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ARCHIV
FÜR
NATURGESCHICHTE
GEGEÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN,
FORTGESETZT VON W. F. ERICHS ON.
IN VERBINDUNG MIT
PROF. DR-LEUCKART IN LEIPZIG
HERAUSGEGEBEN
Dr f. a. TROSCHEI.,
PROFESSOR AN DER FRIEDRICH-WILHELMS-UNIYERSITÄT ZU BONN.
SECHS UND DBEISSiaSTER JÄHEaANG.
Krster Band.
Mit 8 Tafeln.
Berlin,
Nicolaische Verlagsbuchhandlung.
(A. Eifert und L. Lindtner.)
1870.
Inhalt des ersten Bandes.'
Seite
Ueber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompilius.
Von Dr. Wilh. Meigen 1
Ueber Temnocephala chilensis. Von Dr. R. A. Philippi.
Hierzu Tafel I. Fig. 1—6 35
Ueber ^elis Colocolo Molina, Von Dr. R A. Philippi in
Santiago. Hierzu Taf. I. Fig. 7 41
Eine vermeintliche neue Hirschart aus Chile. Von Dr. R. A.
Philippi in Santiago . ; 46
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. Von
Dr. Reinhold Hensel (Fortsetzung, Fische) . 50
Ueber den Bau und die Function der Oberkiefer bei den Spin-
nen, und ihre Verschiedenheit nach Familien und Gat-
tungen. Von Philipp Bertkau in Bonn. Hierzu
Tafel II 92
Ueber die Jugendzustände der Seeigel. Von Alexander
Agassiz. (Uebersetzt aus dem Bulletin of the Museum
of comparative zoology 1869. p. 279) . . ... 127
Verzeichniss der von Dr. G und lach auf der Insel Cuba ge-
sammelten Rüsselkäfer. Von Dr. E. Suffrian, Schul-
rath in Münster 150
Die Descendenztheorie aus einigen besonderen Gesichtspunk-
ten betrachtet. Von W. V e 1 1 m a n n, Lehrer der Recto-
ratschule in Wiedenbrück 234
Die Ophiuriden des indischen Oceans. Von E. von Martens 244
rV Inhalt.
Seite
Ueber ein neues Faulthier. Von Dr. R. A. Philipp! in San-
. tiago. Hierzu Taf. III. Fig. 1 und 2 263
Neue Seesterne aus Chile. Von Dr. R. A. Philipp i in San-
tiago. Hierzu Tafel III. Fig. a, b, c . . . .268
Ueber den Sexual-Unterschied bei Neosilurus brevidoraalia. Von
Troschel 276
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. Von Prof.
Dr. Ed. Grube 281
Untersuchungen über den Bau und die Naturgeschichte der
Vorticellen. Von Dr. Richard Greeff, Professor in
Marburg. Hierzu Tafel IV— VHI 353
Heber deu hydrostatischen Apparat des Nautilus
Pompilius.
Von
Dr. Wilh. neigen.
(Die nachstehende Abhandlung erschien zuerst als Beilage
zum Programm des Gymnasiums zu Wesel vom Jahre 1869,
ist aber bei dem vorliegenden Wiederabdruck den Zv^^ecken
dieser Zeitschrift entsprechend theilweise einer Umar-
beitung unterworfen worden).
Die kleine Gruppe der Cephalopoden umfasst
zwar nur einen verhältnissmässig sehr unbedeutenden
Theil der gesammten Thierwelt^ bietet dabei aber doch
eine solche Fülle des Merkwürdigen und auch nicht bloss
für den Fachmann Interessanten, dass sie in dieser Be-
ziehung kaum irgend einer der übrigen Klassen des Thier-
reichs nachsteht. Von grossem Interesse ist schon die
Geschichte der Entwicklung unserer Kenntnisse von die-
ser Thierklasse, von Aristoteles an, „aus dessen Schriften
sich eine überraschend vollständige Naturgeschichte, Ana-
tomie und Entwicklungsgeschichte der mittelmeerischen
Dintenfische zusammenstellen lässt, so dass wir noch jetzt in
manchen Punkten auf ihn als Quelle zurückgehen können '''
(Keferstein), bis auf die Entdeckungen der letzten De-
cennien, an denen eine ganze Reihe der bedeutendsten
Zoologen der Gegenwart und der jüngsten Vergangen-
heit thätigen Antheil genommen haben. Die vorliegende
Archiv f. Naturg. XXXVI. Jahrg. l.Bd. 1
2 M eigen:
Abhandlung nun bezweckt durchaus nicht, die Zahl dieser
Entdeckungen durch Mittheilung einer neuen zu vermehren,
sie verfolgt nothgedrungen ein bescheideneres Ziel. Eine,
wenn auch unscheinbare, aber doch nicht ganz uninter-
essante und noch keineswegs nach allen Beziehungen
hinlänglich aufgeklärte Erscheinung hat sie zum Gegen-
stande, und muss, in Anbetracht der nur unvollständig
zu Gebote stehenden Hülfsmittcl 0, sich damit begnügen.
1) Unter den von mir benutzten literarischen Hülfsmitteln sind
vorzugsweise zu nennen :
a) G. Johnston: Einleitung in die Konchyliologie. Deutsch von
Dr. H. G. Bronn. Stuttgart, 1853.
b) S. P. Woodward: A Manual of the Mollusca. London
1851—1850.
c) C. Bergmann und R. Leuckart: Anatomisch-physiologi-
sche Uebersicht des Thierrreichs. Stuttgart 1855. — Für die
vorliegende Abhandlung kommt namentlich der von Berg-
mann bearbeitete Abschnitt: »Lufträume in den Thieren in
ihrem Verhältniss zur Bewegung.« S. 412 — 426, in Betracht.
d) H. G. Bronn: Die Klassen und Ordnungen des Thierreichs.
Dritter Band, Malacozoa, fortgesetzt von W. Keferstein
Leipzig und Heidelberg, 1862—1866. — Die Cephalopodeu,
welche den Schluss dieses Bandes bilden, sind ganz von Ke-
ferstein bearbeitet. Das sachliche Material habe ich vor-
zugsweise diesem Werke entnommen.
e) F. A, Quenstedt: Handbuch der Petrefaktenkunde. 2. Aull.
Tübingen. 1867. — Von S. 388—474 sind die Cephalopoden
abgehandelt, wobei die lebenden ebenfalls stets berücksich-
tigt sind.
f)Joh. Czermak: Hydrostatische Apparate im Thierreiche.
Im Programm des k. k. Josephstädter Gymnasiums in Wien
für 1856.
g) G. E. Bumphius: D' Amboinsche Eariteitkamer. Amster-
dam, 1705. — Das zweite Buch enthält eine Abhandlung über
den Nautilus major sive crassus, unsern Nautilus Pompilius,
und darin die «rste genaue Beschreibung des Thieres nebst
Mittheilungen über dessen Lebensweise und den zugehörigen
Abbildungen.
Es fehlten mir dagegen erstens die in den verschiedenen wis-
senschaftlichen Zeitschriften zerstreuten Arbeiten über den Nautilus,
dann aber auch das für die Naturgeschichte der Cephalopoden klas-
lieber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompilius. 3
eine zusammenfassende, klare und übersichtliche Darstel-
lung des Sachverhaltes zu geben, ohne den Anspruch zu
machen, etwas wesentlich Neues zu bringen.
In den verschiedensten Klassen, des zoologischen
Systems kommen Thiere vor, welche im Besitz von Vor-
richtungen sind, denen man mit mehr oder minder gros-
ser Sicherheit eine Einwirkung auf das specifische Ge-
wicht und dadurch auch auf die Bewegung des betreffen-
den Thieres, wenigstens insoweit dieselbe in einem flüs-
sigen Medium vor sich geht, zuschreiben kann. Im All-
gemeinen treten diese Apparate, die, jenachdem es sich
um Bewegungen im Wasser oder in der Luft handelt,
als hydrostatische oder alsaerostatische bezeichnet
werden, in der Gestalt von geschlossenen, mit Gas er-
füllten Hohlräumen auf. In dieser Form scheinen sie
auf den ersten Blick der ihnen beigelegten Function in
sehr einfacher Weise genügen zu können, indem bei der
grossen Elasticität des eingeschlossenen Fluidums ihr Vo-
lumen und also auch ihr specifisches Gewicht mit Leich-
tigkeit geändert w^erden kann. Bei genauer Untersu-
chung aller in Betracht zu ziehenden Umstände stösst
man jedoch häufig sehr bald auf nicht geringe Schwie-
rigkeiten, deren Nichtbeachtung zur Folge gehabt hat,
dass selbst über so bekannte Dinge, wie z. B. die pneu-
matischen Knochen der Vögel und die Schwimmblase
der Fische, falsche oder wenigstens mangelhafte Vorstel-
lungen noch sehr verbreitet sind.
Bei den Cephalopoden sind die Schale und die
mit derselben in Verbindung stehenden Theile, also na-
mentlich noch der Sipho, diejenigen Organe, bei denen
an eine hydrostatische Wirkung gedacht werden kann.
Bekanntlich ist die Schale dieser Thiere theils eine in-
nere, theils eine äussere, und zwar unterscheiden sich
die beiden grossen Abtheilungen, in welche man seit
sisch gewordene »Memoir on the Pearly Nautilus by R Owen.
London, 1832«, dessen wesentlicher Inhalt jedoch, soweit er hier in
Betracht kommt, in die oben sub a, b und d genannten Werke über-
gegangen ist.
4 Meigen:
Owen die Klasse der Cephalopoden theilt, die Tetrabran-
chiaten und die Dibranchiaten, unter andern aucb dadurch,
dass jene eine äussere^ diese, wenn sie überhaupt im Be-
sitz einer Schale sind, eine innere haben, mit alleiniger
Ausnahme der Gattung Argonauta, deren Schale eben-
falls zu den äussern gehört.
Unter den inneren Schalen lassen sich drei Haupt-
formen unterscheiden. Die einen, häufig mit dem Worte
Schulp^) bezeichnet, sind im Allgemeinen von platten-
oder federförmiger Gestalt und haben ihre Lage in einer
besonderen Tasche des Mantels an der Rückenseite des
Thiers. Ihrer Substanz nach sind sie entweder ganz
hornig (d. h. aus Chitin bestehend), wie beiLoligo, oder
zum Theil hornig, zum Theil kalkig, wie bei Sepia, von
welcher Gattung sie unter dem Namen Sepienknochen
oder weisses Fischbein als obsoletes Arzneimittel sowie
einiger technischer Anwendungen wegen allgemein be-
kannt sind. Die Schalen dieser Art können in keiner
Weise irgend einen hydrostatischen Effect haben und
brauchen daher hier nicht weiter in Betracht gezogen
zu werden.
Die zweite Hauptform der inneren Schalen findet
sich nur bei der ausgestorbenen Familie der Belemniten.
Eine solche Schale besteht, wenn sie ganz vollständig
ist, aus drei Stücken, die aber nur sehr selten alle drei
sich vollkommen erhalten haben. Am häufigsten findet
Tiian das unter dem vulgären Namen Donnerkeil be-
kannte, in neuerer Zeit nach Huxley's Vorgange als
rostrum bezeichnete fingerförmige Endstück, das aus
einer soliden, nur am Grunde kegelförmig ausgehöhlten
Kalkmasse besteht. In dieser Höhlung sitzt an vollstän-
digen Exemplaren ein genau hineinpassender, durch Quer-
wände in Kammern getheilter Körper, von 0 w e n P hr ag-
moconus, bei uns gewöhnlich Alveole genannt. An
der einen Wand, der Bauchseite des Thiers entsprechend,
zieht sich durch alle Kammern eine Röhre, der Sipho,
1) Das Wort Schulp oder Schelp ist holländisch und gleich-
bedeutend mit Schale.
lieber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompilius. 5
hindurch. Nach vorn schliesst sich endlich noch ein
horniges oder kalkiges Blatt an, das proostracum
Huxley's.
Dass diese Schalen vermöge der in den Kammern
des Phragmoconus enthaltenen Luft eine Einwirkung
auf das specifische Gewicht des Thiers ausgeübt haben,
ist nicht undenkbar, doch lässt sich darüber, da eine di-
recte Beobachtung nicht mehr möglich ist, schwer etwas
feststellen.
Die dritte Klasse der inneren Schalen kommt nur
bei der einen Gattung Spirula vor. Denkt man sich den
Phragmoconus eines Belemniten zu spiralförmig in einer
Ebene liegenden, sich nicht berührenden Windungen zu-
sammengebogen, so erhält man die Spirulaschale. Die
Substanz derselben ist jedoch nicht, wie bei jenen, reine
Kalkmasse, sondern Perlmutter. Ausserdem ist dieses
schneckenförmige Gehäuse nicht, wie die beiden andern
Arten von inneren Schalen, ganz im Innern des Thier-
körpers verborgen, sondern umgekehrt steckt ein aller-
dings nur kleiner Theil von dem Hinterende des Thiers
in der äussersten Kammer der Schale i), so dass man ver-
sucht sein könnte, diese für eine äussere zu halten, was
auch vielfach geschieht. Da sie aber von einem auf
jeder Seite herabhängenden Lappen des Mantels fast ganz
bedeckt wird, und diese Lappen noch ausserdem an ihrem
hintern Ende in ziemlicher Ausdehnung zusammenge-
wachsen sind, so erhält sie doch ganz den Anschein
einer inneren Schale und wird auch meistens als solche
bezeichnet. Jedenfalls bildet sie aber den üebergang
1) Ob von dem Körper des Thieres ein Fortsatz in die Kam-
mern hineinragt, ist zwar nach der Analogie von Nautilus höchst
wahrscheinlich, scheint aber doch aus den anatomischen Unter-
suchungen von Owen und Blainville nicht mit Sicherheit her-
vorzugehen, wenigstens drückt Keferstein a. a. 0. S. 1332 sich
nur vermuthungsweise darüber aus: » — — während ein Fortsatz
dieses (Eingeweide-) Sackes sich als Sipho durch alle Kammern in
jener schaligen Siphonairöhre laufend hindurchziehen wird.«
6 M e i g e n :
ZU den äussern *), und hinsichtlich ihrer Function schliesst
sie sich ohne Zweifel ganz und gar an diese an.
Aeusere Schalen finden sich, wie bereits bemerkt,
unter den Caphalopoden nur bei den Tetrabranchiaten,
und zwar bei allen, und dann noch bei der zu den Di-
branchiaten gehörenden Gattung Argonauta. Eine ein-
gehende Behandlung dieser letztern, die in mehrfacher
Beziehung sich als eine höchst merkwürdige Bildung
erweist, liegt nicht im Plane der gegenwärtigen Arbeit 2).
1) Vielfache Uebergänge verbinden übrigens auch die erste
Form mit der zweiten. Die federförmige Schale von Onychoteu-
this trägt an der Spitze einen soliden, die von Ommastrephes und
Loligopsis einen ausgehöhlten Kegel; auch am Sepienknochen zeigt
sich ein kleiner Endkegel, und in den schräg gegen die Fläche
desselben einfallenden Kalkschichten kann man allenfalls eine An-
deutung von den Scheidewänden des gekammerten Theils der Be-
lemnitenschale finden.
2) Die Schale von Argonauta, der Papiernautilus, weicht in
mehrfacher Beziehung von allen übrigen Weichthierschalen ab. Auffal-
lend ist schon, dass sie ein anderes Windungsgesetz befolgt, wie die
andern, indem sie, wie Prof. Heis gefunden hat, nach einer para-
bolischen Spirale gebildet ist, während sonst die logarithmische
(bei den meisten Cephalopoden, insbesondere auch bei Nautilus Pöm-
pilius) oder die von N au mann als Conchospirale bezeichnete Curve,
von welcher die logarithmische nur ein specieller Fall ist, die Win-
dungen der spiraligen Molluskengehäuse bestimmt. Wunderbar ist
ferner, dass nur das weibliche Thier eine Schale besitzt, während
das erst seit 1850 bekannte, viel kleinere, auch im Uebrigen sehr
abweichend gebaute Männchen sich ohne eine solche behelfen muss.
Endlich ist es eine einzig in ihrer Art dastehende Erscheinung,
dass der Argonaut ganz lose in seiner Schale sitzt, ohne an irgend
einer Stelle organisch mit ihr verbunden zu sein, so dass man eine
Zeitlang geneigt war, ihn für einen parasitischen Eindringling zu
halten, während der ursprüngliche Verfertiger und Besitzer noch
unbekannt sei. Bekanntlich ist diese Vermuthung durch die von
Sander Rang und Anderen bestätigten Beobachtungen der Frau
Jean nette Power in Messina widerlegt worden. Man weiss
seitdem, dass der Argonaut sein Schiff selber baut, und zwar ver-
möge einer Absonderung der beiden dorsalen, am Ende flächenartig
erweiterten Arme, eine Entstehungsweise, die ebenfalls kein Analo-
gen in der übrigen Thierwelt hat. Es erklärt sich dadurch aber
lieber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompilius. 7
Die Tetrabranchiaten, in der gegenwärtigen
Schöpfung nur vertreten durch die Gattung Nautilus mit
wenigen (4 — 6);, im indischen und grossen Ocean lebenden
Arten, von denen Nautilus Pompilius die am häufigsten
vorkommende und daher bekannteste ist, besitzen eine
Schale, die, durch eine Absonderung der äusseren Fläche
des Mantels gebildet und nirgends von einem Theile des
Thierkörpers umschlossen i), mit vollem Rechte als eine
äussere bezeichnet werden kann. Die hydrostatische
Wirkungsweise derselben soll auf den folgenden Blättern
im Einzelnen untersucht werden, und zwar knüpft sich
die Besprechung naturgemäss an den Nautilus Pompilius
an, als den Hauptrepräsentanten dieser Abtheilung.
sowohl der Mangel eines Zusammenhanges zwischen Körper und
Schale, als auch das Fehlen der letzteren beim männlichen Thier,
da diesem die Erweiterung jener Arme gleichfalls abgeht, lieber die
hydrostatischen Beziehungen der Schale sind in der mir zugänglichen
Literatur keine Angaben zu finden. Das von Aristoteles behauptete
Segeln der Argonauta wird gegenwärtig auf die Autorität von Verany
hin allgemein für eine Fabel gehalten, da für die beiden angeblich als
Segel gebrauchten Arme sich eine ganz andere Function ergeben
habe, das Segeln selbst auch niemals (in neuerer Zeit!) beobachtet
worden sei. Ich kann indessen nicht umhin, dem vollständig beizu-
pflichten, was Aubert in seiner Abhandlung über die Cephalopo-
den des Aristoteles (Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie, Bd.
XII, und daraus als besonderer Abdruck, Leipzig 1862) darüber sagt,
wonach die Sache noch keineswegs als so rein abgethan angesehen
werden darf, wie man gewöhnlich annimmt. Dass ein und dasselbe
Organ zu verschiedenen Verrichtungen dient, kommt ja häufig genug
vor, so dass etwas Befremdendes nicht darin gefunden werden kann,
wenn jene beiden Arme, denen immerhin die Erzeugung der Schale
als Hauptfunction zukommen mag, daneben auch noch als Bewe-
gungswerkzeuge auftreten. Ausserdem ist dies ja auch von Ve-
rany selbst direct beobachtet worden. Dass aber von ihrer Ver-
wendung als Ruder, die Verany gesehen hat, aber nur selten und
nur bei windstillem Wetter, bis zu dem, was Aristoteles berichtet,
nur ein sehr kleiner Schritt sei, wie Aubert hervorhebt, kann
wohl nicht bestritten werden.
1) Nur an der innern Seite der Mündung wird ein Theil der
Schale von einem Lappen des Mantels bedeckt, der dort eine
schwarze Schicht absetzt, nach deren Entfernung erst die schönen
Farben der Porzellanschicht zum Vorschein kommen.
8 Meigen:
Die Schale dieses Thiers, durch ansehnliche Grösse,
schönen Farbenschmuck und ansprechende Regelmässig-
keit der Gestalt ausgezeichnet und unter dem Namen
Schiffsboot oder Perlboot ein sehr gewöhnlicher
ßestandtheil der Conchyliensammlungen ^), besteht aus
mehreren spiralförmigen, symmetrisch in einer Ebene
liegenden Windungen, deren letzte und grösste die übri-
gen vollständig umschliesst, so dass von aussen nur sie
zu sehen ist. Auf der Aussenseite ist die Schale mit
einer matten Schicht von sogenannter Porzellansubstanz
bedeckt, derselben Masse, welche der Hauptsache nach
auch die Schalen der Schnecken und Muscheln bildet;
die viel dickere innere Lage dagegen besteht aus glän-
zender Perlmuttersubstanz. Der Innenraum sämmtlicher
Windungen ist, ähnlich wie bei Spirula, durch eine grosse
Anzahl querstehender, nach vorn concaver Scheidewände,
die ebenfalls aus Perlmutter bestehen, in Kammern ge-
theilt. Jede dieser Scheidewände hat in der Medianebene
der Schale eine runde Oeffnung, nach hinten mit einem
röhrenförmigen, aus derselben Substanz bestehenden An-
satz, der Siphonaltute. Nur die äusserste, nach vorn
offene Kammer wird von dem Thiere bewohnt, ist aber
1) So häufig die Schale in unseren Sammlungen ist, eine so
grosse Seltenheit ist das Thier und nur in wenigen Exemplaren
bis jetzt in die 'Hände europäischer Naturforscher gekommen, ob-
schon es in seinem Vaterlande keineswegs zu den Seltenheiten ge-
hört und von den Eingeborenen daselbst häufig gefangen und ver-
zehrt wird. Nachdem der deutsche Kaufmann Georg Eberhard
Kumph aus Hanau, der gegen Ende des 17. Jahrhunderts lange
Zeit auf der molukkischen Insel Amboina lebte, die erste Beschrei-
bung und Abbildung gegeben hatte (s. oben S. 2 Note), dauerte es
bis zum Jahre 1832, ehe wieder eine neue Publicatiou über das
Thier des Nautilus erfolgte. Es war dies das berühmte Memoir of
the Pearly Nautilus von Richard Owen, dem ein von Georg
Bennet bei Erromanga, einer zu den Neu-Hebriden gehörenden
Insel, gefangenes Exemplar zum Grunde lag. Seitdem sind von
mehreren Seiten Nachträge geliefert worden, von V alenciennes,
Vrolik und Anderen, zuletzt (1865) von W. Keferstein in Göt-
tingen, dem beide Geschlechter des Thiers zur Untersuchung vor-
lagen.
lieber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompilius. 9
gross genüge um dasselbe in zusammengezogenem Zu-
stande ganz in sich aufzunehmen.
Der Zusammenhang zwischen dem Nautilus und
seinem Gehäuse ist ein dreifacher. Als eigentliches ße-
festigungsmittel des Thiers an der Schale sind zwei grosse
Muskeln anzusehen, die Körper- oder Schalenmus-
keln, die, auf jeder Seite vom Kopfknorpel entspringend,
nach kurzem Verlauf an der Innenseite der Schale sich
ansetzen und damit verwachsen. Ausserdem ist aber
zweitens der Mantel ungefähr in derselben Gegend, wo
jene Muskeln sich anheften, auch noch mit einem schmalen,
ringförmigen Streifen rund herum, wenn auch in mehr-
fachen Biegungen, an die Schale angewachsen, so dass
dadurch der Zutritt des vorn an der Mündung frei ein-
tretenden Wassers zu dem hinter diesem Ringe liegenden
Theile der Wohnkammer verhindert wird. Drittens end-
lich zieht sich von dem hintern Körperende ein dünner,
röhrenförmiger, häutiger Fortsatz, der Sipho, vermöge
der in den Scheidewänden befindlichen Löcher durch die
sämmtlichen Kammern des Gehäuses hindurch i).
Ob nun diese Organe dem Nautilus bei seinen Be-
wegungen im Wasser von irgend welchem Nutzen sind,
darüber lässt sich mit Sicherheit nicht eher urtheilen, als
bis man weiss, was durch directe Beobachtung über diese
Bewegungen, wie über die Lebensweise des Thiers über-
haupt festgestellt ist.
Nach Rumph sowohl wie nach G. Bennet, den
einzigen, deren Bericht auf eigener Anschauung beruht ^),
1) Einen solchen Sipho besassen, wie aus der obigen Darstel-
lung erhellt, auch die Belemniten, ebenso ist er bei Spirula vorhan-
den. Seine Function ist wohl ohne Zweifel überall dieselbe.
2) Den von Rumph gegebenenBericht in seiner einfach-naiven
Darstellung wird man nicht ohne Vergnügen lesen und auch ohne
besondere Schwierigkeit verstehen, selbst wenn man kein besonderer
Kenner des Holländischen ist. Die Hauptstelle lautet: »Wanneer
hy aldus op't water dryft, zo steckt hy het hoofd met alle de baarde
uit, en spreid dezelfe op't water, met de achtersteeven of krul altyd
boven water, maar op den grond kruipt hy omgekeerd, met het
bootje om hoog, en met den kop en baarden op den grond, maa-
10 M eigen:
ist der gewöhnliche Aufenthaltsort des Nautilus der Mee-
resgrund in einer Tiefe bis zu 30 Faden. Dort liegt er
meistens zwischen Steinen und dergleichen versteckt,
die Schale nach unten gekehrt, die Tentakeln weit aus-
gebreitet, um auf Beute, besonders Krebse, zu lauern.
Oft sieht man ihn aber auch mit ziemlicher Geschwindig-
keit umherkriechen, wobei er manchmal, wie schon Rumph
erzählt, in die Fischkörbe hineingeräth, was, nach dem
Bericht von Macdonald, von den Fidji-Insulanern benutzt
wird, um ihn zu fangen. Beim Kriechen hat er, wie
alle Cephalopoden , den Kopf nach unten gerichtet und
trägt also die Schale, wie eine Schnecke ihr Haus, über
sich. Er kann diese Bewegung wohl nur mit Hülfe der
Tentakeln ausführen, obschon die fadenförmige Bildung
derselben wenig dazu geeignet scheint i). Zu Zeiten
kende eenen redelyk radden voortgang. Hy houd zieh meest op
den grond, kruipt zomtyds ook in de visch-fuiken of bobbers, maar
na een storm, als het weer stil word, ziet men ze met troepen opt
water dryven, zynde buiten twyffel door de ongestuimigheit der
haaren opgeligt, waar uit men bemerkt, dat ze op den grond zieh
ook met troepen by malkander houden. Dit dryven duurt echter
niet lang, want alle de baarden intrekkende, keerd by zyn bootje
om en gaat weer te grond. Daer en tegen de leege scbaale vind
men dikwils dryven, of op den Strand gesmeeten, want die weerlose
dier geen dekzel hebbende, is een prooy voor Krabben, Haijen en
Kaimans, weshalven men de schaal aan de kanten meest geknaagt
vind, en dewyl hy niet vast aan zyn schaale hangt können ze hem
licht daar uit trekken, en laaten de leege schal dryven. De Jonge
schepzels van dezen Nautilus, noch niet grooter dan een schelling
zynde, zyn schoon Parleraoer verwig van buiten en binnen, zoo dat
de ruige schaal eerst metter tyd dar over groeit, 't welk van't
voorste deel of het bootje af begint.« A. a. 0. S. 61.
1) Wenn es auch schwer ist, sich eine Vorstellung davon zu
machen, wie der Nautilus mit Hülfe der fadenförmigen Tentakeln
im Stande ist, sich vorwärts zu ziehen oder zu schieben, so dass
Kef er stein wohl aus diesem Grunde bemerkt, die Mittel des
Fortkriechens seien ihm nicht ganz klar, so kann man ihnen doch
deswegen diese Function nicht absprechen, da dem die ausdrückliche,
augenscheinlich auf directer Beobachtung, nicht auf blosser Vermu-
thung beruhende Aussage von Rumph entgegensteht: »Alle deze
vingers kann hy intrekken en uitschieten naar believen, die hem
lieber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompüius. 11
treibt er aber auch schwimmend an der Oberfläche des
Meeres einher mit weit aus der Mündung der Schale vor-
ragendem Körper und ausgespreiteten Tentakeln, das
Hinterende seines Bootes über dem Wasser. Dieses
Schwimmen dauert jedoch nicht lange, dann zieht er sich
in die Schale zurück, diese kippt um, und so sinkt er
köpflings in die Tiefe. Ob er aus freien Stücken nach
oben kommt oder nur durch die Wellen emporgehoben
wird ^), ist zweifelhaft; Rumph scheint das letztere anzu-
nehmen, jedenfalls ist das erstere nicht bewiesen. Wie
dem aber auch sei, sicher ist, dass er eine Zeitlang an
der Oberfläche des Wassers zu schwimmen vermag, und
zwar ist dieses Schwimmen, wie sich schon aus dem von
den Beobachtern dafür gebrauchten Ausdruck „Treiben*'
schliessen lässt, sicherlich ein natürliches. Zwar wird
der Nautilus ebenso gut wie die zweikiemigen Cephalo-
poden durch die Athembewegungen des Mantels und den
dadurch erzeugten Rückstoss des W^assers eine rückgän-
gige Bewegung durch das Wasser hin zu machen im
Stande sein, doch ist der ganze Bau der Schale sowohl
wie des Thieres einer solchen Schwimmaction keines-
wegs günstig und lässt es fast als eine Unmöglichkeit
erscheinen, dass er dadurch allein vermögend sei, vom
Grunde des Meeres an die Oberfläche zu gelangen und
sich dort schwimmend zu erhalten. Daraus folgt mit
Nothwendigkeit, dass das specifische Gewicht seiner Ge-
sammtmasse zeitweise geringer, zeitweise aber auch grös-
ser ist, wie das des Meerwassers, ersteres, wenn er an
der Oberfläche , letzteres , wenn er an seinem gewöhn-
lichen Aufenthaltsorte, dem Meeresboden, sich befindet.
dienen niet alieen voor voeten in het kruipen, maar ook
voor handen om zyn aas aan te vatten, en naar den mond te
brengen.cc (A. a. 0. S. 60.) Immerhin kann ausserdem auch noch
die s. g. Kopfkappe mitwirken, verrauthlich auf ähnliche Art wie
der Fuss der Schnecken.
1) Wenn man, wie gewöhnlich, annimmt, dass die Wirkung
der Wellen höchstens bis zu einer Tiefe von 15 Faden reicht, so
würde er allerdings an seinem normalen Aufenthaltsorte häufig
ausser deren Bereich sein.
12 Meigen:
Es fragt sich, nun; durch welche Mittel diese Verände-
rung des specifischen Gewichts ermöglicht wird.
Dass die Schale mit ihren zahlreichen Kammern
dabei eine Hauptrolle zu spielen hat, liegt sehr nahe, ist
auch von jeher als unzweifelhaft angesehen worden. Es
wird sich also zunächst darum handeln, festzustellen, wel-
cher Art der Inhalt dieser Kammern sei, ob Wasser, ob
Luft, oder ob sie vielleicht ganz leer sind. Wasser hat
man in möglichst frisch untersuchten Exemplaren niemals
darin gefunden ; es ist auch nicht recht zu ersehen, auf
welchem Wege es in diese geschlossenen Räume hinein-
kommen sollte. Durch den Zwischenraum zwischen dem
Sipho und dem Rande der in den Scheidewänden befind-
lichen Oeifnungen kann es nicht eindringen, denn dieser
Zwischenraum steht nur in Verbindung mit dem hintern
Theile der Wohnkammer, welcher durch den oben er-
wähnten ringförmigen Mantellappen gegen das äussere
Wasser abgesperrt ist. Dass aber Wasser von der innern
Körperhöhle aus durch die Haut des Sipho in die Kam-
mern gewissermassen hineinfiltrirt werden könnte, ist
kaum anzunehmen, namentlich wenn man berücksichtigt,
dass der Sipho, ausser von der nur kurzen Siphonaltute,
auch noch von einer kalkigen Haut, der Siphonal-
scheide, umgeben ist, die allerdings beim lebenden
Nautilus nur sehr dünn, bei manchen seiner fossilen Ver-
wandten aber dick und stark genug ist, um den Gedanken
an ein Durchdrungenwerden von einer tropfbaren Flüs-
sigkeit nicht aufkommen zu lassen. Höchstens könnte
dies in der ersten Jugend des Thieres geschehen, bevor
noch die Siphonalscheide ausgebildet ist. Dann aber
würde bei einer vollständigen Erfüllung der Kammern
mit Wasser, dessen Menge doch nicht beliebig geändert
werden könnte, die als nothwendig erkannte Veränder-
lichkeit des specifischen Gewichts sich schwerlich erzielen
lassen; bei einer unvollständigen Erfüllung aber würde
das Wasser (oder welche Flüssigkeit sonst durchge-
schwitzt wäre) ganz oder theilweise verdunsten, und dann
wäre dieser luftförmige Inhalt der Kammern, dessen Vor-
handensein sich auch aus dem Folgenden als nothwendig
Ueber den hyärostatischen Apparat des Nautilus Pompilius. 13
ergibt, das Wesentliche, das etwa noch übrig gebliebene
Wasser aber Nebensache. Dass nämlich die Kammern
nicht ganz leer sein können, ist gleichfalls aus theoreti-
schen Gründen unschwer nachzuweisen. Zunächst er-
scheint es schon sehr fraglich, ob dann die Schale den
auf ihr lastenden Druck, der in einer Tiefe von 30 Faden,
bis zu welcher der Nautilus ja vorkommen soll, mehr als
sechs Atmosphären beträgt, auszuhalten vermöchte, ohne
zerdrückt zu werden ^), wenn auch allerdings ihre Wider-
standskraft durch die wie Strebepfeiler wirkenden Schei-
dewände bedeutend verstärkt ist. Jedoch auch abgesehen
davon, so würde der mit dem Innenraum der Kammern
durch den Sipho in Connex stehende Körper des Thieres
unter einem Drucke von sechs ^Atmosphären zum min-
desten mit seinen flüssigen Bestandtheilen in den Sipho
hineingedrängt und dieser, wenn auch nicht gesprengt,
so doch wenigstens gezwungen werden, gasförmige
Theile seines Inhaltes an den leeren Kammerraum abzu-
geben. Jedenfalls wird dies geschehen, solange die Si-
phonalscheiden entweder noch gar nicht gebildet oder
doch noch dünn genug sind, um für Gase permeabel zu
sein, also in der Jugend des Thieres. Somit ergibt sich
also nicht bloss, dass die Kammern nicht ohne Inhalt
sein können, sondern auch, dass dieser Inhalt aus Luft
bestehen muss. Der allgemein gebräuchliche Ausdruck
Luftkammern ist demnach vollkommen gerechtfertigt.
Bestätigt wird die Sache endlich noch dadurch, dass man
bei frischen Exemplaren wirklich Luft darin gefunden
hat. Dass diese nicht erst nachträglich bei der Unter-
suchung hineingekommen ist, geht daraus hervor, dass
sie bedeutend mehr Stickstoff, als die atmosphärische,
und gar keine Kohlensäure enthielt ^).
Aus dem Vorstehenden lässt sich aber auch noch
die Entstehungsweise der Kammern mit ihrem Luftgehalte
erklären, sowie die eigentliche Function des Sipho ab-
1) Nach einer Notiz bei Woodword a. a. 0. S. 83 werden
leere, gut verkorkte Flaschen in einer Tiefe von 100 Faden stets
zerdrückt,
2) Es scheint allerdings nur eine einzige Analyse darüber zu
14 Meigen:
leiten. Indem das Thier die Schale als eine Absonde-
rung seiner Körperhülle herstellt (und zwar die äussere
oder Porzellanschicht aus dem Mantelrande, die innere
oder Perlmutterschicht aus dem s. g. Körpersack) und
bei fortschreitendem Wachsthum durch Bildung neuer
Ansatzstreifen am äusseren Rande fortwährend vergrössert,
zieht es sich gleichzeitig aus dem hinteren Theile der-
selben allmählich zurück, was ihm nur möglich wird
durch Erfüllung dieses leer werdenden Raumes mit aus-
geschiedenen Gasen. Es verlässt denselben aber nicht
ganz; denn der oft erwähnte röhrenförmige Fortsatz seines
Körpers, der Sipho, bleibt darin. Bei diesem langsamen
Vorrücken des Thieres müssen natürlich auch die Schalen-
muskeln mit ihren Ansatzpunkten nach vorn rücken, was
aber sicherlich nicht nach d' Orbigny's Ansicht ^) sprung-
weise durch Loslassen, Vorstrecken und neues Anheften
derselben geschieht, sondern stetig, indem sie vorn wachsen
und hinten resorbirt werden. Tritt nun im Wachsthum
des Thieres eine Periode des Stillstandes ein, während
deren es nicht weiter nach vorn rückt, so wird auch die
bisherige Gasausscheidung, weil keine Nöthigung mehr
dazu vorhanden ist, sehr nachlassen und statt ihrer die an
den übrigenTheilen des Körpersackes fortwährend im Gange
befindliche Kalkabsonderung auch hier beginnen resp.
zunehmen. Dadurch bildet sich denn hinter dem Thiere
eine Scheidewand, welche den verlassenen Theil der
existiren, von van Breda, mitgetheilt von Vrolik (s, Kefer-
stein a. a. 0. S. 1342). Dass das eingeschlossene Gas, wie Ke-
f er st ein meint, mit der Luft im Wasser vermöge der Diffusion
durch die Schalenwand in Austausch tritt, ist zwar nicht unwahr-
scheinlich, vorläufig aber doch noch ohne Beweis, für den hydrosta-
tischen Effect übrigens ganz gleichgültig.
1) D'Orbigny wurde durch seine Theorie von dem stoss-
weisen Vorrücken des Thieres in der Schale veranlasst, die Bedeu-
tung des Sipho vorzugsweise darin zu suchen, dass derselbe wäh-
rend der Zeit, wo die Schalenmuskeln losgelassen haben und also
ihrem Zwecke, das Thier in der Schale' zu befestigen, nicht genü-
gen können, diese Function übernehme. Auch Leopold von
Buch hielt den Sipho für ein blosses Haftorgan.
üeber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompilius. 15
Schale abkammert^ natürlich aber vom Siplio durchbohrt
wird. Um diesen selbst herum scheidet sich jetzt gleich-
falls Kalkmasse aus, welcbe zunächst der Scheidewand
die Siphonaltute bildet, weiter nach hinten, wo vermuth-
lich auch jetzt noch etwas stärkere Gasdiffusion statt-
findet, die viel dünnere Siphonalscheide. Beginnt das
Wachsthum wieder, so wiederholt sich der ganze Process,
so dass demnach, wie Wood ward sagt, die Scheidewände
die periodischen Stillstände im Wachsthum anzeigen. In
welchen zeitlichen Zwischenräumen diese eintreten und
wie lange sie jedesmal dauern, ist noch ganz unbekannt.
Auch auf die Function des Sipho lassen sich nun
mit einiger Wahrscheinlichkeit Schlüsse ziehen. Dass
er kein blosses Haftorgan ist, wie Leopold von Buch
und d'Orbigny annehmen, ist sofort klar, geht ausser-
dem auch schon daraus hervor, dass zur Befestigung des
Thieres die grossen Schalenmuskeln ohne Zweifel ge-
nügen. Ebenso wenig lässt sich die von mehreren Seiten
beifällig aufgenommene Ansicht aufrecht halten, dass er
als Brutstätte diene. J. Hall begründete diese von allen
andern weit abweichende Theorie darauf, dass bei man-
chen fossilen Tetrabranchiaten (bei Orthoceratiten, nament-
lich bei der danach benannten nordamerikanischen Gat-
tung Endoceras) im Innern des Sipho Kalkmassen sich
finden, welche kleinen Schalen derselben Art gleichen
und von ihm für Junge angesehen wurden. Entweder
sind dies wirklich kleine Orthoceratiten, welche dann
aber wohl nur zufällig dorthin gelangt sind, oder, was
wahrscheinlicher, es sind blosse Kalkabsonderungen des
Sipho, die in den mannigfaltigsten Formen auch bei an-
dern Gattungen (Actinoceras, Huronia u. a.) an derselben
Stelle sich finden. Dagegen hat die von Quenstedt
zuerst aufgestellte und von Fr. Edwards weiter ent-
wickelte Ansicht über die Bedeutung des Sipho weit
üiehr für sich. Quenstedt sagt : „Das Absterben der
leeren Kammern (Dunstkammei*n) zu verhüten, mussten
sämmtliche durch einen Strang (Sipho) mit dem Körper
in Verbindung bleiben (a. a. 0. S. 400). ^^ Auch bei Schnek«
ken kommt es nämlich vor, dass das Thier den hintern
16 Meigen:
Theil der Schale verlässt und denselben dann durch eine
Scheidewand von dem vorderen, bewohnten Theile ab-
gränzt. Dieser Vorgang wiederholt sich auch wohl,
so dass eine ganze Anzahl solcher Scheidewände ge-
bildet werden. Gewöhnlich werden dann aber die ab-
gekammerten Theile abgestossen und gehen verloren,
sie sterben ab , weil sie nicht mehr in organischer
Verbindung mit dem Körper des Thieres stehen ^), Bei
Nautilus nun, meinen die Verfechter dieser Theorie, und
bei den Tetrabranchiaten überhaupt wird dieses Ab-
sterben verhütet durch den Sipho, der die hinteren Kam-
mern in lebendiger Verbindung mit dem Thiere erhält.
Es ist nach dem Obigen nicht zu leugnen, dass der Sipho
diese Wirkung haben kann, schwerlich aber ist dies sein
einziger Zweck. Denn einerseits lässt sich dagegen ein-
wenden, wie schon von Saemann geschehen, „dass es
eine Eigenthümlichkeit im Schalenbau ist, wenn die ver-
lassenen Theile sich verände rn und abgestossen werden
und dass bei Weitem die Ueberzahl der Conchylien sich
auch unter den ungünstigsten Verhältnissen lange fest
und frisch erhalten.'^ Andererseits hat Barrande Or-
thoceratiten entdeckt, welche trotz ihres Siphos die hin-
teren Kammern abgestossen haben ^). Offenbar muss also
der Sipho auch noch einen andern Zweck haben, und
der kann wohl nur darin erblickt werden, dass er die
noth wendige Wechselwirkung zwischen dem gasförmigen
Inhalt der Luftkammern und dem Körper herstellt, welche
erforderlich ist, um das eingeschlossene Gas beständig
im normalen Zustande zu erhalten, sowohl hinsiclitlich
1) Bei einzelnen Arten der Gattungen Bulimus, Melania, Ce-
rithium u. a. geht sehr regelmässig die Spitze des Gewindes auf
diese Art verloren , so dass man dieselben sogar danach benannt
hat: Bulimus decoUatus, Melania decollata , Cerithium decollatum ,
Truncatella truncatula u. s. w.
2) Bar ran de schreibt diese Eigenthümlichkeit namentlich
seinem Orthoceras truncatum, sowie allen Arten der Gattung Asco-
ceras zu. Quenstedt verhält sich gegen diese Angaben stark
zweifelnd (a. a. 0. S.405f.), während Keferstein sie unbedenklich
gelten lässt (a. a. 0. S.1425).
Ueber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompilius. l7
der Qualität, der chemischen Zusammensetzung, als auch
hinsichtlich der Quantität, mithin auch der Tension. Wenn
das Thier längere Zeit unter einem Drucke von sechs
Atmosphären steht, so muss die Gasmenge der Kammern
allmählich zunehmen, bis ein Gleichgewichtszustand zwi-
schen dem inneren und äusseren Druck sich hergestellt
hat. Erfolgt nun durch irgend eine Ursache, mag die-
selbe im freien Willen beruhen oder in einem zufälligen
äusseren Ereignisse zu suchen sein, eine Versetzung an
die Oberfläche, so muss die Sache den entgegengesetzten
Verlauf nehmen. Auf alle Fälle aber kann dieser Gas-
austausch nur langsam durch die Umhüllungsw^and des
Sipho hindurch vor sich gehen ^), und also unmöglich
1) Durch die Wand des Sipho zieht sich eine feine Arterie,
welche in der Nähe des Herzens aus der kleinen Aorta entspringt.
Bei dem im Text erwähnten Gasaustausch kann also zunächst das
diese Arterie durchströmende Blut functioniren. Dann steht ferner
der Innenraum des Sipho mit der Körperhöhle, dem s. g. Pericar-
dialraum, in Verbindung. Dieser enthält erstens das frei die Ein-
geweide umspülende Blut (welches von dort erst durch die Hohlvene
und weiter durch die Kiemenarterien den Athmungsorganen zuge-
führt wird), communicirt zweitens aber auch durch besondere Oefi-
nungen mit der Mantelhöhle und kann also von dieser aus auch
Wasser aufnehmen. Beide Flüssigkeiten, Blut und Wasser, können
demnach auch in das Innere des Sipho gelangen, um sich daselbst
ebenfalls an der Gasdiffusion zu betheiligen. Dabei wird nun frei-
lich beständig vorausgesetzt, dass nicht bloss die häutige Wand des
Sipho, sondern auch die denselben noch ausserdem umgebende
Scheide dem Durchgange von Gasen kein dauerndes Hinderniss ent-
gegensetzt, eine Voraussetzung, welche bei Nautilus jedenfalls zu-
lässig ist, da bei diesem jene Scheide, wenn auch kalkhaltig, doch
sehr dünn ist. Bei denjenigen Orthoceratiten aber, bei welchen
dicke Kalkablageriingen um den Sipho herum sich finden, wird die
Gasausscheidung vor Bildung dieser Ablagerungen stattgefunden
haben, wenn überhaupt bei diesen Geschöpfen die Kammern Luft
enthalten haben, was für sie keineswegs mit solcher Bestimmtheit
sich behaupten lässt, wie für den Nautilus und seine nächsten Ver-
wandten unter den fossilen Tetrabranchiaten. Denn warum sollten
die Orthoceratiten nicht ihren ständigen Aufenthalt am Grunde des
Wassers gehabt und eines hydrostatischen Apparates daher gar nicht
bedurft haben ? Ist es doch immerhin fraglich, ob das, was man als
solchen deutet, diese Function wirklich gehabt hat.
Archiv für Naturg. XXXVI. Jahrg. 1. Bd. 2
18 Meigcn:
diejeuigen Aenderungen im specifischen Gewicht derGe-
sammtmasse eintreten lassen, welche zu den binnen kur-
zer Zeit erfolgenden Bewegungen des Thieres nach oben
oder unten nothwendig sind, eine hydrostatische Wirkung
kann dadurch also nicht hervorgebracht werden. Aller-
dings erklärt man sich diese gewöhnlich auch in anderer
Weise, und damit kommen wir wieder auf die Frage zu-
rück, ob die Kammern, deren Luftgehalt jetzt also als
feststehend angesehen werden kann, auf die erwähnten
Aenderungen im specifischen Gewicht von Einfluss sind
oder nicht.
Nehmen wir zunächst an, das in den Kammern ent-
haltene Gas habe die Dichtigkeit der atmosphärischen
Luft, so lässt sich durch einen einfachen Versuch ent-
scheiden, ob es das Thier mitsammt seiner Schale im
Wasser zu tragen vermag oder nicht. Man verstopft den
Sipho und bestimmt zunächst das Volumen der Wohn-
kammer, lässt dann die Schale auf Wasser schwimmen
(wobei sie von selbst eine solche Lage annimmt, dass die
Mündung nach unten kommt) und ermittelt dasjenige Ge-
wicht, welches erforderlich ist, um sie zum Untersinken
zu bringen, so sind diese Data genügend, um die Grösse
des etwa vorhandenen Auftriebes zu bestimmen, voraus-
gesetzt, dass Volumen und Gewicht des Thieres ebenfalls
bekannt sind. Ueber das letztere, das Gewicht des Thie-
res, haben wir freilich gar keine Angaben und über das
erstere, das Volumen, nur die weiter unten erwähnte
von Woodward, doch lässt sich jenes wenigstens an-
nähernd berechnen ^) und dieses kann man, auch abge-
r) Die Angaben über das specifische Gewicht des menschlichen
Körpers schwanken zwischen 0,9 und 1,1, die Durchschnittszahl 1
möchte aber als solche wohl etwas zu niedrig sein, da bei jenen
Grenzzahlen die Anzahl der Fälle noch zu berücksichtigen ist, und
die niedrigen Zahlen doch verhältnissmässig selten vorkommen wer-
den. Der Nautilus, als ein knochenloses Thier, ist jedenfalls speci-
fisch leichter als der Mensch, aber doch wohl, wie sich aus der Ana-
logie mit anderen ähnlichen Geschöpfen schliessen lässt, schwerer als
das Meerwasser, für welches die Mittelzahl 1,026 angegeben wird.
lieber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompilius. 19
sehen von der Woodward' sehen Angabe, ohne besonderen
Fehler gleich dem der Wohnkammer setzen. Die Resul-
tate eines hierher gehörigen^ von Quenstedt angestellten
Versuchs entnehme ich dem Werke von K ef erst ein ^).
Eine Naiitilusschale trug im Süsswasser 52,7 Gramm, und
die Wohnkammer fasste 900 Kubikcentimeter. Nimmt
man das specifische Gewicht des Nautilusfleisches zu
1,08, das des Meerwassers zu 1,03 an, so findet sich, dass
die Schale im Meerwasser 54,3 Gramm trägt, und dass
900 Kubikcentimeter Meerwasser 927 Gramm wiegen, da-
gegen der die Wohnkammer ganz erfüllende Nautilus-
körper 972 Gramm. Die Schale kann also vermöge ihrer
Luftkammern 54 Gramm tragen, erleidet aber vom Nau-
tiluskörper nur eine Belastung von 45 Gramm, trägt ihn
also mit einer Kraft von 9 Gramm an die Oberfläche. —
Ein anderes Beispiel gibt Wo od war d: Eine Nautilusschale
trug in der Mündung V2 Pfund, während das Thier den
Raum von 2V2 Pfund Wasser einnahm. Giebt man ihm
nun ein Gewicht von 3 Pfund, so würde das Ganze mit
dem Wasser im Gleichgewicht gewesen sein.
Die Schwierigkeit liegt also, wie voraut^zusehen
war, nicht darin, das Schwimmen oder Treiben des Nau-
tilus an der Oberfläche des Meeres zu erklären, sondern
darin, für die Möglichkeit des, nach den Beschreibungen
in seinem Belieben stehenden Untersinkens eine Erklä-
rung zu finden. Die älteren Ansichten darüber wider-
sprechen meistens dem anatomischen Thatbestande.
Wenn z. B. Robert Hooke meinte, die Luftkammern
könnten nach dem Willen des Thieres vermittelst des
Sipho entweder mit Luft oder mit Wasser gefüllt werden,
so bedarf dies keiner Widerlegung mehr, da, wie schon
Parkinson 1804 erinnerte, der Sipho in gar keiner
Aus der unten (S. 28) folgenden Rechnung ergiht sich die Zahl 1,08,
dieselbe, welche auch Keferstein annimmt, und welche ohne Be-
denken als der Wahrheit sehr nahe kommend angesehen wer-
den kann.
1) A, a. 0. S. 1347. Statt der Zahlen 45 und 9 steht dort 44
und 10.
20 M eigen:
offenen Verbindung mit den Lul'tkammern steht Die
eigene Meinung von Parkinson war, dass die Kammern
zwar beständig mit Luft gefüllt bleiben, dass der Sipbo
aber durch Hineintreiben von Luft oder Wasser sich aus-
dehnen und dadurch die Kammerluft stark genug com-
primiren könne, um die nothwendige Aenderung im
specifischen Gewicht derselben hervorzubringen. Der-
selben i^nsicht war auch Buckland 1836, nur liess er
den 8ipho bloss mit der Flüssigkeit der Körperhöhle
sich füllen, da ihm die 1832 erschienene Owen'sche Ana-
tomie des Nautilus schon vorlag, aus welcher die Un-
möglichkeit einer Anfüllung des Sipho mit Luft zu er-
sehen war. Dadurch, dass eine gewisse Quantität Flüs-
sigkeit aus dem Pericardialraum in den Sipho getrieben
wird, erleidet aber nicht bloss dieser eine Ausdehnung,
vermöge deren die Luft in den Kammern zusammenge-
drückt wird, sondern zugleich wird dabei die in den
Wohnkammern befindliche Körpermasse in ihrem Volu-
lumen vermindert, durch beides zusammen also das spe-
cifische Gewicht des Ganzen vergrössert, und das Thier
somit zum Sinken gebracht. Will es sich wieder erheben,
so hat es nur den Druck von den Wänden der Körper-
höhle aus einzustellen ; die Elasticität der Luft in den
Kammern treibt das Wasser (oder Blut) aus dem Sipho
in jene Höhle zurück, und indem hiermit auch der Um-
fang des ganzen Körpers zunimmt, vermindert sich die
Schwere des Thieres im Verhältniss zu der des Wassers,
und es wird über dasselbe emporgehoben ^), Diese Theo-
rie erscheint auf den ersten Blick sehr einleuchtend, ist
auch mit vielem Beifall aufgenommen worden und findet
sich z. B. reproducirt indem oben (S. 2) genannten Werke
von Bergmann und Leuckart, sowie fast mit densel-
ben Worten in der Abhandlung von Czermak 2). Lei-
1) Die ganze Stelle ist der B r o n n'schen Bearbeitung des
Werkes von Johnston (S. 121 daselbst) entnommen, ebenso die
nächstfolgende über die Ansicht von Owen.
2) Bergmann und Leuckart 1. c. pag, 425; Czermak
1. c. pag. 5.
lieber den hydrostatisclieu Apparat des Nautilus Pompilius. 21
der aber ist ein Umstand dabei nicht berücksichtigt, wel-
cher die ganze Demonstration hinfällig macht, nämlich
das Vorhandensein der schon mehrmals erwähnten Sipho-
nalscheide. Diese kalkhaltige Umhüllung des Sipho lässt
denselben schon bei Nautilus einer solchen Ausdehnung,
wie die Theorie sie verlangt, wenig fähig erscheinen,
noch viel weniger aber bei vielen der fossilen Verwand-
ten desselben, bei denen man eine Ausdehnung des mit
einer dicken Kalkmasse umgebenen Sipho geradezu für
unmöglich erklären muss ^).
Ist es demnach nicht mehr gestattet, bei den Be-
wegungen des Nautilus dem Sipho eine Rolle zuzutheilen,
und muss man sich vielmehr damit begnügen, die Func-
tionen desselben auf die oben (S. 16) besprochenen Ver-
richtungen zu beschränken, so liegt es nahe, den Körper
selbst mit dieser Action zu betrauen. „Vielleicht ist, wie
Owen sagt, nichts weiter nöthig, um den Nautilus zum
Steigen zu befähigen, als die ganze Entfaltung seiner
Organe und ihr Heraustritt aus der Schale. Erleichtert
durch diese Ausbreitung der Organe, braucht das Thier
sich nur der emporhebenden Kraft zu überlassen, welche
in der specifisch geringeren Schwere der Schale gegen
das Wasser ihren Grund hat; denn wir nehmen an, dass
ihre Kammern bei deren fortschreitender Bildung all-
mählich mit leichtem Gase gefüllt werden. In Betracht
solcher Thatsachen, sagt Owen weiter, bin ich eher zu
schliessen geneigt, dass die einzige Verrichtung der Luft-
kammern die eines Ballons, und dass die Kraft, wodurch
1) Bei einigen fossilen Nautilusarten bildet sogar schon die
Siphonaltute ein Hinderniss für die Ausdehnung des Sipho, z. B.
bei der ganzen Abtheilung der Nautili moniliferi Quenstedt's, bei
denen die Tuten so lang sind, dass sie die nächste Scheidewand er-
reichen; ebenso ist es bei der Gattung Spirula. Dass diese dichte
Umhüllung des Sipho das Vorhandensein tropfbarer und gasförmiger
Flüssigkeiten in den Luftkammern nicht unmöglich macht, ist oben
erörtert worden. Einer Ausdehnung des Sipho aber, die nicht bloss
vor Ausbildung dieser Ablagerungen, sondern in jeder Altersstufe
des Thieres möglich sein soll, setzt sie offenbar ein nicht zu besei-
tigendes Hinderniss entgegen.
22 M e i g e n :
das Thier seine Eigenschwere willkürlich ändern kann,
der der Schalthiere des Süsswassers analog sei und haupt-
sächlich nur von den Veränderungen in der Ausdehnung
der Oberfläche abhänge, welche die weichen Theile dem
Wasser darbieten, wenn sie entweder aus der Mündung
der Schale hervorgeschoben und ausserhalb derselben
ausgebreitet, oder aber in eine dichte Masse innerhalb
der Schale zusammengezogen werden. Der Nautilus mag
ausserdem noch den Vortheil gemessen, eine kleine Leere
im hinteren Theile seiner Wohnkammer erzeugen zu kön-
nen, welche von der übrigen Höhle durch die hornige
Einfassung und Anheftmaskeln abgeschlossen ist."
Einer solchen Autorität, wie die Richard Owen's
ist, einen Fehler in der Beweisführung nachzuweisen,
ist ein gewagtes Unternehmen, aber dennoch ist, wie ich
glaube, Kefer stein vollkommen im Rechte, wenn er sagt,
es scheine ihm nicht möglich, dass durch solche Con-
traction und Expansion des Thieres wirklich das Ab-
und Aufsteigen im Wasser bewirkt werde. „Dass bei
der Muskelcontraction das Volum sich nicht ändert," sagt
er, „ist seit Swammerdam bekannt i), und man hat alle
Ursache, auch für die übrigen Organe eine Incompressi-
bilität, wenigstens bei den überhaupt in Betracht kom-
menden Druckkräften, anzunehmen. Vielmehr scheint
eine Volumveränderung, die wir in so hohem Grade bei
allen Mollusken bemerken, allein von der Wasseraufnahme
in das Innere des Körpers abzuhängen und dieselben in
vergleichbarer Weise sich ähnlich mit Wasser, wie die
Vögel mit Luft aufzublähen. Allerdings w^ird durch solche
Aufnahme, da diese Medien leichter als die Körpersub-
stanz sind, das specifische Gewicht des ganzen Körpers
1) In aller Strenge ist dies freilich nicht ganz richtig. Nach
Otto Funke's Lehrbuch der Physiologie, 4. Aufl. 1863. Bd. I. S.434,
setzen die genauesten, unter allen Cautelen angestellten Versuche,
insbesondere von Marchand und Ed. Weber, eine Verdichtung
des Muskels bei seiner Verkürzung, wenn auch eine ausserordent-
lich geringe, kaum in Betracht kommende, ausser Zweifel. Das im
Texte Gesagte wird dadurch natürlich nicht alterirt.
lieber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompilius. 23
verringert, allein da dabei im selben Verhältniss das
Volum vergrössert und der grössere Raum durch das
umgebende Medium selbst eingenommen wird, d. h. das
Volum der eigentlichen Körpersubstanz unverändert bleibt,
so vergrössert sich damit in keiner Weise der Auftrieb.''
Diesen Gründen lässt sich nichts entgegensetzen. Ob
der Nautilus aus der Schale möglichst weit heraustritt
und seine Organe dabei vollständig entfaltet, oder ob er
sie innerhalb derselben in eine dichte Masse zusammen-
zieht, ob dabei seine Muskeln im contrahirten oder er-
schlafften Zustande sich befinden, ob er in die Athem-
und Körperhöhle Wasser aufnimmt oder nicht, hat auf
das Volumen der Substanz seines Körpers und also auch
auf das speciüsche Gewicht desselben keinen irgendwie
erheblichen Einfluss; der Auftrieb, den er von Seiten
des Wassers erleidet, bleibt immer derselbe. Somit ist
denn auch durch die Owen'sche Theorie das Problem
nicht gelösst.
In dem letzten Satze der oben mitgetheilten Owen'-
schen Demonstration: „Der Nautilus mag ausserdem noch
den Vortheil geniessen, eine kleine Leere im hinteren
Theile seiner Wohnkammer erzeugen zu können,^ ist
ein Umstand erwähnt, dem Owen offenbar kein beson-
deres Gewicht beilegte, da er diese Bemerkung nur ganz
nebenbei noch hinzufügt, in welchem Ke fers tein jedoch
den Kern einer neuen Theorie gefunden hat. Er sagt :
„Wenn sich an dieser Stelle hinter dem Thiere Luft
befindet, und dieselbe durch ein Zurückziehen oder Vor-
strecken des Thiers, oder durch ein Zu- oder Wegströmen
des Blutes in dem hintern Körpersack comprimirt oder
ausgedehnt wird, sieht man hierin sofort das Mittel, wo-
durch das Thier, dessen Gewicht durch die Luftkammern
etwa gleich dem des verdrängten Wassers gemacht ist,
durch kleine Bewegungen in den Stand gesetzt ist,
leichter oder schwerer wie das verdrängte Wasser zu
werden. Nur wenn gerade ein neues Septum gebildet
wird, also das Thier einen Stillstand im Wachsthum er-
leidet, kann es in dieser Weise diesen einfachen hydro-
statischen Apparat nicht in Thätigkeit setzen und wird
24 M eigen:
dann vielleicht ausschliesslich und in Ruhe am Grunde
des Meeres leben müssen.^
Wenn nun Prof. Keferstein der Ansicht ist, dass
auf diese Weise das Auf- und Absteigen und das plötz-
liche Herabsinken bei zurückgezogenem Körper, wie es
als Thatsache feststeht, leicht möglich erscheine, so lassen
sich doch einige Bedenken nicht unterdrücken. Bei dem
oben (S. 19) angeführten Quenstedt'schcn Versuche stellte
sich der Auftrieb, den das in seiner Schale sitzende Thier
durch das verdrängte W'asser zu erleiden hätte, zu 9 Gramm
heraus. Soll nun durch Compression der in dem hinteren
Räume der Wohnkammer vorhandenen Luft dieser Auf-
trieb vernichtet werden, so müsste diese Luft . dasselbe
Gewicht von 9 Gramm haben. Dem entspricht aber für
gewöhnlichen Druck ein Volumen von 7200 Kubikcenti-
meter, wenn nämlich das specifische Gewicht der Luft
gegen Wasser gleich Ysoo gesetzt wird, was für die Tem-
peraturverhältnisse, unter denen der Nautilus lebt, gewiss
nicht zu viel ist. Um dieses Luftquantum auf die Dimen-
sionen zu beschränken, wie sie dem in der Nautilusschale
dafür disponibeln Raum entsprechen, wäre ein Druck er-
forderlich, der bei weitem über das Maximum desjenigen
hinausgeht, der allenfalls hier vorkommen könnte. Es
scheint also der Schluss zulässig, dass die Keferstein'sche
Theorie ebenso wenig wie irgend eine der früheren zur
Lösung des vorliegenden Problems genüge. Ob dies
nicht zu voreilig geschlossen ist, wird sich aus den nach-
stehenden Erörterungen ergeben.
Um einen allgemeinen Ausdruck für die Beziehun-
gen, welche zwischen den hier in Betracht kommenden
Grössen bestehen, zu erhalten, genügt die folgende ein-
fache Betrachtung. Wenn die Schale mit dem darin be-
findlichen Thier im Gleichgewicht mit dem Wasser sein
soll, und die jedenfalls zulässige Voraussetzung gemacht
wird, dass das Thier und die Luft der Wohnkammer zu-
sammen den Raum dieser letzteren gerade ausfüllen, so
muss die Summe der Gewichte dieser beiden genau gleich
dem Gewichte des denselben Raum wie die Wohnkammer
einnehmenden Wassers sein, vermehrt um das Gewicht,
Ueber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompilius. 25
welches die im Wasser befindliche blosse Schale ohne
Thier noch eben tragen kann, ohne zu sinken. Bezeichnet
man nun, um das eben Gesagte in eine mathematische
Form zu bringen, das Volumen der Wohnkammer mit v,
das der darin enthaltenen Luft mit v' (beides in Kubik-
ccntimetern ausgedrückt), den Druck, unter welchem
diese letztere steht, mit d (in Atmosphären), das grösste
Gewicht, welches die Schale im Wasser zu tragen ver-
mag, mit p (in Gramm), und endlich noch das specifische
Gewicht des Nautiluskörpers mit s, so muss nach dem
Obigen für den Fall des Gleichgewichts die Relation
bestehen
s{v-v') + ^ = 1,03t+p,
worin die Zahlen ^Jg und 1,03 die aus dem Früheren
schon bekannte Bedeutung haben, nämlich das specifische
Gewicht der Luft und des Meerwassers ausdrücken. Aus
dieser Gleichung folgt
, _ 800[(s— l,03)v— p]
^ ~ 800s— d
Die Discussion dieses Ausdrucks zeigt, dass v' zu einem
Maximum (unendlich gross) wird, wenn d = 800s ist,
ein Fall, der nicht vorkommen kann, da s jedenfalls
grösser als 1 ist, und also d immer grösser als 800 sein
müsste. Seine untere Grenze, nämlich Null, erreicht v',
wenn (s — l,03)v = p ist. Da nun v und p immer po-
sitive Grössen sind, so muss auch s — 1,03 positiv oder
s grösser als 1,03 sein, d. h. das specifische Gewicht des
Nautiluskörpers muss grösser sein als das des Meerwas-
sers. So lange nun (s— l,03)v grösser ist als p (und
d kleiner als 800s, sonst aber von beliebiger, natürlich
immer positiver, Grösse), hat v' einen positiven Werth ;
wird aber (s— l,03)v kleiner als p, so wird v' negativ,
und da dies unter den gegebenen Umständen keinen Sinn
hat, so heisst das nichts anders als: die Aufgabe enthält
in diesem Falle einen Widerspruch in sich selbst, Gleich-
gewicht kann niemals eintreten, es findet vielmehr immer
ein Sinken statt.
Substituiren wir nun in die eben gefundene, die
26 M e i g e n :
untere Grenze von v' bedingende Gleichung (s — l,03)v
= p die obigen von Quenstedt angegebenen Zahlen
V = 900 und p = 54, so berechnet sich leicht, dass
dann s = 1,09 ist, d. h. bei diesen Werthen für das Vo-
lumen der Wohnkammer und die Tragkraft der Schale
ist ein nach der Keferstein'schen Theorie vor sich ge-
hendes Auf- und Absteigen des Nautilus im Wasser nur
möglich, wenn das specifische Gewicht seines Körpers
grösser als 1,09 ist. Da diese Zahl den mit vieler Wahr-
scheinlichkeit dafür zu vermuthenden Werth übersteigt,
so scheint der aus ganz oberflächlicher Rechnung oben
gezogene Schluss sich als vollkommen richtig zu bestä-
tigen, vorausgesetzt, dass die Quenstedt'schen Zahlen
richtig sind. Nun ist es aber wenigstens nicht geradezu
undenkbar, dass die zu diesen Zahlen führenden Versuche
an einer niciit ganz vollständigen Schale gemacht wor-
den sind und daher das Volumen der Wohnkammer zu
klein gefunden wurde ^). Um darüber Sicherheit zu ge-
winnen, musste, da die von Woodward gemachten An-
gaben zu unvollständig sind, um für diese Rechnung ver-
wandt werden zu können, ein neuer Versuch gemacht
werden. Da in der zoologischen Sammlung des hiesigen
Gymnasiums ein dazu brauchbares Stück sich nicht vor-
fand, und auch sonstwoher mir hier keins zu Gebote
stand, so hatte Herr Apotheker Lübbecke in Duisburg
auf meine Bitte die Güte, an einem seiner prachtvollen
Sammlung entnommenen, durchaus unverletzten und ganz
vollständigen Exemplare die erforderlichen Bestimmungen
vorzunehmen ^). Dabei stellte sich zunächst heraus, dass
1) Bei den in den Sammlungen aufbewahrten Nautilusschalen
scheint Unvollständigkeit des Randes ein sehr häufig vorkommen-
der Fall zu sein, wenigstens zeigte sich unter vier dem ersten Blick
ganz unversehrt erscheinenden Exemplaren in der Sammlung des
Plerrn Löbbecke in Duisburg nur eine einzige in dieser Beziehung
tadellos. Auch Rumph bemerkt in der oben (S. 9 Note) abge-
druckten Stelle, dass man die Schale an den Kanten oft ange-
nagt finde.
2) Da Herr Löbbecke die Freundlichkeit hatte, die Versuche
üeber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompilius. 27
für die beiden Zahlen, um die es sich handelt, nicht die-
selbe Genauigkeit erreicht werden kann. Das die Trag-
kraft der Luftkararaern darstellende Gewicht p lässt sich
mit jeder wünschenswerthen Genauigkeit ermitteln, nicht
aber das Volumen der Wohnkammer, da es nicht mög-
lich ist, dieselbe ganz mit Wasser zu füllen. Es liegt
das an der eigenthümlichen Krümmung des Mündungs-
randes, dessen auf jeder Seite vorspringende Lappen
einen nicht ganz unbeträchtlichen Raum zwischen sich
haben, der, vorn und hinten offen, durch Eingiessen von
Flüssigkeit sich nicht messen lässt \). Wurde die Schale
nachher in meiner Gegenwart zu wiederholen, so war mir Gelegen-
heit geboten, von der Genauigkeit derselben und der Zuverlässig-
keit der daraus zu entnehmenden Zahlenangaben mich selbst zu
überzeugen. Die dazu benutzte Schale gehört vermuthlich mit zu
den grössten ihrer Art, wie schon aus der überraschend grossen Ca-
pacität der Wohnkammer (mehr als ein Quart) hervorgeht. Ihr
grösster Längendurchmesser betrug 22 Centimeter, die Höhe 16 Cen-
timeter und die grösste Breite der Mündung 12 Centimeter, das
absolute Gewicht 405 Gramm. — Die Tragkraft der Luftkammern
kann man auch in der Weise zu ermitteln suchen, dass man die
Gewichte im Innern der Wohnkammer so placirt, dass beim Ein-
tauchen der Schale ins Wasser die Mündung nach oben und zwar
die beiden tiefsten Punkte des Mediandurchschnitts in eine horizon-
tale Ebene zu liegen kommen; die weiter zuzulegenden Gewichte
kann man alsdann ebenfalls in ,die jetzt nicht mit Wasser gefüllte
Wohnkammer hineinlegen, was freilich mit grosser Vorsicht gesche-
hen muss, um Schwankungen und dadurch den Eintritt von Wasser
in die Kammer zu verhüten. Die obige Schale konnte auf diese
Art mit 1070 Gramm beschwert werden, bevor das Wasser anfing,
über die tiefste Stelle des Eandes zu treten, doch sank sie erst
ganz unter, nachdem eine nicht unbeträchtliche Wassermenge hin-
eingelaufen war. Es war aber nicht möglich, sie genau beim Be-
ginn des vollständigen üntergehens herauszunehmen ; diese Methode
führte also zu keinem Resultate. Auch die Bestimmung des Volu-
mens der ganzen Schale konnte wegen deren Grösse nur mit ap-
proximativer Genauigkeit ausgeführt und zur Ableitung einer zuver-
lässigen Zahl für die Tragkraft nicht benutzt werden.
1) Man könnte vielleicht nach Einschieben eines künstlichen
Bodens mit Hülfe von feuchtem Sande oder dgl. den Rauminhalt
dieses Theils annähernd bestimmen, doch ist dies nicht versucht
worden.
28 M e i g e n:
SO gebalten, dass man möglichst viel Wasser hineinbringen
konnte, so nahm die Wohnkammer 1235 Gramm, also
ebenso viel Kubikcentimeter auf, eine Zahl, die man aus
dem oben angeführten Grunde unbedenklich auf 1300
erhöhen kann. Auf alle Fälle kann man wenigstens mit
Sicherheit behaupten, dass der wahre Inhalt der Kammer
nicht weniger als 1250 und nicht mehr als 1400 Kubik-
centimeter betrug. Ferner ergab sich, dass die (bei ver-
verschlossenem Sipho) ganz untergetauchte Schale, mit
einem Gewichte von 68,5 Gramm belastet, sich noch schwe-
bend erhielt, während sie bei 69 Gramm schon sank.
Berücksichtigt man den Gewichtsverlust, den die aus
Messing (spec. Gew. 8,3) bestehenden Gewichtstücke im
Wasser erlitten, und setzt ausserdem an die Stelle des
verwandten süssen Wassers Seewasser vom spec. Gew.
1,03, so erhält man als Tragkraft der leeren Schale im
letzteren 62. Gramm. Setzt man die so gefundenen Werthe
in die obige Gleichung (s — l,03)v = p, so findet man,
wennv — 1250 gesetzt wird, s = 1,0796, wenn v r:r 1400
genommen wird, s = 1,0743 ; für den Mittelwerth v = 1300
ist s = 1,0777. Daraus folgt, dass, wenn die Keferstein'-
sche Theorie richtig ist, das specifische Gewicht des Nau-
tiluskörpers nicht kleiner als 1,0743 sein, oder, wenn
man sich mit der vollkommen ausreichenden Genauigkeit
von zwei Decimalstellen begnügt, mit ziemlich grosser
Sicherheit zu 1,08 angenommen werden kann (vergl.
oben S. 18, Note). Für s = 1,08 und v = 1300 findet
man dann weiter v'=---- ^. Da nun die Grosse von d
864 — d
wohl nur zwischen 1 (wenn das Thier sich an der Ober-
fläche befindet) und 6 (für die Tiefe von 30 Faden, die
ja wohl schwerlich jemals überschritten wird) schwanken
kann, so liegt v' zwischen 2,781 und 2,797; es braucht
also der hinter dem Mantelring liegende abgesperrte
Luftraum noch nicht einmal ganz 3 Kubikcentimeter zu
betragen, um allen Anforderungen zu genügen ^). Es
1) Für die angeuommenen Grenzwerthe des Volumens, 1250
und 1400 Kubikcentimeter , liegt v' entweder (im ersten Falle)
Ueber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompilius. 29
bedurfte also in der That einer sorgfältigen Wiederholung
des betreffenden Versuchs, um nicht irre geleitet zu
werden.
Das Resultat der vorstehenden Erörterungen und
Rechnungen lässt sich kurz in folgender Weise zusam-
menfassen :
1) Die Luftkammern dienen, wie schon Owen sagt, nur
als Ballon, um das Gewicht der ganzen Masse un-
gefähr gleich dem des verdrängten Wassers zu
machen.
2) Die Hauptfunction des Sipho besteht darin, nicht
sowohl die abgekammerten Theile der Schale als
vielmehr deren gasförmigen Inhalt in organischer
Verbindung mit der Lebensthätigkeit des Thiers zu
erhalten, damit das eingeschlossene Gas nach Qua-
lität und Quantität seine normale BeschaiFenheit be-
haupten resp. den veränderlichen Lebensbedingungen
des Thiers sich anpassen kann (s. S. 16).
3) Die Möglichkeit des willkürlichen Steigens und
Sinkens im Wasser liegt in dem Vorhandensein des
in dem hinteren Theile der Wohnkammer befind-
lichen abgesperrten Luftraums von veränderlichem
Volumen, das im Ganzen aber wenige Kubikcenti-
meter nicht zu überschreiten braucht. Dabei ist je-
doch vorausgesetzt, dass das specifische Gewicht
des Nautiluskörpers nicht kleiner als 1,08 ist.
Es ist nun leicht, zu zeigen, wie sich die Sache im
Einzelnen gestaltet. Nehmen wir an, der Bewohner der
zu dem Versuche benutzten Schale habe in dem hintern
Theile seiner Wohnkammer einen geschlossenen Luft-
raum von circa 3 Kubikcentimeter gehabt, den übrigen
Theil der Kammer (1297 Kubikcentimeter) aber selbst
eingenommen, so würde das Gewicht der die Kammer
zwischen 0,463 und 0,466, oder (für das grössere Vohimen) zwischen
7,416 und 7,459, Werthe, von denen selbst der grösste die Grenze
des Möglichen wohl nicht überschreitet; denn bei einem Kammervo-
lumen von 1400 sind 7,5 Kubikcentimeter für den mit v' bezeich-
neten Raum schwerlich übermässig viel.
30 M eigen:
füllenden Masse (Körper des Tliieres und Luft) 1400 Gramm,
das Gewicht des verdrängten Wassers 1339 Gramm be-
tragen haben^ also von jenem um 62 Gramm übertreffen
worden sein. Da nun die Luftkammern diese 62 Gramm
zu tragen vermögen, so würde vollkommenes Gleichge-
wicht bestanden haben, und es hätte also nur eines ge-
ringen Zurückdrängens oder Vorstreckens des Körpers
bedurft, um ein Sinken oder ein Aufsteigen zu veran-
lassen. Wäre z. B. das Tbier im Stande, die Luft seiner
Wohnkammer von 3 auf 2,5 Kubikcentimeter zusammen-
zupressen, so hätte dadurch das Gewicht des verdrängten
Wassers um 0,5 Gramm abgenommen, es würde also das
Sinken mit einer Kraft von 0,5 Gramm beginnen. Nun
wäre zu dieser Compression der Luft allerdings, wie sich
mit Hülfe des Mariotte'schen Gesetzes leicht berechnen
lässt, eine Kraft von 1,2 Atmosphären erforderlich, wenn
man als Ausgangspunkt der Bewegung die Tiefe von
160 Fuss annimmt. Scheint diese Kraft eine zu starke
Zumuthung für das Thier, so ist erstens zu bemerken,
dass ja auch schon durch eine geringere Gewichtsabnahme
des verdrängten Wassers ein Sinken zuwege gebracht
werden kann, wobei dann also auch die zum Zusammen-
pressen der Luft erforderliche Kraft geringer wäre, zwei-
tens, dass die Tiefe von 160 Fuss (ungefähr 27 Faden)
vermuthlich niemals überschritten wird, wofür einerseits
die Beobachtungen sprechen, was andrerseits auch durch
die Widerstandskraft der Schale motivirt erscheint, und
drittens endlich, dass, wenn man eine geringere Tiefe
als Ausgangspunkt nimmt, auch diese Kraft bedeutend
geringer zu sein braucht, bei d = 3, also in 60 Fuss
Tiefe, nur 0,6, bei d = 1, also an der Oberfläche, nur
0,2 Atmosphären. Für das Steigen sind die Verhältnisse
etwas günstiger. Will der Nautilus aus einer Tiefe von
160 Fuss mit einer Kraft von 0,5 Gramm nach oben stei-
gen, so braucht er nur 0,8, aus einer Tiefe von 60 Fuss
nur 0,4 Atmosphären Druckkraft aufzuwenden.
Im Uebrigen ist es ziemlich gleichgültig, wo man
den Anfangspunkt der Bewegung, an welchem Schale
und Wasser in Gleichgewicht sind, wählt, da ein Blick
lieber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompilius. 31
auf die für v' entwickelte Formel zeigt, dass auf den
Werth derselben die Grösse von d innerhalb der zuläs-
sigen Grenzen ohne merklichen Einfluss ist ^).
Ist die Bewegung einmal in Gang gebracht/ so setzt
sie sich von selbst fort, da alsdann ja die drückende
Wassersäule immer grösser resp. kleiner wird, bis ent-
weder der Grund oder die Oberfläche erreicht ist. Nach
unten wird übrigens auch die Festigkeit der Schale end-
lich ein Haltmachen gebieten, da ja die Spannung der
in den inneren Kammern enthaltenen Luft der Zunahme
des äusseren Druckes nicht rasch genug folgen kann,
um einen entsprechenden Gegendruck herzustellen. Bei
längerem Verweilen in der neuerreichten Tiefe w^ird aller-
dings allmählich sich Alles wieder ins Gleiche setzen,
daher ist es wohl denkbar, dass bei ganz langsamem
Vordringen nach unten, etwa an dem sich senkenden
Meeresboden entlang, der Nautilus ungefährdet jede be-
liebige Tiefe erreichen kann, wenn nur das Gas der
Luftkammern Zeit hat, in gleicher Weise wie der äussere
Druck an Menge und folglich auch an Spannkraft zuzu-
nehmen (vgl. oben S. 17).
Die Tragkraft der Schale nimmt dadurch natürlich
um ebenso viel ab, als das Gewicht des in den Luftkam-
mern enthaltenen Gases zunimmt. Wäre das Volumen
der Luftkammern etwa doppelt so gross w^ie das der
Wohnkammer, was ohne Zweifel über das wirkliche Ver-
hältniss hinausgeht, also bei der den Versuchen zu Grunde
gelegten Schale gleich 2600 Kubikccntimeter, so würde
die darin enthaltene Luft, wenn sie dasselbe specifische
Gewicht hätte wie die atmosphärische (Vsoo) , bei einem
Druck von einer Atmosphäre ungefähr 3 Gramm wiegen,
bei sechs Atmosphären 18 Gramm. Die Tragkraft ver-
1) So erhält man z. B., wenn d sogar gleich 100 gesetzt wird,
für v' nur wenig über 3 Kubikcentimeter. Einem Drucke von 100
Atmosphären entspricht aber eine Tiefe von mehr als 3000 Fuss,
bis zu welcher gewiss niemals ein Nautilus sich verirrt. Sollte
v' — 4 Kubikcentimeter werden^ so raüsste d = 264 sein, wozu
eine Tiefe von über 8000 Fuss gehört.
32 M eigen:
minderte sich mithin um 15 Gramm und sänke demnach
von 62 auf 47 Gramm, der Werth von v' stiege dagegen
auf 16,8 Kubikcentimeter. Kann das Thier also sich nicht
so weit aus der Schale vorstrecken, dass der abgesperrte
Luftraum der Wohnkammer sich von 3 auf circa 17 Ku-
bikcentimeter vergrössert, so würde ein Aufsteigen nicht
mehr mögb'ch sein. Nur dadurch, dass durch Kriechen
am Meeresboden entlang höher gelegene Punkte desselben
erreicht würden, an denen das Gas der Luftkammern
allmählich wieder durch Diffusion sich mit dem kleiner
gewordenen Druck der Umgebung ins Gleichgewicht
setzte, wäre es möglich, den hydrostatischen Apparat
wieder zum Functioniren zu bringen. Hätte aber das
Gas der Luftkammern ein geringeres specifisches Ge-
wicht wie die atmosphärische Luft, was nach dem Er-
gebniss der auf S. 5 erwähnten Analyse desselben nicht
unwahrscheinlich ist, so wären die Yerhältnisse wieder
günstiger.
Beim Aufsteigen bis an die Oberfläche vergrössert
die Luft der Wohnkammer ihr Volumen, und zwar, wenn
eine Tiefe von 160 Fuss als Ausgangspunkt genommen
wird, von 3 auf 18 Kubikcentimeter, folglich sind 15 Ku-
bikcentimeter der Körpers aus der Schale herausgetreten,
und um. ebenso viel Gramm hat das Gewicht des ver-
drängten Wassers zugenommen, demnach wird der Nau-
tilus jetzt mit einer Kraft von 15 Gramm oben gehalten
und dort, mit einem kleinen Theile aus dem Wasser
herausragend, treiben. Da er dabei nach der Schilderung
der Beobachter eine solche Lage einnimmt, dass die Mün-
dung der Schale nach oben gekehrt ist, die leere Schale
aber, wie der Versuch ausweist, mit der Mündung nach
unten schwimmt und das noch um so mehr thun wird,
wenn das Thier darin sitzt, so kann jene Stellung nur
durch eine künstliche Bewegung, durch Stoss oder Schwung,
eingenommen und durch fortwährendes Balanciren be-
hauptet werden (vergl. übrigens den S. 27 in der Note
beschriebenen Versuch zur Bestimmung der Tragkraft).
Sowie nun der Körper zurückgezogen wird, schlägt
lieber den hydrostatischen Apparat des Nautilus Pompilius. 33
die Schtale von selbst in die natürlicbe Lage des stabilen
Gleichgewichts um und sinkt hinab.
Soll einer im Gang befindlichen Bewegung Einhalt
gethan werden, so ist es nur nöthig, den Körper die ent-
gegengesetzte Action von derjenigen vornehmen zu lassen,
durch welche zu der zu hemmenden Bewegung der An-
stoss gegeben wurde. Es ist kein Grund vorhanden, um
anzunehmen, dass dies nicht in jedem beliebigen Stadium
des Steigens oder Sinkens und in jeder beliebigen Tiefe
ausgeführt werden könne ^).
Als selbstverständlich kann wohl angesehen werden,
dass die ganze vorstehende Beweisführung, wenn sie sich
auch in den zur Exemplification dienenden Zahlen an die
bestimmte zum Versuche benutzte Schale anlehnt, doch
dadurch an ihrer allgemeinen Gültigkeit nichts verliert,
indem auch bei abweichenden absoluten Werthen der
räumlichen Dimensionen die gegenseitigen Verhältnisse
immer dieselben sind.
Somit kann denn jetzt wohl die von Ke ferst ein
aufgestellte Theorie über den hydrostatischen Apparat
des Nautilus als durchaus gesichert und zur Erklärung
der beobachteten Thatsachen vollständig ausreichend an-
gesehen werden. Sie auf die übrigen Cephalopoden mit
gekammerter Schale anzuwenden scheint mir, soweit es
1) Der hydrostatische Apparat des Nautilus erinnert in viel-
facher Beziehung an die ähnlich wirkende Schwimmblase der Fische.
Während diese aber dem Aufenthaltsort ihres Besitzers nach oben
und unten feste Grenzen zieht, ausserhalb deren ihre Thätigkeit
nicht mehr nach seinem Belieben geleitet und unter Umständen
sogar gefährlich für ihn werden kann, findet bei dem Schwimmap-
parat des Nautilus nur in dem oben bezeichneten Falle etwas Aehn-
liches statt. Ygl. über die Schwimmblase die Bemerkungen von
Bergmann in dem S. 2 in der Note citirten Werke von S. 414 — 422,
so wie betreffs grösserer Einzelheiten meine dem Programm der
höheren Bürger- und Realschule zu Marienburg in Westpreussen
für das Jahr 1856 beigegebene Abhandlung: »lieber die Function
der Schwimmblase bei den Fischen.«
Archiv f. Naturg. XXXVI. Jahrg. 1. Bd. 3
S4 M eigen: Ueb. d. hydrostatischen Apparat d. Naut. Pomp.
die ganz ähnlich gebildeten fossilen Nautiliden, die Am-
moniten und Spiruliden angeht, ganz unbedenklich, ob
sie aber auf die Orthoceratiten und die Belemniten sich
ebenfalls ausdehnen lässt_, ist mindestens noch zweifelhaft
und jedenfalls nur auf Grund einer besonderen Unter-
suchung zulässig (vgl. S. 27 Note).
Heber Temnocephala eliilensis.
Von
Dr. R. A. Philipp!.
Hierzu Tafel I. Fig. 1—6.
Im Februar 1867 Hess ich mir eine Partie Aeglea
bringen, um wo möglich die Entwickelung der Jungen
zu beobachten, was ich durch verschiedene Umstände
verhindert nicht ausführen konnte, fand aber auf denselben
und zwar sowohl auf den Beinen wie auf dem Körper,
namentlich aber unter dem Schwanz zahllose Exemplare
der Temnocephala chilensis Blanch., welche mir damals
noch unbekannt war. Mehrere Tage habe ich wohl an
200 dieser Thiercben in einer flachen Schüssel mit reinem
Wasser am Leben erhalten, während die Krebse, die mir
schon fast halbtodt gebracht waren, bald abstarben.
Die Temnocephala hat im zusammengezogenen Zu-
stand eine eiförmige Gestalt, im ausgedehnten eine fast
länglich lanzettförmige, und ist etwas plattgedrückt, unten
ganz flach, oben etwas gewölbt, mit ziemlich scharfen
Rändern, s. Fig. 2, wo das Thier im zusammengezogenen
und ausgestreckten Zustand vergrössert abgebildet ist.
Am vordem Ende sitzen in einer Ebene fünf fingerar-
tige Arme, von denen der mittlere kaum merklich länger
als die übrigen ist, und die, wenn das Thier sich aus-
streckt, fast halbe Körperlänge erreichen. Am hintern
Ende sitzt ein kreisrunder Saugnapf. Die Länge beträgt
im ausgestreckten Zustand ohne die Finger selten mehr
36 Philippi:
als IVs Linien, die Breite kaum ^'2 Linie, verkürtzt sich
aber das Thier €0 erreicht die Breite 2/3 Linien. Die
erwähnten Finger erscheinen nicht cylindrisch, sondern
ebenfalls flach gedrückt, und ein Mal, als ich ein junges
Individuum unter dem Mikroskop hatte, welches durch
das Deckgläschen gepresst war, kam es mir vor, als ob sie
am Ende, welches bei der Verkürzung bisweilen knopfartig
erscheint, s. Fig. 4, ebenfalls einen kreisrunden Saugnapf
hätten ; jedenfalls können sie sich mit demselben anheften.
Querringe sind am Körper nicht vorhanden, wohl aber
erkennt man in der Bedeckung des Körpers Querrunzeln,
ebenso wie an den Fingern, die wohl von Kreismuskel-
fasern herrühren. Wimpern habe ich bei einer 240mali-
gen Yergrösserung, der stärksten, die ich überhaupt an-
gewendet habe, nicht gefunden.
Auf dem Rücken, etwa im vordem Viertel der Kör-
perlänge, stehen ziemlich dicht neben einander zwei ovale
rothe Punkte, die man wohl für Augen ansprechen
muss. Lange konnte ich keine Mund Öffnung entdek-
ken; endlich fand ich dicht hinter den Augen auf der
Unterseite über dem gleich zu erwähnenden Magensack(?)
eine dreieckige, mit dem stumpfen Winkel nach vorn
gekehrte Oeffnung, deren Ränder sich ausdehnten und
zusammenzogen, und die ich für die Mundöffnung halte.
S. Fig. 5. Innerhalb derselben sah ich am Hinterrand
eine zweite, kreisförmige, welche ich nicht zu deuten
weiss; für die Mündung eines ein Sekret ausführenden
Kanales scheint sie mir zu gross, sie ist vielleicht die
Mündung eines kurzen Oesophagus, der in den fraglichen
Magensack führt.
Das Thier ist ziemlich durchsichtig, im Ganzen von
einer hellen, bräunlichen Farbe, aber im Körper, nament-
lich hinten und an den Seiten, mit einem dunkleren,
krümeligen Inhalt erfüllt, der einzelne hellere Stellen,
Blasen, zeigt. Unmittelbar hinter den Augen, etwa bis
zur halben Körperlänge reichend, und fast die Hälfte
der Körperbreite einnehmend, befindet sich eine scharf
begrenzte rundliche Blase, deren Gestalt sich natürlich
etwas ändert, je nachdem sich das Thier streckt oder
lieber Temnocephala chilensis. 37
verkürzt. Ich habe sie als Magens ack(?) bezeichnet,
ungeachtet ich darin keinen fremdartigen Inhalt gesehn
habe, vielleicht weil die Thiere, als ich anfangen konnte
sie zu untersuchen, schon längere Zeit gefastet hatten,
was sie übrigens^ wenigstens acht Tage lang ganz gut
aushalten. Im vorderen Drittheil dieses Magensacks be-
findet sich die oben beschriebene, dreieckige Mundspalte.
Hinler dem Magensack befindet sich ein gelbliches, volu-
minöses Organ, das man vielleicht für eine Leber an-
sehen könnte. Der vordere Theil desselben ist in Fig. 3
zu erblicken. Zu jeder Seite dieses Organs ist die braune
krümelige Substanz am dichtesten, und hier würden wohl
die Fortpflanzungsorgane zu suchen sein. Doch habe ich
weder Eier noch irgend welche Kanäle darin sehen
können; vermuthlich sind diese Theile farblos und durch
die bräunliche , krümlige ziemlich undurchsichtige Kör-
permasse verdeckt. In einer Querlinie mit der Mund-
öfFnung liegen zwei ovaleBlasen, eine auf jeder Seite,
die einen kurzen schrägen Spalt im Centrum zu haben
scheinen, und aus denen ich nichts zu machen weiss.
S. Fig. 3 a.
Mehrmals habe ich auf der siechten Seite des Körpers
in der Mitte zwischen dem fraglichen Magensack und
dem Saugnapf ein besonderes Organ erblickt, siehe
Fig. 6 a. Es ist dies eine Blase von eiförmiger Gestalt,
in welcher schräg ein griffeiförmiges Organ liegt, welches
aussen abgestutzt ist und einen etwas vorstehenden Rand
hat, nach innen aber einen ovalen Kopf zeigt. Ich muss
es Personen, die sich specieller mit der Naturgeschichte
der verwandten Thiere beschäftigt haben, überlassen zu
beurtheilen, wofür das Organ anzusehen ist.
Was das Muskelsystem anbetrifft, so erkennt
man Längsfasern sehr deutlich im Centrum der Finger,
sowie am Hinterende des Körpers, wo sie sich in die
Saugscheibe begeben. Die Querfasern scheinen sowohl
in den Fingern, wie in der allgemeinen Körperhülle nach
aussen zu liegen, und dieses ist auch der Fall bei der
Saugscheibe.
Die Bewegung der Thiere ist ganz die der Blut-
38 Philippi:
egel. Sie heften sich mit dem hintern Saiignapf fest, sei
es auf dem Boden des Wassers oder einem andern festen
Körper, sei es auf der Oberfläche des Wassers, die ja
besonders für kleine Thiere als ein fester Körper be-
trachtet werden kann, in welchem letzteren Fall natürlich
der Rücken nach unten gekehrt ist, und meist auch der
ganze Körper herabhängt. So festgeheftet verhalten sie
sich oft stundenlang ruhig und eingezogen, indem bald
die Finger massig ausgestreckt, bald sehr stark verkürzt
erscheinen. Oft aber strecken sie den Körper lang aus,
und bewegen das Kopfende rasch nach allen Richtungen,
indem sie mit den Fingern im Wasser umherfahren, als
ob sie etwa darin schwimmende Gegenstände erhaschen
wollten. Wollen sie den Ort verändern, so machen sie
es ganz wie die Spannerraupen oder wie die Blutegel
oft thun, d. h. sie heften sich mit dem Vorderende fest,
lassen den Saugnapf los, krümmen den Körper bis das
Hinterende dicht am Vorderende ist, heften sich nun mit
der Saugscheibe wieder fest, strecken den Körper aus,
und befestigen sich aufs Neue mit dem Vorderende, um
dann das Hinterende wieder heranzuziehen, und so fort.
Siehe Fig. 1 a, b, c, wo die Thierchen in natürlicher
Grösse und in verschiedenen Bewegungen vorgestellt
sind. Niemals habe ich sie schwimmen sehen.
Die jungen Thiere sind heller gefärbt als die alten,
aber auch an ihnen ist es mir nicht gelungen mehr von
der innern Organisation zu sehen, als oben angegeben ist.
Der erste Anblick des Thieres erinnerte mich an
Hydra, womit das Thier viele Aehnlichkeit hat, wenn
man es mit blossem Auge im Wasser aufgerichtet und
mit seinen stark ausgedehnten Fingern herum fechtend
erblickt, allein ich erkannte bei genauerer Betrachtung
sogleich, dass es zu den Würmern in die Nähe von Ma-
lacobdella gehören müsse, und fand bald, dass es die von
Blanchard in Gay's Zoologia chilena vol. III p. 51 als
Temnocephala chilensis beschriebene und Tab. II der An-
nelides Fig. 6 abgebildete Art sei. Blanchard sagt
daselbst: „Corpus oblongum, antice in digitis (sie!) divi-
sum; annulis parum distinctis. Oculi duo. — Körper
üeber Temnocephala chilensis. 39
merklich und allmählich von vorn nach hinten verbreitert,
mit wenig deutlichen Ringen. (Ich kann keine Spur von
Ringen sehen). Das vordere Ende der Kopfregion ist
regelmässig in fünf grade, gleiche Finger getheilt, welche
gegen ihre Spitze etwas von einander entfernt sind. Zwei
Augen, die weit nach hinten und in einer Querlinie liegen.
Der hintere Saugnapf ist ziemlich gross und vollkommen
terminal. — Die Temnocephala's unterscheiden sich auch
vom Genus Branchiobdella durch die Anwesenheit der
Augen und die Theilungen der Kopfgegend, von denen
bei diesem keine Spur ist.^
„Temnocephala chilensis, T. rosea, antice albcscens;
lineis nonnullis obscurioribus. — Branchiobdella chilensis,
erwähnt aber nicht beschrieben von Moquin-Tandon Mo-
nogr. des Hirudinees p. 300.^
„Diese Art ist eiförmig, und vor dem hintern Ende
etwas angeschwollen ; sie hat fünf fingerförmige Ver-
längerungen am Kopfende, die vollkommen gleich sind,
und etwa den fünften oder sechsten Theil der Körper-
länge betragen. Die Farbe ist ein röthlichcs Braun, der
vordere Theil weisslich, und zeigt verschiedene dunklere,
immer aber noch helle Längslinien , (ich kann keine
Längslinien entdecken) besonders oben. — Länge IV2 Li-
nien. — Diese Art lebt parasitisch auf den Kiemen
der Krebse Chile's" (Ob im salzigen oder süssen Wasser
ist nicht gesagt).
Ich habe dieses Thierchen späterhin vielfach und
stets in grosser Menge unter dem Schwanz der Aeglea,
welches ein Flusskrebs ist, gefunden, und an keinem an-
dern Flusskrebs, womit ich indessen nicht grade leugnen
will, dass es auch vielleicht auf andern Flusskrebsen und
auf deren Kiemen vorkommen kann. Vielleicht lebt gar
auf diesen eine andre Art, die sich durch dunkle Längs-
linien von der von mir beobachteten unterscheidet. In-
dessen dürfte doch eine Bestätigung der Angabe von
Gay nicht überflüssig sein. Selbst auf Exemplaren der
in der Provinz Mendoza vorkommenden Aeglea-Art habe
ich die Temnocephala gefunden, und so viel ich bei einer
flüchtigen Beobachtung sehen konnte, ist es dieselbe Art.
40 Philipp i: Ueber Temnocephala chilensis.
Die Eier sind roth und verhältnissmässig sehr gross; sie
finden sich ebenfalls unter dem Schwanz der Aeglea, so
dass ich sie Anfangs für die Eier dieses Krebses nahm,
bis ich sie auch unter dem Schwanz der männlichen Aeglea
fand, und die wohl dreimal so grossen Eier des Krebses
entdeckte.
Santiago, den 15. Nov. 1869.
lieber Felis Colocolo Nolina.
Von
Dr. R. A. Philipp!
in Santiago.
Hierzu Taf. I. Fig. 7.
Um Ihnen zu beweisen, dass ich noch lebe, sende
ich Ihnen einliegend die Beschreibung der Felis Colocolo
Molina's, welche meines Wissens noch von keinem Natur-
forscher seit Mol in a gesehen ist. Sie ist nach einem im
Käfig befindlichen lebenden Thiere gemacht. Bei der
beifolgenden Abbildung habe ich die Figur der Ham.
Smith'schen Felis Colocolo zum Grunde gelegt ; die gelben
Streifen des Rückens könnten vielleicht breiter sein, aber
das Thier war sehr wild, und fuhr gleich wieder in die
Ecke des Käfigs zurück, wenn man es einen Augenblick
hervorgezogen hatte. Vielleicht hätte ich mit der Be-
schreibung warten sollen, bis diese Katze in unserm
zoologischen Garten gestorben, oder mir ein andres, todtes
Exemplar in die Hände gefallen wäre, aber dann bin ich
vielleicht nicht mehr in Santiago.
In seinem bekannten Saggio sulla storia naturale del
Chili sagt Molina (p. 295 der ersten Ausgabe) Folgendes :
„Die Guigna (mit spanischer Orthographie Guina, auch
Huina) Felis Guigna, und der Colocolo, Felis Colo-
cola^), sind zwei wilde Katzen von schönem Fell, welche
1) Colocola ist offenbar ein Druck- oder vielmehr Schreibfeh-
42 Philippi:
die Wälder Chile's bewohnen. Sie ähneln in der Form
der Hauskatze^ sind aber etwas grösser, und haben einen
dickeren Kopf und Schwanz. Die Guigna ist von gelb-
licher (fulvo) Farbe, und angenehm mit runden schwarzen
Flecken von vier bis fünf Linien Durchmesser verziert,
die sich auch auf den Schwanz erstrecken. — Der Co-
locolo ist weiss, unregelmässig gefleckt mit schwarzen
und gelben" Flecken. Sein Schwanz ist bis zur Spitze
schwarz geringelt. Diese Thiere wagen in Folge ihrer
Kleinheit nicht den Menschen und ebenso wenig das
Vieh zu belästigen ; ihre ganze Kraft ist gegen die Feld-
mäuse und die Vögel gerichtet; bisweilen nähern sie sich
auch den Häusern auf dem Lande, um auf die Hühner
Jagd zu machen. — Die Einwohner des Landes zählen
noch verschiedene andre Arten wilder Katzen auf, die ich
nicht gesehn habe'^.
Aus den letzten Worten folgt, dass Molina die bei-
den Katzenarten, die er Guina und Colocolo nennt, selbst
gesehn hat, und seine Beschreibungen derselben sind in
der That so gut, dass man gar nicht im Zweifel sein
kann, welche chilenische Arten er gemeint hat, wobei
es nur auffallend ist, dass er der F. Pajeros, welche weit
häufiger als F. Colocolo ist, nicht gedenkt. Seine Felis
Guina ist offenbar die in Valdivia sehr gemeine wilde
Katze, welche Poeppig als Felis tigrina var. beschrieben
hat, und w^elche im Werk von Gay (Zool. I p. 70) unter
dem Namen F. guigna Mol. nach Pöppig beschrieben
ist, indem damals — wie es scheint — kein Exemplar
dieser Art in Paris existirte. Gay hat sie nicht gekannt.
1er, und ist nur sonderbar, dass sich derselbe p. 341 wiederholt, man
hört in Chile immer Colocolo und niemals Colocola. Mit diesem
Namen bezeichnet man auch in Santiago die Didelphys elegans, die
sonst Llaca und Comadreja heisst, so wie die singenden Hausmäuse.
Colocolo heisst im Araukanischen die wilde Katze, so gut wie
Guina. In der Provinz Santiago, wo die F. Guigna Molina's unbe-
kannt ist, heisst F. Pajeros Guina. Dass diese letztere Art bis nach
der Magellansstrasse vorkommt, beweist ein dort von meinem un-
glücklichen Bruder geschossenes und im Museum aufgestelltes Ex-
emplar.
üeber Felis Colocolo.
43
1
3 =
= 487
191,6
Mm.
Ich bemerke nur noch, dass sich Molina in Angabe der
Grösse geirrt hat, sie ist nicht grösser, sondern kleiner
als die Hauskatze, und es ist auffallend, dass sie überaus
häufig ganz schwarz vorkommt. Im Museum von Santiago
sind zwei gefleckte, und zwei schwarze Exemplare auf-
gestellt, deren Maasse folgende sind:
Maasse.
Chilenisch.
Fuss Zoll Linien
Von der Nasenspitze bis zur
Schwanzwurzel ....
Länge des Schwanzes . .
Länge des Kopfes von der
Nasenspitze bis zum Hinter-
hauptloch (mit dem Zirkel
gemessen)
Entfernung zwischen Augen
und Ohren
Höhe des Kopfes ....
Länge der Hinterbeine .vom
Gelenke des Oberschenkels
bis zur Zehenspitze . . .
Länge der Vorderbeine vom
Schulterblatt bis zur Zehen-
spitze
1 —
= 92,8
63,
61,8
== 278,6
Länge des Unterarms
Eckzähne . , . . .
Höhe des Ohres . .
Breite desselben . .
Felis Colocolo ist nach Molina später von Nie-
mand gesehen, denn die Katze aus Guiana, welche H. S m i t h
in der englischen Uebersetzung von Cuvier's Animal
Kingdom unter diesem Namen, freilich mit einem ? be-
schrieben, und deren Beschreibung in W. Jardine's nat.
bist. Felinae nebst der Abbildung wiedergegeben ist, ist
ein ganz verschiedenes Thier. Nach der Beschrei-
bung, ich muss die deutsche Uebersetzung citiren, „war
der Rücken mit langen schwarzen Strichen ge-
zeichnet, und diese waren braun eingefasst; auf den
44 Philippi:
Schultern und Schenkeln befanden sich braune Striche,
ein schwarzer Strich ging auch von dem Augenwinkel
bis zur Kinnlade." (Dieser schwarze Strich findet sich
in der Abbildung nicht. Dieselbe zeigt zwei schwarze
Striche zwischen Auge und Ohr, die erst in beträcht-
licher Entfernung vom Augenwinkel anfangen.) Der Co-
locolo Molina's hat aber statt der langen schwarzen
Striche der Guianischen Katze unregelmässige schwarze
und gelbliche Flecke, und das einzige auf die Smith-
sche Art passende Kennzeichen ist der schwarz geringelte
Schwanz. Ich muss hier bemerken, dass der Schwanz
der Smith'schen Art eine schwarze Spitze hat, und
dass die Figur ihm 14 schwarze Ringe incl. der Spitze
giebt; ebenso jst zu beachten, dass die Beine spärliche,
schwarze Längs str ic he zeigen, was sich Alles beim
Colocolo, wie wir gleich sehen werden, ganz anders ver-
hält. Von vorn herein war es höchst unwahrscheinlich,
dass eine chilenische wilde Katze zugleich in Guiana
vorkommen sollte, und hätte dieses Bedenken zu einer
grossen Vorsicht mahnen sollen, ehe man eine dortige
Katze mit einer chilenischen identificirte.
Der Colocolo muss in Chile selten sein, wenigstens
habe ich während meines nunmehr 18jährigen Aufent-
haltes in Chile keinen zu sehen bekommen, bis vor we-
nigen Tagen (Ende Sept. 1869), wo wir für den zoolo-
gischen Garten ein lebendiges Männchen erhielten, das
noch dazu wenige Stunden von Santiago in der Cordillere
von Santiago, in der hacienda de la Dehesa, an einem
Infernillo genannten Ort, gefangen war. Das Thier hat
ziemlich die Grösse und Gestalt der Felis pajeros, von
der eine gute Abbildung bei Gay Zool. tab. 4 gegeben
ist, allein es unterscheidet sich von derselben auf den
ersten Blick durch den schwarz geringelten Schwanz,
(der Schwanz von F. pajeros ist einfarbig grau), so wie
durch den gefleckten oder vielmehr quergebänderten
Rücken. Die Bänder sind von braungelber Farbe, etwa
ein Dutzend an der Zahl, und ein Paar vereinigt sich
jederseits einen ovalen Ring bildend, was offenbar zu-
fällig ist. Sie reichen etwa bis zur Mitte der Seite. Auf
lieber Felis Colocolo. * 45
der Brust, auf Ober- und Unterschenkel sind schwarze
oder dunkelbraune Querbinden; zwei Längsstriche von
dieser Farbe finden sich auf der Stirn, kleinere Flecke
auf dem Scheitel, und zwei Streifen auf den Backen, die
sich hinten beinah vereinigen, und von denen der obere
den äusseren Augenwinkel erreicht. Die Schnurrborsten
sind weiss. Der Schwanz ist sehr lang, stark, buschig,
und zeigt sieben schwarze Ringe, die schmaler als ihre
Zwischenräume sind. Das Thier ist ebenso wild wie F.
pajeros, und kann ich genauere Maasse erst geben, wenn
mir ein todtes Exemplar in die Hände kommen sollte.
Als ich nachsehen wollte, ob diese Art vielleicht in
der Prov. Mendoza vorkäme, fand ich, dass B urmeister
(Reise durch die La Plata Staaten I p. 295) nur eine
wilde Katze ausser dem Puma erwähnt, „die kleine, grau-
gelbliche, schwarz getüpfelte Pampaskatze, Felis Payeros^
(heisst es denn nicht Pajeros?). Graugelblich und schwarz
getüpfelt ist aber F. Pajeros durchaus nicht, wenigstens
nicht die Art, die Gervais bei Gay unter diesem Namen
abbildet. Unser Museum hat von Mendoza nur F. Geof-
froyi erhalten, lebend in einem jungen, unausgewachsenen
Exemplar, und in mehreren Häuten, die leider nicht zum
Ausstopfen taugten. Burmeister hat die wilde Katze
von Mendoza nicht selbst gesehn, und glaube ich, dass
es von ihm etwas gewagt war, dieselbe nach den An-
gaben der Einwohner ohne Weiteres für F. pajeros zu
erklären.
Santjago, den 26. October 1869.
Eine vermeintliche neue Hirsehart aus Chile.
Von
Dr. R. A. Philipp!
in Santiago.
In der englischen Zeitschrift Scientific Opinion vom
6. Okt. 1869, p. 385 findet sich folgender Artikel : „Ueber
einen neuen Hirsch von Chili, von Dr. J. E. Gray F.
R. S. Herr Whitley jun. hat dem Britischen Museum
eine Reihe von Exemplaren eines sehr interessanten Hir-
sches oder Rehes von Chile geschickt, welche aus einem
Männchen mit vollkommenem Geweih, den Häuten eines
Weibchens und Jungen und deren Schädeln besteht.
Das Thier ist möglicherweise dasselbe wie die unvoll-
kommene Haut eines Weibchens! (ich übersetze wörtlich
Ph.), welche aus demselben Lande 1849 an den Grafen
von Derby geschickt war, und welche ich in den Procee-
dings of the zool. Soc. 1849 pp. 64— 120 unter dem Na-
men von Capreolus leucotis beschrieben habe, aber alle
diese drei jetzt gesendeten Arten (soll heissen Exem-
plare Ph.) sind von dem Fell jener Thiere (soll heissen
jenes Thieres Ph.) in der Färbung sehr verschieden. Sie
sind sämmtlich mit einem sehr dichten Pelz von ver-
längerten dicken elastischen Haaren oder „quills^ wie
der europäische Rehbock bekleidet, von einer gleich-
massigen gelben Farbe, mit dunkeln Gesichtern und einem
deutlichen weissen Fleck an jedem Mundwinkel, wie beim
europäischen Rehbock; dies mag die Farbe in der Brunst-
Philippi: Eine vermeintliche neue Hirschart aus Chile. 47
zeit, breeding seazon, sein, denn das Weibchen zeigt unter
den blass braunen Haaren (also ist die Farbe des Pelzes
nicht gelb, sondern braun?) noch kürzere sehr dunkle
Haare mit blass gelblich weissen Ringen, so dass mög-
licher Weise das Thier in andern Jahreszeiten ganz von
dieser (dunkeln? Ph.) Farbe ist, wie das Weibchen, wel-
ches dem Grafen von Derby geschickt war und von mir
a. a. O. beschrieben ist.
Unglücklicherweise hatte jenes Thier, da es ein
Weibchen war, kein Geweih, und wurde von mir in das
Genus Furcifer gestellt, da dieses das einzige Genus süd-
amerikanischer Hirsche ist, welches den „quill^ oder
dickes elastisches Haar wie die europäischen Rehe hat.
Das jetzt gesendete Männchen zeigt, dass das Geweih
sehr verschieden von dem Geweih irgend eines bekannten
Hirsches ist, und der Typus eines neuen Genus sein
muss, für das ich den Namen Anomolocera (soll wohl
sein Anomalocera Ph.) vorschlage. Das Geweih ist auf-
recht mit wenigen kleinen Spitzen und dem des europäi-
schen Rehes sehr ähnlich; aber es hat einen mehr oder
weniger entwickelten conischen vorderen Basalast; die
Rose (bur) ist gross, und von dem hintern Theil der
Basis eines jeden Horns erstreckt sich nach hinten ho-
rizontal (parallel mit dem Rücken des Kopfes und Nak-
kens des Thieres) ein sehr dicker, starker, eckiger Fort-
satz, läQger als das vordere Hörn (front hörn), und ge-
theilt in mehrere, längere oder kürzere dreieckige spitze
Fortsätze (processes) von der obern und untern Fläche.
Die Schädel haben eine tiefe cylindrische Grube vor
der Augenhöhle, und es ist ein grosser Büschel von dik-
kem kurzen Haar auf der innern Seite der hintern Knie-
kehle (hock) vorhanden, aber kein drüsiger Haarbüschel
an der Unterseite des Tarsus. — Dieser chilenische Hirsch
ist eher grösser als der europäische Rehbock. Dies Thier
kann der Guemul oder Heumul (soll heissen Huemul Ph.)
der Chilenen sein, den Molina als Equus bisulcus zu den
Pferden brachte, Hamilton Smith zu den Llama's als
Auchenia Huamul, Lauchardt nennt ihn ein Kamel, Ca^
melus equinus, bildete aber später daraus ein eigenes
48 Philip pi:
Genus unter dem Namen Hippocamelus dubius; darauf
nannte Lesson es Cervequus andinus. Alle diese (Be-
nennungen) sind auf Molina's kurze Beschreibung ge-
gründet, und als Herr Gay ein Exemplar ohne Geweih
erhielt, beschrieb er es zuerst als ein neues Genus ohne
Namen, dann als Cervus chilensis in den Ann. des Sci-
ences nat. 1846, 9."
So weit Herr Gray. Er scheint keine Kenntniss
von der historia fisica i politica Gay's zu haben, sonst
würde er gewiss angegeben haben, dass dieser Cervus
chilensis in diesem Werk abgebildet ist. (Das elende
Exemplar, nach dem die hübsche Abbildung gemacht ist,
existirt noch im Museum von Santiago). Herr Gray
weist ferner nicht, dass dieser Cervus chilensis identisch
mit d'Orbigny's Cervus antisiensis ist, eine Art, welche
sich von Peru bis zur Magellans-Strasse ausbreitet, und
in Chile selten ist. Doch gibt es auch in der Provinz
Colchagua eine hacienda de los Guemules, in der von
Chillan einen cerro de los Guemules u. s. w. Der von
Gray a.*a.-"0. kurz beschriebene Anomalocera leucotis
kann nicht mit dem Guemul zusammengeworfen werden,
welcher keine Spur von dem „nach hinten gerichteten,
dem Nacken parallelen, dicken, starken, eckigen Fortsatz^
hat, den Gray beschreibt.
Aber ich stehe nicht an zu behaupten, dass diese
Anomalocera leucotis gar kein chilenisches Thier ist. Es
ist gar nicht denkbar, dass Niemand in Chile etwas von
der Existenz eines solchen Thieres wissen sollte, wenn
dasselbe wirklich in dieser Republik vorkäme; ein Thier
von diesen Dimensionen kann nicht der Aufmerksamkeit
der Hirten, Jäger, Landleute, Gutsbesitzer entgehen. Ich
will gern glauben, dass Gray mehrfach Exemplare dieser
Hirschart aus Valparaiso erhalten hat, aber daraus folgt
keineswcges, dass sie in Chile vorkommt; sie kann aus
Ecuador, Centroamerica, Mejico u. s. w. sein, von wo
sehr häufig lebende Thiere, so wie Thierbälge etc. nach
Valparaiso gebracht werden, aber von Chile ist dieser
Hirsch nicht. Ich halte es für wichtig, auf diesen Punkt
aufmerksam zu machen, denn leider werden schon eine
Eine vermeintliche neue Hirschart aus Chile. 49
Menge Vögel, Insekten, Pflanzen etc. als chilenische an-
gegeben, die es niclit sind, und wenn man solche Irr-
thümcr nicht rügen und sorgfältig ausmerzen wollte, so
würde eine Confusion bleiben und sich vermehren, die
für die wichtige Lehre von der geographischen Verbrei-
tung der Thiere und Pflanzen offenbar höchst nachtheilig
ist. Die Gelehrten, die Thiere oder Pflanzen von frem-
den Ländern bekamen, sollten sorgfältiger, als es bisher
geschehen ist, nach der wahren Heimath derselben forschen.
Archiv f. Natnrg. XXXVI. Jahrg. l.Bd.
Beiträge zur Kenutniss der Wirbelthiere
Sädbrasiliens.
Von
Dr. Reinhold Heusei.
(Fortsetzung.)
Iq der vorhergehenden Abtheilung dieser Beiträge
habe ich schon 12 Spccies der Fische beschrieben ^), In
diesem Beitrage folgt die Beschreibung aller übrigen von
mir in der Provinz Rio Grande do Sul gesammelten
Fische, doch habe ich der Vollständigkeit v^egen noch-
mals die Namen der schon in der früheren Abtheilung
beschriebenen Arten aufgeführt, obgleich ohne Nummer.
In der Systematischen Anordnung bin ich Günthers
Catal. Fish, gefolgt.
13. Soiaena adusta Agass. (Spix, Pisc. Bras. p. 126,
tab. 70).
D. 10/1x30. A. 2/9. P. V17. L. lat. 52. Vent. V15.
Die Höhe des Körpers ist 3V2naal in der Länge
desselben (ohne Schwanzflosse) enthalten und beträgt Ve
der Länge des Kopfes. Der Unterkiefer wird nur wenig
vom Oberkiefer überragt. Der 2te Stachel in der Anal-"
flösse halb so lang wie die zunächst folgenden weichen
Strahlen. Das Praeoperculum auf der Hinterseite ge-
zähnelt, die unteren Zähne grösser, dornartig, am Winkel
desselben zwei grössere um den Durchmesser der Pupille
von einander entfernte Dornen, der obere mehr nach
1) Vergl. Dieses Archiv Jahrg. 34. Bd. 1. p. 356—375.
Hensel: Beiträge z. Kenntniss d. Wirbelthiere Südbrasiliens. 51
hinten, der untere mehr nach unten gerichtet. Die vor-
deren Zähne in beiden Kiefern nur wenig grösser als
die hintern, die Grösse der Zähne nimmt von vorn nach
hinten nur allmählich ab. Die Farbe der Bauchseite
silberweiss, der Rückenseite hat zwar eine silbergraue
Grundfarbe, allein schmale (in Spirit.) bräunliche Bänder
laufen schräg nach oben und hinten, indem je ein solches
Band die Mitte einer der schräg nach hinten aufsteigen-
den Schuppenreihen einnimmt. Die Rückenflosse ist un-
beschuppt, die Schwanzflosse beschuppt, beide sind ganz
schwach grau pigmentirt, die übrigen Flossen sind (in
Spirit.) weiss.
Dieser Fisch findet sich vorzugsweise bei Rio Grande,
doch kommt er auch in den Guahyla bei Porto Alegre
vor und führt hier den Namen Cruvina.
Die Farbe an den beiden mir vorliegenden Exem-
plaren stimmt wenig mit der oben citirten Abbildung in
Spix, Pisc. Bras. und auch von Günther (Catal. Fish. II,
p. 289) werden alle Flossen „schwärzlich'^ genannt, doch
scheinen die von Jenyns 1. c. p. 42, beschriebenen
Exemplare von Maldonado und Montevideo den meinen
zu gleichen.
14. Mugü liza Cuv. Val. Hist. nat. Poiss. XL p. 83.
Dieser von Brasilianern Dainha (spr. Dai'nje) ge-
nannte Fisch gehört eigentlich dem Meere an, geht aber
auch weit in die Flüsse hinauf. So beobachtete ich ihn
in den ersten Monaten des Jahres 1864, also im Sommer,
in grosser Menge bei Porto Alegre, wenigstens 36 Meilen
vom Meere entfernt. Doch hielten sich hier die Fische
ihrer Natur getreu stets im offenen und tiefen Wasser
auf, während die wirklichen Süsswasserfische die Buchten
und alle ruhigen mit Wasserpflanzen besetzten Stellen
bevorzugen. Die Dainha zeichnet sich durch eine ausser-
ordentliche Springfähigkeit aus, und beständig sieht man
Fische mehr oder weniger senkrecht aus dem Wasser her-
ausspringen, oft bis zur Höhe eines Mannes. Durch Feinde,
konnten die Thiere nicht dazu veranlasst werden, aucl
laichen sie vielleicht nicht im süssen Wasser, denn m
52 H e n s e 1 :
dem salzwasserhaltigen Hafen von Montevideo fing ich
ein sehr kleines Exemplar des Mugil.
Mit dieser Schnellkraft des Fisches hängt auch der
Bau des Rückens zusammen^ der durch die starke Ent-
wicklung seiner Muskeln, durch seine breite und kantige
Gestalt sehr an Exocoetus erinnert.
Merkwürdigerweise wollen sich ältere Leute in Porto
Alegre nicht erinnern, die Dainha früher daselbst gesehen
zu haben. Sie soll sich erst seit einigen Jahren perio-
disch daselbst einfinden. In den Sommer- (Winter-) mo-
naten des Jahres 1866, ungefähr Mai, Juni, Juli habe
ich nicht ein einziges Exemplar der Dainha zu Porto
Alegre beobachtet.
15. Äcara portalegrensis n. sp.
D. i^-^Vio-ii. A. V9. L. lat. 22.
Drei Schuppenreihen auf den Backen. Die Breite
des Praeorbitale etwas schmäler als der Durchmesser
des Auges. Hellgrün mit dunkelgrünen Querstreifen.
Ein undeutlicher Fleck unter dem x\uge, am oberen Ende
des Operculum unterhalb der Seitenlinie, fast in der Mitte
der Seite ungefähr im zweiten Querstreifen unterhalb der
Seitenlinie und in der achten und neunten Schuppenreihe.
Zwischen dieSen beiden Flecken ist ein sehr undeutliches
dunkles Längsband zu bemerken, dass aber auch von den
hellen Zwischenräumen zwischen den Querstreifen unter-
brochen sein kann. An der Schwanzwurzel, oberhalb
der Seitenlinie ein kleiner dunkler Fleck. Die Flossen
grau. Die Rückenflosse und die Analflosse nur in ihrem
hintersten Theile dunkel und hell gestreift. An der
Schwanzflosse wechseln auf der Flossenhaut schmale graue
Streifen mit hellen ab; und zwar sind sie, soweit die 6
oberen Strahlen reichen, von hinten nach oben und vorn
gerichtet, auch sind hier die hellen Streifen breiter als
die dunkeln, an den übrigen Strahlen gehen sie schräg
von hinten nach unten und vorn. Hier sind auch die
hellen und dunklen Streifen gleich breit.
Diese Art gleicht nach der von H eck el 1. c. p. 343
gegebenen Beschreibung der A. viridis sehr, unterscheidet
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 53
sich aber von ihr durch die gefleckten Flossen und die
geringe Zahl der Querschuppenreihen. Die Breite der
Stirn zwischen den Augen ist fast doppelt so gross wie
der Durchmesser dieser. Die grösste Dicke des Thieres
gleich der halben Höhe. Die Höhe gleich der Hälfte der
Länge (ohne Schwanzflosse). Die Brustflossen reichen
bis auf die Ute Schuppenreihe. An den Bauchflossen
reicht der erste fadenförmig verlängerte weiche Strahl
fast bis zur Spitze des zurückgelegten dritten Analstachcls.
Die Analflosse reicht angedrückt mit ihrer Spitze fast
soweit nach hinten wie die Rückenflosse und ungefähr
bis in die Hälfte der Schwanzflosse. Diese ist abgerundet.
Unter 11 Exemplaren besitzt das grösste derselben eine
Totallänge von 140 Mm. wovon ungefähr 39 auf die
Schwanzflosse kommen. Bei Porto Alegre in stngnirenden
Gewässern.
16. Acara minuta n. sp.
D. iVi2. A. Vs. C. 17. P. 14. V. Vö' L. lat. 28.
Die vorderen Fortsätze des äusseren Kiemenbogens
kurz^ warzenförmig. Die Backen sowie der ganze Kie-
mendeckel ohne Schuppen. Der Schwanz ziemlich lang.
Die Entfernung vom hinteren Ende der Basis der Rük-
kenflosse bis zum Anfang der Schw^anzflosse nur wenig
länger als die Höhe des Schwanzes, so lang wie die Ent-
fernung der Schnauzenspitze vom x\uge. 8 — 9 dunkle
Querstreifen auf den Seiten, in deren Mitte ein dunkler
Fleck.
Die Höhe des Körpers beträgt 2/5 der Länge des-
selben (ohne Schwanzflosse). Die Länge des Kopfes
kaum kleiner als die Höhe des Körpers. Der Raum
zwischen den Augen wenig kleiner als der Durehmesser
derselben. Die Kiefer gleich lang. Der Mund klein.
Die Zähne fein und spitz, die grösseren etwas braun ge-
färbt. Die Schuppen ctenoid, ziemlich gross. Die Sei-
tenlinie unterbrochen, ihr vorderer Theil durch 2 voll-
ständige Schuppenreihen von der Rückenflosse getrennt,
geht über 17 Querreihen der Schuppen, d. h. bis unter
den 4ten weichen Strahl der Rückenflosse. Der hintere
54 H 6 n 3 e 1 :
Theil der Seitenlinie geht über 11 Schuppenreihen und
verläuft genau in der Mittellinie der Seite. Unterhalb
der vorderen Seitenlinie befinden sich 10 Läugsreihen
der Schuppen. Nur die Schwanzflosse an ihrer Basis
etwas beschuppt. Die Farbe im Leben grünlich, (im
Spiritus bräunlich), auf hellem Grunde mit 8—9 dunk-
leren Querstreifen^ die im Vordertheile nicht deutlich
getrennt sind, denn man kann hier auf dem Rücken mehr
oder weniger deutlich 3 Streifen unterscheiden, die an
der Seite des Körpers zusammenfliessen. Zwischen der
Mittellinie der Seite und der vorderen Seitenlinie ein
dunkler Fleck, der ungefähr im 4ten Querstreifen liegt.
Er ist doppelt so weit von der Basis der Schwanzflosse
wie von der Spitze des Kiemendeckels entfernt. Ein
dunkler Streifen geht von dem Auge aufwärts nach oben
und hinten und nähert sich im Nacken dem der anderen
Seite, ohne sich jedoch mit ihm zu vereinigen. Ein an-
derer dunkler Streifen geht von dem Auge abwärts und
etwas nach hinten über die Backe. Die Rückenflosse
zeigt 2 bis 3 undeutliche Streifen parallel der Basis. Die
Schwanzflosse hat deren 4 — 5.
Das grösste unter 5 Exemplaren ist (ohne Schwanz-
flosse) 34 Mm, lang, und 14 Mm. hoch. Aus kleinen
Tümpeln bei Porto Alegre.
17. Hei'os acaroides n. sp.
D. 1V9- A. e-Vs. L. lat. 26.
Auf den Backen 4 — 5 Schuppenreihen. Umschlag
der Unterlippe in der Mitte unterbrochen. Ursprung
der ßauchflossen nur sehr wenig hinter dem vorderen
Ende der Rückenflosse. Die Breite des Praeorbitale nur
wenig kleiner als der Durchmesser des Auges, Entfer-
nung der Augen voneinander etwas grösser als dieser.
Höhe etwas mehr als 2mal und Länge des Kopfes fast
3mal in der Länge des Körpers (ohne Schwanzflosse)
enthalten. Der Raum zwischen Rücken- und Schwanz-
flosse gleich der halben Höhe des freien Theiles des
Schwanzes. Farbe hell grün, mit 6—7 schwarzgrünen
Querbändern. Das 3te (oder 4te?) hat unter der Selten-
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 55
linie eine dunklere Stelle^ die bei ausgebleichten Exem-
plaren wie ein Seitenfleck erscheint. An der Basis der
Schwanzflosse bildet das letzte Querbänd über der Seiten-
linie gleichfalls einen etwas dunkleren Fleck. Unter
4 Exemplaren ist das grösste ohne Schwanzflosse 73 Mm.
lang. Bei Porto Alegre in stagnirenden Gewässern. Ich
würde die Art unbedingt für H. autochthon Gnthr. ge-
halten haben, doch unterscheidet sie sich von diesem
durch die zahlreicheren und kleineren Schuppen der
Backen.
Eine Anzahl junger Individuen (ohne die Schwanz-
flosse) nicht über 20 Mm. lang ist zwar im Spiritus sehr
ausgebleicht^, allein die Querbinden sind doch ziemlich
deutlich zu erkennen, ebenso der schwarze Seitenfleck,
der sich von der Schwanzflosse aus gezählt auf der 4ten
Querbinde befindet, wenn die dunkle Stelle an der Basis
der Schwanzflosse als Ite Binde gezählt wird.
18. Heros sp. ?
Ein einzelnes Exemplar eines Heros aus dem Rio
Cadea, dem vorigen sehr ähnlich gefärbt, aber viel nie-
driger im Verhältniss zur Lange, ist zu schlecht erhalten,
um noch die Species mit Sicherheit bestimmen zu können.
Namentlich ist auch die Rückenflosse, wahrscheinlich
durch eine früher erhaltene Wunde, etwas defect, so dass
sich die Zahl ihrer Strahlen nicht genau ermitteln lässt.
19. Crenicichla lepidota Heck. 1. c. p. 429.
D. *^-^«/i4-i5. A. V9. L. lat. 45—47.
Diese Art, welche von Günther (Catal. of the
Fishes etc. Vol. IV, p. 308) mit C. saxatilis vereinigt wird,
scheint mir doch von dieser verschieden zu sein. Ich
erhielt nämlich theils aus dem Rio Cadea des Urw^aldes,
theils aus dem Guahyba bei Porto Alegre 7 Exemplare
einer Crenicichla, auf welche die von Heckel 1. c. ge-
gebene Beschreibung seiner C. lepidota sehr gut passt.
Namentlich charakteristisch ist die geringe Anzahl der
Schuppenreihen, die bei Heckel für C. lepidota nur 44
beträgt, so dass diese Art unter allen derselben Gattung
56 Heusei:
die grössten Schuppen besitzt. Für C. saxatilis giebt
He ekel 1. c. p. 432 zwar dieselbe Zahl an, ohne jedoch
seine Quelle dafür zu nennen. Da He ekel nach der
Beschreibung neuer Arten der Gattung Cichla I.e. p. 415
auch die schon bekannten mit der Bemerkung ;,von uns
nicht gesehene AiHen" aufführt, eine solche Notiz aber
1. c. p. 432 bei Aufzählung der schon bekannten Creni-
cichlen fehlt, so könnte man annehmen He ekel habe
die beiden Arten C saxatilis und labrina selbst vor sich
gehabt; allein dann ist es auffallend, dass er nur für die
Erstere eine genaue Aufzählung der Flossenstrahlen und
Schuppen giebt, für die Letztere aber nicht. Eine Auf-
klärung dieser Verhältnisse ist um so wünschenswerthcr,
als die Angaben in Günther's Fischcatalog p. 308, sehr
abweichend sind. Hier werden nämlich der C. saxatilis
54 Schuppenreihen zugeschrieben. Es ergiebt dies eine
Differenz, welche bei den Crenicichlaarten mit vielen
Schuppenreihen wie C. Johanna etc. nicht auffallend
wäre, bei C. lepidota und C. saxatilis aber ausser den
Grenzen des Variirens zu liegen scheint. An einem
Exemplar der C. saxatilis der Bloch'schen Sammlung
(Berl. zool. Mus. Nr. 843) wahrscheinlich das Original
zu der Abbildung der Perca saxatilis bei B 1 o c h Taf. 309,
zähle ich 58 Querreihen der Schuppen i), welche Zahl
mehr mit den Angaben bei Günther als mit denen bei
Heckel übereinstimmt.
Ein kleines Exemplar, 23 Mm. lang, welches bei
Porto Alegre gesammelt wurde, stimmt in der Zahl der
Flossenstrahlen und Schuppenreihen mit C. lepidota über-
ein, darf also wohl als ein Jugendzustand dieser Art an-
gesehen werden. Die Oberseite ist (in Spiritus) hell-
bräuniich, die Unterseite weiss. Auf der Grenze beider
geht ein dunkler Streifen vom Oberkiefer anfangend
durch das Auge bie zur Basis der Schwanzflosse und
1) Die citirte Abbildung zeigt nur etwa 48 Querreihen ; sie
ist auch sonst ungenau, da sie die Schuppen der Seitenlinie nur so
gross darstellt wie die übrigen Schuppen, während sie in Wirklich-
keit grösser sind.
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 57
lässt sich auch noch auf dieser bis z\i ihrem Hinterrande
verfolgen. Auf der Rilckenseite kann man noch 2 sehr
feine und iindentlichc Streifen unterscheiden, deren oberer
unmittelbar an der Rückenkante, deren unterer zwischen
ihm und dem dunklen Seitenstreifen von vorn nach hinten
verläuft. Das Profil des Rücken erscheint etwas gewölbt
und ist am Ursprung der Rückenflosse am höchsten.
20. Crenicicltla punoiata n. sp.
D. 22/^2. A. Vio. L. lat. 64—67.
Der senkrechte Durchmesser des Auges l'/2mal in
der Entfernung der Augen von einander, diese 372 in
der Kopflänge (vom Oberkiefer aus gemessen), diese
374mal in der Körperlänge (ohne Schwanzflosse) enthalten.
Die Unterseite (in Spiritus) ist von der Mittellinie ab-
wärts hell bräunlich, die Rückenseite dunkler 'braun
mit ungefähr 7 dunklen Querbinden, w^elche nur bis zur
Mittellinie herabgehen, hier aber am dunkelsten sind.
Bei dem kleineren Exemplare sind diese Bänder nach
dem Rücken zu fast verschv^unden , die unteren Enden
dagegen zu einem dunkeln mehr oder weniger zusammen
hängenden Längsbande vereinigt, w^elches sich oberhalb
der Mittellinie vom Kopf bis zur Basis der Schwanzflosse
erstreckt. Im Leben ist die Grundfarbe gelblich grün
mit dunkelgrünen Zeichnungen. Auf der Basis der
Schwanzflosse oberhalb der Mittellinie ist ein runder
schwarzer Fleck. Ein dunkelbraunes Band geht von dem
unteren Rande der Orbita schräg nach abwärts über die
Backen, soweit diese beschuppt sind. Ein anderer aber
nicht so deutlicher Fleck befindet sich dicht hinter dem
Auge. Die ganze Oberseite des Thieres ist mit dunkeln
Punkten besäet, die aber nicht so gross und zahlreich wie
bei C. polysticta sind. Auch fehlen sie auf einem bedeu-
tenden Theile der Unterseite, da sie sich wenig unter
die Mittellinie erstrecken. Die verticalen Flossen hell
mit wenigen feinen Punkten zwischen den Strahlen, Die
Brust- und Bauchflossen sind ganz weiss und ohne
Punkte. Die Schwanzflosse ist etwas weniger beschuppt als
bei der folgenden Art. Von dieser unterscheidet sie
58 H e n 8 e 1 :
sich durch die geringere Zahl der Querbänder und durch
die feineren und minder zahlreichen Punkte. Sowohl
aus dem Guahyba bei PortoAlegre wie aus den Bächen
dos Urwaldes. Das grössere Exemplar hat eine Länge
(ohne Schwanzflosse von der Oberlippe an gemessen) von
148 Mm.
Drei kleinere Exemplare von 76, 91 und 104 Mm.
Länge aus den Waldbächen von der deutschen Colonie
Sta. Cruz in Rio Grande do Sul sind, obgleich sehr gut
erhalten, durch einen eigenthümlichen Zersetzungsprozess
des Spiritus, in dem sie anfangs lagen, ganz braun ge-
worden, lassen aber doch noch die dunkeln Punkte, und
das grösste Exemplar auch noch eine Spur der dunkeln
Zeichnung erkennen, so dass sie wohl ohne Bedenken
zu dieser Spccies gezogen werden können.
In demselben Bach, welcher diese drei Exemplare
lieferte, wurden ausserdem 6 kleine Individuen gefangen,
welche unsre Art im Jugendzustand vorstellen und mit
ihr in der Zahl der Flossenstrahlen und Schuppenreihen
übereinstimmen. Sie sind höchstens 29 Mm. lang und
unterschieden von den Jungen der vorhergehenden Art
sogleich durcli ihre ganz walzenförmige Gestalt. Ihre
Unterseite ist auch etwas weniger weiss, und der bra;H:e
Seitenstreif enthält auf der Basis der Schwanzflosse einen
schwarzen Fleck. Auf der Rückenseite lassen sich 7 — 8
etwas dunkle Querbänder unterscheiden, die in dem
braunen Seitenstreifen endigen.
21. CreMiciGhla polysticta n. sp.
D. 20-22/^2. A. Vio. L. lat. 70.
Der senkrechte Durchmesser des Auges ist ungefähr
2V4nial in der Entfernung der Augen voneinander, diese
4mal in der Länge des Kopfes (vom Oberkiefer aus ge-
messen), diese 3mal in der Länge des ganzen Thieres
(ohne Schwanzflosse) enthalten. Die Farbe (in Spiritus)
ist an der ganzen Unterhälfte hellgrau, die Rückenseite
ist dunkler und zeigt ungefähr 10 — 11 schwärzliche Quer-
binden, die nur bis zur Mittellinie herabgehen, hier aber
am dunkelsten und so breit sind, dass oft zwei benach-
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 59
harte zusammenfliessen. Wenn durch die Einwirkung-
des Spiritus die Rückenseite heller geworden ist^ dann
erscheinen die unteren Enden dieser Querbänder deut-
licher und gleichen mehr einzelnen Flecken. Ein schmaler
dunkler Streifen geht vom unteren Rande der Orbita
schräg nach unten und hinten, soweit die Backen be-
schuppt sind. Einsehr undeuth'cher wenig dunkler Fleck
befindet sich auch unmittelbar hinter dem Auge. Ausser-
dem ist das ganze Thier mit schwärzlichen Punkten besät,
die nur die Unterseite des Bauches, vom Kinn bis zum
After frei lassen, auf den dunkeln Theilen der Rücken-
seite verschwinden, an dem Kopf aber am grössten sind
und hier ah kleine runde Flecke erscheinen. Auch alle
verticalen Flossen sind zwischen den Strahlen auf hellem
Grunde mit diesen Punkten versehen. Die Brust- und
Baucbflossen sind einfarbig hell oder haben nur wenige
und undeutlichere Punkte. Im Leben ist der helle Grund
gelblich grün, die dunkleren Stellen sind dunkelgrün.
Die Schwanzflosse ist zwischen den Strahlen beschuppt,
am oberen und unteren Rande über die Hälfte hinaus, in
der Mitte etwas weniger. Drei grosse Exemplare sind
(ohne Schwanzflosse) 225 Mm. lang. Ein kleineres Indi-
viduum von 120 Mm. Länge zeigt dieselben Zeichnungen
wie die grösseren Exemplare. Im Rio Cadea des Ur-
waldes von Rio Grande do Sul.
In der Mundhöhle des Fisches lebt ein noch unbe-
schriebener iVrgulus.
22. Geophagus hrasüienais Kner. Novara Exp. Fische,
p. 266, Taf. X Fig. 3.
D. ^-^iVii-12. A. %.
Unter 4 Exemplaren dieser Art sind die beiden
kleineren (ohne Schwanzflosse) 131 Mm. und 99 Mm. lang
aus einem kleinen Teiche im botanischen Garten bei Rio
de Janeiro, die beiden grösseren, 163 Mm. und 143 Mm.
lang, aus Porto Alegre. Im Leben schillern die Seiten
des Körpers und der Rücken im schönsten Blaugrün und
sind mehr oder weniger deutlich mit kleinen silberglän-
zenden Flecken bestreut.
60 H e n s e 1 :
Von Günther (Catal. Fish. IV 1862, p. 312) ist eine
besondere Gattung, Satanopcrca, für die Geophagusarten
errichtet worden, bei denen die Basis des weichen Theiles
dci Rückenflosse iinbeschuppt ist. Es würde dann der
G. brasiliensis in diese Gattung gehören. Allein es finden
sich zwischen den Arten mit nackter und denen mit be-
schuppter Basis der Rückenflosse so allmähliche üeber-
gänge, dass eine strenge Unterscheidung der beiden Gat-
tungen nicht auszuführen ist.
23. Geophaqus rhabdotus n. sp.
D. ^Va- A. Vs. L. lat. 26.
Backen mit ungefähr 4 Schuppenreihen. Breite des
Praeorbitale etwas grösser als der Durchmesser des Auges.
Der Umschlag beider Lippen nicht gross, in der Mitte
unterbrochen. Die Seiten des Rumpfes mit hell silber-
glänzenden Längsstreifen und dazwischen liegenden, schmä-
leren dunkeln. Die verticalen Flossen grau mit feinen
hellen Streifen.
Die Höhe ist 273raal, die Länge des Kopfes 2V3mal
in der Länge des Körpers (ohne Schwanzflosse) enthalten.
Die Entfernung der Augen von einander gleich der Breite
des Praeorbitale. Ein schmales dunkles Band beginnt
auf dem Hinterkopf und geht abwärts über das Auge
und die Backen. Mehrere etwas dunkle aber sehr un
deutliche Querbänder gehen von dem Rücken nach dem
Bauche. Etwa im 3ten derselben unterhalb der Seiten-
linie ein grosser schwärzlicher Fleck, ungefähr in der
Mitte zwischen Kopf und Schwanzflosse, aber zwischen
der mittleren Höhe der Körperseite und der Seitenlinie.
Charakteristisch ist die Färbung der Seiten auf denen
helle silberglänzende Längsstreifen mit schmäleren dunklen
abw^echseln. Diese gehen über die Mitte der Schuppen,
jene über die Seiten derselben. Bei G. brasiliensis Kn.
und G. gymnogenys findet sich oft eine ähnliche Zeich-
nung, allein dann werden die hellen Längsstreifen von
einzelnen silberw^eisscn Flecken zusammengesetzt, die
sich auf der Mitte jeder Schuppe befinden, aber nicht den
freien Rand derselben erreichen, während die Seiten der
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 61
Schuppen dunkel sind. Die Brustflossen, wclcbe bis zum
Anfang der Analflossen hinausreichen, sind weiss, die übri-
gen grau, am dunkelsten die Ventralflossen, welche nur
bei den grösseren Exemplaren mit ihren Spitzen die
Basis der Ventralflosse erreichen. Die hellen Streifen
auf den verticalen Flossen sind sehr schmal, im Allge-
meinen nur halb so breit, wie die dunklen Zwischenräume.
An der Rückenflosse gehen sie von. deren Basis schräg
nach hinten und oben, so dass die, welche am Fusse des
Uten und 12ten Stachels entspringen, die äusserste Spitze
des weichstrahligen Theiles erreichen. Die übrigen Streifen
sind diesen mehr oder weniger parallel. An der Caudal-
flosse sind sie unregelmässiger, etwa so breit wie die
dunklen Zwischenräume, und gehen schräg über die Flosse,
ungefähr horizontal wenn diese ausgebreitet ist. An der
Analflosse gleichen sie denen der Rückenflosse, sind aber
undeutlicher. Schwanzflosse an der Basis wenig beschuppt,
Rücken- und Afterflosse sind nackt.
Unter vier Exemplaren ist das grösste (ohne Cau-
dalflossc) 82 Mm. lang. Aus dem Rio Cadea.
24. Geophagus gymnogenys n. sp.
D. 13-14/^0. A. 3/8. L. lat. 27.
Die Backen und Praeoperculum ganz nackt. Um-
schlag der Ober- und Unterlippe in der Mitte unter-
brochen. Breite des Praeorbitale V/2 des Augendurch-
messers. Rückenscite dunklerblaugrün schillernd, Unter-
seite hell. Jede Schuppe der Seiten des Rumpfes mit
einem silberweissen Fleck, ein schwärzlicher Streifen
verbindet die Augen mit einander und erscheint noch als
dunkler Fleck auf den Backen. Ein zweiter breiter
Streifen beginnt auf dem Rücken vor der Rückenflosse,
und endet hinter dem oberen Ende des Operculum unter-
halb der Seitenlinie. Ein dritter Streifen beginnt in der
Mitte der Rückenflosse, ist hier aber wenig deutlich, bildet
jedoch unterhalb der Seitenlinie einen sehr dunklen
Fleck. Rückenflosse grau, in ihrem vorderen Theile, der
die Stacheln enthält, mit schmalen weissen Streifen, die
sich vor der Basis beginnend, nach hinten und oben zie-
62 Hensel:
hen und sich lauf dem Tbeile mit weichen Strahlen
in einzeine runde Flecken auflösen. Schwanzflosse am
oberen und unteren Rande fein beschuppt, in der
Mitte nur an der Basis, sonst grau mit weissen Flecken.
Afterflosse ein wenig grau, am Rande dunkler, an der
Basis heller, in ihrer basalen Hälfte mit rundlichen weissen
Flecken. Bauchflossen dunkelgrau oder weiss, erreichen
mit ihren Spitzen die Basis der Analflosse. Die Brust-
flossen weiss, gehen bis hinter den Anfang der Analflosse.
Bei diesen Fischen scheint ein Geschlechtsunter-
schied in der Bildung des Kopfes zu bestehen. Einige
Exemplare besitzen auf dem Hinterkopf eine Anschwel-
lung, welche sich bis auf die Stirn zwischen den Augen
erstreckt, und vielleicht aus einer fetthaltigen gallertartigen
Masse besteht. Sie hat Schuppen, da diese bis zu den
dunklen Streifen gehen, der die Augen miteinander ver-
bindet. Diese Anschwellung flndet sich bloss bei einigen
Individuen, wahrscheinlich den alten Männchen in der
Laichzeit, bei allen jungen Individuen fehlt sie, auch bei
einigen grösseren, wahrscheinlich den Weibchen. Ist die
Anschwellung sehr entwickelt, so geht ein dunkler fast
schwarzer Längsstreifen über ihre obere Kante, der das
erste Querband mit dem zweiten verbindet. An den
Exemplaren ohne Anschwellung sind Analflosse und
Bauchflosse hell, doch zeigt die erstere immer noch die
weissen Flecke. Die Zähne sind fein, hecheiförmig,
vorn etwas grösser und kegelförmig, an den Spitzen
etwas braun. Bei einzelnen Exemplaren finden sich unter
dem Auge auf den Backen einige vereinzelte Schuppen
vor. Der Kiemendeckel ist in seinem mittleren Theile
schuppenlos. Auch die Rücken- und Analflosse sind ganz
nackt. An den kleineien Exemplaren lassen sich nament-
lich auf der Rückenseite noch einige unbestimmte und
verwaschene dunklere Querbänder sehen, das di'itte dunkle
Querband bildet bei den mit Anschwellung versehenen
Exemplaren ein dunkler Fleck auf der Mitte der Seite,
der die 9te und lOte Schuppe der Seitenlinie und je drei
Schuppen der zwei darunter liegenden Längsreihen um-
fasst. Die Höhe des Körpers am Anfang der Rücken-
Beiträge zur Kenntnis s der Wirbelthiere Südbrasiliens. 68
flösse ist 2V2nial und die Länge des Kopfes reichlich
3mal in der Länge des Körpers (ohne Schwanzflosse)
enthalten.
Der Darmkanal enthält stets nur die zerbrochenen
Schalen der jungen Cyrena limosa Mat. ^), welche die
Thiere aus dem Schlamm der Gebirgsbäche aufnehmen,
ohne jedoch diesen selbst zu verzehren. In Gebirgs-
bächen des Urwaldes von Rio Grande do Sul.
25. Geophagus buoephalus n. sp.
D. ^Vio. A. Vs. L. lat. 29.
Backen mit ungefähr fünf Schuppenreihcu. Lip-
penumschlag ausserordentlich entwickelt.* Der obere in
der Mitte am grössten, so gross wie der Durchmesser
des Auges, der untere ihm gleich, in der Mitte durch
einen tiefen Einschnitt, der aber nicht die Basis erreicht,
halbirt. Auf der Stirn eine grosse, gallertartige An-
schwellung, welche bis zu einer Linie herabsteigt, die
die Nasenlöcher mit einander verbindet. Das Praeorbitale
doppelt so breit wie das Auge. Farbe blaugrün, auf der
Oberseite dunkel, unten hell. Jede Schuppe mit einem
hellen silberglänzenden Fleck, der freie Rand aber dunkel.
Auf der Mitte der Seite zwischen Mittel- und Seitenlinie
ein dunkler Fleck, da hier der freie Rand der Schuppen
besonders dunkel und der helle Fleck kleiner ist.
Die Körperform lang gestreckt. Die Höhe 2V4mal,
die Länge des Kopfes etwas mehr als 3mal in der Körper-
länge (ohne Schwanzflosse) enthalten. Die Rückenflosse
verhältnissmässig niedrig, der 8te Stachel derselben gleich
IVsmal dem Durchmesser des Auges. Alle Flossen grau,
die Brustflossen am hellsten, die Bauchflossen am dunkel-
sten. Rückenflosse mit einigen breiten weissen Streifen,
die im stacheltragenden Theil vorzugsweise am freien
1) Hr. V. Märten s hatte sie in der Bearbeitung der von mir
in Südbrasilien gesammelten Land- und Süsswassermollusken (Malak.
Blatt. 1868. V. p. 202) als C. variegata Orb. bezeichnet. Später hat
derselbe jedoch Gelegenheit gehabt, sich zu überzeugen, dass diese
Art mit der älteren C. limosa Mat. identisch ist.
64 Hensel:
Rande und diesem ziemlich parallel^ im hinteren Theile
dagegen mehr den Strahlen parallel gehen. An der
Schwanzflosse hat sich das Weiss auf der ganzen Flossen-
haut so ausgehreitet, dass nur am oberen und unteren
Rande das Grau der Gruiid färbe in einigen Flecken auf-
tritt. Auf der Analflosse befinden sich statt der Streifen
rundliche helle Flecke. Die Bauchflossen erreichen mit
ihren Spitzen kaum die Basis der Analflosse. Der freie
Theil des Schwanzes sehr lang, fast so lang wie die
Schwanzflosse, welche in der Mitte ein wenig ausge-
schnitten ist. Rücken- und Analflosse erreichen ange-
drückt die Basis der Schwanzflosse. Sie sind ganz nackt,
die Letztere dagegen an der Basis beschuppt und zwar
in der Mitte sehr wenig, am oberen und unteren Rande
mehr, fast bis zur Hälfte.
Drei grosse Exemplare von 137 Mm. Körperlänge
(ohne Schwanzflosse) besitzen die grösste Anschwellung
des Kopfes, die hier die Verticallinie der Schnauzenspitze
erreicht. Bei einem 4ten Exemplar, fast ebenso lang und
zu derselben Zeit gefangen, und bei einem 5teu, 111 Mm.
lang, ist die Anschwellung nur ganz unbedeutend. Auch
sieht man noch eine Spur davon an einem 93 Mm. langen
Individuum. Dagegen fehlt sie ganz bei zwei 72 und
68 Mm. langen Individuen. Auch ist hier die Entwick-
lung der Lippen geringer als bei den grossen Exemplaren.
Die Breite des Praeorbitale ist ebenfalls vom Alter ab-
hängig, denn bei dem kleinsten Individuum ist sie nur
wenig grösser als der Durchmesser des Auges. Aus dem
Rio Cadea und seinen Zuflüssen.
26. Geophagus labiatus n. sp.
D. ^Vio. A. Vs. L. lat. 28.
Die Beschuppung der Backen ist unvollständig; in
vier Reihen geordnet bedecken die Schuppen nur die
oberen 2/3 der Backen. Die Lippen sehr entwickelt,
ähnlich wie bei G. bucephalus. Ihr Umschlag oben und
unten vollständig, nur an der Unterlippe zeigt er in der
Mittellinie einen tiefen Einschnitt ungefähr bis zu seiner
halben Breite.
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 65
Die Breite des Praeorbitale ungefähr P/smal den
Durchmesser des Auges. Die Höhe des Körpers 2V2inal,
die Länge des Kopfes 3mal in der Länge des Körpers
(ohne Schwanzflosse) enthalten. Zwischen den Augen
befindet sich eine unbedeutende Anschwellung die aber
im Spiritus sehr eingeschrumpft ist. Die Rückenflosse
niedrig, ihr 8ter Stachel ungefähr lV2mal den Durchmesser
des Auges. Alle Flossen hell. Auf dem hintersten Theil
der Rückenflosse einige weisse Flecke angedeutet. An
der Schwanzflosse die Flossenhaut zum grossen Theile
weiss, nur an der Basis unregelmässig grau gezeichnet.
An der Afterflosse die weissen Flecke ziemlich deutlich.
Die Farbe (im Spiritus) gelblich braun, unten heller,
oben dunkler, jede Schuppe der Seiten mit einem un
deutlichen Silberfleck. In der Mitte des Körpers unter-
halb der Seitenlinie ein dunkler Fleck, unmittelbar hinter
ihm ein anderer weniger deutlicher. Die Rücken- und
Afterflosse nackt, die Schwanzflosse an der Basis deutlich
beschuppt, in der Mitte weniger, am oberen und unteren
Rande über deren Mitte hinaus. Von G. bucephalus un-
terscheidet sich die Art besonders durch die viel bedeu-
tendere Höhe des Körpers.
Das einzige Exemplar, von 145 Mm. Körperlänge
(ohne Schwanzflosse) fand sich im Rio Santa Maria des
Urwaldes von Rio Grande do Sul.
27. Qeophagus sGymnopInlus n. sp.
D. ^Vio. A. Vs. L. lat. 28.
Auf den Backen 4 — 5 Reihen zum Theil etwas un-
regelmässig geordneter Schuppen, die nur die oberen ^/s
derselben bekleiden. Das Praeorbitale bei den grösseren
Exemplaren nur wenig schmäler als das Auge. Der
Umschlag der Lippen massig entwickelt (mehr als bei
G. brasiliensis Kn. oder G. gymnogenys und weniger
als bei G. labiatus oder G. bucephalus), in der Mitte
der Unterlippe mit einem Einschnitt, der aber nicht bis
auf die Basis reicht. Eine Anschwellung der Stirn ist
nicht vorhanden. Die Farbe der in Spiritus aufbewahrten
Exemplare ist hell bräunlich gelb, mit dunkleren Zeich-
Archiv für Naturg. XXXVI. Jahrg. 1. Bd. 5
66 H e n 3 e 1 :
nuDgen^ welche in Gestalt von undentliclien und iinregel-
mässlgen Querbändern auf den Seiten verlaufen und den
Rücken dunkler färben als die Bauchseite, Vielehe nach
unten hell silberfarben wird. Das dunkle Querband,
welches etwa der Mitte der Rückenflosse entspricht, ent-
hält einen runden, schwarzen Fleck, der dicht unter der
Seitenlinie liegt. Als erstes Querband kann man einen
dunkeln Streifen betrachten, der im Genick nahe vor dem
Anfang der Rückenflosse entspringt und schräg nach
vorn und abwärts gegen das Auge verläuft, um über das-
selbe und darauf über die Backen fast senkrecht abwärts
zu gehen. Dieser Streifen ist hier dunkler als die Zeich-
nungen der Körperseiten aber heller als der Seitenfleck.
Die Flossen sind hell, ungefleckt und nur wie gewöhnlich
mit den feinen Pigmentpünktchen besäet. Die Brustflossen
erreichen mit ihren Spitzen die Vertical-Linie des An-
fangs der x\nalflosse, die Bauchflossen reichen nicht so
weit. Rücken- und x\nalflossen erreichen mit ihren
Spitzen nicht die Basis der Schwanzflosse. Höhe 273™a'l,
Kopflänge 3mal in der Körperlänge (ohne Schwanzflosse)
enthalten, die bei dem grössten unter 9 Exemplaren 66 Mm.
beträgt.
Diese Species, welche nicht grösser wird, als das
angegebene Mass beträgt, ist schon dadurch hinreichend
von G. gymnogenys und G, bucephalus unterschieden,
sie gleicht aber sehr den jungen Individuen dieser beiden
Arten. Namentlich ist sie ganz so gefärbt und gezeichnet
wie der G. gymnogenys in der Jugend, auch die Propor-
tionen des Körpers stimmen dann tiberein, allein durch
die einfarbigen Flossen, die beschuppten Backen und
den entwickelteren Umschlag der Lippen ist sie leicht
von dieser Art zu unterscheiden. Von dem G. bucephalus
im Jugendzustande ist sie unterschieden durch die be-
deutendere Höhe des Körpers und die etwas geringere
Höhe des Schwanzes dicht vor der Caudalflosse. x\uch
ist schon bei dem jungen G. bucephalus der Lippenura-
schlag stärker entwickelt.
Die Gattung Geophagus ist durch höchst merkwür-
dige Eigenthümlichkeiten in ihrer Brutpflege bekannt.
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 67
und zwar scheint es das männliclie Geschlecht zu sein,
welches sich durch eine besondere Aufmerksamkeit für
die Brut auszeichnet. Ich habe Gelegenheit gehabt, Aehn-
liches auch bei G. scymnophilus zu beobachten. Leider
war der Sommer schon zu weit vorgerückt (December),
um das Laichen selbst zu sehen. Ich muss es daher un
entschieden lassen, ob der Fisch ein besonderes Nest
baut, oder ob er die Eier in der Mundhöhle ausbrütet.
Dagegen gelang es mir sehr häufig, die Sorgfalt au be-
obachten, mit welcher das Thier, wahrscheinlich das
Männchen, die Jungen beschützt und leitet. Zu der Zeit,
in welcher diese noch sehr klein sind, hält sieh der alte
Fisch in den seichten Gebirgsbächen auf, wo das Wasser
hell und rein über die Geschiebe dahin fliesst, und wo
er auch wahrscheinlich laicht. Hier nun findet man ihn
an besonders flachen Stellen in der Nähe des Ufers, wo
das Wasser durch locale Hindernisse aufgehalten, ganz
ruhig erscheißt, wo die Steine mit grünen Algen überzogen
sind und der Boden reichlich mit Schlamm bedeckt ist.
Hier schwimmt diö Heerde der Jungen vielleicht aus
20 — 30 Stück bestehend sorglos umher, während der Alte
in einer Entfernung vorsichtig Wache hält. Zeigt sich
nun irgend eine Gefahr z. B. ein plötzlich herantretender
Mensch, so erscheint der Alte schnell unter der Heerde und
giebt ihr wahrscheinlich ein Zeichen. Alle Jungen ver-
sammeln sich wie auf Coramando an dem Maule des
Alten, das sie wie ein Bart umgeben, blitzschnell ver-
schwinden sie alle zusammen in ihm, und ehe man es
hindern kann, hat sich der Alte weit mit ihnen entfernt.
Behält man ihn im Auge, so sieht man wie er bald eine
Stelle , ähnlich der verlassenen aufsucht und hier seine
Jungen aus ihrem Gewahrsam wieder entlässt.
Hat man den Fisch von weitem beobachtet, was
bei der Klarheit des Wassers leicht ist, so gelingt es
nicht selten durch Vorsicht so nahe heran zu kommen,
dass man durch schnelles Zufahren, mit einem Netz z. B.,
zwischen den Alten und seine Jungen gelangt, und diese in
der Bucht isolirt. Sie schwimmen dann in einen Haufen
zusammengedrängt in dem kleinen, ihnen übrig gebliebenen
68 H e n s e 1 :
Räume hin und her und harren der Hilfe des Alten, wäh-
rend dieser ausserhalb unruhig auf eine Lücke lauert,
durch die er seine Jungen entführen kann. Er vollführt
das so schnell und vorsichtig, dass es mir trotz aller
Mühe niemals gelungen ist, ihn mit den Jungen im
Maule durch das Netz zu fangen. Erst dadurch, dass
auf seiner Flucht dicht neben ihn ein starker Schuss in's
Wasser abgefeuert und er auf diese Weise getödtet oder
betäubt wurde, gelang es mir ein Exemplar mit der Brut
in der Mundhöhle zu erhalten. Die Jungen liegen darin
dicht gedrängt, mit den Köpfen nach den Kiemen hin
gerichtet.
28. Geopkagus pygmaeus n. sp.
D. iVio- A. Vs. L. lat. 27.
Der Mund klein und spitz, etwas vorgestreckt. Der
Körper stark seitlich zusammengedrückt, mit fünf dunklen
Querstreifen, welche in der Mittellinie und an der Rük-
kenkante am dunkelsten sind. Ein dunkler Fleck im
Nacken, ein ziemlich deutlicher grauer Streifen von dem
Auge nach dem Winkel des Praeoperculum. Die Backen
sowie der ganze Kiemendeckei ohne Schuppen.
Die Höhe des Körpers beträgt Ys seiner Länge (ohne
Schwanzflosse). Die Augen sind gross, ihr Durchmesser
gleich Vs der Höhe und gleich der Höhe des Schwanzes
vor der Basis der Schwanzflosse. Das Praeorbitale schmal,
nur halb so breit wie der Durchmesser des Auges. Die
Breite der Stirn zwischen den Augen beträgt nur ^s ^^s
Durchmessers derselben. Die Länge des Kopfes unge-
fähr gleich der Höhe des Körpers oder nur sehr wenig
grösser. Die Lippen gewöhnlich, ohne besondere Falten-
bildung. Die Zähne klein, hecheiförmig. Der Anhang
des äusseren Kiemenbogens sehr deutlich. Die Flossen
sind farblos. Die Grundfarbe im Leben hell grünlich
gelb, die Streifen bräunlich grün. Das grösste unter
fünf Exemplaren hat eine Länge (ohne Schwanzflosse)
von 23 Mm. Dieses kleine Fischchen lebt in Guahyba
bei Porto Alegre, zwischen dichten Wasserpflanzen. Es
Beiträge zur Kermtniss der Wirb elthiere Südbrasiliens. 69
findet sich nur einzeln und weiss sich den Nachstellungen
durch grosse Schnelligkeit zu entziehen.
29. Pimelodiis macuiatus Lacep.
Dieser von den Brasilianern seiner hübschen Fär-
bung wegen ^Pintado^ genannte P^isch lebt sehr häufig
im Jacuhy und seinen Zuflüssen^ doch geht er nicht in's
Gebirge hinauf. Der erste Strahl seiner Brustflossen
gilt als giftig, daher auch kein Exemplar auf den Markt
gebracht wird, dem nicht dieser Stachel vorher abge-
brochen worden ist.
30. Pimelodrts sapol Val. (d'Orb. Vov. Amer. M^rid.
Poiss. pl. 2. Fig. 6—8).
Die mir vorliegenden Exemplare, vier grössere,
und sechs kleinere, haben D. Vt und A. 12, eins der
grösseren hat D. Vs? A. 11. Sie vereinigen also die
Charaktere des P. sapo und P. Hilarii Val., welcher D. Vs
A. 12 haben soll (Hlst. Nat. Poiss. XV. p. 180). Der
Oberkiefer überragt bei allen ein wenig den Unterkiefer.
Die Barteln variiren in der Länge. Bei kleinen Indivi-
duen reichen sie bis zur Mitte der Fettflosse, bei den
grössten nur bis zum Ende der Rückenflosse. Es fragt
sich daher, mit welcher der beiden genannten Arten wir
es hier zu thun haben, und ob nicht diese vielleicht in
eine zusammengezogen werden müssen. Der Durclimesser
der Augen ist bei dem grössten Exemplare, welches
(ohne Schwanzflosse) ungefähr 325 Mm, lang ist, gleich
V4 des x\bstandes der x\ugen von einander. Die Brasi-
lianer nennen den Fisch Jundiä. Er lebt im Guahyba
und seinen Zuflüssen und geht selbst bis aum Urwald hinauf.
Bei Tage hält er sich in Löchern des Ufers auf und
kommt nur des Nachts zum Vorschein, wo er mit Angeln
gefangen wird.
31. Pimelodus lateri'striga Müll. Trosch. Hör. Ichth.
m. p. 3.
Fünf Exemplare dieses Fisches von Porto Alegre
gleichen sehr dem Müller'schen Original-Exemplar im
Berliner Zoologischen Museum. Aber alle haben hoch-
70 Hensel:
stens eine schwache Andeutung des dunklen Seiten-
streifens. Die grössten Exemplare sind (ohne Schwanz-
flosse) 88 Mm. lang.
32. Arius Commersonii. (Günther. Cat. Fish. V.
p. 143). Pimelodus Commersonii Lacep. ßagrus
Commersonii Val. (d'Orb. Voj. Amer. Merid.
Poiss. pl. 3. Fig. 1.)
Er ist einer der grössten und häufigsten Fische des
Guahyba und seiner grossen Zuflüsse. Die Oberseite
ist bleigraU; die Unterseite weiss. Die Exemplare, welche
ich in Rio Grande sah, die also wahrscheinlich aus Brack-
wasser waren, sahen auf der Oberseite grün aus. Die
Brasilianer nennen ihn Bagre (auch Bagadü) und ver«
achten sein Fleisch, welches nach ihrer Ansicht nur für
Neger gut ist, daher heisst er auch der „Negerfisch" und
ist trotz seiner Grösse der billigste.
Auch bei ihm findet sich die merkwürdige Brut-
pflege, welche schon von anderen Arius-Arten und Ver-
wandten bekannt ist. Das Weibchen legt ungefähr im
September, also im Frühling, nur wenige aber sehr grosse
Eier, welche etwa die Grösse gewöhnlicher Flintenkugeln
besitzen. Das Männchen befruchtet sie ohne Zweifel zu-
erst, und nimmt sie darauf in die Mundhöhle, um sie hier
sich entwickeln zu lassen. Welche Zeit dazu nöthig ist,
blieb mir unbekannt. Ohne Zweifel kann das Männchen
unterdess keine Nahrung zu sich nehmen, und da man
den Bagre ungemein häufig todt im Wasser findet, ohne
irgend eine Todesursache an ihm wahrnehmen zu kön-
nen, so ist wohl nicht unwahrscheinlich, dass viele Männ-
chen den Entbehrungen erliegen, die mit dem Brutge-
schäft verbunden sind. Oder sollten die Weibchen nur ein-
mal laichen und dann zu Grunde gehen ? Leider hatte ich
keine Gelegenheit und Zeit, mich über diese Verhältnisse
genauer zu unterrichten, da mir die Thatsache zu spät,
und nur dadurch bekannt wurde, dass ich einst selbst
einen todten Fisch fand, und in der Absicht, ihn nach
Wasserinsecten abzusuchen, von allen Seiten besichtigte.
Er war noch ganz frisch und unversehrt, und als ich ihm
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 71
zufälligerweise das Maul öffnete, fand ich es ganz ange-
füllt mit sclion sehr entwickelten aber ebenfalls todten
Jungen. Dieselben trugen noch den Dottersack in seiner
ursprunglichen Grösse. Leider fehlte mir damals die
Zeit, weitere Beobachtungen anzustellen, nur erfuhr ich
auf meinen Erkundigungen, dass die Fischer in der Laich-
zeit die männlichen Fische fangen, sie an der Schwanz-
flosse in die Höhe heben, und durch Schütteln der Eier
in der Mundhöhle berauben. Diese werden gesammelt
und getrocknet und später als Köder für die Piaven
(Leporinus obtusideus) benutzt. Vielleicht ist auch diese
Beraubung die Ursache des Todes der Fische. Wenn man
zu rechter Zeit nachsucht, würde man also leicht ein un-
schätzbares Material für die Entwicklungsgeschichte der
Fische sanmieln können, da der Bagre häufig ist und in
allen Stadien der Foetus ohne Mühe zu erhalten wäre.
Auch würden sich die Eier ihrer kolossalen Grösse wegen
sehr zur Untersuchung eignen.
Wahrscheinlich wird der Bagre nicht bloss die Eier
im Maule ausbrüten, sondern auch die Jungen noch eine
Zeit lang darinnen beherbergen, so dass man vielleicht
aus diesem Vorgange auf Aehnliches bei Geophagus
scymnophilus schliessen darf. Vielleicht* trägt dieser
seine Jungen nicht bloss in der Mundhöhle umher, son-
dern brütet sie auch darinnen aus.
33. Genidens (Jumeri. Casteln. (Bagrus genidens Cuv.
Val. XIV. p. 452. pl. 419).
Er kommt gemeinschaftlich mit Pimelodus sapo vor,
ist aber seltner. Die Brasilianer unterscheiden ihn nicht
von diesem.
Calliohthys areifer (vgl. dies. Arch. XXXIV. Jahr-
gang 1. Bd. p. 373).
Gallichthys hemiphractus (dies. Arch. 1. c. p. 374).
34. CalUchthys paleatus Jenyns (Zool. Beagle, Fish,
p. 113).
Jenyns unterscheidet l. c. seine Art von C. pun-
ctatus durch das Vorhandensein zweier kleinen Barteln
72 Hensel:
an der umgeschlagenen Unterlippe und bezeichnet ausser-
dem noch die Barteln des Oberkiefers als ^haud ultra
oculos pertingentibus."
In diesen Punkten stimmen die zahlreichen von mir
gesammelten Exemplare mit den von Jenyns beschrie-
benen überein; doch weichen sie in der Farbe etwas ab,
da bei ihnen Brust-, Bauch- und zum Theil auch Anal-
flossen hell, Rücken- und Schwanzflossen aber querge-
bändert sind.
Das Verhältniss des C. paleatus zu C. punctatus
Val. bedarf noch der Aufklärung. Valenciennes hat
Exemplare aus Surinam und Montevideo gehabt. Viel-
leicht gehörten diese letzteren dem C paleatus an, we-
nigstens sind die Angaben der Farben bei letzteren über-
einstimmend mit dem, was ich an meinen Exemplaren
sehe. Bei diesen ist im Leben die Grundfarbe gelb, nach
dem Rücken dunkler, nach dem Bauch heller. Alles,
was an den Exemplaren in Spiritus dunkel erscheint,
ist ein glänzendes Blaugrün. Der Rücken ist unregel-
mässig gefleckt, an den Seiten kann man drei grosse
eckige Flecken unterscheiden. Der erste reicht vom Kie-
mendeckel fast bis unter das hintere Ende der Basis der
Rückenflosse, der zweite kleinere liegt unter dem Anfang
der Fettflosse, der dritte kleinste an der Basis der Schwanz-
flosse. Diese hat 4 — 5 winklig gebogene Querbänder.
Die beiden Rückenflossen haben den Stachel bunt gefärbt,
an der ersten derselben besitzt der weiche Theil ein un-
deutliches Querband, an der zweiten eine dunkle Spitze.
Auch die Brust-, Bauch- und Analflossen zeigen bei be-
sonders dunkel gefleckten Individuen je einen grossen
dunklen Querfleck in der Nähe der Basis. Unter zahl-
reichen Exemplaren ist das grösste (ohne Schwanzflosse)
36 Mm. lang.
Der Fisch lebt in den umfangreichen Gewässern
bei Porto Alegre schaarenweise an seichten Stellen in
der Nähe des Ufers. Hier liegt die ganze Schaar in den
von der Sonne durchwärmten Schlamm versenkt und
erhebt sich bei einer Störung blitzschnell, um sich in
der Nähe sogleich wieder herab zu senken und in dem
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 73
Schlamm zw verbergen. Dabei halten sie alle den Rük-
kenstachel aufgerichtet und können den, der unver-
sehens mit blossen Füssen auf sie tritt, schmerzhaft ver-
wunden.
35. Plecostomus Commeraonii (Günther. Cat. P^ish. V.
p. 232).
Hyportomus Commersonii Val. (d'Orb. Voy.
Amer. Merid. Poiss. p. 7. Fig. 2).
Dieser grösste unter den Panzerwelsen des Jacuhy-
gebietes erreicht eine Länge (ohne die Schwanzflosse)
von 4 — 500 Mm. Doch sind solche Exemplare nicht häufig,
oder entziehen sich vielleicht sehr allen Nachstellungen.
Die Thiere halten sich am liebsten in seichten Gewässern
auf einem Grunde aus grossen Steinen auf, da sie sich
hier gut verbergen können und wahrscheinlich an den
die Steine überziehenden Algen reichliche Nahrung finden
Wenigstens erzählte mir ein Müller an dem Rio Santa
Maria, einem Zuflüsse des Rio dos Sinos, dass bei Hoch-
wasser, wenn seine Mühle still stehe, die Cascuden, der
brasilianische Name der Panzerwelse, in Menge an das
Mühlrad kämen, um das grüne „Moos*^ von demselben
abzufressen. Bei Porto A legre halten sie sich auch gern
an solchen Stellen auf, wo Excremente und überhaupt
unreine Stoffe in den Guahyba geschüttet werden. Das
Fleisch des Fisches wird nicht geachtet, und höchstens
Neger essen ihn, auf dem Markte sieht man ihn niemals.
36. Plecostomus spiniger n. sp.
D. V7. A.? L. lat. 27—28.
Ein trocknes Exemplar aus dem Rio Cadea, welches
(ohne Schwanzflosse) 320 Mm. lang ist, zeigt folgende
Beschaffenheit:
Der Kopf ist flach, vorn elliptisch abgerundet, sehr
deutlich granulirt, d. h. durchaus mit kleinen kegelför-
migen Spitzen dicht besetzt, wie gepflastert. Am Rande
des Kopfes, über dem Auge, und auf der Mitte der
Schnauze sind diese Spitzen am dichtesten gedrängt und
am längsten, so dass diese Stellen sich auch durch eine
74 Hensel:
etwas hellere Farbe Yor den übrigem Theilen des Ge-
sichtes auszeichnen. Von jeder Nasengriibe aus verläuft
über jedem Auge eine undeutliche etwas wulstige Er-
habenheit, die zwar schmäler aber deutlicher auch auf
dem Temporalschilde zu sehen ist. Auf dem Hinterhaupt
ist ein ähnlicher stumpfer und flacher Kiel, ebenfalls
durch deutlicbe Granulirung ausgezeichnet. Er setzt sich
als zwei schmale, aber sonst ihm ähnliche Kiele über die
drei 8c}iuppen des Nackens fort, nach hinten zu divergirend,
und endet allmählich verschwindend auf der getheilten
dritten Nackenschuppe zu beiden Seiten des Ursprunges
der Rückenflosse. Der Kiel des Temporalschildes wird
nach seinem Verschwinden wieder sichtbar auf den nächst-
folgenden drei Schuppen, die nach aussen vor den Nak-
kenschuppen liegen. An jeder Seite des Körpers lassen
sich vier Kiele unterscheiden. Jede Schuppe der Seiten
ist fein granulirt, d. h. mit sehr kleinen, zugespitzten ke-
gelförmigen Spitzen besetzt. Aber in der Mitte jeder
Schuppe erhebt sich der Kiel, an und für sich unbedeu-
tend aber dadurch sehr kenntlich, dass hier die Spitzen
sich zu kleinen Dornen verlängern, die am Hinterende
jedes Kielstückcs am höchsten sind. Der erste der vier
Seitenkiele entspringt um eine Schuppenlänge hinter dem
Ursprung der Rückenflosse, ohne jedoch eine unmittel-
bare Fortsetzung eines .Nackenkieles zu sein. Der 2te
Seitenkiel entspringt um eine Schuppenlänge vor dem
Iten, etwas unterhalb des kurzen Kieles, der von dem
Temporalschilde herkommt. Der 3te Kiel, der schwächste
von allen, entspringt in Gestalt von stärkeren Granula-
tionen und zwei Schuppen vor dem 2ten Kiel, der 4te
Kiel endlich entsteht hinter dem Humeralschilde.
Der senkrechte Durchmesser ist etwas grösser als
der 4te Theil des Abstandes der Augen von einander.
Der Stachel der Rückenflosse ist gleich ihrer Basis, diese
ist länger als ihre Entfernung von der Fettflosse, von der
sie durch sieben Schuppen getrennt wird. Die Brust-
^ flösse erreicht nicht den Ursprung der Bauchflossen. Ihr
Stachel ist an der Basis stärker granulirt als der Kopf,
nach seiner Spitze zu verwandeln sich auf der Oberseite
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 75
die spitzen Granula in kurze, mehr borstenförmigc Dornen,
deren längsten etwa gleich dem halben senkrechten Durch-
messer des Auges sind. An den Bauchflossen, welche
den Ursprung der Analflosse nur wenig überragen, sind
die Granula zu kurz, um noch borstenförmig genannt
zu werden, obgleich auf der Unterseite in der periphe-
rischen Hälfte viel länger als am Kopf. Zwischen Anal-
und Caudalflosse kann man ungefähr 14 Schuppen oder
Schilder zählen. Die Spitzen sind an den beiden Randstrah-
len der Letzteren kurz und kaum Dornen zu nennen. Sie
sind kürzer als die Dornen an den Brustflossen und län-
ger als die an den Bauchflossen. i\uch der Stachel der
Fettflosse ist mit Dornen besetzt, die im Allgemeinen
denen der Seitenkiele gleichen.
Die Zahl der Zähne ist geringer als bei P. Com-
mersonii, der Umschlag der Unterlippe ist mit kleinen
Warzen besetzt, ob er ganzrandig war, iässt sich nicht
mehr entscheiden, vielleicht aber vermuthen. Kehle und
Bauch, deren Haut zum Theil entfernt ist, sind, nach
den noch gebliebenen Resten zu urtheilen, ohne Zweifel
mit kleinen granulirten Schildern besetzt gewesen.
Die Länge des Kopfes bis zum Ende des Occipital-
Kieles beträgt 84 Mm., seine grösste Breite an den Hu-
meral-Schildern 75 Mm., die Farbe, so weit sie sich an
dem trocknen Exemplar beurtheilen Iässt, gleich der der
vorhergehenden Art. Die x\rt hat einige Aehnlickkeit
mit Plecostomus (Hypostomus horridus Kner.), allein die
Verhältnisse der Rückenflosse, die Form der Bedornung
der Seitenschilder und der Schwanzflosse unterscheiden
sie hinreichend.
37. Plecostomus bicirrhosics? Gronov. Syst. ed. Gray
p. 158, (Loricaria plecostomus L,).
Ein kleines, ohne die Schwanzflosse nur 52 Mm.,
langes Exemplar aus dem Rio Cadea möchte ich zu dieser
Species ziehen. Doch unterscheidet es sich von den mir
zur Vergleichung vorliegenden Exemplaren des P. bicir-
rhosus nicht unbedeutend. Kehle und Bauch sind ganz
nackt, die Dornen an allen Schildern der Körperseiten
76 He n sei:
sind ziemlich langf, spitz, etwas nach hinten gekriimnit
und stehen auf jedem Schilde in nur wenigen, deutlich
von einander gesonderten Reihen, während ich bei P.
bicirrhosus die Unterseite nur dicht hinter dem Umschlag
der Unterlippe und in der Gegend um den Ursprung
jeder ßauchflosse nackt, sonst aber fein granulirt sehe.
Auch sind hier die Seitenschilder viel dichter mit Dornen
besetzt, deren Reihen eng aneinander stehen und wenig-
stens doppelt so zahlreich wie bei meinem Exemplare
sind. Da dieses aber sehr viel kleiner als die vergliche-
nen Exemplare der genannten Art und also möglicher-
weise noch sehr jung ist, so mögen die angeführten Un-
terschiede vielleicht die Jugend-Charaktere sein.
38. Ghaetostomus cirrkosus (Ilypostomus cirrhosus
Val. in d'Orb. Vov. Amer. Merid. Poiss. pl. 7.
Fig.3j.
Findet sich nicht selten in steinigen Gebirgsbächen,
wo er sich nach Art der Plecostomen in dem Schlamm
zwischen den Steinen verbirgt.
39. Chaetostomus spmosusf (Plypostomus spinosus,
Casteln. Anim. Amer. Sud. Poiss. p. 45. pl. 22.
Fig. 3).
Ein kleines, ohne Schwanzflosse nur 18 Mm. langes
Fischchen, welches ich bei Porto Alegre fing, stellt
offenbar den Jugendzustand eines Panzerwelses vor.
Zwar ist das Interoperculum durchaus ohne die Stacheln
der Chaetostomen, doch glaube ich das Thier zu Chae-
tostomus stellen zu müssen, da wahrscheinlich diese Sta-
cheln in der frühesten Jugend immer fehlen werden.
Unter den Arten jener (Gattung gleicht es am meisten
dem C. spinosus Cast. , ohne völlig übf^reinzustimmen.
Jedes Schild an den Seiten trägt nämlich einen verhält-
nlssmässig langen, spitzen und nach hinten gebogenen
Dorn, so dass diese im Ganzen fünf Längsreihen bilden.
Die unterste Reihe, welche aus den längsten Dornen be-
steht, gohö-'-t wahrscheinlich den Schildern an der Unter-
seite des Schwanzes an und scheint auf der Kante zu
stehen, in welcher jedes derselben von der Unterfläche
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 77
auf die Seiten des Schwanzes umbiegt. Diese Reihe ist
auch die kürzeste, da sie nur. von der Anal- bis zur Cau-
dalflosse reicht. Der erste Strahl aller Flossen, der
obere und untere der Caudalflosse, sind ebenfalls mit
ähnlichen Dornen besetzt. Im Gesicht entspringt zwischen
den Nasengruben ein breiter, stumpfer Kiel, der nach
der Spitze des Gesichts herabgeht und auch mit diesen
Dornen besetzt ist. Die Farbe (in Spiritus) ist hellbraun
mit dunkelbraunen undeutlichen Querbändern. Die ganze
Vorderhälfte ist auf der Oberseite dunkel, auf der Hin-
terhälfte kann man mit einiger Schwierigkeit noch drei
Querbänder unterscheiden. Auf der Schwanzflosse sind
deren zwei, eins an der Basis und eins am hinteren Rande.
Bei C. spinosus sollen sich nur vier Dornenreihen an
den Körperseiten finden, auch ist er durchaus anders
gezeichnet, allein wir sind mit den Jugendzuständen der
Chaetostomen noch zu wenig bekannt, um nach so kleinen
Exemplaren, wie das meinige ist, mit Bestimmtheit über
die Species entscheiden zu dürfen.
40. Loricaria onus Val. (d'Orb. Voy. Amer. Merid.
Poiss. pl. 6. Fig. 1).
Unter vier Exemplaren ist das grösste (ohne Schwanz-
flosse) 385 Mm. lang. Im Unterkiefer befindet sichjeder-
seits eine Reihe kleiner Zähiichen. Im Oberkiefer fühlt
man bloss eine harte Stelle, da wo die Zähne vorhanden
waren, bei den kleinsten Exemplare sieht man noch
mehrere rudimentäre Zahnspitzen durch das Zahnfleisch
hervorragen.
Die Brasilianer nennen diesen Fisch, wahrscheinlich
seiner Gestalt wegen, wie alle Loricarien Viola.
Loricaria lima Kner. (dies. Arch. 1. c. p. 366).
Loricaria i<frigiiata (ebends. p. 368).
Loricaria cadeae (ebends. p. 369).
Loricaria sp.f juv. (ebends. p. 371).
41. Heptapterus mustelinas (Günther, Cat. Fish. V.
p. 271, Pimelodus mustelinus Val. in d'Orb.
Voy. Amer. Merid. Poiss. pl. 2. Fig. 1).
78 H e n s e l :
Zwei Exemplare aus einem Bache auf der deutschen
Colonie Sta. Cruz in Rio Grande do Sul sind die einzigen
dieser Art, die mir vorgekommen sind. Der Fisch muss
also ziemlich selten sein und wird auch nicht durch einen
besonderen Namen von Pimelodus sapo unterschieden.
42. Macrodon trahira Müll. Trosch. (Erythrinus
trahira Spix.)
Vertritt in Südbrasilien unsern Hecht. Wie dieser
vermeidet er das offene Wasser und hält sich lieber in
den stillen und seichten, mit Wasserpflanzen erfüllten
Buchten auf, wo er am liebsten unter breiten Blättern
verborgen auf Beute lauert. Die Brasilianer nennen ihn
Trahira.
Macrodon auritus Val. (Cuv. Val.Hist. nat. Poiss. XX.
p. 519), scheint auf junge Exemplare gegründet zu sein.
Wenigstens stimmen mehrere kleine Exemplare, bis zu
einer Länge (ohne Schwanzflosse) von . 29 Mm. herab
ziemlich gut mit der Beschreibung dieser Art bei Val.
L c. Nur sind die Fliecken der Seite kaum von einander
zu trennen und bilden vielmehr ein schmales Längsband
ziemlich in der Mittellinie der Seiten.
43. Curimatus voga n. sp.
D. 10—11. A. 8—9. L. lat. 36—37. V. 9.
Länge des Kopfes (ohne den Hautsaum des Kiemen-
deckels) 4V5mal und die Höhe des Rumpfes 3mal in der
Körperlänge (ohne Schwanzflosse) enthalten. Die Ent-
fernung der Augen von einander beträgt mehr als das
Doppelte ihres senkrechten Durchmessers. Der Anfang
der Bauchflossen fällt unter den vierten Strahl der Rük-
kenflosse. Sie bleiben angedrückt um die Hälfte ihrer
Länge vom After entfernt. Auch der Abstand der an-
gedrückten Brustflosse von den Bauchflossen ist gleich
der Hälfte ihrer Länge. Der Anfang der Fettflosse fällt
über die Basis des dritten Strahles der Analis. Zwischen
den Schuppen der Seitenlinie und den medianen des Rük-
kens am Anfano^ der Rückenflosse befinden sich sechs
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 79
Schiippenreihcn. ebenso viele unter ihnen bis znr Basis
der Baiichflossen (excL). Das Auge hat ein vorderes
und ein hinteres Lied. Alle Flossen unbeschuppt, ein-
farbig. Die Farbe des Thieres silberglänzend^ am Rücken
etwas dunkler. An dem kleineren Exemplare ein un-
deutlicher dunkler Fleck an der Basis der Schwanzflosse.
Bei vier jungen Exemplaren, deren grösstes (ohne Schwanz-
flosse) 29 Mm. lang ist, befindet sich ein sehr deutlicher
schwarzer Fleck an der Basis der Schwanzflosse, der
höher als lang ist und fast die ganze Höhe des Schwanz-
endes einnimmt. Die Länge des grösseren Exemplares
(ohne Schwanzflosse) 190 Mm. Aus dem Rio dos Sinos
bei S. Leopolde. Der einheimische Name ist vöga.
Unter allen Fischen, die in Porto Alegre von den
Brasilianern mit besondern Namen belegt werden, ist nur
ein einziger gewesen, den ich niemals erhalten konnte.
Er wurde Crumatä genannt und als dem Voga nahe ver-
wandt bezeichnet. Ohne Zweifel handelt es sich hier
um eine zweite Art Curimatus, die möglicherweise auch
bisher unbekannt gewesen ist. Der P'isch hält sich, wie
auch die vorhergehende Art, mehr in den Zuflüssen des
Guahyba, die vom Urwalde herab kommen, auf und wird
nur zu gewissen Zeiten gefangen.
44. Leporinus ohtuside^is Valenc. (d'Orb. Voy. Am^r.
Merid. Poiss. pl. 8. Fig. 2).
Ein unter dem Namen Piäba (spr. Piäve) bei Porto
Alegre sehr häufiger und sehr geschätzter Fisch, von
im Allgemeinen gelblicher Farbe mit drei schwarzen
Flecken an der Seite, scheint mir die oben genannte
Species zu sein. Leider ist das einzige ganze Exemplar,
welches ich aufbewahrt habe, so schlecht erhalten, dass
sich eine genaue Bestimmung desselben nicht mehr aus-
führen last. Man sieht nur, dass der erste Fleck über
dem Ursprung der Ventralflossen, der zweite über dem
After und der dritte an der Basis der Schwanzflosse liegt.
Der Fisch vertritt in der Lebensweise unsern Karpfen
in Süd-Amerika und erreicht wie dieser eine bedeutende
Grösse, so dass alle Exemplare, die mir zu Gesicht ka-
80 H e n s e 1 :
men, mit Ausnahme des oben erwähnten, zu gross waren
für die mir zur Verfügung stehenden Gefässe. Man fängt
diesen Fisch mit Grundangehi, an denen die getrock-
neten Eier des Arius Commersonii als Köder befestigt sind.
45. Tetrago7iopterus rutilusf Jenyns (ZooL Voy. of
the ßeagle P. IV. Fish. London 1842. p. 125.
PL XXIIL Fig. 2).
D. 11. A. 29. L. iat. 38.
Das grösste unter zahlreichen Exemplaren ist (ohne
Schwanzflosse) 132 Mm. lang und 48 Mm. hoch. Die
Länge des Kopfes beträgt 30 Mm.; der verticale Durch-
messer des Auges, so weit dieses von Aussen sichtbar
ist, ist grösser als der horizontale, da der feine und durch-
sichtige Hautsaum, welcher den Rand der Orbita bildet, an
dem Vorderrande derselben breiter ist. Der senkrechte
Durchmesser des Auges ist gleich dem Abstände der
Augen von einander und der Entfernung des Auges vom
hinteren Rande des Kiemendeckels. Das Profil ist gerade,
die Stirn von einem Auge zum anderen convex. Zwi-
schen dem Anfange der Rückenflosse und dem der Bauch-
flossen befinden sich 13 — 14 Schuppenreihen, deren acht
von oben her die Seitenlinie besitzt. Der Anfang der
Rückenflosse steht genau senkrecht über dem hinteren
Ende der Basis der Bauchflossen. Diese gehen mit ihren
Spitzen über den After hinweg, erreichen aber nicht die
Analflosse. Diese bei manchen Individuen, und zwar in
der vorderen Hälfte, durch kleine Widerhaken rauh an-
zufühlen, bei anderen Individuen nicht. Die Brustflossen
erreichen mit ihrer äussersten Spitze die Basis der Bauch-
flossen. Ihr erster Strahl hat gewöhnlich eine graue
Längslinie. Die Entfernung der Fettflosse von der Basis
der Rückenflosse ist gleich der Basis der xVnalflosse.
Die Tiefe des Ausschnittes an der Schwanzflosse ist gleich
der halben Länge derselben. Die Oberkiefer sind unge
zahnt, sie erreichen (bei geschlossenem Munde) die Ver
ticallinie des vorderen Randes der Orbita. Ira Zwischen-
kiefer stehen zwei Reihen Zähne , die vorderen sind
klein, jederseits 4—5, und bestehen aus einer Hauptspitze
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliena. 81
welche zu jeder Seite eine kleine Nebenspitze hat. In
der hintern Reihe befinden sich jederseits 5 — 6 Zähne,
die viel breiter als die vorderen sind und ebenfalls eine
Hauptspitze mit drei Nebenspitzen zu jeder Seite haben.
Die beiden innersten Zähne sind unsymmetrisch^ indem
die Hauptspitze an ihrer Innenseite nur eine Nebenspitze
besitzt. Die Zähne des Unterkiefers, fünf in jeder Hälfte,
sind höher und schmäler als die hinteren des Zv^ischen-
kiefers. Sie haben zu jeder Seite der Hauptspitze 3, zu-
weilen auch nur zwei Nebenspitzen.
Die Farbe (in Spiritus) ist im Allgemeinen hell-
silberfarbeu; der Rücken bräunlich (im Leben grünlich),
die Flossen sind weiss, die senkrechten zwischen den
Strahlen mit kleinen schwarzen Pünktchen, die schon
mit blossem Auge zu unterscheiden sind. An der Basis
der Schwanzflosse bilden diese Pünktchen cine-.Anhäufung,
durch die ein etwas dunkler Fleck entsteht, der aber
nur wenig bemerkbar ist und sich allseitig allmählich ver-
läuft. Nacn vorn zu kann man ihn allenfalls bis zur Ver-
ticalen des Hinterendes der Basis der Analflosse verfolgen,
nach hinten zu erstreckt er sich auch auf die Membranen
zwischen den drei innersten Strahlen der Schwanzflosse,
bis zu ihrem Ende, und färbt sie dadurch rauchgrau. An
der Schulter und zwar auf der 3ten und 4ten Querschup-
penreihe hinter dem oberen Ende des Kiemendeckels be-
findet sich ebenfalls ^ine Anhäufung jener Punkte, die sich
wohl auf 4 — 5 Schuppen erstreckt, aber aus so zerstreuten
Punkten besteht, dass sie erst bei der Besichtigung mit
der Lupe deutlich wird. Bei der Besichtigung mit blos-
sem Auge bemerkt man hier nur eine Spur eines Schat-
tens, den man leicht übersieht. Bei kleineren Individuen,
z. B. 75 Mm. lang und kürzer, ist der Schulterfleck viel
deutlicher und erscheint als ein schmaler etwas ver-
wischter rauchgrauer Streifen von oben nach unten ge-
richtet. Auch der Fleck an der Basis der Schwanzflosse
ist deutlich schwärzlich, und über beide, sowie über die
ganze Seite des Körpers von dem obern Ende des Kie-
mendeckels bis zur Caudalis geht ein besonders heller
glänzender Streifen und zwar auf der Iten und 2ten
Archiv f. Naturg. XXXVI. Jahrg. 1. Bd. (J
82 Hensel:
Längsreihe der Schuppen, von denen der Seitenlinie aus
gezählt.. In der Tiefe^ besonders auf der Schwanzhälfte
des KörperS; schimmert dieser Streifen dunkel, da hier
das Zellgewebe unter der Haut in einem Streifen von
dem oberen Ende des Kiemendeckels bis zur Schwanz-
flosse dunkel pigmentirt ist. Diese dunkle Zeichnung
gehört also nicht der Haut an, sondern schimmert bloss
durch diese hindurch, namentlich an solchen Exemplaren^
deren Haut erweicht und mit Spiritus durchtränkt ist.
Die Dimensionen dieses Fisches, den ich in sehr
zahlreichen Exemplaren und sehr verschiedenen Alters-
zuständen gesammelt habe, variiren nicht unwesentlich.
So ist ein anderes Exemplar bei einer Höhe von 48 Mm.
deren nur 124 lang. Auch ist bei manchen Individuen
der Vorderrücken so stark entwickelt, dass er durch eine
Einsenkung in das Profil des Scheitels übergeht. Wenn
man sich erinnert, was Herr v. Siebold in seiner klas-
sischen Arbeit *) über Carassius vulgaris sagt, so wird
man Bedenken tragen, dergleichen Abweichungen in den
Körperverhältnissen einen systematischen Werth beizulegen.
Als monströs ist wohl ein Exemplar anzusehen,
dessen ßauchflossen zwar in der Form normal entwickelt,
aber so klein sind, dass sie dQn After nicht erreichen,
während von der Analflosse nur die vordere Hälfte vor-
handen ist und hinter ihr die Unterseite durch eine starke
Einbuchtung in den freien Theil des Schwanzes übergeht.
Unter allen von mir gesammelten Fischen haben
mir die Arten der Gattung Tetragonopterus bei ihrer
Bestimmung die grösste Mühe gemacht und doch die
geringste Befriedigung gewährt. Die Charaktere dieser
Fische sind so wenig in die Auge fallend, und meist den
Dimensionen des Körpers entlehnt, oder wiederholen sich
bei so vielen Arten, wieder dunkle Fleck an der Schulter
und der Basis der Schwanzflosse, dass die Unsicherheit
in ihren Bestimmungen einen hohen Grad erreicht hat.
Ich habe diese Art anfangs für T. fasciatus Cuv. gehalten,
obgleich ihre Dimensionen andere sind, allein V a 1 e n-
1) Die Süsswasserfische von Mitteleuropa. Leipzig 1863. p. 102,
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 83
ciennes^) schreibt ihr eine Grösse von einem Fuss zu,
welche die ExempLare aus dem Guahyba bei Porto Alegre
niemals erreichen. Nach Günther (Catal. Fish. V. p. 323)
soll der Schulterfleck rund sein, während ich ihn bei
meinen so zahlreichen Exemplaren sehr verschiedener
Grösse stets so gefunden habe , wie er oben beschrieben
wurde. Auch wird von Günther 1. c. der T. fasciatus
aus Mexiko angeführt, während ihn Cuvier aus Buenos
Ayres beschreibt. Ein so ausgedehnter Verbreitungsbezirk
für eine so kleine und, wie es scheinen möchte, von lo-
calen Verhältnisse so abhängige Art hat aber etwas Un
wahrscheinliches. Freilich entspricht die Figur der mir
vorliegenden Individuen auch nicht ganz der Abbildung
des T. rutilus bei Jenyns 1. c, auch haben sie grössere
Augen, als diese zeigt, allein theils kann hieran auch
eine Ungenauigkeit in der Abbildung, theils individuelles
oder locales Variiren Schuld sein. Was Castelnau^)
als T. fasciatus Cuv. abgebildet hat, lässt sich aus der
ganz ungenügenden Beschreibung 1. c. p. 66, nicht er-
mitteln, nur glaube ich mit Bestimmtheit annehmen zu
können, dass die Abbildung nicht zu T. rutilus Jen. ge-
zogen werden kann , aber auch von T. fasciatus Cuv.
unterscheiden sich seine Individuen durch die viel gerin-
gere Grösse.
46. Tetragonopierus microstomaf Günther (Catal.
Fish. Vol. V. London 1864. p. 323).
D. 11. A. 30. L. lat. 34—35.
Das gross te unter zahlreichen Exemplaren ist (ohne
Schwanzflosse) 110 Mm. lang und 51 Mm. hoch. Die
Länge des Kopfes beträgt 25 Mm. Der Hautsaum der
Orbita ist weniger entwickelt als bei der vorhergehenden
Art, daher ist auch der senkrechte Durchmesser des
Auges nur undeutend grösser als der horizontale, er
beträgt 8 Mm. Der Abstand der beiden Augen von
1) Cuv. et Val. Hist. nat. Poiss. Tom. XXII. p. 150.
2) Anim. nouv. etc. de rAmer. du Sud. Tom. II. Paris 1855.
PI. 32. ficr. 2.
84 Heil sei:
einander ist 11 Mm. gross. Zwischen dem Ursprung der
Rückenflosse und den Bauchflossen befinden sich 14 Schup-
penreihen, auf deren achton die Seitenlinie verläuft. Der
Ursprung der Rückenflosse fällt hinter die Basis der
Bauchflosse und zwar in die Mitte dieser, wenn sie an
den Bauch gelegt sind. Sie gehen mit ihren äussersten
Spitzen über den After hinweg, erreichen aber nicht die
Analflosse. Diese ist so lang wie die Entfernung der
Basis der Rückenflosse von einem Punkte, der um die
Breite der Fettflosse hinter dieser und zugleich in der
Verticalen des hinteren Endes der Basis der Analflosse
liegt. Die Brustflossen erreichen mit ihren äussersten
Spitzen die Basis der Bauchflossen. Die Analflosse fühlt
sich nur bei dem grössten Exemplare und zwar in ihrem
Vorderende etwas rauh an, sonst ist sie glatt, auch bei
allen kleineren Individuen.
Die Zähne sind im xAllgemeinen wie bei der vor-
hergehenden Species, nur zeigen sie kleine Unterschiede
in den Dimensionen, die sich durch Worte nicht gut wie-
dergeben lassen. Die Farbe (in Spiritus) ist auch wie
bei der vorhergehenden Art, nur ist der Fleck an der
Basis der Schwanzflosse sehr deutlich, ebenso der Schui-
terfleck, weicher grauschwarz und scharf begrenzt eine
eiförmige Gestalt hat und mit der Längsachse horizontal
gestellt ist.
Auch die Bestimmung dieser Art scheint mir sehr
unsicher, da Hr. Günther 1. c. ausdrücklich angiebt
„very similar to T. fasciatus," während mir die von mir
gesammelten Exemplare von denen der vorhergehen-
den Art, die ohne Zweifel dem T. fasciatus ähnlich
ist, sehr verschieden zu sein scheinen. Das zoologi-
sche und das anatomische Museum zu Berlin besitzen
in mehrfachen Exemplaren einen Tetragonopterus , der
noch von J oh. Müller's eigner Hand als T. bimaculatus
M. Tr. bezeichnet ist. Die Beschreibung dieser Art war
wahrscheinlich für die Hör. Ichth. bestimmt, ist aber nie-
mals publicirt worden. Sie scheint mit meinen Exemplaren
ganz übereinzustimmen, doch besitzt natürlich der Name
keine Prioritäts-Rechte. Zu bemerken ist jedoch noch.
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 85
dass die beiden Individuen, welche in der Sammlung des
anatomischen Museums unter N. 13434 aufbewahrt werden,
durch ihre viel grösseren Augen von denen des zoologi-
schen Museums wesentlich verschieden zu sein scheinen.
47. Tetrag onopterus alhurnus n. sp.
D. 10. A. 27. L. lat. 37.
Das einzige Exemplar ist (ohne Schwanzflosse) 60 Mm;
lang und 17 Mm. hoch. Die Länge des Kopfes beträgt
12,5 Mm. Das Auge sehr gross, ungefähr so hoch wie
breit. Der senkrechte Durchmesser desselben 5,5 Mm.,
der Abstand der Augen von einander 5 Mm., der Ober-
kiefer zahnlos und lang, reicht mit seinem hinteren Ende
bis unter die Mitte des Auges. Zwischen dem Ursprung
der Rückenflosse und den Bauchflossen befinden sich
9 Schuppenreihen, auf deren sechster die Seitenlinie ver-
läuft, so dass also diese so tief zu liegen kommt, wie bei
keiner anderen Species. Die Brustflossen erreichen mit
ihren Spitzen den Ursprung der Bauchflossen, und diese
fast den der x\.nalflosse. Der Ursprung der Rückenflosse
fällt ungefähr in die Mitte des Raumes zwischen Bauch-
tiossen und Analflosse. Die Basis dieser ist etwas länger
als der Raum zwischen dem hinteren Ende der Basis
der Rückenflosse und der Spitze der angedrückten Fett-
fiosse. Die Schwanzflosse ist bis zur Mitte eingeschnitten.
Anal- und Bauchflossen sind rauh.
Die Farbe wie auch die ganze Gestalt gleicht der
des Alburnus lucidus Heck. (Cyp. alhurnus L.). Die
Seiten und der Bauch sind silberweiss, der Rücken im
Leben bläulich grün. Im Spiritus ist der Rücken gelb-
lich, da hier wegen des fehlenden Silberglanzes das durch
die Einwirkung des Spiritus gelbliche Muskelfleisch durch
die durchsichtigen Schuppen hindurchschimmert. An der
Schulter befindet sich ein dunkler Fleck, der sich schon
bei genauerer Betrachtung mit dem blossen Auge in
dicht gedrängte, dunkle Punkte auflöst und mit der grös-
seren Achse senkrecht gestellt ist. An der Basis der
Schwanzflosse sind die dunkeln Punkte so zerstreut, dass
sie keinen Fleck bilden, sondern jene so wie die ganze
86 H e n s e 1 :
Schwanzflosse etwas grau färben. Von dem Schulterfleck
bis zur Basis der Schwanzflosse, also in der Vorderhälfte
des Körpers oberhalb der Mittellinie der Seiten und über-
haupt auf der Grenze gagen den dunkeln Rücken ist
der Silberglanz am stärksten und bildet hier ein schmales,
glänzendes Längsband, aus dessen Tiefe der schon oben
beschriebene dunkel pigmentirte Streifen des Zellgewebes
durch die Haut hindurch leuchtet.
Die Zähne sind im Ganzen wie bei den vorherge-
henden Arten, nur sind sie entsprechend den schlanken
Verhältnissen des Thieres feiner und spitzer, auch ist die
gelbliche Färbung nur sehr schwach und auf die äusser-
sten Spitzen beschränkt. Aus dem Rio Cadea.
48. Tetragonopterus ohscurus n. sp.
D. 11. A. 21—22. L. lat. 38.
Das grösste unter dreizehn Exemplaren hat folgende
Dimensionen: Länge (ohne Schwanzflosse) 60 Mm. Grösste
Höhe 20 Mm. Länge des Kopfes 16,5 Mm. Senkrechter
Durchmesser des Auges 5,5 Mm. gleich dem Abstände
der Augen von einander. Der Ursprung der Rückenflosse
fällt sehr wenig hinter die Basis der Bauchflossen. Diese
erreichen mit ihren Spitzen nicht den Ursprung der Anal-
flosse und werden nicht erreicht von den Spitzen der
Brustflossen. Die Basis der Analflosse ist sehr kurz, ihr
hinteres Ende fällt genau unter den Ursprung der Fett-
flosse. Zwischen dem Ursprung der Rücken- und Bauch-
flossen sind 11 Schuppenreihen, auf deren 7ten die Seiten-
linie verläuft. Die Entfernung zwischen Rückenflosse
und Fettflosse ist nur sehr wenig länger als die Basis
der Analflosse. Der Oberkiefer erreicht die Verticale
des vorderen Randes der Orbita. Der Farbe nach
ist diese Species unter den vorher beschriebenen die
dunkelste, da der Silberglanz bei ihr sehr zurücktritt
und eigentlich nur an den Seiten des Kopfes und Bau-
ches vorhanden ist. Im Allgemeinen zeigt die Haut zahl-
reiche dunkle Punkte, die besonders nach der Rückenkante
zu dicht gedrängt stehen, und diese (in Spiritus) bräun-
lich färben. Auch auf den Kiemendeckeln, deren Grund-
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 87
färbe aus Silberglanz besteht, finden sich zahlreiche
dunkle Pünktchen, während sie bei den vorhergenannten
Arten nur 'glänzend silberhell sind. Auch alle Flossen
zeigen diese Pünktchen in verschiedener Menge, am
meisten die verticalen Flossen, am wenigsten Brust- und
Bauchflossen. An der Basis der Schwanzflosse befindet
sich ein langer, bandartiger Fleck, der sich auch auf
die innersten Strahlen der Schwanzflosse erstreckt. Ein
deutlicher aber nicht ganz schwarzer Schulterfleck er-
streckt sich von oben nach unten, indem er nach unten
zu spitz verläuft. Die Flossen zeigen keine Rauhigkeit.
Die Zähne zeigen nichts Abweichendes.
Aus dem Rio Cadea oberhalb des grossen Wasser-
falles. Nahe verwandt scheint T. brevimanus Günther
(Catal. Fish. V. p. 325) zu sein, doch ist bei diesem nach
der Beschreibung der Abstand der Augen von einander
grösser als der Durchmesser derselben, es fehlt ihm auch
der dunkle Schulterfleck, und die Zahl der Schuppen-
reihen unterhalb der Seitenlinie ist grösser.
49. Tetragonoptej^us aeneus n. sp.
D. 11. A. 28. L. lat. 38.
Die Dimensionen des einzigen Exemplars sind fol-
gende: Länge (ohne Schwanzflosse) 80 Mm. Grösste Höhe
28 Mm. Länge des Kopfes 20 Mm. Senkrechter (grösster)
Durchmesser des Auges 7 Mm. gleich dem Abstand der
Augen von einander. Der Okerkiefer reicht hinter die
Verticale des vorderen Randes der Orbita, bis zu der
des vorderen Randes der Pupille. Zwischen dem Ur-
sprung der Rückenflosse und den Bauchflossen befinden
sich 13 Schuppenreihen, auf deren achten die Seitenlinie
verläuft. Die angedrückten Brustflossen überragen deut-
lich den Ursprung der Bauchflossen, welche die Anal-
flosse mit ihren Spitzen nicht erreichen. Die Basis dieser
beginnt senkrecht unter dem hinteren Ende der Basis
der Rückenflosse und endet senkrecht unter dem hinteren
Ende der Basis der Fettflosse. Das Thier ist nicht so
dunkel wie die vorhergehende Art, aber dunkler als die
beiden zuerst angeführten Arten. Der Silberglanz (in
88 Hensel:
Spiritus) ist nicht weiss, sondern bläulich oder grünlich,
je nachdem Lichtrefiex, auf den Kiemendeckeln fast weiss
oder schwach gelblich. Die dunklen Punkte sind im All
gemeinen nicht so zahlreich, wie bei der vorherge-
henden Art, fehlen aber doch nur auf der Bauchkante
und sind auf den Kiemendeckeln selbst zahlreich, wenn
auch nicht so dunkel , wie bei der vorhergehenden
Art. Auch die Flossen sind alle deutlich gesprenkelt.
An der Basis der Schwanzflosse ein dunkler Fleck, der
auch den mittelsten Theil der Schwanzflosse färbt und
sich als ein breites schwarzes Band bis über die Mitte
der Analflosse verfolgen lässt, wo er allmählich erlischt.
An der Schulter ein dunkler nicht sehr deutlicher Fleck,
der sich nach unten zu verschmälert. Die Zähne zeigen
nichts Besonderes. Von Porto A legre, zusammen mit
den beiden zuerst beschriebenen Arten gefangen.
Alle Tetragonopterus-Arten heisscn bei dem Brasi-
lianer in Rio Grande do Sul Lambari. Sie vertreten in
den dortigen Flüssen unsere kleinen Cyprinojden und
leben stets schaarenweise an allen ihnen Nahrung ver-
sprechenden Orten. Ihre Gefrässigkeit ist gross, und
es bedarf nicht erst eines Köders an der Angel, um sie
zu fangen, denn sie schnappen begierig nach jedem in's
Wasser fallenden Körper und versuchen selbst an der
Hand zu zupfen, die man in's Wasser hält. An den
Füssen der Badenden sind es besonders die Haare, welche
ihre Aufmerksamkeit erregen, und die abzureissen sie sich
bemühen. Die Kiemen der bei Porto Alegre gefangenen
Lambari waren stets voll von einem durch blaue Oel-
tropfen und blaue Eier ausgezeichneten Tracheliastes.
Salminus Orhignyanus Val. (dies. Arch. 1. c. p. 356).
50. Xiphoramphvs hepsetus (Müll. Trosch. Hör. Ichth.L
p. 17 und 32).
(Xiphorhynchus hepsetus Cuv. Val. XXH. p. 343.)
Bei zahlreichen von mir gesammelten Exemplaren
dieser Art erreichen die Brustflossen mit Ihren Spitzen
den Ursprung der Bauchflossen und überragen ihn auch
noch mehr oder weniger weit, ohne jedoch ihre Mitte
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 89
zu erreichen. Da nur bei X. pericoptes (Müll. Trosch.
1. c. p. 18 und 32, Tab. V. Fig. 1) die Brustflossen den
Ursprung' der ßauchflossen nicht erreichen, bei X. hep-
setus aber bis zu deren Mitte gehen sollen, so dürften
wohl beide Species in eine zusammenfallen.
Bei einem (ohne Schwanzflosse) 143 Mm. langen
Exemplar beträgt die Höhe 36 Mm. und die Länge des
Kopfes 44 Mm. Doch kommen auch Individuen vor von
mehr als 1' Länge. Je älter, d. h. je giösser die Thiere
sind, um so weiter überragen die vordersten grossen
Zähne des Zwischenkiefers die Spitzen des Unterkiefers.
Aus dem Guahyba bei Porto Alegre.
51. Xiphora7nj)hu8 Jenynsii Günther (Cat. Fish. V.
p. 864. p. 356).
D. 11. A. 27. L. lat. 63.
Ein einziges Exemplar dieser Art wurde zugleich
mit denen der vorhergehenden Art gefangen. Es ist
(ohne Schwanzflosse) 102 Mm. lang und 30 Mm. hoch.
Der Oberkiefer ist viel weniger vorstehend, als bei X.
hepsetus, so dass die beiden vordersten Zähne des Zwi-
schenkiefers noch die Haut an den Spitzen des Unter-
kiefers berühren und hier 2 Furchen in dieselbe einge-
drückt haben.
Rwulus oceilatus (dies. Arch. 1. c. p. 365).
Foecilia unimaculaia Val. (dies. Arch. 1. c. p. 358).
Girardinus januarius (dies. Arch. 1. c. p. 358).
Girardinus caudimaculatus (dies. Arch. 1. c.p. 362).
Girardimcs de oemmacu latus Jen. (dies. Arch. 1. c.
p. 364).
52. Carajms fasciatus Müll. Trosch. (Gymnotus fas-
ciatus Bloch.).
Bei Porto Alegre im Guahyba fing ich ein nur 56 Mm.
langes Fischchen, welches sich in Nichts von der ge-
nannten Art unterscheidet und also wohl als ein sehr
junges Exemplar derselben zu betrachten ist. Bemerkens-
werth ist dann die geopraphische Verbreitung der Art,
die vorzugsweise aus Cayenne bekannt ist. Auch ist auf-
90 H e n s e 1 :
fallend, dass man in Südbrasilien für diesen Fisch, der
doch eine beträchtliche Grösse erreicht, keinen besonderen
Namen hat. Auf dem Markte in Porto Alegre habe ich
ihn niemals gesehen.
53. Synhranchus marmoratus Bloch.
Von den Brasilianern Mussüm genannt, findet sich
sehr hänfig bei Porto Alegre im Giiahyba sowohl wie
in vielen kleinern Gewässern, nicht selten sogar in Grä-
ben und Brunnen, die ganz isolirt und ziemlich weit ab
von jedem grösseren Wasserbecken liegen. Daher ist
über ihn die Ansicht verbreitet, er entstehe aus Schlamm.
Schliesst man von der Zahl der hier beschriebenen
Fischarten die beiden ersten, Sciaena adusta und Mugil
liza als Seefische aus, die nur gelegentlich das Süsswasser
besuchen, so bleiben deren noch 51 übrig, die allein
dem Süsswasser angehören. Unter diesen befinden sich
4, Callichthys areifer, Rivulus ocellatus, Poecilia uniraa-
culata, Girardinus januarius, die nur bei Rio de Janeiro
gefunden wurden. Eine Art, Geophagus brasiliensis, er-
hielt ich sowohl in Rio de Janeiro wie in Porto Alegre.
Alle Uebrigen rühren aus dem Flussgebiet der Jacuhy
her. Im Ganzen beträgt die Zahl der Arten, welche ich
glaubte als neu ansehen zu müssen, 23. Unter diesen
sind 3 von Rio de Janeiro.
Wie man sieht, gehören die neuen Arten vorzugs-
weise solchen Gattungen an, die im Verborgenen leben,
in kleinen Tümpeln oder in den Bächen des gebirgigen
Urwaldes. Die meisten der hierhergehörigen Fische ent-
ziehen sich durch ihre Kleinheit leicht der Beobachtung
und werden auch von den Eingebornen nicht beachtet.
Es wäre gewagt, aus den gefundenen Daten jetzt schon
allgemeine Schlüsse über geographische Verbreitung der
Fische u. s. w. ziehen zu wollen, denn einmal muss man
gestehen, dass in der Bestimmung der Fischspecies noch
grosse Unsicherheit herrscht. Sind wir doch erst in neu
ster Zeit über Deutschlands Fische durch die Untersu-
chungen V. Siebolds aufgeklärt worden. Dann aber
Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere Südbrasiliens. 91
kann man wolil voraussetzen^ dass viele der von mir als
neu aufgestellten Arten bei genauerem Nachsuchen auch
in anderen Theilen Südamerika's werden aufgefunden
werden, wenn dem Forscher mehr Gelegenheit geboten
werden wird, in das Innere der unwegsamen Urwälder
einzudringen und hier nicht bloss zu reisen, sondern auch
Station zu machen.
Die grösseren Fische, welche sich auch vorzugsweise
in ausgedehnteren Gewässern aufzuhalten pflegen, sind
zum Theil mit denen des La Plata identisch, vorausge-
setzt, dass diese sich in der That von ihren Verwandten
im übrigen Brasilien so specifisch unterscheiden, wie man
das bisher annimmt.
(Fortsetzung folgt.)
Heber deu Kau und die Funktion der Oberkiefer
bei den Spinnen
und ihre Verscbiedenbeit nach Familien und Gattungen.
Von
Philipp Bertkau
in Bonn.
Hierzu Tafel IL
AHsonioine StrukturTerhältnisse .
Die in der Zweizahl vorhandenen Oberkiefer (Man-
dibuLae, Mandibeln) der Spinaen befinden sich als oberste
Extremitäten des Kopfes unmittelbar unter den Augen.
Auf sie folgen dann die Zunge, die beiden Unterkiefer
mit je einem Taster, die Unterlippe und vier Beinpaare.
Die Oberkiefer haben unter den Theilen des Kopfes die
grösste Masse und verdecken daher, von oben oder vorn
betrachtet, die übrigen Mundtheile ausser den Tastern
vollkommen, während sie selbst ein kleines Stück in den
Cephalothorax hineinragen und an ihrer Basis von dessen
Haut umhüllt werden.
Mit dem Cephalothorax sind sie durch eine feine aber
zähe Haut verbunden , was ihnen, wenn auch in be-
schränktem Maassc, ein Vorstrecken und Zurückziehen und
überhaupt Bewegung gestattet. Sie bestehen aus zwei
Gliedern: ans dem am Kopfe befestigten Basalgliede und
der an der Spitze desselben artikulircnden Kralle. In
der Ruhe ist das Basalglied meist senkrecht oder etwas
schief gegen die Erde gerichtet, so dass es mit der Längs-
Bertkau: lieber den Bau und die Funktion u. s. w. 93
richtung des Körpers einen rechten oder stumpfen Win-
kel bildet; seltener steht es ganz wagerecht^ so dass es
mit der Längsrichtung des Körpers einen gestreckten
Winkel bildet. Im Allgemeinen entfernt es sich um so
weiter von der senkrecliten Stellung, je grösser seine
Länge im Verhältniss zur Dicke des Cephalothorax ist.
Die Kralle legt sich in der Ruhe an die Innen- oder Un-
terseite des Basalgliedes an.
Letzteres ist im Allgemeinen von cylindrischer oder
kegelförmiger Gestalt, manchmal, so weit es im Cepha-
lothorax steckt, eingeschnürt, und dann ausserhalb des-
selben auf der oberen Seite stark hervorgewölbt, wäh-
rend die Unterseite unter allen Umständen flach ist.
Daher befindet sich der grösste Umfang selten an der
Basis ; meist ist derselbe im ersten Sechstel oder Fünftel
der ganzen Länge. Nach der Spitze zu wird das Basal-
glied gewöhnlich dünner; nur bei wenigen Arten hat es
überall einen annäherungweise gleichen Umfang; noch
seltener ist der Fall, dass es in seiner zweiten Hafte dicker
ist, als in seiner ersten (Tetragnatha striata). Meist ist es
auch, namentlich in seiner ersten Hälfte, seitlich zusam-
mengedrückt, so dass die Höhe die Breite übertrifft ; der
umgekehrte Fall, dass es von oben nach unten zusam-
mengedrückt ist, kommt weit seltener vor (Eucharia, The-
ridium, Scytodes).
Sein Rand ist mit einer Verdickungsleiste verseheu,
die nicht überall die gleiche Breite hat. Die beiderseiti-
gen Ränder ;zw^eier Basalglieder sind an der Innenseite
fest mit einander verwachsen; die Verdickungsleiste ist
hier am stärksten. Daher lösen sich beim Versuche,
einen einzigen Kiefer auszureissen, gewöhnlich beide vom
Kopf ab. Ja, bei den meisten ist die Verschmelzung
eine so innige, dass sie, wenn man sie gewaltsam zu tren-
nen sucht, eher an einer anderen Stelle, als an der Nath
von einander lassen. Bei den vdn oben nach unten zu-
sammengedrückten ist die Verwachsung auf einen ge-
ringen Raum, fast einen Punkt beschränkt, diese sind da-
her leichter zu trennen. Die letzteren haben noch die
weitere Eigenthümlichkeit, dass der obere Rand in eine
94 Bertkau:
oft die Länge des übrigen Basalgliedes erreichende Spitze
hervorgezogen ist, Avas ebenfalls Eucharia, Theridiura
und in geringerem Masse Scytodes zeigen. Bei den mei-
sten übrigen Arten ist der obere Rand nur wenig ge-
schweift; der untere Rand ist immer gerade.
Da die beiderseitigen Basalglieder am Grunde mit
einander verwachsen sind, so berühren sie hier einander
immer. Bei den meisten Arten bleiben sie auch in ihrem
weiteren Verlauf, wenigstens so lange sich die Kiefer im
natürlichen Zustand der Ruhe befinden, einander genähert
und erscheinen daher an der Innenseite durch den ge-
genseitigen Druck abgeflacht. Bei einer geringereu Zahl
von Arten fahren sie indess nach der Spitze zu ausein-
ander und zeigen daher nur am Grunde eine ganz unbe-
deutende Abflachung. Letztere Erscheinung bietet beson-
ders deutlich Tetragnatha extensa dar, w^ogegen Oletera
und die Mygaliden überhaupt von der ersten Eigenschaft
das typischste Beispiel gewähren. Während die Beklei-
dung der übrigen Körpertheile einer Spinne, namentlich
des Abdomen, eine weiche ist, hat die Haut der Ober-
kiefer eine feste, starre und spröde Beschaffenheit; dabei
ist sie meist glatt und glänzend. Bei genügender Ver-
grösserung erscheint sie gerunzelt, von feinen, netzartig
verzweigten Aederchen durchzogen. Gröbere, mit blossem
Auge wahrnehmbare Unebenheiten sind kleine Höcker-
chen oder Knötchen, auf denen die Haare, die wohl kei-
ner fehlen, aufsitzen. Diese Knötchen werden gebildet
durch einen ringähnlichen Wall, der die Mündung eines
kurzen Hautkanals bezeichnet. Der von dem Ring um-
schlossene Theil ist trichterartig vertieft, erhebt sich dann
wieder etwas und bildet einen neuen Ring, in den der
Hautkanal eigentlich mündet und in dessen Grunde das
Haar auf etwas verschmälerter Basis festsitzt (s. Fig. 9).
Oft findet man die beschriebenen Hautkanäle nebst Ring,
ohne dass sie ein Haai^ tragen.
Die Stärke der Behaarung ist nach den versQhiede-
nen Arten natürlich verschieden; im Allgemeinen ist sie
an der Spitze grösser als am Grunde. Ausser den Haa-
ren, welche steife , spitz endende, nach vorn gerichtete
Ueber d. Bau u. d. Funktion d. Oberkiefer bei d. Spinnen. 95
Borsten darstellen, finden sich bei Arten, deren übriger
Leib mit Schuppen bekleidet ist, auch diese, spärlicher
jedoch, als an den übrigen Körpertheilen. Zudem kom-
men bei einigen Gattungen (Philoica, Tegenaria, Drassus)
neben den Haaren Schuppen vor. Dieselben sind im
Ganzen den Schmctterlingsschuppen ähnlich, haben eine
schmutzig gelbe Farbe und bestehen aus einem kurzen
Stielchen und einem flachen, verbreiterten Endtheil. Die
Gestalt des letzteren ist verschieden, entweder elliptisch,
oder lanzettlich oder spateiförmig, und zwar kommen
alle diese Formen an demselben Exemplar vor. Eine
genauere Betrachtung lässt Längsstreifen und im Zick-
zack verlaufende Querlinien an ihnen w^ahrnehmen; Far-
benerscheinungen bieten sie nicht dar. Sie scheinen
sekundäre Gebilde der Cuticula zu sein, da sie nie selb-
ständig auf einem Knötchen für sich sitzen, sondern im-
mer nur in Verbindung mit einem Haar, auf demselben
Knötchen wie dieses vorkommen; doch jhat noch lange
nicht jedes Haar eine Schuppe neben sich.
Bei den meisten Arten findet sich an der' Aussenseite,
ganz am Grunde, ein gewölbter, länglicher Fleck von
ovaler Form, dessen Längsrichtung etw^as schief nach oben
gegen die Längsrichtung des ganzen ßasalgliedes yer-
läuft. Seine Farbe ist entw^eder gelblichweiss oder durch-
scheinend roth, selbst wenn der übrige Kiefer schwarz
gefärbt sein sollte; selten ist er durch seine Farbe nicht
ausgezeichnet (Sparassus, Thanatus). Es zeigt sich übri-
gens, dass die rothe Farbe nicht immer eine ihm eigen=
thümliche ist, sondern durch die unter ihm liegenden
Fleisch theile hervorgebracht wird. Entfernt man diesel-
ben, so scheint er oft gelbweiss, wie bei den übrigen
Arten, bei denen er ohnehin diese Farbe hat ; ebenso geht
die grüne Farbe, die der Fleck mit dem ganzen Basal-
theil von Sparassus und Thanatus gemeinsam hat, in die
weisse über, wenn man die Fleischtheile wegnimmt. Aus-
gezeichnet ist er ferner durch das gänzliche Fehlen der
Haare '), während seine nächste Umgebung oft stark be-
1) Ich sehe es als einen Ausnahmefall aU;, dass ein Drassus
sciion auf der Wölbung des Flecks zwei Härchen trug.
96 B e r t k a u :
haart ist, und durch seine ganz glatte Beschaffenheit. Eine
genauere mikroskopische Untersuchung lässt deutlich er-
kennen, dass die Haut an dieser Stelle eine doppelte ist
(oder dass sie gespalten ist, wenn man so will); beide
Häute bilden eine Art Tasche, die mit einer krümeligen,
halb durchsichtigen Masse angefüllt ist. Bei einem stär-
keren Druck auf diese Stelle zerbricht eine oder beide
Häute und die erwähnte Masse quillt etwas hervor. Be-
merkenswerth ist es noch, dass bei einer x\rt ^) die in
der Nähe des Fleckes befindlichen Hautkanäle, auf denen
die Haare stehen, in der Kontur der Haut selbst verlau:
fen (wie es scheint, zwischen beiden Häuten), während
die Kanäle der in weiterer Entfernung stehenden Haare
die Haut rechwinkelig durchsetzen. Ausserdem münden
die ersteren nach innen alle an dem Fleck, gehen also
gewissermassen strahlig von demselben aus. (In Fig. 7
habe ich versucht, diese Verhältnisse zur Anschauung zu
bringen). — Der Fleck wird im Folgenden von mir als
Basalfleck bezeichnet werden.
Der Umfang des Basalgliedes nimmt nach der Spitze
zu allmählich ab; doch werden nicht alle Seiten gleich-
massig von dieser Verengerung betroffen. Vielmehr läuft
die untere Seite ganz, und die äussere fast ganz gerade,
während sich die obere der unteren und die innere der
äusseren plötzlich oder allmählich nähern; im letzteren
Falle ist die Gestalt des Basalgliedes fast ein reiner Kegel.
An der Spitze befindet sich nun eine Oeffnung, in welche
die Kralle genau passt. Wie Cepbalothorax und Basal-
glied, so sind auch 'ßasalglied und Kralle durch eine
elastische Haut verbunden , welche die Bewegung der
Kralle ermöglicht. Um diese in höherem Grade zu er-
reichen, befindet sich auf der Innenseite, in der hornigen
Haut des ßasalgliedes, ein hufeisenähnlicher Ausschnitt,
1) Ich fand es gegen Ende meiner Untersuchungen bei Sparassus
virescens so, als ich keine Zeit mehr hatte alle übrigen auf diesen
Punkt hin zu vergleichen. Exemplare von Drassus, Amaurobius
und Tegenaria, die ich noch zur Hand hatte, zeigten die beschrie-
bene Eigeuthümlichkeit nicht.
Üeber d. Bau u. d. Funktion d. Oberkiefer bei d. Spinnen. Ö7
über den ebenfalls die elastische Haut gezogen ist. Von
dieser Stelle zieht sich nach dem Grunde zu eine Furche,
in welche sich die Kralle einklappt, wie ein Taschenmes-
ser in seinen Heft. In den meisten Fällen sind die Rän-
der dieser Furche (Falzränder) mit spitzen Zähnchen
besetzt, deren Zahl bei den verschiedenen Arten sehr
variirt, in derselben Art aber meist konstant i^t.
Ist die Zahl der Zähnchen gering (1 — 3), so finden
wohl keine Schwankungen in derselben Art statt; aber
schon bei 4 Zähnchen zeigen sich diese, indem einige
Individuen deren 4, andere 5 haben.
Noch grösser werden die Differenzen bei höheren
Zahlen. Bei einigen Arten scheint die Zahl der Zähn-
chen mit zunehmendem Alter zu wachsen (bei Tetragnatha
von 6 auf 8, bei Oletera von 7 auf 11, sogar 13); von ande-
ren Arten zeigten indess auch gleich grosse Exemplare eine
verschiedene Zahl; Tegenaria domestica bald 4, bald 5;
Philoica domestica 8 — 10. Auch ist noch zu bemerken,
dass bei demselben Individuum nicht immer der rechte
und linke Oberkiefer ganz gleich ist. Tegenaria do-
mestica hat z. B. häufig am unteren Falzrand des rechten
Kiefers 5, an dem entsprechenden des linken 4, oder um-
gekehrt. (Der obere Falzrand zeigte bei dieser Art wie
bei Philoica domestica konstant 4 Zähnchen). Bei den
meisten Arten indess, die ich zu untersuchen Gelegenheit
hatte, waren beide Kiefer ganz symmetrisch gebildet.
An einem der Falzränder, gewöhnlich dem oberen,
befinden sich lange, biegsame Haargebilde, die mit der
übrigen Haarbekleidung des Kiefers nichts gemein haben
und deshalb hier besonders behandelt werden. Sie sind
von cylindnscher Gestalt, lang gestreckt und bogig ge-
krümmt. Sie stehen nicht wie die übrigen Haare mit
verschmälerter Basis auf einem inneren King, sondern mit
breiter Basis auf einem Hautkanal, der nur einen Ring
hat; eine Schuppe fand ich nie neben ihnen. Von einem
Drittel ihrer Länge ungefähr an ist ihre Aussenwand
mit feinen, nach der Spitze des Haares gerichteten Börst-
chen besetzt. Nach dem Ende zu nimmt der Umfang
kaum merklich ab; die Spitze erscheint ganz stumpf ab-
Archiv für Naturg. XXXVI. Jahrg. l.Bd, 7
98 Bert kau:
geschnitten und von den Börstchen übeiTeagt. Inwendig
sind sie hohl und von einer Flüssigkeit erfüllt. Am
typischsten finden sich diese Gebilde dicht unter der
Kralle; mehr nach dem Grunde zu sind sie weniger auf-
fallend. Den Familien der Epeiriden, Therididen und
Attiden, sowie der Gattung Scytodes aus der Familie der
Dysderiden fehlen sie ^). Ich werde sie im weiteren Ver-
lauf als Wimperhaare bezeichnen.
Die Kralle, welche sich an der Spitze des ßasal-
gliedes bewegt und in dasselbe ein wenig eingesenkt
ist, bleibt in den meisten Fällen hinsichtlich ihrer Länge
hinter dem letzteren zurück. Nur bei wenigen Gattungen
(Oletera, Pyrophorus ^^^ Calliethera c^) sind beide Glieder
an Länge gleich; das häutigste \'erhältniss der Kralle
zum ßasalglied ist 1:2 oder 1:3; selbst dieses wird von
Thomisus, Xysticus und Scytodes nicht erreicht.
Während das Basalglied eine beträchtliche Dicke
hat, ist die Kralle weit dünner und sichelförmig ge-
krümmt, oft flach gedrückt, so dass das Bild einer Sichel
noch mehr erreicht wird. Ein fernerer Unterschied der-
selben von dem Basalglied besteht darin, dass sie nie mit
Haaren oder Schuppen besetzt ist.
Gewöhnlich lassen sich zwei Theile der Kralle mit
Leichtigkeit unterscheiden: ein dickerer unterer Theii,
der etwa ein Drittel oder die Hälfte der ganzen Krallen-
länge beträgt, und ein dünnerer, allmählich in eine mehr
oder minder feine Spitze auslaufender oberer Theil, der
sich von dem erster en meist unter einem stumpfen Win-
kel abwendet (Basalstück und Endstück). Das Basalstück
trägt an der Innenseite an seiner Einfügungsstelle in das
ßasalglied eine fast viereckige Platte, die mit dem übri-
gen Theil der Kralle durch eine elastische Haut verbun-
den ist und jedenfalls den Mechanismus der Bewegung
erleichtert. Das Endstück ist in den meisten Fällen heller
gefärbt, als das Basalstück. Bei einigen Arten greift das
1) Die hier sowie weiterhin von ganzen Famüien gemachten
Aussagen sind auf den Umfang der unten namhaft gemachten Arten
zu beschränken.
lieber d. Bau u. d. Funktion d. Oberkiefer b. d. Spinnen. 99
dickere Basalstiick etwas über das Endstück, namentlich
an der Aussenseite , wodurch es den Anschein gewinnt,
als habe die Kralle einen stumpfen Höcker. Diese Eigen-
thümlichkeit fällt um so mehr in die Augen, als damit
die andere verbunden ist, dass sich hier End- und Basal-
stück unter rechtem Winkel treffen, was namentlich
Oletera undTetragnatha extensa $ recht deutlich zeigen i).
Mag man nun auch in diesem Umstand die Andeu-
tung zu einer Gliederung der Kralle sehen, so habe ich
doch nie eine wirkliche Beweglichkeit der beiden Stücke
beobachtet. Ich bemerke dies ausdrücklich, weil mir
mehrere Zeichnungen zu Gesicht gekommen sind , die
leicht zu dieser irrigen Anschauung führen könnten und
mich wirklich Anfangs dazu verleitet hatten, bis ich durch
eine Betrachtung der natürlichen Objekte meinen Irrthum
einsah-).
Das Endstück ist an der Innenseite entweder flach
und trägt dann oben und unten scharfe Kanten , von
denen die obere meist gesägt ist, oder die ganze Kralle
ist flach gedrückt, so dass die Innenseite schneidig scharf
und ebenfalls mit Sägezähnen besetzt ist. Seltener ist
das Endstück drehrund und trägt dann nie Sägezähne.
Diese beginnen mit dem Endstück, sind Anfangs am
stärksten und nehmen nach der Spitze hin allmählich ab,
bis sie vor derselben ohne bestimmte Grenze verlaufen.
Mit der blossen Loupe sind sie nicht wahrzunehmen ; in-
dessen genügt schon eine schwache Vergrösserung unter
dem Mikroskop, um sie zur Anschauung zu bringen. Bei
den flach gedrückten bedarf es hierzu keiner weiteren
Vorbereitungen ; andere sind indess wegen ihrer grösseren
Dicke zu undurchsichtig, um sofort die Zähne erkennen
1) Letztere Art ist übrigens noch in der Hinsicht merkwürdig,
dass das Endstück eine weitere Gliederung erkennen lässt ; s. bei
der ausführlichen Beschreibung.
2) Die fraglichen Abbildungen sind : Tetragn. ext. ; C. W.
Hahn, die Arachniden, Tab. LVI, Fig. 129 C; T. laboriosa Hentz,
Best. Journ. Vol. YI, Nr. J. p. 26 u. Callieth. scenica J', C. L. Koch,
üebersicht des Arachnidensystejns, Tab. IV, Fig. 56.
100 Bert kau:
zu lassen. Legt man die Kralle indess 1 — 2 Stunden in
mit Wasser verdünntes Kali und erwärmt dasselbe über
einem gelinden Feuer, so gewinnt sie bald die genügende
Durchsichtigkeit.
B. Auatoniische Yerhältnisse.
Wenden wir uns nun der Betrachtung der von der
äusseren Haut umschlossenen inneren Theile zu, so fallen
uns sofort durch ihre grosse Masse die Muskelbündel in
die Augen, welche fast das ganze Innere des Basalgliedes
erfüllen und an der Innenwand der Hautbekleidung be-
festigt sind, wie bei den Wirbelthieren an der Aussen-
wand der Knochen. Die einzelnen Muskeln sind fein
quer gestrichelt ; einzelne derselben lösen sich an der
Spitze in eine grosse Menge feiner, durchsichtiger Fasern
auf. Dieses gilt namentlich von denjenigen, welche ent-
weder dem Rande des Basalgliedes oder dem Grunde der
Kralle ansitzen und hauptsächlich die Bewegung ver-
mitteln. Diese sind so innig an das feste Hautgerüst an-
geheftet, dass sie sich nur mit der äussersten Mühe und
selbst dann nicht vollständig ablösen lassen, was die
Untersuchung über den Verlauf der Nerven am Grunde
des Basalgliedes sehr erschwert. Diejenigen Muskeln,
w^elche die Bewegung des Basalgliedes zu bewerkstelli-
gen haben, sind an der Verdickungsieiste befestigt, welche
an diesen Stellen mit besonderen Vorsprüngen in das
Basalglied hineinragt, jedenfalls um den Muskeln einen
grösseren Stützpunkt zu gewähren (Fig. 6 u. 8.)
Den Muskeln an Masse nachstehend, aber für die
Spinne von hoher Bedeutung, findet sich theilweise im
Cephalotliorax, theilweise im Basalgliede des Oberkiefers
eine Drüse, welche mit einer halb durchsichtigen gelb-
lichen Flüssigkeit angefüllt ist (Giftdrüse, Giftsäckchen;
letzteren Namen verdient dieses Organ indess nicht in
allen Fällen). Diese Drüse hat eine längliche Gestalt;
an ihrem vorderen, der Spitze des Basalgliedes zugekehr-
ten Ende verengt sie sich zu einem schmalen Ausführungs-
kanal. Bei den meisten Arten geht dieser Kanal sjmme-
Ueber d. Bau u. d, Funktion d. Oberkiefer b. d. Spinnen. 101
trisch von der Driise aus; bei anderen nicht (Fig. 11>
a, b, c). Die Haut der Drüse ist sehr fein und zart und
erscheint auf ihrer Innenseite nflt feinen Wärzchen be-
setzt^ die wahrscheinlich die Flüssigkeit ausscheiden. In
den meisten Fällen strotzt die Drüse von dieser Flüssig-
keit; dieselbe mischt sich mit Wasser nicht augenblick-
lich. Wenigstens beobachtete ich bei mehreren durch
Zerquetschen des Cephalothorax getödteten Exemplaren
vonTeg. dorn., dass der Inhalt der Drüse in Gestalt kleiner,
klarer Kugel chen mit grosser Geschwindigkeit ausströmte.
Diese Kügelchen waren noch längere Zeit in dem auf
dem Objektglas befindlichen Wasser gesondert zu sehen.
In anderen Fällen quoll der Inhalt als eine gelbgraue,
breiige Masse hervor, Alkohol lässt die Flüssigkeit ge-
rinnen; bei den in Spiritus getödteten und längere Zeit
aufbewahrten Exemplaren ist die Drüse mit einer gelb-
lichen^ bröckeligen Masse angefüllt und hat ihren Turgor
gänzlich verloren.
Bei den meisten Arten ist die zarte Haut der Drüse
von starken, parallel verlaufenden Bändern umgeben, die
dicht neben einander liegen und nur geringen Zusammen-
hang unter einander haben. Bei einigen Arten (Sparassus)
verlaufen sie fast rechtwinkelig zur Längsrichtung der
Drüse, so dass dasselbe Band mehrere Mal um dieselbe
gewunden ist; gerade die entgegengesetzte Erscheinung
zeigt Eucharia, bei der sie fast in der Längsrichtung ver-
laufen. Da die Drüse eine mehr oder weniger cylin-
drische Gestalt hat, so kreuzen die auf der einen Seite
befindlichen Theile der Bänder mit denen der entgegen-
gesetzten Seite ihre Richtung, wodurch es den Anschein
gewinnt, als sei die Drüse von einem Bandgeflecht um-
geben.
Bei Oletera, den Dysderiden und einem Theil der
Thomisiden vermisste ich diese Bänder ganz ; bei den
übrigen Familien sind sie recht deutlich.
Der Ausführungskanal senkt sich in die Kralle, die
inwendig hohl ist, ein, nachdem er nicht den geraden
Weg durch das Basalglied genommen, sondern sich viel-
fach hin und her gewunden hat, wodurch seine Länge
102 B e r t k a u :
die des Basalgliedes meist übertrifft, trotzdem die Drüse
selbst mit einem Theil noch in dasselbe hineinragt. Seine
Breite ist im ganzen Verlauf ungefähr dieselbe; nur an
der Spitze, dicht vor der Kralle, schwillt er etwas an.
Dazu beobachtete ich bei Amaurobius ferox feine Ver-
ästelungen, die sich indessen vor dem Eintritt in die
Kralle wieder mit dem Hauptstamm vereinigten. In der
Kralle schmiegt er sich so innig an die innere Wand an,
dass es mir nur bei grösseren Arten gelang, ihn durch
Zerdrücken der Kralle zu Gesicht zu bekommen. Er
mündet an der Spitze der Kralle aussen an der konvexen
Seite in einer langen, schmalen Spalte. Leunis gibt an,
diese Spalte befinde sich unter der Spitze, was doch
nur heissen kann, an der konkaven Seite; alle Arten, die
ich auf diesen Punkt hin untersucht habe, überzeugten
mich vom Gegentheil.
Die Nerven erhalten die Oberkiefer von dem Supra-
oesophagealganglion ; genauere Mittheilungen über ihren
Verlauf werde ich, so weit es mir möglich ist, weiter
unten machen.
€. Yerschicdenheiten nach Familien, (iattungen und Arten.
Schon in der obigen allgemeinen Besprechung des
Baues der Oberkiefer mussten Unterschiede nach Gattun-
gen und Arten hervorgehoben werden, weil eben ausser
der Zweigliederigkeit und einigen anderen ganz allge-
meinen Eigenschaften die verschiedenen Arten Abweichun-
gen von einander zeigen. Bei der speciellen Frage nach
diesen Verschiedenheiten richtete ich mein Hauptaugen-
merk darauf, ob dieselben nicht so fasslich auszudrücken
und so leicht wieder zu erkennen seien, dass sich darauf
eine Eintheilung begründen Hesse. Indem ich diese Frage
einer gründlichen Erwägung unterzog, konnte ich mir
nicht verhehlen, dass es wünschenswerth sei, wenn die
auf den Bau der Oberkiefer begründete Eintheilung in
Familien mit der bereits nach anderen Merkmalen ge-
machten zusammenfiele, da sich mir bei einer eingehen-
deren Betrachtung die Natürlichkeit der bisherigen Fa-
lieber d. Bau ii. d. Funktion d. Oberkiefer b. d. Spinnen. 103
raillen (mit Ausnahme der Dysderiden etwa) immer mehr
herausstellte. Ich war daher bestrebt, unter dem Arten-
komplex, der eine bestimmte Familie bildet, sowohl ge-
meinsame wie ausschliessende Kennzeichen aufzufinden.
Das Kesultat meiner hierhin zielenden Bemühungen folgt
unten, bei der Charakteristik der einzelnen Familien. Es
sei indessen schon gleich hier bemerkt, dass die aufgefun-
denen Unterschiede kleinlicher Natur und oft erst mit dem
Mikroskop oder durch Anatomie zu erkennen sind. Da
ich ausserdem nur über beschränktes Material verfügen
konnte, so nehme ich dabei an, dass die von mir nicht
untersuchten Angehörigen einer Familie dieselben Cha-
raktere tragen.
Familie I.^ Mygalides. ßasalglied ganz wagerecht;
die Kralle bewegt sich auf der Unterseite des Basalglie-
des in der Längsrichtung des Körpers senkrecht zur
Erde (schlägt sich abwärts ein); gezähnt.
1. Oletera picea (?). Die beiden Basalglieder eng anein-
ander gedrückt und an der Berührungsfläche ganz platt; die
Aussenseite bogig gekrümmt ; die untere Seite keilförmig.
An der Basis, so weit sie im Kopfestecken, eingeschnürt;
ausserhalb desselben auf der oberen Seite stark hervor-
gewölbt; Behaarung spärlich; Wimperhaare vorhanden.
Ein eigentlicher Falzrand fehlt, indem die keilartige untere
Seite eine Reihe von 7 — 13 Zähnchen trägt, auf deren
Spitze sich die Kralle legt. Diese so lang wie das Ba-
salglied, aus kurzer gerader Basis plötzlich dünner wer-
dend und rechtwinkelig abgebogen. Die Giftdrüse ist
ohne Geflecht; ganz an der Spitze des Basalgliedes, fast
in der Kralle steckend und sehr klein. Anmerk. Ich
bin nicht ganz sicher, ob die mir vorliegende Spinne die
benannte Art ist; die von C. W. Hahn (Tab. XXXI.
Fig. 88) gegebene Abbildung und die etwas kurz gefasste
Beschreibung (V. I. p. 117) stimmen leidlich; weniger
die Angaben über ihr Vorkommen. Ich fand sie vor-
züglich in Kiefernwäldern, auch auf Haiden, wo sie V2 — V*'
lange Schläuche spinnt, die zum grössten Theil in der
Erde stecken und nur wenig über den Boden hervorragen.
Oft mündet ein solcher Schlauch neben oder unter einem
104 Bertkau: -
Stein; in Kiefernwäldern waren sie immer am Stamme
eines solchen Baumes angelegt und zwischen dessen Wur-
zeln geschlungen. Diese Spinne scheint ein Nachtthier
zu sein, da die meisten Schläuche, die ich bei Tage aus-
grub, ihren Insassen im Grunde hatten ; nur wenfge, die
auch Spuren von Verletzungen zeigten, waren ohne Be-
wohner. In einem fand ich einen todten, halb ausgeso-
genen Regenwurm. In der Umgebung von Bonn ist
diese Spinne sehr häufig; so fand ich an einem Nachmit-
tage auf einem etw^a 50 D' grossen Stück Kiefernwal-
des am östlichen Abhang des Venusberges sieben Stück,
Hahn giebt an, dass sie ,,in Deutschland, der Schweiz,
Italien und Frankreich in Kellern und anderen dunkelen,
feuchten Orten, unter Steinen, aber überall sehr sel-
ten^ vorkomme. Alles, was früher von Oletera ausge-
sagt worden ist, bezieht sich auf diese Art.
Familie II. Dysderides. Basalglied in der Ruhe
senkrecht oder schief gegen die Erde; die Kralle bewegt
sich quer zur Längsrichtung des Körpers) schlägt sich
nach innen ein) ; Basalfleck fehlt, ebenso die Sägezähne
an der Kralle; die Wimperhaare sind entweder vorhan-
den oder fehlen; die Giftdrüse ist ohne Geflecht (oder
vielleicht ganz fehlend, s. Scytodes).
1. Dysdera erythrina. Basalglied fast wagerecht
zur Erde; kegelförmig gestaltet; die Haut grob gekörnelt
und roth gefärbt. Es ist nur ein unterer Falzrand mit
Wimperhaaren und drei Zähnchen vorhanden. Die Kralle
ist lang und schw^ach gewölbt. Giftdrüse lang gestreckt,
ohne Geflecht und von zahlreichen feinen Ausläufern des
dieser Gattung in hohem Grade eigenthümlichen Tra-
cheensystems fast eingehüllt.
D. rubicunda. Basalglied plötzlich abgesetzt ver
schmälert, Falzrand mit zwei Zähnchen ; Giftdrüse wie
bei D. erythr.
2. Segestria ßavarica. Basalglied senkrecht zur
Erde; glänzend schwarz und w^enig behaart. Am oberen
Falzrande befinden sich die Wiraperhaare und drei Zähn-
chen, am unteren zwei Zähnchen; Giftdrüse ohne Ge-
flecht.
Ueber d. Bau u. d. Funktion d. Oberkiefer bei d. Spinnen. 105
S. senocnlata^ wie S. Bavarica, nur in allen Theilen
kleiner.
3. Scytodes thoracica, Basalglied schräg gegen den
Boden, ohne Wirnperhaarc Das Basalstiick der Kralle
unförmlich dick. Statt weiterer Beschreibung verweise
ich auf die Abbildung (Fig. 13). Giftdrüse? Bei zwei
Exemplaren fand ich keine solche, bei dem dritten ent-
deckte ich im Cephalothorax eine birnförmige Blase, die
wohl die Giftdrüse hätte sein können. Sie war ohne Ge-
flecht, allmählich verschmälert, der Ausführungsgang war
abgerissen. Das Fehlen der Wimperhaare macht die
systematische Stellung dieser Spinne unter den Dvsderi-
den, mit denen sie nur die sechs Augen gemeinsam hat,
bedenklich.
Fam. III. Drassides. Die Kralle schlägt sich nach
innen ein. Basalfleck und Wimperhaare sehr deutlich
ausgeprägt; die Kralle mit Sägezähnen; die Giftdrüse
mit deutlichem Geflecht.
Von dieser Familie sind mir die Oberkiefer der
meisten Arten durch das Werk : Die Arachniden-Familio
der Drassiden, Dr. L. Koch, bekannt geworden. Alle
Arten, die ich gefunden und mit der Koch'schen Be-
schreibung verglichen habe, liessen mich durchaus das-
selbe sehen; den Basalfleck erwähnt Koch nicht (s. übri-
gens bei Cheiracanthium nutrix); die Wimperhaare nennt
er durchweg Borsten, was sie durchaus nicht sind. Leider
sind mir von den beiden Gattungen, die auf den Bau
der Mandibeln gegründet sind, keine Repräsentanten zu
Gesicht gekommen.
1. Pythonissa. Der untere Klauenfalzrand trägt eine
breite Platte, deren unterer Rand eine Reihe kurzer Zähn-
chen zeigt, während die beiden Winkel in zahnartige
Ecken vorgezogen erscheinen. ^^Nur bei P. nocturna ist
an Stelle dieser Platte ein grosser, breiter Zahn" (L.
Koch p. 6).
P. lucifuga. Basalglied stark knieartig gewölbt;
der obere Falzrand mit einem kräftigen Zähnchen.
P. muscorum. Der obere Rand trägt dicht beisam-
men zwei kurze Zähnchen.
106 Bertkau:
P. tricolor. Der obere Rand trägt drei Zähnchen,
von denen das mittlere am stärksten ist.
P. exornata. Das der Gattung eigenthümliche ge-
zahnte Plättchen ist wenig entwickelt.
P. nocturna. Am unteren Rande steht statt der der
Gattung eigenthümlichen Platte ein grosser Zahn. Koch
bemerkt zu dieser Art fp. 38) : ^Westring zieht diese
Art zu Melanophora, wohin sie sicher nicht gehört, denn
sie hat die eigenthümliche Bildung des hinteren Falz-
randes der Mandibeln, wenn auch in aussergewöhnlicher
Form." Ich kann hierüber nicht urtheilcn, da ich weder
diese Art^ noch eine Pythonissa überhaupt zu sehen Ge-
legenheit hatte; doch halte ich es für einen Fehler, dass
Koch in der analytischen Tabelle zur üebersicht der
Gattungen (p. 2) zu dem Charakteristikum von Pytho-
nissa: .,An dem hinteren Falzrand der Mandibeln eine
gezahnte Platte" nicht den einen Zahn von P. nocturna
als Ausnahmefall hinzugefügt hat. So hat er sich das
Recht, diese Art zu Pythonissa zu ziehen, vergeben.
2. PhruroliUius. Das Basalglicd hat vorn an der
Wölbung einen gerade vorwärts gerichteten Stachel.
Ph. Romanus. Basalglied von dem Grunde bis zum
letzten Drittel schwarz, dann gelb.
Ph. minimus. Basalglied gelb und schwarz ge-
fleckt; Stachel gebogen.
Ph. festivus. Basalglied blass gelb, schv^arz ange-
laufen und stark gewölbt; an der höchsten Stelle der
Wölbung der gerade vorwärts gerichtete Stachel.
3. Micaria cincta. Am oberen Rand drei kleine, am
unteren ein Zähnchen.
M. Albini. Der obere Rand mit einem kurzen, brei-
ten, der untere mit einem kleinen Zähnchen.
M. formicaria. Basalglied am Grunde mit Schup-
pen besetzt.
M. fulgens. Das ganze Basalglied dicht mit feurig
schillernden Schuppen bekleidet.
4. Drassus rubrens. Der obere Falzrand trägt drei,
der untere ein. Zähnchen.
D. viator. Beide Falzränder sind ohne Zähnchen.
lieber d. Bau u. d. Funktion d. Oberkiefer bei d. Spinnen. 107
ü. fiiscus. Am oberen Falzrand drei, am unteren
zwei kurze Zähnchen.
D. hispanus. Der obere Rand hat gar kein, der
untere drei starke Zähnchen.
D. scutulatus. Am oberen zwei, am unteren ein
Zähnchen.
D. braccatus. Beide Falzränder sind ohne Zähnchen.
Der obere bildet eine rechtwinkelige Ecke.
D. severus. Der obere Rand trägt drei, der untere
zwei kräftige Zähnchen.
D. pubescens. Am oberen befinden sich zwei derbe,
kurze und ein kleines ; am unteren zv/ei sehr kleine
Zähnchen.
D. lapidicola. Oben 4 — 5, unten zwei ganz kleine
Zähnchen.
D. mandibularis. Basalglied am Grunde mit zwei
kurzen, g^g^n einander gerichteten Ecken ; der obere
Falzrand mit drei kräftigen, der untere mit einem kleinen
Zähnchen.
D. villosus. Der obere Rand trägt zwei Zähnchen,
von denen das erste klein, das zweite sehr stark Ist;
unten zwei kurze.
5. Melanophora Caucasica. Am oberen Falzrand be-
finden sich fünf Zähnchen ; vier kurze, gleich lange, und
ein längeres.
M. longinqua. Der untere Rand mit vier kurzen
Zähnchen.
M. praefica. Oben drei Zähnchen.
M. violacea. Der obere Rand hat zwei Zähnchen,
das vorderste sehr stark ; der untere ebenfalls zwei, von
denen das oberste klein, das unterste grösser ist.
Koch giebt von dieser Art die Zahl der Zähnchen
nicht an, und ich bin zweifelhaft, ob die nach einem
Exemplar gemachte Angabe die richtigen Zahlenverhält-
nisse trifft. Mein Exemplar hatte nämlich an allen vier
Fusspaaren zwei Klauen, die eine normal am Ende, die
andere seitwärts, ungefähr in der Hälfte des letzten Tar-
sengliedes. Die Taster hatten dagegen nur eine Kralle,
Es wäre möglich, dass die Anomalie sich auch auf die
108 Bertkau:
Oberkiefer ausgedehnt hätte^ obwohl sie sonst nicht ab-
norm aussahen.
M. oblonga. Oben fünf^ unten zwei Zähnchen.
M. petrensis. Der obere Rand hat 4 — 5 stärkere,
der untere drei kurze Zähnchen.
M. barbata. Der obere Rand ohne, der untere mit
vier sehr kleinen Zähnchen.
M. subterranea. Oben drei, unten zwei Zähnchen^
M. Argoliensis. Oben drei, unten ein Zähnchen.
M. atra. Der obere Rand hat vier Zähnchen, von
denen die beiden mittleren kräftig, die beiden seitlichen
klein sind; der untere zwei ganz kleine Zähnchen.
M. scrotina. Oben drei lange, unten ein sehr kleines
Zähnchen.
M. spadix. ZahlenverhäUnisse wie bei voriger; die
des oberen Randes nicht grösser als das des unteren.
6. Anyphaena bogotensis. Am oberen Falzrande
befinden sich sechs, am unteren fünf Zähnchen.
A. tenuis. Der obere Rand trägt vier Zähnchen,
von denen das zweite grösser, ist als die übrigen ; der
untere 7 — 8 fast gleich lange kurze Zähnchen.
A. sericea. Oben fünf, unten vier kleine Zähnchen.
7. Cheiracanthium auricomum. Am oberen Rande
fünf, am unteren 6 Zähnchen.
Ch. tenuissimum. Der obere Rand trägt zwei kleine,
der untere einen sehr kräftigen, vorwärts gerichteten Zahn.
Ch. tropicum. Oben drei Zähnchen, das mittelste
am stärksten ; unten vier, von denen das letzte sehr klein ist.
Ch. pelasgicum. Der untere Rand mit 7 — 8 gleich
langen Zähnchen; Kralle lang, sensenförmig gekrümmt.
Ch. edentulum. Beide Ränder sind scharf, doch ohne
Zähnchen.
Ch. nutrix. Oben drei, unten vier gleich lange
Zähnchen.
L. Koch giebt (p. 250) „am Aussenrande (des Ba-
salgliedes) oben ein leichter Eindruck vorhanden" an;
derselbe kommt vom ßasalfleck her, an dessen Spitze
>die übrige Haut eben eingedrückt ist.
Ch. carnifex. Beide Ränder sind ohne Zähnchen.
lieber d. Bau u. d. Funktion d. Oberkiefer b. d. Spinnen, 109
Ch. mordax. Obere Rand ohne, untere mit drei
Zälmchen.
Ch. insulare. Am oberen Falzrande befinden sich
drei, am unteren zwei Zähnchen.
8. Hypsinotus Capito. An der Unterseite des Basal»
gliedes befinden sich drei Stacheln : der erste (der Kralle
am nächsten) nach vorn, der zweite nach unten gerichtet,
beide gleich gross; der dritte sehr klein. An der Innen-
seite am Grunde befindet sich ein vierter kleiner Stachel.
H. raptor. Der obere Falzrand hat drei sehr kräf-
tige, aber kurze, der untere vier Zähnchen.
H. bellator. xVm oberen Falzrand stehen drei Zähn-
chen, von diesen das mittlere am längsten; am unteren sechs.
H. maculatus. Oben drei, unten vier Zähnchen.
H. macer. Der obere Rand mit drei, der untere
mit fünf Zähnchen.
9. Clubiona erratica. ßasalglied kurz, stark ge-
wölbt, rothbraun gefärbt; der obere Rand trägt fünf, der
untere vier Zähnchen, von denen je öie zwei obersten
die stärksten sind.
Cl. holosericea. Basalglied kräftig und lang; beide
Falzränder mit je vier Zähnchen.
Cl. pallidula. ßasalglied vom Grunde bis zur Mitte
hervorgewölbt, dann senkrecht abfallend. Am oberen
Falzrand stehen fünf, am unteren vier Zähnchen.
Cl. Phragmitis. Oben fünf, unten drei Zähnchen.
Cl. terrestris. Vom Kopfrande senkrecht abfallend;
auf der Vorderseite zieht sich, etwas unter der halben
Länge ansetzend, eine Kante bis zur Spitze hinab.
Cl. caerulescens. Basalglied vom Grunde an stark
über den Kopfrand gewölbt, ohne Kante auf der Vorder-
seite. Der obere Falzrand ist mit zwei Zähnchen besetzt.
Fam. IV. Agelenides. Die Kralle hat Sägezähne,
schlägt sich nach innen ein. Basalfleck und Wimperhaare
sind vorhanden; Giftdrüse mit Geflecht.
1. Philoica doraestica. Der obere Falzrand trägt
vier Zähnchen, von denen das mittelste am stärksten ist;
der untere 8 — 10; oft hat der untere des einen Kiefers
mehr als der des anderen.
1]0 Bertkau:
2. Tegenarla domestica. Am oberen Falzrand vier
Zähnchen, von denen das letzte sehr klein; am unteren
vier oder fünf; manchmal an beiden Kiefern desselben
In'iividuums verschieden.
T. civilis. Beiderseits drei Zähnchen.
3. Agelena labyrinthica. An beiden Rändern drei
Zähnchen.
4. Amaurobius. Sämmtliche vier Arten^ die ich ge-
sehen, hatten knieartig hervorgewölbte Mandibeln, die
mit dem vorderen Kopfrande einen rechten Winkel bilden.
A. clanstrarius. Basalglied glänzend schv^arz; am
oberen Falzrand vier, am unteren drei Zähnchen ; Kralle
kurz, aber kräftig ; im ersten Drittel schwarz, dann hellroth.
A. atrox, A. ferox wie A. claustrarius.^
A. terrestris. Am oberen P^alzrand stehen drei
starke, am unteren drei schwächere Zähnchen, sonst wie
A. claustrarius.
Famil. V. Theridides. Die gezähnelte Kralle schlägt
sich einwärts ein ; Wimperhaare fehlen, Basalfleck in der
eigenthümlichen Gestalt ebenfalls; Giftdrüse mit Geflecht.
1. Meta. An der Stelle, wo sonst der Basalfleck
ist, befindet sich ein flacher Eindruck in der Wölbung
des Basalgliedes.
Meta Merianae. Der obere Falzrand trägt drei,
gleich grosse, der untere vier Zähnchen, von denen das
zweite sehr klein ist.
2. Theridium. Vom Basalfleck iiess sich keine Spur
auffinden; der obere Rand des Basalgliedes ist in eine lange
Spitze vorgezogen; die beiderseitigen Kiefer nur wenig
mit einander verwachsen.
T. reticulatum. Oben drei, unten zwei Zähnchen.
T. lunatum, wie die vorhergehende.
T. varians, oben drei, unten fünf in einer Linie ste-
hende Zähnchen.
3. Latrodectus giittatus. Beide Falaränder ohne
Zähnchen.
4. Eucharia. ßasalglied an der Spitze fast recht-
winkelig abgeschnitten. Obere Rand des Basalgliedes in
eine lange Spitze ausgezogen ; kein Basalfleck.
lieber d. Bau u. d. B'unktion d. Oberkiefer bei d. Spmiien. 111
Eucharla bipimctata und castanea. Oben und unten
je ein Zähnchen.
Famil. VI. Epeirldes. Die stark gezähnelte Kralle
schlägt sich nach innen ein; keine Wimperhaare; Üasal-
fleck vorhanden; Giftdrüse mit Geflecht.
1. Singa conica. Oben drei, unten kein Zähnchen.
2. Epeira umbratica. ßasalglied schwarz gefärbt,
stark gewölbt; der Basalfleck erscheint in Gestalt einer
durchscheinend roth gefärbten leistenartigen Erhöhung,
die sich ungefähr bis zur Mitte der ganzen Länge des
Basalgliedes hinzieht und nach oben sanft, nach unten
steil abfällt. Am oberen Falzrande stehen vier^ am un-
teren drei Zähnchen.
E. patagiata ; weniger gewölbt ; sonst wie E. umbratica.
E. bicornis. Basalfleck in der eigentlich normalen
Gestalt vorhanden; durch seine gelbe Farbe vor dem
dunkelen Theil leicht bemerkbar. Zahl der Zähnchen
wie die vorhergehenden.
E. angulata; wie E. bicornis.
3. Miranda cucurbitina. Basalfleck deutlich vorhan-
den ; von seiner Spitze zieht sich eine bis zur Mitte des
Basalgliedes reichende Furche. Der obere Falzrand trägt
vier Zähnchen, von denen das erste und dritte stärker
ist als die übrigen; der untere drei gleich grosse.
4. Tetragnatha. Basalfleck deutlich vorhanden, Kralle
flach gedrückt.
T. epeirides. 9 und J" hinsichtlich der Mandibeln
gleich. Basalglied halb so lang wie der Cephalothorax,
nach dem Ende zu keulenförmig verdickt. Beide Falz-
ränder mit je sechs Zähnchen, die allmählich kleiner
werden. Kralle stark gekrümmt; im ersten Drittel dun-
kelbraun, dann hellgelb; sonst ohne Auszeichnung.
T. extensa cT. ßasalglied so lang wie der Cepha-
lothorax; nach vorn wenig verdickt, sehr divergirend.
Vor seinem Ende oben ein nach vorn gerichteter, gabelig
getheilter Zapfen. Der obere Falzrand trägt acht Zähn-
chen; das zweite sehr stark; der untere 8 — 9. Kralle
erreicht zwei Drittel der Länge des Basalgliedes und
ist stark bogig gekrümmt.
112 Bertkaui
$. Im Allgemeinen wie ^T- E)^^' Zapfen vor der
Spitze des Basalgliedes fehlt. Zahl der Zähnchen am
oberen Falzrande 6 — 8, das zweite nicht grösser als das
erste und dritte. Die Kralle Anfangs gerade^ dann recht-
winkelig gebogen ; aussen an der Ecke ein stumpfer
Höcker; Endstück fast ganz gerade; in der ersten Hälfte
verdickt, dann dünner werdend und sägeartig gezähnt.
T. striata ^. ^ Basalglied fast birnförmig, d. h. aus
kurzer, dünner Basis plötzlich verdickt; am vorderen Ende
oben ein kurzer, gerade vorwärts gerichteter Stachel;
untei' den Zähnchen des oberen Falzrandes kein beson-
ders vergrössertes. Die Endkralle unten mit zwei kno-
tigen Anschwellungen." (L. Koch. Zur Arachniden-
gattung Tetragnatha Walck. Correspondenzblatt des zool.
mineral. Vereins zu Regensburg XVI. p. 79. 80).
Farn. VII. Thomisides. Die meist ungezähnte Kralle
schlägt sich nach innen ein; ßasalglied immer senkrecht
gegen die Erde, ßasalfleck und Wimperhaare vorhanden;
Giftdrüse mit oder ohne Geflecht.
1. Sparassus virescens. Basalglied walzenförmig;
der obere Falzrand trägt zwei, der untere fünf Zähnchen,
von denen die drei letzten sehr klein sind. Die Kralle
kurz, aber kräftig; flach gedrückt und stark gekrümmt,
schwach gesägt. Giftdrüse mit Geflecht.
2. Thanatus trilineatus. Der obere Falzrand ohne,
der untere mit drei Zähncben ; die Kralle wie bei Sp.
vir. ; Giftdrüse ebenfalls.
3. Xysticus. Giftdrüse ohne Geflecht, die sehr kurze
Kralle ungesagt. Falzrand ohne Zähnchen.
X. viaticus, mordax und horridus, alle gleichmässig
den Gattungscharakter tragend; unter einander nicht
verschieden.
4. Thomisus calycinus. Giftdrüse ohne Geflecht,
keine Zähnchen am Falzrande. Kralle ohne Sägezähne.
Th. globosus ebenso.
5. Artamus. Giftdrüse mit Geflecht.
A. griseus. Der obere Falzrand trägt ein Zähnchen;
der untere keins.
Ueber d. Bau u. d. Funktion d. Oberkiefer bei d. Spinnen. 113
A. laevipes. Am oberen Falzrand ein, ain unteren
kein Zähnchen.
Fam. VIII. Lycosides. Die schwach gezähnelte
Kralle schlägt sich einwärts ein; Basalfleck und Wimper-
haare vorhanden; Giftdrüse mit Geflecht.
1. Ocyale rufofasciata. Basalglied walzenförmig ; am
oberen Falzrand stehen drei, am unteren vier Zähnchen.
2. Lycosa ruricola. Basalglied vorn stark gewölbt,
zottig behaart. Am oberen Falzrand ein, am unteren
zwei Zähnchen.
Fam. IX. Attides. Basalfleck , Wimperhaare und
Sägezähne an der Kralle fehlen. Giftdrüse mit Geflecht;
Ausführungskanal unsymmetrisch an einer Seite.
1. Marpissa. Mandibeln bei beiden Geschlechtern
gleich.
M. muscosa. ßasalglied kürzer als der Cephalothorax;
der obere Falzrand trägt zwei schwache, der untere ein
starkes Zähnchen.
2. Heliophanus. Mandibeln bei beiden Geschlech-
tern gleich.
H. chalibeus. Der obere und untere Falzrand mit je
einem kräftigen Zähnchen.
3. Pyrophorus ^. Basalglied so lang als der übrige
Körper, wagerecht ausgestreckt.
P. semirufus. An der Innenseite des Basalgliedes
stehen sechs spitze Zähnchen; die des rechten greifen in
die Lücken des linken. Kralle so lang wie das Basal-
glied. Ein $ ist mir nicht zu Gesicht gekommen.
4. Calliethera. Mandibeln bei beiden Geschlechtern
ungleich: ßasalglied des cT so lang wie der ganze übrige
Körper , fast wagerecht abstehend ; die Kralle so lang
wie das Basalglied. Mandibeln des $ wie bei Marpissa.
C. scenica d^. Der obere'Falzrand trägt ein, der un-
tere zwei Zähnchen, das zweite des unteren befindet sich
fast am Grunde und ist sehr klein. Die Kralle so lang
wie das Basalglied, grösstentheils schwarz ; nahe vor der
Spitze plötzlich verdünnt und stärker gebogen, hell durch-
scheinend roth.
Ich habe hier eine grössere Zahl von Arten aufge-
Archiv für Naturg. XXXVI. Jahr^. 1. Bd. 8
114
B ertkau;
führt und deren Oberkiefer mehr oder weniger genau
beschrieben. Aus den Beschreibungen geht deuth'ch her-
vor, dass ausser den Mygaliden keine Familie auf den
ersten Blick an den Mandibeln zu erkennen, dass viel-
mehr eine genauere, mikroskopische Betrachtung dersel-
ben erforderlich ist. Trotz aller Mühe konnte ich zwi~
sehen den vier Familien : Drassiden, Ageleniden, Thomi-
siden und Lycosiden keine specifischen, durchgreifenden
Unterschiede auffinden ; die Wimperhaare sind bei den
Thomisiden sehr kurz und in geringer Zahl vorhanden.
Zur leichteren üebersicht des gewonnenen Resultats lasse
ich hier eine Zusammenstellung der verschiedenen Fa-
milien folgen.
Die Ki-alJe schlägt sich^ abwärts ein . . .
f Kralle mit Sägezähnen . . .
I. Mygalides.
V. Theridides.
OS fl
1|
Giftdrüse ohne Geflecht
I3 ticl Giftdrüse mit Geflecht
W«^
IL Dysderides.
IX. Attides.
Wimperhaare fehlen VI. Epeirides.
nil. Drassides.
jlV. Agelenides.
■ ' |VII. Thomisides.
(^VIII. Lycosides.
w -S ^ Wimperhaare vorhanden
Ich wiederhole noch einmal, dass Scytodes nicht
nur dem Bau der Oberkiefer nach (hauptsächlich durch
das Fehlen der Wimperhaare), sondern auch in anderen
Verhältnissen so sehr von den übrigen Dysderiden ab-
weicht, dass man ohne Zweifel eine neue Familie aus
dieser und einigen verwandten Gattungen, (die mir nicht
aus eigener Anschauung, sondern durch Hentz's Descr.
of the Aran. of thc Un. Stat., Bost. Journ. of Nat. Hist.
Vol. IV — VI bekannt geworden sind) , gebildet haben
würde, wenn nicht dadurch die ohnehin an Gattungen
und Arten arme Familie der Dysderiden noch mehr be-
einträchtigt worden wäre und die neu zu bildende Fa-
milie an demselben Mangel gelitten haben würde. Die-
ses ist wohl der einzige Grund, weshalb man nicht eine
Spaltung der Dysderiden vorgenommen hat.
üeber d. Bau ii. d. Funktion d. Oberkiefer bei d. Spinnen. 115
Dagegen kann mit Fug und Recht die Frage auf-
geworfen werden, ob nicht die Gattungen Sparassus
und Thanatus besser den Lycosiden eingereiht würden.
Der bei den Dysderiden einer Theilung entgegenstehende
Grund hat hier keine Geltung, und für eine solche Ver-
änderung sprechen die Sägezäbne an der Kralle, die un-
ter den Thomisiden nur die beiden genannten Gattungen,
aber alle Lycosiden ^) haben. Auch entfernt sie von den
Thomisiden das lange, w^alzenförmige Basalglied, die
grössere Zahl der Zähnchen am Falzrande (während nur
Artaraus ein Zähnchen hat) und der langgestreckte, cylin-
drische Hinterleib , der bei den typischen Thomisiden
eine melir in die Breite als in die Länge gehende Aus-
dehnung hat, was ihnen ja auch den Namen „Krabben-
spinnen" eingetragen hat.
Mit den Thomisiden haben sie nur den unter Um-
ständen seitwärts gerichteten Gang gemeinsam (Lateri-
gradae L;ttr.). Doch ist zu bemerken, dass sich in der
Beziehung die bei den Lycosiden unweigerlich stehende
Gattung Ocyale durchaus gleich verhält. Daher, glaube
ich, verdient diese Frage wohl eine Berücksichtigung;
mir scheinen Sparassus und Thanatus am zweckmässig-
sten in der Nähe von Ocyale untergebracht werden zu
können. Hat man sich zu diesem Wechsel entschlossen,
so würde das Fehlen der Sägezähne an der Kralle die
Thomisiden vor den drei übrigen Familien: Drassiden,
Ageleniden und Lycosiden auszeichnen.
Die beste Verwendung finden die Oberkiefer in
systematischer Hinsicht aber bei der Feststellung von Gat-
tungen und Arten. Namentlich in der letzten Beziehung
liefern sie in der Zahl und verhältnissmässigen Grösse
der Zähnchen leicht erkennbare und im Allgemeinen auch
sichere Merkmale. Somit stellt sich eine interessante
1) Es sei hier bemerkt, dass ich von den Lycosiden eine weit
grössere Anzahl als die beiden namhaft gemachten Arten untersucht
und darnach den Familiencharakter aufgestellt habe. Da mir in-
dess ihre Artbestimmung nicht gelingen wollte, so konnten sie nicht
namentlich aufgeführt werden.
116 Bertkau:
Wechselbeziehung zwischen den Oberkiefern und Fuss-
klauen heraus^ welche letztere sich zur Aufstellung und
Umgrenzung von Familien als sehr brauchbar bew^ährt
haben, dagegen schlechte Gattungs- und gar keine Art-
charaktere liefern.
^ D. Funktion der Oberkiefer.
Die Spinnen bedienen sich der Oberkiefer zum
Tödten ihrer Beute, die hauptsächlich in Insekten be-
steht, indem sie die Kralle in den Leib ihrer Opfer ein-
schlagen. Doch liegt die Hauptwirkung des Bisses nicht
in der mechanischen Verletzung, sondern in dem Gifte,
welches beim Biss durch die an der Spitze der Kralle
befindliche Spalte ausströmt. Die Wirksamkeit des Giftes
ist bei den verschiedenen Arten verschieden; wie zu er-
warten, sind die tropischen weit gefährlicher, als die
in gemässigten Klimaten lebenden. Wohl die wenig-
sten Arten sind auf die Wirkung ihres Giftes hin genau
beobachtet und bekannt, und die wenigen über diesen
Gegenstand gemachten Mittheilungen widersprechen ein-
ander zum Theil, so dass ein sicheres Resultat noch nicht
gewonnen ist. In folgenden Zeilen sind einige Beob-
achtungen über die Wirkung des Spinnenbisses im Aus-
zuge mitgetheilt; dieselben sind hauptsächlich an tropi-
schen Arten, namentlich aus der Gattung Mjgaie, angestellt.
Doleschall beobachtete eine M. Javanica, die er
einem ausgewachsenen Reisvogel in den Käfig setzte. Fast
augenblicklich sprang die Spinne auf ihn zu, umfasste ihn
mit den Füssen und schlug ihre Gifthaken tief in der
Nähe der Wirbelsäule ein; der Vogel starb innerhab
30 Sek. unter tetanischen Erscheinungen. Bei der Sektion
fanden sich die Herzkammern leer, die Atria mit coagu-
lirtem Blut gefüllt, ausserdem Hyperämie der Muskeln
und des Rückenmarks. (Natuurk. Tijdschr. vor Nederl.
Indie, XII. p. 507 ff.).
In derselben Zeitschrift veröffentlichte Ludeking
Beobachtungen über die Wirkung des Bisses von M.
Sumatrensis. 36 Stunden, nachdem sie gefangen worden
war, setzte er ihr einen kleinen Vogel in den Behälter;
Ueber d. Bau u, d. Funktion d. Oberkiefer bei d. Spinnen. 117
sie sprang' anf denselben los und bfss ihn. Eine Sekunde
darauf zuckte der Vogel zusammen^ fiel auf die linke
Seite, bekam die heftigsten Anfälle und war nach 8 Sek.
todt. Darauf Hess er die Spinne 10 Tage fasten und
brachte dann ein 16 — 18 Tage altes Küchlein zu ihr; sie
biss dasselbe in ein Bein, so dass es blutete, den Schnabel
öfinete , die Augen hervorquillen lioßs und Athemnoth
zeigte. Doch trat der Tod nicht ein, sondern nach 6 Stun-
den wurde die Wunde besser, und das Küchlein genas.
Doleschall berichtete ferner, dass eine M. Javanica
eine zu ihr eingesperrte Loxia orycivora durch Einschlagen
ihrer Klauen in den Rücken innerhalb 17 Sek. tödtete.
Der genannte Beobachter selbst wurde von einem 9'"
langen Salticus in den Finger gebissen ; er empfand einen
heftigen Schmerz, welcher etwa 8 Min. andauerte und
ein Gefühl von Lähmung hervorrief, das sich vom Finger
über die Hand bis in den Arm erstreckte.
Livingstone erzählt, dass eine kleine Spinne die
Reisenden im Schlaf oft dadurch gestört habe, dass sie
ihnen über Gesicht und Hände lief. Ergriffen wehrte
sie sich durch ihren Biss, der einen empfindlichen Schmerz
verursachte ; ohne Mittel verging letzterer indess schon
nach zwei Stunden.
Dagegen steht eine grössere, schwarze Art bei den
Becbuanen im Ruf, gefährliche Verletzungen hervorzu-
bringen.
L. hält dieselbe für identisch mit einer von ihm öfter
gesehenen, V/^' langen und 3/4" breiten Spinne, „welche
an den Mandibeln einen eigenthümlichen, stachelförmigen
Fortsatz hat, aus dessen Spitze beim Druck Gift her-
vorquillt."
Aus dieser Beschreibung geht nicht hervor, ob diese
Spinne neben der allen eigenthümlichen Kralle einen be-
sonderen Stachel hat, in welchen dann die Giftdrüse
münden würde, oder ob mit dem „eigenthümlichen Fort-
satz'^ eben die Kralle gemeint ist, die vielleicht hier eine
von den übrigen Arten abweichende Gestalt hat ; das
letztere halte ich für das wahrscheinlichere.
Auch Europa birgt eine, wenn auch eingeschleppte
118 Bertkau:
Art, die sich an Gefährlichkeit wohl mit den Mygaliden
der Tropen messen kann; es ist dies die mit Getreide
aus Afrika nach Italien und Spanien herübergekommene
Latrodectus guttatus Walck. (Theridium Malmignatha.)
Heber die bei gebissenen Personen und Thieren
auftretenden Krankheitserscheinungen theilt M. A. Rai-
kem in den Annal. des scienc. nat. Tom. XII. p. 1 — 27
seine Beobachtungen mit. Nach ihm wird die giftige
Flüssigkeit beim Bisse in einer kleinen Wunde zurück-
gelassen und schnell absorbirt. In den Blutkreislauf ein-
gedrungen äussert sie ihren verderblichen Einfluss auf
das Muskel- und Nervensystem. Die Krankheitssymptome
zeigen sich besonders in Abweichungen der animalischen
Funktionen, scheinen jedoch anfänglich gefährlicher als
sie wirklich sind. Gewöhnlich verlaufen sie in einem
Zeitraum von 3 — 4 Tagen, und ein reichlicher Schweiss-
ausbruch führt das Ende der Krankheit herbei. Ob der
Biss einer einzigen Spinne einen erwachsenen Menschen
tödten könne, ist sehr in Zweifel zu ziehen. Die Wir-
kungen des Bisses an Kaninchen, Hunden und Tauben
sind denen an Menschen sehr ähnlich und unterscheiden
sich nur durch den Ausgang, der bei den genannten
Thieren tödtlich sein kann. Besonders sind sie im Monat
August zu fürchten; zu anderen Zeiten, wenn sie lange
ohne Nahrung waren, sind sie wenig oder gar nicht ge-
fährlich.
Während Raikem es hier noch als zweifelhaft hin
stellt, ob eine Malmignatte einen Menschen tödten könne,
berichtet 20 Jahre später Lareynie in seiner „Note sur
le Therid. Malmignatha" (Annal. soc. entom.VII. p. 284),
dass ihr Biss eine grosse Korsikanische Mygale augen-
blicklich tödtete, und dass ihr auch alljährlich
Menschen auf Korsika zum Opfer fielen.
Dagegen ist die Giftigkeit einer anderen südeuropäi-
schen Spinne, der Tarantel (Lycosa tarantula) sehr über-
trieben. Die Tanzwuth namentlich, welche ihr Biss her-
beiführen sollte, ist nach dem Zeugnisse glaubwürdiger
Männer geradezu erheuchelt, und hat oft zum Verwände
und Deckmantel schamloser Excesse (nach Kirch er) oder
lieber d. Bau u. d. Funktion d. Oberkiefer bei d. Spinnen. 119
als ergiebige Einnahmsqnelle der müssigen Lazzaroni
gedient.
Von ursprünglich in Europa einheimischen Arten
scheint somit keine im Stande zu sein, das Leben des
Menschen zu gefährden; wenigstens ist kein derartiger
P^all bekannt; für Insekten hingegen ist ihr Gift tödtlich.
Zwar berichtet Black wall (Transact. of the Linn.
soc. XXI. Experim. and observat. on the pois. of animals
of the ordre Araneid.) über Versuche^ die er mit Epeira
diadema, E. quadrata^ Tegenaria civilis^ Segestria senocu-
lata und Lycosa agretyca angestellt hat und das Gegentheil
zu beweisen scheinen. Nach ihm gaben die Versuche
an Spinnen und Insekten das Resultat, dass der Spinnen-
biss den Tod der betreffenden Thiere nicht schneller
herbeiführe als eine bloss mechanische Verletzung, so
dass eine Vergiftung nicht anzunehmen sei. Die gebis-
senen Thiere überlebten die Verletzung längere oder
kürzere Zeit und gingen, wie es schien, an Säfteverlüst
zu Grunde.
Bei der Lektüre dieser Angaben musyte ich mich
fragen : Wozu der komplicirte Apparat, wenn er dem
Thiere nichts nützen soll? Auch kam es mir sehr un-
wahrscheinlich vor, dass ein specifischer, nicht bloss gra-
dueller Unterschied hinsichtlich der Giftigkeit unter den
verschiedenen Arten herrschen sollte. Um zu einigen
thatsächlichen Anhaltspunkten zu gelangen, habe ich da-
her auch Versuche angestellt, zu denen ich indess an-
dere, als die von Black wall benutzten, anwandte, da
mir dieselben nicht zugänglich waren. Die Arten, mit
denen ich experimentirte, waren : Meta Mcrianae, Phi-
loica domest. und Amaurobius ferox.
Fliegen^ die ich von den genannten Spinnen beis-
sen liess, wurden augenblicklich gelähmt, taumelten von
der einen auf die andere Seite und waren nach 2 — 3 Min.
todt. Auch hatte ich hinreichend Gelegenheit, an mir
selbst die Wirkung des Spinnenbisses zu beobachten.
Beim Einsammeln suchten sich natürh'ch alle Spinnen zu
wehren; doch verursachte ihr Biss in die Fingerspitzen
durchaus keinen Schmerz, wahrscheinlich weil dort die
120 Bertkau:
Haut zu dick ist und das Gift nicht bis in das Blut drin-
gen kann. Liess ich dagegen dieselbe Spinne ihre Kral-
len am Grunde zwischen den Fingern, wo die Haut sehr
weich ist^ einschlagen, so empfand ich einen Schmerz,
ähnlich dem, den der Stich einer gelben Ameise verur-
sacht. Besonders schmerzhaft fand ich den Biss eines
Amaur. atrox. Derselbe hatte seine zwar kurze, aber sehr
kräftige Kralle ganz in das Fleisch eingebohrt; trotzdem
floss kein Blut aus der Wunde, was jedenfalls auf Rech-
nung des Giftes zu schreiben ist. Die gebissene Stelle
schwoll an und die Haut darum spannte sich; daher war
die Bewegung dieses Fingers etwas erschwert. Nach einer
Viertelstunde etwa ging der Schmerz in ein heftiges
Jucken über, dass sich allmählich verlor, jedoch noch
einen Tag nachher wieder eintrat, wenn ich zufälh'g an
der betreiFcnden Stelle vorbeistrich und sie so reizte.
Ich glaube beobachtet zu haben, dass bei feuchter, küh-
ler Witterung das Gift weniger wirksam ist. Es ist mög-
lich; dass Blackwall zu solcher Zeit experimentirte,
oder dass er zu seinen Versuchen Exemplare anwandte,
die er längere Zeit in der Gefangenschaft gehalten hatte,
wo das Gift viel von seiner Wirksamkeit verliert, wie
aus Ludeking's Beobachtung an Mygale Sumatrensis
hervorgeht.
Oft reicht aber die Muskelkraft der Oberkiefer nicht
aus, um mit den Krallen eine Verwundung herbeizufüh-
ren. So fand ich häufig in den Netzen einiger Epcira-
Arten silberglänzende Knötchen, die sich bei genauerem
Zusehen als von Fäden dicht umsponnene Gegenstände
erwiesen. Löste ich die Fäden, so kamen unverletzte,
lebendige Käfer (namentlich Arten von Ontophagus, Cas-
sida und die kleineren von Elater) zum Vorschein. Die
harte Hornbekleidung setzte also der Spinne zu viel Wi-
derstand entgegen. Damit nun aber die Befreiungsver-
suche der Gefangenen ihr Netz nicht zerstören sollten,
umstrickte sie dieselben und machte sie so unschädlich.
Die Fäden, welche sie hierzu verwenden, sind weit zäher
als die, aus denen sie ihr Netz verfertigen.
Wird nun alles in ein kurzes Endresume zusammen-
lieber d. Bau u. d. P'unktion d. Oberkiefer bei d. Spinnen. 121
gefasst, so lautet dasselbe folgendermaassen: Das Gift
wird durch die Kralle in die von, ihr gemachte Wunde
übertragen. Für Insekten und kleinere wirbellose Thiere
ist wahrscheinlich das Gift jeder Spinne tödtlich ; für
grössere nur das der tropischen Arten. Dass der Spin-
nenbiss auch für Menschen von tödtlichen Folgen be-
gleitet sein kanU;, ist nur von Latrodectus guttatus be-
kannt; andere verursachen höchstens leichte Entzündun-
gen. Die Wirksamkeit des Giftes ist wesentlich beein-
flusst durch die Jahreszeit, so wie durch den Umstand,
ob die Spinne wohlgenährt ist, oder längere Zeit hat
fasten müssen.
Während somit die Funktion der Kralle als des die
giftige Flüssigkeit übertragenden Organs ganz klar ist,
können über die Bedeutung der übrigen ausgezeichneten
Theile nur Vermuthungen geäussert werden. Bei den
Zähnchen amFalzrandc hat die Vermuthung keinen Spiel-
raum und somit auch keine Schwierigkeit. Denn er-
wägt man, dass die Unterkiefer der Spinnen ganz weich
sind, so leuchtet sofort ein, dass diese Theile nicht zum
Zerkleinern der Beute verwandt werden können; die
spitze Kralle eignet sich hierzu auch schlecht. Es bleibt
also nichts anderes übrig, als anzunehmen, dass die Sj^inne
mit den Zähnchen die Haut ihrer Opfer zerstört und so
^ie weichen Theile des Inneren bloss legt, aus denen dann
die Unterkiefer und übrigen Mundtheile mit Leichtigkeit
die flüssigen Theile aufnehmen können.
Bevor ich nun eine Deutung der übrigen Theile
des Oberkiefers, der Wimperhaare und des Basalflecks
versuche, will ich einige Worte zur Rechtfertigung
sagen. Ich finde die Berechtigung, diesen Theilen eine
tiefere physiologische Bedeutung zuzuschreiben eben in
ihrer Auszeichnung, sowohl der Wimpcriiaare vor den
übrigen Haargebilden, wie des Basalflecks vor der übri-
gen Haut, nicht nur des Oberkiefers, sondern des gan-
zen Körpers überhaupt. Wie weit sich die beiderseiti-
gen Verschiedenheiten erstrecken, ist schon auseinan-
dergesetzt worden. Die ganze Frage gewinnt aber eine
grössere Bedeutung und ihre Beantwortung eine be-
122 Bertkau:
stimmtere Richtung, wenn noch hinzugefügt wird, dass
an beiden Stellen Nerven herantreten, nachdem sie zu-
vor zu einer Art von Ganglienknoten angeschwollen sind.
Ans diesem Umstand geht nun mit grosser Wahrschein-
lichkelt hervor, dass wir es an beiden Stellen mit Sinnes-
organen zu thun haben; welche könnten dies sein? Zu-
nächst mögen die Winjperhaare behandelt w^erden/
Nach ihrer ganzen Beschaffenheit und nach allen
Analogieen, die von den Sinnesorganen der Gliederthiere
bekannt sind , können hier nur zwei Möglichkeiten in
Betracht gezogen werden: entweder dienen sie dem Tast-
oder dem Geruchs.^inn. Prüfen wir beide Möglichkeiten
auf ihre grössere oder geringere Wahrscheinlichkeit etwas
genauer I
Für den Tastsinn scheinen sie nicht an der geeig-
netsten Stelle angebracht. Denn sie befinden sich an der
Innenseite von Extremitäten, die in den meisten Fällen
eine sehr geringe Länge haben und wenig oder gar nicht
hervorgestreckt werden können. Ausserdem fehlt jeder
empirische Anhaltspunkt, welcher diese Organe zum Sitz
einer Tastempfindung stempeln könnte. Dagegen ist
durch die Erfahrung unzweifelhaft nachgew^iesen, dass an-
dere Extremitäten, die Palpen- und Fussspitzen, namentlich
des ersten Paares, der Sitz einer äusserst feinen Tastem-
pfindung sind. Sonach werden wir diese Möglichkeit als
eine sehr unwahrscheinliche fallen lassen müssen und be-
halten nur noch die eine übrig, nach der die Wimper-
haare die Wahrnehmung des Geruchs vermitteln würden.
Gegen diese Ansicht lässt sich, so wie ich die Sache
beurtheilen kann, nichts, für dieselbe viel sagen. Vorab
ist es klar, dass die Kiefer beim Packen der Beute die
Haare mit derselben in die innigste Berührung bringen;
dieselben können somit recht gut der Spinne Kunde von
der Beschaffenheit der Beute geben. Ferner bieten die
feinen Wimperchen, mit denen sie besetzt sind, der Luft
eine grosse Fläche dar und halten zugleich die Luft fest;
wieder eine Eigenschaft , die sie zur Geruchsempfin-
dung recht tauglich macht. Endlich sind von Leydig
(Müllers Archiv für Anatomie und Physiologie, 1860.
lieber cl. Bau «. d. Funktion d. Oberkiefer bei d. Spinnen. 123
p. 265 — 314) bei Insekten und Krustaceen ähnliche Haar-
gebilde an den Fühlern ') als Geruchsorgane gedeutet
worden, und später vonBaltzer angestellte Experimente
haben die Richtigkeit dieser auf Grund anatomischer Ei-
genthümlichkeiten ausgesprochenen Ansicht zur Evidenz
erwiesen. Mit den dort beschriebenen und (aufTaf. VII
u. VIII) abgebildeten ,,Geruchszapfen" haben nun die
Wimperhaare der Spinnen die grösste Aehnlichkeit; so-
nach wird man ihnen eine gleiche physiologische Be-
deutung nicht wohl absprechen können. Es wäre mir
in hohem Grade erwünscht gewesen, wenn auch ich einige
Versuche zur Unterstützung meiner Ansicht hätte anstellen
können. Indess ist die Lebensweise der Spinnen eine
solche, dass eine Translokation mit ihnen nicht wohl
vorzunehmen ist, und in der Nähe meiner Wohnung
wusste ich keinen Ort, an dem Versuche ungestört an-
zustellen gewesen wären ; ich musste daher diese Lücke
unausgcfüllt lassen.
Was nun den Basalfleck anlangt, so muss ich ge-
stehen, dass meine Kräfte nicht hingereicht haben, seine
Natur und Bedeutung klar zu legen; die vorhandene Li-
teratur, so weit dieselbe mir zugänglich war, gab mir
auch keine Auskunft. Da die Nerven sich innig an die
Muskeln anschmiegen, welche in den Rand eingefügt sind,
so w^äre man vielleicht berechtigt, die Nerven des Basal-
flecks nur für Vermittler der Muskelbewegung zu halten.
Indess ist hierbei einmal nicht die faktisch beobachtete
ganglionäre Anschwellung und dann auch nicht der Fleck
mit seiner ganzen Eigenthümlichkeit erklärt. Denn das
ist hervorzuheben, dass dem Fleck durchaus keine Mus-
keln ansitzen, sondern nur der Verdickungsleiste des
Randes. Auch fehlt er ja vielen Arten, die zum Theil
weit kräftigere Muskeln haben als die mit einem Fleck
ausgerüsteten (z. B. Dysdera rubicunda). Ich habe lange
Zeit die Vermuthung gehegt, der Basalfleck möchte ein
1) Von der morpholog^ischen Gleichwerthi^keit der Oberkiefer
bei den Spinnen und der Fühler bei den Insekten wird noch die
Rede sein.
124 Bertkau:
Gehörorgan sein und wenn ich diese Meinung hier nicht
weiter vertrete, so geschieht es nicht deshalb, weil ich
sie als eine irrthümliche erkannt habe, sondern weil mir
jeder positive Beweisgrund fehlt. Trotz des eifrigsten
Suchens bei einer sehr grossen Zahl von Arten habe ich
nie die „Gehörstäbchen" gefunden, welche Leydig als
das charakteristische Kennzeichen der Gehörnerven auf-
stellt. Allerdings fand ich einige Male stabähnliche Ge-
bilde in den betreffenden Nerven, jedoch nicht in den
Endverzweigiingen, wo sie vorkommen sollen, sondern
in dem fibrillären Theil; dieselben können also ohne
w^eiteres nicht als Beweisgrund verwandt werden. Wie
dem nun auch sei, jedenfalls verdient der Basalfleck so
viel Aufmerksamkeit, dass man es mir nicht als Unbe-
scheidonheit auslegen wird, wenn ich ihn geübteren Ana-
tomen zu weiteren Untersuchungen anempfehle.
Zum Schlüsse sei es mir gestattet, der Ansicht Er-
wähnung zu thun, welche die Oberkiefer bei den Spinnen
und den Arachniden überhaupt als Aequivalente der In-
sektenfühler auffasst. Der Umstand, dass bei den Spinnen
eigentliche Fühler durchaus fehlen, dagegen ein Beinpaar
mehr vorhanden ist als bei den Insekten, mag wohl am
frühesten zu dieser Ansicht hingeführt haben. Gestützt
wird dieselbe wesentlich durch die Mehr- (bei den echten
Spinnen Zw^ei-)gliederigkeit der Oberkiefer, während die
der Insekten immer nur eingliederig sind, sowie durch
einen sehr beweiskräftigen, bindenden anatomischen Grund.
Bei den Insekten sendet bekanntlich ein Nervenknoten
Zweige an die Augen und Fühler, ein anderer solche
an die Mundtheile ab. Bei den Spinnen werden Augen
und Oberkiefer von demselben (vorderen) Knoten mit
Nerven versorgt, während zu den übrigen Muudthcilen
Zweige des hinteren Knotens gehen. Somit verhalten
sich die Oberkiefer bei den Spinnen und die Fühler bei
den Insekten vollkommen gleich, und man wii'd daher
nicht anstehen, sie für umgewandelte Insektenfühler an-
zusehen. . Nach dieser veränderten Auffassung hat mau
diö Oberkiefer der Spinnen auch wohl mit dem beson-
deren Namen „Kieferfühler'* belegt. Obwohl derselbe
Ueber d. Bau u. d. Funktion d. Oberkiefer bei d. Spinnen. 125
nicht ganz glücklich gewählt ist, indem er eigentlich
und nach Analogie ähnlich gebildeter Wörter (Kiefer-
tastcr^ Lippentaster) Fühler bedeuten würde, die sich an
den Kiefern befinden, so ist er doch, weil man nach
einer einmaligen Erklärung durch den Wortlaut stets
an den richtigen Sinn erinnert wird, wohl zu adoptiren.
Sollten sich nun auch noch, woran ich nicht zweifele,
die Wimperhaare als Geruchsorgane bethätigen, so wäre
neben der marpljologischen auch eine gleiche physiolo-
gische Bedeutung der Oberkiefer bei den Spinnen und
der Antennen bei den Insekten dargethan.
Erkläruug der Abbilduugen.
Fig. 1. Mundiheile von Tegenaria domestica $, von unten, a Un-
terlipjje; b Unterkiefer mit c den Palpen; d Oberkiefer.
B 2. Oberkiefer von Tegen. domestica $> etwas vergröss., von
oben gesehen, a Basalglied; b Basalfleck; v Verdickungs-
leiste des Randes; w Wimperhaar; c Kralle.
» 3. Basalglied von Amaurobius claustrarius. a von unten,
b von der äusseren Seite gesehen. Die Wimperhaare sind
nicht gezeichnet.
B 4. Kralle von Amaur. ferox. a Basalstück; b die bewegliche
Platte; c Endstück; m Mündungsspalte der Giftdrüse;
s Sägezähne.
* 5. Kralle von Tetragnatha extensa ^. Die Buchstaben haben
dieselbe Bedeutung wie in der vorhergehenden Figur.
» 6. Basalfleck von Amaur. claustr., von inn^ gesehen, stark
vergrössert. v Verdickungsleiste des Randes, an der die
Muskelfasern m ansitzen.
» 7. Basalfleck von Sparassus virescens, von innen gesehen.
» 8. Dysdera rubicunda. v die stark entwickelte Verdickungs-
leiste ; m Muskelfasern ; kein Basalfleck.
» 9. Durchschnitt eines Hautkanals mit den gewöhnlichen Haa-
ren; c Kanal; r der Ringwall; h das angedeutete Haar.
» 10. w Wimperhaare von Amaur. ferox ; daneben h die gewöhn-
lichen, zur Vergleichung.
B 11. Verschiedene Formen der Giftdrüse, a von Drassus la-
pidicola; b von Heliophanus chalibeus; c von Marpissa
muscosa.
126 Bertkau: Heb. d. Bau u. d. Funktion d. Oberkiefer etc.
Fig-. 12. Oletera picea, a ganzer Oberkiefer ; b Kralle mit c Gift-
drüse.
» 13. Scytodes thoracica.
i> 14. Eucharia bipunctataJ a Giftdrüse ; b der in eine lange
» 15, Theridiuni lunatum ) Spitze vorgezogene Rand.
» 16. Tetragnatha extensa, a u. b vom $; c vom (^.
» 17. Calliethera scenica. a vom $; b u. c vom ^. Zar Ver-
gleichung der Grössenverhältnisse ist der ganze Körper im
Umriss gezeichnet.
s 18. Pyrophorus semirufus r^. •
Deber die Jugeiidziistäude der Seeigel.
Von
Aiexauder Agassiz,
(üebersetzt aus dem Bulletin of the Museum of compa-
rative Zoology 1869 p. 279.)
Um die grosse Menge kleiner Echinen, welche von
Pourtales gesammelt wurden, gründlich zu studiren,
war es nöthig die Jugendzustände möglichst vieler Arten
zu untersuchen, und so ein Criterium zur genauen Be-
stimmung dieser Sammlung zu erhalten. Im Folgenden
werden die Resultate dieser Untersuchung gegeben, in
soweit dies in einem kurzen Resume und ohne Abbil-
dungen möglich ist. Ausführliche Beschreibungen mit
Abbildungen von den Veränderungen, welche die jungen
Seeigel eingehen, werden für eine spätere Abhandlung
vorbehalten. Manche von Pourtales bei seinem Schlepp-
netzfange zwischen Cuba und Florida gesammelte Exem-
plare sind so klein, dass sie erst kürzlich ihren Pluleus
absorbirt haben können. Diese Sammlung in Verbindung
mit dem Material des Museums, gaben die Mittel die
Veränderungen beim Wachsthum folgender Arten zu
studiren :
Cidaris annulata Gray.
Dorocidaris abyssicola A. Agass.
Diadema antillarum Phil.
Garelia cincta A. Agass.
Echinocidaris punctulata Desml.
128 Agassiz:
Echinocidaris aequituberculata Ag.
Ecliinometra Van Brunti A. Agass.
Toxopneustes drobachiensis Ag.
Echinus Flemingii Ball.
Echlnus melo Lam.
Echinus gracib's A. Agass.
Spbaerechinus brevispinosus Des.
Temnotrema sculptum A. Agass.
Toreuraatica concava Gray.
Genocldaris maculata A. Agass.
Trigonocidaris albida A. Agass.
Lytecbimis variegatiis A. Agass.
Tripneustes ventricosus Ag.
Boletia granulata A. Agass.
Echinocyamus angulosus Leske.
Clypeaster rosaceus Lam.
Stolonoclypus prostratus A. Agass.
Echinaraebnius parma Gray.
Encopc emarginata Ag.
Mellita testudinata KL
Mellita bexapora Ag.
Mellita longifissa Mich.
Fibularia volva Ag.
Echinolampas caratomoides A. Agass.
Echinocardium cordaturn Gray.
Brissopsiö lyrifera Ag.
Ayassizia excentrica A. Agass.
Ich zweifle, dass obne die durch des Studium der
jungen Seeigel gewonnene Kenntniss ein befriedigender
Bericht über diese Sammlung hätte gegeben werden
können. Die Veränderungen, welche einige Species ein-
gehen, sind so gross, dass nichts natürlicher gewesen
wäre, als die Extreme der Reihen nicht nur in verschie-
dene Species, sondern oft in verschiedene Gattungen,
und sogar in verschiedene Familien zu stellen. Als eine
nothwendige Consequenz wird uns das Studium der Ju-
gendzustände, welches uns belehrt, dass manche Diffe-
renzen nur vom Wachsthum abhängen, zu der Elimination
zahlreicher Arten und Gattungen führen, und wird uns
Ueber die Jugendzustände der Seeigel. 129
später eine genauere Basis für die Begrenzung der Gat-
tungen, Arten und die höheren Untcrabtheilungen geben.
Es würde jedoch hier nicht am Orte sein, mehr als eine
Hinweisung auf diese Reform zu geben, besonders da
ich hoffe, bald in unserem Illustrated Catalogue eine
Revision der Echinen zu veröffentlichen, welche ich auf
Grund der Sammlungen des Museums und der Smith-
sonian Institution unternommen habe.
Bei Toxopneustes drobachiensis Ag. hat der junge
Seeigel bald nach der Absorption des Piuteus einige
grosse Höcker mit Warze, begrenzt im Umfange (Podo-
cidaris und Podophora ähnlich). Das nächste Stadium
hat zwei Hauptreiben grosser Höcker, die die ganze
Schale einnehmen (Cidaris ähnlich), ohne Miliarhöcker,
und in dem Maasse an Zahl zunehmen, wie sie grösser
werden, wobei die Stacheln allmählich aus einem Zustande
ähnlich dem von Rhabdocidaris, Cidaris, Echinocidaris
endlich bis zu Toxopneustes ähnlichen Stachein über-
gehen, so schnell wie die primären Höcker gebildet wer-
den, die ihr embryonisches Ansehen festhalten, während
die Stacheln direct mit der Schale verbunden sind, w^ie
bei Podocidaris. In früheren Stadien ist die Mundöffnung
gross (Echinocidaris ähnlich), ohne Einschnitte (Cidaris
ähnlich), fast die ganze untere Fläche einnehmend. Wie
die Schale wächst, wird die Oeffuung allmählich kleiner,
und seichte Einschnitte bilden sich (Psammechinus ähn-
lich). Das Analsystem ist zuerst von einer einzigen Sub-
analplatte geschlossen, die vor der Bildung der Genital-
platten und Ocularplatten auftritt; sie bleibt lange mehr
vorragend als die andern Platten, welche hinzutreten,
um das vergrösserte Analsystem zu bedecken. Die sym-
metrische Axe der Subanalplatte behält nicht eine feste
Lage zu der Madreporenplatte, sie ist in verschiedenen
Wachsthumsstadien verschiedenen Genitalplatten gegen-
übergestellt- Dies entspricht der schiefen Lage der
Subanalplatte bei den Salenidae , wenn w^ir die Madre-
porenplatte als Richtpunkt betrachten. Das Abactinal-
System geht also durch ein Stadium, welches an Echi-
nocidaris und au Trigonocidaris erinnert, nur dass hier
Archiv für Nnturg. XXXVI. Jahrg. 1. HA. 9
130 Agassiz:
fünf Analplatten anstatt vier vorhanden sind. Die
Ambulakren sind zuerst schmal, die Poren in vcrticaien
Reihen geordnet; dann werden sie vertical schwach ge-
bogen; sie trennen sich dann in horizontale Bogen mit
einer kleineren Porenzahl, die schnell mit dem Alter an
Zahl wächst, .md in kleinen Exemplaren können wir
ihre Bildungsweise verfolgen, da die Bogen nahe der
Peripherie denen der Alten ähnlich sind, w^ährend sie
in der Nähe des Abactinal-8ystems den jüngeren Stadien
gleichen. Die Platten des Porengürtels wachsen unab-
hängig von den Interambulacralplatten. Die verschiede-
nen Wachsthumsstadien repräsentiren in den jüngeren
Stadien Cidaris, demnächst Hemicidaris, dann Pseudodia-
dema, Echinocidaris, Heliocidaris. Dieselbe allgemeine
Umänderung findet bei Toxopneustes lividus statt, aber
die Turbanform (Cidaris- Stadium) der jungen Schale ist
auffälliger als bei T. drobachiensis.
Bei Cidaris ist die Differenz zwischen alten und
jungen Stadien fast ganz auf die vcrhältnissmässige Grösse
der Stacheln beschränkt, und auf die auffallendere Zähne-
lung (was an Salenocidaris erinnert). Das Abactinal-
System nimmt zeitig den Charakter der Erwachsenen
an; in der That bilden die angegebenen Differenzen der
Stacheln, abgesehen von der kleineren Zahl der Coro-
nalplatten, die einzig wichtigen Veränderungen, welche
in dieser Gattung eingegangen werden. Dasselbe gilt
fürDiadema und Garelia, in welchen beiden die Stacheln
verhältnissmässig grösser sind, und giebt, da sie weniger
zahlreich sind, den jungen Diadematiden ein eigentlüm-
liches x^nsehen (D. calamaria ähnlich). Wir finden auch
bei jungen Diadema Charaktere in der Actinal-Membran,
die von den Alten abweichen ; die eigenthümliche Grup-
pirung der zuerst auftretenden Mund-Ambulacralplatten
in fünf getrennten Haufen, geht bald durch die Annähe-
rung der kleineren Interambulacralplatten verloren, und
bei älteren Exemplaren werden die Platten tief in die
Mundmembran eingebettet. Die Poren sind zuerst in
sehr jungen Exemplaren in verticale Reihen gestellt; sie
ordnen sich dann in Bogen von drei oder vier Paaren;
lieber die Jagendzustände der Seeigel. 131
mit zunehmendem Alter nehmen die mittleren Reihen
der Interambulacral-Höcker die Anordnung an, wie sie
sich im Alter finden. In Folge des rapiden TVachsthums
der Stacheln bei den Jungen ist das Ende, und häufig
der grössere Theil des Stachels fast bis zur Basis, hohl;
aber wie das Junge wächst, werden sie im Alter an der
Basis mehr solid, und so weiter im Verhältniss zu ihrem
Alter ^). Garelia ist ein gutes Genus, wie es B öl sehe
in Briefen, später als sein „Nachtrag" zu seinen Diade-
matiden im Archiv für Natui'geschichte, anerkannt hat.
Die Stacheln sind solid, schon in den jüngsten unter-
suchten Exemplaren längsgestreift, und unterscheiden
sich gänzlich in ihrer Structur von denen von Echinothrix
oder Diadema. Dies beweist deutlich, dass bei diesen
embryonischen Echinen (Cidaridae, Diadematidae) der
Bau der Stacheln eine gute Basis zur Unterscheidung
der Gruppen bildet, ungeachtet ihrer sehr grossen Ver-
änderungen in der Form. Dies dehnt sich nicht bis auf
die Beschaffenheit der Ornamcntation aus, welche sehr
constant bleibt, und deren Werth sich bei den fossilen
Echinen bewähren wird.
1) Verrill's Gattung Echinodiadema ist auf Eigenthümlioh-
keiten in dem Bau von jungen Diadema mexicanum gegründet.
Vollständige Reihen von jungen Diadema antillarum, von Vio Zoll
Durchmesser an, beweisen, dass die seichten Einschnitte, die Gestalt
des Abactinal-Systems, die Gegenwart kleiner das Analsj^stem be-
deckenden Schuppen (geringe an Zahl bei sehr kleinen Exemplaren),
die Anordnung der Poren zu je drei Paaren, die Hohlheit (im All-
gemeinen nur der oberen Extremität) der Stacheln, die durch die
Art des Wachsthums und spätere Solidificatiou von der Basis auf-
wärts bei den Diadematiden abhängt, die Anordnung der Tuber-
keln, die eigenthümliche Gruppirung der Platten der Mundmem-
bran, — Merkmale, nach welchen das Genus aufgestellt ist, — fin-
den sich bei jungen Diadematiden. Ich habe sorgfältig den Typus
von Verrill's Art, so wie von dem Jugendzustande von Diadema
mexicanum, von D. antillarum und Exemplare des genannten Echi-
nodiadema coronatum untersucht, was mich überzeugt hat, dass V e r-
rill's Art nur ein junges Diadema mexicanum ist, da die Differen-
zen im Bau in allen jungen Diadematiden gefunden werden, die ich
untersuchen konnte (D. antillarum, paucispinum, und mexicanum).
132 A g a s s i z *.
Nirgends unter den jungen regulären Echinen habe
ich so grosse Veränderungen in der Gestalt und in den
Verhältnissen der Schale und der Stacheln gefunden, wie
bei Echinometra. Wir finden häufig Exemplare derselben
Grösse, wo in einem Fall der Umfang fast kreisförmig,
die Schale flach ist, bedeckt mit langen dünnen Stacheln,
während im anderen die Schale gelappt, angeschwollen,
hoch, von zahlreichen kurzen, dicken Stacheln bedeckt
ist. Diese und alle zwischenliegenden Stufen, complicirt
durch die grössere oder kleinere Zahl der Haupthöckei-,
die Anordnung der Bogen des Porengürtels mit ganz
ähnlichen Veränderungen, wie oie bei Toxopneiistes be-
schrieben sind, finden sich erhalten in Exemplaren von
sehr verschiedener Grosse. Dies hat in grossem Maasse
Veranlassung zu der verwirrten Svnonymie gegeben,
welche unserer gemeinsten Art anhängt, und macht ihre
Bestimmung bei spärlichem Material fast hoffnungslos.
Bei jungen Echinocidariden haben wir bereits in
den jüngsten Stadien vier Analplatten. Das Abactinal-
Svstem sehr junger Exemplare ist auffallend hervorragend,
und nimmt mehr als die Hälfte des x\bactinaltheiles der
Schale ein. Die ganze Schale ist tief punktirt (Trigono-
cidaris ähnlich); die rudimentären Höcker, die den grös-
seren Theil des abactinalen Theils der Schale bedecken
sind durch Leisten verbunden, welche allmählich resorbirt
und zu der Granulation auf den Coronalplatten des Genus
resorbirt werden. Die Haupthöcker sind zuerst im Um-
fange begrenzt, besetzt mit kurzen dicken Stacheln (Po-
dophora ähnlich), die bei zunehmendem Alter allmählich
dünner und verhältnissmässig länger w^erden (umgekehrt
als bei Toxopneustes, Cidaris und den meisten jungen
Echini). Die rudimentären Stacheln .sind nicht auf Hök-
kern befestigt; sie sind keulenförmig (identisch im Bau
mit denen von Podocidaris). Der Porengürtel hat in den
frühsten Stadien die Structur wie bei den Alten, nur
erweitert er sich nicht auf der Unterseite. Das Verhält-
niss der Mundöffnung zu der Schale ändert nicht sehr
in den verschiedenen Jugendstadien; der Rand des Acti-
nalsystems, der die Grube für die Kiemen bildet, ist bei
lieber die Jugecdzustände der Seeigel, 133
den Jungen nur schwach aufwärts gebogen, die Lippen,
welche die Stelle der Einschnitte einnehmen, treten mit
vorschreitendem Alter mehr hervor (Boletia ähnlich). Die
Trennung von Echinocidaris und Arbacia , welche die
Gruppen mit nackten oder bestnchelten Interambulacren
repräsentiren, ist nicht natürlich; sie hängt von der gros-
seren oder geringeren Resorption der rudimentären Tu-
berkeln ab, die in den früheren Stadien gebildet waren.
Man findet sehr häufig junge Echinocidaris punctulata,
welche für junge Arbacia gelten könnten, und junge Ar-
bacia aequituberculata, welche man für junge Echinoci-
daris nehmen könnte. In Folge des unabhängigen Wachs-
thums der Platten des Porengürtels haben wir drei oder
vier Porenpaare für jede Ambulacralplatte ; dasselbe ist
der Fall bei anderen Oligoporiden in der Begrenzung
von Desor, weshalb seine Eintheilung, obgleich brauchbar
als ein Schlüssel zu einer leichteren Gruppirung der Ge-
nera, doch nicht strenge anwendbar ist, da die Art des
Wachsthums mancher Polyporiden in ihren jungen Stadien
zeigt, dass sie nur eine kleine Zahl von Porenpaaren
(Tripneustes, Mespilia) für jede Ambulacralplatte haben,
was sie unter die Oligoporiden versetzt, obgleich sie doch
in Folge des unabhängigen Wachsthums der Platten des
Porengürtels in älteren Stadien zu den Polyporiden zu ge-
hören scheinen.
Bei Echinus, Sphaerechinus, Lytechinus finden wir
in den jüngeren Stadien dieselbe ununterbrochene verticale
Anordnung der Poren, die zunächst eine verticale bogige,
noch verbundene Form, und dann die Anordnung der
Alten annimmt. In diesen Gattungen ist das Analsystem
zuerst von einer Platte bedeckt, und geht ähnliche Ver-
änderungen ein wie Toxopueustes, durch das Hinzutreten
von vier kleineren Platten, und so weiter, indem die ur-
sprüngliche Subanalplatte lange hervorragt. Die Miliar-
höcker werden in diesen Gattungen ebenso wie bei To-
xopueustes durch strahlige Leisten gebildet, die sich von
der Basis der Haupthöcker erheben, eine Art Stern bil-
dend, dann schwellen sie am Ende und bilden eine Reihe
keulenförmiger Speichen rund um den Haupthöcker;
134 Agassiz:
diese werden nach und nach von ihm getrennt^ und wer-
den zuerst unabhängige elliptische Tuberkeln und dann
Miliar- oder secundäre Tuberkeln. Die zehn grossen
Mundplatten der Mundmembian erscheinen zuerst. Kleine
Platten (in Gattungen, wo sie im erwachsenen Zustande
gefunden werden), werden dann zwischen ihnen und den
Zähnen gebildet (Echinus ähnlich), während sie spä-
ter die ganze Membran bedecken, wie bei Lytechinus,
Psammechinus, Trigonocidaris, zwischen den zehn Plat-
ten und der Schale auftretend. Diese Art des Wachs-
thums ist gänzlich unähnlich dem Wachsthum der Mund-
platten der Cidariden, wo eiiese Platten den Theil der
Ambulacral- und Interambulacral-Platten vollenden, und
zuerst nahe der Schale erscheinen und bei ausgewachsenen
Exemplaren Reihen von mehr als zwei Platten bilden,
wie bei den Palaechiniden, den Anschein gebend, die
Schale der Palaechiniden müsse aus Platten entstanden
sein, die den Mundplatten der Cidaris homolog wären.
Die Schale würde dann also beträchtlicher Compression
und Veränderung des ümfanges fähig gewesen sein, wie
es bei Astropyga und Asterosoma der Fall ist. Diese
Aehnlichkeit ist sehr auffällig bei jungen Cidariden, wo
die Zahl der Coronaiplatten klein ist, und der junge See-
igel fast ganz aus einem Abactinal-System und einem
Actinal-System zu bestehen scheint, die durch eine schmale
Binde von Coronaiplatten getrennt sind. Denkt man sich
diese schmale Binde von Coronaiplatten ganz verschwin-
den, und die Mundplatten eine entsprechend grosse Ent-
wickelung annehmen, so hat man einen Palaechinus, ge-
bildet aus kleinen Ambulacral- und Interambulacralplatten
in mehreren Reihen, und im Zusammenhange von den
Zähnen bis zum Abactinal-System, ähnlich wie es Meek
undWorthen entdeckt haben, die ganze Schale bedeckt
mit kurzen Stacheln, die auf einer mehr oder weniger
deutlichen Warze articuliren. Die Structurverhältnisse
der Mundmembran der Cidariden berechtigen sie zu einem
höheren Range als den einer Familie in der Unterordnung
der Echiniden , in der Mitte zwischen den Palaechiniden
und eigentlichen Echiniden.
lieber die Jugendzustände der Seeigel. 135
Bei den Temnopleiirlden (Toreumatica) bleibt die
Subanalplatte sehr vorragend bei alten Exemplaren; das
Analsystein der Jungen ist von einer grossen elliptischen
Platte bedeckt; mit der Vergrössening des Analsystems
umgeben zahlreiche kleine Platten die grössere Platte,
welche immer ihre eigenthiimliche Ornamentation behält,
und von den anderen durch ihre Grösse und Gestalt
leicht zu unterscheiden ist. Bei Temnotrema dagegen
geht das Analsystem gleiche Veränderungen ein wie bei
Toxopneustes, Echinus und Verwandten. Bei Toreumatica
erscheinen die Vertiefungen an den Winkeln der Platten
zuerst als rectanguläre OefFnungen, welche mit dem älter
werden der Exemplare allmählich durch Gruben verbun-
den werden, die mit vorschreitendem Alter tiefer und
hervorstechender werden. Dasselbe ist der Fall bei Tem-
notrema; die Vertiefungen sind jedoch bei den Erwach-
senen niemals so markirt, und werden einfach Komma-
förniig. Die Miliarhöcker bilden sich in diesen beiden
Gattungen ebenso wie in den anderen Gattungen durch
Reifen, welche anfangs mit der Basis der Haupthöcker
verbunden sind. Bei Trigonocidaris sind die Jungen
von den Alten durch grössere Vertiefungen, weniger
zahlreiche und niedrigere Reifen und nur wenige Secun-
där-Höcker verschieden, und ihre Hauptreihen von Am-
bulacral- und Interambulacralhöckern sind sehr hervor-
ragend. Die Mundmembran und das Abactinal-System
bieten keine auffallenden Dififerenzen dar, die Analplatten
sind bei allen gesammelten Exemplaren nur vier an Zahl,
Bei Genocidaris, wovon eine ausgedehnte Reihe gesammelt
war, finden wir an den kleinsten Exemplaren einige
grosse Stacheln, die den Stacheln der jungen Dorocidaris
abyssicola ähneln, und an Länge dem Durchmesser der
Schale gleich kommen. Wenn die Exemplare wachsen,
verlieren die Stacheln ihre spindelförmige Gestalt und
ihren gesägten Rand; sie werden spitzer und länger, ver-
ringern sich schnell im Verhältniss zur Schalengrösse
und nehmen bald die Verhältnisse an, welche sie bei den
Erwachsenen haben. Die Actinal-Oeffnung ist zuerst
sehr gross, und die Schale der Jungen ist ein schmaler
186 Agassiz:
Ring^ wenn man sie von der Actinal-Seite ansieht. Die
Hanpttiiberkeln sind wenige an Zahl mit merkh'ch her-
vorragenden von ihnen ausstrahlenden Leisten, die tiefe
Furchen zwischen sich lassen. Mit zunehmender Grösse
werden diese Leisten zu Miliar-Höckern und Seeundär-
Höckern, die Vertiefungen bleiben jedoch rund um den
Knopf der Haupttuberkel in beiden Feldern; so dass die
Schale Stadien durchläuft, in welchen sie zuerst einem jun-
gen Psammechinus ähnlich ist, dann einem Psammechinus
mit tiefen von den Höckern ausstrahlenden Furchen,
und endlich mit tiefen Höhlungen rund um ihre Basis.
Die Subanalplatte bleibt immer vorwiegend und der em-
bryonale Charakter des Analsystems (ausgesprochen in
dem generischen Namen) ist ein bemerkenswerther Zug
dieses interessanten Seeigels. Die Actinalöffnung wird
rasch kleiner, und ähnelt der von Psammechinus. In
der That könnte Genocidaris ein Psammechinus unter
den Temnopleuriden genannt werden, während Toreuma-
tica der Lytechinus der Familie ist.
Die Veränderungen in der Anordnung der Poren
bei Tripneustes und Boletia sind ähnlich denen bei Echi-
nus; zuerst eine einfache verticale Reihe, deren seitlich
gekrümmte Bogen, dann drei Porenpaare für jede Am-
bulacralplatte in schiefen offenen Bogen, und endlich fast
horizontale Bogen, so dass die Poren in unabhängigen ver-
ticalen Reihen zu liegen scheinen. Gray's Hipponoe
kann nicht beibehalten werden, da der Name von Au-
douin vergeben ist, und da Hipponoe und Tripneustes
identisch sind, kann der Name Tripneustes erhalten wer-
den, um die Arten dieser beiden Genera einzuschliessen.
Unter den Clypeastroiden finden bei den Jungen,
während ihres Wachsthums grosse Veränderungen der
Gestalt und des Baues statt. Bei jungen Echinarachnius
ist der Umfang elliptisch, die Schale ist gewölbt, hoch,
der After liegt in einer seichten Depression der Schale,
und im Profil gesehen , wird man an das aligemeine
Ansehen von Pygorhynchus erinnert. Es giebt nur zwei
Hauptreihen grosser Höcker in jedem Felde, die sich von
dem Apex bis zu dem Munde erstrecken, so dass von
Ueber die Jugendzustände der Seeigel. 137
oben gesehen der junge Echlnaraclinius sehr das Anse-
hen einer Echinometra hat. Der Mund ist gross, penta-
gona], sein Halbmesser ist halb so gross wie der Halb-
messer der Schale. Die Ambulacral-Rosette ist auf zwei
Porenpaare reducirt , — einfache Diirchbohnmgen der
Schale, eines in joder Porenrcihc für jedes Ambulacrnra.
Diese seltsame Gestalt und Ötructur der Jungen bleibt
nicht lange; sie werden bald birnförmig ; das stumpfe
Ende ist das hintere, die Schale wird sehr flach und der
After nähert sich dem Rande. Die Rosette besteht nun
aus drei und zwei Paaren einfacher Poren in jeder Poren-
reihe für jedes Ambulacrum, das vordere Ambulacrura
hat nur zwei Porenpaare in jeder Reihe. Die Höcker
sind verhältnissmässig kleiner, obgleich noch nur zwei
Reihen in jedem Felde vorhanden sind, aber weiter ge-
trennt. In dem nächsten Stadium ist die rudimentäre
Rosette aus vier und fünf dicht aneinander liegenden und
zwei oder drei entfernten Porenpaaren zusammengesetzt,
in den folgenden x\mbulacralplatten, ein Paar in jeder
Platte, welche in den folgenden Stadien an Zahl zuneh-
men und sich fast bis zum Rande der Schale ausdehnen.
Die Schale ist ganz flach geworden, die Unterseite ist
concav, wellig, dieAmbulacralfelder sind nun viel schma-
ler als die Interambulacralfelder, Jede Platte hat auch
nur einen Höcker; die Trennungslinien zwischen den bei-
den Feldern laufen gerade vom Schalenrande zum Apex.
In nur etwas älteren Stadien, wenn die Rosette ihren
strahligen Umriss verliert und eine schwach petaloide
Form annimmt, finden wir den Winkel an der Basis des
Petalums in dem Ambulacralfelde gebildet, von welchem
Punkte sich die Ambulacralplatten rasch erweitern: jede
Platte trägt nun zwei bis sechs kleinere Höcker. Dtr Um-
riss ist ganz pentagonal, die ünterfläche concav, aber
wenig wellig, der After liegt nahe dem Rande, und wie
in allen vorhergehenden Stadien von einer Platte be-
deckt; das Analsystem hat in älteren Individuen fünf Plat-
ten, die zuerst gebildete Platte bleibt etwas grösser. Wie
der junge Echinarachnius an Grösse zunimmt, wird sein
Umriss mehr kreisförmig und Exemplare von Vö ^^11 ini
138 Agassiz:
Durchmesser haben das allgemeine Ansehen der Erwach-
senen. Die Furchen^ welche die Arabiilacralporen ver-
binden, treten bald nach den ersten Spuren der wahren
Rosette auf; sie werden tiefer nnd die Poren trennen
sich im Verhältniss mit der petalolden Strnctiir des Ab-
actinaltheiles des Ambulacriims. Die Höcker sind ver-
hältnissmässig viel kleiner und zahlreicher, und haben
bald nachdem die Ambulacra eine wohlentwickelte Ro-
sette haben, beinahe das Verhältniss zu den. Platten, wel-
ches sie bei den Erwachsenen haben.
Junge Exemplare von Meilita hexapora von V32 2oll
im Durchmesser, sind fast kreisrund, mit verdicktem er-
habenen Rande, wie bei Laganum, und haben noch keine
Lunulae. Die Rosette ist einfach eine Reihe strahliger
Poren, drei und zwei in jeder Porenreihe, für jedes Am-
bulacrum, und sich nur auf kurze Entfernung vom Apex
erstreckend. Die Arabulacral- und Interambulacralplatten
sind von derselben Grösse, hexagonal, bilden 20 gleiche
Felder und tragen nur einen einzigen grossen Höcker
auf der Mitte jeder Platte; von unten gesehen ist die
Oberfläche tief concav, der Mund viel grösser im Ver-
hältniss zur Schale als bei ausgewachsenen Exemplaren,
und man sieht in dieser Ansicht die hintere Interambula-
cral-Lunula sich bilden als eine tiefe Grube, an deren
einem Ende der After in der Nähe des Mundes liegt,
etwa auf ein Drittel der Entfernung vom Schalenrande.
Man findet auch rudimentäre Phylloden, die aus wenigen
kleinen Poren bestehen, welche sich zuletzt in den Am-
bulacralfurchen bis zum Schalenrande erstrecken, aber
jetzt noch auf eine kleine Zahl rund um den Mund ge-
häuft beschränkt sind. Der Umriss wird in einem fol-
genden Stadium schwach pentagona!, die Platten läng-
lich; dieLunula bohrt sich bis zur Rückenseite hindurch;
die Rosette ist auch strahlig und besteht aus fünf bis
sechs Porenpaaren in jeder Reihe. Das Ambulacralfeld
ist jetzt kaum schmaler als die Interambulacralfelder.
Wenn die hintere Lunula eine runde Oeffnung gewor-
den Ist und die Platten des hinteren Interambulacralfel-
des beeinträchtigt, welches wie ein Lappen über den um-
Ueber die Jugendzustände der Seeigel. 139
rivss der Schale liinansragt, dann ist die Rosette schwach
petaloid. Es sind zwei bis fünf Höcker auf jeder Platte
vorhanden; diese sind ganz langstreckig und haben ihren
hexagonalen ümriss verloren ; die ünterfläche ist flach,
und an der Unterseite haben sich die Ambulacra sehr
schnell verbreitert, die Interambulacra bilden schmale
Bänder und tragen grössere Höcker zwischen den Am-
bulacralfeldern. Der Schalenrand ist noch ganz verdickt^
und erst wenn die junge Mellita fast einen halben Zoll
im Durchmesser erlangt hat, erscheinen die Ambulacral-
Lunulae als Gruben, die man anfänglich nur an der Un-
terseite sieht, und die sich allmählich durch die Schale
hindurch zwängen. Die hintere Interambulacral-Lunula
nimmt sehr schnell an Grösse zu; die Schale und die
Grube, in der der After liegt, werden etw^as von ihr ge-
trennt und bilden einfach einen Eindruck in der Fort-
setzung der Lunula. Nach dem Auftreten der Lunulae
als kleine Vertiefungen, welche sich ungleich entwickeln
und nicht gleichzeitig erscheinen, beschränken sich die
Veränderungen auf die Vergrösserung der Lunulae und
der Porenreihen an der Unterseite ; Umriss und allge-
meines Aussehen sind mit Ausnahme der bedeutenderen
Grösse der Höcker, wie bei den Erwachsenen.
Der allgemeine Charakter der Veränderungen bei
Echinarachnius und Mellita hexapora, so weit sie sich
auf die Umbildungen der Ambulacral-Rosette, das Wachs-
thum der Tuberkeln, die Veränderungen in den Verhält-
nissen der relativen Breite der Ambulacral- und Interam-
bulacralfelder bezieht, sind identisch mit denen von Mellita
testudinata und Encope emarginata. Bemerkenswerth ist bei
M. testudinata, dass die Art der Bildung der Ambula-
cral- Lunulae nicht mit der von M. hexapora übereinstimmt.
Die Interambulacral - Lunula allein entwickelt sich aus
einer Depression an der Unterseite und drängt sich durch
die Schale hindurch, die Ambulacral- Lunulae resultiren
aus dem Verschluss von Einschnitten, welche am Scha-
lenrande auftreten, und die offen bleiben bis die Mellita
eine beträchtliche Grösse erlangt hat, — drei Viertel Zoll
oder etwas mehr; lange nachdem die Anordnung der
140 Agassiz:
Platten, die Form der Rosette, die Grösse der Tuberkeln
und die Ausdehnung der Porenreihen «an der Unter-
seite den Charakter der Erwachsenen erhalten haben.
In der That, die Entwickeln ngsweise von Encope und
von Mellita testudinata (auch M. longifissa) ist weit
enger mit einander verbunden als die der beiden Mel-
lita Arten der Typen von hexapora und testudinata un-
ter sich.
Bei Encope emarginata haben wir, wie bei Meilita,
ein frühes Stadium, in welchem keine hintere Interambu-
lacral-Lunula existirt. Der Umriss dieser jungen Enco-
piden ist nicht Laganum-ähnlich, wie bei Mellita, sondern
ist elliptisch, wie bei sehr jungen Echinarachnius ; die
Anibulacralfelder erstrecken sich einförmig vom Rande
zum Apex, sind schmaler als die Interambulacralfelder.
Die Platten beider Felder tragen eiiren oder zwei grosse
Höcker und ein Paar sehr kleine. Die Ambulacralporen
erstrecken sich vom Apex bis zum Munde. Ein Poren-
paar, nicht durch Furchen verbunden, liegt in der Naht
jeder Ambulacral platte. Der Umriss von oben gesehen
ist tief gekerbt — es ist wirklich eine Moulinsia, — und
die von Agassiz in der Monographie des Scutelles ge-
gebene Figur ist nur eine junge Encope emarginata. Die
hintere Interambulacral-Lunula beginnt als eine Vertie-
fung von der Unterseite, und zu der Zeit, wo die junge
Encope einen Durchmesser von drei Viertel Zoll erlangt
hat, sieht man die Lunula auch von oben als eine kleine
elliptische Oeffnung. Der Rand der Schale ist tief ge-
kerbt, besonders an den mittleren Ambulacral-Nähten,
wo bald Kerben auftreten, und die junge Encope be-
kommt allmählich einen tief lappigen Umriss. Diese
Einschnitte können sich schliessen oder nicht, und so
haben wir den Grund für die grosse Zahl von Arten,
welche nach der Tiefe der Lappen und nach der Gegen-
wart oder Abwesenheit gewisser Lunulae aufgestellt sind,
welche nichts anderes sind als Eigenthümlichkeiten der
Jugend, die entweder bei den Erw^achsenen gehemmt
oder übermässig entwickelt werden. Die Ambulacral -
Rosette bildet sich wie bei Mellita und Echinarachnius
Ueber die Jugendzustände der Seeigel. 141
durch das unabhängige Waclisthum des oberen Theils des
AmbulacralfeldeS; welches bei den Ciypeastroiden rascher
wächst als die übrige Schale, von dem Moment an, wo
die Poren durch Furchen verbunden werden, indem die
Platten sich auf einander drängen und sie oder einen
Theil von ihnen gegen den Rand der Schale schieben.
Bei den Scutellen liegen die Porenpaare der Rosette in
den Nähten der Ambulacraiplatten, während bei den
Ciypeastroiden ausser dem Porenpaar in den Nähten ein
ferneres Paar die Mitte jeder Ambulacralpiatte durch-
bohrt
Die Entwickelung von Stolonoclypus prostratus und
der flachen Ciypeastroiden des Typus von Clypeaster
placuuarius ist sehr instructiv, da sie geeignet ist zu zei-
gen, dass in Verbindung mit der Entwickelung der oben
beschriebenen Scutelliden, wir wahrscheinlich eine voll-
ständige Reform unter den Gattungen Lenita, Scutellina,
Runa, Echinocyamus und andern kleinen Echinoiden ein-
führen müssen, die sich vielleicht als nichts anderes er-
geben werden, als die Jungen anderer Ciypeastroiden,
wie Meilita, Scutella, Laganum, Stolonoclypus^ Clypea-
ster, Encope und Verwandte; aber Mangel an hinreichen-
dem Material hindert mich, weiter in das Detail dieser Ver-
gleichung einzugehen. Wir wissen jedoch nun aus dem
Gesagten, dass die Scutelliden Stadien durchlaufen, wel-
che nicht von Moulinsia, Fibularia, Runa, Scutellina un-
terschieden werden können, und die Ciypeastroiden durch-
laufen, wie ich unten zeigen werde, ein Stadium des
Wachsthums, das mit Echinocyamus identisch ist. Aus
ähnlichen Gründen bin ich geneigt Fibularia als ein frü-
hes Stadium einiger Ciypeastroiden zu betrachten. Die
Abwesenheit von Scheidewänden bei einigen Species
kann nach meiner Ansicht leicht auf Rechnung davon
kommen, als würden sie nur später entwickelt. Wir be-
sitzen eine Art Fibularia von den Sandwicbinseln, in
welcher keine Scheidewände vorhanden so lange sie sehr
klein, während bei den Erwachsenen diese Scheidewände
sehr rudimentär sind. Grösseres Material, als ich besitze,
ist erforderlich, um die Verwandtschaft der Gattung auf-
142 Ag-assiz:
zukläreii; welche gewiss alle Charaktere unreifer Clypea-
stroiden hat.
Unter den von Pourtales in grosser Menge ge-
sammelten Echinen war eine kleine Zahl, welche bei
sorgFälliger Prüfung das Ansehen von Echinocyamus
hatten, und welche ich, nach einer genauen Vergleichung
mit Echinocyamus pusilhis, davon nur durch den mehr
kreisförmigen Umriss, grössere Höcker, weniger ge-
drängte und dünnere innere Scheidewände unterscheiden
konnte; als ich jedoch in den horizontalen Nähten der
Ambulacralplatten Reihen kleiner Poren bemerkte, die
sich von der unvollkommenen Rosette bis zum Munde
erstreckten, sah ich sogleich, dass es ein junger Clypea-
ster sein müsste, und ihre Vergleichung mit jungen Sto-
lonoclypus prostratus, die einen halben Zoll lang waren,
ergab eine ähnliche Anordnung in der Ambulacralreihe,
unter der Rosette. Es war nun klar, dass unser Florida-
Echinocyamus nur ein junger Stolonoclypus prostratus
war, welcher in früheren Stadien in allen Structurver-
hältnisseu mit Echinocyamus identisch ist ; denn Europäi-
sche Exemplare von Echinocyamus zeigen die Gegenwart
ähnlicher horizontaler Porenreihen wie in unseren jungen
Stolonoclypus von Florida. Ich weiss w^ohl, dass kein
Clypeaster in den Europäischen Meeren gefunden worden
ist, indessen wir haben offenbar eine so unvollständige
Kenntniss der marinen Fauna in grossen Tiefen, nach
den Pourtales'schen Sammlungen zu urtheilen, dass ne-
gative Bew^eise nicht länger gegen solche positive That-
sachen Gültigkeit haben können, wie wir sie in Florida
finden. Die Larven, welche Müller Echinocyamus zu-
sehrieb, waren nicht durch künstliche Befruchtung erzo-
gen; sie gleichen nicht Spatangoid- oder Clypeastroid-
Larven, sondern scheinen nahe verwandt mit Larven von
eigentlichen Echiniden. Können sie nicht eher Larven
von Cidaris hystrix und von Cidaris papillata sein — was
für das Vorkommen solcher Formen in der Nordsee und
im Mittelmeer sprechen würde — als zu Echinocyamus
gebracht werden? Bei sehr kleinen Exemplaren, die in
der Zahl der Höcker auf jeder Platte, in der Porenzahl
lieber die Jugendzustände der Seeigel. 143
der Tinvollkommcncn Rosette vaniren, sind die Verän-
derungen ähnlicher Art^ wie wir sie bei den Scutelliden
beobachtet haben. Von dem Echinocyamns-Stadium wer-
den sie ' mehr pentagona! ; die Concavität der unteren
Seite nimmt zxi, die Scheidewände vermehren sich durch
Hinzufügnng nadolförmiger Fortsätze, und sie erlangen
bald die Form und Structur, welche Lütken in seinen
Figuren junger Stolonoclypus prostratus gegeben hat.
Die Tuberkel mehren sich schneller nahe dem Rande
der Schale und eine auftauende Eigenthümlichkeit dieser
Stadien ist die Gegenwart kleiner Glastuberkel, ähnlich
wie bei Echinoneus, die sich neben jungen Höckern ent-
wickeln, deren Function eben so dunkel ist, wie bei Echino-
neus, und die an älteren Exemplaren nicht gefunden werden.
Die Entwickelung von Echinolampas hat unerw^ar-
tetes Licht auf die Beziehungen der zahnlosen Galerites
und der Cassidulidae geworfen. Sie beweist entschei-
dend, dass Echinoneus nur ein permanentes Embryonal-
stadium von Echinolampas ist, und so mit den Cassidu-
lidae verbunden wird, und dass er nichts mit den Galerites
gemein hat, wie ich sie begrenzen möchte, indem ich sie
ganz auf die ont Zähnen versehene Gruppe beschränke. Das
redueirt den Typus zu einer sehr natürlichen Abtheilung,
und nach dem w-as wir jetzt von der einfachen Natur der
Ambulacren aller Echinen in ihren frühzeitigen Stadien
wissen, würde ich diesem Charakter nicht die Bedeutung
geben, w^elche er bekommen hat, sondern würde geneigt
sein die gezähnten Galerites mit den eigentlichen Echi-
nidae in derselben Unterordnung zu vereinigen, als eine
prophetische Familie, die sich durch die Trennung des
Afters von dem Apicalsystem der Ciypeastroiden nähert,
und die Zähne und den allgemeinen symmetrischen Bau
der regulären Echlnl festhält. Ich weiss jedoch wohl,
dass die grosse Entwickelung der Galerites in früheren
geologischen Perioden , und die Beziehung von After
und Schale, bei weiterer Bekanntschaft mit lebenden
Repräsentanten, sie berechtigen mögen als eine Unter-
ordnung zwischen den eigentlichen Echini und den Ciy-
peastroiden zu rangiren* Junge Echinolampadae von
144 Agassiz'.
etwas über '/g 2oll sind elliptisch^ ähnlich Echinoneus,
mit einem grossen quer elliptischen Munde, dem After
an dem abgestutzten Hinterende über der Peripherie.
Der ümriss im Profil ist fast kuglig, jede Platte des
schmalen Ambulacralfeldes tiägt einen einzigen Ilaupt-
höcker, umgeben von einem Kreise Miliarhöcker. Die
Poren sind in einer vertlcalen Reihe von einer einzigen
Porenlinie geordnet, drei oder vier für jede Platte, die
sich vom Munde zum Apex erstreckt. Die Interambula-
cralplatten sind horizontal verlängert, und tragen einen
bis drei Haupthöcker, mit zahlreichen kleinen Miliarhök-
kern, die in Kreisen um die Haupthöcker geordnet oder
unregelmässig gehäuft sind. Bei Exemplaren von dop-
pelter Grösse der vorigen ist die Schale weniger ellip-
tisch, mehr abgeflacht, und die erste Spur einer rudimen-
tären Rosette tritt als eine kurze Reihe doppelter Poren
auf, die vom Apex ausgeht und aus acht bis neun Paaren
besteht, nur in einer Porenzone jedes Ambulacralpaares
— in der vordem Reihe des hintern Paares und in der
hinteren Reihe des vorderen Paares der Anibulacren —
das unpaarige Ambulacrum bleibt einfach. In Exemplaren
von über ^'2 Zoll hat diese rudimentäre einseitige Rosette
an Länge zugenommen, und man sieht Spuren der zweiten
Reihe Doppelporen in den einfachen Reihen nahe dem
Apex. In Exemplaren von einem Zoll sind diese Reihen
halb so lang wie der Bogen der zuerst gebildeten Ro-
sette; dieselbe Structur hat sich auch bis auf den Abac-
tinal-Theil des unpaarigen Ambulacrums erstreckt. Der
elliptische Umriss ist bei diesen Exemplaren ganz ver-
schwunden, die Gestalt ist allmählich mehr kreisförmig,
pentagonal und eiförmig geworden. Zur selben Zeit ver-
mehren sich die Miliarhöcker rasch, und bilden Haufen
kleiner Höcker, v/elche die Platten beider Felder zieren.
Das Analsystem ist von drei grossen dreieckigen Platten
bedeckt, der After öffnet sich nahe dem Rande des Sy-
stems in einer schmalen von sehr kleinen Platten ver-
deckten Spalte. Der Mund wird mit dem Wachsthum
der Jungen mehr und mehr eingesenkt. Die Mundhaut
ist mit kleinen Platten bedeckt, der Mund öönet sich in
Üeber die Jugendzustände der Seeigel. 145
der Mitte. Noch zeigt sich keine Spur von Phylloden
oder Wülsten, welche erst später auftreten; die Wülste
sind zuerst Anhäufungen kleiner Tuberkeln zwischen
den Phylloden. Bei einer Länge von etwa einem halben
Zoll ähneln die jungen Echinolampas in solchem Masse
Caratoraus, dass man dieses Stadium eine Zeitlang als
einen lebenden Repräsentanten von Caratomus angespro-
chen hat. Die grössere durch Pourtales auf seiner
zweiten Expedition gesammelte Reihe zeigte überzeugend
die Verwandtschaft mit Echinolampas, und beweist die
Richtigkeit des Schrittes, den Desor gethan hat, indem
er Caratomus und verwandte Gattungen von den Galeri-
tidae entfernte, und sie auf Grund der semipetaloiden
Beschaffenheit des apicalen Theiles der Ambulacra, unter
die Cassidulidae stellte. Pedicellarien mit einem kurzen
Stiel sind unregelmässig über die Schale zerstreut ; die
Stacheln ähneln denen der Clypeastroiden ; sie sind kurz,
dünn, gerade, die secundären Stacheln seidenartig. Die
Tentakeln, so weit es an Weingcistexemplaren festge-
stellt werden konnte, sind mit einer kräftigen Saugscheibe
versehen, so lange sie das Aussehen von Caratomus be-
halten.
Unter den eigentlichen Spatangoiden zeigt die Un-
tersuchung junger Exemplare, dass sie grosse Verände-
rungen des Umrisses während ihres Wachsthums einge-
hen, dass der hintere Theil der Schale besonders der
Veränderung unterworfen ist, dass die Lage des Afters
ausserordentlich veränderlich in einer und derselben
Species ist, dass der Mund nicht labiat bei den Jungen
ist, wie bei den Erwachsenen, dass die peripetalen Se-
miten und die lateralen Semiten sich nicht in ihrem
Verlaufe verändern, dass aber die subanale und anale
Semiten grossen Modificationen während ihres Wachs-
thums unterworfen sind und nicht als unterscheidende
Charaktere von generiscbem Werthe angewendet werden
können, wogegen die Beständigkeit der peripetalen und
lateralen Semiten diesen grossen systematischen Werth ver-
leiht. Die Ambulacral-Blätter werden auch mit dem Alter
sehr modificirt, sie werden im Allgemeinen geschlossen,
Archiv f. Naturg. XXXVI. Jahrg. l.Bd. 10
146 Agassiz:
während sie in der Jugend merklich getrennt und die
Poren nicht verbunden sind. Die Semiten sind nicht
mit regelmässigen Pedicellarien bedeckt, wie allgemein
angegeben wird. Wir finden an den Semiten kleine
Höcker, welche embryonale Stacheln tragen. Troschel
war der erste, welcher hierauf aufmerksam machte, und
Müller hat darauf, in seiner Embryologie der Echino-
dermen, genaue Abbildungen von Stacheln aus den Se-
miten von S. canaliferus gegeben, in seiner sechsten Ab-
handlung, Tafel VII Fig. 7 — 9. Diese Beobachtungen,
die von vor 1852 datiren, scheinen indessen der Auf-
merksamkeit neuerer Autoren entgangen zu sein, welche
bei der Angabe beharren, dass die Semiten wahre Pedi-
cellarien tragen. Diese findet man unregelmässig über
die Schale zerstreut, im Allgemeinen häufiger in der
Umgebung des Mundes. Nach der Untersuchung der
Pedicellarien an einigen Gattungen unserer Sammlung
(Podocidaris) ist es ausser Zweifel, dass Pedicellarien
nichts anderes sind als modificirte Stacheln; das Vor-
kommen von Pedicellarien auf einem Höcker, und ihre
Bewegung durch denselben Mechanismus wie bei den
Stacheln, sowie die Art der Bildung der Pedicellarien,
wie sie bei Asteracanthion und den Spatangoiden von
Müller und mir beobachtet wurde, beweisen überzeugend,
dass sie nur mehr sensitive Stacheln sind, und dass sie
je nach ihrer Stellung die Functionen von Gassenfegern
oder Lieferanten versehen.
Der Cassiduloidförmige Mund junger Spatangoiden,
sowie das Vorkommen einiger Spatangoiden, fossil und
lebend, bei denen der Mund einen ähnlichen Bau hat,
ist ein überzeugender und zwingender Beweis von der
Richtigkeit die Cassiduloidcn und Spatangoiden in der-
selben Unterordnung zu vereinigen, obschon der von
AI bin Gras eingeführte Name „Irreguläre*^ noch man-
ches zu wünschen übrig lässt.
Junge Brissopsis lyrifera unter V^ 2oll Länge sind
cyllndrisch, der Mund hat einen flachen, mondförmigen
Rand, die Schale ist hinten vertical abgestutzt, umgeben
von einer vorspringenden elliptischen Subanal-Semita;
Ueber die Jugendzustände der Seeigel. 147
die peripetale Semita ist elliptisch, wellig ; der After liegt
nahe dem hinteren Ende der Semita. Das impaarige
Ambulacriim trägt vier oder fünf grosse Tentakeln mit
lappiger Scheibe ; die Poren des unpaarigen Ambulacrums
sind einzeln, nicht paarig; die übrigen Ambulacra sind
kurz, gerade, wohlbegrenzt, und bestehen aus drei und
vier nicht verbundenen Porenpaaren. In älteren Exem-
plaren wird der hintere Mundrand lippenförmig, der
After nähert sich der subanalen Semita, welche einen
rudimentären Analzweig entsendet, der sich schliesslich
mit der peripetalen Semita vereinigt, deren ümriss mit
der Zunahme der petaloiden Ambulacra mehr pentagonal,
wellig und verlängert wird. Der hintere Rand wird mit
dem Alter schiefer, das subanale Plastron springt mehr
vor, die seitlichen Ambulacra haben die Neigung sich
zu vereinigen, und gehen von einem genauen Brissopsis-
Umriss zu einem bisher für charakteristisch für Toxo-
brissus gehaltenen über. Die Stacheln bei allen jungen
Spatangoiden sind verhältnissmässig merklich grösser
als bei den Erwachsenen.
Bei Echinocardium cordatura sind die Veränderungen
des Mundes, des Umrisses der inneren Ambulacral-Semita,
und das allmähliche Zusammenfliessen der seitlichen Am-
bulacra ähnlich wie bei Brissopsis ; das hintere Ende
geht die grössten Veränderungen im Umriss ein; das
Subanalplastron ist sehr vorragend; in der That, das
Aussehen des jungen E. cordatum erinnert an E. gib-
bosum. Die Subanal-Semita und der Analzweig sind
zuerst vereinigt, aber wie die Exemplare an Grösse zu-
nehmen, trennt sich der Analzweig von ihr. Die ein-
zelnen Ambulacralporen sind zuerst zwei einzelne Poren-
reihen, welche durch dichteres Aneinanderdrängen wohl
alterniren, aber sich nicht paarweise ordnen.
Die junge Agassizia von V^ 2oll Länge ist ein flacher
elliptischer Spatangoid, der Gualteria ähnlich sieht. Die
peripetalen und lateralen Semiten haben denselben allge-
meinen Verlauf wie bei den Erwachsenen, aber die An-
ordnung der Poren ist in allen Ambulacren identisch;
es ist nur eine einzelne Pore für jede Ambulacralplatte,
14Ö Agassiz:
wie sie in den vorderen paarigen und in den unpaarigen
Ambulacrcn bei den Erwachsenen vorkommt; die Ara-
bulacralfurchen sind noch nicht gebildet, die vordere ist
allein schwach angedeutet; der Mund ist nicht labiat.
Die grosse Zahl der Spatangoiden-Gattungen, welche
auf Differenzen in der subanalen Semita, das Vorhanden-
sein oder die Abwesenheit des Analzweiges, die Tiefe
der Ambulacralfurchen, die Vereinigung oder Trennung
der seitlichen Arabulaera gegründet sind, und alle auf
Charakteren von grosser Veränderlichkeit während des
Wachsthums beruhen, machen eine sorgfältige Revision
der ganzen Spatangoidengruppe auf Grund der hier an-
gegebenen Thatsachen nothwendig; und so nahe ver-
wandte Genera wie Maretia, Spatangiis, Hcmipatagus und
Macropneustes; Eupatagus, Plagionotus undMctalia; Meoma
und Linthia; Agassizia, Prenaster und Periaster; Gual-
leria und Brissopsis ; Tripylus, Desoria, Abatus und viele
andere müssen aufs Neue untersucht und kritisch revidirt
werden, bevor wir zu einer Eintheilung der Spatangoiden
in natürliche Familien gelangen können.
Die Unterordnungen, welche gewöhnlich seit ihrer
Einführung durch Alb in Gras anerkannt werden, schei-
nen nicht befriedigend, wenn man sie nach unserer
jetzigen Kenntniss prüft. In erster Stelle ist die ganze
Classification auf der Trennung des Afters vom Abacti-
nalsystem begründet. Nach dem was die Embryologie
der Echinen aus gelehrt hat, hat die Lage des Afters
nicht die physiologische Wichtigkeit, die ihr durch die
Autoren, welche so allgemein diese Classification ange-
nommen haben, beigefügt wird. Die unbeständige Lage,
welche er an demselben Thiere in verschiedenen Wachs-
thumsstadien hat, — in der Nähe des Mundes, dann am
Rande, und endlich im Mittelpunkt des apicalen Systems
bei den Erwachsenen — muss uns anstehen lassen, einen
einzelnen anatomischen Charakter als unseren einzigen
Führer anzuerkennen. An erster Stelle ist die Ordnung
der Perisclioechinidae, eine sehr natürliche, auf Charak-
teren begründet, die von der Structur des Interambula-
cral- und Ambulacral-Systems hergenommen sind. Die
Ueber die Jugendzustände der Seeigel. 149
beiden andern Unterordnungen, Reguläre und Irreguläre,
gewöhnlich anerkannt, können kaum natürlich genannt
werden. Die Unterordnung der regulären Echini ist noch
befriedigender als die andere, obgleich nach dem, was
ich von den Galerites mit Zähnen gesagt habe, ich ge-
neigt sein würde, sie der Unterordnung als eine ihrer
drei Unterabtheilungen hinzuzufügen, welche, wie hier
begrenzt, sind; die Cidaridae, die eigentlichen Echinidae,
und die Galerites. Die Unterordnung der irregulären
Echinen, nach Abzug der Galerites, enthalten noch die
Clypeastroiden. Nach dem Bau des Ambulacral-Systeras
haben sie einige Aehnlichkeit mit den Spatangoiden ;
indessen die Anwesenheit von Scheidewänden und Zähnen,
in Verbindung mit petaloiden Ambulacren, scheinen gute
Unterordnungscharaktere für die Clypeastroiden darzu-
bieten, gegenüber den eigentlichen Spatangoiden, welche
alle zahnlosen Formen einschliessen und sowohl die früher
zu den Galerites gestellten zahnlosen Genera, als auch
die Cassidulidae aufnehmen, die zuweilen als besondere
Unterordnungen betrachtet werden.
Verzeichniss der vou Dr. Gundlach auf der Insel
Ciiba gesammelten Rüsselkäfer.
Von
Dr. £. Suffriau,
Schulrath in Münster.
Nach Beendigung meines Verzeichnisses der von
dem Dr. Gundlach auf der Insel Cuba gesammelten
C h r j s 0 m e 1 i n e n hat mir der genannte Naturforscher
den Wunsch ausgesprochen, an dasselbe eine entsprechende
Bearbeitung seiner dortigen Rüsselkäfer-Ausbeute ange-
schlossen zu sehen^ und mir zu diesem Ende die von
ihm daselbst seit 30 Jahren zusammengebrachten^ hierher
gehörigen Arten zugesandt. Ich habe mich zu dieser
Arbeit nicht ohne einiges Bedenken entschlossen, da ich
dieser Familie seit fast zwei Decennien ein eingehenderes
Studium nicht habe widmen können, sie aber auch nicht
ablehnen mögen, da die ungemeine Ergiebigkeit der sorg-
fältigen Gundlach'schen Durchforschung jener reich ge-
segneten Insel sich auch hier wieder in einem kaum zu
erwartenden Maassc bestätigt hat, und andererseits die
gründliche Durcharbeitung des systematischen Theils die-
ser Familie in Lacordaire's Genera etc. VI. und VII.
hier noch mehr als sonst wohl meine Mühe auf das Ver-
zeichnen und Kenntlichmachen der von Dr. Gundlach
gesammelten x\rte n zu beschränken gestattete. Was nun
die Anordnung im Einzelnen betrifft, so habe ich im An-
schlüsse an die vorausgegangenen Chrysomelinen die von
Herrn Lacordaire und dann auch von Hrn. Jekel als
selbständige Familien anerkannten Brüchen, Anthri-
S uffrian: Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelt. Rüsselkäfer. 151
ben und ßrenthen vorangestellt, und lasse auf diese,
unter Ausschluss der von mir niemals genauer studirten
Scolytiden in La cordaire'söinne, die Rüsselkäfer im
engern Sinne folgen; ich halte dabei im Allgemeinen, und
zwar in umgekehrter Reihenfolge die Lacordair e'sche
Anordnung fest, und bin von derselben nur da abgewi-
chen , wo , wie bei dem Einschalten des Restes der
S chön h err'schen Orthoceren zwischen die Langrüss-
1er mit gebrochenen Fühlern, und die Verweisung dieser
letzteren überhaupt an das Ende der Familie zum An-
schlüsse an die Scolytiden, mir jene Anordnung aus
hier nicht näher zu entwickelnden Gründen nicht recht
natürlich zu sein scheint.
A. Brncheii (Briichidae).
I. Bruchus Linn.
a. Femora postica modice incrassata, unidentata aut
edentata, tibiis rectis. (Rruchi genuini Schh.)
1. Br. p ectin icor nis Lin. Syst. Nat. I. 605.
n. 7. Br. scutellaris Fab. Aut. Schh. Cure. I. 33. n. 2. V. 6.
n. 6. Das zuletzt von Dr. G. eingesandte Stück ist ein c^,
und entspricht genau der bei Schönherr a. a. O. von
Gyl l e n h al gegebenen Beschreibung der Hauptform.
Ein früher eingeschicktes $ zeigt das Halsschild und die
Deckschilde dunkelroth, letztere vorn leicht bräunlich
gewölkt, mit deutlichen weisslichen Fleckenbinden, und
auf dem Pygidiura die beiden bräunlichen Längsflecke,
deren bei der var. y. a. a. 0. gedacht wird. Auf der
Unterseite sind Brust und Hinterfüsse schwarz, Hinter-
leib und Beine roth. Bei einem, von G. an Hrn. Riehl
gesandten Päärchen stellt das c/* Schönhcrrs Stammform,
jedoch ohne weisse Querbinden, vor; bei dem $ sind die
Flügeldecken braunroth mit hellerer Spitze , von den
Querbinden ist nur die hintere weiss, die vordere hell-
gelb, nach aussen hinten weiss gesäumt und mit einem
weissen Haarfleck auf dem zweiten Zwischenräume,
dabei jeder Längsfleck des Pygidiums unterbrochen, wo-
152 Suffrian:
durch letzteres als mit zwei Paar verloschenen schmutzig
gebräunten Wischen gezeichnet erscheint. Damit sind
jedoch die verschiedenen Formen dieser vielgestaltigen
Art noch keinesw^egs erschöpft; ich habe hier nur die-
jenigen angeführt , von denen cubanische Stücke vor-
liegen.
Nach Walton (vergl. Ent. Zeit. 1846. 8.46. n. 7),
vsrelcher die Linne'schc Sammlung verglichen hat, ist
diese Art und zw^ar deren </ der echte Br. pectinicornis
(durch einen Druckfehler: pecticornis) Linn. a. a. O.,
wobei jedoch die Bemerkung: „Femora mutica" nur auf
einer ungenauen Betrachtung beruhen kann. lieber die
ungemeine Verbreitung dieses ursprünglich aus China oder
Ostindien herstammenden^ und selbst in England lebend
gefundenen und dort auch aus Cicer arietinumL. in Menge
gezogenen Käfers s. Walton a. a. 0.
2. Br. 4-maculatus Fab. Schönh. 1. 1. 1. 35. n. 4.
Von dieser in Dr. G.'s letzten Sendungen nicht wieder
mitgekommenen Art liegt nur ein einzelnes, von ihm frü-
her an Herrn R i e h 1 gesandtes Stück vor. Unter den
bei Schh. hervorgehobenen Abweichungen von der vor-
hergehenden Art erscheinen mir besonders der bei glei-
cher Körperlänge merklich schmalere und gestrecktere
ümriss, und die Beschaffenheit des nicht schwielig erhöh-
ten, sondern nur durch seine Haarbekleidung kenntlichen
weissen Doppelflecks vor dem Hinterrande des Halsschilds
bemerkenswerth; auch sind an dem vorliegenden, nach
dem Baue des Fühler $-Stücke die Hinterschienen ungleich
plumper und besonders unterwärts stärker verdickt als an
gleichgrossen $ der vorhergehenden Art. Das Pygidium ist
seidig braun behaart, mit schneeweisser, erst am unteren
Ende zu einem weisslichen Ankerflecke verbreiterter Mit-
tellinie. Ich vermag deshalb auch der von den Herausge-
bern des Me Ish ei mer'schen Catalogs S. 90 vorgenomme-
nen Zusammenziehung beider Arten nicht beizutreten.
3. Br. sinuatus Schh. 1. 1. V. 8 n. 9. Auch die-
ser mir nur in einem einzigen, nicht sonderlich erhalte-
nen aber doch vollständig kenntlichen Stücke vorliegende
Käfer ist im M el s he imer'schen Cataloge a. a. 0. mit
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer, 153
Br. scutellaris verbunden worden. Er unterscheidet sich
jedoch m. E. von demselben genugsam durch den mehr mit
Br. 4-maculatU8 übereinstimmenden Habitus^ und von beiden
Arten ausser der Zeichnung und dem derberen Zahne
der Hinterschenkel, durch die auch schon von Fahr aeus
bei Schh. a. a. O. (allerdings nicht in der Diagnose, aber
doch in der Beschreibung) hervorgehobene eingedrückte
Längslinie auf dem Halsschilde, welche zwar vorn nur
schwach, hinten aber, ohne jederseits von einer eigentlich
schwieligen Auftreibung begleitet zu sein, so tief einge-
graben ist, dass der Hinterlappen des Halsschildes dadurch
deutlich zweilappig erscheint. Auch bildet die weisse
Haarbekleidung hier nicht, wie bei jenen Arten, einen
Doppelfleck, sondern einen deutlichen und ziemlich brei-
ten Saum des Hinterrandes, welcher in Gestalt eines latei-
nischen W den Hinterlappen des Halsschilds umzieht
und mit seinem mittleren Zipfel in den durch die ver-
tiefte Längslinie gebildeten Einschnitt jenes Lappens ein-
dringt. Von der bei S c h ö n h e r r a. a. O. von Fahr aeus
gegebenen Beschreibung weicht der vorliegende Käfer
nur dadurch ab, dass an den Fühlern nicht die drei, son-
dern die vier unteren Glieder röthlichgelb, und dagegen
an den Hinterbeinen die Schienen und Füsse schmutzig
schwarzbraun sind : bei der sonstigen üebereinstimmung
zweifle ich jedoch an der Richtigkeit meiner Bestim-
mung nicht.
4. Br. cinerifer Chv. Schh. 1. 1. V. 21. n. 32. Die
daselbst (von F a h r a e u s) gegebene Beschreibung des ihm
aus Mexiko vorliegenden Käfers zeigt zwar einige, aber
doch wenig erhebliche Abweichungen. Charakteristisch
sind die schwarze Farbe des fein gekielten Kopfes, der
Bau und die Färbung der nur an den vier unteren Glie-
dern rothgelben, mit den oberen schwarzen Gliedern eine
derbe und dicht gedrängte blätterige Keule bildenden
Fühler, und die sich über die ganze Oberfläche verbrei-
tende feine und dicht angedrückte, einem Dufte ähnliche
greise Behaarung, die sich auf dem kurzen und breiten
Schildchen zu einem dichteren weissen Filze zusammen-
drängt. Die Körperform möchte ich nicht, wie von dem
154 Suffrian:
Autor, wenn gleich nur mittelbar geschieht, mit der unse-
res ßr. granarius vergleichen , dessen kleineren Stücken
dem Käfer allerdings an Länge gleich kommt ; ich finde
ihn vielmehr eher unserem Br. margincllus entsprechend.
Die a. a. O. als „piGeo-ferrugineus" bezeichnete Farbe
nähert sich bei den vorliegenden Stücken mehr dem Rost-
röthlichen, und damit steht auch im Einklänge, dass auf
der Aussenseitc der Schenkel der von F, angegebene
schwärzliche Längswisch vermisst wird. Beides aber er-
scheint^mir ohne wesentliche Bedeutung.
Ein von G. unter besonderer Nr. eingesandter Kä-
fer unterscheidet sich von dem eben bezeichneten bei
übrigens völliger Uebereinstimmung nur durch die noch
intensivere röthliche Färbung, und den mit den kürzeren,
oben nur zu einer schmalen Keule verdickten Fühlern
rothen Kopf; ich glaube ihn daher bis auf weitere Er-
fahrungen als das $ des Br. cinerifer betrachten zu
dürfen.
5. Br. livens m. Ferrugineus parce albido-pilo-
sus, corpore subtus, humeris, scutello, limbo suturali ni-
gricantibus, thoracc subconico punctulato vix canaliculato
postice bi-impresso, elytris subtiliter punctato-striatis, in-
terstitiis planis, dcnsius albomaculatis, femoribus dentatis.
Long. V4-I'"; lat. V2-V3'".
Von der Grösse und, den Bau des Halsschilds abge-
rechnet, auch dem Habitus der kleineren Stücke unseres
deutschen Br. cisti, sonst ziemlich unscheinbar, und weder
durch Farbe noch durch Zeichnung aulFallend. Der Kopf
schmutzig braunroth mit zuweilen helleren Mundtheilen,
punktirt, aber kaum längskielig, die kurzen hellrothgelben
Fühler mit kräftiger, dicht gedrängter und deutlich gesäg-
ter 7-gliedriger Keule. Das Halsschild abgestutzt kegelför-
mig, etwas kürzer als hinten breit, seitlich in der Mitte kaum
in schwachem Bogen erweitert, auf dem Rücken mit einer
nur bei grösseren Stücken bemerkbaren und auch hier nur
unscheinbaren eingedrückten Längslinic, am Hinterrande
jederseits des kräftig vortretenden Hinterlappens mit einem
tiefen, bei dem grössten der vorliegenden Stücke nach
vorn in eine schwächere Längslinie ausgezogenen Ein-
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelien Rüsselkäfer. 155
drucke. Die Oberfläche fein und ziemlich dicht punktirt,
roströthlich, mit dünner angedrückter greiser Behaarung,
die sich längs den Seiten und dem Hinterrande etwas
dichter, zusammendrängt. Das längliche Schildchen
schwärzlich und ziemlich dicht greishaarig. Die fast qua-
dratischen Dcckschilde hinter den stumpfzugcrundeten
Schultern noch etwas im Bogen verbreitert und hinten
breit zugerundet, sehr flach gewölbt, fein aber deutlich
punktstreifig, mit flachen , überaus fein gerunzelten, nur
an den abgeriebenen Stellen schwach glänzenden Zwi-
schenräumen, gleichfalls roströthlich, die kahlen Schulter-
beulen und. ein feiner Nahtsaum, so wie das (nur an den
abgeriebenen Stellen sichtbare) Innere der Streifen ge-
schwärzt. Die Oberfläche mit einer dünnen und sparsa-
men, angedrückten Behaarung bedeckt, die sich stellen-
weise zu unsymmetrischen und unregelmässig vertheilten
deutlicheren Längsfleckchen verdichtet. Das heller röth-
lichgelbe Pygidium fein punktirt und ziemlich dicht greis-
haarig. Auf der Unterseite die Brust schwarz mit ver-
waschenen helleren Schulterblättern und Parapleuren, der
Hinterleib hell röthlichgelb mit schmutzig gebräunter
Wurzel. Auch die Beine hellröthlichgelb mit gebräun-
ten Enden der Hinterschienen, die kräftigen Hinterschen-
kel mit einem breitzusammengedrückten, mit dem Vor-
derende in eine dornartige Spitze auslaufenden, an seinem
Hinterrande noch zwei kürzere Dörnchen bildenden,
schwärzlichen Zahne.
6. Br. tetricus Schh. 1. I.V. 22. n. 33. Die von
Gyllenhal herrührende Beschreibung ist kenntlich und
gut, nur möchte nach den mir vorliegenden Stücken die
Angabe über die Fühlerfärbung {„basi apioegue testaceae,
in medio plus Tninusve infus oatae''^) genauer dahin zu
fassen sein, dass die Fühler überhaupt gelb, und nur das
6ste bis 9te Glied geschwärzt oder auch nur leicht ge-
bräunt sind. Der Käfer scheint eine weite Verbreitung
zu besitzen; Gyllenhal a. a. O. hat ihn nach einem
(von dem Grafen Manner heim mitgetheilten) Stücke von
St. Domingo beschrieben, und ich selbst besitze drei frü-
her von Gerhard aus Georgien mitgebrachte Exemplare.
156 Suffrian:
7. Br. xanthopiis m. Nigricans griseo-pilosus,
ore antennis pedibusqiie luteis, thorace punctato, elytris
subtiliter punctato-striatis , interstitiis planis subtilissime
punctulatis, femoribus denticulatis.
^ minor, angustior, elytris concoloribus vel apicem
versus luride flavescentibus.
$ major, latior, elytris litura media longitudinali ru-
fescente. Long. V^-lVe'"; lat. V2-V3'".
Eine der kleineren Arten, nach Grösse und Habitus
etwa mit unserem deutschen Br. canus Germ, zu verglei-
chen. Die Farbe rein schwarz, mit ziemlich dichter hin-
terwärts angedrückter, an den Seiten gewöhnlich stellen-
weise abgeriebener Behaarung, die aber doch auf dem
nach vorn kegelförmig verschmälerten, am Hinterrande
jederseits des abgerundeten Hinteriappens nur massig ein-
gedrückten Halsschilde eine deutliche Punktirung erken-
nen lässt: hochgelb sind dagegen die Oberlippe mit den
Mundtheilen, die kurzen aber kräftigen, oberwärts zu
einer nur leicht rauchgrau angeflogenen Keule verdick-
ten Fühler, die Beine bis auf das schmutzig geschwärzte
Krallenglied, zuweilen auch das verwaschen begränzte un-
tere Ende des Pygidiums, an welches oberwärts anschlies-
send bei dem (/ auch der mittlere Theil von dem Hin-
terende der Flügeldecken unter schräger Beleuchtung eine
verwaschen gelbliche Färbung erkennen lässt, wälirend bei
dem grösseren und besonders breiteren $ ein mehr oder
weniger intensiver, selbst bindenartiger Längswisch auf
den Flügeldecken röthlich oder röthlichgelb erscheint.
Der feiner punktirte Kopf zeigt auf der Stirn nur eine
feine und abgekürzte Kiellinie; das fast quadratische
Schildchen ist etwas dichter greishaarig, die flacheren
Zwischenräume der Deckschilde sind feiner als das Hals-
schild aber doch noch kenntlich punktirt, und die massig
aufgetriebenen Hinterschenkel mit einem schwärzlichen
Zähnchen besetzt.
8. Br. relictus Mus. Ber. Niger opacus, thorace
subconico punctulato, scutello maculisque binis elytrorum
albido-pilosis, horum interstitiis planis subtilissime rugulosis,
femoribus dentatis. Long. 2/3— 1'"; lat. Vs— V2'".
Yerz, d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 157
Wiederum ein kleiner und zierlicher, in Grösse und
Bau etwa unserem Br. debllis oder foveolatus Schh. ent-
sprechender Käfer, leicht kenntlich an seiner tief schwar-
zen Färbung und den weissen Ilaarfleckchen der Deck-
schilde. Der Kopf zwischen den ziemlich weit getrenn-
fen Augen mit einer stumpfen, nicht eigentlich kielarti-
gen Längserhöhung, hinter ihnen etwas eingeschnürt,
durch seine dichte und feine runzliche Punktirung matt,
schwarz. Die Fühler derb und kräftig, vom dritten Gliede
ab allmählich sich zu einer dicht gedrängten Keule er-
weiternd, deren sieben obere Glieder durch einen kurzen
dreieckigen Fortsatz auf der Innenseite eine ihre Länge
besonders vom 7ten Gliede ab um das Doppelte über-
treffende Breite erhalten. Das nach vorn stark kegelför-
mig verschmälerte Halsschild merklich länger als breit,
oben leicht abgeflacht, gleichfalls dicht und fein punktirt,
mit Spuren einer sehr dünnen, hinterwärts angedrückten,
aber die schwarze Farbe kaum mildernden greisen Behaa-
rung. Das kleine halbkreisförmige Schildchen dicht weiss
behaart. Die Deckschilde vorn etwas breiter als der
Hinterrand des Halsschilds, hinter den sehr stumpf ab-
gerundeten Schultern noch etwas erweitert und dann
ziemlich gleich breit bis zu der breit abgerundeten
Spitze verlaufend , kaum Ye länger als breit ; die Punkt-
streifen fein, die Zwischenräume flach und überaus fein
gerunzelt. Die Farbe auch hier schwarz mit schwa-
chen Andeutungen einer dünnen und meist abgeriebenen
greisen oder weisslichen Behaarung und zwei weissen
Haarfleckchen auf jeder Flügeldecke, deren erster in der
Mitte der Länge auf dem zweiten Zwischenräume, der
andere etwas weiter nach vorn auf dem vierten : bei etwas
abgeriebenen Stücken ist einer oder der andere abge-
scliwächt oder auch ganz geschwunden. Das dicht und
fein runzlige Pygidium mit Unterseite und Beinen dünn
greishaarig. Die breiten Hinterschenkel vor dem Knie
mit einem wenig bemerkbaren Zähnchen.
9. Br. tricolor Mus.Ber. Niger, supra parcius subtus
cum pygidio dense albido-pilosus, thorace leviter trisulcato,
elytrorum disco pedibusque rufis, femoribus muticis.
158 Suffrian;
r^ Antennis flabellatis.
$ Antennis arctius serratis.
Long. IV4"'; lat. 3/4'".
Von dem gedrungenen Habitus einer mittelmässigen
Ceutorhynchus, und an dem eigenthümlichenFühleibau des
in den Sammlungen auch unter dem Namen Bruchus cal-
lirbipis Cbv. vorkommenden ^ leicht kenntlich. Der
kleine Kopf fein aber dicht punktirt, matt schwarz, die
grossen quer nierenförmigen Augen einander fast berüh-
rend, nur durch das zwischen ihnen verlaufende untere
Ende der feinen über den Kopf hinziehenden Kiellinie
getrennt. Die schwarzen Fühler bei dem ^ gross, das
Wurzelglied keulig und etwas gekrümmt, das 2te kaum
halb so lang, birnförmig und in seiner oberen Breite nur
wenig hinter seiner Länge zurückbleibend, das 3te um
die Hälfte länger, unter der Spitze nach aussen zu drei-
eckig erweitert, die beiden folgenden allmählicii verkürzt,
so dass das 5te nur etwa wieder dem 2ten gleichkommt,
die oberen schnurförmig zusammengedrängt, etwas brei-
ter als lang, und diese alle vom 4ten ab mit einem langen
flügelartigen Seitenfortsatze versehen, so dass dadurch ein
in seinen längsten Blättchen der Fühlerlänge gleichkom-
mender Wedel gebildet wird. Der Fortsatz des 4ten
Gliedes ist nur erst kurz, etwa dem oten und 4ten Füh-
lergliede zusammen gleichend, der des 6ten schon dop-
pelt länger, die folgenden bis zum 9ten Gliede noch wei-
ter zunehmend, an den beiden letzten Gliedern wieder
etwas kürzer, wodurch der Umriss des ausgebreiteten Füh-
lers sich fächerförmig zurundet. Bei dem $ sind die
drei unteren Fühlerglieder merklich dünner, das erste
auch kürzer , und der Fortsatz der acht oberen Glieder
zieht sich in eine dreieckige Erweiterung der Glieder
bis zur doppelten Länge derselben zusammen, so dass
dadurch eine achtglicdrige gesägte, dem Fühler einer Cly-
thra ähnliche Keule gebildet wird. Das abgestutztkegel-
formige Halsschild hinten kaum breiter als in der Mitte
lang, schwarz und durch seine dichte Punktirung matt,
mit einer schwächer eingegrabenen Mittel- und jederseits
einer merklich tieferen, nach vorn allmählich verflachten
Verz. d, auf d. Insel Cuba gesammelten Küsselkäfer. 159
Seitenlinie, die aber nur dann deutlich hervortritt, wenn
die im Allgemeinen nur spärliche, seitlich aber stärker
zusammengedrängte weissliche Behaarung abgerieben ist.
Der Hinterlappen des Halsschilds weit vorgezogen, in
der Mitte leicht ausgerandet, der Hinterrand des Hals-
schilds selbst jederseits doppelt ausgebuchtet. Das kleine
Schildchen so breit als lang, halbelliptisch und bei abgerie-
bener Behaarung schwarz. Die flach gewölbten, längs
der Naht vorn seicht niedergcdrücktenDcckschilde so lang
als vorn breit, von den eckig hervortretenden Schultern
ab sich hinterwärts allmählich aber nur wenig verschmä-
lernd und hinten breit zugerundet, deutlich und regel-
mässig punktstreifig mit leicht gewölbten , durch eine
feine runzliche Punktirung matten Zwischenräumen, dun-
kelroth; ein sehr breiter, fast bindenartiger Nahtsaum,
und ein schmaler den übrigen Theil der Flügeldecken bis
auf den frei bleibenden Seitenlappen umziehenden Saum
geschwärzt; seltener beschränkt sich die rotlie Färbung auf
einen schlecht hcgränztcn, über die Mitte der Flügeldecke
hinziehenden Längswisch. Dabei zeigen die unversehrten
Stücke dann noch eine äusserst dünne und feine, das
Roth der Färbung mildernde, auf dem schwarzen Naht-
saume besonders vorn (auf und) hinter dem Schildchen
dichter zusammengedrängte weissliche Behaarung. Pygi-
dium und Unterseite schwarz, dichter oder schwächer
greishaarig; die Beine roth mit leicht gebräunten Hüften
und Fussgliedern, die massig verdickten Hinterschenkel
zahnlos.
10. Br. pisi Linn. Schh. 1. 1. 1.57. n. 52. Wal-
ton Ent. Zeit. 1846. S. 41. n. 1. Dieser ursprünglich aus
Nordamerika stammende Käfer ist in der Mitte des vori-
gen Jahrhunderts nach Europa herübergekommen, und
in dessen wärmerem und mittlerem Theile längst zu einer
Landplage geworden, zumal er sich (111 ig er Mag. IV. 131.
n. 5. kannte ihn noch nicht als deutschen Käfer) allmäh-
lich immer weiter nach Norden hin ausbreitet. Auch nach
Cuba ist er nur von aussen her mit einer Hülsenfrucht
— und zwar nach Dr. Gundlachs Mitlheilung aus Spa-
nien mit dortigen Erbsen — gelangt: übrigens beschränkt
160 Suffriani
sich sein Vorkommen keineswegs auf Erbsen , sondern
im nordwestlichen Deutschland , wo der verwandte Br.
rufimanus fast ganz fehlt, kommt er eben so häufig in den
Früchten von Vicia faba L. (der sogenannten Saubohne)
vor. G.s Cubanische Stücke stimmen mit denen meiner
eigenen Sammlung aus Illinois, aus Spanien (in spanischen
Erbsen zu der letzten grossen Ausstellung nach Paris
gelangt und dort — Mai 1867 — ausgekrochen), aus der
Rheinprovinz (Elberfeld, von Hrn. Cornelius mitge-
theilt) und von hier (von mir selbst aus Vicia faba erzo-
gen) auf das Genaueste überein: geringfügige Abwei-
chungen zeigen sich nur in dem möglicher Weise von
äusseren ( Wittern ngs- ?) Verhältnissen abhängigen Grade,
in welchem die weissen Flecken und Bindenzeichnungen
der Oberfläche mit fuchsigen Häärchen gemischt oder
auch zu einem trüben Grau abgeblichen sind.
11. ßr. rufimanus Schh. 1. 1. I. 58. n. 53. Wal-
ton 1. 1. S. 42. n. 2. Augenscheinlich der Europäische
Vertreter der vorhergehenden Art, jetzt aber gleichfalls
weit verbreitet, und ohne Zweifel mit einer cultivirten
Hülsenfrucht nach Cuba übergesiedelt. Ich finde die
weisslichen Zeichnungen auf Halsschild und Deckschilden
niemals so deutlich als bei dem vorhergehenden, weil sie
auf einem nicht sowohl schwärzlichen als durch eine
dünne angedrückte Behaarung mehr grauem Grunde stehen,
sehe jedoch zwischen dem von G. eingesandten Cubani-
schen Stücke und den mir vorliegenden aus Norddeutsch-
land (Cassel, von H. Riehl) und Sardinien (von Hand-
schuch 1849 mitgebracht) keinen Unterschied.
b. Femora postica incrassata, multidentata, tibiis incurvis
(Pachymerus Latr.).
Die beiden nun folgenden, der nach Schönherr's
Vorgange (Cure. I. 84) auch von Hrn. Lacordaire
(Genera etc. VII. 604) mit Recht in der Gattung Bru-
chus belassenen Pachymerus Gruppe angehörenden
Arten unterscheiden sieb, auch abgesehen von dem Ha-
bitus und dem Baue der Hinterbeine, von den echten
Brüchen sogleich durch die Richtung der Vorderenden
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammeiten Rüsselkäfer. 161
bei den oberen Punktstreifen der Flügeldecken. Denn
während dieselben bei den echten Bnichen parallel und
senkrecht gegen die Wurzel der Flügeldecken verlaufen,
krümmt sich bei den vorliegenden der 2te Punktstreifen
vorn deutlich nach aussen, und bildet dadurch eine sehr
merkliche Verbreiterung des ersten Zwischenraums ; noch
stärker ist diese, gleichfalls eine Verbreiterung des 2ten
Zwischenraums bildende Biegung nach aussen bei dem 3ten
Streifen, während andererseits der 6te sich mit seinem
Vorderende nach innen krümmt. Die Vorderenden des
3ten, 4ten, 5ten und 6ten Streifens rücken dadurch ein-
ander sehr nahe, ja der 5te und 6te treffen bei einzel-
nen Stücken zusammen, wodurch sich denn auch die da-
zwischen liegenden Zwischenräume nach vorn entspre-
chend und sehr merklich verengen. Ob diese iVrt der
Streifenbildung auch den übrigen Arten der Gruppe
eigenthümlich ist, vermag ich nicht anzugeben; erwähnt
finde ich davon nichts, und von den übrigen bei Schön-
herr beschriebenen Arten kann ich augenblicklich nur
den Br. crataegi Harris. Schh. (1. 1. V. 119. n. 195) ver-
gleichen, und sehe sie auch bei diesem Käfer, wenn sie
gleich durch die dicht filzige Behaarung der Flügel-
decken etwas verdeckt, und durch die höckerige Auftrei-
bung der Flügeldeckenwurzel innerseits der Schulterbeu-
len ein wenig verschoben ist.
12. Br. quadratus m. Niger ochraceo - pilosus,
antennis basi subtusque, pygidio abdomineque ferrugineis,
thorace obconico antice rufescente dorso interrupte nigro-
bicostulato, elytrorum interstitiis alternis albido-nigroque
tesselatis, femoribus posticis apice sexdentatis. ^
Long. IV2'"; lat. r".
Von dem Habitus eines gedrungenen mittleren Ceu-
torhynchus, etwa von der Grösse der kleineren Stücke
unseres Ceutorh. litnra oder 3-maculatus, im Rumpfe fast
einen Würfel bildend und an den gescheckten Flügel-
decken leicht zu erkennen. Die Grundfarbe ist schwarz,
obwohl dieselbe auf der ganzen Oberseite durch eine
dichte hinterwärts anliegende ockerfarbige Behaarung be-
deckt wird ; rothgelb sind die vom 5ten Gliede ab deut-
Archiv f. Naturg. XXXVI. Jahrg. 1. IM. H
162 Suffrian:
lieh' zu einer gekämmten Keule verbreiterten Fühler
deren Oberseite jedoch schon vom 4ten Gliede ab mehr
oder weniger bräunlich oder selbst schwärzlich angelau-
fen ist^ ferner der Hinterkopf und der vordere Theil des
Halsschilds, beide aber in schlechter Bcgränzung und trü-
berer Färbung, die Beine, an denen jedoch die Schenkel,
besonders die hinteren, an der Innenseite einen schmutzig
schwärzlichen Anflug zeigen, endlich noch der Hinter-
leib und das Pygidium , beide zugleich ziemlich dicht
gelbhaarig. Bei den am besten erhaltenen Stücken ist
zugleich der Hinterrand des breiten ersten Bauchringes
schwarz und mit einer dichten Querbinde weisser Häär-
chen gefranset. Der Stirnkiel ist lang und scharf, der
Kopf hinter den Augen quer eingedrückt, überall unter
der Behaarung fein aber dicht punktirt. Das kegelför-
mige Halsschild nicht ganz so lang als hinten breit, vorn
gerade abgestutzt, hinten jederseits des kräftig heraustre-
tenden Mittellappens deutlich zweibuchtig und vor jeder
Einbiegung eingedrückt, auf dem Rücken von zwei stum-
pfen schwarzbehaarten, durch eine weissiichgelb behaarte
leicht eingedrückte Längslinie geschiedenen und dann
nochmals durch eine ähnliche aber schwächere. Querlinie
unterbrochenen Längserhöhungen durchzogen, so dass
dadurch ein Doppelpaar von schwarzen, jedoch weder
Vorder- noch Hinterrand erreichenden Längshöckern ge-
bildet wird, das hintere jederseits noch von einem ähnli-
chen aber kürzeren schwärzlichen Höcker begleitet. Bei
einem vorliegenden abgeriebenen Stücke kommt hier der
Untergrund als ein einziger schmutzig schwärzlicher,
vorn gerötheter, runzlig punktirter Längswisch zum
Vorschein, und ebenso zeigen die beiden hinteren (ab-
geriebenen) Scitenhöcker eine mattrunzlige ^ schmutzig
bräunliche Färbung. Das Schildchen breiter als lang,
hinten breit ausgerandet, weisslich behaart. Die Deck-
schilde kaum so lang als vorn breit, hinter den stumpf
abgerundeten Schultern wenig erweitert, und hinten erst
kurz vor der Spitze breit zugerundet, um das Schildchen
und längs der Naht seicht niedergedrückt. Die Punkt-
streifen besonders vorn durch kräftige, von aussen nach
Verz d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 163
der Naht zu schräg eingestochene Grübchen gebildet,
so dass hier die Aussenkante des nach der Naht zu an-
stossenden Zwischenraums als eine überaus feine erhöhte
Schrägleiste bemerkbar wird. Die flachen Zwischenräume
dicht angedrückt röthlichgelb behaart, die graden abwech-
selnd mit schwarzen und weissen, die ganze Breite des
Zwischenraums einnehmenden und meist stark in die
Länge gezogenen Haarflecken gezeichnet, so dass durch
das Zusammentrefi"en der auf dem 6ten und 8ten Zwi-
schenräume liegenden äussersten schwarzen Flecken sich
bei einem der vorliegenden Stücke sowohl auf der Schul-
terbeule als an der Spitze eine grössere schwarze Stelle
gebildet hat. Das Pygidium am unteren Ende jederseits
eingedrückt. Die stark aufgetriebenen Hinterschenkel
an der Innenseite vor dem unteren Ende mit einem gros-
sen und breiten , schräg hinterwärts gerichteten Zahne,
zwischen welchem und dem Knie sich noch fünf ähnliche,
strahlenförmig gestellte kleinere, der 2te und 3te etwas
grösser als die übrigen, befinden; die Hinterschienen ver-
längert , in ihrer kürzeren oberen Hälfte der Anschwel-
lung der Schenkel entsprechend verschmälert, und dem
grossen Schenkelzahne gegenüber gekrümmt.
Einen mit dem eben beschriebenen in allen wesent-
lichen Punkten übereinstimmenden, nur bei etwas hellerer
Körperfärbung ganz rothe Schenkel und Fühler zeigen-
den Käfer hat Dr. G. unter besonderer Nummer einge-
schickt. Weitere Abweichungen aber finde ich nicht,
und möchte deshalb in ihm nur eine Farbenvarietät, mög-
licher Weise auch das andere Geschlecht der beschrie-
benen Art erkennen.
13. B r. pantherinus m. Brunnens, dense fulvo-
pilosus, antennis pedibusque obscurius annulatis, thorace
inaequali , postice obsoletius quadricalloso, elytrorum in-
terstitiis alternis albido-nigroque tesselatis, femoribus po-
sticis apice dentatis et bifariam denticulatis.
Long. P/s'"; lat. VU'".'
In Gestalt und Zeichnung dem vorhergehenden ähn-
lich, und von ihm nur in den nachstehend angegebenen
Punkten abweichend. Er ist bei gleichem Habitus gros-
164 Suffrian:
ser, das Halsschild hinten vorhältnissmässig breiter^ so
dass der Körper nach vorn stärker verschmälert erscheint.
Die Grundfarbe ist nicht schwarz, sondern braun, das
Gelb der Behaarung dunkler, mehr ins Gelbbraune fallend,
daher der Abstich der schwarzen und weissen Längs-
flecke stärker hervortretend. An den oben verbreiterten
dunkelgelben Fühlern ist das 8te bis lOte Glied schwarz.
Die Mundtheile sind gelblich mit geschwärzten Kinnbak-
ken, der 8tirnkiel ist nur schwach ausgebildet, und von
den beiden Längswülsten des Halsschilds zeigen sich nur
die Hinterenden, indem deren durch eine leichte Quer-
furche von jenen gesonderte Vorderenden sich nur schwach
emporheben. x\uch die hinteren seitlichen Höcker sind
noch etwas schwächer als bei der vorhergehenden Art,
und dabei jederseits von schwächeren Eindrücken einge-
schlossen: alle diese Erhöhungen nicht, wie bei jenem,
schwarz behaart, sondern mit der gelben Behaarung des
übrigen Körpers bedeckt. Von den oberen Punktstreifen
weicht das vordere Ende des dritten stärker seitlich aus
und triff't an der AVurzcl mit dem des 4ten, eben so das
erst kurz vor der Basis nach innen umgebogene Vorder-
ende des 6ten mit dem des 5ten zusammen, während der
an ersterer Stelle sich bildende Höcker unbedeutend und
nur bei günstiger Beleuchtung wahrnehmbar erscheint. Die
schwarzen und weissen Längsflecken auf den geraden Zwi-
schenräumen sind deutlicher als bei dem vorhergehenden,
ausserdem aber zeigt sich auf dem ersten Zwischenräume,
sich mit seinem Vorderende an das Hinterende des ersten
schwarzen Flecks auf dem zweiten Zwischenräume an-
schliessend ein solcher Fleck, welcher mit jenem und den
beiden entsprechenden Flecken der andern Flügeldecke
einen gemeinsamen an der Naht nach vorn ausgebuchte-
ten und schon dem blossen Auge erkennbaren schw^arzen
Bogenfleck bildet, als dessen abgerissenes Aussenendc der
(kleine) Vorderfleck des 4ten Zwischenraums erscheint.
Das hellgelb behaarte Pygidium zeigt in der Mitte eine
aus weisslichen Häärchen gebildete deutliche Läugslinie,
an welche sich unter der Mitte jedeiseits ein schwächeres
weisslichgelbes Haarfleckchen anschliesst. Die dünn be-
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 165
hacarte Unterseite Ist schwärzlich, mit länger gelb behaar-
ten Seiten der Brust, der Mittelzipfel des ersten Bauch-
ringes und ein breiter Hinterrand aller Bauchringe in
der Mitte rostbraun, welche Färbung je weiter nach hin-
ten sich desto mehr ausdehnt und bei den beiden letzten
Ringen fast deren ganzen mittleren Theil einnimmt. Die
Beine rostroth mit geschwärzten Hüften und Schenkel-
wurzeln, welche letztere Färbung sich an der Innenseite
der Schenkel je weiter nach hinten desto mehr ausdehnt,
die Vorder- und Mittelschienen in der Mitte schw^ach
bräunlich angeflogen, die über der Mitte stets gekrümm-
ten Hinterschienen daselbst auch tiefer gebräunt. Die
kräftig aufgetriebenen Hinterschenkel auf der Aussenseite
goldgelb behaart und durch das Fehlen dieser Haare In
der Mitte, wie gegen Kniee und Wurzel hin scheckig,
am Innenrande der Unterseite nahe von der Spitze mit einem
langen schwarzen Zahne besetzt, an welchen sich hier
noch drei kleinere Zähnchen anschliessen, und eine ähn-
liche Reihe kleiner Zähnchen befindet sich dann noch an
der Aussenseite der hier zur Aufnahme der Schienen der
Länge nach flach gedrückten Schenkelkante. Alles Uc-
brige wie bei der vorhergehenden Art.
c. Femora postica valde incrassata, infra lamina pecti-
nato-dentata instructa, tibiis incurvis apice productis.
(Caryoborus Schh, olim).
Auch diese Gruppe ist auf Cuba wenigstens durch eine,
eigentlich Nordamerikanische Art vertreten, nämlich durch
den bekannten
14. Br. arthriticus Fab. Schh. 1.1.1.93. n. 110.
Fabricius, welcher (Syst. Eleuth. IL 398. n. 19) den
Käfer mit Br. pisi vergleicht, muss wohl nur Zwergex-
emplare kennen gelernt haben, und auch GyUenhals Zu-
sammenstellung (bei Schh. a. a. 0.) mit Spermophagus
robiniae passt nur auf die kleinsten mir vorliegenden
Stücke, während die grössten eine Länge von mehr als
7'" erreichen. Die normale Farbe der gehörig ausge-
färbten Stücke ist, wie sie GyUenhal als die des Ko-
166 Suffrian:
pfes angibt, schwarz, clurcli eine kurze dichte flaumige Be-
haarung greis, die TDeckschilde mit unregelmässig ver-
theilten, hinterwärts an Zahl zunehmenden Haarfleckchen
bestreut; bei anderen und anscheinend weniger gut aus-
gefärbten Stücken zeigen die Deckschilde, seltener auch
das Halsschild einen bräunlichen Untergrund, und verein-
zelt finden sich auch dunkler oder heller rostgelbe Stücke,
die wohl nur als frisch und nicht zu gehöriger Ausfärbung
und Aushärtung gelangt anzusehen sein werden. Die Vor-
der- und Mittelbeine finde ich bei den meisten Stücken
schmutzig lehmgelb, die Farbe der Hinterbeine stimmt
durchweg mit der des Käfers selbst überein. An den stark
aufgetriebenen Hinterschenkeln erweitert sich die kleinere
untere Hälfte der scharfen Innenkante zu einer breit und
flach zusammengedrückten Lamelle, deren unterer Rand
zu dreieckigen scharfen Zähnchen ausgeschnitten ist. Der
erste derselben ist doppelt länger als die nächst folgen-
den, auch breiter, und mit abgerundeter Aussenseite und
scharfer Spitze leicht hinterwärts gekrümmt: die Anzahl
der darauf folgenden kleineren und allmählich an Länge
und Breite abnehmenden scheint nach der Grösse und
Ausbildung des Körpers verschieden, da Gyllenhal de-
ren nur fünf angibt , ich aber sie bei den einzelnen
Stücken nicht gleich finde und bei den grössten mir vor-
liegenden bis zu neun zähle: die dem Knie nächsten sind
dann allerdings nur höckerartig , und können bei schwa-
cher Vergrösserung leicht übersehen werden. Die stark
gekrümmten, an der hohlen Innenseite mit einer glän-
zend schwarzen, nach dem unteren Ende zu sich blatt-
artig erweiternden und daselbst in einen dreieckigen
Zahn auslaufenden Leiste versehenen Hinterschienen zei-
gen am oberen Ende dicht unter dem Knie einen kleinen
aus zwei parallelen Blättchen bestehenden Höcker, wel-
cher anscheinend die Stelle bezeichnet, bis zu der sich
hier das obere Schienenende in den Einschnitt des Schen-
kels am Kniegelenk einschlägt.
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 167
II. Spermophagus Stev.
15. Sp. cistelinus Schh. Cure. 1. 1. I. 103. n. 1.
Das Vorkommen dieser ursprünglich brasilianischen Art
auf Cuba ist schon von dem Autor im SuppL V. 133. n. 1
nachgetragen worden. Von den Dornen an der Spitze
der Hinterschienen erreicht der längere etwa "^j^ von der
Länge des ersten Fussgliedes. Ausserdem wäre noch zu
bemerken , dass der elliptische braune Längsfleck auf
dem Pygidium dessen grösseren Theil einnimmt und seit-
lich und unten nur von einem, sich oberwärts der grösse-
ren Breite des Pygidiums entsprechend verbreiternden
weisslichen Rande begränzt wird.
16. Sp. taeniatus m. Ovatus ferrugineus dense
griseo-pilosuS; punctis brunneis adspersus, elytris subtilius
punctato-striatis, interstitiis alternis serie punctorum ni-
grorum notatis. Long. 3V2 — 32/3'"; lat. IV2— iVa'"-
An Gestalt und Grösse ist diese neue Art der vor-
hergehenden so ähnlich, dass es hier nur einer Angabe der
Abweichungen bedarf. Die Farbe ist mehr ein fahles
Rostgelb, ins Lehmgelbe fallend, ohne die dunkeln wel-
lenförmigen Schatten des vorigen, dabei der ganze Kör-
per mit einer dichten, hinterwärts angedrückten weissli-
chen Behaarung bedeckt, dadurch äusserlich gelbgreis
erscheinend, so dass die überhaupt schwächeren Punkt-
streifen der Deckschilde kaum zum Vorschein kommen.
Besonders kenntlich aber wird die Art durch die zahl-
reichen runden dunkeln (auf den Deckschilden schwarzen,
sonst mehr bräunlichen) Punkte, mit denen der ganze Kör-
per oben und unten bestreut ist, und die nur an den
Fühlern, den Fussgliedern und auf dem Schildchen feh-
len. Auf dem Kopfe finden sich deren (bei beiden mir
vorliegenden Stücken) vier in einer Querreihe über den
Augen, und zwar als scharf begränzte, haarlose, glänzend
bräunliche Stellen; auf dem Halsschilde, dem Pygidium
und der ganzen Unterseite mit Schenkeln und Schienen
sind sie regellos, unsymmetrisch und stellenweise, be-
sonders auf den von Schönherr sehr unpassend als
Laminae pectorales bezeichneten blattartigen Hinterhüften,
168 Suffrian:
ziemlich dicht verbreitet, auf den Bauchringen je eine
im Ganzen regelmässige Querreihe bildend, leicht vertieft,
bald ganz kahl, bald nur dünn behaart ; auf den Flügjel-
decken bilden sie, und zwar nur auf deren ungeraden
Zwischenräumen vorkommend, regelmässige, aus vertieften
und weitläufig gestellten, im Innern glänzenden Grübchen
bestehende Längsreiheu, zwischen denen die Behaarung
unter schräger Beleuchtung mehr ins Weissliche fällt.
Unmittelbar über dem Seitenrande der Flügeldecken fin-
det sich dann noch eine etwas unordentliche Reihe ähn-
licher , aber mehr ins Bräunliche fallender Grübchen.
Alles Uebrige, wie bei der vorhergehenden Art.
17. Sp. Roblniae Fab. Schh. 1. 1.1.104. n. 2. Nur
ein einziges, früher von Dr. G. an Hrn. Riehl geschick-
tes, von meinen Stücken aus Carolina nicht abweichendes
Exemplar. Die Art ist durch das ungewöhnlich lange
und dabei ziemlich schmale Schildchen sehr ausgezeich-
net, die von Gyllenhal a. a. 0. angegebene ziemlich
grobe Punktirung des Halsschilds aber bei unbeschädig-
ten Stücken durch die dichte Behaarung fast ganz ver-
deckt, und kommt nur an den abgeriebenen Stellen zum
Vorschein. Die kleinen verloschenen Wolkenfleckchen
der Deckschilde sind bei dem vorliegenden Stücke nur
dunkel gebräunt.
18. Sp. Simulator Jacq. Duv. ap. Ramon de
Sagra Hist. fisica etc. VII. S. 70. (der spanischen Ausg.).
Anscheinend selten und nur in einem einzigen Stücke
eingesandt. Der einzige wesentliche Unterschied dieser
Art von den drei vorhergehenden scheint in der, aller
und jeder dunkeln Zeichnung entbehrenden und nur an
Stirn, Brust und Hinterbeinen sich etwas trübenden
röthlichgelben, mit greiser Behaarung bedeckten Körper-
^rbung zu bestehen; und ein Weiteres ist auch aus
J. Duvals sehr allgemein gehaltenen, und den Käfer
nur mit Sp. cistelinus, nicht aber auch mit dem ungleich
näher verwandten Sp. Roblniae vergleichenden Angaben
nichts zu entnehmen. Denn gerade wie bei letzterem ist
auch bei dem vorliegenden die Punktirung des Halsschilds
durch dessen dichte Behaarung bedeckt, das Schildchen
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 169
langgestreckt, und die Pimktstreifen der Deckschilde sind
an Stärke denen der genannten Art gleich, so dass mir
die specifischc Verschiedenheit beider Thiere noch nicht
ausser allem Zweifel zu stehen scheint.
19. Sp. pygidialis Chv. Dilute ferrugineus gri-
seo-pubescens, pygidii macula elliptica pectoreque obscu-
riorihus, elytris evidentius punctato-striatis.
Long. 1 1/4- V2'" ; lat.3/4- Ve'".
Dem vorhergehenden überaus ähnlich, aber viel klei-
ner, kaum halb so breit als lang, heller rothgelb, Beine
und Fühler lehmgelb, die etwas dünnere Behaarung mehr
greis als gelblich, das Schildchen nur etwa um die Hälfte
länger als breit, die Brust trüb gebräunt, und das Pygi-
dium mit einem scharf begränzten bräunlichen elliptischen
Längsflecke bezeichnet, welcher dessen grösseren Theil
einnimmt und in dieser Beziehung ganz mit dem Pygi-
dialflecke des Sp. cistelinus übereinstimmt.
20. Sp. subfasciatus Schh. 1. 1. L 111. n. 12.
Während die vorhergehenden Arten sämmtlich durch ihren
gestreckten (cistelenförmigen) Habitus unter einander über-
einstimmen und dadurch einen gewissen örtlichen, oder
sie doch als Erzeugnisse derselben (tropischen und subtro-
pischen) Fauna der westlichen Halbkugel charakterisiren-
den Typus an sich tragen, zeigt die vorliegende durch
ihren, unsern Europäischen Arten (Sp. cardui, varioloso-
punctatus) gleichenden Bau sofort, dass sie ursprünglich
in der alten Welt einheimisch, und nach Amerika nur
eingewandert ist. Schönherr, welcher übrigens nur
das $ kennt (falls nicht etwa das ^ unter dem bei ihm
1. 1. L 112. n. 13 von Boheman beschriebenen Sp. mus-
culus Schh. verborgen ist) , giebt zwar Brasilien als ihr
Vaterland an, ihre eigentliche Heimath ist aber Hinterindien,
von woher sie mir in zahlreichen, Hrn. Dir. Burchard
von Rangoon und Celebes zugegangenen Stücken beider
Geschlechter vorliegt, und von wo sie, wie Br. scutellaris
und Cylas turcipennis, mit irgend einer noch zu ermitteln-
den Culturpflanze nach Cuba übergesiedelt sein wird, Hin-
sichts der Beschreibung des in den Sammlungen auch
unter dem Namen Bruchus cingulatus Kunze bekannten $
170 Suffriau:
kann ich auf die von Boheman bei Schh. a. a. O. ge-
gebene verweisen; das cT ist merklich kleiner und auf
der ganzen Oberseite mit einer dichten, greisen, hinter-
wärts angedrückten Behaarung bedeckt, während die sehr
dünne Behaarung auf der Oberseite des $ mehr ins Bräun-
liche fällt; und dadurch die weissen Ilaarflecke auf Hals-
schild und Flügeldecken desto deutlicher hervortreten lässt.
Die, wie auch Boheman a. a. 0. richtig bemerkt,
eigentlich aus drei Flecken zusammengesetzte weisse
Querbinde der Flügeldecken ist gewöhnlich auf der In-
nenseite abgekürzt, hier aber meist durch Streckung des
innersten Flecks hinterwärts zipfelförmig erweitert. Auch
das Pygidium ist bei dem c/* einfarbig greis, bei dem $
bei dünner greiser Behaarung schwärzlich, der Rand und
eine Längslinie über die Mitte gewöhnlich rein weiss.
Ob der von For ström auf der Antilleninsel St.
Barthelemy gefundene Käfer, welchen Schönherr anfangs
(a. a. O.) mit seinem Sp. subfasciatus verbunden, später
aber (V. 137. n. 116) unter dem Namen Sp. semifasciatus
als eine eigene Art aufgestellt hat, und welcher sich von
der vorliegenden Art kaum anders als durch ganz schwarze
Fühler und Beine unterscheiden soll, wirklich eine selbst-
ständige Art oder nur eine Form des Sp. subfasciatus
ist, vermag ich nicht zu beurtheilen, da ich denselben
nicht aus eigener Ansicht kenne. Auf Cuba hat er sich
bis dahin nicht vorgefunden.
B. AnthribeD. (Anthribidae.)
I. Notioxenus Wollast.
1. N. pallipes m. Niger punctulatus parce fulvo-
pubescens, ore antennis pedibusque flavis, elytris punctato-
striatis. Long, ^j^'" ; lat. Vs'".
Dieser kleine schlanke Käfer bildet bis jetzt den
einzigen Cubanischen Vertreter der Anthribiden- Gruppe
mit oberhalb des Unterkopfes angehefteten Fühlern; er
war von G. als A r aeo cer us Sp. eingesandt worden, ge-
hört jedoch wegen des deutlich vom Hinterrande des
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 171
Halsscliilds getrennten Querkiels nicht zu dieser Gcattung,
überhaupt nicht In die Gruppe der Lac or dalre'schen
Araeocerlden^ kann vielmehr einstwellen nur In der Gattung
Notloxenus Woll. eine geeignete Stelle finden, und
ich habe ihn, einiger minder erheblichen Abweichungen
ungeachtet, um so eher hier unterbringen zu dürfen ge-
glaubt, als Ich die allerdings weit verbreitete Ansicht, dass
jede Irgend aufFälllge Verschiedenheit im Habitus nun
auch sofort als Merkmal zur Abgränzung einer neuen
Gattung verwendet werden müsse, nicht zu theilen vermag.
Der Käfer ist überaus schmal und schlank, einfarbig
schwarz, auf der ganzen Oberseite mit einer dünnen und
feinen gelblichgreisen Behaarung bedeckt, welche unter
gewisser Beleuchtung einen schwachen Seidenschimmer
zeigt und nur an den abgeriebenen Stellen die matt-
schwarze Grundfarbe des ungemein fein und dicht punk-
tirten Körpers hervortreten lässt. Nur die Beine und
Fühler mit Kopfschild und Mundthellen sind gelb, mit
zuweilen etwas dunkleren Schenkeln der erstem; die
Fühler sind kaum so lang als Kopf und Halsschild zu-
sammengenommen, und vor den halbkugligen Augen an-
geheftet. Das Wurzelglied kurz birnförmig, das zweite
dünner aber um die Hälfte länger, verkehrtkegelförmig,
die sechs folgenden sehr dünn , je etwas länger als
breit, oben leicht verdickt; die dreigliedrige Keule
locker, ihre beiden oberen Glieder an Ihrem oberen Ende
nach innen dreieckig erweitert, das oben kurz abgerun-
dete Endglied so breit wie lang. Der sehr kurze und
breite Rüssel abgeflacht, an der Wurzel etwas verengt, die
auf der Innenseite der Fühlerwurzeln liegenden Fühler-
höcker schmutzig gelblich. Die Stirn flach ; das Hals-
schild etwas länger als breit, in der Mitte der Selten mit
sanfter Rundung erweitert , jederselts vorn hinter den
Augen leicht ausgebuchtet und eingedrückt, oben sehr
flach walzenförmig und hinterwärts fast abgeflacht, der
Querkiel vom Hinterrande abstehend, von der Mitte ab
jederselts sanft nach vorn gerichtet, die Enden in fla-
chem Bogen wenig nach vorn gerichtet und bald abreis-
send. Der Vorderrand zuweilen verwaschen geröthet,
172 Suffrian:
Das punktförmige Schildcben kaum wahrnehmbar. Die
schmalen Deckschilde um die Hälfte länger als breit,
fast gleichbreit und hinterwärts kaum noch etwas erwei-
tert, flach walzenförmig und längs der Naht leicht nie-
dergedrückt, im ersten Viertel breit aber sehr schwach
quer eingedrückt, deutlich und regelmässig punktstreifig ;
die Zwischenräume flach gewölbt, die beiden ersten etwas
breiter, und zwar so, dass der zweite bei sehr schräger
Beleuchtung ein wenig erhöht erscheint. Das wenig her-
vortretende Pygidium flach gewölbt, kurz und breit zu-
gerundet. Die Unterseite dünner behaart als die Ober-
seite, die Mitte der Hinterbrust kahl und glänzend schwarz;
die Hüften dagegen schmutzig gelb.
II. Toxonotus Lac.
2. T. fascicularis Schh. Anthribus fascicularis Schh.
Cure. L 132. n. 5. Die Angabe des Autors, dass der Kä-
fer kleiner sßi als die kleinsten Stücke des Anthr. albi-
nus, ist theilweise schon von Hrn. Lacordaire (Genera
etc. VII. 576) berichtigt worden: die mir vorliegenden cTcT
sind grösser als die grössten mir je zu Gesichte gekom-
menen Stücke des A. albinus, die $$ sind allerdings meist
erheblich kleiner. Die Schienen, besonders der d^, sind
lang abstehend greis behaart. Die Oberfläche ist bei den $
ziemlich gleichmässig weisslich beschuppt, bei den ^ mehr
ein mit Rostroth gemischtes Greis, so dass der grosse
weissliche Fleck auf der vorderen Hälfte des Halsschilds
und vor der Spitze der Flügeldecken hier viel mehr als
bei den $ gegen die übrige Oberfläche absticht. Die ^
unterscheiden sich ausserdem von den $ durch die viel
längeren, in eine gestreckte und deshalb auch weniger
auffallende Keule auslaufenden Fühler und durch den
Dorn an dem ersten Tarsengliede aller Füsse, welcher
jedoch, wie ich glaube, nicht mitRecht von Lacordaire
mit unter die Gattungsmerkmale aufgenommen worden ist.
3. T. t ri tuber cu la tus m. Niger supra albo-
fulvoquc variegatus, subtus parce cinereo - squamulosus,
thorace trituberculato, elytris punctato - striatis, macula
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 173
antica detersa nitida, interstitiis rugulosis, alternis eleva-
tioribus. Long. 5'"; lat. P/3'".
Dieser mir in einem einzigen, aber gut erhaltenen
(/ Stücke vorliegende Käfer weicht von dem vorherge-
henden — auch abgesehen von seiner die grössten Stücke
des letzteren noch übeitreffenden Grösse — bei aller
sonstigen Achnlichkeit des Habitus doch in drei nicht
unerheblichen Punkten ab ; es fehlt ihm nämlich der Dorn
am ersten Fussgliede, dagegen ist das dritte Fussglied
bei gleicher Länge mit dem zweiten sehr stark nach un-
ten und aussen erweitert, so dass dessen untere Breite
die des zweiten fast um das Doppelte übertrifft, und
endlich ist die, durch die drei letzten stark verlänger-
ten Fühlerglieder gebildete Keule so wenig bemerkbar,
dass man von ihr wohl sagen kann, was Lacordaire
(VII. 577) von der zweiten Gruppe seiner von Anthribus
abgezweigten Gattung Phloeobius sagt, die Keule sei „de
sorte que c'est ä peine si la massue existe". Eine gene-
rische Bedeutung vermag ich jedoch in diesen Abwei-
chungen nicht zu erkennen. Die Frage, ob und in wie
weit überhaupt Merkmale, welche sich nur bei dem einen
(und zwar dem c/-) Geschlechte finden, als Gattungs-
merkmale verwandt werden dürfen , ist noch keineswe-
ges zum Austrage gebracht worden und würde von mir
überall da verneint werden, wo nicht die Ueberladung
einer Gattung mit irrten uns zwingt, einzelnen Gruppen,
die sonst füglich als ünterabtheilungen einer Gattung
fortbestehen könnten, der leichteren Uebersichtliehkeit
wegen die Bedeutung und mit dieser auch den Namen
selbstständiger Gattungen zuzugestehen; und hierzu ist
in dem vorliegenden Falle kein Bedürfniss vorhanden.
Ein solches lediglich sexuelles Merkmal bildet aber der
Dorn an dem ersten Fussgliede des ^ der vorhergehenden,
ein solches die Beschaffenheit der Fühlerkeule bei der vor-
liegenden Art, und diese Beschaffenheit ist auch von
Lacordaire bei seiner nahe stehenden, gleichfalls
Arten mit deutlicher und mit kaum merklicher Fühler-
keule des ^ vereinigenden Gattung Phloeobius nicht be-
achtet worden. Sonach bliebe nur die ungewöhnliche
174 Suffrian:
Verbreiterung des dritten Fiissgliedes übrig, aber abge-
sehen davon, dass auch diese möglicherweise nur ein
Geschlechtskennzeichen des ^ sein könnte, ist die An-
lage dazu schon bei dem </ des T. fascicularis Schh. vor-
handen, und es scheint sich daher hier nur um ein Mehr
oder Weniger zu handeln, v/orauf bei der Begründung
einer neuen Gattung kein Werth gelegt werden kann.
Die Art selbst ist nun, wie bemerkt, dem T. fasci-
cularis im Habitus ungemein ähnlich, der Körper daher
gestreckt, bis an das verschmälerte und alimählich in
den Kopf übergehende vordere Drittel des Halsschilds
gleich breit, sehr flach walzenförmig und hinten kurz zu-
gerundet, schwarz, auf der ganzen Oberseite mit einer fei-
nen, aus untermischt fuchsröthlichen und weisslichen oder
hellgreisen Schuppenhäärchen gebildeten Bedeckung, wäh-
rend die Unterseite nur eine ; sparsame, den glänzend
schwarzen Untergrund auch nur unvollkommen deckende
greise Behaarung zeigt. Der breite und kurze Rüssel
der Länge nach leicht eingedrückt, die stark vortreten-
den Augen vorn schwach ausgebuchtet, die Fühler ziem-
lich w^eit vor ihnen angeheftet, reichlich doppelt länger
als der Käfer selbst. Das Wurzelglied kurz und breit
eiförmig, das 2te verkehrtkegelförmig, nicht ganz doppelt
so lang als oben breit, die sechs folgenden lang ausge-
zogen , von der Mitte ab nach oben schwach verdickt,
das 3te und 4te an der Spitze knotig aufgetrieben, das
3te dreimal so lang als das Iste und 2te zusammenge-
nommen, alle drei zusammen schon die Länge des ganzen
Kopfes erreichend, das 4te und 5te je dem dritten gleich,
das 6te bis 8te allmählich aber in sehr geringem Maasse
verkürzt, die drei oberen die Keule bildenden von der
Mitte des 9ten ab allmählich aber nur schwach erweitert,
auf der Unterseite abgeflacht und daselbst fein und dicht
greishadfig, das 9te wenig kürzer als das 8te, die beiden
letzten einander gleich, je etwa halb so gross als das
8te , das Endglied in seinem oberen Drittel buchtig ver-
schmälert und oben stumpfkegelförmig auslaufend. Die
Farbe der Fühler schwarz mit zerstreuten, an den oberen
Enden der einzelnen Glieder mehr gehäuften weisslichen
Verz. d. auf d. Insel Cuba gfesammelten Rüsselkäfer. 175
Schuppen besetzt; die drei Glieder der Keule auf der
Oberseite stärker fuchsiggreis behaart. Auch die Stirn
zwischen den Augen und der hintere Theil des Nackens
ebenso fuclisiggreis schuppenhaarig, der dazwischen lie-
gende vordere Theil des letzteren geschwärzt. Das Hals-
schild fast quadratisch, nach vorn mit kurzer Krümmung
verschmälert, flach gewölbt, grob punktirt, an den abge-
riebenen Stellen glänzend, hinten etwas flach gedrückt,
vor der Mitte mit einer Querreihe von drei stumpfen halb-
kugelig zugerundeten Höckern^ die bei frischen Stücken
wahrscheinlich je einen Büschel von Schuppenhäärchcn
tragen, bei dem vorliegenden aber nur noch an der Vor-
derseite der beiden seitlichen eine Spur davon zeigen :
der vordere Theil des Halsschilds vor dieser Buckel-
reihe leicht schräg abwärts gerichtet. Das überaus kleine,
halbelliptische Schildchen weiss. Die Deckschilde reich-
lich doppelt länger als breit, gleichbreit, am Schildchen
in einem sehr flachen Dreieck ausgeschnitten, die Wurzel-
kanten erhöht, die stumpf- halbeiförmigen Schulterbeulen
wenig hervortretend. Die Oberfläche grob punktstreifig,
die Streifen durch die dichte Schuppenbedeckung stel-
lenweise unkenntlich, die geraden Zwischenräume flach
erhöht, und vorn auf jeder Flügeldecke neben der Naht
eine durch das Zusammenfliessen des 2ten bis 4ten Zwi-
schenraums entstandene, leicht schwielig erhöhte rund-
liche glänzend schwarze Stelle, die ich bei ihrer für beide
Flügeldecken übereinstimmenden Lage, Gestalt und Grösse
nicht für bloss abgerieben halten kann. Das kurze und
kaum sichtbare Pygidium gleichfalls greis beschuppt. Die
glänzend schwarze Unterseite durch ihre dünne Beschup-
pung ins Schiefergraue fallend , die Vorderbrust sammt
Schulterblättern , Parapleuren und der Aussenseite der
Hinterbrust grob und ziemlich dicht punktirt. An den
Beinen die Vorder - und Mittelschenkel etwas aufgetrie-
ben, auch deren Schienen etwas länger als die hinteren;
das erste Fussglied dreieckig, das 2te etwas kürzer, aber
aus dünner Basis unterwärts stark verbreitert und daselbst
besonders an den Vorder- und Mittelfüssen jederseits in
eine feine Spitze ausgezogen, das dritte, und zwar wie-
176 Suffriani
derum vorzugsweise an diesen Füssen, jederseits in einen
grossen, rundlichen Lappen erweitert.
MI. Eugonus Schh.
4. E. dermestoides m. Cylindricus nigcr parce
cinereo-irroratus, antennis (clava excepla) tarsisque ferru-
gineis, capite thoraceque albido - variis, elytris seriato-
punctatis, macula lunata humerali fasciaque postica lobata
albis. Long. ^^W" ] lat. 1V12"'.
Durch die Entdeckung dieser schönen Art ist in un-
serer Kenntniss des Verbreitungsbezirkes der durch ihre
Gestalt merkwürdigen G attung Eugonus eine wesentliche
Lücke ausgefüllt worden. Von den bis dahin bekannten
beiden Arten derselben ist die eine (E. virgatus Schh.)
in Brasilien, die andere (E. subcylindricus Chv. 8chh.) in
Mexiko zu Hause, und wie die vorliegende durch ihre
Heimath ein Verbindungsglied für jene beiden Gegenden
bildet, so steht sie auch in der Grösse zwischen beiden
Arten mitten innen, wenn sie gleich, wie sich schon
vermuthen lässt, in der Grösse, Färbung und Farben-
vertheilung der Mexikanischen Art am nächsten kommt.
Auf den eigenthümlichen Habitus der hierher ge-
hörigen Thiere hat schon Schönherr (a. a. 0. L 145)
hingewiesen, und Lacordaire (a. a. 0. VIL 571) eine
Aohnlichkeit mit manchen Cleriern oder Bostrichen gefun-
den. Fast noch mehr scheinen sie mir eine Mittelform
zwischen gewissen Dermesten und Anobien zu bilden,
und jedenfalls gehört ihr Typus zu den wunderlichsten
Gestaltungen , welche die Anthribidenfamilie überhaupt
aufzuweisen hat.
Der Körper der vorliegenden Art ist gestreckt und
Ilach walzenförmig, gleichbreit und hinten kurz zuge-
rundet ; das Halsschild eher noch etwas breiter als die
Deckschilde. Die Farbe ist, bis auf die der Fühler und
Fussglieder, ein tiefes mattes Schwarz, auf der Unter-
seite mit Schenkeln und Schienen schiefergrau beschuppt,
wie bereift; auf der Oberseite ist diese Beschuppung nur
dünn, und zeigt einen leichten Stich ins Bräunliche, so
Verz. d. auf d. Insel Ciiba gesammelten Rüsselkäfer. 177
dass, wenn man den Käfer von der Seite betrachtet, der
gleichzeitig sichtbare Theil der Ober- und Unterseite
stark gegen einander absticht. Fühler und Fussglieder
röthlichgelb, bei den letzteren diese Färbung durch den
greisen Anflug der oberen Seite an dem ersten bis
dritten Fussgliede getrübt; bei ersteren die dreigliedrige
lockere aber kräftige Keule dunkler gebräunt, die beiden
unteren Glieder derselben innerseits nach der Spitze zu
breit dreieckig erweitert, das dritte (grosseste) Glied halb
elliptisch, oben wieder gelblich durchscheinend. Auch
die Taster gelb, die kräftigen Kinnbacken pechbraun.
Der Rüssel kurz und flach, am unteren Rande in der
Mitte halbkreisförmig ausgeschnitten. Die grob gekörn-
ten Augen vorn breit aber nicht sehr tief ausgebuchtet.
Die flachgewölbte Stirn längs den inneren Augenrän-
dern ziemlich breit weiss beschuppt, w^elche Schuppen
sich, wenn auch sparsamer, nach unten bis an die Kinn-
backen ausbreiten. Das Halsschild so lang als hinten
breit, nach vorn kaum verschmälert, aber mit der klei-
neren Vorderhälfte leicht übergebogen, der Vorderrand
hinter jedem Auge leicht ausgebuchtet , daher in der
Mitte ein wenig vortretend , das Mittelfeld der Länge
nach sehr stumpf und flach erhöht, welche Erhöhung aber
nur unter sehr schräger Beleuchtung wahrnehmbar ist,
vor dem Querkiele leicht quer niedergedrückt. Letzterer
fast gerade, überaus schwach wellig gebuchtet, mit scharf
rechtwinkligen Hinterecken nach vorn zu den in seiner
Mitte etwas schräg abwärts gerichteten Seitenrand des
Halsschilds bildend, so dass die Enden jederseits auf der
Aussenseite der Augen als kurze stumpfe Zähnchen
vorspringen , die Vorderwinkel selbst etwas abwärts ge-
drückt. Die Oberfläche deutlich und oben sparsamer,
seitlich dichter punktirt, mit einer Anzahl weisser Schup-
penfleckchen, von denen bei dem einzigen vorliegenden
Stücke sieben kleinere aber schärfer begränzte symme-
trisch vertheilt sind, nämlich einer vor der Mitte des
Querkiels, je einer nahe am Seitenrande etwas vor dessen
Mitte, über der Stelle, wo derselbe sich schräg abwärts
zu krümmen beginnt, je einer mitten zwischen diesem und
Archiv f. Naturg. XXXVI. Jahrg. l.Bd. 12
178 Suffrian:
dem Hinterflecke, so dass dadurch ein grosses, aber zerrisse-
nes lateinisches V gebildet wird, und noch zwei hinter dem
Vorderrande, mit den beiden letztgenannten die Ecken
eines Quadrats bildend; dazu kommen dann noch einige
weniger regelmässig vertheilte und zerrissene Schuppen-
fleckchen in den Hinterwinkeln und in jenem Quadrate
vor dessen Mitte, nebst vereinzelten schwächeren zerstreu-
ten Atomen. Das klei^ae halbkreisförmige Schildchen gleich-
falls weiss. Die Deckschilde lang und flach walzenför-
mig, fast doppelt so lang als breit, mit scharfer Wurzel-
kante, innerseits der flachen Schulterbeulen leicht nie-
dergedrückt, mit regelmässigen aus sehr vereinzelten
Punkten gebildeten Längsreihen, deren Punkte auf dem
schwarzen Grunde gröber und mehr grübchenartig er-
scheinen, während sie auf den weissbeschnpptcn Stellen,
besonders zunächst der Naht, ungleich kleiner sind. Die
ungeraden Zwischenräume bei sehr schräger Beleuch-
tung, besonders vorn, leicht erhöht. Die weisse Zeich-
nung bildet zunächst vorn auf jeder Flügeldecke einen
nach aussen schlecht- , innerseits sehr scharf begränz-
ten, die halbelliptische Schulterbeule nach innen , hin-
ten und aussen einschliessenden Halbring und einige
zwischen beiden Halbringen ziemlich symmetrisch ver-
theilte Atomenfleckchen , unter denen besonders ein
rundliches je auf dem zweiten Zwischenräume hervor-
tritt: dann aber und hauptsächlich eine breite, scharf
begränzte, nach vorn ausgebuchtetc , und hier jeder-
seits der Naht mit zwei stumpfdreieckigen Zipfeln vor-
springende Querbinde, deren Hinterrand in der Mitte
sehr tief und breit ausgeschnitten ist, während er jeder-
seits durch einen nach aussen gerichteten Haken einen
isolirten rundlichen, nur mit einem Längsfleck am Rande
zusammenhängenden Fleck der Grundfarbe einschliesst.
An den Stellen, an denen die weissen Zeichnungen den
Seitenrand berühren, stellen sie sich auf dessen umge-
schlagenem Theile ,in Gestalt von (drei) weissen Längs-
linien dar. Das halbkreisförmige sehr fein punktirte Py-
gidium ist ziemlich dicht beschuppt, der Farbe nach in
der Mitte mehr ins Bräunliche, an den Seiten ins Schie-
Verz. d. auf d. Insel Cuba gnsammelten Rüsselkäfer. 179
fergraue fallend, über die Mitte stumpf gekielt ; am obe-
ren Rande ein kurzer, aber tiefer und von dem hier ab-
wärts gebogenen scharfen oberen Rande des Pjgidiums
umzogener Längseindruck. Die Yorderbrust tief und vorn
und in der Mitte dichter- , seitwärts sparsamer punktirt,
nur in den Hinterwinkeln ohne Punkte. Eben so sind
auch die Schulterblätter nebst den äusseren Vorderwin-
keln der Hinterbrust dicht und grob punktirt , und die
Parapleuren mit einer vorn verdoppelten Punktreihe be-
setzt; Auf dem Hinterleibe längs dem Vorderrande jedes
Bauchrings eine Querreihe eingestochener Punkte, welche
auf dem ersten Ringe in gleicher Stärke, wie die Punkte
auf der Brust, hervortreten, je weiter hinterwärts aber
desto mehr an Zahl und Stärke abnehmen, sich dafür
aber auch hier stellenweise verdoppeln. Die von Schön-
her r betonten Längsrinnen auf der Unterseite der mas-
sig aufgetriebenen Schenkel bieten nichts Auffallendes dar,
die Schienen sind gegen die Spitze hin lang greis ge-
wimpert, und der Innenrand derselben, besonders der hin-
teren, scheint gegen das Licht bräunlichgelb durch.
IV. Tropideres Schh.
Bei der Besprechung dieser Gattung bemerkt Hr.
Lacordaire (VII. 535) sehr richtig, dass dieselbe wohl
kaum in ihrer gegenwärtigen Ausdehnung werde fortbe-
stehen können, und sie schliesst auch in der That so
viele anscheinend heterogene Elemente in sich, dass bei
der jetzt herrschenden Neigung zur Vervielfältigung der
Gattungen eine solche Zersplitterung noch schwerlich
lange auf sich warten lassen wird. Aber eben so wenig
wird sich verkennen lassen, dass jene Abweichungen ein-
zelner Arten oder kleinerer Gruppen überwiegend ledig-
lich habituelle sind, und man bei deren Erhebung zu
Gattungen noch in viel höherem Grade als jetzt schon
zu geschehen pflegt, Merkmale zu Hülfe nehmen müsste,
welche, wie die Anzahl der Rüsselkiele, die Gestalt des
Halsschilds u. s. w., nach früheren Anschauungen nur zur
Unterscheidung von Arten, oder 'zur Abgrenzung klei-
180 Suffrian:
nerer das Bestimmen der Arten erleichternder Unterab-
theilungen innerhalb einer Gattung benutzt zu werden
pflegten. Es ist nicht abzusehen, welchen erheblichen
Vortheil eine weitere Zertheilung der nach Lacordai-
re's treffender Andeutung schon jetzt einigen anderen
Tropideriden-Gattungen überaus nahe stehenden Gattung
Tropide res Schh. gewähren sollte: es will mich viel-
mehr bedünken, dass die seit Schönher rs Vorgänge
in einem bedenklichen Anschwellen begriffene Anzahl
der nicht selten auf recht winzige Unterschiede ge-
gründeten Rüsselkäfer - Gattungen nicht sowohl einer
noch weiteren Vermehrung; als vielmehr einer weiteren
recht] gründlichen Reduction bedürfe, wie sie der ver-
dienstvolle Autor der Genera des Coleopteres
zwar in einzelnen Gruppen vorgenommen, aber mit scho-
nender Berücksichtigung des von ihm bereits Vorgefun-
denen nicht überall durchgreifend genug zur Ausführung
gebracht hat. Auf diesen Gegenstand weiter einzugehen
ist jedoch hier der Ort nicht.
Für die Reihenfolge der Arten habe ich die Schön-
herr'sche Anordnung nach der Beschaffenheit des Rüs-
sels beibehalten. Es wird dadurch zwar auch mehrfach
Verwandtes getrennt und Fremdartiges verbunden, aber
andere von mir versuchte Eintheilungen der auf Cuba
sehr stark vertretenen Gattung nach der Richtung des
Querkiels auf dem Halsschilde , nach dem Umrisse, der
Wölbung, den Höckern der Deckschilde u. s. w. haben
mir kein günstigeres Ergebniss geliefert, weshalb es denn
bei jener Schönher r'schen Verthcilung der Arten ver-
bleiben mag.
1. Rostrum basi angustatum, apice plus minusve di-
latatum.
a. Pygidium tuberculatum,
5. Tr. feralis Schh. 1. 1. I. 148. n. 4. Der von
Boheman bei Schh. a. a. O. gegebenen Beschreibung
ist nur hinzuzusetzen, dass die Wurzel der Deckschilde
durch eine dahinter liegende ziemlich tief eingegrabene
Querlinie als ein deutlicher Querwulst abgesetzt ist, dass
bei unbeschädigten Stücken die Seiten des Hinterleibes
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 181
breit weiss beschuppt sind, imd dagegen die vordere
weisse Querbinde der Deckschilde zuweilen in vereinzelte
unrcgelmässige Flecke aufgelöst ist oder auch ganz fehlt,
so dass in der Zeichnung überhaupt kaum zwei einander
völlig gleiche Stücke gefunden werden. Bei einem sonst
nicht abweichenden Zwergexemplare der letzten G. 'sehen
Sendung ist auch das ganze Halsschild einfarbig mit bräun-
lich greisen Schüppchen bedeckt. Die Punkte in den
Streifen der Deckschilde sind vorn gröber und verein-
zelt, hinterwärts feiner und durch zarte Längslinien ver-
bunden, oder vielmehr in solche Linien eingedrückt. Die
beiden Geschlechter scheinen sich in dem Baue des Hin-
terleibes zu unterscheiden. Bei dem einen, w^elches ich
nach dem schmaleren Körper für das </ halten möchte, ist
der vordere Theil des Hinterleibes in der Mitte der Länge
nach abgeflacht, fast leicht eingedrückt, und der erste
Ring zeigt am Vorder- und Hinterrande die feinen Enden
einer unscheinbaren verloschenen Kiellinie: bei den plum-
peren ($?) Stücken ist der Hinterleib flach gewölbt, der
drittletzte Ring mit zwei schwachen Längseindrücken ver-
sehen, der vorletzte auf dem mittleren schuppenfreien
Theile quereingedrückt, der letzte abgeflacht, oder selbst
seicht eingedrückt und abgestutzt.
6. Tr. acerbus Schh. 1. 1. L 149. n. 6. Das Schön-
her r'sche a. a. O. von Boheman beschriebene Stück
scheint ein durch Alter, Nässe oder ähnliche Einflüsse
übel zugerichtetes gewesen zu sein, wie ich auch ein
solches vor mir habe ; für gut erhaltene Stücke muss
die Angabe über die Flügeldecken heissen: „elytris pro-
funde remote punctato-striatisj fusco-squamosiSj interstitiis
alterms nigris albo-irroratis." Die schwarzen Zwischen-
räume sind von der Naht ab die ungeraden, so dass die
beiden an der Naht selbst liegenden hier eine gemein-
same breitere Zwischenbinde bilden, die weissen Schüpp-
chen sind auf den schwarzen Zwischenräumen bald un-
regelmässig vertheilt, bald zu grösseren rundlichen Flek-
ken verdichtet, doch werden selten auch nur zwei darin
völlig übereinkommende Stücke gefunden. Die ziemlich
dichte Beschuppung des Rüssels und Schildchens ist
182 Saffrian:
gelblich greis. In der kurzen, gedrungenen Gestalt und
den eckig vorspringenden Seitenkanten des Querkiels auf
dem Halsschilde stellt der Käfer gewissermassen die vor-
hergehende Art im Kleinen vor, deren oben erwähntes
Zwergexemplar der vorliegenden an Grösse und Habitus
gleichkommt.
7. Tr. modestus Mus. ßer. Nigricans, sordide
umbrino-squamosus, antennis piceis, rostro carinato, ely-
tris subtilius punctatostriatis , interstitiis alternis parum
elevatis, albo-irroratis, fascia postica interrupta albida.
Long. 2V4'"; lat. IVe'".
Eine nach dem einzigen vorliegenden Stücke ziemlich
grosse, aber unansehnliche, im Körperbau im Ganzen dem
Tr, caliginosus ähnliche, aber von demselben, wie durch
die Zeichnung im Ganzen, so noch besonders durch das
gehöckerte Pygidium leicht zu unterscheidende Art. Der
an der Wurzel massig verengte Rüssel ist stark längskie-
lig, jederseits der Länge nach flach eingedrückt, die
Fühler pechbraun mit röthlicher Spitze der einzelnen
Glieder, an der Keule nur das erste Glied mit der grös-
seren unteren Hälfte des zweiten geschwärzt. Das abge-
stumpft - kegelförmige Halsschild hinter dem Vorderrande
und vor dem scharfen geraden Querkiele leicht quer ein-
geschnürt, matt schwarz und mit dichten bräunlichen
Schup]3enhärchen bedeckt ; das kleine halbrunde Schild-
chen greishaarig. Die länglichviereckigen Deckschilde
hinterwärts kaum erweitert, sehr flach gewölbt, ziemlich
deutlich punktstreifig, gleichfalls überall dicht bräunlich-
schuppenhaarig, die geraden Zwischenräume leicht er-
höht, und der 2te vorn stärker aufgetrieben, was in ge-
ringerem Masse auch bei den Vorderenden des Isten und
3ten der Fall ist, so dass sich hier eine flache rundli-
che Beule bildet: auf denselben (geraden) Zwischenräu-
men finden sich auch vereinzelte w^eissliche Schuppen-
fleckchen , die sich auf der Wölbung vergrössern und
auch vermehren , so dass sich hier eine unterbrochene,
nach aussen zunächst mehr in vereinzelte Fleckchen auf-
lösende Querbinde bildet. Das in der Mitte dichter greis-
beschuppte Pygidium am unteren Ende mit einem kräf-
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 183
tigen, läiiglfcben Höcker besetzt. Brust und Hinterleib
an den Seiten gleichfalls mit vereinzelten weissen Schup-
penfleckchen bestreut. Die bräunlichen Schienen in der
Mitte ziemlich deutlich weisslich geringelt, auch, wie
gewöhnlich, das erste Fussglied auf der Oberseite weiss
beschuppt. Der 2te bis 4te Bauchring bei dem vorliegen-
den (J^?) Stücke der Länge nach ziemlich gleichbreit flach
niedergedrückt, der Hinterrand des 4ten, so weit jener
Eindruck reicht, seicht ausgeschnitten, und jederseits die-
ses Ausschnitts mit einem feinen Zähnchen vortretend.
8. Tr. luscus Schh. 1, I.V. 209. n. 7. Diese Art
bildet gewissermassen eine Uebergangsform von den vor-
hergehenden zu den folgenden Arten, mit jenen hat sie das
gehöckerte Pygidium gemein, während sie sich durch die
flacheren vorn zweihöckerigen Deckschilde mehr an die
nächstfolgenden anschliesst. Die Körpergrösse ist bei den
mir vorliegenden Stücken (wahrscheinlich dem Geschlechte
nach) sehr verschieden, und schwankt in der Länge zwi-
schen V/snnd2y4'% in der Breite zwischen ^/sund IVe"' ;
der schwarze Hinterfleck der Flügeldecken ist meist deut-
lich, etwas nierenförmig quer gezogen, der ihn umge-
gendc gelblichgreise Ring auf der hinteren Seite breiter,
manchmal nur hier deutlich zu erkennen. Unter sehr
schräger Beleuchtung sieht man bei der Betrachtung des
Käfers von hinten her einige schwache Längslinien, wel-
che durch die abwechselnd erhöhten, bei gut erhaltenen
Stücken durch schwärzliche Fleckchen gescheckten Zwi-
schenräume gebildet werden, und deren deutlichste sich
an der Aussenseite des Augenflecks hinzieht, während
das Vorderende der innersten dicht hinter der Wurzel
der Flügeldecke zu einem mehr oder weniger deutlichen,
bei unversehrten Stücken schwarz beschuppten Höcker
aufgetrieben ist. Zuweilen ist letzterer zu einer flachen,
stumpfen Beule abgeschwächt, und ein solches Stück mag
wohl der bei S ch ö nh err a. a. 0. gegebenen, einer
solchen Auftreibung nicht gedenkenden Beschreibung vor-
gelegen haben, da ich an der richtigen Bestimmung der
mir vorliegenden Art nicht zweifeln kann. Denn Schön-
herr hatte dieselbe aus dem Mus. Berol. erhalten, in wel-
184 Suffrian:
ches s. Z. eine grosse Zahl der von Gundlacli und
Poey gesammelten Arten gelangt ist; überdem ist sie
auch Herrn Riehl von Erichson als Tr. luscus Schh.
bestimmt worden. Aenssere Geschlechtsmerkmale finde
ich nicht, wenn nicht eine bei dem kleinsten der vor-
liegenden Stücke vorhandene leichte Krümmung der Vor-
der- und Mittelschienen etwa als solche (für das (/?) auf-
zufassen ist.
In der letzten G. 'sehen Sendung war die Art, au-
genscheinlich nur durch einen Schreibfehler, als Tr.
caliginosus Schh. bezeichnet.
b. Pygidium inerme.
9. Tr. caliginosus Schh. 1. 1.1.149. n. 5. Ein
bei ziemlicher Grösse doch unscheinbarer Käfer, aber
leicht kenntlich an der stark eingeschnürten Wurzel des
unterwärts rundlich erweiterten, verhältnissmässig langen
Rüssels. Die vonBoheman bei Schh, a.a.O. gegebene
Beschreibung ist treffend und gut; zu bemerken wäre
nur noch, dass das erste Fussglied eben so weiss be-
schuppt ist, wie bei den meisten anderen Arten. Die
Flügeldecken zeigen bei den grösseren Stücken unter
sehr schrägem Winkel von hinten her betrachtet einige
überaus feine erhöhte Längslinien, zwischen denen der
hintere Theil der Naht vor und auf der Wölbung leicht
niedergedrückt ist ; ebenso erscheinen bei sehr grossen
Stücken die Vorder- und Mittelschienen etwas länger und
ein wenig stärker gekrümmt als bei den kleineren, was
vielleicht Geschlechtsmerkmal , vielleicht nur Folge der
Entstehung aus kräftigeren, besserer genährten Larven
ist. Die Wurzel des Hinterleibs finde ich bei allen mir
vorliegenden Stücken der Länge nach leicht abgeflacht.
10. Tr. obsoletus Mus. Ber. Niger opacus parce
umbrino-pilosus albidoque adspersus, rostro carinato, ely-
tris subtilius punctato-striatis, herum fascia antica abbre-
viata antica, rostro pygidioque albido-squamosis.
Long. IV4-2V4'"; lat. V2-I'".
variat ß. clytris apice macula albida signatis.
Von dem Habitus des Tr. modestus, aber merklich
kleiner, und von ihm ausserdem an der schwarzen Farbe,
Verz. d, auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 185
der abweichenden Zeichnung, den nicht erhöhten Zwischen-
räumen der Flügeldecken und dem höckerfreien Pygidium
leicht zu unterscheiden, übrigens, wie alle Arten der
Gattung, in der Grösse der einzelnen Stücke sehr v^er-
schieden. Der Rüssel nach vorn nur wenig und fast
geradlinig erweitert, sein Mittelkiel an der Wurzel fast
erloschen, seine Oberfläche bei nicht abgeriebenen Stük-
ken weisslich beschuppt. Die Fühler meist tief pechbraun,
bei einzelnen Stücken fast schwarz. Das abgestumpft-ke-
gelförmige Halsschild vorn breit- und flach-, vor dem
Querkiele schmaler eingeschnürt, letzterer mit den Sei-
tenenden leicht nach vorn gebogen, die Oberfläche dicht
punktirt und mit kurzen hinterwärts angedrückten tief
bräunlichen Schuppenhärchen bedeckt, hier und da mit
weissen Spritzfleckchen besetzt. Das kurze halbellipti-
sche Schildchen gleichfalls weisslich beschuppt. Die
Deckschilde länglichviereckig , etwa um Ve länger als
breit, sehr flach gewölbt, regelmässig punktstreifig, mit
fein punktirtem, dünn bräunlich schuppenhaarigem Zwi-
schengrunde, dessen w^eisslichc Zeichnungen bei den ver-
schiedenen Stücken etwas veränderlich erscheinen. Fast
bei allen zeigt sich vor der Mitte eine aus mehr oder
weniger zusammenhängenden Schuppcnfleckchen gebil-
dete, daher etwas wellige, nach aussen verschmälerte und
abgekürzte Querbinde , auf welche sich zuweilen, zumal
bei kleinen Stücken, die ganze Zeichnung beschränkt ; bei
andern tritt dazu eine Anzahl ziemlich regellos vcrtheilter
kleineren Schuppenfleckchen, die sich zuletzt an der Spitze
der Flügeldecken häufen und hier bei der var. /^. zu einem
unregelmässigen weisslichen Flecke zusammenfliessen. Das
Pygidium ist mit einem grossen herzförmigen weissen
Schuppenflecke gezeichnet, welcher zuweilen dessen ganze
Fläche einnimmt, meist aber einen schmalen Seitenrand
und einen oberen Einschnitt frei lässt. Unterseite und
Beine schwarz, erstere mit feinen weissen Schuppenfleck-
chen bestreut und auf der umgeschlagenen Seite des
Halsschilds derb punktirt, an den Beinen nur die obere
Hälfte des ersten Fussgliedes weiss beschuppt. Aeussere
Geschlechtsmerkmale habe ich nicht wahrgenommen.
186 Suffrian:
11. Tr. g rac il icorii i s m. Fuscus opacus^ parce
umbrino-squamulosus, antennis elongatis ferrugineis, ro-
stro subimprcsso scutello tibiarumque annulo albo-squa-
mosis, elytris profund! us pmictato-striatis; interstitijs alter-
nis nigro-tesselatis. Long. IV2'"; lat. Vs'"-
Von dem Habitus eines kurzen dicken Hylesinus,
namentlich des H. fraxini Fab., ausserdem aber durch die
schlanken gestreckten Fühler sehr ausgezeichnet; der
fast gleichbreite Rüssel kurz, nur wenig länger als breit,
der Mitte entlang flach eingedrückt, und wie der ganze
Körper schmutzig braun, mit angedrückten etwas helle-
ren Schuppenhärchen bedeckt. Die Fühler fast von
Körperlänge, das kurze erste Glied stark aufgetrieben,
das zweite aus sehr dünner Wurzel oberwärts stark keu-
lig verdickt und etwas gekrümmt , die folgenden sechs
von ziemlich gleicher Länge und je doppelt länger als
das zweite, an ihrer Spitze knotig verdickt, das 3te noch
fast gerade, die folgenden einwärts gekrümmt, was beson-
ders am 5ten und 7ten Gliede hervortritt, die drei letzten
eine flach zusammengedrückte Keule bildend, an welcher
das breit dreieckige erste Glied an Länge fast den beiden
folgenden zusammen gleichkommt. Die Farbe roströth-
lich mit gebräunter Keule. Das nach vorn kegelförmig
verschmälerte Halsschild über der Mitte quer aufgewölbt,
daher längs dem Vorderrande breiter und hinten vor dem
sehr stark hinterwärts gerückten Querkiele schwächer ein-
geschnürt. Das sehr kleine, halbeiförmige Schildchen weiss-
lich beschuppt. Die flach gewölbten Deckschilde walzlich
und um die Hälfte länger als breit, längs der Wurzel etwas
niedergedrückt, sehr regelmässig und ziemlich grob punkt-
streifig , schmutzigbraun und glanzlos, kurz angedrückt-
schuppenhaarig, die geraden Zwischenräume mit länglich-
viereckigen schwarzen Schuppenflecken, 3—4 auf jedem,
gezeichnet, und an jedem hinten ein eben so unscheinba-
res greises Schuppenfleckchen, wodurch diese geraden
Zwischenräume unter einem sehr schrägen Winkel von
hintenher leicht erhöht erscheinen. Das kleine halbkreis-
förmige Pygidiura gleichfalls bräunlich beschuppt. Die
Unterseite tief schwarzbraun mit etwas helleren Beinen,
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 187
die Schienen über der Mitte und an der Spitze mit einem
schmalen weisslichen Schuppenringe.
12. Tr. angu latus Mus. Ber. Nigricans opacus
parce griseo-squamulosus, antennis tibiis tarsisque sordide
luteis, eljtris punctato-striatis basi bituberculatis postice
ad suturam subimpressis, plaga communi suturali antica
subquadrata dilutius squamosa.
Long. IV4-IV2'"; lat. Vs-l";.
Länglich viereckig, meist kleiner als der vorherge-
hende und an dem gemeinsamen vorderen Nahtflecke der
daselbst zweihöckerigen Flügeldecken sofort zu erkennen.
Der fast gleichbreite Rüssel kurz, ungekielt, quer flach
gedrückt; hellgreis behaart. Die Mundtheile und die
kurzen dünnen Fühler schmutzig lehmgelb; an den letz-
teren die Keule und die Spitze der unteren Glieder
leicht geschwärzt. Der obere Thcil des Kopfes dünn
greis schuppenhaarig; an den etwas abgeriebenen Stellen
schmutzig gebräunt oder schwärzlich mit überaus feiner
Punktirung. Das Halsschild abgestumpft - kegelförmig,
längs dem Vorderrande flach quer niedergedrückt und
dahinter eben so leicht quer aufgewulstet; hinterwärts mehr
abgeflacht; mit kräftigem mit den Aussenenden nach vorn
gekrümmtem QuerkielC; dessen Aussenecken als scharfe
zahnartige Höcker hervortreten. Die fein punktirte Ober-
fläche schmutzig schwarzbraun, bei einem der vorliegen-
den Stücke in der Mitte des Vorderrandes verwaschen
heller gebräunt, bei einem andern mit einer schwach an-
gedeuteten weisslich beschuppten Mittellinie. Auch, das
kleine halbrunde Schildchen greis beschuppt. Die Deck-
schilde länglichviereckig, um Y^ länger als breit, auf dem
Rücken flach gedrückt, mit länglichen höckerartigen Schul-
terbeuleU; und innerseits von diesen, je durch einen tiefen
Eindruck getrennt, auch etwas hinterwärts gerückt, noch
ein grosser länglicher, durch eine Auftreibung des zwei-
ten Zwischenraums gebildeter Höcker, in dessen Fort-
Setzung sich dieser Zwischenraum hinterwärts als eine
schwache, stellenweise verschwindende Kiellinie verfol-
gen lässt ; auf der Wölbung tritt sie wieder etwas stär-
ker hervor, so dass sich hier längs der Naht eine seicht
188 Snffrian:
nledergedriicktC; hinterwärts ziemlich steil abfallende Stelle
bildet Die Punktstreifen deutlich , die Zwischenräume
äusserst fein runzlig punktirt^ der leicht erhöhte zweite
bei einem der vorliegenden Stücke mit Andeutungen klei-
ner Schuppenbüschel. Die Farbe ein schmutziges Schwaz-
braun oder Schwarz , vorn hinter dem Schildchen mit
einem gemeinsamen länglich viereckigen heller greis
schuppenhaarigen Flecke, welcher seitlich his zum drit-
ten Punktstreifen reichend die inneren Vorderhöcker mit
cinschliesst und hinterwärts sich bis zur Mitte der Naht
ausdehnt. Bei dem erstgenannten Stücke finden sich auch
auf den äusseren Zwischenräumen einzelne heller und
fast röthlichgreis beschuppte Stellen, und eine ähnliche
unmittelbar vor der abgerundeten Spitze; bei einem an-
deren sind die Deckschilde überhaupt nach aussen hin
etwas stärker greis beschuppt, doch finde ich zwischen
diesem Stücke und den typischen keinen weiteren Unter-
schied. Auch die Unterseite mit den ziemlich stark auf-
getriebenen Schenkeln schwärzlich , greis beschuppt ;
Schienen und Füsse schmutzig lehmgelb, die etwas ver-
längerten Mittelschienen unter denKnieen leicht geschweift,
Aeussere Geschlechtsunterschiede finde ich nicht.
13. Tr. variolosus m. Nigricans parce pubes-
centi-squamulosus, antennis tiblis tarsisque sordide luteis,
elytrispunctato-striatis basiunituberculatis, interstitiis fulvo-
tesselatis, secundo elevatiore.
Long. IV4-IV2'"; lat. V2-V4'".
Im Ganzen von dem Habitus der vorhergehenden
Art, aber verhältnissmässig etwas schlanker, und von ihr
an dem Mangel des Schulterhöckers leicht zu unterschei-
den. Der kurze Rüssel an der Basis leicht verengt, quer
niedergedrückt, ohne Kiellinie, mit Stirn und Nacken von
einer dünnen schwärzlichen, greis und weisslich gemischten
Behaarung bedeckt ; die Mundtheilc pechbraun, die dün-
nen Fühler gelblich , die Keule und die Spitzen aller
übrigen Glieder geschw^ärzt. Das abgesturapftkegelförmige
Halsschild vorn und hinten leicht quer eingeschnürt, da-
zwischen schw\ach quer aufgewulstet, mit kräftigem seit-
lich stark nach vorn gekrümmtem Qucrkiele, dessen Aus-
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 189
senecken gleichfalls zahnai tl^ hervortreten ; die Oberfläche
bei unbeschädigten Stücken mit einer aus abgekürzten und
fuchsigen Schuppenhärchen gebildeten Mittellinie, sonst
aber mit ziemlich dichten schwärzlichen Schuppenhär-
chen bedeckt, denen mehr oder minder zahlreiche, stel-
lenweise querbindenartig geordnete weissliche und röth-
liche Schüppchen beigemischt sind. Das kleine halbkreis-
förmige Schildchen dicht weiss beschuppt. Die länglich
viereckigen Deckschilde hinterwärts etwas erweitert, mit
abgerundet-rechtwinkligen Schultern, an deren Innenseite
sich kaum eine Andeutung von einem Eindrucke zeigt,
deutlich punktstreifig, mit flachen äusserst fein runzlig
punktirten Zwischenräumen, deren zweiter vorn verbrei-
tert und zu einem länglicheiförmigen Höcker aufgetrie-
ben ist, und von da ab hinterwärts eine zwar schwach,
aber doch kenntlich erhöhte Kiellinie bildet. Die Grund-
farbe matt schwarz, die Zwischenräume mit länglich vier-
eckigen unregelmässigen röthlichen Schuppenfleckchen be-
setzt, welche stellenweise zu grösseren Längswischen zu-
sammenfliessen, und zwischen denen der schwarze Grund
hier und da, besonders auf dem zweiten Zwischenräume und
auf den Hinterenden der äusseren, mit kurzen schwarzen
Härchen- oder Schuppenbüscheln besetzt ist. In gleicher
Weise ist auch das Pygidium und (etwas schwächer) die
Unterseite mit schwärzlichen, greis und röthlich unter-
mischten Schüppchen besetzt. Die Schenkel schwarz,
die Schienen und Fussglieder röthlichgelb, jene stellen-
weise dunkler geringelt.
Ein einzelnes von Dr. G. unter einer besondern
Nummer geschicktes und als Tr. acerbus bezeichnetes, aber
von dem wahren Tr. acerbus Schh. sehr verschiedenes
Stück unterscheidet sich von den beschriebenen durch
Vorwalten der röthlichen Schuppen an Kopf, Halsschild
und Deckschilden. Kopf und Halsschild sind, bis auf
die abgeriebene und dicht punktirte Mitte der letzteren
ganz röthlich gelb, auch die Wurzel der Deckschilde fällt
mit deren Höckern — selbst ihrer Grundfarbe nach —
ins Röthliche, die hinteren röthlichen Schuppenflecke der
letzteren fallen dagegen ins verblichen Röthlichgreise,
190 Suffrian:
stellenweise ins Weissliche, selbst die schwarzen Schen-
kel sind stellenweise weisslich beschuppt, und die Schie-
nen ganz gelb, ohne die dunkleren Ringflecke der ge-
wöhnlichen Form. Weitere Unterschiede finde ich nicht,
und kann daher in dem Thiere nur eine ausgezeichnete,
vielleicht nur durch Störung in der Entwicklung her-
vorgerufene Farbenabänderung der vorliegenden Art er-
kennen. Noch etwas w^eiter von deren typischer Form
entfernt sich ein anderes, zugleich sehr kleines und wahr-
scheinlich cj^-Stück, bei welchem bis auf die schwärzliche
Naht die ganzen Deckschilde schmutzig ziegelroth und
dabei nur sparsam weisslich gescheckt sind.
14. Tr. sex-verrucatus m. Nigricans parce
griseo - squamosus, antennis luteis, rostro carinato, capite
thoracisque linea media albidis, elvtris punctato-striatis
trituberculatis griseo-variis, macula postica albida.
Long. IV2-2V2'" (?); lat. V3-IV3'".
Von dieser seltsamen x\rt liegen mir nur zwei Stücke
vor, deren grösserem noch dazu Kopf und Halsschild
fehlen, so dass ich dessen Länge nur vermuthungsweise
habe angeben können : sonst aber kommen beide so ge-
nau mit einander überein, dass ihr Zusammengehören
ebenso wenig als die Selbstständigkeit der Art einem
Zweifel unterliegen kann. Seinem Baue nach gehört der
Käfer, wie die beiden vorhergehenden, zu den länglich-
viereckigen Arten mit flachen gehöckerten Deckschilden,
zeichnet sich aber vor jenen durch das Vorhandensein eines
hinteren zweiten dem vorderen gleichenden, und noch eines
dritten kleineren Höckers an der Spitze aus. Der nach vorn
stark winkelig verbreiterte Rüssel zeigt eine kurze vorn ga-
belig geth eilte Kiellinie und ist hellgreis beschuppt; ähn-
liche Schuppenhärchen bedecken auch den ganzen Kopf,
und fallen hinterwärts und an den Augen mehr ins
Weisslichc. Die dünnen, ziemlich kurzen Fühler hell-
gelb mit schwarzer Keule, das 2te Glied stark aufgetrie-
ben. Das längliche llalsschild abgestumpftkegelförmig,
quer über die Mitte hin nur schwach und schmal aufge-
trieben, mit kräftigem seitlich nur leicht nach vorn ge-
krümmtem, daselbst auch kaum zahnförmig vortretendem
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 191
Querkiele. Die Oberfläche deutlich punktirt, schwarz,
mit einer schwach erhöhten aber ziemlich breiten und
dicht weiss beschuppten Mittellinie, die Seiten sparsam
röthlich beschuppt, und längs der Mitte des Vorderrandes
auch der Grund verwaschen geröthet. Das sehr kleine
halbeirunde Schildchen weiss behaart. Die länglich vier-
eckigen Deckschilde hinterwärts kaum erweitert, oben
abgeflacht, und hinten mit ziemlich steiler Krümmung
abfallend, deutlich punktstreifig; der zweite Zwischen-
raum vorn und dann wieder hinter der Mitte verbreitert
und an jeder dieser Stellen zu einem kräftigen, abge-
rundet kegelförmigen Höcker aufgetrieben, welcher bei
dem kleineren etwas abgeriebenen Stücke spiegelblank,
bei dem grösseren mit schwärzlichen und untermischten
röthlichen Schuppen bedeckt ist. Dahinter ist der 2te
Zwischenraum leicht erhöht, und ein Gleiches auch bei
dem 4ten, und schwächer bei den äusseren geraden Zwi-
schenräumen der Fall. Die Farbe schwärzlich, die Ober-
fläche mit greisen und untermischten, ungleich vertheil-
ten röthlichen Schuppenhärchen bestreut. Ausserdem
zeigt jede Flügeldecke unmittelbar hinter dem zweiten
Höcker einen ziemlich scharf begränzten, vom zweiten
bis zum vierten Zwischenräume reichenden weissen Quer-
fleck. Unter der Wölbung liegt auf dem 4ten, wie be-
merkt, ebenfalls leicht erhöhten Zwischenräume noch ein
dritter, aber kleinerer und schwächerer Hocker. Das Py-
gidium stumpf gekielt, seitlich etwas eingedrückt, mit der
Unterseite greis beschuppt. Die Farbe der Beine ist bei
den vorliegenden Stücken verschieden, bei den grösseren
schwärzlich mit unregelmässig vertheilter greiser Be-
schuppuijg, die in der Mitte und am unteren Ende der
Schienen einen undeutlichen Ring bildet, bei dem klei-
neren sind die Beine schmutzig gelb mit in der Mitte
verwaschen geschwärzten Schenkeln, die Schienen mit
den eben bemerkten weisslichen Ringen, zwischen denen
der von ihnen eingeschlossene Theil der Schiene ge-
schwärzt ist ; eben so ist auch das 3te Fussglied schwärz-
lich. Ob dies Farbenvarietät oder Geschlechtsmerkmal
]92 Suffrian:
ist, müssen spätere Erfahrungen entscheiden: Artenver-
schiedenheit vermag ich darin nicht zu erkennen.
15. Tr. fuscipennis m. Fuscus parce griseo-
squamosus, antennis testaceis, thoracis disco, elytrorum
sutura obscuriore, his basi leviter elevatis subtilius punctato-
striatis. Long, VI"U'-, lat. 72'".
Ein kleiner zierlicher, durch seinen schmalen Bau
einigermassen an kleine Bostrichiden erinnernder Käfer.
Der sehr kurze Rüssel nach vorn stark erweitert, vorn
leicht quer niedergedrückt, ohne Kiellinie, wie der übrige
Kopf schmutzig hellbraun, mit feinen greisen Schuppen-
härchen dicht bedeckt. Die Fühler gelb, die einzelnen
Glieder an der Spitze etwas gebräunt, die Keule schwärz-
lich. Der abgestumpftkegelförmige Halsschild mit leicht
abgerundeten Seiten nach vorn verschmälert, gleichfalls
dicht bräunlich beschuppt, mit leicht angedeuteter, stel-
lenweise etwas heller beschuppter Mittellinie ; der Quer-
kiel von seinem Mittelpunkte aus jederseits mit der inne-
ren Hälfte seines Seitenarms sanft nach vorn gekrümmt,
dann nach leicht gekrümmter Brechung mit seiner äusse-
ren Hälfte geradlinig auf die Seite zulaufend, ohne deutlich
vortretende Ecke. Das kleine, halbkreisförmige Schildchen
weisslich. Die länglichviereckigen Deckschilde um die
Hälfte länger als breit, flach walzenförmig, längs der
Naht flachgedrückt, jederseits derselben vorn breit aber
nur leicht aufgetrieben, so dass diese Auftreibung eigent-
lich nur durch einen dahinterliegenden und auf der Naht
unterbrochenen sanften Quereindruck bemerkbar wird.
Die Schulterbeulen wenig hervortretend. Die Punktstreifen
auf dem Rücken deutlich, mit flachen äusserst fein punk-
tirten Zwischenräumen, die seitlichen merklich feiner. Die
Farbe ein schmutziges Fuchsroth mit dünner greiser
Schuppenbehaarung , auf der Naht eine ziemlich breite
unregelmässig begräiizte, schmutzig geschwärzte Längs-
linie, welche durch den vorderen Quereindruck verengt
und fast unterbrochen ist, sich dagegen hinten auf der
Wölbung jederseits durch einen Querarm erweitert. Bei
einem der vorliegenden Stücke fällt ihre Mitte vorn hin-
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 193
ter dem Scliildcheii, und hinten auf der Wölbung wieder
etwas ins Röthliche. Pygidium, Unterseite und Beine
gleichfalls schmutzig röthlich, dünn greishaarig, die Schie-
nen heller gelblich, die verdickten Schenkel in der
Mitte verwaschen gebräunt.
16. Tr. parvulus m. Nigricans vel fuscus parce
griseo-squamosus, antennis tibiis tarsisque flavis, thoracis
limbo antico rufescente, clytris basi vix elevatis, subtilis-
sime punctato-striatis, striis postice deletis.
Long. ^5-%"'; lat. V4-V3"'.
Ein überaus kleiner, unansehnlicher Käfer, gewis-
sermassen den Tr. fuscipennis im Kleinen wiederholend,
aber von ihm mit E. gewiss verschieden. Er ist kaum
mehr als halb so gross wie die genannte Art, auf deren
Beschreibung ich im Ganzen Bezug nehmen kann, be-
sonders schmal und fast linienförmig, im Habitus einem
kleinen Cis nicht unähnlich. Die Fühlerkeulc kürzer
aber breiter, Kopf und Halsschild stets schwarz, mit brei-
tem, verwaschen begränztem, ziemlich hellröthlichem Vor-
derrande des letzteren. Die Deckschilde bald schwarz,
bald an den Seiten von den Schultern ab verwaschen
heller oder dunkler braun, welche Färbung manchmal
soweit überhand nimmt, dass nur ein vorn breiterer, hin-
terwärts verschmälerter Nahtsaum schwarz bleibt ; solche
Stücke hängen aber durch Uebergänge mit den typischen
zusammen. Die Oberfläche durch unregelmässig ver-
theilte weisse Schüppchen wie leicht gescheckt. Die
Wurzel der Flügeldecken kaum merklich aufgetrieben,
die Punktstreifen sehr fein und auf der hinteren Hälfte
kaum noch wahrnehmbar. Die Schenkel schwärzlich oder
bräunlich mit hellerer Wurzel und Spitze, Schienen und
Fussglieder gelblich, erstere unter dem Knie und an der
Spitze manchmal leicht gebräunt. Alles Uebrige, wie
bei der vorhergehenden Art.
17. Tr. sord idu lu 8 m. Nigricans vel fuscus parce
griseo-squamosus, antennis lutescentibus, clava apice üuva,
elytris basi vix elevatis, punctato-striatis parce fusco-
squamosis, tibiis albido-annulatis. Long. IVe'"; lat. 72'"-
Die gegenwärtige, an dem gelben Endgliede der
Archiv f. Naturg. XXXVI. Jahrg. 1. Bd. 13
11)4 Suffrian:
Fühler leicht kenntliche Art liegt mir in zwei verschie-
den gefärbten Stücken vor, von denen mir das eine,
schwärzliche die normale Form zu bilden scheint. Der
kurze, ncach vorn verbreiterte Rüssel ist an seiner schma-
leren Wurzel leicht niedergedrückt, und mit dem gleich-
falls dünn röthlichgreis schuppenhaarigen Kopfe äusserst
fein punktirt; die Fühler schmutzig gelblich, an der brei-
ten Keule nur die beiden unteren Glieder schwarz, das
grosse Endglied hochgelb. Das Halsschild mit fast gra-
den Seiten abgestumpft kegelförmig, vorn sehr schwach
verengt, oben sehr fein und dicht punktirt. Der Quer-
kiel sehr nahe an den Hinterrand gerückt, fast gerade
imd nur mit seiner Mitte überaus schwach hinterwärts ge-
bogen, an den Enden ohne deutliche Ecke ; die Oberfläche
sehr dünn und jfein röthlichgreis beschuppt. Das Schild-
chen weisslich. Die gestreckten Deckschilde schmal und
gleichbreit, fast linien förmig, hinter der niedergedrückten
Wurzel jederseits der Naht überaus leicht aufgetrieben
und dahinter nochmals sanft quer eingedrückt, deutlich
punktstreifig, mit flachen kaum punktirten, an den abge-
riebenen Stellen glänzenden Zwischenräumen, zerstreut
und dünn röthlich greis beschuppt, welche Schuppen sich
in dem Quereindrucke vor der Mitte zu einem unregel-
mässigen grösseren röthlichen Querflecke zusammen-
drängen. Das stumpfgekielte Pygidium ist mit Unterseite
und iieinen gleichfalls schwärzlich, kurz greis beschuppt;
die Schienen zeigen über der Mitte einen gelblichweissen
Schuppenring. Das zweite, übrigens schlecht erhaltene
und wahrscheinlich auch schlecht ausgefärbte Stück ist
bei sonst vollständiger Ueberelnstimmung nicht schwarz,
sondern nur hellbraun ; nur die Mitte der Schenkel ist
dunkler braun, und der Kopf mit dem hinteren Theile
des Halsschilds verwaschen geschwärzt. Auf den Deck-
schilden fehlt der weissllche Querfleck, dagegen zeigt die
allein noch vorhnndene rechte Flügeldecke auf dem leicht
erhöhten zweiten Zwischenräume zwei vereinzelte weiss-
liche Punkte, den vorderen an der Stelle jenes weisslichen
Querflecks und wahrscheinlich als dessen abgeschwächten
Vertreter, den hinteren hinter der Mitte an einer Stelle,
Verz d. auf d. Insel Cnba gesammelten Rüsselkäfer. 195
welche bei dem ersteron Stücke abgerieben und blank
ist. An dem Zusammengehören beider Stücke zweifle
ich jedoch nicht.
18. T r. griseus n\. Nigricans griseo-squamosus,
antennis tibiis tarsisque sordide Intcis, elytris basi unitu-
bcrculatis^ punctato-striatis, dcnsius squamosis.
Long. 1'"; lat. V2'".
Ein kleiner, einfarbiger Käfer , am besten daran zu
erkennen, dass er durchaus nichts Auffallendes an sich
trägt. Der sehr kurze, ungekielte Rüssel ist an der Wur-
zel stark verengt und quer niedergedrückt, mit dem Kopfe
sehr fein punktirt und dicht greis beschuppt, die Schuppen
zuweilen stellenweise ins fuchsig -gelbliche fallend; die
kurzori Fühler gelblich mit an der Spitze leicht gebräun-
ten Gliedern und, wie gewöhnlich, schv/arzer Keule. Das
abgestumpft-kegelförmige Ilalsschild nach vorn in sehr
flachem Bogen verschmälert, und daselbst, wie vor dem
in der Mitte sehr stark hinterwärts gekrümmten, seitlich
wieder grade nach aussen gerichteten Querkiele etwas
eingeschnürt: die punktirte Mittelfläche zeigt bei einem
Stücke hinten eine schwach angedeutete erhöhte Längs-
linie. Das Schildchen weisslich. Die gestreckten, schma-
len Deckschilde gleichbreit, punktstreifig; der 2te Zwi-
schenraum auf jeder Flügeldecke vorn zu einer länglichen
Beule aufgetrieben , so dass zwischen beiden die Naht
sich mehr oder weniger deutlich muldenförmig vertieft,
und diese Vertiefung sich als ein schwacher Längsein-
druck den ganzen Rücken entlang zieht. Die Oberfläche
mehr oder minder dicht greis beschuppt, die Schüppchen
aber auch hier stellenweise schmutzig gelblich. Pygidiiim,
Unterseite und Beine ebenfalls greisschuppig, Schienen
und Fussglieder heller oder dunkler gelb, erstere bei
einem sonst nicht abweichenden Stücke mit Spuren eines
weisslichen Schuppenringes, welcher bei den andern mög-
licher Weise nur abgerieben ist.
19. Tr. laetus m. Nigricans, parce griseo-squamo-
sus, thoracis albo-varii limbo antico rufesconte, elytris
punctato-striatis basi vix elevatis fasciis duabus interruptis
albido-pilosis, tibiis in medio pallidis. Long. "/12'"; hat. %'".
196 Suffrian:
Von diesem kleinen und zierlichen Käfer liegt mir
allerdings nur ein einziges Stück vor, dasselbe ist jedoch
so wohl erhalten und so sehr von allen vorhergehenden
Arten abweichend , dass mir seine Selbständigkeit als
Art keinem Bedenken zu unterliegen scheint. Der kurze,
flache Rüssel nach vorn rundlich verbreitert, kiellos, an
der Wurzel quer niedergedrückt, mit dem Kopfe ziem-
lich dicht weisslich schuppenhaarig, letzterer mit einem
schwächer und mehr greis schuppigem Fleckchen auf
der Mitte der Stirn. Die kurzen Fühler pechschwarz,
gegen das Licht schwach bräunlich durchscheinend, die
kurze, breit elliptische Keule tiefer geschwärzt. Das ab-
gestumpft kegelförmige Halsschild flach gewölbt, mit
gradlinigen Seiten, vor dem nur leicht gekrümmten Quer-
kiele sanft niedergedrückt, fein punktirt und dünn greis
beschuppt, schwärzlich mit verwaschen fuchsigem Vor-
derrande; auf und hinter diesem eine unterbrochene und
unregelmässige, aus kurzen w^eisscn Schuppenhärchen
bestehende Querbinde, von deren Seitenenden aus sich
ähnliche unregelmässige Schuppcnfleckchen hinterwärts
erstrecken : vor dem Querkielc eine gleichfalls unter-
brochene, aber nur sehr schmale Querbinde, deren mitt-
lerer Theil durch eine feine Längslinie fast mit der vor-
deren zusammenhängt. Das sehr kleine, halbkreisförmige
Schildchen gleichfalls weiss. Die schmal linienförmigen
Deckschilde gleichbreit, um die Hälfte länger als breit,
flach gewölbt, mit einer etwas flachen Beule vorn jeder-
seits der Naht, dahinter seicht quer eingedrückt, deutlich
punktstreifig, mit sehr flach gewölbten, überaus fein runz-
lich punktirten Zwischenräumen, schwarz mit einem leich-
ten Stiche ins Bräunliche, sehr dünn greisschuppig, wel-
che Beschuppung auf einer ziemlich regelmässigen Quer-
binde über die Mitte hin mangelt und diese Stelle (ob
von Natur, oder nur abgerieben?) etwas glänzend er-
scheinen lässt; vor und hinter derselben je eine ziemlich
breite, aus weissen Schuppenhärchen gebildete Querbinde,
jede (symmetrisch) unterbrochen oder eigentlich aus zwei
zusammengehörigen Querbinden gebildet, welche bei der
vorderen längs der Naht breit verbunden sind, während
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 197
die hinteren aiieh an den Seiten eine solche Verbindung
zeigen, so dass hier auf jeder Seite ein rundlicher nach
der Naht zu verschmälerter Zwischenfleck und hinterwärts
noch ein kleiner gemeinsamer dunkler Nahtfleck vorhan-
den ist. Pygidiura, Unterseite und Beine ebenfalls weiss-
lich beschuppt, die Schienen, bis auf die schmale dunklere
Wurzel und Spitze, und ebenso das erste Fussglied ziem-
lich hellgelblich.
2. Rostrum apice non dilatatum.
20. Tr. balteatus Schh. Cure. I. 148. n. 13. Die
a. a. 0. (von Gyllenhal) gegebene Diagnose ist der
folgenden nahe verwandten Art wegen also zu vervoll-
ständigen :
Oblongus niger (vel brunneus) opacus fusco-tomen-
tosus undique albido -irroratus, fronte rostro pygidioque
albo-squamosis, elytris convexiusculis, subtilius punctato-
striatis, fascia abbreviata undulata albida pone medium
signatis.
cT Abdominis basi carinata, tibiis omnibus arcuatis,
posterioribus sinuato-flexuosis.
Long. 3V2'"; lat. IV4'".
Von dieser Art hat Dr. G. früher nur ein einziges
und zw^ar braunes Stück, vermengt mit der folgenden,
eingeschickt ; bei den späteren Sendungen ist dieselbe
nicht wieder mitgekommen, wahrscheinlich weil G. sie
bei ihrer grossen Aehnlichkeit mit der folgenden an-
scheinend weniger seltenen Art nicht genauer beachtet
hat. Gyllenhal's Beschreibung bei Schh. a. a. O. ist
treffend und gut; übersehen ist nur (er beschreibt augen-
scheinlich das (^) dass die Mittel- undHinterschienen nicht
bloss, wie die Vorderschienen, einwärts gekrümmt, son-
dern auch in der Mitte nochmals leicht nach innen gebo-
gen sind und dadurch geschweift erscheinen, auch die
Mittelschienen am unteren Ende ein nach innen vortre-
tende's Zähnchen haben, und dass die Wurzel des Hin-
terleibes mit einer erhöhten Längslinie besetzt ist, welche
lys Sutfriaii:
auf dorn rrstcn Ringe zwisclion den Hinterlüiften einen
scharfen Kiel bildet, auf den beiden folgenden Ringen
aber unterbrochen ist und nur an deren Hinterrande je
als ein schwaches Ilöckerchen kenntlich wird. Auf den
flach gewölbten Deckschilden zeigt sich von erhöhten
Längslinien keine 8pur, dagegen sind die weissen 8chup-
pentieckchen bei dieser Art, besonders an Unterseite und
Beinen, in ungleich grösserer Ausdehnung \vie bei der fol-
genden vorhanden, während der weisse Schienenring fehlt,
und nur das erste Fussglied auf der Oberseite dieselbe
dichte weisse Beschuppung >vie bei dem folgenden zeigt.
Hinterleib und Beine des mir nicht bekannten $ sind
wahrscheinlich, wie bei diesem, ohne Auszeichnung.
21. Tr. confusus m. Oblongus niger opacus
fusco - tomentosus, parce albido-irroratus, fronte rostro
pygidioque albido-squamosis, elytris depressiusculis antice
profundius punctato - striatis , fascia abbreviata undulata
albida pone medium signatis, tibiis albo-annulatis.
cT Abdominis basi elliptice impressa, inter coxas po-
sticas bidenticulata, tibiis anterioribus arcuatis.
$ Abdomine simplici, tibiis rectis.
Long. 3-3V2'"; lat. IV4-IV3'".
Dem vorhergehenden überaus ähnlich, von G. in
grösserer Zahl und mit jenem unter gleicher Nummer ein-
gesandt, aber auch ausser den Geschlechtsmerkmalen von
ihm unschwer zu unterscheiden. Die Stirn zeigt, wenn
sie abgerieben ist, bei einzelnen Stücken eine kurze glatte
Kiellinie ; die weissen Schuppen finden sich regelmässig
nur auf dem Schildchen, der hinteren scharf begränzteu
Flügeldeckenbinde, einem Schienenringe und dem ersten
Fussglicde, In geringerer Anzahl und unregelmässiger
Vertheilung auf dem Rüssel , an den Seiten des Hals-
schi Ids, auf dem Pygidium, und (bei einzelnen Stücken)
als rundliche Spritzfleckchen auf den Deckschilden, wäh-
rend Unterseite und Beine mit feinen grauen Schuppen-
fleckchen dicht bestreut und dadurch fein gewölkt er-
scheinen. Die auf dem Rücken ziemlich flachen, fast
gleichbreiten Deckschilde sind hinterwärts die Naht ent-
lang seicht niedergedrückt, mit deutlich erhöhter Wur-
Verz. d, auf d. Insel Cuba gosamtnelteji Rüsselkäfer. 199
zelkaiite, die vorn stärkeren Pnnktstreifen fast nur an
den abgeriebenen Stellen erkennbar, nnd caiisserdera zei-
gen sich bei schräger Beleuchtung auf der vorderen
Hälfte der Flügeldecken schwache Spuren von drei leicht
erhöhten Zwischenräumen, deren äusserster von der Schul-
terbeule ausgeht, während zwischen dem innersten und
der Naht noclnnals eine sehr flache Auftreibung, gleich-
sam das abgerissene Vorderende eines 4ten erhöhten Zwi-
schenraums sich bemerken lässt. Die hintere weisse
Querbinde erreicht mit ihrem meist sehr verschmälerten
Innenrande die Naht nicht.
Die Creschlechtsmerkmale finden sich auch hier in
dem Baue des Hinterleibes und der Schienen ausgespro-
chen. Bei den grosseren, ohne Zweifel (/-Stücken ist
der grössere vordere Theil des Hinterleibs bis zum Hin-
terrande des 4ten Ringes in Gestalt einer ziemlich brei-
ten elliptischen Längsmulde eingedrückt und die vordere
Krümmung dieser Ellipse zwischen den Hinterhüften von
einer feinen erhöhten Kiellinie eingeschlossen, deren Hin-
terende jcderseits als ein kurzes aber scharfes dreiecki-
ges Zähnchen vorspringt. An den Beinen sind die Vor-
derschienen etwas verlängert und nach innen gekrümmt,
in weit stärkerem Grade ist beides bei den Mittelschienen
der Fall, an deren unterem Ende zugleich die Spitze der
Innenkante als ein feines Zähnchen vortritt. Bei den klei-
neren $ sind die Schienen beider Fusspaare kürzer und
gerade, der Hinterleib ist flach gewölbt, sein abgestutzt-
drcieckiger, zwischen die Plinterhüften hineinreichender
Mittelzipfcl jederseits von einer feinen erhöhten Schräg-
linie begränzt, am Vorderrande stumpf gekielt und das
vordere Ende dieses Kiels in ein feines Grübchen am
Hinterrande der Hinterbrust eingreifend.
V. Ptychoderes Schh.
22. P t, an gu latus Chv. Nigricans, ochraceo-
squamosus, antennis (clava excepta) ferrugineis, thoracis
angulati disco obscuriore, elytris punctato-striatis bitu-
berculatis, interstitiis alternis subelevatis nigro-variegatis.
200 Suffrian:
^ Abdomine longitudinalitcr deprcsso basi carinato.
$ Abd. simplici.
Long. 3V2-4V4'" ; -lat. IV3-P/3'".
In den Sammlungen ist dieser stattliche Käfer un-
ter den Namen Tropideres antiquus Klug und Pla-
tyrhinus angulatus Chv. zu finden, von denen ich
den ersteren obwohl älteren nicht habe beibehalten kön-
nen, weil er bereits von Hrn. Jekel für eine andere und
von ihm beschriebene Art dieser Gattung verwandt w^or-
den ist. Von den beiden genannten Gattungen entfernt ihn
jedoch der Mangel eines deutlichen zweiten (hinteren)
Querkiels auf dem Halsschilde und die Beschaffenheit
des Rüssels, und er scheint mir deshalb, einiger geringfü-
giger Abweichungen ungeachtet, am passendsten in der
Gattung Ptychoderes Schh., noch geeigneter vielleicht
der nicht furchenartig ausgezogenen Fühlergruben wegen
in der von Ptychoderes abgezweigten Gattung Tribo-
trop is Jekel untergebracht werden zu können, wenn man
diese letztere fast nur auf habituelle oder auf einem
„Mehr oder Weniger*' begründete Unterschiede gestützte
Gattung überhaupt beibehalten will. Eine zwingende
Nothwendigkeit dazu scheint mir nicht vorhanden zu sein.
Der Käfer ist, wie die abgeriebenen Stellen zeigen,
schwarz, über den ganzen Körper mit einer schmutzig
ockergelben, am Kopfe, den schräg abfallenden Vorder-
winkeln des Halsschilds und meist auch an der Unter-
seite etwas bleicheren Beschuppung bedeckt. Der Rüssel
ist unter den Augen am schmälsten, von da ab nach vorn
in geschwungenem Bogen erweitert, überhaupt aber breit,
der Länge nach scharf gekielt und dieser Kiel hinter-
wärts bis zum Nacken fortgesetzt, jederseits dieses Kiels
in die Länge flach muldenförmig niedergedrückt, und in
jeder dieser Mulden die (zuweilen kaum wahrnehmbare)
Spur eines feinen, vom unteren Augenrande ab schräg
nach vorn laufenden Seitenkiels. Oberlippe und Taster
so wie die kurzen, den Hinterrand des Halsschilds nicht
erreichenden Fühler, bis auf deren geschwärzte Keule,
hellgelb. Von den letzteren ist das ziemlich kurze,
massig verdickte Wurzelglied fast ganz in der Fühler-
Verz. d. auf d. Insel Cnba gesammelten Rüsselkäfer. 201
gnibe vorborgen; die folgenden sind gestreckt-verkehrt-
kegelförmig, nur das 2te und 3te nach oben etwas stär-
ker verdickt, der dritte (längste) um die Hälfte länger
als das zweite, die folgenden bis zur Keule allmählich
abnehmend, letztere elliptisch, etwas flachgedrückt mit
halbelliptisch abgestumpftem Endgliede. Die unter den
Seitenrändern des Rüssels liegenden Fühlergrubcn weit
trichterförmig, auf der Innenseite halbkreisförmig zuge-
rundet. Der flach gewölbte Nacken jederseits von den
elliptischen stark vortretenden Augen durch einen breiten
und flachen, bogenförmigen Eindruck geschieden, daher
mit einem dreieckigen Zipfel in die Stirn auslaufend, an
welchen sich der Kiel des Unterkopfes anschlicsst. Das
Halsschild fast regelmässig sechseckig, indem seine Sei-
tenränder hinter ihrer Mitte durch den zahnartig vortre-
tenden Querkiel wie gebrochen erscheinen; das Mittelfeld
flach, nach vorn und den Seiten durch eine leicht gebo-
gene, mit einer meist unterbrochenen schwärzlichen Linie
bezeichnete Kante abgegränzt, von welcher aus es nach
den Vorderecken und der Vorderhälfte des Seitenrandes
zu mit einer sanft gekrümmten, meist etwas heller ge-
färbten Schrägfläche abfällt. Die hintere iVbgränzung jenes
Mittelfeldes wird durch den mittleren, geraden Theil des
in seiner Mitte unterbrochenen scharfen Querkiels ge-
bildet, welcher sich dann seitlich mit einer geschweiften
Krümmung nach vorn biegt und dicht hinter der breite-
sten Stelle der seitlichen Rundung mit einem kurzen,
nach vorn gerichteten Ende abbricht. Hinter dem Quer-
kiele fällt das Halsschild dann in breiter Schrägfläche
gegen die Wurzel der Deckschlhle ab, vor welcher hier
noch eine schwache Andeutung des zw^eiten (hinteren)
Querkiels wahrnehmbar ist. Auf dem Mittelfelde zeigt
sich hinten noch jederseits ein schmaler, schräg nach hin-
ten und innen gerichteter, schwarzer Schrägwisch, und
über das ganze Halsschild zieht sich dann noch eine
Längslinie, welche auf dessen vorderem, abfallendem Theile
als eine schwach erhöhte Kiellinie, auf und hinter dem
Mittelfelde aber leicht niedergedrückt erscheint und vorn
gewöhnlich schwarz, weiter hinterwärts und zwar sich
202 Suff'rian:
allmälilicli erweiternd und den Qnerkicl in seiner Unter-
brechung durchsetzend heller gelb, fast weiss gefärbt, auch
hinter dem Querkiel meistens jederseits von einem dunk-
leren Wische begleitet ist. Das überaus kleine Schild-
chen ist dreieckig mit abgerundeter Spitze und gelb.
Die sehr unebenen Deckschilde fast doppelt länger als
breit, mit schmal walzlieh aufgetriebenem Wurzelrande,
hinter den stumpf abgerundeten Schultern leicht ver-
schmälert und dann wieder stärker im Bogen erweitert,
von dem flach gewölbten Rücken ab seitlich mit ziemlich
steiler, hinterwärts mit anfangs sanfter, dann stärkerer
Krümmung, zuletzt fast gerade abfallend, regelmässig aber
nichtsehr tiefpunktstreifig, die abwechselnden Zwischen-
räume leicht erhöht, der 2te vorn stark erweitert und zu
einem länglichen Höcker aufgetrieben : dadurch erheben
sich hier auch der erste und dritte, und bilden mit jenen
einen aus drei kleinen Höckern zusammengeflossenen Quer-
höcker, dessen durch den 2ten Zwischenraum gebildete
Mitte durch einen schwarzen Längsfleck kenntlich gemacht
wird, und wodurch zugleich die Vorderenden der äus-
seren Punktstreifen in einen Bogen nach aussen gescho-
ben werden. Ein ähnlicher, ursprünglich dreigliedriger,
aber seine ursprünglichen Bestandtheile meist weniger
deutlich zeigender Höcker findet sich auf jenen Zwischen-
räumen hinter der Mitte, da wo die erste flache Krüm-
mung des Rückens sich stärker abwärts zu senken be-
ginnt, und ein dritter, schwächerer bildet das Hinterende
des zweiten Zwischenraums, da, wo die Spitze der Flügel-
decke fast gerade abwärts zu fallen anfängt. Dabei ist
der Rücken gleich hinter den vorderen Höckern tief quer
eingedrückt, und die Oberfläche besonders auf den er-
höhten Zwischenräumen stellenweise mit unregelmässig
vertheilten schwärzlichen Linienfleckchen, auch wohl mit
vereinzelten heller gelblichen W^ischcn gezeichnet. Das
halbelliptische Pygidium steil abfallend, mit kielartig er-
höhtem Rande, auch über die Mitte mehr oder weniger
deutlich gekielt, der zuweilen noch sichtbare vorletzte
Rückenring mit einer tiefen, zum Aufnehmen der Naht-
kante dienenden Längsrinne, deren unteres Ende mit dem
Verz. d. aitt' d. lusel Cuba {yesammelteu llüsselkäfer. 203
abwärts gebogenen Rande des Ringes noeh auf den oberen
Theil des Pygidiiims übergreift, und hier meist mit einem
bräunlichen oder sehwärzh'chen Hofe umgeben ist Die
Vorderbrust an den abgeriebenen Stellen deutlich aber
zerstreut punktirt, der Kiel zwischen den Vorderhüften
reichlich so breit wie letztere selbst. Die Beine ohne
besondere Auszeichnung, die Hinterschienen auf der In-
nenseite etwas geschweift, an dem unteren Ende bräun-
lich durchsclieinend, was meist in noch höherem Grade
bei den Fussgliedern der Fall ist. Das langgestielte
Krallenglied gelb mit gebräunten Krallen, das Zähnchen
der letzteren nur kurz, und von aussen her kaum wahr-
nehmbar. Das dritte Fussglied von der Breite, aber nur
der halben Länge des zw^eiten, die beiden oberen am un-
teren Ende jederseits in eine haarförmige Dornspitze aus-
gezogen. Die (^ unterscheiden sich von den nicht ioinier
kleineren $ durch einen der Länge nach flach niederge-
drückten Hinterleib, und einen scharf erhöhten Längskiel
aus dem letzten Hinterleibsringe.
C. Breutheii. (Breuthidae.)
I. Uiocerus Dalm.
1. U. bicaudatuö m, Lineari-elongatus niger squa-
mulis ulbidis fuscisque variegatus, antennis albo-annulatis,
capite rostrocjue canaliculatis, thorace oblonge lateribus
arapliato 10-tuberculato, elytris subtilissime punctato-stria-
tis, apice bituberculatis albido-nigroque fasciatis.
Long. 572'"; lat. Vs'"-
Ein sehr eigenthümlicher Käfer, in dem man bei
abgebrochenem Kopfe eher einen kleinen Clytus oder einen
Clerus, als einen Brenthiden vermuthen möchte. Der
Kopf mit dem Rüssel fast doppelt länger als das Hals-
schild, der ganzen Länge nach von einer deutlichen Rinne
durchzogen und jederseits derselben mit einer ungleich-
massigen Reihe kleiner aufgerichteter Schüppchen be-
setzt, letztere von der Farbe der in mancherlei Schatti-
rungcn aus dem Weisslichcn ins Röthlichgreise, selbst
204 S u f f r i a D :
Schwärzliche übergebenden Schüppchen auf dem Unter-
grnnde; nur die kurze, wie abgeschliffene, auch von jener
Längsfurche nicht erreichte Spitze des Rüssels glänzend
schwarz. Die runden, glänzenden Augen treten nur we-
nig hervor, der Kopf ist zwischen ihnen etwas stärker
und auch in die Quere eingedrückt, von da ab hinterwärts
aber kaum verschmälert. Die vor der Mitte des Rüssels
angehefteten Fühler kurz und gedrungen, neungliedrig;
die acht unteren Glieder verkehrtkegelförmig, mit abste-
henden blättrigen Schüppchen ziemlich dicht besetzt, das
zweite (kleinste) viermal kürzer als das dritte (nächst
dem an seiner Basis sehr verschmälerten und etwas ge-
krümmten Wurzelgliede längste), die folgenden fünf gleich
lang, je etwa halb so lang als das dritte, aber nach der
Spitze zu allmählich verschmälert: dabei die fünf unteren
schmutzig gebräunt mit untermischten weisslichen Schüpp-
chen, das 6te bis 8te weiss, das diesen dreien zusammen
an Länge gleichkommende, oben zugespitzte, schuppen-
lose Endglied schwarz und mit einer kurzen , dünnen
Behaarung besetzt, die aber doch bei guter Vergrösse-
rung die Entstehung des Gliedes aus drei verschmolzenen
Gliedern noch ziemlich deutlich erkennen lässt. Das
längliche Halsschild in der Mitte seitlich im Bogen er-
weitert, etwa doppelt länger als breit, hinter dem Vor-
derrande deutlich eingeschnürt, mit weisslichen stellen-
weise ins Fuchsrothe fallenden Schüppchen dicht bedeckt,
und daneben mit einzelnen noch stärker beschuppten
Höckern besetzt, unter denen besonders zehn in die Au-
gen fallen. Davon stehen sechs in zwei über die Mitte
des Halsschildes hinziehenden Längsreihen, so dass das
letztere zwischen beiden flach längsrinnig erscheint, der
(vor der Einschnürung stehende) vordere und der hinten
büschelförmig, der mittlere etwas kammartig in die Länge
gezogen ; ein 4ter jederseits steht aussen neben dem Zwi-
schenräume des ersten und zw^citen, etwas mehr hinter-
wärts gerückt, und der 5te seitlich auf der am breitesten
erweiterten Stelle des Halsschilds. Die linienförmigen
Deckschilde etwa fünfmal länger als breit, von den stumpf
zugerundeten Schultern ab hinterwärts wenig verschmä-
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 205
lert, hinten ganz kurz aber ziemlich breit zugerundet,
und dicht über dem Rande jederseits der Naht mit einem
schräg nach aussen und hinten gerichteten Büschel ziem-
lich langer blättriger, weisslicher Schuppen besetzt, über
welchem sich ein zweiter ähnlicher und entsprechend
gerichteter, aber etwas kürzerer Büschel befindet. Die
Oberfläche selbst überaus fein punktstreifig, die Streifen-
bildung aber nur an der Naht, längs dem Seitenrande,
und stellenweise da wahrnehmbar, wo die Streifen die
feinere angedrückte weissliche Beschuppung des Grundes
durchbrechen, und nicht von den aufgesetzten bräunlichen
oder schwärzlichen Schuppenhöckern bedeckt werden.
Von letzteren ist nur der grössere Theil der Naht, be-
sonders hinterwärts ganz frei, und lässt hier deutlich er-
kennen, dass die (hier leicht ins bräunlichgroise fallende)
Bedeckung des Untergrundes aus dachziegelig an einan-
derliegenden, durch feine Bogenlinien getrennten und
quer gezogenen Schuppen besteht. Auf dieser, der Be-
schuppung von Schmetterlingsflügeln ähnlichen Decke lie-
gen dann gröbere, meist rundliche, fahl röthlichgelbe oder
schwärzliche Schuppen, welche, und zwar je weiter hin-
terwärts desto deutlicher, in eine höckerartige Spitze aus-
laufen und durch ihre Vertheilung ziemlich regelmässige,
aber nur in gewisser Entfernung und mit unbewaffnetem
Auge deutlich erkennbare Querbinden bilden, durch
welche die Deckschilde ein durch abwechselnd hellere
und dunklere, mit den Aussenenden etwas nach vorn ge-
bogene Querbinden buntes Ansehen erhalten, und von den
dunkleren besonders eine ziemlich breite auf der Mitte
der Deckschilde wegen ihrer weissen, vorn und hinten
zickzackförmigen Einfassung hervortritt. Die Unterseite
ist mit einem dichten kalkähnlichen Ueberzuge bedeckt,
die Mittelbrust sattelförmig quer eingedrückt, und die
Hinterbrust zeigt eine Andeutung eines flachen Längs-
eindrucks. Der Bau des Hinterleibes ist nicht von dem
der übrigen Brenthiden abweichend, das schmale 4te Seg-
ment tief eingedrückt. Die Beine von massiger liänge
und Stärke, weiss beschuppt, und besonders an den Schie-
nen mit Höckerchen und Dörnchen besetzt; die Vorder-
206 Suffrian:
beine etwas verlängert, die Schenkel zahnlos, auch die
öcliieuen in der Mitte ungezähnt, dafür aber auf der
Aussenkante mit einer feinen, an den Vorderschienen
deutlichen Längsrinne versehen, an deren Rändern sich
die Dörnchen zu unregelmässigen Längsreihen zusammen-
ordnen. Die Mittel- und Hinterschienen vor der Spitze
mit einem schwarzen (eigentlich mir schuppenfreien)
Fleckchen gezeichnet, das besonders an den Vorderfüsscn
stark verlängerte Krallenglied hellbraun mit schwärzlichen
Krallen.
II. Brenthus Fab.
2. Br. turbatus Schh. Cure. V. 533. n. 7. Der
bei Schh. a. a. O. (von G yllenhal) gegebenen Beschrei-
bung hat nur das ^ vorgelegen. Die Flügeldecken des-
selben können jedoch nicht wohl als hinten abgestutzt
und am Aussenwinkel abgerundet bezeichnet werden;
sie sind vielmehr über den letzten Hinterleibsriug hinaus
in einen breiten, abgeflachten und zugerundeten, glanz-
losen Lappen verlängert, während sie bei dem $ aller-
dings abgestutzt mit abgerundeten Aussenecken genannt
werden können. Ausserdem sind die $ leicht erkennbar
an dem kürzeren, hinterwärts viel stärker verbreiterten
und an seiner breitesten Stelle die Schulterbreite über-
ragenden Halsschilde, dem gedrungenen, plumpen Kör
per bau im Allgemeinen, und dem kürzeren, in seinem
vorderen Theile fadenförmigen, glatten und etwas ge-
krümmten Rüssel. Auf den Deckschilden ist bei beiden
Geschlechtern die Naht in ihrem vorderen Viertel leicht
vertieft; der erste Zwischenraum verschmälert und ver-
tieft sich fadenförmig schon früher , und verschwindet
hinterwärts fast ganz, so dass schon von der Mitte ab
der erste und zweite Punktstreifen zu einer deutlichen
und tiefen liängsfurche zusammenfliessen; der dann fol-
gende breite zweite und dritte Zwischenraum sind von-
einander durch eine ähnliche aber schwächere Längsrinne
getrennt. Der Zahn am unteren Ende der Vorderschenkel
ist eigentlich nur eine stumpfe, durch die tiefe Einschnü-
rung der Schenkelenden gebildete Auftreibung, auch die
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 207
Vorderscliienen sind eigentlich auf der Innenseite nur
doppelt ausgerandet und beide Einbiegungen durch einen
ziemlich breiten aber kurzen dreieckigen Yorsprung ge-
trennt, und von diesem ab bis zum unteren Ende mit
einer dichten, bei dem $ kürzeren, dem cT längeren Haar-
bürste besetzt. Das Innere der Halsschildsrinne ist bei
allen (12, darunter 5 cT.) mir vorliegenden Stücken, auch
den dunkelsten, stets heller, rothbraun oder auch lichter
gcröthet, die Körperfarbe zuweilen (ob durch unvoll-
kommene Ausfärbung ?) mit theilweise verschwimmender
Linienzeichnung der Deckschilde. Die Grösse wechselt
von 5—14'" Länge, und ^I^—Vj^" Breite, es darf dabei
jedoch nicht übersehen werden, dass die grössere Länge
mehr dem rT, die grössere Breite mehr dem $ zukommt,
und daher die breitesten Stücke keineswegs stets auch
die längsten sind. Li den Sammlungen war die Art bis
zum Erscheinen des S ch önh er r'schen Werkes meist
unter dem Namen P)r. aullcus Dej. zu finden.
III. ßelophorus Schh.
3. B. strigicoUis Lac. Gen. Cur^^. VU. 435.
n. 3. Mit vollem Rechte nennt der Antor diesen Käfer
eine von allen bekannten gänzlich verschiedene Art,
und theils dies, theils der Umstand, dass er sich auf die
Mlttheilnng einer einfachen Diagnose beschränkt hat, über
dem ihm nur das c^ bekannt geworden ist, wird ein nähe-
res Eingehen auf ihre Eigenthümlichkeitcn rechtfertigen.
Die von den Gescblechtsmerkmalen befreite Diag-
nose würde sich etwa also fassen lassen:
B. Fusco-aeneus, rostro basi triquetro asperato,
tliorace oblongo-ovali, transversim donse strigoso, clytris
subtiliter striato - punctatis , quadrifariam fulvo - fasciatis ,
apice rotundatis, ad angulum extremum spinosis.
j/ Rostro basi elongato, ante antennas asperato late-
ribiisque spinuloso, apIce triangulai'iter dilatato, thorace
lateribus granulato, abdominis segmento ultimo evidentius
pu nctato-rugu loso.
208 Suffrian:
5 Rostro basi breviore^ ante antennas laevi fillformi,
abd. segmento ultimo vix punctulato.
Long. GV2-I5'"; lat. 3/^_i3/^///^
Der schöne Käfer theilt sonach die innerhalb der
ganzen Familie herrschende Grösse Veränderlichkeit der
einzelnen Arten, gehört^aber auch andrerseits in seinen
am vollständigsten ausgebildeten (/-Stücken zu den gröss-
ten Arten dieser Familie überhaupt. Der Rüssel bildet
bei dem c^ etwa 7i2j also fast die kleinere Hälfte der
Körperlänge überhaupt, und von ihm fallen ^s auf den
hinteren Theil zwischen Fühlern und x^ugen, welcher
stumpf dreieckig, dabei grob gekörnt und vor seiner
Mitte seitlich leicht zusammengedrückt ist; der kleinere,
vordere Theil des Rüssels ist von einer feinen Längs-
rinne durchzogen, gleichfalls grob gekörnt, jederseits mit
drei allmählich grösseren, rechtwinklich abstehenden und
mit der Spitze hakenförmig aufwärts gekrümmten Dornen
besetzt, und am Vorderende jederseits in einen flach drei-
eckigen, gleichfalls leicht gekrümmten, den längsten Dorn
noch um das doppelte überragenden Fortsatz erweitert,
wodurch die Rüsselspitze die Gestalt eines Schieferdecker-
hammers erhält, an dessen Vorderrande die überaus un-
scheinbaren Kinnbacken sich schwer bemerkbar machen.
Bei dem $ dagegen erreicht der Kopf nur etwa die Länge
des Halsschilds und bildet wenig mehr als 74 <3er Kopf-
länge; die Länge und Dicke des hintern Theils des Rük-
kens ist gleichfalls gebräunt und mit einer Längsrinne
durchzogen, welche an beiden Enden (zwischen den Au-
gen und zwischen den Fühlern) in einem tieferen Grüb-
chen endigt; sein vorderer, doppelt längerer Theil dage-
gen ist nur halb so dick, fadenförmig stielrund und glän-
zend braun. Die schlanken fadenförmigen Fühler errei-
chen bei dem r^ reichlich die Länge des Kopfes mit dem
Rüssel, bei dem $ reichen sie, obwohl in allen Theilen
kürzer und gedrungener, wohl mit dem dritten Theile
ihrer Länge über die Länge des Kopfes mit dem Rüssel
hinaus. Das Halsschild ist flachgewölbt, bei dem ^ mehr,
dem $ weniger gestreckt, bei jenem etwa 2V2nial, bei
diesem kaum l'/imal so lang als an der breitesten Stelle
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 209
breit, Dach vorn hin bei dem </ mehr allmählich , dem
2 rascher kegelförmig verschmälert, von den Vorderbeinen
ab hinterwärts erst im Bogen sich verschmälernd und
dann plötzlich kräftig eingeschnürt, wodurch auf der Ober-
seite ein nach vorn ziemlich scharf begränzter Eindruck
gebildet wird. Ueber die Mitte zieht sich eine feine,
ziemlich unscheinbare und mehrfach unterbrochene, ein-
gedrückte Längslinie, und ausserdem ist die ganze Ober-
seite mit dicht aneinandergerückten, scharf eingerissenen
Querstriemen bedeckt, die sich stellenw^eise theilen oder
auch wellig krümmen, und der Oberfläche dadurch ein
seidig schimmerndes Ansehen gewähren ; die 2 — 3 letzten
derselben liegen auf der hintern Einschnürung des Hals-
schilds. Bei dem $ umziehen diese Striemen, seitlich
sich allmählich abschwächend, diese Seiten bis zu einer,
den umgeschlagenen Theil des Halsschilds jederseits von
dem eigentlichen (spiegelglänzenden, aber besonders hin-
terwärts mit ziemlich dichten, feinen Körnchen bestreuten)
Prosternum scheidenden Längslinie, und zeigen auch seitlich
da, wo die erhöhten Linien zwischen den Striemen sich
zu flachen Zwischenräumen abgeschwächt haben, solche
vereinzelte Höckerchen. Bei dem </ dagegen erscheinen
diese dichteren und schärferen Höcker auf der vorderen
Seite des Halsschilds schon ziemlich weit oben und dem
blossen Auge erkennbar, die Striemen selbst aber ver-
schwinden auf der fast glatten, deutlich gekörnten Seiten-
fläche fast vollständig, werden auf der hinteren Hälfte
der Vorderbrust zwischen den obgedachten Längslinien
wieder deutlicher, und sind hier besonders durch die
ziemlich dichten Körnerreihen kenntlich, mit denen ihre
abgeflachten Zwischenräume besetzt sind. Im Bau der
Deckschilde zeigen beide Geschlechter keinen Unterschied:
dieselben sind länglichviereckig, nach hinten sehr wenig
verschmälert und daselbst ziemlich breit zugerundet, an
den stumpfabgerundeten Schultern bei den ^ ebenso breit,
bei den $ nicht ganz so breit als die breiteste Stelle des
Halsschilds, was aber von der bei den $ grösseren Breite
des letzteren herrührt. Die Punktstreifen, von denen
Archiv f. Naturg. XXXVI. Jahrg. l.Jid. X4
210 Suffrian:
sich die oberen in der Mitte leicht nach aussen krümmen
und dadurch hier die flachen Zwischenräume verbreitern,
sind zunächst an Wurzel und Spitze am kräftigsten, auf
der Mitte schwächer, und hier bei einzelnen Stücken durch
mehr oder minder deutliche Querrunzeln getrübt; der
erste Streifen neben der Naht ist mit seiner grösseren
hinteren Hälfte als deutliche Längsfurche vertieft, und
auf ähnliche Weise verlaufen sich auch die Enden der
beiden folgenden auf der Innenseite eines vor der Spitze
liegenden, bei dem J' stärkeren, dem $ schwächeren Ein-
drucks, welcher aussen durch den hier erhöhten, längs
seiner grösseren Hinterhälfte durch einen secundären Strei-
fen gespaltenen neunten Zwischenraum begränzt wird.
Hinten sind die Flügeldecken breit abgerundet, die rip-
penförmig aufgetriebenen Hinterenden des 2. und 3. Strei-
fens bilden jedoch bei ihrem Zusammenstossen über der
abgerundeten Aussenecke der Flügeldecken eine höcker-
artige Auftreibung, welche sich in einen schräg nach
aussen gerichteten, bei dem ^ längeren und etwas ge-
krümmten, dem $ kürzeren und mehr geraden dornar-
tigen Fortsatz verlängert. Dabei ist die Oberfläche bei
normal gezeichneten Stücken mit 4 aus gelblichen Längs-
linien gebildeten Querbinden besetzt, je eine an Wurzel
und Spitze, erstere die Schulterbeule nach aussen nicht
überschreitend, die beiden andern vor und hinter der
Mitte, erstere gewöhnlich schräg, und mit dem schmalen
Aussenende mehr oder weniger nahe an die Schulter hinan-
reichend ; übrigens Gestalt und Ausdehnung dieser beiden
kaum bei zwei Stücken übereinstimmend, zuweilen selbst
so ausgedehnt, dass die Flügeldecken schmutzig gelb mit
drei gekrümmten und theilweise unterbrochenen bräun-
lichen Querbinden genannt w^erden könnten. Das zuweilen
wahrnehmbare Pygidium kurz und breit, dünn greishaarig,
mit einem deutlichen bis zum unteren Rande reichenden
Längseindrucke. Auf der Unterseite ist die Mittelbrust
an den Seiten grob und grubig-, nach vorn zugleich sehr
dicht punktirt, die Hinterbrust glatt und spiegelblank,
der Hinterleib bei dem ^ der Länge nach stärker, dem
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 211
$ schwächer eingedrückt, der letzte Hinterleibsring bei
ersterem ziemlich dicht mit in die Länge ausgezogenen
Punkten besetzt, von denen bei dem $ kaum eine Spur
wahrzunehmen ist. An den Beinen die besonders bei
dem c^ stark verlängerten und deutlich geschweiften
Vorderschenkel über dem Knie mit einem kräftigen, nach
vorne gerichteten Zahne besetzt; ebenso tragen die auf der
Innenseite leicht doppelt ausgebuchteten Schienen in der
Mitte bei dem ^ einen scharfen Zahn, bei dem $ einen
stumpferen Höcker, und sind dort von diesem ab bis zu
deren kurz zweihakigem Unterende lang greis gewimpert.
In den Sammlungen findet sich der Käfer auch
unter dem älteren Namen B. rugicollis Mus. Ber., welcher
aber nach dem Bekanntwerden der von einer Diagnose
begleiteten und gleichfalls ganz passenden Lacordaire'schen
Benennung nicht beibehalten werden konnte.
4. ß. militaris Oli^. Schh. 1. 1.1.336. n. 3. Das
Halsschild zeigt besonders an den Seiten schwache Spuren
einer, der vorigen Art ähnlichen Striemenbildung; es er-
weitert sich von seiner hintern Einschnürung ab seitlich
nach vorn in einem anfangs stärker-, dann sanfter gekrümm-
ten Bogen bis über die Mitte hinaus, und von da ab be-
ginnt vor einem bei dem (^ eckigen und mit einem zahn-
artigen Höcker besetzten, bei dem $ stumpfen Vorsprunge
die plötzliche Verschmälerung des Halsschilds nach vorn,
welche bei dem (^ jederseits einen buchtigen, bis unten
tief zur Vorderbrust hin mit den bei Schönherr er-
wähnten Höcherchen besetzten Ausschnitt bildet; der grösste
der letzteren ist dornartig, steht rechtwinkHg ab, und be-
findet sich unmittelbar hinter der schmalen Einschnürung
am Vorderrande. Der Bau der Vorderbeine entspricht
dem der vorhergehenden Art, der Dornfortsatz über der
abgerundeten hinteren Aussenecke der Flügeldecken ist
( twas kürzer und dabei gerade, bei dem (^ auch hier
länger als bei dem $. Die Wurzel des Hinterleibes ist
nur bei den grösseren ^ Stücken leicht eingedrückt, bei
den kleineren und den $ kaum abgeflacht, das letzte Hin-
terleibssegment bei letzterem fast glatt, bei den r^ fein
212 Suffrian:
punktirt. Im Uebrigen ist auch diese Art in der Grösse
ziemlich veränderlich, die mir vorliegenden Stücke haben
eine Länge von 8 — 13'" und eine Breite von IVe — 1V2'">
welche lelztere aber nach der breitesten Stelle des Hals-
schilds bemessen werden muss.
5. ß. simplicic ollis Chv. Obscure aeneus nitidus,
thorace elongato pone medium ampliato, elytris interrupte
punctato-striatis, iuxta suturam leviter unisulcatis, fasciis
tribus abbreviatis lineolaque postica flavis, apice spinulosis.
^ Rostro longiore, leviter canaliculato, ante antennas
bifariam tuberculato, apice triangulariter dilatato, thorace
elongato, eljtris apice evidentius spinosis, femoribus anticis
acute dentatis.
$ Rostro breviore laevi, ante antennas filiformi, tho-
race breviore, elytris apice brevius spinulosis, femoribus
anticis denticulatis. Long. 4 — 8'"; lat. 1/2 — IV*"'«
Dem vorhergehenden ähnlich, aber kleiner, und an
dem auch bei dem (/> glatten Halsschilde und der eigen-
thümlichen Sculptur der Deckschilde leicht kenntlich.
Der Rüssel des ^ ziemlich lang, der die kleinere Hälfte
bildende hintere Theil nach vorn kegelförmig verschmä-
lert, von einer feinen, hinterwärts allmählich verschwin-
denden und das rundliche Stirngrübchen nicht erreichenden
eingedrückten Längslinie durchzogen, welche, die Auf-
treibung zwischen den Fühlern überschreitend und in
zwei stärkere oder schwächere Längsbeulchen theilend,
sich bis zu der kurz aber breit dreieckigen Erweiterung
der Rüsselspitze fortsetzt und jederseits mit einer lockeren
Reihe feiner aber scharfen Körnchen besetzt ist. Bei
dem $ ist jener hintere Theil des Rüssels nur sehr kurz,
wenig länger als breit, mit einem kurzen aber breiten
und nur seichten Längseindrucke besetzt, und von dem
Stirngrübchen nur eine schwache Spur vorhanden; der
vordere, etwa die Länge des Halsschilds erreichende
Theil des Rüssels ist fadenförmig, stielrund und glatt.
Das kurz vor der eingeschnürten Wurzel seitlich im Bogen
verbreiterte Halsschild verschmälert sich dann kegelför-
mig nach vorn, bei den ^ länger ausgezogen, bei den
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 213
$ kürzer mit stärker znsammengeneigten Seiten; es ist
dabei dem Rücken entlang abgeflacht, zuweilen mit schwa-
cher Andeutung eines unterbrochenen seichten Längsein-
drucks, und zeigt bei besonders grossen zumal cT Stücken
unter schräger Beleuchtung auch vorn an den Seiten
undeutliche Spuren geschwundener, wie weggeschliffener
Querstriemen nach der Weise der vorhergehenden Arten.
Die Farbe ein schönes dunkles, ziemlich glänzendes Erz-
grün. Die Flügeldecken von dem Bau der vorhergehenden
xVrten; längs der Naht ein kräftiger, furchenartig ver-
tiefter Längsstreifen, ein zweiter etwas schwächerer längs
dem Seitenrande, und innerseits dieses letzteren noch ein
dritter, welchem jedoch das vordere Drittel fehlt und
der an dem Eindrucke vor der Spitze der Flügeldecken
wieder mit dem Randstreifen zusammenfliesst. In diesem
Eindrucke finden sich auch noch 2 — 3 längsgrübchenartige
Hinterenden von Punktstreifen, sonst aber sind bis auf
einige unscheinbare, schwer wahrnehmbare Spuren die
Streifen auf dem glänzend dunkel erzgrünen Grunde
der Flügeldecken ganz geschwunden, wie abgeschliffen,
und kommen nur da zum Vorschein, wo die lackartig
aufgetragenen, glänzend hochgelben Zeichnungen von
ihnen durchschnitten und in gelbe Längslinien zertheilt
werden. Solchor querbindenartiger gelber Zeichnungen
sind auf jeder Flügeldecke drei vorhanden, die erste an der
Wurzel, zwischen der Schulterbeule und dem 2ten Streifen,
aus drei Linien bestehend, deren mittlere die längste ist;
die zweite am 2ten Drittel der Flügeldeckenlänge, in Ge-
stalt einer innerseits abgekürzten an den Seitenrand ge-
lehnten Querbinde, aus sechs Längsfleckchen gebildet, deren
(meist kleinster) innerster etwas hinterwärts gerückt ist,
während der grosseste (vorletzte) am weitesten nach vorn
und hinten reicht; die dritte endlich am letzten Drittel
der Flügeldeckenlänge als eine beiderseits abgekürzte
Binde zwischen dem 2ten und 7ten Streifen, bestehend
aus 5 Linien, die vorletzte nur kurz und fleckenartig, die
äusserste meist am längsten hinterwärts ausgezogen. Zu-
letzt findet sich noch hinten auf dem erhöhten zweiten
214 Suffrian:
Zwischenräume eine gelbe Längslinie, welche auf den
sich an diesen ansetzenden, bei dem $ übrigens merklich
kürzeren dornartigen Anhang der Flügeldecke übergeht
und von diesem nur die Spitze gebräunt oder geschwärzt
lässt. Die Zeichnung der Flügeldecken ist im Ganzen
sehr beständig, und zeigt selbst bei Stücken von sehr
verschiedener Grösse nur geringe Abw^eichungen. Die
Unterseite gleichfalls dunkelerzgrün mit ziemlichem Glänze,
die Basis des Hinterleibs auch bei dem ^ ohne Eindruck,
die Sculptur des letzten Ringes bei beiden Geschlechtern
kaum verschieden. Die Beine wie bei den vorhergehen-
den Arten; der Zahn an den Vorderschenkeln des $ ist
jedoch nur klein und höckerartig, während der Zahn an
der Innenseite der Vorderschienen keine Geschlechtsver-
schiedenheit erkennen lässt.
Anmerk. Schönherr schreibt den Gattungsnamen Belo-
pherus, hat aber, indem er (Cure. I. 335) das Wort als eine Ableitung
von ßsXog und (psQco bezeichnet , selbst das ürtheil über dasselbe
gesprochen. Denn da (f^Qco seine Ableitungen grammatisch nur
auf — cfOQog bilden kann (und das ist auch entomologisch durch Na-
menbildungen, wie Helophorus, Cardiophorus, Chalcophora u. a. längst
anerkannt worden) , so muss auch der obige Name sprachrichtig
in Belophorus umgestaltet werden, mit demselben Rechte, mit wel-
chem Lacordaire (Gen. Col. VI. 131. Note) die von mir vorge-
schlagene Umbildung des sprachlich falsch gebildeten Schönherr'-
schen Gattungsnamens Geonemus in Geonomus gebilligt und angenom-
men hat. Dr. Gundlach in seinen handschriftlichen Mittheilungen
schreibt den Namen stets richtig Belophorus, und eben so hat
Lacordaire wenigstens einmal (1. 1. VII. 426) für die Gruppe den
richtig gebildeten Namen Belophorides gebraucht.
IV. Estenorhinus Lac.
6. E. f orcipi tigern s Schh. Arrhenodes forci-
pitigerus Schh. 1. 1. V. 478. Gyllenhal, von welchem
das cT" dieser Art a. a. 0. kenntlich und gut beschrieben
worden ist, scheint nur ein sehr kleines Stück vor sich
gehabt zu haben, da er sagt: Rostrum apice supra
planum, während der vordere Theil des Rüssels bei den
normal ausgebildeten Stücken von einer sehr deutlichen
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 215
Längsrinae durchzogen ist. Bei dem $ ist der hintere Theil
des Rüssels zwischesn Fühlern und Stirn kaum noch so
lang wie breit, die Auftreibung zwischen ersteren durch
eine kurze Längsrinne getheilt, der verlängerte vordere
Theil des Rüssels noch etwas länger als der übrige Theil
des Kopfes zwischen Fühlern und Halsschild, dabei dünn
fadenförmig, stielrund und glänzend. Der Zahn an dem
unteren Theile der Vorderschenkel ist bei beiden Ge-
schlechtern klein und höckerartig, der in der Mitte der
Innenseite an den Vorderschienen stehende kurz und breit,
die Basis des Hinterleibes bei dem $ der Länge nach
eingedrückt. In der Grösseveränderlichkeit gibt die Art
den übrigen Brenthiden Nichts nach, denn die mir vor-
liegenden 9 Stücke der Art (4 c/'d^ und 5 $$) befinden
sich zwischen 4 — 7'" Länge und Vs— V4'" Breite. In den
Sammlungen kommt sie auch unter dem Namen Arrheno-
des occidentalis Mus. Berl. vor.
V. Trachelizus Schh.
7. T r. u n c i m a n u s Schh. 1. 1. V. 496. n. 8. Der hier
vonBoheman gegebenen Beschreibung scheint nach den
Angaben über Rüssel und Halsschild nur ein $ vorgelegen
zu haben ; bei dem (/• ist der erstere an der Spitze bis
auf das Doppelte verbreitert und zugleich platt gedrückt,
und auf dem Halsschilde reicht die Längsfurche fast bis
an den Vorderrand, während bei dem $ der Rüssel fa-
denförmig dünn und vorn nicht erweitert ist, auch die
Halsschildsrinne vorn schon weit früher abbricht. Der
Vorderrand des Halsschilds ist bei den mir vorliegenden
Stücken (1 c^, 2 ^$j geschw^ärzt, bei einem $ auch noch
die Naht etwas dunkler gebräunt. Die hakenförmige
Krümmung am unteren Ende der Vorderschienen ist bei
dem d^ kräftiger als bei dem $, und, wiewohl in gerin-
gem Grade, bei ersterem auch an den Mittel- und Hin-
terschienen vorhanden; dagegen sind die Punktstreifen
der Deckschilde bei dem $ etwas deutlicher. Vor dem
Hinterende der Flügeldecken erweitert sich auch der 2te
216 Suffrian:
Punktstrelfen zu einer kurzen, tiefen Längsfurche, welche
mit der ersten, die Naht begleitenden durch einen tief
eingedrückten Bogen zusammenhängt; weiter auswärts
liegt daselbst noch ein eingedrückter nach vorn offener
Ilufeisenbogen , gleichsam das verbundene Hinterende
zweier weiterer Furchen, und zwischen diesem und dem
Aussenrande eine zweifache hinten zusammenfliessende
kurze Reihe grosser, tiefer Grübchen, deren innere sich
nach vorn zu einer bis zum ersten Drittel der Flügel-
decken reichenden, die äussere zu einer vollständigen, bis
zum Abreissen der erstcren schwächeren, von da ab bis
zur Schulter kräftigen Längsfurche entwickelt. Auf der
Unterseite ist der erste Bauchring gleichfalls jederseits
längs dem Flügeldeckenrande mit einer unregelmässigen
Reihe grober Punkte besetzt und bei dem vorliegenden
(7* mit einem seichten und unscheinbaren Längseindrucke
versehen. Das Hinterende der Flügeldecke ist mit rund-
lichen Winkeln schräg abgestutzt, deutlich ausgeschweift,
mit breiten, nur wenig vortretenden Nahtwinkeln ; auch
sind die Flügeldecken bei beiden Geschlechtern nur wenig
über den Hinterleib hinaus verlängert.
8. Tr. tenuis m. Piceus nitidus, fronte impressa,
rostro basi trisulcato, thorace oblonge convexo profunde
canaliculato, lateribus ampliato, elytris subtiiissime punc-
tulato-striatis, juxta suturam uni-, ad marginem lateralem
sub-bisulcatis, tibiis anticis apice extus uncinatis.
^ Elytris appendiculatis apice subacuminatis, abdo-
minis basi longitudinaliter fortius impressa.
$ Elytris abdomineque simplicibus.
Long. 4\/2— 10"'; lat. V2— l'A'"-
Dem vorhergehenden ungemein ähnlich, so dass Hr.
Riehl geneigt ist, in der bei Schönherr gegebenen
Beschreibung des Tr. uncimanus die vorliegende Art zu
erkennen, was sich jedoch mit der allein auf die vorher-
gehende passenden xlngabe jener Beschreibung: j^elytro
— — versus marginem iterum sulco sesqui- alter 0 exarato^
nicht wohl vereinigen lässt. Im Uebrigen wird es bei
der nahen Verwandtschaft beider Arten, welche auch schon
Verz. d. auf d. Insel Ciiba gesammelten Rüsselkäfer. 217
aus der oben gegebenen, der Schönherr'schen Diagnose
des Tr. uncimanus tbunlichat angepassten Diagnose der
vorliegenden Art hervorgeht, nur einer Angabe der Ab-
weichungen beider Arten bedürfen. Bei aller Grössen-
differenz der grössten und kleinsten Stücke ist die vor-
liegende Art schlanker und mehr gestreckt, das Halsschild
nach vorn stärker verschmälert und seitlich vor der Mitte
mit mehr oder v^^eniger deutlichen Spuren seichter Quer-
runzeln. Die Punktstreifen der Deckschilde sind kaum zu
bemerken, und von deren Randfurchen bricht jederseits die
äussere nur mit ilirem Vorderende vorhandene fast an der-
selben Stelle ab, wo die innere nur mit ihrem hinteren Theile
ausgebildete ihr Ende findet, so dass von dem Vorderende
dieser inneren und dem Hinterende der äussern nur ein
ganz geringer Theil neben einander zu bemerken ist. Die
beiden aus Grübchen bestehenden Streifenreste vor der
Spitze der Flügeldecken sind zwar auch hier vorhanden,
aber die Fortsetzung des äusseren bildet nur einen un-
gemein feinen, kaum wahrnehmbaren Längsstreifen, wel-
cher vorn auch nicht mit der hinterwärts abgekürzten
äusseren Furche zusammenhängt. Dazu kommen noch
die abweichenden Geschlechtsmerkmale. Bei dem ^ sind
die Flügeldecken über den Hinterleib hinaus merklich
verlängert, oben vor dieser Verlängerung niedergedrückt,
und letztere selbst ist in einen dreieckigen, stumpf zuge-
rundeten, bei grösseren Stücken löfFelförmig abwärts ge-
krümmten Zipfel ausgezogen, von welchem aus sich der
Seitenrand nach vorn leicht ausschweift. Auch zeigt
der grosse vordere Hinterleibsring einen kräftigen, mul-
denförmigen Eindruck. Bei dem $ fehlt letzterer ganz,
ebenso fehlt der Anhang der Flügeldecken ; die letzteren
sind am Nahtwinkel breit und stumpf abgerundet und
von da ab nach aussen nur sehr seicht ausgeschweift.
Die Häkchen an den Vorderschienen wie bei dem vorher-
gehenden, die Vorderschienen selbst bei grösseren ^(^
auf der Innenseite deutlich geschweift.
Der mir in ziemlicher Anzahl vorliegende Käfer
scheint auf Cuba gerade keine Seltenheit zu sein. Die
218 Suffrian:
grösseren Stücke sind meist, wenn auch nicht immer, die
dunkleren, die kleineren zuweilen ziemlich hell leder-
braun. In den Sammlungen führt die Art auch den Na-
men Tr. forficatus Mus. ßerol. ; ich habe denselben jedoch
nicht beibehalten, weil der Artname schon wiederholt für
bereits beschriebene Arten der Brenthiden - Familie —
Arrhenodes forficatus Schh. aus Brasilien; Arrh. forficat.
Thomson aus Guinea — zur Verwendung gekommen ist.
9. Tr. linearis m. Piceus fronte foveolata, rostro
basi lateribus punctato, thorace elongato latcribus parum
ampliato convexo profunde canaliculato, elytris opacis punc-
tato-striatis, iuxta suturam uni- ad marginem sub-bisulcatis,
tibiis anticis apice extus breviter uncinatis.
(^ Elytris appendiculatis,, appendiculis ad suturam
impressis, apice subacuminatis, abdominis basi longitudi-
naliter fortius impressa.
$? Long. 6'"; lat. V4'".
Abermals den vorhergehenden sehr ähnlich, aber
wenn man Stücke von gleicher Länge vergleicht, viel
schlanker und gestreckter, mit viel schwächer hinterwärts
erweitertem Halsschilde, und ausserdem von jenen bei
etwas tieferer Färbung hauptsächlich durch den Bau des
Rüssels und die Beschaffenheit der Flügeldecken ver-
schieden. Jener ist nämlich, auch abgesehen von der
viel geringeren Verbreiterung der Spitze, bei dem (allein
vorliegenden) cT nur auf der Anschwellung zwischen den
Fühlern leicht längsrinnig, vor und hinter »dieser bald
sich vorn in gabeliger Theilung, hinterwärts ungetheilt
verlierenden Linie auf der Oberseite glatt und stielrund,
weshalb denn auch der bei den vorhergehenden Arten
mit der Rüsselrinne zusammenhängende Eindruck auf der
Stirn hier als abgesondertes Längsgrübchen allein steht;
seitlich dagegen ist der Rüssel hinter den Fühlern flach
gedrückt, grob punktirt und dazwischen je von einer
stumpfen Längskante durchzogen, aber ohne dass dadurch
wirkliche Längsfurchen gebildet würden. Auf den tief
gebräunten, matten Flügeldecken ist die Streifenbildung
ungleich deutlicher, dagegen die Furche längs der Naht
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 219
merklich schwächer, hinterwärts auf der Wölbung fast
zu einem Punktstreifen abgeschwächt, und in noch hö-
herem Grade abgeschwächt sind die beiden Randfur-
chen, von deren äusserer zwischen dem längeren Vorder-
und dem kurzen Hinterende jede Spur geschwunden ist,
wenn gleich jenes an dem abgerissenen Yorderende der
inneren Furche etwas länger als bei der vorigen Art
vorbei reicht. Ausserdem sind die Hinterenden der Flü-
geldecken über den Hinterleib hinaus sehr merklich ver-
längert, und auf dieser (heller gerötheten) Verlängerung
durch die zusammenfallenden Plinterenden der Nahtfurche
und ihrer kurzen Nebenfurche tief eingedrückt, mit ziem-
lich scharfer, nur nach aussen hin sich fast zurundender
Spitze. Von der hakenförmigen Erweiterung der unteren
Schienenenden zeigt sich überall nur eine schwache An-
deutung.
10. Tr. Simplex m. Castaneus nitidus, rostrobasi
trisulcato, fronte impressa, thorace elongato convexo late-
ribus parum ampliato profunde canaliculato, elytris sub-
tiliter punctato-striatis juxta suturam et ad marginem uni-
sulcatis, tibiis anticis apice brevitcr uncinatis.
c^ Abdominis basi tenue canaliculata.
$? Long. SVa'"; lat. 2/5'".
Ein kleiner, zierlicher, in der Länge etwa den grös-
seren Stücken des Stereodermus exilis gleichkommender,
aber gegen diese noch merklich schmalerer und schlankerer
Käfer, auch von allen anderen der Gattung sofort an der
hell kastanienbraunen Farbe, und dem Mangel der äusseren
Randfurche der Flügeldecken zu unterscheiden. Der
Rüssel ist bei dem einzigen vorliegenden ^ vorn nur
schwach erweitert, auf dem hinteren Theile mit tiefer,
in das dreieckige Stirngrübchen auslaufender Längslinie,
die sich nach vornüber den Wulst zwischen den Fühlern
in allmählicher Abschwächung bis zur Mitte des Vor-
derrüssels fortsetzt: letzterer zeigt dann auch seitlich auf
seiner hinteren Plälfte eine sich nach und nach erwei-
ternde Längsfurche, die sich noch kräftiger hinter den
Fühlern bis zu den Augen fortstreckt. Das Halsschild
220 Suffrian:
ist hinterwärts nur schwach im Bogen erweitert, tief längs-
gefurcht. Die Flügeldecken schmal, fein aber deutlich
punktstreifig, mit ziemlichem Glänze; die Furche längs
der Naht überall gleichmässig stark, und eben so stark
das neben ihr liegende kurze Hinterende der zweiten
Furche. Von den Randfurchen sind zwar die je aus
einer kurzen Reihe grober Punkte bestehenden Hinter-
enden vorhanden, doch verliert sich die äussere bald in
die etwas tiefer eingedrückte Randlinie der Flügeldecke,
so dass nur die innere Furche zu einer wirklichen, und
auch nur massig stärkeren Ausbildung gelangt ist. Die
Spitze der Flügeldecken ist nicht verlängert, nur vor
ihrer Abrundung tief quer eingedrückt, und der vordere
Theil des Hinterleibes schmal aber tief längsrinnig.
VI. Stereodermus Lac.
11. St. exilis Moritz. Brunnens nitidus, rostro
basi thoraceque pnnctato profunde sulcatis, elytris punctato-
striatis subtrisulcatis, sulcis antice posticeque extrorsum
flexis, tibiis anticis dentatis. Long. 2V4— SVa'"; lat V4— V2'".
Dem St. (Cerobates) pygmaeus Schh. (1. 1. I. 331.
n. 27.) aus Mexico nahe verwandt, aber von ihm durch
die grobe Punktirung des Halsschilds sogleich zu unter-
scheiden. Die Farbe ein gl-änzendes helleres oder dunk-
leres Braun, der hintere Theil des Rüssels mit einer
tiefen Längsfurche, welche sich hinterwärts bis zum un-
teren Tlieile der Stirn fortsetzt, sich aber beim Ueber-
schreiten der wulstigen, die Fühler tragenden Auftreibung
des Rüssels etwas verengt und meist auch verflacht. Das
Halsschild etwa 2Y4mal länger als breit, seitlich sanft ge-
rundet, hinter dem Vorderrande ziemlich breit und tief
eingeschnürt, mit einer zerstreuten aber groben Punktirung
besetzt und der ganzen Länge nach tief gefurcht. Die
linealischen Deckschilde an den Schultern abgerundet
und hinten sich erst kurz vor der breiten Spitze ver-
schmälernd, grob punktstreifig; die drei ersten Streifen
jeder Flügeldecke vorn furchenartig vertieft, und der
Verz. d, auf d. lüsel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 221
zweite und dritte daselbst nacli aussen geschweift, der
erste und zweite auf der Mitte fast zusammenlaufend und
ihre überaus abgeschwächten Linien daselbst nur durch
einen haarfeinen Zwischenraum getrennt, hinterwärts wie-
der divergirend und sich mit dem Hinterende des dritten
und dem hier gleichfalls vertieften Hinterende des 4ten
Streifens wiederum nach aussen krümmend; so dass die
drei ersten Zwischenräume sich an beiden Enden rip-
penartig emporheben, die äussern Zwischenräume aber
nur schmale, etwas gekerbte Längsleisten bilden, und
zwar so, dass der 5te, 6te und 7te sich erst weit hinter
der Schulterbeule trennen, und ihre bis dahin breitere
Vereinigung nur mit einer Längsreihe feiner und sehr
vereinzelter Punkte besetzt ist. Im Uebrigen ist die
ganze Oberseite glänzend und punktfrei. Auch die Un-
terseite mit den Beinen glänzend braun, die Brust vorn
mit einem rundlichen, der vordere die beiden ersten
Ringe umfassende Theil des Plinterleibes mit einem mul-
denförmigen, länglich viereckigen Eindrucke. Der Zahn
an den Vorderschienen ziemlich breit dreieckig und, wie
bei den Carabiden, schräg nach aussen und unten gerichtet.
Aeussere Geschlechtsmerkmale habe ich bei den in Mehr-
zahl vorliegenden Stücken nicht gefunden, und muss
deshalb glauben, dass sich die beiden Geschlechter nur
durch die verschiedene Grösse unterscheiden.
D. Eigentliche Rüsselkäfer.
I. Attelabus Lin.
Die auf der Insel Cuba vorkommenden Arten dieser
Gattung gehören sämmtlich der zweiten Schönherr'-
schen Gruppe (Euscelus Gm.) an, zu deren generischer Ab-
trennung mir eben so wenig ein Bedürfniss vorhanden
zu sein scheint, als dies für Hrn. Lacordaire den Fall
gewesen ist.
l. A. scutellatus Schh. Cure. I. 205. n. 18. Diese
Artist bei Seh. a. a. O. von dem sorgfältigen Gy He nhal
222 Suffrian:
in beiden Geschlechtern gut und kenntlich beschrieben
worden, und ich habe dem nur hinzuzusetzen, dass die
Deckschilde nicht, wie bei den beiden folgenden gleich-
falls mit Höckern hinter den Schultern bewaffneten Ar-
ten, hinterwärts verschmälert, sondern gleichbreit, hinter
den Schultern etwas ausgebuchtet und dann wieder etwas
erweitert sind, und dass die langen Vorderschienen beider
Geschlechter auf jeder Kante der leicht ausgerinnten
Innenseite eine Reihe höckerartiger Sägezähne zeigen.
Auch an den übrigen Schienen findet sich davon meist
eine schwache Andeutung. Der äussere (bei dem $ ein-
zige) Zahn der Vorderschenkel ist breit und lamellenartig,
mit geschwungenen Seiten plötzlich in eine kurze, scharfe
Spitze auslaufend. Schlecht ausgefärbte Stücke, deren
mir ein $ vorliegt, sind hell lehmgelb, und nur der Kopf
mit dem Halsschilde, die aufgetriebene Mitte der Vorder-
schenkel und die Schienenenden etwas dunkler gebräunt.
2. A. angulosus Schh. 1. 1. L 208. n. 23. Von
dieser anscheinend seltenen Art hat Gyllenhal bei
Schh. a. a. O. nur das (^ beschrieben, und auch Dr. G.
hat nur e i n solches eingesandt. Im Habitus und besonders
durch den von den Schultern ab verschmälerten Hinter-
körper gleicht der Käfer am meisten der nächstfolgenden
Art, weicht aber von ihr hauptsächlich ab durch den nur
kurzen und stumpfen Zahn hinter den Schultern der Flü-
geldecken und die nicht gezähnelten Vorderschienen.
Dagegen vermag ich Gyllenhal's Angabe über die
Zahnung der stark keulig aufgetriebenen Vorderschenkel
nicht mit deren Beschaffenheit an dem vorliegenden, kräftig
und gut ausgebildeten Stücke in Einklang zu bringen.
Bei dem letzteren zeigen die Vorderschenkel nur, wie
beiden verwandten Arten, zwei (nicht, wie Gyllenhal
angiebt drei) Zähne, davon der grössere in der Mitte,
grade abstehend, plump, wenig gebogen, bis über die
Hälfte hinaus verjüngt, das unregelmässig gestaltete obere
Ende wieder etwas verdickt und nicht einmal an beiden
Beinen gleichgebildet; der kleinere kegelförmig zuge-
spitzte hart am Innenrande des Schenkels. Die Farbe
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 223
des Körpers ist eigentlich ein dunkles Purpurbraun, bei
welchem der aufgetriebene Rand der inneren Vorderecke
der Flügeldecken am Schildchen etwas mehr ins Röthlich-
gelbe fällt, und auf dem quernmzligen Halsschildc zeigt
sich in der Mitte ein stumpfer, flacher Längskiel.
Im Supplement von Schönherr (a. a. O. V. 314.
n. 32.) wird die Art durch einen augenscheinlichen Schreib-
oder Druckfehler als A. angulatus aufgeführt.
3. A. armatus Schh. 1. 1. I. 208. n. 24. Auch
von dieser, von den vorhergehenden besonders durch die
bedeutend kürzeren Fühler (auch des ^) und den drei-
eckig zugeschärften, breit zusammengedrückten Zahn hin-
ter den Schultern ausgezeichneten Art hat Gyllenhal
(bei Schh. a. a. O.) nur das ^ kennen gelernt. Das $
unterscheidet sich von jenem bei gleicher Körpergrösse
durch noch kürzere, kaum die Länge des Kopfes errei-
chende Fühler, in allen Theilen, besonders aber den
Schienen, verkürzte Vorderbeine, und die schwächere
Zahnbildung an dem Innerrande dieser zugleich weniger
gekrümmten, vielmehr nur leicht geschweiften Vorder-
schienen. Im Uebrigen zeigen die verschiedenen Stücke
(ich habe 2 cf und 3 $ vor mir) mancherlei Abweichun-
gen. Die Farbe der Fühlerschnur durchläuft alle Schat-
tirungen vom röthlichen Lehmgelb bis zum tiefen Schwarz-
braun, und ist zuweilen auf der Oberseite fast schwarz,
wo dann nur am Tten und 8ten Gliede etwas von hellerer
Färbung zurückbleibt ; nur das Endglied der Keule scheint
stets röthlich zu bleiben, und zeigt bei einigen Stücken
eine dichte greise Behaarung. Damit stimmt dann durch-
weg die Farbe der Mittel- und Hinterbeine, wie die der
Vorderschienen und -füsse überein. Die Runzeln auf
dem Halsschilde erscheinen auf den ersten Blick ord-
nungslos, lassen aber doch eine ganz bestimmte Sculptur
erkennen, indem auf der Mitte der Scheibe vier deutliche
Felder, zwei kleinere vor und zwei grössere hinter der
die Mitte durchziehenden Querfurche hervortreten, erstere
manchmal nur buckeiförmig, auch die letzteren leicht ge-
wölbt. Weniger deuth'ch ausgebildet sind jeu?rseits noch
224 Suffrian:
zwei hintereinander liegende, am Seitenrande sich hin-
streckende Querfelder. Die Zähne an den Vorderschen-
kein des ^ finde ich auch hier nicht mit Gyllenhal's
Beschreibung übereinstimmend. Jene Schenkel zeigen in
der Mitte der Unterseite eine kräftige Auftreibung und
auf dieser zwei nebeneinander stehende Zähne; der kür-
zere äussere ist scharf, mit der Spitze dem Knie zuge-
bogen, der längere innere stumpfer, mehr höckerartig,
mit jenem eine zum Einlegen der Schiene bestimmte
Zwinge bildend, und ausserdem steht vor dem Schenkel-
ende der gewöhnlictfe, hier etwas zusammengedrückte
spitze, und auf der dem Knie zugewandten Seite tief
ausgebuchtete, daher unten noch mit einem schwächeren
Höcker vorspringende Zahn. Bei dem $ ist nur dieser
Endzahn und von den beiden Mittelzähnen der äussere
vorhanden, letzterer nicht länger als jener und eben so
spitz, der innere aber fehlt ganz, und es liegt daher die
Vermuthung nahe, dass Gyllenhal, w^elcher des innern
Mittelzahns gar nicht gedenkt und zwischen den beiden
andern keinen Unterschied hervorhebt, nur ein J vor
sich gehabt und dies nach der Analogie der beiden Ge-
schlechter des A. scutellatus für ein </ gehalten haben möge.
4. A. pulchellus Dij. Chalybeus, antennis pedi-
busque luteis,thorace punctato transversimque rugoso,elytri8
foveolato-sfcriatis fulvo-tuberculatis, femoribus anticis coeru-
lescentibus unidentatis. Long. 3V4— SVa'"; lat. IV4 — ^^h'" .
var. /?. elytrorum tuberculis obscurioribus vel con-
coloribus.
Eine sehr eigenthümliche, durch den hinterwärts
verbreiterten Körper am meisten dem A. scutellatus ähn-
liche, aber durch die Farbe und Sculptur von allen vor-
hergehenden leicht zu unterscheidende Art. Die Farbe
ist ein schönes dunkles, auf dem Schildchcn gewöhnlich
ins Purpurne fallendes, ziemlich glänzendes Stahlblau;
die Fühler (bis auf die geschwärzte Keule) und die Beine
(bis auf die aufgetriebene untere Hälfte der Vorderschen-
kel) sind gelb. Der glatte Kopf zeigt zwischen den Au-
gen eine kurze Längsfurche, das Halsschild ist grob- und
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Küsselkäfer. 225
an den Seiten auch sehr dicht punktirt, mit tief einge-
schnittener Längslinie, Vorder- und Hinterrand durch
eine Querlinie deutlich abgesetzt und vor letzterer von
einer zweiten, auf der Mitte von einer dritten, mit ihren
beiden Enden schräg nach aussen und vorn gerichteten
Querfurche durchschnitten, so dass dadurch der mittlere
Theil in zwei Paar grob runzlig punktirte Querfelder
zerrissen wird. Die Flügeldecken mit rundlichen, zu Dop-
pelreihen geordneten Gruben bedeckt, deren Zwischen-
räume besonders hinterwärts als schmale Längsrippen
hervortreten, dabei mit je vier hell rothgelben Warzen-
höckern besetzt, deren zwei an der Wurzel, einf grösserer
neben dem Schildchen, rautenförmig, auf der Mitte mit
einem dunkleren Grübchen, und hinter dem Schildchen
mit seinem Nebenhöcker zusammenstossend, und ein klei-
nerer flacher auf der Aussenseite der Schulterbeule, ei-
gentlich selbst deren Aussenseite bildend; dann noch zwei
auf der Mitte auf dem 2ten und 4ten Zwischenräume, der
äussere grössere meist so weit ausgedehnt, dass er fast
den inneren erreicht; ausserdem gewöhnlich auch noch
das kurze, schwach aufgetriebene Vorderende der Naht
in gleicher Weise geröthet. Bei dunkleren Stücken trübt
sich diese Färbung immer mehr ins Dunkelrothe, ins Bräun-
liche, und ist zuletzt kaum noch zu erkennen. Die Un-
terseite ist gleichfalls stahlblau mit gelben Hüften, der
mittlere Theil des Hinterleibes mehr oder weniger ver-
waschen gebräunt. Die Vorderschenkel bei beiden Ge-
schlechtern dicht vor dem Knie mit einem ziemlich lan-
gen und spitzen, gerade abstehenden Zahne besetzt; im
Uebrigen unterscheiden sich die </ von den $ nur durch
die längeren schlankeren Fühler, die mehr gestreckten
Vorderbeine mit besonders verlängerten, deutlich nach
Innen gekrümHitcn Schienen, und durch die Ausdehnung
der blauen Färbung an den Beinen, welche hier nicht
selten die ganzen Vorderschenkel bis an deren schmale
Wurzel einnimmt und sich dann auch auf den aufgetrie-
benen Theil der Mittel- und Hinterschenkel ausdehnt.
5. A. aureolus Klug. Schh. 1, 1. L 209. n. 27.
Auch von dieser zierlichen Art hat Gyllenhal, von
Archiv f. Naturg-. XXXVI. Jahrg. 1. Bd. 15
226 Suffrian:
dem die Beschreibung bei Schh. a. a. O. herrührt, nur
das ^ und zwar anscheinend nur ein recht kleines Stück
vor sich gehabt, da er dasselbe kleiner als Rhynchites
aequatus nennt, dessen grössten Stücken die grossesten
der vorliegenden Art in der Länge mindestens gleich
kommen, während sie in der Breite noch bedeutend über
jene Art hinausreichen ; die kleinsten kommen allerdings
kaum einem massigen Apion gleich. Ueberhaupt aber
scheint die Art zu den sehr veränderlichen zu gehören,
denn unter den 12 Stücken, die ich zum Vergleiche vor
mir habe, stimmt kein einziges mit der genannten Gvl-
lenhaTschen Beschreibung genau überein, und eben so
wenig finden sich darunter auch nur zwei, welche unter
sich in allen Punkten übereinkämen. Gemeinsam haben
alle nur die von G. richtig charakterisirte Gestalt im All-
gemeinen, dann die tiefer mit den Enden leicht nach
vorn gekrümmte Querfurche des Halsschilds, ein scharf
eingedrücktes Quergrübchen an der Wurzel jeder Flü-
geldecke neben dem Schildchen, und einen schwächeren
Eindruck weiter einwärts innerseits der Schulterbeule,
einen mit einzelnen groben Punkten besetzten Querein-
druck auf der inneren Hälfte der Flügeldecke hinter dem
ersten Viertel ihrer Länge, eine scharf eingeschnittene,
eine Reihe in die Länge gezogener Punkte zeigende Längs-
linie jederseits der Naht, und auf der inneren Seite ge-
zähnte Vorderschienen bei beiden Geschlechtern, während
alles Uebrige mehr oder weniger der Veränderung un-
terworfen ist. Einen schwarzen Kopf, wie ihn Gyllen-
hal angiebt, zeigt keines der vorliegenden Stücke, er
ist vielmehr bei diesen allen heller oder dunkler blut-
roth ; die Fühler sind schwarz, oder pechbraun, oder blut-
roth, öder hell rothgelb, nur die Keule ist immer schwarz,
mit hellerer Spitze des Endgliedes bei rothgelben Füh-
lern. Das Halsschild in der Regel gleichfalls blutroth,
nur bei einigen wenigen Stücken, die ich für nicht völlig
ausgefäi'bt halten möchte, hell rothgelb, wiewohl niemals
so bleich als die Deckschilde. Die von Gyllenhal er-
wähnten beiden schwarzen Längsbinden sind nur selten
vorhanden; sie fallen leicht ins Bläuliche, und reichen
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 227
bei vollständiger Ausbildung auch über den Hinterkopf
bis an den hinteren Rand der Augen. Auch die Flügel-
decken sind bei den am besten ausgefärbten Stücken roth,
etwas heller als das Halsschild, mit je 7 bleichgelben,
glashellen Flecken in zwei Längsreihen, die innere aus
vier, die äussere aus drei Flecken, bestehend. In der
ersteren liegt der (grösste, zugleich etwas blasenartig
aufgetrieben erscheinende) Vorderfleck an der Wurzel,
zwischen ihr, dem Schiidchen, dem Eindruck an der Schul-
terbeule und dem Quereindruck , der '2te und 3te sind
rund und der vierte (von der Spitze) liegt etwas schräg,
und stusst mit dem Hinterflecke der zweiten Reihe zu
einem halbmondförmigen Spitzenflecke zusammen. Der
Vorderfleck dieser letzteren ist- ein hinterwärts verbrei-
terter Rand-Längsfieck ausserhalb und hinter der Schul-
terbeule, der mittlere liegt neben dem Zwischenräume
des 2ten und 3ten Innenflecks und berührt den Seitenrand
nicht. Bei Stücken mit heller gelben Deckschilden ver-
schwimmt die Begränzung der Flecke, und letztere werden
alsdann undeutlicher, so dass meist nur die beiden Vor-
derflecke, der mittlere Aussenfleck und der Spitzenfleck
kenntlich bleiben, bis zuletzt auch diese sich immer
mehr abschwächen und die ganzen Flügeldecken einfarbig
gelb erscheinen. Die Beine sind bald braunroth mit
schwarzen Schienen und heller gerötheten beiden oberen
Fussgliedern (und durch diese Färbung zeichnen sich nach
einer Bemerkung Dr. G"s alle von Baracoa stammenden
Stücke aus), oder nur die Vorderbeine sind blutroth, die
hinteren gelb, seltener alle hell strohgelb. Die ursprüng-
lichen Punktstreifen, von denen die Punkte in dem Ein-
drucke der Flügeldecken nur einen geringen Ueberrest
bilden, sind meist nur bei genauer Betrachtung an ihrer
Färbung zu erkennen: seltener finden sich noch einige
schwache Spuren derselben vorn zunächst an der Schul-
terbeule.
Die Vorderbeine sind bei dem ^ stark verlängert,
die Schenkel kräftig aufgetrieben und mit zwei Zähnen
besetzt, der untere nahe vor dem Knie, gerade abstehend
und dornartig, der obere fast auf der Mitte des Schenkels,
228 Suffrian:
bald in gleicher Weise ausgebildet, bald nur kurz und
höckerartig, aber dann vielleicht nur abgebrochen. Bei
dem $, dessen Beine im Allgemeinen kürzer sind, ist von
jenen beiden Zähnen nur der untere und zwar in Gestalt
eines kurzen und stumpfen Höckers vorhanden ; bei einem
der vorliegenden $ fehlt derselbe an dem rechten Vor-
derschenkel ganz. Die vonGyllenhal erwähnte dorn-
artige Verlängerung der Hinterecken des Halsschilds findet
sich auch nur bei dem (/>, ist aber nicht bei allen Stücken
in gleichem Grade ausgebildet, zuweilen sogar ganz un-
scheinbar.
Anmerkung". Aus der zweiten, nur die Gattung Apo der us
Oliv, enthaltenden Gruppe der Lacordaire'schen Attelabiden ist
bis dahin noch keine Art auf der Insel Cuba gefunden worden, und
es galt selbst bisher als feststehend, dass dieselbe überhaupt auf der
westlichen Halbkugel keinen Vertreter besitze. So sagt daher auch
Lacordair e (1. c. VI. 544) von der Gattung Apoderus, »Le genre est
riche en especes, mais exclusivement a l'ancien continent.« In unserer
Kenntniss der geographischen Verbreitung dieser Familie ist daher
eine wesentliche Lücke dadurch ausgefüllt, dass mein gelehrter Freund
Hr. Ch. Sonne nunmehr auch in Illinois U. St. eine hierhergehörige
Art aufgefunden hat, deren kurze Charakteristik der Bedeutung dieser
Entdeckung wegen hier eingeschaltet werden mag. Der Käfer ist
etwas grösser als unser Ap. intermedius 111., im Habitus aber die-
ser Art überaus ähnlich, der Farbe nach rein und glänzend wachs-
schwarz, nur das Pygidium und der Hinterleib roth, der erste Ring
des letztern geschwärzt , jedoch so, dass der zwischen die Hinter-
hüften hineinreichende Mittelzipfel und die verv>'aschenen Seiten
röthlich bleiben: die Kinnbackenspitzen tief gebräunt. Die einge-
drückte Linie des Kopfes nach vorn leicht verbreitert. Das Hals-
schild spiegelglatt. Die Flügeldecken vor der Mitte mit einer
tiefen Quergrube, welche seitlich durch das hier rippenförmig er-
höhte Vorderende des 4ten Zwischenraums begränzt wird, vor jener
Grube auch das Vorderende des zweiten Zwischenraums in ähnlicher
Weise aufgetrieben, und dadurch bei gleichzeitiger Auftreibung der
angränzenden Theiie des Isten und 3ten Zwischenraums einen flachen
rundlichen Höcker bildend. Die seitlichen Punktstreifen sind merk-
lich tiefer als die des Rückens, die Zwischenräume mit einer feinen,
ziemlich dichten Punktirung bestreut, durch welche auf dem Rücken
der Glanz etwas gemildert wird. Diagnosiren lässt sich die, Schön-
her r's erster Gruppe {»capite basi ohconico^) angehörende Art als:
A. foveipennis m. Ater nitidus, pygidio abdo-
Verz. d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 229
mineqiie rufis, rostro capite thoraceque subtiliter canali-
culatis^ elytris ante medium impressis, antice bicostulatis,
punctato-striatis, interstitlis subtilissime punctulatis.
^ Long. 21/4'"; lat. IV4'"*).
II. Rhynchites Hbst.
6. Rh. trifasciatus m, Griseus parce pubescens,
thoracis crebrius punctati disco elytrorumqua sutnra ob-
scurioribus, antennfs pedibusque lurlde testaceis, elytris
subtiliter punctato-striatis, fasciis tribus densius albido-pi-
losis. Long. V4— r"; lat. V4~V3'".
Ein kleiner, zierlicher Käfer von dem äussern An-
sehen eines unterraittelmässigen Apion und der Grösse
unseres bekannten Rh. nanus Payk., aber an der nicht-
metallischen Färbung und den Haarbinden der Deckschilde
leicht kenntlich. Der Rüssel ziemlich lang, wie der übrige
Körper hell bräunlich greis, deutlich zerstreut punktirt,
sparsam greishaarig mit glänzendem Zwischengrunde,
die stark hervorgequollenen kugeligen Augen schwarz. Die
Fühler von massiger Länge, die beiden unteren Glieder
aufgetrieben birnförmig, die folgenden verkehrt-kegel-
förmig, von dem dritten (längsten) ab allmählich an Länge
abnehmend, so dass die zunächst der Keule vorhergehen-
den am oberen Ende schon breiter als lang sind, die
Keule selbst schwärzlich. Der Kopf zwischen und hinter
den Augen mit längeren anliegenden greisen Haaren
dicht besetzt. Das Halsschild länger als breit, seitlich
breit zugerundet, so dass die grösste Breite hinter die
Mitte fällt, und hier flach quer aufgewölbt, vor dem Hin-
terrande breit aber nur seicht eingeschnürt, dicht sieb-
artig punktirt, mit einer sparsamen etwas krausen ange-
drückten Behaarung besetzt, der quer aufgewölbte Theil
*) Dasselbe wiederholt sich auch noch in der Gruppe der Gym-
netriden, welche nach Lacordaire a. a. 0, VlII. 7 auch bis da-
hin auf die alte Welt beschränkt ist, und von der ich doch eine noch
unbeschriebene, dem G. netus zunächst verwandte, nur etwas
grössere Art aus Illinois — gleichfalls eine Entdeckung des H. Sonne
— besitze.
230 Suffrian:
tiefer schmutzig gebräunt. Das kleine Schildchen drei-
eckig mit abgerundetem Hinterende, bei nicht abge-
riebenen Stücken dicht weiss behaart. Die Deckschilde
noch merklich breiter als der breiteste Theil des Hals-
schilds, gleich breit und um die Hälfte länger als breit,
hinten stumpf zugerundet, am Ende des ersten Viertels
ihrer Länge mit einem breiten, massig tiefen, bogenförmigen
nach vorn offenen Eindrucke, hinter welchem der Rücken
wieder leicht buckelig ansteigt. Die Oberfläche punkt-
streifig. Die Streifen hinter der Mitte längs der Naht
etwas gestört, die sehr flach gewölbten Zwischenräume
überaus fein aber dicht runzlig punktirt, an den abgerie-
benen Stellen glänzend, sonst sparsam behaart, die Naht
verwaschen gebräunt. Dazu verlängert und verdichtet
sich die Behaarung stellenweise, und bildet dadurch drei
nicht überall in sich zusammenhängende Querbinden, die
erste vor der Mitte hinter dem oben genannten ge-
krümmten Quereindrucke und denselben begleitend, daher
ebenso gekrümmt und mit den Enden meist bis an die
Schultern reichend, die zweite hinter der Mitte und in
ähnlicher Weise, nur nicht so stark, nach vorn gekrümmt,
die dritte vor der Spitze und manchmal mit den Enden
die zweite erreichend. Das Pygidium ist von den Deck-
schilden vollständig bedeckt. Die Unterseite, auf welcher
sich der untere Theil des Kopfes durch seine dichte Punk-
tirung auszeichnet, ist besonders längs der Mitte schmutzig
gebräunt oder geschwärzt, die Beine sind greisgelb und
mit dem Hinterleibe dünn greishaarig, die unteren Enden
der Fussglieder tiefer braun, und das innere Zähnchen
jedes Krallenhakens erreicht fast die Länge des letz-
teren selbst.
Wegen des bedeckten Pygidiums und des behaarten
Körpers würde die Art der Gruppe Lasiorhynchites
Jekel angehören, deren Erhebung zu einer eigenen Gat-
tung mir jedoch weder nothwendig, noch auch natürlich
zu sein scheint. Vergl. auch Lac. a. a. O. VI. 555.
III. Apion Hbst.
7. A. nigro-sparsum Chv. Basicorne brunneum
Verz. d. auf d. Insel Ciiba gesammelten Rüsselkäfer. 231
parce albido-vel aureo-squamosum, rostro arcuato nitidulo,
thorace lateribus parimi arapliato, obsolete punctulato^ ely-^
tris breviter ovatis, punctato-sulcatis, interstitiis convexius-
culis, maculis deniidatis nigricantibus.
Long, (rostro excl.) Vs'"; lat. Vs'"-
Etwa von der Grösse und dem Habitus unseres A.
superciliosum Gyl., nur in den Deckschilden etwas breiter,
und in deren Umrisse mehr dem A. flavofemoratum ähnlich.
Die Farbe ein dunkles Lederbraun, der Hinterkopf, der
Vorder- und Hinterrand des Halsschilds, das Schildchen
und die Naht verwaschen geschwärzt. Der Rüssel reich-
lich so lang als Kopf und Halsschild zusammen, massig
gekrümmt, ziemlich glänzend, an der Anheftungsstelle
der Fühler dicht vor den Augen leicht verdickt. Der
Kopf selbst zwischen den Augen schwach längsrunzlig
punktirt und dabei mit weisslichen, hinterwärts gerichteten
Schüppchen bekleidet; die Fühler schwärzlich, mit kräf-
tiger, länglicher Keule. Das Halsschild etwas länger als
breit, seitlich leicht im Bogen erweitert, nach vorn stärker
verengt, wenn auch nicht eigentlich eingeschnürt, durch
eine feine, aber dichte Punktirung matt, seitlich stärker-,
auf der Mitte sparsamer beschuppt, und hinterwärts mit
schwacher Andeutung einer eingeschnittenen Längslinie.
Das kleine, längliche Schildchen in eine durch die tief
eingedrückten Ränder der vorderen inneren Flügeldecken-
ecken gebildete, fast halbkreisförmige Grube eingesenkt.
Die länglich-eiförmigen Flügeldecken massig gewölbt, zwi-
schen den stumpfwinklig zugerundeten Schultern etwa Y3
breiter als der Hinterrand des Halsschilds, bis über die
Mitte hinaus sanft erweitert und dann gemeinsam kurz zu-
gerundet; die Punktstreifen in deutliche Furchen einge-
drückt, die breiten, flach gewölbten Zwischenräume kaum
querrunzlig. Die Oberfläche auch hier mit weisslichen,
bei schräger Beleuchtung besonders auf dem Rücken ins
Goldgelbe, selbst Kupfrige fallenden Schüppchen be-
deckt, die sich vorn neben dem Schildchen dichter zu-
sammendrängen, hinterwärts aber sich zu drei unregel-
mässigen und unterbrochenen, mit den Aussenenden nach
vorn gekrümmten Querbinden ordnen, vor und zwischen
232 Siiffrian:
denen durch schnppenfreie schwärzliche Längsfleckchen
kahle und dunklere Querbinden gebildet werden. Die
Spitze ist wieder dichter beschuppt. Die Unterseite spar-
sam weisslich behaart; die Beine sind heller braun als
der übrige Körper, Hüften, Knie, Schienenenden und Fuss-
glieder tiefer schwarzbraun.
8, A. macula alba m. Basicorne brunneum sub-
cupreo-micans, disperse albido-squamosum, rostro arcuato
nitidulo, thorace lateribus parum ampliato, profunde par-
cius punctato", elytris breviter 'oblongo-ovatis, profunde
punctato-sulcatis, interstitiis convexis nitidulis, macula al-
bido-squamosa communi pone scutellum notatis.
Long, (rostr. excl.) ^3'"; lat. V*"'.
Dem vorhergehenden überaus ähnlich, aber in den
Flügeldecken schmaler, daher bei gleicher Länge anschei-^
nend gestreckter, die Fühler bis auf die geschwärzte
Keule ziemlich hell rothbraun, und das Schildchen mit
seiner Umgebung nicht eingesenkt. Das Halsschild ist
nicht sehr dicht aber ziemlich grob- und fast grubig-
runzlig punktirt mit etwas glänzendem Zwischengrunde,
vor der Mitte des Hinterrandes leicht eingedrückt. Die
Farbe der Flügeldecken fällt leicht ins Kupferfarbige, ihre
Längsfurchen sind breit und tief, mit länglichen, tief ein-
gestochenen Punkten besetzt, und wenig schmaler als die
gew^ölbten, besonders längs der Naht sich rippenartig
erhebenden, ziemlich glänzenden Zwischenräume. Kopf und
und Beine sind etwas heller braun als bei der vorherge-
henden Art, letztere bei einem der vorliegenden Stücke
fast gelblich. Die Beschuppung sehr sparsam; sie bildet
am Kopf nur je eine Bogenlinie, welche den inneren Au-
genrand umzieht, und auf dem Halsschilde Andeutungen
von vier schmalen, theilweise unterbrochenen odejr in
Atomenfleckchen aufgelösten Längslinien; auf den Deck-
schilden erscheint sie, besonders auf deren Hinterhälfte,
in Gestalt kleiner, regellos verbreiteter Spritzfleckchen,
aber überall nur sparsam und nicht einmal auf beiden
Flügeldecken stets in gleichmässiger Weise. Nur hinter
dem Schildchen sind die Schuppen zu einem dichten und
ziemlich grossen gemeinsamen und scharfbegränzten weis-
Verz.- d. auf d. Insel Cuba gesammelten Rüsselkäfer. 233
sen Nahtflecke zusammengedrängt. Alles Uebrige, wie bei
der vorhergehenden Art.
Ein etwas kleineres, besonders schmaleres, von Dr.
G. mit dem beschriebenen Käfer unter gleicher Nummer
eingesandtes Stück unterscheidet sich von letzterem aus-
serdem noch durch dunklere Färbung von Fühlern und Bei-
nen, den Mangel aller Schüppchen auf der Oberseite und
eine kurze abgerissene eingedrückte Längslinie auf dem
noch gröber punktirten Halsschilde. Hr. Riehl, in dessen
Sammlung sich dies Stück befindet, ist geneigt, darin
eine eigene Art zu erkennen; ich möchte es eher für das
andere Geschlecht und zwar das (etwas ölig gewordene)
(/ des beschriebenen Käfers halten, zumal die durch Quer-
runzeln unterbrochene und vorne etwas nach links ge-
richtete Halsschildslinie sich schon durch diese Gestaltung
als eine abnorme Bildung zu erkennen giebt, und ein
trübes Fleckchen hinter dem Schildchen auf ein früheres
Vorhandensein des jetzt unkenntlich gewordenen weissen
Nahtflecks hinzudeuten scheint.
IV. Cylas Latr.
9. C. f 0 rmicariu s Fab. Brenthus formicarius Fab.
Syst. Eleuth. II. 549. n. 13. Cylas turcipennis Schh. 1.
1. I. 369. Die Ansicht, dass der unter letzterem Namen
bei Schh. a. a. O. von Gyllenhal beschriebene Käfer
nicht von jener, von Fahr ic ins beschriebenen Art ver-
schieden sei, wurde, wie von Dejean, so auch von dem
verewigten G er mar (in mündlicher ^littheilung) getheilt,
und ich glaube nicht, dass ihr ein begründetes Bedenken
entgegen steht. F. hat nach seinen Angaben über die
Färbung der Schenkel ein $ vor sich gehabt, und die
von Gyllenhal als blaugrün beschriebenen Flügeldecken
sind auch nicht selten tief blau, selbst schwarzblau und
schwarz, wie sie F. bei seinem Käfer angiebt. Die eigent-
liche Heimath dieses jetzt weit verbreiteten Käfers scheint
Ostasien zu sein, wo er nach Herrn Nietner's Mitthei-
lungen (Ent. Zeit. 1857. S. 36) auf Ceylon in den Knollen von
Batatas edulis verwüstend hauset; Schönherr nennt
234 Siiffrian:
dann noch Java, und die mir vorliegenden asiatischen
Stücke stammen vom Ostindischen Festlande, ich habe
aber auch früher in der Germar'schen Sammlung deren
von Hongkong und von Madagaskar gesehen, und nach
dieser letzteren Insel, wie nach Tsle de France, wo er
nach Schh. (V. 587) vorkommt , ist er wohl ohne Zweifel
durch eine noch nicht mit Gewissheit ermittelte Cultur-
pflanze übergesiedelt. In gleicher Weise hat er sich auch
seit einiger Zeit (gebracht hat ihn erst die letzte Sendung
des Dr. G.) auf Cuba eingestellt, von wo aus er mir in
Mehrzahl vorliegt. Einen Unterschied dieser Stücke von
den Ostindischen habe ich jedoch nicht auffinden können,
und über die Futterpflanze hat G. bis dahin keine An-
gaben mitgetheilt.
(Fortsetzung folgt.)
Die Descendenztbeorie aus einigen besonderen
Gesichtspunkten betrachtet.
W. Veitmann.
Lehrer der Rectoratsclinle in Wiedeubrück.
Die Abweichungen von der mittleren Beschaffenheit
der Art können bei den einzebien Individuen in fünferlei
Weise vortheilhaft sein und nach der Darwin'schen An-
sicht durch natürliche Züchtung zur Entstehung von neuen
Arten Anlass geben. Sie können nämlich bedingen:
1. Von Geburt an eine längere Lebensdauer. Es
ist hier diejenige Lebensdauer gemeint, welche das Thier
erreicht, wenn es eines natürlichen Todes stirbt, nachdem
es sich während seines Lebens unter normalen Verhält-
nissen befunden hat. Je grösser diese dem Thiere seiner
anfänglichen Beschaffenheit gemäss zukommende Lebens-
dauer ist, desto grösser wird auch im Durchschnitt die
wirkliche und folglich die Mitwirkung zur Erhaltung der
Art sein.
2. Eine leichtere Ernährung, d. h. Erlangung des
nöthigen Futters. In Bezug auf die Vererbung der Ei-
genschaften kommt dies insofern in Betracht, als Mangel
an Nahrung die Entwickelung und Thätigkeit des Sexual-
systems beeinträchtigt und auch die Dauer der Fortpflan-
zungszeit sowie das Leben selbst verkürzen kann.
3. Die Fähigkeit, den Verfolgern und anderen Ge-
fahren leichter zu entgehen. Hierin ist auch die grössere
236 V e 1 1 m a n n :
Geschütztheit der Eier und Jungen vor dem Untergange
mit einbegriffen.
4. Eine grössere Leichtigkeit, zur Paarung zu ge-
langen (Ergreifen, Festhalten des Weibchens u. s. w.)
5. Grössere Fruchtbarkeit.
Unter diesen verschiedenen Momenten hängen 2, 3
und 4 zum Theil von der kräftigeren und dauerhafte-
ren Beschaffenheit der inneren Organe ab; eben hier-
von ist aber auch 1 mit abhängig. Im Uebrigen sind
dagegen 2 , 3 und 4 durch die Erzeugung besonderer
innerer und äusserer Organe oder sonstiger Eigen-
schaften (Farbe u. s. w.) bedingt. Die hierdurch so-
wie auch die in Bezug auf 5 entstehenden Verschieden-
heiten in der Theilnahme an der Fortpflanzung können
jedoch immei? nur sehr gering sein, da sehr bedeutende
Abweichungen immer nur sehr selten und ganz vereinzelt
vorkommen. Die Verschiedenheiten in der angeborenen
Lebensdauer sind dagegen sehr beträchllich. Diese wer-
den daher stets einen so überwiegenden Einfluss haben,
dass derjenige der übrigen zufälligen Abweichungen da-
gegen verschwindet. Es folgt hieraus, dass aus einer Art
keine andere Art entstehen kann, die eine kürzere Lebens-
dauer besitzt. Von allen Abweichungen in der äusseren
oder inneren Beschaffenheit können nur diejenigen con-
stant werden, welche eine längere Lebensdauer bedingen.
Die Verschiedenheiten in der Fruchtbarkeit würden
nur bei sehr fruchtbaren Thieren, also solchen etwa, die
Tausende von Eiern legen, in gleichem Grade von Ein-
fluss sein können.
Wer sich also bemüht, die Darwin'sche Lehre aus
einer sehr allgemeinen und unbestimmten Hypothese zu
einer wissenschaftlichen Theorie zu erheben, der muss
jedenfalls stets auf obigen Punkt Rücksicht nehmen. Er
darf seinen „Stammbaum^ nur so einrichten, dass alle
Verästelungen, welche aus irgend einem Zweige hervor-
gehen, eine längere Lebensdauer besitzen, als dieser.
Einiges Thatsächliche in Bezug auf die Aufeinander-
folge der Species liefert uns die Paläontologie. Im All-
gemeinen entspricht dieselbe nicht einer Zunahme der
Die Descendenztheorie aus bes. Gesichtspunkten betrachtet. 237
Lebensdauer. Den Insekten, welche grösstentheils, den
Sommergewächsen im Pfliinzcnreich entsprechend, äusserst
kurzlebig sind, gingen Polypen, Mollusken und Crusta-
ceen vorher. Wenn wir nun auch nicht ermitteln können,
wie lange ein Graptolith, Trilobit u. s. w. der Ueber-
gangsformation lebte, so lässt sich' doch wohl kaum an-
nehmen, dass die Insekten aus Thieren mit kürzerer Le-
bensdauer entstanden seien. Es würde dies nur in der
Weise möglich sein, dass Mollusken, Insekten u. s. w.
von einem gemeinschaftlichen kurzlebigen Stamm ab-
stammten. Aber wo wäre dann die Seitenlinie geblieben,
welche von jenem Stamme neben den Mollusken u. s. w.
zu den Insekten hinaufführte ? Wie wäre es zugegangen,
dass davon nichts erhalten blieb, während doch von den
Mollusken und Crustaceen zahllose petrificirte Exemplare
vorhanden sind? üeberdies lehrt die Erfahrung, dass
selbst die niedersten Thiere, Polypen, Rhizopoden u. a.
eine längere Lebensdauer besitzen als die Insekten und
dieselben auch in der Fruchtbarkeit übertreffen.
Aehnlich verhält es sich mit den Säugethieren. Mit
Sicherheit kann man denselben wohl kaum einen früheren
als tertiären Ursprung zuschreiben. Fische und Am-
phibien sind denselben vorhergegangen und aus letzteren
müsste man sie wohl als entstanden betrachten. Nun leben
aber die Amphibien im Allgemeinen länger als die Säu-
gethiere. Von Schildkröten hat man Beispiele eines Al-
ters von über 200 Jahren, während das am längsten lebende
Landsäugethier, der Elephant, etwas über lOOjahre alt wird.
Darwin bezeichnet die Nachvveisung der Entstehung
einer dem Thiere schädlichen Eigenschaft auf Grund
seiner Hypothese als verderblich für diese. Fr. Müller
fordert in seiner Schrift ;,Für Darwin^ die Gegner auf,
unter der grossen Menge naturhistorischer Thatsachen
irgend welche nachzuweisen, welche mit der Darwin'-
schen Ansicht unvereinbar sind. Den Umstand, dass dies
selbst von den mit der Thierwelt vertrautesten Forschern
bis jetzt nicht geschehen ist, betrachtet er als einen Be-
weis für die Dar win'sche Lehre. So lange indess letztere
nichts weiter ist, als eine einfache nur die allgemeinsten
238 Veitmann:
Umrisse einer Theorie enthaltende Hypothese, können
bestimmte Thatsachen derselben ebensowenig entgegen-
gestellt werden, als bestimmte Behauptungen in ihr ent-
halten sind. Die Unbestimmtheit der Theorie bedingt
eine ebenso grosse Unbestimmtheit der Widerlegung.
Die oben aus den Ergebnissen der Paläontologie her-
genommenen Gründe gegen die Darwin'sche Ansicht
machen durchaus keinen Anspruch darauf, unanfechtbar
zu sein. So weit es aber bei den auch in Bezug auf diesen
Punkt dem Darwinismus zu Gebote stehenden mannichfalti-
gen Auskunftsmitteln überhaupt als möglich gedacht wer-
den kann, die Entstehung einer schädlichen Eigenschaft
nachzuweisen, dürfte dies dort geschehen sein. Die Ver-
kürzung der Lebensdauer ist eine solche.
Man hat die Arten des Thierreichs in sehr passender
Weise mit dem Laufe der Planeten verglichen (Blas ins
Fauna Deutschlands, Vorrede). Die Planetenbahnen sind
nicht unveränderlich, so wenig als eine bestimmte Thier-
species in einem Jahre genau Dasselbe ist, wie in einem
anderen. Die Aenderungen sind aber für lange Zeiten
in bestimmte Gränzen eingeschlossen. Für alle Zeit
lässt sich dies jedoch streng genommen nicht beweisen,
da man dabei auch die zwischen den Planeten enthaltene
Materie u. s. w. mit berücksichtigen müsste. Ebensowenig
lässt sich auch von dem gegenwärtigen Zustande des Pla-
netensystems auf eine beliebige frühere Zeit zurückschlies-
sen. Man hat versucht, den gegenwärtigen Zustand des Pla-
netensystems aus einem früheren einfacheren abzuleiten,
als welchen man eine rotirende Dunstkugel annahm. Diese
Hypothese ist zuerst von Kant, der übrigens nichts weniger
als ein gewiegter Mathematiker war, wofür ihn Häckel
(Natürliche Schöpfungsgeschichte) ausgibt, aufgestellt wor-
den. Später hat Laplace dieselbe in einem etwas mehr
mathematischen Gewände dargestellt, jedoch nicht in seiner
streng wissenschaftlichen „Mechanik des Himmels,^ son-
dern in einem mehr populären Werke. Bei den Astro-
nomen steht sie gleichwohl in ziemlichem Ansehen, jedoch
nur als einfache Hypothese, die einer weiteren Entwi-
Die Descendenztheorio aus bes. Gesichtspunkten betrachtet. 239
ckelung zu einer wirklichen Theorie (wie dies der Versuch
einer solchen von W eiss gezeigt hat) gar nicht fähig ist.
Auch die Darwin'sche Lehre wird vielleicht stets
Anhänger zählen, da sich ja die'Unrichtigkeit derselben
in aller Strenge ebenso wenig nachweisen lässt, wie z. B.
die Unrichtigkeit irgend einer Ansicht über die Beschaf-
fenheit der Flora und Fauna des Mondes. Jeder Versuch
aber, die Hypothese in einer bestimmten Weise zu einer
Theorie zu gestalten, selbst wenn derselbe sich in leid-
licher Uebereinstimmung mit den zoologischen, botanischen
und paläontologischen Thatsachen befände, würde immer
etwas Willkürliches haben, da sich an die Stelle desselben
tausend andere setzen Hessen.
Wegen der nahen Verwandtschaft der Lap lace'schen
Schöpfungshypothese und der Dar win'schen Lehre stand
zu erwarten, dass die Darwinisten auch auf erstere zurück-
kommen würden. Alle derartige naturwissenschaftliche
Ansichten entspringen aus einer selbst den bedeutendsten
Forschern anhaftenden Schwäche, der Neigung nämlich,
überall die Vielheit aus der Einheit abzuleiten. Dieselbe
hat ihren Grund in der Endlichkeit des menschlichen
Verstandes, welcher bei seiner Unfähigkeit, die unendliche
Mannigfaltigkeit der Natur zu umfassen, sich genöthigt
sieht, dieselbe so viel als möglich auf Einheiten zurück-
zuführen. Bis zu einer absoluten Einheit kann er es aber
hierbei nicht bringen, da in der Einheit die Vielheit nicht
enthalten ist. Dergleichen Bestrebungen stehen im Wider-
spruch mit dem Causalprincip, auf welches doch die Dar-
winisten (wie z. B. Häckel in der „Generellen Morpho-
logie") so grosses Gewicht legen. Eine homogene Dunst-
masse, die um ihre Drehungsaxe in einem bestimmten
Augenblicke so angeordnet ist, dass sie einen Rotationskör-
per darstellt, dessen Diametralschnitte in Bezug auf die Ver-
theilung der Materie in denselben vollkommen miteinander
übereinstimmen, wird diese Eigenschaft stets beibehalten;
die Einheit bleibt Einheit. Legt man aber den verschiedenen
Diametralschnitten im Anfang irgend eine bestimmte Ver-
schiedenheit bei, so ist gar kein Grund vorhanden, wes-
halb man nicht jede beliebige andere Verschiedenheit,
240 • Veitmann:
also etwa den Zustand des Planetensystems vor so und
so viel Jahren als den ursprünglichen betrachten sollte.
Ebenso verhält es sich mit jenem Klümpchen Ur-
schleim, welches nach Häckel den Anfang der orga-
nischen Natur bildete. Häckel legt seinen ^Moneren*^
eine vollkommene Homogeneität ohne innere Differenzirung
bei. Alle Bewegungen, die in einem solchen von einem
bestimmten Zeitpunkte an stattfinden, sind dann noth-
wendig Funktionen seiner Gestalt und der Anordnung
der gesammten übrigen Materie in diesem Augenblicke.
Die ganz unregelmässige Art und Weise, wie das Moner
seine Pseudopodien ausstreckt, würde hiermit überein-
stimmen, da die Anordnung der äusseren Materie ebenfalls
eine ganz unregelmässige ist. Nun denke man sich aber,
dass ein solcher Plasmaklumpen eine Kalk- oder Kiesel-
schale erhält. Die Form derselben wird nur eine ganz
unregelmässige sein können ; denn sie ist ebenso wie das
Hervorwachsen der Scheinfüsse eine Folge ganz unregel-
mässig wirkender Ursachen. Die Beobachtung lehrt je-
doch, dass die festen Schalen der Polythalamien zum
Theil eine ganz bestimmte Form haben. Diese kann keine
Funktion der Aussenwelt sein, da die Gesammtheit der
Materie gewiss nicht in irgend einer bestimmten Bezie-
hung zur Gestalt und Einrichtung der schneckenförmigen
und gleich derjenigen mancher Cephalopoden in Kammern
getheilten Schale jener Thierchen steht. Man muss daher
nothwendig annehmen, dass die scheinbar homogene und
formlose Plasmamasse, welche die Schale erzeugt, zu
dieser in einer bestimmten Beziehung steht, oder dass
eine fremde an die Atome des Plasmas nicht gebundene
Kraft die Schale hervorbringt Häckel berührt diesen
Funkt in seiner Morphologie (I. S. 190) und ist der Meinung,
der Grund für diese Erscheinung müsse in der besonderen
Zusammensetzung der Atome zu Molekülen gesucht wer-
den. Bei denjenigen Protozoen, deren Schale eine geo-
metrisch-reguläre Gestalt hat, wäre diese Annahme nicht
gerade absurd, da wir Aehnliches auch bei den Krystallen
annehmen müssen. Zu der Annahme aber, dass die Mo«
leküle irgend einer chemischen Verbindung in einer be-
Die Descendenztheorie aus bes. Gesichtspunkten betrachtet. 241
stimmten Beziehung zu der Spiralform der Schale von
Cornuspira planorbis oder der fossilen Nummulina radiata
stehen, würde wohl jeder „denkende*' Naturforscher den
Kopf schütteln.
Hinsichtlich der Urzeugung legt Häckel grossen
Werth auf die künstliche Darstellung organischer Ver-
bindungen. Bis jetzt hat indess noch Niemand Kohlehy-
drate und Albuminate aus ihren Elementen dargestellt,
und was die künstliche Bereitung des Harnstoffes, der
Ameisensäure und anderer Rückbildungsprodukte
des thierischen Organismus betrifft, so hatte man im Grunde
gar keine Ursache, davon so viel Aufhebens zu machen.
Ein Rückbildungsprodukt ist auch die ausgeathmete Koh-
lensäure und diese hatte man schon längst künstlich dar-
gestellt. Vielmehr scheinen gerade die in den organischen
Körpern vor sich gehenden chemischen Prozesse für die
Annahme besonderer Kräfte zu sprechen.
Irgend ein Gewächs sei in reinen Kieselsand gepflanzt,
welcher als Nahrung für dasselbe nur Kohlensäure, Am-
moniak und die nöthigen unorganischen Salze enthält.
Das Ganze befinde sich auf einer Temperatur von etwa
20^ und sei von einem Glasgefäss umgeben, das stets auf
einer kaum höheren Temperatur erhalten wird. Die
Pflanze und der Boden, in welchem sie wächst, empfangen
also von aussen her Licht und Wärme. Sehen wir nun,
was aus diesen beiden Agentien wird.
Wenn man Kohlehydrate im Sauerstoffe verbrennt,
so findet zweierlei Statt:
1. Trennung des Kohlenstoffs vom Wasser des Koh-
lehydrats.
2. Verbindung des Kohlenstoffs mit dem Sauerstoff.
Das Resultat ist also Kohlensäure und Wasser. Da-
bei wird beständig Wärme entwickelt.
In obiger Pflanze findet nun das Gegentheil hiervon
Statt. Unter dem Einfluss des Lichts trennt der Sauer-
stoff der Kohlensäure sich von dem Kohlenstoff und dieser
verbindet sich mit dem Wasser zu Kohlehydrat. Dabei
muss nothwendig Wärme oder überhaupt mechanische
Bewegung (in Form von Wärme und Licht) verschwinden.
Archiv f. Naturg. XXXVI. Jahrg. l.Bd. 16
242 Veitmann:
Lässt man nun die Pflanze etwa einen Sommer hin-
durch wachsen und verbrennt dann die erzeugten Kohle-
hydrate, so entsteht wieder Kohlensäure und Wasser.
Auf mannichfaltige Weise kann man nun einen Theil
der dabei auftretenden Wärme in mechanische Arbeit
verwandeln, während ein anderer Theil an Körper über-
geht, die mindestens 20<^ warm sind und wobei zugleich
die Verbrennungsprodukte wieder diese ursprüngliche
Temperatur erhalten.
Dieser ganze Vorgang scheint nun im Widerspruche
zu stehen mit dem zweiten Hauptsatze der mechanischen
Wärmetheorie oder mit dem diesem zu Grunde liegenden
C a r n 0 t'schen Princip. Letzteres sagt nämlich, dass
Wärme nicht in mechanische Arbeit verwandelt werden
kann, ohne dass zugleich irgendwo Wärme von einem
wärmeren Körper zu einem kälteren übergeht. Ein sol-
cher Uebergang hat aber hier nirgends stattgefunden.
Man könnte zwar sagen, die Wärme der Sonne sei in
der Fotm von Licht von der heisseren Sonne auf die
kältere Pflanze übergegangen. Allein die betreff'ende Quan-
tität kann nur ein sehr geringer Bruchtheil der in den
Kohlehydraten latent gewordenen Wärme sein ; jedenfalls
ist sie viel geringer als die bei der Verbrennung in Ar-
beit verwandelte Quantität. Jene durch das absorbirte
Licht repräsentirte Wärmemenge ist daher in der in Ar-
beit verwandelten enthalten, mithin nicht, wie das Car-
no t'sche Princip es verlangt, dauernd an einen kälteren
Körper übergegangen.
Es ist bis jetzt noch Niemandem gelungen, irgend
einen Vorgang in der unorganischen Natur zu ersinnen,
wo der Garn o t'sche Grundsatz nicht gilt, obgleich schon
manche Physiker und Techniker (Hirn z. B.) ihren Scharf-
sinn hieran versucht haben. W^enn wir nun in der or-
ganischen Natur solche Vorgänge finden, so deutet
das wohl darauf hin, dass in der letzteren besondere
Kräfte thätig sind. In der That lässt sich obige Abwei-
chung von dem Garnot'schen Grundsatz einfach durch
die Annahme erklären, dass in der Pflanze eine Kraft
wirkt, welche im Stande ist, die unregelmässig durchein-
Die Descendenztheorie aus bes. Gesichtspunkten betrachtet. 243
ander wirbelnden Wärmebewegungen auf eine bestimmte
Weise zu lenken. Damit man hierdurch nicht mit dem
Princip der lebendigen Kräfte in Widerspruch komme,
muss man annehmen, das diese Kraft mit der Bahn eines
Atoms, auf welches sie wirkt, stets einen rechten Winkel
bildet, also im mechanischen Sinne keine Arbeit verrichtet.
Die Darwinisten nehmen vielfach das Privilegium
für sich in Anspruch, die einzigen „denkenden^ Natur-
forscher zu sein. Um sich diesen Vorzug mit grösserem
Rechte beilegen zu können, möchte man denselben rathen,
sich etwas näher mit den Lehren der Mathematik bekannt
zu machen. Von den Vertheidigern der ausschliesslich
mechanistischen Naturanschauung müsste man doch noth-
wendig verlangen, dass sie in der Mathematik und Me-
chanik gründlich bewandert wären. Naturgeschichte und
Mathematik sind zwar zwei Gebiete, die etwas weit aus-
einander liegen; allein sowie die Vereinigung des Un-
gleichartigen zu manchen neuen Resultaten in der Vieh-
zucht und Gärtnerei geführt hat, so wäre es ja auch
möglich, dass eine Hjbridation der Wissenschaften zu
neuen und eigenthümlichen Resultaten führte. Freilich
würde die Verbindung eine solche sein müssen, dass daraus
nicht etwa Bastarderzeugnisse im schlimmen Sinne hervor-
gehen. Von manchen Ausführungen in Häckel's Mor-
phologie und anderen Darwinistischen Schriften lässt sich
behaupten, dass sie durch „Anpassung" an die Gesetze
des mathematischen Denkens einen wesentlich anderen
Schnitt erhalten würden.
Die Ophiuridon des indisrlieii Oreans.
Von
K. V. Marteus.
Die nouercn Bearbeitungen der Ophiuren von Tb.
Ly man (Illust. Catal. of tbe Mus. of Comparative Zoology
at Harvard College, Xo. I. Cambridge 1S05. gr. 8.) und
A. Ljungiuan (^in OtVersigt af Kgl. Vetenskaps Akade-
miens Förbandlingar 1S67) welobe die Artenkenntniss der-
selben wesentliob gefördert baben. sind neben den älteren
von Job. Müller und T r o s c b e 1. sovile L ü t k e n bei
der Bestimmung der im indiscben Arcbipel gesammelten
zu Grunde gelegt. Die folgende Zusammenstellung gibt
in der von Ljungman gewäblten Reibenfolge alle mir
bekannt gewordenen Arten und Fundorte aus dem Ge-
biet des indiscben Ooeans von Ostafrika bis zu den polv-
nesiscben Inseln, darunter die von mir selbst im indiscben
Arcbipel gefundenen durcb Cursivschrift ausgezeicbnet,
die beigefügten Nummern sind diejenigen, unter denen
sie im Berliner zoologiscben Museum aufgestellt sind.
a'> Opbiodermatidae.
Opbioderma Wablbergi M. Tr. Port Natal. Wablberg.
Opbiopeza fallax Peters Mossambique, Peters; San-
sibar. Lvnian und v. d. Decken. Fidji-Inseln, Gräfte.
Ophiarach?ia ificrassata Lam.. M. Tr.. Herklots Bydragen
tot de Dierkunde IX. 1SG9. pl. G, Lütken addit. III, p. 33.
Indiscber Ocean. Peron und Lesueur. Java, Kubl und
Hasselt. Laren tu ka auf Flores. Scbeibendurcbmesser
bis 40 Mill. und Kupang auf Timor (1S33, 1605). Cap
York im nördlicben Australien. Dämel: Samoa- und Fidji-
Inseln, Gräöo.
Die Spiritusexemplare sind meist blassgelb mit Spuren
V. Martens: Die Ophiuriden des indischen Oceans. 245
von dunkleren Augenflecken ; ziemlich auffällig sind diese
bei meinen Exemplaren von Fiorcs und Timor. Ein un-
gewöhnlich grosses und lebhaft gefärbtes Exemplar dieser
Art, dunkelgrün mit zahlreichen kleinen weissen schwarz-
eingefassten Flecken, von Cap York, ist die von mir in
den Monatsberichten der Berliner Akademie 1867. S. 345
beschriebene Ophiocoma ocellata. Diese Art unterscheidet
sich, wie Lütkcn am angeführten Orte auseinandersetzt,
merklich von den übrigen Ophiarachnen Müllers und wenn
sie als erstaufgeführte Art diesen Gattungsnamen beibe-
hält, so müssen die übrigen ausgeschlossen und zur Gat-
tung Pectinura Forb. gebracht werden.
Fectinura infernalis (Ophiarachna) M. Tr. Indischer
Ocean, Leidner Museum. Zamboanga auf Mindanao
und Amboina (1473, 1755). Die dunkeln Querbinden
der Arme nehmen bei einigen Exemplaren nur einen
oder anderthalb Schilder ein und auf dem folgenden
Schilde finden sich zwei schwarze Flecken. Bei andern
nehmen sie drei Schilder ein und sind schwarz umsäumt.
Meist nur 7 Armstachcln.
Pectinura Gorgonia (Ophiarachna) M. Tr. Port Na-
tal, Ljungman ; Mossambique, Peters; Zanzibar, Lyman.
Samoa-Inseln, Ljungman und Gräffe ; Fidji-Inseln, Gräffe.
Pectinura septemspinosa Kühl et v Hasselt, M. Tr.
Molukken, Leidner Museum.
Pectinura stellata (Ophiarachna) Ljungman 1. c.p. 305.
Singapore, Knoll im Stockholmer Museum,
b) Ophiolepididae.
Ophiolepis cincta M. Tr. Rothes Meer, Ehrenberg;
Aden, Wiener Museum; Zanzibar, Lyman; Mossambique,
Peters. Mambulao, Prov. Camarines; Norte, Luzon, F.
Jagor im Berliner Museum (1736). Laren tuka aufFlo
res und Amboina, v. Martens (163, 1747.) Fidji-Inseln,
Ljungman und GrälFe ; Gesellschaftsinseln, Lyman.
Lyman unterscheidet von dieser Art noch eine Opb.
Garretti von den Kingsmill-Inseln, p. 61. Taf. 2. Fig. 4,
weil die Arme länger, die Mundschilder kürzer und die
obern Armplatten mikroskopisch granulirt seien. Die Arme
geben Müller und T rose hei allerdings nur „2V2tnal
246 V. Martens:
SO lang als die Scheibe" an, an ihren eigenen Exemplaren
im Berliner zoologischen Museum aber sind sie bis 3V2nial
so lang und unter den von mir gesammelten kleineren
Exemplaren sind sie 5V2nial so lang als der Scheiben-
durchmesser, bei Lyman's Oph. Garretti 6V2niah Die
Mundschilder sind nach Müller und Troschel ö. 90
^ebenso breit wie lang^ und Ly man sagt von Garretti:
mouth shields as broad as long, hierin ist also kein Un-
terschied; abgebildet hat er sie nicht. Endlich zeigen
die Armplatten auch an cincta bei Betrachtung mit einer
starken Lupe einzelne Höcker. Somit scheinen die Un-
terschiede zwischen beiden sehr gering.
Ophiolepis ammlosa Blainv. M. Tr. Herklo ts Bydra-
ger tot de Dierkunde IX. 1869. pl. 4. fig. 2. Rothes Meer,
Ehrenberg. Zanzibar, Lyman; Mossambique, Peters- In-
discher Ocean, Sal. Müller im Leidner Mus. (Celebes?);
Schönlein im Berliner Museum. Laren tuka auf Flores.
V. Martens (1604), Timor und Neuguinea, Ljungman. Sa-
moa-Inseln, Gräffe,
c) Amphiuridae.
Ophioplocus imbricaius (Ophiolepis) M. Tr. Herklots
1. c. pl. 5. fig. 1. Zanzibar und Mossambique, Lyman; He
de France, Lamare Picquot im Berliner Museum. Niko-
baren, Beim. Mambulao auf Luzon, Jagor (1898). Batjan
(Molukken), Larentuka (Flores) und Kupang (Timor)
V. Martens (1732 und 1628). Neuguinea, Sal. Müller im
Leidner Museum. Kingsmill-Inseln, Lyman; Wallis-Inseln,
Ljungman; Samoa-Inseln, Ljungman und GräfFe; Fidji In-
seln, Gräffe.
Die fünf strahlige Zeichnung auf dem Scheibenrücken
ist bei den mir vorliegenden Exemplaren theils minder
breit als in der Abbildung bei Herklots, theils ganz in
einzelne Flecken aufgelöst.
Ophionereis dubia M. Tr. (Ophiolepis.) Description
de l'Egypte, Rad. pl. 1. fig. 3. Rothes Meer. Ich glaube
diese Art in einer Ophiure wiederzufinden, welche das
Berliner zoologische Museum durch F. Jagor erhalten
hat und deren Beschreibung hier folgt : Scheibenrücken
fein gekörnt; an der Stelle der Radialschilder feine
Die Ophiuriden des indischen jDceans. 247
längliche Vertiefungen. Fünf Mundpapillen beiderseits
in jeder Mundspalte. Mundschilder kreisrund, ungetheilt.
Genitalspalten vom Mundschild bis nahe zum Scheiben-
rand sich erstreckend, durch beinahe die ganze Breite
des Radialschilds von einander getrennt. Obere A.rm-
schilder halbkreisförmig, mit aboraler Convexität, die
zwischen ihnen bleibenden seitlichen Lücken durch je
ein Hülfsschild ausgefüllt, wie bei Opiopholis scolopen-
drica. Drei Armstacheln, alle etwas länger als die Arm-
schilder, der mittlere der längste. Untere x\rmschilder
nahezu quadratisch, nur der aborale Rand öfters eingebo-
gen; gegen die Spitze der Arme zu werden sie länger
als breit. Eine breite fast kreisrunde Tentakelschuppe.
Scheibenrücken hellrothbraun mit zahlreichen weissen
runden Flecken. Oberseite der Arme hellbraun mit einem
etwas dunkleren mittleren Längsstreifen, welcher selbst
wieder eine Reihe heller Flecken enthält; durchschnitt-
lich auf dem sechsten Schilde eine dunkle Querbinde.
Scheibendurchmesser 9, Armlänge 64 Millimeter.
Java, F. Jagor (Berl. zool. Mus. 1753).
Ophionereis squamata Ljungman, Fidji-Inseln., Gräffe ;
Sandwich-Inseln, Kinberg. ^
Ophionereis crassispina Ljungman. Sandwich-Inseln,
Kinberg.
Amphipholis depressa Ljungman. Zwischen Batavia
und Singapore, Kinberg.
Amphipholis integra Ljungman. Port Natal, Wahl-
berg.
Amphipholis hastata Ljungman. Mossambique, G. v.
Düben.
Amphipholis impressa Ljungman, Zwischen Batavia
und Singapore, Kinberg.
Ophiophragmus gibbosus Ljungman, Port Natal,
Wahlberg.
Ophiophragmus echinatus Ljungman. Zwischen Ba-
tavia und Singapore, Verngren.
Amphiura divaricata Ljungman. Ebenda, Kinberg.
Amphiura Candida Ljungman. Mossambique, G. v.
Düben.
248 V. Härtens:
Amphiura Capensis Ljungman. Port Natal, Wahlberg.
Cap, Kinberg.
Ophiocentrus aculeatus Ljungman. Zwischen Ba-
tavia und Singapore^ Kinberg. Scheibenrücken weich-
häutig mit Stacheln. Keine Tentakelschuppen.
Ophiactis sexradia Grube Wiegm. Archiv 1857.
= O. Reinhardti Lütken (1859), Rothes Meer, Steud-
ner im Berl. Mus.; Zanzibar, Lyman. Ile de France
und Port Natal, Ljungman. Nicobaren, Behn. Singa-
pore und Batjan, v. Martens (1580, 1730). Samoa-
und Fidji-Inseln, Gräfte. Tonga-, Gesellschafts- und Sand-
wich-Inseln, Lyman und Ljungman. Meist sechsstrahlig;
ein Exemplar von Singapore hat 5 Strahlen.
Ophiactis maculosa n. sp. Scheibe kreisrund, in der
Peripherie mit zahlreichen Stacheln besetzt. Mundschilder
kreisförmig, nicht untereinander zusammenhängend. Obere
Armschilder breiter als lang, mit convexem aboralen
Rand ; untere Armschilder quadratisch. Je vier kurze
Armstacheln, nicht länger als die Armschilder, meist
gleich lang, aber die obern etwas in die Höhe gerichtet,
zunächst der Basis der Arme bald der zweite allein,
bald der zweite und dritte merklich länger als die übri-
gen. Farbe blassgrün ; auf der Scheibe einige rundlich
dunkelgrüne Flecken, auf der Oberseite der Arme breite
dunkelgrüne Querbänder, welche meist je 2 Schilder
einnehmen und um 3 — 5 Schilder voneinander abstehen;
zuweilen sind dieselben weiss umsäumt. Durchmesser der
Scheibe 3, Armlänge 18 Mill.
Südchinesische See, zwischenSingapore
und Bangkok, in 8^ nördl. Breite, 105^ östl.
Länge, aufgefischt (Berl. zool. Mus. 1729).
Ophiactis incisa n. sp. Scheibe zwischen den Armen
in stumpfen Winkeln ausgeschnitten, so dass der kleinere
Halbmesser ^4 des grössern beträgt. Die Stacheln auf
dem Scheibenrücken keulenförmig, 2 — 3mal so lang als
dick. Radialschilder gekörnt, gegen die Peripherie zu
paarweise sich berührend, im grössern Theil der Länge von
einander getrennt. Je zwei Mundpapillen jederseits in
jeder Mundspalte. Die Mundschilder bilden keinen zu-
Die Ophiuriden des indischen Oceans. 249
sammenhängenden Kreis. Fünf Arme, die Schilder ihrer
Oberseite gekörnt, durchschnittlich doppelt so breit als
lang, ihr adoraler Rand gerade, der aborale nur in der
Mitte etwas convex. Schilder der Unterseite der Arme
ebenfalls gekörnt, so lang wie breit, mit halbkreisförmi-
gem aboralem Rand, gegen die Spitze der Arme zu
sechseckig. Armstacheln je 7, stumpf und breit, von oben
nach unten plattgedrückt, die obern so lang wie die Rük-
kenschilder, die untern etwas kürzer. Eine Tentakel-
schuppe. Scheibe oben schwärzlich grün mit helleren
Flecken am peripherischen Ende der Radialschilder, unten
blass gelblich; Oberseite der Arme mit spärlichen un-
regelmässigen helleren Fecken, Armstacheln einfarbig.
Scheibendurchmesser 6, Armlänge 30 Millimeter.
Singapore und ßatjan (Berl. zool. Mus. 1838
und 1731); Java, Jagor im Berl. Museum (1754). Chinesi-
sche See in S^ Nordbreite und einer Tiefe von 40 Faden
aufgefischt (Berl. zool. Mus. 1830).
Ophiactis Savignyi M. Tr. (Ophiolepis) Descr. Eg. 2,
4, 5. Rothes Meer?
Ophiactis fragilis Ljungman. Gesellschafts- und
Freundschafts-Inseln.
Ophiactis carnea Ljungman. Port Natal, Wahlberg.
Ophiacantha Indica Ljungman. Zwischen Batavia
und Singapore, Kinberg.
Ophiomyxa brevispina n. sp. In einer von Hrn. v.
Rosenberg auf Amboina zusammengebrachten Sammlung,
welche im Uebrigen einige der bekannteren Arten des
Archipels enthält, finde ich eine Art dieser Gattung,
welche bei grosser Aehnlichkeit mit derjenigen des Mit-
telmeers sich dadurch unterscheidet, dass die Stacheln,
von der Wurzel der Arme an nur vier in jeder Reihe,
so kurz sind, dass sie nicht einmal bis zum Ansatz der
nächsten Reihe reichen, sowie dass sie glatt und stumpf
sind; die Form der Mundschilder, welche der sie überzie-
henden Haut wegen ohne Verletzung des einzigen Exem-
plars schwer zu erkennen ist, scheint mehr breit als lang
zu sein. Alle Mundpapillen sind mit einem dünnen wie
glasartigen vielfach ausgezackten Saume versehen. Farbe
25U V. Martens:
des Spiritusexemplars schmutzig dunkelbraun mit helleren
Flecken auf dem Scheibenrücken und Ringbändern auf
den Armen; Unterseite blass, nur die zwischen den Ar-
men liegenden Scheibentheile der Unterseite so dunkel
wie der Rücken. Durchmesser der Scheibe 20, Armlänge
91 Mill. (ßerl. zool. Mus. 1513).
Vielleicht ist die von Lütken, additara. III. S. 45
(27) in der Note kurz erwähnte Ophiomyxa von den
Fidji-Inseln dieselbe Art.
d) Ophiocomidae.
Ophiocoma Valenciae M. Tr. Rothes Meer, Lord
A^alencia. Aden, Portier; Zanzibar, Lyman; Mossambique,
Peters; Port Natal, Wahlberg. Samoa- und Fidji-Inseln
Gräffe.
OphioGorna scolopendrina Lam. M. Tr. Rothes Meer,
Ehrenberg. Zanzibar, Lyman und v. d. Decken (Berl.
Museum 1828). Mossambique, Peters. Nikobaren, Behn.
Indischer Occan, Sah Müller, ßankastrasse, Brandt im
Berliner Museum (Nr. 1844) Sing apo re, Pulotikus bei
Benkulen (Sumatra), Palabuan (an der Süd Westküste
Javas), Laren tu ka (auf Flores), Timor undAmboina
V. Martens ; Batavia und Mambulao auf Luzon, F. Jagor
(Nr. 1619, 1618, 1616, 1603, 1617) Neuguinea und Kings-
mill*Inseln, Lyman. Samoa-Gruppe, Ljungman und Gräffe.
Fidji-Inseln Gräffe.
Ophiocoma erinaceus M. Tr. Rothes Meer, Ehren-
berg. Zanzibar, Lyman; Mossambique, Ljungaian. Ile
de France, Michelin (Oph. nigra). Seychellen , Pariser
Museum. Mambulao auf Luzon, F. Jagor (1737). Zam-
b o a n g a auf Mindanao, Ternate, BatjanundAmboina
V. Martens. Kingsmill-Inseln, Lyman ; Fidji-Inseln, Gräffe;
Samoa-Gruppe, Ljungman, Gräffe. Otaheiti, Lütken. Sand-
wich-Inseln, Lyman.
Diese beiden Arten sind nahe unter sich sehr ähnlich
undnicht immer leicht von einander zu unterscheiden. Von
Flores und Timor habe ich Exemplare von scolopendrina
mitgebracht, welche auf der Oberseite beinahe ganz schwarz
sind, wie erinaceus. Auf Timor habe ich umgekehrt ein ganz
blassbraunes Exemplar von scolopendrina gefunden. Die
Die Ophiuriden des indischen Oceans. 251
Unterschiede in der Form der Armschilder, sowie ob die obe-
ren, stets dickeren und stumpferen Armstacheln etwas mehr
oder weniger länger sind, als die untern, sind sehr fliessend.
Selbst die Anzahl der Ambulakralschuppen wechselt bei
demselben Exemplar an demselben Arme; in der Regel
sind zwei vorhanden, oft aber auch stellenweise nur
Eine. Ophiocoma Schönleinii, M. Tr. von Celebes, aus
der Schönlein'schen Sammlung, unterscheidet sich von
erinaceus nur dadurch, dass an den Armen, soweit sie
nicht der Scheibe noch angehören, nur Eine Ambula-
kralschuppe vorhanden ist; eine ähnliche ebenfalls ein-
farbig schwarze mit je nur Einer Schuppe habe ich von
Zamboanga mit der ächten erinaceus, aber bei derselben
sind die untern Armschilder quadratisch mit abgerundeten
Ecken, während sie bei erinaceus und Schönleinii etwas
breiter als lang sind, freilich auch nur im ersten Theil
der Arme, während sie gegen die Spitze zu ebenfalls qua-
dratisch werden; endlich zeigt jene abweichende Form
von Zamboanga auch radial gestellte Anschwellungen
auf der Scheibe. Trotzdem möchte ich weder diese noch
Schönleinii von erinaceus trennen. Ophiocoma Wendtii
M. Tr. scheint mir dagegen nach dem Orginalexemplar
mit der westindischen Riisei Lütk. identisch.
OpJnoco7na alternans m. Durchmesser der Scheibe
zum Durchmesser der Arme =1:6. Scheibe oben
gleichmässig gekörnt, die Interbrachialräume an den Seiten
etwas eingezogen. Mundschilder breiter als lang. Rücken-
schilder der Arme breiter als lang, abgestutzt herzförmig,
nach dem adoralen Rande zu verschmälert, ihr aboraler
Rand schwach convex. Bauchschilder der Arme nahezu
quadratisch, an den Seiten etwas eingezogen. Stacheln
an den Seiten der Arme wechselnd zu drei oder vier,
indem der oberste unter den vier, welcher zugleich der
bei weitem längste und stärkste ist, 3mal so lang als die
Breite der Armschilder, in der zweiten, vierten, sechsten
Reihe spurlos fehlt, öfter auch in zwei Reihen hinterein-
der, so dass erst die dritte wieder vier hat. Die drei
andern Stacheln nehmen von oben nach unten unbedeu-
tend an Länge ab ; zuweilen, namentlich gegen das Ende
252 V. Mart ens:
der Arme liin^ fehlt auch einer von ihnen. Eine Schuppe
am Tentakelporus.
Färbung schwarz und weisS; Rücken der Scheibe
schwarz, mit mehreren weissen Flecken in der Nähe der
Mitte. Unterseite weiss, die Mundschilder in ihrem mitt-
leren Theil schwärzlich, wie bei 0. scolopendrina. Rücken-
schilder der Arme dicht schwarz punktirt mit einem
grossen weissen Fleck am aboralen Rande ; zuweilen auch
an den Seitenrändern weiss ; selten ein kleinerer weisser
Flecken in der Mitte. Bauchschilder der Arme weiss.
Stacheln oft mit einem schwärzlichen Längsstrich.
Scheibe 7 Mill. im Durchmesser.
Palabuan an der Wynkoopsbai, an dem südwest-
lichen Ende von Java (1902).
Die nur abwechselnd vorkommenden, auffallend
grossen und dicken etwas keulenförmigen Stacheln erin-
nern an Ophiomastix, sind aber an ihrem oberen Ende
einfach.
Ophiocoma picta M. Tr. Herklots in ßydragen tot
de Dierkunde, 9. Lief. Taf. 5. Fig. 2. Java, Kühl und
Hasselt im Lejdner Museum.
Ophiocoma brevipes Peters Monatsberichte Berl.
Akad. 1851. p. 463. Troschel's Archiv f. Nat. 1852. p. 85.
Mossambique, Peters. Kingsmill-Inseln, Lyman ; Samoa-
und Fidji -Inseln, Gräffe (nach Lütken = squamata
Lam., M.Tr.)
Ophiocoma dentata Lütken (nicht der gleichnamige
von M. Tr. nach Ljungman). Nikobaren und Keeling-
Inseln.
Ophiocoma lineolata Desjardins M. Tr. Rothes Meer,
Ljungman. Ile de France, Desjardins im Berliner Mu-
seum. Java, Pariser Museum. Fidji-Inseln, Gräffe; Kings-
mill und Sandwich-Inseln, Lyman; Gesellschafts -Inseln,
Ljungman. Nach Lütken würde zu dieser Art auch
O. pica M. Tr. gehören.
Ophiocoma ternispina n. sp. Scheibe dicht und sehr
fein granulirt, seitlich von den Armen leicht ausgebuch-
tet. Mundschilder 172nial so lang als breit, am adoralen
Ende abgestutzt, ihre grösste Breite nahe dem aboralen
Die Ophiuriden des indischen Oceans. 253
Ende, dieses Ende selbst aber wieder sehr schmal, schma-
ler als das adorale, nur eine schmale Brücke zwischen
den beiderseitigen Genitalspalten bildend. Keine Granu-
lation zwischen den Mundschildern und den Mundpapil-
len; diese über den Zähnen unregelraässig angehäuft.
Zahnpapillen in drei Reihen. Rückenschilder der Arme
doppelt so breit als lang, mit abgerundetem aboralen Rande.
Bauchschilder der Arme ungefähr so lang als breit, ihre
grösste Breite nahe dem aboralen Rande, welcher etwas
convex ist; Seitenränder schwach eingebuchtet, Armsta-
cheln jederseits in drei Reihen, nur ganz nahe der
Scheibe stellenweise in vier, doppelt so lang^ als die
Rückenschilder der Arme, die obern etwas kürzer und
dicker. Zwei Schuppen am Tentakelporus.
Farbe (in Spiritus) hellbraun. Oberseite der Scheibe
einfarbig, Rückenschilder der Arme mit zwei schwarzen
oder durkelbraunen Flecken am adoralen Rande, welche
gegen die Mitte des Schildes zu convergiren und sich
öfters bogenförmig verbinden; ausserdem in der Mitte
des aboralen Randes oft auch zwei kleine Flecken, wel-
che ebenfalls öfters nach der Mitte des Schildes zu sich
bogenförmig verbinden, so dass sie mit den vorhergenann-
ten eine Xförmige Zeichnung bilden können, deren abo-
rale Schenkel aber stets kleiner und näher beisammen
sind als die adoralen. Bauchschilder der Arme einfarbig.
Armstacheln mit 3 — 4 schwarzen oder braunen Ringen,
Mundschilder iäugs ihrer Mitte schwärzlich, an beiden
Seiten blass. Durchmesser der Scheibe 0,0175, Armlänge
0,056 Mm. Larentuka auf der Insel Fl eres (Berl.
Mus. 1815). Verwandt in Habitus und Färbung mit 0.
brevipes Peters, aber von diesem wie von den anderen
Ophicomen durch die geringere Anzahl der Reihen von
Armstacheln verschieden.
Ophiomastix anrmlosa Lam. M. Tr. Lütk. add. III.
p. 23 (41). Keeling-Insel und Nikobaren, Behn. Java, Leidn.
Mus. Auf Amboina, Larpntuka auf Flores und zu
Kupang auf Timor von mir gesammelt (1330, 1818,
1629). Ein kleines Exemplar von Timor, Scheibendurch-
messer 7 Mill., (die grössten von Amboina haben 18 Mill.),
264 V, Martens:
zeigt verhältnissmässig weniger Stacheln auf der Scheibe:
Radialschilder sind nicht zu unterscheiden. Obere Arm-
Schilder ungeführ so lang wie breit^ unten im Allgemeinen
etwas länger als breit^ einzelne aber auch nicht länger
als breit. Die obern Armstacheln etwas länger als die
untern und länger als die obern Armschilder. Ambula-
cralschuppeii meist einzeln.
Die Färbung dieser Art zeigt auf grauem Grunde
eine scharfmarkirte braunschwarze Zeichnung, auf dem
Scheibenrücken volle Flecken und Punkte, auf den Mund-
schildern je ein Viereck^ auf den unteren Armschildern
ein Viereck mit einem Funkt in der Mitte, auf den oberen
Armschildern mittelständige rhombische und seitliche
dreieckige volle Flecken, auf den Armstacheln Querbän-
der. Die Zeichnung in der Herklots'schen Abbildung
Bydragen tot de Dierkunde IX, 4, 1. weicht ziemlich da-
von ab.
Ophiomastix venosa Peters Monatsberichte Berliner
Akad. S. 83. Mossambique, Peters ; Zanzibar, Lyman.
Ophiarthrum elegcms Peters 1. c. p. 82. Mossambi-
quC; Peters; Zanzibar, Lyman. Auf Amboina und zu
Kupang auf Timor von mir gesammelt, frisch purpur-
roth (1334. 1626). Samoa-Inseln, Ljungman und Gräffe ;
Gesellschafts-Insoln ; Lyman. Fidji-Insein, Gräffe.
e) Ophiotrichidae.
OpMothrix.
a) Arten, deren Scheibe mit Stacheln oder C^'^lin-
derchen besetzt ist.
Ophiothrix longipeda Lam. , M. Tr. Herklots 1. c.
Taf. 7. Radialschilder gekörnt, x\rme sehr lang, etwa
20mal so lang als der Durchmesser der Scheibe, 6 Arm-
stacheln. Farbe der von mir auf Timor beobachteten im
frischen Zustand ziegelroth, in Spiritus hell violett. Sehr
zahlreiche (in Spiritus dunkelviolette) kleine Flecken auf
dem Rücken der Scheibe und der Arme, weit mehr als
auf der Abbildung angegeben. Rothes Meer, Ljungman.
Ile de France, Pariser Museum. Nikobaren, Behn. Sin-
gapore, Amboina, Timor und Zamboanga auf
Mindanao v. Martens (1757, 1332. 1500. 1649). Samoa-
Die Ophiuriden des indischen Oceans, 255
Inseln, Lyman und Gräfte; Fidji-Inseln, Ljiingman und
Gräfte ; Gesellschaft-Inseln^ Ljungman.
Ophiothrix triglochin M. Tr. Zwei- oder dreizackige
Fortsätze auf der Scheibe^ einzelne solche auch auf den
Radialschildern. 6—7 Armstacheln. Port Natal, Wahl-,
berg im Stockholmer und Berliner Museum (1558). Si-
monsbai am Cap, Kopenhagener Museum.
Ophiothrix striolata (Grube) Lütken add. III. p. 33.
(57) Chinesische See (Salmin), Neu- Guinea (Brandt) im
Kopenhagener Museum.
Ophiothrix elegans Lütken ebenda. Chinesische See,
Salmin.
Ophiothrix hirsuta M. Tr. Stacheln in den Inter-
radialräumen der Scheibe. Arme lang. Armstacheln zahl-
reich, bis 10, der oberste und die drei untersten kurz.
Blassgrau mit dunkler violetten Bändern, welche auf der
Scheibe radial verlaufen, auf den Armen Querbinden bil-
den und ausserdem mit zahlreichen dunkelvioletten Punk-
ten, die Stacheln blass. Rothes Meer, Hemprich und
Ehrenberg im Berliner Museum. Zanzibar, v. d. Decken,
ebenda (1635).
Lyman's Oph. Chenlyi, ebenfalls von Zanzibar,
scheint mir mit dieser Art zusammenzufallen.
Ophiothrix carinata m. Der vorigen verwandt, die
Scheibe mit stumpfen Cylinderchen besetzt, sowohl auf
den Radialschildern als im übrigen Theil. Mundschilder
breiter als lang, mit convexem aboralen Rande und ado-
raler Spitze, Genitiilspalten nur durch eine schmale Brücke
geschieden, wie bei O. hirsuta. Obere Armschilder mit
einem Längskiel in ihrer Mitte, ihr adoraler Rand
in eine Ecke vorspringend. Armstacheln zu fünf, glän-
zend, stark echinulirt, die beiden obern drei bis sechsmal
so lang als die Rückenschilder breit (bei hirsuta dreimal
so lang), die folgenden stufenweise kürzer. Farbe blass-
grau, der Kiel der obern Armschilder heller, jederseits
von einer dunkleren violetten Linie begleitet. Scheiben-
durchmesser 8, Armlänge 35 Mill.
Singopore, v. Martens (Berliner zoolog. Museum
No. 1752.)
256 V, Härtens:
Ophiothtix pitrpurea Martens, Monatsberichte d. Ber-
liner Akademie 1867. S.346.
Scheibe mit Ausnahme der 10 nackten dreieckigen
Radialschilder von zahlreichen stumpfen kurzen Stachel-
chen und von einer Interbrachialreihe langer spitziger
Stacheln, kürzer als die Armstacheln, besetzt. Mundschil-
der viel länger als breit, mondförmig, am pheripherischen
Rande eingebuchtet. Obere Armschilder regulär fünf-
eckig, die Spitze nach der Armspitze zu gerichtet und
die Basis des folgenden deckend. Untere Armschilder
durchschnittlich so breit wie lang, in der Mittellinie er-
haben, in der Mitte des aboralen Randes eingekerbt. Arm-
stacheln in drei Reihen, schwach echinulirt, die obersten
die längsten, 3 — 4mal so lang als die Rückenschilder
der Arme.
Die Radialschilder blass, mit dunkelpurpurnen Linien
eingefasst, welche somit auf der Scheibe einen zehnstrah-
ligen Stern und ein denselben umschreibendes Zehneck
mit concaven Seiten bilden. Mittellinie des Armrückens
ebenso dunkelpurpurn, und eine Querlinie gleicher Farbe
auf jedem Schilde desselben zwischen den Stacheln.
Obere Armstacheln heller purpurroth, die unteren und die
Stacheln der Scheibe weisslich.
Scheibendurchmesser 12, Armlänge 75 Mill.
Amboina, v. Martens. Drei Exemplare. Zoologi-
sches Museum in Berlin, No. 1331.
Ophiothrix viridialha v. Martens, Monatsberichte d.
Berl. Akad. 1867. S. 347.
Scheibe fein granulirt, mit nackten Radialschildern,
welche am äussern Ende etwas eingebogen sind, und mit
langen beweglichen Stacheln, denen der Arme ähnlich, in
zehn von der Mitte zum Rande ausstrahlenden Reihen, in
den den Armen entsprechenden Reihen minder zahlreich
als in den damit abwechselnden. Mundschilder breiter
als lang, dreiseitig mit abgerundeten Ecken, in der Mitte
vertieft. Obere Armschilder viereckig, länger als breit,
stumpf gekielt; untere so lang wie breit, mit stark con-
vexem aboralen Rande. Armstacheln stark echinulirt,
seidenglänzend, in 4 — 5 Reihen , v^erhältnissmässig lang,
Die Ophiuriden des indischen Oceans. 257
die obern 5— Gmal so lang als die Schilder des Armrük-
kens nnd doppelt so lang als die folgenden.
Scheibenrücken und Armstacheln weiss, letztere an
der Spitze schwarz. Rückenschilder der Arme lebhaft
grün. Unterseite blassgelb.
Scheibendurchmesser 10, Armlänge 38 Mill.
Chinesische See, in 40 Faden Tiefe, v. Martens.
Zwei Exemplare (zoologisches Museum in Berlin, No. 1499).
Verwandt mit der westindischen 0/?/?. Sue7isoniLm'
ken, aber durch die Anordnung der Stacheln auf dem
Scheibenrücken, die Form der obern und untern Arm-
schilder und die Färbung zu unterscheiden.
Ophiotltrix trilmeata Lütken additam. bist, ophiurid ,
dritter Theil 1869. S. 40 (58) Zamboanga (1840) Sa-
moa-Inseln im stillen Ocean, Godeffroy (1661).
b) Arten, deren Schale granulirt ist.
Ophiothrix punctoUmbata n. sp. Scheibe fünfeckig,
grob gekörnt, die Radialschilder von derselben Körne-
lung bedeckt, reichlich 2/3 des Radius einnehmend; die
Körnelung erstreckt sich auch auf die untern Theile der
Scheibe zwischen den Armen. Mundschilder rhombisch,
breiter als lang. Brücke zwischen den Genitalspalten
breit. Rückenschilder der Arme reichlich doppelt so
breit als lang, ihr aboraler Rand gerade oder wenig ein-
gebogen, der adorale nur halb so lang als der aborale.
Armstacheln fünf, die drei oberen so lang wie 2V2 Arm-
rückenschilder, stumpf, der vierte kürzer, der unterste
noch kürzer und viel dünner, Bauchschilder der Arme
quadratisch. Beiderlei Schilder der Arme gekörnt, die
Bauchschilder etwas gröber.
Färbung {m Spiritus) hell blaugrau, auf dem Schei-
benrücken dunkle Flecke, auf den Rückenschildern der
Arme der aborale und der adorale Rand mit dunkeln
Punkten gezeichnet; durchschnittlich je der dritte Schild
ganz oder halbseitig dunkelblau, sowohl an der Oberseite
als an der Unterseite der Arme. Mundschilder weiss.
Scheibendurchmesser 13, Armlänge 174 Mill.
Java, F. Jagor (Berl. zool. Mus. 1749).
Ophiothrix ciliaris M. Tr. Die Körnchen auf den
Archiv für Naturg:. XXXVI. Jahrg. 1. Bd. I7
258 V. Martens:
Radialschildern seltener. Armstacheln zu 5 — 6, haarförmig,
seidenglänzend, doppelt so lang als die Breite der Arme.
Aus dem indischen Ocean nach Ljungman.
Ophiothrix aspidota M. Tr. Radialschilder glatt. Arm-
stacheln zu 8 — 9, platt, die obern und mittlem zweimal
so lang als die Arme breit. Indischer Ocean (Celebes?)
aus der Schönlein'schen Sammlung im Berliner Museum.
Ophiothrix rotata n. sp. Radialschilder dreieckig,
gross, über 2/3 des Halbmessers der Scheibe einnehmend,
die interbrachialen Zwischenräume zwischen den Paaren
derselben nur wenig breiter als die brachialen Zwischen-
räume zwischen den beiden Radialschildern desselben
Paars ; alle Zwischenräume etwas mehr erhaben als die
Radialschilder, daher das Bild eines Rades mit 10 Spei-
chendarstellend; Radialschilder und Zwischenräume gleich-
massig granulirt. Unterseite der Scheibe zwischen den
Armen mit feinen Stacheln besetzt. Mundschilder beii-
förmig, der adorale Rand einen abgestutzten Winkel bil-
dend, der aborale stark convex. Genitalspalten breit, mit
bogenförmig divergirenden breiten Leisten an ihren En-
den und nur durch eine schmale Brücke von einander
getrennt. Obere Armschilder anderthalbmal so lang als
breit, ihr aboraler Rand leicht concav und anderthalbmal
so lang als der adorale. Untere Armschilder zunächst
der Scheibe nahezu quadratisch, weiterhin etwas länger
als breit, alle mit deutlich eingebogenem aboralen Rand.
Armstacheln zu 6 — 7, stark echinulirt, die obern fast
4mal so lang als die Arme breit, die untersten beträcht-
lich kürzer. Eine kurze Ambulacralschuppe.
Farbe blass violettgrau mit dunkelblauer Zeichnung :
auf dem Scheibenrücken einzelne dunkelblaue Punkte,
auf jedem Radialschild ein grösserer dunkelblauer Flek-
ken an der dem zugehörigen desselben Paars zugewand-
ten Seite. Von den obern und untern Armschildern ist
durchschnittlich je der dritte oder vierte dunkelblau, zu-
weilen folgen aber auch zwei blaue unmittelbar aufeinan-
der. Unterseite der Scheibe mit den Mundschildern und
die Armstacheln blass.
Scheibendurchmesser 7, Armlänge 35 Mill.
Die Ophiuriden des indischen Oceans. 259
Zamboanga auf Mindanao. Ein Exemplar (Berl.
zool. Mus. 1748).
Das der Madreporenplatte zugehörige Mundschild
ist merklich grösser, an den Seiten nicht eingebuchtet
und weiss, nicht wie die andern violett.
c) Arten, deren Scheibe beschuppt ist.
Ophiothrix nereidina Lam. M. Tr. Arme lömal so
lang als der Durchmesser der Scheibe, Armstacheln zu 7,
die mittlem länger als die Arme breit,
Ile de France und Singapore, Ljungman. Südsee,
Peron im Pariser Museum. Ophiothrix propinqua Lyman,
Kingsmill-Inseln.
Ophiothrix clypeata Ljungman. Ofvers. K. Vetensk.
Acad. Förhandl. Stockholm 1866. p. 163. Aehnlich der
folgenden, aber die Schuppen des Scheibenrückens mit
zerstreuten Körnchen bedeckt. Unterseite der Scheibe
nackt. Arme 4— 5mal so lang als der Scheibendurchmes-
ser. Singapore.
Ophiothrix cataphracta n. sp. Der Scheibenrücken
mit Schuppen besetzt, welche mehr oder weniger lanzett-
förmig sind und radiale Reihen bilden; vier solche Rei-
hen zwischen den Radialschildern, bei jüngeren Exempla-
ren nur zwei Radialschilder gross, ^/s ^^^ Scheibenhalb-
messers einnehmend, dreieckig, die zugehörigen dessel-
ben Paares durch eine Schuppenreihe getrennt. Weder
die Schuppen noch die Radialschilder granulirt. In
der Mitte der Scheibe kurze Stacheln. Unterseite der
Scheibe mit kurzen Stacheln besetzt. Mundschilder brei-
ter als lang , der adorale Rand eine vorspringende
Spitze bildend, der aborale Rand leicht convex. Die Ge-
nitalspalten hinter den Mundschildern durch eine schmale
Brücke getrennt, welche schmäler oder ebenso schmal
als die halbe Breite der Armschilder ist, und zwei pa-
rallele Leisten bildet. Die Arme sehr lang; die obern
Armschilder doppelt so breit als lang, mit geradem
adoralen Rand ; der aborale Rand ist meist in der Mitte
ein wenig eingebogen, im Uebrigen gerade und etwa
doppelt 30 lang als der adorale; untere Armschilder
260 V. Märten s:
granulirt, nahezu quadratiscli mit abgerundeten Ecken,
die der Scheibe zunächst liegenden etwas "breiter als
lang. Eine kleine schmale Ambulakralschuppe. Armsta-
cheln zu fünf oder sechs; der oberste klein und oft feh-
lend, die nächsten 6 — 8mal so lang als die Arme breit,
der unterste schlanker und kürzer.
Farbe hellviolett mit dunkelvioletter Zeichnung: die
Schuppen des Scitenrückens dunkclviolett eingefasst, auf
den Radialschildern dunkelviolette Radiallinien und nach
dem Seitenwinkel zu dunkelviolette Ringe. Auf jedem
Rückenschilde der Arme ein weisses dunkelviolett einge-
gefasstes Querband, welches dem adoralen Rande näher
liegt als dem aboralen. Die untern Armschilder in der
Mitte dunkler violett als an den Seiten. Armstacheln
blass mit einer dunkelvioletten Längslinie. Ambulakral-
schuppen weiss.
Scheibendurchmesser 16, Armlänge 240 Mill.
Singapore (Berl. zool. Mus. No. 1758).
Nahe verwandt mit den vorher genannten, aber bei
allen dreien sollen die Schuppen des Scheibenrückens
granulirt sein, bei propinqua überdies 5 — 7 Schuppen-
reihen in jedem Interbrachialraum zwischen den Radial-
schildern, bei clypeata die Unterseite der Scheibe nackt,
die Mundschilder anders gestaltet, die Arme kürzer, nur
4— 5mal so lang als der Scheibendurchmesser.
Ophiotltrix triloba n. sp. Scheibe eingeschnitten,
oben mit kleinen Schüppchen bedeckt. Radialschilder
gross, gebogen, zwei Drittel des Halbmessers einneh-
mend, die zwei zusammengehörigen eines Paares durch
mehrere Schuppenreihen von einander getrennt, ihr zuge-
wandter Rand concav. Das äussere Ende des Radial-
schilds erhebt sich ein wenig und bildet einen abgerunde-
ten Lappen, wie auch bei Oph. longipeda. Mundschilder
breiter als lang, Brücke zwischen den Genitalspalten sehr
schmal. Obere Armschilder anderthalbmal so breit als
lang, ihr adoraler Rand dreilappig. Armstacheln
zu 6, die drei obern länger, viermal so lang als die Arme,
breit, platt, die drei untern kürzer. Untere Armschilder
Die Ophiiiriden des indischen Oceans. 261
etwas breiter als lang, sechsseitig. Keine Ambulakral-
schuppe.
Oberseite der Scheibe und der Arme (in Spiritus)
violettblau, ziemlich gleichfarbig; das äussere Ende der
Radialschilder weiss, die Mundschilder ebenfalls weiss.
Die Mitte der obern Armschilder etwas dunkler, die mitt-
lere Spitze des aboralen Randes auffällig blass; untere
Armschilder weiss mit kleinen wenig zahlreichen blauen
Punkten. Stacheln weiss, einfarbig. Scheibendurchraesser
9, Armlänge 80 Mill.
Rothes Meer, von Dr. S teudn er gesammelt. (BerL
zool. Mus. No. 1750).
Die von Herklots als Ophiothrix serrata Kühl et
van Hasselt 1. c. pl. 8 gegebene Abbildung vermag ich auf
keine der von mir gesammelten Arten zu deuten. Die
sehr langen schlanken Arme erinnern an cataphracta, die
Abwechslung in der Färbung der Armstacheln passt aber
nicht und die Bedeckung des Scheibenrückens ist aus der
Abbildung nicht zu erkennen.
Ophiocnemis marmorata Lam., M. Tr. Lütken addit.
III. S- 21. (39.) Zanzibar, Lyman. Ceylon, von Reynaud.
Nikobaren, Behn, Neuholland, von Peron imPariser Museum.
Ophiocnemis obscura Ljungman. Ofvers. etc. 1867.
S. 333. Malakkastrasse, A. Westeröö im Stockholmer Mu-
seum. Java und Chinesisches Meer, Kopenhagener Mu-
seum. Fidji-Inseln, Gräffe.
Ophiogymna elegans Ljungman Ofvers. etc. 1866.
S. 163. Singapore und Hongkong, Stockholmer Museum.
Trichaster flagellifer Marteus. Siehe dieses Archiv
Bd. XXXII. 1866. S. 87. (Berl. Mus. 1283 und 1324.)
Astrophyton. „Indien" wird bei Müller und T ro-
se hei für zwei Arten als Vaterland genannt, A. verrucosum
Lam. und A. asperum Lam., ich habe aber bis jetzt im
engeren Gebiet des indischen Oceans keinen einzigen
speziellen Fundort einer Art dieser Gattung erfahren
können, noch auch selbst eine solche gefunden. Die Ab-
bildung von R u m p h, amb. rarit. Taf. 16, ist erst in Holland
von Hrn. D'Acquet seinem Werke beigegeben worden,
beweist also "nichts für das Vorkommen in Indien; der
262 V. Martens: Die Ophi urideu des indischen Oceans.
Text Rumphs spricht von zweierlei Medusenhäuptern;
eines davon gehört jedenfalls zu Coniatula, einer Gattung,
die auch ich mehrmals im indischen Archipel aufgefischt
habe; ob beide, wage ich nicht zu entscheiden, die Be-
schreibungen lassen sich auch auf Astrophyton beziehen.
Ein im Berliner Museum befindliches Exemplar von A.
verrucosum soll Lichtenstein vom Cap mitgebracht
haben; für A. asperum wurde neuerdings von S. A. de
Morales Westindien, speziell die Bai von Matanzas (Cuba)
als Vaterland angegeben. Die einzigen noch der indi-
schen Meeresfauna in weiterem Sinne angehörenden Fund-
orte von Astrophyton-Arten, die mir bekannt, sind Zan-
zibar (Astr. clavatum Lyman) und der südliche Theil des
rothen Meeres, wo Hr. Siemens unter 15^ N.Breite in
der Tiefe von 15 Faden ein Exemplar am Telegraphen-
kabel zwischen Suakim und Aden gefunden. (Berl. Mus.
1281.) Diese zwei Angaben machen denn doch das Vor-
kommen der Gattung auch im indischen Archipel nicht
unwahrscheinlich. Sonst ist sie hauptsächlich in den
nordischen Meeren, doch auch im Mittelmeer (A. arbo-
rescens), Westindien (muricalum u. a.), Californien (A.
Caryi Lyman), Panama (A. Panamense Verrill) und Chile
(A. Chilense Phil.)
Ich benutze diese Gelegenheit, um in Bezug auf die
vonLütken additam. IIL S. 47. (65) über Hemieuryale
gemachten Bemerkungen zu antworten, dass die von ihm
nach der Abbildung als Zähne gedeuteten Stücke die von
mir angegebenen Mundpapillen sind ; Zähne kann ich an
den zwei vorliegenden Exemplaren nicht sehen ; doch ist
die Mundöflfnung sehr klein, so dass man ohne Verlet'
zung keinen deutlichen Einblick in dieselbe erhält; A.
Agassiz, der die Exemplare hier angesehen, blieb auch
darüber zweifelhaft. Die ßadialschilder liegen kaum noch
auf dem Rücken der Scheibe, sondern vielmehr in den ■>
seitlichen Interbrachialräumen.
Heber ein neues Fanithier.
Von
Dr. R. A. Philippi
in Santiago.
Hierzu Tafel III. Fig. 1 und 2.
Von Faultbieren sind, so weit meine Kenntnisse
reichen, folgende Arten beschrieben :
a. mit nur zwei Zehen am Vorderfuss, Choloe-
pus 111.
1. Bradypus didactylus L.
b. mit drei Zehen am Vorderfuss, Pterygoidal-
knochen geschwollen, hohl, blasenartig, Brady-
pus sen. stric.
2. Er. crinitus Browne, tridactylus L., torquatus
111., von Guyana.
3. Br. afßnis I. E. Gray, nur der Schädel
bekannt, von Brasilien.
c. mit drei Zehen am Vorderfuss, Pterygoidal-
knochen zusammengedrückt, dünn, Arctopithe-
ces I. E. Gray.
4. Br. gularis Rüpp. (Ai ä dos brüle Buff.),
Bolivia nach Bridges.
5. Br. marmoratus I. E. Gray, die gemeinste
Art der englischen Sammlungen, Brasilien.
6. Br. Blainvillei I. E. Gray, tropisches Amerika.
7. Br. flaccidus I. E. Gray, Venezuela, Para.
8. Br. problematicus I. E. Gray, Para, nur das
Skelet bekannt.
264 Philippi:
Ueber die Unterschiede dieser Arten siehe I. E.
Gray Zool. Proceed. 1849. p. 65 sq. Gray gibt den
Namen Bradypus tridactylus ganz auf, indem er sagt,
die kurze Beschreibung, welche Linne von seinem Br.
tridactylus gegeben habe (Amoen. acad. p. 487), passe
am besten auf Br. crinitus Browne oder torquatus 111.,
Cuvier, Desmarest und die meisten französischen Au-
toren hätten aber alle zur Unterabtheilung Arctopithecus
gehörenden Individuen für eine Art gehalten, nämlich
für den Linne'schen tridactylus, und davon eine unbe-
stimmte Beschreibung gegeben, um alle darin einschliessen
zu können. Cuvier beschreibt im Regne animal ed. I.
p. 217 diese Art also: sa couleur est grise, souvent tache-
tee sur le dos de brun et blanc; plusieurs individus por-
tent entre les ^paules une tache d'un fauve vif, que tra-
verse une ligne longitudinale.
Burmeister führt in seiner systematischen Ueber-
sicht der Thiere Brasiliens vol. I. p. 265 sq. nur ßr.
torquatus 111. und Br. tridactylus Cuv. auf, und rechnet
zu letzterem als Synonym den Br. flaccidus Gray nach
den Ann. nat. bist. 2. ser. V. p. 215, welches Werk mir
nicht zugänglich ist, wogegen ihm Gray's Arbeit in
den Zool. Proceed. unbekannt gewesen zu sein scheint.
In einer Note p. 268 erwähnt er zweier andrer Arten,
die nördlich vom Amazonenstrom vorkommen, nämlich
9. Bradypus cuculliger Wagler. Isis 1831. p. 605. Marcgr.
bist. nat. Brasil, p. 221 und 10. Br. infuscatus Wagl.
ibid. p. 611. Von diesen Wagler'schen Arten hat Herr
Gray offenbar keine Kenntniss gehabt, und ist mir leider
deren Beschreibung ebenfalls unzugänglich, so dass ich
mich mit den kurzen Angaben bei Burmeister be-
gnügen muss, nach denen aber keine der Wagler'schen
Arten mit einer Gray'schen zusammenzufallen scheint,
es müsste denn Br. affinis oder Br. problematicus sein,
von denen Gray nur Schädel und Gerippe gesehen hat.
Bradypus cuculliger soll von Marcgraf bist. nat.
Brasil, p. 221 beschrieben sein, nach der Angabe bei
Burraeister; Gray sagt dagegen , Marcgraf gebe
p. 221 eine Copie der zweiten Figur von Clusius p. 373,
lieber ein neues Faulthier. 265
welche seinen crinitus (lUiger's torquatus) vorstelle. Die
Beschreibung, die Gray aus Marcgraf abschreibt, verstehe
ich nicht ganz ; vielleicht ist sie voller Druckfehler, aber
die Worte: „per colli longitudinem pilis jubae modo"
scheinen auf Br. crinitus zu passen. Dieser Br. cuculliger
nun hat einen schwarzen Scheitel und Nacken, einen
braungrauen, heller weisslich gefleckten Leib, und das
Männchen einen orangefarbenen Halskragen. —
Br. infuscatus ist „noch dunkler braun gefärbt, mit Reihen
heller Flecke in ähnlicher Weise geziert, und im Nacken
beim Männchen auch mit einem gelben, schwarz geran-
deten Fleck (soll das auch anzeigen, dass der Fleck
einen Halskragen bedeutet? Ph.), selbst der helle, steif-
haarige Gesichtskreis ist vorhanden, aber statt des schwar-
zen Nackens ist nur ein schwarzer ßackenstreif, breiter
als bei Br. tridactylus (flaccidus Gray) sichtbar.^ Ob
dieser gelbe Fleck von kurzen, weichen Haaren gebildet
ist, wie bei Br. gularis, ist nicht gesagt, aber wahrschein-
lich. Es ist nicht zu ersehen, ob diese Arten zu Arcto-
pithecus oder Bradypus sens. strictissimo gehören.
Das Museum von Santiago hat in diesen Tagen einen
männlichen Bradypus aus der Abtheilung Arctopithecus
erhalten, der ebenfalls einen gelben Nackenflecken besitzt,
aber in Färbung weder mit Br. gularis noch Br. cucul-
latus, noch infuscatus übereinstimmt. Sein Gesicht ist
mit ziemlich feinen anliegenden Häärchen bekleidet, die
um Mund- und Nasenöffnung grau, an den Backen und
der Stirn gelblich w^eiss sind, während ein braunschwarzer
Streifen vor dem Auge anfängt, von dort über das Ohr
sich fortzieht, und hinter demselben allmählich mit der
braunschwarzen Färbung des Nackens sich vermischt.
Seine Haare werden immer länger und steifer, je mehr er
sich dem jSacken nähert. Die Haare des Scheitels sind
braunschwarz, viel steifer und länger als die Gesichts-
haare, aber nicht so lang wie die Körperhaare, und dabei
nach vorn gerichtet, so dass sie wulstartig über die weisse
Stirn hervorstehen. Die Haare unter dem Kinn sind
hellbraun, und werden auf der Kehle allmählich länger
und dunkler. Die Körperhaare sind über zwei Zoll lang,
266 Philippi:
platt, bald weiss, bcald graubraun, so dass auf den Selten
und den Extremitäten ein etwas geschecktes Ansehn ent-
steht, wogegen Scheitel und Hinterkopf dunkelbraun ^ind,
welche Farbe allmählich najch hinten heller wird; am hell-
sten, fast weiss, ist die untere Seite des Bauches. Zwi-
schen den Schultern und fast bis zur Mitte des Rückens
erstreckt sich ein hellgelber Fleck, der von dicht anlie-
genden Haaren gebildet ist, in der Mitte einen schwarzen
Längsstreifen, und jederseits am Rande^ dicht an dem
langhaarigen Pelz drei runde schwarze Flecke zeigt. Die
ziemlich kurzen Haare dieses Fleckes sind sehr ver-
schieden von den langen groben, platten Borstenhaaren,
so wie von den w-eit längeren, weit feineren und wei-
cheren, senkrecht aufgerichteten Wollhaaren, welche über-
rall unter dem Borstenhaar stecken, und auf den hellen
Körperstcllen weiss, auf den dunkleren aschgrau sind.
— Jeder Fuss hat drei weisse, gleich lange Krallen.
Von Bradypus infuscatus scheint sich unsere Art
dadurch zu unterscheiden, dass der gelbe Fleck durchaus
nicht im Nacken sitzt, und nicht schwarz gerandet, die
Färbung auch nicht sehr dunkelbraun ist. (In meiner
Abbildung erscheint die Färbung in Folge des Schattens
dunkler als sie bei auffallendem Licht ist). Der gelbe
Rückenlleck unserer Art erinnert an Br. gularis Rüppel,
welche Art Gray a. a. O. also beschreibt: dunkel grau-
braun (meine Art ist grösstentheils hell graubraun) ; der
Rücken weiss gescheckt (unser Faulthier ist nur an den Sei-
ten und den Extremitäten etwas gescheckt), mit einem brei-
ten Fleck weichen, gelben Haares auf jeder Seite zwischen
den Schultern, (bei unserer Art ist ein einziger gelber durch
einen schwarzen Streifen getheilter Flecken). Auf diese
Unterschiedein der Färbung ist vielleicht nicht viel zu ge
ben, aber der Schädel ist sehr abweichend. Der
von Br. gularis hat „eine breite Stirn, und ist ziemlich
convex über dem hintern Theil der Augenhöhlen. Die
vordem Mahlzähne des Oberkiefers sind ziemlich lang.
Die Hinterseite des Unterkiefers ist concav ausgeschnit-
ten, und ihr unterer Winkel ist schlank und spitz vor-
gezogen. Die Vorderseite des Unterkiefers ist flach, ohne
Ueber ein neues Faulthier. • 267
kielförmig erhabene Naht." Dieser Schädel ist in Ca vi er
Rögne aniraal illustre Mammif. tab. 70. üg. 1 abgebildet. Der
Schädel unseres Faulthiers ist viel gestreckter und in der
Gegend der Schläfengruben auffallend eingedrückt; der
hintere Theil des Kopfes ist niedriger als der vordere vor
der Einsenkung; die vorderen Mahlzähne sind kürzer als
die folgenden ; die Hinterseite des Unterkiefers spitzwinklig
eingeschnitten. Der untere A\'inkel desselben ist eben-
falls spitz vorgezogen, und das Kinn ebenfalls flach, ohne
kielartig vorspringende Naht.
Ich muss es den Zoologen, denen ein reichlicheres
Material von ausgestopften Thieren, Schädeln und Lite-
ratur zu Gebote steht, überlassen zu entscheiden, ob das
eben beschriebene Faulthier wirklich eine besondere Art
ist, oder etwa durch Zwischenformen mit einer andern
zusammengehörig ist. Vorläufig habe ich es unter dem
Namen Bradypus ep}iip])iger im Museum aufgestellt.
Leider kann ich das Vaterland nicht genau angeben, da
das Thier indessen von einem nördlichen Hafen, Guaya-
quil oder Callao, lebend nach Santiago gebracht worden
ist, wo es bald starb, so ist es mir höchst wahrscheinlich,
dass dasselbe aus den Wäldern vom Ostabhang der Re-
publik Ecuador oder des nördlichsten Peru's stammt.
Vielleicht ist es das Faulthier, dessen Herr Flemming
als am Fluss Mira unmittelbar an der Küste des Stillen
Meeres lebend erwähnt. Siehe Ausland 1870 p. 65.
Die Dimensionen sind folgende : Länge von der
Schnauzenspitze bis zum After (mit dem Bandmaasse ge-
messen) 23 Zoll ; Länge der Arme von der Achselhöhle
bis zur Klauenwurzel 15 Zoll, Länge der Hinterbeine von
den Weichen an gemessen 9 Zoll; Länge der Klauen an
den Vorderfüs.sen 2 Zoll 5 Linien, an den Hinterbeinen
1 Zoll 11 Linien, beidemal mit der Krümmung gemes-
sen. Der gelbe Sattelfleck ist beinah 5 Zoll lang und
31/2 Zoll breit.
Santiago de Chile den 8. Juli 1870.
Nene Seesterue aus Chile.
Von
Dr. R. A. PMlippi
in Santiago.
Hierzu Taf. III. Fig. a, b, c.
1. GoniodisGus penicülatus Ph.
Die Gestalt ist fast die des Pentagrammes oder
Drudenfusses, doch sind die einspriogenden Winkel etwas
gerundet. Die Arme tragen jederseits 11— 12 Randplatten,
welche dicht gekörnelt sind. Die Papillen des Rückens
tragen auf der abgestutzten Spitze etwa ein Dutzend Pa-
pillen und erscheinen daher beinah pinselförmig ; fünf
solcher Papillen umgeben die Madreporenplatte, welche
kissenförmig gewölbt ist. Die untere Seite ist ganz und
gar mit Stacheln bedeckt. Die Platten, welche die Fur-
chen für die Füsse einfassen, tragen jede sechs ziemlich
kurze cylindrische Stacheln in drei Reihen, die übrigen
Platten je sechs bis acht kürzere und conische Stacheln.
— Der grosse Durchmesser, schräg von Spitze zu Spitze
gemessen, beträgt 1 Zoll 9 Linien oder 45 Mülim., der
der Scheibe, von einem einspringenden Winkel zum an-
dern, 1 Zoll oder 26 Millim.
Das Museum besitzt nur ein getrocknetes, von Dr.
Fr. Fonck bei Puerto Montt gesammeltes Exemplar,
welches hell braungelb ist.
Philipp] : Nene Seesterne aus Chile. 269
2. Asteracanthion clavaUim Ph.
Der Stern zeigt fünf stark verlängerte, cylindrische
Arme und verhält sich der Halbmesser der Scheibe zur
Länge der Arm.e wie 1 : 5 oder 5V2. Die Stacheln, Vielehe
auf den die Furchen für die Fusse einfassenden Platten
stehen, sind fast 2 Linien, 4 Millim. lang, wenig zusam-
mengedrückt, cylindrischer und feiner als bei A. auran-
tiacum Meyen; sie bilden zwei Reihen und stehen dicht
gedrängt. Die angrenzenden Stacheln sind kürzer, 1 Y2 Linie
(3 Milh'm.) lang, stärker^ nach der Spitze hin verbreitert,
und stehen bei weitem nicht so dicht wie bei der er-
wähnten Art, Auf dem Rücken kann man neun Reihen
Papillen unterscheiden; auf der mittleren stehen die Pa-
pillen am gedrängtesten, und trägt jedes Kalkplättchen
deren sechs bis acht in zwei Querreihen; die angrän-
zende Reihe trägt auf jedem Plättchen etwa drei, die in
einer schrägen Reihe stehen, die nächste zwei bis drei,
die folgende zwei, die vierte oder unterste ebenfalls ;
zwischen dieser untersten und der vorhergehenden ist
ein breiter, unbewehrter oder nur mit einer Reihe ent-
fernter Stacheln besetzter Raum. Ich brauche wohl nicht
besonders zu sagen, dass diese Reihen, die mittlere aus-
genommen, nicht immer regelmässig verlaufen, sondern
bisweilen, namentlich gegen die Spitzen der Arme, ver-
fliessen. Alle Papillen des Rückens sind nur eine, höch-
stens IV4 Linien lang und am Ende knopfiförmig, woher
ich den specifischen Namen genommen habe. Sie stehen
bei weitem nicht so gedrängt wie bei A. aurantiacura
Meyen, wo auch die Plättchen fast sämmtlicher Längs-
reihen zwei Querreihen von Papillen tragen. Die Scheibe
zeigt ein durch einfache Reihen von Papillen gebildetes
Netzwerk. Die Madreporenplatte ist mehr in die Augen
fallend als bei iV.^ aurantiaca; ihre Lamellen sind etwas
höher und anders vertheilt, allein dies lässt sich nicht
gut beschreiben. Die Pedicellarien sind sehr zahlreich
und zangenförmig.
Die Länge der Strahlen beträgt vom Mittelpunkt
bis zur Spitze 5 Zoll 11 Linien (152 Millim.), die Dicke
270 Philippi:
derselben am Ursprung 13 Linien (27V2 Millim.), der
Durchmesser der Scheibe 2 Zoll 8 Linien (70 Millim.).
Die Farbe des vorliegenden trocknen Exemplars
ist blass rothgelb. Dasselbe stammt aus dem südlichen
chilenischen Meere.
3. Aster acanthion fulvum Ph.
Diese Art zeigt ebenfalls fünf stark verlängerte all-
mählich zugespitzte Arme, und verhält sich der Halbmesser
der Scheibe zur Länge der Arme wie 1 : 472- Die
Arme erscheinen an den beiden vorliegenden trocknen
Exemplaren ziemlich plattgedrückt, mögen aber im Leben
rund gewesen sein. Die Stacheln, welche die Furchen
der Unterseite einfassen, sind zwar ebenfalls etwas platt-
gedrückt, aber feiner als bei A. clavatum, und ziemlich
zugespitzt; sie sind IV2 Linien lang. Die übrigen Stacheln
der Unterseite sind sehr dick, noch etwas dicker als bei
der genannten Art, und ebenfalls an der Spitze verbrei-
tert. Dagegen sind die Stacheln der Oberseite kürzer
und feiner als bei allen andern chilenischen Arten, das fol-
gende A. mite ausgenommen, und höchstens eine Linie
(2 Millim.) lang. Man kann ziemlich gut sieben Längs ^
reihen derselben unterscheiden ; die Plättchen der Mit-
telreihe tragen etwa 7 Stacheln in einer Querreihe, die
der beiden folgenden je drei oder selbst vier, und die
äussersten Reihen immer noch je zwei. Die Zwischen-
räume zwischen den Stachelreihen sind etwas breiter als
bei A. clavatum, aber weit schmaler als bei A. luridum
mihi (Archiv für Naturgesch. 1858. p. 265), und dem fol-
genden spectabile. Die Madreporenplatte ist von etwa
18 Stacheln umgeben. Die Balken des Centrums tragen
gedrängte Stacheln, ähnlich wac bei A. clavatum, allein
dieselben sind nicht den dritten Theil so dick, und nicht
knopfförmig, auch kürzer. Die Pedicellarien sind zahl-
reich und klein wie bei den verwandten Arten. — Die
Farbe der trocknen Exemplare ist ein ziemlich helles
Gelbroth.
Durchmesser der Scheibe 2 Zoll (51 Millim.), Länge
Neue Seesterne aus Chile. 271
der Arme 4 Zoll 7 Linien (117 Millira.). Von Dr. Fonck
bei Puerto Montt gefunden.
4. Asteracanthion spectabile Ph.
Wir finden ebenfalls fünf stark verlängerte, allmählich
zugespitzte^ halbcylindrische Arme, und ist das Verhält-
niss des Halbmessers der Scheibe zur Länge der Strahlen
wie 1 : 4V2. Die Stacheln, welche unten die Furchen
für die Füsschen einfassen, sind zwei Linien lang, kräftig,
zusammengedrückt, ähnlich wie bei A. clavatum« Die
übrigen Stacheln der Unterseite sind ebenfalls dick, etwas
zusammengedrückt, an der Spitze beinahe knopflPörmig
verbreitert, jedoch nicht so auffallend wie bei A. clavatum.
Sehr verschieden ist die Oberseite der Arme; sie zeigt
zwar auch neun Längsreihen von Stacheln, aber die
Plättchen der mittleren Reihe tragen nur vier bis fünf
Papillen, die in einer gebogenen Querreihe stehen, eine
Linie lang, ziemlich dünn, cylindrisch und abgestutzt
sind. Die beiden folgenden Reihen sind weniger regel-
mässig und deutlich, und tragen die Platten einer jeden
zwei solche Stacheln, die Plättchen der dritten Reihe
tragen nur einzelne Stacheln. Die Zwischenräume zwi-
schen den Stachelreihen sind daher sehr breit, fast so
breit wie bei A. luridum, wo indess die Piättchen aller
Längsreihen nur einzelne Stacheln tragen. Die Madre-
porenplatte ist von etwa 18 Stacheln umgeben, und die
Balken des Centrums tragen einzelne Stacheln. Die Pedi-
cellarien sind sehr zahlreich, und v.'ie mir scheint kleiner
als bei den verwandten Arten. — Die Farbe des trocknen
Exemplars ist ein dunkles, schmutziges Violet. Durch-
messer der Scheibe 2 Zoll 5 Linien (62 Millim.), Länge
der Arme vom Mittelpunkt an bis zur Spitze 5 Zoll
7 Linien (1471/2 Millim.).
Das Museum besitzt ein aus dem Meer von Chiloe
durch Herrn Carlos Juliet im Herbst 1870 mitge-
brachtes Exemplar.
272 Philippi:
5. Asteracanthion mite Ph.
Auch diese Art hat fünf schlanke, zugespitzte Arme,
und ist das Verhältniss des Halbmessers der Scheibe zur
Länge der Arme wie 1 : 5. Die Stacheln, welche die
füsschentragenden Furchen der Bauchseite einfassen, sind
IY2 Linien lang, sehr fein, fast cylindrisch ; die übrigen
Stacheln der Unterseite sind ebenso lang, aber zwei Mal
so dick und etwas zusammengedrückt. Dagegen sind
die Stacheln der Oberseite sehr kurz, fast bloss Körner
zu nennen , und wenn man auch 7 Längsreihen oder
Rippen annehmen kann, so stehen die Körner doch so
dicht, dass man diese Rippen oder Kanten schwer unter-
scheiden kann. Diese Körner sind von ungleicher Grösse,
und scheint auf jeder Platte ein ganzer Haufen derselben
zu stehen. Die Madreporenplatte hat einen fast glatten
Rand und ist ebenfalls nur von Körnern eingefasst. —
Die Farbe scheint im Leben leberbraun gewesen zu sein,
das trockne Exemplar ist hellbraun.
Der Durchmesser der Scheibe beträgt I372 Linien
(29 Millim.), die Länge der Strahlen 2 Zoll 8V2 Linien
(64 Millim.\
Auch diese Art ist wie die folgenden aus dem süd -
liehen Theil des chilenischen Meeres.
6. Äster acant?ao7i varium Ph.
Das Thier zeigt fünf fast gleichförmig dicke, nicht
allmählich zugespitzte Strahlen, und ist das Verhältniss
des Halbmessers der Scheibe zur Länge der Strahlen
wie 1 : 3. Die füsschentragenden Furchen der Unterseite
sind von einer einfachen Reihe cylindrischer, dünnen,
etwa eine Linie (2 Millim.) langen Stacheln bekleidet;
dann folgen auf jeder Seite zwei einfache Längsreihen
Stacheln, und zwar pflegt jedes Täfelchen der unteren
Reihe zwei Stacheln zu tragen, die stumpf und ebenso
lang wie die Randstacheln aber doppelt so dick sind,
während die Täfelchen der oberen Reihe nur einen ebenso
dicken aber kürzeren Stachel tragen. Die Unterseite
Neue Seesterne aus Chile. 273
ermangelt also gänzlich der dichten Stachelbekleidung,
welche die vorhergehenden 5 Arten zeigen. Auch der
Rücken ist sehr verschieden gebildet ; erzeigt fünf Reihen
Querbalken und ein Netzv^erk, dessen Maschen breiter
als lang, und in der Mitte der Strahlen etw^a anderthalb
Linie (3 Millira.) breit sind. Diese Balken tragen nur
hie und da einen kurzen dicken Stachel, den gewöhnlich
ein Kranz von drei bis vier kleinen Höckerqhen umgibt.
Am zahlreichsten stehen diese Stacheln auf der Spitze
der Strahlen. Dies Netzwerk von Balken ist von einer
dünnen Haut überzogen und daher weiss, während die
Maschen dazwischen dunkelbraun sind. Die Madreporen-
platte ist klein und von keinem Höckerkranz umgeben.
In den Maschen zwischen den Balken erheben sich flei-
schige Warzen, die man der Analogie nach für Athem-
organe halten sollte, die aber dieselbe Dicke und Ge-
stalt wie die Füsschen nur eine geringe Länge haben.
Die Pedicellarien sind wenig zahlreich fast nur am Ende
der Strahlen zu sehen.
Die Strahlen sind 17 Linien (36V2 Millim.) lang,
der Durchmesser der Scheibe beträgt etwa 10 Linien
(21 Millim.).
Wie aus der Beschreibung hervorgeht, weicht diese
Art sehr wesentlich von den fünf vorhergehenden ab,
durch den Mangel der zahlreichen Dornen der Unterseite;
die zwei Stachelreihen unten auf jeder Seite, die netz-
förmige, weitmaschige Struktur der Kalkbalken der Ober-
seite, und gehört mit der folgenden Art zu einer beson-
deren Gruppe.
Das Museum besitzt mehrere trockne Exemplare
dieser Art, welche ebenfalls in dem Meer von Chiloe
gefunden ist, und ein kürzlich von Herrn Carlos Julie t
mitgebrachtes Exemplar in Weingeist, welches eine Menge
Junge bewahrt. Es hat zu dem Ende den Rücken der
Scheibe fast beutelartig in die Höhe gehoben $, den
Ursprung der Arme genährt, und auf diese Weise einen
Brutsack gebildet, der indess weit offner als der Brut-
sack von Echinaster Sarsii ist. Die Jungen sind über
50 an der Zahl, in Gestalt eines Fünfecks von 1 Linie
i Archiv f. Naturg. XXXVI. Jahrg. 2. Bd. 18
274 Philippi:
Durchmesser und 72 Linie Dicke, unten stärker gewölbt
als oben. Es ist noch kein Mund, keine Furche für die
Füsse, kein Füsschen, kein Stachel zu sehen, und vom Cen-
trum der Unterseite entspringt ein IV2 — 2 Linien langer,
bei einzelnen Thieren wohl noch längerer Strang, der
das junge Thier an das Mutterthier befestigt, und den
man daher wohl Nabelstrang nennen kann, zumal wahr-
scheinlich das junge Thier auch durch denselben von der
Mutter seine Nahrung erhält. Wenigstens glaube ich
nicht, dass dasselbe sich durch blosse Absorption des
Meerwassers ernährt. Ich habe keine Zeit im Augen-
blick den Zusammenhang dieses Nabelstranges mit dem
mütterlichen Körper näher zu untersuchen. — Was nun
das Junge betrifft, so zeigt der Körper bereits den Beginn
der Bildung der Kalkplatten und Balken des Gerüstes,
die Spitze einer jeden Ecke oder der künftigen Arme zeigt
einen Kranz kleiner weisser Körner; ebenso finden sich
weisse Körner in einer Reihe am Rand des Sterns, andere
unregelmässig gestellte auf dem Rücken der Scheibe, und
auf der Bauchseite stehen andre, welche fünf regelmässige
Bogen bilden, die ihre convexe Seite dem Centrum zu-
kehren, und in der Spitze der werdenden Arme zusam-
menstossen. Siehe die Figur. Wirft man ein solches
Thierchen in Salzsäure, so lösen sich diese weissen Körn-
chen mit Brausen auf, so dass kein Zweifel über ihre che-
mische Natur sein kann.
Die Figuren a — c auf Tafel III zeigen ein junges
Thier des Asteracanthion varium, vergrössert, wie es
sich unter der Lupe gesehen darstellt.
Asteracanthion fulgens Ph.
Das Thier zeigt fünf ziemlich schlanke, walzenför-
mige, nur wenig zugespitzte Strahlen. Das Verhältniss
des Durchmessers der Scheibe zur Länge der Strahlen ist
wie 1 : 4. Die Struktur des Knochengerüstes und die
Stellung und Grösse der Stacheln sind fast dieselben wie
bei der vorigen Art, doch sind sämmtliche Stacheln der
Unterseite dünner und spitzer; die Stacheln der Ober-
Neue Seesterne aus Chile. 275
seite sind nocli weniger zahlreich, und die Spitze der
Strahlen ist oben so gut wie unbewehrt. In den Ma-
schen zwischen den Kalkbalken fehlen die grossen,
braunen, fleischigen, füsschenähnlichen Warzen des vori-
gen Seesterns.
^ Ich habe zwei Exemplare aus dem südlichen Meere
Chiles vor mir, von denen das eine schön puceauroth,
und stark glänzend ist. Der Durchmesser der Scheibe
beträgt 11 Linien (23 V2 Millim.), die Länge der Strahlen
fast 21 Linien (45 Millim.),
Deber den Sexiial-llnterschicd bei Neosilurus
brevidorsaiis.
Von
Troschel.
Man hat bei mehreren Gruppen von Fischen Cha->
raktere kennen gelernt, welche das männliche Geschlecht
von dem weiblichen äusserlich unterscheiden. Ich erin-
nere nur an die Bauchflossen der Haifische und Rochen,
an die Afterflosse der Cyprinodonten u. s. w.
Kner hat bei Gelegenheit, wo er auf die Sexual-
unterschiede bei der Gattung Callichthys aufmerksam
machte (Wiener Sitzungsberichte XL p. 138. 1853), den
Nachw^eis derselben bei den Fischen für wichtig erklärt,
weil die Nichtbeachtung zu systematischen Irrthümern
führen kann.
Ich will hier ein Beispiel erwähnen, das mir noch
nirgend notirt zu sein scheint.
Das Bonner Museum besitzt zwei Exemplare eines
kleinen Süuroiden, vom Cap York in Australien, durch
Hrn. Salm in in Hamburg erworben, die nach allen Merk-
malen mit Günther's Copidoglmiis brevidorsalis vom
Cap York übereinstimmen.
In demselben Jahre (1867), w^o Günther seine neue
Art in den Annais and magazine of natural history XX.
p. 66 beschrieb, hatte Steindachner eine neue Qr^i-
tung Neo Silur US in den Wiener Sitzungsberichten p. 14
nach einem neuen Fisch gegründet, den er N. Hyrtlii
nennt, und der von Rockhampton stammte. — Günther
Troschel: Ueb. d. Sexual-Unterschied b. Neos, brevidorsalis. 277
erwähnt schon a. a. 0. , dass Neosilurus Hyrtlii Steind.
mit seiner Art offenbar nahe verwandt sei, und Stein-
dachner selbst beschrieb ebenfalls in demselben Jahre
(1867) in den Wiener Sitzungsberichten Günther's Co-
pidoglanis brevidorsalis als zweite Art seiner Gattung
Neosilurus.
Dass unser Fisch dieser Neosilurus brevidorsalis ist,
darüber kann nicht der mindeste Zweifel sein. Ich er-
wähne dieses Fisches hier wiederum, weil das eine mei-
ner beiden Exemplare wohl entwickelte Bauchflossen hat,
wie sie von Günther und Steindachner beschrieben
werden, während das andere der ßauchflossen gänzlich
entbehrt.
Der Mangel der Bauchflossen ist früher als ein sehr
wichtiger Charakter für die Systematik verwendet worden,
namentlich um die ^ßilacopterygii apodes von den Mala-
copterjgii abdominales zu trennen. Dies hat auch J. Mül-
ler noch anerkannt, indem er seine Ordnung Physostomi
in abdominales und apodes spaltete, und wir werden auch
heute noch diese Unterscheidung anerkennen müssen. Dass
andererseits der Mangel der Bauchflossen nicht überall
als ein so wichtiger Charakter auftritt, dafür giebt es
zahlreiche Beispiele unter den Teleostiern. So fehlen sie
bei Stromateus den erwachsenen Individuen; sie fehlen
gänzlich der Carangiden-Gattung Paropsis, bei der Gat-
tung Xiphias, ferner bei Aphanopus aus der Familie Tri-
chiuridae. Es ist vielleicht bemerkenswerth, dass alle diese
Beispiele in die Cuvier'sche Familie der Scombroiden
fallen. Dann sind Gattungen ohne Bauchflossen: Oxuder-
ces, woraus Günther eine eigene Familie bildet, Cera-
tias unter den Pediculaten, Cebidichthys, Dictyosoma, Ne-
mophis unter den Blennioiden, eine Familie, die ohnehin
durch Verkümmerung der Ventralen ausgezeichnet ist,
Comephorus, woraus Günther eine besondere Familie
macht, Channa aus der Familie Ophiocephalidae, Rhyn-
chobdella und Mastacembelus, welche die Familie Masta-
cembelidae bilden. — Unter den Müller'schen Anacan-
thini fehlen die Bauchflossen bei Gymnelis und Uronectes
aus der Familie Lycodidae, bei Fierasfer, Encheliophis,
278 Troschel:
Ammodytes und Bleekeria aus der Familie Opbidiidae.
— Unter den Physostomi abdominales fehlen die Bauch-
flossen ; in der Familie der Siluroiden der Gattungen
Astroblepus und Eremophilus, in der Familie Gymnar-
chidae bei der einzigen Gattung Gymnarchus^ in der Fa-
milie Cyprinodontidae bei Tellia und Orestias, in der Fa-
milie Heteropygii fehlen sie bei Amblyopsis zuweilen,
bei Chologaster immer , in der Familie Cyprinidae bei
Apua, in der Familie Notopteridae fehlen sie bei Noto-
pterus oder sind rudimentär.
In allen diesen Fällen, mit Ausnahme von Amblyopsis,
ist das Fehlen der Bauchflossen als generischer Charakter
benutzt worden. Notopterus fällt nicht ins Gewicht, da
die Bauchflossen hier überhaupt rudimentär sind.
Die beiden Exemplare unseres Neosilurus brevidor-
salis stimmen so völlig überein, däss an eine specifische
oder gar generische Trennung nicht zu denken ist. Ich
zweifle nicht, dass es sich hier um einen Sexualunter-
schied handelt, und es ist mir wahrscheinlich, dass das
Exemplar mit Bauchflossen ein Männchen , das ohne
Bauchflossen ein Weibchen ist.
Aus welcher Quelle Günther und S teind achner
ihre Exemplare bezogen haben, wird von ihnen nicht an-
gegeben, dass sie dieselben ebenfalls von Sa 1min be-
kommen haben mögen, ist mir nicht unwahrscheinlich;
möglich auch, dass Salmin seine Exemplare aus London
erhielt. Ich habe unsere Exemplare von ihm gegen Ende
des Jahres 1867 gekauft. — Wie viele Stücke Günther
vor Augen hatte, ist nicht gesagt, Steind achner giebt
jedoch ausdrücklich an: Zehn Exemplare von Cap York.
Es muss sehr auffallend gefunden werden, dass unter
seinen zehn Exemplaren kein einziges ohne Bauchflossen
war, wenn meine Vermuthung richtig ist, dass die Be-
sitzer von Bauchflossen die Männchen, die ohne Bauch-
tiossen die Weibchen sind. Oder sollten die Männchen
häufiger sein? Vielleicht die Weibchen zu gewissen
Zeiten mehr verborgen oder schwieriger zu fangen?
Ich habe beide Exemplare geöffnet, konnte aberj
leider nicht mit Sicherheit das Geschlecht bestimmen, da
Ueber den Sexual-Unterschied bei Neosilurus brevidorsalis. 279
die Geschlechtsorgane sehr wenig entwickelt sind. Bei
dem Exemplare ohne Bauchflossen war jedocL der Bauch
dicker, mehr gerundet als bei dem Exemplar mit Bauch-
flossen. Hinter dem After haben beide eine kleine Papille.
Die von Cuvier Valenciennes XV. p. 415 beschrie-
benen verästelten Anhänge hinter der GeschlechtsÖfFnung
sind bei beiden Exemplaren nicht vorhanden. Von sonstigen
Unterschieden zwischen beiden Exemplaren kann ich
nur angeben , dass die Bartfäden bei dem muthmasslich
männlichen Exemplare etwas länger sind als bei dem
weiblichen. Der Nasalfaden reicht beim Männchen bis
hinter die Rückenflosse, beim Weibchen bis zum Anfang
der Rückenflosse; der Maxillarfaden reicht beim Männ-
chen bis gegen das Ende der Brustflosse, beim Weibchen
bis zur Mitte der Brustflosse ; der äussere Faden des Un-
terkiefers reicht beim Männchen über die Brustflosse hin-
aus, beim Weibchen bis über die Mitte der Brustflosse;
der innere Faden des Unterkiefers reicht bis gegen das
Ende der Brustflosse, beim Weibchen bis über die Mitte
der Brustflosse. Uebrigens mag wohl die Länge der Fä-
den einigen individuellen Schwankungen unterworfen sein.
— Der Stachel der Dorsale ist beim Männchen am Vor-
derrande deutlich gezähnt, mit fünf Zähnen, beim Weib-
chen glatt, nur mit zwei sehr schwachen wenig bemerk-
lichen Zähnen versehen. Ganz ähnlich verhalten sich die
Stacheln der Brustflossen.
Ich habe mir auch die Frage vorgelegt, ob die Gat-
tung Neosilurus als besondere Gattung anerkannt zu wer-
den verdiene, und glaube sie bejahen zu dürfen. Gün-
ther zerlegt in Catalogue of the Fishes in the British
Museum die Gattung Plotosus Lacep. in die Genera Plo-
tosus, Copidoglanis und Cnidoglanis. Bei ihnen beginnt
die lange zw^eite Rückenflosse nicht fern von der ersten
und besteht von Anfang an aus deutlichen Strahlen, bei
Neosilurus dagegen ist die vordere Hälfte der zweiten
Rückenflosse durch eine Fettwulst ersetzt, an der sich
keine deutlichen Strahlen erkennen lassen, so dass der
eigentliche Strahlentheil derselben viel kürzer ist. Darauf
280 Troschel: Ueb. d. Sexual-Unterschied b. Neos, brevidorsalis.
bezieht sich der von Günther gewählte Name der Art
brevidorsalis.
Die Gruppe Plotosina zerfällt demnach in vier Ge-
nera, die sich in folgendes Schema bringen lassen :
I, Rückenflosse in ganzer Länge strahlig.
1. Gatt. P lotosus Gthr. Kiemenhäute ganz getrennt
und frei vom Isthmus, Kopf deprimirt.
2. Gatt. C opido g la7ii s Gthr. Kiemenhäute vorn
vereinigt, frei vom Isthmus, Kopf etwas comprimirt.
3. Gatt. Ciiidog lanis Gthr. Kiemenhäute an den
Isthmus angeheftet.
II. Rückenflosse nur in der hintern Hälfte strahlig.
4. Gatt. N eo s ilurus Steind.
Der Mangel der Bauchflossen im weiblichen Geschlecht
verleiht der Gattung Neosilurus einen erhöhten Werth.
Wenngleich der bestimmte Nachweis fehlt, dass
wir es hier mit einer sexuellen Verschiedenheit zu thun
haben, und namentlich, dass die Exemplare ohne Bauch-
flossen die weiblichen sind, nur auf einer Vermuthung be-
ruht, so habe ich doch nicht unterlassen wollen, auf die
Differenz aufmerksam zu machen. Vielleicht können
Günther und Steindach n er durch erneute Untersu-
chung ihrer Exemplare weiteren Aufschluss über die
Sache geben. Dass das Fehlen der Bauchflossen nur rein
zufällig, also monströs wäre, ist mir nicht denkbar.
Meine Exemplare haben gleiche Grösse. Das muth-
massliche Männchen ist 120 Mm., das Weibchen 115 Mm.
lang.
Bemerkungen über Anneliden des Pariser IHuseunis.
Von
Prof. Dr. Ed. Grnbe.
Die Annelidensammlung in den Gallerien des Jardin
des plantes ist ohne Zweifel eine der ansehnlichsten,
welche die Europäischen Museen aufzuweisen haben, und
schon deshalb von besonderem Interesse, weil man in ihr
die Originalexemplare von Savigny, Cuvier, Blain-
ville, Milne Edwards und Quatrefages vorzufin-
den erwarten kann. Diese Erwartung wird in der That
sonst ziemlich durchgängig befriedigt, was aber Savigny
betrifft, so musste ich zu meinem Bedauern vernehmen,
dass seine Sammlungen nie dem Museum übergeben sind,
und man findet gegenwärtig von den zu jener Zeit be-
kannt gewordenen Anneliden des Rothen Meeres mehr
in dem Berliner Museum, wohin sie durch Hemprich
und Ehrenberg gekommen sind, als hier, wo man nur
einige wenige antrifft. Die Familie, die überhaupt am
schwächsten vertreten ist, sind die allerdings oft schwer
zu erhaltenden und meist winzigen Syllideen, dagegen
haben die grossen Gattungen Polynoe Sav., Amphinome
ßrug. (s. Str. Aud. et Edw.), Chloeia Sav., Eunice Cuv.,
Diopatra Aud. et Edw., Nereis Cuv., Terebella L. Sav.
und Sabella L. Sav., wie auch die Gephyreen zahlreiche
und viele, anderen Museen fehlende Repräsentanten auf-
zuweisen.
In der Absicht, jene Originalexemplare kennen zu
282 Grube:
lernen, habe ich in den letzten Jahren der Pariser JSamm-
lung, die jetzt vollständig nach Quatrefages Histoire
naturelle des Anneies geordnet und aufgestellt ist, wie-
derholt einige Wochen gewidmet, und muss vor allem
auf's dankbarste die grosse Liberalität anerkennen, mit
welcher mir die Directoren der betreffenden Abtheilung,
früher Herr Professor La caze-D uthi ers, sodann Herr
Deshayes die Benutzung derselben gestattet haben: ich
bin mir bewusst, mich durch die grösste Vorsicht und
Sorgsamkeit bei der Behandlung so leicht verletzbarer
Gegenstände dieser Liberalität werth gemacht zu haben,
die für den sicheren Fortschritt der Wissenschaft so un-
entbehrlich ist.
Jene Wochen reichten freilich lange nicht zum
Durcharbeiten des reichen Materiales hin, indessen kann
die jetzige Lage der Dinge wenig Hoffnung erwecken,
meine Studien so bald wieder aufzunehmen, und ich will
daher die bis jetzt gewonnenen Resultate den Fachmän-
nern nicht länger vorenthalten. Was ich bieten kann,
ist theils eine Kritik mancher von Herrn Prof. Quatre-
fages geschaffener oder aufgenommener Gattungen, theils
eine vervollständigte Beschreibung mancher Ai'ten, deren
bisherige Darstellung mir nicht genügte, und der Nachweis
der Identität mehrerer mit anderen z. Th. schon früher
bekannten. Ich kann mich natürlich nur an die mit der
betreffenden Etiquette versehenen Anneliden halten, ohne
zu wissen, ob bei der Aufstellung und Etiquettirung der-
selben Versehen vorgefallen sind, wie dies bei einer so
ansehnlichen Sammlung wohl begegnen kann.
Ich wende mich zunächst an die Prüfung einiger
von Quatrefages aufgestellter oder aufgenommener
Gattungen :
Gattung Blaiimllea (Familie Lambrinel-ea).
Quatrefages Histoire naturelle des Anneies Tom. I.
p. 370.
Diese Gattung soll sich Von Nematonereis durch den
Mangel des Rückencirrus unterscheiden, vielleicht auch
durch die Anwesenheit von bloss einfachen Borsten. Ich
Bemerkungen über Annelid^^n des Pariser Museums. 283
habe sämmtliclic Exemplare von BL fihim und Bl. elonyata
untersucht, und finde ebensowohl Riickencirren als zusam-
mengesetzte und einfache Borsten neben einander, selbst
an den hinteren Rudern. Die Gattung ist also äusserlich
von Nematonereis nicht zu unterscheiden.
Gattung Notocirrus Schmd. (Fam. Lombrinerea)
Quatref. I. p. 368.
Wenn die Gegenwart eines Rückencirrus bei dem
Mangel von Augen und Fühlern für diese Gattung cha-
rakteristisch sein soll, ist der in der Sammlung allein
vorhandene N, margaritaceiis kein Beleg dafür, da der
sogenannte Rückencirrus nur eine sehr verlängerte Lippe
des Borstenköchers ist. Auch aus den Abbildungen der
von Schmarda (Neue Turbellarien, Rotatorien und An-
neliden 2. Hälfte) aufgeführten Arten vermag ich nicht
die Gegenwart eines Rückencirrus oder einer Kieme (wie
Schmarda sagt) zuerkennen.
Gattung Plioceras (Fam. Lombrinerea) Qf. L p. 380.
Die vorliegende Art Fl. euniciformis Qf. kann ich
nur für die von delle Chiaie beschriebene Nereis Par-
thenopeta halten , welche ich aus eigener Anschauung
kenne und die von A. Costa bereits 1844 zur Gattung
Halla erhoben ist*). Ehlers, dem dies ebenso wie mir
selbst entgangen war^ hat für dieselbe Gattung den Na-
men Cirrobranchia gebraucht und Lvsarete Kinbg. ist,
wie schon Claparede erwähnt, ebenfalls mit Halla
identisch. Der Kopflappen des vorliegenden Exemplars
ist so weit in das Mundsegment zurückgezogen, dass
man nur die Spitzen der drei Fühler erblickt. Quatre-
fages giebt fünf an und ich vermuthe, dass er die Sei-
tenränder der hinter derselben befindlichen Tasche für
zwei andere Fühler angesehen hat : sie sind ebenso braun
wie jene gefärbt.
Weiterhin begegnen wir (p. 382) der Nereis fLysi-
dice) Parthenopeia als fraglicher Art von Zygolobus. Diese
Gattung muss ganz eingehen, nachdem Ehlers nachge-
Annali d. Acc. d. Aspiranti naturalisti IL 1844 (Claparede).
284 Grube:
wiesen, dass die von mir dazu gerechneten Thiere , nichts
anderes als Arten von Lumbriconereis mit hervorgetrete-
nen Nackenwülsten sind *).
Flioceras multicirrataj die Qu atr efa ges als zweite
Art seiner Gattung Plioceraa aufzählt, wird von Cia-
parcde als eine Lysidice bezeichnet, die abweichend
von den andern Arten nicht drei sondern fünf Fühler
besitzt. Nach seiner Beschreibung und seineu Abbildun-
gen zu urtheilen möchte ich diese blassgrünliche 50 Mm.
lange Annelide für ein junges Exemplar von Eunice
fMarphysa) sanguimea halten, bei dem sich die Kiemen-
fäden noch gar nicht entwickelt haben oder vielleicht
höchstens als sehr kurze einfache Fädchen an einigen
Rudern vorhanden sind. Namentlich bestärkt mich auch
die Form der zusammengesetzten Borsten, welche Sä-
belborsten sind , in meiner Ansicht. Ich selbst habe
etwas grössere Exemplare von E. sanguineu gefunden,
bei denen die Kiemen theiis bloss einfache, theils ga-
biige Fädchen waren, während sie bei den grossen Thie-
ren fünf bis sechs Fäden bekommen.
Gattung Portelia (Fam. Nephthydea) Qf. I. p. 431.
x\ls Hauptunterschied der Gattung Portelia von Ne-
phthys wird die Anwesenheit von nur zwei Fühlern an-
gegeben, während Nephthys deren vier besitzt. Es sind
aber in derThat bei dem einzigen Exemplar von P, rosea^
welches die Sammlung enthält, auch vier Fühler zu er-
kennen, zwei jedoch sind nach unten umgeschlagen und
entziehen sich so dem Blick.
Dass Nephthys co^ca Fab., die Quatrefages, weil
Fabricius nur zwei Fühler angiebt, ebenfalls zu Por-
telia ziehen will, eine echte Nephthys ist, nehmen alle
übrigen und namentlich die mit der grönländischen Fauna
wohl bekannten Zoologen an, bei der Kleinheit jener Or-
gane können die unteren beiden leicht auch iiim entgan-
gen sein. Das Vorhandensein von zwei Analcirren be-
darf einer wiederholten Untersuchung. Fraglich ist, ob
^) Ehlers Borstenwürmer Abtheil. II. p. 380.
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 285
die Gattung Portelia überhaupt einzuziehen ist, da Kin-
berg auch eine Nephthydee mit bloss zwei Fühlern be-
schreibt, die P. (?) Qualrefagei.
Gattung Rhytocephalus Qf. IL p. 391. (Anhang der
Fam. Terebellea.)
Die einzige Art lih. ehraiichiatus, welche die Samm-
lung enthält, scheint mir eine Amphicteis, deren Kiemen
abgerissen sind, und ich glaube sehr wohl jederseits auf
dem Rücken des 3ten Segmentes noch die Stellen zu
erkennen, wo diese Organe gesessen haben. Quatre-
fage s giebt vier Segmente an, die bloss ein Bündel Haar-
borsten tragen, ich kann deren nur zwei erkennen, unter
dem Bündel des zweiten läuft ein schmaler Hautsaum
herab, der aber noch keine Häkchen trägt, darauf folgen
15 Segmente mit Haarborsten und Häkchen. Von der
Gattung Amphicteis ist sonst nichts im Museum vorhan-
den, und Q u atre fages daher keine Vergleichung mög-
lich gewesen.
Gattung fJncinochaeta Qf. H. p. 325. (Anhang der
Fam. Hermellea.)
Von dem Exemplar der allein vorhandenen Art U.
tnco7npleta führt Qu atre fages selbst an, dass es in
einem sehr schlechten Zustande, und ihm den Kopf zu
unterscheiden nicht möglich gewesen sei; er meint, dass
derselbe sich ganz zurückgezogen habe. Die Kiemen
oder vielmehr Girren, die er am Vorderende beschreibt,
und von denen er sagt, er habe ihren Ursprung nicht
ermitteln können , finde ich nicht. Ich halte Uncino-
chaeta für die hintere Hälfte einer grossen Terebella,
deren Haarborstenbündel bis zum Ende des Leibes fort-
gehen.
Gattung Oymnosoma Qf. H. p. 483. (Fam. Serpulea.)
Obwohl das Exemplar der einzigen Art, G. inerme,
auf welche diese Gattung begründet ist, seines bedenk-
lichen Zustandes wegen nur mit der grössten Vorsicht
untersucht werden dürfte, liessen sich die seitlichen ßor-
stenbündel, welche die Gattungsdiagnose in Abrede stellt,
an der hinteren Leibeshälfte sogleich erkennen: man
286 Grube:
sieht sie schon bei 8-fachcr Veigrösseriing auch an den
vorderen Segmenten, und zählt unter dem zusammenge-
setzten Mikroskop mehr als 14 äusserst dünne Borsten
in einem der hinteren Bündel. Die Kiemenfäden, deren
ich über 50 zähle, sind bis 19 Mm. lang und zum Theil
noch fast bis zur Spitze durch eine Membran vereinigt,
so dass der Ausdruck cirres branchiaux libres in der Gat-
tungsdiagnose, der übrigens in der Beschreibung der Art
selbst beschränkt wird, jedenfalls irre leiten muss. Der
Zweifel, den Herr v. Quatrefages wegen der Auf-
stellung dieser neuen Gattung ausspricht, ist nur zu be-
gründet: ich finde keinen Grund, weshalb das in Rede
stehende Thier nicht zu den Myxicolen gezählt werden
sollte.
Gattung Loiosiphon Dies.
In Beziehung auf diese Gattung erlaube ich mir auf
meine Auseinandersetzung über Loxosiphon und Cloeo-
siphon im Jahresbericht der Schlesischen Gesellschaft
für 1867. p. 47 zu verweisen. Die Charaktere, welche
bei Loxosiphon vorausgesetzt werden, treffen weder bei
L. elegans (Cham.) zu, welcher ein Aspidosiphon ist, noch
bei L. asper gilhmi Qf., welcher Aspidosiphon nahe steht,
dessen Nackenschild aber aus kalkabsondernden Drüsen
besteht (Cloeosiphon Gr.). Die Oeffnung, durch welche
der Rüssel sich einstülpt und der After liegen durchaus
ebenso wie bei Aspidosiphon, nicht davon abweichend,
aber beide Oeffnungen fallen nicht leicht in's Auge.
Was die Durchsicht der Arten anlangt, so bestimm-
ten mich bei der Wahl derselben zwei Gesichtspunkte :
einmal lag mir daran, von gewissen, namentlich umfang-
reichen, Gattungen sämmtliche Arten zu vergleichen, um
für manche schärfere Charaktere zu gewinnen, — dies
habe ich beinahe gänzlich bei den Gattungen Eunice Cuv.
und ßahella Sav., annährend nur bei Nereis Cuv., Neph-
thys Cuv., Clymene Sav. und TereheUa Sav. durchge-
führt — , andererseits bedurfte ich, um bei der Bestim-
mung meiner Ausbeute von der französischen Kanalküste
ganz sicher zu gehen, der Untersuchung einzelner Arten
aus sehr verschiedenen Gattungen. Ich musste mir sa
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 287
gen, dass, obwohl ich in St. Vaast, in St. Malo imd Ros-
eoff mit allem Eifer gesammelt, mir noch gar manches
entgangen sein konnte , manches auch wohl gerade an
diesen Orten und zwar zu Anfang des Herbstes nicht
vorkommt, was sich anderwärts oder zu anderer Zeit
findet, aber die so viel grössere Zahl der Species, die
Quatrefages von der französischen Oceanküste auf-
führt, konnte zum Theil auch daher rühren, dass einige
identisch mit anderen waren. Dies hat sich denn auch
wirklich bestätigt.
Polynoe Sav.
P. laevis Aud. et Edw. (Qf. I. p. 227.)
In zwei Exemplaren vorhanden. Das Originalexem-
plar von Audouin und Edwards von den Chansey-In-
seln (Glas 17b) ist leider nur in der grösseren Vorder-
hälfte vorhanden, 23 Ruderpaare umfassend, und hat we-
der mehr den unpaaren Fühler noch Rückencirren und
Elytren, so dass es zu einer eingehenden Vergleichung
mit verwandten Arten nicht benutzt werden kann. Die
Borsten des oberen Bündels stimmen eher mit der Ab-
bildung von P. oirrata Müll, als mit Laenilla glahra Mgn.
noch weniger aber mit L. alba Mgn. überein, bei welcher
Malmgren P. laevis fraglich als Synonym aufge-
führt hat.
Das andere Exemplar (Glas 17a) aus Boulogne, 16 Mm.
lang, 7 Mm. mit den Borsten und 3 Mm. ohne Ruder breit,
besitzt nicht 14, sondern 15 Paar Elytren (doch ist die löte
nur auf der einen Seite erhalten und sehr durchsichtig)
und stimmt in der nach hinten sehr verjüngten Form
des Leibes, in der Beschaffenheit der Rückencirren und
Elytren mit Evarne impar Johnst, Mgn, überein, doch ist
der unpaare Fühler entschieden länger als die äusseren.
Der linke Aftercirrus ist auffallend lang, 4 Mm., so lang
als die 12 hintersten Segmente, von denen die letzten
10 reproducirt und noch kurz sind, der rechte ist abge-
brochen.
P. floccosa Sav. (Qf. I. p, 236.)
Quatrefages glaubt diese hauptsächlich durch
288 Grube:
die 16-Zahl der Elyhenpaare und die weisse Farbe des
Leibes cbarakterijjirte Polynoe, bei St. Vaast wiederge-
fuiiden zu haben, dann ist aber das in der Sammlung un-
ter diesem Namen aufgestellte Exemplar wohl nicht das
scinige, da nach Quatrefages 40 bis 42 Segmente und
16 Paar glatte, am Rande ungefranzte Elytren vorhanden
sind, jenes Exemplar aber nur 39 Segmente und 15 Paar
am Aussenrnnde gefranzte Elytren besitzt : sie sind sehr
derb, bräunlich-feinpunktirt, abgerundet quadratisch oder
schief und länglich gerundct-dreieekig und Savigny
selbst konnte über die Beschaffenheit der Elytren bei sei-
ner P. ßoccosa gar nichts sagen, da sie abgefallen waren.
Ich fand auch den Leib fleischroth, nicht weiss, auf dem
Rücken zeigten die Segmente ein vertieftes queres Oval.
Die Rückencirren waren mit Fädchen besetetzt. Die Bor-
sten des oberen Bündels unregelraässig fächerartig aus-
gebreitet, die längsten ebenso lang als die des unteren
Bündels, und beide von der Beschaffenheit wie bei P.
cirratüy so dass ich glauben möchte, hier ein Exemplar
dieser Art vor mir zu haben, und jedenfalls ein Versehen
in der Etiquettirung annehmen muss.
P. foliosa Sav. Qf. I. p. 252. St. Vaast.
Der Grösse nach kann das im Glase 31c vorhandene
Exemplar, das 27 Mm. misst, nicht dasjenige sein, das
Savigny vor sich gehabt hat, und dem Fundort nach
auch nicht dasjenige, nach welchem Audouin und Ed-
wards diese Art beschrieben haben, doch stimmt es mit
ihrer Beschreibung gut überein. Malmgren führt die
P. foliosa obgleich fraglich als ein Synonym bei P. ge-
latinosa iSars {Alentia gelotinosa Mgn.) auf. Die Unter-
suchung des vorliegenden Exemplares lässt keinen Zwei-
fel darüber; die Zahl der Elytrenpaare ist 18, sie sind
durchsichtig , auffallend weich, am Rande etwas buchtig
und gerunzelt, bleichfleischfarbig, glatt, ungefranzt, Fühler
und Cirren glatt, die Borsten des oberen Bündels unge-
mein dünn, die des unteren dagegen sehr breit und beide
von der Beschaffenheit wie sie Kinberg abbildet*).
') Fregatten Eugeiiies Resa Aunulata Taf. XI. Fig. 26.
i
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 289
Die Fühler waren leider bis auf den äusseren der rechten
Seite abgebrochen, doch erkannte man noch die Stellung
der drei mittleren an ihren Grundgliedern, dass nämlich
die paarigen derselben etwas nach aussen und hinten von
dem unpaaren und dicht neben ihm entspringen (Anten-
nae una cum tentaculo ex antica perte angustata lobi ce-
phalici productae Mgn.). Hiernach müsste wohl der äl-
tere Name P. foliosa für diese Art beibehalten werden.
Die übrigen Gläser unter der Nummer 31 enthalten nicht
P. foliosay sondern wie mir scheint P. oirrata.
P. 7iuda Qf. aus dem Rothcn Meer.
Diese Polynoe, welche in zwei Exemplaren vorhan-
den ist und deren Beschreibung ich in dem grossen An-
nelidenwerke von Q ua tr efage s nicht finden kann, in-
teressirte mich ins besondere wegen der grossen Aehn-
lichkeit mit meiner Foly7ioe elegans, die Malmgren zu
einer besonderen Gattung Lepidasthenia erhoben hat.
Es ist eine von jenen langgestreckten Polynoen, deren
Elytren aber wohl bis zu den hintersten Segmenten
fortgehen — das Endsegment und vielleicht noch ei-
nige vor ihm fehlen auch dem grösseren der beiden
Exemplare, welches bei einer Länge von etwa 84 Mm.
und einer Breite won 7,5 Mm. (mit den Borsten) 88 Seg-
mente besitzt, von dem andern Exemplar existirt bloss
eine Vorderhälfte, an der aber alle Fühler und grössten-
theils auch die Elytren erhalten sind, die an dem erster-
wähnten in der vorderen Partie abgefallen und erst vom
26sten Segment an erhalten sind. Die Elytren, deren Ite
den Kopflappen ganz bedeckt und 2 Mm. misst, und de-
ren 6te auf Segment 11 fast noch dieselbe Grösse hat,
werden von da ab kleiner und sinken auf den Segmen-
ten hinter dem 26sten auf 1 Mm. im Durchmesser, ein
Unterschied, der bei P. elegans in ähnlicher Weise statt-
findet: auch sind wie hier die vorderen breitoval, die
übrigen kreisrund, alle aber glatt, hyalin oder bräunlich
und glattrandig und die Mitte des Rückens bleibt frei.
Ihre Vertheilung folgt demselben Gesetz, so dass sie bis
Segment 33 (mit der bekannten Ausnahme am 4ten und
5ten Segment) immer ein Segment, von da an immer
Archiv f. Naturg. XXXVI. Jahrg. 2. Bd. 19
290 Grube:
zwei überspringen , nur einmal selie ich hier eine Unre-
gelmässigkeit; da das 26ste, 28ste und 31ste Elytren tra-
gen, dann erscheinen sie gleichmässig fortgehend auf
Segment 34, 37 u. s. w. Eine Eigenthümlichkeit der
Elytren ,von P, 7iuda ist noch, dass sie eine geäderte
Zeichnung besitzen, welche von einem mittleren Stämm-
chen auszugehen pflegt: dieses Stämmchen entspringt von
der weit nach dem Aussenrande liegenden Insertions-
stelle der Elytreu, wenigstens an den breit ovalen Ely-
tren. Die Färbung des Rückens zeigt ähnliche Abwechs-
lung der Zeichnung durch Querbinden, wie bei F. ele-
gans, indem einzelne Segmente oder, wie an der hinteren
Leibeshälfte, wenigstens ihre Ruder weiss sind; bei den
übrigen ist der Rücken mitten weisslich, jederseits dun-
kelbraun mit weissen Pustelchen besetzt und diese Fär-
bung setzt sich seitlich in einer schmalen Zacke von etwas
blasserer Farbe bis zur Insertionsstelle der Elytren und
der Rückencirren fort. Ein bestimmtes Gesetz, nach dem
jene 'weisse Färbung der Segmente oder ihrer Ruder
auftritt, ist nur vorn ausgesprochen, indem vom 8ten Seg-
ment an gerechnet, jedes 4te Segment ein weisses ist,
also Segment 8, 12, 16, 20, 24 : dahinter geht es w^eni-
ger regelmässig zu, zwar pflegen immer je zwei weisse
oder weissruderige Segmente beisammen zu liegen, aber
die Zahl der dazwischengeschobenen ist nicht dieselbe:
sie wechselt von 1 bis 4 und zuweilen tritt auch ein
einzelnes weisses Segment auf. So sind z. B. das 25ste,
30ste und 31ste, 34ste, 36ste und 37ste , 39ste und
40ste das 43ste, 45ste und 46ste von dieser Färbung;
meist sind in der hinteren Partie des Leibes die dun-
kelen Segmente diejenigen, welche Elytren tragen. Füh-
ler wie Rückencirren sind weiss und durchaus glatt,
letztere stehen auf keinem Basalgliede und enden in
ein kurzes dünnes Fädchen ohne vorherige Anschwel-
lung: die drei vorderen jederseits zeichnen sich durch
Länge aus, der Kopflappen ist 6-seitig mit breitem spit-
zen Stirneinschnitt zur Aufnahme des kurzen und dicken
Grundgliedes vom unpaaren Fühler. Die Augen ste-
hen jederseits nahe hintereinander, das vordere an der
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 291
seitlichen Ecke des Kopflappens; die drei mittleren Füh-
ler auf einer Linie, die äusseren sind länger als die
anstossenden^ kaum länger vorragend als der obere Füh-
lercirrus, unten etwas dicker als die halbe Breite des
Kopflappens und allmählich zugespitzt. Der unpaare Füh-
ler ist länger als sie und misst 4,5 Mm. Die Baucheirren
reichen bis zum Einschnitt der Borstenköcher; der des Iten
Ruders übertrifft die andern merklich an Länge. Die
Ruder ^haben nur einen ausgebildeten Ast, dessen Köcher
etwa 14 gelbe gerade unter der Spitze mit vier Zähnen
versehene Borsten trägt, von einem oberen Borsfenbün-
del kann ich nichts wahrnehmen, doch glaube ich die
Stelle, an der es gesessen hat, zu erkennen. Die kleine
Papille unten an der Basis der Ruder tritt erst am
Slsten auf.
Eunice Cuv.
A. Arten mit zweilappigem Stirnrande und Fühlcrcirren
auf dem Mundsegment
a. Fühler rosenkranzförmig oder mit längeren, we-
niger markirten Gliedern.
E, tentaculata Val. Qf. (I. p. 317) Port Western.
An dem grösseren der beiden Exemplare, dem voll-
ständigen mit reproducirtem Schwanzende, hatte der un-
paare Fühler, der nur etwas länger als die mittleren war,
die Länge der zwei ersten Segmente und elf Glieder,
die äusseren Fühler die des Mundsegmentes und acht
Glieder. Die ungegliederten Fühlercirren reichten bis
zum Kopflappen. Die Ite Kieme von der Länge des
Rückencirrus und mit fünf Fäden sass am 5ten Ruder,
die 3te, die den Rückencirrus überholte, hatte bereits 10,
die Ute (2Y2nial so lang als ihr Rückencirrus) 18, die
14te eben so lange 15, die 29ste (3mal so lang als ihr
Rückencirrus) nur 12, die 35ste wiederum einmal 14
Fäden.
Von da an sinkt die Zahl der Kiemenfäden allmäh-
lich: so zeigte die vorletzte vor dem reproducirten aus
mehr als 30 Segmenten bestehenden Schwanzende 9, die
292 Grube:
nächste 5 Fädeii; beide etwas länger als ihr Rückencir-
rus. Die Kiemen des Schwanzendes waren nur einfädig
und fehlten hinten ganz. Nirgend erreichten die Kiemen
die Mitte des Rückens. Der Leib war am Mundsegment
7 Mm., in der breitesten Gegend, vom 12ten bis ITten
Segment 9,5 Mm. breit, und die Segmente hier etwa 7mal
so breit als lang.
Zwei andere Exemplare waren blosse Vorderenden
und trugen die Ite Kieme am 4ten Ruder. Keines von
allen zeigte ein lebhaftes Farbenspiel.
E. Bottae Qf. (I. p. 320) aus dem Rothen Meer.
Das vollständige 56 Mm. lange Exemplar mit etwa
85 Segmenten ist nicht so frisch als das andere unvoll-
ständige, jetzt lebhaft fleischfarbene, und an letzterem der
unpaare Fühler mit 16 Gliedern so lang als die ersten 4,
die mittleren so lang als 3 Segmente, die äusseren Fühler
mit 9 Gliedern von der Länge des Mundsegments. Füh-
ler- und Rudercirren sind nicht gegliedert, erstere rei-
chen nicht bis zum Kopflappen, letztere sind meist nur
halb so lang als die zusammengesetzteren und fast ebenso
lang als die einfacheren Kiemen. Die Kiemen, deren
erste, noch nicht so lang als ihr Rückencirrus, am 6ten
Ruder sitzt, beginnen sogleich mit 6 Fäden, bekommen
von der 3ten an 7 Fäden, indem sie den Rückencirrus
überholen, und halten sich so bis zur lOten, von der an
die Zahl der Fäden schnell wieder sinkt, so dass bereits
die 22ste nur 3-fädig, die 33ste 2-fädig wird.
Im vollständigen Exemplar verhalten sich die Kie-
men ähnlich, beginnen aber nur 1-fädig, werden erst am
9ten 6-fädig, bleiben so bis zum 16ten und sinken dann
auf 4 und 5 Fäden : die 2-fädigen Kiemen, die mit dem
32sten Ruder anfangen, nehmen 53 Ruder ein und sind
noch länger als ihr Cirrus, dann folgen einige ganz
einfache.
Diese x\rt steht meiner E. ßaccida nahe.
E. Pelamidü Qf. (I. p. 322). Payta.
Ich habe nur das kleinere, weichere in zwei Hälf-
ten zerrissene Exemplar untersucht, das Hinterende fehlt
Bemerkuugen über Anneliden des Pariser Museums. 293
ganz, kann aber wohl nicht von unbedeutender Länge
sein, da die letzten erhaltenen Kiemen 8- fädig und 7-fädig
sind. Diese Art fällt durch ihre Breite auf (im Maximum
10 Mm. ohne die Ruder); die Länge des vorhandenen Kör-
pertheils (205 Segmente) beträgt 222 Mm., die Länge der
ansehnlichsten Kiemen, z. B. solcher mit 22 bis 24 Fä-
den, 8 Mm., diese erreichen die Mittellinie des Rückens.
Schon die Iste Kieme (am 3ten Ruder; 2,5 Mm. lang beginnt
mit 7 Fäden, die Zahl der Fäden erreicht das Maximum
(24) an der 12ten Kieme, und sinkt dann langsam, so dass
die 35ste (etwa 8 Mm. lange) noch 18, die lOOte (fast
5 Mm. lange) noch 9 Fäden besitzt.
Die Rückencirren sind auffallend kurz und messen
an den 8 Mm. langen Kiemen nur 2 Mm., sie sind merk-
lich kürzer als die untersten Strahlen der Kieme. Die
Fühler zeichnen sich durch Kürze und enge Ringelung
aus, indem der längste, der unpaare, nicht länger als das
Mundsegment (5 Mm.) ist und 17 Glieder hat, die äus-
seren 'messen 3 Mm. und sind kürzer als die mittleren
beiden. Die vorderen Segmente sind meist llmal so
breit als lang. An den grossen Kieferladen sieht man 5
Zähne, an dem grösseren der halbmondförmigen Kiefer
8 grössere und 4 kleinere Zähnchen.
E. torquata Qf. (I. p. 312) St. Jean-de-Luz.
Diese Art, w^elche ich in früheren Jahren als Eu-
nice Harassii aus dem Adriatischen Meer beschrieben,
jetzt aber, seitdem ich die echte E. Harassii Aud. und
Edw. bei St. Malo kennen gelernt, davon genau zu un-
terscheiden weiss, ist keine andere als die torquata Qf.,
die mit der Leodtce fasciata Risso zusammenfällt. Die
weissen Fühler sowohl als die Fühler- und Rückencirren
sind deutlich gegliedert, die ersteren, wenigstens in ihrem
Mitteltheil wirklich rosenkranzförmig, und die einge-
schnürten Stellen noch mehr durch einen braunen Ring
hervorgehoben, ihre Aciculae schwarz. Die im Leben
bronze-braune oder mehr kupferrothe Farbe, welche auf
den Segmenten von opalweissen Flecken unterbrochen
ist, — das 4te oder 5te oder auch das 6te Segment ist
294 Grub e :
oben ganz weiss — pflegt sich, wie auch Quatrefages
bemerkt, lange Zeit im Weingeist wohl zu erhalten,
bleicht aber zuletzt doch aus. Bei grossen Exemplaren
steigt die Zahl der Fäden an den Kiemen bis auf 14,
die vorderen Rückencirren sind weitläufig gegliedert.
E. LauriUardi Qf. (I. p. 314).
In dem betreffenden Glase fand ich zwei verschie-
dene Arten : zwei Exemplare derselben Art hatten rosen-
kranzförmige Fühler, ein otes ungegliederte : keine von
beiden Arten zeigt eine 4-lappige Stirn, wie Quatrefa-
ges angiebt, es liegt hier also jedenfalls ein Irrthum vor.
Die ersterwähnte Art kann ich von E. torquata nicht
unterscheiden, die zweite möchte ich für E. vittata (d. Ch.)
halten.
E. Harassii A. et E. (Qf. I. p. 307).
Im Leben mehr ziegelbraun als bronzefarben, mit
kleineren anders vertheilten weissen Rückenfleckchen,
und, so viel ich beobachtet, niemals mit jener weissen
Binde auf einem der vorderen Segmente. Die Fühler
sind nie kurzgegliedert, überhaupt nicht sowohl gegliedert
als mit weiter von einander abstehenden dunkeln Ringen
gezeichnet. Genaueres über diese Art und ihre Unter-
schiede von der vorigen werde ich in meinen Mitthei-
lungen über St. Malo angeben ; nur das will ich hier
noch anführen, dass diese Art auch im Adriatischen Meer
vorkommt, wo sie jedoch selten zu sein scheint. Bei St.
Malo und Roseoff kommt sie zahlreich vor.
E. Quoyi Qf. und E. Gaimardi Qf., beide mit ge-
gliederten Fühlern kann ich in der Sammlung nicht
finden.
E. australis Qf. (I. p. 321) Neuseeland.
Die Färbung ist jetzt ein grauliches violet mit Far-
benspiel, der unpaare der rosenkranzförmigen Fühler
5 Mm. lang, reicht bis zum 5ten Segment und hat etwa
21 Glieder, die mittleren 3 Mm. lang mit etwa 14 Glie-
dern, reichen bis zum 3ten, die äusseren, 2 Mm. lang
mit 9 Gliedern bis zum 2ten Segment, bei allen sind
Benierkubgeii über Aimcliden des Pariser Museums. 295
die Glieder an der Basis weniger deutlich abgesetzt
und kurz , bei den Fühlercirren länger als bei den Füh-
lern, weniger abgesetzt, 6 an der Zahl. Ein auflfallendes
Kennzeichen dieser Art besteht darin, dass die Kiemen,
wie bei E, ßellü, nur auf einer sehr kurzen Strecke des
Leibes, und zwar an 27 Segmenten vom 8ten bis zum
34sten Ruder vorkommen. Sie beginnen mit 4 Fäden,
erreichen ihr Maximum (10 Fäden) an der 9ten bis Uten
Kieme, sinken bei der 22sten auf 3 und hören mit 1 auf.
Die längsten sind 2mal so lang als ihr Rückencirrus, die
vordersten (längeren) Rückencirren 2 Mm. und ebenso
lang als die langgegliederten Aftercirren. Die mittleren
Segmente waren ohne die Ruder etwa 5mal so breit als
lang. Hiernach muss ich trotz einiger Abweichungen auf
die Identität dieser Art mit meiner E. paucibranchis *)
schliessen.
E. Hissoi Val. Qf. (1. p. 315) Marseille.
Bei allen drei Exemplaren beginnen die Kiemen am
4ten Ruder (5ten Segment) (bei einem so nur auf der
linken, am 6ten Ruder auf der rechten Seite) und zwar
als einfache Fädchen bekommen höchstens 6 bis 8 (sel-
ten 10) Fäden, und sinken bei dem vollständigen Exem-
plar von 70 Mm. Länge vom SOsten Ruder an auf 5, 4 u.s.w.
bis 1 Faden, die letzten 10 der 105 Ruder gehen leer
aus. Die Fühlercirren reichen bis an den Kopflappen,
der längste Fühler, der unpaare, bis an das 5tc Segment,
die mittleren bis auf das 3te, man erkennt höchstens an
der Spitze einige gestreckte Glieder. Hiernach wie nach
den Verhältnissen der Kiemen und Rückencirren haben
wir keine neue Art, sondern die E. vittata delle Chiaie
vor uns, welche mit E. ntbrocinGta Ehl. zusammenfällt,
und sonst in der Pariser Sammlung nicht vertreten ist.
E. heterochaeta Qf. (I. p. 314) Guettary.
Vollständig, 52 Mm. lang mit etwa 100 Rudern. Füh-
ler nur an der Spitze langgegliedert, der unpaare längste
reicht über das 4te Segment hinaus, ist 2,5 Mm. lang und
*) Jahresbericht der Schlesischen Gesellschaft für 1866. S. 64.
296 G r u b e :
zeigt 5 längliche Endglieder, die mittleren 2 Mm. lang
mit 4 Gliedern, die äusseren etwas kürzer als das Mund-
segment mit 2 Gliedern. Die Kiemen beginnen am 3ten
Ruder mit 1 Faden, bekommen höchstens 6 bis 7 Faden
(von K. 8 bis etwa 22), haben von der 34sten an nur 3,
von der 43sten an 2, die 52ste und die nächsten 24 nur 1
Faden, die übrigen Ruder sind kiemenlos. Die Rücken-
cirren sind kürzer als die vielfädigen Kiemen, die Seg-
mente meist 5mal so breit als lang. Obschon bei der
E. pennata (Müll.) die Kiemen gewöhnlich mit dem 39sten
Ruder aufhören, so sind hier die noch dahinter vorkom-
menden doch nur 1-fädig, und ich glaube daher, dass
auch die E. heterochaeta keine neue Art, sondern pen-
nata ist.
b. Fühler ungegliedert.
E. ebranchiata Qf. (I. p. 316) Palermo.
Obwohl das vorhandene Exemplar mit mehr als 130
Segmenten nicht vollständig ist, sich also nicht mit Si-
cherheit sagen lässt, ob an den fehlenden die bis dahin
vermissten Kiemen auftreten und wie sie aussehen, so
stimmt es doch so vollkommen mit E. siciliensis überein,
von der ich eine Menge von Exemplaren untersucht habe,
(darunter auch solche, die gar keine Kiemen besassen),
dass ich an ihrer Identität nicht zweifle. Dass die E.
adriaticaSchvii. und E. ^aenia Clap. keine andere Art ist,
habe ich schon früher mitgetheilt *), und bei Ehlers
finden wir dieselbe Synonymie.
Zu dieser Abtheilung würde ich auch eine Art rech-
nen, deren Stirn Qu atre fages als 4-lappig bezeichnet.
E. scomhrmis Val. Qf. I. p. 319. Guayaquil.
Wenn man die Stirn als 4-lappig ansehen soll, ist
sie es wenigstens in anderer Art wie bei E. gigantea,
indem die Mittellappen ganz breit sind. Das ganz voll-
ständige Exemplar hat jetzt einen violetten Leib und vio-
lette Kiemen, gegen welche die weisslichen Fühler, Gir-
ren und Bauchcirrenpolster sehr abstechen, eine Länge
*) Jahresbericht der Schlesischen Gesellschaft für 1866. S. 68.
BemerkungeD über Anneliden des Pariser Museums. 297
von 49 Mm., eine grösste Breite von 3,5 Mm. ohne die
Ruder und 5 Mm. mit den Rudern ohne die Borsten und
130 Segmente. Die Fühler zeigen keine Spur von Glie-
derung, der unpaare eine Länge von 4 Mm. (gleich den
ersten vier Segmenten), die mittleren 3 Mm., die äusseren
2 Mm., wie das Mundsegment, das den 5 nächsten Seg-
menten gleichkommt. Die Fühlercirren reichen nur bis
zur Hälfte des Mundsegments.
Die Kiemen, welche den ersten 6 und den letzten
7 Segmenten fehlen , beginnen mit 3 Fäden und stei-
gen an der 9ten auf 6 Fäden, an der 19ten auf 17 und
haben etwa von der 22sten bis zur 70sten nur 8 und 9
Fäden, die 85ste und lOOste besitzt deren noch 5, die
llOte noch 2; die mittleren Kiemen erreichen fast die
Mitte des Rückens und sind viel länger als die Rücken-
cirren, die hier etwa nur die Länge von 1 Mm. und etwa
die 3-fache Dicke der Kiemenstämmchen haben, und
conisch aussehen. Die Baucheirren sind noch kürzer und
dicker, und meist nur das spitze Ende von Polstern, auch
mehr chamois-weisslich gefärbt. Die Aftercirren sind
1,5 Mm. und so lang als die letzten 10 sehr kurzen Seg-
mente. Die Borsten stehen in äusserst wenig vorragenden
Fächern, die Aciculae sind schwarz. Der Leib verschmä-
lert sich nach hinten nur sehr wenig und langsam, und
fällt durch seine Kürze und Breite auf, indem seine zahl-
reichen Segmente meist 9- bis lOmal so breit als lang sind.
B. Arten mit 4-lappigem Stirnrande (Eriphyle Kbg.)
E. gigantea Cuv.
Das grösste der drei Exemplare (A) misst, obwohl
unvollständig, an 130 Cm., ein weniger starkes aber voll-
ständiges (B) etwa 145 Mm. Das 6-lappige Ansehen des
Stirnrandes, das Quatrefages hervorhebt, rührt von
einer queren Furche der grossen seitlichen Lappen her
und findet sich nicht bei allen Exemplaren, die Fühler-
cirren erreichen etwa nur die halbe Länge des Mund-
segments. Die Zahl der Fäden an den kammförmigen
Kiemen steigt noch höher als Quatrefages angiebt,
ich zähle bei mehreren über 30, schon die Iste Kieme,
298 G r übe:
die an Ruder 5 oder 6 sitzt, ist kammförmig, aber die
letzten etwa 45 Ruder an Exemplar B haben gar keine
Kiemen. Die Färbung des Leibes ist bei zweien sehr
dunkel, ziemlich kupfrig mit stark irisirendem Goldglanz,
bei einem heller, schmutzig graulich, aber die Kiemen
immer dunkel.
E. Roussaei Qf. (I. p. 309) Martinique, St. Jean
de Luze.
Das grösste Exemplar (A) hat eine Länge von
56,5 Cm., ein anderes (B) eine von 25,6 Cm. bei 21 Mm.
grösster Breite ohne die Ruder, aber beide Exemplare
sind ebensowenig vollständig als ein drittes, so dass man
nicht weiss, wie sich an den letzten Segmenten die Kie-
men verhalten. Quatrefages giebt an, dass sie 20 bis
25 Fäden zeigen und erst am lOten Segment anfangen;
ich sehe die erste bei Exemplar A am 8ten Ruder, bei B aber
bereits am 6ten, dort nur mit 5 Fäden, hier (wo sie be-
reits 12 Mm. misst) mit 40, die Zahl der Fäden erhebt
sich nicht über 47 (so an der 27sten). Die Länge der
Kiemen steigt auf 14 Mm. (an Ruder 25) und die längsten
sind 3mal so lang als ihr Rückencirrus, die letzte des Bruch-
stückes B, die 256ste hat noch 36 Fäden und 10 Mm.
Länge, ihr Rückencirrus 3 Mm. Bei Exemplar A und B
erreichen die Kiemen nirgend die Mittellinie des Rückens,
bei C kreuzen sich die längeren derselben, und die Iste
Kieme erscheint erst am 9ten Ruder. Die Fühlercirren
reichen über den Vorderrand des Mundsegments hinaus
und die Fühler sind ebenfalls länger als bei E. gigantea.
Das Exemplar C ist vorn weniger breit als das von
Quatrefages (PI. 10. Fig. 1) abgebildete, bei St. Jean
de Luze gefundene, das die Färbung nach dem Leben
und ein noch viel verjüngter zulaufendes Vorderende
zeigt.
C. Arten mit 2-lappiger Stirn und ohne Fühler-
cirren (Marphysa Sav. Qf.)
a. Fühler ungegliedert.
M. {E) sanguinea (Mont.) (Qf. L p. 332). Bröhat,
Neapel.
i
Bemerkungen über Anneiiden des Pariser Museums. 299
Zahlreiche und grosse Exemplare.
E. (M. haemasoma Qf. (I. p. 334). Tafel-Bay.
Ein sehr grosses jetzt hellfleischfarbiges Exemplar
mit mehr als 340 Segmenten 32,6 Cm. lang, am Mund-
segment etwa 4 Mm., vom 28sten bis 38sten an 8 Mm.
breit, wobei die Segmente wohl 12mal so breit als lang
sind ; von da nimmt die Breite wieder ab, und die Seg-
mente werden weiter nach hinten nur noch 5mal so breit
als lang. Die 3 mittleren Fühler 3 Mm. lang, so lang
als die 3 ersten Segmente, die äusseren über 2 Mm., wie
das Mundsegment, welches die Länge der 3 folgenden
hat, wie schon Quatrefages angicbt. Die Kiemen
beginnen am 26sten Ruder mit 1 Faden, so lang als der
Rückencirrus, dann folgen 2 mit 2 Fäden, 8 mit 3 Fäden,
den Cirrus schon überragend, die 12te bis 24ste hat 4
Fäden, die 25ste bis zur ÖOsten 5, die ölste und die 37
folgenden 6 Fäden, von da an sinkt die Zahl der Fäden
sehr langsam, so dass die 88ste bis 209te noch 5 Fäden
behalten und erst bei der 280sten 2 Fäden auftreten; die
310te und die nächsten Kiemen bestehen nur aus 1 Fa-
den und die letzten 20 Ruder sind ohne Kiemen. Der
Rückencirrus ist ungemein kurz, auch die vorderen nur
1 Mm. lang, während die Kiemen, sobald sie 5-fädig wer-
den und der Leib 7 Mm. breit ist, die Mitte des Rückens
erreichen, und dies hört erst bei den 2-fädigen auf. Der
BauchciiTus ist nur das spitze Ende eines fast kreisrun-
den Polsterchens.
E. peruviana Qf. (I. p. 336). Lima.
Es sind nur Bruchstücke vorhanden, an dem länge-
ren, vorderen Bruchstück von 67 Mm. Länge zählt man
65 Segmente. Die Iste Kieme ist wie die nächsten 8 bloss
1-fädig und sitzt am 16ten Ruder, dann folgen 3 Kiemen
mit 2 Fäden, auf diese 3- und 4-fädige, welche letztere
die Mittellinie des Rückens erreichen. Die Rückencirren
sind sehr kurz (anfangs 3 Mm. lang), die Baucheirren fast
nur an den vordersten Rudern deutlich vortretend, später
an der Basis polsterförmig verdickt, diese Polster aber
nicht quergezogen und auf die Bauchseite verlängert.
300 G r u 1) e :
Der Leib wird höchätens 4 Mm. breit, der unpaare Füh-
ler ist 3 Mm. und ebenso lang als das Mundsegment, die
mittleren Fühler messen 2,3 Mm., die äusseren 2 Mm., das
Mundsegment hat die Länge der nächsten 2V2 Segmente
und sein hinterer Ring die Länge des 2ten Segments.
Die vorderen Segmente sind etwa 3mal, die hinteren 4mal
so breit als lang.
In demselben Glase befindet sich ein Endstück, das
mit einem Paar 5-fädiger 3 Mm. langer Kiemen beginnt,
dann folgen 11 Paar mit 4, 20 mit 3, 10 mit 2 Fäden,
die 19 nächsten Kiemen sind 1-fädig, und die letzten 11
Segmente tragen gar keine Kiemen.
Die zusammengesetzten Borsten unterscheiden sich
durch die von Quatrefages angegebene Sichelform
des Anhanges von denen der E. sanguinea. Die Nadeln
sind schwarz, und in den vorderen Rändern 2 vorhanden.
An einem von mir eingetauschten Bruchstück der-
selben Art beginnen die Kiemen erst am 21sten Ruder,
ebenfalls mit 1 Faden, und bleiben so bis zum 29sten,
am 35sten haben sie 3, am 37sten 4 Fäden und weiter-
hin steigt die Zahl der Fäden bis auf 6.
b. Fühler gegliedert.
M. {E.) Gayii Qf. (L p. 335). Valparaiso.
Die einzige bisher bekannte Marphysa mit geglie-
derten Fühlern.
An einem vollständigen Exemplar von 186 Mm.
Länge und einer grössten Breite von 7 Mm. ohne die
Ruder, zähle ich 215 Segmente. Der Stirnrand ist nur
wenig eingeschnitten, der unpaare Fühler nicht vollstän-
dig, die mittleren von der Länge des Mundsegments,
3,5 Mm. lang mit 9 wenig abgesetzten Gliedern, die äus-
seren 2 Mm. Das Mundsegment ist so lang als die drei
folgenden Segmente vorn in einen mittleren Vorsprung
verlängert, seine Breite nur 5 Mm., die nächsten Segmente
sind etwa 4mal, die mittleren lOmal so breit als lang.
Das 13te Ruder trägt die Iste Kieme, die wie die 5 näch-
sten 1-fädig ist, die 7te und 8te hat 2, die 9te 3, die lOte
und Ute 4, die 12te 5 Fäden, die 16te und 22ste 7, die
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 301
40ste 10 Fäden, eine Zahl, welche nur bei zwei Marphy-
sen erreicht wird ; von da an nimmt sie ab, so dass die
41ste (58ste, 62ste) nur 8, die SSste 7, die llBte 6, die
129ste 5, die 137ste 4, die lölste 3, die 174s+e 2, die
175ste bis 191ste nur noch 1 Faden haben, die letzten
12 Ruder (192 — 213) tragen gar keine Kiemen, die 7-fä-
digen Kiemen kommen an 72 Rudern vor. Die Rücken-
cirren, anfangs 1 Mm. lang, sinken schon an der 41sten
Kieme auf V2 Mm., werden von der Sten Kieme schon um
mehr als ihre Länge übertrofFen und behalten nahezu
dieses Verhältniss weiter. Die Baucheirren, die vorder-
sten ausgenommen, setzen sich in ein ovales Polsterchen
fort. Aftercirren von massiger Länge. Nadeln schwarz.
An einem andern Exemplar, das in drei Stücke zer-
rissen schien und dann 208 Mm. mass, trat die Iste Kieme
erst am 24sten Ruder links (am 21sten rechts) auf. Die
vorderen 13 Kiemen und die hinteren 60 Kiemen vor dem
23ten Segment vom Ende sind 1-fädig, werden aber da-
bei allmählich so lang, dass sie den Rückencirrus um
das Doppelte oder mehr übertreffen (bis 3 Mm.), die 14te
bis 18te Kieme haben 2, die 20ste und 21ste 3, die 25ste
und die folgenden 31 haben 4 Fäden, die 57ste 5 Fäden,
weiterhin werden sie 6-fädig und bis 6Y3 Mm. lang, so
dass sie einander gegenseitig erreichen, einzelne bekom-
men auch 7 Fäden, Der Leib ist vorn flach gewölbt,
die Segmente hier lOmal so breit als lang, weiter hinten
mehr cylindrisch, zuletzt wieder platt.
Lysidice Aud. et Edw.
L. torquata Qf. (I. p. 376. pl. 9. ^q. 20) St. Vaast.
Nach der Untersuchung der in der Sammlung vor-
handenen Exemplare von L. Ninetta Aud. et Edw. und
von X. torquata Qf. kann ich keinen Unterschied zwi-
schen beiden anerkennen. L. Ninetta soll ein „Caput
bilobum^, L, torquata ein „Caput integrum" haben; bei
beiden ist der Einschnitt des Stirnrandes, wenn auch bei
letzterer nicht so tief als Audouin und Edwards ab-
gebildet haben, und ausserdem eine deutliche Furche auf
302 Grube:
der Unterseite des Kopflappens vorhanden. Die weisse
Ringbinde auf dem 3ten Segment ist nicht bei allen
Exemplaren der L. forqicata, die ich bei St. Vaast, St.
Malo und Roscoif lebend beobachtet, zu erkennen. Au-
douin und Edwards geben nur eine braune schön iri-
sirende Färbung an, weshalb ich die L. 'punctata Risso
des Mittelmeers als eigene Art oder Varietät unterschei-
den zu müssen glaubte ; nun aber sehe ich, dass auch
die meisten Exemplare von der Canalküste, die sonst keine
Unterschiede' zeigen, dieselbe weiss punktirte Zeichnung
auf braunrothem Grunde haben, die Risso hervorhebt.
Zuweilen tritt sie nur an den vorderen Segmenten auf
und wird auf den nächstfolgenden durch ähnliche weisse
Binden wie die auf dem 3ten Segment ersetzt, zuweilen
endlich wird sie ganz undeutlich. Die von Kef er stein
beschriebene L. Ninetta mit punktirter Zeichnung und
Clapa rede's Lysidice makagom {Glsniur. Zootom. p. 116.
pl. IL fig. 4) sind auf dasselbe Thier: nach der Auffas-
sung Claparede's ist die Stirn ganzrandlg, während
Kefer stein angiebt, dass der querovale Kopflappen an
der Oberseite ein wenig eingeschnitten sei. Endlich ist
auch noch Lysidice rufa Gosse hieher zu ziehen.
Blainvillea Qfg.
Von der Unhaltbarkeit der Gattung ist schon oben
die Rede gewesen, hier habe ich nur in Betreff der
Bl fihim Qf. (I. p. 370.)
zu bemerken, dass ich zwischen dieser Art und Bl. elon-
gata keinen anderen äusseren Unterschied finden kann '
als den, dass bei den Exemplaren der letzteren die Au- \
gen grösser, bei Bl. filum kleiner oder gar nicht zu er-
kennen sind. Beide haben zusammengesetzte und einfache
Borsten.
Lumbriconereis BL
E. Latreüln Aud. et Edw. (Qf. I. p. 364.)
Was mich veranlasste, die L. Nardonis des Mittel-
meers als eine von Z. Latreillu verschiedene Art aufzu-
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 303
stellen, war die Angabe von Audonin und Edwards,
dass der sogenannte obere "Cirrus kürzer als der untere
sei, und der Umstand, dass sie keiner zusammengesetz-
ten Borsten erwähnen. Bei der Betrachtung des Origi-
nalexemplars von den Chansey-Inseln stellt sich heraus,
dass jener längere obere Cirrus nur die verlängerte Lippe
des Borstenköchers ist, und in der That hinter und etwas
unter dem ßorstenbündel liegt, und dass zusammenge-
setzte Borsten den vorderen Segmenten nicht fehlen,
beide Arten also identisch sind, was auch Quatrefa-
ges vermuthete. Diese Lumbriconereis gehören zu den
gemeinsten Thieren der Canalküste.
L. maculata Qf. (I. p. 365). Toulon.
Da ich den Kieferapparat dieses Thieres nicht un-
tersuchen konnte, fehlt der Bestimmung die vollkommene
Sicherheit. Wenn aber hier das Originalexemplar der
Oenone maculata von Milne Edwards vorliegt, die
Quatrefages als synonym anführt, so beweist die Ab-
bildung der ganzen Figur und der Kiefer in Cuvier's
Regne animal Annelid pl. 11. fig. 4, dass das Thier eine
Arabella, und, wie ich bereits früher vermuthet, meine
A. {Lumbriconereis) quadristriata ist. Vor allem steht
fest, dass das Exemplar des Pariser Museums nur ein-
fache Borsten (nämlich Haar- und gesäumte Hakenbor-
sten) besitzt, die Gestalt derselben und die übrigen Ver-
hältnisse stimmen mit A, quadristriata überein. Die aus-
führliche Beschreibung hat Ehlers (Borstenwürmer
p. 399) gegeben und durch Abbildungen erläutert. Au-
gen und Fleckenreihen des Leibes kann ich nicht erken-
nen, aber letztere verschwinden gewöhnlich im Wein-
geist, sind auch zuweilen an lebenden Thieren kaum an
einigen Stellen angedeutet oder fehlen gänzlich. Was
die Augen betrifft, so scheinen sie, wenigstens an Wein-
geistexemplaren, nicht immer nachweisbar.
Euphrosyne Aud. et Edw.
Leider war meine Hoffnung, die von Savigny be-
schriebenen Euphrosyne- Arten des Rothen Meeres, von
304 Grube:
denen unsere Kenntniss dieser Gattung ausging, in der
Sammlung zu finden vergebens, es existirt hier weder
E, laureata noch E. myrtosa. Dagegen giebt es ein
Originalexemplar von
JB. foliosa Aud. et Edw. (Qf. I. p. 409) aus
St. Malo.
Ich habe mich an 7 bis 8 Segmenten dieses 10 Mm.
langen Exemplars überzeugt, dass der mittlere Rücken-
cirrus nicht zwischen dem 4ten und 5ten Kiemenstämm-
chen, wie die Figur von Audouin und Edwards
angiebt, sondern zwischen dem 2ten und 3ten, also wie
bei Ej. racemosa Ehl. steht. Da nun die Kiemenzweige
der E. foliosa in deutliche spindelförmige Anschwellun-
gen enden und die obere Borstenreihe bis an das untere
Bündel tritt, ich mich auch an dem von mir bei St. Malo
gesammelten ganz damit übereinstimmenden Exemplar
überzeuge, dass die Borsten derselben meist gekerbte,
die des unteren Bündels glatte Zinken haben, so ist ra-
cemosa dieselbe Art.
Nereis (L.j s. str. Aud. et Edw.
In dieser Gattung, von der das Museum eine grosse
Anzahl von x\rten enthält, hatte ich meine Aufmerksam-
keit fast ausschliesslich auf die an den Französischen Kü-
sten vorkommenden gerichtet und fand hier mehrere Be-
zeichnungen, mit denen ich durchaus nicht einverstan-
den bin.
A^ Marw7in Aud. et Edw. (Qf. L p. 549). Vend^e.
An dem Originalexemplar ist leider der Pharynx
mit seinen Kiefern und Paragnathen herausgenommen und
nicht mehr vorhanden , die Stellung derselben von Au-
douin und Edwards weder abgebildet noch beschrie-
ben, ich will hier daher diese Lücke nach der Untersu-
chung eines selbstgefundenen Exemplars von St. Malo
ergänzen. An der maxillaren (vorderen) Abtheilung des
ausgestreckten Rüssels steht oben jederseits ein rundliches
Häufchen von Paragnathen, in der Mitte zwei einzelne
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 306
hinter einander, unten jederseits eine schräge läriglichc,
in der Mitte eine qiier-ovale Gruppe , an der hinteren
Abtheilung aber jederseits eine einfache quere Bogen-
reihe, in der Mitte eine ähnliche aber viel weniger breite
mit jenen winkh'g zusammenstossend. In jeder dieser Bo-
genreihen zeichnet sich eine Paragnathe durch Grösse
vor den andern punktförmigen aus, und zwar ist die der
seitlichen Bögen quergezogen, die in den mittleren oder
etwas vor ihr stehende rundlich ; ausser letzterer erschei-
nen mitunter noch vier andere etwas grössere mit ihr zu
einem w gruppirte. Auf der Unterseite der hinteren Ab
theilung bilden die Paragnathen abweichend von den
übrigen europäischen Arten eine nicht eben breite, nach
vorn in regelmässige stumpfe Zacken vorspringende Binde ;
die am Rande der Zacken stehenden, und namentlich die
an den ausspringenden Winkeln übertreiFen an Grösse
die übrigen der Binde, welche sehr fein sind. Die Kie-
fer selbst fallen durch die grosse, über zwölf gehende
Zahl ihrer Zähne auf. Das Rückenfähnchen der Ruder,
das durch die Erhebung des nach innen vom Rücken-
cirrus liegenden Ruderrandes, die Streckung des Basal-
theils vom oberen Züngelchen und die Verschmelzung
jener beiden Theile entsteht, beginnt an jenem Original-
exmplar und zwar mit verkürztem Rückencirrus schon
am 27sten Ruder.
iV. crasslpes Qf. (I. p. 550). St. Vaast.
Mehrere kleine Exemplare, die mich durch die Kürze
ihrer Fühlercirrcn und ihre Ruderbildung , namentlich
aber die Bildung des Fähnchens an den Rudern des hin-
teren Körperdritttheils sogleich an N. Marionii erinner-
ten. Die Untersuchung des Rüssels, der an einem 50 Mm.
langen Exemplar mit 101 Ruderpaaren aufgeschnitten
war, zeigte grosse Uebereinstimmung mit der so eben
beschriebenen, nur konnte ich den Gürtel von Paragna-
then an dem adoralen (hinteren) Wulst des Rüssels wegen
der schwachen Ausprägung derselben nicht so deutlich
in seinen Einzelnheiten erkennen. Alles zusammenge-
nommen lässt mich nicht zweifeln, dass wir hier nicht
eine besondere Art, sondern bloss junge Individuen von
Archiv für Naturg. XXXVI. Jahrg. 2. Bd. 2Ü
306 Grube:
N. Marionn vor uns haben. Die grösste Breite mit den
Rudern betrug nur gegen 3 Mra._, ohne dieselben nur
1,5 Mm.
N. hilineata Johnst. Qf. (I. p. 535.) St. Vaast.
Diese Art ist nicht die von Johnston Ann. of nat.
bist. III. p. 295 beschriebene N. hilineata^ auch ist Qu a-
trefages selbst nicht ohne Bedenken in seiner Deutung.
Er beschreibt seine x\rt grün, während die Johnston*-
sche Art dunkelfleischfarben oder roth und mit zwei mehr
oder minder deutlichen weissen neben dem Rückengefäss
laufenden Linien gezeichnet ist, ausserdem hat die letztere
einen merklich längeren Rückencirrus, und die Verthei-
lung der Paragnathen ist eine ganz andere, indem nament-
lich auf der Oberseite des oralen oder hinteren Rüssel-
wulstes eine kleine fast ovale Gruppe vorkommt, mittlere
Paragnathen ganz fehlen und der Gürtel der Unterseite
ganz schmal, nur 2-reihig ist (in der vorderen Reihe
weit auseinander stehende grössere, in der hinteren ganz
kleine dicht an einander stehende Paragnathen). Bei der
N. hilineata von Quatrefages zeigt vielmehr der Rüs-
sel, der an den beiden Exemplaren der Sammlung ge-
nugsam vorgestreckt ist, die Bewaffnung meiner N. oul-
triferaj welche unter diesem Namen nicht in der Samm-
lung existirt, wohl aber unter noch andern : denn
N. fulva Blv. Qf. (I. p. 507), le Hävre,
N. ventilahrum d. Ch. Qf. (I. p. 517) und von
N, viridis Johnst. Qf. (I. p. 539), Bröhat drei Ex-
emplare
stimmen durchaus mit N. eultrifera tiberein, nämlich
dasjenige von Brehat, welches vollständig 108 Paar Ru-
der, eine Länge von 125 Mm. und einen ausgestreckten
Rüssel hat, und zwei andere ebendaher mit eingezogenem
Rüssel, von denen das eine wohl an 200 Mm. lang ist.
Die Figuren von einzelnen Theilen, auf welche Quatre-
fages bei seiner N. hilineata verweist, gehen in der
Erklärung der Abbildungen unter dem Namen N. in-
certa, der in dem eigentlichen Text nicht vorkommt.
Ausserdem besitzen wir noch eine Darstellung des gan-
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 307
zen Thieres und der betreffenden Einzelheiten unter dem
Namen N, margaritacea Leach im Atlas zu Cuvier's
R^gne animal Ann61ides pl. 12. fig. 11, die Ma Imgren
zu einer eigenen Gattung Lipephile erhoben hat.
Es blieb ferner zu untersuchen, ob N. Beaucondrayij
wie sie Ke ferst ein *) aufgefasst und abgebildet, mit
dem Originalexeraplar von Audouin und Edwards
übereinstimmte. Dieses letztere war in der Sammlung
des zoologischen Museums nicht zu finden, wohl aber
entdeckte ich ein Glas mit dieser Etiquette unter den
Anneliden des Museums der vergleichenden Anatomie, in
dem mehrere Exemplare aus Noirmoutiers von Audouin
und P]dwards, an denen sich der Rüssel hervordrücken
lässt. Sie zeigen vollständige Uebereinstimmung mit
Keferstein's N. Beauoondrayi, welche einerlei mit N.
cultrifera ist. In dieser ganzen Synonymie stimmen
Ehlers und ich überein. Nach Johnston würde auch
N, coerulea L. Penn, hieher gehören.
N. fucata Sav. (Qf. I. p. 547). le Hävre.
Mit dieser Art synonym ist N. hüineata Johnst.
öavigny hat seine Beschreibung nur nach einem Wein-
geistexemplar gegeben, leider nicht die Art der Rüsselbe-
waffnung hineingezogen und die Farbe im lebenden Zu-
stande nicht berücksichtigen können, sonst hätte J o hnston
seine hüineata wohl nicht als neue Art aufgestellt, üeber
die Art ihres Vorkommens habe ich in meinen „Mittheilun-
gen über die Meeresfauna von St. Vaast*' gehandelt.
A^ regia Qf. (1. p. 511). Boulogne.
In mehreren und zum Theil ausserordentlich gros-
sen Exemplaren vorhanden. Zu derselben Art scheint
auch
N. edenticulata Qf. (I. p. 539). St. Vaast,
zu gehören, deren Rüssel ich freilich nicht untersuchen
konnte, deren Leib, Kopf- und Ruderbildung jedoch mit
jV. regia übereinstimmen, und das was Quatrefages
*) Beiträge z. Kenntn. einiger Annelid. Sieb, und KöU. Zeitschr.
XII. p. 94. Taf. Yin. Fig. 1—6 u. 12).
308 Grnbe:
über die rudimentäre Beschaffenheit der Paragnathen hin-
zusetzt, widerspricht meiner Meinung nicht. Eine ziegel-
rothe Färbung des Vorderleibes, wie sie dieser Autor
bei edenticulata angiebt, habe ich freilich bei N. regia nie
beobachtet, nur eine blassfleischfarbige.
N. nuhüa Sav. Qf. (I. p. 505.)
Nicht das Originalexemplar von Savigny, sondern
ein neueres von St. Vaast, w^elches mir, ohne dass Ich
es im Einzelnen verglichen, mit N. irrorata Mgn. über-
einstimmend schien. Letztere habe ich böi St. Vaast,
St. Malo und Roseoff gesammelt und nachgewiesen, dass
die von Quatrefages entdeckte Heteronereis Sohmar'
dae in demselben Verhältniss zu ihr steht, wie das M a 1 m-
gren und Ehlers zwischen Neteronereis arctica und
N. pelagica festgestellt haben *).
N, pelagica L. (Qf. I. p. 542). Island, Grönland.
Zu dieser sind auch meines Erachtens das kleine
45 Mm. lange Exemplar der N, viridis von Brehat und
das unvollständige, nur 57 Paar Ruder besitzende Exem-
plar der A^. viridis von St. Vaast zu ziehen. Von der
specifischen Verschiedenheit der N. Bowerbanchii Qf. von
AT. pelagica kann ich mich nicht überzeugen.
K Dumerüii Aud. et Edw. (Qf. I. p. 502). la
Rochelle.
Obgleich Au do u i n und Edwards weder in ihrer
Beschreibung dieser Kvi die Bewaffnung des Rüssels im
Einzelnen angegeben, noch eine Abbildung desselben hin-
zugefügt haben , so sagen sie doch von ihm im Allge-
meinen : la trompe ne presente qu'un tr^s-petit nombre
de pointes corhees, und diese Angabe zusammengenom-
men mit der Abbildung eines der vorderen Ruder (an
welchem alle drei Züngelchen gleich kurz und stumpf
sind, und der Rückencirrus weit über sie hinausragt)
beweisen, dass ihre Art dieselbe v/ie A'^. zostericola Oerst.
*) Jahresbericht der Schles. Gesellsch. für 1869. p. 52.
**) Recherches pour servir ä l'histoire naturelle du littoral
de la France II. pl. 4 A. fig. 9.
Bomerkuiigen über Aunelidcn des Pariser Museums. 309
ist. Von den Exemplaren der Pariser Sammlung, die
die Etiquette N, Dtcmeriln tragen , habe ich eines mit
ausgestrecktem Rüssel (Nr. 134 a) untersucht. Dieses ist
keinesfalls die Art von Audouin und Dumeril, son-
dern die ihr äusserlich ähnliche N. irrorata Mgn., welche
ebenfalls sehr lange (wohl bis zum löten Segment rei-
chende) P^ühlercirren, aber einen ganz anders bewaffne-
ten Rüssel besitzt. An ihm ist der Gürtel der Paragna-
then, welcher die Unterseite des oralen (hinteren) Wul-
stes besetzt, wie bei den meisten Nereisarten sehr aus-
gebildet, eine Doppelreihe , deren vordere Paragnathen
grösser sind und weitläufiger stehen, bei N. Dumerüii
dagegen sieht man hier und zwar ganz vorn, unmittelbar
an der Grensfurche ^^g^n den admaxillaren Wulst eine
breite 4mal unterbrochene einfache Querreihe von kaum
erkennbaren Paragnathen, und ebenso sind die des maxil-
laren Wulstes sehr zart, unten jederseits eine mit der
Concavität der anderen zugekehrte Bogengruppe von
6 ungleich ausgedehnten Reihen, mitten eine quere Gruppe,
oben fehlen sie ganz. Bei N. irrorata läuft am maxilla-
ren Wulst jederseits eine kurze einfache Reihe von Pa-
ragnathen auf die Kiefer zu, unten stehen wie gewöhn-
lich drei Gruppen, aber in den seitlichen (auch bogenför-
migen und mit der Concavität einander zugekehrten) giebt
es vorn nur zwei Reihen und in der äusseren derselben
ein Paar ansehnlichere quere Paragnathen , im oralen
Wulst existirt oben jederseits eine kleine Quergruppe.
In den Rudern wird bald das obere Zür.gelchen und dann
das obere und mittlere überwiegend gegen das untere,
der Rückencirrus ist anfangs nicht länger als das obere
Züngelchen, und der lange Anhang der Gräten ist sehr
dünn und nicht, wie bei N. Dumerüii, gesägt.
N. pulsatoria Sav. (Qf. I. p. 503) von der franzö-
sischen Westküste.
Bei der Kürze von Savignj's Angaben, und da
das Originalexemplar nicht mehr zu existiren scheint,
lässt sich nicht mehr ermitteln, ob er dieselbe Art vor
sich gehabt; die Audouin und Edwards beschrieben
haben, doch wird sich diese wiedererkennen lassen. Auf
310 Grube:
die A''. pulsatoria der Pariser Sammlung, die Quatre-
fages ausführlicher beschrieben, scheinen mir die Anga-
ben von Audouin und Edwards nicht hinlänglich zu
passen, Quatrefages konnte an dem raaxillaren Wulst
des Rüssels oben und unten nur jederseits ein Häufchen
von Paragnathen wahrnehmen, erwähnt aber keines mitt-
leren, ich sehe oben ebenso wenig Paragnathen in der
Mitte, wohl aber unten eine quere Mittelgruppe. Die
oberen Seitengruppen sind kleiner als die unteren, fast
linear und enthalten nur etwa acht. Auf dem oralen
Wulste sehe ich rechts eine Gruppe von acht, links fehlt
sie zufällig, mittlere Paragnathen sind nicht vorhanden;
unten zeigt sich ein bis auf die Seiten heraufsteigender
Gürtel von meist drei Reihen, in dessen vorderer Reihe
dieselben rund und grösser und nur in der Zahl acht
vorhanden sind. Bei Quatrefages wird wohl das erste
„en dessus'^ in .,en dessous^ verwandelt und vor dem „sur
les cotes'^ das nachher folgende „sur la ligne mediane"
eingeschoben werden müssen. Die Schneide der Kiefer
trägt vier Zähne. In den Figuren von Audouin und
Edwards sieht man zehn Zähne und auf dem hinteren
(oralen) Wulst vier kreuzförmig gestellte Paragnathen.
Die ganze Paragnathenstellung stimmt am besten mit der-
jenigen überein, 'die Malmgren bei seiner Nereis zo-
nata angegeben*), und die Form der Ruder ist auch
ähnlich, doch ragt der Rückencirrus nicht weiter als das
obere Züngelchen vor, und dieses — ich finde auch das
mittlere — ist gestreckter als bei Malmgren. Obwohl
eine gebänderte Zeichnung nicht erkennbar ist, würde
ich doch das in Rede stehende Thier eher für N. zo-
nata als für N, pulsatoria Aud. et Edw. halten. N. zo-
nata ist freilich bisher nur aus Grönland bekannt, indes-
sen N. pelagica steigt ja auch von den grönländischen
Küsten bis zu den englischen und französischen herab.
N. microcera Qf. (I. p. 512). Guettary.
Wenn ich diese Art auch nicht selbst untersucht
*) Annulata polychaeta Taf. V. Fig. 34 u. 34 A.
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 311
habe, erlaube ich mir doch darauf aufmerksam zu ma-
chen, dass Quatrefages eiaen wesentlichen Unter-
schied von N. hrevimana Johnst. darin findet, dass das
untere Züngelchen stets deutlich erkennbar bleibt; we-
nigstens eben so sehr als dies müsste wohl die so ver-
schiedene Länge der Rückencirren auffallen, die nach
Quatrefages bei microcera weit über das obere Zün-
gelchen hinausragen, bei hrevimana aber lange nicht des-
sen Spitze erreichen.
N. diver sicolor O. Fr. Müll. (Qf. 1. p. 508) aus
der Ostsee, neben welcher noch
N. Sarsii Rathke (Qf. I. p. 518) von Norwegen
als besondere Art aufgestellt ist, vermag ich nicht zu
unterscheiden, und M a 1 m g r e n wie Ehlers sind der-
selben Meinung. Kopflappen, Fühlercirren, Rüsselbewaff-
nung und Ruder stimmen ganz überein. Da nun John-
ston A". Sarsii ebenfalls für identisch mit seiner hrevi-
mana hält, werden wohl auch die Unterschiede dersel-
ben von der diversicolor nicht so bedeutend in die Wage
fallen.
K Yankiana Qf. (I. p. 553). New-York.
Stimmt ganz überein mit N, virens Sars, wie bereits
Ehlers angegeben. Auch an dem von mir untersuch-
ten Exemplar zeigen die Gruppen der Paragnathen we-
nig Symmetrie und Regelmässigkeit. Auf dem maxilla-
ren Wulst steht oben ein einzelner, in der Mitte rechts ein
Längshäufchen, links ein Querhäufchen von vier, unten
eine quere Mittelgruppe von neun, seitlich eine Längs-
gruppe von mehreren ; auf dem oralen Wulst sieht man
oben mitten einen einzelnen, seitlich davon wieder einen
einzelnen und ein paar kleinere daneben, die die Brücke
zu der über die Flanken und die Unterseite sich hinzie-
henden Querbinde bilden, dieselbe ist zweireihig ange-
legt aber wiederholt unterbrochen. Die Kiefer haben fünf
Zähne. Das Mundsegment ist kürzer als der Kopflap-
pen, dessen Augen nicht eben scharf umschrieben zu
nennen sind, der längste Fühlercirrus reicht bei ausge-
strecktem Rüssel bis auf das 4te Segment. In den Ab-
312 Grube:
bildungen von Sars erscheint manches abweichend, weil
sie ohne Zweifel nach dem lebenden Thier gemacht sind :
so ist der Kopflappen auffallend breit und die dicken
seitlichen Fühler fast ganz unter ihm versteckt; während
sie an den Weingeistexemplaren sehr stark vortreten,
auch erscheint dort das mittlere und untere Züngelchen
und der untere ßorstenköcher weit gestreckter.
N. heterochaeta Qf. (I. p. 552). Java.
Diese Annelide gehört zu meiner Gattung Tylor-
rhynchus^) und fällt, wie ich mich durch Vergleichung
eines eingetauschten Exemplars mit meiner ausführlichen
Beschreibung des T. sinensis **) überzeugt habe, mit die-
ser Art zusammen. Ich sehe nur ein einzelnes horniges
Körnchen an der Unterseite des vorderen Rüsselwulstes
neben jedem Kiefer, und dieser zeigt nur einen Zahnabsatz
am Grunde.
Heteronereis Schmardae Qr. (I. p. 569). St. Vaast.
Von dieser Thierform ist bereits im Jahresbericht d.
nat. bist. Sect. der Schles. Gesellsch. 1869 S. 52 erwähnt,
dass sie zu Nereis irrorata gehört.
Lycastis Sav., Aud. et Edw.
L. brevicornis Aud. et p]dw. (Qf. 1. p. 499). la
Rochelle.
An dem einzigen Exemplar, das ich vorfand, war
der Rüssel herausgenommen, so dass ich mich über die
Vertheilung der Paragnathen, wenn sie anders überhaupt
vorhanden waren, leider nicht unterrichten konnte, dies
Exemplar war 120 Mm. lang und hatte mit den Rudern eine
grösste Breite von 3,5 Mm. und von 2 Mm. ohne dieselben.
Der Stirnrand des Kopflappens ist, wie es die Abbildung von
Audouin und Edwards darstellt, auffallend breit und
die Stirnfühler weit auseinander gerückt, ganz abweichend
von den Nereis. Die ausserordentlich kurzen Fühlercir-
ren sitzen alle auf Grundgliedern, und das dicke Grund-
*) Verh. d. zoolog.-bot. Gesellsch. in Wien 1866. p. 173.
**) Anneliden der Novara-Expedit. p. 22. Taf 11. Fig. 3.
Bemerkunge» über Aimelicleii de« Pariso' Museums. 318
glled ist wenig kürzer als das spitze Endglied. Die Sei-
tentheile des Rückens sind von dem Mitteltheile, ähnlich
wie bei Nereis, etwas abgesetzt. Der RückencirruS; der
anfangs mit dem Borstenköcher abschneidet, wird vom
40sten Ruder an allmählich länger und platter, geht seit-
lich aus dem ganzen oberen Ruderrande hervor, und wird
(von der Basis des Ruders an gerechnet) am 60sten fast
2mal so lang als der Leib breit ist, an den hintersten
Rudern, z. ß. am lOOten über 2mal so lang, ganz platt,
spitz dreieckig und höher als der Borstenköcher selbst.
Die Cirren folgen hier so rasch auf einander, dass sie
sich wie die Blätter mancher Phyllodocen ausnehmen.
Eine zweite Art, die Quatrefages beschreibt, L.
quadraticeps aus Chili, konnte ich in der Sammlung nicht
finden. Sie scheint sich unter anderen auch durch die
geringere Zahl der Kieferzähnchen zu unterscheiden.
Nephthys Cuv.
N. Dussimieri Qf. (I. p. 426). Malabar.
Aehnelt in der Ruderbildung der N. assimUis Orsd.,
indem die sehr lange und nach aussen gekrümmte Kieme
den ansehnlichen Zwischenraum zwischen den beiden
Ruderästen ausfüllt, und das sogleich in's Auge fallende
Lippenblatt jedes Astes gestreckt ist, doch giebt es aus-
ser ihm noch ein vorderes, gleichfalls gestrecktes, kaum
vorragendes; aber auch jenes Hauptblatt des oberen Astes,
das sich in seiner ganzen Länge hinzieht, ist, wie Qua-
trefages bemerkt, äusserst niedrig, selbst an dem Ende
desselben, wo er sich merklich verschmälert, kaum halb
so hoch als er selbst; das Hauptblatt des unteren Astes,
das immer einen convexen (nicht wie bei N. assimüis
einen geraden) Unterrand hat, zeigt sich, wo es sehr ent-
wickelt und seitlich verlängert ist, nicht horizontal fort-
gestreekt, wie bei N. assimilisj sondern sanft emporge-
krümmt, so dass es sich der Spitze der sichelförmigen
Kieme nähert, üeberdies scheint es mir dann die Form
einer Hohlhand zu besitzen, die Höhlung nach oben se-
hend. Die Borsten treten nur längs dem unteren Rande die-
314 . Grnbe:
ses Ruders hervoiv, und die mittleren erreichen eine so
ansehnliche Länge wie bei N. longisetosa (bis 2 Mm.),
An beiden Ruderästen sind die glatten gekrümmten Bor-
sten bei weitem vorwaltend und fast alle emporgekrümmt,
die geringelten mehr geraden spärlich. Der Kopflappen
ist queroval und von beiden Seiten vom Mundsegment
umfasst, dessen winziges Ruderchen bei ausgestrecktem
Rüssel ganz nach oben gerückt ist. Es enthält zwei Bor-
stenbündel, ganz aneinander gerückt und ohne Lippen-
blätter. Der Rüssel, nur so lang als die ersten 10 Seg-
mente, hat 4 Kränze von Papillen (die um die OefFnung
selbst stehenden nicht mitgerechnet), in jedem etwa 16,
und die Papillen nehmen nach hinten an Länge bedeu-
tend ab.
Das vorhandene Exemplar war etwas über 50 Mm.
lang, aber unvollständig : von seinen 81 Segmenten waren
die vorderen reichlich 3mal, die hinteren nur 172mal so
breit als lang; die grösste Breite mit den Rudern betrug
4 Mm., ohne sie 2,5 Mm.
N. hononiensis Qf. (L p. 425). Boulogne.
Von N, cüiata Müll, nicht zu unterscheiden, nur
ist das Lippenblatt des unteren Ruderastes grösser als in
Malmgren's Abbildung.
N. margaritacea Johnst. (Qf. I. p. 423). St. Vaast.
Trouville.
Einerlei mit N, coeca , die Quatrefages unter
dem Namen N. Oerstedn als besondere Art aufführt.
Olycera Sav.
Was die von mir verglichenen Arten der Gattung
Glycera betrifft, so habe ich meine Notizen über diese,
d. h. über Glycera gigayitea , decorata , peruviana und
u7iicornis in dem Jahresbericht der Schlesischen Gesell-
schaft für 1869 in die „Bemerkungen über die Familie
der Glycereen^ p. 56 aufgenommen.
In Beziehung auf OL peruviana füge ich hier nur
noch hinzu, dass die Kiemen, welche an der Vorderwand
Bemerkungen über Anuelidcn den Pariser Museums. 515
des Ruders nahe dem Rückenrande sitzen, gerade über
dem Bauchcirrus entspringen und meistentheiis gabelig
sind, in dem hintersten Fünftel des Körpers fast nur ein-
fach auftreten wie hin und wieder auch an den übrigen
Segmenten. Die gabiigen haben immer einen sehr kurzen
Stamm mit langen Aesten und verwandeln sich hier und
da in 3-ästige, indem der eine und zwar dann der kür-
zere Gabelast sich sogleich abermals spaltet. Die Ruder
stehen an den hinteren Segmenten weit von einander ab,
da diese nur 2mal so breit als lang und an und für sich
schmäler sind, während die vorderen Segmente 14mal so
breit als lang sind. Die Rückenpapille (Rückencirrus)
sitzt auf der Basis des Ruders selbst oder schon an der
Seitenwand des Leibes nahe darüber. Der Kopflappen
lässt sieben schwache Ringfurchen erkennen und hat etwa
die Länge von 6 bis 7 Segmenten oder 2 Mm., der Rüs-
sel von 12 Mm., bei 7 Mm. Dicke am Ende. Der Leib fühlt
sich sehr weich an, ist höchstens G Mm., mit den Rudern
8 Mm. breit, doch hinten, wie bemerkt, sehr verschmälert
und hat deutlich 2-ringelige Segmente. üebrigens ist
das vorhandene Exemplar hinten nicht vollständig.
Hemipodius Qf.
H. roseus Qf. (IL p. 194). Chili.
Hier habe ich nur hinzuzufügen, dass nahe über der
Basis der Ruder noch eine kleine längliche Papille an
der Leibeswand sitzt ; ich sehe sie schon an den vorde-
ren Segmenten, z. B. am 8ten, aber auch an den hinter-
sten, wo sie freilich sehr niedrig ist. Die Ruder haben
von der Seite betrachtet die Form eines breiten Ovals,
laufen in eine kurze fingerförmige Lippe aus, tragen
etwa 9 Grätenborsten in zwei kaum getrennten Bündeln,
einen kleinen fast eiförmigen Bauchcirrus, der nicht das
Ende des Borstenköchers erreicht, und sind an dem mitt-
leren aufgeblähten Theil des Leibes nur so lang als Vs
seiner Breite; sie stehen hier nur etwa vier Durchmesser
ihrer Dicke von den benachbarten ihrer Seite ab. Der
Kopflappen ist etwa so lang als die sechs vordersten
316 Grube:
Segmente oder -/a des Rüssels, und dieser dicht mit kur-
zen winzigen Papillcben besetzt, seine Kiefer äusserst
winzig.
Scoloplos Blv.
Ausser dem Sc. armiger Müll, begegnen wir in der
»Sammlung noch einer andern Art mit kurz-konischem
Kopflappen, dem
Sc. elongatus Qf. (II. p. 286). St, Vaast.
Der Unterschied von jener soll darin bestehen, dass
in jener 15, in dieser 19 Segaiente zur vorderen Abthei-
lung des Leibes gehören ; es ist aber nicht angegeben,
ob die Grenze dieser Abtheilung bloss durch die verschie-
dene Beschaffenheit der Borsten oder, wie O e r s t e d
sagt, auch durch das Auftreten der Kiemen bestimmt
wird. In der That rücken die Borstenbündel, die an den
vorderen 14 Segmenten (das Mundsegment nicht mitge-
zählt) ganz am Seitenrande stehen, erst allmählich auf
den Rücken und die Gestalt derselben ändert sich auch
allmählich, indem das untere, das dort quergezogen und
wie eine Bürste aussieht, schmäler wird, und mit dem
Emporrücken auf dem dunkleren (jrunde weniger dunkel
als an dem freien Rande erscheint. In dieser Hinsicht
stimmen aber Sc. elongatus und Sc. armiger, den ich in
0er sted'schen Originalexemplaren vor mir habe, über-
ein, nicht weniger in dem Auftreten der Kiemen, die
schon am 13ten Ruder, mitunter auch erst am 14ten oder
löten, freilich noch sehr unscheinbar als winzige Papillen
erkennbar sind, aber erst an den Rudern recht in's Auge
fallen, die ganz auf dem flachen Rücken stehen, schmale
Borsten Fächer von längeren Borsten enthalten und mit
ansehnlichen Lippenblättern versehen sind (so von Ruder
18 an). Das innere (obere) Bündel ist voller, ausge-
breiteter und kommt an dem Grunde des etwa schief-
lanzettförmigen Lippenblattes hervor, das äussere (untere)
sitzt höher und tritt zwischen zwei Lippenblättern her-
vor, einem inneren längeren und einem äusseren kürze-
ren (pinna inferiore apice furcata Oerstd.), letzteres giebt
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums, 317
Quatrefages nicht caiisdrilcklich an^ es ist aber auch in
dieser Beziehung in der That kein Unterschied. Die Kiemen,
die anfangs durch einen breiten mittleren Zwischenraum
getrennt sind , rücken bald nahe an einander und ver-
bleiben so ; ihre Länge im Verhältniss zum Lippenblatt
des inneren Borstenbündels ist nicht an allen Segmenten
dieselbe^, an manchen überragt sie dasselbe nur wenig,
an anderen, indem letzteres niedriger wird, sehr bedeu-
tend ; auch dieser Charakter ist daher nur mit Vorsicht
zu benutzen und die grössere Länge der Kieme gilt für
Sc. armiger nicht ausschliesslich. Uebrigens habe ich
erst daheim bei der genaueren Untersuchung meines Sc.
armiger bemerkt, dass in den bürstenförmigen Borsten-
gruppen der unteren Borstenhöcker der vorderen Seg-
mente ausser den dichtquergereiften Haarborsten auch
noch andere glatte kurze am Ende etwas umgebogene und
nicht in eine Spitze auslaufende vorkommen, ähnlich denen,
die man in jener Körpergegend bei x\ricia findet. Ob sich
hierin ein Unterschied bei Sc. eloiigatus zeigt, bleibt noch
zu untersuchen, es ist aber nicht wahrscheinlich und da-
her wohl nur eine Species S. amiger im System zu behal-
ten. Die verhältnissmässige Länge und Breite der Seg-
mente variirt mit dem Grade der Contraction; der Aus-
druck longiusculus , den Quatrefages für die vorderen
Segmente seines Sc. elongatus benutzt, kann jedenfalls
nicht im gewöhnlichen Sinne verstanden werden : sie
sind immer merklich breiter als lang. Uebrigens bin ich
nach wie vor der Ansicht, Scoloplos mit Aricia zu ver-
einigen.
Petaloproctus Qf.
F. terricola Qf. (IL p. 247). St. S^bastien.
Quatrefages nimmt überhaupt 25 Segmente an, nicht,
wie man in meiner früheren Angabe liest *) 24, darunter 23
borstentragende^ von denen 4 auf die vordere Region kom-
men sollen, das nackte Mundsegment ist nicht mitgerechnet.
^) Jahresbericht der Schles. Gesellsch. für 1867. p. 57.
318 Grube:
Ich zShie an allen meinen Exemplaren nur 24 Segmente und
zwar 22 borstentragende, von denen 'sich bloss die drei
vorderen durch den Mangel der Kämmchen von Haken-
borsten auszeichnen und also als eine eigene Abtheilung
auffassen lassen, wenn aber auch die 6 hinteren Segmente
eine besondere Abtheilung bilden sollen, so kann die-
selbe nicht auf eine abweichende Ausstattung in Bezug
auf die Borsten begründet werden ; Petalopioctus hat das
gerade vor Clymene voraus, dass Haar- und Hakenbor-
sten bis an das auch hier davon freie Endsegment fort-
laufen ; zur Annahme einer hinteren Abtheilung würde
vielmehr nur die Annahme der Länge der Segmente und
die Bildung einer dreieckigen Rückenplatte zwischen den
Bündeln der Haarborsten berechtigen können, letztere
tritt aber schon bei dem IGten, deutlicher bei dem ITten
Segment auf, hört aber mit dem 20sten oder 19ten wie-
der auf. Auf die Identität des Hinterrandes meiner Cly-
mene spathulata mit dem von P. terricola habe ich bereits
a. a. 0. hingewiesen.
CljTiieue Sav.
CL lumhricoides Qf. (IL p. 236). Boulogne,
St. Vaast.
Die auf das nackte Mundsegment folgenden 3 Seg-
mente tragen alle keine Kämmchen von Hakenborsten,
sondern wie bei Feialoproctus terricola nur 1 oder 2 sie
vertretende Stachelchen. Grosse Weingeistexemplare er-
reichen eine Länge von 140 Mm. bei einer Dicke von
5 Mm., während Fetaloprocfus terricola im Weingeist selten
über 95 Mm. lang und 3 Mm. dick ist. Ich zähle im Ganzen
24 Segmente, von denen 19 Borsten tragen, das Mundseg-
raent und die letzten 4 Segmente sind frei davon. Die
Abwechslung der langen und kurzen Zähne an dem Rande
des Endtrichters ist keine durchaus regelmässige ; zwi-
schen zwei längeren tritt meistens ein kurzer, zuweilen
deren auch zwei auf, oder die kurzen fehlen auch im
Gegentheil gänzlich. Die Gesammtzahl der Trichterzähne
variirt. Jedenfalls zeichnet sich diese Art vor mehreren
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 319
andern in dem Zustande der Contraction durch die ge-
drungene Gestalt der Segmente aus.
67. zostericola Qf. (Jl. p. 237.)
Wenn ich auch geneigt bin , diese Art für nicht
unterscheidbar von Ct. lumbricoides zu halten, muss ich
mich doch eines sichern Urtheils enthalten, da es einer
noch genaueren Vergleichung bedarf, doch habe ich an-
zuführen, dass ich an einem der drei Exemplare 15, an
zwei anderen 16 Segmente mit Kämmchen von Haken-
borsten bemerkte, und an dem ersteren die Segmente 6
bis 15 ungemein gestreckt erschienen, was nicht zu der
Abbildung der OL lumbricoides (lumbrica/is Edw. Cuv.
R^gne anim. ill. pl. 22. fig. 2) passt. Die Kopfplatte war
mehr kreisrund und ihre hintere Hälfte zeigt fast gar
keine Randeinschnitte. Letzteres kommt aber auch bei
manchen Individuen von GL lumbricoides vor. Auf die
Art der Abwechslung längerer und kürzerer Trichter-
zähnchen darf man vielleicht nicht zu viel geben, die
Form der Hakenborsten habe ich mit der von Cl. lum-
bricoides nicht verglichen, doch ist sicher, dass auch die
Hakenborsten der CL lumbricoides das kleine gestreifte
Blättchen zeigen, das Quatrefages bei Cl. zostericola
besonders erwähnt. Zwei andere Exemplare in demsel-
ben Glase ähneln in ihrem gedrungeneren Leibe der
oben citirten Abbildung.
Cl. uranthus Sav. (Qf. H. p. 238). la Rochelle.
Quatrefages hebt als charakteristisch für diese
Art hervor, dass die mittlere Region des Leibes, welche
Haarborsten und Kämmchen von Hakenborsten trägt, 18
Segmente umfasst, während bei CL lumbricoides nur 15
bis 16 vorkommen, und dass das 5te bis 17te merklich
länger als die übrigen sind. Savigny selbst spricht
nur von 19 Segmenten mit Haarborsten im Ganzen, was
nach Abzug der 3 vorderen Segmente, die keine Kämme
von Hakenborsten tragen , bloss 16 Segmente für die
mittlere Region geben würde, und von diesen sollen die
5 letzten vorn merklich verjüngt sein. Die Zahl der Trich-
terzähne wird von beiden Beschreibern auf 38 angege-
320 Grube:
ben (von Qiiatr(?fages auf 36 bis 38). In dem Glase,
-weiches die zuletzt gesammelten Exemplare enthält, fand
ich drei Bruchstücke einer Clymcne, an welcher 19 Seg-
mente mit Haarborsten zu sehen sind, von denen 16 auch
Hakenborsten tragen, Segment 14 bis 17 sind länger als
die andern, die Kopfplatte ähnelt der von GL lumhricoi-
des. Dies stimmt weder durchaus mit Quatrefages
noch mit Savignj überein.
Ausserdem existiren noch zwei andere Gläser mit
jener Etiquette aus älterer Zeit, Exemplare von d'O r-
bigny: in dem einen liegt eine Clymene ohne Hinter
ende, die also keinen Anhalt gewährt, das zweite muss
aus Versehen mit GL uranthus bezeichnet sein , da es
eine Maldane enthält.
Jolmstonia Qf. *)
J. clymenoides Qf. {U. p. 245. pl. 11. fig. 10-15).
St. Sebastien.
Die Entdeckung dieser interessanten Annelide ver-
danken wir Herrn Professor Quatrefages, der sie nur
einmal gefunden, und darnach eine ausführliche Beschrei-
bung geliefert hat. Die Untersuchung des aufbewahrten
Exemplars, welches 107 Mm. lang und an der dicksten
Stelle (an Segment 13 und 14) noch nicht 3 Mm., am
Ende nur 2 Mm. stark ist , lehrt, dass sich in jene Be-
schreibung ein Druckfehler eingeschlichen hat : die vor-
dere Leibesabtheilung umfasst nämlieh nicht, wie es
dort heisst 8 , sondern 3 borstentragende Segmente, und
das nackte Mundsegment. In der mittleren Region des
Leibes, für welche 22 Segmente angegeben sind, zähle
ich nur 19, von denen die 6 hintersten ganz bleichen
mit zahlreichen fingerförmigen oder länglich-spindelförmi-
gen Anhängen (Coecums vasculaires) besetzt sind, doch
zeigen sich spärliche schon auf dem 13ten Segment die-
*) Was die Gattimg Johnstonia betrifft, so möchte ich sie
lieber als Untergattung von Clymene betrachten, da sie sich nur
durch ein Merkmal, die Papillen der hinteren Segmente, unterscheidet.
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 321
ser Abtheilung. Dann folgt ein kurzes mit dem Trichter
endendes Körperstück, welches Quatrefages als aus
zwei Segmenten bestehend betrachtet; ich kann in Ueber-
einstimmung mit der Beschaffenheit desselben bei den
Clymenen nur eines annehmen, indem ausser der ringför-
mig verdickten Basis des Trichters nicht noch ein beson-
deres Paar Wülste existirt, welche die sonst mit einem
Kamm von Hakenborsten versehenen Polster andeuteten.
Die Segmente der vordersten Leibesabtheilung sind ver-
hältnissmässig ausserordentlich kurz, sie wachsen dann,
obwohl anfangs kaum bemerkbar, an Länge bis zum 14ten,
die nächstfolgenden bleiben sich ziemlich gleich, und die
übrigen werden rasch kürzer. Die ovale Scheitelplatte
wird durch einen schmalen von zwei P'urchen eingefass-
ten und vorn in einen Stirnlappen vortretenden Mittel-
streif etwa auf 2/3 ihrer Länge halbirt. Der Randsaum
ist seitlich nicht eingeschnitten, hinten ein wenig ein-
gekerbt.
Pectinaria Lam.
Unter den Pectinarien des Museum zog eine an-
sehnliche unbenannte Art aus Neu-Caledonien meine
Aufmerksamkeit auf sich, von der ich ein Exemplar zur
Bestimmung erhielt. Es erwies sich, dass sie neu war, und
ich will ihre Beschreibung hier sogleich hinzufügen.
P. crassa Gr.
Auffallend durch den dicken und plumpen Leib,
der bei 40 Mm. Länge an seiner breitesten Stelle, an dem
4ten Segment und den nächstfolgenden, eine Breite von
15 Mm. hat und sich nach hinten so wenig verjüngt, dass
er am 14ten noch 13 Mm., am letzten Borstenbündel noch
etwa 10 Mm. breit ist. Die Farbe ist jetzt ein Perlgrau
mit etwas Schimmer, und Rücken und Bauch zeigen eine
dichte feine Querstreifung. Man zählt jederseits 17 platt-
gedrückte Borstenbündel, deren vorderste drei ebenso
wie die beiden hintersten, nur wenig vorragen, und 13
Flösschen mit Hakenplättchen; letztere beginnen unter
dem 4ten Borstenbündel. Der Stirnrand des Kopflappens
Archiv f. Naturg. XXXVI. Jahrg. 2. Kd. 21
322 Grube:
läuft in etwa 32 cirrenförmige Anhänge aus und die hin-
tere Falte des Nackcnfeldes, das ziemlich doppelt so breit
als lang ist^ in etwa 56 dreieckige Läppchen. Jeder der
beiden Paleenkämrae am Vorderrande dieses Feldes ent-
hält 12 goldglänzende sehr starke, beiderseits an Grösse
abnehmende, spitze, doch nicht in eine fadenförmige Spitze
endende, ein wenig emporgekrümmte Paleen. Der seit-
liche Cirrus des Iten Segmentes , der neben der äusser-
sten Palee steht, ist etwas kürzer und dünner als der
des 2ten Segmentes. Die auf ihn folgenden beiden Kie-
menpaare sind nicht besonders gut erhalten, bräunlich,
an 7 Mm. lang und bestehen aus zahlreichen breiten Blätt-
chen. Der breite schaufeiförmige Endtheil des Leibes
(scapha) hat eine abgerundet 6-seitige Gestalt, einen leicht
gebuchteten Hinterrand und eine Länge von 4,5 Mm. bei
6 Mm. grösster Breite. Die beiden kleinen von vorn nach
hinten laufenden 1 Mm. langen Paleenkämmchcn an seiner
Basis enthalten jedes 10 kurze schmale schwarzbraune,
gerade spitze Paleen, welche nach hinten an Länge zu-
nehmen, deren letzte aber wieder viel kürzer ist. Die
starken sehr spitzen goldglänzenden Haarborsten sind an
der Spitze leicht gekrümmt und erscheinen hier sehr
schmal gesäumt, der Saum bei starker Vergrösserung von
schrägen zahlreichen QuerstreiFchen durchzogen, die Ha-
kenblättchen (uncini) haben eine Schneide mit 8 bis 10,
nach dem unteren Ende der Reihe an Grösse schnell ab-
nehmenden Kammzähnchen.
Die gewiss bei weitem nicht in ihrer ganzen Länge
erhaltene gerade Röhre dieses Exemplars misst an 37Mm.,
ist ziemlich drehrund, nach dem einen Ende etwas ver-
jüngt, hat dort äusserlich 16 Mm., hier 14 Mm. im grös-
seren Durchmesser, und eine sehr feste Wandung, wel-
che aus lauter platten und ziemlich gleich grossen Stein-
fragmenten, von etwa 3 Mm. Durchmesser, besteht.
Diese Art würde zur Gattung Amphictene Sav., Mgn.
zu zählen sein.
Bemerkungen über Anneliden des Pariaer Museums. 328
Terebella L. s. str. Cuv.
T. emmalmaQL (IL p. 351. pl. 14. fig. 1—8), Baie
de Biscaye.
Zu der ausführlichen Beschreibung von Quatre-
fages habe ich nur noch hinzuzufügen^ dass der vorra-
gende Thoil des Kopflappens sehr schmal ist, Augen-
pünktchen nicht bemerkbar sind, die erste Gabeltheilung
an allen drei Paaren der verästelten Kiemen erst ziem-
lich hoch auftritt, jcderseits 17 Paar Borstenbündel vor-
handen sind, dass die ßauchplatten, vs^elche quer recht-
eckig und nicht scharf umschrieben sind, am 13ten der-
selben aufhören und von da eine schmale ßauchrinne be-
ginnt. Das Iste Borstenbündcl steht unter der 3ten Kieme,
der Iste Wulst mit Hakenborsten am nächsten Segment.
Diese Wülste nehmen vom 21sten Segment ab die Form
von queren Höckern an, und stehen an den Seiten des
Bauches. x\bweichender Ansicht von Quatre f ag es bin
ich in Bezug auf den grossen nach vorn gerichteten Sei-
tenlappen, der in Form eines Halbovales von einem der
vordersten Segmente abgeht, und nach seiner Darstellung
dem Mundsegment angehört: ich finde, dass er vom 3ten
Segment abgeht, indem er offenbar unter der 2ten Kieme
sitzt, die 2te Kieme aber schon auf dem 3ten Segment
enspringt.
T. gigantea Mont. (Qf. IL p. 334). St. Vaast.
Obwohl die unter diesem Namen aufgestellte Anne-
lide von ausgezeichneter Grösse, jetzt noch 200 Mm. lang,
mit 17 Paar Borstenbündeln und 3 Paar verästelter Kie-
men versehen ist, und die Bauchplatten die scharfum-
schriebene Form eines schmalen queren Ovals besitzen,
muss ich doch bezweifeln, dass sie der T. gigantea Mont. *)
entspricht, da man aus der Abbildung der letzteren er-
sieht, dass die Bauchplatten nur bis zum 8ten Borsten-
bündel eine ziemlich gleiche Breite haben, dann aber
merklich an Breite ab, an Länge zunehmen. Bei unse-
*) Linn. Transact, XII. p. 341. Tab. II.
324 Grube:
rer'Art dagegen laufen die Bauchplatten bis zum Uten
ßorstenbündel in gleicher Breite fort, und hören dann
plötzlich auf. Der Widerspruch, den Quatrefages
zwischen Montagu's Beschreibung und Abbildung fin-
det, löst sich wohl dadurch, dass Montagu zwar 14
Bauchplatten abbildet, aber im Text nur die acht vorde-
ren breiteren berücksichtigt. Aber auch die Kiemen der
vorliegenden Art passen nicht zu der Figur von Montagu,
indem sie einen nicht eben langen , dicken Stamm mit
kurzen Aesten Ister und 2ter Ordnung aber sehr langen
einfachen oder gabiigen Endzweigen besitzen, in der Fi-
gur von Montagu jedoch die Aeste selbst lang, die
Endzweige aber sehr kurz erscheinen, wodurch ein stau-
denförmiges Ansehen entsteht. Uebrigens nehmen die
Kiemen unserer Art an Länge nur wenig ab. Der Leib
ist vorn etwas verengt, keines der vorderen Segmente
durch Seitenlappen verbreitert; die borstentragenden Seg-
mente sind anfangs gleich lang, dabei etwa 4mal so breit
als lang; alsdann verschmälert sich der Leib bedeutend
und die Segmente wachsen an Länge, so dass dasjenige,
welches das 14te ßorstenbündel trägt, beinahe quadratisch,
aussieht; die letzten werden wieder kürzer. Man zählt
im Ganzen 120 Segmente. Die Bauchplatten der vier vor-
dersten Segmente sind nicht so scharf umschrieben, und
gehen in Falten über, die die Stelle der Polster für die
Hakenborsten vertreten. Das Iste Borstenbündel steht
unter der 3ten Kieme, die Iste Reihe der Hakenborsten
am nächsten Segment. An den schmalgesäumten Haar-
borsten erscheint die Spitze zart gesägt-gestreift. Die
sehr dicken Fühler bilden einen ansehnlichen Schopf,
Augenpunkte sind nicht bemerkbar.
Mir scheint, dass die besprochene Art am besten der
Amphitrite mte^^media Mgn. entspricht*), obwohl der Leib
derselben, der mit Ä. affinis wohl übereinstimmt, vorn
nicht so stark anschwillt als bei der unsrigen. Loven's'
Exemplare, dieMalmgren vor sich hatte, waren schlecht
*) Nordiske Hafs-Annalater Öfvers. af. K. Vet. Akad. Förh.
1865. p. 376.
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 325
erhalten, und daher vermissen wir wohl die Grössenan-
gaben in seiner Beschreibung.
T. elongata Qf. (IL p. 363). ßr^hat.
Ebenfalls eine recht ansehnliche Art. Das unter-
suchte Exemplar hatte eine Länge von 120 Mm. und 112
Segmente, deren hinterste, wie gewöhnlich sehr kurz.
Die Kiemen bilden Büschel von gleicher Grösse, theilen
sich unmittelbar über der Basis und etwas weiter hin in
eine massige Zahl langer einfacher oder gabiiger Fäden,
und sind nicht länger als der Blicken breit. Der Kopf-
lappen ragt, seitlich betrachtet, unter dem mächtigen
Schopf dicker, zum Theil bis zum 24sten Segment rei-
chender Fühler etAvas vor, und zeigt einen verdickten
Rand. Augenpunkte nicht bemerkbar; von den vorderen
Segmenten keines durch Lappen verbreitert. Bauchschil-
der quer rechteckig, mit abgerundeten Ecken, etwa 3mal
so breit als lang, 13 an Zahl. Polster der Hakenbor-
sten ziemlich linear, Zwischenräume wohl 3mal so breit.
Jederseits 24 Borstenbündel , unter der 3ten Kieme be-
ginnend. Nach dem Aufhören derselben ziehen sich die
Polster der Hakenborsten, die am nächstfolgenden, dem
5ten Segment beginnen, indem sie sich in querer Rich-
tung verkürzen, allmählich ganz an die Bauchseite, wo-
bei die hintersten die Mittelfurche derselben erreichen;
sie nehmen nirgend die Form von Flösschen an. Der
Leib verdickt sich vorn ansehnlich, ohne eigentlich auf-
geschwollen zu sein , und die Segmente zeigen hier auf
dem Rücken eine mittlere Querfurche ; die folgenden
sind vielringelig, die hinteren schmalen z. Th. quadra-
tischen glatt.
Dies alles passt genau zu den Charakteren der Am-
phitrite Johnsioni Mgn. *) , die auch ich bei St. Vaast in
mehreren Exemplaren erbeutet.
T. modesta Qf. (H. p. 365). Baie de Jervis (Quoy.)
Auch diese Art gehört zu den Amphitriten Malm-
grens. Die Kiemen sind fast quastenförmig, indem der
*) 1. c. p. 377.
326 Grube:
kurze Stamm sich sogleich 2mal gablig theilt, und alle
Endzweige eine ansehnliche Länge haben (bis 4 Mm.).
Die Sie über dem Isten Borstenbündel. Das 2te, 3te
und 4te Segment schwillt an den Flanken zu Schwielen
an, ohne Lappen zu bilden. Die querrechteckigen Bauch-
platten gehen am 13ten Borstcnbündel in eine schmale
Mittelbinde über. Die stark in die Quere gezogenen Pol-
ster der Hakenborsteu, welche am 5ten Segment anfan-
gen, stehen im vorderen Körpertheil um ihre Dicke, spä-
terhin etwas weiter von einander ab, wobei sie dicker
werden, ohne sich in Flösschen zu verwandeln, und die
Segmente sind etwa bis zum 15ten meist 5mal, die hin-
teren, schmäleren 2mal so breit als lang. Die Zahl der
Borstenbündel variirt etwas bei den drei von mir unter-
suchten Exemplaren, und scheint an dem grossesten, aber
schlecht erhaltenen und deshalb keine volle Sicherheit
gewährenden 22, an einem anderen (Nr. 276 a) ist sie 24,
und an dem 3ten (Nr. 276 b), wie es scheint vollständi-
gen, 45 Mm. langen auf der einen Seite 20, auf der an-
deren 23 : bei diesen fehlen linkerseits die Polster der
Hakenborsten unter dem 4ten, 6ten und 8ten Borsten-
bündel und die Bauchplatten nehmen hier nicht die ganze
Breite des Bauches ein. Augenpünktchen sind bei keinem
bemerkbar.
T. peotoralis Qf. (IL p. 358). Cotes de l'Ocöan.
Quatrefages gründet diese Art auf die blosse
Abbildung der T. concMlega inCuvier's Regne animal
Annelid. pl. 5. fig. L Das einzige Exemplar ist unvoll-
ständig, und erlaubt dcsshalb keine befriedigende Ver-
gleichung, weil nur 26 Segmente erhalten sind, allein
die Zahl der Borstenbündel ist nicht höher als 17, was
mit Quatrefages Angabe „corporis regio anterior 48
annulis composita^ in Widerspruch steht, wenn man auch
zunächst daran denken müsste, statt 48, 18 zu lesen,
auch weiterhin in der Beschreibung hebt der Autor aus-
drücklich im Vergleich mit T. prudeiis und conchilega
die Zahl der Borstenbündel als Verschiedenheit hervor;
im Rögne animal (Annölid pl. 5. fig. 1) sind bei T. conchi-
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 327
lega 21 abgebildet, ich möchte aber doch glauben, dass
die seitlichen Vorsprünge hinter dem 17ten Borstenbün-
del Pinnulae vorstellen, wenigstens stimmt ihre Lage und
Form mit den ersten vier Pinnulae meiner Exemplare
der T, conchUega überein; die Haarborsten daran könn-
ten durch einen Irrthum des Zeichners entstanden sein.
Fig. 1 a soll den vergrösserten Vordcrtheil desselben Thie-
res bei seitlicher Ansicht darstellen, es stimmen aber
weder die Kiemen mit Fig. 1 überein, noch sieht man
die so charakteristischen Seitenlappen an den vorderen
Segmenten.
Die Form der Hakenborsten finde ich ebenso wenig
abweichend. Das Original-Exemplar scheint hier also
nicht vorzuliegen, sondern eine andere Terebella, die ich
für T. conchUega halte.
T, conchUega Fall. (Qf. II. p. 355).
Ich fand nur ein Exemplar vor, das so tief in sei-
ner Röhre steckte, dass ich es nicht herauszuziehen wagte,
und kann daher über die Verschiedenheit von T. prudens
und dieser conchUega nicht urtheilen : aber alle Exem-
plare von 1\ prudens der Pariser Sammlung, die ich gese-
hen, scheinen mir durchaus der conchUega zu entsprechen,
wie sie Pallas und Savigny charakterisirte. Cuvier
hat zuerst zwei Arten unterscheiden zu müssen geglaubt*),
begründet jedoch diese Verschiedenheit nur auf die ansehn-
lichere Länge seiner T. prudens (du double plus grande)
und den abweichenden Bau der Röhre, den er zwar bei
T. prudenSj nicht aber bei T. conchUega genauer be-
schreibt. Quatrefages, der seiner Ansicht gegen Sa-
vignj beipflichtet, will auch an den Thieren selbst Ver-
schiedenheiten erkennen; die hintere Abtheilung des
Leibes, d. h. die ohne Borstenbündel, also die mit dem
21sten Segment beginnende, soll bei T. conchUega aus
etwa 150, bei T. prudens nur aus etwa 114 Segmenten
bestehen, obwohl letztere 2mal so lang als jene ist (220
— 240 Mm.). Von den Kiemen heist es bei T. conchUega
„Branchiae inaequalcs, anteriores longae, undulatae, alter-
*) Dict. des scienc. nat. Amphitrite p. 81.
328 Grube:
nis ramulis brevibus,^ bei T. prudens ^Branchiae subae-
quales, fere a basi ramosae."
Die Fühler werden bei T. conchilega als siibnume-
rosi, bei T. i)rudens als numerosi bezeichnet und die
Bauchschilder oder Bauchplatten (scutella) sollen sich
bei jener über die Hälfte der Leibeslänge erstrecken,
bei dieser in' der Zahl von 14 bis 15 vorkommen, ohne
dass ihre Ausdehnung angegeben wäre. Ich habe auf diese
Unterschiede hin eine Menge selbst gesammelter Exem-
plare in Weingeist untersucht, die alle in der Körperform,
der 17-Zahl der Borstenbündel und der eigenthümlichen
Lappenbildung der vordersten Segmente übereinstimm-
ten, und mich zunächst überzeugt, dass die Zahl der
Segmente der hinteren Abtheihmg bedeutend schwankt,
von 130 (bei 110 Mm. Leibeslänge) bis 188 (bei 156 Mm.)
Länge.
Besonders studirte ich die Kiemen. Diese variirten
aber bei sonst nicht zu unterscheidenden Thieren eben-
falls; bei einigen kommt namentlich am Isten (grösse-
ren) Paar aus einem kurzen Stämmchen eine Reihe von
Aesten dicht hinter einander, deren zwei untere sich in
merklicher Höhe 1- oder 2mal gabelig theilen, und sehr
lange korkzieherartig aufsteigende, mit zahlreichen kur-
zen Endzweigen besetzte Endäste bilden, die höher ent-
springenden Aeste gabeln sich nur einmal, nehmen be-
deutend an Länge ab, und haben Endäste, deren Spira-
len nur ein Paar Umgänge beschreiben. Bei anderen
Exemplaren erscheinen dagegen die Kiemen bei weitem
minder umfangreich, die Verästelung zusammengedräng-
ter, die Endzweige nichts weniger als auffallend lang,
und kaum mit Andeutungen von Spiralen, doch besitzen
diese immer das oben beschriebene staudenförmige An-
sehen. Noch andere hielten die Mitte zwischen diesen
Extremen.
Die Bauchplatten haben bei Weingeistexemplaren
das Eigenthümliche, dass sie weder queroval sind, noch
durch Querfurchen von einander getrennte Rechtecke bil-
den, sondern sie nehmen in fortlaufender Reihe den gan-
zen Zwischenraum zwischen den Wülsten der Haken-
Bemerkungen über Anneiiden des Pariser Museums. 329
borsten ein und stellen eine ununterbrochene breite Binde
dar, welche vom 13ten Borstenbündel an sich verschmä-
lert, und so in Form eines langgezogenen Dreiecks am
17ten endet, an Länge noch kaum 74 ^^^ Leibes betra
gend. Die Grenzen der Bauchplatten, aus denen diese
Binde besteht, lassen sich an Weingeistexemplaren als
lineare Riefen erkennen, meist aber sind auch auf den
Platten selbst noch einzelne ähnliche wahrzunehmen, wo-
durch die zu Grunde liegende Eintheilung etwas ver-
wischt wird. Hiernach hätte ich freilich nur Exemplare
von T. prudens vor mir gehabt, allein die Form der Kie-
men mit spiraligen Endästen würde wieder für T. conchi-
lega sprechen.
Was die Zahl der Fühler betrifft, so darf man sich
nicht wundern, wenn diese in der Regel nicht ansehnlich
ist, da es kaum eine Terebella giebt, die diese Organe
besonders beim Tödten so leicht verliert als T. coiichilegaj
es gelingt nur äusserst selten sie alle zu erhalten. Am
lebenden Thier stechen sie meist durch einen dunkleren
rauchbraunen Anflug gegen das Weiss des Körpers ab,
zu welchem andererseits die vorn mehr rosige, hinter-
wärts blutrothe Bauchbinde einen prächtigen Gegensatz
bildet. Man kann in letzterer Hinsicht ganz auf die far-
bige Abbildung in Cuvier's Regne animal *) verweisen,
welche nach Qu atr e f ag es T. peotoralis ist. Die Längs-
binde an den Flanken in der Figur von Pallas existirt
auch bei meinen Exemplaren und zwar mit intensiver
weisser Färbung.
Jedenfalls zeichnet sich T. conchilega von anderen
Arten durch die gestreckten Segmente aus, welche zu-
nächst dem 20sten folgen, und durch die so ansehnlichen
breiten Seitenlappen des 2ten und 3ten Segmentes; an dem
des 2ten Segmentes scheint auch das Iste Segment Theil
zu nehmen, da man hier vorn an einer Stelle zwei dicht
hintereinander liegende und verwachsene Blätter unter-
scheiden kann. Die Seitenlappen des 2ten Segments ent-
springen tiefer als die des 3ten, und gehen am Bauch
*) Annelides pl. 5. fig. 1.
330 Grube:
durch eine schmale Binde in einander über, die des
3ten bleiben getrennt. Augenpünktchen sind nicht wahr-
nehmbar.
Die blosse Verschiedenheit der Röhren würde mich
nicht bestimmen können, zwei Arten von Terebellen an-
zunehmen, für deren Körper keine scharfe Unterschiede
festzustellen sind : denn diese Verschiedenheit soll nur
auf der Anwesenheit oder dem Fehlen der fadenförmigen
mit Sandkörnchen beklebten Ausschwitzungen am oberen
Ausgange der Röhre bestehen, die offenbar von den Füh-
lern herrühren, und in der mehr oder minder reichlichen
Verwendung von Conchylienfragmenten oder von Stein-
bruchstückchen und Sandkörnern. Das Fehlen der er-
steren kann von der Verletzung der Röhrenmündung her-
rühren, die leicht eintritt, wenn sie eben erst gebaut ist,
und das letztere dürfte genau mit der Beschaffenheit des
Meeresbodens zusammenhängen, in dem die Terebella
nistet. Pallas selbst sagt, dass man zuweilen Röhren
von T, conchüega finde, die nur mit Sand bekleidet seien,
häufiger solche, welche partieenweise abwechselnd aus
Sand und Kies und aus winzigen Conchylienfragmenten
gemacht seien, am gewöhnlichsten aber solche, die durch-
weg aus grösseren Conchylienstücken oder ganzen Scha-
len und Kies beständen *).
Malmgren, der T. conGliilega Fall, zu einer eige-
nen Gattung Lanice erhoben hat, führt nur diese Art und
zwar als Bewohnerin der Belgischen und Englischen Kü-
sten an, konnte selbst aber nur ein beschädigtes Exem-
plar untersuchen, und hat uns deshalb nicht darüber auf-
geklärt , in welchen Stücken er den Unterschied der
Pallas'schen Art von der Sa vigny'schen findet, den er
wohl in dem Zusatz T. Gonchilega Fall, non auct. andeutet.
Ich theile mit ihm seine Verwunderung, dass diese Art
an den Scandinavischen Küsten bisher noch nicht ent-
deckt ist. Johns ton unterscheidet T. conchüega Fall,
und T. littorcdis Dal. dadurch, dass letztere nur 16 Faar
Borstenbündcl haben und eine senkrechte Röhre aus Sand
') Pallas. Mise. Zool p. 132, 133.
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 331
und Kies bauen soll, die an der Mündung einen Büschel
von Fäden hat, wie T. conchüega des Regne animal *), die
weitere Bestätigung einer solchen Art mit 16 Paar ßor-
stenbündeln bleibt noch zu erwarten.
T. abhreviata Q. (II. p. 363). St. Vaast.
Quatrefages zählt in der vorderen Abtheilung
des Leibes 15 Segmente, ich sehe an dem untersuchten
Exemplar 17 Paar Borstenbündel, was für die vordere
Abtheilung 20 Segmente ergeben würde ; hierauf folgen
noch 45 bloss mit seitlichen Flösschen versehene Seg-
mente. Die Bauchschilder bleiben gleich bis zum 13ten
Borstenbündel, und lassen sich erst vom Isten oder 2ten
derselben an gut unterscheiden, so dass man deren 12
oder 13 zählt. Im Text scheinen sich zwei Druckfehler
eingeschlichen zu haben/ da für die hintere Leibesabthei-
lung nur 13 bis 14 Segmente, dagegen 35 bis 40 Bauch-
schilder angegeben werden : das Umgekehrte würde
meinen Zählungen eher entsprechen. Sollten bei einem
Exemplar nur 13 bis 14 Segmente der hinteren Abthei-
lung existirt haben, so kann dieses w^ohl nur ein beschä-
tigtes gewesen sein. Von den Bauchschildern habe ich
noch hinzuzusetzen, dass sie Trapeze mit breiterem conve-
xen Vorderrande bilden, und an Länge bis zum 9ten zu-
nehmen. Dasselbe gilt von der Ausdehnung der Wülste
für die Hakenborsten in querer Richtung. Die Kiemen
nehmen an Grösse merklich ab, breiten sich fächerförmig
nach links und rechts aus , haben einen kurzen Stamm,
lange Aeste Iter Ordnung und kurze Endzweige. Man
sieht zahlreiche Augenpunkte, aber keine grössere Lap-
pen an der Seite der vorderen Segmente. Der Leib ist
vorn nicht aufgebläht, sondern nur allmählich verdickt.
Die übrigen nicht speciell von mir untersuchten Exem-
plare der Sammlung zeigten dasselbe Aussehen.
Diese Art ist gleichzeitig von Malmgren als T.
Dame/ssem beschrieben und abgebildet**); auch die Form
*) Catalogue on the British non-parasitical Worms p. 235.
**) >7ordiske Hafsanelatur p. 379. tab. XXI. fig. 54.
332 Grube:
der Haar- und Hakenborsten stimmt überein. Ich habe
sie mehrfach bei St. Vaast erbeutet, aber immer oliven-
grün oder von annähernder Färbung gefunden, während
Quatrefages die Färbung ähnlich T. prudens angiebt,
die von jener sehr verschieden sein muss.
Phenacia Qf.
Diese Gattung wird nur durch die fadenförmige Ge-
stalt der Kiemen von Terebella unterschieden.
Ph. setosa Qf. ^11. p. 376). St. Vaast.
Ich sehe entschieden nicht zwei sondern drei Quer-
reihen von Kiemenfäden jederseits, und zwar an dem
2ten, 3ten und 4tcn Segment , welche sehr kurz und
durch keine Grenzen getrennt sind. Diese Reihen gehen
auf dem Rücken in einander über. Die ßauchschilder
sind von dem Flankentheil wenig oder gar nicht abge-
setzt, ausser an den 9 vorderen Segmenten (vom 3ten
an gerechnet). Die Zahl der ßorstenbündel finde ich
höher als Quatrefages angiebt, linkerseits 56, rech-
terseits 53, dann folgen noch 35 ohne Haarborsten mit
Flö^schen. Auf dem Rücken der hinteren 14 Segmente
mit Borstenbündeln und den folgenden bemerkt man eine
bis zwei Querreihen von Wärzchen mit einer Vertiefung.
Das 16te Segment ist das längste und breiteste, von da
nimmt nach vorn hin die Länge, nach hinten die Breite
rasch ab. Das Iste ßorstenbündel sitzt unter der 3ten
Kieme und unter den Borsten eine kleine Papille, der
Iste Wulst mit Hakenborsten tritt am 5ten Segment auf.
Pk. terehelloides Qf. (IL p. 375). St. Vaast.
Bei dieser Art kann ich wie Quatrefages nur
zwei Paar Kiemen finden : die Reihen der Kiemenfäden
stossen auf dem Rücken nicht zusammen, und unter der
A u m e r k. Indem ich die übrigen Terebellen unter dem Na-
men der Gattungen Phenacia, Heterophenacia u. s. w. aufführe, will
ich damit nicht ausdrücken, dass ich selber alle diese Gattungen
anerkenne.
A
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 333
2ten, d. li. am 3ten Segment, zeigt sich das Iste Borsten-
bündel^ ihm folgen noch 40 andere, und dann 30 Seg-
mente. Das Iste kiementragende Segment zeigt eine
längsgerimzelte oder gefclderte Bauch- und Seitenwand.
Wo die F^orstenbündel aufhören, rücken die Polster der
Hakenborsten ganz an die Bauchfläche, von denen der
anderen Seite durch eine mittlere Furche getrennt; von
den ßauchplatten der vorderen Abtheilung ist die 2te die
kürzeste imd von der 3ten nicht geschieden.
Heterophenacia Qf.
H. gigantea Qf. (IL p. 389)^
von Quoy und Gaimard mitgebraclit, ohne Angabe des Fundorts.
Der Leib dieser grössten Art des Museums ist vorn
fast ebenso hoch als breit und verbreitert sich erst vom
Uten Borstenbündel an, hier erst sind auch eigentliche
ßauchschilder in Form quer-rechteckiger, vorn und hin-
ten leicht convexrandiger Platten zu unterscheiden, die
statt seitlich begrenzt zu sein, verschmälert an der Flanke
emporsteigen und sich so zv^rischen die durchaus nicht
dicken, sondern schmächtigen Polster der Hakenborsten
schieben. An den drei vorhergehenden Segmenten ist
die Bauchwand von zwei bis drei nicht ganz quer durch-
gehenden Furchen durchzogen, und vom Isten bis 7ten
Borstenbündel von unregelmässigen Längs- und Querfur-
chen durchsetzt, wie gefeldert. Man zählt 18 Bauch-
schilder, deren breiteste 2- bis 3mal so breit als lang sind,
und hinter ihnen beginnt wiederum diese Felderung. Die
breitesten Segmente sind etwa 6mal so breit als lang, vom
34sten an sind sie viel schmäler, ebenso die Polster der
Hakenborsten, die man weiterhin als sehr dicke Flöss-
chen bezeichnen kann (ihre Dicke entspricht etwa ^/s der
Segmentlänge). Die Bündel der Haarborsten, die, wenn
ich mich recht erinnere, wie gewöhnlich unter der hin-
tersten Kieme anfangen, sind bis zum Ende des erhalte-
nen Körpertheils (für den Quatrefages 75 Segmente
angiebt), überall sehr deutlich, die Haarborsten sehr
schmal gesäumt und glattrandig. Der Schnabel der Ha-
334 Grube:
kenborsten, deren Platte unten abgerundet sich in einen
winzigen Fortsatz verlängert, einfach mit einem kleinen
Zähnchen über der Wurzel; an den vorderen stark quer-
gezogenen Wülsten sieht man zwei dicht an einander
liegende Reihen solcher Hakenborsten, an den Flösschen
nur eine, und die ganz vordersten Wülste hinter den Kie-
men sind überhaupt sehr undeutlich ausgeprägt und auch
weniger quergezogen. Die Kiemen nehmen ein quadra-
tisches Feld ein und entspringen, so viel ich in diesem
Gewirre feingelockter bis 5 Mm. langer Fäden erkennen
kann , auch auf dem Mittelrücken, nicht bloss an den
Seitentheilen des Rückens, der übrigens von muskulösen
Seitenbiüden eingefasst ist. Einige vordere Segmente
sind auf ihrem Rücken kaum 2mal so breit als lang,
Heterophyzelia Qf.
K Bosoi Qf. (IL p. 386). St. Vaast.
Die begründete Aufstellung dieser Species lässt sich
aus den in der Sammlung aufbewahrten Exemplaren nicht
entnehmen. Bei zweien derselben aus dem Glase Nr. 284a
existiren jederseits drei Kiemen, bei den beiden andern
desselben Glases fehlt allerdings eine Kieme, aber nur
auf der rechten Seite, auch ist es nicht die hintere, wie
man erwarten müsste, sondern die mittlere. Bei Nr. 284 c,
dem grössten Exemplar von allen, ist das Gleiche aber
auf der linken Seite der Fall, bei Nr. 284 b vermisst man
die mittlere Kieme auf beiden Seiten, doch ist der seitli-
chen Wulst des entsprechenden Segmentes ebenso wie
bei Nr. 284a vorhanden. Das Exemplar 284d endlich ist
vorn ganz mit Schlamm bekleidet, und kann also wohl
nicht zur Untersuchung gedient haben.
Ich glaube hier keine andere Art als Terebella Gon-
strictor Mont., Qfg. vor mir zu haben.
Idalia (Sav.) Qf.
I. vermiculus Qf. (II. p. 372). St. S^bastien.
An dem einzigen vorhandenen Exemplar lässt sich,
i
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 335
weil es vertrocknet gewesen und nicht ohne Gefahr zu
behandeln ist^ nicht alles nach Wunsch untersuchen, doch
habe ich das wenigstens ermittelt, dass, wenn auch rechter-
seits nur 15 Borstenbündel zu sehen sind, doch vor ihnen
unter den Kiemen versteckt noch zwei liegen müssen, da
auf der linken Seite in der That 17 entsprechend gelegene
vorhanden sind. Was die Kiemen betriÜt, so kann man
bloss eine freiliegende erkennen, die auf der linken Seite ;
auf der rechten hindern die Fühler die Beobachtung;
jene linke steht aber auf dem Segment vor dem Isten
mit Borstenbündeln versehenen, d. h. auf dem 3ten, nicht
auf dem 2ten. Die Wülste der Hakenborsten sind sehr
dünn, erstrecken sich nicht sehr in die Breite und ver-
wandeln sich von dem 18ten Borstenbündel an inFlösschen,
deren Hautüberzng jedoch nicht mehr erhalten ist. Die
Haarborsten sind nicht eben zart, an der Spitze sehr
schmal gesäumt. Der Leib scheint vorn nicht aufgebläht
gewesen zu sein.
Alles, was ich angeführt, stimmt so gut mit Am-
phitrite crisiata Müll. (Fista cristata Mgn.) überein, wel-
che sonst in der Pariser Sammlung nicht vertreten ist,
dass man an der Identität von Idalia vermiculus mit die-
sen nicht zweifeln kann. Vielleicht hat vor der erhalte-
nen Kieme noch eine gestanden, denn nach Malm gren's
Mittheilungen wechselt diese Art in der Zahl der Kie-
men, hat zwar nie mehr als zwei jederseits, wohl aber
zuweilen eine einzelne oder zwei weniger. Auch die
Gestalt der Kiemen wie sie Quatrefages beschreibt
le tronc en est bien distinct et se termine par une petite
touffe de ramusculus" würde mit P. cristata überein-
stimmen.
Sabella Sav.
Quatrefages stellt drei Gattungen auf: Distylia Qf.,
Spirographis Viv. und Sabella, je nachdem die Basalblät-
ter beider Kiemen, oder nur die der einen oder keines
sich in eine Spirale windet (in letzterem Fall krümmen
sich beide Blätter bloss in einen Kreis zusammen). Auf
dieses Kennzeichen allein eine generische Scheidung der
336 Grube:
Sabellen zu begründen, scheint mir misslich , weil im
Basalblatt die Anlage zu einer Spirale hier wohl allgemein
vorhanden ist, und eine bloss gradweise Variation dessel-
ben Planes kaum für so wichtig gehalten werden kann.
In einzelnen Fällen hält es in der That schwer zu ent-
scheiden, ob man bloss einen Vollkreis oder eine etwas
darüber hinausgehende Spirale vor sich hat, und dass eine
Asymmetrie, wie die überwiegende Ausbildung eines
rechten oder eines linken von zwei Organen, die bei einer
Art Regel ist. in manchen Individuen wieder ausgeglichen
wird, lehren Beispiele anderer Thierformen; so verhält
es sich mit dem Stosszahn des Narval, der in einzelnen
Fällen auf beiden Seiten gleich entwickelt ist, so mit
dem Deckel der Serpulen, der mitunter an jeder der bei-
den Kiemen erscheint, und doch denkt Niemand in die-
sen beiden Fällen daran, eine generische Verschiedenheit
anzunehmen.
8. {Distylia) volutacornis Qf. (IL p. 421). Br^hat.
Diese sehr charakteristische Art ist im Museum reich-
lich und in guten Exemplaren vertreten, und kein Zwei-
fel, dass wir hier die echte Amphitrite volutacornis Mont.
vor uns haben, die seitMontagu erst wieder von Qua-
trefages und Johnston beobachtet und beschrieben
ist. Quatrefages feiner ausgeführte Abbildung er-
gänzt die Figur von Montagu, die uns bloss die Sei-
tenansicht zeigt, und ist von Nebenfiguren begleitet, die
uns die Gestalt der Borsten kennen lehren. In dem einen
Kiemenpinsel eines von mir untersuchten Exemplars von
36 Mm. Leibeslänge mit 83 Segmenten, zählte ich bei
einer Spirale von drei Umgängen 93 Fäden, deren längste
22 Mm. maassen, während der Mundfaden nur 5 Mm. hatte.
Ich sehe an den meisten eine dunkle ringartige schmale
Binde nahe der Basis , selten noch eine andere nahe
der Spitze ; diese Ringe stehen nicht an allen Schäften
in gleicher Höhe, entsprechen ohne Zweifel den breite-
ren dunkeln Binden der Kiemen in Montagu's Figur,
und zeigen an jedem Faden eine rechte und eine linke
ovale scharf umschriebene und flach gewölbte Stelle, an
der das Pigment am meisten concentrirt ist (points d'un
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 337
brun fonc^ Q^g-)^ ^^ ^^^ ^^^* jedoch keine Linsen zu er-
kennen vermag. Der jederseits einmal eingeschnittene
Halskragen zeigt noch jetzt das dunkle Violet an den
umgeschlagenen Bauchlappen und den weissen Randsaura,
den beide Abbildungen hervorheben. Der vordere Lei-
besabschnitt, der 9 Segmente umfasst, ist 10 Mm. lang und
vorn 7,5 Mm. breit. Montagu und Johnston geben
10 Segmente an, ein sich auch sonst wiederholender Be-
weis, dass diese Grenze schwanken und nur mit Vorsicht
als Artkennzeichen benutzt werden kann. In Bezug auf
die Hakenborsten des vorderen Leibesabschnittes muss
ich hinzusetzen, dass sie in je zwei Reihen hinter ein-
ander stehen, und nur die vordere die gewöhnh'che En-
tenhalsforra der Häkchen, die hintere aber knieartig ge-
bogene kurze dünne Borstchen mit breit lanzettförmigem
Endtheil zeigt, die sich leicht der Beobachtung entziehen.
Alle Bauchschilder sind dunkel violetbraun, die mittleren
der halbirten (im hinteren Ijeibesabschnitt) 5mal so breit
als lang.
S. (Distylia) punctata Qf. IL p.426. Br^hat.
In mehreren Exemplaren vorhanden. Bei den von
mir untersuchten beschrieben die Spiralen der Kiemen
beinahe zwei Umgänge, wie Q u atr ef age s angiebt, doch
steigt die Zahl der Fäden in jedem über 50, in dem einen
fast auf 60, und die Länge der Kiemenpinsel betrug etwa
Va der Leibeslänge. Die Bärteichen oder Nebenstrahlen
sind etwa 3- bis 4mal so lang als die Rhachis oder der
Schaft der Fäden dick. Die dunkelbraunen Pünktchen
an demselben, die Quatr ef a ges als petites taches clair
semees tantot r^gulierement tantot irr6gulierement be-
schreibt, erscheinen mir als fast kreisrunde Erhabenhei-
ten, meistens paarweise in gleicher Höhe stehend, selten
einzeln, und man möchte sie für Augen halten, doch kann
ich keine Linsen daran erkennen. Manchen selbst längeren
Kiemenfäden fehlen sie, den jüngstentstandenen, deren
Bärteichen erst in der Bildung begriffen sind, wohl im-
mer. Die Mundfäden oder Tentakeln, die sich aus der
Mitte des Hautblattes an der Innenseite der Kiemen er-
Archiv f. Naturg. XXXVI. Jahrg. 2. Bd. 22
338 Grube:
heben, sind ungemein kurz, kaum 2 Mm. lang. Die um-
geschlagenen Bauchlappen des Halskragens sind dunkel-
violett; die halbirten Bauchschilder der hinteren Leibesab-
theilung etwa 4- bis 5mal so breit als lang, die ungetheil-
ten der vorderen Leibesabtheilung an den ersten Seg-
menten an sich etwas breiter und länger, an den letzten
etwas schmäler. Die Borstenbündel dieser Abtheilung
sind sehr breit und ihre Borsten paleenartig mit breitge-
drücktem fast lanzettförmigem Ende, ohne eigentlich ge-
säumt zu sein, und einer kürzeren oder längeren und
schmäleren immer aber stark gekrümmten Spitze; man
zählt »deren über 40. Die Borstenbündel des .hinteren
Leibesabschnittes sind dagegen sehr dünn, ihre Borsten
ein wenig geschweift, fast gerade mit lang ausgezogener
und deutlich gesäumter Spitze, und nur zu je 10. Die
Häkchen des vorderen Leibesabschnittes bilden zwei Rei-
hen, eine vordere von entenhals- und eine hintere von
schief lanzettförmigen sehr blassen Borsten. Die Polster
der Häkchen und Haarborsten haben wie die halbirten
Bauchschilder einen violettbräunlichen, die unhalbirten
und die Rückenscite einen helleren jetzt bräunlichen Ton.
Bei einem kleineren Exemplare von 42 Mm. Total-
länge beschreibt die Spirale jedes Kiemenblattes kaum
anderthalb Umgänge und enthält nur etwa 35 Fäden.
Aus der Vergleichung dieser Beschreibung mit der von
S. volutacornia wird man ersehen, dass die >S. 'punctata
keine eigene Art ist, sondern nur jüngere Thiere jener
Art umfasst, Thiere, deren Kiemen noch nicht die aus-
gebildete Spira von drei Umgängen erreicht haben.
S. (Distijlia) Josephinae (Qf. I. p. 425). Sicilien.
Der Unterschied der Sahella Josephinae Risso's,
welche Q u a t r e f a g e s in die Gattung Distylia bringt, und
der Spirograpliis Spallanzanii Viv. beruht hauptsächlich
nur auf der symmetrischen Entwicklung der Kiemen, so
dass ich, wie Claparede, sie nur für eine Varietät der
letzteren halten muss. Selbst die schwache Furche, die die
vorderen Bauchschilder des von mir untersuchten Exem-
plares des Petersburger Museums halbirte, würde mich,
auch wenn sie an dem schlecht erhaltenen Exemplar des
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 339
Pariser Museums vorkäme — das ich aus diesem Grunde
nicht zu untersuchen gewagt, — von meiner Ansicht nicht
abbringen, da ich auch bei einer anderen Art von Sa-
bella eine solche ausnahmsweise auf mehreren Segmenten
der vorderen Leibesabtheilung bemerkt habe. Der Bor-
stenwechsel kann ebenfalls um ein Paar Segmente va-
riiren: ich habe ein Exemplar der S. Spallanzanii in
Händen gehabt, bei dem derselbe erst mit dem Uten
Segment eintrat, Quatrefages giebt ihn hei S. Jos epki-
nae V9 an, ich fand ihn an dem Petersburger Exemplar 6/7;
es ergiebt sich also, dass er auch hier um ein paar Einheiten
schwanken kann, und ebenso differirt die Zahl der Um-
gänge in der Kiemenspirale, von denen Quatrefages
vier, ich an dem Petersburger Exemplar fünf zählte.
S, {Spirographis) Spallanzanii Viv. (Qf. II. p. 427)^
Nice.
Eine ganze Reihe von Exemplaren, und doch glaube
ich, dass auch die
Spirographis longispira Qf. von Sicilien und
Spirographis elegans Qf. aus dem Mittelmeer
noch dazu gerechnet werden müssen; da ich kein so
grosses Gewicht darauf legen kann , dass die grössere
Kieme einmal die linke, ein anderesmal die rechte ist,
und dass bei S. longispira die vordere Leibesabtheilung
nur aus fünf Segmenten bestehen soll, auch hat Quatre-
fages selbst die S. elegans nur vorläufig als eine eigene
Art betrachtet.
S. {Spirographis) brevispira Qf. (II. p. 430). La
Rochelle, St. Malo.
Bei zwei Exemplaren besteht die vordere Leibes-
abtheilung nicht wie bei dem dritten aus 8, sondern aus
11 Segmenten, von denen bereits die 8 hinteren halbirte
Bauchschilder zeigen. Bei dem einen 120 Mm. langen
doch unvollständigen beschreibt das rechte, 42 Fäden be-
sitzende Kiemenblatt eine Spirale von IV2; das linke mit
62 Fäden eine von 2 Umgängen, die längsten Fäden sind
35 Mm. lang, die Kiemen ungebändert. D\q Bauchschil-
der des hinteren Leibesabschittes sind nur 2mal so breit
340 Grube:
als lang, die Polsterchen, auf denen die Kämme der Ha-
kenborsten stehen, sehen hier abgerundet quadratisch aus;
an dem vorderen Abschnitt sind sie etwas breiter, der
Abschnitt selbst 2mal so breit als lang. Das andere
Exemplar verhält sich ähnlich. Hätte ich bloss den Leib
vor mir, so würde ich die Art für S. pavonina Sav. hal-
ten, aber die grosse Ungleichheit der Kiemen lässt mich
an der Richtigkeit dieser Deutung zweifeln.
Das 3te Exemplar mit dem Borstenwechsel % ist
wohl dasjenige, nach welchem Quatrefages seine Be-
schreibung entworfen.
Sabellen, deren Kiemen in keiner Spirale aufsteigen.
a) Kiemenfäden in zweifacher Richtung.
S. indica Sav. (Qf. IL p. 432). Antillen.
Ausser dem auf einer Wachstafel befestigten Origi-
nalexeraplar von P e r o n und L e s u e u r, nach welchem
S a V i g n y wohl seine Beschreibung geliefert hat, ist noch
eines vorhanden, 135 Mra. lang und 12 Mm. breit mit etwa
196 Segmenten, welches zeigt, wie schon Quatrefages
darthut, dass Savigny's Ausdruck double rang de digita-
tions so zu verstehen sei, dass die Kiemenfäden nicht so-
wohl zwei hinter einander entspringende Reihen bilden, als
vielmehr nur in einer Reihe stehen, aber abwechelnd nach
aussen und nach innen gerichtet sind. Der breite kräf-
tige Leib, die sehr kurzen und breiten Segmente, von
welchen die vordersten etwa 12mal, die hintersten, auch
an sich kürzeren, bis 20mal so breit als lang sind, die
breiten Bauchschilder von dunkolvioletter Farbe, deren
hintere 15mal so breit als lang und breiter sind, die sehr
ansehnlichen starken Kiemenpinsel, die die Llälfte der
Leibeslänge übertreffen, dunkelviolett oder braun und mit
etwa vier breiten weisslichen Binden gezeichnet sind, und
jedes etwa 66 Fäden enthalten, ohne Spiralen zu bilden,
charakterisiren ausserdem diese Art, welche von den
exotischen häufiger als andere nach Europa kommt. Die
Kiemenfäden sind an ihrem Ende oft propfenzieherartig
aufgerollt, die Basalblätter derselben etwa so hoch als der
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 341
, aufstehende Halskragen mit dem Mimdsegraent an der
Flanke gemessen, die Mundfäden etwa Va so ^^ng als die
Kiemen. Am Halskragen bemerke ich keinen seitlichen
Einschnitt, im vorderen Leibesabschnitt nur Hakenborsten
in einfachen Reihen, welche an Breite die Bauchschilder
etwas übertreffen, während sie im hinteren noch nicht
deren halber Breite gleichkommen.
S, magnifica Shaw. (Qf. II. p. 433). Antillen.
Diese Art ähnelt der vorigen in der Kürze und
Breite der Segmente, indem die mittleren lOmal, die
hinteren bis 25mal so breit als lang sind, in der Kürze
und Breite der Bauchschilder, der Beschaffenheit des
Halskragens und der Borsten, der dunkeln Färbung des
Leibes und der Stellung der Kiemenfäden, deren ich
jederseits etwa 56 zähle, aber ihr Schaft zeigt eine ge-
wisse Starrheit, ist an der Spitze nirgend korkzieherartig
aufgerollt, und seine Bärteichen sind etwa 4mal so lang
als er dick, sehr zart aber nicht welh'g gekräuselt, auch
sind die Kiemen nicht gebändert , ihre Länge beträgt
41 Mm., etwas über die Hälfte der Länge des Leibes,
der etwa 180 Segmente besitzt. Mundfäden 15 Mm. lang.
Dass diese 9 Mm. breite und 130 Mm. lange Sabella der
Tuhularia magnifica von Shaw entsprechen sollte, kann
ich nicht annehmen; weil nach der Abbildung zu urthei-
len, der Leib derselben viel schlanker, und die Zahl der
Kiemenfäden im Verhältniss zur Grösse des Thieres an-
sehnlicher ist, auch verdicken sie sich ^Qg^n das Ende
hin und zeigen keine Spur von Bärteichen. Die Röhre
der Pariser Annelide ist graubraun, lederardig, weich
anzufühlen, zeigt aber durchaus nicht das geringelte An-
sehen der Abbildung.
S. Pottaei Qf. (H. p. 436). Neu-Caledanien.
Der Leib hat eine Länge von c. 51 Mm. und gegen
126 in der Mitte, etwa 9- bis 12mal so breite als lange
Segmente, seine vordere Abtheilung 7 (oder 6) Segmente,
ist kürzer als breit, die Breite über 6 Mm. Die Kicmen-
büschel 24 Mm. lang, gleich gross, mit kreisförmig ein-
gerolltem 4 Mm. hohen Basalblatt, sind dunkelviolet, wie
342 Grube:
der Leib und gegen die Basis mit vier schmalen weissen
Binden geziert; in jedem etwa 64 2-zeilig geordnete bis
auf die äusserste Spitze gebärtete Kiemen, die Bärteichen,
meist leicht gekräuselt, sind ge^cn 5mal so lang als der
Schaft dick, die Mundfäden länger als die halbe Höhe
der Kiemen und dunkelviolett, der Halskragen seitlich
kaum eingeschnitten von derselben Farbe. Bauchschil-
der meist 6mal so breit als lang, in der vorderen Leibes-
abtheliung etwas länger, die Polster für die Hakenbor-
sten hier quergezogen, nach vorn an Breite zunehmend,
in der hinteren Abtheilung oval, etwa so breit als der
Abstand der Bauchschilder von den Borstenbündeln. Die
Hakenborsten der vorderen Leibesabtheilung 2-reihig und
von den gewöhnlichen Formen, die Haarborsten derselben
schmal gesäumt, leicht gebogen, die einen länger, die
andern kürzer, die übrigen mehr geschweift und breiter
gesäumt. Demnach würde diese Sabella zu den Potamil-
len Malmgren's zu rechnen sein.
S, pectoralis Qf. (H. p. 435). Ile de France.
In sehr schlechtem Zustande, doch erkenne "ich mit
Sicherheit, dass der Borstenwechsel mit dem lOten Seg-
ment eintritt, wenn auch die Bauchfurche erst am Uten
beginnt. Die Hakenborsten an den Segmenten der vor-
deren Abtheilung schienen einfache Reihen zu bilden,
doch bin ich darüber nicht sicher, ihre Polster sind dort
viel breiter als an den übrigen Segmenten, wo ihre Breite
etwas beträchtlicher ist als ihr Abstand von den Bauch-
schildern. Die Hakenborsten, von Entenhaisform, sind so
gross, dass man sie bei 14-facher Vergrösserung zählen
kann (an den hinteren Segmenten des Leibes 24). Die
Haarbosten sind überall etwas geschweift und gesäumt.
Der jetzt hellbräunliche Leib etwas flach gedrückt und
ziemlich stumpf endend, ist 76 Mm. lang, an den breite-
sten Stellen, wie namentlich vor dem Ende, z. B. am 6l8ten
Segment, auch in der Gegend des 6ten und 7ten Seg-
ments an 8 Mm. breit. Im Ganzen 129 Segmente, die
mittleren etwa llmal, die hinteren 18mal so breit als
lang. Die Bauchschilder stark quergezogen, die mittle-
ren Tmal so breit als lang, die der vorderen Abtheilung
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museume. 343
kaum länger als die folgenden. Der Halskragen ohne
seitlichen Einschnitt.
Die Kiemenbüschel gleich gross mit je 44 leber-
braunen 10-fach oder mehr dunkclgebänderten Fäden, in
zwei Reihen, die Bärteichen etwa 4mal so lang, als der
Schaft dick, erstrecken sich fast bis zur äussersten Spitze,
nehmen hier aber sehr an Länge ab. Basalblatt niedrig
(4 Mm. hoch), in einen Kreis eingerollt. Mundfäden 12 Mm.
lang, allmählich zugespitzt.
b) Kiemenfäden in einfacher Reihe.
6\ armata Qf. (IL p. 453). Neuseeland.
Nur ein Vorderstlick mit 33 Segmenten von cjlin-
drischer Form, von denen die der vorderen Abtheilung
5mal, die übrigen 4mal so breit als lang sind. Ich kann
nur zwei Mundfäden und an dem Halskragen nur einen
seitlichen Einschnitt erkennen, doch ist er schlecht er-
halten. Von den blass fleischfarbenen 22 Kiemenfäden
jedes Büschels sehe ich bei einzelnen unter der abgesetz-
ten fadenförmigen, sehr kurzen Spitze einen dunkeln
nierenförmigen frei vorragenden Körper (wie es scheint
ein zusammengesetztes Auge). Die meisten Fäden sind
aber wohl am Ende abgerissen; die längsten doppelt so
lang als die Mundfäden, 7 Mm. Das kreisförmig einge-
rollte Basalblatt der Kiemen ist niedrig. Sowohl die
einfachen Baiichschilder der vorderen 8 Segmente als die
halbirten sind 3mal so breit als lang, die Polster der Ha-
kenborsten dort breit, quergezogen, hier oval, die Ha-
kenborsten dort wie schon Quatrefages angiebt, 2-rei-
hig, wobei die gesäumt lanzettfömig endenden, emporge-
krümmten Borsten der hinteren Reihe eine im Verhält-
niss zu andern Arten ansehnliche Grösse erreichen, die
übrigen Hakenborsten 1-reihig. Die Haarborsten, die
sich nach Quatrefages auch in zwei Formen zeigen,
schmalgesäumt und fast spateiförmig, sind fast alle ver-
loren gegangen; ich sehe nur noch erstere.
Auch diese Art würde zu Malmgren's Potamillen
gehören.
344 Grube:
S. modesta Qf. (IL p. 451). Lima.
Ebenfalls eine Potamilla , doch sind die hinteren
ßorstchen der Kämmchen sehr klein und leicht zu über-,
sehen. Das grösste der vorhandenen Exemplare misst
33 Mm., hat aber nur 62 Segmente, ein vollständiges nur
18,5 langes an 80, doch sind die letzten kaum zählbar, die
vorderen 3mal, die hinteren 4mal so breit als lang, bei
anderen Exemplaren fast alle wohl 6mal so breit als lang,
ähnlich verhalten sich die Bauchschilder. Färbung des
Leibes ganz bleich, die Kiemen, in deren jeder 17 bis
19 Fäden vorkommen , mit 3 oder 4, bisweilen 6, röth-
lich- oder violettbraunen Binden. Wo wenige Binden
vorkommen, stehen dieselben im obersten Dritttheil und
erstrecken sich nicht auf die Bärteichen, welche im Ver-
häitniss zur Dicke des Schaftes nur kurz sind und sich
bis an dessen äusserste Spitze hinziehen. Einzelne Kie-
menfäden tragen an der Spitze ein Auge. Basalblatt sehr
niedrig, die ganze Länge der Kiemen beträgt etwas mehr
als Va der Leibeslänge, die Mundfäden, wenn ich sie
richtig erkannt habe, sehr kurz. Der ßorstenwechsel
schwankt zwischen Ve «nd %.
S. palmata Qf. (II. p. 453), la havre Carteret.
Kur ein Exemplar, wenn die drei in dem Glase vor-
handenen Stücke zusammengehören, und dann 147 Mm.
lang und mit 199 Segmenten, ohne vollständig zu sein.
Die Querreihen der Hakenborstchen sind an dem vorde-
ren Leibesabschnilt doppelt, und wie bei der S. 7nodesta
beschaffen, die Haarborsten aber überall von einer Form,
schmal lanzettförmig endend , ohne gesäumt zu sein.
Kiemen 27 Mm., wovon 5 Mm. auf das Basalblatt kommen.
Die Kiemenfäden, jederseits 28 bis 29, in der oberen Hälfte
mit drei dunkeln Binden, zeichnen sich dadurch aus, dass
sie, wie schon Quatrefages hervorhebt, beinahe bis
zu Va ihrer Höhe durch eine Membran verbunden sind,
und haben einen dünnen Schaft , unter dessen kurzer
nackter Spitze ein zusammengesetztes Auge sitzt, und sehr
zarte schlichte Bärteichen, welche wohl 6mal so lang
sind als der Schaft dick. Die Mundfühler messen 10 Mm.
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 345
Halskragen an der Seite nicht eingeschnitten. Leib
ziemlich drehrund, vorn mit den Köchern ohne die
Borsten 7 Mm. breit. Sowohl an den 8 Segmenten der
vorderen Leibesabtheilung als an den übrigen beträgt
die Breite das 4-fache der Länge, an jenen sind die Bauch-
schilder 3mal so breit als lang, an diesen quadratisch,
kaum Ve der Bauchbreite einnehmend, in dem hinteren
Bruchstück von 84 Segmenten wieder mehr quergezogen.
S. vesiculosa (Mont.)
Unter diesem Namen ist in der Pariser Sammlung
keine Art aufgestellt, ich glaube aber, dass S, terehelloi-
des Qf., S. Kroyeri Qf. und S. arenilega Qf. von der
Französischen Oceanküste (IL p. 438 und 439) mit Am-
phitrüe vesiculosa Mont. zusammenfallen. An allen dreien
erkannte ich das kuglige Auge an der Spitze der Kie-
menfäden, obgleich es an manchen ausserordentlich klein
und unscheinbar ist, oder auch ganz fehlt. Der Unter-
schied in der Zahl der Kiemenfäden (von 16 bis 24) und
des Borstenwechsels (von ^/s bis 7io) kann bei der sonsti-
gen Uebereinstimmung mit den so charakteristischen Kenn-
zeichen dieser Art kein Hinderniss für die Identität sein,
auch die Röhre, die allerdings gewöhnlich mit Conchy-
lienfragmenten beklebt ist, kann je nach der Lokalität, in
der das Thier lebt, variiren. Ich bedaure, dass ich erst
zu spät auf die Angabe von 6 Paar Mundfäden (Anten-
nae Qf.'s) bei S. terchelloides aufmerksam geworden bin,
kann aber nur vermuthen , dass dieses junge Kiemen-
fäden, nicht eigentliche Mundfäden (Tentacula Mgn.) sind.
Bei meinen Exemplaren von St. Vaast wenigstens, wo
ich zum Theil ähnliche kurze Fädchen ausser den eigent-
lichen Mundfäden bemerke, habe ich mich überzeugt, dass
sie auf die letztere Bezeichnung keinen Anspruch machen
können, da sie immer schon wenigstens die Andeutungen
von Bärteichen zeigen. Uebrigens habe auch ich in frü-
heren Jahren die winzigen Augen an dem von mir un-
tersuchten Exemplar der Sahella lanigera übersehen; sie
fällt mit S. vesicidosa zusammen.
346 Grube:
S. pavonina Sav. (Qf. II. p. 446). St. Vaast.
Beide Exemplare mit dieser Etiquette ragen nur
mit dem Vordertheil, eines nur mit den Kiemen aus ihren
Röhren hervor, dagegen enthält die Sammlung mehrere
frei liegende Sabellen, welche ich für dieselbe Art halte,
obschon ihre Gläser andere Etiquetten tragen: ich meine
S. penicülus Cuv. und S. long ihr anchiata Qf. (p. 442, 445.)
Nach Savigny's Beschreibung eines Cuvier'schen
Originalexemplars \on S,j)emcillus von Dieppe sollen die
Kiemen halb so lang als der Leib sein, die eine 38, die
andere 42 Fäden enthalten und keine dunkeln Flecken
haben, die Mundfäden sehr klein und dünn sein und die
Zahl der Segmente bei 72 Mm. Länge des Leibes 122 be-
tragen. Dies passt auf die Exemplare von S. penicillus
aus Cadix wenigstens nicht, denn bei dem einen, von
welchem nur 35 Segmente enthalten sind, messen diese
allein schon 34 Mm., was bei 3,5 Mm. vorderer Breite auf
einen viel gestreckteren Leib deutet; die Kiemen messen
37 Mm., tragen gegen die Basis hin drei dunkle lineare
Binden und zeigen nur 27 und 28 Fäden, deren Ister
viel dunkler als die andern ist, die Mundfäden eine Länge
von 10 Mm., das 9te und die folgenden durch die Längs-
furche halbirten Segmente sind quadratisch, die 8 Seg-
mente der vorderen Abtbeilung haben zusammen eine
Länge von 6 Mm. Dies alles spricht für S. pavonina, und
das zweite Exemplar mit etwa 25 und 26 Kiemenfäden
scheint mir auch nichts anderes. Ein drittes Exemplar
von Cadix (306 c) mit 20 Mm. langen Kiemen, deren Fä-
den meisten ein oder zwei Paar schwarzer sich über die
Oberfläche erhebender Punkte zeigen, habe ich nicht näher
untersucht. Von den Exemplaren vom Kanal hat das eine
(mit dem Borstenwechsel 7io) ebenfalls ganz das Ansehen
einer S. pavoninaj ein anderes (mit 35 und 38 Kiemenfä-
den) ist nur stärker contrahirt und seine halbirten Bauch-
schilder sind breiter als quadratisch , wie man sie bei
Weingeistexemplaren von 8. pavonina öfters sieht. Bei
allen aber erscheinen die Polsterchen der Hakenborsten
in der, dieser Art eigenthümlichen quadratischen Form.
Was die S, longibranohiata betrifft (Qf. II. p. 445),
I
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 347
SO ist das einzige Exemplar, eines von St. Vaast, hinten
verstümmelt, ohne doch ein Hinterende reproducirt zu
haben, weshalb die geringe Zvh\ der Segmente, 50 — 55 Qf.,
(zusammen 25,5 Mm.) und die verhältnissmässig sehr an-
sehnliche Länge der Kiemen (28 Mm.), die Quatref^ges
hervorhebt, nicht in's Gewicht fallen können; auch finde
ich den Halskragen nur 4-lappig, mit umgeschlagener
Endhälfte der hohen Bauchlappen. Die Kiemen tragen 6,
gegen die Basis hin nur lineare, weiterhin breitere mehr
verwischte dunkle Binden. Ich finde auch sonst keine
Unterschiede von S. pavonina.
Von S. flahellata Sav. der Sammlung stecken die
vorhandenen beiden Exemplare noch grösstentheils in
ihren Röhren, ich enthalte mich daher eines Urtheils,
kann aber nicht leugnen, dass sie mir am meisten mit
S. pavonina übereinzustimmen schienen. Bei beiden war
der Borstenwechsel ^9^ '^^^ ^'^ Kiemen des einen von
ansehnlicher Länge (47 Mm.) und mit mehr als 16 dun-
keln Punktbinden versehen. Quatrefages meint, dass
Savigny nur junge Exemplare vor sich gehabt und da-
her die Länge des Leibes und die Zahl der Segmente zu
gering angegeben. Gleichwohl ist die Zahl der Kiemen-
fäden bei den so viel grösseren Exemplaren, die Qua-
trefages untersucht hat, keine grössere.
S. cuGuiliis Qf. (IL p. 451). Mittelmeer.
An dem einzigen vollständigen Exemplar von mehr
als 244 Mm. Länge und 6 Mm. grösster Breite, erschei-
nen die Kiemen ungemein kurz, da sie nur 22 Mm. lang
sind, was mit der Angabe von Qua trefages nicht über-
einstimmt, der sie sublongae nennt ; ich finde sie aber
auch ungleich, indem die eine 30 auf einem halbzirkel-
förmig eingerollten, die andere etwa 40 auf einem ausge-
breiteten breitdreieckigen Basalblatt sitzende Fäden zeigt,
welches zusammengerollt schon eine kurze Spira bilden
würde. Diese Kiemen erinnern durchaus an die Abbil-
dung der Corallina tuhularia melitensis von EUis (Corall.
tab. 34, cop. Encyclop. meth. Vers. pl. 59) , Amphitrite
ventilahrum Gm., die seitdem noch nicht wiedergefunden
zu sein scheint. Die Segmente des ersten Dritttheils,
348 Grube:
von denen 7 den vorderen Leibesabschnitt bilden, sind
etwa 8mal so breit, die Baiichschilder 4mal so breit als
lang. Nach der Form der Kiemen würde das Thier eher
in die Gruppe der Spirographis Sav. gehören.
Ein anderes unvollständiges Exemplar mit % ßo^"
stenwechsei, das ich nicht näher untersucht habe, besitzt
noch kürzere Kiemen, deren 13 Mm. lange Fäden gröss-
tentheils eingerollt sind.
S. Simplex Qf. Port du roi Georges,
In dem Werke von Quatrefages ist diese Art,
von der ein vollständiges Exemplar in zwei Hälften vor-
liegt, nicht zu finden. Sie gehört zu der Gruppe, welche
S, stichophthalmosy altiGollis , brevioollaris bilden, und
welche unter einem besonderen Namen Hypsicomus den
anderen Sabellen gegenüber gestellt werden kann. Alle
diese stimmen darin überein, dass das Basalblatt der
Kiemen ungewöhnlich hoch, der Halskragen ganz niedrig
wie ein Ringwulst ist, und die Borsten des ersten Bün-
dels in einer breiten schräg emporlaufenden Querreihe
stehen. Die Kiemen dieser Art von dunkelbrauner Farbe,
mit drei bis vier weissen Binden in ihrer oberen Hälfte,
15 Mm. lang, oder 74 cler Totallänge, tragen auf einem
3,5 hohen Basalblatt je 20 steife im unteren Dritttheil
durch Membran verbundene FädQn, an denen ich, wie
bei brevioollaris keine Aeugelchen wahrnehmen konnte,
die Bärteichen, w^elche wohl 5mal so lang werden, als
der Schaft dick ist, nehmen oben rasch an Länge ab und
fehlen der langen Spitze desselben. Die Mundfäden rei-
chen etwa bis zum Rande der Kiemenmembran.
An einem vor Kurzem untersuchten, 32 Mm. langen
Exemplar meiner S. brevioollaris fand ich auch nur je
12 Kiemenfäden, die Ve der Totallänge maassen und drei
vielette Binden auf blassochergelbem Grunde trugen.
Bei S. siiuplex hat der sehr schlanke bräunlich-
fleischfarbeue Leib mit braunen Bauchschildern etwa 172
Segmente, doch fehlen die hintersten. Seine vordere Ab-
theilung 7 Mm. lang, 4 Mm. breit, umfasst 8 Segmente,
und hat Bauchschilder, in welche die Polster der Haken-
borsten spitzwinklig hineintreten. Die halbirten Bauch-
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 349
Schilder der übrigen Segmente sind etwa 2mal so lang
als breit, ihre Polsterchen der Hakenborsten sind nicht
wie jene quergezogen, sondern oval, die Kämmchen kaum
breiter als die Bündel der Haarborsten und Paleen. Diese
beiden ßorstenformen zeigen sich in allen Segmenten
ausser am Isten, wo nur breit gesäumte, scharf ge-
schweifte und wenig vorragende Haarborsten vorkommen,
und eine, wie bemerkt, sehr breite Querreihe bilden.
Die Paleen haben eine breitovale Platte, ohne Spitze und.
stehen an den Segmenten des vorderen Leibesabschnittes
in zwei Reihen, an den übrigen in einer Reihe zu je 6,
die Haarborsten sind hier ganz linear, und in derselbea
Zahl, dort sehe ich nur zwei stärkere und gesäumte.
S, verticillata Qf. (II. p. 440). St. Vaast.
Diese Art ist zuerst von Kölliker unter dem Na-
men Branchiomma Dalyelii, dann von Sars als Dasyckon^e
Argus beschrieben. Meine Sabelia 'polyzonos ist, wLe
ich mich durch die Vergleichung mit den bei St. Vaast,
St. Male und Roseoff erbeuteten Exemplaren überzeuget
habe, ebenfalls damit identisch. Aber auch Amphitrite
hombyx Dal. scheint, so viel man aus Dalyell's Be-
schreibung und Abbildungen entnehmen kann, dasselbe
Thier zu sein.
S, saxicava Qf. (II. p. 437). Guettary.
Was Quatrefages von dieser Sabelia und ihrem
Aufenthalt mittheilt, stimmt so sehr mit dem, was ich an
meiner Ä. sö^o^zco/a des Mittelmeers beobachtet überein, dass
mich hauptsächlich die Abwesenheit der Augen an den Kie-
menfäden bestimmen konnte, letztere für eine besondere
Art zn halten. Ich ging daher mit grosser Spannung aa
die Untersuchung eines Exemplares der Pariser Samm-
lung, dessen Leib 34,5 Mm. und dessen Kiemen 7 Mm.
maassen, und dessen vorderer Leibesabschnitt, so viel die
hier nicht ganz befriedigende Erhaltung erkennen liess,
12 Segmente umfasste, und an dem ich alle Angaben
von Quatrefages bestätigt fand, ausser dass ich in
jedem Kiemenbüschel 14 Fäden (nicht 12 zählte), aber
die Augen waren nicht berücksichtigt; sie sassen rechita
350 Grube:
am 2ten; 4ten bis 7ten und am 9ten Faden, links am
2ten, 3ten bis 7ten, 8ten und 9ten Faden, und waren von
sehr verschiedener Grösse und in verschiedener Zahl vor-
handen, an manchen Fäden nur 1, an anderen 2, 3, 4
oder 5. Es spricht aber alles dafür, dass wir es hier
mit einer längstbeschriebenen Art, der ,,ni e re nförmi-
gen Amphitrite" 0. Fr, Müll, zu thun haben, an der
Müller auch jenen schwarzen kugligen Körperchen, die
man nur von der Rückenseite der Kiemenfäden gewahr
wird, keine Beachtung geschenkt, Leuckart aber sie
nachgewiesen. Mit Malmgren zähle ich auch S. ocu-
lata Kr. und S. oculifera Leidy unter die synonymen,
und von S. adspersa Kr. ist es mir höchst wahrschein-
lich, dass sie auch hierher gehört. Die Länge der Kiemen
und der spät auftretende Borstenwechsel, den ich zuwei-
len sogar erst am löten Segment beobachtet, ist für
diese Art, die ich auch bei St. Vaast, St. Malo und
Eoscoff in den Spalten des Granit angetroffen habe, sehr
bezeichnend.
Myxicola Koch.
M. modesta Qf. (IL p. 480). St. Vaast.
Nur in einem Exemplar vorhanden: dieses 12,5 Mm.
lang, wovon 8 Mm. auf den Leib und 4,5 Mm. auf die
Kiemen kommen, gelblich-fleischfarben, im Leben nach
Quatrefages grünlich braun; über die Kiemenfarbe
ist nichts angegeben. Grösste Breite an dem 5ten bis
Tten Segment 2 Mm. Ich zähle rechterseits 12, links 9
Xiemenfäden, die etwa auf Vs ihrer Länge durch Mem-
bran zu zwei Halbtrichtern vereinigt sind. Ihr Schaft ist
etwas breiter als dick, ihre Bärteichen etwa 4-raal so
lang als der Schaft dick, schlicht, nicht gekräuselt. Das
Basalblatt ausserordentlich niedrig. Die Haarborsten, die
ich vor der Spitze nicht verbreitert finde, stehen in schma-
len Querreihen, an den vorderen Segmenten bis zu je 9,
und hinter jeder, nicht immer in gleicher Höhe, bemerke
ich 1 oder 2 schwarze etwas hervorragende Pünktchen,
an dem 2ten, 3ten, 4ten und 5ten Segment aber einen
Bemerkungen über Anneliden des Pariser Museums. 351
ebenso langen dunkeln Querstreif, von einem sehr schwach
umgrenzten Feldchen umgeben, etwas tiefer als die Reihe
der Haarborsten und im Zwischenraum zwischen den
Borstenbündeln herabsteigend. In diesem Streif kommen,
wie man sich bei 40facher Vergrösserung überzeugt,
5 — 7 Spitzchen zum Vorschein , wahrscheinlich Haken-
borsten ; an der rechten Seite ist der entsprechende Theil
der Wandung an den nächstfolgenden 3 Segmenten zer-
stört, aber auf der linken Seite erkenne ich diese Kör-
perchen auch am 6ten und 7ten Segment, sehe auch, dass
sie sich in die Wandung selbst hinein verlängern.
Verzeichniss der im Vorhergehenden besprochenen Anne-
liden des Pariser Museums.
Gattungen : Blainvülea Qf., Notocirrus Schmd., PUoceras Qf , Por-
telia (^f., Bhytoceplialus Qf., Uninochaeta Qf., Gymnosoma Qf.,
Loxisiphon Dies.
Polynoe Sav. , laevis Aud. et Edw. , floccosa Sav. , foliosa Sav.,
nuda Qf.
Eunice CuY., tentaculataVal., Bottae Qf., Pelamidis Qf., torquata Qf.,
Laiirillardi Qf., Harassii Aud. et Edw., australis Qf., Rissoi Val.,
heterochaetaQf., ebranchiata Qf., scombrinis Val., gigantea Cuv. ,
Rousseaui Qf.
Mtirphysii Sav., sanguinea (Mont.), haemasoma Qf., peruviana Qf.,
Gayi Qf.
Lysidice Sav., torquata Qf.
Blainvülea Qf., filium Qf , elongata Qf.
Lumbriconereis Bl., Latreillii Aud. et Edw., maculata Qf.
Euphrosyne Sav., foliosa Aud. et Edw.
Nereis L., MurioniiAud. et Edw.. crassipes Qf., bilineata Johnst. Qf.,
fulvaBl. Qf., ventilabrum d. Ch. Qf., viridis Johnst. Qf , fucata Sav.,
regia Qf. , edenticulata Qf f, nubila Sav. , Bowerbanckii Qf., Du-
merilii Aud. et Edw., pulatasia Sav. Qf., microcera Qf., Sarsii
Ratbke, Yunkiana Qf.. heterochaeta Qf.
Hetenoreis Oersd., Schmardae Qf.
Lycastis Sav. Aud. et Edw., brevicornis Aud. et Edw.
Nephthys Cuv., Dussimieri Qf.. bononiensis Qf., margaritacea Johnst.
Glycera Sav., peruviana Qf.
Hemipodius Qf., roseus Qf.
352 Grube: Bemerk, üb. Annelideii d. Pariser Museums.
Scoloplos Bl., elongatus Qf.
Petaloproctus Qf., terricola Qf.
Clymene Sav., lumbricoides Edw., zostericola Qf., uranthua Sav.
Johnstonia Qf., clyraenoides Qf.
Pectinaria crassa Gr.
Terebella L. Qf., emmalina Qf., gigantea Mont., elongata Qf., mode-
sta Qf , pectoralis Qf., conchilega Qf., prudens Cuv., abbreviata Qf.
Phenacia Qf., setosa Qf., terebelloides Qf.
Heterophenacia Qf., gigantea Qf.
Heterophyzelia Qf., Bosci Qf.
Iddlia Sav., vermiculus Qf.
Distylia Qf., volutacornis (Mont.), punctata Qf., Josephinae (Riss.)
SpirographisYiY., Spallanzanii Viv., longispira Qf., elegans Qf , bre-
vispira Qf.
Sabella Sav. Qf., indica Sav., magnifica (Shaw.) Qf., Pottaei Qf., pec-
toralis Qf., armata Qf. , modesta Qf. , palmata Qf. , vesiculosa
Mont., terebelloides Qf., Kroyeri Qf., arenilega Qf., pavoninaSav.,
(penicillus Cuv., longobranchiata Qf.), flabellataSav., cucuUus Qf.,
Simplex Qf., verticillata Qf., saxicava Qf.
Myxicola Koch, modesta Qf.
Untersuchungen über den Bau und die Naturgeschiclite
der Vorticellen.
Von
Dr. Richard Greeff,
Professor der Zoologie und Director des Zoologischen Institutes
in Marburg.
Hierzu Tafel IV— VIII.
Die Vorticellen gehören zu den am frühesten und
wohl auch am häufigsten untersuchten Infusorien. Von
Löwenhoek, dem ersten Beobachter derselben und
mit ihnen der ersten Infusorienformen überhaupt bis in
die neueste Zeit, scheinen die meisten Forscher auf die-
sem Gebiete sich mit besonderer Vorliebe jener zier-
lichen Thiergruppe zugewandt zu haben. Abgesehen
davon, dass Viele wohl durch die überaus anziehenden
Form- und Lebenserscheinungen der Glockenthierchen
zur näheren Prüfung veranlasst worden sind, ist auch
wohl keine Infusorien-Familie der Beobachtung leichter
und sicherer zugänglich als gerade diese. In allen Ge-
wässern, stehenden und fliessenden, süssen und salzigen
finden sich Vorticellen, durch die ausgedehnten Colo-
nienbildungen oft massenhaft hervortretend. Fast alle
sind an Stielen angeheftet und halten so, wenn auch mit
zeitweisen Unterbrechungen, wie bei den Contractilstieli-
gen, doch im Ganzen der Untersuchung besser Stand
als die meisten übrigen Infusorien, die rastlos das Ge-
sichtsfeld durchkreuzen und oft erst durch einen die nor-
malen Form- und Lebensverhältnisse mehr oder minder
alterirenden Druck zur gewünschten Ruhe gebracht wer-
den können.
Kein Wunder, dass über unsere Thierchen schon
frühe manche interessante und für die Kenntniss der nie-
Archiv für Naturg:. XXXVI. Jahrg. 1. Bd. 23
354 Greeff:
deren Thierwelt überhaupt wichtige Thatsache ermittelt
wurde, wie z. B. der Theilungsprocess und knospenför-
mige Bildungen, und dass mit der weiteren Ausbreitung
und Vervollkommnung der Mikroskope und dem lebhaften
Interesse, das der Infusorienwelt zugewandt wnirde, das
Feld der beobachteten Erscheinungen ein sehr ausge-
dehntes geworden ist.
Aber trotz aller Arbeit, sowohl über unsere Glocken-
thierchen als über die Infusorien überhaupt, trotz der vie-
len interessanten Einzelbeobachtungen , trotz namentlich
der reichen Fülle systematischen Materiales scheint es,
dass wir noch lange nicht vor einem einigermassen be-
friedigenden Einblick in die Organisation und Lebensge-
schichte der Infusorien stehen, ja dass wir in mancher
Bezieliung vielleicht nur die ersten noch unsicheren
Schritte in die Erkenntniss dieser un'gemein mannigfach
zusammengesetzten Thierklasse gethan haben, in deren
bunter Gesellschaft wir wohl manche mehr oder minder
nahe Verwandte oder Stammformen anderer Thiergruppen,
besonders der Würmer vielleicht auch der Coelenteraten
zu suchen haben, und die durch ihre allseitige Verbrei-
tung und durch die überall wiederkehrenden Formen, mit
anderen Worten durch ihren echt cosmopolitischen Cha-
rakter gerade nach der bezeichneten Richtung der ver-
wandtschaftlichen Beziehungen zu anderen Thieren ein
besonderes Interesse bietet.
Das Material für die vorliegenden Beobachtungen
lieferte mir bezüglich der Süsswasserformen die reiche
Infusorienfauna des Schiossweihers von Poppeisdorf und
einige andere stehende Gewässer in der Umgegend von
Bonn. Obgleich ich mehrere der hier vorkommenden
Gattungen und Arten einer genaueren Untersuchung
unterzogen habe, so treten doch in diesen Mittheilungen
einige Formen, denen ich die meisten und wichtigsten
Resultate verdanke, in den Vordergrund, insbesondere aber
eine Epistylis-Art, die der Ehrenberg'schen Epistylis
flavicans nahe steht. Ich sage „nahe steht^', da ich sehr
zweifle, ob alle die unter diesem Namen von mir hier
in Betracht gezogenen Formen ein und derselben Art
Untersuchungen über die Naturgeschichte der Vorticellen. 355
angehören oder ob nicht vielmehr mehrere verschiedene
Arten, oder wenigstens Varietäten vorliegen, wie auch
ein Blick auf die beigegebenen Abbildungen (Taf. VII
und VIII) zeigen möchte. Nicht bloss Verschiedenheiten
in Grösse, Färbung und, wenn auch in geringem Maasse,
im Habitus kommen vor, sondern auch im Besitz von
anscheinend wesentlichen Theilen resp. von Organen,
z. B. in den später zu beschreibenden eigenthümlichen
mit einem hervorschnellbaren Faden versehenen, glänzen-
den Kapseln, die eine grosse Üebereinstimmung mit den
Nesselkapseln der Coelenteraten zur Schau tragen. (Tafel
VII Fig. 5, k.) Wir werden im Laufe unserer Mitthei-
lungen auf die Verschiedenheit oder Zusammengehörig-
keit dieser Formen noch zurückkommen.
Die zur Untersuchung gelangten marinen Arten
stammen sämmtlich aus der Nordsee bei Ostende, woselbst
sich namentlich in den dortigen Austernparks ein stets
sicheres und reiches Material vorfand. Auf diese mari-
nen Formen beziehen sich die Tafeln IV und V (mit
Ausnahme von Figur 8 auf Taf, V), auf denen der Akt
der Thcilung und der knospenförmigen Conjugation aus-
führlicher dargestellt ist und das merkwürdige Zootham-
nium-Bäumchen auf Taf. VI Fig. 6 und 7.
Systematische Begrenzung der Vorticelli nen.
Ehrenberg hat die Familie der Vorticellinen zu-
erst, ungefähr ihrer heutigen Auffassung nach, begründet
und zwar mit 8 Gattungen und 38 Arten i). Die syste-
1) Eine sehr ausführliche und treffliche Zusammenstellung der
älteren Literatur nebst Andeutungen der früheren Auffassung über
den Bau und die systematisclie Stellung der Vorticellinen giebt
Ehrenberg in seinem grossen Infusorien-Werke: die Infusions-
thiercben als voUkommne Organismen S. 260, 269, 275, 279, 286 etc.
Namentlich findet sich S. 275 eine sehr werthvoUe kritische üeber-
sicht der älteren Vorticellen- Systematik und der Synonyme für
die einzelnen Arten. Wir ersehen daraus, dass allein die Gattung
Vorticella nicht weniger als 120 Artnamen aufzuweisen hatte, die
von Ehrenberg auf 9 für wirkliche, gut unterschiedene und cha-
rakterisirte Arten reducirt wurden.
^56 Greeff:
matischen Charaktere sind so glücklich getroffen, dass die
Familie auch neuerdings von Stein im Wesentlichen in
der Begrenzung, die ihnen E hrenberg gegeben, wieder
aufgenommen worden ist. Ehrenberg charakterisirte
die Vorticellinen „als (polygastrische) Thierchen, (welche
einen den Magen verbindenden Speisekanal besitzen),
die Mund und Auswurfsöffnung gesondert, aber in einer
und derselben Grube beisammen haben , also ohne Hin-
tertheil sind, die keinen Panzer führen und entweder ein-
zeln sich frei bewegen oder festgeheftet und durch unvoll-
kommene Selbsttheilung oft zu niedlichen kleinen Sträu-
chen und Bäumchen werden." Die 8 zu dieser Familie
vereinigten Gattungen"waren : Stentor, Trichodina, Urocen-
trum, Vorticella, CarchesiTim, Epistylis, Opercularia und
Zoothamnium. Stein^) und nach ihm Glaparede und
Lachmann ^) sonderten zunächst hiervon, wegen der
in mancher Beziehung anderen Organisation, mit Recht
die nun zu den Bursarieen gestellte Gattung der Sten-
toren^) aus, da die Letzteren auf dem ganzen Körper
bewimpert sind, während der eigentliche Körper der
Vorticellen nackt ist und bloss eine sogenannte adorale
Wimperzone trägt, ferner der After der Stentoren, wie
Lachmann nachwies, eine andere Lage hat, als der der
Vorticellen etc. Dann trennten Clap. und Lachmann
ferner die Gattung Urocentrum^), freilich ohne genügende
Untersuchung und Begründung, von dem Ehrenberg'-
1) F. Stein: die Infusionsthiere auf ihre Entwicklungsge-
schichte untersucht S. 94.
2) Claparede und Lachmann: Etudes sur les Infusoires
etc. I p. 77.
3) Neuerdings sind bekanntlich die Stentorinen, was übrigens
früher schon von Lachmann (Müller's Archiv, eTahrg. 1856: über
die Organisation der Infusorien, besonders der Yorticellen S. 361 und
S. 364 Anm. 1) vorgeschlagen war, von Stein (der Organismus
der Infusionsthiere II S. 170) zu einer besonderen Familie mit den
Gattungen Stentor und Freia erhoben und unter die Ordnung der
heterotrichen Infusorien gestellt worden.
4) Etudes etc. I, p. 78 und 134.
Untersuchungen über die Naturgeschichte der Vorticellen. 357
sehen System, indem sie aus derselben eine eigne Fa-
milie bildeten, und vereinigten die Ehre nb er g'sche Gat-
tung Opercularia mit Epistylis, so dass also nun von den
8 ursprünglichen Gattungen der Vorticellen - Familie
Ehrenberg's 3 ausgeschieden waren, nämlich Stentor,
ürocentrum und Opercularia.
Auf der anderen Seite aber nahmen, und zwar ebenfalls
Claparede und Lachmann nach dem Vorgange von
Stein, die Ophrydinen, die Ehrenberg als gepan-
zerte Glockenthiere in eine besondere Familie den
hüllenlosen und eigentlichen Vorticellinen zur Seite ge-
stellt hatte, in die Vorticellen-Familie auf, da sie, und
ebenfalls mit Recht, den im Uebrigen durchaus gleichen
Habitus und die gleiche Organisation der gepanzerten
und nackten Formen betonten und die Gallerthülse der
Ophrydinen dem durch ähnliche Vorgänge ausgeschie-
denen gallertartigen Stiele der Vorticellen, besonders
dem starren Stiele von Epistylis, als morphologisch gleich-
werthig annahmen. Von den auf diese Weise den Vor-
ticellinen einverleibten Ophrydinen Ehrenberg's, die
die Gattungen Ophrydium, Tintinnus, Vaginicola und Co-
thurnia umfassten, entfernten sie indessen vorher Tin-
tinnus wegen der in wesentlicher Beziehung anderen Be-
wimperung und Organisation, so dass durch diesen Zu-
wachs von 3 Gattungen die ursprüngliche Zahl der Fa-
milien-Glieder wieder hergestellt war. Ausserdem aber
wurden 3 neue Gattungen hinzugefügt, nämlich Lageno-
phrys an Stelle von Tintinnus als gepanzerte Vorticelle
und die beiden ungepanzerten, Scyphidia und Gerda,
die erste von Stein^), die zweite zuerst vonDujardin
aufgestellt, aber erst von Lach man n^) genauer charak-
terisirt, die dritte von Lachmann und Claparede^)
gemeinschaftlich entdeckt.
Alles in Allem mit Ab- und Zugang war nun also
die Ehre nberg'sche Familie der Vorticellinen auf 11
1) Die Infusionsthiere auf ihre Entwicklung untersucht S. 85.
2) Müllers Archiv 1856 S. 348 Anm. 1.
3) Etudes etc. I, p. 117.
358 Greeff:
Gattungen niit einer sehr ansehnlichen Arten-Zahl ange-
wachsen. Als Charaktere dieser Familie wurden die von
Ehrenberg früher aufgestellten^ mit Ausnahme des
polygastrischen Ernährungs- Apparats, den Ehrenberg
natürlich, wie für alle Infusorien, so auch für die Glocken-
thiere angenommen hatte, von Claparede und Lach-
mann im Wesentlichen, namentlich bezüglich der Lage
des Mundes und Afters beibehalten, indem sie zu gleicher
Zeit die von dem Ersteren als besonderen Charakter nicht
hervorgehobene, adorale Bewimperung hinzufügten, die
nach der Beobachtung von Lachmann als eine in einer
Spirallinie die Wimperscheibe umlaufende und in die
Mundöffnung sich senkende dargestellt wurde.
Um nun das Schicksal der Vorticellen-Familie bis
zu ihrer heutigen Zusammensetzung zu verfolgen, erübrigt
uns nur noch kurz die Aenderungen zu erwähnen, die
schliesslich Stein an dem von ihm selbst und von Cla-
parede - Lachmann allmählich angeordneten System in
seinem neuesten Infusorien-Werke getroffen hat. Stein
hat interessanterweise die Grenzen, die er und seine
Nachfolger anfangs erweitert hatten, später selbst wieder
ungefähr auf die ursprünglichen Marken zusammengezo-
gen, indem er die früher, wie oben angeführt, einver-
leibten Ophrydinen von Neuem von den Vorticellen
trennte^) und den bereits von Ehrenberg ihnen zuer-
kannten Anspruch auf die Berechtigung einer eignen ge-
panzerten Familie neben den hüllenlosen Glockenthieren
wiederum einräumte. Ebenso löste er die von Clapa-
rede und Lachmann vorgenommene Verbindung der
Gattung Opercularia mit Epistylis wieder auf und erhob
die ersterc, wie schon von E hrenberg geschehen, zu
einer selbstständigen Gattung. Andrerseits schied er mit
Claparede und Lachmann ürocentrum, aber auf
Grund genauerer Untersuchung, als durch diese gesche-
hen war, aus und ausserdem noch die bisher damit ver-
einigt gebliebene Trichodina, die allerdings in manchen
wesentlichen Punkten sich von den Vorticellen entfernt,
1) Der Organismus der Infusionsthiere II, S. 168.
Untersuchungen über die Naturgeschichte der Vorticellen. 359
namentlich durch den Besitz eines eigcnthümlichen Heft-
Apparates am hiateren Körperende, durch den steten
Mangel eines hinteren Wiinperkranzes und eines ein- und
ausstülpbaren Wirbelorgans etc., so dass Stein anfangs
auf diese Eigcnthümlichkeiten hin den Trichodlnen sogar
den Rang einer eignen Familie zuspricht^), obgleich er
sie später doch als eine Gattung der neu gebildeten Fa-
milie der Urceolarinen unterordnet. An neuen Glie-
dern wurden die beiden schon von Claparede und
Lachmann eingeführten Gattungen Scyphidia und
Gerda aufgenommen und diesen noch das von Engel-
mann entdeckte Astylozoon^) hinzugefügt, das sich an
der Stelle eines Stieles durch den Besitz von zwei am
Hinterende befindlichen ScIi neilborsten auszeichnet.
So ist es gekommen, dass nach allen diesen Wand-
lungen der jetzige systematische Verband unserer Fami-
lie, mit der oben erwähnten natürlichen Ausnahme der
Stentoren, beinahe wiederum derselbe ist, wie er ursprüng-
lich von Ehrenber'g begründet wurde. Ebenso sind
die Gattungen wieder auf ihre ursprüngliche Zahl, näm-
lich auf 8, zurückgeführt worden, und diese sind nun
nach den oben ausgeführten Aenderungen: Vorticella,
Carchcsium, Epistylis, Zoothamnium, Opercularia, Scy-
phidia, Gerda und Astylozoon.
Die Charaktere der so vereinigten Familie wie sie
■sich auf dem beschriebenen W^ege entwickelt haben oder
vielmehr allmähiich schärfer hervorgetreten sind, lassen
sich jetzt in folgenden Punkten zusammenfassen : An
die Spitze muss zunächst die von Ehrenberg richtig
erkannte und als ein Haupt-Charakter hervorgehobene
Lage des Mundes und Afters in einer gemein-
schaftlichen Höhlung im Grunde des ersten Ab-
schnittes des Nahrungsrohres, des sogenannten Vestibu-
1 u m, gestellt werden. Hieran schliesst sich die beson-
1) Der Organismus der Inf. II S. 146.
2) Th. W. Engelmann: Zur Naturgeschichte der Infusions-
thiere, Zeitschr. für wissensch. Zoologie XI Bd. S. 389 Taf. XXXI
Fig. 15-16.
360 Greeff:
dere Beschaffenheit des vorderen Wirbelorgans
oder der sogenannten adoralen Wimperzone,
die bei den echten Vorticellen nach Lachmann und
Stein stets eine linksgewundene, die Wimperscheibe
umlaufende und dann in das zwischen Wimperscheibe
und Peristom beginnende Vestibulum sich senkende Spi-
rale darstellt. Die Wimper seh eibe resp. das ganze
Wirbelorgan kann ferner in das Innere des Körpers
zurückgezogen werden und wird in diesem Falle von
dem häutigen Peristom sphynkter- oder schirm-
artig verschlossen. Ist die Wimpe r scheibe
nach aussen geöffnet, so wird sie von dem, meist durch
eine mehr oder minder tiefe Furche von ihr getrennten,
nach aussen u mges chlagenen Peristom kragenar-
tig umspannt. Mit dem zurückziehbaren Wirbelorgan hängt
die Fähigkeit des plötzlichen Zurückschn ellens
des sich zu gleicher Zeit zusammenziehenden ganzen Kör-
pers und, wo contractile Stiele vorhanden sind, mitsammt
den Stielen, als wesentlicher Charakter zusammen.
Zur engeren Begrenzung der Vorticellinen gegen
die verwandten Familien, insbesondere gegen die O phry-
dinen, ist nun, wie oben berichtet, die den Letzteren
zukommende und den Vorticellen fehlende Gallert-
hülse, von Stein von Neuem als unterscheidender
Charakter der beiden Familien geltend gemacht wor-
den, nachdem dieselbe, wie wir gesehen, schon von
Ehrenberg zu diesem Zwecke eingeführt aber von
Cl aparede- Lachmann wieder aufgehoben worden
war. Ich meinerseits kann nicht anders als diese aber-
malige Trennung bedauern, da die Ophrydinen mit den
Vorticellinen, abgesehen zunächst von dem Stiele der
Letzteren und dem Gehäuse der Ersteren, in ihrem gan-
zen Habitus, Bau und ihren Lebenserscheinungen bis ins
Kleinste so genau übereinstimmen, dass im Blick hierauf
eine Lösung der Ophrydinen aus dem engern Vorticel-
len-Verbande eine der natürlichen Verwandtschaft dieser
beiden Gruppen entgegenstehende und erzwungene an-
gesehen werden muss. Einen mit dem hinteren Wimper.
kranze versehenen und aus seinem Mutterhause ausge-
Untersuchungen über die Naturgeschichte der Vorticellen. 361
schwärmten Theilungssprössling der Ophrydinen z. B.
von Cothurnia (vrgl. Taf. IV), würde selbst der erfah-
renste und sorgfältigste Beobachter wohl kaum als sol-
chen erkennen resp. von einem Theilnngsschwärmer ech-
ter Vorticellen unterscheiden können. Es ist also ledig-
lich das äussere fingerhutartige Gehäuse, das die beiden
Familien zu trennen bestimmt ist. Allein dieses möchte,
wie wir zu zeigen versuchen werden, zur genügenden
Begründung dieser Trennung nicht ausreichen. Könnte
man die mit einem Gehäuse versehenen und an kurzen
Stielen festsitzenden Formen nackten und zu gleicher Zeit
vollkommen frei beweglichen und stiellosen Formen, wie
sie sich etwa durch die Theilnngsschwärmer oder Gerda
repräsentiren, entgegenstellen, so würde die in Rede ste-
hende Trennung vielleicht eher gerechtfertigt erscheinen.
Doch die meisten Vorticellen sind ebenfalls auf Stielen
befestigt, die ihrerseits wiederum angeheftet sind, mit Aus-
nahme von zw^ei Formen, nämlich des von Engelmann
beschriebenen Astylozoon, das sich selbstständiger Be-
weglichkeit erfreut, aber ebenfalls am hinteren Körper-
ende, vielleicht als Homologen des Stieles, zwei „Schnell-
borsten" besitzt, und ferner der freilich durchaus stiel-
losen aber mehr oder minder sesshaften Gattungen Scy-
phidia und Gerda. Prüfen wir nun aber den Stiel der
Vorticellen, insbesondere im Vergleich zum Stiele und
Gehäuse der Ophrydinen, genauer, so werden wir die
innige Zusammengehörigkeit dieser Gebilde nicht von der
Hand weisen können. Der Stiel der Vorticellen besteht
aus einer glashellen, homogenen äusseren Hülle oder
Scheide und einer dunkleren mehr oder minder körnigen
Axe. Die Letztere ist entweder Muskelsubstanz i) und in
diesem Falle und mit ihr der ganze Stiel retractil (Vor-
ticella, Carchesium etc.) oder die Axe enthält keine Mus-
kelelemente und dann ist der Stiel starr (Epistylis). In
1) Wir behalten die Bezeichnung »Axe« hier der Gleichmässig-
keit wegen auch für die contr actilen Stiele bei, obgleich bekanntlich
bei Vorticella und Carchesium der Muskelstrang innerhalb der Scheide
einen spiralen Verlauf um die Axe hat und nur bei Zoothamnium
der Lage nach die wirkliche Axe einnimmt.
362 Greeff:
beiden Phallen aber umgreift die äussere glasbelle Hülle
des Stieles die binterste Basis des Tbierkörpers wäbrend
die Axc allein in diese Basis, mit ilir vcrscbmclzend,
direkt eindiingt und bier entweder bloss zu J^efec;tigung
des Tbieies und der retractoriscben Muskelclementc in
demselben dient (P]pistyb's) oder wo die Axe selbst mus-
kulöser Natur ist, continuirlicb in den Körper ausstrablt
(Vorticella, Carcbesium). Bei den Opbrydincn nun ist in
der Regel das Gebäuse sowobl wie der TbierkÖrper eben-
falls durcb einen wenn aucb meist sebr kurzen »Stiel be-
festigt, der indessen dem Yorticellen Stiele und zwar zu-
näcbst dem von Epistylis als morpliologiseb durcbaus äqui-
valent geacbtet werden kann. Die bei den Vorticellen die
Stiel- Axe umbüllende und an die binterste Basis des Tbier-
körpers stosscnde Scbeide setzt sieb bei den Opbrydinen
über diese Basis binaus nacb vorne fort, indem sie zu
einem weiten becbcrförniigcn Gebäuse sieb erbebt, in
das sieb das ganze Tbier zurückzicben kann. Aber aucb
die Axe des Vorticellen-Stieles foblt bei den Opbrydinen
nicbt, sondern sie ist es, die gerade so wie dort in die
Basis des Tbierkörpers eintritt und die Befestigung ver-
mittelt. So dürfte aucb wonl die genauere Untersucbung
der Zusammensetzung und Ausscbeidung resp Entwick-
lung dieser Gebilde die Identität derselben nur nocb
mebr begründen. Nacb allem diesem scbeint es mir
naturgemässer, die einzelnen Gattungen der Opbrydinen
als Glieder der Vorticellen-Familie auf zu nebmen, als sie
von den Letzteren zu trennen.
Stein bat nun weiterbin die Familie der Vorticel-
linen unter seine Ordnung der peritricben Infusorien
gestellt^), in welcber sie den eigentlicben Ordnungstypus
darstellt, den „Kern und Mittelpunkt'^, an welcben die
übrigen Gruppen nacb auf- und abw^arts sieb anscbliossen.
Wir babcn die System-Gescbicbte der Vorticellen-
Familie vielleicbt ausfübriieber bebandelt als es die Auf-
gabe der vorliegenden Beobacbtungen bätte fordern
mögen, aber die Gescbicbte des Systems einer Tbier-
1) Der Organismus der lufusiousthierc 11 S. 168.
Untersuchungeu übei' die Naturgeschichte der Vorticellen, 363
Gruppe ist immer der getreue Ausdruck der Entwick-
lung der Kenntnlss derselben und hat in unserem Falle
um so grösseres Interesse als sie zeigt, in wie seltener
Weise conform und in sich abgeschlossen die Vorticelli-
nen von vorne herein sich erwiesen haben,' da trotz aller
Versuche zum weiteren Ausbau der systematische Ver-
band im Wesentlichen derselbe geblieben ist, wenn auch
die Charaktere mittlerweile, wie wir gesehen haben, eine
weit grössere Schärfe erlangt haben. Ausserdem aber
werden wir auch den durch die obigen Erörterungen
erlangten Standpunkt in unseren weiteren Miltheilungen
vielfach zur Anknüpfung der eignen Beobachtungen be-
nutzen können ohne jedesmal längere Rückwege unter-
nehmen zu müssen.
A e u s s e r e r Habitus der Vorticellen.
Man kann im Allgemeinen die äussere Gestalt der
einzelnen Vorticellen - Thiere eine kelch-, urnen-, oder
glockenförmige nennen, welcher letzteren als der gang-
barsten Auffassung auch die ganze Gruppe den von
Ehren berg dafür eingeführten Namen der Glocken-
thierchen und den hieran sich schliessenden Benennungen
der Glockenbänmchen (Carchesium), Säulenglöckchen
(Epistylis), Schirmglöckchen (Opercularia), Doppelglöck-
chen (Zoothamnium) etc. verdankt. Nach früherer An-
schauung wäre diese Bezeichnung noch zutreffender ge-
wesen, da man, wie fast alle älteren Beschreibungen und
Abbildungen bekunden, glaubte, die Thierchen seien wie
Glocken oder Kelche ausgehöhlt und nur an ihrem vor-
deren freien Rande mit Cilien besetzt. Doch hat spä-
tere Beobachtung (zuerst durch Ehren berg) gelehrt,
dass die vordere Glockenmündung durch eine mit Wim-
pern besetzte, mehr oder minder kreisrunde Scheibe ge-
schlossen sei und dass erst hinter dieser Scheibe durch
eine seitliche Mundöffnung ein Kanal in den im Uebri-
gen mit luhaltsmasse erfüllten, resp. soliden Glocken-
körper führe.
Die vordere Wimperscheibe oder das Wirbel-
organ ist nach aussen umspannt von einem breiten, hau-
364 Greeff:
tigen Saume, dem sogenanaten Permost. Oeffnet sich
das Wirbelorgan, so schlägt das Peristom sich wulstar-
tig nach aussen um und v/ird dann von der, ausserdem
häufig auf einem kurzen Halse, sich hervorstreckenden
Wimperscheibe überragt und zu gleicher Zeit durch eine
Furche von ihr getrennt (vrgl. Tafel V Fig. 2, 6 etc.).
Diese Trennung tritt indessen bei den einzelnen Arten
verschieden scharf hervor, ja kann fast ganz fehlen wie
z. B. bei Ep. flavicans, bei der die Wimperscheibe ohne
deutlich wahrnehmbare Furche direkt in den umgeschla-
genen Saum des Peristom's überzugehen scheint (Tafel
VII und VIII).
Der Körper der Vorticellen zeigt in' der Regel
nach der Mitte zu eine bauchige Hervorwölbung, indem
sowohl der Vordertheil hinter dem Peristom eingeschnürt
ist, als auch andererseits das Hinterende sich schnell zu
einer keilförmigen Spitze verjüngt. In diesem Falle ist
die Form eine kurze und gedrungene. Bei anderen Arten
aber erscheint der Körper langgestreckt und ohne merk-
liche mittlere Anschwellung, indem er von dem weit ge-
öffneten umschlagenen Peristomrande sich allmählich nach
hinten verschmälert, einem hohen Kelche oder Champa-
gner-Glase ähnlich. Zwischen diesen beiden Extremen
finden wir aber, abgesehen von dem durch die verschie-
denen Contractionszustände bei ein und demselben Indi-
viduum erzeugten Wechsel der Gestalten, die mannig-
fachsten Uebergängc, bald mehr der bauchigen Glocke,
bald dem gestreckten Trichter sich nähernd.
Die berührten Form-Verhältnisse und die hierfür
gewählten Bezeichnungen von Glocke, Trichter, Kelch
etc. bleiben natürlich nur so lange geltend als die Thier-
eben mit Wirbelorgan und Peristom sich nach aussen
entfaltet haben. Wird die Wimperscheibe in den Kör-
per eingezogen, so legt sich das vorher nach aussen um-
geschlagene Peristom wie ein Schirm über die Erstere
somit den ganzen Vordertheil des Körpers bedeckend.
Dieser Deckel gleicht dann in seiner Form und seiner
Bestimmung vollständig einem muskulösen Sphynkter,
der ausserdem durch die Falten des Peristom's und die
Untersuchungen über die Naturgeschichte der Vorticellen. 365
unter demselben liegenden Cilien ein strahliges Aus-
sehen erhält (Tafel TV Fig. 1 etc. Taf. V Fig. 4, Taf. VI
Fig. 6, Taf. VII Fig. 1 etc.) In diesen Fällen ist die
Körpergestalt natürlich keiner Glocke oder einem Trich-
ter ähnlich, sonden keulen-, birn- oder sogar kugelförmig.
Von den bisher bekannten Vorticellen scheinen bloss
zwei Gattungen Freiheit der Bewegung zu besitzen, näm-
lich die früher schon erwähnten Astylozoon und Gerda,
welche Letztere indessen, die ausserdem noch sehr unvoll-
kommen untersucht zu sein scheint, in dieser Fähigkeit
oder vielmehr in der Gewohnheit der steten freien
Bewegung beschränkt Ist, da die Zugehörigen dieser
Gattung von Claparede-Lachmann als „des Vorti-
cellines sessiles^^ bezeichnet werden, trotzdem ihnen ein
eigentliches Anheftungsorgan vollkommen fehlt. Die
übrigen Vorticellen sind alle sesshaft, entweder auf an-
gehefteten Stielen festsitzend (Vorticella, Carchesium,
Epistylis, Zoothamnium) oder ungestielt und vermittelst
eines, einer öaugscheibe ähnlichen, Organs am hintern
Körperende als Parasiten auf weichen Thieroberflächen
(Schnecken) sich befestigend. Die gestielten Vorticellen
sitzen entweder einzeln auf einfachen und in diesem
Falle stets contractilen Stielen *) und sind bloss ganz vor-
übergehend während der Theilung zu Zweien auf einem
Stiele vereinigt (Vorticella) , oder der Stiel erhebt sich
durch fortgesetzte meist dichotomische Verzweigung zu
einem Bäumchen, auf dessen Endzweigen die Individuen
zu einer in der Regel sehr zahlreichen Colonie vereinigt
sind. Die Stiele dieser stockbildenden Vorticellen sind
entweder contractu (Carchesium, Zoothamnium) oder
starr (Epistylis, Opercularia). Die Art und Weise der
Verzweigung des Stockes ist sehr mannigfach und für
die einzelnen Gattungen und Arten oft charakteristisch,
so dass dieselbe mit Vortheil zur systematischen ünter-
1) Wir folgen hier vor der Hand der systematischen Einthei-
lung von Stein, der, wie oben erörtert, die Ophrydinen, bei denen
wir allerdings einfache Formen mit starrem Stiele antreffen (z. B.
Cothurnia), von den Vorticelliuen ausgeschlossen hat.
366 Greeff:
Scheidung verwerthet werden könnte. Eine solche auffal-
lende Abweichung in der Stiel-Verzweigung zeigt sich
z. B. auf den beifolgenden Abbildungen zwischen Epistylis
flavicans (Taf. VII Fig. 1 etc.) und dem in der Nordsee
von mir aufgefundenen Zoothamnium (Taf. VI Fig. 6 etc.).
Wcährend bei Ep. flavicans eine von dem Stamme auf-
steigende regelmässig dichotomische Ramifikation Statt
findet^ sind bei dem in Rede stehenden Zoothamnium die
kurz gefiederten Zweige alternirend um einen gemein-
schaftlichen Schaft gestellt. Zwischen diesen beiden sehr
verschiedenen Stockbildungen giebt es aber noch eine
Anzahl anderer, die, wie bemerkt, mehr oder minder
charakteristisch für den ganzen Habitus der betreffenden
Art sind. Sie bewegen sich indessen fast ausschliesslich
innerhalb der dichotomisch ausgebreiteten Büschel- oder
Doldenform, die altcrnirende Zweigform ist bis jetzt bloss
bei marinen Zoothamnium-Stöcken beobachtet worden^).
Bezüglich dieser letzteren Gattung muss hier noch einer
merkwürdigen Eigenthümlichkcit Erwähnung geschehen,
die ebenfalls charakteristisch für den äusseren Habitus
derselben ist, nämlich der oft sehr auffallenden Grössen-
Unterschiede der Individuen des Stockes, so dass Ein-
zelne darunter das 5 — 6 fache der Grösse der Uebrigen
und noch mehr erreichen können, die dann, besonders
wenn sie geschlossen sind, wie „Knollen" aus der Mehr-
zahl der kleineren hervortreten. Bald sieht man dieser
Knollen nur eine oder wenige, bald aber eine verhält-
nissmässig grosse Anzahl (Tafel VI Fig. 5). Sie können
1) Die erste dieser alternirenden Stöcke wurde von Ehren-
berg bei einer von ihm im rothen Meere aufgefundenen und Zoo-
thamnium niveum benannten Art beobachtet, (die Infusionsthierchen
etc. S. 289 Tafel XXIX Fig^. 3), dann von Cl aparede und Lach-
mann bei Zoothamnium alternans aus der Nordsee an der Küste
von Norwegen (Etudes sur les Infusoires etc. I S. 103 PI. II Fig.
1—4), und endlich in der von mir bei Ostende und an anderen
Orten der Nordsee sehr häufig gesehenfu Form (Taf. VI Fig. 6 und 7),
die wohl mit Zoothamnium alternans, vielleicht auch mit Z. niveum
identisch sein möchte.
üntersucliuiigen über die Naturgeschichte der Vorticellen. 367
indessen auch vollständig fehlen i), was wenigstens
bei den fraglichen marinen Formen nach meinen Beobach-
tungen als Ausnahme gelten muss. Wir werden später
noch auf diese Zoothamnium-Forra^ insbesondere auf die
mögliche Beziehung der knollenförmigen Thiere zur
Fortpflanzung zurückkommen.
Wir haben oben hervorgehoben, dass mit Aus-
nahme von Astylozoon und Gerda die sämmtlichen übri-
gen Vorticellen nur festsitzende Repräsentanten aufzu-
weisen haben. Diese Anheftung und mit ihr die be-
schränkte Ortsbeweglichkeit ist allerdings die gewöhn-
liche Lebensweise derselben, die den eigentlichen syste-
matischen Charakter bedingt. Wahrscheinlich aber können
alle Vorticellen, jedenfalls die meisten, zeitweise in ein
freies Lebensstadium übergehen, indem sie den sogenann-
ten hinteren Wimperkranz bilden, sich von ihren Stielen
lösen und nun eine Zeitlang als einzelne Schwärmer in
ungehinderter Freiheit sich im Wasser umhertummeln,
bis sie sich von Neuem durch Ausscheidung eines Stieles
anheften und damit auch sehr bald das eigentliche Attri-
but ihrer Freiheit, den hintern Wimperkranz, verlieren.
Diese Loslösung geschieht entweder bei Gelegenheit der
Theiluug, so stets bei Vorticella, indem der eine Thei-
lungssprössiing den nur für ein Individuum bestimmten
Stiel verlassen muss, oder dadurch, dass einzelne Indivi-
duen eines Stockes, in der Regel wenn sie in ihren ge-
wohnten Lebensverhältnissen gestört und beunruhigt wer-
den, spontan die Colonie verlassen um ein anderweitiges
Unterkommen zu suchen.
Aeussere Körperdecken und Musculatur.
Alle Vorticellen besitzen eine äussere glashelle und
homogene, bei manchen Arten ziemlich derbe Haut, die
1) Stein hatte bei Zoothamnium arbuscula die knollenför-
migen Thiere, die Ehrenberg auch bei dieser Art beobachtet und
abgebildet hat, sehr auffallender Weise, trotz der untersuchten zahl-
reichen Exemplare, vollständig vermisst. (Stein, der Organismus'der
Infus. II. S. 131).
368 Greeff:
den ganzen Körper überzieht, nach hinten in die Scheide
des Stieles, wo ein solcher vorhanden ist, übergeht und
der Axe desselben den Durchtritt in die Basis des Kör-
pers gewährt, nach vorne aber sich um das Peristom
schlägt, die Wimperscheibe überzieht und sich in den
Nahrungs-Kanal hinein fortsetzt und denselben auskleidet.
Diese Haut lässt sich sowohl an den lebenden Thieren
bei angemessener Vergrösserung zur Anschauung bringen,
als auch und zwar in der Regel noch deutlicher durch
verschiedene Reagentien (Essigsäure, Kalilauge etc.) gegen
die sie eine beträchtliche Resistenz äussert. Auch durch
Zusatz von Färbungsmitteln oder Jod tritt sie sehr scharf
hervor, da sie, den übrigen schnell und intensiv gefärbten
Inhaltstheilen gegenüber, hiervon unberührt bleibt und
dann als farbloser glasheller Saum an den Grenzen des
Körpers hinzieht.
Wahrscheinlich bei allen Vorticellen zeigt diese
Haut eine den ganzen Körper umlaufende regelmässige
Quers t r ei fung, die oft so fein ist und so eng aufein-
ander folgt, dass sie nur bei stärkerer Vergrösserung
und genauer Prüfung wahrgenommen wird, zuweilen
aber auch kräftigere Conturen erkennen lässt. Diese
Streifung ist bereits von Ehrenberg und nach ihm von
vielen Anderen gesehen und beschrieben worden, und sie
kann bei einiger Erfahrung nicht mit anderen gröberen,
ebenfalls in Querringeln auftretenden Falten, die nament-
lich nach vorhergegangenem Druck durch plötzlich wie-
der eintretende Contraction hervorgerufen werden, ver-
wechselt werden, denn jene constante regelmässige und
feine Streifung der Haut sieht man auch bei der grössten
Ausdehnung des Thieres und selbst bei künstlicher Com-
pression und gerade dann oft am deutlichsten. Dieser
Unterscheidung und dass nur von der erwähnten norma-
len feinen Hautstieifung hier die Rede sein kann, ist
einige Wichtigkeit beizulegen, verdient wenigstens hier
besonders hervorgehoben zu werden. Stein giebt näm-
lich in seinem neuesten Infusorien-Werke diesen Haut-
Untersuciiuiigen über die Naturgeschichte der Vorticellen, 369
streifen eine Deutung ^), der ich nach meinen bisherigen
Beobachtungen nicht beizustimmen vermag. Nachdem
er nämlich auf die Untersuchungen W. Kühne's^) hin
über den Stielmuskel der Vorticellen, den Infusorien,
seine frühere dem entgegenstehende Ansicht berichtigend,
Muskeln zugestanden, glaubt er in Ergänzung hierzu die
bei vielen Infusorien beobachteten Hautstreifen (beson-
ders der Stentoren, Spirostomeen etc.) alsi die Kör-
per-Muskeln deuten zu müssen. Diese Ansicht ist in-
dessen , wie hier hervorgehoben zu werden verdient,
schon von Ehrenberg deutlich ausgesprochen worden:
S. 260 seines Infusorien-Werkes sagt er bei der Charak-
terisirung der Familie der Vorticellinen: „Bei einigen
(Vorticella, Carchesium, Opercularia) sind Längs- und
Quer-Muskeln erkannt'^ und weiter auf S. 261 unter der
Beschreibung der Gattung Stentor ; ,, Bewegungsorgane
sind die zahllosen Wimpern der Oberfläche sammt dem
Wimperkranze der Stirn als speziellerem Fangorgane.
Ihren Längsreihen liegen sichtbare Längsstreifchen von
Muskelfasern zum Grunde an der Stirn aber Cirkelstrei-
fen,^^ ferner in der Einleitung unter den „Erläuterungen
zur Classe der Magenthiere" : „Man kann aber auch Mus-
keln sehen. Diese bilden bei Stenlor deutlich den Boden
worauf die Wimpern stehen als trübe Längsstreifen oder
Spiralen etc/^ Aus allen diesen Aeusserungen geht her-
vor, dass Ehrenberg dieselben Gebilde als Muskeln in
Anspruch genommen hat, wie neuerdings Stein. Weni-
ger deutlich kann man hieraus die Ansicht Ehrenberg's
über die Bestimmung dieser Muskeln ersehen, nämlich
ob dieselben bloss als Körpermuskeln, die die Körper-Con-
tractionen vermitteln, gelten oder auch den Bewegungen
der Wimpern dienen sollen, welche letztere Anschauung
Stein mit Recht in Rücksicht auf unsere heutige Kennt-
niss von der Wimperbewegung als eine irrige bezeich-
1) Der Organismus der Infusion sthiere II. Abth. S. 23 und ff.
2) Archiv f. Anat. etc. Jahrg. 1859 S. 824, siehe auch die an-
deren in demselben Bande veröffentlichten wichtigen Abhandlungen
über die Reizbarkeit der Muskeln etc. S. 213, 314 und 748.
Archiv für Natur?. XXXVI. Jahrg. 1. Bd. 24
370 fireeff;
net, indem er zu gleicher Zeit hervorhebt, dass überhaupt
bei den Infusorien die Körperstreifen und die Bewimpe-
rung in keinem Causalnexus zu einander stehen. Auch
von Anderen sind die Streifensysteme der Infusorien
schon ganz in dem Sinne Stein's gedeutet und mehr
oder minder ausführlich beschrieben worden wie von
O. Schmidt^), der seinen Antheil daran bereits in
nachdrücklicher Weise reclamirt hat, und ferner Kölli-
ker^) u. a. Auf die denselben Gegenstand betreffenden
ausgezeichneten Beobachtungen Lie berk ühn's^) wer-
den wir weiter unten bei genauerer Betrachtung dieser
Streifensysteme und ihrer Bedeutung als Muskeln ein-
gehen.
Zunächst indessen müssen wir uns der oben beschrie-
benen Querstreifung in der Haut der Yorticellen wieder
zuwenden.
Bei der weiteren Ausführung seiner Ansichten legt
nämlich Stein die Bedeutung der Körperstreifen als
Muskeln auch den Hautstreifen der Vorticellen bei und
versteht darunter, wie söine ganze Beschreibung ausser
Zweifel lässt, die erwähnte mehr oder minder feine regel-
mässige Querstreifung. Er nennt dieselbe eine „anschei-
nende Querringelung", in Wirklichkeit besitze sie eine
spiralige Anordnung. Ausserdem ist, wenn ich die be-
treffenden Aeusserungen richtig verstanden habe, nicht
die äussere Haut der eigentliche Träger dieser Streifen,
sondern dieselben werden von der Ersteren, der soge-
nannten Cuticula, überzogen. Diese Cuticula übernehme
für die unter ihr liegenden Körper- resp. Muskelstreifen
die Rolle eines Sarcolemma, umhülle dieselben aber nur
zum Theil nämlich hauptsächlich nach aussen und (bei
den Längsstreifen) rechts und links, während sie nach
innen mit der inneren Körpersarcode zusammenhängen.
Was zunächst die nunmehrige Annahme eines be-
sonderen Muskelsystems für die Infusorien durch Stein
1) Archiv f. mikrosk. An. v. M. Schnitze III. Bd., S. 391.
2) Icones histiol. S. 14.
3) Arch. f. Anat. etc. Jahrg. 1857 S. 403. Anmerk.
Untersuchnngen über die Naturgeschichte der Vorticellen. 371
betrifft, so können wir dieselbe nur als einen wesentli-
chen Fortschritt begrüssen. Es musste, wie mir scheint,
eigentlich von vorne herein, auch ohne den einstweiligen
sicheren morphologischen Nachweis, angenommen wer-
den, dass die plötzlichen, schnellenden und zuckenden
Bewegungen, wie wir sie bei manchen Infusorien, z. B.
bei Spirostomum, Stentor und den Vorticellen etc. sehen,
nicht durch blosse sog. formlose Sarcode sondern nur
durch bereits differenzirte contractile Gebilde, mit ande-
ren Worten durch Muskel-Elemente ausgeführt werden
könnten. Wo finden wir bei den Organismen, bei
denen die Bewegungen nur durch die Contractionen des
formlosen Protoplasma's vermittelt werden, also bei den
Rhizopodcn und Rhizopodcn ähnlichen Geschöpfen jene
plötzlichen und zuckenden Bewegungs-Erscheinungen der
Infusorien? Bei allen diesen Formen mögen sie selbststän-
dig oder nur Entwicklungszustände repräsentiren, treten
vielmehr die Bewegungen stets unter dem Bilde des
langsamen, gleichmässigen und allmählichen Strömcns und
Kriechens, der sogenannten amöbenartigen Bewegungen,
zu Tage. Wenn nun also im Allgemeinen die Annahme
selbstständiger Muskel-Elemente bei Infusorien durchaus
gerechtfertigt erscheint, so können wir uns im Speziellen
doch nicht mit den Deutungen einverstanden erklären,
die Stein nun in Bezug hierauf sowohl für die Körper-
muskeln der Stentoren und Spirostomeen etc. als auch
für die Vorticellen geltend macht.
Zuerst habe ich trotz mancher auf diesen Punkt
gerichteten Beobachtung mich nicht davon überzeugen
können, dass die oben mehrfach erwähnte äussere feine
Querstreifung des Körpers wirklich einen spiraligen Ver-
lauf habe. Stein scheint allerdings nur eine einzige
Art hierauf geprüft zu haben, nämlich Vorticella microsto-
ma, von der er aber vielleicht nicht ohne Berechtigung
auf ein gleiches Verhalten bei den übrigen mit Streifen
versehenen VorticelHnen schliesst. Bei jener Vorticella
microstoma findet er indessen „eine deutliche spiralige
Anordnung", die Ansteigung der Spirale sei aber so
gering, dass die Streifen nur wenig von der horizontalen
372 Greeff:
Richtung abweichen und daher den Eindruck einer einfa-
chen queren Ringelung hervorbringen. Aus diesem Zuge-
ständniss scheint mir indessen hervorzugehen, dass die
Unterscheidung, ob die fraglichen Streifen eine geringelte
oder spiralige Anordnung besitzen, doch nicht so leicht
und sicher getroffen v^erden kann , als die Angaben
Stein's glauben machen. Ich meinerseits wenigstens habe
bis jetzt, nicht bloss nicht die spiralige Anordnung dieser
Streifen auffinden können, sondern immer nur den Ein-
druck einer regelmässigen QuerringeJung erhalten, selbst
bei denjenigen Formen, bei denen die Streifen verhält-
ftissmässig breite Intervalle lassen. Ich habe dabei haupt-
sächlich mein Augenmerk auf den Verlauf der Streifen
an der konischen Basis des Vorticellen-Körpers gerich-
tet und an dem vorderen Rande, insbesondere wenn das
Wirbelorgan in das Innere des Körpers eingezogen und
das Peristom sphynkterartig dasselbe bedeckt. An beiden
Stellen würde man vielleicht noch am leichtesten, indem
man den Beginn oder Ausgang der Spirallinien aufzufin-
den* suchte, die Frage entscheiden können. Indessen
können auch hier je nach den Contractionszuständen und
der augenblicklichen Haltung des Körpers leicht Täu-
schungen veranlasst werden. Jedenfalls, wie Stein auch
selbst zugiebt, ist die Ansteigung der Spirale, wenn sie
vorhanden, eine äusserst geringe, so dass dieselbe nament-
lich da, wo ausserdem die Streifen sehr fein sind und
dicht aufeinander folgen, wie z. B. bei Carchesium poly-
pinum nur mit grosser Schwierigkeit durch die direkte
Beobachtung erkannt werden dürfte.
Zum Zweiten habe ich mich bisher auch davon
nicht überzeugen können, dass die in Rede stehenden
Querstreifen der Vorticellen in direkter Beziehung zu
den Muskeln stehen oder vielmehr, wie Stein glaubt,
dass diese Streifen die Muskeln selbst sind und das führt
uns, abgesehen zunächst von den Vorticellen, zu einer
kurzen Untersuchung der oben schon berührten und für
die Kenntniss der Infusorien sehr wichtigen Frage über
die Körper-Muskeln dieser Thier im Allgemeinen, die
wir um so weniger hier umgehen können als Stein
Untersuchungen über die Naturgeschichte der Vorticellen. 373
seine Resultate über die Muskel streifen hauptsächlich
durch Beobachtungen an anderen Infusorien (Stentor und
Spirostomum etc.) gewonnen und von diesen erst auf die
Vorticellen übertragen zu haben scheint.
Er sagt in Bezug hierauf ^) : „die Streifen (von Spi-
rostomum ambiguum) bestehen aus einer homogenen,
von sehr dicht stehenden, äusserst feinen Körnchen, ge-
trübten, weichen Masse und hängen untereinander ver-
mittelst einer glashelien, festeren aber viel schmaleren
Zwischensubstanz zusammen, welches offenbar ein Theil
der cuticula ist. Natürlich werden auch die Streifen von
aussen her von der cuticula überkleidet, sie ist aber hier
nicht für sich wahrnehmbar, weil sie sich der trüben Sub-
stanz der Streifen innigst anschmiegt.^' Weiterhin, indem
er die blauen Formen von Stentor coeruleus als für die
Untersuchung der Körperstreifen besonders günstig em-
pfiehlt, sagt er von diesen: „die Streifen bilden hier bei
grossen nicht vollständig ausgestreckten Individuen an dem
am meisten erweiterten Theile des Körpers breite band-
förmige, nach aussen mehr oder minder stark gewölbte
Stränge, die bei den blauen Stentoren ganz besonders
scharf hervortreten, weil sie intensiv blau oder spahn-
grün gefärbt sind, während die mit ihnen abwechselnden
schmälern lichten Zwischenräume fast farblos bleiben.
Ihrer Zusammensetzung nach bestehen die Streifen aus
einer homogenen lichten Grundsubstanz, die von der
übrigen Körpersarcode nicht zu unterscheiden ist, in ihr
liegen aber dicht neben einander zahllose sehr feine Körn-
chen eingebettet, welche das Licht stark brechen und bei
den blauen Stentoren eine bläuliche Färbung besitzen.
Je mehr sich die Thiere verkürzen oder an einer Stelle
erweitern, um so breiter werden die Streifen; streckt sich
dagegen eine Körperpartie sehr in die Länge, so ver-
wandeln sich die Streifen in die feinsten Linien: die
Substanz der Streifen muss also eine auf- und nieder-
strömende breiartige Masse oder, wenn man will, eine
zähe Flüssigkeit sein. Schon bei massig contrahirten
1) Der Organismus der Infusionsthiere II. Abth. S. 28.
374 Greeff:
Stentoren, noch mehr bei solchen, die sich bis zur Kugel-
oder Birnform zusammengezogen haben, sieht man die
Streifen ihrer ganzen Länge nach mit nahe hinter ein-
ander liegenden dunkeln Querlinien versehen, wodurch
die Streifen eine frappante Aehnlichkeit mit der querge-
streiften Muskelfaser bekommen etc/'
Im Weiteren sucht Stein dann die Uebereinstim-
mung dieser so beschaffenen Körperstreifen der Infuso-
rien mit den Muskelfasern höherer Thiere darzulegen,
hauptsächlich dadurch, dass er die in den Körperstreifen
eingebetteten feinen Körnchen den Disdiaclasten der quer-
gestreiften Muskelfasern gleichstellt, die sogar durch ihre
„sehr regelmässige gruppenweise Anhäufung eine ausge-
zeichnet deutliche Querstreifung^' hervorbringen. Um
schliesslich die Verwandtschaft vollständig herzustellen
wird ausgeführt, dass, wie schon oben bemerkt, die die
Körperstreifen umhüllende Cuticula dem Sarcolemma
der Muskelfasern analog sei.
Man sieht aus dem Obigen, dass die Frage nach den
Muskeln der Infusorien von Stein sehr ausführlich und mit
grosser Bestimmtheit beantwortet worden ist und wäre die
Antwort richtig, so würden wir einen wesentlichen Schritt
in der Organisations-Kenntniss der Infusorien vorwärts
gemacht haben. Allein meine Beobachtungen nöthigen
mich den Angaben Stein's in den Hauptpunkten Zwei-
fel entgegenzustellen. Betrachtet man den von Stein
mit Recht zur Untersuchung für die vorliegende Frage
empfohlenen Stentor coeruleus,. so sieht man ohne Mühe
die bekannten über die ganze Oberfläche von vorne nach
hinten verlaufenden regelmässigen Längsstreifen und
zwar abwechselnd einen sehr schmalen, hellen
und durchaus homogenen Streifen, der einer
über die ganze Länge gezogenen hellen Linie oder Fur-
che gleicht, und einem breiten bandartigen Strei-
fen, in den viele feine Körnchen von verschiedener
Grösse eingestreut sind, und der desshalb im Gegensatz
zu den hellen Streifen ein trübes Ansehen erhält. Die
breiten trüben Bänder erscheinen somit durch die hellen
Fäden eingefasst und gegeneinander abgegrenzt. Die
Untersuchungen über die Naturgeschichte der Vorticellen. 375
Erstercn repräsentiren nach der oben vorgeführten An-
sicht Stein's die eigentlichen Miiskelstreifen, während
die hellen Linien bloss nicht contractile Zwischensubstanz,
der Kitt sind , der die Muskelstreifen mit einander ver-
bindet.
Mir scheinen indessen alle Anzeichen für das umge-
kehrte Verhältniss zu sprechen, nämlich dass die schmalen
hellen Streifen die eigentlichen Muskeln seien und die brei-
ten trüben Bänder die Zwischensubstanz bilden. Schon
früher hat Lieberkühn diese Ansicht von den Körper-
streifen der Stentoren ausgesprochen ^) und die von ihm
hierfür angeführten Beobachtungen sind so überzeugend,
dass es auffallend erscheinen muss, wenn Stein dieselben
zu Gunsten seiner Theorie kurz und ohne genügende
Gegengründe beseitigt. Nachdem Lieberkühn vorher
der schon von Ehrenberg beschriebenen breiten körn-
chenreichen Streifen der Stentoren erwähnt, sagt er; „Es
giebt nun noch ein System von Streifen, welche sich
wie Muskeln verhalten, insofern sie mit der von Eduard
Weber für die Muskeln beschriebenen Eigenschaft ver-
sehen sind, dass sie im Zustande der Ruhe die geschlän-
gelte Form annehmen und bei der Contraction sich ge-
rade strecken. Es sind scharf contourirte, körnchenfreie
Fasern etwa von der Breite der körnchenfreien Zwischen-
räume, unterhalb deren sie der Längsaxe des Körpers
nach verlaufen; sie setzen sich vorne unter dem grossen
Wimperkreis und hinten am „Saugnapf^ an; einige von
ihnen vereinigen sich während ihres Verlaufs. Am deut-
lichsten sieht man die bei der Contraction eintretenden
Veränderungen, wenn ein farbloser oder wenig farbiger
Stentor gerade so liegt, dass man auf den kreisförmigen
Saugnapf blickt; man sieht alsdann von seinem Umfang
im Zustand der Ruhe alle einzelnen Muskeln geschlän-
gelt abgehen, in demselben Moment aber, wo sich das
Thier zusammenschnellt, also verkürzt, verschwindet die
geschlängelte Form vollständig, die Muskeln strecken
1) J oh. Müllers Archiv f. Anat. etc. Jahrg. 1857 S. 403
Anmerk.
376 Greeff:
sich gerade. Alsbald beginnen die gerade gestreckten
Muskeln wieder zu erschlaffen und in die geschlängelte
Form zurückzufallen, der Stentor verlängert sich wieder.*'
Lieberkühn deutet also die hellen Streifen als
scharf conhourirte Muskel-Fasern, während Stein die-
selben als blosse durch die Cuticula gebildete Rinnen in
Anspruch nimmt, die mit Muskelfasern nichts zu schaffen
haben und die unter gewissen Contractionszuständen nur
scheinbar als „wasserhelle von doppelten Contouren be-
grenzte Fasern" hervortreten, in Wirklichkeit aber die
rinnenförmig nach innen eingefalteten Stellen der Cuti-
cula seien.
Die Entscheidung hierüber fällt indessen, wie mir
scheinen will, bei vorsichtiger unbefangener Prüfung
nicht sehr schwer. Wenn wir wiederum unsern Stentor
coeruleus betrachten, so sehen wir dass die beiden Strei-
fensysteme allerdings durchaus verschiedener Natur sind:
die breiten Streifen bestehen aus einer weicheren, durch
eingelagerte blaue Pigmentkörnchen mehr oder minder
dunkeln, die schmalen aus einer festeren, hyalinen, körn-
chenlosen Masse.
Was zunächst die Substanz der breiten Streifen
betrifft, so sehen wir in derselben ausser den regellos ein-
gestreuten zahlreichen Körnchen keine Spur von beson-
deren Form-Elementen, von besonderen Struktur-Ver-
hältnissen und namentlich nirgendwo eine Faser- oder
Zellen-Bildung, weder im frischen Zustande noch
durch künstliche Behandlung. Was nöthigt uns nun
diese Streifen für verhältnissmässig hoch differenzirte
Muskelsubstanz, die sogar den quergestreiften Muskeln
höherer Thiere vergleichbar, zu erklären? Nach Stein
sind es die in die Masse eingelagerten, das Licht stark
brechenden Körnchen, die den räthselhaften Disdiaklasten
der quergestreiften Muskelfasern entsprechen sollen. Mit
welcher Berechtigung, müssen wir aber weiter fragen,
können wir die Körnchen, die sich fast in jedem soge-
nannten Protoplasma finden und einen fast charakteristi-
schen Bestandtheil desselben ausmachen, den Disdiaklasten
der quergestreiften Muskelfasern gleichstellen? Wo sind
Untersuchungen über die Naturgeschichte der Vorticellen. 377
die durcli dicDIsdiaklasten zusammengesetzten Sarcousele-
ments, wo die eigentlichen Muskelfaser n^ wodurch ist
die für die Disdiaklasten charakteristische Eigenschaft der
doppelten Lichtbrechung erwiesen^ wo endlich findet sich
eine deutliche Längs- und Querstreifimg etc.? Stein
hebt hervor, dass bei stärkeren Contractionen dunkle
Querlinien entstehen, wodurch die Streifen eine frappante
Aehn]ichkeit mit den quergestreiften Muskelfasern erhiel-
ten ^). Ist es aber nicht natürlicher die dunkeln Quer-
linien als dadurch entstanden zu erklären, dass die Körn-
chen bei den oft plötzlichen und starken Contractionen
durch Druck gegen die Kämme der quergerichteten
Wülste oder Hügel zusammengeschoben werden und hier
in mehr oder minder regelmässigen Streifen gruppirt
werden? Ausserdem ist wohl zu beachten, dass die frag-
lichen Querstreifen vornemlich am Vorderkörper in der
Peristom-Gegend hervortreten. Hier aber verlaufen auch
wirkliche circuläre Linien um den ganzen Körper, die
vielleicht besonderen circulären Muskelfasern entsprechen.
Wir können desshalb keinen Anhalt finden zur Berech-
tigung die fraglichen breiten Streifen für Muskelsubstanz
zu halten. Vielmehr liegt es näher dieselben als einen
Theil der sogenannten Rinden schiebt des Infusorien-
körpers zu betrachten, die die Muskeln und sonstigen
Organe umhüllt und in ihrer Lage befestigt und auf deren
Bedeutung für den Infusorien - Organismus wir später
noch genauer zurückkommen werden. Uebrigens haben
wir ja für die von Stein für seine Theorie verwertheten
Körnchen, eine bereits ausgesprochene und wie mir
scheint genügende Bestimmung: sie sind die Träger
des blauen Farbstoffs, der unseren Stentor coeru-
leus sofort, namentlich unter der meist überwiegenden
Gesellschaft des grünen Stentor polymorphus, alsbald
1) Stein hat übersehen, dass diese von ihm so sehr hervor-
gehobene Querstreifung bereits von Kölliker beobachtet und sogar
durch eine Abbildung erläutert worden ist (Icones histiolog. S. 14
Taf. I Fig. 12, die keinen Zweifel darüber lässt, dass Kölliker
ganz dieselbe Erscheinung im Auge gehabt hat, als Stein.
378 Greoff:
kenntlich macht. Es sind also, wie Stein selbst angiebt,
unter der Cuticiila liegende Pigmentkörner und eben-
sowenig als ihnen diese Eigenschaft streitig gemacht
werden kann, ebensowenig scheint mir bisher eine ander-
weitige für sie erwiesen zu sein.
Wenden wir uns nun zu dem zweiten Streifensystemc,
das in der Form von hellen schmalen Linien, abwech-
selnd mit den so eben besprochenen Streifen, und eben-
falls wie diese über die ganze Länge des Körpers läuft
und das, wie oben erörtert, von Stein als die Zwischen-
substanz seiner Muskelstreifen erklärt wird, so machen
dieselben allerdings zunächst den Eindruck von hellen
rinnenförmigen Hautstreifen, die zwischen den dunkeln
Streifen ausgespannt sind. Bei genauerer Prüfung sehen
wir aber, dass unter diesen hellen Linien einkräf-
t i g e r, hyaliner Faden verläuft, der, wie man sich
aufs bestimmteste überzeugt, nimmermehr der Ausdruck
des „rinnenartig nach innen eingefalteten Cuticula" sein
kann. Charakteristisch ist zuerst hierfür die schon von
Lieberkühn beschriebene Schlängelung der Fä-
den im Ruhezustande, die namentlich am hintern Theile
des Körpers sehr schön sichtbar ist. Stein macht hier-
gegen geltend, dass dasselbe auch bei den breiten Kör-
perstreifen stattfinde, die doch ebenso wellenförmig ge-
schlängelt seien als die sie begrenzenden Linien. Diese
Angabe beruht aber auf irrthümlicher Beobachtung, denn
bloss die schmalen Fäden haben einen wirklich geschlän-
gelten Verlauf, indem sie nach rechts und links aus
ihren Linien heraus- und in die Substanz der benach-
barten weichen und breiten Streifen eintreten, dieselben
bald bis auf ein Geringes verengend, dadurch dass zwei
Windungen mit ihrer Convexität gegeneinander rücken,
bald erweiternd. Hierdurch erhalten die breiten Streifen
mehr ein vielfach eingebuchtetes perlschnurartiges, als
ein geschlängeltes Ansehen. Ist überhaupt eine solche
nebeneinander verlaufende ausgedehnte und regelmässige
Schlängelung von scharf contourirten Fäden, wie wir sie
bei Stentor vor Augen haben, denkbar, ohne dass wirk-
lich fadenförmige Gebilde existiren ? Wären die hellen
Untersuchungen über die Naturgeschichte der Vorticellen. 379
Streifen wirklich nur, wie Stein will, ein Theil der Cn-
ticula und entstünden die Fäden nur aus Faltung dersel-
ben, so würden sie wohl schwerlich einen so regelmässig
geschlängelten Verlauf nehmen können , ohne dass zu
gleicher Zeit auch an den übrigen Stellen der Körper-
oberfläche, da die Cuticula auch die breiten Streifen
überzieht, Faltungen entständen. Wie würden sich fer-
nerhin das plötzliche schon von Lieb erkühn beschrie-
bene Verschwinden der Fadenschlingcn resp, die Ver-
kürzung der Fäden bei einer plötzlichen Contraction des
Körpers erklären lassen? Müssten dieselben nicht dann,
wenn sie in der That blosse Hautfalten wären, noch
reichlichere und ausgiebigere Schlingen erkennen lassen?
Man sieht ausserdem sogar die hellen schmalen Cuticula-
Streifen in gerader Richtung über die unterliegenden
wellenförmig verlaufenden Fäden hinziehen, so dass gar
kein Zweifel mehr über das Vorhandensein und die Lage
der Letzteren übrig bleibt.
Ein "weiterer Grund, der gegen die S tein'sche An-
sicht spricht, liegt in der am hinteren Körperende fast
regelmässig zu beobachtenden netzförmigen Ver-
zweigung dieser Fäden, indem zwei benachbarte
Fäden, bevor sie das hintere Körperende erreichen, in
einen einzigen sich vereinigen, während die von ihnen
eingefassten breiten Körperstreifen nicht weiter gehen,
sondern in dem Vereinigungswinkel keilförmig endigen.
Die so vereinigten Fäden trennen sich dann oft beim
weiteren Verlaufe von Neuem, um wieder mit anderen
Nachbar-Fäden zu verschmelzen und bilden auf diese
Weise eine wirklich netzförmige Verzweigung. Die Enden
dieser netzförmig verbundenen oder auch einzeln verlau-
fenden Fäden erreichen stets das hintere Körperende
(„Saugnapf^) und befestigen sich hier. Die breiten Strei-
fen aber bilden nach dem obigen weder ein Netzwerk,
noch erreichen sie alle das hintere Körperende, sondern
endigen häufig vor demselben ohne Verbindung mit den
benachbarten, ja oft blosse keilförmige Stücke zwischen
den hellen Streifen bildend. Die breiten Streifen bilden
380 Greeff:
eben bloss die zum Theil umhüllende Zwischensubstanz
der hellen Fäden und nicht umgekehrt wie Stein will.
Zerdrückt man unter dem Deckglase vorsichtig einen
Stentor, so sieht man^ während der Körperinhalt ausfliesst,
hier und dort an den Rändern die in Rede stehenden
Fäden isolirt hervortreten und kann sie von hier aus con-
tinuirlich in den zurückgebliebenen Körper verfolgen.
An einigen Stellen zerreissen auch die Fäden bei dieser
Gelegenheit und man beobachtet dann wie die zähe,
glashelle Substanz derselben zu verdickten stäbchenför-
migen Stücken sich zusammenzieht. Hierdurch treten
die Muskelfäden der Stentoren den Axenfäden im Stiele
der Vorticellen sehr nahe, mit welchen ich jene Gebilde
überhaupt bezüglich ihres ganzen Aussehens, Verhaltens
und ihrer Consistenz am ehesten vergleichen möchte.
Auch durch andere künstliche Mittel, wie z. B. durch
Zusatz von Alkohol, kann man sich von der Resistenz
und Selbstständigkeit der Fäden überzeugen und dass
dieselben keineswegs ein Theil der Cuticula sind.
Doch es würde uns zu weit von unserer Aufgabe
entfernen, wollten wir noch mehr Einzelheiten zur Stütze
unserer Ansicht anführen. Wir glauben vor der Hand
aus dem Berichteten die Ueberzeugung schöpfen zu dür-
fen, dass nicht, wie Stein glaubt, die breiten körnigen
Längsstreifen die Körpermuskeln der Infusorien darstel-
len, sondern die schmalen hellen Längslinien
derselben.
Wir kehren nun zu unsern Vorticellen zurück und
müssen zunächst wieder an die oben (S. 370) besproche-
nen feinen Querstreifen anknüpfen, denen, wie wir uns
erinnern, von Stein Istens ein spiraliger Verlauf und
2tens die Eigenschaft als Muskelfasern zugeschrieben wor-
den. Bezüglich des ersten Punktes haben wir schon oben
unsere Zweifel geltend gemacht und geglaubt diese Strei-
fen nicht als spiralige, sondern als circuläre und somit
als dicht aufeinanderfolgende Ringel ansehen zu müssen.
Aber auch in dem zweiten Punkte können wir Stein
nicht beipflichten. Die feinen äusseren Querstreifen der
Vorticellen gehören vielmehr, nach unserer Meinung, der
Untersuchungen über die Naturgeschichte der Vorticellen. 381
äusseren Haut an und können keineswegs, wie Stein
will, mit den Längs- resp. Muskelstreifen der Stentoren
und Spirostomeen in Zusammenhang gebracht werden.
Die Muskeln des Vorticellen -Körpers liegen vielmehr
unterhalb der Querstreifen und haben zum gröss-
ten Theile einen durchaus anderen Verlauf als diese,
nämlich in der Längsrichtung des Körpers, gerade
so wie wir dieses bei den übrigen Infusorien auch finden.
Man überzeugt sich hiervon am besten, wenn man bei
vorsichtiger Compression den hinteren Theil des Vorti-
cellen-Körpers ins Auge fasst. Die Längsfasern, von
der conischen Basis nach vorne aus strahlend, treten hier
selir deutlich hervor (Taf. VII Fig. 5, g und Taf. VIII
Fig. I). Noch anschaulicher werden sie, wenn es gelingt,
ein vom Stiele losgelöstes Thier so zu betrachten, dass
die Körperbasis genau nach oben gegen das Auge gerich-
tet ist: von der kreisrunden Anheftungsstelle des Stieles
sieht man dann eine allseitige radiäre Faserstrahlung
austreten. In dieser Lage des Thieres, besonders dann,
wenn dasselbe, ohne comprimirt zu werden, mit der ge-
öffneten vorderen Wimperscheibe auf der Glasplatte auf-
sitzt und seine Basis nach oben streckt, erhält man auch
bei gewissen Einstellungen den reinen Anblick eines
Querschnittes des Körpers (siehe Tafel VI Fig. 8): zu
äusserst erscheint ein heller Saum (Cuticula), der
nach innen zu deutlich abgegrenzt ist, dann folgt ein
Kranz von dunkelglänzenden Körperchen (die
Lumina der Muskelfasern), und weiter nach innen
wieder eine helle Zone (Rindenschicht), die den
conischen Hintertheil des Körpers als Parenchym
ganz ausfüllt, nach vorne aber sich verdünnt und den
eigentlichen Leib es räum umschliesst. Innerhalb der
letzten hellen Parenchymschicht sieht man nun bei con-
tractilstieligen Vorticellen wiederum einige in einen Kranz
gestellte dunkele Körperchen, die als die in den Körper
ausstrahlenden Fasern des Stielmuskels angesehen wer-
den können.
Comprimirt man den Vorticellen-Körper allmählig
bis zur vollständigen Abplattung, so tauchen unterhalb
382 Greeff:
der Cuticula Körner, alle von gleicher Grosse und in
anscheinend regelmässiger Anordnung, auf; in der Regel
glaubt man eine deutliche Längsrichtung, entsprechend
dem Verlauf der Muskelfasern, zu erkennen (Taf. VI P'ig.
1. 5); indessen ist Täuschung hierbei leicht möglich, da
die Längsfasern der Muskeln zu gleicher Zeit und an
derselben Stelle hervortreten. Zuweilen, namentlich bei
längerer Compression, hält es auch schwer eine bestimmte
Richtung derselben zu constatiren. Ob sie mit den Mus-
keln in Verbindung gebracht werden können, oder ob
sie der unteren Fläche der Cuticula oder endlich der
Rindenschicht des Infusorien-Körpers angehören, vermag
ich vor Hand nicht zu bestimmen. Es sind dies ohne
Zweifel dieselben Gebilde, deren Leydig^) bereits er-
wähnt und die ihm „ganz vom Habitus des nuclei" zu
sein schienen. Ich gestehe, dass ich beim Anblick dieser
eigenthümlichen Körperchen, ihrer regelmässigen La-
gerung und der stets bestimmten Grösse und Umgren-
zung häufig geneigt war der Meinung jenes ausgezeich-
neten Forschers beizustimmen und dieselben für Kerne
der Rindenschicht oder der Muskeln zu halten. Indessen
gehört hierzu zunächst die wenn auch durchaus nicht von
der Hand zu weisende, so doch bisher durch die Beob-
achtung nicht begründete Voraussetzung, dass wirklich
Kerne und Zellen von solcher Kleinheit wie die in Rede
stehenden Körperchen existiren. Vielleicht bringt wei-
tere Untersuchung namentlich aber über die Entwicklung
der Vorticellen Aufschluss auch über''diese für die Auf-
fassung vom Aufbau und dadurch der Stellung unserer
Thierchen nicht unwichtige Frage.
Ausser den Längsfasern finden wir in der Wimper-
scheibe und im Peristom noch circuläre Fasern ; aber
auch bei diesen habe ich nicht erkennen können , ob sie
entsprechend der Wimperspirale, einen spiraligen Ver-
lauf haben.
An die Haut und die oben beschriebenen Muskeln
1) Lehrbuch der Histologie des Mensch, u. d. Thiere S. 16
und S. 125.
Untersuchungen über die Katurgeschichte der Vorticellen. 383
schmiegt sich nach innen allseitig eine Protoplasma-Zone
an, die eigentliche Rindensc hiebt des Infusorien- Kör-
pers, die nun den ganzen Innenraum oder Leib es hö hie,
auf deren Beschaffenheit und Bedeutung 'wir gleich nocb
näher eingehen werden, umschliesst und auskleidet. Com-
primirt man eine Vorticelle unter dem Deckglase allmäh-
lich durch Entziehung von Wasser, so sieht man, nament-
lich Im Moment des Absterbens, eine deutliche blasige
oft fast regelmässig polygonale Zeichnung (Ep. flavicans)
unter der Haut hervortreten. Diese gehört der eben
erwähnten Rindenschicht des Körpers an. Ob diese bla-
sige Anordnung des Protoplasma's auch schon Im Le-
ben besteht oder erst nach dem x\bsterben eintritt, habe
ich nicht mit Bestimmtheit ermitteln können. In dieser
Rindenschicht und durch sie In ihrer Lage festgehalten
liegen auch die Haupt-Organe des Körpers, nämlich der
Nucleus, der contractile Behälter und der Haupt-Abschnitt
des Verdauungskanales, die wir ebenfalls später noch
genauer betrachten werden.
Schliesslich muss ich hier noch der höchst eigen-
thümlichen unter der Haut liegenden Gebilde gedenken,
deren schon früher vorübergehend Erwähnung geschah,
mit der Hindeutung, dass dieselben möglicherweise als
Nesselorgane anzusehen seien. Ich habe diese Körper
bis jetzt bloss bei Epistylls flavicans gefunden, aber auch
hier nicht constant, wobei übrigens gleich bemerkt wer-
den muss, dass unter dem genannten Namen höchst wahr-
schemlich mehrere Arten oder jedenfalls doch Varietäten
bisher vereinigt worden sind. Die fraglichen Körper nun
sind ovale oder birnförmigescharfcontourirte,
glänzende Kapseln, die fast Immer paarig zusam-
menliegen, und zwar, wie es scheint, In der Rindenschicht
(Tafel VII, Fig. 5 k, Fig. 7 und Fig. 8). Sie sind von
grosser Festigkeit und Resistenz gegen Aetzkall u. drgl. ;
entfernt man sie aber aus dem Körper und comprimirt
sie, so springt aus beidenKapseln je ein ziem lieh
langer kräftiger Faden hervor (Taf. VII, Fig. 7 und
8, b.) und zwar in der Regel aus dem einen etwas zuge-
spitzten Längsende, das bezüglich des obigen Vergleichs
384 Greeff:
dem Stielende einer Birne entspricht. Der ausgetretene
Faden bildet meist mehrere Windungen und Schlingen,
ist bewegungslos und lässt keine besonderen Struktur-
Verhältnisse erkennen ; man sieht denselben auch bei ge-
nauerer Beobachtung im Innern der noch geschlossnen
Kapseln aufgerollt und, wie es scheint, in einer Spirale.
(Taf. VIl Fig. 7 a.) Welches ist die Bedeutung dieser
Gebilde? Sind sie dem Vorticellen-Körper eigenthüm-
lich und in ihm gebildet oder sind es von aussen
eingedrungene fremde Organismen. Im letzteren Falle
würden sie vielleicht eine , allerdings von den bis jetzt
bekannten, abweichende, parasitische Pilzform re-
präsentiren, im Ersteren aber wüsste ich sie nicht anders
wne als Nesselorgane zu deuten, die eine höchst merk-
würdige Uebereinstimmung mit den Nesselorganen der
Coelenteraten zur Schau tragen würden. Obgleich ich
der letzteren Ansicht zuneige, so möchte ich doch die
Entscheidung weiteren Untersuchungen anheimgeben, die
sich namentlich auch auf die Genese dieser Körper zu
richten hätten. Sollte es sich bestätigen, dass diese Ge-
bilde in der That zum Vorticellen-Körper gehörige Nes-
selorgane seien, so würde das für die Kenntniss vom
Aufbau des Infusorien -Körpers von der grössten Wich-
tigkeit sein, da diese Nesselkapseln in Rücksicht auf ihre
vollständige Uebereinstimmung mit denen der Coelente-
raten sich ohne Zweifel auch ganz wie diese aus Zellen
entwickeln würden.
(Die Fortsetzung des Textes folgt im nächsten Jahrgange.)
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Tafir
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fS70.
Taf.V.
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C.J.Schmdflith
IS7<i.
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(./■'. Si-Imiiilt Ijfli .
Tu f. m.
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Bonn, Druck von Carl Georg).
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