bathstrasse, von wo
sie Herr J. C. Godeffroy erhielt, in dessen Katalog V.
*) Archives du Museum d'hist. nat. II. 1841.
Archiv für Naturg. XXXXI. Jahrg. 1. Bd. 14
210 Grube:
sie als S. Fabricii bezeichnet ist. Alle übrigen Arten ge-
hören Südamerika an, doch waren Exemplare von S. Fa-
bricii nach Dufresne's Angaben auch am Senegal gefunden
worden.
Nachdem ich vier dieser Arten selbst zu untersuchen
Gelegenheit gehabt, glaube ich von der Gattung selbst ein
etwas ausgeführteres Bild geben zu können.
Serolis Leach.
Oniscus (e. p.) Fabr. Mantissa, Cymothoa (e. p.) Fabr.
Entom. System. ; Asellus (e. p.) Oliv. ; Serolis Leach. Dict.
Scienc. nat. XII. p. 339, Brongniartia Eights.
Corpus maxime complanatum, epimeris uiagnis latissi-
mum, ovatum vel suborbicale.
Caput cum segmento pedes maxillares gereute et cum
pedigere lmo coalitum, illi penitus impressum, parte media
oculis interiecta elata.
Oculi compositi magni, a marginibus remoti. An-
tennae validae, basi sese tangentes, superiores inferioribus
incumbentes, articulis pedunculi, 3 inferiores articulis pe-
dunculi 4 (raro 5).
Epistoma normam mentiens, labrum triangulum ei im-
pressum.
Mandibulae validae, edentulae, palpigerae, palpi longi
articulis 3, extremo brevissimo, sulco laterali epistoma pro-
sequenti repositi, maxillae paris lmi curvatae in spinas
exeuntes lamina basali lata, paris 2di debiliores 3-laci-
niatae. Pedes maxillares operculares, lamina basali magna
subquadrata, 4-partita, palpo brevi 3-articulo, articulo basali
brevissimo, 2do magno, extremo multo angustiore et bre-
viore quam 2do.
Segmenta pedigera 7 ; epimeri sutura sepositi, magni,
recurvi apice acuto, saepe producto, segmenti 7ti (cum 6to
couliti, supra haud distinguendi) nulli.
Orificia genüalium in maribus sub segmento 6to, in
feminis sub 5to sita, latius inter se distantia, laminae ovi-
ferae lmo segmento et proximis 3 aflixae.
Pedes utrinque latissime inter inter se distantea, paris
l™i, in maribus 2di quoque subchelati, illi multo validiores
Beitrag zur Kenntniss der Gattung- Serolis. 211
manu ovali, ceteri ambulatorii, satis longi, ungue longo
leviter curvato.
Postabdominis segmenta 3 anteriora mobilia (2dum et
3ium interdum epimeris munita), pedes spurios natatorio
ferentia, articulo basali elongato, laminarum altera ad mar-
ginem posteriorem submedium, altera ad apicem suspensa,
illa in maribus in stylum linearem producta. Pedes spurii
paris 4ti et 5ti branehiales, scuto caudali magno affixi 2-la-
minares, lamina inferior paris 4t i pergamentacea, opercularis
transverse 2-partita, ceterae tenerrimae, reti quasi vasculoso
repletae. Pedis paris 6ti laterales , natatorii, articulo ba-
sali transverso triangulo, laminis 2 liberis calcareis ad an-
gulum exteriorem suspensis. Anus sub initio scuti cau-
dalis situs.
Während bei den übrigen Isopoden nur das die Kie-
ferfüsse tragende, dem Prothorax der Insecten entsprechende
Segment mit dem Kopf verwachsen, seitlich nicht verbreitert
und mit dem folgenden beweglich verbunden ist, finden
wir bei Serolis ein aus diesen drei Theilen verwachsenes,
nach hinten in eine Epimere auslaufendes Schild, dessen
Zusammensetzung meist noch an Grenznähten erkennbar ist,
und in welchem die tief hineingedrängte Kopfplatte mit
ihren grossen Augen das Mittelsttick bildet. Auf der Bauch-
seite springt jedes jener beiden Segmente in einen mitt-
leren Kiel vor. Die seitliche Grenze zwischen beiden Seg-
menten auf der Oberseite bezeichnet in der Regel auch eine
dunkle, von der Kopfplatte auslaufende Querlinie. Eine
Annäherung an diese Bildung begegnet bloss bei den Weib-
chen der Bopyrus und den Männchen der Anceus, andrer-
seits bei einigen Onisciden und Sphaeromiden doch nur in
so fern, als der wie immer mit dem Prothorax verwachsene
Kopf von dem selbständig bleibenden Mesothorax seitlich
umfasst wird.
Eine andere Eigentümlichkeit der Serolis besteht da-
rin, dass das letzte der 7 fusstragenden Segmente von oben
gar nicht erkennbar, unten zwar scharf begrenzt, aber mit
dem 6ten unbeweglich verbunden ist, auch nicht in eine
Epimere ausläuft, so dass deren jederseits nur sechs vor-
handen sind. Die Abgrenzung derselben gegen ihre Seg-
212 Grube:
mente durch eine Naht wiederholt sich auch bei Cymo-
thoaden, Sphaeromiden u. a., aber selten nur erreichen
diese Theile eine solche Ausdehnung.
Die Segmente sind vorn 2ten fusstragenden an auf
ihrer Bauchseite durch eine feine Längfurche halbirt, am
5ten? 6ten und 7ten ist sie am wenigsten deutlich.
Man zählt, da das 7te Segment sich seitlich nur bis
zur Insertion der Beine und nicht darüber hinaus ausdehnt,
am Mittelkörper jederseits nur sechs Epimeren. An der
3ten pflegt der Körper die grösste Breite zu haben. Sie
schliessen bei einigen Arten, z.B. S. Gaudichaudi, so eng
an einander, dass nur die äussersten Enden der Zacken
der hinteren vorragen, bei andern, wie bei 8. trilobitoides,
springen alle Zacken ansehnlich vor, alle nach hinten ge-
krümmt und die letzten so weit nach hinten, dass sie den
grössten Theil des Postabdomens umfassen. Vom 4ten Seg-
ment an sind auch schon die Mittelstücke selbst ansehnlich
nach hinten gebogen, so dass das lte Segment des Postab-
domens seitlich von dem vorhergehenden umfasst wird, sich
nicht mehr in Epimeren ausbreiten kann und nur wie ein
kleines Dreieck erscheint.
Bei den Weibchen sitzt an der Bauchseite der vor-
deren Segmente nach innen von der Einlenkung der Beine
eine Reihe Brutblätter. Bei Serölis Gaudichaudi sind drei
Paar abgebildet und zwar von ansehnlicher Grösse l)!, bei
8. Schythei aber und bei 8. Orbignyana sehe ich jederseits
vier und sie sind so viel kleiner, dass sie, ganz im Gegen-
satz zu 8. Gaudichaudi, weder das vorhergehende und nach-
folgende noch das gegenüberliegende berühren. Sie fallen
überhaupt hier weniger in's Auge, weil sie einer über ihnen
befindlichen flachen Aushöhlung der Segmentwandung so
fest anliegen und so glattrandig und von so derber Con-
sistenz sind, dass man sie für blosse Felder der Bauch-
wandung halten möchte, und es bei einer S. Orbignyana
sogar schwer hielt , in die betreffende Fuge mit einer
Nadelspitze einzudringen und das Brutblatt aufzuheben;
1) Cuvier, Regne anim. Crust. pl. 64 Fig. 2 c.
Beitrag zur Kenntniss der Gattung Serolis. 213
die Eier müssen also sehr klein sein oder fest zusammen-
backen, um von diesen so weit aus einander liegenden
Blättern unterstüzt werden zu können. Bei den letztge-
nannten beiden Arten gehören die Blätter den vier ersten
Segmenten an, das vorderste ist das kleinste, wie sie sich
aber bei 8. Gaadichaadi vertheilen, ist aus der Abbildung
nicht recht ersichtlich; jedenfalls scheint das lte hinter
dem lten Fusspaar zu sitzen.
Die Genitalöffnungen der Männchen liegen nahe der
Mittellinie des Bauches am 6ten Segment (Taf. VI Fig. 3), die
der Weibchen bei 8. Schythei und Orbignyana am 5ten Segment,
viel weiter aus einander gerückt, jene sind kreisrund und sehr
klein, diese quergezogen und etwas grösser. Von 8.tuber~
culata und S. Gaudichaudi habe ich kein Weibchen unter-
suchen können; in der citirten Abbildung der letzteren Art
finde ich sie nicht angegeben, wenn es nicht die beiden
kreisrunden Oeffnungen sein sollen, die nahe der Mittel-
linie am Hinterrande des 5ten Segments liegen.
An der Rückenfläche des Schwanzschildes kommen
meistens ausser einem mittleren, noch zwei oder vier seit-
liche Kiele vor, welche von dem zahnförmigen Hübel auf
seiner Basis nach aussen und hinten verlaufen, bei manchen
Arten ausserdem eine hinter der Mitte gelegene bogige
Quernaht, in welcher ich die Verwachsungsgrenze eines
vorderen grösseren und eines hinteren schmälern und kür-
zeren Segmentes sehen möchte ; und vielleicht ist auch der
vordere seitliche Längskiel in ähnlicher Weise als Grenze
zweier Segmente aufzufassen, in die wiederum das grössere
Stück zerfällt. An der Bauchseite zeigt das Schwanzschild
einen platten Rand und eine leicht ausgehöhlte Fläche
zur Aufnahme der Kiemenblätter .und ihres Deckels, der in
jenen Rand wie in einen Rahmen hineinpasst.
Die vier nach aussen und hinten gekrümmten Antennen
entspringen aus einem seichten Ausschnitt des breiten über
das lte Segment nicht hinaustretenden Stirnrandes unmittel-
bar neben und über einander, und lassen einen Stiel und
eine aus vielen kurzen Gliederchen bestehende Geissei
unterscheiden. Von den drei Stielgliedern der oberen An-
tennen ist das lte3 von den vier (selten fünf) der unteren
214 Grube:
das Ue und 2te (resp. auch 3te) sehr kurz, das lte von
jenen sogleich quer, das ¥& von diesen nach vorn gerichtet,
das 2te ein Knie bildend, die übrigen sind gestreckt, bei
den oberen kürzer und dünner als bei den unteren, die
C4eisseln beider ziemlich gleich kurz. Die unteren Antennen
scheinen dem Seitenrand des Körpers anliegend bei keiner
Art über die 3te Epimere hinauszuragen, der Raum, den die
Ursprünge der Antennen einnehmen, entspricht an Breite
dem vorderen Abstände der grossen nierenförmigen Augen,
welche an den Seitenrand der mittleren Kopfplatte stossen.
Abbildungen der einzelnen Mundtheile findet man in
der Abhandlung von Audouin und Mi Ine Edwards
von Serolis Gaudichaudi und in einer Abhandlung von
Schiödte über den Bau des Mundes in den saugenden
Crustaceen *), von Serolis Orbignyana. Die Mandibeln sind
in ihrer Basalpartie breit und stossen hier an die Platte
der Kieferlusse, verschmälern sich aber beträchtlich gegen
ihre ungezähnelte, meist dunkelbraune, an der linken dop-
pelte Schneide hin und ihre gestreckten 3-gliedrigen Palpen
betten sich bis an ihr frei vorragendes Endglied in eine
längs dem Aussenrande der breiteren Partie der Man-
dibeln und dem Epistom hinziehenden Furche, sind also, da
dieses die Gestalt eines Winkelhakens hat, schräg nach vorn
und innen gerichtet; die Schenkel des Epistoms umfassen
die 3-eckige Oberlippe. Die Maxillen kommen erst zum Vor-
schein, wenn man die deckelartig daraufliegenden Kiefer-
lusse aufhebt. An der lten unterscheidet man ein breites Ba-
salglied und ein aussen daran eingelenktes schmäleres, ge-
krümmtes, in spitze braune Zacken auslaufendes Endglied:
Audouin und Milne Edwards bilden noch ein zweites
nach innen von letzterem mit dem Basalgliede eingelenktes
Organ ab, das sie als Palpe bezeichnen, ich sehe an S. Schythei
und Orbignyana hier nur eine vorragende Spitze des Ba-
salgliedes und auch Schiödte giebt keine solche Palpe an;
wäre ein solcher Theil vorhanden, so würde er seiner Lage
wegen auf diese Bezeichnung nicht Anspruch machen können.
1) Naturhist. Tidskr. ser. 3 Vol. IV, übersetzt in Ann. nat.
hist. 4. Ser. I. 1868. p. 10, pl. I. Fig. 2 a und 2 b.
Beitrag zur Kenntniss der Gattung Serolis. 215
Die nach innen von jenen Maxillen liegenden Maxillen des
2ten Paares sind viel zarter und in drei Lappen einge-
schnitten, von denen die beiden äusseren zusammengehören
und an dem Basalgliede beweglich sind. Zwischen den
Maxillen beider Seiten erblickt man zwei ihrem Segment
angehörige kalkige Längsleistchen. Dahinter folgt der
Gürtel für die Kieferfüsse, dessen Mittelstück (Sphenoid-
stück) sich in einen schmal dreieckigen, vorn aber 2-zackigen
ebenfalls kalkigen Kiel erhebt. An dieses schmale Dreieck
legen sich die abgeschrägten hintern Innenecken der über-
aus grossen plattenförmigen Basalglieder der beiden Kiefer-
füsse. Diese Platte zerfällt in vier Stücke, deren vorderes
inneres die Palpe trägt, also zunächst dem eigentlichen
Stamm der Extremität entspricht, das neben ihm liegende
Aussenstück ist zuweilen mit ihm ganz verschmolzen, die
beiden Hinterstücke aber, welche das Gelenk bilden, immer
getrennt, jedes von ihnen scheint zu einem vorderen zu ge-
hören. Die platte 3-gliedrige Palpe liegt einer etwas aus-
gehöhlten Fläche an, ihr 2tes Glied ist das ansehnlichste,
nach vorn verbreitert und ausgeschnitten, das hier sitzende
Endglied bald sehr kurz, wie bei S. Gaudichaudi, bald et-
was länger, das Basalglied das kürzeste.
Von auffallender Breite ist der Zwischenraum zwischen
den Ansätzen der beiden Fussreihen. Die Beine sind 6-glie-
drig, ein Hüftglied nicht erkennbar. Das lte, bei den Männ-
chen das lte und 2te Paar sind Greiffüsse; jenes von allen
das stärkste, ist scharf nach vorn gebogen und zwischen
diesen Stellen erhebt sich ein kielformiges Mesosternum.
Von den Gliedern des lten Paares ist das vorletzte, das
Handglied, eine oblong-ovale Platte, so lang als die drei
vorhergehenden zusammengenommen und sein Innenrand,
gegen den die ebenso lange sanft gekrümmte Klaue einschlägt,
mit zwei Reihen Stachelchen und einer oberen etwas abge-
rückten Reihe von Borsten besetzt. Die Stachelchen sind
von dreierlei Gestalt, in der unteren Reihe etwas lanzett-
förmig, dicht quergestreift, an den Rändern dicht und fein
gewimpert, mit einer zarten, an der Spitze frei vorragenden,
öfters wie mit einem Knöpfchen endenden Mittelrippe, in der
dicht darüber befindlichen Reihe mehr drehrund und länger,
216 Grabe:
je nach den irrten verschieden, glatt oder ebenfalls kurz
behaart, einfach griffeiförmig oder in eine kurze Gabel aus-
laufend. Wenn die Klaue eingeschlagen ist, ruht sie auf
den Spitzen der kürzeren Stachelchen, während die längeren
ihr Ausweichen nach der Seite verhindern. Das 4te Glied
dieses Fusspaars ist an der Vorderecke mit Borsten besetzt.
Das 2te Fusspaar der Männchen hat ein viel kleineres, an
seinem Innenrande aber ebenso mit Stachelchen bewaffnetes
Handglied und eine dem entsprechende kürzere Klaue; auch
seine Stachelchen bilden zwei Reihen, sind aber in beiden
von einerlei Form, doch nach den Arten verschieden. Im
Uebrigen ist dies Fusspaar den andern ähnlich gebaut,
hat gestreckte Schenkel und Schienen, aber kürzere folgende
Glieder.
Die Afterfüsse oder Extremitäten des Postabdomens
sind von dreierlei Art, stimmen aber darin überein, dass
sie aus einem Grundgliede und zwei daran eingelenkten
blattförmigen Anhängen bestehen. An den drei vordersten
Paaren der Afterfüsse sind die Ansatzstellen durch eine
schmale, am Hinterrande meist drei Zacken bildende Seg-
mentbrücke getrennt. Das Grundglied ist länglich und
platt und trägt den einen Anhang an seinem Ende, den
anderen zwischen diesem und der Mitte; beide Anhänge
sind mit Borsten besetzt, recht wie bei Schwimmfüssen.
Die Männchen unterscheiden sich, abgesehen vom
Mangel der Schutzplatten für die Eier, von den Weibchen
dadurch, dass am 2ten paar Afterfüsse das vor dem Ende
des Basalgliedes anhängende Blatt sich in einen einge-
lenkten biegsamen fadendünnen Griffel von ansehnlicher
Länge fortsetzt. Je nach den Bewegungen des Fusses
könnte wohl dieser Griffel, welcher eine seichte Rinne zu
durchziehen scheint, nach hinten oder quer nach innen ge-
richtet werden, und in letzterer Lage, wenn sich der Fuss
nach vorn streckt und unter den Vorderleib legt, könnte
vielleicht eine Verbindung zwischen der männlichen und
weiblichen Genitalöffnung herstellen, mittelst welcher sich
die Samenflüssigkeit nach letzterer zubegeben im Stande wäre.
Das 4te und 5te Extremitätenpaar des Postabdomens
bildet den Respirationsapparat. Das Grundglied ist ganz
Beitrag zur Kenntniss der Gattung Serolis. 217
kurz und trägt am Ende zwei grosse mit ihm gelenkig
verbundene, dicht über einander liegende Blätter mit ver-
dicktem Rande. Das untere des lten Paares von perga-
mentartiger Consistenz dient als Kiemendeckel und ist
durch eine meist schräge nach hinten und innen laufende
Quernaht in zwei gegen einander bewegliche Hälften ge-
theilt, deren vordere gewöhnlich die grössere. Die anderen
Blätter, welche in der etwas vertieften Unterfläche des
Schwanzschildes ruhen, sind zart und ihre Innensubstanz
von einem feinen Geäder durchzogen. Das zum Kiemen-
deckel gehörige Blatt ist bei einigen Arten zweilappig,
sonst wie die übrigen ganzrandig. Uebrigens fehlt auch
dem Kieraendeckel das Geäder nicht, ist aber nicht so fein
ausgewirkt.
Das 6te Extremitätenpaar hat die Gestalt von gabiigen
Schwimmfüssen, ist an dem Seitenrande des Schwanz-
schildes eingelenkt und besteht aus einem kurzen aber
schräg in die Quere gezogenen Grundgliede und zwei
blattförmigen Anhängen, von denen der obere von fester
Beschaffenheit, der untere etwas dünner ist und sich seitlich
zum Theil unter jenen schieben kann. Beide pflegen Rand-
borsten zn tragen, und können sich unter das Schwanz-
schild legen, auch dann noch mehr oder weniger darüber
hinausragend.
Ueber die Stellung dieser in mancher Hinsicht so
eigenthümlichen Gattung sind die Systematiker im All-
gemeinen nicht sehr verschiedener Ansicht Milne Ed-
wards bringt sie wie Des mar est zu der grossen Ab-
theilung (Section) der Isopodes nageurs, jener aber aus-
drücklich zur Familie der Cymothoadiens Edw., die er der
Familie der Spheromiens gegenüber stellt. Die Cymothoa-
diens charakterisirt er durch die fast immer deckeiförmige
Gestalt der Kieferfüsse, die meistens wohl ausgebildeten,
nie mit einander unbeweglich verbundenen fünf ersten
Postabdominalsegmente, die Beweglichkeit beider End-
platten des letzten Afterfusspaares, die zum Einhaken be-
stimmten wenigstens drei vorderen Fusspaare und den
kleinen Kopf, die Spheromiens dagegen durch die palpen-
förmigen Kieferfüsse, die Gangfussbilclung aller oder doch
218 Grube:
der sechs hintern Fusspaare, die meist gänzliche Ver-
schmelziiDg der fünf ersten Postabdominalsegmente, die
Beweglichkeit nur der äusseren Endplatte des letzten After-
lusspaars und die grössere und quergezogene Gestalt des
Kopfes. Der Unterschied der deckel- und palpenförmigen
Kieferfüsse ist weiter dahin ausgeführt, dass jene nur eine
kurze, diese eine längere seitlich vom Munde liegende
5-gliedrige Palpe besitzen, doch zeigen nur die Cymo-
thoadiens parasites jene ausgesprochene Deckelbildung,
welche auf der ansehnlichen Grösse des Stammes (stem)
beruht, der die Palpe immer an seinem Endrande trägt,
bei den Cymothoadiens errans sind die Palpen viel mehr
entwickelt. Die Serolis würden also in Betreff der Palpen-
bilduug den parasitischen Cymothoaden ähnlicher sein, mit
denen doch ihre Lebensweise, wie ich mit Schiödte
glaube, wenig übereinstimmt. Die Kieferfüsse der Serolis
weichen aber darin bedeutend ab, dass sich ihre Basal-
glieder so auffallend verbreitern und die Maxillen ganz
überdecken. Ihre Vorderfüsse sind mit Greifklauen ver-
sehen, die übrigen Beine schwach, der Körper ungemein
breit und flach, ganz im Gegensatz zu dem sehr gewölbten
und gedrungenen Körper der Cymothoaden, Schwanz- und
Kopfschild sehr gross. Fast dieselben Unterschiede stellen
sich in Betreff der Cymothoadiens errans heraus. Dana
nimmt einen andern Standpunkt ein: er fasst die Familie
der Cymothoadae, Aegidae und Sphaeromidae ebenfalls zu-
sammen, stellt aber die Serolis als ein Glied der durch ihre
ungleichartige Fussbildung von den Isopoden abgetrennten
Anisopoden diesen gegenüber und in eine blosse Parallele
mit seinen Cymothadea (d. h. den Isopods nageures M. Edw.),
ohne näher anzugeben, ob sie den Sphaeromiden oder den
Cymothoadiens errans und parasites ähnlicher seien. An die
Sphaeromiden aber erinnert folgendes, was ich bei Cymo-
thoa und Sphaeroma gefunden habe: die vordersten drei
Paar Extremitäten des Postabdomens sind borstenrandige
Schwimmfüsse, die zwei folgenden bilden den Kiemenapparat
und zwar in derselben Weise das äussere Blatt des 4ten
Paares einen mit einer Querfurche \ ersehenen Kiemendeckel,
die andern Blätter die Kiemen, ein oder zwei vordere
Beitrag zur Kenntniss der Gattung Serolis. 219
Segmente des Postabdomens bleiben beweglich, die hintern
verschmelzen zu einem grossen Schwanzschilde. Die auf-
fallende Breite des Körpers (freilich mit nicht abgesetzten
Epimereu), das weite Auseinanderrucken der Beine und
ihre gestreckte Gestalt und die nach hinten gertickte seit-
lich umschlossene Kopfplatte, wiederholt sich bei Cassidina,
die Greiffussbildung der zwei ersten Fusspaare bei An-
einus, den Dana noch unter den Sphaeromiden aufführt,
doch mit der Bemerkung, dass er wohl auch zu den Aniso-
poden gehören würde ; nach seinem Princip der Eintheilung
scheint letzteres geboten.
Zu erwähnen ist ferner, dass ich einen ähnlichen langen
griffeiförmigen Anhang wie bei Serolis auch bei Cymodoce an
dem inneren Blatt des 2ten Afterfusspaares gefunden habe.
Das untersuchte Exemplar war ein Männchen, bei einem
Männchen von Sphaeroma serratum konnte ich ihn ebenfalls
erkennen. Dies alles scheint darauf hin zu deuten, dass man
die Gattung Serolis besser den Sphaeromiden anschliesst.
Soviel man aus der Extremitätenbildung der Serolis
schliessen kann, sind sie keiner sehr kräftigen Bewegungen
fähig, Capitän Kings sah sie nie an der Oberfläche
des Wassers schwimmen ; anderseits muss man den von
Schi ödte angeführten Gründen beipflichten, dass sie auch
nicht parasitisch an Fischen leben, wie Mi Ine Edwards
vermuthete. Die Tiefe, in der diese Thiere vorkommen,
scheint, vielleicht je nach den Arten, sehr verschieden.
Cunningham sammelte sie auf dem Ufer zur Zeit der
Ebbe , ohne dass von vorhergegangenen Stürmen die
Rede ist, die sie vielleicht dahin geführt haben könnten,
und zwar in gleichmässig sandigem, von keinen Steinen
bedeckten Boden, Capitain Kings holte sie aus 40 Fa-
den Tiefe heraus, muss sie aber auch in viel geringeren
Tiefen beobachtet haben, da er anführt, dass er sie auf
dem Meeresboden unter Seegras herum schwimmend beob-
achtete. Die neuesten Mittheilungen von R. von W i He-
rn oes-Su hm , die mir noch beim Abschluss dieses Aufsatzes
zukommen x), die interessantesten und ausführlichsten über
1) Siebold und Kölliker, Zeitschrift für wissenschaftliche
Zoologie 1874.
220 Grube:
das Vorkommen von Serolis, geben an, dass sie bei den
Crozets in 240 Faden Tiefe, in den Regionen der Eisberge
aber in der enormen Tiefe von 1975 Faden gefischt wurden,
andrerseits führt er sie unter den charakteristischen Be-
wohnern der Tiefen von 40—120 Faden bei Kerguelenland
auf, welche er als untere Abtheilung der oberflächlichen
Meeresregion betrachtet.
Serolis Schythei Lütk. Taf. V Fig. 1, Tat. VI Fig. 1.
Naturhist. Foren. Vidensk. Meddelelser 1858. tab. LA.
Fig. 12. 13.
Wenn ich hier eine Beschreibung wiederhole, die
schon Lütken sehr gut und zum Theil noch vollständiger
gegeben hat, so geschieht es, um eine bequemere Verglei-
chung mit meiner neuen Art der Serolis tuber culata und zu-
gleich für meine Abbildungen von einzelnen Theilen anderer,
die man dort nicht dargestellt findet, eine zusammenhängende
Erläuterung darzubieten. Auch hat Lütken nur ein ein-
ziges Exemplar und zwar ein männliches zu untersuchen
Gelegenheit gehabt, während ich einiges über das Weib-
chen hinzufügen kann. An seinem Exemplar war viel-
leicht zufällig die Epimere des 4ten Postabdominalsegments
etwas weniger ausgebildet, als ich sie heobachtet.
Suborbicularis epimeris utrinque 6 anterioribus longe
serrata, dorso piano ex subbrunneo carneo ut epimeris
albis antennisque maculis minimis numerosis punctato.
Lamina capitis ocidifera triente latior quam longa margine
frontali et posteriore aeque latis, lateralibus sinuatis. Oculi
reniformes. Antennae inferiores marginem epimeri 3" an-
teriorem fere attingentes, superiores pedunculum inferioruin
superantes. Segmentum lmum utrinque sutura lineaque
nigra, subinde interrupta bipartitum, margo epimerorum
posterior simili modo ornatus. Laminas oviferae parvae,
transverse oblongae. Epimeri valde retrorsum curvati, acutis-
simi, 5tus in maribus cum extremitate corporis aeque promi-
nens, 6tus longior, 6tus in feminis cum extremitate corporis
aeque prominens, 5tus brevior. Epimeros 7mus (segmento
postabdominis 2do proprius) multo angustior in maribus
Beitrag zur Kenntniss der Gattung1 Serolis. 221
aeque cum 5to prominens, in feminis eo brevior 8vus
in utrisque multo brevior. Scutum cauddle album ut epi-
meri et appendices paris pedum postremi superiores macu-
lis nigris minimis punctatum, rotundato quadrangulum, paulo
latius quam longum, carinulis 3 radiatim, sutura sinuosa
transverse partitum, apice obtuso, serie duplici setarum
cinctum, superiore siniplicium, inferiore longiorum pinna-
tarum, posteriora versus utrinque dente valido armatum,
dentibus carinulae mediae 3. Appendices paris postremi
extremitatem scuti superantes, lamina interior exteriore
latior truncata. Opercula branchialia satura obliqua bipar-
tita, lamina branchialis lma biloba.
Pedes paris lmi, in maribus 2di quoque subchelifor-
mes ; manus illorum multo maior ovalis, dentibus margi-
nalibus seriei alterius complanatis sublanceolatis, subtilis-
sime ciliatis, alterius paulo longioribus styliformibus lae-
vibus, bifurcis, manus paris 2di triangula dentibus marginis
brevibus crassioribus mucronatis armata.
Longitudo 18 m. ad 25 m. (genu antennaram compre-
henso), latitudo 19 m. ad 26 m.
Serolis Schythei gebort zu den Arten, deren Körper
durch seine sehr entwickelten Epimeren und das nicht
verlängerte Schwanzschild eine ziemlich kreisrunde Ge-
stalt bekommt. Der Rücken des vorderen Theiles zeigt bei
den Weingeistexemplaren, die ihre Farbe vermuthlich we-
nig verändert haben, einen bräunlich fleischfarbenen, die
Epimeren und das Schwanzschild einen weissen Ton, alle
drei in gleicher Weise ebenso wie die Antennen und die
obere Platte der Endanhänge mit kleinen, ziemlich gleich
grossen, schwarzen, rundlichen Fleckchen und Pünktchen
übersäet, nur längs dem Hinterrande der Epimeren und auf
der mittleren Quernaht der vordersten viel grösseren Epi-
mere zieht sich eine Reihe von entschieden querovalen
Fleckchen, die man als eine unterbrochene Querlinie auf-
fassen kann, während bei andern Arten dergleichen unun-
terbrochene auftreten. Die vorderen Epimeren tragen 2
bis 3, die hinteren 4 bis 5 solcher Fleckchen, ausserdem
sieht man 2 vordere und 1 hinteren ansehnlicheren Flecken.
Die ganze Unterseite ist weiss, und bloss der Aussenrand
222 (inj Ixt:
der Epimeren mit schwarzen Flckchcn. der Seitenrand mit
einer schwärzen Linie, eingefaset.
An der mittleren Kopfplatte ist abweichend von Ä
Orbigwyi der Stirnrand nicht breiter als der hintere; indem
ihm die wharf aufgezogenen Ecken leiden, der Seitenrand
geschweift, die Breite etwas beträchtlicher als die Länge,
ein mittlerer Stachelrorsprung dei Stirnrandcs fehlt. I > i * *
Augen stellen um weniger als ihre Länge vom Vorderrand
ab, und die zwischen ihnen befindliche llaehe Erhabenheit
zeigt am Seitenrand Öfter zwei tiefe Ausschnitte. Die mite
ren Antennen reichen, dem Korperrande angelegt, bis auf die
3tc Epimere, ihr Stiel bin an die 8te, sein 3to und itfll Glied
ist am Rande ziemlich laiig behaart, ersteres auf der Un-
terseite ringelig behaart, jedes etwa ebenso lang als die
an dein L3tön (Miede abgebrochene (icisscl oder als die
beiden gleich kurzen BaeaJgHedter zusammengenommen, die
oberen Antennen reichen nur bis an die (ieissel der unte
ren , ihr Stiel kaum über das '.'M Sticlglicd von jenen
hinaus, ihre (üeissel hat 12 (Glieder, welche etwa qüadra
tisch und nur halb so Lang als an den Unteren sind, und
an den Ecken sowohl dicke als leine Haare trafen. Die
Mund! heile stimmen mit den betreffenden Abbildungen' von
Serolis Gcmdickauäi ii herein : an dem Endrande der [tev
Maxille sehe ich !> theils gerade, theils leicht, gekrümmte
Stacheln, an dem inneren Lappen der ßten Maxille 4, an
den 2 äusseren je 4 und 1 Stachel, ausserdem noch mehrere
Horsten. Der Innenrand der Lasalplatte der kieferfiisse
ist, kalkig hart und die Innenecke läuft in zwei kurze
Spitzen aus. %
Die stark nach hinten und in eine (freie Spitze aus-
lau fenden Lpimeren nehmen bis zur öten an Länge zu, so
dass diese im Logen gemessen die Leibesbreite übertrifft,
und ihre Spitzte beim Weibchen mit dem Hinterrande des
Schwanzschildes absehneidet, beim Männchen dieselbe noch
überragt ; zwischen diese 6*» Epimere und das Schwanz-
schild schieben sich die schmalen Lpimeren des 2*W und
3ten Lostabdomina Iscgnients, von denen selbst die vordere
ansehnlichere nicht so weit als die 6ta vorragt, die hin-
tere, noch schmälere, etwa halb so lange wenig in's Auge
Beitrag zur Kenntnis» der Gattung Serolis. 223
fällt. An allen grossen Epirneren ist der Vorderrand fast
unmerklich gesägt und an jedem Zähncben sitzt eine Borste,
an der ßten der Hinterrand dicht und kurz behaart.
Der Hinterrand der drei vorderen Fostabdominalseg-
mente zeigt an der Bauchseite bei den Weibchen drei Za-
cken, bei den Männchen ist die mittlere nicht vorhanden.
Das 4te Segment ist sehr viel kürzer als jene. Das Schwanz-
schild ist so lang als die vorhergehenden sechs Segmente,
beinahe doppelt so breit als lang, trapezoidal mit abgerun-
deten Vorderecken, während die Hinterecken von einem an-
sehnlichen Zahn des Seitenrnndes gebildet werden : in dem
Ausschnitt zwischen diesem Zahn und dem flachgerundeten
Hinterrande des Schildes selbst sitzt das letzte Postabdom i-
nalfusspaar. Der Rand des Schildes zeigt bei stärkerer
Vergrösserung eine Reihe fast quadratischer Felderchen
und trägt zwei Reihen Borsten, von denen die unteren viel
stärker und länger als die oberen und gefiedert sind. Die
Rückenfläche zeigt einen hauptsächlich in drei von einan-
der abstehenden Zähnen ausgeprägten Längskiel. Jeder
dieser Zähne scheint die Grenze von einem der drei Seg-
mente zu bezeichnen, aus denen das Schwanzschild zusam-
mengesetzt sein muss. Zum lten Zahn, der mehr die Ge-
stalt eines spitzen Buckels hat. scheint nur ein ganz schma-
les Stück mit verdicktem Vorderrande zu gehören, das
sich mehr durch seine dunklere, mit dem Ton des Leibes-
rückens übereinstimmende Färbung als durch eine starke
Naht abgesetzt. Das 2te } das breiteste (oder längste),
wird hinten von einer mit dem Endrande des Schwanz-
schildes ziemlich concentrisch verlaufenden, aber jederseits
von dem 2ten Zahn in zwei Zacken vorspringenden, also
jederseits zwei Buchten bildenden Bogennaht umschrieben.
Das 3te Segment ist der übrigbleibende hinterste Theil des
Schildes, zu dem das Paar der Endftisse gehört. Das
2te und 3te Segment des Schwanzschildes trägt überdies
jederseits an dem Mittelkiel noch einen niedrigen Kiel,
der von dem grossen buckelartigen Uen Zahn nach hinten
und aussen läuft.. Die beiden blattförmigen Anhänge des
letzten Extremitätenpaares sind etwa zweimal so lang als
breit, nach der Basis verschmälert, der obere festere am
224 Grube:
Ende abgestutzt, der untere leicht gekrümmt, beide am
Innen- und Hinterrande fein gezackt und mit gefiederten
Borsten besetzt, das Basalglied ist stark in die Quere ge-
zogen; diese Anhänge können sich bei unserer Art kaum
bis auf ihre halbe Breite unter das Schwanzschild zurück-
legen. Von den viel grösseren Blättern, welche je den zwei
Anhängen der drei vorderen Extremitätenpaare des Post-
abdomens entsprechen, und die flache Höhlung des Schwanz-
schildes ausfüllen, ist das untere, festere, den Kiemendeckel
bildende am Rande mit Borstchen eingefasst und hat eine
hinter der Mitte verlaufende schräge Quernaht, das dazu
gehörige obere zarte Blättchen einen tiefen Einschnitt des
Hinterrandes, durch den es einen schmalen inneren und
einen breiten äusseren Lappen bekommt. Die Blätter des 2ten
Paares sind ganzrandig, aber eben so zart und wie jenes
von einem netzartigen Geäder erfüllt.
Am lten Paar der Greiffüsse haben die Zähne der
inneren Reihe des Handrandes die bei der Gattungsbeschrei-
bung angegebene Gestalt, es sind lanzettförmige, dicht und
zart quergestreifte, sehr kurz gewimperte Blättchen mit
einer am Ende frei vortretenden Mittelrippe, die Zähne
der äusseren Reihe sind um die Hälfte länger, stielrund,
glatt und laufen in eine schmale Gabel mit stumpfen un-
gleich dicken Zinken aus. An der Basis der Zähne sieht
man eine Reihe heller runder Flecke und ähnliche auch
am Innenrand der Klauen durchschimmern, deren Aussen-
rand Stachelchen trägt. An dem Handgliede des 2teu Paars
Greiffüsse stehen die Zähne nach hinten deutlicher in zwei
Reihen als vorn; es sind ihrer etwa nur 15 und alle sind
schmal und glatt, sehr schräge nach vorn gerichtet und ihre
Spitze abgesetzt (Taf. VI. Fig. 1 a u. 1 b, Taf. VFig. lau.la').
Die übrigen fünf Beinpaare sind einander ganz ähn-
lich und scheinen, da sie sich hauptsächlich nur nach vorn
und hinten, nicht aber nach unten bewegen lassen, nicht
sowohl zum Kriechen an schmalen Flächen, als zum
Schwimmen geeignet; das letzte der Männchen ist in kei-
ner Weise ausgezeichnet, wie bei S. Gaudichaudi} das lte
Glied der Beine horizontal ausgestreckt reicht bis an den
Aussenrand der Epimeren und trägt keine Stacheln, an
Beitrag zur Kenntniss der Gattung Serolis. 225
dem Endrande besonders des 4ten und 5ten Gliedes dage-
gen stehen deren mehrere, theils glatte, theils doppelt
gesägte.
Serolis Orbignyana Aud. et Edw.
Nächst Serolis trilobitoides Aud. et Edw. ist 8. Orbigny-
ana der S. Schythei am ähnlichsten; auch bei ihr ist der Kör-
per sehr breit und die Epimeren des Mittelkörpers recht
ansehnlich, die 7te und 8te aber beide sehr kurz und schmal,
die 7te kaum etwas weiter vorragend als die 8te? noch
nicht halb so lang als die 6te. Der Hinterrand der 6ten
ist nicht dicht und kurz, sondern wie an den andern spär-
lich und länger behaart und die Spitze reicht lange nicht
bis zum Endrande des Schwanzschildes, sondern nur bis
zur Hälfte seiner Länge. Die drei vorderen Postabdomi-
nalsegmente zeigen auf der Bauchseite am Hinterrande bei
beiden Geschlechtern drei scharfe Zacken.
Das Schwanzschild ist zwar auch breiter als lang,
aber nach hinten merklich schmäler, gerundet dreieckig,
indem die Zähne des Seitenrandes lange nicht so stark hervor-
treten. Der Hinterrand zeigt einen kleinen mittleren Aus-
schnitt, derselbe ist aber nicht einfach, sondern durch ein
Endzähnchen der Rückenfläche, das in der Abbildung von
Audouin und Edwards l) nicht hervortritt, getheilt. Von
den fünf strahlig gegen die Peripherie laufenden Längs-
kielen sind die vordersten die unansehnlichsten, dem unpaa-
ren fehlt der bei S. Schythei vorhandene mittlere Zahn
und auch die ganze zu ihm gehörige, concentrisch mit dem
Endrande verlaufende bogige Quernaht, und es ist nur der
Basal- und Endzahn zu linden. Der Seitenrand des Schwanz-
schildes ist deutlicher gezähnelt, seine Borsten stärker
als dort.
Die Kopfplatte hat einen viel breiteren Stirnrand, da
dessen Seitenzacken viel länger und schärfer auslaufen. Das
3te Glied der unteren Antennen trägt kurze Querreihen von
Borsten an der Unterseite und an den Rändern beider langen
Glieder stehen lange Haare ; im Uebrigen verhalten sich dieAn-
1) Archiv du Mus. 1. e. pl. II, Fig. 8.
Archiv f. Naturg. XXXXI Jahrg. 1. ttii. 15
226 Grube:
tennen wie bei Serolis Schythei. An der Vorderecke des mit dem
Iten fusstragenden Segment verwachsenen, an der Grenze mit
der Kopfplatte bemerke ich eine ziemlich scharf umschrie-
bene, querovale, lichtere und durchsichtige Stelle (Taf. VI
Fig. 3 x ). Untersucht man sie von der Rückenseite, so ist
die Bedeckung glatt wie die übrige Oberfläche, an der
Bauchseite aber finde ich am Innenwinkel eine kleine
Querfalte, in welche man mit der Nadel eindringen kann,
vielleicht der Zugang zu einem Sinnesorgane. Die Vorder-
und Innenecke der Basalplatte der Kieferfüsse ist kalkig-
hart und 2spitzig. Die 4te Epimere in gerader Linie ge-
messen ist etwa halb so lang, bei S. Schythei, nur Va so
lang als der Rücken des Leibes breit.
Die Zähnchen der äusseren Reihe, welche den In-
nenrand des Handgliedes am lten Fusspaar besetzen, sind
nicht stumpfgabelig und glatt, wie bei S. Schythei, sondern
einfach und dicht behaart, wie bei S. Gaiidichandi, nur
nicht so viel länger als die der Innenreihe, letztere sehen
schmäler als bei S. Schythei aus. Das kurze 4te Glied
tritt nach aussen in eine Ecke vor. Der Innenrand des
2ten Paares Greiffüsse trägt lange, an der Vorderseite ge-
sägte Stacheln, sowohl beim Männchen als beim Weibchen
(Taf. V Fig. 3). Die Stacheln an den Endrändern der Glieder
der übrigen Ftisse scheinen mir minder stark und zahlreich. Der
dünne griffeiförmige Anhang am 2ten Paar Afterfiisse ist viel
kürzer als bei Serolis Schythei, und trägt am Seitenrande
nahe dem Ende eine gefiederte Borste. Das Kiemenblatt
des Uen Paares zeigt einen ähnlichen Randeinschnitt wie
bei S. Schythei, die Naht des Kiemendeckels verläuft eben-
falls ähnlich. Das letzte Extremitätenpaar des Schwanzschil-
des ist ähnlich wie dort gestaltet, kann sich aber etwas
mehr unter denselben zurücklegen.
Die Färbung der Oberseite weicht merklich von S.
Schythei ab. Audouin und Mi Ine Edwards geben
einen grünlichen Grundton — ich linde ihn mehr sandgelb
— durch überall eingestreute schwarze Pünktchen sehr ver-
dunkelt, die Mitte des Rückens schwarzgrau, ausserdem
einzelne grössere schwarze Rückenflecken, so je 1 an der
Grenze der Epimeren; letztere sind blässer und tragen
Beitrag zur Kenntniss der Gattung1 Serolis. 227
einen ununterbrochenen schwarzen Streif längs dem Hin-
terrande, sowohl auf der Ober- als auf der Unterseite. Auf
dem unteren Antennenpaar zeigt der Stiel mehrere ansehn-
liche schwarze Flecken.
Länge eines Männchens 27,5 Mm., Breite 26 Mm. Länge
des Weibchens bis 31 Mm., Breite 27,5 Mm. Das Schwanz-
schild fast so lang als die sechs vorhergehenden Segmente,
die drei Postabdomiualsegmente so lang als die drei vor-
hergehenden.
Serolis tuberculata Gr. Taf. V Fig. 2. Taf. VI Fig. 2.
Latius subovata, pallida, concolor supra serie media
dentium 8 a capite usque ad scutum caudale patente ca-
rinata, partibus lateralibus tuberculatis. Segmenta pedigera
5 tantum completa, lmum sutura laterali nulla bipartitum,
6ti et 7ti pars media nulla, 5ti angustissima. Epimeri haud
ita magni, anteriores 3 maximam partem sese tangentes,
posteriores 3 paulo magis produeti, 6tus cum medio scuti
dorsualis aeque prominens. Epimeri postabdominis nulli.
Lamina capitis oculifera lj% fere latior quam longa, mar-
gine trontali haud latiore quam parte posteriore, spina
media armato. Antennae inferiores superioribus breviores,
articulis peduneuli 5, superiores usque ad epimerum 3ium
pertinentes. Scutam caudale sutura transversa media, ad mar-
ginem in dentem planum producta, bipartitum, carina media
tubueuloque in initio eius munitum, carinis lateralibus nullis,
subhexagonum apice truncato, dente marginis lateralis mi-
nimo. Pedes spurii postremi ante medium marginis inserti,
apicem scuti haud super antes, laminae natatoriae oblongae
basin versus angustiores, spinulis marginis nullis, superior
truncata, inferiore emarginata longior. Pedes paris \™\
in maribus 2<li quoque, subcheliformes, manus illorum multo
maior pyriformis, denticulis marginis interioris complana-
tis, seriei alterius sublanceolatis, alterius paulo longioribus,
apicem versus latioribus trnncatis. Manus paris 2<ü an-
guste-triangula, denticulis marginis spiniformibus , quasi
serrulatis.
Longitudo 12 m., latitudo 10,5 m.
228 Grube:
Unter dem Namen Serolis Fabricii des Godeffroy' sehen
Museum-Katalogs V erhielt ich von dem Custos Herrn
Schmelz einen Isopoden zur Ansicht, der mit der Be-
schreibung und den Abbildungen jener Art l) durchaus
nicht übereinstimmt und sogleich dadurch auffällt, dass auf
der Mittellinie des Rückens eine bis zum Schwanzschild
gehende Reihe von acht ganz nach hinten gerichteten Zähn-
chen steht, der Mitteltheil des 5ten Segments nur eine ganz
schmale Brücke (ohne Zahn), der Mitteltheil des 6ten Seg-
ments aber gar nicht mehr ausgebildet ist, dass vielmehr
bloss seine Seitentheile als spitze Zacken zwischen das
vorhergehende und das l*e Postabdominalsegment sich ein-
schieben. Von jenen acht Zähnchen stehen eines hinten
auf dem Kopf, fünf auf den Segmenten des Mittelkörpers
und drei auf den Postabdominalsegmenten; die Mittelstücke
des Rückens, auf denen die Zähne stehen, sind mit den
Seitenstücken nicht lest vereinigt. Ausserdem sieht man
rechts und links von der Zahnreihe auf jedem Segment des
Mittelkörpers eine kleine Querreihe von zwei bis vier Hö-
ckerchen. Am lten aus zweien verwachsenen Segment
zeigt sich keine seitliche Quernaht und die Epimeren der
folgenden sind nur durch wenig in's Auge fallende Nähte
abgesetzt. Der Stirnrand der Kopfplatte ist nicht breiter
als ihre hintere Partie und springt, wie auch das Epistom,
in einen mittleren Stachel vor, die Erhabenheit auf der
Mitte der Kopfplatte zwischen den Augen ist schmal, vorn
und hinten ein wenig breiter. Die Mandibeln haben keine
braune hornige, sondern eine kalkige Schneide. Die Epi-
meren sind massig gross und die vorderen drei schliessen
wie bei S. Gaudichaudi eng aneinander, während die drei
folgenden weiter nach hinten vorspringen und hier aus-
einander weichen, die fite ragt ein wenig über die Inser-
tion des letzten Extremitätenpaars des Schwanzschildes
hinaus, welche noch etwas vor der Mitte des Seitenrandes
stattfindet. Der Hinterrand der Epimeren trägt einen Be-
satz von kurzen dichtstehenden Härchen, und bei stärkerer
1) Aud. et Milne Edw. 1. c. p. 13, Cuv. Regne anira. Crust.
pl. 64. Fig. 3, Buckl. 1. c. pl. 46. Fig. 6—8.
Beitrag zur Kenntniss der Gattung Serolis. 229
Vergrösserung zeigt sich, dass ihre Rtickenfläche mit ein-
zelnen Haaren besetzt ist.
Am 2ten und 3ten Segment des Postabdomens kom-
men gar keine Epimeren vor, der Hinterrand aller drei Seg-
mente ist an der Bauchseite dreizackig, die Mittelzacke des
lten die längste.
Das Schwanzschild bildet ein Fünfeck mit gebroche-
nen aber ganz geraden Seitenrändern und abgestutzter End-
spitze und trägt auf der Rückenseite einen Längskiel, aber
keine seitlichen; etwas hinter der Mitte bemerkt man eine
schwache Quernaht, die nahe dem Seitenrande in einen
flachen Zahn übergeht. Der breite schwach gebogene Vor-
derrand macht mit den vorderen Seitenrändern fast rechte
Winkel, die hinteren sind herabgebogen und wie die Ober-
fläche mit einzelnen Härchen besetzt, ähnlich denen, die
auf der Rückenfläche der Epimeren stehen. Das letzte Ex-
tremitätenpaar, wie schon bemerkt, weit nach vorn einge-
lenkt, schneidet mit dem Ende des Schwanzschildes ab,
während es als ein charakteristisches Merkmal für S: Fa-
bricii angegeben wird, dass es hier weit darüber hinaus-
ragt. Der Zahn des Seitenrandes, nach aussen von seiner
Einlenkung ist ganz winzig.
Die oberen Antennen übertreffen die unteren an Länge
und reichen bis auf die 3te Epimere, die unteren bloss bis
an die 2te. An dem Stiel der unteren kann man fünf
Glieder unterscheiden, indem das Ue der anderen Arten
hier in zwei zerfällt, ein ganz kurzes Basalglied und ein
etwas längeres, unten am Innenrande behaartes, das mit
dem 3ten ein sehr schwaches Knie bildet, das 3te springt
nach hinten in einen Zahn vor. Die Geissei der oberen
Antennen besteht aus etwa 50 sehr kurzen Gliedern, die
basalen, mit einander verfliessenden nicht mitgerechnet, die
Geissei der unteren aus 20. Bei jenen sitzen immer drei
oder vier Borsten am Aussenrandc zusammen, von denen
eine viel dicker ist.
Das Handglied der Greiffüsse des Uen Paares oval,
nach vorn verschmälert, vor seinem Hintertheil eingelenkt,
ragt mit diesem ziemlich weit vor. Von den Zähnchen
des Innenrandes stimmen die in der Unterreihe stehenden
230 Grube:
mit denen der andern von mir untersuchten Arten überein,
die oberen sind ein wenig länger, schmäler, gegen das
Ende etwas verbreitert und hier gerade abgestutzt; vou
dem Endrand selbst zieht sich gegen die Mitte hin, ohne
sie jedoch zu erreichen, ein dunkler Mittelstreif, vielleicht
eine Aushöhlung. Das 4te Glied dieses Fusspaares springt
nach hinten in eine ansehnliche, mit zwei Endstachelchen
bewaffnete Zacke vor (Taf. VI Fig. 2, 2 a).
Die Füsse des 2ten Fusspaares sind weniger ausge-
prägte Greiffüsse als bei andern Arten, zwar zeichnet sich
das 3te und 4tc Glied durch seine Kürze vor den entspre-
chenden der folgenden Beine aus, allein das Handglied ist
weniger breit als sonst, sein Innenrand nicht längs der
ganzen Schneide mit Zähnen besetzt, und die Klaue scheint
nicht so zum Einschlagen geeignet zu sein. Die Zähne
sind ziemlich lang und stachelfömig mit einer Andeutung
von Nebenzacken (Taf. V Fig. 2 a, 2 a').
An den Extremitäten der drei ersten Postabdominal-
segmente ist das blattförmige Endglied am Innen- und Hin-
terrande dicht mit langen gefiederten Borsten besetzt, die
Kiemendeckel dadurch auffallend, dass ihre Quernaht nicht
wie sonst schräg, sondern horizontal gegen die Längsachse
läuft; das zugehörige Kiemenblatt hat keinen Einschnitt am
Hinterrande und seine Innensubstanz wie die andern eine
quergestrichelte Zeichnung. Die blattförmigen Anhänge des
letzten Extremitätenpaars sind nach der Basis verschmälert,
langdreieckig, an den Rändern nicht gezähnelt, der obere
ein Stück länger als der untere, jener mit gerade abge-
stutztem, dieser mit leicht ausgeschnittenem Endrande.
Die Färbung des ganzen Thieres ist blass , ohne
Spur von Flecken, auch der Hinterrand der Epimeren nicht
wie bei andern Arten schwarz eingefasst, aber die End-
ecke der meisten Epimeren honigbraun.
Das einzige Exemplar, das mir vorlag, war ein Männ-
chen. Der Kopftheil ist beinahe so lang als die vier ersten
Segmente, diese so lang als die drei Postabdominalseg-
mente, das Schwanzschild so lang als letztere mit Hinzu-
nahme des vorhergehenden ausgebildeten, d. h. des 4ten
Abdominalsegmentes.
Beitrag zur Keimtniss der Gattung Serolis- 231
Serolis Gaudichaudii Aud. et Edw.
Wie schon Audouin und Mi Ine Edwards ange-
ben, erkennt man diese dunkel gefleckte Art, von der ich
bloss ein Männchen untersuchen konnte, an der eiförmigen
Gestalt mit eng aneinander schliessenden, nur an der äus-
serten Spitze vorspringenden Epimeren der sechs vorderen
Segmente, der Verkümmerung der Epimeren am 2ten und
3ten Postabdominalsegment, dem Zahn an der Mitte des
Stirnrandes, der dichten Eaarfranze am Innenrand des
4ten Gliedes des lten Greiffusspaares in beiden Geschlechtern
und mehrerer Glieder des 8ten Fusspaars beim Männchen,
so wie an der nicht ausgeschnittenen Spitze des Schwanz-
schildes und den sehr schmalen Anhängen seines letzten
über dasselbe nicht hinausragenden Extremitätenpaares. In
der Histoire naturelle des Crustaces heisst es zwar: „Point
de crete transversale sur la portion laterale du boudier
cephalo-thoracique," doch ist dieser Charakter in die Dia-
gnose der ausführlicheren Monographie der Gattung Sero-
lis nicht aufgenommen, und ich erkenne in der That hier
auch eine solche Naht.
Man kann noch hinzufügen, dass der Hinterrand der
Epimeren oben wie unten mit einer ununterbrochenen
schwarzen Linie eingefasst ist und die schwärzlichen Fleck-
chen der Kückenseite von ziemlich gleicher Grösse sind,
nur nach innen von der Naht der Epimeren bemerke ich
einen grösseren Fleck von der Form eines der Länge nach
getheilten Ringes. Die colorirte Abbildung inCuviers
Regne animal pl. 64 Fig. 2 zeigt gar keine Flecken. Die An-
tennen verhalten sich ähnlich wie bei S. Orbignyana, doch
vermisse ich an den Geisseigliedern der oberen die dicken
Haare und an den langen Gliedern der unteren die längen
Haare von jener Art. An dem Handgliede des lten Fuss-
paares sind die Zähnchen beider Reihen gewimpert, aber
die der oberen bei weitem länger, beide in eine einfache
Spitze auslaufend. Die Haare in dem Büschel an der In-
nenecke des 4ten Gliedes sind blassochergelb , gegen das
Ende mit Nebenhärchen besetzt, ebenso die am Innenrande
des 2ten, 3ten> 4ten nnd 5ten Gliedes vom 7ten Fusspaar,
232 G ruhe:
und die doppeltgefiederten Borsten an den Anhangplatten
der ersten drei Postabdominal füsse haben ebenfalls jene
Farbe. An den Greiffüssen des 2ten Paares des Männchens
ist die Hand schmal, etwas sichelförmig, dieZähnchen des
Innenrandes kurz und breit mit abgesetzter Spitze ('Pal'. V
Fig. M
Die Blätter an der Bauchseite der ersten vier Seg-
mente, welche die Eier tragen, übertreffen die entsprechen-
den von 8. Schythei und Orbignyana so sehr an Grösse,
dass sie der Abbildung nach (Cuv. Regne anim. pl. 63. t. 2)
einander in der Mittellinie des Bauches berühren.
Die Quernaht der Kiemendeckel läuft weniger schräge
als bei anderen Arten und last in der Mitte derselben; der
Mittelkiel auf dem Schwanzschilde ist breit und flach und
erscheint an der Unterseite als Rinne. Die anderen Längs-
kiele fehlen, und die beiden Seiten haltten erscheinen auf
ihrer Rücken Hache ein wenig ausgehöhlt.
Von allen Arten ist dieses die bei annährend gleich-
massiger Rundung des Vorder- und Hinter!, hei Is am we-
nigsten breite, denn ihre Breite verhält sich zur Länge wie
wie 3 ; 1. 8. plana Dan. zeigt ein ähnliches Verhalten
der Länge und Breite, aber die Hinterhälfte ist viel mehr
verschmälert und die grösstc Breite befindet sich vor
der Mitte.
Zur Unterscheidung der bis jetzt bekannten acht Ar-
ten kann, so weit die Beschreibungen und Abbildungen der
von mir nicht untersuchten ausreichen, folgende Ucbersieht
dienen :
1. 1 oder '2 l'ostabdominalsegincnte in ansehnliche Epi-
meren verlängert, die 6te fast mit dem Ende des
Schwanzschildes abschneidend. Leib last kreisrund.
Epimere des 2ten und 3ten Postabdominalsegments ansehn-
lieh. Schwanzschild nach hinten verschmälert und zu-
gespitzt, mit gezähnten Seitenrändern und gezähntem
Mittelkiel . . . . . 8. trilobitoides.
Epimeren bloss am 2ten Bostabdominalsegment ansehnlich,
Schwanzschild ohne gezähnclte Ränder mit drei glat-
ten Kielen, hinten stumpf, nicht verschmälert
S. Schythei.
Beitrag zur Kenntnis der Gattung Serolis. 233
II. Kein Segment des Postabdomens in Epimeren ver-
längert.
a. Leib fast kreisrund, Sehwanzsehild über den Kreis
hinausragend.
Sehwanzsehild gerundet sechseckig mit stumpfem Ende
und glattem Mittelkiel: eine Längsreihe von acht Zähn-
chen auf dem Kücken des Leibes bis an das Sehwanz-
sehild, daneben Querreihen kleiner Höckerchen, die
oberen Antennen länger als die unteren 8. tuberculata.
b. Leib breit eiförmig.
Schwanzschild abgerundet dreieckig, gleichseitig mit drei
Kielen und kleinem Endausschnitt . 8. Orbiymjana.
c. Leib eiförmig gerundet.
c1 Die Zacken der hinteren Epimeren treten frei aber nur
kurz hervor, Schwanzschild ähnlich wie bei 8. Orbig-
nyana, aber ohne Ausschnitt . . . 8. Fabricii.
c2 Die Zacke der hintersten Epimeren allein frei vor-
tretend.
Das 4te Glied des lten Fusspaares mit einem platten Bü-
schel dichtstehender Haare besetzt, Schwanzschild mit
einem Mittelkiel . . . .8. Gandichaudi.
Rücken fast platt. Schwanzschild abge-
rundet fünfeckig, der hintere Winkel fast
ein rechter, ein nicht durchgehender Mittel-
kiel 8. plana.
Rücken gewölbt, Schwanzschild fünfeckig
mit scharf ausgezogener Spitze, ein durch-
gehender glatter Mittelkiel . 8. convexa.
Kein solcher
Haarbüschel in
den Beschrei-
bungen erwähnt
Erklärung der Abbildungen.
Tat'. V.
P'ig. 1. Serolis Schythel Lütk. Männchen von 4er Rückenseite;
in natürlicher Grösse.
l.a Endglieder von einem Fußfl des 2*en Paares, 4inal ver-
größert.
» La' Stachelchen vom Innenrande seines Handgliedes, e. lomal
vergrössert.
» 1 . b Letzter Af'terfuss des Postabdomens, 6mal vergrößert.
» 1. c Ein Afterfuss des lten Paares, 6mal vergrössert.
284 G r u b e : Beitrag zur Kenntniss der Gattung- Serolis.
Fig. 1. d Afterfuss des 2^n Paares mit dem nur dem Männchen
eigentümlichen griffeiförmigen Anhang der inneren La-
melle. 6mal vergrössert.
1. e Erstes Kiemenblättchen. 2mal vergrössert.
1. e' Netzförmige Verzweigung seiner durchschimmernden in-
neren Substanz ; r der verdickte Rand des Blattes, 60fach
vergrössert.
Fig. 2. Serolis tuberculata Gr. Männchen von der Rückenseite,
4mal vergrössert.
» 2. a Fuss des 2ten Paares, 8mal vergrössert.
» 2. a' Stachelchen am Innenrande seines Handgliedes, c. 40mal
vergrössert.
» 2. b Letzter Afterfuss des Postabdoinens, 8mal vergrössert.
» 2. c Afterfuss des 2ten Paares, ebenso.
Fig. 3. Endglieder vom Fuss des 2ten Paares eines Männchens von
Serolis Orbignyana Aud. et Edw., 4mal vergrössert.
» 3. a Stachelchen vom Innenrande seines Handgliedes.
Fig. 4. Endglieder vom Fuss des 2ten Paares eines Männchens von
Serolis Gaudichaudii Aud. et Edw.
» 4. a Stachelchen vom Innenrande seines Handgliedes.
Tai'. VI.
Fig. 1. Serolis Schythei Lütk. Weibchen von der Bauchseite, 2mal
vergrössert. Die Beine der linken Seite sind abgelöst,
ebenso die drei vorderen Afterfüsse, o die Brutblätter an
den vordersten vier Segmenten, g die Genitalöffnungen.
» 1. a Endglieder vom Fuss des lten Paares, 8mal vergrössert.
» 1. a' Stacheln vom Innenrande des Handgliedes, stärker
vergrössert.
» 1. b Ein Stück der Klaue desselben Fusses, 60mal vergrössert.
j> 1 c. Das Postabdomen mit zwei vorhergehenden Segmenten vom
Männchen der Serolis Schythei von der Bauchseite gesehen,
2mal vergrössert. Die Füsse des 6ten und 7ten Paares und
die Afterfüsse der drei vorderen Paare der linken Seite sind
abgelöst; g die Genitalöffnungen.
» 1. d Der rechte Kieferfuss mit seiner Palpe, 8mal vergrössert.
Fig. 2. Endglieder vom rechten Fuss des lten Paares von Serolis
tuberculata, c. 8mal vergrössert.
» 2. a Stacheln vom Innenrande des Handgliedes, stärker ver-
grössert.
» 2. b Rechte Antenne des unteren Paares, 2mal vergrössert :
der Stiel besteht hier aus fünf Gliedern.
Fig. 3. Die linke Hälfte des Vordertheils von der Rückenseite
von Serolis Orbignyana 4mal vergrössert.
x Die scharf umschriebene durchsichtige Stelle vorn an der
Grenze des Kopfes und des ltcn aus zweien verwachsenen
Segmentes mit der Falte am Innenrande.
Fig. 4. Eines der Haare, welche den breiten Büschel am Innen-
rande des 4ten Gliedes des lten Greiffusspaares von Serolis
Gaudichaudii bilden. 60mal vergrössert.
Ueber den (jenerationsapparat der Araneideiu
Ein Beitrag zur Anatomie und Biologie derselben.
Von
Dr. Bertkau.
Hierzu Tafel VII.
Die Geschlechtsdrüsen der Araneiden sind, verschieden
von dem allgemeinen Bau dieser Organe in der Klasse der
Arachniden, in der dieselben in der Regel in unpaarer
Zahl auftreten, paarige Drüsen, welche sich im Reifezustand
entweder in Form von Schläuchen durch den Hinterleib in
seiner ganzen Länge erstrecken, oft sogar vielfach hin und
her gewunden sind (Hoden), oder in mehr compakter Form
den grössten Theil der Leibeshöhle ausfüllen (Ovarien).
Ihre Ausfuhrwege vereinigen sich in beiden Geschlechtern
auf eine nur kurze Strecke hin, um vereint in einer weit
nach vorn gerückten Spalte auf der Unterseite des Abdo-
mens auszumünden. Die bindegewebige Hülle dieser Or-
gane steht mit dem Fettkörper in Unmittelbarem Zusammen-
hang, durch den in manchen Fällen eine Verbindung der
freien hinteren Enden der Hoden herbeigeführt wird. Doch
bleibt dieselbe hier immer auf die Bindegewebshülle be-
schränkt; die Ovarien hingegen nehmen in einzelnen
Fällen durch vollständige Anastomose ihrer Keimepithel-
schicht eine ringförmig geschlossene Gestalt an unter Ver-
lust ihrer Duplicität. Weitere auf beiderlei Geschlechts-
drüsen passende Aussagen lassen sich nicht machen, und
236 Bertkau:
ich werde daher zuerst die männlichen, dann die weib-
lichen besprechen und daran einige Beobachtungen über
das Geschlechtsleben der Spinnen anschliessen.
Die Hoden mit ihren Ausführungsgängen sind zwei
Schläuche, deren Länge die des Hinterleibes um mehr als das
Anderthalbfache übertrifft. Sie besitzen end weder einen wei-
teren, gestreckten hinteren Theil, der die Spermatozoiden lie-
fert, während der vordere engere, vielfach gewundene als vas
deferens dient und allenfalls noch die Bedeutung einer
accessorischen Drüse hat, oder aber der Schlauch besitzt
in seinem ganzen Verlaufe ein annäherend gleich weites
Lumen, in welchem Falle auch die beiden verschieden
funktionirenden Abschnitte, der Samen erzeugende und
leitende, nicht so scharf von einander geschieden sind.
Sie beginnen dicht neben einander liegend und an ihrem
blinden Ende oft durch das Bindegewebe des Fettkörpers
mit einander verbunden, an der Hinterleibsspitze, und er-
strecken sich mit ihren mannigfach verschlungenen und
bisweilen sogar knäuelförmig verwickelten Ausführungs-
gängen nach vorn bis an den Stiel, durch den der Hinter-
leib mit dem Kopfbruststück zusammenhängt. Hier biegen
sie in schräg nach hinten und unten gehender Richtung
um, lagern sich den Fächertracheen (sog. Lungen) an,
mit deren Bindegewebshülle sie wohl in allen Fällen ver-
klebt sind. Dann gegen den Innenwinckel der Stigmen
konvergirend vereinigen sie sich zu einem kurzen, weiten,
gemeinschaftlichen Ausführungsgange, der in einer Spalte
zwischen den Stigmen ausmündet *). Gegenüber der bald
mehr, bald weniger hinter den Stigmen befindlichen weib-
lichen Geschlechtsöffnung ist die männliche ziemlich genau
zwischen denselben.
Die erste Form der Hoden mit deutlich abgesetztem
vas deferens ist die verbreitetere, indem sie sich in den
Familien der Ageleniden, Therididen, Thomisiden, Lyco-
1) Dieser Umstand hat zu dem Irrthuin Aulass gegeben, als
ob eine gemeinsame Spalte in die beiden Lungen führte (vergl.
Menge, Schriften der Naturforschenden Gesellschaft in Danzig.
Bd. 4. Heft 1, pag. 21. (1843).)
Ueber den Generationsapparat der Arane'iden. 237
siden findet, während nur einige Epeiriden, sodann die
Gattungen Segestria und Oletera die zweite Form zeigen.
Von den Attiden stand mir kein reifes </* zur Untersu-
chung zu Gebote, und ebenso habe ich zu meinem Be-
dauern von der zweiten einheimischen Gattung (Dysdera),
die mit der Segestria die Familie der Dysderiden vertritt,
in diesem Sommer kein Exemplar finden können, ich be-
dauere dies um so mehr, da Segestria in beiden Ge-
schlechtern mannigfache und erhebliche Abweichungen von
den übrigen Spinnen zeigt.
Zur Darlegung der histologischen Verhältnisse wähle
ich als Beispiel Philoica domestica, eine Art, die bei ihrer
Grösse die Präparation dieser zarten Organe mit beson-
derer Leichtigkeit gestattet. Wie schon erwähnt, wird
die äussere Hülle von einer Bindegewebsmembran gebildet.
An den verschiedenen Theilen der in Rede stehenden Or-
gane besitzt dieselbe eine verschiedene Entwicklung; am
schwächsten ist sie an den eigentlichen Hodenschläuchen
und enthält hier nur wenige, flach scheibenförmige Kerne
(Fig. 2 k) eingebettet ; an den Ausführungswegen gewinnt
sie an Mächtigkeit; die Kerne werden zahlreicher und
dicker; an das umgebende Gewebe gehen äusserst feine
Fäserchen ab, die eine Verbindung mit der bindegewebigen
Hülle in der Nähe liegender Organe, namentlich der Le-
berläppchen herstellen. Unterhalb dieser Haut liegen nun
die Drüsenzellen; in den Hoden die Mutterzellen der Sper-
matozoiden sowie kleinere Zellen scheinbar ohne Regel
durch einander; die kleineren Zellen besitzen einen gru-
mösen Inhalt, der in Gestalt kleiner Körnchen sich dem
Sperma beimischt; einen Kern konnte ich in ihnen nicht
wahrnehmen; diese Zellen bekleiden auch die Innenwand
der vasa deferentia. Zu ihnen treten noch andere, mehr
in die Länge gestreckte, die ebenfalls ein Sekret in Ge-
stalt länglicher Körperchen liefern (Fig. 2 d). Da beide
Elemente sich neben den Spermatozoiden sowohl in den
Tastern der <?, als auch in den Samentaschen der $ vor-
finden, so haben sie wohl den Zweck, das Sperma, das lange
Zeit in den Tastern und noch länger in den receptacula
seminis aufbewahrt wird, frisch und befruchtungsfähig zu
238 Bertkau:
erhalten. Die Samenelemente, deren Entwicklungsge-
schichte ich nicht verfolgt habe, weichen in ihrer Be-
schaffenheit von der anderer Arthropoden zum Theil in
wesentlichen Stücken ab und zeigen auch unter einander
bedeutendere Verschiedenheiten, als man sonst innerhalb der-
selben Ordnung zu finden gewohnt ist. Als charakteristisch
für den Samen der Spinnen hat man lange Zeit die mangelnde
Bewegung angeführt. Vielfach scheint das Sekret der acces-
sorischen Drüsen oder die Mutterzellen der Spermatozoiden
für den reifen Samen angesehen worden zu sein, so von
v. Siebold, der längliche oder nierenförmige zellen-
ähnliche Körperchen mit Kern als Spermatozoiden beschrieb
und einen Haaranhang überall vermisste. Leuckart
sprach (Art. Zeugung im H. W. B. von Wagner) seine
Zweifel daran aus, dass die beschriebenen Körperchen
wirklich die ausgebildeten Samenelemente seien und be-
schrieb auch bei einigen Arten die richtigen Spermatozoen,
an denen er aber eine Bewegung nicht wahrnehmen konnte.
Diese scheint zuerst Leydig1) gesehen zu haben.
Die häufigste Form der Spermatozoiden ist die stift-
förmige mit Schwanzanhang. Der Körper, aus Kopf und
Mittelstück bestehend, ist mehr oder weniger, oft kreis-
förmig gekrümmt und trägt einen in vielen Fällen deut-
lich wahrnehmbaren Schwanz (Fig. 3 a von Segestria, b von
Clubiona, c von Epeira); in anderen Fällen (z. B. Liny-
phia, Tegenaria, Philoica) konnte ich mich von seiner
Anwesenheit nicht überzeugen, ohne behaupten zu wollen,
dass er hier fehlt, Die stiftähnliche Form, mit oder ohne
Schwanzanhang, kommt nach meinen Beobachtungen bei
Dysderiden, Drassiden, Ageleniden, Thomisiden, Lycosiden,
Attiden, einigen Epeiriden und Therididen vor; Tetragna-
tha 2), Pachygnatha, Meta unter den Epeiriden, Pholcus
1) Franz Leydig: Zum feineren Bau der Arthropoden.
Müll. Archiv. 1855 p. 470.
2) Leuckart giebt (a. a. 0.) von Tetragnatha Spermatozoen
mit länglichem Kopf und Schwanzanhang an; ich fand im Inhalt
der Hoden, männlichen Taster, die während der Begattung abge-
schnitten waren, und in den Samentaschen nur kugelige Elemente,
Heber den Generationsapparat der Arane'iden. 239
unter den Therididen, sowie Oletera haben kugelige Sper-
matozoon.
Was nun die Bewegung derselben anlangt, so zeigen
die kugeligen, den Hoden oder Tastern und Samentaschen
entnommenen, eine wimmelnde, der Molekular bewegung ähn-
liche Bewegung. Die stiftförmigen lagen, wenn sie aus dem
Hoden genommen waren, bewegungslos oder wurden blos
passiv von den Strömungen der Untersuchungsnussigkeit
bewegt; aus den Tastern oder Samentaschen stammende
dagegen zeigten eine lebhaft rotirende Bewegung, die
allerdings nicht mit einer Ortsveränderung verbunden ist.
Auffallend ist dabei, dass, wie auch schon Leydig an-
giebt, nicht die ganze Menge jene du»ch einander wim-
melnde Bewegung zeigt, die bei anderen Samenmassen ein
so anziehendes Schauspiel gewährt; immer sind es nur ein-
zelne, die mit ihrem Kopfe an ein Hinderniss stossend,
eine äusserst rasche rotirende Bewegung annehmen.
Spermatophoren, wie sie bei anderen Arthropoden
und namentlich bei den Mollusken vielfach vorkommen,
sind bei den Arane'iden bisher nicht bekannt geworden;
nur bei Segestria fand ich etwas ähnliches. Bei die-
ser Spinne trifft man sowohl in den Palpen, als auch in
den Tastern und Hoden runde Ballen, die in einer ho-
mogenen glashellen Masse eine grosse Zahl (80 — 100)
Spermatozoon eingebettet enthalten. Der Sameninhalt der
männlichen Taster und weiblichen Samentaschen besteht
nur aus solchen Kugeln, die bei längerem Liegen in Wasser
ihr Bindemittel hervorquellen und die Spermatozoon frei
werden lassen. Das eine cf, welches ich untersuchen
konnte und welches seine Taster schon ganz mit Sper-
matophoren gefüllt hatte, zeigte in seinen Hoden sowohl
freie; als auch zu Spermatophoren zusammengeballte Zoo-
spermien, letztere mehr in dem vorderen Theile; dieser
Befund zeigt, dass es Zellen der Hoden sind, die das
Bindemittel liefern, obwohl ich die betreffenden Zellen
selbst nicht finden konnte (Fig. 4).
die auf Sperruatozoen hätten bezogen werden können; den Inhalt
der Samentaichen bildeten diese fast ausschliesslich.
240 Bertkau:
Die Entwicklung der Spermatozoen habe ich, wie
schon erwähnt, nicht verfolgt, kann indessen angeben, dass
das letzte Stadium derselben ziemlich rasch verläuft. In
den Hoden von Agelena labyrinthica, die sich einige Tage
vorher zum letzten Male gehäutet hatte, zeigte sich noch
keine Spur von Spermatozoiden mit ihrer nicht zu ver-
kennenden Gestalt; das einzige, was vielleicht auf Samen-
erzeugung hätte bezogen werden können, waren zahlreiche
Mutterzellen, die 4 Tochterzellen mit je 1 Kern umschlossen.
Andere Individuen derselben Art vollzogen die Begattung
durchschnittlich 14 Tage nach der letzten Häutung; inner-
halb 14 Tagen, also höchstens muss die Bildung der stift-
förmigen Spermatozoiden vor sich gehen.
Mit den Ausführungswegen der Geschlechtsdrüsen
verbinden sich bei den Spinnen keine Uebertragungsorgane ;
als solche fungiren bekanntlich die fünfgliedrigen Taster,
deren Endglied in eigenthümlicher Weise zur Vollziehung
seines Geschäftes umgestaltet ist, während in vielen Fällen
auch das vorletzte Glied durch den Besitz von Stacheln
ausgezeichnet ist. Die specielle Einrichtung des Endgliedes
variirt sehr und ist in einzelnen Arten sehr komplicirt,
worüber besonders Menge1) viele Angaben gemacht hat.
Doch sind dieselben lediglich beschreibender Natur und
tragen zu einem Verständniss des Vorgangs sowohl der
Samenaufnahme aus den Hoden als auch der Uebertragung
an das Weibchen nichts bei. Es ist auch in der That
nicht leicht, die Bedeutung aller Theile zu ermitteln und
ein klares Bild des ganzen Apparates zu entwerfen und
dürfte daher angemessen sein, von einer möglichst ein-
fachen Bildung ausgehend zum Verständniss der kompli-
cirteren zu gelangen. Den einfachsten Bau habe ich bei
Segestria bavarica 2) angetroffen. Hier, wie bei den <?
1) Neueste Schriften der Danziger Gesellschaft. Neue Folge.
Bd. I, II und III.
2) Ein getrocknetes <f von Dysdera rubicunda. dem Familien-
genossen der Segestria, zeigt äusserlich eine ähnliche Bildung; der
mangelhafte Conservirungszustand gestattete keine eingehendere
Prüfung.
Üeber den Generationsapparat der Araneiden. 241
aller Spinnen, hat nur die Aussenseite des Tasterendgliedes
dieselbe unveränderte Beschaffenheit beibehalten, wie sie
das Weibchen hat; die Innenseite ist leicht konkav, und
an ihr entspringt, dicht ober dem Gelenk, ein kugeliger,
von stark verhornter Chitinsubstanz gebildeter Auswuchs,
der in eine lange, leicht aufwärts gekrümmte Spitze aus-
läuft (Fig. 5 b). Durch die röthlich transparente Haut
dieser Kugel bemerkt man einen in spiraligen Windungen
verlaufenden Kanal. Die mikroskopische Betrachtung -von
Längs- und Querschnitten (Fig. 6) durch diese Kugel zeigt
nun, dass sie mit einer kleinen ringförmigen Stelle (1 Fig. 5
und 6) mit der übrigen Chitindecke zusammenhängt; ihr
Lumen kommunicirt durch den vom Ring umschlossenen
Kreisschnitt (o) mit dem Taster. Ausser einem bindege-
webigen Innenbeleg, der in eine granulöse Plasmamasse
vereinzelte Zellen mit kleinen Kernen eingebettet enthält
und wahrscheinlich als Matrix die chitinige Decke hat her-
vorgehen lassen, waren nur einzelne Blutzellen als Form-
bestandtheile des Innenraumes wahrzunehmen; die glatte,
wie polirt glänzende Oberfläche war ohne Haare und
Porenkanäle. Vom Grunde der Kugel entspringt nun der
vorhin erwähnte Kanal. Derselbe ist breit, flachgedrückt,
so dass sein Querschnitt einer lang gestreckten Ellipse
gleicht, besitzt eine feste, aber dehnbare Wandung, die
ausser kleinen Porenkanälen, wie sie auch die äussere
Haut des Körpers durchsetzen und meist ein Haar tragen,
keine Besonderheiten erkennen lässt. In 2l/2 — 3maligen
Spiralwindungen aufsteigend, gelangt derselbe an den sich
verengernden Theil der Kugel, legt sic^ mit seiner Wan-
dung an die der Kugel an und mündet durch den hohlen
Stiel in einer Oeffnung aus, deren Rand kleine Zacken
trägt.
Bei dem einzigen männlichen Exemplar, das mir zur
Untersuchung diente, war nun der Kanal ganz mit den
kugeligen Spermatophoren angefüllt, die ich von dieser
Spinne beschrieben habe; ich will daher diesen Theil
Samenbehälter, die Kugel Träger nennen. Aus meiner
Darstellung ist zu ersehen, wie wenig richtig es ist, die
männlichen Taster als löffeiförmig ausgehöhlt zu beschreiben;
Archiv f. Naturg. XXXXI. Jahrg. 1. Bd. IG
242 Bertkaut
im Gregentheil beruht ihre Umgestaltung auf einer ein-
seitigen enormen Hervortreibung der Chitindecke, welche
den Träger bildet und bei den meisten Arten allerdings in
einer grubenförmigen Vertiefung an der Innenseite des
Endgliedes grossentheils geborgen wird. Ob der Samenbe-
hälter eine Einstülpung des Trägers oder eine innerliche
Neubildung ist, wird ohne Studium der Entwickelungsge-
schichte dieser Theile nicht zu entscheiden sein.
Bei allen J) übrigen Spinnen nun (Dysdera vielleicht
ausgenommen), die ich habe untersuchen können, finden
sich dieselben Theile wieder, aber der ganze Apparat ist
bedeutend umfangreicher und differenzirter. Der Träger
fügt sich mit einer grossen, länglichen Oeffnung der übrigen
Chitindecke an, ist weit länger, eylindrisch und spiralig auf-
gerollt; seine Wandung nur an den Stellen, die eine freie
Oberfläche besitzen, verhornt, während die auf einander
liegenden und sich vielfach deckenden Stücke, namentlich
aber die in der Grube geborgene Basis eine dehnbare und
elastische Wandung von einer feinen streifigen 2) Struktur
besitzen. Der Träger umschliesst den gleichfalls in Spiral-
windungen verlaufenden Samenbehälter. Eine grössere
oder geringere Zahl von Zähnen, Hacken u. s. w. machen
den Bau der Taster noch komplicirter. Verhältnissmässig
einfach ist er bei Drassiden, Ageleniden, Epeiriden und
Thomisiden; am komplicirtesten bei den Therididen.
Die allgemeinsten Lagerungsverhältnisse der Ovarien
stimmen mit denen der Hoden überein: es sind zwei weite
Schläuche mit beiderseitigen kurzen Ausfuhrungsgängen, die
sich bald zu einer ebenfalls kurzen Scheide vereinigen und in
einer zwischen oder hinter denLungen Stigmen gelegenen Spalte
ausmünden. Bei denjenigen Arten, welche 4 Stigmen be-
1) Oletera scheint sich ähnlich wie Segestria zu verhalten;
doch konnte ich an dem einzigen Exemplar, das ich gefunden habe,
nicht zu einer klaren Auffassung gelangen.
2) Dieser Theil ist von Menge (Schriften der Danziger Ge-
sellschaft 1843. Heft 1. p. 36) als Muskel aufgefasst und Spiral-
muskel genannt worden.
Ueber den Generationsapparat der Arane'iden. 243
sitzen (Oletera, Segestria, wahrscheinlich auch Dysdera und
Argyroneta), liegt diese Spalte gerade zwischen dem vor-
deren Stigmenpaar; bei manchen anderen Arten ist die Ge-
nitalspalte etwas nach hinten gertickt, am weitesten bei
Tetragnatha.
Bei Oletera und Segestria sind die Ovarien ringförmig
geschlossen, nicht nur die freien Enden mit einander ver-
klebt, wie es vielfach mit den Hoden der Fall ist; sie
gewinnen dadurch dieselbe Gestalt, die für die männlichen
und weiblichen Geschlechtsdrüsen der Milben und After-
spinnen charakteristisch ist (Fig. 7. Oletera). Im reifen
Zustand füllen die Ovarien, sonst nur zwischen die Leber-
lappen gelagert, den grössten Theil des Hinterleibes an
und besitzen eine traubige Gestalt, indem die reifen Eier
in kurzgestielten Ausbuchtungen der Aussenseite der Ova-
rien ansitzen. Der Entwicklungsgeschichte des Eies, die
schon von Wittich *), Victor Carus 2), auch Leydig 3)
und F. Plateau4), die beiden letzteren mehr beiläufig,
studirt haben, kann ich nur wenige neue Beobachtungen
hinzufügen, werji ich mich auch nicht in allen Punkten
mit den Angaben der genannten Forscher einverstanden
erklären kann. Die äussere Haut der Ovarien ist eine
bindegewebige Hülle mit zahlreich eingestreuten Kernen,
die den bisherigen Beobachtern entgangen sind, ähnlich
der, die die Hoden bekleidet, nur sind bei den Ovarien
die Kerne weit zahlreicher. Diese Bindegewebshülle steht
auch hier mit dem Fettkörper in kontinuirlichem Zusam-
1) von Wittich, Observationes quaedam de aranearum ex
ovo evolutione. Dissert. inaug\ Habs ^Sax. 1845. von Wittich,
Die Entstehung des Arachnideneies im Eierstock, die ersten Vor-
gänge in demselben nach seinem Verlassen des Mutterkörpers.
Müll. Arch. 1849. p. 112—150. Taf. IIT.
2) Victor Carus, Ueber die Entwickelung des Spinnen eies.
Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie II. 1850. p. 97—104. Taf. TX.
3) F. Leydig, Zum feineren Bau der Arthropoden. Müll.
Archiv. 1855. p. 376— 480. Taf. XV-XVIII.
4) Felix Plateau, Observations sur PArgyronete aquatique.
Ann. d. sc. nat. 5. serie Zool. Tom. VII. 1867. p. 345—368. PI. 1.
244 Bertkau:
menhang, und in ihr verlaufen bei Segestria und den At-
tiden zahlreiche Tracheen. Innerlich wird diese Hülle
von einer Schicht Pflasterepithelzellen ausgekleidet oder
von einem Syncytium (Haeckel), indem manche Arten
eine deutliche Membran *) erkennen lassen, andere dagegen
nur zahlreiche Kerne in eine homogene Plasmamasse ein-
gebettet enthalten, ohne dass sich einzelne Plasmaportionen
um die Kerne individualisirten. Deutliche, durch den
gegenseitigen Druck meist sechsseitig polygonale Zellen
finden sich bei Segestria, den Attiden und Thomisiden;
eine Plasmamasse mit Kernen bei den meisten Ageleniden.
Unter günstigen Umständen Hessen sich in den Epithel-
zellen Kern und Kernkörperchen wahrnehmen. Von diesem
Innenbeleg geht nun die Eibildung aus. Der erste Schritt
hierzu ist ein beträchtliches Wachsen einer Epithelialzelle
oder eines Kernes mit dem umgebenden Plasma, das sich
in diesem Falle von dem übrigen kugelig abgrenzt, über
die Nachbarn hinaus, das zu einer Hervortreibung der
Bindegewebshülle führt, in der die junge Eizelle Platz
nimmt (Fig. 8 a). Anfangs sitzt der Eifollikel mit seiner
ganzen Breite der Aussenfläche des Ovariums an; beim
weiteren Wachsthum aber überwiegt das der Eizelle so
bedeutend, dass die Breite des Stieles kaum l/< des Durch-
messers eines ausgewachsenen Eies beträgt (Fig. 8 c).
Die Follikelwandung besitzt keine Kerne, überhaupt nichts,
was auf Zellen hinwiese 2), ist vielmehr ganz homogen;
der Stiel hingegen ist von einem Epithel ausgekleidet, dessen
gekernte Zellen spindelförmig und in radialer Richtung
angeordnet sind. Woher diese Zellen stammen, ob sie
durch Vermehrung der Epithelzellen des Ovariums entstehen,
1) Ueber den Besitz von Membran ist bei anderer Gelegenheit
ein heftiger Streit geführt worden ; ich brauche das Wort hier im
physiologischen Sinne, um auszudrücken, dass die zu jedem Kern
gehörige Plasmamasse durch deutlich wahrnehmbare Linien geschieden
sind; eine doppelte Kontour haben diese Scheidewände nicht.
2) v. Wittich hatte in seiner Dissertation auch dem Follikel
ein Epithel zugeschrieben, in seiner späteren Abhandlung aber (a.
a. 0. p. 116) in Abrede gestellt, womit alle folgenden Beobachter
übereinstimmen.
Ueber den Generationsapparat der Araneiden. 245
kann ich nicht angeben. Das Ende des Stiels ist sanft
hervorgewölbt, und das Ei besitzt daher an seinem Stielpol
eine schwache Einbuchtung; die Bindegewebshülle setzt
sich kontinuirlich über den Stiel fort, um den Follikel
zu bilden l) (Fig. 9a; die Bindegewebshaut ist der Deut-
lichkeit halber absichtlich etwas zu dick dargestellt).
Eine doppelt kontourirte Membran besitzt das Ei
Anfangs eben so wenig wie die Epithelzelle, durch deren
Umbildung es entstanden ist; erst wenn es beinahe seine
völlige Reife erlangt hat, ist eine deutliche Membran wahr-
zunehmen, die eine Ausscheidung der Eizelle selbst, also
eine Dotterhaut ist. Schon vorher sind in dem Plasma
der Eizelle kleine Körnchen als Dotterelemente aufgetreten ;
das Keimbläschen ist gewachsen, in manchen haben sich
die Keimflecke vermehrt (Lethia varia z. B. hat 2—3 lang-
gestreckte, schwachgebogene Keimflecke) oder in dem
Keimfleck sind rundliche Höhlungen entstanden, wodurch
sein Aussehen ein unregelmässiges wird. Neben den feinen
Dottermolekeln treten auch grössere, helle Kugeln auf, zu-
nächst am Stielpol, von wo aus sie allmählich das ganze
Ei anfüllen. Dieselben stammen wahrscheinlich von den
umgebenden Zellen des Ovariums, die also nach dem herr-
schenden Sprachgebrauch Dotterbildungszellen oder besser
Einährzellen wären. Obwohl der direkte Beweis für diese
Ansicht nicht geliefert ist, so gewinnt dieselbe doch sehr
an Wahrscheinlichkeit durch die Ueberlegung, dass die
Epithelzellen in weit grösserer Zahl vorhanden sind, als
sich nachher Eier entwickeln, dass die einem Ei benach-
barten Epithelzellen schwinden und endlich, dass die
Kugeln zuerst am Stielpol auftreten. Es würde sich also
die Eibildung der Spinnen ähnlich wie die der Insekten
verhalten, nur dass in dieser Klasse die zur Ernährung
jedes Eies bestimmten Zellen durch ihre Lagerung ober-
1) Die Abbildung Leydigs (Lehrbuch der Histologie p. 550.
Fig. 271) ist ganz unbrauchbar. Nach derselben wäre das Ei von
einer besonderen Eiweisslage, die vom Stiel durchbrochen ist, um-
geben. Sowohl, wenn diese »Eiweisslage« die Dotterhaut, als auch
wenn sie die Follikelwand darstellen soll, ist die Zeichnung unrichtig.
246 Bertkau:
halb desselben in der Eilöhre, durch die Gliederung der-
selben in Keim- und Dotterfächer, scharf und bestimmt ab-
gegrenzt sind. Welche von den Epithelzellen zur Eibildung
und welche zur Ernährung der Eier bestimmt sind, lässt
sich bei den Spinnen viel weniger noch, als bei den In-
sekten sehen; ein durchgreifender Unterschied findet über-
haupt nicht Statt, indem auf allen Stadien der Entwicke-
lung Eier abortiren, deren plastisches Material natürlich
nutzbar gemacht wird; eine Zelle, die also Anfangs sich
anschickte, ein Ei zu bilden, dient nachher zur Ernährung
der Eier.
Je mehr sich nun die Eier der Reife nähern, um
so mehr häufen sich die Dotterelemente in ihnen an, die
zuletzt das ganze Ei undurchsichtig machen und ein Keim-
bläschen an unverletzten Eiern nur schwer erkennen lassen ;
doch konnte ich dasselbe in den meisten Fällen nach vor-
sichtigem Zerdrücken des Eies in dem entleerten Inhalt
desselben noch auffinden.
Sind die Eier zum Ablegen reif, so gelangen sie durch
den Stiel, dessen Zellen in diesem Alter nicht mehr recht
wahrnehmbar sind, in die innere Höhlung des Ovariums,
das also zugleich als Ovidukt (in seinem vorderen Theile
vielleicht auch als Uterus *) fungirt. Dieser Uebertritt der
Eier aus den Follikeln in die Ovidukte ist zwar nicht
direkt beobachtet, und V. Carus nimmt einen ganz anderen
Vorgang an. Nach seiner Darstellung wäre nämlich das
Ovarium, so wie ich es beschrieben habe, noch von einer
homogenen Haut 2) umgeben, so dass es sich in einem
Sacke befindet, an dessen blindem Ende das Ovarium mit
seiner Spindel ansitzen soll. Abgesehen davon, dass ich
von diesem Sacke bei keiner Art eine Spur, auch nichts
ähnliches habe finden können, was den Irrthum erklärlich
1) Die Spinnen legen nämlich" immer eine grössere Zahl von
Eiern auf ein Mal; die Kreuzspinne z. B. ihre 60—70 Eier in einem
Guss; dieselben müssen sich also vorher in dem vorderen Theile
der Ovarien angesammelt habeü.
2) Schon Treviranus (Ueber den inneren Bau der Arach-
niden, Zeitschr. für Physiologie p. 37) hatte dasselbe behauptet.
Ueber den Generationsapparat der Araneiden. 247
machte, so sieht man aus der von ihm entworfenen Ab-
bildung *), dass sich die Sache so nicht verhalten könne,
indem der Stiel zugleich den Sack schliesst, und auch,
dass sie im Widerspruch mit seiner Schilderung steht.
Spätere Beobachter haben einen solchen Sack ebenfalls
nirgendwo erwähnt, freilich auch die Unrichtigkeit der
Oarus'schen Darstellung nicht direkt behauptet 2), doch
kann ich diese Angelegenheit als erledigt ansehen. Dass
aber die Eier wirklich nicht von den Stielen abfallen
(etwa in die Leibeshöhle), wie die oben 3) kritisirte Ab-
bildung L e y d i g's vermuthen lässt, sondern durch den
Stiel in den Eileiter gelangen, wird durch den Befund des
Ovariums einer Spinne, die ihre Eier abgelegt hat, bewiesen.
Ein solchesOvarium zeigt sich nämlich mit entleertenFollikeln
(Fig. 8 e) besetzt, deren zusammengefallene Wandung in
zahlreiche krause Falten gelegt ist, die fast den Eindruck
einer Gehirnoberfläche mit ihren zahlreichen Windungen
hervorrufen. Wollte man nun sagen, dass die Follikel durch
eine Oeffnung das Ei nach aussen hätten austreten lassen, so
ist dagegen zu erwidern, dass eine solche Oeffnung nicht
zu sehen und dass das Ansehen eines solchen Follikels
(Fig. 8 d), der nach einer künstlichen Verletzung seiner Wand
entleert ist, ein ganz anderes ist. Endlich wurde bei den
klassenverwandten Pentastomen von Leuckart der Vor-
gang beobachtet und in einer beigefügten Anmerkung 4) dar-
auf hingewiesen, dass es sich bei den Spinnen ähnlich
verhalten möchte. Da der Stiel zu eng ist, so muss er
sich entweder ausdehnen oder das Ei zusammendrücken
lassen, vielleicht findet beides zugleich statt. Nach Leu-
ckart zieht sich bei Pentastomum die Tunica propria des
Follikels zusammen und presst dadurch das Ei unter Nach-
giebigkeit seiner Haut durch den sich erweiternden Stiel.
1) a. a. 0. Taf. IX. Fig. 1.
2) Nur R. Leuckart (Bau und Entwicklungsgeschichte der
Pentastomen, Leipzig und Heidelberg 1860) bestreitet (in einer
Anmerkung auf p. 83) die Richtigkeit der Carus'schen Angaben.
3) pag. 245 Anm. 1.
4) a. a. 0. p. 84. Anm. *)
248 Bertkau:
Vergleicht man nun die Follikelwandung unreifer und rei-
fer Eier (resp. entleerter Follikel), so fällt ein bemerkens-
werther Unterschied in die Augen. Hat man nämlich durch
Verletzung des Follikels das Ei nach aussen entleert, so
fällt seine Membran so zusammen, dass nur glatte Falten
entstehen (Fig. 8 d), und die Membran ist dünn und zart; bei
den durch Reife entleerten Eiern ist die Follikelwandung
derber und ihre Oberfläche zeigt die oben erwähnten krau-
sen Falten. Nimmt man nun hinzu, dass in reifen Eier-
stöcken (am deutlichsten in solchen Exemplaren zu sehen,
die schon Eier gelegt haben) auch die übrige Bindegewebs-
haut der Ovarien sich vollständig verändert hat, indem
sich in der vorher homogenen, strukturlosen Haut um die
Kerne strangartige, z. Th. verästelte und mit einander ver-
bundene Züge differenzirt haben l), die an manchen Stel-
len ein vollständiges Netzwerk zu Stande bringen, so ist
es wohl nicht allzugewagt, diese histiologische Verände-
rung mit der Entleerung der Eier in Verbindung zu bringen.
Dies sind die allen Arten gemeinsamen Verhältnisse;
einzelne weisen daneben noch besondere Eigenthümlichkei-
ten auf. Von diesen ist das Vorkommen krystallähnlicher
Dotterelemente nach meiner Beobachtung auf Oletera pi-
cea 2) beschränkt. In kleinen Eiern, in denen das Auftre-
ten von Dottermolekeln eben begonnen hat, finden sich
nämlich kleine quadratische Täfelchen, die sich mit dein
Wachsthum des Eies vermehren, in mittelgrossen oft zu
bedeutender Zahl (50 — 60 konnte ich mit Leichtigkeit
zählen), und zugleich vergrössern. In den grössten Eiern
sind meist nur wenige, grosse Krystalloide vorhanden, de-
1) Ich würde diese zellenähnlichen Gebilde für glatte Muskeln
halten, wenn nicht ihr Verhalten gegen Reagentien ein so absonder-
liches wäre. Auf Essigsäurezusatz schwinden sie, und die Kerne
bleiben in einer fein granulirten Grundmasse zurück.
2) Ich will hier beiläufig erwähnen, dass diese Spinnen, die
Repräsentantin der tropischen Buschspinnea in unserer Gegend,
6 Spinnwarzen, von denen ein Paar allerdings sehr klein ist, besitzt.
Demnach wird man den Besitz von nur 4 Spinnwarzen aus der
Diagnose der Mygaliden streichen müssen.
Ueber den Generationeapparat der Araneiden. 249
ren Gestalt eine senkrechte, bisweilen abgestutzte Pyra-
mide mit quadratischer Grundfläche ist l) (Fig. 11).
Eine viel weitere Verbreitung hat eine andere im Dot-
ter auftretende Bildung, die man nach V. Carus 2) als
Dotterkern3) bezeichnet, v. Witt ich 4) entdeckte im Ei
gewisser Spinnen (Tegenaria, Thomisus, Salticus) neben
dem Keimbläschen einen kugeligen Körper von koncentri-
scher Schichtung und beschrieb dessen Verhalten gegen
Reagentien; v. Siebold5) glaubt bemerkt zu haben, dass
sich von seiner Peripherie eine Schicht nach der anderen
ablöse, in Körner zerfalle und als solche der Eiflüssigkeit
beimenge, und Carus 6) stimmte der Deutung v. Siebold's
bei, indem er die Entstehung des „ Bildungsdotters u (der
kleinen, körnigen Dotterelemente), die er in den anderen,
des Dotterflecks entbehrenden Arten auf das Keimbläschen
zurückführte, hier von dem Dotterkern ausgehen Hess.
Mit dieser Erklärung stimmen nun aber die thatsächlichen
Verhältnisse wenig überein. Die feinen Dottermolekeln
treten nämlich schon auf, wenn der Dotterkern mit dem
übrigen Ei noch wächst, und es müsste also eine Zufuhr
derselben zum Dotterkern die Abgabe mehr als decken;
ferner sind die Elemente, die einen Hof um ihn bilden,
genau dieselben Kugeln, wie sie sich am Stielpol finden,
gehörten also nach der Auffassung G a r u s' zum Nahrungs-
dotter 7). Die Deutung, welche andere Forscher (z. B. B al-
1) El. Mecznikoff erwähnt (Embryologie des Skorpions.
Zeitschi-, f. wissensch. Zoologie XXI. 1871. p. 204-232) ähnliche
Prismen aus dem Eidotter von Scorpio italicus.
2) a. a. 0. p. 101.
3) Mit der gleichnamigen Bildung aus dem Ei der Myriopoden,
die ein unregelmässiger Klumpen von Dotterelementen ist, hat diese
keine Aehnlichkeit.
4) Diss. inaug. p. 7.
5) Lehrb. der vergl. Auat. p. 543.
6) a. a. 0. p. 102.
7) Der ganze Unterschied zwischen Nahrungs- und Bildungs-
dotter, wie ihn Carus für die optisch verschiedenen Dotterelemente
aufstellt, ist zu wenig begründet, um länger festgehalten werden
zu können.
250 Bert kau:
biani l) von ihm geben, sind ebenfalls hypothetischer Na-
tur und durch keine Beobachtung* unterstützt, und ich
kann daher Leydig2) nur beistimmen, wenn er ihn
als räthselhaftes Gebilde von unbekannter Bedeutung be-
zeichnet. Obwohl ich zur Aufklärung nichts beitragen
kann, so will ich doch nicht verfehlen zu erwähnen, dass
ich ihn noch in abgelegten Eiern von Heliophanus und an-
deren Attiden finden konnte, und dass er möglicher Weise
bei der Embryonalentwickelung eine Rolle spielt ; bei gün-
stiger Gelegenheit werde ich diesen Punkt ins Klafe zu
bringen suchen. Erwähnen will ich noch, dass ich ihn in
der Familie der Attiden ausnahmslos (bei den Gattungen
Salticus, Euophrys, Heliophanus, Calliethera, Dendryphan-
tes), in der der Thomisiden bei Thomisus, Xysticus und
Artamus fand; in der Familie der Ageleniden scheint er
nur bei Tegenaria und Philoica vorzukommen. Am deut-
lichsten ist er bei den Attiden, mehr verschwommen bei
den letzterwähnten Gattungen.
Durch den Mangel accessorischer Drüsen sind die Aus-
führungsgänge der Ovarien der Spinnen einfacher gebaut
als die der Insekten, Myriopoden und selbst anderer Ord-
nungen unter den Arachniden. Sogar das Receptaculum
seminis, das, so weit meine Kenntnisse reichen, keiner
Spinnenart fehlt, ist in den seltensten Fällen in unmittel-
barer Verbindung mit der Scheide angebracht und ver-
langt daher eine gesonderte Besprechung. Von diesem
Organ kommen zwei Typen vor: es findet sich entweder
als ein unpaarer, in der Medianlinie des Körpers gelege-
ner Sack, oder als zwei symmetrisch zu beiden Seiten der
Mittellinie gelagerte Blasen. In der ersten Form fand ich
es bei Segestria bavarica (Fig. 12). Hier hat es die Ge-
stalt eines mit weiter Oeffnung hinter der Genitalspalte
1) Balbiani: Sur la Constitution du germc dans Poeuf animal
avant la fecondation. Comptes rendus LVII1. 1864. p. 584 — 588;
621-624.
2) Lehrb. der Histologie p. 550.
Ueber den Generationsapparat der Araneiden. 251
beginnenden Sackes. Die vordere Wand desselben ist im
ersten Drittel dick und in ihr verläuft ein etwas gewun-
dener Kanal (e Fig. 12), der in den Binnenraum des Recep-
taculum seminis einmündet. Er dient wahrscheinlich zur
Aufnahme des männlichen Tasters oder vielmehr des
Endtheiles (b Fig. 5) des Trägers, da ich bei einigen Indi-
viduen auch in ihm die kugeligen Spermatophoren fand.
Eine Vereinigung des paarigen mit dem unpaaren
Typus kommt bei Tetragnatha vor. indem hier ausser zwei
seitlichen wurstförmigen Samenbehältern ein kleinerer mitt-
lerer fast kugeliger vorkommt, der bei denjenigen Indi-
viduen, die schon eine Begattung erfahren hatten, durch
Anfüllung mit Sperma ganz unzweifelhaft seine Bedeutung
bewies. Nach einer anderen Seite hin in auffallender
Weise abweichend ist das Receptaculum seminis von Ole-
tera picea (Fig. 14) beschaffen. Bei dieser Art besitzt die
Scheide zwei grosse seitliche Ausbuchtungen, deren Wand
z. Th. verhornt ist und Muskeln zur Anheftung dient. Dem
Boden dieser Höhlung sind nun zahlreiche (12—14 jeder-
seits) kugelige und flaschenförmige, kurz gestielte Blasen
aufgesetzt, die sich theilweise mit Spermatozoen angefüllt
zeigen.
Bei den anderen Spinnen kommen nur zwei Samen-
taschen vor, die kugelig oder flaschenförmig mit längerem
oder kürzerem Einführungskanal gestaltet sind. Kugelig
sind sie bei den meisten Epeiriden, Therididen, Thomisiden
undAttiden, flaschenförmig bei Philoica, Tegenaria, Scyto-
des; bei der letzten Gattung mit einem sehr langen ver-
schlungenen Einführungskanal versehen. Bei den Attiden
und einigen Therididen geht von dem kugeligen Recepta-
culum seminis, ungefähr an derselben Stelle, wo der Ein-
führungskanal in dasselbe einmündet, je ein kurzer Fort-
satz aus, doch habe ich mich nicht überzeugen können, ob
derselbe hohl oder ein solider Balken war, und auch nicht,
ob er etwa in den Ovidukt einmündete, wenn das erstere
der Fall sein sollte (Fig. 15 c).
Bei Linyphia macrognatha sitzt das Receptaculum
seminis als eine kleine Blase am Ende eines grossen halb-
kreisförmigen Einführungskanals (Fig. 16), dessen Wand
252 Bertkau:
mit schraubig verlaufenden Chitinleisten versehen ist, die
als Muttergewinde gewisserniassen den entsprechenden Win-
dungen des männlichen Tasters angepasst sind, wie denn
überhaupt bei allen Arten beide Theile die genaueste An-
passung an einander zeigen.
Die Einführungsöffnungen liegen in den meisten Fäl-
len offen zu Tage, vor der Scheidenspalte, in der an dieser
Stelle mehr oder minder verhornten Haut des Hinterleibes;
selten sind sie in der Scheide verborgen, so dass in die-
sen Fällen das Receptaculum seminis als einpaarige Blase
dem Scheidenkanal anhängt, wie etwa bei den Hymenopte-
ren unter den Insekten. Im ersten Falle sind die beiden
Oeffnungen entweder äusserlich durch eine Brücke ge-
trennt, oder sie gehen von einer gemeinsamen Grube aus,
was bei den Attiden Regel ist und auch bei einigen The-
rididen vorkommt. Als Anhansgebilde der Scheide fand
ich die Samentaschen nur bei den Gattungen Seytodes,
Oletera, Tetragnatha und Pachygnatha. Bei Seytodes (Fig.17)
entspringen sie gerade an der Mündung der Scheide, in
den Ecken der Spalte; bei den übrigen sind sie mehr an
der Scheide hinaufgerückt. Von Oletera war schon die
Rede. Bei Tetragnatha ist das Verhältniss folgendes : Hin-
ter den Stigmen wölbt sich die Haut des Hinterleibes stark
vor, am stärksten am hinteren Rande, der wie ein dicker
Wulst auf der dahinter liegenden Haut des Hinterleibes ge-
lagert erscheint. Hier befindet sich die Genitalspalte, in
der die vereinigten Ovidukte ausmünden. Der vorderen
Wand der Scheide sitzt nun eine flache, halbkreiförmige
Tasche auf, welche an ihrer Peripherie drei Oeffnungen
trägt, zwei seitliche, die zu den cylindrischen, und eine
mittlere, die zu dem kugeligen Samenbehälter führt. In
allen beobachteten Fällen wurde die rechte Samentasche vom
rechten, die linke vom linken Taster mit Sperma gelullt;
wie es sich mit dieser dritten unpaaren verhält, kann ich
nicht sagen. Bei Pachygnatha, von der ich nur ein Exem-
plar hatte, schien mir die Sache sich ähnlich zu verhalten,
nur fehlte hier das dritte Receptaculum seminis.
Die Wand des Receptaculum seminis ist von einer
Membran gebildet, an der zellige Elemente nicht wahr-
Ueber den Generationsappart der Arane'iden. 253
nehmbar sind. Ihren Ursprung- verdankt sie einem faseri-
gen Bindegewebe, welches in einigen Fallen persistirt und
mit der Kittsubstanz der Muskeln in kontinuirlichem Zu-
sammenhang steht (bei Segestria und Oletera sehr deutlich
zu sehen). Die Verhornung richtet sich in ihrer Stärke
und Ausdehnung nach der mehr oder weniger innerlichen
Lage : bei den weit in die Leibeshöhle hineinragenden (Se-
gestria, Oletera, Tetragnatha) tritt eine Verhornung nur an
einzelnen, nicht zusammenhängenden Stellen ein und kann
zu höchst eigenth timlichen Skulpturen (z. B. Fig. 12 a Se-
gestria) der Wandung fuhren ; in den meisten Fällen aber
verhornt die ganze Wand ohne Lücken zu lassen.
Die Frage, mit welchem Alter die Geschlechtsreife
eintritt, ist nicht für alle Arten in derselben Weise zu
beantworten, und vielfach fehlt es noch an den einschläg-
lichen Beobachtungen. Nur so viel ist gewiss, dass die
Spinnen mit oder nach der letzten Häutung geschlechtsreif
werden und sich also hierin den Insekten anschliessen ;
auch, scheint für die meisten Spinnen eine viermalige Häu-
tung die Regel zu sein. Die Zeit aber, welche zur Ent-
wicklung nöthig ist und auch das Lebensalter des Thieres
bestimmt (wenigstens bei den Männchen), ist verschieden;
doch dürften zwei Jahre nicht leicht überschritten werden.
Während die Geschlechtsdrüsen schon sehr früh angelegt
werden, gelangen die äusseren Begattungswerkzeuge erst
mit der letzten Häutung zur Ausbildung. Den Geschlechts-
produkten öffnet sich in der Genitalspalte ein Weg nach
aussen; beim Männchen werden die Taster zur Begattung-
geschickt gemacht, beim Weibchen die Samentaschen und
sonstigen äusseren Geschlechtstheile fertig gestellt. Im
reifen Zustand kann man das Männchen immer leicht an
den umgewandelten Tastern erkennen, auch schon nach
der vorletzten Häutung, indem in diesem Stadium das End-
glied der Taster kolbig angeschwollen ist. Ferner ist das
reife Männchen viel schmächtiger, sein Hinterleib dünner
und magerer, die Beine dafür um so länger. Bei einigen
Arten (Tetragnatha, Pachygnatha, Calliethera, Pyrophorus)
besitzt das Männchen mächtige, lange Mandibeln, die nach
Beobachtungen bei Tetragnatha und Pachygnatha zum Fest-
254 Bertkau:
halten des Weibchens während der Begattung dienen und
bei den beiden letztgenannten Gattungen wohl die gleiche
Bedeutung haben.
Das Verfahren des Männchens, seine Taster mit Sa-
men zu füllen, war in zwei von mir beobachteten Fällen
folgendes. Ein Männchen von Philoica domestica, das ich
längere Zeit in einem Cylinderglas hielt, wo es auch die
letzte Häutung bestanden hatte, hatte nach Art dieser Spin-
nen ein horizontales Gewebe dicht über dem Boden ange-
legt, das an einer Stelle nicht ganz an der Wand des Gla-
ses anschloss. Hier bemerkte ich das Männchen nun eines
Tages in lebhaften Bewegungen; es spann unter beständi-
gem Klopfen der Taster derbe Fäden hin und her, so dass
an dieser Stelle zuletzt ein dicker Strang von Fäden war.
Hierauf ruhte es einige Augenblicke aus, dann wandte es
sich so, dass die Achse seines Körpers den Strang recht-
winkelig kreuzte und fuhr dann mit dem Hinterleibe in
heftigen Bewegungen hin und her, bis — es mochten wohl
10 Minuten vergangen sein — aus der Genitalspalte ein
kleines trüblich weisses Tröpfchen trat und auf den Strang
abgelegt wurde. Darauf brachte es, ohne seine Stellung
zu verändern, abwechselnd den rechten und linken Taster
an das Tröpfchen, das nach 12 Minuten verschwunden war.
So genau ich auch zusah, so bemerkte ich doch an den
Theilen des Tasters keine Bewegung. In ähnlicher Weise
verfuhr Linyphia montana *); nur war hier das dichtere
Gewebe von dreieckiger Gestalt und das Männchen ging
unter dasselbe, um das Samentröpfchen aufzunehmen, was
hier kaum 15 Sekunden in Anspruch nimmt, wahrscheinlich
wegen der grösseren Oeffnung des Samenbehälters; bei
dieser Spinne glaube ich auch ein Auf- und Zuklappen an
dem Samenbehälter wahrgenommen zu haben.
In diesen beiden Fällen waren die Männchen isolirt
gewesen, und es kann sie nur ein innerer Drang veranlasst
haben, die Hoden ihres Inhaltes wenigstens theilweise zu ent-
1) Bei Linyphia triangularis schon 1848 von Menge (Neueste
Schriften der Danziger Gesellschaft Bd. IV. Heft I. pag. 39 und
Taf. m. Fig. 11) beschrieben.
Ueber den Generationsapparat der Araneüden. 255
ledigeo; dasselbe findet auch in der freien Natur statt:
das Männchen füllt erst seine Taster mit Samen und sucht
sich dann ein Weibchen, an das es denselben übertragen
kann. Doch kommt es auch vor, dass beide Geschlechter
schon vor der Begattungszeit einander aufsuchen und längere
Zeit friedlich bei einander wohnen, bis nach vollzogener
Begattung das Weibchen sich nicht mehr um das Männ-
chen kümmert und letzteres sich zurückzieht. So wohnen
beide Geschleehter von Heliophanus, Dendryphantes und
anderen Attiden lange in demselben Gespinnst, ferner die
verschiedenen Linyphiaarten nach der letzten Häutung. Am
28. August grub ich eine Röhre von Oletera picea aus, in deren
Grunde ein Männchen und Weibchen, beide ausgewachsen,
sassen; eine Begattung hatte noch nicht stattgefunden, da
das Receptaculum seminis des Weibchens noch leer war ;
auch in dem Taster des Männchens war noch kein Sperma zu
entdecken. Abgesehen von diesen immer noch seltenen Fäl-
len eines längeren engeren Zusammenlebens nähern sich
beide Geschlechter nur zum Behuf der Begattung. Das
Männchen sucht das Weibchen in seinem Gespinnst auf
und wartet geduldig, bis es sich seinen Bewerbungen ge-
neigt zeigt 1). Schon ältere Beobachter beschreiben das
zaghafte Benehmen, mit dem sich das Männchen dem Weib-
chen nähert, nicht jedoch ohne durch Hinzufügen des Grun-
des (das Männchen müsse fürchten, von dem stärkeren
Weibchen verzehrt zu werden) einer speciellen Beobachtung
eine zu grosse Allgemeinheit gegeben zu haben. Denn so
richtig es auch ist, dass bei manchen Arten das schon be-
fruchtete oder zur Begattung nicht aufgelegte Weibchen
ein sich ihm näherndes Männchen wie jedes andere zu
seiner Nahrung dienende Thier auffrisst, so sicher ist es
auch, dass bei einer grossen, vielleicht der grösseren Zahl
von Arten dieses Wüthen gegen das eigene Geschlecht
nicht vorkommt.
1) Tetragnatha und Pachygnatha machen eine Ausnahme.
Hier stürzt sich das Männchen sofort auf das Weibchen los und
umfasst dessen Kiefer mit seinen Mandibeln, wie das unten näher
beschrieben ist; wenn das Weibchen sich nicht durch die Flucht
entzieht, so muss es sich die Begattung gefallen lassen.
256 Bert kau:
Die Begattung selbst wurde ebenfalls schon von älte-
ren Beobachtern (L i s t e r, Clerk, de Geer, Brandt und
Ratzeburg) gesehen und die Taster dabei richtig als
Uebertragungsorgane gedeutet , wenn man damals auch
noch nicht wusste, auf welchem Wege der Same in diesel-
ben gelange. Spätere Beobachter (z. B. Treviranus)
bezweifelten die Richtigkeit dieser Anschauung, indem sie
die Taster für Reizorgane und das Anlegen derselben an
die weibliche Geschlechtsöffnung nur für das Vorspiel der
Begattung erklärten. Einzelne Fälle, in denen ich eine
Begattung beobachten konnte, will ich hier beschreiben,
und dabei die verschiedenartigsten herausgreifen, um zu
zeigen, wie mannigfaltig dieser Akt bei den Spinnen ist.
1. Agelena labyrinthica. Von dieser Spinne hatte
ich Ende Juni eine grössere Anzahl Individuen beiderlei
Geschlechts nach Hause gebracht, die vor der letzten Häu-
tung standen. Anfangs hatte ich einzelne Pärchen zusam-
mengesetzt, um zu sehen, ob sie sich vertragen würden.
Kam nun zufällig das eine dem andern zu nahe, so flohen
beide gleich erschrocken zurück und suchten sich zu ver-
bergen. Da ich fürchtete, sie möchten sich in der Häu-
tung, die selbst im Freien diese Thiere sehr angreift, stö-
ren, so trennte ich sie und Hess sie sich einzeln häuten.
Die Häutung fand in den ersten Tagen des Juli statt. Als
ich sie nun zusammenbrachte, zeigten sie anfänglich das-
selbe Benehmen wie früher ; ich wartete daher noch einige
Zeit und brachte am 13. Juli wieder ein Pärchen zusam-
men, das denn auch die Begattung in folgender Weise
vollzog. Das Männchen stürzte auf das Weibchen los, wel-
ches anfangs floh ; das Männchen folgte ihm, suchte es mit
seinen Mandibeln festzuhalten und dann mit den Beinen
in die Höhe zu heben. Das Weibchen verhielt sich die-
sen Bemühungen gegenüber ganz passiv; mit angezogenen
Beinen blieb es ruhig, den Körper auf den Boden des
Glases gedrückt, liegen und nur dann und wann, wenn ihm
die Liebkosungen zu stürmisch wurden, entzog es sich
ihnen durch die Flucht. Das Männchen näherte sich ihm
behutsam, mit seinen vorderen Beinpaaren langsam tastend;
der Hinterleib war dabei etwas erhoben und machte
Ueber den Genera tionsapparat der Araneidcn. 257
zuckende Bewegungen auf und nieder ; die beiden langen,
gegliederten Spinnwarzen waren auseinander gespreizt.
Nachdem dieses Fliehen und Haschen ungefähr % Stunden
gedauert hatte, zeigte sich das Weibchen willig; das Pär-
chen war jetzt in der Lage, dass sie die Köpfe einander
zugekehrt hatten ; das Männchen sass dicht neben dem mit
angezogenen Beinen dasitzenden Weibchen, welches seinen
Hinterleib etwas nach der Seite in die Höhe gedreht hatte,
an der das Männchen sass. Nun fuhr das Männchen meh-
rere Male wie tastend mit seinem Palpus über die Ein-
gangsöffnung zum Receptaculum seminis ; nach drei miss-
gltickten Versuchen drang die Spitze des Samenbehälters
ein; nun wurde der Taster stärker angedrückt, wobei der
untere, elastische Theil des Trägers wie eine Blase anschwoll
und die anderen Theile fast ganz überdeckte. Sie blieben
etwa 10 Sekunden in der Vereinigung, während welcher
Zeit das Männchen zu wiederholten Malen durch Anziehen
des Weibchens seinen Hinterleib zusammenpresste, was
immer eine stärkere Schwellung der erschlaffenden Blase
zur Folge hatte. Dann löste das Männchen seinen Taster
und brachte dessen Endglied an den Mund, wobei mir
schien, als ob es das Endstück des Samenbehälters zwischen
den Maxillen durchzöge, worauf der Taster von neuem in
die Samentasche eingebracht wurde. Dies dauerte wohl
1/2 Stunde, wobei der Taster (noch immer derselben Seite)
wohl 30 — 40 Mal eingeführt wurde ; wollte er nicht haften,
so zog das Männchen ihn noch ein Mal oder wiederholt
durch den Mund. Hierauf ging es an die andere Seite,
das Weibchen drehte seinen Hinterleib nach dieser Seite
etwas aufwärts, und die andere Samentasche wurde durch
den Taster der entsprechenden Seite gefüllt.
2. Sparassus virescens. Auf dem Venusberge fand
ich anfangs Juni ein Pärchen dieser Spinne, das Männchen
sass auf dem Rücken des Weibchens. Ich trennte sie und
nahm sie mit nach Hause. Am andern Morgen setzte ich sie
in ein geräumiges Glas zusammen. Sofort stürzte das Männ-
chen auf das Weibchen los und nahm dieselbe Stellung
ein, in der ich es am vorhergehenden Tage gefunden : es
Archiv f Natarg. XXXXI Jahr?. 1. Bd 17
258 Bertkau:
setzte sich rittlings und umgekehrt auf den Rücken des
Weibchens, der Kopf befand sich ungetähr in der halben
Länge des Hinterleibes des Weibchens; da es etwas ge-
krümmt sass und überhaupt kleiner als das Weibchen ist,
so reichte sein Hinterleib eben über den Kopf des Weib-
chens hinaus ; die Taster waren auf dem Rücken des Weib-
chens ruhig zusammengelegt. In diesem Zustande blieben
sie wohl eine Stunde lang ; als ich dann aber wieder nach
ihnen sah, befand sich das Paar in folgender Stellung. Das
Männchen war seitlich heruntergerutscht, so dass seine
rechte Körperseite neben der des Weibchens lag, das seiner-
seits den Hinterleib nach rechts in die Höhe gedreht hatte.
Der rechte Taster war in die Samentasche der rechten Seite
eingeführt und der Grundtheil des Trägers blasig ange-
schwollen. In dieser Lage blieben sie unverändert unge-
fähr 1/2 Stunde, gegen Ende dieser Zeit sank die Blase
mehrere Male zusammen und schwoll wieder an, zuletzt in
immer küzeren Zwischenräumen, worauf das Weibchen un-
ruhig wurde. Jetzt löste das Männchen den Taster, ruhte
einige Augenblicke und begab sich dann an die linke Seite
des Weibchens, um die Samentasche dieser Seite mit sei-
nem linken Taster zu füllen.
3. Tetragnatha extensa. Zu einem Weibchen, das
ich längere Zeit in einem Glase gefangen gehalten hatte,
setzte ich ein eben aus dem Freien mitgebrachtes Männ-
chen. Dieses näherte sich mit auseinander geschlagenen
Mandibeln dem Weibchen, welches ebenfalls die Klauen
der Mandibeln geöffnet hatte. Beide fassten sich nun so
mit den Mandibeln, dass die Klauen des einen das Basal-
glied des anderen umfassten. Das Weibchen stand mit
dem leicht gekrümmten Hinterleib senkrecht auf dem Bo-
den des Glases; das Männchen hielt den Hinterleib wage-
recht. Nachdem das Paar in dieser Stellung ruhig unge-
fähr 10 Sekunden verharrt hatte, versuchte das Männchen
zuerst den linken Taster in die Scheide einzuführen, aber
erfolglos ; darauf den rechten, was glückte. Sofort trat
der untere Theil des Trägers wie eine prall angefüllte
Blase hervor, fiel mehrere Male zusammen und schwoll wie-
lieber den Generatiotisapparat der Arane'iden. 259
der an. Darauf wurde der rechte Taster herausgenommen
und der linke eingebracht, darauf wieder der rechte, und
so abwechselnd zu wiederholten Malen, wobei der Taster
jedes Mal ungefähr 5 Minuten in der Scheide verweilte.
Die Zeit, welche zwischen der Begattung und dem
Ablegen der Eier verläuft, ist nach allen beobachteten
Fällen eine beträchtliche. Agelena labyrinthica, deren Be-
gattung ich am 13. Juli beobachtet hatte, legte in der
Nacht vom 30.— 31. ihre Eier; Sparassus vireseens nach 23
Tagen. Bei manchen erfolgt eine einmalige Ablage der Eier,
die bis zum Ausschlüpfen der Jungen, wenn nicht die Mutter
inzwischen gestorben ist, bewacht werden. Andere legen
in kurzen Zwischenräumen Eier, oft bis fünf Eierhäufchen.
Dies kommt bei Thomisus- und Micryphantesarten vor und
ist wohl auf die ungleichzeitige Reife der Eier zurückzu-
führen. Die Mutter bleibt neben dem zuerst abgelegten
Eierhäufchen sitzen und legt die folgenden dicht daneben
ab. Von Segestria bavarica fing ich am 22. August ein
Weibchen bei seinem Eierhäufchen, in dem sich schon die
ausgeschlüpften Jungen herumtummelten. Bei der Sektion
fanden sich die Ovarien mit fast reifen Eiern besetzt und
das Receptaculum seminis mit Spermatophoren noch ziemlich
angefüllt. Dieser Befund deutet darauf hin, dass diese
Spinne eine doppelte Generation produciren kann, entweder
noch in diesem Jahre oder im nächsten.
Mit vielem Interesse habe ich die Frage verfolgt, ob die
Eier innerhalb des mütterlichenKörpers befruchtet werden oder
erst nach dem Verlassen desselben, und die Untersuchungen
über die Samentaschen sind vorzüglich in der Hoffnung ge-
macht worden, hierüber ins Klare zu kommen. Bei Oletera,
Tetragnatha und Pachygnatha ist eine innerliche Befruchtung
nicht ausgeschlossen, und dasselbe wäre für die Theridi-
den und Attiden gültig, wenn sich die erwähnten Fortsätze
als hohle, in die Scheide ausmündende Kanäle erweisen
sollten. Für die anderen Arten hingegen, die nur eine
äussere Oeffnung der Samentaschen (eben die, durch wel-
che die Füllung geschieht) haben, ist nur die Möglichkeit
einer nachträglichen Befruchtung der bereits gelegten Eier
vorhanden. Gestützt wird diese Ansicht durch die Beob-
260 Bertkau:
achtungen Menge's über das Eierlegen *). „Die Spinne
bereitet ein Nestchen aus Spinnfäden, legt sich mit dem
Hinterleibe darüber, und alsbald dringen die Eier aus der
Scheidenöffnung und zwar alle auf ein Mal, wie aus einem
Gusse und bilden ein rundliches Häufchen. Einige Augen-
blicke ruht nun die Spinne, dann aber fährt sie mit dem
Hinterleibe Faden ziehend über die Eier, als ob sie diesel-
ben überspinnen wollte. Man erkennt aber bald an der
unsicheren Bewegung, dass dies nicht die eigentliche Ab-
sicht ist und dass noch etwas anderes erfolgen wird. Plötz-
lich legt sie wieder den Bauch über die Eier, und aus
der Scheidenspalte dringt eine klare Flüssigkeit, die so-
gleich von den Eiern aufgesogen wird, ohne das Gewebe
zu benetzen. Das Volumen der Eier hat sich dadurch so
vergrössert, dass sie nun nicht mehr im Hinterleib der
Spinne Raum haben würden. Die Flüssigkeit kommt nach
meiner Meinung aus den um diese Zeit stark ausgedehn-
ten Samentaschen und ist mit dem bis dahin aufbewahr-
ten Samen des Männchens vermischt. Gern hätte ich mir
Gewissheit darüber verschafft, aber Ehrfurcht gegen die
Natur, die das Thier in seiner obliegenden wichtigsten
Lebensverrichtung nicht stören wollte, hielt mich ab, die
Flüssigkeit zu untersuchen" (Schriften der Naturf. Ges.
zu Danzig. Neue Folge Bd. I. Heft 3 u. 4. Preussische
Spinnen S. 33, 34). Gerstäcker2) zieht diese Erklärung
in Zweifel, ohne jedoch Gründe anzugeben; eine Gewissheit
liesse sich allerdings nur durch eine mikroskopische Un-
tersuchung der austretenden Flüssigkeit erlangen. Ver-
hielte sich aber die Sache so, wie Menge annimmt, so
würde das Receptaculum seminis der Spinnen in noch hö-
herem Grade als das der Insekten3) den Zweck haben,
den Samen bis zum Ablegen der Eier aufzubewahren.
1) So sehr ich mir auch Mühe gegeben habe, so konnte ich
doch nie ein Weibchen beim Eierlegen belauschen; selbst Menge,
der die Lebensweise der Spinnen seit mehr als 30 Jahren zu seinem
Hauptstudium gemacht hat, konnte diesen Vorgang nur 2 Mal beob-
achten.
2) Dieses Archiv. 1867. 2. p. 461.
8) Leydig hat zwar (F. Leydig: Der Eierstock und die
üeber den Generationsapparat der Araneiden. 261
Die Sorge für die Nachkommen, die sich bei den In-
sekten meist darauf beschränkt, ihre Eier an solchen Orten
abzulegen, wo die ausschlüpfenden Jungen sofort Nahrung
finden, ist bei den Spinnen weiter ausgebildet und führt
immer dazu, die Eier mit einem dichten Gespinnst von derben
Fäden zu umhüllen; schon ältere Beobachter fanden, dass
zu den Eiersäckchen festere Fäden verwandt würden als
zum Fanggewebe, und dass auch solche Spinnen (Thomi-
siden, Lycosiden, Attiden), die überhaupt kein Fanggewebe
anlegen, ihre Eier sehr sorgsam umspinnen. In allen Fäl-
len bewacht die Mutter ihr Eiersäckchen ängstlich, die
Epeiraarten, die meist im Herbst Eier legen, halten bei
ihnen Wache, bis die eintretende kalte Witterung sie tödtet.
Theridiumarten machen durch Zusammenspinnen von Blät-
tern eine Art Dach, unter dem sie mit ihrem Eiersäckchen
Schutz finden. Andere in Winkeln der Gebäude lebende
Arten (Tegenaria, Philoica) hängen das Eiersäckchen an
ihr Fanggewebe; Scytodes und Pholcus halten es dabei
zwischen den Mandibeln; Ocyale und Lycosa tragen ihr
rundes Eiersäckchen mit sich herum, die erstere zwischen
den Mandibeln, die letztere am Hinterleibe angespon-
nen. Eine noch grössere Sorge und vielleicht nächst den
Ameisen, Bienen u. s w. die grösste unter den Glieder-
thieren zeigt Steatoda lunata für ihre Jungen, denen sie
anfangs noch Futter zuträgt, wie dies schon von Li st er1),
Clerk 2) und Walckenaer3) beobachtet wurde.
Samentasche der Insekten. Nova Acta phys. -med. Acad. Caes.
Leop. Carol. nat. cur. Tom. XXXIII. 1866. p. 73, 74) die Bedeutung
der Samentasche in diesem Sinne angegriffen und die Frage aufge-
worfen, ob nicht die einmal in derselben befindlichen Spermatozoen
darin verblieben, ohne zur Befruchtung verwandt zu werden. .Aber
schon für die Insekten sind diese Bedenken ganz hinfällig und für
die Spinnen, deren Samentasche zugleich als bursa copulatrix
fungirt, erst recht.
1) Mart. Li st er: Historiae animalium Angliae tres tractatus,
nnus de araneis, p. 54.
2) C. Clerk: Svenska Spindlar s. aranei Suecici. Stockholm
1754. p. 53.
3) C. A. Walckenaer: Faune Parisienne. Insectes. Tom. II.
p. 300.
262 Bert kau: Ueber den Generationsapparat der Araneiden.
Erklärung der Abbildungen.
Tal. VII,
Fig. 1. Hinterleib einer männlichen Philoiea domestiea. a Hoden, b
getrennte, c vereinigte vasa deferentia.
» 2. Ein Stück Hoden (links) und vas. deferens vergrössert. k
Kerne der Bindegewebshülle, s die vermutlichen Mutter-
zellen der Spermatozoiden, g Drüsenzellen, d deren Sekret
aus den vas. def.
» 3. Spermatozoiden. a von Segestria, b Clubiona, c Epeira,
d Meta.
von Segestria. a Träger, b hohler Endtheil
desselben, c Samenbehälter, d Spermato-
,phoren, 1 kreisförmiges Stück, mit dem der
4. Spermatophoren '
5. Seitenansicht des
Tasters
6. Querschnitt durch
den Taster
die Träger und Taster kommuniciren, p
Poren in der Wand des Samenbehälters.
7. Ovarium von Oletera picea, od vereinigter Ovidukt, m
Muskelbündel.
8. Schematische Darstellung zur Versinnlichung der Entwicke-
lungsgeschichte des Eies. Nach Zeichnungen von Agelena
labyrinthica. k Kern, k' Kernkörperchen der P^pithelschicht.
Entwickelung des Eies in der Reihenfolge der Buchstaben
a, b, c; d ein künstlich, e ein durch Reife entleerter Fol-
likel, st Stiel des Follikels.
9. Eifollikel mit Ei vonEuuphrys pubesceus. a Bindegewebs-
hülle, die auch die Follikelwand bildet, k Keimbläschen,
k' Keimfleck, dk Dotterkern, v helle Dotterkugeln ,(S0S-
Nahrungsdotter).
10. Flächenansicht auf einen jungen Eierstock. k Kerne der
Bindegewebshülle (über den Epithelzellen sind dieselben
weggelassen), k' Kern, k" Kernkörperchen der Epithelzellen.
11. Krystalloide aus dem Dotter von Oletera picea.
12. Recept. sem. von Segestria bavarica. a die eigenthümlichen
Zapfen, die sich auf der Wand desselben erheben, b Sei-
tenansicht derselben.
13. Recept. sem. von Tetragnatha extensa. a unpaare b
paarige Samentasche.
14. Recept. sem. von Oletera picea.
15. Recept. sem. von Theridium 4-punctatum. a äussere Oeff-
nung, b Kanal, der zu den Samentaschen d führt, c Fort-
satz an der Samentasche,
16. Recept. sem. von Linyphia macrognatha.
17. Recept. sem. von Scytodes thoracica.
Beiträge zur Naturgeschichte der Hyclraehnideii
Von
P. Krämer, Dr. ph.
in Schleusingen.
Hierzu Tafel VIII und IX.
Den Wassermilben ist bisher schon von manchen
Seiten lebhaftes Interesse zugewendet, so dass wir im
Ganzen und Grossen, namentlich von dem innern Bau und
der Entwicklung dieser zum Theil winzigen Geschöpfe
genügende Kenntniss besitzen. Je genauer jedoch die
Wasserbecken eines nicht allzugrossen Gebietes nach ihnen
durchsucht werden, um so mehr findet es sich, dass die
bisher bekannt gewordenen Geschlechter und Arten den
wirklichen Bestand noch lange nicht repräsentiren. Die
im Nachfolgenden aufgeführten Arten scheinen zum aller-
grössesten Theil noch nicht beobachtet, oder wenn sie beob-
achtet wurden, noch nicht speziell beschrieben zu sein.
Um so mehr habe ich mich bemüht, die von mir beob-
achteten Thiere derart zu charakterisiren, dass ein spä-
terer Beobachter sie mit Leichtigkeit wieder erkennen
kann. Daneben durfte das anatomische Detail nicht ver-
nachlässigt werden, aber es waren gerade hierbei nicht
geringe Schwierigkeiten zu überwinden. In dem durch-
suchten Gebiet sind gerade die grösseren, der anatomischen
Untersuchung weniger unzugänglichen Repräsentanten selten
und so ist es gekommen, dass es nicht gelang, eine ganze
Reihe von Fragen, welche für die Naturgeschichte der
Wassermilben von Interesse sind, mit genügender Sicherheit
264 Kramer:
zn beantworten.^ Es bleibt einer künftigen Beobachtung
immer noch viel aufzuhellen übrig, möge ihr die nachfol-
gende Darstellung einigermassen vorgearbeitet haben!
Das Gebiet, in welchem die im Nachfolgenden be-
schriebenen Thiere gefunden wurden, sind die in der
Nachbarschaft der thüringischen Stadt Schleusingen vor-
handenen Teiche und Bäche.
A. Anatomischer Theil.
Die Haut.
Wie bei andern Acariden und den Gliederthieren über-
haupt sondert sich bei den Hydrachniden die äussere
Chitinhaut von einer unter dieser ausgebreiteten Matrix ab.
Diese Matrix kann nicht als eine besondere Zellenhaut
angesehen werden, sondern scheint vielmehr eine Schicht
lose zusammenhängender Zellen zu sein, welche nicht überall
gleichmässig vertheilt sind, auch keine bestimmte Grenze
besitzen, bis wohin sie nach innen sich lagern können.
Die Chitinhaut selbst zeigt in Bezug auf Festigkeit und
äussere Zeichnung bei den verschiedenen Gattungen der
Hydrachniden eine Mannigfaltigkeit, wie sie sonst bei den
Milbenfamilien nicht beobachtet zu sein scheint. Ist diese
Haut weich, so treten häufig Linearzeichnungen auf, wie
sie auch bei Insekten nicht selten beobachtet werden.
Man bemerkt dann, dass die Linien 'nicht unregelmässig über
die Haut hinlaufen, sondern beiderseits symmetrische Züge
bilden, die auf einer Rückenmittellinie in sanftem Bogen
in einander übergehen. Diese Linearzeichnungen werden
durch wirkliche Verdickungen der Haut an den betreffenden
Stellen gebildet und lassen sich von Hautfalten, die bei
jeder Gelegenheit beobachtet werden können , auf das
bestimmteste unterscheiden. Bei allen Arten mit weicher
Haut und ebenso bei allen, wo die Haut nur auf dem
Rücken und Bauch schildartige Verhärtungen zeigt, er-
scheint dieselbe ohne jede Naht. Bei allen Arten dagegen
mit durchaus panzerähnlicher Haut zeigt sich eine deut-
Beitrag zur Naturgeschickte der Hydrachniden. 265
liehe Naht als Grenzlinie des Rücken* and Bauehpanzers.
Diese Grenzlinie nmss in irgend einer Weise schon in der
Matrix und dem entsprechend auch in der weichen Chitin-
haut der Milben vorgebildet sein, entgeht hier aber der
Beobachtung. Es ist wohl möglich, dass hier durch die Tren-
nung in einen Rücken- und Bauchpanzer etwas den Rücken-
und Bauchplatten des Insektenleibes Analoges vorliegt.
Es beschränkt sich auch diese eigenthümliche Anordnung
der Panzerstücke nicht auf die Hydrachnidengruppe, son-
dern überall, wo wir bei Milben neben Arten mit weicher
Haut auch solche mit verhärteter Haut finden, wie z. B.
bei den Gamasiden, kann die Nahtlinie zwischen Rücken-
und Bauchpanzer deutlich beobachtet werden. Alle Hy-
drachniden mit panzerähnlicher Haut zeigen die Poren-
canäle ganz ausserordentlich schön ausgebildet. Während
nämlich die Arten mit weicher Haut, wie es scheint, nur
Porencanälc von einer Feinheit besitzen, welche selbst der
stärksten Vergrösserung trotzt, erreichen bei jenen andern
die Canäle eine wahrhaft colossale Grösse. Die Oeffnungen
derselben sind in grubenartigen Vertiefungen der Haut an-
gebracht, und indem diese die Haut in regelmässige Felder
theilen, gewinnt die Oberfläche einer solchen Milbe ein
ausserordentlich zierliches Ansehen, zumal auch noch die
Kanäle selbst mit ihrem eigenthümlichen Verlauf durch
die durchsichtige Chitinsubstanz hindurchschimmern. Es
findet sich selten, dass ein Porencanal einfach, indem er
senkrecht von aussen nach innen verläuft, die starke Chi-
tinhaut durchsetzt; vielmehr fliessen im Innern zwei, drei,
vier, selbst fünf Porencanäle zu einem einzigen zusammen;
sie müssen sich dazu schräg einander nähern und so ent-
stehen für den Anblick sternartige Figuren von grosser
Zierlichkeit, wenn sie auch völlig unregelmässig sind. Es
hängen demnach meist mehrere äussere Oeffnungen mit
nur einer inneren zusammen. Auf den sogenannten
Hüftplatten sind die Porencanäle stets viel feiner, ebenso,
wenn sie vorhanden sind, auf den Fussgliedern.
Die Porencanäle vertheilen sich völlig gleichmässig
über Rumpf und Glieder. Ausser ihnen treten an gewissen
Stellen des Rumpfes noch besondere Oeffnungen auf. Es
266 Kram er:
sind dies die Stellen, wo Haare eingesenkt sind. Es ist
merkwürdig, wie regelmässig und constant diese Haare in
Anordnung und Zahl nicht bloss bei den Hydrachniden,
sondern bei den Milben überhaupt auftreten. So unbe-
deutend gerade diese kleinen Organe an sich erscheinen
mögen, so will es uns doch bedünken, als hätten sie ihre
Stellung und Zahl mit eben derselben Zähigkeit wie Fuss-
glieder und Mundwerkzeuge festgehalten. Gerade in solchen
kleinen Zügen zeigt es sich, wie doch trotz verschieden-
artiger äusseren Gestalt die Hydrachniden und andere Mil-
ben auf das engste unter einander verwandt sind und
es liegt hier die Frage nahe, wie es überhaupt möglich
war, dass eine solche Verschiedenartigkeit der äusseren
Gestalt, wie sie unzweifelhaft jetzt in den Arten besteht,
hat entstehen können, da sich ja bei Umgestaltung des
äussern Umrisses viel wichtigere Glieder ändern mussten,
als jene Haare sind, die so unverändert ihre Stellung und
Grösse behaupteten. Auch hier, wie überall, fehlen zwischen
den einzelnen Arten völlig die Mittelglieder, was auch hier,
wie anderwärts, das grösste Befremden erwecken muss,
da ja, wenn einmal ein Variiren zugegeben wird, dasselbe
ein continuirliches sein muss, und das Untergehen von
Formen, welche den augenblicklichen Lebensbedingungen
gegenüber unvortheilhaft gestellt sind, nicht in einem
bestimmten Moment in einer ganzen Klasse von Thieren
gleichzeitig eingetreten sein kann.
Bei Nesaea finden sich stets 17 Haare auf der Unter-
seite, worunter 5 ohne begleitende DrüsenöfTnung, 20 Haare
auf der Oberseite, worunter ein Paar ohne begleitende
Drüsenöffnung. Ein Blick auf Nesaea communis z. B.
zeigt diese Haare in ihrer Stellung aufs Deutlichste. Na-
türlich sind die relativen Abstände der einzelnen Haare
unter sich bei verschiedenen Arten doch etwas verschieden,
aber das Gesammtbild aller Haare bleibt nahezu unver-
ändert dasselbe. Ueberall, mit Ausnahme jener 7 Stellen,
ist neben der Pore, welche das Haar trägt, noch eine
zweite Oeffnung vorhanden, welche mit der ersten auf
einer gemeinsamen Platte harter Chitinsubstanz, der Haar-
platte, steht; diese zweite Oeffnung zeigt einige Verschie-
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 267
denheit in den Arten; entweder ist sie durch ein kreuz-
förmig gelagertes Chitinbalkenpaar in 4 Oeffnungen ge-
theilt, oder sie ist nur durch einen einzigen Mittelbalken
in 2 getheilt, oder endlich wohl auch eine nur einlache
Oeffnung. Es finden sich auch, wie z. B. bei Limneria,
2 deckeiförmige Halbplatten auf der Oeffnung, so dass sie
nur spaltförmig erscheint. Zu dieser zweiten Oeffnung
auf der Haarplatte führt ein Drüsenkanal. Bei einigen
Atax- und Nesaea-Arten ist diese Drüse ausserordentlich
deutlich. Sie ist hier nicht nur der clirecten Beobachtung
beim lebenden Thier zugänglich, sondern lässt sich auch
beim gepressten Thier als aus der Drüsen Öffnung heraus-
tretendes beutelartiges Organ erkennen. Letztere Beob-
achtung hat mehrmals bei sonst undurchsichtigen Arten
zum Nachweise der Existenz jener Drüse geführt. Die
Gestalt derselben ist von E. Gl aparede bei Atax crassipes
bereits beschrieben. Sie bildet hier und wohl ebenso auch
bei allen kleineren Hydrachniden eine Gruppe grösserer
Zellen, welche rosettenförmig um die Oeffnung gelagert
sind. Ob ein gemeinschaftlicher Ausführungsgang vor-
handen ist, lässt sich bei diesen kleinen Arten nicht ent-
scheiden, bei den grossen Wassermilben ist ein sehr deut-
licher einfacher Ausführungsgang vorhanden. Eine beson-
dere physiologische Beziehung der Drüse zu den in ihrer
Nachbarschaft stellenden Haaren ist wohl nicht vorhanden,
auch ist da, wo die Haare eine besondere Grössenent-
wicklung zeigen, wie z. B. am vorderen Leibesrand, ein
Einfluss davon auf die Drüsenbildung nicht zu beobachten.
Da es so an völlig bestimmten Stellen ansehnliche Haut-
drüsen giebt, die mit ihrem Inhalt ja wohl die Hautober-
fläche üherziehen werden, so ist es nicht von vorherein
klar, welche Funktionen die eigentlichen Poren mit ihren
Kanälen ausüben. Am nächsten liegt vielleicht, dass sie
auch zur Absonderung dienen werden, vielleicht wird auch
da, wo die Canäle so colossal sind, ein Wasserzufluss nach
innen durch sie bewirkt, möglich auch, dass sie zur Ath-
mung dienen. Eine directe Beobachtung vermag vorläufig
noch nichts Entscheidendes darüber auszumachen. Interessant
wäre es allerdings; denn dann würde auch vielleicht Licht
268 Kramer:
auf die Funktion der ausgezeichneten Porenkanäle fallen,
welche bei der grossen Mehrzahl der Hydrachniden die Ge-
schlechtsöffnung umgeben. Die Gestalt der Oeffnungen die-
ser Kanäle ist bei vielen Milben napfförmig und man
hat daher diese Organe für Saugnäpfe gehalten. Ich
kann mich nicht davon überzeugen, dass durch diese Be-
nennung wirklich ihre Bedeutung ausgedrückt ist. Sie
finden sich nämlich nicht bloss bei jungen Thieren, welche
nach Angabe der Beobachter sich an grössere Wasserin-
secten anheften, sondern auch bei den erwachsenen und
zwar, wie E. Claparede auf das bestimmteste versichert,
in grösserer Anzahl. Nur ist es bis jetzt wohl noch nicht
durch Beobachtung festgestellt, dass sich eine erwachsene
Wassermilbe jemals fest saugt, es träte also eine Vermeh-
rung eines Saugapparats in der Zeit ein, wo die Neigung
sich anzusaugen auf das entschiedenste abnimmt. Wenn
sonach es unwahrscheinlich ist, dass jene Näpfe für ge-
wöhnlich als Saugnäpfe benutzt werden, so bleibt nur noch
die Annahme übrig, dass sie zur Zeit der Begattung als
solche in Funktion treten. Nun ist es Regel, dass die zu
dem ganz bestimmten Zweck der Begattung vorhandenen
äusseren Hilfsorgane, wenn sie in normaler Entwickelung
und Zahl auftreten, bei Männchen und Weibchen auch
derart angeordnet seien, dass sie in Thätigkeit treten können.
Dies ist sicherlich mit den Näpfen der Gattung Arrenurus
nicht der Fall. Die überaus harte Haut, welche auch
auf der Unterseite des Thieres in der Gegend der Ge-
schlechtsöffnung ziemlich stark gewölbt ist, lässt gar keine
gleichmässige Annäherung der vorhandenen Näpfe an die
Haut des andern Thieres zu. Der grösste Theil der vor-
handenen Näpfe könnte gar nicht zur Anheftung des einen
Thieres an das andere dienen. Endlich aber scheinen die
anatomischen Verhältnisse dieser Näpfe gegen die Deutung,
als seien sie Saugnäpfe, zu sprechen. E. Claparede
spricht seine Meinung dahin aus, dass aus der kleinen
Pore, die man in dem Napf meistentheils beobachtet, eine
Blase herausgedrängt werde, sobald von dem Thier eine
Anheftung beabsichtigt wird. Von einer solchen Blase
vermochte ich eine Spur nicht aufzufinden. Ist damit ein
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 269
wirkliches Fehlen auch noch nicht erwiesen, so ist sie
doch jedenfalls da nicht vorhanden, wo gar keine Poren-
öffnung in dem Napf bemerkbar ist, wie es doch vor-
kommt z. R. bei Limnesia maculata. Auch da ist ein
Hervortreten einer Blase nicht wahrscheinlich, wo die
Oeffnungen in den Näpfen zu winzigen Löchern werden.
Wenn sonach es nicht anzunehmen ist, dass die Näpfe
wirklich Saugnäpfe darstellen, so bleibt nichts andres
übrig, als sie als besonders gestaltete Porenöffnungen an-
zusehen. Sie sind ihrer äusseren Gestalt nach auch wirk-
lich nichts weiter als zum Theil allerdings sehr ver-
grösserte Porenöffnungen. Da ist es nun merkwürdig, dass
gerade die Arten, welche auf der ganzen Haut enorm
ausgebildete Porenöffnungen und Kanäle zeigen, fast völlig
verkümmerte Näpfe besitzen. Bei den allermeisten Arre-
nurus-Arten haben die Näpfe keine bedeutendere Grösse
als die auf den Hüftplatten vorhandenen gewöhnlichen
Porenöffnungen. Unter allen Umständen geben diese Näpfe
für die allermeisten Arten ein sehr gutes Kennzeichen ab.
Man findet sie von je zwei auf jeder Seite bis zu ungemein
vielen. Uebersteigt die Zahl jederseits 6, so scheint nicht
mehr jedes Individuum ein und derselben Art dieselbe
Napfzahl zu besitzen. Dagegen ist bei zwei und drei je-
derseits diese Anzahl völlig constant. Vier Näpfe jederseits
habe ich nirgends beobachtet. E. Claparede erwähnt aber
je 5 beiderseits bei Atax Bongi. Kommen 6 vor, wie bei Atax
crassipes, so sind diese in zwei Gruppen von je 3 geordnet.
Die genauere Beschreibung der Anordnung der Näpfe
muss bei der Artbeschreibung nachgelesen werden. Er-
wähnt mag noch werden, dass sämmtliche Näpfe einer
Seite zumeist auf einer gemeinsamen Chitinplatte der Ge-
schlechtsplatte stehen. Indess finden sich auch Arten,
welchen eine solche Platte fehlt, so dass die dann meist
zahlreichen Näpfe einzeln in der weichen Haut einge-
bettet sind.
Ausser den Haarplatten und Geschlechtsplatten finden
sich noch einige Hautstellen, und zwar wohl ganz constant
stark verhärtet, nämlich auf dem Rücken die Anheftestellen
mehrere Muskelbündel. Solcher Anheftestellen sind meist
270 Kramer:
vier, aber auch wohl sechs vorhanden. Vermuthlich sind
dort Muskel angeheftet, welche die inneren Organe zu
tragen haben, da nach den Füssen vom Rücken her keine
Muskeln verlaufen.
Diejenige Stelle der Haut, unter welcher die Augen
liegen, ist bei der Mehrzahl der Wassermilben nicht be-
sonders ausgezeichnet. Die durchsichtige Haut dient, wie
es scheint, direct als Hornhaut. Bei Eylais dagegen ist
eine besondere Wölbung der Haut über den Augen be-
merkbar. Damit hängt zusammen, dass bei dieser Milbe
die Augen eine feste Stellung besitzen, während sie bei
den anderen Milben, wenn auch natürlich in beschränkter
Weise, verschoben werden können.
Die Mund th eile und Glieder.
Zu den Mundtheilen rechne ich die Taster und soge-
nannten Mandibeln. Die Taster sind fünfgliedrig. Das
Endglied ist entweder den andern Gliedern gleichartig ge-
bildet, nur kürzer, bei einigen Gattungen dagegen tritt es
mehr oder weniger einem Fortsatz des vierten Gliedes
derart gegenüber, dass das Tasterende ein scheerenartiges
Ansehen bekommt (Arrenurus Diplodontus). Das vierte
Glied trägt drei mit je einem Haar versehene Höcker, die
einestheils sehr entwickelt, anderntheils aber auch ganz ru-
dimentär sein können. Besonders ausgebildet zeigen sie
sich bei der Gattung Atax. Die Taster sind ihrer Funk-
tion nach wohl Fühlapparate, helfen indess gewiss auch
bei der Nahrungseinfuhr mit und arbeiten hierbei den beiden
Mandibeln in die Hand. Diese sind zweigliedrig, doch ist
das zweite Glied vollständig zu einer Kralle, deren Spitze
nach oben gerichtet ist, umgewandelt. Die aus starker
Chitinmasse bestehende, hinten in eine Muskelansatzplatte
ausgebreitete Kralle zeigt eine etwas streifige Oberfläche.
Das erste Glied ist breit, bei den verschiedenen Arten
ausserordentlich verschieden lang und hinten zugespitzt.
Der Vorgang bei der Nahrungseinnahme ist etwa derart
zu denken, dass die beiden nach oben gerichteten Man-
di beikrallen die Beute nach dem Mund hinreissen, wäh-
rend die Taster sie in die Mundöffnung hineinschieben.
Reitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 271
Die Unterlippe erscheint bei einigen Arten besonders ent-
wickelt, sie verlängert sich nach vorn schnabelförmig und
bildet so gewissermassen eine oben offene Hülle für die
Mandibulartaster (Eylais).
In der Haut unmittelbar über der Mundöffnung sind
die Stigmata für die Athmung zu suchen.
Die Füsse sind im allgemeinen gleichartig gebaut;
sie setzen sich aus 6 Glieder zusammen, wenn die Hüft-
platte selbst nicht als Glied gerechnet wird. M. R. Bru-
zelius zählt diese mit und bekommt somit je 7 Fussglieder.
Ob die Hüftplatten als wirkliche, nur an den Körper fest-
gewachsene Glieder anzusehen sind, dürfte eine Frage von
Interesse sein; sie wird später noch behandelt. Ist ein
Glied, welches Aufmerksamkeit verdient, so ist es das
vierte des vierten Fusspaares. Es scheint nämlich, als
wenn dieses Glied bei den verschiedenen Geschlechtern
verschiedenartig gebaut wäre. Allerdings kann dies nicht
allgemein als Thatsache hingestellt werden, denn es gicbt
Männchen, die sich auch hierin von ihren Weibchen nicht
unterscheiden. Bei vielen Männchen aber zeigt sich dieses
Glied auf der inneren Seite stark ausgeschnitten, die beiden
Enden sind verdickt und auf dem ganzen inneren Rande
sind starke kurze stachelförmige Haare aufgestellt. Bei
den Weibchen ist dieses Glied stets dgi übrigen Fuss-
gliedern gleichgebildet. Die Behaarung der Füsse ist eine
doppelte, indem sich namentlich an den Mittelgliedern der
hinteren Füsse lange Schwimmborsten einfinden. Die stets
ausserdem in grosser Zahl vorhandenen gewöhnlichen Haar-
borsten sind entweder glatt oder am Rand fein gefiedert.
Jeder Fuss trägt am letzten .Giied eine Doppelkralle,
deren Glieder mehrzähnig sind (Fig. 1. Tat". VIII). Einige
wenige Arten führen ausnahmsweise Krallen ohne breite
Zahnfortsätze, bei einer Gattung, Limnesia, fehlen die
Krallen am vierten Fusspaare ganz oder sind wenigstens
von ganz verschwindender Kleinheit. Das vierte Fusspaar
ist überhaupt bei den allermeisten Wassermilben dadurch
ausgezeichnet, dass die an ihm befindlichen Krallen eine
geringere Grösse besitzen, als die der vorderen Fusspaare.
Möglich also, dass eine allmähliche Verkleinerung der
272 Kram er:
der Klammerorgane bei den am wenigsten zum Anklammern
benutzten Fusspaaren im Gange ist, ein Process, der bei
Limnesia bereits bis zum völligen Verschwinden der Krallen
gediehen ist. Das vierte Fusspaar dient bei der Mehrzahl
der Wassermilben ausser zum Schwimmen, wohl nur noch
dazu, um stets frisches Wasser dem Munde zuzuführen,
sobald die Milbe ihren emsigen Lauf einmal unterbricht.
In solchen Momenten sieht man gerade dieses Fusspaar
beständig in lebhafter schwingender Bewegung.
Es ist oft darüber gehandelt worden, wie die Mivnd-
werkzeuge und Füsse der Milben, und allgemein der Arach-
niden, zu deuten sind. Sicherlich ist die Zahl der Kopf-
und Leibesanhänge bei den H}rdrachniden, wie den andern
Milben, eine reducirte, sogar noch gegen die Spinnen, ob-
wohl nach Ansicht von A. P a g e n s t e c h e r (Anatomie der
Milben Heft I. p. 9) von einer principiellen Verschiedenheit
der Mundtheile der Milben von denen anderer Arachniden
nicht die Rede sein kann. A. Pagenstecher äussert
dies bei Gelegenheit der Beschreibnng des Trombidium
holosericeum, welches mit unsern Wassermilben in der
Bildung der äussern Anhänge nahezu völlig übereinstimmt.
Wir haben also an den Ausführungen jenes sorgfältigen
Beobachters einen Anhalt zur Beurtheilung der uns vor-
liegenden Thatsachen. Es handelt sich hauptsächlich um
die Deutung der Maxillartaster, ihrer Platten und des ersten
Fusspaares. A. Pagen Stecher ist der Ansicht, dass bei
dem ersten Fusspaar, welches er mit zu den Mundtheilen
zieht, die inneren Lappen desshalb nicht zur besondern
Entwickelung kamen und keine Unterlippe bildeten, weil
durch die basale Verschmelzung der Maxillen die Mund-
höhle vor ihnen abgeschlossen wurde. Er sagt darauf,
„Der Unterlippe entsprechen die falschen Sternalplatten"
d. h. die Hüftplatten des ersten Fusspaares. Nach dieser
Auffassung , müssen die Füsse des ersten Paares als Lippen-
taster gedeutet werden, und das ist der Punkt, wo die
Ansichten auseinandergehen. Will A. Pagenstecher
eine möglichst durchgeführte Uebereinstimmung zwischen
den andern Arachniden und den Milben gewinnen, so muss
er, wie es Ger Stack er in seinem Handbuch der Zoologie
Beitrag zur Naturgeschichte der- Hydrachniden. 273
thut, das erste Fusspaar zu einem zweiten' Maxillartaster-
paar stempeln. Möglieb, dass er eine ähnliche Bezeichnung
auch im Sinne gehabt hat, wenn er davon spricht, dass
das erste Fusspaar noch immer zum Betasten gebraucht
werde. Wie er die in die Haut eingewachsene Maxillar-
tasterplatte als den ganz rudimentären Unterkiefer ansieht,
so wird er etwa die falschen Sternalplatten als den eben-
falls auf ein einziges mit der Haut verwachsenes Glied
des zweiten Unterkiefers Jbetrachten, dessen Taster das
erste Fusspaar ist. Von dieser Ansicht sind die in den
Lehrbüchern von Claus und Gerstäcker geäusserten
nicht wesentlich verschieden. Gers tack er glaubt in den
Maxillartastern und dem ersten Fusspaar die beiden Un-
terkieferpaare der Insekten selbst zu erkennen und führt
in Uebereinstimmung mit A. Pagenstecher aus, dass
bei den Milben bereits das erste Unterkieferpaar die Mund-
höhle nach hinten geschlossen hat, so dass das eigentliche
zweite Unterkieferpaar, welches sonst bei den Insekten
überall die Mundhöhle nach unten hin schliesst, nach hinten
zurückgedrängt ist.
Die im vorhergehenden flüchtig beschriebene Deutung
der Gliedmassen ist jedoch nicht unzweifelhaft. Zunächst
würde mit dem Beobachtungsmaterial der genannten Forscher
eine andere Benennung sich auch rechtfertigen lassen.
Es würde nämlich darnach das erste Fusspaar nicht zweites
Maxillartasterpaar heissen, sondern erstes Maxillartasterpaar,
wogegen das bisher sogenannte erste Maxillartasterpaar
den Namen des zweiten erhalten würde. Offenbar ist näm-
lich, wie schon die Stellung der Augen erkennen lässt,
der in der Theorie zum Kopf gehörige Theil weit nach
hinten verlängert. Es scheint mir dies nun blos dadurch
erreichbar, dass die nachfolgenden Glieder von den vor-
hergehenden zurücktreten. Nun ist jedesmal bei den In-
sekten das zweite Maxillarpaar von den Gliedern des ersten
gewissermassen eingeschlossen. Nach A. Pagenstecher
schliessen die Bakaltheile des zweiten Maxillarpaares den
Mund nach unten und vorn, sie sind also die vorderen
Theile in Bezug auf das erste Tasterpaar. Schiebt sich also
der ganze Kopftheil nach hinten in die Länge, so tritt das
Archiv f. Naturg. XXXXI. Jahrg. l.Bd. 18
274 Kramer:
das erste Unterkieferpaar nach rückwärts. Dabei ist es
leicht möglich und bei den Acariden ist es eingetreten,
dass es von dem Rande der Mundöffnung zurückgedrängt
wird. Die falschen Sternalplatten also von A. Pagenstecher
oder die Hüftplatten des ersten Fusspaares sind dann als
die Rudimente von den ersten Unterkiefern anzusehen, deren
Taster das erste Fusspaar darstellt. Nun ist die Lagerung
der übrigen Theile eine natürliche, die Basalglieder des
ersten Unterkieferpaares schliessen nämlich die vorhandenen
Glieder des zweiten Unterkieferpaares ein. Auffallend war
allerdings immer noch, dass bei den Spinnen sich zwischen
die beiden Basaltheile dieser Maxillartaster noch ein un-
paares Chitinstück eingeschoben zeigt, welches gelegentlich,
so von 0 h 1 e r t, den Namen einer Unterlippe bekommen hat.
Bei den Milben konnte etwas Entsprechendes von A. Pa-
genstecher nicht aufgefunden werden. Hierfür scheinen
nun die von jenem Forscher nicht untersuchten Hydrach-
niden ein günstigeres Object zu sein. Untersucht man bei
ihnen die den Mund unten schliessenden Chitinplatten, so
zeigt sich deutlich, dass sie ebenfalls aus zwei Paaren be-
stehen, genau dem gewöhnlich sehr deutlich sichtbaren
Hüftplattenpaare der Beine entsprechend. Die Fig. 2 a und 2 b
Taf. VIII. zeigt diese Verhältnisse von Atax crassipes und
einer Nesaea. Das äussere dieser Paare gehört den Maxil-
lartastern an und legt sich als je eine kleine dreieckige
Platte rechts und links an das mittlere Plattenpaar,
welches grösser erscheint und dessen innere Ränder hinten
und in der Mitte verwachsen sind, so jedoch, dass man an
einer wulstartigen Mittelleiste die Verwachsungsstelle deut-
lich erkennen kann. Vorn sind die beiden Mittelplatten
durch einen breiten Spalt, der sich hinten zu einer kreis-
förmigen Oeffnung erweitert, getrennt. Die vorderen Zipfel
dieser Mittelplatte sind in einigen Fällen spitzenartig einfach
nach vorn gezogen, meistentheils laufen sie in dicke, nach
aussen gebogene Hörner aus, wie Fig. 2 b Taf. VIII es zeigt.
Mit dieser Beobachtung bei den Wassermilben versuche
ich nun für die Mundtheile und Glieder dieser kleinen
Thiergruppe folgende Namenbestimmung. Das mittelste
anhangslose Plattenpaar, entspricht der Unterlippe der In-
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 275
secten oder dem zweiten Unterkieferpaar. Das nächste mit
diesem verwachsene Plattenpaar , an welchem die soge-
nannten Maxillartaster angeheftet sind, vertritt die ge-
wöhnlichen Unterkiefer und die Anhänge sind die eigent-
lichen Unterkiefertaster. Es entsprechen also diese Platten
den ersten Unterkiefern der Insekten, die Maxillartaster
den Unterkiefertastern derselben. Damit wird das nächste
Gliedpaar den gewöhnlichen Beinen zugerechnet werden
müssen und ich nehme daher im Gegensatz gegen die gewöhn-
liche und bis jetzt allgemein angenommene Ansicht vier wirk-
liche Beine bei den Wassermilben an. Ich sehe auch nicht
ein, warum man aus Vorliebe für einen den Insekten und Spin-
nen gemeinsamen Gliederbautypus den Spinnen auch dann
noch nur drei Paar wirklicher Beine zuschreiben soll, wenn
erste Unterkiefer, und zweite Unterkiefer und Oberkiefer
wirklich neben den vier Gehbeinen durch Beobachtung
nachgewiesen werden können. Ist ja doch bei den Tau-
sendfüssern ein solcher Deutungsversuch einfach durch
hier allerdings unleugbare Ueberzahl der Beine niemals
möglich gewesen. Ob mit den bei den Wassermilben
so eben beschriebenen Wahrnehmungen die Verhältnisse
bei andern Milben in Uebereinstimmung sind, ist mir zu
entscheiden augenblicklich nicht möglich. Mit der von
mir im vorhergehenden gegebenen Erläuterung fällt nun
auch die vollständig anomale Annahme fort, dass der Un-
terkiefer die Mundhöhle nach unten hin schliessen soll,
und das nicht minder Anomale, dass schon der zweite Un-
terkiefer zu einem Bein mit gewöhnlichen Funktionen ge-
worden wäre. Es zeigt sich jetzt die Gruppirung der
Hüftplatten als eine ganz natürliche, indem das hintere
Paar den hinteren Beinpaaren, das mittlere Paar den vor-
deren Beinpaaren, das vordere Paar den Mundtheilen an-
gehört. Ieh hole hier die Bemerkung nach, dass nicht bei
allen Wassermilben das Platteupaar, welches ich als erstes
Unterkieferpaar gedeutet habe, so gelegen ist, dass man es
auf den ersten Blick sieht. Es ist vielmehr wirklich etwas
auf die Seitenwand des Thieres gerückt und schliesst also
die Mundhöhle seitlich und allerdings auch etwas von
unten. Dies ist die natürliche Stellung für einen Unter-
276 Krämer:
kiefer, die wir also auch bei den Wassermilben wieder-
finden. Es wurde vorhin erwähnt dass die Unterlippen-
platten vorn einen Einschnitt zeigen. Es schien mir zu-
erst, als wenn in dem hinteren kreisförmigen Theil die
eigentliche Mundöffnung zu suchen wäre. Es wäre damit
der Mund als eine Art Saugapparat zu deuten, und man
findet an dem Rande jener kreisförmigen Oeffnung wohl
hier und da haar- oder hautförmige feinere Anhänge,
welche ein Saugen unterstützen könnten. Indess ist doch
wohl die eigentliche Mundöffnung zwischen den Oberkiefern
zu suchen. Wachsen die Unterlippenplatten auch vorne zu-
sammen, so bleibt doch die kreisförmige Oeffnung, oder
wächst auch diese zu, so bleibt sie doch als Narbe zurück
und dann haben wir die auf den ersten Blick ja fremd-
artige Bildung der Unterlippe von Eylais.
Die Oberkiefer sind, wie bereits oben beschrieben, bei
allen Hydrachniden völlig gleich gebildet. Das Krallen-
glied derselben zeigt oft eigenthümliche linienartige Zeich-
nungen an den Seitenflächen und ist wohl immer hohl.
Eine wirkliche Oeffnung an der Spitze konnte ich aber
nicht entdecken. Ein Gang, welcher die Kralle durchsetzt
und als Fortsetzung eines Drüsenganges gedacht werden
könnte, exjstirt also wohl nicht, wie ja auch andere Beo-
bachter bei andern Milben dergleichen niemals gesehen haben.
Allerdings ziehen sich die Hauptstämme der gleich zu erwäh-
nenden blassen Kanäle in die Gegend, wo das Chitingerüst
der Mandibeln sich zum Eintritt der Muskeln öffnet, es
konnte aber doch niemals eine Fortsetzung jener Canäle
in die Basalglieder der Mandibeln beobachtet werden.
Gerstäcker will in diesen Mandibeln die von ihrer eigent-
lichen » Stellung herabgerückten Fühlhörner der Insekten
wiederfinden. Diese Ansicht wird von keinem andern
Forscher geradezu getheilt. Sollte* es wohl überhaupt im
Wesen des Fühlers liegen, dass er wie die andern Kopf-
anhänge als Mundwerkzeug funktioniren könnte? Ger-
stäcker führt die Gliederung als Grund für die von ihm
versuchte Deutung an. Es soll in dem von mir so eben
geäusserten Zweifel nicht die völlige Zurückweisung dieser
Deutung liegen, aber es mag doch darauf hingewiesen
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachnideu. 277
werden, dass die Maxillen bei vielen Krustern gegliederte
Taster tragen und dass es daher nicht unmöglich scheint,
auch den Mandibeln selbst eine Gliederung zuzuschreiben.
Wo Fühler vorhanden sind dienen sie wohl dem Tastsinn
und wenn Gerstäcker betont, dass sie bei den Entomo-
straken zu Schwimmfüssen sich ausgebildet haben, so er-
scheint es doch immer noch nicht so ganz unzweifelhaft,
ob diese sogenannten Fühler ihrer Einlenkungsstelle nach
nicht zum Thorax gehören.
- * Das Verdauungssystem.
Die Mundöffnung befindet sich, wie bereits erwähnt,
zwischen den Oberkiefern und führt zu einem langen
und dünnen Speiserohr. Bei Limnesia maculata besitzt
dasselbe eine Dicke von nur 0,021 Mm., ist aber jedenfalls
dehnbar. Da indess die Hydrachniden, wie es scheint, nur
flüssige Nahrungsstoffe zu sich nehmen, so wäre selbst
eine so überraschend' dünne Speiseröhre nicht unmög-
lich. Eine andere Speiseröhre fand ich 0,045 Mm.
breit und konnte an ihr eine Intima und eine aus eigen-
thümlich langen Zellen bestehende Schicht über derselben
beobachten. Die Querschnittsansicht dieser Speiseröhre
zeigte einen regelmässig eingekerbten Rand, jede Erhöhung
zwischen den Kerben entsprach einer von jenen der Quere
nach langgestreckten Zellen. Die Speiseröhre mündet in
einen Magen aus, welcher in einen nach vorn gerichteten
Mittellappen und zwei grosse rechts und links liegende
Hauptlappen zerfällt. Jeder Lappen zerfällt seinerseits
wieder in je zwei oder drei an Grösse meist ungleiche
Theile so, dass der Magen obenhin angesehen aus fünf
bis sechs Abtheilungen besteht. Von der hinteren Ver-
bindungsstelle der zwei Hauptlappen geht der meist enge
Darm aus, welcher in gerader Linie verlaufend an der
punktförmigen Afteröffnung sein Ende findet. Die Magen-
partie zwischen Speiseröhre und Darm ist nicht bei allen
Hydrachniden gleichartig gebildet, sondern es findet sich
die an dieser Stelle in die Magenwandung mit aufge-
nommene Leber mehr oder weniger entwickelt. So zeigt
278 Kram er:
eine dem Atax crassipes nahestehende Milbe die Umrisse
der Magenlappen völlig glatt, so dass keine Spur trauben-
ähnlicher Zellenbildung vorhanden ist, wohl aber ist die'
ganze Dicke der Magenwandung von grossen, rundlichen,
braunen Zellen durchsetzt, welche in ihrer Gesammtheit
die Leber darstellen mögen. Limnesia maculata dagegen
besitzt eine sehr entwickelte, traubenförmig gestaltete Le-
berschicht auf den blinddarmförmigen Ausbuchtungen des
Magens. Die zellenförmigen Beeren solcher^ Traubenan-
hänge werden bis 0,01 und 0,02 Mm. gross. Auch hierin
zeigen also einige Hydrachniden eine entschiedene An-
näherung an Trombidium. Die von A. Pagenstecher
gegebene Abbildung der Leber von Tromb. holosericeum
könnte fast unmittelbar gelten für eine Limnesialeber.
Eine enge Beziehung zu den Verdauungsorganen scheint
jene eigenthümliche weisse Masse zu haben, welche man
bei der Mehrzahl der Wassermilben, wie auch bei andern
Milben, durch die Haut am Rücken durchschimmern sieht.
Von vielen Beobachtern wird wohl dieser Masse keine Ver-
bindung mit dem Darm oder der Afteröffnung zugestanden.
Die Beobachtung bei diesen zarten und leicht zerreissbaren
Organen ist allerdings ausserordentlich schwierig und ich
bin auch nicht der Meinung Sicheres und Bestimmtes über
den endlichen Verlauf des nach hinten herunterlaufenden
schmalen Theiles jenes Organes anzugeben. Indess schien
mir es manchmal, als wenn die Ausmündung in den After
oder in eine Stelle des Darmes dicht vor dem After dennoch
stattfände. A. Pagenstecher erwähnt dagegen, dass er
dieses Organ habe „vollkommen" von der Leber trennen
können. Andrerseits ist jedoch auch eine Notiz zu be-
denken, welche man in S i e b o 1 d und S t a n n i u s vergleichen-
der Anatomie II, 528 lesen kann: „Die Wandungen des Ring-
magens der Araneen enthalten übrigens feinkörnige Zellen,
welche bei auffallendem Lichte milchweiss erscheinen und
vielleicht eine Art Magensaft absondern." Hier tritt also
diese milchweisse Substanz in unmittelbarer Verbindung
mit der ganzen Magenwand auf. Dass daher das aus diesem
Organ herrührende Secret eine Beziehung zur Verdauung
hat, ist für die Spinnen wohl anzunehmen. Da sich nun
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 279
'bei vielen, wo nicht allen Acarinen, ein Organ mit ähn-
licher Farbe und auch gleicher Zusammensetzung findet, so
erscheint der Schluss gerechtfertigt, einen Zusammenhang
ähnlicher Art zu vermuthen, was aber nothwendig auf ir-
gend einen örtlichen Zusammenhang führen muss. E. C 1 a-
parede spricht nun direct einen solchen Zusammenhang
aus. Er sagt im Gegensatz zu A. Pagenstecher: „Der
Mastdarm hängt nämlich, wie überhaupt bei denAca-
riden, mit dem Excretionsorgan zusammen" und ich kann
mich nach dem eben Dargelegten ihm nur anschliessen.
Beobachtet hat wohl E. Claparede den wirklichen Zu-
sammenhang nicht, er schliesst ihn nur daraus, das es ihm
nicht selten gelungen ist, die Ausleerung des Secrets durch
die Afterspalte zu beobachten. (Z. f. w. Z. 18 p. 468.)
Welche Aufgabe diesem Secret zugewiesen sein mag,
muss vorläufig noch dahingestellt bleiben.
Sicherer kann die Bedeutung der am Anfang in die
Speiseröhre einmündenden Drüsenorgane gedeutet werden.
Es sondern diese Organe jedenfalls eine Speichelflüssigkeit
ab, wie es bei Gliederthieren die Regel ist, dass Speichel-
organe vorhanden sind. Man hat bisher bei den Milben,
welche mit einer ganz besondern Aufmerksamkeit unter-
sucht worden sind, zwei Arten von Munddrüsen gefunden.
Es war daher der Beobachtung bei anderen Milben schon
der Weg gewiesen, worauf sie besonders zu sehen hatte.
Wenn nun auch meine Untersuchungen in Bezug auf die
Munddrüsen keinesweges zu einem allseitig befriedigen-
den Abschluss gekommen sind, so glaube ich doch aus
dem, was ich gesehen, ebenfalls bei den Hydrachniden auf
zw«i Paar von Munddrüsen schliessen zu dürfen. Es gelang
einmal bei einer der kleinen Hydrachniden, nämlich Lim-
nesia maculata, an dem Speiserohr eine Drüse anhängend
zu bemerken, welche sehr deutlich den Typus der trauben-
förmigen Speicheldrüsen trug. Der Ausführungsgang war
einfach, die einzelnen, die Trauben bildenden Drjisenzellen
0,009 Mm. gross. Die bei Eylais sich findenden ausseror-
dentlich entwickelten Munddrüsen dieser Art werden im
systematischen Theil unter Eylais extendens beschrieben
werden. Als zweites Drüsenpaar deute ich die bei jeder
280 Kramer:
Wassermilbe regelmässig in derselben Gegend des vorde-
ren Leibestheiles wieder bemerkbaren blassen Kanäle, wie
E. Cl aparede, der sie zuerst aber nur bei jungen Thiere
bemerkte, sie nannte. So wenig, wie E. Cl aparede, habe
ich das eigentliche organische Ende dieser blassen Kanäle
beobachtet, doch führt mich die Ausmündungsstelle, welche
an der Basis der Oberkiefer zu suchen ist, auf die oben
ausgesprochene Vermuthung, dass die Kanäle zu Speichel-
drüsen gehören. Was die Einzelnheiten in der Bildung der
blassen Kanäle betrifft, so zeigen sich Differenzen, welche
specifischen Charakters zu sein scheinen. Bei Nesaea mol-
lis findet sich jeder seits ein Hauptstamm, welcher nach
kurzem Verlauf sich gabelt. Der stärkere Gabelarm, des-
sen Breite 0,005 Mm. beträgt, erweitert sich sehr bald
darauf sackartig, der dünnere Gabelarm setzt, etwa doppelt
so weit als jener erste, sich .ungetheilt fort und gabelt
sich alsdann von neuem. Die Enden dieser Gabeläste
zweiter Ordnung werden kolbenförmig aufgetrieben. Die
sackartige Erweiterung fand ich am hinteren Ende stets
abgerissen, so dass der Inhalt, wenn er vorhanden war,
ausgelaufen gefunden wurde. Das kolbenförmige Ende der
andern beiden Gabelarme hat das Ansehen, als ginge hier der
Arm in eine weiche Drüse über, das Ende zeigte sich auch hier
deutlich abgerissen. Bei vielen Hydrachniden ist der sack-
artig sich erweiternde Hauptast ausserordentlich lang, bei
Eylais dagegen ganz besonders kurz ; auch endigt er hier
auf eine eigenthümliche Weise, dagegen findet sich die
kolbenförmige Erweiterung der andern Aeste nicht, obwohl
man sie in ziemlicher Ausdehnung beobachten kann. E.
Claparede vermuthet eine wässrige Flüssigkeit in diesen
blassen Kanälen. Jedenfalls hat ihn zu dieser Vermuthung
die völlige Farblosigkeit des Organs veranlasst , denn
eine Beobachtung ist wohl kaum möglich, da eine etwaige
Bewegung der Flüssigkeit eben durch die Farblosigkeit
derselben sich dem Blick völlig entzieht.
Das Tracheensystem.
Die Hydrachniden gehören zu den Milben, welche die
Oeffuung ihrer zwei Tracheenhauptstämme vorn am Kopf-
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 281
ende tragen. Die beiden dicht aneinandergerückten Oeff-
nungen befinden sich in der die Mundhöhle von obenher
deckenden Haut. Sie sind ausserordentlich klein, wie denn
auch die von hier aus entspringenden kurzen Tracheenhaupt-
stämme, anfangs namentlich, sehr schmal sind. Hier und
da findet man, dass die beiden Oeffnungen auf einem herz-
förmig gestalteten Chitinstück angebracht sind, welches sich
mit dem Tracheenstamme ablöst (Fig. 33, Taf. IX). Wie
dieses Chitinstück befestigt ist, vermochte ich nicht zu ent-
decken, man niuss es sich aber in die Körperhaut einge-
fügt denken, sonst würden dadurch die Oeffnungen wieder
geschlossen werden. Bei Limnesia verengern sich die Tra-
chealstämme gleich hinter dem Anfang merklich, erweitern
sich aber an ihrem hintern Ende wieder etwa um das
Fünffache. Hier am hinteren Ende wird auch die Wandung
der Stämme ganz ausserordentlich dick und es verschwin-
det die sonst auf dem Stamme sehr deutlich vorhandene
Spiralfadenzeichnung. Das unterste Ende des Stammes ver-
jüngt sich wieder und hier nehmen die den Körper durch-
ziehenden Tracheenfäden ihren Ursprung. So weit die Be-
obachtung reicht, verästeln sie sich während ihres Verlaufs
nicht, auch verengern sie sich, wenn es überhaupt geschieht,
fast unmerklich.
Ueberraschend ist die Bemerkung E. Claparede's,
dass die parasitischen Atax- Arten keine Tracheen besitzen.
Da mir keine schmarotzenden Atax- Arten unter die Hände
kommen wollten, so wage ich dieser Ansicht nichts entge-
gen zu setzen. E. Claparede sagt dabei noch, dass
wohl mehrere Schriftsteller, selbst van Beneden und
Bruzelius sogenannter Stigmata bei Atax Erwähnung
gethan, ist aber der Ansicht, dass es sich dabei nur um
schlecht gedeutete Geschlechtsnäpfe handelt (a. a. 0. p. 478).
Allerdings nennt M. R. Bruzelius die Geschlechtsnäpfe
auch Stigmata, soviel ich aber aus der auf anatomische
Verhältnisse nicht viel Rücksicht nehmenden Abhandlung
dieses Beobachters entnehme, ist er nicht der Meinung,
dass diese Stigmata die Oeffnungen der Tracheenstämme
bilden , da er ja auch Hydrachniden anführt, welche die-
ser Stigmata entbehren und doch nicht tracheenlos sind.
282 Kramer:
Nach meinen Beobachtungen besitzt Atax crassipes an der
für die Tracheenöffnungen gewöhnlichen Stelle die zwei
gewöhnlichen Oeffnungen, auch können bei ihm die Tra-
cheenfäden in reichlicher Anzahl nachgewiesen werden.
Anfangs glaubte ich auch, es wären manche Wassermilben
ohne Tracheen, wurde jedoch von meinem Irrthum durch
die Wahrnehmung zurückgebracht, dass beim Auflegen des
Deckglases, selbst wenn ein nur massiger Druck angewen-
det wird, die Tracheen ihre Luft schnell ausströmen lassen
und nun bloss noch als blasse feine Fädchen zwischen den
übrigen Organen sich hinziehen.
Anhangsweise mag hier erwähnt sein, dass ein Herz
bei den Hydrachniden nicht existirt. Das Blut umspült
frei die inneren Organe. Die Blutkörper tragen den Cha-
rakter ausgebildeter Amöben, indem sie wie Häufchen von
lichtbrechenden äusserst kleinen Körnchen sich in langsa-
mer Bewegung über die innern Organe hinwälzen. Ein
Athmungsorgan, wie es E. Cl aparede bei Atax Bonzi
durch Zusatz von Ueberosmiumsäure in Gestalt vieler Bläs-
chen nachwies, steht bis jetzt noch vereinzelt da, in Er-
mangelung dieser Säure war ich nicht im Stande weitere
Nachforschungen in dieser Richtung vorzunehmen.
Das Nervensystem.
Bei den kleineren Hydrachniden beschränkt sich die
Untersuchung zumeist auf den Nachweis eines Gehirns
und, wenn das Glück gut ist, noch auf den der Augennerven.
Bei Eylais extendens vermag ich etwas mehr beizubringen,
wie weiter unten nachzusehen. Bei Atax crassipes und
verwandten Arten liegt ein sehr ansehnliches Ganglion,
welches man als Gehirn oder vielmehr als die Summe aller
Ganglien, gerade wie bei den Spinnen, deuten muss, in
der Gegend der Speiseröhre. Bei Limnesia sind die Gan-
glienzellen 0,001 — 0,002 Mm. gross. Es scheint, als wenn
die Hauptmasse des Nervencentrums unter der Speiseröhre
gelegen ist, die directe Beobachtung eines Durchtritts der-
selben durch die Ganglienmasse gelang niemals. Von der
Seitenfläche der Centralmasse laufen die beiden Sehnerven.
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 283
Es gelang mir niemals, auch bei denjenigen Wassermilben
nicht, welche nach den Autoren vier Augen besitzen, einen
vierfachen Sehnerven zu bemerken. Es ist vielmehr stets
nach jeder Seite nur ein einziger vorhanden, und da trotz-
dem ebenso regelmässig an jeder Körperseite zwei Linsen-
körper wahrzunehmen sind, so bin ich geneigt, die Augen
der Wassermilben für zusammengesetzt zu halten. Die
genauere Untersuchung des Auges von Atax crassipes be-
stätigt diese Ansicht. Man bemerkt hier, dass in der je-
denfalls durch das Neurilemm gebildeten Kapsel am Ende
des Sehnerven zwei dunkel pigmentirte Zellenhaufen ein-
gebettet liegen, ein grösserer und ein kleinerer; aus jedem
ragt eine stark lichtbrechende Linse hervor. Die vorhin
namhaft gemachte Kapsel umschliesst auch die Linsen,
schnürt sich vorne zusammen und bildet ein kurzes Band,
mit welchem das ganze Auge an der Innenwand der Haut
befestigt ist (Fig. 34, Taf. IX). Die Länge der Sehnerven
bei Atax mochte 0,35 Mm-, die Breite 0,05 Mm. betragen,
eine Breite, die nicht unbeträchtlich erscheint und auch bei
Sehnerven anderer Wassermilben nicht immer erreicht wird
— sie beträgt bei den kleinen Arten nur 0,006 Mm. —
An der Stelle, wo der Sehnerv zum Bulbus anschwillt, ist
ein zarter Muskel angeheftet, welcher nach der Mittellinie
des Rückens sich hinzieht und dort befestigt ist. Wahr-
scheinlich tritt an dieser Stelle des Bulbus der eigenthüm-
liche Haken heraus, welcher als Anhang an der grösseren
Linse, wenn man diese sorgfältig isolirt, bemerkt werden
kann (Fig. 36, Taf. IX). Am Ende des Hakens wird sich
der Muskel anheften, der das Auge in einer unausgesetzt
zitternden Bewegung erhält.
Die Geschlechtsorgane.
Dass die Hydrachniden getrennten Geschlechts sind,
lehrt jede flüchtige Beobachtung. Wie jedoch die Hoden
und Eierstöcke gestaltet sind und endigen, muss immer
neuen Untersuchungen vorbehalten bleiben. Die Zahl der
Hoden beläuft sich bis auf sechs. Sie bilden einfache
Blasen, welche aller Wahrscheinlichkeit nach, trotz der
Gegenvermuthung E. Claparedes, ihre Produkte durch
284 Kram er:
besondere Samenleiter nach aussen befördern. Sind die
Samenprodukte reif, so bemerkt man sie in Form dicker
Stränge in der Hodenblase liegen, leicht wellenartig ge-
schlungen und in einander geschoben. Die so gefüllten
Hodenblasen sehen sehr auffallend aus ; um so überraschen-
der ist es, dass sie, wenn man versucht dieselben heraus-
zupräpariren, namentlich wenn man nicht in conserviren-
der Flüssigkeit präparirt, nach Oeffnung des Leibes absolut
nicht mehr aufzufinden sind. Da sie eine ziemlich an-
sehnliche Grösse haben, so war dies Verhalten mir nur
um so räthselhafter. Es erklärte sich aber durch das eigen-
thümliche Verhalten der Samenelemente in Wasser. Nimmt
man nur dieses zur Präparation, so imbibirt sich je ein Sa-
menfaden blitzschnell damit, unter dem Einflüsse des auf-
gesogenen Wassers dehnt er sich in der Länge und Breite,
vielleicht um das Doppelte bis Dreifache, aus, und der
vorher das Licht stark brechende Samenfaden erscheint nun
völlig durchsichtig und blass, mit kaum bemerkbaren Rän-
dern. Nimmt man conservirende Flüssigkeiten zur Präpa-
ration, so kann dieser endosmotische Vorgang in seinem
alsdann viel langsameren Verlauf gut beobachtet werden.
Der völlig regungslose, noch deutlich bemerkbare, Samen-
faden fängt plötzlich an dem eine Ende an zu quellen,
blass zu werden und sich zu verbreitern und zu verlän-
gern; indem eine immer weiter nach dem anderen Ende
zu liegende Schicht von diesem Process ergriffen wird,
erzeugt sich eine schwingende und zitternde Bewegung an
dem aufgequollenen Ende, welche dem Samenfaden den
Anschein giebt, als würde er plötzlich lebendig. Der Er-
weichungsprocess ist schnell zu Ende und nun liegt der ver-
längerte und blasse Samenfaden wieder so regungslos wie
vorher. Lässt man in einer geöffneten Hodenblase die
noch darin zurückgebliebenen Samenelemente auf diese Weise
völlig durchsichtig werden, so kann man bemerken, dass
die 0,003 Mm. dicke Wandung der Blase auf der Innen-
fläche mit einer einschichtigen Polygonalzellenschicht be-
legt ist. Die Länge der Spermafäden beträgt 0,25 Mm ,
die Breite 0,006 Mm. vor der Quellung.
Es könnte fraglich erscheinen, ob diese quellungsfä-
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 285
higen Samenelemente als einfache Samenfäden oder ge-
füllte Spermatophoren zu deuten sind. Die unverhältniss-
mässige Länge und Dicke könnte nicht unbedingt gegen
die erste Annahme sprechen, da man ja bei Cypris noch
collossalere Spermatozoen entdeckt hat. Die Beobachtung
des plötzlichen Aufquellens, die auf eine dichtere Umhül-
lungsschichte schliessen lässt, könnte allerdings ein Anlass
sein, sich der zweiten Ansicht zuzuneigen. Bei Milben hat
man sonst auch immer nur kleine zelienartige Spermatozoen
gefunden ohne jeglichen Fadenansatz. Es würden, falls
man die bei den Wassermilben die IJoden erfüllenden Fäden
für die einfachen Spermatozoen hielte, diese Elemente bei
der einen Klasse von Milben dann eine eigenthümliche,
abweichende Gestalt zeigen. Vorläufig ist es nicht mög-
lich, ein abschliessendes Urtheil auszusprechen, wenn auch
die wahrscheinlichste Annahme die von Spermatophoren
ist. Auf die im vorigen beschriebene Erscheinung der Quellung
gründe ich nun die Vermuthung, dass die Hoden nicht, wie E.
Claparede es will, ihren Inhalt unmittelbar in die Leibes-
höhle ausschütten, von wo er auf einfache mechanische Weise
durch die einfach in die Leibeshöhle sich öffnende Ge-
schlechtsöffnung nach Aussen geführt werden würde. Die
weichen gequollenen Fäden würden zwischen den übrigen
Organen des Leibes sich verflechten und durch die oft
winzige Geschlechtsöffnung nicht austreten können. Der
andere Grund gegen die Annahme von samenganglosen
Hoden ist aber die sichere Beobachtung eines Oviductes
bei dem weiblichen Geschlecht. Allerdings habe ich nicht
bei allen Hydrachnidengeschlechtern diese Beobachtung
machen können und namentlich ist mir bei Eylais nach
reiflicher Ueberlegung des Beobachteten wahrscheinlich ge-
worden, dass ein besonderer Ovidukt fehlt, bei mehreren an-
dern jedoch ist es unzweifelhaft gewiss, dass ein mit der
Geschlechtsöffnung in Verbindung stehender Eileiter vor-
handen ist. Die bei Eylais beobachteten Verhältnisse, da
sie nicht allgemein gültig zu sein scheinen, sind im syste-
matischen Theil bei Gelegenheit der Beschreibung dieser
Milbe aufgeführt.
Bei Nesaea spinosa und bei einer andern Milbe konnte
286 Kram er:
ein Eierstock mit deutlich daran vorhandenem Eileiter be-
obachtet werden. Der Eierstock ist traubig und lässt die
Eier in beutelartig nach aussen vorspringenden Taschen
reif werden.
In Bezug auf die Entwickelung müss ich ganz auf
die schönen Untersuchungen von E. Claparede (a.a.O.)
verweisen. Es müsste ja wohl von dem grössten Interesse
sein, constatiren zu können, ob die Entwickelung der frei
lebenden Hydrachniden ähnlich wäre der der parasitischen
Mitglieder dieser Milbenfamilie, indess konnte das Auffin-
den der Eier nur in seltenen Fällen, das der Larvenformen
gar nicht gelingen. Die auf dem Wasser laufenden Larven
von Limnochares, die Duges weiter in ihrer Entwicke-
lung verfolgt hat, sind mir nicht unbekannt geblieben,
jedoch vermochte ich für ihre Entwickelung kein neues
Moment beizubringen, ja nicht einmal die ausgebildeten
Individuen zu entdecken.
B. Systematischer Theil.
Die systematische Zusammenstellung der Mitglieder
einer so engumgränzten Thiergruppe, wie es die Familie der
Wassermilben ist, kann bei unserer jetzigen Kenntniss die-
ser Thiere nicht den Zweck haben, das natürliche Abhän-
gigkeitsverhältniss der einzelnen Gattungen von einander
zur Anschauung zu bringen. Es fehlt dazu vollständig jede
Beobachtung, welche über die Verwandtschaftsverhältnisse
derselben unter einander etwas Sicheres an die Hand geben
könnte. Eine Anordnung nach systematischen Gesichts-
punkten kann daher hier nur zunächst den Zweck verfol-
gen, Gattungen uud Arten möglichst scharf zu definiren,
um späteren Beobachtern ein sicheres Material zu überlie-
fern. Dabei gebietet es das praktische Bedürfniss, überall
da, wo nicht durch auffallende Kennzeichen sich eine klei-
nere Gruppe von Thieren gegen andere abhebt, die Grün-
dung vor allen Dingen einer neuen Gattung zu unterlassen.
Allerdings scheint es ebenso geboten, bereits gegründete
Gattungen, wenn sie nur irgend durch ein bedeutsames
Merkmal charakterisirt werden können, beizubehalten, da
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 287
es ebenso viel Verwirrung anrichtet, bekannte Gattungen
in mehrere zu spalten, als mehrere von anderen Beobach-
tern unterschiedene Gattungen in eine einzige zusammen-
zuziehen.
Dieses sind die Gesichtspunkte, nach denen im Nach-
folgenden verfahren worden ist.
Um die Tabellen, in welchen die von mir aufgefundenen
Gattungen aufgeführt werden, aufzustellen, habe ich ein
Hauptgewicht gelegt auf die Körperhaut, ob sie weich oder
panzerartig ist, auf die Bildung des letzten Fusspaares,
ob das Endglied mit Kralle oder ohne eine solche ist, auf
die Behaarung der ersten Fusspaare und auf die Bildung
der Maxillartaster, welche ich schlechtweg nur mit dem
Namen Taster benenne.
Verfolgt,, wie gesagt, die systematische Gruppirung
nur den allernächsten Zweck, eine möglichst genaue Un-
terscheidung der in einem bestimmten Gebiet vorhandenen
Gattungen und Arten, so darf die Diagnose derselben mög-
lichst kurz sein und ich wählte daher die analytische Me-
thode. Es wären die Diagnosen z. B. von M. R. Bruze-
1 i u s in seiner sorgfältigen Abhandlung über Hydrachniden
noch um vieles bestimmter, wenn sie nicht, jede für sich,
die Bestimmungen enthielten, welche mehreren Gattungen
gemeinsam sind. Das charakteristische Merkmal reicht
völlig hin um die Unterscheidung zu leisten. Dabei lasse ich
es völlig dahin gestellt, ob das charakteristische Merkmal
ein wichtiges ist oder nicht. Der Beobachter vermag wohl
überhaupt in den allerseltensten Fällen eine einigermassen
gesicherte Rangordnung der Organe eines Thieres nach
ihrer Wichtigkeit aufzustellen. Wenn das charakteristische
Merkmal in die Augen fallend und constant ist, so erfüllt
es seinen Zweck vollständig, und man wird nicht irren,
wenn man annimmt, dass, wo ein Unterschied mehrerer
Gattungen von einander stets beobachtet wird, auch noch
manche andere Unterschiede vorhanden sein werden ; man
wird dann von wirklich unterschiedenen Gattungen spre-
chen dürfen. Ausführlichere Darstellungen der besonderen
Körperform aller zu einer Gattung gehörigen Milben, wie
sie nachher noch folgen werden, haben nicht mehr den
288 Kramer:
Zweck kurzer Diagnosen, sondern sind nur eine Zusam-
menfassung der in den Artbeschreibungen gegebenen De-
tails, so weit sie für die Gattung charakteristisch sind.
I. Tabelle zur Bestimmung der Gattungen.
1) Die Maxillartaster gestreckt, viertes Glied ohne zahn-
artigen Vorsprung am unteren Rande, fünftes Glied
nicht krallenförmig 2
Die Maxillartaster dick und gedrungen, viertes Glied
mit zahnartigem Vorsprung am unteren Rande, mit
welchem das krallenförmige fünfte Glied eine Art
Scheere bildet Arrenurus.
2) Der Rücken mit verhärteter Panzerplatte ... 3
Der Rücken weichhäutig, höchsteüs sind die gewöhn-
lichen Haarplatten etwas ausgedehnt 4
3) Viele kleine Geschlechtsnäpfe in je einer Querreihe.
Aturus.
Drei grössere Geschlechtsnäpfe am äussersten Ende
des Hinterleibes auf jeder Seite der Geschlechtsöff-
nung Axona.
4) Mit Geschlechtsnäpfen neben der Geschlechtsöffnung 5
Ohne Geschlechtsnäpfe Eylais.
5) Letztes Glied an den Füssen des vierten Paares ohne
sichtbare Kralle Limnesia.
Letztes Glied an den Füssen des vierten Paares mit
deutlich sichtbarer Kralle 6
6) Das zweite Glied an den Füssen des ersten Paares
mit grossen haartragenden Höckern .... Atax.
Das zweite Glied an den Füssen des ersten Paares
ohne grosse haartragende Höcker .... Nesaea.
II. Tabelle zur Bestimmung der Arten.
% 1. Gattung: Atax, Fabricius.
1) Die hinteren Leibesecken stark konisch vorgezogen,
sechs grosse radial gestreifte Geschlechtsnäpfe jeder-
seits neben der Geschlechtsöffnung . . . crassipes.
Der Hinterleib abgerundet, zahlreiche kleine Ge-
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 280
schlecktsnäpfe jederseits neben der Geschlechtsöff-
nung 2
2) Die Bauchseite mit völlig verhärteter Haut, auch die
Seiten des Körpers zeigen eine panzerartig verdickte
Haut loricatus.
Die Bauchseite mit Ausnahme der Hüftplatten, Ge-
schlechts- und Saugplatten völlig weichhäutig
coeruleus.
2. Gattung: Nesaea, Koch.
1) Mit zwei Geschlechtsnäpfen auf jeder Seite der Ge-
schlechtsöffnung 2
Mit drei Geschlechtsnäpfen auf jeder Seite der Ge-
schlechtsöffnung 5
Mit unbestimmt vielen (mehr als drei) Geschlechts-
näpfen auf jeder Seite der Geschlechtsöffnung . 7
2) Fünftes Glied der Füsse des ersten Fusspaares vorn
stark verdickt und mit zwei starken Dornen versehen,
sechstes Glied vorn stark gekrümmt . . spinipes.
Die Fussgiieder der Füsse des ersten Fusspaares von
gewöhnlicher Bildung *. . 3
3) Die Geschlechtsplatten weit Jron einander getrennt
communis.
Die Geschlechtsplatten berühren einander ... 4
4) Geschlechtsplatten länglichrund, wohl um das Dop-
pelte ihrer eigenen Länge von den Hüftplatten des
ersten Fusspaares getrennt striata.
Geschlechtsplatten zusammen herzförmig, die Hüft-
platten des vierten Fusspaares fast unmittelbar be-
rührend ....... brachiata.
5) Der hintere Rand der Hüftplatten des vierten Fuss-
paares zusammen eine Bucht bildend, in welcher die
Geschlechtsplatten liegen 6
Der hintere Rand der Hüftplatten des vierten Fuss-
paares gerade abgeschnitten. Zweites und drittes
Tasterglied unten gezähnt dentata.
6) Die Hüftplatten des vierten Fusspaares hinten in je eine
Archiv f. Naturgescb. XXXXI. Jahrg. 1. Bd. 19
290 Kramer:
scharfe Spitze ausgezogen. Die Geschlechtsnäpfe läng-
lich, nach vorn zugespitzt trinotata.
Die Hüftplatten des vierten Fusspaares hinten in
einen breiten stumpfen Fortsatz ausgezogen, Geschlechts-
näpfe rund, fast seitlich verbreitert . . tripunctata.
7) Die Geschlechtsnäpfe einer Seite sämmtlich auf einer
einzigen Platte, welche mit der Nachbarplatte zusam-
menhängt elliptica.
Die Geschlechtsnäpfe einer Seite bilden zwei Grup-
pen, etwa acht berühren einander und bilden die
hintere Gruppe, ein einziger auf einer kleinen Platte
ist nach vorn gerückt aurea.
Die Geschlechtsnäpfe sämmtlich von einander geson-
dert und in die weiche Haut eingebettet, der vorderste
mit einer kleinen Platte . . mollis und stellaris.
Vermuthlich wird diese Tabelle, wie wohl auch diese
und jene andere, bald wieder einer Verbesserung unter-
worfen werden müssen, denn abgesehen davon, dass wohl
nicht im entferntesten die vorhandenen Arten aufgezählt
sein mögen, ist es mir in den seltensten Fällen geglückt,
Männchen und Weibchen je einer Art zusammen aufzu-
finden. Mit dieser Unvollständigkeit hängt es zusammen,
dass die gegebenen Unterscheidungen nicht auf die Dauer
beibehalten werden können. Um aber auch jetzt schon
nicht eine schwer zu tiberwindende Unklarheit in die Ta-
belle hineinzubringen, habe ich die Nesaea mollis und Ne-
saea stellaris nicht weiter durch besonders namhaft ge-
machte Unterschiede von einander getrennt, da es wirk-
lich grosse Schwierigkeiten haben würde, diese beiden
Arten, von deren speeifischer Verschiedenheit ich mich bis
jetzt noch überzeugt halten muss, mit kurzen Zügen in
ihren besondern Eigenthümlichkeiten zu charakterisiren.
Von Nesaea stellaris ist mir nur ein männliches Individuum,
von N. mollis nur ein weibliches bekannt, möglich ja,
dass bei den Weibchen dieser beiden einander jedenfalls
sehr nahestehenden Arten oder bei den beiderseitigen
Männchen, wenn man sie mit einander vergleicht, die
schärfern Charaktereigenthümlichkeiten zu verzeichnen sind,
die mir bis jetzt noch fehlen.
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 291
3. Gattung: Aturus.
Einzige Art: A. scaber.
4. Gattung: Axona.
Einzige Art: A. viridis.
5. Gattung: Limnesia Koch.
Sechs Geschlechtsnäpfe ohne Poren . maculata.
Vier Geschlechtsnäpfe mit Poren . . undulata.
6. Gattung: Eylais, Latreille.
Einzige Art: E. extendens.
7. Gattung: Arrenurus, Duges.
Tabelle zur Bestimmung der Männchen.
1) Die Haut weich und mit einer Linienzeichnung be-
deckt, welche das Bild eines Gewebes mit langge-
streckten Maschen bietet. Keine Porenkanäle, lineatus.
Die Haut weich und mit einer netzförmigen Zeich-
nung bedeckt, in welcher die Maschen völlig rund er-
scheinen, ohne Porenkanäle .... reticulatus.
Die Haut hart, mit flachen Grubenvertiefungen über-
säet, in deren Tiefe die sehr ansehnlichen Poren-
öffnungen stehn 2
2) Der Körperanhang immer länger als die Hälfte des
vordem Leibesabschnitts (immer länger als breit) 3
Der Körperanhang immer kürzer als die Hälfte des
vorderen Leibesabschnitts (immer kürzer als breit 4
3) Körperanhang, von oben angesehn, am Ende dicker
als an seinem Ursprung, kürzer als der ganze vordere
Leibesabschnitt globator.
Körperanhang von oben angesehen am Ende bedeutend
dünner als an seinem Ursprung, in der Mitte verdickt,
von der Länge des ganzen vorderen Leibesabschnitts
buccinator.
4) Körperanhang dreizipfelig, die Seitenzipfel spitz, der
mittelste Zipfel stumpf mit einem kleinen dreieckigen
292 Kramer: ;
Knopf versehen, Länge des Anhangs ungefähr ein
Drittel der Länge des vorderen Leibesabschnitts
tricuspidator.
Körperanhang mit zwei stumpfen Seitenzipfeln und
einem sehr breiten hinten gerade abgeschnittenen
Mittelzipfel, welcher auf seiner obern Fläche einen
kleinen spitzen Dorn trägt. Länge des Körperan-
hangs höchstens ein Fünftel der Länge des vordem
Leibesabschnitts crassicaudatus.
Die Weibchen der Gattung Arrenurus bieten der systema-
tischen Gruppirung namhafte Schwierigkeiten. Wenn ich
schon aus diesem Grunde vorzog, vor allem die Männchen
zur Bestimmung als geeignet zu betrachten, so war diess
doch auch noch durch den Umstand geboten, dass ich
selbst nur zwei verschiedene Weibchen aufzufinden ver-
mochte, dagegen sechs deutlich von einander zu trennende
Männchen. Eins der Weibchen konnte zu einem der auf-
gefundenen Männchen mit Sicherheit gezogen werden, das
andere sicher unterzubringen wollte nicht glücken. Da es
mir aber auch zweifelhaft blieb, ob es nicht doch zu einem
der beschriebenen Männchen gezogen werden muss, so
habe ich ihm keinen Artnamen gegeben, sondern es nur
unter femina Arrenuri -aufgeführt.
Beschreibung der Gattungen und Arten.
1. Gattung: Atax, Fabr.
Körper rundlich oder an den hinteren Seitenecken
konisch aufgetrieben. Die Taster sind schlank und können
eine ansehnliche Dicke erreichen. Die Zahnfortsätze am
vierten Gliede zeigen verschiedene Länge , das fünfte
Glied ist stets von gewöhnlicher Bildung und zeigt keine
Neigung zu einer Scheerenbildung mit dem vierten Gliede.
Die Füsse sind lang bis sehr lang, die Glieder schlank
und dünn. Die Krallen sehr dünn und gewöhnlich nur
aus einfachen Zähnen gebildet. An den ersten Glie-
dern der Füsse des vorderen Fusspaares finden
sich ansehnliche Höcker, auf welchen seitlich
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 293
eingelenkt, breite, langgestreckte und sehr be-
wegliche Haare eingefügt sind. Die Haut ist weich
oder am ganzen Bauch und den Seitentheilen stark ver-
härtet. Die Zahl der Geschlechtsnäpfe so wie ihre Grösse
ist bei den Arten verschieden. Die Jungen von Atax
crassipes leben zeitweise parasitisch.
1. Art: Atax crassipes (Taf. VIII. Fig. 4).
Hydrachna crassipes, 0. F. Müller.
Atax crassipes, Fabr.
„ „ M. R. Bruzelius.
Die Körperfarbe überwiegend weisslich; dunkel er-
scheinen nur die Partien, wo der Mageninhalt durch-
schimmert. Die Leibeslänge beträgt 1 Mm., die Länge der
Hinterbeine steigt bis auf 3 Mm. Diese übermässige Länge
der Beine behindert die Bewegungen der Milben derart,
dass sie nur in ganz klarem Wasser einigermassen schnell
aus der Stelle kommt. Die Länge des Hüftplattengebietes l)
beträgt 0,8, die Breite 0,95 (Länge zur Breite wie 16:17).
Die Hüftplatten selbst nehmen fast die ganze Unterseite
des Thieres ein und stossen dicht aneinander. Weder auf
ihnen noch auf irgend einem andern Theil der Haut sind
irgend welche Skulpturverhältnisse zu bemerken. Um die
colossale Geschlechtsöffnung stehen in Gruppen von je drei
im Ganzen zwölf Geschlechtsnäpfe, auf jeder Seite der
Geschlechtsöffnung sechs. Die Näpfe zeigen eine radiale
Strichelung. Jede Schamlippe trägt drei starke Haare.
Charakteristisch für die Art sind die ausserordentlich langen
und in den Basalgliedern sehr starken Taster. An ihrem
vierten Gliede bemerkt man drei ansehnliche Höcker, von
denen der eine eine sehr bedeutende Länge erreicht, alle
drei tragen ein feines Haar an ihrem Ende. Bemerkens-
werth und leicht in die Augen fallend ist das hintere
Leibesende. Hier besitzt die Art zwei sehr stark ent-
wickelte Drüsen, welche die beiden hinteren Seitenecken
1) Die Länge des Hüftplattengebietes rechne ich vom vorderen
Ende des ersten Hüftplattenpaares bis zum hinteren Rande der vier-
ten Hüftplatten. Die Breite ist bestimmt zwischen den beiden äus-
seren Rändern des vierten Hüftplattenpaares.
294 Kramer:
stark anschwellen lassen, so dass hier zwei stumpfe nach
aussen gezogene Zapfen erscheinen. Diese Drüsen sind
höchst merkwürdig und unter allen Wassermilben dieser
einzigen Art eigenthümlich. Sollte man sie wohl für be-
sonders entwickelte Haardrüsen halten? Allerdings fehlt
jede Spur eines Haares auf den kegelförmigen Zapfen,
aber es scheint doch als müsse man für eine so auffallende
Bildung, wie diese Drüsen sind, nach analogen Verhält-
nissen bei den anderen Milben suchen, und da bleibt nichts
anders übrig, als sie mit Haardrüsen in Parallele zu stellen.
Nach Beobachtung von E. Claparede ist das Junge
unserer Milbe eine kurze Zeit Parasit in Muscheln.
2. Art: Atax coeruleus (Taf. VIII. Fig. 5).
Die Länge dieser Milbe beträgt 1,1 Mm. die Art ist
ausgezeichnet durch eine ganz ausserordentlich starke
Haut, ihre Dicke steigt nämlich bis auf 0,033 Mm. Auf
der ganzen Fläche der Haut sind Oeffnungen von unzäh-
ligen Porenkanälen als feine Punkte zerstreut. Bei Anwen-
dung stärkerer Vergrösserung kann man die Kanälchen
selbst als feine blasse Linie durch die Hautsubstanz ziehen
sehen. Diese selbst erscheint als aus vielen übereinander
gelagerten Schichten zusammengesetzt, indem sie in ihrem
Gefüge ein Bild giebt, wie es sehr schön z. B. an den
Hornhäuten von Bombus zu sehen ist. Auf den Hüftplatten
ist eine sehr deutliche zellenartige Zeichnung zu bemerken.
Die sehr grossen ovalen Geschlechtsplatten sowie die ver-
hältnissmässig umfangreichen Haarplatten zeigen deutliche
gröbere Porenöffnungen. Die Hüftplatten sind ansehnlich
und mit stark verdickten Rändern versehen. Die Platten
des vierten Paares zeigen an ihren hinteren Rändern noch
einen über den verdickten Wulst hinaus ragenden schmalen
Anhang. Die Platten des ersten Fusspaares sind schnabel-
artig nach hinten verlängert, und kommen dadurch in Be-
rührung mit den Platten der hinteren Fusspaare.. Die
Farbe der Hüftplatten sowie sämmtlicher stärker; chitini-
sirten Hauttheile ist intensiv blaugrün. Die Länge des
ganzen Hüftplattengebietes ist 0,6 Mm., die Breite 0,8 Mm.
Die Grösse der dicht an die Hüftplatten heran gerückten
Geschlechtsöffnung 0,27 Mm. Dieselbe trägt am vorde-
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 295
ren und hinteren Ende kleine nageiförmige Chitinplat-
ten. Die Geschlechtsplatten sind ziemlich weit von der
Geschlechtsöffnung entfernt jede 0,19 Mm. lang und 0,15 Mm.
breit, und mit der nächsten nach aussen stehenden, be- v
sonders ansehnlichen Haarplatte zusammengeflossen. Die
Zahl der völlig porenähnlichen Näpfe darauf kann bis auf
40 steigen.
Die Füsse erinnern völlig an Atax crassipes. Sie
sind dünn, aber nicht in demselben Maasse verlängert,
wie bei jener Art. Die Länge der Füsse des vierten
Paares beträgt ungefähr 1,3 Mm. An den beiden ersten
Fusspaaren bemerkt man keine Schwimmhaare, wohl aber
jene starken schwertförmigen Borsten, welche für die Gat-
tung charakteristisch sind. An den Füssen des vierten
Fusspaares trägt das dritte bis sechste Glied auf der in-
neren Seite Reihen ansehnlicher längerer zum Theil ge-
fiederter Borsten, an den Enden der Glieder, mit Ausnahme
des letzten Gliedes, sitzen Büschel von langen Schwimm-
haaren. Die Krallen an sämmtlichen Füssen sind dünn
und zahnlos.
3. Art: Atex loricatus (Taf. VIII. Fig. 6).
Die Färbung dieser sehr eigenthümlichen Milbe ist
dunkel. Die Haut an und für sich zeigt an den verhärte-
ten Theilen eine ziemlich gesättigte grünblaue Farbe.
Ihre Dicke beträgt durchschnitlich 0,015 Mm. Verhärtet
ist die ganze Bauchfläche und die Seitenpartie des Lei-
bes derart, dass nur ein Rückenfeld weichhäutig bleibt.
Auf diesem haben sich aber die Haarplatten und die An-
heftungsstellen der Muskeln breit entwickelt. Auf dem
Bauche treten die Hüftplatten aus dem gemeinsamen Pan-
zer durch sehr starke Randleisten deutlich hervor. Das
ganze verhärtete Hautgebiet zeigt deutliche punktförmige
Porenöffnungen in grösster Menge. Der Verlauf der Po-
renkanäle kann namentlich bei Ansichten im optischen
Querschnitt deutlich verfolgt werden. Auch die übrigen
Hautstellen sind mit unzähligen Punkten übersäet, offenbar
Porenöffnungen, doch Hess sich selbst bei starker Ver-
grösserung kein Porenkanal direct nachweisen. Die Ka-
näle fehlen auch auf den Hüftplatten, wo sich eine schup-
296 Kramer:
penpanzerähnliche Zeichnung findet.- Die Gestalt der Htit't-
platten erinnert lebhaft an die der vorigen Art, doch sind
die schnabelartigen Fortsätze der Platten des ersten Paares
bedeutend länger. Die Länge des Hüftplattengebietes ist
0,55 Mm., die Breite 0,65 Mm. Die Länge des ganzen
Thieres ungefähr 0,75 Mm.
Die 0,135 Mm. lange Geschlechtsöffnung ist fast an den
hinteren Rand des Hinterleibes gerückt, der After ist also
schon in der nach oben gewölbten Partie desselben zu suchen.
Die Geschlechtsplatten treten nur unbestimmt aus der all-
gemeinen Bauchplatte heraus ; sie rücken dicht an die Ge-
schlechtsöffnung heran und tragen jede für sich eine grosse
Anzahl verhältnissmässig kleiner Näpfe von ungefähr
0,007 Mm. Durchmesser. Bei solchen Arten, wie die unse-
rige ist, lässt sich rechts deutlich erkennen, dass die Ge-
schlechtsnäpfe nichts anderes sind, als besonders ausge-
bildete Porenöffnungen. Auf den Geschlechtsplattcn sind
nämlich nicht noch ausser den Näpfen besondere Poren-
öffnungen vorhanden, und die Näpfe hängen ganz wie die
Porenöffnungen bei Arrenurus- Arten , mit breiten Kanälen
zusammen, welche die ganze Dicke der Haut durchsetzen,
dann aber nicht zu besonderen Drüsengebilden oder Saug-
apparaten führen, sondern einfach dazu dienen, das Un-
terhautgewebe mit dem Wasser in directe Verbindung
zu setzen.
Die Füsse stimmen in ihrer Bildung vollkommen mit
der der vorigen Art überein. Doch erscheint ihre Längen-
entwickelung bedeutender. Während nämlich bei voriger
Art das Verhältniss der Leibeslänge zur Länge des vierten
Fusspaares wie 10: 13 war, stellt es sich bei der vorlie-
genden Art wie 7 : 12. Das letzte Glied des vierten Fuss-
paares trägt im vorderen Drittel zwei stärkere Dornen, im
Uebrigen nur dünne kurze zerstreute Haare.
Wenn namentlich die allgemeine Fussgestalt und die
Form der Hüftplatten dieser Art sehr an die vorige Art
erinnert, so glaube ich doch diese beiden Arten, von denen
ich vorläufig nur die Weibchen kenne, von einander unter-
scheiden zu müssen. Die Hauptunterschiede sind aber die
verschiedene Beschaffenheit der Haut, die auch wohl nicht
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. , 297
bloss auf Altersunterschiede zurückgeführt werden kann,
dann die Verschiedenartigkeit in den Längenverhältnissen
der Füsse und, noch besonders in die Augen fallend, die
Behaarung des letzten Gliedes an den Füssen des vierten
Fusspaares. Beide Exemplare waren völlig ausgebildete
Weibchen und trugen grosse Eier, konnten also als volle
Repräsentanten ihrer Art angesehen werden.
2. Gattung: Nesaea Koch.
Diese artenreiche Gattung umfasst die Mehrzahl aller
von mir beobachteten Wassermilben.
Die Taster sind meist schlank, stets aber ist das vierte
Glied von gewöhnlicher Bildung und zeigt niemals Neigung
mit dem fünften Gliede ein scheerenartiges Organ zu bil-
den. Die Füsse sind nur massig lang, die vorderen
tragen an allen Gliedern nur gewöhnliche mit
einem ringartigen Wall umgebene Haargruben
und auf diesen Gruben auch nur gewöhnliche
Haare. Die Krallen sind namentlich an den vorderen
Füssen breit und gross. Die Basis jeder Kralle ist blatt-
artig erweitert und zwischen diesem Blatte und der Haupt-
kralle ist noch ein langer breiter Zahn befindlich (Taf. IX.
Fig. 1). Die Zahl und Anordnung der Geschlechtsnäpfe
ist sehr mannichfaltig. Von zwei Näpfen jederseits steigt
die Zahl bis auf zwanzig und mehr. Sie liegen theils auf
besonderen Geschlechtsplatten, theils sind sie frei in die
weiche Haut eingebettet. Manche Arten gehören zu den
häufigsten Wasserbewohnern, während andere nur äusserst
selten angetroffen werden. Characteristisch scheint es für
die Gattung zu sein, dass ausser den Hüftplatten und Haar-
platten, sowie den etwa vorhandenen Geschlechtsplatten
keine weitere Hautverhärtung eintritt.
1. Art: Nesaea spinipes (Taf. VIII. Fig. 7).
Atractides spinipes, C.L.Koch, h. 11. fig. 16.
Die Färbung ist wechselnd. Die Haut fast ohne jede
Zeichnung, 0,009 Mm. dick, eine Dicke, die für das kleine
Thier ganz ausserordentlich ist. Die Hüftplatten ohne wahr-
nehmbare zellenartige Zeichnung, Länge des Hüftplatten-
298 Kramer:
gebietes ist 0,225 Mm., Länge des ganzen Thieres ungefähr
0,48 Mm., Breite des Hüftplattengebietes 0,325 Mm. Die
Entfernung des hinteren Endes der Geschlechtsplatten
vom vorderen Ende des ersten Hüftplatteripaares beträgt
0,375 Mm.
Die Füsse sind schlank und ziemlich lang. Das letzte
Fussglied an den Füssen des vierten Paares besitzt be-
deutend viel grössere Krallen als die übrigen Füsse, ein
Verhältniss, was nicht oft wiederkehrt; sämmtliche Füsse
entbehren der Schwimmhaare. Bemerkenswerth ist vor
allem das erste Fusspaar; das letzte Glied der Füsse die-
ses Paares ist nämlich an der Spitze stark säbelförmig
gekrümmt und mit einer ganz kleinen Kralle versehen.
Das vorletzte Glied zeigt am vordem Ende eine starke
Verdickung und ist am unteren Rande mit zwei auffallend
langen und starken, gerade nach vorn gerichteten Dornen
bewaffnet. Die Taster sind gestreckt und von gewöhn-
licher Bildung. Die Hüftplatten sind klein, die zu einer
Seite gehörigen liegen sämmtlieh dicht an einander ge-
rückt Die hinteren Hüftplatten beider Seiten stehen weit
von einander und zeigen stumpf abgerundete innere Ecken.
Sehr weit von ihnen entfernt finden sich die kleinen Ge-
schlechtsplatten dicht an die Geschlechtsöffnung herange-
rückt. Jede Platte trägt zwei Näpfe, welche die Fläche
derselben fast vollständig ausfüllen. In jedem Napfe steht
eine ansehnliche Porenöffnung. Breite eines Napfes 0,021,
Grösse der Porenöffnung 0,003 Mm.
2. Art : Nesaea communis (Taf. VIII. Fig. 8).
Im auffallenden Lichte erscheint der Rand des ganzen
Thieres weisslich, der Magen mit seinen Blindsäcken
chimmert sehr deutlich dunkel durch und das auf dem
Hucken liegende Absonderungsorgan zeigt eine deutlich
gelbe Farbe. Die Beine sind ganz blass, die Augen leb-
haft schwarz. Die Haut ist breit und grob liniirt. Die
Dicke derselben beträgt, abgesehen von den ziemlich stark
erhabenen Linien, etwa 0,006 Mm. Die ausserordentlich
kleinen Hüftplatten zeigen eine nur schwach angedeutete
zellenartige Zeichnung. Die Länge des ganzen Hüftplatten-
gebietes beträgt 0,225 Mm., die des ganzen Thieres unge-
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 299
fähr 0,51. Die Entfernung des hinteren Randes der Ge-
schlechtsplatten vom vordem Ende der ersten Hüftplatten
beträgt 0,285 Mm., die Breite des Hüftplattengebietes 0,33 Mm.
Die Hüftplatten sind in vier durch weite Zwischenräume
von einander getrennten Gruppen geordnet, und namentlich
die der vorderen Fusspaare sehr reducirt. Die Füsse zei-
gen keine Besonderheiten, obwohl auch von dieser Art mir
nur Männchen bekannt sind und diese ja meistens am vier-
ten Fusspaare charakteristische Bildungen besitzen. Am
vierten Fusspaar besitzt das fünfte Glied vorn fünf Schwimm-
borsten, das vierte Glied nur zwei, das dritte eine einzige.
Die Geschlechtsplatten sind von einander und von den
Hüftplatten weit getrennt, von länglicher Gestalt und schräg
von innen und vorn nach aussen und hinten gestellt, jede
mit zwei verhältnissmässig kleinen Näpfen besetzt, in de-
ren jedem eine Pore sichtbar ist. Die Haarplatten treten
bei dieser Art besonders deutlich heraus, da sie eine bei
nur wenig Arten wieder erreichte Grösse besitzen.
3. Art: Nesaea striata (Taf. VIII. Fig. 9).
Auch von dieser Art mit nur zwei Geschlechtsnäpfen,
ist mir nur das Männchen vorgekommen, welches bei ge-
ringer Vergrösserung keine merklichen Unterschiede gegen
die vorige Art zeigt. Bei Anwendung stärkerer Vergrösse-
rung und sorgfältiger Vergleichung stellen sich aber so er-
hebliche heraus, dass die Art eine unzweifelhaft berech-
tigte ist. Die Färbung ist der der vorigen Art ähnlich.
Die Haut ist deutlich liniirt. Die Linien sind fast genau
0,003 Mm. von einander entfernt und laufen sehr regel-
mässig neben einander her, während die Linien von N.
communis fast doppelt bis dreimal so weit von einander
entfernt sind und in mannigfacher, wenn auch unbedeu-
tender Krümmung verlaufen. Die Dicke der Haut beträgt
0,003 Mm. Auf den Hüftplatten bemerkt man eine schwache,
zellenförmige Zeichnung. Die Länge des Hüftplattenge-
bietes ist 0,28 Mm., die Breite desselben 0,4, die Länge
des ganzen ^Thieres 0,65 Mm., die Entfernung des hinteren
Randes der Geschlechtsplatten vom vorderen Ende des
ersten Hüftplattenpaares 0,37 Mm.
In Bezug auf die Füsse zeichnet sich diese Art aus
300 Kram er :
durch die kleineu and einfach hakenförmigen dituneu Kral-
len. Man darf daher auch wohl den Krallen eine allge-
meine, die Gattung eharakterisirende Bedeutung nicht ge-
ben. Die Krallen sind, wie es im Falle der einfachen
Hakenkrallen gewöhnlich stattfindet, der Grösse nach an
den vier Füssen kaum verschieden. Die Fussglieder sind
ausserordentlich schlank: so ist z. B. das Verhältniss der
Länge zur Dicke beim vorletzten Gliede des vierten Fuss-
paares wie 40 : 3. beim letzten Gliede wie 39 : 3. während
sich dieselben Verhältnisse bei N. communis wie 18:3
und 27:3 stellen. Das vorletzte Glied an den Füssen des
vierten Fusspaares trägt vier Schwimmhaare. Die Taster
sind sehr gestreckt, das Längenverhältniss der Glieder
vom ersten bis zum letzten ist 1 : 5 : 2.1 : 11,4 : 2,9, wäh-
rend dieselben Glieder bei X. communis sich verhalten
wie 1:3:2:3:2. Länge und Dicke des vierten Gliedes
der Taster steht im Verhältniss von 15 : 2, während sich
bei X. communis das Verhältniss auf 5 : 2 stellt. Die Ta-
sterbildung kann daher als ein sehr in die Augen fallen-
des Erkennungszeichen angesehen werden.
Die Hüftplatten bilden vier getrennte Abtheilungen,
sie sind klein, doch namentlich die vorderen im Verhält-
niss bedeutend umfangreicher als bei X. communis. Die
Geschlechtsplatten sind der Form nach denen der vorigen
Art sehr ähnlich, nämlich oval, obwohl auch verhältnissmäs-
sig kürzer. Sie sind aber einander bis zur Berührung nahe
gerückt. Jede Platte trägt zwei Näpfe mit Porenöffnung.
Die beiden Näpfe je einer Platte sind um etwa einen hal-
ben Xapfdurchmesser von einander entfernt, während diese
Entiernung bei X. communis wohl 2,5 Xapfdurchmesser
beträgt. Die winzige Afteröffnung ist um sechs Xapf-
durchmesser von dem hinteren Ende der Geschlechtsöffnung
entfernt. Die Haarplatten sind klein, was einen leicht in
die Augen fallenden Unterschied gegen die vorige Art ab-
giebt.
4. Art: Nesaea brachiata (Taf. VIII. Fig. 10).
Das Thierchen macht auf den ersten Blick den Eindruck,
als wäre es noch eine nicht durch die letzte Häutung hin:
durchgegangene Larve. Wenn dem nun auch so sein sollte,
Beitrag zur Naturgresehichte der Hydraehniden. 301
so erscheint es doch so bestimmt charakterisirt, dun es jeden-
falls nicht zu einer der sonst hier beschriebenen Hydrach-
nidenarten gehören kann. Die durch E. Cl aparede be-
kannt gewordenen Hydraehnidenlarven zeigen mit den er-
wachsenen Thieren. nachdem sie einmal des Stadium mit
vier Beinpaaren erreicht haben, eine so weitgehende Aehn
liebkeit, dass der Schluss erlaubt scheint: wäre die vorlie-
gende Hydrachnide die Larvenform einer der beschriebe-
nen Arten, so müsste sie sich in der Leibeslomi ihr be-
deutend mehr annähern. Da dies nicht der Fall ist. führe
ich sie unter besonderem Namen auf.
Die Färbung ist blass. namentlich sind die langen
Füsse weiss und durchsichtig. Die Haut ist ungemein
dünn, nur 0,001 Mm. stark, und fein liniirt. Auf den
sehr breiten Hüttplatten zeigt sich keine lnaschenföraiige
Zeichnung.
Die Länge des ganzen Thieres beträgt ca. 0.348 Mm.
Die Länge des Hültplattengebietes 0,264 Mm., die Entfer-
nung des hinteren Geschlechtsplattenrandes vom vorderen
Ende der ersten Hüftplatte 0,276 Mm., die Breile des Hürt-
plattengebietes 0.14 Mm. Die Füsse sind ganz ausseror-
dentlich lang, zeigen aber nirgends Haare, welche, wie
bei Atax. auf ansehnlichen Zapfen seitlich eingelenkt sind,
sondern die gewöhnlichen Dornhaare stehen auf kaum merk-
lich aus der Haut sich erhebenden Ringwarzen. Eben
hieraus lässt sich schliessen. dass unsere Milbe, wenn sie
ja ein jüngeres Thier wäre, sicher nicht zu Atax gehört,
da die Jungen dieser Gattung bereits sehr ausgebildete
Höcker auf den Fussgliedern des ersten Fusspaares tragen.
Ganz enorm ausgebildet zeigen sich die Taster. Sie sind
länger als der gesammte Leib, abgesehen von den Beinen,
namentlich ist das vierte Glied von einer ganz unverhält-
nissmässigen Länge. Die einzelnen Glieder bilden vom
ersten an folgende Verhältnisskette 1 : 4 : 3 : 9 : 21 2-
Die Hüftplatten sind breit und berühren einander
nahezu. Die vorderen zeigen am hinteren Rande einen nach
aussen gebogenen Haken. Die Platten des vierten bilden
zusammen am hinteren Rande eine Ausbuchtung, in wel-
302 K r a m e r :
eher die herzförmig gestaltete Geschlechtsdoppelplatte sich
befindet.
Auf jeder Hälfte sind zwei Näpfe in schräger Rich-
tung von innen nach aussen aufgestellt. Der After ist der
Geschleclitsplatte ganz nahe gerückt.
5. Art: Nesaea trinotata (Taf VIII. Fig. 10).
Die Milbe gehört unter die grösseren Arten, indem
ihre Länge bis 1,1 Mm. beträgt. Mir ist nur das Weibchen
bekannt geworden.
Die Färbung der stark chitinisirten Theile, wie Hüft-
platten u. s. w., ist blass blaugrün. Die Länge und Breite
des Hüftplattengebietes beträgt 0,56 Mm., es zeigt sich also
verhältnissmässig klein. Auf den Hüttplatten ist nicht
eine Spur einer maschenförmigen Zeichnung zu bemerken.
Die Behaarung der Füsse ist in sofern bemerkens-
werth, als am vorletzten Gliede der Füsse des vierten
Paares acht dichtgedrängte, starke Schwimmhaare stehen.
Die beiden vorderen Fusspaare besitzen keine Schwimm-
haare.
Die Hüftplatten je einer Seite berühren einander, wo-
gegen die hinteren Platten der beiden Körperseiten durch
einen ganz ansehnlichen Zwischenstreifen weicher Haut von
einander getrennt sind. Jede Platte des vierten Paares ist
am hinteren Bande in eine scharfe lange Spitze ausgezogen.
In die auf diese Weise entstandene Bucht zwischen den
beiden Hüftplatten des vierten Paares ist die, im ganzen
herzförmig gestaltete, Geschlechtsdoppelplatte hinein ge-
rückt. Die Länge derselben ist 0,16 Mm., die Breite 0,23 Mm.
Zwischen beiden befindet sich die grosse Geschltfchtsöffnung.
Die Geschlechtsplatte zerfällt in ein Paar durch eine breite
weichere Haut mit einander verbundene schmal herzför-
miger Platten, welche jede drei nach vorn zugespitzte
Näpfe trägt. Jeder Napf hat eine grosse Porenöffnung,
und zwischen den Näpfen finden sich Gruppen von kleinen
Borsten aufgestellt.
6. Art: Nesaea tripunetata (Taf. VIII. Fig. 12).
Die Grösse dieser Art beträgt ungefähr 2/s der Grösse
der vorigen Art. Ihre Länge ist nur 0,68 Mm. Im Ue-
brigen zeigt sie mannigfache Aehnlichkeit. Da mir bloss
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 303
das Männchen zur Beobachtung gekommen ist, von der
vorigen Art dagegen nur das Weibchen, so wurde der Ge-
danke nahe gelegt, ob die vorige und die eben in Rede
stehende. Art nicht Männchen und Weibchen nur einer ein-
zigen Art seien. Es ist, und das unterstützt diese Ansicht,
auch bei Milben häufig beobachtet worden, dass die Männ-
chen kleiner sind als die Weibchen, indess wird eine ge-
nauere Vergleichung doch wohl die besondere Benennung
dieser Milbe der vorigen gegenüber gerechtfertigt erschei-
nen lassen.
Die Haut ist 0,009 Mm. dick und ohne jede Zeich-
nung. Die Färbung der Hüftplatten, Geschlechtsplatten und
Beine ist bläulich. Die Länge des Hüftplattengebietes be-
trägt 0,5 Mm. die Breite desselben 0,43 Mm., die Länge
des Geschlechtshofes 0,12 Mm. die Breite desselben 0,2.1 Mm.
Die Entfernung des Afters vom hinteren Rande der Ge-
schlechtsplatten 00,4 Mm.
Das letzte Glied des vierten Beinpaares besitzt nebst
einigen starken und ziemlich langen Borsten zwei deutliche
Schwimmhaare. Es erscheint das besonders erwähnungs-
werth, weil sonst gerade das letzte Glied der Füsse bei
Nesaea-Arten völlig frei von Schwimmhaaren ist. Das
vorletzte Glied der Füsse des vierten Fusspaares ist etwas
stärker als gewöhnlich gebogen, obwohl nicht in der Weise,
wie es bei vielen männlichen Hydrachniden beobachtet wird.
An demselben Gliede finden sich merkwürdig starke Bor-
sten dicht gedrängt aufgestellt. Am unteren Ende stehen
auf der oberen Fläche sechs sehr starke und vorn in zw/ei
Spitzen auslaufende Borsten; die oberste davon ist die
längste, die vorderste die kürzeste von ihnen. Das Glied
besitzt auch noch zwei Schwimmhaare.
Die Hüftplatten sind sehr gross und bedecken fast die
ganze Bauchfläche. Man bemerkt auf ihnen eine deutliche
aber ausserordentlich feine Punktirung. Sie stossen fast
völlig aneinander, die des linken und rechten dritten Fuss-
paares fliessen bei meinem Exeiriplar sogar völlig zusammen.
Die Platten des vierten Fusspaares tragen, nach dem hin-
teren Rande zu zwei Borsten und sind in eine ansehnliche
abgerundete Verlängerung nach hinten ausgezogen. So
304 Kramer:
entsteht eine Bucht, in welcher die Geschlechtsplatten lie-
gen, der Geschlechtshof im Ganzen erscheint sehr in die
Breite gezogen und die grossen Näpfe sind kreisrund, im
Gegensatz gegen die Näpfe der vorigen Art. Sie besitzen
sehr ansehnliche Porenöffnungen.
7. Art: Nesaea dentata (Taf. VIII. Fig. 13).
Die Grösse dieser sehr scharf bestimmten Art beträgt
ungefähr 1 Mm. Die Färbung der Beine und Hüftplatten
ist hell. Die Dicke der Haut beträgt 0,003 Mm. und ist
ohne jede äusserlich erkennbare Zeichnung, wie auch die
Hüftplatten eine solche nicht sehen lassen. Die Länge
des Hüftplatten-Gebietes beträgt 0,5 Mm. Die Breite des-
selben 0,85. Die Füsse sind schlank und mit nur massig-
langen Schwimmhaaren versehen. Besonders charakteristisch
sind die Taster und die Oberkiefer, : An den Tastern ist
die untere Seite des zweiten und dritten Gliedes mit sehr
in die Augen fallenden Dornen bewaffnet. Es stehen näm-
lich dort, namentlich nach dem vorderen Rande der Glieder
hin, dicht gedrängt viele kleine Dornspitzen. Im Uebrigen
sind namentlich auch diese Glieder stark und dick. Die
Oberkiefer besitzen ein auffallend in die Länge gezogenes
zweites Glied. Es ist dieses säbelförmig gestaltete Krallen-
glied fast doppelt so lang als das letzte Tasterglied, wäh-
rend bei N. tripunctata beide Glieder gleichlang erscheinen.
Die Hüftplatten sind gross und bedecken die vordere
Hälfte der Unterseite vollständig. Sie berühren einander
nahezu völlig. Der hintere Rand der Platte des vierten
Fusspaares ist ganz gerade abgeschnitten. In ziemlicher
Entfernung von ihnen liegt der Geschlechtshof, dessen
Breite 0,2, dessen Länge 0,15 Mm. beträgt. Die Geschlechts-
platten, auf denen die Näpfe stehen, sind kaum bemerkbar.
Die Näpfe zeigen eine längliche, von vorn nach hinten ge-
streckte Form und führen eine deutliche Porenöffnung. Auf
jeder Platte befinden sich drei Näpfe.
8'. Art: Nesaea ellipHca (Taf. VIII. Fig. 14 a. b).
Hydrachna elliptica 0. Fr. Müller, Hydr. Taf. -VII."
Fig. 1 und 2.
Soweit die Zeichnung von 0. Fr. Müller in sei-
nem Hydrachnidenwerk ein Urtheil gestattet, glaube ich
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 305
die von ihm auf Taf. VII Fig. 1 und 2, dargestellte Was-
sermilbe wiedergefunden zu haben. Zu der Identificirung
meiner Art mit dieser von Müller gefundenen wird man
namentlich veranlasst durch das ziemlich constante Flecken-
paar am hinteren Leibesrande. Sonst lässt sich an jener
Zeichnung und noch weniger an der Beschreibung irgend
etwas Bestimmtes auffassen.
Die Färbung der Milbe ist, mit Ausnahme jenes Paa-
res weisslicher Flecken, dunkel. Die Haut zeigt keinerlei
Zeichnung, ihre Dicke beträgt 0,003 Mm. Die blassblau
gefärbten Hüft- und Geschlechtsplatten zeigen ebenfalls keine
Zeichnung. Die Länge des Hüftplattengebietes beträgt 0,4
Mm., die Breite 0,47 Mm. Die vier Hüftplatten einer und
derselben Seite berühren einander und wie es bei männ-
lichen Thieren gewöhnlich ist — die sämmtlichen äusserst
zahlreich beobachteten Milben waren Männchen — auch die
beiden Hälften des Hüftplattengebietes sind einander sehr
nahe gerückt. Die Platten des vierten Paares sind nach
hinten in eine ansehnliche Spitze mit breiter Basis ausge-
zogen.« Die dadurch entstandene Bucht zwischen den beiden
letzten Hüftplatten nimmt die Geschlechtsplatten auf, welche
zu einer einzigen grossen, die Geschlechtsöffnung und die
Näpfe tragenden Platte verschmolzen sind. Ein mittlerer
Hof enthält darin vorn die kleine Geschlechtsöffnung und zu
beiden Seiten des Hofes breiten sich wie zwei Flügel die
eigentlichen napftragenden Platten aus, welche eine längliche
abgerundete Form besitzen. Auf jeder zählt man etwa
9—11 Näpfe von verschiedener Grösse.
Jeder Napf besitzt eine deutliche Porenöffnung. Die
Milbe gehört zu den Arten, welche an allen Füssen Schwimm-
haare besitzen, an den vorderen Füssen sind sogar nicht
einmal weniger vorhanden als an den hinteren. Die beiden
hintern Fusspaare zeigen aber andere Besonderheiten. So
namentlich das dritte. Hier erscheint das letzte Glied der-
art verkürzt, dass seine Länge zu der des vorletzten Gliedes
sich wie 3:7 verhält. Ausser dieser Verkürzung, die ich
bisher nur noch bei einer Milbe beobachtet habe, hat dieses
Fusspaar eine eigenthümlich gebildete Kralle. An ihr ist
der Hauptzahn lang und ganz gerade vorwärtsgestreckt
Archiv f. Nafurg. XXXXI. Jahrg. l.Bd. 20
306 Kram er:
(Taf.VlIL Fig. 14 b). An ihrer Ursprungsstelle sitzen ein
Paar sehr kurze starkgekrtimmmte Nebenzähnchen. Uebri-
gens scheint es, als wäre an diesem Fusspaare überhaupt
nur eine einfache Kralle vorhanden. Die Beobachtung ver-
mochte nicht klar zu legen, ob einer der oben erwähnten
Nebenzähnchen etwa nicht doch die zweite Kralle darstellt.
An den Füssen des vierten Fusspaares ist das vierte Glied
im mittleren Theil stark ausgeschnitten, wie es bei vielen
Männchen der Fall ist. Der Anfang und das Ende des
Gliedes erscheinen daher verdickt. Dort finden sich auch
sehr starke kurze Dornen eingefügt. Die im übrigen
gewöhnlich gebildeten Taster tragen vorn am Endglied vier
bis fünf ziemlich starke zahnartige Dornen. Die Länge
des ganzen Thieres ist etwa 0,6 Mm.
9. Art: Nesaea stellaris (Taf. IX. Fig. 15).
Wird die Milbe mit der nachfolgenden Art verglichen,
so könnte man wohl auf die Vermuthung kommen, dass
man hier das Männchen des dort beschriebenen Weibchens
vor sich habe. Auch will ich diese Vermuthung keineswegs
kurzer Hand zurückweisen; doch lässt eine genaue Ver-
gleichung auch so erhebliche Unterschiede zu Tage tre-
ten, dass ich nicht glaube sie bloss auf die geschlechtliche
Differenz zurückführen zu müssen. Die Länge unserer
Milbe beträgt 0,56 Mm. Die Hüftplatten sind schmutzig-
gelb gefärbt, ebenso die Füsse, deren Spitzen ■ deutlich in's
röthlichgelbe übergehen. Die Dicke der Haut steigt bis
auf 0,009 Mm. Die Hautoberfläche zeigt eine recht deut-
liche Liniensculptur. Die Länge des Hüftplattengebietes
beträgt 0,36 Mm. Die Breite desselben 0,44 Mm. Die
Platten sind im Verhältniss zum Thier gross zu nennen und
sind einander sehr nahe gerückt. Diejenigen des vierten
Paares sind am hinteren Rande in eine stumpfe Ecke ausge-
zogen. Die Geschlechtsöffnung liegt dicht an den letzteren
Platten und besitzt eine Länge von nur 0,039 Mm. Ihr
zur Seite sind keine Geschlechtsplatten zu bemerken, viel-
mehr stehen die 13—15 jederseits vorhandenen Geschlechts-
näpfe zerstreut in der weichen Haut, Nach vorn zu sieht
man jederseits einen grösseren Napf. Die Afteröffnung
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 307
ist um mehrere Längen der Geschlechtsöffnung von dieser
aus nach hinten gerückt.
Die Füsse sind von mittlerer Länge. Die letzten
Glieder der zwei ersten Fusspaare zeigen gegen das Ende
hin eine Verdickung, die das wohl auch bei anderen Arten
beobachtete Mass in etwas übersteigt. Das letzte Glied
des dritten Fusspaares ist auch bei dieser Art stark ver-
kürzt, das Verhältniss der Länge des vorletzten Gliedes
zu seiner Breite ist wie 5 : 3. Die an diesem letzten Gliede
ansitzenden Krallen sind sehr winzig, stark gekrümmt und
noch kleiner als die Krallen des vierten Fusses. Die Krallen
an den beiden vorderen Fusspaaren sind wohl viermal
grösser. Am vierten Fusspaar trägt das vorletzte Glied 7
Schwimmhaare. Das vierte Glied desselben Fusspaares ist
stark ausgeschnitten und an beiden Enden verdickt, der
ganze Rand des Ausschnitts ist mit starken kurzen Dornen
besetzt, an seinem vorderen Ende stehen zwei lange
Schwimmhaare. Die Taster sind sehr gross und stark,
und tragen am vierten Gliede einen starken Höcker mit ga-
belig getheilter Spitze.
10. Art: Nesaea mollis (Taf. IX. Fig. IG).
Eine grössere Art von ungefähr 1 Mm. Länge. Die Hüft-
platten sind ziemlich intensiv blau gefärbt, ebenso die Füsse,
deren letzte Glieder jedoch deutlich ins gelbliche spielen.
Die Haut besitzt eine Dicke von 0,012 Mm. und zeigt keine
deutliche Sculptur. Die Hüftplatten erscheinen ausserordent-
lich fein punktirt. Die Länge des Hüftplattengebietes beträgt
0,42 Mm., die Breite 0,8 Mm. Die Platten sind im Verhältniss
zur Grösse des ganzen Thieres doch nur klein zu nennen,
und treten, namentlich die Platten der rechten und linken
Hinterfüsse, weit auseinander. Die Platten des vierten Paares
sind am Hinterrande in eine kaum angedeutete stumpfe
Ecke ausgezogen. Die Geschlechtsöffnung beginnt fast noch
zwischen den letzten Platten und ist 0,24 Mm. lang; sie
trägt am vorderen und hinteren Ende eine Chitinverhärtung.
Ihr zur Seite stehen keine Geschlechtsplatten, wenigstens
kann ich weder die kleinen Plättchen, auf welchen der vor-
derste Napf beiderseits steht, noch die kleinen Gruppen
von Näpfchen, welche dem hinteren Ende der Geschlechts-
308 Kr am er:
Öffnung zunächst stehen und mit ihren Rändern etwas zu-
sammenfliessen, so bezeichnen; vielmehr stehen die 14 bis
22 Näpfe jederseits zerstreut in der weichen Haut. Die
Afteröffnung befindet sich etwa um die halbe Länge der
Geschlechtsöffnung hinter deren Ende. Die Ftisse sind kurz,
selbst das hinterste Paar kürzer als der Leib (Verhältniss
wie 4:5), das vorletzte Glied des vierten Fusspaares trägt
am vorderen Ende dicht gedrängt 7 Schwimmborsten. An
den kleinen Tastern stellt sich das Verhältniss der Glieder
vom ersten an wie 2 ; 10:8:7:5. Die Eier der Milbe er-
reichen eine Grösse von 0,2 Mm. und werden in grosser
Menge producirt. Man bemerkt an ihr keine eigenthtimlich
gebildete Eihaut.
11. Art: Nesaea aurea (Taf. IX. Fig. 17).
Eine grössere Art von ungefähr 1 Mm. Länge. Die
Hüftplatten sind ziemlich intensiv gelb gefärbt, ebenso die
Füsse, deren letzte Glieder eine goldgelbe Färbung zeigen.
Die Haut besitzt eine Dicke von 0,009 Mm. und zeigt keine
deutliche Sculptur. Die Hüftplatten, wenigstens die des vier-
ten Fusspaares, sind ausserordentlich fein punktirt. Die
Länge des Hüftplattengebietes beträgt 0,45 Mm., die Breite
desselben 0,68 Mm. Die Platten selbst zeigen sich im
Allgemeinen der Lage und Form nach denen der vorigen
Art nicht unähnlich, jedoch bemerkt man bei genauer Ver-
gleichung, dass die zum ersten bis dritten Fusspaar gehö-
rigen gestreckter sind. Die Platten des vierten Fusspaares
sind am hinteren Rande in recht ansehnliche Spitzen aus-
gezogen. Das ganze Plattengebiet erscheint grösser als
das der vorigen Art. Die Geschlechtsöffnung beginnt noch
zwischen den Zipfeln der vierten Hüftplatten und ist 0,19
Mm. lang. An ihrem vorderen und hintern Ende findet
sich je eine dreizipflige Chitinverhärtung. Zu beiden Sei-
ten der Geschlechtsöffnung stehen 9—11 Näpfe in zwei
Abtheilungen, indem jederseits ein Napf auf einer kleinen
Platte für sich nach vorn geschoben ist, während die übri-
gen, dicht an einander gedrängt, so dass" ihre Ränder sich
berühren und zum Theil zusammenfliessen, die zweite Ab-
theilung bilden, welche in gleicher Höhe mit dem hintern
Ende der Geschlechtsöffnung steht. Es besitzt diese zweite
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 309
Abtheilung von Näpfen nicht eigentlich eine gemeinsame
Platte, auf welcher sie steht, daher habe ich die Art unter
diejenigen gerechnet, bei welchen die Näpfe direkt in der
weichen Körperhaut eingebettet liegen. Die Füsse sind
lang, namentlich die hinteren, welche den Leib an Länge
nicht unbeträchtlich übertreffen. Das Verhältniss der Leibes-
länge zur Länge der vierten Füsse ist wie 11 : 16. Das
vorletzte Glied der Füsse des vierten Paares trägt am vor-
deren Ende drei Schwimmborsten. Die Taster sind von
mittlerer Länge. Das Längenverhältniss ihrer Glieder ist
wie 2 : 6 : 3,5 : 6 : 2,5. Die Eier der Milbe erreichen eine
Grösse von ungefähr 0,2 Mm. Nur das Weibchen wurde
beobachtet.
12. Art: Nesaea villosa (Taf. IX. Fig. 18).
Von dieser Art weiss ich nur zu berichten, dasS sie
von rother Farbe ist und eine Haut besitzt, welche an ihrer
ganzen Oberfläche dichtgestellte kurze zapfenförmige Fort-
sätze trägt. Hierdurch ist sie als sichere Art von allen mir
bekannten Wassermilben scharf unterschieden.
3. Gattung: Aturus *).
Die Taster, welche an ihrem Ende keine Andeutung
einer Scheerenbildung zeigen, sind schlank. Die Haut
ist auf demBauche und dem Rücken zu je einer
Panzerplatte verhärtet. Die Geschlechtsnäpfe stehen
federseits in einer einzigen Querreihe. Alle Füsse, wie
auch die beiden Panzerplatten zeigen deutlich grosse Po-
renöffnungen. Ohne Schwimmhaare.
Einzige Art: Aturus scaber (Taf. VIII. Fig. 3).
Die Färbung dieser durch manche Eigenthümlichkeiten
ausgezeichneten Art, von welcher ich nur das Weibchen
kenne, ist etwas violett. Die Haut zeigt keine ebene Ober-
fläche, vielmehr ist sie mit kleinen Vertiefungen übersäet,
in welche die Porenkanäle nach aussen münden. Der Man-
gel an Schwimmhaaren ist bemerkenswerth. Er zwingt die
Milbe nicht, wie es bei Limnochares von Duges beobachtet
*) Aturus, wie Atax, ein Fluss in Gallien.
310 Kramer:
wurde, lediglich zu kriechen, sie schwimmt vielmehr leb-
haft umher. Es mögen daher die Schwimmhaare wohl zu
einem besonders geschickten Schwimmen zweckmässig sein,
zum Schwimmen überhaupt erscheinen sie nicht als unbe-
dingt nothwendig. Die eigenthümliche Stellung der Ge-
schlechtsnäpfe ist schon in der Gattungsbeschreibung er-
wähnt. Sie sind auf einer Art Leiste aufgestellt und
zeigen meist eine excentrische, ja bis an den Rand des
Napfes herangerückte Lage der Porenöffnung. Die Ge-
schlechtsöffnung ist gross und wird am vorderen und hin-
teren Ende von einem Paar flügeiförmiger Hautfortsätze
eingefasst. - . ♦
Die Füsse sind gedrungen und namentlich die vor-
deren kurz, alle vier Paare tragen sehr grosse Krallen.
Jede Kralle zeigt drei Zähne und noch eine blattartige Er-
weiterung am unteren Ende. Die vorderen Enden der Fuss-
glieder tragen Kränze starker Dornen, die namentlich an
den vorderen Füssen recht lang sind. Die Taster sind von
bedeutender Länge, diese verhält sich zur Länge des ersten
Fusspaares wie 7 : 10.
Die Länge des Thieres beträgt ungefähr 0,5 Mm.,
auch wird kaum ein grösseres Maass sich nach Beobach-
tung mehrerer Individuen herausstellen, da das Vorhanden-
sein von ausgebildeten Eiern das von mir beobachtete Thier
als ein völlig ausgewachsenes erkennen Hess.
4. Gattung: Axona *).
Das letzte Glied der schlanken Taster ist krallenför-
mig, das vorletzte Glied vorn verbreitert. Die Haut panzer-
förmig erhärtet und mit sehr feinen Porenöffnungen ver-
sehen. Die Hüftplatten sind am Bauchpanzer deutlich er-
kennbar und von denen anderer Hydrachniden dadurch
unterschieden, dass die äusseren seitlichen Ränder aller vier
zu einer Seite gehörigen Platten in einer einzigen schrägen
Linie verlaufen. Die Geschlechtsnäpfe stehen sehr weit
von den Platten des vierten Paares entfernt.
k) Axona, wie Aturus und Atax, ein Fluss in Gallien.
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 311
Einzige Art: Axoua viridis (Taf. IX. Fig. 19).
Die Milbe scheint wie die vorige Art einen Uebergang
von den zur Gattung Nesaea gehörigen Wassermilben zur
Gattung Arrenurus zu bilden. Die Haut ist nämlich auf
dem Rücken und dem Bauche stark erhärtet und beide
Panzerplatten hängen nur durch einen schmalen Gürtel
weicher Haut mit einander zusammen. Die auf den Platten
befindlichen äussern Porenöffnungen hängen zu 3— 5 mit einer
gemeinschaftlichen inneren Oeffnung zusammen, so dass die
Porenkanäle sich innerhalb der Haut vereinigen, eine Er-
scheinung, die bei Arrenurus wieder auftritt. Die auf ein
geringes Gebiet beschränkte weiche Haut zeigt eine Zeich-
nung von feinen Wellenlinien. Die Farbe des 0,6 Mm.
langen Thieres ist ziemlich lebhaft grün mit einem Stich
ins bläuliche. Der Gesehlechtshof, 0,25 Mm. von den Hüft-
gliedern des vierten Fusspaares entfernt, erscheint ganz an
den hinteren Rand des Thieres gerückt, und umgiebt mit
seinen drei Näpfen jederseits eine ziemlich grosse Ge-
schlechtsöffnung, deren Schamspalte beiderseits mit vielen
feinen Haaren besetzt ist.
5. Gattung: Limnesia Koch.
Die Gattung wird hauptsächlich durch die eigenthüm-
liche Form des letzten Gliedes an den Füssen des vierten
Fusspaares charakterisirt. Dort fehlt nämlich ein
sichtbares Krallenpaar. Wenn R. M. Bruzelius die
dichte und lange Behaarung der beiden letzten Fusspaare
unter die Gattungsmerkmale rechnet, so erscheint mir das
irrthümlich, da L. undulata nur eine sehr spärliche Be-
haarung gerade an den hinteren Fusspaaren aufweist. Cha-
rakteristisch für sämmtliche Limnesia-Arten scheint ausser-
dem noch die Bildung der vierten Hüftplatte zu sein. Ihre
innere hintere Ecke ist breit abgeschnitten, so dass die
Platte eine annähernd dreieckige Figur bekommt, deren
Basis an der dritten Hüftplatte liegt, und deren Spitze nach
hinten und aussen gerückt ist. An dieser Spitze befindet sich
die Einlenkungsstelle des vierten Fusspaares. In dem Win-
kel, welchen die Hüftplatte des vierten und dritten Fuss-
312 Kramer:
paares auf der Innenseite bilden, steht eine Haarplatte
eingekeilt.
1. Art: Limnesia undtdata (Taf. IX. Fig. 20).
Die Färbung dieser Art ist sehr lebhaft roth, auch
die Füsse sind nicht dunkler als der übrige Leib. Die
Haut ist äusserst fein liniirt, auf den Hüftplatten zeigt sich
eine blasse aber deutlich bemerkbare Guillochirung. Die
Dicke der Haut beträgt 0,004 Mm. Die Grösse der zellen-
förmigen Gebilde der Guillochirung ist durchschnittlich
0,006 Mm. Die Länge des Hüftplattengebietes steigt bis
auf 0,33 Mm., die Breite desselben beträgt 0,45 und die
Länge des ganzen Thieres 0,73 Mm., die Breite desselben
0,62, die Entfernung des hinteren Randes der Geschlechts-
platte vom vorderen Ende der ersten Hüftplatte 0,35 Mm.
Das letzte Fussglied der Füsse des vierten Paares besitzt
nur zwei Schwimmborsten, das vorletzte eine am Ende und
4 in der Mitte des Gliedes.
Die Hüftplatten lassen hinten eine weite Bucht
zwischen sich frei, in welcher, wie eine Insel, die Ge-
schlechtsplatte gelegen ist, von den Hüftplatten durch breite
Streifen weicher Haut getrennt. Die Geschlechtsplatte ist
hinten breiter als vorn, am vorderen und hinteren Rande
eingebuchtet. Jeder der zwei auf jeder Hälfte stehenden
Näpfe zeigt eine Porenöffnung. Durchmesser des Napfes
0,039 Mm., Durchmesser der Pore 0,012 Mm. Die Entfer-
nung des Afters vom hintern Rande der Geschlechtsplatte
beträgt 0,165 Mm. Die Taster sind ohne auffallende Bil-
dung. An ihrem vierten Gliede ist deutlich ein haartra-
gender Höcker zu bemerken, zwei andere sind nur ange-
deutet. Die Bewegung des Thieres ist lebhaft.
2. Art: Limnesia maculata (Taf. IX. Fig. 21 a b).
Die Färbung, des Körpers ist lebhaft roth, die der
Beine dagegen mehr oder weniger intensiv blaugrün. Die
Haut ist äusserst fein liniirt, auf den Hüftplatten zeigt
sich eine verblasste aber deutliche Guillochirung. Die Dicke
der Haut beträgt 0,003 Mm., die Länge des Hüftplattenge-
bietes 0,9 Mm., die Breite desselben 1,2 Mm., die Länge
des ganzen Thieres ungefähr 1,2 Mm.
Das letzte Fussglied ' des vierten Beinpaares besitzt
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 313
auf der äusseren Seite sechs lange Schwimnihaare und zwei
Dornen, einen in der Mitte und einen an der Spitze. Auf
seiner inneren Seite stehen vier kurze Dornen. Das vor-
letzte Glied der Füsse desselben Fusspaares,ist mit mehr
als 12 langen Schwimmhaaren dicht besetzt. Die Hüft-
platten lassen hinten eine weite Bucht hinter sich frei, in
welche der Geschlechtshof so eingeschoben ist, dass er mit
seinem vorderen Rand die Hüftplatten fast direkt berührt.
Der Geschlechtshof ist hinten breiter als vorn, am vorderen
und hinteren Rande ein klein wenig ausgebuchtet. Auf
jeder Geschlechtsplatte stehen drei grosse ovale Näpfe ohne
Porenöffnung. Zwischen den Näpfen sind kleine Borsten
eingestreut, Die Entfernung des Afters vom hinteren Ge-
schlechtshofrande beträgt 0,12 Mm. Die Taster sind von
gewöhnlicher Bildung. An der unteren Fläche des zweiten
Gliedes befindet sich ein stumpf nach rückwärts gerichteter
Höcker, auf welchem ein ganz kurzer stumpfer Zahn steht.
Auf dieses Merkmal hat M. R. Bruzelius namentlich diese
Art gegründet, und da mir L. histrionica nicht vorgekom-
men ist, vermag ich nicht zu entscheiden, ob nicht mehr
Unterschiede aufgefunden werden können.
6. Gattung: Eylai s, Latreille.
Die Taster gestreckt, grob behaart. Die Füsse be-
sitzen auf den Gliedern beinschienenartige Panzerstücke
mit netzförmiger Skulptur. Letztes Fusspaar ohne
Schwimm haare. Augen dicht nebeneinander liegend,
durch eine in der Körperhaut liegende Hornhaut ausge-
zeichnet. Unterlippe nach vorn stark verlängert.
Einzige Art : Eylais extendens (Taf. IX. Fig. 22).
Hydrachna extendens Müller Hydr. p. 62 Taf. X. 4.
Trombidium extendens Fabricius Ent. Syst. Tom. II
p. 406 n. 24.
Eylais extendens Koch deutsche Crust. Myriap. u. Arachn.
h. 14 Fig. 21 u. 22.
Eylais extendens Duges Ann. d. sc, nat. Ser. 2 Tom. 1
p. 136.
Eylais extendens M. R. Bruzelius.
314 Kramer:
Die lebhaft rothe Farbe zeichnet diese Milbe neben
ihrer Grösse von der Mehrzahl der übrigen aus. Sie be-
ruht auf dem unter der Oberhaut in dem Gewebe reichlich
vertheilten Pigment. Die eigentliche Oberhaut zeigt nur
einen kaum bemerkbaren gelblichen Stich. Sie ist deutlich
liniirt. Der Abstand der einzelnen Linien, die einander nicht
völlig parallel, sondern in mannigfachen Wellenbiegungen
neben einander herlaufen, steigt bis auf 0,015 Mm. Bei
stärkerer Vergrößerung beobachtet man eine auf der inneren
Fläche der Haut befindliche äusserst feine Liniirung, welche
aus völlig parallel und geradlinig in senkrechter Richtung
zu den groben Linien verlaufenden Strichen besteht. Man
kann ungefähr 3 bis 4 Striche auf 0,003 Mm. zählen. Ein
grosser Theil der Oberhaut zeigt in den Streifen zwischen
den Linien kleine Poren, deren Durchmesser circa 0,006 Mm.
ist. Es mögen wohl sämmtlich Stellen sein, in denen ur-
sprünglich Haare gestanden haben, da man noch vielfach
eine Menge feiner Härchen findet, deren jedes einer solchen
Pore aufsitzt. Ausser diesen kleinen Porencanälen, welche
nur einfach in das Unterhautgewebe führen, sieht man nun
hier und da in regelmässiger Vertheilung grössere Poren,
in welche ein ansehnlicher Kanal ausmündet. Die Breite
dieser Kanäle kann bis 0,021 Mm. betragen, es sind die
Ausführungskanäle von drüsenartigen-Gebilden, welche sich
in dem dichten Gewebe der unter der Haut befindlichen
Schicht hinstrecken.
An anderen Stellen der Haut, ebenfalls völlig regel-
mässig vertheilt, finden sich die Anheftstellen der die inne-
ren Organe tragenden Muskelbündel, xiusgezeichnet ist die
Hautpartie, welche als Hornhaut für dfe Augen dient. Es
findet sich hier eine paarige Auswölbung, in welcher die
kleinen Porenöffnungen sehr zahlreich sind.
Näpfe finden sich nicht um die Geschlechtsöffnung
vertheilt. Es zeigt sich hier nur eine dichtere Behaarung,
auch sind die Haare etwas grösser. Die Länge der Ge-
schlechtsöffnung ist 0^21 Mm. In 0,42 Mm. Entfernung
davon liegt der kleine After, eine Oeffnung von 0,054 Mm.
Grösse. Die Hüftplatten zeigen eine stark ausgeprägte
netzförmige Zeichnung, deren Maschen lang ausgezogen
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 315
sind. Die Platte, welche den Tastern und Kieferfühlern
zur Basis dient, besitzt eine Netzzeichnung mit mehr vier-
eckigen Maschen. Die Füsse zeigen auf jedem Gliede eine
beinschienenartige harte Hautplatte mit starker netzförmi-
ger Zeichnung und ziemlich dichter kurzer Behaarung. Die
beiden mittleren Füsse führen sehr dicht gestellte lange
Schwimmborsten. Die Krallen sämmtlicher Füsse sind sehr
stark. Jede Kralle besteht aus einem starken Zahn, an
dessen Basis ein Nebenzahn sich befindet. Die Taster sind
fussförmig gebaut, das fünfte Glied ganz wie die anderen
gestaltet und an der Spitze mit einer grösseren Anzahl star-
ker Zähne bewaffnet. Eine besondere Aufmerksamkeit ver-
dienen die Mundtheile ; die Unterlippenplatte ist nach vorn
schnabelartig verlängert, der Schnabel ist natürlich oben
geöffnet. In der Höhlung des Schnabels befinden sich die
Kieferfühler ; sie bestehen dem Wesen nach eigentlich nur
aus dem beweglichen zweiten zahnförmigen Glied. Das
erste Glied ist fast nur zu einem stabförmigen schmalen
Organ zusammengeschrumpft. Besonders deutlich bemerkt
man an Eylais die blassen Kanäle, welche in dem Winkel
des Schnabels, wo sich die Taster einlenken, jederseits
ausmünden, sie sind circa 3mal so breit als die Tracheen-
stämme.
Eylais extendens besitzt ansehnliche Speicheldrüsen.
Es finden sich nämlich auf jeder Seite der Speiseröhre zwei
beträchtliche Haufen von Speichelzellen, welche ihren In-
halt in ein Paar blassroth pigmentirte Kanäle ergiessen.
Nach kurzem Verlauf vereinigen sich beide Kanäle zu
einem einzigen. Die Zellen, welche ich als ebenso viel
Speicheldrüsen anspreche, sind sehr gross, bis 0,1 Mm., und
enthalten einen Kern von 0,03 Mm. Grösse. Ihr Inhalt
zeigt sich fein gekörnt. Die Breite der beiden Ausführungs-
kanäle beträgt 0,02 Mm. Die Zellen selbst sind ganz blass.
Zwischen den Speicheldrüsen der rechten und linken Seite
ist das Gehirn ausgebreitet. Ausser dem eben erwähnten
sehr entwickelten Speicheldrüsensystem findet sich noch
ein zweites ausserordentlich ausgebildetes Drüsensystem,
das der bereits oben erwähnten Hautdrüsen. Diese Drüsen
verlieren sich mit ihren absondernden Theilen in das dichte
316 Krämer:
Gewebe von Tracheen und Leberzellen, welches den Magen
umgiebt, so dass es Schwierigkeit macht, sie herauszu-
präpariren.
Bemerkungswerth ist der Eierstock. Er besteht aus
einem wahrscheinlich verzweigten, strangförmigen Gebilde,
auf dessen einer Seite wie ein schmales Band ein zweiter
Strang befestigt ist. Dieses schmale Band ist aus unregel-
mässig gestalteten Zellen zusammengesetzt, welche eine
durchschnittliche Grösse von 0,005 Mm. besitzen. Dieses Zel-
lenband spreche ich als die Entstehungsstelle der Eier an,
welche in jedem Stadium der Entwicklung und in jeder
Grösse an ihm befestigt sind. Die Befestigungsart durch
einen schmalen Stiel lässt mich zunächst schliessen, dass
die fertigen Eier nicht in das Innere jenes zuerst genannten
Hauptstrangs übertreten, sondern, wie reife Beeren von
einer Weintraube, in die Leibeshöhle abfallen. Jedes be-
reits zu einiger Grösse angeschwollene Ei zeigt bereits
deutlich die charakteristische Eiform, sie verjüngt sich nach
dem Stiel zu und ist mit dem zweiten Zellenstrang ver-
wachsen. Der Stiel tritt durch die Eischale hindurch zu
dem eigentlichen Ei und zeigt sich dort mit der inneren
Eihaut verwachsen. Die Figur 31, Taf. IX giebt über alle
diese Verhältnisse die beste Auskunft. Die Schale erscheint
in ihrem Gefüge aus lauter radienartig verlaufenden Strahlen
zusammengesetzt. Namentlich ist es die bereits an den noch
am Eierstock festhängenden Eiern vollständig entwickelte,
gelblich schimmernde und ziemlich harte Eischale, welche
es mir unmöglich erscheinen lässt, dass solche Eier durch
die, allerdings nur vorausgesetzte, schmale Halsöffnung am
Stiel in das Innere des Hauptstranges und von da zur Ge-
schlechtsöffnung heraustreten sollten. Es müsste dann auch
noch eine Haut beobachtet werden können, welche das
ganze Ei sammt Schale umschlösse. Eine solche Haut habe
ich nirgends beobachten können. Die Anzahl der in Ent-
wicklung begriffenen Eier ist ganz erstaunlich und dem ent-
spricht auch die ganz colossale Menge von Eiern, welche
man an Holzstengeln und Steinen im Wasser findet. Es sind
zolllange Strecken, welche sich von den lebhaft rothgefärbten
Eiern dieser Milbe überzogen finden. Die rothe Färbung
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 317
stammt von dem eigentlichen Eiinhalt, die Schale ist nur
gelbroth oder gelb. Das Gehirn unserer Milbe ist ein sehr
ansehnlicher Ganglienhaufen, welcher in 10 — 12 rosetten-
förmig gestellte Lappen zerfällt und ausser anderen Ner-
vensträngen zwei sehr starke, einen nach rechts, den andern
nach links, nach hinten gerichtete und zwei dünnere eng
aneinander schliessende nach vorn zu den Augenganglien
entsendet. Die Lappen zeigen in der äusseren Schichte sehr
grosse, in der Tiefe kleinere Ganglienzellen. Das Gehirn
ist von einem dichten Filz von Tracheenfäden umgeben.
Die Häutungen hören, wie es scheint, nicht mit einem be-
stimmten Entwicklungsstadium auf. Weibchen mit unzäh-
ligen Eiern zeigen beim Herannahen der Häutungszeit völ-
lige Bewegungslosigkeit. Die Füsse haben sich von der
äusseren Chitinschicht getrennt und sind ganz ins Innere
des Thieres zurückgezogen. Auch der übrige Leibesinhalt
zieht sich von der Oberhaut zurück und liegt wie eine
weiche ungestaltete Masse im Innern des alten Hautsackes.
Die neue Haut bildet sich erst ganz allmählich und mit
der neuen Haut erst gewinnen die Muskeln zu den Bewe-
gungen die nöthigen festen Punkte.
7. Gattung: \- Ar renn rn s Duges.
1. Art: Arrenurus globator (Taf. IX. Fig. 23, a,b).
Hydrachna globator Müller Hydr. 27. Taf. I. 1—5.
Trombidium variator Fabricius Ent. Syst. Tom. IL p. 403.
no. 22.
Arrenurus globator C. L. Koch Deutschi. Crust. Myriap.
Arachnid. h. 13. fig. 22. 23.
Arrenurus globator R. M. Bruzelius Beskrifn öfver Hy-
drachnider. p. 31. tab. III. 3.
Die Hautfarbe ist dunkelgrün mit mancherlei Schat-
tirungen. Der Panzer zerfällt in einen Rücken- und Bauch-
panzer, welche sich innig in einer auf dem Rücken sichtbaren
Linie berühren. R. Bruzelius hat sie in seiner Figur
(Taf. III. Fig. 3), wenigstens den vorderen Theil derselben,
gezeichnet. Die Dicke des Panzers steigt an manchen
Stellen bis auf 0,03 Mm. Die ganze Oberfläche, mit Aus-
318 Kramer:
nähme der Hüftplatten, ist mit grossen bis' 0,012 Mm.
Durchmesser haltenden kreisförmigen Grubenvertiefungen
bedeckt, in deren Tiefe die Porenöffnungen liegen. Die
Porenkanäle verbinden sich in der Chitinschicht der Haut
oft derart, dass zwei, drei, selbst fünf von ihnen nur eine
einzige innere Oeffnung besitzen (Taf. IX. Fig. 30). Die Po-
renöffnungen auf den Hüftplatten sind punktförmig und
jede besitzt ihren selbstständigen Kanal.
Der schwanzartige Fortsatz des Hinterleibes ist an
seiner Ursprungsstelle verengt, nicht bloss seitlich, son-
dern, wie die Profilansicht zeigt, auch von oben nach un-
ten, seine hintere Fläche ist schräg von oben nach unten
abgeschnitten. Die Füsse sind massig lang und verhält-
nissmässig dick. Das vierte Glied des vierten Fusses trägt
an seinem unteren Ende einen zapfenförmigen Fortsatz,
an dessen Spitze sich ein dichter Büschel längerer Haare
findet. Das zweite, dritte und fünfte Glied sind nicht bloss
am vorderen Ende, sondern im ganzen Verlaufe ihrer Länge
mit dicht gestellten langen Schwimmhaaren versehen. R.
Br uzelius zeichnet auch am vierten Glied einige Schwimm-
haare, während ich hier zwar dicht gedrängte, aber nur
kurze borstenähnliche Haare finde.
2. Art: Arrenurus tricuspidator (Taf. IX. Fig. 24, ab).
Hydrachna tricuspidator 0. Fr. Müller, Hydrach. tab. III.
Vom Männchen kann ich nur die Abbildung des Um-
risses geben. Allerdings ist die Farbe nicht übereinstim-
mend mit der von M. R. Bruzelius beobachteten. Viel-
mehr ist sie dunkelgrün, wie bei allen hier beobachteten
Arrenurusarten.
3. Art: Arrenurus buccinator Koch (Taf. IX. Fig. 25).
Arrenurus buccinator C. L. Koch h. 13. fig. 7.
Auch von dieser Art gebe ich nur die Umrisse des
Männchens. Von Arrenurus globator unterscheidet sich un-
sere Art durch bedeutendere Grösse und Bildung des
Schwanzanhangs. Derselbe ist nach hinten zu verjüngt
und zeigt zwei Einschnürungen, eine an der Basis und eine
im letzten Drittel. Der Schwanzanhang ist so lang als der
Vorderleib.
4. Art : Arrenurus crassicaudatus (Taf. IX. Fig. 26).
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 319
Auch von dieser Milbe ist mir nur das Männchen
b ekannt geworden, dessen Umrisse ich sorgfältig beobachtet
habe. Die Figur giebt sie genau wieder. Mit keiner von
M. R. Bruzelius angeführten Art kann sie in Verbin-
dung gebracht werden. Am ehesten liesse sich noch Ar-
renurus albator heranziehen, aber die Zeichnung bei Bru-
zelius tab. III, 2 zeigt einen so völlig andern Mittelzapfen
des Körperanhangs, dass ich nicht wage, meine Art mit
jener von Bruzelius zu identificiren , obwohl sonst die
ganze Gestalt des Schwanzanhangs übereinstimmt.
5. Art: Femina Arrenuri (Taf. IX. Fig 29).
Von den vier Arrenurus-Weibchen, welche M. R. Bru-
zelius beschreibt, wäre das zuArrenurus emarginator ge-
hörige am ehesten mit dem hier aufgeführten zu identificiren,
wenn nicht die Farbe und zugleich die aus Bruzelius
Tab. II. Fig. 7 ersichtliche Form der Hüftplatten daran hin-
derten. Es erscheint mir allerdings zweifelhaft, ob die etwas
kleinen Figuren von M. R. Bruzelius stets nach genauen
Maassen gezeichnet worden sind.
Die Hautfarbe ist grün. Der Panzer zerfällt in einen
ovalen Rückenpanzer von 0,75 Mm. Länge und einen Bauch-
panzer, der auch die Seiten umschliesst. Die ganze Haut
ist; mit Ausnahme der Hüftplatten, mit circa 0,012 Mm. gros-
sen grubenförmigen Vertiefungen bedeckt, in deren Bo-
den der Porenkanal ausmündet. Zwei bis drei Porenka-
näle fliessen im Innern der Chitinhaut zu einem gemeinsa-
men zusammen. Die Porenöffnungen auf den Hüftplatten
sind punktförmig. Die Länge des Hüftplattengebietes be-
trägt 0,45 Mm., die Breite 0,70 Mm. Die vier Hüftplatten
der einen Seite stossen unter einander zusammen, denn der
Zwischenraum zwischen der zweiten- und dritten ist kaum
erwähnenswerth. Die Geschlechtsplatten schliessen sich
an die ansehnliche, mit ihren Klappen 0,1 Mm. lange und
0,12 Mm. breite Geschlechtsöffnung an wie zwei Flügel, von
denen jeder 0,24 Mm. lang und 0,1 Mm. breit ist. Die
Platten sind etwas nach hinten gebogen und mit vielen
(circa 100) ganz .kleinen gewöhnlichen Näpfen bedeckt.
Die Oeffnung jedes Napfes ist etwa 0,003 Mm. gross. Die
Afteröffnung liegt 0,25 Mm. hinter der Geschlechtsöffnung.
320 Kramer:
Die Füsse sind nicht lang. Die Länge der Glieder des vier-
ten Paares sind 0,1; 0,12; 0,12; 0,18; 0,18 zusammen etwa
0,7 Mm., während die Leibeslänge bis 0,9 betragen mag.
Das zweite Glied trägt in seiner ganzen Länge Schwimm-
haare, das 3., 4. und 5. nur an der Spitze ein Büschel,
sonst findet sich an der innern Seite des 3., 4., 5. und
6. Gliedes eine Reihe verlängerter spitzer Dornen.
Das 3. und 4. Glied der Füsse des vierten Fusspaa-
res zeigen vorn auf der Unterseite einen nicht ansehnlichen
aber doch bemerkbaren zahnartigen Fortsatz, welcher an der
Spitze in zwei Zähne ausgezogen ist, zwischen welchen
ein starkes kurzes Dornhaar steht. Die Taster sind kurz
und dick. Das vierte Glied ist das ansehnlichste. Das
fünfte bildet mit dem vierten eine vollständige Zange.
6. Art: Arrenurus reticulatus (Taf. IX. Fig. 27, ab).
Diese Milbe muss wegen ihrer Taster und Fussbildung
zu Arrenurus gezogen werden. Die Haut ist nicht eigent-
lich panzerartig, kaum von 0,006 Mm. Dicke, und zeigt
eine netzförmige Zeichnung, deren dichtgedrängte! kreis-
runde Maschen bis auf 0,027 Mm. Durchmesser steigen.
Die Maschen stellen sich als grubenartige Vertiefungen her-
aus. Die Partien zwischen den Maschen zeigen eine dunkle
grüne Färbung. Von den Gruben gehen keine sichtbare
Porenkanäle durch die Haut. Hierdurch ist diese Milbe
von den vorher beschriebenen Arrenurus-Arten völlig ver-
schieden. Fig. 27, c zeigt ein Stück der Haut. Die Oeff-
nungen auf den Hüftplatten sind 0,003 Mm. gross und be-
sitzen so wie die ebensogrossen an den Füssen deutlich
sichtbare Porenkanäle.
Weibchen : Die Länge des Hüftplattengebietes 0,44 Mm.,
die Breite desselben 0,60, Zwischenräume zwischen den
hinteren Platten beider Seiten 0,08 Mm., Die Geschlechts-
öffnung mit ihren Klappen ist 0,15 Mm. lang, 0,13 Mm.
breit. Die Geschlechtsplatten strecken sich wie zwei 0,25 Mm.
lange Flügel nach rechts und links. Die Flügel sind
nicht nach hinten ausgebogen. Die Näpfe sind Poren von
0,006 Mm. Grösse. Die Hüftplatten liegen in drei weit
und deutlich getrennten Gruppen, indem die der vorderen
Füsse völlig zusammenfliessen. Die JGlieder der Füsse des
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 321
Fusspaares betragen 0,10, 0,13, 0,12, 0,16, 0,17, 0,16 Mm.,
während; die Länge desThieres ungefähr 0,95 Mm. beträgt.
Männchen: Die Länge des Hüftplattengebietes be-
trägt 0,46 Mm., die Breite desselben 0,7 Mm., der Zwischen-
raum zwischen den hinteren Platten der beiden Seiten
0,04 Mm. Die Geschlechtsöffnung ist nur ein schmaler
Spalt von 0,04 Mm. Länge , in einem ganz kleinen Hof,
von dessen Seitenrändern sich 0,27 Mm. weit nach rechts
und links die Geschlechtsplatten mit den Näpfen wie zwei
Flügel ausdehnen. Die Näpfe besitzen höchstens 0,009 Mm.
Durchmesser. Unter dem After, besitzt der Hinterleib einen
kurzen, zapfenartigen Fortsatz, wie es scheint,» der letzte
Rest einer Andeutung des Schwanzfortsatzes. Der Zapfen
ist vorn zugespitzt. Die Füsse sind lang, denn während
die Länge des ganzen Thieres 0,65 Mm. betragen mag,
ist der hinterste Fuss 0,8 Mm. lang. Die Glieder der
Füsse sind dick und zeigen, wie es bei Arrenurus ge-
wöhnlich ist, eine Behaarung an der ganzen Länge.
7. Art: Arrenurus lineatus (Taf. IX. Fig. 28).
Die Hüftplatten, Füsse und Haut sind ganz weiss.
Die Haut besitzt eine sehr deutliche Zeichnung von in
einander sich verflechtenden Linien. An einigen Stellen
des Rückens gestaltet sich das Linieugeflecht zu einem
wirklichen Netz mit kurzen Maschen aus. Die Dicke der
Haut steigt bis auf 0,006 Mm. Auf den Hüftplatten ist die
maschenförmige Zeichnung sehr deutlich, auf den Füssen
dagegen fehlt jede Skulptur. Die Länge des Htiftplatten-
gebietes beträgt 0,21 Mm., die Breite desselben Q,3Mm.,
die Länge des ganzen, zu den kleineren Hydrachniden
zählenden Thieres mag etwa 0,31 Mm. ausmachen.
* Die Füsse sind im Verhältniss zur Länge sehr dick.
Die Glieder tragen an dem unteren Rande der vorderen
Enden starke Dornen, das vierte Glied der Füsse ist von
Schwimmhaaren frei.
Am vorletzten Gliede der Füsse des dritten und vier-
ten Fusspaares stehen vorn drei lange Schwimmhaare. Ganz
besonders lang sind die Schwimmhaare am drittletzten
Gliede der Füsse des dritten Fusspaares, denn sie ragen
noch über das Ende des ganzen Fusses hinaus. Die Ta-
Archiv f. Naturg. XXXXI. Jahrg. 1. Bd. • 21
322 Kramer:
ster sind unverhältnissmässig dick und gross. Sie werden
bis 0,14 Mm. lang und 0,05 Mm. dick, und ragen viel
weiter vor, als das sonst bei Arrenurus der Fall ist.
Möglich, dass die vorliegende Milbe noch ein junges
Thier ist und dass hieraus sich die ausserordentliche Grösse
der Taster erklären mag. Ist dies der Fall, so verdient
sie nichts desto weniger als besondere Art aufgeführt zu
werden, da wohl schwerlich die Jungen der vorhergehen-
den Arten mit unserer Milbe identisch sein werden.
A n h an g.
0. Fr. Müller war der erste, welcher, auf ein grös-
seres ßeobachtungsmaterial gestützt, die Wassermilben zu
gruppiren versuchte l). Er ordnete die 49 von ihm abge-
bildeten und unterschiedenen Arten nach den Augen und
der Bildung des Hinterleibes. Im Einzelnen legte er das
Hauptgewicht auf die Färbung , wenn sich auch hier
und da Bemerkungen über Fussbildung finden. Da nun
die Färbung bei dieser Thiergruppe das am wenigsten
constante Kennzeichen zu sein scheint, so will es auch gar
nicht recht gelingen, Arten, die durch besondere Umriss-
eigenthümlichkeiten nicht ausgezeichnet sind, nach den
Müller'schen Beschreibungen wiederzuerkennen. 0. Fr.
Müller befasste alle von ihm beschriebenen Arten unter
einem und demselben Gattungsnamen, da seine Beobach-
tungsmittel doch noch nicht hinreichten, um die feineren
Unterschiede klar zu erkennen. Doch kam der Moment,
wo sich die Gattung Hydrachna in mehrere auflöste, bald.
Fabricius trennte Atax von Hydrachna ab und La-
treille fügt die Namen Eylais und Limnochares jenen
beiden andern hinzu. Duges, der sich um die Naturge-
schichte der Milben überhaupt Verdienste erworben, stellte
1) Hydraohnae quo9 in aquis Daniae palustribus detexit etc.
0. Fr. Müller. Lipsiae 1781.
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 323
bereits sechs Gattungen auf. Atax, Diplodontus, Arrenu-
rus, Eylais, Limnockares, Hydrachna. Diese sechs Gat-
tungen sind ausreichend gekennzeichnet, vielleicht mit
Ausnahme der ersten *), welche später von anderen in zwei
Gattungen getrennt worden ist. Duges hat die Charak-
teristiken der einzelnen Gattungen nicht auf einen mög-
lichst kurzen Ausdruck gebracht, er hat auch nicht ein
oder wenige besondere Kennzeichen hervorgehoben, wo-
durch die einzelne Gattung sofort erkannt werden könnte.
Dadurch wird die Vergleichung erschwert, was namentlich
bei Limnochares entgegen tritt. Mir scheint bei dieser
Gattung der einzige für eine, an sicher und gleich erkenn-
bare Merkmale sich haltende, Bestimmung greifbare Un-
terschied die relative Grösse der Hüftplatten zu sein.
Duges sagt hierüber: Les hanches des quatre pattes
anterieures sont plus grands que leg autres, c'est le con-
traire chez les Hydracnes Ataces etc.
Die von ihm neu aufgestellten Gattungen Diplodontus
sowie Arrenurus sind sehr scharf und sicher umgrenzt, wenn
Duges auch für die letztere nicht die Bildung der Taster
besonders betont.
Die vielen Arten von Müller sind bei Duges schon
zu 11 herabgesunken, offenbar steht die Anzahl der beob-
achteten Arten hier im umgekehrten Verhältniss zur Güte
der Beobachtungsmittel und der angewendeten Aufmerksam-
keit auf das wirkliche Detail. Diese Beobachtung des
Details vermisst man zum Theil bei C. L. Koch, welcher
in vielen Heften die Hydrachniden bildlich darstellt und
kurz beschreibt. Er stellt dabei viele neue Gattungen und
noch mehr neue Arten auf, wie sich denn in den Heften
6—18 13 Gattungen mit zusammen 127 Arten finden.
Wenn man bedenkt, dassKoch das Hauptgewicht auf
die Färbung legt, so ist es erklärlich, wie er z. B. zu
Nesaea 30 Arten entdeckt, zu Arrenurus 29 u. s. w. Die
Abbildungen sind, wie schon von Andern betont ist, oft
ausgezeichnet, namentlich in Bezug auf Umrisswiedergabe,
1) Vergl. Deuxieme memoire sur Vordre des Acariens. Annal.
des scienc. nat. TL Ser. Tom. 1.
324 Krämer:
aber imUebrigen ist es ganz unmöglich sich in den Arten
zurecht zu finden. Es ist zum grössten Theil vergebliche
Mühe, die sich der Verfasser genommen hat, um die win-
zigen Thierchen darzustellen und zu beschreiben. Von den
Gattungen sind einige, wie z. B. Hydrochoreutes, sicher und
bestimmt von den bisher genannten unterschieden, da die
gegebenen Abbildungen wirklich eigenthümlich gebaute
Thiere darstellen, aber es fehlt jeder Anhalt, die Charak-
tereigenthümlichkeit klar und bestimmt zum Ausdruck zu
bringen. So ist es denn ganz unmöglich die von ihm auf-
gestellten Gattungen, wie Tiphys, Hydrochoreutes, Murica,
Hydrodroma zu berücksichtigen. Andere, wie Limnesia,
Nesaea und Hygrobates sind durch M. R. Bruzelius'
Arbeiten in den Bereich genauer Bestimmung gerückt und
müssen beibehalten werden. Dieser sorgfältige Beobachter
führt in seiner Arbeit ') unter 9 Geschlechtern 19 Wasser-
milben auf. Eins von diesen 9 Geschlechtern hat er neu
gegründet. Seine Diagnosen lassen eiue Bestimmung dar-
nach sehr gut zu , so dass jeder , der Wassermilben
zum Gegenstand seiner Beschäftigung macht, seine Ab-
handlung beachten muss. Ich führe theils um einige Be-
merkungen daran zu knüpfen, theils auch um die Diagno-
sen allgemeiner zugänglich zu machen, diese vollständig
hier an.
1. Atax Fabricius.
Corpus ovatum vel ovale, postice aut truncatum et
angulis acutis aut rotundatum. Pedes longissimi, duplo
vel triplo corpore longiores, duo anteriores ceteris multo
crassiores et dentibus magnis, spinulas longas et mobiles
gerentibus, armati. Reliqui tenues et longi, pilis raris,
apici imprimis quarti quinti et sexti articuli affixis, instructi.
Palpi longi, articulis secundo et tertio brevibus et crassis,
quarto longo, attenuato in latere interiore denticulis duo-
bus, in exteriore unico dente armato. Oculi duo distantes.
2. Nesaea Koch.
Corpus ovatum vel ovale, laeve postice utrimque im-
1) Beskrifning öfver Hydrachnider.
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 325
pressum. Palpi longi, articulo quarto maximo attenuato
duobus dentibus arinato. Pedes longi, par primum denti-
bus et spinulis destitutum, duo paria posteriora pilis longis
et densis, articulis quarto quinto et sexto affixis instructa.
Oculi duo distantes.
3. Arrenurus Duges.
Corpus in dorso linea impressa antice semicirculari
plerumque scabrum vel verrucosus , margine posteriore
quattuor aut sex setas gerente. Palpi breves, articulo quarto ,
longo et crasso ceteris multo maiori, quinto unguiformi.
Pedes longiusculi duo paria posteriora pilis longis et densis
instructa. Oculi duo distantes.
4. Midea n. gen.
Corpus subrotundatum, granulatum, margine pilis vel
setis raris instructo. Palpi longi, articulo secundo et tertio
crassiusculis, quarto longiori attenuato, quinto parvo acu-
tiusculo. Pedes longiusculi, duo paria anteriora pilis raris,
duo posteriora pilis longissimis, fasciculatim apici quarti
quinti et sexti articuli affixis instructa. Oculi duo di-
stantes.
5. Hygrobates Koch.
, Corpus subrotundum , laeve. Palpi longi , articulo
quarto maximo, attenuato, dentibus carente. Pedes longius-
culi, duo paria posteriora articulo quarto, quinto et sexto
pilis brevibus et raris instructa. Oculi duo distantes.
6. Limnesia Koch.
Corpus ovatum. Palpi longi, articulo secundo et ter-
tio crassis, quarto longiori, attenuato, quinto acutiusculo.
Pedes longi, duo paria posteriora pilis longis et densis in-
structa, articulus ultimus quarti paris acutus et unguijbus
destitutus. Oculi quattuor, duo cuiüsque lateris vicini, duo
paria distantia.
7. Diplodontus Duges.
Corpus rotundatum, depressum. Palpi longiusculi,
articulus quartus longior cum quinto forcipem fingens. Pe-
des longiusculi duo paria posteriora pilis longis et densis
instructa. Oculi quatuor, duo cuiüsque lateris proximi duo
paria distantia.
326 Kramer:
8. Hydrachnä Müller.
Corpus rotundatum subglobosum. Palpi longiusculi,
articulus primus crassus, secundo maior, tertius longior,
attenuatus, quartus et quintus breves et unguitbrmes. La-
bium in rostrum longum productum. Pedes mediocris lon-
gitudinis par primum breviusculum et pilis raris, tria paria
posteriora pilis longis et densis instructa. Oculi quatuor,
duo cuiusque lateris proximi duo paria mediocriter distantia.
9. Eylais Latreille.
Corpus ovatum, depressum. Palpi longiusculi, articulo
quarto longiori, quinto brevi, obtuso et spinoso. Pedes
longi, par primum pilis raris, secundum et tertium longio-
ribus et densis instructum, quartum pilis omnino carens et
tantum setis brevissimis praeditum. Oculi quatuor, proximi.
Was zunächst die beiden ersten einander wohl un-
zweifelhaft sehr ähnlichen Gattungen betrifft, so kann ich
mich nicht mit E. Chiparede überzeugen, dass die Gat-
tung Nesaea Koch „hauptsächlich auf der wahrscheinlich
scheinbaren Anwesenheit von nur zwei Höckern am vor-
letzten Tasterglied" fusst. Es ist vielmehr hauptsäch-
lich derr Mangel an jenen langen beweglichen degenför-
migen Borsten, welche die Gattung Nesaea wie sie M.
R. Bruzelius aufgestellt hat , so besonders cha-
rakterisiren. Durch die etwas dickeren vorderen Füsse
und die daran haftenden merkwürdigen Borsten bekommt
ein Atax einen sehr eigenthümlichen Anblick, zumal da
auch bei einigen eine enorme Entwicklung der Zahnfort-
sätze am vierten Tasterglied damit zusammen auftritt. E.
Claparede nennt die von ihm besonders behandelte
Milbe Atax Bonzi; nun: Atax crassipes ist dem Aeussern
nach himmelweit davon verschieden. Will man daher eine
Anzahl Wassermilben, welche in Bezug auf jene Borsten-
bildung und die damit ebenfalls zusammen auftretende
Längenausbildung der Beine mit Atax crassipes überein-
kommen, auf diese Merkmale hin von den übrigen abson-
dern, so scheint mir dieses nicht so gewagt, da sie wirk-
lich dem ganzen Habitus einen besonderen Charakter ge-
ben. In sofern sie der Gattung Nesaea fehlen, ist diese
gerechtfertigt, es müsste dann allerdings auch Atax Bonzi
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 327
zur Gattung Nesaea Koch gezogen werden und Nesaea
Bonzi an seine Stelle treten. Wenn E. Cl aparede be-
tont, dass jene beweglichen Borsten an den vorderen Füssen
desshalb nicht zu Gattungscharakteren benutzt werden
können, weil die Zähnchen, auf welchen sie in so auffal-
lender Weise eingelenkt sind, morphologisch ganz dasselbe
bedeuten, wie die ringwallartigen Wärzchen der Cuticula,
auf welchen überhaupt die Haare der Wassermilben ste-
hen, so ist mit diesem Grunde überhaupt ein grosser Theil
der aufgestellten Thiergattungen angegriffen. Man braucht
nicht einmal zu erwähnen, dass die Schuppen des Schup-
penthieres morphologisch dasselbe bedeuten wie die Bor-
sten der Schweine oder gar Federn der Vögel, oder der
Vogelschnabel dasselbe wie der Ober- und Unterkiefer bei
den Raubthieren. JJeberall sind nicht morphologisch ver-
schiedene Dfeige zu unterscheidenden Merkmalen gemacht,
sondern bei nahe verwandten Thieren sind die mannig-
fachen Formen der morphologisch gleichartigen Organe
dazu benutzt , um Gattungen , resp. Arten aufzustellen.
Finden sich z. B. morphologisch gleichwerthige Gebilde,
wie das vierte und fünfte Tasterglied so besonders ange-
ordnet, dass man von scheerenartigen Tastern sprechen
kann, so stellt E. Claparede ohne Bedenken die Gattung
Diplodontus auf und löst die hierzu gehörigen Milben von
Atax ab. Ist es nicht ebenso gerechtfertigt, die allerdings
morphologisch gleichwerth igen Zäpfchen und Ringwallwarzen,
eben ihrer verschiedenen Gestalt wegen, zu charakteristi-
schen Unterscheidungen zu benutzen, zumal die Einlenkung
der Borsten bei ersteren eine seitliche, bei letzteren stets
eine centrale ist? Nimmt man die Gattungen Atax und
Nesaea nicht als verschiedene, so^ muss doch ein Unter-
schied in den Arten gemacht werden derart, dass man Un-
tergattungen bekommt, und zu der einen Untergattung
würden alle Atax engeren Sinnes, zur andern alle Nesaea
Koch gehören müssen. Aus allem diesem ergiebt sich
für uns, dass die Gattung Nesaea aufrecht erhalten wer-
den kann.
Das Genus Arrenurus ist ein deutlich gekennzeich-
netes, wenn die Taster mit ihrer auffallend gedrungenen
328 Kramer:
Form und zugleich die panzerähnliche Haut berücksichtigt
werden. Das Kennzeichen, welches M. R. Bruzelius
von der Behaarung des hinteren Leibesrandes genommen
hat, kann in dieser Weise, wie es geschehen ist, nur von
den Männchen aufrecht erhalten werden und da fällt wohl
die schwanzartige Verlängerung des Hinterleibes mehr auf.
Die Haare, welche bei den Weibchen über den Rand des
Leibes nach hinten hinausragen, sind die/ gewöhnlichen
Haare, welche jede Wassermilbe an eben dieser Stelle be-
sitzt, und welche bei einigen Arrenurus-Arten nur etwas
über das gewöhnliche Maass verlängert erscheinen. In
derselben Weise dürfte auch das Artmerkmal der Midea
orbiculata, wie es M. R. Bruzelius angiebt: in dorso octo
puncta pilifera, als nicht bloss dieser Art angehörig ange-
sehen werden, da auf dem Rücken jeder Wassermilbe an
den fest bestimmten Stellen haartragende Papillen sich
finden.
Das Genus Hygrobates Koch wird wohl kaum von
Nesaea zu trennen sein. M: R. Bruzelius führt, um den
Unterschied zu begründen, in der Gattungsbeschreibung
folgendes aus : Palperne, som äro af halfva kroppslängden
hafva fjerde leden längst och smal samt saknande tänder,
hvarigenom den skiljen sig frän palpen af Atax och Ne-
saea (a.a.O. p. 37). Kann nun, wie E. Cl aparede aller-
dings mit für uns überzeugender- Klarheit dargethan hat, auf
diese Zähnchen der Taster kein bedeutendes Gewicht ge-
legt werden, so schwindet auch das einzige unterschei-
dende Merkmal zwischen Nesaea und Hygrobates, wäh-
rend zwischen Atax und Hygrobates dieselbe Unterschef-
dung aufrecht erhalten werden kann. Dass M. R. B r u-
z e 1 i u s von den Füssen der Hygrobates erwähnt : duo
paria posteriora articulo quarto, quinto et sexto pilis bre-
vibus et raris instrueto, giebt kein sicheres Merkmal ab, da
die Anzahl der Schwimmhaare bei den verschiedenen Arten
der Wassermilben eine ausserordentlich schwankende ist.
Die Gattung Midea Bruz. scheint am nächsten an die
Gattung Arrenurus angefügt werden zu müssen. Dass sie
von ihr sicher getrennt werden kann, zeigt die gestreckte
Form der Taster. Hier findet sich nach der Zeichnung
Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 329
von M. R. Bruzelius ein gestrecktes viertes Glied ohne
jeden zahn artigen Fortsatz, der zu Arrenurus als charak-
terisches Merkmal gehört. Im Uebrigen lässt wohl die ans
M. R. Bruzelius Worten zu entnehmende verhärtete Haut
bei Midea die Verwandtschaft mit Arrenurus besonders
deutlich in die Augen fallen. Diplodonte Duges und Hy-
drachna Müller, letztere in der von M. R. Bruzelius ge-
brauchten Beschränkung, dürfen als gute Gattungen gelten.
Fasst man die in den bisherigen Abhandlungen beschriebe-
nen und sicheren Gattungen zusammen, so ergeben sich
im Ganzen zwölf, resp. elf: Aturus, Limnochares, Eylais,
Limnesia, Arrenurus, Diplodontus, Axona, Hydrachna, Mi-
dea, Nesaea, (Hygrobates), Atax.
Uebersieht man die allen diesen Gattungen gemein-
samen Merkmale und versucht eine Familiencharakteristik
zu entwerfen, so stellt sich die Schwierigkeit heraus, die
Wassermilben von gewissen Landmilben, z. B. von Trom-
bidium streng zu unterscheiden. Viele Wassermilben er-
scheinen wie Trombidien, welche statt in der Luft im Was-
ser leben. Es bleibt also schliesslich die Lebensweise das
einzige allgemeingültige Unterscheidungsmerkmal.
Ich lasse nun noch die sicheren Gattungen mit kurzer
Charakteristik folgen.
Familie: Hydrachniden, Wassermilben. Im Wasser
lebende Milben mit klauenförmigem zweiten Mandibelgliede.
Gattung: Aturus.
Sämmtliche Füsse sind ohne Schwimmhaare. Die hin-
teren Hüftplatten viel grösser als die vorderen, aber, da
sie in der harten Haut .eingebettet liegen, nicht in ihrem
ganzön Umriss deutlich zu erkennen.
Gattung : Limnochares.
Sämmtliche Füsse sind ohne Schwimmhaare. Die
hinteren Hüftplatten viel kleiner als die vorderen und in
ihrem ganzen Umriss deutlich zu erkennen.
Gattung: Eylais.
Das vierte Fusspaar ist ohne Schwimmhaare.
330 Kramer:
Gattung: Limnesia.
Das vierte Fusspaar besitzt auch noch am letzten
Gliede Schwimmhaare und entbehrt dort der Krallen.
Gattung : Arrenurus.
Die hinteren Ftisse mit Schwimmhaaren. Die Taster
sind dick und gedrungen und endigen scheerenförmig, in-
dem das krallenförmige fünfte Glied gegen einen dicken
Vorsprung des vierten Gliedes beweglich ist.
Gattung : Diplodontus.
Die hinteren Ftisse mit Schwimmhaaren. Die Taster
sind schlank und gestreckt und endigen scheerenförmig,
indem das schlanke fünfte Glied gegen einen langgestreck-
ten Fortsatz des vierten beweglich ist.
Gattung : Axona.
Die hinteren Füsse mit Schwimmhaaren. Die Taster
sind schlank und gestreckt und endigen nicht scheeren-
artig. Die Körperhaut ist auf dem Rücken und dem Bauche
erhärtet, doch berühren Bauch- und Rückenschild einan-
der nicht.
Gattung: Hydrachna.
Die hinteren Füsse mit Schwimmhaaren. Die Haut
ist auf dem Rücken und dem Bauche weich. Geschlechts-
näpfe fehlen.
Gattung: Midea.
Die hinteren Füsse mit Schwimmhaaren. Die Haut
ist auf dem Rücken und Bauche weich. Die Gesohlechts-
näpfe umgeben, auf einer schmalen Leiste aufgestellt, rings-
um die länglich ovale, vorn und hinten zugespitzte Ge-
schlechtsöffnung.
Gattung: Nesaea (und Hygrobates).
Die hinteren Füsse mit Schwimmhaaren. Die Haut
ist auf dem Rücken und Bauche weich. Die Geschlechts-
näpfe sind zu beiden Seiten der Geschlechtsöffnung aufge-
gestellt. Die vorderen Füsse besitzen keine besonders ent-
wickelten Haarpapillen.
Bsitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden. 331
Gattung: Atax.
Die hinteren Füsse mit Schwimnihaaren. Die Haut
ist auf dem Rücken immer weich. Die Geschlechtsnäpfe
sind zu beiden Seiten der Geschlechtsöffnung aufgestellt.
Die vorderen Füsse besitzen auf den Basalgliedern stark
entwickelte Haarpapillen mit schwertförmigen, seitlich ein-
gelenkten, beweglichen Haaren.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. VIII.
Fig. 1. a, Kralle von Nesaea; b, vou Aturus.
» 2. Das vordere mittlere Plattenpaar, a, von Atax; b, von
Nesaea.
» 3. Aturus scaber.
» 4. Atax crassipes.
»5. — coeruleus.
»6. — loricatus.
» 7. Nesaea spinipes.
»8. — communis.
»9. — striata.
» 10. — brachiata.
»11. — trinotata.
» 12. — tripunctata.
»13. — dentata.
»14. — elliptica. a, das Männchen; b, Endglied des dritten
Fusses.
Taf. IX.
Fig. 15. Nesaea stellaris.
» 16. — mollis.
»17. — aurea.
» 18. — villosa.
» 19. Axona viridis.
» 20. Limnesia undulata.
»21. — maculata. a, Weibchen von unten; b, Taster.
» 22. Eylais extendens.
» 23. Arrenurus globator. a, von der Seite; b, von oben.
» 24. — tricuspidator. a, von oben; b, von unten; c, der
Anhang vergrössert.
»25. — buccinator. >
332 Kramer: Beitrag zur Naturgeschichte der Hydrachniden.
Fig. 26. Arrenurus crassicaudatus. a, der Anhang vergrössert ; b, von
der Seite.
» 27. — reticulatus. a, Männchen; b, Weibchen von unten;
c, ein Stück Hautansicht noch mehr vergrössert.
j> 28. — liheatus. a, Männchen von unten; b, ein Stück Haut-
ansicht vergrössert.
» 29. Femina Arrenuri.
» 30. Ein Stück Hautansicht von Arrenurus tricuspidator.
» 31. Ein Ei von Eylais extendens.
» 32. Die Tracheenstämme von Nesaea.
» 33. Dieselben mit ihrer Endplatte.
» 34. Ein Auge von Atax crassipes.
» 35. Eine Linse aus dem Auge von Nesaea mit dem hakenför-
migen Anhang.
Ueber die Knospnng der Cnninen im Magen der
' Geryoniden.
Eine vorläufige Mittheilung
B. Uljanin
aus Moskau.
(Mit zwei Holzschnitten.)
Während meines Aufenthaltes in den Wintermonaten
dieses Jahres in Villafranca und Neapel hatte ich vielfach
Gelegenheit, Exemplare der Carmarina hastata H. zu beob-
achten, die im Magen Cuninaknospen trugen. Da die bis
jetzt ausführlichsten Beobachtungen über diese Knospen
— die Beobachtungen von Haeckel (Monographie der
Rüsselquallen) — sehr unvollständig sind, so lenkte ich
auf diese vermeintliche Geryoniabrut meine besondere Auf-
merksamkeit in der Absicht, die bis jetzt noch völlig un-
bekannte Entwickelung derselben zu verfolgen und die
von Haeckel ausgesprochene Hypothese über den gene-
tischen Zusammenhang, der Geryoniden mit den Aeginiden
näher zu prüfen. Meine Erwartungen wurden nur theil-
weise erfüllt: es gelaug mir allerdings eine ziemlich con-
tinuirliche Reihe der Entwickelungsstadien dieser Cuninen
zu beobachten und zu der festen Ueberzeugung zu kommen,
dass die im Magen der Geryoniden sprossenden Cuninen
nichts Anderes als Parasiten der Carmarinen
sind; aber es wollte mir nicht gelingen, die jungen Cuni-
nen Jbis zu ihrer vollen Geschlechtsreife zu züchten und
dieselben auf ihre Stammform zurückzuführen.
334
Uljanin:
Im Folgenden stelle ich die Hauptresultate meiner
Untersuchungen kurz zusammen; eine ausführlichere Dar-
stellung meiner Beobachtungen werde ich später an einem
anderen Orte veröffentlichen.
Das jüngste von mir beobachtete Stadium (Fig. 1)
Fig. l. ist eine 0.17—0.25 Mm. grosse Larve,
deren Körper aus einem einschichtigen
Ec- und Entoderm besteht. Die beiden
Schichten gehen in einander über und
begrenzen eine Höhle, die durch eine
Oeffnung nach Aussen mündet und die
fast vollständig von einer feinkörnigen Masse (pr) erfüllt
ist, die während der ziemlich starken Contractionen des
Körpers der Larve aus der Oeffnung zuweilen Etwas aus-
gestülpt sein kann. So gebaute Larven habe ich einige
Male in Villafranca mit dem feinen Netze im Meere gefischt,
noch öfter aber im Magen und den radialen Kanälen
der Carmarina hastata (zuweilen in grosser Menge) ange-
troffen.
Mit dem Wachsthum der Larve vermehren sich die
Zellen des Ecto- sowie des Entodermes. In Folge eines
viel rascheren Wachsthumes des Ectodermes spaltet sich
das Entoderm in zwei Schichten, zwischen denen dann
eine Höhle — die Körperhöhle des sich gebildeten Polypen
— bemerkbar wird. Das junge, noch frei im Magen und
den Radialkanälen der Carmarina vermittelst seiner Flim-
merbekleidung sich bewegende Thier (in Fig. 2 ist es im
Fig. 2.
JCn.
Längsschnitte abgebildet) besteht
aus der feinkörnigen Masse (pr)
die von einer Reihe von Zellen
(eni) — die untere Schicht des
gespaltenen Entoderms — um-
geben ist, und aus dem Ectoderm
(ec) mit der oberen Schicht des
zerspaltenen Entoderms (en2), von
denen die Körperhöhle (h) des
Polypen begrenzt wird.
Schon bald nach der Zer-
spaltung des Entoderms der Larve und nach Ausbildung
Pn
Ueber die Knospung der Cuninen im Magen der Geryoniden. 335
der Höhle des Polypen zwischen den zwei entstandenen
Entodermschichten (h) beginnen im Umkreise der Mund-
öffnung die kurzen tentakeliörmigen Auswüchse zu sprossen,
welche zur Anheftung des jungen Polypenstockes an die
Carmarina dienen. An der Bildung dieser ausserordentlich
contractilen und mit zahlreichen kleinen, stark lichtbrechen-
den runden Körperchen (Nesselkapseln?) dicht versehenen
Tentakeln betheiligen sich die beiden Körperschichten des
Polypen. Ein so ausgebildetes Thier, das ich ein Mal in
Neapel im Auftriebe zwischen verschiedenen anderen pe-
lagischen Thieren flottirend antraf, aber öfters noch an der
Carmarina angeheftet fand, erinnert sehr an das von L e u-
ckart aus dem Golfe von Nizza unter dem Namen Pyxi-
dium truncatum beschriebene eigenthümliche quallenartige
Wesen, zumal auch dieses gleich den von mir beobachteten
jungen Cuninapolypen fast gar keine Bewegungen machte
und nur passiv fortgetrieben wurde.
Sobald nun die tentakelförmigen Fortsätze im Umkreis
der Mundöffnung gebildet sind, heftet sich das junge Thier
an irgend einer Stelle des Carmarinakörpers fest. Am häu-
figsten geschieht das an irgend einer Stelle der Zunge der
Geryonide oder an die innere Magenwand. Einige Male
fand ich auch Carmarinen, die hinter dem Velum, an der
Subumbrella, von solchen jungen Cuninapolypen mehr
oder weniger dicht besetzt waren. Nur sehr selten, fast
ausnahmsweise, sind die Carmarinen mit einem Cunina-
polypen behaftet ; in der Regel finden sich dann wenigstens
zwei oder sogar mehrere neben einander. Die Thiere haften
ziemlich fest an der Geryonide, leben aber nach vorsichtiger
Ablösung lange in Versuchgläsern und entwickeln sich
hier auch weiter.
Nachdem die jungen Cuninapolypen sich an die Geryo-
nide befestigt haben, unterliegen sie keiner weiteren wich-
tigen Umwandlung. Der junge Polyp wächst rasch und
ändert dabei seine anfangs ziemlich breite und niedrige
Form in eine mehr in die Länge gezogene. Die feinkör-
nige Masse, welche die Körperhöhle der frei schwimmenden
Larve fast vollständig ausfüllte und die auch noch lange
im Polypen zu sehen ist, wird mit dem Wachsthume des
336 üljanin:
Letzteren immer kleiner und verschwindet endlich gänz-
lich ; offenbar wird sie als Nahrung von dem wachsenden
Polypen verbraucht. Solche Polypen (Knospenähren von
Haeckel), welche die Form eines sehr in die Länge ge-
zogenen, stark contraktilen Schlauches haben und die schon
mit einer Menge Cuninaknospen besetzt sind, finde ich
ziemlich naturgetreu auf der Tafel abgebildet, die dem Auf-
satze von Noschin (Melanges biologiques T. V.) beige-
fügt ist.
Den Vorgang der Knospung der Cuninen am Polypen
will ich hier nicht beschreiben, da er schon ziemlich voll-
ständig und richtig von N o s c h i n und H a e c k e 1 beobachtet
wurde. Ich bemerke nur, dass die Anlagen der ersteren
Cuninen schon an solchen Polypen beobachtet werden, die
noch nicht angeheftet waren. (An der Fig. 2 ist in k eine
solche Anlage angedeutet.) Die wichtige Frage, zu welcher
Art die jungen Cuninen gehören und ob sie auf geschlecht-
lichem oder ungeschlechtlichem Wege sich vermehren,
konnte, wie schon oben gesagt ist, von mir nicht entschieden
werden.
Anfangs glaubte ich berechtigt zu sein, die in den
Carmarinen schmarotzende Brut als der in Villafranca
und Neapel ziemlich häufigen Cuniua discoidalis Kf. Ehl.
angehörig anzusehen (die Aehnlichkeit der in dem Carma-
rinamagen sprossenden Cuniuen mit der Cunina discoidalis
Kf. Ehl. wurde bereits von Noschin bemerkt) ; später aber
erwies sich diese Vermuthung als unbegründet, da die
jungen, von den schmarotzenden Polypen abgeschnürten Cu-
ninen in meinen Aquarien sich weiter entwickelten und
dabei die Aehnlichkeit mit der C. discoidalis Kf. Ehl. all-
mählich verloren, indem sich auf jedem Segmente zwei
neue Randkörper mit den ihnen zugehörigen Mantelspangen
entwickelten.
Wenn wir die hier kurz besprochenen Verhältnisse
zusammenfassen, so ergiebtsich: 1) dass die im Magen der
Carmarina hastata H. sich entwickelnde Cuninabrut in
keinem genetischen Zusammenhange mit der
Greryonide steht und 2) dass die Cuninaart, deren Brut
an der Geryonide schmarotzt, während ihrer Entwickelung
Ueber die Knospung der Cuninen im Magen der Geryoniden. 337
einem Generationswechsel unterworfen ist. Wie bekannt,
wurde schon von Mac Crady eine Cuninaart — Cunina
octonaria — beobachtet, deren Brut als ein proliferirender
Polyp in einer Oceanide — Turritopsis nutricola - schma-
rotzt. Da die Cunina octonaria von Mac Crady gewiss
zu derselben Gruppe (Cunina im Sinne Metz nikow) ge-
hört, wie die von mir beobachtete, und da dieser eigen-
thümliche Modus der Entwickelung bis jetzt nur bei den
Arten dieser Gruppe beobachtet wurde, so kann man die
Vermuthung aussprechen, dass vielleicht alle Arten dieser
Gruppe zum Unterschiede von den Arten der Gruppe Po-
lyxenia Mtzn., die sich direkt ohne Generationswechsel
entwickeln, einem Generationswechsel unterworfen sind.
Archiv f. Naturg. XXXXI. Jahrg. 1. Hd. 22
Beschreibung eines Finnwales,
Balaenoptera imisculus Camp.
Von
Professor GL Zaddach
in Königsberg.
(Hierzu Taf. X).
Am 24. August 1874 wurde in der Ostsee bei Danzig
ein Finnfisch erlegt, und dadurch bot sich mir unerwartet
die höchst erwünschte Gelegenheit dar, einen solchen rie-
sigen Bewohner des Meeres von Angesicht zu Angesicht
zu schauen und in Müsse zu untersuchen. Zufällig er-
hielt ich die Nachricht von dem seltenen Ereigniss erst
zwei Tage, nachdem es geschehen, und konnte daher erst
am 27. August am Platze sein, um dem seltenen Gaste
mein höchstes Interesse an seinem Erscheinen zu be-
zeugen. Ich fand das Thier am Strande liegend zwischen
Neufahrwasser, dem Hafen von Danzig, und dem Dorfe
Heubude, etwa 3/4 Stunden von jedem dieser Orte entfernt;
es war etwa 35 Fuss lang und ruhte auf der rechten Seite
des Rückens, seine gefurchte Bauchseite dem Beschauer
zukehrend.
Die Geschichte dieses Finnwales ist folgende : Wahr-
scheinlich hatte er sich schon im Frühlinge bei zu eifriger
Verfolgung der Heringsschwärme, die damals in ungewöhn-
lich grosser Zahl die Küsten der Ostsee entlang zogen, in
dieses Meer verirrt und hatte sich seitdem in verschiede-
Zaddach: Beschreibung eines Finnwales. 339
nen Gegenden desselben herumgetrieben. Denn er war,
wie man später hörte, sowohl an der kurischen Nehrung,
als auch bei Pillau und an der frischen Nehrung den Fi-
scherbooten nahe gekommen und hatte die Fischer in nicht
geringen Schrecken gesetzt. Am Nachmittage des 23. Au-
gust, eines Sonntages, kam er auf seinen Streifzügen auf
der Danziger Rhede an, wo zu seinem Unheile gerade drei
Kriegsschiffe der deutschen Marine lagen. Kaum hatte
er sein schweres Haupt an die Oberfläche des Wassers
emporgehoben, um zu athmen, als er auch schon von den
wachthabenden Mannschaften der Schiffe bemerkt wurde.
Welchen angenehmeren Zeitvertreib konnte es für die
Offiziere am Sonntage geben, als eine Walfischjagd? Man
griff zu den Gewehren und begrüsste den unerfahrenen
Fremdling mit Spitzkugeln, und als dieser unwillig den
ungastlichen Ort verlassen wollte, sprang man in die Boote,
verfolgte ihn und ergötzte sich daran, wie jedesmal, wenn
er auftauchte, die Kugeln von allen Seiten in seine dicke
Haut einschlugen. Dennoch gelang es ihm zu entfliehen,
aber durch den Blutverlust ermattet, den 75 Kugeln ihm
bereitet hatten, die alle bis an den Schädel, aber nicht in
denselben eingedrungen waren, ward er von den ziemlich
hoch gehenden Wellen an die Küste getrieben. Hier fan-
den ihu sterbend am folgenden Morgen Fischer aus dem
nahe gelegenen Dorfe Heubude, und zogen ihn mit verei-
nigten Kräften aller Männer und Pferde des Dorfes vollends
auf den Strand. Wind und Wellen waren ihnen günstig,
die See, die sich beruhigte und zurückzog, Hess den Ko-
loss so hoch am Strande liegen, dass er bald von allen Sei-
ten umgangen und bequem besichtigt werden konnte.
Ungeheuer war der Andrang der Wissbegierigen und
Neugierigen, als die Kunde von der seltenen Jagd in
Danzig bekannt wurde. Ein grosser Theil der Einwohner
Danzigs machte sich auf den Weg, um den Finnfisch zu
sehen, und Viele kehrten zurück ohne mehr als die Flos-
senspitze von fern erblickt zu haben. Noch am vierten
Tage war die Zahl der Besucher sehr gross, und nur der
frühe Morgen bot Gelegenheit zu einer genauen Besichti-
gung und Ausmessung, die ich in Gemeinschaft mit Herrn
340 Zaddach:
Dr. Be necke, Prosector an der anatomischen Anstalt in
Königsberg, der schon vor mir in Danzig eingetroffen war,
vornahm. Bis dahin war das Thier im Besitze der Fischer
geblieben. Als ich aber in Danzig ankam und man mit
Recht in mir einen Concurrenten beim Kaufe vermuthete,
beeilte sich der Vorstand der naturforschenden Gesellschaft
in Danzig die bereits eingeleiteten Unterhandlungen mit
den Fischern abzuschliessen und kaufte den Finnfisch für
die Gesellschaft, um das Skelet in Danzig aufzubewahren.
Die Eingeweide wurden der anatomischen Anstalt in Kö-
nigsberg überlassen, wo sie von Herrn Dr. Benecke un-
tersucht werden. Es wurden auch mehrere Photographien
von dem Thiele angefertigt1). Leider erlaubte das Wetter
erst sie aufzunehmen, als das Thier bereits ausgeweidet
war. Sie liefern Ansichten theils von dem ganzen Thiere,
theils von einzelnen grösseren und kleineren Theilen des-
selben. Manche der letzteren sind vortrefflich gelungen,
im Ganzen zeigte sich jedoch hier, wie so häufig, dass
die Photographie nicht in allen Fällen im Stande ist, eine
gute Zeichnung zu ersetzen. Ich habe daher versucht,
zwei Zeichnungen des Thieres in V30 natürlicher Grösse,
von denen die eine dasselbe von der rechten Seite, die
andere von der Bauchseite darstellt, zu entwerfen nach
den Messungen und den Zeichnungen von einzelnen Thei-
len, die ich an Ort und Stelle gemacht habe, und werde
in dem Folgenden eine ausführliche Beschreibung des Thie-
res liefern, um sodann die äusseren Körperverhältnisse
desselben mit denen der übrigen aus der Nordsee bekann-
ten Furchen walen zu vergleichen. Wenn ich dabei manche
Verbältnisse nicht unerwähnt lasse, die allen Furchen-
walen gemeinsam und den Zoologen längst bekannt sind,
so geschieht dies, um ein lebendigeres und vollständigeres
Bild des zwar mehrmals, aber doch erst sehr selten beob-
achteten Thieres zu liefern, und ich hoffe dafür um so
mehr Entschuldigung zu finden, als von den vielen Arbei-
ten, die in den letzten 15 Jahren über die Naturgeschichte
1) Sie sind käuflich zu beziehen von dem Photographen Hrn.
A, Balleratädt in Danzig.
Beschreibung eines Finnwales. 341
der Bartenwale geliefert sind, nur sehr wenige in deutscher
Sprache, die meisten in englischen, dänischen oder schwe-
dischen Zeitschriften erschienen sind. Von diesen Schrit-
ten ist eine für unsere Arbeit von besonderer Wichtigkeit,
nämlich eine Abhandlung vonSars J), in der ein bei den
Lofoten 1864 todt im Meere gefundener Finnwal beschrie-
ben wird. Es wird sich zeigen, dass der Danziger Wal
mit diesem die grösste Aehnlichkeit hat, und ich werde
daher schon im Laufe der Beschreibung dieser Abhand-
lung mehrmals erwähnen müssen.
Die allgemeinen Körperverhältnisse unseres Finnwa-
les sind folgende : Die Länge von der Schnauzenspitze bis
zur Mitte des Hinterrandes der Schwanzflosse beträgt
10,98 Meter oder 34 Fuss 10 Zoll. In 2/7 dieser Entfer-
nung von der Schnauzenspitze sitzen an den Seiten die
Brustflossen, und hier hat der Körper den grössten Um-
fang, der 4,96 M. beträgt, wovon 2,36 M. auf die Rücken-
seite, 2,6 M. auf die Bauchseite fallen, so dass die Brust-
flossen nur sehr wenig über der Mittellinie der Seiten aus
diesen hervortreten.
, Von hieraus nimmt der Körper nach vorn anfangs
wenig, dann stark an Breite und Höhe ab, und dieser
Raum ist so abgetheilt, dass etwas mehr als die vorderen
zwei Drittel seiner Länge auf die Ausdehnung des Maules
fallen. Nach hinten aber verjüngt der Körper sich sehr re-
gelmässig, wie die Messungen seines Unifanges an ver-
schiedenen Stellen bezeugen. Am Rücken erhebt sich bei
7,91 M. Entfernung von der Schnauze die kleine Rücken-
flosse, so dass ihr hinteres Wurzelende ziemlich genau in
3/4 der Körperlänge liegt; am Bauche liegt wenig hinter
der Mitte des Körpers, nämlich bei 6 M. Entfernung von
der Spitze des Unterkiefers, der Nabel am vordem Ende
einer verwachsenen Spalte, anderthalb Meter hinter ihm
die Geschlechtsöffnung (das Thier war ein weibliches) und
1) Beskrivelse af en ved Lofoten indbjaerget Boerhval, Ba-
laenoptera musculus, med 3 lith. Bl. — Vid.-Öelskabets Forhand-
linger for 1865.
342 Zaddach:
nahe hinter dieser der After, so dass der letztere noch
vor der Rückenflosse seine Lage hat. Bis dahin ist der
Körper am Rücken wie am Bauche gerundet, hinter der
Rückenflosse erscheint der Rücken von den Seiten zusammen-
gedrückt und erhebt sich zu einem schmalen und scharfen
Kamme, und ebenso bildet sich an der Bauchseite in der
Mitte zwischen dem After und der Schwanzflosse ein scharf
vorspringender Kiel. Beide, Kamm wie Kiel, verlaufen
bis zur Schwanzflosse, und fallen auf die horizontalen Flä-
chen dieser oben wie unten steil ab. Da die vorderen
Ränder der Schwanzflosse von beiden Seiten des Schwan-
zes mit vortretender Kante entspringen, so bildet der
Durchschnitt des Schwanzes am Ursprünge der Flosse
einen Rhombus, dessen lange und senkrechte Diagonale fast
doppelt so lang ist als die horizontale. Diese Form des
Schwanzes, die allen Furchenwalen zukommt und für die
schnelle Bewegung derselben von grösster Bedeutung ist,
bildet eine der auffallendsten Eigenthümlichkeiten in der
Körperform dieser Riesenthiere. Die 2 M. breite Schwanz-
flosse hat am hinteren Rande einen 10 Ctm. langen Ein-
schnitt.
Sars hat an dem von ihm beobachteten Finnfische
an jeder Seite des Körpers vor der Brustflosse eine leichte
Einschnürung bemerkt, die eine Andeutung des Halses
darstellen soll. Bei dem Danziger Wal war der Art nichts
zu bemerken, Kopf und Rumpf gingen ohne Andeutung
einer Gränze zwischen beiden in einander über. Ich sagte
schon, dass das 2,16 M. lange Maul die vorderen zwei
Drittel des Raumes einnimmt, der zwischen Schnauzen-
spitze und dem Grunde der Brustflossen liegt. Es ist also
von gewaltiger Ausdehnuug, aber was dem Kopfe noch mehr
als die Grösse des Maules ein von anderen Thieren so
abweichendes Aussehen giebt, ist die Kleinheit ^des Ober-
kopfes im Vergleich zu der weiten und hohen Kehle.
Denn die Kehlhaut, die von den Aesten des Unterkiefers
herabhängt, schliesst sich in ihrer Weite hinten genau dem
Umfange der Brust an. Der Kopf erscheint wie ein wei-
ter Sack, der durch einen Rahmen offen gehalfen wird
und auf den der Oberkopf wie ein Deckel hinauffällt. Die-
Beschreibung eines Finnwales. 343
ser obere Theil des Kopfes ist zwischen den Mundwinkeln
etwa 1,4 M. breit, also nicht viel schmäler als die Breite
des Körpers in der Brust, aber schon bei dem ersten Drittel
seiner Länge verschmälert er sich auf 0,94 M., indem der
Rand des Oberkiefers schräge nach oben und innen auf-
steigt, in der Mitte ist er nicht mehr halb so breit wie
zwischen den Mundwinkeln und so hat er, sich nach vorn
zuspitzend, eine wirklich schnabelförmige Gestalt. Der
Unterkiefer folgt dem Oberkiefer in der Form vollständig,
d. h. er ist an seinem oberen Rande stark gewölbt und
dabei zugleich um so viel breiter und länger, als die Dicke
seines Knochens und der ihn bekleidenden Haut beträgt,
er springt also um einige Zoll über die Schnauzenspitze
vor. Sein oberer Rand wird von einer scharfen, sehr fe-
sten, fleischfarbigen Lippe gebildet, die nach innen mit
einer glatten Fläche schräge abfällt, um auf dieser den
Rand des Oberkiefers aufzunehmen, während die äussere
Fläche stark gewölbt erscheint. Man erkennt auch von
aussen die Höhe des Unterkiefers, weil an seinem untern
Rande die Kehlfurchen beginnen ; sie beträgt an der Spitze
gerade gemessen 17 Ctm., in der Wölbung gemessen 24 Ctm.
und da, wo der Unterkiefer am höchsten ist, um sich der
Höhlung des Oberkiefers anzuschliessen, 36 Ctm. Die Pho-
tographien geben von dem Verhältniss des Unterkiefers
zum Oberkopfe ein sehr übertriebenes und falsches Bild,
besonders diejenige, welche den Kopf von vorn darstellt.
Der Unterkiefer umgiebt hier von unförmlicher Dicke wie
ein fremder Körper den Oberkopf. Als diese Photogra-
phieen aufgenommen wurden, war die Kehlhaut bereits
gespalten, die Zunge und die Barten waren aus dem Munde
herausgenommen, und die Unterkieferäste wurden, obschon
ihr Gelenk noch unverletzt war, durch die Schwere des
Kopfes gewaltsam nach vorn gedrückt und zugleich etwas
nach aussen gebogen, so dass die sonst schräge nach innen
gewandte Seite fast horizontal lag. Das sieht man auch
am Mundwinkel, wo die Haut straff und ausgedehnt
erscheint, während im natürlichen Zustande die Lippe hier
wie bei anderen Thieren eine schlaffe Falte bildet. Ich
glaube auch, dass bei Aufstellung der Skelete gewöhnlich
344 Zaddach:
die Unterkiefer zu weit nach aussen gebogen werden; sie
weichen so bedeutend nicht vom Rande des Oberkiefers
ab, wenn sie ihm auch nicht so dicht anliegen, wie in
der bekannten Abbildung des Schädels von Sibbaldius la-
ticeps, die Rudolphi gegeben hat.
Der Kopf, namentlich die schnabelförmige Schnauze
ist flach gewölbt, auf ihr zieht jederseits, hinten sich all-
mälig mehr vom Oberkieferrande entfernend, eine flache
Furche hin, wodurch wieder in der Mittellinie ein stärker
gewölbter Grat entsteht. Da, wo die Schnauze breiter
wird, geht dieser letztere in eine gleichmässig gewölbte
Fläche über, hinter der unmittelbar die Spritzlöcher lie-
gen. Hier sieht man in der Mittellinie des Kopfes in 1,57 M.
Entfernung von der Schnauzenspitze eine 35 ' Ctm. lange
Hautfurche verlaufen, neben der zu beiden Seiten die 29 Ctm.
langen Spritzlöcher liegen. Sie sind an den Aussensei-
ten von wulstförmigen Erhöhungen umgeben. Eine Diver-
genz dersglben nach vorn oder hinten ist mir nicht auf-
gefallen und sie kann jedenfalls nur gering gewesen sein.
In der Photographie, welche die abgelöste Kopfhaut in
gedehntem Zustande darstellt, nähern sich die Spritzlöcher
vorn, und so stellt sie auch Sars dar.
Kleine Oeffnungen an der Spitze des Oberkiefers,
deren Sars erwähnt, oder Borsten am Rande des Unter-
kiefers habe ich nicht bemerkt, kann jedoch nicht behaup-
ten, dass sie nicht vorhanden gewesen sind, da ich nicht
ausdrücklich nach ihnen gesucht habe. Bei der Lage, die
das Thier anfangs hatte, war die Oberseite des Kopfes
schwer zugänglich, und als es umgekehrt wurde, um pho-
tographirt zu werden, wurde die Zeit durch andere Auf-
zeichnungen und Messungen in Anspruch genommen.
Ueber dem Mundwinkel bildet die Haut einen 8 Ctm.
breiten Wulst ; unmittelbar über ihm liegt das kleine Auge,
dessen Lidspalte 63 Ctm. lang und dessen Pupille quer
elliptisch isj. Zwischen dem Auge und der Wurzel der
Brustflossen, etwas näher dem erstem, liegt die Ohröff-
nung, die bekanntlich bei allen Walen ausserordentlich
klein ist und hier um so schwerer aufzufinden war, als
sie sich kaum von den Schusswunden unterschied, die
Beschreibung eines Finnwales. 345
das Thier an dieser Stelle in reichlicher Zahl erhalten
hatte..
In dem Maule hängen vom Oberkiefer jederseits in
einer Reihe die Barten herab. Jede Reihe folgt in gleichem
Abstände von etwa 10 Ctm. dem Rande des Oberkiefers, und
jede Barte ist eine dünne, nach vorn etwas gewölbte Fisch-
beinplatte von dreieckiger oder Trapez- Form, weil ihr
innerer Rand viel kürzer als der äussere, etwas ausge-
schweifte Rand ist und der untere daher schräge und etwas
bogig verläuft. An diesem letztern ist die Platte in unzählige
Fasern aufgelöst, die unregelmässig durch einander gewirrt
sind und ein so engmaschiges Netzwerk bilden, dass auch
die kleinsten Wasserthiere darin aufgehalten werden müs-
sen. Vorn und hinten sind die einzelnen Querreihen nur
kurz und schmal, die vordersten nur 2 Ctm. lang und
breit, in der Mitte des Mundes, wo der Oberkiefer die Schna-
belform annimmt, sind sie am grossesten, 16 Ctm. breit
und 30 Ctm. lang bei einer Dicke von 3 Mm. Vorn in
der Mittellinie des Mundes gehen beide Reihen in einander
über. Ich zählte an einer Seite 348 Querreihen; in der
Mitte wird jede Querreihe von einer grossen Platte und
drei oder vier schmalen (kaum 1 Ctm. breiten) Platten ge-
bildet, vorn und hinten jedoch, wo die Reihen am klein-
sten sind, sind sie nur aus mehreren ganz schmalen Platten
zusammengesetzt. Alle Querreihen sind am Grunde des
äussern und innern Randes , so weit sie in dem Gau-
men stecken, zu einer starken Fischbeinleiste verwachsen.
Die Farbe der Platten war im frischen Zustande horngelb.
Ich habe damals, als ich an der frisch aus dem Munde des
Finnfisches herausgenommenen Bartenreihe die einzelnen
Plätten zählte, keine andere Farbe an ihnen wahrgenommen,
und sie war der Grund, warum wir anfangs das Thier für
Balaenoptera rostrata hielten, weil nur diese Art gelb ge-
färbte Barten hat. Jetzt, nachdem die Platten trocken ge-
worden sind, erscheinen sie theil weise bläulichgrau, ja fast
schwärzlich, indem diese dunklere Farbe sich auf den
grossen Platten vom äusseren Rande bis gegen die Mitte
hin ausbreitet. Eine solche Ungleichheit in der Färbung
der Barten ist bei Balaenoptera musculus stets beobachtet
346 Zaddach:
worden; bei dem von Sars beschriebenen Thiere waren
an der linken Seite sämmtliche Barten, an der rechten Seite
nur die mittleren Platten schwarzblau. Von den gemach-
ten Photographieen geben zwei vortreffliche Darstellungen
der linken Bartenreihe, die eine bildet die innere fasrige
Fläche derselben ab, die andere zeigt oben die gewölbte
Fläche der Mundhaut, welche die Barten trägt und aus
einer entsprechenden Rinne des Oberkiefers abgelöst ist.
Man sieht in ihr die Wurzeln der einzelnen Platten als
gebogene Linien liegen , während unter ihr die freien
äusseren Ränder derselben sichtbar sind.
Der schönste Schmuck der Finnfische ist bekanntlich
die mit Längsfurchen bedeckte Kehle und Brusthaut, eines
der eigenthümlichsten Organisationsverhältnisse oder eine
der merkwürdigsten Anpassungen des Körpers an die Le-
bensweise. Ich muss gestehen, dass ich mir aus den Be-
schreibungen nie ein genaues Bild von der Form und dem
Zwecke dieser Furchen habe machen können, vielleicht
weil in den Beschreibungen oft di£ dazwischen liegenden
Hautstücke Falten genannt werden, was nicht richtig ist.
Die Furchen gleichen -durchaus Einschnitten, die mit einem
scharfen Messer in die Haut gemacht sind, und werden
von scharfen Rändern begränzt ; sie sind 10 bis 18 Mm.
tiet und stehen etwa 4 Ctm. von einander ab. Wenn die
Haut zusammengezogen ist, müssen die scharfen Ränder
genau an einander schli essen, so dass die Furchen ver-
schwinden; wenn die Haut erschlafft, wie an dem todten
Thiere, oder wenn sie gewaltsam ausgedehnt wird, klaffen
sie weit aus einander. Sie beginnen am untern Rande
des Unterkiefers und endigen in einer Linie , die vom"
Nabel in einem Bogen zum hintern Wurzelende der Brüst-
flosse aufsteigt. ^Oberflächlich betrachtet scheinen sie alle
parallel und in gleichem Abstände von einander zu ver-
laufen, bei genauerer Ansicht indessen sieht man, dass
keine Furche die ganze Strecke ununterbrochen durchzieht,
sondern alle an verschiedenen Stellen abbrechen, während
neue Furchen sich einschieben, wie ich dies in den Figu-
ren darzustellen gesucht habe. Zwischen einer Bauch-
flosse und der Mittellinie des Bauches zählte ich 30 Für-
Beschreibung- eines Finnwales. 347
chen. Eine geht vom Kinnwinkcl aus, setzt aber nur bis
zum vordem Rande der Brust fort, 25 beginnen jederseits
am hintern Rande jeder Unterkieferhälfte, eine kurze Furche
geht von der untern und hintern Ecke des Unterkiefers aus,
neun beginnen am hintern senkrechten Rande desselben
und vier endlich gehen von dem Mundwinkel aus. Diese
letzteren und zwei der vorher genannten endigen, ehe sie
die Brustflosse erreichen, die etwas tiefer liegt, die übri-
gen setzen sich unterhalb der Brustflosse fort und werden
noch von vier anderen begleitet, welche vor derselben be-
ginnen. Auch hinter der Brustflosse liegen noch fünf schräge
verlaufende Furchen, von denen nur eine sich den übrigen
noch anschliesst. Der Nabel wird jederseits von zwei
kurzen Furchen umgeben und vor demselben findet sich
eine etwas breitere glatte Stelle. Nirgends schneiden sich
zwei Furchen oder gehen in einander über, überall sind
sie, wo sie sich begegnen, durch glatte Zwischenräume von
einander getrennt.
Ich habe diese Verhältnisse so genau beschrieben, um
späteren Beobachtern eine genaue Vergleichung möglich zu
machen, da wir noch durchaus nicht wissen, in wie
weit Zahl und Verlauf der Furchen zur Artbestimmung
brauchbar sind und wie weit Alter und Geschlecht darin
Verschiedenheiten bedingen. Da zwischen den Enden
zweier Furchen häufig eine andere Furche beginnt, so
könnte man sich leicht erklären, wie sich dieselben mit
zunehmendem Umfange des Thieres vermehren; es fragt
sich indessen, ob sie nicht vielmehr bei dem Wachsen des
Thieres weiter aus einander rücken, oder ob beides statt-
findet. Die von mir gegebene Beschreibung von dem Ver-
laufe der Furchen weicht von früheren Beschreibungen in
mehrfacher Hinsicht ab, besonders in Betreff der Stelle
zwischen Mundwinkel und Brustflosse. Schlegel sah
bei beiden Finnwalen, die er untersuchte, dass sowohl
hinter dem Mundwinkel, wie hinter der Brustflosse die
von oben und unten kommenden Furchen sich unter spitzen
Winkeln schnitten und' dadurch eine fiederartige Zeich-
nung hervorbrachten. Er beschreibt dies Verhalten sehr
348 Zaddach:
genau J), Davon war bei dem Danziger Wal keine Spur
vorhanden, und dass diese Verschiedenheit nicht eine ge-
schlechtliche ist, geht daraus hervor, dass Schlegel den
beschriebenen Verlauf der Furchen sowohl bei einem männ-
lichen als auch bei einem weiblichen Thiere antraf. Um
so weniger wird man sie für eine zufällige und individuelle
Abweichung ansehen können, sondern man wird nicht um-
hin können, sie als Merkmal einer verschiedenen Art zu
betrachten. Sars, der ein männliches Thier untersuchte,
sagt zwar nicht, dass die Furchen sich hinter dem Mund-
winkel schnitten, doch stimmt seine Beschreibung mit dem
von mir Gesehenen auch nicht ganz tiberein. Er sagt
darüber a. a. 0. S. 14: „Von dem Mundwinkel gehen vier
kurze Furchen nach hinten, die etwas S-förmig gebogen
sind und deren Enden beinahe bis zur Wurzel der Brust-
flossen reichen. Von der Wurzel der Unterkiefer gehen
acht ungleich lange Furchen aus, die hinten convergiren
ohne die Brustfinne zu erreichen; sie kommen auf diese
Art zwischen der untersten, die von dem Mundwinkel aus-
geht, und der ersten, die von der Wurzel der Brustflosse
nach vorn geht, zu liegen, wodurch die zunächst folgende
Furche einen ziemlich stark gebogenen Verlauf erhält."
Man wird bei Vergleichung der vonv Sars und mir
gegebenen Abbildungen auch leicht noch andere Verschie-
denheiten sowohl da, wo am Unterkiefer die Furchen auf-
treten, wie in der Nabelgegend erkennen.
Ueber den Zweck dieser Furchen kann nach dem
Gesagten nach meiner Meinung kein Zweifel sein und ich
wundere mich,"dass bei anderen Beobachtern darüber noch
Bedenken bestehen. Sars sagt (a. a. 0. S. 14) von den
Furchen: „Sie reichen nicht sehr nahe bis zur inneren
Specklage heran und können deshalb auch nicht eine son-
derliche Erweiterung der Brustgegend gestatten; von ihrer
Bedeutung ist es schwierig sich eine bestimmte Vorstellung
zu machen," und Schlegel sagt (1. c. p, 41): „Es kann
daher von einer Erweiterung der Falten gar nicht die Rede
1) Abhandlungen aus dem Gebiete der Zoologie und verglei-
chenden Anatomie. Heft. I. 1841. S. 41.
Beschreibung eines Finnwales. 349
sein, und nur die Furchen lassen an ihrem tiefsten Punkte,
so weit nämlich der Einschnitt reicht, eine aber sehr ge-
ringe Erweiterung zu." vIch meine, die mögliche Erweite-
rung der Kehlhaut durch die Furchen sei eine ausseror-
dentlich grosse. Wenn im Umfange der Kehle 60 Furchen
liegen, von denen jede nur 1 Ctm. tief ist (die meisten in
der Mitte des Körpers liegenden sind aber 15 oder 18 Mm.
tief), so wird, wenn diese Furchen sich vollständig ausdeh-
nen, der Umfang der Kehle um 1,2 M. d. h. nahezu um
die Hälfte seiner gewöhnlichen Weite grösser werden. Dass
dies in der That möglich ist, zeigt die Erweiterung der
Furchen im schlaffen Zustande des Todes, dass die Haut
sich im Leben des Thieres zusammenziehen kann, wird
kaum bezweifelt werden, sie scheint' vielmehr überall sehr
elastisch zu sein. Die schlanke Gestalt des Finnwales
wird also beim Schwimmen nicht durch einen weit herab-
hängenden Kinnsack behindert und verunstaltet. Das
Thier bedarf aber zur Ernährung seines grossen Körpers
reichlicher Nahrung. In seinem Magen sind einmal 600,
in einem andern Falle sogar 800 Dorsche gefunden wor-
den. Es wird also, wenn es einem Schwärme von Fischen
begegnet, die glückliche Gelegenheit benutzen und mög-
lichst viele derselben sich sichern müssen. Es erhebt dann
den Kopf, senkt den Unterkiefer und dreht auch -vielleicht
die einzelnen Hälften desselben, die nicht fest mit einan-
der verwachsen sind, etwas nach aussen, um den Rachen
noch mehr zu erweitern. Der schon an und für sich weite
Sack, der an dem Unterkiefer hängt, erweitert sich noch
um fast die Hälfte seines Umfanges, und das gewaltsam
von allen Seiten hineinstürzende Wasser reisst Hunderte
von unglücklichen Häringen oder Dorschen in die Tiefe.
Nun klappt der Oberkopf als Deckel auf den Bügel des
Sackes und dann beginnt die gewaltige Fleischmasse der
2,25 M. langen Zunge ihre Arbeit, die gefangenen Fische
allmälig zwischen die beiden Bartenreihen und gegen
den vorspringenden Kamm des harten Gaumens zu drücken,
um sie dem Schlünde zuzuführen. So denke ich mir die
Art, wie der Finnwal seine Mahlzeit hält.
Die Brustflossen sind im Verhältniss zur Grösse des
350 Zaddach:
Thieres selir klein und dienen wohl hauptsächlich dazu, den
Körper in einer bestimmten Stellung zu erhalten. Sie sind
schief lanzetförmig, indem ihr vorderer und sanft geboge-
ner Rand bedeutend länger als der doppelt, aber nur leicht
geschweifte Hinterrand ist. Die blosse Angabe der Länge
der Flosse, wie sie in den meisten Beschreibungen vor-
kommt, ist daher ein sehr unsicheres Maass und fällt
verschieden aus, je nachdem sie am Vorderrande (hier
1,27 M. lang) oder in der Mitte oder am Hinterrande N(hier
0,9 M.) genommen wird. Von der Wurzel, deren Gränze
sich auch nur unsicher bestimmen lässt, da die Haut sich
an der Seite des Körpers allmälig zur Flosse erhebt, ver-
schmälert sich diese zuerst etwas, wird dann wieder etwas
breiter und erreicht bei 2/3 ihrer Länge die grösste Breite,
um dann in eine ziemlich scharfe Spitze auszulaufen. Ihre
äussere Fläche ist stärker gewölbt als die innere.
Ich muss hier wieder bemerken, dass die Form der
Brustflosse des Danziger Wals nicht ganz mit derjenigen
Figur tibereinstimmt, die Sars von der Brustflosse seines
Wales (a. a. 0. Taft f. Fig. 1. und in grösserem Maassstabe
Taf. IL Fig. 3 und 4) gegeben hat, der dagegen die Brust-
flosse des von Fl o wer gezeichneten Finnwales l) ähnlich zu
sein scheint. Beim Danziger Wal war die Flosse entschie-
den schmäler und zeigte nicht die in der Mitte des Hin-
terrandes so stark vorspringende Ecke, sie stimmt dagegen
ziemlich gut mit den von Schlegel und von Camp anyö
gegebenen Abbildungen überein. i
Die Rückenflosse, deren Lage schon bezeichnet wurde,
ist an ihrem Grunde 51 Ctm. lang, aber in gerader Linie
gemessen nur 22 Ctm. hoch, der vordere Rand steigt in
wenig nach aussen gekrümmtem Bogen an, der Hinter-
rand ist ausgeschweift, die Spitze also nach hinten gewandt.
Sie stimmt in dieser Form sehr wohl mit der Zeichnung,
die Sars von der Rückenflosse seines Wales auf Taf. IL
Fig. 5 giebt, die Form aber, die er ihr in der Fig. 1 der
I. Tafel gegeben hat, erscheint etwas anders und namentlich
1) Proceedings of the Zoological Society 1869. p. 604. tb. 47.
Beschreibung eines Finnwales. 351
höher, und so ist auch das Maass ftir die Höhe der Rücken-
flosse bei dem norwegischen Wal grösser.
Die Schwanzflosse hat einen bedeutenden Umfang, sie
ist 84 Ctm. lang und 2,02 M. breit; die Seitenränder, welche
von den Seiten des Schwanzes ausgehen, sind in ihrem
vorderen Theile stark nach aussen gekrümmt und verlau-
fen dann ziemlich gerade nach den seitlichen Spitzen, der
hintere Rand ist sehr wenig ausgeschweift und bildet in
der Mittellinie einen engen und nur 10 Ctm. langen Schlitz,
dessen vorderes Ende genau die Stelle bezeichnet, bis zu
der die Wirbelsäule in die Flosse hineinragt. Im vorder-
sten Theile der Mittellinie fallen die beiden scharfen Kiele
des Schwanzes steil auf die Fläche der Flosse ab. Eine
der Photographien liefert ein £utes Bild der Schwanzflosse.
Die nur um 22 Ctm. vor dem After liegende Ge-
schlechtsspalte ist 65 Ctm. lang und von flachen Wülsten
umgeben, sie enthält in ihrem Grunde die Geschlechts-
öffhung und die 22 Ctm. lange Clitoris. Neben ihr liegen
jederseits und in geringer Entfernung 3 Hautfalten, eine
stärkere und zwei schwächere, und im Grunde der ersteren
sieht man, wenn man sie gewaltsam öffnet, die wenig ent-
wickelte Zitze liegen.
Die Farbe des Thieres erschien, wie ich es auf dem
Strande liegen fand, ziemlich düster, denn die trockene
Haut hatte jeden Glanz verloren, und die Oberhaut war
auch an vielen Stellen durch die Taue, mit denen man
das Thier aus dem Wasser gezogen, und durch das Hin-
schleifen desselben über den Sand bereits abgerieben.
Lebhafter indessen traten die Farben hervor, als der
Körper abgewaschen wurde und so lange die Haut nass
war. Da sah man denn, dass die ganze Oberseite des
Kopfes und die Rückenseite des ganzen Körpers bis zum
hintern Rande der Schwanzflosse ein dunkeles Schiefergrau
als Grundfarbe hatte, welches durch zahlreiche blauschwarze
Flecken von bald kleinerer bald grösserer Ausdehnung ein
marmorirtes Aussehen erhielt, an den Seiten des Rumpfes
wurde diese Farbe heller, hier zeichnete sich aber hinter
der Wurzel der Brustflosse, deren ganze Oberseite wie der
352 Zaddach:
Rücken gefärbt war, ein besonders dunkeler Flecken aus.
An dem Schwänze dagegen zog sieb die dunklere Farbe
vom Rücken über die Seiten herab bis zu zwei scharf ge-
zeichneten schwarzen Linien, die parallel unter sich und
mit der Mittellinie hinter dem After eine Strecke weit hin-
zogen und eine etwa 20 Ctm. breite Fläche von milch-
weisser Farbe einschlössen. Diese eigenthümliche Zeich-
nung hat auch Sars an seinem Wal beobachtet, und daraus
wird es um so wahrscheinlicher, dass sie für die Art charakte-
ristisch ist. Der ganze Unterkiefer und der ganze von Furchen
durchzogene Theil des Leibes war von weisser Farbe. Sie
erschien an dem todten und durch Staub und Sand ver-
unreinigten Thiere zwar gelbweiss oder bräunlichweiss, aber
die Fischer sagten, dass diese Theile an dem ganz frischen
Thiere rein weiss wie frisch gefallener Schnee gewesen wären.
Im Inneren der Furchen, wenigstens der tieferen, schim-
merte eine schmutzig rothliche Farbe durch, und es ist daher
wahrscheinlich, dass sie im Leben des Thieres eine leb-
hafter röthliche Farbe haben, wie dies von einigen Beob-
achtern angegeben wird. So weit konnte über die Farben
unseres Wales kein Zweifel sein, weniger sicher bin ich
über die Farbe desjenigen Theiles , der zwischen Nabel
und After liegt, und über die Farbe auf der Unterseite der
Brust- und Schwanzflosse. Diese Theile waren braun und
zwar ziemlich dunkelbraun, wenn auch vielleicht etwas
heller als der Rücken , aber ihnen fehlte fast überall
die Oberhaut. Ich glaube daher, dass sie im Leben des
Thieres keinesfalls rein weiss, sondern wahrscheinlich
grau gewesen sind. Sars beschreibt diese Theile als weiss
und sagt, dass die weisse Farbe des hinter dem After lie-
genden Streifens sich an der untern Kante des Schwanzes
fortsetze und über die untere Fläche der Schwanzflosse
ausbreite. Dies war hier nicht der Fall, und man muss
wohl annehmen, entweder dass der Danziger Wal eine
etwas dunklere Abänderung darstellte, oder dass jüngere
Thiere allgemein dunkler gefärbt sind.
Als die Section des Thieres vorgenommen werden
konnte, die von Herrn Dr. Be necke und mir ausgeführt
wurde, hatte das Thier bereits mehr als 5 Tage auf dem
Beschreibung eines Finnwales. 353
Strande gelegen, und da die Verwesung in raschem Fort-
schreiten war, war Eile bei der Arbeit nöthig, wenn die
Eingeweide unversehrt bleiben sollten. So kam es denn
auch hier dazu, wie es in solchen Fällen gewöhnlich zu
geschehen pflegt, dass es sich mehr um Herausnahme der
Eingeweide, als um eine genaue Untersuchung einzelner
Verhältnisse handelte. Eine solche Untersuchung hat auch
sehr grosse Schwierigkeiten, und man ist an dieselben zu
wenig gewöhnt, um gar nicht durch sie beeinflusst zu
werden; muss man doch mitten in dem Blute und den
Eingeweiden stehend unter der Haut des Thieres arbeiten,
die nur von mehreren Männern mittelst eines Flaschenzuges
empor gezogen werden kann, und braucht man doch, wenn
man, um ein Gefäss oder einen Nerven zu verfolgen, ein
Organ zur Seite schieben oder umwenden will, die Hülfe
von 3 oder 4 Menschen, die mit Haken oder Seilen daran
reissen und ziehen müssen. Denn obgleich das vorliegende
Thier als Wal nicht bedeutend gross war, so musste doch
die colossale Grösse und Schwere seiner inneren Theile
jeden Beobachter in Staunen setzen. Die Haut war am
Bauche nur massig dick, aber schon an den Seiten hatte
sie eine Dicke von 10 Ctm. Obgleich, wie wir saher!,
die Brustflossen im Verhältniss zum Körper klein waren,
so bildeten doch die Brustmuskeln, welche sie bewegen, auf
der breiten Fläche des Brustkastens eine Fleischschicht von
8 oder 9 Zoll Dicke, die abgelöst werden musste, ehe die
Brusthöhle geöffnet werden konnte. Das Fleisch hatte
überall eine dunkelrothe Farbe wie Rindfleisch und zeigte
sich ausserordentlich mürbe und weich ; leider war es schon
zu sehr von der Verwesung ergriffen, als dass es möglich
gewesen wäre, seinen Geschmack, zu prüfen. Von der
Länge der Zunge habe ich schon gelegentlich gesprochen,
sie war flach und an der freien und abgerundeten Spitze
verhältnissmässig nicht dick. Die Lungen, welche in ihrer
Farbe mehr der Leber anderer Säugethiere ahnten, waren
ungelappt, 1,40 M. lang und 45 Ctm. breit und dick. Unter
den Eingeweiden der Bauchhöhle zeichneten sich durch ihr
gewaltiges Gewicht besonders die Leber und die Nieren aus ;
die erstere bildete eine dicke Scheibe von.l M. Durchmesser.
Archiv f. Naturgescli. XXXXI. Jahrg. 1. Bd." 23
354 Zaddach:
Dagegen waren die Geschlechtsteile klein und unentwickelt
und bewiesen uns, dass wir es mit einem jungen unaus-
gewachsenen Thiere zu thun hatten.
Heben wir aus der vorstehenden Beschreibung die-
jenigen Merkmale hervor, welche zur Bestimmung der Gat-
tung und Art dienen können, so werden diese etwa folgende
sein :
Die Brustflosse liegt etwas vor dem hintern Ende des
ersten Drittels der Körperlänge.
Das Maul nimmt 2/ß des Baumes zwischen Schnauzen-
spitze und Brustflosse oder fast Vs der Körperläuge ein.
Die Kückenflosse liegt hart am hintern Ende des dritten
Viertels der Körperlänge.
Der After liegt vor dem Anfange der Rückenflosse.
Der Oberkiefer verschmälert sich schon bei l/3 seiner
Länge, vom Mundwinkel aus gerechnet, um l/3 seiner Breite
und ist schnabelförmig gestaltet.
Auf dem schnabelförmigen Theil der Schnauze ver-
läuft jederseits eine flache Furche.
Die obere Kante des Unterkiefers ist stark gewölbt
um sich dem ausgeschnittenen Rande des Oberkiefers an-
zuschliessen.
Die Spritzlöcher liegen etwas vor den Augen und
dem Mundwinkel hinter einer flachgewölbten, im Profil aber
wenig vortretenden Stelle des Kopfes.
Die Brustflosse ist schief lanzettförmig, ihre Ränder
sind sanft geschweift und bilden nirgends scharfe Einbie-
gungen oder vortretende Winkel. Ihre Länge beträgt, wenn
man ihren vorderen längsten Rand als Maass nimmt, Vo der
Körperlänge, ihre mittlere Länge Vi i> 'nach ihrem hinteren
Rande gemessen hat sie nur Vi 3 der Körperlänge.
Die Rückenflosse ist nicht einmal halb so hoch als
lang, und ihre Höhe beträgt etwa Vso der Körperlänge.
Die Länge der Schwanzflosse beträgt Vi 5, ihre Breite
ungefähr Vs der Körperlänge, ihr hinterer Rand ist fast
gerade und der Einschnitt in der Mitte desselben sehr klein.
Brustfurchen sind im Umfange der Brust zwischen den
Flossen 60, vom untern Rande des Unterkiefers gehen
51 aus; sie schneiden sich am Mundwinkel und in der
Beschreibung eines Finnwales. 355
Umgebung der Brustflossen nirgends, sondern geben neben
einander ber.
Nicbt nur der ganze Rücken ist wie bei anderen Walen
dunkelgrau und scbwarz gefleckt, sondern ebenso gefärbt
sind aucb die obere Fläche der Brustflossen und die Seiten
des Schwanzes. Nur der gefurchte Theil des Leibes mit
Einschluss der Mundwinkel und ein schmaler von 2 schwar-
zen Linien begrenzter Streifen hinter dem After sind stets
von rein weisser Farbe.
Die Barten sind horngelb, mit blaugrauen oder schwärz-
lichen Flecken am äussern Rande.
Ich lasse nun noch eine tibersichtliche Zusammen-
stellung aller Maasse folgen, die ich an dem frischen Thiere
genommen habe und füge bei den wichtigsten auch die
Zahlen hinzu, die ihr Verhältniss zur ganzen Körperlänge
angeben. Zur Vergleichung der an verschieden grossen
Thieren und nach verschiedenen Maassen gemachten Mes-
sungen ist es durchaus nothwendig, diese auf eine Einheit
zurückzuführen und als solche wird am einfachsten die
Körperlänge anzunehmen sein.
Maasse des Danziger Fnrchenwals.
Allgemeine Längenverhältnisse.
Meter
1. Von der Schnauzenspitze bis zur Mitte
der Schwanzflosse am Rücken gemessen 11,14
Von der Spitze des Unterkiefers eben
dahin am Bauche gemessen . . . .11,08
Gerade Länge des ganzen Thieres . 10,98 1.
2. Von der Schnauzenspitze bis zum Mund-
winkel, auf dem Oberkiefer gemessen 2,16 0,196
3. Von der Unterkieferspitze bis zum Mund-
winkel auf dem Unterkiefer gemessen 2,18 0,2
4. Vom Mundwinkel bis zur Basis der
Brustflosse v 1,04 0,094
5. Von der Schnauzenspitze bis zur vordem
Wurzel der Brustflosse 3,2 0,291
6. Von eben da bis zur Wurzel der Rücken-
' 7,85 0,714
356 Zaddach:
Meter
7. Von der Unterkieferspitze bis zum Nabel 6 0,546
8. Von ebenda bis zur Geschlechtsöffnung 7,5 0,683
9. Von ebenda bis zum After .... 7,74 0,704
10. Von ebenda bis zur Wurzel der Schwanz-
flosse 10,24 0,932
Umfang.
11. Von der Wurzel der Brustflosse bis zur
Mittellinie des Bauches 1,3
Von ebenda bis zur Mittellinie des
Rückens 1,18
Also grösster Umfang an den Brustflossen 4,96 0,451
12. Umfang am Nabel 3,32 0,302
13. Umfang am After und vor der Rücken-
flosse ,. . . 2,48 0,226
14. Umfang des Schwanzes hinter der
Rückenflosse 2,14
15. Höhe des Schwanzes kurz vor der
Schwanzflosse 0,61 0,055
16. Breite desselben am Anfang der Schwanz-
flosse 0,34
Form des Kopfes.
Länge der Kiefer s. N. 2. und 3.
17. Breite des Kopfes zwischen den Mund-
winkeln auf der Wölbung des Scheitels
gemessen 1,76 0,160
18. Dieselbe am vordem Rande der Spritz-
löcher ebenso gemessen 1,2 0,110
19. Dieselbe in der Mitte zwischen den
Spritzlöchern und der Schnauzenspitze
ebenso gemessen1) 0,87 0,079
1) DieMaasse 17 — 19 sind von geringer Bedeutung. Es müssten
daneben die geraden Entfernungen zwischen den Kieferrändern
beider Seiten gemessen werden, aber diese Messungen Hessen sich
bei der Lage des Thieres mit vollkommener Genauigkeit nicht aus-
führen.
Beschreibung eines Finnwales. 357
Meter
20. Breite des Oberkiefers in 1/3 der Länge
vom Mundwinkel d. h. am Beginn des
Schnabels quer durchs Maul gemessen 0,94 0,085
21. Gerade Höhe des Unterkiefers an der
Spitze 0,17
Die Höhe um den vorspringenden Kinn-
winkel gemessen 0,25
22. Höhe des Unterkiefers an der höchsten
Stelle bei 2/s seiner Länge von vorn . 0,36
Auge.
23. Von der Schnauzenspitze bis zum vor-
dem Winkel der Augenspalte . . . 2,04 0,185
24. Länge der Augenspalte 0,063 0,005
25. Vom hintern .Winkel der Augenspalte
bis zum Mundwinkel 0;2
26. Von ebenda bis zur Wurzel der Brust-
flosse 1,10 0,100
27. Die gerade Höhe des Auges über der
Mundspalte 0,08
28. Abstand des Auges von der Mittellinie
des Scheitels 0,78
Ohr.
29. Vom hintern Augenwinkel bis zum Ohr 0,5 0,045
30. Vom Ohr bis zur Wurzel der Brustflosse 0,62 0,056
Spritzlöcher.
31. Von der Schnauzenspitze bis zum vordem
Ende der Furche zwischen den Spritz-
löchern1) 1,57 0,143
bis zu einem Spritzloche selbst . . . 1,6 0,145
32. Länge der mittleren Furche .... 0,35 0,032
33. Länge jedes Spritzloches 0,29 0,026
1) Diese Entfernung ist viel genauer zu bestimmen als der
Abstand des Spritzloches selbst von der Schnauzenspitze.
358 Zaddach
Das Innere des Mundes.
Meter
34. Abstand der Barten von dem Rande der
Schnauze, Breite der Lippe . . . . 0,10
35. Breite der Bartenreihe vorn, hinter der
Schnauze 0,02
36. Länge der kürzesten Barten .... 0,02
37. Breite der breitesten Barten .... 0,16
38. Länge derselben ohne die daran sitzen-
den Fasern 0,30
39. Länge der Zunge von der Spitze bis zur
Schlundöffnung 2,25
40. Breite derselben an der breitesten Stelle 0,80
Brustflosse.
Lage derselben s. N. 4. 5. 11.
41. Länge des vordem Randes . . . . 1,27 0,115
42. Länge des hintern Randes .... 0,90 0,082
43. Mittlere Länge 1,10 0,100
44. Gerade Breite an der Wurzel . . . 0,37 0,034
45. Breite der Wurzel" an der stärker ge-
wölbten Rückenfläche gemessen . . . 0,53
46. Dieselbe gemessen an der weniger ge-
wölbten Bauchfläche ....... 0,42
47. Grösste Breite der Flosse in der Mitte 0,285 0,026
Rücken fl osse.
Lage derselben s. N. 6.
48. Länge der Rückenflosse an dem Rücken 0,56 0,051
49. Abstand des hintern Randes vom
Schwanzende 2,73 0,248
50. Gerade Höhe der Rückenflosse . . . 0,22 0,020
51. Länge des vorderen Randes . ... 0,56
52. Länge des hintern ausgeschweiften
Randes ! 0,25
Beschreibung eines Finnwales. 359
Schwanzflosse.
Meter
53. Länge der Schwanzflosse 0,84 0,076
54. Länge des gebogenen Seitenrandes . . 1/28
55. Breite der Schwanzflosse in der Mitte
ihrer Länge 1,35
56. Breite derselben am Ende 2,02 0,184
57. Länge der Spalte in der Mittellinie . 0,10 0,009
Geschlechtstheile.
Ueber die Lage vergl. N. 8.
58. vom After bis zum Rande der , Ge-
schlechtsöffnung . 0,22
69. Vom After bis zum vordem Ende der
Geschlechtsspalte 0,87
60. Vom After bis zur Clitoris .... 0,39
Nach den hier gemachten Angaben könnte man die
Bestimmung der Art, zu der der Danziger Wal gehört,
versuchen. Dass dabei die Gattung Megaptera mit der
Art Megaptera longimana gar nicht in Betracht kommt und
nur die Balänoptcriden mit kurzen Brustflossen verglichen
zu werden brauchen, versteht sich nach dem Gesagten von
selbst. Und obgleich die Merkmale, die zur Unterscheidung
dieser Arten gewöhnlich angewandt werden, von dem Skelete
hergenommen werden, weil man das Aeussere der meisten
Arten noch zu wenig genau kennt, so würde man in diesem
Falle vielleicht doch zu einem ziemlich genügenden Resul-
tate gelangen. Indessen könnten zur Begründung dieser
Bestimmung einige Angaben über das Skelet nicht ent-
behrt werden, und desshalb will ich, um nicht zu weit-
läufig zu werden, diese hier sogleich anfügen.
Als ich im Herbste vorigen Jahres von einer grösseren
Reise zurückkehrte, konnte ich nur einen Tag in Danzig
verweilen, um dem Finnfische einen Besuch abzustatten.
Ich fand das Skelet ziemlich vollständig und sehr schön
präparirt. Die Wirbelsäule war nur in 3 Theile zerlegt;
360 Zaddach:
innerhalb dieser waren die Wirbel und Rippen in ihrer
natürlichen Verbindung, nur die Gliedmassen waren noch
nicht ganz fertig. Ich musste mich damals mit einer Be-
sichtigung des Skelets und einigen Messungen begnügen
und durfte hoffen, da die Danziger Naturforscher sich um
das am Strande liegende Thier wenig bekümmert und sämmt-
liche Arbeiten an demselben uns Königsbergern überlassen
hatten, dass auch die genauere Beschreibung des Skelets
mir zufallen würde. Später hörte ich jedoch, dass die
naturforschende Gesellschaft in Danzig beschlossen hätte,
eine Beschreibung des ihr zugehörigen Skeletes in ihren
Schriften mit Zeichnungen und Photographieen herauszu-
geben, und dass mein verehrter Freund, Herr Professor
Menge in Danzig, damit beauftragt wäre.
Ich habe daher das Skelet nicht genauer untersuchen
dürfen, und dies ist der Grund, weshalb ich hier nur so
viel über dasselbe sagen kann, als zur Bestimmung der
Art gerade nothwendig ist, in Bezug auf die Einzelnheiten
indessen auf die grössere Arbeit des Herrn Prof. Menge
verweisen muss, die in den Schriften der genannten Gesell-
schaft hoffentlich bald erscheinen wird.
Der Schädel ist an seiner Basis gemessen von der
Spitze bis zum unteren Rande des Hinterhauptloches
2,33 M. lang und zwischen den seitlichen Spitzen des
Hinterhauptbeines 0,73 M. breit.
Der Unterkiefer, der am untern gebogenen Rande von
der Spitze bis zum Rande des Gelenkkopfes 2,36 M. lang
ist, hat einen wohl entwickelten 13 Ctm. langen Kronen-
fortsatz.-
Die Wirbelsäule besteht aus 60 Wirbeln, nämlich 7
Halswirbeln, 14 Rückenwirbeln, 15 Sacrolumbarwirbeln
und 24 Schwanzwirbeln ; in allen spricht sich das jugend-
liche Alter des Thieres aus, weil noch nirgends die Gelenk-
stücke mit den Wirbelkörpern verwachsen sind.
Unter den Halswirbeln, die zusammen eine Länge von
nur 63 Ctm. einnehmen, zeichnet sich wie bei allen Walen
der zweite durch seine ausserordentliche Grösse aus ; seine
grossen und durchbrochenen Querfortsätze sind nach hinten
geneigt und den Spitzen der Querfortsätze des ersten Rücken-
Beschreibung eines Finnwales. 361
wirbels durch Bandmasse verbunden. Der Winkel, den beide
mit einander bilden, schliesst die Querfortsätze der fünf übri-
gen Halswirbel ein, von denen diejenigen des 3., 4. und 5.
Wirbels noch vollständige Ringe bilden, während am 6.
Halswirbel nur der untere, am 7. nur der obere Ast des
Querfortsatzes entwickelt ist. Dabei ist freilich zu bemerken,
dass auch die ringförmigen Querfortsätze des 3., 4. und 5.
Wirbels nicht vollständig verknöchert, sondern an ihrem
Aussenrande noch knorpelig sind. Die erste durchaus
einfache Rippe sitzt auf diese Weise an den vereinigten
Querfortsätzen der 6 letzten Halswirbel und des ersten
Rückenwirbels. Ihr folgt die zweite Rippe, insofern sie
ebenfalls vorgerückt ist und der Bandmasse zwischen den
Querfortsätzen des ersten und zweiten Rückenwirbels ansitzt,
während die dritte Rippe wie die folgenden nur dem Quer-
fortsatze eines Wirbels angefügt sind. Die drei ersten
Rippen senden von dem Tuberculum, jnit dem sie angeheftet
sind, noch Fortsätze nach innen aus, welche die Anlage
zu einem Köpfchen darstellen, die Wirbelkörper jedoch
nicht erreichen. Obgleich durch den beschriebenen Bau
die sechs letzten Halswirbel schon so enge zusammengefasst
sind, findet sich noch eine Verwachsung zwischen dem 3.
und 4. Halswirbel an ihrem obern Bogentheile.
Die beiden ersten Rückenwirbel entbehren, wie die Hals-
wirbel, der Dornfortsätze. Vom 3. Rückenwirbel an
nehmen die Dornfortsätze an Grösse zu und sind am 7.
bis 14. Wirbel am grossesten. Von einer 15. Rippe war
am Skelet nichts vorhanden und Herr Dr. Benecke, der
die erste Zubereitung desselben leitete, versichert, dass
er die Stelle, wo sie hätte sitzen müssen, mehrmals durch-
schnitten und keine Spur derselben vorgefunden habe.
Die Gesammtlänge der 14 Rückenwirbel beträgt 1,75 M.,
diejenige der Lenden und Schwanzwirbel 6,11 M., also die
Länge der ganzen Wirbelsäule 8,49 M. und des ganzen
Skelets 10,82. Diese Zahl, die genau mit der Länge über-
einstimmt, die am frischen Thiere gemessen wurde, zeigt,
dass am 1. October die knorpeligen Theile des Skeletes
noch gar nicht zusammengetrocknet waren.
Die Schwanzwirbel haben untere Bogen, der erste
362 Zaddach:
derselben, welcher sich dem letzten Lendenwirbel und dem
ersten Schwanzwirbel anfügt, ist schräge nach hinten ge-
richtet, die folgenden stehen senkrecht ; nur die letzten 10
Wirbel haben weder obere noch untere Bogen, nehmen zu-
sammen eine Länge von 72 Ctm. ein und sind diejenigen,
welche in der Schwanzflosse stecken und genau bis zu dem
Einschnitte am hintern Rande derselben reichen.
Das Brustbein ist nicht ganz symmetrisch und hat
die Form eines Kreuzes, dessen vorderer Ast nur von einer
sehr kurzen stumpfen Spitze gebildet wird, während die
Seitenäste breit, gerade abgeschnitten mit abgerundeten
Ecken erscheinen und der hintere Ast aus breitem Grunde
lang zugespitzt und fast doppelt so lang als die Seiten-
äste ist.
Am Schulterblatte sind Acromion und Processus cora-
coideus wohl entwickelt. Die ganze Länge des Armscelets
beträgt 1,24 M., wovon 30 Ctm. auf den Oberarm, 48 Ctm.
auf den Unterarm, 46 Ctm. auf die Hand kommen. Ueber
die Fingerspitzen ragt aber die sehnige Haut, in die sie
eingebettet liegen, noch etwa 1 0 Ctm. weit vor. Die Knochen
der 8 Ctm. langen und 24 Ctm. breiten Handwurzel waren,
als ich das Skelet besah, noch nicht bloss gelegt. Von
den 4 Fingern ist der erste (mit Einschluss der Mittelhand) 30
Ctm. lang und hat 4 Glieder, der zweite 38 Ctm. lang hat 5
Glieder, der dritte 35 Ctm. lang ist aus 5, der vierte 25
Ctm. lang aus 4 Gliedern zusammengesetzt, wobei in-
dessen zu bemerken ist, dass nur an einem Finger, wenn
ich nicht irre, am zweiten, das letzte Glied abgerundet ist,
wie ein Nagelglied zu sein pflegt, bei den übrigen Fingern
aber die letzten Glieder gerade abgeschnitten sind, wie es
bei den mittleren Fingergliedern der Fall ist. Die Reihe
der Fingerglieder ist also erst unvollständig entwickelt.
Zungenbein und Beckenknochen sind noch mit den
Eingeweiden in Verbindung und daher noch unzugänglich.
Benutzen wir diese an dem Skelet gemachten Beob-
achtungen zur Bestimmung des Danziger Wales, so ver-
weist schon allein der geschilderte Bau der Halswirbel
und die Art der Befestigung der ersten Rippe denselben
auf einen sehr kleinen Kreis der aus, den nordeuropäischen
Beschreibung1 eines Finnwales. 363
Meeren bekannten Arten. Ein solcher Bau findet sich näm-
lich nur bei denjenigen beiden Arten, auf welche allein
Gray in seiner neuesten Uebersicht über die Cetaceen,
Supplement to the Catalogue of Seals and Whales 1871,
die Gattung Physalus beschränkt, bei Ph. antiquorum und
Ph. Duguidii, und ausserdem bei Balaenoptera rostrata. Bei
den ersteren hat Heddle diese Verhältnisse beschrieben x)
und in Folge dessen erwähnt Gray derselben gelegentlich
bei Beschreibung der Gattung Physalus 2), aber keines-
wegs als ein die Gattung charakterisirendes Merkmal.
Dieselbe Anheftung der ersten Rippe finde ich an einem
Skelet der Balaenoptera rostrata, doch lässt sich an dem-
selben, da es künstlich zusammengesetzt ist, nicht nach-
weisen, ob auch die zweite Rippe wie beim Danziger
Wal vorgerückt ist. Die allmäliche Annäherung der Quer-
fortsätze des 2. und 8. Wirbels im Fötuszustande des Thie-
res hat E s ehr i cht nachgewiesen und auf die Wichtigkeit
dieser Verhältnisse aufmerksam gemacht 8}. Dennoch hat
man auf sie, wie mir scheint, bis jetzt zu geringes Gewicht
gelegt. Sämmtlichen Walen nämlich scheipt die Selbst-
ständigkeit und Beweglichkeit der Halswirbel mit Aus-
nahme des ersten, der die Hebung des Kopfes möglich
macht, keinen Vortheil zu gewähren, eine feste Stellung der-
selben ist wahrscheinlich sowohl für die schnelle Bewegung
beim Schwimmen als für das Tragen des schweren Kopfes
nützlicher, und diesem Bedürfnisse hat die Organisation sich
bei den verschiedenen Arten auf verschiedene Weise an-
gepasst. Bei den einen verkürzen sich die Halswirbel nur,
bleiben aber sonst selbstständig und die erste Rippe be-
hält ihre alleinige Verbindung mit dem ersten Rückenwir-
bel. Dies ist offenbar die Form,^ welche von dem Bau
anderer Säugethiere am wenigsten abweicht; sie findet
1) In den Proceedings of the Zoological Society of London
1856. p. 197.
2) Catalogue of Seals and Whales. 1866. p. 141.
3) Undersögelser over Hvaldyrene, femte Afhandling 1846. p.
300 u. tb. 14, und daraus in den Untersuchungen über die nor-
dischen Walthiere 1849. p. 132.
364 Zaddach:
sich bei der Art, welche Malm als Balaenoptera Caroli-
nae beschrieben hat1), die aber Flower2) und Rein-
hardt3) gleich Physalus Sibbaldii Gr. setzen und welche
sodann Gray 4) zu einer besonderen Gattung Cuvierius er-
hoben hat. Malm hat auf der 14. Tafel seines Werkes
eine gute Photographie der Halswirbel geliefert, aus der
hervorgeht, dass sie alle ziemlich gleichmässig ausgebildet
sind und dass ihre Fortsätze von denen des ersten Rücken-
wirbels weit entfernt bleiben, ja diejenigen des zweiten
Wirbels noch etwas nach vorn gebogen sind. Die erste
Rippe ist einfach und ohne Andeutung eines nach dem
Wirbelkörper gerichteten Fortsatzes. Bei anderen Arten
spaltet sich die erste Rippe in zwei Arme, welche mehrere
Wirbel umfassen und so zu einem Ganzen verbinden, wie
dieses von B. gigas Eschr. und B. laticeps Gr. bekannt ist.
Dieses Merkmal ist zwar längst für die Unterscheidung
der Arten verwerthet, jedoch auch nicht immer recht ver-
standen, denn selbst in Gray's Werke findet sich neben
der richtigen Angabe, dass in diesem Falle die erste Rippe
dem letzten Halswirbel und dem ersten Rückenwirbel an-
sitze, auch wiederholentlich noch die falsche Ansicht aus-
gesprochen, dass sie den beiden ersten Rückenwirbejn an-
geheftet sei. So darf man denn auch nicht annehmen, wie
es wohl geschehen ist, dass diese Rippe aus der Verwach-
sung zweier Rippen entstanden ist, sondern der an den
letzten Halswirbel vortretende Fortsatz wird wahrschein-
1) Mal m Monographie illustree du Balaenoptere trouve le 29
Octobre 1865 sur la cote occidentale de Suede. Stockholm 1867. fol.
2) Flower, On the probable Identity of the Fin-Whales des-
cribed as Balaenoptera Carolinae Malm and Physalus Sibbaldii Gray,
Proceeding of the zool. Soc. 1868. I. p. 187.
3) Reinhardt, Ueber den Finnwal, . der von den Isländern
Steypireyor genannt wird (Balaenoptera Sibbaldii Gray). Videns-
skabelige Middelelelser fra den Naturhistoriske Forening in Kjöben-
haven 1867. N. 8— 11, übersetzt in Ann. a. Mag. of Nat. Hist. 1868.
p. 323.
4) Supplement to the Catalogue of Seals and Whales, Lond.
1871. p. 54.
Beschreibung eines Finnwales. 365
lieh dem Halse und Köpfchen an den Rippen anderer
Säugethiere entsprechen. Der vollkommenste Bau des
Halses ist dann endlich der beim Danziger Wal beschrie-
bene, bei dem sieben Wirbel mit einander vereinigt wer-
den. Dies gilt für die Furchenwale, während bei den
Glattwalen zu demselben Zwecke die sechs letzten Hals-
wirbel mit einander verwachsen. Mir scheinen diese Ver-
schiedenheiten in der Anheftung der ersten Rippe, weil sie
eben so viele Stufen der Anpassung der Thiere an ihre
Lebensweise bezeichnen, die wichtigsten, die in dem Bau
der Finnfische vorkommen und daher vorzugsweise geeig-
net, der Eintheilung der Furchenwale in besondere Gat-
tungen zu Grunde gelegt zu werden. Die beiden europäi-
schen Arten, welche auf solche Weise in eine Gattung ver-
einigt werden würden, B. musculus und B. rostrata, die in
dem neuesten Systeme von Gray sogar in verschiedene
Familien getrennt sind, sind zwar in der Zahl der Wirbel
und in manchen äusseren Verhältnissen sehr verschieden,
stimmen aber in der Lage der Brustflossen, die an der
Gränze des ersten Drittels der Körperlänge liegen, in der
Grösse des Maules, welches weiter gespalten ist als bei
irgend einer andern europäischen Art und wenigstens l/6}
bei B. rostrata sogar \U der Körperlänge einnimmt, so wie
in der schnabelförmigen Gestalt des' Oberkopfes und in
der wenigstens theilweise gelben Farbe der Barten über-
ein, also in sehr wichtigen Merkmalen, welche manche
andere Unterschiede aufwiegen. Weniger übereinstimmende
Merkmale werden freilich die beiden in der Spaltung
der ersten Rippe übereinkommenden beiden Arten zeigen,
wenn nicht vielleicht die Form des Schädels in beiden
ähnlich ist.
Dass aber trotz der Uebereinstimmung in dem
Bau der Halswirbel der Zwergwal, B. rostrata, bei der
Bestimmung unseres Wales gar nicht in Betracht zu zie-
hen ist, ergiebt sich aus dem Gesagten. Die Zahl der Wirbel
und der Rippen, die Lage der Rückenflosse und des Afters
sind bei ihm anders, während dem Danziger Wal die für
diese Art so charakteristische weisse Binde an der Aus-
senseite der Brustflossen fehlt. Ueberdiess ist jener, ob-
366 Z ad dach:
gleich ein junges und unausgewachsenes Thier, bereits
grösser als der Zwergwal zu werden pflegt.
Obgleich nun durch die besprochenen Merkmale des
Skelets die übrigen Arten von der Vergleichung mit dem
Danziger Wal ausgeschlossen sind, so schien es mir doch
Aufgabe dieses Aufsatzes zu sein, die äusseren Körperver-
hältnisse der bekannten europäischen Finnwale einer noch-
maligen genauen Vergleichung zu unterwerfen, um auch
von diesen allein Merkmale zur sichern Bestimmung der
Arten abzuleiten, da ich den Mangel unserer Kenntnisse
in dieser Hinsicht nur zu sehr empfunden hatte, als ich
dem frischen Thiere gegenüber stand. Ich habe daher in
der folgenden Tabelle diejenigen Thiere, über deren Aeus-
seres mir Messungen vorlagen, zusammengestellt. Bei dem
Danziger Wal habe ich nur die Zahlen, welche das Ver-
hältniss der Grösse einzelner Theile zu der Körperlänge,
bei den übrigen Arten neben diesen Verhältnisszahlen aucji
noch die absoluten Maasse, welche die Schriftsteller angeben,
angeführt. Für B. rostrata habe ich die Messungen benutzt,
welche Pen* in an einem von ihm anatomisch untersuch-
ten Wal gemacht hat !)- Das Thier war zwar sehr klein,
aber die Messungen werden eben deshalb um so genauer
sein. Für B. laticeps oder Sibbaldius laticeps Gr. liegen
nur die von Rudolphi2) gegebenen Maasse vor. Für
B. gigas musste ich mich mit den sehr lückenhaften Mes-
sungen von van Breda3) begnügen. Neben diese habe
ich einige Maasse gestellt, welche Yarrel von einem bei
Charmouth gestrandeten Wal mitgetheilt hat, nach G ray's4)
Angabe, obgleich sie sehr unvollständig sind. Endlich
habe ich, um die Charakteristik der Arten in der Tabelle
zu vervollständigen, noch einige der wichtigsten vom Skelet
1) Notes on the Anatomy of Balaenoptera rostrata. Procee-
dings of the Zool. Soc. of London 1870. III p. 8Ö5.
2) Einige anatomische Bemerkungen über Balaena rostrata in
den Abh. d. K. Akademie der Wissenschaften zu Berlin a. d. J.
1820—21. Berl. 1822. S. 27.
' 3) Cuvier, F., Histoire naturelle des Cetaces. Paris 1836. p. 328.
4) Gray, Catalogue 1866. p. 177.
Beschreibung eines Finnwales. 367
hergenommenen Merkmale hinzugefügt. Warum ich den
Schi egel'schen Finnwal hier aufgenommen, wird sich
später zeigen.
Bei Vergleichung der Zahlen muss man berücksichti-
gen, dass eine genaue Uebereinstimmun^ der an verschie-
denen Thieren genommenen Maasse kaum möglich ist, da
diese an demselben Stücke schon bei verschiedener Lage
desselben etwas verschieden ausfallen. Die Verkürzungen
und Dehnungen der Oberfläche des Körpers sind wegen
ihrer grösseren Entfernung von der Wirbelsäule bei den
Biegungen dieser letztern viel grösser als bei kleineren
Thieren.
Ein Wunsch, der sich mir bei Zusammenstellung der
folgenden Tabelle aufdrängte, war der, dass die Messungen
an Walen viel mehr nach einer bestimmten Methode vor-
genommen werden mögen, als das bisher geschehen ist,
damit sie genauer mit einander verglichen werden kön-
nen. Nicht einmal über die Angabe der Körperlänge sind
die Beobachter einig. Nach meiner Meinung darf diese
weder bis zu einer eingebildeten Linie, welche die Spitzen
der Seitenlappen de* Schwanzflosse mit einander verbin-
det (denn diese Linie existirt eben nicht), noch bis zum
vorderen Ende des Einschnittes in der Schwanzflosse (denn
dieser Punkt bezeichnet das Ende des Skeletes) gemessen
werden, sondern sie muss bis zum hintern Ende des Ein-
schnittes, d. h. bis zur Mitte des hintern Randes der
Schwanzflosse gerechnet werden. Aehnliche Einwendungen
lassen sich gegen die Art der Messungen an verschiedenen
Körpertheilen machen.
368
Zaddach:
Beschreibung eines Finnwale.
369
II
BS
PQ
o o
oq im hh »noo
tJH i CO ~# ^H iO © O
©~ ©" ©~©~ ©~ ©~©~
I §
© => © © <W O
ia co
o"©
CO CO
© © I
© ©
© ©~ ©~
I I
m cc »
I 1 S I I
tu CO
IS MS
ö o
I I
I I "5= H
© ©
i-i CO CO
Ol t* t*
© © ©^
©" ©~©~
I x.
PQ
©~©~
co ©
oi co
OJ r-
©o"
C5 t> © CO ©
■^ co i— l- ©
©_©^.© <M^©
©"©' ©~©~©~
-UBQ J9Q
r~i l^-
-* ©
ION h
© ©~ o"
0(NCD <-l © CO Tf ©
^ 00 CM O Ol t^ CO ©
f-l © © O^©^ ©^ r-i ©
©' ©" o" o"©*" ©' ©' ©"
© a i
co bß
H
O
co .
a
-7! CD ■> ©
2 <» ? N
^ ffl 3
"BS Ü
03
5h
> «
-1^ rrt"»
2ÜPm
5h c
CO 5h
-e .2
C cc
St co *£ 'W •
^ CO ^ £ ° fe
p pj qrj a co ^
O — o o o ,o fl •
i | s^
t> pH T3 cd
' P5
co «
09 5h
OD
CO
Oß 09
:C3 5h
CO CO
' O CO
'CJ3 09
' § ^2
«ig
' CO ^
^ ©
bß j3
;S CO
H-IO
O •
c
I CO
CO CO
JA
cS .2
09 fe
!^?>
>?
T3
bß^_
9 ^
:CÖ CO
Archiv für Naturg. XXXXI. Jalirg. 1. Bd.
24
370
Zaddach:
O CD
CD CD
* > * ™ S
BPD " >
3 (t CD M
co , CD P P
2 (-3 s - ■ er
P 3T «^ CD
p- 2 s
C
a
0<9
<!
O
P
CS
p-
o
er
ES 3 w
DO £:
^ 2f
CD 2
or3
CD h-
CD
d
CD
P
O:
O:
P-
<j CD
2. »
•"< *Ö
C P
CD P
p\ o
ert- *1
CD p
P
P-
CD
b
Beschreibung eines Finnwals. 371
Aus dieser Tabelle übersieht man nun sogleich so-
wohl alle die übereinstimmenden als auch die abweichen-
den Merkmale zwischen dem Danziger Wal und Balaeno-
ptera rostrata, deren ich oben erwähnt habe.
Der Rudolphi'sche Wal, Balaenoptera laticeps Gray
1850, Sibbaldius 1. Gr. 1866, Rudolphius 1. Gr. 1871, zeigt
überall andere Körperverhältnisse als der Danziger Wal. Das
Maul ist kleiner und steht etwas weiter von den Brustflossen
ab, vorzüglich aber zeichnen er und B. rostrata sich da-
durch aus, dass die Rückenflosse weiter nach vorn gerückt
ist als bei den übrigen Arten; bei rostrata liegt sie am
Anfange des letzten Drittels, bei laticeps sogar noch inner-
halb des zweiten Drittels der Körperlänge und der After
liegt nicht vor, sondern unter ihr. Auch ist die Rückenflosse
um das Doppelte höher als beim Danziger Wal. Zur Unter-
scheidung von rostrata würde das kürzere Maul, welches noch
nicht Vö der Körperlänge einnimmt , die breitere Schnauze
und die schwarze Farbe der Barten dienen. Von der
Farbe des Thieres sagt Rudolphi nichts, und die Ab-
bildung, welche Brandt und Ratzeburg in der me-
dicinischen Zoologie von dieser Art mitgetheilt haben, und
die von Matthie ssen nach der Natur gemacht sein soll,
zeigt die Ungenauigkeit, mit der der Zeichner verfahren,
so sehr auf den ersten Blick durch die Kürze der Brust-
furchen, die schon auf der Mitte der Brust endigen, dass
man auch im Uebrigen das Vertrauen zu ihr verliert. Dass
die Barten schwarz sind, soll durch ein Skelet im Museum zu
Bergen, an dem sie erhalten sind, bewiesen werden. Im Gan-
zen kennt man diese Art nach ihrem Aeussern am wenigsten.
Besonders hervorgehoben muss hier werden, dass der
Danziger Wal auch von Malm's .Balaenoptera Carolinae
oder Cuvierius Sibbaldii Gr., wie in der Zahl der Wirbel
und in der Form des Schädels, der Halswirbel und der
ersten Rippe, so auch im Aeussern ganz verschieden ist.
Ein Blick auf die Abbildung, welche Malm von dieser Art
freilich nur nach einem Modell, aber doch nach den natür-
lichen Maassen gegeben hat, zeigt dies sogleich. Die Pro-
filansicht des Kopfes ist eine ganz andere, weil die Schnauze
steiler zu den Spritzlöchern aufsteigt und der Scheitel höher
372 Zaddach:
gewölbt ist. Das Maul nimmt wenig mehr als Ve, der Ab-
stand der Brustflossen von der Schnauzenspitze % der
Körperlänge ein. Die Bauchfurchen sind viel zahlreicher. In
der Farbe zeichnet dieser Wal sich vor fast allen Finnwalen
dadurch aus, dass auch die gefurchte Bauchseite dunkel
bleigrau und nur mit zerstreuten milchweissen Flecken
gezeichnet ist. Er hat in dieser Hinsicht nur Aehnlichkeit
mit dem im nördlichen Theile des grossen Oceans leben-
den Rhachionectes glaucus Cope *), der eine sehr interes-
sante Uebergangsform von den Glattwalen zu den Furchen-
walen bildet. Man sieht also, worauf wir später noch Be-
zug nehmen werden, dass beide Arten, der Danziger Wal
und Cuvierius Sibbaldii, in der Reihe der Furchenwale
möglichst weit von einander stehen.
Von allen Walen des nordatlantischen Oceans steht am
unsichersten da und scheint am häufigsten verkannt zu
sein B. gigas Eschr. Dies hat seinen Grund einmal darin,
dass wir von dem typischen Stücke dieser Art, dem berühmten
Ostender Wal, nur sehr unvollständige Nachrichten haben,
dann in dem Umstände, dass dieWirbelsäuledes letzteren ganz
ähnlich wie bei B. musculus eingetheilt ist, und vorzüglich
darin, dass Es ehr i cht und nach ihm Li 11 j e borg ihn mit
einem andern ganz verschiedenen Wal zusammengestellt ha-
ben, über den Es ch rieht Nachrichten durch Möller aus
Grönland erhalten hatte. So konnte es denn kommen, dass
zu ungefähr derselben Zeit Lillj e bo rg die Art zu einer
neuen Gattung Flowerius erhob, und van Beneden sie mit
B. musculus zusammenwarf. Der Irrthum Eschrichts ist
jetzt von Reinhardt berichtigt, der, wie schon erwähnt,
nachgewiesen hat, dass dieser grönländische Wal mit B.
Carolina« Malm und Cuvierius Sibbaldii Gray gleich ist.
Es ist mir nicht bekannt, dass von den Vielen, welche das
Skelet des Ostender Wals gesehen haben, als es Jahre
lang in den Hauptstädten Europas für Geld gezeigt wurde ;
irgend Jemand Dubar's irrige Angaben berichtigt hätte,
desshalb mag es nicht überflüssig sein, wenn ich hier we-
1) Siehe Scammon, the Marine Mammals of the Nortk-western
Coast of North America 1874. p. 20. Taf. II.
Beschreibung eines Finnwals. 373
nigstens einige Punkte nach den Bemerkungen bespreche,
die ich aufgezeichnet habe, als ich i. J. 1842 oder 43 das
Skelet in Königsberg sah1).
Die Länge des Ostender Wals ist vielfach übertrieben
worden (Gray spricht von 102 Fuss), weil Dubai* die
Länge des Skelets auf 31 M. angab. Diese Angabe kann
aber nur auf einem Schreibfehler beruhen, denn sie stimmt
nicht mit Dubars eigenen Messungen einzelner Theile
überein. Das Skelet war etwa 85 rheinL Fuss lang, oder
26 bis 27 M. und diese Zahl ergiebt sich auch ungefähr
aus Dubars übrigen Maassen, wenn man berücksichtigt,
dass er die Schwanzflosse oder die in ihr steckenden Wir-
bel nicht mit berechnet hat, die auf etwa 1 bis 1,5 M.
geschätzt werden können. Van Breda muss daher im Ge-
gentheil, vielleicht wegen der etwas gekrümmten Lage des
ungeheuren Thieres, zu kurz gemessen haben, wenn er die
Länge desselben auf 25 M. angiebt. Ein zweiter Fehler,
der früher zu manchen Irrthümern Veranlassung gegeben
hat, liegt inDubar's Angabe, dass der Ostender Wal 54
Wirbel gehabt habe. Dass dieses falsch ist, ist jetzt schon
lange erkannt worden, und geht aus Dubars Abbildung
der Wirbelsäule (PL 7 \ die mit einer Knorpelscheibe hinter
dem letzten sehr starken Wirbel schliesst, deutlich hervor.
Man hatte offenbar, ehe das Skelet zubereitet wurde, die
Schwanzflosse abgehauen, um sie zu trocknen, und Dubai*
hat die in ihr noch steckenden Wirbel gar nicht gesehen.
Später waren sie aus der Flosse herausgenommen und
diese wurde hinter ihnen aufgestellt, wie es die von Gold-
fuss in seinem naturhistorischen Atlas Taf. 332 gegebene
Figur darstellt. Der Ostender Wal hatte 61 Wirbel, von
denen 7 Halswirbel, 14 Rückenwirbel, 16 Lendenwirbel
und 24 Schwanz wirbel waren, wenn man von den beiden
Wirbeln, denen ein unterer Bogen angeheftet ist, den letzten
als den zu diesem Bogen gehörigen ansieht. Von den 24
Schwanzwirbeln hatten, als ich das Skelet sah, die 15 ersten
1) Dabei muss ich freilich bemerken, dass Dewhurst's Be-
schreibung des Skeletes mir nicht zugänglich gewesen ist. Jedenfalls
indessen stützen sich die späteren Angaben über den Ostender Wal
meistens auf Dubars Schrift.
374 Zaddach:
untere Bogenstücke, Dubar und Gold fuss bilden noch
ein kleines Knochenstück an dem 16. Schwanzwirbel ab,
welches inzwischen verloren gegangen sein mochte. Es
tragen also 8 oder 9 Wirbel die Schwanzflosse. In der
Eintheilung der Wirbelsäule steht daher Sibbaldius gigas
der B. musculus sehr nahe, er hat nur einen Lendenwirbel
mehr als diese Art. Dagegen ist nun, wie schon oben ge-
sagt, der Bau des Halses ein ganz anderer. Die Querfort-
sätze des 2. und 3. Wirbels waren sogar nach vorn gebogen
und nur diejenigen der 3 folgenden Wirbel wandten sich
mehr nach hinten. Es waren auch nicht nur die Querfort-
sätze des 2., sondern auch diejenigen des 3. Wirbels gross
und ringförmig, wie dies alles Dubar s Abbildung sehr
deutlich darstellt, obgleich in der Beschreibung von dem
3. Wirbel das Gegentheil behauptet wird. Ich habe sogar
angemerkt, dass auch die Querfortsätze der drei folgenden
Wirbel durchbrochen d. h. ringförmig waren, und kann mich
darin nicht geirrt haben, es müsste denn sein, dass die
oberen und unteren Fortsätze der einzelnen Wirbel an ihrer
Spitze nur durch Knorpel oder Bänder verbunden gewesen
wären. Dubars Zeichner hat sie allerdings am 5. und
6. Wirbel getrennt dargestellt. Die erste Rippe setzte sich
mit ihren beiden Schenkeln an den letzten Halzwirbel und
den ersten Rückenwirbel, an der 2. und 3. Rippe waren
Hals und Kopf vollständig ausgebildet und der letztere
dem Wirbelkörper genähert, die 4. Rippe zeigte auch einen
ähnlichen Fortsatz, doch erreichte dieser nicht die Wirbel-
körper. Die übrigen Rippen waren nur den Querfortsätzen
eingelenkt. Das zwischen den 2 Fuss breiten unteren En-
den der ersten Rippe liegende Brustbein war eine dreisei-
tige Knochenplatte, an der jede Seite etwa anderthalb Fuss
lang war. Bei den übrigen Rippenpaaren bis zur 11. waren
die einander gegenüberstehenden Rippen, wie dies bei an-
deren Walen auch der Fall ist, durch einen Knorpel zu
einem Ringe verbunden, den 3 letzten Rippen fehlte diese
Knorpelverbindung.
Endlich ist noch eine falsche Angabe Dubars in
Betreff der Länge der Hand zu berichtigen. Nach ihm
war der Oberarm 70, der Vorderarm 122, die Handwurzel
Beschreibung- eines Finnwals. 375
72, jeder der mittelsten Finger, einschliesslich die Mittel-
hand, 130 Ctm. lang. Es ist klar, dass die Handwurzel
hier zu gross angegeben ist, da sie mehr als 7b der ganzen
Handlänge betragen würde. Misst man nun in der Figur,
die Dubar von dem Armskelet gegeben hat, die einzelnen
Abschnitte, so sieht man aus dem Verhältniss der übrigen
Theile zu Du bar s Messungen, dass die Figur in Vio na-
türlicher Grösse gezeichnet ist. Da nun die Länge der Hand-
wurzel in derselben 32 Meter beträgt, so folgt, dass statt
72 Ctm. 32 Ctm. zu lesen ist, und dass mithin die ganze
Hand 1,62 M. und der ganze Arm nicht 4,10 M., wie Dubar
sagt, sondern 3,52 M. lang war, was denn auch mit van
Breda's Messungen an der Brustflosse übereinstimmt1).
In den äusseren Körperverhältnissen -zeichnet sich
der Ostender Wal vor allen übrigen durch geringe Grösse
des Mundes aus, die Mundspalte nimmt nach vanBreda's
Messungen, wie unsere Tabelle zeigt, nur 5/o des Raumes
zwischen der Schnauzenspitze und der Brustflosse ein, und
dieses Verhältniss wi rdnoch etwas kleiner werden, da,
wie wir gesehen haben, die Länge des ganzen Thieres von
van Breda zu klein angegeben ist. Durch dieses Merk-
mal muss die Art von B. musculus und B. rostrata auf den
ersten Blick zu unterscheiden sein. Andere Eigenthümlich-
keiten lassen sich aus den dürftigen Messungen nicht er-
kennen. Ich weiss auch nicht, woher Lilljeborg die
Beobachtung genommen hat, dass die Rückenflosse auffallend
klein und ungewöhnlich weit nach hinten gerückt sei, ja
sogar, wie er sagt2), am vorderen Ende des letzten Fünf-
tels der Körperlänge liege. VanBreda konnte wegen der
Lage des Thieres an die Rückenflosse nicht herankommen,
und Dubar sagt nur, dass sie über dem After lag, der wie
1) Wahrscheinlich gehört zu dieser Art das Skelet des Brüs-
seler Museums, welches Fl o wer (Proceeding zool. Soc. 1864. p. 397),
und nach ihm Gray (Catalogue 1866. p. 174) zu Sibbaldius laticeps
gezogen haben. Es scheint nach der Beschreibung Flowers in allen
Stücken mit dem Skelet des Ostender Wals übereinzustimmen.
2) Lilljeborg, On two subfossil Whales discovered in Sweden,
with 11 Plates, Upsala 1867. 4. p. 11 aus den Nova Acta reg. soc.
sc. Upsaliensis 1868.
376 Zaddach:
bei allen Furchenwalen in 7/io der Körperlänge von der
Schnauze entfernt lag. Danach lag also die Rückenflosse,
wie bei B. musculus und B. Sibbaldii am hintern Ende des
dritten Viertels. Wenn der Wal von Charmouth, über den
Gray nachYarrell einige Mittheilungen macht, zuB. gigas
zu rechnen ist, wie es aus den Angaben über das Skelet
ziemlich sicher zu sein scheint, so würde eine der dort an-
geführten Messungen das Vorhergehende bestätigen ; danach
liegt die Rückenflosse nämlich noch etwas mehr als 1/i
der Körperlänge vom Schwanzende entfernt. Lilljeborgs
Angabe scheint daher ihren Ursprung noch in der falschen
Zusammenstellung mit Möllers grönländischem Wale zu
haben. Wir erkennen im Gegentheil in der regelmässigen
Lage der Rückenflosse und des Afters ein sicheres Unter-
scheidungsmerkmal von Sibbaldius laticeps.
Wenn endlich die Beschreibung, welche Sweeting1)
von einem Wal gegeben hat, den er Balaenoptera tenui-
rostris nennt, sich auf denselben Wal von Charmouth be-
zieht, wie es Gray für ausgemacht hält, so würde dies
ebenfalls für unsere Kenntniss von dieser Art sehr wichtig
sein, denn wir erhalten dadurch genauere Nachricht über
die Farbe wenigstens des halb erwachsenen Thieres. Hier-
nach ist die ganze Oberseite des Körpers mit Einschluss
der Oberseite der Brustflossen schwarz, die Innenseite der
Brustflossen, die Kehle, die Brust und der Bauch sind schön
weiss, schwarz soll aber auch der Unterkiefer (inside(?)
of the under jaw) sein, die Furchen am Bauche dagegen
sollen röthlich und die Barten blauschwarz und gelblich
weiss sein. Bezieht sich dieses alles auf denselben Wal,
über dessen Skelet Yarrell berichtet, so würde die fleckige
Farbe der Barten nicht mehr ausschliessliches Merkmal für
Balaenoptera musculus bleiben.
Endlich ist von den aus dem nördlichen atlantischen
Ocean bekannten Walen noch diejenige Art zu erwähnen,
welche Gray als Benedenia Knoxii aufführt. Sie soll ein
Verbindungsglied zwischen den Gattungen Megaptera und
1) Im Mag. of Nat. Hist 1840. p. 342, angeführt in Gray's
Catalogue 1866. p. 177.
Beschreibung eines Finnwals. 377
Balaenoptera sein, indem sie mit jener die Form der Wir-
bel, mit dieser die Form der Vordergliedmassen gemein
hat. Von anderen Schriftstellern dagegen, wie von Lillje-
borg, wird die Selbstständigkeit* dieser Art bezweifelt. Ich
kann eine genauere Vergleichung unseres Wales mit dieser
Form nicht anstellen, sie wird aber wohl in keinem Falle
bei Bestimmung desselben von besonderer Wichtigkeit sein.
Ebenso wenig bin ich im Stande, die von meinem verehr-
ten Collegen August Müller nach einem an der preussi-
schen Küste gefundenen Schädel -Bruchstücke aufgestellte
Art Balaenoptera svncondylus zu besprechen, obgleich ich
die Vermuthung nicht unterdrücken kann, dass sie mit
Balaenoptera musculus zusammenfallen möchte.
Nachdem wir so auch aus den äusseren Körperver-
hältnissen für die bisher genauer bekannten nordeuropäi-
schen Arten von Furchenwalen bestimmte Merkmale ge-
wonnen haben, sind wir auch auf diesem Wege zu dem
Schlüsse gekommen, dass der Danziger Wal nur einer der
beiden Arten, Physalus antiquorum Gr., der gleich ist der
Balaenoptera musculus anderer Schriftsteller, oder Ph. Du-
guidii, dem Orkney -Wale, angehören kann. Die letztere
Art soll sich, wenn sie überhaupt als besondere Art anzuer-
kennen ist durch eine abweichende Form der Halswirbel
auszeichnen. Obgleich jch in dieser Hinsicht den Danziger
Wal nicht genau vergleichen kann, so glaube ich doch nicht,
dass seine Halswirbel die Formen des Physalus Duguidii
haben, sondern nehme an, dass er zu der gewöhnlichen
Art, Balaenoptera musculus, gehört, derjenigen, die am
häufigsten an den verschiedenen Küsten der Nordsee beob-
achtet ist und die weitesten Wanderungen südwärts, sogar
bis ins mittelländische Meer hin unternimmt. Das Skelet
dieser Art ist vielfach beschrieben und nur in zwei wesent-
lichen Stücken scheint das Skelet des Danziger Wals von
ihm abzuweichen, in der Zahl der Rippen und in der Ver-
wachsung des 3. und 4. Wirbels. Gewöhnlich wird ange-
geben, dass B. musculus 15 Rippenpaare habe, aber in
einzelnen Fällen sind auch nur 14 beobachtet worden. So
zählte Campanyo an dem Wal von St. Cyprien nur 14
Rippenpaare, und das grosse Skelet in Antwerpen, welches
378 Zaddach:
van Beneden beschrieben hat, hat auch nur so viele,
und es ist sehr fraglich, ob die Vermuthungen begründet
sind, durch welche man wahrscheinlich zu machen gesucht
hat, dass auch in diesen Fällen noch ein 15. Rippenpaar
vorhanden gewesen ist. Ueberdies hat Flower gezeigt,
dass das letzte Rippenpaar selbst bei ganz erwachsenen
Thieren zuweilen unvollkommen ausgebildet und ohne Zu-
sammenhang mit den Wirbeln bleibt. Dagegen ist die Ver-
wachsung zweier Halswirbel bei B. musculus, so viel ich
weiss, bisher nie beobachtet worden, sie soll unter allen
europäischen Furchenwalen nur bei B. rostrata zuweilen
vorkommen.
Nicht so sicher bekannt wie das Skelet sind die äus-
seren Körperverhältnisse von B. musculus, man weiss in
dieser Hinsicht bis jetzt keineswegs, welche Merkmale für
diese Art beständig sind. Es bleibt mir daher noch übrig,
den Danziger Wal mit denjenigen Walen zu vergleichen,
die als Balaenoptera musculus nach ihrem Aeussern ge-
nauer beschrieben sind, um zu untersuchen, inwiefern die
für ihn gefundenen Merkmale als Artmerkmale zu betrach-
ten sind. Ich werde hierzu die bekannten Beschreibungen
von Sars, Schlegel, Rosenthal und Hornschuch1)
und die 1869 von Flower2) gegebene Beschreibung eines
bei Längs ton todt in der See gefundenen Wales benutzen,
und stelle in der folgenden Tabelle die an diesen Thieren
genommenen Maasse zusammen, indem ich, wie in der
ersten Tabelle, ihnen die Zahlen hinzufüge, die ihr Ver-
hältniss zur Körperlänge anzeigen. Auch hier würde die
Vergleichung sehr viel vollständiger angestellt werden kön-
nen, wenn die Beobachter sich über die wichtigsten Mes-
sungen, die an den Walen vorzunehmen sind, einigen
möchten.
1) Rosenthal et Hornschuch, Epistola de Balaenopteris
quibusdam ventre sulcato distinctis. Gryphiae 1825.
2) Flower, Note on four Specimens of the Common Finwhale
(Physalus antiquorum Gr., Balaenoptera musculus aut.) stranded on
the South Coast of England. Proceedings Zool. Soc. 1869. III. 604
Fl. 47.
Beschreibung eines Finnwals.
379
380
Zaddach:
Beschreibung eines Finnwals. 381
Keine der hier benutzten Beschreibungen ist so genau,
wie diejenige, welche Sars uns von dem auf den Lofoten
beobachteten Wale gegeben hat, und ich habe auf sie des-
halb bei der Beschreibung des Danziger Wales schon mehr-
mals Rücksicht genommen. Diese Thiere stimmen in allen
wesentlichen Verhältnissen sehr wohl mit einander überein,
in der Profil- Ansicht des Oberkopfes, in der Wölbung des
Unterkiefers, in dem Verhältniss zwischen der Länge des
Maules und der Entfernung der Brustflossen von der Schnau-
zenspitze, in der Lage der Rückenflosse und des Afters zu
dieser ; auch die Form der obern Fläche des Kopfes ist
in beiden wohl dieselbe, wenngleich der Kiel in der Mittel-
linie bei dem Norwegischen Stücke etwas stärker vortritt.
Sehr wichtig ist auch die Uebereinstimmung in der Farben-
vertheilung in manchen Stücken, namentlich also darin,
dass die dunkele Farbe des Rückens an den Seiten des
Schwanzes tief hinabsteigt und hinter dem After einen
weissen Streifen scharf begrenzt, eine eigenthümliche Fär-
bung, deren .sonst in keiner Beschreibung Erwähnung ge-
schieht. Dagegen scheinen einzelne Verschiedenheiten in
der Färbung von geringerer Bedeutung. Dass die weisse
Farbe am Bauche bei dem norwegischen Wale sich weiter
ausdehnt, an der Seite vor den Brustflossen einen zwei-
flügeligen Flecken bildet, und von der Unterseite auf den
vordem Rand der Brustflosse übertritt, während die dun-
kele Farbe sich am Mundwinkel tiefer hinabzieht und son-
derbarer Weise sich auf der linken Seite des Unterkiefers
weiter ausdehnt, als auf der rechten. Diese so wie
manche kleinere Formverschiedenheiten könnten dadurch
erklärt werden, dass das von Sars beschriebene Thier et-
was älter und andern Geschlechtes war, als der Danziger
Wal. Von solchen Formverschiedenheiten sind noch zu
erwähnen, dass der Sars'sche Wal etwas weniger schlank
war (die Dicke betrug 1/6 der Länge), dass der Schwanz
vor der Schwanzflosse im Verhältniss zur Höhe noch schmä-
ler war, dass die Rückenflosse dem angegebenen Maasse,
wenn auch nicht der Zeich ung nach höher gewesen zusein
scheint, dass die Schwanzflosse in der Abbildung kürzer
erscheint und dass im Verlaufe der Furchen kleine Ab-
382 Z a d d a c h :
weichungen vorkommen. Die wichtigste Verschiedenheit ist
ohne Zweifel die schon früher besprochene Abweichung
in der Form der Brustflosse, die einzige, welche Bedenken
erregen könnte, beide Thiere für gleich zu halten, indessen
glaube ich, das man auch auf diesen Unterschied so grossen
Werth nicht legen darf, und zwar um so weniger, da der
innere Bau der Gliedmassen, d. h. das Verhältniss des Vor-
derarms zur Hand in beiden Thieren genau übereinstimmt,
in beiden also die Hand kürzer ist als der Vorderarm,
ein Verhältniss, was bei keiner andern Art vorkommt. Es
scheint mir also ganz unzweifelhaft, dass beide Thiere, der
Wal von den Lofoten und der Wal von Danzig, derselben
Art angehören.
Ich habe auf dieseVergleichung so genau eingehen müssen
weil sie von weiterer Bedeutung ist. Leider ist von dem nor-
wegischen Wale das Skelet verloren gegangen, es gelang
Sars nur aus den Trümmern desselben einige wenige Kno-
chen, darunter die ersten Halswirbel zu retten. Wahr-
scheinlich nach der Form dieser und — wie es bei Beur-
theilung der Wale Mode geworden ist — ohne Rücksicht
auf die übrigen Verhältnisse hat Gray in seinem letzten
Werke l) den von Sars beschriebenen Wal zu der Art Cu-
vierius Sibbaldii gezogen d. h. der von Malm beschriebe-
nen Balaenoptera Carolinae gleich gestellt. Eben deshalb habe
ich oben ausführlich auseinander gesetzt, wie der Danziger
und der von Malm beschriebene Wal so weit von einan-
der verschieden sind, als das zwischen zwei Arten der
Furchenwale möglich ist, sowohl nach ihren äusseren Merk-
malen und der Farbe, als auch nach ihrem Skeletbau, und
dasselbe muss nun auch natürlich von dem Sars'schen
Wal und der Bai. Carolinae gelten. Da drängt sich
uns unwillkürlich die Frage auf, ob die Merkmale, auf
welche die Cetologen die Bestimmung der Wal-Arten bisher
begründet haben, überhaupt brauchbar und stichhaltig sind,
wenn sie es möglich machen, zwei so verschieden gestal-
tete Thiere einander gleich erscheinen zu lassen?
1) Supplement to the Catalogue of Seals and Whales. 1871.
p. 54.
Beschreibung eines Finnwals. 383
Mit beiden so eben verglichenen Thieren stimmt
auch der von Flower beschriebene Finnwal in den wichtig-
sten äusseren Körperverhältnissen tiberein. Die Länge der
Mundspalte, die so wichtig zur Bestimmung der Arten der
Wale ist, ist zwar nicht unmittelbar gemessen, aber das
Auge liegt zu der Schnauzenspitze und zu der Brustflosse
ähnlich wie beim Danziger Wal. Im Ganzen erscheint der
Kopf noch etwas gestreckter, ein Unterschied, der vielleicht
dem Alter und der Grösse des Thieres zugeschrieben werden
kann. In der Abbildung, welche Flower mittheilt, erscheinen
die Spritzlöcher ungewöhnlich weit nach vorn gerückt,
aber die Maasse zeigen, dass dies nur auf einem Fehler
des Zeichners beruht. Von der Farbe des Thieres konnte
leider nichts erkannt werden, da die Oberfläche schon von
Fäulniss zerstört und zerrissen war ; auch das Skelet konnte
nicht untersucht werden.
Ohne Zweifel ist auch der von Rosen thal undHorn-
schuch beschriebene Furchenwal, der 1825 auf Rügen
strandete, den vorhergehenden zuzugesellen. In der Tabelle
habe ich neben die ihm zugehörigen Maasse zwei Verhält-
nisszahlen gestellt, die einen beziehen sich auf die Körper-
länge von 47' 7", die anderen auf die Länge von 44' 10".
Die Verfasser der epistola geben nämlich S. 5 die Länge
von der Spitze des Unterkiefers bis zur Schwanzflosse auf
44' 10" an und sagen dann p. 10, die Schwanzflosse sei
2' 9" lang. Quodsi hujus pinnae magnitudo adnumeretur
reliqui corporis mensurae, totius animalis longitudo 46 ped.
attingit. Die Summe ist aber 47' 7", und es scheint daher
schon hier einige Unsicherheit obzuwalten. Nimmt man
nun diese Zahl als Einheit und berechnet danach die übri-
gen Maasse, so werden alle Verhältnisszahlen etwas kleiner
als bei dem Wale von Danzig, obgleich die Verhältnisse
der Theile unter einander dieselben sind; nimmt man aber
44' 10" als Körperlänge an, so stimmen die Verhältnisszahlen
mit denen des Danziger Wals aufs genaueste. Welche von
beiden Zahlenreihen nun die richtigere ist, lässt sich nicht
mehr entscheiden, ist aber für unsern Zweck auch ziem-
lich gleichgültig. Dagegen muss ein anderes Versehen bei
den Messungen jedenfalls vorgekommen sein. Die Ent-
384 Zaddach:
fernung der Spritzlöcher von der Schnauzenspitze ist so
gross angegeben, dass diese danach gerade über den Augen
hätten liegen müssen, was wohl niemals der Fall sein kann.
Ehe Sars seine Abhandlung schrieb, galt die zweite
Abbildung, welche Schlegel von einem an der holländi-
schen Küste 1841 gestrandeten Finnwal gegeben hatte, für die
beste Abbildung der B. musculus, und sie ist, schon seit mehr
als 30 Jahren bekannt, gleichsam typisch für diese Art
geworden. Indessen schon der erste Blick auf dieselbe
zeigt uns, dass bei diesem Thiere der Kopf ein ganz anderes
Verhältniss zum Körper hat als bei den vorher beobachteten
Walen. Denn das Maul nimmt hier kaum mehr als die
Hälfte des Raumes zwischen Schnauze und Brustflosse ein.
Es kann kein Gedanke daran sein, dass hier ein Zeichen-
fehler vorliege, denn Schlegel hatte, als er diese Zeich-
nung entwarf, den grossen Vortheil, mehrmals Wale beob-
achtet und dieselbe Art schon einmal gezeichnet zu haben,
es kam nur darauf an, die vorhandene Abbildung mit den
wiederholten Beobachtungen zu vergleichen und zu ver-
bessern. Auch bestätigen die Ausmessungen durchaus die
Verhältnisse der Zeichnung, sie ergeben sowohl für das
Auge, wie für die Spritzlöcher viel geringere Abstände
von der Schnauze als bei den übrigen Walen. Etwas weiter
als bei diesen, aber keinesweges der Kieferlänge entspre-
chend weit vorgerückt sind auch die Brustflossen. Zu dieser
sehr wesentlichen Verschiedenheit kommt dann noch der
schon früher besprochene eigenthümliche Verlauf der Furcheu
hinter dem Mundwinkel und hinter den Brustflossen. End-
lich ist auch, wie bekannt, die Farbe bei Schlegels Wal
eine ganz andere, auf der ganzen Oberseite des Körpers und
am Unterkiefer glänzend schwarz, unten weiss ; wo beide
Farben zusammenstossen, erscheint die Haut marmorirt, doch
schneiden sie ziemlich scharf gegen einander ab. Man hat
bis jetzt mit mehr oder weniger Bedenken alle diese Ver-
schiedenheiten für zufällige Abänderungen gehalten, ich
sehe indessen nicht ein, warum man bei Bestimmung der
Wale anders als bei allen übrigen Thieren verfahren und
auf die äusseren Merkmale gar keinen Werth legen soll,
und halte daher die beiden von Schlegel beschriebenen
Beschreibung eines Finnwals. 385
Wale für eine von Balaenoptera musculus ganz verschie-
dene Art. Sars ist der Meinung, dass die erste von Schle-
gel gegebene Abbildung1) eine andere Art als die zweite
darstelle und wegen des wenig ausgeschweiften Oberkiefers
zu Sibbaldius laticeps gehöre. Das ist aber unmöglich, weil
ihr ausserdem alle Merkmale fehlen, welche diese Art be-
zeichnen, sie vielmehr sonst in allen wesentlichen Verhält-
nissen mit der zweiten Abbildung tibereinstimmt.
Es ist nun in der That nach den obigen Erörterungen
über die nordeuropäischen Wale auch nicht schwer zu ent-
scheiden, welcher Art die Schlegelschen Wale angehören.
Es kann dies nur Sibbaldius gigas sein, denn nur bei dieser
Art ist die Mundspalte so klein, dass sie wenig über die
Hälfte (wir fanden für den Ostender Wal 5/9) des Raumes
zwischen Schnauze und Brustflosse einnimmt. Gegen diese
Bestimmung spricht nichts, während eine Vereinigung mit
irgend einer andern der bekannten europäischen Arten
ganz unmöglich ist. Ich habe deshalb in der ersten Ta-
belle die Maasse des Schlegelschen Wales neben diejenigen
von Sibbaldius gigas gestellt, und man wird überall, wo
eine Vergleichung möglich ist, eine hinreichende Ueber-
einstimmung erkennen.
Denken wir nun noch an den Wal von Charmouth
und an die oben besprochene Beschreibung, welche Swee-
t i n g von der Farbe dieses Thieres gegeben hat, so finden
wir diese Beschreibung auf den Seh leg ersehen Wal so
genau passend, als ob sie nach ihm entworfen wäre. In
einem einzigen nebensächlichen Punkte findet sich eine Ab-
weichung, darin nämlich, dass S w e e t i n g die Brustfurchen
röthlich, Schlegel bläulich schwarz nennt, aber diese
Farben mögen nach dem Tode des. Thieres, je nachdem
die Verwesung vorschreitet, in einander übergehen ; Rosen-
thal und Hornschuch fanden an dem Wal von Rügen
die 6 mittelsten Furchen röthlich und die übrigen grau.
Ich zweifele also nicht, dass man zu den oben für Sibbal-
dius gigas zusammengestellten Merkmalen den von Schlegel
1) Im ersten Hefte der Abhandlungen aus dem Gebiete der
Zoologie und vergleichenden Anatomie Taf. 6.
Archiv f. Naturg. XXXXI. Jahrg. Bd. 1. 25
386 Zaddach: Beschreibung eines Finnwals.
beobachteten eigentümlichen Verlauf der Furchen als ein
vortreffliches äusseres Merkmal hinzufügen darf.
Allerdings ist nun die Bestätigung dieser neuen Be-
stimmung des SchlegeFschen Wales durch Untersuchung
des Skeletes wünschenswerth. Diese Arbeit muss ich An-
deren überlassen, bemerkenswerth aber ist es, dass die von
Schlegel (a. a. 0. S. 42) gegebene Beschreibung des
Skeletes, die sich freilich nicht auf das abgebildete Thier
bezieht, sondern allgemeiner für seine B. arctica, unter
welchem Namen er bekanntlich alle europäischen Wale
zusammenfasst, gelten soll, nicht auf das Skelet von B. mus-
culus, der Hauptsache nach aber wohl auf das Skelet von
Sibbaldius gigas passt. Das Skelet des zweiten von Schle-
gel abgebildeten Thieres, welches anfangs an Privatleute
verkauft war, soll später noch an das Leydener Museum
gekommen, dort auch einst von E schriebt besehen und
als zu B. musculus gehörig anerkannt sein. Wenn dies
richtig ist, so muss man schliessen, dass nicht nur die frischen
Thiere, sondern auch die Skelete beider Arten häufiger
mit einander verwechselt worden sind, und darauf mag
es beruhen, dass van Beneden beide Arten in eine zu-
sammenziehen und sogar die Einfachheit oder das Gespal-
tensein der ersten Rippe als kein die Art bestimmendes
Merkmal anerkennen will. Ich bin der Meinung, dass es
sich immer mehr herausstellen wird, dass die Wale nicht
mehr als andere Thiere abändern, und hoffe, dass durch
die vorstehenden vergleichenden Untersuchungen ein viel
klareres und deutlicheres Bild sowohl für B. musculus als
für Sibbaldius gigas gewonnen sein wird, als man bisher
nach den verworrenen und unbestimmten Angaben haben
konnte. Die Merkmale, welche ich oben als die wesent-
lichen aus der Beschreibung des Danziger Wals heraus-
gehoben habe, können als charakteristische Merkmale der
Art Balaenoptera musculus betrachtet werden.
UniversitätR-Bußkdmckerei von Carl Georgi in Bonn.
1875.
Taf I
(mm
(rxm
(,'.
C.F. Schmidt litfl.
1875.
Taj.ll.
vo 71 Linstoxo aex
C.F. Schmidt h'th
187$.
Tat. IV
ocn linstom qex.
C. F. SchmuJ-1 UtTir .
18Y5.
Taj. W.
tith. C.F.Schmidt.
1875
Tuf VE
AvitoT del
C F. Schmidt Uth.
Taf.JX.
0
»Mmm
MBL/WHOI LIBRARY
WH 1ÖPU R
T^
töSSjP^Fs
« ^.%e stjfe
ofc-
ä^sse
% ^k^^l^^^^^^^^^^Sf