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ARCHIV
FOR
NATURGESCHICHTE.
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN,
FORTGESETZT VON W. F. ERICHS ON.
N VERBINDUNG MIT
PROF. DR. GRISEBACH IN GÖTTINGEN ,
PROF. DR. VON SIE BOLD IN MÜNCHEN, PROF. DR. A.WAGNER
IN MÜNCHEN UND PROF. DR. LE UCK ART IN GIESSEN.
HERAUSGEGEBEN
YOH
Bb. f. H. TZtOSCHEI.y
PROFESSOU AN DER FRlEDRICH-WiLHELMS-UHIVERSITÄT Zu BONN.
ZWANZIGSTER JAHRGANG.
Erster Band«
BERLIIN, 1854.
VERLAG DER NICOLAPSCHEN BUCHHANDLUNG,
Vi
Inhalt des ersten Bandes.
Monographie der Ostracoden. Von Dr. Zenker. (Hierzu
Taf. 1-VI.)
üeber die Cyciopiden des süssen Wassers. Von Demselben
(Hierzu Taf. VI. Fig. 8—14.)
lieber Asellus aquaticus. Von Demselben. (Hierzu Taf. VI
Fig. 3-6.)
System der Crustaceen. Von Demselben
Beiträge zur Kenntniss der Pteropoden. Vom Herausgeber.
(Hierzu Taf. VIII— X.) . . . .
Seile
1
88
103
108
Critik der Erichson'schen Gliedmassentheorie. Von Demselben 118
Beiträge zur Kenntniss der Vegetationsverhältnisse oberhalb der
Schneelinie. Von Adolph Schlagintweit . . 139
üeber eine neue Familie von Fischen aus Californien. Von L.
Agassiz. Uebersetzt vom Herausgeb er . . . 149
üeber die systematische Stellung der Gattung Embiotoca. Be-
merkung zur vorigen Abhandlung. Vom Herausgeber 163
üeber die Schw^immblase in der Familie Gymnolini. Von J.
Reinhardt. Aus dem Dänischen übersetzt vom Her-
ausgeber . 169
Beschreibung zw^eier neuer Siphonostomen-Gattungen. Von Dr.
A. Gerstaecker in Berlin. (Hierzu Taf. VII.) . . 183
196
IV Inhalt.
Seite
Einiges über die Mundlheile der saugenden Insecten. Resultate
aus Gerstfeld's Abhandlung über diesen Gegenstand. Von
Prof. Dr. E. Grube 242
riachträge zu den „Bemerkungen über die PiiyHopoden/«- Von
Demselben 247
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Wizza. Von Rud.
Leuckart in Giessen. (Hierzu Taf. XI— XIll.) . . 249
]IIoiiog:rapliie der Oistracodeu.
Von
Dr« Zenker.
Hierzu Taf. I— VI.
Einleitung^.
Erste Kenntniss. Die erste Cypris, dieLinne in
seinem „Systema nalurae« aufführte, nannte er Monoculus con-
cha pedata und in diesem Namen drückte er völlig den Ein-
druck aus, den der erste Anblick eines solchen Thierchens
auf denBeschauer macht. Wir sehen einThiervor uns, von
2 Schalen eingeschlossen wie eine Muschel , und an Gestalt
oft nicht unähnlich den Unionen undAnodonten unserer süs-
sen Gewässer. Nur ein schwarzer Fleck, den wir sogleich
als Auge erkennen , könnte uns Misstrauen gegen die Mu-
schelnatur des Thierchens einflössen. Da plötzlich öffnen
sich seine Schalen und statt der Athemröhren bricht unge-
stüm eine Anzahl langer verschieden gekrümmter Gliedmassen
hervor, arbeitet mit einer Geschwindigkeit, der unsere Au-
gen kaum folgen können, scheinbar regellos hin und her und
bewegt dabei den kleinen Körper mit Leichtigkeit in schnur-
gerader Richtung vorwärts.
So wunderbar und seltsam dieser Anblick jedem Laien
erscheint, so ganz gewöhnlich ist er dem Zoologen, der in
Gräben und Teichen nach wirbellosen Thieren sucht. Ja
diese Thierchen sind so zahlreich in unsern stehenden Ge-
wässern und dabei so gefrässig , dafs oft manche andere
Thierart von zarterer Körperbedeckung ganz von ihnen aus-
gerottet und dadurch manche Erwartung des Zoologen zer-
AtcUv f. Naturgescb. XX. Jahrg. Bd. 1. l
2 Zenker
stört wird. Später freilich steht es auch um die armen Cy-
priden schlimm, die sich selbst ihrer Nahrung- beraubt haben.
Sie sinken vom Höhepunkt ihrer quantitativen Enlwickelung
schnell herab und oft stirbt so die ganze Generalion völlig
aus. Dann ruht allein auf dem Boden des Gewässers in den
Eiern , welche an den Blättern der Wasserpflanzen haften,
der Keim für die Enlwickelung neuer Generationen , welche
bald von der Sonnenwärme erweckt, ohne irgend ältere Thiere
ihrer Art zu sehen, ein neues Leben beginnen.
Stellung und Einlheilung. lieber den ungefäh-
ren Platz dieser so häufigen Thierchen im Systeme desTliier-
reichs war man bald klar geworden. Schon Linne stellte
sie zu denKrustenlhieren, wenn auch mit fremdartigen Thie-
ren (Daphnoiden und Cyclopiden) in eine Galtung Monoculus
vereinigt.
Dem fleissigen Durchsucher „des süssen und salzigen
Wassers,« dem ruhmvollen Dänischen Zoologen 0. F. Mül-
ler gelang es, Thiere von nahe demselben Körperbau auch
im Meere wiederzufinden. Aber sie waren nicht wie die
munteren Muschelkrebse des süssen Wassers, die mit ihren
Armen und Beinen so unermüdlich arbeiteten und so behen-
de herumschwammen: sie hallen schwere Schalen und matte
Gliedmassen, die nur zum Anklammern und Kriechen dienen
konnten. Sie schleppten sich wie Schildkröten im Miniatur-
maassstabc langsam von Ort zu Ort, von Zweig zu Zweig
an den Wasserpflanzen entlang oder die Wände des Glases
hinauf. So in der Lebensart und entsprechend im Gliedma-
fsenbau unterschieden, trennte 0. F. Müller die Muschel-
krebse in die beiden Gattungen Cypris und Cythere und be»-
schrieb dieselben in seinem schönen Werke „Entomostraca
seu Insecta testacea* 1785.
Zu diesen ist, aus fernen Oceanen hergeführt, in neuerer
Zeit noch eine Reihe lebender Gattungen hinzugefügt, als
Cypridina (M. Edvv.), Lepidurus (Leach), Conchaecia (Dana),
Candona (Baird), Asterope (Philippi) O- Wenn auch die
1) Milne Edwards Histoire naturelle des Crustaees 1840.
Tome JIL pag.409. pl.36. Dana in den Proceedings of the Ameri-
Monographie der Ostracoden. 3
Anatomie dieser seltneren Galtungen noch durcliaus nicht
genügend aufgelilärt ist , so scheinen sie doch wohl den
Cytheren näher zu stehen, als den Cypriden. Es lassen sich
mithin die Ostracoden, unter welchem Namen wir mitMilne
Edwards die sämmtlichen Muschelkrebse zusammenfassen,
in 2 Abiheilungen bringen, die durch Körperbau, Aufenhalt
und Lebensweise getrennt sind:
1) die Cypriden oder Süfswasser-Ostracoden und
2) Cytheriden oder See-Ostracoden.
Wir bezeichnen diese Abtheilungen einstweilen als Fa-
milien, ohne dadurch die Bildung von Unterfamilien verhin-
dern zu wollen, die bei näherer Kennlniss der jetzt lebenden
Ostracoden gewiss als wünschenswerth hervortreten wird.
Die Cypriden, bisher als einzige Galtung Cypris bekannt,
Iheilcn wir in die beiden Gattungen Cyprois und Cypris,
letzlere in die Untergattungen Cypris und Cypria. Die nä-
here Erörterung und Begründung dieser Eintheilung wird
im 2ten Theile dieser Abhandlung ihren Ort finden.
Die nur fossilen Gattungen Cytherina (Bronn.) ; Cyprella
u. Cypridella (De Konink.) ; Cytherella, Bairdia u. Cytheridea
(Bosquet) gehören, scheint es, alle zu den Cytheriden.
Geologische Verbreitung. Die Cytheriden fin-
den sich in ununterbrochener Reihe von dem ältesten
Kohlenkalke an in den Ablagerungen jedes Alters wieder;
auch die Cypriden sind schon in den ältesten Süsswasserbil-
dungen des Wälderthons vorhanden. Bosquets i) erfolg-
reiche Untersuchungen der Maestrichter Kreide und der ter-
tiären Ablagerungen Frankreichs und Belgiens hat uns mit
can Academy of Arts and Sciences 1847. 1849. Vol. II. W. Baird
Description of several new species of Entomostraca iu den Annais
and Magazine of natural history 1852. Ser, II. Vol. X. p. 56. Phi-
lip p i und L e a c h unbekannt.
1) Bosquet, Description des Entomostracees fossiles de la
craie de Maestricht in den Memoires de la Societe royale des Scien-
ces de Liege Tome IV. 1847. u. Descript. d.Entoin. foss. des terrains
tertiaires de la France et de la Belgique in den Mem. d. Savans etr.
publ. p. l'Academie royale des sciences des lettres et des beaux-arts
de Belgique T. XXIV. 1850-51. pag. 1. Pl.I-VL
4 Zenker:
einer so grossen Zahl neuer Arten und Gattungen wahrhaft
überrascht , dass wir daran sehen , wie lückenhaft unsere
Kenntniss der fossilen Formen noch dasteht. Es ist daher
unmöglich, den Zeitpunkt der höchsten Artenentwickelung
für die Ostracoden anzugeben; dagegen scheint es, als ob
im Allgemeinen die Ostracoden früher grösser gewesen wä-
ren, als jelzt. Die lebenden kommen nicht überLinsengrösse
hinaus, während die Cylherina baltica unserer Norddeutschen
Geschiebe schon einer Bohne gleicht und in den Böhmischen
Gebirgen, nach einer mündlichen Aeusserung des berühmten
Geognosten Barande, Ostracoden von 1 72 Zoll Länge vor-
kommen.
In wie weit die fossilen Galtungen in ihrer Organisa-
tion von den lebenden abweichen, ist nur an solchen Exem-
plaren genauer zu erkennen , deren Gliedmassen noch wohl-
erhalten in der Schale eingeschlossen liegen. Ich halte
die Auffindung solcher Exemplare für sehr möglich, da ich
wenigstens in einem Sehleswigschen Thon jüngster Bildung,
den mir Hr. Prof. Beyr ich zur Untersuchung gab, in meh-
reren Exemplaren der Cylh. lutea Müll, noch manche Glied-
massen völlig erhalten fand. Ich empfehle für Untersuchun-
gen in dieser Bichtung wie für die lebender Arten und be-
sonders für die Aulbewahrung der erhaltenen Präparate die
Anwendung des Glycerins, welches in der That fast in allen
Theilen der Mikroskopie die kühnsten Erwartungen noch
übertrifft.
Anatomische Kenntniss. Die anatomische Un-
tersuchung der Ostracoden bietet viele nicht geringe Schwie-
rigkeiten. Der Körper derselben , wenn auch für mikrosko-
pische Untersuchung allein geeignet, ist doch so undurchsich-
tig und so dick, dass für die blosse Beobachtung die anato-
mischen Verhältnisse durchaus unzugänglich bleiben. Um
also zu meinem Besultate zu gelangen, mufs man diese win-
zigen Thierchen von V^"' — 1 'A'" Länge einer eigentlichen
Section unterwerfen, bei welcher durchschnittlich die Schärfe
des Besultats mit der Schärfe des Messers in Proportion steht.
Durch Tödtung der Thiere in kochendem Wasser oder Es-
sigsäure erhält man die Schalen geöffnet und leicht ablös-
bar. Ebenso werden durch kochendes Wasser alle Muskeln
Monographie der Ostracoden. 5
erschlafft und daher alle erectionsfähigen Organe erigirt.
Wichtiger aber als alle Untersuchung präparirter Exemplare
ist die häufige Seclion der lebenden , die allein ein klares
Bild des inneren Zusammenhangs der einzelnen Theile giebt.
Bei einer solchen Section muss sich der Anatom erst mittelst
des Mikroskops und oft mit den stärksten Objeclivlinsen auf
dem Objectivglase über die Lage der einzelnen auseinander-
gezerrten Theile des Thierkörpers orientiren, ehe er nun mit
blossem Auge oder höchstens unter einer Loupe den sichern
Schnitt führen kann. Besonders viel Mühe habe ich in die-
ser Beziehung bei den so complicirten Begattungsgliedern
gehabt, sowie bei manchen andern Körpertheilen.
Wegen der eben erwähnten grossen Schwierigkeiten
ist es nicht auffallend , dass die Anatomie der Ostracoden
nur von wenigen Forschern und mit verschiedenem Erfolg
bearbeitet worden ist.
Die ersten Beobachtungen hierüber stellte 0. F. Mül-
ler an, welcher fand, dafs die Cypriden 1 P. Antennen und
3 P. Füsse, die Cytheren dagegen 1 P. Antennen und 4 P.
Füsse hatten.
Die Resultate der anatomischen Untersuchungen von
Ramdohr, Treviranus und Jurine 0 sind von keiner
Bedeutung,
Erst S trau SS 2) gab eine vollständigere Darstellung von
der Organisation der Cypris fusca, beschrieb die Gliedmassen
vollständig und grösstentheils richtig und lehrte zuerst die
Weichtheile ihres Körpers kennen; diese jedoch ziemlich un-
vollständig. Er erklärte die Ostracoden für wahrscheinlich
hermaphroditisch, weil er nie ein Männchen gesehen hatte.
Zwar ist schon die von ihm nicht verschmähte Annahme der
1) Ramdohr Beiträge zur Naturgeschichte einiger deutschen
Alonocnlusarten in seinen „Mikroskopischen Beiträgen zur Entomolo-
gie und Helminthologie" 1805. Treviranus Abhandlungen über den
inneren Bau der ungeflügelten Insecten in seinen „Vermischten Schrif-
ten, anatomischen und physiologischen Inhalts«* 1816. 17. Jurine Hi-
sloire des Monocles 1820.
2) Strauss Memoire sur les Cypris in den Memoires du Mu-
seum d'histoire naturelle 1821. Tom. VII, pag.33. pl. 1.
6 S5enk6r:
Selbstbefruchtung ein Zeichen, dass die Kenntniss der Ge-
schlechtsverhältnisse noch sehr in der Jugend war. Dennoch
war diese Autorität so gewaltig, dass sie sogar die Wahr-
heitsliebe des ehrlichen Ledermüller '), der die Cypri-
den in der Begattung gesehen haben wollte, in Verdacht
brachte.
Einen Beitrag zur Kenntniss der Cypriden lieferte R.
Wagner 2) durch Auffindung des Zoosperms, dessen erstaun-
liche Grösse er mit Recht bewundert. Jedoch ist zweifel-
haft, ob dies Zoosperm aus dem Hoden des Männchens oder
der Samentasche des Weibchens kam.
InjüngsterZeit hatSeb. Fi scher 3) die seit Strauss
so gut wie ruhenden Untersuchungen wieder aufgenommen.
Seine Resultate sind jedoch zu verwirrt und naturwidrig, um
sie einen Fortschritt nennen zu können. Oft sind richtige
Abbildungen vorhanden^ nur mit den abenteuerlichsten Deu-
tungen der verschiedenen Organe. Er hält die Cypriden für
„vorherrschend (!) hermaphroditisch'^ und bezeichnet nicht
weniger als 3 verschiedene Organe mit dem Namen „Hode";
die wirklichen Hodenschläuche aberhält er für einen 4fachen
Eierstock. Die bei den Crustaceen so verbreiteten Leberschläu-
che, die hier in den Schalen liegen, erklärt er für Circula-
tionsorgane u. dgl. m. Die Verdienste seiner Arbeit um die
Darstellung mehrerer Species werden durch solche Irrlhümer
wahrhaft verunstaltet.
Für die Cytheren und Cypridinen haben W. Baird^)
1) Ledermüller Mikroskopische Gemüths- und Augen-Ergöt-
zung. I. S. 141. Taf. 43. Fig. d. Er sagt: d stellet die Art vor, wie
sie sich zu paaren pflegen und häufig also aneinander hängend im Was-
ser gefunden werden , wovon das Weibchen allemal auf dem Rücken
schwimmend von dem Männchen lortgezogen wird,
2) R. Wagner Beiträge zur Kenntniss der Samenflüssigkeit der
Thiere und in Wiegm. Archiv. 1836. ßd. I. p. 369.
3) Seb. Fischer lieber das Genus Cypris in den Mem, des
Savans etrangers de i'Academie de St. Petersbourg 1851. Tom. VII.
p. 129. pl. I-XI
4) W. Baird History of British Entomoslraca im Magazine of
Xoology and Bolany 1834. Voll. p. 514. pl, XVI. u. 1838. Vol. II.
p. 132. pl.V.
Monographie der Ostracoden 7
und Milne Edwards die Gliedmassen vollständig darge-
stellt, ohne jedoch die Weichlheile oder harten Geschlechts-
apparate zu beachten. Sie haben in dieser Beziehung nur
die Str auss'schen Resultate adoptirt.
Eine frühere Arbeit von mir 0 bewies schon, dass die
Gatt. Cypris getrennten Geschlechts sei und stellte die beiden
Geschlechlsapparate dar. Manche Unvollkommenheit der da-
maligen Darstellung veranlasst mich, in meiner jetzigen Ar-
beit dieselben Punkte noch einmal ganz und gar mitabzu-
handeln und nur in wenigen Fällen mich auf die frühere
zuruckzubeziehen.
y^natomiscBier TJieil«
I. Die Schalen.
Die beiden Schalen, deren grosse Aehnlichkeit mit
Muschelschalen in Bezug auf Gestalt, Verschluss, Beweglich-
keit und Zweck den Namen Ostracoden oder Muschelkrebse
rechtfertigt, stossen, wie jene der Acephalen, längs der Mit-
tellinie zusammen und umschliessen den ganzen Körper un-
serer kleinen Thierchen. Im mittleren Drittel des Rückens
sind sie aneinander geheftet durch ein zartes elastisches Band
(Taf. I. Fig. 10 &, Taf. IV. Fig. 10), welches sich aussen von
einer Schale zur andern schlägt, zu dessen Anheflung auf
den Buckeln derselben besonders kleine Leisten (//) ange-
bracht sind. Am stärksten ist dies Band an beiden Enden,
wo die ursprünglich weitere Distanz der Schalenbuckel eine
stärkere Wirkung seiner Contraction erklärt. Eine feinere
Structur in diesem Bande habe ich nicht erkennen können.
Durch die Contraction desselben werden selbstverständlich
die Schalen geöffnet.
Ihm entgegenwirkend und die Schalen schliessend, fm-
1) W. Zenker, über die Geschlechtsverhällnisse in der Gattung
Cypris in iMüllers Archiv 1850. p. 193. pl, V. und meine Dissertation:
De natura sexuali generis Cypridis 1850,
8 Zenker:
den wir, wie bei den Muscheln, besonders den einmuskligen,
einen zweiköpfigen Schliessmuskel (Taf. I. Fig. 12 m), der von
einer Schale zur andern geht und sich mit mehreren Bündeln
an deren innere Fläche ansetzt. Man bemerkt seine An-
salzstellen auch äusserlich bei den Cypriden und unterschei-
den sich dieselben in ihrer Stellung wesentlich von denen
der Cytheren ; so dass diese Galtungen aus blossen etwa ver-
steinerten Schalen wohl unterschieden werden können, so-
bald noch diese Muskeleindrücke erhalten sind *). Sogar
für die einzelnen Species ist die Stellung der Muskelbündel
oft charakteristisch und es ist zu bedauern^ dass die Dar-
stellungen derselben an vielen Species von Baird und Fi-
scher durchaus unzuverlässig und offenbar ohne besondere
Beachtung nur hingeworfen sind. Wegen der Unterschiede
selbst verweisen wir hier auf die Abbildungen.
In der Mittellinie begegnen sich die Sehnen der beiden
Muskelköpfe. Diese Stelle bezeichnet so ziemlich den Schwer-
punkt des ganzen Thiers und ist für die Lagerung der Theile
von grösster Wichtigkeil. Oberhalb geht der Darmkanal fort
und bildet die Einschnürung, die ihn in zwei Hälften theilt.
Bis hieher erstrecken sich höchstens die Schleimdrüse des
männlichen und die Samenblase des weiblichen Geschlechls-
apparates. Hier biegt der Eierstock nach hinten zurück und
hier trennen sich die hinteren Hodenschläuche von den vor-
deren , um sich nach hinten zurückzubiegen. Hier ist end-
lich der Anfang des grossen Raumes, in welchem die Kie-
menplalte des zweiten Kieferpaars in steten Schwingungen
sich befindet.
Die R ä n d er der Schalen (Taf. I. Fig. 1 1 , Taf. IV. Fig 9)
sind von feslerem , härterem Chitin als die übrigen Theile
derselben; auch sind sie durchsichtiger. An manchen Stel-
1) Die Schalen der Cytheriden unterscheiden sich von denen der
Cypriden ausserdem noch durch die dünnen Stellen, welche die Stelle
der zwei seitlichen Augen bezeichneu. Es ist übrigens sehr möglich,
ja sogar wahrscheinlich, dass öfters die Anheftungsstellen der Aluskel-
bündel für Augen gehalten worden sind und dass man daher zusam-
mengesetzte Augen zu finden geglaubt hat. Es ist merkwürdig , dass
in den fossilen Gattungen die Augen stets angegeben werden, nie aber
die Angatzslellen des Schliessmuskels.
Monographie der Oslracoden. 9
Jen , besonders in der Mundgegend , sind sie gegeneinander
umgekippt , an anderen parallel , so dass sie sich theils an-
einanderlegen , theils übereinanderschieben. Dazu wechseln
verdickte Stellen (a) und Lücken miteinander ab und zwar
so, dass die Ränder schlossartig ineinander passen. Zur Be-
festigung dienen noch einige dort hervorspringende steife Haare
(c), die bei Cypris sehr regelmässig am Rande entlang ste-
hen , bei Cylhere dagegen zerstreut, ohne dass jedoch hier-
durch der Verschliessbarkeit der Schalen Eintrag geschähe.
In manchen Species (C. pubera, C. ornata, C. monacha), be-
finden sich noch besondere knopfartige Erhabenheiten längs
des Vorder- und Hinterrandes, auch öfters zahnartige Be-
waffnungen, besonders (C. pubera, C. monacha) an der Ecke
des unteren und hinteren Randes. An Cyth. lutea ist dieser
Rand so fest und stark, dass er in den oben erwähnten Ver-
steinerungen oft allein erhalten war und dabei ziemlich voll-
ständig , während die eingeschlossene Schale zerstört war.
Der Rand ist vorn und hinten am stärksten, weniger an der
Mundseite und nach dem Schalenbande hin verschwindet er
mehr und mehr, endlich unter demselben vollständig.
Denkt man sich den Durchschnitt einer Cypris
rechtwinklig auf die Mittellinie in der Gegend des Schliess-
muskels, so treten die Schalen vom Rücken aus buckelför-
mig gewölbt auseinander und wenden sich erst später und
ziemlich plötzlich nach unten um und zur Mittellinie zurück.
Sie bilden dabei meist auch am Bauche eine Wölbung nach
oben, aus der nur die Mundgegend als Wölbung nach unten
hervortritt. In den verschiedenen Species, besonders aber
in den verschiedenen Altersstufen, wird der Bauchrand
daher im Allgemeinen bald nach oben gewölbt, bald
g r a d e j bald auch nach unten gewölbt erscheinen
können.
Die Gestalt der Schalen entwickelt sich erst allmäh-
lich gemäss der Ausbildung des übrigen Körpers. Bei jun-
gen Thieren, deren Geschlechtsapparate noch nicht entwickelt
sind, cTaf. II. C. Fig. 4) ist die Schale hinten sehr niedrig,
vorn hoch und es ist dies ein sicheres Zeichen für ein jun-
ges Thier. Bei den allerjüngsten Thieren (Taf. IV. Fig. 17},
wo noch so gut wie gar kein Abdomen vorhanden ist, steigt
10 Zenker:
sie dagegen steil zu der Höhe des Auges an , ähnlich der
Schale eines alten Thieres. Im Aller nimmt der mächtig
entwickelte Geschlechtsapparat den Raum des nun erhöhten
und erweiterten Hinterlheils ein. Dann liegt die grösste Höhe
und Breite der Schale immer hinter der Mitte. Die Arten,
deren Diagnose die Schalen vorn höher nennt als hinten, sind
daher jedenfalls nach geschlechtsunreifen Exemplaren aufge-
stellt und von allen am wenigsten zuverlässig. Es gilt dies
auch von Cythere.
Die Schalen sind ein Product der Chitinhaut, die vom
Bauch her den ganzen Körper umhüllt. Sie schlägt sich in
der Gegend des Schliessmuskels nach aussen um (Taf. I. Fig.
12. ö) und dringt nach allen Richtungen bis zur Mittellinie
vor, schlägt sich dort wieder nach aussen um (a), indem sie
den harten Rand bildet und kehrt nun zurück bis zur Ver-
einigung mit der von der anderen Seite kommenden Chilin-
haut, wobei das elastische Schalenband (/) die Brücke ist.
Zwischen die so entstehenden Blätter der Chitinhaut schiebt
sich eine zweite Membran (c) von zelliger Structur, die ih-
nen längs ihrer ganzen Ausdehnug folgt , in ihren Zellen
Pigmentkörnchen^ violett, blau, grün oder blau absondert und
der blauen Rückenhaut des Flusskrebses durchaus ähnlich
sieht (Taf. 1. Fig. 19).
Unter dieser Pigmenthaut liegen die Eingeweide und
zwar nicht bloss in dem von den Schalen umschlossenen
Körper, sondern auch innerhalb der Schalen selbst zwischen
ihren inneren und äusseren Blättern. An der Umschlagstelle
der Chitinhaut neben dem Schliessmuskel drängen sich vorn
Leberschläuche (<;) und Hodenschläuche (Ä), hinten Eier-
stock und Hoden in die Schale hinein, um blind in ihnen zu
enden. Bei den Cytheren gilt dies nur für den Eierstock.
Diese Organe bleiben innerhalb der Pigmenthaut; der Schliess-
muskel dagegen durchbohrt dieselbe und setzt sich unmittel-
bar an die äussere Schalenhaul.
Die äussere Schalenhaut ist anfangs dünn und zart
und besteht aus Zellen; allmählich aber verdickt sie sich und
erhärtet, weil sie von der Pigmenthaut Chitin und Kalk zu-
geführt erhält. Bald treten an den Zellenscheidewänden, senk-
recht darauf kleine hornige Wülste hervor (Taf. II. C. Fig. 4.
Monographie der Ostracoden. 11
5) , die stark das Licht brechen und bald ein ganzes Netz-
werk bilden. Der Anblick solcher Schalen verändert sich
fast jeden Tag durch die fortwährende Zufuhr neuer theils
organischer, theils unorganischer Masse, bis endlich durch
die Anhäufung derselben alle früheren Zellengrenzen ver-
wischt werden und eine oft ganz glatte Oberfläche herge-
stellt wird. Bei einigen bleiben die Zellen der Schale ab-
gegrenzt (Cyth. gibba, Cyp. vidua), färben sich in verschie-
denen Farben und zeigen nicht das erwähnte netzartige An-
sehen, wie bei den Cypriden. Es scheint dies alles auf ein
Verwachsen der Chitin - und Pigmenlhaut hinzudeuten. Die
Schalen der Cylheren sind überhaupt härter, dicker, fesler
und reicher an kohlensaurem Kalke als die der Cypriden,
wesshalb auch die Eindrücke des Schliessmuskels weniger
deutlich hervortreten. Die Schalen mancher alten Exemplare
von C. punctata haben eine gestreifte Oberfläche, die von C.
monacha eine punklirte.
Ursprünglich steht an den Punkten, wo drei Schalenzeflen
zusammenstossen, immer ein Haar. Diese Haare fallen jedoch
mit der Erhärtung der Schalen mehr und mehr ab und blei-
ben am Vorder- und Hinterrande am zahlreichsten. Die Be-
haarung ist abhängig von dem Alter, dem Wohnort, der
Individualität und der Species des Thieres, mithin immer nur
ein relativ sicherer Charakter.
Häutungen scheinen bei den Ostracoden nicht statt-
zufinden, denn nie fand ich abgeworfene Chitinskelete. Die
Schalen sicherlich werden niemals abgeworfen.
Die Schalen der Ostracoden gleichen denen der Deka-
poden durch ihre Härte und Kalkhalligkeit, so wie darin,
dass sie ihre Masse aus einer darunter liegenden drüsigen
Haut erhalten. Sie gleichen denen der Branchiopoden in
ihrer ursprünglichen histiologischen Zusammensetzuug aus
Zellen und in ihrer Entwickelung aus der Eischale selbst
(Daphnoiden). Sie gleichen denen von Nicothoc und Argu-
lus, indem sie wichtige weiche Organe zwischen ihre Schich-
ten aufnehmen. Doch unterscheiden sie sich von den Scha-
len aller Crustaceen und gleichen darin allerdings den Mu.
schelschalen , dass sie an demselben Thiere bis zum Tode
ausdauern , dass sie in der Mittellinie des Rückens beweg-
12 Zenker:
lieh aneinanderstossen, und dass sie in ihrem gezahnten
Rande das Mittel zu einem lange dauernden festen Verschluss
besitzen.
II. Gliedmassen.
S trau SS und Baird haben uns zuerst die Gliedma-
fsen der Cypriden und Cytheren bekannt gemacht. In beiden
Familien finden sie sich zu 8 Paaren, darunter 2 Paar An-
tennen und ein paariger Schwanz. Von den übrigen 5 Paaren
dienen bei den Cypriden 3, bei Cytheren 2 dem Munde , so
dass wir entsprechend 2 und 3 Paar Abdominalfüsse finden.
A. Cypriden (Taf. 1. Fig. 1-9 u. Fig. 18).
I) Die Antennen des ersten Paares (Fig. 1.^. I,
Fig. 2) entspringen dicht unter dem Auge , durch Gelenke
und starke Muskeln zu grosser Beweglichkeit geeignet. Sie
bestehen aus 7 Gliedern. Das erste ist stark und muskelreich
und fest verbunden mit dem dreieckigen kleinen 2tenGIiede,
das einer Gelenkkapsel ähnlich sieht. Die grosse Beweglich-
keit des 3ten erlaubt es, die Antennen bald weit nach oben
überzubiegen , bald sie nach unten einzuklappen und in die
Schalen zurückzuziehen. Die folgenden 5 Glieder werden
nach dem Ende zu kleiner und bilden eine Geissei, welche
dem Thier zum Rudern dient. Während nach unten nur
kurze Borsten aus ihnen entspringen, so tragen nach oben
das 4te Glied 2, das 5te 4, das 6te und 7te 8 lange, bis-
weilen gefiederte Haare, welche zusammen einen ganzen
Büschel bilden. Wenn nun das Thier schwimmt, so stehen
dieselben nach oben und werden abwechselnd über den Rücken
nach hinten geschlagen und wieder vorgezogen. Beim Zu-
rückschlagen bietet die Antenne selbst den nöthigen Wi-
derstand, beim Vorziehen dagegen geben die Haare nach und
schwächen die vorbewegende Wirkung des Zurückschiagens
sehr wenig. In dieser Art wirken die beiden oberen Anten-
nen als Schwimmorgane. Strauss und Fischer haben
die Borsten fälschlich an der unleren Seite dargestellt , wo
sie nur wirken könnten, wenn die Antennen auf der Bauch-
seite nach unten peitschten, W^enn Baird 8 Glieder her-
Monographie der Ostracoden. 13
auszählt, so ist dies wohl veranlasst durch eine optische
Täuschung , die an solchen Stellen leicht eintritt , wo zwei
Glieder übereinandergreifen.
2) Die Antennen des 2ten Paares (Fig. 1.^.11,
Fig. 3) inseriren sich dicht unter denen des ersten Paares an
der Vorderseite des Körpers mit starken Muskeln. Sie sind
reich an Gelenken und sehr beweglich , dabei kräftig und
wohl geeignet zum Ergreifen von allerlei Gegenständen. Sie
sind es auch vorzugsweise, mit denen sich das Thier an
Wasserpflanzen oder Gefässwänden anklammert und mit de-
nen es verwundete Inseclenlarven u. dgl. festhält, um sie zu
verzehren. Sie bestehen aus 6 Gliedern, von denen das erste
nach unten, das 2te rechwinklig nach vorn und das 3te wie-
der nach unten gerichtet ist. Die folgenden 3 Glieder sind
schwach, so das 4te und 5te, die bei sehr alten Thieren bis-
weilen verwachsen und besonders das 6ste, das jedoch biswei-
len mit Klauen versehen ist. Alle Glieder tragen kürzere
Borsten, aus dem 3ten jedoch entspringen vorn etwa 8 lange
Borsten, welche oft weit über die Klauen des Endgliedes
hinausreichen. Das erste Stück ist steif, nachher aber wer-
den sie mehr geisselartig und lassen sich wohl nach hinten
biegen, nicht aber nach vorn. So werden sie ebenfalls ge-
eignet, beim Rudern zu helfen, indem sie abwechselnd unter
den Bauch zurück geschlagen und wieder vorgezogen wer-
den. Sie wirken auf der Unterseite des Körpers wie die
Geissein des ersten Antennenpaars auf der Oberseite und
stehen auch rücksichtlich der quantitativen Entvvickelung mit
jenen in auffallender Beziehung. Bei Cypris ornata, Candida
sind beide Borstenbüschel kurz, das des 2ten Anlennenpaars
fehlt im Alter ganz. Bei Cypria ovum, punctata sind sie beide
von bedeutender fast gleicher Länge. Bei Cyprois monacha
sind die Büschel des ersten Antennenpaars lang und die des
2ten scheinen unverhältnissmässig kurz zu sein; doch sieht
man sie bei genauerer Beobachtung mit Fiedern besetzt, wie
die Schwimmfüsse von Notonecfa u. a. , um das Gleichge-
wicht zu erhalten. Ohne diese Borsten würde das Thier durch
die Arbeit des ersten Antennenpaars nur im Kreise herum-
getrieben werden wie ein Dampfschiff, an welchem nur ein
Rad arbeitet. Mit der Grösse dieser Borstenbüschel und der
14 Zenker:
von den oberen Antennen steht die Beweglichkeit des Thiers
in nächster Verbindung; denn während Cypria ovum, punctata
munter umherjagen und auch Cyprois an der Oberfläche her-
umschwimmt, kriechen C. Candida, ornala langsam im Schlamm
und an den Wasserpflanzen umher, nur in der Jugend mun-
teren Spielen zugethan.
3) Es folgt nun in weiterem Abstände das erste Kie-
ferpaar (Fig. 1. Ji. I. Fig. 4). Ich halte es für unzweck-
mässig, diese Kiefer besonders als Mandibeln zu unterschei-
den. Sie sind fussartige Organe , denen ihre Stellung eine
besondere Function und daher besondere Form anweist. Dass
sie im Gliederlhierreich auch ganz fehlen können oder we-
nigstens völlig fussähnlich werden können, sehen wir an den
Arachniden und besonders deutlich an den Pycnogoniden ')•
Dasselbe gilt auch von den beiden andern Kieferpaaren oder
Kaufüssen.
Die Kiefer des ersten Paares bestehen aus 5 Gliedern,
von denen das erste besonders stark entwickelt und als Kau-
organ mit Zähnen versehen ist. Es besteht aus einem ke-
gelförmigen oberen Theil, welcher sich mit seiner Spitze an
das Chitinskelet befestigt und durch einen breiten Muskel (m)
herumgerollt wird, und aus einem hakig gekrümmten mit
starken Zähnen (d) besetzten unteren Theil. In der Mitte
des ersten Gliedes etwa befindet sich das Loch, worin sich
das 2te Glied einfügt, an welches sich die 3 übrigen kleine-
ren anhängen. Letzlere sind cylindrisch und reich mit Haa-
ren besetzt. Das 2le Glied ist nach unten winkelig gekrümmt
und auf seinem Winkelvorsprung trägt es ein dreieckiges
Kiemenblättchen (6), welches mit 6 gefiederten breiten Haa-
ren besetzt ist.
Strauss und Fisch er stellen nur 4 Glieder dar, in-
dem sie die Trennung des 2ten und 3ten Gliedes übersahen.
4) Das zweite Kieferpaar (Fig. 1. iliH., Fig. 5.) ist
dasjenige, welches von der fussartigen Gestalt am meisten ab-
weicht und sich nur schwer durch theoretische Betrachtung
auf dieselbe zurückführen lässt. Es trägt an seinem drei-
1) S. meine Untersuchungen über die Pycnogoniden in Müll. Arch.
1852. S. 379. Taf. X.
Monographie der Oslracoden. tß
eckigen Basalglied ein grosses halbmondförmiges Kiemen-
blatt (6), das an seinem ganzen hinleren Rande ') mit gefie-
derten Haaren besetzt ist. Dies Basalglied ist durch Chitin-
leisten von den vier zum Munde gerichteten Vorsprüngen die-
ses Kiefers getrennt. Diese Vorsprünge sind parallel und
tragen an ihrem Ende einige nach unten gekrümmte Häär-
chen, welche dem Munde durch Abputzen der Speisen dienst-
bar sind. Bei genauerer Betrachtung ist man geneigt , den
äusserslen dieser Vorsprünge für das 2te Glied anzusehen,
das nur durch die Anordnung des Ganzen so seitlich fort-
gedrückt wäre; so folgend die mittleren für das 3te und 4te
Glied und endlich den innersten zweigliedrigen Vorsprung
für das 5te 6ste. Diese Auffassung muss allerdings gewagt
erscheinen, so lange man sich auf die Cypriden und Cythe-
ren beschränkt, bei welchen letzteren ganz dasselbe Verhält-
niss stattfindet. Auch die Section jüngerer Thiere giebt über
die ursprüngliche Gestalt dieses Kieferpaares nicht den er-
wünschten Aufschluss. Wenn man dagegen die Mundlheile
der Isopoden mit denen der Ostracoden vergleicht, so erkennt
man eine unläugbare Analogie im Bau der zweiten Kiefer-
paare z. B. des Asellus und der Cypriden. Hier sieht man
ebenfalls aus dem Basalglied vier parallel gerichtete, aber
lamellöse Fortsätze entspringen und erkennt sie als die Aus-
läufer von vier besonderen Gliedern. Denkt man sich aber
bei demCypriskiefer die Kieme kleiner und die andern Theile
weniger zusammengedrängt, so tritt die Aehnlichkeit deullich
hervor. Die Kiemenplatte, ist wie die der andern Kieferpaare,
fortwährend in schwingender Bewegung.
Von Strauss und Baird ist der Bau und die Func-
tion dieses Kieferpaares richtig erkannt worden, Fischer
dagegen ist durch eine ungeeignete Präparalion zu ganz fal-
schen Resultaten geführt.
5) Das dritte Kieferpaar (Fig. 1. üi HI. , Fig. 6.)
liegt versteckt hinter dem 2ten und besteht aus zwei Abthei-
lungen. Die erste, das Basalglied, ist nach unten, vorn und
innen gerichtet von oblonger Form. Es endet nach vorn in
1) Strauss stellt sie irrthümlich am Vorderrande dar.
16 Zenker:
ein horizontal liegendes Blatt, dessen abgestutzter Vorderrand
mit steifen nach unten gekrümmten Häärchen (rf) besetzt ist
und beim Beputzen der Speisen thätig zu sein scheint. Da
die Lamelle senkrecht auf der Profilebene des Körpers steht,
so erkennt man sie nur als solche , wenn man den Kiefer
isolirt, besonders unter einem Deckgläschen betrachtet. Wei-
ter oben entspringt aus dem Basalglied ein Kiemenblätlchen
(&) mit gefiederten Haaren.
Die 2te Abiheilung besteht scheinbar nur aus einem
Gliede, das nach hinten konisch zuläuft und am Ende beim
Weibchen mit 3 ringsum gefiederten Borsten besetzt ist ,
beim Männchen jedoch einen gekrümmten Haken trägt. An
gehörig jungen Thieren, ich sah es an C. monacha, sieht man
jedoch, dass diese zweite Abtheilung ursprünglich aus drei
Gliedern besteht (Taf.I. Fig. 18). Statt des Hakens sieht man
hier zwei miteinander verwachsene, aber doch noch erkenn-
bare Glieder , die an ihrem Ende eine starke und zwei
kleinere Borsten tragen. Bei den Weibchen verschmelzen
allmählich diese Glieder mit dem grossen 2ten Gliede und die
3 Borsten rücken an dessen Spitze. Bei den Männchen ver-
wandeln sich das 3te und 4le Glied allmählich auch in Chitin
und nehmen an der Bildung des Hakens Theil. Hier fallen
die Borsten fort. An diesem Präparate erkannte man auch,
wie die allmähliche Erhärtung der Chitinhaut vor sich geht.
Die erhärtende Substanz lagert sich nämlich zuerst sternför-
mig an die Kerne der Zellen, aus welchen ursprünglich die
Haut besteht. Es ist hier also umgekehrt wie bei den Ab-
lagerungen in den Zellen der Pflanzen, die vom Rande nach
innen vorschreitend, nur sternförmige Lücken lassen.
6) Das erste Fusspaar (Fig. I.P. I, Fig. 7) besteht
aus 5 Gliedern, jedoch nicht in der Ordnung wie es Strauss
angiebt, wohl aber Fischers Darstellung entsprechend. Die
ersten beiden Glieder sind stark und gelenkig, das erste nach
unten, das 2te nach hinten gerichtet. Die 3 andern Glieder,
unter sich wenig beweglich, richten sich, das 3te und 4te
nach unten, das 5te nach vorn. Dies letzte trägt eine starke
lange Klaue, die öfters mit kurzen Häärchen besetzt ist.
7) Das zweite Fusspaar (Fig. I.P. IL Fig. 8) be-
steht aus 5 Gliedern und biegt sich nach hinten und oben,
Monographie der Ostracoden. 17
SO dass Sir au SS meinte, es müsse dort die Eier festhalten.
Die ersten 4 Glieder sind ziemlich von gleicher Grösse, lang
und dünn, das 5te trägt eine bisweilen gezahnte nach hin-
ten gebogene Klaue. Strauss stellt sie irrthümlich nach
vorn gebogen dar, wohl durch seine vorgefassle Meinung
über die Function dieser Füsse getäuscht. Die Eier aber
brauchen keine Unterstützung, da sie von der Wandung des
Eileiters und ausserdem noch von der Chitinhaut bedeckt sind.
Mir scheinen die Füsse bestimmt, die grosse Kiemenplalte
mit ihren gefiederten Haaren zu reinigen, wozu sie durch
ihre bewegliche und weit verschiebbare Klaue sehr geeignet
wären und wozu auch keine grössere Kraft erfordert würde,
als in ihren dünnen Muskeln liegen mag.
8) Nach einem Zwischenraum, der dem Geschlechtsappa-
rate gewidmet ist, folgt nun der Schwanz (Fig. 1. C, Fig. 9),
der stets paarig und sehr beweglich in das Chitinskelet ein-
gelenkt ist. Starke Muskeln bewegen ihn und machen ihn
zu einem kräftigen Bewegungsorgane, das besonders bei Be-
wegungen an festen Gegenständen gebraucht wird. Er be-
steht aus zwei völlig symmetrischen Schwanzslacheln, die
wohl ursprünglich zwei bald miteinander verwachsende Glie-
der gehabt haben mögen. Jeder Stachel trägt 4 Borsten,
von denen die beiden mittleren die grössten sind. Die Stel-
lung und Beschaffenheit derselben variirt nach den Arten.
Bei den Weibchen, nicht bei den Männchen, von Cyprois
monacha sind die beiden Schwanzstachel symmetrisch in
einen verschmolzen, der nun die doppelte Anzahl Borsten
trägt.
Im Allgemeinen finden wir die Gestalt und Verhältnisse
der meisten Gliedmassen durch die ganze Familie wenig ver-
ändert wieder. Bei den älteren Thieren findet man oft zwei
Glieder verwachsen, die bei jüngeren noch getrennt sind.
Am stärksten variirt das 3te Kieferpaar, besonders des Männ-
chens, wobei sogar der linke Kiefer vom rechten abweicht.
Es eignet sich daher oft zu Artenbeslimmungen und ist aus-
serdem dadurch wichtig, dass es ausser dem Genitalapparat
bei den meisten Species das einzige äussere Organ ist, in
dem sich die Geschlechtsverschiedenheit ausdrückt.
Archiv f. Naturgesch. XX. Jahrg. Bd. 1. 2
|§ Zenker:
B. Cythcreii (Taf. IV. Fig. 1—7).
Die Gliedmassen der Cylheren sind den entsprechen-
den der Cypriden sehr ähnlich, doch findet man oft ein Glied
weniger. Nimmt man bei dem ersten Antennenpaar eine Ver-
schmelzung des Isten und 2ten Gliedes, beim 2len Antennen-
paar des Isten und 2ten , so wie des 4ten und 5ten Gliedes
an, so erkennt man im Uebrigen eine analoge Bildung.
Die Antennen des ersten Paares (Fig. 1. a.
Fig. 2) haben also 6 Glieder, die beiden ersten stärkeren ar-
liculiren untereinander , die übrigen 4 heften sich , weniger
beweglich , an das 2te Glied und tragen nur kurze Borsten.
Die Antennen des zweiten Paares (Fig. 1. b, Fig. 3)
haben nur 4 Glieder, das 2te bildet ein Gelenk, worauf nach
unten das lang ^gestreckte 3te Glied folgt und endlich das
kleine Endglied, das bei Cylh. lutea eine Kralle, übrigens
aber auch Borsten trägt. In das 3te Glied ist noch ein gros-
ser Chilinhaken mit einer breiten Basis eingefügt, der sich
nach vorn biegend , weit über das Endglied hervorragt und
lebhaft an die Schwimmborsien des 2fen Antennenpaars der
Cypriden erinnert. Dieser Haken (h) (Fig. 3. A^ ist nahe
seinem Ende gelenkarlig geknickt und enthält einen Canal,
der an seinem fein zugespitzten Ende (i) ausmündet und der
von einer zwischen den Muskeln des Vorderleibes liegenden
Blase (^f) herkommt. Das Sekret derselben ist gelb und of-
fenbar giftig, so dass dieser Stachel zu gleicher Zeit als Be^
wegungsorgan und als AVafTe dient.
Das erste Kiefer paar (Fig. I.e. Fig. 4) ist öglied-
Xig und dem der Cypriden ganz ähnlich. Das 2te Glied trägt
statt des Kiemenblatts nur einen kleinen Höcker (6) mit zwei
einfachen Haaren. Die Haare, die einzeln an den übrigen
Gliedern stehen, sind wie Widerhaken gebogen und dienen
oft zum Anklammern und Ergreifen. Das zweite Kiefer-
paar (Fig. l.d Fig. 5) gleicht dem der Cypriden völlig, nur
ist verhältnissmässig die Athemplatle (6) etwas kleiner und
ihr Rand mit weniger Haaren besetzt.
Die nächstfolgenden 3 Paar Gliedmassen sind wirkliche
Beine (Fig. l.eee, Fig. 6), unter sich nur durch die vom
Isten zum 3len zunehmende Grösse verschieden, dem 2ten
Monographie der Ostracoden. 19
Fusspaar der Cypriden ähnlich. Da die Kralle ein besonde-
res Glied zu bilden scheint, so bestehen sie aus 5 Gliedern,
ziemlich gleich lang, dünn, deren erstes stärker, das letzte
aber mit der Kralle verschmolzen. Die Beine richten sich
gewöhnlich nach hinten und unten und dann ist die Kralle
auch nach hinten gerichtet.
Die Schwanzhälften (Fig. 1./". Fig. 7) sitzen auf
einem gemeinsamen Basalstück (a) , bestehen aus 2 Gliedern,
einem bauchigen grösseren und einem nach aussen gerichte-
ten viel kleineren, welches kurze Borsten trägt. Auch bei
den Cytheren sitzt der Schwanz eigentlich hinter den Ge-
schlechtsorganen; da dieselben jedoch sehr weil von der
Mittellinie entfernt befestigt und oft ganz und gar nach hin-
ten gerichet sind, so kommt öfters der Schwanz auch vor
ihnen zum Vorschein. Zwischen den beiden Schwanzhälften
nach unten liegt der After.
Eine solche Anordnung der Gliedmassen führt offenbar
eine andere Lebensweise herbei als die der Cypriden. Die
Cytheren schwimmen nicht wild im Wasser umher, dazu feh-
len ihnen die langen Haarbüschel an den Antennen ; sondern
sie kriechen an den Wasserpflanzen fort, sich 'mit ihren ha-
kigen Borsten und Klauen überall anklammernd, mit ihren
langen Beinen von hinten anstämmend und mit dem langen
Haken des 2ten Antennenpaars sich befestigend. Man findet
daher die Cytheren stets zwischen den Tangen, von welchen
man sie abspülen muss. Auch in den Gläsern sind sie meist
unten und arbeiten sich nur mit Mühe einmal an den Wän-
den bis zur Oberfläche empor.
Die Gliedmassen der Gattung Cypridina M. Edw. , wie
sie von M. Edwards dargestellt werden, schliessen sich
dem allgemeinen Familientypus an.
Vergleichen wir nun die Gliedmassen der Ostracoden
mit denen anderer Crustaceen, so finden wir viele Beziehun-
gen, aber auch viele eigenthümliche Abweichungen.
Bei den Cyclopiden sind die Antennen des ersten Paa-
res, bei den Daphnoiden die des zweiten Paares Hauplbewe-
gungsorgane geworden, hier sind es beide Paare. Als Tast-
organ scheint keins von ihnen zu dienen. Von den Maxil-
len 1 cMandibeln) ist bei den Branchiopoden nur das Basal-
20 Zenker:
glied erhalten, bei den übrigen Crustaceen bilden die ande-
ren Glieder eine Palpe und nur bei den Ostracoden findet sich
noch ein Kiemenanhang. Die Maxillen II bestehen auch bei
den Malacoslraceen aus 3 — 4 Blättern, die nach dem Munde
gerichtet sind. Die Kiemenplatte aber findet sich dort nicht
an ihnen. Bei den Branchiopoden und Cyclopiden sind sie
sehr viel weniger zusammengesetzt. Die Maxillen III der Cy-
priden erinnern ganz auffallend an das dritte Kieferpaar der
Isopoden, welches ebenfalls aus 2 Aesten besteht, von denen
der eine beim 'Kauen gebraucht wird und dazu mit einer
Reihe von Zähnen versehen ist, der andere aber frei her-
vorsteht und an seiner Spitze drei allseits gefiederte Borsten
trägt. Der einzige Unterschied ist, dass bei Asellus beide
Aeste einen sehr kleinen Winkel einschliessen, während der-
selbe bei den Cypriden 180° erreicht. Die Füsse der Cythc-
ren gleichen durchaus denen der Isopoden, wenn sie auch
aus weniger Gliedern bestehen , die der Cypriden mehr de-
nen der Dekapoden und errinnert das 2te Fusspaar beson-
ders an die Abdominalfüsse der Macruren. Der Schwanz
endlich entspricht ganz und gar den Stacheln am Hinterleibe
des Asellus, so wie den zweitheiligen Schwanzanhängen der
Oniscoden und übrigen Isopoden, Amphipoden , Dekapoden;
ferner den borstentragenden Warzen oder Fortsätzen am Hin-
terleibe der Phyllopoden, Daphnoiden, Cyclopiden und Para-
siten, so wie auch der Insectenlarven ; endlich dem einfachen
Schwanzstachel des Limulus , an den ganz besonders der
einfache Schwanzstachel erinnert, der bei dem Weibchen von
Cyprois monacha durch Verwachsung der beiden Schwanz-
hälften entsteht.
HI. Chitinskelet.
Muskelsyslem. Nervensystem.
Die inneren Organe des Ostracodenkörpers werden ge-
stützt wie von Knochen durch die erhärteten Chitinleisten,
welche sich in der Körperhaut vorfinden und zu einer Art Ske-
let verbunden sind, ähnlich wie bei den Insecten, Dekapo-
den u. a. Die einfachsten Formen derartiger Skeletbildung
Monographie der Ostracoden. ül
werden wir weiter unten bei den Cyclopiden behandeln, die
zusammengesetztesten finden wir bei den Insecten. Bei un-
seren Thieren ist das Bauchskelet wichtig, nicht etwa weil
hier ein tiefer Blick in den Anlageplan dieses Skelcfs sich
öffnete, sondern vielmehr weil in dem Skelet sich der An-
lageplan des ganzen Oslracodenkörpers abspiegelt. Bei Thie-
ren, die so von dem allgemeinen Typus ihrer Klasse abwei-
chen, wie die Ostracoden, Daphnoiden, Cirrhipedien u. a. von
dem Typus der langgestreckten Crustaceen : da ist es wich-
tig, Kennzeichen der ursprünglichen Körperanlage aufzufin-
den und diese sind vorzugsweise: die Gliedmassen, das Mus-
kelsystem und das Nervensystem und , als deren Stütze , das
Skelet. Auch bei den Wirbelthieren lässt sich der gemein-
same Plan des Körperbaues am deutlichsten aus diesen Organ-
systemen erkennen.
Vor dem Munde finden wir (Taf. I. Fig. 13) die Chilin-
haut helmartig gewölbt (^), eine Stirn bildend, gestützt
durch zwei gerade nach oben aufsteigende Doppelleisten (c),
deren nach vorn abgeschickte Zweige sich dort in der Mit-
tellinie verbinden. Auch quer hindurch sind sie durch zwei
Brücken verbunden, zwischen denen der Pylorus des Darm-
kanals (bei b) sich befindet und an deren oberster zugleich
das Hirngestell (a) angebracht ist. Vorwärts sind die An-
tennen eingelenkt. Nach dem Munde zu geht dieser Helm
in eine schmalere mit Haaren besetzte scharfe Kante aus, die
wir als Oberlippe (ß) analog der Oberlippe der Insecten
bezeichnen müssen.
Durch den Helm steigt der Oesophagus empor. Er ent-
hält ganz nahe dem Munde einen Zalmapparat (d) , der bei
den Cypriden der Oberlippe, bei den Cytheren (Taf. IV. Fig. 8. c)
der Unterlippe näher liegt, den wir aber erst weiter unten
näher beschreiben werden.
Hinter dem Munde beginnt das eigentliche Bauchskelet
mit einer Art Brustbein (!>), von Gestalt eines Dreiecks, das
seine Spitze nach hinten kehrt. Die Grundlinie des Dreiecks
bildet den hinteren Mundrand und verbindet sich an dessen
Endpunkten gelenkartig elastisch mit den Haiiplleisten der
Oberlippe. Das vorderste Stück des Brustbeins (C) nennen
wir Unterlippe, fern von aller Beziehung zur Unterlippe
22 Zenker:
der Insecten. In der Mittellinie wölbt sich das Brustbein
nach unten heraus, sogar kielförmig, und trägt in dieser
Höhlung (n) das erste Bauchganglion.
In demselben Winkel, wie beim Zusammentreten, gehen
die Chitinleisten am hinteren Ende des Brustbeins nunmehr
auseinander und bilden ein zweites kleineres Dreieck (i).
Von dessen Winkeln entspringen seitlich , wie weiter vor-
wärts schon die des Isten (e) und 2ten (f) Kieferpaars, hier
die Stützen des 3ten (^), deren Verlängerung auch das Iste
Fusspaar trägt. Die beiden Fusspaare sind ausserdem noch
durch Leisten gestützt, die quer zwischen den zusammenge-
hörigen Füssen herüberlaufen. Bei den Cylheren sind diese
Querleisten (gf) zu 3 und werden durch eine starke bogen-
förmige Chitinleiste (f) vom Brustbein gelrennt gehalten.
Es folgt nun das Gerüst für die Geschlechtstheile und
endlich für den Schwanz. Ersteres wird bei den Geschlechts-
organen erwähnt werden, der Schwanz aber hat bei den Cy-
theren gar kein besonderes Gerüst weiter, bei den Cypriden
aber dient das vorhandene stark verzweigte Paar von Chitin-
leislen cTaf. I. Fig. 9. a) nur den zahlreichen Muskeln zum
Ansatz , welche den Schwanz bewegen. Bei C. acuminata
allein , deren Hintertheil so sehr entwickelt ist , ist es von
bedeutender Ausdehnung.
Viele innere Theile des Chitingerüstes, die zum Schutze
einzelner Organe dienen, mögen mir noch entgangen sein.
Bei Vergleichung dieses Gebildes in beiden Familien sieht
man, wie die nähere oder fernere Beziehung eines Fusspaars
zur Function des Kauens sich auch im Baue dieses Gerüstes
ausdrückt.
An die Stücke des Chilinskelets heften sich nun vor-
zugsweise die Muskeln, welche den Körper und die Glied-
massen bewegen. Die grosse Zahl dieser Muskeln hat mich
indess abgeschreckt, ihre Anordnung genauer zu verfolgen.
Auch auf dem Rücken sieht man einige Muskeln laufen und
einige derselben gehen in die Augengegend und scheinen
das Auge zu bewegen. Die Muskeln innerhalb der Gliedma-
fsen haben eine ganz entsprechende Anordnung wie bei Asel-
lus u. a. grösseren Crustaceen. Auch hier bilden sich nahe
den Gelenken und Muskelansätzen gern Verdickungen und
Monographie der Oslracoden. ^
Leisten in der Chilinhaut und bilden so ein Skelet für jede
Extremität. Bei sehr schwachen Gliedmassen z. B. dem 2ten
Fusspaar der Cypriden finden sich Muskeln^ die nur aus ei-
nem Faserbündel bestehen und daher hisliologisch interes-
sant sind. Man erkennt in ihnen noch eine feine Längs-
streifung (0,0006'" br.), daneben aber eine sehr grobe
Querstreifung. Die Querstreifen sehen vielmehr einer Zick-
zackbildung wie einer Spiralbildung ähnlich und haben 0,002'"
Breite, am Anfange und Ende aber bis gegen 0,0025'". Ue-
berhaupt lässt sich hier erkennen, dass die weniger ange-
strengten, also weicheren Muskeln eine engere Querstreifung
haben als die härteren, mehr gebrauchten. Es ist dies aus
den Gesetzen derElasticität leicht verständlich. Denn wenn man
durch Biegung bei Stäben von ungleicher Härte und Elastici-
tät mit der gleichen Kraft eine gleiche relative Näherung der
Endpunkte erzielen will, so muss die Länge derselben um-
gekehrt proportional sein ihrer Elasticität. Bei den meisten
Faserbündeln liegt die ganze Zickzackreihe in einer und der-
selben Ebene; treten dagegen mehrere Bündel zu einem Mus-
kel zusammen, so sind die Zickzackebenen gegeneinander
geneigt. Nur in den benachbarten Bündeln bleibt sie biswei-
len parallel, dann aber tritt die Zickzackbildung im entge-
gengesetzten Sinne hervor. Glatte Muskelfasern habe ich bei
den Ostracoden nicht gesehen. Die stärksten Muskeln sind
die der Antennen und des Sckwanzes, die zartesten die der
grossen Kiemenplatte.
So stark und deutlich die Muskeln hervortreten , so zart
und unzugänglich bleiben die Nerven. Bei lebenden Thieren
durchsichtig, bei todten von harten Gliedmassen und Schalen
verborgen, gelingt es nur selten, etwas von ihnen zu sehen.
Bei den Cypriden habe ich nur das Gehirn mit dem Auge
deutlich gesehen und undeutlich innerhalb des Brustbeins ein
grosses Ganglion, welches wahrscheinlich aus drei kleineren
zusammengesetzt war.
Deutlicher erschien mir das Nervensystem an einem
Exemplar der Cyth. lutea und ich habe es gelreu (Taf. IV.
Fig. 11) so dargestellt, wie ich es fand. Vor dem Munde
liegt ein grosses Gehirnganglion, welches einige Fäden nach
oben ausschickt zum Auge, die dort noch zu einem Augen-
54 Zenker;
gehirn fo) anschwellen. Andere Fäden , die aus dem Ge-
hirn entspringen , gehören jedenfalls den beiden Antennen-
paaren an Der Schlundring war zerstört ; dagegen erkannte
ich mit grösserer Deutlichkeit als bei Cypris in dem Innern
des Brustbeins eine gangliöse Nervenmasse (iW), deren ur-
sprüngliche Zusammensetzung aus zwei Ganglien hervortrat.
Die Fäden, die von hier entsprangen , Hessen sich theils als
Verbindungsstränge, theils als Nerven für die beiden Kiefer-
paare auffassen. Wiederum nach einer Lücke folgten nun
drei herzförmige kleine Ganglien (P. J, II, III) für die Fuss-
paare und endlich ein halbmondförmiges (c), dessen Spitzen
nach hinten gekehrt waren, und das den Schwanz und viel-
leicht auch den Gesclilechtsapparat beherrschte. Eingewei-
denerven habe ich nicht gesehen.
Aus dem Obigen geht hervor, dass, obwohl die Gestalt
der Ostracoden von der anderer Crustacecn sehr abweichend
ist, doch keineswegs eine Verzerrung der Art stattgefunden
hat, dass etwa ein Gliedmassenpaar nach vorn gerückt wäre,
dessen Stelle ursprünglich weiter hinten gewesen wäre, ein
Resultat, das uns bei Besprechung der Eric hson'schen Glied-
massentheorie wichtig sein wird.
IV. Sinnesorgane.
Es ist mir nicht gelungen , ausser dem Auge noch an-
dere Sinnesorgane zu entdecken. Ich zweifle nicht, dass die
Ostracoden Geschmack haben, der wohl bis zu einem be-
stimmten Grade keinem Thiere abgeht, am wenigsten den in
ihrer Nahrung so wählerischen Crustaceen. Auch scheinen
sie Geruch zu haben , denn nicht lange liegt ein verwunde-
tes Thier im Wasser, so sammeln sich dort die Cypriden von
allen Seiten her. Auch ist es wohl möglich , dass sie Ge-
hör besitzen, wie dies ja für die Malakostraceen schon von
mehreren Seiten wahrscheinlich gemacht ist; doch konnte ich
niemals durch irgend ein Geräusch oder einen Ton, wobei
nicht auch das Glas mechanisch erschüttert wurde, eine Wir-
kung auf sie hervorbringen.
Der schwarze Fleck , der sich in der Gattung Cypris
Monographie der Ostracoden. d5
vorn an der Slirn da befindet, von wo an die Schalen ge-
öffnet werden können, ist der Augapfel (Taf. I. Fig. 17),
welcher aus zwei nach den Seiten und vorn gerichteten Ein-
zelaugen besteht. Jedes Einzelauge ist von einer becherför-
migen Hülle eingeschlossen, die ich bei C. ornata aus drei
Schichten zusammengesetzt fand. Die äussersle (a) (Sclero-
tien) bildet den Becher, welcher das ganze Organ umschliesst
und dem Auge vorzugsweise die Farbe giebt. Sie ist me-
tallisch glänzend, gelblichweiss bei C. Candida und C. acu-
minata, dunkelbraun bei Cypria, schwarz bei Cyprois, C. pu-
bera und den Cytheren. Die Cyclopen endlich haben den-
selben Bau des Auges^ aber mit rothem oder rothbraunem
Pigment. Aus diesem Becher hervor sieht ein schmaler Ring
(&) von scharf unterschiedenem nicht glänzendem Schwarz,
etwa der Chorioidea zu vergleichen. Von dieser steht aber
wieder die dritte Schicht (c) (Iris) hervor;, die ebenfalls me-
tallisch glänzend ist und eine Pupille begrenzt, aus der der
lichtbrechende Körper hervorquillt. Durch diesen hindurch
zeigt sich die Retina, bei den meisten Species weisslich oder
bläulich, so dass mindestens 4 Schichten hier übereinander
liegen. Beim Zerreissen lassen sich neben Pigment und Zel-
len auch wohl faserige Elemente erkennen; es ist jedoch
nicht zu bestimmen, welchen Schichten sie angehören.
Der lichtbrechende Körper ist überdeckt von ei-
ner zarten , structurlosen Haut und besteht aus Zellen mit
farblosem glashellem Inhalt. Bei Berührung mit Wasser quillt
er schnell auf und zerlliesst. Seine Refractionskraft steht
hinter der des Glases zurück. Die Weite der Pupille variirt
nach den Arten und ist bei den Cytheren und Cyprois mo-
nacba besonders eng. Bei letzterer, deren Augen leicht zu
isoliren sind, bemerkte ich an einem in Spiritus conservirlen
Exemplare innerhalb des lichtbrechenden Körpers eine Kugel
von noch etwas stärkerer lichtbrechender Kraft, die also we-
nigstens funktionell der Linse des Wirbelthierauges ent-
spricht.
Dies , der Becher und die lichtbrechenden Körper sind
die Bestandtheile des Auges, das nur von dem Blute des
Thieres umspült und von der Körperhaut bedeckt wird. Ei-
nige Muskeln , die von dem Rücken nach der Augengegend
^ Zenker:
laufen, scheinen dasselbe vor- und rückwärts zu bewegen;
diese Bewegung ist jedoch nicht mit der bei dem Auge der
Daphnoiden zu vergleichen.
Die eben beschriebenen Einzelaugen stehen bei Cypris
eng aneinander, so dass sich das Pigment nur wenig zwi-
schen ihnen ausbreitet; bei Cypria ist der Augapfel breiter
und das Pigment massenhafter; bei Cyprois treten die seit-
lichen Augen weit auseinander, nur durch schwarze Stiele
mit dem medianen Augengehirn verbunden und so sind es
zwei gelrennte einfache Augen. Bei Cythere erreichen die
Augen seitlich die Schalen und verwachsen mit ihnen, so
dass deren äussere Fläche als Hornhaut dienen muss. Bei
Cypridina endlich rücken diese Augen von der Kantengegend
der Schale bis mitten auf den Buckel und sind dort ihre
Hornhauteindrücke an lebenden und fossilen Exemplaren be-
kannt. Niemand aber hat diese Augen, wie es Dana in
seinem Conspectus Crustaceorum nur ganz beiläufig Ihut, für
zusammengesetzte erklärt , und ich lasse diese Sache dess-
halb dahingestellt sein. In der ersten Jugend sind bei allen
von mir beobachteten Cypriden und Cytheren die Augen in
einen Augapfel verwachsen und trennen sich bei Cyprois
und Cythere erst allmählich, aber sehr früh.
Wir dürfen nicht glauben, den Bau dieser Augen ver-
standen zu haben, wenn wir nicht zuvor eine vergleichende
Betrachtung der einfachen, ja sogar auch der zusammenge-
setzten Augen anderer Gliederthiere angestellt haben. Der-
gleichen Betrachtungen sind jn unserem Falle zugleich von
physiologischem, vergleichend -anatomischem und zoologi-
schem Werlhe.
Zuvörderst finden wir ganz denselben Bau des Auges
bei der weiter unten näher abgehandelten Familie der Cyclo-
piden so wie bei den Cirrhipedien und Parasiten. Auch hier
sind die Einzelaugen theils eng vereinigt (Süsswasser-Cope-
poden), theils in zwei deutliche Augen getrennt (Cetochilus,
Pontia u. a.). An Cyclops gewahrt man auch, was bei den
Ostracoden wohl nur zu schwierig zu beobachten ist, näm-
lich dass der lichtbrechende Körper erst allmählich aus dem
Pigmentbecher sich zu einer Halbkugel erhebt und ebenso
auch dann erst allmählich in lichlbrechender Kraft zunimmt
Monographie der Ostracoden. 27
von der des Wassers elwa bis zu der des Glases. Man miiss
daher annehmen, dass vor der völligen Ausbildung des licht-
brechenden Körpers die gewölbte Oberfläche der Haut und
die lichtbrechende Kraft der Körpersubstanz denselben er-
setzen. In solchem Zustande finden wir diese Augen bei
den Cirrhipedien und Parasiten , bei denen sie die völlige
Ausbildung nie erreichen.
Ebenso sehen wir sie bei den jungen Branchiopoden
als anfangs einziges Sehorgan. Bei diesen entwickeln sich
entweder die lichtbrechenden Körper gar nicht (Daphnoiden)
und dann treten neben den einfachen schon in den Embryo-
nen zusammengesetzte Augen hervor; oder sie quellen her-
vor, wie bei den Cyclopiden, behalten aber die anfängliche
geringe lichtbrechende Kraft bei. Im letzteren Falle befinden
sie sich bei Branchipus, Artemia und Argulus, wo sie als so-
genannter ^dreilappiger Gehirnfleck« bekannt sind '}. In an-
1) Bei Argulus foliaceus erklärten Jurine (Mem. s. I'Argule
foliace in den Annales d. Museum d'hist. nat. Tome YIl 1806. p. 431.
pl. 26.) und C. Vogt (Beitr. z. Naturgesch. d. Schweizer. Crustaceen
in den Neuen Denkschr. d. allgem. Schweizer. Gesellsch. f. d. ge-
sammten Naturwissenschaften Bd. YII. 1845. p. 1. Taf. I.) dies Organ
für das Gehirn. F. Leydig (Ueb. Arg. foliaceus in der Zeitschr. f.
wissensch. Zool. Bd. II. 1850. p. 323. Taf. XIX. und. XX.) erwies je-
doch, dass das eigentliche Gehirn nnter diesem kleeblattartigen Fleck
läge und nannte es daher „oberer Hirnlappen«. In seiner Abhand-
lung über Artemia salina und Branchipus stagnalis (Zeitschr. f. wiss.
Zool. Bd. III. 1851. p. 280. Taf. YIII.) bespricht er dasselbe Organ
(p. 296) mit folgenden AVorten: „Wollte man sagen, dass es ein ver-
kümmertes Auge sei 5 so ist auch dies unrichtig, denn in Artemien-
larven, deren seitliche Augen noch mangeln, die aber fraglichen
Stirnfleck besitzen, ist er ebenfalls nur ein Haufen vonPigmentkügel-
chen und hat keine brechenden Medien.« Dass man es dennoch für ein
verkümmertes Auge halten muss, glauben wir, beweist sein Verhal-
ten und seine allmählige Ausbildung zum vollkommenen Auge bei
den Cyclopiden mit voller Klarheit. Ob es wirklich, wo es verküm-
mert alle optische Thätigkeit ganz verliert, oder ob es mit Hülfe der
lichtbrechenden Körpersubstsnz noch immer zum Sehen brauchbar ist,
selbst dies wäre noch eine schwebende Frage. (S. auch meine „phy-
siologischen Bemerkungen über die Daphnoiden in Müll. Arch. 1851.
S. 112. Taf. III.). Was übrigens die dreilappige Gestalt anbetrifft, die
mehr ein verkümmertes Auge von drei als von zwei Linsen erwarten
28 Zenker:
deren Crustaceen (Apus, Liinulus) sind sie als Nebenaugen
hinlänglich bekannt geworden.
Diese einfachen Augen haben nun entweder eine be-
sondere Hornhaut (Cythere , Apus, Limulus u. a.) oder die
Körperhaut läuft einfach über sie hinweg (Cypris, Cyclops,
Argulus u. a.). Den Bau der letzleren Augen haben wir so
eben beschrieben, die ersteren aber bilden einen Uebergang
zu den Augen der Isopoden , Myriapoden und Arachniden.
Bei diesen nehmen mehr und mehr die Hornhaut und ihre
Gebilde Antheil an der lichtbrechenden Thätigkeit. Wenn
bei Apus und Cythere die Hornhaut eben nur glatt die Au-
gen überzieht, so verdickt sie sich bei den Isopoden schon
etwas nach der Mitte, so dass sie wie ein Sammelglas selbst
ein Bild wirft. Eine deutlich abgegrenzte rundliche Erhe-
bung zeigt sich schon bei den Scolopendren, gering nur bei
den einfachen Augen der von mir untersuchten Inseclcn; aber
die bedeutendste Verdickung zeigt die Hornhaut der Arach-
niden und besonders der Scorpioniden. Bei ihnen wächst
durch Verdickung der Hautschichten eine vollkommene Kry-
stalUinse nach innen hervor und bleibt nur durch einen ziem-
lich dünnen Stiel mit der eigentlichen äusserlich glatten Horn-
haut verbunden. Deutlich erkennt man beim Durchschnitt
die Schichten, von denen auch die Linse des Skorpions ge-
bildet wird, und die, wie die Schichten in der Linse der
Wirbelthiere, aus meridionalen Fasern, aber mit glatten Rän-
dern, bestehen. Die Sehlinse des Skorpions bietet
genau den Zustand dar, wie die noch nicht völ-
lig von der Hornhaut abgelöste Linse eines Wi r-
bellhier-Embryos und ist ganz mit ihr zu parallelisiren.
Hesse, so bekenne ich", dass ich auch in Betreff der Ostracoden und
Cyclopiden lange zweifelhaft gewesen bin, ob zwei oder drei Augen
vorhanden waren. Endlich kam ich zu dem Resultat, besonders durch
Cyprois monacha, dass das, was ich für ein drittes unpaares Auge
gehalten hatte, wahrscheinlich nur die Anschwellung des Sehnerven
sei, und dass also nur 2 Augen vorhanden seien. So ist auch wohl
der mittlere, nach vorn und nnten gerichtete, Lappen des dreilap-
pigen GehirnQecks aufzufassen , ebenso wahrscheinlich das dritte
Auge, welche Dana bei einigen Copepoden-Gattungen hat erkennen
wollen.
Monographie der Ostracoden. 29
Die grossen Augen auf dem Kopfschilde des Skorpions
sind überhaupt die grössten und vollkommensten Einzelaugen
im ganzen Gliederlhierreich. In ihnen findet sich ausser der
Hornhaut und Linse (den exogenen Bestandlheilen des
Auges) noch ein Glaskörper und die Augenhülle (endogene
Beslandtheile). Die Augenhülle ist offenbar von demselben
Baue wie bei den Ostracoden und Cyclopiden; hier aber
zeigt sich erst ihre complicirte Structur »)• Sie besteht viel-
leicht aus nicht weniger Schichten wie die der Wirbelthiere,
wenn auch ihr Bau noch nicht völlig und besonders nicht an
frischen Exemplaren erforscht ist. Sie bildet dicht hinter
der Hornhaut eine Pupille, durch welche der Stiel der Seh-
linse tritt. Der Glaskörper ist von zelliger Structur wie der
der Wirbelthiere, so dass diesem Auge nur der optisch
höchst unbedeutsame Humor aqueus fehlt, um dem der Wir-
belthiere ganz und gar zu gleichen.
Wenn wir nun, entsprechend den Principien der Ent-
wickelungsgeschichte, die endogenen optischen Medien des
Auges wie bei den Wirbelthieren als „Glaskörper^^ bezeich-
nen, so müssen wir auch die lichtbrechenden Körper der Cy-
clopiden, Ostracoden u. a. als solche auffassen. Die lichlbre-
chenden Körper der Augen mit glatter Hornhaut müssen also
nicht „Linsen," sondern „Glaskörper* genannt werden. So-
gar Linsen müssen wir unterscheiden, endogene, wie bei
Cyprois und exogene, wie bei den Arachniden.
Vergleichen wir ferner die Augen mit glatter Hornhaut
(Ostracoden etc.), denen mit optisch mitwirkender Hornhaut
(Isopoden , Myriapoden , Arachniden) , so tritt uns der be-
merkenswerthe Gegensatz entgegen, dass in diesen der ei-
gentlich lichlbrechende Körper ein exogenes Gebilde (Linse),
in jenen ein endogener (Glaskörper) ist; dass in diesen der
Glaskörper zur Verminderung , in jenen zur Erzeugung der
Convergenz der Lichtstrahlen bestimmt ist.
Dasselbe, was wir hier bei den einfachen Augen finden,
gilt nun auch für die zusammengesetzten. Auch in
ihnen findet sich der Unterschied, dass bald die exogenen,
1) J. Müller , zur vergleich. Physiol. des Gesichtssinns und in
Meckels Archiv. 1828. p. 60. Taf. I.
so Zenker:
bald die endogenen Augenlheile die Convergenz der Strah-
len bewirken. Denn wie bei Cyclops der zellige Glas-
körper von innen hervorwächst ^ so auch der lichtbrechende
Körper im zusammengesetzten Auge der Daphnoiden. Auch
er besteht, wie bei Cyclops, aus Zellen, welche be-
sonders deutlich durch Behandlung mit kaustischem Kali
hervortreten. Die Körperhaut dagegen geht glatt darüber
fort und ist ohne lichtbrechende Kraft. Wenn Burmeister
von Branchipus eine kugelförmige Linse und einen pyrami-
dalen Glaskörper abbildet, so muss erstere doch sehr schwach
lichtbrechend sein, da Leydig nur den birnförmigen Glas-
körper als lichtbrechendes Organ darstellt; hier ist der Glas-
körper Hauptorgan der Lichtbrechung. Ebenso bei Apus,
Argulus und Limulus. Bei allen diesen geht die Hornhaut,
wenn sie vorhanden ist, glatt über das Auge weg oder trägt
wenigstens nicht zur Convergenz der Lichtstrahlen bei. Bei
den Asseln und Dekapoden dagegen liegt die Ursache der
Convergenz in der Hornhaut, welche in der Mitte dicker ist
als am Rande. Dasselbe findet bei vielen Insecten statt, z.
B. bei Dyticus, wo die Hornhaut innerhalb jeder Facette eine
Wölbung von löO"^ macht. Der dahinter liegende Glaskör-
per, der sogenannte lichtbrechende Körper, dient nur dazu,
die Convergenz der Strahlen bis zu seiner Spitze zu verzö-
gern. Im Dyticus hat die gewölbte Hornhaut eine Refrac-
tionskraft von 1,50, während der Glaskörper nur etwa 1,40
hat. Daher liefert auch die blosse Hornhaut eines Insecten-
auges für jede Facette ein besonderes Bild, weil die Horn-
haut einer jeden Facette selbst als Linse betrachtet werden
kann.
Ich habe nicht genug Material und Zeit gehabt, um das
Verhältniss von Hornhaut und Glaskörper in den Insectenau-
gen umfassender zu studiren und leider zerstört Weingeist
oft die wichtigsten Theile und greift sogar den Glaskörper
beträchtlich an, Frische Augen wären zu diesen Untersu-
chungen sehr wünschenswerth. Ueberhaupt, glaube ich, ist
auch der übrige Bau des Einzelauges im zusammengesetzten
Auge zurückzuführen auf den des einfachen Auges. Die
Pigmenthülle muss natürlich ihre Gestalt wegen der gedräng-
ten Stellung der Augen modificiren; dennoch findet sich an
Monographie der Ostracoden. 3l
ihr in beiden Augenarten eine ganz ähnliche histiologische
Beschaffenheit und sogar die Bildung einer Pupille zunächst
unter den Hornhautgebilden, auch in zusammengesetzten
Augen.
Endlich ist das Verhallen der Augen nerven in bei-
den Augenarten ganz analog. Wie Newport ^) naturge-
treu darstellt, bildet im Skorpion der Nerv für jedes Auge
vor seinem Eintritt in dasselbe ein einfaches Ganglion und
so lange die Augen selbst noch nicht unmittelbar aneinan-
derstossen, bleiben auch die Ganglien getrennt. Dies Verhal-
ten kehrt im Gliederthierreich wieder. Die Existenz eines
Nervs mit gangliöser Anschwellung neben einem dunklen Fleck
ist ein anatomischer Beweis, dass dieser Fleck ur-
sprünglich ein Auge ist. So sehen wir zu dem unentwickel-
ten Auge der Lepadeen zwei Nerven treten mit gangliöser
Anschwellung vor ihrem Eintritte in dasselbe; so hat schon
Seh öd 1er an Acanthocercus rigidus und später Lievin an
Sida crystallina die beiden Nerven dargestellt, die von bei-
den Seiten aus dem Gehirn zu dem „schwarzen Fleck«* tre-
ten und neben ihm zwei gangliöse Anschwellungen bilden»
Bei den Seitenaugen des Skorpions findet schon eine Ver-
schmelzung der Nerven an ihrem Ursprünge statt, der bei-
läufig für die Sehnerven immer über oder vor allen übri-
gen Nerven am Gehirne zu suchen ist. Sobald aber die
Ocellen sehr nahe aneinanderstehen, so verschmelzen auch
die Ganglien zu einem gemeinschaftlichen Augengehirn, aus
dem dann die Fäden wieder zu den Ocellen herantreten. Dies
fanden wir oben bei den Cytheriden und dies gilt ebenso
für die zusammengesetzten Augen sowohl der Crustaceen
(Malacostraceen , Branchiopoden, Xiphosuren), als der In-
secten.
Ein zusammengesetztes Auge ist daher nur
als eine Aggregation einfacher Augen zu be-
trachten, die sich, veränderten Verhältnissen gemäss, um-
gebildet haben; ein specifischer anatomischer Unterschied be-
steht nicht. Auch muss desshalb die Art und Weise des
Sehens dieselbe sein. Die umgekehrten Bilder in den be-
1) Philosophical Transactions 1843. p.260. pl.XII.
39 Zenker:
nachbarten parallelgerichteten unbeweglichen einfachen
Randaugen des Skorpions können nur dadurch vereinigt
werden, dass der Ort des gesehenen Gegenstandes in der
Richtung des einfallenden Lichtstrahls nach aussen projicirt
wird, und dass da, wo für je zwei Augen die Projections-
richtungen sich kreuzen, der Körper selbst gesehen wird. Es
ist hier gleichgültig, ob diese Bilder aus 2 oder 3, 4 und
mehr Augen projicirt werden; die Kreuzungsstelle wird im-
mer nur der Gegenstand selbst sein können. Durch die
zahlreichen Ocellen des zusammengesetzten Auges wird also
eine eben so klare Anschauung des Gegenstandes erreicht
werden, wie in jeden zwei gleichgerichteten unbeweglichen
einfachen Augen. Wenn also Gott sehe ') die Ansicht
ausspricht, dass das in den Ocellen des zusammengesetzten
Auges entstehende umgekehrte Bild eine nochmalige Um-
kehrung, d. h. eine Wiederaufrichtung erfahren müsse, um
ein einmaliges zusammenhängendes Bild des Gegenstandes
zu erhalten: so würde dies ebenso für die einfachen Augen
auf dem Rücken der Spinnen und am Kopfrande des Skor-
pions gelten müssen, in denen aber ein dazu geeigneter op-
tischer Appanit anerkannter Weise völlig fehlt. Auch wäre
es kaum denkbar , dass die Insecten mit ihren Nebenaugen
umgekehrte , mit ihren zusammengeselzlen Augen dagegen
aufrechte Bilder sehen sollten. Es darf aus dem Vorgange
des Sehens mit beweglichen Augen kein Schluss gezogen
werden für die Theorie der unbeweglichen.
Y. Organe der Ernährung, Absonderung,
Athmung und des Kreislaufs.
Die Gliedmassen, welche dem Munde Nahrung zuführen
und überhaupt an dem Geschäft des Kauens theilnehmen, ha-
ben wir schon oben aufgeführt. Strauss und seine Nach-
folger betrachteten sie als die einzigen Kauorgane und über-
sahen die merkwürdigen Apparate im Innern der Mundhöhle,
1) Müllers Archiv 1852.
Monographie der Ostracoden. 33
denen dies Attribut wohl mit viel grösserem Rechte beizule-
gen wäre.
Der Mund ist eine Querspalte, bei den Cypriden nahe,
bei den Cytheren an dem Winkel der Bauch- und Vorder-
seite gelegen, die vorn von der helmartigen Oberlippe, hin-
ten von der Unterlippe, d. h. dem vordersten Rande des Brust-
beins begrenzt wird. Durch den Mund geht die Chilinhaut
der äusseren Körperbedeckung über in die der innersten Darm-
wandung und erzeugt auf diesem Wege noch in der Mund-
höhle Chilingebilde , die an Härte und Festigkeit den stärk-
sten Gelenkkapseln der Gliedmassen nicht nachstehen.
Die Lippen (Taf. I. Fig. 13. B. C.) selbst sind hart und
besonders die Oberlippe scharf. Sie lassen sich nicht weit
öffnen, aber fest verschliessen. Ihre Bewegungen sind nicht
gross und es müssen daher die Speisen schon einen gewis-
sen Grad von Feinheit haben, um in den Mund zu kommen.
Die Lippen sind übrigens , da diese Gegend des Körpers kiel-
förmig nach unten vortritt, ähnlich den menschlichen gebo-
gen. Um ihnen beim Festhalten der Beute behülflich zu
sein, stehen auf jeder Lippe eine Menge gegen den Mund
gerichteter Häärchen. Nach innen schliessen die Lippen eine
Mundhöhle ein , die sich nach vorn zu mit der eigentlichen
Speiseröhre verbindet.
In dem Winkel , den diese Mundhöhle bei den Cypri-
den nach oben, bei den Cytheren nach hinten zu bildet, be-
finden sich nun 2 eigenthümliche rechenartige Kauor-
gane (Taf. L Fig. 14) aus hartem Chitin und ziemlich be-
weglich. Die Basis jedes Rechens bildet ein rechtwinklig
geknickter Chitinstab (a), der den bewegenden Muskeln zur
Anheftung dient. Mehrfach gestützt erhebt sich aus ihm
gegen die MundöfTnung zu ein Stab (6), der an seinem Ende
rechtwincklig aufsitzend eine Reihe starker Zähne (c) trägt.
Die Zähne beider rechenartigen Organe sind einander zuge-
kehrt und können in einander greifen. Bei C. ornata sind
es 9 Zähne, die hier rechenartig gereiht stehen und die fast
die ganze Breite des Schlundes einnehmen. In dem freiblei-
benden Räume desselben befindet sich ein bewegliches zun-
genarliges mit Haaren besetztes Läppchen (e) , welches die
Speisen immer wieder zwischen die Zahnreihen treibt. An
Archiv f. Najurgesch. XX.Jftbrg. l.Bd. 3
34 Zenker!
den Stielen der Rechen ist die Schlundwand ((f) befe^igt
und diese ist mit dichtgedrängten Häärchen beselzt in der
Breite der Zahnreihen. Indem die Häärchen nun mit den
Spitzen aneinanderreichen, so können sie alle gröbere Speise,
die von den Zahnrechen herkommt, wieder zu ihnen zurück-
führen und brauchen nur dasjenige durchzulassen, was schon
die gehörige Feinheit besitzt.
Bei den Cytheren ist dieser Apparat auch vorhanden
(Taf. IV. Fig. 8); nur fehlen den rechenförmigen Organen (c)
die Zähne und die Haare stehen hinter ihnen nicht so dicht;
so dass mehr ein Zerquetschen erzielt zu sein scheint.
Ausserdem bleibt der Apparat in der Präparation bei den
Cypriden in der Oberlippe , bei den Cytheren in der Unter-
lippe. Dies kommt aber nur davon her, dass die beiden
Lippen bei den Cypriden einen stumpfen , bei den Cytheren
aber einen spitzen Winkel einschliessen, und dass desshalb
die Mundhöhle sich tief in die Wölbung der Unterlippe hinein-
erslreckt. Der Apparat ist an das Chitinskelet da befestigt,
wo Ober- und Unterlippe einander berühren und reicht stets
in die Mundhöhle hinab. Er wird also beim Zerreissen ein-
mal der Oberlippe , das andere Mal der Unterlippe anhaf-
ten. Stets ist er als Gebilde der Chitinhaut zu betrachten
und keineswegs etwa mit den Gliedmassen zu parallelisiren.
Mit einer Wendung nach vorn geht der Weg der Spei-
sen nun in den eigentlichen Darmkanal (Taf. I. Fig. 15.
Taf. iV. Fig. 13). Derselbe besteht, nach Strauss's Dar-
stellung, aus einem hellen dünnen Theil, einem weiteren drü-
sigen mittleren Theil, der in zwei Unterabiheilungen einge-
schnürt ist , und aus einem durchsichtigen engeren End-
slücke, welches zum After führt. Ohne Rücksicht auf Ana-
logie der Benennungen mit denen des menschlichen Darm-
kanals besteht er allerdings aus diesen drei Theilen, die ich
als Speiseröhre {ab), Darm (c dj und Mastdarm
(e) bezeichnen will. Die ersteren beiden sind durch eine
pylorusarlige Einschnürung Q?) geschieden, die letzteren ge-
hen in einander über. Die Speiseröhre reicht mit einem
Bogen nacii vorn hinauf bis in die Gegend des Auges, der
Darm aber geht mit einer kleinen Biegung nach oben zurück
in die Schwanzgegend.
Monographie der Ostracoden. 35
Bei genauerer Untersuchung zeigt sich gegen das Ende
der Speiseröhre ein aus Chitinblätlern gebautes dunkleres
Organ (Taf. I. Fig. 16. Taf. IV. Fig. 14), welches äusserlich
einem menschlichen Kehlkopf, in seinem inneren Baue dage-
gen wesentlich dem Mafien der Isopoden gleicht. Dieser
M a gen apparat besteht bei den Cypriden aus einem unte-
ren Chitinring von der Gestalt des Ringknorpels (ß);
auf diesem sitzt eine grössere Chitinwand (Cj auf, welche
einem längs der Axe durchschnittenen Becher gleicht und
nur an einer Stelle hornig ringförmig geschlossen ist , an
den Lücken aber von einer weicheren dehnsamen Haut (&)
überspannt wird. Aus diesem Halbbecher, den wir der Kürze
und seiner äusseren Aehnlichkeit halber den Schildknor-
pel nennen wollen, erhebt sich ein Körper (2>) , und zwar
von dem Chilinring aus, welcher seine convexe Seile gegen
die concave Seite des Schildknorpels drückt , so dass zwi-
schen beiden Flächen nur ein schmaler halbmondförmiger
Raum übrig bleibt. Auch dieser Raum ist nicht frei, son-
dern von Haaren ausgefüllt, welche sich von beiden Flächen
aus nach oben richten. Am Schildknorpel sind dieselben
über die ganze innere Oberfläche verbreitet, an dem Reibe-
zeng aber, wie jener Körper wohl zu nennen wäre, stehen
sie in parallelen Reihen angeordnet. Dieses Reibezeug
besteht nämlich aus Chitinlamellen, welche von unten nach
oben schuppenartig übereinander greifen und deren letzte
sich endlich wieder zum Schildknorpelring zurückbiegt. Auf
der äusseren freien Fläche dieser Schuppen (rf) sitzen nun
die Haare des Reibezeugs und können sammt dem ganzen
Reibezeug gegen die innere Fläche des Schildknorpels hin
und her bewegt werden. Von vorn betrachtet, zeigt dieses
Reibezeug in der Mitte eine Vertiefung; dorthin werden die
Speisen von den Seiten zusammengedrängt, und dort ist der
Heibeapparat am stärksten. Bei den Cytheren treten nicht
bedeutende Veränderungen ein; nur dass der Ringknorpel
(6) höher ist und dass das Reibezeug (d) nicht den Schild-
Jinorpel (c) überragt , sondern von ihm überragt wird und
aus weniger schuppenartigen Lamellen aufgebaut ist.
Wie mir scheint, dient die weiche Haut am Schildknor-
pel (6) dazu, die Speisen vorläufig aufzunehmen; der Ring»
36 Zenker:
knorpel, gegen den der Schildknorpel auch einen ganz ei-
genthümllchen (wahrscheinlich ventilartigen) Ansatz (a) hat,
die Speisen am Zurücktreten zu verhindern; und endlich der
Schildknorpel und das Reibezeug , sie zu zerreiben. Eine
kurze Strecke werden die Speisen nun noch im häutigen Oe-
sophagus (e) fortgeführt und treten dann durch den Pylorus
(p) in den Darm.
Man wird sich wundern, dass ich jenseits dieses Ma-
gens noch von einem Oesophagus rede und das Stück bis
zum Darme nicht vielmehr Duodenum nenne. Es würde
allerdings so bezeichnet werden können und man unterschiede
dann Oesophagus, Slomachus, Duodenum, Colon und Rectum;
ich halte es aber für richtiger, nur zwei Hauptabiheilungen
zu machen und Alles vor dem Pylorus und der Einmündung
der Leberschläuche als Oesophagus, dahinter als Intestinum
und Rectum zu bezeichnen, wie es bei Cyclops einfach her-
vortritt. Nun tritt bald im Oesophagus, bald im Intestinum
eine magenarlige Erweiterung ein, im Oesophagus bei den
Malacostraceen und Oslracoden, im Intestinum bei vielen
Branchiopoden, den Cirrhipedien, Parasiten und wieder den
Ostracoden. Der Magen der letzteren liegt hinter dem Pylo-
rus an oder hinter der Einmündungsstelle für die Galle.
Wenn man nun jede magenartige Erweiterung ohne weite-
res Magen nennt, so confundirt man ganz ungleichartige Or-
gane. Man thut daher besser die Eintheilung festzuhalten,
die für die Cyclops das Schema giebt: Schlund und Speise-
röhre einerseits, Darm und Mastdarm andererseits, und
die besonderen Erweiterungen als Speise röhrenmagen,
Darmmagen oder in dieser Art zu bezeichnen.
Hinter dem Pylorus kommen wir an den Darm (Taf. I.
Fig. 15. c. Taf. IV. Fig. 13. c), dem Theil des Verdauungska-
nals, welcher von Strauss als Magen bezeichnet wurde
und der durch seine Weite und Abrundung allerdings dazu
veranlassen kann. So lange der Darm noch eine zellige
Wandung hat, nenne ich ihn Darm, wenn aber die Wandung
nur noch muskulös ist, Mastdarm. Der erste Theil ist durch
eine Einschnürung (m) in der Gegend des Schliessmuskels
in zwei Theile gelheilt und zeichnet sich durch seine Weite
aus. Seine Wandungen bestehen aus einer äusseren slruc-
Monographie der Ostracoden. 3?
lurlosen Membran, einer darunterliegenden Schicht von Ouer-
und Längsmuskeln, einer inneren Zcllenschicht und einer in-
nersten Chilinhaut.
In die erste Abtheilung des Darmes, unmittelbar neben
dem Pylorus mündet bei allen Cypriden jederseits ein Le-
berschlauch (h) ein, der denen der fsopoden und Am-
phipoden histiologisch ganz ähnlich ist. Die Wandungen die-
ser Schläuche (Taf. L Fig. 21) enthalten nämlich, wie die
Darmwände (Fig. 20), so weit sie zur Verdauung beitragen,
Zellen (a) , in denen das Gallenfett sich allmählich in Form
kleiner Kügelchen anhäuft, bis es durch Zerplatzen der Zel-
lenwandung in die Höhlung (c) ergossen wird. Dann kommt
der Zellenkern (6) , der bisher verborgen war, wieder deut-
lich zum Vorschein. Die so abgesonderten Fetttröpfchen sind
bald glashell, bald gelb. S t r a u s s bezeichnete diese Schläuche
als vaisseaux coniques et aveugles und liess es zweifelhaft,
ob sie Speicheldrüsen oder Hoden seien. Fischer will
rhythmische Contractionen an ihnen bemerkt haben und hält
sie desshalb für Herzen.
Bei manchen Arten sind die Leberschläuche nur kurz
und verstecken sich zwischen den Organen der vorderen
Körpergegend, bei anderen dagegen (C. ornata, C. pubera)
(Fig. 15. h) sind sie lang und laufen neben dem Eierstock in
der Duplicalur der inneren Schalenhaut quer über die Schale
fort, als gelber Streif neben dem rolhen schon von aussen
erkennbar. Ausser diesen Schläuchen finden sich oft noch
kleine Darmzellen, welche Galle absondern und in der er-
sten Jugend die Leberschläuche vertreten. So findet sich in
den Cypriden eine Stufenleiter der Ausbildung galleabson-
dernder Organe, die sich über die ganze Klasse der Crusta-
ceen fortsetzen lässt. Denn die Cyclopen haben nicht einmal
mehr Zellen, sondern nur die Darmwände selbst als Organe
der Gallabsonderung ; wogegen die Isopoden uns die stär-
kere Enlwickelung der Leberschläuche zeigen und die Ab-
sonderung in den Dekapoden ihren Gipfel erreicht.
Von dieser Leberbildung weicht die verästelte Leber
mancher Phyllopoden, wie z. B. des Apus und die Leber der
Cylheren ab. Bei den Cylheren findet man keine Leberschläu-
cho, sondern nur (Fig. 13 /i. Fig. 14. h) zwei runde Blasen,
38 Zenker:
welche stets mit braungelber Flüssigkeit gefüllt sind und die-
selbe durch ihre kurzen Ausführungsgänge in den Darm
fliessen lassen. Ob die Blasen selbst die Galle absondern
oder ob sie ihnen von einem andern Organe zugeführt wird,
blieb mir dunkel.
Ueberall bei den Crustaceen müssen wir die Punkte des
Darmkanals, wo der Gallerguss slaüfindet, für aequivalent
halten. Darnach entspricht dem Oesophagus der Cyclopiden
die Speiseröhre und der Magen der Ostracoden, Dekapoden
und Isopoden, die Speiseröhre der Branchiopoden: und dem
Darm der Cyclopiden entspricht der Darm der Ostracoden,
Dekapoden und Isopoden, dagegen der Magen und Darm zu-
sammen der Branchiopoden.
Der Darm der Ostracoden verrichtet in seinen beiden
Abtheilungen die Function des Verdauens und verläuft sich
allmählich verengend durch den Mastdarm (e) zum After.
Der After ist eine Verticalspalte zunächst dem Schwanzsla-
chel. lieber die Beschaffenheit der Nahrungsmittel giebt der
Darminhalt wenig Aufschluss, der auch wohl dazu schon eine
zu grosse mechanische Zerstückelung erfahren hat. Denn
nach dreimaligem Zerbrechen, durch die Kiefer, die Lippen
und die Rechenzähne werden die Speisen noch zweimal durch-
gebürstet, zuletzt in dem Speiseröhrenmagen. Diese Zerbür-
stung der Speisen , die wohl am ausgebildesten bei den Fy-
cnogoniden vorkommt, ist bei den Malacostraceen ebenfalls
ganz allgemein, da auch aus dem Magen des Flusskrebses von
Oesterlen ') ein ganz ähnlich gestaltetes blättriges Reib-
zeug beschrieben ist.
Von Absonderungs Organen haben wir schon oben
die Leber erwähnt, die sich bei allen Ostracoden vorfindet.
In der Gegend desPylorus ebenfalls finden sich bei den Cypri-
den noch andere lappig verzweigte Drüsenmassen (Taf. L
Fig. 22). Ich habe nie einen Ausführungsgang entdecken
oder eine Thätigkeil nach einer Richtung hin erkennen kön-
nen. Nennen wir sie einstweilen „Milz.** In ein äusserst
feinzelligcs Parenchym eingestreut liegen zahlreiche Fett-
tröpfchen von verschiedener Grösse und meist von gelblicher
1} Müll. Arch. 1840. p. 387. Taf. XII.
Monographie der Ostracoden. 30
Farbe. Vielleicht sind diese drüsigen Gebilde der letzte Rest
von der im ganzen Gliederthierreich sich vielfach dort vor-
findenden Drüse, die wir bei den Cytheren deutlicher aus-
gebildet linden. Wir haben schon oben erwähnt, dass sich
zwischen den Muskeln der unteren Antennen (Taf. IV. Fig 3.g}
eine beuteiförmige Blase befinde, deren Ausführungsgang bis in
die Spitze des grossen Hakens zu verfolgen sei. Eine drü-
sige Structur Hess sich an dieser Blase nicht erkennen , ob-
wohl sie von hellgelbem Inhalt strotzte. Ueber die Function
wie über die anatomischen Beziehungen dieser Drüse kann
wenig Zweifel sein. VTas soll eine solche Drüse, die sich
durch einen kräftigen Stachel ergiesst , wenn es nicht eine
Giftdrüse ist? und wer kann die Beziehung verkennen, in
der sie mit der Giftdrüse im Basalgliede der unteren An-
tennen (Kiefertaster) der Spinnen steht? Wir werden bei
Cyclops und Apus unten noch mehrere diesen entsprechende
Drüsen kennen lernen; gewiss sind auch die von Leydig
an ßranchipus und Artemia beschriebenen , so wie off*enbar
die Giftdrüsen des Argulus hiemit verwandt ; endlich bewei-
sen die sorgfältigen Untersuchungen des Dr. C. A. Strahl
über das grüne Organ des Flusskrebses , wie mir derselbe
mündlich miüheilte, dass auch dieses drüsige Gebilde in näch-
ster Verwandtschaft mit den angeführten Drüsen steht. Dass
dieselben darum nicht alle Gift abzusondern brauchen, wird
Jeder wissen.
Eine Absonderung, welche ich merkwürdigerweise nur
bei den Cypriden beobachtet habe , ist die von festem oder
doch ziemlich festem Fett. Es findet sich vorzugsweise
zwischen den Blättern der inneren Schalenhaut und oft in
ziemlich grossen Quanliläten. Die chemische Natur eines
solchen Fetts näher zu bestimmen wäre nicht unthunlich,
aber doch sehr schwer. Wundersam ist es, dass dieses Fett,
in Wasser gebracht, allmählich mehr und mehr auseinander
geht, dabei höchst abenteuerliche Figuren bildet und endlich
in kleinere Theile auseinanderplalzt. Es ist sogar wohl
möglich, dass diese Substanz nicht zu den eigenilichen Fet-
ten gehört; doch sprach für diese Deutung das Aussehen
und doch auch das Vorkommen mehr als für jede andere.
Im Geschlechtsapparate erscheinen noch einige Abson-
40 !2enkeri
derungen. Bei jungen Thieren ist nämlich das Knäuel des
zur Samenblase führenden Canals rings von einer zelligen
Masse (Taf. 11.^1. Fig. 4. c) umgeben und diese sondert eine
gelbliche feinkörnige Masse ab , welche gegen Säuren und
Alkalien sehr unempfindlich ist und ganz dem Secret gleicht,
welches wir bei Asellus noch näher besprechen werden.
Dass übrigens dasselbe chemisch doch nicht ganz unempfind-
lich ist, zeigt der Umstand, dass es später verschwindet, also
doch wohl aufgelöst sein muss. Ich habe es am öftesten bei
C. ornata und C. pubera beobachtet.
Das zweite Absonderungsorgan des Genitalapparals ist
die Schleimdrüse der männlichen Cypriden, die aber mit dem
übrigen Geschlechtsapparat zugleich abgehandelt werden soll.
Wir kommen zu den Organen der A thmu n g und des
Kreislaufs. Schon Strauss erkannte die stets schwin-
gende Platte des zweiten Kieferpaars (Taf. I. IV. Fig. 5. 6)
mit Recht als das Hauptwerkzeug der Athmung. Jedenfalls
dienen die ganz analog gebauten Platten am Isten und 3len
Kieferpaar der Cypriden denselben Zwecken. Die Athem-
platten gleichen in ihrem Baue denen an den Füssen der
Branchiopoden; sie enthalten eine zellige Membran und ihr
Rand ist mit breiten zweiseitig gefiederten Borsten besetzt.
Die Branchiopoden treiben mit diesen Borsten das Wasser
heran und dies umspült die dünnen Platten, in denen eine
reiche Menge Blutes umkreist. Bei den Ostracoden aber findet
man auch beim eifrigsten Suchen weder Herz noch Blutkör-
perchen noch bei der Section Eiweissgerinnsel. Wie soll
man es also verstehen , wenn solche Platten arbeiten , ohne
dass man einen Blutstrom in ihnen, ohne dass man überhaupt
einen Blutstrom bemerkt? Es wäre wohl möglich, dass hier
eine Athmung ohne Kreislauf stattfände, und dass die Athem-
platten nur das Wasser heranschaffen. Dies schlägt gegen
den Körper und gegen die innere Seite der Schale, hinter
welcher die Absonderungs- und Geschlechtsorgane versteckt
liegen. Wohl möglich , dass es an diese seinen Sauerstoff
abgiebt, der dann auf diesem Wege auch in den Darm und
den übrigen Geschlechtsapparat dringen könnte. Eine ge-
wisse Unempfindlichkeit der Ostracoden gegen die Art des
sie umgebenden Wassers (Ostsee oder süsses Wasser) ist
Monographie der Ostracoden. 41
dabei wohl einigermaassen bemerkenswerlh und zeugt viel-
leicht für die Geringfügigkeit des Athemprocesses.
VI. Geschlechtsorgane.
Ledermüller erzählt von den kleinen Muschelkreb-
sen, die er zu seinen Gemülhs- und Augen -Ergötzungen
zählte, dass er sie oft im Begattungsacle schwimmend gese-
hen habe, das Männchen vom Weichen nachgezogen. Diese
Erscheinung, die übrigens gar nicht selten vorkommt, aber
schwer genauer zu beobachten ist, wurde von den späteren
Beobachtern nicht gesehen und daher Led erm üller's Notiz
für irrthümlich gehalten. W. Baird bekennt sogar dasselbe
beobachtet zu haben , hält es aber aus Hochachtung für 0.
F. Müller, De Geer, Jurine und Strauss nicht für
eine eigentliche Begattung und nimmt lieber einen Irrlhum
von Seiten L e d erm ül ler's an. Der Grund hiezu lag in
der durch Strauss verbreiteten Meinung, die Cypriden seien
hermaphroditisch und bedürften keiner Begattung. Ich erwies
zuerst in meiner Dissertation : De natura sexuali generis Cy-
pridis und in Müll. Arch. 1850. p. 191 die Richtigkeit der
Ledermüller'schen Angabe und die Existenz getrennter
Geschlechter bei der Gattung Cypris. Auch Fischer be-
stätigte seitdem die Angabe von Ledermüller, ohne je-
doch die Trennung der Geschlechter zu erkennen.
Die Cypriden sind allerdings getrennten
Geschlechts und ebenso die Cytheriden. Ein
Weibchen legt ohne vorherige männliche Begattung niemals
reife Eier ab; aber da sie eine Samentasche haben, so reicht
eine Begattung für mehrere Geburten hin. Die Cypriden sind,
so weit ich sie kenne, durchweg eierlegend; unter den Cy-
theren kenne ich mehrere lebendigg-ebärende und vielleicht
sind sie es alle. Aeusserlich unterscheiden sich die Männ-
chen von den Weibchen bei den Cytheriden nur durch die
Anwesenheit eines grossen Penis, bei den Cypriden auch
durch einen grösseren Körper (Taf. I. Fig. 24) und eine ab-
weichende Gestalt des 3ten Kieferpaars (Taf. II. D. Fig. 2).
Die Männchen finden sich zu jeder Zeit des Jahres, freilich
4t Zenker:
in geringerer Zahl, neben den Weibchen; scheinen jedoch
nach der Abgabe der Zoospermien nicht mehr lange zu le-
ben, denn zeitweise findet man in einzelnen Tümpeln nur
samenführende Weibchen. Andrerseits glaubt man oft die
Männchen völlig zu vermissen, wenn die vorhandenen Thiere
noch geschlechtlich unreif sind und sich der Geschlechlsap-
parat der Weibchen, dem der Männchen voraneilend entwik-
kelt hat.
Wohl bei wenig anderen Thieren ist der Genilalapparal
in gleicher Kraft ausgebildet, wie bei den Ostracoden. Er
füllt bei den Cypriden etwa die Hälfte des ganzen Leibes
aus und erstreckt sich in alle Theile desselben. Fast das
ganze Abdomen ist zu geschlechtlichen Functionen ausge-
bildet. Auch die Schönheit und bedeutende Grösse der Zoo-
spermien ist ein Zeichen dafür. Bei den Cytheren finden
diese Verhältnisse zwar nicht in demselben Grade stall, sind
aber doch besonders im weiblichen Geschlechle sehr hervor-
tretend.
Der weibliche Geschlechtsapparat, der für die Cypriden
theilweise schon vonStrauss dargestellt ist, besteht in bei-
den Familien jederseits aus einer Eierröhre (Fabrica ovo-
rum) (theils Eierstock, theils Eileiter, theils endlich Gebär-
mutter), einer Scheide (Vagina) und einer Samen blase
(Receptaculum seminis). Der Geschlechtsapparat der männ-
lichen Cylhcren besteht nur aus einem Samen bereiten-
denOrgan (Fabrica seminis) und aus einem Begattungs-
apparat (Penis). Bei den Cypriden kommt noch eine höchst
characleristische Schleimdrüse (Glandula mucosa) hinzu.
A. Weiblicher Geschlechtsapparat. (Taf I. Fig.15).
Wir kennen die Ei er röhre aus Strauss's naturge-
treuer Darstellung. Sie liegt (c) mit ihrem blinden Ende
zwischen den Schalen, bald im hinleren unteren Winkel ein-
fach (C. ornala, C. pubera) oder mit einer Anschwellung
(C. acuminata) endend, bald nach hinten (C. Candida), bald
erst nach vorn , dann nach hinten (C. punctata , C. Ovum)
sich herumbiegeiul. Sie steigt quer über die Schale zwi-
schen deren beiden inneren Blättern, stet« an Weite zunehmend,
Monographie der Ostracoden. 43
bis zur Umschlagstelle der Chitinhaut in der Nähe des Schliess-
muskels (wi) auf und wendet sich dann, über den Darm ent-
lang- laufend, zur Schwanzgegend, woselbst die Eierröhren
beider Seiten nebeneinander getrennt ausmünden. Bei den
lebendig gebärenden Cytheren ist dieser letzte Theil schon
als Gebärmutter aufzufassen.
Dicht vor der Ausmündungsstelle dieser Eierröhren be-
finden sich die beiden hornigen Scheiden (Vaginae) (Taf.
I. Fig. 15, ??.Taf. IV. Fig. 15), die in den verschiedenen Arten
ziemlich abweichend angetroffen werden. Sie bestehen aus ei-
nem becherförmigen Napf, welcher von einem langen horni-
gen Bogen aus bewegt werden kann , so dass er zur Auf-
nahme und Abgabe der Zoospermien geeignet ist. Er ver-
engt sich in seinem Grunde zu einem Ganal (fe) , der von
festen starklichlbrechenden scheinbar structurfosen Wandun-
gen umgeben, sich in zahlreichen Schlingungen knäuelförmig
aufrollt und endlich in eine weite Tasche ausmündet, in die
von zarten aber elastischen und festen Wandungen umgebene
Samentasche, welche zur Aufnahme der Zoospermien wäh-
rend und nach der Begattung dient. Diese gleicht der Urin-
blase der Säugethiere an Gestalt, ist bald birnförmig, bald
rund und durch die elastischen Zoospermien in ihrem Innern
stets gespannt. Der Mündungsstelle des Ausführungsganges
gegenüber hat sie einen Pol (?^3, eine 6—8 slrahlige Narbe,
die Endstelle des Schlauchs, aus dem sich Blase und Canal
entwickelt haben.
Die Ostracoden sind meines Wissens die ersten Cru-
staceen, von denen mit Sicherheit ein Receptaculum seminis
erkannt worden ist. Strauss hatte diesen Apparat ganz
und gar übersehen; Fischer aber hat ihn sehr irrthümlich
aufgefasst. Zuerst findet er sich beschrieben in meiner Dis-
sertation und in Müller's Archiv. 1850.
B. Männlicher Geschlechtsapparat.
(Taf. I. Fig. 23. Taf. 11.^. Fig. 1).
Der männliche Geschlechtsapparat der Cypriden besteht
jederseits aus einem samenbereitenden Organ (fa-
brica seminis) , einer Schleimdrüse (Glandula mucosa)
44 Zenker:
und einem Begattungsapparate (Penis). Bei den Cy-
theren fehlt die Schleimdrüse. Diese Organe entsprechen
nach ihrer Lage und Entwickelung ganz denen des weibli-
chen Geschlechtsapparats und zwar der Samenschiauch der
Eierröhre, die Schleimdrüse der Samentasche und der Penis
der Scheide. In den meisten Arten erkennt man das Männ-
chen von aussen an den Hodenschläuchen und der Schleim-
drüse, welche am ersten hindurchschimmern^ so wie an dem
Fühlen der Eier.
1. Der Samenschlauch.
An der Stelle, wo bei bem Weibchen das blinde Ende
der Eierröhre mit noch durchsichtigen Eikeimen angefüllt
liegt, finden wir bei den Männchen vier parallel neben ein-
ander liegende Schläuche (6), deren blinde Enden ebenfalls
mit Zellen angefüllt sind. Diese Zellen sind aber nicht Ei-
keime, sondern Zoospermienkeime und die Schläuche Ho-
den. Ihre blinden Enden sind bald nach hinten längs dem
Schalenrande umgebogen (C. Candida, acuminata), bald zu-
erst nach vorn (C. punctata). Diese vier hinteren Hoden-
schläuche laufen, wie der Eierstock der Weibchen, quer über
die Schale der Gegend zu, wo sich beim Schüessmuskcl die
Chilinhaut umschlägt. Dort treffen sie mit zwei andern vor-
deren (a) zusammen, die gleich ihnen zwischen den Scha-
len, aber am Vorderrande, verlaufen und längs des ßauch-
randes fast auch bis in den hinteren Schalenwinkel dringen.
Um die Hoden in situ zu präpariren , muss man das Thier
zuvor in heissem Wasser tödten und dann die Schalen vor-
sichtig ablösen.
Diese 6 Schläuche (0, die sich oberhalb des Schliess-
muskels einander berühren, laufen noch lange miteinander
fort und um die Schleimdrüse (^f) herum, crgiessen sich aber
endlich in einen gemeinsamen Samen leit er (Vas deferens)
(rf), der den Samen mit einigen Windungen um die Schleim-
drüse weiterführt und der endlich in d(^n Begatlungscanal
übergeht. Oelters werden die znrlen zelligen Wände des
Samenleiters durch strotzende Samenfülle ausgedehnt und er-
scheint es dann, als ob er mit einer Samenblase endete. Der
Begaltungscanal, dessen Wände fest^ stark lichtbrechend und
Monographie der Ostracoden. 45
von nicht erkennbarer Slructur sind , tritt nunmehr in das
Begallungsglied (p) ein und wird als ein Theii desselben
mit abgehandelt werden.
Bei den Cylheren linden sich auch 5 oder 6 Hoden
jederseits vor, dieselben sind aber kugelförmig und liegen
nicht in der Schale. Die Zoospermien bewegen sich in die-
sen Säckchen an den Wänden in spiraler Linie entlang (Taf.
IV. Fig. 19), die beiden Samenleiter sind nicht so lang und
münden in eine unpaare Samenblase. Die histiologische Struc-
tur dieser Theile ist von der bei den Cypriden nicht ver-
schieden. Die Samenblase liegt bereits innerhalb der Penes
und wird bei deren Beschreibung mit abgehandelt werden.
Die Anordnung der Hodenschläuche erinnert am mei-
sten an die bei den Isopoden, bei denen auch jederseits meh-
rere Hoden ihren Inhalt in einen Samenleiter entleeren.
2. Die Schleimdrüse. (Taf. VI. Fig. 2).
Von den Windungen der Hodenschläuche und des Sa-
menleiters umschlossen, liegt bei den Cypriden zu beiden
Seiten des Darmes die merkwürdige cylindrische Schleim-
drüse (Glandula mucosa), die den Cytheren fehlt und un-
ter den Absonderungsorganen aller Thierklassen sich durch
ihre wunderbare Form und ihren zusammengesetzten Bau
auszeichnet. Sie erreicht wohl ein Dritftheil der ganzen Kör-
perlänge des Thiers und ist bei durchsichtigen Schalen schon
von aussen, so wie auch bei der Section leichter als alle
andere Organe zu erkennen. Sie eignet sich daher vorzüg-
lich zur Unterscheidung des männlichen Geschlechts und in
demselben der verschiedenen Species.
Bei genauerer Untersuchung zeigt sich dieselbe aus drei
Cylindern zusammengesetzt, die eine gemeinschaftliche Axe
haben. Der innerste Cylinder (c) ist von einer Haut um-
schlossen , bei der starke Chitinringe mit häutigen Ringen
abwechseln. Nach dem einen Ende ist er durch eine eigen-
Ihümlich sternarlige Narbe (n) geschlossen , oder bisweilen
noch durch eine sackartige Fortsetzung verlängert ; nach dem
andern Ende geht er in einen engen Ausführungscanal (fc)
über, der ganz dem der weiblichen Samenlaschc ähnlich
46 Zenker:
sieht. Des äusseren Cylinders Wandungen (a) sind durch
ein System von Chitinstreifen parallel der Axe gestützt und
verfestigt und bestehen aus Drösenzellen , denen oft noch
kleine drüsige Schläuche anhängen , so weit die herumge-
wickelten Genilalorgane dazu Raum lassen. Diese Zellen und
Schläuche sondern den Schleim ab , welcher nun , wie es
scheint, in den Cylinder eindringt und dessen ganzes Innere
ausfüllt.
Zwischen dem äusseren und dem innersten Cylinder liegt
noch der mittlere , umschlossen von einer äusserst zarten,
scheinbar structurlosen Haut (6), welche sich nur als feine
Linie kenntlich macht und welche, wie die des inneren Cy-
linders , nur bestimmt scheint , den Schleim, wie durch Fil-
tration zu reinigen.
Das ganze Organ ist gestützt durch ein Chitingerüst,
welches auf den Chillnringen des inneren Cylinders aufsitzt
und aus 7 scheibenförmigen maschigen Chitinkränzen, 2 ex-
tremen (e) und 5 mittleren (^d) besteht, die in zahlreichen
Radien nach der Peripherie ausstrahlen. Zwischen den Chi-
tinmaschen und Chitinstrahlen spannt sich eine feste durch-
sichtige Haut aus, so dass hiedurch die beiden äusseren Cy-
linder in 6 Abtheilungen gelheilt werden.
In Cyprois monacha und ebenso in der von Fischer
beschriebenen Cyprois dispar finden sich gegen 24 Chilin-
kränze ohne Zwischenräume , welche aber nur aus wenig
Strahlen bestehen. Auch habe ich hier nie einen mittleren
Cylinder wahrnehmen können.
Durch die beschriebene Anordnung von Chilinstäben
und Chitinringen erhält das Organ neben grosser Festigkeit
auch eine gewisse Biegsamkeit. Bei der Section lebender
Thiere sieht man die Schleimdrüsen stets gekrümmt durch
die Einwirkung des Wassers , während sie im Leben ganz
gestreckt sind. Ihr Bau befähigt diese Organe, als Schleim-
drüsen und Schleimbehälter zugleich zu fungiren und eine
grosse Masse Schleim fertig zu enthalten, was vielleicht für
die Begattung von grosser Wichtigkeit ist. Welchen Ein-
fluss vermuthlich der Schleim auf die Zoospermien ausübt,
werden wir unten anführen. Er ist zähe, wasserhell und von
Monographie der Ostracoden. 47
wenig stärkerer Refraclionskraft als das Wasser, daher sehr
schwer sichlbar.
Die Schleimdrüse ist für die Unterscheidung der Arten
von der höchsten Wichtigkeit. Die einfachste Form mit kur-
zem Ausführungsgang findet sich bei C. Candida und C. acu-
minala; C. punclata zeichnet sich durch helmartige Ansätze
an beiden Polen aus, von denen der am blinden Ende auch
stets mit einer strahligen Narbe versehen ist, entsprechend
der an der Samenblase der Weibchen. Auch diese Narbe
ist oft characterislisch. Die Schleimdrüse von C. Ovum zeich-
net sich durch ihren langen Ausführungsgang aus.
Bei den Cytheren findet sich kein Aequivalent dieser
Drüse, dagegen bei den Insecten, wo aber diese eigenthüm-
liche Form nicht vorkommt.
3. Begattungsap parat (Penis). (Taf. VI. Fig. 1).
Unter allen Crustaceen finden wir nirgends einen so
ausgebildeten Begattungsapparat , wie bei den Ostracoden ;
denn er erreicht hier contrahirt ein Viertel, erigirt wohl ein
Drittel der Körperlänge. Er liegt dicht vor dem Schwänze
an der Bauchseite und ist vollkommen symmetrisch, so dass
sogar die ßegattungscanäle getrennt ein- und austreten. Er
besteht aus hornigem Chitin, besitzt jedoch eine grosse Ela-
sticität und Beweglichkeit, besonders bei denCypriden. Um
den Bau des Penis irgend einer Cypridenart genau zu erklä-
ren, dazu bedarf es sehr genauer und mühseliger Beobach-
tungen und Zeichnungen, die zum Theil nur ein mechanisches
Interesse haben würden. So vollkommen und so complicirt
die mechanische Einrichtung desselben ist, so darf sie uns
hier doch nur insoweit fesseln, als zum allgemeinen Ver-
ständniss des Begaltungsactes oder zur etwaigen Artenunter-
scheidung nothwendig ist.
Die wichtigsten Bestandtheile sind:
1) der ßasalkörper zur Verbindung der inneren und
äusseren Geschlechtsorgane;
2) das Begallungsrohr;
3} der Apparat zum Festhalten der weiblichen ßegat-
tungsorgane.
4B Zenker:
Der Basalkörper (yl) ist nur durch dünne Bänder
mil dem übrigen Körper des Thieres verbunden, so dass sich
der Penis bedeutend (um 90° nach jeder Seite) hin und her
drehen kann. In der Mitte treten nebeneinander die beiden
Begattungscanäle (C) ein, die nach kurzem Laufe
sich rechtwinklig in die beiden konischen Hälften des Penis
wenden, von denen sie fernerhin umiiüllt bleiben. Anfangs
dünn, schwellen sie bald trichterförmig an und in der Ge-
gend der grössten Breite des Penis werden auch ihre Wände
stark und fest und biegen sich in mehreren gelen karligen
Winkeln. Von der nach hinten und innen liegenden trich-
terförmigen Erweiterung (o) biegt sich nämlich der Canal
plötzlich nach vorn und aussen (b), dann nach oben (c) und
dort wieder als enger Canal (C) nach unten um. Alle diese
Gelenkstücke sind vielfach eingedrückt und gekrümmt, um
eine leichte Beweglichkeil herzustellen. Zugleich sind sie
mit den Theilen der Chilinumhüllung verwachsen, die durch
ihre gleichzeitige Bewegung die Anheftungsorgane in Thä-
ligkeit setzen.
Wie wir die Gelenkstücke beschrieben haben , sind sie
im Zustande der Ruhe. Bei der Erection des Penis bleibt
das erste Stück unbewegt, das zw^eite wird nach hinten zu-
rückgezogen und gerade nach unten ausgestreckt und hie-
durch endlich das drille geradezu umgeklappt , so dass der
enge Canal nun nicht von seinem oberen , sondern von sei-
nem unteren Ende nach unten weilergeht. Dieser Canal
schliesst sich mit seinen Krümmungen den umgebenden
Theilen an und tritt bei erigirtem Penis aus demselben her-
vor. Sein Ende ist auch noch sigmoidisch gebogen, sodass es
sich den Krümmungen der weiblichen Vagina anschmiegt und
der Same unmittelbar in den Befruchtungscanal überge-
hen kann.
Den drillen Theil bilden also die Organe, welche in
der Ruhe zum Schulze des Begaltungsrohrs, bei der Begat-
tung aber zum Festhalten der weiblichen Organe
qBB) dienen. Sie bestehen bei den Cypriden nur aus der
Chilinhaut, die wir als Umhüllung des ganzen Penis bereits
kennen gelernt haben, und welche bei contrahirtem Penis
sich eng ineinander legt in vielfach verschlungene Fallen,
Monographie der Ostracoden. 49
durch die stürmischen Bewegungen der Ereclion aber sich
so auseinanderklappt, dass das ganze Organ verändert scheint.
Eben hier liegt für das Verständniss des mechanischen Vor-
gangs bei der Begallung die grösste Schwierigkeit und ich
kann nicht behaupten, das Ineinandergreifen der einzelnen
Tiieile völlig durchschaut zu haben. Das hauptsächlichste
bewegende Moment scheint mir das Umklappen der dritten
Abtheilung des erweiterten Begattungscanais zu sein , denn
in seiner Nähe zeigen sich auch noch sonst zwei höchst anf-
allende llügelförmige Umklappungen (p, q) , deren eine be-
sonders ein starkes inneres Gerüst erkennen lässt. Andrer-
seits iinden sich die beim Festhalten selbst wichtigsten Theile
ausser einem sehr starken Greifer ((/) an dem unteren Rande
der Umhülking, so z. B. Fallungen in der Chitinhaut, welche
von der Seite öfters hakenförmig (Ji) oder knopfförmig aus-
sehen, besonders aber dient eine Spalte (/"), die dort längs
der inneren vorderen Seiten von unten nach oben empor-
steigt, dazu, der Umhüllung jede beliebige Weite zu geben
und sie an die mit ihr umfassten Theile nachher fest anzu-
schmiegen. Diese Vorrichtungen werden noch unterstützt
durch den Haken am dritten Kieferpaare, welcher bestimmt
ist, die Schale des Weibchens offen zu halten.
So wenio- diese Darstellung für sich ein Bild dieser
Organe giebt, so wird sie doch mit der Zeichnung zusam-
mengehalten, ein besseres Verständniss eröffnen, als eine noch
so detaillirte Beschreibung der einzelnen Stücke. Dass der
Vorgang der Erection hier ein rein mechanischer ist, er-
kennt man deutlich , wenn man einen herausgeschnittenen
Penis durch ein Glasblättchen zusammendrücken lässt. Er
wird alsdann so völlig erigirt, dass sogar der Begattungsca-
nal aus ihm hervortritt. Durch welche Muskeln eine solche
Wirkung hervorgebracht wird, ist übrigens bei den Cypriden
darum schwer zu sagen, weil im Penis derselben gar keine
mehr vorkommen. Sollten sich noch innerhalb des Körpers
Muskeln an denBegattungscanal heften? Sollte ein Druck auf
die Begattungstaschen hinreichen , diese mächtige Erection
zu bewerkstelligen? Oder sollten endlich vielmehr nur Mus-
keln vorhanden sein, die Contraction zu bewirken?
Die Begattung habe ich niemals, wohl aber einmal
Archiv f. Naturgescb. XX. Jahrg. i.Bd. 4
ÖÖ Zenker:
die Erection genau beobachtet. Ich hatte 2 Thierchen noch
während der Begattung unter das Mikroskop gebracht , sie
jedoch schon getrennt gefunden und legte sie nun zwischen
zwei Gläschen, von denen das eine hohl geschliffen war und
deren Höhlung ich mit Wasser anfüllte. Zufällig war beim
Auflegen des Planglases ein Luftbläschen mit hineingekom-
men und hatte sich dicht an das Männchen gelegt. Sei es
aus Irrthum oder wegen des noch andauernden geschlecht-
lichen Reizes, das Männchen fing an, gegen diese Luftblase
zu erigiren. Die Falten der Chitinumhüllung sprangen aus-
einander , der Samencanal trat hervor. Der Penis schien
noch zu suchen, denn er drehte sich um volle 180<^ schnell
hin und her. Alle Kraft des Thieres schien auf diesen einen
Punkt concentrirt, keine Muskel mehr zu wirken. Die Scha-
len klafften weit auseinander, die Füsse waren unbeweglich,
ja sogar die Kiemenblättchen standen still. Erst allmählich,
nachdem sich der Penis zusammengefaltet hatte , kam Leben
auch wieder in die Kiemenblättchen, die Füsse und endlich
in die Schalen zurück. Dies wiederholte sich mehrmals hin-
tereinander.
Der Penis der verschiedenen Cypris- Arten variirt nur
in den Dimensionen der einzelnen Theile; der Anlageplan
ist bei allen derselbe. Abweichender ist der der Cyprois
monacha (Tat. IIL Fig. 7.), der noch manche besondere Ha-
ken u. dgl. enthält. Auch konnte ich ihn niemals durch
Druck oder kochendes Wasser zur Erection bringen. Aehn-
lich scheint auch der von Cyprois dispar zu sein.
Das Begattungsorgan der Cytheren ist ebenso
merkwürdig complicirt, wie das der Cypriden. Auch hier
herrscht völlige Symmetrie, doch sind die Basalkörper bei-
der Seiten in grösserer Ausdehnung miteinander und mit
dem übrigen Körper verbunden. In der Miltelpartie befindet
sich eine Samenblase in welche sich die beiden Samenleiter
ergiessen und von der die Begattungscanäle nach den bei-
den Seiten abgehen. Ausserdem enthält der Basalkörper
starke Muskelmassen , welche zur Bewegung der festhalten-
den Werkzeuge dienen. Dieselben bestehen hier nur selten
aus Chitinlamellen, meist aus sonderbar geformten Ha-
ken und Zangen. Auch hier ist das Begaltungsrohr von ei-
Monographie der Ostracoden. 5i
ner hornigen Scheide eingeschlossen und variirt ausseror-
dentlich in seiner Länge. Wenn auch das Princip seiner
Befestigung wohl dasselbe ist wie bei denCypriden, so sind
die Dimensionen und Nebenverhältnisse doch so abweichend,
dass wenig Aehnlichkeit aufzufinden ist. Besonders aber va-
riiren die Haftwerkzeuge in den einzelnen Species so sehr,
dass eine allgemeine Schilderung dieser Theile nicht mög-
lich ist. Um so wichtiger ist es daher zur sicheren Bestim-
mung von Arten, diese Verhältnisse genau aufzufassen, ohne
deren Berücksichtigung so wenig sichere Anhaltspunkte zu
finden sind.
Vergleichen wir diese beiden Genilalapparate in ihrer
Gesammtheit miteinander, so finden wir bei den Cypriden
dieselben in zwei fast völlig von einander unabhängige Sei-
ten getrennt , bei den Cylheriden dagegen eine Vereinigung
der beiden Seiten in der Samenblase und überhaupt im Pe-
nis. Bei den Cypriden bleibt der Same der rechten Seite
von dem der linken Seite völlig getrennt, von seiner
Entstehung in den Hodenschläuchen des Männchens bis zu
seiner Thätigkeit in der Samentasche und Eierröhre des
Weibchens: ebenso wie die Eier der rechten Seite von de-
nen der linken innerhalb des Thieres stets getrennt bleiben.
In solchen Fällen könnte ein völlig entwickelter krankhafter
Hermaphroditismus gedacht werden, so dass die eine Hälfte
weibliche die andere männliche Geschlechtstheile besässe.
VII. Leben der Zoospermien (Taf. IL if).
Wir haben so eben die beiden Geschlechtsapparate be-
schrieben, ohne den Inhalt derselben näher zu berücksichti-
gen; denn dieser bedarf einer besonderen Behandlung und
besitzt für eine beiläufige Erwähnung zu complicirte und in-
teressante Verhältnisse. Dies gilt sowohl von den Eiern,
deren Entwickelung ja in allen Thierklassen von grösster
Wichtigkeit ist, als besonders von den Zoospermien, die
durch Grösse und Geslaltenwechsel denen aller anderen Thiere
weit vorangehen.
5$ ' Zenker!
Zwar haben R. Wag-ner und ich selbst die Spermato-
zoen von Cypris bereits beschrieben und abgebildet; doch
haben sich mir erst später so viel wichtige Verhältnisse auf-
geklärt, dass ich sie ganz von Neuem beschreiben werde.
Zuvörderst aber nehme ich meine frühere Bezeichnung Sper-
matophoren zurück, zu der mich nur ihre unverhällnissmässige
Grösse und ihre den Samensäcken des Cyolops nicht ganz
unähnliche Gestalt verleitet hallen. Die Zoospermien der
Cypriden sind meines Wissens die absolut grösslen Zoosper-
mien der Thierwelt, denn sie erreichen bei C. ovum die
Länge von %'" — 1'"; im Verhältniss aber zur Grösse des
Thiers ist es slaunenswerth, sie über 3mal länger als das
Thier selbst zu finden.
Erste Periode. Zellenform (Fig. 1—7). Die Enl-
wickelung der Zoospermien beginnt bei den Cypriden in den
blinden Enden der Hodenschläuche. Hier erzeugen sich
Zellen (Fig. 1) von 0,006'" Durchmesser und mit einem ein-
fachen etwas stärker lichtbrechenden Kern. Während sie sich
bis 0,012'" vergrössern, wächst auch der Kern, zeigt eben-
falls (Fig. 2) einen Kernkern und erhält schliesslich ein kör-
niges Ansehen (Fig. 3).
Nach diesem Stadium dehnt sich die Zelle ziemlich
plötzlich bis gegen 0,022"' in die Länge; das gekörnte
Ansehn verschwindet und stall dessen zeichnen sich im In-
nern (Fig. 4. u. 5) zwei längsliegende breite Streifen aus.
Es sind dies die ersten Anlagen des bandförmigen Zoosperms,
dessen späterer Mittelnerv schon hier deutlich hervortritt. Der-
artige Streifen zeigen sich bald 4—5 (Fig. 6), aber kürzer
und stets an der Peripherie. Sie sind Theile eines mehrfach
herumgeschlungenen Bandes, welches aber nicht mit einer
einzigen Einstellung des Mikroskops übersehen werden kann.
Geht dies Band endlich 3 — 4mal um die Peripherie herum
(Fig. 7), so zerplatzt die Zelle und ihre Wandung wird all-
mählich in der Ernährungsflüssigkeit der Zoospermien aufge-
löst. Dies geschieht noch auf der ersten Hälfte des Weges
bis zum Schliessmuskel hinauf.
Zweite Periode. Umbildungsform (Fig. 8— 10).
Das herausgetretene Zoosperm (Fig. 8) erscheint als ein Band,
(0,140"'lang, 0,002'"breiO mit einer kurzenSpilze (0,040"'
Monographie der Ostracoden. 53
lang) und einem etwas verdickten steifen Mittelnerv, der
sich sogleich gerade ausstreckt. Der häutige Saum und be-
sonders sein Rand wachsen schnell; aber noch bleibt der
Miltelnerv ungedehnt und daher schlägt der Saum wellige
Falten, die mit dem Wachsen des Ganzen zahlreicher werden
(Fig. 9).
Nun scheint der Mittelnerv plötzlich zu erweichen, denn
es verschaffen sich die Ränder der Hautplatlen Raum , in-
dem sie den Mittelnerv herumdrillen und sich selbst um ihn
wickeln. So verändert plötzlich das Zoosperm ganz und gar
sein Aussehen, es sieht jetzt (Fig. 10) glatt und schlank aus
und nur mit Mühe erkennt man noch die Ränder der häuti-
gen Spiralplatlen, wie sie um den Körper des Zoosperms
herumlaufen. Zugleich hat sich das ganze Zoosperm ausser-
ordentlich verlängert, besonders auch die Spitze. Wir finden
diese Form in der Gegend des Schliessmuskels. Die Spitze
des Zoosperms geht stets voran und zeichnet dem Zoosperm
seinen spiralen Weg an den Wandungen des Samenschlauchs
vor. Die Samenfäden schieben sich stets wild durcheinan-
der, und als ich dies zuerst in den Hodenschläuchen am Vor-
derrande beobachtete, war ich zweifelhaft, ob ich ein Wim-
perorgan, oder einen Blutstrom vor mir hätte. Dies gewährt
einen hübschen Anblick, wie deren die Zoospermien derCy-
priden gar viele darbieten , ist jedoch nicht so aufzufassen,
als wären die Zoospermien selbst das Bewegende, vielmehr
sind sie nur das Bewegte.
Dritte Periode. Definitive Form. Ihre definitive
Gestalt (Fig. 1 1) erhalten die Zoospermien durch weitere
Drehung und immer grössere Geschmeidigkeit des Cenlral-
fadens. Derselbe wird nicht nur immer stärker gedrillt,
sondern bildet selbst eine cylinderförmige Spirale, so wie
ein sehr stark gedrillter Faden sich auch schraubenför-
mig heraiifschiebt. Hiedurch werden die Windungen be-
deutend enger, das Zoosperm dicker und zugleich kürzer:
nur die Spitze verkürzt sich nicht , nimmt sogar an Länge
zu. Die Randspiralplatten stehen nun auf den Windungen
des Centralfadens fast winkelrecht und ragen mit ihren freien
Enden nach aussen und unten hervor. Allmählich verkürzt
sich nun noch die Spitze, welche übrigens auch von einer
04 «o^A-^«" -Jfenker: .,,>^^ofTof/
etTvas schmaleren Spiralplatte umgeben ist und dadurch fast
wie mit Widerhäkchen besetzt erscheint. Sie scheint von
geringerer Bedeutung zu sein, denn ihre Länge bleibt bis
zuletzt höchst ungleich und ihre Verkürzung scheint durch
Abbrechen zu geschehen.
In solchem Zustande werden die Zoospermien bei der
Begattung in die weibliche Samentasche übergeführt. Sie
haben keine Spur selbstlhätiger Bewegung; elastisch nur
schnellen sie auseinander, sobald sie nicht mehr beengt sind.
Sie sind jetzt begattungsreif, nicht befruchtungs-
reif. Dies scheinen sie erst durch die Einwirkung des
Schleims aus der männlichen Schleimdrüse zu werden. Wir
treffen die Zoospermien in der Samentasche des Weibchens
(Fig. 12) an, unverändert an Gestalt, aber dicker und länger
geworden. Die Spitze bricht immer kürzer ab. Der Cen-
tralfaden theilt sich allmählich in zwei Fäden, die nun eben-
falls umeinander gedrillt sind. Endlich sehen wir bei den
ältesten Zoospermien, dass sie eine Haut (Fig. 13) von ihrem
Körper abstreifen, die ihren Windungen folgend sie umhüllte.
Dies alles deutet darauf hin , dass der Schleim, der bei der
Begattung mit übergeführt wird, einestheils in die Masse
des Zoosperms eindringe und dieselbe aufquellen mache, an-
derntheils aber auch die äussere Fläche desselben überziehe
und auf derselben erhärtend eine anschliessende Haut bilde.
Das Abstreifen derselben geschieht immer in der Richtung
der Spiralplatten d. h. von oben nach unten. Es war in der
That nur mit dem grössten Staunen, dass ich den ersten An-
blick dieser in Häutung begriffener Zoospermien hatte. Kennt
man die Einschliessung von Samenmassen in eine harte Um-
hüllung und deren endliches Freiwerden auch bei andern
Thieren, so ist doch diese Umhüllung des einzelnen Zoo-
sperms eine bisher in der Thierwelt einzig dastehende That-
sache.
Wie die Abwerfung der spiralen Hülle innerhalb der
Samentasche vor sich geht, habe ich nicht beobachten kön-
nen. Bringt man die Zoospermien in Wasser , so bleiben
sie anfangs unbewegt; nach einiger Zeit aber fangen die
freien Ränder der Spiralplatten eine heftige wellenförmige
Bewegung an, welche von oben nach unten herum zu laufen
Monographie der Ostracoden* Öd
scheint. Nach einiger Zeit nimmt sie mehr und mehr ab,
spielt zuletzt nur noch um den untersten Theil des Zoosperms
und erlischt dann ganz. Eine Wiederkehr dieser Flimmer-
bewegung habe ich nie an ein und demselben Zoosperm be-
obachtet. Dagegen ist die Zeit zur Erregung der einzelnen
Zoospermien eine sehr verschiedene. Bei der grossen Zahl
von Zoospermien in derselben Samentasche ist es schwer zu
controlliren, ob eins oder das andere derselben etwa über-
haupt nicht wimpert, und wenn es uns auch so erscheint,
sind wir wegen der verschiedenen Empfindlichkeit der ein-
zelnen Körper doch oft Irrthümern ausgesetzt. Mir schei-
nen diese undulirenden Spiralplatten das Werkzeug zu sein,
womit die spirale Hülle abgeworfen wird. Es müssle wohl
zu diesem Ende innerhalb der Samentasche eine langsamere
ündulation fortwährend stattfinden.
Die Spirale Hülle ist ein treues Bild der äusseren
Oberfläche des Zoosperms und bleibt, wo die Spitze anfängt,
oben offen. Sie bleibt in der Samentasche und findet sich dort
bei älteren Weibchen massenhaft abgelagert. Es wird auf-
fallen, dass während die Zoospermien selbsl, conchyliologisch
gesprochen , rechts gewunden dargestellt sind , die spirale
Hülle sich im entgegengesetzten Sinne dreht. Beides sind
Copien meiner Zeichnungen nach der Natur und mir selbst
war der Widerspruch auffallend. Nach langen Bemühungen,
darüber in's Reine zu kommen , habe ich endlich die Ver-
muthung bestätigt gefunden, dass die Zoospermien der beiden
Körperhälften nicht congruent, sondern symmetrisch sind,
dass die einen rechts-, die andern linksgewunden
sind. Offenbar wird der Sinn ihrer Spiraldrehung dadurch
bestimmt, in welchem Sinne sie sich an den Wänden der
Hodenschläuche entlang ziehen und hier war mir die Sym-
metrie längst aufgefallen. Ich kann jedoch nicht bestimmen,
ob die Drehung nach der gleichnamigen oder entgegenge-
setzten Seile hin stattfindet; ich sah nur die Zoospermien der
isolirten Samenblasen eines Weibchens von C. acuminata, die
einen rechts, die andern links gewunden. Will übrigens
Jemand , wie es sehr wünschenswerlh wäre , an grösseren
Species, vielleicht C. ornala oder C. pubera, diese Unter-
suchung wiederholen y so hüte er sich sehr vor optischen
56 ,>:Mi'8i Zenker:
Täuschungen, die nur durch Auf- und Abbewegen des Mi-
kroskops vermieden werden können.
In der Gestalt gleichen diese Zoospermien , die wegen
der Spiralplalten Niemand mehr für Spermatophoren halten
wird, am meisten denen von Asellus , Gammarus , Porcellio
etc. Bei diesen habe ich jedoch nie eine Spiralplalte ent-
decken können. Die undulirende Bewegung dieser Platte ist
in meiner Dissertation noch nicht erwähnt, ich wurde viel-
mehr selbst erst durch meinen Freund Max Schnitze auf
dieselbe aufmerksam gemacht, der, angeregt durch F. Czer-
maks 0 Beobachtung einer ähnlichen undulirenden Membran
an den Zoospermien der Salamander und Tritonen , sie so-
gleich erkannte, als wir einst gemeinsam unsere Thierchen
beobachteten.
Die ganze Entwickelung lässi sich am besten an den
Zoospermien der C. Candida, C. acuminala und C. ornata
ihrer grösseren Dicke wegen beobachten. Ich habe aber
auch an denen der übrigen Cypriden alle obigen Angaben
bestätigt gefunden. Wie aber die Befruchtung der Eier
schliesslich vor sich gehe, wieviel Zoospermien auf ein Ei
kommen und wie sie sich dort verhallen, darüber fehlen mir
leider alle Beobachtungen.
Die Zoospermien der Cytheren entwickeln sich etwa in
derselben Weise , jedoch zu sehr abweichenden Gestalten.
Bei Cyth. gibba (Taf. IV. Fig. 21) C0.040'" 1., 0,0007'" d.)
erreichen sie die Gestalt der lelzten Stufe in der zweiten
Periode und haben auch noch ausserhalb der Zelle eine ent-
sprechende Umgestaltung; bei Cyth. viridis (Taf. IV. Fig. 20)
d agegen gehen die Zoospermien nur als Miniaturbilder der
reifen aus den Bildungszellen hervor und bleiben auf der
ersten Stufe der zweiten Periode stehen. Sie haben eine
banförmige Geissei (0,006'" 1., 0,002'" br., 0,0002'" d.) mit
einem scharf abgeschnittenen, breiten Ende und einem spit-
zeren , an welches sich unter einem rechten Winkel ein Slil
(der Spitze des Cypridensamens entsprechend) heftet , der
von wenig grösserer Länge (0,008'" lang, 0,0005'" breit,
1) Zeilschr. f. wigsensch, Zool. Bd. II. Heft 2..
Monographie der Ostracoden. 57
0,0002'" dick) und auch bandförmig ebenfalls Vjmal um seine
Axe gedreht erscheint.
Beide Formen von Zoospermien sind ganz und gar
unbeweglich, sowohl im Männchen wie im Weibchen. Die
Enlwickelung aus der Zellenform geschieht ganz ähnlich wie
bei den Cypriden und wird erläutert in den Abbildungen
(Taf. IV. Fig. 19. 20. 21).
VIII. Entwickelung der Eier und Jungen.
Die Eier wachsen im blinden Ende der Eierröhre aus
den drüsigen Wänden hervor, sogleich versehen mit einem
hellen scharf conlourirten Keimbläschen und einem deutlichen
Keimfleck. Alle drei Bläschen sind unipolar , sodass der
Keimfleck den Punkt bezeichnet , wo sich das Ei von der
Wandung ablöst. Nach einiger Zeit erhält der Keimfleck
ein körniges Ansehen (Taf. II. C. Fig. 1) , das sich von ihm
aus auch bald dem Keimbläschen miltheilt (Fig. 2). Dann
erst häuft sich der Dotter in grösserer Menge an, trübt sich
und wird entweder weiss (Cythere, Cyprois^ Cypria), gelb
(C. Candida, acuminata) oder roth (C. pubera, ornala). Als
Product der Absonderung aus den drüsigen Wandungen des
Eileilers bildet sich eine Haut um das Ei , die wie bei den
Eiern der Spinnen viele hohle Räume enthält. Bringt man
ein solches Ei in Wasser (Fig. 3), so quillt diese Haut be-
deutend auf und die Hohlräume (6) füllen sich mit Wasser,
bis endlich die Haut zerplatzt.
Ueber das Verhalten des Eies und des Mutterthicres
beim Eierlegen und über die folgende weitere Entwickelung
im Eizustand vermag ich für die Cypriden keine eigenen Be-
obachtungen anzuführen. Sie sollen ihre Eier an Wasser-
pflanzen in grösserer Menge auf einmal ankleben und die
Eihaut soll sich zur Schale umbilden. In Betrefi* der Cythe-
ren dagegen habe ich Cyth. viridis , lebendige Jungen her-
umtragend, gefunden.
Die allerersten Anfänge der Körperbildung Hessen sich
nicht wohl beobachten , dagegen zeigte sich bald (Taf. IV.
96 r..(,. . Zenker:
Fig. 16) eine Sonderung der Dottermasse in drei Theile, die
verschiedenen Körpergegenden bezeichnend. Auch das Auge
war schon durch eine kleine Pigmenlanhäufung (o) angedeu-
tet. Als erste schon ausgeprägte Form fand ich einen Em-
bryo (Fig. 17) mit zwei zarten Schalen, die hier allerdings
als aus der Dollerhaut hervorgegangen erschienen , und mit
einem braunen Auge (o) , dessen beide Hälften noch einen
einzigen Körper ausmachten. Die Antennen des zweiten Paa-
res waren schon fast völlig entwickelt (a) und traten zwi-
schen den Schalen hervor, während sonst keine Gliedmassen
zu erkennen waren. Dagegen waren in den obigen Abthei-
lungen der Doltermasse der Mund (m) und der Darm (i)
durch dunklere Stellen angedeutet. Ob die Antennen des
ersten Paares nur verstekt oder überhaupt noch nicht vor-
handen waren, blieb ungewiss.
Bei der Geburt sind sie schon viel weiter entwickelt
(Fig. 18). Sie sind länger geworden , das Auge (o) , der
Schliessmuskel (spÄ), der Mund werden deutlicher. Von
Gliedmassen sind die beiden Antennenpaare (a I, a II) und
Kieferpaare (m\, m II) vorhanden. Das Abdomen selbst ist
noch sehr unaus^ebildet und träfft statt Gliedmassen nur drei
kleine Anhänge (p). Der Magen und der Geschlechtsapparat
fehlen noch. Die Cytheren und daher wahrscheinlich die
Oslracoden überhaupt entwickeln also von ihren Gliedmas-
sen die vorderen früher als die hinteren und schliessen sich
hierin den Cyclopiden und Branchiopoden an. Auch junge
Cypriden habe ich übrigens gefunden mit sehr rudimentärem
Abdomen und schon ziemlich ausgebildetem Thorax.
Die weitere Entwickelung des bereits lebenden Thieres
habe ich wiederum an den Cypriden besser beobachten kön-
nen (Taf. II. C. Fig. 4). Allmählich bildet sich mehr und
mehr das Abdomen aus, sowohl was die Gliedmassen betrifft,
als die Geschlechtsapparate und das Volumen. Die hiemit
in Verbindung stehenden Veränderungen in der Gestalt der
Schalen haben wir schon oben angeführt. Bei den Thieren,
deren drei Augen getrennt stehen , fängt bereits die Tren-
nung an, die schnell bis zu ihrer normalen Weite vorschrei-
tet. Bei der Geburt existiren derMagen und vielleicht auch
die zahnarlige Mundbewaffnung noch nicht, doch habe ich
Monographie 4w Ostracoden. ö9
dieselben in den nächsten Altersstufen stets schon fertig aus-
gebildet angetroffen. Die Leberschläuche entstehen ebenfalls
schnell bei schon etwas grösseren Thicren und haben von
vorn herein dieselbe feinere Structur, wie nachher.
Wenn auch unvollkommen, Hess sich doch Einiges über
die geschlechtliche Entwickelung erkennen. Die Eierröhre
und der Samenschlauch entstehen zuerst, erstere verhältniss-
mässig noch früher. Die zwei vorderen Hodenschläuche
scheinen sich später zu entwickeln , als die vier hinteren,
Aber ehe noch von irgend andern Geschlechtstheilen eine
Spur vorhanden ist, sieht man die Eierröhre und Hoden durch
die Schale schimmern. Die erstere producirt unreife Eier,
die sich bei zunehmendem Alter immer mehr der Reife nä-
hern; die letzteren Zoospermien im ersten und später im
zweiten Stadium der zweiten Periode. Ob diese Producte
auch ausgestossen werden, oder bis zur geschlechtlichen
Reife im Inneren bleiben , ist zweifelhaft. Die Hoden ver-
längeren sich durch Zuwachs in der Gegend zunächst dem
Samenleiter.
Die Samentaschen (Taf.H.J^. Fig. 4) und Schleimdrusen
entstehen aus dem Canal, der sich beim weiblichen Ge-
schlechle weil stärker, als beim männlichen in die Länge
entwickelt. Eine drüsige Masse (c), deren Zellen gegen die
Mitle gerichtet sind , nimmt ihn auf und liefert ihm wahr-
scheinlich den StofF zurBildung seiner harten Wandung. Die
Zellen sind gekernt und sondern ausserdem noch den gel-
ben körnigen Stoff ab , dessen wir schon oben (S. 40) er-
wähnten. Bald erkennt man innerhald dieser Drüse das stark
lichtbrechende Knäuel der Canalwindungen (6), deren letztes
Ende sich in die noch schlauchförmige Samentasche (a) er-
weitert und mit einer 6— 8strahligen Narbe schliesst.
Beim Männchen wird die drüsige Masse zur Bildung
der Schleimdrüse verwandt. Ich habe dieselbe nur an Cy-
prois monacha (Taf. 11. A. Fig. 2) beobachtet. Der innere Cy-
linder (a, 6) tritt zuerst deutlich hervor mit seinen Chilin-
ringen, aus denen nach und nach die Chitinstrahlen hervor-
sprossen. Die Drüsenmasse (</) liegt rings herum und hat
inwendig ein längsgestreiftes Ansehn (f), die Andeutung der
späteren Chitinlängsstreifen. In dem innersten Cylinder l^e-
ÖO • ' "'Zenker:
merkt man (e) noch eine frei dort endende Haut , die an
derNarbe (rf) befestigt ist. Sie deutet an, doss sicirder ur-
sprungliche Canal nach innen umgestülpt hat und dass die
Narbe die Stelle gewesen ist , bis zu welcher die Umstül-
pung gekommen ist. Diese innere Hülle wird später auf-
gelöst.
Zu der Zeit, wo noch grosse Drüsenmassen den weib-
lichen Samencanal umgaben, ist die Vagina nur eine Chitin-
scheibe mit der Mündung des Canals. Verschwindet jedoch
die Drüsenmasse mehr und mehr, so wachsen allmählich die
Chitinbogen hervor, mittelst deren die Scheibe später regiert
wird. Vom Penis habe ich leider niemals die erste Ent-
wickelung beobachten können. Sie fällt in eine etwas frühere
Zeit, als die der Schleimdrüse.
Die allmählige Erhärtung der äusseren Chitinhaut durch
strahlenförmige Stoffablagerung an die Zellenkerne habe ich
schon oben (S. 16) erwähnt.
Ich habe hier das Wenige und sehr Lückenhafte ge-
geben , was ich über die Entwickelung der Ostracoden in-
nerhalb und ausserhalb der Eischale beobachtet habe. Wie-
viel Interessantes hier noch zu beobachten bleibt, wird je-
der Kundige durchschauen. Sicherlich wird eine vollständige
Verfolgung der Vorgänge von der Befruchtung der Eier an
bis zur völligen Ausbildung des Thiers noch manche merk-
würdige Aufklärungen zu geben im Stande sein.
Zoologischer Theil.
Eintheilung in Familien und Gattungen.
Schon in der Einleitung (S. 3) haben wir die beiden
grossen Abtheilungen genannt , in welche die Ostracoden
sehr natürlich zerfallen. Die Cypriden oder Süsswasser-
Ostracoden haben leichte Schalen, Schwimmfösse, drei Paar
Kiefer , eng zusammengedrängte Augen und eine Schleim-
drüse im männlichen Geschlechtsapparat. Die Cytheriden
oder See-Ostracoden haben schwere Schalen, Klammerfüsse,
zwei Paar Kiefer , weit entfernt stehende Augen und keine
Monographie der Ostracoden. 61
Schleimdrüse. Sollte Cypridina wirklich zwei zusammenge-
setzte Augen haben , so würde noch eine dritte gleichste-
hende Familie für die Cypridinen errichtet werden müssen.
Ist dies aber nicht der Fall, so steht Cythere den übrigen
lebenden und fossilen marinen Gattungen gar nicht so fern,
wie man bisher meinte, da sich der aus der Augenstellung
entnommene unterschied als irrlhümlich erwiesen ist.
Unsere Artenkenntniss hat für die Cypriden vorzugs-
weise 0. F. Müller begründet. Dieselbe wurde durch Ju-
rine, Zaddach, Baird und Seb. Fischer erweitert.
Die Cypriden sind meines Wissens nicht weiter in Gattungen
zerfällt. Ich aber halte es für angemessen , nach durch-
greifenden Vershiedenheiten des Körperbaus sie in zwei Gat-
tungen Cypris und Cyprois zu zerfallen und in der erste-
ren wieder die Untergattungen Cypris und Cypria zu unter-
scheiden. Characterisirt wird Cyprois durch das weit ge-
theilte Auge und die abweichend construirte Schleimdrüse
des männlichen Geschlechtsapparats und enthält die Arten
C. monacha Müll, und C. dispar Fisch. Die Untergatttung
Cypria unterscheidet sich von den eigentlichen Cypris durch
ein breiteres Auge , schlankere Gliedmassen mit längeren
Haaren und daher durch grössere Munterkeit, durch sack-
förmige Verlängerungen der Schleimdrüse , durch längere
dünnere Zoospermien und dadurch, dass der Eierstock zwi-
schen den Schalen zuerst nach unten statt nach oben her-
umgebogen ist. Sie enthält die Arten: C. punctata, C. Jo-
anna , C. vidua, C. semilunaris (?) und C. ovum.
Die Cytheren könnten vielleicht nach der verschiede-
nen Form ihrer Zoospermien in zwei Gattungen getrennt
werden; dieser Character steht jedoch bis jetzt so vereinzelt
da, dass wir vorziehen, erst zahlreichere anatomische Dar-
stellungen der verschiedenen Arten abzuwarten.
Familie der Cypriden.
1. Critik der Speciescharactere.
Ehe wir auf die Beschreibung der einzelnen Arten
selbst eingehen , müssen wir zuvor einen Blick werfen auf
die Art und Weise, in welcher die bisher aufgestellten un-
6i2 Zenker:
terschieden worden sind und auf die Resultate dieser Unler-
scheidungsweise.
Schon aus der bisher so oberflächlichen Kennlniss der
Anatomie derCypriden lässt sich schliessen, dass bei Unter-
scheidung der Arten auf die inneren Theile wenig Rücksicht
genommen worden ist. In der That waren es seit jeher al-
lein die Schalen, welche bei Speciesbestimmungen in Betracht
gezogen wurden und deren Gestalt, Färbung und Oberfläche
die Hauptkennzeichen abgaben. Die wenigen Angaben über
das Auge sind natürlich unbestimmt, da erst Fischer eine
auch noch unvollständige Beschreibung seines Baues gab.
Dass Fischer die Gliedmassen als Charactere mit heran
zieht, ist sehr verdient; doch leider kann man sich auch hier
nur auf bedeutendere Unterschiede mit Sicherheit verlassen;
denn nicht selten kommen bei zunehmendem Alter Verschmel-
zungen von Gliedern und andre kleinere Veränderungen vor.
Den Vorzug vor allen Gliedmassen verdient in dieser Bezieh-
ung das dritte Kieferpaar des Männchens, durch welches al-
lein fast schon alle Species sicher unterschieden werden
können.
Die UnZuverlässigkeit der Schalen als einzigen Cha-
racters geht aus ihrer Natur hervor. Ihre Gestalt ist sehr
veränderlich und daher die Unterscheidung: ob der unlere
Rand nach unten gebogen, gerade oder nach oben einge-
drückt sei, ob der obere Rand vorn oder hinten höher oder
von gleichbleibender Höhe sei , ob die grösste Dicke hinten
oder vorn oder in der Mitte liege: eine durchaus falsche. Bei
erwachsenen Thieren sind die Schalen stets hinten höher
und breiter als vorn ; bei jungen ohne Ausnahme umgekehrt.
Dazwischen liegen nun die Entwickelungsslufen, die begreif-
lich bald mit geradem, bald mit eingedrücktem Bauchrand
erscheinen können, je nach Alter und Geschlecht. Die Ge-
stalt der Schalen ist wohl an erwachsenen Thieren ein Kenn-
zeichen , welches aber nicht der obigen Eintheilung unter-
worfen werden kann.
Die Farbe der Schalen ist auch veränderlich durch Nah-
rung und Aufenthalt in farbstoff'reichen Gewässern, sie ist
also nur mit Vorsicht brauchbar. Besonders sind geflieckle
Schalen characteristisch : weniger die farbigen Bänder und
Monographie der Ostracoden. 63
Streifen, welche oft nur erzeugt sind durch innere hindurch
schimmernde gefärbte Organe z. B. den Magen, die Leber
und besonders den Eierstock. Männchen weichen daher we-
senllich von den Weibchen derselben Art ab , ebenso ganz
junge Thiere. Die Oberfläche der Schalen ist auch variabel.
Bei der allmählichen Erhärtung der Schalen entsteht anf ih-
nen das (S. 11) erwähnte Netzwerk und zugleich oft eine
Art Furchung, welche beide zur Aufstellung der Arten C.
striata J., C. reticulata Z. und C. tessellala F. veranlasst ha-
ben. Auch die Behaarung wechselt einigermaassen mit dem
Aller und nach der Individualität der Exemplare. Sicherer
ist die Bestimmung, wenn die Schale punktirt ist oder der
Rand Eigcnthiimlichkeiten darbietet.
Im Allgemeinen sind die Schalen ein gutes Erken-
nungszeichen,aber nicht Unterscheidungszeichen;
letzteres nicht, weil bei einziger Rücksicht auf sie jede Spe-
cies in eine ganze Reihe zerissen würde , wie dies leider
nur zu vielfach geschehen ist. Es müssen daher neue Cha-
raclere herangeschafft werden , so dass sie sich gegenseitig
controlliren und diese können nur in der Beachtung der
gesanimten Organisationsverhältnisse bestehen. Zuvörderst
müssen die Exemplare , nach denen eine Species aufgestellt
wird , geschlechtsreif sein und dann das Auge , die Glied-
massen, die Leberschläuche, die männlichen und weiblichen
inneren und äusseren Geschlechtsorgane und ihre Producte,
endlich ihre Lebensweise und Eigenheiten nach allen Rich-
tungen hin beachtet werden. Als sehr brauchbare Charac-
tere empfehle ich besonders das dritte Kieferpaar des Männ-
chens, die zweite Antenne, die Schleimdrüse des männlichen
Geschlechtsapparals, die sowohl für die geschlechtliche Reife
des Exemplars Gewähr leistet, als auch bei ihrer complicir-
ten Organisation sehr in die Augen fallende Unterschiede
darbietet; endlich die Ansalzslellen des Schalenschliessmus-
kels, besonders auch für fossile Arten anwendbar, die aber
in den Abbildungen von Baird und Fischer nur ungenau
dargestellt sind. Arten, bei deren Characteristik diese An-
gaben unterlassen werden, sind, wenn nicht gerade die Schale
sehr ausgezeichnete Merkmale darbietet , durchaus nicht als
festgestellt zu betrachten.
64 Zenker:
Man wird mich tadeln, dass ich so frisch weg die bis-
her angewandten Characlere verwerfe und die darauf ge-
gründeten Arten verdächtige. Bei aller Hochachtung für die
Autoren derselben muss ich dennoch darauf bestehen, dass,
so lange nicht völlig geschlechtsreife Exemplare und diese
nach allen Seiten hin anatomisch genau dargestellt werden,
ein andrer Forscher sich nur selten mit Sicherheit auf die
aufgestellte Species beziehen kann. Auch bin ich nicht der
Erste, der diese Unzuverlässigkeit gefühlt hat. Fischer
klagt ebenfalls mit Recht über die Unklarheit, welche in der
Synonymie der Entomostraceen herrsche. Auch Fischer
sieht sich veranlasst , auf die Anatomie näher einzugehen
und wenn ihm irriger physiologischer Auffassung halber man-
cher Fehler aufzuweisen ist, so ist es eben die Aufgabe der
Wissenschaft, diese Fehler ferner zu vermeiden, auf dem sonst
richtigen Wege aber fortzuschreiten. Möge mir dies zur
Entschuldigung dienen , wenn ich bei dem Versuch, etwas
aufzuräumen, hie und da Fehlgriffe thue, und wenn ich viel-
leicht die grosse Zahl der unterschiedenen Arten auf
eine allzu geringe Zahl vorhandener Arten zurückführe.
Die noch lebenden Forscher werden mit leichler Mühe et-
waige Irrthümer meinerseits zurückweisen und die von ih-
nen aufgestellten Arten in ihr von mir bestrittenes Recht
wiedereinsetzen können, wenn sie dieselben auch durch
anatomische Merkmale als besondere Arten rechtfertigen. Im
Geiste der Wissenschaft mögen sie daher meine darauf be-
züglichen Betrachtungen auffassen.
2. Critik der bisher unterschiedenen Arten.
Bei der Durchsicht der bisher unterschiedenen Arten
beginnen wir bei 0. F. Müller, als dem Begründer un-
serer Kenntnisse. Seine Arten sind :
C. detecta, C. ornata, C. laevis , C. fasciata, C. stri-
gata (a u. b) C. vidua, C.pubera, C. pilosa, C, monacha, C.
crassa, C. Candida.
Die C. laevis wird im Text als puncti magnitudine be-
zeichnet und bei der kleinen C. vidua heisst es: Paulo maior
Cypre laevi. Dagegen ist sie nach der lebensgrosscn Abbil-
Monographie der Ostracoden. 65
dung gar nicht so klein und grösser als C. vidua. Nach der
Grössenangabe des Textes und der Gestalt Hesse sich anMon.
Ovum Jur. denken; doch dem widerspricht die grüne Farbe
der Schale wieder. Jedenfalls ist die Species zweifelhaft,
um so mehr, daMüller selbst zweifelte, ob sie nicht mit der
braunen C. pilosa identisch sei.
C. pubera ist offenbar noch jung; man sieht es an ih-
rem niedrigen Hintertheil. Wir finden diese grosse grün-
schalige Cypris bei Jur ine wieder als Mon. ovatus J. und
Mon. puber. M. ; bei Baird als C. gibbosa B. und G. pubera
M. ; bei Zaddach als C. pubera M. und C. ovata J. ; bei
Fischer als C. pubera M. , ausserdem noch ihre jüngeren
Entwickelungsformen als Mon. striatus bei Jurine; als C.
striata, C. reticulata und G. insignis bei Zaddach; als G.
VVestwoodii und G. strigala bei Baird und als G. tessellala
bei Fischer. Schliesslich erwähne ich noch, dass ich die-
selbe im Greifswalder zoologischen Museum unter dem sehr
passenden Namen G. armata Grepl. aufgestellt fand , wel-
cher sich auf eine von Greplin zuerst bemerkte, von Fi-
scher ebenfalls angeführte zahnartige Bewaffnung des hin-
tern Schalenrandes bezieht. Auch hat Zaddach wohl
Recht, wenn er C. slrigata M. mit Mon. unifasciatus J. pa-
rallclisirt, wenigstens Müllers variatio secunda Tab. VI.
Fig. 3. 4.
Auch die G. ornata M. finden wir unter vielen Benen-
nungen. Zuerst als Mon. onialus J., dann als G. ornata und
G. Jurinii bei Zaddach und Fischer, und als G. clavata
bei Baird. Da Müller seine G. ornata l'/^'^Iang angiebt,
so müssen die von Zaddach und Fischer verglichenen
Thiere von 0,92"' und V?'" Länge jüngere sein und sind so
die Abweichungen erklärlich. So scheinen G. ornata und
G. Jurinii als verschiedene Altersstufen derselben Species
anzugehören , da durchaus keine wesentlichen Unterschiede
bisher angeführt worden sind. Als noch jüngere Entwicke-
lungsstufen gehören wahrscheinlich dahin : G. fasciala M. und
vielleicht auch G. crassa M; Mon. virens J., Mon. villosusJ. ;
G. reptans B.; G. flava Z. ; G. dromedaria F. (crassa M. ?) und
C. hirsuta F.
Was die G. detecta M. betrifft, so bildet Fischer als
Archiv f. Naturgcsch. XX. Jahrg. Bd. 1. 5
66 Zenker:
Synonym unter dem Namen C. fabaeformis das Männchen
ab, zu welcher seine Specics C. acuminala als Weibchen ge-
hört. Da letzterer Name nun so ausserordentlich bezeich-
nend ist und die dazu gehörige Abbildung so gut , so stehe
ich nicht an , diese drei Benennungen als C. acuminala F.
zusammenzufassen. Der Jurine'sche Monocle blanc-Iisse,
(Mon. conchaceus L. als Synonym von C. detecta M.) stimmt
mit seiner ^Via'" Länge dazu freilich wenig und scheint
auch anderswohin, dagegen die C. elongata vonßaird hie-
her zu gehören.
Die C. Candida M. kommt nur als C. pigra und C. pel-
lucida bei Fischer vor.
C. monacha und C. vidua sind characteristische Formen.
Gehen wir nun zu Jurine, so finden wir schon viele
seiner Arten besprochen: Mon. ornatus, Mon. ovalus , Mon.
puber, Mon. monachus, Mon. virens, Mon. vidua, Mon. can-
didus , Mon. unifascialus, Mon. striatus, Mon. villosus. Es
bleiben mithin noch :
Mon. conchaceus, Mon. ruber, Mo7i. aurantius, Mon.
fuscaius, Mon. piinctatuSf Mon. unifasciatus, Mon. bistrigatus,
Mon. ophthalmicus, Moii. ovum.
Der Name Mon. conchaceus L. ist von sehr zweifel-
hafter Synonymie und grosser Unbestimmtheit. Müller
bezeichnet seine C. pubera als Mon. conchaceus L.
Mon. ruber und Mon. aurantius halte ich für identisch.
Die dargestellten sind allesammt, nach ihrer Gestalt zu urlhei-
len, noch nicht völlig geschlechtsreif, auch nicht das in pl.
XVIII. Fig. 12.; doch muss man wohl die Art anerkennen,
Mon. fuscatus ist noch sehr jung; ich selbst habe diese
Art einigemal, aber auch nur jung gefunden. Sie ist wahr-
scheinlich die C. fusca von Strauss und die G. fusca F.,
welche letztere freilich von Fischer mit Mon. conchaceus
J. und Mon. ruber J. parallelisirt wird. Vielleicht gehört
auch Mon. unifasciatus J. hierhier.
Mon. punctatus J. ist eine schöne und sehr häufige Spe-
cies, welche B a i r d als C. compressa, Z a d d a c h , wie mir
scheint, als C. auranlia J. und Fischer als C. elegantula
aufi'ührt.
Monographie der Ostracoden. ^7
Mon. bislrigatus und Mon. ophthalmicus sind offenbar
junge Thiere; welcher Species sie jedoch angehören, lässt
sich nicht mit Sicherheit sagen.
Mon. Ovum ist eine sehr häufige schöne Art, welche
Zaddach als C. vulgaris, Baird als C. minuta, Fischer
als C. panlherina wieder vorbringen. Jurine giebt ihre
Grösse auf 0,16'" an, Zaddach auf 0,22'" und Fischer
auf V/"— 72'", was jedenfalls eine sehr unbestimmte Schät-
zung ist.
BeiBaird haben wir folgende Arten schon besprochen:
C. pubera M., C. delecla M., C. strigala M., C. vidua M., C.
monacha M., C. Candida M., C. fusca Str., C. reptans B., C.
compressa B., C. minuta B. , C. elongata B. , C. Westwoodii
B., C. gibbosa B., C. clavata B. Es bleiben noch: C. hispida
ß. und C. Joanna ß.
Cypris hispida ist sicherlich ein junges Thier , seine
Species jedoch nicht zu bestimmen. C. Joanna scheint mir
identisch mit C. rubida Z. und C. sculigera F. und allerdings
eine eigene Species zu sein, für die der Baird'sche Name
seine Geltung behalten muss.
Bei Zaddach finden sich ausser den schon erwähn-
ten : C. insignis Z. , C. monacha M. , C. fuscata J., G. striata
J., C. ornata M., C. pubera M., C. reliculata Z., C. fasciata
M., C. vidua M. , C. virens J. , G. vulgaris Z., G. pilosa M.,
C, Jurinii Z. , G. ornata J., G. bislrigata J. , G. rubida Z. , G.
aurantia J. , G. Candida M. : noch die folgenden Arten auf-
geführt:
G. flava Z. , G. incana Z. , welche beides junge Thiere
sind, da ihre „Pars antica allior quam postica." Zu welcher
Species sie gehören kann ich nicht angeben , doch deutet
ihre Grösse 0,65'" und 0,56"' darauf hin, dass sie zu einer
der grösseren Species G. pubera , ornata , fuscata oder au-
rantia gehören.
Bei F i s c h e r finden wir schon erwähnt : G. fabaeformis
F., G. monacha M., C. acuminata F., G. pellucida F., G. fas-
ciata M. , G. Jurinii Z., G. dromedarius F., G. pubera M. , G.
fusca Str., G. ornata M, , G. pigra F., G. tessellata F., G.
hirsuta F., C. elegantula F., G. vidua M., G. scutigera F., C.
68 Zenker:
panlherina F. Es bleiben noch : C. dispar F. , C. compressa
Koch , C. pellucida Koch, C. biplicala Koch, C. affinis F., C.
semihinaris F.
C. dispar ist offenbar eine gute Species , die mit C.
monacha zusammen in die Galt. Cyprois geliört. Wenigstens
deutet die gleiche Bildung der Schleimdrüse und des Penis
auf diese Verwandtschaft hin.
C. compressa erscheint als das Männchen von C.
Candida.
C. affinis hat zuviel Aehnlichkeit mit C. hirsula als
dass sie nicht bloss eine andere Allerstufe derselben Art
sein sollte.
C. semilunaris ist offenbar jung, kann jedoch vielleicht
eine eigne Species bilden.
Darnach ') erhielten wir die ganze Artenreihe reducirt
auf folgende:
1) Erst nach Bearbeitung der von den obigen Autoren aufge-
führten Speciesreihen gelang es mir, mir Ko c h's „Crustaceen, Myria-
poden und Arachniden Deutschlands« zu verschaffen. Ich halte es
nicht für unangemessen, die Leistungen dieses Werkes für die klei-
neren Crustaceen hier überhaupt zu characterisiren. Von Cyclopiden,
Daphnoiden und Cypriden werden darin zahlreiche neue Arten auf-
gestellt, die jedoch wegen des Mangels haltbarer Charactere gros-
sentheils als völlig werthlos erscheinen. Hrn. Koch gelingt es z.B.,
der C. monacha, die noch gar kein Synonym besass , deren gleich 4
zu verschaffen. Die hervorgehobenen Charactere bezeichnen weit
sicherer das Alter, den Sältigungszusland und die geschlechtliche
Thätigkeit des Thieres, als seine Species. Ich will hier versuchen,
die aufgestellten Arten von kleineren Crustaceen auf ihre richtigen
Kamen zurückzuführen, wobei ich mich jedoch über die Eintheilung
des Cyclops quadricornis M. in die Species Cyclops dentatus, bistria-
tu5, signatus, vulgaris, pictus, phaleratus, lucidulus, annulicornis,
quadricornis, agilis, pulchellus, obsoletus jedes näher eingehenden
Urtheils enthalte.
a) Cyclopiden.
Doris minula = Cyclopsine staphylinus J.
Glaucea rubens = Cyclopsine Castor J. Männchen und Weibchen.
— hyalina =: C. Castor fem. ohne Spermatophoren.
T— coerulea, caesia, ovata ;= C* castor mit Spermatophoren.
Monographie der Ostracoden. 69
C. pubera M., C. ornala M., C. fuscala J. ; C. auranlia J.,
G. acuminata F., C. Candida M.; C. punctata J.^ C. Joanna B.,
C. vidua M. , C. semilunaris F., C. ovum J. ; C. monacha M.,
C. dispar F.; in Summa 13 Species , 11 von Cypris, 2 von
Cyprois. Hiervon sind mir vorgekommen C. pubera, C. ornala,
C. fuscala, C. acuminata, C. Candida, C. punctata, C. Joanna,
C. Ovum, C. vidua, C. monacha; geschlechtsreif: C. ornala,
C. acuminata, C. Candida, C. punctata, C. Joanna, C. ovum,
C. monacha. Wenn bei den übrigen meine Characterislik
b) Daphnoiden.
D. pulex, ephippiata, media, longispina, ramosa = D. pulex M.
D. exspinosa, sima, congener, serrulata (?j = D. sima M.
D. quadrangula , mucronata, ventricosa , angulosa = D. quadran-
gula J.
Die Arten Eunica longirostris, Pasithea rectirostris und gibba,
Lynceus lamellalus, truncalus, trigonellus, spliaericus, quadrangularis
haben ihre Richligkeit. Lync. leucocephalus und rostralus sind Lync.
strialus J. und L. macrurus M. ; Daphnia bispinosa ist Jurine's D.
mucronata. Folyphemus oculus M. ist als Scalicerus pediculus auf-
geführt. Bei Limnadia Hermanni ist zu bemerken , dass das darge-
stellte Exemplar , nach den Klauen des ersten Fusspaares und des
Schwanzes zu urtheilen, wahrscheinlich ein Männchen ist.
c) Cypri den.
Es sind 28 Species. Ich setze:
C. pubera M. = C. villosa.
C. ornata M. = C. tricincta, parabolica, lutaria.
C. fuscata J. = C. conchacea.
C. aurantia J. = C. lucida.
C. Candida M. = C. pellucida, pubescens, compressa.
C. punctata J. = C. punctata.
C. Joanna B. = C. serena.
C. ovum J. = G. ophthalma, fuscata, brunnea, lepidula.
C. vidua M. = C. maculata, laevis.
C. monacha M. = C. variabilis, leucomela, bimuricata, nubilosa, mo-
nacha.
Ganz junge Thiere sind C. adusta , biplicata , galbinea , gibbe-
Tula, strigata.
70 Zenker:
lückenhaft bleibt, so kann diese später ergänzt werden, da
das äussere Ansehn der meisten andern Formen sehr kennt-
lich ist.
Es ist übrigens sehr wahrscheinlich , dass ich manche
von den als Art aufgestellten Jugendformen zu einer falschen
Allersform gezählt habe und dass somit ein grosser Theil
der Synonyma für meine nachfolgenden Species unsicher ist.
Irrthümer können bei so ungenau bestimmten Formen sehr
leicht vorkommen; ich hielt es aber für gut, meine An-
sicht über die Zusammengehörigkeit der Formen bestimmt
und möglichst ausführlich darzustellen. Wegen der Belege
für dieselben muss ich den geneigten Leser auf die Charac-
teristiken der Species durch die erwähnten Autoren selbst
verweisen.
3. Oatt. Cypris.
Untergattung C y p r i s.
1) C. puher Müll.
Synonyma.
C. pubera M., J., B., Z., F., 1,0"'— 1,2'"; Mon. ovatns
J. 1,0'"; C. gibbosa B. 1,0"'; C. Westwoodii ß. 0,8'"; C.
strigata M. ; C. insignis Z. 0,5"'; C. retkulata Z. 0,4'"; C,
tessellata F. Va— 'A'": Mon. striatus J. 0,35'".
Die Abbildungen der C. pubera bei Müller und Fi-
scher sowie des Mon. ovatus bei Jurine sind characteri-
stisch genug, um darnach die Species zu erkennen. Fi-
scher hat zuerst auf die zahnartige Bewaffnung der Scha-
lenränder, besonders des hinteren aufmerksam gemacht, wor-
auf schon früher Hr. Dr. Creplin in Greifswald den Na-
men C. armala gründete. Ich habe ihn nicht unter den
Synonymen aufgeführt , weil seiner nirgends öffentlich er-
wähnt ist.
Die C. pubera fand ich im Frühjahr 1851 bei Greifs-
wald in einzelnen Gräben , die im Sommer austrockneten.
Ich fand Siö in allen Altersstufen und in grosser Menge; nur
Monographie dev Oslracoden. 7't
geschlechtsreife Individuen habe ich nie gesehen und finde
sie auch nirgends beschrieben oder abgebildet. Die gross-
ten Thiere , deren Schalenrücken hinten so hoch war wie
vorn, halten wohl Eier, aber stets eine noch ungefüllte Sa-
menblase. Niemals traf ich Thiere, die auch nur erst Ru-
dimente von Hodenschläuchen gezeigt hätten, vermulhe da-
her, dass die Männchen verhältnissmässig sehr selten sind
und zur Befruchtung einer grossen Zahl von Weibchen
ausreichen. An Hermaphrodilismus ist aber gar nicht zu
denken.
Die C. pubera ist die grösste von allen bekannten Ar-
ten. Sie erreicht über 1,25'" Länge und ist etwa 1,0'" hoch
und 0,7'" dick. Die Schale ist eiförmig, von grüner Farbe
und ziemlich stark behaart , der Rand mit knopfähnlichen
Höckern und in der hinteren Ecke mit zahnarliger Bewaff-
nung versehen. Durch die Schale hindurch erblickt man den
Eierstock mit den rothcn Eiern, von vorn oben nach hinten
unten streichend , neben und vor ihm einen Leberschlauch
von gelblicher Farbe. Das Auge ist klein und schmal und
hat schwarzes Pigment. Die Gliedmassen stimmen mit de-
nen der C. Candida im Allgemeinen überein , nur trägt das
dritte Glied der zweiten Antenne an der vorderen Seile acht
steife Ruderborsten , etwa von der Länge der Borsten an
der ersten Antenne.
Die Entwickelung der Schalen aus zelligen Häuten lässt
sich hier schöner wie bei andern Arten verfolgen. Die Zel-
len gruppiren sich zuerst reihenweise zu muschelähnlichen
Anwachsstreifen (Mon. striatus J,, Z. ) , dann verschwinden
diese und die abgelagerten Chitin - und Kalktheilc bilden
statt der Zellen ein maschiges Netzwerk (C. reticulata Z., C.
lessellataFO, allmählich verwischt sich auch dieses, ist aber
noch bei ziemlich grossen Thiercn kenntlich. Während bei
den jüngsten Thieren der Abdominallheil der Schale noch
gar nicht vorhanden ist, so zeigt sich nun das niedrige Hin-
tertheil sehr deutlich , es entwickeln sich Diagonalstreifen
der Schale und wir haben C. slrigata M., C. insignis Z. , C.
Westwoodii B. In diesem Zustande sind die Thiere noch
sehr beweglich und munter, bald aber hält ihre Kraftzunahme
nicht mehr gleichen Schritt mit ihrer Gewichtszunahme , da
72 Zenker:
sich besonders der Eierstock jetzt in grösserer Kraft ent-
wickelt. Dann werden sie träge und halten sich mehr am
Boden des Glases auf. Sie sind sehr gefrässig und vernich-
teten bald alle übrigen Thiere im Graben , sodass sie durch
den nachher eintretenden Mangel anlNahrungsmilteln zu Grunde
gingen.
2) C. ornata Müll.
Synonyma.
C. ornata M. 1,25'"; C. clavaia B. 1,6'"; C. Jnnnü
Z. 1,25'"; C. ornata Z. 0,93'"; C. reptans B. 1,0'"; CJu^
rinii F. 2^^3—1'"; C. ornata F. V*— y?'"; Man. virens J.
0,92'"; Eon. villosus J.; C.fasciata M. 0.7'"; C. crassa M.;
C. flava Z. 0,65'"; C. dromedaria F. %'"; C.fasciata F. Va
— Yj,'"; C.hirsuta F. Va — V,'".
Diese schöne Art ist neben der vorigen die grösste
unter unsern einheimischen Cypriden. Ihre Schalen sind län-
ger und niedriger als die der vorigen Art und haben nur
die knopfähnlichen Höcker, nicht die Zahnfortsätze. Sie zei-
gen eine eigenlhümlich schöne roth und gelbe Zeichnung
auf dem Rücken, von dem aus mehrere Bänder sich nach
vorn und hinten über die Seiten fortsetzen. Die Färbung
des Rückens rührt von dem Magen und den rolhcn Eiern
her. Die Bänder bezeichnen einestheils die Lage des Eier-
stocks und Leberschlauchs, anderntheis den freien Raum, in
dem sich die Antennen bewegen. An den Rändern dieser
Bezirke ist die Bildung des grünen Farbstoffs in den Zellen
der mittleren Schalenhaut vorzüglich gross und erscheinen
diese daher im schönen Gegensatz gegen die Bänder lebhaft
grün , während die übrige Schale eine mattere Färbung be-
hält. Solche Verhältnisse sind einer gewissen Veränderlich-
keit, je nach Alter, Aufenthalt und Individualität unterworfen
und können daher Verschiedenheiten in dieser Zeichnung
keinen sicheren Anhalt gewähren für die Zertheilung der
Art in zwei Species, G. ornata und C. Jurinii.
Die Behaarung der Schalen ist bei Weitem geringer als
bei C. pubera , die Erhärtung derselben bietet dieselben Er-
scheinungen dar. Es lässt sich daher nicht immer bestimmt
Monographie der Oslracoden. 73
ang^ebcn, ob eine als besondre Species aufgeführte Jugend-
form zu C. ornata oder C. pubera oder auch zu andern nahe
stehenden Arten gehört. Die mehr längliche Gestalt und
die deutlichere Zeichnung auf blasserem Grunde der Schale
von C. ornata geben allein dabei einen Fingerzeig. Andre
Unterscheidungszeichen fehlen bei jungen Thieren völlig, da
Auge und Gliedmassen in beiden Species fast ganz gleich
gestaltet sind. Diese sind durch Fischer dargestellt und
zeichnen sich dadurch aus, dass die Klauen mit kurzen Häär-
chen besetzt sind.
Die C. ornata habe ich öfters bei Greifswald zahlreich
gefunden, sparsam auch im Berliner Thiergarten. Geschlechls-
reif fand ich nur ein Exemplar imDecember 1850, ein Weib-
chen mit völlig gefüllter Samenblase. Leider unlerliess ich
es, in der Hoffnung auf zahlreicheren Fund, die vvünschens-
werthcn Zeichnungen und Messungen an den Zoospermien
zu machen. Sie hatten ganz die Gestalt derer von C. acu-
minata, nur grössere Dimensionen und zeigten das Schwin-
gen der Spiralplalten schöner , als ich es je wieder gese-
hen habe.
3) C. fuscata Jur.
Syno nyma.
31o7i fuscafus J. 0,65'"; Mon. conchaceusJ. (?) 1,1'";
C. ßisca Strauss 0,8'"; Mon. unifasciatus 0,33"'.
Ich habe diese Art nur in jungen Exemplaren gefun-
den wie Jurine und Strauss. Sie ist kleiner als die
vorigen Arten , hoch, eiförmig und entschieden braun. Der
Eierstock ist roth. Leberschläuche sind vorhanden. Das
Auge ist schwarz und, glaube ich, grösser als in den vori-
gen Arten. Ich fand sie im Frühling und Sommer.
4) C. aurantia Jur.
Diese Species nehme ich nur nach Jur ine's Abbildung
und verweise auf dessen Characterislik. Ich weiss nicht,
ob eine ähnliche Form von 0,70'" Länge, die ich in Was-
serfässern geschlechtlich unausgebildel fand , etwa hieher
gehört.
74 Zenker:
5) C. acuminata Fisch. (Taf. II. D.)
Synonyma.
C. detecta M.; C. eJongata B. 0,8'"; C. fabaeformis F.
Vs— V2'"i <^- acuminata F. J^— V4'".
Die Characlere , welche diese Species auszeichnen,
wurden zuerst von Fischer erkannt. Sie bestehen in ei-
nem Paar rückwärts gerichteter starker Stacheln, die neben
der Geschlechtsöffnung des Weibchens entspringen , in der
starken Krümmunng desSchAvanzes, der zwischen ihnen hin-
durchreicht und (Fig. 1. c) in der Zuspitzung des hinteren
Schalentheils zur Aufnahme des an seinem Blindende erwei-
terten Eierstocks.
Diese Charactere sind sehr entschieden , aber leider
nicht constant; vielmehr ist die ganze Species eine Reihe
zusammengefügter Varietäten. In einem Exemplare, wo die
obigen Charactere (Fig. 5) recht entschieden hervortraten,
fand sich auch noch die Schale, da wo sie den erweiterten
Eierstock bedeckte, eigenthüinlich verändert, indem sie dort
einer länglichen Schuppe (Fig. 6) mit Längsstreifen und
Randspitzen glich. In andern längst geschlechtsreifen Exem-
plaren (Fig. 3 u. 4) hingegen findet man die Abdominalsta-
chel klein, sogar rudimentär, den Schwanz entsprechend
weniger gebogen, den hinteren Schalenrand mehr und mehr
abgerundet und den Eierstock, der zwar schon eine Erwei-
terung hat, noch mit seinem blinden Ende nach oben umge-
bogen.
Schwerlich sind diese Abweichungen durch das Le-
bensalter bedingt, da sie an schon längst geschlechtsreifen
Exemplaren beobachtet wurden und da in einem Fundort
meist nur ein und dieselbe Form sich vorfindet. Man muss
sie vielmehr als Racenunterschiede ansehen und findet dann
eine Reihe, die von der Form der nahe verwandten C. Can-
dida ausgehend, sich in mehr und mehr abweichende For-
men endet. Als Schlussform ist einstweilen die zu betrach-
ten, die ausser den von Fischer aufgestellten Characteren
noch die schildähnliche Schuppe über dem Eierstock halte.
Monographie der Ostracoden. 75
Die Männchen haben im Allgemeinen eine mehr abgerundete
Schale. Sie haben statt der Stacheln das Begallungsglied und
statt des Eierstocks die vier Hoden, die sich stets nach oben
umbiegen. Obgleich also jeder Grund einer Zuspitzung des
Abdomens fehlt, so findet sich dieselbe bisweilen dennoch
vor, wenn auch gering, wahrscheinlich durch blosse Verlän-
gerung des Abdomens selbst veranlasst. In den meisten
Fällen dagegen wird man den hinteren Schalenrand des Männ-
chens rund und hoch finden, wie in der von Fischer als
C. fabaeformis dargestellten Form. Von einem Päärchen,
das ich aus der Begattung nahm, gehörte das Männchen der
Form (Taf. I. Fig. 23) von C. fabaeformis F., das Weibchen
der typischen von C. acurainala F. an.
Der Unterschied der Varietäten zeigt sich bei den Männ-
chen nur in den verschiedenen Grössenverhältnissen, und
dieser tritt — höchst auffällig! — sogar in der Grösse der
Zoospermien hervor. Bei den entschiedensten Formen der
C. acuminata , die zugleich auch die grössten sind , finden
sich in der Samenblase des Weibchens grössere Zoosper-
mien als bei den kleineren Formen, die sich mehr der C.
Candida nähern. Sie variiren zwischen 0,320'" und 0,280"'
Länge und zwar so, dass dieselben schon in den erzeugen-
den Männchen von verschiedener Grösse gewesen sein müs*
sen. Sei es nun unmöglich , oder nur ungewöhnlich, dass
sich Männchen und Weibchen von verschiedenen Varietäten
begatten; ich habe in den Weibchen stets die ihrer Gestalt
und Grösse entsprechenden Zoospermien wiedergefunden.
Können aber überhaupt Racenverschiedenheiten die Gestalt
der Zoospermien verändern, so kommt es nur auf die Grösse
der Racenunterschiede an, welchen Grad von Veränderung
die Zoospermien erleiden. Dieser Grad könnte mithin sogar
ein so hoher werden, dass die Zoospermien endlich ihre
normale zeugende Kraft für andre Racen ganz und gar ein-
büssten und nur eine Zeugung unfruchtbarer Bastarde übrig
bliebe. Mit einem Wort: der Speciesbegriff, der sich vor-
zugsweise auf Idenliiät der wesentlichen Zeugungsorgane
gründet, wird erschüttert, da sich zeigt, dass schon zwischen
Racen eine Verschiedenheit dieser Organe hervortritt, eine
Verschiedenheit j die also durch künstliche oder natürliche
76 Zenker:
Einflüsse bis auf einen nicht wohl bestimmbaren Grad ge-
trieben werden kann.
Dennoch glaube ich , dass man die C. acuminata nicht
zu eng mit C. Candida verbinden darf; denn es besteht zwi-
schen ihnen, besonders auch in den Grössenverhältnissen,
immer noch eine bedeutende Lücke. Die inneren und äus-
seren Organe stimmen zwar völlig überein, und finden bei
der C. Candida ihre Erwähnung.
6) C, Candida Müll.
Synony ma.
C. Candida M. 0,5'"; C. compressa , C. pellucida , C.
puhescensK. (c. 0,5'"); C- pellucida F. V's— 72'"; C. pigra
F. y^'"; C. compressa F. V5 — Va'".
Die Verwandtschaft dieser Art mit der vorigen ist sehr
gross. Sie hat mit ihr den Vorzug grösserer Durchsichtig-
keit, die sogar die innersten Geschlechlsapparate schon von
aussen erkennen lässt, ein Umstand der zur Unterscheidung
der Geschlechter von grossem Nulzen ist. Der Rand ihrer
Schalen ist nicht bewaffnet wie von G. pubera und ornata.
Ihre Gliedmassen sind sehr hell und durchsichtig. Der
Schwanz ist ziemlich gerade. Die Ruderborslen der ersten
Antenne sind im Verhältniss zum Körper des Thieres kurz,
an der zweiten Antenne fehlen sie ganz. Sie leben daher auch
mehr am Boden des Gefässes oder klimmen an den Wänden
und Gewächsen empor. Das dritte Kieferpaar des Männchens
sowie die Eindrücke des Schalenschliessmuskels gleichen de-
nen bei C. acuminata , von der sie (II. D, Fig. 1. m u. 2)
dargestellt sind. Ebenso die Leber, die hier nicht aus zwei
langen Schläuchen, sondern aus vielen flockigen Anhängen
von lebhaft gelber Farbe besteht. Das Auge enthält auch
gelbes Pigment, ist klein und gedrängt, aber sehr glänzend.
Die Eier haben einen gelben Dotter, der Eierstock endet mit
einer Umbiegung nach oben. Der Canal zur Samcnblase ist
kurz und bildet kein Knäuel. DieZoospermien sind verhält-
nissmässig kurz und dick , in beiden Species nur durch
Grösse verschieden , sehr geeignet zur Beobachtung der
schwingenden Spiralplalten. Die Schleimdrüse ist von der
Monographie der Oslracoden. 77
einfachsten Conslruclion (Taf. VI. Fig. 2), ohne Helmansälze
oder sternförmige Narben, in beiden Species nur verschieden
gross. Der Auslührungscanal ist kurz und fast gestreckt.
Das Begattungsglied , auch in beiden Arten von demselben
Bau, ist (Taf. VJ. Fig. 1) dargestellt. Die Behaarung der Scha-
len variirt einigermassen und sind desshalb mehrere unhalt-
bare Species entstanden. Die Schalen zeigen, während das
Wasser von ihnen abtrocknet, Ringe von perlmutlerähnlichem
Farbenspiel. Die Thierchen sind sehr verbreitet, leben im
Schlamm und erhalten oft von der Menge des dunklen Darm-
inhalts, sowie von anhaftenden Infusorien, ein weit dunkleres
Ansehen.
Untergattung Cypria.
7) C. punctata, Jur. (Taf. III. A.)-
Synonyma.
C. punctata J. 0,40'"; C. compressa B. ; 6\ punctata
K. (c. 0,37"O; C. elegantula F. %— V/".
Ich fand diese schöne Art in zwei Varietäten, die eine
von 0,44'" Länge , 0,32"' Höhe und 0,24'" Dicke, die an-
dere nur 0,33'" lang in entsprechenden Verhältnissen. Sie
unterschieden sich auch noch dadurch, dass die äussere
Schalenhaul der ersleren C^^ig. 2) von vielfach abgesetz-
ten Längsslreifen gefurcht, die der lelzteren aber glatt er-
schien. Ihren äusseren Grössenverhällnissen entsprachen die
ihrer inneren Organe , ihrer Eier und ihrer Zoospermien.
Es wäre möglich, ist mir aber keineswegs wahrscheinlich,
dass die gestreiften Thiere schon sehr all waren, da ich sie
stets nur in ausgewachsenem Zustande gefunden habe.
Die Schale der C. punctata (Fig. 1) ist durchsichtig
braun , übersäet mit dunklen braunen Flecken, besonders
ausgezeichnet durch den sehr breiten, klaren, farblos durch-
sichtigen Rand, der vorn und hinten sehr auffallend hervor-
tritt. Die Behaarung ist massig. Das Auge ist breiter als
in den früheren Arten und schwarz. Die Gliedmassen sind
schlank und beweglich, die Ruderborsten an beiden Antennen
(Fig. 3. s) von grosser Länge und daher die Bewegungen
des Thiers von grosser Munterkeit und Ausdauer. Die Ein-
78 Zenker:
drücke des Schliessmiiskels (Fig. 1. 7W) gleichen mehr denen
der nachfolgenden als der vorangehenden Arten. Die Le-
ber besteht nur aus kurzen Drüsenanhängen und liegt im
vorderen Theil des Körpers. Der Eierstock (Fig. 1. o) ist
vor seinem Ende nach vorn, dann aber wieder nach hinten
umgebogen und enthält Eier mit weissem Dotter. Der Ca-
nal zur weiblichen Samenblase bildet ein Knäuel; aber nicht
der Canal zur Schleimdrüse des Männchens. Diese (Fig. 6)
gleicht der von C. Candida , nur hat der innere Cylinder
vorn und hinten einen helmartigen Ansatz (a, 6), von denen
der vordere sich in den Ausführungscanal verlängert , der
hintere durch eine zwölfstrahlige Narbe (c) schliesst. Die
Zoospermien sind viel länger und dünner als die von C. Can-
dida und bilden den Uebergang zu denen von C. Joanna
und C. Ovum. Die vier hinteren Hodenschläuche sind eben-
falls zuerst nach unten umgebogen.
Die Art findet sich ziemlich zu allen Jahreszeiten in
klaren Gewässern , wo sie lebhaft herumschwimmend, Jagd
zu maciien scheint. Sie ist sehr eilig bei der Hand, wo ir-
gend ein grösseres Thier verwundet liegt und verzehrt es
mit grosser Gewandtheit. Von allen Species scheint diese
und die C. ovum die klügste zu sein, wie sie die lebendig-
sten sind. Sie entfliehen oft sehr geschickt, wenn man sie
aus dem Gefässe holen will und wenn sie gar in einem Was-
serlropfen auf eine Glasplatte oder in ein anderes Gefäss
kommen , so untersuchen sie sogleich den ganzen Umkreis
des neuen Wohnorts und zeigen eine grosse Unruhe, wenn
sie gesehen haben , dass sie in einem kleinen unwohnlichen
Tropfen ihrem Lebensende entgegen gehen.
8) C. Joanna Baird.
Synonyma.
C. Joanna B.; C. scutigera F. '/^ — V3'"; C rubida
Z. 0,34"'.
Das Hinlertheil sehr breit und ziemlich hoch, läuft der
von den Schalen eingeschlossene Raum fast pyramidenartig
nach vorn in eine Spitze zusammen. Die Schale ist dunkel
mit helleren Binden und Flecken auf dem Rücken. Das
Monographie der Qslracoden. 79
Auffe ist noch breiter als in C. punctata. Die Gliedmassen
sind kräftig und lang behaart, die Bewegungen munter. Le-
berschläuche sind nicht vorhanden, die Eier sind weiss, der
Eierstock und die Hoden biegen nach unten um.
Die C. Joanna oder wenigstens die Art, die ich dafür
halle und die bei Fischer (Taf. XI. Fig. 3—5) unter dem
Namen C. scutigera ganz gut abgebildet ist, kommt seltener
vor und meist in etwas schmutzigen Gewässern. Auch scheint
sie in der Farbe etwas zu variiren.
9) C. vidua Müll.
Von dieser Species habe ich nur Weibchen und diese
im Spätherbst gefunden. Sie ist etwa 0,3"' lang, fast ebenso
breit und sehr wenig hoch. Die Zeichnungen von Müller
und Jurine lassen sie deutlich erkennen. Die Schale ist
weiss und behält ihre ursprüngliche Zellenstruclur. In man-
chen Zellen lagert^ sich schwarzes Pigment ab und geht in
drei Binden über den Rücken. In Betracht der Gliedmassen
und des Auges gleicht sie sehr den Arten C. Joanna und C.
Ovum. Der Canal zur Samenblase des Weibchens bildet ein
kleines Knäuel. Die Leber besteht in kurzen Schläuchen,
die neben dem Darm nach vorn gelagert sind. Zoospermien
habe ich nicht gefunden. Fischer hat die C. vidua auch
auf der Insel Madeira gefunden.
10) C. semilunaris Fisch.
scheint hieher zu gehören ; ich verweise aber in Beziehung
auf diese Species durchaus auf Fis c h er's Angaben (S. 161)
und Abbildungen (Taf.X. Fig. 5— 17).
11) C. omm Jur. (Taf. III. JB).
Synonyma.
C. Ovum J. 0,17'"; C. vulgaris Z. 0,22'"; C. minuta,;
C. pantherina F. y^ — y2
///
Zaddach nennt diese Species mit Recht eine gewöhn-
liche. Sehr verbreitet ist sie nach demselben in Preussen,
ebenso nach Jurine in Genf, nach Fischer bei Peters-
burg und nach meinen Beobachtungen in der Mark und in
80 Zenker:
Pommern , ein Zeichen , dass die Cypridenfauna nicht sehr
empfindlich gegen klimatische Unterschiede ist.
Sie erscheint im Glase schwimmend als brauner lebhaft
bewegter Punkt und wird leicht mit einem kleinen Lynceus
verwechselt. Ihre Schalen sind platt und bei näherer Un-
tersuchung durch viele braune dunkle Flecke gefärbt , die
kaum einen Zwischenraum lassen. Auf dem Rücken und
den Seiten ist sie weniger stark behaart, mehr dagegen am
Vorder- und Hinterrande. Das Auge (Fig. 2) ist sehr breit
und bildet den Uebergang zu der völligen Trennung der Ein-
zelaugen von einander. Die Gliedmassen sind kurz, kräftig
und lang behaart, die Muskeleindrücke (Fig. l.m) wie in den
letzten Arten. Der Eierstock und die Hoden sind zuerst
nach unten gebogen. Die Schleimdrüse (Fig. 4) ist kurz und
dick mit einem vorderen helmähnlichen Ansatz und der zvvölf-
strahligen Narbe und ist ausgezeichnet durch einen sehr
langen knäuelförmig gewundenen Ausfühfungsgang (Ä). Die
Zoospermien sind mehrmal länger als das Thier und sehr
dünn. Die Eier sind von weissem Dotter. Leberschläuche
sind nicht sichtbar.
. 4. GaiU CyproVs.
1) C. monacha Müll. (Taf.HI.C).
Keine Species ist so leicht nach ihren Schalen zu er-
kennen wie diese. Nur Koch hat es bisher vermocht, auch
hier Verwechselungen anzubringen. Sie ist (Fig. 1) sehr
hoch und breit und fast würfelförmig gebaut. Nur in der
Mitte des Rückens finden sich einige helle gelbe und braune
Stellen, die sich bis zu dem Schliessmuskel (7n) erstrecken,
die Peripherie der Schalen aber ist schwarz. Nur der ei-
gentliche Rand ist glashell. Derselbe ist ausserdem mit knopf-
artigen Hervorragungen besetzt wie bei C. pubera und hat
an der unteren hinteren Ecke (Fig. l.c) zwei Zähne, die
nach hinten gerichtet und von Koch und Fischer abge-
bildet sind. Die ganze übrige Schalenoberfläche ist von klei-
nen Erhabenheiten und Vertiefungen voll, Reste der frühesten
zelligen Struclur. Die Schale ist kräftiger als sonst bei den
Monographie der Ostracoden. 81
Cypriden und die Eindrücke des Schliessmuskels stehen in
durchaus abweichender Anordnung.
Auch die Gliedmassen weichen von denen der übrigen
Cypriden bedeutend ab. Die zweite Antenne (Fig. 3) trägt
5 — 8 Borsten (s), deren Anfang steif, deren Ende aber bieg-
sam und gefiedert ist. Die dritten Maxillen tragen keineKie-
menblättchen und die des Männchens (Fig. 4. r und /} sind
sehr verschieden von einander. Besonders merkwürdig ist,
dafs die beiden Schwanzstacheln der Weibchen in einen
(Fig. 5) verschmolzen sind, der nun die doppelte Zahl von
Borsten trägt.
Das Auge ist schon oben umständlich besprochen wor-
den. Es zerlheilt (Fig. 2) sich in zwei Einzelaugen , wie
dies Koch auch darstellt, die weit auseinander stehen, je-
doch noch nicht mit den Schalen verwachsen. Sie haben
deutliche Pupillen, sind schwarz und die ganze Anordnung
bildet den Uebergang zu den Cylheriden , die sich übrigens
auch in der Dicke der Schalen und der Anordnung der
Schliessmuskeleindrücke ausspricht.
Auch der Geschlechtsapparat hat seine Eigenthümllch-
keiten. Der Penis (Fig. 7) ist gedrungener als bei Cypris
und zeigt eine noch complicirtere Ausbildung der mechani-
schen Werkzeuge. In der Schleimdrüse (Fig. 6) stehen die
Chitinborsten längs des ganzen Cylinders in zahlreichen Krän-
zen nebeneinander, wobei etwa fünf immer einen Kranz aus-
machen. Die Zoospermien stehen in Länge und Dicke zwi-
schen denen von Cypris und Cypria. Eierstock und Hoden
biegen sich nach oben um. Die Leberschläuche sind nur
kurz und sehr durchsichtig.
Ich habe die C. monacha nur im Spätsommer und Herbst,
und zwar in sehr verschiedenartigen Localitäten gefunden.
Sie schwimmen gern an der Oberfläche herum, jedoch nicht
mit der Lebendigkeit wie C. punctata oder C. ovum ; viel-
mehr werden ihre Bewegungen durch das Volum und Gewicht
ihres Körpers und ihrer Schale etwas schwerfällig. Die jun-
gen Thiere sind auch schon von Anfang an schwarz.
2) C. dispar Fisch.
Ich selbst kenne diese Species nur aus Fischer'sAb-
Archiv f. Naturgesch. XX. Jahrg. l.Bd. ß
82 ^ienker:
handlang. Das dött abgfebildeleTMer ist ein geschlechlstei-
fes Männchen, dessen Schleimdrüse und Penis nach Analo-
gie de*r G. monacha gebaut sind. Eben desswegen habe
ich auch diese Art hieher gestellt, wenn der generelle Cha-
racter auch nicht gerade hierin begründet liegt. Ich habe
aber über die Aehnlichkeit der Augen um so weniger Ge-
wissheit erlangen können, als Fischer dieselben aueh bei
C. monacha durchaus unrichtig abbildet und das Wesentli-
che unbeachtet lässt. Ich glaubte daher, guten Mulhes der
angedeuteten Verwandtschaft nachgehen und die Cyprois mo-
nacha von ihrem Einsiedlerthum in der neuen Gattung erläsen
zu dürfen.
Familie der Cytheriden.
1. Critik der Speciescharaclere und Species.
Bei den Cytheriden sind ebenfalls wie bei den Cypri-
den die Gestalt, Behaarung und Farbe der Schale die ein-
zigen Erkennungszeichen gewesen. Auch können sie es
hier mit grösserem Rechte sein, da die verschiedenen Alters-
stufen ein und derselben Species sich leicht erkennen lassen.
Die Schalen der Cytheriden sind verhällnissmässig weit dik-
ker und fesler als die der Cypriden und oft von characleristi-
scher Gestalt und Zeichnung. Mit wie viel mehr Zuverlässig-
keil jedoch aus der feineren Structur als aus der Gestalt der
Schalen Charactere zu entnehmen sind, zeigt schon die Cyth.
gibba , bei welcher Männchen und Weibchen in der Gestalt
der Schalen schon so bedeutend abweichen. Behaarung fehlt
nach meinen Erfahrungen niemals ganz und sind daher die
hierauf gegründeten Unterscheidungen (wie z. B. von Cyth.
lutea und Cyth. reniformis B.) keineswegs anzuerkennen. In
der Anatomie der Cytheriden und besonders in der Bildung
des Begattungsgliedes finden wir eine vortreffliche äusserst
wichtige Controlle für die Verwandtschaft zweifelhafter For-
men. Für fossile Arten sind auch die Eindrücke des Scha-
lenschliessmuskels wohl zu beachten.
0. F. Müller stellte von Cytheren 5 Arten auf, die
ich selbst allesammt, theils in der Ostsee, theils im Kattegat
wiedergefunden habe; davon sind jedoch Cylh. gibba und
Cyth. gibbera als Weibchen und Männchen in eine Species
Monographie der Oslracoden. 83
ZU vereinigen. Mit den übrig bleibenden 3 Arten Cyth. lu-
tea, flavida und viridis correspondiren bei Baird die Arten
Cylh. reniformis , flavida und variabilis. Die Cyth. alba, ni-
grescens und albomaculata B. erscheinen als wenig genau
bestimmte Arten, vielleicht sogar als Jugendformen. Baird,
Jones und Dana haben noch manche Nachträge geliefert,
die mir leider nur zum kleinsten Theil bekannt geworden
sind. Fossile Arten in grosser Zahl aus der tertiären und
Kreide -Formation hat uns Bosquet kennen gelehrt; doch
wäre die Darstellung derSchalenstructur, wenn möglich, eine
sehr erwünschte Controlle für die Selbstständigkeit aller dort
aufgeführten Formen.
Von Cypridinen wurde die erste vonReynaud im In-
dischen Ocean gefunden und von Milne Edwards beschrie-
ben. Seitdem sind mehrere verwandte Arten und Gattungen
sowohl in der lebenden wie in der fossilen Welt bis hinab
zu den ältesten Schichten aufgefunden. Sie unterscheiden
sich von den Cylheren durch die Stellung der Augen , wel-
che hier nahe dem Buckel mit der Schale verwachsen sind.
Es wäre jedoch beachtenswerlh , ob hier nicht schon Ver-
wechselungen mit den Eindrücken des Schliessmuskels vor-
gekommen sind.
3. Oaitung^ Cytiiere Müll.
1) Cijlh. lutea Müll. (Taf. V. C).
S y n 0 n. Cyth. reniformis B.
Der beste Characler dieser Species gegenüber allen
anderen ist der, dass hier alle Gliedmassen gelb, bei den
andern wasserhell sind. Die Schalen (Fig. 1) sind stark, nie-
renförmig, röthlich gelb mit breitem hellen Rand und massi-
ger Bauschung, die Oberfläche (Fig. 2) mit kleinen Verlie-
fungen übersäet und mit zerstreut stehenden Haaren besetzt.
Die Gliedmassen sind kräftiger als in den andern Species.
Die Abdominalfüsse (Fig. 3) tragen behaarte Klauen. An
der hintersten Körperecke sieht man einen unpaaren Zapfen
(Fig. 4.1/) von festem gelben Chitin, den man leicht für den
Schwanz halten kann. Der eigentliche paarige Schwanz je-
doch sowie der After liegen zwischen den beiden Penishälf-
84 Zenker'.
ten und dieser Zapfen ist nur als ein Chitinhaulgebilde, als
ein eigcnthümlicher Fortsalz zu bctrachlen.
Der Penis (Fig. 5) besteht aus einem Querjoch (a),
welches jederseits einem starken trapezischen Gliede (6) als
Basis dient. Dicht neben dem letzteren entspringt ein zwei-
gliedriges Zäpfchen (s) , welches zwei Borsten trägt. Das
trapezische Glied hat nach innen vier Anhänge: das Begat-
tungsrohr, zwei mit Gelenkköpfen eingelassene Greifer und
das dritte Glied. Das Begattungsrohr Ccc} ist hornig hart,
mit einer Art Spirale eingefügt und Spiral gebogen bis ge-
gen das Ende, wo plötzlich eine kleine Biegung im entgegen-
gesetzten Sinne eintritt. Von den beiden Greifern {gg} ent-
springt der obere in der Höhe des Begattungsrohrs und ist
kurz und slylförmig; der untere aber ist grösser, biegt in
der Mitte winkelförmig nach oben und endet mit einer ga-
belförmigen Theilung. Das dritte Penisglied (f) endlich ist
sehr breit und nach aussen und innen in zwei Spitzen aus-
gezogen, von denen die innere längere (/) mit einem löffel-
lörmigen Knopfe endigt. In der Ruhe reichen die unleren
Greifer beider Penishälften übereinander; die Bewegung be-
werkstelligen starke Muskeln , welche von den Chilinleisten
und Chitinwänden rings herum entspringen.
Ich habe die Cylh. lutea nicht in der Ostsee, sondern
nur im Kattegat gefunden, dort besonders an Ceramium.
Ausserdem fand ich sie in einem tertiären Thon aus Schles-
wig, welchen mir Hr. Prof. Beyrich zur Untersuchung gab.
Dort war bei manchen Exemplaren die ganze übrige Schale
zerstört und nur der Rand stückweise oder vollständig erhal-
ten. Bei andern dagegen waren nicht nur die Schalen sammt
den Eindrücken des Schliessmuskels zu erkennen, sondern es
Hessen sich sogar noch einzelne Gliedmassen stückweise
herauspräpariren , welche die gelbe Färbung noch vollkom-
men frisch zeigten.
2) Cyth, gibba Müll. (Taf. V. D) 0,25'" 1.,
0,15'" (mas.)— 0,18'" (fem.) br.
S y n 0 n. Cyth. gibbera M.
Die Schale ist in scharf begrenzte Felder (Fig. 3 u. 4)
Monographie der Ostracodetl. 85
abgelheilt, deren einige gelb , die andern mehr oder weni-
ger dunkel, sogar schwarz sind. Die gelben Felder bilden
die Mitte und fallen beim Weibchen mehr in'sAuge als beim
Männchen; desshalb weil die Schale des Weibchens (Fig. 2)
scillich dort zwei starke plötzliche Ausbauchungen hat, wäh-
rend dieser Theil beim Männchen (Fig. 1) gerade etwas ein-
gedrückt ist, so dass die gelben Felder mehr versteckt lie-
gen. Darum nennt Müller, welcher wegen der verschie-
den gestalteten Schalen aus dem Männchen die Species Cylh.
gibbera gebildet halte, dessen Schale virescens, die des
Weibchens pallida. Nach hinten enden die Schalen in eine
zapfenartige Spitze (Fig. l.c). Ihr Rand ist sehr breit, hell,
aber auch in Felder eingetheilt. Haare sitzen zerstreut auf
der Oberfläche.
Das Weibchen bringt lebendige Junge zur Welt und
zu ihrer Entwickelung ist der Raum ihres Hinlerleibes durch
die beiden Ausbuchtungen vermehrt. Die Zoospermien (Taf.
IV. Fig. 21) sind denen der Cypriden ähnlich (0,040'" 1.,
0,006'" d.) mit drei Windungen und einer besonderen Spitze.
Der Penis dieser Species (Fig. 5) ist meines Erachlens
der complicirteste, der in der Ordnung der Ostracoden vor-
kommt , mithin der complicirteste in der Klasse der Crusta-
ceen und vielleicht im ganzen Gliederlhierreiche. Das Be-
gaUungsrohr (c c) ist sehr lang und vor seinem Ende auch
im entgegengesetzten Sinne eingeknickt. Von den Greifern
des zweiten Penisgliedes scheint der obere,, den wir bei Cyth.
lutea finden, zu fehlen. Der untere (g) dagegen macht wie
dort ein Knie nach unten , ist auf seiner ersten Hälfte auf
der Oberfläche gefurcht , am Ende aber in einen feinzuge-
spilzten Haken umgebogen. Das zweite Penisglied (6) hat
zur Befesligung dieser Organe vortreffliche Gelenkverrich-
tungen, die wohl in der Zeichnung angedeutet werden konn-
ten, nicht aber näher erörtert werden, da ihr Zusammenwir-
ken wiederum ein mechanisch sehr verwickelter Vorgang ist.
Das ganze Glied ist abgerundeter als in der vorigen Art.
Das dritte Penisglied (f) trägt ausser dem löfl'elförmigen
Fortsatz (/) noch eine aus zwei Gliedern bestehende Klaue
(v), das zweite Glied auf das erste wieder zurückgeschlagen
und mit einer Jtleinen Kralle versehen. Ausserdem «ind wei-
86 Zenker:
ter oben noch blaltarlige Fortsätze (t), welche offenbar bei
der Begattung dazu dienen , klappenartig irgend ein Organ
festzuhalten.
Die Cyth. gibba kommt ziemlich reichlich an den fla-
chen Pommerschen Küsten vor und lebt zwischen den in der
Tiefe von einigen Füssen wachsenden zarteren Tangen.
3) Cyth. flavida Müll. cTaf.V.J?).
Diese Species (Fig. 1) ist besser durch die rhomboidi-
sche Gestalt als durch die nicht immer constante Farbe ih-
rer Schale characterisirt. Die äussere Schale (Fig. 2) ist
gelb , von der inneren Zellenhaut (Fig. 3) scheinen jedoch
die Stellen hindurch, in denen blaues Pigment netzförmig ab-
gelagert ist. Bei älteren Thieren ist dies massenhafter und
erscheinen daher die Thiere , je älter desto dunkler. Die
Schale ist nur dünn, ihre Gliedmassen zart.
Der Penis (Fig. 4) gleicht mehr dem der Cypriden, da
weniger bestimmte Greifer ig) u. dgl. hervortreten, sondern
die Falten der häutigen Umhüllung die Functionen derselben
übernehmen. Das Begattungsrohr (c) ist zum Theil von
sehr festen Wandungen (r) umschlossen, die dem ganzen
Organ zur Stütze dienen.
Diese Species ist an den Küsten der Ostsee selten; häu-
figer findet sie sich an den Tangen des Kattegats.
4) Cyth. viridis Müll. (Taf.V.il) 0,225'" 1.,
0,166'" br., 0,120'" d.
Synon. Cyth. variabilis B.
Der Name viridis passt nur auf diejenigen Individuen
dieser Art, welche sich von grünen Algen genährt haben,
oder welche mit grünen Gewächsen bedeckt sind. Ebenso
giebt es gelbliche , röthliche , bräunliche und die ursprüng-
liche Farbe ist die weissliche. Die Schalen sind nämlich sehr
dünn und durchsichtig und es wäre daher der Name Cyth.
pellucida passender als viridis und variabilis.
Die Schalen dieser Art laufen vorn spitzer aus als hin-
ten. Die Gliedmassen haben der Darstellung im anatomischen
Theil dieser Abhandlung zu Grunde gelegen. Die Weibchen
sind vivipar, die Zoospermien (Taf. IV. Fig. 20) geisselförraig.
Monographie der Ostracoden. 87
Der Penis (Fig. 2) ist ziemlich einfach. Die Basis (a &)
ist breit und enthält die Samenblase. Das Begatlungsrohr
(c) bleibt im Penis versteckt. Der obere Geifer Qg) ist
blallförmig, der untere (^) löffeiförmig. Letzterer steht ge-
wöhnlich nach unten, kann aber auch nach innen umgelegt
werden und ist vielleicht besser als Rudiment eines dritten
Pcnisgliedes aufzufassen.
Diese Art ist von allen baltischen die kleinste und
häufigste. Im Kaltegat habe ich sie auch gefunden, jedoch
in verhällnissmässig viel geringerer Zahl. Im süssen Was-
ser vermag sie mehrere Tage zu leben.
lieber die Cyclopideii des süssen Wassers.
Von
Dr* Zenker*
(Hierzu Taf. VI. Fig. 8-14).
Die kleinen Cruslaceen, welche dieser zweite Aufsalz
behandelt, finden sich in unsern süssen Gewässern neben
den Cypriden und Daphnoiden so zahlreich, dass sie fast in
jedem Glase als unvermeidliches Uebel mitaufgeschöpft wer-
den. Sie wurden schon von 0. F. Müller')? später von
Jurine 2) beschrieben als Monoculus quadricornis , Castor
und staphylinus. NachDana's^) werlhvoller Ansicht sind die
Copepoden überhaupt in fünf Familien, Cyclopidae, Harpacti-
dae, Calanidae, Corycaeidae und Miracidae zu theilen und
unsere 3 Arten wären Repräsentanten der 3 ersten. Ich
kann mich einer weiteren Trennung" derselben von einander
durchaus nur anschliessen und führe sie daher mit Dana
als Cyclops quadricornis , Harpacticus staphylinus und Cy-
clopsina Castor auf Eine dem H. staphylinus nahe verwandte
Süsswasserart der Schweizerischen Hochgebirge ist von C.
Vogt^) als Harp. (Cyclops) alpestris beschrieben worden.
Eine auf sicheren Characteren beruhende Zertheilung des Cy-
1) 0. F. Müller, Entomostraca.
2) Jurine, Histoire des Monocles.
3) Dana, Conspectus Crustaceorum in den Proceedings of Ihe
American AcademyofArts and Sciences. Series II. Vol. I. 1847. p. 227.
Vol. II. 1849. p. 1.
4) C. Voigt in den Denkschriften der allgem. Schweizer. Ge-
sellschaft für d. gesammten Naturwissenschaften. Bd. VII. 1843.
Zenker: Ueber die Cyclopiden des süssen Wassers. 89
clops quadricornis in mehrere Species erwarte ich in näch-
ster Zeit von einem meiner zoologischen Freunde.
Den allgemeinen Körperbau und die Gliedmassen dürfen
wir in dieser nur ergänzenden Darstellung als bereits bekannt
übergehen und wollen wir nur bemerken, dass die Mund-
theile von Jurine gegenüber Milne Edwards richtig
dargestellt sind 0- ^^ derselben Weise übergehen wir die
Entwickelungsgeschichte unsrer Thiere. Schon Müll er bil-
dete als Amymone und Nauplius die jungen unentwickelten
Thiere ab und Jurine gab das richtige Verständniss dazu
und die fehlenden Zwischenstufen. Mit Jurine's Darstel-
lung stimmt die von H. Rathke^) völlig überein und neue
Beobachtungen würden nur Specialitäten hinzuzufügen haben.
Die Entwickelung stimmt bekanntlich mit der der Phyllopo-
den und vieler andern Crustaceen darin überein , dass der
aus dem Ei kriechende junge Cyclope nur die drei vorder-
sten Gliedmassenpaare besitzt und dass diese, obwohl später
zum Theil Tast- und Kauorgane , jetzt alle als Bewegungs-
organe dienen.
Setzen wir einerseits Obiges als bekannt voraus, so ist
es anderseits der Zweck dieses Aufsatzes , die Lücken , die
in der Kenntniss und namentlich auch im Verständniss der
einzelnen Organsysteme noch bestehen, möglichst auszufüllen,
sodass wir unter steten Beziehungen auf die bereits erlang-
ten Resultate früherer Forschungen uns fortbewegen.
I. Die Haut.
Die Körperbedeckung besteht aus Chitin , ebenso die
innere Darmhaut und alle härteren Theile in und an dem
1) Jurine beschreibt 2 Paar Antennen, 3 Paar Kiefer und 4
Paar Beine ; während MilneEdwards, Hist. nat. des Crustaces T. III.
p. 411. angiebt: Leur bouche parait etre armee d'une paive de man.
dibules ordinairement palpigeres, d'une ou deux paires de mächoires
foliacees et peu developpees et de 2 ou 3 paires de pates-mächoires
dont les posterieures sont cn general tres grandes et garnies de soies
pluineuses. Ich kann mich nur der Jurine'schcn Darstellung an-
schliessen.
2) H. Rathke, Abhandinngen zur Bildungs- und Entwicke-
lungsgeschichte des Menschen und der Thiercr Bd. II.
90 Zenker:
Körper dieser Crustaceen. Ob die harten Höllen der Sper-
nialophoren auch aus Chitin bestehen, ist noch zweifelhaft.
Die Chitinhaut ist nur an den Stellen zwischen den
Segmenten weich und biegsam , sonst steif und lederarlig,
obwohl durchsichtig. Auf dem Rücken ist sie glatt, an den
Seiten hängt sie etwas über die Gliedmassen herab, wie die
Schale am Schwanz der Krebse; an der Unterseite aber bil-
det sie ein Skelet und erreicht dort ihre grösste Dicke
und Härte. Dies Skelet dient dreifach: zum Schutze des
Nervensystems, zur Einlenkung der Gliedmassen und zur
Bewaffnung des Mundes. Es beginnt schon beim Auge, wo
dicht hinter einem stirnartigen Vorsprung ein Gerüst zum
Schulz des Gehirns und zur Einlenkung der Antennen sich
findet, geht dann zu beiden Seiten um den Mund herum
und setzt sich in einer Art von Bauch Wirbelsäule fori
bis zum Ansatz des Schwanzes.
Ein solcher Bauch wirbel besteht (Fig. 11) aus ei-
nem Körper (^) und zwei seitlichen Flügeln (J5 B) , erste-
rer zum Schulz des Nervensystems , letztere zur Einlen-
kung der Füsse. Der Körper ist etwas länger als breit und
dick. In der Mitte findet sich eine tiefe Rinne (r) nach vorn
zur Aufnahme des vorderen Wirbels erweitert, seitlich von
gleich breiten kräftigen Wülsten («ü) eingeschlossen und nach
hinten durch eine trapezische schiefe Fläche (^) von der
Breite des ganzen Wirbelkörpers begrenzt. Die letztere er-
hebt sich so hoch wie die Wülste und endet in zwei paral-
lel auslaufende Zapfen (z i5), die durch eine Membran mit dem
Vordertheil des nächsten Wirbels verbunden sind. Zwischen
ihnen und in dieser Membran liegt beweglich ein unpaarer
Zapfen (?/), der allzu starke seitliche Bewegungen der Wir-
bel verhindert. Inwendig (Fig. 12) findet sich am Vorder-
theile des Wirbelkörpers eine Aushöhlung, welche den Ner-
venknoten aufnimmt, während die Stränge über den Sei-
tenwülsten entlang laufen (nri). Diese Theile sind ausser-
ordentlich hart und etwa ebenso stark lichtbrechend wie
Glas. Die Flügelfortsätze bestehen aus einem kleineren festen
hinteren (n) und einem grösseren dünnen vorderen Stück
(m). Beide schliessen zusammen das Loch (/) ein , worin
sich der Fuss bewegt.
lieber die Cyclopiden des süssen Wassers. 91
Die Modifikationen , die diese Form an den verschie-
denen Körperstellen der verschiedenen Arten erhält , sind
zahlreich und von geringem Interesse. Bei den parasitischen
Crustaceen sind die Chilingerüsle des Mundes und der Stirn
auch schon vielfach ») dargestellt und stimmen ungefähr mit
denen bei den Cyclopiden überein.
Es ist dagegen interessant, sie als Fussgestell und Ner-
venhülle so weit verbreitet und so vielfach verändert zu fin-
den. Bei den Insecten erkennen wir sie kaum als dieselben
Gebilde. Bei den Krebsen und allen anderen Dekapoden sind
die einzelnen Wirbel miteinander verwachsen ^) , nicht so
beweglich wie bei unseren Thieren. Bei den Branchiopoden,
Cirrhipedien, Isopoden und Amphipoden ist dagegen diese
Wirbelformation sehr unausgebildet.
An die Chitinhaut, besonders an die harten Ränder,
setzen sich Muskeln, die histiologisch denen der Oslracoden,
morphologisch denen der Dekapoden gleichen, und geben ihr
dadurch ein zelliges Ansehen. Die übrigen Chitinhaufgebilde
sind Borsten , oft gewimperte , ferner spitze Stachel , wie an
der Stirn von C. Castor und endlich Zähne wie am Munde von
C. quadricornis. Häutungen finden, nach Jurine, mehrfach
statt, doch nur in der Jugend.
2. Nervensystem.
Das Nerversystem ist schwer zu erkennen, da es theils
durch die überliegenden Organe, theils durch das dicke Bauch-
skelet , Iheils durch die Füsse und deren Borsten verdeckt
wird. Bei einigen schönen C. Castor (Fig. 13) gelang es mir
endlich dasselbe vollständig zu beobachten, wie bei einem
grossen C. quadricornis , es zu präpariren. Es besieht aus
einem grossen breiten Gehirnknoten {g c) , aus 5 den Fuss-
paaren entsprechenden ßauchganglien {g I — V.) und einigen
1) V. Nordmann, Mikrographische Beiträge. Bd. II. 1832.
Burmeister, Beschreibung einiger Schmarotzerkrebse in Nov. Acta
Acad. Leop. Carol. Vol. 19. 1835.
%) ßiandt und Katzeburg medic. Zoologie £d. IL
92 Zenker:
kleineren Schwanzganglien Qgg'). Die Stränge zwischen den-
selben liegen einander dicht an und sind viel schmäler als
die Ganglien. Sie sind beim ersten Fusspaar etwas breiter
als beim letzten. Die Ganglien selbst sind durch die Bauch-
wirbel sehr versteckt und erscheinen nur als eine verdickte
Stelle des Stranges. Auch Nerven habe ich in der Richtung
zu den Füssen davon abgehen gesehen. Die Augennerven
scheinen ausserordentlich zart und kurz zu sein. Ein Paar
zarte Nerven (n) schien aus dem letzten Bauchganglion zu
entspringen, in den Schwanz zu gehen und dort nahe dem
After noch ein Ganglion oberhalb des Darmes zu bilden.
Auch in die Arme dringen Nerven, bei deren weitester Ver-
folgung man jedoch vielen Täuschungen ausgesetzt ist.
Der Nervenstrang des C. Castor ist gelb, des C. qua-
dricornis glashell, in beiden Fällen so durchsichtig, dass er
sehr wenig kenntlich ist. Doch liess sich in dem lebenden
Thiere sehr deutlich das Ueberwiegen der Fasern über das
Neurilem und die Ganglienkugeln erkennen.
Interessant ist es , die Einwirkungen äusserer Einflüsse
auf die Thäligkeit des Ncrvensystenjs zu beobachten. Thut
man z. B. einen C. Castor auf längere Zeit in klares Wasser,
wo er keine Nahrung findet, so bleibt er zuletzt mit ausge-
breiteten Armen stehen und verfällt in einen lethargischen
Zustand , in welchem er unter dem Mikroskope betrachtet
werden kann. Die Bewegungen des Darins und des Herzens
werden bedeutend langsamer und die Wahrnehmung schwin-
det fast völlig. Durch längeres Pressen mit einem aufgeleg-
ten Glasplätlchen wird dieselbe Wirkung hervorgebracht,
nur dass die willkührlichen Muskeln stärker bleiben. So z.
B. nimmt der Mastdarm hefligere Bewegungen an , während
die des übrioren Darms mehr und mehr abnehmen.
Nachts schläft C Castor und zwar fest und in dersel-
ben Stellung wie oben. Man kann ihm alsdann bei Licht ein
Messer nähern, ihn anrühren und eine kleine Weile fortschie-
ben, ohne dass er aus seinem Schlaf erwacht. Bei Tage da-
gegen flieht er schon von fern vor jedem ihm genäherten
Gegenstand und stürzt wild im Glase herum. Ebenso auch,
wenn er endlich aufgewacht ist. Es ist allerdings nicht wun-
derbar, dass ein solches Thier schläft und geschieht dies
J
Ueber die Cyclopiden des süssen Wassers. 93
vielmehr wahrscheinlich allgemein in der ganzen Thierwelt;
aber dass es so fest schläft, ist allerdings auffallend und auch
C. quadricornis habe ich nie so fest eingeschlafen gefunden.
3. Die Sinnesorgane.
Als Sinnesorgan ist bei unserem Thierchen bisher nur
das Auge erkannt, dem sie ihren Namen verdanken. Das von
Jurine und Vogt als einfacher schwarzer Fleck bezeich-
nete Auge (Fig. 8. o. und Fig. 13. o) besteht jedoch aus zwei
Einzelaugen, die nach den Seiten zu gerichtet sind. In frü-
hester Entwickelungszeit schon , ehe von anderen Organen
nur eine Andeutung vorhanden ist, zeigt sich ein zweilhei-
liger rolher Fleck. Er besteht aus zwei napfförmigen Pig-
mentbechern ohne lichtbrechende Körper. Nach der Geburt
quillt der lichlbrechende Körper allmählich hervor, anfangs
kaum erkennbar, weil seine lichtbrechende Kraft der der um-
gebenden Theile ziemlich gleich ist. Bei weiterer Entwicke-
lung wölbt er sich halbkugelförmig und seine Refraclions-
kraft nimmt zu, bis sie bei alten Thieren der des Glases gleich-
kommt. Er ist von zelliger Struclur und entspricht dem Glas-
körper der VVirbelthiere, nicht der Linse.
Um die Refraclionskraft der Linse zu ermitteln, suchte
ich mir eine möglichst kugelförmige aus, isolirte das Auge
und legte es unter Wasser. Nun stellte ich den Focus des
Instruments auf die Aequatorebene der Linse und hob, bis
ich das durch den Planspiegel hergeworfene Bild des Fensler-
kreuzes im Focus der Linse wiederfand. Die Distanz der
Linse von ihren Brennpunkt war also gleich der Hebung,
deren Grösse durch eine bei den neueren Schieck'schen
Mikroskopen angebrachte sehr feine Schraube zu messen war;
eine Umdrehung derselben bewirkte Hebung um Vs"''. Ebenso
Hess sich die Entfernung des Brennpunkts aus der Grösse des
entstandenen Bildes berechnen, da beide in demselben Ver-
hältnisse zu einander stehen, wie die Entfernung des wirk-
lichen Fensterkreuzes zur Grösse des Fensterkreuzes. Beide
Messungen correspondirten nach den nöthigen Reductionen
der scheinbaren Werthe auf die wirklichen (wegen des Zu-
sammenwirkens der wässerigen und luftigen Umgebung) bis
auf sehr geringe Differenzen. Da ich den Durchmesser der
94 Zenker:
kugelrunden Linse kannte^ so Hess sich die lichtbrechende
Kraft berechnen und ergab sich in runder Zahl zu 1,50, dem
Refractionscoefficienten des Glases 0- ^" ju"g[Gn Thieren
übertrifft sie nur wenig die des Wassers und nimmt daher
von etwa 1,36 — 1,50 mit dem Alter zu.
Ob die Cyclopiden auch Geschmack, Geruch und Ge-
hör haben, lässt sich bis jetzt nur vermulhen. Ein Experi-
ment, mir über die letztere Frage Gewissheit zu verschaffen,
ist mir leider erst zu spät eingefallen. Man könnte nämlich
versuchen, ob die C. Castor auch wohl ohne Licht oder An-
stoss durch blosses Geräusch aus ihrem Schlafe zu erwek-
ken wären.
4. Circulation und Respiration.
In Bezug auf Blut und Respiralion sind unsere Cyclopi-
den sehr vernachlässigt. Nur C. Castor und C. alpesiris ha-
ben ein Herz; bei den beiden andern Arten ist weder von
mir noch Andern ein solches aufgefunden worden. Es ist
dies um so merkwürdiger, als die ihnen sonst so naheste-
henden parasitischen Crustaceen alle ein Herz zu besitzen
scheinen. Halten wir uns zuvörderst an C. Castor.
C. Castor hat zwar ein Herz (Fig. 13. h) und dasselbe
pulsirt etwa 150mal in der Minute; es ist sackförmig, ähn-
lich dem der Daphnoiden und hat ein Ostium venosum un-
ten und ein Ostium arteriosum vorn. Der Blutlauf ist sehr
schwer zu beobachten, weil sich in dem Blute merkwürdiger
Weise meist gar keine Blutkörpernche vorfinden. Als ich vor
3 Jahren sehr viele Thiere dieser Art beobachtete, fand ich
nur eins , dessen Blut Blutkörperchen in genügender aber
keineswegs etwa bedeutender Menge enthielt. Da sah ich
denn, wie der Strom aus dem Ostium arteriosum hervor-
1) Bei dem Auge von Dylicus marginalis fand ich die Hornhaut
in jeder Facette nach innen gewölbt um 80» mit dem Radius 0,011"'.
Die Refractionskraft war ebenfalls etwa 1,50. Der konische Glas-
körper dahinter hatte dagegen nur 1,40 bei der Länge von 0,028'"
und der Dicke von 0,010'"— 0,004'". Die Refractionskraft des letzte-
ren ergab sich durch directe Beobachtung und bei angestellter Be-
rechnung ergab sich der Bildpunkt als an der Spite des Kegels auf
der I^ervenausbreitung befindlich.
Ueber die Cyclopiden des süssen Wassers. 95
schiessend, sich gleich in mehrere Theile trennte. Der Haupt-
strom ging" vorwärts in den Kopf, zwischen Auge und Ge-
hirn hindurch, bog sich um auf die Bauchseite und verlief
sich zwischen den Kiefern und Füssen in der Miüellinie hin-
durch in einen Sinus abdominalis, dem der grösseren Cru-
staceen entsprechend. Seilliche Ströme zweigen sich im
Cephalothorax von ihm ab, wo es der Raum zulässt und ver-
einigen sich bald wieder mit ihm. Der andere arterielle
Strom, gleichsam die Aorta descendens , wird durch die vor
dem Herzen liegenden Theile des Geschlechts - oder Ver-
dauungsapparats alsbald nach hinten herumgelenkt und tritt,
den Darm umspülend , am hinteren Ende des Leibes in den
Strom des Sinus abdominalis. Dieser geht, wenn auch ein-
zelne Zweige schon früher zwischen den Muskelmassen unter
der Haut empordringen , doch zum grössten Theil erst am
Ende des Abdomens wieder auf die Rückseite über in den
starken Strom des Sinus dorsalis, in welchem das Blut zum
Herzen zurück und von Neuem in den Kreislauf geführt
wird.
Niemals sah ich ein Blutkörperchen in den Schwanz,
die Ruderarme oder sonstige Gliedmassen dringen ; es kann
daher höchstens ein sehr schwacher Blutwechsel in denselben
stattfinden. Indem ich ein und dasselbe Blutkörperchen län-
gere Zeil mit den Augen verfolgte, sah ich wie dasselbe bei
drei Umläufen hinter einander immer wieder mit in den Kopf
geführt wurde , und schliesse daraus , dass der Kopfslrom
bei weitem den grössten Theil der Blutmasse fortführt. Zu-
gleich zeigte sich dabei die Umlaufszeit gleich einer halben
Minute. Darf man nun annehmen^ dass während dieser 75
Herzschläge fast das ganze Blut hindurchgegangen ist , so
füllt dasselbe etwa den achten Theil des ganzen Körpers aus.
Die ganze Circulation geschieht nur mit Hülfe des Herzens;
sonst kommt kein Blutgefäss weiter vor.
Bei C. quadricornis kommt kein Herz vor. Dass er
überhaupt Blut hat, lässt sich nur daraus schliessen, dass man
zwischen den inneren Theilen keine Hohlräume erblickt, viel-
mehr eine bewegliche Flüssigkeit dort existiren muss mit
etwa derselben Refractionskraft wie das Wasser. Blutkörper-
chen aber habe ich niemals wahrgenommen. Obgleich ohne
96 Zenker:
Herz scheint C. quadricornis doch eine gewisse Circulation zu
haben und zwar diese hervorgebracht durch die eigenthürn-
lich grossartigen Bewegungen des Darmkanals. Bei C. Castor
hat zwar der Darm auch seine peristaltischen Bewegungen und
die Contractionen desselben schreiten in regelmässigen Wellen
vom Alter bis zum Oesophagus vor. Bei C. quadricornis
aber zeigen sich ausser diesen kleineren schnelleren Con.
tractionen , die offenbar durch Ringmuskeln hervorgerufen
werden, noch langsamere grössere, die den ganzen Darm
vor- und zurückschieben und wahrscheinlich von Längsmus-
keln verursacht sind. Diese Bewegungen sind so bedeutend,
dass ohne dieselben etwa gerade noch ein zweiter Darm von
derselben Grösse vorhanden sein könnte. Der Darm wird
dabei erst gehoben, dann nach vorn gestossen und endlich
wieder nach hinten und unten zurückgezogen. Derselbe Vor-
gang tritt auch in C. staphylinus auf und es scheint mir da-
her nicht unslatlhaft, hierin einen Ersatz für die pulsatorische
Bewegung eines eigentlichen Circnlationsorgans zu suchen.
Dass durch solche Bewegungen das Blut in bedeutende Wal-
lung gerathen muss, ist klar und da diese Bewegungen drei-
mal in einer Minute wiederkehren, so ist die Blutvermischung
vielleicht ebenso vollständig als bei C. Castor. Man möchte
fast glauben, dass dieselben vegetativen Nerven, welche in
dem einen Thiere das Herz pulsiren lassen, in dem ande-
ren mit ihrer Thätigkeit auf den Darm angewiesen sind und
die Schwingungen desselben veranlassen.
Besondere Athemorgane hat Niemand bisher auffinden
können. Nirgends zeigt sich eine blattarlige Ausbreitung der
Haut, wie bei andern Crustaceen , oder ein anderes Organ,
welches man als Alhemorgan ansprechen könnte. Entwe-
der dient die ganze Hautoberfläche zur Sauersloffaufnahme
oder es ist hier eine ganz andere Art von Athmung als bei
anderen Thieren.
Der Alhmungsprocess ist, allgemein aufgefasst, die Auf-
nahme von Sauerstoff als Gegengewicht gegen das Ueber-
maass von Kohlenstoff, welches der Körper auf anderem Wege,
besonders durch die Nahrung erhält. Wo ein starker Ath-
mungsprocess nöthig ist, muss daher auch in dem vom Darm
ftssimilirten Nahrungssaft ein grosser Ueberschuss von Koh-
Ueber die Cyclopiden des süssen Wassers. 97
lenstofF vorhanden sein, d. h. dieser Nahrungssaft muss weit
mehr Kohlenstoff in seiner procenlischen Zusammensetzung
enthalten als das normale Blut. Wo dieser Ueberschuss ge-
ringer ist, wird auch die Athmung geringer werden. Da
aber der Zweck der Athmung nur die Abgabe des über-
schüssigen Kohlenstoffs ist, so kann diese aucli auf andere,
als die gewöhnliche Weise, bewirkt werden, in den Lun-
gen erfolgt ein Abgabe von Kohlensäure gegen Sauerstoff,
oder subfrahirt: eine Abgabe von Kohlenstoff. Ein Organ
also, welches ein an Kohlenstoff überreiches Product abson-
dert , leistet im Wesentlichen denselben Dienst und wird
ebenso wohl die Athmung befördern als eine Lunge. Bei
geringem Bedürfniss wird daher die Athmung auf einem an-
deren als dem gewöhnlichen Wege stattfinden können, sei es
durch ein Absonderungsorgan , sei es durch die Oberfläche
der Haut.
Welcher von beiden Fällen hier vor uns liegt , wage
ich nicht zu entscheiden. Vermulhlich sind beide nicht streng
von einander geschieden. Es diene diese Betrachtung nur
dazu, den Mangel von Athemorganen verständlich zu machen
und ein vergebliches Suchen darnach zu verhindern.
5. Ernährung und Absonderung.
Die Mundöffnung ist eine Querspalte, die von der Ober-
und Unterlippe begrenzt und in der Regel von den kieferar-
ligen Gliedmassen völlig verdeckt wird. Das Chitingerüst
beider Lippen bildet einen Theil des Skelets. Die Lippen
sind bei den jüngsten Larven die einzigen Kauorgane, da die
späteren Kiefer jetzt noch zum Rudern dienen. Die Unter-
lippe ist fest und mit den Brustsegmenten verwachsen , die
Oberlippe beweglich und häutig, bei C. Castor (/) helmförmig
und aussen mit Haaren besetzL Dieser Helm rollt aus der
Mundöffnung hervor und in sie zurück, im Aussehen den
Schneckenkiefern ähnlich, und nimmt die Speisen mit hin-
ein. Die harten Theile der Oberlippe enden hier mit einem
einfachen Knopf, bei C. quadricornis mit einem stark ge-
zahnten Vorsprung (Flg. 10. a). Im Innern des Schlundes
befinden sich einige kleine Chilinslückchen (Fig. 10. ö), die
Archiv f. Naturgesch. XX. Jahrg. l.Bd. 7
^8 Z enliVr:
der eigenlhümlichen SchlundbeAvaffnnng der Ostracoden als
'Rüdimenle zu entsprechen scheinen.
Der After liegt am äussersten Ende des Schwanzes. Der
Darmkanal ist in seinem Verlauf nur wenig gebogen und zer-
fällt in Speiseröhre, Darm und Mastdarm; erstere beide durch
einen Pylorus getrennt, letzlere beide ineinander übergehend.
Nur in dem Darm findet die Verdauung statt und sind dess-
halb die Wandungen mit einer mittleren Zellenschichl ver-
sehen. Der Darm erstreckt sich vom Auge bis zum Schwanz,
ist sehr weit und wurde von Jurine Magen genannt. In
der Abhandlung über die Ostracoden (S. 36) habe ich je-
doch die Gründe entwickelt, die mich bewegen, dies Stück
jjDarm^* zu benennen, lieber die peristaltischen Bewegungen
des Därmkanals wie über eigenthümlich grosse Undulalior.en
desselben ist im vorigen Capitel gehandelt. Histiologisch be-
steht er aus einem inneren Chilinhäutchen , einer miftlertin
Drüsenzellenischicht und den Muskelschichten. Die grosse
endosmotische Kraft der Drüsenzellen zeigt sich , wenn sie
"fns Wasser kommen : sie schwellen auf uud platzen. Fn die-
ser Weise scheint aueh die Speiseaufnahme vor sich zu gehen.
Das in kleinen Körnchen abgeschiedene Fett wird durch
den ganzen Körper umhergeschütlelt, bis es endlich zu grös-
seren Tropfön zusammentllesst und wo Platz ist, meist im
vorderen Theile des Körpers, liegen bleibt.
Leberschläuche existiren nicht, nur die Darmwandungen
versehen die Function der Leber.
Eines Absonderungsorganes ist hier noch zu erwähnen,
'das an den Seiten des Kopfs liegt und als ein mehrfach ge-
wundener Canal (Fig. 14) von ziemlich stark lichlbrechenden
Wandungen sich darstellt. Eine drüsige Structur erkennt man
'weder um denselben noch an dessen blindem Ende; dennoch
sah ich bei einem Exemplar von C. quadricornis den ganzen
Canal mit lebhaft gelber Flüssigkeit erfüllt, offenbar das Pro-
iJÜct einer Absonderung. Gewöhnlich ist sein Inhalt farblos.
Der Canal scheint in der Nähe des Mundes nach aussen zu
münden, der Ort lässt sich jedoch nicht genau dafür'^ange-
ben. Dies Organ kommt sowohl in C. Castor wie in C. qua-
dricornis vor , jedenfalls auch wohl in H. staphylinus, bei
dorn ich es jedoch bisher nicht zu finden vermochte.
Ueber die Cyclopiden des süssen Wassers. 99
Entsprechende Absonderungsorgane habe ich auch in
den meisten anderen Crustaceenformen gefunden. Bei Bran-
chipus und Arlcmia hat F. Leydig ») auf ein rälhselhaftes
Organ an den Seilen des Kopfes aufmerksam gemacht, wel-
ches ebenfalls aus einem mehrfach verschlungenen Canal be-
steht. Bei Apus liegt die bezügliche Drüse in der Schale, da
wo der Blutslrom eintritt, und verursacht die eigenlhümliche
Zeichnung dieser Schalengegend. Sie besteht aus grossen
Zellen, die von der Wandung aus nach innen ragen, einen
Canal jedoch zwischen sich frei lassen und Kerne von trü-
bem körnigen Ansehen enthalten. Der Ausführungsgang die-
ser Drüse ist sehr zart und konnte desshalb nicht bis zu
seiner Ausmündung verfolgt werden , die indess jedenfalls
am Kopfe liegen muss. Auf den Schalen der Daphnoiden
befindet sich in der Gegend des ersten Fusspaars eine ganz
ähnliche Zeichnung, die meist etwas lang gestreckt und von
zackigen Conluren ist. Sie zeigt jedenfalls auch hier die
Anwesenheit einer solchen Drüse an. Das grüne Organ des
Krebses ist nach Mittheilungen des Dr. Strahl, die wohl
bald zur Publikation kommen werden, ein durchaus entspre-
chendes Absonderungsorgan.
Welcher Art das Secret sei, lässt sich in den obigen
Fällen nicht entscheiden; deutlich zeigt es sich als Gift bei
den Cytheren , deren kräftigster Stachel zugleich den Aus-
führungsgang dieser Drüse enthält. Die Mündung liegt dort
und wohl bei den anderen Crustaceen ebenfalls im zweiten
Anlennenpaar und finden wir ebenso in dem zweiten Anlen-
nenpaar der Spinnen (Schcerenfühler) eine Giftdrüse gele-
gen, die offenbar den obigen analog ist und deren Vorhan-
densein zu gleicher Zeit mit anderen Thatsachen beweist,
dass dies Gliedmassenpaar als zweites Antenneiipaar betrach-
tet werden muss.
6. Weiblicher Geschlechlsapparat.
Dass Trennung des Geschlechts stattfindet, wusste schon
1) F. Leydig, Ueber Branchipus stagnalis und Artemia sa-
lina, Zeitschr. f. wiss. Zool. Bd. 111. 1851. p. 286. Taf. VIII. Fig. 3. c.
Fig. 4. f.
-ibO Zenker:
0. F. Müller und bildete C. qiiadricornis in der ßegallung
ab. Jurinc wies nach, dass Müller's C. coeruleus und
C. ruber nur Weibchen und Männchen derselben Species C.
Caslor seien. Acusserlich sind die Weibchen oft an dem
Sack kenntlich, in dem sie ihre Eier mit herumschleppen.
Der weibliche Geschlechtsapparat ist symmetrisch und
besteht jederseits aus Eierschlauch und Kiltorgan. Die Eier-
schläuche öffnen sich beiderseits vor dem Schwänze und
ziehen durch den Körper, bei H. staphylinus einmal, bei C.
quadricornis und C. Castor dreimal umgebogen. Bei jenem
laufen sie getrennt neben einander und erstrecken sich lief
in den Schwanz hinein, bei diesen bleiben sie im Thorax und
berühren einander längs des Rückens innig.
Gegenüber den weiblichen Geschlechtsöffnungen liegen
in den Höhlen der von Jurine sogenannten Vulva (am
Bauch des ersten Schwanzsegments) die Mündungen der Kilt-
organe, deren Gestalt mir unbekannt geblieben ist. Die
Eierschläuche entleeren ihre Eier in einen Sack, der zu glei-
cher Zeit von den Kiltorganen um sie herum gebildet wird
und in dem sie weiterhin ausgebrütet werden. Solcher Säcke
hat C. quadricornis 2, C. Castor und H. staphylinus dagegen
nur einen und ist dies Verhalten ein charakteristisches für
die bezüglichen Familien, denen sie angehören.
Die Enlwickelung der Eier im Eierschlauch bietet nichts
Bemerkenswerthes dar, die im Eiersack und die der freige-
wordenen Jungen haben schon Jurine und H. Rathke be-
schrieben.
7. Männlicher Geschlechtsapparat.
Der männliche Geschlechtsapparat ist zwar in allen drei
Species nach ein und demselben Typus gebaut; jedoch wie-
der so abweichend in den Besonderheiten, dass wir ihn ein-
zeln bei den einzelnen Species beschreiben müssen.
a) Cyclops quadricornis.
Wie der Eierschlauch so besteht auch der Hoden jeder-
seits nur aus einer einzigen gewundenen Röhre, die zugleich
Samenleiter ist (Fig. 8. t, e, d). Sie macht drei Umbiegungen
und besteht daher aus vier Abtheilungen. Nahe dem blinden
üeber die Gyd spielen des süssen- Waää^rs. - 101
Ende laufen die Hoden (0 parallel der Mittellinie oberhalb
des Darmes nach vorn , wenden sich dann nach innen (e)
zurück und nähern sich einander bis zur innigen Berührung
(nicht Verschmelzung). Nachdem sie etwa y^ des Weges
wieder zurückgelaufen sind, werden sie plölzlich dünner, ge-
hen so nach vorn bis an den Kopf, wenden nun wieder (rf)
nach hinten, unten und aussen um und erreichen wenig ge-
schlängelt die Geschlechtsöffnungen. Das letzte Stück liegt
frei unter der Rückenschale , dagegen scheinen die andern
in einer Duplicatur zu liegen , da sich von der ersten zur
dritten Wendestelle eine Haut spannt. Die Wände des Ho-
dens scheinen am Blindende sehr dick zu sein, nur ein enger
Canal zur Production der Samenkeime übrig zu bleiben. Bald
findet man Zellen mit aufgesetzten Kernen (Fig. 9. a), dann
mit vollkommen körnigem Inhalte (Fig. 9. 63, endlich mit
stachelförmig hervorstehenden, bereits entwickelten Zoosper-^
mien (Fig. 9. c). Ausgebildet sind diese (Fig. 9. c/) 0,005'" 1.,
0,00035'" d., stabförmig, zweimal herumgedreht und unbeweg-
lich. So erscheinen sie in der Erweiteruno- bei der zweiten
Biegung; im weiteren Verlaufe des Hodens werden sie in
Ballen (Fig. 9. e) gebracht, die von einer zarten Haut um.
schlössen sind. Bei der Begattung scheinen dieselben in die
Vulva oder in den Eierstock selbst geschoben zu werden.
b} Cyclopsina Castor (Fig. 13).
Der einseitige Hoden der C. Castor so wie die von ihm
producirten Samenflaschen sind durch v.. Sieb 0 Id's ') vor-
treffliche Darstellung ein Gegenstand allgemeinerer Aufmerk-
samkeit geworden. Der grosse birnförmige Hoden (0 liegt
dicht vor dem Herzen, scheinbar schon dort völlig entwickel-
ten Samen führend. Mit einer Art Ventil entspringt von des-
sen vorderer Seite der Samenleiter (c), erst nach hinten und
unten gehend, dann nach vorn und endlich noch einmal nach
hinten zur GenitalöfTnung umbiegend. Auf diesem Wege wird
der Same durch einen s^hr einfachen Frocess in die sonder-
baren Samenflaschen gebracht. Vor der ersten Umbiegung
des Samenleiters sind nämlich dessen Wände aufgetrieben (m)
1) V. Siebold, Beitr. z. Naturgeschichte wirbell. Thierc. 1839,
S.35. Taf.ll. Fig.41-4-L
102 Zenker: lieber die Cyclopiden des süssen "Wassers.
und zu einer Schleimdrüse umgebildet. Von diesem Schleim
durchdrungen kommt nun die Samenmasse durch alle Win-
dungen bis an eine pylorusartige Zuschnürung des Hodens
nahe seiner Ausmündung. Es entsieht eine Stauung bis
nahe an die Scheimdrüse selbst und eine Iheilweise Er-
weiterung der Wände in dieser Ausdehnung. So entsieht
zuerst die flaschenarlige Form (p). Eine solche unenlwik-
kelte Flasche ist viel grösser als eine völlig entwickelte, weil
ihre Wände noch aufgequollen und weich sind. Sobald aber
die vorangegangene Flasche aus dem letzten Stück des Sa-
menleiters ausgeleert ist, so tritt die neue Flasche dort hin-
ein. Hier erhärtet der Schleim mehr und mehr und die
Flasche verkleinert sich (^), der Inhalt fängt an, sich mehr
und mehr zu sondern in die drei Elemente, die in v, Sie-
b 0 1 d's Abhandlung aufgeführt werden. Von dort geht end-
lich die Begattung aus, indem diese Samenflasche (die übri-
gens oft bei gelindem Druck aus der Genitalöffnung hervor-
tritt) mittelst des letzten Fusspaars dem Weibchen an die
Vulva geklebt wird. Die Wände derselben , zuvor erhärtet
durch Wasserverlust, dehnen sich bei der Berührung mit
dem Wasser wieder aus und pressen den Samen durch den
Hals der Flasche in die Genitalien des Weibchens. Die Zoo-
spermien haben zu dieser Zeit noch dieselbe Gestalt, wie beim
Ausgang des Hodens. Sie sind durch v. Siebold dargestellt.
c) Harpacticus staphylinus.
Der Hoden des H. staphylinus scheint im Ganzen dem
von C. Castor zu gleichen; denn er producirt ähnliche Sper-
matophoren. Es sind jedoch symmetrisch zwei derartige Ho-
den vorhanden. Die Zoospermien habe ich weder in den
Hoden noch in den Spermatophoren je erkannt.
Ueber Asellus aquaticus.
Von
»r« Kenker.
(Hierzu Taf. VI, Fig. 3-6).
Durch V. Siebold's und F. Leydig-'s Untersuchun-
gen ') ist die merkwürdige Thatsache festgestellt worden,
dass die Paludina vivipara zwei Arten von Zoospermien pro-
ducirt, welche in Enlwickelung und definitiver Form durch-
aus von einander verschieden sind. Dies interessante Ver-
hältniss findet sich in einer sehr fernstehenden Gruppe des
Thierreichs und, wie ich glaube, in weit grö^sewr Verbrei-
tung wieder, nämlich bei den Crustaceen.
Untersucht man die Hoden des Asellus aqualicus zur
Zeit der Geschlechtsreife, so sieht man, durch die Einwirkung
des Wassers hervorgetrieben, Samenmassen von grosser
I^änge, i^ der Axe lange haar form ige ZoospermjejQ enir
haltend, zwischen die sich von aussen her kürzere, dickere
keulenförmige eindrängen und sich mit dem Schwanz
befestigen. Nimmt ma^ einWeibphen auS; de^ Begattung, so
findet man an ihren Füssen oft noch den weissen Samen des
Männchens haften und dieser besieht ebenfalls aus den bei-
flen Arten von Zoospermien. Es unterliegt daher keinem
Zweifel, dass beide Arten zur Befruchtung erforderlich sind,
dass beide Fo?*men selbstständige ausgebildete Zoospermien
sind und dass vq(i eiflei^ et>yaigen Uebergang der einen
1) V. Sicbold, üb. die Sainenflüssigkeit wirbelloser Thicrc in
Müll. Areh. 1836. p. 245. Taf. X. F. Leydig, üb. Paludina vivi-
para in d. Zeitschr. f. wiss. Zool. Bd. II. 1850. p. 182,
104 Zenker:
Form in die andre durch forlschreitende Entwickelung nicht
die Rede sein liann. Vielmehr zeigt sich ihre Verschieden-
heit, wie in dem reifen Samen, so seit ihrer ersten Anlage.
Die sechs Hoden des Asellus aqualicus sind feigenför-
mige Blindsäcke , deren immer drei durch enge Oeffnungen
in ihren stumpfen Enden in ein gemeinsames weites Vas de-
ferens einmünden. In dem spitzen Ende jedes Hodens er-
zeugen sich kleine gekernte Zellen , deren Kern bald ver-
schwindet und in denen die Bildung der Zoospermien vor
sich geht. Diese Zoospermien-Mutlerzellen nehmen (Fig. 4)
allmählich an Grösse zu, werden nach einem Pole zu (Fig. 4. a)
spitzer und endlich ganz in die Länge gezogen, so dass sie,
wenn endlich die Haut zerplatzt , die Form einer spitzen
Tüte annehmen (Fig. 5).
Indess sondert sich der Inhalt dieser Zellen in zwei
Hälften ab. Diejenige zunächst dem Pole (a) enthält viele
Kügelchen (rf), die sich nach dem Pole zu in einen dünne-
ren Theil verlängeren und sich damit an die Wandung an-
heften. Der Inhalt des antipolarcn (6) Theiles ist mehr von
gleichmässiger Beschaffenheit und es markirt sich dort nur
ein öfter durch die ganze Zelle sich schlingender Faden,
durch dessen Zunahme an Grösse undElaslicität endlich die-
ser Theil der Zellenwandung zerrissen wird.
Nun tritt Alles deutlicher hervor (Fig. 5). Der elasti-
sche Faden (c) streckt sich in seiner ganzen Länge (etwa
0,140'") aus. Er besteht aus 5—15 Einzelfäden von höch-
stens 0,0002'" Dicke, welche aus dem polaren Theil der Zel-
lenwandung entspringen und sich so eng umeinander schlin-
gen, dass sie bis zum Ende wie e i n Faden erscheinen und
nur durch Anwendung aufblähender oder zusammenziehen-
der Agentien (Glycerin, Chromsäure) weiterhin kenntlich
werden. In der Zellenhaut dagegen erkennt man die oben
erwähnten nun sehr zahlreichen geschwänzten Kügelchen (d)
jetzt als die Anlage der andern Art von Zoospermien. Sie
zeigen sich (Fig. 6) als Bläschen (von 0^003"' Durchmesser),
die an Fäden (0,012"' I., 0,0004'" d.), vielfach miteinander
verschlungen, von der Wandung herabhängen. Bei manchen
(d, e) erkennt man noch, dass diese Fäden durch Verlänge-
rung des Zellenken'is. entstanden, sind, bei den meisten ver^
Ueber Asellus aqualicus. 105
schwindet jedoch schon die ihn gegen die eigentliche Zelle
abgrenzende Haut.
Im weiteren Verlauf derSamencntwickelung (/", ö') ver-
längert sich dieser Faden (bis auf etwa 0,016'") und die
Zelle bildet sich zu dem Kopf des Zoosperms (von etwa
0,020'" L. und 0,001'" D.) aus. Zugleich wächst die licht-
brechende Kraft dieser Organe, die zwar schon in der ersten
Anlage (er, 6, c) die der umgebenden Masse überlraf. Die
haarförmigen Zoospermien verändern sich nicht weiter, son-
dern verbinden sich nur noch zu grösseren Bündeln mitein-
ander und sind dann in ihrer ganzen Länge, wie wir sie zu-
erst beschrieben, mit anhängenden keulenförmigen Zoosper-
mien umgeben. Kommen solche Samenmassen in das Was-
ser y SO quellen sie auf, die haarförmigen Bündel isoliren
sich mehr und mehr, lösen sieh sogar in die einzelnen Zoo-
spermien auf; die keulenförmigen dagegen (&) schwellen in
der Mitte ihres Kopfes blasenförmig an und bezeichen da-
durch wahrscheinlich die Stelle, wo noch der alte weiche
Zelleninhalt vorhanden ist, und wo sich daher eigentlich Kopf
und Schwanz des Zoosperms berühren. Beweglichkeit fehlt
beiden Arten von Zoospermien ganz und gar.
In dieser Entwickelung aus gemeinsamer Quelle auf
verschiedenem Wege zu gemeinsamer Verrichtung ist recht
deutlich ausgesprochen, wie der Keim zu aller befruchten^
den Kraft in der Zoospermien -Multerzelle verborgen liegt,
möge sie nachher diese Kraft in Gefässe einer oder meh-
rerer Formen einhüllen. Wer vermag auch zu sagen, ob
nicht noch in vielen andern Thieren so wie hier eine Thei^
lung der Befruchtungsarbeit zu finden wäre, wenn auch die
Formen vielleicht in weniger scharfem Gegensatz zu einan-
der stehen.
Soviel von den Zoospermien des Asellus aquaticus. Auf-
fallend ist aber die Aehnlichkeit der Gestalten, welche man
hier findet, mit denen, welche Fr ey und L eu ck art ') an dem
Samen der Mysis flexuosa gefunden haben. Die Figuren 1 —
14 in No. 16 ihrer Taf. II. stimmen ganz mit der Entwicke-
lungsgeschichte der keulenförmigen Zoospermien des Asellus
' t) Frey u. Lcuckart, Bcilr, z. Kcnnlniss wirbelloser Thiere.
Wß Zenker:
Überein und die Figuren 15—17 passen ganz gut auf die
haarförmigen. Frey und Leuckart leiten zwar die Bildung
des haarförmigen Zoosperms aus der keulenförmigen Form
her, wissen aber nicht bestimmt anzugeben, ob der Schwanz
der letzteren aus oder nur an dem Kopfe sich verlängert
und zwar von etwa 0,12'" bis auf 0,33'". Es drängt sich
hiebei und namentlich auch bei Vergleichung der Figuren
15 und 16 die Vermuthung auf, als ob die zusammengefal-
lene Zellenhülle für den Kopf des alten Zoosperms genom-
men wäre. Ich kann diese Vermuthung übrigens nur als
solche hinstellen , da ich Mysis nicht untersucht habe. In
verschiedenen Species von Gammarus habe ich immer nur
die haarförmige Art gefunden, die in der Ordnung der He-
driophthalmen sehr verbreitet zu sein scheint , die sich je-
doch stets innerhalb grosser Mutter-Zellen, niemals aus keu^
lenförmigen Entwickelungsformen hervorbildel.
Gäbe auch die genauere Darstellung des Asellus aqua-
ticus noch manches Interesse ab, so will ich doch nur noch
auf ein Organ aufmerksam machen , dessen noch nirgends
Erwähnung geschehen ist und das dem Asellus aqualicus ei-
genthümlich zu sein scheint. Es ist dies ein Absonderungs-
organ, welches sich in beiden Geschlechtern findet und sich
jederseits von etwa dem vierten ßrustringe bis in das äus-
sersle Ende des Schwanzes erstreckt. Bei jungen Thieren
(Fig. 3./2) sieht man in dieser Gegend zu beiden Seiten des
Darms sechs Flecke, die bei auffallendem Lichte weissglän-
zend sind. Mit vorrückendem Alter nimmt die Masse der-
selben mehr und mehr zu , die Flecke verbinden sich mit
einander zu einer fortlaufenden Röhre, diese schwillt zu be-
trächtlicher Stärke an und auf ihrer Wandung malen sich
dunkle Streifen ähnlich denBlufgefässverästelungen bei Thie-
ren von vollkommnerem Kreislauf. Endlich wird auch noch
eine kurze Röhre mit dieser weissen Masse erfüllt, gleichsam
injicirt, die aus der Mitte des Schlauchs in die Gegend der
Geschlechlsöffnung führt. Ob dort eine Oeffnung wirklich
vorhanden ist und ob wirklich hier diese Masse ausgeslossen
wird, blieb mir zweifelhaft.
Die Masse selbst besteht aus durchsichtigen farblosen
Körnchen von ausserordeRtlicber Kleinheit und stark lichtbre-
Ueber Asellus aquaticus. 107
chender Kraft. Salpetersäure, Schwefelsäure, Kali, Ammo-
niak, Spiritus, Chromsäure vermochten nicht die geringste
Wirkung auf die fragliche Masse auszuüben. Versuche, sie
zu glühen, gaben wegen der zu geringen Ouantität keine si-
cheren Resullale. Mögen spätere Untersuchungen über die
eigentliche Natur dieser Absonderung Aufschluss geben, je-
denfalls ist es eine einstweilen isolirt dastehende. Denn
Niere ist doch ein Organ nicht zu nennen, das weder Harn-
stoff noch Harnsäure absondert und zu den geschlechtlichen
Absonderungsorganen scheint es doch auch nicht zu gehö-
ren. Eine gewisse Aehnlichkeit hiemil hat die Masse , wel-
che in den jungen Individuen von C. armata und C. ornata
behufs der Bildung der männlichen Schleimdrüse oder des
Canals zur weiblichen Samentasche abgesondert wird. Sel-
bige sieht jedoch gelb aus und verschwindet mit zunehmen-
dem Aller. In andern Crustaceen habe ich niemals ein ana-
oges Gebilde gefunden.
iSystein der Crustaceeii.
Von
Dr» Zenker«
1. Als Hauptresultat meiner anatomischen Untersuchun-
gen über die Klasse der Crustaceen fuge ich hier ein System
derselben an, wie es mir mit allseitiger Berücksichtigung
des Körperbaues und der Entwickelung am natürlichsten er-
scheint. Dasselbe beschränkt sich jedoch meist auf die An-
ordnung der grossen Gruppen , da ein näheres Eingehen in
dieselben bis zur Critik der Familien und Gallungen in den
meisten Fällen als zu zeitraubend und erfolglos erscheinen
musste.
2. Es befinden sich gegenwärtig noch zwei Systeme
für die Crustaceen in Geltung, das eine von Latr eilte,
das andre von Milne Edwards.
Das System vonLatreill e •), wie es sich seither durch
die neueren Forschungen gestallet hat, thcilt die Crustaceen
in Malacoslraca und Enlomoslraca. Erstere zerfallen in Po-
dophthalma (Dekapoden, Stomapoden) und Hedriophlhalma
(Laemodipoden, Amphipoden , Isopoden , Trilobilen). Die
Enlomoslraca zerfallen in Phyliopoda , Lophyropoda (Daph-
nia, Cyclops, Cypris), Parasita, Cirrhipedia und Xiphosura.
Das System von Milne Edwards macht drei Unter-
klassen: Maxilies, Succurs und Xiphosures. Die Maxilies
zerfallen in Malacostracees (Pod., Hcdr.)jTrilobiles, ßranchio-
podes (Phyllopodes, Daphnoides) und Entomostracees (Cy-
clops , Cypris). Die Suceurs zerfallen in Siphonostomes,
1) Latreille im Regne animal von Cuvier.
Zenker: System der Crustaceen. 109
Lerneodes und Pycnogonides. Die Xiphosures endlich ent-
halten die einzige Galtung Limulus.
3. Zuvörderst muss der Umfang der Thierklasse be-
stimmt werden und ich schliesse mich darin an das obige
Latreille'sche System an, indem ich wie Burmeister')
und Martin St. Ange 2) es fordern, dieCirrhipedien zu den
Crustaceen ziehe, dagegen die Pycnogoniden gegenüber
Milne Edwards 3) und Quatr e fages ^) zu denArach-
niden zähle.
Ich habe am Schluss meiner „Untersuchungen über die
Pycnogoniden'^ in Müller's Archiv 1852. S.379. Taf. X. fol-
gende Zeichen ihrer Verwandtschaft mit den Arachniden
hervorgehoben: die Anwesenheit von paarigen einfachen
Augen und der vier Fusspaare, den Mangel eigentlicher Kie-
fer und die besondre Function der antennenartigen Schee-
renfühler und Taster , endlich die merkwürdige Bewaffnung
des Schlundes durch borstentragende Chilinleisten und die
Erweiterung des Magens in fünf Paar Blindsäcke. Das Feh-
len von Alhemorganen , welches Milne Edwards, das
rudimentäre Abdomen ^ welches Quatrefages bewog, sie
zu den Crustaceen zu stellen , sowie endlich die Entwicke-
lung aus anders gestalteten Larven ^) finden sich theils bei
den Acarinen theils bei den Tardigraden wieder. Es ist
daher die Stellung zwischen diesen beiden Arachniden-Grup-
pen, wie sie v. Siebold^} ihnen giebt, gewiss die natur-
gemässe.
4. Die Cirrhipedien stehen allerdings den übrigen Cru-
1) Burmeister, Beiträge zur Naturgeschichte der Ranken,
füsser. 1834.
2) Martin St. Ange, Mem. sur l'organisation des Cirripe-
de» 1835.
3) Milne Edwards, Hist. nat. des Crustaces. T. III. p.
4) Quatrefages, Mein, sur l'organisation des Pycnogonides
in den Ann. des sciences natur. T. IV. 1845. p. 69. pM. II.
5) Kröyer, Katurhistorisk Tidsskrift Bd. III. 1840. S. 299.
Taf. III.
6) V. Siehold und Stannius, vergleichende Anatomie 1848.
Bd.I. S.506.
tlO Zenker:
slaceen durch das überraschende Vorkommen des Hermaphro-
dilismus bei ihnen ziemlich fern. Seitdem Max Schnitze')
in den ßalanen neben den Eiern alle Entwicklungsstufen
der Zoospermien gefunden hat, ist sein Vorkomnien uube-
zweifelbar und auch das durch Darwin 2) verbürgte Vor-
kommen eingeschlechllii her Individuen in einer sonst her-
maphrodilischen Art rückt sie den übrigen Crustaceen nicht
näher; sondert sie vielmehr von allen übrigen Thieren in
physiologisch eigenthümlicher Weise ab. Dennoch findet
sich in dem Bau des Auges, des Darms und der stets dicho-
tomischen Füsse, besonders aber in derEntwickelung ^) eine
so auffallende Aehnlichkeil mit den Cyclopiden und andern
Crustaceen, dass ohne den Hermaphroditismus kein Zweifel
über ihre Zusammengehörigkeit bliebe. Die hermaphroditi-
schen Tardigraden stellt man aber allgemein zu den sonst
eingeschlechtlichen Arachniden; also können wir entsprechend
auch die Cirrhipedien als einzige hermaphrodilische Gruppe
bei den Crustaceen lassen, zumal da ihnen sonst eine ganz
neue Thierklasse eingeräumt werden müsste.
5. Die Hauptveränderung, die mit den übrigen Ab-
theilungen der Cruslaceenklasse vorzunehmen ist, besteht in
der völligen Auflösung der Ordnung Entomostraca Müll.,
. Lophyropoda Lair., Monoculus Jur., in welche bisher die drei
Familien der Cyclopiden, Daphnoiden und Cyproiden zusam-
mengezwängt wurden. Die Verwandtschaft dieser Thierfami-
lien ist so gering, dass sie uns vielmehr als Repräsentanten
von drei verschiedenen Hauptgruppen der Crustaceen dienen
werden. Die Oslracoden wollte schon Strauss aus dieser
Ordnung entfernen und Milne Edwards nahm die Daph-
noiden daraus fort, sodass die bisherigeErhallung der Gruppe
nur der Ungewissheit zuzuschreiben ist, wohin man die ein-
zelnen Familien zerstreuen sollte.
1) Max Schultz e in der Zeitschrift für wissenschaftliche
Zoologie Bd. IV. 1852.
2) Darwin, On Cirrhipeds 1852. Ich habe dies AVerk nicht
selbst kennen. gelernt, :;ondern nur einige Resultate daraus erführen
3) S. Burmeister a. a. 0.; Thompson, zoologipal rege-
arches p. 62. pl.IX. Goodsir, Edinburgh new philos, Journal July
1843. Ko.69. p.97. pl.III.lV.
System der Crustaceen. Hl
6. Die Daphnoiden erlialten schon bei Mi Ine Ed-
wards den ihnen gebührenden Platz neben den Phyllopoden.
In beiden Familien finden sich drei Augen, ein einfaches und
zwei zusammengesetzte mit nicht faceltirter Hornhaut und
mit birnförmigen Linsen. Die mit Athemplalten versehenen
schwingenden Füsse, die Zahl der Kiefer (wovon nur Apus ')
mehr hat als die übrigen), die ganze innere Organisation
bestätigen die Verwandtschaft. Die Schalen, welche sich in
beiden Familien finden, haben ganz dieselbe Struktur und in
allen diesen Beziehungen sind es vorzüglich die Galtungen
Hedessa 2) und Limnadia 3) ^ welche den Uebergang vermit-
teln und fast den Daphnoiden näher zu stehen scheinen, als
den eigentlichen Phyllopoden. Die geringere Fusszahl der
Daphnoiden entfernt sie nicht von den Phyllopoden , da in
beiden Familien die Fusszahl variabel ist. Ein wichtigerer
Unterschied liegt dagegen in der Entwickelung, indem die
Phyllopoden erst allmählich ihre ganze Fusszahl erlangen,
die Daphnoiden hingegen völlig ausgebildet aus dem Ei
schlüpfen. Freilich kennen wir die Entwickelungsgeschichte
von Limnadia und Hedessa noch nicht und dann findet sich
wieder in der Zeugungsgeschichte beider Familien die merk-
würdige Analogie, dass sie sich Iheils durch Knospung, theils
durch Zeugung, theils durch lebendige Junge, Iheils durch
Eier vermehren und dass die Männchen meist nur gewissen
Jahreszeiten anzugehören scheinen "♦). Ausserdem finden
1) Zaddach, De Apodis caucriformis an^tome nee non hi-
sloria evolulionis.
2) Lievin, Hedessa Sieboldii in den Branchiopoden der Dan-
ziger Gegend Taf. I. II.
3) Brongniart, Mein. s. la Limnadia Hermanni in den Mem.
du Museum d'hist nalur. T. VI. 1820. p.83.
4) In meinen „Physiologischen Bemerkungen über die Daph-
noiden« Müll. Arch. 1851. S. 112. Taf. III. stellte ich die Meinung
auf, dass mit der kälteren Jahreszeit die Eier der Daphnoiden sich
eher zu männlichen Individuen entwickelten als im Sommer. Ich
hatte dies geschlossen aus dem Verhalten von acht einheimischen
Arten. Diese Anschauungsweise auch auf die Phyllopoden übertra-
gend, suchte ich in der Greifswalder Saline nach den Männchen der
Arlemia snlina. Im "NVintcr wurde die Soole abgelassen; aber in der
112 Zenker:
wir in beiden Familien den Dann ohne Oesophagus-Magen,
theils mit einer eigenlliclien Leber, Iheils nur mit oder auch
ohne Leberblindsäcke; einen sehr ausgebildeten Blutlauf mit
grossen zahlreichen Blutkörperchen und zellenförmige Zoo-
spermien ').
So stellen wir denn die Gruppe derBranchiopodcn hin,
wie sie Milne Edwards gegründet hat und möchten sie
Iheilen in Phyllopoden (mit Metamorphose) und Daphnoiden
(ohne Metamorphose), wobei also Limnadia und Hedessa noch
zweifelhaft blieben. In der weiteren Eintheilung finden wir
nichts zu ändern, schliesscn uns vielmehr völlig der von
Milne Edwards an.
7. Auch für die zweite Familie der Lophyropoden,
die Cyclopiden oder Copepoden , hat schon M. E d w. und
noch entschiedener C. Vogt 2) die richtige Stelle angedeu-
tet, nämlich die neben den Parasiten. Im Aller zwar zu
den bizarrsten Gestalten aufgetrieben, zeigen die Parasiten
doch in den Männchen und Larven noch die reinere Form,
die allein zur Anknüpfung zoologischer Vergleichungen ge-
eignet ist. So lange sie überhaupt fussartige Organe am
Bauche haben, sind diese in zwei Aeste gespalten und stim-
ersten neuen Generation fand ich 3 Männchen unter etwa 200 Weib-
chen; später unter Tausenden nicht ein einziges. Dies geschah frei-
lich erst am 18ten Juli 1851 ; aber die Entwickelung der Eier war
doch noch während der lialten Frühjahrswilterung geschehen, so dass
dieser Fund wohl als Bestätigung gelten kann. Bald darauf brachte
die Zeitschr. f. wiss. Zool. 1851 den schönen Aufsatz von Leydig
über Branchipus und Artemia, in welchem derselbe ebenfalls die Auf-
findung der männlichen Artemia salina bei Cagliari und zwar im De-
cember 1850 anzeigte. In ähnlicher Weise fand ich auch neuerdings
am Ende des Octobers das ölännchen von Lynceus striatus, welches
sich beiläufig von dem Weibchen vorzüglich durch das Fehlen der
Helmkante, durch das engere Anliegen der Schale und durch den Ha-
ken am ersten Fusspaare unterscheidet.
1) Bei Branchipus stagnalis, Artemia salina, Lynceus lamel-
latus, macrurus, striatus, sphaericus, Sida crystallina, Daphnia pulex,
sima, Eunica longirostris habe ich ellipsoidisch zellenförmige Zoo-
spermien gefunden. Für die ersten beiden Gattungen ist diese Zoo-
spermienforra schon durch Leydig bekannt geworden (a. a. ü.).
2) Vogt, Ocean und Mittelmeer. S. 100.
System der Crustaceen. 1 13
men in ihrer Zahl mit denen der Cyclopiden überein. Ihr
Auge, so lange es vorhanden ist, zeigt denselben Bau, wie
bei den jungen Cyclopen. Die Eintheilung in Kopf, Brust
und Schwanz lässt sich bei den meisten noch erkennen und
besonders bei gcschlechtsreifen Weibchen durch die langen
Eiersäcke , welche neben dem Schwänze herabhängen und
in denen sich die Jungen zu der Form der Müll er'schen
Nauplius und Amymone entwickeln. Tritt die Verwandtschaft
mit den Cyclopiden jetzt schon klar hervor, so zeigt sie sich
noch besser in dem allmählichen Uebergang, der von den
Copepoden durch die Ergasiliden zu den übrigen Parasiten
stattfindet. Der Unterschied zwischen Cyclops und Ergasilus
ist so gering, dass Burmeister ^ gesteht, „nicht einmal
einen generellen Character zwischen beiden aufzufinden, aus-
ser dem der Lebensweise.^
Und dennoch trennt M. Edw. die Copepoden von den
Parasiten wegen der Verschiedeneeit , der dort zum Kauen,
hier zum Saugen eingerichteten Mundorgane und bildet so-
gar aus den „saugenden Cruslaceen« eine eigne Unterklasse.
Aber kann die Gestalt der Mundorgane hier von so grosser
systematischer Wichtigkeit sein, hier, wo durch die parasi-
tische Lebensweise eine bestimmte zweckmässige Form ver-
langt und hervorgebracht wird? Wären dieThiere nun auch
verwandt oder nicht, so würden sich doch ihre Mundbildun-
gen ähnlich sehen. Verhältnisse also, die durch die Lebens-
weise modificirl sein müssen, sind kein Zeichen für ursprüng-
liche natürliche Verwandtschaft; bessere Zeichen sind sol-
che, die sich möglichst unabhängig von der Lebensweise
erhalten. Von der Art sind aber in unserm Fall die Ent-
wickelung aus Cyclopenformen, das Auge, die Eiersäcke und
die Dichotomie der Füsse. Darnach bilden die parasitischen
Crustaceen mit den Copepoden wiederum eine grosse Ord-
nung, für die wir den vielgebrauchten Namen Entomostraca
erhalten wollen. Sie würden zerfallen in Copepoden, Sipho-
nostomen und Lernaeoden , die ersteren in die von Dana
angegebenen fünf Familien , die anderen wie bisher. Nur
Argulus nehmen wir ganz von hier fort und werden ihm
1) Burmeister, Naturgeschichte S. 555.
Archiv f. Naturgescb. XX. Jahrg. Bd. 1.
114 Zenker:
weiter unten seine Stellung im System anweisen. Die grosse
Verwandtschaft der Cirrhipedien mit den Entomostraceen
haben wir schon oben hervorgehoben.
8. Die dritte Familie aus den Lophyropoden, die der
Ostracode?i, hat uns zwar oben schon ausführlicher beschäf-
tigt ; hier jedoch sollen erst die systematischen Schlüsse aus
den anatomischen Daten gezogen werden. Sie schliesst sich
durch die beiden muschelartigen Schalen, die sich nur bei
jungen Balanen in ähnlicher Art wieder finden, völlig von
den übrigen Crustaceen ab; ebenso durch die geringe Glied-
massenzahl, über deren Conslanz durch alle lebenden und
fossilen Galtungen wir freilich noch unwissend sind. Das
Vorkommen einfacher Augen verbindet sie mit den nun von
uns so benannten Entomostraceen und den Cirrhipedien. Die
Gliedmassenbildung sowie der Oesophagusmagen und die Le-
berschläuche erinnern an die 31alacostraceen, vorzüglich die
Isopoden. Bei den letzleren finden sich ebenso fadenförmige
Zoospermien und zahlreiche Blindsäcke des Hodens. Die
Abwesenheit eines Herzens und ßlullaufs weist dagegen wie-
der mehr auf die Cyclopiden hin. Durch diese vielseitige
Verwandtschaft wird bewiesen , dass die Ostracoden zu kei-
ner bisherigen Gruppe gehören und eine eigene Ordnung
bilden müssen , deren vorzüglichster Character die Schale
ist. Ist es wahr, was Dana kurz angiebt, was ich aber
sonst nirgends bestätigt finde ^ dass Cypridina zwei seitliche
zusammengesetzte Augen hat, so zeigt sich darin nur noch
mehr, wie innerhalb dieser Ordnung auch bedeutende Unter-
schiede auftreten können, ohne den gemeinsamen Typus zu
verdrängen.
Die nächsten Verwandtschaften zeigen die Ostracoden
einerseits mit den Malacostraceen, besonders den Isopoden,
andrerseits mit den Entomostraceen und Cirrhipedien, beson-
ders den Balanen; äusserst geringe aber mit den Branchio-
poden, deren einige ihnen äusserlich so ähnlich sind, lie-
ber ihre fernere Einthcilung haben wir schon oben ge-
sprochen.
9. Die Ordnung der Malacostraca fassen wir ganz
wie Latreille und Milne Edwards und finden sie^ cha-
racterisirt durch die zwei zusammengesetzten Augen, mit fa-
System der Crustaceen. 115
cettirler Hornhaut und die regelmässige Segmentzahl, durch
den Oesophagusmagen und die Leberschläuche , durch den
stark ausgebildeten Circulationsapparat und das Herumtragen
der Eier an den Füssen. Die Podophlhalmen bieten dann
noch vielfache Unterschiede von den Hedriophthalmen und
vorzuglich letztere schliessen sich nahe an die Trilobiten
an, deren Stellung wir hier sogleich erörtern wollen.
10. Die Merkmale^ welche uns die fossilen Reste der
Trilobiten erkennen lassen , bestehen in zwei seitlichen zu-
sammengesetzten Augen mit facettirter Hornhaut, einer Reihe
von unter sich gleichen Segmenten, mit langen seitlichen
Fortsätzen, von denen sich nur Kopf und Schwanz durch
grössere Schilder abzeichnen , und in dem Mangel jeglicher
Art von Gliedmassen. Ueber die Gliedmassen lässt sich daher
nur vermulhen, sie seien blattförmig gewesen; ebenso gut
können sie lang und dünn gewesen sein wie die der Iso-
poden, die auch bei der Verwesung leicht abfallen. Alles
Uebrige finden wir ebenso bei den Isopodcn wieder: Augen,
Segmente mit seitlichen Fortsätzen sammt Kugelungsvermö-
gen (Sphaeroma), das grosse Kopf- und Schwanzschild, aus
je vier Segmenten bestehend; nur nicht die variable Anzahl
der Segmente. Hierin liegt der Character, der die Trilobi-
ten doch wohl den Malacostraceen entziehen muss und der
sie den Phyllopoden einerseits, den Myriapoden andrerseits
nähert, mit welchen beiden sie auch die Art zu wachsen
gemein haben. Dennoch stehen sie, meiner Ansicht nach,
den Malacostraceen sehr viel näher als den Branchiopoden.
Innere Theile kennen wir noch nicht. Die Eintheilung in
Familien und Gattungen wage ich hier, wie bei den Malaco-
straceen, nicht zu besprechen.
11. Uns fehlen noch die beiden Gattungen Argulus
und Limulus.
Argulus ') wird mit Unrecht unter die Siphonoslomen
gestellt, da sein Stachel nach C. Vogt und F. Leydig
keineswegs den Mund trägt, sondern nur oberhalb des Mun-
des sich befindet. Noch weniger aber gehört er zu den
mit Cyclops verwandten Formen , denn er hat neben dem
1) Citate auf S. 27 Anm. 1.
116 Zenker:
einfachen Auge auch zusammengeselzle Augen mit nicht fa-
celtirter Hornhaut , ferner bedeutende Magenanhänge , ähn-
lich denen der Daphnoiden , eine grosse blutreiche Rücken-
schale, die mit der des Kopfs zusammen das Thier fast ganz
einhüllt, ein sehr entwickeltes Circulalionssystem und keine
Eiersäcke. Nur in der Zahl der Gliedmassen stimmt Argu-
lus mit Cyclops, indem er 2 Paar Antennen , 4 Paar aller-
dings auch gelheilte Ruderfüsse hat, und die 3 Paar Glied-
massen neben dem Munde des Cyclops den Saugnäpfen, dem
sogenannten ersten Fusspaar und, nach Leydig, dem Horn-
gerüsl des Mundes entsprechen. Mit den Daphnoiden geht
die Parallelisirung aber ganz ebenso gut in der Zahl der
Gliedmassen und auch deren Füsse sind oft ästig.
In den übrigen Characleren, dem Auge, der Schale,
dem Darmkanal, der Circulation stimmen sie völlig mit ihm
überein und wenn sie auch im Geschlechtsapparat von ihm
abweichen , so steht in Beziehung auf Gestalt und Producl
desselben der Argulus auch den übrigen Cruslaceen ziemlich
fern und nähert sich noch am meisten den Oslracoden durch
fadenförmige Zoospermien und die Existenz einer männlichen
Schleimdrüse und einer weiblichen Samentasche» Die Enl-
wickelung aus einer anders gestalteten Jugendform giebt
keine Andeutung näherer Verwandtschaft nach irgend einer
Seite hin. So muss denn Argulus entweder eine eigne Ord-
nung bilden oder mit den Branchiopoden vereinigt werden.
Die hieraus entstehende Ordnung nennen wir der schildarti-
gen Schale wegen, welche die meisten haben: Aspidostraca,
und würde dieselbe also durch die Augen, die Schalen, den
Darmkanal und das Circulalionssystem characterisirt sein.
12. Limulus ^ steht noch vielfach räthselhaft da. Die
Füsse und Athemplatten gleichen am meisten denen derMa-
lacostraceen, die Augen und Schale denen der Branchiopo-
den ; ebenso das Herz und der Darm , dessen Oesophagus
nur wenig erweitert ist. Der schwertförmige Schwanzsta-
chel gleicht dem der Cyprois monacha; durch den Mangel
deutlich unterschiedener Kiefer entfernt er sich aber von
1) \an der Hoeven, Recherches sur l'histoire naturelle et
Panatomie des Limules 1838.
System der Cruslaceen. 117
allen übrigen Criislaceenordnunoren. Wir stellen also die
Poecilopoda als eigne Ordnung zwischen die Malacoslraceen
und Aspidoslraceen näher den letzteren und unter ihnen
zunächst dem Argulus. Vielleicht wäre es sogar hesser,
diese beiden Gattungen in eine Unterordnung zusammenzu-
ziehen und so aus ihnen und den Branchiopoden eine Ord-
nung zu bilden.
13. Bei der Gruppirung des ganzen Systems , das wir
nun in seinen einzelnen Theilen durchgenommen haben, zei-
gen die einzelnen Gruppen durch die verschiedenen Organe
so viele verschiedenartige Beziehungen zu einander, dass eine
einfache lineare Aneinanderreihung nicht als genügend er-
scheint. Vielmehr giebt eine kreisförmige Zusammenstel-
lung einen besseren Ucberblick, wie etwa folgende:
1. Malacoslraca.
Trilobita 2. 7. Ostracoda.
Poecilopoda 3. 5. Entomostraca. 6. Cirrhipedia»
(Argulina a.) 4. (b. Branchiopoda).
Aspidostraca.
Wir glauben, dass in diesen Gruppen die Verbindung
und Trennung der verschiedenen Galtungen naturgemässer
geschieht, als in den Systemen von Latreille und Mi Ine
Edwards. Dass eine kreisförmige Anordnung einer linea-
ren vorzuziehen wäre, finden wir nicht bei den Crustaceen
allein, sondern bei sehr vielen Thierklassen, ja ich möchte
sogar sagen den meisten, wenn wir die Anatomie und Ent-
wickelung derselben allseitig in's Auge fassen. Wir erkennen
darin nicht einen Fehler jener allseitigen Betrachtung, son-
dern vielmehr den Ausdruck eines Naturgesetzes und die
Bedeutung, welche den Eintheilungen der organischen Schö-
pfung in grössere und kleinere Gruppen überhaupt zukommt.
Critik der Erichs on'schen Gliedmassen*
tlieoric«
Von
Ilr* SKenker«
Es ist hier der Ort, auf eine Prüfung der vielfach ange-
nommenen Erichs on'schen Gliedmassentheorie einzugehen,
welche bei allen Gliederthieren die an den Insecten auftre-
tenden 6 Gliedmassenpaare des Mundes und der Brust wie-
derfinden will. Bei den Arachniden, meint Erichson, sei
das dritte Kieferpaar, die Unterlippe der Insecten, an die
Brust gerückt und bilde dort das erste Fusspaar; so dass
also 4 Fusspaare und entsprechend 2 Kieferpaare („Anlennes-
pinces^ und jjPalpes" nach Latreille) herauskommen. Bei den
Asseln, deren Mund mit 4 Kieferpaaren bewaffnet ist , nennt
schon Savigny das letzte pätes-mächoires, um zu bezeich-
nen, dass dies ursprünglich ein Fusspaar, nur funktionell ein
Kieferpaar sei. Die ersten 2 Fusspaare entsprechen darnach
dem 'iten und 3ten der Insecten, die folgenden 5 bezeichnen
das Praeabdomen und endlich die 4 Paar Alhemplatten des
Schwanzes das Postabdomen. Beim Flusskrebs , welcher 6
Kieferpaare hat, sind alle 3 Brustfüsse an den Mund gerückt
und wird der Kopf des Krebses daher als Cephalothorax be-
zeichnet. Es folgen noch die 10 eigentlichen Lauffüsse am
Praeabdomen und die 4 Paar eiertragenden Füsse am Posl-
abdomen. Bei den Ostracoden, Daphnoiden und Cyclopiden
endlich soll das erste Fusspaar nicht an, sondern vor den
Mund gerückt sein und hier als Buderorgan fungiren; so dass
die Cypriden dann auch 3 Paar Kiefer und 3 Paar Füsse hät-
ten, bei den Daphnoiden (denen Er ich so n irrthümlich auch
3 Paar Kiefer zuschreibt) und Cyclopiden aber die ersten 2
Zenker: Critik der Erichson'schen Gliedmassentheorie. 119
locomotorischen Füsse dem Thorax, die folgenden dem Ab-
domen angehörten. Durch die Annahme dieses Vorrückens
der Füsse glaubte Erichson die Schwierigkeiten zu heben,
die bei den kleineren Crustaceen seiner Anschauungsweise
entgegentreten.
Um näher auf die Würdigung einer derartigen Theorie
eingehen zu können, versuchen wir erst, das systematisch
Wesentliche an den Gliedmassen von dem Accidentellen zu
sondern und die Bedingungen einer zoologischen Gleichwer-
thigkeit aufzufinden. Die Frage ist: macht Gestalt, Function
oder Lage 2 Gliedmassen gleichwerthig?
1) Ist die gleiche Gestalt eine Bedingung
oder ein Zeichen der Gleich werthigkeit von
Glied massen? Keinesw^egs.
Die Kiefer und Saugapparate der verschiedenen Insec-
tcnordnugen sind überall als zoologisch gleichwerthig aner-
kannt und doch sehr verschieden gestaltet. Die Schwanzan-
hänge der Isopoden und Amphipoden sind zwar sehr unähn-
lich an Gestalt , aber doch zoologisch entsprechend. Die
Kaubfüsse der Manlis gleichen den Füssen der meisten an-
dern Insecten sehr wenig und doch erkennt man sie als gleich-
werlhige Gebilde an.
Bedingung ist also die gleiche Gestalt nicht für die
Gleichwerthigkeit von Gliedmassen, aber auch nicht Zeichen.
Denn die grossen Antennen des Flusskrebses gleichen dem
ersten Fusspaar von Telyphonus ungemein, sind aber durch-
aus nicht gleichwerthig. Die Scheerenfühler des Skorpions
und das erste Fusspaar des Flusskrebses sind einander sehr
ähnlich, aber zoologisch durchaus nicht gleichwerthig.
2) Ist die gleiche Function eine Bedingung
oder ein Zeichen der Gleichwerthigkeit von
Glied massen? Keineswegs.
Cypris und Cythere haben beide ohne den Schwanz 7
Paar Gliedmassen, aber das 5te Paar von Cypris dient dem
Munde, das von Cythere ist ein Paar echter Lauffüsse. Sie
sind also bei verschiedener Function dennoch offenbar gleich-
werthig. Die Anhänge auf der Bauchseite am Schwanz der
Krebse und Asseln sind jedenfalls gleichwerthig und doch
dienen sie diesen zum Athmen , jenen zum Festhalten der
120 Zenker:
Eier. Das erste Fusspaar von Phrynus und Telyphonus ist
jedenfalls gleichwerthig dem von Epeira und doch dient die-
ses zum Laufen , jenes zum Tasten. Dasselbe Fusspaar ist
jedenfalls nicht zoologisch gleichwerthig mit dem Antennen-
paar der Insecten und doch dienen beide dem Tastsinn.
Die Antennen von Cyclops quadricornis und Ergasilus Sie-
boldii sind offenbar gleichwerthig, doch ist das eine ein Ru-
derorgan, das andere ein Klammerorgan.
Ja sogar ein und dasselbe Gliedmassenpaar kann in
verschiedenen Lebensaltern des Thieres ganz verschiedene
Functionen haben. So sind bei Apus und Branchipus die
Antennen in frühester Jugend Schwimmorgane, bei erwach-
senen Thieren aber sind sie Tastorgane.
Wir können somit die Thesis aufstellen, dass im Reiche
der Gliederthiere jedes Gliedmassenpaar die Verrichtung je-
der Art von Gliedmassen und mit ihr die entsprechende Ge-
stalt annehmen kann. Bei Aufsuchung gleichwerthiger Glied-
massen müssen wir daher jede Rücksicht auf Gestalt und Ver-
richtung fallen lassen und uns dieselben in ihren primitiven
Zustand als stielformigeSlummel zurückverselzt denken. Dann
sind Antennen, Kiefer, Füsse, und Alhemplatten nicht mehr
zu unterscheiden. Als Zeichen der Gleichwerthig-
keit bleiben dann nur noch der Ort und die ana-
tomische Eigen thümlichkeit.
Gliedmassen, die von entsprechenden Ganglien ihre
Nerven erhalten, entsprechen einander. Gliedmassen, die
an entsprechenden Stellen des Körpers eingefügt sind , sind
ebenfalls gleichwerthig. Es kommt daher theils auf anato-
mische Untersuchung, theils auf die Feststellung analoger
Punkte am Körper der Gliederthiere an. Wir werden dabei
öfters eine relative Gleichwerthigkeit anerkennen müssen, wo
von einer absoluten nicht die Rede sein kann ; fassen jedoch
zuvörderst nur die Fälle der absoluten Gleichwertigkeit in's
Auge.
Solcher festen Punkte giebt es am Körper der Glie-
derthiere drei ; die Augengegend, den Mund und den After.
Die Augen bilden immer die vorderste Grenze, bis zu
welcher fussarlige Gebilde reichen liönnen; über sie hinaus
nach dem Rücken zu kommen höchstens noch llügelartige vor.
Critik der Erichson'schen Gliedmassentheorie. 121
Sie liegen auf der Slirn , seitlich oder nahe der Mittellinie
und werden stels von den obersten Nervenstämnien des Ge-
hirnganglions versorgt. Sie scheinen zwar bei den Arachni-
den und besonders bei den Pycnogoniden auf dein Rücken
zu liegen; doch ist der Augenhügel daselbst in Wahrheit die
Stirn, welche nur durch den rüsselarlig angeschwollenen
Mundapparat nach oben gedrängt ist.
Der zweite feste Punkt ist der Mund. Er ist darum
eine so wichtige Scheidegrenze, weil die durch ihn getrenn-
ten Organe nicht bloss örtlich, sondern auch anatomisch un-
terschieden sind. Ihn urnfasst der Nervenschlundring, von
dem aus die drei Züge des Nervensystems der Gliederthiere
entspringen. Nach hinten entspringt daraus die ganze Reihe
der Bauchganglien , welche sich bis zum After fortsetzt. In
der Mitte neben dem Munde entspringen die paarigen Darm-
nerven, welche bei den Insecten wenig, bei den Crustaceen
aber vorzugsweise hervortreten. Nach vorn endlich geht
der Schlundring über in die Kette der Gehirnganglien, wel-
che ihrerseits, wie auch die Bauchganglien, wiederum Zweige
zu den Eingeweiden schicken, die bei den Insecten sogar
den so eben erwähnten Darmnervenslamm an Grösse über-
treffen.
Jedenfalls erkennt man hieraus, wie zwischen den Ge-
hirn- und Thoraxnerven kein Uebergang, sondern eine schnei-
dend bestimmte Trennung stattfindet, und dass es daher durch-
aus unstatthaft ist, Gliedmassen zu parallelisiren , von denen
das eine vom Gehirn , das andere von einem Bauchganglion
versorgt wird. Diese scharfe Trennung tritt auch äusserlich
hervor; denn alle Gliedmassen, die vor dem Munde, respective
der Speiseröhre, eingelenkt sind, erhalten ihre Nerven aus
den Gehirnganglien, alle hinter dem Munde aus den Bauch-
ganglien. Wo also keine Verzerrung stattgefunden hat, die
aus der Anordnung der Nerven und Muskeln ersichtlich sein
müsste, da kann niemals ein Gliedmassenpaar vor dem Munde
mit einem hinter dem Munde eines andern Thieres paralle-
lisirt werden.
Der dritte feste Punkt ist der After, der stets die
Stelle des letzten Abdominalsegments angiebt. Bei den Cru-
staceen und den Larven der Insectea finden- wir --üb^r dem-
122 Zenker:
selben ein Paar meist zweigliedriger Fortsätze, die bald blalt-,
Stachel- oder bald borsten -förmig werden. Es sind diesel-
ben, welche bei Limulus und der weiblichen Cyprois mona-
cha in einen unpaaren festen Stachel verwachsen.
Die Gliedmassen zwischen dem Auge und dem Munde
heissen Antennen, die zwischen dem Munde und dem After
sind zum Theil Kiefer (so lange sie dem Kaugeschäft die-
nen), zum Theil Füsse (zum Laufen) , zum Theil werden sie
zum Geschäft des Athmens oder des Ausbrütens der Eier be-
sonders metamorphosirt. Das eine Gliedmassenpaar hinler
dem After bezeichnen wir als Schwanzstachel oder Schwanz-
borsten, je nach ihrer jedesmaligen Gestaltung. Als Anten-
nen bezeichnet desshalb Latreille die sogenannten Mandi-
beln der Arachniden , und zwar mit Recht , da sie vom Ge-
hirne ihre Nerven erhalten. Als Antennen sind aber auch
die Scheerenfühler der Arachniden zu bezeichnen, da auch
sie vom Gehirne ihre Nerven erhalten. Lässt sich dies auch
an den zusammengedrängten Nervencenlren der übrigen Arach-
niden und selbst des Skorpions nicht deutlich erkennen 0»
so tritt es doch in einigen der langgestreckteren Pycnogoni-
den 2) mit grösster Klarheit hervor. Auch bestätigt sich die
Analogie der Scheerenfühler mit dem zweiten Antennenpaar
der kleineren Crustaceen durch das ziemlich constante Vor-
kommen einer kleinen (Gift?-) Drüse an der Basis dersel-
ben (Ostracoden S. 39 ; Cyclopiden S. 98). Darnach sind
bei allen Arachniden (Tardigraden?) und Crustaceen 2 Paar
Antennen aufzuführen , bei den Insecten hingegen entschie-
den nur eins. Bei den Arachniden werden wir also keine
Kiefer finden, sondern nur den Gegensatz zwischen Antennen
und Füssen.
Lassen nun auch die gleichnamigen Gliedmassen in
summa sich vergleichen und so die Gegenden „zwischen
1) Newports D.irstellung vom Nervencentrum des Skorpions
(Philosophical Transactions 1843. p. 260. PI. XV.) giebt in dieser Be-
ziehung keine ganz richtige Anschauung. Man vergleiche sie mit der
von J. Müller (Meckels Archiv 1828. p. 60. Taf. I. Fig. 5 u. 7) ge-
gebenen und wird sehen, wie gerade der fragliche Punkt von beiden
Forschern ganz entgegengesetzt aufgefasst ist.
2). Siehe meine Abhandlung ?i, a. 0.
Critik der Erichsoö'schen Gliedmassentheorie. 123
Mund und Aiige,^ „zwischen Mund und After," „hinter dem
Afler'^ sich parallelisiren , so gilt dies doch keineswegs für
beliebige Gliedmassenpaare daraus. Das erste Paar hinter
dem Munde entspricht sich nicht durchaus in allen Glieder-
Ihieren. Denn zählte man vom After an, so würde es hier
das löte (Krebs), dort das 5te (Cypris) vor dem After heis-
sen. Nur dann sind 2 Gliedmassenpaare von gleicher Num-
mer zoologisch gleichwerlhig , wenn zwischen den beiden
festen Punkten in beiden Thieren eine gleiche Anzahl von
Gliedmassenpaaren , oder im Falle , dass einige davon nur
rudimentär oder gar nicht vorhanden wären , eine gleiche
Anzahl von Segmenten sich vorfindet.
Die Insecten, Malacostraceen und Skorpione haben nun
sämmtlich 15 Segmente zwischen Mund und After und sind
daher die gleichviellen Gliedmassenpaare und Segmente ein-
ander entsprechend. Seien die Kiefer mit M, die Füsse mit
P, die Afterfüsse mit p , die fusslosen Segmente mit — be-
zeichnet, so erhalfen wir:
Zwischen diesen Gliedmassen herrscht eine absolute Gleich-
werthigkeit.
Bei Vergleichung der Skorpione mit den übrigen Arach-
niden , sehen wir das beiderseitige Vorkommen von 2 Paar
Antennen und 4 Paar Füssen. Nur das gliedmassenlose Ab-
domen ist verschieden, denn seine Segmente verschmelzen
bei den Spinnen und Acarinen mehr und mehr, bei den Py-
cnogoniden am meisten, während sie beim Skorpion deutlich
gesondert hervortreten. Ein solches Verschmelzen der Seg-
mente, ein derartiges Zurückbleiben eines Organs ist aber
nur etwas Accidentelles, Antitypisches, und daher sind die
Spinnen dennoch in die Reihe absoluter Gleichwerthigkeit
mit einzureihen. Ob dies auch mit den Tardigraden gesche-
hen kann , wage ich nicht zu entscheiden , da mir in Be-
zug auf diese Ordnung leider alle eigene Anschauung fehlt.
Wir haben also die 8 Beine der Spinnen als Aequiv^lentc^
124 Zenker:
nicht eines Kieferpaars und der 3 Fusspaare der Insecten,
sondern eines Fusspaars und der 3 Kieferpaare.
Soweit von der absoluten oder zoologischen Gleich-
werlhigkeit. Neben ihr müssen wir eine, so zu sagen, re-
lative Gleichwerlhigkeit anerkennen, die mehr von physiolo-
gischer Bedeutung ist. Nicht allein die ganzen Thiergestalten
lassen sich miteinander vergleichen, sondern auch die ein-
zelnen Abtheilungen des Thierkörpers : der Kopf, die Brust,
der Schwänz. Wenn auch nicht, wie oben, durch feste Punkte
getrennt, so sind sie doch durch anatomische Eigenthümlich-
keiten unterschieden.
So enthält z. B. der Kopf der Crustaceen stets den
Schlund und die Speiseröhre, den Oesophagusmagen mit ein-
geschlossen, bei den meisten die Giftdrüse des zweiten An-
tennenpaars, ferner die Sinnesorgane und Kauwerkzeuge.
Für alle Kauwerkzeuge giebt es entweder gar keine oder
nur eine einzige Ganglienmasse, während die Füsse der Brust
für jedes Paar ein Ganglienpaar haben. So sind die Glied-
massen des Kopfs in ähnlich bestimmter Weise von den übri-
gen abgegrenzt und unter sich vergleichbar wie die Glied-
massen „zwischen Auge und Mund" u. s. w. Die Gleichwer-
lhigkeit aber, die unter diesen hervortritt , nennen wir eine
relative.
Recht auffallende Beziehungen zu einander zeigen z. B.
die zwei Kieferpaare der Phyllopoden und Daphnoiden , die
an Gestalt sich so ähnlich sehen /ferner die der Ostracoden
und Isopoden, deren Vergleichung zum Verständniss dersel-
ben so vörderlich ist, überhaupt die gleichvielten Kiefer auch
der anderen Crustaceen. Denn auch hier ist die Zahl von
Wesentlichkeit, wenn auch natürlich nicht ohne Schwan-
kungen.
Die Brust ist eine ebenso gut bezeichnete Körperabthei-
lung, wie der Kopf. Sie enthält den Darm vom Pylorus bis
zum Mastdarm, die Geschlechtstheile, Circulationsorgane, und
die locomotorischen Füsse. Wo sie am Anfang des Schwan-
zes aufhört, liegt bei den meisten (nicht bei allen) Crusta-
ceen die Geschlechtsöffnung, welche also beinahe auch als
fester Punkt angesehen werden kann. Hinter der Brust folgt
deF- Schwanz , meist beweglich, von Eingeweiden nur den
Crilik der Erichson'schen Gliedmassentheorie. 125
Mastdarm enthaltend. Er trägt entweder gar keine Glied-
massen oder verkümmerte (Eierfüsse, Athemplatten u. dgl.)
und endet mit den Schwanzborsten. Zwischen dem Krebs
und der Assel nicht allein , sondern auch zwischen diesen
und Cyclops oder Apus wird man die Analogie im Baue des
Schwanzes auffinden. Eine Vergleichung der Gliedmassen
dieser Körperabiheilungen an verschiedenen Thieren würde
also eine gewisse Gleichwerthigkeit, wenn auch nur eine re-
lative, herausstellen.
Eine solche relative Gleichwerthigkeit kann oft der ab-
soluten widersprechen , wie dies ja bei Betrachtungsweisen
von verschiedenen Standpunkten aus stets geschehen kann.
Oft kann sie aber auch zur Auffindung einer absoluten Gleich-
werthigkeit führen (wie z. ß. oben bei den Arachniden ge-
schah) , noch öfter zum Verständniss der abweichenden Or-
ganisationstypen. In ihr Bereich werden vorzüglich die Cru-
staceenfamilien fallen, die nicht, wie die meisten, 15 Seg-
mente besitzen, sondern entweder mehr oder weniger.
So vorzugsweise die Branchiopoden , die Entomostra-
ceen, Ostracoden und Myriapoden. Darauf jedoch specieller
einzugchen, ist die „Critik« einer Theorie nicht der Ort.
Resultate.
!• Ostracoden»
Anatomischer Theil.
Die Schalen werden niemals abgeworfen. (S. 11.)
Die Schalen der Cytheren entwiciieln sich aus der Ei-
haut. (S. 58.)
Die hinleren Gliedmassen enlwickeln sich später als die
vorderen. (S. 58.)
Das Sehorgan der Oslracoden besteht aus zwei einfachen
Augen, die einander bald näher bald ferner stehen. (S. 25).
Diesem Auge analoge Gebilde kommen bei sehr vielen
Crustaceen vor. (S. 27.)
Die Ocellen der zusammengesetzten Augen im Glieder-
thierreiche haben wesentlich denselben Bau wie die einfachen
Augen. So bringen auch beide Augenarten nur umgekehrte
Bilder zu Stande. (S. 30.)
In Beziehung auf den lichlbrechenden Körper zerfallen
die Gliederlhiere in zwei Abiheilungen. Bei der einen ist
er ein endogenes Gebilde, Glaskörper (Oslracoden, Enlomo-
straceen, Branchiopoden); bei den andern ein exogenes, Linse
(Malacoslraceen, Myriapoden, Arachniden). Von den Jnsecten
gehören einige in diese, andere in jene Abtheilung» (S. 29.)
Jeder Sehnerv bildet vor seinem Eintritt in das Auge
bei den Gliederlhieren ein Ganglion; bei zusammengesetzten
Augen entstehen daraus die Bulbi optici. (S. 31.)
Der Darmeanal der Crustaceen besteht aus zwei Hauptab-
iheilungen; die vor dem Pylorus umfasst den Schlund und
die Speiseröhre, die hinter dem Pylorus den Darm und Mast-
Zenker: Monographie der Oslracoden, Cyclopiden etc. 127
darm. In beiden Theilen können magenarlige Erweiterungen
vorkommen. Die Verdauung findet in dem zweiten Theile
statt, deren Anfang durch die Einmündung der Galle abson-
dernden Organe bezeichnet wird. (S. 36.)
Bei vielen Gliederthieren sind die Hauptkauorgane Ge-
bilde des Mundrandes. (S. 33.)
Blut scheint in den Ostracoden weder zu circuliren noch
zu existiren. Als Alhemorgane sind die schwingenden Plat-
ten an den Kiefern zu betrachten. (S. 40.)
In der Gegend des zweiten Antennenpaars liegt bei den
meisten Crustaceen und Spinnen eine Drüse , die bei vielen
Gift absondert. (S 39.)
Die Oslracoden sind getrennten Geschlechts. Die Ge-
schlechtsapparate sind völlig symmetrisch und sehr volumi-
nös. Es sind die ersten Cruslaceen^ bei denen ein deutliches
Receptaculum seminis bekannt wird. (S. 41.)
Die Zoospermien der Cypriden sind die grössten und
schönsten aus der ganzen bekannten Thierwelt. Sie errei-
chen bei Cypris ovum die 3 — ofache Länge des Thieres
selbst. QS. 51.)
Die selbsithätige Bewegung der Zoospermien geschieht
durch eine welliinschlagende Wimperplalte, die ähnlich wie
bei den Tritonen spiral herumläuft. Die Bewegung fängt erst
im Weibchen an. (S. 56.)
Die Zoospermien der beiden Körperhälften sind nicht
congruent, sondern symmetrisch. Die einen sind rechts, die
anderen links gewunden. (S. 55.)
In der Samenblase des Weibchens werfen die Zoosper-
mien eine aus erhärtetem Schleim gebildete Hülle ab. (S. 54.)
Die Zoospermien der Cytheren sind klein und bewe-
gungslos und kommen in den verschiedenen Arten in zwei
verschiedenen Formen vor. (S. 56.)
Die Cypriden legen Eier. Die von mir daraufhin un-
tersuchten Cytheren sind vivipar. (S. 57.)
Durch die Entwickelung (\es Geschlechtsapparats wird
das bei jungen Thieren niedrige Abdomen imnier höher und
breiter. (S 59.)
128 Zenker:
Zoologischer Theil.
Die Ostracoden zerfallen in zwei Familien: Cypriden
und Cytheriden. Die von den Augen entnommene und in
der Paläontologie güllige Unterscheidung von Cytherc und
Cypridina ist falsch. (S. 60.)
Die bisherigen Charactere für die Cypris-Arlen genü-
gen nicht. Eine möglichst allseitige anatomische Verglei-
chung führt hier allein zu sicheren Resultaten. (S. 62.)
Wegen Unsicherheit der Charactere ist die Synonymie
sehr gross und müssen zahlreiche Species fortfallen. (S. 64.)
Bei einigen Cypridenspecies finden sich Varietäten , in
denen sogar die Zoospermien von verschiedener Grösse sind.
(S. 75. S. 77 .)
Die Cypris monacha Müll, und Cypris dispar Fisch, sind
als Gattung Cyprois von den übrigen abzutrennen. (S. 61.)
Die Cythere gibba und Cylhere gibbera Müll, sind Männ-
chen und Weibchen derselben Species. (S. 85.)
II. Cyelopiden*
Unsere Süssvvasser-Copepoden gehören zu drei verschie-
denen Familien. (S. 88.)
Nur Cyclopsine Castor hat ein Herz und einen Kreislauf.
Blutkörperchen fand ich nur in einem Exemplare. (S. 94.)
Bei Cyclops quadricornis scheinen die Bewegungen des
Darmes die Pulsationen eines Circulationsorgans zu ersetzen.
CS. 96.)
Respirationsorgane werden vermisst. (S. 96.)
Auch Cyclops quadricornis hat Spermatophoren; dieselben
sind aber denen von Cyclopsine Castor und Harpacticus
staphylinus unähnlich. (S. 101.)
In den Cyelopiden zeigt sich die Bauchskelelbildung in
der einfachsten Form. (S. 90.)
III« Asellus aqnatictis*
Bei Asellus finden sich zwei Arten von Zoospermien,
die in Gestalt und Entwickelung verschieden sind. Sie ent-
stehen innerhalb derselben Mutterzelle und werden gemein-
schaftlich ausgestossen. Selbstthätige Bewegung haben sie
nicht. (S. 104.)
Monographie der Ostracoden, Cyclopiden etc. 129
Im Hinterleib von Asellus findet sich ein nierenähnliches
Absonderungsorgan. (S. 106.)
IV. System.
Die Pycnogoniden gehören zu den Arachniden. (S.109.)
Die Daphnoiden müssen mit den Phyllopoden eine Ord-
nung (Branchiopoden) bilden. Ihnen reiht sich Argulus an
(Aspidostraceen). (S. 111. S. 116.)
Die Cyclopiden sind mit den Parasiten zu vereinigen
(Entomostraca). Ihnen nahe stehen die Cirrhipedien. (S. 113.
S. 110.)
Die Ostracoden bilden eine eigene Ordnung wie dieMa-
lacostraceen, Entomoslraceen etc. (S. 114.)
V. €Kliedinasseii.t]ieorie«
Die Erich so n'sche Theorie ist nur in sehr beschränk-
ter Weise anwendbar. (S. 120.)
Die Arachniden und Crustaceen haben 2, die Insecten
1 Paar Antennen. (S. 122.)
Man kann eine absolute und eine relative Analogie der
Gliedmassen unterscheiden. (S. 124.)
Einige Grössenangaben in Pariser Linien.
1) Cypris ornata.
Schale 1,18'" 1. 0,54'" h. 0,50'" br.
Auge 0,067'" br. 0,048"' h.
2) Cypris acuminata.
Schale 0,65'" 1. 0,30'" h.
Auge 0,024'" br. 0,020'" h.
Schleimdrüse 0,25'" 1. 0,11'" d.
Innerer Cylinder . . . 0,018'" d.
Archiv f. Naturgesch. XX. Jahrg. Bd. 1.
130
Zenker:
3) Cypris punctata, striata.
Schale 0,44'" I. 0,33'"h. 0,24'"d.
Auge 0,042'" 1. 0,030'" h.
Schleimd. 0,092'" 1. 0,052'" d.
Inn.Cylind. 0,060'" 1. 0,015'" d.
Canal — 0,0025'" d.
Schwimmborsten 0,25'" 1.
non striata.
0,34'"]. 0,24"' h. 0,17'" d.
0,036'" br. 0,024'" h.
0,064'" 1. 0,038'" d.
0,040'" I. 0,010'" d.
0,002'" d.
0,25'"].
Streifen der Schale 0,0016'"— 0,002'" br.
4) Cypris Joanna.
Schale 0,271. 0,18 h. 0,20 d.
Auge 0,030 br. 0,020 h.
Schleimdr. 0,0801. 0,036 d.
Inn. Cyl. ... 0,011 d.
Canal 0,003 d.
6) Cyprois monacha.
Schale 0,55 1. 0,40 h. 0,30 d.
Auge 0,10 br. 0,03 h.
Schleimdr. 0,291. 0,13 d.
Inn. Cyl. 0,025 d.
5) Cypris Ovum.
0,191. 0,12 h. 0,11 d.
0,032 br. 0,020 h.
0,0751. 0,028 d.
0,0501. 0,012 d.
sehr lang 0,002 d.
Schwimmborsien der
Autenna I. 0,235 1.
Antennall. 0,1901.
Zoospermien.
Körper. Spitze.
Imas. 0,1681. 0,0024 d.; 0,1201.
acuminataj^^^ 0,2121. 0,0030d.; 0,112 1,
jmas. 0,1201. 0,0024 d.; 0,0601. 0,0006d.
/fem. 0,1601. 0,0030 d.; 0,0451.
Imas. 0,9101. 0,0013d.; ?
/fem. ? ? ?
Vmas. ? ? ?
non striata/fem. 0,4861. 0,0010 d.; ?
\mas. 0,3201. 0,0015 d.; 0,120 1.
/fem. 0,4801. 0,0015 d.; 0,0841. 0,0003d.
Jmas. 0,4801. 0,0008 d. ; 0,2121. 0,0002 d.
/fem. 1,0001. 0,0008 d; ? incl.
mas. 0,4701. 0,0013 d.; 0,2401. 0,0002 d.
fem.
Art.
C. Candida
C. punctata
striata
C. punctata
C. Joanna
C. Ovum
G. monacha
incl.
incl.
Monographie der Ostracoden, Cyclopiden etc. 131
Erklärung der Tafeln.
Taf. T*
Fig. 1. Cypris Candida. Gliedmassenfigur.
AI, All Antennen vom Isten und 2ten Paar; MI, M II, MIII
Kiefer ; P I, P II Füsse ; C Schwanz ; o Auge.
Fig. 2. Antennen des Isten Paars.
(Die Ziffern bezeichnen hier und weiter unten die Zahlen,
welche den einzelnen Gliedern zukommen) s. Raderborsten.
Fig. 3. Antennen des 2ten Paars.
Fig. 4. Kiefer des Isten Paars.
6. Kiemenanhang, d. Zähne, m. Ansatzslelle der Kaumuskeln.
Fig. 5. Kiefer des 2ten Paars.
Fig. 6. Kiefer des 3ten Paars.
Fig. 7. Fuss des Isten Paars.
Fig. 8. Fuss des 2ten Paars.
Fig. 9. Schwanz. a. Chitingerüst zum Ansatz der Muskeln, h.
Schwanzstachel mit den vier Borsten.
Fig. 10. Schalenschlossband. v. Schalen. 6. Band. l. Leisten.
Fig. 11. Schalenrand aus der Mundgegend von Cypris ornata.
f). Schale, m. Rand. a. Erhabenheiten, c. Haare.
Fig. 12. Schematische Darstellung der Schalenstructur.
a. Aeussere harte Chitinhaut. h. Innere dünne Chitinhaut.
c. Auskleidende zellige Haut. c. Körpermasse, f. Darm. g.
Leberanhänge. h. Hodenschläuche. /. Schalenschlossband.
m. Schliessmuskel.
Fig. 13. Chitinskelet im Profil von Cypris ornata.
A. Stirn. B. Oberlippe. C. Unterlippe. D. Brustbein. £.
Magen, a. Gehirnslütze. h. Magenstütze, c. Vordere Haupt-
leiste, d. Zahnreihen, e. f. g. Stützen für die drei Kiefer-
paare, h. Kielförmiger Yorsprung des Brustbeins, i. Drei-
ecksbildung. Anfang des Abdomens, h. Fussstütze. n. La-
ger des Bauchganglions.
Fig. 14. Rechenförmiges Kauorgan von Cypris ornata.
a. Ansatzstück, b. Stiel, c. Zahnrechen, d. Haarige Stelle
der Schlundwandung, e. Seitenlappen zum Zuführen der Spei-
sen, f. Andeutung der gleichen Gebilde links.
132 Zenker:
Fig. 15. Darmkanal und Genitalien einer weiblichen Cypris ornata.
a. Speiseröhre, h. Magen, c d. Darmabtheilungen, e. Mast-
darm, f. Pylorus. s. Schwanz, h. Leberschlauch, o. Eier-
rohr, r. Samenblase (Receptaculum seminis). h. Kanal zu
derselben, v. Scheide (Vagina), m. Sehne des Schliessmuskels.
Fig. 16. Speiseröhren-Magen von Cypris ornata.
A. Speiseröhre. B. Ringlmorpel. C. Schildknorpel. D. Rei-
bezeug, a. Ansatzstück des Schildknorpels, h. Weiche Haut
als Kropf, d. Reibende Seite des Reibezeugs.
Fig. 17. Auge von Cypris ornata.
' a. Aeussere becherartig'e Hülle (Sclerotica) ; 6. Schwarzer
Ring (Chorioidea) ; c. Metallisch glänzender Ring (Iris); d.
Lichtbrechender Körper (Humor vitreus).
Fig. 18. Kiefer des 3ten Paars einer jungen Cyprois monacha masc.
Fig. 19. Zellen der auskleidenden Schalenhaut. Die Theilung der
Kerne leitet die Vermehrung der Zellen durch Theilung ein.
Fig. 20. Zellen aus der Darmwand.
a. Mit Fettkügelchen erfüllt. h. Nach Auflösung der Fett-
kügelchen.
Fig. Hl. Blindes Ende eines Leberschlauchs.
a. Fett absondernde Zellen, c. Canalhöhlung.
Fig. 22. Follikel der Milz. a. Fettkügelchen.
Fig. 23. Männliche Cypris acuminata.
a. Vordere Hodenschläuche; h. hintere; g. Schleimdrüse; m.
Schliessmuskel ; o. Auge.
Taf. II.
A. Genitalapparat.
Fig. 1. Männlicher Geschlechtsapparat von Cypris acuminata.
1 1. Hodenschläuche : a. vordere , h. hintere ; d. Samenleiter
(Vas deferens) ; g. Schleimdrüse (Glandula mucosa) ; c. Aus-
führungsgang der letzteren, p. Begattungsglied (Penis).
Fig. 2. Schleimdrüse einer jungen männlichen Cyprois monacha.
a. Innerer Cylinder; 6. Uebergang zum Ausführungscanal (c) ;
d. Polare Narbe, als Uraschlagsstelle. e. Nach innen umge-
schlagenes Ende des häutigen Rohrs, g. Umgebende Drü-
senmasse (äusserer Cylinder). f. Längsstreifen auf dessen
innerer Oberfläche.
Fig. 3. Ein Stück vom Hodenschlauch.
Darin die Spiral herumlaufenden Zoospermien (zs).
Monographie der Oslracoden , Cyclopiden etc. 133
Fig. 4. Samenblase und Samen canal einer jungen Cypris ornata. ''
ö. Samenblase, b. Samencanal. c. Drüsenzellen.
B. EntWickelung des Samens von Cypris acuminata.
1—7. Erste Periode. Zellenform. 380fach.
Fig. 1. Zelle mit einfachem Kern.
Fig. 2. Zelle mit Kern und Kernkern.
Fig. 3. Der Kern erhält durch eine Art Furchung ein körniges An-
sehen.
Fig. 4. Erste Spur bandartiger Gebilde (s) neben kugligen Molecü-
len (m).
Fig. 5. Zwei Zoospermienbänder (z-z").
Fig. 6. Das Zoosperm (sss) öfter herumgeschlagen.
Fig. 7. Die Zelle (C. C) platzt. Heraustreten des Zoosperms (s)
und der kugligen Molecüle (m).
8—10. Zweite Periode. Uebergangsformen. Länge 190f.
Breite 380f.
Fig. 8. Erste Form mit hellem Hautrande.
a. Spitze, b. Hautrand. c. Mittelnerv (Körper).
Fig. 9. Zweite Form mit welligem Hautrande.
Fig. 10. Dritte Form, platt und gedreht.
11 — 13. Dritte Periode. Definitive Form. Länge 190f.
Breite 380f.
Fig. 11. Begattungsreifes Zoosperm aus dem Männchen.
Fig. 12. Befruchtungsreifes Zoosperm aus der Samenblase des Weib-
chens.
Fig. 13. Abgeworfene Hülle des Zoosperms ebendaher.
a. Riss, wo früher die Spitze hindurchtrat.
Fig. 14. Ein Stück des reifen Zoosperms. Darstellung seiner Structur
2500 f.
C. Entwickelung der Eier,
Fig. 1. Ei mit Keimbläschen und bereits körnigem Keimfleck.
Fig. 2. Ei mit bereits körnigem Keimbläschen.
Fig. 3. Reifes Ei, im Wasser aufgequollen.
a. Dotter; bb. Aufgequollene Räume der Eihaut.
Fig. 4. Schale einer jungen Cypris ornata (133 f.). a. vorn.
Fig. 5. Schalenstructur. a. für die in Fig. 4. dargestellte Altersstufe;
b. für eine etwas ältere (300 f.).
D. Cypris acuminata Fischer.
Fig. 1. Schale der gewöhnlichen Form.
a. Auge. b. Vorderer Schalenrand. c. Zugespitzter hinte-
rer Rand. m. Schliessmuskel. o. Blindes Ende des Eier-
stocks, t. Dunkle Stelle wegen Durchscheinens des Darms.
134 Zenker:
Fig. 2r Drittes Kieferpaar des Männchens, r. rechts, l. links.
Fig. 3. Hintertheil einer wenig ausgeprägten Form.
a, Abdominalfortsatz, b. Abdominalskelet. c. Schwanz.
Fig. 4. Hinterleib der gewöhnlichen Form.
Fig. 5. Hinterleib eines Individuums von ungewöhnlicher Ausbildung.
Fig. 6. Schuppenartiges Gebilde im Hintertheil der Schale desselben
Individuums.
Fig. 7. Cypris Joanna Baird. Schale, a. Auge, «t. Muskel.
Taf. Uli
A. Cypris (Cypria) punctata Jurine.
Fig. 1. Schale der gestreiften Varietät. Weibchen.
a. Auge. b. Rand. m. Muskeleindrücke, o. Eierstock.
Fig. 2. Structur der Schale dieser Varietät.
Fig. 3. Antenna II mit den langen Ruderborsten (s).
Fig. 4. Drittes Kieferpaar des Männchens, r. rechts. /. links.
Fig. 5. Schwanzstachel der einen Seite.
Fig. 6. Schleimdrüse des männlichen Geschlechtsapparats.
fl, 6. vorderer, hinterer Helm; c. Karbe. e e. Extreme Bor-
stenkränze.
B. Cypris (Cypria) ovum Jurine.
Fig. 1. Schale Qa,b,m wie oben).
Fig. 2. Auge. n. Eintrittsstelle des Sehnerven, oo. Einzelaugen.
Fig. 3. Ein Kiefer vom dritten Paar des Männchens.
Fig. 4. Schleimdrüse (a, c, ee wie oben), k. Knäuel des Canals.
Fig. 5. Schlussfläche des inneren Cylinders dieser Schleimdrüse.
a. Peripherie des inneren Cylinders. b. Grundfläche, in 18
Felder getheilt. c. Zwölfstrahlige Narbe.
C. Cyprois monacha Müller.
Fig. 1. Schale eines Weibchens.
(a, 6, m wie oben) c. Zähne am hinteren Schalenrande.
Fig. 2. Auge. n. Eintrittsstelle des Sehnerven, oo Einzelaugen.
Fig. 3. Antenna II mit Rudenborsten (s).
Fig. 4. Drittes Kieferpaar des Männchens, r. rechts. L links.
Fig. 5. Einfacher Schwanz des Weibchens.
a. Schwanzskelet. e. Schwanzstachel, s. Schwanzborsteti.
Fig. 6. Schleimdrüse des männlichen Geschlechtsapparats.
fl. Wandung des äusseren Cylinders. c. Innerer Cylinder. d.
Innere Borstenkränze, e. Extreme Borstenkränze, h. Aus-
führung/icanal.
Monographie der Osiraeoden, Cyclopiden etc. 135
Fig. 7. Begattungsglied (Penis).
A. Basalkörper. C. Begaltungscanal. «, 6, c dessen Erwei-
terungen, f. Spalte, g, Greifer, l^m^riy eigenthümliche
Haftorgane.
Taf, IV*
Fig. 1. Cythere viridis, Gliedmassenfigur.
rt, h. Antennen I und II; c, d. Kiefer I und II; eec. Füsse;
f. Schwanz; o. Auge.
Fig. 2. Antennen des Isten Paars.
(Die Ziffern zeigen hier und weiter unten die theoretische
Zählung der Glieder an den Gliedmassen an.)
Fig. 3. Antennen des 2ten Paars.
g. Giftdrüse; /*. Chitinstachel am 2ten Glied. Ä. Dessen En-
digung. Man sieht darin den Giftcanal, der an der Spitze («)
ausmündet.
Fig. 4. Kiefer des Isten Paares {h,d,m wie Taf. I. Fig. 4).
Fig. 5. Kiefer des 2ten Paars.
Fig. 6. Fuss.
Fig. 7. Schwanz, a. Ansatzstück, letztes Segment ; h. Schwanzhäiften.
Fig. 8. Bauchskelet von Cythere Fulea.
a. Brustbein. Kielförmige Vertiefung. Lager des Bauchgang-
lions. 6. Vorderer haariger Rand. Unterlippe, c. Zahnappa-
rat; rf, e. Einfügungssteilen der Kiefer, f. Grosse Querleiste.
g. Abdominalsegmente, h. Schwanz.
Fig. 9. Schalenrand von Cythere viridis.
a. Erhabenheiten, b. Streifige Zone. c. Haare, d. Körnige
Schalenhaut.
Fig. 10. Schalenschloss von Cythere viridis.
a. Vordere Schlosszähne, b, Uebergreifender Vorsprung der
rechten Schale, c. Hintere Zahnreihe.
Fig. 11. Nervensystem von Cythere lutea.
A, Gehirn. M. I, II. Brustganglien. P. I, II, III. Abdominal-
ganglien.
aa. Stränge des Schlundrings; Jft. Verbindungsstränge zwischen
M. II und P. I.
ff. Grosse Querleiste (Fig. 8. ff) ; o. Anschwellung der Seh-
nerven.
Fig. 12. Auge von Cythere viridis.
a. Eintrittsstelle des Sehnerven, oo. Einzelaugen.
12 a, Auge eines jungen Thiers, noch wenig getrennt.
13Ö Zenker:
Fig. 13. Darmcanal von Cythere viridis.
a. Speiseröhre, b. Oesophagusmagen. c, d. Darmabiheilungen.
c. Mastdarm, h. Gallenblase; m. Sehne des Schliessmuskels ;
p. Pylorus.
Fig. 14. Speiseröhrenmagen von Cythere viridis.
a. Speiseröhre zunächst dem Munde, b. Ringknorpel, c. Schild-
knorpel, d. Reibezeug. e. Fortsetzung der Speiseröhre, h,
Gallenblase. t. Andeutung der ersten Darmabtheilung, p.
Pylorus.
Fig. 15. Scheide (Vagina) von Cythere viridis, a. Oeffnung. b. Canal.
Fig. 16. Ei aus Cythere viridis 0,042'" 1., 0,032"' h. o. Augenfleck.
Fig. 17. Embryo aus Cythere viridis 0,043"' 1. 0,036'" h.
0. Auge. i. Darm. m. Mundgegend, a. Antenne des 2ten
Paars.
Fig. 18. Fast reifer Embryo aus Cythere viridis.
0. Auge; a I, all, Antennen; m I, II, Kiefer; sph. Schliess-
muskel. t. Darm. p. Fussstummel.
Fig. 19. Ein Hode von Cythere gibba.
a. Bildungsstätte der Zoospermienzellen. b. Weitere Ausbil-
dung derselben, c. Hervortreten fadenförmiger Zoospermien.
Fig. 20. Zoospermien von Cythere viridis.
a. Stiel, b. Geissei. c. Mutterzelle.
Fig. 21. Zoospermien von Cythere gibba.
a, b, c, d. Entwickelungsslufen. e. Reifes Zoosperm.
A. Cythere viridis. Müller.
Fig. 1. Schale, a. Auge. b. Rand. c. Oberer Muskeleindruck, m.
Schliessmuskel.
Fig. 2. Penis.
a. Basis mit der Samenblase, b. Hauplglied. cc. Begaltungs-
rohr. gg. Oberer und unterer Greifer. s. ßorslentragende
Warzen.
B. Cythere flavida. Muller.
Schale (a, b, c, m wie oben).
Oberfläche der Schale, h. Knöpfe, ursprünglich mit Haaren.
Innere Schalenhaut mit abgelagertem (blauen) Pigment.
Penis.
(a, b, c, g wie oben), f. Drittes Penisglied. r. Hartes Rohr
zur Aufnahme des Begattnngscanals.
Monographie der Ostracoden, Cyclopiden etc. 137
C. Cythere lutea. Müller.
Fig. 1. Schale (a, b, m wie oben).
Fig. 2. Ein Stück der Schale (a) und des Randes (6).
Fig. 3. Abdominalfuss mit gefiederter Endklaue.
Fig. 4. Oberes hinteres Körperende. Der unpaare Chitinzapfen (i/)
darf nicht als Schwanz betrachtet werden.
Flg. 5. Penis. («, 5, c, /, g, s wie oben).
l. Löffeiförmiges Ende des dritten Penisgliedes.
D. Cythere gibba. Müller.
Fig. 1. Schale des Männchens.
a. Auge. h. Rand. c. Verlängerung des Hinterlheils. e. Mitt-
lere Eindrückung.
Fig. 2. Schale des Weibchens.
a. Augen, e. Ausbauchung an der unteren Seite.
Fig. 3. Ein Stuck der Schale (o) und des Randes (6). h. Haar-
knöpfe.
Fig. 4. Ein Feld der Schale, stark vergrösserl.
a. Feld. b. Zwischenstäbe, faserig abgebrochen.
Fig. 5. Penis. («, 6, c, f, g, l wie oben).
t,z. Accessorische Greiforgane, «.blattförmig, z. klauenförmig,
Taf. VI.
Fig. 1. Penis von Cypris acuminata.
A. Basalkörper. B. Organe zum Festhalten ; unterer Theil. C.
BegattungscanaL a, h, c. Dessen Erweiterungen, f. Längs-
spalte, g. Greifer, h. Haken, p, q. Flügeiförmige Fortsätze
Fig. 2. Schleimdrüse von Cypris acuminata.
a. Wandung des äusseren Cylinders. 6. Mittlerer Cylinder. c.
Innerer Cylinder. d. Chitinkränze, mittlere, c. extreme, ft.
Ausführungscanal. n. Polare Narbe.
Fig. 3. Asellus aquaticus. Körper. Junges Thier.
n. Nierenähnliches Absonderungsorgan.
Fig. 4. Zoospermien-Mutterzelle aus Asellus aquaticus.
a. Polarer, b. antipolarer Theil. d. Anfang der Zoospermien-
bildung.
Fig 5. Zoospermien-Mutterzelle nahe der Reife, zerplatzt. Asellus.
a. Spitzer polarer Theil. b. Antipolarer Theil , unten aufge-
rissen, c. Hervorgetretene haarförmige Zoospermien. d. Noch
eingeschlossene keulenförmige Zoospermien.
Fig. 6. Entwickelungsformen der keulenförmigen Zoospermien. Asellus.
a. Zelle mit Kern ; b, c, d, e. Verschwinden des Kerns, Her-
vortreten des Schwanzes; f. Kernloses Zoosperm. g. Ausgebil-
detes Zoospenu- h. Durch Wasser aufgeblähtes Zoosperra.
f38 Zenker: Monographie der Ostracoden, Cyclopiden etc.
Fig. 7. Ein Stück der Schalendrüse von Apus prod actus.
Fig. 8. Cyclops quad ricornis. Müller, Männchen. Ganze Figur.
0. Auge. t. Hoden, e. Windungen der Hodenschläuche (Ne-
benhoden), d. Samenleiter, v. GeschlechtsölTnung.
Fig. 9. Samen von Cyclops quadricornis.
a. Zelle mit aufsitzendem Kern. b. Zelle ohne Kern. c. Her-
auswachsende Zoospermien. d. Ausgebildetes Zoosperra. c.
Spermatophor.
Fig. 10. Bewaffnungen des Mundes von Cyclops quadricornis.
a. Zahnreihe an der Kante der Oberlippe, b. Zahngeröst im
Schlünde.
Fig. 11. Ein Wirbel aus dem Bauchskelet von Cyclops quadricornis.
A. Wirbelkörper. BB. Seitenflügel, r. Rinne, w. Wülste.
q. Schief ansteigende Endfläche, zz. Zapfen nach hinten, y.
Unpaarer Zapfen, m. Vorderer, n hinterer Flügelfortsatz. l.
Loch zur Einlenkung des Fusses.
Fig. 12. Ein Bauchwirbel im Durchschnitt.
r. Rinne, w w. Wülste, »n m. Seitenflügel, nn. Lager für
die Nervenstränge, pp. Raum für die Fussmuskeln. s, Lei-
beshöhle. Sinus abdominalis.
Fig. 13. Cyclopsine Castor Milne Edwards. Männchen. GanzeFi-
gur. 0. Auge, gl — </V Ganglien des Bauchnervenstrangs. g,
Schwanzganglien, g c. Gehirnganglion, n. Nerven für die
Schwanzborsten. /. Oberlippe. d. Gi*'tdrüse (Fig. 14). h.
Herz (Die Pfeile bezeichnen den Blutlauf), t. Hode. c. Sa-
menleiter, m. Schleimdrüse, p. Unfertiges Spermatophor.
q. Fertiges Spermatophor. v. Geschl€chtsöfi"nung.
Fig. H. Drüse zu den Seiten des Mundes aus Cyclopsine Castor.
Beiträgfe zur Keiintiiiss der Vegetationsver-
liältiiisse oberhalb der IScSineeliiiie.
Von
Adolpli §c]tlagrini^veii *>•
Die folgende Liste enlhält eine Zusammenstellung der
Arten von Phanerogamen und von Moosen und Flechten,
welche wir im Jahre 1851 in den westlichen Alpen an
einzelnen Punkten noch weit über der mittleren Schneegrenze
auffanden. Diese Beobachtungen schliessen sich an die Be-
merkungen an, welche ich in unseren früheren Untersuchun-
gen über die physicalische Geographie der Alpen 1850 (Cap.
XXI S. 584 — 596v) über die Vegetationsverhällnisse der sub-
nivalen und nivalen Region, zwischen 7000 und 12000', für
die östlichen Alpen mitgetheilt habe.
Die sorgfältige Bestimmung der gesammelten Pflanzen
verdanke ich Herrn Prof. Alex. Braun in Berlin für die
Moose und Flechten, und Herrn Prof. Karl Koch in Berlin
für die Phanerogamen. Es sei mir gestattet, diesen beiden
Herren meinen verbindlichsten Dank hier auszudrücken.
Ich muss noch bemerken, dass die Aufzählung der Pflan-
zen für die Umgebungen der Vincenthütte ebenso wie für
die übrigen einzelnen Standpunkte nicht auf absolute Voll-
ständigkeit Anspruch machen kann. In den Felsenritzen und
1) Mitgetheilt aus den „Neuen Untersuchungen über die phy-
sicalische Geographie und die Geologie der Alpen von Adolph
Schlagintweit und Hermann Schlagintwei t. Leipzig. T. 0.
"Waigel 1854. 4. mit einem Atlas von 22 Tafeln.«
140 Schlagintweil:
an den steilen Wänden entgeht leicht eine Pflanze der Beob-
achtung; auch erlaubten uns unsere übrigen Beschäftigungen
nur verhällnissmässig wenige Zeit auf das Sammeln der Pflan-
zen zu verwenden. Die Vergleichung der verschiedenen
Standpunkte lässt jedoch mit ziemlicher Sicherheit die Summe
der characteristischen Arten erkennen.
In den Umgebungen des Monte-Rosa reichen die Pha-
nerogamen vorzugsweise zu sehr grossen Höhen hinauf; ihr
Gedeihen wird durch die grosse absolute Erhebung dieser
Gebirgsgruppe und durch die südliche Lage ^) derselben be-
günstigt. Man trifl't hier noch ziemlich allgemein vereinzelte
phanerogamische Pflanzen bei llOOO Fuss, während im Maxi-
mum eine dieser Pflanzen (Cherleria sedoides) noch bei 11700
P. F. gefunden wurde. In den Centralalpen von Tyrol und
im Berner Oberlande treten einzelne Phanerogamen noch
zwischen 10000 und 10500 F. auf. In der nördlichen Ne-
benzone der Alpen, in der Schweiz, in Südbayern und in
Oesterreich, sind die Berge meistens nicht hoch genug, um eine
sichere Bestimmung der äussersten Phanerogamengrenze zu-
zulassen. Jedenfalls können dort phanerogamische Pflanzen
noch bei 9000 P. F. und wohl etwas darüber gedeihen. In
folgender Zusammenstellung sind die Pflanzen angegeben,
welche wir an verschiedenen hohen Punkten gefunden haben.
SBag^spitze
in den bayerischen Kalkalpen, 2954 Met. 9094 P. F. Auf
hellem oberen Alpenkalke.-'
Die Phanerogamen fanden sich etwas unterhalb des Gi-
pfels zwischen 9000 und 8900 P. F. Die Moose sind von der
obersten Felsenkuppe selbst.
1) Um Wiederholungen zu vermeiden, erlaube ich mir auf die
vergleichende Darstellung der physicalischen Verhältnisse der Alpen
in der vierten Abtheilung unseres oben angeführten Buches zu ver-
weisen. Wir haben uns dort bemüht, den Einfluss, welchen die cli-
matischen Verhältnisse und die Bodengestaltung auf die Vertheilung
der Vegetation in verschiedenen Höhen des Alpengebirges ausüben,
specieller zu betrachten. Vcrgl. auch die Beobachtungen über die
Temperatur der oberen Bodenschichten imd über ihren Einfluss auf
das Gedeihen der Hochalpen-Pflanzen in Cap. Vi. S. 207. u. s. w.
Beiträge zur Kenntn. d. Vegetationsv. oberhalb d. Schneelinie. 14 1
Phanerogamei).
Draba tomentosa Wahlenb.
Saxifraga slenopctala Gaud.
Saxifraga androsacea L. var. pygmaea.
Moose.
Andraea rupestris Hedw.
Barbula tortuosa Vi 11.
Didymodon capillaceus Sehr ad er.
Didymodon flexicaulis? steril.
Hypnum julaceum Schw.
Hypnurn uncinatum.
Flechten waren auf dem höchsten Gipfel selbst unge-
mein wenig entwickelt. Es fanden sich nur einige nicht
näher bestimmbare Anflüge einer Lecidea und einer Verrucaria.
Umg^eliung^en tler Vincentliiitte ,
auf der südlichen Abdachung des Monte -Rosa in Piemont;
zwischen 9500 und 9800 Par. Fuss. Auf Gneiss.
Phanerogamen.
D icotylen.
Achillea hybrida Gaud.
Androsace glacialis Hoppe.
Artemisia mutellina Vill.
Artemisia spicata Wulf.
Aster alpinus L.
Cardamine alpina Willd.
Cerastium latifolium L.
Cherleria sedoides L.
Chrysanthemum alpinum L.
Erigeron uniflorus L.
Eritrichium nanum S c h r d.
Gentiana imbricata Froel.
Gentiana verna L.
Hutschinsia petraea R. Br.
Linaria alpina Mill.
Oxyria digyna Campd.
Potentilla alpestris Hall. Fil.
Primula Dinyana La gg.
Phyteuma pauciflorum L.
142 Schlagintweit:
Ranunculus glacialis L.
Salix herbacea L.
Salix reticulata L.
Saxifraga aizoides L.
Saxifraga bryoides L.
Saxifraga biflora All.
Saxifraga exarata Vi 11.
Saxifraga muscoides Wulf.
Saxifraga oppositifolia L.
Saxifraga retusa Gouan.
Saxifraga stellaris L.
Senecio uuiflorus All.
Silene acaulis L.
Thlaspi cepeaefolium Koch.
Thlaspi corymbosum Gaud.
Thlaspi rotundifolium Gaud.
Veronica alpina L.
Monocolylen.
Agroslis rupestris All.
Avena subspicata Clairv.
Carex nigra All.
Elyna spicata Sehr ad.
Festuca Halleri All.
Fesluca ovina L. y violacea Gaud.
Koeleria hirsuta Gaud.
Luzula spicata DC.
Poa alpina L.
Poa laxa Haenke.
Poa minor Gaud.
Cryptogamen.
Moose.
Bartramia ilhyphylla Schwaegr.
Bryuin turbinatum Hedw.
Didymodon capillaceus Sehr ad.
Grimmia obtusa Schwaegr.
Gymnomitrium concinnatum Corda.
Gymnostomum rupestre Schwaegr.
Hypnum julaceum S c h w. (Isotheciunj pioniliforme Hüb.)
Beiträge zur Kenntn. d. Vegetationsv. oberhalb d. Schneelinie. 143
Polylrichiim septentrionale S w a r z. (P. sexangulare
Flörke.)
Trichostomum lalifolium Schwaegr. CDesmalodon la-
tifolius Brid.)
Weisia crispula H e d w,
Flechten.
Cetraria cucullata Bell.
Cetraria islandica Ach.
Cetraria nivalis L.
Cladonia gracilis L.
Cornicularia ochroleuca Ach.
Lecidea conglomerata Ach.
Lecidea geographica L.
Lecidea pulchella Schaer.
Lepra incana Wahl.
Parmelia ceratophylla var. multipuncla Schaer.
Parmelia fahlunensis « vulgaris Schaer.
Parmelia fahlunensis S lanata Schaer.
Parmelia saxatilis Ach.
Pelligera canina Schaer. var. minor.
Solorina ^crocea Ach.
Stereocaulon alpinum Laur.
Thamnalia vermicularis Schaer.
Umbilicaria polymorpha a cylindrica Schaer.
Umbilicaria polymorpha s mesenteriformis Schaer.
Ilmg^ebiiiigen des monte-Rosa.
St. Theodul-Pass oder Matterjoch.
3353 Met. 10322 P. F.
P hanero gamen.
Androsace gladalis Hoppe.
Erilrichium nanum Sehr ad.
Gentiana verna L.
Linaria alpina Mi 11.
Ranunculus glacialis L.
Salix herbacea L.
Saxifraga oppositifolia L.
144 Schlagintweit:
Thlaspi cepeaefolium Koch.
Die Nase; ein Felsenkamm, welcher aus dem Lys-
gletscher hervorragt.
A. Zweiter Gipfel 3570 M. 10990 F.F.
Cherleria sedoides L.
Chrysanthemum alpinum L.
Erigeron uniflorus L.
Eritrichium nanum Sehr ad.
Juniperus nana Willd. Ein einzelner Strauch; der
höchste Stand, an welchem diese Pflanze in den
Umgebungen des Monte-Rosa beobachtet wurde.
Primula Dinyana La gg.
Ranunculus glacialis L.
Saxifraga bryoides L.
Saxifraga oppositifolia L.
Senecio uniflorus All.
Foa laxa Haenke.
Didymodon capillaceus Sehr ad.
Jungermannia.
Polytrichum alpinum L.
Racomitrium lanuginosum Brid.
Weisia crispula Hedw,
B. Erster Gipfel. 3630 Met. 11176 F. F.
Cherleria sedoides L.
Chrysanthemum alpinum L.
Ranunculus glacialis L.
Saxifraga bryoides L.
Silene acaulis L. ß. exscapa All.
Foa laxa Haenke.
Didymodon capillaceus Sehr ad.
Weisia crispula Hedw.
Weisia crisp. Hedw. var. atrata.
Lecanora flava ß chlorophana Schaer.
Lecanora muralis Schaer. var. ?
Beiträge zur Kenntn. d. Vegetationsv. oberhalb d. Schneelinie. 145
Lecidea conglomerata Ach.
Lecidea geographica L.
Parinelia slygia var. lanata Meyer.
(Cornicularia lanata Ach.)
Solorina crocea Ach.
Stereocaulon condensatum Hoffm.
Umbilicaria anthracina Sc ha er.
Umbilicaria vellea y spadochroa Sc ha er.
W e i s t h 0 r , Pass über den Hauptkamm des Monte-Rosa.
3618 Met. 11138 F. F.
Chrysanthemum alpinum L.
Eritrichium nanum S c h r a d.
Gentiana imbricata Froel.
Ranunculus glacialis L.
Saxifraga muscoides Wulf. « compacta. (S. acaulis
Gaud.)
Saxifraga muscoides Wulf. £ moschata. (S. moschata
Wulf.)
Senecio uniflorus All.
Poa alpina L.
Poa laxa Haenke.
Racomitrium.
Lecidea geographica L.
Parmelia fahlunensis var. lanata Sc ha er.
Umbilicaria polymorpha var.
Firninsel amWestabhange des Monte-Rosa,
gegen den Gornergletscher. 3723 Met. 11462 P.F.
Cherleria sedoides L.
Lecidea conglomerata Ach.
Lecidea geographica L.
Es war hier die letzte Spur phanerogamischer Pflanzen, wel-
che wir auf der nordwestlichen Seite des Monte-Rosa beobachteten.
Archiv f. Naturgesch. XX. Jahrg. 1. Bd. 10
146 Schlagintweit:
Felsen auf der südlichen Abdachung der
Vincentpyramide. 3823,5 Met. 11770 P. F.
Cherleria sedoides L.
In einigen kleinen Exemplaren. Es ist dieses der höchste
Standpunkt phan e r o ga mischer Pflanzen, wflcherbis jetzt
in den Alpen beobachtet wurde.
Andraea rupestris Hedw.
Grimmia.
Stereocaulon.
Weisia crispula Hedw.
Lecidea armeniaca Sc ha er.
Lecidea conglomerata Ach.
Lecidea geographica L.
Umbilicaria vellea a hirsuta Schaer.
ümbilicaria polyphylla a glabra Schaer.
Gipfel desMonte-Rosa.
4640 Met. 14284 P.F.
Lecidea conglomerata Ach., in kümmerlichen Anfängen.
Lecidea geographica L.
„ „ var. a contigua Schaer.
„ „ var. ß atrovirens Schaer.
Spuren einer Parmelia und einer Umbilicaria, die nicht
näher bestimmbar waren.
Gipfel des Mont-Blanc'}-
4810 Met. 14809 P.F.
Lecidea confluens Ach.
Parmelia polylropa Schaer.
' Hemer Alpen.
Gaulipass; zwischen dem Gauligletscher und dem Unler-
aarglelscher. 3274Met. 10080 P.F.
Androsace glacialis Hoppe.
1) Bestimmt von Schaer er, nach den von Saussure am
Mont-Blanc gesammelten Exemplaren. Linnaea 1842. Bd. XYL S.66.
Beiträge zur Kenntn. d. Vegetationsv. oberhalb d. Schneelinie. 147
Chrysanthemum alpinum L.
Genliana imbricata Froel.
Potenlilla grandiflora L.
Ranunculus glacialis L.
Saxifraga biyoides L.
Saxifraga oppositifolia L.
Silene acaulis L.
Poa laxa Haenke.
Barbula (Syntrichia) ruralis Hedw.
Bryum (Ludwigii? Spreng.)
Jungermannia.
Polytrichum seplentrionale Swarz. (F. sexangulare
Flörke.)
Racomitrium (fasciculare? Brid.).
Lecidea geographica L.
Umbilicaria polyphylla ß flocculosa Schaer.
Felsen auf der südwestlichen Abdachung
des Finsteraar hornes, gegen den rechten Zufluss des
Yieschergletschers. 3350 Met. 10313 F. F.
Chrysanthemum alpinum L.
Draba frigida Saut.
Linaria alpina Mi 11.
Saxifraga bryoides L.
Saxifraga muscoides Wulf, a compacta.
Silene acaulis L.
Poa laxa Haenke.
Didymodon capillaceus Sehr ad.
Hypnum cypressiforme L.
Cladonia neglecla Flörke.
Lecidea geographica L.
Lepra incana Wahl.
Parmelia elegans Ach.
Parmelia fahlunensis var. lanata Schaer.
Gipfel desEwigschneehorneSj neben dem Gau-
lipasse. 3400,5 Met. 10468 F. F.
Androsace imbricata Lam.
148 Schlagintweit: Beiträge zur Kennln. d. Vegetationsv. etc.
Poa laxa Haenke.
Didymodon capillaceus Sehr ad.
Grimmia (uncinata? Kaulf.).
Lecidea geographica L.
Lecidea confervoides Schaer.
Parmelia elegans Ach.
Umbilicaria polymorpha ß deusla Schaer.
Gipfel der Jungfrau *)
4167 Met. 12828 P.F., nach Eschmann.
Lecidea conglomerata Ach.
Lecidea confluens var. steriza Ach.
Parmelia elegans a miniata Schaer.
Umbilicaria alro-pruinosa y reliculata Schaer.
Umbilicaria Virginis Schaer.
1) Bestimmt von Schaerer, nach den von Agassiz auf der
Jungfrau gesammelten Exemplaren. Linnaea 1842. Bd. XVI. S.66.
lieber eine iBeiae Familie von Fischen aus
Californien.
Von
li« A g- a s s i z«
Aus Silliman's Amer. Journ. Vol. XVI. p. 380, übersetzt.
Vom
Herausg-elici**
Vor etwa fünfzehn Monaten empfing* ich einen Brief von
Herrn A. C. Jackson, bald nach seiner Rückkehr von San
Francisco in Californien, in welchem er mir anzeigte, dass
er beim Fischen in der Bai von San Salifa einen Fisch aus
der Barschfamilie gefangen habe, der lebende Junge in sich
hatte. Die Angabe schien mir so auffallend, dass ich, trotz
einer beigelegten Zeichnung des beobachteten Exemplars, doch
ein Missverständniss argwöhnte , und Herrn Jackson auffor-
derte mir weitere Mitlheilung über das, was er gesehen habe,
zu machen, und wo möglich mir Exemplare in Weingeist zu
senden. Darauf erhielt ich folgende Antwort:
„Ich bedaure sehr, dass meine neuliche Mittheilung Ih-
nen ohne Vorlegung des Fisches und der Jungen so wenig
genügt hat; ich habe aber Massregeln getroffen^ sie zu er-
halten, und hoffe in einigen Monaten Ihnen wenigstens Exem-
plare des Weibchens, wenn auch nicht der Jungen verschaf-
fen zu können. Ich würde zu der Zeit, wo ich den Fisch
fing, ihn in Weingeist aufbewahrt haben , aber damals hatte
ich die nöthigen Vorrichtungen nicht zur Hand. Ich habe
150 Agassiz:
Aufträge nach Californieii gegeben, für mich einige von den
Fischen zu fangen, und wenn in jetziger Jahreszeit (16. Sep-
tember 1852) die Weibchen tragend seien (was nicht wahr-
scheinlich ist), aus einem den Sack mit den Jungen zu neh-
men, und Mutler und Junge in das Gefäss mit Weingeist zu
legen, auch einige andere Weibchen unverletzt hinzuzufügen.
Die Untersuchung dieser Exemplare wird, selbst wenn sie nicht
tragend sind, die Wahrheit und Genauigkeit meiner letzten
Angabe bestätigen. Es wird dann leicht sein, während des
nächsten Frühlings und Sommers Exemplare in allen Stadien
der Trächtigkeit zu erhalten. Ich glaube, wenn ich in der
Gegend bleibe, Ihnen im nächsten Jahr hinreichendes Mate-
rial verschaffen zu können. Der in Rede stehende Fisch
scheint in den Gewässern derSanSalita Bai nicht eben häufig
zu sein, denn die beiden, welche ich fing, waren die einzi-
gen, welcher ich habhaft wurde, obgleich ich an derselben
Stelle wohl viermal fischte. Vielleicht kam mir ein beson-
derer Umstand bei dem Fange zu Statten. Ich hatte vorher
meine Ruthe und Schnur, wie erwähnt, viermal versucht, und
hatte immer Groppen, Barsche u. dergl. gefangen, ohne eine
Spur von unserem seltsamen Fisch. Einige Tage , vielleicht
eine Woche darauf, am 7ten Juni, brach ich früh Morgens
auf um ein Gericht Fische zum Frühstück zu fangen, ging an
den gewohnten Ort, köderte mit Krabben, und begann zu
fischen, als der Wind zu stark für voiA heilhaftes Angeln blies ;
dennoch fing ich beim ersten und ztreilen Auswerfen die
beiden Fische, Männchen und Weibchen, über die ich schrieb,
und ihre Lebhaftigkeit und Stärke waren so gross, dass meine
schwache Angelrulhe in Gefahr kam. Es gelang mir beide
in Sicherheit zu bringen, aber in einer halben Stunde wollte
kein Fisch mehr anbeissen. Ich beschloss den Köder zu
wechseln, ein Stück von den eben gefangenen Fischen an
den Haiken zu stecken. Ich schnitt daher ein Stück von dem
Bauch des grössten ab, und war überrascht, aus der gemach-
ten Oeffnung einen kleinen lebenden Fisch hervor-
kommen zu sehen. Anfangs glaubte ich, der Fisch möge
ihn verschluckt haben, aber mein Erstaii:cn sli'^g, als ich
bei weiterem Oeffnen des Fisches dicht am Rücken des Fi-
sches und schwach daran angeheftet einen langen hell vio-
Ueber eine neue Familie von Fisclien aus Californien. 151
leiten Sack fand, so durchscheinend, dass ich schon durch
ihn hindurch die Gestalt, Farbe und Bildung einer Menge klei-
ner Fische, alle einander gleich, erkennen konnte, mit de-
nen der Sack angefüllt war. Als ich den Sack öfTuete, nahm
ich noch achtzehn junge Fische heraus, die ganz dem ersten
zufällig daraus hervorgegangenen an Grösse, Gestalt und Farbe
glichen. Die Mutter war sehr dick um ihre Mitte, und von
sehr dunkel brauner Farbe, am Rücken und an den Flossen
fast schwarz, ein besonders kräftiger Fisch. Die Jungen,
welche ich heraus nahm , glichen der Mutter vollständig in
der allgemeinen Form, nur war die Alte, vermulhlich in Folge
ihrer Trächtigkeit, viel breiter und umfänglicher zwischen Rük-
ken und Bauchflossen. An Farbe glichen sie durchaus der Mut-
ter, nur waren sie etwas heller. Kurz , sie waren in allen
Beziehungen der Mutter und unter sich gleich , derselbe ei-
genthümliche Mund, dieselbe Lage und Gestalt der Flossen,
dieselben Augen und Kiemenspalteu , so dass nicht der ge-
ringste Zweifel darüber stattfinden kann, dass es die Brut des
Fisches war, aus dem ich sie genommen habe, und dass diese
Fischart lebendige, vollkommen ausgebildete, und sich selbst
ihre Nahrung im Meere zu suchen befähigte Junge zur Welt
bringt. Die Zahl der Jungen in dem Sacke war neunzehn,
und alle waren so flink und munter und so heimisch in ei-
nem Eimer mit Salzwasser, als w^enn sie seit Monaten an das
Wasser gewöhnt wären. Der gefangene männliche Fisch war
nicht ganz so gross wie das Weibchen, weder in Länge noch
Umfang und überhaupt schlanker. Ich denke wir können
darauf rechnen , anfangs December die Exemplare zu erhal-
ten. Aber ich kann kaum hoffen solche Exemplare mit Jun-
gen zu verschaffen als in derselben Jahreszeit, nämlich im
Juni. Dann wird gewiss die Thatsache entschieden, und die
Resultate nach ihrer Wichtigkeit gewürdigt w^erden."
In einem ferneren Briefe (dalirt vom 31. Januar 1853)
meldete mir Herr Jackson, dass er den Capitain Gase,
welcher eine Kriegs-Schaluppe in San Francisco commandirt,
und der auch den Fisch gesehen hat, augefordert habe, mei-
nem Freunde, Herrn T. G. Gary jun. in San Francisco, Exem-
plare dieses Fisches mitzutheilen, wenn es ihm gelingen sollte,
deren zu fangen.
152 Agassiz;
Elwa vor vierzehn Tagen wurde ich in einem Briefe
des Herrn Gary aus San Francisco vom 10. August 1853
benachrichtigt, dass nach einigen Monaten vergeblichen Be-
mühens es ihm gelungen sei, einige Exemplare von diesem
sonderbaren Fisch aufzubringen, und dass er drei davon di-
rect an mich gesandt habe (die inzwischen angekommen
sind), während eine grössere Anzahl um Cap Hörn schiffen
werde. Nach einer sorgfältigen Untersuchung der Exemplare
habe ich mich von der vollständigen Genauigkeit in den An-
gaben, wie sie in dem Briefe des Herrn Jackson vom Fe-
bruar 1852 enthalten sind, überzeugt, und ich habe ferner
die Freude gehabt, festzustellen, dass unter den Exemplaren
von Herrn Gary zwei sehr bestimmt unterschiedene Species
dieses merkwürdigen Fischtypus enthalten sind. Ich schlage
dafür die generische Benennung Embioto ca vor, um auf
ihre eigenthümliche Fortpflanzungsweise anzuspielen.
Ich trage einiges Bedenken in Beziehung auf den Fa-
miliennamen für diesen Typus. Es ist wahrscheinlich, dass
alle Mitglieder dieselbe Eigenthümlichkeil in ihrer Fortpflan-
zungsweise zeigen werden , und dass der Name Embiotoca
passend in Embiotocoidae modificirt werden könnte, wie
Didelphis ihren Namen für eine zahlreiche Familie, Didelphi-
dae hergegeben hat, nachdem es lange Zeit nur ein Gattungs-
name gewesen war. Sollte sich jedoch ergeben, dass an-
dere Typen dieser Familie verschiedene ModiGcationen in ih-
rer Fortpflanzungsart darböten, wodurch der Name Embioto-
coidae verwerflich würde, so würde ich vorschlagen, einen
Familiennamen nach einer anderen Eigenthümlichkeil im Bau
dieser Fische, die noch bei keinem andern beobachtet ist, zu
bilden, nämlich nach dem nackten, furchenartigen Raum pa-
rallel der Basis der hinteren Rückenflosse, welcher die Schup-
pen, mit denen die Basis der Strahlen bedeckt ist, von de-
nen an den Seiten des Körpers trennt, und sie Hole onoti
nennen.
Die Beharrlichkeit und Sorgfalt, mit der die Herren
Jackson und Gary während längerer Zeit jede Gelegen-
heit wahrgenommen haben, um das nöthige Material für eine
wissenschaftliche Untersuchung dieser wunderbaren Fische
herbeizuschaffen, hat mich veranlasst^ dem Dienst den sie
Ueber eine neue Familie von Fisclien aus Californien. 153
dadurch der Zoologie geleistet haben, ein Denkmal zu set-
zen, und ihre Namen den beiden Arten beizulegen , welche
sich jetzt in meinen Händen befinden, und welche in meinem
Museum in Cambridge als Emb. Jacksoni und Emb. Caryi
etiquettirt sind.
Eine Gegend, welche in unseren Tagen solche Neuig-
keiten bietet, verspricht die Wissenschaft mit vielen anderen
unerwarteten Thatsachen zu bereichern , und was im höch-
sten Grade von Californien wahr ist, gilt auch einigermas-
sen von allen unsern Gewässern. Möge dies nicht nur un-
sere Naturforscher, sondern auch alle Liebhaber der Natur
und der Wissenschaft in diesem Lande zu erneuten Nach-
forschungen anspornen.
I^iimiSie Holconoti oder lEanbiotocoidae«
Das allgemeine Ansehen der Fische , auf welche diese
Familie gegründet ist, ist das unserer grösseren Arten von
Pomotis, oder vielmehr das der breiteren Typen der Sparoi-
den. Ihr Körper ist zusammengedrückt, oval ^ bedeckt mit
Schuppen von mittlerer Grösse. Die Schuppen sind Cycloid-
schuppen, und dadurch sind diese Fische weit von denen
verschieden^, denen sie im äusseren Ansehen gleichen. Die
Deckelstücke sind ohne Dornen oder Zähnelungen. Kiemen-
hautstrahlen sechs. Der Mund ist von ziemlich dicken Lip-
pen umgeben; die Zwischenkiefer bilden den ganzen Rand
des Oberkiefers. Zvvischenkiefer und Oberkiefer sind etwas
vorstreckbar. Zähne nur an dem Zwischenkiefer, Unterkiefer
und Schlundknochen, keine Zähne am Gaumen und am Vo-
mer. In dieser Rücksicht, wie auch in der Abwesenheit der
Zähnelung an den Kiemendeckelstücken , weichen sie mehr
von den Percoiden als von den Sparoiden ab; aber die Cy-
cloidschuppen entfernen sie sogleich von den letzteren, bei
denen die Schuppen überall Ctenoidschuppen sind. Die dik-
ken Lippen möchten an die Labroiden erinnern , aber die
Schuppen von Embiotoca sind weder länglich, noch besitzen
sie die charakteristischen verzweigten Röhren dieser Familie.
Eine lange Rückenflosse, deren vorderer Thcil durch
Stachelstrahlen, deren hinterer durch zahlreiche gegliederte
und verzweigte Strahlen gestützt ist, welche an der Basis
154 Agassiz:
mit einer Scheide von zwei oder drei Scliiippenreihen ver-
sehen sind, die von den Schuppen des Körpers durch eine
ziemlich breite und tiefe schuppenlose Furche getrennt sind.
Diese letzte Eigenthüralichkeit ist, soviel ich weiss, noch bei
keinem Fisch beobachtet worden. Es befindet sich ein deut-
licher länglicher Raum parallel dem weichen Theil der Rük-
kenflosse, etwa von der Breite einer einzelnen Schuppenreihe,
welcher völlig nackt, und wohl umgrenzt ist, und der gleich-
sam eine Furche zwischen den Schuppen des Rückens und
denen an der Basis der Flossenstrahlen bildet. Obgleich so
von einer Art Scheide beschützt, kann nur der vordere Theil
der Rückenflosse nach hinten niedergelegt, und ganz zwischen
diesen Schuppen verborgen werden , wie bei vielen Sparoi-
den; der hintere Theil kann dies nur theilweise. Ferner sind
die Schuppen der Scheide nur längs der Basis des weichen
Theils der Rückenflosse durch eine Furche von denen des
Rückens getrennt. Die ersten Strahlen der Afterflosse sind
kurz, verhältnissmässig klein und stachlig. Die Basis dieser
Flosse ist seltsam gebogen und ebenso wie die Rückenflosse
mit einer Schuppenscheide versehen ; wenn die Afterflosse
niedergelegt ist, sind die Stachelstrahlen vollständiger in der
Scheide verborgen als die weichen Strahlen.
Die Bauchflossen sind an der Brust befestigt, wie bei
den Sparoiden, und mit einem kräftigen Dorn und fünf wei-
chen Strahlen ^versehen.
Vier Kiemenbogen , deren jeder vier vollständige Kie-
men, jede mit zwei Reihen von Kiemenblättern trägt. Die
OefFnung hinter dem letzten Bogen ist sehr klein und ganz
über der Basis der Brustflossen. Die Pseudobranchien sehr
gross, und aus sechzehn bis siebzehn Lamellen bestehend.
Der Nahrungskanal ist auffallend gleichmässig weit in der
ganzen Länge. Er verläuft zuerst an der linken Seite nach
hinten bis zu den Bauchflossen , wendet sich dann vorwärts
und aufwärts nach rechts, folgt dann der Mittellinie, längs
'der grossen Schwimmblase, bis zum zweiten Drittel der
Leibeshöhle, neigt sich dann längs der rechten Seite abwärts
und schwach vorwärts bis fast zur ersten Biegung , wo er
sich wieder nach hinten wendet, und in geradem Laufe im
After endet. Der Magen kann äusserlich durchaus nicht von
Üeber eine neue Familie von Fischen aus Californien. 155
dem engen Darm durch seine Grösse und Gestalt unterschie-
den werden. Blindsäcke sind nirgends am Darmkanal vor-
handen. Der ganze Nahrungsschlaiich enthielt viele Schal-
stücke von kleinen Mytili. Die Leber hat zwei Lappen , ei-
nen kurzen an der linken Seite, und einen langen längs der
Mittellinie des Körpers.
Der weibliche Generations-Apparat besteht im Zustande
der Trächtigkeit aus einem grossen Sack, der am lebenden
Thier von Herrn Jackson beschrieben worden ist; an sei-
ner Oberfläche sieht man grosse Gefässverzweigungen, und
er ist im Innern in eine Anzahl von Taschen eingetheilt, die
sich durch weite Spalten in den unteren Theil des Sackes
öffnen. Dieser Sack scheint nichts als das erweiterte untere
Ende des Ovariums zu sein, und die Taschen darin durch
die Falten des Ovariums gebildet zu werden. In jede dieser
Taschen ist ein Junges wie in ein Betttuch eingehüllt, und
alle sind zur Raumersparniss in öconomischer Weise so ge-
packt, dass die einen ihren Kopf nach vorn, die andern nach
hinten richten. Dies ist also eine normale Ovarial-
Schwangerschaft. Die äussere Geschlechtsöffnung liegt
hinter dem After, auf dem Gipfel und in der Mitte eines ke-
gelförmigen, durch einen kräftigen Sphincter gebildeten Vor-
sprunges , der in seiner Lage durch zwei starke Quermus-
keln gehalten wird, die an den Abdominalwänden angeheftet
sind. Die Zahl der in dem Sack enthaltenen Jungen scheint
zu variiren. Herr Jackson zählte neunzehn; ich habe in
den von Herrn Gary eingesandten Exemplaren nur acht oder
neun gesehen, aber da sie geöffnet waren , als ich sie em-
pfing, so können möglicherweise schon einige herausgenom-
men sein. Uebrigens ist ihre Grösse im Verhältniss zur Mut-
ter sehr bemerkenswerth. In einem Exemplare von Emb.
Jacksoni, 10y2 Zoll lang und 4'/, Zoll hoch, waren die Jun-
gen fast drei Zoll lang und einen Zoll hoch; und in einem
Exemplar \on Emb. Caryi , acht Zoll lang und 3'/^ Zoll
hoch, waren die Jungen 2% Zoll lang und yg Zoll hoch.
Nach ihrer Grösse zu urtheilen, glaubte ich anfänglich , dass
die Jungen sich wie junge Apossum's in und aus dem Sack
begeben könnten , aber bei sorgfältiger Untersuchung der
Lage der Jungen in den Taschen, und durch den contrahir-
156 Agassiz;
ten Zusland des Sphincter an der äusseren Oeffnung der
Geschlechtsorgane, habe ich mich überzeugt, dass dies nicht
der Fall sein könne, und dass die Jungen, welche Herr Jack-
son so munter fand, als er sie in einen Eimer mit Seewas-
ser setzte, damals zum erstenmal in freie Berührung mit dem
Elemente kamen, in dem sie bald leben sollten; zugleich kann
es aber kaum bezweifelt werden, dass das Wasser in den
Marsupialsack dringe, da diese Jungen vollkommen entwickelte
Kiemen haben. Die Grösse der Jungen im Vergleich zur
Mutter ist sehr bemerkenswerth , da sie bei der einen Art
ein volles Drittel der Länge haben, und ein solches bei der
andern Art beinahe erreichen. Wirklich sind diese Jungen
Embiotocae vor ihrer Geburt drei bis vier mal grösser als
die Jungen einer Pomotis (von derselben Grösse) in einem
Alter von einem Jahre. In dieser Beziehung unterscheiden
sich diese Fische von allen übrigen bisher bekannten leben-
dig gebärenden Fischen. Ein anderer Punkt von grossem
Interesse ist es, dass, während die beiden Eltern sich in der
Färbung merklich unterscheiden^ die Jungen dieselbe Farbe
haben, hell gelblich olivenfarbig mit dunkleren und helleren
Querbinden, ähnlich wie die jungen Forellen und Lachse in
ihrer Parr-Tracht. Die Art mit Querbinden kann also als nie-
driger entwickelt als die andere betrachtet werden, da sie das
Farbensystem des Embryonenzustandes während des ganzen
Lebens beibehält.
Es wird ein Gegenstand von höchstem Interesse sein,
die frühzeitigen Grössengrade dieser Fische zu erforschen,
die Structur des Ovariums und der Eier vor der Befruchtung
zu untersuchen u. s. w. Der Zustand der Conservation mei-
ner Exemplare liess solche Untersuchung nicht zu.
Obgleich ich bisher nur ein Genus dieses Typus kenne,
so halte ich es doch nicht für recht, die Galtungscharaktere
mit denen der Familie zu vereinigen , wie dies in solchen
Fällen gewöhnlich geschieht, wie ich auch gegen das Ver-
fahren Einspruch thue, dass man die specifischen Charaktere
übergeht, wo nur eine Art einer Gattung bekannt ist. Dies
zeioft ein völüofes Missverstehen des relativen Werlhes und
der Unterordnung der Charaktere der Thiere. Ich charak-
terisire also die Gattung folgendermassen :
Ueber eine neue Familie von Fischen aus Californien. 157
Embiotoca Agass.
Körper sehr comprimirt und hoch. Kopf klein, nur an
den Wangen und Kieinendeckelstücken beschuppt. Zähne in
beiden Kiefern kurz^ konisch, in einer Reihe, und schwach
gekrümmt. Die Schlundzähne viel kürzer und stumpfer als
die der Kiefer, und pflasterartig. Rückenflosse mit neun oder
mehr Stachelstrahlen. Die ersten drei Strahlen der After-
flosse Stachelstrahlen, und viel kürzer als die folgenden ge-
gliederten Strahlen, welche immer feiner und zahlreicher sind
als die entsprechenden Strahlen der Rückenflosse. Die Sei-
tenlinie verläuft ununterbrochen bis zur Schwanzflosse. Ob
die besondere Forfpflanzungsart Familien- oder Gatlungscha-
rakter ist, bleibt ferneren Beobachtungen zu entscheiden. Es
ist jedoch wahrscheinlich, dass dieselbe mit einigen geringen
Modificationen bei allen Mitgliedern der Familie gefunden
werden wird.
Einige Diff"erenzen zwischen den beiden beobachteten
Species machen es zweifelhaft , ob sie als ebenso viele Ge-
nera betrachtet werden müssen oder nicht. Aber wir wis-
sen, dass in Gattungen, die beträchtlich von anderen ab-
weichen, auch die Grenze für die specifischen Unterschiede
weiter ist als in Gattungen mit vielen Arten; daher werde
ich die beiden Arten , bis ich eines besseren durch neue
Beobachtungen belehrt bin, in eine und dieselbe Gattung set-
zen. Solche Zweifel können kaum bei Familien mit vielen
Gattungen entstehen, wo man leicht eine Richtschnur für die
Schätzung ächter generischer Charaktere hat.
1. Embiotoca Jacksoni Agass.
Der Körper ist sehr hoch, von ovaler Gestalt, stark
comprimirt, und oben und unten gleichmässig gebogen. Der
obere Bogen reicht bis zum hinteren Ende der Rückenflosse,
von wo er sich in horizontaler Linie bis zur Basis des Schwan-
zes fortsetzt. Der ventrale Bogen des Körpers gleicht dem
des Rückens. Das Profil von der Rückenflosse bis zur Schnau-
zenspitze ist ziemlich steil und regelmässig gebogen, ausge-
nommen schief über und vor den Augen, wo es schwach
concav ist. Die grösste Höhe des Körpers mit Einschluss
der Rückenflosse ist gleich der Entfernung der Schnauzen-
158 Agassiz:
spitze von der Brustflosse. Die grösste Dicke des Körpers
beträgt ein Viertel seiner Höhe. Der Kopf ist von massiger
Grösse, seine Länge, bis zum hinteren Winkel des Kiemen-
deckels gemessen, nimmt ein Viertel des ganzen Fisches ein.
Der Mund ist ganz klein , das Hinterende des Zwischenkie-
fers und Oberkiefers reicht nur bis zum vorderen Augen-
rande. Nur ein kleiner Theil des Oberkiefers erreicht den
Mundwinkel. Der vordere Rand des Schnauzentheiles, wel-
chen der Zwischenkiefer bilden hilft, ist eine horizontale Li-
nie, die dicht unter dem Auge vorbeigeht. Der Oberkiefer
springt ein wenig mehr vor als der Unterkiefer, die Zähne
des letzteren fügen sich innerhalb der Oberkieferzähne ein.
Im Oberkiefer stehn 14 bis 15 Zähne, im Unterkiefer 2 — 3
weniger. Alle sind an der Spitze ein wenig verdickt, und
nicht spitz, sondern stumpf. Sie reichen nicht über die Mund-
winkel hinaus, sondern lassen einen zahnlosen Raum an je-
dem Kiefer. Die Oberkieferzähne sind nur wenig grösser
als die des Unterkiefers. Die Schlundknochenzähne sind viel
kürzer als die Kieferzähne, stellen zwei ganz bewegliche Plat-
ten oben und eine dreieckige unten dar. An jedem oberen
Schlundknochen stehn nicht mehr als 30, meist am Gipfel
abgestutzte Zähne; die vier oder fünf Zähne , welche den
inneren Rand jedes Knochens bilden, stehen vor den andern
ein wenig hervor , und sind etwas zugespitzt. Die Zähne
des unteren Schlundknochens sind den oberen ähnlich, aber
die der hintern Reihe sind länger und spitz. Die Lippen sind
ziemlich fleischig und verhüllen die Zähne ganz. Hinter der
Unterlippe ist jederseits eine längliche Grube, die sich bis
zum Mundwinkel erstreckt ; sie ist von einem dünnen Lip-
pensaum bedeckt. Die Entfernung der Schnauzenspitze vom
vorderen Augenrande ist um ein Drittel grösser als ein Au-
gendurchmesser. Der untere Rand des Auges liegt auf der
mittleren Längslinie des Körpers, und der Hinterrand des
Auges liegt in der Mitte der Entfernung der Schnauzenspitze
von dem hintern W^inkel des Kiemendeckels. Die Deckel-
stücke sind gross. Am Praeoperculum sind vier concentrische
Schuppenreihen; die beiden inneren sind die längeren. In
der dem Auge nächstgelegenen Reihe sind vierzehn Schup-
peuj in den andern vermindert sich die Zahl allmählich. Zwi-
Ueber eine neue Familie von Fischen aus Californien. 159
sehen diesen Schuppen und dem Auge ist ein nackter Raum,
in welchem Poren liegen, die strahlig vom Augenrande aus-
gehen. Der hintere und untere Rand des Praeoperculums ist
dünn, häutig und ohne Schuppen^ aber mit zahlreichen Poren
oder Röhren, wie die um das Auge, strahlenförmig von in-
nen nach aussen.
Das Operculum, Suboperculum und Interoperculum sind
mit Schuppen bedeckt^ welche an Grösse von dem ersteren
nach dem letzteren abnehmen. Am Operculum ist ein schma-
ler häutiger Saum, der sich von seinem hinteren Winkel
bis zur Höhe des Endes der Seitenlinie erstreckt. Der Ein-
schnitt zwischen dem Suboperculum und Interoperculum liegt
senkrecht unter dem hintern Rande des Praeoperculums. Un-
mittelbar über der oberen Anheftung des Praeoperculums ist
ein kleiner Haufen von neun bis zehn Schuppen. Die Rük-
kenflosse erstreckt sich über etwa ^5 der oberen Krümmung
des Körpers j ihr hinterer Theil ist Yg höher sowohl wie län-
ger als der vordere. Der stachlige Theil enthält neun oder
zehn Strahlen, von ihnen sind die letzten drei mal so lang
wie die ersten. An der Spitze jedes Stachels scheint die
Flosse sich in einen freien Faden nach hinten auszudehnen.
Die Flosse enthält ferner lOy^ gegliederte Strahlen; die obere
Linie dieses Theils ist ähnlich der des Rückens, obgleich
die Strahlen der ersten Hafte die längsten, und fast gleich
lang sind. Die Furche jederseits reicht nach vorn bis zur
Basis des ersten weichen Strahles, wo drei Schuppenreihen
die Scheide bilden; die Reihen reduciren sich aber auf eine
am hintern Ende der Flosse.
Die Brustflossen sind ziemlich gross, und unter der Mit-
tellinie und unter dem hinleren Rande des Operculums an-
gefügt. Sie reichen, wie die Bauchflossen, fast bis zur Af-
terflosse. Der zweite Strahl der Brustflosse ist nur schwach
gekrümmt gegen sein Ende. Die Brustflosse enthält 21 Strah-
len. Die Insertion der Bauchflossen ist genau vor der Mitte
dieses zweiten Brustflossenstrahls. Der Stachel der Bauch-
flosse nimmt 2/5 der Länge des folgenden weichen Strahles
ein. Zwischen den Bauchflossen ist eine lange Schuppenplatte.
Die Afterflosse ist breit und hauptsächlich aus feinen schlan-
ken Strahlen zusammengesetzt. Der hinterste und längste
160 Agassi z:
ihrer Stachelstrahlen ist viermal in der Länge des folgenden
weichen Strahles enthalten, welcher letztere dem entsprechen-
den Strahl der Rückenflosse gleich ist. Der letzte Strahl
der Afterflossse steht der Schwanzflosse näher als der der
Rückenflosse. Die Flosse selbst reicht näher an die Basis
des Schwanzes. Die Schwanzflosse ist tief gegabelt; sie ent-
hält 14 Strahlen ausser den kürzeren. Zwischen der Seiten-
linie und dem slachh'gen Theil der Rückenflosse sind acht
Schuppenreihen , und achtzehn Reihen unter der Seitenli-
nie in derselben Gegend. Auf der Seitenlinie liegen 60
Schuppen.
Die Farbe ist einfarbig dunkel olivenbraun längs dem
Rücken, an den Seiten etwas verschossen ; Rückenflosse schwarz
mit weissen Flecken; Schwanzflosse schwärzlich, heller an
der Basis; Afterflosse tief schwarz mit einer hellen Längs-
binde; Brustflossen weiss; Bauchflossen schwarz mit heller
Basis.
Nach dieser Beschreibung muss es einleuchten, dass dies
die von Herrn A. C. Jackson zuerst beobachtete Species ist,
oder wenigstens eine ihr sehr nahe verwandle. Es über-
rascht mich nur die Thatsache, dass, während er am 7. Juni
reife Junge darin beobachtete, Herr T. G. Gary sie noch im
Anfang des August mit Jungen gefunden haben sollte. Fer-
ner sah Herr Jackson neunzehn Junge darin , während in
den Exemplaren des Herrn Gary ich nur acht bis neun Junge
fand, die quergebändert waren wie Emb. Garyi. Sollten es
zwei so nahe verwandte Arten sein^ dass sie leicht verwech-
selt werden könnten ? Ich muss hinzufügen, dass Herr Jack-
son der gefleckten Rückenflosse und der hellen Binde auf
der Afterflosse seines Fisches keine Erwähnung Ihut; was
die Vermuthung wahrscheinlicher macht, dass es nicht bloss
zwei, sondern mehrere Arten dieser merkwürdigen Gattung
um San Francisco giebt. Ich wollte jedoch die Gelegenheit
nicht vorübergehen lassen, den Namen des Herrn Jackson
mit dieser interessanten Entdeckung zu verknüpfen, und habe
daher die eine der beiden von Herrn Gary an mich gesand-
ten Arten, welche am meisten auf seine Beschreibung passt,
Emb. Jacksoni genannt, und überlasse es künftiger Entschei-
dung, ob dies wirklich die zuerst von ihm gesehene Art ist,
i
Ueber eine neue Familie von Fischen aus Californien. 161
ein Umstand der ganz unwesenllich ist, seil wir schon zwei
Species dieses merliwürdigen Typus kennen.
2. Enibiotoca Caryi Agass.
Der Körper ist viel mehr verlängert als bei Embiotoca
Jacksoni, jedoch gleichfalls comprimirt. Seine Höhe mit Ein-
schluss der Rückenflosse ist geringer als die Entfernung der
Schnauzenspilze vom Ende der Brustflosse, und geringer als
die halbe Länge des Fisches. Das Profil ist viel weniger
steil, die Schnauze vorstehend, und der Kopf länger als hoch.
Der hintere Rand des Auges ist dem Winkel des Operculums
näher als der Schnauze. Die obere und untere Krümmung
des Körpers sind gleich, und indem sie sich gegen den Schwanz
mehr nähern, wird der Schwanz niedriger als bei voriger
Art. Die Schuppen des Rückens gehen am Kopf nur bis zur
Hälfte der Entfernung des ersten Rückenflossenstrahls von der
Schnauzenspitze herab. Die Stirn ist schwach concav wie
bei Emb. Jacksoni. Das hintere Ende des Zwischenkiefers
reicht nicht bis zum vorderen Augenrande nach hinten. Die
Beschaff'enheit der Lippen und die Ausdehnung des Oberkie-
fers ist sehr ähnlich wie bei der anderen Art, aber der Vor-
derrand der Dille des Zwischenkiefers liegt über der Linie
des unteren Augenrandes. Eine senkrechte Linie durch das
Auge ergiebt, dass die Kopfhöhe hier um ein Drittel gerin-
ger ist als bei E. Jacksoni. Die Mundöff'nung ist mehr schief
aufwärts gerichtet. Die Zähne sind schlanker, haben aber
sonst dieselbe Gestalt. Im Oberkiefer stehn zwölf, im Unter-
kiefer acht Zähne. Die Naslöcher sind massig gross, eins
vor dem andern gelegen und vor dem Auge, aber etwas un-
ter der Linie seines oberen Randes. Der senkrechte Durch-
messer des Auges ist kleiner als der Längsdurchmesser. Das
Praeoperculum ist bei dieser Art weniger rechtwinklig als bei
der vorigen. Der unlere abgerundete Winkel seiner Leiste
liegt vor dem hinleren Augenrande. Die Schuppen des Prae-
operculums sind auch viel kleiner und weniger deutlich.
Röhren strahlen vom Augenrande und von der Leiste des
Praeoperculums aus, wie bei E. Jacksoni. Der hintere Haul-
rand des Operculums ist schmaler : der Einschnitt zwischen
dem Suboperculum und Interoperculum liegt in der senk-
Archiv f. Naturgescli. XX. Jahrg. 1. Bd. J {
162 Agassis: Ueb. eine neue Familie von Fischen aus Californien.
rechten Linie des Hinlerrandes des Praeoperculums. Ein Hau-
fen von Schuppen liegt über der oberen Anheftung des Prae-
operculums. Die Rückenflosse unterscheidet sich sehr wenig
von der vorigen Art, erstreckt sich aber etwas weiter nach
vorn, indem ihr erster Stachel unmittelbar über dem hintern
Winkel des Operculums steht. Die Entfernung dieses Sta-
chels von der Schnauzenspitze reicht von ihm rückwärts bis
zum neunten weichen Strahl. Die hinteren Strahlen des
weichen Theiles sind kürzer als bei der ersten Species, aber
sie sind um drei Strahlen zahlreicher. Die Rückenflosse hat
ein und zwanzig Strahlen; sie ist vielleicht länger als bei der
anderen. Die Bauchflossen unterscheiden sich wenig. Die
Afterflosse unterscheidet sich dagegen bedeutend: sie ist sehr
klein und zusammengezogen, und liegt weit hinter den Bauch-
flossen. Die Schuppen an ihrer Basis von welligem Umrisse
sind viel mehr markirt als bei E. Jacksoni. Die Stachelstrah-
len sind sehr kurz, indem der letzte weniger als halb so
lang ist wie der folgende weiche Strahl; die Basis dieses
letzteren liegt genau unter der des fünfzehnten entsprechen-
den Strahles der Rückenflosse. Ihre hintere Basis und ihre
Endigung sind wie bei der ersten Species, Die Schwanzflosse
ist schlanker und liefer ausgeschnitten. Die Schuppen des
Körpers sind entschieden nicht so gross. Die Seitenlinie
folgt dem Umrisse des Rückens, wie bei E. Jacksoni; sie ent-
hält fünf und siebzig Schuppen.
Farbe hellolivenfarbig, dunkler längs dem Rücken, hell-
braune Längsbinden verlaufen zwischen den Schuppenreihen,
und dunklere Querbinden reichen vom Rücken bis zu den
Seiten des Körpers, und überragen im vorderen Theile des
Rumpfes die Seitenlinie nicht, während sie am Schwänze mehr
ausgeprägt sind und fast bis zur Afterflosse reichen. Kopf
schwarz und weiss scheckig. Rücken- und Schwanzflosse
schwarz und weiss gefleckt. Afterflosse mit einer ausgebreite-
ten schwarzen Zeichnung auf hellerem Grunde. Brustflossen
weiss. Bauchflossen weiss am Grunde, schwarz an der Spitze.
Es ist nur ein Weibchen beobachtet worden , welches
acht Junge in sich halte. Diese Art wurde durch Herrn T.
G. Gary in der Bai von San Francisco, Anfangs August 1853,
entdeckt.
lieber die systematische Stellung^ der Glat-
tung^ Cinbiotoca.
Bemerkung zur vorigen Abhandlung.
Vom
Heransg^elver«
Es ist in den meisten Fällen ungemein schwer, nach
blossen Beschreibungen ein solches Bild von einem Thiere
zu gewinnen, dass man ein sicheres Urtheil darüber zu fäl-
len im Stande wäre, ob die Species neu , oder etwa mit ei-
ner irgend wo beschriebenen identisch sei. Ja selbst wenn
Abbildungen beigegeben sind, bleiben oft Zweifel übrig. Der
beste Beweis für die Schwierigkeit solcher Kritik liegt wohl
darin, dass selbst geschickte Bearbeiter von Monographien,
trotz allem angewandten Fleiss und Scharfsinn, Missgriffe thun.
Es ist leicht durch eine unbestimmte Phrase gegen den Werth
einer Art Zweifel zu erregen, z. B. ,,dieseArt des Verfassers
scheint von der oder jener nicht verschieden;" solche Aeus-
serungen helfen jedoch eigentlich wenig, können aber sehr viel
schaden, wenn sie irrthümlich sind, und auf Autorität ange-
nommen werden. Ich enthalte mich daher in der Regel sol-
cher Aussprüche in den Jahresberichten, welche ich in diesem
Archiv über einige Thierklassen veröffentliche. Bei der grossen
Zahl als neu beschriebener Arten würde sogar die gründli-
che Vergleichungmit den bereits bekannten, und eine Entschei-
dung über ihre Berechtigung eine Arbeit und einen Zeitauf-
wand erfordern , der alle anderweitige Thätigkeit fast aus-
schliessen würde; abgesehen davon, dass dazu eine sehr
vollständige und wohlbestimmte Sammlung unerlässiich noth-
164 Troschel:
wendig wäre. Es ist die Aufgabe der Monographen, von Zeit
zu Zeit Alles in ihren Bereich Fallende zu sichten, und zur
Klarheit zu bringen.
In manchen Fällen jedoch , und namentlich in solchen,
wo die Beschreibung solche Vollständigkeit erreicht hat, dass
dem Leser keine etwa gestellte Frage unbeantwortet bleibt,
ist es möglich mit grosser Bestimmtheit zu entscheiden, ob
der Verfasser aus seinem Material die richtigen Resultate
gewonnen habe. In solchem Falle , und darin befinden wir
uns hier, ist es gewiss von grossem Nutzen, sogleich einen
Irrlhura zu berichtigen, bevor derselbe sich weiteren Eingang
verschafft.
Ohne Zweifel gewährt die eben beschriebene Gattung
Embiotoca von der Californischen Küste ein grosses Inter-
esse , und durch vollständige üebersetzung dieses Artikels
unseres berühmten , jetzt in Amerika lebenden Landsmannes,
dem kein geringer Anlheil an dem mächtigen Aufschwung
gebührt, den dort die beschreibenden Naturwissenschaften
in den letzten Jahren genommen haben, glaubte ich den
deutschen Zoologen eine interessante Bekanntschaft zu ver-
schaffen.
Es sei mir jedoch erlaubt, einige systematische Bemer-
kungen der Abhandlung beizufügen.
Agassiz bildet aus dieser Gattung eine eigene und
neue Familie, wozu er grossentheils wohl durch die Bewun-
derung der eigenthümlichen Fortptlanzungsweise angeregt
wurde. Diese Fische sincl lebendig gebärend. Beispiele von
lebendig gebärenden Fischen sind nicht selten, wir kennen
sie bei den Cyprinodonten, bei den Blennioiden und Anderen.
Jedoch nicht allein bei den Fischen, sondern auch bei ande-
ren Thierklassen, Amphibien, Mollusken, Insecten, Echinoder-
men u. s. w. finden sich Beispiele, dass nahe verwandte Gat-
tungen eierlegend und lebendig gebärend sein können; ja
zuweilen weichen einzelne Species von ihren eierlegenden
Gattungsgenossen dadurch ab, dass sie lebendige Junge zur
VTelt bringen. Unter solchen Umständen kann also der Fort-
pflanzungsweise allein nicht der Werth beigelegt werden, eine
Familie zu gründen, wenngleich es immer sehr bemerkens-
werth bleibt , dass diese Jungen bei ihrer Geburt schon so
Ueber die systematische Stellung der Galtung Embiotoca. 165
sehr gross, und so auffallend weit entwickelt sind. Ueber-
haupt hat man in neuerer Zeit der Entwickelungsgeschichte
einen viel zu bedeutenden Einfluss auf die Systematik zuge-
standen.
Agassiz vergleicht die neue Familie zunächst mit den
Percoiden und Sparoiden. Von beiden unterscheiden sie sich
auffallend genug, von ersteren durch den Mangel der Gau-
menzähne und der Bewaffnung der Kiemendeckelstücke, von
letzteren durch die Cycloidschuppen. Dann fügt er hinzu,
die dicken Lippen möchten an die Labroiden erinnern, geht
aber kurz darüber fort, indem er sagt, die Schuppen der Em-
biotoca seien weder verlängert, noch mit den charakteristi-
schen verästelten Röhren dieser Familie versehen.
Es hätte sehr nahe gelegen, bei der Entscheidung über
die letzte Frage^ nämlich ob die Fische Labroiden seien, das
wesentlichste Merkmal, welches J. Müller in die Verwachsung
der unteren Schlundknochen gesetzt hat, und worauf er seine
Unterordnung Pharyngognathi gründete, zu Rathe zu ziehen.
Dies hat der Verf. bei seiner Charakteristik der Familie un-
terlassen. Bei der Gatlungsdiagnose ist nur erwähnt, dass
die Schlundzähne pflastersleinarlig seien, was auch bei den
Labroiden der Fall ist. Bei der Beschreibung von E. Jack-
soni steht jedoch ausdrücklich : „die Schlundzähne bilden oben
zwei völlig bewegliche Platten, und eine dreieckige unten;
die Zähne des unteren Schlundknochens seien wie die der
oberen abgestutzt, nur die der hinteren Reihe seien länger
und zugespitzt." Damit ist jeder Zweifel gehoben , und wir
sind gezwungen, die Gattung Embiotoca in Müller's Unterord-
nung Pharyngognathi zu setzen.
Diese Abtheilung von Fischen beruht freilich nur auf
einem Merkmale, nämlich der Verwachsung der unteren
Schlundknochen , und ist daher eine künstliche. Ja es sind
sehr verschiedene Fische, Stachelflosser und Weichflosser, in
ihr vereinigt, während J. Müller nicht ganz consequent die
Anacanthini von den Acanthopteri getrennt hat, nur weil jene
Weichflosser, diese Stachelflosser sind. Möge man nun für
Vereinigung der Scomberesoces mit den übrigen Pharyngo-
gnalhen stimmen, oder sie voneinander als besondere Unter-
ordnungen trennen, soviel bleibt gewiss, dass die Gattung
166 Troschel:
Embiotoca mit den Stachelflossern unter den Pharyngognathen
in allernächster Verwandschaft steht, indem ausser den
Schlundknochen auch die fleischigen Lippen , die Fähnchen
an den Stacheln, die Agassiz bei Beschreibung der E. Jack-
soni ausdrücklich erwähnt , nnd die Cuvier als ein wesentli-
ches Merkmal seiner Labroidenfamilie ansah , sowie andere
Charaktere darauf hinweisen. Sie darf nicht von ihnen ge-
trennt werden. Wer etwa die Untersuchungen J. Müller's
ausser Acht lassen wollte, müsste doch wenigstens die Gat-
tung Embiotoca in die Cuvier-Valenciennes'sche Familie der
Labroiden setzen; denn sie weicht auch in keinem einzi-
gen Punkte von den Charakteren ab, welche Valenciennes
in der grossen Hist. nat. des poissons XIII. p. 12. für sie
aufstellte. Diese sind : Längliche Gestalt eines beschupp-
ten Körpers ; eine einzige Rückenflosse , vorn mit Stachel-
strahlen, meist mit Hautläppchen geziert; Kiefer von fleischi-
gen Lippen bedeckt; Gaumen glatt und ohne Zähne; drei
Schlundknochen, zwei obere und ein unterer: alle drei mit
Zähnen besetzt, die bald steinpflasterförmig, bald plattenför-
mig^ oder spitz sind; Darmkanal ohne Blinddärme und eine
Schwimmblase.
Durch J. Müller's Untersuchungen sind die Familienun-
terschiede der Labroiden noch durch einige Charaktere ver-
mehrt, und dadurch um so schärfer geworden. Dies geschah
deshalb, weil es darauf ankam, die eigentlichen Labroiden
(Labroidei cycloidei) von den Labroidei ctenoidei und Chro-
mides zu unterscheiden.
Die Chromiden *) sind Flussfische, haben meist Cte-
noidschuppen, meist einfache Nasenlöcher, keine Nebenkie-
men, vier vollständige Kiemen mit grosser Spalte hinter der
letzten, mit unterbrochener Seitenlinie, mit Blindsack des Ma-
gens; ohne Nebenkiemen. Alle diese Charaktere schliessen
die Gattung Embiotoca aus.
Unter den Labroidei ctenoidei wird sie wegen ihrer
Cycloidschuppen , der steinpflasterartigen Schlundzähne , der
ununterbrochenen Seitenlinie , und wegen des Mangels von
1) J. Müller: Ucber den Bau und die Grenzen der Ganoiden
p. 53.
lieber die systematische Stellung der Gattung Embiotoca. 167
Blindsack und Blinddärmen, keine Aufnahme finden können,
obgleich das Vorhandensein vier vollständiger Kiemen mit
sehr kleiner Spalte dahinter in Uebereinstimmung mit den La-
broidei ctenoidei steht.
Am grössten ist die Uebereinstimmung mit den La-
broidei cycloidei; ja ich finde eigentlich nur eine wesentli-
che DifTerenz von dieser Familie, nämlich die Beschaffenheit
<ler Kiemen. Agassiz sagt bei der Schilderung der Familie :
„Vier Kiemenbogen, deren jeder vier vollständige Kiemen,
jede mit zwei Reihen von Kiemenblättern, trägt. Die Oeff-
nung hinter dem letzten Bogen ist sehr klein.^^ Bei den La-
broidei cycloidei sind nur 3y2 Kiemen vorhanden, die hin-
tere Spalte fehlt ganz. Ich glaube, dass durch diesen Um-
stand der Eintritt in diese Familie verhindert ist. Wir ha-
ben zwar Beispiele, dass eine ähnliche Verschiedenheit der
Kiemen, z. B. bei den Panzerwanzen, keine Familiendifferenz
begründet, indessen solche Beispiele berechtigen noch nicht
zu einer slrengen Consequenz. Bei den Labroidei cycloidei
zeigt sich durch Uebereinstimmung einer grossen Reihe von
Gattungen, dass dieses Organ hier eine systematische Bedeu-
tung hat.
Dazu kommen einige Abweichungen, die noch nicht als
Familiencharaktere benutzt worden sind. Vielleicht die Be-
schaffenheit der Schuppen, von denen gesagt wird, dass sie
sich von den Labroiden unterscheiden, weil sie weder läng-
lich , noch mit den charakteristischen verzweigten Röhren
versehen sind, und die Schuppenscheide an der Rückenflosse,
die durch einen nackten Raum von den Schuppen des Kör-
pers getrennt ist.
Dies Alles , verbunden mit dem Lebendiggebären die-
ser Fische, führt zu dem Schluss, dass die Gattung Embio-
toca eine eigene Familie unter den Pharyngognathen bilden
werde, und zwar die zweite, welche zunächst mit den La-
broidei cycloidei verwandt ist.
Ihre Charaktere würden sich vollständig so stellen :
Farn. Holconoti seu Embiotocoidae. Stachelflosser
mit einer Rückenflosse, mit Haulläppchen hinter den Stachel-
strahlen ; Bauchflossen unter den Brustflossen ; Kinnladen mit
fleischigen Lippen bedeckt; Gaumen zahnlos; die untern
168
Troschel: Ueber die systematische Stellung etc.
Schlundknochen zu einem Stück verschmolzen mit steinpfla-
sterartigen stumpfen Zähnen; Magen ohne Blindsack, keine
Blinddärme; Schwimmblase gross, einfach; Cycloidschuppen
(breiter als lang?, ohne verzweigte Kanäle?); Rückenflosse
kann in eine Schuppenscheide niedergelegt werden; 4 Kie-
men, dahinter eine sehr kleine Spalte; Nebenkiemen. Sie ge-
bären sehr entwickelte lebendige Junge, und sind Seefische.
Eine generische Verschiedenheit der beiden Arten ver-
mag ich aus den Beschreibungen nicht zu erkennen.
lieber die IScIiwiminblase in der Familie
Oyiiinotiiii.
Von
J. Reinliardt*
Aus den videnskabelige Meddelelser fra den naturhisloriske Forening
i Kjöbenhavn for Aaret 1852. Kjöbenhavn 1853. p. 135. übersetzt
vom
Heraitsg-ebe r*
Wenn auch nicht so ganz wenige von den Formen, wel-
che die Fisch-Familie Gymnotini bilden, bereits bekannt ge-
worden , und in die Cataloge der Wissenschaft eingeführt
sind, darf man doch wohl annehmen, dass diese Gruppe im
Ganzen bisher zu den weniger erforschten gehört hat. Durch
die synoptische Bearbeitung der hierher gehörigen Gattungen
und Arten , welche J. Müller und Troschel ^) in der neue-
sten Zeit mitgetheilt haben, ist freilich ein nicht unwesentli-
cher Fortschritt in der Kenntniss dieser Fische geschehen;
aber da diese verdienstvolle Arbeit sich ihrer Natur nach
nur mit den äusseren Charakteren beschäftigt, ist man in Be-
ziehung auf den Innern Bau der Gymnotinen noch immer auf
die älteren hier und da zerstreuten Angaben angewiesen, und
diese sind sowohl sparsam, als auch meist nur wenig genü-
gend. Das Letzte gilt namentlich von einem Organ, welchem
die neuere Systematik eine höhere Wichtigkeit beigelegt hat,
nämlich von der Schwimmblase. Es liegen zwar ver-
1) Horae ichthyologicae. Drittes Hpft. ßcxUn 18^9.
170 Reinhardt:
schiedene Untersuchungen über das Verhalten dieses Orga-
nes bei verschiedenen Formen der Familie vor; aber obgleich
sie grösstentheils von anerkannten w^issenschaftlichen Autori-
täten herrühren, so sind sie doch seltsamer Weise theils un^
vollständig und ungenügend, theils einander vt^idersprechend.
Diese Unsicherheit in der Kenntniss eines so wichtigen Or-
ganes hat mich veranlasst eine Gelegenheit zu benutzen, um
die Beschaffenheit der Schwimmblase bei verschiedenen Gym-
notinen aus der Provinz Minas in Brasilien zu untersuchen.
Bevor ich jedoch zur Darstellung der Resultate dieser
meiner eigenen Untersuchungen übergehe, dürfte es passend
sein, in der Kürze die wichtigeren der früheren selbstslän-
digen Angaben anzuführen.
Soweit ich es habe in Erfahrung bringen können, sind
bisher drei Arten der Familie in Rücksicht auf die Schwimm-
blase untersucht worden, nämlich Gymnotus electricus L.,
Sternopygus macrourus (Bl.) und Slernopygus aequilabiatus
(Humb.).
Die erste dieser Arten ist wegen ihrer merkwürdigen
electrischen Eigenschaft öfters Gegenstand anatomischer Un-
tersuchungen gewesen, die gewöhnlich auch die Schwimm-
blase berührt haben. So erwähnt Hunter der Anwesenheit
dieses Organes, ohne es jedoch näher zu beschreiben ^).
Humbol dt, welcher reiche Gelegenheit hatte, die Zitteraale
in ihrer Heimath zu studiren, beschrieb und zeichnete ^) nur
eine einfache sehr lange Schwimmblase, die durch einen en-
gen Kanal mit dem Magen in Verbindung stehen soll. Etwas
früher als Humboldt halte der Schwede Fa hl b erg ein Exem-
plar von diesem Fisch untersucht; auch er 3) schrieb ihm
nur eine, sehr lange, fast bis zur Schwanzspitze reichende
Schwimmblase zu; aus seiner Beschreibung sowohl wie aus
der dieselbe begleitenden Figur geht es indessen hervor, dass
er ausserdem eine andere mehr nach vorn gelegene Blase
1) Philosophical Transactions 1775. Vol. LXV. p. 395. sqq.
2) Recueil d'observations de Zoologie et d'anatoraie comparee.
Vol.I. p.63., pl.X. Fig. 3.
3) Koiigl. Yetenskaps Academ. nya Handlingar. Tom, XXH. för
°r 1801. Pag. 143. et 149.
Ueber die Schwimmblase in der Familie Gymnolini. 171
gefunden hat; ja er beschreibt auch einen beide verbinden-
den Kanal, und bildet ihn ab, aber, befangen in einigen un-
erklärlichen Missdeutungen mehrerer innerer Organe, hat er
nicht vermocht, in der vorderen Blase eine zweite Schwimm-
blase zu erkennen; auch giebt er keine Verbindung zwischen
einem der genannten Organe und dem Darmkanal an. Cu-
vier scheint der erste zusein, der ausdrücklich dem Zitter-
aal zwei Schwimmblasen zuschreibt; in der ersten Ausgabe
des Regne animal ^) führt er nämlich das Vorkommen von
zwei Schwimmblasen unter den Charakteren für „les gymnotes
vraies^^ an, und da er in einer Note bemerkt, dass die hin-
terste dieser Blasen nach Humboldts Untersuchungen bei Gym-
notus aequilabiatus zu fehlen scheine, kann die Angabe, die
unverändert in die Ausgabe von 1829 — 30 übergegangen ist,
sich nur auf den Zitteraal beziehen. Cuvier erwähnt die
Lage und Gestalt der Blasen, aber von einer Verbindung
zwischen ihnen theilt er nichts mit, ebensowenig wie er
sagt, ob sie mit dem Oesophagus communiciren oder nicht.
In der neueren Zeit endlich hat Valentin einen neuen Bei-
lrag zur Anatomie des Zitteraales gegeben 2) ; ich kenne
diese Abhandlung nur aus einer Anzeige von J. Müller in
seinem Archiv für Anatomie und Physiologie 3), aber daraus
scheint hervorzugehen, dass unsere Kenntniss der Beschaf-
fenheit der Schwimmblase kaum einen Fortschritt durch diese
Arbeit gemacht kaben kann, da der Verfasser die vorderste
Schwimmblase wohl gesehen, aber missdeutet hat.
Ueber die Schwimmblase der beiden anderen der oben
genannten Gymnotinen sind weniger Angaben.
Bei Sternopygus macrourus (Bl.) hat v. Baer^) zwei
durch einen ansehnlichen Zwischenraum getrennte Blasen ge-
funden, von denen die vorderste einen Luftgang an ihrem
hintersten Ende, die hinterste an ihrem vordersten Ende hat ;
1) Tome IL p. 236.
2) Neue Denkschr. d. allg. schweizer. Gesellschaft f. d. Natur-
wissenschaft. Bd. VI.
3) Jahrgang 1842. CCXXVIII.
4) Untersuchungen über die Entwickelungsgeschichlc der Fische
ct. p.43.
172 Reinhardt;
das ist die erste Angabe von zwei Luftgängen, die ich habe
finden können, und wir werden im Folgenden zeigen , dass
hier nur wenig fehlt , um das wirkliche Verhalten mit der
nöthigen Bestimmtheit auszudrücken.
lieber die Schwimmblase bei Sternopygus aequilabiatus
liegen zwei Angaben vor. Humboldt, welcher auf seiner
Reise diese Art im Magdalenenflusse entdeckte, legt ihr nur
eine einzige ganz kleine Schwimmblase bei >), die im Gegen-
satz zu der weit hinten liegenden Blase des Zitteraales im
vorderslen Theil des Leibes liegt, und einen feinen Luftgang
zum Magen sendet. Eine abweichende Darstellung findet
sich in J a c o b i's Dissertation über die Schwimmblase der
Fische; nach diesem Verfasser sollen sich bei Gymnotus ae-
quilabiatus zwei Schwimmblasen finden, welche nicht in Ver-
bindung mit einander stehen, und zwei Luftgänge, von wel-
chen der vorderste von dem hintersten Ende der ersten
Blase, der andere von dem vordersten Ende der hintersten
Blase entspringt 2).
Ich wende mich nun zu meinen eigenen Untersuchun-
gen, zu denen ich Arten benutzen konnte, die zu dreien von
den fünf Gattungen der Familie gehörten, nämlich: einen
Carapus, den ich mich für jetzt ausser Stand sehe, mit Si-
cherheit von der älteren Art zu unterscheiden; ferner zwei
neue Arten der Gattung Sternopygus, von denen die eine, S.
Marcgrami nahe mit S. macrourus (Bl.) verwandt ist, die an-
dere, S. microstomus, zu der Gruppe ohne Augenlieder ge-
hört, und endlich eine, wie ich glaube, neue Art Sternarchus
brasiliensis m. Bei allen vieren habe ich die Schwimmblase
nach demselben Typus gebildet gefunden. Bei ihnen allen ist
dieses Organ doppelt; in dem vordersten Theil der Bauch-
höhle findet sich nämlich dicht unter dem Rückgrat eine kleine
Schwimmblase, welche hinten abgerundet und vorn in der
Mitte etwas ausgerandet ist, indem sie mit zwei vorspringen-
den stumpfen Hörnern versehen ist; an der Bauchseite der
1) Rccucil d'observat. de zool. et d'anat. comp. Tom. I. p.47.
pl. X. Fig. 2.
2) De vesica aerea piscium cum appendice de vesica aerea cel-
lulosa Erythrini. Berolini 1842. ,
lieber die Schwimmblase in der Familie Gymnotini. 173
Blase laufen diese in eins mit der übrigen Oberfläche, aber
an der Rückenseite bilden sie zwei gewölbte Hervorragun-
gen, die durch eine Furche von dem dahinter liegenden Theii
der Blase scharf abgegrenzt, und von einander durch einen
vertieften Zwischenraum getrennt sind. Von den beiden
Hautschichten dieser Blase ist die äussere dicii, seidenglän-
zend und sehr elastisch, die innere ist ein dünnes, schlaffes
und durchsichtiges Häutchen ohne eine Spur von Blutdrüse,
und beide sind so lose verbunden, dass man mit Leichtigkeit
die äussere Haut durch einen Schnitt öffnen und darauf die
innere Blase herausnehmen kann, ohne dass sie irgend eine
Beschädigung erleidet.
In einiger Entfernung hinter dieser vorderen Schwimm-
blase findet sich dann hinten in der Bauchhöhle eine mehr-
mals grössere Blase, die mit ihrem vordersten Ende
den hintersten Theil der Niere bedeckt, und übrigens dicht
am Rückgrat liegt, jedoch nur lose an dieser Lagerstätte
mittelst ihrer Peritoneal-Bekleidung befestigt ist; ihre äussere
Haut ist beträchtlich dünner als die entsprechende an der
vorderen Blase, schlaff und mehr oder weniger durchsichtig,
und lässt sich nicht so wie jene von der inneren trennen.
Diese beiden Blasen sind inzwischen nicht ganz ohne
Verbindung mit einander. Von dem hinteren Ende der vor-
deren entspringt nämlich ein feiner Kanal ') , welcher nach
hinten mitten zwischen den Nieren gegen die hinterste
Schwimmblase verläuft, um in grösserer oder geringerer Ent-
fernung von ihr sich mit einem entsprechenden, von ihrem
vorderen Ende entspringenden Gange zu vereinigen, der dann
seinen Lauf nach vorn und etwas schräg abwärts fortsetzt,
1) Es ist nicht ganz leicht zu erkennen , ob es ein Kanal ist,
oder ein solider Strang, der von der vordersten Blase abgeht; ich
glaube indessen, dass das erste der Fall ist; denn bei einer der un-
tersuchten Arten (S. Marcgravii) ist es mir einmal gelungen, in einem
feinen Strahl den von der vorderen Blase aufgesogenen Spiritus durch
den abgeschnittenen Lufgang auszupressen, und bei S. microstomus
habe ich unter dem Mikroskop innerhalb desselben Luftblasen und
kleine Luftsäulen gesehen, die durch den eingesogenen Branntwein
abgesperrt waren und sich vor- und rückwärts bewegten, wenn ich
aussen auf den Luftgang drückte.
174 Reinhardt:
und sich endlich in die Rückseite dej* Wandung der Speise-
röhre öffnet, nahe an deren Uebergang- in den Magen, durch
eine kleine aber leicht ins Auge fallende Oeffnung. Da beide
von den Blasen entspringenden Kanäle meist dieselbe Dicke
haben, liegt die Vermuthung nahe, dass der von der vorder-
sten Blase kommende im Grunde nichts anderes sei, als die
Einschnürung zwischen den beiden Abtheilungen der Schwimm-
blase bei den Karpfen und Characinen, welche hier zu ei-
nem langen Rohr ausgezogen ist , von welchem dann der
Luftgang entspringt, anstatt wie bei den obengenannten Fa-
milien von der hintersten Schwimmblase auszugehen. Wenn
ich dennoch nicht geglaubt habe, einer solchen Erklärung
folgen zu müssen, so hat dies seinen Grund in dem Um-
stände, dass bei der untersuchten Carapus-Art ein so gros-
ses Missverhältniss zwischen der Weite der beiden Luftgänge
stattfindet, dass es hier unverkennbar ist, dass der von der
vordersten Blase kommende nicht die hinterste Schwimmblase
erreicht, sondern wirklich in einem Abstände von ihr in den
viel dickeren Luftgang einmündet, den sie aussendet. Es
wäre jedoch möglich, dass das Verhältniss in einem sehr frü-
hen Stadium ein anderes wäre , und mit völliger Gewissheit
kann die Frage wohl kaum anders als durch die Enlwicke-
lungsgeschichte gelöst werden.
Wie ich bereits bemerkt habe, bleibt der oben beschrie-
bene Typus der Schwimmblase im Wesentlichen derselbe bei
allen untersuchten Formen ; in gewissen untergeordneten Be-
ziehungen zeigen sich jedoch Modificationen, hauptsächlich
in Betreff der Gestalt und Grösse der hinteren Schwimmblase,
ferner in Hinsicht auf die Entfernung der Blasen von einan-
der, die relative Dicke der Luftgänge, und endlich in Hin-
sicht auf die Stelle, wo der vorderste Luftgang sich mit dem
hintersten vereinigt, bald etwas näher bald etwas entfernter
von seinem Ursprung. Wie jedoch auf diese Abweichungen
schon an und für sich kein grosses Gewicht gelegt werden
zu können scheint, ebenso ist es zweifelhaft, in wie fern
sie sich mit äusseren Charakteren in Uebereinstimmung brin-
gen lassen, so dass gewisse Modificationen gewissen Gattun-
gen oder Gruppen eigenthümlich wären.
Vergleicht man nun die oben gegebene Darstellung mit
Ueber die Schwimmblase in der Familie Gymnotini. 175
den älteren Angaben über die Schwimmblase bei andern For-
men der Gymnotinen, so kann fürs Erste kaum ein Zweifel
darüber stattfinden, dass dieses Organ auch bei Gymnotus
electricus durchaus die von mir beschriebene Bildung hat.
Nicht allein die Anwesenheit zweier Blasen ist hinlänglich
constatirt ; sondern es geht ferner aus Fahlberg's Abhandlung
hervor, dass die vorderste von ihnen ganz die eigenlhümli-
che Gestalt hat, welche dieselbe bei den vier von mir un-
tersuchten Gymnotinen auszeichnet; selbst eine Verbindung
der beiden Blasen durch einen feinen Kanal ergiebt sich aus
seiner Beschreibung und Abbildung '), und es ist so nur der
zur Speiseröhre gehende Luftgang , welcher ihm enigangen
ist; derselbe ist jedoch von Humboldt angezeigt, der dage-
gen nicht nur den vordersten Luftgang , sondern auch die
Blase, aus der er entspringt, übersehen hat.
Auch in v. Baer's Beschreibung der Schwimmblase bei
Sternopygus macrourus (Bl.) findet man denselben Typus
wieder, und es fehlt nur eine Angabe über den Verlauf und
die Vereinigung der beiden Luftgänge, damit das ganze cha-
rakteristische Verhalten bereits von diesem Verfasser hervor-
gehoben wäre.
Zweifelhafter könnte es scheinen , ob man auch Hum-
boldts Gymnotus aequilabiatus die oben beschriebene Bildung
der Schwimmblase zuschreiben könnte , da er ausdrücklich
angiebt, nur eine einzige Schwimmblase bei ihm gefunden
zu haben; freilich haben wir schon oben gesehen, dass in
Jacobi's Dissertation eine entgegengesetzte Angabe vorliegt,
aber obgleich dieselbe in einige der neuesten Lehrbücher
und Systeme der Zootomie übergegangen ist , zweifle ich
doch sehr, dass man sich darauf verlassen darf. Es ist näm-
lich schon auffallend, dass Jacobi in seiner Beschreibung der
Schwimmblase bei dem erwähnten Fisch ^) mit keinem Wort
die frühere abweichende Angabe erwähnt, und sich überhaupt
so ausdrückt, dass man nicht ersehen kann, ob er an dieser
Stelle eine eigene Beobachtung mitlheilen , oder sich bloss
auf die Untersuchungen Anderer beziehen will. Weiterhin
1) L. c. p. 144. Tab. II.
2) De vesica aera piscium etc. p. 10.
176 Reinhardt:
in seiner Abhandlung i) erinnert er demnächst an v. Baer's
Beobachtung von zwei Schwimmblasen bei Sternopygus ma-
crourus, und weist bei der Gelegenheit auf seine erste An-
gabe im §. 6. der Abhandlung hin , obgleich an der letzten
Stelle von einem ganz anderen Fisch die Rede ist, als an
der ersten. Fügt man nun hinzu, dass Jacobi's Beschreibung
der Schwimmblase bei Gymnotus aequilabialus nicht das Min-
deste mehr enthält, als was v. Baer bereits früher über die
Bildung dieses Organs bei Sternopygus macrourus mitgetheilt
hatte, so erscheint es mir wahrscheinlich , dass Jacobi auch
an der ersten Stelle in seiner Dissertation nur die Absicht
gehabt hat, v. Baer's Beobachtung über den letzteren Fisch
anzuführen, und dass das Wort aequilabialus durch einen
Schreibfehler eingeflossen ist; und diese Vermuthung dürfte
noch an Wahrscheinlichkeit gewinnen, wenn man in Erwä-
gung zieht, dass J. Müller und Troschcl noch im Jahr 1849
die lelzlgenannle Art nur aus Humboldt's Beschreibung kann-
ten, obgleich die erwähnte Dissertation in Berlin geschrie-
ben, und zum Theil sogar nach dem Material ausgearbeitet
ist, zu welchem J. Müller dem Verfasser den Zutritt ge-
stattete.
Aber wenn man somit scheinbar aus Jacobi's Angabe
nichts schliessen kann , dürfte es doch nach Humboldt's ei-
gener Beschreibung und Abbildung wahrscheinlich bleiben,
dass auch Gymnotus aequilabialus in der Bildung der Schwimm-
blase sich den übrigen Arten anschliesse. Die eine Schwimm-
blase, welche er diesem Fisch zuschreibt, liegt nämlich nicht
bloss ganz an derselben Stelle, \Ae die vorderste Blase bei
den übrigen Gymnotinen, sondern man sieht zugleich aus
der Beschreibung. und der beigegebenen Abbildung, dass sie
ganz und gar die für diese erste Schwimmblase charakteri-
stische Form hat, und ihren Luftgang genau von derselben
Stelle wie diese aussendet. Wäre jedoch diese Art wirklich
von der Natur bestimmt, nur eine einzige Schwimmblase zu
besitzen, so ist es wenig wahrscheinlich, dass dieselbe als ein
blosses Bruchstück des bei anderen Formen verdoppelten Or-
gans aultreten, und als solches seiner Bestimmung entspre-
1) L. c. p. 14.
Ueber die Schwimmblase in der Familie Gymnotini. 177
chen können sollte; man müfsle in solchem Falle unzwei-
felhaft erwarten , die einzige Schwimmblase nach einem
eigenen Typus und somit verschieden in Bau und Form
von der ersten Schwimmblase der übrigen Gymnotinen zu
finden.
Ich glaube daher nicht, einen übereilten Schluss zu ma-
chen, wenn ich annehme, dass die hinterste Schwimmblase
bei Gymnotus aequilabiatus übersehen worden ist, und dass
der oben beschriebene Typus für die Gymnotinen-Fa-
milie allgemein gültig, und gleichsam charakteristisch
für sie ist, wie die durch eine Einschnürung in zwei Abthei-
lungen gelheilte Schwimmblase es für die Familien der Kar-
pfen und Characinen ist.
Es ist aber noch eine Bildung an der Schwimmblase der
Gymnotinen, welche von grosser Bedeutung ist; die vor-
derste Blase ist nämlich vermittelst sogenann-
ter Gehörknöchelchen mit dem Ohre inVerbin-
dung gebracht. Eine solche Verbindung hat v. Baer be-
reits vor einer Reihe von Jahren bei Sternopygus macrou-
rus (Bl.) ^) gefunden; aber seine Beobachtung scheint trotz
ihrer Wichtigkeit bisher übersehen worden zu sein. Ich kann
nun die Richtigkeit auch bei den Arten bestätigen, die ich
untersuchen konnte, und es kann daher keinem Zweifel unter-
worfen sein, dass diese „Gehörknöchelchen* einen der gan-
zen Familie zukommenden Charakter bilden.
Die Art, wie diese Verbindung der Schwimmblase mit
dem Ohre zu Stande gebracht wird, ist im Wesentlichen die-
selbe wie bei den Karpfen. Es findet sich an jeder Seite
eine Reihe von drei Knöchelchen , von denen der hinterste
mit seinem einen Ende unter einen stark entwickelten Fort-
satz des vierten Wirbels sich erstreckt, auf dessen innere
concave Seite sich die vorspringenden Zipfel der vordersten
Schwimmblase stützen , während dieser kleine Knochen sich
so mit dem einen Ende an die Schwimmblase anlehnt, ist er
1) L. c. p. 43. : V. Baer berührt übrigens dies Verhältniss nur
beiläufig, ohne sich auf eine nähere Beschreibung einzulassen; seine
Worte sind: „(vordere) kleine Schwimmblase, an welche sich Gehör-
knöchelchen anlegen."
Archiv f. Naturgesch. XX. Jahrg. 1. Bd. 12
178 Reinhardt:
durch eine von seiner vordersten Spitze ausgehende Sehne
mit dem mittelsten Gehörknöchelchen verbunden; dieses ist
wieder durch eine Sehne an das vorderste geheftet, welches
sich unmittelbar auf den Schädel stülzt. Selbst in der Gestalt
der einzelnen Knöchelchen findet grosse Uebereinstimmung
mit den Karpfen statt. Das hinterste, der sogenannte Ham-
mer, ist ein flacher, halbmondförmiger Knochen, von dessen
innerem concaven Rande ein Zapfen abgeht, mittelst dessen
er in eine tiefe Grube an der Seite des dritten Wirbels ein-
gelenkt ist: er hat eine etwas schräge Lage, und während
sein hinterster Theil unter den erwähnten Querfortsatz am
vierten Wirbel herabreicht, ruht sein vorderstes Ende auf dem
gleichfalls stark entwickelten Querfortsalz am zweiten Wir-
bel. Diese beiden Fortsätze sind bei einigen Arien durch
Sehnenband vereinigt, bei anderen sogar theilweis verwach-
sen; in beiden Fällen bilden sie zusammen einen Ring, der
den Hammer umschliesst, und durch welchen derselbe herab-
ragt, um sich an die Schwimmblase anzulehnen. Das mitt-
lere Knöchelchen, der Amboss, ist das kleinste von allen,
und theilt sich in drei Fortsätze ; durch zwei von diesen steht
es mittelst Sehnen in Verbindung mit den beiden anderen
Knöchelchen, durch den dritten befestigt es sich an den zwei-
ten Wirbel. Das vorderste Knöchelchen, der Steigbügel, wen-
det sich mit seiner vorderen ausgehöhlten Fläche gegen den
Vorhof zu dem sogenannten Sinus impar, und ist mit einem
kleinen Fortsalz in eine Vertiefung an der Oberseite des er-
sten Wirbels eingelenkt '). Von den Wirbeln, mit denen die-
ser Apparat von Knöchelchen in Verbindung steht, ist der
erste sehr klein, und hat gleichwie der dritte keinen Proces-
sus transversus, während der zweite und vierte Wirbel die-
sen Fortsalz stark entwickelt haben, jedoch in verschiede-
1) Den besonderen Ideinen Knochen, welcher bei den Karpfen
und Welsen einen Theil der „Atria sinus imparis" deckt , habe ich
nicht bei den Gymnotinen gefunden; da jedoch die Gehörlinöchelchen
hier so sehr klein sind (ist bei einigen kaum ein halb Millimeter),
und da ich diesen Theil der Untersuchung nicht bei mehreren Exem-
plaren wiederholen konnte, so bin ich nicht ganz sicher, dass dieses
„Claustrum« wirklich bei den Gymnotinen fehlt.
Ueber die Schwimmblase in der Familie Gymnolini. 179
nem Grade bei den verschiedenen Arten. Erst der fünfte Wir-
bel trägt Rippen ').
Wenn die oigenlhümliche Bildung der Schwimmblase
künftig zu den Charakteren hinzugefügt wird , welche man
bereits für die Gymnotinen geltend gemacht hat, so ergieht
sich immer bestimmter , dass sie eine wohl begründete und
scharf begrenzte natürliche Familie bilden ^) , aber zugleich
entfernen sich diese Fische dadurch noch weiter von den Aa-
len, und es bleiben hauptsächlich negative Charaktere übrig,
namentlich der Mangel der Baiichflossen und Nebenkiemen,
die sie noch an dieselben knüpfen, während sich sonst in al-
len wichtigeren Organisalionsverhältnisscn Abweichungen und
Unähnlichkeiten zeigen. Es bleibt von positiven Charakteren
fast nur eine gewiss habituelle Aehnlichkeit in der Körper-
form übrig, und selbst diese ist im Grunde nur bei dem Zit-
teraal recht hervortretend, der nicht einmal zu den typischen
Formen der Familie gehört, und der wohl nicht so lange als
die Grundform der Gymnotinen gegolten hätte, wenn nicht
seine electrische Eigenschaft von Anfang an die Aufmerksam-
ke'd mehr auf ihn gelenkt hätte, als auf die übrigen verwand-
ten Formen. Wenn daher Joh. Müller nach Entfernung der
Gattungen Ophidium, Fierasfer und Ammodytes von den „ An-
guilliformes^^ die übrigen Gattungen dieser Cuvier'schen Gruppe
in drei coordinirte Familien: Muraenoidei, Symbranchii und
Gymnotini vertheilt, so kann es schwerlich geleugnet werden,
dass diese Familien einen sehr verschiedenen Werlh haben,
indem die Verschiedenheit zwischen den Gymnotinen und je-
der einzelnen der beiden anderen Familien weit grösser ist
als die zwischen diesen beiden. W^ährend es augenschein-
lich ist, dass eine nahe Verwandtschaft die Muraenoidei und
Symbranchii vereinigt, scheinen die Gymnotini nach einem
1) Bei den Karpfen ist dieses Verhalten etwas anders, denn da
bat der dritte Wirbel einen grossen Processus transversus.
3) Wo Gymnarchus endlich seinen Platz finden wird, ist wohl
»ehr zweifelhaft; aber jedenfalls gehört er gewiss nicht zu den Gym-
notinen, mit denen er im Skelet keine Aehnlichkeit hat; vergl. Erdl's
Beschreibung des Skeletes von Gymnarchus niloticus ct. in den Ab-
handl. der mathem. physical. Classc d. Königl. Bayerischen Acad. d.
Wissensch. Y. Band.
180 Reinhardt:
ganz anderen Typus gebaut zu sein und durch ihre Schwimm-
blase eine Art Annäherung an gewisse mit Bauchflossen ver-
sehene Familien aus der Ordnung der Physostomen zu zei-
gen, und etwa namentlich an die Characinen. Will man in-
nerhalb der Ordnung der Physostomen eine Abtheilung Apoda
beibehalten, so wäre es gewiss am richtigsten, wenn darin
den Gymnotinen eine aus den Muraenoidei und Symbranchii
gebildete Gruppe entgegengesetzt würde; zieht man es jedoch
vor, die Abtheilung in ihrer gegenwärtigen Form mit den
drei coordinirten Familien bestehen zu lassen, so darf man
jedenfalls mit den Gymnotinen nicht schliessen 0^ sondern
muss mit ihnen beginnen; und noch weniger ist es zulässig,
dieselben zwischen die beiden anderen zu schieben 23.
Ich füge nun eine kurze vorläufige Charakteristik der
im Vorhergehenden angeführten neuen Arten hinzu :
Sternopijgus Marcgravn Rh dt 3)
Die Augen sind mit einem kreisrunden Augenliede ver-
sehen, und der Kiemeudeckel ist mit einem Hautsaum an der
Stelle eingefasst, wo die Kiemenhaut an ihm feslgewachsen
1) Wie in der 3ten Ausgabe von Wiegmann's undRuthe's Hand-
buch der Zoologie. Berlin 1848. S.243.
2) So findet es sich in der Bearbeitung der Fische in Richard
Schomburgk's Reisen in Britisch Guiana. 3. Theil. Versuch einer Fauna
und Flora ct. Leipzig 1848. S.638.
3) An merk, des Herausgebers. Scheint sich von St. ma-
crourus nicht zu unterscheiden, da die Verschiedenheit lediglich auf
einigen Maassen beruht, bei denen der Augendurchmesser als Einheit
benutzt ist. Ich würde mehr Vertrauen auf die Artberechtigung ha-
ben, wenn Verf. durch unmittelbare Vergleichung an Exemplaren diese
Differenz in den Verhältnissen bemerkt hätte. Dies ist jedoch nicht
der Fall gewesen ; Verf. hat nur mit den gedruckten Angaben ver-
gleichen können, und eine wenig andere Auffassung des Augendurch-
messers wird leicht Abweichungen in den Zahlen der Verhältnisse
zulassen. Von dem Vorhandensein hecheiförmiger Zähne am Gaumen
habe ich mich bei einem Exemplare des Bonner Museums überzeugt.
Es ist ein länglicher Streifen jederseits. Carapus hat keine Gaumen-
zähne.
Ueber die Schwimmblase in der Familie Gymnotini. 181
ist. Der Augendurchmesser ist ungefähr dreimal in der Ent-
fernung der Augen, und viermal in der Entfernung des Au-
ges von der Schnauzenspitze enthalten. Ausser den hechei-
förmigen Zähnen im Zwischenkiefer findet sich jederseits am
Gaumen eine Gruppe von 17 bis 20 kleinen Zähnen, die ziem-
lich regelmässig in zwei bis drei Längsreihen geordnet sind.
Die Länge des Kopfes (bis an den Nacken gerechnet) ist
zehn- bis elfmal in der ganzen Länge enthalten. Der Ober-
kiefer ragt kaum ein wenig über den Unterkiefer hervor.
Die Afterflosse beginnt unter der Wurzel der Brustflossen ;
die Anzahl ihrer Strahlen ist 231 bis 255 (nach der Unter-
suchung von zehn Exemplaren).
Der lebende Fisch ist einfarbig, dunkel chokoladenbraun
ohne Spur von dunklen Flecken oder Zeichnungen; in Wein-
geist bleicht die Farbe nur unbedeutend aus.
Die gewöhnliche Grösse ist etwa 370Millim., doch habe
ich Exemplare gesehen, die bis 462 Millim. lang waren.
Im Rio das VelhaSj einem Nebenfluss des San Francisco.
Da die früheren Verfasser keine Gaumenzähne bei der
Gattung Sternopygus angeben, würde ich mehr Gewicht auf
ihr Vorkommen bei der hier beschriebenen Art gelegt haben,
wenn ich nicht zugleich auch dergleichen bei dem folgenden
Sternopygus microstomus gefunden hätte, der in eine andere
Gruppe von Arten gehört ; denn dadurch entsteht leicht die
Vermuthung, dass sie vielleicht nur bei den älteren Arten
übersehen sind, zumal da sie so äusserst klein sind, dass
namentlich bei den kleinmäuligen Arten, eine äusserst sorg-
fältige Untersuchung erfordert wird, um sie zu bemerken.
Sternopygus microstomus Rhdt. i).
Die Haut überzieht die Augen , ohne ein Augenlied zu
bilden, und der Kiemendeckel hat keinen Hautsaum. Die Au-
gen sind verhältnissmässig gross, ihr Durchmesser ist andert-
halb mal in der Entfernung der Augen von einander enthal-
ten. Der Mund ist ausnehmend klein; die Breite des aufge-
1) Anmerk. des Herausgebers. Diese Art scheint mir
von St. lineatus Müll. Trosch. nicht verschieden, aus denselben Grün.,
den, welche ich in der Kote «ur vorigen Art dargelegt habe.
182 lleinhardt:
sperrten Rachens ist kaum so gross wie der Augendurch-
messer, und der Oberkiefer ist merklich kürzer als dieser.
Die Gaumenzähne verhalten sich wie bei S. Marcgravii, sind
jedoch noch kleiner. Die Entfernung der Schnauzenspitze
vom Auge ist ungefähr gleich der Breite desselben.
Der Körper ist sehr zusammengedrückt, bandförmig;
seine grössle Höhe (die Afterflosse ungerechnet) fälltauf die
Spitze der Brustflossen , und ist sieben bis sieben und ein
halb mal in der ganzen Länge enthalten ; die Dicke an dieser
Stelle beträgt nicht voll ein Drittel der Höhe.
Die Afterflosse beginnt unter der hintersten Wurzelecke
der Brustflossen und enthält 202 Strahlen.
Die Grundfarbe ist weisslich , aber Rücken und Seiten
bis eine Sirecke unter der Seitenlinie sind sehr dicht mitganz
feinen Punkten übersäet, was diesen Theilen einen bräunli-
chen Anstrich giebt. Die Seitenlinie bildet einen dunklen Strei-
fen, ein ähnlicher findet sich längs der Wurzel der After-
flosse, und ein dritter verläuft zwischen diesen beiden in der
Nähe des untersten.
Er erreicht eine Länge von 140 Millim.
Im See Lagoa Santa dicht bei dem Dorfe gleiches Namens.
in der Farbe gleicht er sehr dem S. lineatus M. T.,
unterscheidet sich aber von diesem besonders durch die ge-
ringere Entfernung der Augen und den ausserordentlich klei-
nen Mund.
Siernarchus brasiliensis Rhdt.
Der Körper sehr zusammengedrückt; der Kopf (bis zum
Nacken gemessen) ist 9 bis lOmal in der ganzen Länge ent-
halten; er ist von der Seite zusammengedrückt, und langge-
streckt keilförmig. Die Mundöff'nung ist ziemlich kurz; in je-
dem Zwischenkiefer findet sich eine kleine längliche Zahn-
gruppe, die aus einigen wenigen kaum merklichen Zähnen
besteht; im Unterkiefer sind die Zähne merklich grösser und
in zwei Reihen geordnet, von denen die innerste schräg ein-
wärts gerichtet ist. Die Augen sind sehr klein, und von der
Haut überzogen; ihre Entfernung von einander ist wenig
mehr als doppelt so gross, wie ihr Durchmesser. Der After
liegt wenig weiter hinten als die Augen. Die Brustflossen
haben 18 Strahlen, ihre Längte betrögt etwa ^jj dpr Kopflänge,
Ueber die Schwimmblase in der Familie Gymnotini. 183
Die Afterflosse beginnt wenig vor der Kiemenspalte,
und enthält 177 bis 185 Strahlen (nach der Untersuchung von
4 Exemplaren). — Die Schwanzflosse ist abgerundet und hat
19 bis 20 Strahlen.
Der ganze Fisch ist dunkel chokoladenfarbig; er erreicht
eine Länge von 400 Millim., und findet sich im Rio das Velhas.
Diese Art steht zwar Sternarchus albifrons sehr nahe;
ich habe indessen doch nicht gewagt, sie mit ihm zu vereini-
gen, weil das Auge kaum halb so gross ist wie es nach
Pallas 's Beschreibung ') bei gleichgrossen Exemplaren der
anderen Art sein soll; weil sich ferner bei der letzten Art
bedeutend weniger Strahlen in der Afterflosse finden, und noch
nicht hinlängliche Erfahrungen vorliegen , um zu bestimmen,
in welchen Grenzen sich die Anzahl dieser Strahlen in einer
und derselben Art hält; und endlich weil sich ein so auf-
fallender Unterschied in der Farbe findet. Dürfte man ferner
annehmen, dass Fallas's Abbildung ganz naturgetreu wäre, so
würde die brasilianische Art eine merklich längere und spit-
zere Schnautze haben, als die von Surinam.
Ich kann diesen Fisch nicht verlassen, ohne den eigen-
thümlichen vom Rücken entspringenden Anhang zu berühren,
der noch immer unter die Galtungsmerkmale aufgenommen
wird. Bereits Cuvier hat in der ersten Ausgabe des Regne
animal 2) die Vermuthung ausgesprochen, dass er nur künst-
lich von der übrigen Haut getrennt wäre, und diese Meinung
ist vollkommen richtig; bei dem lebenden oder unlängst ge-
tödteten Fisch habe ich niemals eine Spur davon gefunden,
und erst wenn der Fisch einige Zeit in Spiritus gelegen hat
und wiederholten Manipulationen ausgesetzt worden ist, lö-
set sich der lange Hautstreifen, welcher den Anhang bildet.
Selbst nachdem dies geschehen ist, wird er noch anfänglich
an der Furche, in die er passt, mittelst sehr feiner Sehnen-
fäden festgehalten; aber diese zerreissen leicht, und der An-
hang löset sich dann ganz. Der Grund, dass dies so leicht
und stets in derselben Weise geschieht, scheint darin zu lie-
gen, dass die oberste Schuppenreihe am hintersten Theil des
1) Spicilegia zoologica. Fasciculus septimus S.36. lab. VI.
2) L. c. Tom.IIL S.238. in der Nole.
184 ReinHardtt Ueb. d. Schwimmblase in d. Familie Gymttotini.
Stark zusammengedrückten Körpers sich nicht genau an die
entsprechende der entgegengesetzten Seite anschliesst, son-
dern dass längs der schmalen Rückenfläche eine Furche zwi-
schen ihnen übrig bleibt, die nach hinten immer schmaler
wird, bis sie in einiger Entfernung vor der Schwanzflosse ganz
verschwindet; die dünne Haut, welche hier wie überall die
Schuppen bekleidet, setzt sich nun über diese Furche fort,
und füllt sie aus, indem sie sich verdickt, aber gerade des-
halb zerreisst sie desto leichter längs der Schuppenreihe und
löset sich in Gestalt der langen Hautfaser ab, die so sehr
die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.
Bescliroibiiiig: zweier neuer Siplioiiostomeii-
Grattiiiig'eii.
Von
I>r« A. Oerstaecker.
in Berlin.
(Hierzu Taf. VIL).
Unter einigen am Bord der Fregatte „Gefion^^ gesam-
meilen und dem Berliner Museum übersandten Naturalien fan-
den sich einige noch unbeiiannte Schmarotzerkrebse, welche
auf einem erbeuteten Haifische angetroffen worden waren.
Derselbe ward einige Grade nördlich vom Aequator an der
Westküste Afrika's gefangen; aus Mangel an allen näheren
Notizen lässt sich jedoch die Gattung, der er beizuzählen
ist, nicht bestimmen. Uebrigens ist derselbe von Parasiten
in einem Grade geplagt gewesen, wie man es gewiss selten
antrifft; denn ausser den unten beschriebenen zwei neuen
Galtungen und einer neuen Art von Siphonostomen, die sich
zwischen seinen Kiemenblättern vorfanden, beherbergte er noch
auf sainer Hauloberfläche den Pandarus dentatus Edw. und
in seinen Eingeweiden zwei verschiedene Eingeweidewürmer,
also im Ganzen sechs Schmarotzer-Gattungen. Die noch un-
beschriebenen Siphonostomen sind folgende:
1. lioncltidium 9 nov. gen.
Diagn. Cephalothorax brevis, obcordatus, processu spi-
niformi postico instructus, laminis frontalibus nullis: oculi
186 Gerstaecker:
distincti nulli: antennae multiarticulatae, anterior! cephalotho-
racis margini inserlae : thorax annulis quatluor composilus,
tribus anterioribus brevibus, quarto (in femina) Ovaria in-
cludenle, longissimo ; abdoraen gracile, non articulatum, la-
minis duabus lerminalibus instructum : pedurn maxillarium pa-
ria tria, quorum tertium longissimum : branchialium paria quat-
tuor, singulis bifidis, triarticulatis, setis ciliatis longis ornalis.
Der Cephalothorax ist von umgekehrt herzförmiger Ge-
stall, auf der Oberfläche massig gewölbt, mit einigen einge-
grabenen Strichen, von denen die beiden vorderen den mitt-
leren Kopftheil von den beiden Seitenlappen trennen (Fig. 1 a).
Am Vorderrande des Kopftheiles und zwar auf seiner unteren
Seite sind die Antennen befestigt (Fig. 2 a) ; sie entsprfngen
dicht neben einander, gerade in der Mittellinie, und sind aus
acht etwas undeutlich getrennten Gliedern zusammengesetzt.
Die Glieder verschmälern sich nach der Spitze zu und sind
mit vereinzelten Häärchen besetzt; das letzte trägt an der
Spitze einen ganzen Büschel solcher Häärchen (Fig. 7.). —
Organe , welche mit Sicherheit für Augen gehalten werden
könnten, fehlen. — Am Hinterrande des Cephalothorax ent-
springt aus dem Zwischenraum , welcher durch die beiden
Seitenlappen desselben einerseits und den ersten Thoraxring
andrerseits gebildet wird, ein langer etwas gebogener, nach
hinten scharf zugespitzter Fortsatz, welcher aus einer Verei-
nigung des oberen und unteren Blattes des Cephalothorax
entsteht (Fig. 1 u. 2 z). An der Ursprungsstelle dieses Fort-
satzes bildet das obere Blatt einen tieferen Einschnitt als das
untere, so dass man von der Röckenseite aus durch die Lücke
des oberen Blattes das untere zur Bildung jenes Organes nach
hinten hervortreten sieht. Ueber den Zweck dieses eigen-
thümlichen Stachelfortsatzes könnte man wohl nur durch Be-
obachtung lebender Exemplare in's Reine kommen; für eine
unwesentliche Bildung, die gleichsam nur zum Schmuck des
Thieres da ist, kann ich ihn deshalb nicht halten, weil schon
die Art, wie er mit dem Cephalothorax zusammenhängt, da-
gegen spricht. An der Unterseite sieht man nämlich eine
Art Gelenk , welches sich von der Basis des Dornes gegen
die Mitte des Körpers hinzieht und Aehnlichkeit mit den Ba-
saltheilen der vorderen Füsse hat ; auch deutet die Einschnü-
Beschreibung zweier neuer SipHonQStomen-Gattungen. 187
rung an seiner Ursprungsstelle darauf hin, dass er zur Be-
wegung eingerichtet ist. Bei den Exemplaren, die ich zu
untersuchen Gelegenheit halte, war seine Stellung verschie-
den; bei den einen stand er in gleicher Ebene mit dem Ce-
phalolhorax , bei anderen mehr oder weniger vertikal gegen
dieselbe. Bei allen bisher bekannt gewordenen Siphonosto-
men ist eine ähnliche Bildung noch nicht beobachtet worden.
Von den drei Fusspaaren des Cephalothorax entspringt
das erste nicht weit hinter den Antennen ; die Füsse sind sehr
kräftig entwickelt und bestehen aus einem Basal- und einem
Endgliede, welche beide ziemlich von gleicher Länge und
Stärke sind ; das letztere ist mit zwei grossen scheerenförmi-
gen Klauen, einer kleineren inneren und einer grösseren
äusseren, etwas übergreifenden bewehrt (Fig. 3.)- Das zweite
Fusspaar ist im Verhältniss zu den übrigen ausnehmend klein ;
die beiden Glieder sind zart und gestreckt, das letzte mit
einem etwas gekrümmten Haken versehen (Fig. 4.). Die
Füsse des dritten Paares sind vorzüglich stark entwickelt, in-
dem der Schenkeltheil derselben seitlich sogar die Breite des
Cephalothorax überragt ; das zweite Glied ist etwas schlanker
und an seiner Spitze mit einem kräftigen, stark gekrümmten
und scharf zugespitzten Haken versehen (Fig. 5.).
Der Rüssel liegt in der Mitte zwischen dem ersten und
zweiten Fusspaar des Cephalothorax; er ist kurz und dick,
im übrigen nach demselben Typus, wie bei den Siphonosto-
nien im Allgemeinen, gebildet. Nahe seiner Basis entspringt
jederseits eine aus zwei Gliedern gebildete Palpe (Fig. 8.).
Der Thorax besteht aus vier deutlich von einander ge-
trennten Ringen, von denen der letzte beim Weibchen etwa
doppelt so lang ist als die drei vorhergehenden mit dem Ce-
phalothorax zusammengenommen; er schliesst die sehr volu-
minösen Ovarien ein, die zu jeder Seite des in der Mittelli-
nie verlaufenden Darmkanals gelegen sind. Der erste dieser
Ringe trägt auf der Unterseite zwei, die beiden folgenden je
ein Kiemenfusspaar. Diese vier Fusspaare stimmen in ihrer
Struktur sämmtlich mit einander überein, in der Grösse aber
nehmen sie von vorn nach hinten zu, so dass das erste als
das kleinste, das vierte als das grosseste erscheint. Die drei
hinteren Fusspaare sind in der Gegend des Hüftgelenkes je-
188 Gers ta eck er:
derseits mit einem langen , nach hinten gerichteten Dorn be-
waffnet. Der plumpe und kurze Schenkeltheil eines jeden
dieser Kiemenfüsse trägt an seinem freien Ende zwei neben
einander liegende Portionen, von denen jede aus drei Glie-
dern besieht. Die innere ist die Pars branchialis (Fig. 6 a),
die äussere die Pars gressoria (Fig. 6 b). Die Glieder der
ersteren sind etwas breiter und kürzer als die der letzteren.
Die beiden ersten Glieder der Pars gressoria tragen an der
Verbindungsstelle mit dem folgenden Gliede nach aussen ei-
nen Dorn, nach innen eine lange gefiederte Borste: das dritte
Glied zeigt am Rande Einkerbungen, aus denen vier an Länge
abnehmende, gefiederte und einige kleinere ungeüederte Bor-
sten entspringen. Die Glieder der Pars branchialis sind an
ihrem Aussenrande gewimpert; das erste und zweite tragen
an der Verbindungsstelle mit dem folgenden Gliede nach in-
nen eine lange, das dritte ebenfalls am Innenrande gekerbte
vier an Länge abnehmende gefiederte Borsten.
Der Hinterleib besteht aus einem einfachen langen, schma-
len Gliede, an dessen hinterem Ende der After gelegen ist;
zu beiden Seiten desselben ist ein kleines längliches Anhäng-
sel befestigt, welches drei ungewimperte Borsten trägt. Die
massig langen, deutlich geringelten Eiertrauben nehmen ih-
ren Ursprung vom hinteren Ende des letzten Thoraxringes.
Was die systematische Stellung dieser Galtung betrifft,
so passt sie eigentlich genau in keine der von Milne Ed-
wards aufgestellten Gruppen der Siphonostomen; während
sie sich nämlich durch die fehlenden Stirnfortsätze und die
vielgliedrigen Antennen der Gruppe der Dichelestinen zunächst
anschliesst, tritt sie durch die Bildung der Kiemenfüsse in
nähere Verwandtschaft mit den Caligiden. Ihrem allgemeinen
Körperhabitus nach würde sie jedoch nach meiner Meinung
eher zu den ersteren gezählt werden müssen, bei welchen
ohnehin die Bildung der Kiemenfüsse sehr mannichfaltig er-
scheint. In Rücksicht auf die hohe Entwickelung der letzte-
ren könnte die Gattung also die Reihe der Dichelestinen er-
öffnen, indem sie gleichsam das Verbindungsglied mit den Ca-
ligiden abgiebt.
Beschreibung zweier neuer Siphonostomen-Gattungen. 189
Lonchidium aculeatum nob.
Long-, 3 lin.
Fem. cephalothorace dimidio fere latiore quam longiore,
modice convexo, processu poslico aculeato longissimo: quarto
thoracis annulo long-issimo , anterioribus brevibus: abdomine
gracillimo, laminis duabus terminalibus oblongis ornalo.
Mas ignotus.
Der Cephalothorax des Weibchens ist massig gewölbf,
etwa um die Hälfte breiter als lang, von verkehrt herzför-
migem Umriss ; der dornartige Fortsatz (\qs Hinterrandes er-
reicht mit seiner Spitze etwa die Mitte des zweiten Thorax-
ringes. Von den drei ersten Thoraxringen ist der erste am
breitesten, der dritte am schmälsten, und etwas länger als die
vorhergehenden. Der vierte ist etwa doppelt so lang als die
drei ersten mit dem Cephalothorax zusammengenommen, am
Grunde etwa so breit wie der erste Ring, bis zu seiner Mitte
breiter werdend und nach hinten sich wieder verschmälernd.
Die länglichen Anhängsel des Abdomens tragen drei einfache
Borsten an ihrer Spitze. Die Länge der Eierlrauben fand ich bei
verschiedenen AVeibchen verschieden ; die längsten kommen
ungefähr der halben Länge des vierten Thoraxringes gleich.
Das Männchen ist unbekannt.
2. Oang^liopus , nov. gen.
Diagn. Cephalothorax magnus, laminis duabus frontali-
bus instructus : antcnnae biarticulalae, laterales. Thorax an-
nulis quattuor compositus, tribus anterioribus laminas binas
dorsales ferentibus: abdomen sub ultimo thoracis articulo con-
ditum, biarticulatum, foliolis duobus lateralibus nee non termina-
libus ornatum. Pedes branchiales bifidi, pro parte biarticu-
lali, articulis non ciiiatis : anteriores nodulis globosis instructi.
Der Cephalothorax ist gross, von hufeisenförmiger Ge-
stalt, von vorn nach hinten verschmälert, hinter der Mitte
des Seitenrandes eingebuchtet; der Vorderrand trägt zwei seit-
liche Stirnlamellen, an deren Unterseite nach dem Aussenrande
190 Gerstaecker:
ZU die Antennen befestigt sind. Diese bestehen aus zwei Glie-
dern, einem breiteren Basal- und einem schmächtigeren End-
gliede; das letztere trägt an seiner Spitze drei kurze Bor-
sten (Fig. 15.)- — Organe, die mit Sicherheit für Augen an-
gesprochen werden könnten, habe ich nicht aufgefunden. —
Der Rüssel ist schmal und in eine sehr lange Spitze ausgezo-
gen (Fig. 16.); er ist wie gewöhnlich aus einer Oberlippe (a),
einer Unterlippe (b) und zwei sehr feinen, langgestreckten Kie-
fern (d) zusammengesetzt; am Grunde sitzen zu jeder Seite
die kurzen Palpen (c), welche aus zwei Gliedern bestehen.
Die Füsse des ersten Paares am Cephalothorax (Fig. 10.),
welche zu beiden Seiten der Basis des Rüssels entspringen,
sind sehr kräftig entwickelt; sie bestehen aus einem breiten
Basal- und einem schmaleren Endgliede, welches an seiner
Spitze einen sehr kräftigen , stark gekrümmten Haken trägt.
Die Füsse des zweiten Paares sind klein und zarter gebaut;
ihr Endglied ist mit einem massig starken, schwach geboge-
nen Nagel versehen. Die Füsse des dritten Paares haben
ein schmales, langgezogenes Schenkel-, und dagegen ein sehr
kurzes und plumpes Endglied, welches zwei starke, gekrümmte,
einander zugewendete Klauen trägt; an den Hüften dieses
Fusspaares ist beiderseits des Rüssels eine dreieckige Platte
mit stark aufgeworfenem Aussenrande eingelenkt.
Der Thorax besteht aus vier deutlich getrennten Ringen
(Fig. 9) : die drei ersten tragen auf der Rückenseile zwei
seitliche Lamellen , welche den hinter ihnen liegenden Tho-
raxring zum Theil bedecken : der vierte ist quadratisch, ent-
hält beim Weibchen die Eierstöcke, und trägt an seiner un-
teren Seite das aus zwei Gliedern zusammengesetzte Abdomen
(Fig. 10 X}. Ein jedes Abdominalglied trägt zwei seitliche
Blättchen, welche am Rande nicht mit Borsten besetzt sind;
die Blättchen des ersten Gliedes sind bedeutend grösser als
die des zweiten.
Die Kiemenfüsse, von denen die beiden ersten Paare
am ersten, die beiden folgenden je am zweiten und dritten
Thoraxringe befestigt sind, zeigen eine höchst eigenthümliche
Construklion; sie bestehen nämlich nicht allein aus den bei
den verwandten Siphonostomen - Gattungen gewöhnlich vor-
kommenden blattartigen Gliedern, sondern tragen ausserdem
Beschreibung zweier neuer Siphonostomen-Gattungen. 191
noch gestielte Knöpfe, deren Zahl und Sitz bei den verschie-
denen Fusspaaren verschieden ist. Das erste derselben (Fig.
11.3 ist bedeutend kleiner als die folgenden und weicht von
diesen dadurch ab, dass die nach aussen gelegene Pars gres-
soria («/) nur eingliedrig ist; dieselbe ist an ihrer Spitze in
einen lileinen Zapfen ausgezogen und auf jeder Seite dessel-
ben mit drei kurzen Borsten versehen. Die innere Portion
(Pars branchialis) ist zweigliedrig, das Endglied oval und
mit kurzen Cilien gesäumt (Fig. 11 z). Der Schenkellheil zeigt
4 knopfartige , auf einem kurzen Stiele sitzende Anschwel-
lungen, von denen zwei nach oben und zwei mehr nach hin-
ten gerichtet sind ; die grösste ist nach innen und oben ge-
richtet. Ihre Stellung zu einander ist ersichtlich aus Fig. 1 1 a,
welche den Schenkeltheil des Fusses von seiner unteren Kante
aus gesehen darstellt. Die gewölbte Überfläche dieser knopf-
artigen Organe ist mit sehr feinen und zahlreichen Poren
versehen (¥\g. Hb) — Die Kiemenfüsse des zweiten und
dritten Paares zeichnen sich dadurch aus, dass sie in der Mitte
durch eine breite membranöse Platte mit einander verbunden
sind. Beim zweiten Paar (Fig 12.) steigt die Anzahl der
knopfförmigen Organe auf fünf; doch haben sie hier eine
ganz verschiedene Anordnung. Zwei derselben befinden sich
am Basaltheil des Fusses, und zwar ist das eine nach innen,
das andere nach oben gerichtet; das dritte findet sich an der
Stelle, wo die Pars branchialis eingelenkt ist, das vierte am
Ende des ersten Gliedes der Pars gressoria und das fünfte
an einem besonderen Lappen am Grunde der Pars gressoria.
Das Endglied der Pars gressoria ist klein, länglich, nach in-
nen mit kurzen Borsten besetzt; das zweite Glied der Pars
branchialis ist bedeutend grösser, am Grunde breit, nach der
Spitze hin schmaler werdend und gekrümmt. — Das dritte
Fusspaar (Fig. 13.) zeigt nur eine knopfartige Erhabenheit und
zwar am Ursprung des Basaltheiles jedes Fusses; von der
Stelle, wo sich diese erhebt^ entspringt nach innen ein gros-
ser herzförmiger, vom übrigen Fuss getrennter Lappen, der
sich zunächst an die beide Füsse verbindende Lamelle anlegt.
An der Pars gressoria ist das erste Glied auswendig mit Ci-
lien besetzt, das zweite trägt nach innen drei starke kurze
Borsten. Das bei weitem grössere Endglied der Pars bran-
192 Gerstaeckert
chialis ist nach innen gekrümmt und verschmälert sich nach
der Spitze zu. — Am vierten Fusspaar (Fig. 14.) ist der Ba-
saltheil weniger breit als bei den beiden vorigen; er trägt
an seinem Grunde nur noch die Spur eines Knopfes und die
nach innen gerichtete lappenartige Erweiterung ist nicht von
ihm getrennt. Die Pars gressoria («/) besteht nur aus einem
sehr langen Gliede, welches sich unter einem stumpfen Win-
kel nach innen umbiegt, und an der Spitze drei kurze, dorn-
artige Borsten trägt: die Pars branchialis (ä) ist ebenfalls nur
eingliedrig und nach innen gebogen, und wird von der Ba-
sis an allmählich breiter. — Diese Bildung der Kiemenfüsse ist
eine von den bisher beobachteten Siphonostomen sehr abwei-
chende: welche Bestimmung die erwähnten knopfförmigen Er-
habenheiten haben mögen, kann ich nicht entscheiden; für
Saugnäpfe möchte ich sie ihrer gewölbten Oberfläche wegen
kaum halten, wiewohl ihre Struktur dies vermuthen Hesse.
Die Gattung Gangliopus würde nach den blaltartigen An-
hängen der Thoraxringe und der Bildung der Kiemenfüsse zu
der Gruppe der Pandaliiien zu rechnen sein; in der nächsten
Verwandtschaft steht sie mit der Gallung Phyllophora Edw.
Von dieser unterscheidet sie sich durch den bedeutenderen
Umfang des Cephalothorax im Vergleich zu den Thoraxrin-
gen, und ausserdem durch die Bildung des zweiten und drit-
ten Fusspaares des Cephalothorax (Siehe Milne Edwards, Hist.
nat. des Crustac. pl. 38. fig. 14.). Bei Phyllophora ist nämlich
das zweite Fusspaar durch zwei gleich lange Endhaken be-
grenzt, und das dritte trägt nur eine grosse gekrümmte Klaue.
— In wie weit die Construktion der Kiemenfüsse bei Phyl-
lophora mit der unsrer Gattung übereinstimmt, lässt sich we-
der aus der von Milne Edwards gegebenen Abbildung,
noch aus seiner Beschreibung ersehen.
Gangliopus pyriformis nob.
Long. 4 lin.
Fem. cephalothorace vix longiore quam latiore, postice
anguslato, annulis thoracicis illo angustioribus, tribus ante-
rioribus foliolis binis dorsalibus ornatis, quarto subquadralo,
postice rolundato : abdominis articulo primo laminis duabus
lateralibus ovatis, altero subrotundis, minutissimis instructo.
Mas ignotus.
Beschreibung zweier neuer Siphonostomen-Gattungen. -193
Der Umriss des weiblichen Körpers ist birnförmig; die
Länge des Cephalothorax kommt in der Mittellinie ungefähr
der der vier Thoraxringe zusammengenommen gleich^ an den
Seiten tritt jedoch ein zugespitzter Lappen viel weiter nach
hinten. Etwas hinter der Mitte des Seitenrandes zeigt sich
jederseits eine kleine Einbuchtung, von welcher auf der Rük-
kenseite eine schwache Querfurche gegen die Mittellinie hin
verläuft; ausserdem ist die Oberfläche noch durch mehrere
kleine Furchen in verschiedene Felder getheilt (Fig. 9.). Die
Thoraxringe nehmen von vorn nach hinten an Breite ab; die
drei ersten tragen auf der Rückenseite je zwei seitliche La-
mellen. Die des ersten sind mehr seitwärts gewendet und
schliessen sich den nach hinten hervortretenden Lappen des
Cephalothorax nach innen zu an ; die der beiden folgenden
liegen dicht neben einander und bedecken zum Theil den
nächstfolgenden Ring. Der vierte Thoraxring, welcher keine
Blättchen trägt, ist quadratisch, hinten abgerundet und einge-
buchtet. Das Abdomen ist sehr klein und nur von unten
sichtbar. Sein erster Ring trägt an seinen Hinterecken zwei
ovale Blättchen; der zweite bildet fast ein regelmässiges
Viereck, das sich jedoch mit einer seiner Ecken dem ersten
Ringe anschliesst^ so dass seine Diagonale in die Längslinie
des Körpers fällt. Die kleinen rundlichen Blättchen, welche
an seinen seitlichen Zipfeln befestigt sind, tragen, wie die
des ersten Ringes, keine Spur von gefiederten Borsten. Die
geringelten Eiertrauben nehmen ihren Ursprung vom hinteren
Ende des vierten Thoraxringes, sind ziemlich dünn und etwa
doppelt so lang als der Körper.
3. Nogagus angustulus nob.
Long. 3^2 lin-
Mas cephalothorace ovato, lobis posticis anguslatis, acu-
minatis: annulis thoracis tribus anterioribus inier se remo-
tis, appendicibus lateralibus primi oblongis, secundi tertiique
brevibus, subrotundis: quarto thoracis annulo subquadrato,
laleribus emarginato, poslice in lobulos duos producto : abdo-
mine biarticulato, laminis terminalibus setiferis admodum latis.
Fem. ignota.
Archiv f. Naturgesch. XX. Jahrg. 1. Dd. 13
^194 Gerstaecker:
Der Cephalothorax ist verhällnissmässig schmal, von ei-
förmigem Umriss; die Stirnlamellen sind von massiger Breite,
in der Milte schmal eingebuchtet; die seitlichen Lappen des
hinteren Theiles des Cephalottiorax sind schmal und lang und
endigen in eine stumpfe Spitze. Die Thoraxringe sind durch
ziemlich breite Zwischenräume von einander getrennt und
hängen nur durch einen Stiel mit einander zusammen. Der
erste ist viereckig, breiter als lang und trägt an jeder Seite
einen blattartigen Fortsatz, der sich zwischen die Lappen des
Cephalothorax einzwängt und diesen an Länge gleich kommt.
Die beiden folgenden sind elliptisch und tragen viel kürzere
rundliche Blattfortsätze. Der vierte Thoraxring ist quadra-
tisch, mit abgerundeten Vorderecken, an den Seiten merklich
ausgebuchtet, hinten jederseits in einen kleinen Lappen er-
weitert. Das Abdomen besteht aus zwei kurzen Gliedern,
an deren letztem zwei sehr breite und kurze flossenförmige
Lamellen eingelentit sind ; diese tragen an ihrem Hinterrande
vier gebogene, starke und mit langen Wimpern besetzte Bor-
sten, von denen die beiden mittleren bei weitem länger sind
als die seitlichen.
Das Weibchen ist unbekannt.
In Fig. 18. ist der letzte Thoraxring mit dem Abdomen
von unten stark vergrössert dargestellt. Zu beiden Seiten
des Darnikanals (ic), welcher am Ende des Abdomens in den
After (y) mündet, liegen im letzten Thoraxringe eingeschlos-
sen die ovalen Hoden (z,^); sie gehen an dessen hinterem
Ende in einen kurzen, dicken Ausfülirungsgang (o) über, wel-
cher sich nach der Mittellinie hin krümmend, dicht vor dem
Ursprung des Abdomens nach aussen mündet. Die OefTnung
ist spaltenförmig und liegt jederseits der Mittelinie auf einem
länglichen Wulste (.").
Erklärung der Abbildungen,
Fig. 1. Lonchidium aculealum fem. in starker Vergrösserung von oben
gesellen, a. Cephalolliorax mit dem beweglichen dornarti-
gen Fortsatz z. f. Antennen, b. erster, c. zweiter, d. drit-
ter, e. vierter Thoraxring. ^f. Abdomen, h. Eiertrauben.
Beschreibung zweier neuer Siphonostomen-Galtungen. 195
Fig. 2. Dasselbe Thier von unten, a. Antennen, z. Dornartiger
Fortsatz.
Fig. 3. Erster Fuss des Cephalothorax.
Fig. 4. Zweiter „ „ „ „
Fig. 5. Dritter „ „ „ „
Fig. 6. Einer der am Thorax sitzenden Kiemenfüsse. a. Pars bran.
chialis. b. Pars gressoria.
Fig. 7. Antenne.
Fig. 8. Rüssel, a. Oberlippe, b. Unterlippe, c. Palpen.
Fig. 9. Gangliopus pyriformis fem. stark vergrössert von oben gese-
hen, ö. erster, b. zweiter, c. dritter, d. vierter Thoraxring.
Fig. 10. Dasselbe Thier von unten, x. Abdomen.
Fig. 11. Erstes Kiemenfusspaar. y. Pars gressoria. z. Pars branchia-
lis. o. KnopfFörmige Anschwellungen.
Fig. H.a. Der Basaltheil desselben Fusses von der unteren Kante aus
gesehen, o. wie Fig. 11.
Fig. 11.6. Eins der knopfförmigen Organe stärker vergrössert.
Fig. 12. Kiemenfuss des zweiten Paares.
Fig. 13. „ „ dritten „
Fig. 14. „ „ vierten „
(y und s wie Fig. 11.)
Fig. 15. Antenne.
Fig. 16. Rüssel, a. Oberlippe, b. Unterlippe, c. Palpe, d. Kiefer.
Fig. 17. Nogagus angustatus mas. stark vergrössert von oben gesehen.
a. erster, b. zweiter, c. dritter, d. vierter Thoraxring. e. Ab-
domen.
Fig. 18. Letzter Thoraxring nebst Abdomen desselben Thieres von
unten gesehen, stärker vergrössert. x. Darmkanal, y. After.
s,z. Hoden, o. Ausführungsgang derselben, n. Aeussere Ge-
schlechtsöffnung.
Bciträgfe zur Hctiutuiss der Pteropodcii«
Vom
Herausgrebe r«
(Hierzu Taf. VIII— X.)
Während eines mehnnonatlichen Aufenthaltes in Messina
in den Monaten August, September, October und November,
anfänglich in Begleitung des Herrn Geh. Med. Raths Jo ha n-
nes Müller und des Herrn Dr. Max Müller, habe ich
reiche Gelegenheit gehabt , Pteropoden zu untersuchen. In
neuerer Zeit ist zwar die Kenntniss dieser Thiere durch Van
Beneden, Eschricht, d'Orbigny und Soulcyet be-
deutend erweitert worden; dennoch werden die Beobachtun-
gen, welche ich im Folgenden initlheilen will , eines Theils
manches Neue bringen, anderenlhcils Einiges berichtigen.
Meine Beobachtungen beziehen sich nur auf die Fami-
lien der Hyalaeaceen, Cymbuliaceen und nackten Pteropoden.
Familie Hyalaeacea.
Vor allen Dingen muss ich bemerken , dass alle Thiere
dieser Abtheilung zwei ganz eigenthümliche Kiefer besitzen,
welche ich von keinem Beobachter erwähnt finde, und wel-
che diesen Thieren vonSouleyet ausdrücklich abgespro-
chen werden '). Ich habe sie bei keiner Art vermisst. Je-
derseils am Eingange in den Schlundkopf liegt eine Horn-
1) Histoire naturelle des Pteropodes. Paris 1852. p. 16.
Troschel: Beiträge zur Kenntniss der Pteropoden. 197
platte, welche aus vier hintereinander geordneten Lamellen
besteht. Bei den Kaubevvegungen zeigte sich, dass die Zunge
nicht gegen die Kiefer reibt, sondern dass in dem Augen-
blick, wenn die Zunge ihre einschöpfende Bewegung gemacht
hat, die davor liegenden Kiefer mit ihren inneren Rändern
seitlich gegen einander stossen (Vergl. als Beispiel Taf. VIII.
Fig. 7.). Die Zunge ist von drei Längsreihen von Platten be-
waffnet, und ist kurz, indem nur wenige^ 7 bis 12 Querrei-
hen angetroffen werden.
Meine Angaben müssen sich auf die Gattungen Hyalaea
und Cleodora mitEinschluss von Creseis beschränken, da ich
Thiere aus den Gattungen Cuvieria, Limacina und Spirialis
nicht untersucht habe.
Ueber den Werth und die Begrenzung der Gattungen
Hyalaea, Cleodora und Creseis sind verschiedene Meinungen
ausgesprochen worden. Die Gattung Cleodora Peron und
Lesueur ist ziemlich allgemein von den späteren Schriftstel-
lern als von Hyalaea verschieden anerkannt worden. D'Or«
bigny ist der Meinung, dass die Charaktere diese Gattung
nicht scharf von Hyalaea trennen , und er gesteht ihr daher
nur den Werth eines Sous-genre zu '), indem er am Thiere
keine generische Differenz, an der Schale nur allmählich in
einander übergehende Verschiedenheiten auffinden konnte.
Weiterhin, bei der Aufzählung der Arten 2), giebt jedoch d'O r-
bigny vom Thiere als Unterschied an, es sei bei Hyalaea kurz
und gewölbt, und habe ziemlich oft seitliche Anhänge, wäh-
rend es bei Cleodora meist länglich, und niemals mit seitli-
chen Anhängen versehen sei. — Souleyet-^) nimmt beide
Gattungen als verschieden an, und hebt als Differenz in den
Diagnosen besonders hervor, dass Hyalaea die seitlichen Man-
telanhänge besitze, dass dieselben bei Cleodora fehlen. Frei-
lich sagt er selbst gleich darauf (p.49.), dass C. cuspidata
dergleichen besitze, und dass sie den seillichen Spitzen der
Schale entsprechen. Das letztere beruht jedoch auf einem
1) Yoyage dans l'Amerique meridionale. Mollusques p.84.
2) L. c. p.89. und 111.
3) L. c. p. 33. und 47.
198 Troschel:
Irrthume, indem die genannte Art keine verlängerte fadenför-
mige Anhänge hat.
Wenn man das Vorhandensein oder Fehlen dieser Man-
telanhänge als Unterschied zwischen den Galtungen Hyalaea
undCleodora festsetzt, so wird dadurch die Grenze zwischen
beiden ein wenig verschoben, indem dann nicht bloss die Ar-
ten mit gewölbter Schale, welche doch ursprünglich die Gal-
tung bildeten, zu Hyalaea gezählt werden müssen, sondern
auch einige ganz flache, die man ohne Berücksichtigung der
Fäden zu Cleodora stellen würde. Ich bin daher geneigt, fol-
gende vier Gruppen zu unterscheiden:
I. Hyalaea Lam. mit gewölbter Schale, verengter Scha-
lenmöndung, meist mit seitlichen Mantelanhängen. Dahin ge-
hören folgende Arten ') :
1. Hyalaea tridentata Lam.
2. Hyalaea uncinata Rang.
3. Hyalaea globulosa Rang.
4. Hyalaea gibbosa Rang.
5. Hyalaea quadridentata Lesueur.
6. Hyalaea Orbignyi Rang.
7. Hyalaea longirostris Lesueur.
8. Hyalaea angulata Souleyet.
9. Hyalaea labiata d'Orbigny.
10. Hyalaea inflexa Lesueur.
II. Hyalaea trispinosa Lesueur.
H. Pleuropus Eschsch. mit flacher Schale, nicht vereng-
ter Schalenmündung und mit seitlichen Mautelanhängen. Da-
hin gehören :
1. Pleuropus pellucidus Eschschollz.
2. Pleuropus laevigatus Nob. (Hyalaea laevigata d'Or-
bigny).
3. Pleuropus depressus Nob. (Hyalaea depressa d'Or-
bigny; von Souleyet mit Unrecht als Synonym zu
H. inflexa Lesueur gestellt).
4. Pleuropus longifilis Nob. nov. spec.
1) Ich lasse mich hier auf eine Kritik der Synonymie Sou-
leyet's nicht ein, da mir kein hinreichendes Material zu Gebote fleht.
Beiträge zur Kenntniss der Pteropoden. 1^9
in. Cleodora Peron et Lesueur mit flacher seitlich ge-
kielter Schale, nicht verengter, zweilippiger Schalenmündang
und ohne oder mit ganz kurzen, nicht aus der Schale her-
vorragenden Mantelanhängeri. Dahin gehören folgende Arten :
1. Cleodora cuspidata Quoy et Gaimard.
2. Cleodora pyramidata Peron et Lesueur.
3. Cleodora compressa Souleyet.
4. Cleodora Chaptalii Souleyet.
5. Cleodora curvata Souleyet.
6. Cleodora balanlium Rang.
7. Cleodora inflala Souleyet.
8. Cleodora australis d'Orbigny.
9. Cleodora trifilis Nob. nov. spec.
IV. Creseis Rang mit rundlicher Schale, rundlicher Scha-
lenmündung ohne Lippen und ohne oder mit ganz kurzen
Mantelanhängen. Dahin:
1. Creseis striata Rang.
2. Creseis subulata Quoy et Gaimard.
3. Creseis acicula Rang.
4. Creseis virgula Rang.
5. Creseis phaeosloma Nob. nov. spec.
6. ? Creseis monotis Nob. nov. spec.
Hyalaea Lam.
Aus dieser Gruppe habe ich in Messina zwei Arten be-
obachtet, nämlich H. tridentata Lam., und H. gibbosa Rang.
1. Hyalaea tridentata Lam. mit ihrer grossen
zierlichen Schale, aus der seitlich weisse, durchsichtige Lap-
pen hervorragen , die sich nicht in lange Fäden zu verlän-
gern vermögen, und mit ihren grossen bläulichen Flossen, ist
l*ei Messina gar nicht selten, scheint es auch in anderen Mee-
ren nicht zu sein. Daher kennt man wohl diese Art genauer
als irgend eine andere aus dieser Familie.
Jeder Kiefer besieht aus vier schmalen Streifen, die von
vorn nach hinten an Länge etwas zunehmen, aber alle fast
gleich breit sind; ihre Ränder sind äusserst fein, und ziem-
lich unregclmässig gekerbt. Sie ^ind wenig durch die Farbe
200 Troschel:
von ihrer Umgebung ausgezeichnet , und um so leichter zu
übersehen, als sie ausserdem klein, sehr zart sind, und an einer
von zahlreichen Körnern braungefärbten Haut liegen. Ich
hatte sie längere Zeit an frischen Exemplaren gleichfalls ver-
misst, und habe sie erst später an Weingeist-Exemplaren auf-
finden können. — Eine Abbildung der ZungenbewafTnung ken-
nen wir bereits durch Loven ^). Mit seiner Abbildung
stimmt meine Beobachtung so ziemlich überein, ich möchte
nur noch hinzufügen, dass 8 bis 10 Querreihen von Platten
vorhanden sind. Die Zunge ist also sehr kurz, und gleicht
darin den übrigen schalentragenden Pteropoden vollkommen,
was wohl Souleyet zu der Aeusserung Veranlassung gege-
ben hat ^), die Zunge sei nur im rudimentären Zustande vor-
handen. Der mittlere Zahn jeder aus drei Platten bestehen-
den Querreihe zeigte mir eine Eigenthümlichkeit, die Loven
nicht erwähnt hat: derselbe ist nach der Spitze hin compri-
mirl, und am Ende schräg von oben nach unten abgestutzt,
wodurch eine obere stumpfe und eine untere spitzere, weiter
vorragende Spitze entsteht.
2. Von Hyalaea gibbosa Rang habe ich nur zwei
Exemplare in Messina, und zwar am 14ten October, erhalten,
und diese mehrere Stunden lebend beobachtet. Das Thier
schimmert tief dunkel braunroth durch, die Flossen sind durch-
scheinend, am Grunde braunroth ; Fäden hingen an der Seite
nicht hervor. Ich theile hier eine Beobachtung, die ich an
den beiden Thieren gemacht habe, unter der ausdrücklichen
Bemerkung mit, dass ich den Vorgang nur einmal gesehen
habe , und daher nicht weiss , was dem Zufall dabei zuzu-
schreiben ist. Während ich die beiden Thierchen betrachtete,
die dicht neben einander in einem Glasnäpfchen lagen, und
von denen das eine zwei grell gelbe eiförmige Körper in
sich, oder wenigstens zwischen seinen Schalen hatte, gab das
andere von ihnen einige Flocken von sich, die ich sogleich
unter dem Mikroskop untersuchte und als Samenlhierchen er-
kannte, welche in äusserst lebendiger Bewegung waren, und
aus ziemlich langen Fäden mit deutlichem Knopf bestanden.
1) Öfvers. Kongl. Yetensk.-Akad. Förhandl. 1847. p. 188.
2) Hist. nat. des Ftöropodes p. 16.
Beiträge zur Kenntniss der Pteropoden. 201
Als ich nun wieder nach den Thieren sah, war der eine gelbe
Körper aus dem Thiere hervorgetreten, das andere, welches
die Flocken unter meinen Augen von sich gegeben halte, nahm
den gelben Körper zwischen seine Flossen, während es diese
bewegte. Als ich nun auch den gelben Körper fortgenom-
men hatte, war das lebhafte Exemplar, welches die Flocken
ausgeworfen hatte, eifrig bejnüht, sich dem anderen trägen,
fast ganz zurückgezogenem Individuum zu nähern, und zwar
mit Auswahl, da auch andere Pteropoden in dem Glasnäpf-
chen sich befanden. Es schlug mit den Flossen an dasselbe.
Bald wurde auch der zweite grellgelbe Körper entleert, lei-
der auch in einem Momente, wo ich den Austritt selbst nicht
beobachtete.— Die gelben Körperchen waren völlig undurch-
sichtig, eiförmig, von einer zarten durchsichtigen Hülle um-
geben. Beim Pressen quoll eine grosse Menge sehr kleiner
Körperchen hervor, die ganz den Dotterkügelchen der Schnek-
keneier glichen, und sich an einer einzelnen Stelle zitternd
bewegten.
Dass dieser Vorgang mit den Geschlechtsfunctionen in
Beziehung stand, geht aus der Anwesenheit von Samenthier-
chen hervor, deren Auswerfen übrigens, wie ich bestimmt
versichern kann, ein freiwilliges war. Das Thier war dabei
durchaus nicht alterirt, ich beobachtete es während des Vor-
ganges mit der Lupe. Dass die beiden gelben Körperchen,
die zwar sehr klein , doch gross genug waren, um mit der
Lupe deutlich wahrgenommen werden zu können , Eier wa-
ren, steht zu vermuthen. Freilich finde ich nirgends eine
Angabe über die Beschaffenheit von Hyalaeen-Eiern. Es ist
mir nicht unwahrscheinlich, dass ich in diesem Vorgange eine
Art Copulation beobachtet habe. Es würde , falls sich diese
Vermuthung bestätigen sollte , die Befruchtung eine äussere
sein, bei welcher das Ei unmittelbar nach dem Ablegen mit
dem männlichen Samen in Berührung käme. Ob das Ei zu-
fällig zwischen die Flossen des als Männchen fungirenden In-
dividuums gekommen sei, oder ob das letztere seine Thätig-
keit bei diesem Geschäfte auch dahin ausdehnt, das Ei in Be-
wegung zu setzen, und dadurch mit den Spermatozoen in
nähere Berührung zu bringen, muss dahin gestellt bleiben,
bis es durch wiederholte Beobachtung festgestellt werden kann.
202 Troschel:
— Auffallend bleibt diese freiwillige Samenenlleerng immer,
da diese Thiere einen Penis besitzen und man daher auch
eine wirkliche Begattung erwarten sollte. Durch das Aus-
werfen der Samenflocken wurde ich sogleich an die einzige
von Muscheln bekannte Begattung erinnert, die WilP) be-
schrieben hat. Hier ^varf ein Männchen von Teilina planata
Flöckchen von Spermatozoen aus, die das Weibchen durch
die Athemröhre einsog.
Möchten doch andere Beobachter ihre Aufmerksamkeit
im October auf diese Thierchen richten. Mir selbst gelang
es nicht, diese Beobachtung zu wiederholen, da keine Exem-
plare von dieser Art mehr in meinen Besitz kamen.
PIeuropu§ Eschsch.
Die Schale dieser Gruppe unterscheidet sich von Hyalaea
auffallend genug dadurch, dass sie flach ist und dass die Mün-
dung keine Verengung zeigt; sie bildet einen Uebergang zur
Gruppe Cleodora. Gerade die hierhergehörigen Arten sind
es, welche die Grenze zwischen Hyalaea und Cleodora unsi-
cher gemacht haben. PI. peliucidus und die gleich zu be-
schreibende neue Art PI. longifilis besitzen jederseits zwei
lange fadenförmige Mantelanhänge. Ob auch die beiden an-
deren Arten, die ich wegen der Aehnlichkeit der Schale hier-
her zu ziehen keinen Anstand nehme, H. laevigata und de-
pressa d'Orb., gleichfalls mit solchen Fäden versehen sind, ist
nur zu vermuthen. Von depressa kennt d'Orbigny das Thier
gar nicht, von laevigata ist das Thier ohne Mantelanhänge
abgebildet, aber Verf. sagt in der Beschreibung zu wenig, als
dass daraus mit Bestimmtheit auf die Abwesenheit dieser Or-
gane geschlossen werden könnte.
Pleuropus longifilis nov. spec. Taf.VHI. Fig. 1
— 3. Testa subtriangularis, antice rotundata, postice uncinata,
depressa, pellucida, nitida, laevissima, fragilissima ; aperlura
transversa, satis aperta,Iabrisrotundatis, supero inferum longe
superante, spini laterales nulli, cuspis postica longa, recta, ad
apicem superne hamala. — Animal pinnis roseis, trilobatis,
1) Froriep's Notizen XXIX. p.57. J844. Vergl. auch dies Ar«
chiv 1845. II. p.322.
Beiträge zur Kenntniss der Pteropoden. 203
appendicibus pallii utrinque binis, longissimis, fuscis. Long.
7 mill., Lat. 5 mill.
Diese Art scheint bei Messina gar nicht selten zu sein,
mir sind acht Exemplare vorgekommen, von denen ich noch
sechs in Weingeist bewahre. Um so schwerer habe ich mich
entschliessen können , sie als neu anzusehen. Ich finde je-
doch keine Art, mit der ich sie in Uebereinstimmung zu brin-
gen vermöchte. Gewiss ist sie von früheren Beobachtern
mit Hyalaea laevigata d'Orbigny verwechselt worden.
Die Schale ist flach, vollkommen durchsichtig, glatt, glän-
zend und so zerbrechlich, dass es schwer hält, ein Exemplar
unverletzt aufzubewahren. An der äussersten Spitze ist die
Schale hakenförmig umgebogen, sonst aber gerade. Sie er-
weitert sich von dieser hakigen Spitze nach vorn anfangs
wenig, weiterhin aber sehr bedeutend, so dass jederseits eine
stark gebogene Linie von der Spitze zur Seitenecke der Schale
verläuft. Die Oeffnung der Schale bildet eineQuerspalte von
ziemlicher Weite. Beide Lippen sind abgerundet, die dor-
sale oder Oberlippe ist jedoch viel weiter vorgezogen als die
ventrale oder Unterlippe. Von Leisten oder Erhabenheiten
auf der Oberfläche der Schale ist keine Spur vorhanden, sehr
zarte Anwachsstreifen erzeugen eine Art unregelmässiger
Querstreifung an der Schale, die jedoch nur bei Vergrösse-
rung wahrgenommen werden kann.
Das Thier macht sich sehr kenntlich durch die rosen-
farbigen Flossen, die am Rande zweimal eingekerbt, also drei-
lappig sind. Jederseits tritt aus der Seitenecke der Schale
ein langer fadenförmiger Fortsatz des Mantels hervor, der
von dunkelbrauner Farbe ist, und die Schale an Länge bei
weitem übertrifft. Diese Fäden flimmern in ihrer ganzen
Länge. Sie sind platt und in ihrer Mitte verläuft eine hellere
Stelle, die im Leben des Thieres wie ein Gefäss aussieht. Ich
glaube jedoch, dass dies die Stelle ist, wo die zwei Fäden
jederseits aneinander haften, da ich bei allen Exemplaren in
Weingeist zwei deutlich von einander getrennte Fäden wahr-
nehme, während das lebende Thier mir nur einen platten und
breiten Faden gezeigt hat. Die Oberfläche dieser Fäden ist
rauh durch zahlreiche sehr kleine Schläuche von dunkelbrau-
ner Farbe; wenn man sie presst, entleeren sie eine gelbe
204 Troschel:
Flüssigkeit. Die Fäden wickeln sich ganz unregelmässig auf,
sind äusserst contractu, machen sich nach Delieben sehr kurz,
und andererseits wieder ausnehmend lang. Sie scheinen als
Fangfäden zu dienen. Abgerissen behalten sie noch lange
selbstständige Bewegung. — Es sind jederseits zwei Kiefer
vorhanden, deren jeder aus vier bandförmigen, am Vorder-
rande sehr fein gekerbten Platten, von vorn nach hinten bei
gleicher Breite an Länge zunehmend, besteht. Die Zunge
besteht aus sieben oder acht Plattenreihen, jede mit drei Plat-
ten. Die Mittelplatte tritt nach hinten in eine grosse Spitze
vor; die Seitenplatten bilden ebenfalls kräftige etwas nach
innen gewendete Spitzen, welche die Mittelplatte noch ein we-
nig überragen. Im Magen sind fünf knorplige Stücke vorhan-
den, welche an manchen Stellen ihrer inneren Oberfläche mit
vorragenden Erhabenheiten pflasterartig besetzt sind.
Die Gehörbläschen sind sehr deutlich, und enthalten viele
Otolithen.
Meine Weingeistexemplare haben eine grosse Aehnlich-
keit mit Eschscholtz's Pleuropus pellucidus ') , so dass
beide Arien gewiss in dieselbe Gattung gehören, deren Cha-
raktere Eschscholtz darin setzt, dass die Schale vorn breit,
platt, hinten zugespitzt sei, und dass vom Mantel jederseits
zwei Fühlfäden heraushängen. Jedenfalls hatSouleyet Un-
recht, wenn er den Pleuropus pellucidus als identisch mit
Cleodora cuspidata ansieht. Die citirte Abbildung scheint nach
Weingeistexemplaren angefertigt zu sein. Unterschieden ist
die Art von der unsrigen durch die hinreichend abweichende
Gestalt der Schale. Eschscholtz beobachtete seine Art in
der Sudsee, was gleichfalls für specifische Verschiedenheit
spricht.
Cleodora Per. Les.
Aus dieser Gruppe habe ich in Messina zwei Arten be-
obachtet:
1. Cleodora pyramidata Per. Les., die nicht zu
1) Isis 1825. p. 735.Taf. Y. Fig. 2. ; — Zoologischer Atlas Heft
3. p. 16. Taf. XV. Fig. 1.; — Rang et Souleyet Bist. nat. des Ptero-
podes pl.X. Fig. 8. copirl.
Beiträge zur Kenntniss der Pteropoden. 205
verkennen und von den verschiedenen Schriftstellern gut be-
schrieben und abgebildet ist.
2. Cleodora trifilis n. sp. (Taf. VIII. Fig. 4.). Te-
sta elongata, triangularis , depressa, antice rolundata, apice
tuinida, pellucida, subtiliter striata. Animal diaphanum, pin-
nis bilobatis, appendicibus pallii utrinque tribus, diaphanis,
brevibus. Long. 1 Millim.
Die Schale ist flach, länglich dreieckig, vorn abgerundet^
mit wenig vorstehenden Rändern, hinten stumpf und gerade,
nicht hakenförmig gebogen und äusserst fein quergestreift.
Die Flossen sind deutlich zweilappig. Sie ist sehr klein, höch-
stens Vi Linie lang.
Der Mund ist rundlich und von einer Wulst umgeben.
Zwei Kiefer sind vorhanden ; jeder besteht aus vier braunen
Stücken, von denen die vorderen drei bandförmig, das hin-
terste von dreieckiger Gestalt und verhältnissmässig gross ist;
das vorderste ist auff'allend klein. Die Zunge enthält fünf
Querreihen. Die JVlittelpIalle bildet einen grossen Zahn, die
seitlichen sind fast dornförmig. Sowohl die Mundmasse wie
der Schlund sind farblos und enthalten nichts von dem brau-
nen Pigmente der folgenden Art. Der kleine Magen liegt vor
der Mitte der Länge, hinter ihm die Leber; der Darm begiebt
sich nach vorn und öffnet sich rechts im After. Das Herz
liegt rechts hinter dem Magen. Am Rande des Mantels lie-
gen jederseils drei kurze contractile Fäden , die nach vorn
gerichtet sind, und nur wenig aus der Schale hervorgeslreckt
werden können. Die Gehörbläschen enthalten viele Otolithen.
Diese Art lässt sich nach der Gestalt der Schale am er-
sten mitHyalaea rugosa d'Orb. ') und Cl. curvata Souleyet ^) ver-
gleichen, welche der letztere für identisch hält. Indessen
die fein gestreifte, hinten nicht gekrümmte Schale, sowie die
drei Mantelfäden unterscheiden sie von ihnen, auch ist die
Schale weniger spitz und mehr langstreckig.
Ich habe nur ein Exemplar am 23. September 1853 be-
obachtet.
1) Voy. dans l'Amcr. merid. Alollusques p. 118. pl. 8. ßg. 12— 14,
2) Hist. nat. des Pleropodes p.52. pl. 13. fig. 5— 10.
206 Troschel:
Creseis Rang.
1. Creseis phaeostoma Nob. nov. spec. cTaf.VIII.
Fig. 5 — 7). Testa conica, fragilissima, recla, transversim re-
gulariter striata, apertura subcirculari. Animal pinnis sub-
quadrangularibus , bllobis, flavimaculatis ; massa buccali et
oesophago fuscis. Long. 1 Mill.
Von dieser leicht kenntlichen Art habe ich am 22. Sep-
tember und am 4. October Exemplare beobachtet. Zuweilen
hatte das Thier gar keine Schale, ein Zeichen, dass dasselbe
sie leicht verliert, in anderen Fällen war die Schale vorhan-
den, doch nicht ganz vollständig; sie ist äusserst zerbrechlich.
Die Schale scheint kurz zu sein, wofür auch die kurze,
hinten abgestutzte Form des Thierkörpers spricht. Die Schale,
wie ich sie beobachtet habe, und die zerbrochen und wohl
nicht ganz vollständig war, war konisch, und hatte ringför-
mige Querstreifen, welche als sehr feine Wülste hervortraten,
Ihre Gestalt war kegelförmig und erweiterte sich von der
Spitze, welche verletzt war, ziemlich schnell; die Mündung
war rundlich. Eine Krümmung der Schale war nirgends zu
bemerken. (Fig. ö.)
Sicherere Charaktere für die Unterscheidung gab der
Bewohner dieser Schale selbst. Ich zähle dahin die fast vier-
eckigen Flossen, mit geradem Vorderrande und einer Ein-
kerbung am Seitenrande, auf deren jeder zwei schwefelgelbe,
verwaschene, grössere Flecken sichtbar sind, und namentlich
die dunkelbraune Färbung der ganzen Mundmasse und des
Schlundes , welche ich bei keiner anderen Creseis wahrge-
nommen , oder in den Beschreibungen Anderer angedeutet
finde; letztere Eigenschaft hat mich zu dem Namen veranlasst.
Cleodora pyramidata hat auch diese braune Färbung des Mun-
des und Schlundes.
Die Flossen sind fast viereckig. Der Vorderrand ist
geradlinig ; der Aussenrand hat auf ein Drittel seiner Länge
einen tiefen Einschnitt, wodurch die Flosse zweilappig wird.
Der hinlere dieser beiden Lappen ist bei weitem der grös-
sere und dehnt sich nach hinten in eine grosse Abrundung
aus, wodurch die Flossen fast so lang wie breit werden.
Die Flossen sind ganz durchsichtig und farblos, doch zeich-
nen sich auf jeder zwei grössere schwefelgelbe Flecken aus,
Beiträge zur Kenntniss der Pteropoden. 207
die den beiden Flossenlappen entsprechen, und die nach der
Mitte der Flosse sich verwaschen, und ohne scharfe Grenze
ins Farblose übergehen. Die Flossen sind mit sehr feinen
kleinen Borsten oder Dornen auf der ganzen Oberfläche be-
selzt. Hinten liegt zwischen beiden Flossen eine dickere,
weniger durchsichtige Masse, welche in ihrer ganzen Aus-
dehnung flimmert.
Die Mundmasse und der Oesophagus sind durch sehr
zahlreiche dunkelbraune kleine Flecke, die ihr eingestreut sind,
braun gefärbt.
Die Mundmasse ist länglich eiförmig (Taf. VIII. Fig. 7.) ;
an ihr liegt vorn ein Eingang, der sich in eine obere Spalte
fortsetzt, die man bis auf die Hälfte der Mundmasse deutlich
sehen kann. Jederseits neben dem vorderen Eingange liegt
ein Kiefer. Derselbe besteht aus vier querliegenden bandför-
migen Streifen, die so hinter einander liegen , das der vor-
derste der kleinste, der hinterste der grosseste ist; übrigens
sind alle diese Streifen gleich breit, rechtwinklig und unter-
scheiden sich von einander nur durch ihre Länge. Ihre Rän-
der sind glatt. Beim Druck Hessen sich die Streifen ein
wenig von einander trennen; sie sind also nicht zu einem
Stuck verwachsen. An den einzelnen Streifen lassen sich
einzelne unregelmässige Querlinien unterscheiden, als wenn
jeder durch Verschmelzung mehrerer an einander gereihter
Stücke entstanden wäre. Weiter hinten in der Mundmasse,
am Ende der oberen Spalte beginnend, liegt eine umgrenzte
runde Masse, die Stütze der Reibmembran, welche sehr be-
weglich und verschiebbar ist, so dass sie die Kiefer zuweilen
erreicht. Auf ihrer Mitte liegt die Reibmembran, oder die
mit Platten bewaff'nete Zunge, Diese besteht aus 7 bis U
Querreihen, deren jede drei Platten enthält. Die Mittelplat-
ten sind breit, vorn concav, hinten convex, an den Seiten ab-
gerundet; jede erhebt sich in einen grossen nach hinten ge-
richteten ganzrandigen Zahn. Die Seitenplatten sind dorn-
förmig , nach innen und hinten gekrümmt und haben eine
etwas verdickte Basis.
Hinter der Zunge habe ich einmal sehr deutlich etwa
ein Dutzend hinten abgerundeter kleiner Schläuche erkannt,
die mit ihren vorderen Enden convergirend der Zunge zu-
208 Troschel:
gewendet waren. Es mögen Schleimdrüsen sein, welche ih-
ren Inhalt in den Mund ergiessen.
Der Schlund geht unter den beiden Gehörbläschen hin-
durch nach hinten, wendet sich ein wenig nach rechts und
mündet in den Magen. Dieser ist länglichrund und enthält
vier Knorpelstücke, die an der inneren Fläche mit stumpfen
Erhabenheiten steinpflasterähnlich besetzt sind. Aus dem hin-
teren Ende des Magens tritt der Darm aus, macht zwei Win-
dungen in der Leber, steigt dann an der linken Seite des
Körpers nach vorn, wendet sich über dem Magen nach rechts,
und öffnet sich an der rechten Seite des Halses. Die Leber
liegt dicht hinter dem Magen, und bildet eine braune läng-
liche Masse, etwa ebenso breit wie der Magen.
An den beiden grossesten Schlundganglien liegen die
Gehörbläschen , welche viele Otolithen enthalten. Ich habe
bei dieser Art recht deutlich zwei Nervenstämme verfolgen
können, welche sich von diesen Ganglien nach vorn bege-
ben , sich bald mehrfach theilen und die Flossen mit einem
grossen Nervenreichthum versehen.
i2. Creseis striata Rang, Von dieser Art habe
ich nur die Zunge untersucht. Es sind lO Querreihen von
Platten vorhanden, deren jede aus drei Platten besteht. Die
Mittelplatten sind breit, am Hinterrande gezähnt. Drei Zähne,
von denen der mittlere der grosseste ist, zeichnen sich aus,
dazwischen stehn viele ungemein kleine Zähnchen. Die Sei-
tenplatten sind dornförmig, ganzrandig. Obgleich ich keine
Abbildung dieser Zunge gebe, mir eine solche für einen an-
deren Ort vorbehaltend, wollte ich doch nicht unterlassen,
zu erwähnen, wie sehr diese Art in der Zungenbewaffnung
von den übrigen Arten derselben Gattung abweicht.
3. Creseis monotis n. sp. (Taf. VIH. Fig. 8. 9^).
Diese sehr kleine neue Art, welche nur 72 mill. lang ist,
will ich anführen, obgleich ich sie nur ohne Schale gefun-
den habe (am 5. October), um künftige Beobachter darauf
aufmerksam zu machen, ihr Körper ist kurz, hinten wie ab-
gestutzt. Die Flossen sind am Aussenrande zweilappig; ihr
Vorderrand ist an der innern Hälfte in einen abgerundeten
Lappen vorgezogen, und daher eigenthümlich geschweift ; sie
sind durchaus farblos. Die Mundmasse hat keine Spur von
lieilrägc zur KdintiusS der Fleiopoden. 209
brauner Färbung. Die aus vier Streifen bestehenden Kiefer
sind farblos. Die Zunge enthält 5 Querreihen von Platten.
Am auffallendsten sind mir die Gehörbläschen gewesen, weil
sie, ganz abweichend von den übrigen Pleropoden , nur ei-
nen einzigen Otolilhen enlhalten. An der Stelle, wo der Nerv
an das Bläschen tritt, besitzt dasselbe einen eigenthümlichen
inneren Ausschnitt (Taf. Vlll. Fig. 9.). Es mag sich hier
leicht die Vermuthung aufdrängen, dass das Vorhandensein ei-
nes einzigen Otolithen nur einem jugendlichen Zustande des
Thieres angehöre, und dies mochte als Einwand gegen die
Eigenthümlichkeit der Art benutzt werden. Bei oberflächli-
cher Behandlung des Gegenstandes könnte man auch vielleicht
meinen, dass die Beobachtungen von Frey') an Limnaeus
stagnalis die Erwartung rechtfertigten , dass auch bei unse-
rer Hyalaea später noch mehrere Otolilhen sich ausbilden wür-
den. Bei reiflicher Ueberlegung kann ich einer solchen An-
sicht jedoch nicht zustimmen. Erstens ist unser Thier ein
völlig entwickeltes, das vom Embryonenzustande nichts mehr
übrig hat, und es lässt sich annehmen , dass auch hier, wie
sonst überall bei den Mollusken, die Gehörorgane sich sehr
früh ausbilden. Dafür sprichtauch, dass selbst die kleinsten
mir zu Gesicht gekommenen Exemplare anderer Arten be-
reits sehr viele kleine Otolilhen besassen. Zweitens ist der
einzige Otolilh bei Hyalaea monotis im Verhältnisse zum Ge-
hörbläschen sehr gross, und es ist nicht einmal für einen
zweiten Otolithen Platz vorhanden. Es könnte im Falle der
Vermehrung der Otolithen nur an eine Zerspallung des einen
gedacht werden. Dagegen sprechen jedoch die eben erwähn-
ten Beobachtungen Frey's an Limnaeus, der es sehr wahr-
scheinlich gemacht hat, dass die Entstehung neuer Otolithen
auf einem Herauskrystallisiren aus dem flüssigen Inhalt des
Gehörbläschens beruhe. Drittens spricht die kugelrunde Form
des Otolithen dafür, dass er einsam bleibe, da in allen Fäl-
len, wo nur ein Otolith vorhanden ist, wie bei den Hetero-
poden und bei Muscheln, derselbe eine kugelige Gestalt hat.
Viertens endlich ist es nicht ohne Beispiel , dass sehr ver-
wandte Thiere mit vielen oder nur einem Otolithen versehen
1) Dies Archiv 1845. I. p. 217. TaMX.
Archiv f. Naturgesch. XX. Jahrf . 1. Bd. 14
^10 Troschel:
sein können; ich erinnere namentlich an die Angaben von
Hancock und Ernblelon'), der bei Aeolis aiirantiaca,
olivacea, picta und exigiia nur einen Otolilhen fand, während
andere Arten deren viele besitzen.
6. Cr es eis acicula Rang* ist mir häufig vorgekom-
men. Ich habe einmal in jedem Gehörbläschen zwei Otoli«
ihen beobachtet, halte jedoch vorher zu wenig darauf geach-
tet, als dass ich die Besländigkt^it dieses Verhaltens behaup-
ten könnte.
Familie CymbaHacea.
Die Gattung Cymbulia Peron Lesueur ist von Quoy und
Gaimard in der Voyage de l'Astrolabe um drei Arten be-
reichert worden. Die eine derselben ist in der That eine
Cymbulia, nämlich C. ovata (1. c. pl. 27. fig. 25—30.). Von
den beiden anderen, G. radiata (ib. fig. 33. 34.) und punctata
(ib. fig. 35.36.) hat schon Krohn-^) die Vermuthung ausge-
sprochen, sie möchten Tiedemannien sein. So uley et ^j hat
die erstere , C. radiata , in der Galtung Cymbulia gelassen
die zweite dagegen als T. punctata in die Gattung Tiedeman-
nia versetzt. Ich sehe mich in dem Falle, vollkommen der
K r 0 h n'schen Ansicht beitreten zu müssen.
Man hat anfanglich geglaubt, die Gattung Tiedemannia
unterscheide sich von Cymbulia durch den Mangel der Schale,
durch einen stark hervorragenden Rüssel, und die Verwachsung
der Flossen zu einer einzigen Scheibe. Dass der Mangel der
Schale auf falschen Angaben beruhe, hat zurersl Krohn (I.e.)
nachgewiesen, und die Schale von Tiedemannia abgebildet;
ich kann ihr Vorhandensein aus eigener mehrfacher Beob-
achtung bestätigen. Es ist jedoch auch in der Schale ein in
die Augen fallender Unterschied übrig: bei Cymbulia ist sie
mit hervorragenden Spitzen besetzt (daher gehört auch C.
ovata Quoy und Gaimard unzweifelhaft in diese Gattung), bei
Tiedemannia ist sie glatt, und geht sehr leicht verloren. Der
hervorragende Rüssel ist mehr oder weniger lang, die Ver-
1) Annais natural history Vol. III. 1849. p. 196.
2) Dies Archiv 1847. I. p.37.
3) Rang et Souleyel Hist. nat. des l'teropodts p. 68. und 70.
Bfilväge zur Kenn!niss der Pleropodeo. 211
wachsung der Flossen zu einer Scheibe lässt einen Ueber-
gang zu, indem beiT. radiata, Scylla und Charybdis ein mitt-
lerer Schwanzlappen hervorsteht, der durch Einschnitte von den
Flossen abgesetzt ist.
Ausser allen Zweifel wird nun nach meinen Beobach-
tungen die Verschiedenheit beider Gattungen dadurch gesetzt,
dass Cynibulia zwei Kiefer und eine Zunge hat, während bei
Tiedemannia beide Organe durchaus fehlen. Mir ist es we-
nigstens trotz sorgfältiger Nachsuchung unter dem Mikro-
skop an lebenden Exemplaren von T. neapolitana, Scylla und
Charybdis nicht gelungen, eine Mundbewaffnung zu entdek-
ken. Dafür, dass auch Cymbulia radiata Quoy und Gaimard
eine Tiedemannia sei, sprechen namentlich die strahlenförmi-
gen Punklstreifen auf den Flossen, welche ich bei Tiedeman-
nien ganz ähnlich wiedergefunden habe, von denen ich jedoch
bei Cymbulia nichts habe bemerken können.
Cyin1)ul££i Per. Lcs.
Cymh ulia Peronii Cuv. ist mir einigemale in Mes-
sina vorgekommen. Ich habe ihre Mundfheile untersucht.
Van Beneden hat diesem Thiere jede Bewaffnung des Mun-
des abgesprochen, er hat sie übersehen'). Ebenso C an-
tra ine 2). Souleyet hat 3) angegeben, dass drei Reihen
nach hinten gekrümmter Haken vorhanden seien, was ziem-
lich ungenau ist. Von den Kiefern heisst es daselbst, es
seien zwei kleine Hornstücke, ein wenig in sich selbst ge-
krümmt , und durchlaufen von Querleisten. Abbildung und
Beschreibung sind ungenügend. — Ich habe die Mundlheile
am Eingange in den Nucleus gefunden. Sie bestehen aus zwei
Kiefern und einer Zunge. Die Kiefer liegen vor der Zunge
und seitlich; jeder besteht aus fünf Leisten, die so hinter ein-
ander geordnet sind, dass sie von vorn nach hinlen allmäh-
lich kleiner werden. Die einzelnen Leisten oder Streifen
sind unregelmässig zerspalten, und am Vorderrande gekerbt.
1) Exercices zootomiques. Fascicule deuxieme. Bruxelles 1839»
p. 15.
2) Nouv. Mein, de l'Acad. de Biuxelles. Vol. XIH. 1841.
3) Voyage de la Bonite Zoologie li. Mollnsques pl. Ij^/s Fig. 34.
212 Troschel:
Diese Kiefer, welche ganz nach dem Typus der Hyalaeen ge-
baut sind, zeigen recht deutlich, dass die Cymbulien den Hya-
laeaceen näher verwandt sind , als den nackten Pteropoden.
Die Zunge ist dunkelbraun gefärbt und nur wenig durchsich-
tig, sie enthält 8 bis 11 Querreihen von Platten; in jeder sind
drei Platten vorhanden. Die Mittelplatte ist breit, vorn in
die Höhe gerichtet und so umbogen , dass ein freier, nach
hinten gewendeter Rand entsteht. Dieser umgebogene Theil
der Platte ist durch feine vertiefte Linien ausgezeichnet; der
freie Hinterrand trägt sechs spitze, etwas gekrümmte Zähne.
Die Seitenplalten sind viereckig, ihr Vorderrand krempt sich
um, und bildet so einen kräftigen Zahn. Eine Abbildung be-
halte ich mir für einen anderen Ort vor.
Die Gehörbläschen (Taf. IX. Fig. 16.) enthalten viele Oto-
lithen. An ihnen fiel es mir auf, dass die einzelnen ellipti-
schen Otolilhen einen rundlichen Kern enthalten. Solche
Otolithen mit Kern sind von Hancock und Embleton ')
von Aeolis papulosa und coronataan gegeben worden; Ae. au-
rantiaca und olivacea sowohl, wie picta und exigua, besitzen
nach der Angabe derselben Verfasser nur einen grossen Oto-
lithen, der auch die Anzeichen eines Kerns hat. Sonst er-
innere ich mich nicht von Otolilhen mit Kern gelesen zu haben.
Tiedemannia Van Beneden.
Wie schon oben bemerkt ist, hat die Gattung Tiedeman-
nia keine Kauwerkzeuge, weder Kiefer noch eine bewaffnete
Reibmembran an der Zunge; das halte ich für einen voll-
ständigen Beweis für die generische Verschiedenheit von
Cymbulia.
Auf die Note in Ersch und Gruber Allgem. Encycl. Sect,
I. Bd. 20. p. 420., wo es heisst: „aus der von Lesueur in
seiner handschriftlichen Monographie angeführten neuen Art
von Martinique, Cymbulia parva, will derselbe eine neue Gat-
[ung, Argivora ^ gebildet wissen, weil ihr die Schale fehll^S
ist nach meiner Meinung keine weitere Rücksicht zunehmen.
Der Gattungsname kann auf keine Berechtigung Anspruch ma-
chen, weil die Gattung nicht einmal auf einem richligen Cha-
1) Annais natural hislory Vol. III. 1849. p. 196.
Beiträge zur Kenntniss der Pleropoden. 213
rakter basirt ist, und die Species wird nimmer zu bestimmen
und zu unterscheiden sein. Man sieht aus dieser Note nur,
dass es bei Martinique ein kleines Thier giebt, welches aller
Wahrscheinlichkeit nach in die Gattung Tiedemannia gehört.
In dem neusten Werke über die Pteropoden hat Sou-
leyet ') nur zwei Arten dieser in vieler Beziehung interes-
santen Gattung angeführt. Ihm sind die Abhandlungen von
Krohn in diesem Archive nicht bekannt gewesen. Ich
glaube, dass sich die Zahl der Arten bereits auf sechs beläuft,
wenn ich zwei von mir bei Messina entdeckte kleine Tiede-
mannien hinzufüge. Es sind folgende, deren Synonymie ich
vervollständige:
1. Tiedemannia neapolitana Delle Chiaje (Taf.
IX. Fig. 1—9.).
Gleha cordata Forskai Fauna arabica Tab. 43. D. Copirt in
Bruguieres Tableau encyclop. et method. pl.89. fig. 4.
Tiedemannia napolitana Van Beneden Exercices zootomi-
ques Fase. 2. p.22. pl. 2. 1839. (Mem. de l'Acad. de
Bruxelles Tom. XII.). Angezeigt in der Isis 1843.
p. 636. ; copirt in Gray's Figures of Molluscous Animals
Vol. III. Tab. 252. Fig. 4. 1850.
Tiedemannia 9iapolitana Delle Chiaje Antologia di Scienze
naturali publicata da R. Piria ed A. Scacchi. Napoli
1841. p.81. (Angezeigt in Menke's Zeilschr. für Ma-
lakozoologie. 1844. p. 78.).
Tiedexaannia cristallina Delle Chiaje Animali senza Verle-
bre della Sicilia citeriore Tom. I. p. 96. Tab. 32. Fig.
4-7. 1841.
Cymbulia proboscidaea Krohn Giornale di gabinetto di
Messina.
Tiedemannia neapolitana Philipp! Enum. Mollusc. Sicil. II.
p.215. 1844.
Tiedemannia creniptera Krohn Archiv, für Naturg. 1844.1.
p. 324. Fig. A. — Copirt bei Gray Molluscous Animals
III. Tab. 254. Fig. 5. 1850.
Tiedemannia creniptera Philippi in Menke Zeitschr. fürMa-
lakozoologie 1844. p. 104.
1) Rang et Souleyet Hiat. iiat, des Mollusqiies Pleropodes p.69.
214 TroschcJ:
Tiedemannia neapoUfana Krohn Archiv für Nalurgeschichte
1847. I. p.36. Taf. II. Fig A-C.
Tiedemannia napoUtana Rang et Souleycl Hist. nal. des
MoIIusques Pleropodes p.70. pI.XV. Fig. 8. copirt nach
Van Beneden.
Alle Exemplare, welche ich in Messina zu beobachten
Gelegenheil halte, besessen die Einkerbungen am Rande der
grossen Flossen, gehörten also zu der Form, auf welche
Krohn seine T. creniptera gründete, deren Uebereinslimmung
mit T. neapolitana er jedoch selbst anerkannt hat. Ich er-
wähne dies für den Fall^ dass sich dennoch beide Arten als
verschieden herausstellen sollten.
Die Schale habe ich auch gefunden; sie stimmt vollstän-
dig mit der Krohn'schen Abbildung übercin , ist ungemein
durchsichtig, daher leicht zu übersehen und mit glatter Ober-
fläche. Sie hat sehr wenig Festigkeit, ist biegsam, und legt
sich an den Finger, oder an die Glasplatte, auf der man sie
ruTien lässt, an. DasThier ist nur sehr lose mit ihr verbun-
den, so dass sie sehr leicht, und schon bei der leisesten Be-
rührung, sich abtrennt. Am vordem Ende der Schale, wel-
ches zugleich das dickste ist, wird die Verbindung mit dem
Thiere hergestellt. Dieser Theil , in der vorderen Ausbucht
zwischen den Flossen des Thieres gelegen, ist nämlich noch
von einer gewölbten, sehr zarten Haut überzogen , die wie
eine Kappe Thier und Schale vorn umfasst. Diese Haut ist
elliptisch oder rundlich, und besitzt an der Oberfläche viele
Chromatophoren '). Die ganze vordere Partie löset sich als
eine dünne durchsichtige kappenförmige Masse leicht ab, so
dass mit ihr die Chromatophoren abgehen. Dieselben waren
übrigens als solche nicht zu verkennen. Dass Van Beneden
sie übersehen hat, ist leicht daraus zu erklären, dass er nur
Weingeist-Exemplare benutzte, und dass an ihnen die er-
wähnte Haut bereits verloren gegangen war.
1) Chromatophoren bei Pleropoden hat zuerst Herr H. Möller
(Zeitscbr. für wissensch. Zoologie von v. Siebold und Kölliker IV. p.
332.) an einem Thier beobachtet, welches er für Cymbulia radiala Q.
et G. hält, das aber gewiss eine der unten von mir aufgestellten neuen
Arien von Tiedemannia ist.
ßcilräge zur Keniiluiss der Tlejopoden. 215
Auf den grossen Flossen finden sich Züge von Punkten,
welche slrahlig vom Cenlrum desThiercs zur Peripherie hin-
laufen; dieselben sind ziemlich unregeltnässig geordnet. Aus-
serdem sind einzelne solche Punkte am Rande der Flossen
verlheilt (Taf. IX. Fig. 9.). Alle sind sehr klein. Bei hinrei-
chender Vergrösserung sieht man, dass alle diese Punkte ei-
nen centralen Fleck besitzen , von dem strahlenförmig aber
sehr unregelmässig Linien ausgehen, die sich in verschiede-
ner Weise krümmen und verästeln. Es scheint, als ob dies
hohle Räume wären, in denen eine braune Masse enthalten
ist, die bei Erweiterung heller und durchsichtiger, bei Con-
Iraclion dunkler und undurchsichliger würden. Es lassen sich
daher diese Punkte vielleicht mit den Chromatophoren ver-
gleichen, sind aber etwas Anderes als die oben erwähnten,
da ich im Leben keine Veränderungen an ihnen wahrnahm.
Der Rand der Flossen ist von einem sehr eigenthümli-
chen schmalen Saum umgeben. Derselbe besieht aus einer
einfachen Reihe sehr zahlreicher Röhrchen, welche am freien
Ende mit einer runden Oeffnung versehen sind , am unteren
Ende, wo sie dem Flossenrande anhängen, geschlossen er-
scheinen. Ein Stück dieses Saumes habe ich nach einem
Weingeistexemplar von Tiedemannia chrysosticta , die darin
von T. neapolitana nicht abweicht, abgebildet (Taf. IX. Fig. 11.).
Der Rüssel (Fig. \a und Fig. 2.) bildet eine fast senk-
recht vom Körper abstehende Röhre, welche durchsichtig und
am Grunde cylindrisch ist , sich aber gegen ihr Ende ver-
flacht und verbreitert. Dieses Ende (Fig. 2.) besteht aus zwei
auf einander liegenden Häuten , die beide von einem etwas
verdickten, wulstigen, gefärbten Rande gesäumt sind. Es
lässt sich eine vordere und eine hintere Haut unterscheiden.
Beide sind in der Milte tief ausgebuchtet, wodurch zwei vor-
springende Lappen entstehen, ein rechter und ein linker. Die
beiden erwähnten Häute sind grossenthells mit einander ver-
bunden, nur an dem inneren Theil jedes Lappens bleiben sie
von einander getrennt. Wenn die Häute der Lappen ausge-
spannt liegen, bemerkt man darin kleine Fleckchen, die we-
gen ihrer Durchsichtigkeit nur undeutlich zu sehen sind. Bei
sehr starker Vergrösserung zeigt sich, dass diese Fleckchen
eiförmige oder runde Körperchen (wohl Hautdrüsen) sind,
^16 Troschel:
von sehr zaiier Membran umgeben, und meist drei , zuwei-
len auch wohl zwei oder vier grnnulirte Körperchen einschlies-
send; die Membran scheint einen Ausführungsgang- zu besit-
zen. Diese Drüsen sind jedoch nur da sichtbar , wo beide
Häute mit einander verbunden sind; wo man nahe dem In-
nenrande jedes Lappens bei zurückgeschlagenem Rande nur
ein Häutchen sieht, zeigt sich eine geringe Streifang, die von
sehr feinen Muskelfasern herrührt. Die wulstigen Ränder
selbst sind muskulös^ und setzen sich am Innenrande der Lap-
pen in Muskeln fort, die längs dem ganzen Rüssel hinlaufen;
am Aussenrade geht der Randwulsl der hinteren Haut in den
der vorderen Haut über. Der Randwulst der vorderen Haut
macht am Innenrande jedes Lappens eine Falte, oder eine
Art Schleife, wodurch ein tenlakelartiger Vorsprung entsteht.
In der Mitte zwischen beiden Lappen am Ende des Rüssels
findet sich eine Ocffnung , der Mund. Ich konnte mit einer
Nadel in denselben eingehen, und so durch den Rüssel ohne
irgend welche Hemmung bis in die spindelförmige Eingewei-
demasse gelangen. Kiefer und Zunge fehlen ganz.
Der spindelförmige Nucleus (Fig. 3.), in welcher der
Schlund einmündet, ist völlig undurchsichtig, und von einer
glänzenden Haut umgeben. Im Innern scheint eine mittlere
Höhlung zu sein. Zunächst unter der überziehenden Haut liegt
eine Schicht von dunkelbraunen, fast schwarzen Körnern, die
Leber. Unmittelbar beim Eintritt in die Lebermasse erwei-
tert sich der Schlund zu einer Art Vormagen (gesier Van Be-
neden), der muskulös ist; die Muskeln bilden viele Längsstrei-
fen an diesem Theil des Nahrungsschlauches (Fig. 4 a). Hier-
auf folgt der eigentliche Magen (Fig. 4. h), der eine weissli-
che Farbe hat, ziemlich festwandig ist, und der vier Knor-
pelstücke (Fig. 5 und 6.) in sich einschliesst. Letztere sind
von unregelmässig eiförmiger Gestalt und erheben sich in ei-
nen beträchtlichen Vorsprung, neben welchem wohl noch eine
zweite unregelmässigere Erhabenheit vorkommt. Diese Knor-
pelstücke sind nicht völlig einander gleich. Hinter dem Ma-
gen liess sich noch ein Stück Darm (Fig. 4 c) verfolgen.
Dieser tritt aus einer OefTnung, die schon äusserlich an dem
Nucleus sichtbar ist (Fig. 3.- a), und die ziemlich weit nach
vorn, etwa auf ein Viertel der Länge, liegt. Die weitere Fort-
Beilräge zur Kennlniss der Fleropoden. 217
Setzung des Darmes habe ich wegen grosser Durchsichtigkeit
aller Theile nicht wahrnehmen können. Im Innern des Nu-
cleus findet sich noch ein Sförmig gebogener Schlauch von
brauner Farbe (Fig. 8.), der zahlreiche Ouerfalten auf seiner
Oberfläche hat, die dunkler gefärbt sind. Derselbe dürfte nach
der Analogie mit den Hyalaeen für den Eierstock zu neh-
men sein.
Von den Geschlechtstheilen habe ich ausserdem nur die
Rulhe (Fig. 7.) gefunden. Sie liegt unterhalb des Schlundes,
nahe dem Schlundringe, und ist ein gewundener zusammen-
gekrümmter Körper, der sich leicht in die Länge strecken
lässt. Sie sitzt mit dem dünneren Ende fest^ das andere keu-
lenförmig verdickte Ende ist frei. Am freien Ende liegt eine
kleine Oefl'nung, von der strahlenförmig feine Linien ausge-
hen^ die bis zu einer das keulenförmige Ende umgebenden
Kreislinie reichen.
An der Stelle, wo der Rüssel von der Körperscheibe
abtritt, liegt die Centralmasse des Nervensystems. Der Schlund-
ring besitzt zwei grössere Ganglien, die nach hinten gelegen
sind, und an sie lehnen sich die Gehörbläschen an. Diesel-
ben quellen als nicht unbedeutende Blasen an der Oberfläche
der Ganglien hervor, und sind nicht in die Nervenmasse ein-
gesenkt. Sie sind gelb gefärbt und haben einen starken Glanz,
so dass sie durch die Lupe betrachtet wie zwei goldene Kü-
gelchen erscheinen. Sie enthalten eine sehr grosse Menge
von Ololithen. Vor diesen beiden Ganglien, die nur durch
eine kurze Commissur verbunden sind, liegen noch vier oder
fünf kleinere Ganglien. Augen sind nicht vorhanden. — Von
jedem der beiden grossen, ohrtragenden Ganglien gehen zwei
Nervenfäden ab (Fig. 1.). Der vordere geht gerade nach der
Seite, senkrecht auf die Längslinie des Thieres, und theil
sich bald in zwei Aeste, von denen der vordere die Verlän-
gerung des Stammes bildet, und wieder nach vorn einen Ast
abgiebt. Die so entstandenen drei Aeste theilen sich wieder
in je zwei Zweige, so dass, soweit ich es habe mit Hülfe
von Acidum chromicum , weiches die Nerven sehr deutlich
macht, ermitteln können, der vordere Nervenstamm mit sechs
Zweigen an die Peripherie der Flosse tritt. Der zweite hin-
lere Nervenstamm nimmt seine Richtung schräg nach hinten,
^18 Troschel:
theill sich vor dem dritten Tlieil seines Weges in zwei Aeste,
und weiterhin verzweigt sich jeder Ast wieder, so dass von
diesem hintern Nervenslamm jederseits vier Zweige an die
Peripherie der Flossenscheibe treten.
2. Ti edemannia chrysostict a Krohn MS.
Archiv f. Naturgesch. 1847. I. p. 37.
An dem eben cilirten Orte unseres Archives hat Krohn
erwähnt, dass er gewisse Tiedemannien als besondere Art un-
terscheide , die einen kürzeren Küssel besitzen, und deren
Flossen sich durch einen goldgelben Teint auszeichnen. Auch
mir ist in Messina eine solche Tiedemannia vorgekommen,
die ich in Liqueur conservateur aufbewahrt habe, und die sich
ganz vortrefflich gehalten hat. Einen Namen hat Krohn
dieser Art a. a. 0. nicht gegeben. In einem Verzeichnisse
von niederen Thieren des Mitlelmeeres, welches dieser sorg-
fällige Naturforscher mir vor meiner Abreise nach Messina
mitzutheilen die Freundschaft hatte, ist diese Art jedoch mit
dem sehr passenden Namen T. chrysoslicla bezeichnet, wel-
chen ich daher beibehalte.
Auch bei meinem Exemplar ist der Rüssel kürzer als
bei den von T. neapolitana untersuchten Exemplaren. Das
am meisten in die Augen fallende Merkmal sind jedoch die
gelben Flecke. Diese sind dicht und zahlreich über die ganze
Ober- und Unterfläche der Flossen verlheilt, sind viel grös-
ser, und viel reicher verzweigt, als bei der vorigen Art.
Ich habe auf Taf. IX. Fig. 10. einen solchen Punkt vergrös-
sert abgebildet. In den verästelten Röhren ist ein Farbesloff
enthalten, welcher heller oder dunkler erscheint, je nachdem
er hier oder da mehr condensirt ist. So kommt es, dass
manche Zweige kaum mit den übrigen oder mit dem Kern
zusammenzuhängen scheinen, weil ein Thcil derselben last
leer und farblos ist.
Auch diese Art hat, wie es schon bei der vorigen be-
merkt ist, einen den Flossenrand umgebenden Saum, welcher
aus zahlreichen kleinen einfach aneinander gereihten Röhr-
chen besteht, deren unteres Ende geschlossen, deren oberes
freies Ende mit einer kreisrunden Oefl'nung versehen ist (Taf.
IX. Fig. 11.). üeber die Redeutung dieses zierlichen Organes
vermag ich keine Vermuthung auszusprechen.
Beiträge zur Kennlniss der Plcropoden. 219
3. Tiedemannia punctata Soul.
Cymbulia punctata Quoy et Gaim. Voy. de l'AslrolabeTom.
II. p.377. pl. 27. Fig. 35. 36. — Copirt bei Gray Mol-
luscous Animals III. Tab. 253. Fig. 1.2.
Vergl. Krohn Archiv f. Nalurgesch. 1847. I. p.37. Note.
Tiedemannia punctata Soul. Rang et Souleyct Hist. nal. des
Pteropodes p. 70. pl. XI. Fig. 11. 12. Copie nach Quoy
et Gaimard.
Vaterland : Neu Irland
4. Tiedemannia r adiata.
Cymbulia radiata Quoy et Gaim. Voy. d'Astrolabe t. II.
p. 375 pL 27. Fig. 33. 34. Copirt bei Gray Molluscous
Animals III. Tab. 253. Fig. 4.
Vergl. Krohn Archiv für Nalurgesch. 1847. I. p.37. Note.
Cymbulia radiata Souleyet Hist. nat. des Pteropodes p. 68.
pl.XI. Fig. 9. 10. Copie nach Quoy et Gaimard.
Vaterland : Amboina.
5. Tiedemannia Scylla Nob. n. spec. (Taf. IX.
Fig. 12. 13.).
? Cymbulia radiata Kölliker undH. Müller Zcitschr. für wiss.
Zool. IV. p.332.
Bei Messina habe ich eine kleine Tiedemannia beobach-
tet, welche ich für eine neue Art halte. Sie ist 10 Mill. breit,
wenn die Flossen ausgespannt sind, und hat dabei eine Länge
von 7 Mill. Der Rüssel vorn zwischen den beiden Flossen
gelegen, wie bei den übrigen Tiedemannien, ist kurz und
dick. Die Flossen umgeben nicht den ganzen Körper, son-
dern lassen hinten einen beträchtlichen mittleren Vorsprung
frei, so dass das Ganze, abgesehen vom Rüssel, eine drei-
lappige Scheibe darstellt. Das ganze Thier ist breiter als
lang, und jede Flosse ist ebenfalls breiter als sie lang ist.
Jede Flosse hat einen vorderen spitzen Winkel, der sogar
einen oder zwei spitze Zähnchen trägt; der Seitenrand der
Flosse geht in einem Bogen in den Ilinterrand über. Auf je-
der Flosse finden sich vier Streifen schwarzer Punkte, wel-
che den Mitlellheil des Thieres nicht erreichen. Auf dem
220 Troschel:
Scliwanzlappen verläuft in der Mitte eine Linie von Punkten,
die jedoch nur bis auf die Hälfte der Länge des Schwanzlap-
pens reicht.
Von T. neapolilana weicht diese Art durch den vor-
spring-enden Schwanzlappen und durch die vordere Flossen-
spitze ab. Grosse Aehnlichkeit hat sie mit T. radiata; bei
dem verschiedenen Yaterlande stehe ich jedoch nicht an, sie
auch von dieser verschieden zu halten , da letztere Flossen
besizt, welche überall abgerundet sind. Ob Kolli ker und
H. Müller 1. c. diese oder die folgende Art gesehen haben,
muss ich unentschieden lassen.
Von der Anatomie dieses Thierchens habe ich nur Ei-
niges beobachtet. Der Schlundring des Nervensystems be-
steht aus 5 Ganglien; an den beiden grösseren liegen die
Gehörbläschen an. Sie enthalten eine sehr grosse Zahl von
Otolilhen. Augen, Kiefer und bewafTnete Zungenmembran
sind nicht vorhanden. Der Magen enthält vier Knorpelstücke.
6. Tiedemannia C har yb dis ^oh,n,s]^. (TsiLlX,
Fig. 14. 15.).
Eine andere Form derselben Gattung habe ich ebenfalls
in Messina beobachtet. Sic wurde, wie die vorige, mit dem
feinen Netz an der Oberfläche des Meeres gefangen. Ihre
Breite beträgt 4'/, Mill. , bei einer Länge von 4 Mill. Sie
stimmt mit der vorigen Art in dem Vorhandensein eines
Schwanzlappens überein, auch besitzt sie die strahlenförmigen
Punktstreifen. Die Breite des ganzen Thieres übertrifft die
Länge nur um ein Geringes. Die Flossen sind auffallend län-
ger als breit, und überall abgerundet. Vorn zwischen den
Flossen war ein abgerundeter Vorsprung, der viele Chromato-
phoren enthielt. Dies ist die Haut, welche eine Verbindung
des Thieres mit der Schale vermittelt, wie ich es schon bei
T. ncapolitana geschildert habe. Die Chromatophoren sind
schwarze Punkte, grösser als die Punktstreifen auf den Flos-
sen. Sie werden grösser und kleiner. Zuweilen sah ich sie
sich plötzlich so bedeutend erweitern, dass der ganze Mittel-
theil des Thieres braun wurde, worauf sie sich oft plötzlich
wieder zusammenzogen. Auf jeder Flosse sind fünf Punkt-
streifen vorhanden. Der vordere Streifen erstreckt sich vom
Beiträge zur Kcnntniss der Fteropoden. 221
Nucleus zum vorderen Flossenrande, die übrigen entspringen
vom Centrum des Thicres hinter dem Nucleus, wie es auf der
Abbildung dargestellt ist. Von diesem Centrum erstreckt sich
auch eine einfache Punktreihe bis in die Spitze des Schwanz-
lappens. Dicht vor dem Nucleus schlug das Herz sehr deutlich;
es zeigte sich wie eine rundliche Blase.
Dass die beiden letzleren Arten verschieden sind^ dar-
über habe ich keinen Zweifel. Möglicherweise könnte sich
jedoch ergeben, dass der Schwanzlappen nur der Jugend an-
gehörte, später verkümmerte; und dann könnte wohl T.Scylla
eine Entwickelungsstufe von T. neapolitana, T. Charybdis eine
solche von T. chrysosticta sein. Dies kann jedoch nur durch
eine directe Beobachtung der Entwickelung dieser Thiere fest-
gestellt werden. Ich habe jedoch die Veröffentlichung die-
ser beiden Formen nicht zurückhalten wollen, weil auch in
diesem als möglich hingestellten Falle eine nicht uninteres-
sante Entwickelungsstufe der beiden grösseren Arten vorlie-
gen würde, durch welche ein neuer Anhalt für die Verschie-
denheit jener beiden Arten gegeben wäre.
GryitiiiosoBiiata.
Tn der Abtheilung der nackten Pteropoden finden sich
zwei Typen, die so verschieden von einander sind, dass sie
zur Aufstellung zweier Familien berechtigen.
Die Gattung Clione Fall, besitzt keine äusseren Kiemen,
keine mit Saugnäpfen besetzte vorstreckbare Arme, statt de-
ren vorstreckbare tentakelartige Organe in verschiedener Zahl,
und zwei Kiefer mit langen Zähnen kammarlig besetzt.
Die Gattung Pneumodermon Cuv. besitzt äussere Kiemen
am hinteren Körperende, besitzt zwei mit deutlichen Saug-
näpfen besetzte vorstreckbare Arme, und zwei lange mit Zäh-
nen besetzte vorstreckbare Röhren, und ausserdem sehr kleine
Kiefer.
Um diese beiden Typen gruppiren sich mehrere Formen,
die als Gattungen unterschieden werden müssen. In wie weit
sich Cliodila und Pelagia Quoy et Gaimard von Clio gene-
risch unterscheiden lassen, kann sich erst nach näherer Kennl-
niss, namentlich der anatomischen Verhältnisse, ergeben. In
naher Verwandtschaft mit Clio (Clione Fall.) steht ein Thicr-
222 Troschel:
chen, welches bei Messina vorkommt, und auf welches ich
schon durch meinen werlhen Freund Kro h n aulmerksam ge-
macht worden war. Das Thier hat in vielen Punkten eine
völlige Uebereinstimmung mit Clio, unterscheidet sich jedoch
von ihr durch drei Kiefer, den Mangel der aus dem
Munde hervortretenden sogenannten Kop fk egel us. w. Ich
kann nicht umhin, das Thier für den Typus einer neuen Gat-
tung zu nehmen, die ich, um die nahe Verwandtschaft mit
Clio anzudeuten, Cliopsis nenne. Der Art gebe ich den
Namen des verdienten Beobachters Dr. A. Krohn.
Cliopsis liroliiiii IVoh. nov. spec.
Am 5ten November 1853 kamen in Messina zwei Exem-
plare eines kleinen nackten Pteropoden in meinen Besitz, die
ich sogleich als neu erkannte und sie so genau untersuchte,
wie es die Umstände zuliessen.
Das Thierchen hat eine Länge von 4 — 5 Linien, und in
der Mitte des Körpers gegen 2 Linien im Durchmesser; im
Querdurchschnitt ist es kreisrund. Fig. l. stellt es in natür^
lieber Grösse dar, während es in den Figuren 2, 3 und 4
etwas vergrössert, durch die Lupe und in den verschiedenen
Körperlagen betrachtet ist.
Vorn tritt ein rundlicher Vorsprung, der Kopf, hervor,
der beliebig ganz zurückgezogen und mehr oder weniger weit
vorgestreckt werden kann. In der Mille und vorn liegt an
demselben der Eingang in den Mund, der sich zuweilen, von
oben oder von unten betrachtet, als eine geringe Einkerbung
zu erkennen giebt. Mundpapillen oder Kopfkegel, wie sie die
bekannten Arten von Clio besitzen, habe ich niemals wahr-
nehmen können, und ich zweifle, dass dergleichen vorhan-
den sind; auch Krohn versichert, dass er sie nie gesehen
habe. Diese Mundpapillen entsprechen den mit Saugnäpfen
besetzten Anhängen von Pneumodermon , und ihre Zahl va-
riirt nach den Species , indem bekannilich Clio borealis de-
ren 3 jederseits besilzt , während Clio longicaudata Sou-
loyet nur zwei an jeder Seite aus dem Munde hervorslreckt.
Neben dem Munde befindet sich jederseits ein kleiner Tenta-
kel, der zuweilen als ein winziger hakenförmiger Anhang her-
vorlrilt, andrerseits aber auch vollständig zurückgezogen und
Beiträge zur Kenntnlss der Fleropoden. 223
verborgen werden kann (F'ig'. 3, 4. a). Diese vorderen Ten-
takeln haben grosse Aehnlichkeit mit denen von Clio und
Pneumodermon. Dasselbe gilt von den hinteren Tentakeln,
welche zwischen beiden Flossen liegen und welche von Esch-
richt') für Augen genommen wurden. Ich sah sie nur im
eingestülpten Zustande, wo sie zwei Grübchen darstellen. Ich
komme später wieder auf sie zurück, wenn ich die Sinnes-
organe zur Besprechung bringen werde.
Eine eigenlhümliche Einschnürung zwischen Kopf und
Rumpf ist nicht vorhanden, der Kopf ist jedoch viel schma-
ler als der Rumpf, und daher deutlich vom Rumpfe geschie-
den. An dieser Grenze liegt unterhalb in der Mitte zwischen
den Flossen der Anhang, welchen Esc bricht mit dem Na-
men des Halskragens belegt, der aber mit Recht als das Ru-
diment des Fusses von den Neueren angesehen wird. Er ist
saltelförmig, in der Mitte vertieft, und jedcrseits in einen
dicken fleischigen Lappen erhoben, dessen Ränder sich vorn
zu einer Bucht vereinigen (Fig 3, 4. 6). Jederseits neben
diesem Bauchhöcker liefen die kleinen Flossen, die in eine
Höhlung völlig zurückgezogen werden können. Wenn sie
ganz hervorgestreckt sind^ wie es beim Schwimmen geschieht,
und seillich ausgebreitet liegen, dann überragen sie mit ihren
Enden kaum die grosseste Breite des Thieres. Sie sind et-
was breiter als lang, haben einen convexen Vorderrand, und
einen concaven Hinterrand.
Der eiförmige Rumpf des Thieres ist hinten stumpf ab-
gerundet und ebenso wie der Kopf und die Flossen, weiss-
lich und durchsichtig. Mit der Lupe nimmt man auf der Ober-
fläche sehr feine Pünktchen wahr, die über den ganzen Rumpf
unrcgelmässig zerstreut liegen und nur vor dem gleich zu
erwähnenden Wimperkranze einen Kreis um den Körper bil-
den. Ich halte sie für Hautdrüsen.
Bei dem ersten Exemplare, welches ich uniersuchte, war
gegen das hintere Ende ein zierlicher Wimperkranz von lan-
gen lebhaft flimmernden Wimpern vorhanden; an dem zwei-
ten Exemplare fehlte derselbe.
1) Annlomische Untersuchungen über die Clione borcalis. Ko-
penhagen 1838 p. 7.
224 Troschel:
Der Körper enthält im Innern eine spindelförmige dunkle
Stelle, denNucleus, den man beim Schwimmen des Thieres
im Wasser , wegen der Durchsichtigkeit der übrigen Theile,
fast allein wahrnimmt.
Die Thierchen schwammen im klaren Seewasser mun-
ter umher , und ihr specifisches Gewicht ist dem des Was-
sers wohl sehr nahe, da sie selbst bei völliger Ruhe ihrer
Flossen in demselben schwebten, oder doch nur sehr lang-
sam zu Boden sanken. Meist halten sie den Kopf nach oben
gerichtet. Das eine Exemplar habe ich mehrere Tage lebend
beobachtet.
Nach dieser allgemeinen Schilderung der äusseren Be-
schaffenheit wende ich mich nun zu der näheren Betrachtung
der inneren Organisation.
Die Körper Wandung.
Die eigentliche Leibeshöhle ist verhältnissmässig klein.
Sie erstreckt sich vom Munde gegen das hintere Körperende,
und ist von einer durchsichtigen Körperschicht umgeben, die
viel dicker ist als die Eingeweidehöhle selbst. Dabei ist je-
doch zu bemerken, dass nur die Ernährungs- und Geschlechts-
organe in ihr Platz nehmen, während Herz und Niere ausser
ihr liegen. In dieser dicken Körperwandung bemerkt man
viele feine Längsmuskeln, wenige Quermuskeln. Bei Clione bo-
realis sind nach Eschricht die Quermuskeln vorherrschend.
Die Oberfläche der Haut ist völlig glatt, ohne Erhaben-
heiten oder Vorsprünge. Man bemerkt jedoch schon mit der
Lupe an der Oberfläche des Körpers sehr feine Pünktchen,
welche überall am Rumpfe zerstreut liegen, und in denen
keine Ordnung zu erkennen ist. Wie schon oben erwähnt
ist, bilden sie nur in geringer Entfernung vor dem Wimper-
reifen einen Kreis um den Körper. Auch am hinteren Kör-
perende, hinter dem Wimperreifen finden sich einige solche
Pünktchen. Bei stärkerer Vergrösserung sieht man, dass je-
des dieser Pünktchen aus einem Haufen grösserer und kleine-
rer Bläschen besteht, die unregelmässig neben einander lie-
gen. Mit seltenen Ausnahmen findet sich in jedem solchen
Haufen eine (niemals mehrere) kugelrunde Blase mit doppel-
ten Conturen, die eine ölartige Flüssigkeit zu enthalten scheint;
Beiträge zur K!enntniss der Pteropoden. 2*5
neben ihr liegen dann einige Blasen von gleicher Grösse aber
länglicher Gestalt, und ausserdem viele äusserst kleine Bläs-
chen (Vergl. Fig. 5 ). Diese Organe sind offenbar ölbildende
Hautdrüsen. Das Exemplar, welches den Wimperreifen bereits
verloren hatte^, enthielt eine weit geringere Zahl dieser Haut-
drüsen; es sind jedoch deren mehrere vorhanden. Als Ur-
sache dieser Abweichung sind drei Fälle möglich: entweder
ist das mehr oder minder häufige Vorkommen rein individuell,
oder diese Drüsen vermindern sich mit vorschreitender Enl-
wickelung und mit dem Alter, oder endlich sie sind in die-
sem Falle verkümmert, weil das Thier vier Tage in ganz kla-
rem Seewasser ohne Nahrung gelebt hat. Die Entscheidung
darüber ist nach den zwei Exemplaren nicht möglich, wird
aber von Anderen, die mehrere zu untersuchen Gelegenheit
haben, leicht getroffen werden können. Ich wollte nicht un-
terlassen, darauf aufmerksam zu machen.
J. Müller beobachtete in der Haut seiner Pneumoder-
mon-Larven ästige violette Pigmentflecke und am mittlem und
hintern Theil des Körpers auch grosse Zellen, ein Oeltröpfchen
enthaltend, die ringförmig um den Körper gestellt waren. Da
diese letzteren neben den Pigmentflecken vorhanden sind, so
darf man auch nicht annehmen, dass die Hautdrüsen unseres
Thieres etwa den Büchsen, wie sie E seh rieht in der Haut
von Clione borealis fand, und diemitrothem öligen Pigmente
gefüllt sind, entsprechen, oder sich in sie umwandeln. Von
einem Pigmente in der Haut hat sich nirgends auch nur eine
Spur gezeigt.
Bewegungsorgane.
Zunächst fällt äusserlich der Wimper r ei fen ins Auge,
der fast mit blossen Augen, sehr deutlich mittelst einer Lupe
gesehen werden kann. Er liegt nahe dem hinteren Ende des
Körpers, umgiebt denselben rundum und trennt so einen klei-
nen kuppeiförmigen Theil vom Körper. Die Wimpern waren
stets in einer lebhaften zierlichen Bewegung. Von einem an-
deren Wimperkranze war keine Andeutung vorhanden. An
dem zweiten gleich grossen Exemplare fehlte auch dieser eine
Wimperreifen gänzlich. Als ich das erste Exemplar mit dem
Wimperreifen allein beobachtete, und zugleich wahrnahm, dass
Archiv f: Naturgescb. XX. Jahrg. 1. Bd. 15
226 Troscliel:
(las Thier geschlechtsreif war, auch alle übrigen Organe sich
so vollständig entwickelt zeigten, stieg in mir die Vermuthung
auf, dass ich es mit einem Thier zu thun habe, bei welchem
der Wimperreifen, der früher nur an Larven nackter Ptero-
poden beobachtet war, hier permanent sei. Glücklicherweise
kam ich sogleich auch in den Besitz eines zweiten Exempla-
res, welches bei gleicher Grösse den Wimperreifen schon
vollständig verloren hatte, und wurde so vor einer irrlhüm-
Ijchen Behauptung bewahrt. Meine Beobachtung dieser beiden
Thiere bildet auch einen Baustein zur Kennlniss der Entwik-
kelung der nackten Pteropodcn. Joh. Müll er 2) beobach-
tete zuerst die Larven eines nackten Pteropoden , die er we-
gen der Bündel von Saugnäpfen am Kopfe und wegen den
violetten Farbe auf Pneumodermon mediterraneum Van Bene-
den bezog, und sagte über die Wimperreifen der Jungen, wel-
che höchstens 1 Linie lang waren, Folgendes : „Die ringför-
migen Räderorgane verhalten sich in allen angeführten Grös-
senstufen der Larven gleich, auch die kleinsten von mir ge-
sehenen Exemplare hatten keine Spur eines Kopfsegels. Das
Junge hat 3 Wimperreifen. Der erste umgiebt den Kopf. So-
wohl die Stelle des Kopfes, aus welcher der grosse Rüssel
hervortritt, als die Tentakeln und die Saugnäpfe liegen schon
vor diesem Reifen, d,er Wimperreifen liegt aber noch vor den
am Halse befindlichen Flügellappen und vor dem vordem der
beiden intermediären Lappen, auch vor der Stelle, wo die
Gehörbläschen ihren Sitz haben. Das zweite ringförmige Rä-
derorgan liegt in den jüngsten gegen die Mitte der Körper-
länge, in älteren hinter der Mitte, so dass der After noch
vor diesem Ringe gelegen ist. Das dritte liegt kurz vor dem
hintern Ende des Thiers, welches Ende bei dem ganz ausge-
bildeten Thier durch die terminalen Kiemen ausgezeichnet ist.«
Da es wohl wahrscheinlich ist, dass alle nackten Pteropoden
darin übereinstimmen werden, dass sie in früher Jugend drei
Wimperreifen besitzen, so spricht meine Beobachtung dafür,
dass der hintere Wimperreifen sich am längsten erhält, und
dass er erst dann verschwindet, wenn das Thier bereits alle
seine Qcgan^ völlig ausgebildet hat und geschlechtsreif, also
1) Monatsberichte der Akademie zu Berlin. October 1852.
Beiträge zur Kenntniss der Pleropoden. 227
woH auch ausgewachsen ist. Weitere Beobachtungen müs-
sen lehren, ob eine solche Uebereinstimmung zwischen allen
nackten Pteropoden statt findet.
Es ist nicht dem geringsten Zweifel unterworfen , dass
die von Eschscholtz^ beschriebene Gattung Trichocyclus
nur der Jugendzustand einer anderen nackten Pteropodengat-
tung sei, wie es bereits Philippi 2) vermuthete; es lässt
sich jedoch nicht zur Entscheidung bringen, ob diese Gattung
mehr mit Clio oder Pneumodermon verwandt sei. Auch un-
ser Thier bewegt sich, wie die von Müller beobachteten
Larven, ohne Rotation um die Achse.
Als Hauptbewegungsorgan müssen die Flossen betrach-
tet werden. Sie sind klein, und können vollständig in das
Innere des Körpers zurückgezogen werden. Ihr innerer Rand,
mit welchem sie dem Körper angewachsen sind, ist der kür-
zeste; der vordere ist der längste, er ist convex, der hintere
ist concav; der Aussenrand ist fast geradlinig, ein wenig
convex, und zeichnet sich vor den übrigen Rändern dadurch
aus, dass an ihm viele Dörnchen oder kleine Borsten hervor-
ragen, die starr sind und nicht wimpern (Fig. 6.). Müller
erwähnt von seinen Pneumodermon -Larven gleichfalls diese
steifen Wimpern, es bleibt jedoch unerwähnt, ob sie auf den
äusseren Rand beschränkt sind. Die Rückenfläche der Flossen
ist glatt, die Bauchfläche ist mit zahlreichen, sehr kleinen spit-
zen Dörnchen besetzt. Zahlreiche Muskeln kreuzen sich in
den Flossen so, dass eine Lage von innen nach aussen^ die
andere schräg von innen nach vorn verläuft. Die ersleren,
die Quermuskeln, gabeln sich gegen den Aussenrand der Flosse
hin, erreichen jedoch den Flossenrand nicht, oder werden
wenigstens so zart, dass man sie hier selbst bei sehr starker
Vergrösserung nicht mehr sehen kann. Beide Muskellagen hän-
gen an der Flossenbasis so zusammen, dass je zwei Muskeln
in einander übergehen, oder die queren Muskeln wenden sich
an der Insertion der Flossen um, und werden zu schrägen
(Fig. 7.). Wenngleich ein muskulöser Zusammenhang der bei-
1) Isis 1825. p.735.
2) Handbuch der Conchyliologie und Malacozoologie. Halle 1853.
p. 297.
228 Troschel:
den Flossen unzweifelhaft vorhanden ist^ so habe ich mich
doch von einem Uebergehen der einzelnen Quermuskeln in
die andere Flosse, wie es bei Esc bricht von Clione bo-
realis beschrieben und abgebildet ist, nicht überzeugen kön-
nen. Bei unserem Thier scheinen daher die einzelnen Flos-
sen eine grössere Selbstständigkeit zu besitzen.
Der Bauchhöcker, welcher unterhalb mitten zwischen den
Flossen liegt, ist recht entwickelt (Fig. 8.). Er ist sattelför-
mig gestaltet und besteht aus zwei fleischigen Lappen, die
vorn in einander übergehen. So entstehen zwei freie Hin-
terränder, einer jederseits und zwei freie Unterränder, die sich
vorn mit einander vereinigen und so einen Bogen bilden. Die
Oberfläche dieses Organs ist glatt , und ohne Flimmern, die
Ränder dagegen sind mit sehr feinen Wimpern besetzt, die in
der Richtung nach vorn flimmern. Einen hinter diesem Haupt-
theil gelegenen Lappen habe ich nicht beobachtet, weil in den
meisten Lagen der Bauchhöcker überhaupt von den Flossen
verdeckt war, und weil unter einer Glasplatte gedrückt, diese
Theile nur sehr undeutlich zu sehen waren. Es kann jedoch
möglicherweise ein solcher hinterer Lappen vorhanden gewe-
sen sein.
Nervensystem und Sinnesorgane.
Der Schlundring (Fig. 9r.) besteht aus drei Ganglien-
paaren, einem oberen, einem seitlichen und einem unteren,
und liegt noch hinter den Flossen, wenigstens dann, wenn
die Mundmasse zurückgezogen ist und ihre Lage zwischen den
Flossen hat. Der Schlundring liegt hinter der Mundmasse, und
umgiebt in einiger Entfernung von derselben den Schlund.
Wenn die Mundmasse nach der vorderen Mundöff'nung bewegt
wird, was ohne Zweifel bei der Einnahme von Nahrung ge-
schieht, dann mag auch der Schlundring etwas mehr nach
vorn vortreten.
Die beiden oberen Ganglien berühren einander; mit den
seitlichen sind sie durch ziemlich lange fadenförmige Commis-
suren verbunden; ähnliche Commissuren verbinden auch die
seitlichen mit den unteren Ganglien ; die letzteren stehen un-
ter sich durch eine kurze Commissur in Verbindung. Ob auch
die seillichen Ganglien durch eine untere Commissur inVer-
Beiträge zur Kenntniss der Pteropoden. 229
bindung stehen, habe ich nicht durch Beobachtung festgestellt,
doch ist es wegen der Analogie mit dem durch Eschri cht
beschriebenen Nervensystem von Clione borealis vorauszu-
setzen, mit dem eine allgemeine Uebereinstimmung in der An-
ordnung statt findet. Ein Zerfallen der seitlichen Ganglien
in zwei jederseits habe ich bei unserem Thiere nicht bemerkt;
die kürzeren Commissuren bei Es c h ri c h t können wohl darin
ihre Erklärung finden, dass derselbe seine Untersuchung an
Weingeist-Exemplaren anstellte.
Von jedem der oberen Ganglien treten, ausser einigen
feineren, drei sehr deutliche Nerven ab, und verlaufen nach
vorn. Das vorderste Paar tritt zu den vorderen Tentakeln
neben der MundöfTnung; zu den hinleren Tentakeln treten je
zwei Fäden. Die vorderen und hinteren Tentakeln jeder Seite
sind ausserdem durch einen Nervenfaden verbunden.
Die vorderen Tentakeln (Fig. 9^) erscheinen im vorge-
streckten Zustande als dünne, etwas gebogene Vorsprünge,
im Contrahirten Zustande sind sie dreieckige, minder durch-
sichtige Körper. Sie können ganz zurückgezogen werden.
Nach der Analogie mit den übrigen Mollusken sieheich nicht
an, sie für die Riechorgane zu erklären. Dafür sprichtauch,
dass das vorderste Nervenpaar zu ihnen tritt.
Die hinteren Tentakeln (Fig. 9 i') sind den vorderen sehr
ähnlich; sie können zurückgezogen werden, und erscheinen
dann als dreieckige Organe von minderer Durchsichtigkeit,
die nach innen in eine Spitze auslaufen, au welche sich der
dritte Nerv anfügt. An der Oberfläche des Thieres zeigt sich
die Basis in diesem zurückgezogenen Zustande als ein keines
Grübchen. Sehr zu beachten ist ein durchsichtiges, rundes
und sehr kleines Bläschen (Fig. 9. o), welches im zurückge-
zogenen Zustande des hinteren Tentakels dicht bei ihm sicht-
bar wird, und welches eine Bedeutung haben muss, weil zu
ihm ein besonderer Nerv tritt. Wenngleich kein Pigment an
diesem Bläschen vorhanden ist, so glaube ich doch, es für
ein rudimentäres Auge betrachten zu dürfen. Eschri ch,t
beschrieb die hintern Fühler geradezu als Augen, S o u 1 e y e t ')
erklärt dies für einen Irrthum, und nennt die im Nacken ge-
1) Voyage de la Bonitc, Zoologie II. p.277.
230 Troschel:
legenen Organe hinlere Fühler, an denen er keine Augen hat
entdecken können. Van Beneden i) meint, der Nervenfa-
den bei Pneumodermon violaceum, welcher zu dem hinteren
Fühler tritt und sich an seinem Ende verdickt, sei als Seh-
nerv anzusehen, vreil Eschscholtz bei Pleuropus die Au-
gen abgebildet habe ^); er selbst hat keine Augen gesehen.
Bei der Winzigkeit des erwähnten Bläschens ist es sehr be-
greiflich, dass Souleyet und Van Ben e den es übersehen
konnten, selbst wenn es die von ihnen untersuchten Thiere
besitzen. Sein Vorhandensein bei unserem Thier, dessen Durch-
sichtigkeit die Wahrnehmung desselben möglich gemacht hat,
lässt jedoch vermuthen, dass es auch bei den anderen ver-
wandten Thieren sich finden lassen werde, und so möchte leicht
eine Vermittelung der sich widersprechenden Ansichten E sch-
rieb t's und Souleyet's angebahnt werden können. Die
hinteren Fühler sind zwar nicht Augen , jedoch ist ein sehr
kleines Auge in enger Beziehung zu ihnen.
An den seitlichen Ganglien sind die sehr deutlichen Ge-
hörbläschen befestigt und enthalten eine grosse Anzahl von
Otolithen.
Verdauungsorgane.
Der Mund liegt am vorderen Ende des Kopfes, in der
Mitte zwischen den beiden vorderen Tentakeln. Er führt in
einen langen Gang, an dessen Ende, zwischen und selbst
hinter den Flossen der Schlundkopf mit den Kauwerkzeugen
liegt. Unzweifelhaft kann der Schlundkopf nach vorn bis zur
Mundöffnung vorgestreckt werden , wenn das Thier Nahrung
zu sich nehmen will. Ich habe ihn nur im zurückgezogenen
Zustande unter dem Mikroskop gesehen. Weder die Bündel
von Saugnäpfen, welche die Gattung Pneumodermon auszeich-
nen, noch die Mundpapillen oder Kopfkegel, welche Clio aus
dem Munde hervorslreckt, habe ich auffinden können.
1) Recherches anatomiques sur le Pneumodermon violaceum d'Orb.
MQller's Archiv für Anat. ct. 1838. p.296.
2) Die von Eschscholtz im Zoolog. Atlas lab. XV. Fig. 1. als Au-
gen gedeuteten Funkte sind ohne Zweifel die durchschimmernden Ge-
hörbläschen.
Beiträge zur Kennlniss der Fteropoden. 231
Die Mundmasse oder der Schluntikopf ist von eiförmiger
Gestalt, vorn schmaler als hinten, und enthält drei Kiefer
und die Zunge.
Die Kiefer (Fig. 10.) lassen sich mit den Kiefern von
Clio vergleichen. Jeder von ihnen besteht aus einer grossen
Zahl ungefähr gleich grosser zahnarliger Stacheln, die unre*-
gelmässig neben einander gestellt, einen Haufen bilden. Die
Spitze der einzelnen Stacheln ist oft ausgeschweift. Ein sehr
bemerkenswerther, und wie ich nach meinen bisherigen Er^
fahrungen annehmen muss, generischer Unterschied von Clio
liegt in der Zahl dieser Kiefer. Clio hat deren entschieden
nur zwei. In der ganzen Thierwelt ist mir kein Beispiel be-
kannt, dass man Thiere mit zwei und mit drei Kiefern in ei-
nem Genus vereinigt hätte. Dazu kommt die BeschafFenheit
und Anordnung der einzelnen den Kiefer bildenden Stacheln.
Diese sind bei Clio von sehr verschiedener Länge, indem die
vordersten sehr kurz, die hintersten sehr lang sind, auch nicht
unregelmässig auf einer Fläche neben einander stehen, son-
dern in regelmässigen Reihen geordnet sind.
Die Zunge besteht aus ungefähr zwanzig Querreihen von
Platten. In jeder Querreihe liegen neun Platten. Die Mittel-
platten haben einen gebogenen Vorderrand, der in seitliche
Spitzen, die nach hinten uud aussen sehen, ausläuft. Zwischen
diesen stehen noch drei zahnartige Vorragungen am Hinter-
rande der Platte. Die vier seitlichen Platten sind dornförmig,
ihre Spitze ist nach innen und schräg nach hinten gerichtet,
und sie haben eine schmale Basis, die mit den Dornen selbst
etwa einen rechten Winkel bildet. Diese Platten liegen ziem-
lich eng an einander und sind einander an Länge und Ge-
stalt ziemlich gleich. — Die Abbildung, welche Eschricht
1. c. Fig. 22. von der Zunge von Clione geliefert hat, so wie
seine Beschreibung p. 1 1 zeigen, dass er sie nicht ganz rich-
tig verstanden und z. B. die Mittelplalten übersehen hat. Sehr
gut ist dagegen die Abbildung Loven's^ von demselben
Thiere, wie ich es aus eigener Beobachtung bestätigen kann.
Diese Zunge weicht von der von Cliopsis Iheils durch die Ge-
l) Öfvers. af Kongl. Vetensliaps - Akad. Förhandl, 1847. p. 188.
Tab. 3.
232 Troschel:
stalt der Mittelplatte ab, die statt der drei hintern Zähne nur
zwei rundliche Vorsprünge trägt, theils durch die Zahl (12 je-
derseits) der Seitenplatten.
Bisher habe ich die Anzahl der Längsreihen von Plat-
ten auf der Zunge bei den Mollusken stets constant gefunden,
und ich muss der Ansicht sein , dass das Wachslhum der
Zunge nur durch Hinzubildung neuer Querreihen am hintern
Ende derselben geschehe. Die Zahl der Längsreihen über-
wiegt daher an Werlh die Zahl der Querreihen entschieden.
Bei dem näheren Studium der Pteropoden stossen jedoch in
dieser Beziehung Bedenken auf, die ich hier zur Sprache brin-
gen muss, weil sie von grossem Einflüsse auf die Erkennung
der Jugendzustände der nackten Pteropoden sein müssen. Dies
wird um so wichtiger, als in nächster Zeit voraussichtlich der
Entwickelungsgeschichte der nackten Pteropoden besondere
Aufmerksamkeit gewidmet werden wird. Clio borealis hat
nach Loven 1. c. zwölf Dornenreihen jederseits , unser in
Rede stehendes Thier hat deren vier^ bei einer sehr jungen
Larve mit drei Wimperreifen, die gleichfalls farblos war, fand
Herr Dr. Max Müller i) nur eine Reihe jederseils, als er
sie in Messina beobachtete. Alle diese sind mit Miltelplalten
versehen. Die Gattung Pneumodermon hat keine Mittelplattcn.
Pneumodermon Peronii hat nach Souleyet^) vier Seiten-
platten jederseils, ebenso Pneumodermon violaceum nach Van
Beneden ^); bei dem Pneumodermon, welches bei Messina
vorkommt, habe ich sechs Seitenplatten jederseits gefunden.
Von Euribia endlich erwähnt Souleyet^), dass die Zunge
nur mit zwei Hakenreihen (also einer Reihe jederseits) bewaff-
net wäre. Nicht zu übersehen ist es, dass J.Müller in sei-
ner Abhandlung über die Entwickelungsformen einiger nie-
deren Thiere ^) sagt, die Zähne der Zunge seiner in Triest
beobachteten jungen Pneumodermen bilden zwei Reihen zak-
kiger Platten, und zwischen ihnen in der Mitte eine leicht zu
1) aiuller's Archiv 1854. p. 72.
2) Voyage de la Bonite Zoologie II. p. 254. pl. 15. fig.22. 23.
3) Möller's Archiv 1838. p. 300. Taf. X. fig. 12.
4) Voyage de la Bonite. Zoologie II. p. 246. pl. 15. fig. 5. 6.
5) Monatsberichte der Akad. zu Berlin. October 1852.
Beiträge zur Kenntniss der Pteropoden. 233
Übersehende Reihe kleinerer Plättchen mit vier kleinen Zak-
ken. Die erwachsenen Pneumodermen haben keine Miltelplat-
ten. Dass diese später verschwinden sollen, ist kaum anzuneh-
men. Es wird nun zu ermitteln sein , ob wirklich die Zahl
der Längsreihen bei einer und derselben Art mit dem Alter
zunehmen kann; bis dieser Nachweis g-eführt ist, muss ich
aber derartige Verschiedenheiten mindestens für specifische
ansehen.
Von der Mundmasse führteinzartwandiger Schlund (Fig.
9. s) nach hinten durch den Schlundring zu dem Magen. Am
Schlünde hängen zahlreiche kleine Bläschen und Zollen an.
Speicheldrüsen habe ich nicht gesehen, vermuthe aber, dass
deren vorhanden sind.
Der Magen (Fig. 9.w) liegt weit hinten in der Leibes-
höhle, hat eine spindelförmige Gestalt, und ist vorn und hin-
ten zugespitzt; sein hinteres Ende ist in der Abbildung durch
die Zwilterdrüse verdeckt. Er liegt in der Längsrichtung des
Körpers. Die Farbe des Magens ist bräunlich, was seine Ur-
sache darin hat, dass er an seiner ganzen Oberfläche von der
dünnen Leber überzogen ist. Der Schlund mündet in den
Magen ein wenig hinter der vorderen Spitze an der linken Seite.
Von dem Magen tritt, etwa in der Mitte seiner Länge,
an der rechten Seite der enge Darm (Fig. 9. rf} aus, der sich
ohne Windungen zu machen, nur bei Verkürzung des Kör-
pers etwas geschlängelt, schräg nach vorn begiebt, und sich
rechts hinter der Flosse öff'net. Der Dorn war ganz leer bei
beiden untersuchten Exemplaren. Der After (w) liegt in der
Mitte einer vertieften , und von einer Art Wall umgebenen
Grube, die das Thier mehr oder weniger einziehen kann. Bei
Clionesoll sich der After an der Bauchseite desThieres öffnen.
Girculations Organe.
Rechts neben der hinteren Hälfte des Magens sieht man
deutlich das Herz schlagen. Es besteht aus einer Vorkam-
mer (Fig. 9. f) und einer Herzkammer (Fig. 9.Ä). Die Vor-
kammer ist breit und kurz, und mit mehreren Muskeln nach
hinten zu festgeheftet. Es scheint, als wenn sie hinten weit
offen wäre. Die Herzkammer hat eine flaschen- oder birn-
förmigc Gestalt, ist hinten abgerundet und vorn verschmälert.
234 Troschelr
Sie ist durchsichtig, und macht beständige und kräftige Pul-
sationen.
Von dem vorderen Ende der Herzkammer geht die Aorta
(Fig. 9. a), ab, die am Anfange sogar noch ein wenig wei-
ter ist, als die Herzspitze, verschmälert sich dann, und lässt
sich als ein immer noch beträchllich weiter Schlauch bis in
die Gegend des Schlundringes verfolgen. Hier nahm ich schwa-
che Pulsationen derselben wahr. Sie ist auch hier noch ziem-
lich weit, weiter als der Darm, und in ihrer ganzen Länge
vollkommen glashell und durchsichtig.
Gleich an dem Grunde dieser Aorta tritt aus ihr ein
ebenfalls ziemlich weites Gefäss aus, und zwar an ihrer rech,
ten Seite, wendet sich jedoch gleich nach links, geht unter
der Aorta fort, und verläuft geradlinig als ein kurzer Schlauch
zum Magen, an den sie an derselben Stelle tritt, wo der Darm
austritt. Dieses Gefäss ist ebenfalls völlig durchsichtig. Es
zeigt sich von verschiedener Weite, je nach den Contractio-
nen des Tliieres. Wenn sich das Thier verkürzt, entfernt das
Herz sich mehr vom Magen, und dann ist das Gefäss enger
und länger.
Im engen Zusammenhange mit den Circulationsorganen
fiteht ein Organ,, welches mit grosser Wahrscheinlichkeit neuer-
lich als Niere gedeutet ist. Es ist die „Poche pyriforme« von
Souleyet'3, welche J. Müller ^3 bei Cleodora für Niere
erklärt, und welche Herr Gegenbaur^) anfänglich für eine
Art Respirationsorgan zu halten geneigt war, weil er Was-
ser in ihre Oeffnung einströmen sah, später jedoch "♦) ihr die
Funclion eines nierenarligen Excretionsorganes zugesteht^ ihr
gleichzeitig die Besorgung von Wasseraufnahme zuschreibend,
um solches dem Blute beizumischen.
Dieses Organ (Fig. 9. n} habe ich bei unserem Thier sehr
deutlich beobachtet; es ist von beträchtlicher Ausdehnung.
Obgleich es von sehr zarten und vöUi-g durchsichtigen Wän-
1) Voyage de la Bonite 2oologieVoI.il. 1852. —Rang et Sou-
leyet Hist. nat. des Pteropodes. Paris 1852.
2) Monatsberichte der Berliner Akademie. October 1852.
3) V. Siebold u. Kölliber Zeitschr. f. wiss. Zool. IV. p.335. 1853.
4) Ebenda V. p. 113. 1853.
Beiträge zur Kennlniss der Pteropodeii. 235
den umgeben ist, so habe ich diese doch in ihrem ganzen Um-
fange wahrnehmen können. Es liegt an der rechten Seite des
Thiores, neben dem Herzen, ist ein weiter und langer Schlauch,
und erstreckt sich vom Hinterende des Thieres bis vorn ge-
gen den After hin. Dieser Schlauch ist in seinem hinteren
Theile nach links gewendet, sonst entspricht er der Längsrich-
tung des Thieres. Hinten ist er gerade abgestutzt und ge-
schlossen. Er ist nicht überall gleich weit, namentlich ist er
in seiner Mitte, vor dem Herzen, in eine nach links gerich-
tete Spitze ausgezogen, und an einem zarten Faden befestigt.
Ein wenig hinler dieser vorspringenden Spitze findet sich ein
zartes Gefäss, durch welches er mit dem Herzbeutel zu com-
municiren scheint, und zwar vor der Herzkammer an der
Stelle, wo aus der Aorta das Gefäss zum Magen tritt (Vergl.
die Abbildung Fig. 9.). Nach vorn verengt sich das Organ
allmählich und mündet sich neben und ein wenig hinler dem
After in einer OefTnung nach aussen, die klein aber doch
noch etwas grösser ist als der After. DieOefFnung liegt mit
dem After in derselben Verliefung, hart an der hinteren Wulst,
und wird mit dem After zurückgezogen und vorgestreckt.
Solche Wahrnehmungen, welche auf die Function dieses Or-
ganes ein helleres Licht werfen könnten, habe ich nicht ma-
chen können, halte jedoch wegen der Beziehung zu den Cir-
culationsorganen und wegen der Oeffnung in der Afternähe
die Deutung als Niere für sehr wahrscheinlich.
Noch ist hier eines sehr eigenthümlichen Organes Er-
wähnung zu thun, üb^r dessen Function ich aber kaum eine
Andeutung zu geben vermag. Es ist so eben erwähnt wor-
den, dass After und Harnöffnung in einer Vertiefung liegen,
die von einem wulstigen Rande, einer Art Wall, umgeben ist»
Ihr oberer Rand verlängert sich nach vorn bis an die Basis
der Flosse hin. Dieser ganze obere Rand flimmert stark, und
die Haulfläche, welche sich links an ihn anschliessl, zeichnet
sich dadurch von der übrigen Körperoberfläcke aus, dass viele
drüsige Bläschen, eng aneinander liegend, in ihr eingebettet
sind. Zunächst drängle sich mir die Vermuthung auf, dass
diese flimmernde Stelle der Alhmung dienen, und als Kieme
zu deuten sein möchte, da nirgends sonst ein Alhmungsorgan
aufzufinden ist; dagegen spricht jedocli die Lage des Herzens,
236 Tioschel:
dessen Vorkammer nach hinten gerichtet ist, wodurch es an-
gedeutet ist, dass auch hier, wie bei Pneuinodermon und bei
Spongiobranchaea, der Sitz der Respiration am hinteren Kör-
perende zu suchen sei. Ich halte es nicht für überflüssig,
hier der Beobachtung Erwähnung zu thun, welche ich an der
Niere vonPterotrachea mutica gemacht habe, welche, wie es
auch Souleyet I.e. richtig abbildet, ohne es genauer zu be-
schreiben, und wie es Herr Gegenbaur I.e. V. p. 115. er-
wähnt, zwischen Nucleus Herz und Kieme liegt. Die linke
oder innere Wandung der Niere ist muskulös, die rechte oder
äussere Wandung enthält viele kleine zerstreute Drüsenkör-
per, welche denen unseres flimmernden Organes sehr ähnlich
sind. Ich lasse es dahingestellt, ob eine Analogie zwischen
ihnen statt findet.
Geschlechtsorgane.
Am wenigsten vollständig habe ich die Geschlechtsor-
gane mir klar machen können, was hauptsächlich darin sei-
nen Grund hat, dass die beiden einzigen mir zu Gebote ste-
henden Exemplare bei der Untersuchung der übrigen Organe
schon zu sehr alterirt waren, um den ganzen Zusammenhang
der Geschlechtsorgane genau erkennen zu lassen.
Der Eierstock (Zwitterdrüse?) liegt ganz hinten in der
engen Leibeshöhle, und verdeckt den hinteren Theil des Ma-
gens von oben her (Fig. 9. e). Er hat eine länglich eiförmige
Gestalt und ist in der Mitte dunkler gefärbt als an den Sei-
ten. Von seinem vorderen Ende entspringt ein ziemlich schma-
ler dunkelbraun gefärbter Gang, der bald eine Windung macht,
die sich gewiss bei völliger Ausstreckung desThieres gerade
zieht. Hierauf erweitert sich der Eileiter beträchtlich, und
bildet einen schwach Sförmig gebogenen Körper, der auf sei-
ner dunklen Oberfläche viele helle Pünktchen zeigt. Dann ver-
schmälert er sich wieder und tritt mit einem dünnen Stiel
zu einem unregelmässig kugligen Organ (Fig. Q.gf), welches
aus verschiedenen Drüsen und aufgewickelten Schläuchen
besteht und das ich der Kürze wegen als Geschlechtsknäuel
bezeichnen will. Von ihm geht nach vorn ein weiter Kanal
ab, den ich nicht vollständig habe verfolgen können, von
dem ich jedoch vcrmuthe, dass er mit einer dunklen längli-
Beiträge zur Kennlniss der Pteropoden. 237
chen Masse^ die unter der rechlen Flosse gelegen ist, in Ver-
bindung stehe; hier muss die Geschlechtsöffnung (die männ-
liche?) in der Nähe des Bauchhöckers liegen. Ich habe sie
nicht als Oeffnung beobachten können.
An dem Geschlechtsknäuel nimmt man unregelmässige
Windungen wahr, die von der gleich zu beschreibenden Ruthe
herrühren. Als ich eine kleine Glasplatte auf das Thierchen
legte, um den Zusammenhang der verschiedenen inneren Or-
gane näher erforschen zu können, war ich erstaunt zu sehen,
dass bei einigem Druck der grosseste Theil des Geschlechts-
knäuels verschwand , und als ein sehr langer Schlauch aus
dem Körper hervortrat. Er war mehr als dreimal so lang
wie das ganze Thier. Leider konnte ich den Ort, an welchem
er aus dem Körper austrat, an dem etwas gequetschten Thier
nicht unterscheiden ; ich glaubte anfänglich, er trete aus dem
Munde hervor. Dieser lange Schlauch ist die Ruthe. Ab-
gesehen von ihrer bedeutenden Länge, lässt sie sich wohl mit
den Beschreibungen von Eschricht^) und Souleyet^)
von Clio vergleichen.
Die Ruthe (Fig. IL) ist ein überall, soweit sie aus dem
Körper hervorragt, gleich weiter Schlauch und endet in einer
keulenförmigen Anschwellung. Diese besteht hauptsächlich
aus sehr feinen Quermuskeln. Der Theil des Schlauches un-
mittelbar hinter der keulenförmigen Anschwellung hat mich
am meisten in Erstaunen gesetzt; hier nämlich sah ich in
einer Länge, die etwa der keulenförmigen Anschwellung gleich
kam, ein Phänomen von äusserster Zierlichkeit. Es Hess sich
in der Mitte ein sehr enger Längscanal wahrnehmen, der von
einer dicken Wandung umgeben war. Diese Wandung ent-
hielt zahllose kleine, spindelförmige, an einem Ende zugespitzte
Körperchen, die sich äusserst lebhaft zitternd durch einander
bewegten (Samenthierchen); der enge innere Längskanal gab
den Anschein, als ob sich feine Körperchen äusserst schnell
nach vorn bewegten, was wohl von einer sehr lebhaften Flim-
merung herrührte. Vor und hinter dieser Abtheilung des
1) Anatomische Untersuchungen über die Clione borealis p. 14.
Fig. 24.
2) Voyage de la Uonite. Zoologie IL pl. X5bis fig. 15.
238 Troschel:
Schlauches zeigte sich davon keine Spur, an beiden Enden
war diese Abtheilung scharf begrenzt. Der nun nach hinten
zu folgende Theil des Schlauches war drüsig, und weiter nach
hinten gingen diese Drüsen in Zotten über, die die innere
Fläche auskleideten.
Der Theil des Geschlechtsknäuels , welcher nach dem
Austritt derRuthe im Körper zurückgeblieben war, hatte eine
röthlich braune Färbung.
Entwickelung.
Leider habe ich zu wenig Exemplare zu meiner Verfü-
gung gehabt, denn sonst wäre es mir wohl gelungen. Einiges
über die Entwickelungs - Geschichte dieses Thieres zu erfah-
ren. Ich hatte nämlich gleich am ersten Tage, den 5. No-
vember 1853, das eine noch mit dem hinteren Wimperkranze
versehene Exemplar untersucht, und dabei zerstört. Das
zweite Exemplar bewahrte ich in einem Glase mit reinem See-
wasser, welches ich täglich erneuerte. Schon am dritten Tage,
den 7. November, fand ich Morgens in seinem Glase einen
rundlichen Haufen gallertartiger Masse schwimmen, und be-
merkte schon mit der Lupe zerstreute Pünktchen in diesem
Haufen. Er war von Grösse des Thieres. Da ich Tages zu-
vor das Thier in demselben Wasser stundenlang beobachtet
halte, und so mit der Lupe gewiss in alle Theile der Flüssig-
keit geblickt hatte, so schien es mir unmöglich, dass ich diese
schwimmende Masse hätte übersehen sollen. Sie muss daher
von dem Thiere, welches einzig dieses Wasser bewohnte, her-
rühren, und am vorigen Abend oder in der Nacht abgelegt
sein. Es waren seine höchstens 18 Stunden alten Eier.
Die einzelnen Eier (Fig. 12.) liegen zerstreut in der kry-
stallhellen, vollkommen durchsichtigen, eiweissartigen, zähen
Masse, nicht eben nahe bei einander. Sie sind kugelrund,
und von einer so äusserst feinen Membran umgeben, dass man
dieselbe unter dem Mikroskop kaum wahrnimmt; nur bei ge-
wissem zweifelhaften Licht wird die Linie sichtbar. In den
Eiern lag ein Dotter, bereits zerklüftet in viele Kügelchen,
von denen sich meist drei durch ihre Grösse und scharfe Be-
grenzung auszeichneten. Bei durchgehendem Licht sind diese
Dotter durchscheinend, fast farblos; bei auffallendem Lichte
Beiträge zur Kehnlniss der Pteropoden. 239^
sind sie silberglänzend. Ausser der Dolterinasse fanden sich
in jedem Ei zwei sehr kleine, einander berührende Bläschen,
welche an der Eihaut liegen, und die sich wohl mit den von
Fried r. Müller *) beschriebenen Richtungsbläschen der
Schneckeneier vergleichen lassen.
Weiler Hess sich vorläufig an diesen Eiern nichts be-
merken. Der Eihaufen war aber durch die Behandlung so
beschädigt worden, dass keine Aussicht auf Erfolg bei wei-
terer Aufbewahrung vorlag. Ich glaube jedoch, dass es mir
gelungen sein würde, diese Eier zur Entwickelung zu brin-
gen, wenn ich mehrere Eihaufen besessen hätte.
Pneumodermoa Cuv.
Aus dieser Galtung kommt eine Art bei Messina nicht
selten vor. Zuweilen sind sie mir in grösserer Zahl von Kna-
ben gebracht worden, woraus sich schiessen lässt , dass sie
sich truppweise halten. Von den Arten, welche in dem mehr-
fach citirten Werke von Rang etSouleyet aufgezählt sind,
ist die unsrige jedenfalls specifisch verschieden. Wahrschein-
lich ist es jedoch Pn. mediterraneum. Aus den Angaben von
Van Beneden 2) lässt sich nichts mit Sicherheit schliessen.
Souleyet bringt diese Art, ich weiss nicht aus welchen
Gründen, zu Pn. Peronii, was wenigstens für die von mir be-
obachteten Exemplare unrichtig ist. Die nähere Charakteri-
stik des Pn. mediterraneum, wie sie Verany ^} gegeben
haben soll, ist mir leider^ Dank der Schwierigkeit des Italie-
nischen Buchhandels, noch nicht zugänglich. Meine Exem-
plare sind recht gross, im lebenden Zustande etwa 15—20
Millim. lang , schön violett gefärbt^ und zeichnen sich beson-
ders dadurch aus, dass an jedem der beiden aus dem Munde
hervorragenden Arme nur fünf Saugnäpfe vorhanden sind,
vier grosse und ein kleinerer. Auf der Zunge sind, wenig-
stens an ihrem vorderen Theile^ jederseits sechs Längsreihen
von Platten vorhanden, die an Gestalt von denen der Galtung
Clio, Cliopsis den Pneumodermon-Arten nicht wesentlich ab-
1) Archiv für INaturgesch. 1848. 1. p. 3.
2) Exercices zootomiques I. p. 53.
3) Catologo degli animali invertebrati marini del Golfo di Genova
e Nizza 1846.
240 Troschel:
weichen. Bernerkenswerth jerscheint es mir, dass ich vor der
Zunge eine rudimentäre Kieferbildung gefunden liabe, woraus
ich den Schluss ziehe, dass die beiden bekannten vorstreck-
baren Röhren, die auf der ganzen Oberfläche mit vielen klei-
nen Stacheln bewaffnet sind ^ nicht den Kiefern der Galtung
Clio und Cliopsis analog sind.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. VIII.
Fig. 1. Pleuropus longifilis n. sp, mit dem Tiiier^ etwas vergrössert.
Fig. 2. Schale desselben in natürlicher Grösse.
Fig. 3. Schale desselben von der Seite gesehen, etwas vergrössert.
Fig. 4. Cleodora trifilis n. sp. vergrössert. g. Gehörbläschen, h. Herz,
m. Magen, o. Mund, to. After.
Fig. 5. Creseis phaeostoma n. sp. vergrössert.
Fig. 6. Schale desselben Thieres, vergrössert.
Fig. 7. Mundmasse und Anfang des Schlundes von demselben Thiere,
stark vergrössert.
F'ig. 8. Creseis monolis n. sp. a. Kiefer, b. Zunge, c. Mittlerer
Iheil der Flossen, welcher auf der ganzen Oberfläche flimmert.
Fig. 9. Gehörorgane von Creseis monotis , nur einen Ololithen ent-
haltend.
Taf. IX.
Fig. 1. Tiedemannia neapolitana Van ßencd. um die Verzweigung der
Nerven zu zeigen, a. Der Rüssel.
Fig. 2. Erweiterung am Ende des Rüssels von derselben.
Fig. 3. Nucleus desselben Thieres. a. Austritt des Darmes.
Fig. 4. Darmkanal von Tiedemannia neapolitana. a. Vormagen, b. Ma-
gen, c. Darm.
Fig. 5. und 6. Knorpelstücke aus dem Magen von Tiedemannia neapo-
litana.
Fig. 7. Ruthe von derselben.
Fig. 8. Ein Theil des Eierstockes von derselben.
Fig. 9. Zwei stark vergrösserte Punkte von der Oberfläche der Tie-
demannia neapolitana.
Fig. 10. Ein gelber Fleck von der Oberfläche von Tiedemannia chry-
sosticla Krohn.
Beiträge zur Kenntniss der Pleropoden. 24 1
Fig. 11. Stück des eigenlhümlichen Saumes, der die Flossenränder der
Tiedemannia chrysosticla unigiebt.
Fig. 12. Tiedemannia Scylla n. sp. nalärliche Grösse.
Fig. 13. Dieselbe, etwas vergrössert.
Fig. 14. Tiedemannia Charybdis n. sp. natürliche Grösse.
Fig. 15. Dieselbe, etwas vergrössert.
Fig. 16. Gehörbläschen mit Otolithen von Cymbulia Peronii ; sehr stark
vergrössert.
Taf. X.
Alle Figuren beziehen sich auf Cliopsis Krohnii n. gen.
Fig. 1. Natürliche Grösse des Thieres.
Flg. 2. Das ganze Thier, ein wenig vergrössert, vom Rücken gesehen.
Fig. 3. Das Thier, etwas vergrössert, von der Seite gesehen, a. Vor-
derer Tentakel, b. Der ßauchhöcker oder rudimentäre Fuss.
Fig 4. Das Thier, etwas vergrössert, von der Bauchseite gesehen, a.
Die vorderen Tentakeln. 6. Der Bauchhöcker.
Fig. 5. Drei Gruppen von Ooldrüsen aus der llauloberfläche.
Fig. 6. Ein Flosse, vergrössert,
Fig, 7. Basis der Flosse, um die Lage der Muskeln zu zeigen.
Fig. 8. Der Bauchhöcker, von der Seile gesehen, vergrössert
Fig 9. Das ganze Thier, vergrössert, um den inneren Bau deutlich zu
machen, a. Aorte, b. ßauchhöcker, d. Darm, e. Zwitterdrüse,
f. Flosse, g. Geschlechtsknäuel , h. Herz, m. Magen, von der
Leber umhüllt, n. JNiere, o. rudimentäres Auge?, r. Schlund-
ring, s. Schlund, t. vordere Tentakeln, ('. hintere Tentakeln, v.
Vorkammer des Herzens, w. AfteröIFnung.
Fig. 10. Die drei Kiefer, sehr stark vergrössert.
Fig. 11. Die Rulhe, stark vergrössert.
Fig. 12. Zwei Eier von Cliopsis Krohnii.
Bonn, im Juni 1854.
Archiv f. Naturgesch. XX. Jahrg. 1. Od. 16
£inig:es über die Mundtlieile der saiig-eiiden
Iiisecteii.
Resultate aus Gerslfeld's Abhandlung über diesen Gegenstand.
Von
Prof. Dr. Ed. Orube.
(Briefliche Mittheilung an den Herausgeber.)
Die zur Aufnahme flüssiger Nahrung bestimmten Mund-
theile der Insecten, eben so mannigfach gestallet als combi-
nirtj sind seit längerer Zeit so wenig Gegenstand einer um-
fassenden Revision gewesen, dass mir eine solche sehr wün-
schenswerlh schien, und ich Herrn Gerstfeld aufforderte,
sich dieser Arbeit zu unterziehen. Insbesondere aber empfahl
ich ihm die Mundtheile der Pediculiden, in deren Beschreibung
ich nach eigener Untersuchung von Haematopinus suis nur
ßurmeister, nicht aber Erichs on und Simon beipflich-
ten konnte^, auf's genaueste zu prüfen, und hier wie bei allen
streitigen Punkten nicht nur die selbst gewonnene Ansicht
ausführlich zu entwickeln, sondern auch wo möglich zu er-
mitteln, was zu dem Irrlhum der Gegner Veranlassung gege-
ben haben möchte. Wie weit dies Herrn Gerstfeld gelun-
gen sei, werden Sie aus seiner Magisterschrift „Ueber die
Mundtheile der saugenden Insecten" (im Verlag von Herrn Rey-
her in Mitau), am besten selbst ersehen. Hier erlaube ich mir
nur eine kurze Zusammenstellung ihrer verschiedenen Com-
binationen zu geben , wie sie aus dieser Arbeit hervorgeht,
und zur bequemeren Uebersicht geeignet ist.
Indem der Verfasser die Theile der Unterlippe auf die
der Maxillen zurückführt, parallelisirt er das an dem Kopf ein-
Grube: Einiges über die Mundtheilfc der saugenden Insecten. 243
gelenkte Submentum Newport (Mentutn Erichs., Fulcrum Kirby)
der Unterlippe der Aogel (Cardo) der Maxillen, das darauf
sitzende Mentum Newp., das die Taster und Laden trägt, den
Slipites der Maxillen , die eigentliche Lippe Languette Latr.,
oft Zunge genannt, den Laden, welche bekanntlich in äussere
und innere zerfallen können : die äussern der Unterlippe bil-
den die Paraglossen , die Innern gewöhnlich verschmolzenen
die Ligula, von der man strenge den Hypopharynx zu unter-
scheiden hat, das Gegenstück zumEpipharynx. Nur der Hy-
popharynx kann als Stechborste auftreten, und der Verfasser
möchte ausschliesslich für diesen den deutschen Ausdruck
Zung e beibehalten.
A. Es existiren 2 von einander getrennte
Saugröhren, eine rechte und eine linke
und der Oesophagus beginnt gabiig.
Dieser Fall findet nur bei wenigen meist im Wasser le-
benden Larven statt und die Lippen betheiligen sich an der
Bildung der Röhren gar nicht.
a. Jede Röhre besteht aus einer obern und
einer untern Hälfte, welche sich eng an
einander legen und so einen Kanal bil-
den; die obere ist die Mandibel, die untere die Ma-
xillenlade.
1. Die Röhren sind gerade und nicht zugespitzt, Taster
fehlen: Larve von Sisyra.
2. Die Röhren stellen spitze, gegen einander gebogene
Haken dar, welche zum Verwunden dienen. Labial-
taster 4-glie(Jrig, Maxillentaster fehlen: Larve von
Hemerobius und Myrmecoleon.
b. Jede Röhre wird nur von einer kanalarlig durchbohr-
ten Mandibel gebildet, die kurzen Maxillen sitzen da-
neben und tragen 4-oliedrige , die kleine Unterlippe
nur 2-gliedrige Taster. Die Mandibeln sind schlanke
gegen einander gekrümmte Haken, die zum Verwun-
den dienen : Larven der Dytisciden.
B. Es existirt nur l (mittlere) Saugröhre.
a. Ohne ste chende Theile. Die hieher gehörigen
Thiere saugen Blumensäfte.
244 Grube:
a. Die Röhre wird von den mehr oder minder faden-
arlig verlängerten, rinnenarlig ausgehöhlten und ge-
nau an einander passenden Maxillenladen gebildet,
und pflegt spiralförmig eingerollt zu sein. DieMa-
xillentaster fehlen nicht, sind 2- oder 3-gliedrig,
jedoch viel kürzer als die 2- selten 3-gliedrigen
Lippentasler. Oberlippe, Mandibeln und Mentum kurz;
Lepidopteren.
ß. Sie wird von der röhrenartigen verlängerten Ligula
gebildet, welche die Paraglossen, die Lippentaster
und Maxillen umhüllen, die Lippentaster 4-, die Ma-
xillenlaster 1- bis 6-gliedrig, um so kürzer je län-
ger die Maxillenladen. Epi- und Hypopharynx vor-
handen, Oberlippe ziemlich gross, Mandibeln kräftig :
Meliliden.
y. Ein kurzer weichhäutiger Schnabel, der aus der ver-
längerten unten rinnenartig ausgehöhlten Oberlippe
und der an ihrem Basaltheil mit den Maxillen ver-
schmolzenen Unterlippe besteht. Die Maxillenladen
selbst 2-gliedrig, ihre Taster 2- bis 5-gliedrig, die
Lippenlaster 3-gliedrig. Mandibeln aussen sitzend,
winzig oder fehlend: Phryganidae.
b. Mit Stechborsten.
In diesem Fall besteht die eigentliche Röhre, in welcher
die Stechborsten liegen^ hauptsächlich aus der Unterlippe (ent-
weder aus ihren verwachsenen Laden oder ihren getrennt blei-
benden Tastern) und es zeigt sich weiter darin ein Unter-
schied, ob die Maxillen borstenförmig und mit in die Röhre
aufgenommen sind, oder äusserlich liegen, und als schützende
Aussenhülle dienen.
of. Bildung der Röhre ähnlich wie bei den Phryganeen,
aber die Mandibeln darin verborgen, borstenförmig.
Maxillen und Mentum verwachsen, Lippentaster 2- oder
1-glicdrig: Thysanoptera.
ß. Die Saugröhre wird von den mit einander zu einer
Halbrinne verwachsenen Laden der Unterlippe gebil-
det, aufweiche sich die Oberlippe legt. Lippentaster
fehlen.
Einiges über die Mundlheile der saugenden Insecten. 245
1. Auch die Maxillentaster fehlen: die von der Unter-
lippe gebildete Halbrinne ist gegliedert (3-, 4- sel-
ten 5-gliedrig), die Zahl der Stechborsten 4 oder
scheinbar 3, indem die Maxillenborsten enger an ein-
ander schliessen als die Mandibelborsten: Rhynchota.
2. Maxillentaster vorhanden, 1- bis 5-gliedrig; Saug-
röhre ungegliedert in zwei Polsterchen auslaufend.
Die Zahl der Slcchborsten schwankt zwischen 1 und
5 oder, wenn man die zuweilen sehr dünne und spitze
Oberlippe mitrechnet, 6 : Hypopharynx, Maxillen und
Mandibeln: Diplera ovipara. Von diesen Borsten fehlt
nie der Hypopharynx, selten die Maxillen, häuGg die
Mandibeln. So besitzen :
nur 1 Stechborste (Hypopharynx) die Museiden.
„2 „ (Hypopharynx und borstenför-
mige Oberlippe) die Tipuliden.
Die meisten von ihnen, freilich nur schwache (zuweilen
mit Spuren von noch 2Sintenborslen), Ceratopogon aber und
Simulia, ebenso wie dieConopiden und Stomoxyden stärkere,
zum Stechen geeignete:
3 Stechborsten (Hypopharynx und Maxillen): Asilus,
Syrphus.
4 „ (Hypopharynx, Maxillen , Oberlippe) :
Xylophagus, Stratiomys, Empis, Leptis,
Anthrax, Bombylius.
6 5, Die Culiciden und Tabaniden (wenig-
stens im weiblichen Geschlecht).
y. Die Saugröhre entsteht durch das Aneinanderlegen
der 4- oder 5-gliedrigen Lippentaster, zwischen wel-
chen 3 Stechborsten (Hypopharynx und Mandibeln) und
wird von aussen noch geschützt durch die schmal drei-
seitigen verlängerten Maxillenladen mit ihrer 4- oder
5-gliedrigen Tastern (früher für Antennen gehallen.
Die Laden der Unterlippe sind ebenso wenig zur Aus-
bildung gekommen, wie die Oberlippe : Pulicidac.
J. Die eigenthümliche Saugröhre, nur 1 Slechborsle,
den Hypopharynx enthaltend, wird von der Ober- und
Unterlippe zusammengesetzt, aber noch seillich ge-
246 Grube:
schützt von den rinnenförmig ausgehöhlten, an ihrer
Basis von einem fleischigen Ringwulst umgebenen Ma-
xillenladen. Mandibeln, Maxillen- und Lippentaster
fehlen: Diptera pupipara.
£, Die Saugröhre ist vorstreckbar und gänzlich zurück-
ziehbar, der Ringvi^ulst, aus dem sie hervortritt, aus-
stülpbar, (wo er dann mit winzigen Häkeken oder
schräg nach hinten gerichteten Erhabenheilen besetzt
erscheint) und ebenfalls vollkommen einstülpbar. Die
Saugröhre besteht aus 2 an einander liegenden Halb-
rinnen (Mandibeln?), und enthält 2 gleichfalls anein-
ander liegende Borsten (Maxillen), Taster fehlen : Pe-
diculidae.
Dorpat, den 20. Februar 1854.
IVacliträg^c zu den MBemcrkiiiig^eii über die
Phyllopodeu'' %
^ Von
Prof. K. Orulie.
1. Auch in diesem Frühjahre (1853) hatte ich verge-
bens darauf gehofft, Eierchen von Lymnetis brachyurus zu
erhalten und das Ausschlüpfen der Jungen zu beobachten,
doch erhielt ich jüngere Zustände als in dem verflossenen
Jahre. Die ersten kamen mir am 3. Mai (21. April) zu Ge-
sichte; ihre Länge betrug 0,011 Zoll oder 0,132 Lin., ihre
Breite 0,0095 Zoll oder 0,1 14 Lin., das keinste Thierchen mass
nur 0,0097 Zoll in der Länge. Alle zeigten dieselbe Form,
den flachen Rückenschild, die Lippenplatte und die beiden
Paare der Ruderorgane, welche die jüngsten Zustände der er-
sten Beobachtung besassen, nur finde ich die seitlichen Kopf-
stacheln stark nach hinten gekrümmt, mehr oder minder dem
Schalenrande concentrisch, und an der Basis des Stirnkegels
(etwa in der Breite des Auges) jederseits ein keulenförmiges
unbewegliches Körperchen am Rande, welches die übrigen
Spitzchen, mit denen er besetzt ist, an Grösse übertrilTi; und
einigermassen an die später auftretenden untern Fühlerchen er-
innert. Der Darm, dessen Wände sich stark bewegten, ent-
hielt noch lauter Dotter und zwar von gelber Farbe.
Bei einer Larve, welche eine Länge von 0,0127 Zoll
1) Dieser Tfachtrag ist vom Juni 1853 dalirt, jedoch durch einen
eigenthümlichen Zufall erst jetzt, Juni 1854, in meine Hände gekom-
men. Yerf. hatte geglaubt, dieAenderungen könnten noch im Texte
(vergl. den vorigen Jahrgang) angebracht werden, derselbe war je-
doch schon damals im Drucke vollendet. Der Herausgeber.
248 Grube: Nachträge zu d. Bemerk, üb. d. Phyllnpoden.
oder 0,1524 Lin. erreicht halte, beobachtete ich eine Häu-
tung — vielleicht ist es überhaupt die erste, die bei diesen
Crustaceen vorkommt. Darnach halte das Thierchen genau
die von mir abgebildete Form des frühesten im Jahr 1852
beobachteten Zuslandes. Die Kopfstacheln waren ganz seit-
lich fortgestreckt, die keulenförmigen Körperchen des Stirn-
kegels nicht mehr vorhanden, die winzigen Stachelchcn des
Rückenschildes mehr in Maschen geordnet, während sie vor-
hin mehr in Längsreihen standen. Der Darm enlhielt auch
jetzt noch Dotter, bald darauf aber sah ich in ihm schon von
aussen her aufgenommene Nahrung; neben demselben lagen
jederseils 4 bis 5 kleine runde farblose Zellen von 0,0004 Zoll
mit einem excentrischen Kern, die sich mit ihm hin und her
bewegten. Die von dem Afterdarm zur Leibeswand gehen-
den Stränge sind sehr deutlich, die Afterhörnchen schienen
mir stärker ausgeschnitten. Die Häutung beginnt am Kopf
und geht bei den Ruderexlremiläten sehr langsam vor sich,
so dass der ganze Act wohl einige Minuten dauert.
2. Ueberall stall ßranchipus Josephinae ist zu lesen:
Brauch ipus Josephinus.
3. Den Fundorten von Esthcria cycladoides p. 153 ist
hinzuzufügen :
Schlesien bei Breslau in stehenden, während des Som-
mers austrocknenden Gewässern (v. Siebold 2lcr Be-
richt über die Arbeiten der enlomologischen Seclion
der Schlesischen naturf. Gesellschaft 1850. p. 20.)
4. Desgleichen unter Limnetis brachyurus p. 156:
Polen bei Warschau (Waga Annales de la socicte
entomologique de France Tom. VI. 1837. p. XI. nach
Siebold's Angabe 2. Bericht über die Arbeiten der
entomolog. Sect. der Schles. naturf. Gesellschaft 1850.
p. 22.)
Zur ifiähcrci K.eaBiitiilss clor !§ip8ioiioi>lioroii
von IVszza«
Von
R u d* li e 11 c U a. r t ,
in Giessen.
(Hierzu Taf. XI~XIII.).
Als ich im Laufe des vergangenen Sommers meine Un-
tersuchungen über den Organismus der Siphonopboren oder
Schwimmpolypen, wie diese Thiere heuligen Tages häufig ge-
nannt werden, namentlich über den Bau und die Entwicklung
der einzelnen Anhänge, publicirle (zoologische Untersuchun-
gen, erstes Heft), da war es meine Absicht, später eine aus-
führliche zoologische Charakteristik der in Nizza von mir be-
obachteten Arten folgen zu lassen. Die Publicationen von
Kölliker (die Schwimmpolypen oder Siphonopboren von
Messina), Gegenbaur (Beiträge zur nähern Kcnnfniss der
Schwimmpolypen, aus der Zeitschr. für wiss. Zool. Bd. V. bes.
abgedruckt) und Vogt (Rech, sur les anim. infer. de la Me-
diterranee, lere mem. Sur les Siphonophores de la mer de
Nice), die in rascher Folge nach meiner Abhandlung erschie-
nen, haben mich dieser Arbeit, wenigstens in ihrer ursprüng-
lich beabsichtigten Ausdehnung, enthoben. Fast alle die von
mir beobachteten Arten finden sich in der einen oder andern
dieser Abhandlungen beschrieben und abgebildet, so dass ich
mich jetzt darauf beschränken kann, dieselben kurz zu cha-
rakterisiren und an diese Charakteristik, je nach ßedürfniss,
eine Reihe von mehr oder minder ausführlichen Bemerkun-
gen anzuknüpfen. Ueberhaupl dürfte es wohl an der Zeit sein,
die Beobachtungen über den Bau der Siphonophoren, die uns
das letzte Jahr gebracht hat, mit einander zusammenzustellen,
250 LeucRarl:
die Verschiedenheiten^ die zwischen denselben obwalten, her-
vorzuheben und wo möglich zu einer Ausgleichung zu brin-
gen. Auch aus systematischen Gründen ist eine solche Zu-
sammenstellung nothwendig; die Beobachtungen, um die es
sich handelt, sind unabhängig von einander angestellt und fast
gleichzeitig veröffentlicht, die einzelnen beobachteten Thier-
formen, zum grossen Theile wenigstens, unter sehr verschie-
denen Bezeichnungen aufgeführt.
Dass die Siphonophoren als zusammengesetzte Thiere zu
betrachten sind, die in den Hauptverhältnissen ihres Baues
mit den sogenannten Hydroidpolypen übereinstimmen und sich
zunächst und hauptsächlich nur durch eine mehr oder min-
der freie Beweglichkeit (Besitz von Schwimmapparaten) von
denselben unterscheiden , können wir gegenwärtig wohl als
ausgemacht ansehen 0. Die Bezeichnung „Schwimmpo-
lypen (polypi nechalei)" möchte desshalb strenggenommen,
auch wohl bezeichnender sein /als der Eschscholtz'sche
Namen„Röhrenquallen (Siphonophorae)," doch der letz-
1) Wenn ich bei dieser Gelegenheit nochmals hervorhebe, dass
ich wohl der Erste gewesen bin , der über die früher so sehr ver-
kannten Siphonophoren diese Ansicht ausgesprochen hat , so ge-
schieht das nur, um die Behauptung von Herrn Vogt zurückzuwei-
sen, dass ich diese Ansicht von ihm entlehnt hätte (1. c. p. 129 : „Mr.
Leuckart se saisit de cette idee, exprimee par moi — «). Früher be-
schränkte sich die Behauptung des Herrn Vogt darauf, dass er sie
von mir nicht entlehnt habe (Zeitschr. für wiss. Zool. III. S. 522),
jetzt mit einem Male hat sich das Blatt gewendet. Herr Vogt beruft
sich beide Male auf seine naturhistorischen Reisebilder „Ocean und
Mittelmeer"; aber diese sind weder im Jahre 1847, wie es zuerst
hiess, noch viel weniger 1846, wie jetzt angegeben wird, erschienen,
sondern erst im März 1848, während meine ersten Untersuchungen über
die Siphonophoren, in denen bereits das obige Resultat niedergelegt
ist, in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen 1847. S. 1917 zu le-
sen sind. Im Grunde genommen ist es freilich gleichgültig, von wem
ursprünglich eine Ansicht herrührt, wenn sie sich überhaupt nur be-
stätigt ; lässt man sich aber einmal auf die historische Entwickelung
irgend einer Anschauung ein, so soll man hübsch bei der Wahrheit
bleiben und einem Jeden das Seine gönnen.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 251
tere hat jedenfalls das Recht der Priorität und dürfte auch wohl
beibehalten werden müssen , da er der Nalur unserer Thiere
keineswegs vollkommen widerspricht. Die Röhrenquallen oder
Siphonophoren bilden mitsammt den Hydroiden und den ech-
ten Scheibenquallen eine gemeinschaftliche Classe, die man
mit Herrn Vogt als die Classe der Hydromedusae bezeichnen
kann, wenn man es nicht vorzieht^ derselben die Cuvier'-
sche Benennung Acalephae zu lassen, wie ich früher (zool.
Unters. S.91.) vorgeschlagen hatte. Mit den Rippenquallen
und echten Polypen (ohne Bryozoen) gehören diese Hydro-
mediisen in eine gemeinschafiliche, sehr natürliche Abthei-
lung, die ich schon vor längerer Zeit mit dem Namen „Coel-
enterata^^ bezeichnet und von den Echinodermen abgetrennt
habe *).
Ueber die Organisation der Siphonophoren lässt
sich im Allgemeinen etwa Folgendes bemerken.
Die Schwim mapparate, die unsere Thiere so auf-
fallend auszeichnen, sind zweierlei Art, Luftblasen, die als hy-
drostatische Elemente wirken 2) ^ und Schwimmglocken, die
bald zugleich mit den Luftblasen, bald aber auch allein ge-
funden werden. Die ersteren sind in einfacher Anzahl be-
ständig in das blind geschlossene obere Ende des Körperstam-
mes eingelagert, bei den verschiedenen Arten aber von einem
ausserordentlich wechselnden Umfang (und Werthe). Die
Schwimmglocken stehen gleichfalls am obern Ende des Kör-
perstammes zu einer mehr oder minder ansehnlichen Menge
zusammengruppirt. Sie sind im Allgemeinen nach dem Typus
des Medusenkörpers gebildet, d, h. sie bestehen aus einem ela-
stischen Mantel von glockenförmiger, manchfach modificirter
Gestalt, der im Innern von einer contractilen Muskellage
1) Dass die Cuvier'sche Abtheilung der Radiata auch in dem
raodificirten Sinne der späteren Zoologen nicht länger beibehalten
werden könnte, dürfte jetzt wohl ziemlich allgemein anerkannt sein.
Sars, Forbes, Milne Edwards, J. Müller, Huxley, V. Ca-
rus u. A. haben sich bereits entschieden in diesem Sinne ausge-
sprochen.
2) Daher die Cuvier'sche Benennung „Acalephes hydrostatiques,«
die freilich nicht für alle Siphonophoren passt , auch für die Diphyi,
den von Cuvier nicht gebraucht wurde.
252 Lcuckarl:
(Schwimmsack) ausgekleidet ist ^). Auf der äussern Fläche
des Schwimmsackes verläuft ein System von vierRadialgefäs-
sen , die im Umkreis der Mantel-Ocffnung in ein Ringgefäss
einmünden und auf dem Scheitel der Glocke zu einem unpaa-
ren Centralstamme zusammenkommen, um sich von da durch
den Stiel der Schwimmglocke hindurch mit der allgemeinen
Körperhöhle zu vereinigen. Auch die übrigen Anhänge des
Siphonopliorenkörpers enthalten ohne Ausnahme ein mehr oder
minder complicirtes Gefässsystem, das mit der gemeinschaft-
lichen Körperhöhle zusammenhängt. Diese letztere durchsetzt
die ganze Länge des Körperslammes , der bald cylindrisch
und gestreckt (aber nie verästelt) , bald auch in verschiede-
nem Grade, mitunter selbst scheibenförmig, abgeplattet ist.
Die MundöfTnungen lier Polypen sind die einzigen Stellen, an
denen diese Körperhöhle mit der Aussenwelt zusammenhängt.
Durch die Thätigkeit dieser Anhänge wird die Körperhöhle
mit einer Ernährungsflüssigkeit gefüllt, die von da (zum Theii
mit Hülfe von Flimmerhaaren) durch die eben erwähnten Ge-
fässe in die übrigen Anhänge hinübertrilt.
Die Bildung dieser Anhänge zeigt mancherlei Verschie-
denheilen, die wir später zumTheil noch im Speciellen ken-
nen lernen werden. Einstweilen wollen wir nur bemerken,
dass die Polypen der Siphonophorenstöcke niemals (wie die
der Hydroiden) mit Tentakeln im Umkreis der Mundöffnung
versehen sind. Die Polypenleiber (Schluckmäuler oder Saug-
röhren) sind einfache Cylinder, die aus drei hinter einander
gelegenen Abschnitten zusammengesetzt werden, einem äus-
serst conlraclilen Endslücke, dem Rüssel, der die mannichfach-
slen Formen annehmen kann ~), einem bauchigen Millelslücke
mit mehr oder minder slark entwickelten Leberstreifen, dem
eigentlichen Magen, und einem hügligen ßasalstück mit dik-
ken und zelligen Wandungen. Die Fan ga ppa rate erschei-
1) Die Muskelfasern dieses Sackes .sind während des Lebens
nur schwierig wahrzunehmen, werden aber durch Behandlung mit
Reagentien (Spiritus u. s. w.) gewöhnlich sehr deutlich. Ich sehe
sie jetzt bei meinen conservirten Exemplaren auch da , wo ich sie
früher vermisste.
2) Für die Muskelfasern dieser Anhänge gilt dasselbe, wie für
die des Schwiramsackes.
Zur nähern Kenntnis s der Siphonophoren von Nizza. 253
nen besländig* als isolirte Anhänge ') und stehen in der Re-
gel an der Wurzel der Polypenleiber , bald unmillclbar auf
dem Stamm, bald auch zugleich mit den Polyprn auf einer meist
kurzen und slielförmigen Aussackung des Stammes. In den mei-
sten Fällen sind die Fangapparale der Siphonophoren einzelne
lange und dünne Fäden mit zahlreichen und unverästeKen
Seitenzweigen, seltner einfache Fäden oder kürzere Cylinder.
In allen Fällen sind dieselben aber mit einer Unzahl grösse-
rer und kleinerer Angelorgane (Nesselkapseln) besetzt, die
namentlich in den Fangfäden mit Seitenzweigen eine sehr
regelmässige und constantc Gruppirung einhalten und durch
massenhafte Anhäufung dann die sog. Nesselknöpfe bilden,
die wegen ihrer lebhaften (gelben^ rofhen) Pigmentirung ge-
wöhnlich leicht auffallen. Die Gesch lechts anhä nge der
Siphonophoren wiederholen im Allgemeinen, wie die Schwimm-
glocken, die Form und Bildung der Medusen-). Sie beste-
hen aus einem glockenarligen Mantel (mit Gefässen) und ei-
nem mehr oder minder ansehnlichen Kerne, der die Ge-
schlechtsstoffe (Samenkörperchen oder Eier) trägt und klöpfel-
artig, wie der Mundstiel der Medusen, von dem Scheitel der
Glocke herabhängt. Durch Verkümmerung des Mantels und
der Gefässe wird die Medusenform dieser Anhänge allerdings
mitunter verwischt, aber daneben giebt es auch Siphonophoren,
in denen diese Anhänge vollkommene kleine Medusen (mit Mund-
öffnung) darstellen, die sich dann schon frühe, wie bei der
Aufammung an Hydroiden, loslösen und erst später, während
des freien Lebens, geschlechtsreif werden. Auch die übrigen
1) Ich kenne keinen einzigen Fall , in dem diese Gebilde an
den Polypenleibern selbst anhingen. Herr Vogt behauptet allerdings
(p. 47), dass die Fangfäden von Physophora zwischen Magen und Ba-
salstück angebracht seien, man kann sich indessen leicht davon über-
zeugen, dass das, v\as Herr Vogt als Magen beschreibt, in Wirklich-
keit schon das Basalstück dieser Polypen darstellt.
2) Auch Herr Vogt nennt jetzt ohne Weiteres, als ob sich das
von selbst verstände, die Geschlechtsorgane der Siphonophoren „geni-
mes medusiformes« — und doch hatte er noch vor kurzer Zeit (Zeit-
schr. f. w. Zool. III. S. 524) ausdrücklich gegen mich behauptet : „diese
Schwimrakapseln der Eier und Hoden gleichen den Schirniquallen
nicht einmal in ihrer Gestalt, gar nicht im Bau" u. s. w.
254 Leuckart:
Geschlechtsanhäng-e trennen sich gewöhnlich von ihrer Bil-
dungsstätte, aber erst nach der Reife der GeschlechlsstofFe.
Ausser den bisher beschriebenen Anhängen, die bei kei-
ner Siphonophore fehlen, giebt es noch einige andere, die
ein beschränktes Vorkommen haben. Zu diesen gehören vor
allen Dingen die sogenannte Deckstücke oder Deckblät-
ter, die sich zum Schutze der übrigen Organe entwickelt
haben und sich durch ihre Festigkeit auszeichnen. Die Be-
wegungen dieser Anhänge sind auf den Stiel beschränkt;
sie bestehen aus einem abwechselnden Heben und Senken,
das durch die Contraction des Stieles vermittelt wird '). Die
Form ist wechselnd und, wie die Form der Schwimmstücke,
von grossem systematischen Werthe. Eine zweite Gruppe
dieser inconstanlen Anhänge bilden die sog. Taster oder
Fühler, cylindrische oder wurmförmige Gebilde, die sich durch
ihre Formverhällnisse im Allgemeinen an die Polypcnleiber
anschliessen und von den frühern Beobachtern gewöhnlich als
Flüssigkeitsbehälter ^} bezeichnet wurden. Ueber die physio-
logische Bedeutung dieser Apparate sind wir noch nicht voll-
kommen im Reinen, doch scheint es wohl, dass die ausneh-
mende Beweglichkeit derselben den Namen rechtfertigt, den
man ihnen neuerdings gegeben hat. Ob das Tastgeschäfl
freilich ihre einzige Aufgabe sei, stehet dahin. An der Wur-
zel dieser Taster findet sich gewöhnlich auch noch ein ein-
facher dünner Fangfaden ohne Seitenzweige und Nesselknöpfe,
obgleich immer noch mit einer ganz erklecklichen Menge von
Ckleinen) Angelorganen versehen, mit Gebilden, die aber auch
— freilich meist nur in geringer Anzahl — auf den übrigen
Anhängen des Siphonophorenkörpers, besonders am äusser-
sten Ende derselben, beobachtet werden. Wo solche acces-
sorische Fangfäden vorkommen, da mögen die Taster auch
wohl dazu dienen, gelegentlich ihren Inhalt in den Fang-
faden hinüber zu treiben und diesen dadurch zur Entfaltung
zu bringen.
1) Ich habe solche Bewegungen bei allen Siphonophoren mit
Deckstücken, wenigstens bei allen Physophoriden , wahrgenommen
und glaube nicht, dass sie irgend wo fehlen.
2) Herr Vogt hielt dieselben bis auf die neueste Zeit für junge
und unvollständig entwickelte Polypenleiber.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 255
Das Körperparenchym der Siphonophoren ist von
derselben wasserreichen und durchsichtigen Beschaffenheit wie
das der Medusen und Rippenquallen^, d.h. es hat ungefähr die
specifische Schwere des Wassers , so dass also ein verhält-
nissmässig geringer Impuls für die Bewegung ausreicht i). Nur
einzelne wenige Anhänge (Schwimmglocken, Deckstücke) ha-
ben aus Gründen, die mit ihrer functionellen Bestimmung zu-
sammenhängen, eine derbere, pergament- oder lederarlige
Beschaffenheit. Das sog. Skelet oder die Schale, die man bei
einigen Siphonophoren ohne Schwimmglocken antrifft, ist die
Wand des Luflsackes, die in solchen Fällen mitunter eine
grosse Festigkeit besitzt.
Mit der Natur dieses Körperparenchymes hängt es zu-
sammen, dass die Siphonophoren in einem so ganz ausseror-
dentlich hohen Grade die Fähigkeit der Contraction besitzen.
Eine ellenlange Colonie mit vielen Tausenden von Anhängen,
die auch in dem grossesten Poeale keinen Raum zum Entfallen
ihres Körpers findet, kann sich beim Berühren fast bis auf
Faustgrösse zusammenziehen. In viellen Fällen wird die Con-
tractionsfähigkeit dieser Thiere noch dadurch erhöhet, dass die
langen und fadenförmigen Theile des Körpers (Fangfäden,
Körperstamm) durch eine eigene Einrichtung (förmliche Glie-
derung) befähigt sind, sich in zickzackförmiger Biegung oder
spiraliger Windung mit ihren einzelnen Theilen dicht aufein-
ander zu legen.
So Vieles über die Organisation der Siphonophoren im
Allgemeinen. Es enthält die Resultate der Untersuchungen, die
in den Eingangs genannten neueren Werken enthalten sind.
Was nun die Systematik unserer Thiere betrifft,
so lassen sich die mit leidlicher Sicherheit bis jetzt bekannt
gewordenen Arten in fünf Familien vertheilen , in die der
Velelliden , Physaliden , Rhizophysiden , Physophoriden und
eine fünfte mit den Diphyiden und einigen verwandten For-
men (Hippopodius und Vogtia), für die ich hier den Namen
1) Dieselbe Beziehung zur Ortsbewegung erkennen wir auch
in der Form der ganzen Colonie, der Zusammenhäufung der Loco-
motiven, der Anordnung der Fangfäden u. s. w. Yergl. R. Leuckart,
über den Polymorphismus, S. 14.
256 Leuckart:
Calycophoriden vorschlagen möchte ^). Aus Nizza kennen
wir bis jetzt nur Repräsentanten von dreien dieser Familien;
Rhizophysiden sind daselbst bis jetzt noch ebenso wenig- auf-
gefunden ^) , als Physaliden, obgleich auch diese im Mittel-
meere — Gegenbau r beobachtete (freilich nur ein ein-
ziges Mal) die Physalia Caravella in Messina ^ einheimisch
zu sein scheinen.
A. Calycoplioridae Lt.
Die Familie der Calycophoriden enthält Siphonophoren
mit cylindrischcm Stamme und einigen wenigen, meist nur
zweien, Schwimmglocken, die alternirend am obern blindge-
schlossenen Ende des Siphonophorenstammes angebracht sind
und niemals durch einen Luftsack in ihrer Action unterstützt
werden^). Die übrigen Anhängo sind gruppenweise in ziem-
lich gleichmässigen Absländen am Stamme verthcilt und nur
am obern Ende, unter den Schwimmglocken, wo sie hervor-
knospen, in einer continuirlichen, dichten Reihe hinter einan-
der angebracht. Taster fehlen ; die Anhänge bestehen — ab-
gesehen von den Schvvimmglocken — aus Polypenleibern
mit Fangfäden und Geschlechtsknospen^ die dicht neben ein-
ander befestigt sind und gewöhnlich auch noch von einem
schirm- oder Irichlerförmifren Deckblatte umhüllt werden. Nur
bei einigen wenigen Formen mit retraclilem Stamme fehlen
diese Deckschilde, die, wenn sie vorhanden sind;, beständig
einen Gefässapparat mit mehr oder minder symmetrisch ent-
wickelten Seitenzweigen einschliessen. Die Polypen bleiben
klein — wie denn überhaupt die betreffenden Thiere die klein-
1) Von y.dXv^, Becher (für Schwimmgloclce) und (fiQSir, tra-
ten — um anzudeuten, dass die Bewegungsorgane dieser Gruppe aus-
schliesslich auf die Schwimmglocken beschränkt sind. (Früher hatte
ich für die Bezeichnung dieser Gruppe den Kamen Diphyiden ge-
braucht, doch dieser passt zunächst nur für die Calycophoriden mit
zwei Schwimmglocken).
2) Die Rhizophysa filiformis, die nach Bis so (hist. nat. de
l'Eur. meridion. T. Y. p. 303) um Nizza vorkommt , ist unsere Galeo-
laria filiformis.
3) Auch nicht bei Hippopodius , dem Herr Vogt noch immer
eine Luftblase, wenn auch gegenwärtig (p. 97) — wie früher den
Diphyiden ohne Ausnahme — eine „inconstante« zuschreibt.
Zur nähern Kennlniss der Siphonophoren von Nizza. 257
stenSiphonophorenformen darstellen — und meistens nur mit
wenig- entwickelten Leberstreifen versehen. Die Seitenzweige
der Fangfäden tragen nackte Nesselknöpfe von unbedeutender
Grösse und nierenförmiger Bildung, die an der Basis der Fä-
den in einfacher Reihe, aber grosser Menge hinter einander
hervorknospen und Angelorgane von ziemlich übereinstimmen-
der stäbchenförmiger Gestalt einschliessen. Die Geschlechts-
anhänge sind für Samen und Eier ganz gleichmässig gebaut,
mit vollständigem, meist mit abstehendem Mantel und regel-
mässigem Gefässapparat. Der Stempel, der die Geschlechts-
stoffe trägt, enthält eine weite Höhle, die in der Kuppel des
Mantels mit den Radialgefässen zusammenhängt. Sie stehen
einzeln oder doch nur in geringer Menge an der Basis der
Polypen und sind mit ihren verschiedenen Geschlechtern auf
verschiedene Anhangsgruppen, häufig auch auf verschiedene
Stämme vertheilt.
Bei der Entwicklung aus der flimmernden Larve oder
Amme entsteht zuerst (nach den schönen Beobachtungen von
G e g e n b a u r , S. 48. ff., an Diphyes) die Schwimmglocke, der
dann später die ernährenden Polypenleiber und andern An-
hänge nachfolgen.
a. Mit zwei Schwimm gl ocken und Deckstücken
(Diphyidae).
a. Beide Schwimmglocken pyramidal und in merklich
verschiedener Höhe über einander angebracht, nichts desto
weniger aber in einer Weise entwickelt, dass ihre Längsdurch-
messer mit dem Körperstamm parallel sind und ihre Oeffnun-
gen nach derselben Seile hinsehen. Das Stielgefäss des vor-
dem— in manchen Fällen auch das des hintern — Schwimm-
sackes tritt (in verschiedener Höhe) seitlich an denselben hinan,
nicht an die Kuppel, wie sonst gewöhnlich. Ausserdem ent-
hält die vordere Schwimmglocke meist noch einen eigenen
geräumigen Flüssigkeitsbehäller, der an der innern, dem Kör-
perstamme zugekehrten Seite in den Mantel eingelagert ist
und mit dem obcrn Ende des Stammes zusammenhängt ').
1) Die Innenfläclie dieses Saftbehälters trägt eine dicke Lage
grosser heller Zellen und einen Fliinmerbcsatz. Das obere Ende des-
Archjv f. Naturgesch. XX. Jahrg. 1. Bd. 17
258 Leuckarl:
Gen. Abyia Eschsch. (Abyla Q. et G. Calpe Q. et G.).
Der vordere Schwimmsack ist besträchllich kleiner, als
der hintere und mitsammt einem stark verkürzten Saflbehäller
in einen dicken seillich abgeflachten Mantel (Saugröhrenstück)
eingeschlossen. Die innere^ d. h, dem Stamm zugekehrte, Wand
dieses Mantels verlängert sich nach unten in einen hohlen Fort-
salz, der zur Aufnahme des vordem Stammendes und der
stielförmig verlängerten Kuppel der hintern Schwimmglocke
(Schwimmstück) bestimmt ist. An der Innenfläche der letz-
tern eine Längsleiste, die klappenarlig über eine Rinne hin-
läuft und dadurch einen Kanal zur Aufnahme und zum Durch-
lass des retraclilen Körperstammes bildet. Die Deckstücke
entstehen erst in der hinlern Hälfte des Stammes, nachdem
die Polypen schon längst ihre vollkommene Gestalt erreicht
haben ') und bilden im entwickelten Zustande eine flächenhaft
selben enthält in der Regel einen grossen Fetttropfen (mitunter auch
mehrere kleinere), die von den frühern Beobachtern, auch noch von
Herrn Vogt und, freilich weniger bestimmt, von Kölliker — mit
Unrecht, wie man noch an Spiritusexemplaren und hier noch ent-
schiedener, als während des Lebens, sehen kann — für ein Luftbläs-
chen gehalten wurde. Die functionelle Bedeutung dieses Apparates
ist noch nicht gehörig festgestellt, möchte aber wohl vorzugsweise
die eines Wahrungsreservoires sein. Damitist jedoch nicht gesagt, dass
sich die Bedeutung desselben auschliesslich hierauf beschränkt. Der
Saftbehälter der Diphyiden wird gewiss auch für die Ernährung des
Mantels nicht ganz werthlos sein (trotz seiner Weite und der davon
abhängenden geringen Ausdehnung der Contactfläche), vielleicht auch,
nach Art der Mark- und Lufthöhlen im Knochensysteme, als ein Mit-
tel zur Verringerung des Gewichtes in Betracht kommen. Dass dieser
Saftbehälter weder als das obere Ende des Körperstammes aufzufas-
sen sei, noch auch morphologisch mit den übrigen Saftgefässen im
Mantel der Schwimmglocken zusammengehöre, habe ich früher schon
behauptet, und ist neuerlich durch die schönen Beobachtungen von G e-
genbaur über die Entwickelung der Diphyiden (a. a. 0. S. 53)
noch wahrscheinlicher geworden. In genetischer Beziehung soll der
Saflbehälter der Diphyiden mit seinem grosszelligen Inhalte den Rest
des ursprünglichen Larvenleibes darstellen.
1) Daher ist es denn auch erklärlich, dass diese Deckstücke von
den frühern Beobachtern, noch von Kölliker, übersehen werden
Konnten.
Zur nähern Kennlniss der Siphonophoren von Nizza. 259
begrenzte Umhüllung der einzelnen Anhangsgruppen. Die letz-
ten und reifsten dieser Gruppen lösen sich aus dem frühe-
ren Verbände und führen dann als sogenannte Eudoxien ein
freies und selbstständiges Leben ').
Abyla pentagona (Quoy et Gaim.) Eschsch.
Das hintere Schwimmstück mit fünf vorspringenden Fir-
1) Eschscholtz, der die Eudoxien für eigene „monogastrische
Diphyidenformen« hielt, betrachtete das Deckstück dieser frei leben-
den Anhangsgruppen als „Saugröhrenstück" und das medusenförmige
Geschlechtsorgan als „Schwimmstück." Das Höhlensystem des Deck-
stückes wurde dabei als „Saftbehälter" gedeutet, und in derThat hat
dasselbe auch histologisch mit dem Saftbehälter der vordem Schwimm-
glocke eine auffallende Aehnlichkeit , aus der wir freilich wohl nur
auf eine Gleichheit der physiologischen Bedeutung zurückschliessen
dürfen. Ein zweiter kleinerer Geschlechtsanhang, der häufig (mit-
unter auch, nach meinen Beobachtungen, zugleich mit einem unent-
wickelten dritten) neben dem ausgebildeten Schwimmstück beob-
achtet wird, wurde von Eschscholtz als „ Schvvimmhöhle des
Saugröhrenstückes" gedeutet und zum Charakter eines besondern Ge-
nus Ersaea gemacht, Eudoxien mit flächenhaft begrenztem Mantel
hat Eschscholtz übrigens nicht beobachtet. Sie wurden von Quoy
und Gaimard (Isis XXI. S. 335.) als Cuboides , Enneagonum und
Cymba beschrieben, als Thiere, die Eschscholtz irrthümlicher Weise
den polygastrischen Diphyiden zuzählte. Die Eudoxien und Ersaeen
von Eschscholtz sind, wie die Lesson'schen Genera Cucubalus,
Cucullus u. a. , ohne Ausnahme mit einem glockenförmigen 3Iantel
(Deckstück) versehen und wahrscheinlich die Abkömmlinge gewisser
Diphyesarten. Man vergl. hierüber namentlich Leuckart a. a. 0.
S. 41 ff. und Gegenbaur S. 3ff. Auch Herr Vogt hat die abge-
lösten Einzelgruppen von Abyla als Eudoxien erkannt und die Ver-
muthung ausgesprochen, dass alle monogastrischen Diphyiden eines ähn-
lichen Ursprungs seien (p. 126). Indessen scheint es, als wenn der-
selbe über die Eudoxien und die verwandten Formen eine nur sehr
unklare Vorstellung hatte. TNicht bloss dass er das Eschscholtz'sche
Genus Aglaisma mit den Eudoxien zusammenstellt, obgleich es sich
nach Form und Ursprung sehr auffallend von denselben unterscheidet
(vergl. Leuckart a. a. 0. S. 50.) — er beschreibt auch die um
Kizza vorkommenden Eudoxien mit glockenförmigem Mantel (Eudoxia
campanula Lt.) als junge und unentwickelte Colonien einer später
noch näher zu berücksichtigenden Diphyidenform, der Galeolaria fili-
formis (Suculceolaria 4-valvis}.
260 Leuckart:
slen und Spitzen; die Eiidoxien von würfelförmiger Gestalt,
mit einem Schirmfortsatze, wie eine Uhlanenmütze.
Die einzige genauer bekannte Art, über die ich hier
namentlich auf die Beobachtungen von Kölliker (a. a. 0.
S. 40.) und mir (a. a. 0. S. 56. Tab. III. Fig. 1—9.) ver-
weisen kann. Herr Vogt hat wahrscheinlich dieselbe Art
zur Untersuchung gehabt, obgleich er sie (p. 120) als Abyla
trigona beschreibt und abbildet. Freilich erwähnt er an der
hintern Schwimmglocke nur drei Längsleisten und Zahnfort-
sätze (statt fünf, unter denen sich allerdings drei durch ihre
Grösse besonders auszeichnen), freilich giebt er auch von
den Eudoxiengruppen seiner Form eine Darstellung (nament-
lich Tab. XX. Fig. 7), die für Abyla pentagona sehr unge-
nau sein würde, allein nichts desto weniger glaube ich
doch die Identität unserer Arten behaupten zu dürfen. Ein-
mal zeigt die Abyla trigona des Herrn Vogt mit unserer
Ab. pentagona — abgesehen von den eben hervorgehobenen
Verhältnissen — eine sehr verdächtige Uebereinstimmung,
namentlich auch in der Bildung der vordem Schwimmglocke,
die doch nach der Beschreibung von Quoy und Gaimard
mancherlei abweichende Charaktere darbieten müsste. So-
dann ist die Abyla pentagona in den ruhigen Buchten von
Nizza und Villa franca so häufig, dass sie Herrn Vogt, der
ja fast zwei Jahre in Nizza zubrachte, wohl schwerlich un-
bekannt bleiben konnte, selbst wenn man annehmen wollte (wie
es Herr Vogt nach seiner Bemerkung auf p. 164 ') von mir
1) An die Freundlichkeiten des Herrn Vogt gewöhnt, hat mich
auch das Urtheil, welches derselbe an dieser Stelle über meine oben
angeführten „zoologischen Untersuchungen" ausgesprochen hat, nicht
im Geringsten überraschen können. Ich bedaure nur, dass er dasselbe
nicht weiter begründet hat, als durch das Gewicht seiner Persönlich-
keit, das in diesem Falle vielleicht nicht vollkommen ausreichen
dürfte, wenigstens nicht für Solche, die da wissen , dass ich fast auf
jeder Seite meiner Untersuchungen Gelegenheit fand, den Angaben
und Beobachtungen meines Vorgängers entgegen zu treten. Das Urtheil
des Herrn Vogt ist freilich äusserst hart; es lautet dahin, dass ich
schlecht beobachtet und fast nur bekannte Sachen breit getreten
hätte — bevor es indessen nicht im Speciellen begründet wird,
werde ich es meinerseits eben so wenig der Beachtung für werth
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 261
ZU vennulhen scheint) , dass er sich das Material für seine
ünlersuchungen ganz einfach von einem Fischer habe auf
das Zimmer bringen lassen. Auf der anderen Seite kann
ich aber versichern, dass ich, trotz einiger vierzig Excursionen
um Nizza, von Ab. trigona auch niemals eine Spur gefun-
den habe.
Ich verzichte darauf, hier eine vollständige Beschreibung
unserer Abyla zu geben , ich wurde sonst nur wiederholen
müssen, was ich an dem oben erwähnten Orte bereits mitge-
theilt habe. Aber unterlassen kann ich es nicht, auf einige
Controverspuncte und Differenzen in den Angaben unserer
Beobachter hier näher einzugehen. Meine erste Bemerkunof
O CS
betrifft den Gefässapparat der Schwimmsäcke, namentlich den
des vordem. Dass dieser Schwimmsack mit zweien schlin-
genförmig verlaufenden Seitengefässen versehen sei , die in
ein Ringgefäss einmünden, darüber sind alle Beobachter ei-
nig, aber in anderer Beziehung weichen die Angaben aus-
einander. Herr Vogt behauptet, dass diese Seitengefässe
ungefähr in der Mitte ihres Verlaufes einen nach vorn auf-
steigenden Zweig abgeben, der mit dem entsprechenden Zweige
der andern Seite sich vereinigte, während K Olli k er ausser
den beiden Seitengefässen noch zwei andere Gefässe be-
schreibt, die geraden Weges von ihrem Ursprünge aus dem
Stielgefässe nach unten zum Ringgefässe hinabliefen. Nach
meiner eignen Darstellung finden sich gleichfalls vier Radial-
gefässe, wie es Kölliker angiebt , aber ausser den beiden
Seitenstämmen noch zwei mediane, die in der Mitte zwischen
diesen bis zum Ringgefässe hinlaufen, und zwar der eine ge-
raden Weges nach hinten, der andere aber bogenförmig über
die Kuppel des Schwimmsackes hinüber, wie es auch bei den
von Gegenbaur beobachteten Arten des Gen. Diphyes der
halten, als die Aeusserungen anderer unberufener Personen, die kei-
nen Anstand nehmen über den „Werth des innern Gehaltes« bei einem
Werke abzuurtheilen, dessen Gegenstand ihnen notorischer Weise voll-
kommen unbekannt ist. Meine Leser aber hoffe ich jedenfalls davon
zu überzeugen, dass Herr Vogt von Allen am wenigsten berech-
tigt war, als ein so sehr gestrenger Herr über meine Arbeiten zu
GerlcU; ^u sitseii.
262 LeucUarl;
Fall ist. Die Gefässe der hintern Schwimmglockc, die von
Herrn Vogt nicht erwähnt werden, konnte ich mit aller
Bestimmtheit bis zum Ringgefässe verfolgen.
Ausser den beiden ausgebildeten Schwimmglocken fin-
det sich übrigens bei Abyla — und Gleiches gilt für Diphyes
— ganz constant auch noch eine dritte unausgebildete , die
am vordem Ende des Stammes aufsitzt und offenbar zum
Ersatz der nicht selten verloren gehenden hintern Schwimm-
glocke 0 bestimmt ist. KöUiker hat diese Ersatzglocke
gleichfalls gesehen (es ist die von demselben S. 44. beschrie-
bene birnförmige Knospe), ihre wahre Bedeutung aber nicht
erkannt. Ich fand sie in der Regel auf dem von mir Tab. XI.
Fig. 1. abgebildeten Stadium, wo man bereits die spätem
Canäle — auch das Ringgefäss — und die Schwimmhöhle im
Innern erkennen kann, wo aber letztere noch nicht nach
Aussen geöffnet ist. In einigen seltenen Fällen habe ich
auch vor dieser Knospe noch eine zweite Ersatzglocke in
Form eines einfachen Beutelchens mit einem Divertikel im
Innern unterscheiden können.
Den vonKölliker erwähnten rothen Pigmentfleck, der
sich am Vorderende des Abylastammes finden soll, habe ich
nicht gesehen. Möglich, dass derselbe eine inconstante Bil-
dung ist.
Was die Fangfäden unserer Abyla betrifft, so giebt Kol-
li k er (S. 45) an, dass er je an der Basis eines einzigen
Polypen deren zwei gefunden habe. Wenn ich die Richtig-
keit dieser Angabe in Zweifel ziehe, so berufe ich mich da-
bei zunächst und vorzugsweise auf meine Untersuchungen
über die Entwickelungsgeschichte der einzelnen Anhänge, die
1) Bei einem solchen Verluste wird sehr häufig auch der kurze
Stamm bis auf den obern geschützten Anfangstheil eingebüsst. Ich habe
(Z. U. S. 50.) nachgewiesen, dass das von Eschsch ol tz aufgestellte
Genus Aglaisma, eine sogenannte monogastrische Diphyide, nach der-
artigen verstümmelten Colonien aufgestellt wurde. Dass die Aglais-
maformen mit der normalen und regelmässigen Entwickelung unserer
Abylaarten Wichts zu thun haben, geht auch aus der Beobachtung von
Gegenbaur hervor, dass sich bei den Diphyiden die hintere Schwimm-
glocke früher am Larvenkörper entwickelt als die vordere, die bei
den Aglaismaartea beständig vorhanden ist.
Zur nähern Kenntnis^ der Siphonophoren von Nizza. 263
man am vordem Ende des Stammes beständig an einem rei-
chen Maleriale sludiren kann. Nicht, dass ich die Unter-
suchung- der Fangfäden an den entwickelten Polypen unter-
lassen hätte; aber diese ist bei der ausserordentlich grossen
Contractilität der Fäden und der zahlreichen Menge entwik-
kelter und unentwickelter Nesselknöpfe zu trügerisch, als dass
sie zu irgend einem bestimmten und unbestreitbaren Resul-
tate hinführen könnte. An der Basis der Polypenknospen
sieht man aber mit aller Entschiedenheit die Bildung des
Fangfadens und der Nesselknöpfe ganz in derselben Weise
vor sich gehen , wie ich sie früher (a. a. 0. S. 24) im All-
gemeinen für die Siphonophoren beschrieben und für Praya
abgebildet habe. Der Fangfaden ist Anfangs, während der
Polyp noch ein geschlossenes und einfaches Bläschen dar-
stellt — die Entwickelung der Polypen geschieht bei Abyla
gleichfalls in ganz derselbe Weise, wie bei Praya u. s.w. —
eine kurze Aussackung (Tab. XI. Fig. 2.), die allmählich in
einen hornförmig gekrümmten Cylinder auswächst und dann
die einzelnen Nesselknöpfe in einfacher Reihe dicht hinter
einander auf der convexen Fläche hervorknospen lässt (ibid.
Fig. 3). Niemals sah ich bei einem Polypen mehr als ein
einziges solches Hörnchen. Wenn die Angabe von Kölli-
k er richtig wäre, dann müsste der zweite Fangfaden erst
in einer spätem Zeit gebildet sein, aber auch von solcher
spätem Bildung habe ich niemals, weder bei Abyla, noch bei
einer andern Siphonophore, eine Andeutung gefunden. Nach
der Beschreibung von Gegenbaur sollen die Fangfäden
auch bei den übrigen Diphyiden in mehrfacher Anzahl neben
der Basis der Polypen befestigt sein. Sie sollen z. B. bei
Praya (8.23) ein ganzes Büschel bilden, das aus einigen,
zwei bis vier, entwickelten Fangfäden und zahlreichen blind-
darmartigen Sprossen zusammengesetzt werde , die (wie an
einer andern Stelle bemerkt wird) dazu bestimmt seien , die
erstem im Falle eines Verlustes zu ersetzen. Diese „blind-
dannarligen Sprossen^^ sind mir sehr wohl bekannt (Tab. XI.
Fig. 4. auch Fig. 16 von Galeolaria) — so gut, dass ich sie
mit aller Bestimmtheit nicht als Ersatzfangfäden, sondern als
Ersatznesselknöpfe, die das ganze Leben hindurch beständig
neu gebildet werden, in Anspruch nehmen kann. In densel-
264 Leuckart;
ben Irrthum ist auch Kölliker bei Stephanomia und andern
Physophoriden gefallen. Man braucht nur die jungen Ersatz-
fangfaden, wie sie von letztenn auf Tab. XIL Fig. 8. und 9.
(von Forskalia) abgebildet sind, mit den Abbildungen zu ver-
gleichen, die ich (Z. U. Tab. I. Fig. 25.) oder auch Herr
Vogt (Tab. VIII. Fig. 6} von der Entwickelung der Nessel-
knöpfe (bei Agalma rubra) gegeben haben, um die vollstän-
dige Uebereinstimmung der betreffenden Anhänge augenblick-
lich zu erkennen.
Ich wiederhole nochmals , dass ich niemals, weder bei
Abyla, noch bei irgend einer andern Siphonophore mehr als
einen einzigen Fangfaden für je einen Polypen habe beobach-
ten können^). Ein Verlust dieses Fangfadens, wie ihn Ge-
gen bau r anzunehmen scheint, findet wohl schwerlich je-
mals statt. Allerdings gehen die Nesselknöpfe bei dem Ge-
brauche fortwährend verloren (sie können nur beim Zerreis-
sen ihre Wirksamkeit entfalten), aber dafür findet sich auch
an der Wurzel der Fäden ein beständiger Nachschub solcher
Fangapparate. Beständig, wie bei der ersten Bildung, knos-
pen hier Anhänge hervor, die Anfangs, wie ich es früher
beschrieben habe 2) und auch bei Abyla vorfand, einfache
Bläschen sind, sodann blinddarmartig in die Länge wachsen
und dabei durch eine ringförmige Einschnürung in zwei Ab-
schnitte zerfallen (Fig. 5). Der vordere Abschnitt wird zum
eigentlichen Nesselstrang, der hinlere, der in eigenthüinlicher
Weise durch Entwickelung einer immer tiefer greifenden
Spiralfurche sich in einen zusammengewundenen dünnen An-
hang auflöst, der Endfaden des Nesselorganes. Der Stiel ent-
steht erst später, indem sich die Anheltungsstelle des Nessel-
stranges auszieht.
Die Angelzellen in den Nesselknöpfen der Diphyiden
(und Gleiches gilt auch für die meisten andern Siphonopho-
ren mit Nesselknöpfen) zeigen bekanntlich eine dreifache Form
und Grösse. Die einen und zwar die kleinsten sind auf den
1) Auch Herr Vogt beschreibt überall bei den Siphonophoren nur
einen einzigen Fangfaden mit Nesselknöpfen und Kesselknopfknospen.
2) Ganz ähnlich ist die Beschreibung der knospenden Nessel-
knöpfe (Praya) bei Herrn Vogt p. 104.
Zur nähern KenntnisB der Siphonophoren von Nizza. 265
Endfaden beschränkt, wo sie, wenn der Faden gestreckt ist,
eine Doppelreihe zusammensetzen, während die beiden andern
Formen in dem sogenannten Nesselstrange neben einander
vorkommen und hier eine eben so auffallende wie constanle
Gruppirung einhalten (Fig. 6). Der grösste Theil dieser An-
gelzellen steht senkrecht auf der Längsachse des Nesselslran-
ges, aber nur in der einen Seitenhälfle des Stranges, so dass
Batterie, die durch die Zusammenhäufung dieser Waffen ge-
bildet ist, gewissermaassen als eine excentrische Verdickung
erscheint.
Bei unserer Abyla besteht eine solche Batterie aus etwa
80 — 90 Columnen, von denen eine jede wiederum aus acht
an einander gereihcten Nesselzellen gebildet ist. Das äus-
sere Ende dieser Zellen, die im Allgemeinen eine stäbchen-
förmige Gestalt haben, ist abgestumpft und ragt durch die
ziemlich feste, aber vielfach durchlöcherte Oberhaut nach
aussen hervor. Es ist dasselbe Ende, aus dem späterhin,
wie es scheint, durch Aufspringen der festen Kapselhaut,
der eingeschlossene Angelfaden hervortritt. Das andere nach
der Längsachse des Nesselstranges zugewandte Ende unserer
Zellen verjüngt sich allmählich und zeigt eine leichte säbel-
förmige Krümmung, die namentlich in den äussersten Reihen
der Batterie ganz unverkrennbar ist. Zu den Seiten dieser
die Batterie entdeckt man die dritte Form der Nesselzellen,
lange und gerade Stäbchen von spindelförmiger Gestalt, die mit
der Längsachse des Stranges parallel liegen.
In den hellen Wänden des Kanales, der sich hinter der
Angelzellenbatterie durch den Nesselstrang hinzieht und auch
den Endfaden durchsetzt , findet sich ein ejgenthümliches
band- oder fadenarliges Gebilde, das ich bereits in meiner frü-
heren Abhandlung erwähnt und mit dem Namen des Angel-
bandes bezeichnet habe cZ. U. S. 20). Den übrigen Beob-
achtern ist das Vorkommen dieses Gebildes unter den Di-
phyiden nur bei Praya (vergl. Kolli ker S. 35, Vogt p. 103)
bekannt geworden, obgleich es wahrscheinlicher Weise kei-
nem Thiere dieser Gruppe abgeht und, wie ich glaube, für den
Gebrauch der Nesselknöpfe von grossester Bedeutung ist. Die
Entwickelung dieses Bandes, das ich — wenn auch in Stärke,
Anordnung und Structur inanchfach modificirt — ■ bei Abyla,
266 Leuckartt
Dipliyes, Galeolaria, Pi aya und Hippopodlus aufg-efunden habe,
richtet sich im Allgemeinen nach der Grösse des Nesselkno-
pfes. Unter den von mir untersuchten Diphyiden ist es ohne
Frage bei Abyla, die auch die grossesten Nesselknöpfe hat,
am meisten, bei Praya und Hippopodius (mit den kleinsten
Nesselknöpfen) am wenigsten ausgebildet.
Als ich meine Abhandlung über den Bau der Siphono-
phoren publicirte — es geschah dies aus mancherlei Gründen
unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Italien, zu einer Zeit,
in der meine Vorräihe noch nicht bei mir eingetroffen wa-
ren, in der ich also auch noch keine Gelegenheit gefunden
hatte, die Resultate meiner frühern Beobachtungen , so weit
das überhaupt an Exemplaren in Spiritus oder Liqueur con-
servatoire angeht, zu prüfen — hatte ich über dieses Gebilde
eine nur ungenügende Kenntniss. Durch meine spätem Un-
tersuchungen habe ich demselben indessen einige neue und,
wie mir dünkt, richtigere Gesichtspunkte abgewonnen. Zu-
nächst bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, dass dieses
Angelband wirklich, wofür es auch Kölliker, zum Theil
auch Herr Vogt erkannt hatte, von muskulöser Beschaffen-
heit ist. Es stellt bei unseren Diphyiden einen einfachen,
aber ansehnlich starken und scharf contourirten Muskelfaden
dar, der zickzacklormig gefaltet ist und an der hintern Fläche
des Nesselknopfkanales liegt, zum Theil auch seitlich densel-
ben überdeckt (Fig. 6. a) und dann fast spiralig um densel-
ben herumgewunderi scheint '). Das obere Ende verläuft sich
allmählich in den Stiel des Nesselknopfes, während das un-
tere bis an den Anfang des Endfadens hinabreicht. Bei
Praya und Hippopodius zeigt dieser Faden einen Durchmes-
ser von etwa y^oo'" und eben keine besondere Verschieden-
heiten von den Muskelfäden in den übrigen Theilen des Kör-
pers, namentlich im Stamme, obgleich man an demselben
bisweilen eine leichte Querstreifung erkennen kann. Bei Di-
phyes und noch mehr bei Abyla verdickt sich aber dieser
1) Herr Vogt beschreibt den Faden als eine quergefaltete
Muskelhaut (membrane nmsculaire plissee en spirale , 1. c. p. 103).
Eine Zusammensetzung des Fadens, wie sie Kölliker bei Praya
erwäljnt, habe ich nicht auffinden können.
Zur nähern Kennlniss der Siphonoplioren von Nizza. 267
Muskelfaden allmählich während seines Verlaufes, bei Abyla
sogar um ein sehr Beträchtliches (bis zu yao"')? ^^^ nimmt
dabei dann eine sehr deutliche Querslreifung an, so dass man
ihn, namentlich bei Abyla den schönsten quergestreiften Mus-
kelfäden dreist an die Seite stellen kann.
Scheide und Inhalt lassen sich in diesem Faden eben
so wenig unterscheiden, wie Kerne. Es sieht aus, als wenn
die Querstreifung durch eine förmliche Gliederung bedingt
werde, indem selbst die Ränder des Fadens, der Einschnü-
rung zwischen den einzelnen Gliedern entsprechend, von Zeit
zu Zeit (in Abständen von '/'soo'") vollkommen gekerbt sind.
Bei Abyla ist dieser Muskelfaden übrigens nur wenig abge-
plattet und durch den Druck der dicht aufeinander liegenden
Falten an vielen Stellen dreikantig. Sieht man unter dem
Mikroskope nun zufällig gerade auf eine solcher Kanten , so
kann man durch die Querstreifung leicht zu der Ansicht ge-
führt werden^ dass in. den Faden zwei Reihen querslehender
Stäbchen eingelagert wären , wie ich früher auch wirklich
(7j. ü. S. 233 für Abyla u. a. angegeben hatte.
Was nun die Bedeutung dieses Muskelbandes betrifft,
so tritt diese wahrscheinlicher Weise erst bei dem Gebrauche
des Nesselknopfes hervor ')• Hat sich der Endfaden des-
selben irgend wo befestigt, und bekanntlich geschieht das so
leicht, dass man sich fast versucht fühlt, den Faden für kle-
brig zu halten , so zerreisst der Stiel des Nesselknopfes, sei
es nun durch eine Bewegung des Fangfadens oder der fest-
gehaltenen Beute, bis auf das Band, dessen Bildung und La-
gerung wir so eben kennen gelernt haben. Durch Hülfe
dieses Muskelbandes bleibt der Nesselknopf mit der Colonie
auch noch dann in Verbindung, wenn sich der Gefangene,
trotz seiner Bande, vielleicht noch eine Strecke weit ent-
fernen sollte. Die einzige Folge eines solchen Fluchtversu-
ches ist die, dass der Muskelfaden sich allmählich, wie das
l) Die folgenden Bemerkungen über die Bedeutung des Nes-
selbandes stützen sich freilich nicht auf Beobachtungen an lebenden
Thieren, lassen sich aber auch noch an conservirten Exemplaren leicht
mit der Nadel prüfen.
268 Leuckart:
Seil einer Harpune abrollt, ein Umstand, der für die Beute
unserer Siplionophoren um so verhängnissvoller wird, als die
Nesselzcllenbatlerie dabei zerreisst und ihren Inhalt über den
Gefangenen ausstreuet. Durch Verkürzung des Fadens kann
dann sonder Zweifel die Beute dem Polypen zugeführt wer-
den '}.
Die Eudoxiengruppen unserer Abyla sind wahrschein-
lich schon von Q u o y und G a i m a r d beobachtet und (Okens
Isis 1828. S. 335) unter dem Namen Cuboides vitreus als ei-
gene Thierchen beschrieben worden, lieber ihre Organisa-
tion und Bildung verweise ich auf die fast in allen Punkten
genau übereinstimmenden Darstellungen von mir (Z. U. S. 49)
und Gegenbaur (S. 10).
Gegenbaur macht darauf aufmerksam, dass die Form
der Safthöhle im Innern des cubischen Deckstückes oder Man-
tels mancherlei Verschiedenheiten darbiete. Mir sind solche
DifTerenzen gleichfalls vorgekommen; .aber die bei Weitem
gewöhnlichste Form war in Nizza die von mir beschriebene.
Neben der ausgebildeten Geschlechtsglocke mit weit abste-
hendem, vierkantigem Mantel und ausgesprochener Medusen-
form kommt fast beständig eine zweite 2), in manchen Fällen
auch noch eine dritte unvollständiger entwickelte Glocke vor,
die dazu bestimmt ist, die erstere nach ihrer Reife und Ab-
stossung vom Eudoxienstamme zu ersetzen 3). Man darf wohl
1) Kölliker hat über die Bedeutung des Fadens eine andere Ansicht
ausgesprochen. Er soll einen zugleich elastischen und contractilen
Apparat darstellen, der den unverletzten Nesselknopf von dem Fang-
faden entferne und demselben annähere. Solche Bewegungen sieht
man allerdings häuflg; sie sind aber, wie ich glaube, von unserem
Apparate ganz unabhängig. Sie hängen, meiner Meinung nach, theils
von den Muskelfasern im Stiele des Wesselknopfes, theils auch von
dem Injectionszustande des im Innern enthaltenen Canales ab. Nach
Herrn Vogt soll der betreffende Apparat den INesselstrang in seiner
Kapsel (?) festhalten.
2) Hier und da habe ich eine solche zweite (natürlich ganz
unreife) Geschlechtsknospe schon vor der Abtrennung an den Eudo-
xiengruppen unserer Abyla unterscheiden können.
3) Busch, der bei seinen Eudoxien gleichfalls diese Ersalz-
glocke beobachtete (Untersuchungen u. s. w. S. 12), stellt die Ueber-
Zur nähern Kenntnis^ der Siphonophoren von Nizza. 269
annehmen, dass die Neubildung solcher Geschlechtsglocken
das ganze Leben über andauert. Das Geschlecht dieser Glok-
kcn ist übrigens beständig dasselbe: dieEudoxien sind ohne
allen Zweifel eingeschlechtliche Tliiere. Die Entwickelung
der Geschlechtsglocken ist leicht und bestimmt zu beobachten;
sie ist ganz genau dieselbe, wie ich sie (a. a. 0. S. 45) zu-
nächst für Galeolaria s. Suculceolaria beschrieben habe. (Zur
Vergleichung mit Tab. IL Fig. 17 d — von Galeolaria — -
habe ich hier Tab. XI. Fig. 7. eine junge und unvollständig
entwickelte männliche Glocke abbilden lassen.)
Die Beobachtungen, die ich undGegenbaur über die
Eudoxien von Abyla pentagona publicirt haben, weichen nur
in einem einzigen Punkte von einander ab, aber dieser ist,
wie es mir scheint, nichts weniger als unerheblich. Er be-
trifft die Anheflung der Eudoxien an dem gemeinschaftlichen
Stamme der Diphyide, oder, was so ziemlich auf dasselbe
hinaus kommt, die Entwickelungsgeschichte der Eudoxien.
Nach meiner Darstellung bildet sich die erste Anlage des
Deckslückes ungefähr zu derselben Zeit, in der das spätere
Geschlechtsorgan hervorknospet, Beide Knospen stehen dicht
über einander an der Basis des Polypen und Fangfadens und
haben im Anfang ganz dieselbe einfache Bläschenform. Spä-
ter geht diese Uebereinstimmung indessen immer mehr ver-
loren. Während die Geschlechtsknospe sich allmählich in ge-
wöhnlicher Weise nach Art der knospenden Medusen umformt,
durchläuft das Deckstück einen sehr verschiedenen Entwicke-
lungsgang (Tab. XI. Fig. 8). Die erste Veränderung dessel-
ben besteht darin, dass es sich abplattet und eine dreilappige
kleeblattartige Gestalt annimmt (Fig. 9). Später krümmen
sich die beiden Seitenlappen sattelförmig um den Stamm der
Colonie dicht oberhalb der Geschlechtsknospe und des Po-
lypen zusammen, sie verschmelzen dann endlich mit ihren
freien Rändern und bilden somit über den ebengenannten An-
hängen eine Hülle, die allmählich die spätere Gestalt des Eu-
doxienmantels immer mehr hervortreten lässt. Die Höhle, die
einstimmung derselben mit dem ausgebildeten Geschlechtsorgan , mit
anderen Worten die Bedeutung derselben „als Ersatzglocke" unrich-
tiger Weise in Abrede. Yergl. Leuckart und Gegenbaur 11, cc.
270 Leuckart:
das ursprüngliche Bläschen in sich einschliesst, hal an diesen
Veränderungen theilgenommen. Ihre Seilenlappen verwandeln
sich in die zvveilappige Hauplhöhle des Eudoxienmantels,
während der mittlere Lappen sich in den Mediankanal des
spätem Schirmes auszieht. Der kleine zipfelförmige Fortsatz,
der diesem Canale gegenüber zwischen den Lappen der
Haupthöhle hervorkommt und nach oben hin gerichtet ist^
erscheint erst später als eine Ausstülpung (vgl. Z. U. Tab. IIL
Fig. 1).
In diesem Zustande verharrt das Deckschild sammt den
übrigen Anhängen seiner Gruppe eine Zeitlang in seinem ur-
sprünglichen Zusammenhang mit den übrigen Theilen der Di-
phyitle , bis schliesslich bei einer lebhaften Bewegung oder
einer plötzlichen Conlraction des Stammes der letztere dicht
oberhalb der äussersten Anhangsgruppe abreisst, und diese
dann als sogenannte Eudoxia ein neues und selbslstäntliges
Leben anfängt. Die Veränderungen dieser Gruppe nach der
Abtrennung beschränken sich — abgesehen von einem ziem-
lich ansehnlichen Wachsthum — darauf, dass der anhängende
Theil des ursprünglichen Diphyicienstammes bis auf einen
kleinen Rest (aus dem die Anhänge unserer Eudoxia hervor-
kommen) verloren gehl und das vordere, früher noch trich-
terförmig vertiefte Ende des Deckslückes sich ausfüllt.
So war meine Darstellung in den Zool. Unters. S. 58. ,
während sich Gegenbaur anfänglich (a. a. 0. S. 13) ganz
einfach auf die Bemerkung beschränkte , dass die Anheflung
einer Eudoxiengruppe an dem gemeinschaftlichen Stamme dicht
an der Basis des Saflbehälters stattfinde. Nach der Abtren-
nung, so wird ferner bemerkt , sei nicht die geringste Spur
der früheren Anheflung mehr vorhanden. Ich gestehe offen,
dass ich beim Durchlesen der Ge g enbaur'schen Abhand-
lung kaum einmal auf die Differenzen aufmerksam wurde,
die unsere beiderseitigen Angaben involvirten, am allerwe-
nigsten aber vermulhen konnte, dass Gegenbaur diesen
Punkt später noch einmal in einer von meiner Darstellung
ganz abweichenden Weise zur Sprache bringen und mich ei-
nes Irrlhums zeihen werde (Zeitschrift für wissensch. Zool. V.
S. 451). Nach diesen weiteren Bemerkungen soll sich nun
das Deckstück der Einzelgruppen niemals um die ganze Pe-
Zur nähern Kennlniss der Siphonophoren von Nizza. 271
ripherie des Stammes herumbilden , wie ich behauptet hatte,
sondern auf jene Seite des Stammes beschränken, an der es
zuerst in Form einer Knospe zum Vorschein kam. Die aus-
gebildete Eudoxie sei an ihrer vertieften Basalfläche, da,
wo Geschleclitsknospe, Magenstück und Fangfaden entsprän-
gen, mit dem Diphyidenstamme in Verbindung, so dass die
obere Fläche des Würfels von dem Stamme am meisten ab-
stehe, der Längsdurchmesser der Eudoxie also nicht, wie es
nach meinen Angaben der Fall sei , mit dem des Stammes
zusammenfalle.
Es war natürlich , dass mich diese Bemerkungen von
Gegenbaur zu einer erneuerten Prüfung meiner früheren
Beobachtungen aufforderten , besonders da derselbe angiebf,
sich durch die Untersuchung seiner Vorräthe nochmals von
der Richtigkeit seiner Darstellung überzeugt zu haben. Aus
leicht begreiflichen Gründen ist die Untersuchung solcher
Objecte freilich immer etwas misslich, wenn dieselben auch
noch so schön conservirt sind; nichts desto weniger machte
ich mich aber alsbald nach Empfang der Gegenbaur'schen
Notizen an die Arbeit. Ich habe wohl ein Dutzend von Aby-
lastämmen vorgenommen und auf das Sorgfältigste "untersucht
— aber keine einzige Anschauung gewonnen, die mich ver-
anlassen könnte, meine frühere Darstellung zu verwerfen oder
auch nur zu modificiren. Im Gegentheil sind mir Präparate
vorgekommen, die die Richtigkeit meiner Angaben mir von
Neuem zur sichersten Ueberzeugung gebracht haben. Ein
solches Präparat (mit vier Eudoxiengruppen und Geschlechts-
glocken) habe ich hier zur nochmaligen Stütze meiner Beob-
achtung in Fig. 10 abbilden lassen.
So steht nun Beobachtung gegen Beobachtung. Ein spä-
terer Forscher wird über dieselben entscheiden. Einstwei-
len kann ich aber doch nicht unterlassen, hier noch auf ei-
nige Punkte aufmerksam zu machen , die , wie ich glaube,
zur Empfehlung meiner Darstellung nicht ganz werthlos sein
möchten. Dass meine Darstellung viel mehr ins Detail geht
und die ganze Enlwickelungsgeschichte der Eudoxiengruppe
vorführt, die spätem Zustände also aus den vorhergegan-
genen erklärt, während Gegenbaur vorzugsweise nur die
fertigen Eudoxien und ihr Verhältniss zu dem Diphyiden-
272 Leuckart:
stamme ins Auge fasst , will ich nicht ein Mal geltend ma-
chen, obgleich ich kaum annehmen kann, dass sich auf al-
len Entvvickelungsstufen der Eudoxienginppe bei mir derselbe
Irrlhum wiederholt habe. Was ich zu Gunsten meiner Dar-
stellung bemerken will, ist Folgendes.
Einmal ist es die Analogie mit der Bildung der Deckstücke
bei der übrigen Diphyiden ohne Ausnahme, namentlich mit den
Deckstücken beiDiphyes. Auch diese stellen ja, wicGegen-
baur selbst ganz richig (Beiträge S. 18) bemerkt, ein „um
den Stamm herumgevvickeKes ') Blättchen" dar, das aller-
dings (Fig. 11) eine trichterförmige Gestalt hat und weniger
solide ist, ffis das Deckstück von Abyla, sich aber doch, wie
ich schon früher (a. a. 0. S. 65.) erwähnte und später noch
einmal hervorheben werde, in einer wesentlich ganz gleichen
Weise aus einem ursprünglich einfachen Bläschen hervorbildet.
Freilich findet sich auch darin ein Unterschied, dass die Sei-
tenlappen des Deckstückes bei Abyla mit einander verschmel-
zen, bei Diphyes aber (wenigstens so lange die Vereinigung
mit dem gemeinschaftlichen Stamme dauert) getrennt bleiben,
indessen darauf kann man doch unmöglich ein grosses Ge-
wicht legen : Sehen wir es doch so häufig, dass gewisse
paarige Theile — und die Seitcnlappen des Deckstückes sind
solche paarige Gebilde — bald mit einander verschmelzen,
bald aber auch, vielleicht bei einem sonst ganz nahe stehen-
den Thiere, in ihrem früheren isolirten Zustande verharren.
Sodann ist es der Zusammenhang der einzelnen An-
hänge derEudoxiengruppe, auf den ich hier hinweisen möchte.
Nach den Angaben von Gegen baur kann man sich aller-
dings ein Bild von der Entwickelung und der Abtrennung
des Deckstückes machen; wie aber kommt es, so möchte
ich fragen , dass der Polyp mit Fangfaden und Geschlechls-
knospe, die doch nicht an dem Deckstücke, sondern an dem
1) Gegenbaur scheint das vergessen zu haben, wenn er
(Zeitschr. f. w. Z. S. 451) gegen meine Angabe, dass das Deckblatt
von Abyla allmählich den Stamm umwachse, anführt, dass dasselbe
„bei allen Siphonophoren" auf die eine Seite des Stammes beschränkt
bleibe. Es gilt dieses nur von den Physophoriden , während die Di-
phyiden dagegen wahrscheinlich ohne Ausnahme durch eine Bildung
der Deckblätter charakterisirt sind, wie sie Gegenbaur hier leugnet.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 273
Stamme ansitzen, später nach der Abtrennung des Deckstük-
kes mit diesem vereinigt sind? Gegenbaur beschreibt,
wie ich^ im Innern des Deckstückes einen gemeinschaftlichen
Körper, einen „Stamm" , in dem alle die einzelnen Anhänge
der Eudoxien , auch das Höhlensystem des Deckslückes , wur-
zeln; was kann dieser Stamm wohl anders sein, als ein
Ueberrest des frühern Diphyidenstammes , und wie kann er
anders in die Eudoxie übergegangen sein , als durch eine
Zerreissung ?
Man sieht, einstweilen kann ich bei aller Achtung vor
den Untersuchungen und Angaben von Gegenbaur die Po-
lemik desselben nicht für gerechtfertigt halten.
Ich habe früher angeführt, dass die Zahl der ausgebil-
deten Eudoxiengruppen beständig nur gering sei. Es giebt
selbst Stämme, an denen dieselben vollkommen fehlen. In
anderen Fällen ist die Zahl derselben aber auch grösser, als
ich früher beobachtete; ich habe unter den hier untersuchten
Stöcken ein Exemplar mit acht vollkommenen Eudoxiengruppen
angetroffen. Soweit sich die Geschlechlscontenla dieser Grup-
pen mit Bestimmtheit erkennen lassen, sind sie beständig in
demselben Sinne entwickelt; die Abyla pentagona ist nach
meinen Untersuchungen eine diöcische Siphonophorenkolonie.
Herr Vogt, der dieselbe Bemerkung gemacht hat, aber auf-
fallender Weise bloss männliche Stämme zu Gesicht bekam,
folgert daraus, dass es keine weiblichen Abylaformen gebe.
Er betrachtet (p. 125) unsere Abyla als den männlichen Thier-
stock der um Nizza einheimischen Diphyes, von der er durch
einen eben so seltsamen Zufall keine männlichen Colonien
auffinden konnte!
Gen. Dipliyes Cuv.
Das vordere Schwimmslück von einer kegelförmigen
oder pyramidalen Geslalt und in der Regel grösser, als das
hintere '), das mit dem Anfangslheile des gemeinschaftlichen
1) Herr Vogt wird sich wohl inzwischen davon überzeugt ha-
ben, dass dieses hintere Schwimmstück kein blosses Deckstück ist, wie
er früher (Zeitschr. f. wiss. Zool. III. S. 524) behauptete, sondern
eben so gut, ja noch ausschliesslicher als das vordere, das ja noch
den Flüssigkeitsbehälter einschliesst, zur Ortsbewegung dient.
Archiv, f. Naturgesch. XX. Jahrg. 1. Bd. lg
274 Leuckart:
Körperslamnies in einer mehr oder minder ansehnlichen Ver-
tiefung an dem Innenrande des vordem Schwimmslückes be-
festigt ist und zu diesem Zwecke einen eigenen slielförmigen
Fortsatz trägt. Ist diese Vertiefung höhlenartig, dann liegt
sie, wie bei Abyla^ in einem besondern zapfenförmigen An-
hange des vordem Schwimmstücks. Der Saftbehäller ist spin-
delförmig und in der Verlängerung des Körperstammes gelegen,
so dass er leicht für das vordere Ende desselben ') gehalten
werden könnte. (Bei D. turgida Gegenb. fehlt der Saftbe-
häller.) Die Innenfläche der hintern Schwimmglocke ist zum
Durchlass des Körperstammes rinnenförmig ausgehöhlt oder
auch mit zwei parallelen Längsleisten versehen, deren freie
Ränder sich nicht selten zur Bildung eines Canales mit ein-
ander vereinigen. Im letzten Falle kann der Körperslamm
vollständig in diesen Canal zurückgezogen werden. Die Deck-
slücke haben eine trichterförmige Gestalt und erreichen schon
frühe ihre vollständige Ausbildung. Auch unter den Diphyes-
arten giebt es wahrscheinlicher Weise einige, deren Anhangs-
gruppen sich nach ihrer Reife ablösen und als Eudoxien mit
kegelförmigem oder glockenförmigem Mantel selbslsländig
existiren.
Diphyes acuminata Leuck.
Die Schwimmstucke schlank, das vordere stark zuge-
spitzt und in contrahirtem Zustande nach Aussen etwas ge-
bogen, wie eine Grenadiermütze. Ein ganz ansehnlicher Fort-
salz zur Aufnahme und Befestigung des hintern Schwimm-
slückes, das mit einem geschlossenen Längscanale zum Durch-
lass des Körperstammes versehen ist. Neben der Mündung
des untern Schwimmsackes zwei scharfe, mehr oder minder
parallele Zacken, von denen der rechte (den Schwimmsack
nach unten gedacht ) beständig etwas kürzer ist , als der
linke.
1) So sagt u. A. Kolli k er (a. a. 0. S. 39) ; „icli halte dieses
Organ — den Saftbeliälter — analog dem erweiterten und lufthalti-
gen obern Ende des PhysopboTidenstammes" — gewiss mit Unrecht,
wie schon in einer früheren Anmerkung hervorgehoben wurde. Auch
die Structur des Luftsackes ist von Kölliker nicht richtig erkannt.
Durch die Contouren der grossen Zellen im Innern verführt, glaubte
er in dem Saftbehälter ein weitmaschiges Netzwerk vor sich zu sehen.
Zur nähern Kennlniss der Siphonophoren von Nizza. 275
Eine ausführliche Beschreibung dieser auch von Herrn
Vogt erwähnlen und (sehr wenig ähnlich) abgebildeten,
aber nicht weiter untersuchten Diphyide findet sich in meinen
zoologischen Untersuchungen 1. S. 61. Tab. III. Fig. 11. Sie
ist der von Kölliker und Gegenbau r beobachteten D.
Sieboldii Köll. (D. gracilis Gegenb.) ausserordentlich ähn-
lich, so dass ich sie anfangs für dieselbe Art hielt, bis ich
später, namentlich durch die Darstellung von Gegenbaur
(a. a. 0. S. 27), auf die Verschiedenheiten zwischen beiden
aufmerksam wurde. Die Hauptauszeichnung meiner Art be-
steht in der Anwesenheit eines geschlossenen Durchlasska-
nales am hintern Schwimmstücke. Diph. Sieboldii besitzt
hier anstatt des Kanales eine offene von zwei zarten La-
mellen begrenzte Rinne.
Herr Vogt (p. 127) nennt die Deckblätter unserer Art
„lanzettförmig", aber mit grossem Unrecht, da sie nach mei-
nen Untersuchungen, die ich hier nochmals bestätigen kann,
einen trichter- oder glockenförmigen Mantel im Umkreis des
Körperstammes darstellen (Fig. 11). Es ist das eine Form,
die wahrscheinlicher Weise bei allen Diphyesarten den Deck-
schildern zukommt '). Das Höhlensystem dieser Deckschil-
der ist sehr rudimentär, so dass Kölliker und Gegen-
baur die Deckschilder von Diphyes geradezu solide heissen.
Den Beobachtungen des lelztern ist dieses Höhlensystem frei-
lich nicht entgangen ; er beschreibt an der Ansalzstelle der
Deckschilde bei seinen Diphyesarten (D. Sieboldii und D. tur-
gida) eine quere Verdickung, resp. Erweiterung des Stammes,
von ringförmiger Gestalt, die ihrer Lage und Gestalt nach
mit dem Höhlensystemo in den Deckschiluern von D. acumi-
nala übereinstimmt. So lange die Deckschilder an dem Stamme
befestigt sind, kann man diesen Apparat auch wirklich leicht
in dem Sinne, wie ihn Gegenbaur aufgefasst hat, deuten,
untersucht man aber die abgetrennten Deckstücke, so wird
man, glaube ich, mit aller Entschiedenheit sich davon über-
zeugen, dass die scheinbare Erweiterung des Stammes dem
1) Kö 11 ik er beschreibt bei D. Sieboldii (S.40) freilich „schau-
feiförmige" Deckblätter, doch konnte Gegenbaur auch hier die
trichterförmige Bildung mit Bestimmtheit beobachten.
276 Leuckart:
Deckblatte zugehört. Zu demselben Resultate kommt man
durch die Untersuchung der unausgebildeten Deckstücke, bei
denen die Höiile verhältnissmässig sehr viel grösser ist. Bei
der ersten Bildung stellt das Deckstück auch bei Diphyes
(vergl. hierüber meine Darstellung a. a. 0. S. 65, Tab. HI.
Fig. 14), wie bei den übrigen Siphonophoren ohne Ausnahme
ein einfaches Bläschen dar (Fig. 12*»'j, das sich erst später
abplattet und durch Entwickelung der Seilenflügel (die sich
freilich niemals so scharf, wie bei Abyla, gegen das Mittel-
stück absetzen) um den Stamm herumwächst. Eine Verschmel-
zung dieser Seitenflügel findet nicht statt , wenigstens nicht
so lange, als man die Schicksale des Deckstückes am Diphyi-
denstamme verfolgen kann.
In Betreff der Geschlechlsverhällnisse von D. acuminata
kann ich nur nochmals wiederholen , was ich schon früher
bemerkte. An den Stämmen von D. Sieboldii und D. turgida
hat Gegenbaur inzwischen ein monöcisches Verhalten nach-
gewiesen; unsere D. acuminata ist indessen bestimmt ein ge-
trennt geschlechtlicher Thierstock '). Ich habe mich nicht
selten in 8 und 10 und mehr hinter einander liegenden An-
hangsgruppen von der Uebereinstimmung der Geschlechts-
contenta überzeugen können, an den Stämmen mit weiblichen
Knospen aber niemals eine männliche oder umgekehrt an de-
nen mit männlichen Knospen eine weibliche angetroff'en. Was
die Entwickelung dieser Geschlechtsknospen betriffst, so ist
diese, wie es auch Gegenbaur darsteflt, der Entwicke-
lungsweise bei Abyla ganz conform, nur mit dem Unter-
schiede, dass der Mantel auch an den letzten Knospen (Fig. 13)
noch ziemlich dicht auf dem stempeiförmigen Kerne mit den
GeschlechtsstofTen aufliegt, wie es bei Abyla bekanntlich nur
auf einer früheren Entwicklungsstufe vorkommt. Ich habe
zum Theil aus diesem Umstände früher den Schluss gezogen,
dass die Geschlechtsknospen unserer Thiere nicht an ihrer
ursprünglichen Bildungsstätte, sondern unter andern Verhält-
nissen zur vollständigen Reife gelangten, dass die Diphyiden,
1) Nach den Beobachtungen vonHuxley (Müller's Arch. 1851.
S. 381) sollte man ein solches Verhalten für Diphyes fast als das ge-
wöhnliche ansehen.
Zur nähern Kennlniss der Siphonophoren von Nizza. 277
ganz wie die Abylaarten, Eudoxienbildende Siphonophoren
seien. Gegenbaur hat nun freilich inzwischen nachge-
wiesen (Zeitschr. für wiss Zool. V. S. 446), dass es Diphyi-
den giebt, deren Geschlechtsknospcn an ihrem Stamme her-
anreifen und auch im reifen Zustande eine noch unvollstän-
dio^ere Bilduno- haben, als ich sie bei l). acuminata beobach-
lete '), allein nichtsdestoweniger ist meine Vermuthung durch
diesen einen Umstand, glaube ich, noch nicht widerlegt wor-
den. Auch die Goschlechtscontenta meiner Diphyes schie-
nen mir, selbst in den reifsten Knospen, immer noch hinler
ihrer vollkommenen Ausbildung zurückgeblieben zu sein.
Dazu kommt, dass ich in Nizza eine Eudoxienform be-
obachlete (Eudoxia campanula Lt., beschrieben Z. U. S. 43),
die möglichenfalls, wie ich nachzuweisen versuchte (ebendas.
S. 66}.) von meiner Diphyes acuminata abstammen könnte. Die
Verschiedenheiten, die in der Gestalt und Bildung des Man-
tels zwischen dieser Eudoxie und den Deckstücken unserer
Diphyes obwalten, sind allerdings nicht zu verkennen — ich
glaube indessen , und habe mich a. a. 0. weitläufiger hier-
über ausgesprochen, dass sie noch immerhin eine Ausglei-
chung zulassen. Auch die Bedenken, die Gegen baur (a.
a. 0. S. 452) gegen meine Vermuthung anführt, können mein
Urheil hierüber nicht ändern , besonders da ich nach den
obigen Bemerkungen über die Eudoxienbildung beiAbyla die
früher angezogene Analogie mit diesem Vorgange noch heule
als gerechtfertigt ansehen darf.
Der Umstand, dass es Diphyiden giebt, die keine Eu-
xien produciren, lässt sich natürlich gegen meine Behauptung
nicht anführen; die Eudoxien verhalten sich zu den Anhangs-
gruppen am Diphyidenstamme, wie die frei lebenden Pro-
gloltiden zu den Gliedern einer Bandwurmketle; wie es ne-
ben den Bandwürmern, die ihre Glieder auf einer mehr oder
minder frühen Entwickelungsstufe abstossen, auch andere giebt,
bei denen diese beständig zu einer gemeinschaftlichen Colo-
1) Nach Gegenbaur besitzt der Mantel an den Geschlechts-
kapseln von D. turgida trotz der gewöhnlichen Ausbildung des Ge-
fässapparates eine keulenförmige Gestalt und keine OefFnung im Cen-
trum des Ringgefässes. Erst bei der Knileerung der Geschlechtsstoffe
soll derselbe aufbrechen (Vergl. Zeitschr, u. s. w. S. 446).
278 Leuckart:
nio vereinigt bleiben, so mögen aucli Diphyiden mit und ohne
Eudoxienbildiing in unserem Systeme immerbin dicht neben
einander stehen.
Wenn es übrigens richtig ist, dass dieEudoxia campa-
nula von Diphyes acuminata abstammt , so werden die Ver-
änderungen der abgestossenen Anhangsgruppen zum Zweclie
der Eudoxienbildung jedenfalls grösser sein müssen, als bei
Abyla. Die frühere Deckschuppe wird sich (unter Verschmel-
zung ihrer bis dahin noch freien Ränder) zunächst nur in
den untern schirmartigen Theil des Eudoxienmantels umwan-
deln, der dann durch Wucherung seiner Masse nach oben
in die spätere solide Glocke auswächst. Ich mache hier noch-
mals auf den flachen bandartigen Streifen aufmerksam, der,
wie es scheint, bei allen Eudoxien mit glockenförmigem Man-
tel an der niedrigsten Stelle der Glocke herabläuft , und der
wenigstens auf mich noch immer den Eindruck macht, als
wenn er einer unvollständigen Ausfüllung den Ursprung ver-
danke. Dieser Streifen entspricht genau derjenigen Stelle,
an der der Körperstamm der Diphyiden von dem Anfangstheile
des Deckstückes (der sogenannten Handhabe) frei bleibt, an
der das Deckstück also gewissermaassen , wenn wir es uns
als eine geschlossene Glocke denken , eine Lücke hat , die
bei der Wucherung der Handhabe nur unvollständig ausge-
füllt wird.
Dass endlich auch die Entwickelung des Saftbehälters
im Mantel unserer Eudoxia eine Reduction auf das Höhlen-
system der Deckschuppe erlaubt, glaube ich gleichfalls nach-
gewiesen zu haben. An den ausgebildeten Deckstücken sehe
ich zwischen den beiden Bogenschenkeln dieses Apparates
einen kleinen senkrechten Zapfen (Fig. U'"*)? der, wenn er
an der Vergrösserung der Handhabe theilnimmt, leicht in den
weiten und senkrechten kegelförmigen Hohlraum des Saftbe-
hälters auswachsen könnte.
Wie die Sachen gegenwärtig stehen , handelt es sich
bei der Frage nach dem Ursprünge der Eudoxien mit glok-
kenförmigem Mantel um Muthmassungen und Wahrscheinlich-
keiten — ich möchte meine Hypothese nur vor dem Vor-
wurfe retten , als sei dieselbe ohne gehörige Kenntniss und
Erwägung der vorliegenden Verhältnisse aufgestellt worden.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 279
Wie ich schon oben bemerkte, ist die Eudoxia campa-
nula auch von Herrn Vogt beobachtet, aber gänzlich ver-
kannt cp, 117). Herr Vogt hält dieses Geschöpf für eine
junge Galeolaria, die später zu einer ganzen Colonie ausvvach-
sen würde. Wie das freilich möglich ist, wird nicht ange-
deutet— es möchte auch schwer sein, aus unserm Geschöpfe,
selbst durch die gewagtesten Voraussetzungen, wiederum eine
ausgebildete Diphyidencolonie herauszuconstruiren ^). Auch
die Abbildung dieser Thiere ist nicht ganz genau. Die An-
gabe, dass die Uadialgefässe des medusenförmigen Geschlechls-
organes in ihrem Verlaufe durch Queranastomosen verbunden
seien (dafür aber des untern Ringgefässes entbehrten) beruht
auf einem Irrthume.
Oen. Oaleolaria Les. (Beroides Q. et G. Sucul-
ceolaria Blainv., Epibulia Vgt — früher — u. Lt.).
Das vordere Schvvimmstück wie bei Diphyes, an der Be-
rührungsstelle mit dem hintern aber nicht ausgehöhlt, sondern
abgeflacht. Das hintere ohne Stiel und an der Innenfläche mit
zwei parallelen Längsleisten versehen, die eine liefe für den
Körperstamm bestimmte Rinne zwischen sich nehmen und mit
ihren obern lappenförmig entwickelten Ecken eine Strecke
weit neben dem vordem Schwimmstück emporragen. Der
Saftbehälter ist schlank und gefässartig; die Deckstücke ha-
ben eine sattelförmige Gestalt. An der Mündung der Schwimm-
säcke, namentlich am Innern Rande, eine wechselnde Anzahl
von ansehnlichen klappenartigen Fortsätzen.
1) Ich glaube , wir können — das Folgende in Bezug auf die
von Kölliker S. 78 angeregten Fragen — mit aller Bestimmtheit
behaupten, dass die Eudoxiengruppen zeitlebens bleiben, was sie von
ihrer Trennung an waren, sich wenigstens eben so wenig zu Diphyiden-
stöcken ergänzen, wie die getrennten Proglottiden zu Kettenwürmern.
Erst aus den Eiern der Eudoxien wird wiederum eine Diphyidencolo-
nie hervorgehen. Von einem Generationswechsel kann dabei nicht
mehr und nicht weniger die Rede sein, als bei den übrigen Sipho-
nophoren, denn die den Eudoxien entsprechenden' Anhänge finden sich
bei allen diesen Thieren. üb dieselben sich ablösen oder befestigt
bleiben, ist für unsere Frage ganz gleichgültig.
280 L e u c k a r t :
Galeolaria filiformis (Delle Ch.) Lt.
Die Klappen des vordem Schwiminslückes klein , ein
inneres und ein äusseres Paar; die Klappen des hinteren
Schwimmstückes ähnlich, aber sehr viel grösser, namentlich
die Klappen des Innern Paares. An dem hintern Schwimm-
stück sehr gewöhnlich auch noch ein Paar Seitenklappen.
Das Thier^ das ich hier mit dem voranstehenden Namen
bezeichne, hat, wie viele andere Siphonophoren^ das Schick-
sal gehabt, auf das Manchfachste von den Zoologen gedeu-
det und benannt zu werden. Der Erste, der dasselbe, mei-
nes Wissens, auffand, war Delle Chiaje, der (Descriz. e
notom. etc. T. V. p. 135) eine unverkennbare Beschreibung
davon lieferte — nebst einer sehr viel schlechtem Abbildung,
die Herrn Vogt verführt hat das betreffende Thier für Praya
diphyes zu hallen — , dasselbe aber irrthümlicher Weise für
die Forskalsche Physophora fdiformis (Rhizophysa) ausgab.
Die Thiere, die Delle Chiaje beobachtete, waren verstüm-
melt; sie entbehrten der hintern Schwimmglocke , die über-
haupt sehr leicht, noch leichter, als bei Diphyes und Abyla,
verloren geht. Dem zweiten Beobachter Lesueur ist es
noch übler ergangen ; er bekam nichts anderes zu Gesicht,
als überhaupt nur die Schwimmglocken, die er beide für
selbstsländige und verschiedene Thierformen ansah. Die Be-
obachtungen von Lesueur, die in Nizza angestellt wurden,
sind nur theilweise durch Blainville bekannt geworden. Das
vordere Schwimmstück bildet hier den Typus eines Gen. Ga-
leolaria Les., das Blainville den Rippenquallen annähern
möchte, während das hinlere Schwimmstück den Genusnamen
Suculceolaria erhielt. Von erslerem unterschied Lesueur
zwei Arten: G. bilobata und G. Rissoi , von letzterem drei:
S. quadrivalvis, S. biacuta und S. minuta — Arten, deren
Deutung kaum möglich sein dürfte , da wir nur von S.
quadrivalvis durch eine Abbildung (Bla in vil le , Aclino-
zool. All. PI. VL Fig. 6) etwas Näheres erfahren haben, ich
habe keine Gelegenheit gehabt, diese Abbildung zu verglei-
chen, nach den Aeusserungen von Krohn (in Gegenbaur's
Beiträgen S. 33) und der kurzen Beschreibung in Lesson's
Hist. natur. des Acalephes dürfte dieselbe aber mit Recht bei
unserer Gal. filiformis angezogen werden können. Quoy und
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 281
Gaimarcl haben die vordem Schwimmslücke von Galeola-
rien gleichfalls aufgefischt und zwar im Indischen Ocean '),
und nach denselben anfangs , bevor sie die Beschreibungen
von Blainville kannten, das Genus Beroides aufgestellt
(vergl. L e s s 0 n 1. c. p. 140).
Die erste vollständige Galeolaria ist von Herrn Vogt
beobachtet und als Epibulia aurantiaca n. sp. (später, Tab.
XVIII., Galeolaria aurantiaca) beschrieben worden. Es ist
dieselbe, für die ich hier mit Rücksicht auf die ganz unzwei-
felhafte Darstellung von Delle Chiaje den Namen Gal.
filiformis gewählt habe. In meinen zoologischen Untersuchun-
gen ist dieselbe als Epibulia filiformis bezeichnet, da ich
damals die Beziehungen der Genera Galeolaria und Sucul-
ceolaria zu unserem Thiere noch nicht kannte. Gegen-
baur beschreibt (Tab. XVI. Fig. 8) dasselbe Thier, mit Bei-
behaltung des Blainville'schen Speciesnamens quadrivalvis als
eine Diphyes und ist der Meinung (Zeitschr. für wiss. Zool.
1853. S. 449), dass das Gen. Galeolaria oder Suculceolaria
überhaupt einzuziehen sei. Ich kann diese Ansicht nicht
theilen und berufe mich dabei namentlich auf die Verschie-
denheiten, die — wenigstens nach meinen Untersuchungen —
in der Zusammenfügung der beiden Schwimmslücke zwischen
unserm Thiere -) und den echten Diphyiden obwalten. Ue-
brigens will ich gerne zugeben, dass Galeolaria dem Gen. Di-
phyes ausserordentlich nahe steht, besonders der von Ge-
genbaur beschriebenen D. turgida, die dafür aber auch von
den übrigen Diphyesarten mehrfach abweicht und sich (in der
Form der Schwimmsäcke, dem Gefässverlaufe , dem Besitze
von Klappen an der OefTnung der Schwimmsäcke , sogar in
der Färbung des Kerns an den männlichen Geschlechtsknos-
pen) an die Galeolarien anschliesst.
1) Ich besitze ein solches (durch R. A. Philippi) auch von der Grön-
ländischen Küste. Es ist dem vordem Schwimmstück unserer Art in
Form und Bildung (Flüssigkeitsbehälter, Gefässverlauf) ganz ausser-
ordentlich ähnlich, aber nur mit zwei sehr grossen Klappen versehen,
die an der InnenQäche stehen und mit den beiden grossen Klappen
am hintern Schwimmstücke von G. fdiformis übereinstimmen.
2) Dasselbe gilt auch für die oben erwähnte Grönländische Art.
282 L e u c k a r t :
lieber die Form und Bildung unseres Thieres kann ich
auf die Beschreibungen von Gegen bau r (Beiträge S. ^3)
und Vogt cl. c. p. HO) verweisen, mit denen meine Unter-
suchungen im Allgemeinen übereinstimmen, obgleich sich im
Einzelnen mancherlei Differenzen ergeben haben. Die voll-
kommene Ausgleichung dieser Differenzen muss ich allerdings
hier, wie überhaupt bei allen untersuchten Arten, einer spä-
tem Zeit überlassen; die Untersuchungen, um die es sich
hier handelt , sind ja bekanntlich alle ganz unabhängig von
einander angestellt. Erst ein späterer Beobachter, der die
vorhandenen Darstellungen vergleicht, wird über unsere Dif-
ferenzpunkte ein entscheidendes und letztes Urtheil fällen
können.
Eine wesentliche Abweichung ergeben meine Untersu-
chungen, wie ich schon oben angedeutet habe, in Bezug auf
den Zusammenhang der beiden Schwimmstücke. Während Ge-
genbaur dieselben im Ganzen ebenso, wie bei Diphyes dar-
stellt, also angiebt, dass das hintere Schwimmstück in eine Ver-
liefung des vordem eingefalzt sei , möchte ich vielmehr das
Gegenlheil behaupten , dass dasselbe das vordere '} umfasst.
Die beiden Längsleisten , die den rinnenförmigen Halbkanal
zum Durchlass des Körperstammes bilden ^) sind am oberen
Ende des hintern Schwimmstückes (Fig. 14. ^J in ein Paar
ansehnliche blatt- oder lappenförmige Fortsätze ausgezogen,
zwischen welche die Basis des vordem Schwimmstückes hin-
eingesenkt ist. Diese Basis (Ibid. A) ist abgeflacht , wenn
auch nicht ganz eben und gegen eine entsprechende Abfla-
chung des vordem Schwimmstückes eingelenkt. Die Uneben-
1) Die Bezeichnung „vordere" und „hintere" Schwimmglockc
beruht vorzugsweise auf der morphologischen Uebereinstimmung mit
den gleichnamigen Schwimmglocken bei den übrigen verwandten Di-
phyiden. In der Ruhe wird die hintere Schwimmglocke mit ihrer
OefFnung nach oben gekehrt, so dass die vordere dann nach hinten
gerichtet ist und mit dem Körperstamme einen spitzen Winkel bil-
det. In dieser Haltung sind die Galeolarien von Herrn Vogt abge-
bildet (1. c. Tab. XVIII.).
2) Herr Vogt hat auffallender Weise diese Bildung übersehen.
Er spricht (p. 112) von einer scharfen Leiste (une arete presque tran-
chante) die an der innern Fläche der hintern Schvrimmglocke hinliefe.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 283
heilen dieser Berührungsfläche kommen daher , dass die
äussere, an die Oeff'nung des Schwimmsackes angrenzende
Hälfte derselben mit einer leistenförmigen Längserhebung ver-
sehen ist, die nach innen zu ziemlich steil abfällt. Auf sol-
che Weise entsteht nun vor dieser Leiste eine Art Vertie-
fung, aber sie existirt doch nur im Verhältnisse zu der da-
hinter liegenden Erhebung, so dass ich es kaum für gerecht-
fertigt halten kann , wenn man hier genau dieselbe Bildung
wie bei Diphyes (und Abyla) zu erkennen glaubt. Eine ge-
wisse Aehnlichkeit wird Niemand in Abrede stellen ; es han-
delt sich bloss um die Frage, ob die hier vorkommenden
Modifikationen gross genug sind, um die Aufstellung eines
besondern Genus zu rechtfertigen. Ich glaube diese Frage
bejahen zu dürfen, besonders da die belreffende Bildung viel
weniger in's Auge fällt, als die oben erwähnte Einsenkung
der vordem (kleinern) Schwimmglocke zwischen die Blätter
der hintern, die freilich weder von Herrn Vogt, noch auch
von Gegen baur erwähnt ist. Die Vertiefung, auf die ich
oben aufmerksam gemacht habe , dient übrigens auch hier,
bei Galeolaria , zur Aufnahme des vordem Stammendes und
einer entsprechenden leistenförmigen Erhebung an der Be-
rührungsfläche der hintern Schwimmglocke.
Ich habe oben bei Abyla und Diphyes darauf aufmerksam
gemacht, dafs neben den beiden ausgebildeten Schwimmglok-
ken in der Regel (oder wohl immer) auch noch ein drittes
— und selbst viertes -- unausgebildetes Schwimmstück am
vordem Stammende angetroffen werde. Dasselbe gilt auch,
und sogar in einem noch viel höhern Grade, von Galeolaria.
Hier finden sich nicht bloss ganz constant 2—3 Ersatzglok-
ken neben den ausgebildeten; man beobachtet auch nicht sel-
ten , wie diese Knospen noch bei Anwesenheit der Haupt-
schwimmstücke ihre weitere Entwicklung beginnen. Ersatz-
glocken von 1'" und darüber (Fig. 15.) sind keineswegs sel-
ten , wie aurh Gegenbaur bemerkt hat. Ich beobachtete
sogar ein Exemplar mit drei vollkommen ausgewachsenen
Schwimmstücken, einem vordem und zweien hintern, die kei-
nerlei Unterschied in Grösse und Ausbildung erkennen Hessen.
Leider gelang es nicht, den Zusammenhang der dreiLocomo-
tiven genauer zu beobachten, du die eine (vordere) der hin-
i>84 Leuckarl:
lern Schwimmglocken bei der Berührung augenblicklich sich
abtrennte. Ich kann nur so viel bemerken, dal's die betref-
fenden beiden Schwimmglocken hinter einander standen und
das vordere Ende der letzten zwischen die Leisten der vor-
hergehenden Schwimmglocke eingekeilt war. Auch die un-
entwickelten Ersatzglocken stehen beständig reihenweis hinter
einander, die kleinsten am meisten nach vorn.
In Bezug auf die Klappenapparate an der Mündung der
Schwimmglocken (Fig. 14.) bin ich im Wesentlichen zu dem-
selben Resultate gelangt, wie Gegenbaur, nur sah ich bei
allen untersuchten Individuen die Klappen am äussern und In-
nern Rande der vordem Schwimmglocke (die Herr Vogt
übersehen hat) in der Medianlinie gespalten, also paarig, wie
die entsprechende Klappe der hintern Schwimmglocke. Ebenso
fand ich an dem Aussenrande der grofsen schaufeiförmigen
Klappen, die bei unserer Art nur an der hintern Schwimm-
glocke vorkommen, ziemlich conslant noch einen eignen klei-
nen Fortsatz, der von den Seitenklappen, die übrigens eine
sehr ungleiche Entwicklung besitzen und mitunter gänzlich
fehlen, getrennt ist. Contractile Spitzen, wie sie Herr Vogt
noch ausser den (nur unvollständig beschriebenen) Klappen
der hintern Schwimmglocke aufgefunden haben will, sind mir
niemals aufgefallen.
Der Gefässapparat unserer Schwimmstücke ist gleichfalls
von Gegenbaur sehr vollständig beschrieben worden, wäh-
rend sich Herr Vogt auf die Bemerkung beschränkt, dafs
die hintere Schwimmglocke vier Längscanäle und ein Ring-
gefäss besitze, wahrscheinlich also weder die Eigenthümlich-
keiten des Verlaufes, noch auch die Gefässe der vordem
Schwimmglocken und den Saftbehälter beobachtet hat. Den
Bemerkungen von Gegenbaur habe ich nur eins hinzuzu-
fügen, und dieses betrifft eine sehr aussergewöhnliche (sonst
nirgends von mir beobachtete) Anastomose zwischen den Ge-
fässstämmen des vordem Schwimmstückes, die ich auch bei
der oben angeführten Grönländischen Galeolaria ganz deut-
lich erkennen kann '). Die vier Gefässe dieser Schwimm-
1) Gegenbaur hat diese Anastomose ebenfalls gesehen, wie
seine Abbildung zeigt.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 285
glocke verlaufen im Allgemeinen, wie bei Abyla; es finden
sich zwei schlingenförmig gewundene Seitengefässe und zwei
Mediangefässe, von denen das innere, wegen der tiefen Inser-
tion des Stielgefässes fast verschwindend kurz ist, während
der äussere in einem desto längern Bogen über den Gipfel
des Schwimmsackes hinübertritt. Bald nach dem Ursprung
dieses letztem Gefässes, also noch an der Innern Fläche des
Schwimmsackes und noch vor der Mitte dieser Fläche, ent-
springt vorn aus demselben rechts und links ein Seilenzweig,
der schräg nach aussen emporsteigt und in den aufsteigenden
Stamm des anliegenden Seilengefässes hineinführt (Fig. 14. ^*''*).
Die Länge des Körperstammes wird von Gegenbaur
auf 4—6 Zoll im ausgedehnten Zustande, die Zahl der An-
hangsgruppen auf 20 — 30 angegeben. Die Exemplare, die mir
und auch Herrn Vogt in Nizza zur Untersuchung kamen, wa-
ren sehr viel gröfser. Ich habe Galeolarien gesehen, die im
ausgedehnten Zustande über 2 F'uss massen und mehrere hun-
dert Anhangsgruppen trugen, also Grössenverhältnisse zeig-
ten, wie sie bei den echten Diphyesarlen ganz unerhört sind.
Ueber die Anhangsgruppen unserer Galeolaria will ich
mir nur einige wenige Bemerkungen erlauben. Sie sitzen nicht
unmittelbar, wie bei den übrigen Diphyiden auf dem Stamme
der Colonie, sondern auf einer Aussackung dieses Stammes,
in der ich eine deutliche Flimmerbekleidung unterschieden habe.
Das Deckblatt beschreibt Gegenbaur als einen Trichter, wie
bei Diphyes, ich gestehe indessen, dass ich ebenso wenig,
wie Herr Vogt (p. 114), an denselben ein Uebergreifen der
freien Ränder beobachtet habe. Der Trichter , der bei dem
Gen. Diphyes ganz geschlossen ist, schien hier gewissermaas-
sen (Fig. 17} dem Ansatzpunkte gegenüber der Länge nach
gespalten ; die Form der Deckslücke also — bei horizonta-
ler Lage des Stammes gedacht — mehr eine sattelförmige,
als eine trichterförmige. Die Gefässe des Deckblattes sind
ausserordentlich deutlich und im ausgebildeten Zustande, wie
auf den früheren Phasen der Enlwickelung schon früher von
mir beschrieben (Z.U. S. 29. Tab. !I. Fig. 8. 9). Herr Vogt
hat nur die Wurzel dieses Gefässapparates dargesleltt, wäh-
rend Gegenbaur auf seiner Abbildung nur eine Erwei-
terung des Körperslammes zeichnet, wie er sie auch bei Di-
286 L eu cka r t:
phyes statt eines eigentlichen Gefässapparates vorgefunden
zu haben glaubt.
Männliche und weibliche Geschlechlsknospen sind be-
kanntlich auf verschiedene Stän»me verlheilt und von einer
exquisiten Mediisenform mit weit abstehendem Mantel. Ich
habe die Entwickelung dieser Anhänge in meinen Untersu-
chungen ausführlich beschrieben (Fig. 17); sie ist ganz die-
selbe, wie bei den übrigen Diphyiden. Ein Gleiches gilt auch
für die anatomische Bildung der Glocken, obgleich Herr Vogt
bei den ausgebildeten weiblichen Glocken weder des Gefäss-
apparates im Mantel, nach der weilen Höhle im stempeiför-
migen Träger der GeschlechtsslofFe Erwähnung thut.
ß. Diphyiden, deren Schwimmglocken in einer fast glei-
chen Höhe und parallel neben einander angebracht sind und
eine im Wesentlichen symmetrische Bildung haben. Der Cen-
tralkanalderSchwimmglocken tritt an die Kuppel des Schwimm-
sackes.
Gen. Praya Blaiuv.
Die Schwimmstücke von einer ansehnlichen Grösse und
bohnen- oder nierenförmigen Gestalt, mit einem weichen und
gallertartigen, aber ausserordentlich dicken Mantel, so dass
die eigentliche Schwimmhöhle auf einen kleinen Raum in der
hinlern Hälfle der Schwimmstücke beschränkt wird. Zur Er-
nährung des Mantels dient ein eigener Gefässapparat , der
sich aus dem Stielgefässe der Schwimmglocken abzweigt '}.
Die Deckslücke und der Mantel der Geschlechtsorgane be-
sitzen dieselbe physikalische BeschafFenheil und dieselbe Dicke,
wie der Mantel der Schwimmglocken. Die Form der Ge-
schlechtsorgane ist glockenartig, der Stempel im Innern der-
selben, der die Geschlechlsstoffe trägt, so klein, dass er leicht
übersehen werden kann.
Praya cymbiformis (Delle Ch.) Lt.
Das Schicksal des Thieres, mit dem wir uns hier be-
schäftigen, ist nicht anders gewesen, als das des vorherge-
1) Nacti K Olli k er und Vogt sollen diese Mantelgefässe frei-
lich (wie Saftbehälter) isolirt aus dem vordem Stammende ihren Ur-
sprung nehmen, doch dürfte diese Angabe wohl auf einem Beobach-
tungsfehler beruhen.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 287
henden. Gleichfalls von Delle Chiaje entdeckt und im
verslümmelten Zustande (mit einer einzigen Schwimmglocke)
als Physalia cymbiformis ') beschrieben (Descriz. etc. T. V.
p. 134), ist es späterhin, bis auf Herrn Vogt (Zool. Briefe
S. 140), nur bruchstücksweise beobachtet und in diesem Zu-
stande zum Repräsentanten verschiedener Genera von unsi-
cherer Stellung gemacht worden. Quoy und Gaimard,
die solche Bruchstücke (wahrscheinlich von unserer Art) bei
Gibraltar auffanden, bildeten aus denselben das Gen. Rosacea
und beschrieben die isolirte Schwimmglocke mit dem Anfangs-
theile des Stammes als R. plicata, eine isolirte Anhangsgruppe
als R. ceutensis (vergl. Isis a. a 0.). Später beobachteten
dieselben Naturforscher auf ihrer Entdeckungsreise von Neuem
die isolirten Schwimmglocken einer Praya , die sie jetzt —
ohne die Beziehungen zu dem früher aufgestellten Gen. Ro-
sacea zu würdigen — als eine Diphyes, D. prayensis und du-
bia bezeichneten. Diese letztern waren es, die Blainville
Gelegenheit zur Aufstellung des Gen. Praya gaben , das wir
hier beibehalten, obgleich eigentlich dem Genusnamen Rosa-
cea 2) die Priorität gebührte.
Gegenbau r, dem wir eine vortreffliche Darstellung
unseres Thieres verdanken (Beiträge S. 19. Tab. XVi. Fig. 1)
unterscheidet zwei Arten des Gen. Praya, die Praya maxima
Geg., die mit unserer Art identisch ist, und Praya diphyes Bl.
(Diphyes prayensis Q. et G. , die an den Inseln des grünen
Vorgebirges aufgefunden worden). Bei letzterer verweist er
auf Vogt, der dieselbe bei Nizza beobachtet habe (Rech. p.
09. Tab. XVI) , und auf Kölliker, dessen Praya diphyes
(S. 33. Tab. IX.) im Wesentlichen mit der Vogt'schen Form
übereinstimmt , aber nur in einem einzigen Exemplare zur
1) Freilich ist die Beschreibung und Abbildung von Delle
Chiaje nur wenig genau und kenntlich, doch glaube ich sie nichts-
destoweniger auf unsere Praya beziehen zu dürfen. Schon die Hal-
tung, in der sie Delle Chiaje abbildet, spricht dafür. Ich habe un-
sere Praya nach Verlust einer Schwimmglocke sehr gewöhnlich in
derselben (mit horizontal stehender Glocke und senkrecht herabhän-
gendem Körperstamme) angetroffen.
1) Eschschollz rechnet die Arten des Gen. Rosacea, freilich
nur vermuthungsweise, zu Abyla.
288 Leuckart:
Beobachtung kam. Die unterscheidenden Charaktere dieser
beiden Arten sind nach Gegenbaur (Zeitschrift für wiss.
Zool. V. S. 453) folgende :
Pr. diphyes BI.
Schwimmslücke nur lose mit einander verbunden, in je-
dem Schwimmstücke ein bläschenförmig endender Canal, der
mit dem Stamme in Verbindung steht. Gefässverlauf auf den
Schwimmstücken gerade, vom hintern Ende derselben bis zum
Ringcanale an der Mündung.
Pr. maxima Geg.
Schwimmstücke ungleich gross. Das kleinere wird vom
grössern theilweise umfasst. Nur im kleinern Schwimmstücke
ein blind endender Fortsatz des Stammes. Die beiden seit-
lichen Gefässe verlaufen auf den Schwimmstücken in vielfa-
chen Biegungen.
Ich weiss nicht, ob Gegenbaur ausser der Pr. ma-
xima auch die Pr. diphyes genauer untersucht und mit der
Pr. maxima verglichen hat. Sollte dem so sein, so zweifle
ich allerdings nicht im Geringsten , dass diese beiden Arten
sich unterscheiden lassen und gute Arten sind '). Bis dahin
aber möchte ich mir doch erlauben , über die Zulässigkeit
derselben einige Bedenken zu äussern. Ich habe in Nizza fast
täglich Exemplare von Praya gesehen und gefangen, aber alle,
die ich untersuchte, zeigten eine Vereinigung und einen Ge-
fässverlauf an den Schwimmstücken, wie es Gegenbaur
von Pr. maxima als characteristisch angiebt. Auch unter mei-
nen Vorräthen, einigen und vierzig Schwimmslücken, findet
sich kein einziges Exemplar, welches nicht jetzt noch die un-
verkennbaren Zeichen dieser Vereinigungsweise an sich trüge.
Wenn neben dieser Pr. maxima wirklich noch eine zweite
Art in Nizza vorkommt, wenn also die Angaben des Herrn
Vogt über die lose Vereinigung der Schwimmstücke bei den
von ihm beobachteten Exemplaren auf keinem Beobachtungs-
1) In diesem Falle ist nur zu bedauern, dass Geg. uns nicht
eine vollständige Beschreibung der Fr. diphyes mitgetheilt hat, da die
Darstellungen von Vogt und auch von Koplik er am Ende doch
noch Manches zu wünschen übrig lassen.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 289
fehler beruhen ^), so muss dieselbe zur Zeit meines Aufent-
haltes in Nizza entweder gänzlich gefehlt haben oder doch
sehr einzeln vorgekommen sein, während es dann gerade zu
jener Zeit, in der Herr Vogt seine Untersuchungen anstellte,
umgekehrt der Fall war ^).
Ausser den oben angemerkten unterscheidenden Charak-
teren der Pr. diphyes führt Gegenbaur übrigens gelegent-
lich bei seiner Darstellung der Pr. maxima noch einige an-
dere minder hervorstechende an, und unter diesen finde ich
einen, den ich gleichfalls beobachtet habe. Er betrifft den
Verlauf des Nesselknopfkanales, der bei Pr. maxima gerade,
bei Pr. diphyes aber in vielfachen queren Windungen verlau-
fen soll (S. 25.). Unter meinen Zeichnungen habe ich nur
einige, die (Fig. 18.) diese Windungen deutlich erkennen las-
sen ; doch gestehe ich, dass ich bei der Beobachtung keinen
besonderen Werth auf diese Eigenthümlichkeit gelegt habe,
einmal weil ich die Windungen bald mehr bald minder aus-
gebildet fand , also Uebergänge zwischen dem geraden und
dem gewundenen Verlaufe beobachtet zu haben glaubte, sodann
aber auch desshalb, weil mir auch die Entwicklung der Nes-
selknöpfe im Ganzen, ihre Form wenigstens, mancherlei kleine
Verschiedenheiten (namentlich in dem Grade ihrer Krümmung)
darbot. Unter solchen Umständen habe ich denn auch nicht
darauf geachtet , ob dieser Charakter vielleicht nur an den
Nesselknöpfen gewisser Exemplare, und zwar an allen Nes-
selknöpfen derselben , zu beobachten war und mit gewissen
Eigenlhümlichkeiten in der Bildung der Schwimmglocken co-
incidirte.
Die beiden Schwimmglocken, die, wie schon oben be-
1) Ueber den Gefässverlauf an den Schwimmsäcken von Pr. di-
phyes erfahren wir von Herrn Vogt auch nicht das Geringste. Auch
die Angaben von Köllilier erscheinen nur unvollständig. Er giebt
an (S. 34), dass zwei Gefässe in leichtgebogenem Verlaufe an den
Grund der Schwimmhöhle hinantreten, um hier, in zwei Aeste gespal-
ten, an den Seitentheilen gegen die Mündung hin zu verlaufen und, wie
es schien, mit einem Ringgefässe zu endigen.
2) Die eine von Herrn Vogt gegebene Abbildung (Tab. XYI
Fig' 3) glaubt Gegenbaur auch wirklich auf Pr. maxima beziehen
zu müssen.
Archiv f. Naturgesch. XX. Jahrg. 1. Bd. 19
590 Leuckart:
merkt, im Ganzen eine gleiche Entwicklung und übereinstim-
mende Bildung besitzen, lassen nichts desto weniger bei nä-
herer Belrachlung manche constante Verschiedenheiten 'erken-
nen. Zunächst ist die eine dieser Schwimmglocken (Fig. 19.)
beständig, wie auch Herr Vogt bemerkt hat, kleiner oder
vielmehr richtiger kürzer, als die andere. Wir wollen diese
kürzere Schwimmglocke die vordere nennen, theils wtü
sie in morphologischer Hinsicht (Beziehung zum Stamme
U.S.W.) der vordem Schwimmglocke bei den Diphyiden mit
ungleich hohen Schwimmglocken entspricht, theils auch, weil
sie mit ihrem vordem Ende die andere Schwimmglocke et-
was überragt, obgleich der Unterschied vielleicht nur sehr
gering ist. Die Gestalt der beiden Schwimmglocken lässt sich
am besten mit einer Niere vergleichen, zumal auch die in-
nere dem Körperslamme anliegende Fläche derselben in ih-
rer ganzen Länge von einem tiefen und rinnenlörmigen Hi-
lus durchzogen ist. Offenbar entspricht diese Rinne dem
Durchlasskanale, den w^ir sonst bei den Diphyiden an der
hintern Schwimmglocke vorfinden, obgleich die Seitenfirsten,
die ihn zwischen sich nehmen, weniger eine aufsitzende La-
melle, als eine unmittelbare Fortsetzung des Mantels darstel-
len. Herr Vogt, der diese Rinne gleichfalls beschreibt, giebt
an, dass die Ränder derselben sich auf einander legen, um
einen Canal zum Schutze des vordem Stammendes zu bil-
den ^); ich finde indessen bei den von mir näher untersuch-
ten Exemplaren eine sehr abweichende Anordnung, wie sie
nach Gegenbaur nur bei Pr. maxima vorkommen und für
diese charakteristisch sein soll. Mit kurzen Worten lässt
sich diese Anordnung als eine Einsenkung der vordem und
kleinern Schwimmglocke in die Längsrinne der grössern und
äussern bezeichnen (Fig. 19) , als eine Bildung, wie wir sie
schon bei Galeolaria angedeutet sahen. Betrachtet man die
beiden Schwimmglocken genauer, so findet man, dass die seit-
lichen Begrenzungen der Längsrinne an der kleinern Schwimm-
l) Aehniich sagt Kolli ker, dass die „halbkugelförmigen"
Schwimmstücke von Pr. diphyes mit ihren ebenen Flächen sich an
einander legen und zugleich mit ihrer leicht vertieften Mitte das
obere Ende der Leibesachse aufnehmen.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 391
glocke in der vorderen Hälfte sich mit ihren Lippen an ein-
ander legen und (ier innern Fläche dadurch eine etwas keil-
förmige Gestalt mittheilen (Fig. 20.^). Mit Hülfe dieses Kei-
les nun ist die kleinere Schwimmglocke in die klaffende
Längsrinne der grösseren (Fig, 20. jB) hineingeschoben, so
dass die Ränder derselben sich an die Seitenflächen der er-
stem anschmiegen. Die Einkeilung der kleinern Schwiram-
glocke beschränkt sich übrigens vorzugsweise, wie ich er-
wähnte, auf die vordere Hälfte der Schwimmglocken ; in der
hintern Hälfte liegen die Ränder der beiden Längsrinnen wirk-
lich, wie es Herr Vogt beschreibt, mehr oder minder dicht
auf einander ^ die beiden Schwimmglocken sind daher auch
nicht so streng parallel, wie es Gegenbau r abbildet, son-
dern nach unten digergirend — , um einen Kanal zur Auf-
nahme des obern Körperstammes zu bilden. Der Antheil, den
die Längsrinne des grössern (hintern und äussern) Schwimm-
slückes an der Bildung dieses Kanales nimmt ^ wird immer
kleiner, je weiter derselbe nach vorn oder oben vorrückt,
bis der Kanal endlich nur noch in dem keilförmig gebildeten
Theile von der kleinern Schwimmglocke umschlossen wird.
In diesem vordem Ende liegt der Anfangslheil des gemein-
schaftlichen Körperstammes ^) mit einer zahllosen Menge von
jungen und hervorknospenden Anhängen (Fig. 20. ^).
Den Verlauf der Gefässe im Mantel und an der Schwimm-
giocke habe ich schon früher in wesentlich übereinstimmen-
der Weise mit Gegen bau r beschrieben 2). Ich habe nur
zu bemerken, dass die früher von mir mitgetheilte Abbildung
(Z. U. Tab. I. Fig. 4) einem Exemplare entnommen ist, bei
dem der Verlauf der Seitengefässe an der Schwimmglocke
1) Daher Icommt es denn auch, dass bei einer Verstümmelung
unseres Thieres gewöhnlich die äussere Schwimmglocke zuerst ver-
loren geht.
2) Gegenbaur wirft mir vor (Zeitschr. für wiss. Zool.V.
S. 450), dass ich den Schwimmapparat meiner Praya unvollständig be-
schrieben habe — es lag früher aber überhaupt nicht in meiner Ab-
sicht, eine vollständige Beschreibung dieses Apparates zu liefern.
Eine solche halte ich mir für die speciellcrc zoologische Darstellung
vorbehalten.
ij9^ Leuckart:
eine einfache Doppelschlinge bildete, während in der Regel
der vordere Bogen dieser Schlinge nochmals (vgl. Fig. 19 u.
20.) eine kleine Einbiegung nach oben zeigt. Was ferner
die Bemerkung von Gegenbaur betrifft, dass der Mantel
der grössern Schwimmglocke des obern blinden Gefässforl-
satzes entbehre, so muss ich die Richtigkeit derselben in Ab-
rede stellen. Ich habe den Gefässverlauf im Mantel der bei-
den Schwimmglocken beständig ebenso übereinstimmend ge-
funden, wie den Gefässverlauf auf den Schwimmstücken (Fig.
19.)} und mich durch die Untersuchung meiner in Liqueur
conservatoire autbewahrten Schwimmstücke nochmals von der
Richtigkeit dieser Bemerkung überzeugt. Die Gefässe des
Mantels sind ihrer Weite wegen so deutlich und bestimmt
wahrzunehmen, dass hierbei kaum ein Irrthum möglich ist.
In dieser Hinsicht findet sich also keinenfalls ein Unterschied
zwischen Pr. maxima und Pr. diphyes 0» wenn wir wenigstens
annehmen, was gewiss erlaubt sein wird, dass der untere Ge-
fässfortsatz für den Mantel von Kölliker und Vogt über-
sehen sei.
Am vordem Ende des Stammes trifft man beständig,
wie bei Galeolaria, einige kleine, mehr oder minder knospen-
artige Ersatzschwimmglocken, von denen die hinterste nicht
selten schon vor einem etwaigen Verluste zur Entwicklung
kommt. Ich fand dieselben häufig von der Länge einer Li-
nie, ein Mal vier Linien lang, ein ander Mal vollkommen
ausgebildet, wie es oben auch für Galeolaria bemerkt wurde.
Die überzählige Schwimmglocke war in diesem Falle eine
vordere. Sie stand neben der andern und war mit ihr zu-
sammen in die stark ausgeweitete Rinne der hintern Schwimm-
glocke hineingesenkt. Anomalien in der Bildung der Schwimm-
glocken gehören überhaupt bei unsermThiere, wie es scheint,
nicht zu den Seltenheiten. So beobachtete ich eine Praya,
deren äussere Schwimmglocke mit ihrer Oeffnung nicht nach
hinten sah, wie die vordere, sondern vielmehr nach vorn,
1) Auch die knopfförmige Anscliwellung am blinden Ende der
vordem Mantelgefässe, die von Vogt und Kölliker beschrieben
\vird, scheint kaum ein Unterschied zu sein, da sich diese auch bei
Pr. cymbiforrais angedeutet findet.
Zur nähern Kennlniss der Siphonophoren von Nizsa. 293
also in entgegengesetzter Richtung entwickelt war, nichts desto
weniger aber doch ihre vollkommne Ausbildung zeigte. Wie-
derum in einem andern Falle sahen beide Schwimmglocken,
eine ausgewachsene innere und eine 5 — 6'" lange äussere,
nach vorn, so dass der Durchlasskanal sich hier also am
Scheitel der Schwimmglocken öffnete; eine Anomalie, die
wohl darin ihre Erklärung finden dürfte, dass hier nach dem
Verluste der äussern Schwimmglocke, vielleicht auch durch
denselben Zufall, der diesen Verlust herbeiführte, der Stamm
in eine falsche Lage gebracht war und zwar in eine solche,
die der normalen entgegengeselzt war. Wenn die kanalför-
mige Höhle, in welcher der Stamm befestigt ist, geschlossen
wäre, dann würde eine solche Lagenveränderung allerdings
unmöglich sein, aber diese Höhle ist ja eigentlich , wie wir
wissen, nichts anderes, als eine Rinne mit zusammengeboge-
nen Rändern , die am Scheitel des Schwimmstückes ebenso
gut (wenn auch durch eine bei weitem kleinere Oeffnung)
nach aussen führt, als am entgegengesetzten Ende.
Die Entwicklung der Polypen und Fangfäden von Praya
habe ich in meinen zoologischen Untersuchungen (Tab. L
Fig. 15.) dargestellt; sie ist ganz genau dieselbe, wie bei den
übrigen Siphonophoren, und namentlich den Diphyiden (zur
Vergleichung mache ich auf Fig. 2. 3. 4. 12 in Tab. XL der
vorliegenden Abbildungen aufmerksam). Auch die Form die-
ser Anhänge im ausgebildeten Zustande zeigt eben keine be-
merkensvverlhe Eigenlhümlichkeiten. Ich verweise für die-
selben auf die Beschreibungen von Gegen bau r, Vogt und
Kölliker und begnüge mich mit der Bemerkung, dass der
Kopf der Nesselknöpfe gewöhnlich ziemlich stark (Fig. 18.)
nach innen eingebogen ist, und der muskulöse Angelfaden
sich auf das obere Ende des Nesselknopfes beschränkt, auf
jene Stelle , an der man nicht selten die oben erwähnten
Windungen des eingesclilossenen Kanales wahrnimmt. Die
Form und Bildung der Nesselorgane ist von Gegenbaur
sehr genau dargestellt worden.
Dasselbe gilt von den Deckstücken unserer Praya, die
eine sehr eigenlhümliche Gestalt haben. Sie gleichen gewis-
sermaassen (Fig. 24.) einer liegenden Bohne mit einer stär-
ker gewölbten obern Fläche, die rund um den Stamm herum-
Ö94 Leuckart:
gekrümmt ist, so dass die Enden sich berühren, und einen
flachen und kappenförmigen, aber ausserordentlich dickwandi-
gen Trichter darstellt. Das eine freie Ende dieses Deckstückes
ist vollkommen solide, das andere aber anseinerinnern, dem
Stamme zugekehrten Fläche mit einer tiefen Grube versehen,
die zur Aufnahme der Geschlechtsglocke und übrigen An-
hänge bestimmt ist und zwischen zw^eien Lamellen, einer
obern und einer untern, eingeschlossen wird. Unter solchen
Umständen kann man die Deckstücke unserer Praya auch,
wie von Herrn Vogt und Kölliker geschieht, mit einem
Helme vergleichen, aber nicht mit einem aufrecht stehenden,
sondern vielmehr mit einem liegenden, wobei denn das so-
lide Ende der Deckschuppe gewissermaassen den Kopftheil,
die beiden Lamellen des andern Endes die Backenfortsätze
darstellen würden. Im Innern dieses Deckstückes unterschei-
det man (Fig, 24.) vier blindschlauchartige Gefässvcrlänge-
rungen, die etwa in der Mitte des Deckstückes durch Hülfe
eines gemeinschaftlichen Stammes aus dem Reproductionska-
nale hervorkommen ; ein Gefäss für das solide Kopfende, ei-
nes für je einen lamellösen Seitenfortsatz und endlich ein vier-
tes Gefäss , das etwa in der Mitte zwischen den eben ge-
nannten, wenn auch meistens den letztern mehr angenähert,
herabläuft, hier und da auch wohl erst aus dem einen der
beiden letztern Gefässe hervorkommt. Das blinde Ende die-
ser Gefässe ist nicht selten etwas keulenförmig erweitert,
doch habe ich diese Erweiterung niemals in einem solchen
Grade beobachtet wie Herr Vogt. In der Regel zeigen auch
die Gefässe für die zwei lamellösen Seitenfortsätze einen ge-
knickten Verlauf.
So auffallend nun übrigens auch diese Bildung ist, so
lässt sich doch durch Hülfe der Entwicklungsgeschichte der
Nachweis liefern, dass sie nur eine Modification der bei den
Diphyiden ganz gewöhnlichen Form der Deckstücke darstellt.
Die ersten Phasen der Entwicklung haben, wie ich mich über-
zeugte, eine frappante Aehnlichkeit mit den Vorgängen in
der Bildung der Deckstücke bei Abyla. Wie hier , ist das
Deckstück von Praya Anfangs ein einfaches Bläschen dicht
oberhalb der Geschlechtsknospe, das sich später abplattet und
eine klceblaltartige Gestalt annimmt (Fig.2I.> Die Seiten-
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 295
läppen, die ein Dive^itikel des ursprünglich ganz einfachen
Höhlenapparates in sich einschliessen, umwachsen dann spä-
ter die Basis der Geschlechtsknospe und der übrigen An-
hänge mitsammt dem Stamme , an dem dieselben befestigt
sind. Natürlich geschieht dieses unter beständiger Grössen-
zunahme, auch unter einer Formveränderung, so fern wenig-
stens die Grenze zwischen den einzelnen Lappen des Deckstük-
kes dabei immer mehr und mehr verschwinden. Noch be-
vor übrigens die Umwachsung vollständig ist, entsteht an der
untern Fläche und zwar an der Basis des rechten Seitenlap-
pens — von demßefestigungspunkte aus gesehen — eine neue
Aufwulstung, die gleichfalls ein Divertikel des Höhlensyste-
mes in sich einschliesst (Fig. 23.). Diese letzte Aussackung
wird zu dem untern Seitenfortsatze *), der darüberliegende
(rechte) Lappen zum obern, während sich der linke Lappen,
der beständig einfach bleibt, in den Kopf des Deckstückes
verwandelt. Unter solchen Umständen glaube ich denn auch
nicht, dass man den Deckstücken unseres Thieres mit Recht
eine jede Symmetrie absprechen kann. Die Symmetrie unse-
rer Deckslücke ist allerdings durch die Entwicklung eines drit-
ten Seitenlappens gestört, im ausgebildeten Zustande auch
sonst vielleicht (durch asymmetrische Lage des mittlem Ge-
fässslammes) getrübt, aber nichts desto weniger auf das Be-
stimmteste nachweisbar.
Ueber die Geschlechtsverhältnisse unserer Praya sind
wir durch G egen baur aufgeklärt. Wir erfahren durch
die Beobachtungen desselben, dass die von Herrn V o gt be-
schriebenen „Specialschwimmglocken" die neben den einzel-
nen Polypen ansitzen, Geschlechtsglocken sind, wie bei den
übrigen Diphyiden. Herr Vogt beschreibt nun freilich ne-
ben diesen „Specialschwimmglocken'' noch besondere Ge-
schlechtsorgane (p. 106), sogar männliche und weibliche, es
ergiebt sich indessen, dass diese Gebilde nur unvollständig
beobachtete junge und knospenartige Geschlechtsglocken dar-
stellen, die, wie bei der Mehrzahl der Diphyiden, an der Ba-
1) In meinen zool. Untersuchungen I. S. 23 habe ich über die
Bedeulung dieses untern SeiUnfortsatzes eine nicht ganz richtige An-
sicht geäussert.
296 Leuckarl:
sis der ausgebildeten Geschlechtsorgaiie ansitzen und dazu
bestimmt sind, diese letztern zu ersetzen, wenn dieselben nach
erlangter Reife von ihrer Bildungsstätte sich abtrennen. Die
Eier, die Herr Vogt im Innern dieser Geschlechtsglocken,
der weiblichen wenigstens, beschreibt und zeichnet, mögen
auch wirklich in manchen Fällen Eikeime gewesen sein —
in andern (Tab. XVII. Fig. 11) sind sie es entschieden nicht
— die Spermatozoen aber, die in den sogenannten männli-
chen Organen vorkommen sollen und, wie beschrieben wird,
aus der Innern Höhle hervorwachsen und schliesslich sich
abtrennen, sind die schon von W i 11 gesehenen fadenförmigen
„Eingeweidewürmer", die seither von allen Beobachtern bei
allen Siphonophoren in Menge aufgefunden wurden und in
den Anhängen zur Untersuchung kamen. Ich habe schon
an einem andern Orte meine Ansicht über diese Gebilde aus-
gesprochen (Unters. I. S. 11) und kann dieselben auch heute
noch nicht für individuell belebte Thiere 0» sondern nur für
colossale frei gewordene Flimmerhaare hallen,, obgleich K Ol-
li ker und auch Gegenbaur die thierische Natur derselben
ohne Weiteres anzunehmen scheinen. Bei dieser Gelegen-
heit erfahren wir auch von Herrn Vogt (p. 109), dass die
Samenfäden bei den Diphyiden wurmförmig , nicht steckna-
delförmig seien, wie bei den Physophoriden, doch diese An-
gabe ist nicht minder unrichtig, wie die Deutung jener Flim-
merhaare.
Durch die Untersuchungen von Gegenbaur ist die
1) Beiläufig will ich hier bemerken, dass die Siphonophoren
sehr häufig von einem kleinen, durchsichtigen Distomum heimge-
sucht werden. HerrVogt erwähnt desselben bei Hippopodius (p.973,
Kölliker (S. 19) bei Apolemia, Philippi (Müller's Arch. 1843.
S. 56) bei Physophora; mir ist es bei den verschiedensten Arten der
Siphonophoren, so viel ich mich erinnere, bei allen, die ich unter-
suchte, aufgestossen. Ueberhaupt muss dieses Thier sehr weit ver-
breitet sein. Ich fand es auch bei andern pelagischen Geschöpfen,
bei den Firoloiden (Firola fredericiana, Firoloides Lesueurii) bei Sa-
gitten, Salpen (S. democratica) u. s. w. , und zweifle kaum daran,
dass es mit den schon von Forskai, Eschscholtz, Will u. A.
bei verschiedenen Akalephen beobachteten Würmern identisch sei.
Vgl. hierzu die Bemerkungen von Bus eh a. a. 0. S. 99.
Zur nähern Kennlniss der Siphonophoren von Nizza. 297
Natur der sogenannten Specialschwimmglocken bei Praya jetzt
in einer Weise festgestellt, wie ich es schon früher einmal,
zu einer Zeit, wo ich die Praya nur aus der Abbildung in
den zoologischen Briefen des Herrn Vogt kannte, vermuthet
halte (Zeitschr. für wiss. Zool. IIL S.208). Mir selbst ist
es leider nicht geglückt , diese Vermulhung zur Geltung zu
bringen , zumal ja Herr Vogt so sehr entschieden darüber
abgeurtheilt halte. Allerdings war es mir nicht entgangen,
dass von dem Scheitel der „Specialschwimmglocke" ein klei-
nes Knöpfchen mit einem Divertikel im Innern in die weile
Schwimmhöhle hineinragte (Z. U. S. 9) , wie bei den Ge*
schlechtsanhängen, dass auch die Entwicklung derselben ohne
irgend erhebliche Verschiedenheit mit der Entwicklungsweise
der Geschlechtsknospen übereinstimmte (S. 12u. 31), aber es
wollte mir nicht gelingen, die Geschlechlsstoffe, Eier und Sa-
menfäden, in den Wandungen jenes stempeiförmigen Knöpf-
chens aufzufinden. Noch heute weiss ich nicht, was hier-
von die Schuld trägt, ob irgend ein unglücklicher Zufall oder
allzugrosses Vertrauen auf die Untersuchungen des Herrn
Vogt, der mich ja specicll auf die „ausser jenen Schvvimm-
glocken noch vorhandenen Geschlechtsknospen" hingewiesen
hatte. Dass dadurch meine Aufmerksamkeit von den grossen
und ausgebildeten Glocken abgezogen und vorzugsweise auf
die von Herrn Vogt hervorgehobenen Gebilde gelenkt wurde,
ist wohl erklärlich ; allein ich fand hier, an der Wurzel der
„Specialschwimmglocken^^ nichts Anderes als Knospen, deren
Entwickelung, wie ich mich überzeugte, mit der der Special-
schwimmglocken übereinstimmte (S. 33). Für die geschlecht-
liche Natur derselben ergaben sich keine andern Andeutun-
gen, als dieEigenthümlichkeit der Entwicklung, die ich auch
schon bei den sogenannten Specialschwimmglocken hervor-
gehoben halte. Somit lag mir nur die Alternative vor, ent-
weder einen Irrthum von Seite des Herrn Vogt zu vermu-
then, oder anzunehmen, dass meine Exemplare trotz ihrer
Grösse nicht geschlechlsreif seien. Dass ich mich mit der
letztem Annahme beruhigte, war allerdings ein Fehler, den
ich nur mit dem Hinweis auf die Fülle des Beobachtuujsfs-
materiales entschuldigen will, das den Naturforscher an den
fernen Seeküslen in Anspruch nimmt. Später, als ich die
298 Leuckart:
Verhältnisse ruhiger überlegen konnte , erkannte ich selbst,
wie wenig- wahrscheinlich die Behauptung von Herrn Vogt
sei. Noch auf S. 70 meiner Abhandlung habe ich die Ver-
muthung ausgesprochen , dass die kleinen Knospen an der
Basis der sogenannten Specialschwiminglocken zum Ersätze
derselben dienten und diese letztern die eigentlichen Ge-
schlechtsanhänge darstellten, wie es von Gegenbaur ge-
genwärtig nachgewiesen ist ')•
Bei unserer Praya ist es übrigens wirklich leicht mög-
lich, die eigentlichen Träger der Geschlechtsorgane und da-
mit denn auch die GeschlechtsstofFe im Innern des Mantels
zu übersehen, da der Mantel sehr weit, der betreffende Stem-
pel aber verhältnissmässig ganz ausserordentlich klein ist.
Was dagegen die Gefässe der Geschlechtsglocken betrifft,
so sind diese sehr deutlich entwickelt, von Herrn Vogt
aber in sofern irrthümlich beschrieben, als er nicht nur, wie
auch Kölliker, den Stempel mit seinem Divertikel ganz un-
beachtet lässt, sondern (p. 103) auch behauptet, dass der Ca-
nalapparat sowohl durch das Stielgefäss, wie gewöhnlich, in
den Reproductionskanal, als auch daneben noch in das Ge-
fässsystem der Deckstücke einmünde.
Männliche und weibliche Geschlechtsglocken fand Ge-
genbaur an demselben Stamme vereinigt; die Praya ist
also, wie manche andere Diphyiden,monöcischen Geschlechtes.
b. Mit einem zweizeiligen Schwimmkegel,
der aus mehrern in einander gefügten Schwimm-
glocken gebildet wird, und an einer eigenen
Achse befestigt ist. Der Körperstamm, der am
obernEnde mitdieserAchse zusammenhängt, ist
retractil und ohne Deckstücke. {Hippopodiidae).
Gen. Hippopodiiis Q. et G.
Schwimmstücke hufeisenförmig, zu einem ziemlich fe-
sten Hohlkegel in einander gefügt.
1) Ich darf mich desshalb auch wohl gegen die Aeusserung
von Gegenbaur verwahren, dass ich die geschlechtlichen Verhält-
nisse von Praya, „verkannt" hätte (Zeitschr. u. s. w. S. 450). Das
kann man allerdings von Herrn Vogt sagen — über meine Angaben
darf man wohl kaum mehr urtheilen , als dass ich die betreffenden
Verhältnisse nicht vollständig erkannt hätte.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 299
Hippopoclius gleba Li.
Schwimmkegel mit einer mehr oder minder abgerunde-
ten Spitze und ziemlich parallelen Seitenflächen.
Unter den zahlreichen schönen Entdeckungen über Si-
phonophoren, die in den Descriptiones animalium von Fors-
kal niedergelegt sind, findet sich auch die unseres Hippopo-
dius (Gleba hippopus Forsk.). Leider existirt von demselben
nur eine Abbildung, die noch dazu, wie man sich bald über-
zeugen wird, nach einem unvollständig beobachteten Exem-
plare entworfen ist. Späterhin (Act. Acad. Caes. Leopold.
Vol. XXXVIII. p. 309) beschrieb Otto die Schwimmglocken
unseres Thieres unter dem Namen Gleba excisa als selbst-
ständige Geschöpfe, die nach Art der Salpen aneinanderge-
reihet seien und einzeln eine vollkommne Organisation, Mund,
Verdauungsapparate u. s. w. besässen ^). Andere Beobach-
ter haben unsern Hippopodius genauer untersucht und auch
als eine Siphonophore erkannt, wie namentlich Delle C h i a j e ,
der denselben in seiner Descrizione bald als Hippopus exci-
sus, bald auch als Hippopodius luteus aufführt, und Quoy et
Gaimard, die unter dem Namen Hippopodius luteus wahr-
scheinlich ganz dieselbe Art (Elephantopus neapolitanus Less.)
beschrieben. Unter den neuern Beobachtern erwähne ich
Kölliker (S. Q8. Tab.VLFig. 1) und Vogt (p. 93. T. XV.),
von denen der erslere sein Thier als Hippopodius neapolita-
nus, der andere als H. luteus bestimmt hat.
Wenn man die Abbildungen dieser beiden Beobachter
vergleicht, so sollte man meinen, dass sie zwei verschiedene
Arten zur Untersuchung gehabt hätten. Der Hippopodius nea-
politanus von Kölliker hat, wie der Delle Chiaje'sche
H. excisus, einen stark gewölbten halbkugelförmigen Schwimm-
kegel, während der H. luteus des Herrn Vogt einen Schwimm-
kegel besitzt, der sehr viel schlanker und nach oben mehr
zugespitzt ist. Ich habe um Nizza Exemplare angetroffen,
die sich ganz genau an diese beiden Formen anschliessen,
und bin auch wirklich früher (noch in meinen zoologischen
1) Ebenso geschieht es an derselben Stelle mit der abgelösten
hintern Schwimmglocke von Abyla (Pyramis telragona).
298 Leuckart:
Verhältnisse ruhiger überlegen konnte , erkannte ich selbst,
wie wenig wahrscheinlich die Behauptung von Herrn Vogt
sei. Noch auf S. 70 meiner Abhandlung habe ich die Ver-
muthung ausgesprochen , dass die kleinen Knospen an der
Basis der sogenannten Specialschwimmglocken zum Ersätze
derselben dienten und diese letztern die eigentlichen Ge-
schlechtsanhänge darstellten, wie es von Gegenbaur ge-
genwärtig nachgewiesen ist ').
Bei unserer Praya ist es übrigens wirklich leicht mög-
lich, die eigentlichen Träger der Geschlechtsorgane und da-
mit denn auch die Geschlechtsstoffe im Innern des Mantels
zu übersehen, da der Mantel sehr weit, der betreffende Stem-
pel aber verhältnissmässig ganz ausserordentlich klein ist.
Was dagegen die Gefässe der Geschlechtsglocken betrifft,
so sind diese sehr deutlich entwickelt, von Herrn Vogt
aber in sofern irrthümlich beschrieben, als er nicht nur, wie
auch Kolli ker, den Stempel mit seinem Divertikel ganz un-
beachtet lässt, sondern (p. 103) auch behauptet, dass der Ca-
nalapparat sowohl durch das Stielgefäss, wie gewöhnlich, in
den Reproductionskanal, als auch daneben noch in das Ge-
fässsystem der Deckstücke einmünde.
Männliche und weibliche Geschlechtsglocken fand Ge-
genbaur an demselben Stamme vereinigt; die Praya ist
also, wie manche andere Diphyiden, monöcischen Geschlechtes.
b. Mit einem zweizeiligen Schwimmkegel,
der aus mehrern in einander gefügten Schwimm-
glocken gebildet wird, und an einer eigenen
Achse befes tigt ist. Der Körperstamm, der am
obernEnde mitdieserAchse zusammenhängt, ist
retractil und ohne Deckstücke. (Eippopodiidae).
Gen, Hippopodius Q. et G.
Schwimmstücke hufeisenförmig, zu einem ziemlich fe-
sten Hohlkegel in einander gefügt.
1) Ich darf mich desshalb auch wohl gegen die Aeusserung
von Gegenbaur verwahren, dass ich die geschlechtlichen Verhält-
nisse von Praya, „verkannt" hätte (Zeitschr. u. s. w. S. 450). Das
kann man allerdings von Herrn Vogt sagen — über meine Angaben
darf man wohl kaum mehr urtheilen, als dass ich die betreffenden
Verhältnisse nicht vollständig erkannt hätte.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 299
Hippopodius g leb a Lt.
Schwimmkegel mit einer mehr oder minder abgerunde-
ten Spitze und ziemlich parallelen Seitenflächen.
Unter den zahlreichen schönen Entdeckungen über Si-
phonophoren, die in den Descriptiones animalium von Fors-
kal niedergelegt sind, findet sich auch die unseres Hippopo-
dius (Gleba hippopus Forsk.). Leider existirt von demselben
nur eine Abbildung, die noch dazu, wie man sich bald über-
zeugen wird , nach einem unvollständig beobachteten Exem-
plare entworfen ist. Späterhin (Act. Acad. Caes. Leopold,
Vol. XXXVIII. p. 309) beschrieb Otto die Schwimmglocken
unseres Thieres unter dem Namen Gleba excisa als selbst-
ständige Geschöpfe, die nach Art der Salpen aneinanderge-
reihet seien und einzeln eine vollkommne Organisation^ Mund,
Verdauungsapparate u. s. w. besässen ^). Andere Beobach-
ter haben unsern Hippopodius genauer untersucht und auch
als eine Siphonophore erkannt, wie namentlich D e 1 1 e C h i a j e ,
der denselben in seiner Descrizione bald als Hippopus exci-
sus, bald auch als Hippopodius luteus aufführt, und Quoy et
Gaimard, die unter dem Namen Hippopodius luteus wahr-
scheinlich ganz dieselbe Art (Elephantopus neapolitanus Less.)
beschrieben. Unter den neuern Beobachtern erwähne ich
Kölliker (S. Q8. Tab.VLFig. 1) und Vogt (p. 93. T. XV.),
von denen der erstere sein Thier als Hippopodius neapolita-
nus, der andere als H. luteus bestimmt hat.
Wenn man die Abbildungen dieser beiden Beobachter
vergleicht, so sollte man meinen, dass sie zwei verschiedene
Arten zur Untersuchung gehabt hätten. Der Hippopodius nea-
politanus von Kölliker hat, wie der Delle Chiaje'sche
H. excisus, einen stark gewölbten halbkugelförmigen Schwimm-
kegel, während der H. luteus des Herrn Vogt einen Schwimm-
kegel besitzt, der sehr viel schlanker und nach oben mehr
zugespitzt ist. Ich habe um Nizza Exemplare angetroffen,
die sich ganz genau an diese beiden Formen anschliessen,
und bin auch wirklich früher (noch in meinen zoologischen
1) Ebenso geschieht es an derselben Stelle mit der abgelösten
hintern Schwimmglocke von Abyla (Pyramis telragona).
300 Leuckarl:
Untersuchungen) der Ansicht gewesen, dass man dieselben
als zwei besondere Arten unterscheiden könne. Gegenwär-
tig habe ich indessen diese Ansicht aufgegeben, nachdem
ich mich durch die Untersuchung meiner zahlreich gesam-
melten Exemplare davon überzeugt habe, dass sich die schein-
baren Verschiedenheiten durch Zwischenformen auf das
Vollständigste ausgleichen. Die Exemplare mit schlankem
Schwimmkegel sind allerdings in der Regel auch (bei gleicher
Anzahl der Schwimmglocken) die kleinern , doch das kann
sich möglicher Weise ja auch noch auf andere Weise erklä-
ren lassen, als durch die Annahme zweier besonderer Arten.
Dass ich für unsere Art den alten Forskarschen Namen
— wenn auch etwas verändert — restituirt habe, bedarf wohl
keiner Rechtfertigung. Die Benennungen von Delle Chi a je
und Quoy et Gaimard haben zunächst nur eine Beziehung
zu einzelnen Hauptformen unserer Species und müssen um
so eher fallen, als sie nicht nur sehr viel jünger, sondern
auch sehr viel weniger bezeichnend sind, als die Benennung
von Fors k al.
Was die Form der Schwimmslücke bei unserm Thiere
betrifft, so lässt sich diese in der That mit Nichts besser
vergleichen, als mit einem Pferdehufe, dessen unlere Fläche
nach oben gekehrt ist. Die Schwimmstücke unseres Hippo-
podius sind keilförmig abgestulze Kegelschnitte, an denen man
(vgl. die Profildarstellung auf Tab. XII. Fig. 3) eine obere dia-
gonal auf die Längsachse des Schwimmkegels stehende Flä-
che, eine weniger stark geneigte untere Fläche und eine huf-
eisenförmige gekrümmte Seitenfläche unterscheiden kann. Die
erste dieser Flächen, die der Achse des Schwimmkegels zu-
gekehrt ist und der Innern Fläche an den Schwimmstücken
von Praya u. s. w. entspricht, ist, wie diese, mit einer liefen
Längsrinne versehen (Tab. XII. Fig. 2). Die Ränder, die sie
rechts und links begrenzen, sind in zwei starke, nach innen
eingebogene Firsten ausgezogen, die sich nach unten immer
mehr erheben und schliesslich am untern und Innern Rande
des Schwimmslückes in zwei stumpfe Fortsätze auslaufen,
zwischen denen ein bogenförmiger Ausschnitt vorspringt.
Die untere kleinere Fläche der Schwimmstücke .(Tab. XII.
Fig. 1) trägt eine kreisrunde grosse Oeffnung, die, bis an die
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 30l
Ränder derselben hinanreicht und in einen flachen Schwimm-
sack hineinführt. Am vordem Kande des Schwimmsackes er-
hebt sich die Firste zwischen der untern und der seitlichen
oder vordem Fläche des Schwimmstückes in vier aboferun-
dete symmetrisch entwickelte Höcker, die durch bogenför-
mige Ausschnitte von einander getrennt sind und auf der
vordem Seitenfläche des Schwimmstückes allmählich nach
oben zu verstreichen. Der obere Rand dieser Fläche zeigt
gleichfalls einigehöckerförmige Erhebungen, zwei seitliche und
eine mittlere, die nach Grösse und Entwicklung den Ausschnit-
ten zwischen den Höckern des untern Randes entsprechen.
Die Beschreibung, die ich hier mitgetheilt habe, passt
für die Schwimmstücke unseres Hippopodius ohne Ausnahme.
Nichts desto weniger finden sich aber mancherlei Diff'erenzen
in der speciellen Bildung dieser Anhänge; Diff'erenzen, die
Iheils von der Grösse des Schwimmkegels und der Entfer-
nung der Schwimmstücke von der Spitze desselben abhän-
gen, theils auch mehr individueller Natur sind. Bald sind die
Schwimmstücke länger und schmaler, bald kürzer und ge-
krümmter; bald ist die vordere Seitenfläche derselben höher
oder gewölbter, bald niedriger oder flacher; bald endlich er-
scheinen die Höcker an den Firsten dieser Fläche sehr stark
entwickelt , bald fast gänzlich fehlend. Natürlicher Weise
sprechen sich solche Verschiedenheiten schliesslich auch in
der Form des Schwimmkegels aus — und derartige Verschie-
denheiten eben sind es, die uns z. B. in den Abbildungen von
Vogt und Kölliker entgegentreten.
Bekanntlich ist die Substanz^ aus der die Schwimmstücke
von Hippopodius bestehen, von einer ziemlich consistenten^
fast knorpelartigen Beschaffenheit und einem opaken Ausse-
hen, sehr verschieden namentlich von jener gallertartigen
Masse, die wir in den Schwimmstücken von Praya aufgefun-
den haben. Indessen muss ich doch bemerken, dass in Con-
sistenz und Aussehen auch bei Hippopodius zahlreiche Ver-
schiedenheiten obwalten und mitunter Exemplare (namentlich
unter den kleinern Formen von H. luteus) vorkommen^ bei
denen sich die Schwimmstücke durch ihre physikalischen
Eigenschaften nur wenig von den Schwimmstücken bei den
übrigen Siphonophoren unterscheiden.
302 Leuckart:
Die Zahl der Schwimmslücke, die in die Bildung- eines
Schwimmkegels eingehen , ist vielfachen Schwankungen un-
terworfen. Kolli ker giebt dieselbe auf 5 — 9 an; es kom-
men aber auch Exemplare von 12 und noch mehrSchwimm-
slücken vor. Die unlern Schwimmstücke sind beständig die
grossesten; die Neubildung geschieht an der Spitze des
Schwimmkegels, wo man jederzeit eine nicht unbeträchtliche
Anzahl junger Knospen auf den verschiedensten Stadien der
Entwicklung antrifft. Die Verbindung der einzelnen Schwimm-
stücke wird durch die rinnenförmig ausgehöhlte obere oder
innere Fläche vermittelt, und zwar in ähnlicher Weise, wie
bei vielen andern Siphonophoren, durch Einkeilung. Zwi-
schen die Seitenleislen dieser Fläche senkt sich einmal das
hinlere etwas zusammengedrückte Ende der zunächst vorher-
gehenden Schwimmglocke der gegenüberliegenden Seite und
sodann die unlere Fläche der darüberstehenden Schwimm-
glocke hinein (Fig. 3). Die letztere nimmt natürlicher Weise
den vordem Raum der betreffenden Fläche in Anspruch und
zwar so vollständig, dass dabei die Forlsätze am obern
Rande der vordem Seitenfläche in die Ausschnitte zwischen
ilen entsprechenden untern Fortsätzen der darüberliegenden
Schwimmglocke hineingreifen. Auf solche Weise kommt es
nun, dass die Seilenflächen des Schwämmkpgcls ausschliess-
lich von den Seitenflächen der einzelnen Schwimmstücke ge-
bildet werden. Nur dieSchwimmsäcke der beiden untersten
Glocken sind frei und unbedeckt, während die übrigen eine
sehr versteckte Lage haben. Ob die letztern nun aber bei
dieser ihrer Lage für die Ortsbewegung des Hippopodius ohne
alle Bedeutung sind, will ich dahingestellt sein lassen, dar-
über kann jedoch wohl kein Zweifel sein, dass ihre locomo-
torische Bedeutung, wenn sie überhaupt existirt, nur sehr
beschränkt ist. Der Raum, in den sie hineinmünden, com-
municirt mit dem Meerwasser nur durch die engen Spalten
zwischen den einzelnen Schwimmstücken. Aber dieser Raum
communicirt auch mit dem kegelförmigen Innenraume in der
Achse des Schwimmapparales, der durch die in einander
greifenden Längsrinnen der einzelnen Schwimmstücke zusam-
jnengesetzt wird und zur Aufnahme des relractilen Körper-
Stammes bestimmt ist. Vielleicht, dass die Aufgabe dieser
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 303
obern Schwimmglocken überhaupt nicht in der Erzeugung
einer Bevvegungskraft zu suchen ist, sondern vielmehr in ei-
ner Wasserzufuhr nach Innen, die gerade bei unserem Hip-
popodius um so bedeutungsvoller sein dürfte, als der Kör-
perstamm desselben fast beständig in dem Innenraume des
Schvvimmkegels versteckt liegt i).
Die Schvvimmbewegung unseres Hippopodius ist sehr
langsam, ein Umstand, der theils aus derBildung des Schwimm-
kegels im Ganzen, theils aber auch aus der Organisation
der einzelnen Schwimmstücke und zwar vornämlich der
Schwimmsäcke resultiren möchte. Die Schwimmsäcke sind
nicht nur ausserordentlich flach (und weit), sondern auch so
dünn und wenig muskulös, dass Kölliker die Anwesenheit
einer eignen Auskleidung in den Schwimmhöhlen überhaupt
in Abrede stellen konnte. Der Saum, der, wie bei den übri-
gen Siphonophoren ohne Ausnahme , den Eingang in den
.Schwimmsack umgiebt, ist in der hintern (oder untern) Hälfte
^ehr schmal, am vordem (oder obern) Rande dagegen von
einer nicht ganz unbeträchtlichen Breite. Diese vordere
Hälfte des Randsaumes hat etwa eine sichelförmige Gestalt;
jsie ist dasselbe Gebilde , das Herr Vogt als beweglichen
Deckel (couvercle mobile) an der OefFnung des Schwimm-
sackes beschrieben hat ^).
Was den Zusammenhang des Schwimmkegels mit dem
Körperstamme betrifft, so ist dieser im höchsten Grade ei-
genthümlich und abweichend von dem Verhalten bei den
übrigen Siphonophoren mit einer sogenannten Schwimmsäule.
Bei den letztern sind die Schwimmstücke unmittelbar an dem
1") Kölliker hat den Körperstamm von Hippopodius sogar nie-
mals hervorgestreckt gesehen, obgleich er viele Exemplare beobach-
tete. Wie es scheint, geschieht das Hervorstrecken desselben nur
zum Zwecke der Nahrungsaufnahme. Der Schwimmkegel steht dabei
senkrecht, und eben so senkrecht wird dann auch der Körperstamm
mit seinen Anhängen herabgelassen, wie es Quoy und Gaimard
abbilden. Herr Vogt zeichnet den Körperstamm seines Hippopodius
in einer diagonalen Haltung, wie es etwa während der Schwimmbe-
Viregung der Fall sein würde, doch habe ich den Hippopodius nur mit
zurückgezogenem Stamme sich bewegen sehen.
2) Nach Herrn Vogt soll dieser Deckel die üeffnung des
Schwimrasackes vollständig verschliessen können. (?)
306 Leuckart:
derende des Körperstammes und zwar ohne alle Grenzen, so
dass man die kleinsten Schwimmstücke mit gleichem Rechte
als Anhänge des Körperstammes , denn als solche der eben
beschriebenen Achse betrachten kann. Bei den jüngsten
Exemplaren von Hippopodius lässt sich überhaupt noch keine
gesonderte Achse für den Schwimmkegel unterscheiden; ich
habe in meinen zoologischen Untersuchungen einen Hippo-
podius mit nur zweien Schwimmstücken abgebildet (Tab. IL
Fig. 24, 25) , bei dem die Gefässe dieser Schwimmstücke in
ganz ähnlicher Weise , wie bei den Diphyiden , aus dem
obern Ende des gemeinschaftlichen Körperstammes hervor-
kommen. Auch die Vereinigungsweise der beiden Schwimm-
stücke zeigte hier ganz analoge Verhältnisse. Die untere
Schwimmglocke war zugleich die äussere, wie beiPraya. Die
Rinne an der innern Fläche war ihrer ganzen Länge nach
von dem zweiten Schwimmstücke in Anspruch genommen.
Erst bei der Ausbildung der dritten Schwimmglocke , die
sich zwischen beide einschiebt und die obern Enden der-
selben aus einander drängt, wird das spätere Verhalten her-
vortreten.
Durch die Entwicklung einer eigenen Schwimmkegel-
achse wird es nun möglich, den Befestigungspunkt des Kör-
perstammes, gegen den derselbe im Augenblicke der Con-
traction sich zurückzi<;hl, in das äusserste Ende des Schwimm-
kegels zu verlegen. Nur auf diese Weise wird es möglich,
den ganzen , keineswegs unansehnlichen Körperstamm mit
seinen zahlreichen Anhängen im Innern dieses Apparates zu
verbergen. Ich habe Exemplare von Hippopodius gesehen,
bei denen der ausgestreckte Stamm reichlich einen halben
Fuss mass und immerhin einige 20—30 ausgebildete Polypen
trug, ungerechnet die zahlreichen Knospen, die im Innern
des Schwimmkegels versteckt blieben. Die Gestalt der aus-
gebildeten Polypen ist äusserst schlank und fast wurmförmig.
Der Rüssel trägt im Innern ganz ausserordentlich lange Wim-
perhaare, die nach Innen zu wedeln, wie man sehr deutlich
unterscheiden kann. AuflPallend war es mir, dass die letz-
ten dieser Polypen nicht seilen eine auffallend geringere
Grösse zeigten, als die vorhergehenden, während es doch
sonst als allgemeine Regel gilt^ dass die Entwiklung und
Zur nähern Kenntniös der Siphonophoren von Nizza. a07
Grösse der Polypen nach dem freien Ende des Körperstam-
mes hin zunimmt. Wahrscheinlicher Weise ist übrigens
diese Grössenverschiedenheit nur zufällig. Auch bei den
übrigen Siphonophoren kommt es nicht selten vor, dass die
Polypen eine etwas verschiedene Grösse haben; es hängt das
von der Grösse der Nahrungszufuhr ab, wie man wenigstens
daraus schliessen kann, dass das Volumen dieser Thiere
bei längerem Hungern sehr beträchtlich einschrumpft. Schon
nach 24 Stunden ist dieser Grössenunterschied mitunter ganz
auffallend.
Jeder einzelne Polyp trägt an seiner Anheftungsstelle,
wie gewöhnlich , einen Fangfaden mit Nesselknöpfen ^) , die
kurzgestielt und äusserst zahlreich, aber noch kleiner sind,
als sonst gewöhnlich bei den Calycophoren, auch kleiner,
als bei Praya und Galeolaria, die ihrerseits schon in dieser
Beziehung hinter Diphyes und Abyla zurückbleiben. Sonst
übrigens ist die Bildung der Nesselknöpfe (auch die Form
und Gruppirung der Angelzellen ) ganz dieselbe , wie bei
den nahe verwandten Diphyiden. Man könnte höchstens
hervorheben, dass die Nesselknöpfe sehr gewöhnlich eine
kürzere und mehr rundliche Gestalt haben. Nach Gegen-
baur (S. 41) soll an dem Endfaden der Nesselknöpfe auch
noch ein contractiles Bläschen von rundlicher Form anhän-
gen, das bei der Conlraction seinen Inhalt in den Endfaden
hineintreibt und diesen dadurch ausdehnt. Mir selbst ist die
Anwesenheit eines solchen Apparates (auch Vogt und Kol-
li k er) entgangen.
Die Entwicklung der Polypen, Fangfäden und Nessel-
knöpfe ist genau dieselbe (Fig. 4), wie bei den übrigen ver-
wandten Thieren, so dass die Bildung der letzten als Beispiel
für die Genese der nierenförmigen Nesselknöpfe von mir be-
1) KöUiker beschränkt die Zahl der Fangfäden irrthümlicher
Weise auf 2—3 (bei 6—9 Polypen) und lässt dieselben — laut Ab-
bildung auf Tab. VI. — in einer grösseren Entfernung von den Poly-
pen aus dem Körperstaram hervorgehen. Ich habe mich dagegen —
auch durch Untersuchung der Entwickelungsweise, die mit den frü-
her geschilderten analogen Vorgängen ganz übereinstimmt (Fig. 4) —
von der constanten Anwesenheit eines Fangfadens an jedem Polypen
auf das Bestimmteste überzeugen können.
308 Leuckart:
schrieben werden konnte {Z. U. S. 24). Der ausgebildete
Fangfaden erreicht eine sehr beträchtliche Länge und wird
beim Aufwinden gewöhnlich (am constanteslen an der Wur-
zel) spiralig zusammengelegt.
Was die Geschlechtsverhältnisse unseres Hippopodius
betrifft, so ist dieser, wie Kölliker (S. 31) und ich (S.
36) in übereinstimmender Weise gezeigt haben — Herr Vogt
hat keine Geschlechtsorgane auffinden können — monöcischen
Geschlechtes. Die Geschlechtsorgane haben eine ganz an-
sehnliche Grösse und sind sehr auffallend gebildet, indem
nämlich (Fig. 5) der Mantel nicht bloss eng an dem stempei-
förmigen Kerne anliegt, sondern auch von dem letzlern sehr
weit überragt wird. In der Regel bildet der Mantel nur eine
kleine kragenförmige Aufwulstung an der Wurzel der mit
Sperma oder Eiern angefüllten Beutel. Das Gefässsystem des
Mantels (und Stempels) ist aber nichts desto weniger ganz
vollständig entwickelt.
Nach Kölliker soll beständig bei unserm Hippopodius
eine männliche und eine weibliche Kapsel und zwar in der
Nähe der Polypen beisammensitzen; ich muss indessen be-
merken, dass mich meine Untersuchungen in diesem Punkte
zu einem abweichenden Resultate geführt haben. Einmal
finden sich die Geschlechtskapseln keineswegs in der gan-
zen Länge des Stammes, sondern nur in der obern Hälfte
desselben, besonders in demjenigen Theile, der auch bei dem
hervorgestreckten Stamme in der Höhle des Schwimmkegels
verborgen liegt. An der Basis eines jeden Polypen steht
hier eine Gruppe von 3, 4 und noch mehr Geschlechtsan-
hängen auf den verschiedensten Stufen der Entwicklung,
Knospen und ausgebildete, aber niemals männliche und weib-
liche Anhänge in derselben Gruppe vereint. Die männlichen
Anhänge stehen unterhalb der weiblichen und sind überdiess
in einer geringern Anzahl vorhanden.
Die erste Bildung der Geschlechtsknospen erfolgt schon
ausserordentlich frühe, zur Zeit, wo die zugehörigen Po-
lypen noch einfache und geschlossene Bläschen darstellen.
Während diese sich allmählich entwickeln , gelangen auch
die Geschlechtsknospen allmählich zur Ausbildung, so dass
man etwa an den ersten Polypen mit MundölTnung auch die
Zuf nähern Kennlniss der Siphonophoren von Nizza. 309
ersten reifen Geschlechtsknospen antrifft. Die speciellen Vor-
gänge der Entwicklung sind übrigens im Wesentlichen so
vollständig dieselben, wie bei den Diphyiden , dass man die
Geschlechtsknospen unseres Thieres bis zum Aufbrechen des
Mantels von denen der Galeolaria, Abyla u. s. w. kaum un-
terscheiden kann (vgl. Tab. XII. Fig. 5 mit Tab. XI. Fig. 13, 7).
Erst später bilden sich die Eigenthümlichkeiten hervor, die
die Geschlechtskapseln unseres Thieres auszeichnen. Der Man-
tel bleibt in seiner Entwicklung zurück, während der stem-
peiförmige Träger der Geschlechtsstoffe aus der Oeffnung
des Mantels immer weiter hervorwächst. Auch bei den rei-
fen Geschlechtsanhängen findet man übrigens in der relati-
ven Entwicklung dieser Theile mancherlei Verschiedenheiten.
Ich habe Geschlechlskapseln, namentlich weibliche Geschlechts-
kapseln, gesehen, deren Stempel bis weit über die Hälfte
von dem Mantel bedeckt war. Flimmerung und Bewegung,
die Kölliker an den Geschlechtskapseln von Hippopodius
vermisste , wurden beide von mir auf das Entschiedenste
wahrgenommen , die erstere (bei reifen Anhängen) an dem
Stempel, der auch sonst wohl ziemlich allgemein mit einem
Flimmerbesatz versehen ist, die letztere an dem Mantel. Frei-
lich war dieselbe nur schwach und zu einer Fortbewegung
der Kapsel nicht ausreichend; sie äusserte sich darin, dass
der Mantel sich von Zeit zu Zeit in einer fast wellenförmi-
gen Contraction noch enger an den Stempel anschloss , als
es sonst in der Ruhe der Fall war.
B. Pliysoplioridae Eschsch.
Von der Familie der Calycophoriden unterscheidet sich
die der Physophoriden — abgesehen von der sehr viel be-
trächtlichem Durchschnittsgrösse der einzelnen Formen —
vorzugsweise durch den Besitz eines Luftsackes , eines klei-
nen ovalen Bläschens 0? <ias mit Luft gefüllt und fest in das
1) Herr Vogt meint freilich (p. 95), dass man auf die Anwe-
senheit dieses Apparates keinerlei systematischen Werth legen könne,
allein diese Meinung stützt sich nur auf eine ganz unvollständige
Kenntniss desselben. Herr Vogt weiss nicht, dass der Lufttropfen
(bulle d'air) im vordem Ende des Physophoridenstammes von einer
310 Leuckart:
vordere blindgeschlossene Ende des Körperstammes eingela-
gert ist ')• Bßi ^^^ (y^^ ""^ untersuchten) echten Physo-
phoriden hat dieser Luftsack eine flaschenförmige Bildung;
er ist an seinem untern Ende in den Reproductionskanal hin-
eingesenkt und mit einer Oeffnung versehen 2) , aus der ge-
wöhnlich ein Theil der eingeschlossenen Luft , wie ein Tro-
pfen, hervorhängt 3). Ausser diesem Luftsacke finden sich
in der Regel auch Schwimmglocken und zwar, wenn sie vor-
handen sind , beständig in einer beträchtlichen Anzahl , zu
einer Schwimmsäule zusammengehäuft. Sie stehen am vor-
dem Ende des Stammes, dicht unter der Luftkammer, wo
sie in einer einfachen Reihe hinter einander hervorknospen,
obgleich sie in der ausgebildeten Schwimmsäule eine schein-
eigenen und noch dazu von einer ausserordentlich festen und horn-
artigen Tasche umschlossen ist ; er glaubt vielmehr (eben so auch
Kolli k er, der gleichfalls den eigentlichen Luftsack übersehen hat),
dass er ganz nackt und lose im Innern des Stammes enthalten sei und
Hess ihn früher sogar, gleich einem Otolithen, sich zitternd im Kreise
drehen. Allerdings spricht Herr Vogt dabei von einer „festen und
durchsichtigen Kapsel", in der die Luftblase liege, aber diese Kapsel
ist (wie die „Schwimmblase« von Kölliker) nur das obere et-
was abgesetzte Ende des Physophoridenstammes, in welches der
Schwimmsack eingelagert ist. In meinen zool. Untersuchungen S. 6.
habe ich diese Bildung näher auseinander gesetzt; ich will nur noch
hinzufügen , dass dieses obere Ende des Physophoridenstammes, die
„Luftkammer«, aus einer ziemlich festen und homogenen Substanz be-
steht. Die Muskelfasern des Stammes nehmen erst hinter der Luft-
kammer ihren Ursprung.
1) Ueber den Modus dieser Einlagerung vergl. Gegenbau r
(S.43) bei Rizophysa. Ich habe mich davon überzeugt, dass derselbe
bei den echten Physophoriden in ganz ähnlicher Weise wiederkehrt.
Der Luftsack der Physophoriden (Tab. XII. Fig. 6) wird von einer
Duplicatur der Luftkammer umgeben und in seiner Lage erhalten
(Apolemia, Forskalia).
2) Das Gen. Rhizophysa, das man gewöhnlich den Physophori-
den zurechnet , hat allerdings einen geschlossenen Luftsack (vergl.
Gegenbaur a. a. 0.); ich glaube indessen und habe schon oben
bemerkt, dass man dieses sonderbare Thier am besten zum Repräsen-
tanten einer eigenen kleinen Familie macht.
3) Vogt und Kölliker sprechen in solchen Fällen von einer
doppelten Luftblase, einer obern und einer untern.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza- 311
bar sehr abweichende zweizeilige oder spiralige Gruppiriing
einhalten i). Die Form der Schwimmstücke wechselt nach
den einzelnen Arten; es lässt sich von denselben im Allge-
meinen nur so viel bemerken, dass ihr Höhendurchmesser
mehr oder minder senkrecht zu der Achse der Schwimmsäule
steht , so dass die Befestigung an dem (meist abgestumpf-
ten) Scheitel stattfindet. Der Schwimmsack ist in der Regel
sehr geräumig und von beutet- oder flaschenförmiger Bil-
dung, mit erweitertem Grunde und verengtem Halse. Die
Oeffnung des Schwimmsackes ist verhältnissmässig klein und
nimmt beständig nur einen Theil der untern (oder äussern)
Fläche der Schwimmglocke in Anspruch. Auch die übrigen
Anhänge des Physophoridenkörpers sind weit zahlreicher, als
bei den Calycophoriden. Nicht bloss dass in den Zwischen-
räumen zwischen den Polypenleibern beständig eine Anzahl
von wurmförmigen Tastern befestigt ist , die bei den Calyco-
phoriden fehlen , auch die Zahl der Deckschilder — freilich
giebt es auch einige Arten ohne Deckschilder — und der
Geschlechtsanhänge ist beträchtlich vermehrt worden. Die
Taster tragen an ihrer Wurzel in der Regel einen einfachen
Fangfaden mit kleinen Angelorganen. Im Allgemeinen schrei-
tet übrigens auch hier die Entwickelung dieser Anhänge von
vorn nach hinten fort , nur dass die Taster und Deckschilde
und Geschlechtsanhänge nicht ausschliesslich am vordem
Stammende unter der Schwimmsäule , sondern auch später in
den Zwischenräumen der einzelnen Polypen durch Neubildung
vermehrt und ergänzt werden. Eine gruppenweise Vereini-
gung der verschiedenen Anhänge, wie bei den Calycophori-
den, findet sich nur in einigen wenigen Fällen, und auch in
diesen ist die Vereinigung niemals so eng und abgeschlos-
sen, wie dort. In der Regel stehen die Anhänge ohne alle
auff*allende und regelmässige Absätze in der ganzen Länge
des Stammes unter einander.
Auch in der Form und Bildung dieser Anhänge finden
1) Diese Verschiedenheit in der Gruppirung der Schwimmglok-
ken beruht, wie bei Hippopodius, auf einer Spiraldrehung der Achse,
was freilich von Kölliker — aber ganz bestimmt mit unrecht —
bcaiweifelt wird (S. 80).
312 Leuckarl:
sich manche bemerkenswerthe Verschiedenheilen von den Ca-
lycophoriden. Die Polypen sind von einer beträchtlichen
Grösse und meistens mit stark entwickelten, gewöhnlich auch
lebhaft gefärbten Leberslreifen versehen; sie tragen an ih-
rer Basis einen Fangfaden mit zahlreichen und ansehnlichen
Nesselknöpfen, die nicht nur durch eine mehr oder minder
auffallende Schraubenform, sondern auch häufig durch eine
verschieden entwickelte Umhüllung und eine bauchige, meist
bohnenformige Gestalt der grossen seitlichen Angelorgane
sich auszeichnen. Was die Deckschilder betrifft, so erschei-
nen diese beständig als lanzettförmige Schuppen oder Keulen
mit einem einfachen Medianstamme. Männliche und weibliche
Geschlechtsanhänge sind an demselben Stamme vereinigt, im
ausgebildeten Zustande aber auffallend verschieden gebaut.
Die männlichen Geschlechtsanhänge sind mehr oder minder
medusenartig, wie bei den Calycophoriden, die weiblichen
dagegen weit einfacher, klein und beinahe bläschenförmig,
mit einem einzigen Ei, das den ganzen Kern in Anspruch
nimmt und von einem knapp anliegenden Mantel mit einem
oft unvollständigen Gefässapparate umhüllt wird. Männliche
und weibliche Anhänge stehen beständig in grösserer An-
zahl, nicht selten auch (namentlich die letztern) traubenför-
mig zusammengruppirt neben einander.
Bei der Entwickelung entsteht anfangs ein einziger Po-
lypenleib mit Fangfaden und Luftsack, während die übrigen
Anhänge, auch die Locomotiven, erst später hervorknospen.
a. Physophoriden mit langer Leibesachse,
Schwimmstücken und Deckschildern. (Stepha-
n 0 m i d a e) .
a. Schwimmstücke zu einer zweizeiligen Schwimmsäule
mit einander vereinigt.
Gen. Apolemia Eschsch.
Die Schwimmstücke haben eine ganz ansehnliche Grösse
und einige Aehnlichkeit mit einem Topfe, oder einem kurzen
Cylinder, der sich allmählich nach seiner Oeffnung zu verengt
und an der Basis in zwei Paar Fortsätze auszieht. Die übri-
gen Anhänge des Stammes sind gruppenweis hinter einander
Zur nähern Kennlniss der Siphonophoren von Nizza. 313
aufgereiht, wie bei den Calycophoriden, und zwar dergestalt,
dass eine jede dieser Gruppen aus einer grössern Menge von
Deckstücken besteht, unter denen zahlreiche (30—40) wurm-
förmige Taster mit einem einzigen oder einigen wenigen Po-
lypenleibern ihren Ursprung nehmen. Nesselknöpfe fehlen 0 5
die Fangfäden erscheinen als unveräslelte Stränge, finden sich
aber nicht nur an der Basis der Polypen , sondern in der-
selben Weise auch an der der Taster.
Apolemia uvaria (Les.) Eschsch.
Mit keulenförmigen Deckstücken und Tastern zwischen
den Glocken der Schwimmsäule.
Die einzige bisher beobachtete Art eines Genus , das
Eschscholtz nach einigen von ihm aufgefischten Bruch-
stücken , gewiss mit vollkommenem Rechte , aus der zuerst
von Lesueur (Journ. phys. 1813. P. I.) als Stcphanomia
uvaria beschriebenen Siphonophore gebildet hat. Mit den
übrigen unter dem Genusnamen Stephanomia vereinigten Thie-
ren kann unsere Apolemia eben so wenig zusammengestellt
werden, wie mit den Arten des Gen. Agalma, obgleich Herr
Vogt noch neuerlich eine solche Vereinigung vorgeschlagen
hat, indem er die längst bekannte und benannte Apolemia als
Ag. punctata aufführt (p. 83. Tab. XII). Die beste und ausführ-
lichste Beschreibung dieses Thieres verdanken wir Gegen-
baur (a. a. 0. S. 37. T. XVIII.'Fig. 1), der dasselbe bei Mes-
sina mehrfach in ziemlich vollständigen Colonieen antraf,
während Herr Vogt um Nizza nur ein einziges Individuum
auffand und K ö 1 1 i k e r endlich nur eine abgerissene Schwimm-
säule zu Gesicht bekam. Ich selbst habe während meines
Aufenthaltes in Nizza gleichfalls nur ein einziges vollständi-
ges Exemplar von Apolemia beobachtet, ausserdem aber noch
häufig und zu verschiedenen Zeiten die einzelnen isohrten
Anhangsgruppen, die, wie es scheint, leicht abreissen und
1) Sie wurden wenigstens von mir (S. 19) und Gegenbaur
(S. 37) nicht ^wahrgenommen, während Herr Vogt, der sonst un-
ser Thier nur sehr flüchtig untersucht hat, behauptet, sie in Form,
von kleinen Schrauben, wie bei Agalma rubrum, gesehen zu haben
(p.84).
314 Leuckart:
dann noch lange (nach Art der Eudoxien) fortleben, un-
tersuchen können. Was ich hier beobachtete und in mei-
nen zoologischen Untersuchungen schon früher grossentheils
veröffentlicht habe, stimmt im Wesentlichen so vollkommen
mit den Angaben von Gegenbaur überein, dass ich nur
noch einige kurze Bemerkungen hinzuzufügen weiss.
Das einzige vollständige Exemplar von Apolemia , das
ich auffand, trug bei einer Länge von etwa einem Fusse
(Gegenbaur beobachtete ein Exemplar von 6') eine Anzahl
von 1 1 Schvvimmglocken , von denen aber nur die sechs
obern eine regelmässig gebildete zweizeilige Schwimmsäule
zusammensetzten , während die untern fünf ohne bestimmte
Ordnung neben einander standen und nach den verschieden-
sten Richtungen hinsahen. Dass solches übrigens eine bloss
individuelle und zufällige Eigenthümlichkeit meines Exempla-
res sei, habe ich niemals bezweifelt; meine Vermuthung ist
durch die ßeobachlungen vonKölliker, Gegenbaur und
Vogt, die bei ihren Exemplaren eine ganz regelmässige
Schvvimmsäule antrafen, zur Gewissheit geworden. Die ein-
zelnen Schwimmstücke dieser Säule sind von einer sehr an-
sehnlichen Grösse und haben annährungsweise nach allen
Richtungen denselben Durchmesser (6— 8"0- Ich habe die
Gestalt derselben oben mit einem Topfe verglichen, der sich
nach seiner Oeffnung hin verjüngt; ich muss aber noch hin-
zufügen, dass die der Oeffnung gegenüberliegende Fläche, die
der Achse der Schwimmsäule zugekehrt ist, mit einer tiefen
Längsfurche versehen ist, deren Seitenränder an den Ecken,
namentlich an der obern Ecke, flügeiförmig vorspringen (Tab.
XIL Fig. 7). Die untern Fortsätze sind zu einer keilförmigen
Masse einander genähert, so dass die Längsfurche, in welcher
die Achse der Schwimmsäule verläuft, zu einem kanalförmi-
gen Räume geschlossen wird, während die Spalte zwischen
den obern Flügeln so weit klafft, dass sie die untern Fort-
sätze der zunächst gegenüberliegenden, wie der vorherge-
henden Schwimmglocke in sich aufnimmt. Auf solche Weise
fügen sich die einzelnen Schwimmstücke zu einer zusam-
menhängenden, gewissermaassen gegliederten Säule in ein-
ander.
Der Gefässverlauf in den Schwimmslücken ist ausser^
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 315
ordentlich deutlich und schon mit blossem Auge sichtbar.
Kölliker und Gegenbaur beschreiben denselben genau
so, wie ich ihn früher (Z. U. S. 9. Tab. I. Fig. 2. 3) darge-
stellt habe, nur hat letzterer die kleinen und zottenförmigen
Gefässausstülpungen übersehen , die auf dem ersten Bogen
der schlingenförmig verlaufenden Seitengefässe aufsitzen und
die Stelle besonderer Mantelgefässe zu vertreten scheinen
(Tab. XII. Fig. 7).
Der Luftsack unseres Thieres ist von einer verhältniss-
mässig sehr ansehnlichen Grösse; er niaass bei meinem Ex-
emplare fast 2'", w^ährend er in den grossesten Exemplaren
von Forskalia nur eiw2L V2'" betrug. Die untere Oeffnung
desselben, die in den Reproductionskanal hineinfuhrt, ist nur
klein, so dass man sie leicht übersehen könnte, und auf einem
kurzen und halsförmigen Aufsatz gelegen. Gegenbaur
scheint über den Luftsack unseres Thieres keine besondern
Untersuchungen angestellt zu haben ; er w^ürde sonst gewiss
auf das Deutlichste beobachtet haben , dass derselbe in ganz
gleicher Weise durch eine Duplicatur der äusseren Bedeckun-
gen in dem obern Ende des Körperstammes aufgehängt ist,
wie er es bei dem (geschlossenen) Luftsacke von Rhizophysa
beschrieben hat '). Ich habe mich noch jetzt an meinem
Exemplare ganz entschieden von dieser Befestigungsweise
überzeugen können (Fig. 6).
Unterhalb der Schwimmsäule zeigt der Körperstamm von
Apolemia eine Anzahl von leichten Spiralwindungen, die selbst
im gestreckten Zustande nicht völlig verschwinden. ' Die An-
hänge stehen ausschliesslich auf der äussern convexen Fläche
dieser Windungen und zwar eine jede Gruppe auf einer eige-
nen slielförmigen Erweiterung. Zu oberst kommt ein Hau-
fen von 10 — 12 Deckstücken, deren Gestalt und Bildung schon
von Eschscholtz ganz richtig beschrieben ist. Esch-
scholtz irrte nur darin, dass er eine Ausmündung des cen-
tralen Höhlensystemes nach Aussen annahm , wie von mir
1) Von den fingerförmig verästelten Anhängen, die, nach Ge-
genbaur, bei Rhizophysa im Umkreis des Luttsackes oder vielmehr
seines äussern Mesenteriumartigen Ueberzuges vorkommen, habe ich
bei keiner meiner Physophoridcn eine Spur gefunden.
316 Leuckart:
(S. 28) und G e g e n b a 11 r (S. 38) in übereinstimmender Weise
schon früher hervorgehoben wurde. Uebrigens fand ich sonst
die Bildung dieses Höhlensystemes genau von der Form, wie
es Eschscholtz beschrieben hat , auch die kleine röhren-
oder zapfenartige Aussackung, die dem erweiterten Ende des
Canals aufsitzt und gegen die innere ausgehöhlte Fläche des
Deckstückes gerichtet ist (Tab. XII. Fig. 8). Die Entwicke-
lung der Deckslücke ist sehr einfach und leicht zu beobach-
ten, weil man zwischen den ausgebildeten Deckstücken (von
5—6"') beständig eine grössere Anzahl von jungen Knospen
antrifft (Fig. 9).
Die Polypen, die Eschs c holtz für Flüssigkeitsbehäl-
ter gehalten hat , haben eine sehr ansehnliche Grösse und
messen auch im contrahirten Zustande noch reichlich einen
halben Zoll. Die einzelnen Abschnitte , die sie zusammen-
setzen, sind nur wenig verschieden, namentlich die beiden
letzteren, indem der Rüssel kaum mehr ist, als das muskulös
verdickte vordere Ende des Magensackes. Der Basallheil
erscheint klein, aber mit den gewöhnlichen charakteristischen
Zellen im Innern. Wie Gegenbaur, zählte ich meist sechs
vorspringende Leberwülste, nur beobachtete ich ferner noch,
dass ein jeder dieser Wülste durch eine Längsrinne, die auf
ihm hinläuft , in einen Doppelwulst verwandelt ist und im
Grunde des Magens zu einer ganz ansehnlichen ovalen oder
keulenförmigen Masse anschwillt. Die sechs Anschwellungen
zusammen zeigen ein ganz zierliches rosettenartiges Ausse-
hen. Die „hellen Zellen" im Innern der Wülste, die nament-
lich in der eben erwähnten Anschwellung vorkommen, schei-
nen mir keine Zellen, sondern Vacuolen zu sein, wie ich
sie auch bei andern Physophoriden in den Leberwülsten auf-
gefunden zu haben glaube. Die Bildung und Entwickelung
der Fangorgane habe ich schon früher (Z. U. S. 19 und 24)
beschrieben; die Angaben von Gegenbaur sind nur in so-
fern abgewichen, als derselbe (S. 40) bemerkt, dass der ei-
gentliche dünne Fangfaden nicht an der Spitze seines (zu-
erst gebildeten) Basalstückes , sondern an der Wurzel des-
selben hervorkomme. Trotz dieser abweichenden Angabe
muss ich übrigens bei meiner früheren Darstellung verharren
(Tab. XII. Fig. 11); ich möchte fast vermuthen, dass Gegen-
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 317
baur einen jungen Polypen oder Taster mit erster Anlage
des Fangfadens (Basalslück) für einen isolirten und hervor-
knospenden Fangapparat (Basalslück und Nesselfaden) gehal-
ten hat. Im ausgestreckten Zustande misst der Faden viele
Zolle, doch kann sich derselbe nicht bloss sehr beträchtlich
verkürzen, sondern auch zugleich spiralig aufrollen. Die
Nesselzellen, die eine kurze und gedrungene, fast runde Ge-
stalt haben (Vso'")? Hegen in diesem Zustande ausschliesslich
in der äussern convexen Wand des Fadens eingeschlossen;
sie zeigen eine nur einseitige Gruppirung, wie die Angelor-
gane der Nesselknöpfe, und eine paarweise Aufreihung. Im
Innern des Kanales , der durch den Fangapparat hindurch
läuft, gelang es eine deutliche Flimmerbewegung zu beob-
achten.
Die Taster, welche bei Apolemia in einer fast unerhör-
ten Anzahl vorkommen und, wie die Arme den Leib einer
Actinia, die Polypenleiber umgeben, haben eine ausserordent-
lich schlanke und wurmförmige Gestalt, zeigen aber nichts
desto weniger in den allgemeinen Verhältnissen ihres Baues
mit den Polypenleibern eine so auffallende Uebereinstimmung,
dass man schon dadurch auf das Vollkommenste von der mor-
phologischen Identität dieser beiderlei Anhänge überzeugt wird.
Auch bei den Tastern unterscheidet man auf das Deutlichste
(Fig. 10) ein Basalstück, einen mittlem erweiterten Abschnitt
und einen conisch zugespitzten Rüssel; auch bei ihnen findet
man neben der Anheltungsstelle einen Fangfaden , der mit
dem des Polypen — bis auf eine etwas geringere Länge —
vollständig übereinstimmt. (Nur an den Tastern der Schwimm-
säule '3, die büschelweise, zu 3 oder 4 zwischen den ein-
zelnen Glocken stehen und im ausgestreckten Zustande weit
über dieselben hervorragen, habe ich keine Fangfäden auf-
gefunden.) Allerdings zeigt das Basalstück des Tasters eine
sehr viel beträchtlichere Länge, als das der Polypen; aller-
dings ist der mittlere Abschnitt schlanker und kürzer, der
Rüssel auch ohne Mundöffnung, allein nichtsdestoweniger kann
1) Die Anwesenheit dieser Organe ist durch die übereinstim-
menden Untersuchungen von Köllilc er, mir und Gegen baur aus-
ser Zweifel gestellt. Nur Herr Vogt hat dieselben übersehen.
318 Leuckart:
Über die hervorgehobene Analogie kein Zweifel sein. In
dem mittleren Abschnitte, der dem Magen der Polypen ent-
spricht, findet man sogar die Andeutungen der Leberwülsle,
sechs schmale Streifen von zelligem Baue, die in das Innere
des betreffenden Abschnittes vorspringen. Die functionelle
Bedeutung der Taster ist freilich von der der Polypen be-
trächtlich verschieden; das kann unser Urtheil über die mor-
phologische Natur derselben aber natürlich nicht im Gering-
sten beeinträchtigen. In morphologischer Beziehung erschei-
nen die Taster als unvollständig entwickelte Polypen, wie ich
schon früher behauptete, und auch Hr. Vogt in seiner neue-
sten Abhandlung mehrfach hervorhebt '). Ich brauche kaum
hinzuzufügen, dass die Entwickelungsgeschichte diese Ansicht
bestätigt. Taster und Polypen entstehen auf ganz dieselbe Weise
(wie die Polypen der übrigen Siphonophoren) und lassen sich
erst in den letzten Stadien der Entwickelung von einander
unterscheiden.
Unter den Tastern der einzelnen Büschel fand ich (Zool.
Unters. S. 17) ziemlich constant ein Paar Anhänge, die sich
durch eine bräunliche Pigmentirung und einen dichten Ue-
berzug von Nesselkapseln, (wie sie Gegenbaur S. 39 be-
schrieben hat) vor den übrigen auszeichneten. Gegenbaur
hat diese eigenlhümliche Bildung, wie es scheint, übersehen.
Er erwähnt allerdings, dass die Spitzen der Taster sehr all-
gemein mit dichtstehenden Nesselzellen bedeckt sei , wie ich
ebenfalls beobachtete; in den hervorgehobenen Fällen erstreckte
sich dieser Ueberzug aber über die ganze äussere Oberfläche
des Tasters. Bei Apolemia findet man die Nesselzellen über-
haupt an den verschiedensten Anhängen in Menge verbrei-
tet, viel häufiger und conslanter , als das wohl bei anderen
Siphonophoren der Fall ist. So bestehen namentlich die
weisslichen Warzen, die an der äussern Fläche der Schwimm-
glocken und der Deckstücke (Fig. 8) schon von Esch-
scholtz beobachtet wurden, und die, nach Herrn Vogt
(p.84) „mineralische Concretionen" enthalten sollten, nach den
übereinstimmenden Beobachtungen von Gegenbaur (8.39}
1) Früher glaubte Herr Vogt sogar, dass die Taster der Phy-
sophoriden überhaupt nur junge und unausgewachsene Polypen seien.
Zur nähern Kenntniss der Siphon ophoren von Nizza. 319
und mir (S. 12 und 29) aus Zusammenhäufungen derartiger
Nesselzellen.
lieber die Geschlechtsverhältnisse unserer Apolemia
herrscht immer noch einiges Dunkel^, obgleich dieselbe nach
allem Vermuthen im Wesentlichen gewiss ebenso sind, wie
bei den übrigen Physophoriden. Bei meinem Exemplare habe
ich, wie Gegenbaur und die übrigen Beobachter ohne
Ausnahme, vergeblich nach ausgebildeten Geschlechtsanhän-
gen gesucht. Dagegen bin ich so glücklich gewesen, an
mehrern isolirt aufgefischten Anhangsgruppen unseres Thie-
res ganz unverkennbare und auch ausgebildete weibliche An-
hänge aufzufinden. Wie ich schon früher (S. 37) beschrie-
ben habe, sind diese Anhänge in Träubchen zusammengrup-
pirt und zwischen den Tastern zerstreut, zumTheil, sogar an
der Basis besonderer unentwickelter Taster angebracht (Tab.
XII. Fig. 11). Ich beobachtete wenigstens mehrfach, dass
die Geschlechtstraube beim Zerreissen der Tasterbüschel an
der Wurzel eines kleinen, noch bläschenförmigen Tasters (mit
unentwickeltem Fangapparate) anhing. Eine jede Traube
besteht aus einem ziemlich langen , in der Regel aber nur
wenig verästelten Hauptstamme, an dem die einzelnen An-
hänge, wie gestielte Beeren, in der ganzen Länge ansitzen.
Stamm und Stiel zeigen einige Contractilität und ein zelliges
Gefüge. Was die Anhänge selbst betrifft , so sind diese in
allen Entwickelungsstufen neben einander angebracht. Im
ausgebildeten Zustande haben sie (etwa Yö'") eine deutlich
glockenförmige Gestalt, wie gewöhnlich aber einen dicht
anliegenden Mantel. Das vordere Ende dieses Mantels ist
abgeplattet und mit einer OefPnung versehen^ deren Rand
in einige kleine und warzenartige Höcker sich auszieht. Die
äussere Oberfläche ist mit einem Flimmerüberzuge bekleidet,
dessen Elemente im Umkreis der Mantelöffnung zu einer
nicht unbeträchtlichen Grösse heranwachsen. Der Gefäss-
apparat des Mantels war beständig von einer rudimentären
Entwickelung und namentlich ohne Ringgefäss, Die Radial-
gefässe kurz, wenn auch in einem verschiedenen Grade, so
dass vielleicht das eine bis zu der Mantelöffnung herabreichte,
während die andern schon in der Mitte des Mantels aufhör-
ten oder wohl (theilweise wenigstens) gänzlich fehlten. Eine
320 Leuckart:
eigentliche Cenlralhöhle lässt sich im Stempel nicht mehr un-
terscheiden; der Kern des Mantels besteht, wie bei allen
Physophoriden , aus einem einzigen Ei, das in der Kuppel
des glockenförmigen Mantels nach Art des Stempels befestigt
ist und den ganzen Innenraum ausfüllt. In Bezug auf die
Entvvickelung dieser Anhänge will ich hervorheben, dass sie
anfänglich ganz einfache und geschlossene Bläschen darstel-
len, die ein Divertikel des gemeinschaftlichen Höhlensystemes
im Innern einschliessen. Das Ei entsteht schon ausserordent-
lich frühe^ wenn der Anhang etwa y^ö"' "^isst und zwar am
untern freien Pole des Bläschens, wo sich die Substanz der
Wand schon früher etwas verdickt hat. Das Höhlensystem
wird durch die Bildung dieses Eies auf den ßasaltheil des
Anhanges beschränkt, und wächst von da dann zu den Sei-
ten des Eies in unregelmässige Verlängerungen aus. Die
Isolirung des Kernes von dem Mantel und die OefFnung des
letztern geschieht erst spät und die erstere beständig nur un-
vollkommen.
Gen. jigaima Eschsch. (Agalmopsis Sars).
Die Schwimmslücke sind cubisch, von oben nach unten
zusammengedrückt und mit zwei Paar Endfortsätzen verse-
hen , einem obern Paare und einem untern , von denen das
letztere eine sehr ansehnliche Grösse und eine keilförmige
Beschaffenheit besitzt Ausser den Gefässen des Schwimm-
sackes finden sich noch eigne Manlelgefässe mit einem bo-
genförmigen Verlauf. Die übrigen Anhänge zeigen eine
gleichmässige Verlheilung und stehen in einer fortlaufenden
Reihe unter einander. Zwischen den einzelnen Polypenlei-
bern finden sich etwa je 4 — 8 Taster auf verschiedenen Ent-
wicklungsstufen. Die Fangfäden der Polypen mit Nesselknö-
pfen, die eine verschiedene Form haben, bald nackt, bald
aber auch mit einer glockenförmigen Umhüllung versehen
sind. Der Stamm ist spiralig gewunden, wenn auch bei den
einzelnen Arten in verschiedenem Grade, und zwar der Art,
dass die Anhänge auf der äussern convexen Fläche der Win-
dungen aufsitzen. Im völlig ausgedehnten Zustande sind diese
Windungen nur wenig wahrnehmbar, während der Contraction
aber meist sehr auffallend; sie legen sich dann so dicht auf
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 321
einander, dass die Deckschilder der einzelnen Windungen
schindelförmig, wie die Schuppen eines Tannzapfens, über ein-
ander greifen und einen zusammenhängenden Kegel bilden,
in dessen Innenraum die übrigen Anhänge zurücligezogen
sind ')•
* Mit nackten, schraubenförmig gewundenen Nesselknö-
pfen und ziemlich gestrecktem Stamme (Agalmopsis Lt.).
Agalma rubrum ~) Vogt.
Die Nesselknöpfe von einer sehr ansehnlichen Grösse
(im aufgewundenen Zustande — mit sieben Umgängen —
reichlich l'") und hochrother Färbung. Die Schwimmstücke
breit und verhältnissmässig kurz^ mit unbedeutenden obern
Fortsätzen. Die untern Fortsätze sind abgestumpft. Deck-
stücke schuppenförmig, nach den Rändern zu verdünnt, aber
ohne Firste. Sie laufen am Ende in eine scharfe Spitze aus,
neben welcher rechts und links meist noch eine kleinere
zahnförmige Spitze vorspringt.
Eine schöne grosse, von Herrn Vogt entdeckte und
(Tab. VII) abgebildete Art ^}, die Kölliker auch bei Mes-
sina gefunden und als Agalmopsis punctata (S. 15. Tab. IV)
beschrieben hat. Sie scheint im Mittelmeere eben nicht sehr
1) Eschscholtz (Akaleph. S. 150) glaubte daher auch, dass
die Schuppen zu einer festen Röhre in einander gefügt seien, die
nur aus ihrem untern Ende die Anhänge hervortreten Hesse. Er
suchte darin sogar den Unterschied seines Gen. Agalma von Stepha-
nomia Per. , deren erster , nur bruchstückweise bekannt gew^ordener
Repräsentant (St. amphitritis) wahrscheinlich gleichfalls ein Agalma
Eschsch. ist. (Die Gattung Agalmopsis Sars , deren Charakter sich
nur auf eine richtigere Deutung der Structurverhältnisse bezieht, muss
daher, wenigstens im Sinne von Sars, eingehen, wie Herr Vogt ge-
wiss mit' Recht hervorgehoben hat.)
2) Das Wort dyd\ua ist ein Neutrum — ich habe es desshalb
hier auch als solches gebraucht.
3) Möglicher Weise gehört hieher freilich, wie Herr Vogt
hervorhebt, die von Quoy undGaimard im Mittelmeere ganz ver-
stümmelt aufgefundene Stephanomia cirrosa , die wenigstens mit ro-
then und schraubenförmigen Nesselknöpfen versehen ist, wie un-
ser Agalma (aber auch wie die Arten des Gen. Forskalia).
Archiv f. Naturgesch. XX. Jahrg. 1. Bd. 21
&^ Leuckart:
selten zu sein, wenigstens Winters, wo sie von Herrn Vogt
bisweilen in ganzen Schaaren angetroffen wurde. Ich selbst
beobachtete nur einige wenige Exemplare und auch diese nur
in der ersten Zeit meines Aufenthaltes (Anfangs April). Das
grosseste Exemplar, das ich antraf, trug dreizehn Paare aus-
gebildeter Schwimniglocken und maass im ausgestreckten Zu-
stande reichlich IV2', während Herr Vogt Exemplare von
drei Fuss und darüber beobachtete , die eine Schwimmsäule
von dreissig Paar Glocken trugen.
Die Schwimmglocken (Tab. XIl. Fig. 12, 13), die, wie
bei allen Agalmaarten, etwas nach unten zu geneigt auf der
Achse der Schwimmsäule aufsitzen, messen, bei einer Breite
von etwa 5 Linien, 4V2 Linien in der Länge. Auf die gros-
sen und abgestumpften untern Fortsätze kommen davon reich-
lich l'^'"» während die obern Fortsätze nur ein Paar kleine
und höckerförmige Erhebungen darstellen, die bei einer Pro-
filansicht (Fig. 13) kaum einmal über dieContouren der untern
Fortsätze vorspringen. Der Ausschnitt, der in der Mitte zwi-
schen den Fortsätzen beider Paare herabläuft und namentlich
zwischen den mittlem Fortsätzen eine ziemlich ansehnliche
Breite hat, dient zur Aufnahme der Schwimmsäulenachse, so
dass die Fortsätze rechts und links dieselbe überragen. Na-
türlich gilt dieses vorzugsweise für die längern untern Fort-
sätze, die sich überhaupt nur zum Zwecke einer innigem Ver-
bindung entwickelt zeigen und keilförmig zwischen die bei-
den gegenüberliegenden Schwimmglocken hineinsenken, wo-
bei dann zugleich die obern Fortsätze der untern Schwimm-
glocke von ihnen umfasst werden. So weit diese keilförmi-
gen Fortsätze reichen, ist die obere Fläche der Schwinim-
glocke im Umkreis der hier angebrachten höckerförmigen
Erhebungen mit einer weiten und muldenförmigen Verliefung
versehen.
Der Gefässapparat unserer Schwimmglocken zeigt eine
sehr vollständige Entwickelung, Mantelgefässe und Schwimm-
sackgefässe. Die ersleren, die sowohl von Kölliker, als
auch von Herrn Vogt übersehen sind, verlaufen (Fig. 13)
in der Medianebene der Schwimraglocke bogenförmig nach
oben und unten, wie wir es schon bei Hippopodius und Praya
gefunden haben. Sie entspringen aus dem Centralkanale so-
Zur nähern Kennlniss der Siphonophoren von Nizza. 323
gleich nach dem Eintritte desselben in den Mantel und sind
oben, wie unten, in ganz übereinstimmender Weise entwickelt.
Die Schwimmsackgefässe (Ibid.) bestehen aus den gewöhn-
lichen Radialgefässen und einem Ringgefässe, die ich auch
im ausgebildeten Zustande ganz deutlich unterscheiden konnte.
Die beiden seitlichen Radialgefässe bilden, wie bei Apolemia,
eine schön geschwungene Doppelschlinge mit einem abstei-
genden und einem (grössern) aufsteigenden Bogen. Herr
Vogt, der, wie KöUiker, nur die beiden Mediangefässe
des Schwimmsackes gesehen hat, beschreibt ausser dem vor-
dem Ringgefässe noch ein zweites ähnliches Gefäss (un autre
canal presque circulaire, p. 65), das etwa in der Mitte des
Schwimmsackes vorkommen soll. Ich glaube die Anwesen-
heit eines solchen Gefässes mit aller Entschiedenheit in Ab-
rede, stellen zu können und zweifle nicht daran , dass sich
Herr Vogt durch die Schlingen der Seitengefässe hat täu-
schen lassen.
Die Entwickelung der Schwimmglocken ist von mir (Z.
U. S.IO. Tab.I. Fig. 5— 7), Kölliker (S. 16) und Vogt
(p. 66) in einer wesentlich übereinstimmenden Weise beschrie-
ben worden, so dass ich hier darüber hinweggehen kann.
Sie ist ganz genau dieselbe, wie bei den andern Siphono-
phoren, auch bei den Diphyiden u. s. w. , lässt s\dh aber
sehr viel leichter und vollständiger beobachten, weil man
oberhalb der Schwimmsäule beständig eine grosse Menge von
jungen Knospen auf den verschiedensten Stufen der Entwicke-
lung neben einander antriff't (Fig. 14). Die Bildung der Fort-
sätze an den Schwimmglocken bezeichnet die letzte Entwicke-
lungsstufe; bis dahin haben die Schwimmstücke eine einfache
glockenförmige Gestalt und einen Mantel, der auch an der
hintern Fläche eine nur unbedeutende Dicke zeigt. Die Man-
telgefässe fehlen noch zu dieser Zeit; sie bilden sich erst
später mit den Fortsätzen und zwar durch Ausstülpung aus
dem Stielgefässe , das schon ziemlich frühe seine bleibende
Länge hat. Die jungen Schwimmglocken zeigen daher auch
vor der Entwickelung ihrer Fortsätze einen langen Stiel, der
erst später durch Aufwulstung des Mantels verloren geht.
Die Achse der Schwimmsäule ist, wie bei allen Physo-
phoriden mit Schwimmstücken, sehr viel zartwandiger und
324 Leuckart:
dünner als der übrige Stamm, obgleich sie nicht eine beson-
dere Bildung, sondern nur den vordem Abschnitt dieses
Stammes darstellt und auch histologisch damit vollkommen
übereinstimmt. Bei den von mir beobachteten Exemplaren
war der Luftsack, der in das Ende dieser Achse eingelagert
ist und eine massige Grösse hat, ohne Pigmenlfleck, wie bei
Apolemia. Herr Vogt will allerdings einen rothen Fleck
auf dem Scheitel beobachtet haben, allein Herr Vogt hat
mit seinem Agalma rubrum noch eine zweite Form zusammen-
geworfen, die ganz bestimmt von demselben verschieden ist
und mit einem constanten Pigmentflecke angetroffen wird.
Ich weiss nicht, ob Herr Vogt etwa den Pigmenlfleck dieser
Art auf das echte A. rubrum übertragen hat ( er bildet auf
Tab. Vll ein unzweifelhaftes A. rubrum mit Pigmentfleck ab),
oder ob auch letzteres wirklich dann und wann mit einem
Pigmentflecke behaftet ist.
In Bezug auf die Polypen (Fig. 18) will ich bloss be-
merken, dass sie eine sehr ansehnliche Grösse besitzen und
in ziemlich gleichmässigen Entfernungen (von etwa 1") hin-
ter einander angebracht sind. Die Leberwülste, die weit in
das Innere hinein vorspringen, sah ich, wie Herr Vogt, von
einer röthlichen Färbung. Der Basaltheil der Polypen (der
an den unvollständig entwickelten vordem Polypen mehr als
die Hälfte der ganzen Länge ausmacht, während er später
hinter dem eigentlichen Magen sehr weit zurückbleibt), sitzt
mit seinem Fangfaden beständig auf einer kurzen cylindri-
schen Ausstülpung des Stammes , wie ich es in meinen Un-
tersuchungen (Z. U. Tab. 1. Fig. 1 1) abgebildet habe. Die
Zahl der ausgebildeten Nesselknöpfe ist nicht sehr beträcht-
lich; ich zählte seilen an einem Fangfaden mehr als 4 — 6
Stück, die bei zurückgezogenem Fangfaden gewöhnlich iso-
lirt hervorgestreckt werden und ein Spiel beginnen , wie es
Herr Vogt so treff'end beschrieben hat. Kölliker scheint
den eigentlichen Fangfaden (Fig. 15) vollständig übersehen
zu haben; er beschreibt die Nesselknöpfe mit ihrem Stiele
und Endfaden als „Fangfäden," die in mehrfacher Anzahl
an der Basis der Polypen befestigt seien, obgleich er doch
sonst mit diesem Namen nur den fadenförmigen Stamm be-
zeichnet, an dem die Nesselknöpfe hinter einander aufge-«
Zur nähern Kenntniss der SJphonophoren von Nizza. 325
reihet sind. Die Spiralwindungen des Nesselstranges können
sich übrigens leicht von einander entfernen; der Strang streckt
sich dann um ein beträchtliches (bis 4"')5 aber nur um spä-
terhin seine Umläufe wieder zu nähern.
Im Wesentlichen ist die Bildung dieses Apparates übri-
gens ganz dieselbe, wie bei den Calycophoren; der eigent-
liche Nesselstrang ist eine Batterie von Nesselzellen, die ex-
centrisch in die Wand des Fadens eingelagert sind. Die
grössere Anzahl dieser Nesselzellen steht senkrecht; sie ha-
ben dieselbe säbelförmige Bildung, wie bei Abyla u. s. w.,
sind aber im Ganzen grösser und springen an ihrem äussern
stumpfen Ende mit Hülfe eines vollständigen Deckels auf '),
wie schon von Herrn Vogt ganz richtig (p. 72) bemerkt isJ.
Auch die ansehnlichen bohnenförmigen Angelorgane, die
sich rechts und links in einfacher Reihe, wie eine Perlschnur,
an dem Nesselslrang (wenigstens der obern Hälfte dessel-
ben) hinziehen, sind mit einem solchen Deckelapparate ver-
sehen. Die Zahl der Angelorgane, die den Nesselstrang
zusammensetzen, ist übrigens, wie bei allen Physophoriden,
ausserordentlich gross. Die Querreihen darf man auf wenig-
stens 6 — 700 schätzen, und eine jede derselbe enthält
etwa 30 Angelorgane. Die äussere Bedeckung des Nesselstran-
ges, aus der die Köpfe dieser Angelorgane hervorragen, zeigt
eine derbe Beschaffenheit, namentlich im Umkreis der regel-
mässig, in einem dichten Quincunx, angeordneten Oeffnun-
gen, so dass sie einen sehr zierlichen Anblick gewährt.
An der convexen Fläche des Nesselstranges verlaufen
zwei breite paarig angeordnete Bänder von sehr eigenthüm-
licher BeschalTenheit. Sie sind platt und fest, von ausseror-
dentlicher Elaslicität und scheinen auf den ersten Blick, na-
mentlich bei Untersuchung frischer Objecte, mit zahlreichen
stäbchenförmigen Einlagerungen im Innern versehen zu lein.
Eigentlich stellt übrigens ein jedes dieser beiden Bänder für
sich wiederum ein Doppelband dar ; es trägt in seiner Mitte
1) Das Hervortreten des Nesselfadens ist überhaupt bei allen
Angelorganen von einem Aufspringen der äussern festen Hülle be-
gleitet und zwar dicht neben derjenigen Stelle, an welcher der Fa-
den dieser Hülle anhöngt.
326 Leuckart:
eine tiefe Längsrinne und läuft auch am obern Ende in
zwei Zipfel aus, während es am entgegengesetzten Ende mit
dem Bande der andern Seite sich schlingförmig vereinigt.
Die Einlagerungen wiederholen sich in einer jeden Hälfte;
ich habe sie früher als feste Stäbchen beschrieben (Z. U.
S. 23) , die den Angelorganen verwandt seien '), muss diese
Deutung aber heute, nach wiederholten sorgfältigen Unter-
suchungen, als eine irrthümliche bezeichnen, obgleich ich in-
zwischen gesehen habe, dass Herr Vogt (p. 74) derselben
Ansicht ist. Die scheinbaren Stäbchen glaube ich jetzt mit
Recht als die Segmente einiger zickzackförmig gefalteten hel-
len Muskelfasern in Anspruch nehmen zu dürfen. Der be-
treffende Apparat schliesst sich auf solche Weise an die ge-
falteten Muskelbänder an, die auch sonst gewöhnlich an den
Nesselknöpfen vorkommen; der einzige Unterschied besteht
darin, dass die Muskelfasern hier bei unserm Agalma nicht
frei zu Tage liegen, sondern von einer ausserordentlich der-
ben und elastischen Scheide umhüllt sind. Bisweilen sieht
man in dieser Scheide eine zarte, aber deutliche Strichelung,
wie in den Chitinmembranen. Die Striche verlaufen in dia-
gonaler Richtung nach beiden Seiten, als wenn sie von zwei
verflochtenen Spiralsystemen feiner Fasern herrührten.
Herr Vogt beschreibt ausser diesen beiden elastisch-
muskulösen Bändern {le double cordon gris) noch ein drittes
strangförmiges Band von abweichender Bildung (cordon trans-
parent), das neben denselben herabliefe. Ich glaube mit Be-
stimmtheit behaupten zu dürfen, dass solch ein Band 2) nicht
existirt. Aus dem schlingenförmig vereinigten unterm Ende
der beiden Bänder nimmt allerdings ein kurzer und dicker
Muskelstrang seinen Ursprung, aber dieser liegt in der Ver-
längerung der vorhergehenden elastischen Muskelbänder und
1) Es finden sich überhaupt bei den Siphonophoren ausser den
echten Angelorganen nicht selten (namentlich in den Wandungen der
Fangfäden und den Stielen der Nesselknöpfe) kleine feste , fast kern-
artige Körperchen, die nach ihrem Aussehen und auch nach ihrem
Verhalten gegen Reagentien den Angelorganen sehr nahe zu stehen
scheinen, obgleich sie nicht geradezu als derartige Gebilde betrach-
tet werden können.
2) Nach Herrn Vogt soll dieses unpaare Band gleichfalls mit
festen Einlagerungen versehen dein.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 327
ist überhaupt nichts Anderes, als die scheidenlose Forlsetzung
derselben ')• Auch das vordere Ende verlängert sich in un-
verkennbare nackte Muskelfasern, die sich allmählich den Mus-
kelfasern des Nesselknopfstieles beimischen und unter denselbe
sich verlieren. Beide Verlängerungen bestehen aus mehre-
ren zickzackförmig zusammengelegten glatten Fasern, die sich
jedoch leicht von einander abtrennen und aufwickeln, wie wir
es oben von dem einfachen, aber in der Regel viel stärkern,
quergestreiften Mulkelfaden der Diphyiden angemerkt haben
Neben den beiden elastischen Bändern findet man übri-
gens rechts und links noch einen feinen (gleichfalls gefalte-
ten) Muskelfaden , der aus dem untern Ende des unpaaren
Stranges hervorkommt und an den Seitenrändern der Nes-
selzellenbatterie emporsteigt. Auch dieser Seilenfaden lässt
sich mit äusserster Leichtigkeit abwickeln.
In solcher Weise ist nun der Nesselknopf unseres Agalma
mit einem ziemlich complicirten Muskelapparate ^} ausgestattet,
der nicht bloss die oben erwähnten Bewegungen ausführt,
auch nicht bloss dem ganzen Organe Halt und Festigkeit giebt,
sondern auch bei dem Gebrauche dieselben Vortheile ge-
währt, die wir schon oben bei den Diphyiden hervorzuheben
Gelegenheit fanden.
Neben den ausgebildeten Nesselknöpfen findet man übri-
gens an der Wurzel der Fangfäden, wie gewöhnlich, noch
eine zahlreiche Menge von jungen und unausgebildeten Knö-
pfen, deren Entwickelung von mir (Z. U. S. 24. Tab. I. Fig. 25)
und Herrn Vogt (p. 73) in ffanz übereinstimmender Weise
beobachtet worden. Ich will hier nur noch hinzufügen, dass
sich die Spiralwindung des Nesselslranges zunächst an dem
freien Ende desselben hervorbildet und von da erst allmäh-
lich nach dem Stiele hin fortschreitet.
Der Endfaden der Nesselorgane trägt kleine bohnen-
förmige Angelorgane.
Was die Taster betrifft, so sind diese gleichfalls, wie
1) Nichts destoweniger glauhe ich übrigens, dass der „cordon
gris" des Herrn Vogt mit diesen Gebilden identisch ist.
2) Die Muskelfasern, die Kölliker (Tab. IV. Fig. 7) in der
Nesselknöpfen unseres Agalma erwähnt, entsprechen den beiden ela-
stischen Böndern, deren eigenihüralche Bildung übersehen wurdcv
328 Leuckart!
die Polypen, auf einer slielförmigen kleinen Ausstülpung des
Körperstammes angebracht. Sie sind (Fig. 15) schlank und
ohne vorspringende Wülste, gleichen aber sonst den jungen
und unausgebildeten Polypen, namentlich auch in den Pro-
portionen der einzelnen Abschnitte , die sich hier gleichfalls
unterscheiden lassen. Die Fangfäden der Taster sind dünn
und ohne Nesselknöpfe , wohl aber mit zahlreichen kleinen
Angelorganen versehen. Herr Vogt beschreibt dieselben
als gegliedert (p. 74) , während sie mir ganz einfache cy-
lindrische Fädchen zu sein schienen, die nur im ausgestreck-
ten Zustande durch die in bestimmten Intervallen und paar-
weise eingelagerten Angelorgane von Zeit zu Zeit eine kleine
Anschwellung darboten.
Die Deckschilder (Tab. XII. Fig 16) sind schuppenför-
mig, etwa 8'" lang und 3 '72'" breit. Sie bestehen aus einer
vollkommen durchsichtigen Substanz , so dass sie sich im
Wasser nur schwer erkennen lassen, haben aber nichts de-
stoweniger eine ziemlich derbe Beschaffenheit. Ihre Mitte
ist etwas verdickt, ohne jedoch in Form einer Firste vorzu-
springen; die untere dem Stamme zugekehrte Fläche etwas
ausgehöhlt. Der Canal, der die Mitte durchsetzt, reicht bis
in das zugespitzte Ende , ist aber der untern Fläche etwas
mehr angenähert, als der obern. Die Seitenzähne sind mehr
oder minder entwickelt und fehlen in manchen Fällen gänz-
lich. Der mittlere Endfortsatz trägt fast ganz constant einige
Angelorgane. Die Entwickelung ist leicht zu verfolgen und
ganz genau dieselbe, wie ich sie früher bei Ag. punctatum
(A.Sarsii) dargestellt habe; sie geht übrigens nicht bloss, wie
Kölliker angiebt (S. 17), dicht unterhalb der Schwimmsäule
vor sich, sondern auch — wie die Entwickelung der Taster
— zwischen den bereits gebildeten Anhängen. Auch möchte
ich hier nochmals bemerken, dass die Deckstücke nicht etwa,
wie man nach Kölliker's Angaben für Ag. Sarsii (S. 15,
und seiner Zeichnung auf Tab. IV. Fig. 9) vermuthen könnte,
mit ihrem obern Ende an dem Körperstamme befestigt sind,
sondern (wie überhaupt die Deckschilder bei allen Siphono-
phoren) durch einen eigenen Stiel , der eine Strecke hinter
dem obern Ende an der Innenfläche hinantritt , wie ich das
in meinen Untersuchungen (S. 28) dargestellt habe. Das obere
Zur nähern Kennlnisa der Siphonophoren von Nizza. 329
Ende der Deckstücke ist frei und solide und namentlich bei
unserm Ag. rubrum von einer ganz ansehnlichen, fast keulen-
förmigen Entwickelung.
Die Geschlechtsanhänge unseres Agalma , die von mir
und Herrn Vogt beschrieben worden sind, bestehen (Fig. 15)
aus medusenartigen männlichen Glocken von ganz ansehnli-
cher Grösse (bis fast 3"'3 und traubenförmig zusammengrup-
pirten weiblichen Kapseln, die mit Hülfe eines gemeinschaftli-
chen Stieles, gleich den einzelnen männlichen Anhängen, an
dem Körperstamme zwischen den Tastern befestigt sind ').
Die männlichen Anhänge gleichen in allen wesentlichen Zü-
gen den Geschlechtsanhängen von Galeolaria, Abyla und an-
dern Calycophoren ; besitzen auch ganz den Gefässapparat
dieser Anhänge, obgleich Herr Vogt denselben vollkommen
übersehen zuhaben scheint. Freilich giebt Herr Vogt auch
an, dass das Sperma ^) in dem Innern Höhlenraume des slem-
pelförmigen Sackes enthalten sei, während es doch, wie ge-
wöhnlich, in die Wandungen desselben eingebettet ist, und der
innere Hohlraum dieses Sackes sich mit grossester Leichtig-
keit zur Anschauung bringen lässt. Sobald man den Kern
nur einem massigen Drucke aussetzt , sieht man sogar ganz
deutlich die Flimmerhaare, die auf der scharf begrenzten
Innenwand des Hohlraums aufsitzen. Die Gefässe des Man-
tels sind übrigens wirklich sehr dünn und zart , besonders
bei den ausgebildeten Glocken, aber doch unzweifelhaft vor-
handen und auf den frühern Entwickelungsstufen leicht nach-
zuweisen (Flg. 17). Ueberhaupt ist die Entwickelung dieser
1) Obgleich Herrn Vogt ganz richtig angiebt, dass die Ge-
schlechtsanhänge direct mit dem Körperstamme in Verbindung stän-
den, bezeichnet er doch die Taster als Geschlechtsthiere (individus
proliferes), deren Aufgabe darin bestehe, die Geschlechtsanhänge zu
bilden. Er will sich auch bei einem jungen Exemplare unseres Agalma
davon überzeugt haben, dass die Anhänge ursprünglich an den Tastern
entstehen. Dass ein solches Verhältniss bei gewissen Siphonophoren
vorl%pmnit, ist gewiss; dass unser A. rubrum aber zu diesen gehöre
ist ganz gewiss unrichtig. Ich habe die Entwickelung der Geschlechts-
anhänge sorgfältig verfolgt und niemals gesehn , dass dieselben mit
den Tastern im Zusammenhange stehen.
2) Der Schwanzfaden der Spermatozoen , den Herrn Vogt ver-
ver missle, habe ich ganz bestimmt beobachten können.
330 Leuckart:
männlichen Anhänge ganz dieselbe, wie bei den Calycopho-
ren , und (Fig. 18) keineswegs so einfach, wie Herr Vogt
behauptet, wenn er (p. 78) angiebt, dass das ursprüngliche
Bläschen sich in einen äussern und innern Sack trenne, von
denen der erstere an der Spitze sich offene , während der
andere sich mit Sperma anfülle *).
Uebrigens stehen die männlichen Anhänge, wenn sie
auch keine Trauben bilden , wie die weiblichen , doch nicht
ganz isolirt. Ich fand sie vielmehr beständig gruppenweise,
bis zu sechs und acht, neben einander, freilich meistens auf
verschiedenen Entwicklungsstufen. Der Insertionspunkt der
einzelnen Anhänge zieht sich während der Grössenzunahme
allmählich in einen ziemlich langen und contractilen Stiel aus
(Fig. 17).
Bei den weiblichen Knospen bildet sich an der Befe-
stigungsslelle gleichfalls allmählich eine stielförmige Aussak-
kung des Mantels, aber diese erreicht eine sehr viel beträcht-
lichere Grösse und trägt auch beständig eine grosse Menge
von Anhängen , die am Ende des Stieles zu einer kugligen
oder kopfarligen Masse zusammengruppirt sind. Die Wandun-
gen des Stieles zeigen deutliche Längsmuskelfasern und tra-
gen auf der äussern und auch auf der innern Fläche einen
Ciliarbesatz. Nach der Darstellung des Herrn Vogt (p. 76)
sollen die Flimmerhaare der innern Fläche in Form von Ring-
wülsten zusammengruppirl sein; ich glaube indessen, wie
früher , so auch heute noch behaupten zu dürfen , dass es
die innere Auskleidung des Stieles ist, die das eigenthüinliche
Aussehen dieses Innenraumes bedingt, und dass die Flim-
merhaare die ganze innere Fläche in gleichmässiger Weise
auskleiden (Fig. 20).
Auch darin kann ich Herrn Vogt nicht beistimmen, dass
die weiblichen Geschlechtsknospen geschlossene Bläschen seien;
ich habe an denselben vielmehr oftmals eine äussere Oeffnung
unterscheiden können, wie es bei Apolemia und auch nach
Kölliker bei Ag. Sarsii vorkommt. Ueberhaupt hallÖ' ich
dafür, dass die Form der weiblichen Anhänge, die KöUi-
1) Eben so unrichtig ist sonder Zweifel die gleichlautende Dar-
stellung von der Entwickelung der männlichen Geschlechtsanhänge bei
Fbysophora hydroslatica (p. 54).
Zur nähern Kenntnis» der Siphonophoren von Nizza. 331
k e r bei letzterer Art beschreibt, nicht bloss für Agalma, son-
dern überhaupt für alle Physophoriden die normale ist. Frei-
lich finden sich häufige Abweichungen, namentlich in dem
Verlaufe der Gefässe, wie ich es schon bei Apolemia ange-
geben habe und auch hier wiederholen muss. Sehr häufig
bei unserm Ag. rubrum ist namentlich eine unregelmässige
Verästelung und Netzbildung des Gefässapparates , wie sie
von Herrn Vogt und auch von mir bereits an einem andern
Orte (Z. U. S. 37. Tab. II. Fig. 19) dargestellt wurde. Frei-
lich ist dieses Verhalten nicht das einzige, wie man viel-
leicht nach der Darstellung des Herrn Vogt vermuthen könnte;
es kommen auch Geschlechtsanhänge mit regelmässigem Ver-
laufe (Fig. 19) und solche mit sehr verkümmerten Gefässen vor,
und zwar oftmals alle neben einander in derselben Traube.
**"* Mit eingehüllten Nesselknöpfen und starker Spiral-
windung des Stammes. Am Ende des Nesselstranges zwei
kurze Fäden ') mit einem Flüssigkeitsbehälter (Agalma Lt.}.
Agalma Sarsii Köll.
Die Nesselknöpfe mit einem glockenförmigen Mantel
und drei Umläufen , wenigstens im ausgebildeten Zustande,
während in der Jugend dafür kleine und nierenförmige
Nesselknöpfe ohne Mantel und Endfaden vorkommen. Die
Schwimmslücke ziemlich schlank , mit zugespitzten unteren
Fortsätzen. Deckschilder schuppenförmig mit einer mittlem
und zwei seitlichen firstenförmigen Erhebungen. Der Schei-
tel des Luftsackes trägt einen rothen Pigmentfleck.
Unter dem Namen Agalmopsis Sarsii hat Kölliker
(S. 10. Tab. V) eine Agalmaart beschrieben , in der ich die
von mir provisorisch als Ag. punctatum bezeichnete und unter
diesem Namen auch in meinen Untersuchungen aufgeführte
Physophoride wiedererkenne. Uebrigens vermulhet Kölli-
,ker, dass seine Art nicht eigentlich neu sei, sondern mit
der von Sars (Fauna litt. Norveg. I. S. 32) an der Norwe-
gischen Küste beobachteten und so trefflich beschriebenen
1) So sagt auch Eschscholtz von seinen Agalmaarten : „clava
apice bicuspidata« — eine Angabe, die Herr Vogt freilich (p. 61) für
eine irrthümliche bält, und auf den cont
Eschscholtz untersuchten Arten schiebt.
332 Leuckart:
Agalmopsis elegans zusammenfalle; eine Vermiithung", die
mir um so wahrscheinlicher ist, als ich durch die Untersu-
chung der Nesselknöpfe zu Resultaten gekommen bin, die mit
den Angaben von Sars über seine Ag. elegans vollkommen
ubereinsfimmen. Freilich ist es immerhin möglich, dass der-
artige Verhältnisse auch bei andern Agalmaarten obwalten,
allein einstweilen liegen hierüber noch keine weitern An-
gaben vor. Trotz dieser wahrscheinlichen Identität der Arten
habe ich übrigens den Kolli ke r'schen Namen beibehalten,
theils weil diese Identität nicht ausser allem Zweifel ist,
theils auch desshalb, weil Sars möglicherweise unter seiner
Ag. elegans mehrere verschiedene Arten zusammengefasst hat.
In der ersten Zeit meines Aufenthaltes in Nizza fand
ich unsere Art ganz ausserordentlich häufig, aber die Exem-
plare waren nur jung und klein (von iy2'"— 1%")) zum
Theil sogar noch ohne Schwimmglocken oder nur mit weni-
gen und kleinen Schwimmglocken versehen. Das von mir
beobachtete jüngste Exemplar, das eigentlich nur aus einem
einzigen Polypen mit Fangfaden und Luftblase bestand (aus-
serdem auch noch verschiedene unvollständig entwickelte Kno-
spen trug) habe ich in meinen zool. Untersuchungen S. 39.
Tab. II. Fig 23 beschrieben. Auch Herr Vogt hat solche
junge Exemplare aufgefunden '), dieselben aber theils (Tab. VI.
Fig. 24) als junge Physophoren beschrieben, theils auch (Tab.
X. Fig. 32 u. 35) als Jugendzustände dem Ag. rubrum ange-
reiht, obgleich man sich vergebens nach den Gründen einer
solchen Deutung umsieht '0-
Später habe ich nur selten und immer nur einzeln ein
Ag. Sarsii aufgefischt, namentlich noch in den letzten Tagen
meines Aufenthaltes ein Exemplar von etwa 4—5", das gros-
seste, welches mir zu Gesicht kam. Kölliker beobachtete
Exemplare von mehr als Fusslänge; nach den Angaben von
1) Vielleicht auch Gegenbaur, der wenigstens Tab. XVII.
Fig. 11 eine junge Physophoride abbildet, die leicht ein junges Ag.
Sarsii sein könnte.
2) Zu letzterm rechnet Herr Vogt die älteren Exemplare, die
bereits Deckstücke tragen, zu den erstem ein Exemplar ohne Deck-
stücke und Schwimmglocken, ganz auf derselben Untwickelungsslufe,
wie ich es (1. c. Tab. II. Fig. 23) abgebilde habe.
Zur nähern KenntnißS der Siphonophoren von Kizza. 333
Sars würde die Grösse unseres Thieres noch sehr viel be-
heträchllicher werden.
Die Schwimmsäule des eben erwähnten Exemplares be-
stand aus acht Paar ausgebildeten Glocken , von denen eine
jede 3'" lang und 2 V2'" breit war. Bei den kleinern Exempla-
ren waren diese Glocken von sehr viel geringerer Grösse ; bei
Exemplaren von r/2" (lab. Xlil. Fig. 1), die doch schon eine
förmliche Schwimmsäule mit drei bis vier Paar Glocken be-
sassen, 1 V2'" lang» 1'" breit. Der Zusammenhang der Glok-
ken (Tab. XII. Fig. 21) und die Form derselben (Fig. 22} ist
im Wesentlichen ganz wie bei Ag. rubrum, nur sind die Glok-
ken nicht bloss verhällnissmässig etwas schlanker, sondern
auch mit stärker entwickelten obern und mit zugespitzten un-
tern Fortsätzen versehen. Auch ist der Ausschnitt zwischen
den letztern, namentlich in der Tiele, weniger breit, die Con-
cavität der obern Fläche (zur Aufnahme der Keilfortsätze)
weniger auffallend. Was den Gefässverlauf betrifft , so keh-
ren ganz dieselben Verhältnisse wieder, wie bei A. rubrum.
Manlelgefässe und Schwimmsackgefässe zeigen eine vollkom-
men übereinstimmende Bildung, auch die zwei Seitengefässe,
die keineswegs, wie Kölliker vermuthet, bei der Entwick-
lung allmählich verloren gehen. Die Ursprungsstelle der
Schwimmsackgefässe ist (wie mir scheint, auffallender, als
bei Ag. rubrum) der untern Fläche zugekehrt. Die Entwick-
lung genau wie bei Ag. rubrum.
Das grosseste meiner Exemplare zeigte vier ausgebil-
dete Polypen mit zahlreichen JNesselknöpfen, und zwischen
je zwei Polyen 4—5 lange und wurmtörmige Taster. Jeder
Polyp und jeder Taster war (Fig. 23) — und eben so ver-
hält es sich sonder Zweifel bei Ag. rubrum — mit einem Deck-
schilde versehen, so dass also die Zahl dieser Anhänge im
Allgemeinen — hier und da findet sich auch einmal ein su-
pernumeräres Deckstück — mit der Zahl der Taster und Po-
lypen übereinstimmt '). Auch die kleinen und unausgebilde-
1) Der Insertionspunkt der Deckschilder liegt dicht oberhalb
der Polypen und Taster; die Deckschilder knospen mit den übrigen
Anhängen in derselben Längsreihe hervor , nicht an der entgegengc
setzten Fläche des Stammes, wie es Herr Vogt furAg. rubrum (p. Ö8)
334 Leuckart:
len Taster, die in den Zwischenräumen zwischen den andern
auf den verschiedensten Entwicklungsstufen angetroffen wer-
den, liessen befeils ein (freilich gleichfalls nur unvollständig
entwiclieltes) Decliblättchen neben sich erkennen. Geschlechts-
organe wurden nicht aufgefunden, doch geht aus der Dar-
stellung von Kölliker auch in dieser Hinsicht eine sehr
wesentliche Uebereinstimmung mit Ag. rubrum hervor. Auf-
fallend ist es mir übrigens, dass Kölliker die Anwesen-
heit eines accessorischen Fangfadens bei den Tastern in Ab-
rede stellt. Ich habe allerdings viele abgerissene Taster ohne
Fangfaden gesehen, auf der andern Seite mich aber auch
häufig (auch durch Untersuchung junger und unausgebildeter
Taster) ganz entschieden von der Anwesenheit derselben
überzeugen können. Die Bildung dieses Fadens ist genau
wie bei Ag. rubrum. Die Eigenthümlichkeiten unserer Art be-
schränken sich somit im Wesentlichen auf die Bildung der
Deckschilder und der Nesselknöpfe.
Die Deckschilder sind freilich schuppenförmig, wie bei
Ag. rubrum, aber nichts destoweniger leicht von denselben
zu unterscheiden, namentlich so lange sie noch klein sind
und ihre charakteristische Form besitzen. Sie messen im aus-
gewachsene» Zustande 5'" bei einer Breite von 4"', sind
also sehr viel breiter, als bei der vorigen Art, mitunter selbst
eben so breit, als lang. Dazu kommt noch, dass (Fig. 24)
ihre Seitenränder viel stärker herabgekrümmt sind, die Con-
cavität der untern, dem Stamme zugekehrten Fläche also be-
trächtlicher ist. Der hintere Rand trägt beständig drei Zähne,
einen grossen mittlem Zahn und zwei kleinere Seitenzähne,
die an der Uebergangsstelle in den Seitenrand entwickelt sind.
In der Mitte der äussern Fläche verläuft eine Längsfirste, die
bis zur Endspitze hinreicht, und neben dieser rechts und
links eine zweite und dritte, die von der Insertionsstelle des
Stieles ihren Ursprung nimmt und in geschwungenem Ver-
laufe zu den beiden Seitenspitzen hinführt. Die Fläche, die
behauptet Die Angabe von Kölliker (S, 15), dass die Deckschilder
„in vielen unregelmässigen Querreihen zu 5 bis 6 um den Stamm
herumsitzen" beruht wohl eben so wenig auf einer richtigen Beob-
achtung.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 335
ausserhalb dieser beiden Seitenfirsten liegt , ist ziemlich ab-
schüssig; sie bildet gewissermaassen (Fig. 25) eine dachför-
mig abfallende Seitenfläche, während der von ihnen begrenzte
miniere Theil (abgesehen natürlich von den Erhebungen der
Firsten) ziemlich flach und eben ist. Die Firsten und Rän-
der unserer Schuppen sind im jüngeren Zustande mitunter ge-
zähnelt, noch constanter aber mit zahlreichen kleinen ('/soo'")
runden Körperchen versehen, die nach ihrem optischen Ver-
halten an Angelorgane erinnern , aber keinen Faden im In-
nern einschliessen. Noch früher triff't man auf dem mittlem
Zahnforlsatze nicht selten (wie bei der vorigen Art auch
auf den ausgebildeten Deckstücken) einige grössere Angel-
organe (Fig. 2c5).
Der Bau der Nesselknöpfe ist von mir und Kölliker
bereils an einem andern Orte (Z. U. Tab. I. Fig. 19) darge-
stellt. Er stimmt genau mit den Angaben von Sars über
die zweite von ihm beobachtete Form dieser Apparate überein
und entfernt sich in sehr auff'allender Weise von der bei Ag,
rubrum vorkommenden Bildung. Die Verschiedenheit zwi-
schen beiden erstreckt sich sogar bis auf die Angelorgane,
wenigstens die grössern, die hier, gleich den kleinern dicht
stehenden Angelorganen des Nesselstrauges, eine säbelförmige
Gestalt haben und eine sehr colossale Grösse C/iiv'") be-
sitzen. Auch beschränkt sich das Vorkommen dieser Gebilde
nur auf die erste Windung des Stranges, an der sie (ober-
halb der kleinern Angelorganej eine Reihe von etwa 20 senk-
rechten Parallelstäbchen zusammensetzen. Die Kapsel der
Angelorgane springt an dem dünnern nach unten gerichteten
Ende auf, wo sich schon im unverletzten Zustande ein Deckel
unterscheiden lässt. Der Angelfaden, dessen Windungen man
deutlicher, als sonst gewöhnlich durch die Kapsel hindurch-
schimmern sieht, trägt zahlreiche Widerhaken. An der äus-
sern Fläche des Nesselstranges beobachtete ich ein Flimmer-
kleid, wie es v/olil überall hier vorkommt.- Auf der glocken-
förmigen Kapsel habe ich es dagegen mit Kölliker verge-
bens gesucht. Was die Muskulatur des Nesselstranges be-
triff't, so stellt sich in sofern eine Uebereinstimmung mit Ag.
rubrum heraus, als sich auch bei Ag. Sarsii ganz deutlich die
beiden elastischen Bänder wiederfinden, die wir oben be-
336 Leuckart:
schrieben haben. Es sind dieselben „wasserhellen Bänder«, deren
scheinbare Einlagerungen Sars als „Knorpelringe" beschrieben
hat. Ueber die wahre Natur dieser Bänder kann hier übrigens
nicht der geringste Zweifel mehr obwalten; sie sind zickzack-
fönnig gefaltete Muskelstränge, die von einer festen, ganz
durchsichtigen und platten Scheide umhüllt werden ^).
So eigenthümlich auch die Form dieser Nesselknöpfe ist,
so übereinstimmend ist die Entwickelung derselben mit dem
Schema, das wir auch bei Ag. rubrum gefunden haben. Der
einzige Unterschied besteht, wie ich schon in meinen Zool.
Unters. S. 24 angegeben habe, darin, dass der Endfaden
gleich nach seiner Bildung durch Längsspaltung in zwei ne-
ben einander liegende Zipfel zerfällt, zwischen denen dann
das contractile Bläschen hervorkommt (Fig. 26). Die glok-
kenförmige Umhüllung bildet sich erst später, während der
Nesselstrang sich aufrolll, und zwar durch Aufwulstung und
Faltenbildung in der Scheide des Nesselknopfes, dicht über
.dem Nesselstrange (Fig. 27).
Nach der Beschreibung von Sars sollen bei Agalmo-
psis elegans dreierlei Formen von Nesselknöpfen vorkommen.
Kölliker beschreibt dagegen bei seiner Ag. Sarsii nur eine
einzige Form, dieselbe, die wir so eben noch mit einigen
Worten hier berücksichtigt haben. Auch das von mir be-
obachtete ziemlich ausgewachsene Exemplar zeigte eine
solche Uniformität in der Gestaltung der Nesselknöpfe, aber
bei kleinern und unausgewachsenen fand ich ausserdem noch
ziemlich constant eine zweite Nesselknopfform ohne Kapsel
und Endfaden (Z. U. Tab. 1. Fig. 20)^, ganz wie sie Sars von
seiner Ag. elegans beschrieben hat ^). Bei den kleinsten
Exemplaren waren diese Nesselknöpfe (und eben so verhalten
1) Kölliker beschreibt diese Bänder auch ganz einfach als
„Muskelbänder", wie bei den übrigen Siphonophoren ; die Anwesenheit
einer eigenen Scheide, die diese Muskelbändern bei Agalma so auf-
fallend auszeichnet, ist von demselben übersehen.
2) Die dritte Form, die Sars beschreibt, unterscheidet sich
von der erstem nur durch die Einfachheit des Enrifadens und die Ab-
wesenheit der contractilen Blase. Ich habe sie bei unserm Ag. Sarsii
niemals beobachtet.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 337
sich auch die von Herrn Vogt abgebildeten Exemplare) aus-
schliesslich vorhanden; bei solchen, die etwas grösser wa-
ren , fanden sie sich nur an der Basis der obersten , also
jüngsten Polypen (Tab. XIII. Fig. 1). Ich möchte aus diesen
Erfahrungen beinahe erschliessen, dass die Fangfäden nach
ihrer ersten Bildimg überhaupt nur solche kleinere und ein-
fachere Nesselknöpfe produciren und denselben erst später
jene grösseren und vollkommneren Apparate folgen lassen.
Freilich ist es mir nicht gelungen, beiderlei Formen an dem-
selben Fangfaden aufzufinden (wie esGegenbaur bei Rhi-
zophysa darstellt) , allein ich will auch offen gestehen , dass
ich erst später auf die Wahrscheinlichkeit einer solchen pro-
visorischen Natur der kleinern Nesselknöpfe aufmerksam ge-
worden bin.
Diese kleinern Nesselknöpfe zeigen eine auffallende Aehn-
lichkeit mit den Nesselknöpfen der Calycophoren , obgleich
sie ohne Endfaden sind. Sie haben dieselbe Gestalt, dieselbe
Anordnung der Nesselzellen, dieselbe Bildung des muskulösen
Angelbandes. Nur sind die grossen Nesselkapseln, die seil-
lich neben dem Canale des Nesselstranges gelegen sind, von
einer mehr bauchigen Form C'/öo'") ""d die kleinern, senk-
recht dem eben erwähnten Canale aufsitzenden Zellen am
untern Ende des Bogens zu einer ganz ansehnlichen kopfar-
tigen Masse zusammengehäuft. Das äusserste Ende der Nes-
selknöpfe zeigt in der Regel eine Anzahl kurzer und steifer
borstenartiger Haare, von denen ich unentschieden lassen
will, ob sie als hervorgeschnellte Nesselfäden oder als blosse
Verlängerungen der äussern Bedeckungen ^) zu betrachten
^ein möchten.
Agalma clavatum nov. sp.
Mit dicken , keulenförmigen Deckstücken und kappen-
artig entwickeltem Mantel an den Nesselknöpfen ^ die nur in
1) Diese äussern Bedeckungen stehen gewöhnlich etwas weiter
von dem Nesselstrange ab, als bei den Diphyiden, lassen abernichts-
destoweniger keinen Zwischraum zwischen beiden erkennen, so dass
man sie wohl kaum mit der Kapsel der ausgebildeten Wessclorgane
vergleichen kann, wie ich das früher, in meinen zoolog. Untersu-
chungen S. 24. gethan habe.
Archiv f. Naturgesch. XX, Jahrg. 1. Bd. 22
338 Leuckart:
ihrer obern Hälfte und auch hier nicht einmal constant eine
Spiralwindung erkennen lassen.
Eine kleine, kaum mehr als zolllange Art, die in ih-
rer äussern Bildung eine grosse Aehnlichkeit mit den un-
ausgewachsenen Exemplaren von Ag. Sarsii hat und auch
lange Zeit von mir damit verwechselt wurde, bis ich auf die
Constanten Eigenthümlichkeiten in der Gestaltung der Deck-
stücke und der Nesselknöpfe aufmerksam wurde. Die Ge-
schlechtsanhänge, die ich gleichfalls aufTand, rechtfertigen die
Annahme, dass die betreffenden Exemplare, trotz ihrer Klein-
heit, so ziemlich ausgewachen seien.
Polypen und Taster haben eine nur unbedeutende Grösse,
zeigen aber sonst die gewöhnlichen Verhältnisse , nur dass
ich die Fangfäden der Taster vergebens nachzuweisen mich
bemühte. Auch ist mir aufgefallen, dass die Höhle des Ta-
sters nicht bis in die Spitze reicht, wie sonst, sondern schon
eine ansehnliche Strecke vor derselben aufhört. Die Zahl der
Polypen beträgt selten mehr als drei oder vier, die der Schwimm-
glocken meist acht. Die Deckstücke (2'" lang , Vj'" breit)
zeigen eine auffallend bauchige Beschaffenheit (Tab. XHI.
Fig. 2 — 4) und eine ovale Form ohne alle Zähne oder Spi-
tzen. Ihr oberes Ende ist schnabelförmig von den Seiten zu-
sammengedrückt und dem Stamme zugekrümmt, so dass man
dasselbe gewissermaassen als den Kopf des Deckblättchens
betrachten darf, zumal der Stiel , wie gewöhnlich , sich erst
unterhalb desselben ansetzt. Die Seitenräncler haben eine
dicke und wulstige Bescliaffenheit. Auf der äussern Fläche
unterscheidet man in der Regel fünf Reihen kleiner rundli-
cher Körperchen , wie sie auch bei Ag. Sarsii vorkommen,
eine Mittelreihe (oberhalb des Mediancanales) und zwei Sei-
tenreihen in ziemlich gleichen Entfernungen daneben.
Die Nesselknöpfe, die etwa '/ö'" messen und eine gelb-
liche Färbung besitzen , während Ag. Sarsii rothe Nessel-
knöpfe trägt, zeigen nur höchstens eine einzige Spiralwin-
dung, und zwar an der Basis des Nesselstranges, da wo die
grossen und bauchigen, fast bohnenarligen Angelzellen (yso"')
in denselben eingelagert sind. Die grössere Hälfte des Nessel-
stranges hängt senkrecht herab und hat eine einfache sichel-
förmig gekrümmte Bildung, wie ich schon früher in meinen
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 339
Untersuchungen abg-ebildet habe (Tab I. Fig. 36). Es giebt
selbst Nesselknöpfe, die ohne alle Spiralwindung sind, nichts
desto weniger aber kaum eine beträchtlichere Länge besitzen,
als die Nesseiknöpfe mit aufgerolltem Strange (Tab. Xlll. Fig. 5).
Eben solche oder doch ähnliche Verschiedenheiten zeigen
sich auch in der Entwickelung des Mantels, der den Nes-
selstrang umgiebt. In der Mehrzahl der Fälle ist derselbe
vollständig, so dass der Nesselslrang davon verhüllt wird,
obgleich das untere Ende beständig schräg abgestutzt ist, der
Mantel also an der einen Seite viel weniger hoch erscheint,
als an der andern, an der er sich gewissermaassen in eine
schirmartige Verlängerung fortsetzt. In andern Fällen (und
so sah ich es namentlich an den säbelförmigen Nesselsträn-
gen ohne Spiralwindung , Fig. 5) ist der Mantel dagegen so
rudimentär, dass er kaum mehr als eine schirm- oder zipfel-
förmige Verlängerung darstellt, die an der einen Seile des
Nesselstranges herabfällt, jedoch ohne denselben zu umhüllen.
Es entsteht dadurch eine Bildung , die in einem auffallenden
Grade an die Form der Nesselknöpfe bei Athorybia erinnert,
mit der uns Kölliker (S. 27) bekannt gemacht hat. (ich
zweifle auch wirklich nicht im Geringsten, dass die „Blase",
die' hier an der Wurzel des gleichfalls sichelförmigen Nes-
selstranges ansitzt, in morphologischer Beziehung mit dem
glocken- oder kapseiförmigen Mantel an den Nesselknöpfen
anderer Physophoriden übereinstimme und als ein Schutzap-
parat für den Nesselstrang zu betrachten sei.) Die Entwicke-
lung des Mantels und überhaupt des Nesselknopfes ist genau
dieselbe, wie bei Ag. Sarsii, so dass man die frühern Zu-
stände kaum von einander unterscheiden kann.
Männliche und weibliche Anhänge stehen gruppenweise
neben einander. Die letztem bilden Trauben, d. h. sie be-
festigen sich mit Hülfe eines gemeinschaftlichen Stieles, aber
dieser Stiel ist nur kurz und viel weniger entwickelt , als
bei Ag. rubrum. Der Gefässapparat der weiblichen Anhänge
(Fig. 7) zeigt in der Regel eine nur rudimentäre Entwicke-
lung, ohne Ringgefäss, obgleich sich die Oeffnung des Man-
tels am vordem Ende bestimmt unterscheiden lässt. Die
männlichen Anhänge verhalten sich, wie bei Agalnia rubrum,
sind aber nur klein (kaum VV") ""^ beständig — so viel
340 Leuckart:
ich beobachten konnte — mit ziemlich dicht anliegendem
Mantel (Fig. 5). Der Höhlenapparat des Mantels und Stem-
pels zeigt die gewöhnliche Bildung.
ß. Schwimmstücke zu einer kegelförmigen Säule mit
dichte Spiralläufen zusammengruppirt.
Gen. Forskalia Köll. (Stephanomia M. Edw.).
Der Körperstamm zeigt in seiner ganzen Länge zahl-
reiche weite Spiralwindungen ') , die sich wohl von einan-
der entfernen, aber niemals vollkommen strecken können.
Schwimmslücke flach und keilförmig, ohne eigentliche Fort-
sätze, obgleich am Ende bisweilen ausgeschnitten. Mantel-
gefässe fehlen. Die Polypen mit ihrem Fangfäden stehen auf
langen und dünnen Stielen, die, gleich dem Stamme, mit
einer dichten Menge schuppcnförmiger Deckstücke besetzt
sind. Nesselknöpfe nackt und schraubenförmig gewunden.
Die Taster sind im ausgebildeten Zustande beständig zu zwei
und mehrern zusammengruppirt. Auf solche Weise entstehen
gewissermaassen Zwillingstasler, die, wie die Polypen, mit Hülfe
eines gemeinschaftlichen Stieles am Stamme befestigt sind
und in mehrfacher, wenn auch wechselnder Anzahl, zwi-
schen den Polypen vorgefunden werden. Die männlichen und
weiblichen Anhänge sitzen gruppenweise an der Basis der
ZwilHngstaster neben einander.
For skalia. contorta (U. Edw.) Lt.
Die Schwimmglocken sind an ihrem Insertionspunkte
tief eingeschnitten und tragen in der Substanz des Mantels,
oberhalb des Schwinmisackes , einen brennend rothen Pig-
mentfleck. Nesselknöpfe und Leberwülste sind gleichfalls leb-
haft rolh gefärbt. Deckstücke bald schuppenförmig, bald auch
1) Ich sah solche Spiralwindungen ganz entschieden (wenn-
gleich sehr viel schwächer , als im übrigen Stamme) auch an der
Achse der Schwimmsäule, die Kölliker ausdrücklich — er sieht
darin sogar einen Charakter des Gen. Forskalia — als gestreckt an-
giebt. Solche Spirahvindnngen sind gewiss auch bei der Kölliker'schen
Art vorhanden, wie sich schon aus der spiraligen Bildung der Schwimm-
jsäule erschliessen lässt.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 341
keilförmig-, mit einem dicken und einem dünnen Rande und
einem geknickten Centralkanale.
Die schöne Physophoride, die ich im Vorstehenden zu
charakterisiren versucht habe, ist von Milne Edwards
entdeckt und unter dem Namen Stephanomia 0 contorta be-
schrieben worden (Ann. des sc. natur. 1841. T. XVI. p. 217}.
Allerdings ist der Speciesnamen, den Milne Edwards un-
serem Thiere gegeben hat, nicht eben sehr bezeichnend, da
dieSpiralwindungen des Stammes, auf die er sich bezieht, bei
allen Arten dieses Genus vorkommen, indessen habe ich doch
geglaubt, ihn beibehalten zu müssen, obgleich Lesson den-
selben bereits in St. (Apol£mia) Edwardsii verwandelt hat.
Auch Herr Vogt beschreibt unser Thier (p. 85. Tab. XIII)
als Apolemia contorta, während ich es früher, wo ich die
St. contorta von Milne Edwards in einer andern, sehr
viel grössern Art wiedererkannt zu haben glaubte, unter dem
provisorischen Namen St. excisa aufführte. Die Forskalia
Edwardsii, die K Olli k er bei Messina beobachtet hat (S. 2.
Tab. I.), scheint wiederum verschieden und eine dritte, der
F. contorta freilich ausserordentlich nahe siehende Art zu sein.
Bei den grossesten Exemplaren, die ich auffand, betrug
die Länge des Körpers im entwickelten Zustande kaum mehr
als eine Spanne, obgleich die Schwimmsäule von einer ver-
hältnissmässig sehr beträchtlichen Grösse war und fast ein
Dritttheil der ganzen Körperlänge für sich in Anspruch nahm.
1) Ueber das Gen. Stephanomia, wenigstens über die erste und
typische Form dieses Gen. vergl. die frühere Anmerkung auf S. 321.
Sie ist wahrscheinlich eine Agalma Eschsch. Später hat man dem
Gen. Stephanomia die verschiedensten Formen zugerechnet (bei Les-
son z. B. enthält dasselbe ausser der Steph. contorta auch noch die
Apolemia uvaria !) , so dass man in der That eigentlich nicht weiss,
welche Arten man mit diesem Genusnamen bezeichnen soll. Ich
würde denselben übrigens für die Arten des Kölliker'schen Genus
Forskalia beibehalten haben, wenn es einmal ausgemacht wäre, dass
die St. Amphitritidis wirklich ein Agalma sei und sodann von K Ol-
li ker nicht gerade eine Bezeichnung gewählt wäre, die dem Anden-
ken des ersten genauem Siphonophorenbeobachters ein wohl ver-
dientes Denkmal setzt. (Freilich ist der Kamen Forskalia auch schon
an eine Pflanze vergeben.)
342 Leuckarl:
(Ebenso bei den Exemplaren des Herrn Vogt.) In der
Schwimmsäule dieser Exemplare zählte ich etwa acht oder
neun Umläufe, auf welche nach oben noch einige kleinere
und weniger bestimmt hervortretende Touren folgten. In den
untern Umläufen beträgt die Zahl der Schwimmglocken etwa
9 — 10, so dass eine solche Colonie also etwa von 80—90,
vielleicht auch von 100 ausgewachsenen Schwimmglocken be-
wegt wird. Die obersten Schimmglocken sind nur unvoll-
ständig entwickelt und gehen durch alle möglichen Ueber-
gänge, wie gewöhnlich bei den Physophoriden, schliesslich in
die kleinsten Knospen über. Daher kommt es auch, dass die
Schwimmsäule sich nach oben allmählich verjüngt ') und eine
äusserst zierliche Kegelform besitzt. Der Durchmesser des
Kegels beträgt an der Basis etwa 1".
Die charakteristische Form der Schwimmstücke ist schon
oben von mir erwähnt worden. Sie ist den frühern Beob-
achtern entgangen, namentlich Mi Ine Edwards, der offen-
bar — auch nach der Abbildung der Schwimmsäule — die
Schwimmglocken unseres Thieres nur an einem verstümmel-
ten Exemplare untersucht hat, bei dem die ausgebildeten An-
hänge dieser Art bereits verloren gegangen waren. Die Jün-
gern Schwimmstücke (bis zu 2"'} sind lang gestielt, wie es
Milne Edwards abbildet und um so länger, je jünger sie
sind. Wie bei Agalma geht dieser Stiel aber allmählich ver-
loren und zwar in demselben Verhältnisse, als der Mantel
zur Ausbildung kommt. (Die Entwickelung der Schwimm-
glocken geht überhaupt — vergl. Fig. 12 und Zool. Unters.
Tab. I. Fig. 9 — in derselben Weise vor sich^, wie bei Agalma
und den übrigen Siphonophoren, nur dass ich niemals in den
jungen Knospen die Angelorgane aufgefunden habe, die
doch sonst gewöhnlich im Umkreis der Mündung bei den un-
entwickelten Schwimmglocken vorkommen.) Die Substanz des
Mantels wächst rechts und links neben dem Stiele (Fig. 11)
zu einem blatt - oder keilförmigen Fortsatze aus, dessen Flä-
chenausdehnung mit der Quersachse der Schwimmglocke zu-
1) Bei den von mir (und Herrn V o gt) beobachteten Arten ge-
schieht dieses übrigens sehr viel allmählicher, als es KöUiker für
seine F. Edwardsii angiöbt. , fr>../i
Zur nähern Kennlniss der Siphonophoren von Nizza. 343
sammenfällt, bis schliesslich die Form der ausgebildeten Glocken
daraus hervorgeht. Der Ausschnitt , der zwischen diesen
beiden Fortsätzen bleibt und zum Umfassen des Stammes
dient, ist bei den einzelnen Glocken freilich verschieden tief,
im Allgemeinen aber sehr ansehnlich, so dass er sich leicht
bemerklich macht. Die Fortsätze, die er von einander trennt,
sind in der Regel (Fig. 8) von einer ungleichen Grösse und
am Ende mehr oder minder zugespitzt. Mitunter kommen
selbst Schwimmglocken vor , bei denen der eine Fortsatz
ganz rudimentär ist. Der Querschnitt der ausgebildeten
Schwimmglocken (Fig. 10) ist so ziemlich rautenförmig; die
Schwimmglocken sind von oben nach unten stark deprimirt
(die grosseste Höhe beträgt etwa 3'", die grosseste Länge
7—9'" — bis zum Ausschnitte 6'" — , die grosseste Breite
7'") und nach den Rändern, wie nach der Spitze zu (Fig. 9)
verdünnt. In der contrahirten Schwimmsäule greifen die
Glocken der einzelnen Umläufe in einander, so dass die Längs-
reihen, die sich in der Säule unterscheiden lassen, auf das
Regelmässigste alterniren, während sich sonst die Zahl die-
ser Reihen auf die Hälfte reducirt, indem die Glocken der
einzelnen Umläufe dann über einander rücken.
Der Schwimmsack ist nur wenig tief, aber mit stark
entwickelten Seitenflügeln versehen (Fig. 8). Er zeigt die
gewöhnlichen vier Radialgefässe, zwei Mediangefässe und
zwei Seitengefässe, die hier ohne irgend erhebliche Windun-
gen verlaufen. Das Ringgefäss ist eben so deutlich, als die
Radialgefässe , in denen ich hier und da auf das Bestimm-
teste (wie auch bei Galeolaria) eine schwingende Wimper
unterscheiden konnte. Der Mantel ist ohne Gefässe; ein Um-
stand, der sich durch seine starke Abplattung und die ge-
ringe Grösse seiner Masse wohl hinreichend erklären lässt.
Das Stielgefäss durchsetzt den Mantel geraden Weges von
dem Ausschnitt an der Spitze bis zum Grunde des Schwimm-
sackes. Bevor es aber an diesen herantritt, wird es (Fig. 8*)
von einem brennend rothen Pigmentfleck umlagert, der fast
eine Linie im Durchmesser hat und eine rundliche Scheibe
darstellt, die mit der Richtung der Höhenachse zusammen-
fällt. Herr Vogt beschreibt gleichfalls einen C:, schwefelgel-
ben'«} Pigmentfleck bei unserer Forskalia , verlegt ihn aber
344 Leuckart:
(p. 88) an die Mündung des Schwimmsackes (siir le bord
interne du canal droit superieur) , wo auch Kölliker bei
seiner F. Edwardsii eine solche Pigmentirung beschrieben
hat. Es ist kaum anzunehmen, dass Herr Vogt und ich den-
selben Pigmentfleck beobachtet haben, da sich die Lage des-
selben, wenigstens des von mir beobachteten Fleckes, eben
so leicht als bestimmt lixiren lässt. Ich muss übrigens hin-
zufügen^, dass ich diesen Fleck, der sonst ganz constant vor-
kam, bei einem meiner Exemplare (unter 6—8) vermisste.
Der Luftsack, der mit seiner Kammer bald nach aussen
über die Schwimmsäule hervorragt, bald auch zurückgezogen
und zwischen den jüngsten Schwimmglocken versleckt ist,
hat , wie bei allen Forskalien , eine verhältnissmässig sehr
unbedeutende Grösse und eine schlanke Bildung. Einen Pig-
mentfleck habe ich niemals an demselben aufgefunden, wäh-
rend die folgende Art (auch F. Edwardsii Köll.) ganz con-
stant damit versehen ist. Die Körperachse, in deren oberes
Ende der Luftsack eingelagert ist, und die Stiele, die davon
abgehen, zeigen eine eigenthümliche weingelbe (nach Herrn
Vogt rosarothe) Färbung, die den äusseren Bedeckungen
und zwar den Muskelschichten zu inhäriren scheint, aber von
keinerlei geformtem Pigmente herrührt. Dieselbe Färbung
zeigt die folgende Art, wahrscheinlich auch F. Edwardsii,
der Kölliker, wie Herr Vogt unserer F. contorta , einen
„blassröthlichen" Stamm giebt Als abweichend wird von
Kölliker auch noch der Umstand hervorgehoben, dass der
Centralkanal des Stammes nicht, wie sonst gewöhnlich, in
der Mitte desselben herabläuft , sondern der Innern concaven
Fläche angenähert ist ; ich möchte auch noch weiter hinzu-
fügen, dass der Stamm unserer Forskalia nach eben dieser
Fläche zu seitlich etwas abgeplattet ist, auf dem Querschnitte
also kein völlig rundes, sondern ein mehr keilförmiges Aus-
sehen hat.
Was die Polypen betrifft, so zähle ich bei meinen Ex-
emplaren deren etwa 40 — 50. Sie haben eine wechselnde
Grösse, von 3 bis 5 oder 6'" und stehen am Ende eines dün-
nen und langen Stieles, der reichlich einen halben Zoll und
darüber (bis 10'") misst und durch zahlreiche schindelför-
mig sich deckende, aber ausserordentlich durchsichtige Deck-
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 345
blätter nicht bloss geschützt ^ sondern auch in einer Weise
gestützt wird, dass er beständig, gleich einem starren und
festen Stabe , gestreckt ist. Wenn die Deckblätter verloren
gehen , so zieht sich der Stiel bis auf einen Stumpf von 1
oder IV2'" zusammen, der dann aber nicht bloss sehr viel
dicker ist, als im gestreckten Zustande, sondern auch an sei-
ner obern Fläche einen krausenartig gefalteten Kamm trägt,
in welchem man bei näherer Untersuchung die aufeinander
gerückten, nach aussen etwas vorspringenden Insertionspunkle
der Deckschilder erkennen wird. ( Ganz dasselbe gilt von
der Achse der Schwimmsäule 0 nach Verlust der Schwimm-
stücke.) Die Deckschilder stehen in einer einfachen und
geraden Linie , obgleich sie bei vollkommener Integrität den
ganzen Stiel umgeben und namentlich auch im Umkreis der
Polypen eine blumenkronenartige Umhüllung bilden, deren Ele-
mente sich über den Polypen, wenn er sich contrahirt, zu-
sammenlegen können. Die scheinbare radiäre Gruppirung der
Deckstücke beruhet , wie die Bildung der Schwimmsäule , auf
einer leichten Spiraldrehung der Achse , an der sie befe-
stigt sind.
Bei F. Edwardsii sollen die gleichfalls sehr dünnen und
langen Stiele der Polypen nach der Beschreibung von Köl-
liker nur mit zwei Deckblättern versehen sein, doch muss
ich gestehen, dass ich einigen Zweifel in die Richtigkeit
dieser Angabe setze. Die Deckblätter, um die es sich han-
delt, sind so durchsichtig und dabei so hinfällig, dass man
sich nur durch die sorgfältigsten Untersuchungen von den
Verhältnissen ihres Vorkommens mit Sicherheit unterrichten
kann. Auch M iln e Edward s beschrieb bei unserer F. con-
torta nur einige sehr wenige Deckblätter; er kannte nur die
jüngsten, die in der Nähe der Polypen befestigt sind und
weniger leicht abfallen, während die Zahl derselben doch an
einem ausgebildeten Stiele wenigstens 25 — 30 (bei F. ophiura
noch weit mehr) beträgt. Die Anhänge, die ich eben er-
wähnt habe, stehen, gleich den übrigen Anhängen ohne Aus-
nahme, an der äussern convexen Fläche des Körperstammes
1) Auch hier sind die Insertionspunkle der Anhänge zu einem
kleinen und überdiess flimmernden Forlsalze ausgezogen.
346 Leuckart:
und zwar in ziemlich regelmässigen Entfernungen , so dass
sie, wie Radien, nach den verschiedensten Richtungen hin-
sehen und einen kegelförmigen Körper von ansehnlichem
Durchmesser zusammenselzen. Beim Hervorziehen aus dem
Wasser gleicht solch ein Kegel einem durchsichtigen Tann-
zapfen, dessen Oberfläche mit vielen Hunderten einzelner
Deckblätter besetzt ist Das hintere Ende des Zapfens ist
zugespitzt , weil die Stiele der letzten Polypen sich immer
mehr neigen und schliesslich mit der Achse, an der sie be-
festigt sind, einen sehr spitzen Winkel bilden.
Die Polypen, die in der Ruhe meist senkrecht von dem
Ende ihrer Stiele herabhängen, sich aber von da nach allen
Richtungen tastend bewegen können, zeigen auf das Bestimm-
teste die drei schon mehrfach erwähnten Abschnitte. Eine
ausführliche Beschreibung derselben liegt nicht in meiner Ab-
sicht; ich würde nur wiederholen müssen, was Kolli k er
bei seiner F. Edwardsii hierüber bemerkt hat, und beschränke
mich desshalb auf die Angabe, dass die 8 — IQ Leberwülste
des Magens eine sehr ansehnliche Entwickelung haben und
um so eher auffailen, als sie durch ein rostrothes Pig-
ment ausgezeichnet sind. Die gefärbten Längsbinden, die
dadurch entstehen, fliessen am Grunde des Magens zu einem
rosettenförmigen Flecke in einander. Im Innern der Magen-
wülste findet man ausser einer Anzahl grösserer Vacuolen
auch zahlreiche Fetttröpfchen. Die rippenförmigen kleinen
Wülste, die an der Innenwand des Rüssels vorspringen und
schon von Kölliker erwähnt werden, finde ich in ziemlich
grosser Anzahl, bis zu 12.
Die Nesselknöpfe der grossen Fangfäden wiederholen
im Kleinen ganz dieselbe Bildung, die wir früher bei Ag.
rubrum kennen gelernt haben. Sie sind (Fig. 13) nackt und
schraubenförmig gewunden, mit 3— 4 Umläufen — Herr Vogt
behauptet freilich, dass sie gewöhnlich nur eine einzige Win-
dung beschrieben — und, namentlich an der Basis, mit einer
brennend rothen Färbe gezeichnet. Die grossen Angelorgane,
die rechts und links sich in einfacher Reihe bis an das Ende
des Nesselstranges hinziehen , besitzen eine bohnenförmige,
sehr bauchige Form (y^o"' lang , %5o breit), während die
übrigen schlank und säbelförmig (V^q lang, y^oo breit) »ind,
i
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 347
wie gewöhnlich. Die kurzen und bohnenförmigen Nessel-
kapseln des Endfaclens messen y,8o"'- Der Muskelapparat
ist übrigens sehr viel einfacher gebaut, als bei Ag. rubrum,
wie schon nach der geringern Grösse der Nesselknöpfe (höch-
stens yj", im gestreckten Zustande IV2'") sich erwarten
lässt. Er besteht aus zwei Paar Muskelslrängen, deren Fa-
sern die gewöhnliche quere Faltung zeigen und sich leicht
isoliren und abrollen lassen. Eine elastische Scheide, wie bei
Agalma, wurde nicht beobachtet.
An der Basis des Fangfadens (tigelle M. Edw.) findet
man beständig eine grosse Anzahl junger und unreifer Nes-
selknöpfe auf allen Stadien der Entwickelung , die genau in
derselben Weise vor sich gehet, als bei Ag. rubrum. Milne
Edwards beschreibt diese Anhänge als „filaments tentacu-
laires'^; es ist schon früher ein Mal erwähnt worden, dass sie
von Kölliker (auch bei Agalma) irrthümlicher Weise als
unentwickelte Ersatzfangfäden gedeutet wurden.
Zwischen den Polypen sind nun, wie bei Agalma, die
Taster (organes pyriformes M. Edw.) angebracht und zwar
gleichfalls mit Hülfe besonderer Stiele, die aber nicht bloss
nackt (ohne Deckblätter), sondern auch nur kurz und weit
sind , und den Aussackungen des Stammes gleichen , die ja
bekanntlich sehr häufig bei den Siphonophoren an der Inser-
tionsslelle der Körperanhänge entwickelt sind. Bei F. Edwardsii
soll in den Zwischenräumen zwischen den Polypen je ein
Zwillingstaster und ein einfacher Taster ansitzen; bei un-
serer F. contorta — und eben so ist es auch bei der fol-
genden Art — finde ich in diesen Zwischenräumen indessen
meist eine grössere Anzahl (bis vier) von Tastern, die ohne
Ausnahme Zwillings - und Drillingstaster sind oder doch we-
nigstens zu solchen sich entwickeln. Bei der ersten Bildung
sind die Taster durchgehends einfach; der zweite (und dritte)
Anhang des Stieles entwickelt sich erst später, häufig erst
dann , wenn der erste bereits vollkommen ausgebildet ist.
Daher kommt es denn auch, dass die einzelnen Taster einer
solchen Gruppe (Drillingstaster werden übrigens weder von
Kölliker noch von Herrn Vogt erwähnt, obgleich sie bei
den von mir beobachteten Arten sehr häufig sind) in der
Regel auf einer verschiedenen Entwickelungsstufe neben ein-
348 Leuckart:
ander stehen. Namentlich gilt solches von dem dritten Ta-
ster, obgleich auch dieser nicht selten in derselben Grösse,
wie die beiden andern^ angetroffen worden.
Die Taster sind, wie überall, äusserst beweglich und im
ausgestreckten Zustande , wo sie bis 2" messen , von einer
wurmförmigen Beschaffenheit und vollkommen durchsichtig.
Nur die Spitze hat ein opakes Aussehen , bei den grösseren
Tastern nicht selten auch eine brennend rothe Farbe. Nach
den übereinstimmenden Beobachtungen von Kölliker (S. 8)
und mir (S. 17) rührt diese Farbe von einem Secrete her,
das in der Spitze der Taster und zwar in einem eignen von
dem übrigen Höhlensysteme abgeschlossenen Räume gebildet
wird und eine bläschenförmige Beschaffenheit hat. Es wird
durch Berstung der äusseren Hülle entleert, sobald man un-
sere Thiere unsanft berührt, und färbt dann das Wasser mit
einer blutrothen Tinte. Die Fangfäden der Taster sind wie
gewöhnlich einfach und mit zahlreichen zu vier oder fünf
zusammengruppirten kleinen und rundlichen Angelorganen
CAoo'") versehen.
Trotz der immensen Anzahl, in der die Deckstücke an
dem Körper unserer Forskalia vorkommen^ ist es doch aus-
serordentlich schwer, eine gehörige Anschauung von der
Form derselben zu gewinnen. Zum Theil mag die Durch-
sichtigkeit und die geringe Solidität dieser Gebilde daran
Schuld sein, andern Theils zeigt aber auch die Gestalt der-
selben so vielfache Verschiedenheiten , dass man in Verle-
genheit kommt, wenn man den Versuch macht, die zufälli-
gen Abweichungen von der Norm zu unterscheiden. Zahl-
reiche Deckstücke erscheinen als mehr oder minder unregel-
mässigen Schuppen mit einer Endspitze und einer starken
buckeiförmigen Krümmung, aber andere, und, wie mir schien,
die Mehrzahl, besitzen eine sehr abweichende und auffallende
Gestaltung. Sie gleichen gewissermassen (Fig. 14. ) einem
dreieckigen Keile oder einer Schaufel , mit zwei stark ver-
dickten kürzern Seitenrändern und einem dritten längern und
verdünnten, fast schneidenden Rande. Der längere Durch-
messer dieses Körpers (der etwa 5 — 6'" misst) entspricht
offenbar dem Längendurchmesser der übrigen Schuppen, denn
der Kanal, der den Apparat versorgt, verläuft in dieser Rieh-
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 349
tung; aber erläuft nicht in der Mitte des Blattes, sondern
in der Nähe des verdickten Randes, und nicht gestreckt, son-
dern mit einem auffallenden Winkel, der die Form des ver-
dickten Randes wiederholt.
Dass die jüngsten Deckblätter beständig an der Spitze
der Polypenstiele angebracht sind , ist schon oben erwähnt
worden; ich habe nur noch zu bemerken, dass man auch bei
den längsten und ältesten an dieser Stelle einen ganzen Hau-
fen von jungen Knospen mit allen Uebergängen zu den aus-
gebildeten Deckstücken antrifft. Die Entwickelung derselben
zeigt keinerlei Eigenthümlichkeiten ; sie ist eben so einfach,
als bei den Deckstücken der übrigen Siphonophoren. Die
Knospe, die anfangs eine ovale Gestalt hat, plattet sich ab,
und verwandelt sich (Fig. lö} durch Wucherung ihrer äussern
Hülle in ein Blatt, das von einem Centralkanale durchsetzt wird
und in diesem Centralkanale das Rudiment der in der Knospe
vorhandenen Höhle besitzt. Die ganze eigenthümliche Bildung
scheint durch eine sehr starke seitliche Compression entstan-
den zusein. Der geknickte dicke Rand entspricht der Rücken-
fläche, der schneidende Rand der Innern Bauchfläche der
gewöhnlichen schuppenlörmigen Deckstücke.
üebrigens beschränkt sich das Vorkommen der Deck-
schilder nicht ausschliesslich auf die Stiele der Polypen. Sie
finden sich auch — was Kolli ker entgangen ist — un-
mittelbar am Stamme und zwar in grösserer Anzahl zwischen
den übrigen Anhängen, die hier angebracht sind.
Wie bei allen Siphonophoren und namentlich bei den
grössern und reichern Physophoriden,. trägt das vordere Ende
des Körperstamrnes unterhalb der Schwimmsäule einen dich-
ten Haufen von unentwickelten Anhängen. Bei unserer Fors-
kalia bestehen diese Anhänge ausschliesslich, wenigstens im
übern Theile des Haufens, aus jungen Polypen, die sich eben
so entwickeln, wie ich es für Praya u. s. w. in meinen Un-
tersuchungen dargesteflt habe. Anfangs erscheinen diese An-
hänge als einfache Bläschen, deren erste Veränderung in der
Bildung eines Tentakelrudimentes an der Wurzel besteht (Fig.
16). Während nun der Polyp und der Tentakel sich in be-
kannter Weise weiter entwickelt, zieht sich der Insertions-
punkt des Polypen allmählich in einen Stiel aus^ dessen obere
350 Leuckart:
Fläche si€h mit einer Anzahl kleiner Knospen bedeckt^, die
eine hinter der andern hervorkommen und in Deckstücke
auswachsen (Fig. 17). Man kann die Form dieser Deckstücke
schon zu einer Zeit ganz deutlich erkennen, in der die Po-
lypen noch geschlossen und ihre Nesselknöpfe noch knospen-
artig sind
Während dieser Veränderungen sind die Polypen allmäh-
lich etwas weiter auseinander gerückt , aber nur, um eine
neue Brut von Knospen zwischen sich entstehen zu lassen,
anfangs nur eine einzige, bis die Zahl derselben zu 3, 4 und
mehr heranwächst. Die Anhänge, die auf solche Weise ent-
standen sind, verwandeln sich in Deckstücke, zu denen sich
weiter nach unten noch ein Taster hinzugesellt und zwar
anfangs ein ganz einfacher Taster, der erst später seinen
Zwillingsanhang hervortreibt. In der Regel geschieht dieses
erst zu einer Zeit, in der bereits ein zweiter Taster neben
dem ersten sich hervorgebildet hat.
Die Geschlechtsanhänge von Forskalia sind zum Theil
schon von M ilne Edwards ganz richtig erkannt und neuer-
dings von Kölliker (S. 9) und mir (S. 38) — die Angaben
des Herrn Vogt sind in dieser Beziehung^ wie überhaupt
über unsere Forskalia, sehr dürftig und unvollständig — ganz
übereinstimmend beschrieben worden , so dass ich alles nä-
here Detail hier übergehen kann. Sie sind bekanntlich grup-
penweise zusammengehäuft und zwischen der Wurzel der
Taster angebracht, so dass man diese bei unserer Forskalia
mit vollem Rechte auch als „proliferirende Anhänge« bezeich-
nen kann, obgleich damit wohl noch keineswegs die ganze
Bedeutung dieser Gebilde erschöpft wird. Männliche und
weibliche Anhänge bilden übrigens ihre besondern Gruppen,
die je mit Hülfe eines kurzen Stieles befestigt sind. Mitun-
ter beschränkt sich die Zahl dieser traubenförmigen Gruppen
auf zwei, eine weibliche und eine männliche, so dass es
fast scheinen könnte, dass ein jeder Anhang des Zwillings-
tasters seine eigene Gruppe trüge; in andern Fällen habe ich
aber auch 3—6 Gruppen unterscheiden können. Freilich ist
diese Unterscheidung nicht immer ganz leicht , da die An-
hänge sehr dicht gedrängt stehen und vielfach verschränkt
sind. Die Vermehrung ist übrigens ganz constant auf Seiten
Zur nähern Kennlniss der Siphonophoren von Nizza. 351
der weiblichen Gruppen , wie denn die weiblichen Anhänge
überhaupt beständig in einer sehr viel grössern Menge vor-
handen sind als die männlichen, obgleich es, wenigstens für
unsere F. contorla , wohl etwas zu gering angeschlagen ist,
wenn K Olli k er die Zahl der männlichen Anhänge an den
Zwillingstastern nur auf vier beschränkt. Auch ist noch zu
berücksichtigen , dass neben den reifen männlichen Anhän-
gen , die durch ihre Grösse, ihre oblonge Form und ihre
gelbe Farbe leicht auffallen, immer noch einige unreife (roth-
gefärbte) und junge, eben hervorknospende Anhänge dieser
Art vorhanden sind.
Die männlichen Anhänge (Fig. 18) sind vor denen von
Agalma dadurch ausgezeichnet, dass ihr Mantel ganz dicht
auf der Oberfläche des Kernes aufliegt, wie bei den weibli-
chen Anhängen. Die Bewegungen beschränken sich auf das
äusserste Ende des Mantels, namentlich den Saum, der die
Oeffnung umgiebt. Zu einer Ortsbewegung sind dieselben un-
fähig; es scheint, als wenn sie ihre Aufgabe in der Veran-
staltung eines raschern Wasserwechsels im Umkreis des Ker-
nes fänden. Ich überzeugte mich wenigstens — und eben
so wohl bei weiblichen , als auch bei männlichen Knospen
(Kölliker hat an den erstem keine Contractionen wahrge-
nommen) — ganz deutlich, dass bei jeder Contraclion des
Mantels ein ziemlich starker Wasserstrahl aus der Oeffnung
hervortrat.
Das Gefässsystem der männlichen Anhänge ist beslän-
dig regelmässig und auch im ausgebildeten Zustande noch
nachzuweisen, obgleich es in den Jüngern Knospen, wie bei
allen Siphonophoren, sehr viel deutlicher ist. Die weiblichen
Knospen zeigen gleichfalls häufig einen regelmässigen Ge-
fässapparat in ihrem Mantel, aber fast eben so häufig trifft
man auf verkümmerte Gefässe, auf Verästelungen, Anasto-
mosen u. s. w. Ich habe auch einzelne Anhänge (ganz eben
so wie bei der folgenden Art) angetroffen, die statt vier
Radialgefässe deren sechs oder acht enthielten, sonst aber
ganz regelmässig entwickelt waren.
Forskalia ophiura (Delle Ch.) Lt.
Mit keilförmigen Schwimmglocken ohne Ausschnitt und
Pigmentfleck, mit zimmetbraunen Leberwülsten und rosaro-
352 L e u c k a r t :
then Nesselknöpfen. Der Scheitel der Luftblase ist röthlich-
braun gefärbt. Zwischen den untern Schwimmglocken stehen
einzelne Taster. Deckslücke schuppenförmig.
Eine riesengrosse, bis vierFuss lange Art, die ich weit
häufiger, als die vorhergehende um Nizza — eines Tages in
mehr als 12 Exemplaren — angetroffen und in meinen zool.
Untersuchungen als Slephanomia conlorta bezeichnet habe. Ob-
gleich der echten F. contorla sehr nahe verwandt^ ist sie
doch ganz bestimmt von derselben verschieden, so dass ich
niemals, auch nicht bei einem verstümmelten Exemplare^ in
Zweifel sein konnte , ob dasselbe dieser oder der vorherge-
henden Species angehörte. Uebrigens , glaube ich, ist diese
Form schon früher beobachtet. Ob die Steph. prolifera von
Milne Edwards dahin gehöre, wage ich freilich nicht zu
entscheiden, dagegen finde ich bei Delle Chiaje (I. c.
p. 134. Tab. 149. Fig. 7) eine Steph. ophiura, die mir ein
freilich ganz verkanntes und auch verstümmeltes Exemplar
meiner Art zu sein scheint. Ich habe desshalb auch den Na-
men von Delle Chiaje beibehalten, und zwar um so lieber,
als er in der That recht treffend und bezeichnend ist. Auch
mein Fischer nannte unsere F. ophiura, die er sehr wohl von
der F. contorta unterschied, ,,serpent«.
Uebrigens giebt es wohl kaum eine Siphonophore, die
sich an Schönheit und Fülle mit unserer Art messen könnte.
Mit den vielen Tausenden dicht gedrängter Anhänge, die an
der gemeinschaftlichen Achse angereiht sind, bildet sie, wenn
sie im Wasser sich schaukelt, eine höchst elegante, reiche
und dicke Guirlande, aus der neben den zartesten und durch-
sichtigsten Tinten von Zeit zu Zeit die intensivsten Farben
hervorleuchten. Dazu die Manchfaltigkeit der Anhänge, die
Regelmässigkeit , in der sie gruppirt sind, die Schönheit ih-
rer Formen — es ist Alles vereint, das Bild eines solchen
Thieres zu einem unvergesslichen Eindrucke zu verweben.
In archileclonischer Beziehung stimmt unsere F. ophiura
(Fig. 18) vollkommen mit der F. contorla überein, nur dass
die Zahl der einzelnen Anhänge sehr beträchtlich vermehrt ist.
Ich habe Exemplare gesehen, deren Schwimmglocken eine Säule
von reichlich 4" C"i»t einigen 20 Umläufen) zusammensetz-
ten, während die Zahl der Polypen sich auf wenigstens 4—500
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 353
belief. Die Grösse der Polypen beträgt auch im contrahirten
Zustande reichlich drei Viertheile eines Zolles, die Länge ih-
rer Stiele bis IV2". Die Zahl der Deckblätter am Stiele mag
sich wohl auf 100 belaufen. Der einzige bemerkenswerlhe
architeclonische Unterschied besteht darin, dafs in dem un-
tern Dritlthcile der Schwimmsäule zwischen den Schwimm-
glocken sehr allgemein einige (einfache) Taster vorkommen,
wie bei Apolemia. Fangfäden wurden an diesen Tastern
nicht wahrgenommen , auch wurden sie niemals ausserhalb
der Schwimmsäule gesehen, obgleich man in den Zwischen-
räumen der einzelnen Glocken ihre tastenden Bewegungen
sehr deutlich beobachten konnte. Zwillingstasler sind ver-
hällnissmässig seltener, als bei F. contorta; die meisten Ta-
ster sind Drillingstaster, auch Vierlings - und Fünflingstaster
gehören eben nicht zu den Seltenheiten (Fig. 21).
Die sonstigen Unterschiede unserer F. ophiura sind in
der voranstehenden kurzen Diagnose bereits hervorgehoben.
Sie beschränken sich im Wesentlichen auf die Form der
Schwimmglocken und Deckstücke.
Die ersteren (Fig. 19) sind vollkommen keilförmig, d.
h. sie entbehren des Ausschnittes an der Eintrittsstelle des
Stielgefässes. Die beiden Fortsätze, die durch diesen Aus-
schnitt sonst abgetrennt werden, sind hier zu einem mittlem
Zapfen mit einander verschmolzen , der das Slielgefäss an
seiner Spitze aufnimmt.
Was den Apparat der Deckschilder betrifft, so besteht
dessen Eigenthümlichkeit nur darin, dass ich bei unserer F.
ophiura jene auffallenden , keilförmig gestalteten Blätter, die
bei F. contorta so häufig sind , vermisst habe. Die Deck-
stücke unserer F. ophiura sind, wenn auch hier und da ein-
mal unregelmässig, doch beständig (Fig. 20) schuppenförmig,
mit geradem Centralkanale und einer Endspitze. Mitunter
findet sich auch ein Paar kleinerer Seitenspilzen , wie bei
Ag. rubrum. Die Mitte der Deckschilder ist ziemlich dick,
hier und da auch, namentlich an den Jüngern Schildern, zu
einer mehrfach gezahnten Firste erhoben.
Der Unterschied in der Färbung der Polypen und Nes-
selstränge ist , so weit meine Erfahrungen reichen , so con-
stant, dass er allein schon hinreicht, beide Arten mit Be-
Archiv f. Naturgesch. XX, Jahrf . 1. Bd. 23
354 Leuckart:
stimmtheit zu diagnosficiren. Weniger gilt das von dem
Pigmentfleck des Luftsackes, den icti in einzelnen Exemplaren
vermisst habe.
In allen andern Beziehungen ist die üebereinstimmung
unserer Art mit F. contorta so gross , dass ich ganz einfach^
um eine Wiederholung bis in's Detail zu vermeiden, auf letz-
tere verweisen kann. Nur das will ich noch bemerken , dass
die Geschlechtsanhänge etwas grösser sind, als bei F. con-
torta. Die ausgebildeten weiblichen Anhänge sind in der
Jugend gestielt (Z. U. Tab. II. Fig. 20), im ausgebildeten Zu-
stande geht aber dieser Stiel verloren , indem der Scheitel
des Mantels sich stark verdickt (Z. U. Tab. II. Fig. 21) und
die ganze Länge des Stieles dabei in Anspruch nimmt ')•
Wo der Stiel in den Mantel übergeht, finden sich in der Ju-
gend ziemlich constant einige Angelorgane, obgleich das Vor-
kommen dieser Gebilde sonst gewöhnlich auf den äussern
Rand des Mantels beschränkt ist. Die Anordnung der Man-
telgefässe zeigt denselben Wechsel, auf den wir oben, bei
F. contorta, hingewiesen haben.
b. Physophoriden mit verkürzter Leibes-
achse.
Gen. Pliysopliora Forsts.
Oberhalb der verkürzten Leibesachse eine zweizeilige
Schwimmsäule 2). Deckstücke fehlen. Die Leibesachse bil-
det einen Sack, dessen unlere Fläche zuäusserst einen Kranz
von Tastern, und sodann einen Kranz von Polypen trägt ^),
Die Taster sind ohne Tentakel; die Nesselknöpfe schrauben-
förmig gewunden und in einen kapseiförmigen Mantel einge-
geschlossen.
1) Ob das auch bei F. contorta vorkommt, muss ich dahin ge-
stellt sein lassen ; ich habe die weiblichen Anhänge dieser Art be-
ständig gestielt gesehen.
2) Die Pli. telrasticha Phil, mit einer vierzeiligen Schwimm-
säule dürfte wohl mit Recht ein eigenes Genus oder Subgenus bilden.
3) Die frühern Beubachter hielten die Taster irrthümmlicherWeise
für Polypen (Saugröhren) , die wirklichen Polypen für Flüssigkeits-
behälter.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 355
Pkysophora hydrostatica Forsk.
Mit roth gefärbten Tastern und schlanken Gelchlechts-
trauben, die je zu zweien, eine weibliche und eine männli-
che, zwischen den Polypen und Tastern ansitzen. Der Luft-
sack trägt einen braunrothen Pigmentfleck.
Eine Art, die^ wie es scheint, im Mitlelmeere und auch
im allantischen Ocean ziemlich weit verbreitet ist, und unter
den verschiedensten Namen, neuerlich von KöUiker auch
als Ph. Philippii (p. 19), beschrieben wurde. Möglicher Weise
bezeichnet der eine oder andere dieser Namen (Ph. disticha,
Ph. muzonema, Ph. Forskalii) übrigens auch wirklich eine
eigene, von der echten Ph. hydrostatica abweichende Species;
allein es dürfte nach den bis jetzt vorliegenden Beschreibun-
gen unmöglich sein , diese mit Sicherheit von einander zu
unterscheiden. Die Verschiedenheiten , die bei den einzel-
nen Formen hervorgehoben werden , beziehen sich fast aus-
schliesslich auf die Zahlenverhältnisse, in denen die Anhänge,
Schwimmglocken, Taster, Polypen und Fangfäden, vorkom-
men; wir wissen indessen zur Genüge, dass wir darauf bei
unsern Thieren nur äusserst wenig zu geben haben. Ich
glaube desshalb auch , dass die Kölliker'sche Ph. Philippii
(Tab. V.) von der Vogt'schen Ph. hydrostica (Tab. III) nicht
verschieden ist, obgleich die letztere eine sehr viel reichere
Form darstellt. Freilich finden sich auch sonst in den Dar-
stellungen der beiden Beobachter mancherlei Differenzen,
doch dürfte erst zu entscheiden sein, ob diese auch wirk-
lich constant und durchgreifend sind. So stattet KöUiker
z. B. die Nesselknopfkapseln seiner Art mit einer sckwanz-
artigen Endspitze aus, die von Herrn Vogt nirgends erwähnt
ist; so giebt KöUiker an, dass Polypen und Taster in ver-
schiedener Anzahl neben einander vorkämen , während Herr
Vogt für seine Art ausdrücklich eine Uebereinstimmung in
der Zahl dieser Anhänge hervorhebt u. s. w. Die Schwimm-
slücke, deren Form und Bildung vielleicht noch am ersten
die Frage nach der Identität oder Verschiedenheit der be-
treffenden Arten entscheiden könnte, sind von beiden Beob-
achtern leider nicht mit einer ausreichenden Vollständigkeit
und Genauigkeit beschrieben worden. Sie sollen mit denen
356 L e u c k a r t :
von Agalma übereinslimmen ') — aber auch die einzelnen
Arten des Gen. Agalma zeigen bekanntlich Verschiedenheiten
in der Gestalt der Schwimmglocken.
Um Nizza scheint unsere Physophora ziemlich selten zu
sein, da Herr Vogt (der dieselbe früher als Ph. Corona n. sp.
beschrieben) nur zwei Exemplare, ich selber aber^ trotz allen
Nachstellungen, kein einziges antraf. Natürlicher Weise kann
ich unter solchen Umständen mir auch kein Urlheil über die
Angaben von Kölliker und Vogt erlauben; ich kann es
aber doch nicht unterlassen, hier ein Paar Punkte zur Sprache
zu bringen, über welche diese beiden Beobachter verschie-
dener Ansicht sind.
Der eine dieser Punkte betrifft die Bildung der ver-
kürzten Leibesachse, die Kölliker in Uebereinstimmung mit
den frühern Beobachtern als eine sackförmige beschreibt und
durch einfache Verkürzung und Erweiterung aus der gewöhn-
lichen langgestreckten Leibesachse der übrigen Physophori-
den hervorgehen lässl. Herr Vogt (p. 44) betrachtet diesen
Körperstamm dagegen nicht eigentlich als einen Sack , son-
dern als einen stark verdickten Cylinder, der sich, abgese-
hen von seiner Kürze , noch dadurch auszeichne, dass er in
einen horizontalen (fast scheibenförmigen) Bogen zusammen-
gewunden sei. Die Concavität des Bogens soll durch einen
Ausschnitt angedeutet werden, wie ihn auch Philipp i bei
der Ph. tetrasticha beschrieb , aber irrthümlicher Weise als
,,Mund" deutele ^). Ich habe leider, wie gesagt ^ keine Ge-
legenheil gehabt, diese Angabe zu prüfen, aber ich muss
offen gestehen , dass ich durch die Behauptung des Herrn
Vogt noch nicht im Geringsten überzeugt bin. Allerdings
giebt Herr Vogt an, dass die Entwickelung der Anhänge
nach dem eben erwähnten Ausschnitte hin in einer be-
.1) Die Seitengefässe der Schwimmglocken sind überselien, ebenso
auch die Mantelgefässe , die gewiss vorhanden sind, w^enn diese Ue-
bereinstimmung so gross ist, wie namentlich Kölliker angiebt.
2) Die Ansicht, welche Philipp i (Müllers Arch. 1843. S.63)
über die Organisation der Physophoriden aussprach, hat sich als gänz-
lich verfehlt ergeben und bedarf gegenwärtig keiner weitern Wider-
legung.
Zur nähern Kennlniss der Siphonophoren von Nizza. 357
sllmmten Richtung- zunehme , dass also der Vegetationspunkl
dieser Anhänge am entgeg-engesetzten Ende der Scheibe zu
suchen sei, allein Herr Vogt behauptet ganz dasselbe auch
von den Anhängen (Tentakeln) der Velella, bei der ich mich
entschieden von der Unrichtigkeit dieser Behauptung über-
zeugt habe. Sollte diese Angabe übrigens für Physophora
vielleicht bestätigt werden (Kölliker hat es leider unter-
lassen, auf die Wachsthumverhällnisse der Anhänge Rücksicht
zu nehmen), so würde sich dadurch allerdings ein gewich-
tiger Grund für die Richtigkeit der Vogt'schen Auffassung
ergeben. Einstweilen darf man aber , wie gesagt , hieran
noch zweifeln, um so mehr, als die Darstellung der Entwick-
lungsverhältnisse, die Herr Vogt von den betreffenden An-
hängen giebt, keineswegs hinreichen möchten, diese Zweifel
zu verscheuchen. Dazu kommt , dass — auch nach Herrn
Vogt — diese Anhänge in verschiedenen (kreisförmigen)
Reihen neben einander stehen , was doch sonst bei den Si-
phonophoren mit gestreckter Leibesachse (nach mir und
Gegenbau r) nirgends der Fall ist, auch nicht bei Agalma
rubrum, bei dem die Insertionspunkte der Schuppen mit de-
nen der Polypen und Taster , wie überall in eine einfache
Reihe hinter einander fallen, mag die Richtung der ausge-
bildeten Anhänge auch noch so verschieden sein. Herr Vogt
giebt freilich für letztere Art gerade das Gegentheil an; er
behauptet, dass die Deckslücke an der der Insertionsstelle der
Polypen entgegenliegenden Fläche des Körperstammes befestigt
seien (p. 69) , und glaubt desshalb sogar die Taster unserer
Physophora — auch die Tentakel der Velella ! — als „Deck-
stücke" in Anspruch nehmen zu können ! Gegen diese letz-
tere Behauptung werden wir uns freilich immer aussprechen
müssen, selbst dann, wenn die Analogie des Ag. rubrum mit
völligem Rechte von Herrn Vogt angezogen wäre. Dass die
Taster der Physophora — auch die Tentakel von Velella —
mit den Deckstücken morphologisch übereinstimmen (freilich
auch mit den Polypen und andern Anhängen der Sipho-
nophoren) , darüber kann wohl nach meiner Ansicht kein
Zweifel sein; dass sie aber Deckslücke vorstellen, wird
wohl schwerlich Jemand (ausser Herrn Vogt) im Ernste
behaupten können. Die Charaktere eines Deckstückes, wie
358 L e u c k a r l :
die eines Tasters, liegen in der Form und der Function — man
muss der vorgefassten Meinung wirklich ein grosses Opfer
bringen, wenn man alle diese Charaktere mit einem Worte
für nichtig erklärt. Am Ende wird Herr Vogt auch die Ta-
ster zwischen den Schwimmglocken bei Apolemia und Fors-
kalia ophiura für Locomotiven in Anspruch nehmen , da er
ja von seinem Gesichtspunkte aus Alles, was an der Schwimm-
säule knospet, für Schwimmglocken halten muss.
Die eigenthümliche Bildung der Nesselknöpfe, die un-
sere Physophoraarlen auszeichnet, schliesst sich, nach meiner
Ansicht , unmittelbar an die oben bei Agalma Sarsii näher
beschriebene Form an. Denken wir den glockenförmigen
Mantel dieser Nesselknöpfe bis auf eine kleine Oeffnung in
der Nähe des Stieles geschlossen, lassen wir dann den dop-
pelten Endfaden mit der contractilen Blase ausfallen, so ha-
ben wir die Bildung, um die es sich hier handelt. Dass der
Stielkanal des Nesselknopfes, wie Herr Vogt angiebt (p. 50),
mit dem Innenraume des Mantels in offener Communication
steht , möchte ich sehr bezweifeln. Es ist wenigstens nach
der Analogie mit den übrigen Physophoriden sehr viel wahr-
scheinlicher, dass sich derselbe nach hinten in den Nessel-
slrang fortsetzt, der mit seinen schraubenförmigen Windun-
gen im Innern liegt und (nach Vogt) mit seinem obern Ende
in der unmittelbaren Nähe des Stieles und der Oeffnung fest-
geheftet ist. Natürlicher Weise kann dieser Nesselstrang auch
nach Aussen hervorgestossen werden , vielleicht durch Con-
traction des Mantels, der eine innere muskulöse Auskleidung
zu tragen scheint. Die Form und Anordnung der Nesselor-
organe ist, wie bei Agalma, vielleicht auch die Bildung der
Muskelbänder, die jedenfalls eine beträchtliche Stärke zu be-
sitzen scheinen.
C. Velellidae Eschsch.
Eine kleine Gruppe scheibenförmiger Thiercolonieen '),
1) Auch Herr Vogt hat jetzt — freilich stillschweigend, wie
in vielen andern Punkten — zugegeben, dass die Velelliden zusam-
mengesetzte Thiere seien, obgleich er, im Gegensatze gegen diese
meine Auffassung (Zeitschrift für wiss. Zool. a.a.O. S. 211), noch vor
Kurzem die einfache Natur derselben behauptet hatte (Ebendas. S, 525).
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 359
die sich in mehrfacher Beziehung von den übrigen Siphono-
phoren, auch von den Physaliden, denen sie sonst noch am
nächsten stehen, sehr auffallend unterscheiden. Schwimm-
glocken fehlen; die Bewegungsapparate bestehen ausschliess-
lich, wie bei den Physaliden , in einem sehr ansehnlichen
Luftsacke, aber dieser Luftsack (Schale) ist scheibenförmig
von oben nach unten abgeplattet, von einer festen fast ske-
lelartigen Beschaffenheit und im Innern durch eine Anzahl
concentrischer Scheidewände in Kammern getheilt. Die An-
hänge , die an der untern Fläche der Körperscheibe ange-
bracht sind (vergl. die halbschematische Abbildung auf Tab.
XIIL Fig. 21) , bestehen aus einem grossen Centralpolypen
(a) mit einer stark entwickelten braunen Leber, aus zahlrei-
chen kleinern proliferirenden Polypen (&) , die denselben nach
allen Seiten umgeben und schliesslich aus einem peripheri-
schen Kranze von tasterartigen Fangfäden (c). Die Geschlechts-
anhänge entwickeln sich zu förmlichen kleinen Medusen mit
Mundöffnung und Bandfäden, die sich schon frühe von ihren
Mutterthieren abtrennen und erst nach der Abtrennung ge-
schlechsreif werden. Dazu kommt , dass die gemeinschaftli-
che Körperhöhle, mit der die Anhänge communiciren, bei den
Velelliden keinen einfachen Hohlraum darstellt , sondern in
ein System radiärer Kanäle zerfallen ist (rf), das sich viel-
fach verästelt und eben so vielfach mit seinen Zweigen ana-
stomosirt ^). Die Hauptstämme dieses Gefässsystemes ent-
springen im Magengrunde des Centralpolypen und verbreiten
sich von da in radiärem Verlaufe. Die Velelliden verhallen
sich in Bezug auf die gemeinschaftliche Körperhöhle zu den
übrigen Siphonophoren ganz eben so, wie die Scheibenqual-
len zu den Hydroiden und Polypen ^y, denken wir uns die
Scheibe der Velelliden (wie es in der schematischen Ab-
1) Die Ansicht von der morpholcgischen Uebereinstimmung die-
ser sogenannten Saftgefässe mit der gemeinschaftlichen Leibeshöhle der
übrigen Siphonophoren ist bereits von Herrn Vogt (p. 35) ausge-
sprochen.
2) lieber das Verhällniss dieser Thiergruppen vergl. man meine
Bemerkungen in den Beiträgen von Frey und Leuckart S. 32 und
Morphol. der wirbellosen Thiere S. 17 ff.
360 L e u c k a r t :
bildung auf Tab. XIII. Fig. 22 gezeichnet) zu einem cylindri-
schen Stamme ausgezogen, wie bei den übrigen Siphonopho-
ren, so werden die radiären Gefässc allmählich in einen ge-
meinschaftlichen Centralkanal zusammenfliessen. An diesem
Stamme werden dann die Anhänge des Velellidenkörpers über
einander befestigt sein, gleichfalls wie sonst gewöhnlich bei
den Siphonophoren, zuunterst der grosse Centralpolyp, der
älteste der ganzen Colonie , zuoberst die Tentakeln. Das
obere, blindgeschlossene Ende des Stammes wird dann auch
hier den Luftsack enthalten. Uebrigens ist auch der Luflsack
der Velelliden nicht vollkommen geschlossen, wie es vielleicht
auf den ersten Anblick scheinen möchte. Aus der untern
Fläche entspringt eine Anzahl von dünnen tracheenartigen
Luftgefässen, die an die einzelnen Anhänge hinantreten und
hier (namentlich an den proliferirenden Polypen) in einer
noch nicht ermittellen Weise endigen ^). Ausserdem trägt
die obere Fläche der Luftblase eine Anzahl von kleinen spalt-
förmigen Oeffnungen, die d(!n äussern Körperüberzug durch-
brechen und eine directe Communication zwischen dem Luft-
räume und der äussern Atmosphäre herstellen.
Gen. VelelHa Lam.
Die Körperscheibe hat eine ovale Gestalt und trägt ei-
nen diagonalen — von oben und rechts nach unten und links
oder umgekehrt verlaufenden — kammförmigen Aufsatz (Se-
gel) , der im Innern durch ein eigenes mit dem Luftsacke
zusammenhängendes Hornblatt gestützt wird. Die Fangfäden
sind einfache cylindrische Anhänge. Der radiäre Bau ist
durch die Körperform in mehrfacher Beziehung (Form des
Centralpolypen , Gruppirung der Oeffnungen für die Saffge-
fässe im Grunde des Magensackes u. s. w.) modificirt Avor-
den. Die Luftlöcher liegen neben der Wurzel des Segels,
in der einen Hallte des Körpers auf der rechten, in der an-
dern auf der linken Seite. Die Luftgefässe kommen in ge-
1) Ich möchte diese Luftgefässe mit dem halsförmigen Aufsatze
an dem Luftsacke der Physophoriden vergleichen, und das morpho-
logische Yerhältniss dieser beiderlei Gebilde in derselben Weise auffas-
sen, wie das der Saftgefässe und der canalförmigen Leibeshöblc bei
den meisten übrigen Siphonophoren.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza, 36l
ringer Anzahl aus dem Mittelpunkte der Körperscheibe her-
vor. Die Luftkauimern stehen unter sich in Communication.
Velella spirans Forsk.
Die Scheibe der Luftblase ist schmal, im Centrum ke-
gelförmig- erhoben und mit einem sehr ansehnlichen , von
oben und rechts nach unten und links verlaufenden ') Kamme
versehen, der in der Mitte sich in eine Spitze auszieht und
mit seinen abgerundeten Seitentheilen über den Rand der
Luftblase vorspringt. Die Zahl der Luftlöcher beträgt 13;
das mittelste derselben communicirt mit der Centralkammer.
Der Rand der Körperscheibe, der über den Rand der Luft-
blase herabfällt, und die Tentakeln sind blau gefärbt.
Obgleich die Velellen oftmals in der wärmern Jahres-
zeit (vom Mai an) zu unermesslichen Schaaren an der Küste
um Nizza erscheinen, bin ich doch nicht so glücklich gewe-
sen', diese Thiere lebendig beobachten zu können. Nichts
desto weniger mag es mir aber erlaubt sein, einige Worte
über diese interessanten Geschöpfe hier anzumerken. Der
Güte meines verehrten Freundes V erany verdankeich zahl-
reiche wohlerhaltene Exemplare dieses Thieres, die mir we-
nige Wochen nach meiner Abreise von Nizza hieher nach-
gesendet wurden und mir Gelegenheit gaben , durch eigene
Untersuchungen eine ziemlich vollständige Einsicht in den Or-
ganismus und die Structurverhältnisse unserer Thiere zu ge.
winnen. Bin ich auch ausser Stande, den Beobachtungen
von K ö 1 1 i k e r (S. 46. Tab. XI) und V o g t (p. 5. Tab. I) et-
was Neues von Erheblichkeit hinzuzufügen, so wird doch,
wie ich hoffe , die Bestätigung der einen oder andern An-
gabe nicht ganz ohne Werth sein.
Dass die sogenannte Schale oder das Skelet unseres
Thieres, wie überhaupt der Velelliden, als Analogon des Luft-
sackes zu betrachten sei , scheint mir ausser Zweifel und
wird durch die Uebereinslimmung in den allgemeinen mor-
phologischen Verhältnissen zur Genüge bewiesen. Es kann
1) So wenigstens, wenn der breite Rand der Scheibe dem Be-
obachter zugekehrt ist. Eschscholtz scheint die Bestimmung bei
der Lage mit dem schmalen Rande gegen den Beobachter vorgenom«
men zu haben.
362 Leuckart:
nur da bestritten werden, wo man übersehen hat, dass auch
bei den Physophoriden ein eigenes BehäKniss für die Auf-
nahme des Lufltropfens vorhanden ist. Ich glaube mich so-
gar davon überzeugt zu haben , dass die physikalische und
chemische Beschaffenheit der Luftblasenwand in beiden Grup-
pen vollkommen übereinstimmt.
Uebrigens habe ich schon früher einmal darauf auf-
merksam gemacht (Zeitschrift für wiss. Zool. III. S. 193) ,
dass man die Substanz der Yelellenschale mit Unrecht ge-
wöhnlich als „knorplich" bezeichnet, da sie weit eher eine
hornige Beschaffenheit habe. Herr Vogt bemerkt nun frei-
lich (p. 12) gegen diese meine Angabe, dass er keinen Cha-
rakter in der histologischen Zusammensetzung von Ho/n und
Knorpel kenne, der überall und namentlich auch „bei so dün-
nen und homogenen Lamellen«, wie in dem Skelet der Velel-
len, zur Unterscheidung ausreiche, allein er scheint dabei zu
vergessen, dass es, wenigstens nach unserem gegenwärtigen
Wissen, keinen homogenen Knorpel giebt. Gerade die
Homogeneität , die Herrn Vogt diese Scrupel gemacht zu
haben scheint, ist wohl ein sicheres Zeichen, dass die Luft-
blase der Velellen nicht aus Knorpel bestehe. Sollte Herr
Vogt übrigens trotzdem über die Natur der Luftblasenwand
noch im Zweifel geblieben sein, so würden wohl die einfach-
sten Manipulationen dazu hingereicht haben, die Verschieden-
heit von dem Knorpelgewebe zu constatlren. Die Velellen-
schale giebt beim Kochen keinen Leim, sie bleibt in kausti-
schem Kali selbst nach wochenlanger Maceration und vielfa-
chem Kochen unverändert, während sie in kochender Schwe-
felsäure sich mit Leichtigkeit auflöst — kurz sie zeigt, wie
ich schon an einem andern Orte (dieses Arch. 1852. L S. 26)
hervorgehoben habe, die chemischen Reaclionen des Chitin-
gewebes. Ich kann hier diese Angabe nach erneuter Prüfung
— auch trotz der widersprechenden Aeusserung vonKölli-
ker (S. 49) — nur nochmals bestätigen und freue mich
jetzt auch die Autorität von Prof. Schlossberger dafür
anführen zu können. Letzterer, dem ich einige dieser sog.
Knorpel zur Untersuchung mittheilte, hat sich ferner noch
davon überzeugt , dass die betreffende Substanz nicht etwa
Cellulose ist, sondern zu den stickstoffhalligen Verbindungen
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 363
gehört, aber schon wegen der vollständigen Abwesenheit
von Schwefel weder den leimgebenden Geweben , noch den
Proteinkörpern zugerechnet werden darf.
lieber die Luftgefässe unserer Velella herrscht beiKöl-
liker und Vogt einige Verschiedenheit. Nach Ersterem
sollen dieselben mit etwa 10 — 15 unverästelten Stämmen aus
den 5— 6 innersten Luflkammern hervorkommen (S. 55), wäh-
rend Herr Vogt nur vier Hauptstämme annimmt, die mit
kreuzweis gestellten OefFnungen aus dem Mittelpunkte der
Schale ihren Ursprung nehmen und, wie es auch Krohn,
der Entdecker dieses Apparates, beschrieben hatte, während
des Verlaufes sich vielfach verästelten, lieber den Ursprung
dieser Gefässe bin ich durch meine Untersuchungen zu kei-
nem entscheidenden Resultate gekommen, doch scheint es
mir fast, als wenn die Angabe des Herrn Vogt die richti-
gere wäre. Jedenfalls gilt dieses in Bezug auf die Veräste-
lungen der Luftgefässe, die ich mehrfach auf das Entschie-
denste beobachtet habe.
Eben so unbedingt kann ich aber auch die Angabe von
Kölliker über die Existenz der Luftlöcher auf der obern
Fläche der Velellenscheibe bestätigen. Wie ich schon frü-
her die Stigmata der Schale auffand (Z. U. S. 5) , so habe
ich jetzt auch die entsprechenden Oeffnungen in den Weich-
theilen gesehen und zwar so constant und leicht , dass ich
mich in der That darüber wundern muss , wie Herr Vogt
trotz seiner Bekanntschaft mit dem Kölliker'schen Funde, dar-
über im Ungewissen bleiben konnte. Der Rand der Mantel-
Öffnungen ist aufgewulstet , doch ohne Muskelfasern, die ich,
wie Kölliker, nur in dem Rande des Mantels unterscheiden
konnte. (Herr Vogt bezeichnet den ganzen Mantel als mus-
kulös.) Die flaschenförmigen Drüsen in der äussersten Pe-
ripherie dieses Mantelrandes sind noch an Spiritusexemplaren
sehr bestimmt zu erkennen.
Der grosse (sterile) Centralpolyp besteht eigentlich nur
aus zwei Abschnitten, aus dem Rüssel und dem Magensacke,
aus dessen Grunde die Saftgefässe mit zwei Längsreilien
querstehender Spalten, die nach den Enden zu immer kleiner
werden, ihren Ursprung nehmen 0. Die Leber umlagert den
1) Lesson iäs3t diese Gpfässe irrlhümlicher Weise aas den
3ö4 L e u c k a r t :
Anfangstheil dieser Saftgefässe — die Kölliker desshalb
auch, so weit sie von den Leberzellen umschlossen werden,
als „Lebergefässe" bezeichnet — und bildet eine ziemlich
scharf begrenzte Masse von spindelförmiger Gestalt, deren
Secret durch die Saftgefässe dem Cenlralpolypen (wohl auch
den peripherischen kleinen Polypen) zugeführt wird. Ueber
die Anordnung und den Bau dieser Gefässe verweise ich auf
die Darstellungen von Kölliker und Vogt. Im Allgemei-
nen lässt sich nur so viel von denselben bemerken, dass sie
einen peripherischen Verlauf einhalten und theils (vgl. Fig. 21)
in den Rand des Mantels eintreten, theils auch um den Rand
des Luftsackes herum auf die obere Fläche des Mantels ge-
langen, um hier, gleichfalls in radiärer Anordnung, nach dem
Mittelpunkte hinzulaufen. Der Kamm erhält seine eigenen
Gefässe, zwei seilliche und zwei mittlere, die eine ansehnli-
che Weite besitzen.
Die peripherischen Polypen sind sehr viel kleiner , als
der Centralpolyp und aus den gewöhnlichen drei Abschnitten
zusammengesetzt , obgleich der Basaltheil eine abweichende
stielförmige Bildung hat und auch im Innern (nach Unter-
suchungen an Spiritusexemplaren) jener grossen und hel-
len Zellenlage entbehrt, die man sonst ganz allgemein bei
den Siphonophoren in diesem Abschnitte antrifft. Ebenso
scheinen auch die Zellenwülste des Magensackes zu fehlen.
Die äussere Fläche dieser Polypen trägt zahlreiche runde An-
gelorgane, die gruppenweis neben einander gelagert sind und
warzenförmig nach aussen vorspringen. Der Mund ist im
geschlossenen Zustande schwer wahrzunehmen, so dass man
früher die Existenz desselben vollkommen in Abrede stellen
konnte , aber doch unzweifelhaft vorhanden , wie ich mich
jetzt gleichfalls überzeugt habe.
Der Zusammenhang der peripherischen Polypen (und
Tentakel) mit den Saftgefässen ist leicht zu conslatiren. Von
den zugespitzten Enden des grossen mittlem Polypen sah ich
dagegen niemals solche Anhänge abgehen , auch nicht von
(zugespitzten) Enden des Magensackes hervorgehen, der bekanntlich
einen spindelförmigen, in der Längsrichtung der Scheibe verlaufenden
Anhang darstellt.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Niiza. 365
der Leber, die, nach Kölliker (S. 52), gleichfalls bisweilen
mit proliferirenden Polypen besetzt ist.
Die Tentakel sind einfache , aber ausserordentlich be-
wegliche Cylinder oder kurze Fäden von ziemlicher Weite,
deren Nesselorgane, wie Kölliker ganz richtig angiebt,
zwei breite — bei Velella oblonga? aus der Südsee vier
schmälere — Streifen zusammensetzen, die von der Basis bis
zur Spitze hinziehen und hier in einander fliessen. Die Form
der Nesselorgane ist dieselbe , wie an den peripherischen
Polypen.
Ueber die Geschlechtsverhältnisse unserer Velellen sind
wir besonders durch Gegenbaur (Zeitschr. f. wiss. Zool. V.
S. 370) und Vogt (p. 54), auch schon früher durch Hux-
ley (Müller's Arch. 1851. S. 383) aufgeklärt worden. Die
kleinen gestielten Knöpfchen, die an dem Stiele der peripheri-
schen Polypen ansitzen und sich nach den Untersuchungen
von Vogt und Kölliker wesentlich ganz in derselben Weise
entwickeln, wie die Geschlechtsanhänge der übrigen Sipho-
nophoren, verwandeln sich in förmliche Scheibenquallen, die
sich von ihrer Bildungsstätte abtrennen, bevor sie geschlechts-
reif sind und auch nach ihrer Abtrennung (vergl. Gegen-
baur a. a. 0.) sich noch mehrfach verändern. Leider fehlt
es bis jetzt noch an einer genauem Darstellung dieser Vor-
gänge. Wir wissen nur, dass die ausgebildeten Velellen.
quallen zwei Randfäden und 16 Radialgefässe (bei ihrer Ab-
trennung nur 4) besitzen und an dem kurzen stumpfkoni-
schen Magen vier Geschlechtsorgane tragen.
Die Jugendzustände unserer Velelle sind wahrscheinlich
schon von dem alten Forskai beobachtet worden. Es sind
dieselben Formen, die von Eschscholtz später als Typen
eines eignen Genus Rataria aufgestellt wurden. Bestätigt sich
diese Vermuthung, so bestehen die jungen Velellen anfangs nur
aus dem spätem Cenlralpolypen mit (einfachem) Luflsack und
Tentakeln. So viel ist jedenfalls gewiss, dass noch Velellen von
3_4'" den Ratarien nicht unähnlich sehen, auch erst eine
geringe Anzahl von peripherischen Polypen (ohneQuallenknos-
pen) , Tentakeln und Luftkammern besitzen. Was die Ver-
mehrung der erstgenannten Anhänge betrifft, so soll diese,
nach Herrn Vogt, wie beiPhysophora, an einer ganz genau
366 Leuckart:
fixirten Stelle vor sich gehen (p. 34). Der Kranz, den die
Fühler zusammensetzen, soll nämlich an einer bestimmten
Stelle unterbrochen sein und zwar der Art, dass der eine
Schenkel desselben nach Innen etwas ausweicht. An dem
Ende dieses Schenkels (und ausschliesslich hier) soll nun die
Neubildung der Tentakel , nach Innen davon auch die der
peripherischen Polypen vor sich gehen. Kölliker schweigt
über diesen Punkt; ich muss indessen gestehen, dass es mir
unmöglich war, das von Herrn Vogt beschriebene Verhält-
niss aufzufinden. Dagegen glaube ich mich mit aller Be-
stimmtheit davon überzeugt zu haben , dass die Neubildung
der Tentakel aller Orten zwischen den ausgebildeten vor sich
gehet. Man sieht die kleinen fast zottonförmigen Tentakel
überall zwischen den alten und ausgebildeten und zwar ge-
wöhnlich nach Aussen umgeschlagen , so dass man auf den
ersten Blick vielleicht vermuthen könnte , sie seien vor den
alten, nicht zwischen denselben eingepflanzt. Aehnliches gilt
für die proliferirenden Polypen, die, zum Theil wenigstens,
gleichfalls zwischen den altern Einzelthieren, zum Theil aber
auch in der Peripherie derselben hervorkommen.
Was die Lebensweise der Velellen betrifft, so giebt
Kölliker an (S. 55), dass er diese Thiere nie anders, als
mit herabhängendem Segel und aufwärts gekehrten Anhängen
an der Oberfläche des Wassers schwimmend gesehen habe.
Die früheren Beobachter theilen gerade dasGegentheil mit; sie
stimmen ohne Ausnahme darin überein, dass die Velellen den
horizontalen Kamm ihres Körpers nach oben tragen und zwar
ausserhalb des Wassers, so dass er die Rolle eines förmli-
chen Segels übernehmen kann. Herr Vogt beschreibt diese
Haltung gleichfalls als die normale und Verany hat mir
über die Locomotion unserer Thierchen dasselbe mitgetheilt.
Wahrscheinlicher Weise ist hier also von Seiten KöUiker's
ein Irrthum untergelaufen , vielleicht durch die Beobachtung
gefangener oder halbtodler Exemplare. Uebrigens wird man
gewiss gerne mit Kölliker darin übereinstimmen, dass un-
sere Kenntnisse über die Lebensverhältnisse der Velellen noch
keineswegs abgeschlossen sind. Ob dieselben durch die Bil-
dung ihres pneumatischen Apparates zeitlebens an die ober-
sten Schichten des Wassers gefesselt sind, ob sie durch Aus-
Zur nähern Kennlniss der Siphonophoren von Nizza. 367
treibung" oder auch vielleicht durch Compression der Luft
— möglichenfalls könnten hierbei ja die Luftgefässe, die so
vielfach ein contracliles Gewebe durchsetzen, eine Rolle spie-
len — eine Veränderung ihrer Hallung herbeiführen können,
das Alles sind Fragen, die erst bei fortgesetzter Beobachtung
ihre Erledigung finden können. Freilich habe ich kaum die
Hoffnung, dass die Bemerkungen, dieKölliker an seine
Behauptung anknüpft, in dieser Beziehung unsere Kenntnisse
wesentlich fördern werden.
Gen, Porpita Lam.
Mit kreisrundem Körper ohne Kamm und längern mit
Nesselknöpfen besetzten Fühlern, die in zwei oder drei Rei-
hen stehen. Luftlöcher und Luftgefässe sehr zahlreich und
in radiärer Gruppirung. Die Luftkammern sind von einander
abgeschlossen »)•
Porpita medi terra nea Esch.
Mit massig breitem Rande und kurzgestielten Nessel-
knöpfen, die die keulenförmig verdickte äussere Hälfte der
Tentakel besetzen. Rand und Tentakel blau gefärbt.
Ueber diese Siphonophore weiss ich Nichts anzugeben.
Sie ist weder von mir, noch von Herrn Vogt beobachtet, wird
aber vonVerany (Catalogo degli anim.) unter den Nizzaer
Siphonophoren aufgeführt ~). Den Untersuchungen von Kölli-
ker (ß. bl. Tab. XII) verdanken wir bekanntlich eine eben
so interessante , als wichtige Anatomie dieses Thieres , auf
die ich hier hinweise. Die wesentlichen Verhältnisse des
Baues sind übrigens, wie bei Velella.
Ich habe am Eingange meiner Abhandlung bemerkt, dass
über die zusammengesetzte Natur der Siphonophoren ^) nicht
1) Mit Unrecht giebt Eschscholtz seinen Porpitaarten eine
„Kalkschale.« Der Luftsack dieser Thiere hat nach KöUiker (S.57)
dieselbe physikalische Beschaffenheit, wie bei Velella.
2) Die Porpita nioneta Risso ist keine Siphonophore, sondern
der nach der Auflösung der Weichtheile übrig gebliebene Glaskörper
einer Cunina, die man nicht selten um Kizza auffischt,
3) Von Lesueur, Lamarck, Delle Chiaje und Milne
368 Leuckart:
länger ein Zweifel mehr obwalten könne. Wir brauchen
uns nur die eine Thatsache der Eudoxienbildung zu verge-
genwärtigen — und der Beweis für die Richtigkeit unserer
Behauptung ist geliefert. In der Tliat stimmen die neueren
Beobachter der Siphonophoren ohne Ausnahme in diesem
Punkte mit einander überein. Aber an diese Erkenntniss
knüpft sich sogleich eine neue und weitere Frage. Es han-
delt sich ferner um die Entscheidung, ob ausschliesslich die
Polypen der Siphonophorencolonie als „Thiere," die übrigen
Anhänge dagegen als „Organe" zu betrachten sind^ oder ob
gar Alles, was an dem Stamme hervorsprosst ^ mag seine
Form und Aufgabe auch noch so verschieden sein, in gene-
tischer Beziehung die Bedeutung eines Individuums besitze.
Betrachtet man den Organismus einer fertigen Eudoxie,
so möchte man vielleicht noch einer andern dritten Ansicht
den Vorzug geben und annehmen, dass nicht etwa dieser
oder jener einzelne Theil des Siphonophorenkörpcrs, sondern
jedesmal ein Complex von Theilen, wie er in einer Eudoxia
uns vorliegt, Magens^ack mit Fangapparat, Deckschild und Ge-
schlechtsanhang, ein Individuum darstelle. Von dieser An-
sicht wird man indessen zurückkommen, wenn man sich über-
zeugt, dass alle die Theile, die hier zu einem gemeinsa-
men Körper zusammenhängen, anfangs von einander voll-
kommen isolirt sind und auch bei der Mehrzahl der Siphono-
phoren beständig als isolirte Anhänge und in ganz überein-
stimmender Weise an dem Stamme befestigt bleiben. Aber ge-
rade dieses gleichmässige Verhälfniss der einzelnen Anhänge
zum Körperstamme drängt uns auf der andern Seite, wie ich
glaube, zu der Ansicht, dass dieselben vom genetischen Stand-
punkte aus vollkommen gleichwerlhig seien. Gebilde, die unter
ganz denselben Verhältnissen hervorknospen , die bei ihrer
ersten Anlage formell mit einander übereinstimmen und auch
noch im entwickelten Zustande eine gewisse, mehr oder min-
der auffallende Analogie ') besitzen , solche Gebilde dürfen
wir wohl für morphologisch gleichwerlhige Theile ansehen.
Edwards wurde schon früher die zusammengesetzte IVatur einzelner
Siphonophoren behauptet.
1) Diese Analogie der einzelnen Anhänge erstreckt sich auch auf
^ie histologische Entwickelung der Knospen, über wel-
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza, 369
Können wir beweisen, dass das eine dieser Gebilde ein In-
dividuum darstellt, so ist damit auch die individuelle Natur
che sich im Allgemeinen etwa Folgendes angehen lässt. Bei dem er-
sten Auftreten sind die Knospen glashell und structurlos ; die neu
gebildeten Knospen bestehen aus einem homogenen Blastem, in dem
man keinerlei geformte Elemente unterterscheiden kann. Aber dieser
Zustand der primitiven Indifferenz hat nur kurze Dauer; nach einiger
Zeit nimmt die Substanz der Knospe eine liörnige und bald darauf auch
eine deutlich zellige Beschaffenheit an. (Es ist sehr unrichtig, wenn
Herr Vogt, Bilder aus dem Thierleben S. 160 behauptet, dass die
Knospen der Siphonophoren „stets nur eine einförmige Substanz ohne
Spur von Zellenmembran und Zellenkernen" unterscheiden Hessen, wenn
er aus dieser seiner Beobachtung dann ferner den Schluss zieht, dass die
Gewebe der Siphonophoren nicht aus Zellen hervorgingen.) Wiederum
vergeht eine kurze Zeit, und die Zellenmasse der Knospen zerfällt in
zwei ziemlich dicke Schichten, in eine äussere un dinnere, die beide auf
ihrer freien Fläche mit Flimmerhaaren bedeckt sind. Wie es scheint,
wird diese Trennung dadurch hervorgerufen , dass eine dünne Schicht
von structurloserHyalinsubstanz sich zwischen beide ablagert. In vielen
Knospen bleibt diese Ablagerung sehr beschränkt, in andern wächst
sie dagegen (wie die Hyalinsubstanz — Cellulose — im Älantel der
Salpen, die auf demselben Wege ihren Ursprung nimmt, vgl. Zool.
Unters. II. S. 59) sehr beträchtlich, so dass sie schon nach kurzer
Zeit den grössern Theil der ganzen Knospe ausmacht. Das letztere
geschieht namentlich bei den Deckblättern und Schwimmglocken, bei
denen diese Hyalinsubstanz den spätem festen und elastischen Mantel
darstellt und die äussere Zellenschicht allmählich fast vollkommen ver-
drängt. Der Rest dieser Zellenschicht bildet eine Epitheliallage auf der
Oberfläche, die sich namentlich bei den jungen Anhängen sehr deut-
lich erkennen lässt. Die innere Zellenlage der Knospe verwandelt
sich in die Epithelialbekleidung des Höhlensystemes. Dasselbe ge-
schieht mit der innern Zellenlage bei den übrigen Knospen, die we-
niger reich an Hyalinsubstanz sind, während dagegen die äussere
Zellenlage dieser Anhänge nicht bloss in einer Epitheliallage , son-
dern auch in Muskelfasern, Nesselzellen u. s. w. auswachsen. Die
letztern sind anfangs sehr zart und hell und entbehren eine längere
Zeit hindurch der äussern festen Kapsel, die sich gleich der Cellulo-
seschicht auf dem Primordialschlauche der Fflanzcnzellen erst später
durch Ablagerung zu bilden scheint. Was die Schwimmhöhle der
Locomotiven und die Mantelhöhle der medusenformigen Geschlechts-
anhänge betrifft, so lässt diese gleichfalls (auch in den Schwimmglocken
vonHippopodius) eine Zellenauskleidung erkennen, die sich später in
den muskulösen Schwimmsack, verwandelt.
Archiv, f. Naturgesch. XX. Jahrg. J. Bd. 24
^7^ Leuckarl;
der übrigen bewiesen. Freilich wird man fragen , wo dann
etwa die Aehnlichkeit zwischen einer Schwimmglocke und
einem Polypenleibe und Taster sei ? Ich gebe zu , diese
Aehnlichkeit fällt nicht sogleich in die Augen , aber nichts
desto weniger ist sie vorhanden. So gewiss als eine Schei-
benqualle in den allgemeinsten Zügen ihres Baues mit dem
Hydroidpolypen übereinstimmt, an dem sie hervorkommt, eben
so gewiss findet sich auch eine solche Uebereinslimmung
zwischen der Schwimmglocke und dem Taster einer Siphono-
phore. Wir brauchen den Taster nur durch Depression der
Längsachse in eine Scheibe zu verwandeln , diese Scheibe
glockenförmig zu krümmen, um beide Gestalten mit einander
in Zusammenhang zu setzen. Die Centralhöhle des Tasters
wird dann in eine Reihe radiärer Canäle zerfallen — wie
die Leibeshöhle bei den Velelliden — , um eine möglichst
grosse und gleichmässige Contactfläche für die ernährende
Flüssigkeit zu gewinnen ; es wird auch der innere Bau dieser
Anhänge die morphologische Uebereinstimmung documenliren.
Auch in physiologischer Beziehung herrscht zwischen
den einzelnen Anhängen des Siphonophorenkörpers eine ge-
wisse Uebereinstimmung. Es wird vielleicht Niemand Be-
denken tragen, die Magensäcke oder Polypen als Individuen
in Anspruch zu nehmen, weil sie sich nach Art eines Indi-
dividuums selbstständig ernähren — aber ernähren diese In-
dividuen denn nicht auch eben so gut die übrigen Anhänge,
die den Siphonophorenkörper zusammensetzen? Sind sie
in dieser Beziehung nicht eben so gut Organe der Gesammt-
colonie, als die Taster, Deckblätter, Schwimmglocken u. s. w.,
die mit den Ernährungsthieren an dem gemeinschaftlichen Kör-
perslamme anhängen und hervorknospen und mit ihnen zu-
sammen sich in die verschiedenen Aufgaben des Lebens ge-
theilt haben?
ich gestehe, es scheint mir ziemlich wenig consequent,
wenn man nur den einen oder andern Anhang des Siphonopho-
renkörpers, vielleicht nur die Polypen, als Individuen will gel-
ten lassen, und die übrigen als Organe betrachtet. Der eine
dieser Anhänge ist nicht mehr Organ, aber auch nicht we-
niger, als der andere. Es giebt bei den Siphonophoren kei-
nen einzigen bleibenden Körperanhang, der alle die Functio-
Zur nähern Kenntniss der Siplionophoren von Nizza. 371
nen und Aeusserungen des thierischen Lebens, die wir sonst
gewöhnlich in einem Individuum sich vollenden sehen, verei-
nigte. Alle die einzelnen Anhänge des Siphonophorenkör-
pers repräsenliren für sich nur Bruchstücke des thierischen
Lebens, die sich erst gegenseitig zu einem Gesammtbilde er-
gänzen.
Von diesem Standpunkte aus habe ich schon seit mei-
nen Mittheilungen über den Bau unserer Thiere in der Zeit-
schrift für wiss. Zool. III. S, 189 behauptet, dass die Sipho-
nophorcn nicht blosse Thicrcolonieen , sondern polymor-
phe Thiercolonieen seien, deren einzelne Anhänge
nach dem Gesetze der Arbeitstheilung, das in der Thierwelt
bekanntlich so vielfältige Anwendung findet (ich verweise
hierbei namentlich auf meinen Art. Zeugung in Wagner's
HWß. der Physiologie) , in die Aufgaben des Lebens sich
getheilt und darnach in verschiedener Weise sich entwickelt
hätten. Meine Ansicht 0 hat manchen Beifall , aber auch
manchen Widerspruch gefunden. Reichert (monogene Fort-
pflanzung), V. Carus (Morphologie), AI. Braun (das In-
dividuum in der Pflanzenwell), neuerdings auch Hr. Schultz-
Schultzenstein (Verjüngung im Thierreiche) haben sich
derselben ganz unbedingt angeschlossen. Gegenbaur giebt
gleichfalls zu (Generationswechsel der Medusen und Polypen
S. 49), dass man nicht nur die Polypen und Geschlechtsan-
hänge, sondern auch andere Theile des Siphonophorenkör-
pers, Schwimmstücke und Deckblätter, als Individuen betrach-
ten könne 2), glaubt aber, dass ich zu weit gehe, wenn
ich solches auch für die Fangapparate behaupte. In einem
noch beschränktem Sinne spricht sich Herr Vogt für den
Polymorphismus der Siphonophoren aus, freilich ohne diesen
Namen zu nennen oder überhaupt nur meiner Ansicht direct
1) Zur weitern Begründung derselben verweise ich hier na-
mentlich auf meine Zool. Untersuchungen S. 70 ff.
2) Gegenbaur scheint nur Bedenken zu tragen (Beiträge u.
s. w. S.56), diese Anhänge Individuen zu nennen — es ist das
im Grunde sehr gleichgültig, wenn man sich nur darüber verständigt
hat, dass sie (in genetischer Beziehung, denn der Begriff des Indi-
viduums ist zunächst, obgleich man das gewöhnlich vergisst, ein ge-
netischer) wirklich Individuen sind.
372 Leuckart:
ZU erwähnen *)• Er erklärt ausser den Polypen auch noch
die Taster und die Geschlechtsanhänge für Individuen, we-
nigstens die schwärmenden Geschlechtsanhänge, erklärt auch
auf p. 58 die Möglichkeit, dass man bei fortgesetzten Unter-
suchungen vielleicht später noch einmal die Schwimmglocken,
Deckstücke und bläschenförmigen Eikapseln als Individuen
werde erkennen lernen, hält es aber nichts destoweniger an
einer andern Stelle (p. 136) für einen Verstoss gegen den
gesunden Menschenverstand Q„ce serait choquer le bon sens^O?
die letzteren für Individuen auszugeben. Die beerenartigen
Eikapseln seien und bleiben „Organe" — als ob nicht auch die
schwärmenden Geschlechtsanhänge, nicht auch die sogenann-
ten Polypen mit gleichem Rechte Organe genannt werden
könnten! Herr Vogt scheint nicht zu wissen oder nicht
wissen zu wollen, dass diese kapselartigen Geschlechtsanhän-
ge durch die manchfaltigsten Zwischenformen allmählich zu
den Geschlechtsanhängen mit exquisiter Medusenform hinfüh-
ren^ dass sie nur eine niedrigere (d. i. weniger selbstständige)
Entwickelungsform derjenigen Gebilde darstellen, die bei den
Velellen als vollständige Scheibenquallen sich ablösen.
Auch Kölliker scheint diesen Umstand nicht gehörig
gewürdigt zu haben , wenn er — der einzige unter den
neuern Beobachtern — den Polymorphismus der Siphonopho-
ren vollkommen in Abrede stellt und die vielgeslaltelen An-
hänge dieser Thiere ohne Ausnahme als Organe der Polypen
ansieht. Nimmt er doch sogar Anstand (S. 73), die Velellen
als „Ammen" zu betrachten, obgleich es ihm (durch die Un-
tersuchungen von Huxley und Gegenbau r) bekannt war,
dass sich die Geschlechtsknospen dieser Thiere zu Medusen
entwickeln. Wenn man freilich auch bei den Hydroiden den
1) Hr. Vogt pflegt meinen Namen überhaupt nur bei solchen Gele-
genheiten zu nennen, wo er glaubt, mir Etwas versetzen zu können. So
figurire ich — abgesehen von dem sehr schmeichelhaften Postscriptum
auf p. 164 — nur an dreien Stellen seines grossen Siphonophorenwer-
kcs, bei Gelegenheit der Frage nach der IN'atur der Schwimmblasen-.
wand bei den Velellen (p. 12) und der sogenannten Spccialschwimm-
glocken bei Praya (p. 104), wobei ich natürlich mit meinen Behaup-
tungen vollkommen im Unrecht bin, und bei der Frioritätsrcdamation auf
p. 12P.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 373
Generationswechsel leugnet, wenn man die Quallensprösslinge
dieser Thiere nur für eine besonders hoch organisirte Form
von Geschlechtsorganen ausgiebt, die^ wenn auch eine Zeitlang
frei umherschwimmend , doch nicht wirklich als Individuen
anzusehen seien und kein eigentlich individuelles Leben füh-
ren, dann wird es allerdings ganz natürlich scheinen, dass
auch die Geschlechtsthiere der Velellen blosse Organe sind,
wie die Geschlechtskapseln der übrigen Siphonophoren. Giebt
man aber einmal die Individualität der aufgeammten Medusen
zu (und ich glaube kaum , dass man dieselbe ernstlich in
Zweifel ziehen kann), so folgt daraus auch zunächst mit lo-
gischer Nolhwendigkeit die Individualität der übrigen soge-
nannten Geschlechtsanhänge, die nach ihrer Entwickelungs-
geschichte und ihrer Organisation sich an diese Medusen an-
schliessen. Gegenbaur ist desshalb auch gewiss in vollem
Rechte, wenn er nicht bloss den Velelliden, sondern den Si-
phonophoren ohne Ausnahme einen Generationswechsel zu-
schreibt, wie ich das, nach dem Vorgange von Sars, schon
längst gethan hatte. Aber Gegenbaur fühlt auch sehr
wohl^ dass zwischen dem Generalionswechsel bei den Sipho-
nophoren und der gewöhnlichen Form dieses Vorganges ein
gewisser Cwenn auch nur gradueller) Unterschied obwaltet:
er nennt den Generationswechsel unserer Thiere — natürlich
mit Ausschluss der Velelliden — einen „unvollkommenen'« und
bezeichnet damit im Grunde genommen ganz dasselbe, was
ich mit der Idee meines „Polymorphismus" auszudrücken ge-
dachte. Wo die Geschlechtsthiere bei dem Generationswech-
sel, wie in unserm FallC;, zu keiner völligen Selbstständigkeit
gelangen, und blosse (mehr oder minder emancipirte) Anhänge
am Körper ihrer Ammen darstellen , da beschränkt sich die
Aufgabe derselben ausschliesslich auf die Vermittelung der Fort-
pflanzung ^3. Die Ammengeneration, die sonst nur eine unterge-
ordnete Rolle zu spielen pflegte, ist in solchen Fällen nicht bloss
für die Entwickelung, sondern auch für das spätere Leben
dieser ^^Geschlechtsthiere" nothwendig 2) ; sie repräsentirt ein
1) Gegenbaur nennt die Geschlechtsthiere in solchen Fällen
eine „unvollkommene zweite Generation.«
2} Ich möchte desshalb auch nicht gerade dem Ausspruche von
S74 Leuckart:
weit grösseres Stück Lebensgeschichte, als die Generation der
Geschlechtsthiere, die wir doch sonst gewöhnlich als die Haupt-
repräsentanten der einzelnen Arten zu betrachten gewohnt sind
sie stellt mit den Geschlechtslhieren zusammen eine polymorphe
Colonie dar.
Sind nun aber die Geschlechtsanhänge der Siphonopho-
ren in Wirklichkeit Individuen (wenn auch immerhin , wie
Mancher vielleicht lieber möchte, unvollkommene Individuen),
so kann meiner Meinung nach darüber kein Zweifel obwal-
ten, dass auch die Schwimmglocken, die sich eigentlich nur
durch die Abwesenheit der Geschlechtsstoffe von denselben
unterscheiden , als Individuen zu betrachten sein dürften 0«
Die Entwickelung und der Bau der Schwimmglocken ist ja
wesentlich mit diesen Anhängen übereinstimmend , eben so
übereinstimmend, wie die Entwickelung und der Bau bei den
Polypen, den Ernährungsthieren, und den mundlosen Tastern.
Von den Tastern zu den Deckstücken und auch den Fangfä-
den und Nesselknöpfen scheint mir kein eben sehr gewagter
üebergang, ich kann mich, trotz aller Bedenken, nicht von
der Ansicht lossagen, dass alle diese Anhänge, Alles, was
an demSiphonophorenkörper sprosst und keimt, die morpho-
logische Bedeutung eines Individuums besitze. In functioneller
Beziehung mögen diese Individuen immerhin als „Organe"
bezeichnet werden ; der Begriff des Wortes Organ knüplt zu-
nächst nur an die Verwendung eines Gebildes für die Zwecke
einer höheren Einheit an, mag nun dieses „Organ", wie in
der Mehrzahl der Fälle, das Bruchstück eines Individuums,
oder , wie bei unsern Siphonophoren, ein ganzes Individuum
darstellen ^). Ist man einmal darüber klar geworden, dass
Gegenbaur beipflichten, dass solche Ammen eine „unvollkommene"
erste Generation darstellen.
1") Dasselbe geht aus den Beobachtungen von Gegenbaur
über die Entwickelung derDiphyiden hervor — oder wollte man hier
etwa die Bildung und Action eines „Organes" (Schwimmglocke) der
Bildung und dem Leben des zugehörenden Individuums (Polypen) vor-
ausgehen lassen?
2) Wenn ich fürchten könnte, dass es mit dieser Behauptung
mir ginge, wie mit einer andern , die man durch Hindeutung auf den
scheinbar feststehenden Begriff eines bekannten Wortes (Embryo, Me-
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 375
„Organ« und „Individuum« nicht Begriffe sind, die sich unter
allen Verhältnissen gegenseitig ausschliessen, dann wird man
es nicht mehr wagen, die consequente Durchführung der Idee
des Polymorphismus eine Beleidigung des gesunden Men-
schenverstandes zu heissenl
Erklärung der Abbildungen.
Taf. XI.
Fig. 1. Eine junge Schwiramglocke von Abyla pentagona.
Fig. 2. Ein junger und unentwickelter Polyp desselben Thieres mit
knospendem Fangfaden.
Fig. 3. u. 4. Weitere Entwicklungszustände dieses Polypen mit Nes-
selknöpfen auf verschiedenen Bildungsstufen.
Fig. 5. Entwicklung der Nesselknöpfe bei Abyla pentagona.
Fig. 6. Ausgebildeter Nesselknopf von Abyla mit dem muskulösen
Angelbande*.
Fig. 7. Männlicher Geschlechtsanhang von Abyla vor seiner vollstän-
digen Ausbildung.
Fig. 8. Geschlechtsknospe mit kleeblattförmigem Deckslucke von dem-
selben Thiere.
Fig. 9. Dasselbe Deckstück von der Fläche aus gesehen.
Fig. 10. Vier an dem gemeinschaftlichen Stamm aufgereihete Anhangs-
gruppen (Eudoxien) von Abyla.
Fig. 11. Anhangsgruppe von Diphyes acuminata. Bei * das Höhlen-
system der trichterförmigen Deckschuppe.
Fig. 12. Ein junger Polyp von Diphyes acuminata mit erster Anlage
des Fangfadens und Deckstückes.
Fig. 13. Weiblicher Geschlechtsanhang von Diphyes mit anhängender
Ersatzknospe.
Fig. 14. Vorderende von Galeolaria filiformis in natürlicher Grösse; A.
vordere, B. hintere Schwimmglocke.
tamorphose) hat widerlegen wollen, so würde ich an die zu beherzi-
genden Worte von Gegen baur erinnern (Generationswechsel u. s. w.
S. 48) : „dass in der Naturforschung die einzelnen Begriffsbestimmun-
gen nicht a priori construirt , sondern, als Resultate der Forschung
selbst, mit jeder Feststellung einer neuen Thatsache und jedem da-
durch neu gewonnenen Gesichtspunkte sich modificiren , und eben
diesen neuen Forschungsweisen sich adoptiren müssen".
376 Leuckart:
¥ig. 15. Junge (hintere) Schwimmglocke desselben Thieres.
Fig. 16. Ausgebildete!' Polyp mit Fangladen und Kesselknöpfen.
Fig. 17. Deckstück desselben Thieres.
Fig. 18. Nesselknopf von Praya cymbiformis.
Fig. 19. Vorderes Leibesende von Praya cymbiformis in natürlicher
Grösse.
Fig. 20. A vorderes, B hinteres Schwimmstück desselben Thieres, von
der hintern Fläche gesehen.
Fig. 21. Geschlechtsknospe mit Anlage des Deckstöckes.
Fig. 22. Dasselbe Deckstück, von der Fläche gesehen.
Fig. 23. Spätere Entwicklungsstufe des Deckstückes.
Fig. 24. Ausgebildetes Deckstück von Praya cymbiformis in naturlicher
Grösse.
Taf. XII.
Fig. 1. Schwimmstück von Hippopodius gleba von vorn gesehen.
Nat. Gr.
Fig. 2. Dasselbe Schwimmstück von hinten.
Fig. 3. Schwimmkegelachse von Hippopodius zum Theil noch mit an-
hängenden (aus einander gezogenen) Locomoliven.
Fig. 4. Gruppe männlicher Geschlechtsanhänge auf verschiedener Ent-
wicklungsstufe.
Fig. 5. Luftkammer und Luftsack von Apolemia uvaria.
Fig. 6. Schwimmglocke von Apolemia, in naturlicher Grösse, von hin-
ten gesehen.
Fig. 7. Deckstück von Apolemia in nat. Gr.
Fig. 8. Unentwickeltes Deckslück.
Fig. 9. Taster von Apolemia mit Fangfaden.
Fig. 10. Weibliche Geschlechtstraube von Apolemia mit jungen (un-
entwickelten) Tastern.
Fig. 11. Schwimmglocke von Agalma rubrum, von oben gesehen. Na-
türliche Grösse.
Fig. 12. Dieselbe Schwimmglocke im Profil.
Fig. 13. Schwimmglockenknospe.
Fig. 14. Anhangsgruppe von Agalma rubrum (ohne Deckstücke): Taster,
Polyp, weibliche, männliche Anhänge in nat. Grösse.
Fig. 15. Deckstück von Ag. rubrum in nat. Grösse.
Fig. 16. Unvollständig entwickelter männlicher Geschlechtsanhang.
Fig. 17. Männliche Geschlechtsknospe.
Fig. 18. Weiblicher Anhang mit regelmässig entwickeltem Gefässap-
parat.
Zur nähern Kenntniss der Siphonophoren von Nizza. 377
Fig. 19. Stiel der weiblichen Geschlechislraube.
Fig. 20. Schwimmsäule von Agalma Sarsii.
Fig. 21. Schwimmglocke desselben Ihieres von oben gesehen, Natur-
liche Grösse.
Fig. 22. Junger Taster mit unentwickelter Deckschuppe.
Fig. 23. Deckstück von Agalma Sarsii ; nat. Grösse.
Fig. 24. Querdurchschnitt desselben.
Fig. 25. Unentwickelter INesselknopf von Ag. Sarsii.
Fig. 26. Nesselknopf mit unvollständig entwickeltem Mantel.
Taf. XIII.
Fig. 1. Ein junger Stock von Agalma Sarsii.
Fig. 2. Deckstück von Agalma clavata. Nat. Grösse.
Fig. 3. Dasselbe im Profil.
Fig. 4. Dasselbe im Querdurchschnitt.
Fig. 5. Kesselknopf von Ag. clavata.
Fig. 6. Männlicher, Fig. 7. weiblicher Anhang desselben Thieres.
Fig. 8. Schwimraglocke von Forskalia conlorta mit Pigmentfleck ♦.
Nat. Gr.
Fig. 9. Dieselbe im Profil, Fig. 10 von vorn gesehen.
Fig. 11. Junge Schwinimglocke, vor Entwicklung der Forlsätze. Na-
türliche Grösse.
Fig. 12. Ein früherer Entwicklungszustand desselben Anhanges.
Fig. 13. Nesselknopf von Forskalia contorta im aufgerollten Zustande.
Fig. 14. Keilförmiges Deckslück von F. contorta.
Fig. 15. Eine solche Deckslückknospe.
Fig. 16. Ein sehr junger Polyp mit knospendem Fangfaden.
Fig. 17. Späterer Enlwickelungszustand mit Nesselknopfknospen und
Deckschuppen.
Fig. 18. Stock von Forskalia ophiura in nat. Grösse.
Fig. 19. Schwimmslück von F. ophiura in nat. Grösse.
Fig. 20. Deckslück desselben Thieres. Nat. Gr.
Fig. 21. Vierlingstaster mit Geschlechtstrauben in nat. Grösse.
Fig. 22. Halbschematische Darstellung vom Bau der -Velella spirans.
a Centralpolyp ; h peripherische Polypen mit Geschlechlsknos-
pen; c Fangläden; d Saflgefässe.
Fig. 23, Ideale Darstellung desselben Thieres mit ausgezogenem, cy-
lindrischen Stamme.
Druckfehler.
S.4. Z. 7. V. u. 1. einem statt meiuem. — S. 36. Z. 14 v. u. 1,
für die statt die für die. — S. 36. Z. 9. v. u. 1. den Theil statt dem
Theil. — S.37. Z. 8. v. u. 1. Zotten statt Zellen. — S.44. Z. 9. v.o.
1. Fehlen statt Fühlen. — S.49.Z. 10. v. o. 1. -fallende statt -allende.
— S.49. Z. 17. V. 0. I.Seite stattSeiten. — S.49. Z. 11. v. u. 1. Glas-
plättchen statt Glasblättchen. — S. 54. Z. 12. v. u. 1. begriffenen statt
begriffener. — S. 56. Z. 6. v. u. 1. bandförmige statt banförmige. —
S.58. Z.4. V. u. 1. zwei statt drei. — S. 59. Z. 12. v. u. 1. innerhalb
statt innerhald. — S. 61. Z.7. v. o. 1. hat statt ist.
S. 209. Z. 15. V. 0. und 15. v. u. 1. Creseis statt Hyalaea.
Bonn, gedruckt bei Carl Georgl
I8Si
Tafl.
3uqo Tro.i-cfiel .rc.
Tcif.M.
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