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ARCHIV
FÜB
IVATÜRGESCHICHTE.
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN,
FORTGESETZT VON W. F. ERICHS ON.
IN VERBINDUNG MIT
PROF. DR. GRISEßACH IN GÖTTIKGEIN ÜKÜ
PROF. Dr. LEUCKART IN GIESSEN.
HEUAUSGKGEBEN
VON
Db. f. h. TROSCHEZ.,
PROFESSOll AN DER FRIfiDRICH-WILUELUS-UNIVBRSITÄT ZU BONN.
ZWEI UND ZWANZIGSTER JAHRGANG.
Erster Dand«
BERLIN, 1856.
VERLAG DER NICOLA IS CHEN C U C IUI A N D L U N G.
Inhalt des ersten Bandes.
Seite
Beiträge zur Kenntniss der Medusenfauna von Wizza. Von
Rud. Leuckart. (Hierzu Taf, lundll.) 1
Uebersicht der Aale. Von Dr. J. Kaup in Darmstadt ... 41
Uebersicht der Gymnotidae. Von demselben. (Hierzu Taf. III.
Fig. t — 10.) 78
Ueber die Schwimmblasen von Carapus inaequilabiatus Val.
Von demselben, mit einem Zusätze vom Heraus,
geber. (Hierzu Taf. III. Fig. ^ und ß.) 88
Einiges über die Unterfamilie Ophidinae. Von demselben 93
Carcinologische Beiträge (Peloplastus n. gen. , Micippe Leach,
Paramithrax Miln. Edw. , Othonia Beil., Pisa Leach, Naxia
Miln. Edw., Lambrus Leach, Chalaepus n. gen., Poly-
cremnus n. gen., Trapezia Latr. , Lupea Leach, Eucte-
nota n. gen., Ocypode Fabr., Acanthoplax Miln. Edw.,
Rhaconotus n. gen., Uca, Gecarcinus, Boscia, Dilocarci-
nus Miln. Edw., Telphusa Miln. Edw., Scytoleptus n. gen.,
Monolistra n. gen.). Von Dr. Gerstaecker. (Hierzu
Taf. IV— VI.) 101
Studien über Organisation und Systematik der Ctenophoren.
Von Prof. Gegenbaur. (Hierzu Taf. VII— VIII.) . . 163
Ueber die Entwickelung von Chiton. Von S. Loven. Aus
dem Schwedischen übersetzt vom Herausgeber. (Hierzu
Taf. IX 206
Die Hectocotylenbildung bei Argonauta und Tremoctopus, er-
klärt durch Beobachtungen ähnlicher Bildungen bei den
Cephalopoden im Allgemeinen. Von Prof. Japetus
Steenstrup. Aus dem Dänischen übersetzt vom Her-
ausgeber. (Hierzu Taf. X u. XL) 211
c2c2O80
lY Inhalt.
Seile
Bemerkungen über neue Europäische Säugethiere ( Arvicola
leucurus Gerbe, Arvicola Selysii Gerbe, Arvicola iberi-
cus Gerbe, Sorex chrysothorax Dehne, Microinys agilis
Dehne , JVlyoxus speciosus Dehne, Musculus nioUissimus
Dehne). Von Prof. J. H. Blasius 058
Zur Anatomie des Orang-Utang und des Chimpanse. Von Prof.
Mayer 281
üeber die Gattung Mormops. Von Prof. W. Peters . . . 305
Neue Annulalen. Beschrieben von Dr. Kinberg .... 310
Vergleichende Betrachtungen über die Nester der geselligen Wes-
pen. Von Dr. K. Möbius in Hamburg. (Hierzu Taf. XII) 321
Beiiräg^e zur K£eiiiitiiiss der Mediiiseiifauiia
von ]Vizza.
Von
Rud. lieitckart.
Hierzu Taf. I und II.
Unter den mancherlei verschiedenen Thieren, die der
Nizzaer Fischer in seinem Dialekte mit dem Namen „Car-
marine" bezeichnet, nehmen die Medusen mit den übrigen
Cuvier'schen Akalephen die erste Stelle ein. Man mag
schon hieraus erschliessen , wie häufig und massenhaft diese
Geschöpfe die ruhigen Buchten des Mitlelmeeres in der Umge-
gend von Nizza bewohnen. Es giebt Tage, (namentlich gegen
Ausgang Winters), an denen die Oberfläche des Meeres im
wahrsten Sinne des Wortes von ihnen bedeckt ist. Wäh-
rend meines Aufenthaltes in Nizza (März, April, Mai) war die
Zeit dieses massenhaften Auftretens schon vorüber, indes-
sen habe ich wohl niemals eine Excursion gemacht, ohne
zahlreiche kleinere oder grössere Medusen und andere Akale-
phen in Menge anzutreffen '"').
■*"■) So gross der Reichthum des Nizzaer Golfes an pelagischen
Thierformen ist, so selten hat man verhältnissmässig Gelegenheit den
einen oder andern Repräsentanten der eigentlichen Küstenfauna zu
erhalten. Es gilt dies namentlich auch für Polypen, sowohl für
die Anlhozoen als für die Hydroiden, die polypenförmigen Ammen
der nacktäugigen Sclieibenquallen. Von ersteren habe' ich ausser
verschiedenen Arten des Gen. Actinia (namentlich A. rubra, concen-
trica, efFoeta, viridis, carciniopados u. a.) nur noch eine kleine in-
teressante Form aus der Familie der Xeuien beobachten können, die
Archiv f. Naturgesch. XXII. Jahrg. 1. Bd. 1
12 Leuckart:
Durch Peron, Risso, Verany, Wagner, Milne
Edwards u. A. haben wir bereits mehrfache Nachricliten
über die Mediisenfauna von Nizza erhallen; dass diese aber
noch lange nicht ausreichen, uns ein vollständiges Bild von
dem Reichthume des Nizzaer Golfes zu geben, wird wohl aus
den folgenden Blättern zur Genüge hervorgehen. Die meisten
der von den erwähnten Zoologen beobachteten Formen sind
mir nicht aufgestossen, dagegen zahlreiche andere, die den-
selben entgangen sind. Und doch habe ich diesen Thieren
nicht einmal eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Was
ich über dieselben mittheile, ist nur nebenbei und in Stunden
gesammelt, die ich bei mancherlei anderen umfassenderen Un-
tersuchungen gelegentlich erübrigen konnte. Ich darf des-
halb auch wohl auf die Nachsicht meiner Leser rechnen,
wenn hier und da einmal die Beschreibung meiner Arten
nicht so vollständig sein sollte, als ich es selbst jetzt wün-
schen möchte.
Ich halte mich im Folgenden ausschliesslich an die klei-
neren, sogenannten nacktäugigen Medusen, da meine Beobach-
tungen über Pelagia und Rhizostoma, die einzigen Repräsen-
tanten aus der Gruppe der Sleganophlhalmidae, die ich an-
traf, nur wenig Neues zu Tage förderten. Meine Beobach-
tungen über Ctenophoren sind allerdings an einer grösseren
auf der Unterseite der Ufersteine (be i Beaulicu) hinkrieclit und von
mir deshalb besonders hervorgehoben wird , weil sie das Schicksal
gehabt hat, mit einer ganzen Reihe verschiedener Genusnamen be-
zeichnet zu werden. Das Thier, das ich meine, ist die von Pallas
entdeckte Tubularia cornu copiae, die vonCavolini (Pflanzenthiere
Tab. IX. Fig. 12) sehr trelflich abgebildet ist und von Blainville
mit vollkommenem Rechte zum Typus eines eigenen Genus Cornula-
ria erhoben wurde. Mit den übrigen Tubularien, die bekanntlich Hy-
droiden sind, hat unsere Art, (wie die Tub. solitaria Rapp = Ce-
rianthus membranaceus Haime), ein unverkennbares Anthozoon, auch
nicht das Geringste zu schaffen. Dagegen kann es keinem Zweifel
unterliegen, dass das B 1 a i n vil 1 e'sche Genus Cornularia weder von
Rhizoxenia Ehrbg. noch von Evagora Phil, verschieden ist. Diese
beiden Genera müssen eingezogen werden; ihre Arten bilden mit der
Tubularia cornucopiae (für die ich den Warnen Cornularia Pallasii vor-
schlagen möchte) drei wohl charakterisirte Species desselben Ge-
schlechtes.
Beiträge zur Kenntniss der Medusenfauna von Nizza. 6
Anzahl von Species angestellt (Beroe Forskalii, Cestum Ve-
neris, Eucharis multicornis, Cydippe ovata, Cydippe n. sp. —
klein, nur zwei Linien lang, mit schönen, blau gefärbten Fang-
fäden — und Eschscholtzia cordata^«*) ?), haben auch manches
Neue ergeben, indessen halle ich dasselbe zurück, weil ich
weiss, dass wir in Kurzem von anderer Seile eine umfassen-
dere Abhandlung über diese intere'ssanten Geschöpfe zu er-
warten haben.
Geryonia exigua (Quoy et G.) Less.
(Tab. I. Fig. 1.)
Ich glaube kaum zu irren, wenn ich unter dem vor-
stehenden Namen eine kleine Medusenform beschreibe , die
um Nizza, während meines ganzen Aufenthaltes, zu den häu-
figsten gehörte und auch später in Genua von mir beobach-
tet wurde. Die Darstellung von Quoy und Gaimard ist
freilich (vergl. Isis 1828. S. 342. Tab. V. Fig. 5) sehr apho-
ristisch und unzureichend, so dass man die wahre Ger.
(Dianaea) exigua darnach von den verwandten Formen kaum
unterscheiden kann, aber schon die weite Verbreitung unse-
rer Art macht die Identität derselben mit der Geryonia von
Gibraltar sehr wahrscheinlich. Jedenfalls sind beide sehr
nahe mit einander verwandt — freilich auch mit der Ger.
appendiculata„ die Forbes (1. c. p. 37) an der englischen
Küste beobachtete und vielleicht nur desshalb so bestimmt als
neu beschreibt, weil er nicht wusste , dass eine Reihe von
Charakteren, die er hier auffand, auch bei anderen (allen?)
Geryonien vorhanden sind.
Der Mantel unseres Thieres ist halbkugelförmig, ziem-
lich dick , namentlich in seinem oberen Segmente , und von
ausserordentlicher Durchsichtigkeit. Bei den grösslen Exem-
plaren, die ich auffand, maass er im Zustande der Ruhe fast
72" im Durchmesser. Während der Contraction ist derselbe
*3 Die Beschreibung von Köllilier (Zeitschrift f. wiss. Zool.
IV. S.315) passt bis auf die Färbung. Meine Art war ganz durch-
sichtig, nur an den Enden jeder queren Fiimmerreihe mit einem klei-
nen rothen Figmcntfleck versehen. (Sehr nahe verwandt, vielleicht
identisch mit unserer Eschscholtzia ist die von delle Chiaj e, jMem.
etc. Tab. CVI. Fig, 15 abgebildete Callianira diploptera.)
4 Leuckart:
natürlich verkleinert, die Höhe dagegen gewachsen, die Mantel-
öfFnung verengt, so dass man dann die Geslalt unseres Thieres
mit Quoy und Gaimard fast kugelförmig nennen könnte.
Der Magenstiel hat eine ganz ansehnliche Enlwickelung und
ragt bei ausgewachsenen Exemplaren wohl mit der Hälfte
seiner Länge über den Mantelrand hervor. Er ist schlank
und walzenförmig , nach dem Magengrunde nur wenig ver-
jüngt, an seiner Ursprungsstelle mit einem breiten und kur-
zen , kegelförmigen ßasalstücke versehen. Der Magen-
sack ist klein, kaum länger als eine Linie, und vierzipflig.
Er hat in der Ruhe die Gestalt einer schlanken Glocke, kann
diese aber auf alle mögliche Weise verändern , namentlich
auch beim Anhängen (an die Wände des Gefässes u. s. w.)
den ganzen Magensack in Form einer viereckigen Platte oder
Scheibe ausbreiten. Untersucht man dann die unlere Fläche
der Platte (Taf. II. Fig. 18) , die also die Innenfläche des
Magens ist, so bemerkt man auf derselben vier Rinnen oder
Spalten, die in einiger Entfernung von dem Mittelpunkte be-
ginnen und in radiärer Richtung nach den Ecken der Platte
hinlaufen, während ihres Verlaufes aber allmählich immer
seichter werden und schliesslich verstreichen , noch bevor
sie an dem Rande der Scheibe angelangt sind *■"). Diese
Spalten sind die Mündungsstellen der vier Radialgefässe, die
bei den Geryonien bekanntlich in gleichen Zwischenräumen
an dem Magensliele emporsteigen und erst später auf die
muskulöse Innenfläche des Mantels (den Schwimmsack, sub-
umbrella Forb.) übergehen. Nach der Darstellung von Will
soll bei verwandten Medusen oberhalb des Magengrundes
noch ein eigener trichterförmiger Hohlraum vorkommen, aus
dem die Radialgefässe ihren Ursprung nehmen , ich habe
solchen aber weder hier noch bei einer anderen Art auffin-
den können. Bei allen Discophoren, die ich untersuchte, ent-
sprangen die Radialgefässe direct aus dem Magengrunde. Dass
*) Begreiflicher Weise berechtigt uns diese Bildung aber nicht
im Geringsten, die Geryonien nach der Organisation ihrer Mundappa-
rate mit den Rhizostomiden zusammenzustellen, wie man vielfach ver-
sucht hat. Die Geryonien besitzen vielmehr einen einfachen Mund,
wie die Mehrzahl der Discophoren.
Beiträge zur Kenntniss der Medusenfauna von Plizza. 5
die Gefässc der Medusen überdiess nicht, wie es Will angab,
von einem zweiten Gefässapparale umhüllt sind , ist heute
ziemlich allgemein anerkannt. Ich kann in dieser Beziehung
meine frühern durch Forbes, v. Siebold, Kölliker u. A.
bestätigten Angaben nur wiederholen, auch noch hinzufügen,
dass ich gleichfalls bei den Rippenquallen vergebens nach
den sog. „Blutgefässen« gesucht habe.
Das Ringgefäss verläuft, wie gewöhnlich, in der Peri-
pherie des Mantels, oberhalb des Randsaumes, dessen Breite
schon die Schnelligkeit unseres Thierchens vermuthen lässt.
Wo die Radialgefässe in dieses Ringgefäss übergehen , be-
findet sich ein fadenförmiger hohler Tentakel , der sich bis
zu mehreren Zollen verlängern kann, aber auch gelegentlich
(unter entsprechender Dickenzunahme) bis auf y/' verkürzt.
In solchem verkürzten Zustande erscheinen diese vier Fäden
wie geringelt, ein Umstand, der vorzugsweise daher rührt,
dass die Angelorgane, die in denselben eingebettet sind und
eine verhällnissmässig ganz ansehnliche (Vi5o"0 Grösse be-
sitzen, eine regelmässige ringförmige Gruppirung einhalten.
Die Verkürzung der Fäden geschieht vorzugsweise durch die
Äction eines Muskelgewebes, das unter der glashellen ^Ober-
haut gelegen ist und aus Längsfasern gebildet wird. Die
Verlängerung dagegen durch Füllung des Tentakelrohres aus
dem Inhalte des Gefässsystems, also durch eine ArtEreclion,
wie bei vielen anderen Medusen. Bei oberflächlicher Betrach-
tung scheint sich die Zahl der Randfäden auf die oben er-
wähnten Gebilde zu beschränken, wenn man unser Thierchen
indessen näher untersucht , so wird man in der Mitte zwi-
schen diesen vier Tentakeln — also auch in der Mitte zwi-
schen den Radialgefässen — noch vier andere vorfinden, wie
bei Ger. appendiculata. Die histologischen Verhältnisse bei-
der Tentakelarten sind dieselben , aber abweichend ist es,
dass die Inlerradialtentakel nicht nur sehr viel kürzer (sie
messen kaum mehr als l"'j und starrer sind, sondern sich
auch hornförmig nach der Kuppel der Mantelglocke zu em-
porkrümmen. Dazu kommt noch , dass der Insertionspunkl
derselben etwas höher liegt, als der der Haupttentakel. Wäh-
rend die letzteren unmittelbar auf dem Rande des Mantels
aufsitzen und somit gewissermassen eine Verlängerung des-
6 Leuckart:
selben darstellen, bleibt zwischen der Wurzel der Interra-
dialtentakel und dem Rande ein kleiner Zwischenraum, der
von einer Gebörkapsel eingenommen wird. Eine eben sol-
che Kapsel steht auch neben den Haupttentakeln, aber nicht
unterhalb derselben, sondern zur linken Seite (bei herab-
hängendem Magensliele).
Die Gehörkapsel (Tab. I. Fig. 4) misst etwa V25'" ^"*^
stellt ein sphärisches Bläschen dar, dessen hintere Fache etwas
abgeplattet ist und von der Strömung des Ringgefässes be-
spühlt wird. Die vordere Wand ist nicht unbeträchtlich ver-
dickt und trägt ein zweites kleineres Bläschen C/ßo'")» das
in die Kapsel hineinhängt. Dieses innere Bläschen enthält
die Ololithen*"*) , einen grösseren Hauptotolithen (V^ioo'") von
sphärischer Gestalt und zwei kleinere Nebenotolithen, die
demselben anliegen, so dass die Gehörsteine unserer Geryo-
nia ganz dasselbe Aussehen haben , wie die des unpaaren
Gehörorganes von Monocclis unter den Turbellarien '""^•"}.
Die Geschlechtsorgane C^j-^Iagenanhänge" der älteren
Zoologen) sind von blatt- oder herzförmiger Gestalt, wie bei
den übrigen echten Geryonien und in vierfacher Anzahl vor-
handen. Sie liegen im Umkreise der Radialgefässe und sind
mit ihrem abgestumpften äusseren Ende dem Mantelrande bis
auf geringe Entfernung angenähert.
Neben den ausgebildeten und geschlechtsreifen Indivi-
duen dieser Art kamen in Nizza auch zahlreiche frühere Ent-
wickelungszustände zur Beobachtung, die eine ziemlich voll-
ständige Uebersicht der Formveränderungen erlaubten, denen
unsere Thiere (wie die meisten übrigen Medusen) in der er-
sten Zeit ihres freien Lebens unterliegen -"-«-*).
*") So sagt auch Kolli ker (Fror. N. Mitt. 1843. S. 83) , dass
der Ololith von Geryonia „in einem kleinen gestielten Bläschen« ent-
halten sei, „das an der Innenwand der grösseren Blase« festsitze.
*■"■) Die Zahl der Turbellarien mit unpaarem Gehörorgan kann
ich durch einen schönen Proporus von der Kizzaer Küste , den ich
seines breiten dunkelvioletten Rückenstreifens wegen Pr. vestitus
nenne, vermehren.
***) Ganz ähnliche Beobachtungen hatGegenbaur (zur Lehre
vom Generationgwechsel u. s. w, S. 18 Anm.) für Ger. proboscidalis
mitgetheiH.
Beiträge zur Kennlnisa der Medusenfauna von Nizza. 7
Die kleinsten Exemplare , die mir zu Gesicht kamen,
messen kaum 1'" im Durchmesser und zeigten (Fig. 2) eine
so abweichende Bildung, dass sie ohne Kenntniss der Zwi-
schenformen wohl schwerlich für junge Geryonien gehalten
werden würden. Der Mantel war nur wenig gewölbt und mit
aufgewulsteter Kuppel versehen, aber ohne eigentlichen Stiel
und sonstige Zeichen einer früheren Befestigung. Der Ma-
gen war klein und ohne Lippen , eine papillenförmige Her-
vorragung, die in der Tiefe der Mantelhöhle auf einem brei-
ten und kurzen;, conischen Zapfen aufsass. Der Magenstiel
fehlte einstweilen noch vollkommen, während dagegen die
Gefässe bereits ihre spätere Entwickelung besassen. Auch
die acht Randfädeii waren schon vorhanden , auffallender
Weise aber gerade von umgekehrter Entwickelung. Die
Radialtentakel waren ausserordentlich klein und stummeiför-
mig, während die Interradiailentakel dagegen eine ganz
unverhältnissmässige Grösse besassen. Hornförmig gekrümmt,
wie im entwickelten Zustande, erreichten sie mit ihrer Spitze
beinahe die Höhe der Schirmkuppel. Es scheint demnach,
dass diese Tentakel (nach Art der „provisorischen Organe")
schon ausserordentlich frühe zu ihrer völligen Ausbildung
kommen , vielleicht schon zu einer Zeit, in der die späteren
Haupttentakel noch nicht einmal angelegt sind. Die Angel-
organe derselben sind etwas kleiner , als im entwickelten
Zustande ;, und — was auch für die spätere Zeit gilt —
namentlich an der äusseren Fläche angehäuft, so dass diese
dadurch ein unregelmässiges und runzliges Aussehen an-
nimmt. An der Basis dieser Interradiailentakel lassen sich
bereits die Gehörkapseln unterscheiden *") , nur sind diesel-
ben mit allen ihren Theilen etwa um die Hälfte kleiner, als
später. Die den Radialtentakeln entsprechenden Gehörkapseln
sind noch nicht gebildet.
^•) Die eigenthüinliche Bildung dieser Gehörkapseln, oder viel-
mehr der Otolithen, die unsere Art so auffallend auszeichnet (wie sich
Ger. appendiculala in dieser Hinsicht verhält , geht aus der Beschrei-
bung von Forbes nicht deutlich hervor), war das erste ßlerkmal,
das mich einen Zusammenhang der beschriebenen kleinen Medusen
mit der Ger. cxigua vcrmulhen Hess.
B Leuckart:
Die späteren Veränderungen lassen sich hiernach leicht
überblicken; sie bestehen vorzugsweise in der Bildung des
Magenstieles, der sich allmählich auf der Spitze des koni-
schen Zapfens, andern der Magen befestigt ist, hervorschiebt,
und in der weiteren Entwickelung der Radialtentakel mit den
anliegenden Gehörkapseln. Individuen von 2'^' Durchmesser
zeigen sich schon deutlich als junge Geryonien, obgleich ihr
Magenstiel noch keineswegs seine spätere Länge besitzt. Die
Geschlechtsorgane bilden sich erst bei etwa 3V2'" im Durch-
messer.
Wie alle Geryonien , sind unsere Thiere sehr gefähr-
liche Räuber, wie sich schon aus ihrer gewaltigen Schwimm-
fähigkeit und der Bewaffnung mit Angelorganen , die auch
in den Mundlappen vorkommen , von vorn herein vermu-
then lässt.
Geryonia pr oboscidalis (Forsk.) Eschsch.
(Tab. I. Fig. 3.)
Obgleich dieses Thier schon oftmals beobachtet und
seiner äusseren Form nach aus älteren Beschreibungen auch
hinlänglich bekannt ist , will ich doch noch einige Worte
darüber hier anfüiiren.
Das auffallendste Kennzeichen unserer Art ist, abge-
sehen von seiner sehr ansehnlichen Grösse, die Sechszahl,
in der sich die einzelnen Organe derselben (Mundzipfel, Ra-
dialgefässe, Geschlechtsorgane u. s. w.) wiederholen. Man
hat desshalb bekanntlich vorgeschlagen, unser Thier zum Ty-
pus eines eigenen Genus (Liriope Less.) zu machen , allein
ich glaube nicht, dass wir hierzu berechtigt sind. Finden
wir doch bei den radiären Thieren mit dem Numerus vier
die Sechszahl auch mitunter als individuelle Abweichung vor-
herrschen *"*). Sonstige Eigenthümlichkeiten aber, durch wel-
che die Aufstellung eines eigenen Genus gerechtfertigt wer-
*) So beruht auch die Liriope cerasiformis Less. gewiss nur
auf einer solchen abnormen Form von Ger. exigua , wie schon die
Entdecker derselben, Quoy undGaiinard (a. a. 0.), vermutheten.
Beiträge zur Kenntniss der Medusenfauna von Nizza. 9
den könnte , fehlen gänzlich. Ich habe mich sogar über-
zeugt, dass unser Thier mit denselben Interradialtentakeln
ausgestaltet ist, wie die Ger. exigua , auch eine ganz con-
forme Gruppirung der Gehörkapseln hat , nur dass natürlich
auch in diesen Gebilden die Sechszahl , die den ganzen Or-
ganismus beherrscht, sich ausprägt *"*). Die erstem stehen,
wie bei Ger. exigua, in der Mitte zwischen den sechs Ra-
dialtentakeln , die sich bis auf mehrere Fuss verlängern kön-
nen und mit zahlreichen, ziemlich regelmässig in ringförmi-
gen 0"erwülsten zusammengruppirten Angelorganen von ob-
longer Gestalt CVöo'") bedeckt sind. Freilich sind diese
Inlerradialtentakel sehr klein, so dass sie leicht der Unter-
suchung entgehen können, kaum grösser als bei der vor-
hergehenden Art, und hornförmig, wie hier, nach oben em-
porgekrümml. Die Gehörkapseln zeigen im Wesentlichen
gleichfalls dieselbe Bildung •"-") , nur sind sie grösser (Kap-
sel = Vio'", innere Blase = V25'", Otolith = 7^,5'") und
ohne die beiden kleinen Hülfsotolithen, die unsere Ger. exi-
gua so auffallend auszeichnen.
Der Magen , der auf dem Ende des höchst eleganten
und ansehnlichen, conischen Stieles oder Rüssels aufsitzt, hat
im ausgestreckten Zustande fast die Länge eines Zolles und
eine schlanke cylindrische Bildung, kann sich aber durch
Querrunzelung an seinem Grunde reichlich bis auf die Hälfte
dieser Länge verkürzen. Eine Färbung fehlte den beobach-
teten Individuen; sie waren beständig mit allen ihren Thei-
len (ausgenommen die opacen Geschlechtsorgane) glashell
und durchsichtig.
*) Forbes hat in seiner Beschreibung der G. proboscidalis
(Ann. nat. bist. 1851. T. XV. p. 196) diese Inlerradialtentakel über-
sehen und die Gehörkapseln für Ocellen ausgegeben.
**) Bei Geryonia (Geryonopsis Forb.) pellucida Will. (?) glaubte
ich früher bemerkt zu haben, dass die — hier mehrfachen — Otoli-
then einzeln auf einem warzenförmigen Bläschen befestigt zum Theil
auch in dasselbe hineingesenkt seien (Beitr. von Frey und Leu-
ckart S. 30) — es kann jetzt kaum zweifelhaft sein, dass hier gleich-
falls ganz dieselbe Bildung vorkommt.
l'^ Leuckart:
Aglaura Peronii Lt.
(Tab. I. Fig. 5.)
Unter den von Peron bei Nizza beobachteten kleinen
Medusen, die in den Annales du Museum T. XIV. beschrieben
sind, findet sich u. a. als Repräsentant eines neuen Genus
Aglaura eine interessante Form, die Peron als Aglaura he-
mistoma aufführt. Es ist dieselbe, für die ich hier mit Un-
terdrückung des ziemlich nichtssagenden Speciesnamens die
obige Bezeichnung gewählt habe. Die Charakteristik von
Peron ist leider nicht vollkommen ausreichend, auch nicht
vollkommen genau — doch kann kaum ein Zweifel sein, dass
wir Beide dasselbe Thior vor Augen gehabt haben. Sollte
das übrigens auch nicht der Fall sein, so gehört doch meine
Art ganz bestimmt zu dem Gen. Aglaura, das sich von allen
übrigen Medusen durch die „huit organes allonges, cylin-
droides, floltant librement dans l'inlerieur de la cavite ombrel-
laire" zur Genüge unterscheidet. Nach Peron hat nur Risse
unser Thier beobachte!, in gewohnter Weise sich aber dar-
auf beschränkt, bei seiner Beschreibung Peron zu copi-
ren ^••).
Der Mantel unseres Thieres ist weit und glockenförmig,
eben so hoch, als breit (bis 3"0. Die Kuppel erscheint
etwas abgeflacht. Von dem Rande der Kuppel, der sich gewöhn-
lich deutlich absetzt, verengt sich der Mantel allmählich bis zu
seiner Basis, meist freilich nicht eben sehr beträchtlich. Die
Substanz des Mantels ist äusserst dünn, so dass unser Thier
augenblicklich zusammenfällt, sobald man es aus dem Was-
ser hervorhebt. In der Achse der weiten Mantelhöhle hängt
bis etwa auf die Mitte der Höhe ein ziemlich schlanker, klö-
pfelartiger Zapfen herab , dessen obere solide Hälfte eine
unmittelbare Forlsetzung des Mantels ist, während die untere
einen flaschenförmigen Magensack darstellt. Der Magensack
unseres Threres ist also wie bei Geryonia oder noch besser,
wie bei Girce, an die sich überhaupt das Gen. Aglaura am
*) Uebereinstimmend mit dem Gen. Aglaura ist Lessonia Eyd. et
Soul., die auf ihrer Entdeckungsreise eine L. radiata auffanden. (Voy.
de la Bonite Zool. Zoophyt. Fl. 1. Tome II. p. 637.)
Beiträge zur Kenntnis» der Medusenfauna von Nizza. H
meisten anreihen dürfte , von einem besonderen Stiele ge-
tragen. An der Grenze zwischen diesen beiden Abschnitten
sitzen nun die acht ovalen oder kolbenförmigen Fortsätze,
die das Genus Agiaura so aulFallend auszeichnen und nach
meinen Untersuchungen die Geschlechtsorgane *"') darstellen
(Fig. 6.)
Der flaschenförmige oder oblonge Magen hat eine weite
Mundöffnung und im Umkreise derselben vier Verhältnisse
massig ganz ansehnliche Zipfel oder Arme, die an der Basis
zusammenfliessen und einen eigenen Abschnitt bilden, der
sich mit dem vorderen sog. Rössel den Schwimmpolypen ver-
gleichen lässt und auch gleich diesem die mannichfachsten
Gestalten annehmen kann. Namentlich sieht man diesen Rüs-
sel sich nicht selten manschettenförmig über den eigentichen
Magensack nach oben zurückschlagen. Die Innenfläche der
Arme und des ganzen Rüssels trägt zahlreiche mächtig ent-
wickelte Flimmerhaare, die sich nach hinten ganz scharf ge-
gen die gewöhnlichen kleinen Cilien des Magensackes ab-
setzen. Aus dem Grunde dieses Magensackes entspringen,
wie bei Circe, acht Gefässe ;, die in gleichen Entfernungen
von einander am Stiele emporsteigen und von da auf die
Innenfläche des Mantels übergehen, bis sie nach Art der ge-
wöhnlichen Radialgefässe im Rande des Mantels durch ein
Ringgefäss vereinigt werden.
Die Tentakel unseres Thieres sind äusserst kurz und
stummeiförmig, aber nicht (wie Peron und Risso für die
Agl. hemistoma angeben) in zehnfacher Anzahl, sondern in
sehr befrächllicher Menge entwickelt. Ich zähle meistens
6 >^ 8 + 8 Randfäden, d. h. zwischen je zwei Radialfäden
6 Inlerradialfäden. Angelorgane von gewöhnlicher Form feh-
len diesen Fäden , doch finden sich in denselben zahlreiche
kleine zugespitzte Körperchen (Yäoo'")? ^^^^ durch ihre scharfe
Begrenzung und ihr sonstiges Aussehen an Angetorgane er-
innern und auch wohl analoge Bildungen sein dürften.
In der Mitte zwischen je zweien Radialtenlakeln trägt
unsere Agiaura ein Gehörbläschen, einen kurzen und tenta-
kelarligen Fortsatz (etwa von der halben Länge der übrigen
*) Eydoux und iSouicf et lialten dieselben (l. 1.) für Tcntalvcl.
12 Leuckart:
Tentakel) mit einem sphärischen Otolithen von Vioo'''^ der in
das äussere kolbenförmige Ende desselben eingebettet ist ''^)
und von einer dicht anliegenden Zelle umschlossen wird
(Fig. 7). Bewegungen wurden an dem Otolithen nicht be-
obachtet; ich habe überhaupt bei keiner meiner Scheiben-
quallen einen beweglichen Otolithen gefunden *''^*'^').
*) Das Gehörbläschen hat hier und in anderen Fällen so au-
genscheinlich eine tentakelartige Bildung , dass eine morphologische
Beziehung zu den Randfäden dadurch höchst wahrscheinlich wird.
Ich glaube, man. kann es als ein ziemlich feststehendes Gesetz aus-
sprechen , dass die Gehörbläschen der Scheibenquallen entweder in
die Wurzel von ausgebildeten Tentakeln eingelagert sind oder die
Stelle von Tentakeln vertreten (sehr deutlich z. B. bei Pelagia) und
dann nicht selten noch mehr oder minder tentakelartig gebaut sind.
Das letztere gilt namentlich auch von den Gehörbläschen der sog.
Steganophthalmidae, deren Bildung, wie mir scheint, bisher nur un-
vollständig, zum Theil auch unrichtig dargestellt ist. Nach meinen
Beobachtungen an Pelagia (Tab. I. Fig. 8.) besteht das „Randkörper-
chen" dieser Thiere, wie beiAglaura, aus einem verkümmerten Rand-
faden mit innerer flimmernder Höhle, die mit einem dünneren und za-
pfenartigen Ausläufer des Ringgefässes communicirt und im äusser-
sten Ende einen gelbpigmentirten Haufen kleiner sechsseitiger Otoli-
then einschliesst. Im Umkreise dieses Haufens bemerkt man eine
zarte Hülle, die der Tentakelwand anliegt. Eine Ausmündung nach
Aussen, wie man sie wohl angenommen hat, fehlt, dagegen glaube
ich ganz entschieden (gegen Kölliker a. a. 0.) die Communikation
mit dem Ringgefässe oder vielmehr mit dem erwähnten Ausläufer des
Ringgefässes behaupten zu können. Die Communicationsöffnung liegt
auf der oberen Fläche des Gehörbläschens , und ist bereits von R.
Wagner (Icon. zoot. T. XXXII. fig. 32 b. — Fig. 22 ist eine ziem-
lich verunstaltete Darstellung — ) gesehen, irrthümlicher Weise aber
als „Stiel der Crystalldrüse« gedeutet worden. Die Ehrenberg'-
schen „Markknoten" werden sich wohl auf den Stiel des stummeiför-
migen Auriculartentakels reduciren. Der Pigmentfleck, der an den
Randkörperchen von Medusa vorkommt, hat mit dem Gehörbläschen
schwerlich einen physiologischen Zusammenhang. Wir dürfen den-
selben wohl als „Augenfleck« ansehen und seine Anlagerung an das
Gehörbläschen mit dem analogen Verhältnisse * bei Monocelis lineata
vergleichen. Nach Gegenbaur (Conipt. rend. du 23. Sept. 1853)
giebt es sogar Arten, bei denen dieser Pigmenthaufen mit einer bre-
chenden Linse versehen ist. (Pelagia gehört freilich bestimmt nicht
zu diesen Arten, obgleich G. sie darunter aufführt.)
**) Auch nicht bei Pelagia, obgleich hier die Innenwand der
Beiträge zur Kenntniss der Medusenfauna von Nizza. 13
Der Schwimmsaum ist von sehr beträchtlicher Breite,
ein Umstand, der uns milsammt der auffallenden Geräumig-
keit derManlelhöhle die schnelle Orlsbewegung unseres Thie-
res zur Genüge erklären dürfte.
Die eigenthömliche Enlwickelung der Geschlechtsorgane
ist schon oben erwähnt worden; sie ist so abweichend und
auffallend, dass sie unser höchstes Interesse in Anspruch
nimmt. Statt in die Substanz des Mantels oder die Wan-
dungen des Magens eingebettet zu sein, wie sonst ganz con-
stant bei den nacktäugigen Medusen, stellen die Eierstöcke
und Hoden unseres Thieres äussere kolben- oder knospen-
förmige Anhänge dar , die etwa VV" messen und in acht-
facher Anzahl kranzförmio- den Grund des Magensackes um-
geben. Ein jeder Anhang umschliesst eine weife Höhle, die
mit dem Innenraume des Magensackes zusammenhängt. In
seinen dicken Wandungen enthält derselbe zahlreiche Eier
oder Sanienkörperchen, ungefähr in derselben Weise einge-
bettet wie in den Wandungen des klöpfelförmigen Kernes
bei den Geschlechtsthieren der Diphyiden. Ob man diese
Geschlechtsorgane auch vom morphologischen Standpunkte
mit den Geschlechtsorganen der übrigen Medusen ver-
gleichen darf, will ich dahin gestellt sein lassen. Ich
muss gestehen, dass sie auf mich einen anderen Eindruck
machen. In Anbetracht der Erfahrung, dass der Magen bei
einer Anzahl von nacktäugigen Medusen die Bildungsstätte
für eine Knospenbrut abgiebt, möchte ich unsere Anhänge
für Knospen hallen, die, statt zu einer vollständigen indivi-
duellen Entwickelung zu kommen, in ihrer primitiven Form
verharren und nach Art der Geschlechlskapseln bei den Hy-
droiden mit Eiern oder Samenkörperchen sich anfüllen. Un-
sere „Geschlechtsorgane" wairden dann als „Geschlechtslhiere«
zu betrachten sein und zwar als sessile Geschlechtsthiere,
die mit ihrem Mutterthiere eine polymorphe Colonie zusam-
mensetzen. Das Verhällniss zwischen diesen Anhängen und
der Meduse, die sie trägt, würde sich bei unserer Art sodann
auf einen Generationswechsel reduciren, freilich nur auf einen
Gehörkapsel ein Flimmercpithelium trägt (das jedoch nur bis an den
fest eingebetteten Otolithenhaufen reicht}.
14 Leuckart:
„unvollständigen Generation'sweclisel" im Gegenbaur'schen
Sinne. Vom anatomischen und aucli vom physiologischen Stand-
punkte lässt sich, glaube ich, gegen eine solche Ansicht kaum
etwas einwenden. Ich würde sie noch mit grösserer Be-
stimmtheit aussprechen, wenn wir wüssten, dass die Kno-
spenbildung auch in anderen Fällen bei den Scheibenquallen
einen Generationswechsel vermittele. Einstweilen fehlt mit
solcher Thatsache zugleich noch das Zwischenglied , welches
den Polymorphismus oder unvollständigen Generationswech-
sel , wie ich ihn bei unserer Aglaura vermuthe, zu der ein-
fachen Knospenbildung der verwandten Formen hinführt.
Calyptra^'''') umhilicata nov. gen. et nov. sp.
(Tab. I. Fig. 9. 10.)
Eine Meduse, die ich in keinem mir bekannten Genus
unterbringen kann, die nicht einmal recht in eine der bisher
unterschiedenen Familien hineinpasst, obgleich sie in man-
cher Beziehung an das Gen. Thaumantias und die verwand-
ten Formen erinnert ^="^^). Der Mantel unseres Thieres ist
schirm- oder schildförmig, mit einer flachgewölbten, in der
Mitte jedoch nabelartig vorspringenden Kuppel und ziemlich
steil abfallenden, niedrigen Seitenrändern. Seine Höhe be-
trägt etwa 21/2'", der grösste Durchmesser, der im contra-
hirten Zustande etwa in die Mitte dieser Höhe fällt , da-
gegen reichlich fünf bis sechs Linien. Die Substanz ist
massig dick und — abgesehen von dem nabeiförmigen Vor-
sprung, der durch Aufwulstung dieser Masse entsteht — an
allen Stellen so ziemlich gfleich entwickelt. Der musku-
löse Schwimmsack , der die Unterfläche des durchsichtigen
und elastischen Mantels bekleidet , zeigt (namentlich an den
Seitenrändern) eine beträchtliche Stärke und scharf abge-
grenzte deutliche Fasern , die in radiärer wie in concenlri-
'^) xttXvmQay Deckel.
*'^) Lütken stellt das Gen. Thaumantias in die Familie der
Aequoreaden , was man wohl kaum gut heissen kann. Eher könnte
man sie mit Forbes zu den Geryoniden bringen, obwohl es mir am
passendsten scheint , sie mit Calyptra und Slabberia zu einer eige-
nen kleinen Familie zu vereinigen.
Beiträge zur Kenntnis^ der Medusenfauna von Nizza. 15
scher Richtung verlaufen. Die Zahl der Radialgefässe beträgt
acht, nicht vier, wie bei Thaumantias und den verwandten For-
nienr Noch auffallender aber ist die Bildung des Magens, der
als ein höchst beweglicher rüsseÜ'önniger Cylinder von an-
sehnlicher Länge in der Achse des Mantels herabhängt und mit
seiner unleren Hälfte den Rand der Mantelöffnung überragt.
Eine ähnliche Bildung charakterisirt bekannüich die Gen.
Sarsia und Slabberia, aber beide besitzen nur eine einfache
kreisrunde Mundöffnung ohne Lippen, während sich bei un-
serem Genus an der Spitze des Magens die vier Mund- oder
Lippenzipfel des Gen. Thaumantias vorfinden. Es ist, als
wenn der Magensack der Thaumantiasarlen bei unserem Thiere
zu einem langen Cylinder ausgewachsen wäre. Auf der
Aussenfläche des Magens steht ein deutliches Flimmerepithe-
lium, während man im Innern, unter der Muskelschicht, ei-
nen äusserst dicken Zellenbelag findet , der das Lumen des-
selben beträchtlich verengt. Der Grund des Magens, aus dem
die acht Radialkanäle hervorkommen, liegt im Mittelpunkte
des Mantels. Das Ringget'äss , das die Radialgefässe zu ei-
nem zusammenhängenden Systeme abschliesst, speiset auch
zugleich die Randfäden, die bei unserem Thiere freilich in
hohem Grade rudimentär sind. Ausser den acht Radialten-
takeln finden sich freilich noch acht Interradialtentakel, aber
die einen wie die anderen (die ersteren sogar noch mehr, als
die letzteren) sind äusserst kurz und stummeiförmig , auch
ohne deutliche Angelorgane. Selbst im ausgestreckten Zu-
stande messen dieselben noch lange nicht 1'". Es gilt das
auch für die Interradialtentakel, die, wie bemerkt, die grös-
sern sind und die andern vielleicht um das Doppelte ihrer
Länge tibertreffen. Zur Linken der einzelnen Interradialten-
takel findet sich ein Gehörbläschen (von 'As'") mit einem
sphärischen Otolithen von Yhö'", der fest darin eingebettet
ist und wahrscheinlich, wie bei Geryonia u. a., noch von ei-
ner besonderen Zellenhülle umgeben wird.
Der Schwimmsaum hat eine sehr belrächtliche Breite
und bildet bei der Contraclion des Mantels einen mehr als
linienlangen conischen Aufsatz der Mantelöffnung. Unsere
Thiere sind mit einer grossen Schwimmfähigkeit begabt.
Die Geschlechtsorgane liegen, wie bei Thaumantias und
16 Leuckart:
Slabberia, im Umkreise der Radialgefässe. Ihre Zahl beträgt
also acht. Sie haben eine rundliche oder eiförmige Gestalt
und sind dem Ursprünge der Gefässe mehr angenähert, als
dem Ende derselben.
Die kleinsten Individuen dieser Form, die zur Beobachtung
kamen (2"0» vvaren nicht nur geschlechtslos, sondern auch noch
ohne herabhängenden Magensack. In der Tiefe der Manteihöhle
fand sich hier an der Stelle des späteren Magengrundes eine
weite, von ringförmigen Rändern umgebene OefFnung, deren
Innenraum einstweilen als Magensack funclionirte, aber be-
reits die Radialkanäle in vollständiger Anzahl hervorkommen
liess. Ueberhaupt glichen unsere Thiere sonst schon voll-
kommen den ausgewachsenen Individuen. Natürlicherweise
fanden sich auch zahlreiche Formen mit weiterentwickeltem,
aber immer noch unvollständigem Magenrohre, die nament-
lich auch zur Genüge bewiesen, dass die zipfelförmigen Lip-
pen schon ziemlich frühe, lange vor dem vollständigen Ab-
schlüsse des Längenwachsthums zur Entwickelung kommen.
Thaumantias corollata nov. sp.
(Tab. 1. Fig. 11.)
Eine zierliche, schön und regelmässig gewölbte Form,
die einige Aehnlichkeit mit Forskal's Medusa cruciala hat
und vielleicht auch von Risso dafür gehalten wurde. Es
ist wenigstens kaum anzunehmen, dass diese so sehr häufige
Meduse den langjährigen Beobachtungen des letzten entgangen
sei. Der Mantel ist uhrglasförmig, glashell und massig dick.
Er misst fast 1" im Durchmesser und hat eine Höhe, "die
hinter der Hälfte dieses Durchmessers nur wenig zurück-
bleibt. Der Magensack , der bei allen Thaumanliasarten be-
kanntlich in der Tiefe der Mantelhöhle liegt und sich durch
seine Kürze auszeichnet, hat eine fast glockenartige Bildung.
Er ist mit einer weiten MundöfFnung versehen, deren Ränder
sich etwas kräuseln und in vier ziemlich ansehnliche Zipfel
ausziehen. Aus dem Grunde des Magensackes entspringen
vier Gefässe, die den Zwischenräumen zwischen den Mundzi-
pfeln entsprechen und den gewöhnlichen Verlauf haben, wie
gewöhnlich auch in der Peripherie des Mantels mit einem
Ringgefässe communiciren.
Beiträge zur Kennlniss der Medüsenfauna von Nizza. 17
Die Tentakel sind kurz, höchstens 2"' lang, dafür aber
in einer ausserordentlich grossen Anzahl entwickelt. Bei den
ausgewachsenen Individuen zähleich fast 250, etwa 60 zwi-
schen je zweien Radialgefässen, doch sieht man auch hier
noch immer neue Tentakel zwischen den alten hervorkno-
spen. Die Tentakel sind hohl und peitschenförmig und mit
einem keulenartig verdickten Basaltheile versehen, der sich
häufig durch einen schwarzen und ziemlich umschriebenen
Augenfleck auszeichnet. Ich finde solche Augenflecke vor-
zugsweise an den grösseren Randfäden , ganz constant na-
mentlich an den vier Tentakeln, die den Radialgefässen ent-
sprechen , und jedem dritten oder vierten Interradialtentakel.
Gehörorgane fehlen; auch brechende Medien konnten nir-
gends in den Augenflecken aufgefunden werden. Die Angel-
organe sind klein (V/i5o"0 u"<^ bauchig und vorzugsweise
in der äusseren Hälfte des Fadens, auch in den Mundrändern
vorhanden.
Ausser den eben beschriebenen Tentakeln findet sich
übrigens, wie bei der von Forbes entdeckten Thaumantias
pilosella (der sich unsere Species auch in der Vielzahl der
Tentakel nähert), noch eine zweite Art von kleineren Rand-
fäden *"•}, die ohne bestimmte Ordnung, aber meist einzeln
stehen und in der Regel nach innen gegen den schmalen
Randsaum umgeschlagen sind, während die übrigen Ten-
takel, zwischen denen sie angebracht sind, meist gerade
herabhängen, ich weiss übrigens nicht, ob man diese Ge-
bilde mit Recht den eigentlichen Randfäden zurechnen darf.
So viel ist jedenfalls sicher, dass sie nicht nur durch ihre
fast mikroskopische Kleinheit, sondern auch durch ihre solide
Beschaff'enheit und ihren einfachen zelligen Bau, auch durch
die Abwesenheit der Basalanschwellung und der Augen-
flecke von den eigentlichen Randfäden sich hinlänglich unter-
scheiden.
Die Geschlechtsdrüsen sind unmittelbar an dem Ur-
sprünge der Radialgefässe angebracht und von ganz ansehn-
licher Breite, so dass sie auf den ersten Blick mitsammt dem
*) Die Arten mit zweierlei Randfäden bilden bei Forbes das
Subgenus Cosmetica.
Archiv f. Naturgesch. XXII. Jahrg. 1. Bd. 2
18 L e u c k a r t :
Magen leicht für ein zusammenhängendes vierlappiges Ge-
bilde gehalten werden können. Das äussere Ende der Drü-
sen ist etwas verjüngt und reicht bis über die Mitte der Ra-
dialgefässe hinaus.
Phialidium''^^ viridicans nov. gen. et n. sp.
Eine Thaumantias im weiteren Sinne des Wortes, die
mir indessen mit anderen, bisher bei Thaumantias beschrie-
benen Arten hauptsächlich deshalb ein eigenes Genus zu bil-
den scheint, weil statt der Augenflecke bei derselben Ge-
hörorgane vorhanden sind.
Mit einem stark abgeplatteten, hellen und durchsichtigen
Mantel, der ungefähr 5 — 6'" missl und dabei eine Höhe von
kaum 2'" hat. Die Mantelsubslanz ist ziemlich dünne, nur
in der Mitte, oberhalb des Magensackes etwas verdickt, sof
dass sie hier am weitesten in die Mantelhöhle vorspringt. Der
Magensack selbst ist cylindrisch (im entleerten Zustande, im
vollen dagagen fast kugelförmig) länger , als bei Thauman-
tias corollata und mit einem vierzipfligen Munde versehen.
Er hat in der Regel eine helle meergrüne Färbung. Ring-
und Radialgefässe wie bei Th. corollata. Die Tentakel sind
kurz und hohl, auch an der Basis verdickt, aber ohne Au-
genflecke. Ihre Zahl wächst mit dem Alter, ist jedoch, wie
gewöhnlich bei den Thaumantiasarten mit abgeplattetem Man-
tel, nur beschränkt. Individuen von etwa 4'" besitzen in
der Regel 16 Tentakel, die abwechselnd etwas grösser und
kleiner (älter und jünger) sind. Zu den grösseren gehören
die vier Radialtenlakel, die wahrscheinlich von allen Rand-
fäden zuerst gebildet werden. Später geht der Grössenun-
terschied dieser Tentakel verloren, aber dafür entstehen zwi-
schen ihnen dann neue Tentakel, die ihrerseits wiederum
leicht eine Zeitlang an ihrer geringeren Ausbildung sich er-
kennen lassen. Die grosseste Tentakelzahl, die ich beobach-
tete ist 32 (4x7 + 4) — wir dürfen diese auch wohl als
die Normalzahl ansehen, obwohl dieselbe keineswegs immer
ganz vollständig ist. Sehr häufig wechselt die Zahl sogar
in den einzelnen Interradialräumen desselben Thieres um 1
0 Vgl. (f>(ahg, Schale.
Beiträge zur Kenntniss der Medusenfauna von Nizza. 19
oder 2. So zähle ich z. B. bei einem ausgewachsenen In-
dividuum in einem solchen Räume 7, in einem zweiten 6, in
den beiden anderen nur 5 — mit den vier Radialtentakeln
im Ganzen also 27. Die Angelorgane sind klein , wie bei
Thaumantias corollata (y^jo'")?«"^ schmaler. Sie finden
sich namentlich in dem Endfaden , der in der Ruhe spiralig
gerollt ist, weniger häufig dagegen in dem verdickten Basal-
theile. Auch die Mundzipfel tragen solche Angelorgane, ja
sogar die Wände des Magensackes und der Gefässe , wenn-
gleich letztere nur spärlich.
Die Gehörorgane stehen , wie bei Th. dubia Köll. und
Th. planata (Gergonia planata Will.), am Mantelrande zwi-
schen den Tentakeln, bei voller Tentakelzahl je eines zwi-
schen zweien solchen Anhängen. In früherer Zeit (bei 16
Tentakeln) finden sich dagegen in der Regel zwei Gehör-
bläschen zwischen je zweien Tentakeln, Verhältnisse, die
mitunter sogar hier und da — doch meist nur bei unvoll-
ständiger Entwickelung der Randiaden — auch später noch
beobachtet werden können. Im Wesentlichen zeigen diese
Apparate denselben Bau, wie bei Geryonia ; sie sind (Fig. 14)
rundliche Kapseln (792'") ^^^ einem sphärischen Otolithen
(V125'") 1 der fest und unbeweglich in eine eigene zweite
Zellenhülle eingebettet und an dem äusseren Rande der Kapsel
befestigt ist. Mitunter triff"! man in den Gehörbläschen auch
auf zwei Otolithen und zwei Zellenhüllen, die dann dicht
neben einander befestigt sind *"*). Der Schwimmsaum ist
sehr rudimentär;, so dass er leicht übersehen werden kann.
Die Geschlechtsorgane sind verhältnissmässig klein und
von eiförmiger Gestalt. Sie liegen in weiter Entfernung von
dem Magensacke, in der Nähe des Scheibenrandes und zei-
gen nicht seilen dieselbe grünliche Färbung, die ich schon
oben bei dem Ma^ensacke erwähnt habe.
*) Bei Pelagia kommen nicht selten förmliche ZwHlingsbläschen
vor, zwei, an ihrer Innenfläche mehr oder minder weit verwachsene
Auriculartentakel, die aus einem gemeinschaftlichen Stiele ihren Ur-
sprung nehmen und auch eine gemeinschaftliche Communicationsöff-
nung mit dem Ringgefässe haben.
20 L e u c k a r t :
Oceania pileata (Forsk.) Per.
(Tab. II. Fig. 3.)
Obgleich Lesson die von Forskai entdeckte Medusa
pileata zum Typus eines eigenen Gen. Tiara gemacht hat und
als Tiara papalis beschreibt, halle ich es doch mit Forbes
für das Passendste, diesem Thiere und den verwandten den
— freilich vielfach gemissbrauchten — Genusnamen Ocea-
nia zu lassen. Zu den Verwandten dieses Thieres rechne
ich aber nicht etwa bloss dieOc? ampullacea, die Lesson
als T. Sarsii mit unserer Art demselben Genus zuzählt, son-
dern alle jene Formen, die mit der Oc. pileata durch die
Bildung des Magens und die gleichmässige Gruppirung der
Randfäden übereinstimmen *) und thcils (mit anderen frem-
den Formen) dem Gen. Oceania zugerechnet werden, theils
auch zur Aufstellung einiger besonderer kleiner Genera Ver-
anlassung gegeben haben. Zu letzteren gehört namentlich
auch (ausser Pandea Less.) das Lessonsche Gen. Turris =
Conis Brdt. -"''•), das noch Forbes aufrecht erhält, freilich
ohne es weiter von dem Gen. Oceania unterscheiden zu kön-
nen, als durch die Mehrzahl der Randfäden und die stärkere
Entwickelung des Muskelgewebes. Wie wenig diese letzteren
Charaktere durchgreifen, mag man daraus entnehmen, dass
wir unsere Oceania pileata, die doch Forbes selbst als
den Stammhalter des Gen. Oceania ansieht, nach ihnen mit
völligem Rechte auch dem Gen. Turris zurechnen könnten.
Ich glaube nicht, dass die Verschiedenheiten in Zahl und
Bildung der Tentakel zur Aufstellung besonderer Genera aus-
reichen. Man mag immerhin nach ihnen und anderen Cha-
rakteren das Gen. Oceania in kleinere Gruppen theilen, aber
diese werden nach ihrem systematischen Werthe kaum mehr,
*) Dass sich diese Uebereinstimmung auch in der Anordnung
des Gefässapparates und der Geschlechtsorgane aussprechen muss,
versteht sich von selbst.
**) Vorausgesetzt, was sehr wahrscheinlich ist, dass die „sehr
zahlreichen feinen Gefässe", deren Anwesenheit Brandt, wie es
scheint, nur aus der j\l er t ens'schen Abbildung erschlossen hat, in
Wirlilichkeit fehlen und von vier weiten CanäUn vertreten sind.
Beiträge zur Kcnntniss der Medusen fauna von Nizza. 21
als Untergattungen darstellen. Auch auf die Anwesenheit
des tuberkelartigen Aufsatzes an der Kuppel des Mantels
darf man, meiner Meinung nach, kein allzu grosses Gewicht
legen. Allerdings sind die Oceanies appendicules von Peron
(denen bekanntlich auch unsere 0. pileata zugehört) wohl
ohne Ausnahme Arten des Gen. Oceania in unserem Sinne,
aber daneben giebt es auch andere ohne „Knopf", und selbst
Arten , deren einzelne Individuen in dieser Beziehung man-
cherlei Verschiedenheiten darbieten , wie z. B. die nächst-
folgende.
Während meines Aufenthaltes in Nizza gehörte die Oc.
pileata zu den häufigeren Medusen. Ich habe selten eine
Excursion gemacht, ohne eine grössere Anzahl derselben an-
zutreffen. Die grossesten derselben massen (mit dem Knopfe}
reichlich V/J' und trugen Randfäden, die sich bis zu 4— 5"
verlängern, aber auch bis auf 1" zusammenziehen konnten.
Der Mantel unseres Thieres ist, wie bei ben Oceaniden
ohne Ausnahme , von einer stark gewölbten glockenartigen
Bildung, etwa eben so breit als hoch und an der Oeffnung
ein wenig zusammengezogen. Der Höcker ist kegelförmig,
mit stumpfer Spitze und breiter Basis, aber deutlich (durch eine
Ringfurche) gegen den Mantel abgesetzt. Er hat eine ganz
ansehnliche Grösse und nimmt reichlich ein Drittlheil der
Körperhöhe in Anspruch. In histologischer Beziehung schliesst
sich dieser Höcker unmittelbar an den Mantel an. Er be-
steht aus ganz derselben Hyalinsubstanz *"*) und darf mit
vollkommenem Rechte als ein Aufsatz oder eine Aufwulstung
des Mantels betrachtet werden. Von einer eigentlichen „Be-
weglichkeit" desselben kann keine Rede sein. Er entbehrt
aller Muskelelemente und kann höchstens durch den Andrang
des Wassers in eine zitternde Bewegung versetzt werden.
Wie bei den übrigen Oceaniden hat der Magen unse-
rer Art eine sack- oder glockenförmige Gestalt und eine
runzlige Beschaffenheit; seine Grösse ist so ansehnlich, dass
er die Mantelhöhle zum grossen Theile ausfüllt. Dazu kommt
*) Walirscheinlich eine Modification des Zellgewebes im R ei-
ch er t'schen Sinne, wie ich schon bei einer andern Gelegenheit (Zoo).
Unters, lll. S. 7) ausgesprochen habe.
22 Leuckart:
eine zimmetbraune Färbung , die diesen Körpertheil vor
allen übrigen auszeichnet. Der Mund ist stark einge-
schnürt, aber ausserordentlich dehnbar und mit vier ge-
kräuselten Zipfeln versehen, die eine ziemlich ansehnliche
Enlwickelung haben. Aus dem oberen Ende des Magen-
sackes entspringen vier breite, fast bandartige Radialge-
fässe, die den gewöhnlichen Verlauf einhallen und im Um-
kreise der Mantelöffnung durch ein gleichfalls bandartiges
Ringgefäss zu einem gemeinschaftlichen Systeme vereinigt
werden. Die Wandungen dieser Gefässe sind dick (aber ein-
fach) und mit zahlreichen unregelmässigen Ausbuchtungen
von zahn- oder zipfelförmiger Gestalt versehen, so dass die
Gefässe (namentlich die Radialgefässe) dadurch ein eigen-
thümliches zackiges Aussehen annehmen. Bei jungen Exem-
plaren wird auch der Mantelhöcker von einem Gefässe durch-
setzt, das zvv^ischen den vier Radialgefässen aus dem Magen-
grunde hervorkommt und in der Achse des Höckers verläuft,
aber allmählich sich stark verengt und blindgeschlossen en-
digt, noch bevor es die Spitze des Höckers erreicht hat.
Sonder Zweifel stammt dieses Gefäss aus den früheren
Zeiten der Entwickelung. Es ist der Ueberrest des Stielge-
fässes, durch den unser Thier früherhin mit seiner polypen-
förmigen Amme, an der es hervorknospete, zusammenhing.
Der Höcker selbst ist nichts Anderes, als der Stiel der Me-
dusenknospe, der nicht verschwindet, sondern zeitlebens
persistirt und an Grösse immer mehr zunimmt *").
Die Muskelhaut des Mantels (dfe bekanntlich , wie bei
allen Diskophoren , die Innenfläche bekleidet und eine Art
Schwimmsack darstellt) hat eine ansehnliche Dicke und be-
steht aus breiten Fasern oder Balken von körniger Beschaf-
fenheit. Zur Befestigung des Magensackes dienen vier förm-
liche Mesenterien , die unterhalb der Radialgefässe von der
Kuppel der Mantelhöhle herabsteigen und sich als bandartige
♦) Eschscholtz (System S. 98) zog es bekanntlich in Zweifel,
ob dieser Knopf (nach Brandt ein Rudiment der Luftkammer bei
den Siphonophoren) wirklich ein integrirender Theil unserer Meduse
sei und war sogar geneigt, darin ein eigenes parasitisches Thicr zu
vermuthen.
Beiträge zur Kenntniss der Medusenfauna von Nizza. 23
Streifen bis an die Ausschnitte zwischen den Mundzipfeln ver-
folgen lassen. Zu den Seiten dieser Streifen (also in vier
Paaren) liegen die quergefalleten, gleichfalls streifenförmigen
Geschlechtsdrüsen, die bekanntlich bei allen Oceaniden in die
Wandungen des Magensackes eingebettet sind. Die Eier sind
ohne Dotterhaut, ein Umstand, der auch von Gegenbaur
bei anderen Oceaniden angemerkt ist. \
Die Innenfläche des Magens ist mit zahlreichen Zotten
oder warzenförmigen Vorsprüngen besetzt, die der inneren
Epitheliallage anzugehören scheinen. Aeusserlich von dieser
Lage unterscheidet man eine deutliche Muskelhaut , die aus
förmlichen Faserzellen von spindelförmiger Gestalt gebil-
det wird.
Die Zahl der Tentakel wächst mit dem Alter unserer
Thiere. Die jüngsten Exemplare, die ich beobachtete, be-
sassen nur vier , die der Eintrittsstelle der Radialgefässe in
das Ringgefäss gegenüber lagen. Zwischen diesen vier Rand-
fäden kommen dann später in der Mitte noch vier andere
hervor; die Zahl der Tentakel steigt auf 8, dann auf 16 und
32 (4x7 + 4)^ obgleich sich die älteren Randfäden be-
ständig durch eine beträchtlichere Länge vor den übrigen^
besonders den jüngsten Nachschüben, auszeichnen.
Die Tentakel sind bekanntlich hohl und lassen eine
deutliche Muskelhaut erkennen. Bei der Contraction legen sie
sich meist in dichte Spiralwindungen auf einander. Die An-
gelorgane sind sehr klein und von ovaler Gestalt, ohne deut-
lichen Faden. Nichts destoweniger gehören unsere Thiere
zu den gefrässigsten Räubern, die man niemals ungestraft mit
anderen seltenen Thierformen in demselben Poeale zusammen
lassen darf.
Gehörkapseln fehlen *), eben so Augenflecke, es müsste
denn sein, dass man die bräunliche Färbung der etwas ver-
dickten Wurzel an den Randfäden als Zeichen von der An-
wesenheit eines derartigen Sinnesorganes deuten wollte^ wie
es allerdings häufig geschieht.
^') Forbes beobachtete solche bei einigen Arien seines Gen.
Occaniu neben den sog, Augenflecken,
Ö4 Leuckart:
Oceania coccinea n. sp.
Eine zweite, um Nizza sehr viel seltenere Art, (vielleicht
Oceania Lesueuriana Risse?), die in den allgemeineren Form-
und Bildungsverhältnissen, auch in der Grösse mit der 0. pi-
leala übereinstimmt, aber schon auf den ersten Blick durch
die schöne carmoisinrothe Färbung ihres Magensackes sich
unterscheidet. Dazu kommt, dass der Höcker des Mantels sehr
viel rudimentärer ist und in manchen Individuen entweder voll-
kommen fehlt oder doch nur durch eine leichte buckeiförmige
Verdickung der hyalinen Mantelsubstanz repräsenlirt ist. Ein
Gefässrudiment in diesem Höcker wurde niemals nachgewie-
sen. Die zipfelförmigen Forlsätze im Umkreise des Mundes sind
kürzer, aber dafür noch zierlicher gefaltet. Die Tentakel sind
äusserst zahlreich und bilden einen dichten Besatz des Man-
telrandes, scheinen aber etwas kürzer, als bei der vorigen
Art. Die verdickte Wurzel der Randfäden ist auch hier
gelblich gefärbt. Die Bildung der Gelasse und der Mesen-
terien, die Muskulatur des Mantels und Magensackes u. s. w.
ganz wie bei Oc. pileala.
Bougainvillea Koellikeri Gegenb.
(Tab. II. Fig. 2.)
Streng genommen eine Lizzia im Sinne von Forbes
(1. Cc p. 64) und von Gegenbaur, der dieselbe gleich-
zeitig mit mir in Messina beobachtete und als neu erkannte
(zur Lehre vom Generationswechsel bei Medusen und Poly-
pen S. 22) ursprünglich auch als Lizzia Koellikeri beschrie-
ben. Aber schon Gegenbaur bemerkt dabei, dass Lizzia
und Bougainvillea (HippocreneMrt., Margalis Steenstrp.) kaum
von einander zu trennen seien und in demselben Genus ver-
einigt werden müssten. Der einzige Unterschied zwischen
beiden besteht darin, dass Lizzia acht, Bougainvillea dage-
gen nur vier Tentakelbüschel besitzt, ein Unterschied, der
jedoch höchstens zur Aufstellung zweier Unlergenera gebraucht
werden dürfte.
Auch darin muss ich mit Gegenbaur übereinstim-
men, dass unser Thier mit seinen nächsten Verwandten in
die Familie derOceaniden einzureihen sei. Forces rechnet
Beiträge zur Kenntniss der Medusenfauna von Nizza. 25
die betreffenden Medusen zu der Familie der Sarsiaden; es
will mir indessen scheinen , als wenn sich diese Familie,
wenigstens in dem ursprünglichen Sinne, nicht werde auf-
recht erhalten lassen *). Jedenfalls darf man die Sarsiaden,
auch die Arten des typischen Gen. Sarsia, nicht so weit von
den Oceaniden abtrennen, wie man es nach Forbes gewöhn-
lich zu thun pflegt.
Unsere ß. Koellikeri gehört zu den grösseren Formen
ihres Geschlechtes und theilt mit diesen (z. B. Boug. Macloviana
Less. s. Hippocrene Bougainvillii Brdt. , auch Hippocrene su-
perciliaris Agass.) die ansehnliche Enlwickelung, Zahl und
Grösse der Randfäden und Mundtentakel. Unter den Ar-
ten der Subgen. Lizzia steht sie in dieser Beziehung bis
jetzt ganz isolirt da. Nach Gegen baur beträgt die Höhe
derselben 5 — 7'", der Querdurchmesser 4 — 6'". Die von
mir beobachteten Exemplare waren allerdings kleiner (_von
2—4'" hoch und fast eben so breit), aber sie waren auch
geschlechtslos, aller Wahrscheinlichkeit nach also auch noch
unausgewachsen. Die Glocke unseres Thieres ist stark ge-
wölbt, fast kugelförmig und von ansehnlicher Dicke, so dass
die Schwimmhöhle sehr viel weniger geräumig erscheint, als
man nach der äusseren Gestalt vielleicht vermuthen sollte.
Der Magen ist sackförmig, wie bei den übrigen verwandten
Formen, und auf einem keineswegs ganz unansehnlichen za-
pfenförmigen Stiele angebracht, so dass er (mit seinem
Zapfen) fast die ganze Schwimmhöhle ausfüllt, wenigstens im
jugendlichen Zustande *••""). Aus dem Magengrunde entsprin-
gen vier deutliche Gefässstämme, die in gleichmässigen Zwi-
schenräumen an dem Zapfen bis an den Grund der Schwimm-
höhle emporsteigen und von da auf die Innenfläche des Man-
tels (subumbrella Forb.) übergehen. Das Ringgefäss, in wel-
*) So ist z. B. jedenfalls auch das Gen. Mooderia Forb. eine
Oceanide, wie schon Lütken, der eine besondere Familie der Bou-
gainvilleae annimmt und diese zunächst auf die Oceaniden folgen
lässt, erkannt hat (vgl. videnskabelige Meddelelser 1850. p. 24).
**") Bei ausgewachsenen Thieren scheint das nach der Abbil-
dung von Gegenbaur (Tab. II. Fig. 1) viel weniger der Fall
zu sein.
26 Leuckart:
ches sie einmünden, ist gleichfalls von einer ganz ansehn-
lichen Stärke.
Gegenbaur nennt den schön carmoisinroth gefärb-
ten Magensack unseres Thieres „fast vierkantig", ich möchte
ihn eher als „sternförmig'^ bezeichnen, da an demselben vier
breite und liefe Hohlkehlen hinlaufen, die zwischen den Ra-
dialgefässen ihren ' Ursprung nehmen und bis an die ver-
engte, aber sehr dehnbare Muudöffnung sich verfolgen las-
sen. An den Seiten dieser Hohlkehlen kommen später die
band- oder streifenförmigen Geschlechtsorgane hervor *);
einstweilen sieht man hier nur viele Runzeln und Quer-
falten, wie bei Oceania. Jeder Hohlkehle entspricht ein an-
sehnliches Büschel von Mundfäden, die gleichfalls carmoisin-
roth gefärbt sind und sich sonder Zweifel als ein Analogon
der Mundzipfel bei den Arten des Gen. Oceania, als „verä-
stelte Mundzipfels betrachten lassen -"•"). In der That besteht
auch ein jedes dieser Büschel aus einem einfachen, ziemlich
ansehnlichen Stamme, der sich nur durch mehrfach wieder-
holte dichotomische Theilung in einen Haufen dünnerer Fä-
den aufgelöst hat. Im Ganzen zähle ich sieben solcher Thei-
lungen ; ein jeder dieser Stämme läuft also in eine Anzahl
von 128 kleinen Aesten aus. Jedoch muss hervorgehoben wer-
den , dass diese Aesle immer kürzer werden, je weiter
sie sich von der Wurzel des gemeinschaftlichen Stammes
entfernen. Die Aeste letzter Ordnung sind kaum etwas Ande-
res, als die paarigen Endspitzen der vorhergehenden Zweige.
Der Haupistamm dieser Tasterbüschel ist übrigens so kurz,
dass man leicht von acht paarweise an der Wurzel zusam-
menhängenden Büscheln, statt der vier, wie wir sie angenom-
men haben , sprechen könnte.
Nach den Beobachtungen von Busch (S. 20) giebt es
Bougainvilleen, die ihre Mundfäden in ähnlicher Weise, wie
etwa die Rhizopoden ihre Körperfortsätze, einziehen können,
aber unsere B. Koellikeri gehört nicht zu diesen Arten. Die
*) Von Hertens (und Brandt) für „Nebensäcke des Magens«
gehalten, wenigstens wüsste ich kaum , was die vier kleinen Neben-
säcke, die mit den vier grossen abwechseln , anderes sein könnten.
^•*) An die Anwesenheit von „Saugmündungen" auf den Spitzen
dieser Armen (Brandt) ist nicht zu denken.
Beiträge zur Kenntniss der Medusenfauna von Nizza. 27
Mundfäden derselben zeigen beständig die gleiche Bildung.
Man mag die Thiere in den verschiedensten Situationen be-
obachten, man mag sie auf diese oder jene Weise reizen;
die Mundfäden werden niemals eingezogen.
Was die Substanz dieser Fäden betrifft, so besteht diese
aus grossen Zellen , die mit den Zellen des Pflanzenparen-
chymes einige Aehnlichkeit haben. Muskelfasern fehlen; die
Zellen selbst sind ohne Zweifel der Sitz der Bewegung. Die
Oberfläche der Arme trägt ein zartes Flimmerepithelium , an
dem äussersten, etwas geknöpften Ende auch eine Anzahl
(^8^10) von vorragenden Spitzen oder Stacheln, wie schon
Busch hervorhebt. Offenbar sind das dieselben Gebilde,
dieAgassiz bei B. (Hipp.) superciliaris als Angelorgane be-
schrieben hat, mit denen sie auch wirklich im Aussehen eine
grosse Aehnlichkeit haben. Ich würde sie gleichfalls gerne
für Nesselzellen halten , wenn es mir gelungen wäre , mich
von der Anwesenheit eines Nesselfadens bei ihnen zu über-
zeugen.
Die Randfäden unserer Art bilden, wie schon oben her-
vorgehoben wurde , acht Büschel , die zur Hälfte den vier
Radialgefässen entsprechen , zur andern Hälfte aber in der
Mitte zwischen denselben angebracht sind. Ein jedes Büschel
setzt sich aus 8—12 (im erwachsenen Zustande nach Ge-
genbaur aus 10 — 15) langen Fäden zusammen, die in einfa-
cher Reihe neben einander stehen und mit ihren (etwas ver-
dickten) Wurzelenden zu einem Polster von halbmondförmi-
ger Gestalt verschmolzen sind. In der Regel sind diese
Randfäden neben der Körperscheibe emporgerichtet, wie es
Gegen b au r abgebildet hat, so dass unser Thier einen
ausserordentlich zierlichen Anblick darbietet. Die Beweg-
lichkeit dieser Fäden ist überhaupt geringer, wie sonst wohl
bei den Oceaniden ; ein Umstand , der sich aus der soliden
Beschaffenhoii; derselben hinreichend erklären möchte. Vor-
zugsweise gilt solches von der Basalhälfte der Fäden, we-
niger von dem dünneren Ende, das sich beträchtlich ver-
längern kann und in der Ruhe meist spiralig aufrollt. Die
mittleren Fäden jedes Büschels sind die längsten, rechts und
links stehen immer kürzere, bis die äussersten endlich blosse
stuminelförmigc Hervorragungen darstellen.
Ä8 L e u c k a r t :
Die histologische Struktur ist im Wesentlichen wie die
der Mundfäden. Auch das Parenchym der Randfäden besteht
aus grossen Zellen, nur nehmen diese hier in der Regel die
ganze Breite der Fäden ein, so dass die Wände derselben
wie Scheidewände („Querbalken" Busch) aussehen. In der
strukturlosen äusseren Bedeckung finden sich zahlreiche kleine
Angelorgane von V/j^o'"- Die Wurzel eines jeden Tentakels
trägt, wie bei den übrigen verwandten Formen, einen tiefro-
then , fast schwarz aussehenden Pigmentfleck. Sonstige Sin-
nesorgane fehlen.
Die Randhaut ist von ziemlich ansehnlicher Entwickelung.
Euphysa (?) globator n. sp.
(Tab. II. Fig. 4.)
Das niedliche Thierchen , das ich hier mit dem voran-
stehenden Namen bezeichne, habe ich leider nur ein einzi-
ges Mal zur Betrachtung bekommen. Es ist nach der Aehn-
lichkeit mit der von Lbven (dieses Archiv 1837. I. S. 321)
gegebenen Beschreibung und Abbildung ohne Zweifel der
Abkömmling einer Syncoryne. Ob es dagegen mit Recht als
eine Euphysa bezeichnet werden könne, will ich weniger be-
stimmt entscheiden. Jedenfalls fehlt ihm der grosse über-
zählige Tentakel („supplementary large tentacle«) , der bei
der E. aurata (1. c. p. 71) neben dem einen der vier kurzen
Randfäden ansitzt und von Forbes zu den charakteristischen
Merkmalen des Gen. Euphysa gerechnet wird. Aber mögli-
cher Weise war dieses Anhängsel bei dem einen Exemplare,
das mir zu Gesicht kam, zufälliger Weise verloren gegangen,
obgleich ich an demselben keine Spuren einer Verstümme-
lung bemerkt habe,
Der durchsichtige Mantel unseres Thierchens ist glok-
kenförmig, an der OefFnung etwas verengt, vierkantig und
auf dem Scheitel in einen ganz ansehnlichen schlanken Stiel-
fortsatz ausgezogen. Mit dem Stiele beträgt die Höhe des-
selben fast eine Linie, ohne ihn etwa 73'". Der Magen ist
schlank, flaschen- oder rüsselförmig, mit verjüngtem Mund-
ende, aber ohne alle Lippenfortsätze, wie bei Sarsia. Er hat
etwa die Länge der Schwimmhöhle, die ziemlich geräumig
ist, und zeigt eine gelbliche Farbe. Aus dem Grunde des
Beiträge zur Kenntniss der Medusenfauna von Nizza. 29
Magens entspringen die gewöhnlichen vier Radialgefässe, die
unter den Kanten der Mantelglocke hinlaufen, ausserdem aber
auch noch ein unpaares Slielgefäss, das in der Längsachse
des Körpers emporsteigt und sich fast bis an die Spitze des
Stieles verfolgen lässt. Im Rande des glockenförmigen Man-
tels das gewöhnliche Ringgefäss. Der Randsaum scheint zu
fehlen.
Die vier Tentakel, die den vier Ecken des Mantels ent-
sprechen, sind kurz und zottenartig, an ihrer verdickten Wur-
zel etwas tingirt, ober ohne eigentlichen Augenfleck. Ueber-
haupt hat es den Anschein, als ob unser Thierchen besonde-
rer Sinnesorgane entbehre. Auch die Ortsbewegung scheint
eben nicht mit übermässiger Schnelligkeit vor sich zu gehen.
Dagegen besitzt unser Thierchen die Fähigkeit der Kugelung,
wie ich sie bei keiner anderen Meduse beobachtet habe. So-
bald man es reizt oder unsanft berührt, schliesst es die OefF-
nung der Mantelglocke, indem es die Ränder derselben mit
den Tentakeln nach innen umschlägt, und bildet eine gleich-
förmig kuglige Masse, aus der am oberen Pole nur noch der
Stielfortsatz hervorragt (Fig 5).
lieber die Geschlechtsverhältnisse weiss ich nichts an-
zugeben. Das Exemplar, welches ich beobachtete, war noch
geschlechtslos und hatte sich vielleicht erst vor kurzer Zeit
von seiner Amme losgelöst. Nach Forbes sollen sich die
Geschlechtsorgane im Umkreise des Magengrundes entwickeln.
Steenstrupia lineata n. sp.
(Tab. II. Fig. 6.)
Bekanntlich hat Forbes (}. c. p. 72} die kleine eigen-
thümlich gebaute Meduse, die Steenstrup (Generations-
wechsel u. s. w. S. 22) als den wahrscheinlichen Abkömm-
ling der Coryne fritillaria St. beschrieben hat, zum Typus
eines eigenen Gen. Steenstrupia gemacht. Die bisher bekann-
ten Formen dieses Genus stammen ohne Ausnahme aus den
nordischen Gewässern, von Island (Steenstrup), Norwe-
gen (Sars) und Schollland (Forbes); dass sie aber auch
den wärmeren Meeren nicht abgehen, beweist die oben ge-
nannte Art, die mir einige Male, aber doch im Ganzen nur
seilen, bei Nizza in's Netz ging.
30 L e u c k a r t :
Unser Thierchen misst etwa 74'" und hat einen hya-
linen glockenförmigen Mantel, der sich nach unten etwas er-
weitert und vier gelblich weisse Streifen zeigt, die den Verlauf
der vier Radialgefässe andeuten und von zahlreichen kleinen
Pigmentkörnern herrühren. Der Rand des Mantels ist vier-
eckig und an den Ecken in einen Tentakel ausgezogen. Drei
dieser Tentakel sind stummeiförmig, kurz und dick, auch nur
wenig abgesetzt, während sich der vierte in einen ansehn-
lichen cylindrischen Anhang verlängert, der im zusammen-
gezogenen Zustande spiralig gewunden ist und dann unge-
fähr der Höhe der ganzen Glocke gleichkommt. Die Kuppel
der Glocke trägt einen kurzen Stielfortsatz, der von der Wur-
zel bis zur Spitze ziemlich dieselbe Dicke hat, aber nicht
senkrecht steht, sondern unter einem spitzen Winkel abgeht,
und zwar nach jener Richtung, die dem Insertionspunkte des
langen Randfadens gegenüber liegt.
Der Mantel hat eine verhältnissmässig ganz ansehnliche
Dicke, und birgt eine Schwimmhöhle, die von einem fla-
schenförmigen weiten Magen fast völlig erfüllt wird. Der
Mund ist einfach, ohne Lippen und sonstige Fortsätze und am
verjüngten Ende des Magens gelegen, mit dem er gelegent-
lich aus der OefTnung des Mantels hervorgestreckt werden
kann. Die Färbung des Magens ist schmutzig gelb.
Was die Anordnung der Gefässe betrifft, so ist diese wie
bei unserer Euphysa. Wir unterscheiden vier Radialgefässe
mit einem Ringgefässe und ein Stielgefäss, das auch bei den
von Forbes beobachteten Arten vorkommt, aber, wie es
scheint, nicht richtig erkannt wurde. (Forbes nennt die-
ses Gefäss a chord, presenting a tabulur appearence.)
Die Tentakel werden von einer Verlängerung des Ring-
gefässes durchsetzt, auch der lange, oben beschriebene Rand-
faden, in dem zahlreiche kleine Angelorgane von rundlicher
oder ovaler Gestalt C^oo— Vsoo"') eingebettet sind. Sinnes-
werkzeuge fehlen.
Die Geschlechtsverhäitnisse der Steenstrupien sind lei-
der noch nicht vollkommen aufgeklärt. Steenstrup vermu-
thet, dass sich die Genitalien an der Basis des langen Ten-
takels entwickeln — die Steenstrup'sche Form besitzt
übrigens statt eines solchen Tentakels deren zwei dicht ne-
Beiträge zur Kenntniss der Medusenfauna von Nizza. 31
ben einander — , und wirklich zeigt unsere Art, wie die
Stee nstrup'sche an dieser Stelle eine ansehnliche Ver-
dickung, in der ich indessen vergeblich nach deutlichen Ge-
nerationselementen gesucht habe. Der Inhalt dieser Anschwel-
lung (die übrigens bei unserer Art keine Lappenbildung
zeigte), bestand bei den zwei oder drei Exemplaren, die ich
untersuchte, ganz gleichmässig (wie auch St. bei seiner Art
fand), aus einer körnig zelligen Masse im Umkreise des Ten-
takelgefässes. Die histologische Struktur dieser Masse ist
aber immerhin sehr auffallend, und wohl im Stande, der
Vermulhung von Steenstrup einigen Anhaltspunkt zu
geben.
Forbes schweigt über die Generationsapparate von
Steensirupia , stattet aber seine beiden Formen an den vier
Ecken des Mantelrandes mit einem „drüsigen Körper« aus, in
dem man vielleicht die Generationsapparale vermulhen könnte.
Aber diese Drüsen sind offenbar, wenigstens an dreien Ecken,
nichts Anderes als die oben beschriebenen rudimentären Ten-
takel, deren Zahl von Forbes nur auf den einen langen
Tentakel beschränkt wird (,,a Single tentacle developed from
one of the glands only«).
P yxidium *) truncatum nov. gen. et n. sp.
(Tab. IL Fig. 7.)
Ein kleines und höchst eigenthümliches quallenartiges
Wesen, das ich nur ein einziges Mal auffischte und an die-
ser Stelle einreihe, obgleich ich wohl weiss, dass es sich
eben so wohl von den voranstehenden, als auch den folgen-
den Formen in mehrfacher Beziehung sehr auffallend unter-
scheidet. Freilich kommen manche dieser Unterschiede wohl
nur auf Rechnung einer unvollständigen Enlwickelung, da es
keinem Zweifel unterliegen kann, dass unser Thierchen bald
nach der Isolation von seiner larvenartigen Amme beobach-
tet wurde.
Der Leib unseres Pyxidium hat eine halbkugelförmige
Gestalt und misst etwa y/" in der Höhe, 2/3"' in der Breite.
*) nvllöiov, die Dose.
32 Leuckart:
Die Kuppel trägt einen kurzen cylindrischen Stiel, der unter
spitzem Winkel abgeht, auch nicht genau in der Achse des
Körpers, sondern excentrisch angebracht und der einen Sei-
tenfläche merklich genähert ist. Der ßasalrand des Leibes
oder Mantels, wenn man lieber will, zeigt acht kurze höcker-
oder stummeiförmige Fortsätze , die in gleichen Zwischen-
räumen stehen und als Tentakelrudimente in Anspruch ge-
nommen werden dürfen. Eine eigentliche Schwimmhöhle
fehlt, indem der weile und halbkugelförmige Magen die ganze
Mantelhöhle ausfüllt und mit der Innenwand des Mantels fest
zusammenzuhängen scheint. Der Mund stellt eine einfache
OefTnung dar, die in der Mitte eines ringförmigen Diaphrag-
ma angebracht ist. Mit einer Randhaut ist dieses Diaphragma
nicht zu verwechseln , obgleich es seiner Lage nach leicht
dafür gehalten werden könnte, da es nur wenig höher, als
sonst die Randhaut (die hier fehlt), angebracht ist. Es stellt
die untere Magenwand dar, wie man schon daraus abnehmen
kann, dass es die gelblich-braune Pigmentirung des übrigen
Magensackes theilt. Im geschlossenen Zustande ist die Mund-
öflPnung nur klein und kaum wahrzunehmen. Sie nimmt
dann die Spitze des etwas trichterförmig herabhängenden Ma-
gensackes ein, besitzt aber eine ganz ausserordentliche Dehn-
barkeit.
Ein eigentlicher Gefässapparat fehlt unserem Thiere.
Die Stelle der Radialgefässe wird durch acht kurze und weite
Ausstülpungen des Magensackes vertreten, die bis in die Ten-
takelrudimente hineinragen. Eine ahnliche Ausstülpung setzt
sich nach oben in den Stielfortsatz der Kuppel fort.
Unter dem Mikroskope erscheint die äussere Körper-
fläche unseres Thieres mit kleinen Wärzchen oder kernarli-
gen Körperchen besetzt, die vermuthlich die ersten Anfänge
von Angelorganen darstellen.
Von Sinneswerkzeugen und Geschlechlsapparaten war
bei unserem Thiere keine Spur vorhanden. Die Bewegung
desselben ist äusserst langsam, mehr eine passive, ein Trei-
ben mit den Wellen, als eine eigentliche Schwirambewegung,
wie bei den übrigen Medusen.
Beiträge zur Kenntniss der Medusenfauna von P^izza. 33
Aeginopsis mediterranea J. Müll.
(Tab. II. Fig. 8. 9.)
Unter dem voranstehenden Namen hat J. Müller vor
einigen Jahren (Archiv 1851. S. 272. Tab. XI) eine kleine
Meduse beschrieben , die nicht nur durch ihre Forinverhält-
nisse, sondern in einem noch höheren Grade auch durch die
Art ihrer Entwickelung auf dem Wege einer einfachen Meta-
morphose (ohne Generationswechsel} in auffallender Weise
sich auszeichnet. Dieselbe Meduse ist mir in Nizza, wo sie
auch von J. Müller beobachtet wurde, zu wiederholten Malen
auf verschiedenen Entwickelungsslufen zu Gesicht gekommen.
Es glückte mir sogar, unsere Meduse im geschlechtsreifen
Zustande aufzufinden und somit die Angaben von Müller
zu completiren. üebrigens hat schon KÖlliker einige Mo-
nate vor mir in Messina geschlechtsreife Individuen unserer
Art beobachtet und (Zeitschrift für wiss. Zool. IV. S. 320)
als Aeginopsis bituberculata? beschrieben. Die Vermuthung,
dass diese Meduse und die Müller'sche zusammengehören,
kann ich vollkommen bestätigen ; ich finde zwischen beiden
keine anderen Unterschiede, als höchstens in der Grösse.
Kolli k er giebt die Grösse seiner Exemplare auf 3 — 4"',
die Länge ihrer zwei Arme auf 12—16'" an; die Individuen,
die ich beobachtete, maassen dagegen im grössten Durchmes-
ser ihres Mantels bis höchstens 2V2'", während die Arme
meist nur 4—5'", in einigen seltenen Fällen bis 8'" lang
waren. (J.Müller fand — im Sommer — Individuen von 3'"
mit Armen, die den grössten Durchmesser des Körpers 3 — 4
Mal an Länge übertrafen, also beiläufig Thiere von densel-
ben Dimensionen, wie Kölliker, aber beständig im unrei-
fen Zustande, ohne Geschlechtsorgane und Randkörperchen.)
Der durchsichtige Mantel unseres Thieres ist glocken-
förmig und ziemlich solide, namentlich in der Mitte, wo er
zwischen den beiden Armen nicht selten zu einem förmlichen
Zapfen von conischer Gestalt sich aufwulstet, wie es von
Mertens bei Aeginopsis Laurentii abgebildet ist. Schon
Kölliker hat auf diese Bildung aufmerksam gemacht, doch
sind mir, namentlich unter den jüngeren Thieren auch Ex-
emplare vorgekommen , die einen einfach halbkugelförinig
Archiv f. Naturgescl), XXII. .lahrg 1. Bd. 3
34 Leuckart:
gewölbten Mantel besassen. Aber auch in diesen Fällen ist
die Kuppel des Mantels von ansehnlicher Dicke, so dass die
Schwimmhöhle sehr viel flacher gewölbt ist, als man nach
den äusseren Contouren vermuthen könnte. Der Rand des
Mantels ist mitunter etwas gelappt, in anderen Fällen auch
vollkommen ganzrandig, aber immer mit einem ziemlich brei-
ten Schwimmsaume versehen. J. Müller scheint diesen
Schvvimmsaum für die Magenwand , die Oeffnung desselben
für die Mundöffnung gehallen zu haben, es kann indessen
keinem Zweifel unterliegen, dass ausser demselben noch ein
besonderer kurzer und weiter Magensack in der Tiefe der
Schwimmhöhle vorkommt. Schon Kolli ker hat auf die
Anwesenheit desselben hingewiesen; ich habe ihn mitunter
von Speise und Speisebrei ganz ausgedehnt gefunden. Der
Durchmesser des Magens reicht von der Wurzel des einen
Armes bis zu der des andern. Die Mundöffnung ist voll-
kommen einfach , ohne Spur von Armen oder Forlsätzen,
kann sich aber sehr beträchtlich erweitern, so dass dann der
Magen mit seinen niedrigen Wänden kaum mehr als einen
ringförmigen Wulst darstellt. Der geschlossene Magen ist
nestförmig mit einer vorspringenden Mundpapille. Im Um-
kreise des Magens trifft man nun bei den ausgewachsenen
Individuen (Fig. 9) die Geschlechtsorgane, die die ganze Pe-
ripherie der Subumbrella einnehmen und aus acht rundlichen
blatt - oder scheibenförmigen Säcken mit Eiern oder Sa-
menkapseln bestehen. Durch die Entwickelung dieser Ge-
schlechtsorgane nimmt der Rand des Magensackes ein acht-
lappiges Aussehen an; es hat sogar den Anschein, als
wenn diese Lappen noch eine Strecke weit zwischen den Ge-
schlechtsorganen und dem Mantel hinlaufen. Indessen gestehe
ich, dass ich über das Verhalten der peripherischen Theile
am Verdauungsapparate nicht völlig in's Reine gekommen
bin. (In einigen Fällen schien es mir, als wenn unser Thier
mit acht Radialgefässen versehen sei, von denen je eines in
der Mitte eines Geschlechtsorganes hinliefe.) Die Randkör-
perchen , die den kleineren und geschlechtslosen Individuen
abgehen, entsprechen der Mittellinie der Geschlechtsorgane
und erscheinen als kleine kolbige Fortsätze, in denen je
ein sphärischer Otolilh von Viso'" enthalten ist. Randfäden
Beiträge zur Kenntniss der Medusenfauna von Nizza. 35
fehlen bekanntlich; die Stelle dieser Anhänge wird von zvi^ei
hörn- oder armartigen Fortsätzen vertreten, die in symme-
trischer Entwickelung rechts und links auf dem Rücken der
Glocke etwa in der Hälfte ihrer Neigung hervorkommen und
sich mit ihren verdünnten Enden meist bogenförmig nach
unten herabkrümmen. Die Wurzel der Arme durchsetzt die
ganze Dicke des Mantels und lässt sich bis auf die Ausklei-
dung des Magensackes verfolgen. Die eigenlhümliche Struk-
tur dieser Arme ist schon von J. Müller hervorgehoben
worden : sie sind solide und scheinen ihrer Hauptmasse nach
aus grossen hellen Zellen zusammengesetzt zu sein , deren
Wände die ganze Breite des Achsenstranges einnehmen und
ein Art Gitterwerk zusammensetzen, üebrigcns sind diese
Arme trotz ihrer Starrheit keineswegs unbeweglich. Man
sieht dieselben nicht nur in den verschiedensten Stellungen,
sondern kann sich auch überzeugen , dass sie — wie ich
mehrfach auf das Entschiedenste beobachtete — nach Art
der Ruder bei der Orlsbewegung thätig sind. Während der
Contraclion des Mantels schlagen die Arme nach hinten, bis
sie mit ihrer inneren Fläche die Wand der Glocke berüh-
ren, wie es auch bei Brandt (1. c. P. VI mitten auf der
Tafel) von Aeginopsis Laurentii abgebildet ist.
Ob unser Thierchen übrigens mit Recht dem Gen. Ae-
ginopsis beigezählt wird , will ich nicht entscheiden. Die
Verwandtschaft mit Aeg. Laurentii ist allerdings ganz unver-
kennbar, aber .der von Brandt hervorgehobene Charakter
des Gen. Aeginopsis „die Gegenwart von vier kleinen Armen
im Umkreise der MundöfTnung'' trifft nicht zu. Finden sich
wirklich keine weiteren Verschiedenheiten zwischen Aeginopsis
und Aegina, so wird unser Thier dem letzteren Genus ange-
reiht werden wüssen — doch in diesem Falle möchte das
von Brandt aufgestellte Genus auch wohl kaum einen ande-
ren Werth, als den eines Untergeschlechtes haben. Zur Ver-
gleichung mit unserer Art verweist schon J. Müller auf
Carybdaea bituberculata Quoy et Gaim. aus dem Indischen
Ocean, die Kölliker sogar für identisch damit ausgicbt.
Es ist wahr, nach den vorhandenen Beschreibungen (die
Abbildung von Q. et G. konnte ich nicht einsehen) lassen
sich beide Formen nicht auseinander hallen, indessen ist es
36 Leuckart:
nichts desto weniger gewiss vollkommen gerechtfertigt, un-
sere mittelmeerische Form so lange mit einem besonderen Na-
men zu bezeichnen, bis die Uebereinstimmung mit jener Tro-
penform hinlänglich festgestellt ist.
Cunina moneta n. sp.
(Tab. I. Fig. 13.)
Eine Medusenform, die eine auffallende Aehnlichkeit mit
der von Brandt beschriebenen Polyxenia flavibrachia hat,
so dass ich fast geneigt bin, auch diese als eine Art des
Eschsch oltz'schen Genus Cunina zu betrachten -''•). Der
Mantel unseres Thieres besteht aus einer dicken und soliden
Scheibe von Hyalinsubslanz, die 9 — 10'" im Durchmesser
misst, und aus einem ringförmigen Schwimmsaume von ziem-
licher Breite , der in der Ruhe wie ein kurzer und dünn-
häutiger Cylinder auf dem Rande der Scheibe aufsitzt und
sich nach unten zu allmählich etwas verjüngt. Die Höhe
dieses Cylinders ist annäherungsweise dieselbe, wie die Dicke
der Scheibe, etwa 2'". Die Ortsbewegungen werden, wie
es scheint, ausschliesslich durch die Zusammenziehungen dieses
Cylinders bewerkstelligt, sind aber im Allgemeinen nur we-
nig energisch. Gewöhnlich sieht man unser Thier im Was-
ser äquilibriren.
Die Körperscheibe ist flach gewölbt, ebenso wohl an der
oberen wie an der unteren Seite und mit einem dicken abge-
rundeten Rande versehen. Ich habe solche Scheiben einige Male
nach der Auflösung der übrigen Theile frei im Wasser flottirend
aufgefischt, und glaube jetzt, dass es dieselben Gebilde sind,
die R i s s 0 irrlhümlicher Weise für eine Porpila gehalten und als
P. moneta beschrieben hat („corpore lentiforme, hyalino, pel-
lucido, vitreo iridescente^')- J"^ Umkreise des Scheibenran-
des stehen 16 ziemlich starre Tentakel oder Arme, die un-
gefähr die Länge des Scheibendurchmessers haben und nach
Art der Randfäden in ganz gleichmässigen Entfernungen ne-
ben einander angebracht sind. Sie sind bei dem ruhenden
Thiere grade ausgestreckt, doch etwas nach unten geneigt,
und bilden somit gewissermassen einen Strahlenkranz, der
*) F orb es stellt freilich die von Brandt beschriebene Art
mit Polyxenia Alderi zusammen, doch, wie ich glaube, mit Unrecht,
Beiträge zur Kenntniss der Medusenfauna von Nizza. 37
die Scheibe umgiebt und unserem Thiere ein sonderbares Aus-
sehen verleiht. Der Bau der Arme ist, wie bei Aeginopsis
medilerranea; sie sind solide, im Innern gegitterte Stäbe, die
mit ihrer haken- oder schnabelförmig gekrümmten und zu-
gespitzten Wurzel die Substanz der Scheibe bis auf die In-
nenfläche durchsetzen. Die Nutritionsapparate unserer Cu-
nina bestehen, wie schon Eschscholtz ganz richtig er-
kannt hatte, aus einem weiten, aber äusserst niedrigen Ma-
genraume mit breiten Nebensäcken, die der Zahl der Arme
entsprechen und so gruppirt sind , dass diese letzteren je
mitten über einem Nebensacke eingepflanzt sind. Die Mund-
öfTnung unseres Thieres habe ich niemals im geschlossenen
Zustande beobachtet, sondern beständig weit klaffend, so
dass man durch sie hindurch den Grund des Magensackes
in seiner ganzen Ausdehnung überschauen konnte. Die
Wände des Magensackes bilden in diesem Zustande einen
kurzen nach unten zu verjüngten Cylinder^ der von der
Unterfläche der Scheibe in den von dem Schwimmsaume
umschlossenen Raum hineinhängt und nur die äussere Pe-
ripherie der Scheibe (von etwa l'A'") frei lässt. Dieser
peripherische Saum der Scheibe im Umkreise des Magens
trägt nun (Tab. II. Fig. 12) die Nebentaschen des Verdau-
ungsapparates, die den Radialgefässen der übrigen Medu-
sen entsprechen, so wie die Geschlechtsorgane. Die ersteren
sind schon oben erwähnt worden ; sie sind wohl eben so
breit, als lang, von oben nach unten deprimirt, also niedrig,
und mit abgerundeten vorderen Ecken versehen. Die Ge-
schlechtsorgane, gleichfalls 16 an der Zahl, sind zweilappig
oder hufeisenförmig, mit einem mittleren nach aussen zu ge-
kehrten Ausschnitt, und der Art gruppirt, dass dieser Aus-
schnitt dem Zwischenräume zwischen je zwei an einander
anliegenden Magensäcken entspricht. Diebeiden Lappen der
Geschlechtsorgane verlheilen sich also auf zwei anliegende
Magensäcke. So kommt es denn, dass die Arme unseres
Thieres beständig zwischen zweien Geschlechtsorganen ein-
gepflanzt sind, während sie bei Aeginopsis dagegen mitten
auf einem Geschlechtsorgane aufsitzen. Die Gehörbläschen
enthalten einen einfachen Otolilhen und sind am Ende der ein-
zelnen Magensäcke, unterhalb der Arme, angebracht.
38 L e u c k a r t ;
Cunina (?) costata n. sp.
Obgleich ich über diese Art nur einige wenige und un-
genügende Mittheilungen machen kann, da mir meine darauf
bezüglichen Notizen und Zeichnungen bis auf ein Paar Be-
merkungen, ich weiss nicht wie und wo, abhanden ge-
kommen sind , trage ich doch kein Bedenken, dieselben zu
veröfTentlichen, weil sie, gleich den vorhergehenden Beobach-
tungen, eine Medusengruppe betreflfen, deren Repräsentanten
bisher fast ausschliesslich auf fernere Zonen beschränkt zu
sein schienen. Unsere Art ist um Nizza eben nicht selten,
häufiger als C. moneta, gleich dieser aber in den Pokalen
rasch vergänglich, so dass man die Untersuchung möglichst
bald nach dem Einfangen vornehmen muss. Der Mantel ist
glockenförmig mit stark verdickter Kuppel und ziemlich ebe-
ner Seitenfläche, von ähnlicher Bildung, wie bei Aeginopsis
mediterranea. Der Rand desselben trägt 14 ziemlich tiefe
Einschnitte und über je einem Einschnitte einen langen und
steifen Arm oder Tentakel, der meist gerade absteht, wie
bei C. moneta und auch im Baue und Befestigung mit den
Armen dieses Thieres übereinstimmt. Die Länge der Tenta-
kel ist etwas grösser, als der Durchmesser des Mantels; sie
beträgt 4'", während der letztere nur ^y/" misst. Die Bil-
dung derVerdauungsapparale und der Geschlechtsorgane ist,
so viel ich mich erinnere, wie bei C. moneta, indessen weiss
ich nicht, ob die Tentakel in den Zwischenräumen zwischen
den peripherischen Aussackungen des Magens oder mitten auf
demselben aufsitzen. Bekanntlich würde davon abhängen, ob
unsere Art dem Gen. Cunina oder Aegina zugerechnet wer-
den müsste. Am Rande des Mantels befindet sich ein schma-
ler Schwimmsaum , äusserlich vor demselben aber noch eine
Anzahl von 14 buckeiförmigen Vorsprüngen , auf denen vier
oder fünf rippenartige Firsten neben einander herablaufen.
Die Bildung der Vorsprünge und Firsten erinnert mich an
die „herabhängenden mit Falten versehenen Magenlappen%
die Eschscholtz (S. 118) bei seiner Polyxenia cyanosty-
lis beschrieben hat.
Beiträge Btii* JCenttlniäÄ der Medusen fauna von Nizza. 39
Patyphasma *) planicusculum nov. gen. et n. sp.
(Tab. II. Fig. 10. 11.)
Ich glaubte eine Zeitlang , dass dieses Thier dem Gen.
Aequorea beigesellt werden könnte und hatte dafür schon
den Namen Aeq. biparlita gewählt, als ich mich überzeugte,
dass die Bildung und Anordnung der Arme doch wohl
schwerlich eine solche Vereinigung erlauben möchle. Nichts
desto weniger entschloss ich mich nur mit Widerstreben, ein
eigenes Genus für unsere Form aufzuslellen , zumal ich die-
selbe nur im unvollständig entwickelten Zustande (in diesem
freilich sehr häufig) ohne Geschlechtsorgane, beobachtet
habe. Der Mantel unseres Thieres besteht gewissermassen
aus zwei Theilen , einer oberen soliden Scheibe und einem
unteren zarten und niedrigen Seitentheile , der sich dem
Scheibenrande anhängt und, wie der Schwimmsaum von Cu-
nina moneta, nach unten herabhängt, sich aber in seinem
Verlaufe nicht allmählich wie dieser, verengt, sondern vid-
mehr etwas erweitert. Uebrigens kann kein Zweifel darüber
obwalten, dass dieser Seitentheil einen integrirenden Ab-
schnitt des Mantels darstelle, einmal weil er die periphe-
rischen Anhänge des Magensackes in sich einschliesst , und
sodann auch, weil er seinerseits ganz deutlich noch mit einem
besonderen, wenn auch nur schmalen Schwimmsaume verse-
hen ist **''*). Die Scheibe misst etwa iVz'" im Durchmes-
ser und stellt gewissermassen eine schwach gebogene con-
vex-concave Linse dar, deren Ränder unter spitzem Winkel
sich berühren. Im Umkreise dieses Randes stehen 24 kurze
und gegitterte Tentakel, die mit ihrer Wurzel, wie bei Cu-
nina u. a., in die Substanz der Scheibe hineingesenkt sind
und neben dem unteren saumförmigen Abschnitte des Man-
tels herabhängen. Die Länge dieser Tentakel entspricht bei-
läufig der Höhe des Mantelsaumes (etwa = '/o'"), doch scheint
es, als wenn sich dieselbe gelegentlich etwas vergrössern und
verkleinern könnte. Der Magensack nimmt die ganze un-
tere Fläche der Manlelscheibe in Anspruch , ist aber niedrig
und hat in der Mitte eine einfache runde OefFnung, die sich
*) 71 uQvqiaauay ein angewebter Saum am Kleide.
**) Ebenso verhält sich die Aequorea rhodoloma Brdt. , die wohl
gleichfalls eine Art meines Gea. sein dürfte.
40 Leuckart: Beiträge zur Kenntniss d. Medusenfauna u. s. w.
in hohem Grade verengern und erweitern kann. Aus der
Peripherie des Magensackes entspringen 24 dünne Radialka-
näle, je einer unter der Wurzel eines Tentakels, die bis an
das untere Ende des Mantelsaumes reichen. Ein Ringgefäss
scheint nicht vorhanden zu sein. Sinneswerkzeuge fehlen;
sie bilden sich vielleicht, wie bei Aeginopsis, erst später,
während der Geschlechtsreife.
Gi essen, August 1854.
Erklärung der Abbildungen.
Tab. I.
Fig. 1. Geryonia exigua im geschlechtsreifen Zustande.
Fig. 2. Geryonia exigua im Jugendzustande.
Fig. 3. Geryonia proboscidalis.
Fig. 4. Gehörkapsel von G-eryonia exigua.
Fig. 5. Aglaura Peronii.
Fig. 6. Magen mit Geschlechtsorganen von Agl. Peronii.
Fig. 7. Gehörorgan von Aglaura Peronii.
Fig. 8. Randkörperchen von Pelagia noctiluca.
Fig. 9. Calyptra umbilicata (von unten gesehen).
Fig. 10. Dieselbe im Profil, mit stark verkürztem Magen.
Fig. 11. Thaumantias corollala.
Fig. 12. Phialidium viridicans.
Fig. 13. Cunina moneta.
Tab. II.
Fig. 1. Oceania pileata.
Fig. 2. Bougainvillea Koellikeri (die mittleren drei Tentakelbüsche
sind hinweggelassen).
Fig. 3. Magensack mit Anhängen, von unten gesehen (die Anhänge
nur theilweise ausgezeichnet).
Fig. 4. Euphysa (?) globator.
Fig. 5. Dieselbe im zusammengezogenen Zustande.
Fig. 6. Steenstrupia lineala.
Fig. 7. Pyxidium truncatum.
Fig. 8. Aeginopsis raediterranea.
Fig. 9. Dieselbe im geschlechtsreifen Zustande, von unten gesehen.
(Die Tentakel sind hinweggeblieben.)
Fig. 10. Paryphasma planiusculum (von den Tentakeln sind nur die
beiden seitlichen gezeichnet).
Fig. 11. Dasselbe von unten.
Fig. 12. Magensäcke und Geschlechtsorgane von Cunina moneta.
Fig. !3. Scheibenförmig ausgebreiteter Magen von Geryonia exigua.
Uebersicht der Aale.
Von
Itr. jr* H. a u p
in Darmstadt.
Die Abtheilung der Aale enthält langgestreckte, Schlan-
gen ähnliche Formen, ohne eine Spur von ßauchflossen. Der
Anus liegt gegen die Mitte oder, wie bei den Synbranchidae,
gegen das Schwanzende hin. Sie zeigen keine regelmässige
Beschuppung und wo Schuppen auftreten , wie bei Anguilla
und Amphipnous, so sind sie rudimentär und kreuz und quer
in der Haut.
Ihr Skelet ist vollkommen knöchern, allein ohne Bauch-
rippen. Die bezahnten Nasenbeine vertreten den Intermaxil-
larknochen, der nur bei den Congeridae rudimentär in den
Weichtheilen über den Lippen verborgen ist.
Um diese Abtheilung natürlich zu machen, müssen aus-
ser Ophidium und Ammodytes, die Genera Alabes , Sacco-
pharynx, Gymnarchus und die Familie Gymnotidae und Le-
ptocephalidae entfernt werden.
Die Gymnotidae sind als die niedrigste Familie zu den
Physostomen zu stellen und die Peitsche des Sternarchus ist
als eine einseilig utrirte Entwickelung der Fellflosse der Sal-
monidae anzusehen. Sternarchus mit seiner normalen kleinen
Schwanzflosse ist als die höchste Form zu betrachten. Die
Leptocephalidae bilden ebenfalls die tiefste Stufe der Ordnung,
wohin die Familie Esocidae gehört. Ein Genus aus dem Mit-
telmeere zeigt alle Charaktere der Leptocephalidae, allein hat
Bauchflossen. Ich habe es Esunculus Costai genannt.
42
Eaup :
Ich weiss Gymnarchus , Alabes und Saccopharynx bis
jetzt nicht zu stellen.
Ordo Apodes.
I. Sectio. CryiitoiiiyctereBB.
Mit einem hinteren Nasenloche , was sich als verborge-
ner Schlitz im Rande oder an der inneren Seite der weichen
Lippe befindet.
Jsle Familie. Opäsuridae.
Unterfamilie Opliisurinae,
Mit konischer Schwanzspitze ohne Flosse.
a) Mit einreihigen Zähnen auf allen Knochen.
1} Genus Leiur anus Blkr.
Ohne Vomerzähne.
1) Leiur anus cohibrinus Kp.
Muraena colubrina Bodd. apud Fall. Beitr. XL p. 56.
Tab. II. Fig. 3. Miir. annulata, Thunb. Gymnolh. annulalus,
Syst. p. 527. Ophis. fasciatiis Lac. , Ophis. colubrinus et vi-
mineus (juv.), Richards. Ophis. mullizonus Cuv. (Par. Mus.),
Leiuranus Lacepedii et Stelhopterus viniineus Blkr.
b) Auf dem Vomer mit einer oder zwei Reihen Zähne,
oder unvollständigen zwei Reihen.
2) Genus Centrur ophis Kp.
Ein transparenter Dorn an der Schvvanzspitze. Brust-
flosse ziemlich entwickelt. Nasenzähne überreichen den Un-
terkiefer.
2) Centr. spadiceus Kp.
0. spadiceus Rieh. Ereb. et Terr. Report, p. 313.
3) C. rernicaudus Kp.
0. remicaudus Bibron.
Die vorderen Theile des Kopfes mit vertieften Närbchen.
4) C. bangko Kp.
0. bangko Blkr. Add. zu seinen Muraeniden.
5) C. grandoculis Kp.
0. grandoculis Cant. Mal Fish. p. 1306. PI. 5. Fig. 3.
Uebersicht der Aale.
'48
6} C, brasiliensis Kp.
Anguilla brasiliensis, Per. Mus.
Aehnelt remicaudus, allein der Kopf ist geslreckler, ohne
Narben. Die Entfernung von der Schnauze zum Kiemenloch
ist kürzer als vom letzteren zum Anfange der Rückenflosse.
Färbung gelblichbraun , schwärzlich punktirt. Ganze Länge
410, wovon der Schwanz 230; bis zum Mundwinkel 12, bis
zum Kiemenloche 34; bis zur Rückenflosse 74, Brustflosse
8 Mm. lang. Rio Janeiro durch Quoy und Gaim.
7) C. macrochir Kp.
0. ßiacrochir Blkr. Muraeniden p. 26.
Dr. ßleeker sagt: „dente nasali unico." Sind vielleicht
in zwei Reihen gestellte abgebrochen und ist nur der erste
unpaarige an seinem Exemplare stehen geblieben.
3) Genus Poecilocephalus Kp.
Drei Nasenzähne, die den Unterkiefer nicht überrei-
chen; 3 auf der Mesiallinie, von welchen die vorderen klei-
ner und quer gestellt sind. 11 Gaumenzähne in einer gebo-
genen Linie, welche den letzten der Mesiallinie erreicht; 11
auf dem Vomer ; 18 auf den Mandibulae. Kopf ohne Läpp-
chen an der Oberlippe und mehr rundlich. Brustflosse sehr
kurz; Rückenflosse in der Nähe der Brustflosse beginnend.
8) P. Bonaparti Kp.
Eine sehr bunte Form; Kopf und Kehle mit einem Netz
von schwarz begrenzten Flecken. Körper mit 18 schwarzen
Bändern. Am Bauche schwarze Flecken.
Amboina durch Quoy und Gaimard, Par. Mus.
b) Mit zwei Reihen Zähne auf dem Nasenbein und
Anfange des Unterkiefers.
4) Genus Micro donophis Kp.
Alle Flossen sehr entwickelt , Zähnchen sehr klein
und spitz.
9) M. altipennis Kp.
38 Zähne auf dem Palatinum ; 43 auf den Mandibulae.
Viele Zähnchen auf dem Vomer, nach hinten wegen ihrer
Kleinheit schwer zu zählen. Oben schwärzlich, unten gelb-
lich; Rücken- und Analflosse schwärzlich gcrandct. ßrust«^
# Kaup:
flösse schwärzlich , etwas länger als der Unterkiefer mit 16
Strahlen.
Macassar. Pariser und Leydener Mus.
c) Nur zwei Reihen am Anfange der Mandibulae.
5) Genus Coecilophis Kp.
10) C. compar Kp.
0. compar Rieh. Er. u. Terr. p. 105.
Sumatra. Brit. Mus.
d) Zwei Reihen auf dem Palatinum , eine Reihe auf
dem Vomer und Mandibulae.
6) Genus Ophisurus Lac. Cuv. (part.)
11) 0. serpens Lac. Cuv. Rieh.
Er. u. Terr. p. 106.? Fauna jap. p. 264. Fl. 115. fig. I.
7) Genus Herpetoichthys Kp.
Mit fast gleich langen Kiefern und stumpfer Schnauze,
Rachen breit. Augen näher der Schnauze als dem Mund-
winkel. Kopf von oben nach unten zusammengedrückt, so
dass die Augen mehr nach oben als seitlich gerichtet er-
scheinen. Die vorderen Nasentuben am Rande der Schnauze.
Brustflossen ziemlich kurz.
12) H. ornatissimus Kp.
Kopf mit unregelmässigen dunklen Flecken. Eine weisse
Querlinie von Flecken; am Hinterkopfe mit zwei Längsrei-
hen. Zwischen Auge und Schnauze weisse gebogene Linien.
16 — 17 schwarze runde breite Flecken nächst der Seiten-
linie, welche durch ein anderes Band mit runden Flecken
von verschiedenen Grössen getrennt sind.
Malabar durch Dussumier. Par. Mus.
13) H. regius Kp.
Ophisurus regius Shaw. , Rieh. Er. u. Terr.
14) If. sulcatus Kp.
Die ganze Haut zeigt vertiefte Streifen und Punkte, die
namentlich deutlich am Kopfe und Halse sind. Brustflosse
doppelt so lang als der Durchmesser des grossen Auges.
Die entwickelte Rückenflosse beginnt vor der Spitze der
Brustflosse. Rücken bis zum Schwänze mit 19 grösseren
Flecken, zwischen welchen nächst dem Rücken eine Reihe
Uebersicht der Aale. 45
kleinerer sich befindet. Längs dem weissen Bauche und dem
Rande der Analflosse zwei Reihen unregelmässig gestellter
noch kleinerer Flecken.
8} Genus Brachysomophis Kp.
Die kleinen Augen stehen über dem ersten Fünftel des
grossen Rachens. Vordere Nasentube ungewöhnlich verkürzt.
Kiemenlöcher gross und nahe zusammenstehend. Brustflosse
kurz, von der Länge der Schnauze bis zu den Augen. Rand
der Lippen mit Wärzchen.
15) Br. horridus Kp.
Ein grösseres Exemplar des Pariser Museums ist oben
schwärzlich , unten weisslich ; die entwickelte Rückenflosse
gelblich mit bräunlichen Punkten und Streifen marmorirt. Anal-
flosse gelblich, Brustflosse punktirt.
Ein junges Exemplar des Leydner Museums hat am Hin-
terkopfe eine Querlinie von 5 schwarzen Punkten und längs
der Seitenlinie bis fast ans Ende des Schwanzes schwarze
Punkte.
Das Pariser Exemplar kam von Otaheite durch Les-
son und Gaimard.
London, Paris, Leyden.
9) Genus Elapsopis Kp.
16) JE. versicolor Rieh. Er. und Terr. p. 103.
Molukken. London, Paris.
e) Zwei Zahnreihen auf dem Gaumen und Unterkie-
fer. Eine auf dem Vomer.
10) Genus Mystriophis Kp.
Anfang der Schnauze löfTelförmig. Die vordere rudi-
mentäre Nasentube ist dahin placirt , wo die Schnauze sich
erweitert. Augen auf der Mitte der Rachenlänge.
17) M. rostellatus Kp.
0. rostellatus Rieh. Er. et Terr. p. 105.
Senegal. Paris, London.
M. porphyreus Temm. et Schleg. Fauna jap. t. 116 un-
terscheidet sich durch ein 11 — 12 Linien längeres nacktes
Schwänzende, das bei rostellatus nur 3 Linien lang ist.
40 Kaup:
11) Genus Muraenopsis Lesueur.
18) itf. ocellata Les. Journ. Ac. Sc. of Ph. V. PI. 4. fig.3.
Ophis. ocellatus Rieh. Er. et Terr. , Oph. remiger
d'Orb. Voy. Poiss. pl. Xll. fig. 2.
Mexiko, Süd-Amerika.
19) 31. discellurus Kp.
0. discellurus Rieh. Sulph. p. 106. P. 48. fig. 2,3, 4.
Report 1845. p. 312.
China. Brit. Mus.
20) M. triserialis Kp.
Auf bräunlichem Grunde der Kopf und die Kehle mit
runden schwarzen Flecken. Zwei Reihen von grösseren run-
den Flecken längs der Dorsal- und Seitenlinie, eine dritte
Reihe Flecken bis zum Anus. Bauch silberfarbig, fein punk-
tirt und bräunlich gestreift.
Süd-Amerika oder stiller Ocean. Haslar Mus.
12) Genus Echiophis Kp.
21) £. intertinctus Kp.
0. intertinctus Rieh. Er. et Terr.
0. maculalus Par. Mus.
Martinique. London, Paris.
13) Genus Scytalophis Kp.
22) S. magnioculis Kp.
0. brasiliensis Par. Mus.
Das Auge doppelt so gross als bei der folgenden. Das
Läppchen an der vorderen Nasenlube weniger entwickelt.
St. Croix und Brasilien. Paris, Leyden.
23) S. parüis Kp.
0. parilis Rieh. Er. et Terr. p. 105.
Ein langes Hautläppchen an der vorderen Nasentube.
Brasilien, Weslindien, Surinam. London, Leyd., Par,
f) Alle Zähne sind spitz und zahlreich und stehen
auf den Nasenbeinen, Gaumen, Vomer und Unter-
kiefer in zwei Reihen.
14) Leptorhinophis Kp.
Schnauze zugespitzt. Vordere Nasentube kurz und her-
abhängend. Hinteres Nasenloch im Rande der Lippe vor dem
Uebersiclit der Aale. 47
Auge. Augen auf der Mitle des Rachens. Brustflossen ent-
wickelt. Anal- und Rückenflossen verschmälern sich gegen
den Schwanz, allein erheben sich vor dein nackten Schwanzende.
24) L. Gomesi Kaup.
Ophisurus Gomesi Castelneau pl. 44. fig. 2.
Auf den Nasenbeinen 5 Zähne, wovon der erste un-
paarig; 16 auf der äusseren, 23 auf der inneren Reihe des
Gaumens. Auf dem Vomer im Ganzen etwa 42, die sehr un-
regelmässig gestellt sind. Im Unterkiefer 25 auf der äusse-
ren und 18 auf der inneren Seite.
Grün , am Rücken und Kopfe dunkler mit unzähligen
Punkten. Unter der Seilenlinie gelblichgrün. Rücken- und
Analflosse am Rande dunkler. Bruslflosse dunkelgrün. Schwarze
Poren am Rande der Oberlippe. Von der schwärzlichen Kinn-
haut Punktstreifen zur Kehle.
Totallänge 460. Schwanz 290; zum Mundwinkel 16,
zum Auge 7 , zur Rückenflosse 64 , zum Kiemenloche 43 ;
Länge der Brustflosse 16. Körperhöhe 16.
25) L. marginatus Kp.
Ophiurus marginatus Peters Arch. 1855. p. 272—273.
Grün, am Rücken dunkler, am Bauche grünlichgelb.
Rückenflosse schwarz gerändert. Brust- und Afterflosse
blassroth; die letztere mit schwarzem Rande.
B. 21. P. 11. D. 460—480. A. 270.
Totallänge 610. Schwanz 345, bis zum Mundwinkel lOy.,
zum Auge 5, zur Bruslflosse 36, zur Rückenflosse 49. Kör-
perhöhe 12 Mm.
Fundort Inhambane in Ost-Afrika.
g) Mit runden stumpfen Zähnen in mehreren Reihen.
Kopf meist stumpf mit kurzem Rachen.
15) Pisodonophis Kp.
a) Einfarbige.
26) P. cancrivorus Kp.
0. cancrivorus et sinensis Rieh. Er. etTerr. p. 97 — 98.
PI. 50. fig. 6—9. 0. baccidens Cant. Mal. Fish.
p. 320. PI. 5. flg. 1.
Indien und Mauritius. London, Paris.
48
Kaup:
27) P. boro Kp.
0. boro, harancha, hyala , Ham. Gang. Fish. p. 20
21. 363. Gray 111. Ind. Zool. 1. t. 95. fig. 1. 2.
0. immaculata, acuminata, puncticulata Swains.
0. boro, harangua, hyala, rostratus elminimus McCIell.
0. boro et hyala Rieh. Er. et Terr. p. 99. 102. Can-
tor et ßleeker. 0. bengalensis Par. Mus. Conger
microstomus Eyd. et Soul. Bonite 1. p. 205. pl. 9.
flg. 3.
Paris, London.
28) P. pallens Kp.
0. pallens Rieh. Er. et Terr. p. 101. London.
29) P. rutido derma Kp.
0. rulidoderma Blkr. Mur. p. 30. Asien. '
30) P. rutidodermatoides Kp.
0. rutidodermatoides Blkr, Muraeniden. Asien.
31) P. McClellandi Kp.
0. McClellandi Blkr. Muraeniden. Asien.
32) P. hypselopterus Kp.
0. hypselopterus Blkr. Muraeniden. Asien.
33) P. brachysoma Kp.
0. brachysoma Blkr. 3de Bydr. p. 38. Asien.
34) P. Schaapi Kp.
0. Schaapi Blkr. Addit. d. Mur. p. 53. Asien.
35) P. Hoeteni Kp.
0. Hoeveni Blkr.
36) P. potamophilus Kp.
0. potamophilus Blkr. Addit. d. Mur.
37) P. breviceps Kp.
0. breviceps Rieh. Er. et Terr.
38) P. lumbricoides Kp.
0. lumbricoides Blkr. Mur. p. 32.
0. breviceps Cant. nee Rieh.
ß) Mit runden Flecken.
39) P. maculatus Kp.
0. maculatus Cuv., 0. ophis Lac, pardalis Val. in
Webb et Berlh. Can, p. 90. PI. 16. fig. 2.
üebersicht der Aale. 49
40) P, guttulatus Kp.
Martinique. Par. Mus.
Rückenflosse am Hinterkopfe beginnend. Brustflossen sehr
kurz, breiler als lang mit 20 Strahlen. Drei Reihen weisser
Flecken über den Körper. Die Zahl der Flecken in der Ju-
gend geringer als im Alter, wie bei maculatus.
41) P. oculatus Kp.
Oph. oculatus Schleg. Leyd. Mus.
Aehnelt semicinctus, allein mit kürzerem Kopfe und
kürzeren Brustflossen, die breiter als lang sind. Am Kopfe
verschiedene Reihen weisser schwarz begrenzter Flecken.
Der Anfang der Schnauze mit einfachen schwärzlichen Flek-
ken ohne weisses Cenirum. Am Hinlerkopfe drei grosse
Flecken, deren Centrum dunkel gefleckt ist. Längs der Rük-
kenflosse 29 geaugte Flecken. Jeder dieser Flecken zwischen
und unter zwei obere gestellt.
Curagao. Leyd. Mus.
y) Gebänderte.
42) P. semicinctus Kp.
0. semicinctus Rieh. Er. et Terr. p. 99.
Gambia und Goree. London, Paris.
43) P. fasciatus Kp.
0. fasciatus Rieh. Muraena fasciata Thunb. Spie. Ichth.
t. 2. flg. l. Gymnothorax fasciatus, Syst. p. 529.
0. alternans Quoy et Gaim. Freyc voy. PI. 45. 2.
Unterfa'milie Spltaeg^ebrancliiiiae*
Wurmähnliche Formen, deren Kiemenlöcher an der Kehle
sehr nahe zusammenstehen.
16) Genus Lamnostoma Kp.
Die Haiähnliche zusammengedrückte und zugespitzte
Schnauze zeigt die Nasenlöcher am unteren Rande. Die Na-
senlöcher stehen in kleinen Tuben , haben eine ohrförmige
Gestalt mit einem Läppchen, das von aussen nach innen ge-
richtet ist.
Archiv f. Naturgesch. XXII. Jahrg. 1. Bd. 4
50 Kaup:
44) L. picium Kp.
Dalophis orientalis McClell.
Manti bukaropaum, Russ. I. t. 37.
Dekan. Leyden.
45) I. bicolor Kp.
Mit breiter plötzlich zugespitzter Schnauze. Arn Hin-
lerkopfe ein Querband von Poren. In einem Bogen eine
Reihe Poren über der Kehle zur Seitenlinie. Eine mehr ge-
rade Linie mit 10 — 12 Poren beginnt in der Nähe des Mund-
winkels, allein geht nicht über das Kiemenloch. Obere Theile
dunkel, die unteren weisslich; nächst der Seitenlinie dunkel
punktirt. Der Schwanz etwas länger als der Körper,
ßorneo. Leyden.
17) Genus Anguisurus Kp.
Schnauze mehr cylindrisch zugespitzt mit offenen Na-
senlöchern ohne Tuben.
46) A. punctulatus Kp.
Schnauze höher als breit. Kopf weisslich marmorirt mit
weisslichem Querbande am Hinterkopfe, Verschiedene weisse
Flecken bis zur Dorsalflosse. Längs der Seitenlinie eine
Reihe mit unter sich verbundenen weissen Tüpfeln. Dorsal-
flosse weisslich. Die oberen Theile derselben bläulich, fein
schwarz punktirt; unten weisslich. Schwanz kürzer als der
Körper.
Java. Leyden.
18) Genus Sphagebranchus ßl.
0- Dalophis Raf. Cant. Blkr.
Die vorderen Nasenlöcher in kurzen Tuben. Schnauze
mehr rund und nicht zusammengedrückt. Brustflossen rudi-
dimentär oder fehlen gänzlich.
47) Sphagebranchus imberbis Delar.
An. d. Mus. Xlll. p. 360. t. 25. fig. 18.
Dalophis bimaculata Raf. Caratt. T. 7. fig. 2.
Sphagebr. imberbis et oculatus Risso p. 196. (nach
Bonap.).
Zeigt eine kaum sichtbare Brustflosse mit drei Strahlen,
die individuell fehlt. Das grössle Exemplar von Toulon durch
Herrn L. Kiener war 655 Mm. lang.
Uebersichi der Aale. Sl
48) Sp, rostratus BI. tab. 4l9. fig. 2. ? Surinam.
49) Sp. brevirostris Peters. Mossambique.
Archiv. 1855. p. 273.
Unterscheidet sich, wie schon der Name ausdrückt, durch
kürzere Schnauze von rostratus.
50) Sp. moluccensis Kp.
Dalophis moluccensis Blkr. Ceram.
51) Sp. polyophthalmus Kp.
Dal. polyophthalmus Blkr. Priaman.
52) Sp. marmoratus Kp.
D. marmoratus Blkr. Sumatra.
53) Sp. anceps Kp.
D. anceps Cant. Pinang.
Da alle der alten Welt angehören, so glaube ich, dass
die Angabe Surinam bei rostratus ein Schreibfehler ist; soll
vielleicht Sumatra heissen.
19) Genus Cirrhimuraena Kp.
Die ganze Oberlippe mit einer grossen Zahl irregulärer
kurzer Barifäden. Zähne einreihig mit zwei Reihen auf dem
Palatinum.
54) C. chinensis Kp.
Die Oberlippe mit etwa 17 kurzen Bartfäden. Brust-
flosse schmal und länglich. Auge über der Mitte des Ra-
chens. Zähne sehr fein. *"*)
London, Leyden.
20) Genus Callechelys Kp, ^
Mit kurzem ovalen Kopfe, mehr gestreckter plattgedrück-
ter Schnauze und sehr kurzem Unterkiefer. Vordere Na-
senlöcher in abwärts hängenden kleinen Tuben, die hinteren
mit einem kleinen Läppchen bedeckt. Keine Brustflosse. Rük-
kenflosse sehr entwickelt, weniger die Analflosse. Nur ein
grosser Zahn auf den Nasenbeinen; er ist verlängert, stumpf
und rückwärts gerichtet. Acht Zähne in den oval geboge-
nen Palatinknochen. Gegen 10 auf dem Vomer, von wel-
*) Quid Sph. calastomus Syst. p. 536 „Roslro aculo, cirrhis 4
capite perforatis«. Otaheite.
52 Kaup:
chen die 6 vorderen zwei Reihen bilden. 24 rings im Un-
terkiefer.
55) C. Guichenoti Kp.
Auf lichlblauem Grunde schwarz gefleckt und punktirt.
Gegen das Schwanzende hin herrscht die schwarze Farbe
vor. Flossen weiss mit irregulären schwarzen Flecken. To-
tallänge 475, Schwanz 175 Mm. Ich habe diese Art nach
Herrn Guichenot genannt, welchem ich vielen Dank für
alle seine freundliche Bemühungen schulde.
Otaheite. Par. Mus.
21) Genus Ichthyapus Barnev.
Ohne alle Flossen. Schnauze haiähnlich verlängert mit
kurzem zugespitztem Unterkiefer. Gegen den Anfang der
unteren Schnauzenansicht hin sitzen die grossen runden, son-
derbar ausgezackten Tuben mit den vorderen Nasenlöchern,
deren Ränder wie bei einer Knospe nach innen gerichtet sind.
Augen mitten über dem Rachen. Körper mit vertieften Haut-
furchen statt der Flossen "•^). Seitenlinie deutlich mit weit
von einander abstehenden Poren.
56) J. acutirostris Barn. Guer. Rev. Zool. Juili. 1847.
Hohes Meer nächst dem Acquator. Par. Mus.
22) Genus Ophisurapus Kp.
Gleicht der vorigen , allein die vorderen Nasenlöcher
sitzen in gewöhnlich gestalteten Tuben. Die punktförmigen
Augen mehr nach der Schnauze hin. Alle Zähne klein und
spitz. Zwischen dem Schlitze der Schnauze die Nasenzähne
Die Zähne der Mesiallinie endigen am Anfange der Pala-
tinzähne. Keine Zähne auf dem Vomer.
57) 0. gracilis Kp.
Noch dünner und gestreckter als acutirostris. Schwanz
bedeutend länger als der Körper. Bis zum Mundwinkel 6, zum
Kiemenloche 17, zum Anus 102, Schwanz l48 Mm.
Woher? Par. Museum.
In die Nähe gehört vielleicht
•"■) Schneider sagt p. 536 bei catastomus : „Linnaeus forte in
exemplo diu in liquore vinoso condito , nee pinnas in fossula recon-
ditas , nee cirrhos videre potuit, quae erat Forsten suspicio.
Uebersicht der Aale. 53
, 58) Sphagebranchus quadratus Rieh.
Sulph. PI. 52. fig-. 8— 15.
Weniger gestreckt mit zwei Reihen Vomerzähne.
Unterfamilie Ifyropliinae.
Rucken- und Analflosse umgeben wie bei den Aalen
den Schwanz.
23) Genus Myrophis Lütken.
Mit zwei langen Reihen unregelmässig gestellter Zähne
auf Palatinum undVomer. Drei Paar Zähne auf dem Nasen-
beine; kurze jedoch deutliche Brustflossen. Vier Kopfslänge
beginnt die Rückenflosse.
59) M. longicollis Kp.
Anguilla longicollis Cuv. Regn. an. Lacep. II. fig, 3.
unter dem falschen Namen M. myrus,
M. punctatus Lütken, Arch. 1852. p. 270.
Das 375 Mm. lange Exemplar der Pariser Sammlung
stammt aus Surinam. Das von Lütken beschriebene war
6" 8'^' (dänisches Maass) lang.
24) Muraenichthys Bleeker.
Ohne Brustflossen. Zähne stumpf konisch und kör-
nerartig.
60) M. gymnopterus Blkr.
Bluraenoiden p. 42. Verh. Bat. Gen. XXV. p. 52.
Der junge Fisch hat i\en Kopf stumpfer als der alte.
Java (Bleeker), Macassar (Leyd. Mus.)
25) Genus Myrus Kp.
Mit Brustflossen. Rückenflosse nächst der Spitze der
Brustflosse beginnend. Zähne in mehreren Reihen ohne
Ordnung.
61) M. vulgaris Kp.
Mur. myrus Linn. N. 5. Gmel. 1134. Risso Ichth. d.
Nice p.30. Syst. p. 488. Conger myrus Cuv. Rieh.
Er. etTerr. p. 108. Costa Fauna Nap. t. 29. Eche-
lus punctatus Raf. 65. 171. t. XVll. fig. 1, Bonap.
cat. meth. N. 324.
Nach der äusseren Erscheinung ein Conger, allein nach
der Stellung der hinteren Nasenlöcher gehört er hierher.
54 Raup:
II. Sectio. Phaiieromycteren.
II. Familie. itiig;uilliflae«
Unterfamilie. Ang-uillinae«
In dieser Subfamilie treten undeutliche Schuppen in der
Haut auf, die im trocknen Zustande sie deutlicher zeigt, als
im frischen Fische, wo sie durch den Haulschleim verdeckt
werden.
26) Genus Anguilla Thunb.
Mit hecheiförmigen Zähnen auf den Nasenbeinen, Gau-
men, Vomer und Unterkiefer. Die der Nasenbeine und Vo-
mer bilden eine Fläche.
Man kann sie in mehrere kleine Seclionen zerfallen,
a) Grossäugige mit kurzer Schnauze und langer, nach
dem Kopfe sich hinziehender Rückenflosse.
62) A, Kieneri Kp.
Mit ungewöhnlich grossen Augen, deren Diameter etwas
länger als die Schnauze ist. Sie stehen so hoch, dass auf
der Stirn zwischen beiden Augen eine bedeutende Concavität
entsteht.
Ich habe diese Art , welche von allen die interessan-
teste ist, nach Herrn Kien er genannt, der sie bei Toulon
zuerst aufgefunden hat.
63) Anguilla Cuvieri Kp.
Le Pimperneaux Cuv.
? A. cloacina Bonap. Cat. meth. p. 38.
Von dieser Art sagt Cuvier „qui l'a plus ä proportion
(le bec), et dont les yeux sont plus grand qu'aux autres."
Im Vergleiche mit dem folgenden zeigt sie kleinere Au-
gen; sie ist eine stärkere Form mit dunkelgrünem Rücken
bis zur Seitenlinie; unter dieser silberfarbig.
64) A. Bibroni Kp.
Hat engeres Maul, grössere Augen und geringere Zahl
mehr konischer Zähne, schlankeren Körper und schwarze
Brustflossen. Oben dunkelgrün, Seiten silberfarbig, Bauch
gelblich. Um den Anus schwarz.
Siciiien durch Bibron. Par. Mus.
Uebersicht der Aale. 55
65) A. Samgnyi Kp.
Schön olivengrün ohne silberfarbige Seiten.
Neapel. Par. Mus., durch Herrn Savigny.
Quid A. septembrina Bon. Cat. meth. p. 38.
b) Mit längerer Schnauze, in die der Diameter des
Auges mehr als einmal geht. Dorsalflosse weit
nach dem Kopfe hin reichend.
«. Europäer.
6Q} A. capitone Val. Par. Mus. Neapel.
673 -^- ^orena Val. Par. Mus. Neapel.
68) A. melanochir Val. Par. Mus. Tiber.
69) A. marginata Kp. Par. Mus. Valencia.
70) A, microptera Kp. Par. Mus. Algesiras.
71) A. ancidda Kp. Par. Mus. Sicilien.
72) A. mediorostris Yarr. Par., Lond. England.
73) A. altirostris Kp. Par. Mus. Ausfluss der Seine.
74) A. platycephalaKp. Le Verniaux et l'anguille plat
bec, Cuv. Par. Mus. Abbeville.
75) A. latirostris Yarrell. Par., London.
76) A. acutirostris Yarr. Ang. long, bec Cuv.
ß. Africaner.
77) A. nilotica Kp. Par. Mus.
78) A, aegyptiaca Kp. Par. Mus.
79) A. callensis Guich. Par. Mus. Algier.
80) A. canariensis Val. Par. Mus.
y. Asiaten.
81) A. malgiimora Schleg. Leyden.
82) A. celebensis Kp. Paris.
83) A. marmorata Quoy et Gaim. Freyc. voy. p. 241.
A. Elphistona Syk. , bengalensis Gray , varie-
gataMcClell., guttata Cuv. ex Voy. de Peron.
ö. Amerikaner.
84) A. novaeorleanensis Kp. Par. Mus.
85) A, ienmrosiris Dek. Par. Mus. Nordamerika.
86) A. pnnctaiissima Kp. Par. Mus. Niagara.
87) A. cubana Kp. Par. Mus.
88) A. novaUrrae Kp, Par. Mus,
d6 Kaup:
89) Ä. texana Kp. Par. Mus.
90) A. Wabashensis Kp. Par. Mus. Wabash.
f. Neuholländer.
91) A. Auclandi Rieh. Lond. Mus.
92) A. labrosa Rieh. Lond. Mus.
Arten, die in diese Section gehören, allein von denen
keine Notizen exisliren, wo sie gesammelt sind.
93) A. fasciata Kp. Die einzige Art mit breiten
^ tief s ch wa r zen Querbinden. Aus der
alten Collection des Leydner Museums.
94) A. macrops Kp. Par. Mus.
95) A. angustidens Kp. Par. Mus.
96) A. eurylaema Kp. Par. Mus.
c) Mit den Charakteren der vorigen unterscheiden sie
sich durch die breiten Knochen, worauf die Zähne
sitzen.
97) A. Delalandi Kp. Cap im grossen Fischflusse. Pa-
riser Museum.
98) A. megastoma Kp. Mulgran. Arch.
Hierher gehört vielleicht Muraena macrocephala Rapp.
Würzburger Jahreshefte IV. p. 142. Port Natal.
d) Mit kurzer Rückenflosse, die fast oder über dem
Anus beginnt.
99) A. Dnssumieri Kp. Paris.
Rückenflosse elwas hinter dem Anus beginnend.
100) A. Mowa Blkr. Muraenoiden p. 22. Java.
101) A. Bleekeri Kp. Paris. Indien.
102) A. Cantori Kp. Paris. Bombay.
103) A. malabarica Kp. Par. Mus.
10-1) A. sidat Blkr. Mur. p. 17. Java.
105) A. australis Wich, Er. et Terr. p. 113. PI. 45. 7—13.
106) A, Dieffenbachi Gray, Er. et Terr. p. 113.
Zur Unterscheidung dieser 57 Arten habe ich an 30
Porträts mit den Gaumen-, Nasen- und Vomerzähnen in mei-
nem grösseren Werke gegeben. Da diese nothwendig zur
Unterscheidung gehören und hier nicht gegeben werden kön-
Uebersicht der Aale. 57
nen , so musste ich die Diagnosen der meisten Arten hier
weglassen.
Ich hatte bis jetzt keine Gelegenheit McClelland's
neue Aale durch seine Beschreibungen kennen zu lernen und
muss es dahin gestellt sein lassen , ob nicht die eine oder
die andere indische Art mit denen von McClelland zu-
sammenfällt.
III. Familie, üluraesiidae.
Ohne Brustflossen mit seitlichen Kiemenlöchern und
stumpfem Schwänze. Meist grosse Formen.
Unterfamilie M;uraeiiinae.
Mit nur einer Reihe Zähne auf fast allen Knochen des
Rachens, namentlich auf den Gaumenbeinen.
27) Genus Muraena Linn.
Eine Reihe Zähne auf dem Nasenbein, drei in einer
Reihe auf der Mesiallinie.
a) Mit einreihigen Vomerzähnen.
107) Muraena helena Linn.
Bl. t. 153. Enc. meth. t. 23. fig. 79. Rieh. Er. et
Terr. p. 80. pl. 49. fig. 1 — 6 (Austral. Var.) M. len-
tiginosa Jen. Beagle p. 143. M. punctata, Gast.
PI. 42. fig. 3, variegata et punctata Raf. , fulva et
guttata Risso nach Bonap. Cat. meth. p. 39. Scheint
in allen Meeren vorzukommen.
108) M. vermicularis Pet. Arch. 1855. p. 271.
109) M.nubila Rieh. Er. et Terr. p. 81. PI. 46. fig. 6—10.
1 10) M. schismatorhynchus Blkr. Diagn. Besch. Sumatra.
111) JH. sagenodeta Rieh. Er. et Terr. p. 81.
112) M. reticulata Cuv. Bl. 416. Syst. 528. Er. et Terr.
p. 82.
113) M. oce//a/aRich. Er. etTerr.p. 82. pl. 47. fig. 6— 10.
Pisc. bras. Spixi p. 91. t. L. b. fig. 6—9. M.
pintade Uuoy et Gaim. vog. d. Freyc. pl. 52.
fig. 2. Voy. of Beagle p. 145. Muraenophis
variegata Tab. 42. fig. 2.
^S Kaup:
114) 31. irisfis Kp. Niger. London.
115) M. Richardsoni Blkr. Muraenoiden.
llö) M. similis Rieh. Er. et Terr. p. 83.
117) 17. punctata Rieh. Er. et Terr. p. 83. Gymnoth.
punctatus ßl. et Sehn. Syst. p. 526.
118) M. pseudothyrsoidea Blkr. Muraen. Miiraenophis
de Coromandel Lesch. im Par. Mus.
119) M. mauritiana Kp. Bourbon et Mauritius. Par. Mus.
120) M. nigrolineata Kp. Marquisenins. Par. Mus.
121) M. marmorea Val. Muraenophis marmoreus Val.
Ven. pl. 14. fig-. 1.
122) M. flammarginata Kp. Bourbon. Par. Mus.
123) M. elegantissima Kp. ? Australien. Par. Mus.
124) M. interrupta Kp. Rothcs Meer. Par. Mus.
125) 31. Python Kp. Afrika. London.
126) M. venosa Kp. Timor. Leyden.
b) Mit zwei Reihen Vomerzähne.
127) M. favaginea Cuv. Gymnoth. favag. Syst. p. 525.
1. 105. Thaerodontis reticulalus McClell.
Im Pariser Museum existirt ein Individuum in Spiritus
aufbewahrt, das nur eine Reihe von 11—12 Zähnen mitten
auf dem Vomer zeigt; ein trockenes Exemplar zeigt jedoch
zwei Reihen, die sich nach dem Schlünde hin vereinigen.
Cuvier, der nur das erste im Spiritus untersucht hat, rech-
net sie zu den Arten mit einer Reihe Vomerzähne und Mc.
Clelland zu den Arten mit zwei Reihen. Diese ungewöhn-
liche Variation überraschle mich sehr und ich untersuchte
beide Individuen mit der allergrössten Sorgfalt, ohne jedoch
eine specifische Verschiedenheit finden zu können. Ich halle
jedoch die zwei Reihen für normal und die eine Reihe für
abnorm , was sich bei einer Untersuchung an einer grossen
Zahl als richtig herausstellen wird.
128) M. tigrina Rüpp. All. l. 30. fig. 2. Par. Mus.
129) M. J. Mülleri Kp. Mol. Archip. Leyden.
130) M. Troscheli Blkr. Muraenoiden. Sumatra.
131) M. chrysops Kp. Otaheite. Par Mus.
28) Genus Siderea Kp.
Auf der Mssialünie nur ein kurzer kenischer Zahn, Auf
Uebersicht der Aale.
S9
dem Vomer zwei Reihen kürzerer, körnerarliger Zähne, die
nach hinten in einem spitzen Winkel zusammenlaufen, Rachen
ziemlich eng.
a) Einreihige Zähne auf den Nasenbeinen und mit
zweireihigen Zähnen auf der Symphyse des Unter-
kiefers.
132) S. Vfeifferi Kp.
Muraena Pfeifferi Blkr. Mur. Macassar, Celebes,
Ceram.
b) Mit zwei Reihen Nasen- und einreihigen Maxil-
Jarzähnen '"').
133) S. pantherina Kp.
Mur. pantherina Lac. t. V. , picla Thunb., atomaria
Sol., M. pratbernon Quoy et Gaim. Freyc. voy. PI. 52.
flg. 1. Er. et Terr. p. 84. M. siderea et lila Rieh.
Er. et Terr. p. 84-85. PL 48. fig. 1-^5.
Unterfamilie. Tliyrsoideinae **).
Zwei Reihen Gaumenzähne, wovon die innere in der
Zahl der Zähne sehr variant ist.
29) Genus Enchelynassa Kp.
Siehe Archiv 1855. p. 212. tab. X. fig. 3.
134) E. Bleekeri Kp. Leyden. Stiller Ocean.
30) Genus Eurymyctera Kp.
Das vordere Nasenloch in seiner Tube weit über die
Schnauze hinausragend und diese am Ende erweitert. Hin-
teres Nasenloch über den Augen , trichterförmig mit umge-
schlagenem Rande.
135) E. crudelis Kp. Leyden. Java.
*) M. diplodon Peters Arch. 1855. p. 272 muss näher verglichen
werden.
**) Es ist eine missliche Sache manche Arten dieser Unterfa-
milie richtig zu placiren, weil durch das Alter bei einigen Arten die
innere Reihe defekt wird oder wo alle innere Zahne verloren gehen.
Hier ist es dann nolhvvendig, von diesen Arten grössere Suiten zu
besitzen.
60 Kaup:
31) Genus Enchelycore Kp.
Die Milte des tief gespaltenen Rachens kann wegen der
Länge der Zähne nicht geschlossen werden. Vordere Nasen-
tuben ungewöhnlich kurz, ragen nicht über die Lippen und
besitzen keine Klappe. Hinteres Nasenloch vor den Augen,
länger als breit und hat fast den ~ j Durchmesser des
Auges.
136) E. euryrhina Kp. Par. Mus. Woher?
32) Genus Thyrsoidea Kp.
Haben nichts ausgezeichnetes in der Bildung der Na-
sentuben, Rachen geschlossen. Die innere Reihe der Pala-
tinzähne mehr oder weniger zahlreich.
a) Mit einreihigen Nasen- und Vomerzähnen.
a) Mit netzförmiger Zeichnung.
137) Th. macrops Kp. Par. Mus.
, 138) Th. isingleenoides Kp.
Mur. isingleenoides Blkr. Mur. Sumatra.
139) Th. griseobadiaK[}.
Mur. griseobadia Rieh. Sulph. p. 108. PI. 48. fig..l.
China. Leyden, London.
140) Th. tessellata Kp.
Mur. tessellata Rieh. Sulph. p. 109. PI. 55." fig. 5— 8.
Blkr. diagn. Beschr. Sumatra.
141) Th. cancellata Kp.
Muraena cancellata Rieh. Er. et Terr. p. 87. PI. 46.
flg. 1 — 5. Blkr. diagn. Beschr. Sumatra.
M, Valencienni Eyd. et Soul. Bonite T. 1. p. 207.
pL8. flg. 1.
Australien (Rieh.), Sumatra (Bleeker) , Madeira (Dr.
Smith), Cap Upstart (Brit. Mus.), Sandwichinseln
(Eyd. et Soul.).
142) Th, tenebrosa Kp.
Mur. tenebrosa Banks et Sol. M. SS. Rieh. Er. et
Terr. p. 84.
/9) Gefleckte.
143) Th. moringua Kp.
Mur. moringua Cuv. Er. et Terr. p. 89.
Uebersicht der Aale. 61
Mur. marlinicensis, Par. Mus. Muraenophis ciirvi-
Jineala et caramura Cast.Pl. 42. fig. 2.P1.43. fig. 1.
Bermudas, Golf von Mexico, Martinique etc.
144) Th. stellifer Kp.
Mur. stellifer Er. et Terr. p. 86.
145) Th. bullata Kp.
Mur. bullata Rieh. Er. et Torr. p. 86. Muraeno-
phis tigrina Cuv. (Par. Mus.), l^opardina et me-
lanostigma (Leyd. Mus.). Java. London, Ley-
den, Paris.
Sehr wesentlich von isingleena verschieden.
146) Th. longissima Kp.
Die Länge des Kopfes bis zum occiput geht in der To-
lallänge 20mal. Bombay. (Par. Mus.)
y) Mehr einfarbige.
147) Th. lineopinnis Kp.
Mur. lineopinnis Rieh. Er. et Terr. p. 89. Murae-
nophis Vicine Gast. PI. 42. fig. 4.
Puerto cabello. London, Paris.
148) Th. maculipinnis Kp.
Auf der entwickelten Rückenflosse mit mehr horizonta-
len schwarzen Linien und unregelmässig geformten schwar-
zen Flecken.
Goldküste. (Leyd. Mus.)
J) Gebänderte. ^
149) Th. colubrina Kp.
Mur. colubrina, Commers.-Rich. Er. etTerr. p. 68.
Tab. 19. fig. 1.
Societätsins. Brit. Mus.
b) Einreihige Nasal-, zweireihige Vomerzähne.
150) Th. arenata Kp.
Muraena IhyrsoideaRich. Sulph. p. 111. pl.49. fig. 1.
Er. et Terr. p. 91. Cant. Mal. Fish. p. 330.
Mur. arenatus Cuv. (Par. Mus.)
Ich bezweifle es sehr, dass diese Figur die von Sir
Richardson beschriebene Art darslelll. Sie ist nach einer
Zeichnung des Herrn Reeves. China, ßril. Mus.
6d Eaup:
151) Th. sathete Kp.
Mur. salheteHam. Gangesf. p. 17 u. 363. Ic. Hardvv.
ined. No. 318, obere Fig-ur. Mur. salhele Rieh.
Er. el Terr. p. 91. Cant. Mal. Fish. p. 331.
Indien. Brit. Mus.
152) Th. ceramensis Kp.
Mur. ceramensis Blkr. Muraenoiden.
VVahai , Ceram (Bleeker) , Java (Kühl), Nouhiva
(Paf. Mus.).
153) Th. Boschi Kp.
Mur, Boschi Bleeker Muraenoiden. Sunnatra (Blkr.)
154) Th. prosopeion Kp.
Mur. prosopeion Bleeker diagn. Beschr. Priaman.
(Sumatra).
155) Th. multifasciata Kp.
Nasenzähne: 12 sehr regelmässig geformt in einem
Halbzirkel.
Mesiallinie : 2, der hintere der längste.
Vomerzähne: 21, die sechs vorderen Paare bilden eine
doppelte schief gestellte Reihe; sie sind kurz, aber spitz.
Palalinzähne : 13 auf der äusseren, 3 dünnere und län-
gere auf der inneren Reihe.
Unterkiefer: 20, 4 beweglich nach innen an der Symphyse.
Die vordere Nflsentube reicht über die Lippe und die
hintere hat einen schmalen nach hinten gerichteten Rand.
Die Augen von mittlerer Grösse, gehen ly^ in die Länge
der Schnauze und stehen näher der Schnauze als dem Mund-
winkel. Dorsalflosse beginnt über dem Kiemenloche.
c) Zwei Reihen Nasen-, eine Reihe Vomerzähne.
156) 7h. A. Dtimerili Kp.
Mur. guttata Rieh., Mur. punclalus, (Par. Mus.)
SirRichardson verwechselt diese Art mit Lema-
muraena guttata. Ich habe sie nach meinem verehrten Freunde
Professor August Dumeril als ein schwaches Zeichen
meines Dankes genannt.
157) Th. microdon Kp.
Mit stumpfem Kopfe, geschwollener Schnauze und sehr
kurzen vorderen Nasenluben. Die kleinen Augen in der Mille
Uebersicfat de|r Aale. 63
des Rachens. Rückenflosse über dem Kiemenloche beginnend.
Die 6 inneren Nasenzähne sind die grösseren; 20 Palatin-
zähne auf der äusseren, 5 auf der inneren Reihe. Unterkie-
fer mit 20 ; 4 grössere nach vorn auf der Innenseile. Dun-
kelbläulich violett mit schwarzen unterbrochenen geästelten
und venenartigen schwarzen Linien. Quer über den Hinter-
kopf eine Reihe Poren , welche sich in zwei kurze Längsli-
nien nach den Augen hin fortsetzen. Länge 480 Mm., wo-
von der Schwanz 240 wegnimmt.
158} Th. chlorostigma Kp.
Mit runden Hühnerschrot grossen gelben, schwarz be-
grenzten Tüpfeln^ die vollkommen regelmässig und gleich
weit von einander gestellt sind, und nur gegen den Schwanz
hin weiter auseinander stehen. Nur das Ende des Schwan-
zes mit einer zackigen Querbinde von gelblicher Farbe.
Auf dem Vomer 12 konisch kurze Zähne, der erste der
dickste.
Ein grosses schönes Exemplar von den Sechellen ist
620 Mm. lang, wovon der Schwanz 340 wegnimmL
Diese Art kann nicht mit der punctata verwechselt wer-
den, die eine echte Muraena ist. Par. Mus.
159) Th, Blochi Kp.
Mur. Blochii Blkr. Muraen.
Sumatra (Blkr.}, Borneo (Leyd. Mus.)
160) Th, miliaris Kp.
Kopf sehr kurz und stumpf; vordere Nasentuben unge-
wöhnlich kurz. Rachen kurz; seine Länge geht nur IY2 in
die von der Schnauze zum Kiemenloche gemessen.
Gleicht meleagris Shaw, allein die gelblichen nadel-
kopfgrossen Punkte sind kleiner, regelmässiger, auch ist der
Kopf stumpfer und der Rachen weniger weit geöffnet.
Gleicht ebenfalls der A. Dumerili, allein die Punkte ste-
hen bei miliaris viel näher beisammen und der Kopf ist bei
der Dumerili viel gestreckter.
Ein Exemplar von Martinique zeigt am Schwanzende
arabeskenarlige Figuren , die aus zusammengeschmolzenen
Punkten bestehen. Totallänge 480, wovon der Schwanz 250
wegnimmt. Par. Mus.
64 Kaupt
161) Th. flavopicia Kp.
Mit 10—11 kleineren konischen Nasenzähnen in der
vorderen, mit 3 grösseren auf der inneren Reihe. 3 auf der
Mesiallinie; 10 auf dem Vomer, der erste dicke stumpf; 15
auf der äusseren. Sauf der inneren Reihe derPalatinknochen;
20 auf jeder Hälfte des Unterkiefers, 8 auf der inneren Reihe
nächst der Symphyse, welche noch eine nicht complele Reihe
von vier besitzt, die sich an die zweite Reihe anlehnt. Die
niedrige Rückenflosse beginnt am Hinterkopfe. Kopf kurz;
Augen miltelmässig; vordere Nasentube kurz; die hintere
über dem vorderen Augenwinkel ist klein , oval mit erhabe-
nem Rande.
Grundfarbe gelb mit unzähligen schwarzen Punkten,
Zickzack und ästige Hieroglyphen ähnliche Figuren bildend.
Vom Mundwinkel zum Kiemenloche bilden die Punkte schwarze
Längsstreifen. Spilze des Schwanzes gelb.
Länge 390 Mm., wovon der Schwanz 210 Mm.
Diese Art ähnelt Siderea pantherina.
Brasilien. Par. Mus.
162) Th. unicolor Kp.
Muraenoph. unicolor Delar. Annal. d. Mus. XHI.
pl. 25. flg. 15. M. Crislini Risso, monaco Cocco,
Muraena unicolor Bon. Cat, meth.
Miltelmeer, Madera, Madagascar etc. Par. Mus.
d) Zweireihige Nasen - und Vomerzähne.
163) Th. meleagris Kp.
Mur. meleagris Shaw, nat. misc. pl. 220. Gen.
Zool. p. 32. Er. et Terr. p. 93.
Südlicher Ocean. Brit. Mus.
164) Th. grisea Kp.
Muraenophis griseus Comm. Lac. Tom. V. pl. 19.3.
Muraena bilineata et geometrica Rüpp. Atlas und
neue Wirbellh. p. 84.
Diese Art hat den Herren Ichthyologen viel zu schaf-
fen gemacht, da die Beschreibung wie Abbildung von Lace-
pcde viel zu wünschen übrig lässt. Ohne das Original von
Commerson untersucht zu haben, wäre es mir unmöglich
Ueber8icht der Aale. ÖS
gewesen zu ermitteln, dass die Rüppell'schen Arten syno-
nym mit ihr sind.
Djelta (Rüpp.), Mauritius und ßourbon (Par. Mus.).
165) Th. nie Kp.
Muraenophis lile Harn. Gangesfish 18 et 363.
Muraena tile , vermiculata *•'*) et gracilis Rieh. Er.
etTerr. p. 92. Hardvv. Ic. ined. 303. (juv.) 301
et 310. flg. 108 ist sathete.
166) Th. prasina Kp.
Muraena prasina Rieh. Er. et Terr. p.93.
167) Th. irregularis Kp.
Braun mit grossen schwarzen irregulären Flecken. Flos-
sen gelblich, 16 Zähne auf der äusseren, 7 auf der inneren
Reihe des Palalinum, 10 in zwei Reihen auf dem Vomer,
wovon der erste und letzte der grösste. Totallänge 470, Schwanz
240 Mm.
Brasilien. Par. Mus.
33) Genus Limomuraena Kp.
Kurze Thyrsoideen, deren hintere Nasentuben noch län-
ger als bei Mur. helena sind.
168) L. guttata Kp.
Mur. guttata Banks et Sol. M. SS. Ic. pict. Park. 11. 1.
Bibl. Banks. Sow fish of Madeira, Trans, zool.
Soc. II. p. 192. Er. et Terr. p. 90.
Mur. pavonina Rieh. Sulph. p. 110. pl. 53. fig. 12.
Muraena pardalis Temm. et Schleg, Fauna jap.
p. 268. t. 119. Calamaia paum. Rüss.
Indien. London, Leyden, Paris.
34) Genus Polyuranodon Kp.
Auf den Nasenbeinen 14 Zähne in einer Reihe. 3 Rei-
hen spitzer Zähne auf dem Palalinum; 5 — 6 in einer Reihe
auf dem Vomer. Unterkiefer vorn mit 4, hinten mit 2 Reihen.
169) F. Kuhn Kp.
Mur. polyuranodon Blkr.
Ceram (Bleeker).
*) Die Muraena vermiculata von Feters gehört in die Nähe
von Mur. helena.
Archiv f. Nahirgescb. XXII. Jahrg. 1. Bd. 5
66 Kaup:
35) Genus Channomur aena Rieh.
Ichthyophis seu Nettastoma (olim) Rieh.
170) Ch. vittata Rieh.
Ichlh. vittatus Rieh. Sulph. p. 114. pl. 53. fig. 7 et 9.
Asien. Britt. Mus.
36) Genus Muraenohlenna Lac.
Ichthyophis Less.
171) M. tigrina Kp.
lehth. tigrinus Less. Coq. pl. 12.
Oualan, Hafen Carterat (Quoy et Gaim.).
Molukken cLeyd. Mus.) Celebes (Forster).
Ich kenne die M. olivacea Lac. nicht.
37) Genus Poecilophis Kp.
Sind Muraenen, deren Zähne mehr rund und stumpf und
mehr oder weniger pflasterarlig gestellt sind. Flossen noch
deutlich zu erkennen.
Sie repräsentiren die Pisodonophis der Ophisurinae. Die
Mehrzahl sehr bunt.
172) P. variegatus Kp.
Mur. variegata Rieh. Er. et Terr. p. 94.
Echidnavariegala Forst. Enchir. 31. Genus5. 1788.
Id. anim. cura Lichtenstein p. 181. (1844) Mu-
raena nebulosa Thunb. diss. p. 7. t. 1. fig. 2.
Syst. p. 528. Gymnoth. echidna Syst. p. 52ö.
Hardw. Ic. ined. Mus. Brit. pl. 306. Muraena
minor Temml et Schleg. Fauna jap. PI. 115. fig. 2.
M. ophis Rüpp. Atl. t. 29. fig. 2. Rieh. Er. et
Terr. p. 93. Peters Archiv. 1855. p. 270.
173) P. catenatus Kp.
Muraena catenatus Rieh. Er. et Terr. p. 95.
Gymnoth.^ catenatus Bl. 415. Syst. p. 528.
Muraenoph. ondule Lac. V. 19.2.
Südamerika, Bermudas, Trinidad. Lond., Paris, Leyd.
174) P. polyzonus Kp.
Mur. polyzonaRich. Sulph. p. 112. pl. 55. fig. 11 —
14. Er. et Terr. p. 95. Mur. sordida Cu*'. Regn.
an. p. 352. Seba li. 69. 4.
London, Paris.
Uebersicht der Aale. 67
Andere sind mehr einfarbig, indem die helleren Flecken
weniger in die Augen fallen:
175) P. Peli Kp.
Kopf stumpf und kurz. Die kleinen Nasentuben mit
weisslichem Rande. Zwei Poren über den vorderen Nasen-
tuben, 5 an der Oberlippe, 6 an der Unterlippe; alle mit
deutlichen vveisslichen Monden umgeben. Schwanz unbedeu-
tend kürzer als der Körper, so lang als der Körper vom Mund-
winkel bis zum Anus.
Schwärzlich mit unzähligen gelbbraunen Spritzflecken
auf der Dorsalflosse und längs des Rückens. Auf der Dor-
salflosse noch schwarze unterbrochene Längsslreifen und Rei-
hen gelblicher Punkte. Nasenzähne 13, 3 kleinere zwischen
den 3 hinleren; 3 auf der Mesiallinie, wovon der letzte der
dickste. Vomerzähne in 2 Reihen , die sich den Nasenzäh-
nen und denen der Mesiallinie anschliessen. Die rudimentäre
Palatinbeine mit 2 unregelmässigen Reihen etwas spitzerer
und mehr gestreckter Zähne. Unterkiefer mit 16 Zähnen;
9 — 11 an der vorderen Hälfte nach, aussen.
Goldküste durch Herrn Pel im Leydener Museum.
176) P. delicatulus Kp.
Nasenbeine mit )3 Zähnen im Halbzirkei; Mesiallinie mit
2 Zähnen ; Palatinum mit 14 kürzeren nach aussen und 10 grös-
seren nach innen. Vomer mit 2 Reihen, die seillich coinpri-
mirt sind; 8 links, 6 rechts. Unterkiefer mit 14; 11 äussere
am Anfange.
Grundfarbe schwärzlich mit einem Netzwerke über den
ganzen Körper, das unregelmässig ist. Tolallänge 2U0, Schwanz
95 Mm.
Molukken. Leydener Mus.
177) P. fascigula Kp.
Mur. fascigula, Peters Archiv 1855. p. 271.
178) P. Lecomtei Kp.
Steht der Peli nahe, allein unterscheidet sich durch den
Mangel weisser Monde um die Poren des Kopfes, und dass
die hinleren Nasenluben mehr nach hinten als nach vorn
gerichtet sind. Farbe schwarz , liflgs ahs Körpers mit run-
den Augenkreisen und Hieroglyphen von gelbbrauner Farbe.
68 K a u p :
Ein anderes Individuum zeigt nur wenige gelbbraune Puniite;
ein sehr jugendliches Exemplar ist mit Längsreihen gelbbrau-
ner Punkte über und über bedeckt.
Gabon durch Herrn Aubry-Lecomte. Paris.
38) Genus Gymnomuraena Lac.
Aehneln Poecilophis, allein sind ohne alle Flossen. Die
Zähne der Nase , Mesiallinie und des Vomers bilden eine
Fläche, die der einer benagelten Schuhsohle gleicht. Pala-
tinknochen wie deren Zähne rudimentär. Der Körper ge-
streckt und weiss gebändert.
179) G. fasciata Kp.
Muraenophis fasciatus Hardw. Ic. ined.
Unterscheidet sich von der länger bekannten Zebra durch
grössere Zahl von Zähnen, die der Fläche einer stark be-
nagelten Sohle eines Jägers gleicht. Körper mit 100—114
Bändern.
Von Muscat. Brit. Mus., Pariser Mus.
180) G. zebra Lac.
Zebraeel Shaw. Nat. Mis. 101.
Gymnoth. zebra, Syst. p. 528. — Gymnomuraena
cerclee Lac. V. p. 649. pl. 19. fig. 4. Rieh.
Er. et Terr.
Die Zahnfläche gleicht der Sohle eines zierlichen Damen-
pantoff'els.
Sumatra (Shaw), Neu-ßrit. (Commerson), Madagascar
(Quoy et Gaim.). London, Paris.
39) Genus Aphthalmichthys Kp.
Gleichen Moringua, allein nur mit einer Spur von Flos-
sen gegen das Ende des Schwanzes. Augen durch die Haut
verdeckt und desshalb undeutlich; Unterkiefer dicker und
länger als die Schnauze. Nasenluben kurz; die hinteren kön-
nen geschlossen werden. Schwanz am Anfange so dick als
am Ende. 11 Zähne im Oberkiefer, von welchen die 7 Na-
senzähne die längsten. 5 Vomerzähne in einer Reihe. Gegen
10— -12 Zähne im Unterkiefer.
181) A. javanicus Kp.
Sehr verlängert und wurmförmig. Der Körper ist U—
Uebersichl der Aale. 69
12 Mm. hoch, allein hat eine Tolalläng^e von 920 Mm., wo-
von der Schwanz 260 Mm. wegnimmt. Von der Schnauze zum
Kiemenloche 49 Mm.
Um Java gemein. London, Leyden.
40) Genus Uropterygius Riipp.
Oben wie unten mit 2 Reihen feiner Zähne , wovon die
äussere kurz, an der Spitze gekrümmt, die innere mehr gerade
und doppelt so hoch ist. Auf dem Vomer eine Reihe von
7 spitzen gekrümmten Zähnen. Nur die etwas erweiterte
Schwanzspitze mit einer Flosse.
182) r. unicolor Rüpp. Taf. 20. fig. 4.
Mur. microptera Blkr. Muraenoiden.
Ich kenne drei Exemplare von Bourbon in der Pariser
Sammlung, die jedoch nicht einfarbig, sondern schwarz mit
unzähligen gelblichen feinen Punkten und Slrichelchen ver-
sehen sind; über dem Operculum verlaufen sich einige
schwärzliche Längslinien ; am Rande beider Kiefer einzelne
kleine blaue schwarz umgebene Fleckchen.
Dr. Rüpp eil sah den vorderen längeren Zahn derMe-
siallinie für einen Vomerzahn an.
Frankfurt, Paris.
41) Genus Apterichthys Dum.
Caecilia Lac, Sphagebranchus Bl.
\83) Apt. coecus Dum.
Delar. Ann. d. Mus. t. 13. pl. 21. fig. 6.
C. Branderiana Lac. T. 2. p. 135.
Sphagebr. coecus Syst. 505.
Muraena coeca Linn. Syst. nat. p.426.
Atlantischer Ocean. Paris.
42) Genus Moringua Gray.
184) M. Raitaboriia Canf.
Cant. Nat. Tyd. iV. Bat. 1853. PI. 1.
Rataborua Hamiltoni J. E. Gray Zool. Mise. p. 9.
Rataborua Hardwicki, J. E. Gray 1. c. 111. ind. Zool.
T. 11. 2.
Muraena raitaborua Harn. p. 25 et 364 (juv.)
M. raktaboruya Harn, M. SS. Draw. (juv.)
Moringua linearis J. E. Gray !. c. Tab. IL üg* I.
70 Kaup:
Pterurus maculatus et linearis Swains. Nat. hist.
fish. II. p. 334 et 335. fig. 111. b u. cc.
Ptyobranchus arundinaceus, Guihrianus (ad.) ery-
thraeus, multidentatus, parvidentatus, gracilis et
brevis (juv.) McClell. Calc. Journ. N. H. V.
p. 200-202. 221. 223. PI. IX. fig. 3— 6. PI. X.
fig. 1. 2.
Die Zusammenstellung dieser Synonymie ist von Dr.
Cantor, der sich um die Indische Ichthyologie grosse Ver-
dienste erworben hat.
185) M. bicolor Kp.
Zeiift wie die vorige kleine jedoch erkennbare Brust-
flossen, allein unterscheidet sich durch Färbung, und dass
die Dorsal- und Analflosse von gleicher Länge ist. Der An-
fang beginnt auf dem dritten Theile des Schwanzes. Unter-
kiefer länger als die Schnauze. Oben 9, unten 6 Zähne,
ziemlich lang, spitz und rückwärls gekrümmt. Oben und das
Schwanzende dunkel mit Spuren von Bändern und Flecken,
unten silberfarbig.
Totallänge 360. Schwanz 108, Anal- und Dorsalflosse
24 Mm.
Timor. Leyden.
186) JW. lumbricoides J. E. Gray (Brit. Mus.).
Gleicht der folgenden , allein zeigt ein grösseres Maul,
plötzlich zugespitzte Schnauze, sehr rudimentäre kaum sicht-
bare Brustflossen. Die Analllosse beorjnnt nicht direkt hinter
dem Anus, allein ist wie die Dorsalflosse bestimmter ent-
wickelt. Die Augen weniger deutlich. Es ist eine dünnere
Form mit etwas kürzerem Schwänze.
Totallänge 268. Schwanz 93, bis zum Kiemenloche 26.
China. Brit. Museum.
187) M. lumhriciformis Kp.
Eine vollkommen cylindrische Form mit kurzem Kopfe
und spitzer Schnauze. Seitenlinie wellenförmig. Die Anal-
flosse beginnt direkt hinter dem Anus. Flossen fast linien-
artig und nur nächst der Spitze des Schwanzes. Länge 255.
Schwanz 96, bis zum Kiemenloche 25.
Indien. Brit. Museum.
üebersicht der Aale. 71
4le Familie. Coiigfericlae.
Gleichen den Anguillidae , allein sind ohne Schuppen
und die Riickenflosse reicht bis nahe an den Hinlerkopf. Der
Schwanz ist sehr in die Länge gezogen und zugespitzt. Meist
nriit Brustflossen, die nur bei einem Genus bis jetzt fehlen.
In der weichen Haut der Schnauze liegt der zahnlose Inter-
maxiilarknochen.
43) Genus Cong ermuraena Kp.
Das hintere Nasenloch vor der Mitte des Auges. Das
grosse Auge über dem Mundwinkel. Zähne flach, rund, in
mehreren Reihen. Brustflossen.
188) C. hahenata Kp.
Congrus habenatus Rieh. Er. et Terr. p. 109.
PI. 50. flg. 1—5.
189) C. halearica Kp.
M. balearica Delar. An. d.Mus. 13. p. 327. t. 20.3.
Conger Cassini Risso.Hist. nat. p. 203. Ichth. p.91.
Echelus cinciara Raf. Conger microstoina Cast.
pl. 43. flg. 4. Costa Fauna Nap. t. 33. Bon. Cat.
meth. p. 38.
Diese Art findet sich im Mitlelmeer und Süd-Amerika.
190) C. mystax Kp.
M. mystax Delar. 1. c. p.328. t. 23. fig. 10.
Conger mystax Cuv.
44) Genus Uroconger Kp.
Vorderes Nasenloch ohne Tube; das hintere schlitzförmig
nächst dem Auge. Längs dem Rande der Oberlippe eine Reihe
schlitzförmiger Poren. Schwanz ungewöhnlich verlängert.
Zähne ähnlich Myrus, sehr fein in 2—3 Reihen. Nasen- und
Vomerzähne in 2 Reihen. Die vorderen Zähne des Unter-
kiefers durchbohren die Oberlippe, welche sie nicht be-
decken,
191) U. lepturus Kp.
Congr. lepturus Rich.Sulph. p. 108. PI. 56. fig. 1—6.
Ereb. et Terr.
72 Kaup:
45) Genus Conger Cuv.
Die vorderen Nasenlöcher in kurzen Tuben nächst der
Schnauze; die hinleren vor den grossen Augen. Die Vo-
merzähne, Nasenzähne und die an der Spitze des Unterkiefers
in Haufen und zugespitzt. Die des Gaumens und des Unter-
Kiefers gleich gross, nahe aneinander gestellt und meissel-
förmig, so dass sie eine lange Schneide bilden.
192) C. vulgaris Cuv.
Congrus vulgaris et leucophaeus Rieh.
Muraena conger Linn.,Bl. 155. EchelusgrungusRaf.
Cong. communis Costa. Conger vulgaris Yarrell
p. 402.
193) Conger niger Risse.
Hist. nat. p. 201. Echelus macropterus Raf. Car.
64. 165. Bon. Cat. meth. p. 38.
Beide im Mitlelmeere und der Nordsee , werden sehr
gross und schwer.
194) Conger altipinnis Kp.
Der gemeinen Art sehr nahe, allein die ungefleckte
Brustflosse überreicht den Anfang der sehr hohen Rücken-
flosse. Diese ist fast so hoch, wie der Rachen lang ist. Der
Schwanz ist stumpfer, allein das Ende mit sehr langen Strah-
len, welche ebenfalls die Länge des Rachens haben.
Totallänge 480, Schwanz 300, Brustflosse 20, Länge des
Rachens 20 Mm.
Bourbon. Par. Museum.
195) C. marginatus Val.
Eyd. et Soul. Bonite I. p.201. pl. 9. fig. 1.
196) C. muUidens Castelneau PI. 44. fig. 1.
Süd-Amerika. Par. Museum.
197) C. occidentalis Dek. New-York Fn. fig. 172.
Smithsonian report 1855. p. 351.
198) C. Verreauxi Kp.
Das Ende der schmalen Brustflosse reicht nicht zum An-
fange der Rückenflosse. Schwarz mit l}räunlicher Seitenlinie.
Totallänge 305. Schwanz 11)0, bis zum Kiemenloche 40,
Brustflosse 12 Mm. Iang=
Üebersicht der Aale. 73
Nach meinem verehrten Freunde Julius Verreaux
genannt, welcher ihn in Australien sammelte.
Par. Museum,
199) C. orbignyamis Valenc.
d'Orb. voy. Poiss. t. 12 fig. 1.
Mit niedriger Rückenflosse, die eine Bruslflossenlänge hin-
ter der Brustflosse beginnt. Der Diameter des langen Auges
geht etwas über zweimal in die Länge der Schnauze. Die
Rückenflosse hat die Höhe vom Durchmesser des Auges.
Totallänge 670, Schwanz 410, Rachen 33, bis zunj
Auge 24, bis zum Kiemenloche 94, Brustflosse 25 Mm.
Süd-Amerika.
200) C. brasiliensis Kp.
Die Rückenflosse beginnt eine Brustflossenlänge hinter
der Spitze der Rückenflosse. Die Nasen- und Vomerzähne
gehen in einem spitzen Winkel in den Rachen. Das Auge
mit seinem Diameter geht ly^ in die Länge der Schnauze.
Totallänge 710, wovon der Schwanz 460 wegnimmt.
Pariser 3Iuseum.
Ich habe weder den Conger punctus Jenn. , den Cong.
anago, urolophus, uropterus Temm. et Schi, noch den C. chi-
lensis Guich. gesehen , und wage daher nicht sie aufzu-
führen.
46} Genus Congerodon Kp.
Auf den Nasenbeinen 8 unregelmässig gestellte Zähne
in 2 Reihen , wovon die äusseren der hinteren Reihe die
längsten sind. Auf den Gaumenbeinen 2 Reihen, wovon die
innere Reihe, aus 27 bestehend, bis fast zum Mundwinkel geht
und länger als die äussere ist. Die äussere gehl über den
Mundwinkel und besteht aus 47 Zähnen, wovon die hintersten
die kleinsten.
Im Unterkiefer 3 Reihen. Die innerste ist die kürzeste
und besteht aus 6 Zähnen , wovon die hinteren die längsten,
etwa 36—37 in jeder der 2 übrigen Reihen. Auf dem Vo-
mer 16, wovon der erste der längste ist und auf beiden Sei-
ten einen kürzeren Zahn hat. Nasenlöcher vor dem Auge
und den Nasenbeinen g^ffnet. ohne Tuben. Brustflossen klein
74
Kaup:
und schmal. Die ziemlich entwiclielte Rückenflosse beginnt
über den Brustflossen.
Auf der Mitte der Länge des Unterkiefers ein Hautläpp-
chen, welches sich haarähnlich zuspitzt und über den Rand
wegragt. Ob es zufällig oder wesentlich ist, konnte ich nicht
ermitteln.
201) C. indicus Kp.
Totallänge 2 15, Schwanz 139, bis zum Mundwinkel 10,
bis zum Kiemenloche 26. Der Schwanz spitzt sich sehr
fein zu.
Aus dem indischen Meere. Par. Mus.
47) Genus M ura enesox McCleW.
Meist mit gavialähnlich verlängerter Schnauze, deren
löfTelförmig gebildete Nasenbeine über den Unterkiefer weg-
ragen. Hinteres Nasenloch entfernt vom Auge. Die gros-
sen Augen mitten über dem Rachen. Vomer erhöht mit ei-
ner Furche, in welcher die längeren Zähne stehen. Reihen
kleinerer stumpfer Zähnchen begleiten die verschiedenen Rei-
hen auf den Gaumenbeinen und dem Unterkiefer. Die läng-
sten Zähne auf den Nasenbeinen und der Spitze des Unter-
kiefers. Erreichen eine bedeutende Länge und sind sehr
räuberisch.
202) M. pristis Kp.
Conger talabonCant. etBlk. (nee Rüssel nee Cuv,).
Muraenesoxlanceolatus, exodon, serradentata, exo-
denta McClell. Cant. Mal. Fish. p. 112.
Am Unterkiefer nach aussen und nach oben die Zähne
wie eine Säge gerichtet.
Asien. Paris, Leyden.
203) M. bagio Kp.
Conger talabonCuv. Russ. 38. Conger bagio Cant.
Mal. Fish. p. 316. Mur. bagio Harn. 24. 364.
M. tricuspidata Ham. (bagio), bengalensis McClell.
Congrus trjcuspidalus Rieh. Sulph. 105. pl. 51. fig. 2.
Er. et Terr. p. 111. Conger oxyrhynchus Eyd. et
Soul. Bon. t. 1. pag 203. PI. 9. Fig. 2. Ophisure
long museau Q. et Gaim. Voy. Freyc. pl. 51.
fig. 1. (mit verstümmeltem Schwänze).
Asien. Paris, London, Leyddn.
üebersicht der Aale. 76
204) M. savanna Kp.
Conger savanna, Cuv. Par. Mus.
La Savanne de Martinique Cuv.Regn. an. in d. Note.
Congor limbalus Caslelneau.
Mit breiterer Schnauze, deren Haut wie die des Unter-
kiefers zellig wie ein Schwamm genarbt ist, das sich erst
gegen den Anus und die Bauchseite verliert.
London, Paris, Leyden,
Ich hatte in Paris nur diese drei Arten in grosser Zahl
zum Vergleiche und muss desshalb bitten, die Arten curvi-
dens, brevicuspis et protervus Rieh. Er. et Terr. einer noch-
maligen Prüfung mit bagio zu unterwerfen, indem diese Art
in der Länge der Schnauze und Zahl der Zähne sehr variirl.
48) Genus ISettastoma Raf.
205) ]V. melanura Raf.
Car. t. 16. fig. 1. Muraenophis saga Risso p. 193.
Ichth. flg. 39.
Nach Bonap. wäre auch M. maculata hierher zu ziehen.
Cat. Meth. p. 39.
Es ist ein wahrer Conger ohne Brustflossen. Schnauze
sehr verlängert. Das hintere Nasenloch schief vor den Au-
gen und kann durch den häutigen oberen Rand geschlossen
werden. Das grosse Auge über dem Mundwinkel. Körper
cylindrisch mit verlängertem spitz zulaufendem Schwänze.
Dorsal- und Analflosse deutlich. Die Zähne sind fein, dünn,
hecheiförmig in 6 — 7 Reihen, nehmen nach innen an Länge
zu und sind beweglich. Nasenbein kurz mit zusammenge-
drängten Zähnen, die einen Zirkelabschnitt einnehmen. Die
Zähne des langen Vomers nehmen an Zahl und Länge nach
hinten zu und stehen in irregulären Längsreihen.
Alle Flossen schwarz gesäumt, wie bei fast allen Con-
gerinae. In Sammlungen selten, da sie in den grössten Tiefen
des Miltelmeeres lebt und nur geangelt werden kann.
76 K a u p :
5le Familie, f^ynbrancliidae.
Ohne Flossen. Die beiden Kiemenlöcher unter der Kehle
in einer gemeinschaftlichen Höhle.
49) Genus Amphipnous J. Müll.
206) A. cuchia J. Müll.
Vergl. Anat. d. Myx. Abh. d. Ac. zu Berl. 1839.
p. 244.
Unibranchapertura cuchia Harn. p. 16. pl. 16. fig. 4.
Synbr. cuchia Cuv. Regne, an. II. p. 354.
Synbr. cachia Swains IL p. 3^6.
Ophichthys punctatus, Pneumabranchus slrialus,
leprosus et albinus McClell. Dondoo-Paum Russ.
35. Cant. Mal. Fish. p. 333 in der Note. Blee-
ker Muraenoiden.
50) Genus Unipertura Lac. J.Müll.
Gleicht Monopterus, allein mit 4 gefranzten Kiemenbö-
gen. Die quere Kiemenhaut, die Kiemenlöcher und deren
Scheidewand bedeckend, bildet einen winkeligen oder ovalen
Ausschnitt. Ohne Luftsäcke und Schwimmblase.
207) U. laevis Lac.
Lac. tom. V. 17. 54. 1. 3.
Synbr. immaculatus Cant. et Bleeker (nee Bloch).
Ophisternon bengalensis McClell.
Tetrabranchus microphthalma Blkr.
Das Exemplar der Pariser Sammlung, nach welchem La-
cepede dieses Genus aufgestellt hat, zeigt einen feinen Mes-
serschnitt über den Kiemen, so dass der Gründer dieses
Geschlechts die Unterscheidungsmerkmale genau erkennen
konnte; obgleich er in seiner Beschreibung vergass sie zu
erwähnen.
Betrachtet man das Kiemenloch, wie es Bloch bei Synbr.
immaculatus abbildet, so ist es klar, dass dieser Fisch aus
Süd-Amerika nicht hierher gehört.
Uebersicht der Aale. 77
51) Genus Synbranchus ßl.
208) S. marmoratus BI. t. 418. Sysr. 524.
S. pardalis Val. d'Orb. voy. Poiss. PI. 13. fig. 1.
S. viltatus Gast. Par. Mus.
209) S. cayennensis Kp.
?S. irnrnaculatus Bl.
52) Genus Monopterus Lac.
Mit nur drei Kiemenbögen. Ohne Luftsäcke unter der
Haut des Hinlerkopfes.
210) M. javanicus Lac.
Monopt. laevis Rieh. Sulph. 116. cinereus p. 117.
PI. 52. flg. 1 — 6. Ophicardia phayriana McClell.
Ophicard. et Synbranchus xanlhognalhus Kich.
S. grammicus Gant. Synbr. marmoratus Temm.
et Schi. Monopterus marmoratus Rieh.
Uebersiclit der Oyitiuotidae«
Von
Dr. «f. Raup
in Darmstadt.
Hierzu Taf. III. Fig. 1—10.
Die Gymnotidae lassen sich wie folgt charakterisiren:
Aalähnlich, mit rundem Rücken ohne Flossen. Ent-
wickelte Brustflossen. Sehr ausgebildete Analflosse, die den
Anus sehr weit nach vorn unter die Brust oder sogar bis
zur Kinnhaut gedrängt hat; nach hinten geht dieselbe bis
ans Schwanzende, oder lässt eine dünn zulaufende Schwanz-
spitze frei. Die Strahlen sind gegliedert und gegen die Spitze
einfach oder doppelt gegabelt. Meist ist der Körper seillich
comprimirt. Alle zeigen eine kleine birn- oder herzförmige
Blase unter dem 2ten bis 4ten Halswirbel. Diese ist doppelt.
Die äussere dick, allein leicht zerbröckelnd, enthält eine
dünne durchsichtige mit Gallerte angefüllte Blase, die frei in
der äusseren herumschwimmt und leicht aus dieser heraus-
genommen werden kann. Diese Blase steht mit Gehörknö-
chelchen in Verbindung und steht durch einen dünnen Strang
meist mit der Schwimmblase, die sehr in die Länge gezogen
ist, in Berührung. Dieser Strang zerlheilt und fixirt sich an
den Magen.
Ich kann die vordere birnförmige Blase mit ihrer filzi-
Kaup: Uebersicht der Gymnotidae. 79
gen Textur für nichts anderes hallen als für das häutige La-
byrinth, wie wir es bei den höheren Mollusken wahrneh-
men ^"3.
Die Männchen haben meist ein Zäpfchen hinler dem
Anus und die Weibchen eine fast gleiche Oeffnung für
die Eier.
Die Gymnotidae haben ferner Zähne auf dem Zwischen-
oder Unterkiefer, selten hecheiförmige auf den Gaumenbeinen
(individuell), keine auf dem Vomer. Bei den Rhamphichthys
fehlen alle Zähne.
Ihr Schultergürtel ist am Kopfe aufgehängt. Vom 5ten
Wirbel an ausgebildete Rippen, die Bauchhöhle umgebend *''"*).
Magen mit Blindsack und Blinddärme. Ihre Eierstöcke sack-
förmig und ihre Ausführungsgänge abweichend von den Aalen
(J. Müller).
Sie bilden folgende 5 meist von J. Müller und Tro-
schel zuerst scharf unterschiedene Genera.
1) Sternarchus Schneid. Mit kleiner normaler Schwanz-
flosse.
2) Rhamphichthys J. M. et Tr. Ohne alle Zähne.
3) Sternopygus J. M. et Tr. Mit hecheiförmigen Zähnen.
4) Carapus J.M. etTr. Geschuppt mit einer Reihe Zähne.
5) Gymnotus Linn. Schuppenlos.
1) Genus Sternarchus Schneid.
1) Sternarchus albifrons Sehn.
ßl. et Sehn. Syst. p, 497. l. 94.
Gymn. albifrons Fall. spie. VII. p. 3ö. t. VI. 1.
2) Sternarchus Bonaparti C?(sie\nesi\i. Par. Mus. (Fig. 1).
*) Siehe ein Weiteres in dem vortrefflichen Aufsatze von Prof.
Reinhardt: Arch. 1854. p. 169. Bei dem Carapus fasciatus, und
zwar in dem Exemplare, welches Valenciennes als inaequilabia-
tus bezeichnet hat, findet sich zwischen der ersten und zweiten Blase
eine dritte, von ähnlicher Gestalt wie die erste. Vergl. hierzu die
folgende Abhandlung.
**) Es wäre von grossem Interesse, eine complette anatomi-
sche Monographie der 5 Genera der Gymnotidae zu haben.
80 Kaup:
Die kürzeste Art mit plötzlich abgestutztem Schwänze,
dessen Analflosse fast zur Schwanzflosse reicht. Der Rachen
ist bis hinter die Augen geöff"net und der Anus am vorderen
Drittel des kahnförmigen und ausdehnbaren Unterkiefers. Die
Peitsche zeigt an den seitlichen Rändern mit dem nackten
Auge erkennbare schwarze Tüpfel. Da kein losgerissener
Muskel auf seiner unteren Fläche Flecken analog der Kör-
perfarbe zeigen kann , so ist die von C u v i e r aufge-
stellte und von Herrn Reinhardt vertheidigte Ansicht
irrig. Nach letzterem soll diese Peitsche durch Manipulationen
im Spiritus losgerissen werden und der lebende Fisch nie
die Peitsche zeigen. So viele Exemplare ich auch von drei
verschiedenen Arten gesehen habe , so war die Peitsche bei
allen gleichweil auf dem Schwanzrücken entspringend. Wären
sie erst durch Manipulationen frei geworden, so müsste es
doch auch Exemplare geben , wo sie nur theilweise getrennt
wäre. Mehr als wahrscheinlich, ja fast gewiss ist die Annahme,
dass die Peitsche im Leben des Fisches durch den Körper-
schleim in seiner Rinne fest gehalten wird und dass diese
erst frei wird, indem der Spiritus dem Schleime die Fixirkraft
genommen hat. Man kann auch fragen, welchen Manipulatio-
nen ein Fisch im Spiritus unterworfen wird, um Muskel los-
zureissen. Man bringt einen Fisch aus verdorbenem Spiritus
in einen besseren , und durch ein solches kann doch kein
Muskel losreissen. Die Erklärung, die Herr Reinhardt
giebt, wie diess so gleichmässig geschehen soll, ist mir nicht
klar geworden.
3) Sternarchus oxyrhynchus J. M. et Tr.
Hör. ichth. p. 16. Tab. 11. (vortrefflich).
Schnauze dünn, lang, nach unten gebogen mit klei-
nem Munde.
Die längste und complicirteste Form.
Englisch Guiana, im unteren Essequibo, im Berliner und
Pariser Museum.
Da diese drei Arten sich so wesentlich in der Kopf-
und Körperform unterscheiden , so kann ich dem Sternarchus
brasiliensis, der so nahe dem albifrons steht, keinen grossen
Glauben schenken, und diess um so weniger, da dieser bra-
Uebersicht der Gymnotidae. 81
sinensis nur mit der einen vorhandenen Abbildung von Pal-
las verglichen werden konnte.
2) Genus Rhamphichthys J. M. et Tr.
a) Mit kurzer Schnauze^ mit Anus am hinteren Drit-
tel des Kopfes und Analflosse, die nicht bis zur
Kiemenspalte reicht.
4) Rh. Artedii Kp. (Fig. 2).
Seba III. Tab. 32. N. 2.
Die freie Schwanzspitze geht 5 — 6mal in die Totallänge
und der quere Durchmesser des Körpers geht fast 2mal in
seine Höhe.
Aus der Mana im franz. Guiana. Par. Mus.
Die Beschreibung wie Abbildung im Seba ist ganz gut
und es ist zu verwundem , dass die älteren und neueren
Autoren diese Art übersehen haben.
5) Rh. J. Mülleri Kp, (Fig. 3).
Die freie Schwanzspitze geht nur 3 — 4mal in die Total-
länge und der quere Durchmesser des Körpers geht fast Smal
in die Höhe des Körpers. Es ist eine schlankere Form als
die vorige mit etwas kürzerem Kopfe und seitlich gestellten
Augen, die bei Artedii mehr nach oben gerichtet sind. Sie
ist ebenso bunt als die vorige, allein Oberkopf und Rücken
sind einfarbig schwärzlich.
Zwei Exemplare aus der Cayenne, wovon das grössere
19 Zoll lang ist. Pariser Museum.
b) Arten mit längerer Schnauze. Anus unter oder
vor dem Auge. Analflosse vor der Kiemenspalte
beginnend.
6) Rh. lineatusKi^. (Fig. 4).
Carapus linealus Gast. PI. 47. fig. 1.
Anus am vorderen Drittel des Kopfes mit verstecktem
comprimirfem Zäpfchen. Brustflosse so lang als vom Auge
zum hinteren Nasenloche. Körper y^, so breit als hoch. Kopf
ohne alle Zeichnung, ebenso die Flossen. Körperseite mit 4
dunklen Längsstreifen.
Der Schwanz an dem einzigen Exemplare ist plötzlich
abgestutzt, was ich einer Verstümmelung durch einen Raub-
fisch zuschreibe. Par. Mus.
Archiv f. Nnturgesch. XXII. Jahrg. 1. Bd. Q
82 Kaup;
7) Rh. pantheritins Kp. (Fig. 5).
Carapus pantherinus Gast. PI. 46. fig. 3.
Kopf bunt mit hoch aufsteigender Stirn , massig langer
Schnauze und Anus am vorderen Drittel des Kopfes. Brust-
flosse reicht nicht zum hinteren Nasenloche vom Auge an
gemessen. Um die Brustflossen nach dem Anus hin und ein
Streifen längs dem vorderen Theile der Analflosse blau. Brust-
flosse schwach gebändert, Analflosse fast einfarbig zeigt nur
Spuren von Linien und Bändern. Par. Mus.
8) Rli. marmoratus Kp. (Fig. 6).
Carapus marmoratus Gast. (Par. Mus.).
Gleicht der vorigen, allein die Schnauze ist gestreckter
und der Anus mehr nach dem Auge hin. Die Stirn weni-
ger steil aufsteigend und der Kiemendeckel ohne Flecken.
pantherinus marmoratus
Dimens. : Kopf bis zur Kiemenspalte 73 78
von der Schnauze bis zum Auge 39 y2 41
bis zum Anus 27 35
bis zur Analflosse .... 47 54
9) Rh. Reinhardti Kp. (Fig. 7).
Anus hinter der Mitte der langen Schnauze mit äusser-
lich sichtbarem ziemlich grossem Zäpfchen, Gesicht und Kie-
mendeckel ohne Zeichnung , Rücken der Schnauze und des
Kopfes schwarz gefleckt. Ueber den Rücken schwärzlich ge-
fleckt mit helleren Tüpfeln. Längs der Seitenlinie ein schwar-
zer Streifen. Zwischen der unteren Bauchseite und der Sei-
tenlinie ein breiter gelber Streifen, der sich nach dem
Schwänze hin verliert. Brustflosse ohne, Analflosse mit un-
regelmässig lichteren Streifen, gegen die Spitzen hin düster-
braun mit runden lichteren Tüpfeln.
Woher ? Pariser Museum.
Aus der verstümmelten Schwanzspitze geht ein 20 Mm.
langes Hautläppchen hervor, das zeigt, dass das Schwanzende
verletzt sich reproduciren kann, ähnlich wie bei Lacerten,
Geckonen.
10) Rh. Blochi Kp. (Fig. 8).
Rh. rostralus J. M. et Tr.
Gymnolus rostratus Bl. et Sehn. syst. p. 522. t. 106.
Uebersicht der Gymnotidae. 83
Seba III. T. 32. No. 5.
Carapus rostratus Cuv.
Kopf und Körper bunt. Anus mit Zäpfchen 3 — 4 Mm.
unterhalb des Auges. Schnabel vom Kopfe abfallend und Yg
der Kopflänge wegnehmend.
Ich kenne nur das an der oberen Schnauze verslüm-
melte Exemplar, fast gänzlich verbleicht, der Berliner Samm-
lung, nach welchem die Abbildung in dem Systema gegeben
ist; hier zeigt dieser Fisch irrig Andeutungen von Zähnen
und einen geschuppten Kopf.
1 1) Rh. R. Schotnbiirgki Kp. (Fig. 9).
? R rostratus J. M. et Tr.
Die sehr lange Schnauze mit der Stirn in fast gleicher
Linie. Anus wenigstens 12 Mm. unterhalb der Augen. Brust-
flosse \/n so lang als die Kopflänge von der Schnauze zum
Saume des Kiemendeckels gemessen. Kopf mit gelblicher
Zeichnung auf bräunlichem Grunde. Farbe schwärzlich mit
grauweissen Schuppen. Längs der Seitenlinie ein breiter
schwarzer Streifen , Analflosse nach den Spitzen hin fast
schwarz mit lichteren Längslinien. Sie zeigt 430 Sirahlen.
Totallänge 956 Mm. oder 34". Schwanz oline Analflosse 220 ;
Kopf bis zum Saume des Kicmendeckels 116, vom Auge zur
Schnauze 71, von der Schnauze zum Anus 63, zur Anal-
flosse 84. Länge der Brustflosse 27 Mm.
Körper y^ so breit als hoch.
Die Angabe der allzugrossen Variation der Analslrah-
len beruht sicher auf einer Verwechselung.
Das Pariser Exemplar hat zwei gleiche grosse OefTnun-
gen und war demnach ein Weibchen.
Britisch Guiana im Demerara durch die Gebrüder Schom-
burgk, nach welchen diese Art eine Länge von 4—6 Fuss
erreicht.
Ich habe diese Art nach Sir Robert Schomburgk
genannt, dem die Wissenschaft vieles verdankt.
12) Rh. Schneiden Kp. (Fig. lO).
Anus senkrecht unterhalb des Auges mit einem Zäpf-
chen nicht grösser als der Kopf einer feinen Stecknadel. Mit
ungewöhnlich langer Schnauze, die 2/3 der Kopflänge weg-
84 Kaup:
nimmt. Kopf, Kiemendeckel und Körper sehr bunt gefleckt.
Brust- und Analflosse mit unregelmässigen schwarzen Bän-
dern und runden Flecken.
Zwei Exemplare aus Cayenne durch Herrn Melinon
im Pariser Museum.
3} Genus Sternopygus J. M. et Tr.
13) St. macrurus J. M. et Tr.
L. c. p. 14. Bloch 157. 2.
Bl. et Seh. Syst. p. 522.
Carapus macrurus Cuv. 1. c. p. 357.
Car. arenatus Eyd. et Soul. Bonite I. p. 24. pl. 8.
fig. 1.
St. Marcgravi Reinh. 1. c. p. 180.
Variirt sehr. Die Exemplare, nach welchen der arena-
tus aufgestellt ist, zeigen gegen den Schwanz hin einen gel-
ben breiten Längsstreifen. Die normale Färbung ist gelb-
braun mit unzähligen dunklen Punkten und häufig am Nacken
über der Kiemenspalte mit grossem rundlichen schwarzen
Fleck mit und ohne weisse Tüpfel. Ein kleines Exemplar
durch Sir Schomburgk in der Pariser Sammlung ist
schwärzlich mit queren Streifen und Längsstrich nächst der
Rückenkante. Ich habe viele Exemplare gesehen, allein nie
ein Exemplar mit den runden Flecken , wie es Bloch abbil-
det. Analflosse 230—310.
Lebt wahrscheinlich in allen Flüssen von Süd-Amerika
und lässt sich durch die Augenleder sehr leicht von der fol-
genden unterscheiden.
14) Sternopygus mrescens Kp.
Sternarchus virescens Val. d'Orb. Voy. PI. 13. 2.
Sternopygus tumifrons IVi et Tr. 1. c. p. 14.
Sternopygus microstomus Reinh. 1. c. p. 181.
Der kleine aufgesperrte Mund hat etwa den Durchmes-
ser des Auges. Anus mitten unter dem Kopfe,
Zwischen Analflosse und Seitenlinie zwei dunkle Strei-
fen und ein verwaschener auf der Analflosse (Berliner Exem-
plar). Das Pariser Museum hat ein fast schwarzes Exemplar.
Brasilien. See Lagoa santa (Reinhardt).
Uebersicht der Gymnotidae. 85
15) Sternopygiis Uneatus M. et Tr.
L. c. p. 14.
Mund klein, Anus nächst der Kiemenspalte. Mit kür-
zerer Schnauze und etwas grösserem Maul , dessen ganzer
Zwischenkiefer mit einem Sircifen hechelförmiger Zähne be-
legt ist. Der Körper ist mehr comprimirt und der Schwanz
länger.
Das Berliner Exemplar war noch sehr jung, mit zwei
dunklen Streifen längs und über der Analflosse.
Britisch Guiana, See Amucu durch die Brüder Schom-
burgk. Berliner und Pariser Museum.
16) Sternopygus Troscheli Kp.
Sternopygus virescens M. et Tr. 1. c. p. 14.
Die längste und comprimirteste Form mit dem grössten
Maule, das aufgesperrt den Unterkiefer länger als den Ober-
kiefer zeigt. Anus etwas hinter der Kiemenspalte. Der
haarähnlich sich zuspitzende Schwanz geht dreimal in die
Länge des Körpers. Berlin und Paris.
4) Genus Carapus M. et Tr.
Breite plattgedrückte Schnauze mit einer Reihe spitzer
Zähne. Körper mit ziemlich grossen Schuppen.
Steht Gymnotus am nächsten, in der Form des Kopfes,
der Nasenlöcher und dass die Analflosse bis nahe an das Ende
des Schwanzes reicht.
17) Carapus fasciatus M. et Tr.
Loc. cit. p. 13.
Gymnotus fasciatus Fall. spie. VII. p. 37.
G. brachyurus BI. t. 157. 1.
G. carapo Syst. p. 521.
G. brachyurus et fasciatus Cuv. p. 357.
C. inaequilabiatus Val. d'Orb. Voy. Poiss. pl. 14.
Seba III. T. 32. N. 1.
Mit etwa 21 schwärzlichen schiefen Querbinden, die sich
zuweilen (vielleicht in höherem Alter) in runde Flecken
auflösen.
18) Carapus albus Kp.
Gymnotus albus Pali. 1. c. p. 3ö.
86 Kaup:
Gmel. 1137. N. 7.
Syst. p. 523.
G. coerulescens Seba t. 32. fig. 3.
Schwanz länger und allmählich sich zuspitzend. Oben
30—40, unten 50—56 spitze Zähne. C. fasciatus zeigt oben
nur 26—30, unten 36—38 Zähne.
Die Seba'sche Figur hat den Fehler, dass die Augen
etwas zu weit nach hinten gestellt sind.
Die Speciesbezeichnung ist wahrscheinlich nach einer
Varietät oder total verblichenem Individuum gebildet. Die
Färbung ist fast schwarz mit Spuren von Querbinden, na-
mentlich auf dem Schwänze. Ein Exemplar aus Cayenne
zeigt den Kopf gefleckt. Von diesen Flecken zeigt das Se-
ba'sche Exemplar einen auf dem Kiemendeckel.
5) Genus Gymno tu s Linn.
Mit sammetweicher Haut ohne eine Spur von Schuppen.
Oben mit etwa 50, unten mit gegen 60 spitzen Zähnen; oben
eine zweite Reihe von etwa 6 Zähnen hinter den mittleren.
An der Symphyse des Unterkiefers 2 kleine Reihen nach
innen wie bei Unipertura. Brust- und Analflosse mit dicker
Haut, welche die Strahlen verhüllt.
19) G. electricus Linn.
Bl. t. 156. Seba III. 34. 6. (besser).
Oben schwärzlich, unten weisslich. Auf der Analflosse
mit bunter schwarzer Zeichnung.
Durch die Haut sind 334—350 Strahlen in der Anal-
flosse zu fühlen.
Ausser diesen 19 Arten führt v. Humboldt noch den
Gymnotus aequilabiatus auf, den die berühmten Verfasser der
Horae ichthyologicae in das Genus Sternopygus verweisen.
Da ihn jedoch v. Humboldt schuppenlos beschreibt und
abbildet, so kann er nicht wohl hierher gehören. Wahr-
scheinlich bildet diese Art aus dem Magdalenenflusse eine
eigene Gruppe, was jedoch nicht eher ermittelt werden kann,
bis diese Art wieder aufgefunden ist.
Von dieser sagt v. Humboldt bei der Analflosse:
Pinna analis totum abdomen occupans, in caudae apicem non
excurrens, sed ante caudam desinens, radiis 5. Die 5 Strah-
Uebersicht der Gymnotidae. 87
len der Analflosse ist ein Druckfehler, indem die Zehner und
Hunderle vergessen worden sind. Soll 185 heissen, was aus
der unterscheidenden Diagnose von G. albifrons zu ersehen ist.
Diese Art ist oben grün^, unten silberweiss mit violetten
Punkten und obere und unlere Theile sind durch einen weis-
sen Längsslrich geschieden. Beide Kiefer von gleicher Länge
mit feinen Zähnchen.
Ausser dieser Art bin ich nicht im Klaren mit der Ab-
bildung, welche Seba 32. fig. 2 gegeben hat. J. Müller
und Troschel citiren sie bei macrurus, allein die Kopfform
in dieser Figur gleicht mehr einem Carapus als Slernopygus.
Zu dieser hier im Auszuge gegebenen Monographie be-
sitze ich das reiche Material der Pariser und Berliner Museen,
wofür ich den Herren Professoren Dumeril, Vater und
Sohn, sowie Herrn Geh. Rath Lichtenstein meinen ver-
bindlichsten Dank hiermit s&se.
Erklärung der Abbildungen.
Ta f. in. Fig. 1. Kopfprofil von Sternarchus Bonaparti Castelneau.
Fig. 2. Desgleichen von Rhamphichthys Artedii Kp.
Fig. 3. Desgleichen von Rhamphichthys J. Mülleri Kp.
Fig. 4. Desgleichen von Rhamphichthys lineatus Kp.
Fig. 5. Desgleichen von Rhamphichthys pantherinus Kp.
Fig. 6. Desgleichen von Rhamphichthys marmoratus Kp.
Fig. 7. Desgleichen von Rhamphichthys Reinhardt! Kp.
Fig. 8. Desgleichen von Rhamphichthys Blochi Kp.
Fig. 9. Desgleichen von Rhamphichthys Schomburgki Kp.
Fig.lO. Desgleichen von Rhamphichthys Schneideri Kp.
lieber die Scli\viiiiinbla§eii von Carapuis
inaeqiiilabiatus Tal.
Von
Dr. J* K a a. p
in Darmstadt.
Hierzu Taf. III. Fig. A und B.
In dem Innern des grossen Exemplares, nach welchem
Herr Professor Valenciennes seinen Carapus inaequilabia-
tus aufgestellt hat, und welchen die Autoren der Horae Ich-
thyologicae für synonym mit faciatus halten, fand ich die
hier (Fig. A} abgebildeten drei Blasen. An diesem Exemplare
waren leider die übrigen Eingeweide entfernt und ich kann
desshalb nicht sagen , in wiefern die mittlere Blase mit dem
Magen in Verbindung gestanden hat.
Ich habe bei einigen kleineren Exemplaren von etwa
Schuh-Länge , eine Länge in der sie häufig in Museen vor-
kommen , nach der mittleren Blase gesucht, ohne sie zu fin-
den; einige derselben waren bereits im Innern sehr verdor-
ben und es Hess sich desshalb überhaupt nicht viel sehen.
In die Augen fallende Kennzeichen fand ich bei dem
grossen Exemplare , dem Carapus inaequilabiatus nicht , und
ich sah nur die Zähne, wovon viele fehlen, deren Hautlöcher
jedoch noch sichtbar sind, etwas konischer, kürzer, weniger
gedrängt stehend und minder zahlreich als bei Carapus
fascialus.
Ob diese Kennzeichen dem Alter zuzuschreiben sind,
wage ich nicht mit Bestimmtheit zu sagen, indem ich leider
Kaup: lieber die Schwimmblasen von Car. inaequilabiatus. 89
nur dass eine grosse Exemplar kenne, welches in d'Orbigny
abgebildet und von Valenciennes leider allzu kurz be-
schrieben und ohne Angabe ist, in welchem Flusse d'Orbigny
es gesammelt hat.
Die hier gegebene Abbildung der Blasen ist in halber
natürlicher Grösse, so dass man mit dem Zirkel die Grössen-
verhältnisse ermitteln kann.
Die erste Blase ist doppelt, die äussere dick, filzartig
und leicht zerbröckelnd; die innere, in der äusseren lose
aufgehängt, ist mit einem Schleime ausgefüllt.
Die mittlere quer aufgehängte ist durch einen ziemlich
dicken Strang mit der ersten verbunden, allein ich zweifele,
ob dieser Strang hohl ist , denn er scheint nur wie eine
Sehne der Basis der ersteren angeheftet zu sein. Diese mitt-
lere Blase, die dünnste und durchsichtigste von allen ist mit
Luft erfüllt.
Die dritte, die längste hat eine, ziemlich derbe Textur
und hängt nur mit zwei dünnen Fäden mit der mittleren zu-
sammen.
Ich gebe die Zeichnung so gut als ich sie geben konnte ;
vielleicht dass dieselbe andere anregt, den in allen Samm-
lungen befindlichen fascialus näher zu untersuchen. Zeigt
eine sorgfällige Untersuchung, dass letztere die mittlere Blase
nicht besitzen, so muss der Carapus inaequilabiatus in seine
alten Rechte wieder eingesetzt werden und man muss ihn für
eine eigene im Aeusseren schwach unterschiedene Art halten;
im entgegengesetzten Falle muss er als Synonym von C. fas-
ciatus J. Müll, et Tr. betrachtet werden.
Zusatz des Herausgebers.
Angeregt durch die obige Aufforderung des Herrn
Verfassers , habe ich das Exemplar des Carapus fascialus,
welches im Bonner zoologischen Museum aufbewahrt wird,
auf die Schwimmblase untersucht. Dieses Exemplar ist 10
Rhein. Zoll lang. Ich fand das Verhalten der Schwimmblase
so , wie sie auf Taf. III. Fig. B in natürlicher Grösse dar-^
^ Kaup:
gestellt ist. Die zweite Schwimmblase hat eine spindelför-
mige Gestalt , ist 4 Zoll lang und an der weitesten Stelle 4
Linien weit. Von da verschmälert sie sich nach vorn schnel-
ler, nach hinten langsamer. Sie erstreckt sich in eine Höh-
lung unter der Wirbelsäule in den Schwanz, die ausschliess-
lich für sie bestimmt zu sein scheint, und in der sie mit vie-
len Fäden an die Wandungen derselben angeheftet ist. Von
ihrer vorderen Spitze entspringt ein Ausführungsgang von
8 Linien Länge, der sich einige Linien vor dem Magen in
die obere Wand des Schlundes einsenkt. Die erste Blase
zeigt die gewöhnliche Einschnürung und den vorderen Ein-
druck; von ihr entspringt ein sehr dünner aber ziemlich fe-
ster Faden, der sich zu dem Ausführungsgange der hinteren
Schwimmblase begiebt und sich 5 Linien von seinem Ur-
sprünge an der Blase mit ihm verbindet. Ob dieser Faden
solide oder ein hohler Gang sei, habe auch ich an den Wein-
geistexemplaren nicht entscheiden können.
Demnach ist bei Carapus fasciatus der Schwimmblasen-
apparat vollkommen dem von Reinhardt geschilderten Ty-
pus entsprechend. Um so auffallender muss es daher sein,
dass bei einer so nahe verwandten Form wie der Carapus
inaequilabialus es ist, eine so bedeutende Abweichung in
diesem Organe stattfindet. Wenn ich früher einmal (dies
Archiv 1852. L S. 228) den Maifisch von der Finte durch
eine Verschiedenheit der Schwimmblase gegen specifische
Vereinigung habe verwahren können, so handelte es sich
doch damals nur um Grössenverschiedenheiten , und wenn
bei nahestehenden Arten (wie Scomber pneumotophorus und
scombrus) die Schwimmblase vorhanden sein oder fehlen
kann, so ist das wohl nicht so auffallend, als wenn bei ver-
wandten Arten eine so grosse Organisationsverschiedenheit
vorkommt.
Da nun ein Irrthum des Herrn Dr. Kaup, der das ein-
zige bekannte, von d'Orbigny eingesammelte Original-Ex-
emplar des Pariser Museums vom Carapus inaequilabialus
Valenc. untersucht und die Zeichnung selbst entworfen hat,
nicht anzunehmen ist, auch die Bildung der Schwimmblase
dieses Fisches wohl kaum als individuelle Monstrosität betrach-
tet werden Kanu, so tritt hier die erste Eventualität desVer-
1
üeber die Schwimmblasen von Car. inaequilabiatus. 91
fassers ein, nämlich dass Carapus inaequilabiatus Valenc. in
seine alten Rechte wieder eingesetzt und als eine selbststän-
dige Art angesehen werden muss.
Nachdem dies festgestellt worden ist, werden sich auch
gewiss andere Charaktere zur Unterscheidung der beiden Ar-
ten auffinden lassen,
Uebrigens war es mit grosser Wahrscheinlichkeit vor-
auszusehen , dass diese Eventualität eintreten musste, da ja
schon Reinhardt einen Carapus, den er sich ausser Stande
sah , mit Sicherheit von der älteren Art zu unterscheiden,
auf die Schwimmblase untersucht, und dieselbe nach dem
Typus der übrigen Arten dieser Familie gebaut gefunden
halte.
Bei dieser Gelegenheit habe ich auch bei dem Bonner
Exemplare von Gymnotus electricus die Schwimmblase nach-
gesehen , weil die Angaben über diesen Fisch aus der Zeit
vor Reinhardl's Untersuchungen herstammen, und der
Letztere diese Art nicht selbst nachsehen konnte. Das Exem-
plar ist 201/2 Zoll lang.
Die Schwimmblasen des Zitteraales sind in der That
vollkommen ähnlich gebaut , wie die der meisten übrigen
Arten dieser Familie. Die vordere Blase ist reichlich 6 Li-
nien lang und 4 Linien breit, hat die gewöhnliche mittlere
Einschnürung, ist vorn in der Mitte etwas eingedrückt, und
hinten abgerundet. Der von ihr abgehende Faden ist sehr
dünn, aber haltbar , denn er ist beim Herauspräpariren aus
den ihn umgebenden Häuten nicht zerrissen. Er ist bis zu
seiner Verbindung mit dem Ausführungsgange der zweiten
Blase 6 Linien lang. Die zweite Schwimmblase ist 13 Zoll
6 Linien lang und erstreckt sich weit in eine Höhlung unter
der Wirbelsäule in den Schwanz , reicht weiter nach hinten
als das electrische Organ; ihre hintere Spitze ist vom Schwanz-
ende nur noch 2V2Z0II entfernt. Bei dieser Länge hat diese
Blase eine Weite von etwa 6 Linien, läuft vorn in eine ziem-
lich spitze, hinten in eine stumpfe Spitze aus. Von dem
vorderen Ende dieser zweiten Blase entspringt der Luftgang,
welcher sich nicht von der Blase aus aufblasen liess, geht
nach vorn und hat bis zu der Stelle , wo er sich mit dem
Faden der ersten Schwimmblase vereinigt, eine Länge von
92 Kaup: Ueber die Schwimmblasen von Car. inaequilabiatus.
fast 1 Zoll 7 Linien, ist sehr eng- und nur wenig weiter als
der Faden der ersten Blase. Wie lang der noch übrige Theil
des Luftg-anges bis zur Einmündung in den Schlund ist,
kann ich nicht angeben , da derselbe beim Herauspräpariren
durchschnitten war.
Dass diejenigen Forscher , welche sich früher mit der
Anatomie des Zilterwelses beschäftigt haben, die Verbindung
der Schwimmblasen unter einander und mit dem Schlünde
nicht richtig erkannt haben, ist dadurch erklärlich, dass die
dünnen Gänge in den sehr festen, fast lederartigen Häuten
des Peritonaeums eingebettet liegen, und erst zur Anschauung
kommen, wenn man sie aus ihnen herauspräparirt. Dies geht
jedoch leicht an, da sie in ihnen ziemlich frei wie in einer
Scheide liegen, und selbst eine hinreichende Festigkeit besitzen.
Am sichersten gelingt es, wenn man die Präparation von dem
vorderen Ende der zweiten Schwimmblase beginnt.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. III. ¥\g. A. Die Schwimmblasen von Carapus inaequilabiatus Valenc.
Fig. B. Die Schwimmblasen von Carapus fasciatus Cuv.
Einiges über die Unterfamilie Optiidiuae.
Von
Dr. J« H. a II p
in Darmstadt.
In der Pariser Sammlung befindet sich eine grosse Zahl
von einem kleinen Fische aus dem Miltelmeere, den Cuvier
in seinem Regne animal Fierasfer dentatus genannt und den
er durch zwei Hakenzähne in jedem Kiefertheile charakteri-
sirt hat.
Da mir das Genus Echiodon des Herrn Thompson
fraglich erschien, und ich vermuthen musste, dass das E. Drum-
mondi identisch mit dem Fierasfer dentalus Cuv. ist, so un-
tersuchte ich sämmlliche Exemplare und fand^ dass diese Art
alle nur mögliche Formeln in der Zahl der Eckzähne dar-
2 2
stellt. Bei kompletten fand ich Eckzähne , die paar-
weise beisammen stehen und einen leeren Raum zwischen
sich haben. Jedes Paar steht so eng aneinander geschlossen
da, dass man ohne Lupe keine Trennung wahrnehmen und
beide leicht für einen nehmen kann. Bei anderen Individuen
zeigten sich, wieesYarrell abbildet, oben zwei Paare, unten
auf jeder Kieferhälfte ein Eckzahn; noch andere besitzen
2^j^oder— — 7 Eckzähne.
Cuvier hat desshalb entweder defekte Exemplare un-
tersucht, oder, was auch möglich ist, 2 Zähne für einen ge-
nommen.
Indem Echiodon Drummondi in allen übrigen Beziehun-
94 Kaupt
gen mit dem Fierasfer dentatus Cuv. übereinstimmt , so ist
anzunehmen, dass Echiodon Drummondi als Synonymum von
letzterem zu betrachten ist; es ist ferner wahrscheinlich, dass
dieser Fisch nur im Mitlelmeere lebt und dass der an der
irischen Küste gefundene — ein verirrtes Exemplar war.
In dem Mitlelmeere lebt ferner der Typus des Genus
Fierasfer, welchen Cuvier irrig für das Ophidium imberbe
von Linne hält , obgleich er in der Note sagt , dass er das
Ophidium imberbe der nordischen Ichthyologen, wie Schö-
nefelds in den Wernerian Tr. T. I. T. 11. Fig. 2 nicht
kenne.
J.n denselben Transactions ist Vol. 1. p. 95. pl. 4. fig. 2
von Montagu unter dem Namen Ophidium imberbe Linn.
ein Fischchen abgebildet, das Yarrell p. 412 copirt hat.
Weder dieser Fisch noch der von Pennant, den Yar-
rell als Vignette p. 414 und S chn eid er in seinem Systeme
pl. 90. flg. l als Ophidium imberbe copirt darstellt, haben die
geringste generische Aehnlichkeit mit dem Fisch, welcher im
Mittelmeere existirt, und zu welchem nach Cuv i er der Gym-
nolus acus Gmel. und der Noiopterus Fontanesi Risso gehört.
Von dieser Art giebt Risso eine kenntliche Abbildung in
seiner Ichthyologie von Nizza Tab. IV. Fig. 11.
Da diese Art auf keinen Fall das Ophidium imberbe
von Linne oder der nordischen Ichthyologen darstellt, so ist
es eine Nothwendigkeit, den vagen Namen imberbe für diese
Art fallen zu lassen und dass man sie Fierasfer acus nennt,
indem diese Speciesbezeichnung die älteste ist.
Vergleicht man Fierasfer acus mit F. dentatus, so wird
man augenblicklich finden, dass beide .nicht generisch ge-
trennt werden können, obgleich sie einige unbedeutende Mo-
difikationen in der Zahnbildung zeigen , die in keine Be-
trachtung kommen können, da sie in allen übrigen Punkten
vollkommen übereinstimmen.
Das nämliche gilt von dem Genus Oxybeles Rieh. Hätte
Sir Richardso n wie Dr. Bleeker Gelegenheit gehabt,
den Ox. Homei mit den zwei Arten des Millelmeeres zu ver-
gleichen, so würden sie sicherlich gefunden haben, dass
Homei zu Fierasfer Cuv. gehört.
In den Caratteri von Rafinesque ist p. 19. No. 45 und
Einiges über die Unterfamilie Ophidinae. 95
PI. XV. Hg. 4 ein Ophidiuin punctatum abgebildet und be-
schrieben, das in die Nähe von dem Oph. imberbe Monlagu,
Yarr. und dem von Pennant abgebildeten gehört.
Da die Beschreibung wie Abbildung höchst mangelhaft
sind, so muss diese Art wieder aufgefunden werden, um sie
mit Sicherheit einzurangiren.
Ebenso kenne ich die Originalbeschreibung des Ophi-
dium Stigma Lay et Benn. und die von Bon aparte in
seinem Cat. meth. erwähnten Oph. Rochei und Broussonnetti
Müll, nicht.
Nach diesem Vorausgeschickten gehe ich zu dieser Un-
terfamilie selbst über.
Unterfamilie Ophidinae.
Gadus ähnliche Formen , die aalähnlich keine Bauch-
flossen haben und deren Rücken- und Afterflosse den Schwanz
ohne Unterbrechung umgeben.
I. Genus Machaerium Richardson.
1) M. siihducens Rieh.
Er. et Terr. p. 72. PI. 44. fig. 1 — 6.
II. Genus Ophidium Linn.
Der. geschuppte Körper zeigt den Anus am Ende des
vorderen Drittels oder an der vorderen Hälfte. Zwei Paar
am Zungenbein angeheftete Bartfäden; die 2 und 2 mit ein-
ander nach der Wuzrel verbunden sind. Schwimmblase.
2) Oph. brevibarbe Cuv.
Regn. an. p. 359. Uebers. p. 468.
An der Spitze der Schnauze ein kurzer herabgeboge-
ner Dorn.
Beschr. Mit starken Zähneiv, geschupptem Hinterkopf
und Operculum und langem spitz zulaufendem Schwanz,
Rücken- wie Afterflosse schwarz gesäumt.
Länge 200 Mm., wovon der Schwanz 128 wegnimmt.
Brasilien, ?ganz Süd-Amerika.
3) Oph. brasiliense Valenc. Par. Mus.
Mit kurzen Bartfäden, die nicht zur Brust reichen. Zähne
96 Kaup:
stärker als bei einem barbatum von doppelter Länge. Nur
die Rückenflosse schwarz begrenzt.
4) Oph. Vasalli Risso.
Hist. nat. p. 212. chrysocephalum Raf. p. 19. N. 46.
Occiput und Operculum mit Spuren von Schuppen. Die
4 Bartfäden von gleicher Länge. Ohne schwarze Säume
an der Rücken- und Afterflosse. Mittelmeer.
5) Oph, barbatum Linn.
Bloch 159. fig. 1. Yarr. p. 415. 0. physocephalum Raf.
No. 45.
Die zwei vorderen Bartfäden kürzer. Fleischfarbig mit
schwarz eingefassler Rücken - und Analflosse. Ohne Schup-
pen auf dem Operculum.
6) Oph. marginatum Dekay.
New-York Fn. PI. 52. No. 169.
Grau mit seitlich dunklen Längsslreifen. Analflosse am
Anfange mit weisser , am Ende wie die Rückenflosse mit
schwarzer Borde. Zeigt nach Dekay Aehnlichkeit mit den
Gadidae, namentlich mit Brotula. Die Fischer nennen ihn
desshalb den kleinen Cusk. ,
111. Genus Cep olophis Kp.
Gleichen den vorigen, haben jedoch weder Schuppen noch
Bartfäden. Anus an der vorderen Hälfte des Körpers. Sie
unterscheiden sich von Fierasfer Cuv, , dass der Anus nicht
wie bei diesen am Brustbeine steht, und dass die Vomer-
zähne nicht vorspringen , sondern am Grunde des Gaumens
liegen; auch ist der Körper weniger degenartig verlängert,
ö Kiemenhaulstrahlen.
7) C. mridis Kp.
Oph. viride Fabr. Fn. groenl. p. 141. No. 99.
GmeL 1147. No. 3.
Anus fast am Ende des ersten Drittels des Körpers. Der
mehr ovale Kopf geht 6 — 7mal in die Totallänge. Die Dor-
salflosse beginnt am Ende der Brustflossen und der Schwanz
endigt in eine ziemlich stumpfe Spitze.
Farbe grün mit unzähligen feinen dunkeln Punkten, nur
mit der Lupe zu erkennen.
JEiniges über die Unterfamilie Ophidinae. 97
Totallänge 148 ; bis zum Anus 53, zum Anfange der Rük-
kenflosse3l. Länge des Kopfes von der Schnauze zur Spitze
des Kiemendeckels 22 Mm.
P. 11. D. 87. A. 68. C. 10.
Ein Exemplar durch Professor Reinhardt in der Pa-
riser Sammlung.
83 C. Montacfui Kp.
? Oph. imberbe Linn. No. 2. Gmel. 1147.
Montagu Wern. Mem. Vol. I. p. 95. pl. 4. fig. 2.
Yarr. p. 412.
Länge etwa 3 Zoll. Kopf rund, kurz und stumpf. Die
Dorsalllosse beginnt über der Wurzel der Brustflosse. Anus
fast in der Mitte des Körpers. Purpurbraun, längs der Basis
der Anaiflosse gegen 10 mit der Lupe sichtbare bläulich
weisse regelmässig gestellte Fleckchen, die wahrscheinlich
ein Zeichen der Jugend sind. Brustflosse blass, Schwanz-
flosse schwärzlich.
P. 11. D. 77. A. 44. C. 18 oder 20. Nach Montagu.
Ich habe, wie bereits bemerkt, diese Art nicht gesehen
und die Gattungscharaktere nach viridis formulirt.
IV. Genus Fierasfcr Cuv.
Oxybeles Rieh. Bleeker. Echiodon Thomps. Yarr.
Anus auf dem Brustbein. Vomer vorn am Gaumen hök-
kerarlig vorspringend, mit stumpfen oder seitlich comprimir-
ten Zähnchen in Terrassenform. 7 Kiemenstrahlen , keine
Schuppen.
9) Fierasfer acus Kp.
Fierasfer massiliensibus Brunnich. 13. No. 24.
Gymnotus acus Gmel. 1140. No. 9.
Nolopterus Fontanessi Riss. Ichth. d. Nice p. 82.
tab. IV. flg. 11.
Ophid. fierasfer Riss. Hist. nat. III. p. 212.
Oph. fulvescens Raf. Car. p. 38. No. 282.
Fierasfer Fortanessi Cost. Fn. Nap. t. 20 (bis)
Fierasfer imberbis Cuv. Regn. an.
Swains. Fish. fig. 77 et 130a.
Mit sehr schlankem Körper, der in einen langen spitz
Archiv f. Naturgesch. XXII. Jahrg. 1. Bd. 7
98 Kaup:
zulaufenden Schwanz ausläuft. Unter der Seitenlinie, soweit
die Eingeweide reichen, gegen 15 Silber- oder Goklflecken;
einzelne mit schwarzen Tüpfeln. Arn Kopfe und Seilen bis
zum Schwanzende schwarze Tüpfel und Punkte, die auf dem
Rücken zuweilen schwärzliche zackige Querbindchen bilden.
Auf dem Zwischenkiefer nach vorn 2 Reihen hakenförmige
Zähnchen , die nach dem Mundwinkel mehr glassandartige
stumpfe Reihen bilden. Auf dem in die Länge gezogenen
Vorsprunge des Vomers ein Haufen spitzer Zähnchen, wovon
die mittelste Reihe die längsten enthält; sie sind seitlich we-
nig comprimirt, mehr rund und an der Spitze schwach ge-
krümmt. Die Gaumenbeine mit glassandartigen Zähnchen. Am
Unterkiefer mehrere Reihen kurzer Zähnchen, Avovon die äus-
sere die längsten enthält.
Risso sagt, dass die Zunge rauh sei, was nur vom
hinteren Theile, wo die Kicmenbögen beginnen, richtig ist;
auch beschreibt er irrig das Praeoperculum als gezahnt, was
auf einer Täuschung beruht, indem zuweilen auf diesem eine
silberfarbige zackige Zeichnung sichtbar ist.
Die Eingeweide liegen in einem brillant silberglänzenden
Sack mit kleinen schwarzen Ringpunkten, die öfters durch die
Rauchhaut durchleuchten.
Totallänge 195. Kopf bis zur Spitze des Kiemendeckels 26,
bis zum Anus 22, bis zur Rückenflosse 43. Länge der Brust-
flosse I2V2.
F. 18. D. 140. A. 170 (Risso).
10) Fierasfer dentatus Cuv.
Regn. anim. Tom. U.
Echiodon DrummondiThomps. Proc. zool. Soc. 1837.
p. 55. Trans. VoL 11. PI. III. p. 207. pl. 38. Yarr.
Br. F. Tom. II. p. 417 mit 2 Fig.
Mit zwei Paar Hakenzähnen im Ober- wie Unterkiefer.
Die übrigen Zähne sind stumpf und gleichen aufgestreutem
Glassande. Der Anus liegt unter der Mitte der Brustflossen-
länge und die Rückenflosse beginnt ein wenig weiter nach
dem Kopfe hin. Färbung rölhlich ; Seiten getüpfelt; der hin-
tere Theil der Flossen wie der Schwanz schwärzlich. Iris,
Operculum und Bauch glänzend silberfarbig.
Einiges über die Unlerfamilie Ophidinae. 99
Das irländische Exemplar war 11 Zoll lang, eine Grösse,
die ich an keinem Exemplare des Mittelmeeres gesehen habe.
D. 180. A. 180. Caud. 12. P. 16 (nach Thompson).
1 1) Fierasfer Homei Kaup.
Oxybelus Homei Rieh. Er. etTerr. pl. 44. fig. 7—19.
Oxybelus ßrandesi Bleeker N. Tyd. v. N. Ind. 1850
p. 43.
Die grossen Zähne des Vomers auf der mittleren Reihe
seitlich compriiiiirt und unter sich zusammenhängend. Die
äussere Zahnreihe des Unterkiefers länger als die übrigen.
An der Symphyse des Zvvischenkiefers 2 grössere Zähnchen.
Gleicht mehr dem acus als dem dentatus, allein hat einen
stumpferen Kopf und seine Länge geht in die Totallänge öy^^na],
während sie bei acus mehr als 7mal hineingeht, lieber Rük-
ken und Seiten feine Punkte, die am Rücken am dicksten.
Der silberglänzende Sack der Eingeweide mit mehr zer-
streuten Ringpunkten. Unter der Seitenlinie an 15 Silberflecken,
die wie bei acus gegen die Brustflosse einen Goldschein zu^
weilen haben.
Insel Guam (durch Quoy et Gaim.), Martinique (durch
Pichard), Insel ßourbon, Banda-neira (Bleeker),
Timor u. Australien (Richardson). Brit. und Pa-
riser Museum.
12) Fierasfer borabor ensis Kp.
Die Länge des Kopfes geht 10 — 11 mal in die Total-
länge. Auf dem Vomer eine runde Gruppe grösserer Zähne.
Eine der grössten.
Totallänge 330. Von der Schnauze zur Kiemenspalte
und Anus 31. Brustflosse 9 Mm. lang.
Von Bora-bora durch Less. u. Garn. Par. Mus.
13) Fierasfer parvipinnis Kp.
Eine hässliche Form mit stumpfem Kopfe, der oben
flach und an den Seiten der Wangen angeschwollen ist.
Brustflosse sehr klein; Analflosse niedrig, am niedrigsten die
Rückenflosse. Der Kopf geht in die Totallänge Qmal.
Auf dem kurzen vorspringenden Vomer terrassenförmig
aufsteigende Zahnreihen , die seitlich nicht comprimirt sind.
iöO Eaup: Einiges über die Unterfamilie Ophidinae.
Die übrigen zahnlragenden Knochen mit 2 — 3 Reihen , die
nichts ausgezeichnetes darbieten. Tolallänge 270, Kopf 30,
Brustflosse nur 7Mm. lang. Gelblich fleischfarbig mit dunk-
leren Punkten.
Hafen Carterot, Neu-Irland durch Quoy et Gaim.
V. Genus Encheliophis J. Müll.
Keine Brustflossen ; Anus hinter der Kiemenhaut, die 6
Strahlen besitzt.
14) E. vermicularis J. Müll.
Monatsbericht d. Acad. zu Berl. 1842. p. 205.
Vier Zoll lang, nach dem Schwänze hin spitz zu-
laufend.
Carciiiolog^ische Beiträg^e.
Von
Dr* A» Oersiaecker«
Hierzu Taf.IV-VI.
Die folgenden Notizen über eine Anzahl Malacostraceen
verdanken zunächst ihre Entstehung der Bearbeitung der
carcinologischen Sammlung des Berliner Zoologischen Mu-
seums, mit welcher der Verf. seit einigen Jahren unter An-
derem beschäftigt ist. Für die systematische Kenntniss der
Crustaceen ist diese Sammlung in sofern von besonderem
Interesse, als sie die von Herbst beschriebenen und abge-
bildeten Arten in dessen Original-Exemplaren besitzt und da-
her über manche von späteren Autoren unrichtig oder gar
nicht erkannte Art den besten Aufschluss geben kann. Ein
solcher ist hier für eine Beihe der von Herbst beschrie-
benen Malacostraceen und besonders von Brachyuren, die den
grössten Theil seiner Sammlung ausmachten, gegeben w^or-
den: freilich bei weitem nicht von allen, die z.B. in Milne
Edwards Histoire naturelle des Crustaces als zweifel-
haft oder nicht zu entziffern aufgeführt werden. Der Grund
hiervon ist ein zwiefacher: erstens sind bei weitem nicht
alle von Herbst beschriebene Arten in ihren typischen
Exemplaren mehr vorhanden und zweitens stellten sich bei
dem Versuche, manche derselben, besonders jüngere Exem-
plare, auf die Arten der neueren Autoren zurückzuführen, oft
Zweifel entgegen, die bei den oft sehr aphoristischen und un-
genauen Beschreibungen der letzteren nicht so leicht zu besei-
102 Gerstaecker:
tigen waren. In letzterer Beziehung schien es daher oft gera-
thener, einem etwaigen Missgriffe das Belassen beim Alten vor-
zuziehen. Da jedoch in dem hier gegebenen Beitrage gerade
die interessanteren Formen näher berüclisichtigt und aufge-
klärt worden sind, so wird er den Systematikern gewiss nicht
ganz unwillkommen sein. — Da sich bei Bestimmung der
hiesigen Crustaceen-Sammlung auch mehrere noch unbeschrie-
bene Formen vorfanden , so sah sich der Verf. veranlasst,
auch deren Bekanntmachung hier beizufügen und wählte dazu
besonders solche aus, die sich als Verbindungsglieder ver-
schiedener Gruppen innerhalb einer Familie oder Gattung her-
ausstellten und somit gleichsam systematische Lücken aus-
füllten. Endlich fand sich auch noch mehrfach Gelegenheit,
diese oder jene Art nach den Verschiedenheiten, welche Ge-
schlecht und Altersstufen bedingen, zu betrachten und den
Nachweis einer hierdurch hervorgerufenen Vervielfältigung
der Arten zu liefern. In dieser Beziehung ist der Kritik in
der Carcinologie noch ein weites Feld eröffnet und es kann
nicht genug auf die Nothwendigkeit hingewiesen werden,
die an einer bestimmten Lokalität sich vorfindenden Arten
nach grösseren Reihen von Exemplaren festzustellen. Erst
dann wird sich zur Genüge zeigen, wie viele der neuerdings
aufgestellten Arten als Abänderungen einer längst bekannten
anzusehen sind.
Farn. 0:Kyi*rliynclia Latr. Edvv.
Peloplasiiis nov. gen.
(Taf. I.)
Eine sehr ausgezeichnete neue Brachyuren-Form, wel-
che durch den allgemeinen Bau des Körpers, die Mundtheile
und die Form des Abdomen mit der Gattung Doclea Leach
in nächster Verwandtschaft steht , sich aber durch die nie-
dergedrückte Schale und die abgeplatteten, breiten Beine auf-
fallend genug von dieser unterscheidet. Der Körper ist ver-
kehrt herzförmig, breiter als lang, flachgedrückt; die Ober-
fläche der Schale ist uneben, mit ziemlich bestimmt abge-
grenzten Gegenden j von welchen besonders die Regiones
Carcinologische Beiträge. 103
branchiales durch beträchtlichere Wölbung hervortreten. Die
Magen- und Herzgegend bilden zwei hintereinander liegende
Vierecke, die sich mit ihren Spitzen berühren. Die Grenzen
der einzelnen Gegenden sind durch zahlreiche körnige Tu-
berkeln, nach vorn hin durch scharfe, kurze Dornen bezeich-
net. Die Seitenränder der Schale sind flach ausgebreitet und
treten seitlich vor den Kiemengegenden hervor; sie erschei-
nen in ihrer hinteren Hälfte wellenförmig gebogen. Die Au-
genhöhlen sind nach aussen von einem breiten, scharfen, mit
der Spitze nach innen gebogenen Zahn begrenzt, ihr oberer
und unterer Rand tief eingeschnilten. Die Stirn ist trapezoidal,
fast doppelt so breit als lang, nach vorn verengt und an der
Spitze mit zwei kurzen, breiten und stumpfen Zähnen bewaff-
net, welche in der Mitte klaffen. Die Augenstiele sind an
der Aussenseite der Stirn in einer Aushöhlung eingelenkt,
kurz; die Cornea nimmt fast ihre ganze untere, vordere und
hintere Wölbung ein. Die äusseren Fühler (Fig. 2 a) sind
auf dem vorderen Theile der Stirn, aussen an der Basis der
beiden Zähne eingelenkt ; sie sind sehr kurz und erreichen
kaum die Hälfte der Länge jener Zähne. Ihr erstes Glied
ist quer, mit der Stirn verwachsen, das zweite dick, etwas
abgeflacht, um die Hälfte länger als breit, das dritte nur
halb so breit und auch nur halb so lang als das zweite, die
Geissei dreigliedrig, sehr kurz. Die inneren Fühler (Fig. 2 &)
sind an der unteren Seite der Stirn in einer viereckigen Ver-
tiefung eingelenkt und an der Basis durch einen |pilzen,
dreieckigen, gekiellen Zahn von einander geschieden; sie be-
stehen aus zwei fast gleich langen , cylindrischen Basalglie-
dern und einer sehr kurzen Geissei. — Die Mundöffnung ist
viereckig, vorn gerundet; der Vorderrand derselben tritt in
der Mitte mit einem stumpfen Winkel nach hinten heraus.
Das erste Glied der äusseren Kieferfüsse hat fast die Form
eines Parallelogramms und ist nicht ganz doppelt so lang
als breit; sein Innenwinkel tritt nach vorn gerundet hervor.
Das zweite Glied (Fig. 2 c) ist quer, nach hinten und innen
schräg abgeschnitten, am Vorderrande mit einem rundlichen
Vorsprunge, an dessen Innenseite das dritte, kleine, quer
viereckige Glied eingelenkt ist ; die Geissei besteht aus zwei
gleich langen Gliedern, von denen das letzte scharf zuge-
104 Gerstaecker:
spitzt ist. — Jederseits von der Mundöffnung zieht sich eine
mit Dornen bewaff'nete, geschwungene Linie quer gegen den
Vorderrand der Kiemengegenden hin. Der Hinterleib des
Weibchens (welches allein vorliegt) ist kreisrund und bedeckt
die ganze Sternalgegend; er besteht aus sieben vollständig
getrennten Ringen , welche vom ersten bis zum sechsten an
Länge zunehmen; der letzte Ring ist etwas liürzer als der
vorhergehende und vorn in regelmässigem Bogen gerundet.
Ueber die Mitte der fünf hinteren Ringe verläuft je eine wul-
stige 0"erleiste, welche gegen die Seiten hin allmählich un-
deutlicher wird. — Die Beine sind langgestreckt und in allen
ihren einzelnen Theilen flachgedrückt. Die Schenkel des
zweiten bis vierten Paares sind beträchtlich länger als die
des ersten und fünften; die des zweiten und vierten fast von
gleicher Länge, und durch den des dritten nur um ein We-
niges übertroffen; der des fünften Paares fast nur halb so
lang als der des dritten und zugleich nur halb so breit als
an den vorhergehenden. Die Tibien und Tarsen zusammenge-
nommen sind am zweiten und dritten Fusspaare fast gleich
lang, am vierten schon beträchtlich kürzer, am fünften sehr
kurz , nämlich kaum um die Hälfte länger als der entspre-
chende Schenkel und wie dieser sehr schmal. Das Endglied
aller Tarsen ist sehr scharf zugespitzt und dreikantig, auf der
inneren oberen Fläche mit einer Längsfurche. Die Schee-
ren sind verhältnissmässig kurz (beim Männchen, nach der
Analogie zu schliessen , vermuthlich bedeutend länger); ihr
Schenkel ist Sy,«^^! kürzer als der des dritten Fusspaares,
dreikantig, mit einer unteren, inneren und äusseren Fläche;
die Tibia ist halb so lang als der Schenkel, der Carpus we-
nig länger und die Scheeren selbst so lang als Tibia und
Carpus zusammengenommen. Letztere sind schmal , in glei-
chem Sinne gebogen , spitz , ihr Innenrand gezähnelt. Alle
Schenkel sind längs des Vorder- und Hinterrandes mit zahl-
reichen, kurzen Dornen besetzt; vier Längsreihen solcher
Dornen finden sich auf der Tibia und dem Carpus der
Scheeren.
Von Doclea unterscheidet sich unsere Gattung, abgese-
hen von der niedergedrückten, flach ausgebreiteten Form des
Cephalothorax, durch die kurz abgestutzte Stirn, welche das
Carcinolngischc Beiträge. 105
Niveau der Augenhöhlen nicht weit überragt, durch den grös-
seren Umfang und den tiefen Einschnitt des Hinterrandes der
letzteren, durch die Längenverhällnisse der äusseren Fühler
und endlich durch die breiten, plattgedrückten Beine, wie
sie bei keiner der bis jetzt bekannten Gattungen aus der
Gruppe Macropodinae Milne Edwards vorkommen.
Die Gattung ist auf ein einzelnes weibliches Exemplar,
welches dem Berliner Museum als aus den Asiatischen Meeren
stammend von Pallas übergeben wurde, gegründet ; die
Art, durch Grösse und Gestalt sehr ausgezeichnet, scheint,
da sie bisher noch nicht beschrieben ist, zu den Seltenhei-
ten zu gehören; ich nenne sie nach dem Entdecker:
Peloplastus Pallasii,
(Taf. I. Fig. 1).
Die Schale ist ^% Zoll breit und S% Zoll lang ; der
vordere Theil an der Basis der beiden Augenhöhlen misst in
der Breite 1 Zoll 8 Linien, die Basis der Stirn 10 Linien,
die Breite der Schale am Vorderrande der Kiemengegenden
3 Zoll. Die Farbe des ganzen Thieres ist matt lehmgelb,
der Cephalothorax am Rande und an einzelnen Stellen der
Oberfläche hell rolhbraun. Letztere ist mit zerstreuten Körn-
chen bedeckt, welche sich besonders an der hinteren Grenze
der Kiemen - und Herzgegend anhäufen und sich überhaupt
an den Grenzen der eingclnen Gegenden zu grösserer Dich-
tigkeit ansammeln; ebenso zeigen sie sich am Hinterrande
der Schale und an den Seitenrändern der Stirn. Der vordere
Theil der Seitenränder der Schale so wie die Kiemengegen-
den sind mit starken und spitzen Dornen besetzt; fünf solche,
obwohl kleinere, finden sich auch auf einem hervortretenden
Wulst an der Basis der Augenhöhlenzähne. Die beiden Zähne
der Stirn bilden fast gleichseitige Dreiecke mit abgestumpf-
ter Spitze. Die Schenkel des Scheerenfusspaares messen
j/v 2///j Tibia und Carpus zusammen 1" 1"', die Scheere
selbst 1" 2'". Die Schenkel der übrigen Fusspaare bieten
folgende Längenverhältnisse dar: am zweiten 2" 6'", am
dritten 2'' 7'", am vierten 2" 5'", am fünften 1" 5'"; wäh-
rend die grössle Breite derselben am zweiten bis vierten
Paare 8'" beträgt, misst sie am fünften nur 4'^'. Alle Sehen-
106 Gerstaecker:
kel sind oben vom Hinterrande bis fast zur Mitte und am Vor-
derrande mit zahlreichen, kurzen Dornen besetzt, auf der
Unterseite ganz glatt; an den Schienen ist nur der Hinter-
rand mit einer doppelten Längsreihe von Körnchen bedeckt,
die beiden Tarsenglieder dagegen fast ghil
Micippe Leach.
Mi Ine Edwards hat (Hist. natur. des Crustaces I.
S. 329 ff.) von der Gattung Micippe Leach zwei Arten als be-
sondere Gattungen abgesondert, indem er auf den Cancer su-
perciliosus Herbst seine Galtung Criocarcinus und auf Micippe
platipes Rüppell seine Gattung Paramicippe gründete. So sehr
auch, wenigstens die erstere (Criocarcinus) durch ihre aben-
teuerliche Form eine solche Abtrennung auf den ersten Blick
zu rechtfertigen scheint, so ergiebt sich doch bei genauerem
Vergleiche der bis jetzt bekannt gewordenen Micippe- Arten
sehr entschieden, dass die von Milne Edwards aufge-
stellten generischen Merkmale keineswegs stichhaltig sind und
sich auf specifische reduciren lassen. Die Galtung Paramicippe
soll sich nämlich nach Milne Edwards von Micippe sens.
strict. durch sehr kurze Beine, durch die Form des zweiten
Gliedes der äusseren Fühler und durch die Bildung der Au-
genhöhlen unterscheiden. Was nun den ersten Charakter be-
trifft, so vereinigt Miln e Edwards gerade im Widerspruche
mit diesem die Micippe (Cancer) cristata Linn. mit der Mi-
cippe philyra Herbst zu einer Gattung, während doch die er-
slere beträchtlich lange, die zweite äusserst kurze Beine hat.
Sollte also der Charakter von generischer Bedeutung sein, so
müsste mindestens Micippe philyra Herbst zur Gattung Para-
micippe gezogen werden. Den zweiten ünterscheidungscha-
rakter der beiden Gattungen , die Form des zweiten Gliedes
der äusseren Fühler betreffend , so soll dieses bei Parami-
cippe kurz, dreieckig und flachgedrückt sein; bei Micippe
wird seine Bildung nicht weiter von Milne Edwards in
Betracht gezogen. Vergleichen wir jedoch in Bezug hier-
auf die beiden vom Verf. unter Micippe vereinigten Arten,
so finden wir, dass das genannte Fühlerglied bei M. cristata
durchaus cylindrisch und schmal, bei M. philyra dagegen
kaum länger als breit, flach und schuppe nförmig ist. Es
Carcinologische Beiträge. l07
würde daher Micippe philyra Herbsl auch in dieser Hinsicht
zur Gallung- Paramicippe Edvv. gehören. Stimmen nun end-
lich die beiden erwähnten Arten im dritten von Milne Ed-
wards herangezogenen Ciiarakter^ nämlich in der Bildung
der Augenhöhlen überein? Keineswegs; bei M. philyra sind sie
nämlich allseitig geschlossen, so dass die kurzen Augen-
stiele ganz in denselben eingebettet liegen , bei M. cristata
dagegen sind sie unten offen, so dass die langen Augen-
stieie nach unten frei heraustreten können. Wenn nun Mi-
cippe philyra Herbst auf Grund der beiden ersten Charaktere
zu Paramicippe gezogen werden müsste, so würde sie sich
durch den letzleren wieder davon ganz entfernen, denn bei
dieser Gattung, giebt Milne Edwards an, können die Au-
gen nicht in die Augenhöhlen zurückgeschlagen werden; dass
die Augenstiele hier übrigens unbeweglich sein sollen, beruht
ohne Zweifel auf einem Irrthume.
Aus den angegebenen Verhältnissen geht deutlich her-
vor, dass, wenn Paramicippe von Micippe generisch verschie-
den sein soll, auch die beiden von Milne Edwards unter
Micippe vereinigten Arten eine gleiche Trennung erleiden
müssen. Eine solche scheint mir jedoch keineswegs gerecht-
fertigt, wenn man nicht der heutzutage allerdings sehr in Auf-
nahme gekommenen Zersplilterungssucht , bei der die Wis-
senschaft keinen Gewinn haben kann, folgen will; vielmehr
glaube ich alle von Milne Edwards aus der Gattung Mi-
cippe (im Leach'schen Sinne) entfernten Arten wieder dar-
unter vereinigen zu müssen, indem sich bei genauerem Ver-
gleiche derselben herausstellt, dass die zur Aufstellung von
Gattungen benutzten Kennzeichen sich nicht nur in den ver-
schiedensten Combinationen bei ihnen vorfinden, sondern auch
allmählich in einander übergehen. Die Arten, welche mir zu
diesem Nachweise vorliegen , sind : Micippe cristata Lin.,
philyra Herbst, superciliosa Herbst (Gattung CriocarcinusEdw.),
Thalia Herbst und eine neue Art aus dem rothen Meere, die
weiter unten als M. miliaris beschrieben werden soll. Es
ist zuvörderst zu bemerken , dass alle diese Arten nicht nur
im Habitus, sondern auch in den auffälligsten Merkmalen,
wie besonders in der sehr eigenthümlichen und ganz verein-
zelt dastehenden Bildung der Slirn , in den Mundlheilen bis
108 Gerstaecker:
ins kleinste Detail , in der Insertion der Fühler und Augen,
und endlich in der Bildung des Hinterleibes bei beiden Ge-
schlechtern die vollkommenste Uebereinstimmung zeigen. Was
nun 1) die Form des zweiten Gliedes der äusseren Fühler
betrifft^ so ist dasselbe bei Cancer superciliosus Herbst sehr
lang, dünn und cylindrisch, bei Cancer Thalia Herbst, crista-
tus Linn. und Micippe miliaris nob. schon beträchtlich kürzer,
etwas flachgedrückt und gegen die Spitze hin leicht erwei-
tert, bei Cancer philyra Herbst endlich ganz kurz, breit und
vollkommen flach. Bei Paramicippe Edw. soll es nach sei-
ner Angabe ebenfalls ganz kurz dreieckig oder herzförmig
sein; die üebergänge von der einen Form zu der anderen
sind hiermit also gegeben und der aus den Fühlern herge-
nommene Charakter mithin ohne generischen Werlh. 2) ist
die Bildung der Augenhöhle in allen fünf Arten ihrem We-
sen nach genau dieselbe; die aussergewöhnliche Entwicke-
lung derselben bei Criocarcinus Edw. fällt allerdings beim
ersten Anblick sehr auf, stellt sich jedoch bei Vergleich mit
den übrigen Arten doch nur als eine specifische Eigenthüm-
lichkeit heraus. Bei allen fünf Arten sind nämlich die Augen-
höhlen von der Basis der Stirn schräg nach vorn und aus-
sen gerichtet und vom Seilenrand der Schale durch einen
tiefen Einschnitt getrennt; sie sind oben , vorn und hinten
mit einem kleineren oder grösseren Zahne besetzt, zwischen
welchen die Vertiefung, aus welcher die Augenstiele ent-
springen , liegt. Zum Einlegen der letzteren sind die Vor-
derecken der Schale unterhalb ausgehöhlt und diese Aushöh-
lung erstreckt sich bei allen Arten bis zu dem ersten tiefen
Einschnitte am Seitenrande der Schale, welcher durch einen
grossen Zahn gebildet wird. Die Länge dieser Aushöhlung
richtet sich natürlich nach der jedesmaligen der Augenstiele,
welche bei Micippe philyra Herbst und miliaris nob. kurz,
bei M. cristata Linn. von mittlerer Länge und bei M. Thalia
und superciliosa Herbst sehr lang sind. Vergleicht man nun
die Gruppen, welche diese Arten nach der Bildung der Füh-
ler, mit denen, welche sie nach der Augenhöhlenbildung ab-
geben, so sieht man leicht, dass beide keineswegs mit ein-
ander correspondiren. Den besten Beweis geben hierfür M.
Thalia und superciliosus , diö. sich durch die Augenhöhlen
Carcinologische Beiträge. 109
einanger nähern, während sie sich durch die Fühler von
einander entfernen. Will man also nicht jede einzelne Art
zu einer Galtung erheben , so muss man sie alle vereinigt
lassen.
Neben der oben, erwähnten neuen Art aus dem rolhen
Meere lasse ich hier auch eine Beschreibung des noch we-
nig gekannten Cancer Thalia Herbst, welche Milne Ed-
wards muthmasslich zu Paramicippe bringt, folgen:
1. Micippe Thalia.
Cancer Thalia Herbst, Naturgeschichte der Krabben und
Krebse. Taf. 58. Fig. 3.
Das einzige weibliche Exemplar der Herbst'schen
Sammlung, welches aus Oslindien stammt, misstvon der Spitze
der Stirnhörner bis zu den beiden Dornen des Hinterrandes
der Schale 18 Linien, in der grössten Breite 12 Linien. Die
Stirn ist etwas weniger stark geneigt als bei den übrigen Ar-
ten und theilt sich in zwei seitlich divergirende, scharf zu-
gespitzte und leicht nach hinten gewandle Hörner. Die drei
Zähne der Augenhöhle sind sehr kurz und undeutlich, stumpf,
knopfarlig. Unmittelbar hinter derselben ist der Seitenrand
der Schale mit drei Zähnen bewaffnet , von denen der erste
sehr schmal, stielförmig, der zweite sehr gross, zugespitzt,
mit breiter Basis, der dritte nach der Seite und zugleich
etwas rückwärts gewandt und stumpf ist. Ausserdem ist der
Seitenrand der Schale noch am Ende der Kiemengegenden
mit einem langen, slielförmigen, rückwärts gewandten Zahne
besetzt; vor diesem stehen zwei kleinere, hinter ihm noch
vier von gleicher Grösse, nämlich zwei in der Mitte des Hin-
terrandes dicht bei einander, und einer jederseits in gleicher
Entfernung von diesen und dem grossen Zahne. Die Ober-
fläche der Schale ist sehr uneben , die einzelnen Gegenden
deutlich durch Vertiefungen abgegrenzt und gewölbt, überall
mit Warzenartigen Tuberkeln, welche auf den erhabenen Thei-
len am stärksten ausgeprägt sind, besetzt. Die Beine sind
cylindrisch , das dritte etwa von der Länge der Schale, die
übrigen kürzer. Die Farbe ist blass rosenroth.
1 lO G ers ta ecker:
2. iW^c^ppe miliaris nov. spec.
Das Männchen dieser Art ist 11 Linien lang und 9 Li-
nien breit, das Weibchen 14 Linien lang und 12 Linien breit.
Die Stirn ist bei ersterem schräg abfallend, bei letzterem fast
vertikal herahgesenkt und an der Spitze in zwei divergirende
Zähne gespalten, welche beim Weibchen spitzer und stärker
nach aussen gewandt erscheinen als beim Männchen. Eine
schwache Längsfurche, welche von dem vorderen Einschnitte
der Stirn ausgeht , erstreckt sich fast bis zum Niveau der
Auo^enhöhlen. Die Zähne der Auorenhöhlen sind kurz und
stumpf, der obere noch am deutlichsten ausgeprägt. Die Au-
genstiele sind lang und erreichen fast die Spitze des zweiten
am Seitenrande der Schale befindlichen Zahnes. Das zweite
Glied der äusseren Fühler ist etwa dreimal so lang als breit,
abgeflacht, gegen die Spitze hin leicht erweitert. Hinter den
Augenhöhlen stehen zwei sehr scharfe und grosse, schräg
nach vorn gerichtete Zähne; ihnen folgen zunächst drei
kleine zahnartige, dicht bei einander lieffende Höcker. Hin-
ter diesen erweitert sich die Schale merklich und zeigt fünf
spitze Zähne , von denen die beiden vordersten näher an
einander liegen, die übrigen durch grössere Zwischenräume
getrennt sind; sie erscheinen bis auf den letzten, der zugleich
länger und nach hinten gerichtet ist, spitz. Die Oberfläche
ist massig gewölbt und bietet ausser zwei tiefen Gruben zur
Seite der Magengegend keine auffälligen Unebenheiten dar;
sie ist überall mit gedrängten, hirsekornarligen Granulationen
bedeckt und mit gelbem Toment bekleidet. Die Beine sind
kurz, cylindrisch, dicht tomentirt; das zweite Paar am läng-
sten und etwa der Länge des Cephalolhorax gleichkommend.
Parainitlirax Milne Edwards.
Zu dieser Gattung stellt Milne Edwards (Hist. nat.
d. Crust. L p. 325) fraglicher Weise den ihm unbekannten
Cancer ursus Herbst (Naturgesch. d. Krabben und Krebse L
S. 217. Taf. 14. Fig. 86). Eine nähere Untersuchung des
Herbst'schen Original -Exemplars hat mich von der Rich-
tigkeit dieser Stellung überführt; die Art gehört der zweiten
Abtheilung der Gattung an, welche sich dadurch charakte-
Carcinologische Beiträge. 111
risirt, dass die Augenhöhlen auf der Unterseite nur einen
Einschnitt zeigen, und dass die Augen beim Zurüclischlagen
den äusseren Winkel derselben erreichen. — Bell hat (Trans-
act. of the zoolog. society of London. Vol. II. p. 52. Taf. 10.
Fig. 2 u. 3) unter dem Namen Mithrax ursus eine Art von
den Gallopagos- Inseln beschrieben und abgebildet, unter
welcher er den Cancer ursus Herbst als Synonym citirt. Es
ist aber bei Vergleich der H erbst'schen Art mit der BelT-
schen Abbildung leicht ersichtlich, dass beide weder der Art
noch der Gattung nach identisch sind , wovon sich übrigens
Bell schon aus der Herbst'schen Figur halle überzeugen
können. So unvollkommen dieselbe auch ist, so giebt sie
doch die Eigenthümlichkeilen der Art sowohl in der allge-
meinen Körperform als in der Struktur der Schalen - Ober-
fläche durchaus charakteristisch wieder und die Unterschiede
von der ßell'schen Abbildung sind so auffallend, dass das
Zusammenziehen beider von Seiten des Letzteren kaum zu
begreifen ist. Zur näheren Charakteristik der Herbst'schen
Art mag folgende ergänzende Beschreibung dienen:
Paramithrax ursus.
Cancer ursus Herbst, Naturgeschichte u. s. w. I. S. 217.
Taf. 14. Fig. -86.
Der Cephalothorax ist IV^ Zoll lang und bei den Kie-
mengegenden i^n Zoll breit und hat einen birnförmigen Um-
riss, das schmale Ende nach vorn gekehrt. Die Stirn ist
mit zwei divergirenden, ziemlich kurzen und breiten Hörnern
bewehrt, welche sich zwar nach vorn etwas verschmälern, am
Ende aber breit abgestutzt erscheinen. Der obere Augenhöhlen-
rand zeigt nach hinten zwei Zähne, von denen der hintere
etwas länger und schärfer ist als der vordere. Unmittelbar
hinter der Augenhöhle ist der Seilenrand der Schale mit
einem sehr grossen und breiten, schräg nach vorn gerichte-
ten Zahne bewaffnet, welcher in gleichem Niveau mit dem
letzten Zahne der Augenhöhle endigt. Ausserdem finden sich
drei Zähne an den Seilenlheilen der Regio gastrica und
ebenso viele am vorderen Theile der Regiones branchiales; von
diesen drei Zähnen ist jedesmal der vorderste grösser als
112 Gei'staecker:
die beiden folgenden. Die Oberfläche ist, besonders auf der
Regio gastrica, stark bucklig gewölbt und überall mit grös-
seren und kleineren runden, warzenartigen Tuberkeln be-
deckt; die grössten unter ihnen liegen auf der Grenze zwi-
schen der Regio gastrica und den Regiones branchiales,
ausserdem ein durch Grösse bemerkbarer dicht innerhalb der
drei Zähne der ersteren Gegend. Die Schenkel des ersten
(Scheeren-) Fusspaares sind dreikantig und auf der obe-
ren Kante mit vier Zähnen bewaffnet , die nach vorn an
Grösse und Schärfe zunehmen. Im üebrigen sind die Schee-
ren, einen oder zwei stumpfe Zähne am Hinterrande der Ti-
bia ausgenommen, glatt, die Schneiden der Scheere selbst
zugespitzt. Die hinteren Fusspaare sind zottig behaart, fast
drehrund , die Tibien kurz , nach vorn dreieckig erweitert,
oben der Länge nach gefurcht. — Das vorliegende einzige
Exemplar ist ..ein Weibchen und stammt nach Herbst aus
der Südsee.
Obwohl die Herb st'sche und B ell'sche Art, wie schon
oben erwähnt, zwei verschiedenen Gattungen angehören,
möchte es dennoch bei der nahen Verwandtschaft beider
zweckmässig erscheinen, den von Bell angenommenen Art-
namen M. ursus zu ändern; die Art dürfte nach dem Be-
schreiber am besten Mithrax Bellii zu nennen sein.
Otlionia ßell.
Die Gattung Olhonia wurde von Bell (Transact. of the
zoolog. Society of London, Vol. H. p. 55) aufgestellt und dar-
unter zwei Arten, durch Gummi ng von den Gallopagos-
Inseln mitgebracht, unter dem Namen 0. sexdentata und
quinquedentata beschrieben und auf Taf. 12. Fig. 1 u. 2 ab-
gebildet. Die Unterschiede, welche der Verf. zur Auseinan-
derhallung dieser beiden Arten aufstellt, reduciren sich im
Wesentlichen auf zwei Punkte: 1) die Zahl der Zähne am
Seitenrande des Cephalothorax, bei der einen Art sechs, bei
der anderen fünf, und 2) die beträchtlichere oder geringere
Grösse, indem die Länge der Schale bei der einen Art fast
einen Zoll, bei der anderen nicht viel über einen halben Zoll
betragen soll. Das letztere Merkmal kann natürlich gar nicht
in Betracht kommen, da es eben nur verschiedene Allersstu-
Carcinologische Beiträge. 113
fen bezeichnen könnte; aber auch das erste, die Zahl der
Zäline, ist nach drei mir vorliegenden Exemplaren der hie-
sigen Sammlung keineswegs zur Aufstellung zweier Arten
geeignet, indem sie sich 43ei sonstiger vollkommnerer üeber-
einstimtnung der Exemplare als schwankend herausstellt. Zwei
der von mir verglichenen Individuen , die sowohl in der
Grösse als der breileren Form des Cephalothorax viel eher
mit Oth. sexdentata Bell als mit dessen 0. quinquedenlata
übereinstimmen, zeigen nämlich nur fünf Zähne, und es ist
sogar ersichtlich, dass diese nicht einmal an den beiden
Seiten eines und desselben Individuums ganz übereinstimmend
gebildet sind. Auch ihre Form scheint einigen Schwankun-
gen und Veränderungen nach dem Alter unterworfen zu sein,
denn bei grösseren Exemplaren sind sie mehr spitz und ge-
krümmt, bei kleineren dagegen stumpferund breiter. Ich kann
daher nach der Veränderlichkeit der mir vorliegenden Exem-
plare auch Othonia sexdentata und quinquedenlata Bell nur
für verschiedene Altersstufen und Abänderungen einer und
derselben Art halten, wofür übrigens schon das Vorkommen
an einer und derselben Lokalität spricht. — In Betreff des
dafür zu wählenden Namens ist hier die Entscheidung leicht,
da die Art keineswegs neu, sondern schon von Herbst,
Naturgeschichte u. s. w. II. S. 152. No. 171 unter dem Namen
Cancer mirabilis beschrieben und ihr Cephalothorax auf Taf. 37.
Fig. 3 durchaus kenntlich abgebildet worden ist. Ein Ver-
gleich der Herbsl'schen Exemplare mit der Bell'schen Ab-
bildung setzt die Identität beider Arten ausser Zweifel. Es
würde also nach dem Gesetze der Priorität der Name Otho-
nia mirabilis einzuführen sein und als Synonyme Cancer mi-
rabilis Herbst und Othonia sexdentata et quinquedenlata Bell
dazu gesetzt werden müssen.
Pisa Leach.
MilneEdwards führt (Hist. nal. d. Crust. I. S. 309) unter
dieser Gattung zwei ihm unbekannte He rbst'sche Arten auf,
nämlich dessen Cancer hirlicornis (Naturgeschichte u. s. w. III. 4.
S. 4. No. 255. Taf. 59. Fig. 4) und Cancer Pleione (ebenda
111. 3. S. 52. No. 249. Taf. 58. Fig. 5). Die ersterc dieser
beiden Arten, Cancer hirticornis, gehört in der That der Gat-
Archiv. f. Naturgesch. XXII. Jahrg. 1. Bd. g
114 Gerstaecker:
tung Pisa Leach an und ist von Pisa corallina Risso nicht
specifisch verschieden; die Herbst'sche Valerlandsangabe
beruht wohl ohne Zweifel auf einem Irrthume. Milne Ed-
wards erwähnt auch der Aehnlichkeit jener Art mit Pisa
corallina, glaubt sie aber davon trennen zu müssen, weil er
in der Herbst'schen Abbildung Dornen an den Beinen zu
erkennen glaubt. Solche sind jedoch an den Herbst'schen
Originalexemplaren nicht wahrzunehmen , vielmehr sind die
Beine, wie bei den verwandten Arten P. armala Lalr., Gib-
sii Leach etc., nur mit Höckern besetzt, weiche Haarbüschel
tragen. — Die zweite Art, Cancer Pleione Herbst, gehört da-
gegen nicht zur Gattung Pisa, sondern würde wegen der stark
divergirenden Stirnhörner, der Insertion der äusseren Füh-
ler an deren Unterseite und dem nur einmal eingeschnittenen
oberen Augenhöhlenrand zu Naxia Milne Edwards zu brin-
gen sein. Da sie den Carcinologen nicht näher bekannt zu
sein scheint, gebe ich hier eine wiederholte Beschreibung der-
selben :
Naxia Pleione.
(Taf. n. Fig. l u. 2).
Cancer Pleione Herbst, Naturgeschichte u. s. w. Hl. 3.
S. 52. No. 249. Taf. 58. Fg. 5.
Die vier mir vorliegenden Exemplare der H erbst'schen
Sammlung messen von der Spitze der Stirnhörner bis zum
Hinterrande des Cephalolhorax 11 bis 1(3 Linien, in der gröss-
ten Breite der Kiemengegenden 6 bis 10 Linien. Der Cepha-
lothorax ist birnförmig, gewölbt, die einzelnen Gegenden sei-
ner Oberfläche wulstig erhaben. Die Stirn ist von einer
breiten Längsfurche durchzogen, die hinter den Augenhöhlen
endigt ; die Regio gastrica zeigt zwei hinter einander liegende
grössere, stumpfe Tuberkeln und zu jeder Seite des vorde-
ren noch zwei kleinere, die Regio cardiaca einen vorderen
und zwei neben einander liegende hintere. Die Regiones
branchiales sind auf ihrer oberen Wölbung mit fünf in einem
Halbkreise liegenden kurzen aber starken, am Seitenrande
mit vier dünneren Dornen bewaffnet; unter letzteren zeich-
net sich der hinterste durch beträchtlichere Länge aus. Auf
der Regio genitalis endlich steht ebenfalls ein stumpfer.
Carcihologische Üeiträge. 115
zapfenförmiger Höcker, von welchem jederseits eine erhabene
Leiste ausgeht, die mit dem Hinterrande des Cephalothorax
parallel verläuft. Auf der Unterseite stehen zu jeder Seite
von der Mundöflfnung drei stumpfe Zapfen , von denen die
beiden grössten auch von oben her fühlbar sind. Der Hin-
terleib des Weibchens ist l^reisrund und bedeckt den ganzen
Sternaltheil des Cephalothorax ; das fünfte und sechste Seg-
ment sind besonders lang; der des Männchens ist schmal und
nach vorn beträchtlich verengt. — Das Vaterland ist nach
Herbst Ostindien.
Naxia dicanfha de Haan (Fauna Japonica), Taf. 24. Fig. 1
ist dieser Art sehr nahe verwandt und unterscheidet sich
nur durch etwas schmalere, länglichere Form und den Man-
gel der Höcker und Dornen auf der Oberfläche des Cepha-
lothorax.
liasssbrus Leach.
Milne Edwards citirt (Hist. nat. d. Crust. I. S. 358)
zu seinem Lambrus prensor, von dem er sagt : ;,Carapace
deprimee et rugueuse" als Synonyme den Cancer pransor
Herbst (Taf. 41. Fig. 3) und die Partenope regina Fabricius
(Entom. syst. Suppl. p. 353). Dass die letzteren beiden Ar-
ten identisch sind, geht daraus hervor, dass Herbst seine
erste Beschreibung (Bd. H. S. 170. No. 202) nach einem in
der Lund'schen Sammlung zu Copenhagen befindlichen Ex-
emplare^ welches später auch von Fabricius beschrieben
wurde, entwarf. Das der zweiten Uerbst'schen Beschrei-
bung (Bd. HI. 3. S. 33) zu Grunde gelegte Exemplar befindet
sich im Berliner Museum und passt besser mit der treffenden
F a bricius'schen Diagnose („Thorax ovatus, foveis duabus
dorsalibus impressis, margine postico spinis novem elongatis
validis cincto'*) als mit der sehr unvollkommenen Herbsf-
schen Figur (Taf. 41. Fig. 3) zusammen. Durch diese mag
auch vielleicht Milne Edwards getäuscht worden sein,
indem er darauf eine (mir übrigens unbekannte) Art mit nie-
dergedrücktem, runzligem Cephalothorax bezog. Von allen
Larubrus-Arten ist gerade der Cancer pransor Herbst beson-
ders durch glatte, hochgewölbte Oberfläche, welche sich durch
zwei tiefe Furchen in drei scharf abgesonderte Partieen tiieilt,
116 Gerstaecker:
ausgezeichnet, und daher ist aus der von Milne Edwards
gegebenen Beschreibung seines Lambrus carenatus leicht zu
ersehen, dass diese Art der wirkliche Cancer pransor Herbst
ist. Eine genauere Charakteristik des letzteren nach dem
Horbs t'schen Original - Exemplare wird die Identität beider
leicht erkennen lassen :
Lambrus pransor.
Cancer pransor Herbst, Naturgeschichte u. s. w. H.
S. 170. No. 202.Taf.41. Fig. 3 (1796). — Ebenda
HI. 3. S. 33.
Parthenope regina Fabricius , Entomol. syst, suppl.
p. 353. (1798).
Lambrus carenatus (nee prensor) Milne Edwards, Hist.
nat. d. Crust. 1. p. 358. No. 8.
Der Cephalothorax ist durch zwei tiefe Längsfurchen in
drei Hauptfelder getheilt, von denen jedes der Länge nach
leistenarlig erhaben erscheint; die Oberfläche ist fast glatt
oder nur mit schwach eingestochenen Punkten besetzt. Die
Stirn ist zugespitzt dreieckig, oben ausgehöhlt, jederseits mit
einer schwachen , stumpfen Spitze versehen. Die Vorder-
ränder der Kiemengegenden sind mit sieben stumpfen und
kurzen Kerbzähnen besetzt, der Hinterrand der Schale mit
neun Zähnen, von denen die fünf mittleren klein, die beiden
vorderen jederseits dagegen sehr gross sind. Der erste von
diesen, welcher den Hinterrand gegen die vorderen Seiten-
ränder abgrenzt, ist flach und fast gerade nach aussen ge-
wandt, der zweite mit einer erhabenen Kante versehen und
schräg nach hinten gerichtet. Die Mittellinie des Cephalo-
thorax ist aui der Herz- und Magengegend mit drei stum-
pfen , zahnartigen Höckern besetzt. Die Scheeren sind auf
ihren Flächen fast glatt, der obere und äussere Rand mit
flachgedrückten, sehr grossen und spitzen Zähnen bewaff'net,
die zuweilen weiter aus einander stehen und dann kleinere
Zähne von gleicher Form zwischen sich haben. Der Innen-
rand ist fein körnig gezähnt.
Die Abweichungen, welche die Herbst'sche Beschrei-
bung und Abbildung von der eben gegebenen Charakteristik
1
Carcinologische Beiträge. 117
zeigen, können nur als üngenauigkeilen angesehen werden,
wie denn auch H er b st von seiner ersten Beschreibung selbst
sagt, dass sie nur flüchtig gemacht sei. So giebt Herbst
z. B. an, dass der Hinterrand der Schale ausser den beiden
grossen Dornen jederseits noch sechs kleinere Zähne in der
Mitte zeige, während sich von diesen in Wirklichkeit nur
fünf finden. Dass die Stirn hinler ihrer Spitze noch einen
Dorn habe, ist dahin zu berichtigen, dass ein solcher jeder-
seits neben der oberen Aushöhlung steht.
Für den Lambrus prensor Milne Edwards (a. a. 0. I.
S. 358. No. 7}, dessen Name zu ändern ist, schlage ich die
Benennung Lambrus Edtoardsii vor.
Eine mit Lambrus pransor Herbst sehr nahe verwandle
Art ist L. validus de Haan (Fauna Japonica). Auch hier ist
die scharfe Theilung des Cephalolhorax durch zwei Furchen
in die Augen fallend , doch ist die Oberfläche nicht glatt,
sondern mit zahlreichen , warzenartigen Erhabenheiten be-
setzt. Das Berliner Museum besitzt davon ein Exemplar aus
China von Meyen, welches mit der de Haan'schen Be-
schreibung und Abbildung genau übereinstimmt.
Fam. Cyclometoiia Edw.
Zwei der ausgezeichneteren Herbst'schen Arten die-
ser Abiheilung, welche Milne Edwards (Hist. nat. d.
Crusl. 1. p. 404) als ihm unbekannt bei seiner Gattung Pano-
paeus anführt und dieser frageweise unterordnet, sind der
Cancer trispinosus (Naturgeschichte u. s. w. HI. 3. S. 43.
No. 241. Taf. 57. Fig. 4) und Cancer ochtodes (ebenda I.
S. 158. No. 6d: Taf. 8. Fg. 54). Was die erste dieser beiden
Arten anbetriffst, so zeigt sie allerdings einige Verwandtschaft
mit der Gattung Panopaeus Edw,, unterscheidet sich aber von
derselben durch äusserst langgestreckte, schlanke Beine und
ebenso durch die Bildung der Stirn , der Augenhöhlen und
des Hinterleibs. Von den mir bekannten Gattungen zeigt
Galene de Haan, welche (Fauna Japonica p. 19) auf den Can-
cer bispinosus Herbst gegründet ist, entschieden die grösste
Aehnlichkeit mit dem Cancer trispinosus Herbst, und zwar
1!8 Ger&ta ecker:
ausser der allgemeinen Körperfarm besonders in der Slirn-
bildung und der Länge der Beine. In Rücksicht auf die An-
lage der Augenhöhlen und die Form des Hinlerleibs, welche
von Galene wesentlich abweichen , kann es jedoch gerecht-
fertigt erscheinen, eine eigene Gattung darauf zu gründen 5
diese nenne ich :
€Iiala«pu§ nov. gen.
Der Cephalothorax hat die Form eines unregelmässigen,
queren Sechseckes, dessen Mittelecken durch einen scharfen
Zahn angedeutet sind ; die vor diesen liegenden, vorderen
Seitenränder sind ausserdem noch mit zwei scharfen Zähnen
bewaffnet , von denen der vorderste den Aussenwinkel der
Augenhöhlen einnimmt. Die Oberfläche ist vorn leicht gew^ölbt,
hinten mehr abgeflacht und schräg abfallend; die Regiones
branchiales sind nach innen durch zwei schräge Längsfurchen
begrenzt, die Regio gastrica nach hinten jederseits durch ei-
nen kurzen, aber liefen Querstrich angedeutet. Die Stirn ist
wie bei Galene mit vier stumpfen Spitzen versehen, von de-
nen die äusseren am Innenwinkel der Augenhöhlen, die in-
neren nahe der Mittellinie dicht bei einander stehen; die
Senkung der Stirn ist aber bei weitem nicht so beträchtlich
wie bei jener Gattung, indem sie nur schwach geneigt und
mit scharfem Vorderrande versehen ist. Während ferner bei
Galene die Augenhöhlen nur halb so breit als die Stirn,
ringsum geschlossen und den Augenstielen eng angepasst sind,
beträgt ihre Breite bei Chalaepus mindestens zwei Dritttheile
der Stirnbreite und haben daher die Augenstielc einen be-
trächtlichen Spielraum in ihrem Innern. Der Unlerrand der
Augenhöhlen erscheint tief ausgeschnitten und endigt nach
innen in einen scharfen, gerade nach vorn gerichteten Zahn,
an den sich unmittelbar das Basalglied der äusseren Fühler
anschliesst. Der obere Rand ist ebenfalls weit ausgerandet
und wird nach aussen, wie schon erwähnt, durch den ersten
grossen Zahn des Seitenrandes begrenzt. Die Einlenkung
der beiden Fühlerpaare ist wie bei Galene, nur dass die in-
neren nicht wie dort durch einen gleichbreiten Vorsprung
des Untergesichts, sondern durch eine scharfe Spitze von
einander geschieden werden. Ebenso stimmt auch die ßil-
Carcinologische Beiträge. 119
dung des äusseren Kieferfusspaares mit Galene iiberein; eini-
germassen abweichend ist nur der Palp (Tarsus), an dem das
zweite Glied länger und mehr cylindrisch, das drille derber
und weniger zugespitzt erscheint. Sehr verschieden ist da-
gegen der Hinlerleib und die Sternalplatle bei dem Männchen
der vorliegenden Gattung gebildet. Letzlere ist fast lireis-
rund , vorn leicht zungenarlig ausgezogen, die beiden vor-
dersten Ringe vollständig mit einander verschmolzen und fast
die Hälfte der ganzen Länge ausmachend, das dritte nach in-
nen stark verschmälert, fast zugespitzt. Am Hinterleibe sind
die sieben Ringe vollständig getrennt, die beiden der Basis
zunächst gelegenen auf die Hinterseite des Körpers gerückt;
die Ringe vom dritten bis sechsten werden allmählich etwas
schmäler; der vierte bis sechste sind gleich lang, der sie-
bente sehr schmal , lanzenartig zugespitzt und in eine Grube
des zweiten Sternairinges, welche jedoch nur die Basis des-
selben einnimmt, eingesenkt. Die Beine sehr lang und flach-
gedrückt, der Sckenkel des dritten Paares am längsten, der
des vierten und fünften fast gleich lang und etwas länger
als der des zweiten; der Vorderrand aller vier Schenkel ist
an der Spitze in einen kurzen Dorn ausgezogen, ihr Spitzen-
rand tief eingekerbt; das letzte Tarsenglied ist um seine
Axe gedreht. Das Scheerenfusspaar ist äusserst kräftig ent-
wickelt, die Tibien fast dreieckig, kurz, innen mit einem
scharfen Zahne , die Scheeren selbst auf der Schneide mit
starken Tuberkeln besetzL
Chalaepus trispinosus.
Cancer trispinosus Herbst, Naturgeschichte u. s. w. lU.
3. 8.43. No. 241. Taf. 57. Fg. 4.
Die Herbst'sche Abbildung stellt das Thier in natür-
licher Grösse dar und giebt seine Charaktere ziemlich tref-
fend wieder: nur die Farbe ist zu dunkel; sie erscheint an
dem Herbst'schen Original -Exemplare, vielleicht in Folge
des Allers , blass knochengelb. Die Länge des Cephalotho-
rax beträgt 3, die Breite Sy^ Zoll. — Das Vaterland ist nach
HerbsTs Angabe Ostindien.
Die zweite oben erwähnte Art, der Cancer ochtodes
120 Gerstaeck erj
Herbst, bietet noch weniger Verwandtschaft mit der Gallung
Panopaeus dar, sondern würde vielmehr der Gattung Xantho
imMilne Ed w a r ds'sclien Sinne beigezählt werden müssen.
Von de Haan (Fauna Japonica) ist diese Gattung nun mit
Recht in mehrere Abtheilungen gesondert worden und eine
gleiche Abtrennung würde auch für den durch manche Eigen-
thümlichkeit ausgezeichneten Cancer ochtodes Herbst nö-
Ihig sein.
Polycremnus nov. gen.
Die Gattung stimmt mit Xantho im Milnc Edward s'-
schen Sinne durch die Bildung und den Sitz der äusseren
Fühler, die zweilappige Stirn und die kurzen, gedrungenen
Beine überein, zeigt aber ausser dem habituell verschiedenen
Cephalothorax auch Unterschiede in der Form der Augenhöh-
len und des Hinterleibs. Durch die hohen , dreikantigen
Scheeren und die weit hervorgezogene Stirn bietet sie die
meiste Verwandtschaft mit Halimede de Haan dar, doch ist
letztere, abgesehen von der sehr verschiedenen Form des Ce-
phalothorax, noch bei weitem mehr hervortretend und auch
beträchtlich schmaler. Eine tiefe, bis zur Regio gaslrica
reichende Längsfurche theilt nämlich die Stirn in zwei seit-
liche, längliche, gleichbreite Wülste, welche vorn einzeln
stumpf abgerundet sind, mit scharfem Rande endigen und auf
der Unterseite die inneren Fühlergruben weit überragen. Ein
kleiner Lappen an ihrer Aussenseite nahe der Basis, welcher
sich durch eine schwache Längsfurche absondert, bilden den
inneren und zum Theil den hinteren Rand der Augenhöhlen.
Letztere sind äusserst klein, mit fast kreisrunder Oeffnung und
überall scharfen Rändern; ihr oberer Rand ist, wie bei der
Xantho-Gruppe gewöhnlich, mit zwei feinen, nicht klaffenden
Spalten versehen. Auf der Grenze zwischen dem Ober- und
Unterrand zeigt sich ein etwas tieferer Spalt, der jedoch
keine merkliche Unterbrechung in der Umgrenzung der Au-
genhöhle hervorruft. Die äusseren Fühler sind an der Unter-
seite zwischen der Stirn und dem inneren Augenwinkel ein-
gefügt und können sich mit ihrer Geissei in den inneren
Spalt der Augenhöhle einlegen; ein Unterschied von der bei
Xantho beobachteten Bildung besteht darin, dass ihr erstes
Carcinologische Beiträge. 121
Glied durch seine Länge die Spilze des inneren Augenwin-
kels erreicht; die beiden folgenden sind sehr klein und füh-
ren eine lange dünne Geissei. Die Form des Cephalothorax
ist ein queres Sechseck, dessen vordere und hintere Kanten
sehr lang, die beiden seitlichen dagegen sehr kurz sind ; letz-
tere werden von je zwei dicken, knolligen Anschwellungen
des Seitenrandes ganz eingenommen. Das erste (Schenkel-)
Glied der äusseren Kieferfüsse ist auf der Aussenseile von
einer liefen und scharfen, schräg verlaufenden Furche durch-
zogen. Die Scheerenfüsse sind stark entwickelt, dreikantig,
am Hinlerrande der Schenkel, dem oberen, kammartig erha-
benen Rande des Carpus und auf der oberen Zange der
Sclieere selbst mit dicken, knollenartigen Tuberkeln besetzt.
Die Beine sind im Verhältnisse kaum länger als bei Xantho,
die Schenkel jedoch schmaler und kaum flachgedrückt , am
Vorderrande fein bedornt. An der Sternalplatte ist der erste
und zweite Ring in der Mitte verwachsen , an den Seifen
durch einen Schlitz gelrennt , beide zusammen so lang wie
die übrigen miteinander, an der Innenseite der Vorderhüf-
ten beulenarlicr aufgetrieben. Beim Männchen ist der zweite
Hinterleibsring sehr kurz und durch den ersten und dritten
seitlich eingeschlossen; beim Weibchen zwar ebenfalls kurz,
aber seitlich frei. Der letzte Hinterleibsring ist im männli-
chen Geschlechte lanzeltlich zugespitzt.
Polycremnus ochthodes.
Cancer ochtodes Herbst , Naturgeschichte u. s. w. I.
S. 158. No. 66. Taf. 8. Fig. 54.
Cancer ochtodes Fabricius , Entomol. syst. II. p. 455.
No. 58.
Galene (?) ochtodes Adams et White, Zoology ol
the Voyage of H. M. S. Samarang, Crustacea p. 43.
Taf.X. Fig. 2.
Im hiesigen Museum befinden sich vier von Herbst
herrührende Exemplare dieser Art, drei Männchen und ein
Weibchen. Der Cephalothorax ist fast um die Hälfte breiter
als lang, leicht gewölblj auf der vorderen Hälfte mit einigen
^♦^ Gerstaecker:
flachen wulstigen Erhebungen, auf der Grenze zwischen der
Regio gastrica und cardiaca mit zwei seilliclien Langsein-
drücken. Der Seilenrand wird von zwei dicken Tuberkeln,
die durch einen beträchtlichen Zwischenraum getrennt sind,
eingenommen und der Vorderrand zeigt unmittelbar vor dem
ersten jener Tuberkeln noch eine Einkerbung. Fünf knol-
lenartige Erhöhungen, die gegen die Spitze an Grösse zuneh-
men, bezeichnen den oberen und hinteren Rand der Schen-
kel des Seheerenfusspaares; zwei gleiche nehmen den inne-
ren, vorderen Winkel der Tibia , fünf den oberen Rand des
Carpus und drei den entsprechenden der oberen Scheere
ein; die Aussenfläche des Carpus zeigt ausserdem noch eine
Anzahl flacherer Erhebungen. Die Farbe des Thieres ist
blass graubraun, die Extremitäten fallen mehr ins Weissliche.
Die Herb st'sche Abbildung zeigt, abgesehen von ihrer^
Rohheit auch mehrfache Unrichtigkeilen; besonders sind die
durch die beiden grossen Höcker scharf ausgeprägten Seiten-
ränder des Cephalothorax sehr mangelhaft wiedergegeben und
dadurch die habituelle Eigenthümlichkeit des Thieres verwischt;
überhaupt ist der ganze Körper im Verhältnisse zu lang und
nach hinten nicht stark genug verengt. Die vorhandenen
Exemplare stehen der Abbildung fast um ein Dritttheil der
Grösse nach.
Die von Adams und White (a. a. 0.) gegebene Ab-
bildung stellt ein junges Thier der Herbst'schen Art dar,
zu der sie unzweifelhaft gehört; auch hier ist jedoch kei-
neswegs der eigenlhümliche Charakter deutlich hervorgeho-
ben. Mit der Gattung Galene, zu der die genannten Autoren
die Art fraglicher Weise stellen, hat sie nichts gemein.
Trapezia Latr.
Zwei von Herbst beschriebene Arten, die dieser Gat-
tung angehören, nämlich dessen Cancer rufopunctatus (Taf. 47.
Fig. 6) und Cymodoce (Taf. 51. Fig. 5) sind von späteren
Autoren vielfach verkannt und verwechselt worden , wes-
halb ich hier einige Bemerkungen zu ihrer näheren Kennt- j
niss beibringen will; zugleich lasse ich die Beschreibung
zweier neuen, im hiesigen Jluseum befindlichen Arten folgen.
Zu den GaUui.gscharakteren von Trapezia, wie sie Milnc
Carcinologische Beiträge. ^%D
Edwards (Hist. nat. d. Crusl. 1. p. 427) angiebt, lässt sich
Fo'igendes hinzufügen. Bei allen mir bekannten Arten ist
die rechte Schcere sowohl etwas länger als auch in ihren
einzelnen Theiien kräftiger als die linke; besonders ist der
rechte Scheerenschenkel stets breiler und stärker gezähnt,
die Zangen der Scheere selbst etwas länger und stärker ge-
krümmt. Beim Männchen ist der 3te bis 5te Hinterleibsring
mit einander verschmolzen und nur durch schwache, seit-
liche Einkerbungen bezeichnet; beim Weibchen hingegen ist
der Hinterleib sehr breit , alle sieben Ringe desselben voll-
ständig getrennt und an Länge allmählich zunehmend, so dass
der erste der kürzeste, der letzte der längste und von halb-
kreisförmigem Umrisse ist. — Nach Milne Edwards sol-
len bei einigen Arten die äusseren Kieferfüsse in der Mitte
der Mundöffnung klaffen; solche Arten sind mir nicht be-
kannt , vielmehr ist die Mundöffnung sowohl bei den hier
näher charakterisirten Herbst'schen als den beiden neuen
Arten vollständig durch die Kieferfüsse geschlossen.
1. Trapezia rufopunctata.
Cancer rufopunctatus Herbst, Naturgeschichte u. s. w.
ni. L S. 54. No. 206. Taf. 47. Fig. 6.
Trapezia rufopunctata Jacquinot, Lucas Voyage au
pole sud et dans l'Oceanie. Zoologie. Tome HL
p. 41. Crustaces PL 4. Fig. 8.
?Grapsillus maculalus Mac Leay, Illustr. of thezoology
of South Africa, Invertebrata p. 67. No. 31.
Der Körper ist sehr flachgedrückt, glatt, glänzend, von
gelblicher Grundfarbe, auf der überall (auf der Ober-, Un-
terseite und den Beinen) zahlreiche, kleine rundliche men-
nigrothe Punkte ziemlich gedrängt stehen. Von den sechs
Zähnen der Stirn sind die beiden mittleren klein, dicht ne-
ben einander stehend, scharf und mit der Spitze ein wenig
nach aussen gewendet ; der jederseits zunächst folgende ist
sehr breit, ebenfalls scharf und beträchtlich mehr hervortre-
tend als die beiden mittelsten, seine innere Kante fast dop-
pelt so lang als die äussere, beide aber geradlinig; der äus-
serslc Zahn , welcher die Augenhöhle nach innen begrenzt,
124 Gerstaecker:
tritt wieder weiter zurück, ist stumpf, mit abgerundeter äus-
serer Kante, übrigens fast ebenso gross als der vorherge-
hende. Die beiden Zähne des Seitenrandes sind scharf und
deutlich , der zweite etwa in der Mitte der Länge gelegen.
Der Arm der rechten Scheere ist merklich breiter als der
der anderen Seite und am Vorderrande mit drei grösseren
und zwei lileineren Zähnen besetzt, von denen der letzte,
nahe der Spitze, sehr stumpf ist; der linke Arm dagegen
zeigt sechs viel kleinere , fast gleich gestaltete Zähne, von
denen nur der äusserste von den übrigen entfernt und stumpf
ist. Ebenso ist die Tibia , der Carpus und die Zangen der
rechten Scheere etwas länger und stärker als auf der linken
Seite, die untere Zange an der Spitze aufgebogen und über
die obere herübergreifend; die Zähne an der Innenseite bei-
der Zangen sind auf der rechten Seite ebenfalls deutlicher
ausgeprägt. Die Schenkel der übrigen (Gang-) Beine sind
sehr flachgedrückt und ziemlich erweitert. — Die Länge des
Cephalothorax beträgt 10 Lin., die Breite 12 Lin. Das ein-
zige männliche Exemplar aus der Herbsl'schen Sammlung
stammt angeblich aus Ostindien.
Die Herbst'sche Figur stellt das Thier in natürlicher
Grösse dar, enthält aber mehrfache Ungenauigkeiten; der
Cephalothorax ist in derselben viel zu stark nach hinten ver-
engt und der Zahn am Seitenrande viel zu tief eingeschnit-
ten. Die Verschiedenheit der beiden Scheeren ist allerdings
in der Figur angedeutet, doch sind sie auf die entgegenge-
setzte Seite verlegt worden , wahrscheinlich durch Schuld des
Zeichners, der das Thier, wie er es vor sich hatte, auf die
Platte brachte*).
Trapezia rufopunctata Jacq. , Lucas (a. a. 0.) stimmt
der Abbildung nach genau mit dem H erbs t'schen Original-
Exemplare überein; die Grundfarbe, die Kleinheit und Häu-
figkeit der rothen Punkte, die Zahnung der Stirn und der
Schenkel sind vollkommen treffend wiedergegeben. Nach den
beiden Verfassern stammt das hier abgebildete Exemplar von
*) Dieser Fehler kommt bei den Herbsl'schen Abbildungen
öfter vor, und ist wohl zu beachten, da er bei Bestimmungen leicht
irr^ leiten kann.
Carcipologische Beiträge. 1Q5
den Marquesas-Inseln und übereinstimmende soll das Pariser
Museum von der Ostküste Afril^as (Zanzibar) besitzen. Dem-
nach scheint die Art eine weile Verbreitung zu haben, und
es wäre wohl möglich, dass sie an der Oslküste Afrikas bis
zum Cap herunterginge ; dann könnte auch wohl M a c L e a y's
Grapsillus maculatus, wie Kr aus s dies vermuthet (Süd-Afri-
kanische Crustaceen S. 36) auf diese Art bezogen werden,
obwohl aus der sehr kurzen Beschreibung hierüber nichts
Bestimmtes zu ersehen ist.
Specifisch verschieden ist dagegen von der Herb st'-
schen Art ohne Frage die Trapezia rufopuncfata Dana (Uni-
ted States exploring expedition, Crustacea I. p. 255. Taf. 15.
Fig. 3) von Taiti , bei welcher der Verfasser die Herbst'-
sche Art gleiches Namens als Synonym citirl. Die Grund-
farbe des Körpers ist hier rein weiss und die rothen Flecken
sehr gross, durch weile Zwischenräume getrennt; besonders
sind in dieser Beziehung vier sehr grosse, quergeslellte Flecken
auf der Mitte des Cephalolhorax auffallend , die sich an dem
H er bst'schen Exemplare nicht vorfinden. Abgesehen von der
Färbung und Zeichnung , die vielleicht nach den Individuen
variiren könnte, bietet übrigens die Dana'sche Figur auch
noch mehrere wesentliche Form-Unterschiede dar. Der Sei-
tenzahn des Cephalolhorax liegt hier vor der Mitte, die äus-
seren Stirnzähnc (zunächst der Augenhöhle) sind spitz und
aussen nicht gerundet, der letzte Zahn am rechten Scheeren-
Schenkel sehr gross und spitz, alles Verhältnisse, die mit
dem Her bst'schen Exemplare im Widerspruche stehen. —
Könnte eine von den vier rothgefleckten Trapezia-Arten Dana's
auf den Cancer rufopunctalus Herbst bezogen werden, so
wäre es noch am ersten dessen Trapezia maculala (Crusta-
cea I. S. 256. Taf. 15. Fig. 4); doch sind auch hier die ro-
then Flecken sowohl grösser als weitläufiger gestellt und die
linke Scheere ist die grössere, so dass das Zusammenziehen
beider immer nicht ohne allen Zweifel vorgenommen werden
könnte.
2. Trapezia Cymodoce.
Cancer Cymodoce Herbst, Naturgeschichte u. s. w.
HI. 2. S. 22. No. 220. Taf. 51. Fi<r. 5.
12Ö Gerstaeckert
Der Körper ist etwas mehr gewölbt als bei der vorig-en
Art, glatt, bräunlich gelb. Die Stirn bildet, wenn man von
dem äussersten Zahn jederseits, der weiter zurücktritt, ab-
sieht, fast eine gerade Linie, in welcher nur die beiden klei-
nen Mittel - Zähne, welche übrigens sehr kurz und stumpf
sind, eine Unterbrechung machen ; die beiden zunächst nach
aussen gelegenen bilden nur eine leicht gerundete Hervor-
ragung mit vier sehr feinen Kerben. Die durch einen deut-
lichen Einschnitt abgesetzten Aussenzähne sind ebenfalls
kurz und abgestumpft. Die beiden Zähne des Seitenrandes
sind scharf und deutlich, der letzte liegt weit hinter der Mitte
der Körperiängc. Der Arm der rechten Scheere ist mit acht
Zähnen, von denen die drei mittleren gross sind , der linke
dagegen nur mit vier grösseren Zähnen besetzt; der rechte
Carpus ist wohl um die Hallte breiter als der linke, die Zan-
gen der Scheere in der Form fast auf beiden Seiten gleich,
nur rechts bedeutend stärker. — Der Cephalolhorax des ein-
zigen männlichen Exemplares der Horbs t'schen Sammlung,
das angeblich aus Ostindien stammt, ist 5 Lin. lang und 6
Lin. breit.
Die H e r b s t'sche Figur stellt das Thier in vergrös-
sertem Massstabe dar und enthält ebenfalls Unrichtigkeiten,
die leicht zu falschen Schlüssen veranlassen können ; so hat
z. ß. wedv.r der Cephalolhorax im Niveau des zweiten Sei-
tenzahnes eine Querleiste, noch der Carpus der Scheeren
zwei Längsleisten, wie sie in der Abbildung angegeben sind.
Auch ist der Körper im Verhältnisse viel zu breit und die
Zähne der Stirn zu sehr markirt.
ObTrapeziaCymodoceDana (Crustacea 1. S. 257. Taf. 15.
Fig. 5) zu der Herbst'schen Art gleiches Namens geholt,
muss ebenfalls sehr zweifelhafterscheinen; die Mittelzähne der
Stirn sind hier sehr breit, breiter als die zunächst nach aus-
sen gelegenen , der Seitenzahn liegt weit vor der Mitte der
Körperlänge, der Cephalolhorax ist sehr stark nach hinten
verengt, alles Merkmale, welche das Herbst'sche Original-
Exemplar nicht darbietet.
3. Trapezia cor allin a n. sp.
Eine durch die Farbe und den Glanz der Körper-Ober-
Carcinologische Beiträge. 127
fläche besonders ausgezeichnete neue Art, welche vonWar-
s c e w i c z in Veragua zu mehreren Exemplaren gesammelt und
dem hiesigen Museum überlassen wurde. Der Körper ist blass
korallenrolh, spiegelblank, die beiden Zangen der Scheeren
schwarzbraun. Der Cephalothorax ist breiter als lang (das
grösste Exemplar 8 Lin. breit und 6 Lin. lang) , besonders
auf der hinleren Halfle ziemlich gewölbt, vom zweiten Zahne
des Seitenrandes an nach hinten stark verengt, dieser selbst
sehr kurz und stumpf und vorn durch eine Querfalte der
Oberfläche markirt. Der Seitenrand zwischen diesem und
dem ersten Zahne hat ebenfalls die Richtung nach innen,
während er bei der vorigen Art gerade nach vorn verlief,
und dadurch dieser ein mehr viereckiges Ansehen verlieh.
Die Stirn ist in ahnlicher Weise wie bei Tr. Cymodoce ge-
bildet, nur dass der äussere Zahn zunächst der Augenhöhle
verhältnissmässig weniger gegen die übrigen zurücktritt, son-
dern mit diesen zusammen eine fast regelmässige, wellige
Bogenlinie bildet; auch ist hier der zweite Zahn jeder Seite
sehr schwach entwickelt , aber sehr breit und mehrfach ein-
gekerbt, der äussere stumpf abgerundet. Die Zahnung am
Vorderrande der Scheerenschenkel ist auf beiden Seiten fast
gleich, indem sich vier stumpfe Zähne vorfinden , die nur
am rechten Schenkel etwas grösser sind. Die Schenkel der
übrigen Beine sind etwas erweitert, die Tibien und Tarsen
am Vorderrande dünn behaart. — Es liegen Exemplare bei-
der Geschlechter vor, die in der Form keine Unterschiede
darbieten.
4. Trapezia subdeniata.
Der Cephalothorax ist 7 Lin, lang und 8 Lin. breit. Der
Seitenrand bildet einen regelmässigen Bogen, welcher durch
den sehr schwachen und stumpfen zweiten Zahn kaum un-
terbrochen wird; die Oberfläche ist vorn ganz eben, hinten
nur leicht gewölbt. An der Stirn liegen die vier mittleren
Zähne fast in einer Linie, die beiden äusseren treten mehr
zurück; die beiden zunächst der Mittellinie sind hier im Ver-
hältnisse ziemlich breit, die zunächst nach aussen folgenden
daher etwas schmaler als bei den vorhergehenden Arten,
1 28 G e r s t a e c k e r :
aber ebenfalls leicht eingekerbt. Die Schenkel der Scheeren
zeigen an ihrem Vorderrande jederseits vier Zähne, von de-
nen der innerste breit und spitz , die übrigen schmaler und
stumpf sind; die Zangen der Scheeren sind auf beiden Seiten
last gleich , während der Carpus rechts stärker entwickelt
ist. — Zwei Exemplare, im Rolhen Meere von Hemprich
und Ehrenberg gesammelt, haben eine rölhlichgraue Farbe;
die Geschlechter sind nicht verschieden.
Von den beiden Mi Ine Ed war ds'schen Arten aus dem
Rolhen Meere (Hist. nat. d. Crust. 1. p. 429) unterscheidet sich
diese Art folgendermassen : Von Tr. ferruginea dadurch, dass
die Maxillarfüsse die Mundöffnung ganz verschliessen , von
Tr. digilalis ausser durch die Farbe auch durch das Vorhan-
densein des wenngleich sehr stumpfen und undeutlichen Sei-
tenzahnes, der bei jener fehlen soll.
Der Cancer glaberrimus Herbst (Naturgeschichte u. s. w.
I. p. 262. Taf. 20. Fig. 115) ist in der Sammlung des hiesi-
gen Museums nicht mehr vorhanden. Latreille hat ihn
ebenfalls zu seiner Gattung Trapezia gezogen, während Milne
Edwards (Hist. nat. d. Crusl. I. p. 430) ihn zu Grapsus brin-
gen zu müssen glaubt. Mit letzterer Galtung hat er weder
in der Form des Cephalolhorax noch in der Bildung der
Scheeren irgend welche Aehnlichkeit, wenigstens so viel sich
aus der Herbsl'schen Figur ersehen lässt. Mit Trapezia
steht er jedenfalls in der nächsten Verwandtschaft^ obwohl
er sich durch die Bildung der Stirn, welche mit zahlreichen
kleinen Zähnchen besetzt ist, wieder davon entfernt. In neue-
ster Zeit hat Dana (Cruslacea 1. p. 261) darauf die Gattung
Tetralia gegründet, welche er gewiss mit Recht neben Tra-
pezia stellt und hauptsächlich nach der Stirnbildung davon
abtrennt. Zu dieser würde ausser den drei von Dana be-
schriebenen Arten auch Trapezia serratifrons Jacq. , Lucas
(Voyage au pole sud et dans TOceanie HI. p. 47. PI. 4. fig. 20)
zu ziehen sein.
liUpea Leach, Dana.
Die von de Haan (Fauna Japonica) aufgestellten Un-
tergattungen innerhalb der Gattung Lupea der früheren Au-
Carcinolögische Beiträge. Iz9
toren sind, wie schon von Dana richtig bemerkt wird, zum
Theil auf so unwesentliche und durch Unterschiede im äus-
seren Habitus keinesweges unterstützte Merkmale gegründet,
dass es gerathen scheint, mehrere derselben, besonders aber
Neptunus, Pontus und Achelous wieder einzuziehen; da die-
selben gerade auf diejenigen Arten gegründet sind , welche
den Stamm der Gattung Lupca Leach ausmachten, so mochte
auch dieser Name am besten für sie beizubehalten sein. Die
Beschreibung einiger neuen Arten der hiesigen Sammlung möge
hier ihren Platz finden.
1. Lupea exasperata.
Sie misst in der grössten Breite 4" 3"', in der Länge
2" 3'". Die vier Stirnzähne sind stumpf, die beiden mitt-
leren kleiner und weniger hervorragend als die äusseren,
aber untereinander durch einen tieferen Einschnitt getrennt
als von jenen. Die Einschnitte der Augenhöhle sind wie ge-
wöhnlich nicht klaffend , der innerste Zahn sehr breit, nach
innen mit breiter und stumpfer Spitze hervortretend, welche
aber nicht das Niveau der Stirnzähne erreicht, der äussere
weit hervorgezogen, lang dreieckig zugespitzt. Die Zähne
des Seitenrandes sind etwa so lang als breit , die vorderen
stumpfer, die hinteren allmählich spitzer und zugleich mit
breiterer Basis, der letzte nur wenig länger als der vorher-
gehende, schräg nach vorn gerichtet. Der Cephalothorax ist
uneben, der innere Theil der Kiemengegenden, der zunächst
an die Regio cardiaca grenzt, bauchig gewölbt , die Ober-
fläche unbehaart, überall mit feinen Körnchen besetzt, die
nach vorn sparsamer aber auch zugleich stärker werden;
zwei Ouerlinien auf der Regio gastrica und eine von der
hinteren ausgehende geschwungene Linie auf den Regiones
branchiales , die an der Spitze des letzten Seitenzahnes en-
digt, sind ebenfalls mit solchen sehr dicht gedrängten Körn-
chen besetzt. Die schrägen Furchen zwischen der Regio
gastrica und den Regiones branchiales sehr tief ausgeprägt;
der Hinterrand des Cephalothorax in seiner ganzen Ausdeh-
nung, besonders stark zu beiden Seiten gekörnt. Die Schee-
ren sind sehr kräftig, die Schenlvel mit vier Zähnen am Vor-
derrande , die nach der Spitze hin allmählich grösser und
Archiv f. Naturgesch. XXII. .Jahrg. 1, Bd. 9
130 Gerstaecker:
schärfer werden, zwischen diesen so wie am Hinlerrande ge-
perlt. Die Schienen am Innenrande ohne Dorn, die Basis
des Carpus mit einem sehr stumpfen, dicken, höckerarligen
Zahne. Der Carpus ist oben und aussen, die obere Zange
der Scheere nur oben mit geperlten Längsleisten besetzt; es
ist bald die rechte, bald die linke Scheere stärker entwik-
kell. Zweites Glied der äusseren Maxillarfüsse und die Form
des männlichen Hinterleibs wie bei Lupea dicaniha und spi-
nimana.
Diese Art ist bei Puerto Cabello häufig und wurde von
Appun in Mehrzahl gesammelt.
2. Lup ea pudica.
Der Cephalothorax ist 2" 5'" breit und 1" 3'" lang.
Die vier Zähne der Stirn sind kurz aber spitz, alle fast in
demselben Niveau, die inneren durch einen ebenso tiefen un-
ter einander getrennt als von den äusseren. Der innere Au-
aenhöhlenzahn tritt fast ebenso weit nach vorn als die Stirn-
Zähne, ist aber an der Spitze abgestumpft; der äussere da-
gegen ist durchaus scharf zugespitzt, etwas nach aussen ge-
wandt und bedeutend länger als die folgenden des Seiten-
randes; dieser erscheint nämlich nur schwach gesägt, die
einzelnen Zähne sehr kurz und in der Mitte fein zugespitzt
Der letzte Zahn ist wohl dreimal so lang als der vorherge-
hende, an der Basis breit, scharf dreieckig zugespitzt. Die
Oberfläche ist unbehaart , auf dem hinteren Theile vollkom-
men glatt, nach vorn mit äusserst feiner und spärlicher Gra-
nulation bedeckt, flach und gleichmässig gewölbt, von Farbe
blass rosenrolh, nach hinten mehr gelblich. Das Scheeren-
fusspaar ist sehr langgestreckt und schlank, der Schenkel
desselben am Vorderrande mit vier spitzen, nach aussen ge-
krümmten Zähnen besetzt, die von der Basis gegen die Spitze
hin durch immer grössere Zwischenräume getrennt sind;
letztere sind geperlt und mit Kaarfransen besetzt, die Hinter-
kante des Schenkels glatt, an der Spitze stumpf. Die Tibia
ist innen mit einem scharfen, aussen mit einem stumpfen und
kurzen Dorne besetzt; ein spitzer Zahn steht auch aussen an
der Basis des Carpus , welcher oben mit drei , aussen und
innen je mit einer erhabenen Längsleiste versehen ist. Das
Carcinologische Beiträge. l'^l
hinterste Fusspaar ist in seinem ganzen Umfange, am zweiten
bis vierten die Hinterkante der beiden Tarsenglieder lang ge-
wimpert. Der Hinterleib des Männchens ist wie bei L. pelagica
allmählich verschmälert, das zweite Glied der äusseren Ma-
xillarfüsse wenigstens so lang als breit, am Innenwinkel
ausgeschnitten.
Diese Art stammt von der Küste Brasiliens.
Kuctenota nov. gen.
(Taf. V. Fig. 3 u. 4).
Das Hauptunterscheidungszeichen dieser Gattung von
Lupea, mit der sie in der Bildung des Cephalothorax und im
Habitus durchaus übereinstimmt, liegt in der schmalen Stirn,
welche anstatt mit vier nur mit zwei Zähnen bewaffnet ist.
Auf die beiden kleinen Stirnzähne, welche den mittleren der
Gattung Lupea entsprechen , folgt nämlich nach aussen so-
gleich der innere Augenhöhlenzahn , an dessen Aussenseite
der Allgenstiel eingelenkt ist. Mit dieser abweichenden Stirn-
bildung ist auch eine Modifikation der Augenhöhlen verbun-
den; die Spalten ihres oberen Randes sind nämlich nicht wie
bei Lupea einfache Schlitze, sondern klaffen nach vorn, so
dass die äussere Portion des breiten Innenzahnes zugespitzt,
der Mittelzahn aber deutlich von den beiden anderen ge-
trennt und nach vorn verschmälert erscheint. Der äussere
Zahn tritt weit nach vorn hervor, ist geradeaus gerichtet und
innen schief abgestutzt; die übigen Zähne des Seitenrandes
sind auffallend lang und beiderseits mit dichten Wimperhaa-
ren besetzt, welche auch die Unterseite des Cephalotho-
rax beiderseits von der Mundöffnung bedecken. Die Form
des männlichen Hinterleibs weicht von den übrigen Lupei-
den-Gattungen dadurch ab, dass das letzte Glied in eine
lange und feine Spitze ausgezogen ist. Das zweite Glied der
äusseren Maxillarfüsse ist bedeutend länger als breit, vorn
am Innenwinkel schräg abgestutzt. Das Scheerenfusspaar ist
von massiger Länge und im Verhältnisse kräftig gebaut. —
Die einzige mir bekannte Art ist:
Euctenota mexicana,
Grösste Breite des Cephalothorax 2" 10'", Länge 1"3'".
Die beiden Stirnzähne klein und stumpf, der Einschnitt, wel-
132 Gerstaecker:
eher sie trennt, viel weniger tief, als der zwischen ihnen
und dem inneren Augenhöhlenzahn; dieser slumpf dreieckig
und weiter nach vorn hervortretend als die Slirnzähne. Der
Mittelzahn des oberen Augenhöhlenrandes dreieckig, vorn
schief abgestutzt, der äussere lang, gerade nach vorn ge-
richtet, mit stumpfer Spitze, gegen den mittleren hin schräg
abgeschnitten. Die drei ihm zunächst folgenden Zähne des
Seitenrandes lang und schmal , gegen die Spitze verengt,
aber abgestumpft, schräg nach vorn und aussen gerichtet;
die vier folgenden an der Basis breit, allmählich spitzer wer-
dend, mit concavem Yorder- und convexem Hlnterrande, der
letzte sehr lang und scharf zugespitzt , fast gerade seitwärts
gerichtet. Sowohl die Zwischenräume aller dieser Zähne als
die ganze Unterseite des Cephalothorax zu beiden Seiten von
der Mundöffnung mit dichter grauer Behaarung bekleidet.
Die Oberfläche sehr leicht gewölbt, ohne besondere Uneben-
heiten, durchaus haarlos und glatt, knochenfarbig; eine Reihe
eingedrückter Strichelchen längs der vorderen Seitenränder
in einiger Entfernung von den Zähnen. Der Schenkel des
Scheerenfusspaares überragt nicht bedeutend die Spitze des
letzten Seitenzahnes; er ist am Vorderrande mit drei schar-
fen Zähnen besetzt, von denen der erste zunächst der Basis
nur klein ist; der Hinterrand an der Spitze mit einem stum-
pfen Tuberkel. DieTibia nach innen und die Basis des Car-
pus nach aussen mit einem scharfen Zahne, ersterer dünn,
letzterer kräftig und stark gekrümmt; der Carpus auf der
Aussenseite mit scharfhöckrigen Längsleisten versehen. Die
Zangen der Scheere massig lang, fein zugespitzt und gegen
das Ende etwas um ihre Axe gedreht. Der Vorderrand der
Schenkel des Scheerenfusspaares, der Hinterrand des Tarsen-
gliedes der drei folgenden und das letzte Paar in seinem ganzen
Umfange mit Schwimmhaaren besetzt. — Vaterland: Mexiko.
Farn. Catometopa Edw.
Ocypode Fabr.
Milne Edwards unterscheidet (Hist. nat. des
Crust. II. p. 48 und Annales des sciences natur. XVIII.
p. 141) diejenigen Ocypode-Arten, bei welchen sich die Au-
Carcinologische Beiträge. ' 133
genstiele über die Cornea hinaus in einen griffelartigen
Fortsatz verlängern, hauptsächlich nach zwei Charakteren:
1) ob die Zangen der Schecre gegen das Ende allmählich
spitz zulaufen oder sich daselbst verbreitern, und 2) nach der
Länge des griffeiförmigen Augenfortsatzes. — lieber den
Werth des ersten Charakters kann ich kein Urtheil fällen, da
mir Arten mit unterwärts erweiterten Scheeren nicht vorlie-
gen; der zweite, betreffend die grössere oder geringere Länge
der Augengriffel, ist jedoch nach meinen Beobachtungen kei-
neswegs als zur Unterscheidung von Arten brauchbar , we-
nigstens wenn er nicht durch andere Merkmale unterstützt
wird. Das Berliner Museum besitzt nämlich u. a. drei Exem-
plare der Ocypode ceratophthalma Pallas, welche miteinan-
der von Meyen auf Manila gesammelt worden sind und die
bei sonstiger vollkommener Uebereinstimmung die beträcht-
lichsten Verschiedenheiten in der Länge des Augengriffels zei-
gen. Bei dem einen derselben, einem Weibchen, kommt
die Länge des Griffels kaum der Hälfte der Länge des Au-
genstieles gleich und misst etwa S'/j Linien; von den beiden
Männchen hat das eine den Griffel von der Länge des Au-
genstieles (672 Lin ) , das andere noch beträchtlich länger
als diesen nämlich 8 Lin. Ebenso schwankt bei diesen drei
Exemplaren die Krümmung des Griffels; während er bei dem
einen Männchen deutlich seine concave Seite nach aussen und
hinten wendet, liegt diese bei dem anderen nach vorn und
innen. Nur die Stärke des Griffels ist bei allen drei Exem-
plaren gleich. — Dass übrigens eine solche Verschiedenheit
in der Entwickelung des Augengriffels eine bei dieser Art
öfters vorkommende Erscheinung ist, beweist der Umstand,
dass auch Dana in der kürzlich erschienenen United States
exploring expedition, Crustacea, Atlas, Taf. 20. Fig. 3 und 4
ein Weibchen abbildet, welches fast gar keine griffelartige
Verlängerung zeigt und ein damit sonst übereinstimmendes
Männchen, bei dem der Griffel sehr lang ist. Das erste be-
nennt er Ocypode brevicornis Edw. , das zweite bezeichnet
er als „var. ? longicornula" ; beide sind aber, wie die Bildung
der Schenkel und des Cephalothorax zeigt, nicht vom Cancer
ceratophthalmus Pallas verschieden.
Da sich hiernach die Länge des Griffels bei einer und
1^ (5erstaeckeri
derselben Art als durchaus unbeständig herausstellt , fällt die
Unterscheidung von Arten nach diesem Merkmale allein fort,
und glaube ich somit Ocypode d'Urvillei Guerin (Voyage de
la Coquille, Crustaces PI. I. fig. 1) und brevicornis Milne Ed-
wards (Hist. nat. d. Crust. II. p. 48) bei gänzlichem Mangel
anderer Unterschiede als identisch mit dem Cancer ceralo-
phthalmus Pallas bezeichnen zu dürfen. Diese Art scheint
übrigens eine weite Verbreitung zu haben , indem ein von
Peters bei Mossambique aufgefundenes Exemplar der hie-
sigen Sammlung mit denen von Manila vollkommen überein-
siimmt ; Milne Edwards giebt ausserdem auch Ostindien
und China als Fundorte an.
Wenn Milne Edwards (a. a. 0.) auch Aegypten
als Vaterland der genannten Pallas'schen Art angiebt, so
ist dies wohl ohne Zweifel ein Irrthum, der auf Verwechse-
lung zweier zwar nahe verwandten , aber dennoch conslant
verschiedenen Arten beruht. Eine Reihe von Exemplaren,
die von Hemprich und Ehrenberg aus dem rothen Meere
stammen, sind nämlich von der Pa 11 a s'schen Art specifisch
verschieden, und wenn man, wozu kein Grund vorliegt, nicht
annehmen will, dass im rothen Meere sich beide Arten vor-
finden, so hat Milne Edwards unter seiner Ocypode ce-
vatophthalma z^vei Arten vermengt. So viel mir bekannt, ist
die bezeichnete Aegyptische Art noch nirgends unferschie-
den und es möge daher ihre nähere Charakteristik hier Plalz
finden :
Ocypode aegyptiaca nov. spec.
Ocypode ceratophthalma? Milne Edwards, Hist.
nat. d. Crust. IL p. 48. — Annales des sc. nat.
XVIII. p. 141. (pro parte.)
Die Art unterscheidet sich von 0. ceratophthalma durch
folgende Merkmale: 1) Die Schenkel des zweiten bis vierton
Fusspaares sind nicht, wie bei 0. ceratophthalma, gegen die
Spitze stark verschmälert, sondern in ihrer ganzen Länge
gleich breit. 2) Das vorletzte Glied der Tarsen ist nur am
zweiten Fusspaare auf der Mitte der Unterseite mit einer
Längsbürste versehen, während bei 0. ceratophthalma so-
wohl das zweite wie das dritte Fusspaar mit zwei sol-
Carcinologiscbe Beiträge. 135
chen Bürsten beselzt ist, von denen die erste am Vorderrande,
die zweite in der Mitte der Unterseile des genannten Gliedes
liegt. Zugleich ist das vorletzte Glied der Tarsen an den
vier hinleren Fusspaaren bei der Aegyptischen Art beträcht-
lich breiler und mehr flachgedrückt als bei 0. ceralophthalma.
3) Der Griffel der Augen unterscheidet sich von dem der
Asiatischen Art sehr auffallend durch seine viel geringere
Dicke , welche kaum die Hälfte von jener beträgt ; seine
Länge variirt hier ebenfalls, obwohl in geringerem Grade.
Bei acht mir vorliegenden Exemplaren schwankt dieselbe
zwischen 2% ""tl 3y2 Linien. — Im Uebrigen sind keine
besonders in die Augen springende Unterschiede zwischen
beiden Arten zu bemerken, wie denn überhaupt die Gattung
Ocypode in Betreff der Form ihres Cephalolhorax sehr uni-
form gebildet ist. Im Allgemeinen ist jedoch der Körper
bei 0. aegyptiaca mehr abgeflacht und die Vorderecken der
Schale treten durchweg mehr zurück. Während sie nämlich
bei 0. ceratophlhalma mit dem Seilenrande der Schale gleich
weit nach aussen hervortreten oder diesen sogar seitlich
überragen, sind sie bei 0. aegyptiaca stets mehr nach innen
gerückt als dieser. Hierdurch tritt zugleich bei 0. cerato-
phlhalma die Spitze als dreieckiger , flach abgesetzter Gipfel
hervor, während bei 0. aegyptiaca der ganze Vorderrand
der Schale bis zu den Ecken abgeflacht erscheint. Die Ein-
drücke und Furchen der Oberfläche sind bei 0. aegyptiaca
deutlicher ausgeprägt, und besonders die beiden Furchen,
welche die Regio gastrica seillich begrenzen , weiter nach
hinten verlängert.
Bei der Aehnlichkeit beider Arten könnte es übrigens
vielleicht zweifelhaft erscheinen , welche von beiden der
wirkliche Cancer ceratophthalmus Pallas sei. Aus seiner
langen aber keineswegs charakteristischen Beschreibung (Spi-
cilegia Zoologica Fase. IX. p. 83) ergiebt sich für die Unter-
scheidung der beiden Arten allerdings gar nichts; in der
Abbildung jedoch (ebenda Taf. 5. Fig. 7} ist die Verschmä-
lerung der Schenkel nach der Spitze hin , ferner die Dicke
des Augengriffels und endlich die hervortretenden Ecken des
Cephalolhorax ganz charakteristisch ausgedrückt. Endlich
bürgt auch die Pallas'sche Angabe des Vaterlandes (Ost-
136 Gerstaecker:
Indien) für die Identilät seiner Art mit unseren Asiatischen
Exemplaren. Auf dieselben ist auch Ocypode ceratophthalma
Desmarest (Consid. gen. sur les Crustaces Taf. 12. fig. 1)
und der Cancer Cursor Herbst (Naturgeschichte u. s. w. I.
S» 74. Taf. 1. Fig. 8u. 9) zu beziehen.
Ocypode arenaria Catesby, Edw.
Von dieser allgemein bekannten Art aus Central -Ame-
rika, welche sich durch den gänzlichen Mangel des Augen-
griffels auszeichnet, erhielt das hiesige Museum vor Kurzem
eine Anzahl sehr junger Exemplare, welche vom Apotheker
Gollmer in Caracas gesammelt wurden. Alle sind männ-
lichen Geschlechtes und messen im Ccphalolhorax der Länge
nach 3 bis 5 Linien. Der Körper hat in diesem Jugendzu-
stande schon fast ganz die Form der erwachsenen Individuen,
nur ist er mehr flachgedrückt, noch weich, halb durchsich-
tig und entbehrt der Granulationen der Oberfläche. Die Be-
haarung der Tibien und Tarsen ist noch sehr fein und spar-
sam; die Bürsten an den einander zugewandten Flächen der
Hüften des dritten und vierten Fusspaares sind ebenfalls
schon in der Anlage vorhanden. Die Augen sind auffallend
gross und tief schwarz gefärbt. Der Cephalothorax und die
Beine sind schwarzbraun gefleckt; diese Flecken sind auf den
Schenkeln unregelmässig und zerstreut, auf dem ersten Tar-
sengliede hingegen bilden sie zwei regelmässige Querbinden.
Bei allen fünf Individuen ist die eine Scheere in demselben
Maasse kräftiger entwickelt, wie bei den ausgewachsenen;
bei vieren ist die linke Scheere die grössere, bei einem hin-
gegen die rechte. — Auch an vier erwachsenen Exempla-
ren finde ich eine solche Unregelmässigkeit vor; zwei Weib-
chen haben die grosse Scheere auf der rechten, von zwei
Männchen das eine auf der rechten , das andere auf der
linken Seite. Es findet also bei der vorliegenden Art nicht,
wie es bei den meisten Gattungen der Fall ist, eine bestimmte
Geselzmässigkeit in der Entwickelung der beiderseitigen Schee-
ren statt, sondern beide Geschlechter variiren in dieser Be-
ziehung ohne irgend welche Regel.
Die schwarze Fleckung des Körpers scheint übrigens
bei den Arten der Galtung Ocypode im jugendlichen Aller
Carcinologische Beiträge. 137
allgemein vorhanden zu sein; die von Dana (Cruslacea I.
p. 324. PI. 20. Fig-. 1) beschriebene und abgebildete Ocypode
pallidula von Tongatabou, welche hierin den Jugend-Exem-
plaren der Ocyp. arenaria vollkommen ähnelt, dürfte sehr
wahrscheinlich der Ocypode ceratophlhalma als Jugendzu-
stand angehören. Dana bezieht übrigens diese Art auf
Ocypode pallidula Hombron et Jacquinot (Voyage au pole
sud et dans l'Oceanie, Atlas, Crustaces Taf.6. Fig. 1), welche
beträchtlich grösser und keine schwarze Fleckung mehr zeigt.
Im Texte desselben Reisewerkes ist letztere Art von Lucas
als Jugendzustand von Ocypode cordimana Edw. angenom-
men worden, wahrscheinlich wegen des Mangels der Augen-
griffel. Es bliebe jedoch noch zu untersuchen, ob die Arten,
welche diese Aügengriffel im ausgewachsenen Zustande ha-
ben, auch schon in der Jugend damit versehen sind, und
sollte dies nicht der Fall sein, so wäre es immerhin möglich,
dass die J ac qui n ot'sche 0. pallidula eine Mittelstufe zwi-
schen der Dana'schen und der ausgewachsenen 0. cerato-
phlhalma wäre.
Acantlioplax Milne Edw.
Mi Ine Edwards hat (Archives du Musee d'hisl. na-
tur. Tome VII. p. 162 und Annales des scienc. nat. 3. ser.
XVIII. p. 1513 unter dem Namen Acanthoplax insignis eine
neue Ocypodinen - Art beschrieben , welche nach ihm eine
eigene, obwohl mit Gelasiraus nahe verwandte Gattung bil-
den soll. Als Unterschied von letzterer Gattung wird nur das
eine Merkmal hervorgehoben, dass die Regiones branchiales
des Cephalothorax mit einer Reihe knopfartiger Tuberkeln
geziert sind, welche bei Gelasimus fehlen. Dass ein so ganz
specifisches , man könnte sagen zufälliges Merkmal, keinen
hinreichenden Grund zur Aufstellung einer eigenen Gattung
geben kann, liegt auf der Hand, und einen anderen generi-
schen Unterschied von den schmalstirnigen Gelasimus aufzu-
finden, ist mir wenigstens nicht geglückt. Ich kann vielmehr
an einer neuen, weiter unten zu beschreibenden Art, die
von Warscewicz in Veragua aufgefunden und dem hiesi-
gen Museum überlassen worden ist, direkt nachweisen, dass
Acanthoplax Edw. von der Gattung Gelasimus, oder wenig-
^38 Gerstaecker:
stens von denjenigen Arten dieser Gattung, bei denen die
Stirn schmal und linienförmig ist, nicht füglich getrennt wer-
den kann. Diese Art steht nämlich erstens durch ihre Zier-
rathen am Cephalothorax in der Mitte zwischen Acanthoplax
insignis Edw. und Gelasimus Maracoani Marcgr. , indem bei
ihr nur die geschwungene Kante der Regiones branchiales
mit perlartigen Erhabenheiten besetzt ist, der Seiten- und
Hinterrand des Cephalothorax dagegen derselben entbehren.
Ausserdem zeigt sie aber, da das vorliegende Exemplar ein
Männchen ist, (während Milne Edwards seinen Acan-
thoplax insignis nur im weiblichen Geschlechte kannte) in
der Bildung der grossen Scheere die vollkommenste Ueber-
einstimmung mit Gelasimus Maracoani Marcgr. und seinen
Verwandten, indem diese von ungeheurer Ausdehnung, etwa
dreimal so lang als der Carpus, sehr breit und besonders
flachgedrückt erscheint. Soll also, wie Milne Edwards
(Annales des scienc. natur. Tome XVIII) es thut, der Gela-
simus Maracoani und die übrigen Arten mit schmaler Stirn
unter Gelasimus verbleiben, so muss auch Acanthoplax in-
signis dazu gestellt werden; oder soll dieser generisch ab-
getrennt werden, was zwar nicht durch die Eigenthümlich-
keit des Cephalothorax, aber durch die Bildung der Stirn und
Scheeren gerechtfertigt werden könnte, so müssten auch die
bezeichneten Arten , welche in diesen Charakteren überein-
stimmen, zu Acanthoplax gezogen werden. Man würde dann
die Galtung Gelasimus auf diejenigen Arten einschränken,
welche bei Milne Edwards (a. a. 0.) seine Gruppe C.
bilden; diese zeichnen sich, nach den mir bekannten zu ur-
theilen, durch breite Stirn , minder stark entwickelte Schee-
ren beim Männchen, verhältnissmässig kürzere Beine und be-
sonders stark erweiterte Schenkelaus. Möglich jedoch, dass
sich bei Vergleich einer grösseren Reihe von Arten auch in
diesen Merkmalen allmähliche Uebergänge nachweisen las-
sen. — Die oben erwähnte neue, mit Acanthoplax insignis
Edw. nahe verwandte Art ist:
Gelasimus (Acanthoplax) excellens n. sp.
Der Cephalothorax ist trapezoidal, kürzer als bei A. in-
signis und nach hinten stärker verengt. Zwei sehr liefe und
Carcinologische Beiträge.
m
breite symmetrische Furchen auf der Mitte des Rückens stel-
len zusammen fast die Form einer Leier dar. Der Vorder-
rand ist leicht geschwungen, fein gekörnt, die Vorderecken
nach aussen und vorn hervortretend, aber kaum das Niveau
der Stirn erreichend. Der Hinter- und die Seitenränder sind
glatt, ohne Tuberkeln, die beiden geschwungenen Seitenlinien
der Oberfläche mit 7 bis 8 perlenartigen Erhöhungen be-
setzt, von denen die hinterste am stärksten ist. Die linke
Scheere ist die stark entwickelte ; ihr Schenkel zeigt drei
Kanten, eine obere und untere scharfe und eine hintere ab-
gerundete; die untere ist mit fünf zapfenartigen Erhöhungen
versehen, der Trochanter ebenfalls mit einer solchen, etwas
grösseren an seiner Spitze. Die Aussenfläche des Carpus ist
mit grossen , glatten und flachen Tuberkeln besetzt. Von
den Scheeren selbst ist die untere, festsitzende auf derAus-
senseite mit fleckiger , tomentartiger Behaarung bekleidet,
innen dagegen vollkommen glatt; ihr oberer Rand ist nahe
der Einlenkung der beweglichen Scheere tief halbmondförmig
ausgeschnitten, dann bis zur Spitze fast geradlinig; beide
Ränder sind mit perlenartigen, gegen die Spitze allmählich
kleiner werdenden Knöpfchen besetzt, welche auch die an
der Innenseite verlaufende Leiste begleiten. Die bewegliche
Scheere hat einen unteren geradlinigen und einen oberen,
sichelförmig gebogenen Rand; ersterer so wie die Längs-
leisle der Innenseite sind hier ebenfalls mit perlenarligen
Höckern geziert, letzterer jedoch fast glatt; auch ist die
Aussenfläche hier ebenso glatt wie die innere. Beide Schee-
ren endigen an der Spitze mit einem dünnen, konischen,
fast geraden Zahne. Die kleine Scheere der rechten Seite
ist wie bei dem von Milne Edwards abgebildeten Weib-
chen des Ac. insignis und den Gelasimus-Arten gebildet; die
untere Kante ihres Schenkels ist mit zwei ziemlich scharfen
Zähnen bewaffnet. Die Schenkel der drei folgenden Fuss-
paare zeigen ebenfalls an der Unterseite je drei scharfe
Zähne ; die des letzten hingegen sind unbewehrt. Durch
diese Bewaffnung der Schenkel ist die vorliegende Art auf-
filUg von der Milne Edward s'schen unterschieden , bei
welcher der Schenkel des letzten Fusspaares ebenfalls an
der Unterseile und die beiden vorletzten auch auf der Ober-*
140 Gerstaecker: ,o')
Seite vor der Spitze Zähne tragen. Letztere ist bei unserer
Art auf allen fünf Fusspaaren mit dichtem grauen Filze be-
declit, welcher sich auch noch auf die Schienen und das
erste Tarsenglied erstreckt.
Illiaconotus nov. gen.
(Taf. V. Fig. 5.)
Durch die seitwärts nicht geschlossenen Augenhötilen,
die klaffenden äusseren Maxillarfüsse, die Form und Skulptur
des Cephalothorax und die netzartige Granulation seiner Un-
terseite beiderseits von der Mundöffnung steht die hier zu
beschreibende neue Gattung in nächster Verwandtschaft mit
der Gruppe Sesarmacea Milne Edw. , von deren bisher be-
kannt gewordenen Gattungen sie sich jedoch durch die
schmale Stirn und die aussergewöhnliche Länge der Beine
unterscheidet. In letzterer Hinsicht, und besonders durch die
eigenthümliche Form der Scheeren, nähert sie sich habituell
der Gattung Gonoplax , mit der sie im Uebrigen wenig ge-
mein hat. — Der Cephalothorax ist breiter als lang, vier-
eckig, an den Seiten mit vier Zähnen bewaffnet, von denen
die beiden hintersten sehr schwach und nur durch leichte
Einkerbungen bezeichnet sind; die Oberfläche ist durch tiefe
Eindrücke getheilt, von denen jederseits zwei Querfurchen
den Einschnitten der beiden vorderen grossen Zähne des
Seitenrandes entsprechen ; die Regio gastrica , cardiaca und
genitalis sind schmal und von den breiten Regiones bran-
chiales ebenfalls durch tiefe , geschwungene Furchen abge-
sondert. Die Breite der Stirn kommt hinten derjenigen der
Augenhöhlen gleich, ihr Vorderrand misst jedoch kaum den
vierten Theil der ganzen Breite des Cephalothorax; derselbe
ist etwas herabgezogen und stumpf dreieckig zugespitzt. Der
obere Augenhöhlenrand hat die Form eines liegenden S,
der untere ist scharf, deutlich gesägt und verläuft wie bei
Sesarma mit dem oberen parallel, bis er sich im Niveau des
zweiten Zahnes des Seitenrandes allmählich verliert. Die
Augensliele sind länger als bei Sesarma , erreichen jedoch
bei weitem nicht den äusseren Winkel der Augenhöhle. Die
äusseren Antennen sind unmittelbar an der Innenseite der
Carcinologischc Beiträge. 141
Augeiisliele eingelenkt und nicht von der Augenhöhle ausge-
schlossen; ihr erstes Glied ist kurz und breit, das zweite
stiellörmig, länglich, das dritte und vierte allmählich dünner
werdend, und zwar das vierte um die Hälfte länger als das
dritte, die Geissei um die Hälfte länger als die beiden letzten
Glieder des Schaites zusammengenommen. Die inneren An-
tennen sind jederseits von der Spitze der Stirn eingefügt, ihr
erstes Glied um die Häute länger als das zweite , beide ge-
krümmt , die Geissei äusserst kurz und gefranst. Der Vor-
derrand der Mundhöhle tritt in der Mitte gerundet hervor.
Die äusseren Maxillarfüsse klaffen noch bei weitem mehr als
bei Sesarma; ihre beiden ersten Glieder (Femur und Tibia)
sind schmal, länglich viereckig, das zweite wie bei Sesarma
durch eine liefe Diagonalfurche und eine erhabene Linie längs
des Innenrandes ausgezeichnet. Das dritte Glied ist verhält-
nissmässig gross, fast so breit wie das zweite, doch nur halb
so kurz als dieses, vorn und aussen abgerundet; am Palp
(Tarsus) ist das erste Glied gegen die Spitze dreieckig er-
weitert, das Endglied länglich eiförmig und an der Spitze lang
behaart. Die zur Seite der Mundöffnung gelegenen Flächen
des Cephalothorax sind fein netzartig gekörnt und von zwei
Querfurchen durchzogen ; die erste liegt unmittelbar hinter
dem unteren Augenhöhlenrand und ist zunächst die Mund-
öffnung sehr lief; die zweite verläuft etwa über die Mitte
und ist ziemlich flach. Der Hinterleib des Männchens kommt
an Breite dem dritten Theile des Sternums gleich, der des
Weibchens bedeckt die Sternalplatte in ihrer ganzen Breite;
die einzelnen Ringe sind in beiden Geschlechtern vollstän-
dig getrennt. Die Beine sind auffallend lang , die Schenkel
des vierten Paares fast so lang wie die grössle Breite des
Cephalothorax, die des dritten ein wenig, und die des vier-
ten, welches das kürzeste ist, um die Hälfte kürzer ; ihr Vor-
der- und Hinterrand ist mit kleinen scharfen Zähnen besetzt,
die gegen die Basis verschwinden. Mit der Länge der Schen-
kel steht an den einzelnen Fusspaaren die des vorletzten
Tarsengliedes in gleichem Verhältnisse , indem es ebenfalls
am vierten Paare am längsten, am zweiten dagegen am kür-
zesten ist; sein Voidenand ist mit zwei Reihen scharfer
Zähne bewaffnet, die durch eine Furche getrennt sind, sein
142 Gersta eckers
Hinterrand ist abg-erundet und mit langen Haaren besetzt.
Das letzte Tarsenglied ist an den vier Gangbeinen seitlich
zusammengedrückt, scharf zugespitzt und an der vorderen
und hinteren Kante gewimpert. Die Scheeren sind beim
Männchen stark, beim Weibchen schwach entwickelt; bei er-
sterem ist die rechte Seite die stärker ausgebildete; ihr
Schenkel ist so lang wie der Cephalothorax, dreikantig mit
einer oberen, vorderen und hinteren Fläche^ der Vorderarm
(Tibia) kurz, dreieckig, an der Innenseite schwach gezähnt,
der Carpus so lang wie der Schenkel , mit einer oberen und
unleren scharfen Kante und einer äusseren und inneren
schwach gewölbten Fläche ; auf der inneren tritt in der Mitte
noch eine stumpfe , durch einige Zähne bezeichnete Kante
hervor. Die Finger der Scheere sind wenigstens um die
Hälfte kürzer als der Carpus, beide in gleichem Sinne und
nach unten gebogen, scharf zugespitzt, innen gesägt. Die
Scheere der linken Seite ist übereinstimmend gebildet, nur
in allen Theilen halb so klein ; noch bei weitem schwächer
ist die Entwickelung beider Scheeren beim Weibchen.
Die einzige mir bekannte Art dieser Gattung ist:
Rhaconotus crenulaius.
Es liegen mir ein männliches und zwei weibliche Exem-
plare vor, von denen das erste im Cephalothorax 15 Lin.
breit und 11 Lin. lang, die beiden letzteren 11 Lin. breit und
8 Lin. lang sind ; der Körper des Männchens ist daher im
Verhältnisse kürzer und breiter als beim Weibchen, neben-
bei aucli mehr flachgedrückt. Die Oberfläche ist ausser den
Furchen mit zerstreuten grösseren und kleineren Punkten be-
setzt, stellenweise glatt. Der obere Rand der Augenhöhlen
so wie die Zähne des Seitenrandes sind fein gesägt, letztere
so wie der untere Rand der Augenhöhlen mit dichten Haa-
ren gewimpert. Von den vier Zähnen des Seitenrandes ist
der vorderste aussen gerundet und bildet einen sehr tiefen
Einschnitt; die folgenden sind geradlinig, die beiden letzten
zwar ebenso lang als die vorhergehenden, aber nur sehr
schmal abgesetzt. Das ganze Thier zeigt im getrockneten
Zustande eine blass knochengelbe Farbe, zmveilen mit einem
Carcinologische Beiträge. 143
rölhlichen Anfluge auf dem Rücken des Cephalothorax und
blassrolhen Zeichnungen auf den Scheeren des Männchens.
Der Fundort ist unbekannt.
Uca una Marcgr.
Milne Edwards unterscheidet (Hist. nat. d. Crust. II.
p. 22) zwei Arten der Gattung Uca in folgender Weise: 1)
Uca una. „Seilenränder des Cephalothorax mit einer etwas
vorspringenden , fein gezähnelten Kante ; Flächen zur Seite
der MundöfTnung stark gekörnt; drittes Fusspaar ein wenig
länger als die übrigen." 2} Uca laevis. „Seitenränder des
Cephalothorax kaum markirt , Flächen zur Seite der Mund-
öffnung glatt, Füsse des Männchens sehr gross, die des zwei-
ten Paares ein wenig länger als die übrigen." Die letzlere
Art unterwirft der Verf. (Archives du Museum d'hisl. natur.
Tome VII. p. löo) noch einmal einer sehr ins Einzelne ge-
henden Beschreibung und giebl davon auf Taf. 16 eine Ab-
bildung, welche das ihm ausschliesslich bekannte Männchen
darstellt. — Schon vor mehreren Jahren, als ich die Cru-
staceen -Sammlung des hiesigen Museums auf die Milne
Edvvards'sche Hist. nat. des Cruslaces durchnahm, schien
es mir nach den Exemplaren unserer Sammlung unzweifel-
haft , dass Uca una und laevis Edw. nur die verschiedenen
Geschlechter einer und derselben Art seien und zv/ar erstere
das Weibchen , letztere das Männchen. Bei der Uca laevis
giebt Milne Edwards ausdrücklich an, nur männliche
Exemplare vor sich zu haben; bei Uca una Ihut er des Ge-
schlechtes zwar keiner Erwähnung, doch passen die hervor-
gehobenen Charaktere ganz genau auf die mir vorliegenden
weiblichen Individuen, und alle von ihm bei dieser Art citirlen
Abbildungen stellen ebenfalls nur Weibchen dar. Die von M i 1 n e
Edwards neuerlich gegebene Abbildung seiner Uca laevis
stimmt, mit Ausnahme des zweiten Fusspaares, welches augen-
scheinlich zu kurz gezeichnet ist , mit den mir vorliegenden
Männchen ebenfalls so genau überein, dass über die Identität
beider gar kein Zweifel obwalten kann. Es wäre nun aller-
dings immer noch möglich, dass ich von Uca una nur Weibchen,
von Uca laevis dagegen nur Männchen vor mir hätte; hiergegen
spricht jedoch der Umstand, dass die fünfzehn Exemplare unse-
144 Gerstaecker:
rer Sammlung, von denen fünf Weibchen, die übrigen zehn
aber Männchen sind^ alle von einer und derselben Lokalität in
Brasilien stammen , und dass überdies zwischen beiden gar
keine wesentlicheren Unterschiede , als solche , die von der
GeschlechtsdifFerenz abhängen und in ähnlicher Weise viel-
fach unter den ßrachyuren vorkommen, existiren. Bei den
Männchen zeigt sich nämlich der Cephalothorax verhältniss-
mässig breiter und kürzer, nach hinten stärker verengt, seine
Seitenränder vollständig abgerundet und verwischt, die Un-
terseite glatt, die Beine mit dichten ßürstenhaaren besetzt
und unter ihnen das zweite am längsten. Beim Weibchen
dagegen ist der Cephalothorax plumper und kürzer, nach hin-
ten weniger verschmälert, der Seitenrand durch eine deut-
liche Leiste markirt und scharf gezähnt, die Unterseite ge-
körnt, von den wenig behaarten Füssen das dritte Paar etwas
länger als das zweite. Es kann somit das Zusammengehören
der beiden Edward s'schen Arten als verschiedene Geschlech-
ter einer und derselben Art gar nicht bezweifelt werden, oder
es müsstc denn erst der Nachweis zweier specifisch ver-
schiedenen dadurch geliefert werden, dass von beiden Männ-
chen und Weibchen, die unter einander in den angegebenen
Merkmalen übereinstimmen, existiren.
Gecarcinus lateralis Edw.
Von dieser durch ihre schöne Färbung- ausg^ezeichneten
Art erhielt das hiesige Museum eine Reihe von Exemplaren
beider Geschlechter und in verschiedenen Altersstufen , wel-
che in mehrfacher Hinsicht von Interesse sind. Die ausge-
wachsenen Männchen unterscheiden sich zuvörderst von den
Weibchen, gerade wie bei Uca una, dadurch, dass der Sei-
tenrand des Cephalothorax vollkommen abgerundet und stumpf
ist und höchstens sich dicht hinter der Augenhöhle einige
feine Kerbzähne auffinden lassen. Beim Weibchen hingegen
findet sich eine scharfe Kante im Verlaufe des Seitenrandes,
welche mit dichten körnigen Zähnchen besetzt ist und sich
nach unten und hinten in feine parallele Längsrunzeln fort-
setzt. Auffallend ist es nun, dass bei zwei mir vorliegenden
jungen Männchen (7 Lin. lang, 3 Lin. breit) die erwähnte Bil-
dung des Cephalothorax ganz nach Art der erwachsenen
Carcinologische Beiträge. 145
Weibchen beschaffen ist, indem sowohl die scharfe Seitenkante
als auch die Längsrunzeln deutlich ausgeprägt sind. Ausser-
dom sind bei ihnen auch noch beide Scheeren von gleicher
Grösse, während bei allen von mir beobachteten erwachse-
nen Individuen die linke stets grösser und kräftiger entwik-
kelt ist; beim Weibchen ist dies nur in geringem Grade der
Fall, beim Männchen hingegen zeigt die linke durchweg das
doppelte Volumen der rechten. — Die schöne violette Fär-
bung des Cephalothorax scheint nach den Individuen in ihrer
Ausdehnung sehr zu variiren. Bei den beiden jungen Männ-
chen und einem ausgewachsenen Weibchen ist nur die vor-
dere Hälfte mit Ausnahme des breiten Vorder- und Aussen-
randes und auf der hinteren Hälfte drei getrennte , in einer
Querlinie stehende Flecken rothgelärbt; bei anderen fliessen
die hinteren drei Flecken unter einander sowohl als mit dem
vorderen zusammen, und es bleiben so ausser den breiten Rän-
dern, die übrigens auch hier und da mit Roth gewaschen
erscheinen , nur zwei viereckige Flecken , jederseits einer
hinter der Regio gastrica weiss. Bei einem besonders schön
gefärbten weiblichen Exemplare aus Veragua endlich ist die
ganze Ober- und ein Theil der Seilenflächen des Cephalo-
thorax schön purpurrolh, und erstere zeigt acht scharf abge-
grenzte, rein weisse Flecken, nämlich einen grossen jeder-
seits hinter den Augenhöhlen, zwei etwas kleinere hinter der
Regio gastrica und zwei punktförmige zu jeder Seite auf
der Grenze zwischen der Regio gastrica und den Regiones
branchiales.
Boscia dentata E6Wo
Die Vergleichung einer grösseren Anzahl Exemplare
dieser Art in verschiedenen Altersstufen, welche sämmtlich
von einer und derselben Lokalität stammen, nämlich von
Caraccas, wo sie vom Apotheker Go 11 m er gesammelt wur-
den, hat mich davon überzeugt, dass eine Unterscheidung
mehrerer Arten, wie sie Mi In e Edwards (Annales des
scienc. nat. 3. ser. Tome XX. p. 207) nach der stärkeren
oder schwächeren Denticulalion des scharfen Seitenrandes
des Cephalothorax, der Zahnung der Schenkel und der Be-
schaffenheit der beiden Querleisten der Slirn vornimmt, ge-
wiss mit grosser Vorsicht zu handhaben ist, indem alle diese
Archiv f. Naturgesch. XXII. Jahrf . 1. Bd. 10
146 Gerstaecker:
Xheilö nicht nur nach dem Aller, sondern oft auch bei gleich
entwickelten Individuen beträchtlichen Variationen unlerwor-
fßft sind. — Von den mir vorliegenden Exemplaren messen
die grösslen im Cephalolhorax der Länge nach 1" 8'", der
Breite nach 2" 5"', die kleinsten dagegen nur 8'" und
1" 1'". Die Männchen und Weibchen zei^fen in allen Al-
tersstufen den Unterschied , dass bei ersteren der Cephalo-
lhorax im Verhältnisse breiter und kürzer , bei weitem mehr
abgeflacht ist, und dass die Furchen , welche die Regio ga-
slrica von den Regiones branchiales abtrennen , bei weitem
tiefer und deutlicher ausgeprägt erscheinen. Die stärkere
oder geringere Entwickelung der Scheeren auf der einen
oder der anderen Seite scheint zu variiren; bei allen mir
yprliegenden Männchen findet sich zwar die grössere Scheere
Stiets auf der rechten Seite, doch ist sie bald sehr beträcht-
lich grösser als die linke, bald nur wenig von dieser ver-
schieden. Unter den Weibchen dagegen ist eins, bei dem
beide Scheeren fast gleich gross , und eins , bei dem die
linke beträchtlich stärker entwickelt ist; bei den übrigen
ist ebenfalls die rechte die kräftigere. — Was die Zahnung
des Seitenrandes am Cephalolhorax betrifft, so ist dieselbe
desto schwächer, je jünger die Exemplare sind, bei den klein-
sten ist sie kaum benjerkbar ; hiermit Hand in Hand geht die
Zahnung an der Vorderkante der Schenkel, welche ebenfalls
bei erwachsenen Individuen viel deutlicher ausgeprägt ist als
bei jungen. Von den beiden Stirnleisten ist selbst bei den
grösslen von mir beobachteten Individuen nur die obere in
ihrer ganzen Ausdehnung deutlich und gleichmässig gekörnt,
die untere hingegen nur an beiden Enden. Je kleiner nun
die Exemplare werden, desto mehr nimmt auch die Granu-
lation der oberen Leiste ab und sie selbst verliert allmählich
immer mehr an Schärfe; zuweilen rückt sie auch mehr als
gewöhnlich an die untere Stirnleiste heran. Solche Exem-
plare slimmen nun genau mit Milne Edwards' Beschrei-
bung seiner Boscia denticulala aus Cayenne (a. a. 0. S. 208.
No. 3) überein, die mühin, da sich die allmählichsten Ueber-
gänge von ihr zu der wirklichen Boscia dentata von den An-
tillen nachweisen lassen , nur als Abänderung derselben be-
trachtet werden kann. Ob die beiden übrigen Milne Ed-
Carcinologische Beiträge. 147
wards'sclien Arten, Boscia Cliilensis von Chile und macropa
aus Bolivia, welche übrigens der Beschreibung nach auf ähn-
lichen Charakteren begründet sind, nicht ebenfalls nur als Lo-
kalvarieläten zu betrachten sind , niuss ich dahinstellen, da
mir Exemplare aus diesen Ländern nicht vorliegen. Jeden-
falls ist die Art nicht unbeträchtlichen Schwankungen unter-
worfen, wie dies vier aus Mexiko stammende Exemplare der
hiesigen Sammlung beweisen. Bei einem Weibchen unter
ihnen ist der Cephalothorax auffallend und gleichmässig ge-
wölbt, so dass die Furchen zwischen der Regio gaslrica und
den Regiones branchiales ganz verschwunden sind , die obere
Querleiste der Stirn ist dicht an die Randleiste herangerückt
und zeigt keine Unebenheiten; der Körper und die Scheeren
sind vollkommen glatt, der Arm hat unregelmässige stumpfe
Zähne am Vorderrande. Bei den drei Männchen dagegen ist
der Cephalothorax ganz flachgedrückt, die Furchen deutlich
und lief, das Uebrige wie beim Weibchen. Nach Mi Ine
Edwards müsste diese Varietät ohne Zweifel auch zu einer
eigenen Art erhoben werden, wofür ich meinerseits keine ge-
nügenden Gründe aufzustellen wüsste.
Dilocarcinus Milne Edwards.
Diese von Milne Ed ward s (Archives duMusee d'hist.
nalur. VII. p. 178) bekannt gemachte Gattung von Flusskrab-
ben, welche durch die eigenihümliche Bildung des Hinter-
leibs , an dem die mittleren Ringe in beiden Geschlechtern
vollkommen mit einander verschmolzen sind, sehr ausgezeich-
net ist, enthält daselbst vier sämmtlich aus Brasilien stam-
mende Arten, welche als neu beschrieben und abgebildet
werden. Zwei derselben sind am Seilenrande des Cepha-
lothorax mit sieben, die beiden anderen mit fünf Zähnen be-
wafTnet. Von jeder dieser Gruppen ist mir eine Art bekannt,
von ersterer Dilocarcinus Castelnaui, von letzlerer Diloc. pi-
ctus. Ausserdem besitzt das hiesige Museum noch eine fünfte
neue Art, welche jederselts am Cephalothorax nur mit 4 Zäh-
nen bewaffnet ist und in der Zeichnung der Oberfläche mit
Dil. pictus Edwards die nächste Verwandtschaft darbietet.
Was den Dilocarcinus Castelnaui Edw. betrifft, so ist
diese Art nicht neu, sondern schon vonGronovius (Zoo-
148 Gerstaecker:
phylacium Gronovianum p. 222) als Cancer No. 956 beschrie-
ben und dessen Beschreibung von Herbst (Naturgeschichte
U.S. w. 1. p. 155) in der üebersetzung copirt worden; lelz-
terer hat ihm den Namen Cancer seplemdentatus gegeben.
Die Grono vius'sche Beschreibung charakterisirt den Krebs
ganz vortrefflich , indem die Beine als „natatorio-cursorii*
und der Hinterleib als „breit und nur mit einem Quergelenke
nahe der Spitze versehen" bezeichnet wird. Die Synonymie
der Art würde also folgende sein :
Dilocarcinus s eptemdentatus.
Cancer septemdentatus Herbst, Naturgeschichten, s. w.
1. p. 155.
Cancer No. 956. Zoophylacium Gronovianum p. 222.
Dilocarcinus Castelnaui AJilne Edwards , Archives du
Museum d'hist. natur. VH. p. 182. PI. XIV. fig. 5.
Das hiesige Museum besitzt zwei männliche Exemplare
aus der Herbst'schen Sammlung, welche mit der Grono-
v ins - Herbs t'schen Beschreibung genau übereinstimmen,
ohne dass Herbst sie seiner Beschreibung zu Grunde ge-
legt zu haben scheint, indem er (a. a. 0.) sagt, dass er die
Art nur aus Gronovius' Beschreibung kenne; wahrschein-
lich hat er sie erst in späterer Zeit erhalten. Mit der Milne
Ed wards'schen Abbildung seines Dil. Castelnaui stimmen
die beiden genannten Exemplare ebenfalls ohne irgend einen
Zweifel überein , nur dass derselbe die beiden Vorderwinkel
der Mundöff'nung als ganzrandig angiebt, während sie bei
unseren Exemplaren mit einigen stumpfen Zähnen besetzt
sind. Jedenfalls kann dieser geringfügige Unterschied, wel-
cher vielleicht nach den Individuen variirt, nicht zur Unter-
scheidung zweier Arten als genügend betrachtet werden,
und es ist daher unzweifelhaft, dass die Edward s'sche Art
auf die alte Gr ono vius-H erbs t'sche zurückgeführt wer-
den muss.
Die oben erwähnte neue Art mit vier Zähnen am Ce-
phalothorax jederseits ist:
Dilocarcinus pardalinus nov. spec.
Diese Art ist doppelt so gross als Dil. pictusEdw., in-
Carcmologische Beiträge. 149
dem der Cephalolhorax in der Länge 1" 8'", in der Breite
1" 9"' misst ; der Körper ist verhältnissmässig höher ge-
wölbt und plumper gebaut als bei jenem. Die vier Zähne
des Seitenrandes nehmen von vorn nach hinten an Grösse
und Breite allmählich ab und sind sehr spilz; sie stehen in
gleichen Absländen von einander, und der lelzte liegt noch
weit vor der Mille der Körperlänge. Die Furchen auf der
Oberfläche sind deutlicher als bei Dil. pictus ausgeprägt. Die
Farbe ist dunkel ockergelb; die rothen Punkte, mit denen
die Oberfläche ebenfalls gezeichnet ist, stehen nicht wie bei
Dil. piclus einzeln , sondern sind zu kleinen Rosetlen nach
Art des Leoparden- F'elles vereinigt. Die Stirn ist auf glei-
che Weise wie bei D. pictus gebildet , nur in der Mitte we-
niger tief ausgebuchtet; auch erscheinen die Zähne am unte-
ren Rande der Augenhöhlen mit Ausnahme des ersten klei-
ner und undeutlicher. Die Beine sind von der Farbe des
Körpers und ebenfalls mit blulrolhen Flecken, die aber keine
Ringe bilden, besäet. Das Endglied der Tarsen ist am letz-
ten Fusspaare beträchtlich breiler als an den vorhergehenden,
und wie das vorletzte, an der Innenseite mit dichten Haaren
besetzt. Von den Scheeren ist die der rechten Seite die
stärker entwickelte ; der obere Arm derselben am Innen-
rande nicht gezähnt, während an der linken beide Arme ab-
wechselnd mit einem grösseren und zwei kleineren Zähnen
bewehrt sind. — Das vorliegende Exemplar ist ein Weib-
chen , an dessen Hinterleib nur der erste und letzte Ring
frei, die übrigen mit einander verwachsen sind. Der Fund-
ort ist unbekannt, doch kann Süd-Amerika wohl mit Sicher-
heit als Vaterland angenommen werden, da alle übrigen Ar-
ten der Gattung dorther stammen.
Telpliu§a Milne Edwards.
Die Arten dieser Flusskrabben -Gattung, welche aus-
schliesslich den wärmeren Gegenden des alten Conlinents
eigen zu sein scheinen , sind wegen der grossen Aehnlich-
keit, welche sie unter einander darbieten, von den verschie-
denen Autoren häufig mit einander vermengt worden und da-
her ihre Synonymie in grosser Verwirrung. Die Hauptur-
sache hiervon ist , dass man oft neue Arten von einer weit
150 Gerstaecker:
entfernten Lokalität ohne genauere Prüfung- auf schon be-
kannte bezog, wie z. B. Herklo ts (Additainenta ad faunam
carcinologicam Africae occidentalis p. 5) eine Art von Guinea
mit dem Cancer auranlius Herbst aus Ostindien für identisch
hielt, Krau SS seine Telphusa perlata von Port Natal mit
ebenderselben Art identificirte (Süd- Afrikanische Cruslaceen
p. 37), de Haan eine Japanische Art auf die Telphusa ße-
rardii Edw. aus Aegypten beziehen zu dürfen glaubte. Eine
Vergleichung der Exemplare einer bestimmten Lokalität stellt
jedoch zur Genüge heraus, dass dieselben immer wieder
einer anderen Art angehören , und dass mithin eine weite
Verbreitung der Arten , besonders über verschiedene Welt-
theile in dieser Gattung nicht , oder wenigstens nur in sehr
beschränktem Maasse statlfindel. Von allen bekannten Arten
sind aber besonders zwei von Herbst beschriebene und ab-
gebildele, nämlich dessen Cancer aurantius (Naturgeschichte
u. s. w. HL 1. p. 59. Taf. 48. Fig. 5) und Cancer hydrodro-
mus (ebenda IL p. Iö4. No. 192. Taf. 41. Fig. Q) am meisten
unrichtig erkannt und verwechselt worden. In der zweiten
Art hat sogar Milnc Edwards (Hist. nat. d. Crust. IL
p. 24) eine Art der Galtung Cardisoma zu erkennen geglaubt.
Nach den Original-Exemplaren der Herb s l'schen Sammlung
stellt sich über dieselben Folgendes heraus:
1. Telphusa hydr odromus.
Cancer hydrodromus Herbst, Naturgeschichte u. s. w.
IL p. 164. No. 192. Taf. 41. Fig. 2.
Cancer senex? Fabricius, Entom. syst, suppl. p. 340.
No. 22.
Telphusa grapsoides Milne Edwards, Annales des sci-
ences natur. 3. ser. XX. p. 212.
Diese Art gehört in die zweite Milne Edwards'sche
Gruppe, bei welcher die Crista postfrontalis des Cephalotho-
rax in der Milte unterbrochen ist und der mittlere Theil vor
den beiden seitlichen hervortritt. Zwei männliche Exemplare
der Herbst'schen Sammlung messen 13 Lin. in der Länge
und 16 Lin. in der Breite. Die Stirn ist schwach geneigt,
in der Mitte sehr leicht ausgebuchte!, der mittlere Theil der
Carcinologische Betträge. 151
Stirnleiste tritt etwa um eine Linie vor den seillichen her-
vor, ist durch eine liefe aber kurze Rückenfurche in zwei
Hälften getheilt, von denen jede eine geschwungene, wenig
erhabene, nach aussen verschwindende Linie bildet. Die
seillichen Theile der Crista sind zuerst ebenfalls geschwun-
gen , treten an der Grenze der Regio gastrica etwas nach
hinten zurück und verlaufen dann in gerader Richtung nach
aussen, wo sie, ohne den Seilenrnnd zu erreichen, hinter dem
zweiten Seitenzahne endigen ; sie sind mehrfach leicht einge^
kerbt, aber nicht geperlt oder gezähnt. Die beiden Zähne des
Seitenrandes sind scharf und wohl entwickelt, der Seilenrand
hinter dem zweiten bildet eine scharfe, erhabene Leiste, die
nach hinten allmählich verscjjwindet ; seillich von derselben
sind die Kiemengegenden von scharfen Querrunzeln durchzogen.
DieTibia derSchcerenfüsse ist nur mit einem langen und spit-
zen Zahne bewaffnet, die Tarsen der Gangbeine sind breit,
stumpf zugespitzt^ ohne Leiste auf der Oberseite.
Von allen Arten, welche Milne Edwards (Anriäles
des Sciences nalur. Tome XX) unter der Abtheilung mit un-
terbrochener Crista frontalis aufführt , stimmt seine Telphusa
grapsoides am besten mit dem Cancer hydrodromus Herbst
überein; die verhällnissmässig geringe Breite des Cephaio-
Ihorax und die stark gerieften Kiemengegenden, welche der
Verf. hervorhebt, passen auf denselben vollkommen.
Ob der Cancer senex Fabr. zu dieser oder der Telphusa
indica auct. gehört, lässt sich schwer entscheiden, da Fa-
bricius über die Bildung der hinteren Slirnleisle nichts
angiebt; mit dem Cancer aurantius Herbst ist er aber wohl
am wenigsten als synonym zu verbinden.
2. Telphusa anrantia.
Cancer aurantius Herbst, Naturgeschichte u. s. vv. III.
2. p. 59. No. '210. Taf. 48. Fig. 5.
Telphusa Leschenaultii ? Milne Edwards, bist. nat. d.
Crust. IL p. 13. No. 5. — Annales des sciences
nalur. 3. ser. Tome XX. p. 211. No. 10.
Alle Autoren, welche diese Art citiren, haben sie ganz
und gar vcrkaitht, Wozu allerdings die in mehrfacher ße-
152 Gerstaecker:
Ziehung unrichtige Herbst'sche Figur Anlass gegeben ha-
ben mag. Es ist nämlich bei derselben die Crista postfron-
talis ebenfalls in der Mitte unterbrochen und der mittlere Theil
vor den seitlichen hervortretend , während sie alle Autoren
als ganzrandig annehmen. Es kann daher der Cancer au-
rantius Herbst weder zu Telphusa indica Latr., wie esMilne
Edwards (Hist. nat. d. Crust. 11. p. 13 und Annales des
Sciences natur. 3. ser. Tome XX. p. 209) thut, noch zu Tel-
phusa perlata nachKrauss (Südafrikanische Crustaceen p.37),
noch zu Telphusa aurantia Herklots (Additamenta ad fau-
nam carcin. Afric. occid. p. 5) gezogen werden, und muss
daher auch der Name der letzteren Art geändert werden. —
Das einzige Exemplar der Herbst'schen Sammlung, ein
Männchen, niisst 2" 4"' in der Breite und 1" 8'" in der
Länge. Schon aus diesen Maassen ist zu ersehen, dass diese
Art im Cephalolborax sehr kurz und breit ist, und dass, da
die beiden Aussenzähne der Augenhöhlen nur 1" 4'" von
einander entfernt sind, der Seitenrand sich gleich hinter der
Stirn sehr stark rundet; er ist ausserdem durchaus glatt und
stark abgerundet, setzt sich auch nach hinten in keine deut-
lichen Querrunzeln fort. Der mittlere Theil der Crista post-
frontalis ist zwar ganz deutlich von den seitlichen getrennt,
tritt aber nur etwa um Y: Lin. weiter als diese nach vorn;
er ist durch eine kurze und seichte Längsfurche in zwei
Hälften getheilt, welche als leicht geschwungene, glatte, nicht
sehr erhabene Linien erscheinen. Die Seitentheile sind eben-
falls ungekerbt, verlaufen vom mittleren Theile aus bis zur
Grenze der Regio gastrica ganz gerade, dann plölzlich un-
ter einem stumpfen Winkel schräg nach vorn, bis sie an der
Basis des zweiten Zahnes, ohne den Seitenrand des Cepha-
lothorax zu erreichen, endigen. Die ganze Oberfläche des
Cephalothorax ist kissenartig gewölbt, ganz besonders auf den
seitlich stark hervortretenden Kiemengegenden; da er nach
hinten sehr stark verengt ist, hat er einen breit herzförmigen
Uinriss. Von den Scheeren ist die rechte fast doppelt so
gross als die linke; die Tibia ist auf beiden Seiten nach in-
nen mit zwei stumpfen Zähnen bewaffnet, von denen der vor-
dere beträchtlich grösser ist; die Zangen der rechten Scheere
sind weit klaffend indem die obere stark sichelförmig gebp-
Carcinologische Beiträge. 153
gen isf, die der linken schliessen sich fast aneinander. An
den vier Gangbeinen sind die Tibien auf der Oberseile mit
einer scharf erhabenen Längsleisle versehen, das erste Tar-
senglied am Hinterrand mit zwei bis drei Zähnen, das letzte
Glied sehr schmal, scharf zugespitzt, mit erhabener Längs-
leiste und beiderseits scharf gezähnt. Die Farbe des Kör-
pers ist lebhaft rothbraun, die Scheeren an der Innenseite
und die Füsse mehr schwarzbraun. — Das Vaterland ist nach
Herbst Ostindien.
Die HerbsTsche Figur stellt das Thier in natürlicher
Grösse und Farbe dar; unrichtiger Weise ist die grosse
Scheere auf die linke Seite verlegt, der Körper ist im vorde-
ren Theile nicht breit genug und daher hinten nicht stark
genug verengt; die Stirn ist zu lief ausgebuchtet; endlich
ist die Crista postlrontalis in der Mitte nicht deutlich unter-
brochen, wie es in der Natur der Fall ist, sonst ist übrigens
ihr Verlauf und ihr Verhältniss zu i\vn beiden Zähnen des
Seitenrandes richtig dargestellt.
Von allen bis jetzt beschriebenen Arten späterer Auto-
ren lässt sich , wie ich glaube , nur Telphusa Leschenaulti
lililne Edwards mit einiger Wahrscheinlichkeit auf den Can-
cer aurantius Kerbst beziehen, obwohl wegen der kurzen und
ungenauen Beschreibung derselben die Identität beider im-
mer nicht mit vollkommener Siclierheit festzustellen ist. Die
Angaben Milne Edwards's, dass der Cephalolhorax sehr
gewölbt, der Seitenrand und die Kiemengegenden glatt, der
mittlere Theil der Crista nur wenig vor den seitlichen her-
vortretend erscheint, passen aut das Herbst'sche Exemplar
vollkommen, ausserdem stimmt auch das Vaterland überein.
Ich schliesse hieran die Beschreibung einer neuen Art
von 6en Philippinen :
3. Telphusa sub quadrata n. sp.
Der Cephalolhorax ist fast quadratisch , nämlich 8 Lin.
lang und 9 Lin. breit , auf der Oberfläche nur sehr leicht
gewölbt, die Stirn nur sehr wenig geneigt, in der Mille ein
wenig ausgebuchtet. Die Crista postfrontalis ist sehr schwach
ausgeprägt, besonders in ihrem mittleren Theile, der übri-
gens deutlich vor den seitlichen hervortritt; er ist durch
154 Gerstaecker:
eine Längsfurche gelheilt, die sich bis auf die Stirn fortsetzt.
Ihre Seitentheile gehen zuerst vom mittleren aus etwas schräg
nach hinten, dann plötzlich unter einem Winkel nach vorn,
um an der Spitze des zweiten Seitenzahnes zu endigen. Die
Seitenränder sind nur sehr leicht gerundet und treten seit-
lich nicht sehr weit über den zweiten Seitenzahn hervor; sie
sind bei ihrem Beginne dicht und fein grkerbf, und es ge-
hen von ihnen nach innen auf die Oberfläche des Cephalo-
thorax feine Querrunzeln aus, welche nach hinten immer
stärker werden und sich auch auf die unlere Fläche der
Kiemengegenden fortsetzen. Die Furchen der Oberseile des
Cephalothorax, welche die Regio gastrica nach den Seiten und
nach hinten begrenzen, sind tief und breit. An den Schee-
renfüssen sind Schenkel und Tibien auf der Aussenseite schup-
penartig gerunzelt, die letzteren am Innenrande mit zwei
Zähnen, von denen der erste gross und spitz ist; die linke
Scheere ist bedeutend grösser als die rechte und ihre Zan-
gen am Innenrande nahe dem Gelenke mit drei grossen,
stumpfen Zähnen, von der Form der Mahlzähne, besetzt. Die
Schenkel der vier Fusspaare sind mit Tuberkeln auf der
Oberseite besetzt , die Beine im Ganzen schlank und kaum
erweitert. — Das Vaterland ist Manila.
Fam. ^§taciin de Haan.
De Haan hat (Fauna Japonica, Cruslacea p. 142) rich-
tig nachgewiesen, dass der Mangel einer beweglichen Schuppe
an der Oberseite der äusseren Fühler , auf Grund dessen
Milne Edwards seine „Thalassiniens^^ von den „Astaciens''
als eigene Gruppe abtrennt, hierzu nicht von genügender Be-
deutung sei, zumal da bei sonst vollkommner Uebereinstim-
mung im Gesammtbaue des Körpers dies Merkmal sich nicht
einmal als durchgreifend herausstelle. Bei der Gattung Axia
nämlich ist durch das Vorhandensein eines kleinen bewegli-
chen Dornes am Basaltheile der äusseren Fühler der Ueber-
gang zwischen beiden Bildungen gegeben. Auch die sub-
terrane Lebensweise, welche die Thalassinier charakterisiren
soll, ist ihnen keineswegs ausschliesslich eigenthümlic^h, da
einige Ausirulische Aslacus -Arten, auf welche Erich son
Carcinologische Beiträge. 155
(dieses Archiv Jahrg. 1846) die Untergallung Engaeus ge-
gründet hat , rnit ihnen hierin übereinslimmen. Ebenso
schwankend ist die dünnere oder consistenlere Körperbe-
deckung; während die meisten der eigentlichen Thalassinier
eine schlaffe, dünnhäutige Schale besitzen, ist die Bedeckung
bei der grösslen bekannten Art, der Tlialassina scorpionides,
vollkommen liart und kalkig; und auf der anderen Seite
zeigen wieder die subterranen Astacus-Arlen eine weit dün-
nere und zartere Oberhaut als die über der Erde lebenden.
In dieser Beziehung steht auch die hier zu charakterisirende
neue Gattung zwischen der Mehrzahl der Thalassinier und
Astacinen in der Mitte, indem ihre Körperoberfläche von le-
derartiger Consistenz , die stark entwickelten Scheeren da-
gegen von vollkommen hornartiger Beschaffenheit sind.
Durch den Mangel der respiratorischen Anhänge an der
Unterseite des Abdonion würde sich die neue Gattung zu-
nächst den „Thalassiniens Cryptobranchides*' Milne Edwards
einreihen und zwar derjenigen Abtheilung , welche innere
Fühler mit langen Geissein besitzen. Durch die breiten Sei-
lenlamellen der Schwanzflosse und das scheerenförmige zweite
Fusspaar würde sie mit Callianassa und Axia zunächst über-
einstimmen ; sie unterscheidet sich aber von der ersteren,
mit der sie in der Form des Körpers grosse Aehnlichkeit
hat, durch den nicht erweiterten Tarsus des dritten Fusspaa-
res und durch consistentere Körperbedeckung, von letzterer
durch den Mangel des beweglichen kleinen Dornes am Ba-
saltheile der äusseren Fühler. Ich nenne die Gattung:
Scyfoleptus nov. gen.
(Taf. VI. Fig. 1-4).
Der Cephalothorax ist seitlich zusammengedrückt, die
Regio gastrica nach hinten durch einen ziemlich liefen Ein-
druck jederseits von der Rückenlinie begrenzt , diese nach
vorn mit einer erhabenen Leiste versehen, welche über dem
Stirntheile in einen scharfen Zahn endigt. Die Stirn fällt
von jenem Zahne aus schräg ab und läuft an seinem vorde-
ren Ende ebenfalls in einen scharfen, etwas nach oben ge-
gerichteten Zahn aus, dem sich nach unten unmittelbar der
Ausschnitt für die Augen anschliesst. Diese sind sehr klein,
156 Gerstaecker;
nur wenig aus der Augenhöhle hervortretend , kurz kegel-
förmig, mit kleiner Cornea. Die oberen (inneren) Fühler be-
stehen aus einem kurzen, dreigliedrigen Schaft, welcher un-
mittelbar unter dem Augapfel eingelenkt ist und zwei gerin-
gelten, langen Geissein, etwa von 73 der Länge des Cepha-
lothorax. Das erste Glied des Schaftes ist länglich, fast so
lang als die beiden folgenden zusammengenommen ; diese
sind so lang als breit und die Spitze des zweiten liegt etwa
in gleichem Niveau mit der Spitze dGS Stirnzahnes. An den
unteren (äusseren) Fühlern, die etwas unterhalb der vorigen
eingelenkt sind, ist der Schaft lang, fast von V^ der Länge
der oberen Fühler; sein erstes Glied kurz, cylindrisch, etwa
doppelt so lang als breit, das zweite sehr lang, flachgedrückt,
das dritte ebenfalls länglich und flach, doch nur von y^ der
Länge des vorhergehenden ; die vielgliedrige, starke Geissei
ist mindestens um die Hälfte länger als der Schaft. Die
äusseren Kieferfüsse (Fig. 2) sind langgestreckt , fussförmig,
die beiden ersten Glieder länglich und blattartig, mit aufge-
bogenen Seitenrändern , das dritte herzförmig , das vierte
länglich viereckig, das letzte klauenförmig, zugespitzt; alle
sind an der Innenseite mit langen, dichten Haaren gewim-
pert. Das an der Aussenseite der Basis eingelenkte Flagel-
lum besteht aus einem länglichen Basalgüede und einer viel-
gliedrigen Geissei, welche mit ihrer Spitze das Ende des
zweiten Fussgliedes etwas überraot. Das zweite Maxillar-
fusspaar ist sehr klein, im Ganzen kaum länger als das erste
Glied des äusseren Paares ; die drei letzten Glieder sind kurz
und sehr gedrängt an einander gereiht. Das Scheerenfuss-
paar der rechten Seite ist von auff^allender Grösse, fast so
lang wie der Körper mit Ausnahme der Schwanzflosse, der
Carpus mit den Scheeren allein länger als der Cephalotho-
rax; alle einzelnen Theile desselben sehr breit und plump.
Der Trochanter und Schenkel sind innen ganz flach, oder
sogar leicht concav, aussen gewölbt , mit schneidend schar-
fem Ober- und Unterrande, erslerer am Schenkel bogenför-
mig gerundet. Die Tibia ist sehr kurz, dreimal so breit als
lang, oben erweitert, unten zugespitzt, beiderseits leicht ge-
wölbt. Der Carpus ist um die Hälfte länger als breit, mit
oberer und unterer abgerundeter Kante, die Zangen der
Carcihologische Beiträge. 157
Sqheere um die Hälfte kürzer, die obere etwas länger und
an der Spitze etwas über die unlere übergreifend; beide am
Jnnenrande vor der Mitte mit einem zahnartigen Vorsprunge
und zwischen diesem und der Spitze leicht ausgeschnitten. Das
Scheerenfusspaar der linken Seite ist zwar kaum kürzer als
das rechte, aber in allen Theilen ganz schmal, fast linear; der
Carpus vollkommen parallel, wenigstens viermal so lang als
breit, die Zangen der Scheere sehr klein, bis auf die ge-
krümmte Spitze längs des Innenrandes dicht aneinanderschlies-
send. Die übrigen Fusspaare sind flachgedrückt, die Schen-
kel der beiden mittleren am breitesten , der des letzten am
schmälsten und zugleich bedeutend kürzer als die übrigen.
Der Tarsus des zweiten Paares ist in eine kleine Scheere
verwandelt, deren Zangen kurz und breit sind und genau
schliessen. Am dritten und vierten Paare ist das erste Glied
des Tarsus langgestreckt, gegen die Spitze hin verschmälert
und am unteren Rande mit hornigen Zähnen besetzt, die zu
vier Paaren in gleichen Abständen gestellt sind; hinter die-
sen folgt am dritten Fusse noch ein einzelner, am vierten
noch zwei einzelne solche Zähne (Fig. 3^. Dus Nagelglied
ist an diesen beiden Fusspaaren kurz und schmal und an der
Aussenseite ebenfalls m t drei bis vier hornigen Zähnchen
besetzt. Am fünften Fusspaare ist das erste Tarsenglied sehr
lang und schlank , fast überall gleich breit , an der Spitze
mit einem Büschel dichter Haare besetzt, sonst ebenso wie
das Nagelglied unbewehrt. Der Hinterleib ist bis zur Schwanz-
flosse nicht viel länger als der Cephalothorax, auf dem Kük-
ken breit abgerundet, die seitlichen Lamellen breit und vom
Mittelstücke durch Längswülste abgesetzt. An der Schwanz-
flosse ist die mittlere Lamelle eiförmig , hinten leicht zuge-
spitzt und am Ende abgerundet, die seitlichen breit eiförnjig,
stumpf abgerundet, jede mit einer mittleren, erhabenen Längs-
leiste. Die dünnhäutigen Abdominalfüsse (Fig. 4) sind sehr
schmal und bestehen aus einem länglichen Basallheile, wel-
cher nach aussen eine gegliederte Geissei , nach innen ein
zweites noch schmaleres Glied mit zwei Geissein führt, von
denen die eine sehr kurz und fast fadenförmig gestaltet isL
An diesen Füssen sind beim Weibchen , wie gewöhnlich, die
zahlreichen Eier befestigt.
J§8 Gerstaecker:
Scytoleptus serripes.
(Taf. VI. Fig. 1).
Der Körper ist auf der Oberseite mit vereinzelten lan-
gen Haaren besetzt, an den Rändern der Seitenlamellen des
Hinterleibs und der Schwanzflosse leicht gefranst. Die Mit-
tellinie der Regio gastrica wird von einer erhabenen , aber
abgestumpften Längsleiste eingenommen , welche auf dem
hinteren Theile verschwindet und nur wieder auf dem Querein-
drucke, der die Regio gastrica nach hinten begrenzt, her-
vortritt ; nach vorn endigt sie in einen aufgerichteten Zahn,
der zugleich die obere Grenze des schräg abfallenden Stirn-
theiles bildet. Jederseits von dieser erhabenen Mittelleiste
verläuft durch eine breite Furche getrennt noch eine schwa-
che, leicht geschwungene erhabene Linie, die sich nach vorn
allmählich mehr erhebt und in gleichem Niveau mit der mitt-
leren ebenfalls in einen, obwohl viel schwächeren Zahn en-
digt. In der Mitte der Stirn liegt über dem unteren grossen
Zahne (Schnabel) noch ein kleinerer und ein gleicher jeder-
seits zur Basis des Schnabels dicht über und zugleich etwas
hinter der Augenhöhle. Die mittlere Lamelle der Schwanz-
tlosse ist durch zahlreiche runzlige Unebenheiten rauh ; auf
dem Querdrucke nahe der Basis derselben stehen zwei scharfe,
zahnartige Hervorragungen. An der zweiten Lamelle jeder-
seits ist die wulstarlig erhabene Mittellinie mit einer Reihe
nach hinten gerichteter, scharfer und kurzer Dornen besetzt,
auf den seitlichen ist sie glatt und viel weniger erhaben. —
Ein weibliches Exemplar von ^^/^ Zoll Länge aus Südafrika,
wahrscheinlich von Port Natal.
Fam. ISphaeFOinlclae Edw.
Milne Edwards theilt diese Familie (Ilist. nat. d.
Crust. 111. p. 199) in zwei Gruppen nach der Bildung der Ce-
phalothoraxfüsse, nämlich : 1) in Sphaeromidae unguiculatae,
bei denen alle Füsse mit einem kleinen , einfachen Nagel-
gliede endigen und 2) in Sphaeromidae chelilerae, bei de-
nen nur die fünf letzten Fusspaare auf diese Art gebildet
sind, die beiden ersten dagegen in eine kleine Scheere en-
digen. Die im folgenden charakterisirlC;, durch den Mangel
Carcinologische Beiträge. 159
der Augen sehr ausgezeichnete Gattung wurde sich hiernach
der ^weiten Gruppe einreihen, welche bei Milne Edwards
nur die einzige Galtung Ancinus umfasst; mit dieser stimmt
sie auch in der allgemeinen Körpcrbildung, und besonders in
der Form des Abdomens und dessen sichelförmigen Fussan-
liängen wesentlich überein, unterscheidet sich aber, abgese-
hen von dem Mangel der Augen und geringeren Unterschie-
den in der Fühlerbildung, dadurch, dass nicht die beiden
ersten Fusspaare, sondern nur das zweite in eine Scheere
verwandelt ist, während das erste, obwohl in seinen einzel-
nen Theilen beträchtlich verkürzt, mit den hinteren Paaren
übereinstimmend gebildet erscheint. Durch Einreihen dieser
Gattung unter die Sphaeromidae cheliferae Milne Edwards,
würden daher auch die Charaktere dieser Gruppe dahin er-
weitert werden müssen, dass die fünf hinteren Fusspaare stels
einfach, die beiden vorderen dagegen in ihrer Bildung
schwankend erscheinen.
Iffunolistra nov. gen.
(Taf. YI. Fig. 5— U).
Der Körper ist halb cylindrisch, fast gleich breit, zum
Zusammenrollen geeignet. Der Kopf (Fig. ö) ist viereckig,
doppelt so breit als lang , die Stirn in einen abgerundeten
mittleren Fortsalz verlängert, zu dessen Seiten die Fühler
eingelenkt sind. Die Augen fehlen gänzlich. Die inneren
(hinteren) Fühler (Fig. 6 a) bestehen aus drei cylindrischen
Basalgliedern , von denen das erste und zweite an Länge
gleich, das dritte um die Hälfte länger ist; dieselben wer-
den allmählich dünner und das dritte trägt am Ende eine
kurze Geissei, welche aus sechs allmählich an Dicke abneh-
menden Gliedern besteht. Die äusseren (vorderen) Fühler
(Fig. 6 ö) haben vier Basalglieder ; das erste ist am kürze-
sten und dreieckig, die folgenden allmählich an Länge zu-
nehmend und cylindrisch , das vierte fast so lang als das
zweite und drille zusammengenommen, ihre Geissei ist be-
trächtlich länger als die der hinleren Fühler und besteht aus
acht Gliedern, die nach der Spilze hin an Länge zu- und an
Dicke abnehmen. Die Oberlippe hat fast die Form eines
Fünfecks und ist zu jeder Seite so wie in der Mitte des Vor-
derrandes ausgeschnitlen. Die Mandibeln (Fig. 7) sind gross
l60 Gerstaecker:
und stark, an der Spitze mit zwei kräftigen, dreispitzigen
Mahlzälinen versehen, welche zwischen sich ein lanzettliches,
lang gewimpertes Blättchen (Fig. 7 a) führen, das sich gegen
die untere Kaufläche herabbiegt. Der nahe ihrer Basis ent-
springende Palp (Fig. 7 6) hat ein langes , fast cylindrisches
Basal- und zwei kürzere Endglieder, von denen das letzte
an der Spitze breit abgestutzt und lang gewimpert ist. Die
Unterlippe (Fig. 8) ist zweilappig, die beiden Lappen kreis-
förmig und dickfleischig, am Vorderrande mit Haaren besetzt.
Die Maxillen des ersten Paares (Fig. 9) bestehen aus zwei
schmalen, langgestreckten Lamellen, von denen die innere
kleinere an der Spitze mit feinen Haaren, die äussere grös-
sere mit starken zahnartigen , gekrümmten Borsten besetzt
ist. Die Maxillen des zweiten Paares (Fig. 10) zeigen drei
neben einander eingefügte Endlamellen , von denen die bei-
den äusseren rhombisch, die innere lanzettlich gestallet ist;
letztere ist an der Innenseite, erstere am Vorderrande mit
langen Haaren besetzt. Die Maxillarfüsse (Fig. 1 1) bilden
eine langgestreckte, am Aussenrande stark geschweifte, vorn
abgerundete und gewimperte Platte; ihr Taster (Fig. IIa)
ist gross, fächerförmig, die einzelnen Glieder an der i)asis
dreieckig, nach innen in einen langen gekrümmten und an
der Spitze behaarten Fortsatz ausgezogen. Diese ausserge-
wöhnliche Bildung deutet unzweifelhaft auf eine Vermehrung
des Tastgefühls hin, welche durch den Mangel der Augen
gefordert wird.
Von den sieben Ringen des Cephalothorax ist der erste
der längste und zugleich beträchtlich schmaler als die fol-
genden; die drei folgenden sind gleich lang, die drei letzten
werden allmählich kürzer und nehmen auch zugleich an Breite
ab. Die seitlichen Fortsätze aller Ringe sind stumpf abgerun-
det. Die sieben Fusspaare zerfallen in zwei kürzere vordere
und fünf hinlere langgestreckte. Das erste Paar (Fig. 12)
stimmt in seiner Anlage mit den fünf hinteren überein, nur
dass seine einzelnen Theile im Verhältnisse kürzer und ge-
drungener erscheinen ; es ist nämlich nur das vorletzte Glied
langgestreckt und cylindrisch , während die drei vorherge-
henden kaum länger als breit und von dreieckiger Form sind.
Sein letztes Glied trägt einen einfachen gekrümmten Nagel,
Catcinologischc lieiträge. 161
die vorhergehenden sind mit mehreren kurzen Dornen be-
waffnet. Die Füsse des zweiten Paares (Fig. 13) weichen
nach vorn von den übrigen darin ab, dass sie zum Greifen
eingerichtet sind ; das vorletzte Glied ist nämlich sehr breit,
herzförmig oder dreieckig, und gegen seine breite Endkante
schlagt sich das letzte, sichelförmige Glied ein, dieses ist
an der Spitze ebenfalls mit einem Nagel bewaffnet , der je-
doch viel grösser und stärker als am ersten Fusspaare ist.
Um mehr Halt zu gewinnen, lehnt sich das letzte eingeschla-
gene Glied an einen dreieckigen Fortsatz des vorletzten,
welcher etwa in der Mitte seiner Vorderkante hervortritt.
Auch an diesem zweiten Fusspaare erscheinen die dem Schee-
rengliede vorausgehenden beiden Glieder noch kurz und
dreieckig; an den fünf folgenden dagegen (Fig. 14) tritt eine
schlankere und gestrecktere Form auf. Die drei ersten, un-
mittelbar auf den Schenkel folgenden Glieder sind an densel-
ben etwa doppelt so lang als breit und gegen die Spitze
keulenartig verdickt , das vorletzte langgestreckt und cylin-
drisch , das letzte kegelförmig und am Ende mit einem Na-
gel versehen.
Der Hinterleib besteht nur aus zwei Gliedern; das erste
ist sehr kurz, ringförmig, an den Seiten etwas erweitert und
zur Aufnahme des letzten Cephalothorax-Ringes oben ausge-
höhlt ; das zweite sehr gross, schildförmig, nach hinten schräg
abfallend , am Ende breit abgerundet und in der Mitte mit
einem dicken , erhabenen Wulste versehen. Jederseits nicht
weit hinter der Basis ist das letzte Abdominalfusspaar, hier
das einzige entwickelte, eingelenkt, welches aus einem kur-
zen, viereckigen Basal- und einem langen, schmalen, leicht
sichelartig gebogenen Endgliede besteht.
Die einzige bis jetzt bekannte Art dieser Gattung, wel-
che von F. Schmidt in den unterirdischen Höhlen Krains
aufgefunden wurde, nenne ich;
Monolistra coeca,
(Taf. VI. Fig. 5).
Sie ist 5 bis 6 Linien lang, 2y. bis 3 Linien breit, von
blassgelber Körperfarbe (bei Spiritus -Exemplaren), glatter
Oberfläche, auf der nur beiderseits von der Mitte einige
Archiv f. Naturgesch. XXH. Jahrg. l.Bd. H
162 Gerstaecker: Carcinologische Beiträge.
schwache Längsrunzeln zu bemerken sind. Die grösste Breite
des Körpers liegt in der Gegend des dritten und vierten Ce-
phalolhorax- und dann wieder beim ersten Abdominalringe ;
vom zweiten Cephalothoraxringe tritt nach vorn eine merk-
liche Verschmälerung ein. Die wulstartige Erhabenheit des
letzten Abdominalringes ist stumpf kegelförmig und überragt
den Hinterrand desselben um ein Weniges. Das sichelför-
mige Fusspaar übertrifft den letzten Hinterleibsring etwas an
Länge , ist deutlich nach innen gebogen und endigt in eine
stumpfe Spitze.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. IV.
Fig. 1. Peloplaslus Pallasii, y4 nat. Grösse.
Fig. 2. Der Stirntheil des Cephalolhorax von unten gesehen.
a. Aeussere Fühler, b. Innere Fühler, c. Aeussere Ma-
xiilarffisse.
Taf. V.
Fig. 1. Naxia Pleione. Stirntheil des Cephalolhorax von oben ge-
sehen.
Fig. 2. Derselbe von unten.
Fig. 3. Euctenota mexicana, nat. Grösse, Cephalothorax.
Fig. 4. Männlicher Hinterleib derselben.
Fig. 5. ßhaconotus crenulatus, Männchen, nat. Grösse.
Taf. VL
Fig. 1. Scytoleptus serripes, AVcibchen, nat. Grösse.
Fig. 2. Aeusserer Maxillarfuss desselben.
Fig. 3. Tarsus des dritten Fusspaares desselben.
Fig. 4. Abdominalfuss desselben.
Fig. 5. Monolistra coeca, dreifach vergrössert.
Fig. 6. Kopf derselben von vorn gesehen, a. Hintere Fühler, b.
Vordere Fühler.
Fig. 7. Mandibel. a. ßlattartiger Anhang, b. Palp.
Fig. 8. Unterlippe.
Fig. 9. Maxille des ersten Paares.
Fig. 10. Maxille des zweiten Paares.
Fig.ll. Maxillarfuss. a. Palp desselben.
Fig. 12. Erstes Fusspaar des Cephalothorax.
Fig. 13. Zweites Fusspaar desselben.
Fig.14. Drittes Fusspaar desselben.
IStudien über Org^auisatioii und Systematik
der Ctenoplioren.
Von
Dr« C« Greg^enbaur,
Professor in Jena.
(Hierzu Taf. VII~VIII).
Es gehört gewiss zu den dringendsten Postulaten der Wis-
senschaft nach jeder grösseren Reihe von Detailforschungen
oder nach Aufdeckung wichtiger, wenn auch scheinbar ver-
einzelter Thatsachen , die daraus gewonnenen Resultate in
Einen Focus zu sammeln und aus dem Gesammtbilde uns die
jeweilige Anschauung zu formuliren. Je näher wir der Er-
kenntniss des typischen Planes gerückt sind , desto klarer
und einfacher erscheint uns der Organismus, selbst unter den
coinplicirtesten Beugungen der Form, welche letzlere gleich-
sam nur die Hülle des in ihr geborgenen und ihr zu Grunde
liegenden Typus vorstellt. Mit der Erkennung des Typus
ist zugleich die Basis für die Vergleichung in grösserem
Massstabe gewonnen , und wir bilden uns durch Abwägen
der Verwandtschaftsverhältnisse der einzelnen Typen unter
einander, die allgemeine Anschauung über thierische Lebens-
form aus.
Für die Abtheilung der Ctenophoren ist dieser Bauplan
schon länger erkannt , wodurch so viel wenigstens festge-
stellt ist , dass sie mit den Medusen und den einer Abihei-
lung davon zuzurechnenden Amnienlhieren , so wie mit den
von Ehrenberg als Anlhozoön vereinigten Polypen eine
164 Gegenbaur:
einzige, harmonisch gegliederte, grössere Thiergruppe bilden,
durch welche sich der einheitliche Typus von den einfach-
sten Anfängen an in die mannichfachsten Modifikationen
ausstrahlend, hindurch zieht. Leuckart, dem ich in die-
ser Auffassung folgen muss , bezeichnet diese Thiergruppe
bekanntlich mit dem Namen der Cölenleraten.
Eine in der Richtung der Längsachse des Körpers sich
in letzteren erstreckende verdauende Höhle , die von ihrem
Grunde in ein radiär verlaufendes Canalsystem sich fortsetzt,
ist im Zusammenhalte mit der Eiform des Körpers das We-
sentlichste der typischen Verhältnisse der Rippenquallen.
Hiezu kommt noch die Formirung von rippenartigen Vor-
sprüngen auf der Oberfläche des Leibes, die vom Mundpole des
Körpers bis zum entgegengesetzten Pole verlaufen, und die
sehr häufig dem Thiere einen strahligen Typus aufprägen,
der aber in den meisten Fällen in einen bilateralen über-
geht. Ueberall, wo Tentakel oder Fangfäden auftreten , sind
diese nach bilateraler Symmetrie geordnet, so dass nur die
tentakellosen, somit (wie auch aus noch anderen Gründen)
eine niedere Organisationsslufe einnehmenden Beroiden den
Radiärtypus in der Körperform kundgeben. Bei den Cydip-
pen ist die Strahlthierform äusserlich nur durch das P'angfä-
denpaar gestört, doch zeigen sich auch hier schon, durch
die ungleiche Länge der Schwimmplätlchenreihen , so wie
durch Bildung von Fortsätzen des Körpers (Eschscholtzia)
die Uebergänge zur ßilateralsymmetrie, die dann ihren Gi-
pfelpunkt in den Calymniden und Cestiden erreicht.
Alle seitlichen Ausbreitungen, mögen sie als zipfelar-
tige Anhänge , oder als breite oft sogar den eigentlichen
Körper an Mächtigkeit weit übertreffende Lappen erscheinen,
sind nur Fortsätze der Körpersubstanz selbst, und gehen,
durch keine Grenze geschieden, stets in den Mitteltheil
des Körpers über. Es ist desshalb nicht wohl zu rechtfer-
tigen , diese Lappen als eine Mantelbildung anzusehen, wie
diess von Mertens geschah, dar dahin kam, bei der jeg-
liche Körperfortsätze entbehrenden Gattung Idya (Beroe
Esch.) den Körper „nur im Rudimente vorhanden" anzuneh-
men , während doch gerade hier der Körper seine grösste
Selbstständigkeit bewahrt.
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctcnophoren. 165
Morlcns hatte die Lappenbildungen vom Auswachsen
einer äusseren (nicht exislirenden) Schichte abhängig sich
vorgestellt, und musste dann, in consequentern Verfahren, da
wo keine Lappenbildung sich zeigt , das ganze Thier von
dieser Schicht sich eingehüllt denken, so dass dann auf den
eigentlichen Körper nur ein Minimum von Masse kömmt.
Die Körp ersubsta nz der Rippenquallen besteht, wie
längst bekannt , aus einem durchsichtigen , selten Pigmente
einschliessenden Gewebe von gallertartiger Consistenz, wel-
che die Thiere ausserhalb des Wassers sogleich , oder (wie
bei den Beroen) sehr bald zerfliessen macht, und auch in-
nerhalb ihres Mediums nach eingetretenem Tode eine sofor-
tige Auflösung bedingt. — Im Wesentlichen fand ich bei
allen untersuchten Arten (6) gleiche Verhältnisse, so dass
eine Schilderung des Körperparenchyms recht gut im Allge-
meinen gegeben werden kann. Es besteht nämlich aus ei-
ner homogenen Grundsubstanz, in welche sich
mannichfach geformte Zellelemente oder deren
Derivate einbetten, die Zellen erschienen als blasse
aber doch scharf umschriebene, sternförmig ausgezackte oder
nur mit wenigen Fortsätzen versehene, oder einfach spindel-
förmige Körperchen, die oft in bedeutender Entfernung von
einander liegen, und durch ihre Ausläufer mit einander ver-
bunden sind. Ein Kern ist zwar nicht bei allen gleich leicht
aufzufinden, lässt sich aber bei vielen selbst ohne Reagentien
entdecken , und zeigt sich dann so in das Zellenkörperchen
gelagert, dass er — besonders bei der Spindelform — oft den
ganzen Hohlraum zu erfüllen scheint. Er besitzt stets dunkle
Contouren , und ist von ovaler oder runder Gestalt. — Die
als Fortsätze dieser Körperchen auftretenden Fasern erschei-
nen anfänglich, dicht bei ihrem Abgange, hohl, nehmen aber
allmählich einen soliden Charakter an, so dass sie etwa 0,01'"
Aveit von ihrem Ursprünge nur einfache Contouren aufwei-
sen. Nicht selten sieht man diese Fasern in ein pinselarti-
ges Büschel unendlich feiner Fibrillen , die man mit einer
lamellösen Ausbreitung verwechseln könnte , wenn man die
einzelnen Fibrillen nicht auf verschiedenen Höhen beobach-
tete. Ganz ähnliche Vorhältnisse hat auch M. Schultze
aus der Gallertschcibe der Medusen beschrieben.
166 Gegenbaur:
Die Distanzen der Körperchen von einander, und somit
die Weite der durch ihre anaslomosirenden Ausläufer gebil-
deten Maschenräume, wechseln je nach den Arten, die man
zu beobachten hat, oder sogar auch nach den einzelnen Kör-
perpartien. Was ersteres betrifft, so fand ich die durch
grössere Weichheit des Körpers sich auszeichnende Gattung
Eucharis mit den weitesten Maschen versehen, ebenso eine
einmal beobachtete Mnemia , dagegen besitzt eine neue den
Mnemien nahe, die ich Eurhamphaea vexilligera *) benenne,
die engsten, namentlich an den schnabelförmigen Fortsät-
zen **) des hinteren Körperendes *•»-'"•), die auch eine grös-
sere Resistenz bieten als die übrigen Theile. Das Maschennetz
giebt das Gerüste ab für die vollständig hyaline Grundsub-
stanz , die nirgends eine Organisationsspur erkennen lässt.
Auf Behandlung mit Essigsäure bildet sich in ihr ein fein-
körniger Niederschlag, der an gewissen Stellen eine förm-
liche Trübung und Undurchsichtigkeit producirt.
Dass das eben beschriebene Gewebe des Körperparen-
chyms den Bindesubstanzen f ) anzureihen sei, habe ich schon
*) Diese so wie einige andere mir neu, oder doch noch nicht
vollständig bekannt scheinenden Ctenophoren , sollen weiter unten
zoologisch beschrieben werden , während das Resultat der von mir
mehr oder minder vollständig angestellten anatomischen Untersuchung
in die allgemeine Schilderung der Organisationsverhältnisse einzu-
flechten gestattet sein möge.
**) Leuckart und ich haben auch im Hautkörper der He-
teropoden eine analoge Beschaffenheit der Maschennetze beobachtet,
indem wir in den festeren, von jener Substanz gebildeten Höckerchen,
auch immer zahlreichere Zellenkörperchen auffanden.
***) Ich bezeichne als „hinteres Körperende" das dem Mund-
pole entgegengesetzte, gleichviel ob das Thier mit dem Munde vor-
anschwimmt oder nicht.
i) Ich glaube nicht zu weit zu gehen, wenn ich hier anfüge,
dass die wohl feststehende Thatsache von der Bindegewebsnatur eines
grossen Theils der Körpermasse der Colenteraten (wenigstens der Me-
dusen, Siphonophoren und Rippenquallen) für die Wertherkenntniss der
Bindesubstanzen im Thierreiche von hoher Bedeutung sei. Ihr an Masse
überwiegendes Verkommen im Leibe niederer Thierformen (auch die
Echinodermenlarven gehören hieher), die nur eine geringe Organent-
faltuDg aufweisen, zeigt uns klar, wie diese Gewebe als das Körper-
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 167
bei einer anderen Gelegenheit ausgesprochen, und dort auch
früherer Zustände dieses Gewebes Erwähnung getlian. Bei
sehr jungen Thieren fand ich nämlich das ganze Netzwerk
viel deutlicher, und besonders die Ausläufer der Zellen mit
doppelten Conlouren ein Lumen begrenzen, so dass das Ganze
ein System zarter, miteinander vielfach anastomosirender Röhr-
chen vorstellte. Die Gattung zu der diese nur 0,45'" gros-
sen, ziemlich glatten Thiere gehören, vermochte ich nicht zu
bestimmen. Sie werden weiter unten noch einigemale er-
wähnt werden müssen.
Die Bewegungen der Ctenophoren werden sowohl
durch die im Körper vorhandenen contractilen Elementar-
theile (Muskeln) als auch durch besondere Organe vermittelt,
welch letztere unter dem Namen der Schwimmplättchen be-
kannt sind. Diese in vier (wie bei Cestum) oder acht Längs-
reihen (wie bei den meisten übrigen) auf den rippenartigen
Vorsprüngen des Körpers angebrachten Organe, deren Cilien-
nalur seit Will alle Beobachter annehmen, sitzen auf be-
sonderen hyalinen Querleistchen , die gewissermassen als
Einlenkestellen dienend, mit der Körpersubstanz in inniger
Verbindung stehen , wenn sie auch nur als Epithelialgebilde
angesehen werden müssen. Die Länge und Breite dieser
Schwimmplättchen ist sehr variabel; ich konnte von einem
einfachen feinen Wimperhaare an, bis zu 0,6"' breiten, und
über 1,4"' langen Plältchen alle Uebergänge beobachten. Bei
jungen Thieren sind sie stets ganzrandig, vorne regelmässig
abgerundet und selbst bei starken Vergrösserungen noch
völlig homogen ; ausgewachsene Thiere zeigen den vorderen
Rand dagegen häufig ausgezackt, ja die Plättchen durch ver-
schieden tiefe Längs - Risse mehr oder minder vollständig in
einzelne Partieen geschieden , so dass es den Anschein hat
als ob ein einziges, auf diese Art gespaltenes Wimperplätt-
gerüste ersclieinen, das um so einfacher und einförmiger ist, je we-
niger Organe sich anbildeten, und um so complicirter, aber auch
dem Erliennen schwieriger zugänglich, je niannichfacher die Organe
sich in dasselbe hineingebildet haben. So findet der alimähliche Ue-
bergang von einer „Grund Substanz" zu einer blossen „Bindcsub-
slanz" in der aufsteigenden Ihicrreihc statt.
168 Gegenbaur:
chen aus mehreren Wimperhaaren gebildet sei, welche Zu-
stände ich nicht als ein normales Verhalten, sondern als eine
durch äussere Einwirkungen hervorgerufene Zerfaserung an-
sehen muss.
Unter den Schwimmplältchenreihen verläuft stets ein
Gefässkanal , aus welcher Verbindung Agassiz (Contribu-
tions to the natural history of North America , Part. II.) den
Schwimmplättchen auch eine die Respiration bethätigende
Funktion vindicirt, nachden er sehr ausführlich die Verbindung
der Athmung mit der Bewegung durch das ganze Thierreich
nachwies. Es ist nicht zu leugnen, dass diese Annahme im
Allgemeinen hier ihre Berechtigung hat, aber gewagt dürfte
es sein, diese Analogie in speziellem Eingehen auf die Am-
bulacra der Echinodermen auszudehnen, da den VTimperplätt-
chen nur die Vermittelung eines rascheren Wechsels des die
Körperoberfläche umgebenden Mediums zugetheilt werden
kann, indess die Ambulacra der Echinodermen dem Respi-
rationsprozesse in viel mehr directerer Weise zu dienen ge-
eignet sind.
Die Wimperplältchen sind in ihren Bewegungen der
vollen Willkür des Thiers unterworfen, sie bewegen sich bald
reihenweise, bald selbst nur auf einzelnen Abschnitten einer
Reihe. Die Bewegung geht nur von der Basis aus vor sich,
das Pläüchen, auf seiner übrigen Ausdehnung, beugt sich nur
vermöge seiner Elasticität, es vermag aber nicht etwa nur mit
dem vorderen Theile , oder nur mit der Spitze selbstständig
zu. schwingen, wie diess Wimperhaare, die durchweg Con-
tractilität besitzen, zu thun vermögen, so dass hieraus eine,
wenn auch nur in der Richtung der Enlwickelung liegende
Verschiedenheit von den Wimperhaaren im engeren Sinne
entspringt. Wie die Bewegungen der Ctenophoren zu Stande
kommen, ob durch Contraction und Expansion des Körpers,
oder durch die Schwingungen der Schwimmplättchen, scheint
bis jelzt noch nicht ausgemacht zusein. Eschscholtz
nimmt ausschliesslich die Bewegung der Schwimmplättchen
als locomotorisches Agens an. Agassiz scheint sich gleicli-
falls dieser Annahme hinzuneigen, Lesson dagegen lässt
dieConlractilität des Körpers wirken, und auch Will schliesst
sich dieser Ansicht an, indem er die Rolle der Schwimm-
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 169
pläüchen als Bewegungsorgane nur für die Jugendzeit dieser
Thiere staluirl, und durch Versuche sowohl als Beobachtung
die Wirkung der Contractililät gewisser Körperpartien für
die Ortsbewegung nachwies. Meine Beobachtungen führen
mich zu einer Vereinigung der beiden verschiedenen An-
sichten. Die Ortsbewegung findet fast immer durch eine
Combination der Thätigkeit der Schwimmplättchen mit Ver-
änderung der Körperform statt. Es kann aber auch ebenso
gut nur einer dieser Factoren wirken, und ich sah oftmals
in ihren Umrissen sich völlig gleichbleibende Cydippen von
nicht sehr geringer Grösse durch das rasche Spiel ihrer
Wimperkämme sich heben oder Drehungen um die Achse
vollführen , oder nach den verschiedensten Richtungen sich
fortbewegen. Ausschliesslich wird aber in der Jugend die
Ortsbewegung durch die hier verhältnissmässig am grössten
erscheinenden Wimperplättchen vollführt. Beim ausgebilde-
ten Thiere ist es aber nicht das zwischen Körpervolum und
der Grösse der Wimperplättchen bestehende scheinbare Miss-
verhältniss, nach welchem letzteren ein Theil ihrer Funktion
abgenommen und auf den Körper selbst übertragen zu wer-
den scheint, sondern es ist die nunmehr vollendete Ausbil-
dung contractiler Elemente, der zufolge auch der Körper durch
energischere Zusammenziehung und Expansion zur Ortsbe-
wegung beiträgt. Thiere, deren specifisches Gewicht nur um
ein Geringes über das des umgebenden Mediums sich er-
hebt , bedürfen nur eines relativ kleineren Kraftaufwandes,
um Ortsbewegungen zu äussern, und die Bedingnisse zu die-
ser Kraftäusserung sind vollständig in den Wimperplättchen
gegeben, deren Gesammtoberlläche auch bei den grössten
Rippenquallen, immer in einem respectabeln Verhältnisse zur
zu bewegenden Körpermasse steht.
Eine kleine Berechnung mag hievon den deutlichsten
Beweis liefern. Nehme ich bei Eurhamphaea vexilligera etwa
450 Wimperplättehen für sämmtiiche S Reihen an, wobei ich
nur die entwickelten, die über 1'" Länge besitzen , in An-
schlag bringe, und setze für jedes (bei 0,6'" Breite und
1,4'" Länge) IQ'" Oberfläche, so erhalte ich als die Ge-
sammtfläche dieser kleinen Ruder etwas über 3n", also eine
Widersland leistende Fläche , die, wenn wie Ruder wirkend,
170 Gegenbaur:
bei einem kaum 3 Kubikzoll haltenden Thiere , von fast mit
dem umgebenden Medium gleichem specifisichen Gewichte
Ausserordentliches zu leisten im Stande ist. Allerdings ist
aber hier nicht zu vergessen , dass noch eine Summe von
Kraft durch die Elasticität der Schwimmplättchen, nament-
lich ihrer freien Enden, abzurechnen ist , so dass vielleicht
nur noch die Hälfte bleibt, die aber leicht ersichtlich, im^
mer noch eine ausreichende sein muss.
Die merkwürdigen Gestaltveränderungen und unendlich
mannichfachen Evolutionen, welche diese Thiere ausführen,
haben durch Agassiz eine so genaue und durch bildliche
Darstellung trefflich unterstützte Beschreibung gefunden, dass
ich hierüber kaum mehr zu äussern vermöchte. Es kommen
aber nicht alle Formveränderungen des Thiers auf Rechnung
der unter der Oberfläche verlaufenden Muskelstrata, sondern
ein grosser Theil wird auch durch Contractionen des Darm-
kanals (Magens) bewerkstelligt; was besonders bei den mit
weiter VerdauungshOhle versehenen Beroen häufig zu beob-
achten ist.
Bezüglich der Muskulatur bemerke ich, dass ich bei
Cydippen die von Agassiz beschriebene Anordnung fand,
bestehend in Längsreihen von sehr langen Bändern oder
spindelähnlichen Formen , die theils zwischen den Rippen,
theils unter denselben verlaufen, und in der Nähe der Mund-
öffnung in kreisförmig gelagerte Bündel, d. h. in einen Sphin-
cter zusammenlaufen. Bei Eurhamphaea vexilligera sind die
Längsbündel nur an einer relativ kurzen Strecke zu beob-
achten , unter den auf die schnabelförmigen Fortsätze sich
erstreckenden Schwimmplättchenreihen waren sie nicht mehr
zu erkennen.
Der Gastro - Vascularapparat der Ctenophoren
zeigt durchgehends eine bilaterale Symmetrie , und hat diese
selbst bei den sonst radiär gebauten Beroen in den beiden
am hinteren Leibesende angebrachten OefTnungen angedeutet.
Im Allgemeinen ist dieser Apparat derart gestaltet, dass die
bald sehr weite (Beroiden), bald auch wieder äusserst schmale
und enge (Bolina) verdauende Höhle, sich mit einer hinter ihr
gelegenen Cavilät, durch eine von einem Sphincter umgebene
Oeffnung verbindet, so dass das Thier nach Belieben die
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. * '1
Contenta der Verdauungshölile in jenes zumeist als „Trich-
ter" bezeichnele Cavum überzulassen oder von selbem ab-
zuschliessen im Stande ist.
Von dem Trichter aus strahlen die den mit Seewasser
gemischten Chymus führenden Kanäle, dem Verlaufe der Rip-
pen folo;end, durch den Körper, und vereinigen sich entwe-
der sämmtlich oder nur zum Theil in einen um den Eingang
liegenden Ringkanal. Dieses Verhalten, welches ich als ty-
pisches erklären zu müssen glaube, kommt auf sehr verschie-
dene Weise zu Stande, und es ist nicht immer leicht die
mannichfachen Formen des Gaslrovascularapparates , wie ihn
Milne Edwards, Will und Agassi z beschrieben, dar-
auf zu reduciren, oder ihn daraus entstehend sich vorzustel-
len. Sehen wir von Beroe ab, wo diese Formverhüllnisse
am ausgebildetsten und auch am reinsten vorkommen, so
treffen wir bei den Cydippen (Pleurobrachia rhododactyla
Agass.) die vier vom Trichter ausgehenden Kanalslämme sich
in Kanäle theilend, von denen je einer unter einer Rippe ver-
läuft, diese erstrecken sich sowohl gegen den Mundpol als
auch zum Trichterpole hin, ohne jedoch in einen Ringkanal
sich zu vereinigen. Es ergiebt sich hieraus eine merkwür-
dige Analogie mit dem Kanalsysteme gewisser medusenförmi-
ger Gemmen der Siphonophoren und Hydroiden, bei denen die
ersten Anfänge der typischen Kanalbildung in radiären, gleich-
falls zu keiner Vereinigung gelangenden Kanälen sich dar-
stellen, und die dadurch als Uebergangsformen für die mor-
phologische Auffassung jener einer zweiten Generalion gleich-
kommenden Sprösslinge so belehrend sind. Völlig ausgebil-
det ist dagegen dieser Ringkanal bei den Calymniden, nur
wird die Darstellung hier durch das Eingehen der Kanäle in
die complicirten , als Mundschirme oder tentakelartige Fort-
sätze vom Körper aus sich bildenden Lappen um vieles ver-
wickelter. Werfen wir einen prüfenden Blick auf das von
Milne Edwards dargestellte Kanalsystem der Lesueuria
vitrea, so zeigt sich zwar die Ringbildung um den Mund in
sehr quergezogener Form angedeutet, aber es ist unmöglich,
sich aus der Beschreibung oder der Abbildung die Schlies-
sung des Ringes vorzustellen , da nur der Hauptverlauf der
Kanäle, nicht aber ihr Verhalten an den Umbicgungsslellen
172 Gegenbaur:
angegeben ist. Viel weiter hat Will bei Eucharis den Ka-
nalverlauf zur Bildung eines „Ringgefässes" verfolgt, welches
hier freilich den weiten Bogen des Lappenrandes in sich
schliesst. Aus Agassiz Beschreibung lässt sich für Bo-
lina alata Ag. eine ähnliche Anordnung erkennen. Ausge-
prägter trat sie mir aber bei Euramphaea vexilligera entge-
gen , wie aus folgender Beschreibung des Gastrovascularap-
parates zu ersehen ist.
Die verdauende Cavität stellt einen langgestreckten,
glatten Schlauch vor (Fig. 3 e) , der etwas über den Ur-
sprung der schnabelförmigen Leisten hinaus sich nach hinten
erstreckt um dort nach einer schmalen Einschnürung in den
sogenannten „Trichter'^^ überzugehen, der hier als ein rund-
licher aber durch den Abgang zahlreicher Kanäle etwas un-
regelmässig gestalteter Sinus sich erweitert. Untersucht man
den Magensclilauch von der schmalen Seite des Thiers , so
erscheint er, wenn leer, als ein ganz schmaler Streifen
(Fig. 1 e), indem seine Wandungen platt aneinander liegen.
Seine Ausdehnung in die Breite wird erst dann sichtbar,
wenn man das Thier von der breiten Seitenfläche aus (Fig. 2 e)
betrachtet. Eine von dem Trichter aus sich fortsetzende den
Magen umgebende Höhle , wie sie sich bei vielen anderen
Rippenquallen nachweisen lässt, konnte ich nicht entdecken,
sondern es erschien mir das glashelle Körperparenchym als
allseitige Begrenzung der musculösen Magenwand.
In der Verlängerung der Achse des Magens setzt sich
der Trichter noch in e nen anfänglich engen, dann weiter
werdenden Kanal fort, der zwischen den beiden schnabelför-
migen Fortsätzen nach aussen mündet. Die auf diese Weise
mögliche Communication der Höhlung des Trichters mit dem
umgebenden Medium ist keine beständige , sondern sie ist
abhängig von der Thäligkeit eines am Ursprünge des Kanals
aus dem Trichter befindlichen Schliessmuskels, so dass, wäh-
rend der grösste Theil des Kanals frei vom Wasser bespült
werden kann, nur an seinem vordersten dem Trichter näch-
sten Theile ein Verschluss eingerichtet sich zeigt.
Von der Peripherie des Trichters kann man 6 Kanäle
abtreten sehen, zwei (Fig, 3 f/O entspringen einander gegen-
über von der oberen Trichterhälfte, treten etwas nach aussen
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 173
in das Körperparenchym und verlaufen parallel an der brei-
ten Seite des Magens nach aufwärts zum Munde , wo sie in
den oben bereglen Kreiskanal einmünden. Es sind diess die
Analoga der von Agassiz bei Cydippe cPleurobrachia Ag.)
längs des Magens beschriebenen Gefässröhren, die aber dort
gleich den Rippenkanälen blind geendigt sind. Von den 4
übrigen Kanälen ist folgendes zu bemerken; ein ziemlich
weites, horizontal abtretendes Slämmchen (g~) Iheilt sich bald
nach seinem Ursprünge in zwei gleichstarke Aeste, von de-
nen einer gleichfalls horizontal verlaufend gegen eine der
auf den beiden breiten Körperseiten gelegenen Schwinjmplatt-
reihe sich richtet, um dort in den unter ihr gelegenen Ka-
nal (g^) rechtwinklig einzumünden. Der andere Ast ver-
läuft ziemlich steil nach abwärts , und begiebt sich an den
Ursprung einer Schwimmplattreihe, die zunächst der vom
vorigen Aste versorgten liegend, an einer der Längskanlen des
Thieres herabläuft ((/^) , tritt so die Schwimmplättchenreihe
begleitend an den Mundschirm (¥\g,^^ herab, wo er in ge-
wundenem Verlaufe eine eigenthümliche Figur bildet, und sich
schliesslich mit dem von der anderen Seile kommenden ver-
einigt. Die Windungen dieses Kanalverlaufs, die in ähnli-
cher Weise bis jetzt bei allen mit einem Mundschirme ver-
sehenen Rippenquallen beobachtet wurden , sind besser aus
der Abbildung (Fig. 4) zu ersehen, auf die ich desshalb statt
aller Beschreibunor verweise. Von den die auf den breiten Seiten
des Thiers gelegenen Schwimmplattreihen begleitenden Kanä-
len treten die einer Seite unter spitzem Winkel in die schna-
belförmigen Fortsätze ein, um sich an deren Ende zu ver-
einigen (Fig. 3 g^) , und eine einfache Verlängerung in den
wimpelartigen Anhang einzusenden. Der nach vorne zu ge-
richtete Theil derselben Kanäle setzt sich in je einen der
zungenförmigen Läppchen fort ((/^j , begleitet dort den aus
der Schwimmplattreihe modificirten Wimpersaum um den gan-
zen freien Rand jenes Läppchens, wendet sich sodann gegen
die Mundöffnung, und verbindet sich schliesslich mit dem
Ringkanale. Dass die zungenförmigen Läppchen („Auriclcs"
Agassiz) nicht den beiden grossen Mundlappen (dem Mund-
schirme) angehören , sondern selbstständige Bildungen sind,
diess dürfte durch den Kanalverlauf bewiesen werden. Das
174 Gegen baur:
gesammte Gastrovascularsystem fliminert im Innern , jedoch
sind die Cilien so fein, dass sie nur an gewissen Stellen mit
Sicherheit erkannt werden können, dagegen ist die durch sie
hervorgebrachte Strömung der Molecüle oder andere grös-
sere feste Theilchen einschliessenden Flüssigkeit überall zu
sehen und zugleich wahrzunehmen, dass diese Bewegungen
hier nicht durch Contractilität der Kanalwandungen zu Stande
kommen, wie solches Agassi z bei Cydippe cPleurobrachia)
beobachtet hat.
Während der Durchmesser der Kanäle, so lange sie im
Parenchym des Körpers verlaufen , oder selbst wenn sie im
Mundschirme fast dicht unter der Oberfläche ihren Weg neh-
men, immer ein gleicher ist, so ändert er sich mit dem
Verlaufe unter einer Schwimmplältchenreihe , dass er unter
der Basis eines jeden Schwimmplältchens sich dieser ent-
sprechend ansehnlich erweitert, um dann in den Interslitien
bis auf den gewöhnlichen Durchmesser sich wieder einzu-
schnüren^ wie diess auch von Milnc Edwards, Agassiz
und von Will erkannt worden ist. Auch die Kanalwandun-
gen sind hier verändert, sie erscheinen nicht nur um ein
beträchtliches dicker, sondern setzen sich auch äusserst di-
slinct von dem benachbarten Körperparenchym ab. Ihre
Zusammensetzung aus kleinen rundlichen Zellen ist nicht zu
verkennen. An den eingeschnürten Stellen, also immer zwi-
schen zwei Schwimmplätlchen, sitzen den Kanalwandungen
jederseits mehrere rundliche Gruppen hochrother Pigment-
zellen auf, durch welche die für unsere Eurhamphaea vexilli-
gera charakteristische Zeichnung zu Stande kömmt.
Als ein für die Organisation des Gastrovascularap-
parates der Rippenquallen charakteristisches Moment möchte
ich hier die Ausmündung am Trichterpole hervorheben , die
nunmehr für eine Anzahl von Arten nachgewiesen ist. Ihre
Bedeutung ist wohl für die Füllung des Trichters und seiner
Kanäle mit Wasser, so wie für die quantitative Regulirung
des Inhalts derselben Theile von Wichtigkeit, und steht mor-
phologisch gleich mit der Oeffnung im Fusse der Süsswas-
serpolypen. Ihr unpaares Vorkommen bei dem von mir dar-
auf untersuchten Thiere , so wie ihr paariges bei den von
Will, M.Edwards und Agassiz beobachteten, steht mit
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 175
anderen OrganisationsvcrhäKnissen in Verbindung. Dass sie,
wie Einige annehmen wollen, als Afler lunclioniren, ist eine
nicht wohl begründbare Annahme, der die ganze Analogie
entgegensteht. Es gelangen die in der Magenhölile exlra-
hirtcn, ferner unbrauchbaren Stoffe nicht einmal regelmässig
in den Trichter, sondern werden zum Munde wieder ausge-
stossen; was in den Trichter geräth , kommt mehr zufällig
dahin, wenn die Communicationsstelle zur Aufnahme der
Chymusflüssigkeit sich öffnet, und ebenso thun sich auch
dessen äussere Mündungen niemals auf, einzig um „Kolhbal-
len", unter welchen doch nur die aus dem circulirenden
Chymus abgeschiedenen , nicht resorbirbaren Beslandtheile
hier verstanden werden können, nach aussen zu lassen, son-
dern die hier und da excernirlen festen Partikel gelangen
immer zugleich mit einem austretenden Flüssigkeitsquantum
aus den Trichteröffnungen, die dann wieder einer gewissen
Menge von Seewasser, gleichsam zum Ersätze, den Eintritt
gestalten. So wenig der physiologische Werth des ganzen
Kanalsystems für jetzt nach allen Seiten hin völlig richtig
abgegrenzt werden kann, so wenig ist diess auch für dessen
Oeffnungen möglich, denn wir finden hier wie bei so vielen
niederen Thieren , die verschiedensten Thäligkeiten in der
wunderbarsten Combination. Auch Galle bereitende Theile
scheinen nicht zu fehlen, wenigstens können wir eigenthüm-
liche mit röthlicher, brauner oder gelber Flüssigkeit gefüllte
Zellen, die auf der Innenfläche der verdauenden Cavilät sit-
zen, hiezu rechnen. Bei einer jungen Cydippe fand ich sie
faltenartig vorspringende Längsreihen formiren (Fig. 5 e).
Als zum Ernährungsapparate , wenn auch in indirekter
Weise, gehörige Organe sind die Fangorgane zu rech-
nen, die bei der grösseren Anzahl der Ctenophoren vorhan-
den sind. Als solche führe ich erstlich feine einfache Fäd-
chen an, welche den Mund der Calymniden umstehen; Agas-
si z traf deren wenige, auf zwei Gruppen vertheilt, bei Bo-
lina. Bei Eurhamphaea fand ich eine ganze Reihe jcderseits
am Aussenrande der Lippen , und eben solche scheinen auch
bei Leucothoe vorhanden zu sein. Bei Eurhamphaea sind sie
sehr contraclil. Eine andere Art der Fangorgane stellen die
in besondere Scheiden zurückziehbaren Senkfäden vor, die
176 Gegeubaur:
zumeisl noch mit secundären Fäden besetzt, eine grosse Con-
traclililät besitzen und bis zu äusserst beträchtlicher Länge
sich auszudehnen im Stande sind. Eschschollz hat sehr
richtig beobachtet, wenn er diese Erscheinung vorzüglich auf
den Umsland begründet , dass die Senlviäden bei der Expan-
sion mit der im Gefässsysteme des Thieres enthaltenen Flüs-
sigkeit gefüllt werden; Mertens, der durch Injection keine
ResuKate erzielen konnte, widerspricht dem mit Unrecht.
Ich sah bei Cydippen, die eine mikroskopische Untersuchung
unversehrt zuliessen, bei der jedesmaligen Entfallung des
Senkfadons einen mächtigen Strom der im Gastrovascular-
system befindlichen Flüssigkeit in der zum Ende der Senk-
fädenscheide tretenden Kanalforlsatz schicken, und sich von
da in den den Fangfaden durchziehenden Kanal mit dersel-
ben Schnelligkeit begeben , mit der der Fangfaden jeweilig
aus der Scheide gerollt ward. Hiebei ist Ursache mit Wir-
kung nicht verwechselt, denn wenn auch beide hier schein-
bar unzertrennlich sind, so ist doch ebenso begreiflich, dass
eine in so grossem Massstabe erfolgende Ausdehnung in die
Länge bei gleichbleibendem Querdurchmesser nur durch Aus-
füllung der hohlen Achse bedingt sein kann. Durch diese
Einrichtung — die Füllung von hohlen Cylindern — wird
somit ausser grösserer Beweglichkeit und beliebiger Längen-
entfallung derselben erreicht als durch solide Gebilde. Cte-
nophoren, Medusen und Siphonophoren haben diese Einrich-
tung gemeinsam. Mit den Senkfäden der letzleren stimmen
die unserer Thiere am meisten überein.
Ausser den der Senkfäden entbehrenden Beroiden und
einiger zu Mnemia und Bolina zu rechnenden, sind alle Cte-
nophoren mit solchen versehen, und zwar zumeist mit zweien,
die nach bilateraler Symmetrie verlheilt sind. So bei den
Cydippiden , Cestiden , dann bei Eucharis multicornis u. a.
Leucothoe formosa besitzt deren 6, wovon zwei, welche ohne
secundäre Anhänge sind , von je einem mit letzteren ver-
sehenen Paare in die Mitte genommen werden. Der ein-
fache unpaare Faden jeder Breitseite ist analog dem Fa-
den von Eucharis; die anderen sind neu auftretende Ge-
bilde. Die Enden der Senkfäden sind mit Nesselzellen be-
setzt, aus denen der spiralig aufgerollte Faden durch Ein-
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 177
Wirkung von Süsswasser leicht zur Anschauung gebracht
werden liann.
Die Senkfadenscheide stellt einen von aussen nach in-
nen eingestülpten, in der Mitte bauchig erweiterten Kanal vor,
der sich aussen an sehr verschiedenen Stellen , bald dem
Wurzel-, bald dem Trichterpole näher, öffnet; seine innere
Mündung aber stets gegen den Magengrund, oder gegen den
Anfang des Trichters gerichtet zeigt, woselbst sich auch der
Senkfaden inserirt. Bei einer kleinen Cydippide ( Owenia
rubra Koell.) habe ich die Verbindung genauer untersucht,
und fand den Senkfaden im Grunde seiner in der Mitte eine
Strecke weit roth pigmentirten Scheide, sich in zwei Schen-
kel Iheilen, und mit jedem derselben zu einem schon im Pa-
renchym des Thieres gelegenen weissen Punkte fortsetzen,
den das Mikroskop in eine Menge dicht gruppirter und mit
dunkeln Contouren versehener Zellen auflöste. Von diesen
Stellen aus erstreckten sich Faserzüge durch die Tentakelschen-
kel, zwischen denen dann der Kanal als Fortsetzung des Ga-
strovascularsystem sich in den Senkfaden begab. Von den
weissen Flecken aus ging auch ein Zug scharf umgrenzter
Zellen auf den Senkfaden selbst über, setzte sich continuir-
lich auf den Ueberzug des Fadens fort, wobei es sich dann
zeigte, dass aus ihnen Nesselzellen wurden. Es sind somit
die vier weissen Flecke Häufchen von jungen Nesselzellen,
die auf die hier sprossenden Senkfäden übergehen und sich
auf ihre Oberfläche vertheilen. Diese Zellgebilde entstehen
also hier viel früher als das Senkfadenstück, für welches
sie bestimmt sind. Beiläufig sei auch hier bemerkt, dass die
in der Nähe des Senkfadenursprunges sich findende rothe
Pigmenlirung nicht der Fangfadenwurzel, wie Kölliker
(Zeilschr. f. wiss. Zoologie Bd. IV. p. 315) angiebt, sondern
der dort sich gleichfalls in zwei Aeste spaltenden Scheide
zukommt.
Andere speciell als Tentakel oder Fangfäden anzuse-
hende Gebilde giebt es bei den Rippenquallen nicht, denn
weder die in ihrer Bedeutung noch nicht aufgeklärten erecti-
len Läppchen am Trirhterpole der Beroiden (vorzüglich bei
Idya [BeroeJ sepl(mtrionalis Mert.) können hieher gehören,
noch auch die zungen- oder öhrchenförmigen Gebilde (Au-
Archiv f. Naturtiesch. XXII. Jahrg. 1. Bd, JO
178 Gefenbaur:
ticles Agass.) bei den Bolinen u. s. w. , welchen Agassiz
eine homologe Idenlitat mit den Senkfäden ertheilt. Das
Vorkommen dieser „Oelirchen" bei Leucothoe formosa , wel-
che noch wirkliche Senkfäden besilzf, so wie der oben schon
einmal berührte Gefässverlauf in diesen ^Oehrchen", weisen
nach, dass keineswegs von einer Homologie mit den Senkfä-
den die Rede sein kann. Es sind einfache, an einer Rippe enU
stehende und den dort verlaufenden Kanal mitnehmende Er-
hebungen oder Fortsätze des Körpers, die sich weder deh-
nen und zusammenziehen, noch sonst merkliche Formverän-
derungen äussern können. Ich stelle sie mit den Mundschir-
men der Calymniden , bei denen sie sich auch finden, in
gleiche Kategorie.
So weit die über die Rippenquallen angestelllen , ge-
nauen Untersuchungen gehen, wurden die Tentakel oder
Senkfäden entwedet* als einfache Fäden nachgewiesen, oder
man erkannte an diesen noch secundäre, kürzere Fäden in
einer Reihe angebracht. Die Angaben über baumförmige
Verästelungen dürften daher wohl aus ungenauen Beobach-
lungen entsprungen sein , wie diess auch aus ilen betreffen-
den Zeichnungen, z. B. von Leucothoe formosa erhellt. —
Eine eigenlhümliche Form von secundären Anhängen habe
ich bei einer Cydippe (Cydippe hormiphora mihi) zu beobach-
ten Gelegenheit gehabt: die beiden wcisslichen Senkfaden-
stämme sind nnt zahlreichen secundären Fädchen besetzt, die
der grössten Mehrzahl nach mit den schon längst bekannten
Formen übereinstimmen. Zwischen diesen, nach je einem
Abschnitte von 10 — 15 folgend, sieht man besondere Kör-
per (Fig. 10 C) angeheftet, von lanzettförmiger oder platt-
gedrückt spindelähnlicher Gestalt, etwa 2" Länge haltend
und mit einem kurzen Stiele direkt mit dem Hauptfaden ver-
bunden ; das entgegengesetzte^ freie Ende ist meist stark
zugespitzt. Jederseits am Rande dieser Körper (Fig. 1 1 J)
erheben sich 8 — 10 von hinten nach vorn an Länge abneh-
mende cirrhenarlige Fortsätze , die wie der ganze Körper,
äusserst beweglich sind und sich bald nach dieser, bald nach
jener Richtung hin krümmen und strecken, so dass der ganze
Anhang einer kleinen Eolidie nicht sehr unähnlich erscheint.
Die Färbung der Anhänge ist hochgelb, und zeigt sich vor-
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 179
ziiglich an den seitlichen Cirrhen, von wo sie sich auch
sauinartig- auf den Rand des Körpers erstreckt, und gegen
die Mille der Oberfläche zu allmählich abnimmt. Das Innere
des ganzen Anhanges ist hohl und steht mit dem Kanäle im
Hauptfaden in Verbindung. Sowohl die Cirrhen als der Rand
des Anhanges sind dicht mit 0,005"' grossen runden Nes-
selzellen bedeckt, die eine glatte Fadenspirale umschliessen.
Schnellt der Faden hervor, so zeigt er die Eigenthümlich-
keit sich nicht sogleich zu strecken (Fig. 12«'), wie diess
alle übrigen von mir untersuchten Nesselfäden thun, sondern
verharrt noch längere Zeit in einer langgezogenen Spiral-
form. Es ist diese Beobachtung nicht etwa an unreifen Zel-
len gemacht, sondern an solchen, die zu den grössten ge-
hörten, an den äusserslen, d. h. ältesten Anhängen sich be-
fanden , somit gewiss als völlig ausgebildet angesehen wer-
den mussten. Das beim Hervorschnellen innerhalb des Bläs-
chens bleibende Ende steht mit einer Anzahl runder Körn-
chen im Zusammenhange , die brombeerartig gruppirt sind
(Fig. 12«'f). Es besitzen diese Anhänge eine grosse Le-
bensfähigkeit, sie bewegen sich abgerissen noch lange selb-
ständig, ja ich konnte sie so mehrere Tage lang in frischem
Seewasser erhalten. Durch diese Eigenschaft schienen die
ersten immer abgerissen bei einem Fischzuge mit dem fei-
nen Netze erbeuteten mir als ein Räthsel , welches sich erst
nach dem Auffinden der vollständigen Thiere zu meiner Be-
friedigung löste. Dass diese Anhänge als Angelorgane gute
Dienste thun müssen, ist leicht ersichtlich ; sie wurden auch
zu öfterenmalen angetroffen wie sie kleine Krustenthiere oder
junge Medusen in tödlicher Umarmung hielten.
lieber das Nervensystem ist man seit R. Grant's
erster Angabe von einem um den Mund verlaufenden Ner-
venringe bei Cydippe , noch zu keinem Abschlüsse gekom-
men, denn wenn auch Milne Edwards, Will und Frey
und Leuckart (Beiträge zur Kenntniss wirbelloser Thiere)
dem widersprechen und das Nervensystem in einem am Trich-
terpole, unter dem Gehörbläschen liegenden ganglienartigen
Organe erkannt haben wollten , so stellten sich diesen wie-
der andere Forscher entgegen, die wieAgassiz und Köl-
liker (Zeitschr. f. wiss. Zoolog. Bd. IV) nichts von einem
180 Gegenbaur:
Nervensysteme auffinden konnten, welche Einsprache gerade
von Seite Agassiz um so schwerer ins Gewicht fällt als
wir diesem eine grosse Reihe sorgfältiger Beobachtungen
über die Rippenquallen verdanken. Negative Beobachtungen
können aber nie entscheidende sein , und müssen zurück-
treten , wenn genau untersuchte Thatsachen ihnen gegen-
über gestellt werden können. — Was meine Erfahrungen
angeht, so bestimmen mich diese zu einer Vertretung dessen,
was Mi Ine Edwards zuerst hierüber aufstellte. Ich fand
bei Cydippen in der Theilung des Trichterendes, bei Eu-
rhamphaea um das ungetheilte Trichlerende zwei gelbliche
Knötchen, die im ersten F'alie dicht neben einander lagerten,
im anderen Falle aber durch Coniissuren mit einander ver-
bunden waren, so dass sie eine Art Ring um den Trichter-
kanal bildeten. Von diesen, vom übrigen, benachbarten Kör-
perparenchym scharf abgegrenzten Bildungen , die ich als
Ganglien ansehen muss, gingen feine Fädchen ab, deren
Verlauf ich nicht bei allen gleich gut verfolgen konnte. Am
deutlichsten sah ich diese Fädchen bei Eurhamphaea, sie be-
geben sich zu den Schvvimmplättchenreihen, halten sich hier
dem Kanäle oberflächlich aufliegend genau in der Median-
linie und zeigten an jedem Schwimmplättchen eine dreieckige
mit der Spitze immer wieder in die Fortsetzung des Fadens
verlaufende Anschwellung. Kölliker hat dieses Verhältniss
auch bei Eucharis gesehen, wollte aber die Deutung dieser
Fäden als Nerven nicht anerkennen , da weder Verästelung
noch Communication der einzelnen Stränge von ihm beob-
achtet ward. Die Vereinigung dieser Fäden findet sich aber
in der Nähe des Trichters, in den schon beschriebenen Gan-
glien, und eine Verästelung ist nicht nothwendig, wenn man
die Bedeutung dieser Fäden ausschliesslich für die Schwimm-
plättchen anerkennt. Ihr Fehlen spricht daher nicht gegen die
Nervennalur, vornehmlich wenn durch den Zusammenhang
mit den Ganglien einmal ein so wichtiger Anhaltspunkt ge-
wonnen ist. Das Verhalten dieser Nervenfäden , denn so
dürfen wir sie bezeichnen, ist für die Actionen der Schwimm-
plättchen von grosser Bedeutung, nicht nur dass sich heraus-
stellt, dass hiedurch die Schwimmplättchenreihen von einem
gemeinschaftlichen Centrum aus innervirt werden können,
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 181
also die der Willkür unterworfenen Bewegungen auch ana-
tomisch sich begründen lassen , sondern auch weil aus der
unter jedem Schwimmplältchen statlhabenden und mit dessen
Basis dicht verschmolzenen Anschwellung des Nervenfadens,
in welcher Zellen in grösserer Masse nicht zu verkennen
sind, sehr innige Beziehungen zu jedem einzelnen Schwimm-
plältchen sich ergeben. Für jedes derselben bildet der Nerv
ein Ganglion , welches sich quer unter der Basalleiste des
Plätfchens hin erstreckt und an diese die Anregung zur Be-
wegung vermiüelt. Histologisch lässt sich kaum eine Grenze
finden zwischen deutlich Zellen enthaltender Nervenanschwel-
lung und der homogen scheinenden , gelblichen Basalleiste
selbst ■""*). Auch kann hieraus erklärt werden, warum losgetrennte
Wimperplättchen noch längere Zeit ihre selbständigen Bewe-
gungen bewahren. — Es sind bei Agassiz Andeutungen,
dass auch er die acht Costalnerven gesehen habe. Ich habe
hier die acht feinen Fortsätze im Sinne die nach Agassiz
von den Enden der unter den Rippen verlaufenden Kanäle
gegen den Trichter hin laufen, und dort in ein letzleren um-
gebendes Ringgefäss einmünden sollen. Erwägt man, dass
eine solche Anordnung bei keiner der bekannten Ctenopho-
ren vorkömmt, so wie dass auch unser Autor mit nichts
weniger als Bestimmtheit diese Beobachtung ausspricht, so
wird man eingestehen , dass eine Verwechselung hier leicht
möglich war, vergleicht man aber hiemit das von mir oben
mitgetheilte, so wird man eine stattgehabte Verwechselung
mit Nerven sogar zugeben müssen. Dieselbe Anordnung des
Nervensystems habe ich auch bei einer sehr jungen Rippen-
qualle, die noch keine breiten Schwimmplältchen entwickelt
hatte, gesehen. Hier lagen unter dem Gehörbläschen zwei
runde nur an einer kleinen Stelle sich berührenden Knöt-
chen, in einiger Entfernung von dem blinden Ende der Ma-
genhöhle. Von jedem Knötchen gingen zwei Stämme ab.
*) Es erinnert mich diese Einrichtung, nämlich die innige Ver-
bindung von Nerven mit Wimperorganen, lebhaft an die merliwürdi-
gen Wimperorgane der Heteropoden und Fteropoden. Auch hier geht
der Nerv in eine ganglionäre Masse über , welche gegen die Ober-
fläche hin anscheinend immer homogener werdend, daselbst mit Wirn-
perhaaren besetzt ist.
182 Gegenbaur:
die nach oben und aussen gewendet, sich bald wieder theil-
ten, so dass an jede der acht Knoten ein Zweig davon ab-
gegeben ward. Diese Zweige waren äusserst dünn, leicht
faserig erscheinend, und nur wenig gegen das umgebende
Parenchym abgegrenzt. Bei anderen , um die Hälfte kleine-
ren C0,2"O Ctenophoren (Cydippen) war keine Spur eines
Nervensystemes vorhanden, obgleich schon ein Gehörbläs-
chen gebildet war, und auch Senkfäden, so wie breite
Schwimmplättchen sich gebildet halten. Meine Beobachtun-
gen bezüglich des Nervensystems stimmen also ziemlich mit
den Will'schen Untersuchungen überein, und bestätigen diese
namentlich für den Verlauf unter den Schwimmplätlchenrei-
hen , woselbst ich noch für jedes Schwimmplättchen eine
Ganglienbildung des Nerven statuiren muss. Ueber die übrige
Vertheilung der Nerven in dem Körper, ihr Verhalten an dem
Magen u. s. w. liegen mir keine Notizen vor.
Die Sinnesorgane der Bippenquallen theilten seit
längerer Zeit das Geschick derer ihrer Verwandten, der Me-
dusen, indem man die betreffenden Theile bald für Sehwerk-
zeuge, bald für einen Hörapparat ansah. Prüft man die hier-
über vorliegenden Beobachtungen, so kann man kaum länger
daran zweifeln , dass fast sämmllichen bis jetzt untersuchten
Rippenquallen ein Gehörbläschen zukomme, welches in der
Nähe des Trichters entweder auf dem Nervencentrum oder
doch in enger Verbindung mit demselben gelagert sei. Die
Angaben von Milne Edwards über Lesueuria sind die ein-
zigen, aus denen nicht evident hervorgeht, dass diese Thiere
mit einem Gehörbläschen versehen seien, während das, was
in derselben Abhandlung über Beroc gesagt ist, sicher auf
ein solches zu beziehen ist. Es heisst dort: „un point
spherique de couleur rouge et d'aspect granuleux, qni ren-
ferme plusieiirs corpuscules cristalloides.^ — Auch die Un-
tersuchungen von Agassiz, der über die ganze Gegend
unter dem Trichter nicht vollständig zu einem genügenden
Abschlüsse gekommen zu sein scheint, lassen das Vorkom-
men eines Gehörbläschens ausser Zweifel, besonders wenn
man die beigegebenen Abbildungen (vorzüglich PI. 3. Figg. 9.
10. PL 8. Figg. I. 7. 9) in Betrachtung zieht. Freilich wird
auch hier diess Organ als ;;Eye-speck" aufgeführt.
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophorcn. 183
Will dagegen und neuerdings Kolli k er sprechen sich
mU Beslimmtheit für das Vorhandensein eines Gehörbläschens
aus, und letzterer sah noch bei Eschscholtzia cordata „ne-
ben der Gehörkapsei zwei braunrolhe Pigmentflecken, die
jeder vvie einen hellen Körper zu enthalten schienen, und an
Augen von Scheibenquallen erinnerten«. Dieser von mir
gleichfalls gemachten Beobachtung zufolge, ergeben sich für
die Rippenquallen ähnliche Verhältnisse, wie ich es an einem
anderen Orte (Müller's Archiv 1856. Hft. U) von den Medu-
sen auseinandersetzte , mit dem Unterschiede , dass bei den
Ctienopho^'Qn woW Gehörbläschen ohne augenartige Gebilde,
und diess in bei weitem der iMehrzahl der Fälle, aber keine
Augenbildwngen ohne Gehörbläschen vorzukommen scheinen,
so dass sie also nur mit den höheren Medusen hierin ver-.
glichen werden können. Eurhamphaea vexilligera Hess mich
umsonst nach dem Gehörbläschen umsehen, es scheint zu
fehlen, und damit steht wohl auch die einfache Ausmündung
des Trichters im Zusammenhange, indem sonst das Gehör-
bläschen genau zwischen die Theilung des Trichterendes sich
einlagert.
Die Grössenverhältnisse des Gehörbläschens fand ich
schwankend zwischen 0,007 — 0,04'". Letztere erkannte ich
an Cydippen (C. pileus?). Die Otolithen werden von WiH
als „Krystalle" bezeichnet, als welche ich sie jedoch in kei-
nem der untersuchten Fälle zu erkennen vermochte, sie stell-
ten sich vielmehr immer als rundliche, oft auch unregelmäs-
sig gestaltete Concretionen dar. Die Zahl dieser Concretiö-
nen variirt, und wie ich dafür halten muss, nach dem Alter
des Thiers, so dass während junge, nur 0,'i'" grosse Cydip-
pen deren nur 4tt^5 hatten , ich bei Erwachsenen 20 — 30
zählen konnte. Einmal besass eine junge aber doch schon
0,7'" grosse Ripp,enqualle einer nicht näher bestimmbaren
Gattung HUiT ei^e einzige kugliche Concretion , welche über
die Hälfte des Gehörbläschens erfüllte. Die Otolithen liegen
meist auf einem Häufchen inmitten des Bläschens, selten wa-
ren, sie vereinzeilt; Bewegungen habe ich an ihnen el^enso-
wenig gesehen als Will, habe mich aber auch überzeugt,
dass der Grund dieses Ruhezustandes nur in dem Alan^jel von
CiHen und nicht in einer etwaigen Befestigung der Concre-
184 Gegenbaur:
tionen an die Bläschen-Wandung gesucht werden muss. Also
wiederum ein Umstand, den die Ctenophoren mit den höhe-
ren Medusen gemein haben.
Ein sehr eio^enlhümliches Verhalten zeigt sich am Ge-
hörbläschen junger Cydippen; diess lagert hier genau am
unteren Ende des Körpers, dicht auf der hier ganz nahe
unter die Körperoberfläche tretenden Trichterhöhle, und kann
förmlich aus dem Leibe hervorgestülpt werden (Fig. 5 x), so
dass es nur mit einem kleineren Theile seines Umfanges mit
dem Körper selbst in Verbindung steht. Auch Einziehungen
erfolgen und dann formirt es in die Trichterhöhle einen buk-
kelförmigen Vorsprung.
Geschlechtsorgane. Unter den sämmtlichen von
mir untersuchten Rippenquallen fand ich nur im Herbste ge-
schlechtsreife vor, während den Winter hindurch entweder
nur Spuren , oder völliger Mangel der Geschlechtsorgane zu
beobachten war. Es bilden sich also — und diess haben
auch Andere vor mir aufgestellt , — die Geschlechtsorgane
nur zu gewissen Zeiten, welcher Umstand auch hier, wie es
schon für gewisse Abtheilungen der Medusen versucht ward,
für die Bedeutung dieser sogenannten Geschlechtsorgane ver-
werthet werden kann. Wie aus den Beobachtungen von
Krohn (Fror. n. Not. 1841), Will undKölliker (1. c.)
hervorgeht, liegen die Geschlechtsorgane längs der Rippenge-
fässe, und bestehen eigentlich nur aus der ausgebuchteten,
durch die Geschlechtsprodukte geschwellten Wandung der
betreffenden Kanäle, wie diess namentlich aus Kölliker's
Angaben über Eucharis erhellt , durch welche im Uebrigen
die Beobachtungen von Will, namentlich über die herma-
phrodilische Natur dieser Theile ihre Bestätigung finden. Meine
Beobachtungen sind an Owenia Köll. und Cydippe angestellt,
bei welch' ersterer ich den Sachverhalt etwas anders fand,
als er von Kölliker beschrieben wurde. Hoden und Eier-
stöcke finden sich innerhalb der Wand jedes der acht Rip-
penkanäle, allein sie stellen hier keine einfachen Schläuche
vor, sondern zerfallen je in eine Reihe über einander lie-
gender länglicher mit den entsprechenden Enden sich berüh-
render Capseln, die mit den betreffenden Produkten erfüllt
sind j sie liegen nicht nach aussen von dem Kanallumen, zwi-
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 185
sehen diesem und der Schwimmplättchenreihe, sondern nacli
innen davon , gegen die Leibesachse des Thiers, so dass
durch ihre Bildung die relative Lage des Gefässkanais gar
nicht alterirt wird. Es reichten diese Kapselreihen bei Owe-
nia bis zu den weissen Flecken^ von denen, wie oben ein-
mal erwähnt ward , die Senkfadenschenkel ihren Ursprung
nehmen.
Dass die Geschlechtsprodukte , Samen und Eier, nicht
durch besondere Ausführgänge entleert werden, sondern dass
immer der bezügliche Rippenkanal diesen Dienst versieht,
davon konnte ich mich in einem Falle überzeugen, wo der
Kanal eine ganze Strecke weit mit haarförmigen Spermato-
zoon erfüllt war.
Wie bei den Medusen (jener Abtheilung, die ich unter
der Benennung der Craspedota abgrenzte), sehen wir hier die
Geschlechtsprodukte in der Ausstülpungen bildenden Wan-
dung des Gastrovascularapparates entstehen, und zwar stets
nur in jener Abtheilung, welche den Radiärkanälen des Me-
dusenschirmes analog ist. Für eine engere Vereinigung der
Ctenophoren mit den Medusen dürfte hiedurch ein Anhalts-
punkt mehr gefunden sein.
Die bis jetzt über die Entwickelung der Ctenopho-
ren bekannten Thatsachen beschränken sich bloss auf einige
Angaben hinsichtlich der Furchung (C. Vogt, Ocean und
Mittelmeer), so wie auf Beobachtung von sehr jungen Thie-
ren, aus deren schon sehr dem ausgebildeten Zustande nahe
gerückten Form gefolgert werden konnte, dass hier weder
ein Generationswechsel noch ein irgend ausgeprägter Lar-
venzustand (Metamorphose) sich bei der Entwickelung be-
theiligen möchte. Nur Agassiz glaubt an das Inzwischen-
treten einer Ammenzeugung, und denkt sich die Thiere am
Trichterpole im früheren Zusammenhange mit einer geschlechts-
losen Form.
Sehr junge Rippenquallen wurden von J.Müller beob-
achtet, auch von Kölliker. Wenn letzterer solche aber als
Larven bezeichnet, so dürfte das nicht wohl zu begründen sein,
da die Kleinheit sowohl als die noch nicht erfolgte Ausbil-
dung einzelner Organe zu der Bezeichnung der Larve nicht
ausreichend ist. Attribute eines Stadium larvatum sind nicht
186 Gegenbaur:
erwähnt. — Ob diese i/o-i/g'" messenden Tliierchen ent-
weder einen sehr einfachen Entwickelungsgang-, oder eine
sehr frühzeitig auftretende, und schnell ablaufende Metamor-
phose beurkunden, ist noch keineswegs dargethan , und ich
will versuchen durch Mittheilung meiner Beobachtungen ei-
niges für die Entscheidung dieser Fragen mir von Belang
erscheinende Material zu liefern.
Meine Untersuchungen betreffen mehrere, von einander
sehr verschiedene Thierformen , die ich , um Verwechselun-
gen vorzubeugen, gesondert von einander vorführen werde,
und wenn auch manches davon, wie ich selbst recht gut er-
kenne, noch recht lückenhaft sich ausnimmt, so dürften sie
doch der Mittheilung nicht unwerlh sein, jedenfalls aber zu
weiteren Nachforschungen veranlassen. Die häufigste Form,
und zugleich diejenige, von welcher der meiste Aufschluss zu
erlangen ist, stellt nur ein 0,08"' grosses Wesen vor, von
ovaler oder rundlicher Gestalt, jedoch durch sehr lebhafte
Bewegungen sehr in den äusseren Umrissen wechselnd. Die
Körpersubstanz ist gelblich getrübt, und zeigt in der Mitte
eine rölhlichbraue Färbung, die seitlich scharf abgegrenzt
erscheint, und in der Richtung der Längsachse einen gros-
sen Theil des Körpers durchzieht. An dem einen Pole ver-
liert sich diese Färbung. Hier sitzt ein rundes helles Bläs-
chen, dem entsprechend die Körperwand häufig sich vor-
treibt, und in ihm liegen 6—9 ovale Concretionen, die zu-
weilen in eine zitternde, aber , wie sich ergiebt keineswegs
durch Cilien hervorgerufene Bewegung geralhen. Wir er-
kennen alsbald hierin ein Gehörbläschen (Fig. 13 k), Ani
entgegengesetzten Pole, den ich als den oberen bezeichne,
sieht man zwei oder auch vier schmale sehr veränderliche
Wulste, zwischen denen eine Oeffnung vorhanden ist. Es ist
die Mundöffnung, die in die relativ ziemlich weite, von dem
vorhin erwähnten rothgefärbten Gewebe umgrenzte Magen^
höhle führt. Die Oberfläche des Körpers trägt acht Reihen
mit etwas verbreiterter Basis beginnender, dann aber sich
fein zuspitzender Cilien in der Weise angeordnet, dass im-
mer zwei benachbarte Reihen in der Nähe des Gehörbläs-
chens beginnen, je zwei andere entfernter davon. Die Zahl
der Cilien beträgt für erslere 8—10, für letztere 10—15;
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 187
diese reichen dann weiter auch herauf bis in die Nähe des
oberen Körperendes , an dem die Mundöffnung sich befindet.
Die Länge der einzelnen Cilien oder jungen SchwimmplälU
chen ist bedeutend, sie beträgt 0,012'". Die einer Reihe
beugen sich meist alle auf einmal. Von den mannichfachen
Gestaltveränderungen, welche das Thierchen durch Contrak-
tionen bewirkt, ist die Einziehung der beiden Pole die häu-
figste, Gehörbläschen und Mundöffnung werden dann unsicht-
bar. Beim Strecken wird der Körper mehr cylindrisch, und
das Gehörbläschen wird dabei weit hervorgetrieben. Auch
quere Einschnürungen treten auf, so wie sich auch zuwei-
len Längsfurchen bilden, von welchen vier mit tief ein-
springenden Winkeln , zwei aber nur als flache Rinnen er-
scheinen. In den tieferen Furchen, die durch eine zwischen
je zwei Cilienreihen entstandene Einziehung sich bildeten ,
sitzen dann je zwei Reihen der Cilien, die bei Betrachtung
von oben wie vier Büschelpaare sich darstellen. Bei diesen
Evolutionen werden im Innern des Körpers zuweilen einige
dunklere Stellen bestimmter abgegrenzt, die für die nähere
Bestimmung der jungen Ctenophore von Belang sind. Wenn
man nämlich aus dem bisher gegebenen noch nicht wissen
konnte, ob das Thierchen den Cydippen oder Beroen ange-
hört, vorzüglich weil keine Senkfäden sich zeigten, die viel-
leicht später sich noch bilden könnten , so wird diese Frage
entschieden, als ich einmal nach längerer Beobachtung eines
solchen kaum grösseren Wesens am Ende des vorderen Kör-
perdrilttheils an zwei einander gegenüber liegenden Stellen
einen blassen mit feinen Körnchen besetzten Faden hervor-
kommen sah , der immer länger und länger ward und sich
unter meinen Augen zu einem wohlgebildeten aber einfachen
Senkfaden entrollte (Fig. 13 Ä, Ä). Hiernach konnte ich bei
einiger Ausdauer im Zuwarten die Tentakel fast in jedem
Falle wahrnehmen , das ruhende, unbehelligte Thier Hess sie
nach einiger Zeit hervortreten , und gab so seine Verwandt-
schaft mit den Cydippen kund.
An demselben Thiere sah ich bald darauf aus dem Munde
zwei kolbenförmige, oben abgeblattete Lappen (Fig. \'dy,y^
hervorkommen, mit denen es lebhaft um sich schluo- und
sogar beträchtliche Ortsveränderungen damit zu Stande
188 Gegenbaurt
brachte, dann aber wieder sie ausgestreckt ruhen Hess. Die
geringste Erschütterung des Objectträgers Wess die Lappen
schnell wieder verschwinden, und es währte dann lange bis
sie wieder zum Vorschein kamen. Ich konnte diese beiden
Organe ziemlich weit , bis zum Beginne der Färbung der
verdauenden Höhle längs ihren Contouren verfolgen, und
dann hatte es den Anschein, als ob sie in besonderen Ver-
tiefungen, getrennt von einander sich inserirten, jedoch bei
der Undurchsichtigkeit des umgebenden Gewebes und der
wegen der Zartheit des ganzen V\^esens bestehenden Erfolg-
losigkeit einer versuchten Compression, war eine nähere Be-
stimmung unmöglich. Es ist mir mehr als wahrscheinlich,
dass diese Lappen auch in jüngeren Thieren vorhanden wa-
ren, denn die ich darauf untersuchte, zeigten an der Magen-
wand zwei dunkle oval umschriebene Partien etwas hinter
der MundöfTnung beginnend , und hierin dem contractilcn
Lappengebilde entsprechend. Im ausgebildeten Thiere ist mir
kein hierauf beziehbares Organ bekannt geworden, und ich
finde auch in der Literatur nur eine einzige Angabe, die mit
einiger Sicherheit hier sich anschliessen kann. Es ist der
paarige häutige Anhang (appendice menibraneux) denMilne
Edwards im Magen von Lesueuria vitrea beschrieben, und
als zum Geschiechtsapparate gehörig gedeutet hat. Leider
ist über die näheren Verhältnisse dieser Anhänge nichts Nä-
heres milgetheilt, so dass es dahingestellt bleiben muss, ob
sie in diesem Thiere einen hervorsfreckbaren Apparat vor-
stellen wie bei unseren jungen Cydippiden , oder ob sie als
die persistirenden vielleicht nur in anderer Richtung funclio-
nirenden Reste dieses dem Jugendzustande zukommenden Ap-
parates sind.
Da ich bei älteren 1/2"' grossen Thieren, die sich continuir-
lich in jene mit den Magenanhängen versehene Form zurück-
verfolgen Hessen, durchaus nichts mehr von der in Rede ste-
henden Einrichtung vorfand , so muss ich annehmen, dass
diess nur vorübergehende Organe sind, deren Werth nur für
eine gewisse Enlwickelungsperiode wesentlich ist, und mit
der ällmähHchen Ausbildung des Thieres schwindet. Die häu-
tigen Organe im Magen von Lesueuria stellen vielleicht soL
che Gebilde vor.
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 189
Bezüglich ihrer Bedeutung schien mir die Annahme
begründet zu sein, dass, so wie sie anatomisch mit der ver-
dauenden Höhle in Verbindung stehen , sie auch in ihrer
Funktion mit dem Ernährungsapparate zusammenhängen, dass
nämlich ihre sehr rasch erfolgenden Bewegungen, das Aus-
strecken und Einziehen , welch' ersteres von einer Erweite-
rung des Magens, besonders einer Vergrösserung der Mün-
dung desselben, begleitet ist, einen Wasserstrom nach innen
hervorrufen und mit diesem Nahrungstheile dem Magen zu-
führen lassen. Lassen wir selbst diese Fragen bei Seile, so
lernen wir doch zwei nicht unwesentliche Verhältnisse ken-
nen: Erstlich dass im Entwickelungsverlaufe mancher Cte-
nophoren Organe auftreten, die nur eine vorübergehende Be-
deutung besitzen. Die damit versehenen Formen sind dess-
halb Larven; es besteht eine Metamorphose. Zwei-
tens erhalten wir in der beschriebenen Einrichtung einen
Anhaltepunkt zur Erkennung früherer Zustände, jener Sta-
dien also, wenn die Cilienreihen und Senkfäden noch unaus-
gebildet sind und dadurch der Ctenophorentypus uns ver-
hüllt erscheint. So lange die Entwickelung nicht in direk-
terer Weise , vom Eie aus , verfolgt werden konnte , muss
solches Verfahren gerechtfertigt erscheinen, und wenn es
uns der Erkenntniss dieser Wesen und ihrer Bildungsge-
setze auch nur einen einzigen Schritt näher bringt.
Unter den von W. Busch (Beobachtungen über Ana-
tomie und Entwickelung niederer Tliiere) beschriebenen Lar-
venformen (p. 130) giebt es eine , die mit unseren Cteno-
phorenjungen den Besitz des hervorslülpbaren Organes ge-
mein hat. Es ist die Calliphobe appendiculata, ein y^o — Vs"'
grosses Thierchen, dessen Oberfläche mit Cilien bedeckt ist,
und dessen dem Munde gegenüber befindliches Ende einen
langen Wimperbusch trägt. Es liegt, nach dem was ich oben
mittheilte, nahe, hierin die Larve einer Bippenqualle zu er-
kennen, wenn nicht Calliphobe noch durch zahlreiche in die
Haut eingestreute Nesselzellen sich auszeichnete, ein Um-
stand , der bis jetzt für die Ctenophoren noch nicht beob-
achtet ward , der aber ebenso eine vorübergehende Eigen-
schaft sein kann als Wimperbusch und kolbenförmige Lap-
pen. Busch möchte in Calliphobe einen jungen Polypen
190 Gegenbaur:
erkennen, weil sie nur eine einzige Oeffnung bosilzt , aber
(liess gilt ja auch für den Ctenophorentypus , während die
Entwickelung der Polypen , so weit sie bis jetzt bekannt ist
nicht zu Gunsten der Verwandtschaft dieser Thiere mit Calli-
phobe gestaltet erscheint. Dass die stäbchenförmigen Nes-
selzellen kein Hinderniss sein können, um in Calliphobe das
Thier zu erkennen, für welches sie die Magenlappen deuten
lassen, dafür werde ich am Schlüsse dieser Abhandlung noch
einen schlagenden Beleg anführen können. Vielleicht gelingt
es Anderen den Entscheid zu liefern, ob das, was ich durch
blosse Vergleichung herzustellen versuchte, richtig war oder
nicht. Jedenfalls durfte mir hier die Herbeiziehung von Cal-
liphobe in die bis jetzt so dürftig bekannte Entwickelungs-
reihe der Ctenophoren nicht erlassen bleiben.
Ich habe mich an vielen anderen Formen von jungen
Rippenquallen überzeugen können, dass das Stadium des Be-
sitzes der hervorstreckbaren Lappen bei diesen entweder
völlig fehlt, dass also ein Theil der Rippenquallen ohne Me-
tamorphose sich entwickelt, oder dass jenes Stadium in eine
sehr frühe Periode gerückt ist. Eine ganze Reihe der ver-
schiedensten Formen, selbst solche, die noch blosse einfa-
che und kurze Wimperhaare trugen , Hessen nichts von den
Lappen erkennen. Von diesen will ich nur eine, die zu den
häufigeren gehört, hier näher beschreiben. Es waren runde,
oder auch flaschenähnlich gestaltete Thiere (Fig. 5) von
0,18 — 0,24'" Länge, deren durchsichtiger Körper den schon
ausgebildeten Magen und die Senkfäden gelblich durchschim-
mern liess. Die weite Mundöffnung stülpte sich häufig mit
ihren Rändern nach aussen , und führt in einen mit reichli-
chen dunkler gefärbten Längsfalten versehenen Magen (e),
dessen erweiterter Grund bis zur halben Länge des Thier-
chens reicht und dort durch eine Oeffnung in einen ovalen,
hellen Hohlraum (/") von ziemlicher Grösse führt, in dem
ich den sogenannten Trichter erkennen muss, der somit als
die erste Andeutung des Vascularsystems auftritt. Er war
gegen den unteren Pol hin mit ganz dünnen Wandungen ver-
sehen, und sass dort auch dem Gehörbläschen (/e) ganz
oberflächlich auf. Seitlich am Trichter lagen die beiden Ten-
takelscheiden (i), in deren Grunde die Ursprungsstelle des
Studien über Orgenisation u. Systematik d. Ctenophoren. 191
Senkfadens durch eine Fortsetzung des Trichters sich zu er-
kennen gab. Der Senkfaden (Ä) selbst erreichte ausgedehnt
die 3— öfarhe Länge des Körpers, und war reich mit secun-
dären Fädchen besetzt. Die acht Schwinitnplätichenreihen(a)
Sitten zu je zweien einander genähert nahe am Endpole ;
ihre Plättchen, deren für jede Reihe 5—^7 sich treffen, sind
beträchtlich breit, und nur durch ihre Grösse von jenen gros-
sen Ctenophoren unterschieden.
Ein vielleicht nicht unzeitgemässer Versuch, auch das
zoologische Material, welches bis jetzt über die Rippenqual-
len bekannt wurde, zu sammeln und zu einer systematischen
Verwerlhung zu gebrauchen, dürfte wohl an der höchst noth-
dürftigen Kenntniss, die wir von vielen, namentlich in einer
früheren Zeit beschriebenen Thieren haben, scheitern, wenn
man nicht eine durchgreifende Sichtung des Brauchbaren vom
Unbrauchbaren vornehmen will. Der für eine Galtung (Po-
lyptera) gethane Ausspruch Bla in ville's : „c'est une coupe
etablie d'apres une figure incomplete, et dont il est difficile
de se faire une juste idee" gilt für eine grosse Anzahl von
Rippenquallen, so dass nur die einigermassen befriedigend
beschriebenen bei einer Eintheilung berüchsichtigt werden
können.
Die Bildung von zwei grösseren nach dem Umfange
der Magenhöhle unterscliiedenen Abtheilungen, wie solches
zuerst zum Theil Eschscholtz, dann van der Hoeven
(Handb. d. Zoologie) andeuteten, und Leuckart (Nachträge
und Berichtigungen zu vorigem) durch die Aufstellung der Ord-
nungen Eurystomata und Stenostomata bestimmter ausgeführt
hat, halte ich zwar behufs der ersten Orientirung für zweck-
mässig, jedoch wegen mancher gerade auch in den treffen-
den Charakteren sich findender Uebergänge dürfte sie sich
nicht stichhaltig herausstellen. So fand ich Eschscholtzia
cordata Köll. und eine Cydippe, mit einem beträchtlich wei-
ten Magen versehen, der sich ganz nacii Art der Beroen
umzustülpen vermochte.
Die allgemeine Körperform, natürlich unter Berücksich-
tigung der Veränderlichkeit derselben bei gewissen Gattun-
gen, der Besitz oder Mangel von Lappen , Senkfäden so wie
192 Gegenbaur:
die Zahl der Schwimmplältchenreihen dürften Charaktere zur
Eintheilung darbieten. Die Anordnung des Vascularappara-
tes läuft mit diesen Verhältnissen parallel, so dass mit der
näheren Bezeichnung der äusseren Körperverhältnisse auch
zugleich das Verhalten des vom Trichter ausgehenden Kanals
gegeben ist. Beispiele sind hier die ßolinen, Mnemien, die
Beroen u. a. , wie das oben schon angegeben ward.
Bei einer zoologischen Betrachtung kann daher von die-
sen Organisationsverhältnissen abgesehen werden. Für die
Schwimmplältchenreihen ist die gegenwärtige Summe von
genaueren Angaben noch nicht ausreichend ; ältere Beobach-
ter scheinen hierauf weniger geachtet zu haben , ja eine
Vergleichung mancher Abbildungen lässt den Verdacht ent-
stehen , dass irgend andere Theile dafür angesehen wur-
den. So scheint z. B. die Anordnung der beiden mit-
telsten Schwimmplältchenreihen von Alcinoe papulosa delle
Chiaje (Chiaja napolifana Less.) , so dem ganzen Plane der
Ctenophoren zuwider, dass ich hier eine stattgefundene Ver-
wechselung mit inneren Theilen, mit den Contouren der ver-
dauenden Cavität, annehmen möchte, ich halte desshalb vor-
läufig die Beiziehung der Schwimmplältchenreihen für allzu-
gewagt.
Für die systematische Uebersicht möge mir gestattet
sein, folgende Eintheilung vorzuschlagen:
[ Seitliche, die Cilien tragende, flü-
Körper mit Fortsätzen i gelförmige Anhänge,
oder lappenarligen An- ! 1. CaUianiridae.
hängen versehen. Bald \ Zwei lappenartige Fortsätze seit-
mit, bald ohne Senkfäden. I lieh am Munde.
f 2. Calymnidae,
! Körper bandartig der Quere nach
verbreitert.
3. Cesiidae.
Körper oval oder rundlich.
4. Cydippidae.
Ohne lappige Anhänge. Körper oval länglich.
Nie Senkfäden. 5. Beroidae.
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 193
1 . Callianiridae.
Es ist diese Familie die einzige, die noch nicht gehö-
rig- untersucht ist, und desshalb hier eine nur sehr proviso-
rische Stellung einnehmen kann. Sie wird repräsentirt durch
die Gattung Callianira Per.
2. Calymnidae.
Zwei grosse um den Mund gestellte, zuweilen auch über den
Mund sich ausbreitende Lappen, Mundschirme, in denen noch
gewisse Kanäle verlaufen, begründen mit der meist von zwei
Seiten her etwas comprimirten Körperform den besonderen
Charakter dieser Familie. An der Basis der Mundschirme
sitzt noch jederseits ein schmaler, zungenförmiger Anhang,
in welchen gleichfalls die Kanäle sich hineinerstrecken. Senk-
fäden kommen bei Leucothoe und Eucharis vor. Von den
hicher zu rechnenden Gattungen Calymna, Mnemia, Axio-
lima, Bolina, Eucharis, Leucothoe, Alcinoe, (Delle Chiaje)
Chiaja und Lesueuria, bilden Mnemia und Bolina so verwandte
Formen, dass sie vereinigt werden müssten , wenn man die
für erstere Gattung von Eschscholtz gegebene Beschrei-
bung so wie auch die bezüglichen freilich sehr dürftigen Ab-
bildungen mit dem, was Mertens und Agassiz über Bo-
lina miltheilen, in Vergleichung zieht. Es würde dann für
diese der ältere Name Mnemia festzuhalten sein. Auch Al-
cinoe Mert. ist hier beizuziehen. Bei einer künftigen Revi-
sion der Arten muss auch Eucharis Tiedemanni von E. mul-
ticornis geschieden werden , die erstere stellt eine selbstän-
dige Gattung vor, die sich sehr an Lesueuria anschliesst,
während E. multioornis nur eine jüngere Form von Chiaja
neapolitana Less. (Alcinoe papulosa Delle Chiaje) repräsen-
tirt. Ich habe die letztere beobachtet , und mir angemerkt,
dass man aus dem die mächtigen Mundschirme gegen den
Körper hin umschlagenden Thiere die Formverhällnisse von
Eucharis herausfinden kann.
Als neue Gattung füge ich den Calymniden die schon
mehrmals oben erwähnte Eurhamphaea bei , die ich folgen-
derweise charakterisire:
Eurhamphaea vexilligera n. gen. et sp.
Der längliche Körper ist von zwei Seiten zusammenge-
Arcbiv f. Naturgescb. XXII. Jahrg. 1. Bd. 13
194 Gegenbaur:
drückt, von der Mitte der breiteren Seiten springt je eine
schnabelförmig nach aussen gekrümmte Crista vor, die sich
beträchtlich über das hintere Körperende hinaus verlängert
(Fig. 1,2 a) und dort mit einem hochrothen conlractilen Fa-
denanhange iß) , auf den die Artbenennung anspielt, verse-
hen erscheint. Am Mundpole setzen sich die schmalen Sei-
ten in zwei breite, abgerundete Mundschirme (b) fort, die
entweder mit ihrem vorderen Theile sich gegenseitig be-
röhrend und deckend über den Mund geschlagen, oder aus-
einander gehalten, sogar auch gegen den Körper umgeschla-
gen getragen werden. Jederseits an der Basis dieser Schirme,
jedoch ausschliesslich der breiteren Seite des Thieres ange-
hörig, sitzt ein schmaler zungenförmiger Anhang (auricle
Agass.), der immer gegen die Medianlinie der breiten Kör-
perfläche gerichtet ist. Seine Aussenfläche ist etwas gewölbt,
die gegen den Körper sehende aber glatt , oder auch etwas
ausgehöhlt. Die Beweglichkeit dieser vier Anhänge so wie
auch der beiden Mundschirme ist eine geringe, Veränderun-
gen in der Lage erfolgen nur langsam, so dass sie beim
Schwimmen als Faktoren schwerlich in Betracht kommen
können.
Vorn zwischen beiden Schirmen ragt der von wulstigen
Lippen umgebene Mund (Fig. 1 c?) vor, der eine nach der
Breite des Körpers gerichtele Querspalte bildet. An der Basis
der Lippen befinden sich contraclile feine Fädchen in einer
Reihe stehend.
Am hinteren Theile des Leibes ist zwischen den beiden
schnabelförmigen Fortsätzen eine tiefe Einsenkung, in deren
Grund der Trichter sich öiFnet.
Die acht Schwimmplättchenreihen sind derart vertheilt,
dass je zwei Paare den breiten Seifen, zwei andere Paare den
schmalen Seitenflächen angehören. Die ersteren beginnen
hinten an der Spitze der schnabelförmigen Fortsätze, bege-
ben sich unter allmählicher Divergenz auf der betreff'enden
Fläche dieser Fortsätze auf die breite Körperseite, um hier
parallel mit einander bis unter die Basis der „Oehrchen" sich
fortzusetzen. Hier werden sie um vieles schmaler, so dass
die einzelnen Plältchen nur noch mit der Lupe erkannt wer-
den können, wenden sich mit stumpfwinkliger Biegung nach
Studien über Organisation u. Syjitematik d. Ctenophoren. 195
aussen gegen die Längskante des Körpers, um dann wieder
nach innen biegend als ein Saum jener langen aber kaum in
die Breite entwickelten Wimperhaare den Umfang der „Oehr-
chen« zu umziehen, und an deren innerem oberen Ursprungs-
winkel zu enden.
Die beiden übrigen Paare der Schwimmplättchcnreihen
nehmen ihren Ursprung jederseits am hinleren Körperende
zwischen den dort vorspringenden schnabelförmigen Fortsät-
zen , so dass sie nur von der schmalen Seite aus gesehen
werden können. Von hier verlaufen sie etwas divergirend
und zugleich an Breite gewinnend , längs den Seitenkanten
bis zur Basis der Mundschirme , wo je ein Paar sich etwas
zusammenneigt, und auf den betreffenden Mundschirm sich
fortsetzt, wo sie, nachdem hier wiederum die Plältchen in
blosse Cilien sich umwandeln , eine zweischenklige Figur
bilden und nach einem kurzen Verlaufe enden. Jede dieser
seitlichen Reihen ist von ihrem Ursprünge an durch einen
hellrothen Streifen ausgezeichnet, der aus einzelnen je zwi-
schen zwei Schwimmplättchen liegenden Pigmentflecken zu-
sammengesetzt ist, und sich auch noch auf den Mundschirm bis
nahe an dessen freien Rand hin verlängert, nachdem schon
eine Strecke vorher die begleitende Wimperlinie verschwun-
den ist. Zwischen den Enden der beiden Pigmentpunktrei-
hen, wird jeder Mundschirm noch durch einen kurzen, senk-
rechten rothen Strich markirt.
Die Körpersubstanz dieser Ctenophore ist bis auf die
etwas resistenten Schnabelfortsälze äusserst weich, wie Gal-
lerte, und zeigt nur im vorderen Abschnitte, besonders in
der Umgegend des Mundes eine einigermassen ansehnliche
Contractilität. Bis auf die vorhin beschriebenen pigmentir-
ten Stellen und den mattgelb gefärbten Gastrovascularappa-
rat, der schon oben näher berücksichtigt ward, ist der ganze
Körper durchsichtig, fast glashell mit einem Stich ins Bläu-
liche, so dass das Thier im Meere äusserst schwer wahrzu-
nehmen ist. Mit dem eintretenden Tode zeigt sich, wie bei
allen Rippen- und Scheibenquallen, eine Veränderung des
den ganzen Körper bedeckenden Epithels (plattenförmige Zel-
len), welches sich weisslich trübt und so die im Leben statt-
findende Durchsichtigkeit aufhebt.
196 Gegenbaur:
Die Länge des Körpers beträgt von dem Rande der
Mundschirme biszurSpilze der Schnabelforlsälze 3"— 3" 7'".
Es wurden zwei Exemplare beobachtet, beide an einem
Tage, im Monate Februar.
3. Cestidae,
Die Bandquallen bilden durch den seitlich zusammen-
gedrückten Körper, der jegliche Lappenforlsätze entbehrt, den
Uebergang von den Calymniden zu der nächsten Familie, den
Cydippen. Die Compression combinirt sich hier mit einer
ausserordentlichen Entwickelung in die Breite, durch welche
eben die Bandform bedingt wird , welche diese Thiere so
ausgezeichnet charaklerisirt. Von Schwimmplättchen sind nur
vier Reihen vorhanden. Zwei zusammengesetzte Senkfäden
treten in der Nähe der Mundöffnung nach aussen. Es sind
die Cestiden wohl die einzigen Rippenquallen, bei denen die
Schwimmplättchen als Loconiotoren eine ganz untergeordnete
Rolle spielen, indem die Ortsbewegung, wie ich mehrfach
beobachtete , durch Windungen und mannichfaltige Biegun-
gen des bandförmigen Körpers erfolgt. Es darf aber auch hier
nicht vergessen werden , dass alle diese activen Ortsverän-
derungen nur unbedeutender Natur sind im Zusammenhalte
mit jenen , die durch Meeresströmungen veranlasst werden.
Die einzige hieher gehörige Gattung ist Ceslum.
4. Cydippidae,
Als Familiencharakter habe ich den auf dem Quer-
schnitte rundlichen oder nur wenig von der Seite her com-
primirten Körper, der der Lappen um den Mund entbehrt,
acht Schwimmplättchenreihen und zwei Senkfäden besitzt,
aufgestellt, und glaube so diese Gruppe möglichst scharf
umschrieben zu haben. Einige seitlich etwas comprimirle
Formen, wie Eschscholtzia, vermitteln die Verwandtschaft zu
den vorigen Familien.
Wegen der meist regelmässigen Körperform , der auf
rippenartigen Vorsprüngen sitzenden Schwimmplättchen und
des Mangels besonderer Fortsätze stellen die Cydippiden den
Typus der Ctenophoren in der äusseren Form am reinsten dar.
Von Gattungen zähle ich hieher: Neis Less. , Ocyroe
Rang, Merlensia Less., Anais Less., Eschscholtzia Less.,
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 197
lanira Oken, Cydippe aiict., Pleurobracliia Agass., Beroe Mert.,
Owenia Köll.
Fast sämmtliche Genera sind jedoch auf äusserst unzu-
verlässig-e oder doch unwesenlliche Merkmale gegründet, und
die Anführung von einem abgeplatteten, oben oder unten zu-
gespitzten, da oder dort eingezogenen Körper unter den Gat-
tungscharakteren liefert genug Beweis, dass die Beobachtung
nur von einzelnen oder nur momentan gesehenen Thieren
liergenommen sein musste, denn jeder, der sich für längere
Zeit der Mühe unterzieht, die Thiere in ihrem Elemente zu
beobachten, dem können die vielfältigen Gestallveränderun-
gen nicht entgehen , unter denen ein und dasselbe Indivi-
duum zu verschiedenen Zeilen sich darstellt. Ein Thier mit
tief eingezogenen Intercostalräumon , erscheint ganz anders
wie wenn es dieselben hervorbläht, und die Schwimmplätt-
chen in tiefen Furchen birgt. Hiezu kommen noch Verlän-
gerungen und Verkürzungen der Längsachse nach beiden Po-
len hin, womit die äusseren Contouren vielfach sich wan-
deln. Endlich ist noch die grosse Verletzbarkeit in Betracht
zu ziehen, und wie solche verstümmelte Thiere so leicht für
selbständige Formen genommen worden sind. Eine verstüm-
melte Cydippe ist offenbar lanira hexagona Oken.
Die Benutzung der Körperumrisse, namentlich in dem
Verhältnisse, wie sie von Lesson (Acalephes) verwerthet
sind , halte ich aus besagten Gründen für unzureichend
bei der Aufstellung der Genera ; ebenso die Länge der ver-
schiedenen Rippen , welche letztere doch nur als Artunter-
schiede zu gebrauchen sind. Bei allen, theilsaus eigener An-
schauung, theils aus Vergleichung von Abbildung und Be-
schreibung von mir kennen gelernten Gydippiden ist die Länge
der einzelnen Schwimmplätfchenreihen eine sehr verschie-
dene, aber dabei durch so viele Zwischenglieder hindurch-
tretend, dass man, diese Verhältnisse zum Ausgangspunkte
nehmend , fast jede Form zur besonderen Galtung erheben
müsste.
Zur Anstrebung einer systematischen Ordnung der hier
in Betracht kommenden Gattungen, erlaube ich mir erstlich
die Körporform , so weit diese nämlich durch Conlraclions-
zuslände keinen Veränderungen unterworfen ist, und dann
198 Gegenbaur;
die Verhältnisse der Senkfäden als Eintheilungsbasis in Vor-
schlag zu bringen. Beides sind leicht in die Augen sprin-
gende Merkmale, und gleicher Zeit auch mit anderen Orga-
nisationszuständen gepaart, so dass durch sie je eine typische
Form repräsentirt wird.
Bezüglich der Körperform lösen sich jene ab, welche
durch seitliche Compression und die Verlängerung der hin-
teren Körperpartie in zwei zapfenförmige Fortsätze sich
einigermassen an die Familie der Calymniden anschliessen.
Es gehört hieher die von Kölliker als Eschscholtzia cor-
data beschriebene Ctenophore, welche ich als Gattungsreprä-
senlantin unter diesem Namen lassen muss, während ich die
übrigen von Lesson und Kölliker darunter aufgezählten
daraus entferne, und sie unter zwei andere Galtungen ver-
theile.
Die anderen mit rundlichem oder ovalem Körper ver-
sehenen Cydippiden bringe ich nach der Senkfädenform in
zwei Gattungen, die eine davon umfasst Alle mit verästelten,
d. h. mit secundären Anhängen besetzten Senkfäden ausge-
rüsteten Cydippen, die andere, Mertensia, jene, deren Senk-
fäden einfach sind. Da Mertensia Less. unter die Galtung
Cydippe zu rechnen ist, so halte ich für die von mir con-
stituirte einen neuen Namen wählen müssen, ziehe aber vor,
den einmal vorhandenen Namen zu verwenden, um die ohne-
hin schon bestehende Verwirrung nicht noch mit neuen Na-
men zu vermehren.
Die Gattung Cydippe enthält ausser sämmtlichen Arten
des Eschscholtz, dann die Mertensien des Lesson, so
wie die Beroen, mit „verästelten" Senkfäden, die Mertens
aufführt. Auch Pleurobrachia rhododactyla Agasslz und Esch-
scholtzia pectinata Köll. rechne ich hieher. .
Als Mertensia mihi führe ich Beroe glandiformis Mert.
( Eschscholtzia glandiformis Less.) und Owenia *") rubra
Köll. auf.
Ich lasse hier die Beschreibung zweier Cydippiden fol-
*) Owenia ist als Gattungsnamen schon einem Cephalopoden ver-
liehen (Frosch, in Kongle danske Videnshab. Selskab Skrifter 5te
Räkke. 1847).
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 199
gen, von denen eine neu ist , die andere einige weitere Mil-
theilungen nicht überflüssig erscheinen lassen dürfte. Diese
letztere ist:
Eschscholtzia cordafa Köll.
Wie ich die Gattung Eschscholtzia auffasse und sie von
den übrigen, glallleibigen Cydippiden trenne, wurde vorhin
auseinandergesetzt. Was ich über diese sehr häufig beob-
achtete zierlich gebaute Rippenqualle mir notirle, kann als
eine Ergänzung der Beschreibung von Kölliker betrachtet
werden. (Vergl. Zeitschr. f, wiss. Zoologie Bd. IV. p. 315)
Der Körper ist herzförmig, indem er sich am Trichterpole in
zwei etwas nach aussen gebogene Zapfen (Fig. 8 a) verlän-
gert , zwischen denen in einer tiefen Einbuchtung die Aus-
mündung des Trichters gelagert ist. Zugleich ist der Kör-
per von zwei Seiten her comprimirt. Am Mundpole erscheint
er entweder zugespitzt oder quer abgestutzt je nach den ver-
schiedenen Contractionszuständen der Oeffnung der verdauen-
den Höhle.
Die acht Schwimmplättchenreihen sind derart vertheilt,
dass je zwei an den etwas abgerundeten in die zapfenförmi-
gen Verlängerungen des Körpers übergehenden Seitenkanten,
und je zwei andere sehr der Mittellinie genähert auf der
Breitseite angebracht sind. Sie sind von ungleicher Länge,
denn die auf den Breitseiten enden am Rande der Ausbuch-
tung zwischen den Zapfen, während die auf den vier Kan-
ten angebrachten noch auf den Ursprung der Zapfen über-
gehen, und in eine bis nahe ans Ende der letzteren verfolg-
bare Wimperlinie sich fortsetzen. Alle acht Reihen beginnen
auf gleicher Höhe, nämlich etwas hinter dem vorderen Kör-
perdritttheile.
Die Oberfläche des Körpers ist mit feinen carmoisinro-
then Pigmentfleckchen übersäet , die unter den einzelnen
Schwimmplättchen in Querreihen angeordnet erscheinen. Auch
die Wandung des weiten, zum Theile umstülpbaren Magens
(Fig. 8 e) zeigt eine röthliche Färbung, ebenso die beiden
Senkfäden c/i) und ihre Scheiden.
Die letzteren öffnen sich an den Schmalseiten, etwa am
Beginne des letzten Körperdritttheils in gleicher Höhe mit
200 Gegenbaur:
der Einbucht und lassen hier die sehr dehnbaren Senkfäden
hervortreten , die mit äusserst zahlreichen feinen Fädchen
besetzt sind. Es belaufen sich diese an einem Senkfaden
bis auf 100. Der Senkfaden vermag sich bis aufs 10 — löfache
der Körperlänge auszustrecken, kann aber wieder so einge-
zogen vv^erden , dass er als eine unbedeutende Masse die
Tentakelscheide ausfüllt (Fig. y).
Die Gestallveränderungen dieser Ctenophore sind sehr
mannichfaltig, das Auseinanderweichen der beiden Zapfen
so wie ihre gegenseitige Annährung, das Oeffnen, Hervor-
strecken, Umschlagen und Einwärtsbiegen des Mundrandes,
sind Erscheinungen, die im wechselnden Spiele aufeinander
folgen. Das Thier schwimmt stets mit dem Munde nach
oben, und bewegt sich vorzüglich vermittels der Thätigkeit
seiner Schwimmplättchen, die sehr lebhaft irisiren.
Die Abbildungen Figg. 8, 9 auf Taf. VIÜ sind in natür-
licher Grösse.
Cydippe hormiphora n. spec.
Die Körperform dieser Cydippe (Fig. 10) ist oval; der
Längsdurchmesser des durchsichtigen Körpers beträgt im Mit-
tel IVs". Die acht Schwimmplättchenreihen sind alle von
gleicher Länge und verlaufen über etwas mehr als % der
Körperoberfläche, in der Art, dass sie vom Mundpole eben-
soweit entfernt beginnen, als sie am Trichterpole endigen.
Gegen den letztem hin laufen sie in feine Linien aus.
Am letzten Drilttheile des Körpers treten die beiden
Senkfäden aus, die mit einer dichten Reihe secundärer Fäd-
chen besetzt sind. Unter den letzteren findet man Formen,
die in regelmässigen Abständen, etwa zwischen 10 — 15 ein-
fachen Fädchen sitzend , von diesen bedeutend abweichen,
indem sie von lanzettförmiger Gestalt, seitlich noch mit Cir-
rhen besetzt sind , deren nähere Beschreibung schon oben
eingeschaltet ward.
Von dieser Art wurden vier Exemplare beobachtet.
5. Beroidae.
Die Beroiden repräsentiren den bis jetzt bekannten ein-
fachsten Ctenophorenlypus, indem der Körper weder in Lap-
pen u. s. w. sich auszieht, noch mit Tentakeln oder Senk-
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 201
fäden versehen ist, (Jabei zeigen sie die grösste Contractili-
tät, und verändern demgemäss ihre Gestalt nach allen Rich-
tungen, so dass hier eine Diagnose der Gattungen oder Arten
nach den Körperumrissen am allerwenigsten zulässig ist. Alle
hieher zu rechnenden genauer bekannten Thiere gehören
einer einzigen Galtung (Beroe) an. In dieser sind Beroe,
Idya, Cydalisa und Medea zu vereinigen , Gattungen , in de-
ren bei Lesson angeführter Diagnose schlechterdings keine
wesentliche Differenz gefunden werden kann. Mit welcher
Kritik dieser Autor bei der Systematik der Rippenquallen zu
Werke ging, erhellt zu Geniige aus der Betrachtung der den
Rippenquallen angehängten Abiheilung der „unächten Be-
roiden."
Obgleich ich nicht der Meinung sein kann, dass die
oben besprochenen Gattungen und die aus ihnen formirten
Familien das bis jetzt über die Ctenophoren Beobachtete auch
nur einigermassen erschöpfen, so möchte ich doch für besser
erachten, mich hiebei zu bescheiden, indem ich vorzog, eine
mir nicht näher bekanntgewordene Form lieber zu überge-
hen, als ihr eine unrechte Stellung anzuweisen, lieber
eine nicht geringe Zahl von Gattungen und Arten dürfte noch
lange nicht abgeurtheilt werden können. Dass aber selbst
die allgemeine Charakteristik der Ctenophorengruppe noch
nicht sicher begründet ist, und wir dieselbe noch viel wei-
ter fassen müssen als man bisher gewohnt war, diess glaube
ich durch Beschreibung eines Thiers darlegen zu können,
welches nach meinem Urtheile für die ganze Abtheilung von
Wichtigkeit ist.
Von Ende August an bis tief in den Winter hinein
fischte ich bei meinem Aufenthalte zu Messina von der Mee-
resoberfläche nicht selten ein eiförmiges 1—3" grosses Ge-
schöpf von rölhlicher Farbe, dessen durch acht sanftgewölbte,
nur wenig vorspringende Längsrippen ausgezeichneter Kör-
per eine ziemliche Contractilität besass, die sich durch häu-
fige, aber stets langsam auftretende Aenderung der Formbe-
schaffenheil äusserte. Letzlere wechselte zwischen Eiform
und Kugelgestalt. Die beträchtliche Undurchsichtigkeil desKör-
perparenchyms Hess nur undeutlich innere Organe wahrneh-
202 Cegenbaur:
men , als welche man dann , ohne dem Thiere durch Com-
pression Gewall anzuthun , einen gelblichen , vom spitzen
Pole bis nahe zum gegenüberstehenden stumpfen durchzie-
henden Achsenstrang erkannte, der sich bald als ein am
spitzen Pole geöffneter Schlauch wahrnehmen Hess. Es
schien diess oflPenbar die Magenhöhle des Thieres. Um die
MundöfFnung (Fig. 7 d) liefen die acht Längsrippen des Kör-
pers in ebensoviele Papillen aus , deren jede mit einem gel-
ben Flecke geziert war.
Das Thier bewegte sich äusserst langsam , wie es den
Anschein hatte, mittels Cilien, und diese ergaben sich auch
bei der näheren Untersuchung. Die ziemlich derben und auch
dicken Integumente enthielten zahlreiche senkrecht auf die
Längsachse des Thieres gestellte Nesselzellen, und waren mit
einem sehr feinen Wimperüberzuge bedeckt. Ob dieser
überall am Körper sich fand , oder nur auf gewisse Stellen
beschränkt war, habe ich mir leider nicht angemerkt.
Wenn auch nach der radiären Anlage der Gesammtform
und dem Verhalten der verdauenden Cavilät hier ein Thier
aus der Abtheilung der Coelenteraten zu vermuthen stände,
so wäre doch aus der mehr äusseren Untersuchung nichts
für seine Zuständigkeit zu den Rippenquallen mit Sicherheit
gegeben; diese tritt aber hervor, und zwar mit Entschieden-
heit, sobald man eine sorgfältige Compression anwendet und
sich dadurch über die inneren Organisationsverhältnisse nä-
heren Aufschluss verschafft hat. Man wird dann vor Allem
Reihen von grossen hellen Zellen gewahr (Fig. 6 /) , die in
dichten Streifen an der Magenwand anliegen und den rippen-
artigen Vorsprüngen der Körperoberfläche zu entsprechen
scheinen, obgleich sie keineswegs in die Magenhöhle hinein-
ragen.
Ausser diesen Zellenstreifen bemerkt man noch zwei
dunkle, knäuelförmig gewundene Stränge, die mehr dem
stumpfen Körperpole genähert sind. Diese Theile sind von
Entscheidung für die Bestimmung des Thiers. Bei vermehr-
tem Drucke löst sich nämlich jeder, Knäuel in einen zick-
zackförmig zusammengelegten olivenfarbenen Strang auf, der
an einer bestimmten Stelle, — es ist etwa die Mitte der Kör-
perlänge — nach aussen tritt. Man kann nicht leicht in die-
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 203
sen Strängen Tentakelgebilde oder Senkfäden verkennen
(Fig. 6 Ä).
Schwieriger ist die Deutung der hellen grossen Zellen,
die nicht etwa wie Leberzellen , innerhalb der verdauenden
Cavität, an deren Wänden sässen, sondern die vielmehr dem
Leibesparenchym selbst anzugehören scheinen. Ich glaube
nicht weit zu fehlen, wenn ich sie als Geschlechtsorgane ver-
gleiche, denn mit Eiern haben sie die grösste Aehnlichkeit,
da ich aber in einer Anzahl dieser Thiere stets nur solche
eiähnliche Zellen fand, und keine dem männlichen Geschlechte
angehörigen Elemente erkannt habe, so hüte ich mich wohl,
aus der blossen Aehnlichkeit die Bedeutung in bestimmter
Weise erklären zu wollen.
Sind diese Geschöpfe nun als Larvenformen oder jugend-
liche Zustände einem anderen Thiere angehörig, oder stellen
sie eine schon vollendete Form vor? Diese Fragen können
in folgenden Erwägungen beantwortet werden. Die Prüfung
der Körperform, das Verhalten der verdauenden Höhle leb-
ren, das hier Thiere vorliegen, die nur zu den Coelenteraten
gezählt w^erden können, und die durchaus kein Merkmal auf-
weisen, welches sie unter eine von Echinodermen, Würmern
oder Mollusken bekannte Form , sei diese im ausgebildeten
oder im unentwickelten Zustande, zu rechnen erlaubte. Un-
ter den Coelenteraten, die allein noch erübrigen, sind Anlho-
zoen und Medusen durch das bei unserem Thiere sich tref-
fende Vorkommen von bilateralen Tentakeln ausgeschlossen,
und es bleiben nur die Ctenophoren , für welche gerade der
Senkfadenbesitz von Wichtigkeit ist.
Die Annahme eines blossen Jugendzustandes einer Rip-
penqualle findet in der niederen Ausbildung des fraglichen
Thiers nicht nur nicht keine Unterstützung, sondern die tiefe
Organisationsstufe ist es gerade , die mir sehr eindringlich
für die Selbständigkeit dieser Form zu sprechen scheint.
Die Cydippiden , und zu diesen allein könnte sie gehören,
zeigen schon sehr frühe die Differenzirung des Trichters,
des Gehörbläschens, der Schwimmplättchen (vergleiche oben),
während von allem dem hier, bei einem relativ sehr grossen
Thiere, nichts entwickelt ist. Ein weiterer Gegengrund liegt
in der so cigenlhümlichen Ilaulslruklur, die ebenfalls bis jetzt
204 Gegenbaur:
kein Analogen unter den Cydippiden besitzt. Somit wären
wir denn gezwungen, in jenem Thiere einen eigenthümlichen,
zwar den Ctenophoren angehörigen, aber von allen bekann-
ten Formen doch sehr abweichenden Typus anzunehmen , der
durch den höchst einfach organisirlen Ernährungsapparat ,
dem Mangel sensitiver Organe und der Schwimmplättchenrei-
hen sich ausdrückt, und bei äusserlich ganz radiär angelegtem
Körper durch die Tentakel die Bilateral-Symmetrie offenbart.
Sind jene hellen, grossen Zellen wirklich zu einem Ge-
schlechtsapparate gehörig, so entspricht dieses Verhältniss
wiederum dem Ctenophorcnplane, nach welchem diese Organe
stets mit irgend einem Abschnitte des Gastrovascularsystems
in Verbindung stehen. Der Mangel des sonst mit dem Ma-
gen communicirenden, aus ihm hervorgehenden Kanalsystems
müsste dann das Auftreten der Geschlechtsorgane am blind-
schlauchartigen Magen selbst, der hier potentia den gesamm-
ten Gastro vascularapparat vorstellt, nothwendigervveise be-
dingen.
Ich schlage für dieses Thier, welches ich in der Litte-
ralur bis jetzt vergebens suchte , den Namen Sicyosoma ru~
tilum vor, und betrachte es als den Repräsentanten des nie-
dersten Organisationstypus der Ctenophoren, welche nament-
lich durch den Mangel der Schwimmplältchen und des Ka-
nalsystems sich allen anderen Familien der Rippenquallen ge-
genüberstellt.
Erklärung der Abbildungen.
1. Eurhamphaea vexilligera n. gen. et sp. von der schmalen
Seite, etwas verkleinert.
2. Dasselbe Thier von der Breitseite aus gesehen.
3. Gastrovascularapparat des nämlichen Thiers.
4. Kanalverlauf in einem der Mundschirme.
In Fig. 3 Fortsetzung der Kanäle.
5. Junge Cydippe, vergrössert.
6. Sicyosoma rutilum n. gen. et sp., vergrössert.
7. Dasselbe von unten gesehen.
8. EschscfioUzia cordala Köll., wenig vergrössert, mit ausge-
streckten Senkfäden.
Studien über Organisation u. Systematik d. Ctenophoren. 205
9. Dieselbe mit eingezogenen Senlifäden , von der Schmal-
seite gesehen.
10. Cydippe hormiphora n. sp., nat. Gr.
11. Angelorgan vom Senkfaden der vorigen.
12. Nesselfäden aus dem Angelorgane.
13. Junge Cydippide.
Bezeichnung für alle Figuren gültig:
A. Mundpol.
B. Trichterpol.
a. Rippen- Schwimmplättchenreihen.
b. Mundschirm.
c. Oehrchen.
d. Mundo fFnung.
c. Magenhöhle.
f. Trichter.
g. Vom Trichter entspringende Kanäle.
A. Senkfädeu.
i. Senkfadenscheiden.
k. Gehörbläschen.
l, Geschlechtsorgane (?}.
lieber die Eiitwickelung^ von Chiton,
Von
S. li o V e n«
aus dem Schwedischen ^^*) übersetzt
vom
Herausg-eber,
Hierzu Taf. IX.
Während eines Besuches an unseren westlichen Schee-
ren vor drei Jahren hatte ich Gelegenheit die Entwictielung
von Chiton marginalus Penn. (Ch. cinereus L. nach Forbes
und Hanley) zu untersuchen.
Einige Individuen der genannten Art, welche ich ge-
fangen hielt, hatten an kleinen Steinen ihre Eier gelegt, lose
vereinigt zu Haufen von sieben bis sechzehn. Jedes Ei ist
von einer Hülle umgeben, Fig, 1 und 2, welche, gefaltet und
gleichsam blasig, eine bedeutende Dicke hat, ungefähr der
Hälfte des ganzen Radius entsprechend. Alle Stadien der
Furchung waren bereits durchlaufen, und die innerste runde
Höhlung der Hülle umschloss noch bei einigen einen ausge-
bildeten munteren Embryo, Fig. 2 und 3.
Der Embryo von 0,18 millim. Länge, im Ganzen eiför-
mig und ohne Spur einer Schale , ist durch einen rundum
gehenden Eindruck in zwei fast gleich grosse Hälften ge-
*3 Öfversigl af kongl. vetenskaps - Academiens Förhandlingar.
1855. p. 169.
Loven: Ueber die Enlwickelung von Chiton. 207
theilt, und an diesem Eindrucke sind die Girren befestigt,
diircli deren Schwingungen er sich bewegt. In der Mitte des
vorderen Theiles sieht man ein Bündel ganz feiner Fasern,
welche kaum einige Bewegung zeigen. Der hinlere Theil
enthält zwei dunkle Punkte, die Augen, eins jederseits in der
Nähe des Eindruckes, und gewöhnlich ist nur eins zugleich
sichtbar. Die allgemeine Gestalt des Thieres ist etwas ver-
änderlich, der hintere Theil streckt zuweilen eine zapfenför-
mige Verlängerung hervor, wie man es in Fig. 2 sieht. Um
die Eierlrauben schwärmten einige kürzlich ausgeschlüpfte
Junge , von welchen zwei in Fig. 4 und 5 abgebildet sind.
Die Gestalt ist nur langstreckiger als da sie noch in ihrer
Hülle eingeschlossen waren ; am Ende sieht man feine Flim-
merhaare tragen, welche jedoch wahrscheinlich vorher ge-
genwärtig waren, und ihr Faserbündel, Fig. 16, ist ausge-
streckt und schwingt sich bisweilen, aber langsam. Nichts
deutet noch den werdenden Chiton an. Aber nun beginnt,
Fig. 6 und 7, der hintere Theil des Thieres stärker zu wach-
sen als der vordere, welcher mehr konisch wird, und die
Seite des Fusses unterscheidet sich besonders dadurch, dass
die entgegengesetzte, die Rückseite des Mantels, sich durch
Querfurchen in Glieder theilt , von denen sieben deutlich
sind, und innerhalb welcher zahlreiche Körner hervortre-
ten, als die erste Anlage der Schale. Der Vordertheil be-
kommt zerstreute Stacheln und dergleichen zeigen sich auch
am Rande des Mantels. Das Thier krümmt sich häufig, ist
noch ganz weich, und schwimmt nur '^'*). Aber bald darauf
fängt es an auch zu kriechen, Fig. 8 und 9. Durch Einsen-
kung des Mantels an der unteren Seite, im ganzen Umfange,
hat sein Rand sich vom Fusse getrennt, dessen Scheibe frei
ist, Fig. 9. Die Augen, deutlicher als früher, liegen an der
Bauchseite, Fig. 9, aber schimmern noch an der Rückseile
durch **). Die Glieder des Mantels sind schärfer abgelheill,
*) Der Cirrenkreis ist niemals in der Weise unterbrochen , wie
er nach Fig. 5 und 6 vermuthet werden könnte. Er ist daselbst nicht
vollständig abgebildet, weil er in der Originalzeichnung theilweise
ausgelassen worden ist.
**♦) Zu stark ausgedrückt in Fig. 8 und tO.
208 Loven:
und ihr Rand trägt zahlreichere Stacheln. Der mehr koni-
sche Vordertheil ist noch ziemlich gross und mit kleinen
Stacheln besetzt, jedoch grösstenlheils an der Oberseite. Noch
bemerkte ich keine Spur der Mundöffnung, und noch sah man
das Thier bald schwimmen, bald kriechen. Inzwischen ha-
ben sich in den Gliedern des Rückens die ersten Schichten
der Schalen abgesetzt , Fig. 10, schmale Bogen mit unglei-
chen Rändern, von welchen ich noch nicht mehr als sieben
sah, die drei oder vier vorderen fast gleich lang, die darauf
folgenden schnell abnehmend. Zu dieser Zeit scheinen die
Girren wegzufallen. Sie werden nämlich bei der Form, wie
man sie in Fig. 11 sieht, vermisst. Hier sind nun bedeu-
tende Veränderungen eingetreten. Man sieht, dass der Vor-
dertheil nicht mehr konisch ist; auch ist der Haarbüschel
nicht mehr vorhanden, den er früher trug. Statt dessen ist
der Kopf vollständig entwickelt , mit dem nun geöffneten
Munde, und vor diesem die gebogene Falte, welche sich bei
dem erwachsenen Thiere findet. An den Seiten sitzen die
Augen jetzt von deutlichen Erhöhungen getragen , mit Pig-
ment und Linse wie Fig. 15 zeigt. Der Fuss hat etwas zu-
genommen , aber noch hat er nicht seine bleibende Grösse
im Verhältnisse zum Kopfe erreicht. Von Kiemen zeigt sich
noch keine Spur, aber da wo sie kommen sollen, beobach-
tete man eine dichtere Menge von grossen Zellen. Der Man-
tel ist über den Kopf vorgeschoben ; man sieht schon eine
der Schalen vor den Augen. Dieses Vordrängen des Mantels
sieht man deutlich von oben in Fig. 12, lo und 14. Die
erste von diesen hat noch bloss sieben deutliche Schalen.
Vor der ersten von ihnen sieht man ein mit kleinen Stacheln
besetztes Feld, das ist das was noch oben von dem koni-
schen Vordertheile des Embryo sichtbar ist. Dieses Feld hat
in Fig. 13 sehr abgenommen, in derselben Zeit, wo hinter
der siebenten Schale die achte hervortritt, und ist ganz und
gar bedeckt in Fig. 14, wo die Schale sich so sehr nach
vorne gedrängt hat, dass die letzte achte mit ihrem ganzen
Umrisse deutlich ist.
Untersucht man nun die Bildung der Schale genauer,
so bemerkt man erstens, dass sie sich von Anfang an, mit
Ausnahme der achten, fast gleichzeitig anlegt, nämlich so,
Ueber die Entwickelung von Chiton. 209
dass die vorderen im Anfange im Verhältnisse zu den hin-
leren eine Grösse haben, welche sie nachher nicht beibehal-
ten sollen. Die vorderste bildet nämlich, Fig. 10 einen gleich
langen Qiierbogen wie die zweite und dritte. Aber dieses
Verhällniss ist schon in Fig. 12 verändert, und wird es noch
mehr in Fig. 13 und 14; die erste nimmt daselbst nicht mehr
dieselbe Breite des Thieres ein wie die drei folgenden, und
das Oval wird dadurch bestimmter, dass nunmehr die hin-
teren Schalen an Breite zunehmen. Auch in Betreff der
Gestalt sind die vordersten Schalen zeitiger als die hinteren ;
in Fig 14 hat die vorderste bereits ihren halbmondförmigen
Umriss erlangt, ehe die hinterste mehr als angelegt ist. —
Zweitens sieht man , dass die Schalen zuerst als schmale
Schichten mit unregelmässig welligen Rändern auftreten, und
an Dicke und Umfang dadurch zunehmen , dass sich unter
die ersten Schichten neue, allmählich grössere legen. Allein
Fig. 12 zeigt, dass jede Schale bald zwei tiefe Einschnitte
bekommt, incisurae laterales Middendorff, die an ihrem vor-
deren Rande liegen , eine an jeder Seite. Wenn sich nun
vom Mantel neue Schichten absetzen , werden diese Ein-
schnitte, von oben gesehen, allmählich geschlossen, und las-
sen nur die Spur von ihrem innersten Theile zurück , aber
es ist mehr als wahrscheinlich , dass die untere , gegen den
Mantel gewendete Seite der Schale durch diesen Zuwachs
eine nach vorn und aussen laufende, mit Gruben versehene
Furche erhalten muss, eine sutura lateralis porosaMidd. Die
incisurae buccales der vordersten Schale sind in Fig. l3 u. 14
angelegt, aber unregelmässig, ohne tiefe Einschnitte. — Fer-
ner scheint es das articulamentum Midd. zu sein, wie es
zuerst angelegt wird; was das tegmentum betrifft, so sah ich
nicht eine deutliche Spur. Es zeigt sich übrigens, dass we-
nigstens bei Chiton marginatus die Schalen nicht aus vier
Articuli zusammengefügt sind, und noch weniger findet sich
irgend einige Stütze für die Meinung, dass die hinterste
Schale die eigentliche Schale sei , analog mit Patella , und
dass die vordersten überchüssig entstanden seien.
Was schliesslich den Mantelrand betrifft, so habe ich
davon nur das zu bemerken, dass seine Stacheln sich ganz
unregelmässig zeigten , indem sie selten überall vorhanden
Archiv f. Naturgesch. XXII. Jahrg. 1, Bd. 14
810 Loven: Ueber die Entwickelung von Chiton.
waren, sondern meist nur stelienweis. Sie müssen nicht mit
der später auftretenden Bedeckung des Mantels verwechselt
werden.
Von inneren Theilen konnte nichts mit einiger Sicher-
heit unterschieden werden, wegen der Undurchsichtigkeit der
äusseren Theile.
Vergleicht man nun diese Entwickelung mit der von
anderen Mollusken, dürfte es leicht in die Augen fallen, dass
der Wimperkreis, womit das Thier sich in seinem ersten
schwimmenden Stadium bewegt, den Wimpern des Velum's
bei den Jungen anderer Gasteropoden und Acephalen ent-
spricht. Aber das Velum ist bei Chiton nicht zu einem brei-
ten Segel entwickelt, welches ausgespannt werden kann.
Statt dessen hat ein anderer Theil eine bedeutende Grösse
erlangt, nämlich der vordere konische Theil, der den Haar-
büschel trägt. Dieser ist nämlich, was ich bei den Meer-
Acephalen den „birnförmigen Körper" genannt habe, der ein
„flagellum" trägt. Eben dieser hat seine Lage in dem Kreise
des Velum, und dasFlagellum, obgleich bei ihm einfach, hat
dieselbe geringe Beweglichkeit. Das Velum verschwindet bei
vielen Mollusken , soweit es nicht als Mundtentakeln oder
Labialpalpen übrig bleibt. Vielleicht findet sich ein Ueber-
bleibsel davon in der Haulfalle, welche bei Chiton später den
Kopf umgiebt.
Die Ilectocotyleiibildung' ft^el Arg^osiaiita
iisid Tpeitioctopws, erklärt clurcli Beobach-
tusBg: äliifillcSier BiMtssageBi bei den Ceplialo-
lioclcii tili itll§:eiiielaäeii.
Von
Prof. «fapetus Sieeii§irup.
Aus dem Dänischen *"') übersetzt
vom
MeraB-iisgreber.
Hierzu Taf. X. und XI.
Diese Abhandlung ist eiaentlich nur als eine etwas aus-
führliche Erklärung der Figuren auf den zwei sie begleiten-
den Tafeln zu betrachten.
Der Hauptzweck dieser Figuren ist mehr der , die Na-
turforscher aufzufordern, um an den Thieren selbst das Ver-
halten wiederzufinden , auf welches sie im Allgemeinen die
Aufmerksamkeit hinleiten, als durch sie ein erschöpfendes Bild
der Einzelnheiten zu geben, denn diese möchten am liebsten
solchen Figuren vorbehalten werden, welche nach lebenden
Thieren oder doch nach frisch gefangenen Individuen ent-
worfen werden könnten; zum grossen Theile sind sie daher
als Contourfiguren gehalten , in welchen nur die einzelnen
Theile , von denen ein anschaulicheres Bild wünschenswerth
war, mehr ausgeführt worden sind.
*) Kongelige Danske Videnskabernes Selskabs Skrifter, 5. Räkke,
naturv. og. malli. Afdeling, 4. Bind. 185Ö.
fil2 Steenstrup:
Der Gegenstand , den sie darstellen , ist eine früher
kaum beobachtete, oder wenn sie beobachtet sein sollte, doch
nicht gehörig beachtele wesentliche Abweichung von dem
symmetrischen Bau, welcher sonst in so hohem Grade die
Tintenfische auszeichnet, indem man nämlich finden wird,
dass bei allen männlichen Individuen der ganzen gros-
sen Gruppe derselben das eine der vier den Kopf umgeben-
den Armpaare, an der einen Seite des Thieres nicht bloss
anders gebildet ist als an der entgegengesetzten
Seite, sondern sogar an dieser Seite in einer
kürzeren oder längeren Strecke seiner Länge
auf eine so eigenthüm liehe Weise ausgebildet
ist, dass man nicht daran zweifeln kann, dass der Arm da-
durch zu einer bestimmten Wirksamkeit geschickt werde,
von der nicht angenommen werden kann, dass sie von einer
untergeordneten Bedeutung für das Thier sei , weil seine
Umbildung bei einer so grossen Anzahl von Arten der Klasse
Statt findet, und bei jeder natürlichen Gattung ihr eigenthüm-
liches Gepräge trägt.
Wenn man die Umbildung von Form zu Form verfolgt,
sieht man nach meiner Meinung deutlich , dass der Arm mit
seinem eigenthümlichen Bau , ganz oder zum Theil in den
Dienst der Fortpflanzung eintritt, und in dem ersten Falle
sogar ganz ungeschickt für die Rolle wird, die er sonst zu
spielen hat, nämlich ein Werkzeug für die Bewegung (Schwim-
men oder Kriechen) oder das Ergreifen der Nahrung zu sein.
Dieser umgebildete Arm verräth also dadurch seine nahe Ver-
bindung mit der Hectocolylenbildung bei den beiden Octo-
podengattungen Argonauta und Tremoctopus Delle Chiaje, da
die neueren Untersuchungen von Filippi, Verany, Vogt
und Hei nr. Müller es ja ausser Zweifel gesetzt haben,
dass der Hectocotylus oder das schmarotzende Wesen , wel-
ches man so oft auf Argonauten- und zuweilen bei Tremo-
ctopus-Weibchen gefunden hat , — und welches man zuerst
nach Delle Chiaje für ein Schmarotzerthier oder einen
Eingeweidewurm angesehen halte, aber später nach Kölli-
ker's scharfsinniger Zusammenstellung für einen umgebilde-
ten männlichen Cephalopoden , der bestimmt sei ein Schma-
rolzerleben auf seinem Weibchen zu führen, — durchaus
Die Hectocotylenbildung bei den Gephalopoden. 213
nicht ein vollständiger Organismus ist, sondern nur ein Arm
des männlichen Gephalopoden, der sich zum Zweck der Be-
fruchtung von ihm ablöset und samenerfüllt an das Weibchen
festheftet. Um diese Hectocotylenbildung, die in den letzten
3 — 4 Jahren so sehr die Aufmerksamkeit der Naturforscher
in Anspruch genommen hat , richtiger aufzufassen und im
Zusammenhange zu verstehen, werden demnach die Beob-
achtungen, welche ich hier vorlege, einen wichtigen Schlüs-
sel abgeben ; aber mit dem Interesse, welches sie in dieser
Hinsicht haben, vereinigen sie auch, wie es mir scheint, eine
nicht geringe Bedeutung in systematischer Hinsicht. Das
hier angeführte Verhalten giebt nämlich einen leitenden
Fingerzeig mehr für die Auffassung davon, was innerhalb
dieser Klasse naturgemäss zusammengehört, was nicht, und
in manchen Fällen bietet es gute Artcharaktere zwischen nahe
stehenden Arten dar, abgesehen von dem Werthe, den es
gerade als äussere Kennzeichen bei Individuen innerhalb der-
selben Art hat, besonders da man bisher solche vermisst hat,
und diese dabei so leicht fasslich und in die Augen fallend
sind, dass man schwer seine Verwunderung darüber zurück-
halten kann, dass sie nicht früher beobachtet und zur Geltung
gebracht worden sind.
Nach diesen wenigen einleitenden Worten gehe ich un-
mittelbar zu der Schilderung der wesentlichsten in den Fi-
guren auf den beifolgenden Tafeln dargestellten Fornjver-
schiedenheilen in dieser Umbildung über, indem ich bloss
die Bemerkung vorausschicke, dass in der Ordnung, worin
ich sie millheile, ich mich zum Theil durch die Zeitfolge
habe leiten lassen, worin sie sich mir dargeboten haben.
Darin liegt also ursprünglich der Grund , dass ich die
Gattung LoligoLam. zuerst erwähne; denn durch meine ver-
gleichenden Untersuchungen unserer nordischen Arten wurde
ich zuerst dieses Verhalten gewahr; übrigens haben mir aber
fortgesetzte Untersuchungen gezeigt, dass ich auch naturge-
mäss von dieser Gattung ausgehen kann.
Bei der Gattung Loligo Lam. restr. (und also mit
Abzug der Arten, worauf d'Orbigny später die Gattung
Ommatostrephes gegründet hat), haben sämmlliche Arten, die
'214 Steenstrup:
ich ZU untersiiclien Gelegenheit gehabt habe *"'■), den äusser-
sten Theil des vierten linken Arms (linken Baucharms) so
umgebildet gehabt, dass die Saugnäpfe, welche sich an dem
entgegengesetzten Arme in stets abnehmender Grösse gerade
bis zur Spitze fortsetzen, hier allmählich verschwinden, wäh-
rend die Stiele, woran sie sitzen, umgekehrt an Grösse zu-
nehmen und zu langen kegelförmigen Papillen werden , was
dem äussersten Theile des Armes ein eigenes kammähnliches
Ansehen giebt. Diese Papillen scheinen immer am stärksten
an dem auswendigen Rande des Armes entwickelt zu sein,
während die, welche zu der Saugnapfreihe an dem inne-
ren *"■*"•) Rande des Armes gehören, in längerer Strecke eine
Spur von Saugnäpfen übrig behalten.
Bei der ansehnlichsten Art der Gattung Loligo, der
sogenannten atlantischen Form von Loligo vulgaris Lam.,
aber einer Form , welche eine wirklich selbstsländige Art
ist, welcher ich in einer anderen Abhandlung den Na-
men L. Forbesü Stp. beigelegt habe, hat der vierte linke
Arm des Männchens 23 Paar Saugnäpfe regelmässig und ent-
sprechend den Saugnäpfen an derselben Strecke des rechten
Armes entwickelt; aber von dem 23. Paare an nimmt die
Grösse der Näpfe plötzlich ab, und bereits das 27. und 28.
Paar hat sie so klein, dass sie nur mit Hülfe der Lupe deut-
lich erkannt werden können; hierauf verschwinden die Saug-
näpfe ganz, während sich die muskulöse Wurzel des Stieles
zu einer Höhe erhebt, die 3 — 4inal so gross ist wie ihre ge-
wöhnliche, und zu einer kegelförmigen langstreckigen Pa-
*) Ausser den Tintenfischen in den beiden Museen, deren Ver-
waltung ich vorstehe oder an denen ich betheiligt bin, nämlich dem
zoologischen üniversitätsmuseum und dem Königlichen naturhistori-
schen Museum, habe ich durch das wohlwollende Entgegenkommen
meines Collegen, Etatsraths Es ehr i cht, für diese Untersuchungen
auch das Material uneingeschränkt benutzen können , was das zoo-
tomische Museum der Universität von dieser Klasse besass.
'•^*) Unter „innerem" und „äusserem" Rande der Bauch- und
Rückenarme wird hier immer der verstanden, welcher der Mittelebene
des Thieres am nächsten oder fernsten liegt; bei den beiden Seiten-
armpaaren wende ich den Ausdruck „oberen" und „unteren" an, um
die beiden entsprechenden Ränder der Arme oder die Reihen der längs
ihnen stehenden Saugnäple zu bezeichnen.
Die Hectocotylenbildung bei den Cephalopoden. 215
pille wird. Es sind ungefähr 40 Paar Papillen, und ebenso-
viele Paare Saugnäpfe sind also umgebildet worden; sie neh-
men an Länge in beiden Reihen gegen die Spitze hin ab,
aber die, welche längs dem äusseren Rande des Armes ge-
stellt sind , sind im Anfange verhältnissmässig mehr verlän-
gert, wogegen die späteren in einer gewissen Strecke der
umgebildeten Parlie des Armes verkürzt werden und wie
niedrige Sägezähnc am Rande desselben liegen. — S. Taf. X.
Fig. 2 ^'0.
*) Die Artkennzeichen zwischen Loligo vulgaris Lam. und Lo-
ligo Forbesii Stp. nimmt man am besten von der Grösse und Form der
Saugnäpfe an den Tentakeln ; diese sind nämlich an L. vulgaris aus
dem Mittelmeere, so wie d'Orbigny und Verany sie beschreiben
und abbilden, und so wie sie sich auch bei einer Form von unseren
Küsten wiederfinden, die allerdings für L. vulgaris angesehen werden
darf, sehr gross in den beiden mittelsten Reihen, und sehr klein in
den Seitenreihen, so dass ein Querschnitt dieser letzten nur die Hälfte
von dem der ersten , und ihre Höhe nur ein Drittel von jenen be-
trägt, während bei L. Forbesii Stp. die Saugnäpfe der mittelsten Rei-
hen kaum die der Seitenreihen im Querschnitte und in der Höhe
übertreffen , und es im Ganzen aussieht, als wenn die Tentalelkeule
vier gleich grosse Reihen von Näpfen hätte. Im Vergleiche mit den
Saugnäpfen der Arme sind die Käpfe der mittelsten Tentakelreihen
bei Loligo vulgaris 2 — 3mal so gross wie die grössten Näpfe an dem
dritten Arme, während sie bei L. Forbesii kaum ein Drittel grösser
sind. — Der Hornring in den mittelsten Reihen der Saugnäpfe bei L.
vulgaris hat nur die eine Hälfte des Umkreises feingezähnt, während
die andere Hälfte zahnlos ist oder nur eine Gruppe von 4 — 5 kleinen
stumpfen Zähnen trägt (bei unserer nordischen Form sind diese sogar
die einzigen Zähne am Hornringej ; bei Loligo Forbesii trägt der Ring
rundum zahlreiche spitze Zähne, in der Regel abwechselnd grösser und
kleiner. Bei diesem haben auch die Näpfe der Scitenreihen den
Hornring ganz besetzt mit gleichgrossen Zähnen , während bei L.
vulgaris der Hornring hier hohe spitze Zähne in der höheren Hälfte
hat und fast zahnlos in der niederem ist. In der Farbenzeichnun«-
hat ferner L. Forbesii das Auszeichnende , dass die Farbensäcke sich
zu langen linienförmigen Flecken oder Streifen an den Seiten des
Vorderrückens vereinigen und ebenso längs der Bauchfläche herab.
Diese langen dunklen Zeichnungen und die fast gleichgrossen Saug-
näpfe der Tentakeln unterscheiden somit auf den ersten Blick diese
An von dem eigentlichen L. vulgaris. Von beiden Arten habe ich
an unseren Küsten nur die Männchen untersuchen können ; bei uns
216 Steenstrup:
Bei dem Männchen einer anderen dänischen Loligo-Art,
welche ich als den L. vulgaris Lamarck's und der späteren
ist L. Forbesii die gemeinere und die grössere. Die gewöhnlichen
Exemplare sind mindestens mit den Tentaleln 24 Zoll lang ; bis zu
den Spitzen der Arme 20"; bis zur Wurzel der Arme 15"; der Man-
tel = 1 Fuss.
Die Abbildungen , welche mit Sicherheit Loligo Forbesii vor-
stellen, sind:
Forbes and Hanley, British Mollusca. Vol. I. tab. LLL.
Adams (Henry and Arthur), The genera of recent Mol-
lusca. Fl. IV. fig. 3.
am ersten Orte unter dem Wamen L. vidgaris Lara., am letzteren un-
ter dem Namen Loligo magna Rondel.
Es ist auch diese Art, welche ich in einem Holzschnitte in
meiner Abhandlung über den „Seemönch" (Sömunken) abgebildet
habe, und es ist, nach den Saugnäpfen zu urtheilen , möglicherweise
auch die Art, welche von Bor läse (the natural history of Cornwall)
dargestellt ist.
DaRondelets Bezeichnung „Loligo magna'-'' keine systema-
tische Benennung in dem Linne'schen Sinne ist, kann dieser von
Leach, Gray und Anderen aufgenommene Name nicht als be-
rechtigt vor L. vulgaris angesehen werden , wenn er auch nicht aus
dem Grunde, den d'Orbigny anführt, verworfen werden kann, weil
es auch andere grosse Arten gäbe; am wenigsten kann dieser ]N'ame
auf die neue Art übertragen werden , welche nach der Meinung der
südeuropäischen Malacologen eine atlantische im Mittelmeere nicht
vorkommende Art ist, welche Rondel et demnach kaum mit seiner
L. magna gemeint haben konnte. Es scheint mir sogar im Ganzen
sehr zweifelhaft, ob dies überhaupt ein Loligo gewesen ist, sowohl
wenn man die Abbildung betrachtet , z. B. die langen Tentakeln, als
auch in Betracht des Ausdruckes über die Flossen : „pinnulae latiores
sunt, quam in Sepia, non totam alvum ambientes, et in angulum acu-
tum in lateribus desinentes", welche Worte weiterhin näher durch die
Ausdrücke über die Flosse von Sepiola erläutert werden; denn über
diese heisst es : „nee figura nee situ pinnis Sepiarum et Loliginum
similis , neque enim angusta longaque totam alvum ambit, ut in se-
piis , neque lata et in acutum angulum terminatur, ut in loliginibus,
sed rotunda , parva, utrinque veluti adnata modicam alvi partem oc-
cupat, neque ad extremum usque corporis protensa" p. 250. Alles
das deutet auf Ommatoslrcphes hin , worauf wohl auch die Worte :
„corpore in acutum desiatuie" noch besser passen als auf einen Lo-
Die Hectocotylenbildung bei den Ccphalopoden. 217
sudeuropäischen Schriftsteller ansehe, obgleich sie in einzel-
nen Punkten nicht vollständig mit den ausführlicheren
Beschreibungen stimmt, finde ich Uebereinstimmung zwischen
dem rechten und linken Arme des vierten Paares bis zum
18. oder 19. Paare, wo eine merkliche Verlängerung des
Saugnapfstieles beginnt. Diese nimmt nun mehr und mehr
gegen die Spitze des Armes hin zu , indem die Saugnäpfe
mehr und mehr verschwinden und der Stiel als eine lange
und kegeförmige Papille übrig bleibt. Die Papillen sind im
Ganzen genommen etwas länger und kräftiger als bei der
vorhergehenden Art , sie weicht auch von dieser Art darin
ab , dass die ausserordentlich kleinen , ringlosen Saugnäpfe
in einer etwas längeren Strecke sichtbar sind , und ferner
darin, dass die Papillen in der inneren Reihe wohl im An-
fange die kleineren sind , aber später die längeren werden,
namentlich gegen die Spitze hin , und hier biegen sie sich
hinein nach der Mittellinie des Armes, oder greifen gleich-
sam über nach der Reihe an der entgegengesetzten Seite,
wo die Papillen genau in demselben Maasse niedriger und
dicker geworden sind, und, wie bei der vorhergehenden Art,
wie Sägezähne längs dem Rande des Armes liegen. Auch
bei dieser Art erscheinen etwa 40 Paar Saugnäpfe auf die
angegebene Weise umgebildet zu sein.
Von Loligo Pleii d'Orb. , der von den Antillen ist, be-
sitzt das Museum unglücklicherweise nur ein Exemplar, wel-
ches früher stark eingetrocknet gewesen ist, aber es ist doch
leicht zu erkennen , dass bei dieser Art die Umbildung mit
ligo, selbst wenn sie im Gegensatze zu dem Körper von Sepia ange-
wendet werden.
Ich habe diese grosseste Art unserer europäischen Meere und
zugleich die Art, an welcher ich zuerst die merkwürdige Umbildung
des Armes bei den Männchen beobachtete, Loligo Forbesii genannt, nach
Professor Edward Forbes; ich habe dadurch nicht bloss daran
erinnern wollen, dass sich diese Art in seinem oben genannten aus-
gezeichneten Werke abgebildet findet, sondern zugleich an die Ver-
dienste dieses aussergewöhnlich begabten Mannes um die Walurge-
schichte im Allgemeinen und um die Kenntniss der Seethiere im Be-
sonderen.
218 Steenstrup:
dem 19. Paare beginnt, und völlig so stark hervortritt, wie
bei den beiden vorhergehenden.
Bei anderen Arten von Loligo sind nicht beide Reihen
von Saugnäpfen an der Spitze des Armes so gleichförmig
dieser Umbildung unterworfen, sondern nur die eine Reihe
von Saugnäpfen giebt die vorher erwähnten Papillen ab. Un-
ter den Arten, welche ich zu untersuchen Gelegenheit ge-
habt habe, ist dies namenilich bei zwei Arten von der bra-
silianischen Küste der Fall, R brasiliensis BI. und L. brevis Bl.,
nebst einer Art, die gut zu d'Orbigny's Beschreibung von
seinem L. gahi passt, und welche daher wahrscheinlich aus
dem stillen Ocean stammt.
Von der letztgenannten Art ist der Arm in Fig. 3 ab-
gebildet. Der linke Arm findet sich normal gebildet bis zum
14. Saugnapfe; darauf beginnen die Stiele in der äusseren
Reihe der Saugnäpfe sich unverhältnissmässig zu verlängern,
aber sie tragen noch kleine mit Hornringen ausgerüstete
Saugnäpfe bis zum 22. Paare, wo der Stiel ganz papillenför-
mig ist, und so sind auch alle die übrigen Sliele, welche auf
ihn (etwa 26) bis zur Armspitze folgen ; doch kann man
unter einer stärkeren Vergrösserung einen nadelslichförmi-
gen Punkt an dem Ende jeder Papille erblicken, als letzte An-
deutung für den verschwundenen Saugnapf. In der inneren
Reihe setzen sich die Saugnäpfe mit deutlichen Hornringen
fast bis zu der Armspilze fort (mit einer Lupe lassen sie
sich wenigstens fast bis zu ihr verfolgen) , aber sie rücken
immer auf höhere und höhere Stiele, so dass sie ganz die
Papillen der entgegengesetzten Seile überragen. Noch mag
bemerkt werden, dass an der inneren Seite von jeder Papille
ein Hautkamm oder ein Haulflögel zu der Millellinie des Ar-
mes herabläuft, und von da sich unler einer schrägen Linie
— denn die Näpfe stehen bekanntlich in den beiden Reihen
in alternirender Stellung — in einen ähnlichen Hautkamm
nach der inneren Seite jedes Saugnapfstieles an der ent-
gegengesetzten Seite fortsetzt. Diese Hautflügel beginnen
bereits vom l4. Paare an sich zu entwickeln *).
*) Yon diesen Hautflügcln I.onntc wegen ihrer Winzigkeit kein«"
Figur gegeben werden.
Die Heclocotylenbildung bei den Cephalopoden. 219
Bei Loligo hrevis Bl. ist das Verhallen wesentlich das-
selbe ; verschieden scheint mir zu sein , dass die Saugnäpfe,
welche in der inneren Reihe bis zur Spitze bleiben, nicht von
völlig' so verlängerten Stielen gelragen werden, dass die Pa-
pillen , welche besonders im Anfange sehr lang sind , erst
mit dem zwanzigsten Paare auftreten, und dass der Hautkamm
minder entwickelt ist, obgleich allezeit kenntliche
Loligo brasiliensis Bl., wovon das Museum zwei männ-
liche Exemplare von Rio durch Prof. Dr. Krojer besitzt,
trägt beide Reihen der Saugnäpfe an dem linken Baucharme
regelrecht entwickelt bis zum 14. Paare , und die innere
Reihe setzt sich eigentlich auf dieselbe Weise bis zur Spitze
fort (mit 35 Paar); aber in der äusseren Reihe nehmen sie
schroff an Grösse ab; vier zeigen wohl noch die Saugnäpfe
ganz deutlich mit einem wenig entwickelten Hornring, aber
dann folgen Papillen, die sehr niedrig aber ziemlich dick in
der Wurzel sind, bis zur Spitze.
Bei den genannten sechs Arien ist kein in die Augen
fallender Unterschied zwischen dem linken und rechten Bauch-
arm unterhalb der Partie des Armes, die in jene sonderbare
Umbildung eingegangen ist, vorhanden, aber bei Loligo me-
dia Linn., der die Saugnäpfe an den Mundzipfeln (Mundfli-
gene) entbehrt, und daher von Gray als eine eigene Gattung
unter der wenig brauchbaren Benennung Teuthis *} aufgeführt
worden ist, ist es dagegen der Fall (Fig, 1), indem der linke
Arm unterhalb jener Partie, die übrigens nicht sonderlich von
der bei Lei. Forbesii und Lol vulgaris beschriebenen ab-
weicht, ganz und gar mit ganz kleinen Saugnäpfen ausgerü-
stet ist, während der rechte grosse trägt. Der äussere Ge-
schlechtsunterschied zwichen Männchen und Weibchen ist
also hier noch grösser als bei einer der anderen Arten, und
wir können daher um so leichter den Zwiespalt zwischen
*) Gray und Adams, die 1. c. als Autorität für die Gattung den
Namen Aristoteles hinzufügen , müssen freilich vergessen haben, so-
wohl dass es schwierig ist, und man könnte fast sagen unmöglich,
für den Augenblick zu entscheiden , was Aristoteles mit seiner Teu-
this meint, als auch, dass Linnr l:jn2;3l dm Gattung<5nomon Teuthis auf
einen Fisch angewendet hat.
220 Steenstrup:
d'Orbigny und Verany in Hinsicht auf das Verhalten die-
ser Art zu dem von Letztgenanntem aufgestellten hol Mar-
morae ablhun. Sowohl in seinem grossen in Gemeinschaft
mit Peru SS ac herausgegebenen Werke über die Cephalo-
poden, wie in seinen „Mollusques vivants et fossiles" behaup-
tet nämlich d'Orbigny, dass die Weibchen unserer Art die
kurzflossigen Formen seien, welche Verany L. Marmorae
genannt hat , und die Männchen dagegen die langflossigen
Formen, welche Lamarck LoL siibulata nannte; aber diese
Behauptung erweisen die obengenannten Geschlechtsunter-
schiede als durchaus unrichtig, indem Männchen und Weib-
chen von diesen beiden genannten Formen vorkommen und
von allen Uebergängen zwischen ihnen. Ich kann also d'Or-
bigny's Anschauung nicht meinen Beifall geben, aber kann
doch auch nicht mit Verany diese beiden Formen als zwei
verschiedene Arten betrachten, da ich in einer Reihe von
13 Individuen sowohl alle Uebergänge als auch ein bestimm-
tes Verhältniss zwischen der Verlängerung des Hinterleibes
und der Flossen und der ganzen Grösse des Thieres finde,
weshalb ich oreneifft sein muss , diese äusseren Formver-
schiedenheiten als Ausdruck für ein mehr oder minder vol-
lendetes Wachsthum , und daher die genannten Arten als
Allersformen zu betrachten.
Da durch die 7 obengenannten Arten die Gattung Lo-
Ugo sowohl in allen ihren wesentlichen Formen , als auch in
allen ihren verschiedenen Verbreitungsbezirken repräsentirt
wird, glaube ich nicht, dass man die Annahme für unbegrün-
det halten kann, dass bei allen ihren Arten der vierte linke
Arm (Baucharm) auf eine ähnliche Weise umgebildet und in
einem Theile ihrer Länge mit Papillen versehen gefunden
werden wird.
Die Gattung Sepioteuthis Bl. steht in jeder Bezie-
hung so nahe bei Loligo, dass sie vor manchen Naturforschern
kaum ihr Recht, als eigene Gattung zu bestehen, behaupten
kann ; es war daher zu vermuthen , dass sie auch in den
Formen der Forlpflanzungsorgane sich an die Arten von Lo-
ligo anschliessen würde. Das scheint sie auch zu thun, soweit
man nach der einen Art urtheilen kann, welche ich in einer
grösseren Anzahl von Exemplaren zu untersuchen Gelegen-
Die Heclocotylenbildung bei den Cephalopoden. 221
heit gehabt habe: Sepioteulhis sepioidea Bl. von den Antil-
len ""'3. Wie Fig. 4 zeigt, ist der linke Bauciiaini wirklich
nach Analogie mit den Loligines umgebildet, aber doch mit
seinem besonderen Gepräge , indem die Stiele in der äusse-
ren Reihe der Saugnäpfe zu zusammengedrücklen blatliörmi-
gen Papillen umgewandelt sind, die durch eine schräge Haut-
brücke mit den zu stumpfen Erhöhungen umgewandelten
Wurzeltheilen der Stiele in der entgegengesetzten Saugnapf-
reihe verbunden sind. Die Umbildung beginnt etwa mit dem
30. Napf und umfasst etwa 28 Paar Näpfe. — Ferner muss
hervorgehoben werden , dass der rechte Baucharm des Se-
pioteuthis-Männchens auch merklich verschieden von dem des
Weibchens dadurch ist, dass er in seinem äussersten Drittel
mit so kleinen Saugnäpfen besetzt ist, dass sie kaum sicht-
bar sind , und es ist daher zu vermuthen , dass der rechte
Arm bei der Gattung Sepioteuthis den linken in der Rolle
unterstützt, welche er auszuführen hat.
An die Gattungen Loligo und Sepioteuthis, welche nach
d'Orbigny ein Gruppe für sich bilden, knüpfe ich noch
eine Gattung, gegründet auf zwei kleinen Cephalopodenarten,
welche so sehr den Gestalten gewisser kleiner Loligines
gleichen, z. B. L. brevipinnis Les., dass es mich nicht wun-
dern sollte, wenn es nahe stehende Formen wären, die unter
diesem Namen beschrieben sind. Sie bilden indessen eine
sehr charakteristische kleine Gattung für sich, w^elche nach
meiner Meinung dicht neben Loligo gestellt werden muss,
obgleich sie eines der bisher als wesentlich für die Loligo-
gruppe angesehenen Merkmale entbehrt, nämlich Muskelseile
am Trichter, und in dieser Hinsicht schliessen sie sich an
die Sepiola - Rossiagruppe an , denen sie sich auch sehr im
Baue der Saugnäpfe annähern, indem diese nicht das kleine
erhabene Band rund um den Hornring haben, welches sich
immer bei Loligo und Sepioteuthis findet. Aber in allen an-
*) Von den übrigen Arten der (Jattung, die alle aus dem Indi-
sclien Ocean und seinen grossen Buchten stammen , habe ich kein
Männchen untersuchen können. Ich will bei der Gelegenheit bemer-
ken, dass ich noch nichts von dem durch die Galatheaexpedition ge-
wonnenen Material in die Untersuchung gezogen habe.
222 Steenstrup:
deren Beziehungen scheinen es mir echte Loiigines zu sein.
Um an diese nahe Verwandtschaft zu erinnern, habe ich
einstweilen diese Gattung* Loliolus genannt, ein Narae,
der ein Diminutiv von dem ,,Lolius" ist, von dem Loligo
nach Gaza herzuleiten sein soll. Bei beiden diesen Lollo-
lusarten, deren Männchen Fig. 5 und 6 abgebildet sind , und
welche sich leicht von einander durch die verschiedene
Grösse der Saugnäpfe am zweiten und dritten Arme unter-
scheiden, ist nun auch der linke Baucharm umgebildet, aber
in einem weit höheren Grade als bei den beiden vorigen
Gattungen , da er nämlich in seiner ganzen Länge nicht die
mindeste Spur eines Saugnapfes hat , indem die Fläche , auf
der die Saugnäpfe sitzen sollten, sogar zu einer zusammen-
gedrückten stumpfzähnigen Kante geworden ist ; man findet,
dass alle Zähne dieser Kante aus den verschmolzenen Wur-
zeltheilen der Stiele der inneren Saugnapfreihe entstanden
sind, w^ährend die SHele der anderen Saugnapfreihe kaum
die schwächste Spur übrig gelassen haben. Fig. 5' stellt den
linken Baucharm von Loliolus typus Stp., von der auswen-
digen Seite gesehen, etwas vergrössert dar; die kleinen vor-
stehenden Punkte sind die einzige Spur der Saugnäpfe und
Stiele der äusseren Reihe. Fig. 6' stellt denselben Arm von
Loliolus afßnis Sip., gleichfalls vergrössert dar; ich habe an
diesem gar nicht solche Punkte finden können, aber darf de-
ren völligen Mangel nicht behaupten, da das Exemplar leider
etwas schlaff ist. Die Anzahl der umgebildeten Saugnäpfe
mag nach der Anzahl der Zähne etwa 26 bei jenem, 20 bei
diesem gewesen sein "'>*).
*) Zur näheren Bestimmung der Arten führe ich noch an, dass
beide ein breites, freiliegendes inneres Rückenschild haben , welches
an Gestalt am meisten dem bei d'Orbigny abgebildeten Rücken-
schilde von Loligo brevis und Loligo breyipinna, Tab. XIIL Fig. 6
und Tab. XV. Fig. 3 ähnelt. Doch ist das Blatt bei den Loliolus-Ar-
ten vielleicht etwas breiter im Verhältnisse zum Stiele; der Stiel hat
einen scharfen Kiel bei L. typus, während beide, Männchen und
"Weibchen von L. affinis, den Stiel etwas breiter und mit mehr abge-
rundetem Rücken haben. — Mein Loliolus typus ist ohne alle Vater-
landsangabe ; hol. afßnis fand sich in einem Glase mit der Bezeich-
Die Hectocotylenbildung bei den Cephalopoden. 223
Die Gattung Sepia gehört bekanntlich bei d'Orbigny
zu einer ganz anderen Gruppe als die vorigen Gattungen,
aber es ist doch bei dieser Gattung noch dasselbe Armpaar,
weiches bei den männlichen Individuen diesen Mangel an
Symmetrie darbietet, und der Arm an derselben Seite des
Thieres, der umgebildet wird; aber anstatt dass es dort die
Spitze des Armes oder die äussere Hälfte desselben war,
welches der Silz der Umbildung war, ist es hier der Grund-
theil oder die unterste Hälfte.
Vergleicht man nämlich den rechten und linken Bauch-
arm an einer männlichen Sepia officmalis Linn., so wird
man sogleich sehen , dass das unterste Viertel des linken
Armes, wie Fig. 7 es zeigt, ein eigenes Ansehen hat. An-
statt der rechte Arm grosse und vollständige Saugnäpfe hat,
die auf einander in vier vollständigen Reihen folgen und an
Grösse von der Spitze des Armes einwärts gegen seinen
Grund zunehmen, hat der obengenannte Theil des linken Ar-
mes nur die zwei bis drei untersten Saugnäpfe in jeder Reihe
normal entwickelt; die darauf folgenden sieben bis acht Näpfe
in jeder Reihe sind dagegen entweder ganz klein geworden
oder wohl gar fast verschwindend. Das Erste ist der Fall
mit den beiden innersten Reihen , in welchen die Saugnäpfe
äusserst niedrig sind, indem sie kaum ein Sechstel der ge-
wöhnlichen Höhe der Näpfe haben, während sie doch noch
etwa ein Drittel des Durchschnittes derselben behalten, so
dass sie wie kleine niedrige Tellerchen an einem kurzen und
dünnen Stiele der Innenfläche des Armes angeheftet sitzen;
das Letztere trifft dagegen die beiden oberen, näher nach
des Thieres Rückenseite sitzenden Reihen, deren Saugnäpfe
so klein sind, dass sie leicht übersehen werden können,
wenn man nicht grosse Individuen vor sich hat. An einem
Tintenfische von 11 Zoll Länge haben sie kaum mehr als
0,5 mm. Durchmesser, und ihre Höhe ist lange nicht so gross.
Die Umbildung des Armes besteht indessen nicht allein in
dem Zurücktreten dieser Saugnäpfe; dieses wird eigentlich
nung : „gefangen vom Gouverneur Christensen auf der Reise vom
Cap nach Tranquebar« , und stammt also aus dem Indischen Ocean.
Es waren zwei Exemplare, Männchen und Weibchen.
224 Steenstrup:
erst recht in die Augen fallend dadurch, dass zwei andere
Beziehungen damit zusammenfallen. Der Arm wird nämlich
an dem genannten Theile viel breiter, sowohl dadurch, dass
der Zwischenraum zwischen den drei oberen Saugnapfreihen
grösser wird, wodurch auch die an sich so äusserst kleinen
Näpfe, die weiter auseinander gerückt werden , unbedeuten-
der erscheinen müssen, als dadurch, dass die Hautborde, die
längs der äusseren Saugnapfreihe sich hinzieht, und welche
an der übrigen Strecke des Armes nur ziemlich schmal ist,
sich hier bedeutend entwickelt und fast ebenso breit wird
wie die Fläche des Armes. Demnächst sind die Muskelpar-
tien , die gleichsam die Wurzel der Napfstiele ausmachen,
oder von denen diese Stiele gleichsam entspringen, auf eine
eigene Weise entwickelt worden, indem sie sich gehoben
haben und wie eine Art Schrägbalken quer über den Arm
liegen und zum Theil einander kreuzen, wodurch eine Menge
Gruben entstehen , welche besonders tief gegen den oberen
Rand sind. Endlich hat die Haut überall in diesen Gruben
und auf den Wällen, die sie trennen, sich zu erhabenen dün-
nen Hauiblättern gefaltet, die netzförmig zusammenlaufen und
der ganzen Oberfläche des Armes in diesem Theile eine
gewisse Aehnlichkeit mit der inwendigen Seite eines Kalbs-
magens geben. Dieser grubige und netzförmige Bau der
Oberfläche, der besonders dazu beiträgt, dass die Saugnäpfe
sich dem Auge entziehen , hält sich nicht allein an der ei-
gentlichen Oberfläche des Armes , wo er am stärksten zwi-
schen den beiden äusseren Saugnapfreihen ist, sondern brei-
tet sich von da auf den entsprechenden Theil der Seiten-
borde des Armes aus. Es ist kaum zu bezweifeln, dass die-
ser eigenthümliche Bau eine starke Schleimabsonderung be-
zweckt ; aber in welcher specielleren Hinsicht dadurch die
Uebertragung der Samenmasse auf das Weibchen gefördert
werden kann, davon muss die Erklärung späteren Untersu-
chungen vorbehalten werden. — Der zehnte oder elfte Napf
in jeder der vier Reihen tritt plötzlich mit seiner richtigen
Grösse und Gestalt auf, und von da an bis zur Spitze ist
kein merklicher Unterschied zwischen diesem Arme und dem
Arme der entgegengesetzten Seite, oder zwischen den Armen
des Männchens und des Weibchens.
Die Hectocotylcnbildung bei den Cephalopoden. 225
Bei Sepia inei^mis v. Mass. , die dem indischen Meere
angehört, aber wovon das Museum nur ein männliches Exem-
plar besitzt, und zwar ein kleines von kaum vier Zoll Länge,
finde ich dieses Verhältniss noch eigenthümlicher entwickelt.
Die unterste Hälfte des Armes (siehe Taf. X. Fig. 8), besitzt
durchaus keine Saugnäpfe, sondern ist in ihrer ganzen Breite
umgebildet gleichwie die äussere Seite des entsprechenden
Armlheiles bei Sepia ofpcinalis , indem eine Menge Gruben
durch mehr hervorragende Hautfallen deutlich genug in Stras-
sen geordnet sind, die quer über den Arm gehen. Die
stärksten Querfalten scheinen die Lage der Muskelpartien an-
zudeuten, wo an sich die Saugnapfstiele heften, und nach ihrer
Anzahl darf man annehmen, dass etwa 20 Querreihen von
Saugnäpfen verschwunden sind. Beide Ränder des Armes
haben die Neigung sich gegen einander zu falten , und so
gleichsam eine sehr lange Saugplalte oder Greifplatte zu bil-
den. Das erwähnte Exemplar, wonach Fig. 8 gezeichnet ist,
war leider etwas schlaff und minder wohl erhalten; ein bes-
ser erhaltenes kann vielleicht eine Spur von den Saugnäpfen
zeigen , deren Vorhandensein ich verneinen zu müssen ge-
glaubt habe. Jedenfalls macht diese Bildung bei einer indi-
schen Sepia-Art es wahrscheinlich, dass das oben bei Sepia
ofßcinaüs beschriebene Verhalten nicht dieser Art allein zu-
kommt, sondern dass wir hier mit einer der ganzen Gattung
Sepia zukommenden Erscheinung zu thun haben.
Von drei anderen Sepia - Arten besitze ich nur Weib-
chen, und bei diesen sowohl wie bei den Weibchen der bei-
den vorigen Arten , gehen die vier Saugnapfreihen , in stets
zunehmender Grösse, bis zu dem Grunde des Armes hin.
Mit der Galtung Sepia gruppirt d'Orbigny die beiden
Hauptgattungen der kleinen Küstenlintenfische: Sepiola Leach
und Rossia Owen ; aber in Rücksicht auf das Verhalten der
Arme, welches wir hier untersuchen, trennen sie sich weit
von einander, wie das Folgende sogleich lehren wird.
Bei einer männlichen Sepiola Ro7ideletii d'Orb. fand ich
nämlich Folgendes: Von dem ersten Armpaare, oder Rücken-
paare, trug der Arm an der rechten Seile sehr kleine Näpfe
in zwei Reihen bis zur Spitze, und diese Näpfe, welche ganz
regelmässig nach aussen zu kleiner wurden , erreichten an
Archiv f. Naturgesch. XXII. Jahrg. 1. Bd. 15
226 Sleenstrup:
Grösse nicht den vierten Theil der grossen kugelförmigen
Näpfe, welche man an dem zweiten und vierten Armpaare
findet, zumal an dem mittelsten Theile derselben; darin stimm-
ten sie mit den Näpfen an dem dritten Armpaare überein.
In dieser ungleichen Entwickelung der Saugnäpfe kommt die-
ses mein Sepiola- Männchen auch mit Fig. 5 auf der ersten
Sepiola- Tafel in Ferussac's und d'Orbigny's grossem
Werke überein. Der Arm an der linken Seite wich dage-
gen nicht nur von dem ihm gegenüberliegenden ab, sondern
auch von allen anderen Armen an dem Thiere, indem er, wie
meine Fig. 9 zeigt, auf eineeigene Weise so zu sagen in sei-
ner ganzen Länge angeschwollen war. Dieser angeschwol-
lene Zustand hatte nach einer näheren Betrachtung darin
seinen Grund, dass die sonst kugelförmigen Stiele der Saug-
näpfe stark verlängert und walzenförmig geworden und mit
einander verwachsen sind ; mit den stumpfen Spitzen dieser
Walzen sind Saugnäpfe durch so dünne und kurze Fäden
verbunden, dass sie fast das Ansehen erhalten, als wenn sie
sitzend wären ; sie sind im Durchmesser gleich mit ihren
Walzen, so dass sie einander fast mit ihrem äusseren Rande
berühren. Dieses gilt namentlich von der inneren Reihe der
Saugnäpfe, die an Grösse die der äusseren Reihe übertreffen
und über diese hinausragen, was Fig. 9", die diesen Arm
von der Bauchseite gesehen , und Fig. 9"', die in stärkerer
Vergrösserung ein Paar Saugnäpfe von beiden Reihen dar-
stellt, deutlicher zeigt. Die erstgenannte Figur zeigt zugleich
eine an der inneren Fläche dos Armes, unten am Grunde,
entwickelte merkwürdige Hautausbreilung, die sehr stark mit
Muskeln versehen und dadurch fähig ist, sich nach den Sei-
len auszubreiten und sich zusammenzufalten , und daher als
Greifwerkzeug oder eine Zange wirken zu können scheint.
Sie ist hier mit zusammengeschlagenen Rändern in der dil-
lenförmigen Gestalt dargestellt, welche sie an dem Spiritus-
Exemplare ha!t(\ Unterhalb dieser Dille sitzen noch vier
kleine Saugnäpfe von Grösse und Form derer , die an der
Wurzel der anderen Arme sitzen, woraus man also sieht,
dass diese Hautausbreitung dieselbe Stelle an dem Arme hat,
wie die Hautausbreitung an dem Arme der Sepien; dass die-
ser Apparat wesentlich die gemeinschaftliche Bedeutung wie
Die Hectocotylenbildung bei den Cephalopoden. 227
der beschriebene Theil bei der Gattung Sepia hat, kann ich
nicht bezweifeln. Ich habe bereits erwähnt, dass Fig. 5 auf
der ersten Tafel bei Peru ssac und d'Orbigny aufs Beste
meine männliche Sepiola in Hinsicht auf den ganzen Habitus
und die starken kugelförmigen Saugnäpfe am zweiten und
vierten Armpaarc darstellt; ich will nun bitten diese Figur
nochmals mit der meinigen in Hinsicht auf die Bildung des
linken Rückenarms zu vergleichen, und man wird mir gewiss
die Wahrscheinlichkeit einräumen, dass daselbst für die ei-
genthümliche Form , die dieser Arm in der Figur erhalten
hat, eine Bildung zum Grunde liegen muss, wie die, welche
ich hier beschrieben habe. Da meine Weibchen alle kleine
Näpfe hatten, wo das Männchen die grossen besass, und den
linken und reckten Rückenarm gleich entwickelt hatten und
somit den übrigen Figuren entsprechen, welche d'Orbigny
von der Art gegeben hat, so betrachte ich natürlicherweise
die mehrerwähnte Fig. 5 als ein Männchen und nicht ein
Individuum mit krankhafter oder monströser Entwickelung
darstellend; so erklärt nämlich d'Orbigny diese seine Fi-
gur •"*> Ich besitze noch aus dem Mittelmeere eine andere
männliche Sepiola, welche zu derselben Gruppe wie Ronde-
letii gehört, indem sie nur zwei Reihen Saugnäpfe an jedem
Arme hat; ihr zweiter und vierter Arm tragen auch grosse
und kugelförmige Näpfe, und ihr linker Rückenarm ist ganz
analog mit dem der vorigen umgebildet, aber sie unterschei-
*) üeber Sepiola atlantica heisst es bei d'Orbigny p. 237 in
seiner Forlsetzung des grosen Fem ss ac'schcn Cephalopodenwerkes
(L'histoire naturelle et particuliere des Mollusques) : „Cette espece,
de meine que la Sepiola Rondeletii, est assez sujelte ä une maladie
qui consiste en un durcissement et une croissance beaucoup plus
grande des cupules des bras sessiles, qui deviennent quatre fois aussi
gros que les autres, sans que leur cercle eorne suive la meine pro-
portion. Cette affection allonge les bras , les fait gonfler, ou les
rend souvent difFormes". — Auch von Sepiola Rondeletii heisst es in
der Erklärung der Abbildungen p. 233 gerade bei den Figuren (5
und 6) , welche ich oben als unverkennbar meiner Figur gleichend
angeführt habe : „Fig. 5, Individu malade ; ses cupules devenues plus
grosses et plus dures. Fig. G, Portion de bras affecte de la maladie
indiquee".
228 Steenstrup:
det sich von ihr darin, dass die Saugnäpfe am unteren Theile
dieses Armes verhäilnissmässig grösser sind, und schroffer an
Grösse nach dem Ende des Armes abnehmen ; sie sind dabei
etwas mehr gestielt, und die Grundlheile dieser Stiele sind
nicht so stark verwachsen. Ebenso ist die eigenthümliche
Greifpartie an der Wurzel weniger entwickelt.
Bei der mit Sepiola so nahe verwandten Galtung Ros-
sia war es zu vermuthen, dass das Verhalten des Armes
dasselbe sein müsse. Ich finde auch, dass dies der Fall ist,
was das Paar der umgebildeten Arme betrifft; aber die Um-
bilduno- selbst ist merklich verschieden. Leider besitze ich
kein Männchen vcn den eigentlich europäischen Arten, aber
dagegen habe ich 5 männliche Individuen der Galtung Rossia
von den Grönländischen Küsten uniersucht; diese fünf Indi-
viduen gehören bestimmt zwei verschiedenen Arten an, aber
alle stimmen darin mit einander überein , und weichen von
den weiblichen Individuen ab, welche ich habe untersuchen
können, sowohl von grönländischen wie europäischen Arten,
dass die drei unteren Armpaarc , das zweite , dritte und
vierte Paar, bedeutend grössere Saugnäpfe tragen als das
erste Paar , oder die Rückenarme , während dies Paar bei
den Weibchen nicht merklich kleinere Näpfe trägt als die
übrigen, und ferner darin, dass dasselbe erste Paar, der
linke und rechte Arm, die äussere Reihe dieser Saug-
näpfe, in fast zwei Dritteln der Armlänge, auf hohen Stielen
stehend hat, deren Wurzellheile ungemein stark entwickelt
und zusammengedrückt und im schlaffen Zustande fast blatt-
förmig sind ; zwischen diesen eigenthümlichen Stielen sieht
man Hautfallen sich einschieben, und andere ähnliche Hau'i-
fallen von der Wurzel des Stieles ausgehen , Taf. XL Fig. 1.
Diese sonderbaren Haulfalten zeigen sich bei näherer Be-
trachtung nur als üppigere Entwickelungen der Hautwülste, die
bei den Rossien napfförmig den Grund oder den Stiel der
einzelnen Saugnäpfe umgeben , wie es sich zum Theil auch
bei Sepiola findet — Hautbildungen, denen man bisher nicht
hinreichende Aufmerksamkeit geschenkt hat , die aber viel-
leicht denen entsprechen, welche d'Orbigny nach Tile-
sius bei Sepiola japonica Til. beschrieben hat. Etwa 11
Saugnäpfe sind so an der äusseren Seite des rechten und
Die Heclocolylenbildung bei den Cephalopoden. 229
linken Armes stark emporgehoben, während die übrigen
Saiignäpfe auf niedrigeren aber mit den anderen wesentlich
übereinstimmenden Stielen getragen werden. Da die soge-
nannte „Deckhaut" der Saugnäpfe, die ich im Vorigen die
Seitenborde des Armes genannt habe, an der äussern Seite
des Armes sehr stark und breit vor diesen 11 Saugnäpfen
ist, und die erwähnten Hautfalten sich auf sie fortsetzen, so
entsteht einige Aehnlichkeil zwischen dieser Enlwickelung
und dem was wir bei Sepia antrafen, gleichwie wir auch
hier die Umbildung in dem unteren Theile des Armes oder
doch vornehmlich in ihm haben. Endlich muss noch be-
merkt werden, dass beide Arme des Rückenpaares bei allen
fünf Individuen so schief nach innen gedrehet sind , dass
dadurch offenbar ein Zusammenwirken zwischen den äusse-
ren Seiten dieser beiden Arme erleichtert wird. Diese bei-
den Arten gehören wohl zu den grössten Arten der Gattung,
da sie gleichgross mit R. palpebrosa Owen sind, mit der die
eine nach meiner Meinung zusammenfallen muss*"'), aber es
*) Die beiden Arten unterscheiden sicli leicht dadurch von ein-
ander, dass die eine äusserst lileine Saugnäpfe an den Keulen der
Tentakeln hat, so wie diese nach Owens Beschreibung und Abbil-
dung bei Rossia palpebrosa ^ sein sollen, während sowohl Männchen
wie Weibchen der anderen Art sehr grosse Näpfe an den Keulen ha-
ben; die mittelste Reihe derselben übertrifft an Grösse bedeutend die
grossen kugelförmigen Näpfe an den Armen , durch welche Eigen-
ihümlichkeit diese Art auch beträchtlich von allen beschriebenen
Arten abweicht. Dieser ausgezeichneten Form habe ich den Namen
Rossia iWö7/ert Stp. beigelegt nach unserem verstorbenen Landsmann,
dem um die Grönländische Molluskenfauna verdienten Inspector H. C.
Möller. Nach dem Männchen von dieser Rossia Mölleri sind die
beiden Rückenarme Tab. XI. Fig. 1. gezeichnet.
Auf Anlass dieser und mehrerer anderer Vermehrungen der
grönländischen Fauna, die in dieser Abhandlung berührt werden,
ergreife ich die Gelegenheit in Erinnerung zu bringen, dass sowohl
die üriginalsammlung, welche dem verstorbenen Möller als Grund-
lage für seinen Index MoUuscorum Groenlandiae gedient hatte, wie
auch seine späteren Sammlungen zu eiuer vollständigeren Bearbeitung
davon, von des Verstorbenen Vater, Herrn Regimentschirurg Möller
dem zoologischen Museum der Universität geschenkt sind, und dass
vorzüglich mit Hülfe des erwähnten Materials von Hrn. 0. Mörch
230 Steenstrup;
ist kaum ein hinlänglicher Grund anzunehmen , dass nicht die
kleineren Arten hiermit übereinstimmende Verhältnisse zeigen
sollten -'0.
Die Gattung Ominatostrephes d'Orb. , gebildet aus
den Arten der älteren Gattung Loligo, deren Augen von dem
deckenden Hautuberzug entblösst sind und deren Bau in man-
cher anderer Beziehung von den Loligoarlen im engeren
Sinne abweicht; die Gatlung 0 nychoteuthis Lichtst. mit
ihrer Untergattung Gonatus Gray und die Gattung Loli-
gopsis, so wie sie von Ferussac aufgefasst wurde und
von ihm und später von d'Orbigny einen eigenen Begriff
erhielt, der nicht in Verbindung mit den Ccphalopoden zu
stehen scheint, auf welchen Lamarck ursprünglich sein Ge-
schlecht LoUgopsis gründete, haben mir nicht dergleichen Ab-
weichungen in dem Baue eines einzelnen Armpaares bei den
eine vermehrte und vollständigere Ausgabe von Möller's Index mit
Originalfiguren vorbereitet wird.
*) Dies bemerke ich mit Rücksicht auf ein in Verany's AVerk
über die mittelmeerischen Cephalopodeu beiläufig berührtes Verhalten
bei der eigenthümlichen liossia dispar Kupp. Bei dieser kleinen Art,
die zuerst durch ihre ganz unverhältnissmässig grossen Saugnäpfe an
den obersten Seitenarmen (s. Yerany I.e. Tab. 23 d, /", g^ h) bekannt
geworden war — wofür auch Gray eine eigene Gattung unter dem
Kamen Heleroteulhis bildete — sollen nämlich zufolge eines Briefes
an den Verfasser von Dr. Krohn alle die mit jenen grossen Saug-
näpfen versehenen Individuen sich als Weibchen ausgewiesen haben,
während eine in den anderen Beziehungen mit dieser übereinstim-
mende Form, der diese grossen Kaugnäpfe fehlen und der der IName
Rossia affinis zugedacht war , nur Männchen dargeboten haben soll.
Unter Voraussetzung der Richtigkeit (?) dieser Beobachtung, bleibt es
eine Frage, ob nicht jene Männchen doch das Rückenpaar erstens
mit kleineren Saugnäpfen als die übrigen drei Armpaare, und zwei-
tens analog mit den Armen bei den obenerwähnten drei Arten zei-
gen. Es verdient eine nähere Untersuchung, ob nicht die beiden von
der Irischen Küste von Ball beschriebenen Rossien, R. Owenii und
R. Jacobii, welche letztere von Forbes undHanley zu R. macro-
sotna gerechnet wird, sich wie Männchen und Weibchen derselben
Art zu einander verhalten ; wenigstens stimmt jene im Verhallen der
Näpfe mit meinen Männchen , diese mit meinen Weibchen überein. —
Vergl. die Figuren dieser beiden Arten bei Forbes und Hanley
PI. NM und SSS.
Die Hectocotylcnbildung bei den Cephalopoden. 231
männlichen Individuen dargeboten. Es fehlt jedoch deshalb
nicht an bedeutenden äusseren Verschiedenheiten zwischen
Männchen und Weibchen, so wie es bereits aus Verany's
Beschreibung und Abbildung der beiden Geschlechter von
0mm. sagittatus Lain. hervorgeht, und wie ich es nach Un-
tersuchung der beiden Geschlechter aus dem Mittelmeere be-
stätigen kann. Es sind inzwischen nicht allein der im Ver-
hältnisse viel kürzere Körper und die viel längeren und stär-
keren Arme, welche hier das Männchen vor dem Weibchen
auszeichnen , sondern es ist auch der bestimmte auffallende
Unterschied, welchen Verany übersehen hat, dass beide
Seitenarme bei dem Männchen mehrmals grössere Saugnäpfe
tragen als die Bauch- und ßückenarme, während sie bei den
Weibchen nicht sonderlich diese Grösse übertreffen. Es sind
daiier keinesweges äussere Geschlechtsunterschiede , deren
Vorhandensein ich in diesen Formen in Zweifel ziehen möchte,
aber wohl eine weniger symmetrische Ausbildung eines der
Armpaare in Bezug auf die Fortpflanzung. Doch muss ich
in dieser Hinsicht ausdrücklich bemerken , dass wenn ich
auch Gelegenheil gehabt habe, eine grössere Anzahl von Ar-
ten zu sehen, und namentlich von den sogenannten „Loli^
goj)siden^\ welche ich als Gruppe lieber Hyaloteuthier oder
Medusoteuthier nennen würde , nicht weniger als 6 *"') , von
*) Da diese Gruppe im Systeme noch so wenig Arten zählt,
und da diese Tintenfische im Ganzen zu den sehr seltenen in den
Museen gehören, so wird es liaum überflüssig sein in der Kürze diese
Anzahl zur Sprache zu bringen. Die angeführten sechs Arten sind
alle atlantisch; zwei von ihnen sind sehr kleine Arten der Gattung
Chiroteutliis d'Orb. mit vieler Uebereinstimmung mit dem in Verany's
Werk beschriebenen und Tab. 26 abgebildeten Lol. zycjaena Yer. und
Lol. vennicularis Rüpp. ; zwei andere sind gleichfalls kleine , aber
zur Galtung Leachia Lcs. gehörende Arten, unter welchen die von
Frosch in den Schriften dieser Gesellschaft beschriebene yCranchia
fOtceniaJ megalups Fr." , und eine andere merkwürdige Art , der ich
den Namen L. Rcinhardlii gegeben habe, und welche sich von allen
bisher beschriebenen Arten durch ihre stärkere Ausrüstung mit Knor-
pelleisten am Mantel unterscheidet ; ausser einer gezähnten Knorpel-
leiste an der Mittellinie des Rückens herab hat sie an jeder Seite
des Leibes zwei andere gezähnte Knorpelleisten oder Knorpelrippen,
die unter einem spitzen Winkel gerade an den Funkten mit einander
232 Steenstrup:
der Onychoteiithis -Grupi^e 2, von der Galliing Ommatosire-
phes 5 Arten, so habe ich doch nur von sehr wenigen Arten
nämlich einer von jeder der letztgenannten Galtungen , eine
grössere Anzahl Individuen von jedem Geschlecht zur Unter-
suchung gehabt, und es ist so nicht unmöglich, dass ein in
der Hinsicht glücklicher gestelller , und namentlich ein am
Mittelmeere wohnhafter Forscher nachweisen könnte, was ich
nicht habe finden können ; jedoch wird die Umbildung in
diesem Falle gewiss auf einen äusserst kleinen Theil des Armes
beschränkt sein *).
Von den auffallenden Formen, welche, wie wir gesehen
haben, ein bestimmter Arm bei den meisten männlichen Ce-
phalopoden der Decapoden-Ordnung annimmt, indem ein sol-
cher besonders für einen eigenen Zweck ausgebildet wird,
wenden wir nun unseren Blick auf die Octopoden. Haben
zusammen stossen, an welchen der Mantel jederseits mit dem Trich-
ter vereinigt ist; das Verhältniss der Arme ist 3,2,4, t, und sie tra-
gen nur zwei Reihen von Saugnapfen ; die Tentalieln haben vier Rei-
hen von Saugnäpfen am äusseren Drittel, sich zerstreut auf das mit-
telste Drittel fortsetzend; die Flossen sind endständig, klein und rund-
lich. Von derselben Gattung habe ich endlich eine grosse und sehr
ansehnliche Art von Nordgrönland , Leacliia hyperhorea Stp. von L.
pavo Les., mit der sie mir am nächsten verwandt zu sein scheint,
durch die Länge der Flossen, die sehr schmal sind, den Seiten des
Leibes in halber Länge folgen, und zusammen eine lange lancetför-
mige Figur bilden; durch das gegenseitige Längenverhältniss der
Arme, welches 3, 2,1, 4 ist; durch die bedeutende Grösse der Saug-
näpfe und die Kürze der Tentakeln, die nur doppelt so lang wie die
eigentlichen Arme sind, unterschieden. Diese neuen Arten sind be-
stimmt, mit mehreren anderen allantischen Tintenfischen, den Gegen-
stand einer späteren Abhandlung zu bilden. Die sechste Art ist eine
unvollständige Histioteuthis d'Orb.
*) Bei meinen beiden männlichen Ommatoslrephes Lam. zeigt
zwar der eine Baucharm eine eigene Form an der Spitze, die auf eine
solche Umbildung hindeuten könnte ; aber da es an dem einen Individuum
der linke, an dem anderen der rechte Arm ist, und da beide Indivi-
duen im Leben an diesen Stellen etwas beschädigt gewesen zu sein
scheinen, so habe ich es nicht als normal rechnen dürfen, um so
mehr, da ich bei männlichen ümmatostrephcs anderer Arten nichts
Entsprechendes finden konnte.
Die Ilectocotylenbildung bei den Cephalopoden. 233
wir nämlich nicht die Anschauung zurückdrängen können, dass
diese auffallende Ausbildung sehr nahe der Heclocotylenbil-
dung bei den Gattungen Argonauta und Tremociopiis unter
diesen entspricht, so ist es natürlich, dass wir suchen bei
den anderen Galtungen der oclopodenartigcn Cephalopoden
eine Spur von der Bildung aufzufinden, um so durch nähere
üebergänge dieser Anschauung grössere Wahrscheinlichkeit
zu geben.
Wenn wir das Geschlecht der Arten innerhalb der Gat-
tung Od opus selbst untersuchen, und damit den äusseren
Bau desselben vergleichen, finden wir, dass der Arm, welcher
bei den genannton beiden Gattungen „hectocotylisirt" ist_, be-
kanntlich der dritte Arm an der rechten cTremoctopus) oder
linken (Argonauta) Seite des Thieres, gerade auch bei der
Gattung Octopus anders gebildet ist, als die übrigen Arme,
und namentlich ist es hier stets der Arm an der rechten
Seite, welcher umgebildet worden ist. Dieser Arm ist näm-
lich immer kürzer als der linke , sogar in einem bedeuten-
den Grade, indem er bei den verschiedenen Arten nur drei
Viertel bis die Hälfte der Länge desselben darbietet, und da
er überdiess nicht bloss oft dieselbe Dicke behält, sondern
sogar in seiner äusseren Hälfte nniskelreicher ist, hat er auch
oft ein kräftigeres Aussehen. Er trägt weit weniger Saug-
näpfe als der linke, und ist aussen an der Spitze mit einer
eigenthümlichen, meist länglichen Platte ausgerüstet, die bei
den meisten Arten an der einen Seite mit einer grösseren
oder kleineren Anzahl von Querrunzeln oder Rippen mit
zwischenliegenden Gruben versehen ist. Diese Platte ist fer-
ner mit der Schwimmhaut an der Wurzel des Armes durch
Hülfe einer muskulösen Hautborde in Verbindung gesetzt,
welche längs dem Rückenrande des Armes herabläuft, und
diese Borde findet sich sehr oft mit ihrem freien Rande gegen
die innere Seite des Armes aufgerollt, wodurch ein mehr
oder minder geschlossener Kanal gebildet wird, welcher un-
zweifelhaft dazu bestimmt ist, die Spermatophoren zu der
Endplatle des Armes hinzuleitcn. Da dieser Kanal oder Halb-
kanal inwendig ohne Chromatophoren und bei den meisten
Arten ganz weiss ist, so schliesse ich daraus, dass beim le-
benden Thiere dieser Hautrand in der Regel gegen die Seite
234 Ste enstrup:
des Armes g-ebogen sein wird, so wie es die meisten Spi-
ritus-Exemplare zeigten.
Dies ist wenigstens der Fall bei üctopus groenlandiciis
Dewhurst (= 0. arcticus Prosch), von welchem ich bei fünf
Männchen am rechten Arme des dritten Paares nur 41—43
Saugnäpfe finde (während ich an dem entsprechenden linken
Arme 74 — 79 finde) und eine mit 13—17 Querrippen verse-
hene löfFelförmige Greifplatfe an seiner Spitze, nebst einem
Hautrande, der sich von dieser bis gegen die Mitte der Bin-
dehaut zwischen dem dritten und vierten Arme erstreckt, wo
der Halbkanal oder Falz , welchen dieser Hautrand bildet,
ebenfalls plötzlich aufhört. Figur 2 auf Tafel XI, die in na-
türlicher Grösse ausgeführt ist, sucht dieses Verhalten an-
schaulich zu machen, a ist die Greifplatte, wie ich sie ge-
nannt habe, durch eine hohe winkelförmige Hautfalte (d) von
dem saugnapftragenden Thcile des Armes geschieden; bh
der Hautrand oder die Haulborde ; c die Stelle wo sie be-
ginnt oder endigt am Rande der Bindehaut*). Eine Samen-
büchse oder Spermatophore ragte an dem einen Exemplare
aus dem Trichter hervor, und war vermuthlich auf dem Wege
zu jenem Hautrande hin, zu welchem sie wahrscheinlich da-
durch gebracht wird, dass sich das obere Ende des Trich-
ters einfach gegen den Anfang des Hautfalzes hinlegt.
Bei einem männlichen Exemplare von Octopus macro-
pus Risso oder 0. Cuvieri d'Orb., gesammelt von Professor
Es ch rieht bei Gelte und nun dem zoologischen Universi-
tätsmuseum überlassen, finde ich das Verhalten in soweit mit
0. groenlandicus übereinstimmend , als auch hier der rechte
Arm des dritten Paares weit kürzer als der linke desselben
Paares ist, jener nämlich nicht volle 10 Zoll, dieser gegen
20 Zoll, und sich dabei an der Spitze zu einer 13mm. lan-
gen aber schmalen muskulösen Platte erweitert , die keine
Saugnäpfe hat und durch eine erhöhte Falte von dem saug-
napftragenden Theile des Armes abgegrenzt ist. Obgleich
*) Die Saugnäpfe an allen acht Armen haben etwa dieselbe
Grösse; dass sie in der Abbildung an dem ersten Paare grösser er-
scheinen, rührt von der Richtung her , worin sie der Zeichner gese-
hen hat.
Die Beclo cotylenbildung bei den Cephalopoden. 235
das Exemplar etwas schlaff war, so erkannte man doch eine
Neigung am Rande der Endplatte sich wie ein Greifapparat
zusammen zu biegen , aber Quererhöhungen waren nicht zu
sehen, vielleicht nur wegen des erwähnten Conservationszu-
slandes. Unterhalb dieser Greifplatle war der Arm regel-
mässig gebaut, abgerechnet seine stärkere Äluskulalur und
Dicke nebst der muskulösen Hautborde an der Seile des Ar-
mes herab.
Eine andere Octopus-Art, die auch aus dem Mittelmeere
stammen soll , aber welche ich auf keine Weise als einen
kleineren 0. vulgaris deuten kann, zeigt wesentlich dasselbe;
der betreffende Arm ist in natürlicher Grösse Taf. XI. Fig. 3
abgebildet, mit entfalteter Hautborde. Die Anzahl der Quer-
ribben in der Greifplatte ist 17.
Noch habe ich ausser mehreren Octopus-Arten, deren
Bestimmung mir aus Mangel an hinlänglichem Vergleichungs-
materiale unmöglich gewesen ist, mehrere männliche Indivi-
duen von 0. rvgosus Bosc von den Antillen untersucht, fer-
ner eine grosse Anzahl männlicher Individuen von Octopus
vulgaris Lam. aus dem Mittelmeere , und einen männlichen
Octopoden von der Chilesischen Küste, der durch die be-
trächtliche Grösse einiger einzelnen Saugnapfpaare an den
Seitenarmen der von diesen Küsten bekannte 0. Fontanianus
d'Orb. zu sein scheint. Bei ihnen allen habe ich gefunden,
dass dieser rechte Arm längs seiner inneren oder unteren
Seite eine muskulöse Hautfalte hatte , bestimmt um für die
Leitung von Spermatophoren einen Halbkanal oder Kanal zu
bilden, und am Ende mit einer kleinen napfförmigen Erwei-
terung versehen war, welche jedoch so unbedeutend war,
dass sie leicht der Aufmerksamkeit entgehen konnte , wäh-
rend der Arm selbst durch die erwähnte zusammengerollte
Hautfalte und durch seine Verkürzung sich dem entgegenge-
setzten Arme gegenüber hinlänglich kenntlich machte, wenn
er auch nicht, wie bei den vorigen Formen, zugleich dicker
ist, sondern in seiner äusseren Hälfte schlanker und zuge-
spitzter erscheint als die übrigen Arme. Ich muss daher
annehmen, dass bei allen Octopus-Arten ohne Ausnahme
dieser dritte Arm an der rechten Seile zur Uebertragung der
Spermatophoren bestimmt ist.
236 Steenstrup:
Besonders niuss ich in BetreiF von Octopus vulgaris Lam.
hinzufügen, dass fünf von mir untersuchte männliche und
ungemein grosse Individuen alle an ihren Seitenarmen den
14ten, löten oder löten Saugnapf von einer ganz unverhält-
nissmässigen Grösse haben, und dass das oberste Paar die-
ser Seitenarme ausserdem in der Regel Nachbarnäpfe für
diesen grossen Saugnapf von fast ebenso ansehnlicher Grösse
hatten, wogegen nur bei einem einzigen dieser Exemplare
die Tendenz war, zwei solcher Näpfe an dem untersten Sei-
tenpaare oder dem sogenannten dritten Armpaare zu ent-
wickeln. Dabei war der dritte rechte Arm etwa einen Fuss
kürzer als der dritte linke, aber auch deutlich dünner in seiner
äusseren Hälfte, hatte am Ende die zugespitzte Endfläche; die
an der einwärts gewendeten Fläche stark weisse Hautfalte giebt
das Ansehen, als wenn die Seite des Armes durch einen
Längsspalt in zwei Theile gespalten wäre *). Bei keinem
*) Das Verhalten, welches ich liier angedeutet habe, die zuge-
spitzte Form des Armes, die starlie Ilautfalte längs dem Rückentheile
des Armes, die inwendige stark weisse Farbe dieser Ilautfalte und
ihre Aufrollung gegen die Seite des Armes , wovon sie nur durch
eine tiefe Ritze oder Furche getrennt scheint, und zwar von der Spitze
an , endlich die hier erwähnten grossen Saugnäpfe an den beiden
Seitenarmpaaren, und sogar auch an dem Arme, der im Dienste der
Fortpflanzung steht, macht uns drei Stellen bei Aristoteles versländ-
lich, welche Philologen und Zoologen bisher nicht recht haben ver-
stehen können. Diese Stellen zeigen uns, dass Aristoteles bei dem
gewöhnlichen üctopus des Mittelmeeres, seinem Polypus, sowohl die-
ses eigenthümliche Formverhältniss an dem einen Arme gekannt, als
gewusst hat, dass er in Beziehung zur Fortpflanzung stände, wenn
er sich auch bestimmt dagegen äusserte, dass der Same durch den
Arm geleitet würde.
An der einen Stelle sagt Aristoteles ganz kurz über seinen
Polypus: Jiaifioai öe o aQQtjy ttjg d^tjk^ins tw zf z^r xecfakr^y l'^ny
TinoutjxföTtQcty , xcci ro '/.akotjfisvOy vno fiov ulticoy aidoioy iy ifi
nkfxxfiprj levxoy (lib. V. c. 10, 1. edit. Schneideri p. 196) , welches
übersetzt werden muss: differt mas a femina eo , quod habet caput
(i. e. abdomcn) oblongius et genitale , quod a piscatoribus vocatur,
in brachio album. Dieser Ausdruck bezieht sich erstens auf den an
einer anderen Stelle in demselben Buche (nämlich V. 6, 1. p. 188) ge-
brauchten, worin es ausführlicher heisst : ^/«a/ öi nyfg xai joy uq-
Die Ilectocotylcnbildung bei den Cephalopoden. 237
Weibchen, ungeachtet auch hier die Seitenarme unverkenn-
bar die grösseren waren, fand ich solche grosse Saugnäpfe.
Q€pcc iysiv aiöouoöig ii ^v fxi(J itoy vkf/.tavuuv, tv v ovo al utyiaiai
xorvktjdofSi alaCi'' tlyai ö't 10 loiovxov ujanfQ vtvoiudig f^^XQ'' *^f
fiiG)}v irjp nkexictyr^y TiQüari fifvxos , unay t8 {^fiöniif Qc'ivuL) tig lov
/uvxiPioa r^g ■O^rjltiag. i. e. aiunt nonnulli, mareni in uno brachiorum,
in quo sunt duo maxima acetabula, quoddam genitaii simile habere,
idem esse quasi nervosum , usque ad medium brachium adnalum, et
totum in narem (fistulam) feminae inseri. Ferner bezieht er sich
auf die, wie man gewiss nun finden wird, genauere Beschreibung des
Armes in dem vierten Buche : 'O f^hy ovy noXunovg y.cti cug noai xai wg
X^QOi XQ^jtcci Talg nlsy.idyaig TiQOöäyiiai öh laig övaiiaig vnfQ tov
oiöfiaiog, jfj cJ" iax^in iii^v nlexiavwy, rj taiiy o^viuTtj js xai fxoytj
7ittQ('<Xevy.og avtüjv y.ai i^ aygov öiXQou {ton ^a avTtj ini t^ QÜ/ei'
yM^Eiicti ÖS Qct'x^S To Istoy, ov 7iq6g(o al xoivlfj^oyfg (iai-) iccviij
cff ifi TiXsy.Tchrj /o^Tcrt ty lalg oyeicdg. (Lib. IV. I, 6, p. 13lj i. e.
polypus vero brachiis et ut pedibus et ut raanibus utitur, nam duo-
bus, quae supra os habet, admovet ori cibum, extremo autem bra-
chiorum, quod est acutissimum et solum eorum ex parte candidum et
cui ab apice fissura (est autem haec in Spina , spina vero vocalur
pars laevis brachii , e cuius latere anteriore acetabula sunt) — hoc
brachio in coitu utitur.
Dass Aristo t eles mit den angeführten Worten eine solche
Bildung gemeint hat, wie ich sie oben bei Octopusj und namentlich
bei 0. vulgaris beschrieben habe, bedarf kaum einer näheren Ausein-
andersetzung; nur Unbekanntschaft mit derselben hat die INaturfor-
scher auf den Irrweg geleitet, wenn sie vermuthet haben, dass Ari-
stoteles einige Kenntniss von dem in den letzten Jahren bei Ar-
gonauta und Tremoctopus gefundenen seltsamen Verhalten gehabt ha-
ben sollte (vergl. v. Siebold, Zeitschrift für wissensch. Zoologie
1853. S. 122— 124; Roulin Ann. des scienc. nat. 1852. T. XVII.
S. 191 ; Owen lectures on comparat. anatomy 1855. S. Ö34). —
Des Aristoteles Quellen sind offenbar die Fischer des Miltel-
meers ; diese kennen vielleicht noch sehr gut die Fortpflanzungs-
weise der üctopoden , obschon es allerdings ziemlich auffallend ist,
dass die Naturforscher , welche namentlich in den letzteren Jahren sich
so viel mit den Tintenfischen des Mittelmceres besciiäftigt haben, nichts
davon erfahren haben. Plinius scheint mir nur die Ueberlieferungen
von dem berühmten griechischen Philosophen und Naturforscher zu
kennen; er nennt bekanntlich die Arme der Cephalopoden: pediculi,
cirri, crines , brachia und hat über ihre Anwendung im Dienste der
Fortpilanzung bei Polypus oder üclopus folgende Stelle: „omnes bra-
238 Stecnstrup:
Diese Ausrüstung der Männchen von Octopus vulgaris
mit einzelnstehenden auffallend grossen Näpfen an gewissen
Armen , bewegt mich die Galtung Octopus nicht zu verlassen
ohne noch darauf aufmerksam zu machen, dass der oben er-
wähnte 0. Fontanianus d'Orl). , der nach d'Orbigny die
einzige bisher an den chilesischen Küsten beobachtete Art
sein soll , und sich von den übrigen Octopus - Arten haupt-
sächlich durch den Charakter auszeichnen soll , den ich bei
unserer gewöhnlichsten Art allen männlichen Individuen, und
zwar in einem ausgezeichneten Grade zukommend , gefun-
den habe, wahrscheinlich nur nach Männchen aufgestellt, und
vielleicht noch eine Collectiv-Art ist, die aus Männchen von
chiis, ut pedibus ac manibus, utuntur; cauda vero , quae est bisulca
et acuta, in coitu" (^Liber IX. 46) und „polypi (coeunt) crine uno fe-
minae naribus annexo" (Lib. X. 74).
Rondelet, für welchen, wie für den gleichzeitigen Gesner,
Aristoteles eine Hauptquelle ist, für den auch die Erklärung des grie-
chischen Textes eine wichtige Sache ist, äussert sich über jene oben
erwähnten Aussagen des Aristoteles folgenderniassen: scd haec som-
nia esse anatoine certo demonstrat. Mihi saepius polypös dissecanti
nunquam visa sunt acetabula isla maiora in uno brachio quam in alio,
praeterquam in primo et maximo polyporum genere , in quo non duo
in uno brachio sed quatuor in qualuor brachiis acetabula prae celeris
Omnibus maxima comperias , in aliis generibus mininie. Quod si se-
inen hac emitteretur, necesse foret , meatum aliquem ab internis par-
tibus huc deductum , foeminam quoque eodem meatu semen excipere
ovaque edere , quae fieri non posse, fatebuntur omnes , qui polypös
viderunt, et ovorum in inferiori alvi loco situs nccessario convincit,
alio quam brachii acetabulo ova edi (De piscibus, Lugduni 1554. lib.
XVII. p. 511—512). Die vier grossen Saugnäpfe an den Seitenarmen
des Männchens hat also Rondelet richtig bemerkt, aber man kann
nicht recht sehen , ob er sie als einen Geschlechtscharakter angese-
hen hat ; er ist jedoch in dieser Hinsicht vor den neueren Forschern
etwas voraus , welche sowohl diese wie auch den brachius copulator
übersehen haben. Bei d'Orbigny finde ich nichts über diese Or-
gane beobachtet; Verany hat die Grösse der Saugnäpfe für etwas
Zufälliges angesehen, indem er wohl richtig anführt, dass „die Saug-
näpfe unmerklich bis zum fünfzehnten zunehmen, der gewöhnlich der
grösste ist", aber später hinzufügt: „et souvent tres disproportionnee
avec Celles , qui la touchent , surtout sur les bras de la troisierae
paire«. 1. c. p. 17.
Die Hectocolylenbildunj bei den Cephalopoden. 239
mehreren verschiedenen Arien besieht. Zwei männliche
Oclopoden^ welche ich von den Küsten Chile's besitze, bieten
wenigstens neben dem gemeinschafllichen Charakter, jene
grossen Saugnäpfe an einer bestimmten Stelle der Arme, so
grosse Verschiedenheiten dar , dass sie schwerlich als einer
natürlichen Art angehörig gedacht werden können; das eine,
ein sehr grosses Exemplar von der Grösse eines gewöhnli-
chen 0. vulgaris, hat 90 Paar Saugnäpfe an dem drillen
rechten Arme, das andere, welches viel kleiner ist, durch
Prof. Kroyer von Valparaiso mitgebracht, hat nur 40 Paar
Näpfe an demselben Arme; das grosse hat eine nur wenig
entwickeile Endplatte, wogegen der hectocolylisirte Arm des
kleineren Exemplares eine langgestreckte, lanzettförmige End-
platle mit schwachen Querrunzeln trägt, deren Winkel der
früher erwähnten Haulfalte in eine papillenförmige Spitze
(Fig. 4) ausgezogen ist; ferner hat das kleine Männchen jene
einzelnstehenden unverhältnissmässig grossen Saugnäpfe so-
wohl an den Rücken - und ßaucharmen wie an den Seitenarmen;
und diese letzten Arme sind nicht dicker als das oberste und
unterste Paar, wahrend das grosse Männchen nur jene Saug-
näpfe an den Seitenarmen hat, welche ein merkliches Ueber-
gewicht über die anderen Arme haben. Da ich nun zugleich
einen weiblichen Cephalopoden besitze, der sich an den klei-
neren anschliesst, aber jene Saugnäpfe entbehrt, glaube ich
berechtigt zusein, meinen obenerwähnten Verdacht gegen
0. Fontanianus auszusprechen, muss mir aber eine endliche
Entscheidung durch ein reichlicheres Material vorbehalten.
Bis dahin muss ich den Naturforschern ralhen nur behutsam
die ganze Gruppe der Oclopoden aufzufassen, welche Gray
hat durch einen Charakter zusammenfassen wollen, der min-
destens theilvveise mit dem bisher gegebenen wesenllichsten
Artmerkmale für 0. Fontanianus zusammenfällt; die Männ-
chen von Oclopus vulgaris würden nach dem Vorhergehen-
den in diese seine dritte Gruppe kommen, während die Weib-
chen in seiner ersten verbleiben würden "»"*).
*) Gray: Catalogue of the mollusea of the British Museum
pt. I. London 1849. p. 14. Von dem gleichfalls in Gray's driller
Gruppe slohcnden 0. oculatus d'Orb. kann ich wenigstens bezeugen,
240 S t e c n s t r u p :
Ein männliches Individuum der Gattung Heledone
Leach, welches aus dem Mitlehiieere stammt und, da es einen
Cirrus über dem Auge hat, am ehesten die gewöhnliche H.
moschata Leach sein würde, zeigt, dass diese nahestehende
Gattung eine ähnliche Armbildung hat, welche Tab. XI. Fig. 5
genauer darstellt. Der dritte rechte Arm ist, wie bei den
Arten der Gattung Octopus, kürzer und etwas stärker als der
linke; er trägt nur 64 Saugnäpfe, während der entgegenge-
setzte 93 hat, also fast ein Drittel weniger. Eine starke
Hautborde beginnt mitten auf dem Rande der zwischen dem
vierten und dritten Arme ausgespannten Haut , und verläuft
von da längs dem Arme bis zur Spitze, wo sich ein von
Saugnäpfen enlbösster eigenthümlich entwickelter Endtheil
findet, welcher offenbar der löffeiförmigen Platte der Octopo-
den entspricht, aber welcher der Länge nach mit mehreren er-
höhten Längsfalten versehen ist. Das abgebildete Individuum
verdient noch deshalb Beachtung , dass die sieben anderen
Arme am äusssersten Theile nicht mit Saugnäpfen besetzt
sind, sondern mit zwei Reihen Ilautblätlern, eine Eigenthüm-
lichkeit, welche ich von keiner Heledone angegeben sehe, und
welche mich daher eine Zeitlang in Zweifel setzte , ob ich
nicht vielleicht eine neue und unbeschriebene Heledone vor
mir hätte. Da jedoch zwei später untersuchte männliche
Exemplare *), von denen wenigstens das eine bestimmt aus
dem Mittelmeere war, gleichfalls die Saugnäpfe an der Spitze
der Arme entbehrte und an deren Steile ähnliche Blätter trug,
während ich nicht die geringste Spur von solchen bei den
vielen weiblichen Heledonen aus dem Mittelmeere habe fin-
den können, so nehme ich an, dass diese eigenthümliche
Entwickelung der Armspitzen allein den Männchen zukommt,
und daher ein Geschlechtskennzeichen ist (s. Fig. ö"}-
In dieser Anschauung werde ich nun um so mehr be-
stärkt, als ich bei einer grossen männlichen Heledone von
Bergen, die gewiss ü. cirrosa Lam. ist, ganz entsprechende
dass nur die Männchen den sehr grossen Saugnapf an den Seitenar-
men haben.
■") Bei diesen Individuen halte der dritte rechte Arm resp. 62
und 65 Saugnäpfe entwickelt.
Die Hectocotylenbildung bei den Cephalopoden. 241
Hautbildungen an den äusserslen Enden der Arme finde, wäh-
rend mehrere Weibchen, Iheils von derselben Localiläl, theils
von anderen Stellen der Norwegischen Küste und von Faerö,
keine Spur davon zeigen. Indessen weichen diese Hautlap-
pen bei der letztgenannten Art von denen bei H. nioschata
darin ab, dass sie weniger blatt- oder platlenlörmig , mehr
verlängert und dünn, fast wie Girren oder Fäden sind. Fig. ö
stellt einen kleinen Theil davon von einem der Arme dar,
aber allerdings von einem Exemplare, welches in einem ziem-
lich schlaffen Zustande war.
Gegenüber der grossen Unsicherheit, welche im Erken-
nen der Arten innerhalb dieser Gattung herrscht , wegen
des Mangels an äusseren bestimmten Kennzeichen '»"•3, dürf-
ten diese Beobachtungen über die verschiedene Enlwickelung
der Armspitzen bei den beiden Geschlechtern und bei ver-
schiedenen Arten auf den richtigen Weg leiten , wenn sie
auf alle beschriebenen Arten ausgedehnt werden.
Durch Hinweisung auf diese besondere Form und Um-
bildung gerade desselben Armes bei den Octopus - und He-
ledone- Männchen , welcher bei den männlichen Individuen
der Galtungen Argonauta und Tremoctopus sich zu einem
sich ablösenden und abfallenden Ueberträger des Samens aus-
bildet, und durch die unverkennbare Uebereinstimmung, die
wieder zwischen der Ausbildung des Octopus- und Heledone-
Armes mit dem Verhalten, welches ich oben bei den männ-
lichen Decapoden -"-"} beschrieben habe, stattfindet, sehe ich
es nicht länger als zweifelhaft an, dass alle diese Entwicke-
lungen in eine Klasse gehören, und alle wesentlich denselben
*) Ein Mangel, der so gross ist, dass die Arten, welche man
für weit von einander entfernt gehalten hat, sich wesentlich darin
unterscheiden sollen, dass die einen einen Cirrus über dem Auge ha-
ben sollen, die anderen nicht (welcher Cirrus jedoch mehr oder we-
niger deutlich immer vorhanden zu sein scheint), während die mehr
nahestehenden Arten sogar nach Spiritus-Exemplaren nicht zu unter-
scheiden sein sollen; Vergl. Verany, Mollusques mediterrandens
p. 15: „car, je Tai dejä dit, apres la mort les deux especes sont, si
je peux m'exprimer ainsi, indechiffrables.«
**) Bei einem meiner Rossiamännchen fand ich zwei schlaffe
Samenbüchsenhülseu zwischen den llautfalten des Armes.
Archiv f. Naturgesch. XXII. Jahrg. 1. ßd, |ß
242 Steenstrup :
Zweck haben, nämlich die Spcrmatophoren oder die in die-
sen eigenlhümlichen Samenbüchsen enthaltene Samenmasse
auf das Weibchen oder vielleicht auf die Eier zu übertragen.
Ich bezweifle auch nicht , dass , wolern diese Voraussetzung
richtig ist , die eigenlhümlichen Uebergänge , welche jede
Gattung darbietet, ihre bestimmte Bedeutung haben und man-
che verschiedene Befruchtungsweisen bedingen; welches je-
doch diese im Einzelnen sind , das muss man den Beobach-
tungen in der freien Natur überlassen. Um diese in gewissen
Richtungen auf die Spur zu leiten , werde ich mir in einer
späteren Sitzung der Gesellschaft erlauben, die Aufklärungen
wiederzugeben, welche mir die Weingeist- Exemplare gege-
ben haben, da man an diesen wenigstens sieht, dass dieUe-
bertragung der Spermatophoren auf eine sehr verschiedene
Weise geschieht , und dass die eigentliche Befruchtung der
Eier bei Manchen auf eine unerwartete und sehr sonderbare
Weise vorgehen muss.
Bevor ich zu einigen allgemeinen Bemerkungen über-
gehe , zu welchen diese Beobachtungen veranlassen , gebe
ich noch eine nähere Beschreibung von einem ganz voll-
ständigen Heclocotylus, oder einem solchen Arme, der nicht
bloss bestimmt ist den Samen zu übertragen , sondern abzu-
fallen und sich mit der ganzen Samenmasse an dem Weib-
chen festzuheften; ich thue dies um so lieber, da man bis-
her nur die Bildung des Heclocotylus bei den grösseren in
tieferem Wasser lebenden Arten von Tremoctopus^ T. tiola-
ceus und T. Carenae, kennt , dagegen nicht bei den kleine-
ren oceanischen und näher der Oberfläche lebenden Arten
dieser Gattung, für welche man vielleicht vorläufig noch den
d'Orbigny'schen Namen PhiIo7iexis beibehalten könnte, und
es gerade eine von diesen kleinen oceanischen Arten ist,
nämlich Ph. Quoyanus d'Orb. ''"'■) , bei welcher ich Gelegen-
heit gehabt habe, den Hectocotylus zu untersuchen.
*) Sollte es sich später ausweisen, dass Ph. semipalmalus Owen
nicht synonym mit der d'Orbigny'sclien Art ist , wird der Meinige
vielleicht am ehesten semipalmalus nach Owens Abbildung bleiben.
Ein Männchen wurde mit drei Weibchen von Prof. Reinhardt un-
ter 220 4/ nördl. Breite und 24*^ 40' westlicher Länge gefangen.
Die Ilectocotylenbildung bei den Cephalopoden. 243
Bei Philonexis Quoyanus findet sich die Entwickelung
des Hectocotylus darin von dem bekannten bei T. Carenae
abweichend, dass er sich nicht in einer gestielten Haulblase
bildet, sondern in einem grossen und geräumigen Haulsack,
welcher tiefer liegt als die Wurzel des Armes, und wesent-
lich denselben Plalz einnimmt, wie die grossen Falten, in
welche die Tentakeln bei den Gattungen Sepia, Rossia u. A.
mehr oder weniger vollständig zurückgezogen und aufgenom-
men werden können. Figur?, welche ein männliches Exem-
plar dieser Art in dreifacher Vergrösserung darstellt, zeigt
sogleich, dass das Männchen nur sieben Arme hat , die alle
regelmässig entwickelt sind, und dass der fehlende Arm ge-
rade der rechte Arm des dritten Paares ist. Bei näherer
Betrachtung sieht man indessen, dass die Stelle, wo dieser
rechte Arm sitzen sollte, gleichsam aufgeschwollen ist , und
dass durch diese Aufschwellung sowohl das vierte Armpaar
wie der Trichter nicht wenig nach der linken Seite herüber
gedrängt sind. Unter einer Lupe wird man leicht gewahr,
dass die Ursache zu dieser Ortsverschiebung ein sehr langer
zusammengerollter Arm ist, der den Raum zwischen dem
Trichter, dem Auge und der Wurzel des Armes einnimmt,
und welcher nur durch eine so dünne und durchsichtige Haut
bedeckt wird , dass man ohne Schwierigkeit mit dem Auge
den Biegungen des Armes folgen und ihre feingefransten
Ränder und die einzelnen Saugnäpfe unterscheiden kann, die
sich gQ%Qn die Haut wenden , was jedoch wegen der Auf-
rollungsweise des Armes nur sehr wenige sind. An der
umhüllenden Haut habe ich nicht vermocht mit der Lupe we-
der eine wirkliche Oeffnung, wodurch der Arm hervorkom-
men könnte , noch eine Linie oder einen Eindruck wahrzu-
nehmen, welcher andeuten könnte, wo später eine Spaltung
stattfinden würde, so wie man es bei T. Carenae kennt;
aber vielleicht würde diese an dem frischen Exemplare deut-
licher gewesen sein. Nach Oeffnung des Hautsackes durch
einen Schnitt mit einem scharfen Älesser war es leicht, den
merkwürdigen Hectocotylus-Arm hervorzuziehen. So hervor-
gezogen stellt ihn Fig. 8 dar. Derselbe war ganz farblos in
seiner ganzen Ausdehnung , wie die bisher beobachteten
Hectocütylen von Argonaula und Tremoclopus , aber an der
244 Steenstrup;
ihn bedeckenden Haut landen sich einzelne Chromatophoren.
Seine Länge übertrifft mehrmals den entsprechenden Arm an
der enigegengeselzten Seite des Thieres , der schon länger
ist als die sehr langen beiden ersten Paare, was übrigens
diese Art auszeichnet, und der nicht weniger als 33 Paar
Saugnäpfe trägt, was gleichfalls eine grössere Anzahl ist als
die, welche einer der anderen Arme trägt. Diese Saugnäpfe
sind fast gleich gross in der ganzen Länge des Armes, gleich-
wie auch der Arm überall ungefähr gleich breit ist. Aussen
an der Spitze schwillt der Arm zu einem saugnapflosen, fast
birnförmigen Theile an , und längs der einen Seite dieser
Anschwellung sieht man schwach eine Furche und eine Haut-
falte, welche letzte eine kurze Strecke am Arm herab verfolgt
werden zu können scheint. Am Grunde der Anschwellung und
dicht bei dem äusserslen Saugnapf des Armes entspringt eine
lange Peitsche oder Faden von öömnh Länge, und deren Ba-
saltheil gleichsam von einer dünnen Scheide umgeben scheint.
— Noch ist zu bemerken, dass dieser Heclocotylus an der
Rückseite längs jedem Seitenrande in einer Längsfurche feine
Hautpapillen trägt, die dicht gestellt sind, und stellenweise
in mehreren dichten Reihen stehen; es waren diese Papillen,
welche dem Arme in seinem zusammengerollten Zustande den
gefransten Rand gaben , und sie müssen es auch sein , die
als Kiemen betrachtet wurden , als der Hectocotylus als ein
selbstsländiger männlicher Organismus angesehen wurde. Ich
habe an diesem Exemplare keine Spur von einer Rückenhöhle
mit einer äusseren Oeffnung auffinden können; aber diese
sollte ja auch wesentlich von der deckenden Haut gebildet
werden, wenn der Arm natürlich und von selbst aufgerollt
wird, eine Enlwickelungsweise, die keine Schwierigkeit für
die bisher beobachteten Arten macht, aber von der man sich
doch hier schwer einen klaren Begriff machen kann, wegen
der Form und Stellung des umschliessenden Sackes. Es muss
in der Beziehung erinnert werden, dass der einzige be-
kannte Hectocotylus, an welchen sich meine Form im Man-
gel der Rückenhöhle und im Vorhandensein von „Kiemen"
schliesst, der an den Weibchen von Tremoctopus violaceus
von Kölliker gefundene und beschriebene ist, aber des-
sen Entwickelung man noch nicht kennt, da man bisher' die
Die Hectocotylenbildung hei den Cephalopoden. 245
Männchen von diesem Cephalopoden nicht hat finden kön-
nen *"'3-
Dass dem blasenförmig oder birnförmig aufgeschwolle-
nen Endtheile dieses Hectocolylus die mehrerwähnte End-
platle bei Octopus und Heledone entspricht , ist mir wahr-
scheinlich vorgekommen, und ebenso, dass der lange Faden
oder „flagellum", der sich bei allen Hectocotylen findet und
bei allen an derselben Stelle entspringt, nämlich wo der Win-
kel der bei Octopus und Heledone beschriebenen Hautfalte
liegt, gerade die Spitze jenes Winkels sein könnte, die mehr
entwickelt und verlängert worden wäre (vergl. Fig. 4^);
nur darf er dann nicht ein Axenlheil sein. Es ist mir auch
wahrscheinlich vorgekommen , dass der muskulöse Haulrand,
der an dem hectocotylisirten Arm bei Octopus und Heledone
die beschriebene Rinne oder Halbkanal bildet , der übrigens
nur eine eigenthümliche Ausbildung der Haut ist , die in
einer grösseren oder längeren Strecke längs den Armen bei
allen Cephalopoden verläuft, gerade dieselbe Haut sein könnte,
welche bei Argonauta und Tremoctopus Carenae den ganzen
Hectocolylus in seinem eingerollten Zustande einhüllt, und
die bei der späteren Abstreifung des Armes , zufolge der
von Verany und Vogt veröffentlichten Beobachtungen,
zugleich eine Rückenhöhle an der Wurzel des Armes bildet,
während diese Rinne hinsichtlich ihrer Bedeutung eher dem
für die Aufnahme und Uebertragung der Samenmasse be-
stimmten inneren Kanal an der Rückseile des Hectocotylus
entspricht *"*"*). Aber alles dieses sind indessen nur Andeu-
tungen. Ich muss mich damit begnügen im Allgemeinen alle
die hier beschriebenen Bildungen und Uebereinslimmungen
*) Die Uebereinstimniung zwischen den Hectocotylen der bei-
den Arten, welche die Schwimmhäute zwischen den beiden obersten
Armpaaren so stark entwickelt haben , kann vorläufig als Stütze für
eine andere Yertheilung der Arten unter die beiden Gattungsnamen
Tremoctopus und Philonexis dienen, etwa so wie Gray, Mollusca of
the british Museum p. 24 — 27, es versucht hat.
^"*) Ich verweise übrigens auf die in den letzteren Jahren be-
reits reiche und interessante Literatur über die drei bekannten Arten
von Hectocotylen, und besonders auf:
246 Steenstrup:
in dieser Bedeutung für das Thier angezeigt zu haben, und
indem icli es daher Männern, die ein reichlicheres Material
besitzen, und besonders der am Meere selbst und namentlich
am Mittelmeere lebenden Naturforschern, die glücklich genug
sind täglich diese Thiere in der Natur zu beobachten, über-
lasse , die Vergleichung in allen ihren Einzelnheiten durch-
zuführen , will ich an die oben gegebene Reihe von Beob-
achtungen nur noch die allgemeinen Bemerkungen knüpfen,
zu welchen diese mich für den Augenblick besonders aufzu-
fordern scheinen.
Für's Erste geht es aus diesen Beobachtungen klar her-
vor, dass die Hectocotylenbildung bei den Gattungen Argo-
nauta und Tremoctopus bei weitem nicht ein so paradoxes
Phänomen ist, wie es den Naturforschern geschienen hat, noch
so plötzlich und ohne Uebergang auftritt, wie es im Anfange
schien und es bisher angegeben worden ist. Vielmehr se-
hen wir, dass das auf den ersten Blick abweichende und
fremde Verhalten, wie überall in der Natur, so auch hier
durch eine Reihe von üebergängen sich vorbereitet und ver-
mittelt. Es zeigt sich, dass es nur ein an einzelnen Stellen
stärkerer Ausdruck für das ist , v/as sich mehr oder minder
deutlich an einer Menge anderer Punkte in der Nähe ausge-
sprochen findet *).
KöUilter: Berichte von der königl. zoolomischcn Anstalt zu
Würzburg 1849.
Verany: Mollusques mediterraneens. 1851. F. 41. p. 126— 128.
lleinr. Müller: Zeitschr. f. wiss. Zool. 1853. p. 1— 35 und
p. 346 — 358. Taf. I. (vergl. Yerhandl. der physikalisch -medicinischen
Gesellsch. zu Würzburg 1851 und Ann. d. scienc. natur. Tom. XVI. 1851.
Verany et C.Vogt: Annales des scienc. nat. Tom. XVII. 1852.
p. 148-185. pl. VI—IX.
Leuckart: Zoologische Untersuchungen III. 1854. p.9I — 109.
Taf. IL Fig. 19-22 (vergl. Heinr. Älüller: Yerhandl. der phys-
medic. Gesellsch. zu Würzburg 1854. p. 332).
^■) Die ganze Enlwickelungsreihe in diesem Verhältnisse bei
den Tintenfischen bat Aehnliehkeit mit der, welche ich über die Auf-
ziehung in der Ordnung der Frösche und Kröten angedeutet habe,
Die Hectocolylenbildung bei den Cephalopoden. 247
Man hat schon öfter bei der Betrachtung- des Hecto-
colyl -Verhaltes bei Argonauta die hier stattfindende Umän-
derung- und Umbildung eines Werkzeuges, welches ursprüng-
lich im Dienste der Bewegung und Ernährung steht, in ein
Fortpflanzungsorgan, mit der Veränderung in Form und Ver-
wendung verglichen , welche die Palpen bei den männlichen
Spinnen eingehen, indem gewisse Theile derselben zu löffel-
törmigen Organen umgebildet werden, die zur Aufnahme und
Uebertragung des Samens auf die Weibchen benutzt werden.
Ebenso nahe, oder vielleicht noch näher als diese vonLeu-
ckart, Owen, v. Siebold und Anderen bereits benutzte
Analogie scheint mir jedoch die zu sein, welche sich bei so
vielen Männchen unter den decapoden Krebsen, bei welchen
ein Paar Hinterleibsglieder zu mehr oder minder vollständi-
gen Röhren umgebildet ist, oder die, welche bei den männ-
lichen Rochen und Haien vorkommt , bei welchen es die
Bauchflossen sind, und also ein thätiges Bewegungswerkzeug,
welches sich an der einen Seite zu grossen Leitungsrohren
für den Samen umbilden. In beiden Fällen entsprechen die Or-
gane sehr nahe der Bildung bei Octopus und Heledone. Den-
ken wir uns diese langen für die Samenübertragung gebil-
deten hohlen Röhren bei der Copulation auf den Weibchen
zurückbleibend , so haben wir den Verhalt bei Argonaula.
Dass Theile des männlichen Gliedes, bestimmt für die eigent-
liche Insemination oder Einbringung des Samens in die weib-
lichen Geschlechtsorgane, bei dieser Einbringung sich ablö-
sen und in den Weibchen bleiben , ist vielleicht nicht ohne
Beispiel; denn bei manchen Insekten wird wenigstens ein
Verhalten angegeben, welches für diese Beziehung ein fern-
stehendes Analogon ist; aber bei den männlichen Insekten,
deren Leben mit der ersten und einzigen BegatUmg abge-
schlossen ist, kann natürlich nicht von einem Wiederwach-
sen oder einer Rcproduction der verlorenen Theile die
Rede sein.
Dass es übrigens gerade Octopodengatlungen sind, wel-
wo offenbar die Fürsorge des Männchens von Alyles obstetricans für
die Eier aus dem geburtshelfenden Beistände entspringt, den allr Ar-
ten iiucn Weibclien leisten.
248 Steenstrup:
che uns ein Beispiel von einer Regeneration des I)ci der
Paarung verlorenen Armes geben , verdient insofern die Auf-
merksamkeit, als man sich hiedurch an eine Verschiedenheit
zwischen Octopoden und Decapodcn erinnert, die nicht un-
wesentlich aber bisher noch nicht hinlänglich hervorgehoben
ist. Den Decapoden scheint nämlich durchaus
das Vermögen zu fehlen, zufällige Beschädi-
gungen der Arme oder den Verlust von Theilen
derselben durch Wiederwachsen zu ersetzen,
während die Octopoden dieses Vermögen im
höchsten Grade besitzen, und ihre Arme, die so vie-
len Feinden ausgesetzt sind und denen von so vielen nach-
gestellt wird y mit derselben Leichtigkeit und Schnelligkeit
wiederwachsen lassen, wie z. B. die Seesterne die ihrigen.
Unter zahlreichen Octopoden habe ich nicht einen ein-
zigen mit abgebissenen oder beschädigten Armen gesehen,
ohne dass ein Wiederwachsen vorbereitet, mehr oder v»'eni-
ger vorgeschritten, oder sogar vollendet war , und das bis-
weilen an den meisten Armen '-). An mehr als hundert De-
*) Ich habe weibliche Individuen gesehen , woran alle acht
Arme verloren gewesen, aber nun mehr oder weniger vollständig
wieder gewachsen waren ; und ich habe ein Männchen gesehen, bei
welchem dasselbe an den sieben Armen der Fall war, während nur
der hectocotylisirte Arm unbeschädigt geblieben war; ob hierin etwas
Zufälliges war, oder ob die Octopoden wirklich diesen ihren eigen-
thümlichen Arm nicht so sehr in Gefahr setzen , muss ich unbeant-
wortet lassen; aber es verdient doch bemerkt zu werden, dass, wäh-
rend in der Regel jeder Oclopode einen oder ein Paar reproducirte
Arme hat, doch keines der vielen Männchen, die ich untersucht habe,
diesen Arm in einem beschädigten oder wiederhergestellten Zustande
darbot.
Es geht nicht bloss in der Richtung der Axe des Armes so
leicht die Reproduction vor sich; auch ein einzelner Saugnapf oder
eine Gruppe von Saugnäpfen , welche Feinde von den Seilen oder
vom Grunde der Arme abgebissen haben, wächst mit der grössten
Leichtigkeit wieder.
Ich habe bereits im Vorhergehenden auf die Missdeutungen des
Aristoteles aufmerksam gemacht, wenn man ihn so hat verstehen
wollen, als wenn er mit seinen Schilderungen der Fortpflanzungsver-
hältnisse bei seinem Tolypus sollte eine Hcctocotylusbildung vor Au-
Die Hectocotylenbildung bei den Cephalopoden. 249
cnpoden, welche ich gegenwärtig untersucht habe, habe ich
dagegen nicht eine Spur von einem Wiederwachsen gefun-
den, wenn ich auch dann und wann sowohl Kleine wie grosse
Theile eines einzelnen Armes verloren und die Wundflächen
geheilt fand.
Aus den verschiedenen Formen des zum Zweck der
Fortpflanzung umgebildeten Armpaares geht es hervor ;, dass
ein unverkennbarer Zusammenhang zwischen der Stellung und
Ausdehnung, welche der umgebildete Theil des Armes ein-
nimmt, und der natürlichen Gruppe, zu welcher der betref-
fende Cephalopode gehört^ vorhanden ist. Dies spricht sich
besonders deutlich aus, wenn man den beschriebenen Ver-
halt der d'Orbigny'schen Eintheilung der Cephalopoden ge-
genüber stellt.
gen gehabt haben, wie wir sie jetzt bei Argonauta und Tremoctopus
liennen. Hier scheint mir nun der Ort zu sein , um soweit möglich
ein anderes Missversländniss aufzuhellen, welches in Verbindung mit
dem vorigen steht. Roulin (Ann. des scienc. nat. Tom. XYII. p. 189
— 190) nimmt nämlich an, dass es die Beobachtung solcher männli-
cher Octopoden sei, von welchen der Hectocotylus sich abgelöset hat,
und welche daher den einen Arm verloren haben, die die bei Ari-
stoteles angeführte Sage veranlasst hat, dass der Octopus zu gewis-
sen Zeiten, namenlich im Winter, wenn er sich mehr in seine Höh-
len zurückzieht, sich selbst seine Arme abnage, und die Anschau-
ung bei Aristoteles — wodurch er den Ursprung der Sage erklären
will — , dass der gefrässige Aal es sei, der die Arme des Thieres
abbeisse. Der Sage und ihrer Erklärung liegt natürlich weder mehr
noch weniger zu Grunde, als jene häufige und auffallende Beschädi-
gungen und deren Ausbesserungen bei dem gewöhnlichen Octopus,
und des Aristoteles Erklärung ist richtig, da man den Magen der Mu-
raenen mit Stücken der Arme angefüllt findet — : „Ego vero,« sagt
der vortreffliche Belon, „cum apud Epidaurum semel Muraenas se-
carem, earum ventriculos cirrhis polyporum refertos comperi" (Petr.
Bellonii [ Cenomani ] de Aquatilibus , libri duo. Parisiis 1553.
p.331).
^50 Steenstrupi
Octopodes ^).
I Argonmtta j linker
Fhilonexidae } (Plulonexis) > dritter Arm ein Hectocotylus i)
{Tremoctopus) rechter (feniinae polyandrae!)
Oclopidae ) /dritter rechter Arm hectocotylisirt 2)
\ueledone ) (feminae monandrae?)
l>ecapodes.
[ Rossia I (mit dem rechten,
f nur in der Mitte)
> erster linker Arm hectocotylisirt
I (allein, in ganzer
\Sejnola ' Länge)
^ " \Sepia \ (am Grunde)
Sepiofeutliis f (an der Spitze)
> vierter linker Arm hectocotylisirt
Loligo { (an der Spitze)
LoUolus ' (in ganzer hänge)
i Omi?iafosfrepJies\
Oigopsidae JOni/chofenfhis \ ^^c'" hectocotylisirter Arm bisher beob-
fLoligopsis ( achtet.
*) Die von den übrigen Cephalopoden ganz abweichende Form
Sciadephorus Mülleri Eschr. (Cirroteuthis) habe ich hier nicht ange-
führt ; ich habe wohl 4 Männchen untersucht , und keine Spur von
den bei Octopus und Heledone angezeigten Bildungen des Armes ge-
funden , aber darf doch nicht mit Sicherheit behaupten , dass nicht
dergleichen an den lebenden Exemplaren zu finden wäre. Die eigen-
thümliche Consistenz dieser Gattung macht , dass sich die Form aller
Thcile in Weingeist sehr verändert. ~ Als etwas recht auffallendes
muss ich bemerken, dass meine vier männlichen Exemplare eine gewisse
Partie der kleinen Saugnäpfe am unteren Drittel des Armes gleichsam
abgestreift hatten, und so kleine tellerförmige Flächen bildend, welches
Aussehen dagegen keines meiner Weibchen darbot. Ob hierin etwa
ein Geschlechtskennzeichen liegen könnte, kann ich nicht sagen. —
Die Gattung scheint eine eigene Familie der Octopoden zu bilden,
obschon man aus meinen hier mitgetheiiten Untersuchungen ersehen
wird, dass sie sich an Heledone nicht bloss durch die einzelne Reihe
der Saugnäpfe anschliesst, sondern auch durch die Girren, welche
ich an der Armspitze von Heledone angezeigt habe, und welche de-
nen bei Sciadephorus am grössten Theile des Annes zu entsprechen
scheinen.
*) Abfallend , farblos, in einem Sacke entwickelt.
-) Sitzenbleibend, gefärbt, frei entwickelt.
Die Hcctocotylcnbildung bei den Ccphalopoden. 251
Diese Zusammenstellung giebt zugleich ein sehr spre-
chendes Zeugniss davon, dass etwas Natürliches ind'Orbig-
ny's Trennung der zehnarmigen Tintenfische in die beiden
grossen Hauptgruppen „Myopsides^^ und ^Oigopsides^ liegen
muss, obgleich man bisher nicht sehr geneigt gewesen ist,
sie anzunehmen. Durch die Verschiedenheit in dem Fort-
pflanzungs-Verhalt zeigt sich namentlich die Galtung Omma-
tostrephes d'Orb. noch mehr berechtigt , weit von der Gat-
tung Loligo entfernt zu werden, zu welcher selbst neuere
Malacologen, wie Verany und Troschel, sie zu stellen
verharren. Wenn d'Orb i gny wiederholt hervorhebt, dass
seine Gattung Philonexis oder Tremoctopus sich wesentlich
von Octopus entfernt, unter welche ihre Arten ehedem ein-
geordnet waren, und sich zunächst an Argonaula anschliesst,
so zeigt auch der erwähnte Fortpflanzungsverhalt dies voll-
ständig, und es ist in der Hinsicht ganz interessant zu be-
merken, das der vermeintliche Octopus, bei welchem Verany
die vollkommene Heclocotylenentwickelung beschrieben hatte,
sich als eine Philonexis oder ein Tremoctopus ausgewiesen
hat, nämlich 0. Carenae Veran. Findet also d'Orbigny's
Einfheilung in grössere Gruppen viele Bestätigung durch das
oben beschriebene Verhalten , so dürfte dies doch mehrere
Fingerzeige für eine vielleicht naturgemässere Begrenzung
einzelner Familien enthalten, und dies gilt namentlich von
der Zusammenstellung der Gattung Sepia mit Rossia und Se-
piola, was auch Manchen weniger natürlich vorgekommen
ist. Die negativen Charaktere, welche diese drei Gattungen
gegenüber den übrigen Myopsiden vereinigten, haben bereits
etwas von ihrer Stärke dadurch verloren, dass der Mangel
der Muskelseile am Trichter bei der kleinen Gatlunff Lotio-
lus in der Loligofamilie erkannt wurde. Die Berechtigung auf
die Weise, wie es hier geschehen ist, den hectocotylisirlen
Arm als einen Maassstab für die natürliche Zusammenstellung
der Formen anzuwenden, liegt in seiner Wichtigkeit für die
ganze Fortpflanzung. Es würde undenkbar sein , dass das
verschiedene Auftreten dieser Umbildung bald an dem einen,
bald an dem anderen Armpaare , bald an der rechten und
bald an der linken Seite, bald an der Spitze des Armes und
bald am Grunde u. s. w. nicht ebenso viele Verschiedenhei-
252 Steenstrup:
ten in der Stelle und der Weise bedingen sollte, auf welche
die Samenmasse auf die Weibchen gebracht würde, und in-
sofern es scheint , dass der Samen kaum unwillkürlich oder
mechanisch, sondern durch bewusste Bewegungen ausgestos-
sen oder auf die Eier ausgegossen wird , auch in der Be-
fruchtungsweise selbst. Was uns in dieser Beziehung ein
einfaches Nachdenken giebt, das wird auch durch Beobach-
tungen bestätigt. Die Samenmasse findet sich wirklich an
sehr verschiedenen Stellen und unter sehr ungleichem Ver-
halten angebracht; dies beabsichtige ich in Kurzem in einer
anderen Abhandlung darzustellen , von der ich hier nur das
allgemeine Resultat vorausschicken will , dass die Gattungen
Sepia, Sepioteuthis und Loligo, also alle die, welche den lin-
ken Baucharm umgebildet haben, die Samenmasse an der
inwendigen Seite der Lippen des Weibchens (membrane buc-
cale d'Orb.) anbringen^ welche daher auch für diesen Zweck
besonders ausgerüstet scheinen, wogegen ich niemals bei
einem anderen Decapoden den Samen an dieser Stelle ange-
heftet gefunden habe, sondern an verschiedenen Stellen des
Mantels oder der Eingeweide, bei Ommatostrephes z. B. tief
in der Manfelhöhle an der Mittellinie des Rückens. Zur Ver-
gleichung mit dem, was hier über Sepia und die Loligines
mitgetheilt ist, muss erinnert w^erden, dass die Anatomie der
beiden männlichen Nautilus -Exemplare *-*) eine grosse Ver-
schiedenheit in der Enlwickelung der eigenthümlichen Lip-
pentheile an den beiden Seiten des Thieres gezeigt haben,
während sich Aehnliches bei den weiblichen Individuen nicht
findet.
Ungeachtet sich demnach die angeführten äusseren Ge-
schlechtsverschiedenheiten deutlich und wichtig erwiesen haben,
sind sie doch bisher von den Naturforschern nicht aufgefasst
worden; darin wenigstens werden die meisten derselben nach
Lesung des Vorstehenden mit mir einig sein. Zu einer deut-
licheren Anschauung dieses Mangels bei unserer nunmehri-
gen Kenntniss der Cephalopoden wird es indessen kaum
*) C. van der Hoeven iu Tijdschrift voor de Wis- en Na-
tuurk. Wetenschappen I. Deel. 1848. S. 67— 75. PI. I. Fig. 1—3 und
Transactions of de Zoological Society 1850. p. 21— 29. pl. 5, 6, 7, 8.
Die Hectocotylenbildung bei den Cephalopoden. 253
Überflüssig sein — aber andererseits hoffe ich, dass es für
diesen Zweck auch für völlig ausreichend angesehen werden
wird — zwei Aeusserungen über dieses Verhällniss aus der
allerneuesten Zeit anzuführen; sie sind aus dem vorigen und
aus diesem Jahre , und werden meiner Meinung nach voll-
ständig den Status für die Zeit, wo sie niedergeschrieben
wurden, erweisen. In der neuen Ausgabe der „Lectures on
comparative Anatomy and Physiology, London 1855" hat der
berühmte englische Anatom, Professor Owen, kein anderes
Verhalten bei denOctopoden und Decapoden den oft bespro-
chenen Gesohlechtsunterschieden bei Argonauta an die Seile
zu stellen als Folgendes : „In the Calamary (Loligo vulgaris)
Ihe gladius of the male is one fourlh shorter , but is broa-
der than thal of the female. The sepium of the Cuttle (Se-
pia) shows a similar, but not so much , sexual difference in
ils proportions" p. 628, und kennt daher von solchen Zügen
nur das nach dem Geschlechte breitere oder schmalere Rük-
kenschild. Noch weniger hat Professor Leuckart diesem
Geschlechtsverhalfen von Argonauta und Tremoctopus an die
Seite zu stellen; denn in den in diesen Tagen erschienenen:
„Nachträge und Berichtigungen zu dem ersten Bande von
J. van der Hoeven's Handbuch der Zoologie, Leipzig 1856
von Rud. Leuckart'^, finde ich, dass dieser durch seine
Zusammenstellungen über die Geschlechts- und Forlpflan-
zungsverhältnisse dieser Thiere bekannte Verfasser in Be-
ziehung auf jene beiden Gattungen sagt: „Unter den übrigen
Schnecken sind bis jetzt noch keine Fälle eines geschlecht-
lichen Dimorphismus beobachtet, denn die von Van der
Hoeven hervorgehobene, und (laut brieflicher Mittheilung)
neuerdings bestätigte Verschiedenheit der Tasterbildung bei
dem männlichen Nautilus, . . . ., kann doch kaum dem son-
derbaren Verhalten jener Cephalopoden an die Seite geselzt
werden.«
Je mehr nun übrigens dieses Verhalten übersehen worden
ist, um so näher liegt die Frage, wie sie hat der Aufmerk-
samkeit entgehen können, und als Antwort hierauf niuss ich
anführen, dass ich annehme, dass sie wirklich öfters von den
Naturforschern bemerkt worden sein müssen, aber dass diese sie
für krankhafte Entwickelungen oder für zufällige
254 Steenstrup:
Beschädigungen angesehen haben müssen, von welchen
eine Regeneration die Spuren noch nicht verwischt hatten.
Dass d'Orbigny bereits als Kranliheit gedeutet hat, was
nach meiner Meinung ein Kennzeichen der forlpflanzungsfähi-
gen Männchen bei der Gattung Sepiola ist, habe ich bereits
angeführt, und dass der kurze hectocotylisirte Arm von Octo-
pus und Heledone für einen beschädigien oder verstümmel-
ten Arm angesehen worden ist, dessen verlorener Endtheil
noch nicht ausgewachsen war, scheint mir deutlich genug,
wenn auch mittelbar , aus den zahlreichen Figuren dieser
Thiere hervorzugehen , welche im Besitze der Wissenschatt
sind; nicht eine einzige von diesen habe ich bisher mit ei-
nem solchen männlichen Arme finden können, und da es doch
undenkbar ist, dass namentlich unter so vielen, an so ver-
schiedenen Stellen und zu so verschiedenen Zeiten abgebildeten
Oclopoden, deren Männchen mir mindestens eben so häufig
zu sein scheinen wie die Weibchen, kein einziges ein männ-
liches Exemplar hätte sein sollen, so müssen die Zeichner
oder Naturforscher ergänzend dem Thiere die ihm vermeint-
lich zukommende Symmetrie wiedergegeben haben. Dieses
letzte gilt auch in Betreff der Form des linken Armes an
den männlichen Loligines und Sepien, und das um so mehr,
als doch mehrere von diesen Figuren nach Text und Unter-
schrift gerade Männchen darstellen, während die Arme sym-
metrisch wiedergegeben sind. Bei den Decapoden kommt
indessen häuüg ein Fall vor, der bei der Auffassung der
symmetrischen Entwickelung irreleitend gewirkt haben kann,
indem nämlich grössere Strecken der Saugnäpfe an den Ar-
men, und namentlich an der Spitze derselben, sich während
der gewaltsamen Bewegungen und Anstrengungen des Thie-
res , wenn es sich gefangen oder in grosser Gefahr sieht,
wie abgebissen finden, und mit solchen von Saugnäpfen ent-
blössten Partien konnte der umgebildete, papillentragende
Theil des Armes bei einem Loligo oder einer Sepioteuthis
wohl verwechselt werden , wenigstens bei einer mehr ober-
flächlichen Betrachtung ^^,
'•■•) Sowohl bei den Loligo wie bei den Ommatostrephes und
den Onyclioteuthis habe ich die Mundhöhle und den Schlund ange-
Die Ilectocotylenbildung bei den Cephalopodcn. 255
Die vorstehenden Aeusserungen dürfen nur in Bezie-
hung- auf die Kenntniss der Gegenwart von diesem Verhallen
verstanden werden, und es muss wolil" beachtet werden, dass
ein fernes Alterthum es sehr viel besser kannte. Dass Ari-
stoteles und vielleicht Plinius von den Fischern des Miltcl-
meers besser über einen eigenlhünilichen Arm der Gattung
Octopus unterrichtet waren, darauf habe ich bei dieser Gal-
tung aufmerksam gemacht, und gleichfalls auf die Thalsache,
dass er wussle, wozu dieser Arm angewendet wird.
Da sich die Frage so leicht aufdrängt, wie frühzeitig
im Leben des Thieres diese Umbildung des Armes zu einem
Werkzeuge im Dienste der Fortpflanzung eintritt, und in wie
weit sie sich beständig auf demselben Stadium befindet oder
vielleicht Veränderungen zur Forlpflanzungszeit erleidet , so
muss ich zum Schlüsse noch hinzufügen_, dass die zahlreichen
Exemplare^ die ich hierauf untersucht habe, mir keine Ver-
anlassung zu der Vermuthung gegeben haben , dass irgend
eine Veränderung nach den Jahreszeiten oder nach dem Al-
ter vorgehen sollte. Selbst meine kleinsten Exemplare einer
Art haben mir den Verhalt ebenso gezeigt, wie die grösslen,
und ich fühle mich versucht anzunehmen, dass das männliche
Junge der verschiedenen Gattungen und Arten das Ei be-
reits ausgerüstet mit dem hectocolylisirten Arme verlässt,
der ihm seiner Gattung oder seiner Art gemäss zukommt.
Als Anhänger der Lehre, dass das Geschlecht sich nicht spä-
ter ausbildet , sondern bereits ursprünglich bei den ersten
Bewegungen im Ei vorhanden ist, würde es mir lieber gewe-
sen sein, wenn ich durch direkte Beobachtungen hätte nach-
weisen können, dass das Junge der Cephalopodcn das Ei
füllt mit Saugnäpfen und Ilornringen oder Ilornhaken gefunden, die
offenbar demselben Thiere angehörten, und deren Platz an den Armen
noch bestimmt werden konnte. Man sieht daraus, dass man sehr vor-
sichtig mit der Angabe sein muss, dass diesen 'Ihieren die Cephalopo-
den als Nahrungsmittel dienen, weil einzelne solcher Hornringe oder
Haken im Magen gefunden werden ; werden dagegen Stücke der
Schnäbel, des Rückenschildes und der Augenlinsen gefunden, wie ich
sie öfters bei gewissen Formen gefunden habe, dann kann keine sol-
che MissdeutunjT stattfinden.
256 Steenstrup:
mit seinem äusseren Geschlechtsmerkmale verlässl; aber es
hat sich mir nur die Gelegenheit geboten , die Jungen einer
Art, nämlich einer Rossia , im Ei zu untersuchen, und alle
diese, welche zu einer und derselben Brut gehörten, schie-
nen mir desselben Geschlechts zu sein, nämlich Weibchen.
Erklärung der Abbildungen.
Tafel X erläutert die Stellung und Form des hectocotylisirten Ar-
mes (brachium copulator) bei den decapodcn Cephalopoden.
Fig. l. Loligo media Linn. ^. Kopf mit den beiden Baucharmen,
um zu zeigen, dass der vierte linke Arm papillentragend ist
und kleine Saugnäpfe im Verhältnisse zum rechten Arme hat.
Etwas vergrössert.
Fig. 2. Loligo Forbesii Stp. ^. Die papillentragende Spitze des vier-
ten linken Armes. Natürliche Grösse.
Fig. 3. Loligo gahi d'Orh. ^. Die Spitze des vierten linken Armes;
die Saugnäpfe sind nur an der einen Seite der Papillen um-
gebildet. Zweimal vergrössert.
Fig. 4. Sepioteuthis sepioidea Blv. (^. Die Spitze des vierten linken
Armes.
] in natürlicher Grösse, um das allge-
_ ,. , - _f meine Aussehen dieser neuen Gattung
Fig. 5. Loholus typus Stp. ^-fV .
** ^ , , !>•■«/ zu zeigen, und die aullallende Form
Fig. C. Loliolus affinis ^ l • . i- i a i n
^ /« u » jjgg vierten linken Armes , dem alle
/ Saugnäpfe fehlen.
^ ' > Dieser Arm zweimal vergrössert.
Fig. 7. Sepia ofßcinalis Linn. ^. Baucharme, um die eigenthümlichc
Umbildung des vierten linken Armes und seine Verschiedenheit
von dem rechten zu zeigen. Natürliche Grösse.
7'. Eine kleine Partie der Hautgruben an dem umgebildeten Theile
dreimal vergrössert.
Fig. 8. Sepia inermis van Hass. Eine ähnliche Partie , um das Ver-
halten des vierten linken Arms auch hier zu zeigen.
Fig. y. Sepiola Rondelelii d'Orb. ^. Das Thier in natürlicher Grösse,
um die natürliche Grösse und das Uebergewicht des ersten
linken Armes über den anderen zu zeigen.
9'. Dieser Arm von der ilückenfläche gesehen.
Die Hectocotylenbildung bei den Cephalopoden. 257
Fig. 9". Derselbe Arm von der Bauchfläche gesehen, f deutet eine
eigene Hautdille an, etwa dreimal vergrössert.
Fig. 9' '. Ein Paar Saugnäpfe von beiden Reihen an diesem Arme,
um ihre Stellung zu zeigen. Stark vergrössert.
TaTel XI erläutert theils die Stellung und Form des heclocotyli-
sirten Arms (brachium copulator) bei der Decapodengattung
Rossia, theils bei den octopoden Cephalopoden.
Fig. l. Rossia UUölleri Slip. f^. Die Rückenarme oder das erste Paar,
um die eigenthümliche Verlängerung der Saugnapfstiele an
der mittleren Partie des rechten und linken Armes, und die
stärkere Ausdehnung der Armborde an derselben Partie zu
zeigen. Natürliche Grösse.
1'. Ein Paar Saugnäpfe dieser Partie stärker vergrössert.
Fig. 2. Octüpus grönlandicus Dewh. (= 0. arcticus Presch.) ^. Na-
türliche Grösse, um die Stellung des hectocotylisirten dritten
Armes bei den Octopoden zu zeigen. Die vier Armpaare sind
bezeichnet ', ", '", "" ; die Buchstaben a, b, c, d bezeichnen
in dieser und den folgenden Figuren stets dieselben Theile
des Armes, nämlich: a die Endplalte ; b. b die muskulöse in-
wendig weisse Haulborde, welche durch Aufrollung gegen die
Seile des Armes eine Rinne oder einen Kanal bildet; c. den
Anfang dieser Rinne; d eine winkelförmige Hautfalte, welche
den saugnapftragenden Theil von der Endplatte abgrenzt.
Fig. 3. Octopus sp. indeterm. ^. Dritter rechter Arm mit einem
Theil des vierten rechten Armes. Natürliche Grösse.
Oclopus sp. nov. ^. Die Spitze des dritten rechten Armes.
Natürliche Grösse.
Heledone moschata Ledich. ^. Dritter rechter Arm. Natürli-
che Grösse.
Die Spitze desselben, etwas vergrössert.
Die Spitze von einem der sieben anderen Arme des Männ-
chens, schwach vergrössert.
Heledone cirrosa Lam. ^. Ein Stück der Spitze von einem
Arme des Männchens.
Philotiexis Qiioyanus d'ürb ^j um zu zeigen, dass nur sieben
Arme verbanden sind, welche nicht heclocotylisirt sind, und
dass der achte, der zum Hectocotylus umgebildete, in einem
Sack zwischen Auge und Trichter verborgen liegt. Dreimal
ver^r össert.
Fig. 8. Der Hectocotylus desselben, stärker vergrössert ; a. blasen-
förmiger Endtheil, d. flagellum, e.
Archiv f. Nalurgesch. XXll, Jahrg. 1. Bd. jy
JBeiilil^rkuiigeli übet* steuo £uropäi§clic
liäiig:€tliierc>.
Von
•f • II« RIasius 9
Professor in Braunschweig.
So wenig es auch auffallen kann, wenn man fortwäh-
rend in den fleissig durchforsclilen Gegenden Milleleiiropas
auf Neues oder Unbeobachletes aus den Reihen der wirbel-
losen Thiere stösst; um so unerwarteter muss es jedoch sein,
wenn man noch neue Arien der Wirbellhiere aufgerührt fin-
det. Es lässl sich zwar nicht leugnen , dass die kleinen
Saugethiere bisher noch sehr ungenügend beobachtet und
unterschieden waren, dass man für viele derselben sogar bis
jetzt noch l^ein sicheres Princip der Unterscheidung aufge-
funden hatte; diese Unsicherheit konnte jedoch billiger Weise
nur zu einer um so grösseren Vorsicht im Aufstellen neuer
Arten führen.
Ob eine Art wirklich neu und bis dahin unbeobachtet
ist, lässt sich nur nach den bisherigen Beschreibungen und
Darstellungen, oder nach den Originalexemplaren, die diesen
zu Grunde gelegt worden sind, entscheiden. Es liegen Bei-
spiele genug vor, dass Thierarten, an deren specifischer Be-
rechtigung gar nicht zu zweifeln isl, durch die Beschreibun-
gen oder Abbildungen , wenn man die Angaben buchstäblich
nimmt, auf immer unkenntlich gemacht, oder zu unergründ-
licher Unbestimmiheit verurlheilt worden sind. Wenn Arten,
von denen nur solche ungenügende Beschreibungen exisliren,
nicht wieder erkannt werden, und später aufs Neue als neu
auftreten ; so liegt dies in der Natur der IJinge. Nur wo
Blasius: Bemerkungen über neue Europäische Säugelhiere. 259
den späteren Darstellern Originalexemplare der früheren
Beschreibunoren zu Gebote stehen, ist eine überflüssiore Wie-
derholung" zu vermeiden; nur nach Originalexemplaren kön-
nen mit voller Sicherheit die Mängel früherer Beschreibun-
gen beseitigt werden. Es kann der Fall eintrclen, dass Ori-
ginalexemplare zu der üeberzeugung führen, man müsse von
den Angaben der ursprünglichen Beschreibung in wesentlichen
Punkten absehen, um die Art festhalten zu können. Ist eine
neue Art aber durch ihre Beschreibung oder Abbildung gänz-
lich unkenntlich gelassen; so wird die Wissenschaft, wenn
keine Originalexemplare entscheiden können, in der Lage
sein, gänzlich von ihr abstrahiren zu müssen. Die Art wird
höchstens als unauflösliches Räthsel , als Stein des Anstosses,
bis zu ihrem gänzlichen Vergessen ein kümmerliches Bücher-
leben führen können.
In manchen Fällen wird man jedoch aus Beziehungen,
die an und für sich Nebensache sind , aus geographischen
Rücksichten, aus einem Anklammern an untergeordnete Cha-
raktere, zu einem Urtheile gelangen können, das alle Gründe
der Wahrscheinlichkeit für sich hat. Ich glaube, dass man
ein solches Wahrscheinlichkeitsresultat für neue Arten aus
Gattungen, deren Arten mit voller Sicherheit zu unterschei-
den sind, für volle Sicherheit zu nehmen berechtigt ist,
so lange die bezüglichen Daten der Beschreibungen irgend
einen Zweifel zulassen , im Ganzen , so lange sie die
Höhe der jetzigen Artenunterscheidung nicht erreichen.
Man kann annehmen , dass jeder Autor einer ungenügenden
Beschreibung nach dem Masse seiner Einsicht zu Werke ge-
gangen ist; ist diese Einsicht nach seiner eigenen Angabe
lückenhaft und unvollständig, so kann man mit grösster Wahr-
scheinlichkeit, mit Sicherheit annehmen, dass er kein genü-
gendes Urtheil darüber hat, ob ein nach seiner Ansicht ab-
weichendes Thier zu einer neuen, noch unbeschriebenen Art
gehört, oder als Abänderung zu einer lange bekannten Art
gestellt werden muss. Ist dagegen eine Beschreibung in
allen zur Unterscheidung wesentlichen Dingen exact, so wird
es leicht sein , auch eine irrlhümlich für neu angesehene
Form richtig unterzubringen, hrthümer, die in exactcr Form
auftreten , können der Enlwickelung der Wissenschaft nicht
Ö60 Blasius:
schaden, indem sie in der Art ihres Auftretens auch die Mit-
tel darbieten, sie wieder zu beseitigen.
Nicht selten werden Zoologen oder zoologische Lieb-
haber in ihrem Urlheile über neue Arten dadurch irre ge-
führt , dass es ihnen an genügendem Material zur Verglci-
chung fehlt. Wer verwandle Thierarlen nach zahlreichen Indivi-
duen untersucht hat, wird sich gleichzeitig von zwei schein-
bar einander widersprechenden Nalurgcsetzen überzeugt haben
können, davon dass :
1) alle einzelnen Charaktere, Grösse, Körperform und
Körperverhällnisse, äusserliche wie innerliche, Farben und Far-
bengegensätze, in gewissen Grenzen nach Alfer, Jahreszeit,
Lokalität und vielen anderen, oft unerkannten Beziehungen
bei einer und derselben Art schwanken können, und
2) dass ungeachtet der Annäherungen, die durch solche
Schwankungen zwischen verschiedenen Arten hervorgehen
können, doch nie zweifelhafte Uebergänge zwischen zwei Ar-
ten vorkommen , sondern jede Species von allen übrigen
strenge geschieden audritt.
Bastarde sind keine Uebergänge. Wirkliche Ueber-
gänge heben die Arttrennungen von denjenigen Formen auf,
zwischen welchen sie bestehen. Beschreibungen , auch die
ausführlichsten, die nicht immer die besten sind, können ihrer
Natur nach nie ganz erschöpfend sein. Keine einzige Be-
schreibung kann alle Schwankungen individuell charakterisi-
ren, sondern nur nach ihren Grenzen allgemein andeuten. Es
ist erklärlich, wenn Jemand, der nur nach Beschreibungen
urtheilt, und dem wenig Material zur Vergleichung zu Ge-
bote steht, in einer beliebigen individuellen Schwankung eine
neue Form erblickt. Sie kann auch wirklich als individuelle
Form neu, in Beschreibungen unerwähnt sein, und doch in-
nerhalb der Grenzen einer altbekannten Art liegen. Auch
Irrlhümer solcher Art lassen sich mit Sicherheit oder doch
mit der grössten Wahrscheinlichkeit erledigen. Neue Spe-
cies dieser Art glauben ein^^ Berechtigung oder Beruhigung
in dem Grundsätze zu finden, dass die Vorstellung von der
Species individuell oder subjectiv sei. h h lialie diesen Grund-
satz nicht allein für falsch , sondern auch für verderblich,
und bin überzeugt, dass er nicht aus gründlicher Untersuchung
Bemerliungen über neue Europäische Säugethiere. 261
zahlreicher Individuen verwandter Arten , sondern aus einer
bequemen, oberflächlichen Betrachtung, oder sogar aus einer
willkührlich sich bescheidenden Naturphilosophie a poste-
riori entstanden ist. Alle Fälle, in denen ich durch jahrelang
wiederholte Untersuchungen von zahlreichen Individuen zu
einer vollen Sicherheit glaube gekommen zu sein , haben
mich zu dem entgegengesetzten Resultate geführt.
Bestimmte, eigenthümliche Abweichungen von dem Typus
einer Art erscheinen oft an eine bestimmte Oertlichkeil gebun-
den, und sind dann nicht selten zur Aufstellung neuer Arten
verbraucht worden. Solche Lokalformen, örtliche oder kli-
matische Rassen , haben immer ein bestimmtes wissenschaft-
liches Interesse, auch wenn man ihnen jede Artberechtigung
absprechen niuss. Dies kann man aber von Abweichungen,
die auftreten, ohne die Älöglichkeit eines bestimmten Zusam-
menhanges andeuten zu können, nicht behaupten. Ganz ohne
jedes wissenschaftliche Interesse sind ohne Zweifel alle Ver-
suche, neue Arten aufzustellen, die nicht auf einer genügen-
den Kenntniss der vorhandenen Arten beruhen und auch
nicht auf eine genaue Charakteristik der angeblich neuen Ar-
ten eingehen. Beschreibungen solcher Art sind prädestinirte
Bücherspecies, die nicht einmal durch Originalexemplare auf-
geklärt werden können , wenn nicht alle Originalexemplare
zur Disposition stehen , falls von solchen mehr als ein ein-
ziges existirt; denn der Autor könnte leicht Individuen ver-
schiedener Species der Beschreibung einer einzigen Bücher-
art zu Grunde gelegt haben, wie es nachweislich wiederholt
geschehen ist. Wenn es nicht möglich ist, solche Fälle mit
Sicherheit zu erledigen; so scheint es mir genügend, sie
nach Wahrscheinliciikeitsgründen zu beseitigen, wenn man
nicht gezwungen wird, sie nach der Natur der Darstellung
gänzlich zu ignoriren.
Ich habe diese Andeutungen ausgesprochen , um mich
in einigen kritischen Bemerkungen über einige in den letz-
ten Jahren als neu aufgestellte Arten Europäischer Säuge-
thiere kurzer lassen zu können.
1. Arvicola leucurus Gerbe.
Jn der Revue de Zool. 1852. 6. p, 2(30 giebt Gerbe
262 Blasius:
eine ganz ausgezeichnete Beschreibung einer neuen Feldmaus
aus den Alpen von Barcelonetle. Die Beschreibung liefert
so viele Anhallspunkte lür die Beurtheilung dieser neuen
Form, dass ich mich für berechligt hielt, vor einigen Jahren
auch ohne Kenntniss der Originalexemplare , ohne jede an-
schauliche Untersuchung des Thiers, gegen meinen Freund
Andreas Wagner eine bestimmte Ansicht über ihre Art-
bereciitigung privatim auszusprechen. Mehrere Originalexcm-
plare dieser Thierforni und zahlreiche Exemplare, die ich seit
der Zeit in den westlichen Alpen selber gefangen und unter-
sucht habe, sind vollständig überzeugende Belege zu dieser
früher schon ausgesprochenen Ansicht geworden. Diese an-
geblich neue Art stimmt in allen wesentlichen Eigenthündich-
keiten mit Arvicola nivalis Mart. oder Hypudaeus alpinus Wag-
ner vollständig überein. Grösse , Körperverhältnisse , Schä-
del - und Gebisseigenthümlichkeilcn liegen ganz innerhalb der
Grenzen von A. nivalis. Nur die Farbe ist etwas abwei-
chend, kommt aber in allen Uebergängen zu A. nivalis vor.
Man hat also allen Grund, diese Form nur für eine örtliche
Rasse der A. nivalis zu hallen. Ich besitze diese Form aus
den nordwestlichen und westlichen Alpen von Meiringen, der
Umgebung des Genfersees, aus Savoyen und der Provence
in mehrfachen Exemplaren, überall nur aus den eigentlichen
Voralpen des Cenlralgebirges. Gerbe giebt selber eine
Höhe von 4500 bis 6000 Fuss an. Die eigentliche A. nivalis
kommt dagegen hauptsächlich in den Cenlralalpen und Pyre-
näen bis zu einer Höhe von IQOOO Fuss vor, und fehlt in
den bedeutenderen Höhen der Centralkette der Alpen von Mont-
blanc an bis zu den östlichen Tauern wohl nirgends. Beide
Formen kommen in den westlichen Alpen stellenweise neben-
einander vor. Es ist ein allzu unbestimmter und dadurch
bedeutungsloser Ausdruck, wenn die sonst vortreffliche Be-
schreibung sagt, das Gebiss sei von dem der A. Savii, in-
certus, amphibius und nivalis wenig abweichend. Das Gebiss
ist mit dem von A. nivalis vollkommen übereinstimmend,
nähert sich dem von A. amphibius und ratticeps, und hat mit
dem Gebisse aller übrigen Arten sehr wenig gemein.
Wenn die Beschreibung von Arvicola Lebrunii CrespOn.
nicht mit jedem sicheren Anhaltspunkte der Beurtheilung ver-
Bemerkungen über neue Europäische Säugethiere. 263
schonl geblieben wäre; würde ich es für mehr als wahr-
scheinlich halten, dass dieser neue Name auch zu derselben
Art zu ziehen sei.
2. Arvicofa Selysii Gerbe.
In der Kevue de Zool. 1852. 7. p. 505 liefert Gerbe
eine vortrefllche, sorgfältige Besehreibung dieser Form, die
nach der Zahl der Zitzen und Bildung der Ohren und Augen
nur mit A. subterrancus oder A. Savii verglichen werden
kann. Grösse und Körporverhältnissc lassen keinen Unter-
schied von A. subterrancus De Selys erkennen. Auch in
Schädel und Gebiss ist in allen wesentlichen Eigenlhümlich-
keiten keine Abweichung von dieser Art zu sehen. Zahl-
reiche Exemplare dieser Art, die ich aus derselben Quelle er-
hielt, aus der Gerbe die seinigen erhalten hatte, von Abbe
Caire aus Barcelonette , andere , die ich in den westlichen
Alpen, inSavoyen selber gefangen, und ein Originalexemplar
von Gerbe, welches ich der freundlichen Mittheilung De
Selys verdanke, haben mir die Ueberzeugung gegeben, dass
diese Form als eine Lokalrasse von A. subterrancus angese-
hen werden muss. Als Unterschiede von A. subterrancus
hebt Gerbe selber hervor: längeres Haar und licht gelb-
liche Weichen, ein breiterer Schädel und grössere Dimen-
sionen der Augenhöhlen und des Hinterhauptslochs. Origi-
nalexemplare De Selys von A. subterrancus aus der Au-
vergne weichen in der Färbung nicht merklich von A. Selysii
ab , während die aus Belgien und Deutschland mehr grau
sind. Etwas längere und dichtere Behaarung haben die Berg-
forinen im Gegensatze zu denen der Ebene bei einer und der-
selben Art fast immer. Bei manchen Individuen finde ich
auch hierin keinen Unterschied. In den Dimensionen des
Schädels, der Augenhöhlen und des Hinlerhauplslochs finde
ich solche Schwankungen , dass es mir nach den blossen
Schädeln nicht möglich ist, eine scharfe Grenze zu ziehen.
Obwohl die Schädel der Thiere von Barcelonelte sich in der
Grösse der Augenhöhlen meist sichtlich auszeichnen ; so fin-
den sich doch Annäherungen an die nordischen Formen von
A. subterrancus vor, die nur um ein Millimeter abweichen.
DiA ,die ^chü^cl ijn AUgemeinen bei beiden Formen in viel
264 Blasius:
weiteren Grenzen schwanken , so scheint es mir von der
Natur geboten, solche schwache Abweichungen als Artunter-
schiede nicht hervorzuheben. Der Angabe, dass der letzte
obere Bactienzahn ein Prisma auf der Innenseile mehr besit-
zen solle, als A. pyrenaicus , die sich auch nur in geringen
Färbungsnuangen von A. subterraneus unterscheidet, kann
ich aufs bestimmteste nach Originalexemplaren, die ich von
DeSelys erhalten, widersprechen. Gerbe erklärt selber,
dass sich A. Selysii von A. incertus De Selys durch 4 Prismen
auf der Innenseite dieses Backzahns unterscheide, und die-
selbe Zahl von Prismen hat ein Originalexemplar der A. py-
renaicus ebenfalls. Ich würde mir diese Angabe nur erklä-
ren können, wenn die Prismenzahl dieser Zähne nicht con-
stant wäre, was meinen bisherigen Erfahrungen widerstreitet.
3. Arvicola ihericus Gerbe.
Die Beschreibung dieser neuen Art in der Revue de
Zool. 1854. p. 400 und p. Ö08 ist nur nach einem einzigen
trockenen Balge des Pariser Museums aus Murcia entworfen,
bietet also natürlich nicht so zahlreiche und sichere Anhalts-
punkte zur Beurtheilung dar, wie man in anderen Beschrei-
bungen von Gerbe zu finden gewohnt ist. Ich habe das
Originalexemplar nicht gesehen , will aber doch einige Be-
merkungen, die beim Durchlesen der Beschreibung auffallen
müssen, nicht unterdrücken. Diese neue Form ist nach Ger-
be's Angabe der A. incertus De Selys am nächsten, sogar
bis zum Verwechseln nahe. De Selys erklärt sich in Be-
zug auf A. incertus selber noch unentschieden , ob man in
derselben eine gute Art oder eine Lokalrasse von A. Savii
zu erblicken habe. Nach Originalexemplaren , die ich der
freundlichen Mitlheilung De Selys verdanke, scheint mir das
letztere anzunehmen. In Bezug auf A. ibericus ist dies je-
doch nicht von Bedeutung, indem nur von A. incertus Ori-
ginalexemplare zur Vergleichung vorliegen. Als Verschie-
denheiten des A. ibericus von A. incertus führt Gerbe an:
bedeutendere Grösse, stärkeren Kopf und stärkere Füsse,
weniger dunkle und etwas gelblichere Färbung, schärfere Son-
derung der entschieden weisseren Unterseite und stärkere
Erhebung der hinteren Schädelregion. Die bedeutendere
Bemerkungen über neue Europäische Säugethiere. 265
Grösse, fast 172" Tofallänge mehr, ist nach dem Balge ge-
messen, also nicht ganz zuverlässig. Diese Unsicherheit zeigt
sich sogar im Verglei(!he der Mansse unter sich ganz auf-
fallend. Der Kopf soll 35nim. oder 15,5'" lang sein, wäh-
rend der Schädel Fly^. 6 u. 7 nur 11,8'" lang angegeben wird.
Eins dieser Maasse ist mit dem anderen gleichzeilig unmög-
lich. Nun aber sind die Zeichnungen von Gerbe meist genau
nach den Dimensionen der Wirklichkeit ausgeführt und die
Schädellänge von A. ibericus übertrifft die des in Fig. 1 u. 2
abgebihleten Schädels von A. incerlus , der 11,4"' lang ist,
nur um 0,4'". Ich besitze Schädel von A. incerlus, bei de-
nen der Unterschied auf 0,2'" herabsinkt. Der Hinterfuss
von A. ibericus wird zu ISmm. oder 8"' angegeben , wäh-
rend der von A. Savii und incertus nach mehrfachen vorlie-
genden Exemplaren im Mittel 7"' bis 7,5'" ist. In diesen
auch bei einen» Balge unveränderlichen Maassen ist eine An-
näherung beider Formen in der Grösse in so hohem Masse
nicht zu verkennen, dass man in diesen Punkten wohl nicht
leicht eine Nölhigung zu specifischer Sonderung finden wird.
Das in Fig. 8. a, b dargestellte Gebiss stimmt vollständig mit
dem überein , welches ich bei zahlreichen A. Savii und in-
certus beobachtet habe. Auf die abweichenden Farbennuangen
würde sicherlich am wenigsten Werlh zu legen sein, da die
so nahe verwandten Formen auch vielfach abändern und eine
Grenze sehr erschweren, wenn nicht unmöglich machen. Als
einzigen wichtigen Anhaltspunkt hätte man dann noch die
verhältnissmässig grössere Breite des Schädels und die stär-
kere Erhebung des Hinterhaupts. Dass der Werth dieser
Charaktere sehr zweifelhaft wird, wenn man bedenkt, dass
diese Eigenthümlichkeiten bei einer und derselben Art, und
besonders auch bei den nächstverwandten, vielfach schwan-
ken, liegt wohl auf der Hand. Solange die spanischen kleinen
Feldmäuse nicht nach frischen oder Spiritusexemplaren gründ-
lich untersucht sind , wird man sich über ihre Artberechti-
gung noch nicht beruhigen können. Jedenfalls sind die bis
jetzt angegebenen Unterschiede von A. incertus oder Savii
noch nicht ausreichend, um ein Artrecht für A. ibericus zu
begründen.
26Ö Blasius:
4. Sorex ehr ysothorax Dehne,
Unter diesem Namen beschreibt Dr. A. Dehne in (jer
Allgemeinen deutschen natiirhislorischen Zeitung 1855. no. |5.
p. 241 eine Spitzmaus aus der Gegend von Dresden als neue
Art. Nichts kann interessanter sein, als nach den ausgedehn-
ten Studien und Sammlungen von H. Nathusius noch Ge-
naueres von einer neuen Spitzmausarl aus der Mitte Europa's
zu erfahren. Ich selber habe mich seit langer Zeit über die
Arten der Europäisciien F'auna zu meiner eigenen Belehrung
sorgfältig in's Klare zu bringen gesucht, und seit etwa
zwanzig Jahren mit eigener Hand in den meisten Ländern
Europa's zu diesem Zw<'cl\e nicht ohne Erfolg gesammelt und
sammeln lassen. Sämtntliche Spitzmäuse, die ich in frischem
Zustande oder in Spirilusexemplaren untersucht habe, gegon
800 Exemplare , sämmtliche Europäische Exemplare , die ich
in Europäischen Sammlungen gesehen habe , gehören zu
den bekannten Arten: S. fodii^ns , alf)inus, vulgaris, pyg-
maeus , leucodon , Araneus, Elruscus. Das Originalexemplar
von Sorex Antinorii Bonap. in Turin Iialte ich für einen in
Spiritus gebleichten Sorex alpinus Scliinz. Auch über Cro-
cidura thoracica Savi bin ich nur eine Zeitlang in Zweifel
gewesen. Sorex castaneus und labiosus Jenyns kann man
nur mit S. vulgaris zusammenstellen. Sorex rusticus und
hibernicus Jenyns und Sorex pumilus Nilss. sind identisch
mit S. pygmaeus Fall. Sorex suaveolens Fall, ist identisch mit
S. Etruscus Savi. Jede dieser Arten hat eine ziemlich aus-
gedehnte Verbreitung, und fehlt innerhalb deren Grenzen an
geeigneten Orten nirgends. Sorex alpinus kommt durch die
ganze Alpenkelte, Crocidura Etruscus in allen Ländern am
Mittelmeere vor ; die übrigen Arten sind fast in allen Län-
dern Europas verbreitet.
Nach Berücksichtigung der vorhergehenden Andeutun-
gen kann das Interesse für diese neue Art nur steigen. Hö-
ren wir nun den Autor! Ich will aus der Ikschreibung nur
das hervorheben, was specifisch charakleri.slisch sein könnte.
„Diese Spitzmaus findel sich sehr selten in den Ber-
gen am linken Eibufer der Dresdener Gegend;" der Verfasr
§er besitzt ein einziges Exemplar, ein Männchen! Un-
Bemerkungen über neue Europäische Säugethiere. 267
ter Umständen könnte das ausreichen, eine neue Art zu cha-
rakterisiren ! „Sie macht ein naiürliches Bindeglied zwischen
den Unlergaltuniren Sorex und Crocidura , doch neigt sie
sich nach ihrem Habitus entschieden mehr der ersten zu."
Das ist ein sehr gewichtiges, folgenschweres Wort: denn bis
jetzt ist in der ganzen Well kein solches Bindeglied gefun-
den worden. Wenn ein specieller Nachweis über diese Bin-
desteiliiDg gegeben wäre, so würde das allein ausgereicht
haben, eine neue Art zu begründen. Da sich in der Beschrei-
bung leider auch nicht eine einzige entfernte Andeutung
vorfindet, worin der Charakter dieses „natürlichen Bindeglie-
des^^ besteht; so geht man wohl sicher nicht fehl, wenn man
annimmt, dass der Verfasser diese wichtige Aeusserung
nicht ernstlich gemeint, sondern nur so leichthin ausgespro-
chen habe.
Zur Beoründuno- einer Mittelstelluno- zwischen den bei-
den genannten Gattungen würde es nothwendig gewesen sein,
festzustellen : ob der Schädel hinten stark gewölbt oder flach,
vorn hng verschmälert oder kurz zugespitzt, die Oberkiefer-
beine hinler dem letzten Backenzahn in einen spitzen Kno-
chenfortsalz ausgezogen oder abgerundet, die Stirnbeine ne-
ben der Mittellinie durch eine rundliche Oeffnunff durchbohrt
oder nicht durchbohrt, ob 5 dunkelgefärbte oder 3 oder 4
weisse einfache Lückenzähne im Oberkiefer vorhanden gewe-
sen seien u. s. w. üeber Alles das schweigt die Beschreibung.
Dagegen aber ist erwähnt, dass hie und da zwischen
den kürzeren Schwanzhaaren längere Stachelhaare stehen,
dass der Kopf ganz den Charakter von Crocidura trägt, die
Zähne weiss , die Lippen wulstig, die Ohren gross u. s. \v.
seien. Man kann nach diesen Andeutungen , in Rücksicht
darauf, dass die wichtigsten Verhältnisse beider Gattungen
unberührt geblieben und nur die äusserlichen , augenfälligen
erwähnt sind, die Angabe eines „natürlichen Bindegliedes,
das sich zur üntergatlung Sorex neigt" dahin übersetzen, dass
das vorliegende Exemplar mit Sicherheit zur Untergattung Cro-
cidura zu stellen sein wird.
Von dieser Galtung sind bis jetzt zwei einheimische
Arten bekannt: Cr. leucodon und Araneus. Um die neue Art
sicher zu begründen, hätte sie mit beiden genau verglichea
268 Blas ins:
werden , oder die Beschreibung hätle das Charakteristische
mindestens erwähnen müssen.
Beide Arten unterscheiden sich ausser den äusserlichen
Farbengegensätzen und der relativen Schwanzlänge ganz
constant durch das Gebiss und die Schädelform; an mehr als
drittehalb hundert Exemplaren der einen und gegen hundert
der anderen Art habe ich wenigstens Iveine wesentliche Ab-
weichung gefunden.
Der dritte oder letzte einfache Zahn im Oberliiefer ist
bei Cr. Araneus höher als die erste Spitze des folgenden Bak-
kenzahnes und steht ganz frei und unverdeckt , von aussen
der ganzen Breite nach sichtbar, in der Zahnreihe, während
derselbe Zahn bei Cr. leucodon nicht die Höhe der ersten Spitze
des folgenden Backzahns erreicht, und halb nach innen ge-
drängt , in der flachen Innenbucht des folgenden Backzahns
eingefügt, von aussen nur zum geringen Theil sichtbar bleibt.
Um einen festen Anhaltspunkt zur Beurlheilung dieses Ver-
hältnisses zu haben, betrachte man den Schädel so von der
Seite, dass die hohen Spilzen des ersten vielspitzigen Backen-
zahns beiderseits einander decken. Der Rand des Oberkie-
fers verläuft , dieser Verschiedenheit entsprechend , bei Cr.
Araneus in einen gleichmässiggerundelen , flachen Bogen,
während er bei Cr. leucodon an der Einfügungsslelle dieses
Zahns plötzlich winkelig eingeknickt erscheint. Der vordere
Theil des Kiefers erscheint dadurch bei Cr. leucodon so kurz
und gedrungen , dass die vordere Spitze des ersten vielspit-
zigen Backenzahnes weit vor die Mitte der ganzen Länge
der Zahnreihe zu stehen kommt, während dieselbe Spitze bei
Cr. Araneus in der Mitte der Zahnreihe steht. Der Ober-
kieferrand am vorletzten Backenzahne ist stumpf abgerundet
bei Cr. leucodon, und in eine vortretende Spitze ausgezogen
bei Cr. Araneus. Dadurch erhält die Gaumenansicht beider
Schädel eine ganz abweichende Gestalt.
Durch eine Beschreibung, die, wie die vorliegende, auf
alle diese Verhältnisse keine Rücksicht nimmt, wird schwer-
lich eine Art, auch wenn sie neu sein sollte, als neue Art
für begründet angesehen werden können. Der Autor kann
die Erörterung der Schädel- und Gebissverschiedenheiten nur
desshalb übergangen haben, weil sie entweder ihm nicht
Bemerkungen über neue Europäische Säugelhiere. 269
klar gewesen oder weil er keinen Werth auf dieselben ge-
legt hat. In beiden Fällen ist die Aufstellung einer neuen
Art sehr leicht genommen worden.
Und dann käme es bei Beurliioilung der Arlberechligung
vorzugsweise darauf an , zu sehen , ob die in der Beschrei-
bung erwähnten Kigenthümlichkcilen mit einer bekannten Art
übereinstimmten. Wenn man sich wegen des negativen Cha-
rakters der Beschreibung über die wichtigsten Eigenthüm-
lichkeiten beruhigen oder vielmehr hinwegsetzen muss ; so
könnte man sich bei üebereinstimmung der weniger wichti-
gen sicherlich auch beruhigen.
Die Beschreibung sagt, diese neue Art sei grösser als
Sorex tetragonurus oder vulgaris , und der Schwanz eben so
stark, aber länger als bei dieser. Um diese Verhältnisse mit
Sicherheit beurtheilen zu können, will ich die vom Autor
angegebenen Maasse mit denen der drei in Betracht zu zie-
lienden anderen Arten, nach normalen allen Thieren von Mit-
telgrösse in frischem Zustande nach Pariser Mass gemessen,
zusammenstellen:
1. 2. 3. 4.
Maasse von S. chrysolhorax, S. leucodon, S.Araneus, S. vulgaris
Tolallänge . 4" 4". 1'" 4". 2,5'" 4". 2,5'"
Körperlänge 2". 8'" 2". 9'" 2". 8'" 2". 7,5"'
Schwanzlange 1". 4'" 1". 4'" 1". 6,5'" 1". 7'"
Kopflänge . 1" 11,5'" 11,5'" 11'"
Ohrlänge . 3'" 2,8'" 2,8"' 2,7'"
Hinlerluss . 5,5'" 5,6'" 6'" 6,2"'
Der Körper ist allerdings uui ein geringes grösser, als
der von Sorex vulgaris ; dass aber der Schwanz auch länger
genannt wird, widerspricht des Verfassers eigenen Maassen.
Von einer ganz sorgfältigen Vergleichung zeugt diese An-
gabe nicht.
Dagegen ist es unverkennbar, dass dies fragliche Indi-
viduum von S. chrysolhorax, so genau als man es von zwei
verschiedenen Individuen einer und derselben Art, die von zwei
verschiedenen Zoologen gemessen worden, verlangen kann,
milCrocidura leucodon übereinstimmt. Und eben so klar ist
es, dass, wenn der Autor sorgfältig gemessen hat, an eine
Vergleichung mit den beiden anderen Arten, um dieselben
270 Blasius:
ZU identificiren, nicht zu denken ist. Die übrigen Arten költi»-
men vollends nicht in Betracht.
in der Beschreibung- heisst es weiter: „der Oberkiefer
ist bräunlich rostfarben, das Kinn weiss, Kehle silbergrau,
Brust schön goldgelb, Bauch silbergrau, so dass diese Far-
ben in der Mitte des Unterkörpers scharf be gre n zt sind;
Zehen weiss, Mille der Beine silbergrau." Das ist, wenn
man sich die goldgelbe Farbe der Brust nicht allzu unbe-
scheiden intensiv denkt, zwar nicht die gewöhnlichste, aber
doch eine sehr häufi-je Färbung von Crocidura leucodon. Ich
habe wiederholt im Verlaufe von wenigen Tagen 60 bis 80
Stück Cr. leucodon in frischem Zustande erhallen, unter de-
nen einigemale 6 bis 12 Stück von der bezeichneten Färbung
enthalten waren, die in allen übrigen Eigenschaften nicht von
den normalgefärblen Exemplaren abwichen, und von denen
mehrere durch allmähliche Abstufung und Abschwächung der
gelben Bruslfarbe allmähliche Uebergänge zu der Normalfär-
bung darstellten. Obwohl ich noch nicht weiss , unter wel-
chen Umständen diese gelbliche Färbung der Brust eintritt,
so bin ich darüber keinen Augenblick im Unklaren geblie-
ben, dass diese Färbungen von Cr. leucodon nicht specifisch
zu trennen seien.
In der vorliegenden Beschreibunfj finde ich nicht eine
einzige Eigenlhündichkeit , die von Cr. leucodon in der be-
zeichneten Färbung abwiche. Dagegen sind mehrere Anga-
ben gemacht, die mit Cr. Araneus nicht übereinstimmen; an
eine Uebercinslimmung oder auch nur an eine Verwandt-
schaft mit Sorex vulgaris ist gar nicht zu denken.
Das Endresultat liegt auf der Hand. Hat der Verfasser
die ernstliche Absicht gehabt, den Zoologen die Ueberzeu-
gung beizubringen , dass das beschriebene Individuum von
Crocidura leucodon specifisch verschieden sei, so hat er nicht
die zureichenden Mit'.el dazu angewandt. So lange man in
der Beschreibung einer angeblich neuen Art keine einzige
Eigenthnmlichkeit hervorgehoben findet, in der dieselbe nicht
mit Crocidura leucodon übereinstimmt, ist man berechtigt,
sie bis auf Weiteres für Crocidura leucodon zu halten.
In einer Nachschrift erklärt Dr. L. Reichenba ch:
j,lch habe mit grossem Vergnügen diese sehr merkwürdige
Bemerkungen über neue Europäische Säugelhiere. 271
Entdeckung meines geehrten Freundes kennen gelernt. In
Hinsicht auf die Art bin ich allerdings kaum in Zweifel ge-
blieben, dass dieselbe mit der in meiner vollständigen Na-
turgeschichte der Säugelhiere: Raubsäugethiere S. 345 be-
schriebenen und unter No. 720 abgebildeten braunbrustigcn
Spitzmaus, Topino peltirosso : Crocidura thoracica Bonap. fauna
ilalica einerlei ist, folglich diesen Namen behalten niuss.
Beschreibung und Rlaass stimmt ganz überein. Da aber Bo-
naparte nur ein einziges Exemplar in Toscana erhalten,
folglich zweifelhaft blieb , ob dasselbe nicht Varietät einer
anderen Art sei, mir auch nicht bel\annl ist, ob man ein
zweites irgendwo auffand , so ist diese Entdeckung eines in-
nerhalb Sachsens erlangten Exemplars vom höchsten Interesse
und ein neuer Beweis für die oft ungeahnte Verbreitung
mancher noch wenig beobachteten Thiere."
Diese Ansicht Re ic h en ba c h's würde sehr geeignet
sein können, mich in meiner Ansicht über das beschriebene
Exemplar wankend zu machen, da Reichenbach in der
erfreulichen Lage gewesen ist, das fragliche Individuum per-
sönlich kennen zu lernen. Da aber Reichenbach nur
eine ganz allgemeine abweichende Ansicht über das beschrie-
bene Thier ausspricht, ohne dessen Kenntniss durch irgend
eine bestimmte Thatsache zu vermehren, so kann man wohl
mit Wahrscheinlichkeit annehmen, dass es auch von ihm nur
angesehen, nicht auf die enlscheidetuien Eigenlhümlichkeiten
genau untersucht worden ist. Die beigelüglen Aeusserungen
können mir demnach keine sachlichen Gründe darbieten,
meine Schlüsse für irrig anzusehen. Crocidura thoracica Savi
in Bon. Iconogr. d. f. it. hat eine braungraue Oberseite,
eine weissliche, mit längeren dunkelen Haaren untermischte
Unterseite und einfarbioen Schwanz, dessen relative Länae
nur dann von Bedeutung wird, wenn man weiss, ob das
Thier frisch gemessen ist. Bonaparte erklärt, dass er
dies Thier für eine Varietät von Cr. Araneus gehalten haben
würde, wenn nicht Savi es für eine neue Art erklart halle.
Die Gründe, wesshalb es für eine neue Art anzusehen sei,
fehlen in allen wesentlichen Rücksichten. Da nun auch Cr.
Araneus, wie ich aus eigner Erfahrung weiss, mit gelbliclicr
Brust vorkommt, und diese Abweichung der Farbe in allen
272 Blasius:
Uebergängen zur nonnalen Cr. Araneus auftritt, so ist kein
Grund vorhanden, dem Urlheile B o n apart e's über ein Thier,
das seiner ßesehreibung nach mit Cr. Araneus in der Färbung
und im Uebrigen übereinstimmt, entgegenzutreten. Durch
die Miltheilungen Reich enbach's in oben citirter vollstän-
diger Naturgeschichte wird die systematische Kennlniss der
Cr. thoracica Savi , wie sie in der Iconografia della fauna
italica vorliegt, durchaus unvermehrt gelassen. Savi's An-
sicht von der specifischen Selbstständigkeit dieser Form, so
lange sie nicht durch überzeugende Gründe gestützt wird,
kann nicht allein entscheidend sein. Nur Gründe können
entscheiden , und die bis jetzt mitgetheilten neigen sich da-
hin, dass man Crocidura thoracica aller Wahrscheinlichkeit
nach für eine l'arbenvarielät von Cr. Araneus anzusehen habe.
Eine solche Waiirscheinlichkeit ist man gezwungen, so
lange für Sicherheit anzunehmen, bis durch sorgfältigere Un-
tersuchung der fraglichen Individuen, — für beide Iragliche
Arten sind ihrer zusammen zwei bekannt, — jeder Zweifel
erledigt ist. Da sich in beiden Beschreibungen nur Schlüsse
ziehen lassen, aus dem was milgetheilt ist, nicht aus den
weit wichtigeren Eigenlhümliclikeiten, die mit Stillschweigen
übergangen, also wahrscheinlich ununtersucht geblieben sind,
so lassen sich beide Tliiere nicht als neu , aber beide auch
nicht als unter sich übereinstimmend ansehen.
5. Micromys agilis Dehne.
„IVIicromys agilis , Kleinmaus, ein neues Säugethier der
Fauna von Dresden, aus der Ordnung der Nager. Beschrie-
ben von M. Joh. Fried r. Ant. Dehne, Dr. philos., Mit-
glied mehrerer gelehrten Gesellschaften, nach der Natur ge-
zeichnet von August Harzer. Holtlössnitz bei Dresden.
1841" ist der Titel eines kleinen Schriltchens, in welchem das
Thierchen zuerst als neue Art auftritt.
Der Verfasser erzählt, wie er auf einer botanischen
Excursion nach einem Torfbruche zu diesem Thierchen ge-
kommen, dem einzigen Exemplare, welches der Beschreibung
der neuen Art zu Grunde liegt, beschreibt dann das Exem-
plar und bespricht zuletzt seine systematische Stellung.
Es heisst S. 9: „Was die systematische Stellung anbe-
trifft, so fällt unsere Maus augenscheinlich mit Mus minulus.
Bemerkungen über neue Europäische Säugethiere. 273
M. betulinus , M. vagus Pall. zusammen ; aus diesen nebst
noch einigen mir weniger bekannten Arien kann man füglich
eine neue Gattung bilden , und ich nehme keinen Anstand,
diese mit dem Namen Micromys — Kleinmaus — zu bele-
gen; sie macht eine Miltelgattung zwischen Myoxus und Di-
pus, namentlich tamariscinus und meridionalis aus." Ich
möchte nicht behaupten, dass hier mit Wenigem Viel gesagt
sei , weil ich eigentlich von einer Mittelgattung zwischen
Myoxus und Dipus, namentlich „tamaricinus und meridionalis^^
ganz und gar keine Vorstellung habe, und der Autor zur Auf-
klärung dieser neuen Gattung dem Gesagten nur noch hinzu-
fügt: „Sollte uns das Glück zu Theil werden, mehrere Indi-
viduen von M. agilis zu bekommen , so hoffe ich auch auf
anatomischem Wege mich zu belehren, ob das Thierchen im
inneren Baue mit den Schlafmäusen, mit welchen es äusser-
lich so viel üebereinstimmendes hat, zusammentrifft.
Ein Gattungsbegriff, in welchem Mus minutus und va-
gus z. B. zusammenfallen, gibt uns auch nicht einmal eine
entfernte Vorstellung von den Gattungscharakteren, von dem
Gebiss dieses Micromys agilis ; auch deutet die Beschreibung
keinen einzigen Charakter der Art an. Wir erfahren nicht,
ob sie drei oder vier Backenzähne besitzt, worauf bei dem
Umfange dieser Gattung doch viel ankommen würde, beson-
ders da von einer Mittelbildung nacli Myoxus, Dipus und den
Arten von Meriones die Rede ist. Um uns eine ungefähre
Vorstellung von der Art zu machen, sind wir ganz auf die
Beschreibung S. 7 und die Vergleichung S. 10 hingewiesen.
Alle in der Schrift vorkommende Bemerkungen und An-
gaben deuten auf Mus minutus Pali. hin. Daher ist es wich-
tig zu lesen : „Von Mus minutus unterscheidet sich agilis
durch den weit längeren und weniger behaarten, merkwür-
digen, mit beweglicher Spitze versehenen Schwanz, und durch
den ganz gelben Unterkörper." Ich besitze Mus minutus aus
England, Frankreich, der Lombardei, aus verschiedenen Gegen-
den Deutschlands, aus Ungarn, Podolien, Russland und Sibi-
rien, und habe diese Art bei Braunschweig , am Rhein , in
Franken und der Lombardei zahlreich lebend beobachtet und
gefangen. Bei der Ueberschwemmung einer grossen Wiese
dicht vor ßraunschweig habe ich, gering angeschlagen, min-
Arcblv f. Naturgescb. XXII. Jahrg. 1. Bd. 18
274 Blasius:
destens zwei tausend Stück derselben an ein und demselben
Tage an Grashalmen kletternd sich flüchten sehen. Oefter
habe ich an geeigneten Steilen in einem Sommer über zwan-
zig Nester derselben in hohem Grase und niedrigen Büschen
oder im Schilfe gefunden. Ich will damit andeuten, dass ich
Mus minutus in der mannichfalligsten Ausbildung zu sehen
Gelegenheit gehabt habe. Ich habe zahlreiche Individuen
dieser interessanten Art noch vor mir, und finde, dass bei
einigen derselben der Schwanz etwas kürzer, bei anderen
länger ist als der Körper; bei agilis ist er einige Linien län-
ger als der ganze Körper. Bei Mus minutus ist der ganze
Schwanz beweglich; es kann also gar nicht auffallen, wenn
bei agilis die Spitze beweglich ist. Ich besitze Mus minutus
von schmutzig röthlichgrauer Färbung an bis zum hellsten
gelbrolh auf der Oberseite; von einer schmutzig -grauweis-
sen, gelblich-rosiweissen, rostgelblichen bis rein weissen Un-
terseile in allen üebergängen, ohne dass ausser dieser Ab-
weichung in der Färbung irgend eine Verschiedenheit an den
Individuen zu beobachten wäre. Die Farbe der Unterseite
ist theilweise vom Alter und der Jahreszeit abhängig, theil-
weise socrar scheint die Natur des Bodens sich schwach fär-
bend mechanisch auf der Unterseite auszusprechen. Das Exem-
plar von Dehne rührt aus einem Torfbruche her.
Ich muss gestehen , dass ich keinen einzigen Unter-
schied von Mus minutus finde. Auch die sehr interessanten
Bemerkungen, die Dr. Dehne nachträglich in demselben 6len
Hefte der Al!g. deutsch. Naturhist. Zeitung I. S. .237 über das
Thier giebt, stimmen mit den Eigenthümiichkeilen von Mus
minutus überein. So lange bis wir eine genaue Kennlniss
des Gebisses , und wirkliche specifische Unterschiede dieser
Microinys agilis erfahren haben, ist man gezwungen, diesen
Namen zu den sehr zahlreichen Synonymen von Mus minutus
zu stellen. Das Thierchen hat das seltsame Schicksal erlebt,
dass fast jeder Zoolog, dem es zufällig in die Hände gera-
then ist, es für eine neue Art anzusehen sich gedrungen ge-
fühlt hat. Hier erscheint es zuerst als neue Gattung; frei-
lich in einer Gesellschaft, die nicht allein das Gattungs- son-
dern auch das Artrecht keinen Augenblick in Zweifel ste-
hen lässt.
Bemerkungen über neue Europäische Säugethiere. 275
6. My oxus speciosus Dehne.
Unter diesem Namen ist in der Allgemeinen deutschen
Naturhislorischen Zeitung- 1. No. 5. S. 180 eine Haselmaus als
neue Art beschrieben, die Dr. Rabenhorst 1847 bei Tursi
im Basilikate gelangen hat. Auch von dieser neuen Art ist
nur ein einziges Exemplar bekannt.
Der Verfasser vergleicht dieses Thier nur mit M. avel-
lanarius, und man sieht aus den Angaben der Beschreibung,
dass man es als speciesberechtigt ansehen könnte, wenn es
von dieser Art genügend unterschieden wäre. Um die Di-
mensionen beurthoilen zu können, fuge ich den angegebenen
Maassen von M. speciosus unter No. 1 , die eines Exemplars
vom Harz von etwa 2000' Meereshöhe unter No. 2, eines
Exemplars, das ich selber in der Umgegend von Messina ge-
fangen, unter No. 3, und eines Exemplars von Braunschweig
unter No. 4 hinzu, sämmtlich nach Pariser Maass.
Maasse von M. speciosus — M. avellanarius
Die Beschreibung sagt: „Er — der prächtige Haselschlä-
fer — ist, wie die Dimensionen zeigen, um ein Beträchtliches
grösser, als Myoxus avellanarius L '^ Die Dimensionen zei-
gen hier im Gegenlheile, dass das beschriebene Exemplar nur
die Miltelgrösse eines M. avellanarius L. erreicht. Ich weiss
zwar nicht, welches Maass der Verfasser angewendet hat;
aber das alte Pariser ist das grösste, welches von Zoologen
angewendet zu werden pflegt. Und übrigens kommt es für
den, der aus Erfahrung weiss, wie sehrauch Thiere von der
276 Blasius:
vorliegenden Grösse in den Dimensionen schwanken , nicht
seiir auf die absolute Grösse der gewöhnlichen Zollmaasse an.
Die Abweichungen, die durch willkührliche Anwendung ver-
schiedener Messmelhoden, durch die Schwankungen in der
absoluten Grösse erwachsener Thiere hervorgebracht wer-
den können, wachsen über die relative Grösse des Maassla-
bes hinaus. Dass ich wirklich M. avellanarius und durchaus
zoologisch übereinstimmende Exemplare gemessen, weiss ich
aus genauer Untersuchung und aus der Vergleichung der-
selben mit anderen aus Thüringen, England, Schweden, Frank-
reich und der Lombardei. Ferner heisst es: „die Haare des
Schwanzes sind viel länger und stehen lockerer, auch ist
ihre Farbe lebhafter und vollkommen fuchsroth.« Die Haare
der Schwanzspitze werden zu 6"' angegeben; ich habe
Exemplare, an denen sie zwischen 4"' und 8'" wechseln.
Wer mehrere Exemplare aus verschiedenen Jahreszeiten un-
tersucht hat, wird sicherlich in der Dichtigkeit der Schwanz-
behaarung , und ebensowenig bei dem Schwanken der Ge-
sammtfärbung in der lebhaftem fuchsrolhen Färbung, keinen
specifischen Unterschied suchen. Dann heisst es weiter :
„der weisse Fleck an der Kehle, welchen Myoxus avellana-
rius so deutlich zeigt, fehlt hier gänzlich." Auf diesen Un-
terschied würde unter den bisherigen Angaben am meisten
Werth zu legen sein, wenn die Kehlfärbung bei M. avellana-
rius wirklich constant wäre. Das ist sie aber ebenso wenig,
wie die des übrigen Körpers. Ich habe wiederholt M. avel-
lanarius lebend und in frischem Zustande untersucht, und
nicht allein Exemplare mit weisser, sondern auch mit schmut-
zig rostweisslicher graurostfarbig überflogener, und blass
rothgelblicher Kehle gefunden, die in jeder anderen Bezie-
hung gute normale Haselmäuse waren. Auch alle noch fol-
genden Angaben der Beschreibung heben Eigenschaften her-
vor, die den normalen Haselmäusen zukommen, oder doch
innerhalb der Schwankungsgrenzen dieser Art liegen. Man ist
gezwungen, auch dieses beschriebene Exemplar nicht für neu,
sondern für Myoxus avellanarius zu hallen, wenn nicht noch
weit entscheidendere Gegensätze und Abweichungen hervor-
gehoben werden.
Sollte das Exemplar wirklich ernstlich auf eine neue
Bemerkungen über neue Europäische Säugethiere. 277
Arl untersucht werden , so würde vor allen Dingen das Ge-
biss zu beachten sein, da sich alle Myoxus-Arten im Zahn-
baue bestimmt unterscheiden. Es würde dabei aber wohl
zu beachten bleiben , dass die Gestalt der Zahnkronen bei
einer und derselben Art nach dem Alter durchaus verschie-
den erscheint, und sich sogar, trotz constanter Uebereinstim-
mung im Baue der Zähne, die eine Kieferhälfte ganz anders
zeigt, als die entsprechenden Zähne der andern.
Uebrigens muss ich noch bemerken, dass Myoxus avel-
lanarius vom südlichen Schweden und England an durch Mit-
tel- und Südeuropa ganz allgemein verbreitet ist.
7. Musculus mollissimus J)ehne.
Raffinesque - Schmalz , bekanntlich einer der
leichtfertigsten und unzuverlässigsten Zoologen, durch welchen
die Fauna Europa's mit unenträthselbarer Verwirrung ver-
mehrt worden ist, ehe er den Schauplatz seiner Thätigkeit
in einen anderen Weltfheil versetzte, hat in seinem Precis
eine Gattung Musculus aufgestellt, in welcher er zwei neue
Arten aufführt. Es liegt zwar kein Grund vor, der dagegen
geltend gemacht werden könnte, in der grösseren Art Mus-
culus frugivorus, vielleicht Myoxus Glis, der in Sicilien sehr
gross vorkommt, in der andern Mus sylvaticus zu erblicken;
bei der anerkannten zoologischen Schwindelei und Oberfläch-
lichkeit von Raffinesque-Schmalz kann es aber kaum
ein Interesse haben, diese Thiere zu deuten. Originalexem-
plare existiren nicht; keine einzige Sammlung in Sicilien hat,
ausser den beiden genannten, Thiere aufzuweisen, die auf
die leichten Angaben des Autors auch nur hindeuten könnten.
Ich selber habe mit Erfolg in Sicilien und bei Neapel kleine
Säugethiere gesammelt, ohne je eine Spur von Arten zu fin-
den, die nicht anderwärts her schon bekannt gewesen wären.
In derAllg. deutsch. Naturhist. Zeitung I. No. 11. p. 443
wird die sehr unbestimmte und apocryphe Gattung Musculus
durch eine neue Art unter dem oben bezeichneten Namen
vermehrt. Dr Rabenhorst hat diese Maus ziemlich häufig
bei Neapel gefunden, aber nur A!bino*s derselben gesehen
und gefangen , die hier unter dem neuen Namen eingeführt
werden; der Besciircibung liegt wieder nur ein einziges
278 Blasius:
Exemplar, ein altes Männchen, zu Grunde. Der Verfasser ver-
mulhet, dass der Pelz in der Normalfarbe weniger fein er-
scheint, da sich Albino's stets durch seidenhaariges Haar aus-
zeichnen. Auch vermuthet derselbe, dass sie zu den Schlaf-
mäusen gehöre, weil sie noch jetzt im Weingeist zusammen-
gerollt liegt; wenn der Verfasser unter dieser Bezeichnung
Myoxus versteht, so würde eine Untersuchung des Gebisses
darüber l^einen Zweifel gelassen haben. Um in der Zoolo-
gie den halbverschollenen Gattungsnamen Musculus wieder
einzubürgern würde es dringend nolhwendig gewesen sein,
die Backenzähne genau zu uniersuchen; die Beschreibung
erwähnt kein Wort von denselben , gerade als ob das Thier
keine besitze. Ueber die generische Stellung dieses Thiers
bleibt man also vollständig im Dunkeln.
Dadurch ist eigentlich jeder weiteren Discussion aller
Halt abgeschnitten. Nur diese gänzliche Unbestimmtheit der
Stellung kann mich veranlassen , auf eine nicht zu verken-
nende Uebcreinslimmung mit einem sehr bekannten Nagethiere
hinzudeuten, von dem ich unter No. 2 die Maasse denen des
Autors, nach demselben, dem Pariser Maasstab, gemessen,
hinzufügen will.
Maasse von Musculus mollissimus. 2.
Totallänge 5". 8'" 5". 9'"
Körperlänge 2". 9'" 2". 9"'
Schwanzlänge .... 2". 11'" 3"
Kopflänge 1" 11'"
Ohrlänge 6"' 6"'
Vorderfuss 3'" 3,5'"
Hinterfiiss 7,5"' 8'"
Das Thier , dessen unter No. 2 milgetheilte Maasse so
vollständig, als man es sogar von ein und derselben Art ver-
langen kann, mit den Maassen des Musculus mollissimus über-
einstimmen, ist ein mittelgrosses Exemplar einer Hausmaus:
Mus Musculus L. Unter vielen anderen im Jahre 1838 aufge-
zeichneten Maassen, die den Zweck hatten, die Allersver-
schiedenheiten unserer Europäischen Species stufenweise zu
verfolgen , fällt dieses mir jetzt ganz zufällig auf. Nachdem
ich nachträglich noch einmal die ganze Beschreibung dieser
neuen Art durchlese, finde .ich, dass sämmtlichc Angaben
Bemearkungen über neue Europäische Säugelhiere. 279
der Beschreibung sehr wohl von einer weissen Hausmaus ent-
lehnt sein könnten. Nur ein einziges Mal vergleicht der
Verfasser das neue Thier mit Mus Musculus „Der Vorder-
kopf ist stumpfer, als bei der Hausmaus und Waldmaus, und
man könnte verleilet werden, dies für ein Kennzeichen eines
jungen Thiers zu halten, wenn nicht die vollkommen ausge-
bildeten und hervorlrelenden Hoden, welche beide zusammen
die Grösse einer ndltelmässigen Haselnuss haben, das Gegen-
theil bewiesen.^^ Ich will darauf nur bemerken, dass Jeder,
der weisse Hausmäuse in der Gefangenschaft beobachtet hat,
wissen kann, dass sie schon anfangen sich fortzupflanzen,
ehe sie ihre volle Körpergrösse erreicht haben. Ein etwas
stumpferer Vorderkopf, als einziger Artunterschied, kann doch
Manchem für ein einziges Spirilusexemplar etwas bedenk-
lich erscheinen. Sollte es nicht auch möglich sein, dass an
den paradiesischen Gestaden desTyrrhenisrhen Meeres die zart-
empfindenden weissen Hausmäuse, wie die Lazzaroni's, ihr
Leben unter freiem Himmel zu geniessen wünschen könnten?
Ich wage es kaum anzudeuten, aber ich halte es für
ganz und gar nicht unmöglich , dass eine genaue Untersu-
chung des Gebisses des fraglichen Individuums nicht den ge-
ringsten Unterschied von Mus Musculus L. ergeben könnte ;
und dann wäre diese neue Art sicherlich eine weisse Hausmaus.
Von den in Vorigem besprochenen sieben neuen Säu-
gethierarten halte ich die beiden ersteren , die in meister-
haften Beschreibungen dargestellt sind, für örtliche, oder
wenn man lieber will, klimatische Rassen der entsprechen-
den , früher schon bekannten Arten ; von der dritten Art,
deren Kennlniss nicht in dem Masse genügend feststeht,
scheint mir dasselbe Verhältniss nicht unwahrscheinlich. An
diesen bestimmten Oerllichkeiten scheinen die herrschenden
Bedingungen regelmässig dieselben Modifikationen hervorzu-
bringen, während der wesentliche specifische Charakter der-
selbe ist , wie der von anderen Oerllichkeiten. Es kann
vom Standpunkte der systematischen Zoologie nicht gleich-
gültig sein, ob dergleichen, vielleicht auch durchgängig con-
stante Modifikationen für selbstsländige Arten, oder für Rassen
einer andern Art angesehen werden; für die exacle wis-
senschaftliche Einsicht , [ür Kalurforschung und Naturbeob-
280 Blasius: Bemerk, über neue Europäische Säugethiere.
achtung im Allgemeinen ist übrigens beides von gleichem
Interesse. Mit der Einsicht in solche Formen wird unter allen
Umständen die wissenschaftliche Kenntniss der Thlerwelt ge-
fördert.
Die Darstellungen der vier letzten Arten sind dadurch
ungenügend, dass sie die Kenntniss des Schädels, des Ge-
bisses der beschriebenen Individuen vollständig unberührt
lassen. Es ist unmöglich, mit Sicherheit zu ermitteln, ob
eine Säugelhierart neu ist, wenn man ihr Gebiss nicht genau
kennt, und mit den verwandten Arten vergleicht. Kein Zoo-
log, der Ansprüche darauf macht , dass man seinen Ansich-
ten über Species irgend einen Werth beilegt, kann sich über
diese Anforderungen mit Erfolg hinwegsetzen. Eine beschrie-
bene Thierform kann eine ausgezeichnete neue Art sein: man
kann aber aus der Beschreibung, welche die entscheidenden
Grunde gänzlich unberücksichtigt lässt, die Neuheit der Art
nicht überzeugend ersehen. Fehlen in einer Beschreibung
die entscheidenden überzeugenden Thatsachen, so kann man
mit Grund vermuthen, dass die beschriebenen Thiere auf diese
entscheidenden Thatsachen nicht untersucht sind. Und dann,
kann man weiter schliessen, hat sich der Autor wahrschein-
lich nicht in der Lage befunden , über die Neuheit der Art
ein Urtheil sich bilden zu können.
So lange die beschriebenen Exemplare noch existiren,
lässt sich diesem Mangel oder Uebelsfande abhelfen, und
jeder fragliche Punkt zu sicherer Erledigung bringen. Und
das ist der Grund , wesshalb ich auf das, was die Beschrei-
bungen zu wünschen übrig lassen, aufmerksam machen will.
Das ist der einzige Weg, die Zoologie Europa's vor neuen
Bücherspecies zu bewahren, die nur den Compilatoren und
literarischen Sammlern zu Gute kommen , während sie dem
Naturbeobachter und Naturforscher ein Gräuel sein müssen.
Bis dahin, dass alle entscheidenden fraglichen Punkte
aufgeklärt sind, bleibt einem Jeden, der sich seines Urtheils
nicht ganz begeben will , Nichts übrig, als die unvollständig
beschriebenen Thierformen nach den mitgetheilten Thatsachen
einzureihen.
Zur ilnatoitiie des Orang-Utang: und
des Cliinipanse.
Von
Prof« Hayer
in Bonn.
Zu dem Satyrus Orang-Utang von Borneo und Sumatra
(Sat. Sundaicus) und zu dem Troglodytes (Chimpanse) ist in
neuester Zeit bekanntlich ein zweiter Sat. africanus, der Go-
rilla, gekommen, von Dr. Sa vage 1847 von Gaboon (Fluss
Gabon 11° N. B., früher Riv. de Geves und Geba genannt;
zu unterscheiden von dem Gabon des Königreiches Pongo in
Unter-Guinea am Aequator), aufgefunden, dessen Namen der
gelehrte Entdecker desselben aus Hanno's Periplus entnom-
men hat. Früher (1625) hat schon der Reisende Bateil,
wie es scheint, 'den Chimpanse und den Gorilla gekannt und
unterschieden.
Die Benennung Troglodytes, welche Li nne bekannt-
lich seinem fabelhaften Homo nociurnus gab , und welche
Blumenbach unrichtig (das einzige Unrecht, welches der
grosse Physiologe beging,) auf den Chimpanse übertrug, dürfte
wohl gänzlich aufgegeben werden, da ja überhaupt kein Affe
ein Höhlenbewohner ist.
Es scheint mir einer logischen Eintheilung der men-
schenähnlichen Affen (Pseudo-anthropomorphes nach Du-
vernoy) angemessener zu sein, den Namen Satyrus (den
man schon in Horaz für Affen gebraucht findet) als Gat-
tungs-Namen zu wählen und nun drei Spccies als: 1. Saty-
282 Mayer:
rus Mawej , s. Orang-Utang, (Satyrus sundaicus-borneensis
et sundaicus -sumatranus}; 2. Satyrus Chirnpanse , 3. Saty-
rus Gorilla aufzuführen. Nach Savage's Nachrichten l\önnte
man die beiden afrikanischen Satyren in Satyrus supra-el
infraguineensis einlheilen. Nach Bowdich (1H19), Aubry
Lecomte und Dr. Franquet (1854) kömmt aber eine
zweite Unterart von Chimpanse , der Inchego oder Tschego,
ebenfalls kleiner als der Gorilla, vor. Er unterscheidet sich
nach Dr. Franquet vom Chimpanse, dass er kleine Ohren
(Ohrmuscheln) und ein schwarz Gesicht, dieser grosse Ohren
und ein fleischfarben Gesicht hat Duvernoy (Archives
du Mus. d'hist. nat. Tom. Vlll. 1855-56) verglich Skelet
und Schädel eines Tschego mit dem eines ebenso jungen Chim-
panse und fand einige Differenzen, wovon die charakteristi-
sche (?) die sei, dass beim Chimpanse die Ferse wenig vor-
springe und die Gelenkfläche des Fersenbeines sehr lang
sei, beim Tschego das Fersenbein stark hervorrage und seine
Gelenkfläche dagegen kurz sei. Ueber den Aufenthalt die-
ses Tschego sind die Angaben der genannten Reisenden un-
bestimmt und sich widersprechend. Nach Dr. Franquet
kömmt der Tschego, nicht aber der Chimpanse, an dem lin-
ken Ufer des Gabon und zwar jener mit dem Gorilla vor.
Nach Aubry soll der Gorilla auch am Cap Lopez bemerkt
werden und wäre er somit ebenfalls, gegen Savage's Ver-
sicherung, in Unter-Guinea zu Hause. Es wäre also die geo-
graphische Verbreitung des Chimpanse und Gorilla noch nä-
her aufzuklären; wobei wie erwähnt der obere Fluss Gabon
der Engländer in der Bissa^os - Bai von dem untern Fluss
Gabon in der Nahe des Cap Lopez zu unterscheiden wäre.
Ich würde daher unmassgeblich vorschlagen, die Simiae
anthropomorphae oder Satyri einzutheilen und zu benennen,
wie folgt :
1. Satyras Knekias (xr/J/mg flavus , daher auch für W^olf
gebraucht) s. Orang-Utang.
2. Satyrus Adrotes QuÖQortjg crassus) s. Gorilla.
3. Satyrus Lagaros {AayÜQog^ homo gracilis) s. Chimpanse
und Tschego.
Zur Anatomie des Orang-Utang und des Chimpanse. 283
Ueber die Osleologie des Schädels des Orang-Utang habe
ich in diesem Archiv (Jahrgang 1845) meine Untersuchun-
gen milgetheilt, sowie einiges Vergleichende über den Schä-
del des Chimpanse. Ueber Schädel und Theile des Skeletes
des Gorilla haben wir die vortrefflichen Arbeiten von Owen.
Es bleibt aber die Vergleichung noch immer nicht abge-
schlossen , so lange nicht Schädel von gleichem Alter und
Geschlecht einander gegenüberstehen. So wird sich wohl
die Capacilät der Schädelhöhle, welche Owen bei dem Orang
und dem Chimpanse zu 28 Kubikzoll , bei dem Gorilla zu
30 Kz. angiebt, zu Gunsten jenes erstem oder wenigstens des
zweiten erhöhen! Kneeland giebt von einem Gorilla nur
27 Kzolle an. (Annals of nat. bist. Vol. X. 1852.)
Den ersten lebenden Chimpanse, welcher in neuerer
Zeit nach Europa kam (der Salyrus indicus, welchen Tul-
pius (Obs. med. p. 270) abbildete, kam aus Angola und
war, wie es scheint, ein Chimpanse; der erste weibliche
Champonez, der 1739 lebend nach London gebracht wurde,
war 21 Monate alt, 2 Fuss 4 Zoll hoch; der Boggo , den
Smith am Flusse Scherbro traf, war ebenfalls ein Weibchen
von 6 Monaten) , sah ich 1819 in London (Exeter-Change).
Er war ein gegen 2'/, Fuss grosses, kränkliches, zahmes
Thier. Er starb bald darauf; ich bot auf den Leichnam,
mussle aber später hören, dass das College of Surgeons ihn
um einen höheren Preis erstanden habe. Ich sah später bei
Mr. Clift (der Hand von Everard Home), das Skeletchen
bloss erhalten und bewunderte den schön gewölbten Schädel,
in Vergleich eines ungefähr ebenso alten Orang-Schädels des
Hunter'schen Museums. Auch finde ich in meinen Notizen
die Bemerkung, dass das Os intermaxillare am Kiefer des
Chimpanse schon ganz verwachsen, beim Orang aber noch
getrennt war.
Ich habe im Jahre 1838 einen Chimpanse von 3 Fuss
3 Zoll in Weingeist erhalten und untersucht. Einiges dieser
Untersuchungen habe ich bereits veröffentlicht, namentlich
die Anatomie der Zunge und des Larynx (N. A. A. N. C.
Vol. XX. P. H. und Vol. XXIII. P. II), sowie die des Auges
betreffend. (Ueber das Auge der Cetaceen, Bonn bei Henry
et Cohen 1851.) Ich theile hier nun noch die anderen ße-
284 Mayer:
rnerkungen, welche ich bei der vergleichenden Section die-
ses Chimpanse und eines jungen Orang niedergeschrieben,
in Kürze mit.
Vorerst erwähne ich jedoch noch einmal als für grössere
Menschen-Aehnlichkeit des Chimpanse sprechend die mehr
gerundete Zunge desselben , das Dasein der dünnen platten
Uvula, welche dem Orang fehlt, jedoch nach Duvernoy
auch dem Gorilla zukömmt , die Verkümmerung der Kehl-
säcke 1), welche beim Orang so gross , (beim Gorilla wohl
wegen seines fürchterlichen Geschreies Kh-ah, Kh-ahl das
durch die Wälder der Balantes erschallt, nach Duvernoy
vielzellig), ferner die Zartheit der Nickhaut, endlich das
frühe Verwachsen des Intermaxillarknochens, (bei Gorilla
vom Flusse Danger noch getrennt. S. Owen Transact. of
the zool. Soc. Vol. IV. P. 3).
Welche der drei Arten von Satyrus dem Menschen am
nächsten stehe , möchte noch nicht ganz entschieden sein.
Die meisten humanen Analogieen des Baues scheint der Chim-
panse darzubieten. Doch könnte man auch sagen, dass je-
der der drei Orangs sich von verschiedenen Seilen her mehr
dem Menschen nähere, der Orang-Utang durch seine Geleh-
1) Tyson erwähnt lieinen Kehlsack beim Chimpanse. Ich habe
nur ein Rudiment desselben bei ihm (einem jungen Weibchen) ge-
funden (eine Tasche innerhalb des Kehlkopfes, nicht ausserhalb des-
selben). Vrolik (auch an einem jungen weiblichen Chimpanse)
fand ihn ebenfalls klein und blos links. Duvernoy (Archives du
Museum d'hist. nat. 1855-56) bemerkte am männlichen und weibli-
chen Chimpanse zwei kleine Säcke. Nur Owen spricht von einem
sehr grossen Luftsack des Chimpanse. Vielleicht ist er erst im hohen
Alter mehr entwickelt, und dürfte also kein grosses Gewicht auf diesen
Unterschied gelegt werden! Wie verschieden überhaupt diese Kehl-
säcke nach Geschlecht, Alter, Varietät der Affen sein mögen, davon
nur ein Beispiel. Bei Ateles Paniscus fand Cuvier einen Kehlsack
unter dem Ringknorpel, dessen Angabe nun auch Duvernoy an
dem Cuvier'schen Präparate bestätigt. Ich sah aber bestimmt an einem
erwachsenen Ateles Paniscus männlichen und einem weiblichen Ge-
schlechtes keinen Sack, sondern eine blosse Erweiterung des Anfanges
der Knorpel der Trachea. (Weiteres vergl. S. 37 m. cit. Abhandlung.)
Ebenso beobachtete ich keinen Kehlsack bei Hylobates leuciscus,
Während Sandifort einen solchen beim Syndaclylus bemerkte.
Zur Anatomie des Orang-Utang und des Chimpanse. 285
rigkeil, der Chimpanse durch seine Zahmheit, der Gorilla
durch die menschliche Form seines Armes und seiner Hand.
(Es gefallen sich noch immer einige Nalurforscher in
der Idee, dass der Mensch von den Affen abstamme. Das
Buch der Genesis der Tübelaner führt diese Idee als histo-
risches Factum auf. Der Geologe geht noch weiter und lässt
die ganze Thiervvelt in unendlich langen Zeiträumen, stufen-
weise sich von Unten nach Aufwärts entwickeln. Man be-
denkt hiebei nicht, dass gerade die Infusorien -Lager nach
Oben, Riesenthiere zu Unterst liegen, und dass noch Niemand
den Uebergang des Homo diluvii teslis von Scheuzer zu
dem Homo unserer Zeit nachgewiesen hat. Es ist überhaupt
als Axiom der Scliöpfungsgeschichte der Satz voranzustellen:
„Die Schöpfung besteht aus in Grösse, Form und Gradation un-
endlich verschiedenen Wesen, wovon Jedes für sich ward,
ist und sich fortzeugt und nicht aus dem Andern sich erst
entwickelt, oder es aus sich gebiert, mit innerer Verwandt-
schaft zu ganzen Geschlechtern und Sippen, nach einem idea-
len Prototyp. Nur an der Grenzlinie dieser Verschiedenhei-
ten findet Vermischung einer Abart mit der andern statt, aber
auch hier sind die Mischlinge meist unfruchtbar und sterben
gerne aus.«
Wenn man zu Gunsten jener Idee der stufenweisen Me-
tamorphose der Thiere in den Schöpfungsperioden die That-
sache anführt, dass der menschliche und Thier- Fötus bei
seiner Entwicklung die niederen Stufen der thierischen Bil-
dung durchlaufe, so hat man dabei übergangen, dass gerade
am Anfange des Entstehens der menschliche Fötus seinen
höheren menschlichen Typus vorwaltend zeigt, indem die
edelsten, die Central- Gebilde des Nervensystemes , sich am
frühsten und relativ am mächtigsten zeigen und der Kopf noch
die grössere Hälfte des Körpers ausmacht.)
In Betreff des Ganges des Orang-Utang und der Qua-
drumanen überhaupt, ist zu bemerken, dass sie nicht eigent-
lich auf der Handsohle (Vota manus) ihrer Vorderglieder
auftreten, sondern auf dem äusseren Rande, selbst auf dem
Rücken der Handwurzel, Miltelhand und der Finger, was man
Valgimanus nennen könnte. Theilweise gilt dieses auch für
die hintern Extremitäten und zeigt sich noch beim Neirer
286 Mayer:
(Indianer). Die Beugung- ist bei den Affen schon überwie-
gend über die Streckung^ an der vorderen Extremität, die dem
Menschen vorherrschend eigen ist. Auch ist die Supinalion
der Knochen des Vorderarmes dem Menschen in höherem
Grade möglich, während bei den Säugethieren die Pronalion
derselben vorherrschend und alimählich ganz permanent oder
fest geworden ist.
Was insbesondere die Organisation der Hand betrifft,
bemerkt man , dass die Zahl der Knochen der Handwurzel
beim Chimpanse (Vrolik), so wie auch bei Tschego und
Gorilla (Duvernoy) nur acht, wie beim Menschen, beträgt.
Die Form der Knochen der Hand weichen beim Tschego von
der des Chimpanse ab (Duvernoy).
Die Muskeln, welche die Hand des Orang, Chimpanse,
Tschego und Gorilla bewegen, zeigen unbedeutende Differenzen
unter sich und von denen der menschlichen Hand. (D u v e r n oy.)
Ich fand auch den Muse, opponens pollicis gut entwickelt. Ue-
berhaupt ist ein Vorherrschen der Beugemuskeln gegen die
Streckmuskeln vorhanden. So ist beim Chimpanse und Orang
der extensor indicis proprius klein oder fehlt ganz.
Die nun folgenden weiteren Vergleichungen sind mit
Rücksicht eines ungefähr gleich allen Orangs gemacht. Das
Gehirn war leider ganz in einen Brei aufgelöst, in welchem
eine Menge quadratische Stearinkrystalle sich zeigten. Die 12
Gehirnnervenpaare waren noch erkenntlich. Nach Gratio-
let soll das Gehirn des Chimpanse nach dem Typus der Ma-
kake gebildet, dagegen die mittleren und hinleren Lappen des
Gehirns beim Orang mehr entwickelt sein. Dieses scheint
mit der schönen Wölbung des Schädels beim Chimpanse nicht
übereinzustimmen. Noch bemerke ich, dass die Chorda Tym-
pani sehr kurz erschien und schon hoch oben in den Ram.
lingualis Vli sich einsenkte. Auch bei den übrigen Säuge-
thieren ist dieses der Fall. Beim Menschen reicht sie frei
am tiefsten herab. Hat diese Verschiedenheit auf das Sprach-
vermögen Einfluss?
I. Schädel.
Bei einem Chimpanse-Schädel sind alle Milchzähne des
Unterkiefers und Oberkiefers vollständig zu erblicken , der
Zur Anatomie des Orang-Utang und des Chimpanse. 287
spitze Eckzahn ist schon mit seiner ganzen Krone heraus,
der dritte Baclizahn ist im Austreten , der vierte Baclizahn
noch verborgen. Die bleibenden Zähne noch nicht sehr vor-
tretend. Länge des Slieleles 2Fuss 1 72 Zoll, AUer desThie-
res etwa gegen IV2 Jahr. Es wird erstens ein Orang-Schä-
del, bei welchem nur acht Milchzähne entwickelt waren, zur
Seite des Chimpanse- Schädels g'estellt. Dessen Skeletchen
misst nur 1 Fuss 4 Zoll und sein Alter mag nicht viel über
zwölf Monate betragen. Ein zweiler Orang-Schädel der Ver-
gleichung hat alle Milchzähne bereits mehr entwickelt, und
wo einige fehlen , sind die Alveoli noch gehörig weit. Im
Grunde der Schneidezähne sind hier und da die BohröfFnun-
gen der bleibenden Schneidezähne zu sehen und die Zellen
der bleibenden Backzähne etwas angeschwollen. Die Länge
des Skeletes mag über 3 Fuss sein.
Ein dritter Oranof-Schädel hat alle Milchzähne voll her-
aus, noch keine bleibenden Zähne, die aber doch schon sehr
vorragende Höcker bilden. Der dritte Backzahn ganz ent-
wickelt. Der vierte am Austreten. Sein Skelet misst 3' ^^/^*
und sein Alter mag gegen drei Jahre betragen ^).
1) In Betreff des Orang-Utang haben es die Untersuchungen
von Fitzinger und Lucae wahrscheinlich gemacht, dass es wohl
zwei verschiedene Arten desselben gebe. Es würde aber , wie ich
bereits früher 1. c. erwähnte, die Gesclilechtsdifferenz der Form des
Schädels noch näher festzustellen sein. Ich erwähne bei dieser Ge-
legenheit eines mir zugekommenen Schädels von ßorneoschen Orang,
etwa 4 Jahre alt, auf dessen Scheitel sich der ganzen Länge der Sutura
sagittalis nach ein 2y4 Zoll langes und '^/^ Zoll breites Os Wormia-
num eingeschoben befindet, mit drei kleinern an dem Lambda-Winkel
derselben. Die Entwickelung einer Crista sagittalis et lambdoidea
würde wohl dadurch ganz verhindert oder doch sehr beschränkt wor-
den sein. An einem Schädel eines C. Inuus finde ich als bemerkcns-
werth, dass das Stirnbein oberhalb der arcus supraorbitales durch eine
Quernath getheilt ist A. Wagner (Die Säugethiere u. s. w. 1855.
Supplementband j ist einer Trennung des Orang-Utang in zwei Arten
nicht geneigt (1. c. S. 12).
288 Mayer:
Schädel-Maasse.
Chimpanse Orang I. Orang II. Orang III.
Circumferenz des
Schädels. ... 12" 6'" 10" 9'" 12" 6"' 12" 6"'
Grosser Durchmes-
ser vom Occiput
zum Kinn ... 5" 4" 9"' 6" 2"' 7"
Gerader Durchmes-
ser vom Occiput
zur Slirn ... 3" 9'" 3" 7"' 4" 3'" 4" 1"'
Vord. Querdurch -
messer von einer
Alamaioross. sphe-
noid. zur anderen 3" 3"' 2" 4"' 2" 6"' 2" 5"'
Hinterer Querdurch-
messer ober dem
äussern Gehörgang 3" 6"' 3" 3"' 3" 9"' 3" 5"'
Höhedurchmesser
von der Sulura
spheno-occip. bis
zum Scheitel . . 2" 9"' 2" 7'" 3" 2'" 3" 0"'
Es ergiebt sich aus dieser Tabelle , dass die Circumfe-
renz des Schädels beim Chimpanse grösser, als bei einem
jungen Orang und schon gleich gross, wie bei den viel älte-
ren Orangs war. Der Sciiädel ist weniger in die Länge ge-
zogen , als der des Orangs, aber scheint auch weniger hoch
oder mehr platt gedrückt zu sein. Dagegen zeichnet er sich
durch die Grösse der beiden Querdurchmesser, durch den
vorderen und hinteren, vor dem des Orangs aus.
Die Ausmessungen und Abwägungen der Gehirne des
Menschen und der Thiere bilden die mathemalische Grund-
lage der Vergleichung des Seelenorganes, auf welche sodann
die Vergleichungen der qualitativen , formalen und organi-
schen Unterschiede basirt werden können. So viel Sorgfalt
bisher namentlich durch Tiedemann und Huschke auf
die Ausmessungen und Abwägungen verschiedener Gehirne
verwendet wurde, so sind die daraus zu ziehenden Resultate
doch noch ohne wissenschaftliche Verbindung und ohne
Früchte für die Physiologie des Geistes. Es fehlt vor Allem
Zur Anatomie des Orang-Utang und des Chimpanse. 289
an einer von den Anatomen gemeinschaftlich durchgeführten
Methode für diese Ausmessungen und Wagungen, wie ich dieses
Fehlens schon anderwärts in ßelrelT der Ausmessungen des
Schädels gedacht habe. Auch wird bei den Charaklerisirungen
der Ragen -Schädel so selir in's Detail der Formen gegan-
gen, dabei die wesentlichen Gesichtspunkte noch immer über-
gangen, dass solche wohl zur Physiononiik der Völker-
stämme brauchbar sind, aber keine feste Grundlage für die
Ethnocraniologie bilden können. Ich möchte als allgemeines
Schema für eine elhnocraniologische Eintheilung die drei Di-
mensionen des Schädels oder der Schädelhöhle und dann die
des Gesichtes (Prosopon) voranstellen. Demgemäss würde
ich, Iheihveise nach Retzius, Crania dolicho-cephala, or-
Ihocephala und eurycephala und prognatha, orthognalha und
eurygnatha Prosopa, als Hauptunterschiede der pars cranii und
pars faciei, aufstellen. Es wäre daher wünschenswerlh, wenn
sich die Physiologen über eine solche gemeinschaftliche Me-
thode vereinigten, damit nicht bald in der, bald in jener
Richtung gemessen wird und von keinem gemeinschaftlichen
Gesichtspunkte oder Visierpunkte ausgegangen wird.
Auch selbst die Angaben über Grösse und Gewicht des
Gehirnes haben keinen Werth, wenn nicht zugleich die Grösse
und das Gewicht des ganzen Körpers des vorliegenden In-
dividuums mit angegeben wird. Ferner ist das Alter , die
Constitution und insbesondere das Geschlecht hierbei zu er-
wähnen, und ist es nicht blos hinreichend Rage und Volks-
stamm zu bezeichnen. Die Angabe des Geschlechtes ist in
Betreff des Baues des Schädels und des Gehirnes von gröss-
ter Wichtigkeit , namentlich in Beziehung auf den Menschen
und auch mehr oder minder auf die Thiere (Säugethiere und
Vögel). Noch ist dieser Geschlechtsunlerschied bei der Cha-
rakteristik der Ragen -Schädel unberücksichtigt geblieben.
Auch die so eclatante DifTerenz der Grösse , Form, der Zahl
und Dicke der W^indungen u. s. w. , des Gehirnes des Man-
nes und Weibes ist nur wenior berücksichlifft worden. Und
doch hat in der Regel (es giebt auch Weiber mit dem Schä-
del und Gehirn des Mannes, so wie umgekehrt; bei einem
berühmten Dichter fand ich das Gehirn sehr gross, aber
ganz von weiblicher Form) das Gehirn des W>ibes zahlrei-
Aichiv f. Naturgcsch, XXII. Jahrg 1. Bd. 19
5Ö0 Mayer:
chere, schmälere und zartere Windungen, und ist relativ zum
Körper grösser. Ich glaube eine Bestätigung dieses Gesetzes
selbst in Betreff des Gehirnes des Orang-Utang, so weit die
darüber gelieferten Abbildungen solchen Schluss gestalten
dürften, zu erblicken.
So unterscheiden sich die Abbildungen des Gehirnes
vom Orang-Utang, die Gratiolet Tab. III. Fig. 1 und 2 gab,
von der auf PI. III. Fig. 5 und 6 durch Zahl und Schmalheit
der Windungen, dass ich Fig. 1 und 2 für männliche, Fig. 5
und 6 für weibliche Gehirne ansprechen dürfte. Tiede-
mann's Abbildung ist wahrscheinlich die von einem männ-
lichen Orang. In Betreff des Chimpanse ist Gratiolel's
Abbildung (PI. VI. Fig. 1—3) die von einem Weibchen, die
Schroeder's v. d, K. für die von einem Männchen zu hal-
ten. Leider ist das Geschlecht nirgends erwähnt.
Nur der exacto Anatom Sandifort giebt es an und
in seiner Abbildung erscheinen die Gyri auch hinreichend
dick. Wenn ich nun aber den absoluten oder beziehungslo-
sen Wägungen des Gehirnes keinen grossen Werth beilegen
kann , so dagegen den relativen , besonders in Betreff des
Gehirns und seiner Theile bei den Thieren. Es fehlt uns
noch eine Beobachtungs-Reihe über die relative Grösse und
das Gewicht der Lappen, des grossen, des kleinen und des Mit-
tel-Gehirns, namentlich auch des Hirnknolens und der Hirn-
zwiebel zu einander, welche gewiss ihre schönen Resultate
liefern würde. Man müsste hierbei gleichförmig verfahren, das
grosse Gehirn am Crus cerebri , und das kleine am Marksegel
nach auswärts abheben und die drei Gehirniheile abwägen.
In Ansehung des Verhältnisses des Gehirnes zu den Nerven
könnte das Maass der Breite des Ursprungs des Nervus tri-
geminus, als Grundzahl der Vergleichiing , genommen wer-
den. Es hat zwar Tiedemann nach seinen so sorgfälti-
gen Abwägungen des Gehirnes des Negers keinen wesent-
lichen Unterschied zwischen demselben und des Europäers
gefunden, (es bliebe aber immer der etwaige qualitative Un-
terschied der Gehirn-Substanz zu berücksichtigen), allein ein
ächter Negerschädel hat für das Gehirn eines Caucasiers ge-
wiss nicht Raum ! Interessant ist daher die Beobachtung,
welche Dr. Nott (s. das ausgezeichnete Werk: Types of
Zur Anatomie des Orang-Utang und des Chimpanse. 291
Mankind, Philadelpliia 1854), anführt, dass Georg"c Combe,
nach einem Abgüsse der Scliädelhöhle eines Amerikaners
und der eines Europäers, die vorderen und die hinteren Lap-
pen des Gehirns des Ersteren bedeutend schmäler und kür-
zer als bei dem Europäer gefunden haben soll!?
Ausserdem mögen noch folgende Bemerkungen hier ihre
Stelle finden.
Die Zahnbildung beim Chimpanse ist schwächer, besonders
auch der Eckzahn kleiner, spitzer und weniger massig, die
Lücke zwischen dem oberen Eckzahn und dem äusseren
Schneidezahn, worein der untere Eckzahn einpasst, fehlt beim
Chimpanse. Der ganze Kieferzahnrand schwächer und brei-
ler, die Malargrube ausgefüllt, das Jochbein relativ kleiner,
schwächer, ebenso der Jochbogen, insbesondere dessen Pro-
cessus temporalis. Die Sutura zygo-maxiliaris mehr hori-
zontal, das tuberculum iugale mangelnd. Die Jochgrube
kleiner, kürzer. Dieses selbst als bei Oi*ang 1. Das Nasen-
bein wie beim Orang einfach, an der Wurzel aber breiter
als bei diesem und dem Gorilla vom Danger (Owen). Nase
und Nares sowie Schneidezahnoberkiefer gerade laufend,
nicht eingedrückt ( Simus ). Die Lamina cribrosa breiter.
Der Proc. frontalis des Oberkieferbeins schmäler und bildet
das Thränenbein vortretend mehr den Thränenkanal als jener.
Proc, mastoideus schwach angedeutet. Margo supraciliaris
und supraorbitalis mehr prominirend. Die Ala magna des
Keilbeins zwar auswärts schmaler , aber ihre Cavitas ce-
phalica breiter, geräumiger. Ein Mentum prominens am
Unterkiefer !
Beim Orang-Utang so wie bei den meisten Affen, nicht
aber (wenigstens noch nicht beim jungen) Chimpanse, befin-
det sich vor dem äussern Gehörgang ein spitzer Fortsatz oder
Zapfen, wohl bestimmt die Bewegung des Unterkiefers nach
rückwärts zu hindern. Beim Menschen fehlt er mit Ausnahme
einiger Negerschädel, wo er sich etwas vorspringend vorfindet.
Er mangelt fast ganz den Wiederkäuern , dagegen ist er
stark entwickelt bei den meisten Carnivoren, noch mehr
bei den Einhufern, besonders gross beim Rhinoceros, Tapir,
obgleich er bei den Schweinsarten vermisst wird. Beim
Menschen ist zur freieren Bewegung des Unterkiefers noch
292 Mayer:
eine Grube hinler der Gelenktläche für der Condylus des
Unterkiefers vorhanden, welche allen Säugethieren fehlt.
Zahnbildung und Osteogenesis des Schädels sind über-
haupt schwächer und wohl auch später eintretend beim Chim-
panse; namentlich sind die Kopfknochen dünner , zarter,
weicher (obwohl das Thier nicht skrophulös war).
Am Processus cubitalis des humerus findet sich in des-
sen Mitte auch beim Orang-Utang eine OefTnung. Beim
Chimpanse findet sich, merkwürdiger Weise, keine solche
Oeffnung. Dagegen sagt Kneeland vom Gorilla, dass
dessen humerus unten rechts, aber nicht links durchbohrt
sei. Duvernoy hat diesen wichtigen Punkt bei Gorilla und
Tschego unbeachtet gelassen. Ich habe dieselbe bei einigen
Negerskeleten angetroffen, jedoch fast immer bei denen von
Negerinnen. Bei den Guanchen und den Buschmännern soll
sie ebenfalls vorkommen. Meistens ist der Knochen an die-
ser Stelle blos sehr dünn. Unter den Carnivoren ist sie
vorzugsweise dem Hundegeschlecht eigen, fehlt dem Löwen
und allen Felisarlen, so wie dem Genus Ursus. Beim Hunde
besitzt das Olecranon einen vorderen Fortsatz, welcher beim
starken Strecken des Vorderarmes, beim Scharren, Graben u.
s. w. bis in diese OefTnung hereintritt und wohl die Ursache
ihrer Bildung ist. Einen ähnlichen Fortsatz zeigt das Ole-
cranon auch bei anderen Säugethieren , bei denen dieses
Loch zugegen ist, als: beim Biber, Hydrochoerus Capybara,
Marmotia , Sciurus , Lutra , Dasypus u. s. f. Ich möchte
dieselbe foramen intercondyloideum nennen. In Betreff des
foramen supracondyloideum bemerke ich nur zu dem, was
von Otto, Meckel u. A. darüber erwähnt wurde, dass
ich dasselbe bei F. Leo, tigris, pardus , catus , Ursus Meles
(nicht bei Ursus arclos, ferox, americanus), Nasua, Procyon
Lotor, Lutra, bei mehreren Affen, bei Hapale R. (an einem
Skelete, an dem anderen nichl) gefunden habe. Die Frage
über den Zweck oder die Bestimmung dieses foramen su-
pracondyloideum bei einigen Säugethieren , dürfte wohl auf-
geworfen werden. Da dasselbe sich nur noch bei denjeni-
gen Säugethieren vorfindet, bei denen noch eine Art der
Pro- und Supination des Vorderarmes vorkömmt und unter
diesen besonders bei solchen Säugethieren, welche bei ihren
Zur Anatomie des Orang-Utang und des Chimpanse. 293
Bewegungen von Höhen herabspringen, wie die Spring-Affen,
die Agilia der Nager, und wie das gesammte Kalzen- Ge-
schlecht, bei Erhaschung ihrer Beute, nicht aber bei gerade-
auslaufenden Carnivoren, bei dem Hunde, Bären u. s. f., so
scheint mir die Bestimmung dieser Oeffnung die zu sein, bei
solchen heftigen und schnellen Sprüngen, die durch sie hin-
durch tretenden Gefässe (Arterie und Vene) und Nerven zu
schützen , und vor Zerrung und Zerreissung zu bewahren.
Wenn diese OefTnung aber auch dem Hundegeschlecht man-
gelt, so vertritt jedoch Iheilvveise ihre Stelle ein hervor-
springender Knorren am Condylus internus humeri, mit einer
Rinne daran, welche zu demselben Zwecke, das Ausgleiten
der Arteria ulnaris und des N. med. zu verhüten dienen
kann. Denselben Knorren finden wir auch beim Genus Ur-
sus u. s. f.
II. Eingeweide der Brust.
Chimpanse-Weibchen.
Der Herzbeutel ist zart. Das Herz weich und schwach
muskulös. Im rechten Vorhof die Valv. Eustachii und The-
besii schwach angedeutet. Die übrigen Klappen des Oslium
venosum und arteriosum, wie beim Orang-Utang. Das fo-
ramen ovale ebenfalls geschlossen. Aus dem Arcus Aortae
entspringen aber nur zwei Stämme , wovon der rechte die
Carotis dextra und arteria subclavia dextra, der linke die
Carotis und Subclavia der linken Seite abgiebt. Die Lungen
sind gross aber weich. Die rechte Lunge ist schwach in
zwei Lappen, die linke in drei Lappen getheilt. Das Zwerch-
fell ist schwach muskulös.
Orang-Utang- Weibchen.
Der Herzbeutel ist dicht. Das Herz derb und stark.
Im rechten Ventrikel die dreizipflige Klappe. Seine Wandung
y^ so dünn , als die des linken Ventrikels. In der Art.
pulm. drei halbmondförmige Klappen. In der Scheidewand
der Vorhöfe das foramen ovale geschlossen. Im linken Ven-
trikel die Valvula bicuspidalis und in der Aorta drei Valvu-
lae semilunares.
Am Arcus Aortae entspringt ein Truncus anonymus,
der sich in die Carotis sinistra und sodann in die Carotis
^4 Mayer :
dextra und subclavia theilt. Die subclavia sinislra entspringt
besonders.
Die Lungen sind gross und derb. Die rechte Lunge
schwach, in zwei Lappen getheilt. Ebenso die linke. Beide
Lungen liegen mit einer sehr breiten Fläche des unteren
Lappens auf dem stark muskulösen, grossen Zwerchfelle auf,
so dass dieses einen starken Druck auf die Lunge aus-
üben kann.
III. Eingeweide des Unterleibes.
C h i m p a n s e.
Der Magen ist länglichrund und schwachhäutig, der
Blindsack desselben ziemlich markirt. Das Ostium oesophageum
ohne Klappe; Yö davon, (die pars cardiaca) der inneren Fläche
glatt; Yö (die pars pylorica) zeigt aber 1 Zoll lange Falten,
welche in der Länge verlaufen mit Zwischenräumen von 2 — 3
Linien. Keine Ringklappe. Die Äiuskelhaut schwach.
Die Leber ist wenig gewölbt und von weicher Consi-
stenz. Man unterscheidet den grossen rechten, den kleinen
linken Lappen, zwischen beiden das Ligamentum rotundum
et lalum; den Lobus quadratus und Lobus Spigetii. Gallen-
blase niässig. Der Ductus choledochus mündet neben dem
Ductus pancreaticus hinter der zweiten Querfalte des Duo-
denums aus. Die Valvulae conniventes des Dünndarms nur
schwach hervortretend.
Die Milz 27/' lang, oben 1'', unten y/' breit, platt,
vv^eieh, mager. Der Blinddarm ist 1 % Zoll breit. Der Proc.
vermiformis 272" lang (Cuvier behauptet derselbe fehle).
Die Grimmdarmklappe ist doppelt, die obere schmal und läng-
lich, die untere halbmützenförmig und nur % so lang. Die
Nieren glatt und ohne Renicuiis. Der Ureter tritt zwischen
einem grösseren und kleineren Abschnitte der Nieren aus,
er bildet ein längliches Becken im Innern derselben, an des-
sen Basis sich ein einfacher ebenso langer Vorsprung für
den Ausgang der Nierenkanäle vorfindet. Die Nebennie-
ren breit und platt. Die innere weiche Substanz derselben
braungelb.
Orang-Utang.
Der Magen ist mehr rundlich. Der Blindsack weniger
vortretend , die innere Fläche hat dicke Runzeln ; die pars
Zur Anatomie des Orang-Utang und des Chimpansc. 295
pylorica hat zarte Läng^enfallen. Die Muskelhaut sehr dick.
Keine Ringklappe. Die Leber ist dick und sehr gewölbt,
dicht und derb, jedoch ohne (scrophulöse?) Tuberkeln (wie
Camper sie sah). Vier Lappen, aber der rechte noch etwas
getheilt. Gallenblase ziendich gross. Das Duodenum zeigt
zwei starke halbmondlörmige Querfaltcn oder Klappen. Der
Ductus choledochus mündet neben dem Ductus pancreaticus
ebenfalls hinler der zweiten Klappe aus. Die Milz dick und
fest, gesund. Die Valvulae conniventes des Dünndarms gross
und zahlreich. Der Blinddarm weniger weit. Der Proc. ver-
miformis kürzer (s. auch Camper Tom. IV. Fig. IX.). Bei-
der Haut sehr derb. Die Grimmdarmklappe doppelt, die
obere länger, die untere etwas kürzer, beide schmal. Die
Nieren ebenso glatt und ohne Reniculis wie beim Chimpanse
aber rundlicher und derber. Der Ureter tritt aus dem Ein-
schnitte in der Mitte der Niere zu Tage , erweitert sich in
ein ovales Becken in der Niere , in welchem auch ein ein-
facher eben so breiter, die Hälfte der Länge der Niere be-
tragender Vorsprung der Nierensubstanz, alle Harnröhren-
bündel in sich vereint, die an dem gekerbten Rande dieses
Vorsprungs austreten. Die Nebennieren sind schmal.
IV. Weibliche Genitalien.
C h i m p a n s e.
Die Clitoris 6 Linien lang, 2 Linien breit. Die Vorhaut
gross und weit. Die Vulva unterhalb derselben. Das Vesti-
bulum vaginae ohne Hymen. Die Urethra 5 Linien lang. Die
Urinblase häutig. Ihr Fundus ist als ein langer Prolapsus in
die Vulva vorgefallen. Die Vagina weit , 6 Linien lang und
ohne besondere Falten. Das Orificiiim uteri rund mit röhri-
gem Vorsprunge. Der Uterus dreieckig, platt. Die drei-
eckige Höhle desselben ziemlich platt. Das Ovarium länglich,
platt und glatt. Die Tuba eng. Die Fimbriae klein. Kein
Beutel derselben zugegen. Die Urinblase zeigt am Ostium
urethrae das Corpus trigonum mit den zw^m Orificia ureterum.
Orang-Utang.
Die Vulva ohne deutliche Schamlippen und ihr Ein-
gang enge. Zwei kleine schwache Falten und zur Seite
zwei Lacunae an dem Oslium urethrae. Die Urethra 5 Li-
296 Mayer:
nien lang, glatt. Der Eingang in die Vagina darunter glatt,
ohne Haulfalte. Die Wand der Vagina glatt. Sie ist 1 Zoll
lang. Das Orificiiim uteri zvveilippig. Der Uterus birnför-
mig, die hinlere Fläche knopfartig, convex, die vordere glatt.
Die innere Höhle dreieckig und sehr faltig. Das Ovarium
derb, am unteren Ende frei, gelappt, gewölbt, mit feinen
Graafschen Bläschen besetzt. Die Fimbriae klein, ohne Bursa,
das Osteum fein. Daneben eine cavernöse Anschwellung. Die
Urinblase sehr derb. Das Corp. trigonum vortretend und
zwar nahe am Ausgange in die Urethra. Am After ein klei-
ner Appendix oder Vorfall der Schleimhaut.
Wichtiger als das Vorhandensein einer Scheidenklappe
oder der Spur eines Hymens bei den Säugethieren ist die
Organisation der pars cervicalis (portio vaginalis) oder des
Uterus communis. Die Vagina ist in der Regel , abgesehen
von ihrer eigenthümlichen Form bei den Beutelthieren , wei-
ter als beim Menschen, ebenso das Vestibulum vaginae geräu-
miger. Bei der Hyäne geschieht ihre Ausmündung in dieses
nur durch eine feine OefTnung. Beim Igel bildet die Scheide
einen weiten runden Sack. Jene erwähnte besondere Or-
ganisation des Cervix Uteri bei einigen Säugethieren besteht
in einer schrauben- oder treppenartigen Klappe, mehrere
Gänge bildend, welche ich Cochlidium uterinum s. cervicis
uteri nennen möchte. Schon bei den Affen (Cercopithecus)
ist eine solche dreifache Schraube vorhanden. Bei Hydro-
choerus Capybara greifen die Treppen ineinander. Bei Genus
Vacca und Capra ist diese Treppenklappe sehr entwickelt.
Noch mehr oder noch grösser sind die drei Klappen im Cer-
vix uteri beim Delphin, wovon die hinterste die kleinste, die
vorderste die breiteste ist und einen halben Bogen bildet.
Es verdiente diese Organisation eine nähere Besprechung.
Ich trage hier noch Einiges über die Osteologie und
zwar über die des Beckens des Orang - Utang und der Säu-
gethiere überhaupt nach.
Das Becken des Orang-Utang kommt in Betreff seiner
(relativen) Capacität, der Breite der Hüflknochen, der Weite
der oberen Apertur, der Grösse des Winkels der Schambeine,
der Lage der Sitzknorren u. s. f. dem Becken des Menschen
Zur Anatomie des Orang-Utang und des Chimpanse. 297
am nächsten. Bei Hylobates , dessen Schädel an Rundung
dem des Orangs am nächsten steht, ist auch die Beckenhöhle
noch rundlich, die Silzknorren fallen aber weil nach vorn,
zum Hocken darauf, und der angulus pubis ist fast ein gera-
der. Eine auffallende Ausnahme von diesem Salze macht je-
doch das Becken der Tardigraden. Beim Ai namenllich ist
das Becken relativ viel weiter als das menschliche und steht
merkwürdiger Weise diese Weite nicht im Verhältnisse zu dem
kleinen Kopfe des Thieres. Das Hüftbein desselben und das
Kreuzbein sind sehr breit, das Schambein und Sitzbein, das
oben an das Kreuzbein angewachsen , vorn ganz dünn ,
und jenes zeigt (nur ganz frühe) eine kurze (WO (spä-
ter, wie es scheint, durch ein schwaches knöchernes Mit-
telstück ersetzte) Synchondrose. Beim Unau ist das Darm-
bein schmäler, das Schambein viel breiter, das Becken über-
haupt so wie Schädel , Zahnbau und Gliederbau den Le-
muren ähnlicher. Das Becken des Megatheriums (dessen
schwache Nacken -Wirbel und schmale gerade absteigenden
Rippen einen Panzer- Gürtel wohl nicht zu tragen im Stande
sein möchten), kommt mit dem des Ai überein. Das von
Cuvier und Fand er - d'Al to n vermisste os pubis hat
Owen an den Ucberresten eines bei Lukan 1837 aufgefun-
denen Megatheriums nachgewiesen. Nur ist das Schambein
(s. Phil. Transact. 1855. P. II. PI. XXII) nicht geschlossen
und weit offen. (Es fehlt vielleicht das vordere Miltelstück
noch ?) Uebrigens kann ich die Figur des Beckens PL XXII
nicht in Uebereinstimmung bringen mit der Figur des Beckens
an dem Skelete PI. XVII. Bei allen übrigen Säugethieren ist
das Becken relativ enger als beim Menschen, besonders eng
ist es bei denjenigen, deren Geburt oberhalb der Symphyse
statt hat.
Das Becken dient theils zur Anlagerung der unteren
(hinteren) Extremität, theils zum Schulze der hypogastrischen
Eingeweide. Das Hüftbein ist dem Schulterblatte analog.
Das Schambein könnte man mit dem Schlüsselbeine, den Pro-
cessus coracoides mit dem Sitzbeine vergleichen.
Die Beckenhöhle (untere) oder die obere Becken-Aper-
tur richtet sich nach der Form des Kopfes, als welcher dem
Fötus bei der Geburt vorangeht. Sie ist rund beim Men-
396
layer :
sehen, den Affen und bei dem Ai; länglich für den längli-
chen Kopf des Fötus der übrigen Säugethiere. Auch das
Kreuzbein ist im Durchschnitte breiter und mehr ausgehöhlt
zu diesem Zwecke beim Menschen. Die untere Beckenaper-
lur wird bei dem Säugethiere wegen der Schmalheit des
Kreuzbeins vom 2ten falschen Wirbel wenigstens an , und
wegen der Beweglichkeit der Schwanzwirbel, relativ geräu-
miger. Es tritt auch der Thierfötus nach hinten und
oben aus dem Becken, der Menschenfölus nach vorn und
oben unter dem Schambogen. Jener tritt daher dabei in
einer nach vorn und unten convexen Axe des Beckens, die-
ser in einer nach vorn concaven Axe; beide eine Spiraldre-
hung machend, jener das Gesicht nach unten, dieser nach
vorn und oben wendend aus demselben aus. Die Neigung
des Beckens ist bei dem Menschen eine gradwinklige, bei
dem Neger jedoch schon mehr eine schiefe, und noch mehr
beim Orang-Ulang. Der Winkel der Schambeinfuge ist beim
Menschen am grössten und die Symphyse kurz oder selbst
relativ die kürzeste. (Ausnahme: Hylobates, Tardigrada,
Manis, insbesondere Ai".) Diese Symphyse verlängert sich
dagegen bei den meisten Säugethieren und der Angulus pu-
bis wird ein spitzer, ja es setzt sich dieselbe schon bei den
Carnivoren in eine Symphyse des aufsteigenden Astes des
Sitzbeines fort. Bei Pteropus ist abweichend die Schambein-
fuge ganz kurz , ihre Schenkel weichen aber sogleich aus-
einander und die Schenkel des Sitzbeines kommen mit ihren
Knorren unter sich und mit dem Kreuzbeine zusammen , so
dass hier die Geburt auch nach vorwärts statt zu haben
scheint. Auch beim Ai, Dasypus, Manis ist die Spina ischii
an das Kreuzbein angewachsen. Bei Tr. Rosmarus liegt
diese Spina weiter unten und ist schon als tuber ischii anzu-
sehen. Bei der Phoca aber liegt dieselbe noch hoch oben. Bei
derselben, wie bei Rosmarus, werden die Schenkel des Scham-
beines und des Sitzbeines schon sehr schmal, die Symphyse
sieht nach rückwärts und ist knorpelig. Auch bei Rosmarus
ist sie lang und früher wohl auch noch eine Synchondrose.
Bei Vesperlilio und besonders bei Stenops gracilis bildet die
Schambeinfuge einen Schnabel. Bei letzterem ist der Kie-
ferlheil des Schädels ebenfalls schnabelförmig, Aehnliche
Zur Anatomie des Orang-Utang und des Clnmpanse. "99
Bildung kommt am menschlichen Becken bisweilen vor. Die
Eminentia oder Spina ileopectinalis, welche bei vielen Säuge-
thieren, selbst bei den ßeutellhieren , sehr hervorragt, ist
meines Erachtens Folge des Ansatzes der Sehne des star-
ken Muse, psoas parvus. (Ich erwähne bei dieser Gelegen-
heit, dass ich eine den Beutelknochen analoge Bildung, näm-
lich eine Verlänfferun(r des Tuberculum rami horizontalis oss.
pubis, welches an einem menschlichen männlichen Becken,
rechts 10 Linien lang, links 8 Linien lang , an einem weib-
lichen Becken rechts S, links 6 Linien hervorragt, beob-
achtete.) Bei der angegebenen Vereinigung des aufsteigen-
den Astes des Sitzbeines mit dem absteigenden des Scham-
beines wird, da diese Aeste bei grösseren Säugethieren be-
trächtlich breit sind , eine Art von Halbkanal für den Aus-
tritt des Thierfötus gebildet, so z. B. besonders beim Tapir.
Der Sitzknorren entspricht seiner Bestimmung beim Men-
schen, er ist breit und sieht gerade nach unten. Schon bei
den Affen rückt er etwas nach vorwärts oder wird länger
und bildet einen seitlichen Vorsprung. Bei den übrigen Säu-
gethieren bleibt zwar der Sitzknorren länglich, ist aber meist
mit einem starken Fortsalze nach aussen versehen und tritt
damit nach auswärts, hinten und aufwärts. Bei einigen ver-
wächst er dann mit dem Schwanzbeine (Pteropus). Beim
Känguruh ist der Sitzknorren sehr klein, wahrscheinlich weil
die Processus intervertebrales anteriores der Schwanzwir-
bel hier den Becken- Ausgang schon verengen, welche zur
Anlagerung der musc. flexores caudae , die dem Schwänze
zum Stützpunkte verhelfen, dienen. Beim Ai , welches nicht
aufrecht geht und auf den Vorderarmen aufsitzt, ist der Sitz-
knorren sehr schwach und ans Kreuzbein angewachsen.
Das Darmbein ist relativ am breitesten und am meisten
ausgehöhlt beim Menschen und sieht hier nach vorwärts und
einwärts. Am ähnlichsten dem menschlichen ist das des Ai".
Beim Orang-Utang ist es noch breit aber schon relativ hoch.
Bei den Carnivoren dagegen sehr schmal, mit seiner Conca-
vität nach auswärts sehend. Diese concave Platte des Darm-
beines dient wohl zum Stützpunkte für den Darmkanal , na-
mentlich für den Dickdarm. Daher die Concavität desselben
(nur für den M. iliacus internus noch erforderlich) mit der
300 Mayer:
geringen Evolution des Dickdarmes, bei den Carnivoren schon,
verkümmert. Dagegen finden wir ein breites Darmbein w^ie-
der bei den grossen Säugelhieren, namentlich bei den Wie-
derkäuern, dem Lama, dem Pferde, Giraffe, Elephanten, Rhi-
noceros u. s. w. , wo der Dickdarm eine grosse Ausdehnung
zeigt. Dass bei dem Menschen und Affen die aufrechte Stel-
lung hierbei mit concurrire, wird ebenfalls zu erwähnen sein.
Das Becken des Ornithorhynchus ist nach dem Typus
des Beckens der Säiigethiere, nicht der Vögel gebildet. Die
Symphyse ist lang (nur der Strauss besitzt eine Synchon-
drosis pubis) der Silzknorren spitz. Noch länger ist die
Symphyse bei Echidna, Myrmecophaga , Dasypus, Manis, wo
auch der Angulus ossis pubis sehr gross ist.
Die Differenz des männlichen und weiblichen Beckens
oder den Geschlechtsunterschied desselben bei den Säugelhie-
ren betreffend, finden wir denselben mehr oder minder aus-
gesprochen. Bei Ursus americanus habe ich ihn bereits an-
gegeben. (S. Nov. Act. Acad. N. G. Vol. XXVI. P. 1.) Im
Durchschnitte zeioft das weibliche Becken der Säuo-ethiere
folgende Charaktere: die Darmbeine sind relativ breiter, ebenso
die Flügel des ersten Kreuzbeinwirbels, die Conjugata der
obern Apertur ist grösser, weil das Becken schiefer, die Sitz-
knorren sind schwächer, ihre Distanz oder der Querdurch-
rnesser der unteren Apertur grösser. Particularia hierüber
sind in Doering's trefflicher Diss. inaug. de pelvi. Berol.
1824 zu finden.
Ich erlaube mir dem Voranstehenden noch einige Bemer-
kungen über den Gorilla nach eigener Conjectur hinzuzufügen.
Ein ähnlicher Name, wie Gorilla , findet sich für einen
grossen Affen Afrika's bei den Mandingos, nämlich der von
Toorallas, was wohl im Grunde derselbe Laut (Hug) ist. Es sei
mir aber hier gestattet noch einen kurzen kritischen Blick auf
Hanno's Periplus zu werfen, da das naturhistorische Faktum
der Entdeckung des Gorilla eine Bestätigung jenes Periplus
und ein unverwerfiiches Zeugniss für die Wahrhaftigkeit der
Reise -Erzählung Hanno's, jenes uralten Dokumentes, das
so oft und schon von Strabo bezweifelt worden ist, ge-
liefert und den Grenzpunkt nun festgestellt hat, wie weit
Zur Anatomie des Orang-Utang und des Chimpanse. 301
und bis zu welchem Breitengrade Hanno auf seiner Fahrt
gekommen ist.
Hanno's Periplus oder die Beschiffung der Westküste
von Afrika durch denselben fand wahrscheinlich gegen das
Jahr 510 a. Ch. n. 0 statt. Er fuhr auf Befehl des Senates von
Carlhago durch die Säulen des Herkules längs der Westküste
von Afrika, um daselbst lybisch-phönizisrhe Pflanzstädte zu
gründen. Seine Flotte bestand aus 60 Schiffen, jedes von
50 Rudern 2). Nach einer zweitägigen Fahrt erbauten sie
die Stadt Thymiaterium •'}• Sie kamen sodann am Vorge-
birge Solois vorbei "♦) wo dem Neptun ein Tempel errichtet
wurde, legten weiter nach abwärts vier Pflanzstädte au und
gelangten bis zu dem Flusse Lixus ^3 wo sie bei dem Noma-
den-Volke der Lyxiten verweilten. Von den Lyxiten nah-
men sie Dollmetscher und Piloten zur weiteren Fahrt mit.
Sie fuhren nun zwei Tage nach Süden und sodann einen
Tag nach Osten ^), wo sie in dem Hintergrunde einer Bucht
eine kleine Insel fanden, auf welcher die Pflanzstadl Gerne ^
1) Wach Kluge Hannonis navigatio Lips. 1829.
2) AVohl nur die LaslschifTe für Lebensmittel, Weiber, Kin-
der u. s. w.
3) Wo das heutige Mamora oder Mehedia (s. C. Mülle r's vor-
treffliche Ausgabe der (Jeographi graeci minores. Paris 1855).
4) Promontorium Solois, wohl das heulige Cap Cantin ; (31 an-
ner t, C. Müller).
5) Fl. Lixus , entweder Fl. Darodus am Cap Kon, oder weiter
unten Fl. Drah.
6) Sie mussten nämlich jetzt das Cap Bajador, dessen Brandung
mehrere Meilen weit in die See reicht, umschiffen, (welches den Por-
tugiesen später so viel Schrecken einjagte, dass sie sogleich wieder
umkehrten) und sodann wieder nach Osten um so mehr einlenken,
als sie in den Hintergrund der nach Osten laufenden Bucht einliefen,
um auf der daselbst sich befindenden Insel die Pflanzstadt Cerne zu
gründen.
7) Cerne, Herne, die Insel der Reiher, I. des Ilerons. Andere
nehmen die weiter unten liegende Insel Argouin dafür an. Diese
letztere liegt aber nicht in einem tiefen Meeresarm, ist viel zu gross,
(Cerne hat nur 5 Stadien an Umfang) und von vielen anderen Inseln
umgeben. Auch lag Cerne nur zwei Tagereisen von den Lixilen
entfernt. Von Cerne nach dem Cap Verl brauchten sie 12 Tage, was
für die nähere Insel Argouin zu viel wäre, aber für die Insel Herne
zutrifft.
302 Mayer:
angelegt wurde. Von Gerne aus unternahmen sie zwei Reisen
nach Süden. Auf der ersten Reise kamen sie an die Mün-
dung des Flusses Chretes ^) , in dessen Bucht sie drei In-
seln antrafen, die grösser als Gerne ^) waren und in einer
Tagfahrt an die Ausbiegung dieser Bucht, über welche Berge
mit Wald - Menschen besetzt, emporragten, welche durch
Steinwürfe ihnen das Anlanden verwehrlen 'o). Hierauf ka-
men sie in einen anderen grossen und breiten Strom ^0,
welcher voll von Grocodilen und Flusspferden war. Von hier
kehrten sie wieder nach Gerne zurück.
Auf ihrer zweiten Reise von da aus schifften sie am
Ufer entlang zwölf Tage lang gegen Mittag , an Aethiopern
vorbei, deren Sprache den Lyxiten unbekannt war. Am letz-
ten Tage langten sie bei grossen und waldigen Bergen
an ^-), deren Hölzer wohlriechend waren. Sie umschifften
dieses Vorgebirge in zwei Tagen und kamen in eine weite
Bucht 13) ^ an deren flachem Ufer sie die Feuer der Wilden
bei Nacht erblicken konnten. Am Ufer weiter fünf Tage
segelnd ^^) kamen sie abermals in eine grosse Bucht ^^) ,
welche die Dollmetscher die des West-Horns ^^) nannten.
In dieser Bucht war eine grosse Insel ^0 ""d an derselben
ein Meeressumpf ^s) , worin eine andere Insel '^) lag. In
8) Fl. Chretes seu Chremetes ; Rio St. Jean mit seinen drei
Inseln in der Nähe seiner Ausmündung. Unrichtig giebt Durea de
Lainalle dafür den Senegal an. (S. Ann. des sc. nat. 1855. p. 185.)
9) Also Gerne wieder eine kleine Insel genannt !
10) Wahrscheinlich Affen.
11) Senegal.
12) Das Cap Vert.
13) Die Bucht des Flusses Gambia.
14) Von da bis an den Fluss Domingo.
15) Die Bay der Bissagos-Inseln unterhalb des Ausflusses des
Domingo und des Gabo (früher R. de Gesves und R. de Kurbali, an
deren See der König Kabo wohnte, genannt).
16) Das Cap Tumbali am Ende der Bucht wohl gemeint.
17) Wohl die Insel Bissagos, die zunächst auf ihrer Fahrt am
Ufer liegt.
18) Untiefe, Sandbucht, gegenüber dem Flusse Gabon.
19) Wohl die Insel Sorciere, auf welcher die Wilden (ßalantes,
2ur Anatomie des Orang-Utang und des Chimpanse. 303
diese stiegen sie aus. Sic sahen bei Tage nichts als Wäl-
der, aber in der Nacht viele Feuer und vernahmen grosses
Geschrei und Getöse von Hörnern , Pauken und Cymbalen.
Aus Schrecken verliessen sie diese Insel wieder. Nun schnell
heraus segelnd schilTlen sie an einem Lande ^o) vorüber,
das von Feuer -Rauch erfüllt war und von welchem feurige
Ströme ins Meer fielen ~^). Das Ufer war wegen der Hitze
nicht zu betreten , daher sie schnell weiter segelten. Vier
Tage wurden sie umher ge trieb en "j und sahen bei Nacht
das Ufer voller Flammen. In der Mitte erschien eines der Feuer
am höchsten und erkannten sie bei Tage , dass dieses auf
dem höchsten Berge, Theon Ochema genannt, gewesen 23).
auch später ihre götzendienerische Feste feierten). S. Histoire gen.
des Voyages. Paris 1746. Tom. II, p. 595. (Nach einem Anonymus im
Jahre 1695.) Allgemein wird seit Kluge die Insel Hareng, früher
I. de Kasnabac, dafür angenommen, mit einer kleinen in deren Bucht
liegenden Insel. Allein diese liegt am Ende der Bucht und zu weit
entfernt. Es haben übrigens alle Bissagos-Inseln während der vielen
Jahrhunderte seit Ilanno's Fahrt durch die Alluvionen des Flusses Ga-
bon und Rio Grande sich sehr verändert und mit der Zeit so viele
Sandbänke, Sandbuchten oder Meeresuntiefen {l^fAit} SaXaoü^ör^g') ge-
bildet, dass man die jetzige Lage der Inseln nicht mit der zur Zeit
Hanno's identificiren darf. Diese Untiefen sind Sandbänke, welche alle
Inseln umgeben und an vielen Stellen nur 1 — 2 Faden Wasser haben.
20) Also nicht aussen um die Inseln herum, wie C. Mül-
ler annimmt.
21) Die gewöhnlichen Feuer der Wilden, hier wegen des
Götzendienstes vielleicht stärker. Die Ströme leuchteten davon wie-
der (Mannert). Es kann wohl nicht von vulkanischen Erscheinun-
gen hier die Rede sein, welche sich daselbst (und in der Sierra Leona)
nie gezeigt haben und welche dem Hanno und seinen Gefährten, ver-
traut mit den Ausbrüchen des nahen Aetnas und der Solfatara in der
ISähe Siciliens, die bei Nacht von Carthago aus gesehen werden kön-
nen, ja bekannt waren. Auch war Hanno wohl häufig in Syracus
und seine Frau ja daselbst gebürtig.
22) Es heisst hier nicht InkfiVöctfxfVi wir scgcllcn, sondern yf-
po^fyot, indem die Scbiüe entvvedtr von den Strömungen des Flusses
Gabon und Rio Grande hin und her getrieben ^vurden oder weil eine
hier so häufige Windstille eintrat.
23) Theon Ochema oder das Cap Sagres, dessen hoher Berg
auch den Portugiesen zuerst auffiel. Der Berg des Cap Sierra Leone
304 Mayer: Zur Anatomie des Orang- Utang u. s. w.
Nachdem sie drei Tage an diesen Feuern vorüber geschifft
waren, kamen sie in die Bucht 2^), welche das Osthorn ^S)
genannt wird. In dem Hintergrunde dieser Bucht lag eine,
jener oben gedachten ähnliche, Insel ^t»), in deren Meeressumpf
eine andere Insel lag, die von Waldmenschen bewohnt war.
Es waren viel mehr Weibchen mit borstigen Haaren, welche
die Dollmetscher Gorillas nannten. „Wir verfolgten sie, konn-
ten aber kein Männchen erhaschen, die über Steinklüfle spran-
gen und sich mit Steinen verlheidigten." Sie fingen nur drei
Weibchen, welche ihre Führer bissen und zerfleischten. Sie
tödteten sie daher, zogen ihnen die Haut ab und brachten
diese nach Carthago ^7). Denn weiter schifften sie nicht mehr,
da ihnen die Lebensmittel mangelten.
kann es wegen der Entfernung nicht sein und weil jener Berg in
der Mitte der Feuer lag.
24) Die Buclit der Sierra Leone.
25) Koti cornu, das Cap am Ende der Bucht, Cap Sierra Leone.
26) Im Grunde dieser Bucht liegt die Insel Tamara (L Konebomba)
mit einer kleinen Insel davor, dem Ausflusse des Flusses Pongo gegen-
über. Diese und nicht die neben der Insel Seh erb ro oder C er-
ber a liegende Insel-I. de York oder Macaulay, wie C. Müller will,
halte ich für die Insel, wo die Carthaginenser ausstiegen, aus fol-
genden Gründen: a) die Insel Scherbero liegt zu weit unten und hin-
ter dem vorgeblichen Noti cornu. b) Sie und die Insel Macaulay
liegen nicht im Grunde einer Meeresbucht. Dieses ist aber bei der
Insel Tamara der Fall und der Käme des Flusses Pongo, an dessen
Ausmündung sie liegt, deutet vielleicht auf den Aufenthalt des Pongo
oder grossen afrikanischen Affen (Gorilla) hin. c) Die Insel Scher-
bero und Macaulay sind bewohnbare Inseln, worauf die Portugiesen
einen Weger-König antrafen. Die Insel, worauf die Gorillas sich auf-
hallen konnten, war damals nicht bewohnbar, eine Felseninsel, wie
die Insel Tamara oder die Insel Los Idolos, denn es heisst ja, die Go-
rillas-Männchen flüchteten sich über die Felsenklüfte {xot^urcßarai,
oytis). Endlich kömmt am Flusse Scherbro schon der Quoja Morrow
oder der Chimpanze vor. (Yoyage de Smith p. 52).
27) Nach Plinius VI. 36 waren diese Häute noch kurz vor dem
Falle Carthago's zu sehen, so dass sie sich 364 Jahre erhalten haben!
i
lieber die G^aUiiiig üf ormoiis.
Von
rrof, 'H'. F'eters.
(Monatsber. der Königl. Akad. zu Berlin vom Juli 1856.)
Die GaÜung Mormops wurde zuerst vonLeach cTrans-
actions of the Linnean sociely of London XIII. 1. p. Tö.Taf.
VII) vor 35 Jahren nach einem angeblich aus Jamaica
stammenden Exemplar aufgestellt und beschrieben. Er gab
an, dass sie ein aufrechtes, mit den Ohren verwachsenes, Na-
senblalt besitze, dass kein Fingerglied des Zeigefingers vor-
handen, dass der Mittelfinger aus vier knöchernen Phalangen
zusammengesetzt, die Ohren gross und verwachsen seien, der
Schwanz kürzer als die Schenkelflughaut sei und mit seinem
Ende frei oberhalb derselben hervorrage. Die beigefügte
Abbildung erläuterte den complicirten Bau der Ohren , der
Lippen und des Nasenbesalzes, des Gebisses und des Schädels.
Neunzehn Jahre nachLeach ist dieselbe Gaitung zum
zweiten Male von Gray (Annais of natural history IV. p. 3)
nach einem in Weingeist aufbewahrten Exemplare aus Cuba
untersucht worden. Seine Beschreibung weicht sehr von der
Leach'schen ab. Er behauptet, dass sie kein Nasenblalt
besitze, dass sie daher nicht mit den Phylloslomen, sondern
mit den Noctilionen zu vereinigen sei, dass sie den Taphozous
weit näher stehe, am nächsten aber mit Chilonycleris ver-
wandt sei. Als Unterschied zwischen seinem Exemplar und
der Leach'schen Zeichnung giebl er an, dass die beiden
Anhänge vor der Scheibe in der Mitte des Kinnes bei dieser
letzleren grösser und dass die hintere Falte der hinteren
Membran vor dem Kinn einfach ansialt getheill dargestellt
Archiv f. Naturgescb. XXIL JahrtJ. 1. Bd. 20
306 Peters:
seien. Er hat ferner eine Beschreibung des Thieres gegeben,
ohne jedoch auf die Proportionen und die Färbung einzuge-
hen. Seine Beschreibung der Lippen, des vor den unteren
Schneidezähnen liegenden Wulstes, die Deutung sowohl des
an den vorderen als des an den hinleren Ohrrand stossen-
den Hautlappen, und die Angabe, dass das letzte Glied des
Schwanzes verlängert sei , weichen von der bildlichen Dar-
stellung, welche Leach gegeben, ganz ab.
Es war daher eine neue Untersuchung dieser seltenen
Gattung wünschenswerth. Drei dem hiesigen Museum gehö«
rige in Weingeist aufbewahrte Exemplare aus Cuba lieferten
hierzu ein hinreichendes Material. Sie zeigen in allen Thei-
len mehr Uebereinslimmung mit der Leach'schen als mit
der Gray'schen Darstellung.
Auch das, was Gray an der Leach'schen Abbildung
als Fehler des Zeichners tadelt oder als abweichend von sei-
nem Exemplar angiebl, nämlich das, was er Anhänge der
Kinnplalte nennt und welche nichts weiter sind als die dunkel
schatlirten Stellen , neben denen sich die doppelte Kinnfalte
mit der Kinnscheibe verbindet, so wie die Einfachheil der
hinteren mittleren Kinnfalte finde ich unseren Excniplaren
zufolge vollkommen naturgetreu, so dass nichts weiter übrig
bleibt, als entweder anzunehmen, dass Gray eine der Leach*-
schen verwandte neue Art unter Händen gehabt habe , oder
dass seine Darstellung die weniger richtige sei. Die zwi-
schen den unteren Schneidezähnen und der warzigen Platte
befindliche Wulst erscheint nicht dreieckig, wie Gray von
seinem Exemplare angiebf, sondern als eine einfache gekrümmte
schmale Linie, wie es die Leach'sche Abbildung zeigt.
Auch in Bezug auf das letzte kurze und nicht verlängerte
(Gray) Schwanzglied stimmen unsere Exemplare mit Leac h's
Abbildung überein. Was ferner die von Leach als „i^M-
nophyllus^ betrachtete Hautfalte anbetrifft, so scheint mir
diese Deutung durchaus nicht zweifelhaft, wenn man die
Bildung, welche man bei Nycteris beobachtet, damit ver-
gleicht, um so mehr, da die Vereinigung der inneren oder
vorderen Ohrränder erst hinter dieser Hautfalte in derselben
Weise wie bei Nycteris wirklich stattfindet, wie es auch die
Leaclvsche Abbildung, wenn auch etwas undeutlich, angiebl.
Ueber die Gattung Mormops. 307
Es gehört offenbar diese Falte ebenso wenig zum vorderen
Ohrrand, wie der Thcil der Lippen , welcher den Mundwin-
kel bildet, als „abgerundeter vorderer Lappen des unteren
Ohrrandes« (Gray) betrachtet werden kann.
Obgleich Leach keine specielle Beschreibung der von
ihm M. BlaiiivillU benannten Art gegeben hat, auch die Pro-
portionen des Körpers und der Gliedmassen sich nicht wohl
aus der von ihm gegebenen Skizze des ganzen Thiers ent-
nehmen lassen, ist doch die Uebereinstimmung mit der von
ihm untersuchten Art so gross, dass ich keinen hinreichen-
den Grund finde, dieselbe als eine von ihr verschiedene Art
zu betrachten.
Mormops hat gar nicht das plumpe Ansehen, welches
man nach den von Leach gegebenen Detailnnsichlen hatte
vermulhen sollen , sondern gehört , sowohl was seine allge-
meine Körpergestalt so wie seine Gliedmassen anbetrifft, zu
den schlankeren Formen. Der Kopf läuft in gleicher Flucht
mit dem Körper, wie bei den NocHlio , Taphozons und Em-
ballonura, denen er auch durch die Proportionen des aus der
Rückseite der Schenkelflughaut hervorragenden Schwanzes
sich nähert. Jedoch warnt die Zusammensetzung des Mittel-
fingers nach Art der Phyllostomata schon vor einer Zusam-
menstellung mit diesen Gattungen.
Die Form des Kopfes, der Bau der Ohren und der Lippen
lässl sich sehr wohl in der Leach'schen Abbildung wieder
erkennen. Die Ohren sind verhältnissmässig nicht sehr gross,
da ihre grösste Länge nicht y^ der Kopflänge übertrifft. Der
vordere Rand beider Ohren wird durch eine über das Ge-
sicht hingehende Querleiste vereinigt , während ihre vordere
Fläche mit der hinteren Fläche des Nasenbesatzes verwach-
sen ist, wie man deutlich erkennen kann.
Zwar findet sich bei Mormops keine vertiefte Gesichts-
grube und die kleinen Vorsprönge um die Nasenlöcher herum
lassen sich nur schwer oder künstlich auf die vorderen Ab-
theilungen des Nasenapparates von ^ycteris oder anderer Gat-
tungen zurückführen, aber die mit den Ohren verwachsenen
Lappen sind deutlich als den hinteren die Gesichtsgrube bei
JVi/c^em begrenzenden Falten homologe Gebilde wieder zu er-
kennen. Sie hängen sogar auch schon bei JSycteris, wenn
308 Peters:
auch nicht so fest , mit den Ohren zusammen , so dass mir
kein Zweifel an der Richtigkeit der Leach'schen Deutung
übrig zu bleiben scheint.
Die Schleimhaut des Gaumens bildet acht wulstige Quer-
falten, von denen die hinteren fünf in der Mille gelheilt sind.
Der Körper ist fein und dicht behaart und die Behaarung
der Bauchseile ist kaum kürzer als die der Rückenseite. Die
vorderen Gliedmassen sind sehr gestreckt. Der Oberarm ist
um die Hälfte länger als der Kopf und der Vorderarm, wel-
cher angelegt genau bis zum Ende der vorragenden Unter-
lippe reicht, ist S'/j Mal so lang wie der Kopf. Der Daumen
ist kurz, sein erstes Fingerglied an der Basis von der Flug-
haut umfasst. Das Miltelhandglied des Zeigefingers ist ein
wenig länger als das des drillen Fingers und trägt an sei-
nem Ende ein sehr kurzes (von L e a c h übersehenes), I V2 Mm.
langes Fingerglied , von dessen Endo eine am Rande der
Flughaut verlaufende Sehne bis zum ersten Fingergelenke des
dritten Fingers hingeht. Das erste Fingerglied des Mittel-
fingers ist um mehr als die Hälfte kürzer als das zweite,
welches letztere um V3 länger ist als die letzte knöcherne
Phalanx. Das Miltelhandglied des vierten Fingers ist etwa
4 Mm. kürzer als das des dritten Fingers, dagegen ist jedes
seiner beiden gleich langen Fingerglicder um ^/n länger als
das erste Glied des dritten Fingers. Das Miltelhandglied des
fünften Fingers ist um so viel kürzer als das Miltelhandglied
des vierten Fingers, wie die Länge des ersten Fingergliedes
vom Mittelfinger beträgt. Der Unterschenkel ist von der
Länge des Kopfes, aber merklich kürzer als der Oberschen-
kel, (wie 1 1 : 13). Die Füsse sind zart, nicht halb so lang
wie der Unterschenkel; die Zehen sind ziemlich gleich lang,
am Grunde durch eine schmale Haut verbunden; ihr Bau
zeigt nichts Ungewöhnliches.
Die Spornen, welche den Rand der Flughaut einnehmen,
sind nur y^o kürzer als der Kopf. Der Schwanz hat dieselbe
Länge wie der Oberschenkel und erreicht nur die Mille der
ausgestreckten Schenkelflughaut; bei der ruhenden Lage des
Thieres ragen die letzten Glieder des Schwanzes frei aus der
Rückenflnche der Haut hervor. Die Flughäute sind zwar sehr
breit, lassen jedoch das untere Ende des Schienbeins frei.
lieber die Gattung Mormops. 309
Die Rückseile des Tliieres ist schön umberbraun, und
erscheinen die Haarspitzen derselben dunkler, während die
Bauchseite, deren Haarspitzen heller sind , braun mit grauem
Anfluge erscheint.
Die auffallende Gestalt des Schädels ist aus derLeach'-
schen Abbildung sehr wohl zu erkennen. Er stimmt am
meisten mit dem von Chilomjcteris überein , nur ist er viel
kürzer und der Schädellheil viel mehr winklig gegen den
Gesiclitslheil abgesetzt, so dass das Foramen magnum nicht
allein ganz nach hinten, sondern selbst noch ein wenig nach
oben gerichtet ist. Den Zahnbau hat Leach im Ganzen
richtig geschildert, wenn er auch nichts von der wförmigen
Bildung der Backenzahnkrone und der Concavität der vor-
deren Fläche der oberen Schneidezähne erwähnt. Das übrige
Skelet stimmt durch die Form der einzelnen Wirbelablhei-
lungen, durch die Breite der Rippen, durch den Längskamm
auf dem Brustbeinkörper , durch die Gestalt des hakigen
Forlsatzes des Manubrium sterni , durch die Gestalt des Bek-
kens, des Schullerblattes und des Oberarmbeins von den be-
kannteren Gattungen am meisten mit Glossophaga (amplexi-
caudataj , durch die breiten Schlüsselbeine am meisten mit
Vampyriis überein , weicht aber durch die geringere Breite
des Manubrium sterni und die grössere Breite der Darmbeine
merklich von ihnen ab. Die Ulna ist sehr rudimentär und
geht nicht über das erste Dritlheil der Speiche hinaus. Das
Wadenbein ist nur durch einen haarfeinen Knochen reprä-
sentirt, aber selbst dieser geht nicht einmal bis zum Knie
hinauf, sondern ist in seinem obersten Drittheil durch einen
sehnigen Faden vertreten. Die Zunge ist wie bei den PhyU
lostoma und Vampyrus lang, an der Spitze abgerundet, mit
platten, nach hinten gerichteten Schüppchen bedeckt, zwi-
schen denen sich zerstreute linsenförmige Papillen auszeich-
nen. Die Eingeweide so wie die Begaltungsorgane zeigen
ebenfalls am meisten Uebereinstimmung m'ü den Phijllostomata.
Maasse in Äliliimetern.
Länge des Thieres von dem Ende des Kopfes bis zur
Schwanzbasis tj6
Länge des Kopfes 22
!, „ Schwanzes 26
310 Peters: Ueber die Gattung Mormops.
Länge des Oberarms 33
Vorderarms 55
„ Daumens (Mittelh.3. 1. Gl. 2. 2. Gl. 2.) 7
„ 2ten Fingers (Milfelli. AS'/^. 1. Gl. 1%.) 50
^ „ 3ten Fingers (Mittelh. 48V,. 1. Gl. 9.
2. GI.22V2. 3. Gl. 17. 4. Gl. 2.) . . 102
„ „ 4ten Fingers cMiüelh. 45. 1.G1.12. 2.G1.12.) 69
„ „ 5ten Fingers ( ,,, 35. 1. „ 17. 2. „ 1^/2)6^
„ „ Oberschenkels 26
„ „ Unterschenkels 22
» „ Fusses 11 1/2
der Spornen 22
»
„ der Schenkelflughaul 50
Fassen wir nun die aus dem Vorsiehenden gewonnenen
Resultate zusammen, so ergiebt sich, dass die Gatlung Mor-
mops nicht allein durch ein deutliches Nasenblatt, sondern
auch durch die Beschaffenheit ihrer vorderen Gliedmassen,
durch den Bau ihres Skelets und der Eingeweide sich von
den Chiropfera gymnorhina, namenilich Taphozous , EmhaU
lonura und Noctilio entfernt, sich dagegen in der Unvollkom-
menheit ihres Nasenblaltes an Brachyphyllum, in dem Baue
der Zähne unter den Pkyllostomen am nächsten an Vampy-
rus anschiiesst, dass sie jedoch mit der Gattung Chilonycteris
am meisten verwandt ist und mit dieser am passendsten eine
an Brachyphyllum sich anschliessende Gruppe bilden kann,
welche dann unter den eigentlichen Phyüostomen dem Vam-
pynis am nächsten stehen würde. Das Herüberziehen der
Gattung Chilonycteris in die Abiheilung der hisliophoren
Handflögler kann um so weniger Bedenken haben , als auch
diese Gattung eine dicke wulstige Onerialte auf dem Nasen-
rücken hat, welche man wenigstens eben sowohl als ein Na-
senblatt betrachten kann, wie die wulstigen Falten von Des-
modus. Ihrem Wesen nach ist sie ja dasselbe, da auch die
dünnhäutigen Nasenbläller anderer Galtungen aus einer Dupli-
catur der Haut zusammengewachsen sind.
JVeiie /tiiiiulaten '*').
Beschrieben von
Dr* Hinberg-,
Prosector am K. Carolin. Med. Clin. Institut. 1. Arzt der Fregatte
Eugenie während der Weltumsegelung.
Fant« I* JLpliroditacea.
Gen, Halitea Sav. Aphrodite Aud. et M. Edw.
Tuberculum faciale granulosum sub tenlaculo •""•^) inter
palpos validos; antennae nullae; cirri tentaculares longi, buc-
cales breves; niaxillae cartilagineae parurn distinctae; bran-
chiae humiles, parvae; elytrorum paria quindecim in segmen-
tis . . .23, 25, 28.
Aphrodita L.
Oculi sessiles; dorsum tela lomenloso teclum; selae pe-
dum ventraliurn numerosae, numquam glochideae.
A. alta n. Corpus altum ; lobus cephalicus rotundatus;
tentaculuin breve , articulo basali quarla parte longitudinis
capitis breviore; selae peduin dorsualiuin in lela toincntosa
occultae; capilli breves albidi.
Ijab. in mari allanlico long, occid. 40*^05' , lat. auslr.
22^^30', prope Rio Janeiro, profund. 20—30 org.
■••■) Öfversigt af Kongl. Vetenskaps. Academiens Förhandlingar.
1855. Dec.
""*) Tentaculum = anlenne inipaire; antennae = antennes mi-
toyennes; palpi = antennes externes; cirri buccales = cirri venlra*
les paris sccundi pediim.
312 Kinberg:
A. aculeata L. Corpus latum; lobus cephalicus spathu-
latus, parte basali tenlaculi brevis duplo longior; setae pe-
dum dorsualium validae, longac, telam lomenlosarn penetran-
tes; capilli viridUaenei.
Hab. ad oras Europae.
A. longicornis n. Corpus lalum; lobus cephalicus ro-
tundatus; partem basalem tenlaculi longissimi aequans; setae
pedum dorsualium validae, longae^ telam lomentosam pene-
trantes ; capilli viridi-aenei.
Hab. in mari atlantico australi , extra ostium fluvii
la Plata.
Hermione Blainv.
Oculi pedunculis suffulti sub margine capitis affixis; tela
tomentosa nulla; pedes elytra ferentes setis glochideis armati,
ventrales setis paucis, bidentatis.
H. hystrix Sav. Blainv. (Aphrodita) Aud. et M. Edw.
Ann. Sc. nat. XXVII. 416. — Lobus cephalicus rotundatus;
elytra media reniformia, canaliculis aliis divergentibus, aliis
transversis, cellulisque magnis rotundatis; setae pedum ven-
tralium apice curvae.
Hab. oras Galliae, ad Cherbourg nobis obvia; speci-
men scandinavicum non vidimus.
n. hystricella Quatref.? Cuv. Regne animal, ed. 3, An-
nelides pl. 19, sine descriptione. — Lobus cephalicus late
rotundatus; elytra media oblique reniformia, margine antico
interno producta , striis tenuissimis divergentibus , cellulis
ovalibus sparsis; setae pedum ventralium apice rectae.
Hab. ad oras Syriae, unde Museo Regio misit He-
denborg.
Aphrogenia n.
Oculi parti basali tenlaculi impositi, laterales; tela to-
mentosa nulla; setae pedum dorsualium uncinalae, nee glo-
chideae, pedum ventralium paucae, bidcntatae.
A. alba n. Lobus cephalicus latus, brevis; tentaculum
palpis paullo brevius; elytra cellulis magnis dense radiata;
setae pedum ventralium duae.
Hab. ad insulam St. Thomae Indiae occidentalis, unde
Museo regio atlulit N, Werngrcn.
Neue Annulaten. 313
Laetmoni ce n.
Oculi pcdunculis suffuUi margii-ri anleriori lobi cepha-
lici adnatis ; dorsum tela lomentosa lecturn; sclae pedum elylra
ferenlium glochideae, venlraliuin semipciinalae.
L. filicornis i\, Lobus cephalicus rotundalus, sulcis duo-
bus arcuatis triparlitus; tentaculum filiforme, palpis longius;
elytra media oblique reniformia, cellulis minimis, forma variis.
Hab. ad oram Siieciac occidenlaiem. Mus. reg.
ITaiii» IS. Spliionea*
Tuberculum faciale minulum, inter aufennas binas, e su-
perficie faciali produclas; tentaculum nullum; palpi crassi,
cirri tentaculares et buccales graciles; elytra reticulala.
Iphione n.
Eumolpae iphionae Sav.
Oculi quatuor; lobus cephalicus in articulos anfennaruni
basales productus, lobo longiores ; elylrorum paria tredecimj
setae dorsuales subulatae, venlralibus serratis approximalae.
/. ovata n. Antennae , palpi cirrique ciliali , apice at-
tenuati, nee clavati, elytra margine laevia.
Hab. mare pacificum ad Honolulu.
/. muricata (Polynoe) Sav. (Eumolpe) Blainv. Palpi
cirrique ciliati, clavali ; elytra margine ciliata.
Hab. oras ins. Alaurilii et mare rubrum (Sav.).
F'ani« 111. Polynoiua.
Tuberculum faciale nullum ; tentaculum longum , anten-
nae binae; maxillae magnae corneae; oculi quatuor; elytrorum
paria 12 — 35; segmenta elylris carentia cirro praedila dor-
suali; branchiae nullae.
Lepidonotus (Lcach).
Bases anlennarum e margine anteriore lobi ceplialici
productae; elytrorum paria 12 ( — 13?), dorsum omnino te-
gentia; corpus breve.
L. Pomareae n. Antennae, lobo cephalico duplo lon-
giores, tentaculum, cirrique dorsuales graciles infra apiccm
314 Kinberg;
atlenuatum inflali; palpi validi , conici , carinati, scabri, lon-
giludine tentaculi, setae inferiores longae, infra apicem spi-
nosae; elytra, paria duodecim, marglne clavato-fimbriata.
Hab. ad insulam Tahiti.
L. socialis n. Anlennae, lobo cephalico parum longio-
res, cirri tentaculares , buccales et dorsiiales infra apicem
subulaluin inflati; palpi validi, carinati, ciliati, apiculati; setae
inferiores longae, infra apicem spinoso-serrulatae; elytrorum
paria 12?
Hab. ad insulam Eimeo maris pacifici.
L. Jacksoni n. Antennae lobo cephalico longiores
tenlaculum palpos siiperans validos, scabros et, ut appendices
reliquae cirrique dorsuales, infra apicem infiatos; setae in-
feriores infra apicem profunde serralae ; elyira, paria duode-
cim, margine ciliata.
Hab. ad Port Jackson.
L. margaritaceus n. Anlennae lobo cephalico parum
longiores; tentaculum longiludine palporum laevium; bascs
cirrorum dorsualiuin pedes longiludine aequanles; setae in-
feriores brevissiinae , infra apicem serrulalae; elyira, paria
duodecim, margine ciliala.
Hab. ad Guajaquil Americae.
L. Johnstoni n. Anlennae lobo cephalico longiores;
setae inferiores longae, superioribus tarnen breviores , infra
apicem acute serralae; elyira, paria duodecim, margine lae-
via, parle externa elevata.
Hab. lilora insularum prope Panama.
L. Waklbergi n. Anlennae, lobo cephalico parum lon-
giores, tenlaculum , cirri tentaculares , buccales et dorsuales
ante apicem altenualum inflali ; palpi laeves, tenlaculum lon-
gum superantes; selae superiores divergentes, infra apicem
serralae ; elytra, paria duodecim, tuberculis praedita magnis,
rotundatis, margine elevato.
Hab. ad Port Natal, unde retulit J. A. Wahlberg.
L. caeruleus n. Anlennae lobo cephalico parum lon-
giores, palpis breviores scabris, validis; setae inferiores bi-
denlalae, iiifra apicem Iransverse slrialim scrralo - spinosac ;
II
Neue Annulaten. 315
elylra, paria duodecim , tuberculis praedila sparsis conicis;
cirri ventrales apicem pedum attingentes.
Hab. ad Rio Janeiro.
L. havaicus n. Antennae lobo cephalico breviores, pal-
pos aequantes , tentaculo longiore, sicut appendices omnes
ante apicem subulatum vix inflatao ; elytra , paria duodecim,
maciila magna notata, margine ciliata ; cirri ventrales pedum
apices non attingentes ; selae inferiores sub apice dente mi-
nimo, infra arcte serratae.
Hab. ad Honolulu.
L. striatus n. Antennae, tentaculum aequantes, lobo
cephalico duplo longiores , dimidiam palporum longitudinem
attingentes, ut reliquae appendices et cirri dorsuales, laeves,
cylindricae, apice attenuato; elytra, paria tredecim?, tenui-
ter granulata, late striata ; setae inferiores bidenlatae , infra
apicem serrulatae et serialim transverse spinulosae.
Hab. ad Port Jackson.
L. indicus n. Antennae lobo cephalico vix duplo lon-
giores, dimidiam palporum longitudinem attingentes, ut omnes
appendices et cirri dorsales, ciliatae, sensim altenualae; ely-
tra, paria 13?, spinis curvis aspera, margine breviler ciliata;
selae superiores annulatim arcte spinulosae, inferiores biden-
tatae, longo serratae.
Hab. in freto Bangka.
Halosydna n.
Bases antennarum a margine anteriore lobi cephalici
producti, elytrorum paria 15 — 21, dorsum non omnino te-
gentia; corpus elongatum.
H. Virgini n. Antennae, longitudine lobi cephalici, co-
nicae, apice attenuato; tentaculum, longitudine palporum, in-
fra apicem subulatum inflatum; elytra, paria quindecim, mar-
gine brevifimbriata ; setae superiores longae, serrulatae, in-
feriores bidentatae, infra apicem serrulatae et Iransverse se-
riatim spinulosae.
Hab. ad Honolulu.
H. aiisfraUs n. Antennae , palpis dimidio breviorcs^
316 Kinberg:
tentaculum, antennas superans, cirri tenlaculares et dorsuales
ante apiceni subulalum inflati; elytra, paria 21, laevia.
Hab. in mari atlantico extra osfiiim fliivii La Plata.
IL patagonica n. Antennae dirnidiam palporum longi-
tudinem vix atlingentes, tentaculum antennas superans, cirri
tentaculares et dorsuales ante apicern subulatum inflati; ely-
tra, paria 18, tuberculis rotundatis numerosis obsila; setae
inferiores bidentatae, infra apicern serratae.
Hab. in sinu Yorli bay freti Magalhaensi.
H, parva n. Antennae tentaculum fere aequantes, pal-
pis parum breviores; cirri tentaculares longi , infra apicern
subulatum inflati; elytra, paria 19, brevifimbriala; setae in-
feriores bidentatae, infra apicern arcle serrulatae et spinosae.
Hab. ad Valparaiso, ad insulam Chincha , et ad S.
Lorenzo prope Callao.
H. hrevisetosa n. Tentaculum validum, palpi longi et
cirri tenlaculares incrassali, apice attenuato; elytra, paria 18,
tuberculis rotundis paucis praedita, fimbriisque brevibus ; setae
inferiores brevissimae, infra apicem serratae.
Hab. prope S. Francisco Californiae.
Antinoe n.
Bases antennarum sub margine lobi cephalici , anlice
incisi, iuxta tentaculum affixae; elytrorum paria 12—15, dor-
sum obtegcntia ; corpus breve.
A. aeqniseta n. Antennae lobo cephalico plus quam
duplo longiores, palpi cirrique dorsales ciliati, nee incrassati ;
setae superiores inferioribus aequales, bidentatis, infra apicem
serratis et annulalim spinulosis.
Hab. ad Port Natal, unde retulit J. A. Wahlberg.
A. Waahli n. Antennae conicae, lobo cephalico bre-
viores, cum tentaculo duplo longiore, leviter inflato, cirris
tentacularibus , buccalibus et dorsualibus brevipilosae; palpi
validi iaeves ; elytra, paria 15, macula magna notata, margine
laevi; setae inferiores, superioribus longiores, bidentatae, in-
fra apicem serratae.
Hab. ad Port Jackson.
Ä. pulchellus n. Antennae lobo cephalico lato Ion-
Neue Annulaten. 317
giorcs , cum cirris tentacularlbus vi dorsalibus brevipilosae ;
elytra, paria 13, tuberculis praedita miniitis areolatis, margine
breviter fimbriata; setae inferiores bidentalae, infra apicem ser-
rulalae. — Tentaculum in specimine deest.
Hab. mare allanticum extra ostium fluminis la Plala.
A. microps n. Antennae lobo cephalico breviores,
cum tentaculo duplo longiore, et cirris tentacularibus bre-
vissime cilialae; palpi validi laeves; oculi minuti; elytra,
paria 14, macula notata nigra, semilunari, margine laevi ;
setae inferiores infra apicem serratae, superiores profunde
serratae.
Hab. ad Rio Janeiro.
Harmothoe n.
Bases antennarum , sub tentaculo affixae, incisuram lobi
cephalici occupante; elytrorum paria 15, dorsum obtegcnlia;
corpus haud longum.
IL spinosa n. Antennae, longitudine capitis, tenta-
culo dimidio breviores; palpi crassi, validi, subarticulati ;
appendices omnes lobi cephalici laeves; elytra prope margi-
nem poslicum et externum spinulis arinala conicis ; setae in-
feriores paullum longiores, bidentalae, infra apicem arcte et
profunde serratae.
Hab. frelum Magalhaense.
H. scabra (Aphrodita) 0. Fabr. F. Gr. 311; (Lepi-
donote) Oerst. Annul. dors. 12. Antennae lobo cephalico
longiores, tertiae parti lentaculi scabri aequales ; palpi longi,
tenues, et, sicut cirri , scabri; Spinae elytrorum irreguläres;
setae inferiores uncinatae, infra apicem serratae.
Hab. mare allanticum boreale.
H ermadion n.
Antennae ut in Harmothoe; elytrorum paria 15^ parlem
mediam dorsi et segmenla posleriora non tegentia; setae in-
feriores infra apicem serratae; corpus elongatum.
H. Magalhaensis n. Bases antennarum anle margiiieni
prominentes lobi cephalici, partem tentaculi basalem aequan-
318 Kinberg:
tis ; appendices cephaHci, cirri, elytra laevia; margines ely-
trorum reflexi ; setae superiores laeves.
Hab. fretuin Magalhaense.
H. longicirratus n. Bases antennarum margine lobi
cephalici occultatae, parte tentaculi basali longioris ; appen-
dices cephalici cirrique omnes ciliali ; cirri anales elongati,
elytra luberculosa.
Hab. frelum Magalhaense.
Farn« IV. Acoetea.
Tentaculum breve; oculi diio ; niaxillae dentibus arma-
tae duobus mediis et pluribus lateralibus; elytrorum paria
39—93, in segmenlis .... 24, 26, 28, 30 ... ; segnienta
elylris carentia cirris praedila dorsualibus.
Fanthalis n.
Deales medii conligui ; pcdunculi oculorum partem an-
ticam lobi cephalici occupantes, longitudine tentaculi; ely-
trorum paria 39^ primis tribus planis dorsum tegentibus, rc-
liquis canipanulalis, dorsum medium nudum relinquenlilius.
P, Oerstedi n. Palpi longi , laeves ; cirri tentaculares
tentaculo longiores ; cirri dorsuales pede breviores ; setae
Irium ordinum : subulatae, serrulatae: bipennato-penicillatae:
arislatae; papillae pedum nullae.
Hab. ad oram Sueciae occidenlalem.
Eu p omp e n.
Pedunculi oculorum partem anticam lobi cephalici oc-
cupantes, tentaculo parum breviores; elytrorum paria 93,
plana, tenuia, inverse s. antrorsum imbricata; pars anlica et
media dorsi nuda, poslica tecla.
E. Grubei n. Palpi longi subarliculati ; tentaculum cir-
ris longitudine aequale; setae quatuor ordinum: serrulatae,
subspiralcs ; bipennato-penicillatae: aristatae: capillaceae.
Hab. prope Guayaquil.
Ne«e Annulaten. 319
Fani. T. Sig^alionina.
Sigalion Aud. et M. Edvv.
Pedes, in segmentis anlicis , aut elylro aut cirro dor-
suali praediti ; in posticis elytro et cirri dorsuali.
Sthenelais n.
Lobus cephalicus rotundalus, media parte impressa ten-
taculuin excipiens validum, cuius basi antennae affixae; oculi
quatuor; setae trium ordinum : setaceae, serrulalae: subula-
tae, serratae: articulatae, bidenlalae; papillae elytrorurn dor-
sum tegentium siniplices.
S. Helenae n. Oculi aequales , postici pone medium
lobi cephalici sili, invicem propriores quam antici ; ienlacu-
lum cirris tentacularibus longiusculum; elyira sublus et pe-
des laeves.
Hab. ad Valparaiso.
S. articulata n. Oculi postici ante medium lobi cepha-
lici sili, minores et inter se magis quam antici distantes; ten-
taculum et cirri tenlaculares aequali longiludine; palpi longi
articulati ; elyira sublus papulosa; pedes papillis praediti et
tuberculis deplanalis.
Hab. ad Rio Janeiro.
Sigalion (Aud. et M. Edvv.)
Lobus cephalicus antice latus; tentaculum nulluni; an-
tennae duae breves in margine anteriore lobi cephalici ; oculi
duo (1, quatuor?); selae bidenlalae compositae et siniplices
serratae; elyira dorsum oblegenlia margine ramoso-fiinbriala.
S. Edwardsi n. Lobus cephalicus poslice rotundalus,
oculis ante medium silis; cirri tenlaculares quinlam parlem
palporum aequantes, pedes inferne cirris venlralibus brevio-
res, papillis praedili et tuberculis deplanalis.
Hab. mare extra ostium fluvii La Plala.
Leanira w.
Lobus cephalicus rotundalus, sulco medio tentaculum
excipiens; antennae nullae; palpi longissimi; oculi duo (1.
320 Kinberg: Neue Annulaten.
qualuor) ; selae superiores spiraliter serrulatae , inferiores
subulatae , pectinato-canaliculatae, elylra anteriora dorsum
non omnino tegentia, papillis nullis.
L. Quatrefagesi n. Oculi iuxta basem tenlaculi minuti;
palpi longissiml; pedes papillis praedili filiformibus ; cirri ven-
trales breves.
Hab. mare extra ostium fluvii La Plata.
Psammolyce n.
Lobus cephalicus antice in basem productus crassam
tenlaculi longi; anlennae nullae: oculi quatuor (duo?); setae
superiores simplices , gracillimae , serratae; inferiores com-
positae, apice bidentato -fissae; elytra medium dorsum non
tegentia, arenosa, margine longe iimbriata.
P. Petersi n. Corpus latum, depressum; lobus cepha-
licus postice latus; oculi qualuor, quorum poslici maiores,
inier se remoliores ; tentaculum et cirri lenlaculares aequali
longitudine, selae superiores bidentatae, apice curvato.
Hab. ad Mossambique, unde Museo relulil G. v. D ueben.
P. flava n. Corpus gracile, cylindricum; lobus cepha-
licus postice conlraclus; oculi duo ad basin tenlaculi, cirros
lenlaculares superanlis; selae superiores versus apicem exli-
mum aduncum allenuatae, fissura profunda, lineari.
Hab. ad Rio Janeiro.
P. Herminiae (Sigalion) Aud. et M. Edw.
Verg^Ieichende Betraclitiins^oii über die
]^e§ter der g:ci§ellig:eei IVespeii *)•
Von
19 r. ü. Mob BUS
in Hamburg.
(Hierzu Taf. XII.)
Zu allen Zeiten haben die Zoologen den Nestern der
Wespen ihre Aufmerksamkeit zugewendet. Aristoteles und
Plinius wussten, dass dieselben in der Höhe oder in Höhlen
angelegt und ihre sechseckigen Zellen aus rinden- und spinn-
webartigem Stoffe gebaut werden. Albertus Magnus
sagt von den Wespen , dass sie in Häusern und unter der
Erde nisten , und dass die Hornissen in Bäume bauen. In
seinem Buche über die Insekten hat AI d ro va n dus den
Beschreibungen der Wespennester schon Holzschnitte beige-
geben, welche Hüllen und Durchschnitte zwar roh, aber na-
*) Hiermit gebe ich nebst mehreren neuen Zusätzen einen Aus-
zug aus meiner Abhandlung: „Die Nester der geselligen
Weöpen, Beschreibungen neuer Nester und einigerneuen Wes-
penarten des naturhistoriscben Äluscums zu Hamburg nebst Betrach-
tungen über den ISesterbau im Allgemeinen. Mit 19 color. Kupferta-
feln." (Abgedruckt im 3ten Bande der Abhandl. des naturwissen-
schaftlichen "Vereins in Hamburg. Daselbst Herold'sche Buchhandlung
1856). Dort findet man die speciellen Untersuchungen, aus denen die
meisten hier mitgetheilten Resultate gezogen sind mit zahlreichen
erläuternden Abbildungen von neuen oder wenig bekannten Western,
Durchschnitten, Baustoffen u. s. w.
Archiv f. Nalurgesch. XXH. Jahrg. 1. Bd. 21
322 Möbius:
turgemäss darstellen, Aehnlich , doch besser ausgeführt, sind
die Bilder Johnston's. Auch der fleissige Svvammer-
d a m hat in seiner Nalurbibel Wespennester abgebildet. Un-
ter allen Schriftstellern des vorigen Jahrhunderts, die diesen
Gegenstand behandelten, glänzt besonders Reauinur, der
das Treiben der heiniathlichen Wespen mit unermüdlichem
Eifer belauschle und ein naturgetreues Bild ihrer Arbeilen
in der ansprechendsten Weise entwarf. Nach ihm haben
Christ, Rösel, Latreille, Curtis, White u.A. Wes-
pennester abgebildet und beschrieben, ohne dass irgend Einer
die bekannten Nesterarten einer vergleichenden Betrachtung
unterworfen hätte. Diesen Fortschritt gemacht zu haben, ist
das Verdienst Henri de Saussure's, der in seiner Mono-
graphie des Guepes sociales, Paris 1853, zahlreiche Abbil-
dungen von Wespennestern giebt und dieselben systematisch
ordnet. Die Principien seines Syslenies setzte er ausführlich
auseinander in den „Nouvelles consideralion sur la nidifica-
tion des Guepes« (Bjbl. univ. de Geneve 1855. XXVllI. p. 89
und Ann. des sc. nat. 1855. 111. p. 155). Die dort entwor-
fene Eintheilung werde ich später miltheilen.
Aeussere Form und Befestigung der
Wespennester.
Es giebt tafelförmige, an unteren Blatiflächen oder
an Baumstämmen anliegende Nester (Fig. ö. u. 8) ; cylin-
drische und conische, die mit ihrem obern Ende einen
Ast umfassen (Fig. 5); ei- oder kug el förmige, die zwi-
schen Zweigen und Blättern hängen und von diesen durch-
setzt werden (Fig. 7}. Die letzte Befestigungsweise ist von
unserer gemeinen Wespe allbekannt und findet sich auch bei
nord- und südamerikanischen Arten. Manche Wespen kle-
ben die Neslhülle oder die freie Wabe nicht unmittelbar an
den Träger, sondern hängen sie an Säulen auf, wie die kleine
Polybia sedula in Brasilien, die ihre zierlichen Nester oft
unter Blätter bauet (Fig. 4), und eine Nord- und Südame-
rika bewohnende Wespe (Polistes annularis), die ihre Wabe
nackt an Zweigen befestigt (Fig. 3).
Da die kleinen Nester an dünnen Zweigen oder Blättern,
Vergleich. Betraclituugen üb. d. Nester d. gesell. Wespen. 323
die schweren aber an stärkeren Aesten liängen, so müssen
— wie einfach auch dies uns erscheinen mag- — die Grün-
der eines Baues die Fähigkeit besitzen , einen Träger auf-
zusuchen, welcher der Last des vollendeten Nestes ge-
nügt, oder die Vollender haben das Vermögen, das Werk abzu-
schliessen , ehe es die Grenze des Gewichtes überschreitet.
Eine südamerikanische Wespe (Polybia cayennensis Fab.) die
schwere Lehmneslcr bauet, sucht sich gewöhnlich schief ab-
wärts wachsende Zweige aus, die mit den hozizontal liegenden
Waben einen Winkel von 30—40 Grad bilden. Offenbar hat
ein Zweig in dieser Richtung mehr Tragfähigkeit als in auf-
steigender, da er sich leichter abbrechen als zerreissen
lässt. Jene Wespe befestigt also ihre Bauten nach densel-
ben physikalischen Gesetzen der Festigkeit, die der mensch-
liche Baumeister mit Bcwusstsein anwendet. Alle Wespen
verstehen ihre Bauten den Ortsverhältnissen gemäss einzu-
richten; so bauet eine und dieselbe Art unter Blättern flache,
zwischen Zweigen kugelförmige Nester, unvermeidliche Blät-
ter werden in die Hülle aufgenommen und mit Baustoff über-
zogen , und in Baumhöhlen bleibt zuweilen die Hülle weg,
die sonst die W^aben schützt.
Die Grösse.
Nicht alle Wespennester bestehen , wie die unserer
gemeinen Wespe und Hornisse, aus umhüllten Waben, es
giebt auch hüllenlose Nester, ganz nackte Zellenscheiben.
Die Waben sind demnach die wesentlichen Theile des Ne-
stes, und von ihrer Grösse und Zahl ist der Umfang dessel-
ben immer abhängig. Die Zahl der Waben ist bei vielen
Nesterarten schwankend , da sie natürlich mit der Zunahme
der Arbeitswespen, die durch äussere Ursachen gehemmt oder
befördert werden kann, gleichen Schritt hält. Der Durch-
messer der Waben dagegen ist eine viel bestimmtere
Grösse und daher beachtenswerlher als die Zahl. So wichtig
aber auch der Durchmesser der Wabe unter den Eigenschaf-
ten des Nestes ist, so steht er doch in keinem bestimmten
Verhältnisse zur Grösse der bauenden Wespen. Die kleinsten
gemessenen Waben bauet allerdings eine der kleinsten Wes-
pen (Leipomeles lamellaria Mob.), allein die grössten, über
324 Möbius:
11/2 Fuss messenden , röhren von mittelgrossen Wespen
(Chartergus sericeus Fab.) her.
Bei den wenigen bekannten Wespennestern liegen die
Grössengrenzen viel weiter von einander ab , als bei den
zahlreichen, beschriebenen Wespen. Es giebt Nester, die, den
unbegrenzten Blüthenständen in der Pflanzenwelt vergleichbar,
keinen in ihrem Baustyle begründeten Abschluss erreichen,
indem der Deckel, der die jeweilige unterste Wabe umschliesst,
bald darauf zum Boden einer neuen Wabe dient (Fig. 5).
Solche Nester wachsen oft zu Fusse langen Cylindern an,
wie die durch Reaumur's Schilderungen bekannten Bauten
der surinamischen Pappwespe (Chartergus chartarius Oliv.).
Doch erlangen auch Nester von anderem Baustyle , wie die
einwabigen einer grossen blauen Wespe (Synoeca cyanea
Fab.), die ihre Zellen unmiltelbar auf die Rinde starker Aeste
setzt und dann mit einer Hülle überwölbt , eine Ausdehnung
von drei Fuss; und die kugelförmigen Nester der Hornissen
und einiger südamerikanischer Wespen erreichen einen
Durchmesser von 1 — 2 Fuss.
Die Flug- und Fahrlöcher.
Die Fluglöcher, die runden OefTnungen in der Hülle für
den Ein- und Ausgang der Wespen, nehmen im Allgemeinen
mit der Grösse der Erbauer zu ; sie liegen gewöhnlich nach
unten, doch bisweilen bei Nestern mit ungeschlossener
Hülle, deren Deckel stark gewölbt ist, an der Seite, wenn
nämlich die Wespen das Bestreben haben , das Flugloch am
Rande des Deckels anzubringen (Fig. 4) und nicht im Cen-
trum, wie viele andere thun(Fig. 0). In der Lage des Flug-
loches ofTenbart sich , wie auch in anderen Einrichtungen
der Nester , der Einklang mit physikalischen Gesetzen der
Natur. Durch die nach unten gekehrte OefTnung kann kein
Regen ins Nest fallen und die warme, in die Höhe steigende
Nestluft nicht so leicht entweichen als durch ein oben an-
gebrachtes Flugloch.
Bei den ungeschlossenen oder deckelwabigen Nestern
tritt die letzte Wabe stets dadurch ins Innere, dass unter ihr
wieder ein neuer Deckel gewölbt wird , sobald der vorher-
Vergleich. Betrachtungen üb. d. Nester d. gesell. Wespen. 325
gehende durch Anbau von Zellen zu einer Wabe geworden
ist (Fig. 4, 5). Alle bei dieser Bauart auf einander gefolg-
ten Deckel hatten ein Flugloch, und dieses behalten sie, auch
wenn sie als Wabenböden in das Innere rücken; liegt es im
Centrum des Deckels, so dient es nun als Durchgang, als
Fahrloch zu den oberen und unteren Stockwerken des Ne-
stes (Fig. 5). Die meisten Wespen, die solche deckelwabige
Nester bauen, verandern die Fluglöcher nicht, wenn diesel-
ben als Fahrlöcher in das Nest hineingerückt sind ; allein
eine kleine brasilianische Wespe (Polybia rejecla Fab.), die
ihr Nest aus bröckeliger Rinde aufführt , befestigt den schar-
fen , zerbrechlichen Rand derselben auf eine merkwürdige
Weise; indem sie ihn abrundet und nach unten einen gegen
3'" hohen Ring ansetzt. Diesen führt sie aber nicht unun-
terbrochen in einer Flucht fort, sondern schlägt immer, so-
bald er um eine Linie gewachsen ist, seinen Rand (wie bei
Schnür - Oesen) auswärts um. Zulelzt liegen also um die
Röhre jedes fertigen Flugloches drei feste horizontale Ringe
(Fig. 5).
In Nestern mit abgeschlossener Hülle, in denen die
Waben unter- oder nebeneinander an Säulen hängen, sind
die Wabenränder frei und der Raum zwischen ihnen und
der Hülle die breite Strasse für die emsigen Bauleute und
sorgsamen Brulpfleger (Fig. 7, 8, 9). Hier giebt es also keine
Fahrlöcher, sondern nur Fluglöcher, in der Regel nur eins,
das auch , wie bei den deckelwabigen Nestern , gewöhnlich
nach unten liegt (Fig. 7, 8).
Die Waben.
Die Waben sind Scheiben von Brutzellen , die durch
ihre Seitenwände zusammenhängen. Bei den meisten hüllen-
losen Nestern (Fig. 2, 3) und bei Nestern mit geschlossener
Hülle (Fig. 7, 8, 9) ist der Wabenboden aus den einzelnen
Zellenböden zusammengesetzt und daher oft gebuckelt, weil
diese nach aussen gewölbt werden, während die Nester mit
ungeschlossener Hülle glatte Wabenböden haben (Fig. 4, 5),
da die glatten Hülldeckel Träger der Zellen geworden sind.
Die meisten Waben sind (nach unten) convex, wenige eben,
die oberste im Neste zuweilen concav (Fig. ! — 9).
326 Möbius: *
Bei den ung-eschlossenen Nestern ist der Ansatz der
Waben gewöhnlich an Furchen in der Seitenvvand der Hülle
erkennbar (Fig. 4, 5) , oft auch durch Farbenverschieden-
heilen im Baustoffe der älteren und jüngeren Wabe deutlich
bezeichnet; stets jedoch ist das Neue so innig mit dem Alten
verbunden , dass die Kohäsion des Materials in der Ansatz-
linie nicht geringer ist, als an anderen Orten.
In mehrvvabigen nacliten, wie auch in Nestern mit ge-
schlossener Hülle hängen die Waben an Säulen, deren
Enden sowohl am Träger wie am Wabenboden nach allen
Richtungen breit au^^Iaufen, um eine grössere Befesligungs-
fläche zu gewinnen (Fig. Q, 3, 4, 7, 8, 9). Sind Zellen einer
höheren Wabe die Träger, so breitet sich der Säulenkopf über
die Ränder derselben aus , oline ihre OeiFnungen zu ver-
schliessen. Durch den Ansatz der Säule geht also kein Brut-
rauin verloren. In der Mille des Wabenbodens steht die
stärkste Säule, rundherum in ungleichen Abständen die schwä-
cheren Seilensäulen. Da alle Miltelsäulen in einer Flucht
unter einander stehen, so ist die gesammte Wabenlast auf
die oberste, am Träger hängende, zurückverlegt und der Ge-
fahr des Bruches einer oberen Wabe durch das Gewicht der
unteren vorgebeugt (Fig. 9).
!n Nestern , deren Waben von einem horizontalen
Pfeiler gehalfen werden, der am Rande ungefähr so wie der
Stiel an einem runden Löffel angebracht ist, tritt ebenfalls
eine auffallende Hnrmonie mit bekannten physikalischen Ge-
setzen hervor. Der Pfeiler ist nämlich mit einem nach oben
und unten breit auslaufenden Fasse an den senkrechten Zweig
angesetzt, an dem das ganze Nest hängt; sein anderes Ende
verfliesst in den Wabenboden. Der freie mittlere Theil des-
selben ist aber nicht rund, sondern hat einen grösseren
senkrechten, als horizontalen Durchmesser; er ist also nach
dem Principe der angewandten Masse die höchste Tragkraft
abzugewinnen, ausgeführt; denn während die relative Festig-
keit zur Breit(* nur im geraden Verhältnisse steht, wächst sie
wie das Quf^drat der Höhe.
Die Grösse der Zellen, der regulär sechseckigen,
prismatischen Bruträume , hängt von dem Umfange der In-
gekten ab, die sich darin aus dem Ei entwickeln. In der
Vergleich. Betrachtungen üh. d. Nester d. gesell. Wespen. 327
Weile sind alle Zellen , die zur Wohniino- von Jungen eines
Geschlechtes dienen, gleich, während die Tiefen oft verschie-
den sind. Diese Verschiedenheit gleichen aber die Larven
dadurch aus, dass sie den S eidendeckel, mit welchem
sie die Zelle vor der Puppenruhe schliessen , in verschiede-
ner, passender Höhe ansetzen. In Nestern mit gleich tiefen
Zellen dagegen findet man alle Deckel gleich hoch ange-
bracht. Der Deckel sowohl wie das noch zartere Gespinnst,
welches die Zellen auskleidet, sind Gewebe von Fäden mit
breiten Enden und von dünnen Häuten; unregelmässig ver-
flossen und aufeinander gelagert, erscheinen sie wegen tota-
ler Reflexion des auffallenden Lichtes weiss , während sie
isolirt wasserhell durchsichtig sind. Ihr Stoff löst sich in
Kali, in heisser Schwefelsäure und in Salpetersäure, welche
ihn unter Bildung von Oxalsäure zersetzt; er ist also Sei-
denfibrin.
Die meisten Arten verschliessen die Zelle mit einenn
hervortretenden, gewölbten, wenige durch einen straff wie ein
Trommelfell unter dem Rande ausgespannten Deckel. Von
den Arbeitsbienen wird der Seidendeckel aussen mit Wachs
überzogen ; in allen bekannten Wespennestern, eine Art aus-
genommen, bleibt der Deckel so, wie ihn die Larven span-
nen. Eine Pappwespe Südamerikas (Chartergus apicalis Fab.)
nämlich setzt Leisten von Bastfasern raus denen sie das ffanze
Nest aufführt), welche die gegenüberliegenden Seiten oder
Winkel des Zellenrandes verbinden, aussen auf den gespann-
ten Seidenderkel , die das auskriechende Insekt samml der
selbst gesponnenen Thür durchnagen muss , wenn es seine
Wiege verlässt.
In der Stellung der Z«'llen ge^ycn den Wnbenboden tritt
stets die Tendenz der Wespen hervor^ sie rechtwinkelig auf den-
selben zu setzen ; denn jemehr sich der Boden wölbt, desto
schiefwinkeliger stehen die Rnndz( llen, indem sie den Mittel-
zellen parallel laufen oder mit ihnen nur wenig divergiren.
Unter den regulären Figuren, die sich ohne Zwischen-
räume verbinden lassen, haben die Sechsecke bei gleichem
Rauminhalte mit anderen, die diess ebenfalls zulassen, den
geringsten Umfang. Der Bau sechseckiger Zellen har-
monirt also mit den Gesetzen der Raum - und Zeitersparniss,
328 Möbius:
Doch müssen die Wespen nicht unabänderlich sechseckig
bauen. Es giebt Nester (von Polybia sericea Ol.)? in denen
die oberste Wabe nicht , wie gewöhnlich , an einer soliden
Säule hängt, sondern an einem Stiele, der aus drei-, vier-,
fünf- und sechseckigen Zellen von verschiedener Weite und
Tiefe zusammengesetzt ist. Durch diese Befestigungsweise
ersparten die Wespen Material, ohne an Tragkraft zu ver-
lieren, da hohle Cylinder eine grössere Tragkraft besitzen
als solide von derselben Masse. Die zellenbauenden Insekten
müssen also nicht wie Webmaschinen in unwandelbarer Re-
gelmässigkeit arbeiten; sie können, durch äussere Verhält-
nisse verschiedenartig angeregt, den vorgezeichneten Grund-
plan in mehrfacher Weise ausführen.
Die Baustoffe.
Das gebräuchlichste Baumaterial sind P flan z enslof fe;
thonige Erdarten werden selten angewandt. Eine und die-
selbe Wespenart pflegt ihre Nester aus ähnlichen Stoffen zu
bauen ; daher stimmen Exemplare der verschiedensten Grösse
und Form in ihrer Festigkeit und Dicke der Hüllen und Zel-
lenwände überein. Die sehr elastischen papierarligen sind
aus langen Bastzellen , die papparligen aus verfdzten Pflan-
zenhaaren , die weniger elastischen, aber noch biegsamen
aus Gemengen von Gefässbündelfragmenten , Haaren, ßast-
und Rintlenzellen oder nur aus verschiedenen Formen von
Pflanzenhaaren ; leicht zerbrechliche hauptsächlich aus Rin-
denparenchym zusammengesetzt. Diese Stoffe werden durch
einen wasserhellen Mörtel zusammengehalten, der sich in
sehr dünnen häutigen Fragmenten zwischen ihnen verbrei-
tet. In zerbrechlichen Rindennestern ist er reichlicher ver-
wendet als in festen Fasernestern ; bisweilen ist sogar die
innere Fläche der spröden Hülle damit bestrichen, wie mit
einem glänzenden Firnisse, der zugleich alle Poren zwischen
dem Baustoff'e verschliesst. Er dient auch zur Befestigung
von Blättern auf der Hülle, wozu er in grösserer Menge
zwischen beide gestrichen wird und zu einer durchscheinen-
den spröden Masse erhärtet, die leichter zerbricht als von
denjenigen Stücken loslässt, die sie vereinigen soll. Dieser
JVlörtel ist löslich in Chlorwasserstoffsäure, in Salpetersäure
Vergleich. Betrachtungen üb. d. Nester d. gesell. Wespen. 329
und in Schwefelsäure, aber unlöslich in Kali; er gehört also
zu den Chitinstoffen.
In vielen Nestern bezeichnen helle und dunkele Linien
in der Hülle und in den Zellwänden die Richtungen, in wel-
chen die Arbeiter das Baumaterial auftragen. Alan sieht, wie
die Hülle vom Befestigungspunkte aus gürtelartig aufgeführt
wird und wie die Brutzellen in ringförmigen Schichten wach-
sen. Lange Bastfasern sind oft bündelweise angefügt. Die
arbeitenden Wespen setzen den Baustoff in kleinen Ballen,
die sie heimbringen, mit Hülfe ihrer Kiefer und Vorderbeine
auf, drücken ihn breit und ziehen ihn , indem sie rückwärts
gehen , bandartig aus.
Während die Hülle der bekannten tropischen Wespen-
nester eine dichte Mauer ist , besteht die der unserigen und
eines nordamerikanischen Nestes aus muschelförmigen Lagen,
zwischen denen Luftschichten eingeschlossen sind, die (nach
dem Principe der Doppelfenster) die Ableitung der Wärme
vermindern müssen.
Von der Beschaffenheit des Baustoffes hängt die Farbe
der Nester ab. Die gelben und grauen, überhaupt die bleich-
farbigen, sind aus wasserhellen Bast- und Haarzellen; die
dunkelrothen, grau- und schwarzbraunen aus Rindengewebe
aufgeführt ; die gefleckten und gestreiften bestehen aus ver-
schiedenfarbigen Elementen : aus wasserhellen Haar- und
Bastzellen und braunen Rindenzellen ; aus farblosem und brau-
nem Parenchym oder aus farblosen und braunen Haaren.
Eintheilung der Wespennester.
A. Nestor ohne Hülle.
1) Der Wabenboden ist un-
mittel b a r an den Trä-
ger gebauet: .... Fig. 1. (Apoica pallida Oliv.)
2) DerWabenboden ist durch
Pfeiler befestigt;
a) diese stehen am R a n -
d e des Bodens : . . . Fig. 2. (Polistes annularis L.)
b) sie stehen auf der Bo-
denfläche: . . Fig. 3. (Polisles versicolor Fab.)
330 M ö b i u 8 :
B. Nester mit Hülle.
J. Die Hülle ist ungeschlos-
sen, unmiHelbar oder durch
Pfeiler am Trager befestigt.
Die Wabenböden sind mit der
Seilenwand verschmolzen, da
sie vorübergehend Hülldeckel
waren.
1) Zu den eingeschlossenen
Waben führen Fl ugl ö-
eher durch die Seilen-
wand Fig. 4. (Polybia sedula Sauss.)
2) Die Hülle hat nur ein
Flugloch und die in-
nern Waben F ahr lö-
cher: Fig. 5. (Polybia rejecta Fab.)
H. Die Hülle ist g e s c h 1 o s -
sen. Das Nest hat keine
Fahrlöcher , sondern nur
ein Flugloch.
1) Der Wabenboden liegt
un mittelbar auf dem
Träger: ...... Fig. 6. (Polybia pediculala Sauss.)
2) Er ist durch Pfeiler be-
festigt;
a) diese stehen am Ran-
de des Wabenbodens: Fig. 7. (Chartergus apicalis Fab.)
b) sie stehen auf der Flä-
che desWabenbodens ;
tt) die Waben hängen
neben einander: Fig.8. (Leipomeles lamellariaMöb.)
/?) die Waben hängen
unter einander,
die folgende an der
vorhergehenden . Fig. 9. (Polybia ampullaria Mob.)
Aus diesem Versuche eines Systemes der Wespennester
leuchtet hervor, dass die Mannigfaltigkeit derselben aus der
Verschiedenheit im Anbaue der Waben entspringt. Die Wabe
Vergleich. Betrachtungen üb. d. Nester d. gesell. Wespen. 331
ist das nothwendigsle Glied , der Grundgedanke des Nestes,
was auch aus dem Systeme H. de Saussure's hervorgeht,
von dem ich hier eine Uebersicht folgen lasse.
A. Phragmocyüares ou nids indefinis.
I. Phragm. spheriques.
II. Phragm. reclilignes.
1) Phragm. parfaits.
2) Pliragm. imparfaits.
B. Stelocyllares ou nids definis.
I. Stelocylt. calyplodomes.
II. Stelocylt. gymnodomes.
1) Gibbinides.
2) Reclinides.
3) Laterinides.
Die Phragmocyüares des Saus sure'schen Systems sind
die Nester mit ungeschlossener Hülle des meinigen (B, 1).
Gegen die Unterabtheilungen: Phragm. spheriques und Phragm.
rectilignes haben einige Wespenarten selbst Einspruch erho-
ben , indem sie nach äusseren Umständen bald sphärische,
bald geradlinige (cylindrische) Nester bauten. Man muss in
das Innere des Nestes eindringen, wenn man seinen Charakter
kennen lernen will. Die Phragm. imperfaits sind deckelwa-
bige Nester mit mehreren Fluglöchern (B, I, t). Slelocyt-
tares ou nids definis sind alle säulenwabige Nester, mögen
sie eine Hülle haben (St. calyplodomes) oder hüllenlos sein
(St. gymnodomes). Die unmittelbar am Träger befestigten
nennt Saussure Gibbinides (A, 1); bei den Rictinides ste-
hen die Säulen auf der Fläche (A, 2, b), bei den Laterini-
des am Rande des VVabenbodens (A, 2, a). H. d e Saus-
sure Iheilt die Wespen nach dem Style ihrer Nester in Grup-
pen ein und will nicht zugeben, dass von verschiedenen Ar-
ten einer Gattung die eine deckelwabige, die andere säulen-
wabige Nester baue. Allein die bis jetzt bekannten hinrei-
chend bestimmten Nesterarien (freilich blos 32!) beweisen,
dass verschiedene Arten einer Gattung ungleichartige Bauten
ausführen können. Wir kennen noch zu wenig Nester, um
über die Beziehung ihrer Gruppen zu den Gruppen der Wes-
pen Gesetze aufzustellen. Die Nesterlehre der Wespen ist
noch in der Kindheil; das veranlasste mich auch, weder die
332 Möbius: Vergleich. Betrachtungen u. s.w.
Saussur e'schen Ordnungsnamen anzuwenden, noch neue ein-
zuführen ; denn gar zu leicht können theoretische Namen zu
frühzeitigen Fesseln werden, welche die naturgemässe Ent-
wickelung neuer vergleichender Betrachlungen hemmen.
Erklärung der Abbildungen.
Alle Abbildungen sind verkleinerte, schematische Durchschnitts-
bilder. Die Pfeile bezeichnen die Wege der Wespen.
Fig. 1. Ein hüllenloses Nest von Apoica pallida Ol., unmittelbar
um einen Zweig gebaut. Die Seidendeckel sind in verschie-
dener Entfernung vom Rande straff ausgespannt.
Fig. 2. Ein Nest von Polistes annularis L. an einem randständigen
Pfeiler ; der Wabenboden besteht aus den vereinigten Zel-
lenböden.
Fig. 3. Ein Nest von Polistes versicolor Fab. , an einer Säule hän-
gend, die am Wabenboden befestigt ist.
Fig. 4. Ein dreiwabiges Nest von Polybia sedula Sauss., jede Wabe
hat ihr Flugloch ; auf dem Deckel ist der Anfang neuer
Zellen zu bemerken.
Fig. 5. Ein Nest von Polybia rejecta Fab. Die Fahrlöcher haben
schnürösenförmige Umbiegungen. Am Deckel unten sind die
Anfänge der neuen Wabe und des neuen Deckels zu sehen.
Fig. 6. Ein Nest von Polybia pediculala Sauss. Die Zellen sind
horizontal auf einen Baumstamm gesetzt; unten in der Hülle
ist das Flugloch.
Fig. 7. Ein Nest von Chartergus apicalis Fab., um einen aufrechten
Zweig gebauet, der auch die breitfüssigen Säulen der Wa-
ben hält, deren Querschnitt bei Q gegeben ist.
Fig. 8. Ein Nest von Leipomelcs lamclIariaMöb,, an der Unterfläche
eines Blattes mit drei Waben, deren Säulen an der Mittel-
rippe hängen. Die zarte Hülle ist rundherum am Blattrande
angeklebt und hat an dem einen Ende einen halbmondförmi-
gen Ausschnitt als Flugloch.
Fig. 9. Ein Nest von Polybia anipullaria Mob. , an der Unterfläche
eines grossen Blattes. Die Mittelsäulen stehen alle unter
einander. Die zweite hat noch einen Randpfeiler von der
Hülle aus erhalten.
Druck von Carl Georgi in Bonn.
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