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ARCHIV
FÜR
NATURGESCHICHTE
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIE GM ANN,
FORTGESETZT VON W.F. ERICHSON.
IN VERBINDUNG MIT
PROF. DR R. LEUCKART IN LEIPZIG
H E R A U S G E G E B E N
von
DR. F. H. TROSCHEL,
PROFESSOR AN DER FRIEDRICH-WILHELMS-UNIVERSITÄT ZU BONN.
SIEBEN UND VIERZIGSTER JAHRGANa.
£rster Band.
Mit IS Tafeln.
Berlin,
Nicolaische Verlags -Buchhandlung
E. Stricker.
1881.
Inhalt des ersten Bandes.
Seite
Verzeichniss der während der Rohlfs 'sehen afrikanischen Expe-
dition erbeuteten Myriopoden und Arachniden. Von Dr.
F. Karsch. Hierzu Tafel I, Fig. 3—13 1
lieber ein neues amerikanisches Dipteron. Von Dr. F. Karsch.
Hierzu Taf. I, Fig. 1—2 15
Ueber eine neue Gattung Scorpione. Von Dr. F. Karsch . 16
Zur Formenlehre der pentazonen Myriopoden von Dr. F. Karsch,
Hierzu Taf. H 19
Zum Studium der Myriopoda Polydesmia. Von Dr. F. Karsch.
Hierzu Taf. III 36
Gattungen und Arten der Scolopendriden. Von Dr. E. Kohl-
rausch in Hannover. Hierzu Taf. IV und V . . . . 50
Notiz über Taenioptera australis. Von H. Burmeister . . 133
lieber eine gelbe Varietät vom Flussaal, Anguilla vulgaris Fl.
Von Dr. Heinrich Bolau in Hamburg 136
üeber die Gattung Idalia Leuck. Von Dr. R. Bergh in Ko-
penhagen. Hierzu Taf. VI— VIII 140
Acarinologisches. Von Dr. G. Hai 1er. Hierzu Taf. IX . . 182
Ueber Aegoceros Pallasii. Von Dr. L. Schlachter in Plauth
bei Freistadt, Westpreussen. Hierzu Taf. X .... 194
Beschreibung neuer Reptilien. Von Dr. J. G. Fischer in
Hamburg. Hierzu Taf. XI und XII 225
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse, ein Bei-
trag zur Theorie von der Entwicklung aus constitutio-
nellen Ursachen, sowie zum Darwinismus. Von Prof. Dr.
Th. Eimer in Tübingen.
1. Abtheilung: Ueber Farben, über ihre und der Zeich-
nung Anpassung und über ihre Ursachen im All-
IV
Inhalt.
gemeinen, unter Hinweis auf Biologisches und mit
Bemerkungen über die Stimme der Eidechsen . .
2. Abtheilung: Die Grundvarietäten der Mauereidechse.
Hierzu Tat". XHI und XIV
3. Abtheilung: Ueber neue und über schon bekannte auf
Felsen isolirt lebende Varietäten. Besondere Be-
weise für höchste Farbenaupassung der Maaerei-
dechsen. Hierzu Taf. XV
Seite
239
306
J89
4. Abtheilung: Ergebnisse meiner neuen Untersuchun-
gen für die Theorie von der Entwicklung aus con-
stitutionellen Ursachen. Zeichnungen und Farben
der Raubvögel. Zeichnungen der Säugethiere und
der Raupen 431
Der Bau der Kiemenblätter bei den Knochenfischen. Von J.
Albin Riess, Lehrer an der Charlottenschule in Pots-
dam. Hierzu Taf. XVI— XVIII 518
Verzeichniss
der während derRolilfs'schen africaniselien Expedition
erbeuteten Myriopoden und Aracliniden.
Von
Dr. F. Karsch.
Hierzu Tafel I, Fig. 3—13.
Herr Dr. Stecker hat in seinem Reiseberichte von
Sockna, den 1. Febr. 1879 fabgedruckt in Mittheilungen
der Afrikanischen Gesellschaft in Deutschland. Heft H,
Berlin 1879), pp. 79—80 bereits eine kurze Schilderung
des Myriopoden- und Arachniden-Lebens Tripolita-
niens entworfen, die indessen manches zu deuten lässt.
Von Myriopoden hat er aus der Gruppe der Diplopoden
nur einen Julus (No. 9 unseres Verzeichnisses) gefunden;
„die Diplopoden lieben nämlich feuchten Humus'' (p. 70).
Die Chilopoden dagegen haben mehrere Vertreter. „Eine
Geopliilusart zeigt im lebenden Zustande opalisirende Ei-
genschaften, deren Sitz in den Endgliedern der zahlreichen
Körperanhängsei zu suchen ist" (pp. 79—80). Es könnte
hiermit ebensowohl No.. 6, 7 als 8 des Verzeichnisses ge-
meint sein. Gloraeriden, die Stecker als zahlreich vor-
kommend (p. 80) angiebt, sind nicht eingesandt worden;
vielleicht sind damit die eingesandten Armadillidien ge-
meint. Im ganzen erhielt das Museum 9 verschiedene
Arten, von denen 2, je nur in einem Stücke vorliegend,
neu zu sein scheinen. Weit artenreicher fiel die Ausbeute
in arachnoloo'ischer Hinsicht aus; von den 43 verschie-
o
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 1
2 F. Kar seh: VerzeicViniss der während der Rohlfs'schen
denen Arten sind 11 nach meiner Schätzung neu, und
wenngleich meist in nur wenigen Exemplaren, so doch
glücklicherweise zumeist in beiden Geschlechtern ver-
treten. Herr Dr. Stecker hat die Zahl der Scorpions-
arten auf 10 geschätzt* dagegen bin ich nicht im Stande,
mehr als die 4 im Verzeichnisse aufgeführten Arten nach
sorgfältigster Prüfung zu ermitteln. Chernetiden, deren
Herr Dr. Stecker zwei neue Gattungen entdeckt zu
haben angibt, sind überhaupt nicht in der Sendung ver-
treten. Hoffentlich wird deren „nähere Beschreibung" bald
erfolgen.
Von Araneiden hebt Herr Dr. Stecker besonders 3
Arten hervor: „eine grosse, mygaleartige Spinne, welche
in den Serirets unter Steinen in unterirdischen Löchern
vorkommt'' (p. 79). Irre ich nicht, so kann darunter nur
Eresus Dufonrii Aud. (Nro. 12 des Verz.) verstanden sein;
„dann einige Epeira^YiQ\\ von denen zwei Arten besonders
bemcrkcnswerth sind durch den von einem grösseren
Kunstsinn zeugenden Nestbau. Die eine pechschwarze
Epeira baut in den Artemisiabüschen grosse geräumige
Nester, die inwendig mit allerlei Strohhalmen, Sandkör-
nern, Flügeldecken u. s. w. sehr geschmackvoll ausgelegt
und mit den in kugeligen (meist 4 au der Zahl) Ge-
spi linsten abgelegten Eiern den Vogelnestern täuschend
älinlicli sind. Ich sehe darin auch eine Art Mimicry; die
Epeira, um ihre Eier und sich selbst zu täuschen, baut
den Vogelnestern ähnliche Gespinnste, und weiss dadurch
die ihr von den Raubvögeln drohende Gefahr zu besei-
tigen, ihre Junge schützt sie mit grosser Energie gegen
nHorlci fcindlicthc Angriffe". Diese „pechschwarze Epcird'
ist olVcnlKir keine andere Spinne, als der berüchtigte La-
throdedm (13-fjuifatus Rossi, var. Ercbus Sav., Aud.)
No. 21 des Verzeichnisses, der mit Epeira allerdings gar
nichts zu tliim hat. „Eine andere in den Palmblättern
lebende Epäraiwi (durch ein sternförmiges Abdomen aus-
gezeichnet) legt ihre Eier in zierliche, umgekehrt zucker-
hutl"öniiige Gos])innste, welche oben durch einen Deckel
zugedeckt werden; die jungen E])eiriden bleiben in diesem
Geiiäuse ho lange, bis sie eine gewisse Körpergrösse er-
africanischen Expedition erbeuteten Myriopoden n. Arachniden. 3
langt haben." Diese Beschreibung glaube ich nur auf
No. 19 des Verz., Ärgiope lohata Pall., deuten zu können,
welche auch die einzige, während der Expedition erbeu-
tete Epeiride ist.
Ich lasse nun das systematische Verzeichniss, sowie
die Diagnosen der 13 neuen Arten folgen:
A. Myriopoden.
1. Scolopendra Scopoliana, C. L. Koch.
Wagner, Reisen in Algier, III, 1841, p. 223, 2. Tab. XI
(S. Gervaisiana).
Djebel Tarrhuna. ( 19 7^
• ' ßir xMilrha. / ^'^' ^^^
Uadi Mader. Stecker. 2. 1. 79.
2. Scolopendra canidens, Newport.
Ann. a. Mag! Nat.-Hist., XIII, 1844, p..98.
Djebel Tarrhuna. \^ ^ ^ „q^
Bir Milrha. f ^ ' ^'
Uadi M'bellem. 1. 79.
Uadi Dinar. 1. 79.
3. Cryptops ntimidicus, Lucas.
Explor. scient. de l'Algerie, 1849, Zool. I, 1, p. 345,
, 22, PL 2, f. 8.
Djebel Tarrhuna. \ -. o 70
Bir Milrha. / * *
4. Polyhothnis monilicornis (Newp.)
Lithobius monilicornis Newport, bei Lucas, 1. c. p. 384,
5, PL 3, f. 3.
Djebel Tarrhuna. \^^ „^
Bir Milrha. / *
5. Strigamia dubia (Brandt).
Geophilus dubius Brandt, Wagner's Reisen in Algier,
III, 1841, p. 286, 1. ^
Djebel Tarrhuna. 1.^ „n
Bir Milrha./
Uadi Mader. Stecker. 2.1.79.
Uadi Scherschara, Stecker, 5. 1. 79.
l' ) ^^' ^^'
4 F. Karsch: Verzeichniss der während der Rohlfs'schen
(Die Richtigkeit der Deutung vorausgesetzt, bat
Erich son in Bericht wissensch. Leistungen Entomol.,
1842, p. 112 (256) die Art irrthümlich mit Geophüus fusains
identificirt.)
6. Himantharium fusatum, C. L. Koch.
Geophilus fusatus Koch, Wagner's Reisen in Algißr,
III, 1841, p. 225, 5, Tab. XI, fig. </ u. $ .
Djebel Tarrbuna. ) „^
Bir Milrba. /
7. Geophilus pimcticeps (Newp.).
Artbronomalus puncticeps Newport, bei Lucas, 1. c,
p. 389, 11, PI. 3, f. 5.
Djebel Tarrbuna.
Bir Milrba.
Uadi Mader. Stecker. 2.1.79.
üadi M' hellem. 5.1.79.
8. Stylolaermis (nov. gen.) peripateticuSj n. sp.
Djebel Tarrbuna. \ ^^ „q
Bir Milrba. f
9. Jidus rimosuSj n. sp., </ ad.
Djebel Tarrbuna. \ ^^ „n
Bir Milrba. i
Die Art steht dem J. lapidarüis Lucas, 1. c, p. 332,
11, PL I, f. 8, von dem nur das $ beschrieben, am nächsten.
B. Arachniden.
1. Hycäomma $ ohne Angabe des Wirthsthiers.
Uadi M'bellem.^ 1.79.
2. Thromhidium harharum Lucas.
Lucas, 1. c, 310, 282, PI. 22, f. 2.
Djebel Tarrbuna. )^^ _
P>ir Milrba. h^^' ^^'
3. PJiynrlioloplivs imllidipcs Lucas,
Lucas, 1. c, p. 312, 28G, PI. 21, f. 8 (R. pallipes).
Djebel Tarrbuna. \^^ _^
Bir Milrha. / ^'
africanischen Expedition erbeuteten Myriopoden u. Arachniden. 5
4. Lycosa narhoncnsis Latr. (1806).
Djebel Tarrhuna. \^ . ^ „^
Bir Milrlia. f ^-^ ^'^'
Uadi Mader. Stecker. 2. 1. 79.
5. Lycosa perita Latr. (1806) sub. : Äranca.
Uadi Sclierschara. Stecker. 5. 1. 79.
6. Lycosa sylvicola Lucas (1849).
Lucas, 1. c, p. 115, 34, PI. 3, f. 6.
Uadi Scherschara. Stecker. 5. 1. 79.
7. Lycosa alhofasciata Brülle (1832).
L. iiumida Lucas, 1. c, 1849, p. 114, 33, PL 3, f. 5.
Djebel Tarrhuna. \ _
Bir Milrha. ( ^^- ^^*
8. Fardosa fidvolineata (Lucas) unentwickelt.
Lycosa fulvoliueata Lucas, 1. c, p. 114, 32, PI. 3, f. 4.
Uadi Scherschara. Stecker. 5. 1. 79.
9. Pardosa ahacata, n. sp., $ , r/" juv.
Djebel Tarrhuna. \ ^^ „^
Bir Milrha. /^^•'^•
Uadi Mader. Stecker. 2.1.79.
Palmgärten bei Sockna. 4. 2. 79.
10. Ictidops affinis (Lucas).
Salticus affinis Lucas, 1. c, p. 161, 92, PI. 7, f. 4.
Audjila. 5. 79.
11. Thya imperialis (Rossi) 1847 sub.: Salticus.
Palmgärten bei Sockna. 4. 2. 79.
12. Eresiis JDufourii Aud.
Audouin, Descript. de FEgypte, H. N., I, 1825, p. 151,
PI. IV, f. 12.
Buseima (Kufra). Stecker. 10. 78.
Palmgärten bei Sockna. 4. 2. 79.
13. Falpbnanus gihhidus Du f. (1820).
Platyscelum Saviguyi Aud., 1. c, p. 167 und 168, PI.
VII, f. 6-7.
Djebel Tarrhuna. ) ^ ^ rro
Bir Milrha./
Palmgärten bei Sockna. 4. 3. 79.
6 F. Karsch: Verzeichniss der während der RohltVsohen
14. Selenops aeyyptiacus Aud. (1825), ebenfalls ein junges
Exemplar.
Audjila. 5. 79.
15. Eine unentwickelte Sparasside.
Uadi Mader. Stecker. 2. 1. 79.
16. Spara^sus argelasüts Latr. (1818).
Uadi Mader. Stecker. 2. 1. 79.
Uadi M'bellem. 15. 1. 79.
17. Sparassus spongitarsis Du f. (1820).
Djebel Tarrhuna. ) -. ^ „^
Bir Milrha./ • *
Oase Djibbene. 3. 79.
18. Sparassus helitmus, n. sp., $ ad.
Taiserbo. 10. 79. Stecker.
Oase Djibbene. 3. 79.
Uadi Mimun. 15. 1. 79.
19. Ärgiope lohata (Fall.) 1772.
Palmgärten bei Sockna. 4. 2. 79.
20. Ägalena pupia, n. sp., c^ , $ .
Palmgärten bei Sockna. 4. 2. 79.
21. Lathrodectiis 18-guttatiis (Rossi), var. lugahris (Du f.),
Erehus Aud. mit je 2 Eiersäcken.
Djebel Tarrhuna. \ ^ o 70
Bir Milrha. r^"^-^^- '
Uadi Scherschara. 5. 1. 79.
22. Lithyphantcs Payhdliarms (Walck.) 1806.
Latrodectus ornatus Lucas, 1. c, p. 233, 183, PI. 14, f. 8.
Uadi Scherschara. Stecker. 5. 1. 79.
23. Gnathonarmn (nov. gen.) EoJdfsianum, nov. spec.
Ain Schersozura. 5. 1. 79.
•>
24. Füistata testacea Latr. (1810).
Uadi M'bellem. 1. 79.
25. Loxosceles distincta (Lucas).
Scytodes distincta Lucas, 1. c, p. 104, 18, PI. 2, f. 4.
$ von:
Djebel Tarrhuna. \^
Bir Milrha. /^''•^^-
africaniscbeu Expedition erbeutctün Myrio))oden u. Arachiiiden. 7
PaliDgärten bei Sockiia. 4. 2. 79.
Uadi Sclierschara. Stecker. 5. 1. 79.
Uadi M'bellem. 1. 79.
Aiuljila. 5. 79.
$ uud 1 'cT von:
Uadi Mader. Stecker. 2. 1. 79.
26. Pholcus horhonicus Vius., cT-
-Vinsou, Aran. il. Reim, etc., 1863, p. 135, 2; 137-8;
307, 36, PI. III, f. 5. $ .
Aiuljila. 5.79.
27. Hersüidia maculata (Du f.) 1831 siib: Äranea.
Hersilia orauiensis Lucas, 1. c, p. 129, 50, Fl. 4, f. 8.
Palmgärten bei Sockna. 4. 2. 79.
28. Zodarium macidatum (E. Sim.).
Enyo maculata E. Simon, Rev. et Mag. Zoolog., 2,
XXII, 1870, p. 146, 8.
Djebel Tarrhuna. \ .^ -^
Bir Milrha. i
29. PytJionissa cxornata C. L. Koch (1839).
Djebel Tarrhuna. \ . ^ „^
Bir Milrlia. / • '
Uadi Mader. Stecker. 2. 1. 79.
Palmgärten bei Sockna. 4. 2. 79.
30. Micaria faustciy n. sp., $ ad.
Djebel Tarrhuna. \ ^^ _^
Bir Milrha. /
31. Echemus pliaretratus, u. sp., $ ad.
Djebel Tarrhuna. \ . ^ „^
Bir Milrha./
$ juv. Palmgärten bei Sockna. 4. 2. 79.
32. Drasstis sochiiensis. n. sp., $ ad.
Palmgärten bei Sockna. 4. 2. 79.
33. Drassus nugatorius, n. sp., $ ad.
Palmgärten bei Sockna. 4. 2. 79.
34. Drassus tarrhunensis, n. sp., ^ ad.
Djebel Tarrhuna. ( ,,-> „^^
Bir Milrha. (
35. Dysdera cornipes, n. sp., $, ef-
Uadi Mader. Stecker. 2. 1. 79.
8 F. Karsch: Verzeichniss der während der Rohlfs'schen
36. Dysdera soleatttj n. sp., $, cT-
Djebel Tarrhuna. \ -, r, 70
Bir Milrha. / ^"* ^^•
37. Gdleodes araneoides (Fall.)
Phalangium araneoides Pallas, Spie. Zool., IX, 1772,
37, pl. III, f. 7—9.
Audjila. 1. 5. 79.
38. Solpuga nigripdlpis (Du f.).
* Galeodes nigripalpis L. Dufour, H. N. Gal, 1861,
p. 54, pL II, f. 8.
Uadi Mader. Stecker. 2. 1. 79.
39. Bhax melanus (Oliv.).
Galeodes melanus Olivier, Voy. Emp. Ott., III, 1807,
443, pl. XLII, f. 6.
Audjila. 1.5.79.
40. Scorpio maums L. (1758).
Heterometrus palmatus, Ehrenberg, Verb. Ges. N. Fr.,
1829, 1, p. 351, 1.
Uadi Scberscbara. 6.1.79.
41. Bathus occitanus (Amoreux), (1789).
Scorpio (europaeus) Linne 1754 (uec 1758).
Von Audjila nach Bengasi. 5. 79.
42. Biitlms leptochelys Ehrenb.
Liurus leptochelys Ehrenberg, 1. c, p. 355, 3."
Palmgärten bei Sockna. 2. 79.
Oase Djibbene. 3. 79.
43. Androctonus Libyens Ehrenb. (1829).
Djebel Tarrhuna. \ -1 9 70
Bir Milrha./^"' ^^•
Uadi Ghobin. 1.79.
Uadi M'bellem. 1. 79.
Uadi Mimun. 1. 79.
Uadi Mader. Stecker. 1. 79. (juven.)
Bemerkung: Liurus macrocentrus und tliebanus Ehren-
berg kann ich nur als Varietäten seines Liurus leptochelys
auf Grund einer grossen Anzahl von Exemplaren, die
mannigfaltige Uebergänge zeigen, betrachten.
africauischen Expedition erbeuteteu Myriopoden u. Arachnideu. 9
Diagnosen der neuen Arten.
Stylolaemus nov. gen.
Ge(^bili(larum generibus Strigamia et Ilimanthario
finitimus, sed differt appendice porrecta marginis anterioris
segnieuti pedigeri primi; mandibulae parte cepbalica sub-
triaugiüari obtectae; antennae breves, subplanae, 14-articii-
latae, apice atteniiatae. Spec. typ.:
(8.) Stylolaemus peripateticus, nov. spec.
Corpus planum, sculptura carens, segmentis 149 pedi-
geris compositum, testaceum, mandibulis et stylo rubro
bruuneis, segmentis duobus ultimis rubris, segmentum
basale pedum paris ultimi convexum, dilatatum, magnum,
profunde impresso-punctatum, fusco-rubrum. iVppendix seg-
menti pedigeri primi porrecta styliformis, basi tenuis, versus
apicem paullatum angustata, ad basin unguium mandibu-
larum lere pertinens. Exemplum singulum, ca. 53 mm cor-
poris longitudine. Figg. 3, 3a, 3b.
(9.) Juliis rimosus, n. sp., J" ad.
LoDg. corp. 26 — 28 mm, segmentis corporis 42, niger,
nitens, segmenta vitta lata anteriora pallida transversa,
segmentum primum et vitta posteriora, caput nigrum, pedes
flavi, antennae nigrae, articulo secundo basi pallide flavo,
segmenta supra et lateribus sat profunde longitudinaliter
sulcata, segmento primo sublaevi, segmento ultimo laevi,
sat longe flavo-unguiculato, breviter piloso. Exemplum
singulum masculinum, corpore genitali fusco, filo flavo,
curvato, longo. Figg. 4, 4a.
(9.) Pardosa abacata, n. sp., $, c^ juv.
Long. corp. 6—7 mm, oculi seriei primae medii late-
ralibus paullo majores, seriem subrectam formautes, serie
secunda breviorem. Cepbalotborax cum pedibus aculeatis
testaceus, area oculorum nigra, thorax vittis 2 subnigris,
spatio lato medio flavo sejunctis, longitudinalibus ornatus.
Abdomen cum mamillis brevibus albidum, dorso basi tribus
vittis longitudinalibus, media latiore, nigro-brunneis, pos-
teriora versus striis obliquis subtransversis usque 4, medio
plus minus confluentibus, nigris ornatum. Exempla 7
haud adulta.
10 F. Karsc.h: Verzeichniss der während der Rohlfs'schen
(18.) Sparassus heluinus^ n. sp., $ ad.
Long. corp. 19—23 mm. Pes primi parLs 35, secundi
40, tertii^31 — 32, quarti 32 — 33 mm. Oculi medii sseriei
primae lateralibus manifeste majores, cephalothovax valde
convexus, postice dilatatus, brunneo-fuscus, mandibulis
fuscis, sterno nigro dense piloso, palpis flavis, articulo
tarsali fusco, pedibus flavis, coxis brunneo fuscis, patellis
tarsisque nigris, pilosis, tarsis metatarsisqne apice subtus
scopula sparsa fusca vestitis. Abdomen supra flavum, uni-
color, subtus nigrum, mamillis nigris. Vulva magna, con-
vexa, elongata, rubro-brunnea, duos format toros longitu-
dinales fortiter convexos spatio piano sat lato angulato
sejunctos parallelos, circum pilis nigris vestitos. Exempla
quatuor. Fig. 5.
(20.) Ägalena pupia, n. sp., </, $ ad.
Long. corp. $ ca. 8, J" 6,5 mm, colore testaceo, ster-
num lateribus brunueo-limbatum, femora pedum nigro
maculata; abdominis dorsum vittis duabus argenteis pos-
tice confluentibus longitudinalibus et maculis nigris latere
exteriore ornatis vestitum, punctisque nigris supra et late-
ribus sparsum. Vulva foeminea corpusculis duobus longi-
tudinalibus pyriformibus formata; articulus palporum niaris
ultimus femoribus pedum anteriorum multo latior. Exempla
4, 3$ et Ic^. Fig. 6, 6a, 6b.
(23.) Gnathonariumj nov. gen.
Theridioidarum genus, oculorum situ generi Nesüco
Thor eil finitimum, sed pedibus nee tali modo elongatis
nee setis longis instructum, aculeis carentibus sat late
sejunctum. Pars cephalica in r^ altior quam in ?, man-
dibulae maris facie dente longo et acuto, directo instruc-
tae, foeminae muticae, ungue sat longo armatae. Spec. typ. :
(23.) Gnathonarium Hohlfsianum, n. sp., J', $.
' Long. corp. in $ 4, in </ ca. 3 mm, cephalothorace
rubro-brunneo, palpis pedibusque pallido-brunneis, abdo-
mine incano, dorso maculis obliquis 12 incano-nigritis
spatio sat lato linea media longitudinali. sejunctis in series
duas longitudinales laterales dispositis, ventre vitta lata
laterali abbreviata longitudinali, medio linea albida longi-
tudinali tenui interrupta ornato, mamillarum latere punc-
africanischen Expedition erbeuteten Myriopoden u. Arachniden. 11
tis binis ni^ritis subdorsalibus signato, albido piloso. In
$ pars cephalica convexa, in (^ multo altior, parte tho-
racica sulcis profundis sejuncta; clypeus altus, oculi niedii
antici subcontingentes, sternum subtriangulare, antice aeque
latuni ac longum, labium substylitbrme, maxillis aequa fere
longitudine; pedes subaequales, longiores, aciüeis carentes,
sparse et breviter pilosi. Mandibulae in $ regulariter
convexae, in cT adulto facie dente magno, apice acuto,
directo instructae et margine exteriore subacuto dentibus
minutis mimitae. Palporum maris pars patellaris tibiali
aequa fere longitudine, patella apice extus lamina parva
armata, tibia apice bifurcata, furca inferiore (et interiore)
rotundata, superiore (et exteriore) duplo longiore, ungui-
formi. Vulva foeminea corporibus convexis ovalibus obli-
quis, antice subcontingentibus, postice divergentibus formata.
Exempla duo. Figg. 7, 7a, 7b.
(30.) Micaria fatista^ n. sp., ? ad.
Long. corp. 5,4 mm, colore subnigro, pedum palpo-
ruuique tarsis pallidioribus, oculi laterales antici oculis
mediis manifeste majores, cephalothorax laevis, sparse
pubescens, tibiae pedum anteriorum inermes, vulva latior
quam longior, subplana, antice lamina angusta transversa
postice trituberculata limitata. Exemplum singulum.
(31.) Echemus pJiaretrattts, n. sp., $ ad. *
Long. corp. 7 mm, colore testaceo, pedibus primi et
secundi paris non aculeatis, femoribus tantum dorso linea
singula longitudinalis media aculeorum 2 vel 3; pedum
tertii et Ultimi paris articulis aculeis sat multis armatis.
Sternum convexum, ovale, circum nigro pilosum, labium
subquadratum, pedes quarti paris ceteris longiores. Vulva
aeque lata ac longa, magna, testacea, margine anteriore
fusco, medio late emarginato, ventre pone vulvam lineis
duabus parallelis longitudinalibus, mamillas non attingen-
tibus, plus minus bene expressis signato. Exempla quatuor
adulta foeminea. Fig. 8.
Exemplum singulum non adultum, abdominis dorso
posteriora versus nigricante pedumque anteriorum tibiis
infuscatis ad eandem speciem referendum censeo.
12 F. Kar seh: Verzeichniss der während der Rohlfs'schen
(32.) Drassus socJcniensis, n. sp., $ ad.
Tibia pedum quarti paris dorso non aciüeata, ociili
medii trapezium antice multo angustius formant, oculi
medii postici inter se vix magis quam a lateralibus remoti,
tibia primi et secundi paris pedum subtus aculeo medio
et apicali intus, metatarsi basi subtus aculeis binis armati
Long. corp. 10 — 11 mm, colore testaceo, abdomine in-
cano, dorso basi figura hastiformi, ventre pone vulvam
lineis duabus subparallelis, subinterruptis, subperfectis or-
nato, pedum 4 anteriorum metatarsis tarsisque rubro-fuscis;
maxillae antice dilatatae, extus apice subangulatae. Vulva
subovalis, brunnea. Exemplum singulura. Figg. 9, 9a.
(33.) Drassus niigatoriiis, n. sp., $ ad.
Long. corp. 8,3 mm, oculi medii postici ovales a late-
ralibus magis quam inter se remoti, oculi medii antici
majores, rotundati, eodem fere spatio mediis posticis inter
se remoti, series anterior magis subtus concavo-curvata,
quam series posterior, latior; pedum primi et secundi paris
tibia metatarsusque inermes. Cepbalotliorax, pedes, palpi
brunneo-fusci, abdomen supra brunneum, subtiliter et dense
flavo-punctatum, area fusca mamillas iiavas occupante ven-
tre flavo, pone vulvam lineis duabus parallelis fuscis, ma-
millas non attingentibus. Maxillae tenues. Vulva subhe-
xagona, rubro-brunnea, area media subcordiformi nigra.
Exemplum singulum. Fig. 10.
(34.) Drassus tarrliimensis^ n. sp., $ ad.
Long. corp. ca 8 mm, colore testaceo, pedum meta-
tarsis tarsisque rufescentibus, abdomine ilavo, series ocu-
lorum prima subrecta, oculis mediis pauUo majoribus, a
lateralibus paullo magis quam inter se remotis. Oculorum
series posterior multo latior, paullo postice convexo-cur-
vata, oculi medii paullo magis inter se quam a lateralibus
remoti ; oculi medii trapezium postice multo latius formant.
Tibia pedum primi paris subtus aculeis 4 (2 — 2), secundi
paris 6 (2—2 — 2), metatarsus et primi et secundi paris
aculeis 4(2—2) armatus. Vulva subrotundata, brunnea,
area media rotundata, plana. Exemplum singulum. Fig. 11.
africanischen Expedition erbeuteten Myriopoden u. Arachniden. 13
(55.) Bysdera cotmipes, n. sp., cT, $ ad.
Long. corp. $ 17, </ 14, 5 mm, cephalothorax, man-
dibulae, maxillae, labiiim, sternum, coxae pedum primi
paris valde eloiigatae rubro-brunneae, pedibus et palpis
testaceis, abdomine flavo. Pedes primi et secundi paris
parce aculeati: femore I. apiee intus 2, femore IL 1 aculeo
exstructo: femur IV. supra versus basin aculeis interio-
ribus 3, exterioribus 2 in foemina, in mare interioribus 2
et exteriore singulo armatum; pedes tertii et Ultimi paris
valde aculeati. Maxillae longae, basi valde dilatatae, apiee
tenues, extus paullo convexo- curvatae, labium elongatum,
antice attenuatum, maxillarum partem dilatatam basalem
superans. Tarsorum ungues bini, 5-dentati. Exempla duo.
Fig. 12. *
(36.) Bysdera soleata, n. sp., cf ? $ ad.
Long. corp. $ 10, </ 9—11 mm, cephalothorax flavo-
ruber, pedes testacei, abdomen flavum, subtus ante ma-
millas usque punctis 6 nigris in series binas ordinatis sig-
natum. Pedum armatura partim ut in specie praecedente,
sed feraoribus pedum quarti paris supra et extus et intus
basi aculeis binis et in mare et in foemina instructis.
Exempla 3, 1 J" 2 $ ; exemplum quartum, junius, colore
omniuo subflavo. Fig. 13.
Erklärung der Figuren auf Tafel L
Fig. 1, Scutelliim der Part/dra hituherculata H. Loew, la Yln-
gelgeäder derselben Art (die Nervatur nahe der Flügelwurzel konnte
nicht deutlieh erkannt werden).
Fig. 2. Scutellum der Taryära hicuspidata n. sp., 2a deren
Flügelgeäder.
Fig. 3. Mandibeln und GriiTel von Stylolaemus peri'pateticus,
n. sp., 3a die Endsegmente vom Bauche, 3b vom Rücken gesehen.
Fig. 4. Endsegmente von Julus rimosus, n. sp., 4a Penis des-
selben.
Fig. 5. VuU'a des Sparassus belw'nus, u. sp.
14 F. Kar seh: Verzeichniss etc.
Fig. 6. Vulva der Ägälena pupia, n. sp., 6a und 6b der männ-
liche Palpus.
Fig. 7. Vulva des Gnatlionarhmi Bolüfsianum, n. sp., 7a und
7b sein männlicher Palpus.
Fig. 8. Vulva des Echemus pliaretratiis, n. sp.
Fig. 9. Vulva des Drassus socknietisis , u. sp.
Fig. 10. Vulva des Drassus nugatorius, n. sp.
Fig. 11. Vulva des Drassus tarrJiunensis, n. sp.
Fig. 12. Palpus der Dysdera cx)rnipes, n. sp.
Fig. 13. Palpus der Dysdera soleata, n. sp.
lieber ein neues amerikanisches Dipteron.
Von
Dr. F. Karsch.
Hierzu Taf. I, Fig. 1—2.
Farydra bicuspidata, nov. spec, cT-
Brunneo-nigra, nitida, alis cinereo-hyalinis, venis
transversis nigTo-limbatis, vena longitudinali tertia valde
curvata; scutellum bicuspidatum. Long, corporis 4,2 mm.
Die Art ist der Farydra bituberculata H. L o e w
(Monogr. N.-Amer. Dipt., 1862, I, p. 165, 1) sehr ähnlich,
unterscheidet sich aber namentlich durch folgende zwei
Merkmale auffallend: Zunächst zeigt das Geäder der etwas
getrübten Flügel darin eine wesentliche Abweichung, dass
die dritte Längsader nicht wie bei F. bitubercidata gerade,
sondern stark nach vorn convex gekrümmt verläuft; zwei-
tens sind die Fortsätze des Hinterrandes des Scutellum im
Verhältuiss viel länger, dünner und spitzer, dornförmig,
bei bitubercidata mehr warzenartig, kurz.
Die Figuren 1, la der Tafel I veranschaulichen das
Verhältuiss von Scutellum und Flügeluervatur bei F. bituber-
mdata, Fig. 2, 2a bei F. bicuspidata.
Es liegt nur 1 Exemplar aus Porto Allegre im Ber-
liner Museum vor.
Ueber eine neue Gattung Scorpione.
Von
Dr. F. Karsch,
In meinen Scorpionologischen Beiträgen, II, Mit-
theihingen des Mltncbener entomologischen Vereins, 1879,
habe ich bereits pp. 111—112, V, darauf aufmerksam ge-
macht, dass Gervais zwei verschiedenen Familien ange-
hörige Skorpione mit Beziehung auf einander unter dem
Artnamen granosus beschrieb, abbildete und zusammenfasste.
Ein als Chactas granosus P. Gervais bestimmter Skorpion
ist nun durch die Güte des Herrn Grafen E. Keyserling
in den Besitz des Berliner Museums gelangt; falls die Be-
stimmung richtig ist, woran ich, obwohl die Ueberein-
stimmung sich aus Gervais' Beschreibung durchaus nicht
mit einiger Sicherheit ergiebt, gewohnt, zwischen den
Zeilen zu lesen, nicht zweifle: zeigt Scorpio (Chactas) gra-
nosus Gerv. von seinem Autor nicht erwähnte Charaktere,
welche die Bildung eines neuen Genus beanspruchen:
Megacormus, nov. gen.
Sterno pentagono, margine digiti mobilis mandibu-
larum inferiore mutico, oculis lateralibus binis, caudae
articulis 1—5 subtus carinis longitudinalibus 3 tantum,
singula media instructis, trunco segmentis caudae 1—5
longiore vel saltem acqua longitudine, cephalothorace seg-
mentis caudae l^ + 2^-\-S^ brcviore, sed segmentis P-h2o
multo longiore, articulo 5'* posteriora versus sensim angus-
tato, vcsica sub aculeo mutica, tuberculo oculorum sulco
lougitudinali profundo non persecto, granuloso.
Durch ihren nur mit einem Mittellängskiele unterhalb
ausgerüsteten Schwanz steht die Gattung unmittelbar neben
F. Karsch: lieber eine neue Gattung Scorpione. 17
Urodacus Ptrs.j unterscheidet sich aber von diesem zu-
nächst durch den sehr langen Truncus, der bei Urodacus
Novae-Hollandiae Ptrs. kaum länger ist als die 4 vor-
dersten Caudalsegmente zusammen, während der Cephalo-
thorax nur wenig kürzer ist als die Summe der 2 vorder-
sten Caudalsegmente; ferner ist das 5. Caudalsegment tei
Megacormus nach hinten zu allmählig verdünnt, bei Uro-
dacus eher an Breite zunehmend, so dass die unteren Sei-
tenkiele nach hinten zu bedeutend divergiren; endlich zeigt
der Augenhügel bei Urodacus einen sehr tiefen Längskanal
welcher sich nach vorn und hinten über den ganzen Cepha-
lothorax fortsetzt, während bei Megacormus der Augenhügel
eine nur sehr seichte Vertiefung durch die Mitte der Länge
nach zeigt, welche sich hinter dem mit Körnern versehe-
nen Hügel in einen kurzen gekörnten Längskamm fortsetzt.
Die typische Art der neuen Gattung ist:
Megacormus granosus (Gerv.).
Syn.: Scorpio (Chactas) granosus Gervais, Archives
du Museum d'hist. nat., IV, 1844, p. 233—4, pL 12, Fig.
42 — 44 (nee. Scorpio granosus Gervais, Expedition dans
l'Amerique du Sud^VII, Zool. III, Anim. sans vertebr., 1857,
p. 42, PL II, F. 2).
Scorpio granosus Gervais, Hist. Nat. Ins., Apt., III,
1844, p. 65, no. 65.
Genau der Beschreibung entspricht nur das eine der
drei vorliegenden, auch in der von Gervais angegebenen
Grösse übereinstimmende Exemplar. Hier sind auch jeder-
seits nur 3 Kammzähne vorhanden. Die flache Unterfläche
der Hand ist ein wenig kürzer als der bewegliche Finger,
dieser so lang als der Cephalothorax und so lang als das
fünfte Caudalsegment. Das erste Caudalsegment führt unten
3 scharf granulirte, fast gezähnelte Kiele, je zwei Seiten-
und jederseits einen Rückenkiel ; dem zweiten, dritten und
vierten Segment fehlt der untere Seitenkiel und bei dem
fünften ist auch der obere Seitenkiel nur an der Basis des
Segmentes spurweise vorhanden. Der ganze Körper ist
ziemlich grob gekörnt, auf dem Abdominalrücken ist ein
gekörnter Mittelkiel nur schwach angedeutet, die Bauch -
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jalirg. 1. Bd. 2
18 F. Kar seh: lieber eine neue Gattung Scorpione.
fläche ist hinten mehr körnig, vorn mehr runzelig-faltig.
Auf dem Endsegment des Truneus bemerkt man oberseits
deutlich zwischen den mittleren gekörnten Seitenkielen
zwei stark gekörnte Warzen sowie 2 mit stärkeren Zähnchen
besetzte Warzen auf dem Rücken der drei vordersten Cau-
dalsegmente, ähnlich den von C. L. Koch für seinen ,,Cen-
trurus galhineus^' geschilderten. Leibeslänge 30 mm.
Den beiden anderen, viel längeren Stücken, das eine
misst mit Einschluss der Vesica 57, das andere 65 mm, —
fehlen die beschriebenen Warzen, ein Rückenkiel ist auf
dem Abdomen durchaus nicht bemerkbar, das Bauchfeld
ist fast ganz glatt, und bei dem grösseren Stücke sind
jederseits 8, bei dem kleineren links 8, rechts 9 Kamm-
zähne vorhanden, eine Varietät, für die der Name di-
lutus eintreten möge.
Vaterland: Cordova, Mexico.
Zbf Formenlehre der peiitazonen Myriopoden.
Von
Dr. F. Karsch
in Berlin.
Hierzu Taf. II.
Seit J. Bode (Folyxenus Lagurus De Geer, Ein Bei-
trag zur Anatomie, Morphologie und Entwicklungsgeschichte
der Chilognathen. Dissert. inaug. zoolog., 1878, 36 pg.
4 Tafl. abgedr. in Giebel's Zeitschr. f. d. ges. Naturwiss.,
1877, XLIX, Taf. XI— XIV) für das Genus Folyxenus Latr.
den pentazonen Typus nachgewiesen hat, besteht die
Unterordnung der pentazonen Myriopoden aus zwei sehr
wohl geschiedenen Familien, den Folyxenoidae und den
Glomeroidae. Während die der ersteren angehörenden For-
men durch Lage und Bildung der Copulationsorgane einen
directen Anschluss an die übrigen diplopoden Myriopoden,
speciell die Polydesmoidae vermitteln, stehen die der letz-
teren angehörigen Typen namentlich durch den Besitz be-
sonderer Analanhänge im männlichen Geschlechte unter
allen Diplopoden ganz isolirt da und sind demgemäss als
isolirter Typus an den Anfang oder das Ende des Myrio-
poden-Systems überhaupt zu stellen. Die einzige Gattung
der Polyxenoidae, Folyxenus Latr., scheint in nur wenigen
Arten vertreten und auf die nördliche Zone Europa's, Ame-
rica's und Africa's beschränkt zu sein *), während die Fa-
ll Humbert constatirt sein Vorkommen (Mem. Soc. Phys.
ei a'Hist. nat. Geneve, XVIII, 1866, p. 21) auch für Ceylan.
20 F. Karsch:
milie der Glomeroidae durch weit zahlreichere Arten reprä-
sentirt, eine sehr bemerkenswerthe geographische Verbrei-
tung zeigt. Die in specifischer Hinsicht noch sehr mangel-
haft erforschte Familie zerfällt wieder in 2, als Unterfami-
lien zu bezeichnende^ durch eine abweichende Insertion
der Fühler, welche bei den Glomerinae auf der Stirn stehen,
bei den Spaerotlierinae hingegen an den Seiten des Kopfes
eingelenkt sind, charakterisirte Kategorien. Eine jede die-
ser Subfamilien besteht dann nach den gegenwärtigen
Kenntnissen aus 3 Gattungen; zu den Glomerinae gehören:
Glomeris Latr., Gervaisia Waga und Trachyspliaera Hal-
ler; zu den Sphaerotherinae: Sphaerotherium Brandt, Spae-
ropoeus Brandt und Oligaspis Wood. Sie alle gehören
ausschliesslich der alten Welt an ; wenigstens ist aus Ame-
rika noch nicht eine einzige Art der hoch in den Norden
und tief in den Süden reichenden Familie bis jetzt bekannt
geworden, obwohl die Myriopoden-Fauna Mexico's in Henri
de Saussure und die Nord- Amerika'« überhaupt in C. H.
Wood einen gewissenhaften und ileissigen Bearbeiter ge-
funden hat. Die Glomerinae haben ihre vorzügliche Hei-
math in Europa, doch ragt die Grattung Glomeris auch noch
ziemlich tief in Asien (Hong-Kong nach Wood, 1865, Glo-
meris hicolor) und Africa (Lucas, Exploration scientilique
de TAlgerie) hinein, während aus Australien noch nichts
von ihr verlautete. Die Sphaerotherinae zeigen, nach allem
Anscheine, keine so scharfe geographisch-generelle Sonde-
rung, wie sie Brandt (Recueil etc.) anzunehmen scheint,
wenn sich auch im Allgemeinen für Asien Sphaeropoeus,
für AfviüSL Sphaerotherium als bei weitem vorherrschend er-
wiesen hat.
Von den 3 Gattungen der Glomerinae isf mir nur
Glomeris Latr. (1802) mit der typischen Art: Gl. limhata
Latr., aus eigener Anschauung bekannt geworden, wäh-
rend Gervaisia costata Waga (1857: Annales de la Societe
entomologique de France, 3. ser., V, pp. 829—832, PI. 14,
Fig. IV, 2—4) aus Polen und die beiden Arten der Gat-
tung Trachysp>haera Haller (1858: Sitzungsberichte kais.
Akad. Wissensch. Wien, Mathem.-Naturwiss. Gl., XXVI,
1857, pp. 315—317, Taf. Fig. 1— (3 und Wankel, ebenda,
Zur Formenlehre der pentazonen Myriopoden. 21
XLIII, 1, 1861, pp. 253—254, Taf. I, F. 1—3) aus Krainer
Grotten mir bislang gänzlich unbekannt geblieben sind.
Die zahlreichen Nominalarten der Gattung Glomeris, die
sehr vielfach auf bloss schwankende Merkmale, z. B. der
Färbung, sich stützen, werden durch genauere Untersuchung
der Geschlechter und durch Beobachtungen der Variations-
grenzen wahrscheinlich bedeutend reducirt werden müssen ;
aber das geringe, meist getrocknet conservirte Material des
Berliner zoolog. Museums, das die meisten Typen Brandt's,
sowie J. P. E. Fr. Stein's Dalmatina-^jpQ besitzt, genügt
zur Lösung einer solchen Aufgabe nicht.
Indessen bin ich auf Grund der Museumssammlung im
Stande, zur Naturgeschichte, in specie zur Formenlehre der
Unterfamilie Sphaerotherinae einiges Material beizutragen.
Von den 3 bereits namhaft gemachten Gattungen muss nur
Wood's Oligaspis (1865: Proceedings Academy Natural
Sciences Philadelphia, p. 173 und Transactions American
Philosophical Society, new series, XIII, 1869, PI. II, Fig.
17, 17a) von Port Natal unberücksichtigt bleiben, da die-
selbe im Museum nicht vertreten ist. Ihre Diagnose lautet
bei Wood: „Corporis segmenta 9: antennae brevissimae,
quinque articulatae. Oculi aggregati. 0. puncüceps^y^oodij
cT." locs. cits.
Aus den beiden Gattungen SpJiaerotherium und SpJiae-
ropoeus Brandt (1833: Bull. nat. Moscou, VI, p. 200) sind
durch Brandt, Butler, Gervais, Guerin, Humbert,
Hutton, C. L. Koch, Newport, v. Porath, White eine
grosse Anzahl Formen beschrieben und benannt worden,
von denen A. G. Butler in „A Monograph Revision of the
Genera Zephronia and SpJiaerotherium, with descriptions of
new Species" in den Proceedings Zoological Society Lon-
don, 1873, pp. 172 — 182, PL XIX, sowie in einer kurz vor-
aufgegangenen Arbeit (cf. Ann. and Magaz. of Natural
History, 4. ser., X, 1872, pp. 354—359, PL XVIII) und spä-
teren Zusätzen in Ann. and Mag. Nat. Hist., XIV, 1874,
pp. 185—187, und endlich Transactions Entomolog. Society
London, 1875, p. 165 eine mit Beschreibung vieler neuen
Stücke verbundene Zusammenstellung geliefert hat. Was
Brandt (1833) Sphaeropoeus genannt und wissenschaftlich
22 F. Karsch:
scharf definirt hat, benennt Butler mit Gervais u. And.
Zephronia Gray, ohne zu beachten, dass Zephronia von
Gray in Griffith's Animal Kingdom, I, PL 135, Fig. 5, das
freilich ein Jahr vor Brandt, schon 1832 erschien, als
blosser Bildername verwendet wurde, der in Tom. II, In-
dex p. 796 mit der Angabe „Zephronia ovalis, I, p. 142,
Fulvous, AUied to Glomeri, but formed of ten rings, with
a circular ocellus on each side of the head" abgefertigt
wird, während im angegebenen Texte, „p. 142" nichts,
nicht einmal der Name, zu finden ist. So vollständig But-
ler's „A monographic revision" in der Zusammenstellung
der bis 1873 bekannt gegebenen Artnamen und so ver-
dienstvoll die Arbeit unstreitig genannt werden muss: so
leidet sie doch an jenen Mängeln, die einer kritiklosen
Zusammentragung von zum grössten Theile ausschliesslich
literarischem Materiale stets ankleben müssen. Das auf-
fallendste Beispiel dieser Art bilden No. 10 und No. 23,
welche zwei auf ein und dasselbe typische Stück
begründete Arten darstellen sollen, die Butler als
Sphaerotherium pundatum Br. und SpJi. Kochii Butlei* be-
zeichnet. Die Brandt'sche Type des Sphaerotherium punc-
tatum, welche im Berliner Museum aufbewahrt wird, ist
nämlich genau dasselbe Stück, welches auch C. L. Koch
bei Abbildung und Beschreibung seines Sphaerotherium punc-
tatum Brandt (in Myr., I, 1863, p. 43, Tab. XIX, tig. 37),
auf welches Butler seine neue Art begründet, vorgelegen
hat. Auch gibt Koch in Uebereinstimmung mit Brandt
das Vaterland des Thieres als „unbekannt" an, während
Butler als das des punctatum Br. Stid-Africa und des
punctatum Koch Java constatirt. Immerhin mag ja Sphae-
rotherium Kochii ^uil^r ^ das der Autor nicht einmal einer
Diagnose für werth erachtet, eine von Sphaerotherium punc-
tatum Br. (vom Cap der guten Hoffnung im Berl. Mus.)
verschiedene Art darstellen: allein es ist nicht einzusehen,
welcher Umstand Butlern veranlassen konnte, Sphaerothe-
rium punctatum Koch damit für identisch zu erklären und
von punctatum Br. loszureissen. Fragezeichen scheinen
auch sonst nicht zu den Interpunktionen Butler's zu ge-
hören.
Zur Formenlehre der pentazonen Myriopoden. 23
Als No. 18, p. 181, beschreibt Butler eine heimath-
lose „Zephronia Banksiana'^ und bildet dieselbe glücklicher-
weise PI. XIX, fig. 9 ab; dieselbe ist ganz zweifellos nichts
anderes als Sphaeropoeus Hercules Brandt und gehört dem-
gemäss als Synonym zu Zex)hronia Hercules bei Butler,
1. c, No. 14, p. 180.
Im Uebrigen sind Butler's Beschreibungen neuer
Arten so dürftig und unwesentlich, seine Gruppen-
unterscheidungsmerkmale so jeglicher Schärfe entbehrend,
dass man absolut nicht im Stande ist, Anhaltspunkte zu
einer nur einigermassen sicheren Identificirung mit seinen
Arten zu entdecken. Dem gegenüber bemühte ich mich,
specifische, vorzugsweise plastische Merkmale aufzufinden,
welche eine schärfere Unterscheidung der Formen ermög-
lichen ; zu diesem. Behufe musste ich freilich meine Unter-
suchungen auf ein verhältnissmässig kleines Material be-
schränken, welches das Berliner zoologische Museum zur
Verfügung stellt und das lediglich aus Brandts und
Koch's Typen, sowie einigen wenigen, allem Anscheine
nach aber neuen Arten besteht. Die Artcharaktere liegen
vorzugsweise in der Form des Halsschildes, des vordersten
Leibessegmentes und des Analsegmentes, ferner in der Ge-
stalt der männlichen Analanhänge und der Bildung der
äussern Geschlechtstheile bei beiden Geschlechtern, so weit
sich dieselben untersuchen Hessen und gerade auf die letz-
teren glaube ich besonderes Gewicht legen. zu müssen, wie
dieses in der Gruppe der Arane'iden schon seit langer
Zeit sich fühlbar gemacht hat. Vor Erörterung der spe-
ciellen Verhältnisse möchte es angezeigt sein, eine allge-
meine Darstellung dieser bis nun auch von Seiten der
Anatomie sehr oberflächlich behandelten dreifachen Organe
vorauszuschicken.
Die äusseren weiblichen Geschlechtstheile sitzen als
paarige, symmetrische Organe der Hinterplatte der ein
wenig modificirten Hüftglieder der Beine des zweiten Paares
auf und bestehen je aus zwei deutlich geschiedenen Thei-
len, einer basalen hinteren, sehr manchfaltige Formen zei-
genden Chitinschuppe und einem gleichfalls bei verschie-
denen Formen charakteristisch gestalteten, bald mehr cylin-
24 F. Kar seh:
drischen, bald mehr minder flach kugeligen, meist kappen-
förmigen, seitlichen oder Gipfelkörper, welcher auf der
Hinterseite an der Stelle, wo er sich mit der Basalschuppe
berührt, einen breiten Spalt als Oeffnung der Vulva frei
lässt. Es scheint demnach die Darstellung, welche Fr.
Stein im Archiv für Anatomie, Physiologie und wissen-
schaftl. Medicin, 1842, p. 248, Taf. XII, Fig. 12 von dem
weiblichen Geschlechtstheile bei Glomeris gegeben hat,
sehr schematisch und wenig genau zu sein; dasselbe
möchte in Bezug auf die äusseren Theile von Fabre's
Darstellung gelten, die, obwohl sie sich auf ein bestimmtes,
als Glomeris marginata bezeichnetes Thier bezieht, noch
weniger präcis gehalten ist und jedes specifischen Charac-
ters entbehrt. Man vergleiche die Annales des sciences
naturelles, 4. ser., Zoologie, III, 1855, p. 265 und PL 6,
Fig. 1, woselbst auch eine Darstellung der Innern Organe
bei Glomeris zu finden ist.
Die äusseren männlichen Theile sind sehr unschein-
bar und an der der Vulvaöffnung beim Weibe entsprechen-
den Stelle gelegen. Fahre hat sie (loc. cit., p. 267) als
„deux mamelons placees k l'aisselle des pattes de la se-
conde paire" richtig und genügend characterisirt. Indessen
zeigen sich auch hier specifische Modificationen, die sich
aber schwerer als die der weiblichen Theile mit voller
Schärfe erkennen lassen. Gewöhnlich zeigt sich auf der
hintern Fläche des Hüftgliedes, bald mehr in der Mitte,
bald dem Innenrande genähert ein quergelegenes, ovales,
transparentes Häutchen, das von oben und unten oder vorn
und hinten durch verschiedenartig gestaltete, stark chiti-
nisirte, gewölbte Plättchen begrenzt wird. Von einem
„Penis", wie ihn Stein (loc. cit., p. 249) für Glomeris be-
schreibt und (Taf. XII, Fig. 13 d) abbildet, habe ich bei
Sphaerotherium und Sphaeropoeus keine Spur wahrgenom-
men. Wenn Fahre (I.e., p. 265) die weiblichen Organe
von Glomeris und Folyxenus gegenüber denen bei Folydes-
mmj Julus und Craspedosoma in einem gemeinsamen Typus
bringt, so ist diese Vereinigung für die männlichen Or-
gane beider nach der Schilderung, welche Fahre von
denen des Folyxenus (pp. 267—268) entwirft, durchaus un-
Zur Formenlehre der pentazonen Myriopoden. 25
möglich. Während die männlichen Organe bei den grossen
Sphaerotherinen erst mit Hülfe der Loupe 7a\ finden und
zu erkennen sind, werden die beiden Penis des Polyxenus
lagurus von Fahre als „la partie la plus remarquable de
tout Tappareille" bezeichnet und folgendermassen beschrie-
ben: „Ils consistent en deux appendices coniques, aigues,
tres longs et tres gros, relativement ä Texiguite de l'ani-
mal. Leur longueur depasse Celles des pattes, et leur lar-
geur mesure de trois ä quatre fois la largeur de leur plus
gros article. L'animal ne peut pas les retracter; aussi, pour
ne-pas etre embarrasse dans sa marche par cette enorme
appareil copulateur, il replie ses penis d'avant en arriere
entre les pattes de la troisieme paire. II peut, ä volonte,
les redresser perpendiculairement au plan de sa face ven-
trale, qui parait alors armee de deux pointes menagantes.
Ces deux pointes coniques fönt au premier aspeet recon-
naitre le male, qui, exterieurcment, n'est differencie de la
femelle par aucun autre caractere. ..." Von einem Ein-
dringen in die weiblichen Organe kann demnach wohl bei
Polyxenus, nicht jedoch bei den Glomeriden die Rede
seiji und der eigentliche Coitus der mit 2 mächtigen Penis
begabten übrigen diplopoden Myriopoden scheint hier durch
ein blosses Zusammenpressen der Geschlechtstheile ersetzt
zu werden, zu dessen Zustandekommen die „forcipules co-
pulatrices" der Männchen eine bedeutsame Rolle spielen
möchten. Ohne Zweifel sind die Glomeriden (und Folyxe-
nus?) die einzigen diplopoden Myriopoden, welche vor dem
Coiren nicht onaniren und bei denen ein eigentliches Ein-
dringen nicht vorkommt. Nach dem Bau der männlichen
Organe kann ich mir wenigstens ein solches absolut nicht
vorstellig machen. Fahre hat zwar die Bedeutung der
von Gervais als „forcipules copulatrices" bezeichneten
Analanhänge der Männer für die Copulation geläugnet und
eine allerdings sehr geistreiche Erklärung ihrer Funktion
gegeben, indem er (loc. cit. p. 268) sie als „pattes supple-
mentaires" auffasst und ihre Funktion (p. 267) in folgender
Weise characterisirt : „Ces pattes servent peut-etre au male
pour faQonner les foulettes de terre oü les oeufs sont ren-
fermes un ä un apres la ponte" und ferner (p. 284): „Les
26 F. Karsch:
pattes supplementaires du male, surtout Celles de la der-
niere paire, servent apparemment de larges et vigoureuses
palettes pour petrir rhumus et le rouler en globule autour
de chaque oeuf, ä mesure que la femelle opere sa ponte".
Es ist indessen nicht einzusehen, warum die eine hypothe-
tische Function dieser merkwürdigen und nur sehr unge-
nügend dargestellten accessorischen Organe die andere a
priori gänzlich ausschliessen sollte. Der Auffassung Fabre's
steht aber Humbert's Beobachtung der Copulation von
Glomeris limbata und Gl. marmorea entgegen, nach welcher
das Weibchen selber sein Ei mit jener erdigen Hülle um-
gibt, „se tient ordinairement sur le dos et rejette par
Tanus, et ä des intervalles reguliers, des matieres terreuses
qui viennent entourer l'oeuf. . ." (conf. Annales des Scien-
ces naturelles, 5. ser., VII, 1867, Zool., p. 379), während
die männlichen appendices anales nach seiner Beobachtung
als „organes copulateurs" fungiren, indem das hinterste
Paar dieser Anhänge, das die Form einer Kneipzange hat,
das Weibchen während der Befruchtung festhält.
Diese „accessorischen Beine" selbst zeigen nun in
ihrem allgemeinen wie specifischen Bau sehr beachte^as-
werthe Eigenthümlichkeiten. Statt einer einfachen halb-
kreisförmigen, den vorderen Theil der Afteröffnung des
Weibes bedeckenden, häutigen Platte besitzt das Männchen
einen complicirten Analapparat, welcher aus zwei vorderen
kleineren und zwei hinteren grösseren symmetrischen Or-
ganen besteht; jedes dieser Organe zeigt im Gegensatz zu
den aus je 6 Gliedern bestehenden Beinen nur 2 Glieder,
ein einfaches Grundglied von rundlicher Gestalt, beim grösse-
ren Endpaar mehr in die Länge gestreckt, und ein bei
den verschiedenen Arten sehr mannigfaltig gestaltetes End-
glied, welches bei Sphaerotherium und Sphaeropoeus stets
aus einem an der Basis dicken, am Ende hakenförmigen
Körper gebildet ist, an dessen Seite, gewöhnlich in der
Mitte, an dem Punkte, woselbst die Verjüngung des Glie-
des beginnt, ein Finger beweglich eingelenkt sich befindet;
dieser bewegliche Finger sitzt bei dem vorderen schmäch-
tigeren Paar der Haltczangen an der Innenseite, bei dem
kräftiger entwickelten hinteren Paar dagegen stets an der
Zur Formenlehre der pentazonen Myriopoden. 27
Aussenkante des Endgliedes. Humbert scheint (loc. cit.,
p. 379) bei Glomeris nur dem hintersten Paar den Charak-
ter einer Haltezange oder Kneipzange („la seconde paire
de ces appendices, qui est en forme de pinces, retient la
femelle pendant la fecondation") zuzuerkennen, in welchem
Falle das vordere Paar bei Glomeris von dem der Sx^hae-
rotherinen auffallend abweichend gebaut sein muss. (Vergl.
Fig. b der Tafel und die Erklärung zu Fig. 8.)
Ich beginne nun meine specielle Darstellung. Zwar
kann ich mich der Ueberzeugung nicht verschliessen, dass
manche der im Folgenden als neu beschriebenen und neu
benannten Arten sich mit bereits ungenügend beschriebe-
nen, deren eine Identihcirung ermöglichende Typen andere
Museen aufbewahren, sich decken und demgemäss früher
oder später wieder eingezogen werden müssen: aber ich
will sie lieber als sicher gestellte Synonyma ein Unter-
kommen finden sehen, als durch möglicherweise irrthüm-
liche Identificirung das schon herrschende Chaos noch ver-
mehren helfen.
Sphaerotherium Br.
Fühler kurz, gedrungen, die Glieder cylindrisch,
nicht länger als dick, Vulva gewölbt, Kappe stets gipfel-
ständig, die Schuppe weit überragend, bisweilen dieselbe
aussen umschliessend: a.
Fühler lang, die Glieder an der Basis verjüngt, viel
länger als dick, Vulva flach, Schuppe breit und lang, nach
aussen vorgezogen, die in der Aussenecke eingeklemmte,
scheinbar flache Kappe, vorn noch etwas überragend:
imniane n. sp.
a. Erstes Rückensegment mit niederem gerundetem
Vorderrande: h.
Erstes Rückensegment mit erhöhtem, flachem, ge-
furchtem Vorderrande, die folgenden Segmente mit mitt-
lerem glattem Längskiele i.
h. Rückensegmente ohne Spuren von Mittellängskielen
und zerstreut, nur zum Theil dicht eingestochen punktirt . c.
Rückensegmente zum Theile mit Spuren eines glatten
28 F. Karsch:
Mittellängskieles, namentlicli das vorletzte, alle durcliaus
dicht eingestochen punktirt punctatum *Br.
c. Rückensegmente zerstreut eingestochen punktirt . d.
Rückensegmente dicht eingestochen punktirt . . .
insulanum, nov. sp.
d. Erstes Rückensegment ohne hintere Schuppen-
furche e.
Erstes Rückensegment mit deutlicher feiner hinterer
Schuppenfurche. Analsegment fast glatt, heim c^ mit
schwachem Vorsprung compressum *Br.
(dahin auch Sphaeroth. convexum C. L. Koch nach
dessen Beschreibung.)
e. Der Hinterrand des Analsegmentes dünn, dicht
über demselben eine feine Parallelfurche f.
Der Hinterrand des Analsegmentes nach oben breit
aufgeworfen, flach, tief eingestochen punktirt
obtusum *C. L. Koch, grosswn *C. L. Koch.
f. Alle Rückensegmente matt, zerstreut punktirt . g.
Alle Rückensegmente glänzend, glatt, nur das Anal-
segmcnt fein zerstreut punktirt . . . roümdatum *Br.
g. Rückeusegmente durchaus eingestochen punktirt . h.
Rückensegmente hur längs dem Hinterrande einreihig
eingestochen punktirt, Kappe gerade nach vorn gerichtet,
im Umriss dreieckig, vorn sehr spitz . . :
margine-pundatum L. Koch i. litt.
h. Segmente grob punktirt, Körperfarbe des $ bleich-
braun ; Kappen wurmförmig, hinten divcrgirend, vorn stark
zusammenneigend elongatum *Br.
Segmente fein punktirt, Körperfarbe braunschwarz
mit hellem braunem Kopf und Halsschild und bleichgelben
Fühlern walesianum n. sp.
i. Analsegment gerundet . . . Lichfensteinii *Br.
Analsegmcnt auf dem Rücken hinter der Mitte tief
eingedrückt rctusum^ C. L. Koch.
Zwischen Sphaerotherium elongatum und punctatum Br.
steht ein im Berl. Mus. befindliches Stück vom Cap der
guten Hoffnung (Collect. Germar), welches, ein $, sich in
den Geschlechtsorganen auffallend unterscheidet und fol-
gende specifischc Charactere zeigt: Kopf grob punktirt,
Zur Formenlehre der pentazonen Myriopoden. 29
Halsschild glatt, mit nur einer basalen Querreihe von
Punkten, Rückensegmente glänzend, vorn grob, in der Mitte
feiner zerstreut eingestochen punktirt, hinten fast glatt,
Analkapsel mit nur einem schmalen Querfelde grob einge-
stochener Punkte, im Uebrigen ganz glatt. Der Sulcus
des ersten Rückensegmentes ist grob und dicht einge-
stochen punktirt, die Seitenschuppen deutlich, der Hinter-
furche ermangelnd. Nur der Vorderrand der Segmente
erscheint behaart. Da die Vulva von beiden verwandten
Arten abweicht, halte ich die Form vorläufig für eine
eigene Art und nenne sie Sphaerotherium repidsum (Fig 10).
Sphaeropoeiis Br.
Oberer Kopfrand gerundet ohne Zähnchen . . . a.
Oberer Kopfrand jederseits mit mehreren Zähnen
bewehrt Br-andü Hmbt.
a. Halsschild mit basaler, mehr minder tiefer Quer-
furche &.
Halsschild mit basalem, der Quere nach vorspringen-
dem Kiel; erstes Dorsalsegment mit verticalem hohem,
flachem Vorderrande und im Bogen flachen Rückentheile . e.
h. Erstes Dorsalsegment vorn sanft gerundet, mit
seichter breiter Hinterrinne, daher der hintere Theil des
Segments nur sanft erhöht, nach hinten wenig ansteigend;
Aualsegment grob und dicht eingestochen punktirt . . c.
Erstes Dorsalsegment mit erhöhtem, stark rundlich
verdicktem Vorderrande und tiefer Querrinne hinter dem-
selben, so zwar, dass der Hintertheil des Segments stark
convex gewölbt erscheint; die übrigen Rückensegmente
fast glatt, mit nicht stärker punktirter Analkapsel . . .
Hercules *Br. {Banksiana Butl.)
c. Dorsaisegmente glatt, fein eingestochen punktirt . d.
Dorsaisegmente hinten glatt, in der Mitte der Quere
nach durchaus unregelmässig höckerig rauh, inermis Hmbt.
d. Dorsalsegmente fein zerstreut punktirt, die hinteren
gröber; Vorderrand des ersten Dorsalsegmentes gerundet,
ohne tiefe Furche montanus, n. sp.
Dorsalsegmente gleichmässig fein und sehr dicht ein-
30 F. Kar8ch:
gestochen punktirt ; Vorderrand des ersten Dorsalsegmentes
tief gefurcht sulcicoUis n. sp.
e. Halsschild mit nur einem Querkiel f.
Halsschild mit zwei parallelen Querkielen; Schuppe
der Vulva der Länge nach in zwei Hälften gespalten
tricoUis n. sp.
f. Dorsalsegmente (des cT) durchaus ohne Granu-
lation: bicoUis n. sp.
Dorsalsegmente (des $) grob und dicht granulirt;
Schuppe der Vulva ungetheilt . . . tuherculosus u. sp.
Die Einreihung der mit einem * versehenen Arten
geschah auf Grund der im Berliner Museum befindlichen
Typen.
Ueber die einzelnen Arten ist ausser dem in der Ta-
belle mitgetheilten nun noch das folgende zu bemerken.
1. Sphaerotherium immane, nob., $ (Fig. 1).
Körperlänge gegen 60 mm, während die Breite unge-
fähr die Hälfte beträgt. Das Gesicht ist vorn sehr dicht
eingestochen punktirt, der Kopf hinten fast glatt und glän-
zend, das Halsschild glatt und glänzend, mit 2 dem Vorder-
rande parallel verlaufenden Querfurchen, deren vordere
in der Mitte etwas breiter und stärker gebogen erscheint.
Das vorderste Rückensegjment zeigt einen nieder aufge-
wulsteten Vorderrand mit flacher, in der Mitte schmaler,
seitlich sehr verbreiteter Vorderrandfurche ohne Spuren
eingestochener Punkte und besitzt keine Schuppen auf
den Seitenleisten. Alle übrigen Segmente tragen auf dem
Rücken äusserst feine und dichte Punktiruug, sodass die
Fläche unter der Lupe fein gerunzelt erscheint. Die Anal-
kapsel ist convex gerundet mit dünnem, zugerundetem
Hinterrande. Die Farbe des Thieres ist ein eintöniges
dunkles Braun. Das Berliner Museum besitzt 2 ganz über-
einstimmende weibliche Exemplare aus Madagascar in
Alcohol conservirt. (Von Dr. H. Do hm.)
2. Sphaerotherium insulanuni, nob. J" (Fig. k.)
Die Körperlänge beträgt 35 mm, Halsschild gewölbt,
mit deutlicher Vorderrandfurche versehen, Kopf sparsam
grob eingestochen punktirt, erstes Rückensegment vorn
gerundet mit flacher Querfurche, ohne Seitenschuppen und
Zur Formenlehre der pentazonen Myriopoden. 31
Hinterfurche, glatt, die übrigen Segmente fein und dicht,
die Analkapsel gröber und zerstreut eingestochen punktirt,
die Hinterkante der Analkapsel dünn ohne obere Quer-
furche, innen mit einer kurzen, dicken, schiefen vorderen
Leiste. Die Farbe des ganzen Thieres ist scherbengelb,
die Innenleiste der Analkapsel schwarz.
Das Berliner Museum besitzt das einzige typische
männliche Exemplar in Alkohol conservirt von der Insel
Mauritius.
3. Sphaerotherium marginepunctatum, nob., $ (Fig. 4).
Die Leibeslänge beträgt gegen 14 mm, das Halsschild
ist gevrölbt, glatt, der Kopf grob eingestochen punktirt,
das vorderste Rückensegment gerundet mit deutlicher
Querfurche und Seitenschuppen ohne Hinterfurche; alle
Segmente sind durchaus glatt, nur der Hinterrand sparsam
mit eingestochenen Punkten einreihig besetzt, die Anal-
kapsel mit tiefer Hinterrandfurche und dünner Hinterkante
versehen, innen mit vorderer, der Unterkante paralleler
schmaler Längsleiste besetzt. Die Leibesfarbe ist ein
dunkles Graubraun, die Beine sind gelbbraun.
Das Berliner Museum besitzt ein einziges weibliches
Exemplar dieser neuen Art aus Rockhampton (Mus.
Godeffr.) mit der Signatur „Sphaerotherium marginepunc-
tatum L. Koch.''
4. Sphaerotherium tvaJesianum, nob., J" (Fig. F und f).
Die Körperlänge beträgt 23 mm, Kopf und Fühler
sind heller gelbbraun, die Leibessegmente dunkler, fast
schwarzbraun, sehr glänzend; das Gesicht ist grob, die
übrigen Dorsalsegmente feiner und zerstreut punktirt. In
Gestalt, und Skulptur scheint die Art viel Uebereinstimmung
mit Sphaerotherium convexum C. L. Koch (in Die Myria-
poden I. 1863, Fig. 27, pp. 31 — 32) zu besitzen, unter-
scheidet sich indessen von dieser der Beschreibung Koch 's
zufolge schon durch den gänzlichen Mangel einer Hinter-
furche der Seitenschuppen des vordersten Dorsalsegmentes.
Das eine männliche Exemplar des Berl. Mus. stammt
von Sidney (Krefft).
5. Sphaeropoeus montanus, nob., $ (Fig. 6).
Die Körperlänge beträgt ca. 43 mm. Die Grundfarbe
32 F. Kar8ch:
des ganzen Körpers ist schwarzbraun, glänzend, das Gesicht
und Halsschild sind grob, die hinten glatten Rückenseg-
mente vorn grob, die Analkapsel durchaus dicht einge-
stochen punktirt, fast von runzlichem Aussehen. Diese
Kapsel zeigt im Innern feine Granulation, oberhalb des
Endrandes in der Mitte eine gröber granulirte, seichte,
breite Vertiefung der Länge nach, von deren hinterem
Ende jederseits eine mit dem Endrand des Segmentes je
eine breite flache Seitenleiste bildende Kante in die Seiten
nach vorne geht und davor erblickt man in der rundlichen
innern Höhlung feine, parallel verlaufende quere Bogen-
furchen.
Das einzige im Berliner Museum befindliche getrock-
nete weibliche Exemplar stammt vom Himalaja (Westerm.)
6. S])haeropoeus sulcicoUis, nob., </, ^ (Fig. 7.)
Leibeslänge 17 — 35 mm, Grundfarbe dunkel scherben-
gelb, der Hinterrand der Rückensegmente im Alkohol bis-
weilen breit schwarz; Gesicht und Halsschild grob, die
Rückensegmente durchaus dicht und sehr fein eingestochen
puuktirt, der Körper sehr glänzend.
Das Berliner Museum besitzt Exemplare dieser Art
von Palabuan (v- Martens), Batavia (Jagor), Borneo:
Singkawang, Bengkajang, Montrado (v. Martens)
und Luzon.
Die Art scheint der Zephronia ignobüis Butler sehr
nahe zu stehen.
7. SpJiaeropoeus tricolliSj nob., c/", $ (Fig. 9, C und c).
Es liegen Exemplare von v22 — 33 mm Länge vor.
Grundfarbe dunkelscherbengelb, der ganze Körper sehr
glänzend, das Gesicht und Halsschild grob und zerstreut,
die Rückensegmeute durchaus dicht und fein eingestochen
punktirt, ganz wie bei der vorigen Art; aber dieselben
sind durch die Bilduug des Halsschildes sowie durch die
der Geschlechtstheile auffallend verschieden.
Beim $ des tricollis ist das Endglied der Fühler
nicht auffällig, beim cT dagegen sehr stark verdickt, fast
flach kegelförmig gestaltet.
Der Hinterrand der Analkapsel bildet bei dieser Art
ausser einer breiten innerii, der folgenden Art gleichfalls
Zur Formenlehre der pentazonen Myriopoden. 33
zukommenden Randplatte, noch eine grob eingestochen
punktirte, schmale, nach den Seiten allmählig verjüngte
flache Randleiste.
Das Berliner Museum besitzt zahlreiche Exemplare
in Alcohol von Lahat (Capt. Ditward) und Tibing-
tingi, Sumatra (von Martens).
8. Sphaeropoeus hicollis, nob., ^ (Fig. H und h).
Die Leibeslänge beträgt ca. 34 mm. Das ganze Thier
ist caifeebraun, durchaus matt, die Rückensegmente sind
ihrer ganzen Breite nach unregelmässig mit schwarzen
Sprenkelflecken gezeichnet, Gesicht und Halsschild grob
-eingestochen punktirt, die kürzern Rückensegmente nur
im vordem, meist bedeckten Theile ziemlich sparsam, grob
granulirt, die grössere hintere Hälfte dagegen glatt, dicht
und grob flach eingestochen punktirt. Das Endsegment
hat einen dünnen, scharfen Endrand und die nach innen
gelegene breite Randleiste zeigt fein eingestochene Punk-
tirung.
Das einzige getrocknet vorliegende männliche Exem-
plar stammt von Sampit, Borneo (Rupert).
9. Sphaeropoeus tuherculosuSj nob., ? (Fig. 12).
Das einzige weibliche, in Alcohol conservirte Stück,
von Benkajang, Borneo (v. Martens) stammend im Berliner
Museum ist der vorigen Art ganz gleich gestaltet und
auch von derselben Grösse; allein es zeigt in der Sculptur
so auff'ällige Unterschiede, dass ich nicht umhin kann,
die Form als eigene Art anzusprechen, da ich nicht weiss,
ob die vorliegenden Verschiedenheiten als blosse Sexual-
differenzen begründet sind. Das vorliegende Weib unter-
scheidet sich von dem männlichen hicollis durch seine
starke und dichte Granulation aller Rückensegmente; im
Alcohol lässt das Exemplar auch die schwarzen, dem
hicollis eigenthümlichen Tigerflecke nicht hervortreten, auch
dann nicht, wenn man es trocken werden lässt. Ausser-
dem möchten als specifisch vollgültige Unterschiede eine
sehr tiefe Bogenfurche dicht unter dem vordem Oberrande
des vordersten Rückensegmentes, sowie der Umstand an-
zusprechen sein, dass der Vorder- und Hinterrand der
Segmente ziemlich stark leistenförmig aufgeworfen er-
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jabrg. 1, Bd. 3
34 F. Karsch:
scheinen, während das weniger verdickte Endglied der
Fühler nur als sexueller Charakter Geltung hat.
Vom Sphaerotherium elongatum Br. (Fig. 5 A und a)
befindet sich im Berliner Museum auch ein Exemplar aus
Abyssinien (Ehrenberg), vom Sphaeropoeus Hercules
B r, (Fig. 8 B und b) Exemplare beiderlei Geschlechtes von
Ceylan (Dr. Hoffmeister), Palembang, Sumatra und
Tibing-Tingie (v. Märten s).
Berlin, 12. Mai, 1880,
Erklärung der Figuren auf Tafel II.
Fig. 1. Vulva des Sphaerotherium immane $!: die linke Hälfte
vom Bauche des Thieres betrachtet, ganz flach und schwarz glänzend.
Fig. 2. Vulva des Sphaerotherium punctatum Brandt (typ.),
die Figur zeigt die rechte Hälfte.
Fig. 3. Vulva des Sphaerotherium ohtusum und grossum C. L.
Koch (typ.), die Figur zeigt beide subsymmetrischen Hälften.
Fig. 4. Vulva des Sphaerotherium marginepunctatum: rechte
Hälfte.
Fig. 5. Vulva des Sphaerotherium elongatum Brandt (typ.),
beide Hälften, Fig. A das rechte männliche Organ, a eines der gros-
sen hintersten Analanhänge.
Fig. 6. Vulva des Sphaeropoeus montanus; dieselbe ist tief
schwarz.
Fig. 7. Vulva des Sphaeropoeus sulcicöllis, die rechte Hälfte.
Fig. 8. Vulva des Sphaeropoeus Hercules Brandt, wozu Fig.
B, das rechte männliche Organ und die Organtheile (links) vergrös-
sert und b die vorderen Analanhänge (a.) und die hinteren (p.) dar-
stellend gehören.
Fig. 9. Vulva des Sphaeropoeus tricollis, die rechte Hälfte, wo-
zu Fig. C, das rechte männl. Organ und c, den hinteren grösseren
und vorderen kleineren der Analanhänge darstellend gehören.
Fig. 10. Vulva des Sphaerotherium repulsum^ die rechte Hälfte.
Fig. 11. Vulva des Sphaeropoeus insignis? Brandt (Java),
die linke Hälfte, wozu Fig. D als linkes ^. Organ und d, d, d die
Analanhängo von verschiedenen Seiten dargestellt gehören.
Zur Formenlehre der pentazonen Myriopoden. 35
Fig. 12. Vulva des Sphacropocus tuberculosus, die linke Hälfte.
Fig. A und a gehören zu Fig. 5, ß u. b zu 8, C u. c zu 9,
D u. d zu 11.
Fig. E stellt das linke männliche Organ des SpJiaerotherium
retusum C. L. Koch (typ.) dar, e die Analanhänge.
Fig. F stellt das rechte männl. Organ von Sphaerotherium wa-
lesianum, f die Analanhänge dar.
Fig. G das linke männl. Organ des Sphaeropoeus inermis Hum-
her i,g dessen Analanhänge; der bewegliche Finger der hinteren
Anhänge zeigt vom Rücken gesehen an der Endhälfte des Innenrandes
eine Längsreihe feiner Zähnchen; das Endglied (gg seitlich betrach-
tet) der vordem Anhänge (gi vom Rücken) besitzt am untern Ende
einen runden Zahn.
Fig. H das linke männl. Organ des Sphaeropoeus hicollis, mit
h, eine der hintern Analzangen.
Fig. J das linke männl. Organ von Sphaeropoeus Brandti Unm-
bert.
Fig. k Analanhänge des Sphaerotherium insulamim, (/*.
Fig. 1. Eine der hinteren Analzangen von Sphaerotherium com-
pressum Brandt.
Znm Studium der Myriopoda Polydesmia.
Von
Dr. F. Karsch (Berlin).
Hierzu Taf. III.
I. Diagnosen neuer Polydesmiden des Berliner
Museums.
1. Polydesmus (Oxydesmus) pectinatus, n. sp., $ , long,
corp. ca. 43 mm, capite segmentisque dorso nigris, alis
flavis (in spiritu vini), antennis pedibusque pallidis, fronte
valde rugoso, segmentorum 1. et 2. margine exteriore
obliquo 3-, 4. 4-, 5.-penultimi 6-denticulato, segmentis ala-
tis subplanis, supra sulcis duobus sat profundis, in seg-
mentis 1.-^4. obsoletis seriebusque transversis 3 arearum
tali modo formatis serie granularum, serie postica tubercu-
lorum aeutorum 7—9 munitis, segmento 4. granulis inor-
dinatis sparse obtecto, medio margine postico pectine
subplano, 6-dentato, dentibus lateralibus 2 brevioribus,
flavo, segmentum 5 m longitudine aequante armato (Fig. 2).
Patria: Wito. 12a dorn. doct. Fischer coli.
2. Folydesmus (Oxydesmus) effulgenSy n. sp. cT, $,
long. corp. ca. 33 mm, niger vel fusco-brunneus, alis seg-
mentorumque alatorum areis 4 mediis seriei mediae flavis,
fronte valde rugoso, segmento ultimo denticuiis usque 4
lateralibus armato, segmento primo antice rotundato, seg-
mentis alatis rectangulum, oblongum transversum forman-
tibus dorsi medio convexis, seriebus tribus transversis
arearum octonarum subquadratarum signatis, quarum sin-
F. Kar seh: Zum Studium^ der Myriopoda Polydesmia. 37
gula tuberculo medio armata; tubcrculis seriei anterioris
mediaeque, paullo pone medium sitae, rotuudatis, seriei
posterioris dcntiformibus, subacutis, posteriora versus
directis, iu margiue segmeuti postico sitis, alis medio
tuberculo bumili munitis. (Appendices maris genitales
Fig. 1.)
Patria: Maid, Somali-Land, 2000 p., ab J. M. Hilde-
brandt coli. (spir. vin.).
Nota. Ueber beide Arten vergleiche man weiter
unten die Uebersicbtstabelle der Arten der Untergattung
Oxydesmus.
3. Polydesmus (Tachyurus) abstrusus, n. sp., <^ cor-
pore antennisque fusco-incanis, pedibus flavis, scnlptura
segmentorum alatorum a specie P. Khigii Brandt (typ.
B. M.) vix distinguenda, alis postice in spinam subacutam
excurrentibus, apice magis intus directam, segmentis alatis
subtus subglabris (in P. Khigii autem crasse granulosis),
margine postico tantum serie transversa tuberculorum acu-
torum instructo. Appendices maris genitales apice bifur-
catae, ungue interiore exteriore multo breviore, exteriore
appendicularum corpore sub-aequa longitudine (in P. Khigii
corpus unguibus, longitudine subaequalibus, multo longius
est) Fig. 6.
Patria: Puerto Cabello. 2 J" ad., in spir. vin. cond.,
coli. dorn. Banse.
4. Pohjdesmiis {Platyhaciis) Schetelyij n. sp., c^, $ ,
long. corp. ca. 70 mm, fusco-brunneus, alis flavis, segmento
primo piano, paullo latiore quam longiore, segmeQto se-
cundo multo angustiore, margine postico truucato, tuber-
culato, segmentis alatis medio dorsi convexis, dense et
subtiliter granulosis, seriebus 3 transversis tuberculorum
majorum instructis, alis subplanis, rugosis, margine exte-
riore subtruncato, segmento ultimo margine subrotundato.
Species P. margaritifero Gervais finitima, sed ditfert
praecipue magnitudine majore et appendicibus maris geni-
talibus ungue interiore carentibus, in spiram siugulam apice
excurrentibus (cf. iiguras 4 et 5).
Patria. Ind. or., coli. Dr. Schetely.
38 F. Karsch:
5. Polydesmus {Paradesmus) vicarius, n. sp., (^, $,
cum P. gracili C. L. Koch (sub Fontaria) eadem magni-
tudine, colore et sculptura et ab hoc non alio modo, quam
forma appendicularum maris genitalium dignoscendus. Quae
appendices in P. gracili C. L. Koch (specie eadem forsi-
tam cum P. Beaumontii Le Gruillou (1841), in Coli. Mus.
Paris, asservata), quam speciem Mus. reg. Berol. e Borneo,
Timor, Olinda (Polynesien), Viti-Levu, Rio de Janeiro,
Cuba et Mauritio possidet, apice in duas minores ungues,
interiorem. et subexteriorem, duosque hamos longiores,
superiore-interiore dente subapicali exstructo, excurrentes;
in P. vicario autem corpus appendicularum elongatum apice
hamos duos format simplices subcontingentes inter se
(Fig. 8).
Patria: Mayotti (cT et 2) et Anjoani ($) Hilde-
brandt coli.
Nota. Die weite Verbreitung des Polydesmus gracilis
(C. L. Koch) macht das von Saussure (Mem. Mex. 1860,
pp. 39 — 40 sub: Polydesmus coarctatus) angegebene und
nachher (Mission scientif., 1872, p. 26 et 151) in Zweifel
gezogene Vorkommen der Art in Cayenne durchaus wahr-
scheinlich.
Ausser dem Polydesmus {Paradesmus) gracilis (C. L.
Koch) besitzt der malayische x^rchipel noch eine in Fär-
bung und Skulptur ganz tibereinstimmende, aber viel grös-
sere Art, vielleicht dieselbe, welche Saussure (Miss.
scientif., p. 26 und Mem. Mex., p. 40, Nota) auf P. JBeaic-
montii gedeutet hat. Diese grössere Art besitzt das Mu-
seum von Java (auch Saussure gibt Java an), von Borneo
nur gracilis C. L. Koch; ich vermuthe daher, dass P.
Beaumontii mit gracilis identisch ist, in welchem Falle
dem ersteren Artnamen die Priorität gebührt. Zur Fest-
stellung des Sachverhalts ist aber die Vergleichung der
im Pariser Museum befindlichen Type noth wendig; ich
ziehe es deshalb vor, die grössere Art von Java, von der
im Berliner Museum auch ein heimatloses Exemplar unter
dem M. S. Namen „spectahilis'^ vorliegt, bis auf weiteres
als eigene Art aufzufassen:
6. Polydesmus {Paradesmus) spectabiliSj n. sp., J", $.
Zum Studium der Myriopoda Polydesmia. 39
Synonym: ? Polydesmus Beaumontii Le Guillou, BulL
soc. philom. de Paris, 1841, p. 85. Gervais, Apt., IV,
1847, p. 101 no. 16 (saltem ad partem).
Long. corp. ca. 35 mm, corpore crassiore, segmento
1. glabro, segmentis dorsalibus brunneo-fuscis, carinis seg-
mentisque alatis margine exteriore iuxta carinas flavis.
Appendices maris genitales antice in hamum apicesubbi-
fidum longum, basi appendicula breviore armatum excur-
entes, corpus subcylindriciim, subrectum formantes(Fig. 9).
Patria: Java.
7. Folyäesmus (Paraäesmus) peJcuensis, n. sp., cT, $,
long. corp. ca. 35 mm, corpore tenuiore, segmento 1. supra
dense et sat crasse graniüoso, segmentis subnigris, carinis
solum flavis, segmentis alatis iuxta carinas nigris. Appen-
dices maris genitales falcatae, corpore extus valde curvato,
prope apicem intus denticulato, apice in falcem valde cur-
vatam, apice subtruncatam inferiorem et appendiculam
basi crassam, apice valde attenuatam, breviorem superiorem
excurrente (Fig. 10).
Patria: Peking (Brandt).
8. Polydesmus {Fontaria) furcifer^ n. sp., </, long,
corp. ca. 35 mm, testaceo-incanus, segmentis convexis, sub -
glabris, alatis granulis planis sparse vestitis, appendicibus
maris genitalibus robustis, basi trifurcatis, pone apicem
margine superiore hamis duobus, posteriore longiore, apice
subtruncatis exstructis (Fig. 12).
Patria: California. Ex. sing. ad. J" a dorn. Forrer
missum, in spir. vin. conditum.
9. Polydesmus [Fontaria) angelus, n. sp., c5^ et $,
long. corp. ca. 50 mm, testaceus vel dorsi medio longitu-
dinaliter infuscatus, cinereus, dorso convexo, segmentis sub-
glabris, appendicibus maris genitalibus transverse circum-
striatis, piligeris, apice crassis, subtruncatis, basi supra
ungue acuto breviore instructis (Fig. 13).
Patria: Puebla. Berkenbusch coli.
10. Polydesmus {PJiacoplioms) morantus, n. sp., $ ,
long. corp. ca. 35 mm, dorso fusco-brunneus, subtus sub-
flavus, segmentis alatis margine posteriore late flavo alisque
flavis, segmento primo glabro, caeteris subaequali, longiore.
40 F. Karsch:
margine antico rotundato, margine postico subtruncato,
medio late-inciso, segmentis alatis subglabris, paiülo con-
vexis, margine antico medio subtruncato, lateribus valde
convexo-curvato, in dentem parvum acutum, saltem in seg-
mentis 6 anterioribus, excurrente, lateribus subrectis, postice
in dentem excurrentibus, poris superioribus subapicalibus,
margine posteriore medio subtruncato, lateribus concavo-
curvatis, parte latiore media dente subacuto sat magno
seiunctis, segmentis alatis dorso medio sulco non profundo
transverso curvato persectis et pone sulcum plane rugulosis,
quasi convexo-areolatis.
Exemplum singulum foemineum in ^piritu vini con-
ditum ex Jamaira (Jamrach).
11. Folydesmus (Oxyiiriis) platdleus, n. sp., (^^ fuscus,
alis subplanis, lateribus rectis, flavis, segmento primo mar-
gine antico et lateribus late flavis, segmento caudali flavo,
antennis flavis, pedibus subtestaceis, segmentis alatis supra
plane rugulosis, quasi laqueato-areolatis, appendicibus maris
genitalibus parte basali subrotundatis apicali subcompressis,
basi crassis, apice subtruncatis, subtus in dentem brevem
acutum excurrentibus (Fig. 14).
Patria: Puerto Cabello. Exemplum singulum mascu-
lum, adultum, in spir. vin. conditum, a dom. Banse in-
ventum.
Nota. Die dem P. Frauenfeldianus H. et S. und
dem P. glabratus Perty nächst verwandte Art unterscheidet
sich vom ersteren durch die getäfelten Flügelsegmente (bei
Frauenfeldianus: „omnino tenuiter granulatus"), von letz-
terem durch den Mangel einer tiefen queren Mittelfurche,
von beiden durch die ganzrandig-gelben Flügel.
12. Folydesmus (Oxyurus) codicühtSj n. sp., c^, long.
ca. 47 mm, fusco-testaceus, alis postice late flavis, segmentis
glabris, convexis, alatis postice subtruncatis, lateribus ro-
tundatis, appendicibus maris genitalibus valde difficilibus,
laminam superius sitam, apice canaliculatam, compressam,
et corpus inferius situm, latere visum dentiforme, nodu-
losum, anticc late sulcatum formantibus (Fig. 15).
An masculum tantum Oxyuri Frauenfeldiani H. et S.,
cum qua specie magnam similitudinem habet?
Zum Studium der Myriopoda Polydesmia. 41
Patria: St. Cruz. Exemplum singulum, a dorn. Heiisel
captum, in spir. vin. couditum.
13. Pohjdesmus (Oxyimis) Henselii, n. sp., </, long,
corp. ca. 43 mm, fasco-testaceus, capite, segmentis anteri-
oribus 4, segmentis alatis margine posteriore flavis, seg-
mentis subdepressis, paiülo rugosis, latis, alis planis, late
ribus rectis, appendieibus maris genitalibus sat simplicibus,
corpus singulum formantibus subtus interiora versus valde
convexum, exteriora versus subplanum supra concavo cur-
vatum, parte exteriore apice extus in dentem brevem pro-
ducta, intus appendicula biacuta instructa (Fig. 16).
Patria: St. Cruz. Exemplum singulum, a dom. Hensel
captum, in spir. vin. asservatum.
14. Fölydesmus (Oxyurus) intaminaUis, n. sp., cT, long,
corp. ca. 30 mm, testaceus, subunicolor, segmentis alatis
margine posteriore tenue-nigris, convexis, glabratis, seg-
mento praeultimo margine posteriore subtuberculato, alis
latere rotundatis, postice in dentem subacutum excurren-
tibus, poris lateralibus, submarginalibus. Appendices maris
genitales corpora basi supra ungue acuto apiceque hämo
simplici concurvatis instructa formare videntur.
Patria: California.
15. Fölydesmus (Oxyurus) sanctus, n. sp., $ , fusco-brun-
neus, vitta imperfecta dorsali media nigrita, antennis pedi-
busque flavido-brunneis, segmentis alatis supra subplanis,
antice (anteriore rotundato excepto) subtruncatis, lateribus
rotundatis, postice truncatis, alis in spinam, postice suba-
cutam, excurrentibus, in segmentis poriferis latere exteriore
pone medium pauUo impressis, dorso minutissime et den-
sissime granulosis, poris inferis ; segmentis 2 — 3 medio
margine postico tuberculis sat crassis, subacutis 6 — 8 ar-
matis, in segmento 4. obsoletis, posterioribus segmentis
medio sulco transverso sinuoso et pone bunc sulcis longi-
tudinalibus signatis, quasi laqueato-areolatis. Lon^. corp.
ca. 42 mm.
Species formae P. Couloni H. et S. finitima videtur.
Patria: St. Martha. Exemplum singulum, in spir.
vini asservatum, a dom. Teten s captum.
42 F. Karsch:
16. Polydesmus (Oxytirus) parmatuSj n. sp., d'*, subde-
pressus, alis non ascendentibus, in dentem subacutum non
longum postice excurrentibus, poris snbmarginalibus, seg-
mentis alatis subglabris, minutissime riigulosis, segmentis
nigris, medio longitudinis pallidioribus, pedibus antennis-
que elongatis flavis. Maris appendices genitales crassae,
parte basali subcylindrica, apicali basi ineurvata, bisulca,
ramis compressis subaequalibus, apice breviter bipartitis,
inferiore dilatato curvato. Long. corp. ca. 45 mm.
Patvia: Sierra Geral. Exempla duo mascul., quorum
alterum non adultum esse videtiir, a dorn. Hensel capta,
in spiritu vini condita.
17. Folydesmus (Scytonotus) caesiuSj n. sp., $, mag-
nitudine et forma corporis similis P. gracili (C. L. K o c h),
colore caesio, pedibus et ventre pallide-testaceis, segmentis
alatis subglabris, medio serie transversa arearum subqua-
dratarum circumcisarum ornatis, poris superioribus.
Patria: Nova Zealandia (Gomolka).
18. Folydesmus (Strongylosoma) innotatiis^ n. sp., $,
long. corp. 27 mm, rubro-brunneus, subunicolor, segmentis
medio sulco transverso profundo persectis, costis convexis,
curvatis, postice acuminatis.
Patria: Adelaide (Schomburgk). 1 ?, in spir.
vin. asservata.
19. Folydesmus (Strongylosoma) sagittariuSj n. sp., $ ,
c^, long. corp. 20— 25 mm, testaceus, linea media dorsali
fusca et macula laterali magna iuxta costam poriferam,
segmentis costatis sulco transverso carentibus, posteriora ver-
sus dilatatis, subcylindricis, glabris, pedibus testaceis,
antennis fusco-brunneis. Appendices maris genitales elon-
gatae tenucs, corpore curvato, intus ante medium hämo
valde curvato, apice truncato, intus directo armato; bamis
inter se implicatis (Fig. 17).
Patria: Sidney. 1 ^ et 4 exempla cT siccata, a dom.
Daeniel collecta.
20. Folydesmus {Strongylosoma) ensiger, n. sp., </, tes-
taceus, segmentis costatis vittis duabus longitudinalibus
fusco-brunneis ornatis, corpore anteriora versus paullo
attenutito, dorso subdepresso, costis rotundatis, supra planis
Zum Studium der Myriopoda Polydesmia. 43
segmentis supra minutissimc areolatis, ])cdum anteriorum
temoribus vaide incrassatis. Appcndices maris genitales
pallidae, depressae, ensiformes, subsimplices, elongatae
(Fig. 18). A nov. gen.?
Patria: Nova Zealandia. Exemphim singulum masc.
adultum siccatum, a dorn. Gomolka lectum.
21. Eiirydesmiis falcatus^ n. sp., cT, long. corp. ca.
40, lat. ca. 8 mm, pallide-testaceus, nnicolor, segmentis
subconvexis, subglabris, costis sat latis et crassis. Appcn-
dices maris genitales corpore compresso, valde curvato,
antice aculeo crasso, sat longo exstructo, supra in falcem
tenuem apice subbifidam perlongam excurrente formantur
(Fig. 24).
Species nova ab Eurydesmo mossamhico et oxygono
Pet. et E. laxo Gerst. appendicula apicali appendicum
maris genitalium, simpliciter curvata falciformi satis diifert.
Patria; Scriba Ghattas, Djur. 1 specimen a dorn. Dr.
Schwein furth captum, in spir. vin. conservatum.
22. Eurydesmus luriduSj n. sp. cT, long. corp. ca.
45, lat. 11 mm, lurido-testaceus, costis et macula lata seg-
mentorum alatorum subdisciformi marginis posterioris, late-
ribus valde angustata, testaceo-flava, segmentis convexis,
subglabris, lateribus subrugulosis. Appendices maris geni-
tales latae, subcompressae, longe pilosae, medio constrictae,
appendicula falciformi et dente omnino carentes (Fig. 25).
Species colore lurido et macula subflava segmentorum
alatorum et praecipue forma appendicum maris genitalium
(exemplo posito adulto) ab omnibus speciebus adhuc cog-
nitis facillime distinguenda.
Patria: Africa. Ex. 1 sicatum. Foeminae, verisimi-
liter eiusdem speciei, fragmenta, colore similia, in spiritu
vini asservata, e Mombassa, a dom. J. M. Hilde brandt
collecta, Mus. Berol. possidet.
IL lieber Verbreitung und Synonymie einiger
Polydesmiden.
1. Polydesmiis (Pachyurus) Klugii, Br. Alvarado
(Doppe), Puebla (Berkenbusch): M. B.
44 F. Karsch:
2. Polydesmits {Oxyuriis) FrauenfeldianuSj H. et S,
Sta. Martha, Nov. Granada (Tetens): M. B.
3. Polydesnms (Oxyunis) dilatatus, Br., $.
Syn. : Folydesmus {Leptodesmiis) carneus, Saussure,
LioD. Ent. 1859, XIII, p. 324. Mem. Mex., Myr. 1860, p.
46, pl. III, f. 15. Miss. Scientif., 1872, p. 41 et 159: sub
Oxyurus.
Brasilia: M. B.
4. F. (Strongylosoma) concolor, Gerv. (Fig. 21).
Parana (v. Jülich), Puerto Montt, Chili (Fonck): M. B.
5. P. {Strongylosoma) vermiformis^ Sauss. (Fig. 19).
Sierra Geral (Hensel), Dallas, Texas (Boll): M. B.
6. P. {Strongylosoma) glahrum, Ptrs., </, $ (Fig. 20).
Sierra Geral (Hensel): M. B.
7. P. {Strongylosoma) Hartmanni, Ptrs., cf, $. (Fig.
22). Keren, Abyssin. (Steudner), Accra (Ungar), Wito
(Dr. Fischer, November 1877): M. B.
8. P. (Strongylosoma) Petersii, L. Koch, c^^, $.
Cap York (Daemel), Sidney (Daemel): M. B.
9. P. {Strongtjlosoma) transverse-taeniatmn, L. Koch
(Fig. 23).
Cap York (Salm in), Sidney (Daemel): M. B.
III. lieber einen scheinbar morpho-hermaphrodi-
tischen Myriopoden (Fig. 29).
Das berliner zoolog. Museum befindet sich im Besitze
zweier Exemplare des Polydesmus (Euryurus) Tösenm Peters
von Bogota, in sehr gut erhaltenem, getrocknetem Zustande,
welche in Grösse, Gestalt, Färbung und Skulptur kaum be-
merkenswerthe Differenzen zeigen. Das eine, ein wenig
matter glänzende, dunkler nuancirte und auf den geflügel-
ten Segmenten des Rückens mit durchaus regelmässiger
Skulptur, die ein dichtes Netzwerk von feinen, flachen Ver-
tiefungen und Erhabenheiten bildet, 'versehene Stück ist
ein regelmässig ausgebildetes Weibchen, während dagegen
das andere, stärker glänzende, etwas heller gefärbte, mit
durch feine Längsfurchen am Hinterrande der Flügelseg-
mcnte unterbrochener, unregelmässiger Skulptur behaftete
Zum Studium der Myriopoda Polydesmia. 45
Exemplar unter dem siebten Flügelsegmente linkerseits
statt eines Vorderbeines, wie es auf der rechten Seite
(normal?) entwickelt ist, ein unpaares, wohl ausgebildetes,
männliches Copulationsorgan besitzt. Dasselbe läuft am
Ende in 2 gegeneinander gekrümmte Haken aus, deren
äusserer kräftiger ausgebildet ist und den Innern an Länge
überragt und umschliesst. Da bei dem sehr wohl conser-
virten Stücke die Annahme, es sei ein Artefact, nicht ohne
weiteres gerechtfertigt erscheinen möchte, so wirft sich
die Frage auf: liegt hier ein in seiner Bildung einseitig
gehemmtes männliches Thier oder ein wahrer morphischer
Hermaphroditismus vor? (Ich setze absichtlich das Wört-
chen morphisch hinzu, da es auch noch einen morpho-
psychischen' Hermaphroditismus gibt, dem die theorieen-
frohe Wissenschaft der Gegenwart merkwürdigerweise wie
einem Schreckgespenste, dem sie sich nicht näher zu tre-
ten getraut, rath- und thatlos gegenübersteht.) Einen sexu-
ellen Unterschied glaube ich in den oben angegebenen
Merkmalen und Differenzen beider Exemplare hinreichend
constatirt zu haben. Leider gestatten die wenigen Stücke
der vorliegenden Art eine genauere und gar eine anatomi-
sche Untersuchung nicht.
Ich glaubte um so mehr, diesen Fall eines möglicher-
weise hermaphroditischen Myriopoden besonders hervor-
heben zu müssen, als derselbe meines Wissens ganz ver-
einzelt in der Myriopodenliteratur bis nun dasteht und ge-
nügt es mir, wegen der Zweifelhaftigkeit des Sachverhalts,
auf analoge Vorkommnisse die Aufmerksamkeit der Beob-
achter gelenkt zu sehen.
IV. Die Arten der Untergattung Oxydesmus
Saussure.
Conspectus specierum:
Margo lateralis segmentorum alatorum rectus, non
dentatus «.
Margo lateralis segmentorum alatorum dentatus vel
denticulatus h.
a. Segmenta alata dorso glabra, tuberculis crassis
46 F. Karsch:
rotundis, in series 2—3 transversas dispositis ornata,
vitta pallida media longitudinali carentia . granulosus Bvs.
Segmenta alata dorso minutissime et densissime om-
nino granuloso-rugosa, postice granulis crassioribus sparse,
antice minoribus vestita, vitta media pallida longitudinali
ornata Thomsonii Los.
h. Segmenta alata macula media pallida carentia,
segmenta 1.— 3. tuberculis inaequalibus vestita . . . c.
Segmenta alata macula media flava transversa ornata,
segmenta 1. — 3. granulis humilibus rotundatis subaequa-
libus armata effulgens Kr seh.
c. Segmenta dorsualia 1.— 3. tuberculis dentiformi-
bus magnis separatis, superiora versus directis armata
mastophorus Grst.
Segmenta dorsualia 1. — 2. granulis humilibus sub-
aequalibus, in series 3. transversas ordinatis, segmentum
3. granulis subinordinatis, medio margine postico pectine
longo, supra subplano, posteriora versus directo, apice
6-dentato ornatum pectinatus Kr seh.
Synonymia specierum:
1. Polydesmus (Oxydesmus) granulosus Palisot de
Beauvois, (/, $.
Syn.: Polydesmus granulosus, Palisot deBeauvois, Tijsectes'
recueillis en Afrique et en Amerique, 1805, p. 156, PL IV, F. 4.
Polydesmus (Euryurus) triciispidatus, Peters, Monatsber. Kgl.
Akad. Wissensch. Berl., 18. Juli, 1864, p. 542, 58, $.
Polydesmus (Euryurus) flavowarginatus Peters, loc. cit.,
p. 542, 59, ^.
Polydesmus (Oxydesmus) tricuspidatus, Humbert et Saussure,
Verh. zool.-bot. Ges. Wien, 1869, XIX, pp. 672—3, 2.
Patria: „Royaume d'Oware" (Beauvois); Guinea
(M. B. et Mus. Genev.).
Nota: Gerstaecker hat irrthümlich Polydesmus tri-
cuspidatus mit Polydesmus Thomsonii identificiren zu müs-
sen geglaubt (Bericht über die wissenschaftl. Leistungen
im Gebiete der Entomol. während 18G3— 64, II, Archiv f.
Naturgcsch., XXXI, II, 1865, p. 581 und Gliederthierfauna
des Sansibargeb. oder Baron Carl Claus v. d. Decken's
Reisen in Ost-Afrika, Leipz. u. Heidelb., 1873, wissenschaftl.
Zum Studium der Myriopoda Polydesmia. 47
Theil, III, n, p. 517); es ist mir indessen wahrscheinlicher,
dass Folydesmus Thomsonii eine eigene, von tricuspidatus
sehr verschiedene Art bildet, obwohl freilich die von Lucas
gegebene Abbildung zu einer Identificirung mit tricuspida-
tus verführt. Lucas sagt aber ausdrücklich von seinem
P. Thomsonii : „les suivants (segments), .... offrent trois
rangees transversales de tubercules, dont les plus saillants
sont ceux qui occupent lern* partie posterieure; quant ä
ceux situes exterieurement, ils sont moins saillants, plus
espac6s et moins nombreux" (p. 138). Dazu kommt das
bleiche, dem granulosus (tricuspidatus) fehlende Mittellängs-
band des Rückens, sodass mir die unter 1 vorgenommene
Identificirung nicht zweifelhaft erscheint. Eine andere
Frage bleibt es freilich, ob P. flavomarginatus als ^ zu
derselben Art gehört; da aber das Vaterland (America?)
des typischen Stückes ungewiss ist (cf. Saussure, Miss.
scientif., 1872, p. 152, no. 13) und Humbert und Saus-
sure (Verh. z. b. Ges. Wien, XIX, 1869, p. 673) von dem
auf P. tricuspidatus gedeuteten Männchen von Guinea
sagen: „II se rapprocherait peut-etre plus encore au P.
flavomarginatus . . ." ; so scheint mir der vorläufigen An-
nahme, beide stellten die Geschlechter derselben Species
dar, nichts im Wege zu stehen und habe ich zur even-
tuellen Vergleichung mit dem männlichen des Genfer Mu-
seums, da das hiesige Museum kein zweites männliches
Exemplar aus Afrika besitzt, die Copulationsorgane in
Fig. 3 hier bildlich dargestellt.
2. Folydesmus (Oxydesmus) Thomsonii Lucas, </*, $.
Syn.: Folydesmus TJiomsonn, Lucas, Archives entomologi-
ques, par Thomson, D, 1858, pp. 437—439, PI. XIII, f. 9.
Euryurus Thomsonii, Kar seh, Zeitschr. f. d. ges. Naturwiss.,
LH, 1879, p. 826, 4, Taf. XI, Fig. 1.
Patria: „Cöte de Malaguette" (Lucas); Monrovia,
Congo (Gazelle), Quillu (Falkenstein): M. B.
3. Folydesmus (Oxydesmus) mastophorus, G e r s t-
aecker, $.
Syn.: Folydesmus (Faradesmus) rnastophorus Gerstaecker,
Gliederthierf. d. Sansibargeb., 1873, IIT, II, pp. 517—518, no. 13.
Patria: Mombas (M. B.).
48 F. Karsch:
Erklärung der Figuren auf Tafel III.
Fig. 1. Copulationsorgan des männlichen Fdlydesmus effulgens:
das rechte von der Bauchseite.
Fig. 2. Kammsegment des weiblichen P. pectinatus.
Fig. 3. Copulationsorgan des männl. P. granulosus Beauv.:
das rechte von der Bauchseite gesehen; e ist die Aussen-, i die In-
nenseite.
Fig. 4. Copulationsorgan des männl. P. Schetelyi: das rechte
von der Aussenseite, 4a vom Bauche.
Fig. 5. Copulationsorgane des männl. P. margaritiferus E. et
G. vom Bauche betrachtet.
Fig. 6. Copulationsorgan des männl. P. abstrusus: das linke
vom Bauche gesehen, e aussen, i innen.
Fig. 7. Copulationsorgan des männl. P. gracilis (C. L. Koch):
das linke von der Aussenseite betrachtet, 7a das rechte von der In-
nenseite.
Fig. 8. Copulationsorgan des männl. P. vicarius: das rechte
von der Innenseite.
Fig. 9. Copulationsorgan des männl. P. spectahilis: das linke
vom Bauche betrachtet.
Fig. 10. Copulationsorgan des männl. P. pekuensis: das linke
von der Bauchseite des Thieres.
Fig. 11. Copulationsorgane des männl. P. piceus Brandt (typ.)
von der Bauchansicht.
Fig. 12. Copulationsorgan des männl. P. furcifer: das rechte
von der Aussenseite betrachtet, sa Rücken, ss Bauchseite des ürganes.
Fig. 13. Copulationsorgan des männl. P. angelus: links von
der Aussenseite, sa Rücken, ss Bauchseite des Organs.
Fig. 14. Copulationsorgan des männl. P. plataleus: linkes von
der Aussenseite.
Fig. 15. Copulationsorgan des männl. P. coclicillus: rechtes
von der Aussenseite, 15a von der Bauchseite aus, 15b der untere
Theil isolirt.
Fig. 16. Copulationsorgane des männl. P. Henselii: von der
Bauchseite, 16a das linke Organ von der Aussenseite betrachtet.
Fig. 17. Copulationsorgan des männl. P. sagittarius: das rechte
vom Bauche gesehen.
Fig. 18. Copulationsorgan des männl. P ensiger: das rechte
vom Bauche gesehen; die nicht schattirton Anhänge a — a sind nur
bei seitlicher Betrachtung wahrzunehmen.
Fig. 19. Copulationsorgan des männl. P. vermiformis Sauss.:
Zum Studium der Mynopoda Polydesmia. 49
das linke bei Betrachtung von der Innenseite; der einfach - kolbige
Theil ist scherbengelb, der geschnäbelte dunkelbraun.
Fig. 20. Copulationsorgan des männl. P, gldber Ptrs. : halb
von der Bauchseite, halb seitlich.
Fig. 21. Copulationsorgan des männl. P. concolor Gerv. : das
rechte von der Aussenseite.
Fig. 22. Copulationsorgan des männl. P Hartmanni Ptrs.:
das linke von der Aussenseite, 22a dasselbe halb vom Bauche aus
betrachtet.
Fig. 23. Copulationsorgan des männl. P. transverse-taeniatus
L. Koch: das rechte vom Bauche gesehen, e- Aussen-, i-Innenseite.
Fig. 24. Copulationsorgan des männl. Eurydesmus fdlcatus:
das rechte vom Bauche, 24a das linke von der Innenseite gesehen.
Fig. 25. Copulationsorgan des männl. Eurydesmus luridus:
das linke von der Aussenseite, 25a vom Bauche betrachtet.
Fig. 26. Copulationsorgan des männl. E. mossambicus Ptrs.
(typ.) : das rechte von der Aussenseite.
Fig. 27. Copulationsorgan des männl. E. oxygonus Ptrs. (typ.) :
das rechte von der Aussenseite, 27a zeigt die Krümmung des Zahnes
vom Bauche aus gesehen.
Fig. 28. Copulationsorgan des männl. E. laxus Ger st. (typ.):
das rechte von der Aussen-, 28a von der Innenseite, indem der
wurmförmige Fortsatz durch ein dem Organ untergeschobenes Stück-
chen steifen Papieres herabgedrückt ist.
Fig. 29. Das linke, nach hinten zurückgelegte, also von seiner
Rückenseite dargestellte einseitige Copulationsorgan des Zwitters P.
Taenia Ptrs. (typ.), dessen Stelle rechterseits (p.) durch ein normal
gebildetes Bein ersetzt ist.
Archiv f. Nafurg. XXXXVU. Jahrg. 1. Bd.
Gattungen und Arten der Scolopendriden.
Von
Dr, E. Kohlrausch
zu Hannover.
Hierzu Tafel IV und V.
In einer früheren Arbeit: ,, Beiträge zur Kenntniss
der Scolopendriden", welche im Jahre 1878 im Journal
des Museum Godeffroy Heft 14, Seite 51—76 nebst Tafel
VI, Hamburg, L. Friederichsen, erschienen und zugleich
als Inauguraldissertation der philosophischen Facultät der
Universität Marburg eingereicht ist, habe ich auf Grund
eines sehr reichlichen, hauptsächlich von - Australien und
den Südsee-Inseln stammenden Materials von über 1000
Exemplaren, welches mir durch die freundliche Vermitte-
lung des Herrn Professor Dr. Ehlers in Göttingen von
Seiten mehrerer Museen, besonders vom Museum Godeffroy
in Hamburg zur Bearbeitung zur Verfügung gestellt war,
nachgewiesen, dass fast alle Merkmale, die bisher zur Un-
terscheidung der Arten benutzt sind, in so starkem Maasse
variiren, dass die Grenzen für Sie einzelnen Arten viel
weiter zu ziehen sind, als es bisher geschehen ist.
Auf Farbe, Form, Riefen, Furchen und Eindrücke
der Rücken- und Bauchschilde ist fast gar kein Gewicht
zu legen; in den Mundwerkzeugen, der Augenstellung, der
Tarsenbildung u. s. w. finden sich ebenfalls fast gar keine
Art-Unters(;liiede, und die Zahlen- und Grössenverhältnisse
der Fühler, Zähne und Dornen geben nur in beschränktem
E. Kohlrausch: Gattungen und Arten der Scolopendriden. 51
Maasse gute Art- Charaktere ab. Gute Unterscheidungsmerk-
maie dagegen bietet meistens die Form der Endbeine und
ihre Bedornung, wenn man die Variabilität der Zahl und
Stellung dieser Dornen nur nicht ausser Acht lässt und
die Grenzen der einzelnen Arten nicht zu eng zieht.
Nur einige Arten sind durch ganz charakteristische,
eigenthümliche Bildungen ausgezeichnet. Es darf daher
eine beträchtliche Anzahl der früheren Arten, die z. Th.
geringer, offenbar individueller Abweichungen wegen als
eigene Arten aufgestellt sind, als solche fernerhin nicht
mehr angesehen werden, sondern ganze Reihen der alten
Arten müssen in eine einzige zusammengefasst werden,
was im Folgenden den Beschreibungen der Thiere nach
versucht ist.
Zwar verhehle ich mir die Schwierigkeit dieses Ver-
suches nicht, auch nicht, dass die Angaben der Syno-
nyma meistens nur auf Schlüssen nach Analogie beruhen
können, da ich die Originalexemplare selbst nicht gesehen
habe; doch schien mir die Analogie mit den Verhältnissen
bei den australischen Arten in den meisten Fällen eine
so vollkommene, dass ich persönlich von der Zugehörig-
keit der ohne Fragezeichen angeführten Synonyma zur Art
auf das Festeste überzeugt bin.
Zur Feststellung der Grenzen, innerhalb welcher ein
Variiren in der Art vorkommt, bedarf es natürlich einer
Reihe von Exemplaren, und da mir von mehreren der als
neu beschriebenen Arten nur ein solches zu Gebote stand,
so wird deren Beschreibung nach Auffindung weiterer
Exemplare vielleicht manche Aenderungen oder Erweite-
rungen erfahren müssen. Doch sind dieselben glücklicher
Weise grösstentheils an einzelnen recht auffallenden Eigen-
thümlichkeiten kenntlich.
Wo mir wegen erheblicher Verschiedenheiten einzelner
Organe bei Aehnlichkeit in den übrigen die Aufstellung
einer besonderen Art geboten erschien, habe ich nur diese
Abweichung aufgeführt, bei ganz neuen Formen jedoch eine
genaue Beschreibung gegeben, damit bei weiteren Funden
die Grenzen der Variabilität festgestellt werden können.
52 E. Kohlrausch:
Clasisis: Myriapoda,
Ordo: Chilopoda.
Familia: Scolopendridae, Newp.
I. Suhfamilia: Scolopendridae heteropodes, Gerv. —
Segmenta pediger^ 23.
1. Genus: Scolopendropsis, Brandt. — Ociili ntrinque 4.
2. Genus : Scolopocryptops, Newp. ex parte. — Oculi nulli,
pedes postremi 5-articulati.
3. Genus : Newportia, Gerv. — Oculi nulli, pedes postremi
14-articulati.
IL Suhfamilia: Scolopendridae cribriferi, Gerv.
Segmenta pedigera 21; Stigmata haud valvularia;
oculi utrinque 4.
A. Tribus: Scolopendridae heterostominij Newp. Stig-
mata utrinque 10.
4. Genus: HeteroStoma, Newp. — Stigmata cribriformia,
pedes postremi validi.
5. Genus: Branchiostoma, Newp. — Stigmata branchifor-
mia, pedes postremi gracillimi.
6. Genus: Trematoptychus, Peters. — Stigmata sigmoidea.
B. Tribus: Scolopendridae anchistrophi ^ügmataLXiiYm-
que 9. . '
7. Genus: Branchiotrema, n. g. — Pedes postremf gracillimi.
8. Genus: Alipes, Imhof, (Eucorybas, Gerstaecker). — Pedes
postremi sicut folium complanati dilatatique.
9. Genus : Cupipes, n. g. — Pedes postremi brevissimi, in-
crassati.
111. Suhfamilia: Scolopendridae morsicantes, Gerv.
Segmenta pedigera 21; Stigmata valvularia utrinque 9;
oculi utrinque 4.
A. Tribus: Cormoceplialinae, Newp. Caput postice
truncatum, haud imbricatum.
10. Genus: Cormocephalus, Newp. — Caput non elongatum.
ll.Subgenus: Rhombocephalus, Newp. — Caput elongatum,
subtriangulare.
B. Tribus: Scolopendrinae, Newp. Caput subovatum,
imbricatum (vel subimbricatum).
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 53
(?) 12. Genus: Theatops, Newp. — Caput subimbricatum ;
scutum postremum maximum.
13. Genus: Scolopendra, Newp. -- Caput imbricatum; scu-
tum postremum praecedentibus angustius.
IV. Subfamilia: Cryptopsii. Oculi utrinque 1 vel nulli.
14. Genus: Monops, Gerv. — Oculorum par unicum.
15. Genus: Cryptops, Leach. — Oculi nulli; scutum po-
stremum anterioribus minus.
16. Genus: Opisthemega, Wood. Oculi nulli; scutum po-
stremum praecedentibus multo majus.
1. Genus. Scolopendropsis. Brandt.
„Pedum paria 23. Squarpa (appendices) analis lateralis
in posterioris partis angulo inferiore truncata, vix mucronis
vestigio. Cingulum dorsale primum (segmentum basilare)
antice subrectum, (caput haud imbricatum, ?) secundum
tertio paulo angustius." (Oculi utrinque 4.)
1) Scolopendropsis Bahiensis, Brandt, Bull. ^) VII, p. 24.
2. Genus: Scolopocryptops, Newp.
Oculi nulli, segmenta pedigera 23, caput cordatum,
imbricatum, labium edentulum, antennae 15 — 18-articulatae,
elongatae, pilosae; appendices anales laterales pedesque
posteriores elongati.
Die Heimath dieser Thiere ist besonders Nord- Ame-
rika. Dort hat sie Wood sehr häufig gefunden; sie kom-
men aber auch auf den Caraiben, in Süd-Amerika, auf den
Ostindischen Inseln und vielleicht auch in Afrika (de
Geer) vor.
Die Stigmen, (cf. Journal Godeffroy XIV p. 57 unten ^))
10 Paar an der Zahl, geben Newp ort, Gervais, Hum-
bert und Saussure als Spaltstigmen an, während ich 9
Exemplare mit deutlich branchiformen Stigmen und keines-
wegs spaltförmigen vor mir habe.
1) Den genaueren Titel sehe man auf pag. 131.
2) Den Seitenzahlen 51—77 im Heft XIV des Journal Godeffroy
entsprechen in meiner Dissertation die Zahlen 1 — 27; ich bitte daher
die Besitzer dieser Dissertation bei etwaigem Nachschlagen dieses
zu berücksichtigen.
54 E. Kohlrausch:
Der Körper ist häufig hinten, etwa vom 16. Ringe ab
verschmälert.
Die Fühler sind ziemlich lang, meistens stark behaart
und etwa 17-gliedrig. Ein Mandibularzahn ist vorhanden,
dagegen finden wir die Zahnplatten durch 2 scharfe Ränder
ersetzt, deren Krümmung bei den verschiedenen Arten, wie
bei den Exemplaren einer Art, in massigen Grenzen schwankt.
Die Beinpaare, mit Ausnahme der 2 letzten sind nur
4-gliedrig, statt 3 Tarsalglieder finden sich also nur 2.
An den 4-gliedrigen Beinen finden wir am ersten
Tarsengliede einen ziemlich grossen Dorn unten und
vorn, wie sie ausserdem nur in der Gattung Branchiotrema
wiedergefunden werden.
Ein Eckdorn am 2. Tarsalgliede sowie die beiden
Nebendornen am Grunde der Endklaue sind vorhanden.
Die zwei letzten Beinpaare sind an den Tarsen unbedornt.
Die Glieder der hinteren Beinpaare, besonders des
letzten, sind an den Gelenken deutlich verdickt, (cf. Taf.
IV Fig. 3) was sich auch bei einigen Branchiostoma- und
Branchiotrema-Arten wiederfindet.
Die Länge der Analanhänge, die Zahl und Grösse
der Beindornen und die Deutlichkeit der aufgeworfenen
Kopfränder variiren, soweit sich das nach dem mir vorlie-
genden Material beurtheilen lässt, nicht unerheblich.
Kleinere Exemplare sind, wie bei Cormocephalus, so
auch in dieser Gattung an allen Beinen etwas behaart;
auffallend stark ist die Behaarung der letzten 4 Glieder
der Endbeine bei Sc. lanatipes.
1) Scolopocryptops sexspinosus, Newport. Sc. fuscus
pedibus antennisque flavis, hisce apice nigrescentibus 16—18-
articulatis. Stigmata parva branchiformia. Laminae
dorsales ventralesque profunde punctatae; margines late-
rales scutorum fere omnium elevati, postremi scuti
postice in mucronem parvum producti. Capitis
margines posterior lateralesque et interdum seg-
menti basilaris anterior paulo elevati et sulco
plus minusve profundo sejuncti. Labium antice
fere rectum dentes mandibulares minimi. Appendices
anales laterales rüde punctatae et valde elongatae.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 55
Pedes postremi sicut anteriores vix pilosi vel
nudi, articulo femorali spina unica magna in superficie
inferiore, altera minore mediana in margine super iore in-
teriore et saepe tertia minutissima articulari.
Corporis longitudo^) 47,0; latitudo anterior 3,3, poste-
rior 3,6; capitis long. 3,2, lat. 3,1; segmenti basilaris lat.
3,6; antennarum long. 12 (?); pedum postremorum long.
12,5 mm.
Mensurae ad corporis longitudinem relatae: lat. ant.
0,070, post. 0,076; cap. long. 0,068, lat. 0,066; s. bas. lat.
0,076; antenn. 0,25 (?) ped. postr. 0,266.
Habitat in America calidiore.
Syn. 1) Sc. sexspinosa, Newp. in Transact. p. 407.
Syn. 2) Cryptops sexspinosus, Say, in Journ. Acad.
Nat. Sei. Philad. IL (fide Newport.)
Syn. 3) Cryptops sexspinosus, Lucas, in Hist. Nat.
Anim. artic. p. 547. (fide Newp.)
Syn. 4) Scolopocryptops sexspinosa, Wood, in Trans-
act. p. 172.
Syn, 5) Sc. spinicauda, Wood, 1. c. 174.
Syn. 6) Sc. Mexicana, Humbert et Saussure in Revue,
XXI, p. 158. „Lippe beiderseits mit einem Zahn. Körper
zwischen den Gliedern stark zusammengezogen."
Syn. 7) Scolopendropsis helvola, C. L. Koch. Die
Myriapoden II, Fig. 156. Nord-America.
Syn. 8) Sc. melanostoma, Newp., 1. c, 406.
Syn. 9) Sc. Miersii, Newp., 1. c, 405.
Von 4 Exempla^n hatte nur eins ein letztes Bein
behalten. Dieselben Scheinen also sehr abfällig zu sein.
Von den 3 Exemplaren Sc. lanatipes sind dagegen noch
5 derselben vorhanden. Die Fühler waren bei den meisten
verstümmelt.
1) Die Eörperlänge ist stets von der Stirn bis zum hintern Rand
des letzten Rückenschildes gemessen. Die vordere Breite ist an der
schmälsten Stelle etwa in Höhe des 2. oder 3. Beinpaares gemessen,
die hintere grösste etwa beim 15, Segment. Sind mehrere gute
Exemplare vorhanden, so sind die angeführten Maasse das Mittel aus
mehreren Messungen; anderenfalls ist das Gegentheil bemerkt.
56 E. Kohlrausch:
2. Scolopocryptops lanatipes, Wood.
Sc. fuscus, pedibus antennisque flavis, hisce apice
nigrescentibus. Caput ovatum superficie parum punctu-
lata fere laevi, marginibus posteriore laterali-
busque elevatis.
Omnium scutorum fere laevium margines laterales
elevati.
Stigmata parva branchiformia. Labii margo
anterior sulco mediano excavatus, lateralis ro-
tundatus; dens mandibularis major quam in Sc. sexspi-
noso. Squama praeanalis valde emarginata, appendicibus
lateralibus rugosis et minus quam in Sc. sexspinoso elon-
gatis. Pedum postremorum articulus femoralis laevis
subtus Spina magna unica vel binis instructus, tibia
tarsique pilosissimi.
Long. 49,0; lat. ant. 3,2, post. 3,7; cap. long. 3,5,
lat. 3,1; s. bas. lat. 3,6; antenn. 10,5; ped. postr. 11,0mm.
Mens, relat. : lat. ant. 0,065, post. 0,084; cap. long.
0,071, lat. 0,063; s. bas. 0,073; antenn. 0,214; ped. postr.
0,234.
Hab. in California.
Syn. 1) Sc. lanatipes, Wood, Transact. p. 175.
Syn. 2) Sc. gracilis, Wood, 1. c. p. 173.
Syn. 3) Sc. Californica, Humb. et. Sauss. Revue XXII
p. 204.
Der vordere Lippenrand ist in der Mitte stark einge-
zogen und verläuft von dort ab nach beiden Seiten im
Bogen, oder mit stumpfen, vorn co^yexen Winkeln, wäh-
rend bei Sc. sexspinosus der Rand grade oder ganz schwach
bogenförmig ist.
Ein ganz junges, helles, weiches Exemplar, vom Prof.
Semper auf Bohol gefangen, hat Dornen, Analanhänge,
(sehr nahe zusammenstehend), u. Lippenrand, wie Sc. sex-
spinosus, die Behaarung der letzten Beine jedoch, wie Sc.
lanatipes.
Vielleicht gehört es daher zu dieser Art; dennoch
stelle ich es der angeführten Unterschiede und des Fund-
ortes wegen als vielleicht neue Art an das Ende dieser
Gattung.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 57
3.(?) Scolopocryptops ferruginetis, Newp.
Das Exemplar scheint unvollständig gewesen zu sein.
Fundort: Africa, nach de Geer, was jedoch von New-
port bezweifelt wird.
Syn. 1) Sc. ferruginea Newp. Transact. 406.
Syn. 2) Scolopendra ferruginea, Linne, in Syst. Nat.
ed. 12. p. 1063. Nro. 6. (Me Newp.)
Syn. 3) Scolopendre rousse, de Geer, in: M^m. VII p. 568.
4. (?) Scolopocryptops megacephalus, n. sp. (?) (Tafel
IV, Fig. 4).
Sc. olivaceus, scutorum postremorum marginibus po-
sticis viridis, scuto anali segmentisque basilari et cephalico
ruber, pedibus antennisque flavus. Superficies punctu-
lata marginibus capitis haud elevatis, scutorum
posteriorum satis, postremi vix conspicuis, sed ut in Sc.
lanatipedi mucronatis. Antennae 14 — 16-articulatae, haud
ut mihi videtur truncatae, apice pubescentes. Stigmata
magna branchiformia primum maximum fere cri-
briforme. Segmentum cephalicum longum, basi-
lare magnum mandibulis validissimis , margine
labii antico fere recto in utraque parte singulis
armato dentibus minutissimis et sulco parum profundo
seiunctis; dente mandibulari valido.
Appendices anales laterales procerae ; pedes postremi
desunt :
Long. 58,0; lat. ant. 4,1, post. 4,9; cap. long. 4,9,
lat. 4,2; s. bas. 5,5; antenn. 13,0 m; ped. post. (?).
Mens, relat.: lat. ant. 0,071, post. 0^084; cap. long. 0,084,
lat. 0,073; s. bas. 0,095; antenn. 0,224.
Hab. in insula Rosario.
Gymn. Johann. Hamb. 1 Exempl.
Die Länge des Kopfschildes ist bei diesem Exemplar
um 10 — 20 % grösser, als bei den übrigen Scolopocryptops-
Arten, die Breite dagegen nur wenig. Dafür ist aber der
Halsschild sehr breit und die kräftigen Mandibeln treten
beiderseits stark hervor, so dass dadurch das Thier auf-
fallend grossköpfig erscheint. Leider fehlen die letzten
Beine, welche für die sichere Wiedererkennung sehr wichtig
zu sein pflegen.
58 E. Kohlrausch:
Das ganze Aussehen dieses kräftig gebauten Thieres
macht es wahrscheinlich, dass wir es hier mit einer neueü
Art zu thun haben.
5. Scolopocryptops Luzonicus, Semper in litt.
Sc. fuscus, pedibus antennisque flavescentibus. Su-
perficies vix punctulata, margines capitis et scuti
postremi vix mucronati haud elevati; suturae ven-
trales non conspicuae, dorsales modice distinctae. Stig-
mata magna branchiformia. Squama praeanalis longa,
vix emarginata, appendices laterales rüde punctatae, valde
productae. Pedes postremi desunt.
Long. 45,5; lat. ant. 3,5, post. 3,8; cap. long. 3,5,
lat. 3,2; s. bas. 3,8; antenn. 9,0; ped. postr. (?).
Mens, relat.: lat. ant. 0,078, post. 0,084; cap. long. 0,078,
lat. 0,072; segm. basil. 0,084; antenn. 0,20, ped. postr. (?).
Hab. in insula Luzon.
* Mus. Zool. univers. Götting. 1 specim.
Der Kopf und Halsschild sind weit kleiner, als bei
der vorigen Art.
6. (?) Scolopocryptops BoJiolensis, ^ n. sp. (?)
Sc. pallidus, pubescens, parvus nee ut videtur adul-
tus; S. lanatipedi simillimus at marginibus inconspicuis.
Squama praeanalis vix emarginata, appendices late-
rales longissimae approximatae. Ped um postremorum
pilosis simorum articulus primus spina unica in-
feriore maxima alteraque minore in margine
supero-interno instructus.
Long. 16 mm.
Hab. in insula Bohol.
Mus. Zool. univers. Gotting. 1 specim.
Das Thier ist so klein und weich, dass ich die Er-
gebnisse der Messung nicht für sicher genug halte, um sie
anzuführen. Die Verhältnisse sind etwa dieselben wie bei
den vorhergehenden Arten.
3. Genus: Newportia, Gervais.
Oculi nulli. Segmenta pedigera 23. Pedes postremi
attenuati, valde producti articulis tarsalibus 12.
1) Vergleiche pag. 56 unten.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 59
Die Heimat, dieser eigenthümlichen Thiere ist der
Süden Nord-Amerikas und Mittel-Amerika. Von dieser
Gattung habe ich keine Exemplare gesehen. Bekannt sind
vielleicht 3 Arten, vielleicht auch nur die eine Art:
1) Neivportia longitarsis, Gervais, Hist. 398. in insul.
Carib. St. Vincent.
Syn. 1) Scolopocryptops longitarsis, Newp. Transact.
407. pl. 40. fig. 10.
2) (?) Neivportia Ä^teca, Humb., Sauss. Rev. XXI. p. 158.
3) (?) Scolopendrides Mexicana ^), Sauss. Rev. pag. 9.
IL Subfamüia: Scolopendridae cribriferi, Gerv.
Tribus A: Scolopendridae heterostomini, Newp.
4. Genus: Heterostoma^ Newp.
Oculi utrinque 4. Segmenta pedigera 21. Stigmatum
magnorum cribriformium paria 10 in segmentis 3, 5, 7, 8,
10, 12, 14, 16, 18, 20. Capitis ovati margo posterior tec-
tus segmenti basilaris margine anteriore fere recto. Pedes
postremi appendicesque anales valida atque satis longa,
dentibus labialibus spinisque maximis.
Die Gattung kommt vor in Australien, Ostasien, auf
vielen Inseln des Stillen und Indischen Oceans und in
Afrika. Vielleicht gibt es nur eine Art mit einigen, we-
nigen Abarten; sicher lässt sich dieses jedoch nach den
Beschreibungen nicht beurtheilen. Afrikanische Exemplare
habe ich nicht gesehen; diejenigen aus dem übrigen Ver-
breitungsbezirk gehören mit wenigen zweifelhaften Aus-
nahmen, trotz grosser Verschiedenheiten in der Farbe,
den Grössenverhältnissen, u. s. w. doch sicher zu einer Art.
\. HeteroStoma siilcidens, Newp. (Tafel IV Fig. 5, 6, 7.)
H. plerumque olivaceum, interdum viride vel rubigi-
nosum pedibus superficieque inferiore pallidum labio, man-
dibulis pedibusque postremis plerumque castaneum an-
tennis basi viridibus apice flavescentibus.
Laminae dentales rüde punctatae trianguläres denti-
1) Das 4. Glied des letzten Beinpaaros endigend „par une
longe tigelle fortement sculptee."
60 E. Kohlrausch:
bus maximis terois vel quaternis, intimis coalescentibus;
dente mandibulari nuUo vel minimo. Squama praeanalis
postice emarginata, appendices laterales maximae spinis
2 (1—3) in apice, 2 (1 — 3) in margine externo et 4 (2—6)
in margine supero. Pedum primorum articuli omnes mu-
cronati, postremorum magnorum articulus femoralis spi-
nosuS; spinis 4 magnis biseriatis in margine supero-interno
apicalique simplici vel bifida, 5 — 6 biseriatis in superficie
inferiore.
Speciminis maximi long. 130 mm.
Corp. long. 91,5; lat. ant. 6,8, post. 9,1; cap. long. 6,4,
lat. 6,5; s. basil. long. 4,3, lat. 8,0; antenn. 25; ped.
postr. 24 mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,074, post. 0,10; cap. long. 0,070,
lat. 0,071; s. bas. long. 0,047, lat. 0,087; antenn. 0,273
ped. postrem. 0,262.
Hab. in Nova Hollandia, insulis maris Paeifici, India,
China, Africa et America.
Synon. cf. p. 61.
Die Farbe schwankt zwischen tief blaugrün und kasta-
nienbraun, meistens vorn mehr ins Grüne, hinten mehr
ins Braune spielend. Die kräftigen Beine meist beträcht-
lich heller. Die bei Gayndah gesammelten Exemplare
haben fast sämmtlich die Fühler und letzten Beine braun-
roth und sind tief grün gebäudert, während die der nächst
gelegenen Fundorte diese Färbung selten zeigen.
Gleichwohl findet man einzelne solche auch an an-
deren Orten, und einige der bei Gayndah gefangenen
Exemplare haben hellgrüne Fühler, so dass, weil übrigens
keine Unterschiede bemerkbar sind, von einer bei Gayn-
dah vorkommenden besonderen Art wohl nicht die Rede
sein kann.
Die hintere äussere Ecke der Zahnplatten ist ver-
längert, so dass diese dadurch etwa die Form eines Drei-
ecks bekommen. Die 3—4 Zähne sind selten gleich gross,
sondern meistens sind die inneren kleiner und zu einem
Furchenzahn zusammengewachsen.
Die ziemlich langen und kräftigen Fühler sind gröss-
tentheils vollständig erhalten und etwa 20-gliedrig mit be-
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 61
sonders in der Jugend sehr stark abgeschnürten kugelrunden
Gliedern, so dass junge Heterostomen schon an den perl-
schnurähnlichen Fühlern sofort erkannt werden können.
Die Beinlänge, welche bei grosseren Exemplaren (von
er. 90 mm) etwa Vs— V4 der Körperlänge beträgt, fand ich
bei kleinen, (etwa 30 mm langen) Thieren = Vs 0 der-
selben und zugleich waren die Beine dünner.
Wie sehr jedoch auch bei annähernd gleich grossen
Exemplaren die Beinlänge und Beindicke schwanken kann,
mögen folgende Beispiele zeigen. Die Zahlenangaben be-
deuten die Körperlänge, Länge der Endbeine, Länge und
Breite des Schenkels dieser Beine, das Verhältniss der
Beinlänge zu der des Körpers und das der Schenkelbreite
zur Schenkellänge. 90; 22,5; 9,0, 2,8; 0,25; 0,31; - 100;
19; 8,9, 3,2; 0,19; 0,367; — 96; 16; 7,0, 3,6; 0,167; 0,51.
Das Schenkelglied des letzten Beinpaares ist oben
und auf der inneren Seite schwach abgeplattet, ohne scharfe
Ränder und mit sehr grossen scharfen in Zahl und Stellung
nur wenig schwankenden Dornen bewaffnet.
Synon. 1) Het. sulcidens, Newp. Transact. 416. Neu-
Holland.
Synon. 2) Het. sulcicornis Newp. 1. c. 416. Neu-Holland.
Synon. 3) Het. flava, Newp. 1. c. 417. Neu-Holland.
Synon. 4) (?) Het. megacephala 2), Newp. 1. c. 417.
Neu-Holland.
Synon. 5) (?) Scolopendra rubriceps, Brandt, Bull. VIL
p. 156. Java.
Synon. 6) (?) Sc. rapax, Gerv. Hist. 248. China.
Synon. 7) Sc. cribrifera, Gerv. 1. c. 248. Bourou.
Synon. 8) (?) Heterostoma platycephala, Newp. L c.
415. Südsee-Inseln.
Synon. 9) Het. Browni, A. G. Butler. Proceed. Zool.
Soc. n. 1877 p. 282. Süd-See-Inseln.
1) Diese Eigenthümlichkeit, vergl. Journ. Godeffr. XIV p. Q6,
finden wir auch bei Cormocephalus, Scolopendra und wohl auch bei
den übrigen Gattungen wieder. ,,
2) Das Thier ist sehr kurz und breit und hat nur 1 Dorn
mitten unter dem Femur des letzten Beinpaares.
62 E. Kohlrausch:
Synon. 10) Het. trigonopoda, Newp. 1. c. 413. Congo
und Senegal.
Synon. 11) Scolopendra trigonopoda, Leach. Zool.
Mise. III. p. 36. (fide Newp).
Synon. 12) Sc. trigonopoda, Lucas. Hist. Nat. Anim.
Art. p. 545. (fide Newp.)
Synon. 13) (?) Sc. eydouxiana i), Gerv. Voyage au-
tour du monde de La Favorite p. 337. Senegal.
Synon. 14) Dacetum Capense, C. L. Koch. „Die
Myriapoden" I. Fig. 93. Cap der guten Hofi*nung.
Synon. 15) Heterostoma fasciata, Newp. 1. c. 415.
Synon. 16) (?) Scolopendra spinulosa, Brandt, 1. c.
VII. 156.
« Das Gymn. Johann zu Hamburg besitzt 2 Exemplare
von den Banda-Inseln, welche sich durch eine Färbung
auszeichnen, die bei einem einzelnen Thier nicht unge-
wöhnlich erscheinen würde, die aber durch den Umstand
auffällig wird, dass beide ganz gleich gefärbt sind. Die
Oberseite ist olivengrün, blaugrün gebändert. Der Kopf-
schild ist dunkelgrün, die 2 letzten Rückenschilde in das
Tiefbraun der Analanhänge und Endbeine übergehend.
Der letzte Bauchschild ist hell, die 1 — 2 vorletzten Bein-
paare blau-grünlich, die vorderen falb. Die Stigmen sind
tief braun bis schwarz ^).
Zwei Exemplare von Prof. Semper auf den Palaos-
Inseln gefangen, erinnern in ihrer Färbung an die von
ßanda, jedoch sind beide sehr hell und weich, (vielleicht
bald nach einer Häutung gefangen). Die Stigmen sind
kastanienbraun, die Analanhänge etwas dunkler, als der
übrige Körper, die vorletzten und letzten Beine grünlich,
1) Vielleicht gehört diese Art zu Heterostoma, doch könnte
es der Beschrei])ung nach auch eine Cormocephalus-Art sein. Scolo-
pendra fulvipes und Sc. elegans, Brandt, 1. c, VIII, p. 22 u. 23
möchte ich nach der Beschreibung für Cormocephalus-Arten halten,
während Newport auch in ihnen Heterostoma-Arten verrauthet.
2) Bei den meisten Exemplaren dieser Art sind die Stigmen
braun, vereinzelt ganz hell, fast gelblich weiss, vereinzelt auch tief-
braun bis schwarz.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 63
ebenso die hinteren beiden Rtickenschilde und bei einem
Exemplar auch die 2—3 vorderen und der Kopf; bei dem
anderen ist das ganze vordere Drittel bläulich, der Kopf
grünblau, das ganze Thier blau gebändert. In den übri-
gen Merkmalen stimmen auch diese Thiere mit den austra-
lischen Exemplaren von Het. sulcidens überein.
2) HeteroStoma pygomega, n. sp. (?) (Tafel IV Fig. 8).
Differt ab H. sulcidenti appendicibus analibus maxi-
mis curvatis.
Hab. Himalaya.
Museum Godeffroy, Hamburg 8 Exemplare.
Ob v^ir es hier mit einer besonderen Art oder einer
Abart der vorigen zu thun haben, ist mir zweifelhaft. Die
Analanhänge kleiner Exemplare sind denen von H. sulci-
dens ganz gleich, bei grösseren Exemplaren bekommen sie
jedoch eine ganz eigenthümlich gebogene Form. Die End-
beine sind ziemlich lang, die Dornen sehr kräftig, der
Kopf gross. Oberwärts sind sämmtliche Thiere tief oliven-
braun *), unterwärts wenig heller, die mittleren Beine, die
Fühler, oder wenigstens ihr unteres Ende, und die Tarsen
des letzten Beinpaares hellbraun.
Long, specim. max. er. 120 mm.
Long. 98; lat. ant. 6,2, post. 8,4; cap. long. 6,4, lat.
6,1; s. bas. lat. 7,8; antenn. 24,3; ped. postr. 24,3 mm.
Mens, relat. : lat. ant. 0,063, post. 0,085; cap. long.
0,065, lat. 0,063; s. bas. lat. 0,080; antenn. 0,25; ped.
postr. 0,25.
3) HeteroStoma spinosum, Newp. 1. c. 414. Ceylon.
Ein Exemplar dieser Art habe ich nicht gesehen, aber
die Form des dicken verbreiterten ^) Eckdorns der letzten
Beine der Männchen ist wohl eigenartig genug um die
Aufstellung einer besonderen Art zu begründen.
4) (?) HeteroStoma megacephala^ Newp. 1. c. 417. Neu-
Holland bei Port-Essington. (Vergl. p. 61 Anmerkung 2.)
1) Bei all,en Exemplaren ist die Haut hart und brüchig.
2) „Spina crassa dilatata."
„ . . . broad lanceteshaped".
vgl. auch Transact. Linn. Soc. XIX Taf. 40, Fig. 8).
64 E. Kohlrausch:
5) (?) Scolopendra ruhriceps Brandt, 1. c. VII. 156. Java.
Vergl. p. 61, 5.
6) (?) Scolopendra rapax Gerv. 1. c. 248. China. Vergl.
p. 61, 6.
7) HeteroStoma platycephala Newp. 1. c. 415. Südsee-
Inseln. Vergl. p. 61, 8.
5. Genus: Branchiostoma, Newp.
Oculorum paria 4. Segmenta pedigera 21. Stig-
mata haud valvularia, ovata marginibus elevatis utrinque
10 plerumque miuora quam in genere „Heterostoma."
Segmentum basilare, excepto Br. celeri, supra caput imbri-
catum. Appendices anales laterales satis longae; pedes
postremi gracillimi plerumque spinosi.
Die Fühler sind ziemlich lang und 17— 21-gliedrig,
die Zähne massig gross, je 2—4. Das erste Beinpaar trägt
an jedem Gelenk auf der vorderen inneren Seite einen
ziemlich grossen Dorn. Von der vorigen ist diese Gattung
weniger durch die Stigmen unterschieden (cf. Journal Go-
deffroy XIV. p. 57.), da Exemplare aus Zanzibar, Banda
und zum Theil auch solche aus Ostindien grosse Stigmen
haben, welche denen der kleinen Heterostomen völlig gleich
sind, — als vielmehr durch den ganzen Habitus der Thiere.
Erstere sind nämlich immer schlank, von massiger Grösse,
mit sehr schlanken Endbeinen, mit Analanhängen von be-
sonderer Form und mit einem Mandibularzahn. Meistens
haben sie allerdings auch kleinere eirunde Stigmen mit
wulstig verdicktem Rande.
Am verbreitetsten scheinen diese Thiere auf den Stid-
see-Inseln, Australien und Ost-Asien zu sein, von woher
mir etwa 70 Exemplare vorliegen, selten in Afrika und
Amerika, da aus ersterem Erdtheil nur ganz wenige Exem-
plare den Bearbeitern zugegangen sind, aus Amerika sogar
nur eins ^).
1) Branchiostoma midum, Newp. char. emend. (Tafel
IV Fig. 9).
1) Ueber Br. scabricauda vgl. p, 75 u. 76.
Gattungen und Arten der Sciqlopendriden. 65
Br. plerumque viridi-olivaceum, laminae ventrales
pedesquc anteriores pallidi, posteriores virescentes, postremi
viridi-coerulei. Antennae apice flavescentes pubescentes
20— 21-articulatae. Laminae dentales breves rüde punet-
atae dentibus 4 parvis, saepe obsoletis, dente mandibulari
magno, nonnunquam tuberculato. Sqiiama praeanalis pau-
lisper emarginata, appendices laterales [magnae, rüde pun-
ctatae spinis in apice 2 (3), in latere exteriore 1 (o).
Pedum primorum articuli femoralis, tibialis tarsique
spinis singulis angularibus armati; postremorum femur
procerum tibia vix longius spinis parvis et incon-
stantibus 5 in margine supero-interno, apicali
reliquis band maiore et in facie infero-externa
singulis armatum. Speciminibus iunioribus paucae tan-
tum adsunt minimaeque Spinae.
Long, speeim. maximi 74 mm.
Long. 54; lat. ant. 4,0, post. 4,9; cap. long. 3,5, lat.
4,0; s. bas. lat. 4,4; antenn. 15,0; ped. postr. 17,3 mm.
Mens, relat.: Lat. ant. 0,074, post. 0,092; cap. long.
0,065, lat. 0,079; s. bas. lat. 0,081; antenn. 0,28; ped.
postr. 0,32.
Hab. in Nova Hollandia insulisque maris Pacifici.
Synon. Br. nuda, Newp. Transact. p. 412. Bei Pa-
ramatta.
Die Länge des letzten Beinpaares ist sehr schwankend.
Bei einem Exemplar von 60,5 mm betrug sie 13,5 mm,
bei einem andern 48 mm langen dagegen 16,3 mm, oder
das eine Mal 0,223, das andere Mal 0,34 der Körperlänge.
Diese Differenz steht allerdings vereinzelt da, aber eine
solche zwischen 0,26 und 0,34 ist sehr gewöhnlich. Die
Bedornung dieser Beine ist ebenfalls sehr wenig constant.
Während allerdings meistens die grösseren Exemplare
stärker und vollzählig bedornt sind, und die kleineren
weniger bewehrt erscheinen, finden sich doch auch manche
grosse Exemplare mit sehr kleinen und zum Theil fehlen-
den Dornen vor.
Da die 35 mir vorliegenden Exemplare aus Australien
sämmtlich dieser Art angehören und mit Newport's
Beschreibung v. Br. nuda ziemlich gut übereinstimmen,
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. l. Bd. 5
66 E. Kohlrausch:
glaube ich, dass ich dieselbe Art vor mir habe, welche
Newport vorlag.
2. Branchiostoma gracile n. sp. (Tafel IV Fig. 10).
Br. dorso castaneo-olivaceuni, venire, pedibus, fronte,
antennisque flavum, hisce vix pubescentibus 16 — 18-arti-
culatis.
Stigmata magna marginibus elevatis. Suturae dor-
sales vix conspicuae, ventrales inconspicuae, quarum loco
impressiones binae catilli figura, scutis sternisque splen-
didis. Labium punctatum sulcisque longitudinalibus
duobus bene notatum, laminis dentalibus brevibus,
laevibus; dentibus 4 parvis, dente mandibulari serrato,
maximo. Squama praeanalis postice emarginata, appen-
dices laterales conicae longae spinis 2 apicalibus, singulis
lateralibus in externa parte. Pedum par postremum
longissimum femore vix quam tibia longiore, trispi-
noso et in margine interiore superiore et in infe-
riore externo, margine interiore inferiore tri-vel
bispinoso; spinis atris, magnis, acutis.
Solius specim. long. 50; lat. ant. 35; cap. long. 2,9,
lat. 3 — 4; segm. bas. lat. 4,4; antenn. 11,5; pedes postr.
17,7 mm.
Mens, relat: lat. 0,070; cap. long. 0,058, lat. 0,068;
s. bas. lat. 0,088; antenn. 0,23; ped. postr. -0,354.
Hab. in insul. Banda.
Gymn. Johann. Hamb. 1 Exempl.
Kopf- und Hals-Schild dieses Thieres sind platt und
breit, die nächstfolgenden Schilde nur wenig schmaler, die
hinteren kaum breiter. Das letzte Beinpaar ist ganz
ausserordentlich schlank, und ebenso auch die letzteren
Rückenschilde, so dass dadurch das ganze Thier ein
schlankes Aussehen bekommt.
Die relativen Masse fallen in Folge dessen kleiner
aus, als man erwarten sollte. Alle Beine sind ziemlich
kräftig und ziemlich lang, die letzten Paare an Länge
stark zunehmend. Der Seitenrand der Rückensehilde ist
bis zu den ersten hin deutlich.
Die Stirn ist vom übrigen Kopf durch die Färbung
stark abgegrenzt.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 67
Punktförmige Eindrücke an Stelle der Bauchnähte
werden auch bei andern Arten dieser Gattung gefunden.
3. JBrancJiiostoma gymnopiis, n. sp.
Br. olivaceum, scutis anterioribus, ventre pedibusque
pallidis. Stigmata minora quam in Br. gracili, suturae
eaedem atque in hoc. spec, impressionibus autem ventra-
libus non conspicuis. Labium vix punctulatum, laminae
dentales antice rotundatae dentibus 3 — 4, dente mandibu-
lari producto tuberculato.
Squama praeanalis postice emarginata, appendices
laterales breves leviter punctulatae apice bispinoso.
Pedes breviores magisque tenues quam in Br. gra-
cili, spinis absentibus tibia paulo femore longiore.
Solius specim. long. 42; lat. ant. 3,2, post. 3,6; cap.
long. 2,4, lat. 2,9; s. bas. lat. 3,5; antenn. ? ped. postr.
14,7 et 13,9 mm. (Femora 3,8 et 3,4; tibia 4,0 et 3,6 mm).
Mens, relat: Lat. ant. 0,076, post. 0,086; cap. long.
0,057, lat. 0,069; s. bas. lat. 0,083; ped. postr. 0,35 et 0,33.
Hab. in insul. Banda.
Gymn. Johann. Hamburg. 1 Exempl.
Das Thier erscheint sehr kurz, und doch greifen die
Schilde nicht weiter über einander, als bei der vorigen
Art. Dadurch ergiebt sich auch hier für das letzte Bein-
paar das relative Maass 0,35, obwohl dieses, wie alle Beine
dünner und nicht so lang erscheint. Die Fühler waren
beide unvollständig.
4. Branchiostoma lithohioides, Newp. 1. c. 411. China.
Der Hauptunterschied liegt in der Bedornung des
letzten Beinpaares, welches 6 scharfe schwarze Dornen am
oberen inneren Rande und 2 mal 3 auf der Unterseite des
ersten Gliedes zeigt. — Länge 1 V4".
5. Branchiostoma Indicum, n. sp.
Br. viridi-olivaceum, specimina nonulla flavescentia,
pedes postremi nigrescentesque apice antennae plerumque
viridi-coerulea, vel violacea, pedes anteriores flavescentes.
Suturae dorsales parum conspicuae, ventralium loco impres-
siones catillares.
Caput parvum, segmentum basilare proximis vix la-
tius. Antennae 20-articulatae apice pilosae. — Laminae
68 B. Kohlrausch:
dentales breves, rotundatae dentibus 4 plus mimisve di-
stinctis, intimis coadunatis, dente mandibulari magno, tu-
berculato.
Squama praeanalis emarginata; appendices laterales
modice productae spinis apicalibus 2. Pedes postremi
graciles spinis 2 in margine infero-externo, 1 (2)
in infero-interno et 1 in supero-interno, apicali
absente.
Long. 44; lat. ant. 2,7, post. 3,2; cap. long. 2,4, lat.
2,7; s. bas. lat. 3,0; antenn. 10,9; ped. postr. 11,5 mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,061, post. 0,073; cap. long.
0,055, lat. 0,061; s. bas. lat. 0,068; antenn. 0,248; ped.
postr. 0,261.
Hab. Rangoon. ^
Gymn. Johann. Hamburg. 25 Exempl.
Die Grösse aller Exemplare war eine fast gleiche,
etwa 40 — 50 mm ; auch die Körperverhältnisse waren nahe-
zu gleich, und die Dornen des letzten Beinpaares in Zahl
und Stellung recht constant, wenn auch in der Grösse
ziemlich verschieden.
Zwei der Göttinger Sammlung gehörende Exemplare
aus Hong-Kong ohne Endbeine gehören vielleicht dieser
Art an.
6. Branchiostoma spinicauda^ Newp. 1. c. 412.
Am ersten Gliede des letzten Beinpaares unterwärts
zweimal 3 Dornen, am oberen inneren Rande ein sehr
grosser und ein sehr kleiner Dorn nahe dem hinteren Ende.
In der unteren äusseren Reihe kommen zuweilen 4 Dornen
vor. Länge 1 Vio"- Nord-Africa.
7. Branchiostoma affine, n. sp.
Br. totum flavum. Stigmata magna, suturae dor-
sales arcuatae, ventrales inconspicuae, quarum loco impres-
siones ut in Br. gracili tertiaque media conspiciuntur.
Labium satis dense punctatum, sulco longitudinali
profund 0 in eis um, laminis dentalibus elongatis dentibus
utrinque 3—4 distinctis acutis, dente mandibulari magno
acuto vix tuberculato. Squama praeanalis emarginata;
appendices laterales punctatae, maximae, valde productae
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 69
spinis 3 apicalibus, 1 lateralibus externis. Peel es po-
stremi longissimi, gracillimi femore spinis magnis
acutis 4—5 in margine supero-interno, 2—3 in in-
fero-interno, 4 que in infero-externo.
Long. 50; lat. ant. 3,7, post. 4,6; cap. long. 3,6, lat.
3,9; s. bas. lat. 4,3; antenn. ? ped. postr. 17,8 mm.
Mens, relat: Lat. ant. 0,074, post. 0,092; cap. long.
0,072, lat. 0,078; s. bas. 0,086; ped. postr. 0,356.
Hab. in Zanzibar.
Gyran. Johann. Hamb. 2 Exempl.
Der kräftigen Zähne, der Form der Analanhänge und
vor allem der grossen, fast siebförmigen Stigmen wegen
erscheint diese Art den Heterostomen nahe verwandt, und
schlage ich deshalb für sie den Namen Br. affine vor.
Dass wir es aber wirklich mit einer Branchiostoma-Art
zu thun haben, zeigen der Mandibularzahn und die über-
aus schlanken Endbeine.
Einem der beiden Exemplare fehlen letztere.
8. Branchiostoma Jongipes. Newp. 1. c. 41 L
Fühlerglieder 19. Zähne jederseits nur 2. Das
Schenkelglied des letzten Beinpaares hat oben innen 3,
unten innen 3, aussen 4 Dornen.
Länge 1 ^/i'. Fundort unbekannt.
9. Branchiostoma celer; Humbert & Saussure
Revue XXH p. 202.
Hab. in Carolina.
Das Exemplar hat den Halsschild nicht übergreifend
und das letzte Beinpaar unbedornt bei einer Grösse von
60 mm und einer Beinlänge von 22 mm. Die Art scheint am
nächsten mit Br. nudum verwandt, obwohl so grosse Exem-
plare letzterer Art kaum ganz unbedornt sein dürften. Bei
allen Branchiostoma-Exemplaren ferner, welche ich ge-
sehen, greift der Halsschild deutlich über den Kopfschild,
jedoch kommen in der verwandten Gattung Heterostoma
hiervon vereinzelt individuelle Ausnahmen vor, und bleibt
daher, ehe wir über das Verhalten der amerikanischen
Branchiostoma-Art in dieser Hinsicht etwas bestimmtes
aussagen können, das Eintreffen weiterer Exemplare von
dorther abzuwarten.
70 E. Kohlrausch: .
Ausserdem lagen mir noch 4 Exemplare vor ohne
Endbeine und zum Theil auch sonst so verstümmelt, dass
eine Bestimmung nicht möglich war.
Von diesen stammte eins aus China, eins von Sumatra,
bei zweien fehlte die Angabe des Fundortes.
6. Genus: Trematoptychus^ Peters.
Oculorum paria 4. Segmenta pedigera 21. Stig-
mata sigmoidea dena, Segmentum cephalicum postice trun-
catum. Pedes postremi graciles spinis minutis.
1. Trematoptychus afer, Peters. Reise nach Mozam-
bique, p. 529.
Hab. in Inhambane (23^ lat. austr.).
Bis auf die Stigmen offenbar den Branchiostoma-
Arten ähnlich. Das grössere der beiden Exemplare ist
55 mm lang.
7. Genus: Branchiotrema^ nov. gen.
Segmenta pedigera 21.
Oculorum paria 4. Stigmata branchiformia utrinque
9 in segmentis 3, 5, 8, 10, 12, ... . 20. Segmentum ce-
phalicum postice truncatum. Pedes postremi graciles
vel gracillimi.
Die Arten dieser Gattung sind von den Branchio-
stomen wesentlich nur dadurch unterschieden, dass sie
statt der 10 Paar Stigmen deren nur 9 besitzen. In den
übrigen Merkmalen sind sie jenen im allgemeinen ähnlich,
jedoch die aus denselben Gegenden stammenden Arten
beider Gattungen soweit verschieden, dass die Annahme
einer Variabilität der Stigmenzahl vorläufig ausgeschlossen
bleiben muss.
In dieser Gattung sind mehrere Arten durch ganz be-
sonders charakteristische Merkmale gekennzeichnet, welche
ihre Wiedererkennung sehr leicht machen werden.
Einen grösseren Eckdorn am Schenkelgliede der End-
beine findet man in dieser Gattung nicht, dagegen eine
reichlichere Bedornung der vorderen Beinpaare, welche
auch am ersten Tarsengliede einen Dorn zeigen. Das
erste Paar hat, wie das der Heterostomen, und Branchio-
stomen sogar alle Glieder bedornt.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 71
Von den 13 mir vorliegenden Exemplaren stammt 1 aus
Japan, 1 von St. Luzon, 3 von Australien, 5 von den Süd-
see-Inseln und 3 aus Popagan. Ein Exemplar aus Rio
hatten Humbert & Saussure zur Gattung Branchio-
stoma gestellt, ein Australisches hatte L. Koch als Cormo-
cephalus bezeichnet.
1. BrancJiiotrema multicarinatum , n. sp. (Taf. V
Fig. 12).
Br. ferrugineum, pedibus flavis. Stigmata nona
magna, branchiformia. Segmeutorum 3 — 20 scuta
dense punctata cristis longitudinalibus 5 con-
tinuis et-1— 2 minus acutis inflexis exterioribus,
marginibus elevatis, suturis inconspicuis. Scutum
postremum sulco unico medio impressum. Laminaeven-
trales profunde punctatae suturis bene conspicuis.
Antennae desunt, scutum cephalicum destructum. Labium
longitudinaliter bifurcatum; laminae dentales paulo latiores
quam longiores antice rotundatae dentibus trinis acutis,
dente mandibulari magno minuteque tuberculato.
Squama praeanalis postice emarginata. Appendices
laterales maximae, conicae, punctatae spinis in apice
3, in margine superiore 1, in exteriore.
Pedes postremi gracillimi dimidia fere cor-
poris longitudine, femore tibiaque ante articula-
tionem nodosis, spinis in margine superiore interiore
3, in superficie interiore 2, in superficie inferiore 3, et 3
in margine inferiore exteriore.
Specim. solius long. 47, lat. ant. 3,8, post. 4,7; ped.
postr. 21,8 mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,081, post. 0,10; ped. postr. 0,4^.
Hab. in Japan.
Göttinger Sammlung 1 Exemplar.
Dieses Thier hat von allen Scolopendriden, welche ich
gesehen habe, die längsten Beine und ist durch die aus
der Figur zu erkennende eigenthümliche Verdickung vor
den Gelenken der beiden ersten Glieder der Endbeine, —
an diesen Stellen findet sich vor dem Gelenk jedesmal
eine Querfurche, — wie durch die charakteristischen Längs-
streifen auf den Rückenschilden gut gekennzeichnet.
72 E. Kohlrau seh:
Solche Streifen finden sich auch bei der einzigen Art
der nächsten Gattung, Alipes, wieder.
2. JBranchiotrema astenon, n. sp. (Tafel V Fig. 13).
Br. fusco-olivaceum, pedibus flavo-coeruleis, posterio-
ribus saturate coeruleis; laminae ventrales rotunda macula
flavescenti mediana notatae, antennae apice nigrescentes.
Scuta suturis scuto-epi scutalibus et praeterea
2 sulcis mediis minus conspicuis singulisque
lateralibus signata; laminae ventrales suturis sterno-
episternalibus et saepe tertio sulco mediano brevi in po-
steriore corporis parte impressae. Antennae pubescentes
1 8— 20 - articulatae.
Labium punctatum laminis dentalibus latis, dentibus
validis 3—4, extumo seiuncto. Squama praeanalis
brevis, lata, emarginata, postice non angustata,
sed dilatata.
Appendices laterales magnae spinis apicalibus 3, ma-
gnisque in margine superiore 1, in exteriore 2, tertiaque
plerumque laterali minuta. Pedes postremi graciles spinis
4—5 alternantibus in margine interiore superiore, 1—2 in
inferiore interiore 3 — 4-que in exteriore.
Specim. minimi long. 37 mm, ped. postr. 11,4 mm.
Spec. max. long. 42; lat. ant. 3,6, post. 4,4; cap.
long. 3,6, lat. 3,8; s. bas. lat. 4,8; antenn. 9,9; ped. postr.
13,0 mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,086, post. 0,105; cap. long.
0,086, lat. 0,090; s. bas. lat. 0,114; antenn. 0,24; ped.
postr. 0,31.
* Hab. in insula Tongana Eua.
Mus. God. Hamb. 4 Exempl.
Der hinten nicht verschmälerte letzte Bauchschild,
Analschild, unterscheidet diese Art von allen übrigen. Die
Zahl der Ftihlerglieder war ^Vis, ^Vi9, *V? und i^o. Die
Zahl der Zähne war meistens je 3, ein Exemplar hatte je 4.
Die Zahl jpid Stellung der Dornen an den Endbeinen war bei
fast allen Thieren eine etwas verschiedene; die übrigen
Merkmale, wie die Grössenverhältnisse stimmen bei allen
gut überein.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 73
3. BrancMotrema Luzonicum, n. sp.
Br. fuscum pedibus antennisque fiavescentibus. An-
tennae 19-articulatae. Laminis dentalibus destructis ma-
gnos fuisse dentes cognoscitur. Squama praeanalis brevis,
lata. Appendices laterales longae apice bifido, spina
unica in margine siiperiore, 3—4 in exteriore. Pedes po-
stremi graciles spinis magnis 5 alternantibus in margine
supero-interno, 2 in infero-interno 3-que in infero-externo.
Spec. solius long. 33,0; lat. ant. 2,8, post. 4,0; cap.
long. 2,2, lat. 2,5; s. bas. lat. 3,3; antenn. 7,7; ped. postr.
11,0 mm.
Mens, relat. : lat. ant. 0,085, post. 0,121; cap. long.
0,067, lat. 0,076; s. bas. lat. 0,10; antenn. 0,23; ped, postr. 0,33.
Hab. Mancayan in insula N. Liizon.
Göttinger Sammlung 1 Exempl.
Vielleicht ist diese Art mit der vorigen identisch,
denn die Körperverbältnisse sind sehr ähnliche, die Anal-
anhänge und Endbeine fast gleich, und von der Furchen-
bildung neben und zwischen den gevröhnlichen Kücken-
näthen zeigt sich wenigstens eine Spur; aber dennoch hat
das Exemplar, dem die Bauchflecken sowohl, wie die grün-
liche Färbung der Endbeine fehlen, den hinten verbreiter-
ten Analschild der vorigen Art nicht.
Am ersten Gliede der Endbeine zeigt sich wie bei
BrancMotrema muUicarinatum vor dem Gelenke eine Quer-
furche, jedoch fehlt die Verdickung der Glieder, die bei
jener Art deutlich hervortritt.
4. Brancliiotrema calcitrans, n. sp.
Br. fusco-olivaceum capite antennisque fuscis, scutis
postremis fiavescentibus. Stigmata satis magna.
Suturae dorsales vix conspicuae, ventrales
catilliformes. Antennae 17-articulatae apice pubescentes.
Labium punctatum laminis dentalibus latis dentibus binis,
quorum interiores lati ex binis coaluisse videntur, dente
mandibulari satis magno. Squama praeanalis postice
paulisperangustata. Appendices laterales rugosae, lon-
gae spinis apicalibus 2, in margine superiore 2 magnis,
in exteriore 1 — 2 minutissimis.
Pedes postremi graciles spinis satis magnis in mar-
74 E. Kohlrausch:
gine interiore superiore 2—3, apicali reliquis nou majore,
in superficie interiore et margine inferiore 4—5, in ex-
teriore 3.
Solius spec. long. 42; lat. ant. 2,8, post. 3,5; cap.
long. 2,4, lat. 2,8; s. bas. lat. 3,4; antenn. 9,9; ped. postr.
12,5 mm.
Mens, relat. : lat. ant. 0,069, post. 0,083; cap. long.
0,057, lat. 0,069; s. bas. lat. 0,081; antenn. 0,34; ped.
postr. 0,30.
Hab. Rockhampton.
Mus. Godeffroy Hamb. 1 Exempl.
Syn. Cormocephalus calcitrans, L. Koch, in litt.
Diese Art ist am nächsten mit Br. astenon verwandt,
und ist möglicher Weise nebst der vorigen mit jener zu ver-
einigen, da jedoch das Analschild hinten nicht verbreitert,
sondern etwas verschmälert, das ganze Thier schlanker
und die Bedornung eine etwas andere ist, habe ich ge-
glaubt diese Thiere vorläufig als zu ^^^nderen Arten ge-
hörend ansehen zu müssen.
Zu einer endgültigen Entscheidung bedürfte es eines
weit reichlicheren Materials.
5. JBranchiotrema tuherculatum. n. sp. (Tafel V Fig. 11).
Br. olivaceum, pedibus postremis viridi-fasciatis. Caput
parvum bimaculatum, segmenta anteriora angusta,
posteriora valde dilatata.
Antennae 18-articulatae apice pubescentes. Labium
punctulatum, laminis dentalibus latis, dentibus 3 magnis
dente mandibulari satis magno. Laminae ventrales a
decima er. usque ad vicesimam tuberculis multis
valde elevatis rugosissimae.
*
Appendices anales laterales magnae elongatae spinis
apicalibus acutis 3—5 singulisque magnis in margine ex-
teriore. Pedes postremi gracillimi spinis validis 3—4 in
margine posteriore superiore, in superficie interiore 6—7
irregularibus, in margine inferiore exteriore 5 — 6. Pedum
postremorum alterius tarsus I sulco mediano in superficie
inferiore instructus, alterius deest.
Specim. solius long. 38; lat. ant. 2,5, post. 4,5; lami-
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 75
narum ventralium lat. ant. 1,5, post. 3,5; cap. long. 2,3,
lat. 3,0; s. bas. lat. 3,2; antenn. 9,5; ped. postr. 12,0 mm.
Mens, relat: lat. ant. 0,066, post. 0,12, laminarum
ventr. lat. ant. 0,04, post. 0,092; cap. long. 0,06, lat. 0,08;
s. bas. lat. 0,084; antenn. 0,25; ped. postr. 0,32.
Hab. Kockliampton.
Mus. Godeffroy Hamburg 1 Exempl.
Eine so grosse Verschiedenheit in der Breite vorn
und hinten, vergl. die angeführten Maasse, habe ich bei
keiner andern Art beobachtet, and nicht weniger auf-
fallend ist die runzelige, höckerige Oberfläche der Bauch-
schilde.
6. JBranchiotrema scahricauda. (Tafel V Fig. 14.)
Br. brunneum vel „olivacea'*, ,,pedibus antennisque
testaceis'S stigmatibus 9 branchiformibus magnis,
„clypeo cephalico latiore quam longiore, antice emargi-
nato; primo segmento supra caput imbricato; labio utrin-
que 3 — 4-dentato; segmentis posticis superne dense granu-
latis''; suturis conspicuis; ,,scutis ventralibus impres-
sione media notatis; laminis lateralibus ultimi seg-
menti punctulatis'', brevibus, ,,inermibus; pedibus
analibus subgracilibus inermibus, primo arti-
culo ') appendiculato". • ;
Specim. ab urbe Rio missi „long. 65, lat. 5,6 mm'^
Speciminum Popayanensium minimi long. 41 ; maximi
long. 60,5; lat. ant. 3,5, post. 4,5; cap. long. 3,3, lat. 3,4;
s. bas. lat. 4,1; antenn. 13,7; ped. postr. 13,5; appendic.
long. 2,2 mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,058, post. 0,075; cap. long.
0,055, lat. 0,057; s. bas. lat. 0,068; antenn. 0,23; ped.
postr. 0,23.
Hab. in Popayan.
G-öttinger Sammlung 3 Exempl.
Hab. in Rio-Janeiro.
Mus. imper. Wien. 1 Exemplar.
Syn. Branchiostoma scabricauda, Humb. & Sauss.
1) „Per varietatem (?)".
76 E. Kohlrausch:
Revue XXII pag. 203 und in den Etudes etc. mit Abbildung.
Die in ,,—'' eingeschlossenen Theile der Diagnose
sind derjenigen Humbert & Saussure's entnommen.
Die relativen Maasse fallen, weil das gemessene Exem-
plar lang gestreckt ist, recht klein aus, sind aber unter
sich proportionirt. Die andern beiden Exemplare sind
etwas kürzer, aber zur Messung zu wenig gut erhalten.
Die Bauchschilde zeigen ausser den gewöhnlichen
beiden Nähten, welche meistens sehr kurz sind, eine mittlere
Längsfurche, die häufig nur am vorderen und hinteren
Schildrande sichtbar bleibt, so dass auf vielen Schilden
4 kurze Längseindrücke erscheinen. Der Auswuchs am
letzten Beinpaare ist höchst eigenthümlich und ist bislang
nur bei dieser Art beobachtet. Als ich die Abbildung des-
selben in der „Mission scientifique'' sah, hielt ich das An-
hängsel für eine offenbare Monstrosität und war daher
doppelt erstaunt dasselbe bei den Branchiotrema-Exem-
plaren aus Popayan wieder zu finden.
Leider war von allen 3 Exemplaren nur ein einziges
Endbein vorhanden, dieses aber jener Abbildung so ähn-
lich, dass ich nicht daran zweifelte dieselbe Art vor mir
zu haben, falls nicht etwa diese Bildung eine häufiger
wiederkehrende Abnormität ist.
Letzteres wäre wahrscheinlich, wenn jenes Exemplar
aus Rio wirklich ein Branchiostoma wpe, d. h. 10 Paar
Stigmen hätte; es hat aber, wie mir vom k. k. Museum
in Wien mitgetheilt wird, deren nur 9, so dass dadurch
sehr wahrscheinlich, ja fast zur Gewissheit wird, dass
die Bildung eine normale ist.
Dann bietet uns aber dieser Fall einen sehr hübschen
Beleg dafür, über wie weite Strecken einzelne Arten ver-
breitet sind; — die Fundorte, welche beide als zuverlässig
bezeichnet werden, liegen nahezu 600 Meilen von einander
entfernt. Dieselbe Erscheinung finden wir auch bei der
nächsten Art wieder.
8. Genus. Älipes ^), Imhoff.
Segmenta pedigera 21; oculorum paria 4; Stigmata
1) Das erste Exemplar dieser Gattung, Alipes multicostis, ist
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 77
rotunda utrinque 9. Segmentum basilare supra caput im-
bricatum. Pedum postremorum tibia tarsique foliiforraes,
complanati dilatatique.
Syn. Eiicorybas, Gerstaecker.
Das wichtigste und am meisten charakteristische
Gattungs-Merkmal sind die blattförmig verbreiterten End-
beine. Die Gattung lebt in Africa, und sind bislang nur
2 Exemplare in die Sammlungen gelangt, resp. beschrieben.
1) Alipes muUicostis, Im ho ff.
Verhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft in
Basel 1854. I 1. p. 120. Goldküste von Guinea.
Syn. (?) Eucorybas crotalus, Gerstaecker. Stettiner
Entomologische Zeitung. Jahrgang 15, 1854. p. 312. Cap
Natal.
Der Rücken hat 7 Längskiele. Die Endbeine sind
sehr schlank und länger, als Vs des Körpers, die Tarsen-
glieder blattartig von der Seite her zusammen gedrückt,
das Schenkelglied unbedornt. Die Frage, ob Gerstaecker's
Eucorybas crotalus, welcher im Leben mit den beiden
Endbeinen ein knarrendes Geräusch hervorzubringen im
Stande ist, dieselbe Art sei, lässt sich ohne beide Exem-
plare zu sehen nicht entscheiden. Die Beschreibungen der
Endbeine sind fast gleich, obwohl der Zeichnung nach die-
jenigen von Eucorj^bas crotalus von oben nach unten zu-
sammengedrückt erscheinen; beide Thiere haben die 7
Längskiele, ein Merkmal, welches wir in andern Gattungen
als Art-Charakter kennen gelernt haben, und einen Wider-
spruch finde ich in den Beschreibungen nicht. Gerstaecker's
Angabe „Tarsen 2-gliedrig" erklärt sich aus dessen anderer
Bezeichnung und Zählung der Beinglieder. (Vgl. die Ab-
bildung in der Stett. Ent. Zeit.)
Die Entfernung der Fundorte beträgt fast 600 Meilen,
von Im ho ff im Jahre 1853 am 16. November in der Versammlung
der „Naturforschenden Gesellschaft" zu Basel beschrieben, und diese
Beschreibung in deren „Verhandlungen" im Druck am 4. September
1854 erschienen. Fast zu derselben Zeit beschrieb im Octoberheft
1854 in der ,, Stettiner Entomologischen Zeitung" Gerstaecker ein
2. Exemplar derselben Gattung, vielleicht derselben Art, unter dem
Namen Eucorybas crotalus.
78 E. Kohlrausch:
wie bei den Exemplaren der vorigen Art, Branchiotrema
scabricauda. Da viele Arten über noch weit grössere
Strecken verbreitet sind, sehe ich diese Entfernung nicht
als einen Grund an 2 verschiedene Arten anzunehmen.
Sollten sich hierfür gewichtigere Gründe finden, so würden
wir die Gerstaeckersche Art wohl Alipes crotalus nennen
müssen.
9. Genus: Cupipes, nov. gen.
Segmenta pedigera 21.
Oculorum paria 4. Stigmata brauchiformia vel ovato-
valvularia utrinque 9. Segraentum cephaiicum postice
truncatum haud imbricatum. Pedes postremi maxime
incrassati.
In dieser Gattung finden wir Arten mit mittelgrossen
deutlich branchiformen, runden Stigmen und solche mit
kleinen abgerundet dreieckigen bis fast spaltförmigen Stig-
men auf einem oft sehr stark hervortretenden Wulst. Die
letzten Beine dieser Thiere sind so stark verdickt, dass
die ersten 3 Glieder derselben so breit, oder breiter noch,
als lang sind; dabei ist die tibia am grössten, das erste
Tarsenglied etwa von der Grösse des Femoralgliedes, die
2 letzten Glieder sehr klein und eigenthümlich geformt.
Vergl. Tafel V Fig. 15 u. 16. Die Klaue am dritten Tar-
sengliede ist auffallend gross, bis 3 mal so gross, wie
dieses Glied selbst, dagegen sind die Dornen am femur
sehr klein und der Eckdorn nicht grösser, als die übrigen.
In der Bein- und Stigmenform finden wir hier Uebergänge
zur Gattung Cormocephalus, und zwar nähern sich die
Stigmen der Spaltform in demselben Maasse, wie die End-
beine länger werden. Eine scharfe Grenze zwischen den
beiden Gattungen zu ziehen ist daher schwer, und man
könnte vielleicht auch die Cupipes-Arten zu einer Unter-
gattung von Cormocephalus zusammenfassen, jedoch habe
ich — hauptsächlich der eigenthümlichen Form der End-
beine wegen — eine besondere Gattung Cupipes aufstellen
zu müssen geglaubt. Ferner finden wir hier, wie in den
Gattungen Cryptops und Scolopocryptops, die Analanhänge
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 79
nicht kegelförmig verlängert, wenngleich Dornen 0 an der
entsprechenden Stelle vorkommen. Nahe dem hintern
Kande des Kopfschildes findet sich eine Querfurche, welche
vielleicht als eine Nath zwischen dem das grosse Mandibel-
paar tragenden segmentum praebasilare und dem Kopf an-
zusehen ist. Bei den meisten Amerikanischen Scolopendra-
und bei den Cryptops-Arten ist dasselbe in ähnlicher Weise
mit dem Halsschild, segm. basilare, verbunden.
Die Arten dieser Gattung leben in Nord- und Süd-
Amerika, in Griechenland und ein Exemplar stammt von
der Carolinen-Insel Ponape.
1. Cupipes amphieurys, n. sp. (Tafel V Fig. 15 u. 16).
C. olivaceus splendore fere metallico, pedibus flave-
scentibus, antennis basicoerulescentibus apice canis.
Scuta cephalicum, basilare et sequentia magna,
secundum et quartum sexto vel nono haud bre-
viora, postremum proximis non angustius postice
dilatatum. Scuta 14—18 reliquis vix latiora, 5 — 6
vix angustiora. Suturae bene conspicuae, scuta dor-
salia sulcis longitudinalibus, irregularibus, stri-
ata exceptis scutis 1,2 et 21. Stigmata magna ro-
tunda. Antennae breves 16 — 17-articulatae, apice pube-
scentes. Caput ovatum postice transverse arcuato-
sulcatum. Labium bifurcatum punctulatum, laminis den-
talibus latis, 3— 4-dentatis, dente externo acuto sejuncto,
internis 2—3 coalitis, dente mandibulari tuberculis multis
instructo. Squama praeanalis postice non emarginata.
Laminae laterales dense sed minute punctatae, breves nee
productae nee mucronatae. Pedes graciles, excepto pari
postremorum maxime crassorum, quorum femur
postice dilatatum, tibia tarsusque primus valde
incrassata marginibus supero-internis acutis atque sulco
profundo medio in superficie superiore, tarsis II et III
parvis basi suptus excavatis, ungue maximo.
Femur spinis 2 in margine supero-interno, 1 in superficie
interna et 1 — 2 in margine infero-interno, inferioribus
exterioribus nullis.
1) Diese Dornen bezeichne ich daher als Spit zen dornen.
80 E. Kohlrausch:
Specim. solius long. 47; lat. 4,0; cap. long. 3,6, lat.
3,5; s.bas.lat.4,7; antemi.9,4; ped. postr. long. 7,0, lat. 2,4mm.
Mens, relat: lat. 0,085; cap. long. 0,077, lat. 0,074;
s. bas. lat. 0,10; antenn. 0,20; ped. postr. 0,179.
Hab. in insula Ponape.
Mus. Godeffroy Hamb. 1 Exempl.
Der Glanz der Bauch- und Rtickenschilde ist weit
stärker, als bei jedem andern Scolopendriden-Exemplar,
und stark metallisch. Die an Stelle der Analanhänge sich
vorfindenden Platten ragen durchaus nicht über das hintere
Körperende hervor.
2. Cupipes microstoma, n. sp.
C. fuscus, scutorum marginibus posterioribus, antennis,
pedibusque flavis. Caput atque scuta anteriora 2—3
sequentibus paulo majora, postremum postice
dilatatum. Scuta dorsalia ut in Cupip. amphieur.
sed minus pofunde sulcata, suturis segmentorum
cephalici et basilaris scuto-episcutalibus optime
conspicuis, laminae ventrales sulcis lateralibus
tertioque medio profunde impresso instructae.
Stigmata parva ovata vel ovato-trigona toris
rotundis vel ovatis elevata. Antennae breves 16 — 17-
articulatae striato-pubescentes.
Caput postice transverse arcuato-sulcatum.
Labium longum, punctulatum, longitudinaliter bifurcatum,
laminis dentalibus multo longioribus quam latio-
ribus; dentibus 3—4, extumis sejunctis. Squama prae-
analis postice rotundata, non emarginata. Laminae late-
rales breves spinis 2 — 3 minutissimis. Pedes postr emi
maxime incrassati femore, tibia tarsoque primo
fere aequalibus, tarsis II et III parvis, suptus ex-
cavatis, ungue maximo, spinis in femoris superficie
interiore 5, — quarum 2 superiores, 2 inferiores, 1 media
in margine posteriore positae, 2 — 4 in superficie et mar-
gine infero-externo. Articuli 3 anteriores marginibus po-
sterioribus superioribus longitudinaliter profunde sulcati.
Long. 45; lat. ant. 3,3, post. 4,2; cap. long. 3,3, lat.
3,0; s. bas. lat. 4,2; antennae 7,0; ped. postr. 7,7, lat. 2,0 mm.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 81
Mens, relat.: lat. ant. 0,073, post. 0,078; cap. long. 0,073,
lat. 0,068; s. bas. lat. 0,078; antennae 0,156; ped. postr. 0,171.
Hab. in Mexico.
Mus. Godeffroy. Hamburg. 1 Exempl.
Gymn. Johann. Hamburg 2 Exempl.
Der Fundort dieser beiden ist nicht bekannt.
Diese Art ist im Allgemeinen der vorigen ähnlich,
doch sind die eigenthümlichen Charaktere jener hier viel
weniger scharf hervortretend, so dass diese Art sich den
übrigen Scolopendriden nähert. Von der vorigen unter-
scheidet sie sich besonders durch die auffallend langen
Zahnplatten, die Bedornung der letzten immer noch unge-
wöhnlich dicken Endbeine und der seitlichen Analplatten
und durch die sehr kleinen Stigmen-Löcher auf stark her-
vortretendem Wulst (cf. Journ. Godeffr. XIV Taf. VI Fig.
18.). Das Exemplar des Museum Godeffroy war mit der Be-
zeichnung ßhombocephalus versehen.
3. Cupipes Graecus, n. sp.
C. albus (in alcohole) mandibulis apice sanguineis,
speciebus proxime descriptis simillimus quod attinet ad
formam pedum scutique postremi paulo angustiorum et ad
squamae appendiciumque analium formam. Caput vero
segmentumque basilare parva sequentibus angu-
stiora; suturis dorsalibus sulci non accedunt, ca-
pitis sulcus transversus arcuatus.
Stigmata parva ovata vel fere valvularia, toris rotun-
dis elevata.
Labii partes laterales longitudinaliter sulcato-rugosae,
pars media impressa, glabra; laminis dentalibus
4-dentatis dente mandibulari parvo tuberculis 4— 5 serrato.
Appendices anales laterales breves, rugosae apice
mucronibus 2 parvis tertioque laterali armatae.
Pedes postremi superne breviter sulcati, marginibus
rotundatis, spinis in margine interiore superiore 4 unise-
riatis totidemque in margine inferiore interiore, in super-
ficie inferiore 8 — 12 parvis irregularibus et 8 biseriatis in
margine inferiore exteriore.
Specim. solius long. 37 ; lat. ant. 2,3, post. 3,1 ; cap.
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. Q
82 E. Kohlrausch:
long. 2,1, lat. 2,3; s. bas. lat. 2,5; antenn. 5,7; ped. postr.
5,9 mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,062, post. 0,083; cap. long. 0,057;
lat. 0,062; s. bas. lat. 0,068; antenn. 0,154; ped. postr. 0,16.
Hab. in Graecia. (?)
Göttinger Sammlung 1 Exempl.
Die Art nähert sich noch mehr, als die vorigen, der
Gattung Cormocephalus; doch müssen wir der Analanhänge
und der Endbeine wegen die Art wohl zur Gattung Cupi-
pes zählen.
4. Cupipes lineatus.
Synon. Cormocephalus lineatus, Newport. Transact.
425. Tab. XL. Fig. 11.
Hab. in insula Caribaea St. Vincentii.
,,C. sordide ochraceus, superficie dorsali lineis 5
longitudinalibus elevatis, pedibus postremis clavatis, arti-
culo basali brevissimo conico spina unica angulari minuta
articulisque omnibus sulco longitudinali profundo in super-
ficie superiore versus extremitatem distalem. Long. unc. 1 V2".
,,The posterior legs — with the basilar Joint conic,
much shorter than the second Joint and rounded, without
spines on the inferior surlace."
Dass wir es hier mit einer Cupipes-Art zu thun
haben, geht aus dieser Beschreibung wie aus der Abbil-
dung hervor; dass jedoch die mir vorliegende Art C. mi-
crostoma aus Mexico mit dieser identisch sei, glaube ich,
obwohl die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, vorläufig
nicht, da 1) meine Exemplare, welche wenig grösser sind,
deutlich bedornte Endbeine haben, 2) nicht 5 erhöhte
Linien, sondern unregelmässige vertiefte Furchen zeigen,
und 3) Newport von dem mittleren Längseindruck der
Bauchschilde nichts erwähnt.
5. Cupipes Brasiliensis.
Syn. Cormocephalus Brasiliensis, Humb. & Sauss. in
Rev. XXII p. 203. u. in. Etudes etc. mit Abbildung.
„pedibus analibus crassis depressis, articulo secundo
longiore, 1^'— 0^ superne apice sulcatis et emarginatis, se-
cundo ex utraque parte incisurae dentato.
Crattungen und Arten der Scolopendriden. 83
Long. 24 mm; ped. anal. 5 mm. (Mens, relat. ped.
anal. 0,21.)
Hab. in Brasilia.
Aus der Abbildung und dem citirten Theil der Be-
schreibung geht hervor, dass wir es wohl mit einer neuen
Cupipes-Art zu thun haben.
Das Thier scheint noch jung zu sein, und würde
sich daraus die für diese Gattung etwas grosse Beinlänge
erklären.
6. (?) Cupipes clavipes.
Syn. Scolopendra chivipes, C. L. Koch.
Die Myriapoden, I Fig. 35.
Hab. in Graecia.
Die Form der Tarsenglieder ist nach der Abbildung
dieselbe wie bei den Cupipes-Arten, wenn auch „die Glie-
der des letzten Beinpaares etwas dünn" sind. Möglicher
Weise gehört die Art in diese Gattung.
10. Genus: CormocephaUcs, Newport.
Segmenta pedigera 21. Oculorum paria 4. Stigmata
valvularia utrinque 9. Segmentum cephalicum postice trun-
catum haud elongatum, basilare supra caput imbricatum.
Die 2 ersten Arten haben der Kopf- und Beinform
nach grosse Aehnlichkeit mit den Arten der vorigen Gat-
tung, doch glaubte ich sie als Cormocephalus bezeichnen
zu müssen, weil von ihnen aus ohne Sprung Uebergänge
zu den schlankbeinigeren Arten sich vorfinden, weil sie
an den Analanhängen sowohl wie am inneren oberen
Winkel des Schenkelgliedes der Endbeine einen kegelför-
migen Fortsatz mit Dornenspitze haben, und weil ihnen
andere Rücken- oder Bauchfurchen, als die gewöhnlichen
Näthe fehlen.
Auch die Stigmen sind bei den beiden ersten Arten
noch nicht ganz deutlich spaltförmig, sondern kurz drei-
eckig, vorzüglich die hinteren abgerundet und auf etwas
erhöhtem Wulst, während sie bei den dann folgenden
Arten sehr deutlich spaltförmig erscheinen. Die kleinen
Dörnchen am 2. Tarsengliede aller Beine fehlen in dieser
Gattung.
84 E. Kohlrausch:
Die Stellung der Dornen an den Endbeinen habe ich
in dieser Gattung- ziemlich constant gefunden, so dass z. B.
die Arten C. aurantiipes und C. foecundus fast nur durch
die Dornenstellung an der unteren äusseren Seite des
Schenkels der Endbeine unterschieden sind. Uebergänge
zwischen beiden Arten habe ich, obwohl ich im Ganzen
etwa 300 Exemplare hatte, nicht beobachtet.
Die Corraocephalus-Arten sind besonders in Austra-
lien zu Hause, wo sie in grosser Zahl vorkommen müssen;
daneben kommen sie auch auf den Stidsee-Inseln, in Afrika,
in Europa und in Mittel- und Süd- Amerika vor. In Asien
scheinen sie zu fehlen.
Newports Eintheilung in:
A. „Pedes postremi graciles elongati,"
* B. „Pedes postremi breves, crassi, clavati" kann bei-
behalten werden, wenn man das Wort „crassi" streicht.
Die erstere Gruppe stelle ich jedoch ans Ende. Aus
derselben habe ich nur ein Exemplar mit Endbeinen ge-
sehen, die allerdings sehr schlank, ja länger noch als
etwa bei Scolopendra subspinipes erscheinen.
A. Pedes postremi breves, clavati.
1. Cormocephalus Westivoodiijl^ew\)ovt. Transact. 422.
(Tafel V Fig. 17).
Hab. „in Nova-HoUandia prope Siidney*' et Lake-
Elphiston.
„C. saturate viridis, pedibus flavis, antennis coeruleis,
mandibulis, segmento cephalico, segmentis posterioribus
pedibusque aurantiacis, dentibus 8 nigris parvis acutis,
pedibus postremis crassis, validis spinulis 3 acutis
in margine interiore 2-que in superficie interna; superficie
inferiore spinulis 4" biser iatis in crista elevata „in
margine externo 2-que in interno".
Antennae 16 — 18-articulatae pubescentes.
* Caput postice curvato-sulcatum, segmentum
])asilare suturis non incouspicuis. Laminae dentales qua-
dratae, antice rotundatae dentibus 4 — 5, dente mandibulari
satis magno, vix tuberculato. Squama praean^is longa,
haud emargiuata, appendices laterales productae apice
bispinosae et plerumque spina tertia minutissima laterali.
Gattungen und Arten der Scolopendridcn. 85
Pedum postremorum articuli 1 — 3 superne in margine
posteriore sulcati.
Speeim. maximi long. 73;
Long. 61,5; lat. ant. 4,5, post. 5,1; cap. long. 4,4,
lat. 4,2; s. bas. lat. 5,1; antenn. 11,0; ped. postr. long.
13,3, lat. 3,0 mm.
Mens, relat: lat. ant. 0,073, post. 0,083; cap. long. 0,071,
lat. 0,070; s. bas. lat. 0,083; antenn. 0,18; ped. postr. 0,215.
Syn. Corm. miniatus, Newp. Transact. 423.
Corm. subminiatus, Newp. 1. c. 423.
„This species varies much in coloiir, but always pre-
serves se same general appearance, The dark blue an-
tennae and yellow legs contrast very prettily with the red
head and posterior pair of legs." (Newp. 1. c. 422.)
Von den mir vorliegenden Exemplaren, ß aus der
Umgegend von Sidney und 3 von Lake-Elphiston, hat nur
eins wirklich diese Färbung, die anderen habeh nur ganz
schwach bläulich angelaufene oder ganz blasse Fühler,
und die Farbe des Rückens ist im Allgemeinen oliven.
Besonders gekennzeichnet ist die Art durch die sehr
dicken, regelmässig bedornten Endbeine. Von den mir
bekannten Arten ist diese den Cupipeden am nächsten
verwandt. Die Stigmen sind bei grösseren Exemplaren
vorn deutlich spaltförmig, hinten jedoch ziemlich kurz und
meist etwas geöffnet, bei einem ganz jungen Exemplar
sind sie fast branchiform. •
2.(?) Cormocephalus lanatipes, n. sp.
C. fusco-olivaceus, pedibus flavis, antennis forsitan
coerulescentibus. Speciei proxime descriptae simillimus
differt pedibus postremis lanatigeris.
Hab. in Nova-Hollandia prope Gayndah.
Mus. Godeffroy Hamburg. 3 Exempl.
Da diese Thiere mit den bei Sidney gefangenen
Exemplaren von Corm. Westwoodii in allen Merkmalen,
besonders in der Form und Bedornung des letzten Bein-
paares übereinstimmen, und da von 4 bei Gayndah gefan-
genen Exemplaren eins unbehaarte, eins schwach und zwei
stark behaarte Endbeine haben; so kann es zweifelhaft
erscheinen, ob dieser Unterschied wirklich ein Artunter-
86 E. Kohlrausch:
schied ist; doch sehe ich ihn vorläufig noch als solchen
an, da wir ihn in der Gattung Scolopocryptops als guten
Artcharakter kennen gelernt haben. Diese Behaarung ist
ziemlich kurz und dicht und erscheint am 2. und 3. Tarsus
ringsherum, bei den vorgehenden Gliedern an der inneren
Seite, am femur nur der inneren oberen Kante.
3. Cormocephalus gracilis, n. sp.
C. olivaceus scutis postice colore viridi laeto margi-
natis, capite pedibusque postremis castaneis, antennis
virescentibus. Caput segmentumque basilare parva, corpus
antice attenuatum, segmentum postremum latum. Suturae
dorsales ventralesque optime conspicuae. Antennae IT-arti-
culatae, apice pubescentes. Laminae dentales 4-dentatae
dentibus parvis, dente mandibulari parvo. Squama prae-
analis elongata, non emarginata; appendices laterales dense
punctatae, longae apice bifido. Pedes graciles postremi
satis longi, tamen fere ut in C. Westwoodii incrassati
spinis 3 in margine super o-interno angulari maxima, su-
perficialibus singulis, 2 in margine infero-interno 3-que
uniseriatis in externo.
Long. 43; lat. ant. 2,5, post. 3,5; cap. long. 2,4, lat.
2,4; s. bas. lat. 2,9; antenn. 7,7; ped. postr. long. 7,5
lat. 1,5 mm.
Mens, relat. : lat. ant. 0,058, post. 0,081 ; cap long.
0,056, lat. 0,055; s. bas. lat. 0,068; antenn. 0,18; ped.
postr. 0,177.
Hab. in Nova-Hollandia orientali.
Mus. Godeffroy Hamburg. 2 Exempl.
Eines der Exemplare wurde bei Sidney gefangen.
Dieses ist weniger lebhaft gefärbt, sehr weich und
stark gereckt. Die Maasse habe ich daher von dem andern
Exemplar genommen, welches gut erhalten zu sein scheint
und bei Gayndah gefangen ist.
4. Cormocephalus foecundiis^ Newport. Transact. 421.
Hab. „in Nova-Hollandia prope Paramatta," Sidney
et. Lake-Elphiston.
„C. olivaceus, capite labio mandibulisque saturate
castaneis, politis, sparse punctatis, antennis laete viridibus,
pedibus postremis ochraceis convexis, superf icie inferiore
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 87
spinulis nigris 4 oblique biseriatis in margine
externo 2-que in interno uniser iatis."
Long. 66,7; lat. ant. 4,2, post. 5,0; cap. long. 4,1,
lat. 4,5; s. bas. lat. 5,0; antenn. 9,0; ped. postr. long. 10,5,
lat. 1,6 mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,063, post. 0,075; cap. long.
0,062, lat. 0,068; s. bas. lat. 0,075; antenn. 0,135; ped.
postr. 0,158.
Syn. Corm. violaceus, Newp. 1. c. 424. Nova-Zealan-
dia prope Wellington. Scolopendra violacescens, Gervais
Hist. 275. Nova-Zealandia.
Obiger Diagnose fügt Newport unter anderm noch
hinzu, dass 8 schwarze, stumpfe Zähne und je 1 sehr
grosser Mandibularzahn vorhanden sind, dass an dem mit-
tellangen Schenkelgliede der Endbeine auf der Innenseite
noch 2 Dörnchen stehen, welche schräg aufwärts auf den
Eckdorn vai gerichtet sind, und dass die Analanhänge lang
und mit 1 oder 2 Spitzen versehen sind.
Den Namen foecundus hat Newport gewählt, weil
diese Art bei Paramatta, nahe bei Sidney, in grösster An-
zahl, („in very great abundance''), gefangen war.
Ich habe 93 Stück vor mir, von welchen dem
Mus. Godeffroy 87. aus Sidney, 6 von Lake-Elphiston ge-
sandt sind.
Die Farbe der Rückenschilde schwankt zwischen
violett und bräunlich, die der Fühler zwischen blau und
graubraun. Eine eigentliche Bänderung habe ich nicht
gefunden, häufig jedoch Ansätze dazu, d. h. halbmondför-
mige grünliche Flecken am Hinterrand einzelner Rücken-
schilde. Die Endbeine sind ziemlich kurz und dünn, am
unteren äusseren Rande des femur immer mit 4 Dornen
besetzt, welche in 2 Reihen auf ziemlich stark erhöhter
Leiste stehen, durch welche die Unterseite etwas concav
erscheint.
Auch in dieser Art haben recht kleine Exemplare
bedeutend schlankere Beine. Vergl. Journal Godeffroy XIV
p. Qß. Zeile 11 ff.
5. Cormocephalus aurantiipes, Newport. Transact 420.
(Tafel V Fig. 18.)^,
88 E. Kohlrausch:
Hab. „in Nova-Hollandia ad Portuin Essington" et
prope Sidney, Gayndah, Rockhampton etc.
,,C. olivaceus, pedibus aiirantiacis, laminis dentali-
bus angustatis, dentibus 6 (vel 8) brevibus, obtusis, pedum
postremorum articulo basali convexo porca elevata mediana
diagonali ; margine interno acuto spinulis 3, quarum apicali
bifida; superficie inferiore spinulis 5, quarum 3 in mar-
gine exteriore, 2 in interiore".
Long. 70; lat. ant. 5,1, post. 6,1; cap. long. 4,5, lat.
5,0; s. bas. lat. 6,3; antenn. 13,5; ped. postr. 12,1mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,073, post. 0,087; cap. long.
0,064, lat. 0,071; s. bas. lat. 0,090; antenn. 0,193; ped.
postr. 0,173.
Syn. Corm. obscurus, Newp. 1. c. 421. Sidney.
(?) Corm. pallipes, Newp. 1. c. 424. Van-Diemen et
Nova-Hollandia.
Scolopendra puncticeps, Gervais^), Hist. 273. Van-
Diemen.
Corm. brevi-spinatus. L. Koch in: Verhandlungen
der K. K. zool. . . u. botanischen Gesellschaft zu Wien 1867.
p. 248. Brinsbare in Queensland auf Neu-Holland.
In seiner Beschreibung bemerkt Newp ort ferner:
„ . . . Fühler am Grunde dick, 17gliedrig; Halsschild kurz
und breit; die 2 mittleren der 6 Zähne zweispaltig . . . .
Letztes Beinpaar mit 3 Dörnchen innen oben, 2 innen
schräg aufwärts, 2 unten innen und 3 aussen. Analanhänge
kurz und 2-spitzig. . . .^'
Ich hatte 128 Exemplare aus Sidney, 27 aus Gayn-
dah, 51 aus Rockhampton und 5 von den Peak-Downs, im
Ganzen also 211 zur Vergleichung.
Die Form der Zahnplatten, die Zahl, Form und
Stellung der Zähne schwankt nicht unerheblich ; constanter
war die Zahl und Stellung der Dornen an den Endbeinen,
obwohl die Grösse dieser Dornen auch ziemlich grossen
Schwankungen unterliegt. Der vordere der 2 Dornen an
der Innenseite des femur fehlt allerdings häufig, die übri-
1) Gervais giebt über die Endbeine nur an, dass sie unten
aussen bedornt seien.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 89
gen selten, und die äusseren 3 in eine Reilie gestellten
Dornen bilden den hauptsächlichsten Unterschied dieser
Art von der vorhergehenden. Der äussere obere Rand
dieses Gliedes ist meistens abgerundet, nicht selten aber
auch ziemlich scharf, während Uebergange zwischen beiden
zwar nicht fehlen, aber auch nicht gerade häufig sind.
Die bei Gayndah gesammelten Exemplare haben durch-
schnittlich etwas kürzere Endbeine mit meist kräftigeren
Dornen, fast' immer schön grün gefärbte Fühler und mei-
stens oliven bis blaugrün gefärbte Endbeine, wie denn die
bei Gayndah gefangenen Scolopendriden fast sämmtlich,
besonders an den Fühlern, lebhaft gefärbt sind.
Von den 5 in den Peak-Downs gefangenen Exem-
plaren sind 3 recht kleine denen von Sidney gleich, 2
grössere haben lange Zahnplatten und ziemlich schlanke
Endbeine,
Von den bei Sidney gefangenen Exemplaren waren
15 in einem besonderen Glase, von welchen 11 so erheblich
schwächere Dornen zeigten, dass man dazu geneigt sein
könnte, diese als zu einer anderen Art gehörig anzusehen;
jedoch ist es auch möglich, dass dieselben zu einer an-
deren Jahreszeit gefangen sind, von welcher die Häutung
und so auch die Stärke der Dornen abhängig sein kann.
6. Cormocephalus ambiguus,li^Qyv i:f ort Transact. 423.
Afrika australis.
Die Art scheint mit Corm. foecundus am nächsten
verwandt zu sein, unterscheidet sich jedoch der Beschrei-
bung nach durch die Stellung der Dornen der Innenseite
und des inneren unteren Randes, „forming a single series
of five with apical spine". 2 ^A Zoll.
7. Cormocephaltis acanthophorus, n. sp.
C. fuscus scutorum marginibus posterioribus pedi-
busque fulvis. Suturae dorsales ventralesque non incon-
spicuae interdumque sulcus medius ventralis conspicitur.
Stigmata 9 valvularia. Antennae breves, 19-articulatae,
apice pubescentes. Laminae dentales quadratae dentibus
magnis 3—^4, externe sejuncto, dente mandibulari magno.
Squama praeanalis modice angustata, postice haud
emarginata. Appendices laterales elongatae spinis apica-
90 E. Kohlranscb:
libus 2—4. Pedes postremi non ita breves, crassi, femore
superne longitudinaliter siücato, spinis parvis in margin e
supero-interno 5, apicali 2 — 3-fida, non producta,
et 12—14 in superficie inferiore 4-seriatis.
Specim. maximi long. 56; lat. ant. 3,7, post. 4,8; cap.
long. 3,5, lat. 3,5; s. bas. lat. 4,6; antenn. 8,1; ped.
postr. 8,5 mm.
Mens relat.: lat. ant. 0,066, post. 0,086; cap. long. 0,063,
lat. 0,063; s. bas. lat. 0,082; antenn. 0,145; ped. postr. 0,152.
Hab. in Afrika prope Zanzibar.
Mus. GodefProy Hamb. 7 Exemplare.
8.(?) Cormocephalus pygomelas, n. sp. (?).
C. fusco-olivaceus, capite pedibusque postremis casta-
neis, appendicibus analibus lateralibus nigris. Capitis
maxime punctati suturae scuto-episcutales et sul-
cus transversus arcuatus bene conspicua. An-
tennae 16-articulatae, satis lougae apice nigrescentes pube-
scentesque. Dentes labiales satis magni 3—4, dens mandi-
bularis maximus tuberculis trinis. Appendices anales
laterales nigrae apice bifido. Pedes postremi medio-
cres marginibus rotundatis, spinis in margine supero-interno
3 magnis, angulari elongata bifida, 1 in superficie interna,
2 in margine inferiore interiore 3-que in exteriore.
Spec. solius long. 100; lat. ant. 7,0, post. 8,6; cap.
long. 6,0, lat. 6,0; s. bas. lat. 7,5; antenn., 16,5; ped.
postr. 15,0 mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,070, post. 0,086; cap. long.
0,060, lat. 0,060; s. bas. lat. 0,075; antenn. 0,165; ped.
postr. 0,15.
Hab. in America australi.
Mus. Godeffroy Hamburg 1 Exemplar.
Leider ist nur dies eine Exemplar vorhanden, und
müssen wir daher noch weitere Funde abwarten, ehe sich
entscheiden lässt, ob diese Art wirklich eine gut unter-
schiedene ist. Die schwarzen Analanhänge und die dichte
Punctierung des Kopfschildes zeichnen dieses Exemplar
vor allen andern Corm. aus. Vielleicht ist diese Art mit
der folgenden identisch.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 91
9. Cormocephalus Guildingii, Newport. Transact. 425.
Hab. in iusula Caribaea Sti. Vincentii.
Die Endbeine sind wie bei der vorhergehenden Art
bedornt, sehr gross und hing; die Analanhänge sehr rauh.
Die Länge beträgt nur 1 Zoll, das Thier ist also vielleicht
ein junges Exemplar.
Wahrscheinlich gehören in diese Gattung auch die
Arten r
Scolopendra Chilensis, Gervais. Hist. 285.
Hab. in Chili und »
Scolopendra rubripes, Brandt Bull. VII p. 156. Java.
Scolopendra Violantis, Pirotta. Ann. del Mus. civico
di stör. nat. di Genova. Vol.. XI. pag. 407. Hab. Pantelleria.
Ein offenbar junges Exemplar mit 4 Dornen am
oberen inneren und 2 am äusseren unteren Rande der
schlanken Endbeine. („II capo e.... tronco alF indietro")
cf. p. 103.
B.* Pedes postremi graciles elongati.
10. Cormocephalus ruhriceps,l^Qw\)OYt. Transact. 419.
Hab. in Nova-Zealandia.
C. . . . corpore postice valde attenuato, antice dila-
tato . . .''
In der Beschreibung sagt Newport dagegen: ,,. . .
body . . . with se second, third and fourth segments nar-
rowed, those of the posterior half of the body dilated."
Letzteres ist jedenfalls das Richtige.
„Maudibularzahn und Zahnplatten gross mit 8 grossen,
scharfen Zähnen . . .
Der Körper ist dunkelbraun, glatt, etwas abgeplattet
und mit vorragenden („produced'^) Rändern . . . Endbeine
massig lang, , mit ziemlich langem, schwach gewölbtem,
aussen abgerundetem Schenkelgliede. Der innere Rand
ist ebenfalls abgerundet und hat 3 Dornen, den Eckdorn
gross und 2spitzig; die innere und untere Fläche gleich-
falls gerundet mit 3 scharfen Dornen auf erhöhter Leiste
unten schräg nach aussen, 4 auf ähnlicher Leiste innen
schräg aufwärts, so dass der letzte am Grunde des Eck-
dorns steht. Analanhänge braun mit hellfarbiger, 2-theiliger
92 E. Kohlrausch:
Spitze. Letzter Bauchschild lang, hinten verschmälert und
grade abgeschnitten, in der Mitte mit einem Längseindruck".
Die Göttinger Sammlung besitzt ein grosses, gut er-
haltenes Exemplar aus Sidney, welches mit Newport's
Beschreibung gut übereinstimmt, und ausserdem 2 breite
flache der Länge nach fast über die ganze Oberseite ver-
laufende Vertiefungen zeigt, — man könnte vielleicht auch
concave Rückenschilde mit erhabener mittlerer Längsleiste
sagen. —
Die Fühler haben 15 Glieder bei gut erhaltenen
Endgliedern. Ein zweites, kleines, unvollständiges Exem-
plar hat je 16 Fühlerglieder, Form und Vertiefung der
Rückenschilde wie das grössere. Die Maasse des grösseren
Exemplars sind:
Länge 100; Breite vorn 5,9, hinten 8,6; Kopflänge
5,9, Kopf breite 6,0; Halsbreite 7,1; Fühlerlänge 17,4 und
14,6; Endbeine 22 ram.
Relative Breite v. 0,059; h. 0,086; Kopflänge 0,059,
Kopfbr. 0,060; Halsbr. 0,071; mittlere Fühlerl. 0,16; End-
beine 0,22.
Die Verschiedenheit in der Körperbreite ist bei dem
mir vorliegenden Exemplare keine aussergewöhnliche.
Das Exemplar ist etwas gereckt, wodurch die rela-
tiven Maasse zu klein ausfallen. Die Endbeine sind, wie
sich aus den Zahlen ergiebt, erheblich länger, als bei den
vorigen Arten, und sind schlanker noch als z. B. bei Sco-
lopendra subspinipes, so dass die Absonderung dieser Art
in die besondere Abtheilung der schlankbeinigen Corm.
durchaus gerechtfertigt erscheinen muss.
11. Cormocephahis lobidenSj Newport. Transact. 420.
Hab. - ?
„C. . . . dentibus utrinque in lobos 2 acutos extus
basi lobulatos coalitis, . . ."
In der Beschreibung fügt Newport hinzu: ,,Der
vordere Rand jedes Rückenschildes ist rundlich mit er-
höhtem Rande. Das Schenkelglied des letzten Beinpaares
rund, (ohne scharfe Ränder,) in der Mitte enger, am
hintern Ende verdickt. Innen oben 5, innen 2 und unten
aussen 3 Dörnchen."
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 98
11. Subgenus. Eliombocephalus, Newport.
Segmenta pedigera 21. Oculorum paria 4. Stigmata
valvirlaria utrinque 9. „Segmentum cephalicum eloiigatum,
sublriaiigulare, subbasilare labiuraque angustissima/'
Ich habe kein Exemplar dieser Gattung gesehen.
1. RhomhocephaUis viridifrons, Newport. Transact.
425. Gallia australis.
2. Rhombocephalus Gamhiae Newport. 1. c. 426.
Africa ad ripas flitvii Gambiae.
3. Bhomhocephdlus parvuSj Newport. 1. c. 426. Malta.
4. Bhomhocephalus politus, Newport. 1. c. 426. Nova
Hollandia occidentalis.
5. Rhombocephalus brevis, Newport. 1. c. 426. Nova
Hollandia occidentalis.
12. Genus. Theatops, Newport.
Segmenta pedigera 21. Oculorum vix conspicuorum
paria 4. Stigmata valvularia utrinque 9. „Segmentum
cephalicum truncatum subimbricatum;" margine labiali
denticulato, pedum postremorum articulo primo magno,
obconico, abbreviato; appendicibus analibus lateralibus
obtusis, scuto postremo maxipiio.
Ein Exemplar dieser Gattung, welche möglicher Weise
mit Opisthemega identisch sein mag, habe ich nicht ge-
sehen. Was unter „segmentum cephalicum subimbricatum*'
zu verstehen sei, ist mir nicht völlig klar, Newport stellt
die Gattung nicht zu den Cormocephalinen und sagt doch :
„Von den wahren Scolopendren durch diese Kopfbildung
unterschieden." (Cf. Journ. Godeffr. XIV. 58 unten.)
1. Theatops postica, Newport, Transact. 409. Georgia
Floridaqiie orientalis.
Syn. Cryptops postica, Say. Journ. Acad. Nat Scienc.
Philadelphia. II p. 112. (fide Newport.)
Cryptops postica, Gervais. Ann. Scienc. Natur.
Janv. 1837. p. 51. sp. 5. (fide Newport.)
Cryptops postica, Lucas. Hist. Anim. Artic. p. 547.
sp. 5. (fide Newport.)
94 E. Kohlrausch:
13. Genus Scolopendra^ Newport.
Segmenta pedigera 21.
Oculoruin paria 4. Stigmata valvularia utrinque 9-.
Segmentum cephalicnm cordatum, imbricatum. Antennae
attenuatae, 17 — 30-articulatae. Scutum postremum praece-
dentibus aügustius.
Newport theilt diese Gattung, welche bei ihm an 60
Arten umfasst, nach Form und Grösse der Zähne in die
beiden Abtheilungen der Parvidentatae und Latidentatae und
erstere hauptsächlich nach Form und Bedornung der End-
beine in 3 Gruppen, oder Sectionen. Von diesen deckt
sich die erste, Sectio A, mit der Art Sc. morsitans, L., wie
ich sie begrenze, die 2., Sectio B, zerfällt wieder in 3
Unterabtheilungen, für welche ich die Arten Sc. cingulata,
Latr., Sc. subspinipes, Leach und Sc. De Haanii, Brandt
einsetze, und die 3., Sectio C, fasse ich mit den Latiden-
tatae zusammen. Mit letzteren sind ihre Arten nämlich
ausser durch den sehr ähnlichen Zahnbau auch durch Form
und Bedornung der Endbeine und meistens durch den
Besitz einer praebasilar-Furche verwandt, und es stammen
die so vereinigten Arten fast sämmtlich aus America.
Diese Eintheilung äusserlich durch Bildung von Unter-
Gattungen hervorzuheben, sehe ich keinen 'Grund, denn
die gemeinsamen, wie die verschiedenen Merkmale dieser
Gruppen sind so unbedeutende, dass die Bildung letzterer
der Natur kaum entsprechen dürfte. Bei der geringen
Zahl von Arten, auf welche mich diese Untersuchung ge-
führt, ist ausserdem eine solche Eintheilung durchaus un-
nöthig. Verbreitet ist diese Gattung über alle wärmeren
Länder. Von amerikanischen Arten hatte ich ein verhält-
nissmässig nur dürftiges Material.
1. Scolopendra De Haanii, Brandt.
Sc. fusca, vix marginata, pedibus antennisque flave-
scentibus. Caput satis magnum, postice margine recto.
Suturae dorsales vix, ventrales bene conspicuae. Antennae
longae 18-articulatae. Labium vix punctulatum, dentibus
parvis utrinque 5 — 6, dente mandibulari parvo, obtuso.
Scutum postremum laminaque praeanalis longa, haecce
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 95
postice rotundata. Appendices laterales crassae, non ita
longae, minute punctatae, apice bifidae. Pedespostremi
graciles, elongati spinis in margine supero-in-
ternoS^ apicali bifida, superficie interna iuferna-
que inermi.
Long. 140; lat. ant. 10,2, post. 12,3; cap. long. 10,1,
lat. 10,4; s. bas. lat. 11,8; antenn. 28,3; ped. postr. 31,4mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,073, post. 0,088; cap. long.
0,072, lat. 0,074; s. bas. lat. 0,083; antenn. 0,202; ped.
postr. 0,224 i).
Syn. 1) Sc. De Haanii, Brandt. Bull. VII p. 152 ui^
Sc. subspinipes, De Haan in litt, (fide Brandt. 1. c. 152.)
2) Sc. fissispina L. Koch. Verhandl. der k. k. zool.
botan. Gesellsch. in Wien. XV 1865. p. 891. Penang,
Ostindien.
3) Sc. Silhetensis, Newport. Transact. 303. Silhet
in Ostindien.
4) Sc. concolor, Newport. 1. c. 304. Bengalen.
5) Sc. limicolor, Wood. Proeeed. 1861 p. 12. Bengalen.
Aus Ostindien besitzt die Göttinger Sammlung 6
Exemplare von 130—170 mm Länge von fast ganz gleichen
Körperverhältnissen; das Mus. Godeffroy ein ebensolches
Exemplar vom Himalaya und ein kleines 60 mm grosses ^)
aus Penang.
6) (?) Sc. inermis, Newport. 1. c. 393. Tenerassim,
Ostindien.
Ausser dem Eckdorn ist kein weiterer Dorn vorhanden.
Die beiden anderen fehlen vielleicht zufällig wie auch
zweien der mir vorliegenden Exemplare ein Dorn fehlt.
7) Sc. horrida, C. L. Koch. Die Myriapoden, I. Fig.
67. Java.
8) Sc. cephalica, Wood. Proeeed. 1861. p. 12. Africa.
9) Sc. gracilis, Wood. Varietät der vorigen Art. Pro-
eeed. 1861. p. 13. Africa.
10) (?) Sc. ornata; C. L. Koch. 1. c. II Fig. 134. Brasilien.
1) Ein sehr kleines Exemplar von 60 mm Länge hat Endbeine
von 16mm, also einer relativen Länge von 0,267.
2) Sc. fissispina L. Koch.
96 E. Kohlrausch:
11) Sc. gigantea, C. L. Koch. 1. c. II Fig. 133.
Westindien.
12) Sc. Childreni, Newport. 1. c. 394. Fundort ?
13) Sc. bispinipes, Wood. Transact. XIIL p. 166.
In allen übrigen Merkmalen mit Sc. De Haanii über-
einstimmend, aber durch eine eigenthümliche Färbung
ausgezeichnet sind:
14)(?) Sc. Hardwickii, Newp. 1. c. „Hab. in Insula
Orientali", mit vielen, bis zu 16, Zähnen.
15)(?) Sc. bicolor, Humbert & Saussure, in Mem. Soc.
de phys. et d'hist. nat. Geneve XVIII. 1. 1866. p. 12. Ceylon.
Das Exemplar hat 6—8 Zähne, (an jeder Seite, wie
die vorhergehende, oder an beiden zusammen, wie die
folgende Art ? — ) und kleine undeutliche Dornen, („une
saillie tuberculeuse fort petite.").
Die Endbeine sind für diese Art reichlich kurz, nur
21mm bei 125 Körperlänge; jedoch kann vielleicht das
Thier stark gereckt sein (was man aus der Fühlerlänge
=22 mm schliessen könnte,) oder es sind die Beine nach-
gebildet, in welchem Falle eine Höckerkante statt der
Dornen häufig auftritt.
16)(?) Sc. histrionica, C. L. Koch. 1. c. I. Fig. 44.
Fundort ? Zähne 3-4.
Das gemeinsame Merkmal dieser 3 Arten ist eine
verschiedene Färbung der abwechselnden Körperringe.
Newport's Art hat die Segmente 3, 5, 8, 10, 12, 14, 16, 18
tief blau, die übrigen hellbraun. Bei Koch's Exemplar
waren umgekehrt die Glieder 2, 4, 6, 9, 11, 13, 15, 17, 19
dunkel-oliven, die andern gelb. Saussure 's Exemplar
hatte die Glieder 2, 4, 6, deutlich smaragdgrün, 3, 5, 7
deutlich roth; undeutlich roth gefärbt waren die Ringe
8, 10, 12, 14, 16, 18, mattgrün die Segmente 11, 13, 15,
17, 19. Ob wir es hier wirklich mit besonderen Arten
zu thuu haben, und dann müssten es 3 verschiedene Arten
sein, lässt sich wohl erst bei reichlicherem Material ent-
scheiden; vorläufig möchte ich es bezweifeln, und stelle
dieselben deshalb zu Sc. De Haanii.
2) Scolopendra subspinipeSj Leach.
Sc. fusca vel olivacea capite castaneo, antennis pedi-
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 97
busque flavis, lateribus saepe coerulescentibus. Scuta mi-
nutissime punctata; suturae plerumque vix conspicuae.
Antennae 17 — 18-articulatae apice pubescentes. Laminae
dentales breves dentibus 4 — 6 parvis, dente mandibulari
parvo, tuberculato.
Squama analis angusta, postice rotundata, non emar-
ginata. Appendices laterales magnae apice bifido. Pedes
postremi longi, graciles spinis magnis acutis in
margine supero-interno 2, apicali simplici vel
bifida, in superficie internal, in margine infero-
externo 2.
Long. 118; lat. ant. 7,8, post. 10,5; cap. long. 7,6,
lat. 7,9; s. bas. lat. 9,0; antenn. 24,4; ped. postr. 24,0 mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,066, post. 0,090; cap. long.
0,065. lat. 0,067; s. bas. lat. 0,076; antenn. 0,21; ped.
postr. 0,20.
Diese Art ist über fast alle Erdtheile verbreitet. In
Europa scheint sie zu fehlen, wenn nicht Sc.Doriae, Pi-
ro tta, aus Palermo eine junge Sc. subspinipes ist (cf. p. 103);
vielleicht auch auf Australien, denn bislang ist vom Fest-
lande Australien kein Exemplar dieser Art in die Samm-
lungen gelangt, während auf den Sunda- und den Südsee-
Inseln eine grosse Menge derselben gefangen ist.
Syn. 1) Sc. subspinipes, Leach. Transact. Soc. London,
VI p. 383.
Sc. subspinipes, Newport. 1. c. 389.
Newport giebt eine genauere Beschreibung der
Exemplare, welche auch Leach 's Beschreibung zu Grunde
lagen. Fundort unbekannt.
2) Sc. plumbeolatus, Wood. Proceed. 1861. p. 14.
Cap-Verde-Inseln.
a) Ein Exemplar des Gymnasium Johanneum zu Ham-
burg aus West- Afrika zeigt stark blaue Seiten, ebenso
b) ein Exemplar derselben Sammlung aus Surinam.
3) Sc. rarispina, Gervais. Hist. 270. Madagaskar.
4) Sc. Lucasii, Gervais. 1. c. 270. Ile de France.
Ein ähnliches Exemplar hatte Gervais aus Mähe in
Hindostan.
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. ] . Bd. 7
98 E. Kohlransch:
Scolopendre de Lucas, EydouxetSouleyet. Voyage
de la Bonite, Zool. Apteres. pl. L Fig. 12. (fide Gerv.)
5) Sc. Borbonica, Blanchard. Icongr. Regn. x^niin.
Ins. pl. 12, Fig. 3.: (fide Gerv.)
6) Sc. Ceylonensis, Newport. 1. c. 391. Ceylon.
7) Sc. flava, Newport. 1. c. 392. Ceylon (?).
Vom Festland Ostindien besitzt die Göttinger Samm-
lung c.) 1 Exemplar, das Mus. God. deren d.) 4, von wel-
chen das Göttinger ganz hell, fast weiss, erscheint, die
übrigen braun- bis grünoliven gefärbt und gebändert sind.
e) Ein Exemplar des Gymn. Joh. aus Calcutta hat,
wie die Afrikaner, blaue Seiten.
8) Sc. dinodon, Wood. Proc. 1861. p. 12. Singapore,
(12 Zähne).
9) Sc. parvidens, Wood. Proc. 1861. p. 13. Ningpoo
in China.
f, g) Die Göttinger Sammlung besitzt je ein Exemplar
aus Japan und Celebes von dunkelbrauner Farbe mit
hellerer Bänderung. (Die Thiere standen wahrscheinlich
nahe vor einer Häutung.) h, i) Je ein Exemplar der-
selben Sammlung aus Sumatra und Manila haben blaue
Seiten.
10) Sc. mactans. C. L. Koch. Die Myriapoden I.
Fig. 79. Java. (12 Zähne.)
11) (?) Sc. sulphurea. C. L. Koch. 1. c. I. Fig. 92. Java.
Das Exemplar hatte einen Längskiel auf dem letzten
Rückenschilde, dieser erscheint nach der Zeichnung sehr
auffallend, etwa wie bei Sc. cristata, doch sind die Zeich-
nungen in dem Koch 'sehen Werke nicht sehr zuverlässig ^).
k) Das Gymnasium Johann, besitzt 2 Exemplare von
1) Die Abbildung von Sc. costata, C. L. Koch 1. c. II Fig.
147 zeigt auf dem letzten Rückenschilde einen Wulst, von dem der
Text nichts erwähnt; bei Sc. mactans, I Fig. 79 heisst es im Text:
Kopf am Hinterrand grade, nach der Figur ist er so rund, wie
möglich; die Tarsengliederzahl ist bald 3, bald 4 bei Cryptops
erythrocephalus, II Fig. 221, und bei Sc. Scopoliana, I. Fig. 34.
Die Dornenstellung ist mehrfach ofifenbar verzeichnet, z. B. I. Fig.
20, I. Fig. 33. etc. I, Fig. 46 entspricht der Beschreibung im Text
recht schlecht. (Vergl. auch p. 107 u. 131.)
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 99
Java, welche nichts ungewöhnliches haben. Von den Süd-
see-Inseln besitzt das Mus. Godeffroy
1) aus Rarotonga 5 normale Exemplare; ebenso nor-
mal ist:
12) Sc. Sandwichiana, Gervais. 1. c. 276 von den
Sandwich-Inseln.
m) Grosse Mengen, 150—200 Stück dieser Art sind
dem Mus. Godeffroy von Tahiti zugegangen, welche zeigen,
dass die individuellen Schwankungen dieser Art ziemlich
beträchtliche sein können. Die Kopfgrösse ist eine ziem-
lich verschiedene und hängt mit andern Eigenthümlich-
keiten der Form, (der Breite oder dergl.) scheinbar gar
nicht zusammen. Der hintere Rand ist meistens ein wenig
ausgebuchtet. Wie sehr die Länge der Fühler schwankt,
mag folgendes Beispiel zeigen.
Bei einem Exemplar betrugen: Körperlänge 95, Füh-
lerlänge 15,5, Endbeine 21mm; bei einem andern die-
selben Maasse: 113, 26, 20 mm.
Im ersten Fall übertreffen die Beine die Fühler um
Vs ihrer Länge, im 2. die Fühler die Endbeine. Die
Fühlerlänge schwankt zwischen V4 und Ve der Körperlänge,
die der Endbeine zwischen Vö und Ve-
Die typische Zahl der Zähne ist 5, jedoch finden sich
auch sehr häufig 4 oder 6; die Bedornung der Endbeine
ist, wie bei der geringen Zahl der Dornen zu erwarten
war, ziemlich regelmässig; jedoch finden sich Exemplare
mit 2 Dornen statt 1 auf der Innenseite, oder mit nur 1
oder keinem Dorn unten aussen an einem der Endbeine.
Auch in Amerika scheint die Art nicht selten zu sein.
13) Sc. byssina, Wood. Proceed. 1861. p. 10. Flo-
rida & Californien, mit scharfen Rändern am femur der
Endbeine.
14) Sc. planiceps, Newport. 1. c. 391. Antigua.
(Caraiben.)
15) Sc. lutea, Newport. 1. c. 392. — Caraiben.
16) Sc. pulchra, C. L. Koch 1. c. L Fig. 21: West-
Indien.
17) Sc. audax, Gervais, 1. c. 282. Antillen.
100 E. Kohlrausch:
n) Ein Exemplar der Göttinger Sammlung ,von den
Antillen hat, abgesehen von dem etwas grossen Kopf, die
gewöhnliche Form.
18) Sc. subspinipes, Gervais. Ann. Scienc. Nat.
Janv. 1837. (fide Newport et Brandt.)
Sc. subspinipeSj Brandt 1. c. VII. p. 152.
19) Sc. placeae. Newport. 1. c. 390. Brasilien.
Grünlich gebänderte Endbeine mit 4 Dornen innen oben.
20)(?) Sc. Gervaisii, Newport. 1. c. 390. Brasilien.
Sc. Newportii, Gervais. 1. c. 218.
Der Undeutlichkeit ^) der Zähne wegen von Newport
als besondere Art aufgestellt Newport giebt zwar nicht
an, dass das Femoralglied der Endbeine unterwärts 2 Dor-
nen hat, aber die Art ist zwischen andere mit solchen
Dornen gestellt, und die von Newport selbst als synonym
angeführte Sc. subspinipes, Brandt hat dieselben.
o) Ein Brasilianisches sehr weiches, helles, (frisch-
häutiges ?) Exemplar des Gymn. Johann, hat kurze und
schwache Endbeine und am obern Innern Rande keine
Dornen. Von den 2 Dornen der Unterseite fehlt an einem
Bein der eine, und der Eckdorn an dieser Seite ist nicht
2-, sondern 4-spitzig.
Ohne Angabe der Fundorte sind Exemplare dieser
Art beschrieben als:
21) Sc. sexspinosa, Newport. 1. c. 391.
22) Sc. ornata, Newport. 1. c. p. 392.
23) Sc. atra, Wood. Proceed. 1861. p. 14.
24) Sc. ferruginea, C. L. Koch. 1. c. I. Fig. 80.
„Iris der Augen ganz schwarz.^'
Ohne Fundort-Angabe finde ich in der Sammlung
des Gymn. Johann. 7, in der Göttinger 2 und in derjenigen
der „Naturhistorischen Gesellschaft'* zu Hannover 4 Exem-
plare, welche sämmtlich nichts bemerkenswerthes zeigen.
1) Newport schreibt in der Diagnose „. . . dentibus conspi-
cuis,". . . in der Beschreibung dagegen: ,,The most niarked character
of this species is the indistinctness of the labial teeth, wich in some
specimens are entirely absent."
Danach muss es in der Diagnose offenbar heissen: „dentibus
incouspicuis."
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 101
3. (?) Scolopendra gracilipes. Wood. Proceed. 1861.
p. 12. Hab. Singapora.
Die Art ist der schlanken Endbeine wegen mit den
vorhergehenden nahe verwandt, oder auch mit einer von
beiden identisch. In diesem Fall würde das 3 Zoll lange
Exemplar noch nicht ausgewachsen, und die Bedornung,
von der Wood angiebt, dass sie aus 7 in 2 Reihen ge-
stellten Dornen mit ganz kleinem Eckdorn bestehe, nicht
normal sein.
4. Scolopendra miäüäens^ Newport, 1. c. 395. Hab.?
Mir liegen von dieser Art 1 unvollständiges Exemplar
des Mus. Godeffroy aus China und ein gut erhaltenes des
Gymn. Johann, aus Canton vor.
„Sc. ferruginea . . . dentibus labialibus 12 — 14 par-
vis . . ." In der Beschreibung fügt Newport hinzu: Man-
dibularzahn gross, mit kleinem, seitlichen Höcker.
,, Zahnplatten breit, . . . Zähne klein, 12—14.^' Das
mir vorliegende Exemplar aus Canton hat an einer Seite
5, an der andern 6 (oder 7 ?) Zähne.
„Das letzte Beinpaar massig lang, . . . innen oben 3
grosse Dornen." Von diesen hat der Eckdorn in halber
Höhe 1 — 2 kleine Nebendornen. „Die innere Fläche und
der äussere untere Rand mit je 2 Dornen. Die Analan-
hänge etwas verlängert mit dorniger Spitze. Der letzte
Bauchschild mit mittlerem Längseindruck und hinten abge-
rundetem Rande.''
Der Basilarschild ist ziemlich larig^ wie das ganze
Thier selbst. Die 18-gliedrigen, behaarten Fühler und
alle Beine desgleichen.
Letztere sind dabei kräftig und besonders das letzte
Paar erheblich dicker, als bei den vorhergehenden Arten, fast
so dick wie bei der folgenden. Die Dornen des letzten
Beinpaares sind sehr kräftig und regelmässig gestellt, je-
doch finde ich an einem Bein 3 äussere, untere Dornen.
Länge 108; Breite vorn 7,5, hinten 8,4; Kopflänge
7,1, Kopf breite 7,0; Halsbreite 8,0; Fühlerlänge 21,5; End-
beine 23,ö mm.
Relative Breite vorn 0,070; hint. 0,080; Kopfl. 0,066,
Kopfbr. 0,065; Halsbr. 0,074; Fühll. 0,20; Endbeine 0,21.
102 E. Kohlrausch:
Das gemessene Exemplar erscheint gereckt; dem
andern fehlte das vordere Körperende.
Syn. (?) Sc. septemspinosa, Newport. 1. c. 391. China.
Newport giebt an, diese Art sei synonym zu der
gleichnamigen von Brandt, die mir vorliegenden Exem-
plare passen jedoch der Beinform wegen zu Sc. septem-
spinosa, Brandt, nicht, während sie mit Newports Be-
schreibung gut übereinstimmen.
5. Scolopendra cingulata, Latreille.
Sc. habitu Sc. morsitantis, (p. 104) colore plerumque
flavo, antennis 20 (16— 23)-articulatis, pubescentibus, saepe
nigrescentibus. Laminae dentales antice rotundatae, ple-
rumque 5-dentatae, dente mandibulari magno tuberculis
1 — 2 armato. Appendices anales laterales modice produc-
tae, spinis 2—5 apicalibus interdumque singulis latera-
libus armatae.
Pedes postremi breves, crassi articulis 1 et 2
supra complanatis, vix marginatis, spinis in mar-
gine interiore superiore 4 — 6, apicali spinulis 4
(3 — 5), in superficie inferiore exteriore 2.
Speciminis maximi long. 113 mm. Proportiones ut in
Sc. morsitanti.
Hab. in terris mari Mediterraneo atque Ponto Euxino
adjacentibus. ' *
In allen Verhältnissen, vor allem in der Beinform,
ist diese Art der allbekannten Sc. morsitans L. char. emend.
(p. 104) so ähnlich, dass ich auf diese einfach verweisen
zu dürfen glaube. Nur sind die Endbeine weniger scharf
berandet, vielleicht durchschnittlich etwas kürzer und
anders bedornt.
In Südeuropa und Nordafrika scheint die Art häufig
zu sein, denn von dorther sind viele Exemplare in allen
Sammlungen. Als Synonyma sehe ich an:
1) Sc. cingulata, Latreille. Cuvier Regne anim. ed. 2
VI. p, 339. und Brandt. Bull. VII. p. 151. Süd-Frankreich.
2) Sc. cingulata, Newport, Transact. 387. Sicilien.
Meist 18 Fühlerglieder.
3) Sc. morsitans, Kutorga. Sc. morsitantis anatome
Petrop. 1834. Taurischer Chersonnes.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 103
4) Sc. morsitans, Lucas. Hist. Nat. Anim. Art. IV.
p. 544. sp. 3. (fide Newport.)
5) Sc. cingulatoides, Newport. 1. c. 388. Corcyra.
6) Sc. Savignii, Newpojt. 1. c. 388 Aegypten.
7) Sc. Hispanica, Newport. 1. c. 389. Spaüien.
Kopf klein, Fühler kurz, auf der Unterseite der
Schenkel der Endbeine nicht 2, sondern 3 Dornen. (Ein
Exemplar mit guten Endbeinen.)
8) Sc. fulva, Gervais. Hist. 257. Sicilien.
Auf der Unterseite des letzten Beinpaares 2 „oder 5"
Dornen. Beine mit 5 Dornen unterseits sind wahrscheinlich
nachgebildete.
9) Sc. Zwickiana, C. L, Koch. Die Myriapoden' II
Fig. 135. Kalmückensteppen bei Sarepta.
10)(?) Sc. obscura, C. L. Koch. 1. c. II Fig. 160-
Anatolien um Ephesus. 22 Fühlerglieder.
11) Sc. nigrifrons, C. L. Koch. 1. c. IL Fig. 170.
Spanien. Stirn dunkelblau, ßückenschilde hinten grün.
12) Sc. zonata, C. L. Koch 1. c. II Fig. 171. Fund-
ort unbekannt. Das Thier war grün gebändert.
13) Sc. penetrans, C. L. Koch. 1. c. Fig. 192. Morea?.
14) Sc. Graeca, C. L. Koch. 1. c. Fig. 193. Grie-
chenland.
15) Sc. Italica, C. L. Koch. 1. c. Fig. 203. Triest.
16) (?) Sc. Doriae, Pirotta. — Ann. del Mus. civico di
stör. nat. di Genova XI p. 405. Palermo.
Das Exemplar ist sehr klein, 25 mm, hat recht schlanke
Endbeine,' 6 mm und nur 2 Dornen an der oberen inneren
Kante, (cf. p. 97.)
17) Sc. Bannatica, C. L. Koch. 1. c. Fig. 204. Land-
schaft Bannat in Ungarn.
18) Sc. Violantis, Pirotta. 1. c. 407. Pantelleria.
Das Thier hat auffallend lange Endbeine, 8 mm bei
28 mm Körgerlänge, was bei so jungen Exemplaren öfter
gefunden wird. (cf. Journ. Godeffr. XIV p. 66.)
Vielleicht gehört die Art auch der Gattung Cormo-
cephalus an. (cf. p. 91.)
An Exemplaren von Sc. cingulata besitzt die Göt-
tinger Universitäts-Sammlung:
104 E. Kohlrausch:
a) 10 Exemplare aus Constantinopel,
b) 2 Ex. aus Odessa,
c) 1 Ex. aus Triest,
d) 3 Ex. aus Algier und
e) 6 Ex. ohne Angabe des Fundortes.
Die „Naturhistorische Gesellschaft'' in Hannover besitzt :
f) 3 Ex. aus Griechenland und
g) 2 Ex. aus Guinea.
Vom Mus. Godeffroy, sowie von dem Gymn. Johann,
habe ich keine Exemplare vor mir.
6. Scolopendra morsitans *), Linne, charactere emen-
dato. (Tafel V Fig. 19 und 20.)
Sc. olivacea, scutorum marginibus posterioribus ple-
rumque viridibus, capite fusco, pedibus flavis, antennis vel
flavis vel rubris vel viridibus, 19— 20-articulatis, apice pu-
bescentibus, plerumque nigrescentibus. Laminae dentales
subquadratae margine anteriore rotundatae utrinque 4 — 6-
dentatae, dente mandibulari magno, tuberculis 1 vel 2 vel
3 instructo.
Appendices anales laterales modice productae, apice
4 (3— 5)-fido interdumque spina parva in margine exte-
riore armatae. Pedum postremorum crassorum arti-
culus primus supra complanatus marginibus su-
perioribus plus minusve elevatis, spinis in mar-
gine supero-interno 5 (4—6) alternantibus apica-
1) Dass ich diesen Namen, mit welchem sehr verschiedene
Arten benannt sind, ja der fast den Charakter eines Gattungsnamens
angenommen hat, wieder zur Bezeichnung einer Art vorschlage,
mag etwas gewagt erscheinen, zumal Linne 's Beschreibung nicht
erkennen lässt, welche Art er vor sich gehabt habe; aber wenn
eine Art wirklich diesen Namen verdient, so ist es die vorliegende
überall in den wärmeren Ländern, wie es scheint, sehr häufig vor-
kommende. Ausserdem erkennt Newport in einem der Linnean
Society gehörenden Exemplare von Brown's „History of Jamaica"
ein abgebildetes Exemplar, welches von Linne's Hand den Namen:
Sc. morsitans trägt, wieder und beschreibt nach den ihm vorliegen-
den Exemplaren seine gleichnamige Art. Ihm folgend nenne ich
daher auch meine viel weiter begrenzte, die Newport'sche mit ein-
schliessende Art: Sc. morsitans.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 105
lique magna 4 (3— 5)-fida, in superficie interna
infernaque 9 (6—11) in seriebus 3; articuli 2 et 3
supra complanati margin ib US elevatis in mare, magis
rotundati in femina.
Long, specim. maxirai 135 mm. Long, media 55; lat.
ant. 3,75, post. 4,25; cap. long. 3,65, lat. 3,55; s. bas. lat.
4,15; antenn. 10,7; ped. postr. 10,1mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,068, post. 0,077; cap. long.
0,067, lat. 0,065; s. bas. lat. 0,075; antenn. 0,19; ped.
postr. 0,18.
Hab. in regionibus calidioribus terrarum omnium.
Syn. cf. p. 106 bis 112.
Die Maasse sind von einer Reihe wohl etwas kleiner
Exemplare genommen, die mittlere Länge aller Thiere,
welche ich gesehen, mag 60— 70 mm betragen.
Da bei sehr vielen Exemplaren mit berandetem ersten
Tarsalgliede der Endbeine der Schlauch mit der After- und
Genitalöffnung weit vorgestreckt war, bei Thieren mit gerun-
detem Tarsus nicht, so kam ich auf die Vermuthung, dass in
dieser Berandung ein sexueller Unterschied liegen könnte.
Bei der Untersuchung ergab sich denn auch, dass sämmt-
liche, etwa 6, Exemplare mit berandeten Gliedern, welche
ich öffnete, Männchen waren, während sämmtliche, etwa
5, Exemplare mit schwach oder gar nicht berandetem 2. und
3. Tarsalgliede sich als Weibchen ergaben.
Da die Schärfe der Ränder bei den Exemplaren aus
verschiedenen Gegenden nicht die gleiche ist, tritt auch
dieser sexuelle Unterschied bei den Exemplaren aus ver-
schiedenen Weltgegenden nicht gleich scharf hervor. Sehr
deutlich sichtbar ist derselbe bei den Australischen Exem-
plaren und bei vielen von den Südsee-Inseln, — es sind
daher Fig. 19 und 20 nach Australischen Exemplaren an-
gefertigt, — am wenigsten tritt er bei den Amerikanischen
Exemplaren hervor.
Meistens ist bei den Männchen die tibia scharf, der
erste Tarsus schw^ach, bei den Weibchen die tibia schwach,
der tarsus I gar nicht berändert. Die obere ovale Fläche
erscheint dabei etwas vertieft und ist gegen den erhabenen
Rand deutlich abgegrenzt.
106 E. Kohlrausch:
Diese Art kommt fast in allen wärmeren Ländern vor,
und wie es scheint, an den meisten Orten ziemlich häufig;
wenigstens gehört die Mehrzahl aller in den Norddeutschen
Sammlungen enthaltenen Exemplare dieser Art an.
Zwar haben Newport, Gervais und die meisten
andern Autoren die von verschiedenen Fundorten stammen-
den Exemplare dieser Art als verschiedene species be-
schrieben; aber die angegebenen Unterschiede sind meistens
sehr gering, — vergl. darüber meine Arbeit im Journ. Godeffr.
XIV — . und die Exemplare, welche mir vorlagen, stimmten
weit häufiger mit den Beschreibungen von Exemplaren
überein, welche die früheren Autoren aus weit entfernten
Gegenden erhalten hatten, als mit denen der Thiere von
gleichen oder benachbarten Fundorten. Zeigen nun auch
bei Sydney gefangene Exemplare, deren ich eine ziemlich
grosse Anzahl vergleichen konnte, besonders in der Bein-
form, in welcher die Exemplare der übrigen Fundorte bis-
weilen nicht unerheblich diiferiren, nicht so grosse indivi-
duelle Abweichungen von der normalen Form, wie die
Exemplare der Arten Sc. subspinipes, Cormocephalus au-
rantiipes und Heterostoma sulcidens; so geht doch aus dem
oben Mitgetheilten hervor, dass wir auch in dieser Art
sehr grosse Variabilität in Bezug auf fast alle Merkmale
annehmen müssen. Um die Gewinnung ^ eines Urtheils
über die Frage nach der Bildung geographischer Abarten
zu erleichtern, führe ich die Arten, welche ich für Syno-
nyma halte, in geographischer Eeihenfolge an, und füge
von diesen, wie von den mir vorliegenden-^Exemplaren die
mir bemerkenswerth erscheinenden Abweichungen von der
normalen Form an.
In Europa ist die Art wenig oder garnicht verbreitet.
Die Göttinger Sammlung besitzt:
a) 2 Exemplare (d^) von normaler Form, die aus Con-
stantinopel gesandt sind.
In Afrika ist die Art offenbar nicht selten; die aus
Nord-Afrika stammenden Exemplare sind klein, etwa 50 mm
gross, die im Süden gefangenen bi^ 120 mm gross und
mit nicht sehr scharfen Bändern am letzten Beinpaar.
Syn. 1) Scolopendra planipes, C. L. Koch. Die My-
riapoden. II Fig. 179. (d^)
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 107
Seiten des Körpers dunkler. Die Zeichnung zeigt
auch am 2. tarsus erhöhte Ränder. (Vermuthlich liegt ein
Fehler der Zeichnung vor.) (cf. p. 98 und 131.)
2) Sc. Algerina, Newport Transact. p. 387. ($)
3) Sc. Gervaisiana, C. L. Koch. 1. c. I Fig. 46 und
M. Wagner's Reisen in Algier. III. p. 223.
4) Scopoliana, C. L. Koch. 1. c. I Fig. 34 und Wag-
ner's Reisen III. p. 222.
b) Die Göttinger Sammlung besitzt 5 Exemplare aus
Algier, von denen 2 die gewöhnliche Beinform, 3 um fast
V4 kürzere Femoralglieder der Endbeine haben. Alle haben
mehr oder weniger stark blau gefärbte Seiten, wovon
Newport bei seiner Sc. Algerina nichts erw^ähnt.
5) Sc. angusta, Lucas. Hist. nat. des Isles Canaries
par M. M. Web. & Berthellot, II p. 49. (fide Newp.)
6) Sc. morsitans, Leach, oder Sc. Leachii, New-
port. 1. c. 382. Canarische Inseln. Die Analanhänge
haben 2 Dörnchen an der Spitze.
7) Sc. morsitans, Fabricius. Entom. syst. II 389. (fide
Newp.)
Sc. Fabricii, Newport 1. c. 384. Africa. Analanhänge
mit 2 Dörnchen an der Spitze.
c) 1 Ex. des Gymn. Johann. Hamburg aus Africa
hat am Analanhang der einen Seite 2, an der andern 3
Dornen ;
d) 1 Ex. des Mus. Godeffroy, Hamburg aus Africa
hat je 4 Analanhangsdornen.
8) Sc. fulvipes, Brandt. Bullet. Scient. Petersb. VIII
p. 22. Cap. der guten Hoffnung.
9) Sc. elegans, Brandt. ]. c. VIII. p. 23. Ebendaher.
10) Sc. Mo^ambica, Peters. Reise nach Mozambi-
que p. 527.
11)(?) Sc. brachypoda, Peters. 1. c. p. 529. Auch in
Mozambique. *
Diese Art unterscheidet sich von der vorigen nur
durch „kleine Zahnplatten und kürzere Endbeine, (cf. Jour-
nal Godeffroy XIV p. 66. Zeile 21. ff)
e) Gymn. Joh. Hamburg 2 Exempl. Zauzibar.
108 E. Kohlrausch:
12) Sc. angulipes, Newpori 1. c. 378. Madagaskar.
Die Endbeine sind kurz und dick.
13) Sc. tuberculidens, Newport. 1. c. 383. Ceylon.
Endbeine schlank. Analanhänge 2-spitzig.
Aus Asien stammen:
14) Sc. tigrina, Newport. 1. c. 381. Sultanpore, Ost-
indien. ($)
Sc. tigrina, var. a, Newport. 1. c. 381. Mysore, Ost-
indien, (d^)
15) Sc. formosa, Newport. 1. c. 383. Midnapore,
"Ostindien. (?)
16) Sc. porphyratainea, Wood. Proceed. 1861. p. 14.
f) Gymn. Joh. 1 cT, 3 $,2 unvollst. Ostindien. Beine
der ? etwas schlank.
g) Gymn. Joh. 1 $ , 2 (/" Rangoon, das $ mit grünen
Fühlern, Stirn und Mandibeln und kräftigen Dornen.
h) Gymn, Joh. 2 (/ Rangoon. Die Endbeine sind
sehr kurz 0,144 der Körperlänge, bei einem Exemplar
scharf berandet, bei dem andern mehr abgerundet. Bei
ersterem sind die Fühler und Mandibeln bläulich-grün.
i) Gymn. Joh. 1 $ (?) Siam. Endbeine dick und
schwachkantig.
k) Götting. Samml. 1 $ und 2 J' Singapore.
1) Götting. Samml. 3 cT und 1 unvollständig. Ostindien.
m) Mus. Godeffroy 1 ^ und 1 $ Himalaya.
n) Götting. Samml. 1 $ (?) Asien.
. o) Mus. God. 1 $ China. Endbeine schlank.
p) Gymn. Joh. 1 J' China. Das Exemplar ist gross
und so stark gebändert, dass selbst der Kopfschild hinten
grün erscheint.
q) Göttinger Samml. 1 $ und 4 unvollst. Hong-Kong.
17) Sc. morsitans, var. /:», Newporf. 1. c. 379. China.
Der Zähne wegen als var. ß bezeichnet.
Asiatische Inseln:
18) Sc. erythrocephala, Brandt. 1. c. VIT. p. 155. Java.
19) Sc. bilineata, Brandt. 1. c. VII. 155. Java. End-
beine schlank und schwach berandet. ($ ?).
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 109
r) Göttinger Samml. 1 ^ Java. Das Exemplar hat
kurze, dicke, massig scharf berandete Schenkelglieder.
s) Götting. Samml. 1 $ von Lachat auf Sumatra
mit gewöhnlicher Beinform und 1 Exemplar ebendaher mit
recht schlanken Endbeinen.
t) Götting. Samml. 1 $ Celebes, Beine sehr schwach
berandet.
u) ^ymn. Joh. 1 </, Banda.
v) Götting. Samml. 6 Exemplare Manila. 3 der Thiere
sind schlanker und haben auch schlanke Endbeine.
w) Götting. Samml. 4 $ . Manila. Eines dieser Thiere
ist sehr gross (135 mm) und breit und hat, wie auch andere
recht grosse Exemplare dieser Art, schlanke Endbeine.
Die relativen Masse betragen für die Körperbreite
vorn 0,078, hinten 0,090 ; für Kopflänge und -breite 0,071 ;
für die Fühlerlänge 0,185 und diejenige der Endbeine 0,207.
Die Breite des femur dieses Exemplars beträgt nur
\/io der Beinlänge, während sie durchschnittlich etwa V?
beträgt. Ein Fühler hatte 24 Glieder, einer 22, die
übrigen 19—20.
Aus Australien stammen von den früher beschrie-
benen hierher gehörigen Arten:
20) Sc. longicornis, New p ort. 1. c. 383. Port-Essing-
ton. (d^)
21) Sc. Richardsonii, Newport. 1. c. 383. Sidney. ($)
x) Mus. Godeffroy Sidney. Viele c/" und $, desgl.
viele von
y) den Peak-Downs,
z) aus Rockhampton und
a) Gayndah. Letztere sind grösstentheils durch eine
rothe Färbung der Fühler ausgezeichnet, (cf. Journal Go-
deffroy XIV p. 63, Zeile 28 ff.)
Von den Südsee-Inseln besitzt das Mus. Godeffroy
eine ziemlich grosse Menge von Exemplaren, welche theils
den in Australien gefangenen gleich sind, theils etwas
mehr stumpfkantige Endbeine haben und nicht selten statt
der grünen Bänderung der .Rückenschilde eine allerdings
meist schwache eben solche Bänderung der Endbeine auf-
weisen.
110 E. Kohlr au seh;
Es lagen mir aus genannter Sammlung vor:
ß) S J" und 3 $ von Yap. Analanliänge mit 2—3,
3—4 und 4—4 Dornen. Fühler theils nur 17-gliedrig,
meistens 19— 20-gliedrig.
y) l J" und 1 $ von Ponape.
ö) 1 $ von den Julupi-Inseln.
f) 1 cT von Apia.
l) 2 ^ und cf (?) von den Viti-Inseln. Beränderung
der Endbeine schwach, Fühler sehr dunkel.
rj) 2 $. 1 d^ (?), 2 $ mit Jungen von den Tonga-
Inseln Vau-Vau und Ena. Die beiden Weibchen mit
Jungen haben schwarze Stigmen, die andern beiden hell-
braune. Bei Weibchen mit Jungen von andern Fundorten
oder anderen Arten finde ich keine schwarzen Stigmen.
Ein halb ausgewachsenes Exemplar von 42 mm Länge hat
sehr lange Endbeine, 10 mm, also fast V4 Körperlänge.
^) 6 cT und 1 $ von der Samali-Insel Barauo. Bein-
ränder scharf, Fühlerglieder 18 — 19, bei einem Exemplar
20 und 22.
x) 2 c^ und 1 $ von den Samoa-Inseln.
l) 1 (^ und 1 $ von Barotonga, das (^ hat sehr
schwache Dornen an den Endbeinen.
^) 1 J von Huahine.
v) 8 cT, 4 $ und 1 ? (?) von Tahiti.
Letzteres Exemplar hat an den unverletzt erscheinen-
den Fühlern 15 und 17 Glieder. Die Beinränder sind
stumpf, daher der Geschlechtsunterschied wenig deutlich.
^) 1 cT von den Paumotu-Inseln. Dasselbe hat an
einer Seite 2, an der andern 4 Dornen an den Analan-
hängen.
22) (?) Sc. Tongana, Gervais. 1. c. 282 gehört wahr-
scheinlich dieser Art an.
Aus Amerika stammen die meisten der früher be-
schriebenen dieser Art angehörenden Thiere.
Nord- Amerika:
23) Sc. Californica,Humb. & Sauss. Revue . . . 1870
p. 204. Californien. ($ ?)
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 111
24) Sc. inaequidens, Wood. Transact. 162. Illinois.
($ ?) Fühler 17-gliedrig.
25) Sc. morsitans, Newport. var. y. 1. c. p. 379.
Tobagos.
26)(?) Sc. atomita, Saussure. Revue p. 546.
71) Das Gymn. Joli. besitzt 1 (^ (110 mm) aus Mexico
mit kurzen dicken schwach berandeten Endbeinen von nur
0,145 Krpeflänge.
q) Gymn. Joh. 1 cT und 1 $ aus Tempico.
e) Gymn. Joh. 1 unvollständiges Exemplar von Veracruz.
Von den Caraiben-Inseln stammen:
28) Sc. morsitans, Linne. Syst. nat.
29) Sc. Brandtiana, Gervais. Ann. Scienc. nat. Janv.
1837. (fide Newp.).
30) Sc. platypus, Brandt. 1. c. VII. p. 153. {^ ?).
31) Sc. morsitans, Newport. 1. c. 378.
t) Die Göttinger Sammlung besitzt ein Exemplar von
den Antillen von gewöhnlicher Form.
Süd-America:
32) Sc. carinipes, Humb. & Sauss. Rev. XXII p. 204.
Neu-Granada. Endbeine sehr lang, 0,26 der Körperlänge,
welche 70 mm beträgt.
33) Sc. pella, Wood, Proceed. p. 13. Surinam.
(p) Das Gymn. Joh. besitzt 1 $ (?) von typischer Form
aus Surinam.
34) Sc. platypoides, Newport. 1. c. 380. Brasilien.
Das Exemplar hatte rothe Fühler und 2-spitzige Anal-
anhänge.
i) Gymn. Joh. 3 ^ aus Brasilien.
ify Götting. Samml. 3 unvollständige Exemplare aus
Brasilien. Ein Exemplar mit 2 und 3 Analanhangspitzen.
Die Fundort-Angabe fehlt bei:
35) Sc. crassipes, Brandt. 1. c. VII. p. 153.
36) Sc. marginata, Say. Journ. Acad. Nat. Scienc.
Philad. 1821 p. 9.
37) (?) Sc. varia, Newport. 1. c. 380. ($ ?) Endbeine
schlank ohne scharfe Ränder.
112 E. Kohlrauscli:
38) Sc. infesta, C. L. Koch. 1. c. IL Fig. 180. ($).
w) Die Götting. Samml. besitzt 7 Exemplare dieser
Art ohne Angabe des Fundorts. 1 c/ ? 1 ? , 5 unvollständig.
aa) Das Gymn. Joh. besitzt 4 J und 9 $ von ge-
V7öhnlieher Form und 7 unvollständige Exemplare ohne
Fundort-Angabe.
7. Scolojyendra valida^ Lucas. Webb. et Berth. Hist. nat.
des Isles Canar. II pl. 49. Nr. 42 nach Nev^port. Trans-
act. 402. Canarische Inseln.
Die Art ist nahe verwandt mit Sc. morsitans, L.,
jedoch ist das Femoralglied der Endbeine unterwärts platt,
die Ränder fehlen, und oben innen sind 8—9 Dornen.
8. Scolopendra Lopadusae, Pirotta. Ann. del Mus. ci-
vico di stör. nat. di Genova XI p. 403. Insel Lampedusa.
In Grösse und Proportionen Sc. morsitans ähnlich.
Zahnplatten mit je 3 grossen Zähnen ; Fühler 20-gliedrig
mit blauer Spitze; Analanhänge gross, 5 — 6-spitzig; End-
beine dick, ziemlich kurz, 0,154 der Körperlänge mit
8 — 10 Dornen am oberen inneren Rande in 3 Reihen mit
2— 3-spitzigem Eckdoru, 7—8 Dornen in 2 Reihen unten
aussen und (?) 1 Reihe zu 4 Dornen. Scharfe Ränder
haben die Endbeine wohl nicht.
9. Scolopendra pomacea^ C. L. Koch. 1. c. I. Fig. 56.
Mexico.
Das Thier ist auffallend breit und hat schlanke End-
beine, üebrigens wie Sc. morsitans, L., Länge 2".
10. Scolopendra viridis^ Wood. Transact. XIII p. 159.
Florida & Georgia.
Die Fühler sind 23-gliedrig, die Endbeine haben 2 — 5
Dornen oben innen, mit 2-spitzigem Eckdorn, unten 7 — 12
Dornen in 3—4 Reihen. Analanhänge mit 2 — 5 Dornen
an der Spitze und häufig einem solchen an der Seite.
Eine Halsfurche fehlt. Länge 2".
Syn. Sc. parva, Wood. Proceed. 1861. p. 10.
Sc. viridis, Gervais, (wo V)
(?) Sc. punctiventris, Newport 1. c. 386.
Alle drei Arten führt Wood selbst als Synonyma an.
11. Scolopendra Idbiata, C. L. Koch. 1. c. I Fig. 22.
Africa.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 113
Die Endbeine sind lang und dünn und haben oben
innen 5 Dornen mit 2-spitzigem Eckdorn, unten 12 in 4
Reihen ä 3 Dornen. Die Zahnplatten sind lang mit schiefem
hinteren Rande und je 4 Zähnen. Fühler mit 16—17
Gliedern.
12. Scolopendra pimctidens, Newport. 1. c. 396. Süd-
America.
Die Endbeine haben oben auf dem Oberschenkel 2
Dornen an der inneren oberen Kante 4, an der unteren
2 und unten aussen 4 Dornen. Newport spricht von einem
Punkt an der äussern Seite des Grundes der Mandibeln,
welcher der Art wohl den Namen gegeben hat; dort findet
man aber bei allen Scolopendriden einen solchen Punkt,
es mag bei dieser Art also wohl noch ein 2. vorhanden
sein. Wichtiger erscheinen mir, wenn sie constant sind,
die beiden Dornen auf der Oberseite des femur der Endbeine.
13. Scolopendra pachypus, n. sp.
Sc. olivacea, vividi-marginata, capite, mandibulis pe-
dibusque flavescentibus. Suturae dorsales ventralesque
conspicuae, praebasilaris profunda. Antennae longae.
Lamiuae dentales quadratae dentibus 4 satis magnis, dente
mandibulari maximo, acuto. Squama praeanalis postice
rotundata. Appendices laterales non ita longae, spinis
apicalibus 3—4. Pedes breves tenuesque excepto pari
postremo crasso spinis armato in margine supero-in-
terno 5 biseriatis sextaque apicali 5-fida, in super ficie
inferiore 12 parvis 4-seriatis et paucis anterioribus
minutissimis. Pedum par primum spinis articularibus ar-
matum.
Specim. solius. long. 63; lat. ant. 4,5, post. 6,0; cap.
long. 4,9, lat. 4,7; s. bas. lat. 5,4; anteun. 13,5; ped. postr.
11,5 mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,071, post. 0,095; cap. long.
0,078, lat. 0,076; s. bas. lat. 0,086; antenn. 0,214; ped.
postr. 0,183.
Hab. in California.
Gymn. Joh. Hamb. 1 Exemplar.
Das Thier erscheint ziemlich kurz zusammengezogen,
wodurch die relativen Maasse etwas gross ausfallen. Der
Archiv für Naturg, XXXXVII. Jahrg. l. Bd. 8
114 E. Kohlrausch:
sehr dicken Endbeine wegen, welche mit der Präbasilar-
furche zusammen die Haupterkennungsmerkmale dieser
Art bilden, ist auch der letzte Rückenschild breiter, als
bei den übrigen Scolopendra-Arten. Die Fühler sind beide
22-gliedrig, jedoch vielleicht beide nicht vollständig.
14. Scolopendra morsitanSj C. L. Koch. 1. c. I. fig.
38. Java.
Die Endbeine sind ziemlich dick und walzenförmig
mit 5 Dornen oben innen und 6—7 in 3 Reihen auf der
Unterseite. Zahu platten breit- quadratisch mit je 3 Zähnen.
Eine Halsfurche ist vorhanden.
Letzterer Umstand macht es wahrscheinlich, dass das
Exemplar aus America stammt ^), da ausserdem nur Ameri-
kanische Arten eine Halsfurche zeigen ^).
15. Scolopendra amUgua, Brandt 1. c. VII. p. 154.
Süd-Africa.
Am oberen inneren Rande der Endbeine 3 Dornen,
am inneren unteren 3 oder 2 mal 3 und unten zu beiden
Seiten eines tiefen Längseindruckes je 2, 3 oder 4 Dornen.
16. Scolopendra Dalmatica, C. L. Koch. 1. c. I. fig.
45. Dalmatien.
An den Endbeinen 6 — 7 Dornen oben innen, unten
16—17 in 4 Reihen.
17. Scolopendra angulata, Newport. 1. c. 398. Trinidad.
Auf der Oberseite und am inneren Rand der End-
beine 10 — 12 Dornen mit 3-spitzigem Eckdorn; unten innen
eine Reihe von 5 Dornen und unten in der Mitte und
aussen je 2.
18. Scolopendra polymorpha, Wood. Proceedings
. . . 1861. p. 11. Sonora, Cancas, Neu-Texas.
Sc. magna, fusca, capite segmentoque basilari parvis,
sutura praebasilari profunda. Laminae dentales qua-
dratae dentibus 4, quarum 2 Intimi coadunati, dente man-
dibulari magno, non tuberculato. Antennae longissimae
24— 27-articulatae. Appendices anales laterales spinis
1) Ein Ort Java liegt in New-York.
2) Vergl. jedoch Sc. cristata, pag. 117 und Anm. pag. 118.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 115
apicalibus 4—5, lateralibus in margine superiore 1, in
exteriore 1.
Pedes postremi graciles spinis in margine supero-
interno 5 sextaque magna, elongata, bifida, 3 in super-
ficie interiore 3-qiie in margine infero-interno, 6 biseriatis
in externo.
Long. 117; lat. ant. 7,4, post. 10,5; cap. long. 7,3,
lat. 7,2; s. bas. lat. 8,4; antenn. 28,6; ped. postr. 27,3mm.
Mens, relat: lat. ant. 0,063, post. 0,090; cap. long.
0,062, lat. 0,061; s. bas. lat. 0,072; antenn. 0,244; ped.
postr. 0,233.
Die angegebene Bedornung, die grosse Fühlerglieder-
zahl und dieselben Körperverhältnisse, (die angegebenen
sind das Mittel aus den 3 Reihen,) finde ich bei 3 Exem-
plaren aus Mexico, von denen 2 dem Gymn. Johann., 1 der
Göttinger Sammlung gehört.
Syn. Sc. Copeana, Wood. Transact. p. 165.
Sc. heros., Wood. 1. c. 155. Georgia, Alabama, Loui-
siana, Texas, Neu-Mexico etc.
Sc. heros., Girard. Marcy's Report of explor. on the
red river p. 272. (fide Wood.)
Sc. castaneiceps, Wood, Proceed 1861. p. IL Georgia,
Alabama, Louisiana, Texas, Neu-Mexico etc.
Sc. mysteca. Humb. & Sauss. Revue et Magaz. 1869.
p. 157. Mexico alterior.
19. Scolopendra pernix, n. sp.
Sc. flava, pedibus postremis virescentibus. Suturae
ventrales maxime, dorsales minus conspicuae, praebasi-
laris p rofunda.
Antennae longae, 24 — 25-articulatae, vix pu-
bescentes. Segmentum basilare angustum. Laminae den-
tales quadratae, antice non angustatae dentibus 4 (5)
magnis, dente mandibulari non ita magno haud denticulato.
Squama. praeanalis elongata, postice emarginata.
Appendices laterales crassae minute sed dense
punctatae apice 6 — 9 spinulis armato. Pedes elon-
gati at validi, par postremum spinis 5 maximis bise-
riatis in margine supero-interuo, apicali longa crassa
spinulis 7 — 10 in superficie interna 2 oblique seriatisi
116 E. Kohlrausch:
10 — 14 in inferna. Pedum par primum spinulis articula-
ribus armatum.
Long. 125; lat. ant. 9,5, post. 12,2; cap. long. 8,8,
lat. 8,3; s. bas. lat. 9,4; antenn. 29,0; ped. postr. 24,0 mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,076, post. 0,098; cap. long.
0,070, lat. 0,066; s. bas. lat. 0,075; antenn. 0,232; ped.
postr. 0,192.
Hab. in America boreali.
Die „Naturhistorische Gesellschaft" zu Hannover be-
sitzt 2 gut erhaltene und fast völlig gleiche Exemplare
dieser Art, welche einen kräftigen Eindruck machen. Den
langen und dabei doch kräftigen Beinen nach zu urtheilen
müssen die Thiere sehr schnell sein. Auffallend ist der
grosse Eckdorn mit 7 — 10 Dörnchen auf seiner schräg ab-
gestutzten Spitze.
20. Scolopendra leptodera,. n. sp.
Sc. flava. Caput segmentumque basilare an-
gusta, hocce scutis proximis vix latius.
Sutura praebasilaris profunda, reliquae bene
conspicuae. Antennae 22— (?)-articulatae, vix pubescentes.
Laminae dentales quadratae, antice latae, dentibus 4 — 5
exteriore sejuncto, mandibulari non tuberculato. Squama
praeanalis non emarginata. Appendices laterales obtusae
spinis apicalibus 5—6, lateralibus 1. Pedes postremi
elongati spinis in margine superiore superficie-
que interna 9 irregularibus, angulari 4-fida, in interiore
3—4 uniseriatis, in exteriore 8—10 biseriatis.
Long. 84; lat. ant. 4,9, post. 7,3; cap. long. 5,1, lat.
4,7; s. bas. lat. 5,6; antenn. 19(?); ped. postr. 18(?)mm.
Mens, relat.: lat. ant. 0,059, post. 0,089; cap. long.
0,061; lat. 0,056; s. bas. lat. 0,067; antenn. 0,23; (?) ped.
postr. 0,22 (?).
Hab. in Brasilia.
Gymn. Joh. Hamburg, 1 Exemplar.
Das Thier ist nicht vollständig, denn es fehlen an
einem Endbein die drei letzten Glieder, am andern das
letzte. Von den Fühlern ist einer sicher unvollständig,
der andere vielleicht. Das Exemplar erscheint etwas ge-
reckt, daher die relativen Maasse etwas klein.
Galtungen und Arten der Scolopondridcn 117
21. Scolopendra cristata, Newport. Transact. 398.
China ? (Siehe unten.)
,,Se. brunnea antennis pedibusque virescentibus, den-
tibus 6, e quibus exteriore quadrato, interno utrinque bi-
fido, segmento postremo convexo crista mediana longitu-
dinali, pedibus postremis brevibus, articiilo basali in mar-
gine interiore spinulis 5 acutis, superficie inferiore spinis
ö longitudinaliter triseriatis."
„Long. unc. 6 V*"."
Dieser Diagnose fügt Newport hinzu: „Der letzte
Rückensehild ist convex, schildförmig mit einem erhabenen
stumpfen Längskamm, welcher mit einer Spitze vorn am
Segment anfängt. Das letzte Beinpaar ist kurz .... mit
abgerundeten Rändern, innen oben mit 5 scharfen Dornen,
deren letzter 2-spitzig ist. Auf der Unterseite 6 Dornen
in 3 Längsreihen zu je 2; innen 1 Dorn zwischen dem
Eckdorn und dem letzten der 2 inneren unteren.
Analanhänge kurz 3-spitzig/'
Newport vermuthet schon, dass diese Art eine Süd-
Amerikanische sei; ich habe ein jetzt der Göttinger Samm-
lung gehörendes Exemplar vom Professor Semper zu
Würzburg aus Brasilien vor mir, welches mit der New-
port'schen Beschreibung sehr gut übereinstimmt.
Körperlänge 133; Breite vorn 8,5, hinten 10,0; Kopf-
länge 8,5, Kopfbr. 8,4; Halsbreite 10,0; Fühlerlänge 30,0;
Länge der Endbeine 21,3 mm.
Relative Maasse: Breite v. 0,064, h. 0,075; Kopfl. 0,064,
Kopfbr. 0,063; Halsbr. 0,075; Fühll. 0,225; Endbeine 0,16.
Syn. Sc. Herculeana, C. L. Koch. 1. c. L fig. 20.
Süd-America. Gegend von Rio St. Francesco.
„Fühler 16-gliedrig ^) ; Zähne 4 — 4; Halsfurche deut-
lich. Auf dem Endscutum eine Längsbeule mit Längskiel."
Körperlänge 6", Länge der Endbeine — 10'", also 0,14
der Körperlänge.
(?) Sc. costata. C. L. Koch. 1. c. H. fig. 147. Java.
1) Die Abbildung zeigt gut erhaltene Endglieder. Da die
Endbeine der Beschreibung nach denen von Newport's Art gleichen,
ist die Abbildung derselben wohl etwas verzeichnet.
118 E. Kohlrausch:
Im Text erwähnt zwar Koch von einem Kiele auf
dem letzten Rückenschilde nichts, aber in der Abbildung
ist ein solcher gezeichnet. Auch ist eine Halsfurche ge-
zeichnet M, allerdings von einer Form, wie ich sie noch
nicht gesehen habe ^). Die Fühler des mir vorliegenden
Exemplars sind zwar nur 17-gliedrig, aber recht lang.
Der mittlere Theil der Lippe ist dunkel gefärbt und von
der Form eines Dreiecks, dessen Spitze hinten liegt. Auf
der Oberseite vom Femoralgliede des letzten Beinpaares,
etwas nach innen zu, finde ich zwei Dornen, 5 am inneren
Rande und 3 mal 2 unten. Der Kamm auf dem letzten
Schilde wird dadurch gebildet, dass ein vorderer Schildrand-
wulst, welcher auch bei andern Arten, z. B. bei Sc. Gigas,
in der Mitte etwas nach hinten gezogen ist, sich hier
weiter über den ganzen Schild hinüber, erstreckt.
22. Scolopendra vividicornis, Newport. Transact. 397.
Brasilien.
Mit Ausnahme der Halsfurche und der Crista ganz
wie Sc. cristata.
23. Scolopendra complanata, N e w p o r t. Transact. 404.
Hab. in insula Caribaea St. Christophori.
„Sc. . . . pedibus postremis angustis, complanatis spinis
in superficie interna infernaque numerosissimis".
„Long. unc. 5".
„ . . . Endbeine an der inneren oberen Kante und
der inneren Fläche mit 21 — 24 Dornen in 3 schrägen
Reihen; der Eckdorn 5-spitzig mit 2 längeren und abwärts
gebogenen Spitzen; bisweilen befinden sich 1—2 Dornen
auf der oberen Fläche des Schenkels, an der unteren Fläche
sind 17 kleine Dörnchen, deren 13 in 3 Längsreihen stehen,
die übrigen in einem Drei- oder Viereck an der inneren
1) Dass dieses Thier von der Insel Java stamme erscheint mir
auch hier wie bei Sc. morsitans, Koch, p. 114. der Halsfurche
wegen als unwahrscheinlich. Entweder werden beide Thiere bei
dem Ort Java in New-York gesammelt sein, oder es mag überhaupt
die Fundort-Angabe falsch sein.
2) C. L. Koch beschreibt auch bei seiner Sc. sulphurea einen
Kamm auf dem letzten Rückenschilde, doch gehört jene Art offen-
bar zu Sc. De Haanii.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 119
unteren Seite am Grunde des Gliedes. Die Analanhänge
haben 5 Dornen an der Spitze und 4 am hinteren (oberen)
Rande. Analschild klein, lang, hinten sehr schmal und
grade abgeschnitten".
Syn. Sc. inaequidens, Gervais. Hist. 277. Vereinigte
Staaten v. Nord-America.
Sc. incerta, New p ort 1. c. 404. Fundort (?).
Sc. multispinata, Newport. Ann. and Mag. of nat.
hist. XIII p. 98 oder Sc. multispinosa, Newport. Trans-
act. 405. Antilleninsel St. Christophorus.
Sc. crudelis, C. L. Koch. Die Myriapoden II. fig.
158. Antilleninsel Bartheiemi.
Sc. testacea, Wood. Proceed. Fundort (?).
? Sc. Grayii, Newport. 1. c. 404. Fundort (?).
Wahrscheinlich ist es ein Exemplar dieser Art, wel-
ches das Gymn. Joh. besitzt, doch ist dasselbe recht un-
vollständig. Zusammengedrückt erscheint es nicht '). Die
Bedornung des einen erhaltenen Endbeines erinnert sehr
an die von Sc. Gigas, jedoch fehlen die Dornen an der
tibia. An den Oberschenkeln der 2 — 3 vorhergehenden
Beinpaare findet sich je 1 Eckdorn. Die Länge des Thieres
ist 145 mm. Der Fundort ist unbekannt.
24. Scolopendra Gigas, Leach. Transact. Linn. Soc.
Lond. XI p. 383.
„Sc. segmentis transversoquadratis, angulis rotun-
datis ferrugineo-brunneis, postice luteis, antennis, palpis,
galeis pedibusque testaceis: pedibus (pari antico excepto)
articulo basilari (secundoque varius) spinulosis'^
Syn. Sc. Gigas, Newport. Transact. 399. Venezuela.
Sc. gigantea, Newport. 1. c. 400. Jamaica (?)
Sc. insignis, Gervais. Hist. 278. Columbia und Car-
thagena.
(?) Sc. Sagraea, Brandt. Bull. VII 157. Cuba und Haiti.
Sc. epileptica, Wood, Proceed. 1861. Fundort ?.
Sc. prasinipes, 2) Wood Proceed. 1861. p. 11. Trinidad.
1) Vergl. Journ. Godeffr. XIV p. 55 Zeile 15.
2) Wo öd erwähnt nichts von der Halsfurche, deren Vorhanden-
sein er sonst anzugeben pflegt.
120 E. Kohlrausch;
Scol. 2. Brown. Hist. Jamaica tab. 42. fig. 4. (fide
Newp.)
Ich habe von dieser Art 7 Exemplare gesehen, 4
aus Mexico, Trinidad, Süd- America und Ost-Indien (?), 3
ohne Angabe des Fundortes.
Von diesen gehören: 1 dem Mus. Godeffroy, 4 dem
Gymn. Joh. und 2 der Göttinger Sammlung.
Mit Ausnahme der immer etwas blau-grün gebän-
derten EndbeinC; (meist auch der vorderen,) war die Fär-
bung eine ziemlich verschiedene ; dagegen stimmten alle
im Zahnbau und in der Form und Bedornung der Anal-
anhänge und der Beine überein. Besonders diese letzte
giebt ein sehr gutes Erkennungsmerkmal für die Art ab.
Daher erscheint mir die oben citirte Diagnose von
Leach völlig ausreichend; hinzuzufügen wäre vielleicht
nur noch: Die Näthe sind deutlich, die Präbasilarfurche
auf dem Halsschilde tief; der Mandibularzahn stumpf und
mit Nebenhöckern versehen, die Zähne bis auf den äus-
seren verwachsen, der Analschild (auf der Bauchseite)
schmal und hinten abgerundet, die Analanhänge sehr dick,
massig lang und mit 4 — 5 Dornen an der Spitze. Das
letzte Beinpaar ist massig schlank mit stumpfen Rändern
und hat 16—24 unregelmässig gestellte Dornen, deren
Zahl mit der Grösse des Thieres zuzunehmen scheint, mit
einem massig grossen Eckdorn mit 6—10 Spitzen.
Das Tibialglied hat 1—2 Dornen, einen Eckdorn
und einen Dorn etwa in der Mitte der inneren Seite. Zu-
weilen zeigt sich auf dem ersten Gliede, auch wohl noch
auf dem zweiten eine Längsfurche.
Das Femoralglied aller übrigen Beine, mit Ausnahme
des ersten, welches an jedem Gliede einen Eckdorn zeigt,
hat an der äusseren oberen Kante 3 — 5 kleine Dornen.
Die Zahl derselben ist an den beiden Beinen desselben
Beinpaares meist etwas verschieden. Die Fühler sind
mittellang und 17-gliedrig.
In den Beschreibungen der 3 Arten Sc. Gigas, Newp.,
Sc. gigantea, Newp. und Sc. insignis, Gervais finde ich
ausser in der Farbe kaum bemerkenswerthe Unterschiede.
Die letzte dieser Arten scheint durch den Zahnbau unter-
Gattungen und Arten der Scolopendriden.
121
schieden zu sein, jedoch wohl nicht so wesentlich, dass
wir dadurch zur Aufstellung einer gesonderten Art be-
rechtigt wären. Die mir vorliegenden Exemplare stimmen
mit allen 3 Beschreibungen ziemlich gleich gut überein.
Die Grösse von Newport's Sc. Gigas beträgt 285mm.
Das grösste der mir vorliegenden Exemplare 247 mm, jedoch
ist dieses Exemplar (vielleicht künstlich) selir lang gereckt
und gebe ich daher die absoluten Maasse auch der andern 0
mir vorliegenden Exemplare.
Relative mittlere Breite vorn 0,079, hinten 0,103;
Kopfl. 0,071, Kopfbr. 0,070; Halsbr. 0,090; Länge der
Fühler 0,252; der Endbeine 0,201.
Das Exemplar des Mus. Godeffroy aus Ostindien,
wenn es wirklich dorther stammen sollte, hat eine grün-
liche Farbe und ganz dünne, weiche und runzlige Haut,
so dass z. B. die Endbeine an jeder Stelle biegsam sind,
es wird also kurz nach einer Häutung gefangen sein.
25. Scolopendra alternans, Newport. Transact. 402.
Caraiben-Inseln.
Endbeine mit 30 — 40 Dornen an der inneren Seite,
mit vielspitzigem Eckdorn und 15—20 Dornen unten aussen.
Syn. (fide Newport.) Sc. alternans, Leach. Transact.
Linn. Soc. XI p. 383.
Sc. morsitans, Beauvois. Ins. Afric. et Americ. p. 152.
1) Ein Exemplar war offenbar stark gereckt und eingetrocknet
gewesen, ehe es in Spiritus gesetzt ist. Zur Messung eignet es sieb
deshalb nicht.
122 E. Kohlrausch:
Sc. Sagrae, Gervais. Hist. 281.
Sc. Sagrae, Lucas. Webb. et Berth. Hist. Nat. des
Isles Canar. IL p. 545. sp. 8.
Sc. Sagrae, Brandt. Bull. VIL 157.
Dass letztere Art der Sc. alternans synonym sei, wie
Newport angiebt erscheint mir unwahrscheinlich.
Wahrscheinlich gehört zu dieser Art:
Sc. torquata, Wood. Proceed. 1861 p. 13.
26. Scolopendra prasina, C. L. Koch.
Sc. olivacea scutis viridi-marginatis, antennis pedibus-
que anterioribus flavescentibus, posteriorrbus colore viridi
• cinctis.
Stigma primum maximum. Antennae pubescentes.
Suturae dorsales ventralesque non inconspicuae, praebasi-
laris profunda. Dentes utrinque 4 — 6, intimis coalitis,
margine antico fere recto; dente mandibulari magno tuber-
^culato. Appendices anales laterales profunde punctatae
spinis apicalibus 3—4, lateralibus 1. Pedes postremi
elongati, femore supra 2 — 3-spinoso spinis marginalibus
lateralibus 5—6, 2— 3-que minutis angularibus, 6—8 in
superficie inferiore exteriore; tibia spinis 4. Pedum proxi-
morum paria 2 — 3 spinis femoralibus 3—1, tibialibus 2 — 0.
Long. 135; lat. ant. 11,0, post. 13,0; cap. long. 8,9,
lat. 9,1; s. bas. lat. 10,8; antenn. 26; ped. postr. 25 mm.
Mens, relat. : lat. ant. 0,081, post. 0,096; cap. long.
0,066, lat. 0,070; s. bas. lat. 0,080; antenn. 0,192; ped.
postr. 0,185.
Hab. in America aequatoriali et (?) in China.
Syn. Sc. prasina, C. L. Koch. Die Myriapoden IL
fig. 146. West-Indien (?).
Sc. puncticeps, Wood. Proceed. 1861. p. 14. Fundort ?.
Sc. punctiscuta, Wood. Proceed. 1861. p. 14. Caraccas.
Ich habe 3 dem Gymn. Johann, gehörende Exemplare
aus Venezuela, La Guayra und China (?) ^) vor mir.
1) Das Gymn. Johann, bezeichnet selbst die Fundortangaben
als nicht immer zuverlässi«?. Daher möchte ich der Halsfurche und
der sehr charakteristischen Bedornung wegen glauben, dass dieses
Exemplar nicht aus China, sondern aus America stamme.
Vergl. p. 114 Zeile 12 und p. 118 Anmerkung.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 123
Das Charakteristische dieser Art sind die 4 Dornen
der tibia der Endbeine, welche bei den 3 mir vorliegen-
den Exemplaren in gleicher Stellung stehen, also wohl
ziemlich constant sind.
27. Scolopendra cormocephalina, n. sp.
Sc. viridi-olivacea, pedibus flavescentibus. Caput
ovatum fortasse imbricatum; segmentum basilare angustum.
Suturae dorsales ventralesque conspicuae praebasilaris nulla.
Antenuae breves, 22-articulatae, pubescentes. Laminae den-
tales quadratae dentibus 4, extremis sejunctis, dente man-
dibulari maxinio, tuberculato. Appendices anales laterales
dense, sed minute punctatae processu styliformi longo
spinis apicalibus 4—6, lateralibus superioribus 3—5, exte-
rioribus 1 — 3. Pedes postremi modice elongati spinis in
superficie interna triseriatis 10, apicali bifida, in margine
inferiore exteriore biseriatis 7—8, in superficie inferiore 1—2.
Specim. solius. long. 54; lat. ant. 3,5, post. 4,6; cap.
long. 3,6, lat. 3,5; s. bas. lat. 4,3; antenn. 9,2, ped. postr.
10,4 mm. •
Mens, relat.: lat. ant. 0,065, post. 0,085; cap. long.
0,067, lat. 0,065; s. bas. lat. 0,080; antenn. 0,170; ped.
postr. 0,186.
Hab. prope Montevideo.
Gymn. Johann. Hamburg. 1 Exempl.
Es wäre möglich, dass diese Art mit der folgenden
zusammen zu fassen ist, doch sind bei dem vorliegenden
Exemplar die Endbeine um über 24 % kürzer, die Dornen
weniger an Zahl, deutlicher in Reihen gestellt und kräf-
tiger und die Zähne kräftiger. Dazu kommt noch die
andere Färbung und die Kopfbilduug, welche nicht sicher
erkennen lässt, ob der Kopfschild übergreift oder nicht.
(Vergl. Journal Godeffroy XIV p. 59 oben.)
28. Scolopendra pallida^ Gervais. Hist. 285. Chili.
Die Göttinger Sammlung besitzt ein Exemplar aus
Cordoba im Staat Argentina.
Dieses Exemplar stimmt mit Gervais' Beschreibung
selbst in der Farbe überein. Hinzufügen möchte ich, dass
eine Halsfurche fehlt, und dass ebenso die bei den Ame-
rikanischen Arten sonst meistens vorkommenden Dörnchen
124 E. Kohlrausch;
an den Gelenken des ersten Beinpaares fehlen. Die Zahn-
platten sind vorn mit fast gradem Rand und hier nicht
schmaler als hinten ; der Mandibularzahn ist ziemlich gross
und mit einem Nebenhöcker versehen. Die Fühler sind
vielleicht nicht vollständig, aber lassen doch erkennen,
dass sie kurz sind. Einer derselben mit 17 Gliedern
misst nur 0,143 der Körperlänge, die Fühlerlänge von
Gervais' Exemplar betrug 0,154.
Die Analanhänge sind in einen langen stielrunden
Fortsatz ausgezogen mit 4—6 Dörnchen an der Spitze
und 3 — 5 seitlichen oben und 1 — 3 aussen. Die schlanken
Endbeine tragen 16—19 Dörnchen undeutlich dreireihig an
der inneren Seite mit 2-spitzigem Eckdorn und 10 — 11
solche aussen an der Unterseite etwas deutlicher zweireihig
auf schwach erhöhtem Rande, durch welchen die Unter-
seite ein concaves Aussehen bekommt. Mitten auf dieser
Unterseite stehen in einer Längsreihe 2 — 3 kleine Dörn-
chen, an einer Seite nahe dem vordem Rand, an der
andern auf der hinteren Hälfte.
Das Femoralglied ist beträchtlich länger, als jedes
der folgenden.
Die Analanhänge, wie die Bedornung der Endbeine
sind wohl die besten Erkennungsmerkmale.
Länge 63; Breite vorn 4,7, hinten 5,1; Kopflänge
4,2, = breite 4,1; Halsbreite 5,0; Endbeine 15; Femoral-
glied 5,0, Tibialglied 3,5 mm.
Relative Breite vorn 0,074, hinten 0,081; Kopfl. 0,067,
Kopfbr. 0,065; Halsbr. 0,080; Endbeine 0/238.
Gervais' Exemplar hatte: Länge des Körpers 65, der
Fühler 10, der Endbeine 15 mm.
29. Scolopendra spiniger a^ Newport. Transact. 386.^
Nord-Africa bei Tripolis.
30. Scolopendra affiniSj Newport. Transact. 386.
Griechenland.
Sehr viele kleine Dornen auf der inneren Seite so-
wohl, wie auf der unteren äusseren sind das Hauptmerk-
mal beider vorstehenden Arten.
31. Scolopendra canidens, Newport. Transact. 399.
Aegypten.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 125
Die Unterseite des ersten Gliedes der Endbeine ist
ausgehöhlt und trägt auf jeder Seite dieser Aushöhlung
6—8 Dörnchen, innen oben 7—8 mit 1— 2spitzigem Eck-
dorn. Die Zahnplatten sind lang-quadratisch mit längstem
äusseren Zahn.
Arten, welche noch einer Vervollständigung der Be-
schreibung zu bedürfen scheinen, sind:
Sc. picta, Newport, Ann. and Mag. of nat. bist. XIII.
p. 100. (fide Gervais. 1. c. 290) Patria?
In den 7 Jahre später, 1844, erschienenen Transact.
hat Newp. die Art nicht mehr.
Sc. rubripes, Brandt. Bull. Vll. p. 156. Java.
Wenn diese Art nicht der Gattung Cormocephalus
angehört, ist es wohl eine gute, selbständige Art.
Sc. limbata, Brandt. (De Haan in litt.) Bull. VII p. 154.
Brandt giebt keinen Fundort an, die übrigen von
De Haan benannten Exemplare stammen von Java.
Sc. Chilensis, Gervais. Hist. 285. Chili.-
Vielleicht ist die Art ein Cormocephalus.
Sc. Oraniensis, Lucas. Revue de Zool. par Guerin.
1846. p. 287. (fide Gervais, 1. c. 259.) Oran.
Sc. violacea, Fabricius. Entom. syst. p. 289. (fide
Gervais. 1. c. 263.) Cap der guten Hoffnung.
Sc. Melinonii, Lucas. Ann. Soc. Entom. France, 3
Ser. T. I. 1853. Cayenne.
Von den von Saussure beschriebenen Nordamerika-
nischen Arten:
Sc. azteca, chichimeca, Cubensis, Olmeca, otomita,
tolteca und Sumichrasti liegt mir heute nur noch eine Ab-
schrift der Diagnosen aus Revue de Zool. par Guerin-
Menev. 2. Ser. T. X 1858 und Rev. et Mag. Zool. pure et appl.
par Guerin-Menev. 2. Ser. T. XXI. 1869 vor, welche nicht
erkennen lassen, ob sie früher beschriebenen Arten gleich
oder ähnlich sind und welchen, da z. B. über das letzte
Beinpaar darin nichts gesagt ist. Aber auch nach den
genaueren Beschreibungen dieser Arten in den Mem. Soc.
Phys. et d'hist. nat. Geneve XV. 2. 1860 habe ich früher
kein rechtes Bild über diese Arten gewinnen können.
Eine Beschreibung der Arten Sc. pallipes und crassa,
126 E, Kohlrausch:
Templeton, welche Humbert erwähnt, scheint nicht ver-
öffentlicht zu sein.
14. Genus. Monops, Gervais.
Segmenta pedigera 21. Oculorum par unicum. Stig-
mata valvularia utrinque 9.
1. Monops nigcTj Gervais. Syn. Monops nigra, Ger-
vais. Hist. 294. India.
Cryptops nigra, Newport Transact. 408. dasselbe
Exemplar.
15. Genus. Cryptops^ Leach, ex parte.
Segmenta pedigera 21. Oculi nulli. Stigmata valvu-
laria utrinque 9. Scutum postremum minus quam reliqua.
Labium edentulum.
In dieser Gattung finden wir nur kleine, braun ge-
färbte, am ganzen Körper und besonders an den End-
beinen stark behaarte Thiere mit Rückenschilden, welche
weniger ungleich lang sind, als bei den übrigen Scolo-
pendriden. Gleich, wie mehrfach angegeben, finde ich sie
nicht, da z. B. der 3. immer entschieden der grosseste
ist, und auch von den hinteren Schilden die mit grader
Ziffer etwas grösser sind, als die zwischen ihnen liegen-
den. Die Fühler sind meistens kurz, 15 — 17 gliedrig und
behaart. Newport hält die Fühlergliederzahl in dieser
Gattung für so constant, .dass er dieselbe als gutes Art-
merkmal ansieht, (Transact. p. 300,) jedoch habe ich bei
Cryptops au&tralis, welche Art mir in etwa 25 Exemplaren
vorlag, 2 Fühler bei gut erhaltenem Endgliede mit nur 14 und
15 Gliedern gefunden, während die übrigen allerdings sämmt-
lich 17-gliedrig oder unvollständig waren. Die Zahnplatten
sind ganz kurz und haben vorn keine eigentlichen Zähne,
sondern nur einen scharfen Rand. Die Analanhänge sind
immer unbedornt und wie bei Scolopocryptops ohne ver-
längerte Spitze.
Das letzte Beinpaar ist meistens schlank, stark borstig
behaart, an den ersten Gliedern mit Dornen untermischt,
an den folgenden mit einigen Sägezähnchen.
Ob alle folgenden Arten wirklich verschieden sind,
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 127
lässt sich ohne die Exemplare selbst vor Augen zu haben
nicht beurtheilen, ich gebe daher die Namen mit den mir
am wichtigsten scheinenden Merkmalen. Die bisher be-
kannten Arten stammen grösstentheils aus Europa, je eine
aus Afrika, America und Australien.
1) Cryptops australiSy Newport. Transact. 408. (Tafeln.
Fig. 21, 22.) Australien und Neu-Seeland.
„Cr. flavus .... scutis dorsalibus lateraliter rotun-
datis, antice transverse sulcatis impressionibusque 4 longi-
tudinalibus, pedibus flavis pubescentibus ; articulis femora-
libus, tibialibus tarsalibusque aequalibus'^
Mir liegen 20 Exemplare dieser Art aus Sidney und
5 aus Rockhampton vor, sämmtlich braun mit helleren
hinteren ßückenschildrändern, welche die Quereindrücke
auf diesen Schilden etwa vom 6—7. Gliede an zeigen.
Ebenso ist ein kreuzförmiger Eindruck auf den Bauch-
schilden der hinteren Segmente deutlich sichtbar, am vor-
deren Drittel des Körpers nur schwach.
Die Beine sind sämmtlich behaart und auf der Unter-
seite mit einer ziemlich grossen Anzahl kleiner Dornen
besetzt. Das letzte (bei den in Alkohol aufbewahrten
Thieren) äusserst leicht abbrechende Beinpaar hat deren
unter dem Femoralgliede wohl an 30 — 40, unter dem Ti-
bialgliede etwa 20. Die ziemlich langen Tarsenglieder,
von welchen das erste und zweite noch einige Dornen
oder Zähne aufweisen, das dritte, längste aber unten zuge-
schärft erscheint, sind bei allen Exemplaren so stark ge-
krümmt, dass sie ein Dreieck bilden, und die Endkralle
am Gelenk zwischen tibia und tarsus I liegt. Ebenso
hatten auch den Beschreibungen nach mehrere andere
Arten die 3 letzten Endbeinglieder eingeschlagen. Von
„gleicher Länge" sind die Glieder der Endbeine nicht,
das 1. ist das längste, dann folgen das 2., das 4., das 3.
und 5. Glied.
Der Kopf greift bald über, bald ist er vom Hals-
schild überdeckt, bald findet man eine deutliche Hals-
furche, bald fehlt sie, ohne dass ich andere Verschieden-
heiten bei solchen Exemplaren hätte entdecken können.
(Vergl. auch Journal GodefProy XIV p. 59 Zeile 11 ff. und
21 ff.) Die Zahnplatten sind vorn rundlich mit dunklem Rande.
128 E. Kohlrausch:
2. Gryptops Numidicus, Lucas. Syn. Cryptops Numi-
dica, Lucas Revue Zool. Guerin. 1846. p. 288. id Algerie.
Anim. p. 345. tab. IL fig. 8 (fide Gervais. 1. c. 292.)
Rothbraun, Kopf glatt, Fühler kurz, 12 gliedrig, an
ihren ersten (?) Gliedern ^) behaart, Rückenschilde mit 4,
Bauchschilde mit 2 gekreuzten Furchen. Endbeine schlank
mit falben Borsten und dunklen Gelenken. Länge 32,
Breite 2 V4 mm.
3. Cryptops punctatuSj C. L. Koch. Die Myriapoden
IL fig. 220. Pola am Adriatischen Meere.
Wie die folgende Art, jedoch Fühler 15-gliedrig und
am letzten Beinpaar das 1. und 2. Glied vielbedornt, das
3. und 4. sägezähnig, das 5. messerartig zugeschärft.
Länge 16'".
4. Cryptops cultratus, C. L. Koch. Die Myriapoden
I. fig. 18. Oravitza im Bannat in Ungarn.
Die Rückenschilde mit 4, der Kopf mit 2 Längs-
furchen, der Halsschild mit einer Querfurche, die Bauch-
schilde mit kreuzförmigem Eindruck. Kopf- und Hals-
schild sind stark punktirt. Die Fühler sind 17-gliedrig,
alle Beine unten fein behaart. An den Endbeinen ist das
1. und 2. Glied viel- und kurz-dornig bewehrt, das 3. und
4. mit verengter Wurzel und untervs^ärts fein behaart, letz-
teres mit 4 Sägezähnen, das 5. messerförmig. Länge 16'".
5. Cryptops sylvaticus, C. L. Koch. Die Myria-
poden, I. fig. 68. Deutschland.
Wie die vorige Art, jedoch Kopf glatt, Rückenschilde
mit 6 Furchen. Beine sämmtlich behaart, die letzten an
den ersten 2 Gliedern auch dornig. Länge 6 V2 — 7 V2'".
6.(?) Cryptops pallens, C. L. Koch. Die Myriapoden
I. fig. 69. Bei Regensburg.
Das Exemplar ist etwas kleiner, heller, und etwas
weniger bedornt; sonst wie Cr. sylvaticus.
7. Cryptops ochraceus, C.L.Koch. Die Myriapoden.
I. Fig. 19. Bei Regensburg im Frühjahr nicht selten.
Auf den Rückenschilden ausser den 4 Längsfurchen
1) Endgliedern ?.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 129
noch ein mittlerer Längskiel mit 2 seichten Rinnen *).
Fühler 17 gliedrig, kurz und dünn. Alle Beine behaart,
wie auch die Körperseiten, das letzte Paar glänzend,
dick, ziemlich kurz, alle 5 Glieder unten messerartig
zusammengedrückt; die ersten 4 unten mit einer Dorn-
reihe, die ersten 2 daneben auch Dornen und Haare.
8. Cryptops hortensis, Leach. Transact. Linn. Soc.
London XL p. 384. England.
Syn. Cr. hortensis, Lucas. Hist. nat. Anim. Artic.
p. 546. sp. L (fide Newport.)
Cr. hortensis, Newport. Transact. 409.
Cr. hortensis, C. L. Koch. Deutschlands Crustaceen
und Myriapoden. IX. No. L
Lippe mit tiefem dreieckigen Eindruck, welcher hinten
in eine Furche ausläuft. Beine und Fühler behaart; letzter
Bauchschild länglich, hinten abgerundet; Endbeine mit un-
bedorntem Schenkelgliede. Länge 1".
9. Cryptops Savignü, Leach. Zool. Mise. IIL sp. 2.
(fide Newport). England und Deutschland (?).
Syn. Cr. Savignü, Newport. Transact. 409.
(?) Scolopendra Germanica, C. L. Koch. Deutschlands
Crust. und Myriap. IX. N. 2.
Grösser als die vorige Art mit bedorntem Schenkel-
glied der Endbeine. Länge IVio".
10. Cryptops hyalinus. Say. Syn. Cryptops hyalina,
Say. Journ. Acad. Nat. Scienc. Philad. 11 (fide Newport.
Transact. 409.) Georgia et Florida.
,,Cr. pallida, laevis, lineis 2 longitudinalibus satura-
tioribus, capite antennisque ferrugineis, pedibus postremis
brunneis spinulis 5 in articulo tertio tarsalive. Long,
lin. 7."
Syn. (?) Cryptops asperipes, Wood, in Proceed. Acad.
Nat. Scienc. Philad. 1867. p. 127.
11. Cryptops anomdlans, Newport. Transact. 409.
Tabl. 33. Fig. 25 und 26. Fundort ?.
Fühler 15-gliedrig; Lippe sehr schmal mit 2 ge-
schwungenen Furcheulinien. Haisschild sehr gross, fast
1) Beides in der Figur nicht wiedergegeben.
Archiv f. Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd.
130 E. Kohlrausch:
quadratisch ; Rückenschilde mit 2 seitlichen schrägen Ein-
drücken; letzter Bauchschild kurz, abgerundet und tief
punktirt. Länge 1 ^U".
12. Cryptops erythrocephalus, C. L. Koch, ist viel-
leicht eine Art Opisthemega, siehe daher p. 131.
13. Cryptops postica, siehe Opisthemega postica.
16. Genus. Opisthemega, Wood.
Segmenta pedigera 21. Oculi nuUi. Stigmata valvu-
laria utrinque 9. Scutum postremum maximum proximis
multo majus. Pedes postremi breves, crassi. Labium
plerumque dentatum.
Von der vorigen Gattung ist diese ebenfalls augen-
lose durch den Besitz von Zähnen, den grösseren End-
schild und glatte kräftige Endbeine unterschieden.
Gefunden sind diese Thiere in America, vielleicht
auch bei Pola am Adriatischen Meer.
1. Opisthemega postica, Wood. Transact. p. 169.
Nord-Carolina.
Syn. (?) Cryptops postica, Say. Journ. Acad. Nat.
Scienc. Philad. IL p. 112. (fide Newport).
(?) Theatops ^) postica, Ne wp o r t.Transact. 410. Georgia
et Florida.
Das Exemplar hat 6 deutliche, scharfe Zähne. Der
Endschild zeigt eine Mittelfurche, ist hinten grade abge-
schnitten und seitlich gerundet mit stark erhabenen Rän-
dern. Die Analanhänge sind kurz, hinten grade und ohne
Dorn. Das letzte Beinpaar ist sehr kurz und unbedornt.
Länge IV4".
2. Opisthemega spinicauda, Wood. Transact. p. 170.
Süd-Illinois.
Die Art hat 4 undeutliche Zähne. Der Endschild
ist zweimal länger, als die übrigen. Die Analanhänge
haben einen kleinen Dorn; die mittellangen kräftigen End-
beine einen kleinen Eckdorn und weiter vorn einen zweiten
starken Dorn. Länge 2 V2".
1) Ueber die Möglichkeit, dass Theatops und Opisthemega eine
Gattung seien, siehe Journal Godeffroy XIV p. 59 unten.
Gattungen und Arten der Scolopendriden. 131
3. Opisthemega erythrocephalum. Syn. Cryptops ery-
throcephalus, C. L. Koch. Die Myriap. II. Fig. 221. Pola
am Adriatischen Meer.
Aus der Beschreibung hebe ich hervor: Zähne je 3.
Augen fehlen. Die Fühler sind 16 — 17-gliedrig, kurzborstig
behaart. Der Halsschild zeigt einen dreieckigen Eindruck;
der Endschild ist gross, hinten fast grade abgeschnitten,
in der Mitte mit einem Längskiel und einer feinen Furche
auf demselben. Bauchschilde mit einer Längsfurche. Die
Endbeine sind sehr dick, die Glieder ^) kaum länger als
dick, die ersten beiden unten mit einem kleinen Zähnchen.
Yerzeichniss der häufiger citierten Schriften.
Brandt in Bulletin Scientitique publie par PAcademie! Im-
periale des Sciences de St. Petersbourg, VII. 1840. und VIII. 1841.
Gervais. Histoire naturelle des Insectes apteres par MM.
Walkenaer et P. Gervais. IV. Paris. 1847, nebst Tafeln. Als Nouv.
Suites ä Buffon. Insect. apteres erschienen.
Humbert, in Memoires de la Societe de physique et d'histoire
naturelle de Geneve. XVIII. 1. 1866.
Humbert & Saussure, in Revue et Magazin de Zoologie
pure et appliquee et de feericiculture comparee par Guerin-Meneville.
2. Ser. XXI. 1869. Paris.
2) do. do. 2. Ser. XXII. 1870. Paris.
3) Etudes sur les Myriapodes par H. de Saussure et Alois
Humbert, (mit Abbildungen.) Unter dem Titel: Mission seien tifique au
Mexique et daus l'Amerique centrale. Recherches zoologiques, Direct.
Milne-Edwards. Partie VI. Sect. 2. Paris 1872.
C. L. Koch. Die Myriapoden, getreu nach der Natur abge-
bildet und beschrieben von C. L. Koch, Kreisforstrath zu Regens-
burg. Halle 1863.
Kohlrausch. Beiträge zur Kenntniss der Scolopendriden,
Inaugural-Dissertation. Marburg 1878 p. 1 — 27. Dasselbe im Jour-
nal des Museum Godeffroy Heft XIV p. 51 — 77. Hamburg (L. Frie-
derichsen) 1879.
1) Die Abbildung des ganzen Thieres zeigt an den Endbeinen
4 Tarsenglieder, die vergrösserte Zeichnung eines Endbeines nur 3;
ebenso zeigt das vorletzte Beiupaar 4 Tarsenglieder, die vorher-
gehenden aber nur 3* — die beiden letzten Beinpaare sind also wohl
verzeichnet, (cf. pag. 98 u. 107.)
132 E. Kohlrausch: Gattungen und Arten der Scolopendriden.
«
Newport. in Transactions of the Linnean Society. London
Vol. XIX. 1845.
H. de Saussure, in Revue de Zoologie (Guerin ?) 2. Ser.
T. X. 1858. Paris.
2) in Memoires de la Societe de physique et d'histoire natu-
relle de Geneve. XV. 2, 1860.
Hör. C. Wood, in Journal of the Academy of Natural Sciences.
Philadelphia. 2. Ser. V.
2) Proceedings of the Academy of Natural Sciences. Phila-
delphia. 1861.
3) Proceedings of the Ac Philadelphia. 1867.
4) Transactions of the American philosophical Society. Phi-
ladelphia. XIII. New. ser. 1865. (Mit Abbildungen.)
Yerzeichiiiss der auf den Tafeln IT und Y enthaltenen
Figuren.
1. Scolopocryptops sexspinosus. Vi-
2. „ 5, vorderes Körperende von
oben, ^/i-
3. ,, „ Endbein. ^/j.
4. Scolopocryptops megacephalus. Vi-
5. Heterostoma sulcidens. Vi-
6. „ „ Vorderes Körperende von unten. Vi«
7. „ „ Hinteres „ „ „ Vi-
^8. Heterostoma pygomega. ,, „ „ „ Vi-
9. Branchiostoma nudum. Vi-
10. Branchiostoma gracile. Vi- (genauer Vs-)
11. Branchiotreraa tuberculatum. Vi- (genauer V*-)
12. Branchiotrema multicarinatum. ^/j. (genauer ^l^^.)
13. Branchiotrema astenon. Hinteres Körperende v. unten. Vi-
14. Branchiotrema scabricauda. Endbein. Vi- (genauer V2-)
15. Cupipes amphieurys. Vi-
16. „ ,, Hinteres Körperende v. oben. Vi-
17. Cormocephalus Westwoodii. Hinteres Körperende von
oben. Vi«
18. Cormocephalus aurantiipes. Vi-
19. Scolopendra morsitans. Männchen. Endbeine. Vi-
20. ,, „ Weibchen. „ Vi-
21. Cryptops australis. Vi-
22. ,; „ Kopf von oben. ^/j.
Notiz über Taenioptera australis.
Von
H. Burmeister.
Herr R. A. Philipp! beschrieb in diesem Archiv
Jahrg. 1879. Bd. I. S. 158 unter obigem Namen eine an-
geblich neue Art aus Patagonien und bildet sie auf der
beigegebenen Tafel IX kenntlich ab. Die Artbeschreibung
lehrt indessen bestimmt und deutlich, dass der behandelte
Vogel das Männchen der durch Gould als Taenioptera
variegata abgebildeten (pl. XI) Species ist und mit der
Pepoaza variegata d'Orbigny- Lafrenaye's (Guerin
Magas. d. Zool. 1837. p. 63. — Voy. d. l'Amer. merid. Or-
nithol. pl. 39. fig. 2) übereinstimmt. Gould nennt den
Vogel im Text der Zoology of H. M. S. Beagle, tome III,
pag. 55 Xolmis variegata G. Ph. Gray's und S clater führt
ihn im Catalog seiner Sammlung amerikanischer Vögel
(London 1862, pag. 196 no. 1202) als Myiotheretes rufiven-
tris auf, indem der Vogel bereits von Azara beschrieben
(Apunt. p. 1. bist. nat. d. 1. paxaros tome II, pag. 142
no. 205 und von Vieillot, nach dessen Beschreibung mit
dem Namen Tyrannus rufiventris (Nouv. Dict. d'hist. nat.
tom. XXXV. pag. 93) ins System eingeführt worden war.
Eben diese geänderte Benennung führt der Vogel auch in
Sclater's und Salvin's Nomenciator Avium neotropica-
lium; London 1873, p. 42.
Nach so oft gegebenen Schilderungen scheint es mir
nicht nöthig, hier eine neue Beschreibung zu liefern; Phi-
lip pi's Darstellung des Männchens ist bündig und klar
und Azara beschreibt mit seiner gewohnten Genauigkeit
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 10
134 H. Burmeister:
das Weibchen. Ebenso bezeichnend nnd hübsch sind die
beiden citirten Abbildungen des Männchens von Philippi,
des Weibchens von Gould. Ich verweile daher nur bei
einigen Angaben über die Lebensweise, indem ich die Nach-
richten von Azara und Darwin bestätige und z. Th. er-
weitere. Beide genauen Beobachter fanden den Vogel
nördlich vom Rio de la Plata, in der Banda Oriental,
Azara bei Santa Lucia, Darwin bei Maldonado und er-
sterer sagt bestimmt, dass er ihn nur im Herbst und Win-
ter (Mai, Juni) dort angetroffen habe, denn nur zu dieser
Jahreszeit geht der Vogel so weit nach Norden. Er kommt
eben dann in die Nähe von Buenos- Ayres und ist mitunter
recht häufig im Süden der Stadt anzutreffen. Einmal, im
April 1868, brachte mir der Jäger des Museums 16 Exem-
plare, 6 Männchen und 10 Weibchen, woraus zu folgen
scheint, dass letztere häufiger sind als erstere. Der Vogel
lebt in kleinen Schwärmen gesellig, hüpft am Boden im
Grase umher, nach Nahrung suchend, die in Insekten be-
steht. Darwin fand Ameisen in seinem Magen und sah
ihn fliegende Käfer haschen , ähnliches berichtete mein
Jäger. Der Hauptstationsort des Vogels ist Patagonien,
wo er sich von Bahia-Blanka bis nach der Magellans- Strasse
hin verbreitet. Je höher der Sommer hinauf rückt, um so
mehr geht der Vogel nach Süden, mit dem Ehde dieser Jah-
reszeit wandert er wieder nach Norden und zieht um so
nördlicher je kälter es wird. Sclater giebt in seinem
Catalog (a. a. 0.) Paranä als Fundstätte seiner Bälge an,
corrigirt aber später im Nomenciator diese Angabe in
Argentine Republik und Patagonien. Bei Paranä habe ich
den Vogel nicht angetroffen und zweifle, dass er so weit
nach Norden kommt. Er fliegt schwerfällig, ist nicht scheu
und wird leicht geschossen.
Im männlichen Gefieder überwiegt der graue Far-
' benton an Kopf, Brust und Rücken, das Weibchen ist
ebenda nur braun. Die rostrothe Farbe der Unterseite
bleibt beim Männchen auf den Bauch beschränkt, beim
Weibchen geht sie bis zur Brust, selbst bis zur Kehle
hinauf, doch haben viele Federn einen grauen Schaftstrei-
fen. Flügel und Schwanz sind bei beiden Geschlechtern
Notiz über Taenioptera australis. 135
ziemlich gleich, aber deren Farbe ist beim Männchen etwas
voller. Eben dies Geschlecht unterscheidet sich vom an-
deren durch einen schwarzen Backenfleck unter dem Auge,
der dem Weibchen ganz fehlt, auch bei manchen, wohl
jüngeren Männchen, ziemlich schwach ist. Der haupt-
sächlichste Geschlechtsunterschied liegt im Bau der drei
ersten Handschwingen, deren Spitze plötzlich sehr schmal
wird und die sich dadurch sehr bemerklich macht. An der
ersten übrigens etwas kürzeren Handschwinge ist die
schmale Strecke IV2 Zoll inwendig lang, an der zweiten
1 Zoll, an der dritten zeigt sich die Verschmälerung nur in
der Aussenfahne, während sie an den zwei vorhergehenden
Federn ebenfalls dort vorhanden ist, aber viel weiter ab-
wärts reicht. Diese auch plötzliche, nur schwächere Ver-
schmälerung beider Federn hat Philippi als langsam
zunehmend dargestellt (la remigia), ich finde sie, an mei-
nen Exemplaren, deutlich stufig abgesetzt. Junge Männ-
chen haben die Abstufung noch nicht; sie" tritt erst nach
der Jugend- Mauser im vollständigen Geschlechtskleide
auf. Indessen sind auch beim Weibchen die drei ersten
Handfedern schlanker gegen die Spitze hin und mehr zu-
gespitzt als die übrigen.
Buenos- Ay res im August 1880.
üeber eine gelbe Varietät vom Flussaal, Anguilla
vulgaris Fl.
Von
Dr. Heinr. Bolan
in Hamburg.
Am 2. Juli 1879 wurde mir für das Aquarium un-
seres zoologischen Gartens eine sehr interessante, rein
schwefelgelbe Spielart unseres Flussaals gebracht, die in
der Elbe bei Hamburg gefangen worden war. Diesem er-
sten Exemplar folgten in dem Zeitraum vom 4. September
bis 9. October desselben Jahres noch 13 andere ähnliche.
Im Sommer des gegenwärtigen Jahres wiederholte sich
das Auftreten der gelben Aale in der Elbe. Ißh erhielt am
5. Mai 2 Stück und dann nach und nach bis zum 13. Aug.
noch 7 andere.
Nur der zuerst gefangene Aal, der noch heute im Aqua-
rium lebt, ist rein gelb ohne schwarze Flecke. Er ist etwa
32 cm lang. Seine Oberseite und seine Seiten sind schön
hell citronengelb ; die Schnauze ist etwas mehr orangefar-
ben. In der hintern Hälfte des Körpers und namentlich
am Schwänze finden sich an den Seiten zahlreiche weiss-
liche Flecken im Gelb. Die ganze Unterseite ist weiss-
lich und glänzend, während die gelben Theile des Kör-
pers matt sind. Die Flossen sind blassgelb und so durch-
scheinend, dass man die feineren Blutgefässe in ihnen
mit unbewaffnetem Auge erkennen kann; ebenso schim-
mert am weisslichen Unterkiefer das Blut röthlich durch
die Haut, und an der Basis des Schwanzes, unterhalb der
H. Bolau: Ueb. eine gelbe Varietät v. Flussaal, Ang. vulgaris Fl. 137
Wirbelsäule kann man deutlich die von hinten nach vorn
gehende pulsirende Bev/egung des Blutes in der subcauda-
len Vene erkennen.
Die Augen unseres Thieres sind kleiner, als im nor-
malen Zustande und sehen daher wie verkümmert aus,
sie sind röthlich-violett. Der Hintergrund derselben ist
ohne Pigment, so dass er roth erscheint; dagegen ist in
einer äquatorialen Zone — die normale Augenachse als
Achse genommen — dunkles Pigment vorhanden; natür-
lich aber lassen sich diese Verhältnisse am lebenden
Thier nicht mit völliger Sicherheit feststellen.
Da die gelbe Farbe dieses Aales sich bis zum heu-
tigen Tage unverändert erhalten hat, so haben wir hier
den sehr seltenen Fall von Leukäthiopie bei einem Fische.
So ähnlich die übrigen gelben Aale auf den ersten Blick
auch dem eben beschriebenen waren, so verschieden haben
sie sich von ihm doch in ihrem ganzen Verhalten gezeigt.
Alle hatten auf bald hellerem, bald dunklerem Grunde
schwarze Flecke, die sich entweder nur über den Ober-
theil des Kopfes oder auch über Theile des Rückens ver-
breiteten. Die Augen waren stets normal. In der Grösse
waren die Thiere von dem erstgenannten Aal nicht we-
sentlich verschieden.
Die 13 Thiere dieser Art, die unser Aquarium im
Laufe des Jahres 1879 erhielt, verfärbten sich bis zum
Winter sämmtlich; sie wurden allmählich immer dunkler,
bis sie schliesslich die Färbung normaler Aale angenom-
men hatten. Es ist das um so bemerkenswerther, da unter
ihnen Thiere waren, die ausser dem schwarzgefärbten Kopf
ganz rein gelb, gerade wie der oben beschriebene Albino
waren.
Ebenso schwarzgefleckt auf gelbem Grunde sind die
9 Aale, die unser Aquarium in diesem Sommer erhielt.
Sie haben sich bis jetzt nicht verfärbt.
Derartige gelbe, schwarzgefleckte Aale sind ausser
den vorliegenden Fällen noch einige Mal beobachtet wor-
den. In der einschlagenden Literatur finde ich nur einen
Fall: Brandt (Bulletin de la classe physico-math. de
TAcad. de St. Petersbourg X, 1852. p. 13) und von Sie-
138 Heinr. Bolau:
bold (Süsswasserfisclie von Mitteleuropa, p. 19, Anm.) er-
wähnen nämlich eines von Dem. Taglioni dem Museum in
Paris geschenkten Aales, der hellbräunlichgelb — nanking-
gelb — und nur an Nasen- und Schwanzende normal ge-
färbt war; die Farbe der Augen ist in der von Meunier
(in d'Orbigny's Dictionnaire d'histoire nat. T. I. 1841. p. 249)
gegebenen Beschreibung nicht angegeben. Brandt nennt
dies das einzige Beispiel eines leukotischen Fisches.
Einen ähnlichen reichlich V2 m langen weiblichen
Aal erhielt, nach einer mündlichen Mittheilung, Herr Prof.
Möbius in Kiel am 29. Mai 1868; das Thier hatte nor-
male Augen.
Ein anderer Aal der Art ist nach einem Bericht in den
öffentlichen Blättern vor Kurzem in einem Gewässer süd-
östlich von Bremen gefangen worden. Auf eine briefliche
Anfrage an die Besitzer, Herren F. Klevenhusen & Co. in
Bremen haben dieselben mir über das Thier das Folgende
mitgetheilt: Der Aa] war genau von Goldfischfarbe und
hatte schwarze Augen; er hatte 4—5 schwarze Flecke in
der Nähe des Kopfes, auch war der Bauch dunkler, als
der Rücken, so dass es im Wasser den Anschein hatte, als
liege der Aal auf dem Rücken. Das Thier ist dem Bremer
Museum übergeben worden, hat im Weingeist seine rothe
Farbe verloren und ist gelb geworden.
Was im Uebrigen das Vorkommen von leukotischen
Fischen anlangt, so beschreibt Brandt in der oben citir-
ten Abhandlung einen Sterlet, Acipenser Ruthenus, von
1 Fuss Länge, der im Fontainenbassin des Wintergartens
in Petersburg gehalten wurde und dahin von Nischnij-Now-
gorod gebracht worden war. Der Regenbogenhaut des
Thieres fehlte, mit Ausnahme eines Innern silberfarbigen
Saumes, das schwarze Pigment, so dass das Auge in Folge
der durchscheinenden Gefässe vorn grösstentheils roth ge-
ädert erschien. Mit Ausnahme der sehr licht hellgrauen
Flossen war die Grundfarbe des Fisches hellbräunlich-
orange, an den Seiten und am Bauch mit einem Stich ins
fleischfarbene, während die etwas dunkler gefärbte Rücken-
seite ins Gelbe spielte.
Sieb cid spricht, 1. c. p. 18, von einer Bartgrundel,
Üeber eine gelbe Varietät vom Flussaal, Anguilla vulgaris Fl. 139
Cobitis barbatula, von blassrötli lieber Färbung und mit
rother Pupille, die er auf dem Münchner Fischmarkte fand
und citirt ebendaselbst Bald n er, der einen weissen Ruf-
folk, Lota vulgaris, und eine helle Grundel, Cobitis bar-
batula, beschreibt. Das sind die wenigen Beispiele von
Leukaethiopie, die mir bekannt geworden sind.
Demnach ist also das Vorkommen eines Aal-Albino,
wie der obenerwähnte, sowie ein so häufiges Auftreten
gelber schwarzgefleckter Aale bisher nicht bekannt ge-
worden.
Hamburg, d. 20. August 1880.
Ueber die Gattung Idalia, Leuckart.
Von
Dr. R. Ber^h
in Kopenhagen.
Hierzu Taf. VI— VIII.
Die oben erwähnte Gattung gehört unter den zuerst
aufgestellten generischen Gruppen unter den sogenannten
Nudibranchien, ist aber dessen ungeachtet bisher fast un-
beachtet und unbekannt geblieben.
Die Gattung wurde von F. S. Leuckart ^) (1828) auf-
gestellt und (für jene Zeit) kenntlich characterisirt. Die
Gattung wurde von Menke^) adoptirt so wie von For-
bes ^). Unglücklicherweise verfiel Phil ippi, dereinige
Jahre später (1836) die Gattung Euplocamus aufgestellt
hatte, nachher (1844) in den Irrthum dieselbe als mit Idalia
von Leuckart identisch zu betrachten ^). Obgleich Alder
gleich (1845) ^) die Unhaltbarkeit der Identification von
Euplocamus mit Idalia hervorhob, setzte sich der Irrthum
Philippi's doch durch die verschiedenen Handbücher von
Phil ippi, Wood ward u. A., durch die Compilationsar-
1) F. S. Leuckart, Breves animal. quorundam descript. 1828.
p. 15. Fig. 2 a b.
2) Menke, syn. moll. 1830. p. 10.
3) Forbes, on the genus Euplocamus of Philippi. Annais
a.>d magaz. n. h. VI. 1841. p. 317.
4) Philippi, enumer. moll. Sic. II. 1844. p. 76.
1 5) Alder, note on Euplocamus, Triopa and Idalia. Ann.
an^ magaz. n. h. XV. 1845. p. 262—264.
/
R. Bergh: Ueber die Gattung Idalia, Leuckart. 141
beiten von Gray*) und Herrmannsen 2) so wie durch
Abhandlungen von Lov^n ^) u, A. fort. Selbst nachdem
Alder und Hancock (1855) ^) und danach Gray (1857) 5)
genauer die Unterschiede zwischen Euplocamen und Ida-
lien präcisirt hatten^ sind diese zwei, in zwei ganz verschie-
dene Abtheilungen der Dorididen gehörende Thierformen
doch noch öfter ^) mit einander vermischt worden. In
letzterer Zeit habe ich eine kleine monographische Be-
handlung der Euplocamus-Gattung geliefert '^), und die fer-^
nere Vermischung dieser zwei Gattungen wird wahrschein-
lich unmöglich sein.
Nach der Aufstellung der Gattung durch Leuckart
war es erst Philippi, der noch eine neue Art derselben
bekannt machte ; später sind, hauptsächlich durch die eng-
lischen Faunisten, noch einige Arten zugekommen. Die
Kenntnisse der anatomischen Verhältnisse beschränken sich
aber auf die seinerzeits (1854) von dem trefflichen Han-
cock ^) gelieferten Notizen, der aus denselben wie aus
den äusseren Formverhältnissen der Thiere die Verwandt-
schaft derselben mit den Goniodoriden richtig erkannte.
Ueber die Lebensverhältnisse dieser Thiere ist
bisher sehr wenig bekannt. Der Laich von mehreren
Arten (Id. aspersa, elegans) ist bekannt, Form und Farbe
desselben scheint übereinzustimmen; von der Entwick-
lungsgeschichte ist nichts bekannt.
1) Gray, list.Proc. zool. soc. 1847. p. 165.
Gray, figures. IV. 1850. p. 105.
2) Herr mannsen, ind. gener. malacoz. prim. 1. 1846. p. 435.
3) Loven, index moU. 1846. p. 5.
4) Alder and Hancock, Monogr. partVII. 1855. p. XIX.
5) Gray, guide. I. 1857. p. 212.
6) Chenii, man. de malacol. I. 1859. p. 406.
Verany, catal. des moll. — de Nice. Journ. de conchyl. IV.
1853. p. 386.
H. and A. Adams, the genera of recent moll. II. 1858. p. 61.
7) E. Bergh, Beitr. zu einer Monogr. d. Polyceraden. Verh. d.
k. k. zool. bot. Ges. in W^ien. XXX. 1880. p. 623—639.
8) Alder and Hancock, Monogr. part 6. 1854. Gen. 8. Idalia,
142 R. Bergh:
Die Gruppe scheint auf die nördlichen und tempe-
rirten Meeresgegenden beschränkt.
Wie früher von mir ^) angegeben, gehören dielda-
lien zu der Gruppe von phanerobranchiaten Dori-
den, welche vorläufig noch nur die Gattungen Akiodoris,
x^-canthodoris, Adalaria, Lamellidoris, Doridunculus und Go-
niodoris umfasst. Diese Gruppe zeichnet sich durch die
nicht zurückziehbare Kieme mit ihren meistens (mit
Ausnahme der Akiodoriden und Acanthodoriden) einfachen
Blättern, durch den mit dem Schlundkopfe verbun-
denen Saugkropf, ferner äurch eine eigenthümli-
che Zungenbewaffnung, welche ausser einer grossen
Seitenzahnplatte eine oder mehrere äussere Platten dar-
bietet, aus. Die phanerobranchiaten Dorididen zeigen
ferner die (perfoliirten) Rhinophorien retractil oder nur
contractu (Goniodoris, Idalia). Es kommt meistens ein
Greifring von Häkchen am Rande der Lippenscheibe vor,
welcher mitunter (Akiodoris, Adalaria) doch auch fehlt.
Die Speicheldrüsen (meistens) vor dem Centralnervensy-
stem liegend, und ihre Gänge passiren nicht über die
Commissuren. Die Glans penis hat meistens eine Bewaff-
nung von Häkchenreihen, welche aber bei einigen Gattun-
gen (Lamellidoris, Adalaria) fehlt.
Idalia, F. S. Leuckart.
Idalia, F. S. Leuckart, br. anim. quor. descr. 1828. p. 15.
Fig. 2 a b.
— Alder and Hanc, Mon. part 6. 1854. Gen. 8. Idalia.
part VIT. 1855, p. 45-46, IV— VI. pl. 46 suppl.
Fig. 23, 24.
Okenia. Bronn, Ergebn. meiner naturhistor. öconom. Rei-
sen L 1826. p. 329. 2).
1) R. Bergh, Gatt. nord. Doriden. Arch. f. Naturg. 45, 1.
1879. p. 341, 354.
R. Bergh, die Gatt. Goniodoris, Forb. Malakozool. Bl. N. F.
I. 1880. p. 115—137. Taf. IV.
2) Alles was sich hier findet ist; „Okenia: I. 0. elegans Leuck."
Ist diese die Idalia elegans von Leuckart? Und wie kam Bronn dann
zu diesem erst 1828 publicirten Namen?
lieber die Gattung Idalia, Leuck. 143
Forma corporis sat alta, dorso angiistiore, lateribus
declivibus; podario latiore et postice cauda lanceolata ap-
planata producto. Nothaeum laeve, sat applanatum; margine
palliali prominente, circumcirca continuo, cirrhigero ; spatio
intramarginali cirrhis paucis seriatis vel omnino laevi.
Rhinophoria non retractilia, magna, intramarginalia. Caput
infra utrimque margine prominente, in tentaculum breve
desinente. Branchia (intramarginalis) postica e foliis sim-
pliciter pinnatis in orbem dispositis formata. Podarium
latum, sed infirmum, postice cauda applanata continuatum.
Discus labialis annulo angusto hamulorum seriatim
dispositorum armatus vel utrimque lamina similis naturae.
Lingua rhachide nuda, pleuris angustis dente laterali in-
terne hamiformi maiori et externe lamelliformi. — Prostata
magna. Penis seriebus hamulorum armatus.
Die Idalien stimmen in den allgemeinen Form-
verhältnissen mit den Goniodoriden , haben doch
einen ganz besonderen Habitus und sehen, wenn stärker
contrahirt, fast wie Actinien aus.. Sie haben wie die Go-
niodoriden einen schmaleren Rücken, von dem der Kör-
per ringsum schräge gegen aussen gegen den breiteren
Fuss hinab abfällt; der Rücken ran d ist auch vorstehend
und hinaufgeschlagen, aber (im Gegensatze zu den Ver-
hältnissen der Goniodoriden) hinten nicht abgebrochen
und trägt ringsum lange kegelförmige Papillen (Cirrhi);
der Rücken selbst ist entweder glatt oder trägt eine me-
diane (und mitunter auch laterale) Reihe von ähnlichen
Papillen. Die Rhinophorien (wie bei den Goniodoriden)
hinter dem Rückenrande stehend, nicht einziehbar, stark
und hoch. Der Kopf ist unten an jeder Seite des Aussen-
mundes in einen hervortretenden Rand entwickelt, der sich
als ein kürzer kegelförmiger Tentakel fortsetzt.
Die Kieme auch weit gegen hinten (innerhalb des Man-
telrandes) stehend, aus einfachen Blättern gebildet. Der
Fuss ist breit, aber schwach, hinten in einen kurz-lan-
zettförmigen, oben schwach gekielten Schwanz fortgesetzt.
— Die schmale Lippenscheibe auch mit einem schmalen
Greifringe von spitzen Häkchen, oder derselbe ist in
144 R. Bergh:
zwei gesonderte Stücke wie gespalten. Die schmale
Raspel zeigt auch eine grosse hakenförmige, gezäh-
nelte oder glattrandige Seitenplatte an jeder Seite der
nackten Rhachis und an der Aussenseite von jener eine
gegen oben zugespitzte äussere Platte. Der Saug-
kropf wie gewöhnlich, fast sessil. Eine Gallenblase
fehlt (wie bei den Goniodoriden), dagegen kommt eine
stark entwickelte Blutdrüse vor. Im Gegensatze zu dem
Verhältnisse der Goniodoriden kommt hier eine sehr grosse
Prostata vor. Der Penis ist in ganz ähnlicher Weise wie
bei den Goniodoriden (und Acanthodoriden) mit Reihen von
Häkchen bewaffnet.
Nur eine kleine Anzahl Arten dieser Gruppe ist bis-
her bekannt, welche sich vielleicht (nach dem Vorgange
von Alder und Hancock i)) in zwei Abtheilungen un-
terbringen lassen werden:
A. Idalia (proprie).
Nothaeum medium cirrhigerum. — Discus labialis
annulo hamigero instructiis.
1. Id. elegans, Leuck.
M. atlant. or. (bor.), mediterr.
2. Id. Leachii, Aid. et Hanc.
I. Leachii, A. etH. Monogr. part7. 1855. fam. 1.
pl. 27. Fig. 6; pl. 46 suppl. Fig. 23.
M. atlant. or. (bor.).
3. Id. cirrigera (Philippi).
Euplocamus cirriger, Phil. Wiegm., Arch. 1839, 1.
p. 115. Tab. IV. Fig. 2.
Idalia cirrigera, Phil. En. moll. Sic. IL 1844.
p. 77. Tab. XIX. Fig. 4.
M. mediterr.
4. Id. tentaculata, Stimpson.
Id. tentaculata, St. Proc. of Ac. Nat. Sc. of
Philad. VII. 1856. p. 379.
M. chinense.
1) L. c. part 7. 1855. p. 46, XVIII,
Ueber die Gattung Idalia Leuck.
145
B. Idaliella, Bergh.
Nothaeum medium non cirrhigerum. Discus labialis
utrinque lamella bamigera instructus.
5. Id. aspersa, Aid. et Hanc.
Id. aspersa, A. et H. Monogr. part 1. 1845.
fam. 1. pl. 26; part 7. 1845. pl. 46 suppl.
Fig. 24.
Id. cirrigera, „Ph.*^ Loven, ind. moll. 1846. p.5.
M. atlaut. or. (bor.).
6. Id. pulchella, A. et H.
Id. piücbella, A. et H. Monogr. part 6. 1854.
fam. 1. pl. 17. Fig. 5-6; part 7. 1845.
p. 46, app. p. V.
Id. pulchella, A. et H. G. 0. Sars, Bidr. t.
Kundsk. om Norges arktiske Fauna. I.
Moll reg. aret. Norv.1878. p.313. Tab. 28.
Fig. 1 a-c; Tab. XIV. Fig. 8 a-d.
M. atlant. bor.
7. Id. inaequalis, Forb. et Hanley.
Id. inaequalis, F. et H. Brit. Moll. III. 1853.
p. 579. pl. 20. Fig. 4.
Id. inaequalis, Alder et Hanc. Mon. part 7. 1855.
p. 46, app. p. V.
M. atlant. or. bor.
8? Id. quadricornis (Mtg.) ^).
Doris quadricornis, Mtg. Linn. Trans. XL 1815.
p. 17. pl. 4. fig. 4.
Id. quadricornis, Forbes et Hanley, 1. c.
— Alder et Hanc. 1. c.
M. atlant. bor.
1) Diese Form wird immer unbestimmbar bleiben.
146 ß. Bergh:
Idalia elegans, Leuckart.
Idalia elegans, Leuck. 1. c. 1828.
Idalia laciniosa, Phil. En. moll. Sic. IL 1844. p. 77.
Tab. XIX. Fig. 5.
— elegans, Leuck. Alder et Hanc. Mon. pari 7.
1855. fam. 1. pl. 27. fig. 4—5.
Color animalis puniceus, podario clarior et inter-
dum scarlatinus; nothaeum et latera punctis lutescentibus
aspersa; cirrhi dorsales sicut rhinophoria apicibus sulphu-
reis vel citrinis; rhachides foliorum branchialium lutescen-
tes, apices interdum citriui; margo frontalis inferior, margo
anterior tentaculorum et margo podarii sulphurei.
Hab. M. mediterr.
Taf. VI— VIII.
Dass die von Leuckart und Philip pi beschriebenen
Thierformen identisch sind, kann kaum bezweifelt wer-
den. Die von den englischen Faunisten untersuchte Form
ist aller Wahrscheinlichkeit nach nur eine locale nördli-
chere Varietät derselben.
Während diese Art in den vergangenen 6 — 7 Jahren
nur ein einziges Mal (bei Rovigno gefischt), in der Station
von Trieste vorgekommen ist, so wie dieselbe (zufolge von
mir eingeholter Mittheilungen) auch in den letzteren Jahren
nur ganz vereinzelt bei Napoli, Genova und Marseille ge-
fischt worden ist, scheint sie in diesem Frühjahre (April,
Mai 1880) sich dagegen bei Trieste ganz häufig gezeigt
zu haben. — Die Individuen sind daselbst meistens aus
einer Tiefe von 7 — 10 Faden herausgeholt. Dr. Graeffe
hat mir mitgetheilt, dass sie oft in grösseren Cynthien ange-
troffen werden (wie es übrigens auch an der Id. elegans
Alder undHancock gesehen haben), in deren Masse sie
sich oft so tief eingefressen haben, dass fast nur die Rhi-
nophorien hervorragen.
Mitte April erhielt ich (nach fünftägiger Reise) aus
der Station von Trieste (durch die Freundlichkeit des Di-
rectors Prof. Claus und des Inspectors Dr. Graeffe) in
Ueber die Gattung Idalia, Leuck. 147
Kopenhagen sechs grosse Individuen, welche doch nur we-
nig lebenskräftig waren; das eine hatte während derKeise
gelaicht. — Während eines mehrtägigen Aufenthaltes in
Trieste gegen Mitte Mai, habe ich ferner daselbst noch
mehrere grosse lebende Individuen zur Untersuchung gehabt.
Die zwei grössten untersuchten Individuen massen,
wenn sie sich ganz ausstreckten, fast 8 cm, hatten aber
dann nur eine Höhe des eigentlichen Körpers bis 10—11 mm
bei einer Breite desselben bis fast 17 mm, die Länge des
Schwanzes volle 2,5 cm. Zusammengezogen massen die-
selben Individuen nur 4 cm bei einer Breite des Körpers
bis 18 und einer Höhe bis 16 mm; die Breite der Fuss-
sohle dann 18 — 19 mm; die Länge des Schwanzes 12 mm;
die Höhe der Rhinophorien betrug 14 — 17 bei einem Durch-
messer des Stieles von etwa 1,5 mm; die Höhe der längsten
Stirnpapillen 15 — 17, die der übrigen ßandpapillen des
Rückens 10 mm, die der Kiemenblätter 15 — 16 mm, die
der Analpapille 1,5 — 2 mm; die Länge der Tentakel 2,5 mm.
— Die Consistenz des Thieres weich. — Die Farbe des
Rückens mit seinem Gebräme und seinen Stirn- und
übrigen \) Randpapillen mehr oder weniger dunkel pur-
purroth, schwach weissgelb punktirt, besonders längs der
Mitte und hinten; ähnlich und gelb punktirt und gefleckt
waren auch das Rückengebräme und die eigentlichen Rand-
papillen, welche wie die Stirnpapillen eine längere (an den
Stirnpapillen) oder kürzere schwefelgelbe Spitze zeigten. Die
Rhinophorien auch purpurroth mit weissgerandeten Blät-
tern und citron- (oder schwefel-)gelber Spitze. Die Kiemen-
blätter heller oder dunkler purpurroth, die Farbe dunkler
an der Innenseite; die äussere und die innere Rhachis so
wie die Ränder der secundären Blätter gelblich, weisslich
oder gelblichweiss oder nur mit Fleckchen und Pünkt-
chen dieser Farbe; die Spitze der Blätter mitunter citro-
nengelb. Die Analpapille purpurroth, gelb punktirt. Die
Stirn so wie die Seiten des Körpers ein wenig heller als
der Rücken gefärbt, mitunter auch mehr scharlachroth :
1) Philipp! giebt (1. c.) die Girrhi als „aurantiaci apice
albi" an.
148 R. Bergh:
noch dazu auch fein und unreg;elmässig gelblichweiss punk-
tirt, mitunter bildet diese Punktirung einen verwischten
von den Tentakeln gegen hinten ausgehenden Streifen. Der
untere Stirnrand mit einer ziemlich schmalen, in der Mit-
tellinie mitunter abgebrochenen, hellschwefelgelben Linie
eingefasst, welche sich auf die Tentakel hinaus fortsetzt.
Die Mundgegend roth oder röthlichgrau. Der vordere Rand
der Genitalöffnung gelblich. Der Schwanz ist an der
Rückenseite fast wie der Rücken gefärbt ; die Fusssohle und
übrigens der Fuss im Ganzen ein wenig heller oder auch
etwas mehr scharlachfarbig; der Fussrand ringsum, beson-
ders an der oberen Seite, von einer (der des unteren Stirn-
randes ähnlichen) hellschwefelgelben Linie eingefasst, wel-
che vorne etwas breiter war. — Die Eingeweide schim-
merten nirgends deutlich hindurch.
Für die äussere Untersuchung wurden 13 Individuen
genauer durchmustert, theils lebende, theils in Alkohol auf-
bewahrte.
Der Körper ist kräftig, ringsum gerundet, vorne und
hinten, wenn das Thier etwas zusammengezogen ist, ziem-
lich senkrecht oder wenigstens nicht wenig schräge gegen
aussen, gegen den breiteren Fuss abfallend. Der Rücken
ist ringsum von einem schmalen (an der Innenseite ge-
messen bis 3,5 mm breiten) dünnen Mantel gebräme
eingefasst, das vorne und hinten mitunter etwas schmäler
war; meistens wurde dasselbe ziemlich aufrecht getragen.
Vom Rande des Mantelgebrämes und sich oft wie eine
Verdickung an der Innenseite desselben fortsetzend erhoben
sich dann (Taf. VIIL Fig. 1, 2) die Randpapillen (Cirrhi),
welche zugespitzt fingerförmig, etwas zusammengedrückt
und von absolut und relativ ziemlich inconstanter Grösse
waren. Vorn kamen deren sechs (frontale) vor, von denen
die zwei mittleren die grössten waren (Fig. 1), meistens
grösser als die äussern (ausserhalb der Rhinophorien ste-
henden), welche immer länger als die nächstäussersten
waren (Fig. 1). Hinten fanden sich, hinter der Kieme noch
etwa sechs (caudale) Papillen von übereinstimmender oder
ungleicher Grösse, die mittleren dann mitunter die läng-
sten (Fig 1) ; zwischen den vorderen und den hinteren endlich
Ueber die Gattung Idalia, Leuck. 149
jederseits 8—12 laterale Randpapillen *), den anderen
ganz ähnlich und meistens der Art gestellt, dass eine Un-
terscheidung zwischen vorderen, seitlichen und hinteren
im Ganzen meistens etwas willkürlich ist. Diese letzteren
Papillen waren mitunter von fast übereinstimmender, mei-
stens doch von ungleicher Grösse, dann hier und da an
Länge alternirend; mitunter war das Mantelgebräme auch
in einer Strecke nur zackig und die Papillen nur durch
die Zacken angedeutet; bei einigen (zwei) Individuen wa-
ren die ersten lateralen Papillen (hinter den frontalen)
kleiner, ein einzelnes Mal wurde eine fast bis an den
Grund geklüftete Papille (Doppeltpapille) gesehen. Inner-
halb des aufrechten Mantelgebrämes zeigte sich
der Rücken ganz leicht gewölbt mit einem seichten me-
dianen Längskiele, aus dessen hinteren zwei Drittel sich
3—4, seltener nur 2 mediane Papillen (Fig. 1,2) erho-
ben -), welche ein wenig kürzer als die seitlichen Rand-
papillen waren, von gleicher oder ungleicher Grösse ; zu
jeder Seite der hinteren Papillen oder der hintersten fand sich
(Fig. 1, 2) noch eine ähnliche, ebenso lange oder kürzere
laterale (vor der Kieme); mitunter kamen vor oder hin-
ter dieser letztern noch eine oder bei dem einen Indivi-
duum (an beiden Seiten) selbst zwei ähnliche, meistens
kleinere Papillen an der einen (3 Individuen) oder an bei-
den (1 Individuum) Seiten vor. Dicht hinter dem Mantel-
gebräme stand vorne jederseits (Fig. 1, 2) das grosse,
schöne, sehr contractile Rhinophor, das am Grunde ober-
halb einer seichten Einsenkung der nächsten Umgegend
ein wenig eingeschnürt war; der Stiel betrug bei ganz aus-
gestreckten Organen kaum Vs der ganzen Länge dersel-
ben; die Keule, ein wenig dünner als der Stiel, zeigte
(jederseits) etwa 70—80 Blätter, die am Vorderrande ein-
ander fast berührten, während sie am hinteren Rande durch
1) Von den 13 Individuen zeigten die zwei ringsum 28, das eine
29, die zwei 30—31, die fünf 32—33, das eine 34 und die zwei 36
Papillen.
2) Von den 13 Individuen zeigten die acht 3, die drei 4, und
die zwei 2 mediane Papillen.
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 2. Bd. H
150 R. Bergh:
einen schmalen, gegen unten breiteren Zwischenraum ge-
schieden waren; oben eine kleine Endpapille. Ganz hinten
am Rücken, doch nicht so nahe am Mantelgebräme wie die
Rhinophorien (Fig. 1), fand sich die grosse Kieme, welche
aus 17—22 ^) einfach gefiederten Blättern gebildet war, die
sich unten von einem ganz niedrigen gemeinschaftlichen
kreisförmigen , aussen oft von einer Furche umgebenen
Halse erhoben. Die inneren Rhachides der Kiemenblätter
treten unten ziemlich nahe an die Analpapille ; die 2—4
hintersten (Fig. 1) Blätter waren immer etwas, mitunter,
besonders die zwei medianen, bedeutend kleiner als die
anderen, die etwa von derselben Grösse waren. Innerhalb
des Kiemenkreises (Fig. 1) stand median die ziemlich nie-
drige, conische, meistens am Rande mit etwas zackigem
Rande versehene Analpapille (Taf. VIII. Fig. 3) und
rechts am Grunde derselben die spaltartige Nierenpore
(Taf. VIII. Fig. 1, 3 a). Die Analpapille wurde an einem
Individuum ganz zurückgezogen gesehen, und die Nieren-
pore präsentirte sich dann als eine weitere Oeffnung. —
Vom Mantelgebräme ab fiel der Körper dem Contractions-
oder Expansionszustande des Thieres gemäss mehr oder
weniger jähe gegen aussen und unten ab, vorne im Ganzen
meistens mehr jähe. Diese letztere Stirngegend gerundet ;
ganz unten in der Mittellinie eine senkrecht ovale Appla-
nation mit dem senkrechten oder schnürlochförmig zusam-
meugezogenen Aussenmunde; zu jeder Seite desselben
war der untere Stirnrand in einer kurzen Strecke ein we-
nig gelöst und schliesslich in den fingerförmigen (an den
in Alcohol bewahrten Individuen immer ganz zusammen-
1) Von den 13 Individuen zeigten das eine 17, drei 18, zwei 19 (von
denen bei dem einen die vier zu zwei und zwei vereinigt), die fünf
20 (von denen bei dem einen zwei vereinigt und bei einem anderen
die vier hintersten kleinen paarweise vereinigt waren), bei den zwei
kamen 22 vor. Wenn Doppeltblätter, wie schon erwähnt, vorkamen,
ging die Gabelung derselben immer bis über die Mitte der Länge
hinab. Bei einem Individuum wurde an einem der hinteren Blätter
kurz vor der Spitze ein kleiner Seitenast gesehen.
Auch Leuckart giebt (1. c.) die Anzahl der Kiemenblät-
ter zu „18 — 20" an, Philip pi (1. c.) nur zu 15.
lieber die Gattung Idalia, Leuck. 151
gezogenen und unsichtbaren) Tentakel verlängert. Die
Stirngegend in die Seiten des Körpers gerundet und
ohne Grenze übergehend, und diese sich wieder hinten in das
fast wie die Stirngegend geformte Hinterende des Körpers
fortsetzend. Vorne an der rechten Seite, unterhalb der 2ten
— 3ten lateralen Raudpapille die rundliche zusammenge-
zogene Genital Öffnung. — Der Fuss breit, aber ziem-
lich dünn; das Vorderende vom Kopfe fast nicht gelöst;
der Vorderrand gerade oder ein wenig ausgekerbt, mit
einer ganz oberflächlichen Furche; von den Körperseiten
stand das Fussgebräme bis etwa 4 mm hervor; der Schwanz
lang, 74 bis gegen Vs der ganzen (Fig. 1, 2) Körperlänge
betragend, breit, allmählig zugespitzt; die Rückenseite mit
einem schwachen medianen Längskamm, welcher sich mit-
unter am Grunde des Hinterendes des Körpers ein wenig
hinauf fortsetzte.
Wenn das Thier sich kriechend bewegte — was
ziemlich lebhaft geschah, indem es volle 2 cm in der Mi-
nute zurücklegte — trug es meistens die Rhinophorien ge-
gen oben, gegen aussen und etwas vorwärts gerichtet; die
Stirnpapillen wurden meistens etwas gegen aussen und
vorne, am meisten ein wenig gekrümmt getragen; die la-
teralen Randpapillen waren meistens gegen oben, innen
und etwas rückwärts gerichtet, und wurden am meisten
auch ein wenig gebogen gesehen; die Kiemenblätter stan-
den gegen oben und hinten, von der centralen Analge-
gend eradiirend gerichtet (Fig. 1). Wenn das Thier ir-
ritirt wurde, legten alle Papillen sich flach gegen innen
über den Rücken nieder, während sie die Rhinophorien so
wie die Kiemenblätter, die sich stark (respective bis auf
3 und auf 8 mm) zusammengezogen hatten, theilweise ver-
bargen.
Das eine von den lebend genauer untersuchten Indi-
viduen hatte am Nachmittage einen langen Laich abge-
setzt, und wurde am folgenden Nachmittage in Paarung
wieder gesehen. Die zwei Individuen sassen an einem
Steine lose befestigt, dicht an einander, Seite an Seite, Kopf
gegen Schwanzwurzel, ziemlich zusammengezogen, mit ganz
1B2 E. Bergh:
vorgestreckten Kiemenblättern, mit ein wenig zusammen-
gezogenen Rhinophorieu, mit etwas schlaffen Randpapil-
len. Sie Hessen sich nur mit einiger Schwierigkeit von
einander lösen, und ein kurzer weisslicher Penis zog sich
dabei langsam zurück. Am folgenden Tage wurden die-
selben Individuen wieder in Paarung getroffen ^). — Wäh-
rend des Laichens wurde der sehmale, bandförmige,
schon während der Austreibung bis zu 7,5 mm Höhe schwel-
lende, röthlichweisse Laich sehr langsam aus dem bis
4 mm hervorstehenden, durchscheinenden, zusammenge-
drückten und fast zungenförmigen, gelbgeraudeten Ende
des Schleimdrüsenganges hervorgeschoben, einstweilen sich
in viele Festons legend. Nach dem Laichen war das Thier
nicht viel dünner geworden. Der Laich wird meistens
an der grossen Llva lactuca var. latissima abgesetzt
und in vielen unregelmässig geschlungenen Festons, die
ausgestreckt mitunter eine Länge von beiläufig 40 cm er-
reichten.
Als das Thier (das gelaicht hatte) lebend geöff-
net wurde, zeigte sich der Schlundkopf mit dem Kröpfe
(etwas durchscheinend) weisslich; die Schleimdrüse war
vorne hell dottergelb, hinten weiss; die Spermatotheke
opak weisslich; die Zwitterdrüse bildete einen sehr hell-
röthlichen Ueberzug über den grössten Theil,der braunen
Leber.
Die in Alcohol bewahrten Individuen stiessen
das Pigment an den meisten Stellen ganz oder fast ganz
ab und färbten das Alcohol sehr intensiv röthlichgelb; die
Eingeweide schimmerten dann an der Fusssohle und an der
Stirne undeutlich hindurch. Die Grössenverhältnisse dieser
Individuen waren etwa die der lebenden Thiere, wenn mit-
telmässig zusammengezogen.
Die Eingeweidehöhle erstreckte sich bis an das
Ende des Körpers. Das Peritonaeum war farblos, bil-
dete ein von oben hinter der Blutdrüse vor dem Darme
1) Diese zwei Individuen wurden mit Rücksicht auf die Paa-
rungsorgane genauer anatomisch untersucht, schienen sich aber wie
die anderen zu verhalten.
lieber die Gattung Idalia, Leuck, 153
und der hinteren Eiugeweidemasse hinabsteigendes Dis-
sepiment.
Von der oberen Seite geöffnet präsentirt dasThier
die Organe in den folgenden Lageverhältnissen:
Zuvorderst zeigen sich der Kropf und die Ketractoren der
Mundrühre und noch tiefer die Speicheldrüsen ; hinter den-
selben die cerebro-visceralen Ganglien mit ihren ausstrahlen-
den Nerven, in der Mittellinie dann die Speiseröhre (in
die Leber eintretend) und an der rechten Seite derselben
die Blutdrüse; hinter jenen ein Theil der rechten Seite
und der obere Rand der rothen Schleimdrüse und ein Theil
der Spermatotheke : an der linken Seite liegt diesen Or-
ganen gegenüber die hintere Eingeweidemasse, welche
dann gegen hinten den übrigen Theil der oberen Seite
einnimmt, überall hier von (der Niere und) der Zwitter-
drüse überzogen: an der oberen Seite dieser grossen hin-
teren Eingeweidemasse ruht dann nach links der Magen, in
der Mitte das Knie des Darmes, hinter dem letzteren das
grosse Pericardium mit durchschimmernder Kammer und
Vorkammer; rechts der Länge nach unter dem Pericar-
dium verläuft der Darm und ganz hinten liegt an der
rechten Seite des Darmes die Nierenspritze mit ihrem
Gange (Urinkammer). — Wenn der Fuss der Länge
nach gespalten ist, zeigt sich vorne und in der rech-
ten Seite des Thieres die rothe Schleimdrüse und in der
linken die sich hier weiter gegen vorne erstreckende,
hintere Eingeweidemasse (Leber), zwischen beiden tritt hier
meistens das untere Ende der Prostata hervor; weiter ge-
gen hinten liegt ferner nur die hintere Eingeweidemasse,
die bräunliche Leber, welche aber, mit Ausnahme des
zackigen Mitteltheiles oder des linken Randes, von der
in Farbe contrastirenden Zwitterdrüse überzogen ist.
Das Centrain ervensystem (Taf. VL Fig. 1—6)
ist dem der Goniodoriden \) ziemlich ähnlich. Die mei-
stens concav-couvexen cerebro-visceralen Ganglien conver-
1) Vgl. AI der and Hancock, Monogr. br. nudibr. moll.
part 6. 1854. fam. 1. pl. 17. fig. 4.
R. Bergh, I.e. I. 1880. p. 121.
154 R. Bergh:
giren gegen vorne, sind oval, kürzer oder länger, eine
Auskerbung am vorderen Theile des äusseren Randes zei-
gend, welche die sonst meistens undeutliche Grenze zwi-
schen den zwei Abtheilungen der Ganglien andeutet. Die
Nervenzellen von einem Durchmesser bis 0,16 mm. Die
cerebralen Ganglien (Fig. 1 aa) also kleiner als die
visceralen, vorne an der Unterseite fast ohne deutliche
Grenze in die nur wenig grösseren pedalen Ganglien über-
gehend (Fig. 1); diese Ganglien scheinen wenigstens etwa
14 — 15 Nervenpaare abzugeben. Vom vordersten Theile
jedes Ganglions gehen gegen unten 2—3 Nn. labiales und
ein N. tentacularis ab, ferner weniger schräge 3 Nn. frontales,
dann mehr gegen oben und aussen ein N. limbo-dorsalis
ant. und drei Nn. limbo- dorsales laterales, welche an den
Mantelrand treten und sich verzweigend die dorsalen Cirrhi
versehen; von der oberen Seite des Ganglions geht dann
der ganz kurze N. opticus aus, hinter demselben der ziem-
lich starke N. olfactorius, welcher oberhalb des Grundes
ein kleines ovales Ganglion olfactorium (proximale) (Fig. 1,4)
bildet, und nach einem etwas geschlängelten Verlaufe in
die Keule des Rhinophors eintritt (aber kein Gangl. olfac-
tor. distale entwickelt); von der oberen Seite des Ganglions
hinter dem N. olfactorius steigt endlich noch ein N. dor-
salis medianus gegen oben. Von der unteren Seite geht
noch die ziemlich kräftige Commissura cerel3ro-buccalis
aus. Von dem vorderen Theile der intercerebralen Commis-
sur entspringt schliesslich mit zwei Wurzeln, einer von
der oberen und einer von der unteren Seite (Fig. 1, 2), ein
unpaarer sehr dünner N. biceps, der bei einem Individuum
bis an die Gegend vor dem rechten Rhinophor und aus-
serhalb desselben verfolgt wurde, wo er sich in mehrere
ganz feine Aeste auflöste. Die visceralen Ganglien
(Fig. 1 bb, 2) sind meistens fast oder etwa doppelt so gross
wie die cerebralen; mitunter stärker röthlich gefärbt, rund-
lich, höher als die Gehirnknoten; von denselben scheinen
3—4 Paar Nervenstämme und mehrere unpaare auszuge-
hen. Gegen hinten geht ein starker N. pallialis magnus aus,
welcher fast von seiner Wurzel ab gespalten ist, der rechte
Nerv verläuft an der Unterseite der Blutdrüse; der eine
üeber die Gattung Idalia, Leuck. 165
Zweig scheint sich bald in den Rücken zu verlieren; der
Hauptstiimm verläuft erst unterhalb des Peritonaeums des
Kückens, dann in demselben, ausserhalb der Gegend des
Eückengebrämes und giebt gegen innen mehrere Aeste (an
den Rücken) ab, um schliesslich in der Gegend dicht vor
der Kieme in den Rücken überzutreten. Dicht neben diesem
N. pallialis, mitunter auch am Grunde mit demselben ver-
schmolzen, geht der N. pallialis minor auch für den Rücken
ab, ferner ein (oder zwei) N. hepaticus, welcher sich in die
Oberfläche der Leber zu verbreiten scheint. Von der Un-
terseite des rechten Ganglions neben der Commissur ge-
hen wenigstens drei Nn. genitales ab ; ein an die Vorder-
seite der Schleimdrüse; ein anderer, welcher sich mit meh-
reren Zweigen über den Schleimdrüsengang verbreitet, und
ein dritter, welcher, mehrere feine Aeste der vorderen Geni-
talmasse liefernd, sich bis an die Hinterseite der Spermato-
theke verfolgen Hess, hier sich in mehrere Aeste auflösend.
Zwischen dem vorderen Theile der visceralen Ganglien
ist die nicht schmale viscerale Commissur (Fig. 2) in
einem nicht weiten Bogen gespannt; meistens stark rechts
kommt an oder neben ihrem Grunde ein rundliches klei-
nes Ganglion viscerale (Fig. 2), von dem sich ein Nerv an
dem Vorderende der Leber bis unterhalb des Darmes er-
streckt, während ein anderer sich längs der Speiseröhre
freiliegend (Taf. VL Fig. 5 d) und der Schleimdrüse, der
Prostata und dem Samenleiter Aeste gebend sich bis an
die Cardia verfolgen Hess; der dritte und stärkste Nerv
(Fig. 2 d) geht rechts an die Gegend der Hauptausfüh-
rungsgänge des Genitalapparates und bildet oberhalb des
Grundes des Penis, zwischen diesem und dem Schleimdrü-
sengange ein mitunter an der Mitte etwas eingeschnürtes
Gangl. genitale (Fig. 6) von einem Durchmesser von
meistens etwa 0,2 mm und wenigstens 6—7 Nervenstämme
den Nachbarorganen liefernd. An allen diesen letzteren
Nerven so wie an ihren feinen Aesten kamen kleine
Ganglien so wie eingelagerte Nervenzellen (Fig. 5) häufig
vor. Mitunter waren die zwei ersten jener Nerven an der
Wurzel vereinigt. Vor dieser visceralen Commissur fand sich
die viel dünnere und nicht längere subcerebrale Com-
156 R. Bergh:
missur (Fig. 2, 5 a), zwischen dem inneren unteren Theil
der Gehirnknoten ausgespannt. Die pedalen Ganglien
(Fig. Ic, 2a) liegen unterhalb der Gehirnknoten und fast
immer vor denselben, durch eine sehr kurze pedale ^)
(Fig. 2a) Commissur verbunden; sie sind von rundlichem
Umrisse, schief concav-convex, kleiner als die visceralen,
etwas mehr abgeplattet als die anderen; die ganz kurze
Commissur mit dem Gehirnknoten ist viel breiter als die an
das viscerale Ganglion. Vom vorderen Eande des Ganglions
gehen zwei oder drei gleich getheilte starke Nerven gegen
unten aus, welche alle oder die zwei am Grunde oft ver-
einigt sind; ferner vom äusseren Rande noch ein Nerv. Der
letztere, der N. pediaeus ant., dringt etwa ein wenig hinter
dem Ende des ersten Drittels des eigentlichen Fusses in
denselben hinein, in zwei Hauptäste getheilt, von denen
der eine (vordere) mitunter separat vom Ganglion ent-
springt. Der N. pediaeus longus, welcher, wie erwähnt,
oft mit mehreren Stammästen als mehrere gesonderte Ner-
ven entspringt, verläuft (losliegend) an der Unterseite der
Schleimdrüse, ferner gegen hinten längs der Gegend des
Fussrandes, in dem er, besonders gegen innen, 6 — 7 Aeste
abgiebt; etwas gegen den Nerven der anderen Seite con-
vergirend tritt er dann an der Schwanzwurzel in die Ver-
längerung des Fusses ein. — Die buccalen Ganglien
(Fig.ld, 3 a) sind fast kugelrund, durch eine Commissur ver-
bunden, die etwa so lang wie der Durchmesser des Knotens
ist; gegen hinten geht von jedem ein N. vaginae radulae
(Fig. 3); an dem vorwärts (an die Speicheldrüse?) gehenden
Nerven (Fig. 3) kamen mitunter eingelagerte Nervenzel-
len vor. Die ziemlich kurzstieligen gastro - o e sopha-
galen Ganglien (Fig. 3 b b) waren ungewöhnlich gross,
mehr als die Hälfte der Grösse der buccalen betragend,
fast kugelrund ; am Grunde der Speiseröhre an die Spei-
cheldrüse ziemlich innig angeheftet. In denselben eine
besonders grosse Nervenzelle von einem Durchmesser von
etwa 0,22 mm.
1) Mitunter (2 Individuen) war die Commissur in eine kleinere
vordere und eine grössere hintere aufgelöst (Taf. VIII. Fig. 4 a b).
lieber die Gattung Idalia, Leuck. 157
Die Augen (Fig. 1) mit einer besonderen Zellen-
griippe (Ganglion?) der oberen äusseren Seite des Gehirn-
knotens durch einen ganz kurzen N. opticus verbunden;
von einem Durchmesser von etwa 0,16 mm, mit reichlichem
schwarzem Pigmente und kugelrunder, stark gelber Linse
von einem Durchmesser von 0,05 mm. Die Ohr blasen
(welche nicht immer zu entdecken waren i) und öfter an
den Fussknoten hängen blieben), an der Unterseite der
Gehirnknoten befestigt, ein wenig kleiner als die Augen,
mit etwa 100 Otokonien von gewöhnlicher Art und von
einem Durchmesser bis etwa 0,018 mm. — Der hintere
Rand der Keule der Rhino phorien, wie gewöhnlich, ein
wenig breiter als der vordere und besonders unten; die
Blätter hier, wie gewöhnlich, nicht einander reichend, wäh-
rend sie am Vorderrande einander fast berühren. In den
ziemlich dünnen Blättern keine Spikein ; solche kamen dage-
gen, obgleich nicht reichlich, in der Axe, besonders der
des Stieles, vor, meistens gelblich oder röthlichgelb, spin-
delförmig, ziemlich dick, von einer Länge bis 0,12 mm.
Die Rhinophorien zeigten, besonders deutlich am Stiele,
unter dem starken Epithele ein oberflächliches Längsfaser-
Lager von Muskeln. Durch die Axe zog sich bis in die
Spitze der kein Ganglion bildende N. olfactorius, zahl-
reiche Aeste in die Blätter hinein abgebend ; ferner starke
muskuläre Längsfaser und Bündel von solchen. Zwischen
dem peripherischen und dem centralen Muskellager lose
fibrilläre Bindesubstanz mit zahlreichen Kernen von einem
Durchmesser von meistens 0,007 mm Diam., ferner grosse
mehrkernige Zellen von einem Durchmesser von meistens
0,025—0,06 mm und starke fibrilläre von der Axe eradii-
rende Querfaserbündel-Züge. — Die zähe Haut, welche sich
überall ziemlich leicht von der subcutanen Muskulatur
lösen lässt, von einem farbigen und, besonders in dem
unteren Theile stärker gefärbten, hohen Epithellager be-
deckt. Die Haut mit zahlreichen blasenförmigen, meistens
zerstreuten oder in Gruppen gesammelten Drüsenzellen,
1) Bei einem Individuum präsentirten sie sich doch unter der
Loupe als kalkweise Punkte.
158 R. Bergh:
meistens von einem Durchmesser von etwa 0,02 mm, fer-
ner mit grösseren klaren oder röthlichen Drüschen (Taf. VI.
Fig. 12, Taf. VIII. Fig. 6), mit den oben erwähnten mehr-
kernigen Zellen und hier und da, besonders in der Fuss-
sohle, mit Spikein. Die Spikein waren den oben erwähn-
ten ähnlich, aber länger, bis 0,5 mm lang, meistens krtim-
melig verkalkt, cylindrisch oder spindelförmig, gerade, ge-
bogen oder geknickt; seltener kamen deren ganz verkalkte
und an der Oberfläche etwas knotige vor. Im Ganzen
fanden sich die Spikein aber sparsam vor *). Zwischen
der Haut und dem subcutanen Muskellager verliefen zahl-
reiche Nerven, mitunter kleinere Ganglien bildend, und
diesem wie jener zahlreiche Aeste liefernd. Im Vorder-
rande des Fusses stärkere, mehr gestreckte, zum Theil zu-
sammengesetzte Drüsen (Fig. 6). In der Haut des Fusses
fanden sich die Drüsen, besonders die klaren grösseren,
in grösserer Anzahl und waren im Ganzen etwas grösser
(bis wenigstens 0,16 mm lang), besonders vorne und in
der Mittelpartie da, ferner gegen den Fussrand hin und
gegen hinten. Die Haut der Randpapillen des Mantelgebrä-
mes zeigte den gewöhnlichen Bau; durch die Axe dieser
auch stark muskulären Organe konnte ein Nerv so wie ein
Gefäss öfter verfolgt werden. — Auch in der intersti-
tiellen Bindesubstanz fehlten grössere Spikein oder
überhaupt erhärtete Zellen fast ganz. Das Peritonaeum
vom gewöhnlichen, fein-fibrillären und -zellulären Baue;
hie und da, besonders am Hinterende, durch spinnenge-
webeartige Intercellulärsubstanz an die hintere Eingeweide-
masse geheftet. Im Dissipiment des Peritonaeums deutliche
feine Stomata.
Die subcutane Muskulatur der im Ganzen nicht
dicken Körperwand zeigte die gewöhnlichen zwei Lager,
1) Mit Säuren behandelt zeigte die Haut keine oder wenig-
stens nur eine ganz unbedeutende Gas-Entwicklung. —Dieses sparsame
Vorkommen von Spikein ist deshalb auffallend, weil solche und zwar
starke anderen Idaliefi zugeschrieben werden (Aid- et Hanc, 1. c.
parte. Gen. 8) und abgebildet (1. c. part 1. fam. 1. pl. 26. fig. 8)
vorliegen (G. 0. Sars, 1. c. Tab. 28. Fig. 1 c).
lieber die Gattung Idalia, Leuck. 159
ein äusseres längslaufendes und ein inneres queres; an
dem vorderen Theile der Körperseiten verliefen die Fas-
cikel des letzteren schräge gegen vorne. An diese Mus-
kulatur heften sich und in dieselbe verweben sich (unten
näher erwähnte) specielle Muskeln für specielle Organe.
Die Mundröhre etwa 1 — 1,3mm lang, mit der gewöhn-
lichen hinteren Circulärfalte und den gewöhnlichen Längs-
falten. Unmittelbar unter dem Vorderende der Mundröhre
zeigt sich (wenn der Schlundkopf emporgeschlagen wird)
ein starker, mit mehreren Köpfen in der Gegend des mitt-
leren Theils des vorderen Fussrandes entspringender und mit
mehreren Schwänzen an der Unterlippe angehefteter M.
transversus labii inf. Ferner wird die Mundröhre oben theil-
weise von den Schwänzen ihrer dünnen, strangförmigen
Retractoren gedeckt, welche fast alle von der Stirn entsprin-
gend und über die Muskulatur des Schlundkopfes (vorne
zum grossen Theile an dieselbe locker angeheftet) hin-
streichend sich in der Gegend des Aussenmundes ringsum
anheften. Von der Gegend oberhalb des äusseren Theils
des unteren Stirnrandes entspringt mit mehreren Köpfen
der auch mehrschwänzige M. retractor inf.; weiter gegen
aussen und oben (oberhalb der Tentakel -Gegend) unten
meistens drei etwas kürzere, und mehr oben und hinten
zwei längere Mm. retractores laterales; von den Seitenthei-
len der Stirne oben entspringen meistens drei lange dünne
Mm. retract. supp. und von der Gegend an oder vor den
mittleren Stirnpapillen endlich zwei Paar Mm. retract. me-
dii, welche über den Schlundkopfkropf hinabsteigen. Nach
Wegnahme aller dieser Retractoren zeigen sich, wie im-
mer, die kurzen starken Mm. bulbo- (disco-) tubales (su-
perficiales und profundi), von der Gegend der Lippen-
scheibe an die Mundröhre hinübertretend.
Der Schlundkopf (Taf. VI Fig. 7, 8), dem der
Kropf ein besonderes Aussehen verleiht, ist von schwach-
röthlich weisser Farbe, ziemlich kurz, hinten dicker, von
rundem Umfange; seine Länge meistens 3—3,5 mm betra-
gend, bei einer Höhe (ohne den Kropf) bis 2,3—2,5 und
einer Breite bis 2,5—3 mm; die Raspelscheide (Fig. 7 b)
160 R. Bergh:
aber noch 1,2—1,5 mm hervortretend. An etwa der Mitte
der Länge des Schlundkopfes die gewöhnliche fast rings-
laufende Furche (mit Muskelinsertionen)'; vor derselben
zeigt sich die Oberfläche des Schlundkopfes (wegen der
oberflächlichen Muskelbänder) (siehe unten) hauptsächlich
längsgestreift; hinter derselben treten beiderseits an der
Unterseite des Schlundkopfes die aufsteigenden starken
Bündel der Mm. linguales supp. hervor, welche die Kaspel-
scheide zwischen sich fassend sich oben nach vorne an
die Furche fortsetzen. Die gerade gegen hinten vortretende
oder mehr gegen oben oder gegen unten, dann oft zugleich
etwas seitwärts gerichtete Raspelscheide stark (Fig. 7 b) (bis
1,2 -1,5mm dick); mit der stark durchschimmernden braun-
grauen Fortsetzung der Raspel. In oder dicht an der er-
wähnten Furche des Schlundkopfes hefteten sich mit meh-
reren Schwänzen seine (wie die Retractoren der Mundröhre)
dünne strangförmige Retractoren, welche in der Gegend vor
den Mm. retractores tubi oralis supp. und oft auch mit
mehreren Köpfen entsprangen. Nach Wegnahme aller
Retractoren des Schlundkopfes und der Mundröhre zeigen
sich die dünnen Mm. protrahentes bulbi (Fig. 7, 8 a), welche
als parallellaufende flache Bündel von der erwähnten Fur-
che und von dem unteren Theile des Kropfes entspringen
und sich in der Umgegend des Aussenmuncles heften ; es
kommen deren (Fig. 8 a) obere (Mm. protrah. supp.) und
untere (Mm. protrah. inff.) vor (Fig. 7); die ersteren in zwei
in der Mittellinie (durch den Kropf) geschiedenen Gruppen,
und die letzteren ebenso (an der Gegend vor Eintreten der
A. lingualis) geordnet. Die vordere Abtheilung des Schlund-
kopfes (vor der Furche) ist dann hauptsächlich aus einem
von Längsfasern durchzogenen Ringsmuskel, M. circularis
bulbi (Fig. 7) gebildet; an dessen Aussenseite, besonders
gegen unten, gesonderte schwache längslaufende Fascikel,
welche sich in die schmale Lippenscheibe bis an den
Lippenring verfolgen Hessen. An der Innenseite, der Wange
zunächst, liegt noch ein Lager von der Länge nach und
schräge laufenden Fasern. Die hintere Abtheilung des
Schlundkopfes besteht hauptsächlich aus einem dünnen
Lager von bogenförmig der Länge nach gehenden Fasci-
lieber die Gattung Idalia. Leuck. 161
kein, welche von der Unterseite der Raspelsclieide ent-
springend sich an der Oberfläche der oder durch die an
der Aussenseite des M. circularis bulbi liegende Fascikeln
fortsetzen. Oben werden diese Fascikeln jederseits von
dem M. bulbi longitud, post. sup. gedeckt, welcher sich
hinten mit der äusseren Hülle der Easpelscheide verwebt
und sich gegen vorne zu jeder Seite der Speiseröhre er-
streckt; eine Fortsetzung des Muskels steigt zügeiförmig
an der Hinterseite der Wurzel des Kropfes empor. Nach
Wegnahme dieses letzteren Muskelpaares liegt der M. trans-
versus bulbi posterior entblösst. Die ringförmige Lippen-
scheibe sehr schmal; ihr innerer Rand mit einer conti-
nuirlichen, hell braungelben oder braungrauen, schmalen,
etwas härteren Einfassung, die überall von derselben Breite
(von etwa 0,26— 0,28 mm) war. Dieser Lippenring
(Taf. VL Fig. 9, Taf. VIL Fig. 1—3) bestand aus undeut-
lich geschiedenen kurzen Längsreihen mit 5 — 7 festen
Dornen, die vorwärts (gegen die Mundöffnuug) gerichtet
waren ; die vordersten waren meistens, besonders sehr oft
unten in der Mittellinie etwas beschädigt. Die hinter-
sten waren meistens nieclrig (Fig. 9 a, 3), weniger gebo-
gen, mitunter ziemlich unregelmässig (Fig. 2, 3); nach vorne
wurden sie höher und mehr gebogen (Fig. 9 b), sich zu
einer Höhe bis (0,06 — ) 0,1 mm erhebend bei einer Länge
der ausgehöhlten Grundfläche von meistens etwa 0,06 mm.
Die Mundspalte ein gestreckter Schlitz oder senkrecht
triangelförmig mit der Spitze gegen oben. Die Mundhöhle
von der grossen Zunge fast ausgefüllt; die untere Wand mit
einer sich bis an den Lippenring erstreckenden medianen
tiefen Furche, zu jeder Seite derselben meistens eine we-
niger tiefe gebogene ; vorne an der oberen Wand ein Längs-
schlitz, der in den Kropf leitet ; hinten an den Wangen,
vor der Zungenwurzel meistens eine oder mehrere senk-
rechte gebogene Falten. Die Wände der Mundhöhle von
einer weisslichen Cuticula überzogen. — Die Zunge gross,
eine unbedeutend zusammengedrückte Halbkugel bildend;
an der oberen Hälfte die schmale horngelbe Raspel mit
schräge aufrechtstehenden, etwas gegen die Mittellinie ge-
richteten Zahnplatten. An der Unterseite zeigt die Zunge
162 R. Bergh:
der Länge uach parallellaufende Bänder, welche zum gros-
sen Theile sich über die obere Seite, besonders über ihre
seitlichen Parthien, fortsetzen; an der hinteren Hälfte der
Unterseite werden diese Bündel durch querlaufende ge-
kreuzt. Die ziemlich schmale, von beiden Seiten gegen
ihre Mittellinie etwas schräge abfallende Raspel zeigt an
der schmalen Rhachis eine schwache Andeutung einer un-
terbrochenen medianen Längsleiste. Die äusseren Zahn-
platten der 12 — 15 vordersten oder selbst aller Reihen der
Zunge fast immer mehr oder weniger (Taf. VIL Fig. 4 a a,
5aa) beschädigt; dagegen waren selbst die vordersten
grossen Seitenplatten meistens unbeschädigt (Fig. 4, 5), nur
an der Spitze des Hakens meistens etwas abgenutzt. Von
den 13 untersuchten Individuen zeigten die drei 21—22,
die zwei 20, eins 19, die fünf 18, das eine 16 und eins
selbst nur 15 Zahnplattenreihen \) ; weiter gegen hin-
ten unter dem Raspeldache und in der Rapselscheide fan-
den sich noch respective 12—11, 11, 11, 11 — 14, 15
und 16 entwickelte und zwei unentwickelte ^) Reihen ; die
Gesammtzahl derselben somit meistens (6) 33, dann (3) 35,
seltener (2) 32, 31 (1) oder 34 (1) betragend. Die Farbe
der Platten war (ein wenig schmutzig) hell horngelb, die
hintersten entwickelten der Raspelscheide waren mitunter
(röthlich) hell braungelb; die Platten, wie g-ewöhnlich und
selbstfolglich, in den dickeren Parthien stärker gefärbt.
Die Höhe der vordersten Seitenplatten betrug an zwei
Individuen 0,2 mm, die der hintersten 0,3—0,32 mm ; die
Höhe der entsprechenden äusseren Platten war 0,12 und
0,18 mm. An einem dritten Individuum massen die vordersten
Seitenplatten 0,25, die zwölfte der Zunge 0,3 und die hinterste
fast 0,4 mm; die Höhe der beziehungsweise entsprechenden
1) Die Zahnplattenreihen, deren Seitenplatten nicht mit der
Spitze aus der Raspelscheide hervorragten, sind dieser letzteren zu-
gerechnet.
2) Die jüngste Seitenplatte ist ganz farblos, die nächst jüngste
in der äussern Hälfte des Hakens farbig und die dritte (erste ent-
wickelte) noch nicht im Grundtheile des Hakens ganz vollständig
gefärbt.
Ueber die Gattung Idalia, Leuck. 163
äusseren Platten betrug 0,13 — 0,16 und 0,19 mm. Die Form
der Seitenplatten (Taf. VIL Fig. 6a) mit der in die-
ser Familie sonst vorkommenden wesentlich übereinstim-
mend; der Körper im Vorderende etwas ausgehölilt, die
innere Lippe der Höhlung stärker hervortretend (länger)
(Taf. VIII. Fig. 7); der Haken stark, fast gerade, gegen die
Spitze hin ein wenig gebogen, an der Unterseite schräg
abgeplattet (und die Abplattung sich an den vorderen
Theil des oberen Randes des Körpers fortsetzend) und mit
stärkerem Vorspringen des inneren Randes, die Ränder aber
fast glatt, nur bei sehr starker Vergrösserung (800 x) eine
äusserst feine Serrulirung (Taf. VII. Fig. 7) meistens zei-
gend. Die äusseren Platten (Taf. VII. Fig. 6 b, 9) dünn,
blattförmig; der vordere Rand convex, in seiner grössten
Länge gegen innen umgeschlagen (Fig. 9) ; der hintere
winklig gegen hinten gebogen, in dem unteren Stück stark
gegen innen umgeschlagen (Fig. 9), das obere Ende zuge-
spitzt. Unregelmässigkeit in der Form der grossen Zahn-
platten kam als eine Variant der Form der Spitze des Ha-
kens (Taf. VIL Fig. 8) häufig, fast bei den meisten Indi-
viduen vor, und mitunter zeigten mehrere (zerstreut ste-
hende) Zahnplatten desselben Individuums diese Abnor-
mität. — Die Zunge hauptsächlich aus zwei Muskel-
massen gebildet, einer oberen kleineren und einer viel
grösseren unteren, welche beide oben und vorne verschmelzen,
während sie sonst durch die kleine, abgeplattete, der Mitte
der Länge nach ein wenig erweiterte Zungenhöhle ge-
schieden sind. Die obere Muskelmasse, die Mm. lin-
guales supp., entspringt mit ihren starken Fascikeln unten,
in der Gegend der Furche des Schlundkopfes, wo sich die-
selben mit dem Ursprünge der unteren Zungenmuskelmasse
verweben, und steigen nach oben und innen und gegen
vorne, um sich an der Unterseite der Raspelscheide und
an die Raspel so wie an die Gegend ausserhalb der Rän-
der derselben zu befestigen; an der Insertion verweben
sich die (sonst durch die Raspelscheide geschiedenen) Mus-
keln theilweise mit einander. Die grosse kurze biconvexe
untere Zungenmuskelmasse auf Durchschnitten gela-
tinös-durchscheinend, (bläulich-) farblos, mit zerstreuten
164 R. Bergh:
und meistens gegen oben gericliteten weissen Strichen.
Sie ist aus einer fibrillären Grundmasse mit eingestreuten
kleineren und grösseren Zellen gebildet, in welcher die Fi-
brillen hauptsächlich einen gegen oben und vorne gerich-
teten Verlauf haben; durch die Grundsubstanz ziehen sich
starke und verzweigte Muskelfascikeln mit Richtung gegen
vorne und oben. An der Unterseite wird die untere Zun-
genmuskelmasse von dem dünnen Lager des M. trans-
versus linguae in f. mit seinen gesonderten Fascikeln
gebildet. — Die äussere Raspelscheide, deren Ende
durch ein Paar Muskelbänder zwischen den Ursprüngen
der beiden Mm. linguales supp. an die Mitte der Quer-
furche des Schlundkopfes befestigt ist, besteht aus einem
circulären und einem längslaufenden Lager, die sich hier
und da in einander verweben ; diese Scheide umfasst die
innere ganz lose, von ihr durch eine Blutlacune (Lacuna
radularis) geschieden, aber von dem vorderen- oberen
medianen Theile der Scheide scheint ein ziemlich kräfti-
ger muskulärer Strang an das hintere Ende der inneren
Scheide ausgespannt. Diese innere Raspelscheide
zeigt ein äusseres Lager, welches aus einem nicht scharf
geschiedenen circulären und longitudinalen Stratum be-
steht, und einem inneren Lager aus kleineren Zellen mei-
stens von einem Durchmesser von etwa 0,03 mm mit gros-
sem Kerne mit stark lichtbrechendem Kernkörperchen von
beiläufig 0,0055 mm Diam. Das Hinterende der Raspel-
scheide mit einer gelblichen Pulpa gefüllt, welche aus
den ungleich grossen odontogenen Zellen gebildet ist, die
rund sind, einen Durchmesser bis 0,1—0,12 mm erreichend,
mit grossem Kerne mit (oft gekerbtem oder getheiltem)
stark lichtbrechendem gelblichem Kernkörperchen von einem
Diam. bis 0,013 mm; vorne bilden mehrere solche Zellen
zusammen kurz abgerundete oder mehr zugespitzte Kegel,
aus deren oberflächlichem Theile sich durch Chitinisation
die Zahnplatten bilden. Die vorwärts rückende Zahuplatte
ruhet danach auf einem Hügel von kleineren Zellen, wel-
che nach der Bildung der Zahnplatte aus den Ueberres-
ten von jenen grossen odontogenen Zellen vielleicht her-
vorgegangen sind, und welche mehr vorwärts jetzt nur die
''Ueber die Gattung Idalia, Leuck. 165
die Zahnplatten verbindende Cuticula bilden. Nach und
nach wird das Zellenlager unter den Zahnplatten dünner,
die Cuticula dicker, und am Ausgange aus der Raspel-
scheide ruhet die Cuticula nur auf dem gewöhnlichen wirk-
lichen Epithele ^). Der Raum zwischen den Zahnplatten
und zwischen denselben und der oberen Wand der inne-
ren Raspelscheide ist von Zellen, die denen des inneren
Lagers dieser letzteren ganz ähnlich aussehen, gefüllt. Zwi-
schen dem Zellenlager und dem äusseren oder in diesem
letzteren mehrere der Länge nach laufende Gefässe. Das
ziemlich starke Raspeldach breiter als lang; mit seiner
Fortsetzung gegen unten, dem Züngelchen, von einer dicken
Cuticula überzogen; oben zeigt er den querlaufenden M.
transversus tecti radulae, welcher sich über die Seitentheile
der Zungenwurzel verbreitert, während er noch von eini-
gen starken Längsfaserbündeln gekreuzt ist, die sich an
der Raspelscheide verlieren. — Der weissliche Schlund-
kopf-Kropf, der jenem Organe das abweichende Aus-
sehen verleiht, ist nicht viel kleiner als der eigentliche
Schlundkopf selbst (Taf. VL Fig. 7e,8); wie gewöhnlich, mit
der vorderen Hälfte der oberen Seite verwachsen ; bei fünf
grossen Individuen betrug die Länge desselben 3 mm bei
einer Breite bis 1,75 — 2 und einer Höhe bis 1,5 — 1,75— 2 mm;
meistens war das Organ also unbedeutend niedergedrückt,
selten war das Umgekehrte der Fall ; die Durchmesser wa-
ren etwa an der Mitte der Länge immer grösser. An der
oberen Fläche (Fig. 8) so wie an beiden Seiten (Fig. 7)
zeigte das Organ wie eine durchschimmernde weisse Linie
(welche den Ecken der pfeilförmigen Lichtung entsprachen),
1) Die Entwicklung scheint also einigermassen mit der über-
einzustimmen, welche Trinchese (anat. e fisiol. della Spurilla nea-
politana. 1878. p. 14 (416). Tav. VII. Fig. 1, 2, 4) bei der Spurilla
neapolitana dargestellt hat. Die Form der odontogenen Zellen und
die Entwicklungsverhältnisse derselben bieten übrigens viele Anknü-
pfungspunkte an die von Spengel (Beitr. zur Kenntn. der Gephy-
reen. II. Ztschr. f. wiss. Zool. XXXIV. 1880. p. 479—481. Taf. XXIV.
Fig. 13, 14, 15 bb) beschriebenen grossen Basalzellen der jungen
Borsten bei Echiurus (und Bonellia) und an die Entwicklungsvor-
gänge derselben.
Archiv f. Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 12
166 R. Bergh:
und war sonst von meistens circulären, doch öfter ana-
stomosirenden, schmalen, weissen Reifen (Fig. 7, 8) ein-
gefasst ; die Zahl derselben schien etwas wandelbar, be-
trug meistens 12 — 20. An Durchschnitten zeigte die Lich-
tung sich (wie meistens an diesen Saugorganen) dreieckig,
ziemlich weit und mit den Ecken fast an die Oberfläche
reichend; die dicken Wände, wie schon auf Durchschnitten
unter der Loupe deutlich (Taf. VIL Fig. 10), aus drei Mus-
kellagern gebildet; einem dünneren äusseren und innerem,
die aus circulären Fasern gebildet waren; und einem mäch-
tigen zwischenliegenden, aus kurzen quergehenden Fasern
gebildet, welche auch das äussere und innere Kreislager
durchsetzten und mit zahlreichen eingelagerten kleinen Zellen
und Kernen vermischt waren. Die Höhle des Kropfes von
einer fast farblosen starken Cuticula ausgefüttert. Die
Höhle war bei zwei Individuen mit einer näher unbestimm-
baren thierischen Masse gefüllt; sonst immer leer. Der
Hals des Organs öffnete sich mit dreieckiger Lichtung
in den längsgehenden Schlitz an der oberen Wand der
Mundhöhle.
Die Speicheldrüsen (Taf. VL Fig. 7, 8 b b) sind
weiss, mitunter auch (wie dann auch der Schlundkopf)
röthlichweiss; von der Schlundgegend ab erst gegen aussen
(Fig. 8), dann gegen unten, seltener gegen vorne, mehr oder
weniger gebogen hinabsteigend (Fig. 7) ; meistens waren sie
an etwa ihrer Mitte etwas eingeschnürt (Fig. 7). Die Or-
gane massen an vier grossen Individuen ausgestreckt volle
3 mm bei einem Durchmesser bis 1,25, bei einem Indivi-
duum selbst bis 1,75 mm. Die Drüsen waren von gross-
lappigem Baue, die Lappen durch Bindesubstanz aber ver-
einigt, so dass die Oberfläche nur grobkörnig erschien;
durch die Axe erstreckte sich eine enge Höhle. Die Aus-
führungsgänge (welche also nicht die Nervencommissuren
passirten) ganz kurz.
Die Speiseröhre (Taf. VI. Fig. 7 d) ziemlich lang,
ziemlich dünn, an vier Individuen 10 — 14 mm lang bei
einem Durchmesser bis 0,5 — 1,1 mm; mitunter war sie vor
der Mitte ein wenig erweitert; die Innenseite mit zahlrei-
chen feinen Längsfalten. Der Magen (Taf. VIII. Fig. 8)
üeber die Gattung Idalia, Leuck. 167
aus der Leberhöhle meistens dicht an der Cardia hinauf-
steigend und sich dann knieförmig gebogen gegen rechts
mehr oder weniger schräge hinlegend. Die erste Strecke
des Magens ganz dünnwandig und glatt (Fig. 8) ; unterhalb
des Knies fangen die der Länge des Organs nach gehen-
den feinen Längsfalten (Fig. 8) an, diese übrige Strecke
des Magens etwas mehr dickwandig. Der aus der Längs-
kluft der Leber etwas hinter dem Ende des vorderen Drit-
tels der Leber frei hervortretende Magentheil kurz-sack-
förmig, gegen den Darm meistens etwas verschmälert; an
fünf untersuchten Individuen 5,5—7 mm lang bei einem
Durchmesser bis 3 — 5 mm. Im Magen meistens eine reich-
liche, klumpige, weisse, näher unbestimmbare thierische
Masse, worin eine Menge von grossen, stark verfetteten
Zellen. Der Darm sich vom Magen (Fig. 8 b) fast gerade
oder in einem geringen Bogen zur rechten Seite der Mit-
tellinie unterhalb des Pericardiums und der Renalspritze
bis an die Analpapille erstreckend ; der Darm war in eine
besondere Furche an der Oberfläche der Leber eingelagert,
nur lose an dieselbe befestigt; nur in einem einzigen In-
dividuum verlief der Darm in einer Strecke durch eine
Furche des oberen Theils der rechten Seite der Schleim-
drüse. Die Länge betrug bei den fünf erwähnten in die-
ser Beziehung untersuchten Individuen 18 — 21 mm, bei
einem Durchschnitte vorne meistens von 2—2,5, sonst von
1 — 1,3 mm. Die Innenseite in der ersten Strecke mit einer
sehr starken, hohen (sehr oft doppelten) Falte an der
vorderen Wand, welche sich eine kurze Strecke weiter in
den Darm hinab fortsetzte, und sonst mit feinen Längs-
falten. In der Höhle kein Inhalt oder derselbe wie im
Magen.
Die grosse hintere Eingeweidemasse bei sechs
der erwähnten Individuen 20—22 mm lang bei einer Breite
bis 12 — 15 und einer Höhe bis 11 — 13mm; die Höhe also
immer ein wenig geringer als die Breite. Die Form un-
regelmässig cylindrisch, das Hinterende gerundet; das Vor-
derende wenigstens an der rechten oberen Hälfte (durch
die vordere Genitalmasse) meistens stark abgeplattet, doch
ein wenig gewölbt. An der oberen Seite vorne eine sub-
168 R. Bergh:
mediane, etwas schräge gegen vorne und rechts gehende,
tiefe Furche (für die Speiseröhre), welche hinten in eine
kleine Erweiterung endet, die vom Magen ausgefüllt wird.
Von dieser letzteren Erweiterung geht links meistens eine
mehr oberflächliche Furche aus, welche sich um den Eand
fast bis an die Mitte der Unterseite fortsetzt ; rechts dage-
gen geht immer eine stärkere Furche aus, die gleich tie-
fer wird, gegen hinten biegt und sich mit einer Tiefe von
wenigstens der halben Höhe der Leber zur rechten Seite
der Mittellinie der ganzen Länge nach erstreckt. In dieser
Furche liegt ganz unten die grosseVena hepatica, darüber die
Urinkammer und am oder (links) neben dem Eande oben der
Darm. Die obere Fläche und die Seiten dieser Eingeweide-
masse sind dann von vielen unregelmässigen, sich auch etwas
verästelnden, meistens in die Quere laufenden, zum Theile
ziemlich tiefen Furchen durchzogen; die Unterseite ist im Gan-
zen mehr eben. An der Unterseite zeigt sich vom Hinter-
ende (in der Gegend des Freiwerdens der Vena hepatica
magna) ab, etwa in der Mittellinie, ein ungleichbreites (von
etwa 2 bis 10 mm breites) gerundet - zackiges Band von
röthlichgraulicher oder graulicher Farbe, und sich mitun-
ter eine Strecke hinauf über die Applanation am Vorder -
ende meistens bis an die Cardia fortsetzend; diese Strecke
ist in gewöhnlicher Weise durch feine ganz, oberflächliche
Furchen in Inselchen getheilt. Die Eingeweidemasse ist
sonst überall von röthlichgelber Farbe; unten auch aus
Inselchen, sonst aus Inseln gebildet, welche aus applanir-
ten Körnchen zusammengesetzt scheinen; an der oberen
Seite und am Vorderende zeigte die Masse oft wie kurze,
kräftige, verästelte Röhren, an deren Rändern sich die Körn-
chen anschlössen. Die rothgelbe Farbe wird von dem
dicken Zwitterdrüsenlager hervorgebracht, das überall, mit
Ausnahme in der obenerwähnten Strecke und in der me-
dianen Furche (Vena hepat. magna), die Leber überzieht.
Diese letztere tritt nur in dieser Ausdehnung an die Ober-
fläche. An Durchschnitten zeigt sich die Lebermasse rothgelb
oder chocoladegrau mit dunkel rostrothgelbcn Spritzfleck-
chen, gegen die Zwitterdrüse sehr stark abstechend. Die
Höhle der Leber ziemlich eng, vorne in die Speiseröhre
Uober die Gattung Idalia, Leuck. 169
und dicht an (hinter) derselben in den Magen übergehend ;
an den Wänden die gewöhnlichen Löcher mit den Neben-
löchern am Boden. Der Bau der Leber der gewöhnliche.
Das Pericardium gross, bis an die Seiten des Kör-
pers reichend ; die vordere Wand oben dicker (Taf. VIIL
Fig. 8 c), der Gegend unmittelbar hinter der grossen Quer-
furche der hinteren Eingeweidemasse durch die Cardia-
Gegend entsprechend; der klagen und die erste Strecke
des Darmes somit frei vor dieser Pericardialscheidewand
liegend, die quer über den Darm gespannt und an dem-
selben angeheftet ist (Fig. 8). An dem Pericardium schie-
nen hier und da ganz feine Stomata vorzukommen; unter
dem Epithellager war das Gewebe fibrillär. — Das Herz
gross; die Vorkammer gross, ihre Grundfläche ein wenig
breiter als der Durchmesser des Kiemenkreises; die schlaffe
Kammer von 3— 4 mm grösster Länge; die Klappen schie-
nen die gewöhnlichen. Die kurze dicke Aorta-Wurzel
sich gleich in eine Aorta post. und anterior theilend. Die
Aorta posterior sich wieder in einen Kamus sinister und
R. dexter gabelnd. Der erste geht durch die linksge-
hende Furche, theilt sich in einen Ramulus ant., der sich
gabelt und einen Ast an den Magen (A. gastrica) schickt,
während die Fortsetzung sich weiter gegen aussen durch die
Furche verfolgen lässt; und einen Ramulus post., der sich
gegen hinten über die hintere Eingeweidemasse verbrei-
tert. Der Ram. dexter der Aorta posterior folgt der rechts
und gegen hinten gehenden Furche, scheint dem Darme
(Aa. intestinales), der Zwitterdrüse und der Leber Aeste
zu schicken. Die Aorta anterior geht etwas schräge vor-
wärts über das rechte Vorderende der hinteren Eingewei-
demasse, dieser Aeste gebend, schickt der Blutdrüse eine
starke, kurze, schräge aufsteigende A. gland. sanguineae,
geht weiter gegen vorne über die (Samenblasen und die)
vordere Genitalmasse, und liefert am Vorderrande derselben
dieser eine kurze und starke A. genitalis, welche sich
schnell in mehrere Aeste theilt (besonders eine starke
Art. prostat! ca an das Vorderende dieser Drüse und eine
A. penis für den Penis), welche die verschiedenen Theile
dieser Masse versorgen. Der Stamm setzt sich weiter un-
170 R. Bergh:
terlialb des Scblundkopfes fort ; fast am Vorderende dieses
letzteren schickt sie die kurze starke Art. pediaea, die
sich gleich in mehrere Aeste auflöst, an das Vorderende
des Fusses ; und kurz vorher die Art. lingualis gegen oben
an die Furche des Schlundkopfes unterhalb der Raspel-
scheide. Die Fortsetzung des Stammes steigt an der rech-
ten Seite des Schlundkopfes empor, giebt der Lippenge-
gend zwei Aa. labiales, geht vor der Speicheldrüse, dieser
eine A. salivalis sendend, hinter dem Kröpfe, wo sie mit
mehreren Zweigen sich zu verlieren scheint. — Das in
die Vorkammer eintrete'nde Blut stammt aus den
gewöhnlichen zwei Quellen, aus der Haut und aus der
Kieme. Längs der Anheftung der Seitenränder des Pe-
ricardiums findet sich ein gegen innen dünnwandiger S i-
nus circumdorsalis, der in die hinteren Ecken der
Vorkammer einmündet, nachdem er aus der Haut das Blut
gesammelt hat, welche dasselbe hauptsächlich aus den
Körper -Lacunen durch feine Oeffnungen bekommen hat.
Längs der Gegend der Vereinigung der Körperseiten mit
dem Fusse verlaufen zwei feine Sinus circumpediaei;
durch die ganze Fusslänge ferner, der oberen Seite des
Fusses mehr genähert, und in dem Schwänze unterhalb sei-
nes Kieles, ein Sinus pediaeus. Wahrscheinlich stehen
diese Fuss- Sinus mit jenem in Verbindung. Das aus der
Kieme zurückkehrende Blut ergiesst sich in die Vorkammer
durch drei deutliche Oeffnungen (Taf. VHL Fig. 9 aa),
welche dem Sinus circularis branchialis externus
gehören, der durch Zusammenfliessen der längs der äusse-
ren Seite der Kiemenblätter hinabsteigenden Venae eflferentes
branchiales gebildet wird. Innerhalb dieses Sinus liegt
der Sinus circularis branchialis internus, aus dem
die Venae (arteriae) afferentes branchiales längs der In-
nenseite der Kiemenblätter hinaufsteigen; der Sinus selbst
ist das gegabelt-divergirende und ringförmige Ende der
grossen (Taf. VIII. Fig. 9 c) V. hepatica magna, die,
wie erwähnt, unterhalb der Urinkammer durch die tiefe
Längsfurche der Leber (mit vielen Oeffnungen an ihren Sei-
tenwänden) sich bis an ihr Ende erstreckt und dann an die
Kieme hinauf!)iegt. Die V. hepatica magna wird durch
üeber die Gattung Idalia, Leuck. 171
zahlreiche, theils oberflächliche, theils tiefe Stammäste aus
der Zwitterdrüse und aus der Leber gebildet.
Die an dem hinteren rechten Theile der vorderen
Genitalmasse (meistens an dem hintersten Theil der Pro-
stata oder an den Saraenblasen) ruhende Blutdrüse war
von quer- oder längiich-unregelmässig-ovalerForm, an sechs
Individuen von einem längsten Durchmesser von 4 — 5 mm;
sie war abgeplattet, besonders an den Rändern ziemlich
lappig, an der oberen wie an der Unterseite platter; von
weisslicher Farbe. Der Bau der gewöhnliche kleinzellige.
Die zusammengedrückten Kiemenblätter zeigen
an den beiden Seiten zahlreiche, meistens etwas gegen
die Spitze gerichtete, dreieckig -halbmondförmige, dünne,
quergestellte Blätter, die bis an die dünne kurz-lan-
zetförmige Spitze des (ganzen) Kiemenblattes vorkom-
men und mitunter an Grösse alterniren. Längs der
Ränder, von denen der äussere abgeplattet, somit brei-
ter als der innere ist, verläuft respective ein Gefäss,
wie es an Querschnitten der Kiemenblätter deutlich ist;
die Lichtung am inneren Rande, die der Arteriola bran-
chialis, ist weiter als die der Venula branchialis am äus-
seren. In den dünnen Seitenblättern sind zwischen den
Epithellagern Gefässe mitunter deutlich. Durch die com-
pacte Axe der Kiemenblätter verlaufen starke Muskelbän-
der, und überall kommen hier rothe Pigmentzellen und Grup-
pen von solchen vor. Wenn die Kiemenblätter an ihrem
Grunde durchschnitten werden, zeigen sich zwei, hier fast
gleichgrosse, runde Löcher, die respective dem inneren
und dem äusseren Sinus branchialis entsprechen, welche
durch eine muskulöse Scheidewand geschieden sind. —
Unterhalb der Insertion der Vorkammer des Herzens und
weiter auswärts war die Muskulatur der Körperwand
mitunter stärker entwickelt und bildete wie einen beson-
deren M. expansor branchiae.
Das Nierengewebe mit seinen eigenthümlichen
Zellenlagern und den dieselben durchziehenden verästelten
dünneren und dickeren Nierenröhren überzieht fast überall
die hintere Eingeweidemasse ( die Zwitterdrüse) mit sammt
allen ihren Furchen. Durch Zusammenfliessen der Nie-
172 R. Bergh:
renröhren bilden sich gegen die den Magen aufnehmende
Kluft 3—4 stärkere Behälter (Taf.VIII. Fig. 8aa), welche
hauptsächlich vom linken Vorderende der hinteren Eingewei-
demasse, von der oberen hinteren linken Seite derselben,
von ihrer Vorderfläche und von der rechts gehenden Furche
herkommen. Die Nierenröhren und die Behälter zeigen an der
Innenseite die gewöhnlichen parallelen Längsfalten und pen-
naten Faltensysteme und sonst die gewöhnlichen honigwaben-
artigen Zellen. Zuletzt scheinen sich die Hauptnierenröhren
(Behälter) in die Urinkammer der Hauptfurche der hinteren
Eingeweidemasse zu entleeren. Diese Urin kämm er ist
ein dünnwandiges Rohr, das sich von der Gegend der Nie-
renspritze ab längs der rechten Wand der tiefen längsge-
henden Furche der Leber erstreckt, derselben bis kurz vor
ihrem Vorderende folgend, wo sie an die andere Wand über-
geht und in die linksgehende Furche hineinschmiegt und
sich, wie erwähnt, in zwei Hauptäste theilt, von denen
der rechte stärker ist und sich in drei Aesten wieder
theilt. Die Urinkammer ist in ihrer langen letzten Strecke
mit der oberen Wand der viel weiteren Vena hepatica
magna verwachsen. Wo die Urinkammer das Hinterende
der erwähnten Furche und die Vene verlässt, biegt sie
stark gegen oben, geht an der linken Seite des Darmes em-
por, an welchem sie so innig angewachsen ist, dass sie sich
ohne Zerreissung kaum lösen lässt, und verbindet sich mit
der Nierenspritze. Die Innenseite der Kammer zeigt feine
Längsfalten und eine Belegung mit kleinen dunkleren Zel-
len. Aus der Vereinigungsstelle mit der Nierenspritze
scheint endlich ein Rohr zu entspringen, von wenig grös-
serem Caliber, aber mit dickeren Wänden, vielleicht der
Urinleiter, welcher an die Körperwand angeheftet an die
spaltenförmige, von einem besonderen Sphincter umgebenen
Nierenpore hinaufzusteigen scheint. Die Nieren spritze
war kurz-, birn- oder melonenförmig, hatte bei fünf Indi-
viduen eine Länge von 1,3— 1,5 mm, war weisslich; die
Falten der Innenseite stark und zahlreich ; die haartragenden
Zellen wie gewöhnlich.
Wie oben erwähnt, hüllt die Zwitterdrüse als ein
dickes Lager die Leber fast vollständig ein, und lässt die-
Ueber die Gattung Idalia, Leuck. 173
selbe nur in einer kleineren Strecke, in der Tiefe der
Längsfurche der hinteren Eingeweidemasse, an der Unter-
seite und am Vorderende entblösst. Diese durch ihre
röthlich- oder rothgelbe Farbe gegen die Leber contrasti-
rende Zwitterdrllse hat eine an verschiedenen Stellen sehr
(von 1 — 5,5 mm) wechselnde Dicke, die vorne am mei-
sten am bedeutendsten, unten am geringsten ist. Die Ober-
fläche der oft ziemlich unebenen Drüse zeigt fast tiberall
entblöste Parthien von helleren (mehr graulichen), kurzen,
verästelten, dick- und weichw^andigen Strängen, um welche
die Drüsenlappen unregelmässig traubenförmig geordnet
sind (Taf. VIIL Fig. 8). Jene sind die Testicular- Läpp-
chen; diese, die kugelförmig oder oval oder birnför-
mig, sessil oder schwach gestielt sind, die Ovarialfollikel
(Taf. VIIL Fig. 10). In diesen fanden sich (Fett-)Körnchen-
massen und kleinere so wie grössere oogene Zellen, in
jenen meistens Massen von Zoospermien. — Am 2 — 3-
ästigen Ursprünge des Zwitter drüsenganges vom obe-
ren Rande des rechten Vorderendes der Zwitterdrüse findet
sich mitunter eine Anschwellung der nächst anstossenden
Zwitterdrüsenlappen, und zwar besonders ihrer Testicu-
lar-Parthien. Der meistens etwa 7 mm lange, dünne (in
Diam. meistens etwa 0,16 mm haltende) weissliche Gang
geht dann schräge an die Hinterseite der vorderen Geni-
talmasse hinüber (Taf. VIL Fig. IIa) und schwillt in
seine Ampulle, welche an der Hinterseite der erwähnten
Masse unterhalb der Prostata und oberhalb der Eiweissdrüse,
dieselbe von oben umschlingend (Taf. VII. Fig. IIb) einen
einfachen Bogen oder ein Paar kleine Biegungen beschreibt.
Die Ampulle war gelblich oder graulich, (ausgestreckt) (an
sieben Individuen) von einer Länge von 7 — 9 mm, bei einem
Durchmesser von 0,5 — 1,25 mm ; sie strotzte immer von
Zoospermien, unter denselben einzelne eierähnliche Körper.
Die durch die verschiedene Farbe ihrer verschiede-
nen Parthien hübsche vordere Genitalmasse (Taf. VII.
Fig. 11) mass bei acht in dieser Beziehung untersuchten
Individuen an Länge 10—13 (15) bei einer Höhe von 9
( — 10 — 11) und einer Breite von (4,5) 5— 7 mm. Die Form
war oval, das hintere Ende mehr abgestutzt; die linke
174 R. Bergh:
Seite etwas ausgehöhlt, die rechte convex ; der obere Rand
mehr abgeplattet, der untere schärfer. An der linken Seite
(Fig. 11) zeigt sich oben die gelblich weisse oder gelb weisse
oder röthlichweisse grosse Prostata (Fig. 11c d) mit einem
Theile des von derselben ausgehenden weissen Samenlei-
ters (Fig. 11 e); unterhalb des letzteren und sich dann
gegen vorne unter der Prostata verbergend die gelbliche
oder hell (grünlich-) graue Ampulle des Zwitterdrüsengan-
ges (Fig. IIb); unter dieser die rundliche oder ovale,
gelbliche, hier etwas gewölbte Eiweissdrüse mit ihren
dichten, in einander geschlungenen feinen Windungen;
unterhalb der Prostata und der Eiweissdrüse und weiter
gegen hinten diese Theile überragend die schön rosen-
rothe, besonders an der Mitte einige grössere Windungen
zeigende Schleimdrüse, deren hinterst- oberer Theil von
der mehr opaken und grauen Spermatocyste (Fig. 11g)
und unterhalb derselben von der grösseren mehr durch-
sichtigen und helleren Spermatotheke bedeckt wird (Fig.
11 f). Quer über die Samenblasen und über die Eiweiss-
drüse oder unterhalb der letzteren bis an ihr Vorder-
ende (Fig. 11 a) erstreckt sich der weissliche Zwitterdrüsen-
gang, welcher an letzterer Stelle in die Ampulle schwillt,
welche schon theilweise von dem prostatischen Theile des
Samenleiters gedeckt wird. An der rechten Seite zeigt
die Genitalmasse oben wieder die Prostata; unterhalb der-
selben am oberen Rande der Schleimdrüse eine weisse
(an den Schleimdrüsengang gehende) Windung derselben;
darunter die sonst rosenrothe Schleimdrüse mit ihren gröberen
Windungen, von denen die vordersten die stärksten sind
und mit dem Vorderrande parallellaufend. — Die Am-
pulle schnürt sich an ihrem hinteren Ende, am oberen
Rande der Schleimdrüse plötzlich zusammen und theilt
sich in den gewöhnlichen männlichen und weiblichen weiss-
lichen Ast. Der dünne männliche Ast erstreckt sich
erst eine kurze Strecke gegen vorne und oben, an den
rückwärts gehenden weiblichen Ast angelöthet, und geht
dann in die Prostata über. Diese letztere ist ein etwas
zusammengedrückter starker weisslicher Körper, an dem
oberen (Fig. 11 cd) Rande der Schleimdrüse ruhend,
lieber die Gattung Idalia, Leuck. 175
welcher von dem mämiliclien Aste der Ampulle ab sich,
schnell dicker werdend, vorwärts bis an das Ende der
Schleimdrüse erstreckt, hier umbiegt und gegen hinten,
an der vorigen Strecke angelöthet, bis an die Gegend
der Eiweissdrüse sich hinzieht. Die Länge der ersten
(Fig. 11 c) Strecke der Prostata betrug (an fünf Indi-
viduen) etwa 9 — 10 mm und die der zweiten (Fig. 11 d)
war nur wenig kürzer ; der Höhendurchmesser immer etwa
(3,5 — ) 4 mm, die Breite mehr als die Hälfte desselben be-
tragend. Die Oberfläche des Organs so wie ihre Ränder
durch mehr oder weniger oberflächliche Furchen in Lappen
getheilt, nur der Anfangstheil ist ebener (Fig. 11 c); durch
das Organ erstreckt sich eine kleine, mitunter auch weitere
Höhle. Die langen Drüsenzellen der Prostata (Taf. VL
Fig. 11) erreichten eine Länge bis wenigstens 0,14 und
mitunter selbst 0,2— 0,27 mm; der end- oder mittelständige
Kern mit stark lichtbrechendem Kernkörperchen. Längs
der Hinterseite des Organs verläuft in einer mehr oder
weniger tiefen Furche (Fig. 11 e) der Ausführungsgang
derselben, der vor dem Ende der Prostata schon einen
freien, hier dickwandigen, weissen Samenleiter bildet.
Dieser prostatische Theil des Samenleiters ist nur un-
bedeutend dicker als der folgende, beträgt etwa Vs der
ganzen Länge des Samenleiters, welche sich auf etwa
14 — 17 mm bei einem Durchmesser bis fast 0,3 mm beläuft.
Der prostatische Theil geht mit oder meistens ohne Ein-
schnürung in den eigentlichen, muskulösen Samenstrang
über, dessen vorderster Theil ein wenig erweitert und
meistens etwas röthlich den etwa 1,5 (bis 2,5) mm langen
Penis bildet, dessen Grund sich bei starkem Zurückziehen
der Genitalöffnung ampullenartig (Taf.VIII. Fig. Ha) erwei-
tern kann. Vom Boden dieses Penis (Präputium), dessen
Innenseite auch immer roth war, ragte meistens die (Taf VII.
Fig. 12 — 16) Gl ans als ein (an sechs der untersuchten Indi-
viduen) 0,7 — 0,8 mm langer, weisslicher, am Ende abge-
stutzter, nur unbedeutend gebogener Cylinder von einem
Durchmesser von etwa 0,13mm hervor; beim Ziehen an
dem Samenstrang konnte jene bis zu einer Höhe von etwa
(Fig. 13) 0,14 mm zurückgestülpt werden. Die Glans ist
176 R. Bergh:
(Fig. 12 — 14) ringsum und seiner ganzen Länge nach mit
den gewölinliclien Quincunx-Längsreihen von Dornen be-
setzt, deren Anzahl etwa 20—25 (30) betrug. Die Bewaff-
nung setzt sich durch die Oeffnung an der Spitze durch
das Innere der Glans fort und weiter gegen hinten noch
in etwa der Länge der Glans (beiläufig 0,7 — 0,9 mm) in
den Samengang hinein (Fig. 12 a); an einem Individuum,
wo die Glans vollständigst eingestülpt war, zeigte sich die
dornenbesetzte Strecke etwa 1,6 mm messend, und wurden
hier hintereinander einigermassen in einer Reihe 150 — 200
Haken gezählt. Die Dorne (Tai. VIL Fig. 14; Taf.VIIL
Fig. 12) waren von schwach gelblicher Farbe, eine Höhe
bis etwa 0,016 mm erreichend, gegen den Grund des Glans
gebogen (Fig. 14) ; mit länglicher kräftiger Grundfläche,
aus der sich der allmählich und nicht stark gekrümmte
eigentliche Haken erhob. Der hinterste Theil der Bewaff-
nung zeigt die Dornen kleiner, unregelraässiger und in
Bildung begriffen (Fig. 15). Bei einem Individuum fand
sich aus der Genitalöffnung hervorragend ein am
Grunde etwas spiraliger Cylinder, der ausgestreckt
etwa 4,5 mm mass ; die Spitze war von einer grauen un-
regelmässigen Hülle bedeckt, welche sich nur schwer (von
den Haken der Glans) lösen Hess ; diese Hülle bestand aus
einer der Länge nach gefalteten Cuticula mit hie und da
anliegendem Epithele (von der Vagina eines anderen In-
dividuums herrührend?) ^), an der Aussenseite klebten
grosse Cnidae irgend eines Thieres. Nach Wegnahme der
Hülle zeigte sich eine ungewöhnlich (fast 2 mm) lange
Glans ; dieselbe war nämlich bis über die Grenze der dor-
nenbesetzten Cuticula hervorgestülpt, die sonst innen und
ganz hinten liegenden und in Entwicklung begriffenen Dor-
nen somit aussen und eine Strecke hinter der Spitze lie-
gend (Fig. 16). — Der weibliche Ast der Ampulle
von ihrer Sonderung von dem männlichen ab sich eine
1) Der umgekehrte Fall, der, dass die Bekleidung des Penis
in der Vagina stechend bleibt, ist von mir in einem Falle bei dem
Platydoris arrogans gesehen (vgl. meine Malacol. Untersuchungen
(Semper, Philippin. 11,2.) Heft XII. 1877. p. 517).
Ueber die Gattung Idalia, Leuck. 177
Strecke gegen hinten längs des oberen Randes der
Schleimdrüse erstreckend und sich dann in die Eiweiss-
drüse öffnend, während er gegenüber mit dem uterinen
Gange der Spermatotheke communicirt. Die Sperma-
1 0 t h e k e (Taf. VII. Fig. 11 g) kugelförmig, mehr weiss-
lich, an zehn in dieser Beziehung untersuchten Individuen
von einem Durchmesser von 5— 6,5 mm, mit Detritus ge-
füllt. Der vaginale Ausführungsgang (Taf. VIII.
Fig. 11 c) ist weisslich, noch etwa ein halbes Mal so lang
wie die Samenblase; das untere Ende ist etwas erweitert,
bildet (Taf. VIII. Fig. 11 d) die Vagina, deren Innenseite,
besonders unten, Längsfalten zeigt, mitunter eine beson-
ders starke, welche aussen durchschimmern kann (Fig. 11 d).
Bei einzelnen Individuen zeigte sich diese Vagina stärker
(Fig. 11 d) entwickelt, sackförmig, etwa 3 mm lang, die
Falten an der Innenseite stärker und diese noch mit vie-
len Oeffnungen einfacher Drüsen versehen. In diesen letz-
teren Fällen zeigte sich auch ganz besonders entwickelt
(Fig. 11 e) ein M. radiatus vaginae, der von der Muskula-
tur der Seite des Körpers gelöst sich convergirend (mit
einer durchschnittlichen Länge von etwa 3 mm) über den
vaginalen Gang und theilweise auch über den Boden der
Vagina verbreitert. Der andere, der uterine Gang, ist
dünner und kürzer als der vorige, mündet, wie oben er-
wähnt, neben der und in die Eiweissdrüse ein ; unweit von
seinem Ursprünge nimmt er durch einen ganz kurzen Gang
die andere Samenblase auf. Diese (Taf. VII, Fig. 11 g),
die Spermatocyste ist mehr opak und von mehr grauer,
mitunter röthlichbrauner Farbe, sackförmig, meistens ge-
bogen oder etwa an der Mitte geknickt; ausgestreckt mass
dieselbe an den erwähnten zehn Individuen (3-—) 4 mm
bei einem Durchmesser von (1 — ) 1,5 mm, sie strotzte im-
mer von Samen. — Die Schleimdrüse (Fig. 11) ist von
schönster rosenrother Farbe; die Länge derselben betrug
(an fünf grossen Individuen) 9— 12 mm bei einer Höhe
von 8 — 9 und einer Dicke von 4—5 mm. Bei einem Indi-
viduum, wo sie den Laich noch nicht völlig entleert hatte,
war sie biconvex, ziemlich dick; sonst immer mit gewölb-
ter rechter Seite und mehr oder weniger, besonders an
178 R. Bergh:
der Mitte ausgehöhlter linker; der obere Rand war immer
etwas abgeplattet, die übrigen mehr oder weniger scharf,
der vordere mitunter wie rundzackig. Die linke Seite
(Fig. 11) zeigte den vordersten Theil mehr eben, fast ohne
Windungen; der mittlere trug mehrere grobe Windungen
und an dem hintersten und untersten Theile waren diesel-
ben kleiner, dichter liegend. Die rechte Seite zeigt an
dem vorderen Theile mehrere mit dem gebogenen Vorder-
rande parallellaufende grobe Windungen; dann an dem
mittleren Theile feine, in einander geschlungene, die sich
meistens auch am hinteren Theile vorfanden, wenn der-
selbe nicht fast ganz eben war. Längs des oberen Randes
und von der rechten Seite unterhalb der Prostata meistens
schon sichtbar, verlief eine kräftige, dicke, durch ihre
weisse Farbe abstechende Windung, die sich in den Schleim-
drüsengang fortsetzte. Bei einem Individuum wurden
auch zwei der nächstvorderst liegenden langen parallelen
Windungen weiss gesehen. Am oberen Theile der linken
Seite und auf den oberen Rand hinauftretend (daselbst
von der Ampulle des Zwitterdrüsengangs gedeckt) fand
sich die gegen die rothe Schleimdrüse durch ihre gelbliche
(gegen oben und hinten mitunter auch röthliche) Farbe
abstechende Eiweissdrüse (Fig. 11), welche von rundli-
cher oder ovaler Form war, und mit einer mehr oder we-
niger gewölbten, von dichten feinen Windungen gebildeten
Fläche an der Hinterseite hervortrat; der grösste Durch-
messer dieser Drüse betrug (bei acht in dieser Beziehung
untersuchten Individuen), an der Hinterseite gemessen,
2,5 — 4, selten 6 mm; der Durchmesser von aussen gegen
innen dabei etwa 2,5mm. Die Wände der Höhle der
Schleimdrüse auch rosenroth, nur ganz oben (s. oben)
weiss. Der Schleimdrüsen gang kräftig, auch aussen
und innen roth, so auch seine kräftige Falte (Taf. VIII.
Fig. 11 b). Das Vestibulum genitale roth, mit Längs-
falten.
lieber die Gattung Idalia, Leuck. 179
Erklärung der Tafeln.
Taf. VI.
Fig-. 1. Centrainer vensystem, von oben, mit Cam. lue. gezeichnet
(Vergr. 55); aa Ganglia cerebralia, bb Ganglia visce-
ralia, c Commissur zwischen den pedalen Ganglien, d Com-
missur zwischen den buccalen Ganglien, ee gastro-oesopha-
gale Ganglien. Oben an den Gehirnknoten die Augen,
neben denselben die Riechknoten.
Fig. 2. Centrainervensystem, von der Unterseite, mit Cam. lue.
gezeichnet (Vergr. 55); a Commissur zwischen den pedalen
Ganglien, bb viscerale Ganglien ; c Nerv mit doppelter
Wurzel von der intercerebralen Commissur (vgl. Fig. 1)
entspringend; d N. genitalis vom Ganglion genitale an der
Wurzel der visceralen Commiss'ur entspringend; vor der
letzteren die subcerebrale Commissur (vgl. Fig. 5 a).
Fig. 3. a interbuccale Commissur, bb gastro-oesophagale Ganglien;
mit Cam. lue. gezeichnet (Vergr. 100),
Fig. 4. Ganglion olfactorium (proximale), mit Cam. lue. gezeichnet
(Vergr. 100); a Stiel.
Fig. 5. a subcerebrale Commissur, b viscerale Com.missur mit Gangl.
genitale an ihrer Mitte, cc viscerale Ganglien, d Nerv, der
der Speiseröhre folgt, e N. genitalis (= Fig. 1 d); mit
Cam. lue. gezeichnet (Vergr. 55).
Vig. 6. Ganglion penis, mit Cam. lue. gezeichnet (Vergr. 100);
a Stiel.
Fig. 7. Schlundkopf, von der Seite; a Lippenscheibe, b Raspel-
scheide, c buccales und gastro - oesophagales Ganglion, d
Speiseröhre, e Schlundkopf-Kropf; an der Seite des Schlund-
kopfes die Speicheldrüse.
Fig. 8. Schlundkopf von oben, von dem Kröpfe fast ganz gedeckt;
a Mm. protrahentes supp. bulbi, bb Speicheldrüsen.
Fig. 9. Stück desLippenringes, mit Cam. lue. gezeichnet (Vergr. 350);
a hinterster, b vorderster Theil.
Fig. 10. Haken einer Zahnplatte, von der Aussenseite, mit Cam. lue.
gezeichnet (Vergr. 350).
Fig. 11. Drüsenzelle von der Prostata, mit Cam. lue. gezeichnet
(Vergr. 350).
Fig. 12. Hautdrüschen, mit Cam. lue. gezeichnet (Vergr. 100).
180 R. Bergh:
Taf. VII.
Fig. 1, 2. Elemente des Lippenringes, mit Cam. lue. gezeichnet
(Vergr. 350).
Fig. 3, Kleinstes Element desselben, mit Cam. lue. gezeichnet
(Vergr. 750).
Fig. 4. Vorderste Zahnplattenreihen mit aa zerbrochenen äusseren
Platten, zwischen denselben die Seitenzahnplatten.
Fig. 5. Aehnliche vorderste Reihen eines anderen Individuums, um
die Beweglichkeit der Seitenplatten zu zeigen, aa äussere
Platten.
Fig. 4 — 5 mit Cam. lue. gezeichnet (Vergr. 200).
Fig. 6. Stück der Raspel, von der Aussenseite; a Seitenplatten, b
äussere Platten ; init Cam. lue. gezeichnet (Vergr. 350).
Fig. 7. Haken einer Seitenplatte mit der Serrulirung.
Fig. 8. Abnormer Haken.
Fig. 7— 8 mit Cam. lue. gezeichnet (Vergr. 750).
Fig. 9. Aeussere Platten, von der Innenseite, mit Cam. lue. ge-
zeichnet (Vergr. 350).
Fig. 10. Querdurchschnitt des Sehlundkopf-Kropfes.
Fig. 11. Vordere Genitalmasse, von der linken Seite; a Zwitterdrü-
sengang , über die Samenblasen und die Eiweissdrüse hin-
streichend; b Ampulle; c erste gegen vorne verlaufende
Strecke der Prostata, d zweite gegen hinten gehende, e
Samenleiter; f. Spermatotheke , g Spermatoeyste.
Fig. 12. Hervorgestülpte Glans penis, mit Cam. lue. gezeichnet
(Vergr. 200), a eingestülpter Theil.
Fig. 13. Fast ganz eingestülpte Glans, mit Cam. lue. gezeichnet
(Vergr. 200).
Fig. 14. Ende der hervorgestülpten Glans, mit Cam. lue. gezeichnet
(Vergr. 350).
Fig. 15. Vom hintersten unausgestülpten Theile der HakenbewafF-
nung, mit Cam. lue. gezeichnet (Vergr. 750).
Fig. 16. Ueberausgestülpte Glans, mit Cam. lue. gezeichnet (Vergr.
100); a Oeffnung an der Spitze der Glans, b Ende des
Corpus penis.
Taf. VIII.
Fig. 1. Das Thier, ausgestreckt kriechend, von oben.
Fig. 2. Das Thier. stark zusammengezogen.
Fig. 1 — 2 (von mir ein wenig naehcorrigirte) Handzeich-
nungen Dr. Graeffe's nach dem lebenden Thiere.
Fig. 3. Analpapille mit a Nierenpore.
Ueber die Gattung Idalia, Leuck. 181
Fig. 4. a gelöster Fascikel der b pedalen Commissur, mit Cam.
lue. gezeichnet (Vergr. 100).
Fig. 5. a Commissura visceralis, b Gangl. genitale mit Cam. lue.
gezeichnet (Vergr. 55).
Fig. 6. Drüse aus der Fasssohle, mit Cam. lue. gezeichnet (Ver-
grösserung 350).
Fig. 7. Hakentheil einer Seitenplatte, von der Aussenseite, mit Cam.
lue. gezeichnet (Vergr. 350).
Fig. 8. Grösster Theil des Vorderendes der hintern Eingeweide-
masse mit aa Urinbehältern, zur rechten Seite derselben
der Magen mit b Vorderende des Darmes, vom c Vorder-
rande des Pericardiums gekreuzt.
Fig. 9. aa Oeffnungen aus dem Sinus circul. extern, in die Vor-
kammer, b Rectum, c V. hepatica magna, d ?
Fig. 10. Drüsenlappen der Zwitterdrüse, mit Cam. lue. gezeichnet
(Vergr. 55); a Ausführungsgang.
Fig. 11. Ausführungsgänge des Genitalapparats; a Samenleiter mit
oberem Ende des Penis, über demselben f Genitalnerv mit
dem Gangl. penis; b Ende des Schleimdrüsenganges mit
seiner Falte; c vaginaler Gang der Spermatotheke ; d Va-
gina, e M. radiatus vaginae.
Fig. 12. Stück der Glans penis, mit Cam. lue. gezeichnet (Vergrös-
serung 750).
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 13
IL Acarinologisches.
Von
Dr. 0. Haller.
Hierzu Tafel IX.
Unter dieser Ueberschrift hat der Verfasser im Jahr-
gang 1880 dieses Archives (p. 355; Taf. XVII) zum ersten
Male einige Mittheilungen über neue oder wenig bekannte
acarinologische Gegenstände gemacht. Es ist dieser zweite
Aufsatz als eine Fortsetzung des dort Geschilderten zu be-
trachten. Zugleich hofft der Mittheilende, dass es ihm
vergönnt sein wird, unter dem nämlichen Titel und in
zwangloser Reihenfolge noch mehrmals ähnliche Fortsetzun-
gen bringen zu können. Das acarinologische Gebiet ist
ausserordentlich ausgedehnt und dennoch verhältnissmässig
wenig untersucht. Des Forschers, welcher sich diesem ebenso
interessanten als lehrreichen Felde zuwendet und es sich
nicht verdriessen lässt diese Kleinsten unter den Kleinen
in die Grenzen seiner Beobachtung zu ziehen, warten hier
noch die angenehmsten Ueberraschungen wissenschaftli-
cher Art.
1. Zur Kenntniss der schweizerischen Arten der Gattung
Uropoda de Geer.
Panzerhälften den Körper seitlich überragend, innig
mit einander verlöthet. Bauchpanzer mit Gruben für die
Extremitäten. Coxalglieder des ersten Beinpaares stark
vergrössert, decken von unten die Mundtheile fast gänz-
lich; Endglieder mit einfacher Borste; diejenigen der hin-
teren drei Paare mit Krallen und Haftläppchen.
G. Hai 1er: Acarinolop^isch es. 183
Uropoda de Geer. M^gnin, Familie des Gamasides.
Journal de Tanatomie et de la physiologie par Robin
1876. p. 327. Tat". VII.
Notaspis Herrn. Kramer. Zur Naturgeschichte einiger
Gattungen aus der Familie der Gamasiden. Troschel's
Archiv f. Naturgesch. 1876. p. 73. Fig. 18—22.
Uropoda de Geer. Haller die Milben als Parasiten.
Halle Schwetschke'scher Verlag 1880. p. 28.
Die nothwendigsten älteren Litteraturangaben sind hier
zu finden.
Artentabelle.
1. Körper so lang wie breit (Fig. 1) Urop. clavus
mihi. Körper länger als breit. 2.
2. Rückenplatte in zwei Abschnitte zerlegt. Urop.
tecta Kram.
Riickenpanzer ungetheilt. 3.
3. Körper in den Umrissen einem Wappenschildchen
ähnlich (Fig. 2), Urop. scutulata Megnin.
Körper nach hinten schwanzartig verlängert (Fig. 4).
Urop. elongata mihi.
Körper oval, 4.
4. Epistom in zugerundetem Winkel über den vor-
deren Körperrand A^orspringend, Urop. vegetans deGeer.
Epistom abgesetzt, Urop. truncata Megnin.
1. Uropoda clayus mihi ^). (Fig. 1.)
Artkennzeichen: Kreisrund, mit breitem, flachem
Seitenrande. Erstes Beinpaar kleiner als die folgenden.
Die Gruben für die Füsse berühren sich. Geschlechtsöff-
nung des Männchens klein, birnförmig, ungefähr in der
Körpermitte. Grösse ca. 4 mm. Farbe rothbraun.
Ausführliche Beschreibung. Von kreisrundem
Körperumrisse. Rücken- und Bauchfläche gleichmässig ge-
1) Name von clavus (timicae) Knopf wegen der rundlichen
Körpergestalt mit breitem flachem Rande.
184 G. Haller:
wölbt, beide allseitig durch einen breiten und flachen Rand
getrennt. In der äusseren Hälfte desselben entspringen
parallel dem Rande und in einfacher Linie dicht neben
einander eingepflanzte Härchen, welche am freien Ende in
ein winziges Knöpfchen auslaufen. Das erste Beinpaar ist
merklich kleiner und schmächtiger als die drei nachfol-
genden. Die Gruben des Bauchpanzers sind sehr genähert,
ihre Ränder berühren sich gegenseitig. Die männliche Ge-
schlechtsöffnung liegt ungefähr in der Mitte des Körpers,
ist klein und birnförmig. Der ganze Körper und alle Bein-
paare mit distanten sehr kleinen Härchen besetzt. Das
letzte Glied des fünften Beinpaares trägt am Ende eine
ziemlich lange Tastborste, nebst mehreren anderen langen
und steifen Haaren, welche aber neben jener an Länge
merklich zurückbleiben. Farbe rothbraun, die jungen In-
dividuen heller.
Ich fand diese schöne Art in der Schweiz in allen
Altersstadien sehr häufig unter feuchtem Moos der ver-
schiedensten Waldungen und erhielt sie auch von Dr. Blan-
ke nhorn aus Deutschland. Möglicher Weise galt Her-
mann's Beschreibung von Notaspis cassideus ^) dieser Art,
doch ist dieses nicht mit Sicherheit zu ergründen. Meg-
nin glaubt sogar, dass sie synonym sei mit seiner Uropoda
truncata, welche offenbar ein von dem meinigen völlig ver-
schiedenes Thier ist.
2. Uropoda tecta Krämer.
Oval; Rückenpanzer durch einen fast am hinteren
Leibesende gelegenen Querschnitt in zwei Platten zerlegt,
um welche sich ein vorn mit der Hauptplatte verwachse-
ner Ring legt. Die drei hinteren Fusspaare in der Ruhe
nach hinten gerichtet.
Kram er, Naturgesch. einig. Gattungen a. d. Familie
d. Gam. p. 79. Taf. IV. Fig. 20.
Kenne diese Art nicht aus eigener Anschauung, begnüge
mich daher auf die Kramer'sche Arbeit hinzuweisen. Be-
1) Herrn. Mem. apter. pl. VI. fig. 2.
Acarinologisches. 185
schriebe ihr Monographe nicht die Geschlechtsorgane, so
hielte ich dieselbe wegen des getheilten Schildes für eine
Jugendforra.
3. üropoda scntulata M^gnin. (Fig. 2—3.)
Von der Gestalt eines Wappenschildchens; das erste
Beinpaar um Weniges länger und entsprechend schmäch-
tiger als die hinteren stark verdickten und verkürzten;
Femoralglieder der sechs hinteren Extremitäten an der Aus-
senseite mit höckerartigen Vorragungen. Geschlechtsöff-
nung des Männchens gross und oval. Junge Thiere eiför-
mig, nach vorne hin leicht verjüngt.
Urop. scutulataMegnin Monographie des Gamas. p. 328.
Notaspis marginatus Kram., Naturgesch. einiger Gat-
tungen a. d. Fam. d. Garn. p. 77. Taf. IV. Fig. 19.
Besitzt in den äusseren Körperumrissen ungefähr die
Gestalt eines Wappenschildchens, worauf sich auch der
lateinische Name Megnin's bezieht; nicht so bezeichnend
scheint dessen Ausdruck ovo-rhombo'idale. Die Körperge-
stalt der Jungen ist mehr oder weniger eiförmig, nach
vorne hin verschmälert, wovon uns Krame r's Zeichnung
von Notaspis marginatus eine recht gute Veranschaulichung
giebt. Dabei erweist sich die Rückenfläche als stark, die
Bauchfläche als nur wenig gewölbt. Der über den Körper
vortretende Eand des Rückenpanzers ist bei den erwach-
senen Individuen sehr schmal, bei den Jungen breiter und
besitzt eine zierliche Zeichnung.
Alle Fusspaare (Fig. 3) sind sehr kurz, das vorderste
etwas dünner und länger als die hinteren stark verdick-
ten. Es endet nur in eine kurze Tastborste aus und an
der Stelle der Haare stehen an ihm und an den nachfol-
genden Geschwistern starke, kurze Dornen. Auch zeich-
net eine grössere, untere und eine kleinere obere höckerar-
tige Hervorragung an der Ausseuseite der Femoralglieder
der drei hinteren Beinpaare (Fig. 3 A) diese Art wesent-
lich aus. Der grössere Höcker hat die Gestalt eines nach
oben gekrümmten Zahnfortsatzes, welcher in der Mitte
seines oberen concaven Randes noch einen kleineren drei-
eckigen Zahn trägt. Dem ersten Beinpaare fehlen diese
186 G. Haller:
Auszeichnungen, es kommt ihnen dagegen in der Mitte
der Aussenseite des Coxalgliedes eine knopfartige Chitin-
verdickung zu (Fig. 3 B). Die männliche Geschlechts-
öffnung liegt etwas nach vorn von der Körpermitte, sie ist
gross und oval.
Die Färbung der erwachsenen Milbe ist ein dunk-
les Rothbraun bei den eiertragenden Weibchen und alten
Männchen, ein helleres Braun bei den jungen Thieren.
Die Grössenverhältnisse sind nach Megnin: Weibchen
0,70 in der Länge und 0,50 in der Breite, für die Männchen
0,60 und 0,45 für die Larven, 0,50 und 0,37. Meine Ex-
emplare waren von weitaus beträchtlicherer Grösse.
Man findet die Larven und Erwachsenen von Urop
scutulata Megn. häufig unter abgefallenem Laube, die Nym-
phen kommen nach Megnin als Parasiten von Käfern vor.
Ich besitze sie nur aus der Schweiz.
Megnin's Beschreibung ist zur Erkennung des Thie-
res fast ungenügend und zu kurz. Kram er stellt, wie
aus dem Zerfall des Bauchschildes hervorgeht, eine junge
Uropoda dar und zwar offenbar eben eine ältere Ent-
wicklungsform der vorliegenden Art.
4. Uropoda elongata mihi, i) (Fig. 4 — 6.)
Körper fast kreisförmig, nach hinten schwanzartig
ausgezogen, am hinteren Körperende mit je zwei seitlichen
und drei mittleren Zähnen (Fig. 5). Beinpaare und Palpen
ziemlich lang und schlank. Vorletztes Palpenglied am
Ende, nach innen mit zweizinkiger Gabelborste. Grösse
sehr gering, kaum 0,7 mm.
Der Körper ist in seinen vorderen zwei Dritttheilen
fast kreisrund mit vorstehender Epistomialgegend, im hin-
teren Drittel dagegen sehr plötzlich verjüngt und etwa
schwanzartig verlängert (Fig. 4). Am Hinterrande dieses
letzteren Abschnittes sind, bei sehr starker Vergrösserung,
sieben kleine Zähnchen wahrnehmbar (Fig. 5), welche wir
1) Name elongata verlängert von der in aufifallender Weise
verlängerten Körperform.
Acarinologisches, 187
als je zwei schmälere seitliche und drei mittlere breitere
unterseheiden können.
Die Beine unserer Species sind von beträchtlicher
Länge, schlank, gleich dem Körper mit spärlichen kurzen
Härchen besetzt. Tastborste des ersten Beinpaares von
massiger Länge und von einer dornartigen Verlängerung
des Beinendes secundirt. Auch die Palpen erweisen sich
als lang und schlank, sie überragen den vordem Körper-
rand merklich. Das vorletzte Glied besitzt nahe dem äus-
seren Ende an der Innenseite einen kräftigen zweizinkigen
Gabeldorn (Fig. 6).
Die Grösse unseres Thierchens ist sehr gering, er-
reicht kaum 6,7 mm. Seine Färbung ist hell bräunlich-gelb,
die Beine braun. Man findet diese schöne, aber seltene
Art unter trockenem altem Heu und Laub. Ich besitze
sehr wenige Exemplare aus der Schweiz.
5. Uropoda vegetans de Geer.
Körper oval, Rückenfläche gewölbt, Bauchfläche platt.
Rtickenpanzer den Bauchpanzer auf den Seiten und hin-
ten merklich überragend, jener ungetheilt. Epistomial-
gegend vorspringend. Färbung bräunlich. Grösse sehr
beträchtlich 1,0—1,25 mm betragend.
ürop. vegetans de Geer. Monographie des Gamas. p. 327.
Megnin PL VIL flg. 1. 2. 3. 4.
Notaspis ovalis Kram. Naturgesch. einig. Gattung, a. d.
Fam. d. Gam. p. 78. Taf. IV. Fig. 22.
Diagnose und Zeichnung Megnin's charakterisiren
diese Art hinlänglich. Krame r's Notaspis ovalis ist offen-
bar mit derselben identisch.
6. Uropoda truncata Megnin.
Der vorigen in der Körpergestalt sehr ähnlich, doch
ohne vorragende Epistomialgegend. Rückenpanzer eben-
falls unzertheilt. Grösse geringer, nur 0,60bis 1 mm. Fär-
bung röthlichgelb.
Urop. truncata Megn. Monograph. des Gamas. p. 328.
188 G. Haller:
Gen. Epicrius Canestr. et Fanzago.
Panzer ähnlicli wie bei den Gamasiden gestaltet;
Bauch- und Rückenstücke nicht verwachsen, Bauch ohne
Gruben für die Füsse. Grundglieder des ersten Beinpaa-
res einander nicht genähert, sich denjenigen der folgen-
den Paare ähnlich verhaltend, das letzte Glied desselben
statt der Krallen und Haftläppchen mit starker Tastborste.
Peritrem fehlend; dagegen mit beulenartigem, vorragen-
dem Stigmalhöcker, welcher sich ganz an der Rücken-
fläche, etwas seitwärts verschoben vorfindet. Körper mit
langen hakenförmig gekrümmten und abstehenden Haaren
besetzt.
Canestrini eFanzago: Studii agli acari italiani ^).
Canestr ini e Fanzago: Intorno agli Acari italiani
1877. Tab. IL Fig. 4 u. 4 a.
Dieses zuerst von Canestrini und Fanzago auf-
gestellte, in ihren schwer zugänglichen Studii agli acari
italiani beschriebene und später abgebildete Genus unter-
scheidet sich vor Allem durch die Anordnung des Tra-
cheensystems, welches des bei den anderen Arten bauch-
ständigen Peritremes entbehrt. Es öffnet sich auch das
Stigma nicht an der Bauchfläche, sondern fast ganz an
der Rtickenfläche, doch liegt es auch hier direkt über der
Gegend, welcher ventral wärts die Insertion des vierten
Beinpaares entsprechen würde. Wir ersehen, dass das-
selbe der „saugnapf ähnlichen Kreisfigur^ in der Beschrei-
bung von Kramer's Gamasus moUis entspricht. In der
That hält denn auch später dieser Acarinologe sein Thier für
identisch mit Epicrius geometricus. Allein wenn Kramer's
Figur nicht gerade eben so schlecht ist, wie Canestr ini's
und Fanzago's Abbilduug gut und naturgetreu, so möchte
ich an der Identität beider Species zweifeln. Bei Epicr.
geometricus hat der Stigmalhöcker etwa die Gestalt eines
1) Nach Angaben Kramer's. Mir ist nur die zweite Arbeit
bekannt, in welcher das Thier blos abgebildet, nicht aber beschrie-
ben ist.
Acarinologisches. 189
verkürzt kegelförmigen Uhrgehäuses, dessen obere Seite
durchbrochen ist und an dessen Basis sich das Luftloch
befindet.
Man kann darüber streiten, ob der eigenthümliche
Besatz mit Chitingebilden, welchen Kr am er, nebenbeige-
sagt, für die Mündungen von ebenso vielen Porenkanälen
hält, zur Charakteristik der Gattung gehört, oder nicht. Ich
halte derartige extreme Ausbildungen unwesentlicher Or-
gane nicht hierzu geeignet, wohl aber als für die Species
bezeichnend und werde ihrer daher ausführlicher bei Cha-
rakteristik der einzigen bis jetzt mit genügender Sicher-
heit beschriebenen Art gedenken. Es geht dieses schon
daraus hervor, dass Gamasus horridus Kramer (vergl. 1. c.
p. 82. Taf. V. Fig. 47), welcher augenscheinlich ein echter
Gamasus ist, dieses Ornament ebenfalls zeigt.
Durch den mit getrennten Rücken- und Bauchschil-
dern bedeckten Körper unterscheidet sich unsere Gattung
von Dermanyssus und Pteroptus auf den ersten Blick, na-
türlich auch durch den Bau der sehr kurzen, aber deutlich
scheerenartigen Mandibeln. Hierdurch nähert sie sich aber
gerade in eben demselben Masse Gamasus, Trachynotus
und Uropoda. Vor dieser letzteren kennzeichnet sie sich
durch die an den Rändern nicht miteinander vereinigten
Bauch- und Rückenpanzer, durch die mangelnden Gruben
zur Aufnahme der Extremitäten, durch die nicht verbrei-
terten und nicht genäherten Grundglieder des ersten Bein-
paares, welche sich verhalten wie bei Gamasus und Tra-
chynotus. Von diesen letzteren zwei Gattungen, welchen
sie also am nächsten steht, unterscheidet sie sich durch
die oben berührten originellen Verhältnisse des Stigmas,
sowie durch die Ausbildung des ersten Fusspaares zu
einem antennenartigen Sinnesorgane, worin Epicrius mithin
mit Antennophorus *) mihi übereinstimmt.
Das antennenfömige Fusspaar wird auch von Epicrius
in der Ruhe scheerenförmig nach vorne eingeschlagen, beim
1) Eine genaue und zutreffende Charakteristik dieser Gattung
habe ich neuerdings in meinen „Milben als Parasiten'' Halle a. d. S.
18öO. p. 31. Fig. 7 gegeben.
190 G. Haller:
Tasten nach vorwärts gestreckt. Auf den ersten Blick er-
kennt man, dass dasselbe etwas länger ist als die nachfol-
genden und sowohl der Krallen als der Haftläppchen ent-
behrt. Dagegen bedarf es, um die geknöpften Sinnesbörst-
chen wahrzunehmen, mit welchen es auf der inneren Seite
des ersten Gliedes besetzt ist (man vergl. die schöne Figur
Canestrini's und Fanzago's), einer genaueren mikro-
skopischen Prüfung. Es haben sieh daher dieselben der Auf-
merksamkeit Kramer's entzogen.
Drei hierher gehörige Arten:
1. Epicrius moUis Kramer.
Körper durchaus oval. Stigmalhöcker ^^saugnapf-
ähnlich.''
Gamasus mollis Kram. Dieses Archiv 1876. p. 63, Taf. IV.
Fig. 29 und Taf. V. Fig. 30.
Kramer's Beschreibung lautet:
Diese 0,4 mm lange und 0,32 mm breite, höchst cha-
rakteristische Art ist erstens durch den Mangel
eines Anhangsgliedes und damit der Krallen
und Haftläppchen am ersten Fusspaare, zweitens
durch die langen, säbelförmig gebogenen Haare
auf dem Rücken und endlich durch eine saug-
napfähnliche Kreisfigur auf dem Rücken in der
Gegend über den Hüften der Füsse des vierten
Paares ausgezeichnet. Von einem Rückenpanzer habe ich
nichts wahrnehmen können. Die Randfigur der Kopfröhre
ist auf Taf. V. Fig. 39 dargestellt, wobei die Zähne an den
Seitenrändern bedeutend feiner zu denken sind."
„Am ersten Fusspaare sind die Haare des letzten
sichtbaren Gliedes von bedeutender Länge, die beiden
längsten am Seitenrande fast so lang als das Glied selbst,
am Fussende stehen zwei nur wenig kürzere Haare, dicht
darunter viele kürze. Die anderen Füsse sind mit sehr
vielen lang gebogenen Haaren bedeckt. Die Rückenan-
sicht des Thieres zeigt Taf. IV. Fig. 29."
Acarinologisches. 191
2. Epierius geometricus Canestr. et Fanzago.
Canestrini et Fanzago Intorno agli acari italiani
1877. Taf. IL Fig. 4 et 4 a.
Körper eiförmig mit stark zugerundeter Spitze. Vor
den warzenförmigen Stigmalhöckern ein kleines Wärzchen,
hinter denselben ein stumpfer Dorn. Haare der Rücken-
fläche weniger zahlreich, Felder von verschiedener Gestalt
als bei der nachfolgend zu beschreibenden neuen Art.
3, Epierius Canestrini! mihi.
Körper wie bei der vorhergehenden Art, Saugnapf
ebenso, dagegen ohne vorausgehendes Wärzchen und ohne
begleitenden Dorn. Lange Haare der Rückenfläche zahl-
reicher; Felder von abweichender Gestalt und Grösse.
Körper eiförmig mit nach vorne gerichteter, stark
zugerundeter Spitze, etwa zweimal so lang wie breit; die
Seiten der hinteren Körperhälfte leicht ausgebuchtet. Pal-
pen lang, den Körperrand nach vorne stark überragend.
Erstes Beinpaar lang und dünn, die hinteren kürzer und
dicker, am kürzesten das dritte Paar. Jenes in eine Tast-
borste endigend, sein Endglied, gleich demjenigen von
Epicr. geometricus, an der Innenseite mit mehreren länge-
ren geknöpften Borsten bewehrt, die übrigen Glieder gleich
den drei nachfolgenden Extremitätenpaaren mit zahlreichen
kürzeren, steif gekrümmten und leicht gesägten Härchen
besetzt.
Auch an dieser Art zeigt sich die Ornamentik der
Rückenfläche sehr schön. Sie kommt durch einfache Quer-
und Längsreihen dicht gedrängter, dunkel bernsteingelber
Chitinhöckerchen zu Stande. Schon mit einer schwachen
Vergrösserung erkennen wir, dass dieselben ein ziemlich
regelmässiges Netz mit mehr oder weniger quadratischen
Maschen bilden, welche nur zuweilen durch unregelmässige
kleinere Felder unterbrochen sind (Fig. 9). Eine Verglei-
chung des vorliegenden Thieres mit der Abbildung von
Canestrini und Fanzago ergibt, dass die Felderung
beider total verschieden ist. Ausserdem entspringt bei
192 G. Haller:
meiner neuen Art in einer jeden der grösseren Maschen ein
langes hakenartig gebogenes Haar. Etwa am Ende des
zweiten Körperdrittels ragt in einem solchen, etwas grös-
seren Felde der Stigmalhöcker über die Rückenfläche her-
vor. Von dem vorausgehenden kleinen Höckerchen und
dem begleitenden steifen Dorne, welche Gebilde Epicrius
geometricus zu charakterisiren scheinen, ist bei unserem
Thiere nichts wahrzunehmen (Fig. 9). Die kleinen Chitin-
verdickungen, welche diese zierliche Linienornamentik her-
vorrufen, sind, im optischen Querschnitte gesehen, etwa
dreieckig mit vertiefter Mitte. Dagegen sind sie augen-
scheinlich nicht gänzlich durchbrochen, wesshalb ich mich
der Ansicht Kramer's nicht anschliessen kann, welcher
sie für eigenthümlich modificirte Porenkanäle hält (s. dieses
Archiv 1878. p. 537). An den Körperseiten, wo sie sich
der optischen Verkürzung wegen leicht anhäufen, ganz be-
sonders gut aber am Stirnrande lassen sie erkennen, dass
sie mehr oder weniger von der Gestalt einer reichlich die
Körperdecke überragenden Backenzahnkrone mit stets drei
zugerundeten Höckerchen sind. Man sieht, die Ausschmük-
kung dieser Art, wie auch von Epicrius geometri-
cus, erinnert lebhaft an die Schilderung, welche Kr am er
in folgenden Worten von den Chitinhöckern seines Ga-
masus horridus (vgl. dieses Archiv 1876. p. 62. Taf. V.
Fig. 47) gibt.
„Seine Oberfläche ist durch kleine unregelmässige
und dunkel gefärbte Höcker rauh. Bei näherer Beobach-
tung erscheinen diese Höckerchen wie kleine drei-, vier-
oder fünfeckige Sternchen mit dunkelgelbem Kern und
blassgelben Zipfeln.^' Ausser dieser Ausschmückung lassen
sich für die Zufügung von Gamasus horridus zu unserer
Gattung keinerlei Anhaltspunkte gewinnen. Es scheint im
Gegentheil laut Beschreibung und Abbildung der Stigmal-
höcker ganz zu fehlen, wesshalb ich Kramer's Art für
einen echten Gamasus halte. Da mithin diese Ausstattung
mit Chitinhöckeru nicht nur den Arten der Gattung Epi-
crius zukommt, sondern auch einem echten Gamasus, so
ergibt sich hieraus die Bestätigung des oben über den
Werth derselben als Gattungsmerkmale Gesagten. — Es
Acarinologiscbes. 193
braucht wohl kaum beigefügt zu werden, dass der Baucb-
fläche diese vorragenden Bildungen gänzlich abgehen.
Epicrius Canestrinii wurde in sehr wenigen Exemplaren
aus Erdmoos aus Waldungen in der Nähe Berns gebeutelt
und kenne ich diese Art bisher nicht von anderwärts. --
Garn, horridus Kramer kenne ich nicht aus eigener An-
schauung.
Erklärung der Figuren auf Tafel IX.
Fig. 1. Uropoda clavus nov, spec. ^. Wie Fig. 2, 4 u. 7 gezeichn.
bei Comb, von Occ. 3 Syst. 4.
Fig. 2. Urop. scutulata Megnin ^.
Fig. 3. Grundglied des ersten (B) und vollständiges zweites Bein-
paar (A) dieser Art, Gez. bei Occ. 4. Syst. 6.
Fig. 4. Urop. elongata mihi <-/*.
Fig. 5. Hinterleibsende derselben Art. Wie Fig. 3.
Fig. 6. Palpenende der nämlichen Art. Occ. 3. Syst. 7.
Fig. 7. Epicrius Canestrinii mihi ^.
Fig. 8. Die Chitinhöcker des Stirnrandes. Occ. 4. Syst. 7.
Fig. 9. Die netzartige Zeichnung stärker vergrössert. Man erkennt
ausserdem die langen hakenartigen Haare nebst dem seit-
wärts gelegenen Stigmalhöcker. Occ. 4. Syst. 6.
Alle Figuren mit Benutzung des kleinen Mikroskopes von
Hartnack und Nachet's Camera lucida gezeichnet.
Ueber Aegoceros Pallasii.
Yon
Dr. L. Schlächter
in Plauth bei Freistadt, Westpreussen.
Hierzu Tafel X.
In den ^^St. Petersburger Abhandlungen" des Jahres 1779
giebt Pallas die von Güldenstaedt hinterlassene Be-
schreibung eines kaukasischen Steinbockes, der auf den
Gipfeln der Gebirge reichlich vorkommen soll, welche die
Flüsse Terek und Kuban umgeben. Eine beigefügte Zeich-
nung sucht dem Leser einen Begriff zu geben vom Aus-
sehen des weiblichen Thieres. Vom Männchen findet sich
nur der Kopf mit den Hörnern abgebildet. Beschreibung
und Abbildung reproducirt Pallas in den spicileg. Zool.
fasc. XI, in der Zoographia rosso-asiatica und in den
,,neuen nordischen Beiträgen^^ Von Güldenstaedt erhielt
das Thier den Namen Capra caucasica, von Pallas wird
es in der Zoographia auch Aegoceros Ammon genannt.
Alle späteren Beschreibungen, deren Zahl nicht gering,
bringen als blosse Wiederholungen der Güldenstaedt'schen
nichts neues hinzu , reproduciren aber meist mit unbe-
greiflicher Beharrlichkeit die merkwürdige Angabe, dass
das Thier 8 obere und 7 untere Molaren besitze.
Im Bulletin de Moscou d. J. 1841 taucht ein „neuer
kaukasischer Wiederkäuer" auf, unter dem Namen Aego-
ceros Pallasii. Der Entomologe Rouillier giebt von
demselben eine Beschreibung nach dem ausgestopften Balge
im Moskauer Museum, ohne Berücksichtigung des Schädels,
L. Schlacht er: Ueber Aegoceros Pallasii. 195
und bildet das (schlecht ausgestopfte) Individuum ab. Der
Beschreibe!' gelangt zu dem Resultate, dass dasselbe eine
Zwischenform von Schaf und Ziege sei. Das ist a. a. 0.
p. 917 in folgenden Worten ausgesprochen.
„Die meisten Schriftsteller beklagen sich über die
wenig scharf begrenzten Charaktere der Gattungen Capra
und Ovis. Das vorliegende Thier ist ein neuer, schlagen-
der Beweis der nahen Verwandtschaft, ja, man möchte
sagen, Identität dieser Gattungen; mit gleichem Rechte
könnte man es zu Capra und zu Ovis ziehen. Es ist eine
Ziege mit der Bildung der Hörner, der Kopfform, dem
langgestreckten Körper und den Hufen eines Schafes, es
kann aber auch ein Schaf mit dem Barte, den Ohren und
fehlenden Thränengruben eine Ziege heissen. Es ist also
ein neues, treffliches üebergangsglied und könnte demnach
eine Uebergangsgattuug von Capra und Ovis bilden."
Seit einiger Zeit steht nun auch im Baseler Zool.
Museum ein kaukasisches Thier, auf das die Rouillier'sche
Beschreibung passt, wenn man einige Abweichungen in
den Körpermaassen, die Rouillier für das Weibchen an-
giebt, der Ungeschicklichkeit des weiland Moskauer Prä-
parators zuweist und Differenzen in der Haarrichtung als
individuelle Freiheiten ansieht. Es stimmt ferner mit dem
dortigen Exemplar der Kopf mit Hörnern überein, welchen
Blasius (Wirbelthiere Deutschlands, p. 479) unter dem
Namen Capra caucasica beschreibt und abbildet. Bla-
sius identificirt dort Capra caucasica Güld. und Ae-
goceros Fall. Rouill., zieht auch Ovis cylindricornis
Blyth. ^) hierher, ob letzteres mit Recht, kann nach den proc.
nicht beurtheilt werden, wenn auch an ein anderes Thier
kaum zu denken ist. Dass dieBlasius'sche Abbildung sich auf
Aegoceros Pallasii bezieht (vgl. Rütimeyer tert. Rind
und Antil. p. 99) und nicht auf Capra caucas., zeigt eine
Vergleichung mit der Güldenstaedt'schen oder Schreber'-
schen Abbildung vom kaukasischen Steinbock auf den er-
sten Blick. Hier sind die Hörner eines alten Thieres mit
deutlichen Knoten versehen, wovon vorne beim alten Pallasii
1) Proc. zool. soc. of Lond. 1840.
196 L. Schlachter:
nichts zu bemerken, und ferner ist die Richtung der Hör-
ner bei beiden nur im Allgemeinen dieselbe. Gülden-
staedt giebt nämlich an, dass die Hörner von Capra cauc.
aufwärts, rückwärts und auswärts, mit den Spitzen wie-
derum einwärts gebogen seien. Bei Aeg. Pallasii wen-
den sie sich von der Basis an gleich stark auswärts und
aufwärts, dann mehr und mehr rückwärts und schliesslich
mit den Spitzen wieder einwärts; sie sind also elegant
leierförmig gewunden. Die Museen von Strassburg, Col-
mar, Stuttgart, Karlsruhe besitzen, die ersteren ganze Thiere,
das letztere ein Hörnerpaar, alle unter dem Namen Capra
caucasica (Güld). Die Exemplare der drei letzteren sind
aber nichts anderes als Aegoceros Pallasii, während die
Strassburger echte Steinböcke sind *).
Vermuthlich besitzen ausser den angeführten noch
andere Sammlungen den Aegoceros Pallasii anstatt der
Capra caucasica, so dass schliesslich diese das seltenere
Thier ist. Forsyth Major spricht in seiner jüngst erschie-
nen Schrift (Mater pr. serv. a une stör, delli stamb.) p. 5,
die Vermuthung aus, es möchte die Capra caucasica Gül-
denstaedts bloss eine Jugendform von Aegoceros Pallasii
1) Mit der Güldenstaedt'scheii (s. o.) Beschreibung und Abbil-
dung von Capra caucasica wollen dieselben allerdings nicht stimmen.
Die Hörner sind bei diesen (jungen) Thieren stark auswärts ge-
richtet, ohne sich aber mit den Spitzen wieder einwärts zu wenden.
Auch sind sie nahezu rund (abgerundet viereckig) während das Gül-
denstaedt'sche Exemplar abgerundet dreieckige Hörner trägt. Die
Länge der Hörner beträgt 30 Centimeter nach den Krümmungen
gemessen.
L Die Distanz der Spitzen von einander 45 cm.
cT < „ „ in der Mitte 23 cm.
( „ „ an der Basis 3 „
r^ „ n ^^^ Hornbasis vom Ohre 0 cm
$ „ „ „ » « « 3 cm.
(Der Bart ist über einen halben Fuss laug und spitz auslaufend.
Herr Professor Schimper hatte (Febr. 1879) die Freundlichkeit
diese beiden Steinböcke in meiner Gegenwart mit den Beschreibun-
gen von Güldenataedt und Rouillier zu vergleichen. Das Re-
sultat war, dass sie weder zur einen noch zur anderen passen; doch
wie sind sie zu nennen?
Ueber Aegoceros Pallasii. 1Ö7
sein. Diese Vermuthimg ist unberechtigt, da Gitlden-
staedt ausdrücklich von einem erwachsenen Thiere
spricht. Wichtiger ist die andere Notiz (a. a. 0. p. 56)
von Alexander Strauch und Ella in Petersburg, dass
Capra caucasica keinem anderen Steinbock so nahe stehe,
wie dem sibirischen. Dasselbe sagt mir nämlich ein als
„Capra Pallasii^^ in der Zürcher Sammlung stehender kau-
kasischer Steinbock, die einzige echte Capra caucasica,
die mir bisher begegnet ist.
Aus dem Vorhergehenden ergiebt sich, dass Aegoce-
ros Pallasii unter falschem Namen bei den Steinböcken
sich eingebürgert hat. Eine neue Untersuchung des Thie-
res muss daher davon ausgehen, dass sie den „neuen kau-
kasischen Wiederkäuer" wieder in die Stellung zurück-
bringt, die ihm von Rouillier angewiesen worden ist.
Es ergiebt sich dann als Aufgabe einer neuen Untersu-
chung die Beantwortung der Frage:
Ist Aegoceros Pallasii wirklich eine Zwischenform
von Schaf und Ziege oder aber ein Schaf, eine Ziege?
Vorliegende Arbeit sucht dieselbe zu geben :
1) Nach der äusseren Erscheinung des Thieres.
2) Nach den äusseren Eigenschaften des Schädels.
3) Craniometrisch.
Vor allem aber ist es nöthig von der über gegensei-
tige Beziehungen von Schafen und Ziegen erschienenen
wichtigen Litteratur eine Uebersicht zu gewinnen, den
Stand der Frage kennen zu lernen: Was ist Schaf? Was
ist Ziege ?
Seit Ray werden die schädelbewehrten unter den Wie-
derkäuern eingetheilt in Geweih- und Hornträger. Den
ersteren, den Cerviden, werden die Giraffe und dieMoschus-
thiere angeschlossen, die letzteren, die Hornträger, umfassen
das Genus ovinum, caprinum und bovinum. Dem Genus
ovinum werden rück- und auswärts gebogene, dem Genus
caprinum aufrechte, dem Genus bovinum halbmondför-
mig aufwärts, auswärts, einwärts gebogene Hörner zuge-
schrieben.
Später vereinigte Pallas das Genus ovinum und capri-
num in eines, nachdem er zuvor vom Genus caprinum einGe-
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. j^
198 L. Schlachter:
nus antilopinum abgetrennt. Seitdem ist von den verschiede-
nen Systematikern bald die ältere, bald die Pallas'sche Ein-
theilung adoptirt worden, wenn auch fast allgemein zugege-
ben wird, dass es kein einziges Merkmal gebe, welches
immer und nur Schafen oder immer und nur Ziegen zu-
kommt. Sundewall undOgilby bringen, leider ohne nen-
nenswerthen Erfolg, rein äussere Merkmale zur Gruppenbil-
dung in Anwendung, v/ährend Turner nach Cuviers Vor-
gang den Schädel zu Hülfe nimmt. AndreasWagner stellt
sich in Sehr eher (Bd.V. p.l276) auf die Seite von Pallas,
Schafe und Ziegen unter dem Genus-Namen Aegocero s ver-
einigend, während Schreber selbst die Trennung aufrecht
erhalten hatte. S. 1346 (a. a. 0.) führt hingegen Wagner
die Entdeckung von Gene an, dass den Schafen Klauen-
drüsen zukommen, den Ziegen aber fehlen sollen. Im Sup-
plementband zu Schreber wird p. 489 sogar ausgespro-
chen, dass Capra und Ovis sich in allen Fällen bestimmt
unterscheiden lassen; zugleich aber werden die Klauen-
drüsen als unterscheidendes Merkmal nicht mehr anerkannt.
^^Durchgreifende" Gattungscharakteristica werden aber dort
genannt: Die Anwesenheit von Thränengruben bei den
Schafen, ihr Mangel bei den Ziegen; ,,diese besitzen dafür
eine Spalte zwischen Thränen- und Nasenbein, jene nicht.
Bei den Schafen geht der grösste Durchmesser des Hornes
quer zur Längsrichtung des Kopfes, während er bei allen
Arten von Capra derselben parallel läuft."
Gray ^} hält „nach genauer Prüfung aller Merkmale"
dafür, dass die Form der Hörner den natürlichsten Charakter
bilde, der zur Gruppenbildung könne verwendet werden. Auch
Blasius 2) hat die Beschaffenheit dieser Waffen in extenso
zur Eintheilung benutzt. — Ueber den Werth der einzel-
nen Merkmale, sowohl der bei diesem kurzen Ueberblick
angeführten als der noch zu nennenden, wird am passen-
den Orte jeweilen das Nöthige bemerkt werden. Näherer
Orientirung diene folgendes Schema, das dem Gray'schen
Cataloge d. J. 1872 entnommen ist.
1) Annais of nat. hist, 1849. p.229. Cat. ung. fiircip. 1852 p.l4.
2) Säugethiere Deutschlands.
lieber Aegoceros Pallasii. 199
Capridae. Ovidae.
Hörner hinter der Orbita, Hörner hinter der Or-
gerade, comprimiert, rückwärts bita, mehr oder weniger
gebogen, mit einer Längskante spiral, an der Basis brei-
an der Vorderseite, an der Ba- ter als tief. Unbedeu-
sis tiefer als breit, Stirn tend kantig an der Vor-
convex, hinten erhöht. Kinn derseite, fehlen öfters
der Männchen mit Bart. Thrä- bei $. Stirn flach oder
nensack fehlt (?), Hufe viersei- concav. Männchen ohne
tig, vorn kaum höher als hinten. Bart. Hufe dreiseitig,
Zitzen 2, seltener 4. Männchen hinten dünn, Männchen
geben einen starken Geruch von geruchlos. Schädel ohne
sich; Schädel mit schmaler Sub- Suborbitalspalte, mit
orbitalspalte und ohne Fossa mehr oder weniger deut-
lacrymalis. 5 Genera. Hoher Thränengrube. 4
Genera.
1) Hemitragus. 1) Ovis.
2) Kemas. 2) Caprövis. /
3) Aegoceros. 3) Pseudovis.
4) Capra. 4) Ammotragus.
5) Hircus.
Wie nun von all den zur Abtrennung der Bovina
von den übrigen Wiederkäuern dienlichen Charakteren kei-
ner den Werth, der von Cuvier (oss. foss. p. 14) angege-
benen erreicht, was bekanntlich Rütimeyer's „natürliche
Geschichte des Rindes" lehrt und über alle Zweifel erhebt,
so ist die Berücksichtigung desselben Verhältnisses auch
für die Gruppirung der übrigen Wiederkäuer von Bedeu-
tung. Es ist von Rütimeyer in derselben Schrift betont
worden. Dieser Charakter betrifft die Ausdehnung des
Frontale nach hinten und nach den Seiten. Dieselbe ist am
geringsten bei den Antilopen, am grössten bei den Rindern.
In der Mitte stehen Schafe und Ziegen. Mit dieser Aus-
dehnung des Frontale geht einher eine quere Knickung
desselben zwischen den Hörnern, so dass ein facialer und
ein occipitaler Theil* des Frontale sich deutlich abgrenzen.
Die beiden Theile bilden auf diese Weise einen Winkel
miteinander. Derselbe ist am grössten bei den Antilopen,
200 ti. Schlachter:
am kleinsten (spitzesten) bei den Rindern. In der Mitte
stehen wieder Schafe und Ziegen.
Auf dieser für die Untersuchung der genannten Wie-
derkäuergruppen so sicheren Basis, welche das Verhalten
des Frontale giebt, fusst der dritte Theil der vorliegenden
Arbeit und versucht auf Grund der Trennung der Schafe
und Ziegen untereinander nach dem Cuvier'schen Princip
die Bestimmung des kaukasischen Tur, Aegoceros Pallasii.
Die in demselben angewandte Methode mag dem geübten
Osteologen oft entbehrlich erscheinen; immer ist sie es nicht.
I. Das Aeussere des Thieres.
Die oben erwähnte Beschreibung unseres Aegoceros
Pallasii, die sich im Bulletin de Moscou (1. c.) findet, ist
von Rouillier sehr genau gegeben. Es kann deshalb für
die Kenntnissnahme des Haarkleides auf diese verwiesen
werden. Nachzutragen ist jedoch einiges über den Bart
und die Hörner.
Ausser den Haaren der Ünterkiefer-Unterfläche nehmen
die Backenhaare in ausgedehntem Maasse an der Bildung
des Bartes Theil. Sämmtliche Barthaare reichen gleich
weit nach unten und stehen sehr dicht. Das erstere hat
zur Folge, dass der Bart unseres Thieres sehr breit er-
scheint, viel breiter als der gewöhnliche -Ziegenbart, das
letztere, dass der Bart nach unten durch eine Fläche be-
grenzt und nicht, wie der Ziegenbart, kegelförmig ist und
in eine Spitze ausläuft. Diesen breiten Bart trifft man
bisweilen auch bei Capra hispanica (Schimp.), ich sah ihn
ferner bei einem schönen Exemplare von Capra sibirica
in Königsberg. Eine ganz wie Aegoceros Pallasii gehär-
tete Capra hispanica ist in den „neuen Denkscliriften der
Schweiz, nat. Ges. Bd. IL 1838. Tab. 1 abgebildet.
^) „Die Hörner sind schraubenförmig im Räume ge-
wunden, das rechte rechts, das linke links, so dass sie
von der Basis an leierförmig auseinander treten und sich
mit ihren Spitzen wieder nähern. An der Basis sind sie
1) Blasius, Säugethiere Deutschlands ; vgl. auch die Abbildung
des „capra caucasica" genannten Thieres daselbst.
Ueber Aegoceros Pallasii. 201
fast kreisrund, mit dem nur wenig* grösseren Durcbmesser
der Länge des Schädels parallel gestellt." In der Nähe
der Spitzen sind sie abgerundet dreieckig, die innere Grenze
der Vorderfläche ist durch eine ziemlich deutliche Längs-
kante bezeichnet. Die vordere Fläche geht continuirlich
in die äussere, diese in die hintere über. Jedes der unte-
ren Hornglieder zeigt aut der vorderen Fläche meist drei
Querwülste, die nach hinten hin verschwinden. Bei alten
Thieren können sie ganz fehlen. (Die Hörner des Stutt-
garter Exemplares sind fünfgliedrig, stark abgerundet drei-
eckig. Die Querwülste treten ziemlich deutlich hervor, sind
auf dem zweiten und dritten Gliede zu je vieren vorhan-
den; doch ist auf dem dritten Gliede die erste und vierte
sehr undeutlich.) Es folgen hier die Maasse der fünf be-
kannten Exemplare ^):
Stuttgarter Colmarer Baseler Moskauer Karlsruher
(öglied.) (Öglied.) (Öglied.) (9 glied.) (11 glied.)
a.Krümmungslänge43cm 45 cm 63 cm 81cm 68 cm
b. Abstand d. Spit-
zen V. d. Basis 26 „ 24 „ 27 „ 42 „ 34 „
e. Distanz d. beiden
Hörner a.d. Basis 2 ,,
d. Distanz i.d. Mitte 43 „
e. ,, d. Spitzen 51 ,,
f. Umf. a. d. Basis 27 „
g. „ in d. Mitte 20 „
Da die gerade Entfernung der Hornspitze von der
Basis beim Stuttgarter mehr als die Hälfte der Biegungs-
länge beträgt, beim Baseler weniger, so folgt daraus, dass
die Biegung bei diesem stärker ist als bei jenem (als über-
haupt bei allen übrigen, da bei den andern h = ^Y
Dies findet seinen Ausdruck auch in dem Verhältnisse, in
welchem die Distanzen der Spitzen und der Mitte zu ein-
ander stehen. Sehr auffällig ist die Grösse und Dicke
der Moskauer Hörner.
Die beschriebene Form und Windung der Hörner finden
1) Die Arbeit war bereits im Druck, als ich auch in Berlin
den Tar vorfand, also ein sechstes Exemplar. «^
202 L. Schlachter:
sich bei keiner Art von Schafen oder Ziegen wieder vereinigt.
In der Form komnaen die des männlichen Ovis Nahor denen
des Tur am nächsten, während die Windung beim Maehnen-
schaf und bei Capra hispanica wiederkehrt, nur dass die
Hörner dieses Steinbockes nicht gleich von der Basis an
divergieren, sondern anfangs fast parallel aufwärts steigen,
dann erst sich nach rück- und auswärts wenden *). Bei
Capra hispanica sind ausserdem die Hörner bedeutend
schwächer; aber es fehlen die sonst für die Steinböcke so
charakteristischen Knoten der Hörnervorderfläche wie bei
Aegoceros Fall. Mangel dieser Knoten kann gelegentlich
auch bei Capra ibex eintreten. Die Knoten sind dann
durch breite, ringsum ausgebildete Querringe ersetzt.
Will man also, auf Hörner und Bart Gewicht legend,
den Tur des Pallas zu den Steinböcken einreihen, so ist
derselbe in die Nähe von Capra hispanica zu stellen. Berück-
sichtigt man nur die Hörner so findet er bei Ovis Nahor und
trag elaphus Berührungspunkte. Durch die langen Körper-
haare und ihre Anordnung schliesst sich vollends Aegoceros
Pall. wieder eher den Schafen an, besonders Ovis montana.
Ueberhaupt steht er in seiner äusseren Erscheinung —
abgesehen von den Hörnern und dem Barte — dem Ar-
gali so nahe, dass Rouillier einen nicht unbedeutenden
Theil der Schreber'schen Beschreibung ^des Argali für
seinen Tur verwerthen konnte, was leicht durch Verglei-
chung der beiden Aufsätze kann eingesehen werden.
Rouillier lässt ferner seinem Thiere einen langen
Schafschwanz zukommen, sowie dreiseitige Hufe. Beides
trifft bei den mir bekannten drei Exemplaren nicht zu,
Uebrigens ist zu bemerken, dass auch bei den Steinböcken
gelegentlich dreiseitige Hufe vorkommen !
Nach dieser Kleiderschau, die uns in der Bestim-
mung des Thieres nicht weiter gebracht hat als Rouil-
lier gekommen ist, wenden wir uns zur Osteologie.
1) Vgl. Schinz neue Denkschr. der Schweiz, nat. Ges. II. 1838.
lieber Aegoceros Pallasii. 203
IL OsteoJogisches.
a) Beschreibender Theil ^).
Die Baseler osteologische Sammlung besitzt den Schä-
del eines alten Thieres, das Stuttgarter Naturalienkabinet
den eines minder bejahrten, immerhin aber ausgewachse-
nen. Die folgenden Beschreibungen beziehen sich auf diese
beiden Schädel.
1) Das Occipitale basilare hat auf seiner Unter-
fläche zwei vordere und zwei hintere, sehr stark ausge-
bildete Muskelhöcker, zur Insertion der Kecti cap. ant. maj.
et min., ist gerade hinter den Processus musculares ant.
4 cm breit und im ganzen 4V2 cm lang. Die Processus
anteriores sind mit ihren unteren Enden nach hinten ge-
richtet. Die Fossa condyloidea erscheint sehr tief und
ist durch zwei Foramina mit dem Canalis medullae oblon-
gatae verbunden.
2) Der Margolambdoideus der Hinterhauptschuppe ist
convex und greift ziemlich weit nach oben vor.
3) Die Bulla ossea ist beim alten Thiere sehr stark
comprimiert und ganz in die Incisura jugularis eingezogen.
Die Vagina für den Proc. vagin. ossis hyoid. ist platt.
4) Die Zungenbeinscheide und die Vorderfläche des
Meatus auditorius ext. bilden zusammen eine stark concave
Fläche, so zwar, dass keine Grenze zwischen beiden existiert.
5) Die Parietalia sind auf der Hinterfläche ein-
geknickt, fast überall 3V2 cm hoch ^) und verschmälern
sich auf den Seitenflächen erst allmählich, dann aber plötz-
lich gegen ihr vorderes Ende zu.
6) Der vordere Rand ist daher von oben, hinten und
aussen nach unten, vorn und innen geneigt und bleibt
ziemlich weit hinter der Grenze von Orbital- und Tem-
poralfossa zurtick.
1) Die entsprechenden Objecte dieses und des folgenden Theils
sind gleich nummeriert.
2) F. Major sagt a. a. 0. p. 29: „die Parietalregi on ist
bei Aeg. Pall. noch mehr verkürzt als bei Tragelaphus." Dies ist
nicht richtig. Das pariet. v. Aeg. Pall. ist im Gegentheil höher
als das v. Trag. Ueber die an derselben Stelle besprochene Aus-
dehnung der Occipitalregion vergl. d. 3. Theil.
204 L. Schlachter:
7) Die beiden Schenkel der Coronalnaht bilden einen
Winkel von c. 150^.
8) Die Temporalnalit steigt von hinten nach vorn
etwas an.
9) Der Vorderrand des Temporale wird in seinen
unteren zwei Dritteln von der Ala major, in seinem oberen
Drittel von der Ala minor begrenzt.
10) Dasselbe besitzt ein grosses Foramen temporale
(auf der linken Seite neben dem grossen noch ein kleine-
res) ein ebenfalls sehr grosses Foramen glenoideum.
11) Vom Hinterrande der ünterfiäche des Processus
zygomat. ossis temp. geht, einwärts vom For. glenoideum,
ein Knochenplättchen senkrecht nach unten, welches nach
beiden Seiten hin scharf abgegrenzt ist. Die Gelenkfläche
selbst ist ziemlich platt und von keinen Kanten einge-
schlossen.
12) Die untere Fläche des Sphenoideum basilare
ist convex.
13) Das Foramen ovale ist massig gross. Die vor
ihm liegende Ala misst durchschnittlich IV2 cm in die
Breite, etwas mehr als der Processus pterygoideus und als
die Aussenfläche des Pterygoideums.
14) Das Pterygoideum ist aussen trapezförmig, die
vorderste Seite ist die längste, die hintere die kürzeste, die
obere und untere convergieren also nach hinten. Die hin-
tere, obere Ecke schlägt sich in die Fissura sphenoidalis
hinein. Der noch übrige Theil des Hinterrandes reicht
unter die Fissura orbitalis hinab und begrenzt die Ala
major nach vorn.
15) Vom Frontale fallen Vö auf das Hinterhaupt
Vö auf den Vordertheil der Schädeloberfläche. Die beiden
Flächen sind in einem Winkel von c. 75^ gegen einander
geneigt, die hintere Fläche fällt daher senkrecht ab.
16) Die geringste Breite der Stirn (Entfernung der
oberen Orbitaenden der Lacrymalia), beträgt, gerade gemes-
sen, 134 mm, den 2,2ten Theil der geraden Distanz von
Scheitel und Intcrmaxillaspitze. Die Länge des facialen
Theils beträgt in der Mittellinie 85 mm. Die Orbitadächer
sind abschüssig und kurz, ihr hinterer, d. h. dicht unter dem
lieber Aegoceros Pallasii. 205
Horn gelegener Rand, ist bloss ca. 2 cm von der Hornbasis
entfernt. Die vordersten Spitzen der Frontalia, d. h. die je-
derseits zwischen Nasale und Lacrymale eingekeilten sind
5,5 mm von einander entfernt und 120 mm vom Scheitel.
Sie greifen sehr weit nach vorn vor und endigen erst
ca. 15 mm hinter der vorderen Spitze des Lacrymale. —
Die geringste gerade Distanz der beiden Hörner an der
Basis beträgt 36 mm. Die Entfernung der am weitesten
nach vorn gelegenen Punkte der Hornbasen 130 mm. Diese
Punkte liegen also weiter aussen als die 65 mm von ein-
ander abstehenden Foramina supraorbitalia. Letztere öffnen
sich ziemlich weit oben (70 mm vom Scheitel weg).
17 ) Diese Foramina sind verhältnissmässig klein, beide
einfach, kleiner als die ebenso einfachen Foramina supra-
orbit. inferiora. Einfach ist auch das Foramen orbitale an-
terius.
Die Hornkerne führen je eine deutliche Kante (1), die
nach der verticalen Mittelebene des Schädels hinläuft und
etwa 2 cm hinter dem Scheitel das Frontale erreicht. Wei-
ter nach vorn ist eine zweite Kante angedeutet (2). Sie
trifft etwa 45 mm vor der ersteren auf das Frontale. Die fron-
talen Endpunkte der beiderseitigen Kanten 2 sind ca. 40 mm
von einander entfernt. Nach oben verlieren sich sowohl
K. 1 als K. 2, die zweite früher als die stärkere erste. Die
Spitze der Hörner wird von vorn nach hinten comprimiert,
wobei die vordere Fläche convexer bleibt als die hintere.
Diese beiden Flächen stossen nun in einer oberen, inneren
(3) und in einer unteren, äusseren Kante (4) zusammen.
Die innere (3) ist weniger scharf als die äussere (4) ; beide
verlieren sich nach unten, bilden aber, bis zur Hornbasis
verlängert gedacht, ideale Begrenzungen der Flächen des
Knochenkernes. Zieht man eine Linie vom oberen Orbita-
ende des Lacrymale, der Mittelebene des Schädels parallel,
nach der Hornbasis vorn, und eine ebensolche von der ober-
sten Spitze des Petrosum nach der Hornbasis hinten, so
bezeichnen die Punkte, wo diese Linien die Hornbasis be-
rühren, die unteren Endpunkte jener verlängert gedachten
Kanten 3 und 4. Es reicht nun die vordere Fläche des
Hornzapfens von der Kante 1 bis zur vorderen, seit-
206 L. Schlachter:
liehen, idealen Kante 4. die äussere Fläche von dieser
bis zur idealen Kante 3, die innere Fläche von dieser bis
wieder zur Kante 1. Die vordere Fläche selbst aber zer-
fällt durch die ebenfalls oben erwähnte Kante 2 in eine
vordere convexe und eine hintere, ganz ebene Fläche, die
sich von unten nach oben langsam verschmälert, entspre-
chend der gegenseitigen Annäherung der Kante 1 und 2 nach
der Spitze hin. Die innere Fläche ist eben, die äussere
convex ^).
18) Das Sphenoideum basilare anterius ist
nach unten concav, mit dem Vomer auf die bei Schafen
und Ziegen ganz gewöhnliche Weise verbunden. Die Fis-
sura sphenoidalis ist ziemlich eng, das Foramen optiraum
klein und nach aussen röhrenförmig verlängert. Der un-
tere Rand des Foramen verlängert sich in eine stark her-
vortretende, zuerst nach vorn, aussen und oben anstei-
gende, dann in einem Bogen in die horizontale Richtung
tibergehende Kante, welche in der Nähe der Orbitalblase
des Lacrymale endigt und von der Stelle an, wo sie hori-
zontal verläuft, die Grenze zwischen Ala anterior und Fron-
tale bildet.
19) Das Lacrymale ist bedeutend schmäler als ein
Nasale, verschmälert sich constant von hinten nach vorn.
20) Es ist (mit Ausnahme seines schoialen, nicht tiefen
Grübchens in seiner vorderen Hälfte, das also nicht eine
Fossa lacrymalis ist), ganz platt und gehört noch der
Schädeloberfläche an;
21) ein doppeltes Foramen liegt auf dem Rande der
Orbita.
22) Der Schädel der Baseler Sammlung kann keine
Lacrymallücke mehr aufweisen, wohl aber der Stuttgarter.
Die Spalte beginnt vor der Spitze des Frontale und endigt
an der Spitze der Intermaxilla, liegt also in ziemlicher
Länge zwischen Lacrymale, Maxiila super, einerseits und
dem Nasale andererseits. Die Länge des Lacrymale von
1) Der Stuttgarter Schädel zeigt die Kanten (3 und 4) etwas
schärfer.
lieber Aegoceros Pallasii. 207
seinem oberen, orbitalen Endpunkte an bis zu seinem vor-
deren nasomaxillaren beträgt 64 mm.
23) Auch die Form des Lacrymale ist beim Stuttgar-
ter Schädel etwas verschieden. Vom vorderen Drittel ist
nämlich nur ein schmales Stück sichtbar, das in Form
eines Nagels von dem hinteren, breiten Theile ausgeht.
Es ist das mediale Stück ; das äussere, laterale, ist von der
Maxiila überlagert. — Bei beiden verbirgt die Lacrymalblase,
welche den inneren Boden der Orbitalhöhle bildet, das
obere Ende des Processus frontalis palatini.
24) Die Masseterkrista geht vom Zygomaticum auf den
hinteren Theil des Lacrymale über, bleibt auf einer Strecke
von IV2 cm hin etwa 2—3 mm vom Aussenrande desselben
entfernt und geht dann wieder auf das Zygomaticum über.
25) Am Zygomaticum geht der orbitale Theil in
rechtem Winkel vom lateralen ab. Der Winkel ist zur Mas-
seterfossa abgerundet, Die Masseterkante ist hinten lV2cm
vom Orbitalrande entfernt, nähert sich ihm aber fortwäh-
rend, bis sie am unteren Orbitalende des Lacrymale nur
noch ca. 2 mm davon absteht. Proc. frontalis und tempo-
ralis stehen rechtwinklig zu einander ; jener steigt, etwas
rückwärts geneigt, nach oben, entsprechend der Richtung
des Proc. zygom. ossis frontis, der von oben und hinten
nach unten und vorn absteigt. Der Proc. zygom. ossis
temp. bildet mit dem Temporalfortsatz des Jochbeins eine ,
gerade Linie.
26) DieNasalia sind massig breit und nehmen nach
vorn nur ganz allmählich an Breite ab. Denkt man sich
dieselben in drei hintereinander liegende Drittel getheilt,
so sind die zwei hinteren Dritttheile zusammen von vorn
nach hinten schwach concav, das vordere dagegen convex.
In der Querrichtung sind sie fast in ihrer ganzen Ausdeh-
nung ausgesprochen convex. Die Länge beträgt 11, die
grösste Breite 6 cm.
27) Das Palatinum reicht nach vorn bis zur Mitte
des hinteren Zahncy linders von Molar 2. Verbindet man
die mittleren Einschnitte der beiderseitigen hinteren Mola-
ren, so berührt die Verbindungslinie die Hinterränder der
Foramina palatina.
»
208 L. Schlächter:
28) Die Cboanenspitze ist vom For. mag. 115, vom
Vorderraiid des Oecip. basil. 70 mm entfernt, 23 vom Pro-
cessus infer. palatini. Sie liegt mit den Hinterränderu von
Mol. 3 in gleicher Linie; tiefer greifen die Fossae palat.
ein. Der Choanenausschnitt ist nach vorn gerundet. Das
Foramen sphenopalat. ist beim Baseler gross, beim Stutt-
garter sehr klein, bei beiden elliptisch, mit der grossen
Achse nach vorn und unten gerichtet.
29a) lieber den Vomer ist nichts zu bemerken,
29b) Die Intermaxilla ist mit ihrer oberen Spitze
zwischen Maxiila und Nasale eingeschoben, 125 mm lang,
schwach gebogen.
30) Die Maxiila superior ist breit und nicht be-
sonders hoch (7 cm). Der obere Rand geht fast continuier-
lich in den vorderen über beim Baseler, beim Stuttgarter
sind beide unter einem Winkel von 145^ zu einander ge-
neigt, was auf Rechnung des steiler stehenden Vorderran-
des kommt.
31) Das For. infraorb. ist relativ klein, liegt über
dem Vorderrand von Prm. 3, und besitzt einen ausgedehn-
ten Vorhof (fossa profunda).
32) Von den Backzähnen sind die drei Prämolaren
und M. 1 von oben und vorn nach unten und hinten (die
Prm. auch etwas von aussen nach innen) gerichtet, und
zwar nimmt ihre schiefe Stellung vom ersten zum vierten
zu. Die beiden hinteren Molaren stehen senkrecht (aus-
gesprochen wenigstens der letzte.) Die Grösse der Zähne
nimmt von hinten nach vorn allmählich ab.
33) Der Alveolartheil des Unterkiefers ist schmal,
der Proc. coronoideus stark nach hinten geneigt. M. 2
und 3 sind nach vorn, Prm. 1 und 2 wenig nach hinten
geneigt, M. 1 und P. 3 stehen gerade. Das Foramen in-
framax. posterius ist gross, besitzt einen oberen, vorderen,
unteren und hinteren Rand; der Sulcus mylohyoideus geht
vom unteren oder hinteren Rande ab.
b. vergleichender Theil.
1) Die zu beiden Seiten des Vorderrandes des Oc-
cipitale basilare gelegenen Insertionshöcker für die Mus-
Ueber Aegoceros Pallasii. 209
culi recti cap. ant. maj. finden sich oft bei ausgewachsenen
Ziegen sehr stark entwickelt und scharf abgegrenzt, wäh-
rend sie bei Schafen, namentlich bei alten grossen Thie-
ren oft kaum angedeutet sind, jedenfalls aber nie zu der
Entwicklung gelangen durften als bei Ziegen. (Ausnahms-
weise stark entwickelt fand ich sie bei einem Schädel des
Argali in Königsberg.)
2) Der Margo lambdoideus derSquama occip. ist bei
Ziegen mit Ausnahme von Kemas Warrhyato convex, bei
Schafen mit Ausnahme von Ovis tragel. gerade.
3) Die vollständige Aufnahme der Bulla ossea in
die Incisura jugularis, so sehr auch die Grösse der Bulla
ossea bei Schafen und Ziegen, namentlich mit dem Alter ^)
variieren mag, findet sich nur beim alten Tragelaphus und
Ibex wieder.
4) Die Scheide für den Proc. vagin. des Zungenbeins
ist namentlich bei Schafen (ausgeu. Ovis tragel.) dadurch
sehr deutlich von der Oberfläche des Meatus audit. ext.
abgegrenzt, dass die erstere sich röhrenförmig vorwölbt.
5) In der absoluten Ausdehnung der Parietalia
nach oben herrscht unter Schafen sowohl als Ziegen keine
Constanz. Es kann dieselbe individuell wechseln. Nicht
viel besser steht es mit der relativen (auf die Länge des
Schädels bezogenen) Höhe, wenn auch dieselbe bei den
Ziegen durchschnittlich grösser ist als bei Schafen (h : 1
1) = 1 : 5,7 ; 2) = 1 : 6,9),
6) Dagegen scheint die Ausdehnung der Seite nflächen
der Parietalia nach vorn von Wichtigkeit zu sein. Bei allen
männlichen Schafen erreicht der Vorderrand der Seiten-
wandbeine wenigstens in seinem unteren Theile die Grenze
von Orbital- und Temporalfossa und greift bisweilen noch
in diese hinüber; niemals aber verstehen sich die Caprina
dazu. Diesen schliesst sich das weibliche Ovis Nahor an.
7) Ferner erscheint ein mehr oder minder gestreck-
ter Winkel, den die beiden Schenkel der Coronalnaht mit
einander bilden, für die Ziegen charakteristisch, während
ein nicht allzustumpfer bei männlichen Schafen Brauch ist.
1} Rütim. nat, Gesch. d. Rd.
210 L. Schlächter:
8) Ein Ansteigen des Margo temporalis nacli vorn
sclieint nur den Caprinen zuzukommen, bei Schafen pflegt
derselbe in der Mitte eingeknickt zu sein.
9) Aufmerksamkeit verdient ferner die Verbindungs-
weise des Vorderrandes der Squama temporalis. Unter
den darauf untersuchten Schafen begrenzte bei 0. aries,
musimon, vignei, montana nur ein aufsteigender Fortsatz
des grossen Keilbeinflügels die Schläfenschuppe nach vorn.
Beim Argali reicht dieser aufsteigende Fortsatz nicht bis
zum Oberrand der Squama, und die obere Ecke derselben
kommt noch mit der Ala minor in Berührung. Noch etwas
niedriger ist dieser Processus bei Ovis Nahor und Trage-
laphus. Bei allen Ziegen aber ist es Regel, dass das obere
Drittel des Randes der Schläfenschuppe durch die Ala mi-
nor begrenzt wird ^).
10) Ein grosses Foramen temporale und glenoideum
besitzen die Schafe ; indessen kann man diese Oeffnungen
auch bei den Ziegen grösser antreffen als bei ihnen Re-
gel ist 2).
11) Das senkrechte Knochenplättchen an der Gelenk-
fläche des Proc. zygom. des Schläfenbeins verliert sich bei
den Schafen, mit Ausnahme von Ovis tragel., in eine vor
dem Foramen glen. herlaufende Kante, so dass dadurch
ein Abschluss der Gelenkfläche nach hinten hergestellt
wird. Ebenso findet sich beim erwachsenen musimon, vig-
nei, aries eine Crista, welche die Gelenkfläche seitlich
begrenzt. Bei den anderen Schafen fehlt dieselbe, ebenso
bei allen Ziegen, und die blosse Anwesenheit eines beider-
seitig abgerundeten Knochenplättchens, wie es für Aeg. Pall.
1) YerschiedeDheiten in der Nahtrichtiing sind im Allgemeinen
nicht systematisch verwerthbar, so sehr auch der Schein bisweilen
dafür spricht. Namentlich gilt dies für die Nähte des Facialschä-
dels. Wenn man dennoch auch hier auf einiges der Art Gewicht ge-
legt findet, so ist es immer nur solches, was genau verglichen wor-
den ist und auf individuelle Schwankungen geprüft. Nichts desto-
weniger könnte ein noch reicheres Material als das mir zu Gebote
gestandene, vielleicht auch davon noch einiges als unbrauchbar zu
eliminieren haben.
2) Vgl. Eütim. nat. Gesch. d. Rd. p. 24ff.
üeber Aegoceros Pallasii. 211
oben beschrieben wurde, kommt hier namentlich unter
Steinböcken sehr häufig vor ^).
12) Die Form der Uuterfläche des Os sphenoi-
deum basilare bietet in den beiden Gruppen Capra und
Ovis nichts unterscheidend constantes.
13) Das Foramen ovale pflegt bei Ziegen gross, bei
Schafen klein zu sein (Riitim. n. G. d. R.).
14) Grösse, Form und Verbindungsweise der Innen-
fläche des P terygoideum wechselt wenig und unbedeu-
tend unter Ziegen und Schafen. Vielmehr variieren Form
und Grösse der aussen sichtbaren Fläche. Die bei Aeg.
Fall, beschriebene Verbinduugsweise findet sich bei Ziegen
nicht selten ^j.
15) Bei allen Schafen ist der occipitale Theil des
Frontale kleiner als der faciale. Die Ziegen zeigen das
umgekehrte Verhältniss, oder sie haben beide Theile gleich-
massig ausgebildet, oder sie verhalten sich wie die Schafe.
Letzteres ist der Fall bei Capra falconeri, ibex, sibirica,
hispanica und dem Iharal. Es wird von diesen später
die Rede sein. Hier sei in Betreff der Längenausdehnung
des ganzen Frontale nur das gesagt, dass sie bei den
Schafen erstens innerhalb etwas engerer Grenzen schwankt
als bei Ziegen und zweitens überhaupt beträchtlicher ist
als bei diesen.
16) Bei den Schafen erscheint ferner die Stirn brei-
ter als bei den Ziegen, weil dort die Orbitadächer weniger
abschüssig und länger sind als hier. Der untere Rand
der Orbita tritt daher verhältnissmässig mehr zurück als
bei den Caprinen. Hierin schliesst sich der Iharal den
Schafen an, Aeg. Fall, eher den Ziegen ^).
1) Der Proc. zygom. ossis temp. geht nach F. Maj. a. a. 0.
p. 28 bei den Schafen vor dem Meat. audit. ext. ab (sein äusserer Rand
erscheint daher gebogen, Hesse sich dazu fügen) bei den Ziegen und
dem Tur hinter demselben. Meine ersten Notizen sagen mir das-
selbe. Später musste es gestrichen werden. Ich habe z. B. einen
Schafschädel (Ov. ar.) vor mir liegen, bei dem der Meat. audit.
von der Wurzel des Proc. zygom. überdeckt ist.
2) Vgl. dar. Rütim. tert. Rind, und Antil. p.'GS.
3) „Bei Ovis ist der grössere Durchmesser der Orbita der
212 L. Schlachter:
17) Lage und Zahl der Foramina supraorbitalia su-
periora und infer. schwanken individuell, können sogar
bei einem und demselben Thiere auf der rechten und lin-
ken Seite verschieden sein ^).
18) Was über die Ala minor zu bemerken, fand
seine Stelle bei der Besprechung der Schläfenschuppe. Das
Foramen opticum findet man bei Ziegen häufiger nach aus-
sen röhrig verlängert als bei Schafen. Die Grösse der
Fissura sphenoidalis schwankt in beiden Gruppen.
19) Das Lacrymale ist enorm breit bei Ovis mon-
tana und bei den Schafen überhaupt, selten schmäler als
das Nasale, während dies bei Ziegen öfters zu sehen ist.
20) Keine Ziege kennt eine Fossa lacrymalis; allein
der Mangel derselben ist auch unter Schafen bekannt.
21) Nicht viel besser steht es mit einem Besitzthum
der Caprinen, der Lacrymalspalte. Kemas und Hemitragus
fehlt sie, tritt aber beim jungen Ovis tragelaphus auf. Bei
den gewöhnlichen Ziegen ist sie breit und liegt zwischen
Lacrymale und Nasale. Bei alten Steinböcken pflegt sie
sehr schmal zu sein, liegt gewöhnlich zwischen Lacrymale,
Maxiila einerseits und Nasale andererseits. Hinten wird
sie oft von der Spitze des Frontale, vorn von der Spitze
der Intermaxilla begrenzt.
22) Die Form des Lacrymale kann, bei alten Stein-
böcken dieselbe sein wie beim Baseler Aegoc. Fall. Die
am Stuttgarter Schädel beschriebene ist aber die bei Stein-
böcken gewöhnliche.
23) Die Masseterkante bleibt bei den Schafen weit
unter der Lacrymalnaht. Bei den Ziegen fällt sie mit
derselben zusammen. Auch hierin folgt Ovis tragelaphus
wieder den Ziegen, ebenso Ovis Nahor -).
24) Capra aegagr. und hircus tragen ein doppeltes
Mittellinie des Schädels parallel gerichtet, bei Aegagrus ist der
grössere Durchmesser vertical. Die Gruppe Ibex hält die Mitte. Die
Orbita ist liier fast kreisförmig. Aeg. Fall, zeigt mehr den Charakter
von Capra als von Ovis. Die Orbita erscheint bei ihm auch ver-
hältnissmässig enge." Fers. Maj. a. a. 0. p. 28.
1) Rütim. nat. Gesch. d. R. p. 24 ff.
2) Vgl. Rütim. tert, Rind, und Antil. p. 102.
tJeber Aegoceros Pallasii. 218
For. lacrymale auf der Orbitalkante ihres Thränenbeins wie
Aegoc. Pall., bei Schafen und Steinböcken kommt dies
nie vor.
25) Die oben gegebene Beschreibung des Zygo-
maticum kann für die der Caprinen genommen werden.
Bei den Ovinen ist der Verlauf der Masseterkante ein etwas
verschiedener. Der Proc. zygomat. der Schläfenschuppe
bildet in der Gruppe der Schafe mit dem Proc. temporalis
zygomatici in der Regel eine nach aussen gebogene Linie,
eine gerade fast immer bei den Ziegen (vgl. tibr. Anmerk. 1.
zu p. 211).
26) Die Nasalia sind breit und kurz zu finden am
Schädel der C. aegagrus und hircus; sie verschmälern
sich schnell nach vorn. Die Steinböcke lieben sie lang und
gleichmässig breit, vorn schnell zur Spitze auslaufend. Breit
und lang sind die Nasalia auch bei den Schafen.
27) Die Ausdehnung des Palati num nach vorn, die
Form der Choane, die Tiefe der Fossae palatinae sind be-
deutenden Schwankungen unterworfen und daher von ge-
ringem Werthe. (Vgl. Rütim. nat. Gesch. d. R. p.21u. 22.)
(Dagegen Giebel, Klassen und Ordnungen d. Thierr. v.
Bronn, Bd. VI. Abth.V. p. 72).
28) In ihrer Entfernung von der Intermaxillaspitze
und dem Foramen magnum unterliegt die Choanenspitze
höchst geringen Variationen; anders verhält es sich mit
ihrer verticalen Lage, so zwar, dass die Choanenspitze bei
den Schafen tiefer liegt als bei den Ziegen. Immerhin
ist auch diese zur strengen Scheidung der beiden Gruppen
nicht zulässig ^).
29) Länge und Verbindungsweise der Intermaxilla
sind bekanntlich bei Ovis musimon und Capra aegagrus,
bei Capra hircus und Ovis aries sehr verschieden. Bei
den übrigen Schafen aber, mit Ausnahme von Ovis tragel.,
und bei den Steinböcken und Ziegen herrscht darin vollkom-
1) Aus allgemein mechanischen Betrachtungen könnte man
eine Uebereinstimmung der Knickung von Schädeldach und Basallinie
des Schädels in der verticalen Lage der Choanenspitze ausgedrückt
vermuthen. Es war mir nicht möglich, eine solche zu finden.
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 15
214 L. Schlachter:
mene Uebereinstimmung, dass die Intermaxilla sich zwi-
schen Maxiila super, und Nasale einkeilt.
30) Die Maxiila superior der wilden Schaf- und
Ziegenarten hat wohl kaum charakteristische Gruppenmerk-
male in ihren Formen, so leicht auch eine Maxiila sup.
des gemeinen Schafes von derjenigen der Hausziege zu
unterscheiden ist.
31) Dagegen dürfte ein ganz unscheinbares Eigen-
thuni des Oberkiefers von systematischer Bedeutung sein.
Wie nämlich Rütimey er in der „Fauna der Pfahlbauten^
angiebt, ist bei den Schafen die Fossa profunda klein und
ziemlich deutlich abgegrenzt, bei den Ziegen aber ausge-
dehnt und nach vorn seicht auslaufend. Sonderbarerweise
hat dies über das gemeine Schaf und die Ziege hinaus
Geltung; sogar Ovis tragelaphus, von dem sich eine Ab-
weichung noch am ehesten erwarten Hesse, folgt streng
der für die Schafe angegebenen Eigenthümlichkeit i).
32) Form und Stellung der Zähne dagegen, so ver-
schieden sie auch sein mögen bei Ovis aries und Capra
hircus, Hessen für Wildschafe und Steinböcke keine durch-
greifenden Differenzen erkennen.
33) Dasselbe gilt vom ganzen Unterkiefer.
Von den je 33 unter a und b angegebenen Punkten
kommen, wie aus dem Vorhergehenden :sich ergiebt, bei
der Bestimmung von Aegoceros Pallasii 18 in Betracht
(1 . 2. 6-11. 14, 16 . 18. 20—24. 28 . 31. Von diesen 18
dürften mindestens 4 reine Ziegencharaktere bezeichnen
(8. 22. 24. 31.), einer reinen Schaf Charakter (10), dreizehn
vorwiegend Ziegencharaktere (1. 2. 6. 7. 9. 11. 14. 16. 18.
20. 21. 23. 28.). An letzteren nimmt hauptsächlich Ovis
tragelaphus Theil (8 mal). Daraus ergiebt sich, dass nach
den Merkmalen des Schädels Aegoceros Pallasii sich den
Ziegen anschliesst. Man erkennt ferner, dass von den
Schafen Ovis tragelaphus ihm am nächsten steht.
1) Die Fossa profunda soll nach Forsyth Major bei Capra
hispan. und pyren. fehlen, in einem engl. Schädel von C. hisp. sich
ausnahmsweise finden. Ich habe sie gefunden bei sämmtlichen vier
Schädeln des Stuttgarter Kabinets.
Ueber Aegoceros Pallasii. 215
Ueber weitere Beziehungen von Aegoceros Pallasii
und Ovis tragelaphus zu Ziegen und Schafen handelt der
folgende Theil.
Cranioinetrischer Theil.
Es ist bekannt, dass die horizontale Verlängerung
des Schädels der Säugethiere mit der Vollendung des Er-
satzgebisses abschliesst, und dass zu derselben Zeit auch
die hauptsächlichsten übrigen Altersmetamorphosen des
Schädels durchlaufen sind. Wenn man daher bei einer
Vergleichung der Schädeldimensionen ausschliesslich Cranien
von in diesem Sinne ausgewachsenen Thieren berücksich-
tigt, (bei Wiederkäuern von Thieren desselben Geschlech-
tes), so ist zu erwarten, dass die longitudinale Ausdeh-
nung entsprechender Schädelabschnitte, auf die Ausdehnung
anderer Theile derselben Schädel bezogen, bei Thieren der-
selben Species Uebereinstimmung zeigen werde ; mit ande-
ren Worten, dass die Ausdehnung entsprechender Schädel-
partien bei Individuen derselben Species relativ constant sei.
Die Erfahrungen der Anthropologie über den Werth rela-
tiver Maasszahleu, welche sich dort allerdings nicht auf
Individuen verschiedener Species beziehen können, dürften
von vornherein dieser Erwartung einige Berechtigung vin-
dicieren ; die Untersuchung aber hat dieselbe zu bestätigen
oder zu verwrfen. Die Mittheilung von zahlreichen Un-
tersuchungen dieser Art kann nicht in den Eahmen dieser
Arbeit gehören; es sollen bloss einige als Basis für das
weitere dienen, nachdem in Kürze die Methode der Mes-
sung wird angegeben worden sein.
Es wurde die Verbindungslinie vom Vorderrande des
Foramen magnum und der Spitze der Intermaxilla als Ho-
rizontale angenommen und von den eben angegebenen, in
den Zeichnungen mit f und i bezeichneten Endpunkten
dieser Horizontalen aus (mit Hülfe des Zirkels) die Lage
der übrigen in den Figuren angegebenen Punkte der Mit-
telebene des Schädels bestimmt. Die Verbindung der ober-
flächlich gelegenen Punkte durch gerade Linien lässt ein
216 L. Schlachter:
Schematisches Profil des Schädels in natürlicher Grösse
entstehen. Die Sätze über die Entstehung ähnlicher Drei-
ecke lehren, dass und wie dasselbe beliebig kann ver-
kleinert werden und wie auch nachstehende Figuren ge-
wonnen worden sind.
Fünf Schädel *) von Capra ibex haben folgende re-
lative Zahlen ergeben, wenn 0 = Occiput (v bis f p) L = f i
0:L 0:vnin2 h 2) : L fv : vi
1 : 1,41 1 : 0,89 1 : 1,82 1 : 1,50
1 : 1,36 1 : 0,87 1 : 1,78 1 : 1,42
1 : 1,41 1 : 0,89 1 : 1,81 1 : 1.38
1 : 1,38 1 : 0,88 1 : 1,76 1 : 1,36
1 : 1,40 1 : 0,88 1 : 1,76 1 : 1,44
Die Schädel von Ovis musimon (2 Berner, 1 Stuttg.)
haben folgende relative Zahlen ergeben:
0 : L 0 : vnin2 h : L fv : vi
1 : 1,70 1 : 1,19 1 : 2,16 1 : 1,69
1 : 1,72 1 : 1,27 1 : 1,88 1 : 1,71
1:1,71 1:1,26 1:1,88 1:1,63
Drei Schädel von Ovis montana (2 Baseler, 1 Stuttg.)
haben folgende relative Zahlen ergeben:
0 : L 0 : vnin2 h : L fv : vi
1 : 1,64 1 : 1,28 1 : 1,82 1 : 1,83
1:1,68 1:1,24 1:1,85 1:1,78
1 : 1,60 1 : 1,24 1 : 1,76 1 : 1,70
Wenn diese Angaben nun auch nicht genügen, um zu
beweisen , dass bei allen Schafen und Ziegen die In-
dividuen derselben Species für die hier angeführten lon-
gitudinalen Ausdehnungen übereinstimmende relative Zah-
len geben, so reichen sie doch hin, um solche Zahlen
einiger Aufmerksamkeit werth erscheinen zu lassen, um
weitere Schritte nach dieser Seite hin zu erlauben.
Da, wie schon oben erwähnt, die Lage des Scheitels
bei den Wiederkäuern seit Cu vi er als ein schwer wiegender
1) 3 aus Bern. 1 aus Basel. 1 aus Stuttgart.
2) h r= Länge einer von v auf f i gefällten Senkrechten.
lieber Aegoceros Pallasii. 217
Punkt in der Eintbeihing dieser Thiere gelten muss, so
soll zu allererst darauf unsere Aufmerksamkeit zu rich-
ten sein.
DieVerbindungslinie von Scheitel (v) und lutermaxil-
laspitze (i), so wie vom Scheitel und Vorderrand des Fo-
ramen magnum (f) müssen, der verschiedenen Lage des
Scheitels bei verschiedenen Wiederkäuern entsprechend,
ihrer Lage und Länge nach wechseln.
Es bringt daher das gegenseitige, in Zahlen ausge-
drückte Längenverhältniss dieser beiden Linien einen für
die allgemeine Configuratiou des Schädels nicht unterge-
ordneten Charakter zu absolutem und relativem Ausdruck.
Es verhält sich nämlich bei den Schafen die Entfernung
V f zur Entfernung v i durchschnittlich wie 1 : 1,7 (Grenzw.
1,6 und 2,0), bei den Ziegen wie 1 : 1,4 (Grenzw. 1,2 und 1,7).
Hieraus folgt, dass die Entfernung v f bei den Schafen
relativ kleiner ist als bei den Ziegen. — Es ist dies aber
auf zwei Arten möglich : 1) Wenn der Scheitel weiter rück-
wärts liegt als bei den Ziegen. 2) Wenn der Scheitel
niedriger ist. Beides kann auch zusammen diese Möglich-
keit herstellen. Die Höhe des Schädels, d. h. die Länge der
vom Scheitel auf die Horizontale f i gefällten Senkrechten
verhält sich nun bei Schafen und Ziegen durchschnittlich
gleich, nämlich wie 1 : 1,8. (Der Iharal hat mit einem Ver-
hältniss von 1 : 1,6 den höchsten, Capra hispanica mit
1 : 2,1 den niedrigsten Schädel ; der Beden schliesst sich
mit 1 : 2 zunächst an diesen an.) Es ist also der Grund
des obigen bei Schafen und Ziegen verschiedenen Verhält-
nisses der Entfernungen fi und v f in der horizontalen
Lage des Scheitels zu suchen und nicht in der verticalen.
Die Richtigkeit dieses Schlusses wird dadurch zur Evi-
denz gebracht, dass der Winkel v f i bei den Schafen
durchschnittlich grösser ist als bei den Ziegen. Das heisst
also: der Scheitel liegt bei den Schafen weiter nach rück-
wärts als bei den Ziegen.
Aus den oben angegebenen Grenzwerthen der Verhält-
nisszahlen für die Entfernungen fv und vi; bei Schafen
1,6 und 2,0, bei Ziegen 1,2 und 1,7; verglichen mit den
Durchschnittszahlen 1,7 für Schafe, 1,4 für Ziegen, folgt
218 L. Schlachter:
nun des weiteren, dass die Caprinen Schafsverhältnisse
annehmen können, dass das Umgekehrte aber nicht ge-
schieht. ~ Weil wir nun gefunden haben, dass von den
typischen Ziegen zu den typischen Schafen nur die hori-
zontale, nicht aber die verticale Lage des Schädels wech-
selt, so empfiehlt es sich nachzusehen, wie diese Lage des
Scheitels bei den Ziegen sich gestaltet, die in der eben
erwähnten Beziehung mit den Schafen übereinstimmen.
Der mittlere Werth für das Verhältniss f v : v i ist
also für die Ziegen = 1,4, bei einem mittleren Winkel
V f i von 640.
1) Bei Capra falconeri und C. sibirica ist das Ver-
hältniss von fv : vi = 1 : 1,6, der Winkel f vi = 68^,
die Höhe = 1 : 1,8. Die Verlegung des Scheitels ist also
mit Bezug auf die typischen Ziegen ebenfalls bloss eine
horizontale, d. h. : es verhalten sich C. falc. und sibir. zu
den typischen Ziegen wie die typischen Schafe zu den
typischen Ziegen.
2) Beimiharal verhält sich fv zu vi wie 1:1,7. Der
Winkel v f i beträgt 79^. Das Verhältniss von Höhe zu
Länge ist gleich 1 : 1,6. Mithin ist die Verlegung des Schei-
tels beim Iharal mit Bezug auf die Lage desselben bei
den typischen Ziegen eine horizontale und eine verticale
(Erhöhung). Der Iharal hat den höchsten Schädel von
allen darauf untersuchten Schafen und Ziegen; zu den ty-
pischen Ziegen verhält er sich anders als C. falo. und sibir.
3) Findet man auf dieselbe Weise, dass Kemas Warr-
hyato und Capra hispanica den Scheitel erniedrigt und
nach hinten gerückt haben, demnach das Verhalten der
unter 1 und 2 aufgeführten vereinigen. — Wenn wir daher
von Budorcas, Ovibos und einzelnen Culturrassen des Scha-
fes absehen, so ergiebt sich, dass bezüglich der Lage
des Scheitels der Typus Capra mehr Veränderungen
unterliegt als der Typus Ovis.
Die Schwankungen, welchen die Lage des Scheitels
unterliegt, werden sich selbstverständlich auch in den re-
lativen Ausdehnungen von Occipital- und Frontalfläche zu
erkennen geben. Wenn wir die Longitudinalausdehnung
der Occipitalfläche mit 0 und die der Facialfläche mit F
lieber Aegoceros Pallasii. 219
bezeichnen, so verhält sich 0 : F bei den Ziegen im Mittel
wie 1 : 0,9; d. h. 0 ist > F, bei den Schafen wie 1 : 1,2;
d. h. 0<F. Unter den Schafen begegnete mir keine
Ausnahme, unter den Ziegen fanden sich 4, die sich wie
die Schafe verhalten. (C. sibir. hispan. faleon. Iharal.)
Zwei davon, hispanica und Iharal haben abweichende
Höhe des Schädels, wie oben ist bemerkt worden, es sind
also nur Capra sibirica und falconeri, die sich vollständig
wie die Schafe verhalten.
Bei den bisherigen Angaben sind Aegoceros Fall, und
Ovis tragelaphus nicht mitgerechnet worden. Ihre Bezie-
hungen zu Ziegen und Schafen sollen besonders gesucht
werden :
Bei Aegoceros Pallasii ist das Verhältniss der Ent-
fernungen des Scheitels vom Vorderrand des Foramen
magnum (f v) und von der Spitze der Intermaxilla (v i)
= 1:1,8; eine Zahl, die wir bei keiner Ziege finden.
Die Höhe ist die normale, beträgt nämlich, auf die Länge
der Horizontalen f i bezogen, 1 : 1,8. Der Winkel v f i be-
trägt 78^, kommt in dieser Grösse unter Ziegen nur beim
Iharal vor und ist sonst für die Schafe reservirt. — Ae-
goc. Fall, könnte demnach zu den Schafen zu stellen sein,
weil er sich wie die Schafe verhält, oder zu denjenigen
Ziegen, die sich zu den typischen Ziegen gerade so ver-
halten wie die typischen Schafe (s. o.) d. h. er könnte zu-
sammengebracht werden mit Capra falconeri und sibirica.
Die Ausdehnung des Occiput beträgt, auf die Länge der
Facialfläche (v n) bezogen 1 : 1,2. Auch hierin stimmt das
Thier mit den Schafen zusammen, zugleich aber wiederum
mit Capra falconeri und sibirica, kann sich also zu den
Ziegen und Schafen verhalten wie diese beiden.
Ovis tragelaphus vereinigt mit der normalen Scheitel-
höhe von 1,8 einen Winkel v f i von 90» und ein Verhält-
niss der Entfernungen v f und v i von 1 : 2. Sein Scheitel
liegt also senkrecht über dem Vorderrand des Foramen
magnum, mithin von allen untersuchten Schädeln am wei-
testen nach hinten (vergl. Rütimeyer tert. Rinder und
Antil. p. 101). Unter diesen Umständen werden wir uns
nicht verwundern dürfen, wenn auch die Ausdehnung des
220 L. Schlachter:
Occiput die geringste wird, die man unter Schafen und
Ziegen überhaupt findet; sie verhält sich nämlich zur fa-
cialen wie 1:6 — ist also ohne allen Zweifel Schafscha-
rakter. In allen diesen Beziehungen steht das Mähnen-
schaf vollständig isoliert von allen Ziegen und erweist sich
als Schaf par excellence. Aegoceros Pallasii aber nähert
sich den Schafen bedeutend, unterlässt es indessen nicht
mit den Ziegen noch in Fühlung zu bleiben. Eben das-
selbe wird sich auch aus dem folgenden ergeben.
Es wurde oben (p.211) mitgetheilt, dass bei den Scha-
fen das Frontale im Allgemeinen länger sei als bei Ziegen,
dass bei allen Schafen der occipitale Theil des Frontale
kleiner ist als der faciale, dass dies auch bei Aegoc. Pall.
Capra falc, sibir., hispan. und dem Iharal der Fall. Es
sind dieses alles Schädel, bei welchen der Winkel v f i
eine (für Ziegen) bedeutende Grösse gewinnt. Wenn man
nun den Vorderrand des Foramen magnum mit dem vor-
deren Ende (b2) des Sphenoideum basilare posterius ver-
bindet, so wird diese Verbindungslinie einen Winkel b2 f i
mit der Horizontalen f i bilden. Es wird dieselbe auch
den Winkel vfi in zwei Winkel theilen, einen oberen
V f b2 und einen unteren b2 f i, der soeben erwähnt wurde.
Es zeigt sich nun, dass bei den Schafen durchweg die
obere Hälfte des Winkels vfi (bedeutend) grösser ausfällt
als der untere, deren Winkelwerth ziemlich constant 31^
beträgt, während bei den typischen Ziegen die beiden
Winkel nahezu gleichen Werth haben und der untere eine
Oefifnung von weniger als 30^ besitzt. Da nun auch die
oben erwähnten vier Caprinen (C. sibir., hispan., falc,
Hemitragus leml.), welche einen weit nach hinten liegen-
den Scheitel haben, dasselbe Verhältniss der beiden Win-
kelhälften zeigen wie die Schafe (ohne allerdings eine
constante Grösse des unteren Winkels zu besitzen), so liegt
die Vermuthung nahe, dass mit der Grösse jenes oberen
Winkels die Länge des facialen Theiles der Frontalien im
Zusammenhang stehen dürfte. — Wenn wir in dieser Hin-
sicht Capra aegagrus und Capra falconeri mit einander
vergleichen, so zeigt es sich, dass bei beiden die Linie f b2
einen Winkel von 25^ mit der Horizontalen bildet, dass
Ueber Aegoceros Pallasii. 221
aber bei Capra fale. der "Winkel v f b2 44^, bei Aegagrus
bloss 32 beträgt. Zugleich zeigt eine Vergleiebiing der bei-
den Schädel, dass der faciale Theil des Frontale bei C.
falconeri länger ist als bei aegagrus. Eine Ausdehnung
derOccipitalkapsel, die ausgerückt ist durch das Wachsthum
des Winkels v f bg, hätte demnach eine Verlängerung des
facialen Frontaltheiles zur Folge. Wie sich nun Capra
falconeri zu aegagrus verhält^ so der Iharal zu Kemas.
Bei beiden findet man einen Winkel bo f i von 37^ bei
Kemas aber einen Winkel v f b2 von 3P, beim Fnaral
von 42'\ Das Frontale faciale ist beim Iharal bedeutend
länger als bei Kemas. In demselben Verhältnisse nun ste-
hen Capra sibirica und Capra ibex. Bei sibirica verhält
sich die Länge des facialen Frontale v u zur Länge der
Horizontalen fi wie 1 : 3,1 — bei ibex ^) wie 1 : 3,5 — ,
es ist also der Facialtheil des Frontale beim sibirischen
Steinbock länger als beim schweizerischen. Dieser hat einen
Winkel h-y f i von 32^, einen Winkel bo f v von 32^, wäh-
rend beim sibirischen der untere Winkel 30, der obere 37^
beträgt. Die Gestalt des faciale Frontale von Aegoc. Fall,
lässt sich auf entsprechende Weise von Capra himalayana
ableiten, doch muss bemerkt werden, dass hier so wenig
als in den vorhergehenden Fällen der Ableitung genealo-
gische Bedeutung soll beigelegt verden. Die Länge von v n
verhält sich bei Ae2:oc. Fall, zur Läna"e der Horizontalen
wie 1 : 3^0 — bei Capra himal. wie 1 : 5,0. Der Winkel
b2 f i beträgt bei beiden 30^ der Winkel v f bo jedoch
bei Himalayana 32, bei Aeg. Fall. 48.
Unter den Caprinen, bei welchen der faciale Theil
des Frontale den occipitalen an Länge übertrifft, steht
auch C. hispanica. Nichts destoweniger ist die Länge der
facialen Frontalpartie eine verhältnissmässig geringe. Sie
beträgt nur den 3,8ten Theil der Horizontalen f i. Und
doch misst der Winkel v f bo 39^ bo f i 26o. Da nun das
Frontale sehr weit nach vorn reicht, kann der Grund der
Kürze des facialen Frontaltheiles nur am Scheitel gesucht
werden und liegt, wie eine einfache Betrachtung lehrt,
1) Stuttgarter und Baseler Exemplar.
222 L. Schlachter:
in der geringen Höhe desselben (siehe oben p. 217). Aus
dem vorhergehenden folgt nun, dass die Länge des Fron-
tale in gewisser Beziehung steht zu der horizontalen und
verticalen Lage des Scheitels oder, wie es sich noch rich-
tiger ausdrücken lässt, zu der relativen Grösse des Win-
kels V f b2 und der verticalen Lage des Scheitels. Es
folgt ferner daraus, dass Aegoceros Pallasii wieder mit
denjenigen Ziegen zusammengeht, welche sich zu den ty-
pischen Caprinen auch diesmal so verhalten wie die Schafe
zu ebendenselben, nämlich mit Capra falconeri und sibi-
rica; sein ausgedehntes Vorderfrontale darf also nicht als
Schafscharakter gelten. Ist nun die Lage des Scheitels
als ein wichtiges Moment in der Configuration des Schä-
dels entgegengetreten, so empfieht es sich weitere Bezie-
hungen desselben aufzusuchen. Es gilt als eine charakteri-
stische Eigenschaft der Argalis, dass der hintere Theil
des Frontale sehr steil abfalle, in rechtem Winkel zum
vorderen Theile des Frontale stehe. Hängt nun diese
steile Stellung des occipitalen Frontale zusammen mit dem
weit nach hinten gerückten Scheitel? Winkelmaasse geben
auch hier genaueren Aufschluss als das Täuschungen unter-
worfene Auge.
Die Neigung der Linie v c zur Horizontalen variiert
bei den Ziegen zwischen IS^ und 55^, bei den Schafen
zwischen 33^ und 76^. Daraus wird denn deutlich, dass
im Ganzen allerdings ein Zusammenhang bemerkbar ist,
im Einzelnen aber lässt sich unter den Schafen selbst die
erwartete Gesetzmässigkeit nicht finden. Viel eher schon
unter den Ziegen. Dieses an und für sich auffällige Ver-
halten der Schafe hängt aber von der oben schon erwähn-
ten, so sehr variablen Höhe der Parietalia oder richtiger,
von ihrer wechselnden Ausdehnung nach oben, welche also
in den Zeichnungen durch die Lage des Punktes C ihren
Ausdruck findet. Lässt die Berücksichtigung der ver-
ticalen Lage des Punktes C, wie schon oben bei Bespre-
chung der Parietalia erwähnt, zu keinem positiveü Resul-
tate gelangen, so eröffnet sich ein wichtigerer Gesichts-
punkt in der Berücksichtigung der horizontalen Lage
dieses Punktes.
Ueber Aegoceros Pallasii. 223
Es liegt nämlich bei den Ziegen, wie im Grossen und
Ganzen der Scheitel, so auch der Punkt C weiter vorn, d.h.
der Intermaxillarspitze näher als bei den Schafen. Dem
entsprechend bemerkt man innerhalb beider Gruppen mit dem
Zurückweichen des Scheitels bis zu einem gewissen Grade
ein Zurückweichen des Punktes C. — Unter den Schafen ist
bei Ovis canadensis jedoch so zu sagen die Grenze dieses
Zurückweichens erreicht bei einem Winkel v f i von 77^]
denn bei einem Ovis ^^argali^^ mit einem Winkel vfi von 86^
liegt dieser Punkt nicht und bei Ov. tragelaphus mit einem
Winkel vfi von 90^ kaum weiter hinten. Bei den Zie-
gen existirt auch eine solche Grenze; sie wird aber früher
erreicht! Bei Capra falconeri beispielsweise, welche einen
Winkel vfi von 69» aufweist, ist der Punkt C gerade so
weit von der Linie vf entfernt, wie bei Ovis tragelaphus,
dessen Winkel vfi 90», also 21» mehr misst, dessen Scheitel
also viel weiter zurückliegt als bei Capra falconeri. —
Hieraus erklärt sich nun wie bei Ziegen sowohl als bei
Schafen eine steile Stellung des occipitalen Theiles des
Frontale eintreten kann, ohne dass die Thiere sich sonst
nahe stehen. Beim Schaf muss der Scheitel sehr weit
zurückliegen, damit der Punkt C der Linie vf nahe ge-
rückt werde, damit also auch der occipitale Theil des
Frontale steil abfalle; bei der Ziege genügt dazu schon
ein massig grosser Winkel vfi. Aegoceros Pallasii hat
die horizontale Lage des Scheitels gemein mit dem Berg-
schafe; sein Punkt C aber liegt der Intermaxillaspitze oder
einer Linie vf näher als der Punkt C des Bergschafes;
es ist daher auch der occipitale Theil des Schädels bei
jenem steiler als bei diesem. Lage des Scheitels, der Co-
ronalspitze, Neigung des occipitalen Theiles des Frontale
erinnern an C. falconeri, sind vollends nur ein weiterer
Schritt in der Gestaltung des Schädels von Capra sibirica.
Die Beziehungen , welche Aegoceros Pallasii zum
Mähnenschaf, zu den Schafen und Ziegen unterhält, sind
nach dem Vorhergehenden kurz folgende :
Aegoceros Pallasii ist eine Ziege, die in der
allgemeinen Configuration des Schädels von allen ihren Ver-
wandten am meisten den Schafen sich zuzuwenden scheint.
224 L. Schlachter: Ueber Aegoceros Pallasii.
Mit dieser ,, Umgestaltung" in dimeusionaler Beziehung gebt
ein Auftreten von Schafsattributen rein osteologischer Natur
einher, sowie solcher in der Kleidung.
Ovis tragelapbus ist ein Schaf, das in craniome-
trischer Hinsicht nicht nach den Ziegen hingeht, sondern
vielmehr in gewisser Weise gestaltliche Eigenthümlichkei-
ten der Gattung Ovis weiter ausbildet, zugleich jedoch
verschiedene Ziegencharaktere rein osteologischer Natur da-
mit verbindet. Osteologische Eigenthümlichkeiten dieses
Thieres und des vorhergehenden scheinen auf nahe Ver-
wandtschaft beider hinzuweisen, ebenso das abschüssige
Occiput beider. Aber gerade die Steilheit ihrer Occipital-
flächen, die anfangs beiden den Schafs charaktcr zu vin-
dicieren scheinen, gerade sie ist es, die schliesslich die Zie-
gennatur jenes, die Schafsnatur dieses am prägnantesten
zum Ausdrucke bringt. Denn Aegoceros Pallasii hat das
Occipitalfrontale der Ziegen, Ovis tragelapbus das der
Schafe.
Buchstabenerklärung.
V = Scheitel.
c =: höchster Punkt der Coronaluaht.
1 = jj J5 n Lambdanaht.
pr. 0.6 = protuberantia occipitalis externa.
f p = höchster Punkt des Foramen magnum.
f = Hinterrand des Occipit. basil. (Mitte),
bi = Vorderrand „ „ „ (Mitte),
ba = „ „ sphenoid. „ posterius (Mitte),
eh = Choanenspitze.
i = Vorderes Ende der Intermaxilla.
n^ = Nasenwurzel,
n^ = Spitze des Nasale.
Anm. Die durch die Buchstaben f und b bezeichneten Punkte
des Schädels von Ovis tragelapbus sind nicht ganz sicher, weil die
basis cranii an denselben grossentheils fehlt.
Besclireibuiig neuer Reptilien.
Von
Dr. J. G. Fischer
in Hamburg.
Hierzu Tafel XI. und XII.
Unter einer Anzahl Reptilien, die mir aus dem Kön.
Naturalienkabinet in Stuttgart zur Bestimmung übersandt
waren, fanden sich folgende neue Arten.
Pliocercus sargii sp. n.
aus Guatemala.
Taf. XL Fig. 1. 2. 3.
Ser. long. 17; Oc. 3-2; Lab. Vio; T. 1 + 1 + 2;
V. 133 + Vi + 120/2.
Schlank; Schwanz die Hälfte der Totallänge; Zähne
diakranterisch ; drei Präocularia; Grundfarbe roth, durch
viele (20 + 17) einfache schwarze Ringe getheilt; eie Ringe
schmaler als die hellen Zwischenräume, in letzteren un-
deutliche Halbringe.
Beschreibung:
Form. Kopf ziemlich breit, schwach vom Halse ab-
gesetzt, Körper drehrund, schlank, Schwanz nicht abgesetzt,
so lang wie Kopf und Rumpf zusammen.
Zähne. Die letzten Oberkieferzähne grösser, nicht
gefurcht, durch eine kleine Lücke von den übrigen getrennt.
Kopfschilder. Rostr ale etwa dreimal so breit wie hoch,
mit der oberen Spitze sehr wenig auf die Schnauzenfläche
heraufgebogen. Internasalia unregelmässig viereckig,
breiter als lang, etwa halb so lang wie diePräfrontalia.
Diese ebenfalls breiter als lang, unregelmässig fünfeckig,
mit dem seitlichen Theile bis zum Frenale herabgebogen.
Frontale fünfeckig, wenig länger als breit, Vorderrand
fast gerade, Seitenränder wenig konvergierend, Hinterrän-
der unter spitzem Winkel (etwa 70^) zusammenstossend.
Parietalia gross, ihre Länge gleich dem ganzen Inter-
226 J. G. Fischer:
orbitalraume, jedes halb so breit wie lang, hinten abgerun-
det. ZweiNasalia, ungefähr von gleicher Grösse. Fre-
nale ein Parallelogramm, etwa doppelt so lang wie hoch;
es ruht auf dem dritten und theilweise dem zweiten La-
biale. Drei Präocularia; das unterste klein, wie ein
Ausschnitt des vierten Lippenschildes; das oberste gross,
breit, kaum auf die Stirnfläche heraufreichend, weit von
der Ecke des Frontale getrennt. Zwei Postocularia,
das untere, auf der Grenze des 5. und 6. Labiale ruhende,
kleiner als das obere. Tempo ralia 1 -j- 1 + 2. Das
erste lang, schmal, auf dem 7. und der zweiten Hälfte
des 6. Lippenschildes ruhend; das zweite kürzer, höher,
zwischen Parietale und achtem Labiale; die zwei letzten rhom-
bisch, etwa doppelt so gross wie die benachbarten Nacken-
schuppen. Von den acht Supralabialia sind die beiden
letzten die grössten; das 4. und 5. stossen an die Orbita.
Zehn Infralabialia, die des ersten Paares schmal, an
der Kinnfurche zusammenstosend, die des fünften und na-
mentlich des sechsten Paares am grössten. Zwei Paare
Kinnfurchenschilder, jederseits mit sechs Lippen-
schildern in Berührung ; die des ersten Paares wenig grös-
ser als die des zweiten; letztere mit den Endzipfeln weit
auseinander weichend.
Körperschuppen glatt, spiegelnd, in- 17 Längsreihen,
rhombisch. Anale getheilt; Schwanzschilder doppelt.
Farbe. Grundfarbe (in Weingeist) fleischfarben, Lip-
pen und Kehle gelb. Oberseite des Kopfes bis zum letz-
ten Dritttheil des Frontale schwarz; ebenso der vordere
Theil der Seitenfläche, jedoch der ganze Oberlippenrand,
auch der untere Rand des Rostrale und ein Fleck auf
jedem Internasale gelb. Eine gelbe Zone zieht sich vom
Lippenrande quer über den Kopf, vorn die hintere Spitze
des Frontale, hinten den grösseren vorderen Theil der Pa-
rietalia einschliessend. Auf diese gelbe Binde folgt eine
breite schwarze, die hinteren Enden der Parietalia mit
umfassende Querbinde, die unterhalb des Halses nicht mit
der entsprechenden Hälfte der anderen Seite zusammen-
trifft, sondern von jeder Seite nur bis an die Bauchschilder
reicht. — Der Körper ist durch 20, der Schwanz durch 17
Beschreibung neuer Reptilien. 227
einfache ganz geschlossene schwarze Ringe getheilt. Diese
sind schmaler als die. hellen Zwischenräume. Die in
den letzteren liegenden Schuppen sind auf der hinteren
Hälfte schwarz (zunächst an den Grenzen der schwarzen
Ringe hellbraun); an manchen Stellen des Körpers entste-
hen durch weitere Ausdehnung dieser Farbe auf einzelne
ganze Schuppen unregelmässige, nicht scharf begrenzte,
auch am Bauche nicht zusammenschliessende Halbringe, von
denen bisweilen auch zwei in ein Intervall fallen. Am
Schwanz nehmen die schwarzen Ringe und die hier deut-
licher markierten Halbringe relativ an Ausdehnung zu, so
dass an der Oberseite hier von der Grundfarbe nur ganz
schmale, an der Unterseite dagegen — wegen der nicht ge-
schlossenen Halbringe — immer noch ziemlich breite Zo-
nen bleiben.
Maasse : Totallänge 67 cm, Schwanz 31 cm.
Am nächsten mit Pliocercus dimidiatus Cope ver-
wandt. Ist aber nicht isodont wie dieser; das Frenale ist
klein Rhombus; auch sind nur 8 (gegen 9) Oberlippen-
schilder, und eine grössere Zahl von schwarzen Ringen
(20 + 17 gegen 14 + 8) vorhanden. Die Lippenschilder
sind gelb, bei dimidiatus sind die letzten Supralabialia
und die ersten Infralabialia schwarz.
Unsere Art unterscheidet sich ferner von P. euryzonus
Cope (Cosmiosophis splendens Jan) durch die viel grössere
Breite der hellen Zwischenräume, die diakanterische Zahn-
bildung, die Zahl der Bauchschilder und der Subcaudalia.
— PL aequalis Salvin hat nur ein Präoculare, und kürzeren
Schwanz (Ventr. 138 -f 46). Elapochrus deppei Pets (PI.
elapoides Cope, Cosmiosophis tricinctus Jan) hat die
schwarzen Ringe in Triaden geordnet, Ventr. 143 + 85.
Das beschriebene Exemplar ist No. 2012 des Königl.
Naturalienkabinets in Stuttgart. Es war an letzteres von
Herrn Sarg aus Coban eingesandt.
Herpetodryas laevis sp. n.
aus Guatemala,
Taf. XL Fig. 4-6.
Ser. long. 17; Oc. 1—2; Lab. Vio; T. 2 + 2; V. 183
+ Vi = ''V'2.
228 J. G. Fischer:
Sehr schlank ; Schuppen glatt in 17 Längsreihen ; ein-
farbig bräunlich grau, unten grauweiss; Kinn- und Kehl-
Gegend schwarz gefleckt und gesprenkelt.
Beschreibung:
Form. Sehr lang und schlank, Schwanz die Hälfte
der Totallänge.
KopfscMlder. Eostrale schwach gewölbt, breiter
als hoch, gerade die obere Schnauzenfläche erreichend.
Internasalia unregelmässig viereckig, etwa halb so gross
wie die Präfrontalia. Diese an die Seitenfläche bis zum
Frenale herabgebogen. Frontale lang, mit geradem Vor-
derrand und stark konkaven Seitenrändern; Hinterränder
kurz, unter rechtem Winkel zusammenstossend; der Vor-
derrand fast halb so gross, wie die Länge dieses Schil-
des, letztere gleich der gemeinschaftlichen Parietalnaht,
etwas grösser, als die Entfernung seiner vorderen Naht
von dem Schnauzenende. Parietal ia gross, mit dem
Vorderrande die Hälfte des oberen Postoculars berührend;
Hinterränder lang, jeder gleich der Hälfte der gemein-
schaftlichen Naht, beide unter sehr offenem, fast gestreck-
tem Winkel zusammenstossend. Supraocularia gross,
gewölbt, viel breiter als das Frontale in seinem mittleren
Theil. Nasalia massig gross; das zweite ruht auf der
Grenze des ersten und zweiten Labiale. Frenale vier-
eckig, mit parallelen Längsrändern, zweimal so lang wie
hoch, ruht auf dem zweiten und einem Theil des dritten
Labiale. Präoculare einfach, gross, konkav, mit der
oberen Spitze auf die Stirnfläche heraufgebogen, von der
vorderen Aussenecke des Frontale weit getrennt; seine
untere Grenze ruht auf dem dritten und vierten Labiale.
Zwei P 0 s 1 0 c u 1 a r i a ; das untere, kaum halb so gross wie
das obere, ruht auf dem sechsten und einer Spitze des
siebenten Lippenschildes. — Temporalia 2 +2, alle
länger als hoch ; von denen der vorderen Reihe ist nur das
obere mit den Postocularia, und zwar mit beiden, in Be-
rührung, das untere reicht nicht ganz an dieselben. (Auf
der linken Seite des vorliegenden Exemplars ist das obere
durch eine Quernaht getheilt.) Supralabialia 9, das
Beschreibung neuer Reptilien. 229
Auge ruht auf dem fünften und sechsten und auf der hin-
teren Ecke des vierten. Infralabialia 10, die ersten
sechs mit den Kinnf urchenschildern in Berührung.
Von letzteren sind die des zweiten Paares länger und
schmaler als die des ersten.
Körperschuppen in 17 Längsreihen, länglich rhom-
bisch, vollkommen glatt, ohne Kiele und Poren. Bauch-
schilder mit den äusseren Enden an die Seiten heraufge-
bogen, ohne Kiele. Anale getheilt. Schwanzschilder
doppelt.
Farbe. Oben bräunlichgrau ohne Abzeichen, unten
grauweiss. Die Farbe der Oberseite erstreckt sich mit auf
die heraufgebogenen Theile der Bauchschilder. Oberlippen-
schilder gelb, scharf abgesetzt von der dunklen Seiten-
fläche des Kopfes, die vorderen sind hinten schmal dunkel
gesäumt, an der unteren Grenze des sechsten und sieben-
ten, sowie des siebenten und achten ein dunkler Fleck. Un-
terlippenschilder sowie Kinn- und Kehlgegend gelb, unre-
gelmässig schwarz gefleckt und marmoriert. •
Maasse. Totallänge 82 cm, Schwanz 29 cm.
Am nächsten verwandt mitHerpetodryas brunneus Gth.,
aber durch die vollkommen glatten Schuppen und den
schlankeren Habitus davon verschieden.
Das vorliegende Exemplar ist ebenfalls von Herrn
Sarg in Guatemala gesammelt; es ist No. 2032 des Kön.
Naturalienkabinets in Stuttgart.
Thrasops (Ahaetulla) sargii sp. n.
aus Guatemala.
Taf. XL Fig. 7~9.
Ser. long. 15; Oc. 1—2; Lab. 7io; V. 177 -f Vi
Kein Frenale. Von den 15 Schuppenreihen sind die
mittleren dorsalen nicht (oder nur an einzelnen Stellen
äusserst schwach) gekielt, die der zwei bis drei anlie-
genden Reihen stark gekielt, alle übrigen glatt; die lan-
zettlicheu Seitenschuppen in absteigenden Reihen und dach-
ziegelartig geordnet, die der äussersten Reihe grösser,
Archiv fürNaturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 16
230 J. G, Fischer:
rhombisch. Blaugrün (in Weingeist), in der Mitte der
Körperlänge schmale helle Querbiuden; die Schuppenkiele
schwarz.
Beschreibung.
Form. Schlank, schwach zusammengedrückt; Kopf
ziemlich lang, massig abgesetzt, Auge gross. Die Schwanz-
länge zwei FUnftheile der Totallänge.
Zähne. Oberkieferzähne synkranterisch, die zwei
letzten grösser, im Zusammenhang mit den vorhergehenden,
nicht gefurcht.
Kopfschilder. Rostrale doppelt so breit wie hoch,
mit der Spitze auf die Schnauzenfläche heraufgebogen.
Internasalia unregelmässig viereckig, mit äusserem bo-
genförmig gekrümmten Rande. Präfrontali a etwas länger
als die vorigen und viel breiter, die Seitenfläche stark
herabgebogen und, das Frenale ersetzend, mit dem zweiten
und dritten Labiale in Berührung. Frontale fünfeckig,
mit vorderem graden und seitlichen konkaven und stark
konvefgierenden Rändern ; Hinterränder kurz, unter wenig
stumpfem, fast rechtem Winkel zusammenstossend ; seine
Länge gleich derjenigen der Internasalia und Präfron talia
zusammen. Parietalia gross, breit, jedes vorn so breit
wie lang, mit der vorderen Seitenspitze bis zum unteren
Postokulare herabgebogen; die Hinterränder stossen unter
einem sehr stumpfen Winkel zusammen. Supraorbi ta-
lia gross, breit, schwach gewölbt. Zwei Nasalia; das
vordere grössere ruht mit seiner Mitte auf der Naht zwi-
schen dem ersten und zweiten Labiale. Frenale fehlt,
ist mit dem Präfrontale verschmolzen. Ein Prä okulare,
gross, mit der oberen Spitze auf die Stirnfläche heraufge-
bogen, hier in einem Punkte die äussere vordere Ecke
des Frontale berührend. Es ruht auf dem vierten Lippen-
schilde. Zwei Postokular ia, das untere kleinere wird
an seiner oberen hinteren Ecke von dem seitwärts herab-
gebogenen Zipfel des Parietale berührt; es ruht auf dem
hinteren Theil des fünften Labiale. Temporal ia 1 -}- 2,
das erstere länger als hoch, auf dem sechsten und sieben-
ten Labiale ruhend; die zwei folgenden länglich sechs-
eckig, das obere in einen Einschnitt des Parietale hinein-
Beschreibung neuer Reptilien. 231
greifend, das untere mit dem achten Labiale in Berüh-
rung. Supralabialia acht, das vierte und fünfte unter
dem Auge. Infralabialia elf, die zwei letzten klein,
schuppenähnlich, die ersten sechs jederseits mit denKinu-
furchenschildern in Berührung. Von letzteren sind die
des zweiten Paars länger als die des ersten und weichen
von Anfang an weit aus einander, zuerst drei in Längs-
linie liegende winzige, dann zwei grosse neben einander
liegende Schuppen zwischen sich fassend.
Die in fünfzehn Längsreihen liegenden Körperschup-
peii sind in absteigenden Reihen und dachziegelartig ge-
ordnet, die der dorsalen Mittelreihe länglich rhombisch,
welche Form durch die der Nebenreihen allmählich in die
lanzettliche Gestalt der Schuppen in den mittleren und
unteren Seitenreihen übergeht; diejenigen der äussersten
Reihe sind rhombisch und dabei merklich grösser als die
übrigen. Die Schuppen der zwei (vorn) bis drei (hinten)
neben der dorsalen Mittelreihe liegenden Reihen sind stark
gekielt, die Kiele schwarz markiert, so zwei (hinten drei)
neben der Mittellinie liegende schwarze Längslinien bil-
dend; die Schuppen der übrigen Reihen so wie fast alle
Schuppen der Mittelreihe selbst sind glatt, ohne Kiele und
Poren. Nur ganz vereinzelt zeigt sich auf einer Schuppe
der Mittelreihe ein äusserst schwacher Kiel. Die Kiele
der obersten Reihe (neben der Mittelreihe) gehen bis zum
Schwanz; hier hören auch sie auf, und die sechseckigen
Schwanzschuppen sind vollkommen glatt. Die Bauch-
schilder sind seitwärts etwas heraufgebogen, sehr schwach
gekielt. Anale getheilt. Schwanz schilder doppelt.
Farbe. Oben blaugrün (in Weingeist), unten heller,
keine Abzeichen am Kopf. Am Rücken, neben der Mittel-
reihe der Schuppen, zwei bis drei schwarze Kielleisten.
Von dem ersten Viertel des Körpers an erscheinen schräg
abwärts gehende, den queren Schuppenreihen folgende,
helle (weisse) Querlinien, namentlich deutlich bei geboge-
nem Körper. Dieselben entstehen durch helle Säume der
betreffenden Schuppen, und sind in ihrer Folge je durch
eine Schuppenreihe von einander getrennt, erstrecken sich
aber nicht weit über die Mitte des Körpers hinaus nach
232 J. G. Fischer:
hinten. Die Schuppen des Schwanzes sind fein schwarz
gesäumt.
Maassc. Totallänge 158 cm; Schwanz 60 cm.
Die Art ist nahe verwandt mit Thrasops praestans
Cope (Proc. Ac. N. Sc. Philad. 1868, p. 309). Sie weicht
ab durch 8 (gegen 9) Supralabialia, von dene^ das vierte
und fünfte (nicht das fünfte und sechste) die Orbita von
unten begrenzen ; von den Schuppen sind nicht alle (bis
auf die der äussersten Reihe), sondern nur die der dorsa-
len Mittelreihe zunächst liegenden gekielt. Auch reicht
das Präokulare mit der oberen Spitze an die Ecke des
Frontale, was bei Th. praestans nicht der Fall ist, wel-
cher letzteren Art endlich die hellen Querbinden in der
vorderen Körperhälfte fehlen.
Ein Exemplar aus Guatemala, No. 2022 der Stuttgar-
ter Sammlung, von Hrn. Sarg aus Coban an letztere ein-
gesandt.
Graiiimatophora isolepis sp. n.
aus Westaustralien.
Taf. XII. Fig. 10—12.
Schuppen des Rückens homogen, kein Kamm am
Nacken, keine Reihe grösserer Schuppen auf der Mittel-
linie; keine Stachel- oder Höcker-Schuppen an der Seite
des Halses, am Ende der Superciliargegend, oder in der
Umgebung des Ohrs; sämmtliche Schuppen an Kopf (mit
Ausnahme der Frenalgegend), Körper und Schwanz ge-
kielt, die Kielreihen des Rückens nach hinten konvergie-
rend; Schuppen der Supraorbitalgegend kleiner als die
des Vorderkopfes ; Nasloch dem Augenwinkel wenig näher,
als dem Schnauzenende; mehr als 20 Schenkelporen jeder-
seits in einer mit derjenigen der anderen Seite zusam-
mentreffenden Reihe. Graubraun, jederseits zwei verwa-
schene hellere Seitenlinien. Rücken dunkel gefleckt.
Beschreibung.
Form. Ziemlich niedergedrückt. Kopf von oben
gesehen fast dreieckig, leicht nach vorn abfallend. Su-
Beschreibimg neuer Reptilien. 233
pcrciliarleiste scharf, in einer vorn sich abrundenden
Kante bis zum Rostrale fortgesetzt; Frenalgegend leicht
konkav. Eine Querfalte vor der Brust , eine leichte
Längsfalte von der Gegend des Mundwinkels bis zur»
Scliultergegend; vor der Schulter eine winkelige Quer-
falte , die sich in die Querfalte vor der "Brust fort-
setzt. Entfernung der beiden Superciliarkanten gleich der
Entfernung des vorderen Augenwinkels vom Schnauzen-
ende. Nasloch rund, in einfachem Nasale, seitlich hart
unter dem Canthus rostralis gelegen, dem vorderen Augen-
winkel wenig näher als dem Schnauzenende. Ohröffnung
gross, das ganz zu Tage liegende Trommelfell ist kreis-
förmig, fast so gross wie die Orbita. — Beine lang. Die
an den Leib gelegten vorderen Gliedmassen reichen mit der
Kralle des längsten (vierten) Fingers nicht ganz bis zur
Weichen gegend ; werden sie nach vorn an den Hals ge-
legt, so reicht die Kralle desselben Fingers gerade über das
Schnauzenende hinaus. Die nach vorn an den Leib ge-
legten Hinterbeine reichen mit der Kralle der längsten
(vierten) Zehe gerade bis zum Schnauzenende. In Bezug
auf ihre Grösse ist folgendes die Reihenfolge der Vorder-
zehen: 4. 3. 2. 5. 1: folgendes diejenige der Hinterzehen:
4. 3. 5. 2. L Schwanz drehrund, ohne alle dorsale Kante,
mehr als zweimal so lang wie Kopf und Rumpf, etwas
mehr als Vs der Totallänge.
Schuppen. Lippenschilder 'Vis, fast alle von gleicher
Grösse und Form, viereckig, etwas länger als hoch; Ro-
strale ganz vorn auf die Schnauzenspitze beschränkt,
etwa dreimal so breit wie hoch. Mentale klein, dreieckig,
so lang wie breit. Ein sehr kleines, rundliches, glattes
Occipitalschildchen ist zwischen den viel grösseren
gekielten Schuppen des Hinterhaupts zu unterscheiden.
Hervorragende, von den übrigen durch Grösse oder Form
ausgezeichnete Schuppen am Hinterhaupt und in der Um-
gebung des Ohrs, sowie am hinteren Ende des Superciliar-
randes fehlen gänzlich.
Bis auf die glatten Schuppen unter und vor dem Nas-
loch sind alle Schuppen des Kopfes, Körpers und Schwan-
zes gekielt, dachziegelartig geordnet. Die Schuppen der
234 J. G. Fischer:
Schnaiizengegend und des Vorderkopfes sind wenig grös-
ser als die des Hinterkopfes, aber viel grösser als die
zahlreichen kleinen Schuppen der Supraorbitalgegend. Die
»Schuppen des Rückens sind gleich gross, oval, in Längs-
linien geordnet, welche am Hinterrücken nach der Mittel-
linie hin leicht aufsteigend konvergieren ; die Seitenschup-
pen des Körpers sind merklich kleiner und in Querreihen
geordnet. An der Unterseite sind die Schuppen der Brust
fast so gross, wie die des Rückens, werden an der Bauch-
gegend bis zum After hin kleiner, und sind von der Mitte
des Bauchs an fast wie diejenigen der Seiten in nicht
ganz deutlichen Querreihen geordnet. Die Schuppen der
Kehlgegend sind klein (ebenfalls deutlich gekielt); die
Querfalte am Halse ist mit kleinen Körnerschuppen be-
setzt. — Die Gliedmassen sind oben und vorn mit gros-
sen, unten und hinten mit kleineren Schuppen bedeckt ; die
Kiele der ersteren bilden deutliche Längsreihen. — Die
Schuppen des Schwanzes sind an Rücken- und Bauch-
Seite ziemlich gleich von Grösse; ihr Ende erscheint
schwach abgestutzt, wodurch sie ein breiteres fast vier-
eckiges Aussehen gewinnen. Ihre Kiele bilden undeutliche
Längsreihen,
Die Schenkelporen, 26 jederseits, liegen in einer
nach vorn gebogenen Linie, die mit derjenigen der ande-
ren Seite unter einem nach hinten offenen, spitzen Winkel
zusammentrifft.
Farbe. Oben hellbraun, unten schmutzig weiss. Eine
sehr schwache, verwaschene, gelbe Binde, drei Seiten-
schuppen breit, zieht sich an jeder Seite von der Achsel
zur Weichengegend; darüber beiderseits am Rücken eine
eben solche, aber dunkelbraun gesäumte, Linie von der
Gegend hinter und über dem Ohr bis etwa zur Mitte des
Rückens, wo sie sich in der allgemeinen Grundfarbe ver-
liert. Die Partie zwischen den zwei Seitenlinien und der
Rücken sind durch unregelmässige schwarzbraune Flecken
marmoriert. Aehnliche, aber noch mehr verwaschene und
etwas kleinere dunkle Flecke finden sich auf der Ober-
seite der Gliedmassen und den Seiten des Schwanzes bis
etwa zu dessen Mitte. — Ein tiefbrauner ovaler Fleck liegt
Beschreibung neuer Reptilien. 235
in der Faltengrube vor der Schultergegend versteckt. —
Die Unterseite ist bei einem der Exemplare schmutzig
weiss, an Kinn- und Kehlgegend durch kleine schwarze
Flecke schwach gesprenkelt. Vorstehend beschriebene
Färbung ist beiden Geschlechtern eigen. Bei den Männ-
chen zieht sich eine den Weibchen fehlende tiefschwarze,
seitlich scharf begrenzte Binde vom Kinn längs Kehl- und
Halsgegeiid breiter werdend bis zur Brust, deren ganze
Breite sie einnimmt, von wo an sie, sich verschmälernd
und endlich ziemlich spitz auslaufend bis hinter die Mitte
des Bauches sich erstreckt. Unter der erst beschriebenen,
von der Achsel zur Weiche gehenden hellen Linie liegt
bei den männlichen Exemplaren eine Längsreihe undeut-
lich begrenzter schwarzer Flecke, die sich bis zur Vor-
der- und Unterseite des Oberschenkels hinzieht, um sich
hier als schwarze Binde bis unter die Hälfte des Unter-
schenkels fortzusetzen.
Maasse von zwei Exemplaren:
Von der Schnauzenspitze sl c^ b $
bis zum After . . . 0,06 m 0,065 m
Schwanz 0,15 m 0,143 m
Totallänge 0,21 m 0,208 m.
Die Art ist durch die Gleichförmigkeit der Kücken-
schuppen verwandt mit Gr. maculata Gr., Gr. decresii D. B.,
Gr. ornata Gr., Gr. temporalis Gnth. und Gr. (Amphibo-
lurus) picta Pets. Sie unterscheidet sich von
a) Gr. maculata Gr. durch das nicht nahe der Or-
bita, sondern fast in der Mitte zwischen der letzteren und
dem Schnauzenende gelegene Nasloch, den Mangel des ru-
dimentären Nackenkamms und die Farbe;
b) Gr. decresii D.B. durch den Mangel der Höcker-
gruppen in der Nähe des Ohrs und an der Seite des
Nackens und durch die Farbe;
c) Gr. ornata Gr. durch die Lage des Naslochs,
den Mangel des leichten Nackenkamms und der Höcker-
schuppen an jeder Seite des Nackens, so wie durch die
grösseren Rücken- und die gleichförmigen Seiten-Schuppen;
d) Gr. temporalis Gnth. durch den Mangel jeglichen
236 J. G. Fischer:
Rückenkarams und aller hervorragenden Schuppen zwi-
schen Ohr und Seitenfalte des Halses, so wie durch die
Lage des Naslochs und die Färbung.
e) Amphib olurus pictus Pets. durch den mehr
abgeplatteten Körper, den Mangel der feinen Schuppen-
kämme an der Seite des Kopfes und am Rücken, so wie
durch die Farbe.
Vier Exemplare der Stuttgarter Sammlung (N.2051);
an letztere eingesandt durch Herrn Baron Dr. F. v. Mül-
ler in Melbourne.
Phaneropis,
neue Gattung der Gymnophthalmen.
Kopf kegelförmig ; Rostrale breit, abgerundet; Schup-
pen klein; vier kleine Füsse; Zehen 3 — 3, ungleich, mit
Krallen; keine Supranasalia ; Frontoparietalia getrennt;
Ohröffnung sehr klein, versteckt; Nasloch in einfachen
Nasenschildern, die sich dorsalwärts berühren; Zunge
flach, am Ende nicht eingeschnitten; zwei grössere Präanal-
schuppen.
Phaneropis muelleri
aus Westaustralien.
Taf. Xn. Fig. 13—15.
Oben metallisch grün, unten hellbraun; jederseits eine
dunkle Längsbinde.
• Beschreibung.
Form. Lang, spindelförmig; Kopf nicht abgesetzt,
kegelförmig , Schnauze abgerundet. Gliedmassen kurz ;
die nach vorn an den Hals gelegten Vorderbeine rei-
chen mit dem Ende der Krallen nicht ganz bis zur
Ohröflfnung; ihre Länge ist wenig grösser als die Entfer-
nung der Schnauzenspitze bis zum Ende der Parietalia.
Hintere Gliedmassen (mit den Krallen) etwa doppelt so
lang wie die vorderen. Von den drei Fingern der Vor-
Beschreibung neuer Reptilien. 237
derfüsse ist der innere der kürzeste, der mittlere wenig
länger, als der äussere. Von den Hinterzelien ist die in-
nere etwa halb so lang, wie die mittlere, diese wieder
balb so lang wie die äussere längste. Schwanz lang,
ebenso lang oder etwas länger wie Kopf und Rumpf zu-
sammen, nicht abgesetzt, drehrund, gegen das Ende lang-
sam zugespitzt. Augen gross, offen, ohne Augenlider; Ohr-
öffnung sehr klein, von den umliegenden Schuppen fast
bedeckt (bei dem kleineren Exemplar als punktförmige
Oeffnung sichtbar).
KopfscMlder. Rostrale breit, mit der oberen Spitze
wenig heraufgebogen; hinter der letzteren stossen die gros-
sen, einfachen Nasalia in einer kurzen Naht zusammen.
Internasale breit, doppelt so breit wie lang, mit breiter
Naht an den vorderen Rand des fünfeckigen Frontale
stossend (bei einem zweiten Exemplare mit letzterem zu
einem grossen Schilde verschmolzen). Dieses wenig länger
als breit, mit stark konvergierenden hinteren Kanten.
Frontoparietalia klein, viereckig, hinter der Spitze des
Frontale in einer kurzen Naht sich berührend. Inter pa-
rietale klein, rhombisch. Parietalia schmal, bandför-
mig, etwa dreimal so lang wie breit. Vier Supraorbita-
lia, von denen drei in der Längsrichtung den Orbitalrand
begrenzen, während das vierte zwischen dem zweiten und
dritten einerseits und dem Frontale andererseits einge-
schaltet ist. Supralabialia fünf, das vierte unter der
Mitte des Auges ; fünf Infralabialia. Kinnschild gross,
breit; hinter demselben liegt ein eben so grosses unpaares,
und dann jederseits längs den Infralabialia vier an Grösse
allmählich abnehmende Schilder.
Schuppen des Rückens breit, sechseckig, in sechs
Längsreihen, spiegelglatt, die der Seiten und des Bauchs
kleiner. In der Mitte des Körpers zählt man 20 Längs-
reihen. Von der Gegend der Achsel bis zum After stehen
54—58 Querreihen. Unter den Schuppen der Präanalge-
gend zeichnen sich zwei durch besondere Grösse aus.
Schuppen unterhalb des Schwanzes nicht verschieden von
denen der Seiten dieses Organs, doch findet sich bei einem
238 J. G. Fischer: Beschreibung neuer Reptilien.
Exemplar unter dem ersten Drittel des Schwanzes eine
Reihe von zwölf sehr breiten sechseckigen Schuppen.
Farbe. Oben metallisch hellgrün, welche Farbe sieb
über vier ganze und zwei halbe Schuppen der sechs dor-
salen Reihen erstreckt; am Schwanz hellbraun. Eine ge-
gen die Rückenfarbe gut abgesetzte dunkle Binde geht
jederseits vom Rostrale durch das Auge über die Schulter-
gegend der Seite fort bis zum Anfang des Schwanzes;
die Binde entsteht durch schwarze Flecke auf den Schup-
pen der betreffenden vier bis fünf Längsreihen; ihre un-
tere Grenze ist gegen die einfach graubraune Farbe der
Unterseite nicht abgesetzt, welche letztere Färbung dadurch
entsteht, dass die grauen Bauch- und unteren Schwanz-
Schuppen dunkelbraun gesäumt sind. Auch die Lippen-
schilder sind ebenso gesäumt.
Maasse. a b
Totallänge . . 0,085 m 0,06 m
Schwanz . . . 0,045 m 0,03 m
Vorderfuss . . 0,005 m 0,004 m
Hinterfuss . . 0,01 m 0,009 m,
Von allen anderen Gattungen der Familie Gymnoph-
thalmidae durch den Besitz von je drei Zehen an Vorder-
und Hinterfüssen leicht zu unterscheiden.
Zwei Exemplare aus Westaustralien, No. 2057 des
Königl. Naturalienkabinets in Stuttgart. Von Herrn Baron
Dr. F. von Müller demselben eingesandt.
EikläruDg der Abbildimgen.
Taf. XI. Fig. 1—3. Pliocercus sargii, vergrössert.
Taf. XI. Fig. 4— 6. Herpctodryas laevis, vergrössert.
Taf. XI. Fig. 7—9. Thrasops sargii.
Taf. XII. Fig. 10—12. Grammatophora isolepis.
Taf. XII. Fig. 13—15. Phancropis muelleri, vergrössert.
Untersuchungen über das Variiren der
Mauereidechse,
ein Beitrag zur Theorie von der Entwicklung
aus constitutionellen Ursachen, sowie zum
Darwinismus,
von
Prof. Dr. Th. Eimer
in Tübinofen.
S^rste Abtheiliing.
Ueber Farben, über ihre und der Zeichnung Anpassung
und über ihre Ursachen im Allgemeinen, unter Hinweis
auf Biologisches und mit Bemerkungen über die Stimme
der Eidechsen.
Allgemeines über Farbeuanpassimg der Eidechsen.
Im Jahre 1872 beschrieb ich zuerst in einem in
der physikalisch -medicinischen Gesellschaft zu Würzburg
gehaltenen Vortrage ^) die kurz vorher von mir auf einem
der Faraglione - Felsen bei Capri entdeckte, Lacerta mu-
ralis coerulea benannte Mauereidechse und zwei Jahre
später erschien meine ausführliche Abhandlung ^) über die-
ses Thier, welches wegen seiner von der gewöhnlichen
1) Sitzungsber. d. physikal. - med. Gesellschaft zu Würzburg.
Sitzung am 1. Juni 1872.
2) Zoologische Studien auf Capri IL Lacerta muralis coerulea,
ein Beitrag zur D arwin'schen Lehre, Leipzig. Engelmann 1874.
240 Th. Eimer:
Mauereidechse abweichenden Eigenschaften einerseits und
wegen seiner Beziehungen zu derselben andererseits einen
so sehr bemerkenswerthen Fall darbietet für die Beobach-
tung der Umwandlung der Arten in der Neuzeit.
Die dunkle Rückenfarbe der Eidechse suchte ich
durch Anpassung an Färbungen, Spalten, Risse und Schat-
ten des Gesteins, auf welchem sie lebt und welches wegen
seiner Armuth an Pflanzenwuchs anderen Schutz vor Ver-
folgung nicht bietet, zu erklären — unter Zuhülfenahme
der Voraussetzung einer dem Organismus der Mauereidechse
inhärenten , in dessen stofflicher Zusammensetzung be-
gründeten „Neigung" nach blauen und schwarzen Tönen
abzuändern und der Begünstigung der Abänderung durch
Isolirung.
Die Berechtigung meiner Auffassung Hess sich stützen
durch die hochgradige Anpassungsfähigkeit der Fär-
bung der Mauereidechsen überhaupt und durch dieselbe
Eigenschaft auch anderer Arten von Eidechsen. Ich er-
wähnte in dieser Beziehung deBetta, welcher von Lacerta
muralis sagt 0, dass ihre so sehr manchfaltigen Farben alle
Bezug aui ihren Wohnort hätten und Ley di g^), welcher von
der campestris (de Bett a) genannten, auf dem Sande des
Lido bei Venedig von ihm beobachteten Varietät berichtet,
dass sie „etwas Helles, man möchte sagen dem Sande, auf
dem sie lebt Aehnliches^' habe. Ferner führte ich dieBeispiele
an, welche Leydig, zum Beweis, „dass die Gegend des
Vorkommens die Färbung zu beeinflussen vermag, von einer
anderen Art, von Lacerta agilis, gibt. Es sagt derselbe
nämlich im Anschluss an den soeben citirten Satz: „Hier-
bei handelt es sich besonders um die helleren oder dunk-
leren Tinten der Grundfarben und um die Ausbreitung
der Fleckenbildung, was mit der Bodenbeschaffenheit zum
Theil zusammenzuhängen scheint. Als ich z. B. im Au-
gust 1866 von dem durch seine fossile Fauna und Flora
1) Do Betta, Erpetologia delle provincie Venete e del Tirolo
meridionale, Verona 1857.
2) Leydig, Die iu Deutschland lebenden Arten der Saurier.
Tübingen 1872. S. 229.
Unters, über das Variiren der Mauereidechse. 241
berühmten Steinbruch bei Oehningen nach Stein am Rhein
ging, fiel mir an den warmen sandigen Abliängen nicht
blos die Menge der Eideclisen auf, sondern auch bei allen,
die ich haschen konnte, waren beide Geschlechter in der
Grundfarbe, gleichsam in Anpassung an den hellen Boden
der Molassenhiigel, äusserst licht. Bei den Weibchen war
die Grundfarbe hellbraun, bei den Männchen grüngelb ....
Und dass es sich wirklich um eine Anpassung an die Fär-
bung des Molassensandsteins handle, bestätigte sich nur,
als ich im Jahre darauf, Mitte Septembers, an der Südseite
des Gebhardsberges bei Bregenz die Lacerta agilis von
der gleichen lichtgrauen Färbung traf. Von demselben
Gesichtspunkte war mir eine Anzahl männlicher Thiere
merkwürdig, welche ich im April 1869 an den sonnigen
Bergen bei Weinheim an der Bergstrasse gefangen hatte.
Hier steigerte sich das Grün während des Monats Mai zu
einem wahrhaft leuchtenden Grün.'^
Weiter erwähnte ich zur Begründung meiner Auffas-
sung die Bemerkung von Wallace in seinen Beiträgen
zur natürlichen Zuchtwahl ^), dass die Eidechsen der Wüste
insgesammt die Farbe des Sandes haben.
Hierzu füge ich heute noch die Nachricht von Dar-
win über eine patagonische Eidechse (Proctotretus multi-
maculatus), von welcher er sagt: „sie lebt auf dem nackten
Sande in der Nähe der Küste und kann wegen ihrer ge-
fleckten Farbe, den bräunlichen, mit weiss, gelblichroth
und schmutzigblau gesprenkelten Schuppen, kaum von der
umgebenden Fläche unterschieden werden. Wird sie er-
schreckt, so versucht sie dadurch der Entdeckung zu ent-
gehen, dass sie sich mit ausgestreckten Beinen, platt ge-
drücktem Körper und geschlossenen Augen todt stellt.
Wird sie noch weiter belästigt, so gräbt sie sich mit gros-
ser Geschwindigkeit in den losen Sand ein. Wegen ihres
abgeplatteten Körpers und ihrer kurzen Beine kann diese
Eidechse nicht schnell laufen." ^)
1) Wallace, Beiträge zur Theorie der natürlichen Zucht-
wahl. Uebersetzt von B, Meyer. Erlangen 1870.
2) Ch. Darwin, Reise eines Naturforschers um die Welt,
Uebersetzt von J. V. Carus 1875.
242 Th. Eimer:
Es handelt sich auch in diesem patagonischen Falle
wie bei den Reptilien der Wüste, was ich besonders her-
vorheben möchte, offenbar am pflanzenarmen Boden, wel-
cher den Thieren anderen Schutz nicht gewähren kann als
eben den der Anpassungsverhältnisse des nackten Bodens.
„Nirgends," bemerkte ich, „wird das Bedürfniss einer
Farbenanpassung grösser sein müssen, als bei den Repti-
lien und unter diesen bei den Eidechsea, deren wahres
Lebenselement das Sonnenlicht ist, dessen voller Einwir-
kimg sich auszusetzen sie im höchsten Grade bedürftig
sind. Und so finden wir denn auch, dass die Abänderun-
gen unserer Lacerta muralis, so verschiedenartig sie sein
mögen, doch immer nur beruhen auf Farben oder auf Mi-
schungen von Farben, welche am Erdboden, an Steinen
und Mauern die gewöhnlichsten sind, insbesondere von
Braun, Grau und Grün" 0- -^Is eigene Erfahrung hob
ich ferner hervor, dass die verschiedenen von mir nach
Farbe und Zeichnung aufgestellten Varietäten der Mauer-
eidechse den Oertlichkeiten, an welchen sie leben, zuwei-
len in auffallender Weise angepasst seien. So finde ich
z. B. die grüne elegans, überwiegend da, wo weite, grün
angebaute Flächen (Getreidefelder, Gras) sich ausbreiten;
die olivenbraune modesta da, wo kahle Erd- oder Sand-
flächen, etwa abwechselnd mit Grün, vorherrschen; die
Eigenschaften der gezeichneten, besonders der gefleckten
endlich vorzugsweise in der Nähe von Gebüsch ausge-
prägt oder da, wo sie sonst durch ihre Zeichnung auf dem
Untergrunde geschützt sind — was nicht ausschliesst, dass
alle Varietäten nebeneinander vorkommen können, jede in
ihrer Art angepasst bestimmten Verhältnissen der Umge-
bung, durch welche der nöthige Schutz für jede einzelne
gegeben sein kann.
Ja im heissen September des Jahres 1877 bekam ich
den Eindruck, als ob die süditalienischen Mauereidechsen
im Spätsommer auf ausgedörrtem Boden die hervorragend
grüne Farbe, welche die Mehrzahl ihrer Individuen im
1) Lacerta muraUs coerulea S. 35.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 243
Frühling auszeichnet, verloren hätten, wodurch sie sich
mehr der Bodenfarbe anpassten ^). Die Mauereidechsen,
welchen ich damals s})eciell auf der um die genannte
Zeit in Folge der Hitze fast von allem Schmuck des
Pflanzengrüns entblössten Insel Capri begegnete, fielen
mir auf durch die Glanzlosigkeit und Düsterheit ihrer Far-
ben, bedingt besonders durch das Zurücktreten von Grün.
Diese Erfahrung würde in Uebereinstimmung stehen mit
der vorhin angeführten Bemerkung von Leydig bezüg-
lich des leuchtenden Grüns der Lacerta agilis im Mai.
Ich will übrigens gleich hervorheben, dass solcher
Farbenwechsel auch in Uebereinstimmung steht mit ande-
ren Erfahrungen, welche ich späterhin ausgedehnter werde
zu verwerthen haben, mit der Thatsache, dass die Farben
zur Brunstzeit, im Frühling und im Sommer glänzender,
leuchtender sind, als gegen den Herbst hin und im Win-
ter. Da in erste rer Zeit auch die Farben der Pflanzenwelt
leuchtender und glänzender sind als in letzterer, so fallen
Auftreten und Schwinden des Hochzeitskleides — wie wir
uns kurzweg ausdrücken wollen — des „freudig Grün's",
wie Leydig sagt ^) — zusammen mit den Forderungen der
Anpassung, welche der Wechsel der Farben in der Natur
stellt. Die allgemeine Kraftentwicklung, der Turgor der
Säfte, wie er im Frühling auftritt, er ist später nach der
Vollendung des Fortpflanzungsgeschäfts geschwunden. Auch
die Eidechsen führen jetzt eine „vita minima" ^) wie viele
1) Vergl. meine Mittheilungen auf der Münchener Naturfor-
scherversammlung 1877 (Amtlicher Bericht der Versammlung, S. 180).
2) Saurier S. 175.
3) Es war ein Haupt-,, Heilmittel" eines meiner chirurgischen
Lehrer in Berlin, eines Mannes aus der „guten" alten Zeit, die
Kranken durch Abzapfen grösstmöglicher Mengen Blutes auf „vita
minima" zu setzen. Es scheint mir diese Bezeichnung einer Me-
thode, welche mir mit allen ihren Folgen in lebhaftester Erinnerung
bleibt, nicht unpassend in obigem Sinne Verwerthung auf das Ei-
dechsenleben zu finden, dies um so mehr als dessen Erscheinungen
nach der Fortpflanzung so sehr zurücktreten, dass Leydig a. a. 0.
sagt, er habe einige Zeit die Vermuthung gehegt, als handle es sich
um ein normales Erlöschen des Lebens bei diesen Thieren, nachdem
244 Th. Eimer:
niedere Wirbeltliiere unter denselben Umständen (vgl. Ley-
dig a. a. 0. S. 178) und es ist selbstverständlich, dass
jetzt auch ihre Farben weniger glänzend sein werden.
Es sind entsprechende Beispiele eines innerhalb des
Sommers stattfindenden geringen, aber dem Wechsel von
Grünen uud Dürre anpassenden Farbenwechsels derThiere
wohl viel zahh'eicher, als bis jetzt beachtet ist. So be-
richtet Calberla im Anschluss an meine Mittheilung über
den Farbenwechsel bei Eidechsen, „dass Mantis religiosa,
die unter Opuntien lebt, im Februar bis Anfang Mai grau-
grün ist, dann in das Grünbräunliche spielt und im Au-
gust, wenn das Gras ganz gelb geworden, diese Farbe an-
genommen hat." *) Bekannt und jedenfalls hierhergehörig
ist die Thatsache des Farbenwechsels vieler Raupen bei
den Häutungen. Manche sind nach dem Auskriechen aus
dem Ei, welche zur Zeit geschieht da die Belaubung der
Pflanze , auf welchen sie sitzen noch sehr wenig ent-
wickelt ist, die des Astwerks dagegen vorwiegt, ganz dun-
kel; erst später werden sie grün. Einen sehr hübscheu
Fall , welcher vielleicht hierher zählt , lieferte mir seit
Jahren die Zucht des Eichenblatt - Seidenspinners , Sa-
turnia Pernyii. Hier ist der Farbenwechsel übrigens nicht
ein geringer, sondern ein sehr auffallender. Allein da es
sich in diesem Falle um einen fremden Schmetterling han-
delt, so wäre zur beweisgültigen Verwerthung dieses Bei-
spiels die Heranziehung seiner natürlichen Lebensverhält-
nisse nothwendig — ich kann mich nur auf die der künt-
lichen Zucht berufen. Auch gibt es viele Fälle, in welchen
die schwarze Farbe eben ausgekrochener Räupchen diesel-
ben auf der Futterpflanze geradezu auffallend macht, um
das FortpflanzuDgsgeschäft vorüber sei. Thatsächlich scheinen die-
selben, wie Leydig für Lacerta agilis schildert uud wie schon
Duges für die miiralis erwähr.te, dann eine Art Somruerscblaf
zu halten — jedenfalls sind sie (Lacerta agilis etwa gegen Ende
Juli) später selten, namentlich, nachdem sich starke Hitze einge-
stellt hat.
1) Amtlicher Bericht der Münchener Naturforscherversamm-
lung S. 181.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 245
aber bald der Anpassimgsfarbc zu weichen. Es liegt
selbstverstliiidlich nicht in meinem Plane, auf diese Dinge
hier näher einzugehen, sie von Fall zu Fall, wie das nöthig
wäre, mit Kücksicht auf die vorliegende Frage zu erör-
tern. Man vergleiche dazu: Weis mann Studien zur Des-
cendenztheorie II, über die letzten Ursachen der Transmu-
tationen, Leipzig 1876.
Gleichfalls im Anscliluss auf meine obigen Mitthei-
lungen machte Weis mann darauf aufmerksam, wie Far-
benwechsel im Laufe der Entwicklung der Schmetterlings-
raupen in sehr auffallender Weise unmittelbar vor der
Verpuppung auftritt. Offenbar beruht derselbe auf An-
passung an die Farbe der Umgebung, denn es handelt
sich dabei um blattgrüne Raupen (z. B. Aglia Tau), welche
rothbraun werden, sobald sie das grüne Laub verlassen,
um auf dem rotbbraunen dürren Laub des Bodens um-
herkriechend, sich einen Ort zur Verpuppung auszusuchen.
Sie nehmen dann genau dasselbe schöne Braunroth des
Bodens an.'^ ^)
Im Vorstehenden berührte ich den Farbenwechsel der
Eidechsen nur insoweit als es sich dabei um Anpassung
der Farben handelt. Dass ein Farben Wechsel bei diesen
Thieren unter dem Einflüsse des Lichts zu bemerken ist,
und dass derselbe in Folge erhöhten Turgors, kraftvoller,
erhöhter Lebensthätigkeit im Frühling und Sommer zur
Zeit der Geschlechtsübung eintritt, auch nach Richtungen
hin, welche mit dem Anpassungsbedürfniss nicht zusam-
menfallen (Färbungen des Bauches u. s. w.), darüber wer-
den wir später noch sprechen. Ich brauche indessen nicht
ausdrücklich hervorzuheben, dass es sich in der berührten
Farbenänderuug im Spätsommer keineswegs um eine sehr
auffallende Erscheinung handelt, sondern vielmehr um eine
solche, welche in vielen Fällen bei geringer Aufmerksam-
1) Amtl, Bericht der Münchener Naturforschervers. S. 181. Man
vergleiche hiezu auch Weismann's Studien zur Descendenzlehi-e
und in Bezug auf anpassende Farbenveräuderuug überhaupt, die bei
Wallace (Die Tropenwelt, übers, von Brauns, Braunschweig 1879)
angezogene Literatur.
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 17
246 Th. Eimer:
keit besonders deshalb leicht übersehen werden mag, weil
an und für sich nach Braun variirende Mauereidecshen auch
im Süden keine seltene Erscheinung sind. Auch stehen
mir bezüglich derselben nur die erwähnten vereinzelten
Beobachtungen zur Verfügung, so dass zur Entscheidung
darüber, welcher Grad der Ausbildung ihr zukommen kann,
inwieweit sie eine allgemeinere und in dem von mir an-
gedeuteten Sinne zu verwerthen sei, noch weitere That-
sachen gesammelt werden müssen. Einstweilen habe ich
von maassgebender Seite eine Bestätigung der Angabe zu
verzeichnen, dass die von mir aufgestellten Varietäten be-
stimmten Oertlichkeiten angepasst sind, an welchen sie leben:
In der nach meiner Abhandlung über Lacerta coerulea er-
schienenen Herpetologia europaea(1875) stellt Schreiber,
ohne jene Abhandlung zu kennen, ungefähr dieselben Va-
rietäten auf wie ich und bemerkt: „auch kann man bei
dieser Art (Lacerta muralis) die Anpassung der Färbung
an die BodenbeschaflPenheit insofern sehr gut beobachten,
als die mehr grauen oder bräunlichen Formen
vorzugsweise im Gestein leben, während sich die
grünenVarietäten ausschliesslich aufwiesen und
Grasplätzen aufhalten." ^)
Hierzu sei bemerkt, dass auch ich z. B. die elegans
zuweilen in weiten Gebieten ausschliesslich antraf, da
nämlich, wo die äusseren Verhältnisse weithin gleichmäs-
sig der Entwicklung derselben günstig waren, so z. B. in
durchaus grün angebauten Theilen der ebenen Bezirke der
Umgegend von Neapel.
Die Farben Blau und Schwarz an der Mauereidechse ;
Ursachen der Färbungen. Auslese.
Zu Gunsten der Voraussetzung innerer Ursachen
im Sinne Nägel i's ^), welche das Entstehen von blauen und
1) Herpetolog. europ. S. 419.
2) Nägel i, Entstehung und Begriff der naturhistorischen Art.
Akad. Rede, München 1865.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 247
schwarzen Färbungen bei den Mauereidecbsen begünstigen
oder, wie ich mich vorhin mit anderen Worten ausdrückte,
der Annahme einer „Neigung" derselben, auf Grund der
stofflichen Zusammensetzung ihres Körpers diese Farben zu
erzeugen, sind zahlreiche Thatsachen aufzuführen. Es geht
aus diesen Thatsachen hervor, dass die genannten Farben an
unseren Thieren gerne und viel erzeugt werden, dass sie aber
nur ganz ausnahmsweise zu grösserer Ausbreitung gelangen:
Blau tritt in sehr vielen Fällen am Körper der Eidechsen
in kleinen Flecken oder in etwas grösserer Ausbreitung
auf, sei es nur während der Brunstzeit oder als ständige
Kleidung — im ersteren Falle beim Männchen, im letzte-
ren bei beiden Geschlechtern. Es dient gewöhnlich als
Zierde der geschlechtlichen Zuchtwahl, indem es in
schöner Anordnung am Körper vertheilt ist: beim Männ-
chen an der Kehle, ferner in Gestalt der von mir bei der
Mauereidechse beschriebenen blauen Augen an den Flan-
ken hinter den Vorderextremitäten, welche sich, wie ich
an einer der süditalienischen Varietäten (elegans) beobach-
tete, zuweilen zu einer Reihe von an den Seiten des
Körpers gelegenen Augenflecken vermehren können ^), wie
sie in vollkommenerer Ausbildung und ständig der ocellata
zukommen, und endlich bei beiden Geschlechtern der Mauer-
eidechse oder wieder nur beim Männchen die blauen
Flecken, welche einzelne der äussersten Bauchschilder oder
Theile derselben einnehmen.
Auch Schwarz ist zur Zierrath vielfach verwendet, in
hübsch gestalteten und ebenso angeordneten Flecken und
in zierlichen Binden.
Eine blaue oder schwarze Gesammtfärbu ng da-
gegen tritt nur ausnahmsweise auf: so kennt man (von
der auf dem Faragiione und von den anderen auf isolirten
Felsen neuerdings autgefundenen Abarten der Lacerta mu-
ralis für jetzt abgesehen) eine schwarze Varietät der La-
1) Schon Dumeril erwähnt diese Reihe blauer runder Flecken
längs der Flanken bei zweien der von ihm aufgeführten Varietäten
(Var. d, von Trapezunt und Var. g, von Frankreich, Italien und
Corsika). Herpetologie generale Bd. V. 1839. S. 233 und 234.
248 Th. Eimer:
certa viridis ^), eine ebensolche der Lacerta vivipara, die
1) H. G a c h e t. Actes de la Soc. Linneenne de Bordeaux
Tome VI. 1833. S. 168. Da diese „Actes" nicht Jedermann zugäng-
lich sein werden — ich verdanke die Benutzung des betr. Bandes
der Kais. Univ.- und Landesbibliothek zu Strassburg — so will ich
die dort unter der Ueberschrift: „Variete noire du Lezard vert (Lac.
viridis)" gegebene Notiz hier wiederholen:
„Le 15. Juillet 1833, M. Dargelas, Directeur du Jardin des
Plantes de Bordeaux, me donna un lezard vivant, remarquable par
a couleur noire de tout son corps. Cet animal, long de neuf pou-
ces, avait ete pris dans le bois de l'etablissement appele Vincennes.
II m'a presente tous les caracteres organiques du Lacerta viridis,
duquel j'ai du, par consequent, le considerer comme une variete.
Peut-etre' n'est-ce meme qu'une Variation individuelle, puisqu'il
est le seul que nous avons observe, et que je n'ai encore trouve la
description d'une semblable variete dans aucun des ouvrages d'er«
petologie que j'ai lus.
Le tronc, la tete, les membres et la queue de ce lezard sont,
en dessus et sur les cotes, d'une couleur noire foncee, ayant cepen-
dant une legere nuance ardoisee. Les plaques, recouvrant la voüte
cranienne, offrent un brillant soyeux qui leur donne un aspect tout
autre que celui du tronc. La coloration de la partie inferieure du
tronc est differente. Le bord libre des plaques gutturales, celui
des lamelies thoraciques, des lamelles abdominales et des plaques
des pattes est blanc, d'oü resulte !un melange agreable des deux
Couleurs sur cette face du corps. Une couleur blanche-terne est
Celle des ongles et de la face plantaire des pieds. Le bord deutele
des verticilles de la queue est blanc, excepte ä la face dorsale de
cet Organe. La membrane du tympan, les paupieres et le globe de
l'oeil sont noirs. En examinant sous certains aspects la face dor-
sale du tronc, on apergoit des taches assez etendues, arrondies et
d'un noir plus fonce. Apres avoir ete plonge pendant plusieurs
jours dans l'alcool, ce lezard a presente quelques changements de cou-
leurs: celle du fond de la robe a pris une teinte plus claire et les
grosses taches noires, dont on ne voyait que des traces, sont deve-
nues tres-apparentes.
Ce lezard a ete depose au Cabinet d'Histoire naturelle de la
Villa."
Auch de Betta stellt (a. a. 0. S. 134) eine Varietas cinereo-
nigrescens der Lacerta viridis auf. Er schildert dieselbe folgender-
massen: „La parte superiore del corpo di un marcato color verdas-
tro cinereo, sparso di macchie e punti neri e castani. II di sotto di
un color bianco-ceruleo con leggerissima tinta giallastra."
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 249
Lacerta nigra, Wolf ^); und Professor Studer in Bern
fand, wie der Beschreibung der Lacerta vivipara nigra bei-
gefügt ist, eine Eidechse auf den Schweizeralpen, welche
hellblau aussah. Es wird von Wol f verrauthet, dass sie
eine nigra nach der Häutung gewesen sei ^). — Auch L ey-
dig erhielt eine vivipara nigra mit einer Sendung von
Eidechsen aus Dänemark. Er selbst traf sie im Münche-
ner botanischen Garten (wohin sie wohl verschleppt war),
im Röhngebirge (Frankenhöhe) und bei Tübingen, jedes-
mal in einem Exemplar ^).
Ich schloss aus diesen auffallenden Thatsachen eines
wahrscheinlich individuellen, wohl durch äussere Umstände
begünstigten (Feuchtigkeit, Leydig) Variirens der Ge-
sammtfärbung nach Blau und Schwarz, sowie aus der Art
des Auftretens dieser Farben am Körper unter gewöhnlichen
Verhältnissen, dass dieselben gerne vom Organismus der
Eidechsen erzeugt werden — auf Grund von dessen stoff-
licher Zusammensetzung oder „aus inneren Ursachen^'
nach dem Ausdruck Nägeli's, dass sie aber unter ge-
wöhnlichen Verhältnissen durch Auslese zurückgehalten,
an grösserer Ausdehnung verhindert werden, weil solche
sie ihren Feinden verrathen würde.
Einen bedeutenden Anhaltspunkt für diese Annahme
gab mir die ;Thatsache, dass auch die Mauereidechse der
Insel Capri auffallend häufig einen Anflug von blauer Ge-
1) Sturm, Deutschlands Fauna III. Abtheil. Die Amphibien,
Nürnberg 1853. Die Lacerta vivipara nigra ist charakterisirt :
„Oberleib schwarz; Unterleib etwas heller; Hinterschenkel auf der
Unterseite ohne Kiel." Durch letztere Eigenschaft unterscheide sie
sich von den Wolf bekannten anderen Arten.
2) „Von ihrer Lebensart" sagt er „ist mir nichts bekannt. Sie
wurde auf dem Schneegebirge, auf der sogenannten Wengeralpe im
Canton Bern gefunden." — Diese Worte lassen nicht ersehen, ob nur
ein Exemplar oder ob davon mehrere beobachtet worden sind — ob es
sich, wie bei der Lacerta viridis nigra, um eine individuelle Va-
rietät handelt oder um das Glied einer geschlossenen Hasse. Da
aber spätere entsprechende Beobachtungen nicht bekannt geworden
sind, so dürfte das Erstere als das Wahrscheinlichere erscheinen.
3) Leydig, Saurier, S. 220.
250 Th. Eimer:
sammtfärbung zeigt, dass auch bei ihr die Farbe Blau
da und dort zu grösserer Herrschaft gelangt, das Grün
zu verdrängen beginnt, eine Erscheinung, welche meiner
Meinung nach eben mit inneren Ursachen und damit in Zu-
sammenhang zu bringen ist, dass ein grosser Theil der
Insel arm an Pflanzenwuchs ist, aus Felsen besteht, deren
Oberfläche Farbentöne und andere Bedingungen aufweist,
welche die Entstehung blauer Gesammtfärbung der Eidech-
sen nicht hindern, sondern welche sich damit in Ueberein-
stimmung befinden.
Ich schloss, dass an Orten mit üppigem Pflanzen-
wuchs ebenso wie auf braunem oder sonstwie, nicht blau
oder grau oder schwarz gefärbtem Gestein, blau, graublau
oder schwarzblau gefärbte Eidechsen durch Auslese stän-
dig entfernt werden, während da, wo nicht Pflanzen, son-
dern wo ausschliesslich die Verhältnisse des Bodens —
dunkle Färbungen, Bisse, Schatten — ihnen Schutz gewähren
können, eine dunkle, schwarz- oder graublaue Basse um
so eher zur Herrschaft kommen müsse, als eben „innere
Ursachen" diese Dunkel- bezw. Blau- und Schwarzfärbung
begünstigen.
Bevor in dieser Weise „innere Ursachen" zur Er-
klärung des Ueberhandnehmens dunkler Färbung an der
Mauereidechse beigezogen wurden, lag es selbstverständ-
lich nahe zu fragen, ob nicht irgend welche äussere Ur-
sachen, äussere Einflüsse, namhaft gemacht werden könn-
ten, welche jene Aenderung nicht nur, was ja von vorn-
herein nicht ausgeschlossen ist, begünstigen, sondern etwa
unmittelbar und allein bedingen. Ich hob als solche
Einflüsse hervor: Klima, Sonnenlicht, Nahrung. Ich
konnte keinem dieser Einflüsse in unserem Falle eine
entscheidende oder gar die alleinige Ursache der Dunkel-
färbung zuschreiben, wenn ich auch allen eine gewisse
Begünstigung solcher Aenderung eventuell durchaus und
selbstverständlich zuerkannte.
Nach verschiedenen Kichtungen hin sind die' Ver-
hältnisse auf dem Felsen so ähnlich denen der Insel, dass
jene Einflüsse theilweise für unseren Fall von vornherein
wegfallen.
Unter sucliungeu über das Variiren der Mauereidechse. 251
Weun es auch liinreicbend bekannte und unbestreit-
bare Sache ist, dass die Einwirkung des Sonnenlichts
Dunkelfärbung begünstigt, so wird es doch wohl, so meinte
ich in meiner Abhandhing über Lacerta coerulea, kaum Je-
manden einfallen, anzunehmen, es sei das Sonnenlicht auf
dem Faraglionefelsen in Anbetracht seiner Pflanzenarmuth
um so viel mehr wirksam, als auf der so felsenreichen Insel
Capri selbst, dass auf Grund dieses Unterschiedes dort
dieselbe Eidechse, welche hier grün ist, schwarz werde —
dies, darf ich hinzufügen, um so weniger, als bekannt ist,
mit welcher Vorliebe die Eidechsen sich auch an pflanzen-
bewachsenen Oertlichkeiten auf den kahlen Steinen dem
Licht der Sonne aussetzen, so dass in unserem Falle für
die Thierchen auf dem Faraglionefelsen wie auf der Insel
Capri ziemlich dieselben Verhältnisse in Beziehung auf
die direkte Einwirkung des Sonnenlichtes existiren müssen.
— Würde aber Jemand einen Augenblick trotzdem jener
Ansicht sein, so müsste er dieselbe, falls er irgend fer-
nerhin auf den Namen eines objektiven und urtheilsfähigen
Menschen Anspruch machen wollte, sofort fallen lassen,
nachdem ihm die einzige Thatsache vorgehalten worden
wäre, dass die Eidechsen der pflanzenleeren
sonne glühenden Sahara, im Gegensatz zu den
im Norden lebenden, keine Spur von Schwarz,
auch keine Spur von Blau, sondern die Farbe
des weisslichg elben Sandes haben.
Auch der Unterschied der Temperatur auf dem
Felsen einerseits und auf der Insel andererseits kann —
obschon ich solchen Unterschied anerkenne — nicht so
bedeutend sein, dass er die merkwürdige Umänderung der
Farben der Eidechsen direkt verursachte. Dass aber auch
sehr hohe Temperatur nicht unmittelbare oder gar allei-
nige Ursache der Dunkelfärbung sein wird, dafür spricht
wieder eben das Beispiel von den Eidechsen der Sahara
deutlich genug.
Leydig hat zur Erklärung der schwarzen Gesammt-
färbung von Thieren die Feuchtigkeit beigezogen. Es
wird nach ihm dunkle Färbung begünstigt durch Aufent-
halt im Feuchten. Die Exemplare von Lacerta vivipara
252 Th. Eimer:
nigra, welche Leydig selbst gefunden hat. stammten von
sehr diirchfeuchteten Plätzen. Es ist klar, dass auf dem
im Meere isolirten Felsen dieses Moment mit Recht in
Frage gezogen wird.
Allein ebenso wie die Thatsachen zeigen, dass die
Farben Blau und Schwarz an den Eidechsen gerade da,
wo diese unter dem Einfluss der glühendsten Sonnenstrah-
len leben, nämlich in der afrikanischen Wüste, gänzlich
fehlen, so habe ich neuerdings gefunden, dass schwarze
Gesamratfärbung an ihnen unter ganz denselben Feuch-
tigkeitsverhältnissen entweder vorhanden sein oder auch
fehlen kann. So traf ich, worüber später ausführlicher
berichtet werden soll, im Jahre 1877 auf einem der mitten
im Meere, zwischen Amalfi und Capri gelegenen Galli-
Felsen eine nur wenig Blau zeigende, übrigens grüne
Rasse von Mauereidechsen — aber hier war selbst in
der heissesten Jahreszeit, im August, grüner Pflanzenwuchs
vorhanden, dessen Grün die Eidechsen angepasst waren.
Auch nach anderen Erfahrungen geht die Dunkelfärbung
auf isolirten Felsen stets mit Pflanzenarmuth Hand in Hand
und fehlt, wenn diese nicht vorhanden, an Oertlichkeiten,
wo die Feuchtigkeitsverhältnisse dieselben sein müssen
wie dort wo Dunkelfärbung vorkommt.
Uebrigens liegen, bemerkte ich in meiner Abhandlung
über Lacerta coerulea, bei Lacerta vivipara insofern be-
sondere Verhältnisse vor, als die Jungen derselben schwarz
aus dem Ei kommen, und Leydig sagt daher, man
könnte vielleicht annehmen, ,,die ausgewachsene L. vivi-
para habe einfach ihr Jugendkleid beibehalten.'' Wie nahe
eine solche Annahme meiner Ansicht über die Bedeutung
„innerer Ursachen" steht, wird sich aus Späterem er-
geben.
Ich konnte selbstverständlich weder inneren Ursachen,
noch direkten äusseren Einflüssen, noch beiden zusammen
dann die Wirkung zuschreiben, eine neue Rasse oder Art
zu erzeugen, wenn die Verhältnisse, unter welchen dieselbe
zu leben hätte, ihren Eigenschaften ungünstig sein wür-
den. Als ein Drittes ist zur Bildung einer constanten Form
durchaus nöthig, dass die neuen Eigenschaften der ab-
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 253
geänderten Individuen diesen Verbältnissen entweder an-
gepasst, oder dass sie doch ihren Trägern in Rück-
sicht auf dieselben nicht schädlich seien. Also selbst
wenn Feuchtigkeit Dunkclfärbung begünstigt — und ich
halte dafür, dass sie dies thut — so wird eine dunkle
Rasse doch nicht entstehen können, wenn, wie dies z. B.
auf jenem Galli-Felsen und auf allen reichlich mit Pflanzen
bewachsenen, auf allen angebauten kleinen Inseln der Fall
ist, von der Umgebung eine Anpassung an Grün verlangt
wird oder wenn irgend andere Forderungen der Anpassung
an Farbe gestellt werden.
Dagegen wäre es wohl nicht unmöglich, dass ein-
zelne dunkle Individuen, sei es auf Grund innerer Ursa-
chen oder als Wirkung direkter äusserer Einflüsse oder in
Folge beider selbst im Gegensatz zu Schutzforderungen
entstehen und ein gewisses Alter eiteichen. Hierher ge-
hören vielleicht die Fälle der Lacerta vivipara nigra von
Wolf und von Ley dig und der viridis nigra von Gachet.
Da freilich die von Ley dig selbst gefundenen dunklen
Thiere an feuchten Orten leben, so fragt es sich, ob sie an
ihrem Aufenthalt, abgesehen davon, dass die Feuchtigkeit
ihre Färbung begünstigt hatte , nicht zugleich dadurch
eines gewissen Schutzes genossen, dass Boden und ihre
Farbe in Uebereinstimmuug standen.
Wenn nun auch sehr wahrscheinlich ist, dass in die-
sen Leydig'schen Fällen Feuchtigkeit die dunkle Gesammt-
färbung begünstigt hat (für die anderen sind die äusseren
Verhältnisse, unter welchen die Thiere lebten nicht bekannt)
so habe ich hervorgehoben, dass Schwarz in Zeichnung en
gerne am Körper der Mauereidechsen hervortritt und dies
gilt auch dann, wenn von Einfluss der Feuchtigkeit keine
Rede sein kann, dann, wenn die Thiere unter ganz gewöhn-
lichen Verhältnissen leben. Ob die Rassen, welche eine
bedeutende Entwicklung von Schwarz am Bauche zeigen
— die nigriventres — vielleicht von Feuchtigkeit beein-
flusst sind, darüber zu urtheilen stehen mir keine ganz
sicheren Anhaltspunkte zu Gebote — es scheint mir dies
jedoch desshalb nicht wahrscheinlich, weil die Mauerei-
dechsen einer Gegend, wie z. B. die der Umgebung von
254 Th. Eimer:
Genua, nigriventres sein können, ohne dass in derselben
besondere Feuchtigkeitsverhältnisse wirksam sein dürften.
Alle diese und andere später zu verwerthende That-
sachen und Erwägungen — und unter jenen ist eine der
vornehmsten die , dass die Jungen mancher Eidechsen
schwarz aus dem Ei kommen — führen zu derVermuthung,
dass eine „Neigung" unserer Thiere, dunkle Farben im
Kleide zu erzeugen angenommen werden muss, mit ande-
ren Worten, dass innere Ursachen, d. i. solche, welche in
der stofflichen Zusammensetzung des Körpers liegen, die
Entstehung dieser Farben befördern.
Jedenfalls ist aber darch das Mitgetheilte bewiesen,
dass weder Feuchtigkeit noch Sonnenlicht, bezw.
erhöhte Temperatur die Dunkelfärbung unserer
Eidechsen unbedingt zur Folge haben müssen
und dass sie nicht die einzigen Ursachen dieser
Dunkelfärbung sein werden, während als selbstver-
ständlich zugegeben wird, dass sie dieselbe begünstigen
können.
Leydig hat nicht nur für die dunkle Varietät der Lacerta
vivipara, sondern auch für Amphibien (Die anuren Batrachier, Bonn
1877) und vor Allem für Arion empiricorum (vgl. dessen Abhand-
lung: die Hautdecke und Schale der Gastropoden, dieses Archiv
1876) darauf aufmerksam gemacht, dass Variiren nach dunkler
Farbe, ])ezw, nach Schwarz, mit Aufenthalt im Feuchten zusammen-
hänge. Er beobachtete weiter, dass zugleich mit Arion empirico-
rum andere Schnecken, wie Helix arbustorum, Succinea Pfeifferi,
Helix circinata, an solchen Orten noch dunkler werden als gewöhn-
lich. Ja die Farbe wechselt in diesem Sinne bei Arion mit mehr
feuchter oder mehr trockener Witterung: „Im ersten Frühjahr, bei
noch sehr feuchter Beschaffenheit des Bodens und der Luft, er-
scheinen an den Plätzen, wo später nur rothgelbe Exemplare gese-
hen wurden, alle Thiere . . . von dunkelbrauner Farbe." Nament-
lich waren sie in dem kühlen regenreichen Mai 187 3 und im Juni bei
fortherrschender Kälte und starken Regengüssen in dem äusserst
durchnässten Walde des Spitzberges (bei Tübingen) tiefschwarz.
Zahlreiche Beispiele über Dunkelfärbung von Arion empiricorum
an feuchten Orten werden ausserdem von Leydig mitgetheilt. Ich
kann nur bestätigen, dass die Schnecke ceteris paribus an feuch-
ten Orten dunkel gefärbt erscheint, insbesondere fand ich auch, dass
sie in dem sehr feuchten Sommer 1879 an Oertlichkeiten, wo sie
sonst ziemlich hell angetroffen wird, durchaus dunkel war.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 255
Vor einigen Jahren habe ich indessen eine Beziehung zwi-
schen der Höhe des Vorkommens von Arion und der Dunkel-
farbung hervorgehoben, die sich mit der Annahme eines absolu-
ten Einflusses der Feuchtigkeit auf die Dunkelfärbung nicht ganz
in Einklang bringen zu lassen schien. (Vortrag, gehalten im Verein
für vaterl. Naturkunde zu Tübingen, 24. Juni 1878. Württemb.
uaturw. Jahresbefte 1879.)
Beim Wiederdurchlesen der Leydig'scben Abhandlung über
die Hautdecke und Schale der Gastropoden beachte ich erst jetzt,
dass Leydig gleichfalls Dunkelfärbung in höheren Gegenden er-
wähnt, allerdings nur nebenbei, indem er dabei die grössere Re-
genmenge, welche in höheren Lagen fällt, also wiederum die Feuchtig-
keit für das Maassgebende hält. Er sagt nämlich (S. 60 Sep.-Abdr.)
im Anschlüsse an die soeben über den Arion des Spitzbergs gegebene
Mittheilung: „Man muss hierbei fortwährend unwillkührlich an jene
Käferarten denken, welche in den höheren regenreichen Alpen ihre
bunten Färbungen in einfaches Schwarz umsetzen," Auf den Hö-
hen der wasserarmen Rauhen Alb fand er dagegen dem entsprechend
fast allgemein den Arion rufus. Wein 1 and hebt (zur Weichthier-
fauna der schwäbischen Alb, Jahreshefte des Vereins für vaterlän-
dische Naturkunde in Württemberg 1876, S. 273), worauf ich erst
nachträglich aufmerksam wurde, hervor, dass der Arion in der Um-
gebung seines Wohnorts auf der Höhe der Alb gewöhnlich dunkel,
fast nie gelbroth sei wie häufig im Thale. „Man könnte sagen
fügt er hinzu, das Gebirg bringt immer das dunklere Pigment, wie
bei Vipera berus die schwarze Gebirgsvarietät Vipera prester, wie
in Nord-Amerika auf den White-Mountains die schwarze Klapper-
schlange. Doch hält der Schluss bei unserem Arion nicht Stich.
Um den Hohen Neufifen z. B. fand ich fast nur gelbrothe. Jenes
Gesetz von der dunklen Gebirgsfarbe ist eben nicht das einzig be-
stimmende. Wir werden unten eine sehr interessante hellfleischfar-
bige Farbenvarietät der Helix hortensis kennen lernen, als die in
unseren Buchenw^äldern weit vorschlagende. Was aber den A. empi-
ricorum in einer Gegend der Alb dunkelrothbraun, in einer an-
deren Gegend hellgelbroth färbt , vermögen wir bis jetzt nicht
einmal zu vermuthen. Zufällig ist es wohl nicht. Wir sind über-
zeugt, dass die Far benv ariation bei den verschiedenen
Arten, besonders unter Rücksicht des Schutzes vor
Feinden, eine viel bedeutendere Rolle im Leben, des
Thieres spielt, als man gewöhnlich glaubt.
Ich selbst habe bis jetzt keine Anhaltspunkte für die Annahme
gefunden, dass die Farbe des Arion empiricorum, wie Weinland
annimmt, eine Schutzfarbe sei ; ich halte vielmehr dafür, dass sie
dies nicht sei und dass desshalb gerade bei diesem Thiere im Ge-
256 Th. Eimer:
gensatz zu den Eidechsen die unmittelbare Wirkung äusserer Ein-
flüsse auf die Färbung reiner zum Ausdruck kommen möchte. In-
dessen müsste ich einem so erfahrenen Beobachter der Mollusken,
wie Weinland es ist, vor dem Beharren auf einem durchaus ab-
weichenden Urtheil meinerseits jedenfalls noch das Wort gönnen.
Nach Obigem hat auch Weinland vor mir die Frage von dem
Einflusa der Höhe auf die Dunkelfärbung des Arion berührt und
wenn er, wie aus seinen Worten wohl geschlossen werden darf, an-
nimmt, dass die Höhenlage von Einfluss auf die Dunkelfärbung sei,
wenn auch nicht allein bestimmend, so fallen unsere Ansichten
zusammen.
Die Erklärung des Einflusses der Höhenlage durch die Feuch-
tigkeit im Sinne Leydig's würde nunmehr alle Räthsel lösen, so-
fern man im Stande wäre, alle Thatsachen in diesen Rahmen zu brin-
gen. Dabei ist als selbstverständlich im Auge zu halten, dass dess-
halb, weil Oertlichkeiten gleicher Höhenlagen aus lokalen Ursachen
sehr verschiedene Feuchtigkeitsverhältnisse haben können, auf Grund
jener Erklärung die Erscheinung einer grossen Mannigfaltigkeit
der Färbungsintensität innerhalb derselben Höhenzone wohl begreif-
lich wäre. Sicherlich wird auf einen grossen Theil der Farben-
veränderungen dadurch allein schon erklärendes Licht geworfen.
Allein ich habe Thatsachen kenneu gelernt, welche mir die Frage
nahelegen mussten, ob nicht die Höhenlage unabhängig von ihrer
Beziehung zur Regenmenge, bezw. zum Feuchtigkeitsgehalt der Luft,
einen Einfluss auf die Dunkelfärbung habe, wobei dann die trei-
benden Ursachen vielleicht in den veränderten Druckverhältnissen oder,
wahrscheinlicher, in der veränderten Art der Lichteinwirkung gesucht
werden dürften. So sah ich wiederholt, dass der Arion, der auf
trockener Höhe dunkel war, beim Abstieg in das feuchtere Thal
heller und heller wurde und verschiedene Beobachtungen schei-
nen mir dafür zu sprechen , dass die Dunkelfärbung mit der
Höhenlage zunehmen kann, auch dann, wenn Zunahme der Feuch-
tigkeit ausgeschlossen ist. Auf einzelne Thatsachen werde ich an
einem anderen Orte eingehen. Ich verkenne übrigens die Schwierig-
keit der Untersuchung jedes einzelnen der in Frage kommenden
Fälle nicht und bin überzeugt, dass erst auf Grund ganz erschö-
pfender Beurtheilung solcher Fälle und an der Hand der Vor-
lage ausgedehnten Materials endgültig Entscheidung wird zu tref-
fen sein.
Für die Dunkelfärbung unserer Eidechsen die Frage nach in
der Höhenlage gelegenen Ursachen in Betracht zu nehmen, liegt
keine Veranlassung vor.
Wenngieich die Annahme — so äusserte ich mich
bezüglich des Einflusses der Nahrung in meiner Abhand-
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechße. 257
lung über Lacerta muralis coerulea — „dass insbesondere
die eigeutliiiniliclie Zusamniensetziing der Nabriing die Nei-
gung nach einer bestimmten Richtung hin in der Farbe zu
variiren, bei dem auf dem Felsen isolirten Thiere begün-
stigt habe, an und für sich gewiss nichts entgegensteht ^),
so ist dieselbe doch nach den über das Variiren der ge-
wöhnlichen Lacerta muralis mitgetheilten Thatsachen im
vorliegenden Falle durchaus nicht zwingend."
Ich meinte damit, dass die Neigung der Mauereidech-
sen, blaue und schwarze Farben zu entwi ekeln, welche Nei-
gung sie schon auf der Insel Capri in auffallendem Maasse
zum Ausdruck bringt, die Bildung der schwarzblauen Rasse
auf dem pflauzenarmen isolirten Felsen erkläre, ohne dass
zwingende äussere Ursachen nothwendig angenommen wer-
den müssen.
Ich war der Ansicht, es werde meine Annahme, dass
die Farben Blau und Schwarz nur desshalb unter gewöhn-
lichen Verhältnissen an unseren Eidechsen nicht zur Herr-
schaft gelangen, weil sie ihnen schädlich sein würden,
dass sie sich aber ausbreiten, sobald die äusseren Hinder-
nisse, welche dieser Ausbreitung entgegenstehen, beseitigt
werden, auch durch das Verhalten der Farben Blau und
Schwarz, wie es unter gewöhnlichen Verhältnissen zu beob-
achten ist, gestützt. Die folgenden Beobachtungen mögen
dies näher zeigen.
Da die Farben Blau und Schwarz als Zierden an den
Mauereidechsen unter ganz gewöhnlichen Verhältnissen vor-
kommen, da also die Fähigkeit zur Erzeugung derselben
unter diesen gewöhnlichen Verhältnissen gegeben ist, so
muss es geradezu auffallen, dass sie sich nicht ebenso
häufig über das ganze Thier ausdehnen wie jene anderen
Farben, wie z. B. Grün und die verschiedenen Schattirungen
von Braun. (So gibt es z. B. nigriventres, welche am
Bauche dicht schwarz gesprenkelt sind, auf dem Rücken
aber Anpassungsfarben haben und kaum eine schwarze
1) Seitdem lernte ich übrigens grüne Galli-Eidechsen ken-
nen, welche sich wohl kaum anders ernähren dürften, als die vom
Faraglione.
258 Th. P]imer:
Zeichnung darin.) Vorzüglich gilt das für Blau, weil diese
Farbe eben nach den zierlichen Zeichnungen, zu welchen
sie verwendet wird und nach ihrer Bedeutung im Hoch-
zeitskleid unserer Eidechsen zu schliessen, auch in den
Augen dieser Reptilien schön ist. Allein es ist blaue Ge-
sammtfärbung bei ihnen ebenso ausgeschlossen, wie blaue
Zierrathen gewöhnlich sind und dasselbe ist für Schwarz
zu sagen. Ferner ist auffallend, dass die blaue Farbe, ob-
schon dieselbe augenscheinlich als Zierde dient, unter ge-
wöhnlichen Verhältnissen niemals oben auf dem Rücken
unserer Eidechsenarten sich findet, sondern nur an den
Seiten und dass sie, wo sie immer auf der oberen, bezw.
auf den Seitenflächen derselben auftritt, unter solchen Ver-
hältnissen niemals grössere Ausdehnung annimmt: stets
wird man im letzteren Falle bemerken, dass
die Farbe gewissermassen auf die kleinste Aus-
dehnung beschränkt bleibt, welche unter Anwen-
dung anderer Hülfsmittel möglich ist, wenn den-
noch eine bedeutende Wirkung im Sinne der
Schönheit erzielt werden soll. So sind die blauen
Flecke, welche sich bei der Mauereidechse hinter der Wurzel
der Vorderextremitäten finden, so klein, dass sie von frühe-
ren Schriftstellern meines Wissens gar nicht erwähnt wer-
den, wie sie z. B. Bonapart e^) an keiner Eidechse abbil-
det 2). Aber sie sind durch Schattirung des Blau selbst
und durch Umrahmung mit Schwarz in verschiedenen Ab-
stufungen zu einer ganz reizenden , pfauenaugenartigen
Zierde umgestaltet. Ebenso ist das Blau der äussersten
Bauchschuppenreihe sparsam und gleichsam ängstlich ge-
rade an der Linie des Körpers angebracht, welche dann,
wenn die Thiere sich behaglich sonnen, den Körper platt-
gedrückt niederlegen, eben an den Seiten noch sichtbar
ist. In grösserer Ausdehnung tritt Blau (ebenso Schwarz
1) Bona parte, Iconografia della fauna italica. Roma 1832
— 1841. IL Bd. Amfibi.
2) Auch Diimeril kennt sie nicht — er erwähnt bei zwei
Varietäten, wie oben bemerkt, nur die ausnahmsweise an den Flan-
ken auftretenden Reihen solcher Augen.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidecbse. 259
bei den nigrivcntres !) bei unseren Eidechsen gewöhnlich
mir an einem Theil der unteren Fläche des Körpers auf,
niindich an der Kehle der Männchen und zwar bei der
muralis nur selten und vielleicht nur an Formen, welche
unter besonderen Verhältnissen leben, unter solchen Ver-
hältnissen, welche das Blau an ihnen nicht zum Verräther
werden lassen ^).
Die Thatsachcn, welche ich späterhin über Anpas-
sung der Mauereidechsen zu berichten haben werde, mö-
1) Bei Lacerta viridis scheint in der That ein solcher Fall
vorzuliegen. Es zeigt sich hier die blaue Kehle bekanntlich je-
weils zur Brunstzeit beim männlichen Thiere und zwar ist die blaue
Fläche hier so gross, dass dieselbe, sobald das Thier den Kopf in
die Höhe hält, leicht sichtbar ist. Bei Meran nun, wo ich dieses Thier
während mehrerer Tage im Freien beobachtete, fiel mir ganz ausser-
ordentlich auf, wie leicht die blaue Kehle mit blauen Blumen verwech-
selt werden kann, wie dies z.B. vouWeitem auch gegenüber den Blüthen
von Vinca möglich ist und es schien mir, als ob die Thiere vorzüglich
häufig an Orten vorkämen, an welchen auch solche Blumen wachsen.
Die Vinca wuchert bekannlich gerne am Rand von Gebüschen oder
in denselben und ganz ebensolche Orte wählt sich Lacerta viridis
mit grosser Vorliebe zum Wohnplatze, nämlich Mauern, von welchen
aus sie sofort in dichtem, zumal dornigem Gebüsch Zuflucht suchen
kann. Auch von anderen Reptilienfreunden wird diese Vorliebe der
Smaragdeidechse für das Gebüsch hervorgehoben.
Es fiel mir bei Meran auf, wie ausserordentlich schwer das
Thier unter diesen Verhältnissen zu fangen ist. Es ist dasselbe
dort ungemein scheu — vielleicht wird es von den Menschen sehr
stark verfolgt, weil diese die „Groanzen", wie sie die Smaragdei-
dechse nennen, thörichterweise, für giftig halten. Bei der Annähe-
rung des Menschen flieht diese sofort entweder in das Gebüsch oder
in ein Mauerloch und lange muss man gewöhnlich warten, bis sie
sich im Eingang des letzteren vorsichtig den Kopf hcraasstreckend,
wieder zeigt. Im Gebüsch fühlt sie sich sicher und ist das Männ-
chen dem Kundigen dort oft leicht von Weitem an der blauen Kehle,
welche wie eine blaue Blume ;hervorleuchtet, erkennbar. Weil es
mir wegen dieser grossen Scheu sch\yer wurde, die Thiere zu er-
haschen, kam ich allmählich auf die Methode, ihnen während oder
wo möglich vor der Flucht einen leichten Schlag mit dem Stock
auf den Rücken zu versetzen und sie so momentan zu lähmen. War
der Schlag nicht zu stark, so erholten sie sich bald wieder vollstän-
dig ohne jede schädliche Nachwirkung.
260 Th. Eimer:
gen es rechtfertigen, wenn ich den Satz ausspreche: es
können sich auffallende oder leuchtende Farben,
es könne sich speciell Blau und Schwarz an in
die Augen springendenStellen desKörpers unserer
Eidechsen, — vielleicht einzelne individuelle Fälle aus-
genommen— in grösserer Ausdehnung nur eben im
Zusammenhang mit bestimmten Lebensverhält-
nissen, d.h. nur da entwickeln, wo es durch An-
passung an Farben der Umgebung, an die Farben des
Bodens oder an die z. B. von Blumen und etwa zu-
gleich durch vorsichtigste Wahl des Aufenthalts-
ortes — also z. B. in der Nähe von Gebüsch — mehr
oder weniger unschädlich gemacht wird oder da,
wo die Anpassungsnö thigung wegfällt.
Sesshaftigkeit der Eidechse und ihre Bedeutung für die
Bildung" von Varietäten.
Wem nicht eingehende Beobachtungen in der freien Natur
zu Gebote stehen, der wird leicht geneigt sein, Beziehungen
wie die angedeuteten und wie andere, später zu schildernde,
in Abrede zu stellen. Wer sich dagegen sorgfältig und an-
dauernd mit dem Studium unserer Thiere auch in ihrem
freien Leben abgibt, der wird mehr und mehr finden, dass
dieselben in viel ausgeprägterer Weise Lebensgewohnhei-
ten besitzen, die nicht nur auf Erscheinungen ihrer Bil-
dung überhaupt, sondern speciell auch und ganz besonders
ihrer Färbung ein Licht werfen. Ich bin nach dem, was
ich seit Jahren in Beziehung auf diese Verhältnisse beob-
achtet habe, davon überzeugt, dass ich nicht zu weit gehe,
wenn ich annehme, dass die irgend eine bestimmte Oert-
lichkeit seit Generationen bewohnenden Mauereidechsenfa-
milien mit Rücksicht auf ihre Lebensverhältnisse den spe-
ciellen Eigenschaften dieser Oertlichkeit in Färbung und
Zeichnung hochgradig angepasst sind : selbstverständlich
kann aber die Farbe und Zeichnung, welche solcher An-
passung entsprechen wird, nur die Resultirende sein aus
zahlreichen und eventuell schwer festzustellenden, im aus-
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 261
seren Leben unserer Thiere maassgebenden Faktoren —
ganz abgesehen von inneren Ursachen und äusseren Ein-
flüssen, welche dabei modificirend, hemmend oder ftirdernd,
in Betracht kommen.
In Rücksicht auf diese Fragen mag mir gestattet sein,
noch das Folgende zu bemerken: eingehende Beobachtung
der Eidechsen im freien Leben zeigt, dass ein Individuum
sich stets nur innerhalb eines begrenzten, sehr beschränk-
ten Gebietes aufhält und dass es innerhalb dieses Gebietes
alle Schlupfwinkel und wohl ebenso alle übrigen Verhält-
nisse, welche seinem Schutze dienlich sind, genau kennt.
Einem Jeden, der sich mit dem Fang der flinken Mauer-
eidechse abgegeben hat, ist es bekannt, mit welcher Si-
cherheit die Thiere, wenn sie verfolgt werden, einem be-
stimmten Schlupfwinkel zueilen, um darin zu verschwin-
den. Erreicht man es aber, sie von diesem Schlupf-
winkel abzutreiben , so irren sie verzweifelt umher, an
zahlreichen Löchern, welche ihnen ebenso gut wie das
ihnen bekannte Versteck Schutz gewähren könnten vor-
über, und es ist nun häufig nicht schwer, sie so lange
zu hetzen, bis sie ermüdet sind und sich dem Verfolger
ergeben müssen ^).
1) Eine sehr hübsche bezügliche Beobachtung machte ich vor
einigen Jahren, als ich zu Fuss von Italien über den Splügen herüber
wanderte, in der Nähe von Chiavenna. Die stark abfallende Strasse ist
hier auf langer Strecke, nachdem sie unterhalb Campo dolcino — bei
San Giacomo — wiederum in das Bereich der Kastanienhaine eingetre-
ten ist, gegen das Thal hin durch eine niedrige Mauer abgegrenzt,
welche damals neu aufgeführt oder ausgebessert, jedenfalls frisch
geweisst war. Ich war, als ich im Gebiete des ürgebirges, eines dunkel-
braunen Gneiss, in jener Gegend auf der Südseite der Alpen die
ersten Mauereidechsen traf, in hohem Grade erfreut zu sehen, wie
sehr dieselben der Farbe des Gesteins angepasst sind: es ist eine
ausgesprochen braune — kupferbraune — Kasse, die dort lebt. Ich
war begierig, einige dieser Thierchen zu erhaschen. Auf der weis-
sen Mauer sass von Stelle zu Stelle ein solches und hob sich von
dem Untergrund stark ab. Während des Vorübergehens suchte ich
jedes derelben zu fangen — ohne dass ich ihrer unter einem halben
Hundert mehr als etwa drei mit dem Stocke hätte treffen können:
Archiv f. Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 18
262 Th. ßimer:
Es ist, eine grosse Anpassungsfähigkeit und
Anpass ungsnothwendigkeit bei den Mauerei-
dechsen vorausgesetzt, zu erwarten, dass die
es zeigte sich bei dem ersten Fangversuche schon, dass jede Eidechse
in der Nähe eines ihr wohlbekannten Loches sass, in welchem sie
sofort bei meiner Annäherung verschwand. Ganz dieselbe Erschei-
nung wiederholte sich bei jeder folgenden: jede hatte Stellung in der
Nähe eines solchen Schlupfwinkels genommen, und dieses Verhält-
niss war um so auffallender, als die neubemörtelte Mauer im Ganzen
nur wenige solcher Löcher frei Hess. Allerdings, gerade weil die
Eidechsen in der Farbe von der weissen Mauer sehr abstachen, muss-
ten sie um so mehr auf ihrer Hut sein.
In meinem Garten beobachte ich seit mehreren Jahren eine
Lacerta agilis, die im Sommer, so oft ich komme, sie zu besuchen, nahe-
zu auf derselben Stelle des Grasbodens in unmittelbarer Nähe eines
Loches sitzt, welches nach Herausziehen eines Pfahls dort geblieben
ist — und in diesem Loche verschwindet das Thierchen bei An-
näherung einer Störung. In diesem Jahre hat eine andere ebenda
ihren regelmässigen Aufenthalt an einer ganz bestimmten Stelle
einer von Tuffsteinen gebildeten, sonnigen Grotte.
Auch Thiere, welchen man wohl noch geringere geistige Fä-
higkeiten zutraut als den Eidechsen, scheinen in ähnlicher Weise
lokalkundig zu sein, mit derselben Sicherheit gewohnte Schlupfwinkel
aufzusuchen wie diese. Ein komisches Zeugniss dieser Thatsache habe
ich vor Jahren auf Capri mit einem Taschenkrebs — Carcinus maenas —
beobachtet. In einem grossen aus den Felsen herausgefressenen, rings
vom Meere abgeschlossenen und nur bei hoher See überspülten Wasser-
becken stand ein Fischer und verfolgte einen Carcinus, indem er dem-
selben mit beiden zu einem Schöpfapparat vereinigten Händen nachging,
um ihn herauszuschöpfen. Der Krebs schwamm in gerader Linie direkt
auf die einige Meter entfernte gegenüberliegende Wand des Beckens
zu. Sachte, vorsichtig folgte ihm mit den Händen der Fischer,
sichtlich erfreut zu sehen, dass der Krebs auf den Felsen zusteu-
erte, denn zwischen diesem und seinen Händen hoffte er ihn sicher
zu fangen — allein, als diese Hände das Thier eben zu greifen ver-
meinten, mussten sie finden, dass der verfolgte Gegenstand unter
. ihnen in ein Loch in der Wand geschlüpft war und sie wurden von
ihrem enttäuschten Besitzer unter dem Gelächter der zahlreichen Um-
stehenden, welche dem Fangversuch mit Spannung zugesehen hat-
ten, zurückgezogen. Es ist kaum anders anzunelimen, als dass der
Krebs das ganze Becken durchscliwommen hatte in sicherer Kenntniss
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 268
Sesshaftigkeit dieser Thiere, wie man die That-
sache nennen kann, dass sie innerhalb ganz be-
stimmter, eng begrenzter Gebiete ihr Leben ver-
bringen, von grösstcr Bedeutung sei für die Ein-
richtung ihres Kleides nach Farbe und Zeichnung
und für die Fixirung bestimmter Variation über-
haupt.
Nach meiner bisherigen Ausführung schon dürfte zu
schliessen sein, dass sich — von der Bedeutung unbehin-
derter Wirkung innerer Ursachen für die Gestaltung der
Kleidung hier abgesehen — puritanischer Anpassungs-
zwang und der Luxus der Zierrath, welcher der
geschlechtlichen Zuchtwahl dient, im Kleide un-
serer Eidechsen streiten und dass sie sich je nach
den Umständen mehr zu Gunsten des einen oder
des anderen darin abwägen — dass speciell die
Farben Blau und Schwarz am Körper derselben
zwar gerne auftreten, dass sie aber an grösse-
rer Ausbreitung durch ständige Auslese soweit
beseitigt werden, als dies für die Sicherheit der
Thiere nöthig, dass sie nur soweit als Zierden
belassen werden, als es mit Rücksicht auf diese
Sicherheit möglich ist — dass sie dagegen zur Herr-
schaft gelangen werden, sobald die Hindernisse ihrer Aus-
breitung wegfallen.
Constitutionelle Ursachen können, wenn keine Anpassnngs-
fordernngen bestehen, allein znr Bildung von Varietäten
füLiren.
Es muss hervorgehoben werden, um so mehr, als es
Allen, die sich nach mir mit der Frage beschäftigt haben,
entgangen ist, dass meine Voraussetzung einer
seines Schlupfwinkels; und dass von allen Zuschauern eine solche
bowusste Absicht des Thieres vorausgesetzt und der Fischer als der
Betrogene angesehen wurde, bewies der Spott, den er zun> Schaden
zu trafen hatte.
264 Th. Eimer:
„Neigung^' der Mauereidechse, nach blauen und
schwarzen Tönen zu variiren, die Entstehung
einer blau und schwarz gefärbten Varietät auf
einem isolirten Felsen aliein, jedenfalls ohne Zu-
hülfenahme der Anpassung an äussere Verhält-
nisse, dann erklären würde, wenn die Thiere auf
diesem Felsen keine Feinde hätten.
In diesem Falle müsste die durch „innere Ursachen'^
begünstigte, eventuell durch äussere Einflüsse, wie Klima,
Nahrung geförderte Ausbildung der genannten Farben
nach der Isolirung der Eidechsen auf dem Felsen allmäh-
lich zur Herrschaft kommen, indem andere Farben, wie
Grün und Braun, welche unter den gewöhnlichen Verhält-
nissen des Bodens und der Vegetation auf dem Festlande
oder auf einer grösseren Insel an der Stammform bis da-
hin allmählich künstlich gezüchtet worden waren und künst-
lich erhalten wurden, zurücktreten, sobald die Auslese, das
„Ausjäten", welches sie am früheren Wohnorte der Thiere
erhielt, aufgehört hat. Das Endziel würde unter diesen
Voraussetzungen dasselbe sein, gleichviel welche Farben-
verhältnisse der Umgebung gegeben sein würden.
Ich werde im Folgenden Gelegenheit bekommen, diese
Voraussetzungen zu verwerthen.
Statt der etwas mystischen Bezeichnung „innere Ursa-
chen" werde ich in Zukunft, gemäss ihrer Bedeutung, wel-
che in der stofflichen Zusammensetzung des Körpers gele-
gene bei der Variation thätige Faktoren begreift , den
Ausdruck ,,constitutionelle Ursachen" wählen und
werde eine Eigenschaft, welche wir durch sie zu erklären
genöthigt sind, einfach eine constitutionelle nennen.
Farbeustadien an Steinen.
Die Erwartung, welche ich nach Auffindung der La-
certa muralis coerulea hegte, es möchten anderwärts aul
im Meere isolirten Felsen ähnliche abgeänderte Formen
der Mauereidechse gefunden werden, hat sich erfüllt, nicht
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 265
SO die andere, es möchte durch solche Befunde eine er-
schöpfendere Erklärung der Erscheinung gegeben werden
können, als sie mir an dar Hand meines Materials mög-
lich gewesen ist. Ja, die Frage ist durch diese Befunde
scheinbar sogar der Lösung ferner gerückt, indem die Be-
rechtigung meiner Schlussfolgerungen angezweifelt worden
ist. Ich glaube aber zeigen zu können, dass dies gesche-
hen ist theils in Folge ungenügend genauer Kenntniss,
bezw. Studiums meiner Abhandlung, theils wohl in Folge
missverständlicher Auffassung meiner Angaben. Freilich
hätte ich durch einige nähere Erklärungen zur Vermeidung
dieser Missverständnisse beitragen können. Was aber aller-
dings hauptsächlich zu Gegensätzen in der Beurtheilung
des Gegenstandes führen miisste, das ist die Thatsache,
dass einige Derjenigen, welche über denselben geschrieben
haben, die Schwierigkeiten, die er darbietet unterschätzten
und im" Glauben, es handle sich dabei um höchst ele-
mentare Dinge, ohne jede ernste Untersuchung geurtheilt
haben *).
1) Ich habe hiebei besonders einen Schriftsteller im Auge, wel-
cher zwei Jahre, nachdem meine Mittheilung über Lacerta muralis
coeruleä in den Würzburger Verhandlungen erschienen war und ob-
schon er diese Mittheilung kannte, durch die Vorgabe abermaliger
Entdeckung des Thieres günstige Veranlassung einer Dissertation
finden zu dürfen glaubte, in der er dasselbe von Neuem beschrieb
und mit einem neuen Namen belegt hat. In der Beschreibung der
coeruleä und der neapolitanischen Mauereidechse und in der Be-
ziehung der Eigenschaften der ersteren auf die der letzteren, wer-
den deutlich meine Angaben copirt, aber für eigenen Fund ausge-
geben. Es ist dieses Verfahren um so schlimmer, als der Thäter
dabei die Absicht hatte , meiner angekündigten ausführlichen
Abhandlung über den Gegenstand seiner Dissertation zuvorzukom-
men und es ist um so mehr zu bedauern, dass der Fakultät zu Jena
bei Annahme der Dissertation jenes Verfahren entgangen ist, als
der Inhalt derselben, soweit er eigenes Produkt des Autors ist,
geradezu jeder Kritik spottet. Ich habe mich denn auch seiner Zeit
veranlasst gesehen, in einer „Nachschrift" zu meiner inzwischen
erschienenen Abhandlung über „Lacerta muralis coeruleä" diese
Dissertation zu beleuchten und will, theils um mein Urtheil zu
rechtfertigen, theils um zugleich an dieser Stelle die Theorie zu
266 Th. Eimer:
^ Was durch meine Schilderung begünstigte Missver-
ständnisse angeht, so muss ich in dieser Beziehung meine
erledigen, welche der Autor zur Erklärung der Entstehung der
Farbe der coerulea gegeben hat, das Wesentlichste des Inhalts die-
ser „Nachschrift" folgen lassen.
„Als meine Arbeit über „Lacerta muralis coerulea" eben zur
Ausgabe gelangt war, erhielt ich eine Schrift zugesendet, „Ueber
die Entstehung der Farben bei den Eidechsen" von Jaques v.
Bedriaga, Jena 1874, deren Inhalt mich zu einigen nachträglichen
Bemerkungen veranlasst. ""^
Die Thatsache, dass die Farben der einzelnen von Herrn v. B.
beobachteten Arten von Eidechsen mit jenen übereinstimmen, die das
Chamäleon unter der vermehrten und verminderten Einwirkung des
Lichtes erlangt, brachte denselben zur Ansicht, es seien die Farben
der Reptilien überhaupt unmittelbar und ausschliesslich entstanden
durch Einwirkung des Lichtes, in der Art, dass durch successives
Emporsteigen des in der Haut befindlichen „schwarzen Pigments"
und schliessliche Superposition desselben über das ursprünglich dar-
überliegende „weisse Pigment" im Laufe der Zeit allmählich dunk-
lere Töne hervorgebracht wurden, gleichwie das Chamäleon durch
dieselbe Einwirkung momentan dunkler wird. Als Urform der Ei-
dechsen wird daher eine „Lacerta alba" angenommen, eine Plypothese;
die sich dadurch rechtfertigen soll, dass die Jungen der Eidechsen
gewöhnlich hell gefärbt oder weiss aus dem Ei schlüpfen. (!)
Der Herr Verfasser suchte so, wie er sagt, „eine philosophi-
sche Art und Weise im Behandeln der Objekte" an Stelle der Ar-
beitsmanier der bisherigen Herpetologen zu setzen, deren Versuche,
die in Rede stehende Frage zu lösen, ihm, weil sie „uns auf eine
80 zu sagen nackte oder wenigsagende Ursache hinweisen — — —
80 viel als nichts gelten" (S. 4) .
Die Arbeiten von Leydig und Witt ich über den Gegen-
stand sind Herrn v. B. offenbar unbekannt.
Wie er bemerkt, wagte er auch ohnedies lange nicht, seine An-
sichten auszusprechen, denn es fehlten ihm noch Eidechsen, welche
die schwarze Farbe zeigen, die das Chamäleon unter starkem Lichtein-
fluss erlangt. „Erst die Reise nach Italien* sagt er auf S. 6, „mein
Aufenthalt im vergangenen Frühling auf der Insel Capri, halfen mir
aus der Verlegenheit, denn ich kam in den Besitz einer Eidechse,
welche die schwarze Farbe zeigte." Auf S. 16 beschreibt Herr v. B.
nun unter dem Namen „Lacerta faraglionensis", wenngleich in ho-
hem Grade mangelhaft, so doch erkennbar genug — die Lacerta
muralis coerulea als diese Eidechse und fügt bei: „Unzweifelhaft
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 267
Farbenbezeichnung beschuldigen oder vielmehr den Um-
stand, dass ich die Bedeutung derselben nicht ausdrücklich
ist die Faraglioue-Eidechse eine Varietät der Lacerta niuralis nea-
politana. Ich fand sie auf dem P^araglione-Felsen bei Capri." (!1)
Schon vorher werden als Kennzeichen der neapolitanischen Mauer-
eidechse die blauen Augen über der Wurzel der Vorderextremitäten
genannt und in der Beschreibung der „faraglionensis** werden die
grünen erwähnt und beide aufeinander bezogen — Alles ohne Hin-
zufügung von Citaten, welche den Leser vor dem Irrthum zu be-
wahren geeignet wären, als habe der Herr Verfasser irgend etwas
Neues aufgefunden oder beschrieben.
Citirt wird allerdings mein im Juli 1872 in der physikal.-med.
Gesellschaft zu Würzburg gehaltener und in deren Sitzungsberichten
im Auszug niedergelegter Vortrag, in welchem ich von meiner Ent-
deckung der Lacerta muralis coerulea zuerst Kenntniss gegeben,
dieselbe beschrieben und vorgezeigt, benannt und auf die neapolita-
nische Mauereidechse zurückgeführt habe, allein citirt nur als Ap-
pendix und nur um einige Ausstellungen an den darin enthaltenen
Bemerkungen über den Werth des Thieres als Art zu machen, Aus-
stellungen, welche durch meine jetzt veröffentlichte ausführliche und
damals angekündigte Abhandlung, deren Erscheinen abzuwarten nicht
in den Intentionen des Herrn v. B. gelegen ist, gegenstandslos ge-
macht sind.
Die Hypothese des letzteren nun stützt sich im Speciellen auf
die Theorie Brücke's über den Farbenwechsel des Chamäleons und
zwar, mit seinen eigenen Worten ausgedrückt, in folgender Weise:
nach Brücke's Ansichten ,, können wir sagen, dass die ursprünglich
(nämlich bei den ungefärbten Ureidechsen) gelb erscheinenden Stel-
len bei den Eidechsen durch die Strahlenwirkung grün und dass
die weiss erscheinenden grau, blaugrau, violetgrau oder schwarz
werden. Bei einigen Exemplaren möglicherweise war die Zahl der
ursprünglich weiss gefärbten Stellen eine geringe nur auf
diese Weise wurde die grüne die prädominirende Farbe. Die hie
und da zerstreuten grauen, vielleicht auch schwarzen Stellen ver-
schwanden mit der Zeit, indem sie durch die herrschende Färbung
verdrängt wurden." (1 !)
Desshalb sei die Lacerta viridis eine der ältesten Eidechsen.
Ihr Bauch aber sei weiss geblieben, weil sie wesentlich auf
der ebenen Erde krieche.
Die Thatsache, dass ihre Kehle zuweilen blau wird, rührt da-
her, dass das Thier gerne den Kopf in die Höhe hält und so die
Kehle dem Einfluss der Sonne preisgibt. (!!)
268 Th. Eimer:
hervorgehoben habe und hole ich dies hier schon desshalb
nach, weil es für meine nachfolgenden Beschreibungen
Ebenso ist die Seitenschuppenreihe jederseits blau, weil die-
selbe gleichfalls dem Einfluss der Sonne ausgesetzt wird, wenn
die Eidechsen sich , wie gewohnt , im Sonnenlicht platt auf die
Erde legen.
Die coerulea ist am Bauche blau, weil sie den Bauch beim
Aufsteigen an den senkrechten Wänden des Felsens der Sonne
aussetzt. Ihr Kücken ist schwarz, weil die Thiere oben auf dem
Felsen, wo sie sich hauptsächlich aufhalten , sich beständig der
Sonne aussetzen. (1 1)
Das Auge über der Wurzel der Vorderextremitäten ist bei
der coerulea grün, weil es durch das gewohnte Anstemmen des
Knies an den Körper gewöhnlich im Schatten liegt — und aus der-
selben Ursache sind die entsprechenden Stellen bei der neapolitani-
schen Mauereidechse — blau! Ich bemerke hier, dass Herr v. B.
den Augenflecken in seinen Zeichnungen eine Lage und auch eine
Grösse gibt, welche sie in Wirklichkeit nicht besitzen, aber allerdings
besitzen müssten, wenn seine Hypothese begründet wäre. Ihrer
hatsächlichen Lage nach können sie nur zufällig in den Schatten zu
liegen kommen. Dagegen liegen die Knie-, Ellbogen-, Vorderarm-
und Oberschenkelbeugen fast stets im Schatten, sind aber trotzdem
nicht anders gefärbt als die Umgebung.
Der Herr Verfasser wünscht eine Kritik seiner „Theorie".
Durch Beachtung der zum Theil absoluten Widersprüche,
welche in seinen eigenen Sätzen liegen, durch das Studium der Arbei-
ten Leydig's und Wittich's, endlich durch einen Versuch, die
folgenden Fragen zu beantworten, sowie die schon angeregten Ein-
wände zu entkräften, wird er diese Kritik leicht selbst auszuüben im
Stande sein.
Warum ist die Lacerta muralis nigriventris am Bauche schwarz,
am Rücken hell gefärbt?
Warum kommt die Lacerta vivipara schwarz aus dem Ei und
wird später heller?
Warum sind die Reptilien der in Sonnenstrahlung glühenden
Wüste nicht schwarz, sondern von der Farbe des Sandes?
Warum sind gerade die tropischen Reptilien gegenüber den
unsrigen in glänzende, vielfach' sogar bunte Farben gekleidet, nicht
schwarz, oder, wie jene so oft, braun?
Warum ist speciell unsere deutsche Mauereidechse braun und
wird um so heller — grün, gelbgrün u. s. w. — gefärbt, je mehr
man nach Süden kommt?
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 269
wichtig ist. Ich habe die Bezeichnung „graublau" bis
„schwarzblau", durch welche ich den Rücken der Lacerta
Warum ist, wie Leydig erwähnt, die Kehle des Männchens
der Lacerta viridis viel häufiger blau, als die des Weibchens —
hält dieses vielleicht den Kopf weniger oft in die Höhe?
Warum sind die blauen „Seitenstreifen" der muralis ebenfalls
häufiger und stets ausgebildeter beim Männchen vorhanden, als beim
Weibchen, welches sich doch ebenso wie jenes in platter Lage auf
der Erde sonnt? Warum tritt diese blaue Zierde der Flanken nicht
in Form eines ununterbrochenen Streifens auf, ist vielmehr nur auf
dieses und jenes Schildchen beschränkt, während die dazwischen-
liegenden weiss bleiben, wenn die Sonne sie unmittelbar hervor-
gerufen hat? Herr v. B. sagt allerdings von der neapolitanischen
Mauereidechse „die erste longitudinale Bauchschuppenreihe ist blau",
was wiederum ganz mit seiner Hypothese übereinstimmen würde —
wenn es richtig wäre.
Woher die weissen Rückenstreifen mancher Eidechsen? — eine
Frage, welche sich übrigens der Herr Verfasser für die Lacerta
viridis selbst auf wirft.
Warum sind die Flecken über den Vorderextremitäten scharf
umgrenzte, offenbar eine Zierde darstellende Augen? Warum be-
finden sich ebensolche Augen oben auf der Oberfläche der Hinter-
extremitäten bei der coerulea? Warum werden diese Augen im
Winter dunkel wie ihre Umgebung? Warum werden ebenso die
Hinterextremitäten der männlichen coerulea im Sommer grün, wäh-
rend sie im Winter nahezu schwarz sind? Warum wird endlich die
Oberseite des Schwanzes im Sommer heller gefärbt?
Sapienti satl
Allein auch die anatomische Begründung fehlt der Hypothese
des Herrn v. B. durchaus. Statt anatomischer Thatsachen führt der-
selbe eine schematische Figur vor, welche auf Alles eher als auf den
Bau der Eidechsenhaut sich zurückführen lässt. So finden auf seine
Schrift mit Fug und Recht die Worte Lessing's Anwendung:
„In diesem Buche steht viel Wahres und Neues,
Aber das Neue ist nicht wahr und das Wahre ist nicht neu.**
Auf diese meine Aeusserung hin hat der russische Autor ein
Pamphlet gegen mich veröfi'entlicht, dessen Inhalt wohl zu dem Nie-
drigsten gehört, was unsere Literatur seit Jahrzehnten aufzuweisen
hat. Nicht nur werde ich darin auf unbezeichenbare Weise an-
gegriffen, sondern auch Professor Leydig wird mit den Charakter
beschmutzen sollenden Beschuldigungen bedacht — aus keinem an-
deren Grunde als desshalb, weil er in der Frage nach den Ursachen
270 Th. Eimer:
coerulea erklärte, in der Weise verstanden, dass ich mit
der ersten Hälfte des zusammengesetzten Wortes, mit
„Grau", bezw. „Schwarz" die Hauptfarbe ausdrücken
wollte, mit der zweiten Hälfte dagegen die Nebenfarbe. „Es
sollte also ^, Graublau" heissen: „Grau mit bläulichem Ton"
der Dunkelfärbung der Eidechsen meiner Ansicht entsprechend und
gegen die des Pamphletisten sich ausgesprochen hatte. Niemand,
der diese Angriffe kennt, wird mir zumuthen mögen, ihren Urheber
einer Erwiderung zu würdigen, noch wird er selbst Anderes von mir
erwarten, als dass ich auch seine mir später oder etwa noch in der
Zukunft zu Tage tretenden literarischen Produktionen als nicht exi-
stirend betrachte. So würde ich ihn sicher auch an dieser Stelle
nicht berührt haben, wenn mich nicht der Inhalt einer weiteren
inzwischen über unseren Gegenstand erschienenen Schrift nöthigte,
dies zu thun. Der Pamphletist hatte eine ganze Reihe meiner An-
gaben ohne Gegenbeweis einfach als unrichtig bezeichnet. In einer
Abhandlung betitelt: Lacerta Lilfordi und Lacerta muralis, Würz-
burg 1877 von Dr. Max Braun, hat deren Autor sich ohne jede
Begründung regelmässig auf die Seite desselben gestellt. Er geht
darin so weit, auf S. 2 zu sagen, es seien meine Behauptungen be-
treffend die Beziehungen der Farben der Faraglione-Eidechse zu
jenen des Wohnorts von dem Pamphletisten „als unwahr zurückgewie-
sen" worden. Dass ich auf Grund des Inhalts einer solchen Schrift,
wie sie das Pamphlet ist, der Unwahrheit geziehen, und dass meine
Urtheile überhaupt denjenigen eines Schriftstellers nachgestellt wer-
den, über dessen Leistungen auch Herr Dr. Braun, da er seine
Abhandlung und meine Illustration derselben kannte, nicht im
Zweifel sein konnte, dies beklage ich von allgemein moralischen
Gesichtspunkten aus um so mehr, weil Herr Dr. Braun als Assi-
stent am zoologischen Institut der Universität Würzburg wissen
musste, dass mir eine bestimmte Erklärung für seine Stellung gegen
mich sehr nahe liegen werde, eine Erklärung, die, wie er sich leicht
überlegen mochte, bei mir nur in erhöhtem Masse das Gefühl des
Mitleids erwecken konnte, welches unter der Maske der Wissen-
schaft ausgeübte persönliche Angriffe an sich schon hervorrufen.
Um zu zeigen, wie wenig gerechtfertigt die Ausstellungen an
meinen Angaben sind, werde ich für diese da, wo ihnen Herr
Braun die Berechtigung abspricht, gelegentlich eintreten, obschon,
wie ich wohl hoffen darf, das neue Material, welches ich im Laufe
meiner vorliegenden Abhandlung und ihrer Fortsetzung vorführen
werde, zur Genüge selbst für die wesentlichen meiner Auffassun-
gen sich verwenden wird.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechso. 271
oder „Bläulichgrau" u. s. w. Es ist diese Art der Bezeichnung
entsprechend der von Chevreul in seiner Farbenscala
angewendeten. Ich hätte ihre Bedeutung, als ich sie in
der Abhandlung über Lacerta coerulea annahm, aber um
so mehr hervorheben sollen, als sie mit dem vulgären
Sprachgebrauch nicht überall übereinstimmt. Allein ich
unterliess dies , weil meine Abbildungen deutlich genug
wiedergeben, was ich unter meinen Farbenbezeichnungen
verstanden wissen wollte und bedeutet es doch z. B. in
Hinblick auf die Fig. 1 und 2 meiner Taf. I. ^) die Negation
alles wissenschaftlichen Ernstes, wenn mir auf Grund
meiner Beschreibung eine „himmelblaue" Eidechse unter-
geschoben wird, doppelt leichtfertig, wenn dies auf Grund
der Bezeichnung coerulea geschieht. Denn coeruleus heisst
bekanntlich nicht himmelblau, sondern: „blau im weite-
sten Sinne des Wortes, die Scala von dem schönen Blau
des südlichen Himmels mit Einschluss des Indigoblaues,
des Waidblaues, des Blaues der menschlichen Augen, selbst
der blaugrüne n Farbe, ebenso wie die blau graue nicht
ausgenommen, bis herab zur dunkeln Beere des Laurus
tinus, die schwarz ist mit stahlblauem Anfluge 2)."
Da nun die Farben unserer Eidechse aus Schwarz, Blau
und Grün bestehen, bezw. gemischt sind, indem ihre Ober-
seite in der mittleren Rückenzone fast schwarz ist —
schwarz mit bläulichem Ton, wobei das Blau deutlicher
nach der Häutung hervortritt, während das Schwarz be-
sonders unter der Einwirkung des Sonnenlichts mehr zu
einem dunkeln Grau mit blauem Ton abgeschwächt wird —
während nach den Flanken mehr und mehr Blau zunimmt,
um als volles Meerblau die Unterseite zu zieren ; da endlich
dieses Blau gegen die Schwanzwurzel hin und auf der
Oberfläche der hinteren Extremitäten, vorzüglich beim Männ-
chen während der Brunstzeit, in Blaugrün bis Broncegrün
übergeht, welche Farbe auch die schönen Augenflecke
hinter der Wurzel der Vorderextremitäten und auf den
1) eben meiner Abhandlung über Lacerta coerulea.
2) Klotz Wörterbuch d. latein. Sprache. Braunschweig 1877.
272 Th. Eimer:
Oberschenkeln beim Männchen besitzen — da also alle
Farben an dem Thiere vorkommen, welche das Wort coe-
ruleus bezeichnet, so konnte ich wohl einen besseren Na-
men als eben diesen für die Farbe und für das Thier
überhaupt nicht finden ^).
Ebenso hat man auf Grund der Bezeichnung „grau-
blau" d. i. bläulichgrau, mit der ich die Farbe beschrieb,
welche das Gestein von Capri hat, gegen blaue Felsen
gekämpft. So glaubte mir Herr Giglioli, allerdings, wie ich
später beweisen werde, ohne dass er meine Abhandlung
zuvor gelesen hatte, in einem in der englischen Zeitschrift
Nature ^) enthaltenen Artikel mit Grund entgegenzutreten,
indem er die Farbe des Faraglionefelsens als „grau" be-
zeichnet mit den Worten: „pace Dr. Eimer the Fara-
glione is gray."
Würde Herr Giglioli den Inhalt meiner Schrift ge-
kannt haben, so hätte er — ganz abgesehen davon, dass
mein ,, Graublau" und sein ,,Grau" einen Gegensatz nicht
bilden — gewusst, dass ich meine Ansicht von der An-
passung der Lacerta coerulea an Verhältnisse des Bodens
durchaus nicht auf die Gesammtfärbung des Fara-
glionefelsens bezogen habe. Ich sagte nämlich: „Es be-
steht der Fels, wie' die Insel Capri selbst, aus Kalkstein.
Dieser Stein hat eine graublaue und, wie ich auf der Insel
beobachtete, da, wo er nur wenig betreten ist, häufig eine
fast schwarzblaue Farbe. So besonders in Hohlrinnen,
Spalten und Klüften, welche an allen dem Unwetter und
dem Anprall der See besonders zugänglichen Stellen aus
1) Herr Braun motivirt die Annahme des neuen Namens,
welchen der zweite „Entdecker" der Eidechse — der es übrigens,
nebenbei gesagt, wenigstens dahin gebracht hat, z. B. in Brehm's
Thierleben als solcher mit zu figuriren — dieser gibt, durch die
Bemerkung, dass „coeruleus" eine Eigenschaft bezeichne, welche
mehreren Varietäten der Mauereidechse zukomme. Es dürfte dies
nach Obigem kaum zutreffen und es ist mir wenigstens keine Mauer-
eidechse bekannt, für welche die Bezeichnung coerulea passend wäre
wie für die vom Faraglione.
2) Jahrg. 1879. Vol. XIX. (Dezember. 1878).
üntersuchiiDgen über das Variiren der Mauereidechse. 273
dem Gestein herausgefressen sind, so dass dieses häufig
zu einem Gerippe von scliarfen Spitzen, Zacken und Gra-
ten zernagt ist." 0 Ich habe somit nicht den ganzen Fel-
sen, sondern bestimmte Stellen des Gesteins für die An-
passung besonders in Anspruch genommen, wie ich denn
auch den in die Rinnen fallenden Schatten mit zur Erklä-
rung beizog.
Nun ist aber gegen mich die Behauptung aufgestellt
worden, es sei das Gestein der Insel Capri nicht etwa grau
mit bläulichem Ton, sondern viehiiehr rothgelb oder gelb-
roth. Wäre dem so, so würden allerdings irgendwelche
Beziehungen der Farbe der Eidechse an Farben des Bo-
dens schwerlich wahrscheinlich und meine Beschreibung
würde unverständlich sein. Ich habe die Auflösung dieses
Widerspruchs schon vor vier Jahren auf der Münchener
Naturforscherversammlung gegeben -) und will die Frage,
da sie Bedeutung für die folgenden Ausführungen hat, hier
wiederholt behandeln.
Es ist ThatsachC; dass ein grosser Theil der Fels-
wände von Capri oker färben ist. Wenn man z. B. mit
dem Dampfschiffe von Neapel herkommt und sich den senk-
rechten ins Meer abfallenden Felswänden nähert, welche
sich in der Umgebung der blauen Grotte finden, und nicht
minder, wenn man die nach Süden abfallenden Felswände
betrachtet, welche die piccola marina und Umgebung bil-
den, so wird man diese Farbe sehen. Auch ein grosser
Theil der Wände des äusseren Faraglione -Felsens und
zwar gerade diejenige Wand, welche dem Beschauer zuge-
kehrt ist, wenn dieser sich auf der Stelle befindet, von
welcher aus man die Faraglioni gewöhnlich zum ersten
Male sieht — auf der punta di Tracara — hat diese rothgelbe
Farbe. So mag Demjenigen, welcher sich mit einem Blick
auf einzelne Theile der Insel begnügt hat, nach der Rück-
1) Lacerta maral. coerulea S. 36.
2) Amtlicher Bericht der 50. Versammlung deutscher Natur-
forscher zu München 1877. S. 180. Sitzung der Section für Zoologie
vom 21. September.
274 Th. Eimer:
kehr in die Heimatli der Eindruck vorschweben, es sei
das Gestein der ersteren überhaupt gelbroth. Wer sich
aber ordentlich umsieht, dem wird auf den ersten Blick
nicht entgehen können, dass diese gelbrothe Farbe nur
eben an einzelnen Theilen der Insel vorkommt und zwar
immer nur an durchaus senkrecht abfallenden Fels-
wänden, an welchen überdies unsere Eidechsen nicht le-
ben und ferner, dass diese Färbung, so ausgedehnt sie an
solchen Flächen sein kann, nichts Anderem den Ursprung
verdankt, als einem Niederschlag von Eisenoxydhydrat,
welcher aus dem im Laufe der Jahrhunderte an den Fels-
wänden herabgelaufenen, bezw. aus denselben hervorgesi-
ckerten Wasser zurückgeblieben ist. Solche o k e r gefärbte
Stellen sind ja eine ganz gewöhnliche Erscheinung an Fels-
wänden — an den Felsen von Capri nehmen sie nur aus-
nahmsweise grosse Flächen ein — die Ursache ihrer Ent-
stehung aber erklärt es, dass sie nirgends auf den Kuppen
der Felsen, nirgends auf den betretbaren Flächen der Insel,
sondern eben nur an senkrecht abfallenden Felswänden
vorkommen. Das ist das gelbrothe Gestein der Insel Capri.
Was nun meine vorhin wörtlich angeführte eigene Schil-
derung betrifft, so muss ich bemerken, dass ich dieselbe nie-
dergeschrieben habe, nachdem ich schon längere Zeit wie-
der fern von Capri, in der Heimath war — andernfalls
würde ich sie allerdings wohl mehr ins Einzelne gehend
gegeben haben, statt, wie ich gethan, nur Das hervorzu-
heben, was nach meiner Ansicht für die Erklärung der
Farbe der Eidechsen von Bedeutung ist. Ausserdem war
ich damals über die Ursache der graublauen oder schwar-
zen Färbung einzelner Theile des Gesteins in einem Irr-
thum befangen, der sich mir erst bei einem weiteren Be-
such der Insel völlig löste, nachdem mein Freund Lan-
gerhans inzwischen auf meinen Wunsch Augenschein von
den Verhältnissen an Ort und Stelle genommen und mir
darüber berichtet hatte. Das Ergebniss dieses Berichtes
und der neuen Untersuchung war dies, dass das Gestein
der Insel Capri in der That überall da, wo es wenig be-
treten ist, von jenen senkrecht abfallenden, rothen Wän-
den abgesehen, eine graublaue Farbe hat — wie denn
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechee. 275
auch Herr Giglioli thatsilclilicb in üebcrcinstimmung mit
meinen Angaben den Faragliouefelsen als grau bezeichnet,
nicht als gelbroth — ferner dass es stellenweise schwarz-
blaue bis schwarze Töne zeigt, indem Theile der Felsen wie
mitRuss angestrichen oder mit Tinte bespritzt aussehen. Die
graublaue Farbe findet sich im Gegensatz zu der gelbrothen
an dem weitaus grössten Theil der Felsen, tiberall beson-
ders auf den Kuppen derselben. Ich hatte nur in der
Meinung geirrt, diese Färbung rühre tiberall von dem fri-
schen Bruche des Gesteines her, trete überall da zu Tage,
wo das Gestein sich in seiner jungfräulichen Beschaffenheit
zeige, während es sonst unter dem Einfluss der Witterung
sehr verschiedene Farben erlangt habe. Es war aber die-
ser Irrthum desshalb sehr verzeihlich, weil er auf der
Thatsache beruhte, dass ein Theil der frischgebrochenen
Steine der Insel jene Farbe wirklich hat. Zum Zweck
des Strassenbaues nach Anacapri hinauf wurden vor weni-
gen Jahren in grösserer Ausdehnung Felsen abgesprengt,
und man wird heute und lange noch dort die Stellen fin-
den, welche meinem Urtheil zu Grunde lagen. Dass das
Gestein nicht an allen Th eilen der Insel auf dem frischen
Bruche dieselbe Farbe hat, dass es sogar meistens und
speciell auch am Faragliouefelsen auf dem frischen Bruche
viel heller als auf der Oberfläche ist, konnte ich damals
nicht annehmen.
Der graublaue Ton, welchen das Gestein auf dem
grössten Theil seiner Oberfläche zeigt, rtihrt nicht vom
frischen Bruche her, sondern im Gegentheil von
einem Ueberzug von mikroskopischen Flechten,
welche meist so fein in das Gestein hinein gewuchert
sind, dass erst eben das Mikroskop über ihr Dasein und
damit über die Ursache der Färbung aufklärt. Die gan-
zen Apenninen und das ganze Kalkgebirge der Alpen
haben von dieser Flechte auf der Oberfläche einen grau-
blauen Ton. Dabei muss aber ausdrücklich bemerkt wer-
den, was übrigens selbstverständlich ist, dass die Färbung
dieser Gebirge, besonders wenn sie von ferne oder doch
in einiger Entfernung gesehen werden, sehr nach der Be-
leuchtung wechselt, und dass sie dann zuweilen ganz hell,
276 Th. Eimer:
fast weiss erscheinen kann. Man wird indessen stets um
so sicherer erkennen, dass die wirkliche Farbe ein Grau-
blau, d. i. ein Grau mit blauem Ton ist, je näher man an
das Gestein herankommt und man wird nun sehen, dass
dieser Ton in verschiedenen Schattirungen variirt, zuweilen
sogar zu reinem Blau, zu hellerem oder dunklerem oder
zu vollem Schwarz sich steigernd. Solche blaue, schwarz-
blaue oder schwarze Töne sind dann meist Flecken —
tintenkleksartig auf kleineren oder grösseren Strecken
verbreitet — am liebsten nehmen sie die oberen Flächen,
die Kuppen der Steine und Felsen ein und verbreiten sich
von hier wie herabfiiessend auch auf die Seitenwände.
Offenbar begünstigt auch ihre Bildung der Einfluss der
Witterung — Licht und Kegen. Die Mauern, welche auf
Capri den Grundbesitz einzäunen, sind aus lose überein-
ander gelagerten Steinen zusammengefügt. An alten Mauern
sind diese Steine an der freien, dem Lichte zugekehrten
Oberfläche von jenen Farbentönen überzogen. Wird aber
eine solche Mauer etwa umgesetzt, so dass diejenigen
Flächen der Steine nun zum Vorschein kommen, welche
früher die inneren waren, so wird sie heller, aber sie sieht
jetzt auch sehr wenig malerisch, nüchtern aus.
Nachdem ich einmal auf diese Farbentöne und auf
ihre Ursachen aufmerksam geworden war, hat mir ihr
Studium viele Freude gemacht und dies immer mehr, je
mehr ich mich mit ihnen abgab. Der malerische Gesammt-
eindruck von Felsen und altem Gemäuer hängt von ihnen
zu einem grossen Theile ab, ohne dass dies dem Beschauer
gewöhnlich klar zum Bewusstsein kommt. Ist dies aber
geschehen, so ist nicht nur das Verständniss, sondern auch
der Genuss der Landschaft um ein Vielfaches grösser
und vor Allem hat jetzt die Erinnerung eine Handhabe,
um aus vorhandenen Einzelheiten das Gesammtbild wie-
derherzustellen. Wie mit dem Pinsel angemalt sieht man
die blauen und schwarzen Töne an den Felsen oder häufig
machen sie den Eindruck als ob sie durch ausgegossene
Farbe entstanden wären. Das Okergelb, welches an den
senkrecht abfallenden Flächen noch hinzukommt, erhöht
die malerische Wirkung. In manchen Gegenden über-
UntersuchuDgeu über das Variiren der Maueroidechse. 277
wiegen die dunkeln Färbungen sehr. Am ausgeprägtesten
fand ich sie in einem der Felsendurchgänge — der Klausen
— welche die Eisenbahn auf dem Wege von Verona nach
Botzen durchfährt — die ganze Schlucht ist hier in wei-
ter Ausdehnung in blauen und schwarzen Tönen gefärbt.
Auch auf der Via mala sieht man sehr malerische Far-
ben. Ausgezeichnet malerisch machen sich aber Theile
des Innern vom Colosseum in Rom, sobald man einmal
auf die bezüglichen Verhältnisse aufmerksam geworden ist :
befindet man sich auf der oberen Zuschauergallerie, also
in dem Räume, welcher früher vom Zeltdache unmittelbar
überspannt war, so sieht man aus den Wänden hervor-
ragende , von einem prächtig blauen Tone überzogene
Steine und man gewahrt alsbald, wie sehr diese Far-
ben in Verbindung mit anderen, welche unter dem Ein-
fluss der Witterung am Gestein im Laufe der Jahrhun-
derte entstanden sind, zu der Schönheit der Ruine beitra-
gen. Aber überall wo Kalkgebirge oder wo sonst helle
Steine lange den Einwirkungen der Witterung preisgegeben
sind, braucht man nicht weit zu gehen, um blaue, grau-
blaue oder schwarze Ueberzüge der geschilderten Art zu
finden. Der Jurakalk der schwäbischen Alb bietet oft
schöne solche Verhältnisse und mancher durch Jahrhunderte
aufgeworfene Steinhaufen im Walde und mancher alte
Grenzstein wird bei Beachtung seiner altehrwürdigen Far-
ben zu einem malerischen Gegenstande.
Um auf die Insel Capri zurückzukommen, so hat also,
von den senkrecht abfallenden Wänden, deren Färbung
durch Eisenoxydhydrat hervorgerufen ist, abgesehen, das
Gestein überall da wo es wenig oder gar nicht betreten
ist, eine graublaue Grundfarbe, die Betonung auf Grau
gelegt, also Grau mit blauem Ton. Vielfach, insbesondere
an den Kuppen der Felsen, wird die Farbe dunkel Grau-
blau, zuweilen mit starkem Hervortreten des Blau und
häufig zeigen sich kleine oder grosse dunkelblaugraue
oder selbst schwarze Flecke an ihnen.
Ohne dass ich die Ursache dieser Färbung zuerst rich-
tig erkannte, hatte ich doch genau beobachtet, indem ich
hervorhob, dass die geschilderte Farbe tiberall da deut-
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 19
21^ Th. Eimer:
lieh sich zeigt, wo das Gestein nicht betreten ist:
da dieselbe mikroskopischen Flechten ihren Ursprung ver-
dankt, wird sie überall da verdrängt, wo die Fiisstritte
des Menschen häufig auftreten und an solchen Stellen
kommt nun die hellere ursprüngliche Farbe des Gesteins
wiederum zum Vorschein.
Schwarze Farbe hat das Gestein, von jenen Flechten-
flecken abgesehen, auch überall da, wo es häufig der
Einwirkung des Seewassers ausgesetzt ist oder da,
wo es dieser Einwirkung in früherer Zeit lange ausgesetzt
gewesen sein mag. So umzieht ein schwarzes Band von
bedeutender Höhe, mindestens 10 m hoch, den Fuss der
Felsen vom Meeresspiegel an aufwärts und dieselbe Farbe
bedeckt alle jene, meist dazu noch stark zerklüfteten Fels-
parthien, welche zeitweise vom Meere überspült werden.
Diese Theile hatte ich im Auge bei meiner ersten Schil-
derung mit den Worten: „so besonders in Hohlräumen,
Spalten und Klüften, welche an allen dem Unwetter und
dem Anprall der See besonders zugänglichen Stellen aus
dem Gestein herausgefressen sind, so dass dieses häufig
zu einem Gerippe von scharfen Spitzen, Zacken und Gra-
ten zernagt ist."
Es handelt sich somit um zweierlei, um graublaue oder
schwarze Färbungen, welche in grösserer Ausdehnung oder
in Flecken die Felsen überziehen an Stellen, welche das
Seewasser nicht erreicht und um schwarze Farbe an allen
jenen Theilen der Felsen, die zeitweise von der See über-
spült werden.
Ich bin nicht oben auf dem Faraglione gewesen und
kann nicht sagen, ob der Stein dort, in der Nähe be-
trachtet, stellenweise dieselben dunkeln Töne zeigt, wie
sie z. B. gegenüber auf der Insel in der Umgebung der
Tracara herrschend sind. Ich sagte: ,,Es besteht der Fels
wie die Insel Capri selbst aus Kalkstein. Dieser Stein
hat eine graublaue und, wie ich auf der Insel selbst beob-
achtete, da wo er wenig betreten ist, häufig eine fast
schwarzblaue Farbe." Ich habe mich also auf die Ver-
hältnisse der Insel bezogen, welche mir allein unmittelbar
zugänglich waren. Hier, gegenüber dem Faraglione setze
tlütersiichungen über das Variiren der Mauereidechse. 2'/Ö
man eine Lacerta coerulea auf die graublau überzogenen
Kuppen der Felsen, wie sie da und dort aus dem Boden
hervorragen, während das Sonnenlicht auf den Rücken
des Tbieres wirkt und Niemand wird mir bestreiten mögen,
dass dasselbe durch seine Farbe auf dem Gestein sehr
geschützt sei. Ich hatte keinen Grund anzunehmen, dass
die Oberfläche der Felsen oben auf dem Faraglione,
den nur selten ein Fuss betritt, anders beschaffen sei als
hier. Dabei habe ich aber noch gar nicht Rücksicht ge-
nommen auf die fast schwarzen oder geradezu schwarzen
Färbungen, welche sich am Fusse der ganzen Küste, auch
am Faraglione, in bedeutender Höhe hinziehen, auch nicht
auf vereinzelte sehr dunkle Flecke wie sie überall an den
Felsen der Insel da und dort sich finden und wie sie wohl
auch oben auf dem Faraglione angenommen werden dür-
fen, noch endlich auf Spalten und Risse und auf Schatten,
die ich zur Erklärung des Schutzes eines kleinen dunkeln
Reptils auf pflanzenarmem Boden beigezogen habe. Darauf
gehe ich alsbald näher ein. Hier wiederhole ich nur noch
ausdrücklich, dass ich niemals die Gesammt färbe der
Felsen von Capri, bezw. des Faraglione als mit derjenigen
der Lacerta coerulea identisch bezeichnet habe.
Ich darf aussprechen was ich schon in München be-
merkt habe, dass Jedermann, der mit mir an Ort und
Stelle die Verhältnisse angesehen hat, jede andere Schil-
derung als die meinige für unbegreiflich erklärte — so
u. A. Dr. Bonnet aus München, der im Jahr 1877 mit
mir auf Capri war, so auch Oskar Schmidt, der auf
Grund einer ihm von mir mündlich weiter ausgeführten
Beschreibung sich auf meine Bitte die Verhältnisse in Bezug
auf die Frage näher ansah und der auf der Münchner Ver-
sammlung meine Angaben durchaus bestätigt hat '). Wenn
sich andere Stimmen geltend machten, welche die Farbe
des Gesteins als Grau mit einer kleinen Mischung von
Gelbroth bezeichneten, so beruhen dieselben auf dem Ein-
druck, welchen die Gesammtfarbe aus einiger Entfernung
1) Man vergleiche den amtlichen Bericht der Veranimlung.
260 Th. Eimeri
gesehen besonders bei gewissen Beleuchtungen unzweifel-
haft machen kann; sie berühren meine Schlussfolgerun-
gen nicht.
Schutz dunkler Eidecliseu auf pflanzeu armem Felsboden.
In allen Fällen, in welchen seit meiner Beschreibung
der Lacerta coerulea dunkle Eidechsen auf isolirten Felsen
bekannt geworden sind, wurden diese Felsen als pflan-
ze na rm beschrieben und wahrscheinlich ist auf allen
derselben im hohen Sommer der wenige vorhandene Pflan-
zenwuchs vertrocknet, ohne Grün, so dass grüne Eidechsen
nur während ganz. kurzer Zeit des Jahres, im Frühling,
einigen Schutz durch Anpassung an Pflanzengrün und auch
dann nur an einzelnen Stellen ihres Wohnorts haben könnten,
während des grössten Theils des Jahres aber gar keinen.
Ich habe nun zum Schutz der Eidechsen auf solchem pflan-
zenarmem Felsboden die dunkler gefärbten Stellen dessel-
ben, sowie die Risse und Spalten und die auf zerklüfte-
tem Boden geworfenen Schatten beigezogen.
Meinen Erfahrungen nach dürften, wenigstens abgese-
hen von den regenlosen Gebieten der Erde, kaum irgendwo
Felsen vorkommen, auf welchen sich nicht stellenweise
— mag im Uebrigen ihre Gesammtfarbe sein welche sie
wolle — jene von mikroskopischen Flechten verursach-
ten dunkeln bis schwarzen Ueberzüge finden *)• Durch aus-
gedehnte diesbezügliche Beobachtungen habe ich mich
überzeugt, dass Felsoberflächen, welche die jungfräuliche,
etwa weisse oder hellgelbe Farbe des Materials, aus wel-
chem der Fels besteht, ungetrübt zeigen, gewöhnlich nur
da sich finden, wo jene Oberfläche kürzlich erneuert wor-
den ist. Derartiges sah ich z. B. an der Südspitze von
1) Nur in regenarmen Ländern, wenigstens im südlicheren
Egypten und in Nubien soweit ich aus eigener Erfahrung berichten
kann, fehlen diese Ueberzüge oder treten doch nur sehr spärlich auf.
Allein es erleiden auch hier die Oberflächen selbst des härtesten
Gesteins die bedeutendsten Veränderungen der Farbe durch Ver-
witterung.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 281
Calabrien beim Cap Spartimento, wo sich dem mit der
Eisenbahn Vorbeifahrenden vollkommen weisse Wände und
weisse Bergkegel zeigen, die aber aus einer weichen löss-
ähnlichen Masse zu bestehen scheinen, welche Abrutsch un-
gen oder Abschwemmungen erleidet.
Selbst dann nun, wenn jene von mikroskopi-
schen Flechten oder durch andere Ursachen her-
vorgebrachten dunkeln Stellen klein sind und
nur sehr zerstreut z.B. auf Boden vorkommen, wel-
cher im Uebri gen ganz hell ist, müssen sie ebenso
wie Spalten und Risse und Schatten unseren
dunkeln Eidechsen Schutz gewähren. Sehen wir
ganz davon ab, dass diese der Wärme wegen unter Um-
ständen gerne auf die dunkeln Stellen des Gesteins sich
setzen mögen, sie werden auf solchem Boden auch
dann, wenn sie auf den hellen Theilen desselben
sitzen, von ihren Feinden nicht sofort erkannt,
sondern für Flecke, für kleine Spalten, für
Schatten u. s. w. gehalten werden, ganz ebenso
wie z. B. Fliegen auf einer schwarzbespritzten,
übrigens hellen Wand schwer als solche erkenn-
bar sind.
Ja es scheint mir in der That auf einem kahlen, den
grössten Theil des Jahres über des Pflanzengrüns völlig
entbehrenden Felsen, abgesehen von völliger Farbenanpas-
sung einen besseren Schutz für Eidechsen nicht zu geben,
als dunkle Färbung ihres Körpers, welche die Verfolger
dadurch täuscht, dass die Reptilien von ihnen für dunkle
Flecke oder für Schatten gehalten werden. Etwa auf dem
kahlen Felsen hausende Räuber werden durch diese Ver-
hältnisse häufig, fremde, vorüberziehende stets getäuscht
werden ^).
1) Dazu kommt, dass eine dunkle Eidechse auf hellem Grunde in
Folge der Wirkung der Irradiation aus der Ferne gesehen noch klei-
ner erscheinen möchte, als sie ohnedies erschiene, was gleichfalls
zu ihrem Schutze dienen kann. Auch will ich nicht unterlassen,
hier die mir wiederholt von Hühnerzüchtern gemachte Mittheilung
anzuführen, dass schwarze Hühner von Raubvögeln weit seltener ge-
282 Th. Eimer:
Abgesehen von einzelnen dunkleren Flecken und von
Schatten, welche, wie ich hervorgehoben habe, auf helle-
rem Felsboden wohl tiberall vorkommen werden und im
Sinne der Anpassung in der besprochenen Weise wirksam
sein können, hob ich die dunkeln, schwarzen Färbungen
hervor, welche sich an felsigen Küsten überall so weit hinauf
finden, als diese vom Seewasser von Zeit zu Zeit bespült wer-
den oder so weit als sie vor Zeiten von demselben bespült
worden sind ^). Nirgends habe ich an felsigen, vom Wasser
holt werden als die meisten anderartig gefärbten. Bei B echstein
(Naturgeschichte der Hof- und Stubenvögel, V. Aufl. herausgegeben
von E. Berge. Leipz. 1870. S. 278) finde ich eine Bemerkung,
welche diese Nachricht bestätigt. Es heisst dort : „Von den schwar-
zen, rothgelben und aschfarbenen sagt man, dass sie am meisten
legten, und auf dem Lande, wo sie auf den Wiesen und in den Gär-
ten gehen, liebt man besonders die erste und letzte Art, weil
sie auch den Nachstellungen der Raubvögel weniger ausgesetzt
sind als die hellfarbigen." Es scheint mir, dass diese Thatsache
nicht leicht anders als durch eine Täuschung durch Schatten in
obigem Sinne zu erklären sei — wenn nicht durch relative An-
passuung.
1) Dies ist selbstverständlich mit relativer Begrenzung zu
nehmen : ich fand sogar auf dem höchsten Gipfel des Monte Solaro,
dem höchsten Punkte der Insel Capri, etwa 600 Meter über dem
Meere, Löcher von Bohrmuscheln im Gestein, welche zeigen, dass
dieses Gestein in verhältniss m ässig nicht sehr alten Zeiten im
Meere begraben war — die schwarze Färbung der Küste erstreckt
sich dagegen an senkrechten Flächen — wenn mich meine Erinnerung
und mein Augenmaass nicht trügt — nur vielleicht 10 bis 15 m
weit hinauf. Ich habe diese Art der Dunkelfärbung des Gesteins,
welche wohl zu unterscheiden ist von den vorhin behandelten, auf
mikroskopische Flechten zurückführenden Farbentönen, nicht näher
untersucht. In seiner Reise eines Naturforschers um die "Welt (übers,
von J. V. Gar US 1875. S. 10) erwähnt Darwin eine Stelle von der
Küste von Ascension, wo auf die zwischen den Fluthgrenzen gele-
genen Felsen eine Inkrustation durch das Meerwasser niedergeschla-
gen wird, welche Marchantien ähnlich sind. „Diejenigen Theile,
welche sich unter dem vollen Einfluss des Lichtes bilden, sind von
tiefschwarzer Färbung, diejenigen aber, welche sich unter überhän-
genden Vorsprüngen finden sind nur grau." Ich vermuthe, dass es
sich in diesen „durch das Meerwasser niedergeschlagenen Inkrusta-
tionen" um dieselbe Erscheinung handelt, welche ich oben im Auge
UntersuchiiiigcD über das Varüreu der Manercidechse. 283
l)es])iilten Küsten diese Färbungen vermisst. Es ist die Frage
wohl kaum von der Hand zu weisen, ob nicht diese oder
andere Dunkelfärbung eines Tbeils eines pfianzenarmen
im Meere isolirten Felsens der Ausbildung einer dunkeln
Rasse der an und für sich gerne nach Blau und Schwarz
variirenden Eidechsen förderlich sein könne — um so
mehr als jener Schutz durch ausserdem vorhandene dunkle
Flecke und Schatten noch verstärkt werden wird.
Nehmen wir an, dass dieser dunkle Theil des Fel-
sens sei es der Ernährung oder der Entwicklung oder
sonstwie dem Fortkommen unserer Thiere günstige Ver-
hältnisse darböte, so würde sogar dann die Ermöglichung
der Erhaltung einer dunkeln Rasse gegeben sein, wenn
die Thiere auf den hellen Bezirken des Felsens wegen
Mangels der Anpassung decimirt würden — eine Annahme,
welche aber nach Obigem kaum statthaft sein dürfte. Ich
werde im nächsten Abschnitte diese Frage noch näher
zu berühren haben; hier möchte ich nur noch auf eine
selbstverständliche Folgerung hinweisen, die sich aus Vor-
stehendem ergibt.
Wenn Herr Gi gl ioli mit Recht berichten kann, dass
die schwarzen Eidechsen auf dem Filfolafelsen bei Malta
habe, muss aber die Frage offen lassen, ob nicht hier gleichfalls
mikroskopische Flechten im Spiele sind. — Die Syenitblöcke der Nil-
katarakte sind, weil sie einmal — wenngleich vor Jahrtausenden —
längere Zeit hindurch von Wasser überspült wurden, wie von einem
schwarzen Firniss überzogen. In den Katarakten des Orinoko und
Congo soll sich dieselbe Erscheinung finden und Darwin erwähnt
sie auch von Bahia, an einer Stelle, wo ein kleiner Bach sich ins
Meer ergiesst (ebenda S. 14). In den Katarakten ist die Oberfläche
des Gesteins glatt, „wie mit Reissblei polirt." Die Ursache der
Färbung ist hier, wie Darwin anführt, nach einer Analyse von
Berzelius Mangan und Eisenoxyd. — Es sind somit jedenfalls
verschiedenartige Ursachen , welche die manchfaltigen Dunkelfär-
bungen des Gesteins bedingen. — Auch an den Ufern des oberen
Nil, soweit sie aus Eocenfelsen bestehen, sah ich vom Schiffe aus
stellenweise, oft weit hinauf reichend, jene dunkeln Färbungen, wie
sie, augenscheinlich vom Einfluss des Wassers herrührend, an den
Meeresküsten vorkommen.
284 Th. Eimer:
von dem hellen Untergrund des Gesteins scharf sich ab-
hebend herumlaufen, so fällt das Gewicht, welches er die-
ser Thatsache gegen die Annahme einer Anpassung bei-
legen will auf Null, sobald, wie ich das aus eigener An-
schauung zu thun vermag, berichtet wird, dass ein sehr
grosser Theil der Oberfläche des Filfolafelsens vollkommen
russschwarz ist, obschon der Fels aus gelblichweissem
Kalkstein besteht. Nachdem aber diese, wie noch näher
gezeigt werden soll, in hohem Grade in die Augen sprin-
gende Thatsache von Herrn Giglioli nicht hervorgeho-
ben, sondern von ihm nur auf die helle Farbe des Gesteins
aufmerksam gemacht worden ist, so wird man mir es —
in Anbetracht entsprechender Urtheile von ihm und Ande-
ren über die Farben der Insel Capri — kaum verargen
können, wenn ich vorläufig auch weitere der Anpassung
widersprechende Nachrichten über die Farben an Felsen,
die von dunkeln Eidechsen bewohnt sind, durchaus nicht
für beweiskräftig und entscheidend halten kann. Auf einen
solchen weiteren Fall widersprechender Nachricht komme
ich nun zu reden.
Lacerta Lilfordi.
Es berichtet Herr Braun von der dunkeln Lacerta
Lilfordi, welche auf der kleinen Felseninsel Ayre, nahe bei
Menorca, lebt, dass sie sich von dem weissgelben Gesteine
der Insel in der Farbe so stark als möglich abhebe und
er verwerthet sie daher in obigem Sinne gegen die An-
passungstheorie. Da dieser Fall in einer besonderen Schrift
ausführlich abgehandelt worden ist, so will ich denselben
einer eingehenderen Untersuchung unterziehen, soweit mir
eine solche auf Grund des Inhalts der Schrift ohne eigene
Kenntniss der in Frage kommenden 0 ertlichkeiten mög-
lich ist.
Dabei gehe ich nicht von der Farbenfrage aus, für
deren Berührung sich späterhin hinreichend Gelegenheit
darbieten wird, sondern von einer Seite des Inhalts der
Abhandlung, deren Beleuchtung wohl am besten von vorn-
Untersuchungen über das Variiron der Mauereidechse. 285
herein die stärksten Zweifel an der Berechtigung der Schluss-
folgerungen ihres Autors zu erwecken vermag.
Es geht nämlich aus der Schilderung Braun's her-
vor, dass nach seiner eigenen Ansicht die Existenz der
dunkeln Eidechsen an den Oertlichkeiten wo sie von ihm
beobachtet worden sind, eine künstliche ist und wenn
man diese Schilderung liest, so muss man sich darüber
wundern, dass der Verfasser nicht selbst die Einwände
herausgefunden hat, welche dieselbe gegen seine eigenen
Schlüsse an die Hand gibt. Ich werde die Erzählung
Brauns im Folgenden wörtlich, mit Auslassung von Un-
wesentlichem, wiederholen. ^
1) Ich copire auch die Interpunktion des Oricrinals. Obschon
dies wegen der Fehlerhaftigkeit derselben ein mühevolles Geschäft
ist, so war ich, falls ich wörtlich sein wollte, doch genöthigt, mich
dieser Mühe zu unterziehen, weil ich mit der Interpunktion auch
die ganze, ihr entsprechende Satzbildung hätte ändern müssen. —
Ich bin kein Freund davon. Andere öffentlich zurechtzuweisen.
Allein da Herr Braun dies mir gegenüber wiederholt in spitzfin-
digster Weise thun zu müssen glaubt, so halte ich es für passend,
den kritischen Geist, mit welchem er seine literarische Laufbahn
zu eröffnen für gut fand, auf das ihm zunächst liegende recht loh-
nende Gebiet aufmerksam zu machen. — Was die Art seiner
Kritik angeht, so mag zur Charakteristik derselben Folgendes be-
merkt sein: es wird von ihm getadelt, dass ich die quadratische
Form der rechteckigen gegenüberstelle, während doch ein Quadrat
auch ein Rechteck sei! Ferner wird meine Bezeichnung der Rücken-
schüppchen der Lacerta coerulea als „Körner" getadelt, weil „Kör-
ner doch rund seien", was bei jenen Schüppchen nicht der Fall.
Mir ist die Definition eines Korns als eines runden Körperchens
ganz neu: ich habe bisher wenigstens keinen Anstand genommen,
Pulver- oder Sandkörner als solche zu bezeichnen, auch auf die Ge-
fahr hin, dass sie nicht rund wären; auch hat Herr Braun wohl
gleich mir seiner Zeit in der Schule gelernt, dass allerdings ein
Quadrat auch ein Rechteck ist, dass man aber unter Quadrat überall
ein Rechteck mit vier gleichlangen Seiten versteht, im Gegensatze
zum Rechteck im engeren Sinne, welches zwei längere und zwei
kürzere Seiten hat. — Dagegen ergreife ich die Gelegenheit, einen
Fehler zu corrigiren, welcher im Holzschnitt auf S. 13 meiner Ab-
handlung über Lacerta coerulea mit unterlaufen ist und welchen
Herr Braun gleichfalls kritisch behandelt: es heisst im Text, dagg
286 Th. Eimer:
Unser Autor erzählt: „Die grösste Zahl der Thiere
fand sich in der nächsten Nähe der Hütte des Eingangs
erwähnten Salzdarstellers. Die Eidechsen huschten auf dem
Boden herum oder lagen, sich sonnend^ auf den spärlichen
Pflanzen; an die Hütte schliesst sich eine kurze Mauer
an, auch diese war sehr stark von den Thieren besucht;
so wie man ruhig an derselben stand, kamen zu allen
Ritzen dis schwarzen Köpfe zum Vorschein. . . . Ziemlich
so weit die Pflanzen reichen, sahen wir auch die Eidech-
sen, je weiter von der Salzhütte fort, desto seltener
selbst der Hund des Salzfabrikanten scheint mit ihnen
gute Freundschaft geschlossen zu haben, wie wir bei un-
serer Mahlzeit in der Salzhütte, die uns von dem Besitzer
mit spanischer Zuvorkommenheit zur Verfügung gestellt
worden war, bemerkten. Dieser hatte uns nämlich er-
zählt, dass die Eidechsen frische Feigen, Melonen und
andere, weniger süsse Früchte oder Rüben geniessen; wäh-
rend wir bei Tisch sassen, kamen die Eidechsen durch
die offene Thür zu uns herein, holten sich klein geschnit-
tene Stücke von Feigen, Melonen und einzelne Beeren von
Trauben, die sie entweder vor unseren Augen, unbekümmert
um den Hund, verzehrten, nicht nur daran leckten, oder mit
denen sie davonliefen ; wir sahen sie noch lange mit Frucht-
stückchen im Munde herumlaufen; diese Scene wiederholt
sich täglich mehrere Male, wenn eben gegessen wird resp.
die Abfälle der zum grössten Theil aus Früchten bestehen-
den Mahlzeiten der armen Leute fortgeworfen werden. Ich
glaube, dass diese fast regelmässige Fütterung namentlich
während der heissen, regenlosen Sommermonate einige Be-
deutung für die Existenz unserer Eidechsen hat ; die Isla del
Ayre besitzt keine Quellen, keinen Bach, Monate lang fällt
kein Tropfen Regen und was den Thau anbelangt, so dürfte
derselbe im Sommer gleich Null sein, im Oktober ist er aller-
die Oberschildchen der Lacerta coerulea rechteckig nicht quadra-
tisch zu nenneu seien. Im Holzschnitt sind dieselben nun aber ziem-
lich quadratisch gezeichnet — es lag somit der Zeichnerin eine La-
certa coerulea vor, deren Oberschildchen nicht rechteckig, sondern
quadratisch waren! Diesen Zufall bitte ich zu verzeihen.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 287
dings sehr reichlich; Jeder, der Eidechsen im Käfi^' gehalten
hat, weiss, wie oft und wie gern diese Thiere Wasser trinken;
bei massiger Temperatur trinken sie alle Tage mindestens
einmal, meist öfter; die Lac. Lilfordi müsste viel Durst
leiden, ein grosser Theil derselben ihm erliegen, wenn sie
nicht den Saft süsser Früchte lecken könnten, die ihnen
ausser der Erquickung noch Nahrungsstoife zuführen. Wir
haben, trotzdem wir gründlich suchten, ausser einer Amei-
senart und der Helix setubalensis nichts (im August) ge-
funden, das unseren Eidechsen etwa zur Nahrung dienen
könnte; nun ist freilich, wie wir aus dem Catalogo ....
de la Isla Menorka . . . eines Geistlichen wissen, der Au-
gust mit der ungünstigste Monat für Käfer und so dürfte
auch auf der Isla del Ayre zu anderer Jahres-
zeit die Ausbeute eine grössere sein, mithin Nahrungs-
mangel im Herbst, Winter und Frühjahr für unsere Ei-
dechsen kaum eintreten; anders verhält sich dies im Som-
mer, wo nach unserer Erfahrung das Leben der niederen,
hier in Betracht kommenden Thiere £ast völlig erloschen
ist und die Lacerta Lilfordi wohl nur allein auf das an-
gewiesen ist, was ihr von der Hand des gutmüthigen Ein-
siedlers auf Ayre zufällt; dieselbe Zeit ist es auch, in der
vorzüglich die Früchte genossen werden. In der Nähe
des völlig von Mauern abgeschlossenen Leuchtthurms auf
Ayre haben wir keine Eidechsen bemerkt, aber auch keine
Abfallstoffe, welche die Thiere hingezogen hätten, der Be-
wohner derselben scheint kein Thierfreund zu sein.^
Also eine förmliche Fütterung von Eidech-
sen an einer Oertlichkeit, an welcher sie ohne
thierfreundliche Menschheit nicht leben könn-
ten! Wie kann die Thatsache, dass die Thiere an dieser
Oertlichkeit in der Farbe vom Boden abstechen ohne Wei-
teres, ohne irgendwelche Kritik als Beweis gegen die An-
passungstheorie verwerthet werden!
Wenn die Eidechsen in grösserer Anzahl zu dem
Thierfreunde nur kommen, um sich füttern zu lassen, wenn
ausdrücklich bemerkt wird, dass sie an einem anderen
Orte, an welchem nicht gefüttert wurde, fehlten — ist
dann nicht anzunehmen, dass sie ohne Fütterung sich auch
288 Th. Eimer:
bei dem Salzfabrikanten bald nicht mehr einfinden würden,
wenigstens nicht im Monat August, wo Alles ausgedörrt
ist, wo die Pflanzen keinen Schutz gewähren und wo alle
Nahrung an Kleingethier fehlt?
Drängt sich denn nicht die weitere Frage auf, ob die
Eidechsen sich ohne die künstliche Fütterung nicht etwa
in der heissen Jahreszeit in der Nähe des Meeresstran-
des aufhalten würden, wo in den Löchern des zerklüfteten
Gesteins sich gewöhnlich lange Zeit oder immer Süsswas-
serlachen vom Regen erhalten, wo jedenfalls Nahrung auf
den nur zeitweise vom Meere bespülten, aber gewöhn-
lich etwas feuchten Felsen das ganze Jahr hindurch sich
in Fülle findet — sollten diese Felsen nicht wie an ande-
ren Orten so auch bei Ayre dunkelgefärbt sein und wäre
es nicht zu überlegen, ob nicht diese Farbe im Zusammen-
halt mit den angedeuteten Verhältnissen und mit der den
Mauereidechsen, nach meiner Ansicht, inhärenten Eigen-
schaft, nach Dunkel zu variiren, die Entstehung einer
dunkelgefärbten Varietät begünstigte — ohne dass dess-
halb die Individuen dieser Varietät sich davon abhalten
Hessen, auf die weissen Steine des übrigen Theils der
Insel zu laufen — wenn sie dort gefüttert werden? Es
darf wohl angenommen werden, dass die Thierchen den
weissen, ausgedörrten Boden der Insel, wenn sie auf dem-
selben mit Süssigkeiten gefüttert werden, aufsuchen, selbst
wenn das Betreten desselben zuweilen zu ihrem Schaden
gereicht und ferner wird mit Sicherheit angenommen
werden dürfen, dass sie die Gebiete überhaupt nicht zum
gewöhnlichen Wohnplatz auswählen werden, an welchen
sie während eines grossen Theils des Jahres weder Trank
noch Speise finden. Setzen wir doch einmal den Fall, es
würden — und wir befinden uns darin ja ganz in Ueberein-
stimmung mit Herrn Braun — die Eidechsen sich ohne
die ausnahmsweise thierfreundliche Hülfe nicht auf dem
ausgetrockneten inneren Theile von Ayre halten können;
nehmen wir weiter an, sie fänden zu dieser Zeit nur eben
auf dunkelgefärbten feuchten, nahe dem Meere gelegenen
Gebieten Nahrung und Schutz, würde dadurch nicht schon
allein die Entstehung einer dunkeln Varietät motivirt und
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 289
würde es auffallend sein, wenn Individuen dieser Varietät
sich nun in denjenigen Zeiten des Jahres, in welchen sie
noch auf dem weissen Theil der Insel Nahrung finden
können, in welchen dort allerdings auch Pflanzen einigen
Schutz gewähren werden, sich eben auf diesen weissen
Boden begeben? Wer wird ihnen dies verwehren? Selbst
die stärkste Verfolgung vorausgesetzt, wird diese dunkle
Rasse nie ausgerottet werden können — die auch jetzt
auf dem schwarzen Boden lebenden Individuen werden
tiberleben oder einige der auf den weissen Boden überge-
tretenen werden überleben und werden im Sommer auf die
dunkeln Steine zu ihren dort verbliebenen Genossen zurück-
kehren können. Der dunkle Boden muss der Rasse den Stem-
pel aufdrücken — nur eine dunkle Rasse kann die schlimmste
Zeit des Jahres überleben; ihre Existenzbedingungen sind,
sofern wir irgend Verfolgung annehmen dürfen, Alles in
Allem genommen, viel günstiger als die einer weissen.
Fehlt aber alle und jede Verfolgung, so ist die von mir
auf Grund von Thatsachen angenommene Neigung unserer
Thiere nach Dunkel zu variiren der wichtigste Faktor
für ihre Umbildung — es könnte eine dunkle Rasse in
diesem Falle sogar auf durchaus weissem Boden ent-
stehen.
Solcher Gedankengang, solche Schlussfolgerung liegt
wohl auf Grund schon des bis jetzt gegebenen Materials
nahe genug.
Ich muss zu diesem Material zunächst noch ein Mo-
ment hinzufügen: es ist in hohem Grade auffallend, dass
z. B. die Faraglione- (und ebenso ist es mit der Filfola-)
Eidechse, ausserordentlich gross, kräftig, viel grösser
und kräftiger ist, als die Stammform auf der benachbar-
ten Insel.
Ernähren sich die Thiere so hervorragend gut oder
ist ihre Grösse und ihr üppiger Ernährungszustand auf
Auslese der Schwächeren auf dem kleinen Concurrenzge-
biete zurückzuführen? In meiner Abhandlung über Lacerta
coerulea habe ich die zweite dieser Auffassungen vertreten
und allein berührt. Allein es muss auf Grund inzwischen
bekannt gewordener Thatsachen auch die erstere in Betracht
290 Th. Eimer;
gezogen werden. Nun steht die Armuth an Kleingethier auf
den von den Eidechsen bewohnten Felsen in eigenthtimlichem
Gegensatze zu dem guten Ernährungszustand dieser letz-
teren. Von Ayre erzählt Herr Braun wenigstens für den
August von sehr spärlicher Kleinthierwelt. Nach meinen
Erfahrungen ist es nicht viel besser auf dem Filfolafelsen
und auf dem Faraglione. Schon aus diesen Gründen drängt
sich die Frage auf, ob nicht unsere Eidechsen in der That
auf Ernährung durch am Meeresrande lebende Thiere, be-
sonders auch auf kleine dort sich aufhaltende Krebse, wie
Ligien, Orchestien u. s. w. angewiesen seien, ferner auf die
Mücken u. dgl., welche sich dort in Süsswasserlöchern ent-
wickeln, sowie auf allerlei anderes, Feuchtigkeit liebendes
Kleingethier. Gerade die unerschöpfliche Masse von Stoff,
welche das Meer liefert, würde jene üppige Körperfülle
erklären, jene vermuthete Concurrenzlosigkeit bei der Er-
nährung zur Thatsache erheben — ohne entsprechende
Annahme dagegen scheint mir selbst eine höchst magere
Existenz für Eidechsen auf so kargen, im Sommer ausge-
dörrten, stets vegetationsarmen Felsen fast nicht denkbar
und übereinstimmend haben sich überall, wo dunkle kräf-
tige Eidechsen sich fanden, eben magere im Meere isolirte
Felsen mit Ve getationsarmuth als Wohnort ergeben.
Der Gedanke, es möchten sich die Eidechsen an solchen
Wohnorten, welche die von ihnen sonst vorgezogene Nahrung
nicht liefern, an andere wie sie die Küste darbietet, ge-
wöhnt haben, lässt sich sicher nicht von der Hand weisen,
und ich bin gerade durch die Angaben Braun 's über die
Armuth auf Ayre, sowie durch die Thatsache, dass trotz
dieser Nahrungsarmuth der Ernährungszustand derselben
auch dort ein guter ist, auf dessen Erwägung geführt wor-
den -).
Kehren wir nun speciell zu diesen Eidechsen von Ayre
zurück.
Um die Färbung derselben in meinem Sinne zu er-
klären, wäre vorauszusetzen entweder, dass sie dort kei-
1) Uebrigens sind Ameisen eine Hauptnahrung der Mauer-
eidcohsen.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 291
nerlei Verfolgung erleiden — in diesem Falle brauclitc
dunkler l^odeu nicht vorbanden zu sein, eine Anpassung
wäre unnötliig — oder dass sie verfolgt werden. Das
letztere erscheint von vorn herein nach irdischen Verhält-
nissen als das bei weitem Wahrscheinlichere. Für diesen
Fall müssten irgendwo auf der Insel an Oertlichkeiten,
welche dem Fortkommen der Eidechsen besonders gün-
stige Hülfsmittel darbieten, dunkle Färbungen des Bo-
dens oder Spalten und Risse und Schatten sich finden,
welche die Entstehung dunkler Thiere begünstigen — es
sei denn, dass die dunkle Farbe der Eidechsen Trutz-
farbe wäre, d. h. dass sie in jene Kategorie von Aus-
zeichnungen gehörte, welche die Feinde auf ihren Träger
als ungeuiessbar oder als gefährlich aufmerksam machen.
Sehen wir, für welche von diesen Möglichkeiten die
Verhältnisse in Ayre, soweit wir dieselben nach der Schil-
derung des Herrn Braun beurtheilen können, am meisten
Anhaltspunkte bieten dürften.
Eine Thatsache, die nach den Schlussfolgerungen un-
seres Autors am wenigsten erwartet wird, ist aus dieser
Schilderung zunächst hervorzuheben, die nämlich, dass nicht
der ganze Boden auf Ayre weissgelb ist, sondern dass
dunkle, graue, blaugraue, schwarze Gebiete dort vorkom-
men. Auf S. 2 erzählt Herr Braun: „An den Küsten, na-
mentlich auf der Ost-, Süd- und Westsc'te, dicht am
Meere wird die Farbe des hier jeglicher Erdschicht ent-
behrenden und von zahllosen tiefen Rissen durchfurchten
Gesteins eine graue, die, soweit die Brandung reicht, mehr
dunkel erscheint."
Die ^zahlreichen tiefen Risse" welche das graue Ge-
stein durchfurchen, empfehlen sich nebenbei auch einiger
Berücksichtigung — vielleicht auch als Wasserbehälter.
Auf S. 22 heisst es: „Wenn unsere Eidechsen Verfolger
hätten, so könnte eine schwarze Rasse nicht mehr beste-
hen, sie wäre längst ausgerottet oder sie hätte eine andere
Lebensweise, die sie dem ihnen verderblich werdenden
Tageslicht entzieht, anfangen müssen oder endlich, sie
hätte nach den Stellen der Insel tibersiedeln müssen,
welche ihr vermöge ihrer Farbe eben einen Schutz bieten
292 Th. Eimerf
konnten; ich erwähnte bereits Eingangs, dass die Isla del
Ayre da, wo das Meer und die Brandung hinzukam, aus
einem mehr oder weniger dunklen, blaugrauen Kalkstein
besteht, der stark zerklüftet ist; diese Theile entbehren
jeglicher Erdschicht, jeglicher Vegetation, auf ihnen oder
in ihrer Nähe haben wir auch nicht eine Eidechse gese-
hen, es meiden also unsere Thiere gerade diejenigen Stel-
len, die ihnen den besten Schutz bieten könnten, wenn sie
einen solchen bedürfen.
Wenn man liest, wie Herr Braun auf einer anderen
Seite ausführlich schildert, wie die Eidechsen um das Salz-
haus herum künstlich gefüttert werden, wie sie ohnedies
auf der Insel (ist einzuschränken: fern vom Meere!) keine
Nahrung fänden, wie sie je weiter vom Salzhaus weg um
so seltener werden, wie sie in der Nähe des Leuchtthurms
nicht bemerkt wurden — weil dessen Bewohner kein
Thierfreund ist, so muss man wahrlich über die Logik
staunen, welche jetzt von den Thierchen verlangt, dass sie
auf den dunkeln Boden am Meere sich zurückziehen sollen,
obschon sie um das Salzhaus herum mit süssen Früchten
gefüttert werden und welche mit Nachdruck den Schluss
zieht, dass die Eidechsen auf der gansen Insel keine
Feinde hätten, dass sie auch von Thieren, von räuberi-
schen Vögeln, nicht verfolgt werden, weil sie von dem
weissen Boden auf dem Theil der Insel, wo sie künslich
gefüttert werden, wo sie aber ohnedies nichts zu suchen
hätten, lebhaft abstechen! ^Gerade weil die schwarzen
Eidechsen so zahlreich auf der Insel sind und weil die
letztere ihnen keinen Schutz gewährt, kann von einer
Verfolgung derselben nicht die Rede sein; ich glaube, sie
erfreuen sich eines unbehelligten Daseins auf der stillen
Insel/^ 0 »Auch nicht den mindesten Schutz haben diese
sonneliebenden Thiere bei der hellen Bodenbeschaffen-
heit durch ihre Farbe, im Gegentheil, die letztere macht
sie auffallen." ^)
Diese Worte drängen wohl Jedermann die in Vor-
1) S. 23.
2) S.22.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 293
stehendem schon berührte Frage förmlich auf, ob die
dunkle Färbung nicht als Trutzfarbe aufzufassen sei —
zwar bin ich selbst nichts weniger als dieser Ansicht, aber
jedenfalls sollte diese Frage von Herrn Braun gestellt und
der Versuch einer Beantwortung gemacht worden sein,
anstatt dass er einfach die Thatsache des Auffallens der
Thiere durch die Farbe als einen Beweis dafür hinstellte,
dass sie keine Feinde haben.
Auch bei Bejahung dieser Frage wäre meine An-
nahme einer den Mauereidechsen inhärirenden Neigung
nach Schwarz zu variiren zu verwerthen — eine Annahme
welcher überhaupt von Herrn Braun gar nicht gedacht
wird, obschon sie gerade für seine Ansicht, nach welcher
die Eidechsen von Ayre keine Feinde haben, von hervor-
ragendster Bedeutung ist.
Aber bevor er zur Behauptung des Fehlens irgend-
welcher Verfolgung schritt, hätte unser Autor sich doch
jedenfalls die andere Frage aufwerfen müssen, ob nicht in
dem oben von mir geschilderten Sinne das dunkle, zerklüftete
Gestein am Meere wenigstens zu irgend einer Zeit für die
Ernährung der Thiere, für die Erhaltung überhaupt, sei es
des Individuums oder der Art, letzteres etwa durch Begün-
stigung oder gar durch Ermöglichung der Entwicklung
von Bedeutung sei? Es scheint mir, dass er sich diese
Frage an Ort und Stelle um so mehr aufwerfen musste,
als er selbst die Existenz der Eidechsen um das Salzhaus
auf dem hellen Boden als eine künstliche erkannte.
Und weiter war, bevor zu jenem Schlüsse übergegan-
gen werden durfte, zu fragen, ob nicht selbst auf dem
hellen Boden Verhältnisse sich finden, welche die Erken-
nung einer schwarzen Eidechse für ihre Feinde erschwe-
ren. Herr Braun hat unzweifelhaft Recht, wenn er tief-
sinnig bemerkt: „für das dunkle Versteck in Mauerritzen,
unter Steinen, im Gebüsche kommt die Farbe gar nicht
in Betracht ; dort sind helle wie dunkle Thiere gleich ge-
schützt." Allein vielleicht wäre doch Veranlassung dazu
gewesen, hervorzuheben, was ich für den Schutz durch
dunkle Farbe geltend gemacht habe, dass irgendwelche
Ritze, irgendwelcher Spalt oder Schatten durch eine dun-
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 20
294 Th. Eimer:
kelgefärbte Eidechse vorgetäuscht werden kann, befinde
er sich auf hellem oder auf massig dunkelm Boden —
mehr noch in ersterem Falle als in letzterem. Ferner ist
zu fragen, ob nicht auch auf dem hellen Theil des Bo-
dens von Ayre dunkle Flecke sich finden, welche in der
früher ausgeführten Weise eine dunkle Eidechse schützen
können.
Da ich, wie Eingangs bemerkt, die Oertlichkeiten, um
welche es sich handelt, nicht kenne, so weiss ich nicht,
wie weit meine hiemit gemachten Einwendungen thatsäch-
lich berechtigt und für die Lösung der Frage entschei-
dend sind. Nach meinen ausführlich mitgetheilten Erfah-
rungen über das allgemeine Vorkommen dunkler Färbun-
gen an hellem Gestein muss ich jedoch bis auf Weiteres
annehmen, dass die Verhältnisse auf Ayre in dieser Be-
ziehung keine Ausnahme darbieten und ich darf wohl je-
denfalls diese Verhältnisse einer neuen Prüfung auf Grund
meiner Hinweise vorbehalten, bevor ich die Berechtigung
dazu zugestehen kann, dass dieser oder irgend ein an-
derer Fall des Vorkommens einer dunkeln Eidechse auf
„weissem Gestein" gegen die Anpassungstheorie verwer-
thet werde.
Als ich die Eidechse vom Faraglione beschrieb, bot sie
den ersten Fall der vorliegenden Frage dar. Wenn nach-
träglich Beobachtungen gemacht würden von anderen Oert-
lichkeiten her, welche meine Schlussfolgerungen umstos-
sen oder welche dieselben wenigstens nicht als allgemein
gültige erkennen lassen sollten, so könnte ich dadurch in
keiner Weise unangenehm berührt werden; es würden solche
Fälle nur der Entwicklung aus constitutionellen Ursachen,
welcher ich von vornherein eine maassgebende Stelle zuge-
schrieben habe, erhöhte Bedeutung für die Frage geben
müssen und es würde somit durch solche Fälle der Gegen-
stand durchaus nicht aus dem Bereich meiner Versuche
der Erklärung fallen, welche sicherlich nichts weniger als
einseitig und eng begrenzt sind, sondern welche vielmehr
den verschiedensten Wirkungen ein Recht einräumen.
Ich ergreife desshalb die Gelegenheit, diese That-
sache besonders zu betonen, weil sie in den gegnerischen
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 295
Behandlimgen des Gegenstandes durebaus übersehen wor-
den ist.
Wenn icb aber im Vorstehenden mit Nachdruck die
einer Anpassung dunkler Eidechsen günstigen Momente her-
vorgehoben habe und wenn ich für jeden einzelnen Fall,
in welchem Anpassung auf den ersten Blick nicht vorhan-
den zu sein scheint, auf Grund der Berücksichtigung jener
Momente die sorgfältigste Prüfung für nöthig halte, so
mag sich dies erklären aus den ausserordentlich schönen
und lautredenden Zeugnissen für die Anpassungsfähigkeit
unserer Reptilien, welche ich im dritten Abschnitte dieser
Abhandlung werde vorzuführen haben.
Eidechsen and Möven.
In meiner Abhandlung über Lacerta coerulea hatte
ich den auf dem Faraglione-Felsen hausenden Möven einen
Einfluss bei der Auslese der Eidechsen zugeschrieben.
Wer Möven in der Gefangenschaft beobachtet hat, der
weiss, dass diese gefrässigen Vögel in Beziehung auf Nah-
rung wohl zu den am wenigsten wählerischen ihrer Klasse
gehören. Naumann sagt von ihnen: „Sie nähren sich
von so vielerlei, doch meistens animalischen Stoffen, dass
man sie fast unter die Allesfresser zählen möchte und die
kleinen Arten füglich die Krähen oder Raben, die grossen
die Geier und Aasvögel der Gewässer vorstellen" ^). Fress-
gier ist eine ihrer hervorstechendsten Eigenschaften. „Fische
und Kerbthiere bilden ihre Nahrung; die grösseren Arten
verzehren jedoch auch kleinere Säugethiere und Vögel oder
Lurche, die schwächeren Arten verschiedene Würmer und
ebenso mancherlei kleinere Seethiere^', sagt Brehm ^). Da
mir ausserdem Beobachter, entsprechend obigen Nachrich-
ten versicherten, dass die Möven geradezu alles Geniess-
bare verschlängen, ja unter Umständen selbst Ungeniess-
1) Naumann, Naturgeschichte der Vögel Deutschlands Bd. X.
1840. S. 235.
2) Brehm, Thierleben, VI. Bd. 1879. S.521.
296 Th. Eimer:
bares, so glaubte ich voraussetzen zu dürfen, dass sie auch
Keptilien nicht verschmähen werden und ich betrachtete
sie demgemäss als Feinde der Eidechsen. Dem gegen-
tiber wurde, wiederum ohne jeden Versuch der Beweis-
führung, die Behauptung aufgestellt, dass die Möven keine
Eidechsen fressen und Herr Dr. Braun beeilte sich, dieser
Behauptung zuzustimmen und für seine Ansicht, nach wel-
cher die Eidechsen auf Ayre ein paradiesisches Dasein
ohne Feinde, ohne Verfolger führen würden, zu verwer-
then. Jeder, der sich irgend mit bezüglichen Dingen be-
schäftigt hat, weiss nun aber, dass die Fragen nach der
Ernährungsweise vieler, selbst gewöhnlicher Vögel durch-
aus nicht erschöpfend gelöst sind, ja, dass gerade hier
ein sehr reiches Feld der Beobachtung noch offen steht,
so dass absprechende, ohne jede Beweisführung oder eigene
Erfahrung gefällte Urtheile auf diesem Gebiete weniger
als irgendwo gerechtfertigt erscheinen.
Die Frage speciell, ob die Möven Eidechsen fressen,
ist an und für sich für meine Auffassung von keiner gros-
sen Bedeutung, denn es gibt auf Capri, abgesehen von
den Möven, noch andere räuberische Vögel, wie z. B. den
Thurmfalken und denWaldkautz (Strix aluco), welche als
Feinde der Eidechsen anerkannt sind ^). Da diese Frage
nun aber einmal aufgeworfen worden ist, so entschloss
ich mich, der Vollständigkeit wegen den Beweis für die
Gegenstandslosigkeit der gegnerischen Behauptungen auch
in diesem nebensächlichen Falle zu liefern.
Ich bat daher den Direktor des zoologischen Gartens
zu Frankfurt a. M., Herrn Dr. Max Schmidt, Versuche
der Fütterung von in diesem Garten befindlichen Möven
mit Eidechsen, welche ich ihm zu diesem Zwecke zu-
schickte (Lacerta muralis und Lacerta viridis), zu machen
und ich bin verpflichtet, diesem Herrn hiermit meinen be-
sten Dank für die Bereitwilligkeit auszusprechen, mit wel-
cher derselbe meiner Bitte nachgekommen, für die Sorg-
samkeit, mit welcher er die Versuche ausgeführt und mit
welcher er mir über deren Ergebniss berichtet hat. Ich
1) Vergl. Naumann, Bd.!. 1822. S. 319 u. 479.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 2 97
gebe im Folgenden den Bericht vollständig wieder, welchen
mir Herr Dr. M. Schmidt unterm 27. Okt. 1880 zu erstatten
die Güte hatte :
„Ihrem Wunsche gemäss habe ich mit den Eidechsen,
welche mir auf Ihre gefi. Veranlassung zugesendet worden
sind — es waren acht Stück — Versuche angestellt, ob
diese Thiere von den Möven gefressen werden und ver-
fehle nicht, Ihnen in Nachstehendem das Ergebniss der-
selben mitzutheilen.
Sogleich nach Eintreffen der Eidechsen habe ich eine
derselben, die zwar noch lebte aber etwas matt geworden
war, einigen grauen Möven (Larus canus) und einer Lach-
möve (L. ridibundus), welche zusammen eine Voliere be-
wohnen, vorgeworfen. Sämmtliche Möven kamen rasch
herbeigelaufen, aber im Momente des Zugreifens prallten
alle L. canus zurück, sichtlich befremdet von dem unge-
wohnten Anblick. L. ridibundus war dagegen eifriger,
fasste die Beute blitzschell, warf sie aber ebenso rasch
wieder weg, als ob sie von einem plötzlichen Widerwillen
erfasst worden wäre. Nun stellten sich die Möven um
die Eidechse herum und betrachteten sie mit der grössten
Aufmerksamkeit, indess diese langsam wegzukriechen ver*
suchte. Nach einigen Augenblicken nahm eine L. canus
das Thier in den Schnabel und begann dasselbe vom Kopf
bis zum Schwänze leicht zu drücken und zu kneten, Hess
es aber, nachdem dies mehrmals geschehen war, wieder
fallen.
Das ganze Verhalten der Thiere zeigte mir an, dass
nicht eine wirkliche Abneigung gegen die Eidechsen sie
verhinderte diese zu verzehren, sondern dass lediglich das
ungewohnte Nahrungsmittel von ihnen beanstandet werde.
Um mich in dieser Beziehung zu vergewissern, Hess ich
eine graue Möve in eine besondere Abtheilung bringen und
ihr unter ihr gewöhnliches, aus klein geschnittenem Pferde-
fleisch bestehendes Futter eine in Stücke geschnittene Ei-
dechse vorsetzen. Sie verzehrte von Beidem gleichmässig,
Hess aber doch schliesslich ein paar Stücke der Eidechse
übrig, indess sie das Fleisch aufgefressen hatte.* Wenige
Stunden später hatte sie jedoch auch die Reste der Eidechse
298 Th. Eimer:
verspeist, ohne dass angenommen werden dürfte, dass in-
zwischen eingetretener aussergewöhnlicher Hunger sie ge-
nöthigt habe, eine ihr widerliche Nahrung aufzunehmen.
In zweiter Linie wurde eine etwas matte Eidechse
einer Mantelmöve (Larus marinus) und zwei Silbermöven
(Larus argentatus) vorgeworfen. Auch diese Vögel kamen
eifrig herbeigelaufen, stutzten aber vor der fremdartigen
Erscheinung, die sie sich genau betrachteten. L. marinus
fasste zuerst den Muth, das Thier aufzunehmen, quetschte
dasselbe im Schnabel hin und her und schleppte es dann
lang herum. Schliesslich Hess es jedoch seine Beute fallen
und beachtete dieselbe nicht weiter.
Da ich diese Thiere nicht einfangen und von einan-
ander gesondert beobachten konnte, musste ich einen ande-
ren Weg wählen, um zu ergründen ob sie sich überhaupt
herbeilassen würden Eidechsen zu fressen. Ich liess nun
solche, die vorher getödtet worden waren, bei der regel-
mässigen Fütterung aus demselben Gefäss mit dem ande-
ren Futter (todte Fische und Fleischstücke) den Möven
vorwerfen und nun wurden dieselben von Larus marinus
unbeanstandet verzehrt. Nachdem dies einige Male ge-
schehen war, wurden die Eidechsen in gleicher Weise, aber
nunmehr lebend, verabfolgt und regelmässig von L. ma-
rinus ohne Weiteres verschlungen.
Dass L. argentatus sich nicht an dem Verzehren der
Eidechsen betheiligte, scheint mir ein ganz zufälliges
Vorkommen zu sein, welches in dem bedächtigeren Wesen
unserer Exemplare gegenüber der energischeren Mantel-
möve seinen Grund hat.
Nach meinen hierbei gemachten Beobachtungen glaube
ich schliessen zu dürfen, dass die Möven verschiedener Ar-
ten Eidechsen fressen und zwar sowohl lebende als todte.
Selbstredend können die kleinen Möven (L. ridibundus
und canus) nur entsprechend kleine Exemplare lebend hin-
abwürgen.
Ich weiss nicht ob es mir gelungen ist in vorliegen-
der Darstellung ein klares und ausführliches Bild des em-
pfangenen Eindruckes zu geben und bitte, falls Sie über
den einen oder den anderen Punkt noch näheren Aufschluss
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 299
wünschen sollten, um gefl. Nachricht. Zur Fortsetzung
dieser Versuche und zur Veranstaltung ilhnlicher, so weit
dies immer möglich ist, bin ich jederzeit gerne bereit.*'
Ich vermuthete, dass das zögernde Verhalten, welches
die Möven anfangs den Eidechsen gegenüber einnahmen —
die augenscheinliche Neugierde und das Erstaunen, welche
sie denselben gegenüber zu erkennen gaben, dadurch zu er-
klären sein werden, dass die Vögel schon lange in Ge-
fangenschaft gehalten oder dass sie gar in der Gefan-
genschaft geboren seien, so dass sie früher niemals oder
kaum je Eidechsen zu Gesicht bekommen haben mochten.
Auf meine bezügliche Anfrage erhielt ich die folgende,
meine Annahme bestätigende Antwort:
„Ihre Vermuthung, dass unsere Möven wahrscheinlich
noch nie in ihrem Leben Eidechsen gesehen haben und dess-
wegen dieselben nicht sofort verzehrt haben, ist ohne Zwei-
fel ganz richtig. Die Thiere werden ja fast ausnahmslos
ganz jung eingefangen, noch ehe sie selbstständig ihrer
Nahrung nachgehen können. Wenn sie aber auch in ihrer
Jugend schon Eidechsen gesehen hätten, so sind doch die
meisten von ihnen schon so lange in unserem Garten, dass
sie den ehemaligen Eindruck längst vergessen haben. So
lebt z. B. die Mantelmöve seit etwa 22 Jahren hier, die
Silbermöven 12 Jahre und die übrigen über 6 Jahre;
während dieser ganzen Zeit haben sie aber kaum jemals
eine Eidechse zu sehen bekommen, denn es gehörte jederzeit
zu den grössten Seltenheiten, wenn ein solches Thier sich
blicken Hess."
Abgesehen davon, dass durch die Versuche des Herrn
Dr. Schmidt meine Annahme, dass Möven Eidechsen fres-
sen, bestätigt ist , liefert dessen interessante Schilderung
von dem Verhalten der in der Gefangenschaft aufgezogenen
Vögel gegenüber der ungewohnten Beute einen hübschen
kleinen Beitrag zur Thierpsychologie.
Die Möven, welche auf Capri vorkommen, sind nach
Costa ^): Larus ridibundus, L. marinus und Larus Pal-
1) Vergl. Costa, Statistica fisica ed economica delP isola di
Capri. Napoli 1840. S. 61.
300 Th. Eimer:
ante — soll wohl heissen Larus Pallasii = ichthyaetos.
Von ihnen brütet auf dem Faraglione, wie mir die Eier
beweisen, welche ich von dorther erhalten habe, eben die,
welche bei den Frankfurter Versuchen am liebsten Eidech-
sen gefresen hat: Larus marinus, was auch deshalb be-
merkenswerth ist, weil diese hochnordische Art sich doch
wohl gewöhnlich in ihrer Heimath fortpflanzt und nur im
Winter nach Süden kommt. Sie liebt die Plattform sehr
hoher Felseninseln. ^)
Es mag mir gestattet sein, bei dieser Gelegenheit
einige eigene Beobachtungen über die Ernährungsweise
von Larus argentatus hier anzufügen.
Naumann sagt von dieser Art : „sie nährt sich theils
von Fischen, theils von anderen Geschöpfen des Meeres;
denn sie frisst, ausser kleinen und grossen, lebenden und
todten Fischen auch Aeser grosser See- und Landthiere,
wie todte und junge Vögel und Vogeleier , auch kleine
Crustaceen und Conchylien, mancherlei Mollusken, Meer-
würmer und Insekten." Und weiter hebt er hervor, dass
sie aus den grösseren Conchylien die Thiere, auch die
Pagurus Bernhardus und Eremita heraushacke, die kleinen
aber sammt den Schalen verschlucke und dass sie die
Jungen von Cancer moenas bis zu 1 Zoll Durchmesser
ganz besonders zu lieben scheine. Bei Süderoog scheinen
diese jungen Taschenkrebse ihre Hauptnahrung zu sein;
;,die Rücken der nicht ganz verdaueten Schalen dieser,
woraus dort ihre Excremente bestanden, machten, dass
diese bröcklich wie Kalkmörtel und weiss mit Rosenroth
tingirt aussahen." — Von verschiedenen Muscheln hat Nau-
mann Cardium edule, Tellina Cornea und andere, einzelne
bis fast zu 1 Zoll Durchmesser sammt den Schalen in von
ihm erlegten Silbermöven gefunden.
Ich selbst war erstaunt zu fiuden, in welchem Grade
sich die Silbermöven, welche noch das graue Jugendkleid
trugen, in Beziehung auf die Ernährungweise von den er-
wachsenen unterschieden. Von zahlreichen Individuen,
welche ich an der Nordsee geschossen habe, hatten jene
1) Naumann.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 301
fast ausschliesslich Miesmuscheln (Mytilus edulis), diese
keine Miesmuscheln, sondern Taschenkrebse verschiedener
Arten verspeist. Sie brachen die Nahrung häufig aus,
nachdem sie angeschossen worden waren und dabei war
ich verwundert über die Menge des Aufgenommen. Ganze
Klumpen grosser Miesmuscheln waren, alle samrat den
Schalen, von den jungen Möven ganz verschlungen worden
und ebenso von den alten grosse Taschenkrebse, welche
häufig ganz unversehrt von ihnen wieder ausgeworfen
wurden. Dies beweist zur Genüge die Gefrässigkeit un-
serer Vögel. Auf den einsamen Sanddünen von List auf
Sylt findet man den Boden überstreut von Besten der un-
verdauten Kalkschalen von Taschenkrebsen und Miesmu-
scheln aus den Excrementen derselben.
Jene grossartige Einöde, welche auch durch ihren
Sand, selbst durch dessen Hügel- und Thalbildung und
durch die mächtig in ihr wirkende Einsamkeit auf das
Lebhafteste an die egyptische Wüste erinnert, ist bekannt-
lich der Nistplatz zahlreicher Schaaren von Larus argenta-
tus. Naumann berichtet, dass dort zu seinerzeit (1840)
mehr als 5000 Paare nisten mochten, welche dem Inhaber
der Nistplätze nach dessen Versicherung jährlich an 30,000
Stück Eier legten.
Brehm^) erzählt von Angriffen, welche die Mantelmö-
ven im Norden, am Porsanger^ord, auf ihn machten, als
er ihre Brutplätze besuchte. Dasselbe erlebte ich, als ich
mit der Flinte, ohne übrigens vorher geschossen zu ha-
ben, an den Brutplätzen der Silbermöve auf List vorüber-
ging. Unter lautem Geschrei umkreisten mich Schaaren
der Vögel und gewöhnlich war es zunächst einer dersel-
ben, der wiederholt auf mich herabstiess, in den Zwischen-
pausen in rascher Folge seinen schrillen Ruf ausstossend,
aber mit jedem neuen Angriff meinem Kopfe, auf welchen
er zielte, näher und näher mit seiner Schnabelspitze kom-
mend. B r e h m sagt, dass sich die Mantelmöven zu
einem Angriff mit dem scharfen Schnabel nicht erdreiste-
ten. Ich zweifle nach meinen Erfahrungen nicht daran,
1) Brehm, Thierleben. VI. Bd. S. 542.
302 Th. Eimer:
dass die Silbermöven auf Sylt sich mir gegenüber dazu
erdreistet hätten. Allein ich hatte nicht Lust dazu, dieses
Spiel abzuwarten, zumal da mein Strohhut mir nur gerin-
gen Schutz hätte bieten können. Ich war daher schliess-
lich genöthigt, die angreifende Möve herunterzuschiessen
und zwar war ich auf meinem Gang quer durch die Halb-
insel mehrere Male in der Lage, mich in dieser Weise
meiner Haut zu wehren.
Ergreifend war der Schmerz, der sich im Gebahren
der überlebenden Vögel um ihren gefallenen Genossen
ausdrückte. Laut klagend, wirr auf und ab durcheinan-
derfliegend und mir dabei so nahe kommend, dass ich
eine um die andere hätte herabschiessen können, umkreis-
ten sie mich und den Todten und als ich diesen verliess
setzten sich ihrer mehrere zu ihm, ihn zu betrachten, sich
über seinen Zustand zu vergewissern und erhoben sich
dann wieder in die Luft, um in allmählich weiteren und
weiteren Kreisen klagend den Schauplatz zu verlassen.
üeber die Stimme der Eidechsen.
In meiner Abhandlung über Lacerta muralis coerulea
machte ich Mittheilung davon^ dass ich beobachtete, wie
die capresische Mauereidechse zuweilen , während sie
jeweils leicht den Mund öffnete, einen Ton aus der
Kehle von sich gab, dass die Mauereidechse somit eine
Stimme besitze, welche den meisten Eidechsen abgespro-
chen wird.
Es ist auch diese Angabe bestritten worden und Herr
Braun hat sich hier, wie überall beeilt, dem Widerspruch
gegen mich beizupflichten. Ich bin aber auch diesmal in
der Lage, diesen Widerspruch als einen unberechtigten dar-
zulegen.
Dass es sich in den Lauten der Eidechsen, welche
ich als Stimme erklärte, nicht um die Folgen einer catarr-
halischen Affektion der Nasenschleimhaut, um einen Schnu-
pfen handelte, wie Herr Braun einem Thersitesurtheil
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 303
zustimmend, meint, konnte derselbe, sofern er meine Schil-
derinif^ genau gelesen hatte, schon daraus erschliessen,
dass ich ausdrücklich sagte, es hätten die Eidechsen
jeweils wenn sie den beschriebenen Ton von sich gaben,
den Mund geöffnet.
Ich erwähnte damals, dass ich diese Stimme später
monatelang nicht mehr gehört habe. Meine seitherigen Er-
fahrungen bestätigen, dass die Thicre dieselbe nur äus-
serst selten hören lassen; dass in den geschilderten Laut-
äusserungen aber trotzdem eine normale Erscheinung vor-
liegt, beweist Folgendes: im Jahre 1877, als ich auch den
mittleren der drei Faraglionifelsen bei Capri durch den
jetzt alleinigen gewerbsmässigen Faraglionibesteiger, den
alten Spadaro — die braven Bursche, welche mir 1871
zuerst die coerulea vom äusseren Faraglione herabholten,
sind längst nicht mehr auf der Insel — absuchen Hess,
wartete ich in einem Boote am Fusse des Felsens auf die
Rückkehr des Mannes. In dem Augenblicke als ich eine
der erbeuteten Eidechsen, die er soeben aus seinem Ta-
schentuche befreit hatte, in die Hand nehmen wollte, stiess
dieselbe wiederholt, rasch nach einander einen wie „bschi"
tönenden, etwa an heiseres Pfeifen einer Maus oder eines
kleinen Vogels erinnernden Laut aus.
Es fällt also in diesem Falle der Einwand durchaus
weg, es könnte sich in den von mir beschriebenen Laut-
äusserungen um Erscheinungen einer auf Grund des Au-
fenthaltes in ungewohntem Klima erfolgten Erkältung ge-
handelt haben , ein Einwand, der schon in Anbetracht
meiner ersten Schilderung der Art der Stimmäusserung
als völlig unberechtigt dasteht.
In Bezug auf die Kenntnisse, welche wir im Uebri-
gen von einer Stimme bei Eidechsen (Lacertiden) besitzen,
führte ich in meiner Abhandlung über Lacerta coerulea
die Worte Leydig's aus dessen Werk über die deutschen
Saurier an: „Keine unserer einheimischen Eidechsen ver-
räth auch nur die Spur einer Stimme; sie sind so gut wie
die Blindschleichen völlig stimmlos. Die den Küsten des
Mittelmeeres eigenthümliche kleine Lacerta Edwardsii gibt
nach Duges unter Umständen einen Laut von sich, der
304 Tb. Eimer:
an das Knarren der Borkkäfer erinnere; und die grosse
südliche Lacerta ocellata blase im Zorne die Luft so
heftig von sich, dass eine Art Stimme dadurch erzeugt
werde."
Es kann somit meine Mittheilung über eine Stimme
der Mauereidechse um so weniger Befremdliches haben, als
bei der Gattung Lacerta thatsächlich früher schon Laut-
äusserungen bekannt geworden waren.
Ich bin nun aber in der Lage noch einen weiteren
Beweis für das normale Vorkommen einer Stimme bei
Lacerten anführen zu können und zwar durch eine Beob-
achtung von H. Landois, welcher mir auf eine desfall-
sige Anfrage schreibt: „In Bezug auf die Stimme der Ei-
dechsen kann ich Ihnen die Mittheilung machen, dass die
grosse, grüne Eidechse (Lacerta viridis) eine lebhaft zi-
schend blasende Stimme von sich gibt. Wir hatten viele
dieser Thiere von Triest aus bezogen. An warmen Som-
mertagen waren sie ausserordentlich lebhaft und sehr bissig.
Wenn sie dann so losfuhren auf den Angreifer, Hessen sie
ihre Stimmen deutlich vernehmen!"
Dass anderen Sauriern, abgesehen von den Lacertiden,
eine Stimme zukomme, darüber finden sich bekanntlich
Angaben bei verschiedenen Schriftstellern.
So sollen die Leguane, wenn sie eingefangen werden,
fauchen und zischen ^); so zischt auch die am Oregon
wohnende Echse Tapaya Douglasii, wenn sie gereizt wird,
vernehmbar; ebenso hörte Buch holz bei Chamaeleo mon-
tium, einer von ihm im Cameroon-Gebirge neu entdeckten
Art, einen zischenden Laut.
Von den Loricaten ist es eine längst bekannte That-
sache, dass sie eine laute Stimme von sich zu geben im
Stande sind 2).
Sclilusswort.
Ich habe mit dem Vorstehenden meinen nächsten
Zweck erreicht, wenn mir gelungen ist zu zeigen, dass die
1) Brehms Thierleben. 2. Aufl. Bd. VII. S.227.
2) H. Landois Thierstimmen, S. 220 ff.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 305
hier zu erörternden Fragen, so einfach auch die Gegen-
stände zu sein scheinen, welche sie betreffen, nicht in der
WH3ise behandelt sein wollen, wie das von den mir ent-
gegenstehenden Seiten aus geschehen ist, sondern dass
sie schwierige Probleme berühren und dass auch den
scheinbar elementarsten Dingen, welche beim Versuch der
Lösung dieser Probleme in Betracht kommen, nicht bei
oberflächlicher Beobachtung, wohl aber bei sachgemässem
Studium manchfaltige und für unseren Zweck wichtige
Seiten abgewonnen werden können.
Ich selbst stelle mich, indem ich die in den folgen-
den Theilen dieser Abhandlung niedergelegten neuen Un-
tersuchungen vorführe, entsprechend der Absicht, in welcher
ich dieselben unternahm, auf durchaus objectiven Boden;
ich suche die neuen Thatsachen durchaus ohne Voreinge-
nommenheit zu prüfen und zu entscheiden, ohne Rücksicht
darauf, ob dieselben meinen aus einem einzelnen Fall
früher gezogenen Schlüssen widersprechen würden oder
nicht.
In diesem Sinne würde ich auch jede ernste und
wirklich wissenschaftlich prüfende Arbeit über den Gegen-
stand begrüsst haben, als Beitrag zur Lösung von Aufgaben,
welche sicher zu den interessanteren unserer Wissenschaft
gehören und in Bezug auf welche unfehlbar zu urtheilen
meiner Ansicht nach um so weniger möglich ist, als für
dieselben erst so wenig manchfaltiges Material bisher vor-
lag, wie dies überhaupt bei dem Herrschen der rein mor-
phologischen Richtung unserer Tage mit Bezug auf alle
Fragen der Fall ist, welchen biologische und physiologi-
sche Gesichtspunkte zur Grundlage dienen.
Ja es scheint mir, dass wesentlich in diesem Ver-
hältniss die Ursache der wenig sorgfältigen, groben Abur-
theilung zu suchen sei, welche der vorliegende Stoff erfah-
ren hat.
Die Manchfaltigkeit der Erscheinungen aller Dinge
wächst mit der Kenntniss, die wir uns von ihnen erwer-
ben. Das scheinbar unbedeutendste Moment der Lebens-
beziehungen eines Organismus kann als mächtig wirksam
bei der Gestaltung desselben erkannt werden und sicher
306 Th. Eimer:
gehört volle Hingabe an biologische Studien dazu, um
solche Momente erspähen und in ihrem Werthe schätzen
zu lernen — diese Hingabe ist es, durch welche Darwin
zu seiner Erklärung der Thatsache der Umbildung der For-
men gelangt ist, durch vieljähriges stilles Schaffen.
Die Eilpresse der Zeit, welche durch keckes Auftreten
in Kritik und positiver Behauptung zu erndten meint ohne
mühevolle Arbeit — auf dem Boden sammelnder Natur-
betrachtung kann sie keine Lorbeeren erndten. Wer
hier Erfolg erringen will, der muss aus Freude an der
Natur arbeiten. Ich hoffe durch die folgenden Theile die-
ser Abhandlung zeigen zu können, dass unser Gegenstand
andauernde Bemühung nicht weniger verdient, als irgend
ein anderer aus dem Gebiete der biologischen Wissen-
schaft.
Ziveite Abtheilniig.
Die Grundvarietäten der Mauereideclise.
Hierzu Tafel XIII und XI Y.
Beweise für die typische Bedeutung der früher von mir aufge-
stellten Varietäten aus der inzwischen erschienenen Literatur.
Wenngleich ich in meiner Abhandlung über Lacerta
muralis coerulea der Isolirung eventuell einen die Fixirung
einer neuen Varietät oder Art begünstigenden Einfluss
zuerkannte, wie ich eine solche Begünstigung auch bei
der Entstehung der Lacerta coerulea selbst annahm , so
musste ich auf Grund meiner Beobachtungen doch der
Ansicht Moritz Wagner's *) entgegentreten, dass Isoli-
1) Moritz Wagner: Das Mi^ationsgesetz der Organismen.
Sitzungber. d. Münchener Akad. d.Wissensch. 1868 und ebenda 1870.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 307
ruiig zur Bildung einer neuen Form durchaus nothwendig
sei, weil obncdics, wie Wagner meint, Vermiscliung von
Stamm- und abgeänderten Individuen stattfinden und die
Entstehung eines neuen Tj^pus verhindern würde.
Ich habe in jener Abhandlung Thatsachen vorge-
führt, wonach typische Varietäten der Mauereidechse auch
dann entstehen und sich erhalten, wenn keine Isolirung
statthat, während die Individuen untereinander leben und
ferner glaubte ich aus meinem, wenngleich wenig erschö-
pfenden Material schliessen zu dürfen, dass an ganz ver-
schiedenen Orten wiederholt dieselben oder ähnliche Va-
rietäten auftreten. Die bezüglichen Einzelheiten der letz-
teren Art verwerthete ich zum Beweis für die Herrschaft
bestimmter Entwicklungseinrichtungen , somit zum
Beweis für die Bedeutung der Entwicklung aus constitu-
tionellen Ursachen.
Es sind auch diese meine Angaben als unbegründete
bezeichnet und es ist, wiederum ohne alle Beweisführung,
die Behauptung aufgestellt worden, dass die verschiedenen
von mir als typisch beschriebenen Varietäten in allen mög-
lichen Verbindungsgliedern bunt durcheinander gemischt
vorkämen.
Aus dem Folgenden wird sich der Werth auch dieses
Urtheils zur Genüge ergeben. Es wird sich zeigen, dass
meine neuen Untersuchungen die aus jenen früheren Be-
funden gezogenen Schlüsse durchaus rechtfertigen, dass
man im Stande ist, alle die scheinbar planlos gezeichne-
ten, im Laufe der Zeit von den verschiedensten Auto-
ren in verwirrender Unzahl aufgestellten und mit ebenso
zahlreichen Namen belegten Varietäten der Mauereidechse
auf einige w^enige Grundformen zurückzuführen und eine
einzige solche Form als den Urtypus aller übrigen festzu-
stellen; dass einige wenige passend gewählte Namen ge-
nügen, um jeder Mauereidechse die Stellung anzuweisen,
welche sich für sie in der aus dem allgemeinen Ueberblick
gewonnenen Gruppirung ergibt, dass somit die Varietäten
unseres Thieres nichts weniger als alle möglichen Zeich-
nungen und Farben aufweisen, wie man bisher wohl ge-
glaubt hat. Es wird sich zeigen, dass einige Regeln gleich
308 Th. Eimer:
dem Schlüssel einer Geheimsclirift hinreichen, um selbst
die dem ersten Anblick fremdartigsten Formen zu verste-
hen und Bekanntem anzureihen. Es wird sich ferner über
alle Zweifel feststellen lassen, dass verschiedene der von
mir als typische oder Grundvarietäten der Mauereidechse
bezeichneten Abarten da und dort untereinanderleben, ohne
durch Zwischenformen verbunden zu sein. Und endlich
darf ich schon hier hervorheben, dass die Bedeutung die-
ses in Aussicht gestellten Ergebnisses meiner neuen Un-
tersuchungen, sofern es die Zurückführbarkeit von Varia-
tionen der Zeichnung auf ein Grundschema betrifft, über
die Mauereidechse hinaus sich erstreckt, dass dasselbe, wie
ich hoffe, im Zusammenhalt mit den Studien Weismann's
über die Zeichnung der Sphingidenraupen, Gesichtspunkte
eröffnen dürfte, welche für die Feststellung der verwandt-
schaftlichen Beziehungen auch anderer Thiergruppen und
damit für eine naturgemässe Systematik, welche ferner für
die Erkenntniss der Gesetze der Artenbildung erfolgreich
sein werden.
Zunächst berühren meine Befunde, wie ich am Schlüsse
vorliegender Abtheilung meiner Arbeit zeigen will, in die-
sem Sinne unmittelbar die Lacertiden und verwandte Rep-
tilien — in welchem Umfang die letzteren, dies zu entschei-
den, fehlen mir bis jetzt ausgedehntere Untersuchungen —
allein ihre Tragweite dürfte zu suchen sein ebep in der
Verwerthbarkeit des ihnen zu Grunde liegenden Princips
auf durch Zeichnung und Farbe gezierte Glieder des Thier-
reichs überhaupt.
Es sind somit durch Benutzung eines viel grösseren
Materials, als es mir zur Zeit des Abschlusses meiner er-
sten Arbeit zur Verfügung stand, die in dieser von mir
gezogenen Schlüsse in weit vollkommenerer Weise bestätigt
worden, als ich dies selbst erwarten mochte. Bevor ich
aber an die Benutzung dieses Materials gehe, will ich
einige Nachrichten aus der inzwischen erschienenen Lite-
ratur vorführen, welche beweisen, dass andere Forscher
Beobachtungen gemacht haben, die an sich schon für
einige der wesentlichsten der hier in Betracht kommenden
Sätze meiner ersten Arbeit sprechen.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 309
Im Uebrigen werde ich mich in diesem den Gruud-
varietäten der Mauereidechse gewidmeten Abschnitte nur
eben auf die Behandlung derjenigen Varietäten beschrän-
ken, welche auf dem Festlande oder auf grösseren Inseln
leben und ich werde somit absehen von den auf isolirten
Felsen vorkommenden Abarten. Diese will ich einer beson-
deren Betrachtung auf Grund meiner neuen Beobachtungen
später unterziehen.
Meine früheren Untersuchungen über typische Varie-
täten gründeten sich wesentlich auf die Mauereidechsen
der Insel Capri und des italienischen Festlandes. Ich
unterschied dieselben nach dem Vorhandensein oder dem
Fehlen einer Zeichnung. Im erstem Falle unterschied ich
nach der Art der Zeichnung, im letzteren hatte ich mich
auf die Farbe zu beziehen.
Mit entsprechenden Verschiedenheiten ging wenigstens
bei einigen Formen deutlich morphologische Eigenart Hand
in Hand und ausserdem war festzustellen, dass die Mauer-
eidechsen von Norditalien und die deutschen bei absolut
geringerer Körpergrösse eine mehr niedergedrückte Kopf-
form haben, wie ich mich ausdrückte platycephal sind,
im Gegensatze zu den grösseren, pyramidocephalen
Süditaliens.
Unter den gezeichneten Varietäten unterschied ich
eine gestreifte, striata ^), und eine gefleckte, macu-
lata^), unter den ungezeichneten eine braungelbe, mo-
desta, welche auf der Unterseite stets farblos oder blei-
grau ist^). Unter dem Namen elegans^) beschrieb ich
eine Varietät, deren Oberseite im vorderen Theile, vom
hinteren Rande des Kopfes an, leuchtend grün gefärbt ist.
1) „Lacerta muralis coerulea" Taf. II. Fig. 3, sowie diese Ab-
handlung Taf. 13 bezw. 14. Fig. 1 bis 7; 10, 13 bis 15.
2) „Lacerta muralis coerulea" Taf. II. Fig. 2 und ebenda Holz-
schnitt auf S. 27 ; diese Abhandlung Fig. 17 bis 20 und Fig. 11 u. 12.
3) „Lacerta muralis coerulea" Taf. IL Fig. 4.
4) „Lacerta muralis coerulea" Taf. II. Fig. 1.
Archiv f. Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 21
310 Th. Eimer:
im hinteren Theile und nach den Flanken hin aber dunk-
ler und welche in dieser Gegend ausserdem, aber nur in
Spuren, gefleckt-gestreift gezeichnet sein kann. Sie zeigt
häufig bläulichen Ton im grünen Kleide und dieses Blau
tritt rein oft an der Unterseite auf.
Unter die striata reihte ich auch die campestris de
Betta ein, welche sich aber, wie ich schrieb, vor der ge-
wöhnlichen Form der striata dadurch auszeichnet, dass die
weissen Seitenstreifen an ihr sehr ausgeprägt, ferner beson-
ders dadurch, dass ihre dunkeln Längsbänder „nicht wie
dort aus aneinandergereihten Flecken bestehen,
sondern regelmässige Binden sind^^ *).
Von diesen Formen hob ich hervor, dass sie ebenso-
wohl auf der Insel Capri wie auf dem Festlande in der
Umgegend von Neapel sich finden, ja dass z. B. die un-
gezeichneten derselben, und nicht minder die campestris,
im Norden wie im Süden von Italien inmitten vollkommen
ausgeprägter Maculata-Rasse vorkommen, so scharf von
ihr geschieden, dass man schliessen möchte, man habe in
beiden vollkommen getrennte Varietäten vor sich.
Allerdings sind die Varietäten nicht alle und nicht
allenthalben von einander getrennt: es gibt Uebergänge
zwischen einzelnen derselben; allein die Uebergänge sind
gewöhnlich weit weniger zahlreich als die ausgeprägten
Typen und sie finden sich nicht regellos durcheinanderge-
würfelt, sie finden sich nicht in allen denkbaren Zwischen-
formen, auch finden sich ihrer nicht zwischen allen Va-
rietäten.
Die Uebergänge der Zeichnung führen vielmehr alle
zur striata, sie sind Ausdruck der Abstammung: die striata
muss als die Stammform aller anderen angesehen werden.
So zeigen sich andeutungsweise Beziehungen zwischen
striata einerseits und modesta und elegans andererseits
und ausgesprochene zwischen striata und maculata ^) —
1) Die vorhin citirten Abbildungen der striata in meiner
Abhandlung über Lacerta coerulea und Fig. 1 und 2 dieser Arbeit
beziehen sich auf diese campestris.
2) Fig. 15 und 16.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 811
aber niemals ist z.B. die modesta gefleckt. Die Ueber-
gänge zwischen striata einerseits und modesta und elegans
andererseits sind im Verhältniss zu den ausgeprägten Typen
selten, die zwischen der stiditalienischen striata und
maculata dagegen sehr häufig, so dass ich mir selbst die
Frage aufwerfen musste, ob es sich im letzteren Falle
nicht um Alters- oder Geschlechtsverschiedenheiten handle.
Ein Jahr nach meiner Abhandlung ist Schreiber's
Herpetologia europaea ^) erschienen und ich bin erfreut zu
sehen, in wie hohem Grade die Angaben Schreiber's be-
züglich der in Frage stehenden, sowie auch anderer Ver-
hältnisse mit den meinigen übereinstimmen, ohne dass
Schreiber diese letzteren zur Zeit der Abfassung seines
Buches gekannt hätte. Es ist mir diese Uebereinstimmung
um so werthvoller dadurch , dass das Buch auf Grund
ausgedehnter Beobachtungen über die Mauereidechsen der
verchiedensten Gebiete urtheilend, meinen aus wenig um-
fangreichem Material gezogenen Schlüssen allgemeinere
Berechtigung verleiht. Und in der That habe ich selbst
seitdem zu meiner Freude gefunden, dass ich, aus so ver-
schiedenen Gegenden ich Mauereidechsen untersuchte, in
ihnen stets nur alte Bekannte wiederfand, welche ich sofort
in die von mir aufgestellten Gruppen einreihen konnte. In
der Abhandlung über Lacerta coerulea hatte ich bemerkt:
„Die Zwischenformen trüben, obschon sie nicht zwischen
allen Formen vorkommen, anfänglich den Ueberblick über
das Ganze und der Beobachter glaubt ein Chaos von Va-
rietäten vor sich zu haben. Allein nach kurzer Zeit der
Beschäftigung mit den Thieren löst sich das scheinbare
Chaos in eine bestimmte übersichtliche Ordnung auf und
jetzt erscheint jedes neue Individuum sofort als alter Be-
kannter, dem ohne Besinnen seine Stelle im Kreise der
Verwandten zugewiesen wird."
Ganz dem entsprechend erklärt Schreiber, dass sich
seiner Ansicht nach alle bisher bekannten Formen der
1) E. Schreiber, Herpetologia europaea. Eine systematische
Bearbeitung der Amphibien und Reptilien, welche bisher in Europa
aufgefunden sind. Braunschweig 1875.
31Ö Th. Eimei*:
Lacerta muralis ihrer Entstehungsweise nach einfach darauf
zurückführen lassen, „dass sich:
1. die Grundfarbe ändert,
2. dass sich die schwarzen Körperbinden in mehr oder
weniger getrennte Makeln auflösen, die bald als
deutliche Fleckenbinden überEücken und Seiten hin-
ziehen, bald durch Vermehrung oder Zusammenflies-
sen in Form einer Marmorirung oder eines unregel-
mässigen Netzes oder Maschenwerkes die ganze Ober-
seite des Rumpfes bedecken und
3. dass die den dunkeln Seitenbinden anliegenden weiss-
lichen Saummakeln durch mehr oder weniger voll-
ständiges Zusammenfliessen zu streifenartigen Längs-
bändern verschmelzen."
Der dritte Fall findet sich ausgesprochen bei der campe-
stris de Betta und ist bei deren Beschreibung, wie auch in
der Zeichnung gleichfalls von mir hervorgehoben worden.
Den zweiten Fall betreffend, so habe ich nach Obigem
die striata als die Form erklärt aus welcher durch Auflösung
der Streifen in Flecken die maculata hervorgegangen ist.
Es unterscheidet nun Schreiber der Zeichnung
nach eine gestreifte (fasciata), eine fleckenbin-
dige (punctato - fasciata), eine gemarmelte (mar-
morata) und eine genetzte (reticulata) Varietät. Die
fasciata ist ofienbar nichts anderes als meine striata, die
marmorata meine maculata, die punctato - fasciata (= ma-
culata Bonaparte) eine maculata, deren Rückenflecken keine
zusammenhängenden Binden bilden, sondern in Längsreihen
hintereinander liegen ^) ; die reticulata endlich, welche mir
wohl bekannt war — die von mir in ;,Lacerta coerulea" be-
schriebene genuesische Mauereidechse ist häufig ausgespro-
chen eine reticulata — hatte ich unter die maculata mit
einbegriffen. Indessen ist die Bezeichnung reticulata für
die Form mit langgezogenen, schmalen, untereinander netz-
artig verbundenen Flecken ^) eine ausgezeichnete und wir
1) Vergl. Fig. 17 und später den Abschnitt über Lacerta mu-
ralis maculata.
2) Fig. 11, 12.
Untersuchungen über das Variircn der Mauoreidechse. 313
werden ausserdem sehen, dass diese Eidechse an manchen
Orten ebenso typisch vorkommt, wie an anderen die nicht
genetzte maculata, ja, dass gerade sie diejenige Form der
maculata ist, welche verschiedentlich als streng abgegrenzte
Varietät auftritt.
Von der fasciata (striata) sagt Schreiber, dass
ihre Zeichnung im Allgemeinen als eine Beibehaltung
der jugendlichen betrachtet werden kann und befindet
sich somit auch hierin in Uebereinstimmung mit mei-
nen Ansichten. „Das Weiss an den Seiten ist meist sehr
gut ausgebildet und gewöhnlich linienartig zusammen -
fliessend. Sie scheint nur mit ungefleckter und in der
Regel weisslicher Unterseite vorzukommen, während die
Oberseite meistens grünlich oder hellolivenfarben erscheint,
welche Färbung aber nicht selten an den Seiten allmählich
in's Bräunliche übergeht, das übrigens in seltenen Fällen
auch die ganze Rückenseite überzieht."
Die marmorata (maculata) entspricht dadurch „dass
die schwarzen Flecken sowohl an den Seiten, als auch am
Rücken bedeutend vermehrt und dabei meist auch unregel-
mässig vergrössert und erweitert sind und die Tendenz,
sich in die Länge zu ordnen höchstens an den Seiten noch
manchmal in schwacher Andeutung erkennen lassen, sonst
aber über die ganze Oberfläche des Körpers unregelmässig
vertheilt sind, wobei sie dann noch von einander geson-
dert eine unregelmässige Marmorzeichnung bilden (var.
marmorata) oder endlich durch theilweises Verschmelzen
sich zu einem zusammenhängenden Netzwerk vereinen, das
oft nur ganz kleine Maschen der ursprünglichen Grundfarbe
übrig lässt (var. reticulata)."
Hier hat somit auch Schreiber die reticulata als
eine Untervarietät der maculata behandelt.
Was die Färbung angeht, so hebt Schreiber be-
sonders die Lacerta muralis olivacea Rafin. als constante
Varietät hervor. Ich überzeugte mich nun nachträglich,
dass diese olivacea identisch ist mit meiner modesta („Lac.
mur. coer.'' Taf. IL Fig. 4) und es hat der Name olivacea,
abgesehen von der Priorität, entschieden auch den Vorzug,
dass er bezeichnender ist als der von mir gewählte. Die
314 Th. Eimer:
Charakteristik dieser Varietät lautet bei Schreiber: „su-
pra immaculata, fuscescens aut olivacea; subtus cuprea,
concolor" (var. w.). Sie ist von ihrem Autor aus Sicilien
beschrieben. Nun ist allerdings ihre Unterseite nicht immer
kupferfarben, allein Schreiber bezeichnet sie auch als
„stets einfarbig weisslich oder bleigrau." Er sagt von ihr:
„Vollkommen einfarbige Stücke (der Lacerta muralis) sind
übrigens im Allgemeinen ziemlich selten und scheinen na-
mentlich in Verbindung mit olivengrüner Oberseite noch
am häufigsten vorzukommen ; hierher gehört beispielsweise
die besonders in Dalmatien und Sicilien einheimische La-
certa olivacea Rafin., welche überhaupt eine sowohl
hinsichtlich der Färbung als auch betreffs des
Vorkommens sehr beständige Form bildet*' -- ein
Befund, welcher mit dem meinigen übereinstimmt und
welcher die gegenseitige Behauptung, dass es sich in den
von mir aufgestellten Varietäten um zufällige, unbeständige)
regellos durcheinander vorkommende Spielarten handle, zu-
nächst für einen speciellen Fall als unrichtig erweist.
Ich beschrieb diese Form als aller und jeder Zeich-
nung entbehrend, mit Ausnahme eines sehr rudimentären,
beiden Geschlechtern eigenen gelblichgrünen Flecks an-
statt des blauen Auges über der Wurzel der Vorderextre-
mitäten. „Ebenso fehlen die blauen Flecken der Flanken.
Ihr Rücken ist gleichmässig zimmetbraun gefärbt, welche
Farbe auf der Rückenhöhe, von der Gegend des Kopfes
an bis gegen die Schwanzwurzel hin, unter dem Einfluss
erhöhter Lebensthätigkeit in ein schillerndes Grüngelb oder
Gelbgrün übergeht. Kopfdecke, Extremitäten und Schwanz
sind gleichfalls zimmetbraun, die Seiten des Unterkopfes
zeigen ein lichtes Grün. ... Ist nicht gerade häufig, jedoch
überall zu finden" *).
Ich habe seitdem beobachtet, dass diese modesta (oli-
vacea) an einzelnen Oertlichkeiten die überwiegend häu-
fige, ja die fast ausschliessliche Form ist ^).
1) „Lacerta muralis coerulea" S. 26.
2) Es waren dies Oertlichkeiten, welche theils nackten Erdbo-
den, ausgebreitete Wege und kahle Abhänge, theils grüne Frucht-
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 315
Da die olivacea nicht minder rein und unvermit-
telt auch unter anderen Rassen von Mauereidechsen vor-
kommt, wie sie denn auch nach Seh reib er's Urtheil
„eine sowohl hinsichtlich der Färbung als auch betreffs
des Vorkommens sehr beständige Form bildet" und da
ganz dasselbe von der campestris gilt, so ergibt sich noth-
wendig schon jetzt die Berechtigung des von mir gezoge-
nen Schlusses, dass sich Varietäten der Mauerei-
dechse ohne Beihülfe von Isolirung aus einer
Stammlform herausgebildet haben und dass sie
sich dadurch rein erhalten, dass sie sich weni-
ger mit anderen Varietäten als unter sich selbst
mischen.
In eigenthümlicher Weise ist weiter ein Beitrag zur
Bestätigung meiner Auffassung in dieser Beziehung von
Herrn Giglioli geliefert worden. Derselbe hat sich in
der englischen Zeitschrift „Nature'^ 0 über die Farbenvaria-
tionen der Eidechsen ausgesprochen. Er tritt meiner An-
sicht, dass die dunkle Färbung der Lacerta coerulea auf
Anpassung zurückzuführen sei, entgegen ; er meint, dass
solche Anpassung bei den Eidechsen überhaupt nicht statt-
finde und führt u. A. zum Beweis dafür auch die That-
sache an, dass „two most distinct varieties occur promis-
cuously on the small flat islet Formica di Grosseto" —
dass also zwei ganz verschiedene Varietäten in
demselben Bezirke untereinander leben können.
Da ich ganz dasselbe ausdrücklich hervorgehoben und
Felder nebeneinander zeigten, Oertlichkeiten zugleich, in welchen
Grün des bebauten und das Braun des nackten Feldes im Laufe des
Sommers miteinander abwechseln — alles Umstände, welche eine
Mischung der Farbe in Braun und Grün begünstigen, ohne dass das
Bedürfniss einer Zeichnung durch Schatten oder Zweigen ähnliche
Flecke gegeben wäre. So fing ich eines Tages in der Gegend des
Dorfes Soccavo, auf dem Wege zwischen Neapel und Camaldoli, jen-
seits der Grotte des Posilip, im Zeitraum einer Stunde im Umkreis
etwa von 10 Minuten fünf oder sechs Mauereidechsen, welche reine
olivaceae (modestae) waren.
1) Nature, Dezember 1878, Vol. XIX. 1879. S. 97.
316 Th. Eimer:
im Sinne der Anpassungstheorie verwerthet hatte, so scUoss
ich aus dieser Aeusserung, sowie auch aus weiterem, auf
ähnlichem Missverständniss beruhendem Widerspruch, wel-
chen Giglioli gegen den vermeintlichen Inhalt meiner
Abhandlung über Lacerta coerulea erhob, dass er zu der
Zeit, als er den in Rede stehenden kleinen Artikel schrieb,
jene meine Abhandlung nicht gelesen gehabt habe. Im
Frühling 1879 hatte ich darauf das Vergnügen, Herrn
Giglioli in Florenz kennen zu lernen und es bestätigte
mir derselbe in der That mündlich, dass meine Vermuthung
richtig sei.
Herr Giglioli machte mich ferner mit seinem gros-
sen Material von an den verschiedensten Orten Italiens
und besonders auch auf kleinen Inseln gesammelten Mauer-
eidechsen bekannt und meine mündlichen Erklärungen
führten zu erfreulichen üebereinstimmungen auch in Be-
ziehung auf die Frage der Farbenanpassung. Ausserdem
diente dieses Material zum schlagenden Beweis der That-
sache, dass unsere Thiere in der Zeichnung in auffallender
Weise nach den oben aufgeführten Richtungen hin varii-
ren und eine ansehnliche Zahl von ihnen selbst gesammel-
ter italienischer Mauereidechsen, welche Herr Giglioli
und sein Assistent, Herr Dr. Ca van na, später an mich
nach Tübingen zu schicken die Güte hatten, führt, zusam-
men mit dem meinigen leicht den Beweis vor Augen, dass
wir in der That entweder eine striata oder eine maculata
bezw. eine reticulata in allen gezeichneten Formen wieder-
erkennen. Was die nichtgezeichneten angeht, so ist die
zweite der von Giglioli von Formica di Grosseto (Insel
nördlich von Orbetello) erwähnten Varietäten eine solche
gewesen. Da diese ungezeichneten Varietäten (modesta, ele-
gans) sich in hohem Grade von den gezeichneten auf den
ersten Blick unterscheiden, auch nicht durch Zwischen-
formen mit ihnen verbunden sind oder doch nur bei ge-
nauer Beobachtung deutliche Spuren einer Beziehung zu
ihnen zeigen, so ist es erklärlich, wie sie Herrn Gig-
lioli auffielen und als „most distinct^^ bezeichnet werden
konnten.
Aus der Sammlung des Herrn Giglioli geht her-
üntersuchuDgen über das Variiren der Mauereidechse. 317
vor, dass ebenso wie auf Formica di Grosseto auf der Isola
del Giglio (gegenüber Orbetello) und auf Giannutri (südlich
von Formica di Grosseto) zwei verschiedene Varietäten
zusammen vorkommen und zwar eine nichtgezeichnete,
grünbroncirte (elegans) und eine grün und braun gefärbte,
gefleckte. Das Exemplar der letzteren Art von Giglio, wel-
ches ich Herrn Giglioli verdanke, nähert sich in der
Zeichnung einer reticulata.
Es hat somit Herr Giglioli, indem er gegen mich
zu sprechen glaubte, einen sehr werthvollen Beweis für
die Kichtigkeit meiner Angabe geliefert, dass sich verschie-
dene typische Varietäten von Mauereidechsen auch dann
herausbilden, wenn die Individuen untereinander gemischt
leben und weiter beweist sein Material, dass die Kich-
tung des Variirens auch an ganz verschiedenen Orten
durchaus dieselbe ist.
Soviel zur Bestätigung meiner früheren Angaben im
Allgemeinen. Ich gehe jetzt über zu einer genaueren Be-
sprechung der ohne Isolirung entstandenen Varietäten
der Mauereidechse, auf Grund von neuen Untersuchungen,
welche im Lauf der letzten Jahre von mir angestellt wor-
den sind.
Die Beziehungen der Lacerta mnralis striata und maculata.
Zunächst seien die Ergebnisse erneuter Prüfung der
von mir selbst schon früher aufgeworfenen Frage behan-
delt, wie sich die Lacerta muralis striata und maculata
zu einander verhalten, ob und wie weit es sich in diesen
beiden Formen etwa um Alters- oder Geschlechtsunter-
schiede handle, eine Frage, welche sich aufdrängt wegen
der in manchen Gegenden so zahlreich zwischen beiden
vorkommenden Uebergänge. Allein es gibt andere
Gebiete, in denen die striata (campestris) fast
ausschliesslich oder ausschliesslich sich fin-
det und andere, in welchen die maculata durch-
aus herrschend geworden ist, so zwar, dass In-
dividuen der striata gar nicht mehr (abgesehen
318 Th. Eimer:
von Jugendformen) oder nur ausnahmsweise (Rück-
schlag?) vorkommen (reticulata).
Zur Erklärung der hiebei zu berücksichtigenden That-
sachen muss vorausgeschickt werden, dass sich die volle
Bestätigung des Satzes, es sei die striata die Aus-
gangsform für alle übrigen Varietäten, durch meine
neueren Untersuchungen ergeben hat. Auf Grund die-
ses Verhältnisses wiederholen alle Varietäten
mehr oder weniger deutlich im Laufe ihrer in-
dividuellen Entwicklung die Eigenschaften der
striata: die Jungen aller sind meist mehr oder
weniger ausgesprochene striatae.
Ferner zeigen sich, einem allgemeinen Gesetze fol-
gend, die Eigenschaften der Stammform länger und
deutlicher beim Weibchen als beim Männchen*).
Es macht sich, wie aus der Vergleichung der
Varietäten der verschiedensten Wohngebiete der
Mauereidechse zu erkennen ist, an den meisten
Orten, soweit die maculata nicht schon herr-
schend geworden ist, durchaus die Tendenz zur
Bildung der neuen Form maculata aus der alten
striata geltend und es ist deutlich, dass die
erstere (einschliesslich ihrer später zu beschreibenden Mo-
dificationen) die letztere allmählich verdrängen
wird. An manchen Orten ist die maculata so fest
eingesessen, dass sie ihre Eigenschaften schon
auf die Jungen überträgt, dass also das Striata-
Stadium mehr oder weniger vollkommen über-
wunden ist.
Demnach muss die Frage aufgeworfen werden, ob es
sich in den in meiner früheren Abhandlung aufgeführten
Fällen des Vorkommens verhältnissmässig weniger ausge-
wachsener striatae unter einer ausgebildeten Maculata-Rasse
wirklich um das Nebeneinanderleben zweier scharf ge-
schiedener Varietäten, ob es sich nicht vielmehr um Rück-
schlag einzelner Individuen zur striata handle, bezw. da-
rum, dass einzelne Individuen die Maculata-Form nicht
1) Yergl. hiezu auch Schreiber Herpet. S. 367.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 319
erreichen. Noch schwieriger ist aber die Frage, ob striata
und maculata sich ohne Unterschied geschlechtlich mi-
schen oder nicht, dann zu entscheiden, wenn, wie z. B.
in der Umgegend von Neapel und auf Capri, die ver-
schiedensten Uebergänge zwischen beiden nebeneinander
vorkommen.
Ich will diesen letzteren Fall zunächst erörtern und
später auf den ersteren zurückkommen. Ich gehe von den
Verhältnissen Capri's und Neapel's aus und beziehe mich
dabei zunächst auf die in Fig. 13 bis 19 abgebildeten
Formen ^). Darunter sind Fig. 13 und 14 ausgesprochene
striatae, 15 und 16 Zwischenformen; 17 bis 19 sind ma-
culatae. In meiner Abhandlung über Lacerta coerulea hatte
ich bezüglich dieser Formen bemerkt 2): „Die striata geht
in eine grob gefleckte Form über, welche ich mit einem
besonderen Namen, maculata, bezeichnen will, obschon die
Zwischenformen zwischen der striata und ihr ebenso zahl-
reich oder zahlreicher sind als die Endform selbst. Es
stellten sich sogar nach Untersuchung zahlreicher Indivi-
duen Zweifel darüber bei mir ein ob nicht die alten
Männchen der striata die Eigenschaften der maculata er-
langen. Es mag dies sein und es würde damit überein-
stimmen, dass die männliche maculata gewöhnlich sehr
gross und kräftig ist, sich besonders auch durch Grösse des
Kopfes, überhaupt durch mehr schwerfälliges Aussehen
kennzeichnet. Allein wir haben es doch mit einer neuen,
wenngleich äusserst inconstanten Form zu thun, denn ich
fand, dass auch Weibchen uud noch nicht zur Hälfte aus-
gewachsene Thiere vollständig die Eigenschaften der ma-
culata zeigen können."
Es hat sich mir nunmehr, entsprechend diesen meinen
früheren Angaben und entsprechend der phylogenetischen
Beziehung zwischen striata und maculata als sicher her-
ausgestellt, dass sich zwar die Maculata-Eigenschaften bei
der capresischen und neapolitanischen Mauereidechse am
1) Die Abbildungen sind Thieren aus verschiedenen Gegenden
des süditalienischen Festlandes entnommen, stellen aber Typen dar,
welche um Neapel und auf Capri zusammen vorkommen.
2) g. 27.
320 Th. Eimer:
frühesten und am schärfsten ausgebildet und dass sie sich
überhaupt am häufigsten beim Männchen finden — wie
denn die am schärfsten gezeichneten maculatae alle Männ-
chen sind — dass sie aber auch beim Weibchen vollkom-
men charakteristisch vorkommen und endlich, dass sie
auch bei ihnen schon an ganz jungen Thieren
vorhanden sein können.
Die letztere Thatsache zeigt, dass die Form maculata
bei diesen süditalienischen Eidechsen schon seit Langem
festen Fuss gefasst hat und man möchte geneigt sein, die-
selbe für die Auffassung zu verwerthen, dass die maculata
auch hier in einer Summe von Individuen schon eine ge-
schlechtlich relativ abgegrenzte, mit der striata sich nicht
mehr unbedingt mischende Varietät sei. Dann würde die
Thatsache, dass es auch erwachsene Individuen gibt, wel-
che zwischen striata und maculata mitten inne stehen ^),
durch Rückschlag oder durch die Annahme zu erklären
sein, dass eben diese Individuen phyletisch erst im Be-
griffe sind, sich zur maculata zu entwickeln.
Wenn somit feststeht, dass die Eigenschaften der ma-
culata in Süditalien vorzugsweise an alten Männchen auf-
treten, die der striata dagegen am Weibchen und bei bei-
den Geschlechtern in der Jugend, dass aber andererseits
auch Weibchen und sogar junge Weibchen maculatae sein
können, dagegen augenscheinlich alte Männchen striatae,
wenn auch bei Erwachsenen beiderlei Geschlechts alle Ue-
bergänge zwischen striata und maculata vorkommen, so
sind dies Thatsachen, welche allerdings dafür sprechen,
dass eine absolute Trennung in zwei Varietäten hier
durchaus nicht anzunehmen sei, welche sich aber zum
anderen Theile immerhin für die Ansicht in's Feld führen
lassen, es sei eine solche Trennung im Beginn vorhanden.
Indessen würde ich zur Erwägung der letzteren Frage auf
Grund der zu Capri und Neapel vorkommenden Formen
wohl kaum Veranlassung gefunden haben, wenn nicht eben
in anderen Gegenden eine vollständige Trennung zwischen
striata und maculata eingetreten wäre. Ohne dass man
1) Fig. 16.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 321
genau das Alter eines jeden in Frage stehenden Indivi-
duums und ohne dass man die Eltern desselben kennt,
ohne dass man in dieser Weise über zahlreiche Individuen
ein Urtheil sich erworben hat, ist es unmöglich zu be-
stimmen, inwieweit die Zwischenformen zwischen striata
und maculata in Süditalien als Mischlinge aufzufassen, in-
wieweit sie phyletische Entwicklungsstadien der maculata
oder endlich, inwieweit sie Eückschlagsformen sind; ja
da es stets schwer sein wird zu entscheiden, ob ein In-
dividuum seine volle Ausbildung erreicht hat, so muss
häufig noch Zweifel darüber die Frage compliciren, ob
man es in speciellen Fällen nicht mit ontogenetischen
Entwicklungsstadien der maculata zu thun habe.
In Anbetracht dieser Sachlage müssen wir uns einst-
weilen mit der im Folgenden näher zu beweisenden That-
sache begnügen — und principiell ist dieselbe für meine Auf-
fassung zunächst allein wichtig — dass sicheineTendenz
zeigt zur Umbildung der striata in die maculata
und dass speciell die Variationserscheinungen
der süditalienischen Mauereidechse jedenfalls
nur in dem Sinne gedeutet werden können, dass
wir in ihnen den Ausdruck des Uebergangs zu
einer neuen Varietät, maculata, erkennen, gleich-
viel, ob die Nachkommen aller jetzt lebenden Indivi-
duen im Laufe der Zeiten in diese neue Varietät über-
gehen oder ob sich eine Spaltung in eine conservative,
den Eigenschaften der Ahnen getreue und in eine refor-
matorische, neugeartete Sippe vollziehen wird bezw. zu
vollziehen schon begonnen hat.
Endlich ergibt sich die wichtige Thatsache, dass d i e
Ausbildung der neuen Varietät maculata auch
dann vor sich geht, wenn die Glieder derselben
mit denen der Stammform zusammenleben, dass
sie also vor sich geht ohne Beihülfe der Iso-
lirung.
Da uns nun aber die Verhältnisse anderer Oertlich-
keiten, Verhältnisse, die wir später im Einzelnen ken-
nen lernen werden, zeigen, dass in vielen Gebieten die
maculata, bezw. die reticulata, welche ich unter die ma-
322 Th. Eimer:
culata im weiteren Sinne mit einrechne, ausscbliesslicli
herrschend geworden ist, während sich in wieder anderen
die striata (campestris) rein erhalten hat, und da auch in
jenem Falle überall sicher die Abstammung der maculata
von der striata zu erkennen ist, so gelangen wir, wie
schon angedeutet, zu dem Schluss , dass sich an
jenen Orten eine vollkommene Abspaltung der
maculata von der striata thatsächlich herausge-
bildet hat, wobei wir sehen werden, dass relative oder gar
absolute Isolirung solche Trennung deutlich begünstigt,
dass sie aber augenscheinlich nicht Bedingung derselben ist.
Dies führt auf den zuerst berührten Fall zurück, wo-
nach zwei vollkommen verschiedene Varietäten ohne Zwi-
schenformen untereinanderleben. Nach dem meine Beob-
achtungen bestätigenden Zeugniss von Schreiber und
von Giglioli ist dies erwiesen für die ungezeichnete Va-
rietät olivacea (bezw. elegans) einerseits und gezeichnete
Varietäten andererseits. Da auch die ungezeichneten Va-
rietäten mehr oder weniger deutliche Merkmale ihrer Ab-
stammung von der striata an sich tragen können, so geht
schon aus ihrem Zusammenleben mit den gezeichneten die
Thatsache hervor, dass eine Spaltung in zwei aus-
geprägte Varietäten selbst dann stattfinden kann
wenn Mutter- und Tochterform zusammen leben.
Man könnte einwenden, dass es sich in diesen unge-
zeichneten Varietäten vielleicht um einen Albinismus und
zwar individueller Art handle, so dass die von mir ge-
zogenen Schlüsse durchaus hinfällig wären.
Es ist dieser Einwand nun aber nicht gerechtfertigt,
schon desshalb, weil sich wenigstens bei der einen dieser
ungezeichneten Varietäten, der elegans, bestimmt auch mor-
phologische Unterscheidungsmerkmale erkennen lassen: be-
sonders langer Schwanz, überhaupt sehr schlanker Bau;
ferner desshalb, weil die Varietäten ganz constant eigen-
thümliche Farben zeigen — braun, grün — weil diese
Farben in Beziehung zu den Farben der Umgebung ste-
hen und weil die Varietäten, entsprechend diesen Verbält-
nissen der Umgebung, da und dort die herrschenden gewor-
den sind.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 323
In meiner Abhandlung über Lacerta coerulea habe
ich Beispiele angeführt, wonach inmitten einer herrschen-
den Maculata-Varietät ausgesprochene striatae vorkommen,
augenscheinlich ohne dass Mischungsformen beider vor-
handen wären. Ich fand z. B. inmitten ausgebildeter re-
ticulata nigriventris die so sehr von ihr abstechende reine
campestris. Nach den soeben geschilderten Vorkommnis-
sen bezüglich der olivacea bezw. elegans einerseits und
gezeichneten Varietäten andererseits möchte es nahe lie-
gen anzunehmen, dass jene analogen Fälle bezüglich der
campestris und maculata (reticulata) gleichfalls auf eine
trotz des Zusammenlebens von Stamm- und Tochterform vor
sich gegangene Spaltung in zwei Varietäten zurückzufüh-
ren seien. Allein ich glaubte hier das Beispiel der oliva-
cea vorausschicken und auf dasselbe mich berufen zu müs-
sen desshalb, weil nach vorstehenden Ausführungen das
Vorkommen einer geringeren Anzahl von striatae inmitten
einer Maculata- Varietät immerhin verschiedene Deutungen
zulässt, indem es als Rückschlag oder als Ausdruck noch
nicht vollendeter phyletischer Entwicklung oder gar als
ontogenetischer Entwicklungszustand angesehen werden
könnte ^). Diese Einwände fallen bezüglich des Verhältnisses
1) Beim Begriff Rückschlag — Zurücksinken auf eine frü-
here phyletische Entwicklungsstufe — ist ausgegangen von den Eltern
des zurückgeschlagenen Individuums, welche eine höhere phyletische
Stufe erreicht hatten, als sie dieses erreicht. Geht man aber bei der
Begriffsbestimmung aus von dem in Frage stehenden Individuum
selbst, so erscheint sein Verhalten als Stillstehen der Entwick-
lung: es bleibt auf einer tieferen Stufe der Ausbildung stehen als
die ist, welche es normaliter erreichen sollte. Es bleibt stehen —
wie eine Lokomotive stehen bleibt, welcher der Dampf ausgegan-
gen ist — weil ihm die Kraft zur Vollendung seiner individuel-
len Entwicklung fehlt. Ich muss demnach eine Erklärung darüber
abgeben, wie ich im Obigen „noch nicht vollendete phyletische Ent-
wicklung" dem Rückschlag gegenüberstellen kann. Ich verstehe
unter dieser noch nicht erreichten phyletischen Entwicklung eine
verhältnissmässig langsame solche Entwicklung einzelner Glieder
eines Stammes, derart, dass einzelne Geschlechter dieses Stammes
— eine Anzahl zu einer Familienverwandtschaft im Sinne der mensch-
324 Th. Eimer:
zwischen olivacea und gezeichneten Varietäten weg, schon
weil die olivacea zwischen maculatae vorkommt, mit welchen
sie gar keine unmittelbare Verwandtschaft hat — und
desshalb dürften die diese betreffenden Thatsachen Schlüsse
auch auf die analoge Beziehung zwischen striata und ma-
culata vielleicht zulassen, wobei allerdings jeder einzelne
Fall genaue Prüfung verlangen wird.
Das Ergebniss der Untersuchung ist somit dieses, dass
zwar striata und maculata an manchen Oertlichkeiten
durchaus gemischt vorkommen, ohne dass dann zu entschei-
den wäre, ob beide Formen auch nur im Beginn sich
trennen de Varietäten darstellen, dass sie aber ander-
wärts sich wirklich getrennt haben, dass somit eine
wohlcharakterisirte Varietät striata und eine
ebensolcheVarietät maculata (reticulata) in gewis-
sen Bezirken als constante Form existirt; und
ferner, dass die Tendenz sich zeigt, die maculata
auszubreiten und herrschend zu machen; endlich,
dass die neue Form auf Kosten der Stammform
entsteht und wuchert ohne dass sie von dieser
isolirt wäre.
Ferner ist hervorzuheben, dass es die Modification
campestris der striata ist, welche von der maculata streng
getrennt sieh zeigt, selbst dann, wenn sie mit ihr zu-
sammen vorkommt, dass aber die gewöhnliche süditalie-
nische striata es ist, welche die Uebergänge zur ma-
culata aufweist. Ich werde diese süditalienische striata
im Folgenden als maculato-striata (= albiventris Bonaparte)
bezeichnen. Es sei schon hier darauf hingewiesen, dass
liehen Gesellschaft gehöriger Individuen sammt deren Vorfah-
ren — das höhere phyletische Entwicklungsstadium, zu welchem sie
prädisponirt sind und welches ihre meisten ihnen ferner stehenden
Verwandten schon erreicht haben, einstweilen noch nicht erreichen.
Es würde sich also hier um eine Entwicklungshemmung handeln,
welche in viel geringerem Grade der Ontogenese, der individuellen
Entwicklung, zur Last fiele, als dies beim Rückschlag der Fall ist
— sie wäre als Genepistase {yävog Verwandtschaft, Geschlecht,
Stamm, ^Trt'o'Tarr/? Stillstand) zu bezeichnen, im Gegensatz zum Rück-
schlag, welcher eine Ontepistase ist.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 325
dieselbe in einigen Gebieten Mittelitaliens die herrschende
Varietät zu sein scheint. Die campestris (striata s. str.)
dagegen kommt, wie wir sehen werden, rein in Norditalien
als herrschende Abart vor — um so auffallender ist es,
dass sie ebenso rein und in derselben geringen Körpergrösse,
welche sie im Norden besitzt, unter der maculato - striata
und maculata von Süditalien sich findet. Die erwähnte Abbil-
dung in meiner Abhandlung über Lacerta muralis coerulea
ist von einem solchen Individuum aus der Umgegend von
Neapel. Vorläufig muss ich jedoch, entsprechend vorste-
henden und nachfolgenden Erörterungen die Frage offen
lassen, ob es sich gerade in diesem speciellen Vorkomm-
niss wirklich um eine Trennung von Varietäten handelt.
Aus diesem Grunde habe ich dasselbe nicht verwerthet,
werde jedoch darauf zurückzukommen haben.
Aus Weiterem wird sich nun ergeben, dass die Um-
bildung der striata in die maculata, ebenso wie in andere
Varietäten, nach ganz bestimmten Gesetzen und in den
verschiedensten Gegenden in derselben Weise vor sich
geht. Auf das Deutlichste zeigen sich bei dieser Umbil-
dung constitutionelle Ursachen betheiligt. Im Folgenden
handelt es sich für mich in erster Linie darum, die That-
sachen näher kennen zu lehren, welche diese letzteren
Sätze beweisen und welche zugleich als weitere Grund-
lagen für die ausserdem von mir ausgesprochenen Schlüsse
dienen können. Wir betrachten zu diesem Zwecke die
einzelnen Varietäten der Mauereidechse etwas genauer,
indem wir ihren Zusammenhang auf Grund der Zeichnung
verfolgen.
Lacerta muralis inacnlata, reticnlata und tigris.
Zunächst sei hervorgehoben, dass die reticulata
benannte Varietät ') aus der maculata s. str. 2) in man-
chen Gegenden in derselben Weise hervorgeht, wie die
1) Fig. 12.
2) Vergl. Fig. 17, 18, 19.
Archiv für Natnrg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 22
326 Th. Eimer:
maculata aus der striata: die Flecken der maculata ver-
feinern sich zu netzförmig untereinander zusammenhängen-
den zickzackartigen Linien, welche den ganzen Rücken
des Thieres bedecken^). Es sind wieder zuerst die
alten Männchen, welche die neuen Eigenschaf-
ten am ausgeprägtesten aufweisen. Es sind diese
Eigenschaften u. A. vorzüglich entwickelt bei der genuesi-
schen Mauereidechse, während die tiliguerta von Sardinien
eine noch nicht, aber nahezu vollständig ausgebildete reti-
culata darstellt. Es handelt sich also auch bei dieser Va-
riation um eine durchaus typische, auf bestimmten allge-
meinen Gesetzen beruhende, nicht zufällige. Sie ist in
gewissen Gebieten durchaus herrschend oder ausschliesslich
vorhanden.
Es führt nun die maculata bezw. die reticulata zu-
weilen weiter zur Ausbildung einer Querstreifung, einer
getigerten Zeichnung am Körper unserer Thiere: die
gezackten, noch netzförmig untereinander verbundenen
Flecken zeigen diese Verbindung vorzüglich nur noch in
einer mit der Queraxe des Körpers parallelen Richtung;
zugleich sind die Flecken langgezogen, an beiden Enden
zugespitzt. Die ganze Zeichnung, welche somit eine Quer-
streifung ist, rechtfertigt durchaus die Bezeichnung ti-
gris. Ich habe diesen Fall der Ausbildung einer tigris
vor mir aus der Sammlung Giglioli's von Modica (Sici-
lien): eines von drei Exemplaren, welche ich Herrn Gig-
lioli von diesem Orte verdanke, hat die geschilderte
Zeichnung in ganz hervorragendem, auffallendem Maasse.
Es ist dies wiederum ein altes Männchen 2). Ein
zweites, ein ausgewachsenes Weibchen, ist vollkommen aus-
geprägte maculata, aber mit tlieilweiser Netzbildung der
Flecken (reticulata); das dritte Exemplar, ein jüngeres Männ-
chen, ist maculata, aber die Flecken sind noch in Längs-
reihen angeordnet.
Wenngleich diese tigris eine seltnere Form sein dürfte,
1) Fig. 11 zeigt solchen üebergang.
2) Fig. 20.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 327
SO sind die geschilderten Eigenschaften derselben doch so
charakteristisch und es ist so deutlich, wie sie als neue
Variation aus der maculata sich entwickelt, dass sie
besondere Aufmerksamkeit verdient. Ihre weitere Ver-
breitung beweist die Thatsache, dass entsprechende For-
men auch von einem anderen Autor kürzlich beschrie-
ben und abgebildet worden sind*). Vielleicht handelt es
sich bei derselben übrigens um Eigenschaften, welche
eben erst bei Männchen und zwar bei alten Männchen
auftreten, welche sich noch nicht auf Weibchen ausge-
breitet haben.
Die Lacerta muralis maculata zerfällt demnach in
eine maculata s. str., eine maculata reticulata und eine ma-
culata tigris, welch' letztere aber vielleicht erst im Be-
ginn der Entwicklung steht. Nehmen wir, wie für die übri-
gen, so auch für die tigris die striata als Stammform —
und das eine Exemplar meiner Eidechsen von Modica
zeigt, obwohl es nahezu ausgewachsen ist, noch Andeu-
tungen an die striata in der Längsreihenlagerung der
Flecken — so ist bei ihr im Laufe der phyletischen
Entwicklung geradezu die Längsstreifung in
eine Querstreifung umgewandelt worden und die
Ontogenese wiederholt, wie mir eben mein Material an-
deutet, auch hier die Stammesentwicklung.
Wir sind somit bis dahin zu dem bemerkenswerthen
Schluss gekommen, dass sich eine Reihe von Zeichnungs-
varietäten auseinander entwickelt hat und zwar in der
Weise, dass die Eigenschaften der neuen Varietäten jeweils
zuerst an Männchen der vorhergehenden Varietät und
zwar wahrscheinlich überall an älteren Männchen aufgetre-
ten sind, und dass sie von diesen auf die Nachkommen
vererbt, der Nachkommenschaft gewissermassen aufgepfropft
werden.
Ueberall sind die Eigenschaften der neuen
Form beim Männchen zuerst und am deutlich-
1) Dieses Archiv 45. Jahrgang 1879. Taf. 17. Fig. 1 aus Spezia
und Fig. 3 aus Rom, beide Männchen. — Auch die maculata von
Capri zeigt Uebert^äuge zur tigris (vgl. das Folgende).
328 Th. Eimer:
sten ausgeprägt; am vorzüglichsten zeigen sie
sich bei alten Männchen: es darf somit geschlossen
werden, dass diese Eigenschaften je im Alter
bei Männchen, vielleicht richtiger — Stützen für
solche Auffassung werde ich später noch beizubringen ha-
ben — dass sie zuerst bei besonders üppigen
Männchen in der Zeit der vollsten Kraft sich
entwickeln und dass sie sich von ihnen aus auf
die Rasse ausgebreitet haben.
Ich will hier nur nebenbei erwähnen, dass mit dem
Geschilderten die typischen Zeichnungsvarietäten noch
nicht erschöpft sind: wir können von der Stammform striata
aus — als Modification der beschriebenen — noch eine
andere Richtung des Variirens verfolgen. Bevor ich zu
dieser übergehe, will ich diese Stammform selbst einer
genaueren Betrachtung unterziehen und zugleich den Weg
betrachten, auf welchem ihre Umbildung in die verschie-
denen Varietäten stattfindet.
Lacerta muralis striata campestris. Die Grimdzeichnuiig der
Mauereidechsen.
Es ergibt sich aus dem reichen von mir verglichenen
Material mit Sicherheit, dass jene Form der striata,
welche de Betta als campestris bezeichnet hat,
die Stammform aller Varietäten ist.
Von ihr aus lassen sich Schritt für Schritt die Um-
bildungen in die übrigen Varietäten verfolgen. Diese letz-
teren zeigen auch im ausgebildeten Zustande, wenigstens
an den Weibchen, Spuren ihrer Abstammung von der cam-
pestris oder die Eigenschaften dieser treten doch in der
Ontogenese zu Tage.
Am reinsten kenne ich die campestris vom Lido bei
Venedig, aus Exemplaren der Tübinger Sammlung *), wohl
denselben, welche mein Vorgänger Leydig im Herbste
1868 dort selbst gefangen hat. Leydig's Beschreibung
1) Vergl. Fig. 1.
üutersiicbungeu über das Variiren der Mauereidechse. 32 9
der campestris in seinen „Sauriern" bezieht sich wohl auf
diese Thiere. Leydig bemerkt dort ^), nachdem er von
den bei Bon aparte und Sturm aufgeführten Abarten
gesprochen hat : „Während nun aber diese ,, Varietäten" als
solche nicht fortbestehen können, so verhält es sich anders
mit der Varietät campestris Betta, welche sich von der
Stammform nicht blos durch die Farbe, sondern auch
durch die Lebensart sehr entfernt hat. Synonym mit ihr ist
wohl albiventris Bonaparte. Das Thierchen lebt nicht an
Mauern, Felsen oder Steinen, sondern lediglich unter dem
Gebüsch des freien Feldes und wie es scheint gerne ge-
gen den Saum sandiger Flussufer und gegen den ebenso
beschaffenen Meeresstrand zu."
Weiterhin bemerkt Leydig, dass er das Thierchen
auf dem Lido am Meeresstrande in Menge herumspringen
sah und dass es sich dort unter den Pflanzen und Sträu-
chern, namentlich gern im Wurzelwerk der Grasbüsche
verbarg ^).
Leydig erwähnt, dass er auf die campestris zuerst
aufmerksam geworden sei durch das Buch von G. Martens,
Reise von Ulm nach Venedig 1824, wo erzählt werde, dass
sich auf dem Lido, unmittelbar am Uter des Meeres eine
niedliche Eidechse besonderer Art aufhalte. In der That
fällt die ausgesprochene campestris durch ihre Tracht ge-
genüber anderen Varietäten sehr in die Augen, so dass sie
1) Leydig, Saurier, S. 228.
2) Ich darf wohl hier die Bemerkung einschieben, dass der
Gedanke nahe liegt, es möchte diese Lebensweise, die Beziehung der-
selben zu den Grasbüschen des Ufers, vielleicht damit im Zusammen-
hang stehen, dass die Lido-Eidechse die LUngsstreifung, den Charak-
ter der Stammform der Mauereidechse, so ausgesprochen erhalten
hat, dass sie als Repräsentant dieser Stammform bezeichnet werden
kann. Indessen bin ich nicht im Stande, hierüber ein bestimmtes
Urtheil zu fällen, da mir nur obige Bemerkung von Leydig,
nicht eigener Augenschein über die Lebensverhältnisse der Lido-Ei-
dechse zu Gebote steht. Uebrigens ist das Thierchen, wie Leydig
ausdrücklich sagt und wie schon Eingangs hervorgehoben worden ist,
durch das Helle seiner Färbung auch dem Sande, auf dem es lebt
ähnlich.
330 Th. Eimer:
gerne auf den ersten Blick und ohne Kenntniss der Ver-
bindungsglieder als besondere „Art" aufgefasst werden
mag. Aus Martens', sowie aus Leydig's Angaben
geht also schon hervor, dass wir es in ihr ebenso
wie in der olivacea mit einer wohlcharakteri-
sirten Varietät zu thun haben.
Statt die Schilderang de Betta's *) oder diejenige
Leydig's zu wiederholen, will ich eine übersichtliche Ein-
theilung der Zeichnung der campestris zu geben versuchen,
mit Hervorhebung dessen, was als Grundlage für die Ab-
leitung der verwandten Varietäten besonders wichtig ist.
Ich beziehe mich dabei auf meine Fig. 1. Die Hinweisung
durch römische Zahlen an der Abbildung zeigt auf die im
Folgenden zu schildernden Zonen ihrer Zeichnung, so dass
es weiterer Erklärung derselben im Texte nicht bedarf.
Man unterscheidet an der Zeichnung des Rückens der
campestris im Ganzen 11 Zonen oder Längsstreifen : einen
Mittelstreifen und je 5 weitere Streifen auf jeder Rücken-
hälfe. Die ► letzte, unterste Zone jederseits grenzt unmit-
telbar an die Bauchschilder. Ich bezeichne die Mittel-
zone als I, die neben ihr gelegene als II u. s. w., indem
ich die Zonen einer Rückenhälfte aufzähle. Bei der Be-
schreibung gehe ich aus von den erwähnten Exemplaren
der Tübinger Sammlung vom Lido, bei welchen die Strei-
fung am reinsten unter allen mir zugänglichen ausgespro-
chen ist und welche unter den mir bekannten Formen die
erste Stufe, den Ausgangspunkt aller Variationen wiederum
der campestris darstellen.
1. Zone: Mittelhand. Ein ungezeichnetes, lichtbrau-
nes, nach aussen jederseits durch eine nach unten unre-
gelmässige schwarze oder dunklere Linie, die Grenzlinie
des Mittelbandes, eingefasstes Band. Diese Grenzlinien
sind sehr wichtig für die Variation in einer bestimmten
Richtung, indem sie, sich in Flecken auflösend oder eine
einzige mittlere Kettenlinie bildend, in den ursprünglich
ungezeichneten Theil der Mittelzone hereinrücken, bezw.
diese ganz verdrängen können ^).
1) A. a. 0. S. 152.
2) Vergl. Fig. 2 bis 5 £f.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 331
77. Zone: Oberes Seitenband, Hell ohne Zeichnung,
zerfällt wieder in zwei ganz scharf, aber äusserst zart
abgesetzte Längsbänder, ein inneres helleres (grünlich)
und ein äusseres dunkleres (bräunlich). Diese Abtheilung
des oberen Seitenbandes, allein durch zarte Verschieden-
heit zweier Farbentöne, macht einen sehr feinen Ein-
druck; dieselbe ist übrigens für uns nicht weiter von
Wichtigkeit und ist bei anderen Varietäten, ausser der
campestris, nicht mehr (oder in Spuren nur noch bei ihrer
unmittelbaren Verwandten, der albiventris Bonap. zuwei-
len *) ) zu erkennen : sie scheint das erste Opfer zu sein,
welches dem Zurücktreten der Längsstreifung gebracht wird,
denn ich vermisse sie schon bei den ausgewachsenen
Männchen der campestris; ja selbst bei alten Weibchen
ist sie nur noch auf dem hinteren Theil des Rückens vor-
handen, vorn geschwunden.
III. Zone. Obere weisse Seitenlinie. Sie beginnt un-
mittelbar hinter dem Kopfe, mit der Grenze desselben
gegen den Hals und zwar genau hinter dem Winkel, in
welchem obere und Seitenwand des Kopfes zusammen-
stossen und lässt sich bis zur Schwanzwurzel oder über
diese hinaus verfolgen. Zuweilen aber lassen sich Spuren
von ihr noch am Kopfe, längs der Linie, welche Dach
und Seitenwand desselben scheidet und zwar an der obe-
ren Grenze der letzteren bis zum Auge hin erkennen (Su-
p^'aorbital' oder Äugenbogenstreifen). Wenigstens bei den
Süditalienern ist der vordere Theil der sonst weissen
Linie gewöhnlich grünlich ^).
Sie ist nach innen und nach aussen durch eine
schmale, unregelmässige dunkle (schwarze, braune) Linie
begrenzt. Dadurch, dass Verdickungen dieser Begren-
zungslinien der oberen weissen Seitenlinie in
diese mehr oder weniger weit hereintreten, bekommt sie
mehr oder weniger ausgesprochen das Aussehen einer
Kettenlinie, üebrigens ist an erwachsenen Thieren der
Fall wohl kaum zu beobachten, dass die Begrenzungsli-
1) Vergl. Fig. 14.
2) Vergl. Lacerta mur. coerulea S. 25.
382 Th. Eimer:
nien der oberen weissen Seitenlinie in ihrer ganzen Länge
ununterbrochen sind : die Verdickungen lösen sich leicht
in längliche Flecken auf — zuerst an der unteren Be-
grenzungslinie, an beiden aber zuerst von der Mitte des
Rumpfes an gegen ^ das hintere Ende desselben hin, wäh-
rend sie je weiter vorn um so mehr ununterbrochen und
glattrandig bleiben 0-
Die obere der zwei Begrenzungslinien der oberen
weissen Seitenlinie ist sehr wichtig für die Varietätenbil-
dung, denn indem die Flecken, in welche sie zerfällt,
nach innen, in die zweite Zone (oberes Seitenband) übertre-
ten, tragen sie am Wesentlichsten zur Bildung anderer Va-
rietäten, besonders der maculata bei ^). Anfügen will ich
noch, dass Spuren der III. Zone und besonders ihrer Be-
grenzungslinien sich auf den Schwanz vieler Mauereidech-
sen fortsetzen, dort an jeder zweiten Schuppe kleine Fleck-
chen bildend — obere Schwanzlinie im Gegensatze zu
der später zu erwähnenden unteren.
IV. Zone. Mittleres Seitenband {Augenstreifen). Braunes
Band, vom Auge an bis zur Schwanzwurzel. Auch die dunkle
Färbung vor dem Auge bis zur Schnauzenspitze gehört
hierher. Von der unteren Grenzlinie der III. Zone und von
der oberen der folgenden treten gerne mehr oder weniger
zahlreiche Fleckchen oder Flecke in das mittlere Seiten-
band herein und bilden aus ihm zuweilen eine von Flecken
besetzte Binde oder sogar ein schwarzes Band % Dies
findet sich schon gewöhnlich an der Mauereidechse vom
Karstgebirge, nach — aus der Aufschrift zu schliessen —
von Schreiber 1873 geschenkten, als campestris bezeich-
neten Exemplaren der Tübinger Sammlung. Damit ist der
reine Charakter der campestris schon verlassen, um so
mehr als dieselben Individuen durch Einwärtsrücken der
Begrenzungslinien der IL Zone an Stelle des ursprüngli-
chen Mittelbandes eine schwarze Fleckenbinde aufweisen.
1) Dagegen ist es charakteristisch für junge Thiere, dass die
Begrenzungslinien durchaus ununterbrochen, scharf begrenzt sind.
2) Fig. 11, 12, 19.
3) Fig. 4.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 333
V. Zone. Untere tveisse Seitenlinie (Oherldef er streifen).
Sie bildet, wie die obere, eine schmale weisse Binde,
welche am Oberkiefer, mit demselben oder hinter dem
Auge beginnt, die Ohrspalte in oder nahe ihrer Mitte
kreuzt, oberhalb der Wurzel der Vorderextremität vorbei-
zieht, nach hinten aber sich auf den Oberschenkel fort-
setzt, indem sie dessen hinteren Rand besetzt, somit dessen
obere und untere Fläche hinten scheidet. Sie wird, wie
die obere weisse Seitenlinie, gerne kettenartig, dadurch,
dass eine untere und obere schwarze Grenzlinie,
von welch' beiden sie gleich jener eingefasst wird, noch
leichter als bei der III. Zone in Flecke zerfallen und sie
stellenweise einengen. — Hervorzuheben ist ferner, dass
diese V. Zone mit ihren Begrenzungslinien sich als un-
tere Schwanzlinie auf den Schwanz fortsetzt und zwar
häufig sehr ausgeprägt und bis zum Ende desselben, im
Gegensatze zur oberen, welche, wenn überhaupt, gewöhn-
lich nur bis zur Mitte des Schwanzes deutlich ist. Sie
bildet aber auf diesem keineswegs eine zusammenhängende
Linie, vielmehr setzt sie sich aus drei kleinen Flecken,
einem weissen mittleren, je einem oberen und unteren
schwarzen, entsprechend ihrer Entstehung, bezw. entspre-
chend ihrer Zugehörigkeit zur V. Zone, zusammen, welche
Flecke auf jedem zweiten Schwanzringel sich finden und
wesentlich die Zeichnung des Schwanzes bilden. Sie kann
aber auch nur aus je einzelnen hintereinander gelegenen
schwarzen Flecken zusammengesetzt sein, indem jene zwei
jedesmal verschmolzen sind, dann liegt hinter jedem
schwarzen Fleck der weisse. Endlich können die Flecke
beider Schwanzlinien verschmolzen sein.
VI. Zone. Unteres Seitenhand. Von heller oder dunk-
ler brauner, ursprünglich fleckenloser Färbung, den Raum
zwischen der V. Zone und der ersten Bauchschilderreihe
ausfüllend, in der Höhe des Unterkiefers ( UnterMef er streifen).
Hier sei noch bemerkt, dass besonders bei der cam-
pestris eine Reihe von schwarzen Fleckchen auf der ersten
Bauchschilderreihe, je eines auf jedem Schildchen i), über
1) Auch Leydig erwähnt dieser schwarzen Fleckchen der
campestris.
334 Th. Eimer:
welchem zuweilen je ein weisses Fleckchen sitzt, in mehr
oder weniger vollkommeuer Weise oft eine gezeichnete,
den 6 Rückenzonen parallele Linie an den Seiten des
Bauches bildet. Bei ganz jungen Thieren finde ich diese
Zeichnung als eine Reihe von scharf begrenzten, in durch-
aus regelmässigen Abständen von einander, je in der Mitte
eines Bauchschiklchens angebrachten Pünktchen , einen
äusserst zierlichen Eindruck machend ^). Es handelt sich
also in dieser Punktreihe offenbar um die Vorläufer der
bei den Mauereidechsen verschiedenster Varietät später,
vorhandenen grösseren, verwaschenen blauen oder halb
blauen, halb schwarzen Flecke an den entsprechenden Stel-
len, um eine Zierde, wie sie den Ahnen der jetzt lebenden
Mauereidechsen eigenthümlich gewesen sein wird.
Die Zeichnung Fig. 3, Taf. 2 meiner Abhandlung über
Lacerta muralis coeralea, welche ein weibliches Exemplar
der campestris aus Süditalien darstellt, lässt die sechs
Rückenzonen deutlich erkennen: I ist braun, II grün, getheilt
in eine obere sattgrüne und in eine untere bräunlichgrüne
Binde; III weiss, vorn grün; IV braun; V hellbraun. Die
Grenzlinien von III und V sind nicht überall deutlich.
Ich bin auch erst später auf die Bedeutung dieser Be-
grenzung aufmerksam geworden.
Wenn nun auch die beschriebene Zeichnung, wie be-
merkt, an Lido-Exemplaren am schärfsten ausgeprägt ist,
so finden sich doch auch unter dieser schon solche, wel-
che zu sehr wichtiger Abänderung hinführen. Es sind die
folgenden.
Die Grenzlinien der I. Zone werden durchaus in
kurze rundliche Bruchstücke aufgelöst '^), treten dann von
beiden Seiten her in das Mittelband herein, stossen schliess-
lich zusammen und bilden so grobe, das Mittelband in
seiner ganzen Breite einnehmende Flecke ^). Bei einem
1) Fig. 21 bei VII. Die Abbildung ist in doppelter Grösse
gezeichnet.
2) Fig. 2.
3) Fig. 3. (Das Original ist übrigens vom Karst.)
Uutersuchuiigen über das Variireu der Mauereidechse. 335
alten Männchen fand ich sogar die ganze I. Zone
durch Hereinrücken und theilweises Verschmel-
zen ihrer dunkeln Begrenzungslinien umgewan-
delt in ein geflecktes Mittelband des Rückens.
Dies ist bei der nicht mehr reinen „campestris^ vom Karst
bei Görz der gewöhnliche Fall 0, tritt hier sogar schon
bei den Jungen auf ^) und findet sich erhalten bei den
meisten der im Folgenden zu besprechenden Varietäten^).
Zugleich beginnen sich schon an einzelnen Individuen
vom Lido auch die Begreuzungslinien der V. Zone in
Flecke aufzulösen, die der oberen zerstreuen sich in die
IV. Zone, die der unteren in die VI. Zone. Dasselbe ge-
schieht mit der unteren Begrenzuugslinie der III. Zone:
ihre Flecke zerstreuen sich über die IV. Zone. Uebrigens
zeigt sich diese Aenderung nur im Beginne und ich finde
unter meinen Exemplaren kaum je die IV. und VI. Zone
in eine vollständige Fleckenbinde umgewandelt. Dage-
gen ist dies gewöhnlich schon vollständig der Fall bei
der striata („campestris") vom Karst: Fig. 3 zeigt hier
den Anfang der Umwandlung; in Fig. 4 ist dieselbe vol-
lendet und in Fig. 5 ist sie schon beim Jungen vollständig
ausgebildet. Dieselbe Aenderung ist bei den übrigen Va-
rietäten typisch geworden ^) — bei den meisten, wie wir
sehen werden, unter Schwinden der Abgrenzung der Sei-
tenzonen. Dieser letztere Vorgang zeigt sich gleichfalls
schon angedeutet bei einzelnen Exemplaren vom Lido: die
obere weisse Seitenlinie wird, zunächst hinten, undeut-
licher, die untere schwindet fast ganz, so dass das ganze
Gebiet der Zonen III, IV, V und VI in eine einzige
breite gefleckte Seitenbinde umgewandelt wird.
Dagegen bleibt Zone II rein. Zunächst führen diese
Aeuderungen zur Entstehung der von Bonaparte
als albiventris bezeichneten und abgebildeten
Form 5).
1) Fig. 4.
2) Fig. 5.
3) Fig. 6 u. a.
4) Vergl. die Abbildungen.
5) Fig. 15 und 16.
336 Th. Eimer:
Alle diese, zu andereD Varietäten hinführenden Um-
bildungen der reinen campestris vom Lido fand ich wie-
derum zuerst angedeutet bei alten Männchen; sie sind
jedoch vereinzelte Ausnahmen.
Lacerta muralis maculato- striata.
Es hat nach dem Mitgetheilten Leydig vollkommen
recht, wenn er die Lacerta muralis albiventris Bonap. und
die campestris de Betta in Beziehung bringt. Er sagt in
dieser Hinsicht: „In Hinblick auf die so prächtig gera-
thene Figur der L. muralis var. albiventris in Bonapart e's
Werk über die Thiere Italiens muss ich bemerken, dass
keines der von mir am Lido bei Venedig erhaschten Thiere
eine solche Grösse besass; auch die zwei grünen Rücken-
streifen waren nicht so hell, sondern alle Tinten neigten
in die lichte Sandfarbe. Trotzdem möchte doch L. albiven-
tris mit L. campestris einerlei sein und es ist nur zu be-
dauern, dass uns der Text obigen Werkes nichts über
den Fundort sagt. Uebrigens sah ich in der Sammlung
de Betta's in Verona neben der gewöhnlichen kleinen
und zarten Form der campestris auch Individuen, die
jedenfalls ebenso gross, wenn nicht grösser sind, als die
angezogene Abbildung zeigt. Sie stammten aus denMa-
remmen von Pisa ^).^
Die Lacerta muralis albiventris Bonap. ist in
der geschilderten Weise aus der campestris de Betta her-
vorgegangen. Die Abbildung Bon apart e's zeigt, dass bei
derselben das Mittelfeld des Rückens (I. Zone) von
einer Reihe von Flecken eingenommen ist, welche
theilweise der Länge nach durch feine Verbindungen un-
tereinander zusammenhängen, theilweise getrennt hinter-
einander liegen. Im ersteren Falle ist zuweilen deutlich
eine Zickzacklinie durch die Verbindung der Flecke her-
vorgebracht 2). Diese Erscheinung erklärt sich durch die
1) Saurier S. 229.
2) Vergl. Fig. 16.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechso. 337
von mir geschildeTte Entstehung des gefleckten Mittelban-
des, welche darauf zurückzuführen ist, dass die in Flecken
aufgel()Sten Grenzlinien der I. Zone mcdianwärts, in die
Sagittallinie, rücken und sich verbinden, wobei das eine
Mal die Verbindung nach rechts, das andere Mal nach
links zu liegen kommen kann, weil das eine Mal der von
links, das andere Mal der von rechts einrückende Fleck
maassgebendcr in der Zeichnung wird. Weiter ist charak-
teristisch für die albiventris Bonap., dass, wie schon be-
merkt, die Zone II aller Zeichnung baar bleibt,
dass dagegen Zone III bis V von Flecken besetzt werden,
die dadurch entstehen, dass die Grenzlinie der weissen
Seitenlinien (Zone III und V) in Zone IV und VI her-
einrücken, wobei sie auch die zwei weissen Seitenlinien
mehr oder weniger verdrängen, so dass also Zone III bis
VI zusammen ein mehr oder weniger uniformes, gefleck-
tes Seitenield darstellen. Indessen ist schon hervorgeho-
ben, dass die obere weisse Seitenlinie (Zone III) bei die-
ser Varietät mehr oder weniger deutlich am vorderen Ab-
schnitt des Rumpfes bestehen bleiben kann, während das
untere ganz oder fast ganz geschwunden ist: so bei den
alten Thieren — mehr bleiben beide deutlich beim Weib-
chen als beim Männchen und ist die untere dort zuweilen
wenigstens noch als eine Reihe von ovalen Flecken zu er-
kennen ^); ausgesprochen sind sie beide selbstverständlich
bei den Jungen.
Bei dieser Beschreibung habe ich im Auge diejenige
Varietät, welche in Süditalieu, abgesehen von der macu-
lata, die gewöhnlichste ist, diejenigen Charaktere, welche,
wie früher geschildert, bei der süditalienischen Mauerei-
dechse hauptsächlich beim Weibchen hervortreten. Es ist
diese Form und die campestris, welche ich zusammen als
striata schon in meiner früheren Abhandlung bezeichnet
habe. — Unter dem mir durch Herrn Giglioli zugängli-
chen Material vom italienischen Festlande besitze ich nun
u. A. mehrere Thiere von Toscana, welche sämmtlich,
auch die alten Männchen, in der Zeichnung noch die be-
1) Fig. 13.
338 Th. Eimer:
schriebenen Anklänge an die campestris haben. Bei einem
der Männeben, einem sehr grossen und kräftigen Tbiere,
sind sogar nocb beide weisse Seitenlinien vollkommen
ausgebildet vorbanden ^) ; bei dem zweiten, nocb etwas
kräftigeren Männeben ist die untere dieser Linien bis auf
eine Spur geschwunden ^). Maculatae sind keine unter
meinen Exemplaren aus dieser Gegend. Bei einem sehr
kräftigen Männchen, welches ich aus Umbrien besitze, sind
beide weissen Seitenlinien geschwunden ^) — ihm eben
entspricht die Abbildung von Bonapart e's albiventris. —
Leydig erwähnt, dass er Tbiere, ebenso grosse oder noch
grössere als das bei Bonaparte abgebildete, nach Art
der campestris gezeichnet, aus den Maremmen von Pisa
stammend, in der Sammlung de Betta's gesehen habe.
Es scheint sonach die albiventris Bonap. in jener Gegend
herrschend zu sein. Obschon Leydig die Vermuthung
ausspricht, dass albiventris und campestris identisch seien,
so berührt er den Unterschied der Kleinheit der letzteren
gegenüber der ersteren: ^^auch die zwei grünen Rücken-
streifen waren nie so satt, sondern alle Tinten neigten in
die lichte Sandfarbe." In der That ist nun die campe-
stris de Betta um vieles kleiner und zierlicher als die al-
biventris Bonap. Auch der Unterschied der Farben besteht
so wie ihn Leydig schildert.
Nördlich der Apenninen zeigt sich gegenüber dem
südlich dieses Gebirges gelegenen Theil von Italien be-
züglich der Mauereidechsen überall der Unterschied, dass
dort die unscheinbaren braunen, hier die grünen Töne in
der Grundfarbe vorherrschen, ferner, dass die Tbiere dort
viel kleiner sind als hier, dass sie dort platycephal, hier
pyramidocephal sind, endlich, dass dort die nigriventres
sehr hervortreten, welche hier, so weit meine Beobachtun-
gen reichen, nur an der Nordgrenze des genannten Be-
zirks vorkommen. Man wird aus diesen Verschiedenheiten,
abgesehen vom letzteren Punkte, auf die Bedeutung der
1) Fig. 14.
2) Fig. 15.
3) Fig. 14.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechsc. 839
Isolirung schliessen. In der Tbat wird man derselben
einen Einfliiss auf die scharfe Trennung der Formen zu-
schreiben dürfen. Allein es kann andererseits nicht ausser
Acht gelassen werden, wie bedeutend der Unterschied des
Klimans zwischen Nord- und Mi tteli tauen ist, welcher Un-
terschied ja auch in der Vegetation jenseits der Apenni-
nen, in der Gegend von Florenz, gegenüber dem diesseiti-
gen Gebiete sich so hervorragend geltend macht. Sodann
muss ich betonen, allerdings unter HiuAveis auf die früher
gegen die unbedingte Verwerthung dieser Thatsache von
mir gemachten Einwürfe, dass auch in Süditalien die be-
bänderte, kleine, zarte campestris zwischen der grösseren
Rasse vorkommt, wie denn meine Abbildung derselben in
„Lacerta muralis coerulea" daher stammt — nur das Grün
des Rückens ist bei diesem Exemplar lebhafter als bei der
nordischen. Auch werden wir später sehen, dass das-
selbe in Beziehung auf eine andere nördliche Varietät der
Fall ist, dass auch sie sich in Grösse und Zeichnung
unter Fremden im Süden wiederfindet. Jene inmitten
der neapolitanischen Rasse von mir aufgefundene campe-
stris zeigt nun auf's Deutlichste denjenigen Unterschied,
welcher, abgesehen von Farbe und Grösse die charakteri-
stische campestris von der albiventris trennt: das Zurück-
treten jeder Fleckenzeichnung auf den Binden, das Fehlen
jeder gröberen Fleckenzeichnung. Bei der albiventris
sind die Seitenbinden gefleckt oder sind gar die
Seiten in ein einziges Fleckenfeld verwandelt.
Ebenso ist dieMittelzone des Rückens ein Flecken-
band und zwar verleiht die grobe Beschaffenheit dieser
Flecke derselben vorzüglich ihre Eigenart. Sie ist somit von
der campestris de Betta wohl zu unterscheiden, wenn auch
letztere den Beginn von Abänderungen zeigt, welche zu
der letzteren überführen. Es wird dieser Unterschied wohl
am besten dadurch ausgedrückt, dass man die campestris
als eine striata s. str., die albiventris als eine maculato-
s tri ata bezeichnet und ich werde diese Nomenklatur im
Folgenden festhalten, aus Gründen, die sich von selbst
ergeben werden: es handelt sich für mich nicht um die
Aufstellung von neuen Namen, sondern, wie man sehen
340 Th. Eimer:
wird, um die systematische Durchführung meiner Ableitung
der Varietäten, für welche ich schon zu Gunsten des in-
neren Zusammenhangs meiner Darstellung, sodann aber
auch zu dem Zwecke, um unmotivirter Aufstellung und Be-
nennung von Abarten für die Zukunft ein Ende zu machen,
eine Nomenklatur aufstellen muss, welche natürlich ist,
weil sie die genealogischen Beziehungen der Formen aus-
drückt. Es wird in Zukunft Jedermann leicht werden,
auf Grund dieser Nomenklatur nicht nur jede Varietät
kurz und genau zu bezeichnen, sondern auch die bisher
veröffentlichten Abbildungen in das natürliche Schema ein-
zureihen. Dabei beabsichtige ich keineswegs die alten
Namen durch neue zu ersetzen — man mag und wird jene
beibehalten, wie ich dies ja selbst thue, vor Allem da,
wo ihre Täuflinge durch gute Abbildungen verewigt sind —
aber man wird sie passend mit meiner Nomenklatur ver-
binden. Für sich allein, sind übrigens die Bezeichnungen
nach der Farbe des Bauches: albiventris, rubriventris etc.
desshalb unbrauchbar, weil sie sekundären Eigenschaften
entlehnt sind, welche bald der, bald jener der typischen,
ächten Zeichnungsvarietäten zukommen können und welche
ausgeprägt sogar oft nur dem Hochzeitskleide des Männ-
chens angehören.
Während nun die maculato- striata albiventris
ihre eigentliche Heimath jenseits der Apeuninen hat, ist es
mir sehr auffallend gewesen zu finden, dass die striata vom
Karstgebirge, welche räumlich so weit von ihr getrennt
lebt, Eigenschaften der Zeichnung zeigt, die fast durchaus
mit den ihrigen übereinstimmen. Der Unterschied ist nur
der, dass das Mittelband des Rückens der Bewohnerin des
Karst aus feineren Flecken zusammengesetzt ist, so dass
sie in Beziehung darauf genauer als punct ato - striata
zu bezeichnen wäre. Zuweilen bleibt auch die innere Be-
grenzungslinie der ni. Zone lange oder durch das ganze
Leben hindurch eine ununterbrochene Linie, wie dies an
dem jungen in Fig. 4 dargestellten Männchen zu sehen ist.
Meist zeigen die Thiere dagegen schon frühe den Habitus
der Fig. 5. — Fig. 4 zeigt den Uebergang zur strengen
campestris. Wir werden später sehen, dass die Mauer-
UntersuchuDgen über das Variiren der Mauereidechse. 841
eidechse von Görz — aus der Uragebniig' dieser Stadt stam-
men die Scbreiber'sclien Exemplare der Tübinger Samm-
lung, auf welche ich niicb beziebe — den Uebergang von
der campestris zu der deutseben Mauereidecbse vermittelt.
Dieselbe bat nocb andere bemerkenswerthe Eigenschaften :
als ich diese Eidecbsen zuerst zu Gesiebt bekam, hatte
ich durchaus den Eindruck, junge kleine Mittel- oder Stid-
italienerinnen vor mir zu haben, einmal wegen des Vor-
herrschens von Grün im Kleide und dann wegen der
Kopfform, welche, ganz im Gegensatz zu den übrigen nord-
italienischen Varietäten, pyramidocephal genannt werden
muss. — Diese Bildung einer maculato-striata in Nordita-
lien war mir besonders desshalb auffallend, weil alle an-
deren mir von jenseits der Apenninen bekannt gewor-
denen Varietäten von der albiventris Bonap. sehr verschie-
den sind.
Bevor wir diese Varietäten behandeln, müssen wir
noch einen Blick auf die maculata des Südens werfen.
Lacerta muralis maculata s. str.
Ich habe die albiventris Bonap. als maculato-striata
bezeichnet, weil sie eine striata ist, deren Rücken streifen
aus Flecken sich zusammensetzt und weil die unverän-
dert hervortretende Zone II, ebenso wie der Umstand, dass
die Zone III (obere weisse Seitenlinie) wenigstens theil-
weise deutlich ist, dem Thier noch wesentlich den Aus-
druck des Gestreiften geben: es hat daher in der Nomen-
klatur das striata voranzutreten ; das vorgesetzte maculato
bezeichnet eine Eigenschaft der Streifung, welche nun bei
der weiteren Umbildung zum Hauptcharakter wird. Die
zunächst entstehende Varietät könnte man bezeichnen als
str iato- maculata, d. h. sie ist nocb gestreift, aber die
Streifung ist auf Kosten von Flecken mehr zurückgetreten:
Fig. 15, 16 und 17 gehören hierher. Ich fasse aber alle
Fälle, in welchen die Oberfläche des Rückens durch drei
oder fünf gleich weit von einander abstehende Reihen von
groben Flecken gezeichnet ist, ohne dass noch etwas von
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 23
342 Th. Eimer:
den weissen Seitenlinien übrig wäre, und ebenso die sel-
tenen Fälle, in welchen jene die Fleckenreilien trennen-
den Zwischenräume ganz oder bis auf Spuren geschwun-
den sind, so dass die Oberseite von groben, vieleckigen,
nicht netzartig oder zu Tigerstreifen verbundene Flecken
bedeckt ist, als maculatae s. str. zusammen.
Man hat dabei folgende Modificationen zu unter-
scheiden :
1) (Fig. 17) die Oberseite zeichnen drei Längsreihen
von einander getrennter Flecken, gebildet von den Grenz-
linien der I. und III. Zone. Die IL und III. Zone sind
durch die entsprechenden Zwischenräume vertreten. Die
Seiten nimmt je ein marmorirtes Fleckenband, gebildet
aus den übrigen Zonen, ein;
2) statt dieses marmorirten Fleckenbandes ist gleich-
falls eine Keihe hintereinander gelegener Flecke vorhan-
den, welche der IV. Zone entspricht ; somit decken fünf
Längsreihen von Flecken die Oberseite. Die Zwischen-
räume zwischen den fünf gleich weit von einander abste-
henden Fleckenreihen werden gebildet durch die IL III.
und IV. Zone; Zone VI bleibt bestehen.
3) (Fig. 18 und 19) die Oberseite wird durch drei
Bänder zusammenhänge nder Flecken bedeckt, welche
durch zwei nur ganz schmale Zwischenräume — entspre-
chend Resten der IL Zone — getrennt sind.
4) Auch diese Zwischenräume sind nur noch in Spu-
ren vorhanden (vgl. mural, coerul. S. 27, Holzschnitt) oder
geschwunden.
Modification 2) kenne ich nur nach Abbildungen,
doch dürfte die gegebene Deutung ihrer Entstehung richtig
sein. Dahin gehört die Abbildung maculatus rubriventris
bei Bonaparte und — allerdings der nordischen Fauna
angehörig — die von Seps muralis Laur. fem., die übri-
gens, wie auch Leydig hervorhebt, ein Männchen sein
wird, während das dort als Männchen bezeichnete Stück
wohl ein Weibchen ist 0-
1) Es sei daran erinnert, dass Schreiber diese durch Reihen
von getrennten Flecken gezeichneten Formen — wohin auch Fig. 17
gehört — zu seiner punctato-fasciata rechnet.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 343
Es Überrascht bei der Vergleichung dieser und an-
derer Abbildungen, wie sie alle auf das von mir gegebene
Schema zurückzuführen sind, wie sie durch dasselbe erklärt
und übersichtlich gemacht werden.
Unter allen Abbildungen Bonap arte's und unter
allen guten Abbildungen, die ich überhaupt kenne, fällt es
nur bei einer schwer, sie sofort in meinem Schema unter-
zubringen: bei der Podarcis muralis nigriventris, die mir
übrigens gegenüber den anderen Darstellungen von Ei-
dechsen in der Iconografia gerade den Eindruck weniger
feiner, sorgfältiger Ausführung macht. Sie lässt sich be-
schreiben als eine maculata mit fünf Reihen Rückenflecken,
welche aber nicht schwarz, sondern grünlich sind, woge-
gen die Zwischenräume zwischen diesen Flecken schwarz
sind. Uebrigens ist anzunehmen, dass die hellen Flecke
Ueberresten der Zwischenräume der schwarzen Zeichnung
entsprechen. Und in der That zeigt die Abbildung des
jungen Thieres (b auf Bonap arte's Tafel) deutlich, dass
diese nigriventris eine maculata ist, bei welcher die schwarze
Zeichnung durch Zusammenfliessen in angedeuteter Weise
überwuchert haben muss. Das Junge ist eine maculata,
deren Flecke in Längsreihen stehen, also eine striato-ma-
culata und es muss sich demnach auch in dieser Podarcis
nigriventris schon um eine sehr eingewurzelte maculata
handeln, da schon die Jungen Maculata-Eigenschaften be-
sitzen. Auch hat sie nach Bonaparte, abgesehen von
der Eigenart der Färbung, besondere morphologische Ei-
genschaften. Es sagt Bon aparte, dass ihr Schwanz in
der Regel länger sei als der der gewöhnlichen Mauer-
eidechse; auch seien die Zehen der Hinterfüsse länger und
mehr ungleich. „Suol comparire fin dal Febrajo, abita or-
dinariamente ne' ciocchi degli alberi, tende alle boscaglie;
mentre quell' altra (die gewöhnliche) e piü tardiva a sbucare
da' muri e si solazza in campo aperto, che piü ? Le figliuo-
lanze si dell' una come dell' altra sogliono aver macchie
piü minute, e meglio circostritte delle adulte, ma quando
credi vederle simili nel resto al padre ed alla madre, le
scorgi piü tra loro differenti che non da quelle d'una di-
versa covata; e cosi di pelle in pelle cangiando, pria della
344 Th. Eimer:
qual funzione sogliono divenir luride, miitano si fattamente
che piü non ricognosci la razza ne quali fossero il giorno
inanzi; mentre dalla stessa mutabilita prendi argomento,
che quantnnque si varie, siano sempre le stesse/
Die Vorliebe dieser stark gefleckten und auffallend
dunkeln Varietät zum Gebüsch würde ganz mit früher von
mir mitgetheilten Thatsachen stimmen ; aber au^h abge-
sehen von der Wahrscheinlichkeit einer Anpassung der
Fleckenzeichnung an das Leben in blätterreicher, Fleck-
schatten werfender Umgebung beweist die Angabe von
Bonaparte jedenfalls aufs Neue, dass sich die ver-
schiedenen Varietäten der Mauereidechsen an
bestimmt gearteten Wohnplätzen aufhalten.
Lacerta mnralis pnnctulato-fasciata.
Nachdem ich im Vorstehenden die Entwicklung der
pyramidocephalen in Mittel- und Süditalien lebenden
Zeichnungsvarietäten aus der campestris de Betta geschil-
dert habe, gehe ich nun über zu den fast durchgehends pla-
tycephalen Bewohnern von Norditalien und des deutschen
Gebietes.
Zunächst verfolge ich die Umbildung, welche die
campestris unmittelbar jenseits der Alpen, in denselben
und in Deutschland erfahren hat. Es stehen mir zur Ver-
gleichung Thiere zu Gebote aus der Gegend von Cleven ^),
von Bozen und aus Süddeutschland, welche ich selbst ge-
fangen und andere aus „Bozen'', „Tyrol" und „Süddeutsch-
land", die ich in der Tübinger Sammlung vorfand. Eine
eigentliche striata s. str. = campestris finde ich unter
diesen Thieren nicht. Sie haben aber im Uebrigen die-
selben Eigenschaften mit Bezug auf Grösse, Körperform,
Zeichnung und, von Modificationen (besonders Unterschie-
den in der Färbung des Bauches) abgesehen, auch in der
Farbe. Bezüglich der Zeichnung sind die Charaktere bei
der grossen Mehrzahl der Stücke die der maculato-striata,
bezw. der punctato-striata vom Karst, mit besonderen Ei-
1) Italienisch Chiavenna.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 345
genthiimlichkeiteD, und sie treten vorzüglich ausgesprochen
gewöhnlich nur beim Man neben auf, während das Weib-
chen meist wiederum eigenartige Umbildung aufweist.
Männchen^): maculato - striata insofern, als statt der
ursprünglichen freien Mittelzone des Rückens durch Her-
einrücken der dunkeln Begrenzungslinie dieser Zone ein
gefleckter Mittelstreif entstanden ist. Es besteht also
hierin durchaus dieselbe Umbildung wie bei den pyrami-
docephalen Südländern und bei der punctato-striata vom
Karst; allein die entweder ausgesprochen zu einer zusam-
menhängenden Linie verbundenen oder isolirten Flecken
des Mittelbandes sind meist kleiner und auch unbestimm-
ter gezeichnet, als selbst bei der letzteren. Besonders am
Halse sind sie gewöhnlich nur noch unzusammenhängende
Punkte, die sich zuletzt unmittelbar hinter dem Kopfe ganz
verlieren. Es sei gleich bemerkt, dass diese Auflösung des
Mittelbandes des Rückens beim Weibchen die Regel, aber
dass sie hier insofern weiter geführt ist, als die Flecken
viel kleiner geworden sind, was schliesslich zu fast völli-
gem Verschwinden des Mittelbandes führt. Dadurch wird
der weibliche Charakter vorzüglich mit bedingt 2).
n. Zone. Man unterscheidet zwei Modificationen:
a) die II. Zone enthält eine Längsreihe von dunkeln
Fleckchen oder von Punkten, abstammend, wie bei den
pyramidocephalen striato-maculata, von der obe-
ren Grenzlinie der III. Zone. Diese Fleckchen^) sind aber ge-
wöhnlich mehr oder weniger nach innen verwaschen, übri-
gens vielfach zu einer retikulirten Linie untereinander
verbunden. Es liegt diese Linie in der Regel nicht in der
Mitte, sondern mehr gegen die äussere Grenze der Zone II,
so dass in dieser ein grösserer Bezirk unmittelbar neben
der Zone I von Zeichnung frei bleibt als unmittelbar neben
Zone III.
b) Es haben sich diese Fleckchen über die ganze
Zone II zerstreut und stellen entweder eine sehr matte
1) Fig. 8.
2) Fig. 7.
3) Fig. 8 bei x.
346 Th. Eimer:
marmorirte oder reticulirte Zeichnung dar oder sie sind
in feine Spritzflecke oder in Punkte aufgelöst oder sie
bilden eine zart marmorirte Zeichnung ^). Fast immer ist
indessen auch in letzterem Falle die Spur der eingerück-
ten Grenzlinie der III. Zone als solche noch deutlich er-
kennbar 2).
In allen Fällen sind die Zeichnungen der Zone II
wenig stark hervortretend, so dass die Zone II hell gegen-
über der Mittelzone und gegenüber den alsbald zu beschrei-
benden Seiten absticht. Dennoch ist zu erkennen, dass
in dem Hereintreten der oberen Grenzlinie der III. Zone
in die Zone II und in dem Aufgelöstwerden jener Grenz-
linie in Flecke gewissermassen ein Versuch zur Bildung
einer striato-maculata oder einer maculata vorliegt.
Wir werden später sehen, dass dieser Versuch zuwei-
len thatsächlich zur Ausführung kommt.
Nach der gegebenen Schilderung unterscheidet sich
der bisher beschriebene Theil der Zeichnung des Männ-
chens der deutschen Mauereidechse — wie ich diese
nördliche Varietät in meiner Abhandlung über Lacerta mu-
ralis coerulea kurzweg nannte — von derjenigen vom
Karst mit gefleckter Mittelzone nicht allein durch die fei-
nere Zeichnung dieser letzteren, sondern auch durch die
ausgesprochene, feine Punktirung der Zone II, so dass
ihr die Benennung punctulata mit Recht zukommt. In
ihrer zweiten Hälfte wird sich die Bezeichnung punctulato-
fasciata durch das Folgende, besonders aber durch die Ei-
genschaften des Weibchens rechtfertigen.
Die Mauereidechse vom Karst unterscheidet sich von der
punctulato-fasciata der Alpen und Süddeutschland übrigens
auch durch dieFärbung. Die Grundfarbe der letztern ist braun
oder braun mit grünlichem Schimmer; die erstere zeigt, nach
den mir vorliegenden Spiritus-Exemplaren zu schliessen,
viel mehr südliches Grün im Kleide. Und wie die Zeich-
nung, so erzielen auch die Farben, im Gegensatz zur deut-
schen, ausgesprochenere Längsstreifung auf dem Rücken.
1) Fig. 9.
2) Fig. 9 bei x.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 347
Die III. Zone — obere weisse Seitenlinie —
ist deutlich vorhanden oder doch eben noch erkennbar *),
häufig aber in den äusseren Theil der IL Zone hinein
verwascheu, dadurch, dass ihre obere Grenzlinie in diese
gerückt ist.
Ebenso ist die V.Zone — untere weisse Seiten-
linie — aber meist nur am vordersten Abschnitte des
Rumpfes, an Kopf und Hals, deutlich.
Die IV. Zone ist gewöhnlich dunkler als die VI.
und bildet zuweilen ein nach oben scharf, nach unten un-
deutlich oder, wenn die untere weisse Seitenlinie vorhan-
den, auch hier bestimmt abgesetztes Band. Diese Einzel-
heiten ergeben sich bei genauerer Betrachtung der Seiten
des Thieres. Bei oberflächlicher Betrachtung macht aber die
Gegend der IV. bis VI. Zone häufig den Eindruck gleich-
massiger Marmorirung: oft erscheinen die Seiten dann in
der That als je ein gleichmässig marmorirtes Band -) —
punctulato-fasciata. — Das Weibchen dagegen erhält den
Charakter des Bebänderten, wie wir sehen werden, beson-
ders durch Ausprägung und sattbraune Färbung der IV.
Zone. Wie die Abbildung bei Sturm, Seps mural.
Laur. fem. zeigt, kommt letztere Eigenschaft übrigens
auch beim Männchen vor — wahrscheinlich ist sie es,
welche ihren Autor veranlasst hat, das Thier für ein Weib-
chen zu halten.
Weihchen : I. Zone als dunkle, mehr oder weniger
aus Flecken oder Punkten bestehende Mittellinie entweder
vorhanden — fast immer aber weniger ausgeprägt als
beim Männchen ^) — oder — und zwar meistens — nur
durch eine Reihe nach vorn sich verlierender Pünktchen
angedeutet^) oder ganz fehlend. In letzterem Fall ist
die I. Zone mit der IL jederseits in ein einziges
breites, helles Rückenfeld verschmolzen. Dieses
1) Fig. 8 u. 9, m.
2) Fig. 9.
3) In dem Exemplar Fig. 6 war sie ausnahmsweise kräftig und
erhält dieses dadurch einen männlichen Charakter.
4) Fig. 7, I.
348 Th. Eimer:
Rückenfeld ist gewöhnlich fein punktirt, ebenso die Zonen
II, wenn diese durch ein Mittelband getrennt sind — her-
vorgerufen ist diese Punktirung dann durch Auflösung und
Zerstreuung der oberen Grenzlinie der IL Zone, event.
durch Auflösung des Mittelbandes.
Obere und untere weisse Seitenlinie sind
scharf, oft kettenartig ausgeprägt, dazwischen
liegt die IV. Zone als ein sattbraun es schar f-
begrenztes Band, eingefasst unmittelbar von der oberen
dunkeln Grenzlinie der V. und der unteren dunkeln Greuz-
linie der III. Zone.
Die VI. Zone stellt eine hellbraune Binde dar. Aber
in ihr tritt, wie auch in der IV. Zone, Fleckenzeichnung
sehr zurück oder fehlt völlig, so dass beide Zonen gleich-
massig gefärbte Binden darstellen.
In der Abbildung Seps muralis Laur. mas bei Sturm,
welche ein Weibchen ist, sind Zeichnung und Färbung
des letzteren sehr gut ausgesprochen. Der dunkle Mittel-
streif (I. Zone) ist dort noch deutlich vorhanden — wie es
die Regel ist, ausgeprägter hinten als vorn. Auch ist dort
zu sehen, wie sich die IV. Zone und ebenso die III. u. V.
(die beiden weissen Seitenlinien) auf dem Schwanz fort-
setzen, während Zone I vor der Schwanzwurzel aufhört.
Durch diese Eigenthümlichkeiten :
1) das Zurücktreten der Mittelzone;
2) das Hervortreten von Zone III, IV und V in Form
von ausgesprochenen Längsbändern;
3) das Zurücktreten der Fleckeuzeichnung, welche in
SpritzuDg oder Punktirung verwandelt ist, erhält das
Weibchen der deutschen Mauereidechse etwas sehr
Charakteristisches.
Uebrigens zeigt Fig. 6, wie schon angedeutet, dass
auch Zeichnungscharaktere des Männchens an ihm mehr
oder weniger vorherrschen können.
Es tritt somit die Streifung beim Weibchen an den
Seiten in den Vordergrund, während sie in der Rücken-
mitte zurücktritt. Auch bilden die Streifen fast gleichfarbige
und meist breite Bänder: Bebänderung ist der bezeich-
nende Ausdruck und es ist das Wort ^^fasciata", welches
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 349
Schreiber statt striata für die gestreiften., ancli für die
gefleckt-gestreiften Varietäten der Maiiereideclise überhaupt
anwendete, nicht sowohl in diesem weiteren Sinne als viel-
mehr im Hinblick auf den Charakter des nordischen Weib-
chens passend. Das Männchen lässt sich meistens, wie
beschrieben, nur insofern als „bebändert" bezeichnen, als
entweder die IV. Zone, wie beim Weibchen, hervorragend
dunkel gefärbt, oder als Zone IV bis VI zu einem marmo-
rirten Ganzen verschmolzen sind und in Gegensatz zu
einem hellen Rückenfelde treten.
Somit sagt L eydig mit Recht vom Männehen:
„Rücken vorn mit deutliehen dunkeln Flecken überzogen
und auch das Seitenband oftmals in Flecken aufgelöst."
Und vom Weibchen: „Die dunkeln Flecken der Rücken-
farbe geringer zahlreich, auch kleiner; das Seitenband
nicht selten ein zusammenhängender Streifen."
Die Vergleichung zeigt, dass der gewöhn-
liche Typus der männlichen punctulato - striata
ähnlich ist demjenigen der weiblichen gestreif-
ten Mauereidechse Sliditaliens.
Die Jungen der deutschen Mauereidechse
sind wiederum dem erwachsenen Weibchen ähn-
licher als dem Männchen: sie führen die seitlichen
■Streifen, bezw. Binden und zwar ungefleckt, und auf dem
Rücken ist entweder die dunkle Mittelzone in Gestalt einer
zarten Linie oder einer Reihe von Punkten vorhanden oder
sie fehlt. Die IL Zone ist ohne Zeichnung und, wenn die
Mittelzone fehlt, ebenso der ganze Rücken bis zur IIL Zone.
Somit tritt hier die I. Zone in der Gestalt, in welcher sie
bei der ursprünglichen campestris vorhanden ist, nicht
mehr auf, während dies bei der punctato-striata vom Karst
zuweilen noch geschieht.
Bezüglich der Zeichnung stellt diese letztere deutlich
eine Zwischenform zwischen der reinen campestris und
der punctato-striata dar. Während es bei dieser wiederum
die Männchen sind, welche neue positive Eigenschaften
annehmen, so ist es auffallend, dass die Weibchen dersel-
ben die Rtickenstreifung nicht wiederholen, dass sie durch
Verlust derselben ein so eigenartiges Aussehen erhalten
350 Th. Eimer:
haben. Alles deutet darauf hin, dass diese, ausserdem
sehr kleine, zarte, ausgeprägt platycephale, braungefärbte
punctulato - striata eine seit langer Zeit ausgebildete
Form sei.
Es fällt demnach bei ihrer Entwicklung sehr die Ten-
denz auf, Längsstreifung am Eücken, sowie ausgeprägte
Fleckenzeichnung zu verwischen und wie ich vorausgrei-
fend hier bemerken will, stimmte die Verkleinerung der
Flecke zu Punkten, die Punktirung oder Berieselung des
Rückens, das Zurücktreten auch der Flecken der Seiten
für welche beim Weibchen ein breiter brauner Streifen
erscheint, ebenso wie die ganze Färbung des Körpers we-
nigstens in den Fällen, in welchen ich die Thiere im
Freien in ihren natürlichen Lebensverhältnissen beobachtet
habe, sehr zu dem Gestein, auf welchem sie leben (Gneiss
bei Cleven, Porphyr bei Bozen, bunter Sandstein im nord-
östlichen Schwarzwald). Allein es ist deutlich, dass die
Forderungen der Anpassung sich anschmiegen müssen den-
jenigen der Vererbung, dass sie nur in einer solchen Weise
realisirt werden können, welche die Constitution des Or-
ganismus gestattet und so sehen wir deutlich die Neigung
zur Ausbildung der Eigenschaften der Ahnen im Kleide
der deutschen Mauereidechse sich Ausdruck verschaffen.
Ich werde alsbald zeigen, dass dies zuweilen in einem
weit höheren Maasse geschieht, als wir bis jetzt erfahren
haben.
Ausserdem will ich gleich hier andeuten, dass auch
die gewöhnliche unscheinbare Zeichnung und die unschein-
bare Färbung der nordischen Mauereidechse meiner An-
sicht nach nicht minder wie die geringere Körpergrösse
zurückzuführen ist auf die „vita minor", die sie gegenüber
ihren südlichen Verwandten führt, also auf constitutionelle
Ursachen, welche in der Wirkung des Klimas in letzter
Linie begründet sind. Ich werde aber diese Frage später aus-
führlich behandeln. Die Thatsache des Vorkommens
einer Lacerta muralis fasciata in Sicilien, über
welche ich anschliessend an die Beschreibung der deut-
schen Mauereidechse alsbald berichten will, mag, abgese-
sehen von schon Mitgetheiltem, als Beweis für die Rieh-
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 351
tigkeit meiner Ansicht in dieser letzteren Beziehung zu-
nächst bezüglich der Färbung sprechen , während die
Identität des Schema's der Zeichnung beider Formen in
hervorragender Weise für die Zähigkeit spricht, mit wel-
cher bestimmte Richtungen der Entwicklung eingehalten
werden.
Ich berufe mich für diesen bemerkenswerthen Fall
auf eine Zeichnung Bonapart e's. Bevor ich zu demsel-
ben übergehe , möchte ich aber eine andere Abbildung
dieses Autors berühren, welche sich auf eine auch in der
Farbe mit der punctulato-fasciata übereinstimmende Form
bezieht.
Bon aparte bildet unter dem Namen Po dar eis
muralis rubriventris eine Mauereidechse aus Italien
mit brauner Rückenfarbe ab, welche, abgesehen von dem
etwas kräftigen Körperbau, die Eigenschaften der deut-
schen punctulato - fasciata hat, in Kopfform und Grösse
mehr die der männlichen, in Zeichnung und Farbe mehr
die der weiblichen. Der Rücken ist ohne Punktirung, ohne
jede Zeichnung, die IV. Zone als braunes Band stark aus-
geprägt, darüber deutlich die obere weisse Seitenlinie, die
übrigens nicht weiss, sondern gelblich ist. Der rothe Bauch
gibt selbstverständlich keinen wesentlichen Unterschied
von der deutschen Varietät ab.
Auf das Vorkommen dieser Eidechse lassen nur die
Worte Bonaparte's schliessen: „la Lucertola de' monti a
pancia rossa non tende al verde, e non porta macchie
decise, ma suole avere il dorso terrea mareggiato di bi-
ancastro." Vielleicht, dass etwa im mittleren oder gar im
südlichen Italien in höherer Lage im Gebirge, dieselbe
Varietät sich findet, die am Abhang der Alpen und in
Deutschland vorkommt — möglich aber auch, dass Bona-
parte mit der „Lucertola de' monti" eben die Mauerei-
dechse aus einer Gegend der Alpen meint, also die von
mir als die „deutsche" bezeichnete. Ich muss übrigens
hervorheben, dass sich in meinem Material aus Mittel- und
Süditalien keine Varietät findet, welche mit der Zeichnung
Bonaparte's — auf welche ich somit, wegen der Un-
kenntniss der Heimath des Originals, die Beweisführung
352 Th. Eimer:
betreffs der Constanz bestimmter Entwickliingsrichtungen
nicht gründen konnte — Aebnlichkeit hätte.
Dagegen liefert diesen Beweis das erwähnte Vorkommen
einer Mauereidechse auf Sicilien, welche in der Zeich-
nung vollkommen mit der weiblichen deutschen,
bezw. m it der Podarcis muralis rubriv entris Bona-
parte übereinstimmt, während sie in der Farbe
üppig südlichen Typus zeigt. Ich beziehe mich auf die
Podarcis muralis siculus olivaceus albiventris,
welche Bonaparte in seiner Iconografia abbildet. Der
Eücken des betreffenden Thieres, eines Weibchens, ist hell-
grün, ohne jede Zeichnung, mit Ausnahme der „Spuren
einer aus kleinen Flecken zusammengesetzten Mittellinie^' im
hinteren Abschnitte (I. Zone, secundäre Bildung *) — ganz
das Verhalten der deutschen Varietät. Die IL Zone zeigt
keinerlei Zeichnung. Die III. Zone (obere weisse Seiten-
linie) ist durch eine relativ breite, scharfbegrenzte gelbe
Linie dargestellt. Die IV. Zone ist eine sattbraune Binde
wie bei der deutschen. Die V. Zone Cuntere weisse Sei-
tenlinie) ist nicht- angedeutet; die VI. Zone, wie bei der
deutschen, braun.
Die Vergleichung dieser Abbildung der Podarcis mu-
ralis siculus olivaceus albiventris mit der deutschen, bezw.
mit der auf der Tafel vorher von Bonaparte dargestell-
ten Podarcis muralis rubriventris, muss in höchstem Grade
überraschend wirken: im Wesentlichen durchaus dieselbe
Zeichnung bei beiden, bei der Sicilianerin aber diese Zeich-
nung viel kräftiger ausgeprägt und dann die satten, süd-
lichen Farben Grün und Gelb, bei der nördlichen das un-
scheinbare Braun und Weiss!
Sehen wir zunächst von der Frage ab, inwieweit die
Farben beider üntervarietäten oder Kassen auf Anpassung
zurückzuführen seien oder inwieweit die Einwirkung des
südlichen Klima's bei der Erzeugung der prächtigen Far-
ben Hand in Hand mit der Frage nach Schutz oder Trutz
in's Spiel kommen könnte, so fällt eben gegenüber der
1) Unter „secundärer Bildung" der ersten Zone verstehe ich
den Fall, in welchem dieselbe von eingerückten Flecken besetzt ist.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 353
grossen Verschiedenheit der Farben in Nord und Süd um
so mehr die Thatsache auf, dass dort wie hier in der
Zeichnung ganz dieselben Varietäten, zurück-
führbar auf denselben Ausgangs]Minkt sich ent-
wickelt haben, entwickelt in einer Schärfe, welche auf
das Nachdrücklichste für die Bedeutung constitutioneller
Ursachen beim Variiren, für die Ansicht spricht, dass die-
ses nur nach ganz bestimmten Richtungen hin gesche-
hen kann.
In diesem Sinne spricht freilich allein schon die be-
schriebene Art der Entstehung des charakteristischen Tj^pus
der deutscheu Mauereidechse im Vergleich mit der süditalie-
nischen maculato-striata. Ich hob hervor, dass in dem
Kleide jener gewissermassen deutlich der Versuch zu er-
kennen ist, eine Entwicklung zu nehmen, entsprechend der
letzteren oder gar der striato-maculata, bezw. maculata s. st.
und reticulata, dass dieser Versuch jedoch gewöhnlich nicht
zur Ausführung kommt.
Es findet somit auch in Beziehung auf die deutsche
Mauereidechse und auf die südlichen dieselbe Regel An-
wendung, welche ich aus der Aehnlichkeit des deutschen
weiblichen Typus mit der sicilianischen olivacea Bonap.
gezogen habe.
Es sollen nun aber noch weitere Beispiele zeigen,
dass ausnahmsweise auch die Bildung einer striato-macu-
lata oder einer maculata, bezw. reticulata bei der deut-
schen Mauereidechse thatsächlich zur vollen Ausbildung
kommt.
Ich habe in dieser Beziehung wieder überraschende
Vergleiche an älteren Abbildungen anzustellen: die Abbil-
dung von Seps muralis Laur. fem. (= mas) in Deutsch-
lands Fauna von Jakob Sturm ist eine regelrechte striato-
maculata, wie sie unter den pyramidocephalen des Südens
vorkommt '), mit den nordischen Eigen thümlichkeiten be-
treffs der Zeichnung der Seiten.
Man vergleiche nun diese Seps muralis Laur. mit
der Podarcis muralis siculus rubriventris Bonap.
1) Vgl. Fig. 17.
354 Th. Eimer:
und man wird wiederum überrascht sein, in welchem Grade
die Zeichnung des Rückens bei der glänzend grünen süd-
lichen und bei der bescheiden braunen nördlichen Mauer-
eidechse identisch ist! Und, da wir annehmen müssen,
dass die Entstehung dieser Zeichnung in beiden Fällen, dass
sie im Süden wie im Norden auf ganz dieselbe Weise
aus der Campestris-Streifung der Stammform erfolgt sein
werde, so ergibt sich, in welchem Grade auch da und
dort Anpassung im Spiele sein mag, in wie hohem Grade
constitutionelle Ursachen bei der Umbildung mit wirksam
sein müssen und wie zähe dieselben ihre Wirkung ver-
erben.
Im Anschluss hieran sei noch bemerkt, dass sich in
der Tübinger Sammlung unter vier Stück Mauereidechsen
in einem mit „Tyrol" als Fundort des Inhalts bezeichne-
ten Glase drei befinden, welche den gewöhnlichen deut-
schen Charakter haben, während das vierte eine ausge-
sprochene reticulata ist.
Im Uebrigen ist der Punctulato-fasciata-Charakter der
deutschen platycephalen Lacerta muralis im Ganzen sehr
streng durchgeführt, so dass es sich in ihr um eine be-
stimmt ausgeprägte weithin herrschende Varietät handelt.
Aus dem folgenden Abschnitte wird sich ergeben, dass
überall in nördlichen Gebieten nur entweder dieser ihr
Charakter oder aber jene bestimmten Variationen dessel-
ben, welche wir soeben behandelt haben (besonders punctu-
lato-fasciata, reticulata) da oder dort herrschend sind, dass
sich dagegen nirgends unserem Schema fremde Abänderun-
gen finden.
Nachdem ich im Vorstehenden sämmtliche Grundva-
rietäten der Mauereidechse aufgeführt und beschrieben habe,
will ich im Folgenden auf das Vorkommen derselben ge-
nauer eingehen und zwar will ich zunächst die nordischen,
platycephalen, wie sie in meiner Sammlung enthalten sind,
aufzählen. An die platycephalen werde ich sodann die
pyramidocephalen Formen anreihen.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 355
Torkomineii der nördlichen platyceplialen Varietäten
der Maliereidechse.
Die von mir in meiner Abhandlung üher Lacerta
coerulea schon beschriebene genuesische Mauerei-
decbse ist eine ausgesprochene platycephala reticu-
lata nigriventris ^). Unter zahlreichen Stücken, die
ich von Genua besitze, zeigen die Männchen ganz typisch
die entsprechenden Eigenschaften. Auch bei Weibchen und
Jungen treten dieselben auf, in der Regel schliessen sich
diese beiden in der Zeichnung aber der deutschen, beson-
ders dem deutschen Weibchen an : nur fehlt die Mittellinie
des Rückens noch öfter als bei diesem, wogegen der-
selbe stärker punktirt oder gefleckt ist.
Die Spiritusexemplare dieser Eidechse sehen anderen
gegenüber ausserordentlich dunkel, blauschwarz aus —
das Schwarz durch die Zeichnung von Rücken und Bauch,
der blaue Ton, als Spirituswirkung, in den Zwischen-
räumen derselben auftretend. Lebend haben die Thiere
auf dem Rücken einen gelblichgrüneu oder kupferrothen
Schiller.
Aus Lucca besitze ich durch die Güte des Herrn
Giglioli ein Männchen, dessen Zeichnung mit derjenigen
der Genuesischen übereinstimmt, indem es ausgesprochen
reticulata nigriventris ist, nur ist es grobfleckiger
als die Genueserin und damit tibereinstimmend ist seine
Kopfform eher als pyramidocephal zu bezeichnen, bildet
einen Uebergang zur pyramidocephala. Da ich nur dieses
einzige Stück von Lucca kenne, so kann ich nicht sagen,
inwieweit die Varietät dort in sich abgeschlossen ist. Ent-
sprechend der mehr südlichen Heimath ist die Eidechse
grösser als die von Genua.
Von Rimini besitze ich, ebenfalls durch Herrn Gi-
glioli, ein Männchen, welches die Eigenschaften der vori-
gen hat, reticulata nigriventris, aber im Gegensatz zu
derselben platycephal ist, auch ist bei ihm die Netzzeich-
1) Vgl. Lacerta muraUs coerulea S. 38 ff.
3B6 Th. Eimer:
nung auf dem Rücken nicht vollkommen geschlossen, was
übrigens in ähnlicher Weise, wenn auch nicht so deutlich,
bei der vorhergehenden der Fall, so dass Beziehungen zur
maculata s. st. erkennbar sind ^). Die bedeutendere Grösse
gegenüber der Genueserin bildet ausserdem bei dieser Ei-
dechse einen Uebergang zu dem südlichen Volk.
Auch von ihr habe ich nur ein einziges Stück.
Ein altes Männchen aus Verona, welches ich in der
Tübinger Sammlung vorfand — leider wiederum als ein-
ziges Exemplar aus dieser Gegend — entspricht in den
Eigenschaften der Zeichnung der Bewohnerin von Rimini,
nur ist sie grobfieckiger und das Netzförmige derselben
tritt auf Kosten dieser Eigenschaft mehr zurück. Uebri-
gens ist die Eidechse noch als eine reticulata zu be-
zeichnen und zwar ist sie, gleich der vorhergehenden, eine
ausgeprägte nigriventris. Der Kopf ist ähnlich be-
schaffen wie bei der Luccanerin — nahezu pyramidoce-
phal, jedoch in's platycephale übergehend.
Es mag hervorgehoben werden, dass von den bisher
genannten reticulatae die Genueserinen am dunkelsten sind,
sowohl was die Zeichnung des Rückens, als was die des
Bauches angeht.
Weiter ist bemerkenswerth, dass ich unter den süd-
italienischen (ausgesprochen pyramidocephalen) Mauerei-
dechsen keine nigriventris angetroffen habe — dieselben
scheinen ihre Heimath vorzüglich in Nord-Italien, nörd-
lich von den toskanischen Apenninen zu haben, südlich
derselben nur selten vorzukommen, hier vielleicht häufiger
nur wieder im nördlichen Gebiete, so, nach meinem Ma-
terial zu schliessen, bei Lucca. Ebenso sind alle Thiere,
welche ich von Inseln besitze, die südlich von der Insel
Pianosa (im Südwesten von Elba) gelegen sind, so schon
von Montecristo, nicht mehr nigriventres, sondern ohne
schwarze Flecke an der Unterseite und sie zeigen auch
im Uebrigen den südlichen Habitus. Nicht minder sind
die von „Toscana" (Giglioli) vollkommen ausgesprochene
1) Fig. 11.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 357
Südländer: i)3n'amidocephalae, maciilato - striatae - albi-
veutres ^).
Von der Insel Piano sa verdanke ich Herrn Giglioli
zwei Weibchen-), reticulatae, ganz vom Charakter der
obengenannten — etwa so gross wie die genuesischen
Männchen, eine Grösse, welche jener von kräftigen süd-
deutschen Männchen gleichkommt. Was die Färbung der
Unterseite angeht, so ist diese theilweise schwarz gefleckt:
so die Kehle ausgiebig, dann die Seiten und hinten auch
der mittlere Theil des Bauches — wir haben also noch
eine nigriventris, aber bezüglich dieser Eigenschaft
eine Zwischenstufe zwischen den bisher betrachteten nörd-
lichen Typen und den südlichen. Was die Kopfform an-
geht, so kann ich darüber kein Urtheil fällen, weil ich
nur Weibchen vor mir habe, bei welchen der Unterschied
zwischen platycephal und pyramidocephal nicht scharf aus-
gesprochen ist.
Es fällt auf, dass es gerade das Festland des
nördlichen Ital iens ist, auf welchem die ausge-
sprochensten nigriventres vorkommen, nicht
aber die Inseln, auf welchen im Durchschnitt
doch eine grössere Feuchtigkeit anzunehmen ist,
als auf jenem, besonders auf solchen Inseln, die,
wie z.B. Montecristo, sehr weit im Meere draus-
sen liegen und sehr klein sind.
Ich habe nun aber zu bemerken, dass auch die Mauer-
eidechsen von Cleven, wenngleich spärlich — ungefähr
wie die von Pianosa — schwarzscheckige Unterseite zeigen,
dass ferner auch die Tyroler und die übrigen süddeutschen
Thiere häufig schwache Andeutungen derselben Eigen-
schaft aufweisen : vorzüglich an der Kehle und an den
seitlichen Rändern des Bauches. Ein Männchen der Tü-
binger Sammlung von der Seiser-Alp zeigt sogar, wenn-
1) Die uigriventris Bonaparte's ist, der Zeichnung nach
zu schhessen, eine pyraraidocephala, welche auch in der Grösse
durchaus südlichen Typus zeigt. Sie wird also jedenfalls in Mittol-
oder Süditalien zu Hause sein.
2) Fig. 12.
Archiv für Naturg XXXXVII. Jahi{>:. 1. Bd. 24 *
358 Th. Eimer:
gleich nur matt, schwarze Flecke auf der ganzen Unter-
seite — jede Schuppe hat einen schwarzen Fleck in der
Mitte des vorderen Randes oder es nimmt dieser Fleck
den vorderen und mittleren Theil der Schuppe ein und
fast ehenso finde ich das Verhältniss bei Thieren aus Bozen.
Während die bisher aufgeführten Formen, mit Aus-
nahme der fasciata von Cleven, Tyrol und Süddeutsch-
land, reticulatae und zwar reticulatae nigriventres sind,
fordert die Mauereidechse von Corsica, von welcher ich
durch die Güte des Herrn Giglioli vier Stück, davon
drei Männchen und ein jüngeres Thier besitze, besondere
Besprechung.
Es schliesst sich diese Eidechse in zwei der erwach-
senen Exemplare so vollständig der von Cleven oder von
Süddeutschland nicht nur in Zeichnung, sondern auch in
Grösse an, dass man auf den ersten Blick versucht wäre,
beide für identisch zu halten — sie sind punctulato-
fasciatae. Nur tritt die Fleckenzeichnung der IL Zone
im hinteren Theile des Rückens kräftiger hervor — die
Flecke sind gröber und auch dunkler, wodurch bewirkt
wird, dass der bei der deutschen durch die Spärlichkeit
der Zeichnung der II. Zone hervorgerufene Eindruck eines
gebänderten Rückens schwindet. Auch die Seiten sind
kräftiger gefleckt. — Ein drittes Stück, ein offenbar sehr
altes Männchen, ist ganz grobfleckig: striato -maculata,
ähnlich wie das in Fig. 17 dargestellte Thier aus Sicilien:
die Piinctulato-fasciata-Eigenschaften sind also in's Süd-
liche übersetzt , indem an Stelle der Punktirung grobe
Fleckenzeichnung getreten ist. Das junge (halbgewach-
sene) Exemplar zeigt sehr schön die zwei weissen Seiten-
linien in ihrer ganzen Länge. Die obere Grenzlinie der
oberen weissen Seitenlinie ist von ihr noch nicht abgelöst,
bildet aber eine ziemlich breite Linie; die sekundäre Mit-
tellinie ist stark entwickelt.
Es ist indessen die Mauoreidechse von Corsica nach
dem Mitgetheilten von der Clevenerin oder von der deut-
schen nur sehr wenig abweichend, gehört näher zur Rasse
derselben als die von Genua, obschon die letztere zwischen
ersteren mitten inne wohnt — sie ist insbesondere heller
üntersiiclnmQoii über das Variiren der MancroidccliRf. 859
als die Gcnueserin, obschon sie auf einer Insel lebt: sie
ist auch nicht wie diese aus«;espr()cliene nigriventris, zeigt
aber ferner darin Anklänge an die Clevenerin bezw. deut-
sche, dass sie melir oder weniger reichlich schwarze
Flecke an der Kehle und auch an den äusseren Bauch-
schildern führen kann.
jDie Lacerta niuralis punctulato-fasciata ist
nach dem mir zugänglichen Material die herrschende Kasse
vom südlichen Abhänge der Al])en an (Cleven) nach Nor-
den, in Tyrol, im südlichen Gebiet des deutschen Reichs,
selbst bis zu den Grenzen ihres Vorkommens z. B. in
Württemberg, wo ich sie, wie bemerkt, bei Teinach im
Schwarzwalde noch gefunden habe ^). Auch ein Exemplar,
1) Die Manereidechse erstreckt sich in diese Gegenden, wie über-
haupt nach Württemberg herein, durch die Nebenflüsse des Rheios,
bezw. des Neckars. Die Teinach ist ein westliches Nebenflüsschen
der Nagold, welche durch die Enz mit dem Neckar in Veibiudnng
steht. Im Nagoldthal, welches von Süd nach Nord zieht, kommt
die Mauereidechse noch über die f^inmündungsstelle des Teinach-
thales in das Nagoldthal vor, und zwar ungefähr so weit als der
bunte Sandstein reicht, bis zum Beginn des Muschelkalks, etwas
über das Städtchen Wildberg hinaus. Teinach liegt 412 m, Wild-
berg, 414 m über dem Meere. Ich fand die Mauereidechse noch
ziemlich höher als ersterer Ort gelegen ist, au den Abhängen des
Teinachthales. Auch durch die Enz und andere Nebenflüsse des
Neckars erstreckt fach unser Tlnerchen m jener Gegend noch wei-
ter hinauf. So durch die Enz bis Enzklösterle (630 m ü. d. M.).
Ferner ver]>reitet sie sich unmittelbar vom Rhein, von Westen und
Nordwesten her im Murgthal bis Freudenstadt (765 m ü. d. M.), im
Kinzigthal bis gegen den Ursprung der Kinzig hin und entlang der
Gutach, einem südlichen Seitenflüsschen der Kinzig bis Tryberg
(685 m ü. d. M.). Es erstreckt sich somit die Mauereidechse hier über-
all bis zu ziemlich bedeutenden Höhen in ziemlich unwirthliche
Gegenden in den ächten, tannendichten Schwarzw^ald hinein. Um
so mehr ist es auffallend, dass sie in den tiefergelegenen, ungleich
sonnigeren, wärmeren Gebieten des Neckarthaies von der Nähe Lud-
wigsburgs an aufwärts fehlt, ebenso in den Nebenthälern, welche von
diesem Punkte an in dasselbe einmünden. In gleicher Weise fehlt
sie den Zuflüssen der Donau und dieser selbst in unserem Gebiet
(im unteren Donauthal wird ihr Vorkommen erwähnt vom schwar-
zen Meere an bis zur westlichen Grenze von Niederösterreich).
360 Tb. Eimer:
welches die Tübinger Sammlung aus der Bretagne besitzt,
hat denselben Charakter. Wie weit sich die Varietät über
das südwestliche und das östliche Europa erstreckt, ist
mir nicht bekannt. Die abweichenden Eigenschaften, wel-
che die Mauereidechse vom Karst zeigt, habe ich einge-
hend geschildert; auf die Bewohnerinnen von Dalmatien
komme ich noch zu reden. Ich kann hier dem Mitgetheil-
ten nur noch einige unvollkommene Notizen betreffs der
Gebiete anreihen, welche sich an die bisher behandelten
anschliessen, besonders mit Bezug auf die Schwarzfärbung
des Bauches ihrer Eidechsen.
Nach dem Material zu urtheilen, welches ich bei
Herrn Giglioli gesehen habe, findet sich die nördliche
reticulata nigriventris auch in der Nähe von Spezia
(bei Veruazza), sowie auf Elba, an beiden Orten zu-
gleich mit einer gestreiften Form (der Charakter dersel-
ben ist mir nicht mehr genau erinnerlich) mit ungefleck-
ter Unterseite. Auf der Insel Caprera, auf Gorgona
und Pelargona muss, meinen Notizen zufolge, gleichfalls
Schwarzfleckung der Unterseite vorhanden sein.
Von Florenz habe ich mir das Vorkommen einer
Ihre Verbreitung in den Seitenthälern des Rheins, bezw, Neckars
bei uns scheint somit darauf hinzuweisen, dass sie das ürgebirge
und den bunten Sandstein gegenüber dem Muschelkalk und dem
Jura bevorzugt, wenigstens in denjenigen Gebieten, welche an der
Grenze ihres Vorkommens liegen, in welchen die ihnen günstigen
Existenzbedingungen spärlicher geworden sind. Nach dem früher
Mitgetheiiten liegt es nahe zu denken, dass der Anpassung der
Farbe und Zeichnung des Thieres an den Untergrund bei dieser
Verbreitungsweise Bedeutung zukomme. Indessen könnten dabei
zugleich noch andere Umstände massgebend sein, welche sich auf
Erhaltung des Individuums oder der Art beziehen, denn der Unter-
schied in der Vegetation der wasserreichen, üppigen Urgebirgsna-
tur, bezw. den Gebieten des bunten Sandsteins einerseits und des
trockenen Muschelkalk- oder Jurabodens andererseits ist ein ausser-
ordentlich grosser. Auf einigen dem Rhein näher gelegenen Mu-
schelkalkgebieten kommt die Mauereidechse bei uns zw^ar noch vorj;
auf dem Jura und Keuper dagegen scheint sie hier ganz zu fehlen.
(Vergl. P aul US, Verbreitung der Lacerta muralis, Jahreshefte des
Vereins für vaterländ. Naturkunde in Württemberg 1857.)
Untersuchungen über das Varilrcn der Mauereidechse. 361
„nigriventris, ähulieh der Genueserin" — also wohl reti-
culata — als Besonderheit auf den Höhen der Umge-
bung, nach der Mittheilung Giglioli's angemerkt, nicht
aber, ob das Thier im Uebrigen südlichen oder nördlichen
Habitus hatte.
Es linden sich somit die Mauereidechsen , welche
charakterisirt sind durch:
1) kleineren Körper,
2) Platycephalie,
3) Vorwiegen einer feinen Fleckenzeichnuug des
Kückens , gegenüber der groben der südlichen
Formen,
4) vorwiegend brauner Rückenfarbe und ihrer Modi-
ficationen gegenüber dem Grün der südlichen,
5) Neigung zur Bildung von schwarzen Flecken an
der Unterseite (nigriventres),
soweit ich auf Grund des mir zu Gebote stehenden Ma-
terials urtheilen kann, jedenfalls innerhalb einer Grenze,
die von Corsica über Genua und Cleven bis in den
Schwarzwald und von da nach Verona, Venedig, Rimiui,
von hier herüber nach Lucca und über Elba auf die Insel
Pianosa ^) gezogen ist. Nach dem mir zugänglichen Ex-
emplar aus der Bretagne zu schliessen, dürfte dieses
Gebiet nach Nordwesten bis zur französischen Küste zu
erweitern sein ; es gehören in dasselbe ohne Zweifel auch
die nördlichsten Stellen des Vorkommens der Mauereidechse
in Deutschland ; dieselbe findet sich wahrscheinlich am gan-
zen Niederrhein, jedenfalls bei Nymwegen und ausserdem
sogar bei Groningen.
Die nördlichen Bewohner dieses Gebietes — von
Cleven an nordwärts — sind punctulato-fasciatae, theilweise
mit Andeutung von Schwarzfleckung der Unterseite ; die
südlichen sind, abgesehen von der Corsikanerin, vorzüglich
reticulatae, meist nigriventres. Wo sie südlich der toska-
1) Ob die Rückenfarbe der Bewohnerinnen von Elba und von
Pianosa mehr die südliche oder die nördliche Eigenschaften hat, ob
sie mehr braun oder mehr grün ist, kann ich nach meinen Spiritus-
exemplaren nicht sagen.
362 Th. Eimer:
nischeii Apenninen noch vorkommen, haben sie beträcht-
lich an Grösse zugenommen und damit Hand in Hand an
pyramidocephaler Bildung. Aber schon die Bewohner der
an die nördliche Seite der Apenninen grenzenden Bezirke
zeigen Uebergänge zu diesem Verhalten.
Die Ausgangsform aller, die striata s. str. mihi = cam-
pestris de Betta, hat sich in der Gegend von Venedig er-
halten. Nordöstlich von hier findet sich die augenschein-
lich mit ihr in unmittelbarem Zusammenhange stehende
punctulato-striata vom Karst, mit ihrer Hinneigung zu süd-
lich grüner Färbung und zur Pyramidocephalie. Wir wer-
den sehen, dass diese wiederum Beziehungen zeigt zu der
dalmatinischen Mauereidechse.
Vorkommen der südlichen, pyramidoceplialen Varietäten der
Mauereidechse,
Das Gebiet, welches dieselben bewohnen, umfasst,
nach dem mir zugänglichen Material, in Italien vom mitt-
leren oder südlicheren Toskana und Umbrien an das ganze
südliche Festland, ebenso die Inseln, welche von Monte-
cristo an südlich gelegen sind, einschliesslich diesem selbst.
Während im Norden die punctato-striata und die
reticulata sich aus der striata (campestris) entwickelt ha-
ben, zielt die Entwicklung im Süden auf die Bildung der
maculato-striata (albiventris Bonap.), striato-niaculata und
maculata s. str. ab: Hauptcharakter ist, abgesehen von der
pyramidocephalen Kopfform und der bedeutenden Körper-
grösse, grobfleckige Zeichnung; dazu kommt, wie
oben schon erwähnt, das Hervortreten von grüner Färbung
statt der braunen.
Bevor ich jedoch die Fundorte dieses grobfleckigen
Typus näher bespreche, muss ich besonders die Mauerei-
dechse von Sardinien behandeln, die Ameiva tili-
guerta Meyer ^). Dieselbe ist bei Sehr eib er charakterisirt
1) Synops. reptil. 1795 — Lacerta tiliguerta Latr. bist. nat. d.
rept. 1802.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 363
als: „supra obscure viridis (^) aut fuscescens ($), maculis
uigris reticulata ^ aut fasciata $ siibtus albida."
Die tiliguerta verbindet in interessanter Weise nörd-
liche und südliche Eigenschaften, sowohl in Körpergrösse
als in Zeichnung und in Färbung, endlich auch in der
Kopfform.
Nach Grösse und Kopfform steht sie in der Mitte
zwischen den nördlichen und den südlichen. Der Kopf wird
dadurch auffallend lang und spitz, dass er nicht ebenso
in den Querdurchmessern wie im Längendurchmesser ver-
grössert ist und dies gilt auch für den ganzen Körper,
welcher auffallend lang und verhältnissmässig dünn, also
schlank ist. Der Kückenzeichnung nach ist sie ausgespro-
chen reticulata; nur die Weibchen zeigen an der Seite
Andeutung einer Bindenzeichnung, wie sie der fasciata
zukommt. Interessant ist besonders der Fortschritt in
Bezug auf südliche Eigenschaften gegenüber der Bewoh-
nerin von Corsica.
Dass diese tiliguerta eine constante Varietät sei, ist
längst anerkannt. Allein sie wird nicht mit grösserem
Rechte in diesem Sinne aufgefasst als die reticulata von
Genua oder von Pianosa und andere, oder die punctulato-
striata von Norditalien und Deutschland, bezw. von Cor-
sica. Nur ist selbstverständlich, dass die Varietäten auf
dem Festlande gewöhnlich an den Grenzen ihres Verbrei-
tungsgebietes mehr oder weniger ineinander übergehen
werden, während sich auf den Inseln die Uebergangsfor-
men früher verlieren als dort — ein durchaus unwesent-
licher Unterschied für die Frage von der Entstehung der
Art, denn auf den abgeschlosseneu Inseln wird nur rascher
geschehen, was auf weiterem Gebiete langsam aber doch
sicher gleichfalls geschieht — die Entstehung der Typen,
welche wir als „Arten" bezeichnen.
Anhangsweise sei hier bemerkt, dass ein Exemplar
der Mauereidechse, welches ich von der Insel Giglio (west-
lich von Orbetello) besitze (gesammelt von Giglio li), ganz
die Eigenschaften der tiliguerta hat — nur ist der Rücken
nicht so dunkel gezeichnet.
Maculato-striata (albiventris) : schon aus „Tos-
364 Th. Eimer:
cana" habe ich dieses Thier in durchaus typischer süd-
licher Ausbildung, sowohl was Zeichnung als was Farbe
und was Körpergrösse angeht ^).
Ich verdanke dasselbe, wie die meisten im Folgen-
den zu erwähnenden, Herrn Giglioli (einige sammelte
dessen Assistent, Herr Ca van na).
Der Unterschied zwischen dieser gestreiften Toska-
nerin und ihrer nördlichen Landsmännin, der toskanischen
reticulata nigriventris, ist ein ganz ausserordentlicher, ab-
gesehen von der Kopfform, welche auch bei der letzteren
fast pyramidocephal ist. Noch grösser ist dieser Unter-
schied gegenüber den übrigen reticulatae, den platycepha-
len des Nordens.
Die drei Exemplare, welche ich von „Toscana" be-
sitze und die also dicht an der Grenze der Platyceplialen
wohnen, sind von bedeutender Grösse und Ueppigkeit.
Ich lasse hier die Maasse des grössten, eines Männchens,
folgen.
Gesammtlänge des Thieres 200,
Länge von Kopf und Rumpf zusammen 68,
Länge des Kopfes 18 mm.
Wir haben somit schon die Körperlänge der neaj)oli-
tanischen maculata — wenn wir vom Schwanz absehen,
welcher bei dem ersten Maasse mit in Betracht kommt und
welcher wohl zufällig bei dem von mir gemessenen tos-
kanischen Exemplare kürzer ist, als sonst in der Regel.
Ebenso sind auch die Maasse des Kopfes: Höhe, Breite,
Umfang, schon die der Neapolitanerin. Für diese (macu-
lata) habe ich in meiner Abhandlung über Lacerta muralis
coerulea ^) angegeben:
Gesammtlänge 215,
Länge von Kopf und Rumpf zusammen 72,
Länge des Kopfes 18,7.
Für die platycephale Grundform dagegen:
Gesammtlänge 150,
Länge von Kopf und Rumpf zusammen 60,
1) Fig. 14 und 15.
2) S. 33.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidecbse. 365
Lilnp:e des Kopfes 16,5 0-
Die Zeiclimiii2: erpbt sieli ans meinen Ab])il(lnn,iren ; sie
ist bei Männchen wie hei Weibclien (licjcnij;-e der iilbiven-
tris Bonap., aber mit ans^*cpräi;-ter oberer weisser Seiten-
linie 2), Rest der Cam])estris-BibUino;.
Ganz die Zeiebnnni? der albiventris Bonap. haben
zwei alte Männchen, welche ich von den Herren Gi gl ioli
und Cavanna aus Umbrien erhalten habe ^), während
diejenige eines etwas jüng'cren Männchens, gleichfalls aus
Umbrien (Giglioli) stammend, vollkommen mit den Tos-
kanern übereinstimmt. Auch meine Exemplare von der Insel
Ponza und von Lipari (Gigl.), ferner von Caramarico
(Abruzzcn) (gesammelt von Cavanna) haben die Zeichnung
der toskanischen, bezw. umbrischen, selbst wenn sie alte
Männehen sind. Wie weit es an diesen Orten zur Ausbil-
dung der maculata s. str. gekommen ist, kann ich auf
Grund meines wenig reichlichen Materials nicht sagen.
Allein es scheint doch aus demselben hervorzugehen,
dass in manchen Gegenden — wie gerade z. B. in Tos-
kana und in Umbrien — die Ausbildung einer ausgeprägten
maculata s. str., wie sie z. B. Fig. 18 u. 19 darstellen, nicht
erreicht ist oder wenigstens in der Regel nicht erreicht
wird, dass vielmehr selbst die alten Männchen dort noch
die Eigenschaften erhalten haben, welche inmitten der
maculata -Rasse nur jüngeren Männchen oder Weibchen
noch zukommt, indem sie mehr noch der Stammform sich
nähern, noch Längsstreifung zeigen. Es scheinen vor-
züglich die i m Norden des Gebietes der Pyramido-
cephalen auf dem italienischen Festlande leben-
den Formen zu sein, welche auf diesem Stand-
punkt stehen geblieben sind, und ebenso ist ja
aus den von mir bezüglich der Platycephalae
mitgetheilten Thatsachen zuerkennen, dass in
der Regel die Männchen der nördlicher leben-
1) Alle Zahlen geben das Mittel aus den Messungen zahlrei-
cher der anscheinend ältesten männlichen Individuen.
2) III Fig. 14 u. 15.
3) Fig. 16.
366 Th. Eimer:
den Varietäten in ihren Eigenschaften sich den
südlicher lebenden Weibchen nähern.
So ergibt sich jedenfalls aus meinem Material, dass,
abgesehen von gewissen Inseln, auf dem italienischen Fest-
lande im Süden die am meisten grobgefleckten Formen
vorkommen. In der Umgebung von Neapel und auf
Capri haben, wie aus früherem hervorgeht, die striato-
maculata und maculata s. str. das Uebergewicht ei-
langt oder zeigen wenigstens die alten Männchen durchaus
deren Eigenschaften. Auf Capri neigt die maculata aus-
serdem insofern häutig zur tigris hin, als die Flecke der
Seite — nicht die des Mittelbandes — in scharfe Quer-
streifung übergehen. Die Zeichnung ist dann ähnlich
Fig. 18: die Mittelzone ist breit und grob gefleckt, von
der IL Zone ist höchstens noch eine schmale Linie übrig,
die anderen Zonen (III — VI) sind in ein einziges Flecken-
feld verwandelt, aber dieses Feld ist — was in Fig. 18
nicht ausgesprochen der Fall — quergestreift, getigert. Die-
selbe Bildung wie auf Capri, geht auch an anderen Orten
vor sich, wie z. B. aus Fig. 19 von der Insel Ventot ena
(westlich von Neapel) zu ersehen ist, in welcher der Beginn
einer Tigerung der Seiten deutlich vorliegt.
Maculatae s. str. sind durch Fig. 18 und 19 darge-
stellt, die Form Fig. 17 kann man als striato - mac ulata
bezeichnen. Die letztere ist so entstanden, dass, abgese-
hen von der Bedeckung des Mittelbandes durch unzusam-
menhängende Flecken, auch die IL Zone theilweise von
solchen Flecken besetzt ist (III a), welche, ursprünglich
die obere Grenzlinie der IIL Zone darstellten, aber in die
IL Zone hereingerückt sind. Die III. Zone ~ obere
weisse Seitenlinie — ist als solche noch deutlich erkenn-
bar (III) und dieser Umstand eben ist es, welcher der
Varietät noch den Charakter des Gestreiften gibt: striato-
maculata, während bei der maculata s. str. die IIL Zone
verwischt ist und höchstens noch die Ueberreste der IL
Längsstreifung bilden.
Ich besitze nun solche maculatae, abgesehen von der
Umgebung von Neapel und aus Capri und Ventotena *),
1) Fig. 19.
Untersuchungen über das. Variiren der Mauereidechse. 367
von Calabria ulteriore (Cavanna) von Ischia (Gigl.),
von Messina und von Modica auf Sicilicn (Glgl.), an
welch' letzterem Orte auch die in Fig. 20 abgebildete tigris
vorkommt, von den Inseln Montecristo, San Stefano
und Strom boli. Ausgeprägte strinto-maeulata ist das
drittemeiner Tliiere von Modica*), älmlicli ist dasjenige von
Messiua — aber ich finde diese Form nirgends herrschend.
Reticulatae, wie sie unter den Platycephalen des Nor-
dens vorkommen, finde ich im Süden nicht. Die tigris
von Modica ^) rauss also aus der maculata s. str., wie sie
von Ventotena in Fig. 19 abgebildet ist, hervorgegangen
sein, wie ja auch das über Capri in dieser Beziehung Ge-
sagte beweist — diese tigris ist die reticulata des
Südens!
Ganz besonders dunkle — starkgefleckte Zeichnung
des Rückens haben meine Exemplare von Stefano und
Stromboli — es fallen diese Thiere aus allen anderen
heraus durch diese Eigenschaft auf — sie hängt wohl mit
dem vulkanischen Boden zusammen, worauf ich noch zu-
rückkomme. Uebrigens führen meinem Material zufolge,
überhaupt die süditalienischeu Inseln vorzugsweise dunkle
maculatae. Kaum irgendwo dürften aber die Maculata-
Eigenschaften der Pyramidocephala des Südens in dersel-
ben Weise in einer Gegend ausschliesslich herrschend sein,
wie dies mit den Eigenschaften der verschiedenen Platy-
cephalen der Fall ist, entsprechend den früher erörterten
Thatsachen, wonach es schwierig zu unterscheiden, ob
und inwieweit die pyramidocephale maculata überhaupt an-
gefangen hat, sich als abgegrenzte Varietät zu constituiren.
Nigriventres fand ich unter den Pyramidocephalae
des Südens nicht, abgesehen von den unter den Platyce-
phalen geschilderten Uebergangsformen des nördlichen Ge-
bietes des südlich der toskanischen Apenninen gelegenen
italienischen Festlandes.
Ich schliesse als pyramidocephale Varietät hier an:
Die dalmatinische Mauereidechse , soweit ich
1) Fig. 17.
2) Fig. 20.
368 Th. Eimer:
deren Eigenschaften nach einigen in der Tübinger Samm-
lung befindlichen Exemplaren beurtheilen kann. Es sind
dies allerdings nur ihrer drei. Zwei davon sind mit dem
Namen Lacerta Merremii bezeichnet, unter welchem,
wie Schreiber bemerkt, in neuerer Zeit besonders durch
den bekannten Naturalienhändler Erber in Wien eine in
Dalmatien und Griechenland gesammelte Mauereidechse
versendet wird. Schreiber schildert diese Eidechse, zu-
gleich mit der in Fig. 17 von mir abgebildeten striato-ma-
culata, als typisch für die punctato-fasciata unter den vier
von ihm aufgestellten Hauptformen der bei Mauereidechsen
vorkommenden Zeichnung. Sie entsteht nach ihm dadurch,
„dass die gewöhnlich längs den Seiten und der Rückenmitte
hinziehende dunkle Fleckenbinde in mehr weniger zahl-
reiche, meist ziemlich grosse Makeln zerfällt, die bald
von einander getrennt, bald wieder theilweise untereinan-
der zusammenhängend, als meist ziemlich breite Marmel-
binden über Rücken und Rumpfseiten hinziehen, von der
ursprünglichen Grundfarbe oft nur schmale und manchmal
ganz scharf begrenzte streifenartige Zwischenräume übrig-
lassend Das sonst den Seitenbinden beigegebene
Weiss ist bei typischen Stücken dieser Varietät gewöhn-
lich nur in geringem Grade vorhanden, ja sehr häufig we-
nigstens im Alter vollkommen geschwunden."
Aus meiner Abbildung ^) geht einfach hervor, welche
Stellung diese Mauereidechse gegenüber den übrigen Va-
rietäten einnimmt: sie ist auch in meinem Sinne eine
punctato-fasciata, deren unmittelbarer Zusammenhang
mit der Bewohnerin von Karst -) in die Augen springt —
ebenso ist ihre Zeichnung fast identisch mit den auf dem
Rücken gröber gefleckten Individuen der punctulato-fas-
ciata ^) aus Cleven, und solcher Zusammenhang entspricht
ja durchaus der geographischen Bezeichnung der Wohn-
orte dieser Varietäten. Des Näheren sind ihre Eigen-
schaften :
1) Fig. 10.
2) Fig. 5.
3) Fig. 6.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 869
I. Zone, sekundäre ]\rittelzone, aus mittelgroben, von
einander getrennten Flecken bestehend, welche nach vorn
immer kleiner werden.
II. Zone, ungefieckt.
III. Zone, die obere weisse Seitenlinie, löst sich nach
hinten mehr und mehr in hintereinanderliegende Flecke
auf, welche nach oben von undeutlicheren, nach unten
von sehr scharfen schwarzen Flecken der gleichfalls zer-
fallenen Seitenlinien begrenzt werden.
Die V. Zone, die untere weisse Seitenlinie, ist kaum
noch deutlich, so dass die Seiten in je eine marmorirte
Binde verwandelt sind.
Diese Merremii ist also wie die Bewohnerin vom Karst,
aber im Gegensatze zur punctulato - fasciata von Cleven
und Deutschland, pjTamidocepbal. Sie ist auch grösser
und kräftiger als diese beiden, ungefähr so gross wie die
tiliguerta von Sardinien, nahezu wie die kräftigen Süd-
italiener. Ihre Farbe ist, soviel nach den Spiritusexempla-
ren geschlossen werden kann, nicht braun, sondern bun-
ter als die der nördlichen Varietäten. Bei Schreiber
ist sie übrigens als „supragrisescens" beschrieben (Var. m,
S. 409).
Eine andere, als Podarcis muralis rubriventris aus
Dalmatien bezeichnete Mauereidechse der Tübinger Samm-
lung, ein junges, nicht ausgewachsenes Männchen, hat na-
hezu noch die Eigenschaften der campestris.
In meiner Abhandlung über Lacerta muralis coerulea
bemerkte ich, das Variiren der Mauereidechse finde den
stärksten Ausdruck „in einer von Leydig citirten Be-
merkung Erbers, welcher sagt, dass die Mauereidechse
in Dalmatien in endlosen Abänderungen vorkomme und
fast in jeder Lokalität anders gezeichnet sei." Es ist somit
nicht anzunehmen, dass das Wenige, was ich mit Obigem
über die dalmatinische Mauereidechse beigebracht, deren
Charakter in allen ihren Varietäten kennzeichne — wohl
aber darf ich schliessen, dass die ^^endlosen Abänderungen^
sich bei genauer Betrachtung auf Grund meines Zeichnungs-
schemas als sehr verwandt und wohl als uns im Wesent-
lichen schon bekannte Formen herausstellen werden.
370 Th. Eimer:
Die Mauereideclise von Malta
schliesse ich hier an, als Bewohnerin des Südens, aber als
Ausnahmserscheinung bezüglich ihrer Eigenschaften gegen-
über den so charakteristischen pyramidocephalen Südita-
lienern.
Sie ist für eine Südländerin ausserordentlich klein —
nicht grösser als die von Corsica, welche wieder nicht
viel grösser ist als die deutsche.
Ausserdem ist sie platycephal und weiter ist sie
eine reticulata, mehr oder weniger nigriventris, indem
der Hals, sowie Seiten und hinterer Abschnitt des Bauches
gewöhnlich vereinzelt oder zahlreicher schwarze Flecke zeigt.
Ist diese letztere Eigenschaft auch nur andeutungsweise
vorhanden, so ist es doch in hohem Grade bemerkenswerth,
dass sie hier, wie so häufig in Norditalien, zusammenfällt mit
dem Zurücktreten der groben Flecke auf dem Rücken und
zwar an einer Oertlichkeit, welche so weit von dem Wohn-
gebiete der platycephalen reticulatae entfernt und davon
durchaus isolirt ist. Auch fällt sehr auf, dass die Kopf-
form sich zugleich ändert mit den Eigenschaften der
Grösse, der Farbe und Zeichnung — denn es muss bemerkt
werden, dass die Malteserin nicht so viel Sattgrün wie
die Süditalienerinen, sondern melir Braun und Gelb im
Kleide hat. Es handelt sich somit hier augenscheinlich
um correlative Beziehungen zwischen der Kopfform
und den anderen oder mehreren der genannten Faktoren.
Da der Abkömmling der Malteserin, die grosse kräftige,
schwarze Eidechse vom Filloiafelsen pyramidoccphal ist, so
scheint das correlative Verhältniss Avesentlich zwischen
Kopfform und sehr kräftigem Körperbau zu suchen zu sein.
Die Rückenzeichnung der Malteserin anlangend, muss
übrigens bemerkt werden , dass dieselbe sich einerseits
zu einer Punktirung verfeinert, während unklare Seiten-
binden bestehen bleiben, so dass sie den Charakter der
deutschen punctulato-fasciata bekommt (besonders die Weib-
chen), dass sie aber andererseits durch gröbere Ausbildung
der Flecken fast zur maculata wird. Dabei ist noch zu
UntersiichiiDgen über das Variiren der Maucreidcchse. 371
betonen, dass die alten Männchen am stärksten gezeiclinet
erscheinen. Ich bedauere, dnss mein Material zu klein ist,
als dass ich untersuchen könnte , ob sich eine Regel
zwischen der Art der Bauchtlt^dvenzeichnung gegenüber
dieser Verscliiedenlicit der Zeiclmung des Kückens fest-
stellen lässt — ich konnte nur wenige der ausserordent-
lich flinken Thierchen auf Malta erhaschen und war so
in den meisten Fällen darauf angewiesen, ihre Zeichnung
aus einiger Entfernung zu studiren.
Die Rückenfarbc der Mauereidechse von Malta hat
einige Aehnlichkeit mit der von Genua, indem auch diese
häufig einen gelblichen Rückenschimmer zeigt. Aber dies
Gelb ist bei der Malteserin viel mehr ausgesprochen. Häufig
ist es allerdings mit Grün oder Braun und Grün stark ge-
mischt, aber es kann auch derart hervortreten, dass man
geradezu von einer auf dem Rücken gelben Eidechse
reden kann. Dieses Hervortreten von gelber Farbe fällt
denn auch sofort in die Augen: nirgends sonst habe ich
eine gelbgefärbte Mauereidechse gesehen — und zw^ar ist das
Gelb unseres Thicres ein ganz helles Gelbgrün oder Schwe-
felgelb. Diese hellgelbe Farbe tritt besonders dann be-
herrschend in den Vordergrund, wenn die Zeichnung des
Mittelrückens zurücktritt, wenn die Thiere darin mehr der
deutschen punctulato-fasciata sich nähern. Uebrigeus ist
auch die Zeichnung nicht schwarz wie bei anderen Mauer-
eidechsen sondern braun, mit einem Anflug von Grüngelb,
etwa Olivenfarben zu nennen. Die gelbe oder grüngelbe
Grundfarbe tritt mehr auf dem vorderen Theil des Rückens
hervor; Oberseite des Kopfes, des Schwanzes und der Ex-
tremitäten sind olivenbraun, ebenso der obere Abschnitt
der Seitenflächen des Kopfes. Der untere Theil der
Schläfe und der Rand des Oberkiefers sind schwefelgelb,
Unterkiefer, Seiten und untere Fläche des Halses und
Bauches safrangelb. Im Frühling (Mai) 1880 fand sich unter
meinen zwei in der Gefangenschaft erhaltenen Individuen
eines, bei welchem nur die Kieferränder und die grossen
Unterkieferschilder theilweise gelb und zwar safrangelb
waren, während im Uebrigen das Gelb bis über die Schwanz-
wurzel hinaus durch ein sehr schönes leichtes Roth ersetzt
372 Th. Eimer:
war, eine Farbe etwa , wie sie entsteht , wenn man
Kirschrotli mit Weiss mischt. Die Kehle aber zeigte das
schönste Roth.
Es ist bemerkenswerth, dass selbst in den Fällen, in
welchen safrangelbe Farbe an der Unterseite von Mauer-
eidechsen vorkommt, wie bei der punctulato-fasciata von
Bozen mid Meran, der Rücken keine Spur von Gelb zeigt,
■ — er ist z. B. in dem soeben genannten Falle braun
und dieses Braun und die Zeichnung passen das Thier
ausserordentlich an das in jener Gegend zu Tage ste-
hende Urgebirge an: selbst im Vortiberfahren bemerkt man
auf der Landstrasse von Bozen nach Meran im Sommer,
wie hübsch diese Anpassung bei den auf den Grenzsteinen
am Wege sich sonnenden Thierchen ist. Es sind aber
gerade diese und andere Verhältnisse und es ist insbeson-
dere das Ausnahmsweise der Erscheinung gelber Farbe
auf dem Rücken der Malteserin, was die Frage aufdrängt,
ob es sich in derselben niclit ouch hier um eine Anpas-
sung handle — um so mehr als die schwarze Farbe der
Filfola-Eidechse den vollsten Gegensatz zu der gelben
Stammform auf Malta bildend, mit der vollkommen russ-
schwarzen Farbe eines grossen Theils dieses Felsens im
vollsten Einklang steht.
Die gelbgrüne Mauereidechse huscht überall in grosser
Anzahl äusserst flink an den Mauern umher, mit welchen
der Grundbesitz auf Malta sorgfältig abgegrenzt ist. Be-
kanntlich war auf der Insel ursprünglich viel weniger
Erddecke vorhanden als jetzt. Der Fels lag fast überall
nahezu nackt zu Tage und erst durch Einfuhr von Erde
und durch Nachhülfe, welche man der Verwitterung des
Gesteins angedeihen Hess, hat man es alimählich dahin
gebracht, dass die Insel im Ganzen von einer dünnen Erd-
schichte bedeckt ist, welche im Frühling (April 1879), als
ich sie besuchte, in üppigem Grün junger Getreide- und
Kleefelder dastand. Bäume können auch heute auf Malta
nicht ordentlich Wurzel fassen und bleiben daher, z. B. die
Feigenbäume, klein; nur der Johannisbrodbaum, welcher
selbst auf Felsboden üppig gedeiht, indem er seine Wur-
zeln gewaltsam in dessen Spalten drängt , macht eine
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 373
Ausnahme und bietet mit seiner mächtigen Krone einen
malerischen Anblick dar, wo er die Einförmigkeit des sonst
schattenlosen Landes unterbricht. Aber dies ist selten und
meist nur in abgelegenem Theilen der Insel der Fall ^).
Fast tiberall brennt die Sonne heiss auf das, wo irgend
möglich, sorgfaltig angebaute Land, welches somit, da ihm
auch jede nennenswerthe Ansammlung von Gebüsch fehlt,
im Frühling wie ein weites grünes Feld, durchzogen von
den das Eigeuthum der einzelnen Bezirke abgrenzenden
Mauern sich ausbreitet. An und in den Mauern leben unsere
Eidechsen. Zur Zeit nun, als ich Malta besuchte, waren alle
Wegränder und Raine, war besonders auch der Boden am
Fuss der die Wege begrenzenden Mauern derart besät
mit einem Unkraut, mit einer reizenden, leuch-
tend hellgelben Blume, der Oxalis cernua, dass
dadurch geradezu eine in die Augen springende
Eigenthümlichkeit der Insel gegeben ward.
Wer die Mauereidechsen nicht in der Nähe der
gelben, zwischen den saftig grünen Blättern der
Pflanze heraussehenden Blumen selbst gesehen hat, der
wird vielleicht der Idee, die Farben von Eidechsen und
Pflanzen in Zusammenhang zu bringen, nur wenig Ver-
trauen entgegenzutragen geneigt sein. Für mich aber, der
ich Gelegenheit hatte, die Dinge an Ort und Stelle wäh-
rend einer Woche zu beobachten, liegt die Annahme zwin-
gend nahe, dass das Grün und Gelb der Pflanzenwelt
auf Malta, auf der schattenlosen Insel, dieselbe Wir-
kung auf die grüne und gelbe Färbung der Eidechsen
gehabt haben wel-de, welche die Farbe des Wüstensan-
des auf diejenige der Wüsteneidechsen gehabt hat. Auf
Malta sind es gelbe und grüne Flecke, nicht ausge-
dehnte helle Flächen, welche mit der Ausbildung der
gelben Rückenfarbe der Eidechsen augenscheinlich in Be-
ziehung stehen. Auch wenn solche Eidechsen an nicht
von Pflanzen bewachsenen Stellen von Mauern sitzen, wer-
1) Schöne Bäume finden sich ausserdem fast nur in den» sorg-
ßiltig mit prachtvollen südlichen Pflanzen angelegten Garten des
Gouverneurs.
Archiv f. Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 25
374 Th. Eimer:
den sie eine Täuschung hervorrufen müssen. Gerade auf
dem schattenlosen Boden von Malta aber bietet solche
Anpassung in besonders naheliegender Weise Schutz vor
Verfolgung — die Sonne hätte auf Malta mehr als auf dem
Faraglione-Felsen bei Capri Kraft, die Eidechsen schwarz
zu färben — sie färbt sie nicht. Dagegen sind sie voll-
kommen schwarz auf dem V4 Stunden von Malta gelegenen
pflanzenarmen, ausserdem zur Hälfte russschwarzen Fil-
fola- Felsen. Ich komme auf dieses letztere Verhältniss bei
Gelegenheit der Behandlung anderer Beispiele für die An-
passung zurück. Einstweilen wollte ich nur hervorgeho-
ben haben, dass es, abgesehen von den Wüsteneidechsen,
einen schlagenderen Beweis gegen die Annahme der unmit-
telbaren Wirkung des Sonnenlichts bei der Dunkelfärbung
der Mauereidechse nicht geben könnte, als eben das der
Lacerta muralis von Malta und vom Filfola ^).
1) Wenn ich im Vorstehenden die Färbung der Mauereidechse
von Malta im Frühling mit der zu dieser Zeit üppig grünenden Vege-
tation und mit gelb blühenden Blumen in Beziehung gebracht habe,
so wird man mit Recht erwidern, dass diese Beziehung wohl nicht
den ganzen Sommer über vorhanden sein werde, indem beide, Blu.
men und Grün, auf der heissen Insel kaum die Höhe des Sommers
überdauern dürften. Solchem Einwand gegenüber kann ich auf die
in der ersten Abtheilung dieser Arbeit gegebenen Mittheilungen
über den Farbenwechsel der Mauereidechse hinweisen: es darf
wohl vorausgesetzt werden, dass auch die Mauereidechsen auf Malta
das glänzende, grüne und gelbe Frühlingskleid nicht den ganzen
Sommer über beibehalten. Uebrigens kann ich nicht darüber ur-
theilen, wie die Vegetationsverhältnisse der Insel sich im Hoch-
sommer und später verhalten und ob und welche Beziehungen zwischen
den Farben der Eidechsen und derjenigen ihrer Umgebung dann
vorhanden sind. Zu Gunsten meiner Annahme der Beziehungen
zwischen der Farbe der Oxalis cernua und derjenigen der Eidech-
sen mag indessen sprechen, dass die Blüthendauer der ersteren, nach
Angabe der Botaniker, eine lange ist: vom ersten Frühling bis in
den Juni hinein, wobei ich allerdings über die Verhältnisse spe-
ciell auf Malta nichts erfahren konnte.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 375
Zusammenfassung'.
Die von mir aufgestellten Zeichnungs- bezw. Farben-
varietäten der Mauereideebse sind sonach die folgenden :
I. Lacerta muralis striata.
1. L. m. striata s. str. = campestris de Betta. (Vgl.
m. Abbdlg. über Lacerta mur. coerulea Taf. 2. Fig. 3 ;
hier Fig. 1 und 2.)
2. L. m. m acu lato -striata = albiventris Bonaparte
(vgl. Fig. 13, 14, 15).
3. L. m. punctato -striata (Fig. 4 u. 5) ^).
4. L. m. punctato - fasciata (Fig. 10).
5. L. m. punctulato -fasciata (Fig. 6 bis 9).
II. Lacerta muralis maculata.
6. L. m. striato - maculata (Fig. 16, 17).
7. L. m. maculata s. str. (Fig. 18).
8. L. m. reticulata (Fig. 11, 12).
9. L. m. tigris (Fig. 20).
III. Lacerta muralis coucolor.
10. L. m. modesta = olivacea ßafin. (vgl. „Lac. mural,
coerul.^' (Taf. 2. Fig. 4).
11. L. m. e leg ans („Lac. mural, coerul." Taf. 2. Fig. 1:
Das dort abgebildete Exemplar ist nicht ganz typisch,
da es nicht ganz ohne Zeichnung ist). Um Gleichar-
tigkeit der Benennung herzustellen, würde man diese
Varietät eigentlich besser L. m. viridis heissen ^).
Die über diese Abarten im Vorstehenden mitgetheilten
Thatsachen lassen sich im Wesentlichen in folgende Sätze
zusammenfassen :
1. Die genannten Varietäten vertheilen sich auf eine
nördliche, kleinere, platycephale und auf eine südliche,
1) Vgl. S. 340.
2) Ich unterlasse den Versuch, die von Dumeril und von
Schreiber aufgestellten Varietäten auf die meinigen zurückzufüh-
ren. Bei manchen derselben ist dies leicht, bei anderen auf Grund
der Beschreibung nicht möglich. Es hätte diese Zurückführung
auch nur Werth zu irgend zwingendem Zwecke — nur zu solchem
wird man überhaupt wohl in Zukunft sich die Mühe nehmen, die
bisherigen Beschreibungen entziffern zu wollen.
376 Th. ßimert
grössere, pyramidocephale Rasse. Bei dem ersteren Ty-
pus, zu welchem übrigens auch die Bewohnerin von Malta
gehört, ist, abgesehen von der geringeren Körpergrösse ^), die
Fleckenzeichnung, wo sie vorhanden, feiner, daher finden
sich auch die Formen punctato-striata und punctato- bezw.
punctulato-fasciata wesentlich im Norden. Ferner herrschen
im Norden im Gegensatze zum Süden düstere Rückenfarben,
herrscht vorzüglich Braun vor, während Grün und Blau
zurücktritt, und endlich zeigt sich unter den platycephalen
eine hervorragende Neigung zur Bildung der nigriventres .
2. Alle Varietäten lassen sich auf die striata s. str.
= campestris zurückführen.
3. Alle Umwandlungen der Zeichnung gehen auf die
Umbildung der längsgestreiften Mauereidechse in eine
gefleckte und schliesslich in eine quergestreifte (tigris)
hinaus.
4. Alle Umwandlungen geschehen durchaus
auf demselben Wege, auf dieselbe Art und Weise:
es sind überall die Grenzlinien der I. III. und V.
Zone, welche durch Auflösung in Flecke und
durch Einrücken dieser Flecke in die benach-
barten Zonen den Charakter der maculata, bezw.
1) um die Grössenunterschiede der deutschen und der süd-
italienischen Mauereidechsen zu zeigen, füge ich hier noch die Maasse
eines grossen männlichen Thieres aus Bozen an, welche mit den
früher gegebenen Maassen der Süditaliener verglichen werden mögen.
Das Thier hatte eine Gesammtlänge von 185 mm, welche wesentlich
durch den wohl ausnahmsweise langen Schwanz bedingt ist. (In mei-
ner Abhandlung über Lacerta muralis coerulea habe ich die mitt-
lere Gesammtlänge kräftiger männlicher Genueserinnen nur zu 150 mm
angegeben. Die genueser Kasse ist aber im Durchschnitt etwas
grösser als die deutsche, ohne dass ihr Schwanz verhältnissmässig
kürzer wäre.)
Die übrigen Maasse des Tr.ieres sind:
Länge von Kopf und Rumpf zusammen 58 mm
Länge des Kopfes 15 ?,
Grösster Breitendurchmesser des Kopfes 10 „
Grösster Breitendurchmesser der Decken-
schilder des Kopfes . . . . 8 „
Grösster Höhendurchmesser des Kopfes 7 „
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 377
reticulata oder der tigris oder der punctulata
hervorbringen. — Ueberall, im Norden wie im Süden,
im Osten wie im Westen und ebenso auf allen isolirten
Inseln wird durchaus constant dieser Weg bei der Um-
wandlung eingeschlagen.
5. Ueberall zeigt sich die Tendenz zur Entstehung
gefleckter Typen aus den gestreiften und diese Tendenz
ist siegreich auch dann, wenn Stamm- und neu sich bildende
Form untereinander leben.
Sicher wie das Fliessen des Wassers nach der Tiefe,
geht die Umbildung überall in ganz bestimmter Richtung
vorwärts nach einem bestimmten Ziele — wie Krystalle
aus der Mutterlauge ausschiessen, so erscheinen die Typen
der Zeichnung in bestimmter Ordnung am Körper.
Man vergleiche die zwei Reihen von Umbildungen,
welche in Fig. 1 bis 12 einerseits und in Fig. 12 bis 20
anderntheils dargestellt sind : im Norden wie im Süden der
Apenninen geht mit der striata Fig. 1, bezw. Fig. 13, ganz
dieselbe Umbildung vor: es entsteht eine gefleckte (punk-
tirte) und speciell netzfleckige (reticulata) Form: Fig. 8,
11, 12 einerseits, Fig. 17 bis 20 andererseits. (Zum Be-
weis der Uebereinstimmung der Entwicklungsrichtung in
beiden Fällen vergleiche man, abgesehen von der ersten
und von den späteren Umwandlungen, Fig. 11 u. Fig. 17.)
6. Isolirung ist demnach zur Bildung einer abge-
grenzten Varietät nicht nothwendig, wenn sie auch die
Entstehung solcher begünstigt. Die ausgeprägte Reticu-
lata-Rasse ist vollkommen ausgebildet und abgeschlossen
bei Genua; sie hat sich entwickelt bei Lucca, Rimini,
ebenso wie auf Malta und auf Sardinien (tiliguerta) ; die
punctulato-fasciata ist in den Alpen und in Deutschland
mehr abgeschlossen als auf Corsica. Gezeichnete und un-
gezeichnete Varietäten leben vielfach ohne Spuren der
Vermischung an sich zu tragen untereinander.
Die gezeichneten Bewohner des süditalienischen Fest-
landes zeigen am wenigsten abgeschlossenen Typus, sind
am meisten durch Uebergangsformen gemischt. Nach dem
mir zugänglichen Material ist das Letztere aber weit mehr
auf den kleinen süditalienischen Inseln der Fall.
378 Th. Eimer:
7. Während die Entwicklungsrichtung eine ganz be-
stimmte ist, so dass man mit Fug und Recht sagen kann,
sie strebe bestimmtem Ziele zu 0, zeigen sich, trotz des
allmählichen Ueberganges von einer Zeichnungsvarietät in
die andere, bestimmte Stufen der Entwicklungsreihe, indem
sich abgeschlossene Varietäten herausbilden und eine Zeit
lang erhalten. Man kann sich somit dahin aussprechen,
es halte die Entwicklung auf ihrem Wege stufenweise still
und vereinige Alles zu einem ausgesprochenen Typus,
ähnlich wie die Figuren im Kaleidoskop wechselnde, aber
bestimmte Typen darstellen, welche je aus einer Anzahl
von Componenten sich zusammensetzen. Ich möchte das
diesen Thatsachen zu Grunde liegende Gesetz bezeichnen
als Gesetz der stufenweisen Entwicklung.
9. Unter beiden Hauptgruppen, der platycephalen
wie der pyramidocephalen, erlangen die südlicher leben-
den Thiere die neue Bildung ausgeprägter und früher, die
nördlichen behalten mehr weiblichen Charakter; die nörd-
lichen Männchen gleichen den südlichen Weibchen.
9. Alle neuen Charaktere zeigen sich zuerst bei
Männchen und zwar bei kräftigen älteren Männchen. Von
da übertragen sie sich auf Weibchen und auf Junge.
10. Die Jungen wiederholen die Zeichnung aller
Ahnenformen oder doch eines Theils derselben im Laufe
der Entwicklung: sie sind zuerst fast immer striatae; in-
dessen hat sich die Maculata-Form in manchen Gebieten
schon auf sehr junge Thiere übertragen. Die Jungen der
meisten Rassen zeigen überhaupt nicht mehr die ursprüng-
liche Campestris - Zeichnung (Fig. 1) , sondern die secun-
däre, bei welcher die Mittelzone eine Fleckenbinde dar-
stellt (Fig. 5, Fig. 22) — sie überspringen also die älteste
Form.
1) Aus dem Folgenden wird sich zur Genüge ergeben, dass
die „Zielstrebigkeit", welche ich hier vertrete, mit teleologischer
Auffassung nichts gemein hat — ich suche vielmehr die beschrie-
bene Entwicklungsweise zu erklären durch nothwendige, aus der
Composition des Organismus resultirende, aber vom Zwang der
Anpassung regulirte Formbildung.
UntersiichuDgen über das Variircn der Manereidecbse. 379
11. Beiiierkeuswertb und im Vorhergebenden nicht zu-
sammenfassend hervorgehoben, wohl aber in den mitgetbeil-
ten Einzelheiten enthalten ist die Thatsache, dass die ju-
gendliche Zeichnung sich in der Regel viel deut-
licher und länger im vorderen Theil des Kör-
pers unserer Eidechsen erhält als im hinteren:
vorn, gegen den Hals bin, bat derselbe häufig auch dann
noch deutlich Striata - Charakter, wenn hinter jener die
Maculata durchaus herrschend geworden ist — besonders
erhalten sich vorn die beiden weissen Seiteulinien (Au-
genbogen- und Oberkieferlinie) dort am deutlichsten. Es
scheint demnach, dass die Neubildung der Zeichnung im
hinteren Theile des Rumpfes — von der Höhe dessel-
ben an — zuerst beginnt und von da nach vorn vor-
schreitet.
12. Ueberblickt man die ganze Varietätenbildung der
gezeichneten Formen vom phylogenetischen Standpunkte
aus, so lässt sie sich auffassen als eine wellenförmig
über die Art Lacerta muralis im Laufe der Zei-
ten hinwegziehende Reihe von Umwandlungen:
neue Formerscheinungen treten auf zuerst beim Männchen
und werden von diesem der bestehenden Varietät aufge-
pfropft, die alten Eigenschaften wiederholen sich noch
lange im Jugendkleide auch der Männchen, länger in je-
nem der Weibchen. Schliesslich geht die älteste Eigen-
schaft verloren, die zweite wird zur jugendlichsten, aber
währenddem ist eine neue eventuell entstanden. So wer-
den im Laufe sehr langer Zeiträume bestimmte Eigen-
schaften über den Organismus gewissermassen wellenför-
mig hinziehen — eine Auffassung, für welche ja bezüglich
anatomischer Charaktere die Entwicklungsgeschichte hin-
reichend Beispiele darbietet.
Fassen wir die Vorgänge an einem einzelnen Indivi-
duum Eidechse in's Auge, so scheint hier die wellen-
förmige Entwicklang, wie wir den Prozess nennen
wollen, von der hinteren Hälfte des Körpers nach der vor-
deren vorzuschreiten, so dass die neuen Eigenschaften in
jener beginnen und auf diese sieh fortsetzen. Freilich
sind an einem gegebeneu Individuum nicht gleichzeitig
380 Th. Eimer:
mehrere Stufen, wie sie im Laufe der individuellen Aus-
bildung nacheinander auftreten, sondern nur etwa zwei
und auch diese nur undeutlich geschieden vorhanden.
Anhang: Die typischen Variationen der Zeichnung der Mauer-
eidechse treten auch bei anderen Reptilien und selbst bei
Amphibien auf.
Die Bedeutung der von mir an der Mauereidechse
beschriebenen, bestimmte Zonen darstellenden Längsstreifung
wird sehr durch die Thatsache erhöht, dass dieselben
Zonen auch bei anderen Reptilien, zunächst bei den Ver-
wandten der Mauereidechse, nachzuweisen sind und ebenso
die Bedeutungd er von mir bei dieser festgestellten Ge-
setzmässigkeit der Variation dadurch, dass sie genau in
derselben Weise bei anderen Reptilien auftritt.
Zum Beweis wähle ich zunächst eine Eidechse, wel-
che der L. muralis ziemlich, aber doch nicht unmittelbar
nahe steht, die Lacerta viridis, und berufe mich zum
Zweck der leichten Vergleichung auf die von Bonaparte
von diesem Thiere gegebenen Abbildungen. In der zweiten
der Tafeln Bon aparte's, welche Abbildungen von Lacerta
viridis enthalten, ist unter 1) die ungezeichnete, so häufige
Varietät dargestellt, welche, leuchtend grün, der L. muralis
concolor elegans entspricht. Unter 3) derselben Tafel ha-
ben wir eine ausgesprochene striata, in Wesentlichem ge-
zeichnet wie das Weibchen der deutschen Mauereidechse:
die Zeichnung der Mittelzone ist geschwunden, Zone I
und II stellen ein einziges, gleichfarbiges Feld dar. Sehr
scharf ausgeprägt ist die III. Zone: obere weisse Seiten-
linie = Augenbogenlinie mit ihrer oberen und unteren
schwarzen, fleckigen Grenzlinie. Dann folgt die IV. Zone,
einfarbig grün; dann die V., die untere weisse Seitenlinie
= Oberkieferlinie, aufgelöst in einzelne, hintereinanderge-
legene weisse Flecke, welche oben schwarz berandet sind
— Reste ihrer oberen schwarzen Grenzlinie. Die VI. und
VII. Zone sind verschmolzen, einfarbig.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 881
Das unter 2) gezeichnete junge Thier hat ebenso die
Eigenschaften der weiblichen deutschen Mauereidechse.
Auf der Tafel vorher sind zwei Lacerta viridis ab-
gebildet, von welchen die obere als maculata, die untere
als mento-coerulea bezeichnet ist. Die erstere lässt den
Typus der L. muralis maculato-striata = albiventris Bonap.
erkennen: die in Flecken aufgelöste secundäre Mittelzone
ist stark ausgeprägt, auch die III. und V. Zone sind wie-
der vorhanden, von der letzteren allerdings nur Flecke,
welche Resten einer schwarzen Grenzlinie der Zone ent-
sprechen. Die andere Abbildung, die der mento-coerulea,
ist eine ausgesprochene striato-maculata, nach dem von mir
in Fig. 17 abgebildeten Typus!
Endlich vergleiche man auf der Tafel mit Notopholis
nigro-punctata etc. die Abbildung der Lacerta viridis var.
strigata.
Ich will mich mit diesen Beispielen der Lacerta vi-
ridis begnügen und will nur hervorheben, dass ich nach
dem mir vorliegenden Material an Spiritusthieren leicht
die Uebereinstimmung auch noch anderer Varietäten mit
den von mir aufgestellten Muralis-Varietäteu nachweisen
und zeigen könnte, dass dort im Wesentlichen ganz
dieselben und nur dieselben oder w^eitergehende
Umwandlungen stattfinden wie hier!
In höchst interessanter Weise lässt sich auch die L a-
certa agilis in ihren Varietäten auf die für die muralis
von mir gegebene Grundzeichnung und auf successive Ab-
änderungen derselben zurückführen. Ungemein war ich
zuerst durch den Anblick junger — halbausgewachscner —
Lacerta agilis der Tübinger Sammlung aus Sarepta über-
rascht, deren Rückenzeichnung bezüglich der vier ersten
Zonen vollkommen diejenige der reinen muralis striata
campestris ist, wogegen sie sich von dieser dadurch un-
terscheidet, dass das Gebiet der V. und VI. Zone von
drei Längsreihen weisser Flecke besetzt ist, deren mittlere
offenbar der V. Zone entspricht ^). Selbst an einzelnen
1) Dies möchte ich — ohne dass ich alle Uebergangsstufen bis
jetzt zur endgültigen Entscheidung hätte beiziehen können, daraus
Bchliesseu, dass dieselbe Zeichnung der Flecken auch z. B. bei der
382 Th. Eimer:
erwachsenen Thieren von Sarepta lässt sich die Campe-
stris-Zeichnung des Kückens noch erkennen. Die gewöhn-
liche Erscheinung unserer deutschen L. agilis aber entsteht
dadurch, dass die Mittelzone sich in eine helle (weisse)
Fleckenreihe auflöst, welche schliesslich mehr oder weniger
schwinden kann; dass die IL Zone, wie bei Varietäten der
muralis, mit dunkeln Flecken besetzt wird; dass auch die
III. und die V. Zone sich in weisse Fleckenreihen auflö-
sen. So entstehen Formen, welche man als striato-maeu-
latae bezeichnen kann, während andererseits der Kücken
zuweilen, wie beim Weibchen der deutschen Mauereidechse,
zeichnungslos wird.
Es wäre für mich unmöglich, hier erschöpfend auf
die Beziehungen dieser und anderer Varietäten zu denje-
Lacerta viridis vorkommt und dass sie bei einem als Lacerta Micha-
hellesii bezeichneten Exemplar der Tübinger Sammlung aus Zara
scharf ausgeprägt vorhanden ist in der Weise, dass die mittlere
Punktreihe deutlich der V. Zone entspricht. Die zwei anderen dürf-
ten von dieser abgelöst sein. Man vergleiche hiezu auch die Ab-
bildung von Lacerta teguixin Lin. in Cuvi er, regne animal,
Reptiles, Taf. 11 und besonders die Abbildung von Lacerta ocel-
lata ebenda Taf. 12 mit drei Längsreihen blauer Flecke (Augen-
flecke) an den Flanken: diese blauen Augenflecke der ocellata sind,
soviel ich auf Grund der Vergleichung allerdings nur geringen Ma-
terials vermuthe, auf die soeben angegebene Weise aus der Ober-
kieferlinie entstanden. Die mittlere Augenreihe entspricht der Lage
der Oberkieferlinie selbst und der mittleren Reihe der Flankenflecke
der viridis und der agilis: die obere und untere Reihe sind davon
abgelöst. In vielen Fällen sind dann die blauen Seitenaugen der
ocellata ganz zerstreut. Einen sehr schönen Fingerzeig für diese
Art der Entstehung der blauen Seitenflecke der ocellata gibt mir
weiter eine als Lacerta Samba rica Blanford aus Abyssinieu be-
zeichnete, in meinem Besitz befindliche Art, welche sehr schön die
sechs Zonen ausgebildet hat, mit der V. aber ist nach oben eine
Reihe in regelmässigen Abständen stehender blauer Augenflecke
noch in Verbindung, jedoch in die IV. Zone hineingerückt: dieselbe
Reihe von blauen Augenflecken, welche ich nach meiner Mittheilung
in „Lacerta muralis coerulea", zuweilen bei ,,Lacerta muralis ele-
gans" gefunden habe und von welcher der vorderste hinter der
Wurzel der Vorderextremität gelegene nach meiner Beschreibung
bei der Mauereidechse als Zierde scharf ausgeprägt oder doch in
Spuren als typische Eigenthümlichkeit vorhanden ist.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse 383
nigen der miiralis einzugehen und es würde Gegenstand
einer besonderen Arbeit sein müssen, zu zeigen, wie weit
die Uebereinstimmuni;' in der Ausbildung und in der Ent-
stehung derselben mit jenen der muralis gebt und ferner
ins Einzelne hinein zu zeigen, wie weit die verwandt-
schaftlichen Beziehungen der Zeichnung über die Saurier,
ja selbst über andere Reptilien sich erstrecken.
Ein Blick auf die Abbildungen der Reptilien z. B.
bei Bonaparte wird jedem mit meiner Zonenbeschrei-
bung Vertrauten in überraschender Weise sofort vor Au-
gen führen , dass jene Beziehungen sehr weitgehende
sind. Man vergleiche die Abbildungen von Zootoca
vivipara, Acanthodactylus Boskianus und velox,
Eremias variabilis, Psammodromus Edwardsia-
nus, Tropidosaura Algira, ganz, abgesehen von der
Abbildung der P od ar eis taurica und oxycephala und
der Lacerta viridis strigata, welche mit letzteren
beiden auf einer und derselben Tafel dargestellt ist! Ich
kann hier nur auf diese Abbildungen verweisen, aber genaue
Untersuchung z. B. der Arten von Acanthodactylu s hat
mir gezeigt, dass dieselben Zeichnungen führen, welche
hochgradig mit denjenigen der Varietäten der Lacerta mu-
ralis übereinstimmen. So sind sämmtliche Exemplare
von Acanthodactylus scutellatus, welche ich selbst
in Egypten fing, und sämmtliche ausserdem in der hiesi-
gen Sammlung befindliche, reticulati; von mir in Egypten
gefangene Acanthodactylus Boskianus sind striato-
maculati (entsprechend meiner Fig. 17 von Lacerta mu-
ralis), während bei den in der freien Wüste gefangenen
die Fleckenzeichnung zurücktritt. Ein A. vulgaris, wel-
chen ich bei Alexandrien gefangen habe, ist maculatus,
aber noch mit deutlicher Längsstreifung der Flecken, indem
dazwischen die hellen Längszonen noch erkennbar sind.
Und vollends die Zeichnungen der Lacerta vivipara, die
ja jederzeit an lebenden Exemplaren verglichen werden
können, sind in der Regel — und zwar viel mehr als dies
aus der Bonaparte'schen Abbildung ersichtlich ist —
nur geringe Modificationen jener der Lacerta muralis cam-
pestris mit secimdärer Rückenzone! Auch hier spielt
884 Th. Eimer:
aber ausserdem die Auflösung der Augenbogen- und der
Oberkieferlinie (III. und V. Zone) in Fleckenlinien eine
Rolle bei der Umbildung, ganz wie sie bei der Lacerta
agilis und wie sie auch, wenngleich in geringerem Grade,
bei der muralis bemerkbar ist ^).
Auch die Zeichnungen mancher Sk in ke, Ascalabo-
ten und anderer Saurier lassen sich auf das deutlichste
selbst im ausgewachsenen Zustande auf mein Schema zu-
rückführen — in noch viel höherem Maasse wird dies für
die Jugendformen gelten. Nicht minder ist diese Zurück-
führung bei vielen Schlangen möglich.
Ich will mich aber hierbei nicht aufhalten, will viel-
mehr auf die höchst überraschenden Ergebnisse hinweisen,
welche eine Vergleichung der Zeichnung von Amphibien
mit meinem Schema ergibt.
Vielleicht würde es selbst vorzüglichen Kennern der
Amphibien auf Grund der bisherigen Behandlung, welche
den Ueberblick über das Typische der Zeichnung wenig
pflegte, schwer fallen, in wenig Worten diese Zeichnung bei
einer Anzahl der gewöhnlichsten unserer Amphibien, etwa
unserer Frösche, scharf und bestimmt aus dem Gedächtniss
zu beschreiben und das Wesentliche ihrer Varietäten kurz
anzugeben. Ein Blick auf eine Tafel guter Abbildungen
von Fröschen unter Vergleichung mit meinem Schema der
Eidechsenzeichnung wird zeigen, dass mit diesem auch
der Schlüssel für das Verständniss der Zeichnung von Am-
phibien gegeben ist.
Ich empfehle zumBeweis wiederum die Bonapart e'-
schen Abbildungen. Nehmen wir zunächst eben die Tafel
1) Alle Arten der Gattung Lacerta, die ich bis jetzt auf diese
Verhältnisse angesehen habe, lassen sich auf die Campestris-Zeich-
nung oder auf die beschriebenen Variationen derselben zurückfüh'
ren. Sehr schön ist dies auch bei der kräftigen Lacerta Galloti
aus Teneriffa der Fall, von welcher ich eine Anzahl Exemplare
meinem Freunde Langerhans verdanke: die Männchen derselben
sind meist reticulatae bezw. tigres, die Weibchen zeigen in der
Mehrzahl ausgesprochen Striata-Charakter mit starkem Hervortreten
besonders der zwei weissen Seitenlinien. Auf nähere Beschreibung
muss ich hier verzichten.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 385
mit Hyla viridis (arborea), Rana esculenta und temporaria
vor: man erkennt in der gelben Mittekückenlinie der Rana
esculenta sofort die belle Mittelzone der reinen La-
certa muralis striata campestris wieder; dann kommt die
IL Zone, mit schwarzen Flecken auf grünem Grunde,
welche Flecke in der linken der beiden Abbildungen deut-
licb in Längsreihen und theilweise (hinten und vorn) so
gestellt sind, als ob sie aus schwarzen Grenzlinien der
L und IIL Zone wie bei der Lacerta muralis hervorge-
gangen wären, während sie in der rechts stehenden Ab-
bildung die IL Zone wie bei Lacerta muralis maculata
bezw. maculato-striata besetzen. — Die IIL Zone — Au-
genbogenlinie — ist bei allen auf der Tafel dargestellten
Fröschen als gelber Streifen ebenso stark ausgeprägt wie
die L, reicht aber nur bis zum Auge hin. Bei Hyla so-
wohl als bei Rana esculenta ist die untere schwarze
Grenzlinie derselben, wie wir sie von der Mauereidechse
her kennen, scharf ausgebildet: ihr entspricht als Fort-
setzung wohl der schwarze Streifen, welcher vor dem Auge,
von diesem an, bei beiden Thieren bis zur Schnauzen-
spitze sich hinzieht, der ;, Augenstreifen" der Amphibiolo-
gen. Bei Rana esculenta ist die untere schwarze Grenz-
linie der IIL Zone bis zum Auge theilweise oder ganz (in
der rechts stehenden Abbildung) in Flecken aufgelöst.
Es sind also augenscheinlich die Rückenfle cke
der Rana esculenta ganz ebenso entstanden wie
diejenigen der gefleckten Lacerta muralis: durch
Einrücken der dunkeln Grenzlinien der I. und
IIL Zone in die benachbarten ^). — Auch eine Ober-
1) Entsprechende Entstehung gilt wohl auch für die Flecke
der Seiten: Leydig, ,,Die anuren Batrachier der deutschen Fauna"
(Bonn 1877) sagt in der Beschreibung von Rana esculenta: ,, Rücken
gelbgrün mit vereinzelten dicken Flecken, hellere Mittellinie, je eine
weissgelbe Seitenlinie Seiten des Leibes gefleckt und mar-
morirt, doch immer so, dass ein mittleres, grünes, unregelmässiges
Längsfeld frei bleibt. Der Ohrfleck und die zwei Reihen dunkler
Flecken sind Fortsetzungen, Verbreiterungen und Auflösungen jener
zwei Seitenstriche des Kopfes, wovon der obere an der Schnauze
durch das Auge, der untere längs der unteren Kinnlade geht, be-
386 Th. Eimer:
kieferlinie mit unterer (linke) bezw. oberer (rechte Abbil-
dung) schwarzer Grenzlinie erkennt man als hellen (weis-
sen) Streifen am Hals und am Oberkieferrand bei Rana
esculenta. Gelb ist er bei Hyla und bei der abgebilde-
ten temporaria und er setzt sich bei letzterer über die
ganze Flanke hin fort.
Die abgebildeten Hyla und Rana temporaria ent-
sprechen in der Zeichnung im Wesentlichen dem Weibchen
der deutschen Mauereidechse, bezw. der Podarcis muralis
siculus Bonaparte, sie sind fasciatae (man vergleiche
die Abbildung des Podarcis muralis siculus bei
ßonaparte mit denjenigen von Hyla desselben
Autors!); die Rana esculenta dagegen ist maculato-striata.
Ich habe von der letzteren übrigens Stücke aus der
hiesigen Umgegend vor mir , welche ähnlich der Rana
hispanica Bonapart e's, in der H. Zone eine Längs-
reihe von in regelmässigen Abständen stehenden Flecken
tragen, ausserhalb welcher dann die deutliche HL Zone
folgt. Spuren solcher Fleckung oder selbst einige grö-
grenzt nach oben von dem Geissen Streifen.'' Die beschriebene An-
ordnung der Flecke der Seiten des Leibes, derart, dass ein grünes
Mittelfeld (IV. Zone) frei bleibt, würde also vielleicht wohl auf ihre
Entstehung aus je einer der Grenzlinien der III. und V. Zone zu-
rückzuführen sein. Der obere Seitenstrich des Kopfes ist oben nach
meinem Schema zu erklären versucht worden, ebenso der untere,
welcher aber — so ist die Beschreibung Leydig's wohl auch zu
verstehen — am Oberkiefer, längs dessen Rande, allerdings pa-
rallel mit dem Rande der unteren Kinnlade, hinzieht. Dem ent-
sprechend bildet auch Leydig die Zeichnung auf seiner Taf. II bei
Rana arvalis, fusca und agilis ab. — So viel ich aus dem mir au-
genblicklich zugänglichen Material ersehe, sind die Zeichnungen der
Extremitäten bei R. esculenta folgendermassen zu erklären: die Fle-
cken der unteren Grenzlinie der Augenbogenlinie setzen sich auf
den vorderen Rand der hinteren Extremität fort (dies stimmt nicht
überein mit dem Verhalten der Mauereidechse, wo die V. Zone diese
Rolle spielt). Die schwarze Zeichnung des Oberkieferstreifens
setzt sich auf die Vorderextreraitäten fort und bildet weiterhin
die untere Fleckenlinie der Seiten. Die P'leckenzeichnung des hin-
teren Randes des Hinterschenkels endlich ist Fortsetzung der
Rückenflecke.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 387
bere, entsprechend symmetrisch gestellte Flecke trägt
auch eine mir vorliegende tcmporaria, bei welclier ausser-
dem die untere schwarze Grenzlinie der 111. Zone gut
ausgeprägt ist.
Der striato - maculata entsprechende Zeichnung zeigt
auch auf der folgenden Tafel die rechts stehende Abbil-
dung von Discoglo ssus pictus, während die links-
stehende maculata ist. Der ebenda abgebildete Peloba-
tes punctatus ist striato-maculatus — entsprechend
meiner Fig. 17 der Mauereidechse. (Man verglei-
che damit auch die Abbildung des Podarcis mu-
ralis siculus rubriventris bei Bonaparte!!) Noch
mehr stimmt mit letzterem Typus die auf der folgen-
den Tafel abgebildete Rana hispanica überein, wäh-
rend die Rana maritima, wie auch Discoglossus Sar-
dus, maculata ist. Der auf dieser Tafel abgebildete Dis-
coglossus pictus zeigt prachtvoll den Uebergang von
der Campestris - Zeichnung zu derjenigen der maculato-
striata {Fleckenbildung und Einrücken der schwarzen Sei-
tenlinien der I. und III. Zone).
Bufo calamita ist eine striata im Gegensatze zur
vulgaris der folgenden Tafel, welche eine maculata ist.
Auch bei den Caudaten unter den Amphibien erkennen
wir unser Zeichuungsschema wieder : häutig sind Exemplare
von Salamandra maculata ^), bei welchen statt unregel-
mässig zerstreuter gelber Flecken auf der Oberseite zwei
nur stellenweise unterbrochene gelbe Fleckenbinden vor-
handen sind, deren obere der III. Zone (Augenbogenlinie)
entspricht, indem sie, wie bei den Mauereidechsen, über
das Augendach her bis auf die obere Seite des Schwanzes
hin verläuft, während eine zweite ebensolche Linie, aller-
dings, wie dies mit der ihr entsprechenden V. Zone stets
auch bei der Mauereidechsc de** Fall ist, mehr unterbro-
chen, vom Oberkiefer, bezw. Mundwinkel, an der Seite
hin zieht. Auch in den Abbildungen Bonapa rte's ist
eine hierauf zurückführbare Anordnung der Flecke deut-
lich zu erkennen — abgesehen von dem jungen Thiere,
1) Vergl. die Abbildung in Cuvier, regne animal.
888 Th. Eimer:
bei welchem die Flecke über den Rücken zusammengeflos-
sen sind. Und in der Regel sind die hellen Seitenlinien
so oder in anderer Weise in Flecke aufgelöst. Salaman-
dra maculata und die erwähnten Caudaten unterscheiden
sich dadurch, dass bei letzteren die Mittellinie des Rückens
hell, also in primärem Zustande verblieben ist, während
sie bei ersterer schwarz und mit der IL Zone zu einem
dunklen Feld vereinigt ist. Eine helle Mittellinie haben
übrigens zahlreiche andere Caudaten.
Auf den Tafeln Bonapart e's endlich, welche die
Tritonen darstellen, wird man wiederum die Ueberein-
stimmung der Fleckenzeichnung mit jener der Lacerta
muralis erkennen: Triton palmatus, lobatus, marmo-
ratus entsprechen meiner Fig. 17, dem Podacris muralis
siculus rubriventris Bonaparte; wie weit aber genauere
Beziehungen der Zeichnung bei beiden vorhanden sind,
dies festzustellen bedarf eingehenderer Untersuchung.
Durch die vorstehenden Hinweise wollte ich nur
im Allgemeinen auf die wunderbaren Beziehungen der
Zeichnungen hinweisen — speciellere Durchführung ist
hier nicht möglich. Das mir zugängliche Material würde
mir zwar Stoff geboten haben, schon jetzt weitere Be-
lege für das von mir aufgestellte Zeichnungsgesetz der
Amphibien und der Reptilien beizubringen, aber ich
glaubte gerade durch den Hinweis auf die Thatsache,
dass ohne Kenntniss dieser Gesetzmässigkeit entworfene
Abbildungen dieselbe in so beredter Weise illustriren,
Dritte am besten und am leichtesten von der Sicherheit
der Grundlagen meiner Aufstellungen überzeugen zu kön-
nen. Eigenes Material habe ich schon jetzt benutzt, inso-
weit dies für meine nächste Aufgabe nöthig war, nämlich
um mich selbst davon zu überzeugen, dass eben die Grund-
lagen meiner Folgerungen sich innerhalb gewisser Gren-
zen überall bewähren und ferner davon, dass speciellere
Untersuchung des Gegenstandes die Gesetzmässigkeit der
Zeichnung nur weiter und noch glänzender in's Einzelne
hinein beweisen dürfte. Jeder, auch der scheinbar unbe-
deutendste, unmotivirteste Fleck im Kleide unserer Thiere
löst sich nunmehr durch die Vergleichung in ein Bekanntes
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 389
auf und bietet sich frei dem Verständniös dar. Welch' weite
Aussicht für dieses Verstäiidniss und für die Erkenntniss
der Beziehungen der Formen die Anwendung des gewon-
nenen Einblickes in die Gesetzmässigkeit der Zeichnung,
in die Zähigkeit ihrer Vererbung auch auf die übrigen
Gruppen des Thierreichs darbietet, soll später näher be-
rührt werden.
I>ritte Abtlieilnng:.
lieber iiene und über schon bekannte auf Felsen
isolirt lebende Varietäten. Besondere Beweise für
höchste Farbenanpassung der Mauereidechsen.
Hierzu Tafel XV.
Neue Beobaclituu^eii über auf isolirten Felsen bei Capri vor-
koinmende Varietäten der Mauereidechse : Lacerta muralis coe-
ruleo-coerulescens, Lacerta muralis coerulescens monaconensis.
Eingangs meiner Abhandlung über Lacerta muralis
coerulea bezeichnete ich die Faraglioni bei Capri, auf de-
ren einem ich die Lacerta muralis coerulea fand, als vier
Felsen, von welchen einer mit dem Lande noch in schma-
ler Verbindung stehe, zwei südlich von diesem im Meere
isolirt liegen, während der vierte, auf der dort von mir
gegebenen Abbildung nicht sichtbare, gleichfalls im Meere
isolirt, durch Spuren auf seiner Kuppe befindlicher römi-
scher Bauten bemerkenswerth sei. Dieser vierte Fels,
welcher nach Ost-Nord-Ost von den übrigen und in grös-
serer Entfernung von ihnen gelegen ist, als sie selbst von
1) Vgl. den amtl. Bericht über die Münchener Naturforscher-
Versammlung, auf welcher ich über diese Varietäten schon be-
richtete.
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 26
B90 Th. Eimeri
einander entfernt sind, wird, was ich erst später erfuhr,
von den Capresen Mona cone genannt. Ich kannte damals
nur Eidechsen von dem südlichsten der drei eigentlichen
Faraglioni, eben die Lacerta muralis coerulea, die „himmel-
blaue" Mauereidechse, wie ein gewisser Schriftsteller über-
setzen zu müssen glaubte. Das Spiel des Schicksals wollte
es, dass ich seitdem nur wenige Meter von dem Standort
der schwarzblauen coerulea entfernt, auf dem mittleren
der drei Faraglioni, eine Mauereidechse gefunden habe,
welche man in der That himmelblau nennen könnte, wenn
man das tiefste Blau des südlichen Himmels der Bezeich-
nung zu Grunde legte.
Im Jahre 1877 liess ich den jetzigen Faraglioni-
besteiger diesen von ihm nur höchst selten oder kaum je
betretenen Felsen erklettern, um denselben nach Eidech-
sen abzusuchen. Der Mann brachte mir einige solcher
herunter, welche an Schönheit und Glanz der Farbe Alles
übertrafen, was ich je zuvor gesehen hatte. Sie waren
auf dem Rücken von dem soeben geschilderten prachtvollen,
tiefen Blau — Kornblumenblau ist die beste Bezeichnung
für diese Farbe — welches nur auf der Rückenhöhe durch
Beimischung von Grau gedämpft erschien, am Bauche waren
sie wenig heller blau. Gegen die Schwanzwurzel hin ging
das Blau oben in ein Blaugrün über, welches sich weiter auf
die Oberfläche des Schwanzes und der hinteren Extremitäten
verbreitete. Dieses Grün, durch die zartesten Uebergänge
mit dem Blau verbunden, war bei beiden Geschlechtern
vorhanden und erstreckte sich auch nach vorn über die
Seiten des Rumpfes, bei einzelnen Individuen ausgedehn-
ter als bei anderen. Es ist dies Blaugrün nur eine leuch-
tendere, mehr in's Blaue gehende Variation des Bronce-
grüns, welches ich beim Männchen der coerulea vom
äussersten Faraglione beschrieb, wo es in geringerer Aus-
dehnung als das Blaugrün bei der neuen Varietät, nämlich
an der Schwanzwurzel und auf den oberen Extremitäten,
und zwar nur im Sommerkleide vorkommt.
;,x\h com' e hello !^ rief der mit mir im Kahne den
Alten erwartende Fischerknabe in grösstmöglichster Dehnung
und höchstem südlichem Pathos aus, als jener die erbeu-
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse, 391
teten Eidechsen dem Tascbentuclie entwand, um sie mir
zu zeigen. Und in der That, man kann sich prachtvollere
Farben nicht denken als das volle glänzende Blau mit den
zarten Ucbergäugen in Grün, in welche diese Eidechse
gekleidet ist, wobei nicht vergessen werden darf zu be-
merken, dass die strahlende Farbe des Rückens kaum An-
deutungen der Zeichnung desselben durchschimmern lässt.
Erst nach Einwirkung von Weingeist, nach dem Tode,
trat diese deutlicher hervor.
Das Grün im Kleide ist augenscheinlich nichts Ande-
res als ein Erbstück von der ursprünglich grünen Stamm-
form — nur ist es in einen schöneren, glänzenderen
Ton abgeändert und zum Schmucke geschmackvoll ver-
theilt. Es steht die neue Varietät der auf der Insel Capri
lebenden Stammform um ein Wesentliches näher als die
coerulea vom äusseren Faraglione, wie auch der Fels, wel-
chen sie bewohnt, wenngleich nicht weniger leicht zu-
gänglich als der letztere, doch der Insel näher gelegen ist
als dieser: seine Entfernung von der Insel, bezw. von dem
mit ihr in Verbindung stehenden inneren Faraglione, be-
trägt, ebenso wie der Zwischenraum zwischen ihm und
dem äusseren Faraglione, nur wenige Meter.
Was die Grösse angeht, steht die coeruleo-coe-
rulescens, wie ich die neue Varietät nennen will, we-
nigstens in den Exemplaren, welche ich beobachten konnte,
hinter der coerulea etwas zurück. Das Thier scheint übri-
gens an seinem Wohnorte nur sehr spärlich vorzukommen,
denn ich habe bei wiederholten Excursionen nur einige
wenige Exemplare desselben erhalten können.
Der mittlere Faraglione ist, so viel ich mich erinnere,
noch kahler als der äussere, indem er fast gar nichts von
Pflanzenwuchs trägt. Ebenso kahl ist der innere mit der
Insel zusammenhängende. Auch auf diesem finden sich
Eidechsen, die aber mit denjenigen der Insel ständig sich
mischen können. Ein einziges Individuum, welches ich
von diesem Felsen herab bekam, zeigte gegenüber den die
Insel bewohnenden keine besonderen Eigenthümlichkeiten
als die, dass Braun in ihrem Kleide das Grün verdrängt
hatte.
392 • Th. Eimer:
Eine weitere, sehr interessante Eidechsenform lernte
ich von dem Monacone - Felsen im Jahre 1876 kennen.
Es liegt dieser Fels, wie schon bemerkt, ostnordöstlich
von den übrigen, in einer Entfernung von etwa 100 m vom
äussersten Faraglione und in einer Entfernung von 140 m
von der Insel, vor einer von sehr hohen, senkrecht ab-
fallenden Felswänden umschlossenen, nach Osten sich
öffnenden Bucht. Während die übrigen isolirten Felsen
eine ziemlich bedeutende Höhe erreichen und sämmt-
lich nach oben mehr oder weniger spitz zulaufen, ist der
Monacone ein niedriger (etwa 70 m hoher) Klotz, von
einem Umfang von etwa 400 Quadrat-Meter, dessen Wände
gleichfalls senkrecht in's Meer abfallen, dessen obere Fläche
aber nicht viel weniger umfangreich ist als sein horizon-
taler Durchmesser in der Höhe des Meeresspiegels. Er
kann mit verhältnissmässig geringen Schwierigkeiten be-
stiegen werden. An der nach Westen — nach der Bucht
zu — abfallenden Wand findet sich nämlich in geringer
Höhe über dem Meere ein Loch, welches in eine Höhle
mündet, die schachtartig nach aufwärts durch den Felsen
führt. Nachdem man den von der anprallenden See zu
spitzen, senkrecht stehenden Nadeln zerfressenen Abstieg
vor dem Felsenloche überwunden hat und in die Höhle
eingetreten ist, zwängt man sich von dieser aus zwischen
glatten Felswänden und Felsblöcken hindurch und gelangt,
sich emporschwingend, auf halber Höhe des Monacone an's
Licht, worauf man auf schmalem, aussen an der Felswand
hinlaufendem Pfade den ebenen Gipfel erreicht. Diese
Ebene fällt gegen Osten etwas ab und ist zu einem gros-
sen Theil mit niedrigem Pflanzenwuchs bedeckt, der jedoch
während der heissen Jahreszeit vollkommen vertrocknet
ist. Dann tritt theilweise brauner Erdboden zu Tage. Im
Uebrigen wird der Boden von Fels und von Steinen ge-
bildet.
Hier auf diesem Felsen lebt eine Mauerei-
dechse, welche di eEnt st ehungd er coerulea in noch
viel früheren Anfängen zeigt als die coeruleo-
coerulescens, indem sie eine vollkojmimene Zwi-
schenform zwischen dieser und zwischen der Be-
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 393
wohiierin der Insel darstellt ^). Sie zeigt deutlicher
als jene die Zeichnung der capresischen Mauereidechse, da-
gegen höchst eigenartige Riickenfarbe : ein Mattgrün mit
nach den Seiten zunehmendem, bläulichem Ton, auf der
Rückenhöhe und auf den Kopfschildern bei vielen Indivi-
duen mit ausgesprochener Mischung von Braun. Diese
bescheidene Färbung erhält bei gewisser Beleuchtung aber
eine höchst auffallende und wichtige Veränderung: hält
man das Thier so zwischen die Sonne und das Auge, dass
dieses über seinen Rücken hinblickt, so erscheint letz-
terer prachtvoll dunkelblau, ähnlich der Rücken-
farbe der coeruleo - ceorulesens , ähnlich dem Schimmer,
welcher am Rücken der' coerulea bei Einwirkung des
Sonnenlichtes zu beobachten ist. Dieselbe Erscheinung
kann man an den Flügeln der so schön gefärbten Was-
serjungfer Calopteryx virgo beobachten, welche bald mehr
grün, bald blaugrün, bald tiefblau erscheinen, das letztere
besonders dann, wenn man sie so gegen das Licht hält und
über sie hinblickt, wie ich das soeben von der Monacone-
Eidechse als zum Erkennen der blauen Farbe nöthig be-
zeichnet habe: auch die Töne des Grün und des Blau der
Calopteryx virgö, ebenso wie die üebergänge beider ineinan-
der, haben die grösste Aehnlichkeit mit dem Grün und
Blau der Lacerta muralis coerulescens monaconen-
sis, wie ich die Mauereidechse vom Monacone nennen will
— das Blau der Libelle wenigstens ist mit den tieferen Tö-
nen des Blau der Eidechsen identisch.
So finden wir also den Anfang der blauen Färbung
des Rückens unserer Thiere auffallender Weise in einem
Blau, welches nur bei gewisser Beleuchtung auftritt, wel-
ches dann aber so intensiv erscheint, wie das Blau der
coeruleo-coerulescens. Diese Erscheinung steht nun aber
in Zusammenhang mit folgender: auch die Unterseite un-
seres Thieres ist nicht wie bei der gewöhnlichen Mauer-
eidechse weiss, sondern sie hat einen blauen Ton, der sich
zuweilen bis zu einem schönen Blau steigern kann und der
sich vom Unterkieferwinkel bis zur Schwanzwurzel erstreckt.
1) Taf. XV. Fig. 23.
394 Th. Eimer:
Diese blaue Färbung der Unterseite setzt sich über die
Bauchschilder nach den Seiten der Eidechse hin fort in
das Blau des Rückens.
Die geschilderten Verhältnisse der Farben beziehen
sich auf im Monat August, zur Zeit der grössten Dürre,
an Ort und Stelle beobachtete Thiere. In der Gefan-
genschaft lässt sich leicht erkennen, dass mit
dem Wechsel der Jahreszeiten auffallende Far-
benveränderungen zu Tage treten: im Herbst und
Winter schwindet das Blau des Bauches fast voll-
ständig — dieser wird blaugrau bis weiss — im
Frühling und im ersten Sommer erreicht es seine
höchste Ausbildung, jetzt ist auch das Blau des
Rückens am schönsten zur Anschauung zu brin-
gen, blauer Ton überzieht den Rücken auch ohne
besonderen Einfall des Lichtes, das Grün desselben
ist ausserdem leuchtender geworden, während das Braun
zurückgetreten ist. Endlich tritt die blaue Färbung
schöner, satter beim Männchen hervor ^).
Es ergibt sich hieraus deutlich, einmal, dass das
Blau des Rückens und dasjenige der Unterseite von An-
fang an in Zusammenhang stehen. Ferner wird man so-
fort veranlasst sein, das Blauwerden der Unterseite in Zu-
sammenhang zu bringen mit der blauen Färbung, welche
die Kehle der Mauereidechse auch in nördlicheren Gegen-
den beim Männchen in der Brunstzeit annehmen kann.
Man wird somit die Ursache des ersten Auftretens der Blau-
färbung überhaupt auf eine Begünstigung durch erhöhte
Lebensthätigkeit, durch den Z uf luss (Turgor) der
Säfte und auf geschlechtliche Zuchtwahl mit zu-
rückführen dürfen. So würde auch der Nutzen, der nur
bei bestimmter Stellung des Beschauers sichtbaren schönen
blauen Färbung des Rückens mit den Forderungen der
geschlechtlichen Zuchtwahl übereinstimmen. Bevor ich die
naheliegenden Schlüsse aus diesen Thatsachen ziehe,
1) Zeichnung tritt sehr zurück — sonst schwarze Rückenflecke
z. B, erscheinen nur leicht dunkler als die übrige Rückenfarbe.
Untersuchuugeu über das Variiren der Mauereidechse. 395
möchte ich noch eine andere einen Felsen ])ewohnende
Muuereideclise besprechen, welche der coerulescens mona-
conensis sehr nahe steht, ich meine die früher schon ^o-
legentlich erwähnte Galli-Eidechse.
Die Galli sind einige weit draussen im Meere gele-
gene Felsen von geringem Umfang, an welchen man auf
der Bootfahrt von Amalfi nach Capri nahe vorüberkommt.
Im Jahre 1877 habe ich einen dieser Felsen auf Eidechsen
untersucht und fand dort eine Varietät, welche ebenfalls
beginnende blaue Färbung an Rücken und Bauch zeigt,
aber noch weniger entwickelt als bei der monaconensis,
so dass sie der gewöhnlichen Mauereidechse noch näher
steht als diese.
Im August, als ich den Felsen besuchte, traf ich die
Bauchfarbe dieser Lacerta muralis coerulescens gallen-
sis blau angehaucht, der Rücken war entweder vollkommen
grün wie bei der Lacerta muralis elegans oder grün mit
einer Spur von Blau; besonders die Seiten zeigten letztere
Farbe ausgeprägter. Manche Individuen hatten auch Braun
im Rückenkleide ; die Jungen hatten am meisten Braun, am
wenigsten Blau. Bei den Männchen war das blaue Auge
hinter der Wurzel der Vorderextremitäteu ausserordentlich
gross ; bei einzelnen beobachtete ich mehrere solcher Flecke
in einer Linie hintereinander. Bei den Männchen war
die blaue Färbung von Bauch und Rücken viel
satter als bei den Weibchen, besonders war bei jenen
auch die äusserste Bauchschilderreihe jederseits mit einem
satten blauen Fleck versehen, an dessen Stelle bei den
Weibchen ein grüner trat.
Auch diese Thiere habe ich längere Zeit in der Ge-
fangenschaft gehalten und habe beobachtet, dass sie im
Winter fast jede Spur von Blau verloren, in der
Farbe gewöhnlichen Mauereidechsen ganz ähnlich wurden,
dass dagegen zur Zeit der höchsten Lebensthä-
tigkeit, im Frühling und im Sommer, das Blau
sehr lebhaft hervortrat und zwar in höherem
Maasse bei Männchen als bei Weibchen.
Hier sei angefügt, dass ich auf dem nicht fern von
den Galli, aber viel näher dem Lande zu, nahe bei Prajano
396 Th. Eimer:
gelegenen, sehr kleinen Isca-Felsen eine Mauereidechse
gesehen habe, aber nicht fangen konnte, welche braun ge-
färbt war. Wenn ich mich nicht irre, so entsprach diese
Farbe derjenigen des kahlen Felsens — indessen ich habe
es versäumt, mir über diesen Fall Aufzeichnungen zu
machen.
Dagegen hielt ich fest, dass ich in hohem Grade
überrascht war, als ich in der heissesten Zeit, im August,
die Galli-Eidechsen an ihrem Wohnort beobachtete, zu se-
hen, dass das Grün ihres Kleides mit lebhaftem, wenn-
gleich spärlichem Pflanzengrün übereinsti mmte,welches sich
in jener Zeit auf dem Felsen vorfand. Dadurch glaubte
ich mir die Thatsache erklären zu dürfen, dass diese
Thiere, obschon ihr Wohnort so weit draussen im Meere
isolirt liegt, nicht ebenso wie die auf anderen isolirten
Felsen, die grüne Farbe verloren und eine andere dafür
angenommen haben.
In Uebereinstimmung damit würde stehen, dass ich
auf Capri die Mauereidechsen öfters mit blauer Färbung
antraf, und zwar in mindestens derselben Intensität wie
bei der Galli-Rasse ^). Insbesondere war es, wie ich in
„Lacerta muralis coerulea" bemerkte, die von mir elegans
genannte Varietät, welche zu blauer Färbung hinneigt.
Auch hier zeigte sich das Blau fast nur schön
oder auffallend im Frühling und im Beginn des
Sommers und wiederum am ausgesprochensten
bei Männchen. Dass blaue Farbe auch auf Capri an Ei-
dechsen zur Ausbildung kommen kann, würde, angesichts
der Sesshaftigkeit dieser Thiere, damit übereinstimmen,
dass ein grosser Theil der Insel aus kahlen Felsen besteht
und dass selbst da, wo üppiger Pflanzenwuchs vorherrscht,
kahle Felsparthien mitten aus dem Grün hervorragen, auf
welchen die Eidechsen sich gerne sonnen.
Sehen wir von den Verhältnissen auf den Galli und
Isca ab und berücksichtigen wir nur Capri und die ihm
1) Vergl. hiezu auch Sehr eiber, Herpetol. europ. S. 408, wo
Var. b charakterisirt ist: „supra fascescens, dorso cyaneo-coenile-
scenti, abdomine margaritino (Cyclades, Capri)."
üntersuchnngen über das Variiren der Mauereidechse. 397
zunächst gelegenen Felsen, so ergibt sich, dass die bläu-
liche Mauereidechse auf Ca])ri, „coerulescens caprensis",
die Blaufärbung am schwächsten zeigt, dann kommt die
vom Monacone, die coerulescens monaconensis, dann die
coeruleo-coerulescens vom mittleren, dann die coerulea vom
äusseren Faraglione. Diese vier Formen stellen ebensoviele
Stufen der Umbildung dar, deren erste nur eine geringe
Abweichung der Farbe von der gewöhnlichen süditalieni-
schen Mauereidechse zeigt, sonst mit derselben identisch
ist, während die letzte, in der Rückenfarbe fast schwarz
und von auffallender Körpergrösse, von ihr ausserordent-
lich verschieden ist, auch in der Beschuppung von ihr
abweicht. In der Mitte stehen die Bewohner des Mona-
cone und jene des mittleren Faraglione, welche in der
Körpergrösse die gewöhnliche Mauereidechse nicht über-
ragen, ja von welchen die coerulescens monaconensis dieser
gegenüber sogar eher klein zu nennen ist.
Bevor ich auf die Vergleichung der vier Formen und
mit Bezug darauf auf die Vergleichung auch der von ihnen
bewohnten Oertlichkeiten näher eingehe, um dieselbe für
allgemeine Schlüsse über die Ursachen der Abänderung ver-
werthen zu können, will ich noch weiteres Material für
die uns beschäftigenden Fragen auch aus anderen Gegen-
den beiziehen.
Zunächst möchte ich aber einige Bemerkungen ein-
schalten über die eigenthümliche Verschiedenheit der bis-
her betrachteten felsenbewohnenden Eidechsen in ihrem
Verhalten gegenüber dem Menschen. Es war mir nämlich
in hohem Grade die Thatsache auffallend, dass die Mona-
cone-Eidechsen und ebenso — nur vielleicht in etwas ge-
ringerem Grade — die von den Galli, ausserordentlich
scheu sind, in vollkommenem Gegensatze zu jenen von
den Faraglioni, welche sich, wie ich in meiner Abhand-
lung über Lacerta coerulea eingehend geschildert habe,
durch fast absoluten Mangel an Furcht vor dem Menschen
auszeichnen. Die coerulescens monaconensis erschien mir
nicht minder scheu, ja eher scheuer und flinker als die
gewöhnlichen Mauereidechsen und auch nach mehrjähri-
ger Gefangenschaft haben sie diese Scheu nicht abgelegt.
398 Th. Eimer:
Es hängt dies jedenfalls damit zusammen, dass Menschen
sie zuweilen stören und verfolgen mögen; aber man sollte
meinen, dass dies doch viel weniger geschehe als auf dem
Festlande — oder interessiren jeden Menschen, der auf
solch' isolirten Felsen kommt, die einzigen dort vorhande-
nen grösseren lebenden Wesen derart, dass er ihnen be-
sondere räuberische Aufmerksamkeit schenkt?
Auf dem Monacone huschten die Thierchen mit ge-
radezu rasender Schnelligkeit von mir fort, sobald sie
meiner ansichtig wurden. Ich verzweifelte zuerst daran,
ihrer einige auch nur in der Nähe ansichtig zu werden,
geschweige denn zu erhaschen. Auch die auf der Insel
so erprobte Glrasschlinge wollte nicht zum Ziele führen.
Um die Eidechsen näher kommen zu lassen, setzte ich mich
schliesslich in der glühenden Mittagssonne regungslos auf
einen Stein, um auch bald für meine Ausdauer belohnt zu
werden. Nicht allzu lange dauerte es, da lugte eine Ei-
dechse, die sich vorher bei meiner Annäherung in einem
Loch verborgen hatte, aus diesem hervor, um, als sie
meiner ansichtig ward, rasch wieder hineinzuschlüpfen.
Bald wagte sie sich wieder hervor, diesmal weiter. Den
Kopf schief aufhaltend, äugte sie nach mir und als sie
nichts Verdächtiges an dem Gegenstand ihrer Aufmerk-
samkeit zu bemerken glaubte, rückte sie aus ihrem Ver-
steck vollständig heraus. Die Neugier, welche im Leben
der Eidechsen offenbar eine grosse Rolle spielt, machte
sich, nachdem das Thierchen angefangen hatte sich zu be-
ruhigen, alsbald geltend und gewann die Oberhand. Bald
rasch vorwärts laufend, bald einen Augenblick stille hal-
tend, aber ohne mein Gesicht auch nur einen Moment aus
dem Auge zu verlieren, rückte mir die Eidechse^ näher.
An meinen Füssen angekommen, untersuchte sie neugierig
prüfend meine Stiefel, indem sie dieselben genau betrach-
tete und einigemale mit der Zunge betastete. Darauf sprang
sie auf einen Stiefel hinauf, kletterte — immer wieder
einhaltend und prüfend — an meinen Beinkleidern in die
Höhe, mir aufs Knie, dann am Arm empor, bis ich sie
durch einen raschen Griff erhaschte.
Die Verschiedenheit der Eidechsen in ihrer Vorsicht
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 399
gegenüber dein Menschen auf den verschiedeneu im Meere
gelegenen Felsen gibt wohl einen Maassstab ab für den
Grad der Isolirung der letzteren und wird desshalb später
vervverthet werden müssen.
Die Anpassiiiig derWüsteneidechsen au die Farbe des Bodeus ^). —
Yerwandtschaft des Oeuus Acaiithoductylus mit Lacerta muralis.
Ein mehrmonatlicher Aufenthalt in Egypten und Nu-
bien gestattete mir im Jahre 1879 die wunderbare Anpas-
sung der Wüstenthiere an den von ihnen bewohnten Boden
zu beobachten. Ich fand, dass in dieser Beziehung alle
Erwartungen, welche man auf Grund der Berichte Anderer
hegen mag, durch die Thatsachen selbst übertroffen wer-
den. In vollendetem Maasse gilt dies auch für die Ei-
dechsen, in Egypten speciell für die dort die Mauereidechse
ersetzende und mit derselben unmittelbar verwandte Gat-
tung Acanthodactylus.
Als ich in den ersten Tagen des Januar genannten
Jahres die erste dieser Eidechsen in der Umgebung Alex-
andriens auf dem Erdboden dahin laufen sah, entrang sich
mir ein lauter Ausruf des Erstaunens über die wunderbare
Aehnlichkeit, welche das Thierchen in Farbe und Zeich-
nung an die Verhältnisse des ersteren zeigte. Wie im Um-
kreis vieler unter den egyptischen und anderen Städten
des Alterthums, so linden sich auch vor den Thoren Alex-
andriens Hügel von ziemlicher Höhe , welche sich im
Lauf der Zeiten aus dem aus der Stadt entfernten Schutt
gebildet haben. Es bestehen diese Hügel aus einem Grund-
material von Erde und Sand, welches ungefähr noch die
Farbe des Wüstensandes hat, vermischt jedoch mit sehr
zahlreichen Bruchstücken von röthlichen Thongefässen.
Auf einem dieser Scherbenberge sah ich bei Alexan-
drien zuerst den Acanthodactylus vulgaris. Die
Grundfarbe des Kückens dieses Thieres war vollkommen
gelbbraun wie der Erdboden; darauf liefen, von kleinen
1) Vergl, Taf, XV. Fig. 26.
400 Th. Eimer:
x-förmigen schwärzlichen Zeichnungen unterbrochen, vier
Reihen von leicht kupferrothen Flecken, ganz von
der Farbe der erwähnten Thonscherben. So wa-
ren die Farben des Sandes und der Thonscherben in wun-
derbarer Weise im Kleide der Eidechsen nachgeahmt und
es schien mir alsbald im höchsten Grade wahrscheinlich,
dass es sich in diesen Flecken um eine reizende Anpas-
sung an die Scherbenfarbe handle. Ich konnte diese Auf-
fassung jedoch erst dann als durchaus berechtigt erklären,
als ich Schritt für Sehritt auch fernerhin andere in ähn-
licher Weise fein ausgeführte Uebereinstimmung zwischen
Zeichnung und Färbung der Thiere einerseits und jener
des Bodens andererseits beobachtete ^).
In dieser Beziehung sei gleich bemerkt, das der Acan-
thodactylus der freien Wüste niemals schwarze Flecken
auf dem Rücken zeigt — höchstens braune Flecken, wel-
che wieder mit der Sandzeichnung übereinstimmen — dass
ich jene an ihm dagegen überall da fand, wo auch in der
Umgebung Gegenstände häufig waren, zu welchen Flecken-
zeichnung passt, besonders da, wo sich reichlicher Pflanzen
finden, die durch ihre Blätter einen Schatten werfen, der
solcher Zeichnung entsprechen mag: dieselbe Art Acan-
thodactylus Boskianus , welche in der freien
Wüste absolut von der Farbe des Sandes und
ohne jede auffallendere dunkle Zeichnung ist,
zeigte mir sofort nach dem Ein tritt in eine kleine
Oase, sobald wieder Pflanzenwuchs vorhanden
war, dunkle, an Schwarz anstreifende Flecke
auf dem Rücken.
Die Gattung Acanthodactylus gehört nach den we-
sentlichsten ihrer Eigenschaften nicht nur unmittelbar ne-
1) Nicht den Farben des Bodens angepasst sind die Stellio's,
welche in Unzahl an den alten, halbzerfallenen, aber ernsthaft von
Soldaten bewachten Festiingsmauern von Alexandrien herumlaufen.
Aber diese Thiere sind ausserordentlich scheu und flink und sie
finden einerseits sicheren Schutz in dera Labyrinth der Löcher der
hohen Mauern, andererseits mag gegenüber von Kaubvögeln auch
ihnen die Möglichkeit einer Verwechslung ihres fast schwarzen Kör-
pers mit Spalten und mit Schatten von Vortheil sein.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 401
ben Lacerta muralis, es würde mciuer Meinung nacli c])enso
gerechtfertigt sein, sie als eine Unterart der letzteren auf-
zufübreu, wie man sie als besondere Gattung hinstellt.
Von älteren Autoren werden die Acantbodactylus wenig-
stens in die Gattung Lacerta gestellt. Kopf, Kumpf und
Schwanz bei Acantbodactylus verbalten sich durchaus so
wie bei Lacerta muralis — erst genauere Untersuchung
zeigt die Unterschiede, welche zuerst um so weniger ge-
sucht werden, als auch die Art der Bewegung und die
übrigen Lebeusäusserungen bei beiden Formen durchaus
dieselben sind. Der Gestalt des Kopfes nach stehen die
Acantbodactylus der Gruppe der Lacerta muralis am näch-
sten, welche ich als pyramidocephale, im Gegensatz zu
den platycephalen, bezeichnet habe, also den südlichen
der europäischen Mauereidechsen, denjenigen, welche sie
ja geographisch allmählich ersetzen.
Die Unterschiede zwischen Lacerta und Acantbodac-
tylus beziehen sich wesentlich darauf, dass letzterem das
Occipitalschild gewöhnlich fehlt, während es bei Lacerta
vorhanden ist, dass bei Acantbodactylus ein erstes und
viertes Supraoculare (Palpebrale) meist fehlt, durch kleine
Körner ersetzt wird, während beide bei Lacerta vorhan-
den sind, ferner dass das Frontale bei Acantbodactylus
nach hinten stark verengt ist und im Alter eine Längs-
furche hat, während es bei Lacerta nicht stark nach hin-
ten verengt ist und flach oder gewölbt bleibt. Ein we-
sentlicher Unterschied, von welchem der Name Acantbo-
dactylus genommen ist, beruht endlich in der Zäbnelung
und Kielung der Zehen. Die Kielung der Rückenscbuppen,
welche z.B. in Schreiber's Charakteristik der Gattung
Acantbodactylus gegenüber Lacerta angegeben ist, ist durch-
aus nicht allen Acantbodactylus eigen — überall ist sie
ebenso wie bei Lacerta muralis am Schwänze deutlicb — so
unter den von mir untersuchten bei Acantbodactylus vul-
garis und scutellatus : hier schreitet sie von der Schwanzwur-
zel aus auch ein Stück auf dem Rücken fort, aber erst bei
A. Boskianus bat sie auf diesem eine bedeutendere Ausdeh-
nung erreicht. Bei A. vulgaris ist auch die Zäbnelung
der Zehen eine sehr wenig ausgebildete, so dass diese
402 Th. Eimer:
Art kaum den Namen Acanthodactylus verdient — am
stärksten ist sie bei Boskianus. Wir haben also schon bei
Lacerta muralis Spuren der Kielung der Schuppen, welche
bei Acanthodactylus Boskianus eine so bedeutende Aus-
bildung erreicht, mit den Uebergangsstufen von A. vulga-
ris und scutellatus. Und ebenso zeigt die Zähnelung der
Zehen innerhalb der Gattung Acanthodactylus theilweise
eine so geringe Ausbildung, dass nahezu die Eigenschaf-
ten der Mauereidechse auftreten und zwar findet sich bei
derjenigen Art nach beiden Richtungen am meisten An-
näherung an die europäische Lacerta muralis, welche an
diese in der Verbreitung sich anschliesst, nämlich bei
Acanthodactylus vulgaris, der ausser in Nordafrika auch
in Südfrankreich und Spanien vorkommt.
Ich glaube mit Grund den Satz vertreten zu
können, däss die Kiele der Schuppen, die Fort-
sätze der Zehen, welche letzteren der Gattung
Acanthodactylus den Namen gaben, sich in dem
Grade mehr entwickelt haben, als die Thiere in
warmen, trockenen oder regenarmen Gegenden
leben. Hand in Hand mit der E ntwicklung die-
ser Eigenschaften geht die weitere, dass die
Schuppen des Rückens aus der Form von klei-
nen, wenig Oberfläche darbietenden Körnern sich
zu umfangreichen, platten, schliesslich dachzie-
gelartig übereinander gelagerten, nur im Grade
der höchsten Ausbildung mit den freien Räudern
weit von einander abstehenden Schuppen ge-
stalten. Diese Umwandlung beginnt am Schwänze, ist
vorzüglich deutlich zuerst in der Gegend der Schw^anzwur-
zel und schreitet von da allmählich nach vorn über den
Rücken (Boskianus). Aehnliche Umwandlungen er-
fahren die Bauchschilder — bei Boskianus gestalten
sie sich zu dachziegelähnlich übereinander gelagerten
Schuppen.
Alle diese Eigenschaften — solcher Schluss drängt
sich nothwendig auf — müssen aus den Eigenschaften der
Lacerta muralis entstanden sein, aus denselben Ursachen,
welche bewirken, dass von Pflanzen einer und derselben
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 403
Art, welche an trockenen Standorten einerseits nnd an
feuchten andererseits stehen, die ersteren mit weit abste-
henden Haaren besetzt, die letzteren nackt sein können:
die borstige Oberfläche von Pflanzen trockener Standorte,
die stachelige schu])pigc Oberfläche besonders der Wtisten-
pflanzen und die starkschuppige, theilweise borstige (Ze-
hen) Haut der Wüsteneidechsen haben offenbar denselben
Zweck, den nämlich, durch Darbieten einer grösseren Ober-
fläche des Körpers bei der herrschenden Trockenheit der
Luft möglichst viele Feuchtigkeit von aussen aufnehmen
und in dem rauhen Kleide längere Zeit hindurch festhal-
ten zu können. Die Stacheln und Schuppen sind gewisser-
massen Feuchtigkeitssaramler und Feuchtigkeitsauf bewahrer.
In dieser Auffassung werde ich bestärkt durch die
Thatsache, dass unter den Varietäten der Lacerta
muralis umgekehrt diejenigen die kleinsten
Rückenschüppchen haben, welche an verhält-
nissmässig sehr feuchten Orten leben, so die La-
certa muralis coerulea vom Faraglione, von welcher ich
schon in meiner ersten Arbeit hervorhob, dass ihre Rticken-
schuppen so klein seien, dass man sie als Körner bezeich-
nen müsse.
Somit würden sich die wesentlichsten Unterschiede
zwischen Lacerta muralis und Acanthodactylus erklären
lassen als solche, welche in Folge des Lebens in trockener
Luft bei letzterem zum Zweck der Wasseransammlung all-
mählich entstanden sind.
Allein auch die übrigen als charakteristisch für Acan-
thodactylus angegebenen Merkmale lassen einen unmittelba-
ren Zusammenhang zwischen ihm und der Mauereidechse
deutlich erkennen.
Das Occipitalschild fehlt bei Acanthodactylus nicht
immer gänzlich: es ist häufig durch ein kleines Korn er-
setzt, ja bei mehreren jungen (halbgewachsenen) Acantho-
dactylus der Wüste habe ich es überall sogar gut ent-
wickelt gefunden ^).
1) Ich habe diese jungen Acanthodactylus an verschiedenen
Orten der Wüste gefangen, ohne zugleich die flinkeren, vorsichtige-
ren Alten erwischen zu können und ich bin desshalb nicht im
404 Th. Eimer:
Was die Supraorbital- (Palpebral-) Schilder angeht,
so fehlt das vordere und das hintere nicht allen Acantho-
dactylen, sondern es hat Savignyi und Boskianus deren
vier wie Lacerta. Bei A. scutellatus und vulgaris dage-
gen sind vorderes und hinteres, wie die Diagnosen lauten,
fehlend, d. i. durch Körner ersetzt. Ich erkenne nun aber
bei meinen A. vulgaris deutlich ein ziemlich grosses erstes
Supraorbitalschild, allerdings nach innen von Körnern be-
setzt, und bei scutellatus ist dasselbe noch viel deutlicher.
Bei letzterem liegt ferner hinter dem dritten Supraorbital-
schild eine Anzahl Körner — das hinterste, innerste dieser
Körner ist aber gleichfalls deutlich als Rest des vierten
Supraorbitalschildes zu erkennen — es ist sehr gross,
ein kleines Schildchen. Auch bei vulgaris erkenne ich in
einem grösseren Korn einen solchen Rest. Ein reichliche-
res Material als es mir zu Gebote steht, würde wohl
auch in diesen Beziehungen ein häufigeres Variiren nach
der Richtung der Eigenschaften der Mauereidechse finden
lassen, welche vier Palpebralschilder besitzt, von denen
aber das erste und vierte klein sind — ja es sind diese
letzteren häufig auf mehrere kleine oder auf ein einziges
kleines Korn geschwunden, so dass hierin die Acantho-
dactylus-Eigenschaften erreicht, bezw. übertroffen werden.
Es geht aus dem Mitgetheilten hervor, dass die Gat-
tung Acanthodactylus geradezu als die südliche Mauerei-
dechse betrachtet werden muss — beide sind ursprünglich
offenbar eine und dieselbe Form und haben sich nur auf
Stande zu sagen, za welcher Art sie gehören mögen, weil ihre Ei-
genschaften noch nicht im Sinne einer jener Arten differenzirt sind.
Sie haben aber alle — wenn ich nicht irre, so fing ich die meisten
derselben bei Suez — in der Beschilderung des Kopfes die Eigen-
schaften des A. vulgaris, mit der an A. scutellatus anschliessenden
Ausnahme, dass der untere Rand des Subocularschildchens nicht
immer zwischen die beiden letzten Labialia eingekeilt ist. Die stark
aufgeworfene Schnauze spricht dagegen für A. Boskianus. Ihre Kör-
perbedeckung ist glatt. Merkwürdig ist die Rückenzeichnung dieser
jungen Thiere ; sie besteht nur aus einigen zerstreuten runden,
sandbraunen Fleckchen — offenbar den üeberresten der ursprünglich
(i)ei den Ahnen) gröberen Lacerta-Zeichnung. Im Alter tritt diese
Zeichnung noch mehr oder ganz zurück.
Untersuchungen über das Variiren der Maueroidochse. 405
Grund verschiedener Lebensverhilltnissc und wohl zugleich
durch Correlation verschieden gebildet. Mir lag daran,
diese Beziehung hervorzuhel)en, einmal, um die Variation
des Acauthodactylus für die Frage von der Variation der
Mauereidechse unmittelbar verwenden, besonders aber, um
darauf hinweisen zu können , wie eine morphologische
Umgestaltung der Körperbedeckung, die so weit geht, dass
man sie zur Aufstellung nicht einer neuen Art, sondern
sogar einer neuen Gattung benutzt hat (die Hautstacheln
der Füsse, die gekielten, abstehenden, grossen Schuppen
der Haut), hier auf das Deutlichste auf Anpassung an kli-
matische Verhältnisse zurückzuführen sei.
Dazu die Anpassung der Farbe. Alle Acauthodacty-
lus, mag die in Spiritus deutlicher hervortretende Zeich-
nung sein wie sie wolle , alle die, welche ich in loco
gesehen, zeigen die fabelhafte Anpassung an die Farbe
der Umgebung, von welcher ich früher speciell mit Be-
ziehung auf A. vulgaris von Alexandrien geredet habe.
Auf dem Boden der fast pflanzenlosen Wüste sind sie
so absolut hellgelbbraun wie der Wüstensand gefärbt, so
gleichmässig ohne alle Zeichnung , dass sie nur dann
als lebende Wesen erkannt werden, wenn sie vor den
Schritten der Karawane über den Sand dahinfliehen. Sie
sind alle ausserordentlich scheu und äussern eine ganz un-
gemeine Behendigkeit.
Die Anpassung an die Sandfarbe ist, wie ich sagte,
eine vollkommene, eine absolute. Zwischen Suez und der
Oase Ain Musa in der arabischen Wüste, auf asiatischem
Boden, überschritt mein Weg , während ich Eidechsen
jagte, wiederholt Stellen des Wüstenbodens, an welchen
der Sand, wahrscheinlich durch aufsickerndes, mit dem
nahen Meere in Verbindung stehendes Wasser, feucht war.
Die von mir über solche Stellen verfolgten Eidechsen ho-
ben sich nun von dem durch die Feuchtigkeit etwas dun-
kel gewordenen Sande so sehr ab, dass sie demselben
gegenüber fast weiss erschienen: so hell ist die Farbe
dieser Wüsteneidechsen!
Ich bedaure sehr, dass ich es versäumt habe, die von
mir gesammelten Eidechsen genau nach den Oertlichkeiten
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 27
406 Tb. Eimer:
ZU sondern, an welchen ich sie gefangen habe. So bin
ich leider nicht mehr im Stande, anzugeben, wo überall
ich vulgaris, scutellatus und Boskianus erbeutete. Aber
so viel kann ich versichern, dass ich trotz der vielfachen
Erfahrungen , welche ich über die Anpassungsfähigkeit
der Eidechsen doch schon besass, immer wieder im höch-
sten Grade darüber erstaunt war, wie hochgradig und
wie sehr in's Kleinste ausgeführt dieselbe mir überall ent-
gegen trat.
Auf dem zu Esel in 2 Stunden auszuführenden Wü-
stenritt vom neuen Hafen von Suez nach der Oase Ain
Musa traf ich überall nur Acanthodactylus von absoluter
Wüstensandfarbe, ohne jede Spur von Grün, ohne jede
Spur von Schwarz. Die Oase, von einem Umfang von nur
etwa 1 Kilometer, liegt mitten in der Wüste und ist reich
an Pflanzenwuchs, an Palmen, Akazien, Tamarisken, und
sie ist angebaut mit Getreide, Gemüse und anderen Nutz-
pflanzen. Denn sie ist reich an Quellen, deren Wasser
zwar in verschiedenen Grade salzhaltig, jedoch von eini-
gen trinkbar ist — so von der grössten, welche für den
Brunnen erklärt wird, welchen Moses durch seinen Stab
aus der Erde gerufen oder für das Salzwasser, welches
er in süsses umgewandelt haben soll *).
Wie war ich erstaunt, mit dem Eintritt in
diese kleine Oase plötzlich Acanthodactylus vor
mir zu haben, welche auf dem Rücken einen
Schimmer von Grün zeigten und ausserdem eine
ziemlich stark ausgeprägte schwarze Flecken-
zeichnung, entsprechend einer Lacerta muralis
striato -maculata ^) !
Es ist nicht anders denkbar, als dass das Grün der
Pflanzen, der Schatten den sie, besonders ihre Blätter,
1) Zu der Aufstellung dieses letzteren Wunders könnte eben
die Thatsache Veranlassung gegeben liaben, dass das Wasser einiger
Quellen zwar salzhaltig, aber doch trinkbar ist.
2) A. Boskianus. Das in Fig. 2G abgebildete Thier steht zwi-
schen der reinen Wüstenform nnd der vollendeten Oasenvarietät in
der Mitte.
Untersncluing'en über das Variiren der Mauereidechso. 407
sodann auch andere Gegenstände auf der Oase werfen,
die geschilderte Zeichnung und Färbung wieder zur Ent-
wicklung kommen lassen , während die Eidechsen der
pflanzenarmen Wüste einen Schutz nur in der absoluten
Anpassung an die Sandfarbe finden. Der Gluth der afri-
kanischen Sonne von oben, der Gluth des Sandes von
unten fast ständig ausgesetzt, ohne Pflanzenschutz, sind diese
Eidechsen auf der Oberseite weissgelb geworden in Folge
von allmählicher natürlicher Auslese. Welcher Unterschied
zwischen ihnen und der schwarzen Lacerta muralis Lil-
fordi auf A3^re, der auf dem Filfola-Felsen bei Malta oder
der coerulea vom Faraglione ! Ebenso ist Acanthodacty-
lus vulgaris, dasselbe Thicr, welches ich in Alcxandrien
in der Farbe des Sandes, ohne Spur von Grün und mit
sehr zurückgedrängtem Schwarz antraf, in Frankreich viel
dunkler gefärbt: „un noir quelquefois tres fonce, d'au-
tres fois passant au brun, regne sur toutes les autres par-
ties (abgesehen von Kopf und Schwanz) superieures du
Corps " etc. sagen B i b r o n und D u m 6 r i 1 von den Erwach-
senen; von den Jungen aber sagt Schreiber: „Ganz
junge Thiere sind auf der Oberseite tief sammtschwarz,
mit sieben bis neun weissen Linien über den Rücken."
Somit würde es viel eher sachgemäss sein, anzuneh-
men, dass die Eidechsen von der südlichen Sonne ge-
bleicht werden, als zu behaupten, dass sie sich durch
dieselbe schwarz färben.
Die Erfahrungen über die wunderbare Anpassung der
Wüsteneidechsen — von anderen Thieren, bei welchen diese
Anpassung nicht minder hochgradig ist, hier nicht zu
reden — hatten auf mich die Wirkung, dass ich über-
zeugt war, an keine der Farbenanpassung widersprechen-
den Angaben auch bezüglich dunkelgefärbter Eidechsen
glauben zu dürfen, ehe ich mich mit eigenen Augen
von der absoluten Richtigkeit dieser Angaben überzeugt
hätte; ich sprach bestimmt die Erwartung aus, dass auch
der Filfola-Fels bei Malta, der nach Giglioli's Angabe
weissgelb sein sollte, so dass die schwarzen Eidechsen
sich scharf von ihm abheben, dass auch dieser Fels, trotz
Giglioli, dunkle Farben zeige, wie das Kalkgebirge
408 Th. Eimer:
Überhaupt, und ich beschloss, statt von Cairo aus, wohin
ich kürzlich aus dem Süden zurückgekehrt war, direkt
über Alexandrien nach Italien zu reisen, einen Abstecher
nach Malta zu machen, indem ich in Ismailia, wo die
grossen, aus Indien kommenden, über Malta nach England
gehenden Dampfer anhalten, mit meiner mich begleitenden
Frau einen solchen Dampfer zur Fahrt durch den Suez-
kanal nach Port-Said bestieg.
Die Mauereidechse vom Filfola-Felsen.
Am 29. März, am Tage nach unserer Ankuüft in Malta,
machten wir uns auf nach dem Filfola-Felsen. Derselbe
liegt nach Süden von der Insel. Der Weg führt zu Wa-
gen in etwa zwei Stunden von La Valetta quer durch letz-
tere nach Zurigo. Von da hat man noch V4 Stunde zu
Fuss bis an die Küste zurückzulegen. Hier sieht man den
Filfola-Felsen, einen mächtigen Felsklotz, fern draussen im
Meere liegen. Ich ergriff das Fernglas — als eine russ-
schwarze Felswand blickte mir die ganze von meinem
Standpunkte aus sichtbare Seite des Eilandes entgegen.
Schon vor unserer Ankunft an der Küste hatte ich den
Wirth zum Imperial-Hotel, welcher uns begleitete, nach
der Farbe des Filfola gefragt. Der Mann kannte den Fel-
sen genau, er hatte ihn schon früher öfter mit Gästen be-
sucht. Seine Antwort war kurz und bündig ;,nero!''.
Es war mir, auch abgesehen von den Angaben Gig-
lioli's bekannt, dass Malta aus gelbweissem Gestein be-
stehe und ich hatte desshalb meine Erwartungen von
schwarzer Färbung des Filfola-Felsens von vornherein auf
Flechtenüberzüge gesetzt, wie ich sie vom Kalkgebirge
früher beschrieben habe.
Als wir uns auf der Reise nach Malta der Insel nä-
herten — wir steuerten von Osten her auf dieselbe,
um ihren ()stlichsten Punkt herum der Hauptstadt La Va-
letta zu — sah ich nichts oder nur wenig der Art. Das
biossliegende Gestein zeigte hier meist seine natürliche,
(JntersucliuDgen über das Variiren der Mauereiduchse. 409
gelbweissc Farbe und nur an den Festungsmauern der
Stadt bemerkt mau zuweilen dunkle, raucligraue oder
schwärzliche Färbung. Die Felsen sind in jener Gegend
wohl in verhältnissmässig neuer Zeit angebrochen — viel-
leicht erst vor wenigen Jahrzehnten zum Bau der noch
neuen Festung.
Ganz andern Anblick bot das Gestein auf der Süd-
seite der Insel, gegenüber dem Filfolafelsen. Es gab mir
dieser Anblick die volle Gewissheit, dass meine Vermu-
thungen über die Farbe des Filfola richtig seien, noch
bevor ich diesen selbst sehen konnte. Ehe man von
Zurigo aus an die dem Filfola gegenüberliegende Küste,
an eine dort einschneidende, von einem Wartthurm über-
ragte, Fischern zum Ausgangspunkt i^hrer Fahrten dienende
Bucht kommt, durchschreitet man ein, linker Hand von
mächtigen Felswänden begrenztes Thälchen. Diese Felsen
sind durchaus schwarzgrau, theilweise vollkommen schwarz,
von einem Ueberzug mikroskopischer Flechten '). Die
Farbe ist eine so intensive, dass es stellenweise den Ein-
druck macht, als seien die Felsen mit Tinte übergössen.
Ganz ebenso sah der Filfola-Fels durch das Fernrohr aus.
Wie Hess sich mit dieser Thatsache die Angabe des Herrn
Giglioli vereinigen, dass die schwarzen Eidechsen auf
dem weissen Filfola-Fels herumlaufen ? Ich schloss dar-
1) Ich kann die Art dieser schwarzfärbenden Flechte nicht ange-
ben, ebensowenig wie die der schwarzfärbenden Flechte der Kalkalpen
und der Apenninen, bezw. von Capri^ mit welcher sie vielleicht
identisch ist. Dagegen hole ich hier die Mittheilung einer Aus-
kunft über die die graublauen Töne des letztgenannten Gebietes her-
vorrufenden Flechte nach , welche ich der Vermittelung meines
hiesigen Collegen Hegelmaier verdanke. Derselbe schrieb mir, auf
Zusendung einer Gesteinsprobe von Capri an ihn, im October 1876:
,,Die Flechte mit dem graublauen Thallus ist eine etwas kleiufrüch-
tige Form von Pyrenodesmia Agardhiana Mass. (Callopisma
Agardhiana Ach,), einer specifischen Kalkflechte, welche auch auf den
süddeutschen Kalkalpeu und sogar an unseren württembergischen
Weissjurafelsen vorkommt. Wie mir Herr Arnold in Eichstätt
mittheilt, ist dieselbe kleinfrüchtige Form auf weissem Marmor bei
Athen gefunden worden."
410 Th. Eimer: | «
aus, dass ein Theil des Felsens in der That bellfarbig
sein werde, aber unbegreiflieb war und bleibt mir, wie
Giglioli die mäcbtigen russscbwarzen Flächen, wie sie
dem von Malta heransteuernden Besucher desselben ent-
gegenstarren, haben entgehen können.
Ein Besuch des Filfola war mir heute nicht möglich.
Die See ging so hoch, dass man an eine Ueberfahrt nicht
denken konnte. Das nächste Schiff nach Sicilien ging
erst in fünf Tagen ab; so lange mussten wir noch auf der
Insel verweilen, wenn ich günstigere Gelegenheit zum Be-
suche des Filfola abwarten wollte. Inzwischen hatte ich
Zeit, die früher mitgetheilten Beobachtungen an den Mauer-
eidechsen der Insel zu machen.
Nach zwei Tagen kam die Nachricht für uns nach
La Valetta, dass jetzt die See hinreichend beruhigt sei,
um die Ueberfahrt auf den Felsen ausführen zu können.
Bei hohem Wogengang , aber unter günstigem Wind, er-
reichten wir den Filfola von der Küste aus in V4 Stunden.
Während der Ueberfahrt starrten uns die schwarzen Wände
desselben deutlicher und deutlicher entgegen. Schwierig
wie die Abfahrt vom Lande gewesen , war auch die
Landung an zackigen Felsstücken, die wir bestiegen, um
ein wogensicheres Plätzchen zu suchen, auf welchem wir
uns von der wilden Seefahrt erholen könnten. Von da
aus suchte ich mir bald auf theilweise allerdings seh wie-
riger Wanderung nähere Kenntniss von der Beschaffenheit
des Felsens zu erwerben.
Der Fels fällt nach Norden steil gegen das Meer ab
und ist hier, wie geschildert, fast vollkommen schwarz,
zum grossen Theil tief schwarz gefärbt. An seinem Fusse
lagern mächtige Felsblöcke, wie abgebröckelt, in das Meer
hinein und sie haben grösstentheils dieselbe Farbe. Nach
Süden zu fällt der Fels weniger steil ab , er ist hier
mehr zerklüftet und zahllose Fclsblöcke lagern in einer
Weise zusammen, welche den Eindruck macht, es haben
hier Felsstürze stattgefunden, die gewaltige Theile des
Felsens übereinander warfen. Der Umstand, dass hier
auf der Oberfläche des Gesteins die schwarze Farbe meist
fehlt, möchte andeuten, es habe dieses Ereigniss in verhält-
Uiitersuehun«?en über das Variiren dor Mauereidechae. 41 1
nissmässig neuer Zeit stattgefunden. Für solches Ereigniss
schien mir zu sprechen nicht allein das ziemlich neue
Aussehen der Bruchflächen der Felshlöcke, sondern auch
der Umstand, dass sehr verschieden gelagerte Flächen der
Blöcke, zuweilen auch solche, welche nach innen und unten
gewendet waren, die schwarze Farbe wiederum zeigten.
Die Plattform des Filfola ist von spärlichem Pflan-
zenwuchs, speciell von einer Distel mit acanthusartigen
Blättern theilweise bewachsen; ebenso wuchern allerlei
Pflanzen zwischen und an den Blöcken seines Südabhan-
ges. Allein es ist anzunehmen, dass dieses Grün auf dem
heissen Felsen im Sommer nicht weniger zurücktritt, ver-
dorrt, wie dies in Italien der Fall ist. Indessen hat das
Gestein hier oben eine helle Farbe.
Herr Giglioli hat vollkommen recht, wenn er sagt
dass man die pechschwarzen Filfola-Eidechsen auf gelb-
weissem Gestein des Filfola herumlaufen sieht.
Wer aber die thatsächlichen Verhältnisse unbefangen
berücksichtigt, dem wird, in Anbetracht der ungemeinen
Anpassungsfähigkeit der Mauereidechsen, die Frage sich
aufdrängen müssen, ob nicht die russschwarze Farbe eines
grossen Theils der Oberfläche des Filfolafelsens mit der
ebenso schwarzen Farbe der dort lebenden Eidechsen in
ursächlichem Zusammenhang stehe, selbst dann, wenn nicht,
wie mir das als wahrscheinlich erscheint, früher ein noch
viel grösserer Theil dieser Oberfläche schwarz gewesen
sein sollte. Ich bin auf Grund meiner Erfahrungen fest
davon überzeugt, dass ein solcher ursächlicher Zusammen-
hang wirklich besteht.
Zunächst will ich nun die wesentlichsten Eigenschaf-
ten der Filfola-Eidechse beschreiben.
Abgesehen von der Farbe ist die Grösse der Thiere
höchst auffallend.
In meiner Schrift über Lacerta muralis coerulea hob
ich hervor, dass die coerulea auf dem Faraglione um ein
Ziemliches grösser ist als die Mauereidechse der Insel
Capri und von Unteritalien. Noch viel bedeutender zu
Gunsten der isolirten Form ist der Grössenunterschied
zwischen der Mauereidechse von Malta und derjenigen vom
412 Th. Eimer:
Filfolafelsen. Die letztere ist überhaupt die grösste Mauer-
eidechse , welche ich kenne*), grösser auch als die
coerulea, Avährend die von Malta verhältnissmässig klein
ist — um ein Ziemliches kleiner als die gewöhnliche süd-
italienische.
Das Männchen misst mit Schwanz etwa 22 cm in
der Länge, wovon 7 cm auf den Rumpf, 2 auf den Kopf
und 13 auf den Schwanz kommen.
Von Bedeutung für den Eindruck der Grösse ist aber
besonders der Umfang von Kopf und Rumpf: das Thier
ist von ausserordentlicher Kraftfülle.
Das Weibchen erscheint dem Männchen gegenüber
sehr zierlich: Länge nahe an 15 cm, davon Rumpf 4,2;
Kopf 1,35, Schwanz 9.
Leider sind mir von mehreren Männchen, die ich
gefangen hatte, durch die zu weiten Gitter des Käfigs alle
bis auf eines, ein altes Thier, auf der Reise entwischt,
dessen Beschreibung ich im Folgenden, zunächst was die
Farbe betrifft, geben will, und zwar in dem Zustand, welchen
es zeigte, kurz nachdem es die Häutung vollzogen hatte.
Der Rumpf ist auf der Oberseite tiefschwarz, mit
Ausnahme kleiner Fleckche n, welche theilweise
längliche Streifen, theils feinste Pünktchen dar-
stellen , theils von unregelmässiger Form sind,
die aber, je weiter nach aussen desto mehr rundlich
werden. Im Ganzen sieht die Oberseite wie von diesen
Fleckchen angespritzt aus. Im mittleren Bezirk der-
selben sind diese ^^Spritzer^' gelb mit grünlichem
Schimmer; beiderseits davon tritt eine Reihe von Fleck-
chen auf, in welchen ein bläulicher Ton im Gelb sich
zeigt, besonders im äusseren Theil, so dass die Fleckchen
zuweilen innen gelb, aussen blau sind. Beiderseits von
diesen Fleckchen treten völlig blaue auf. Nach der
Schwanz Wurzel zu nehmen die Flecke allmählich ab. Die
Oberseite des Schwanzes ist im ersten Viertel schwarz
mit etwas Rothbrauu gemischt, nach hinten mehr und
mehr grau.
1) Der Schwanz ausser Rechnung gelassen!
UutersiichungCD über das Variireu der Mauereidechse. 413
Hinter deu Vordersclicnkelu ist, ganz im Schwarzen
liegend, ein kobaltblauer Fleck vorhanden, entsprechend
dem broncegrünen, blau und schwarz umrahmten Auge,
welches ich beim Männchen der coerulea beschrieben
habe und welches einem blauen Augenfleck der gewöhn-
lichen Mauereidechse an derselben Stelle entspricht. Ein
solches Auge ist auch beim Männchen der Malteserin vor-
handen. Die unmittelbare genetische Zusammengehörigkeit
der Filfolaform und der maltesischen zeigt sich aber, wie
hervorzuheben eigentlich nicht erst nöthig ist, in den gel-
ben, gespritzen Fleckchen der ersteren — diese
sind augenscheinlich der Ueberrest der ursprüng-
lich zwischen einem Netz von schwarzen, zusam-
menhängenden Flecken vorhandenen gelben, bezw.
gelbgrünen Grundfarbe, welche die Malteserin
auszeichnet.
Der Kopf ist auf der Oberseite einfach schwarz.
Die Oberseite der vorderen Extremitäten zeigt
ein weniger sattes Schwarz, der untere Theil der Vor-
derarme und die Vorderfüsse sind an der Oberfläche
stahlgrau.
An bestimmten Stellen finden sich einzelne blaue Flecke
oder Schüppchen, so um das Ellbogengelenk.
Die Oberseite der hinteren Extremitäten ist
schwarz, mit Spuren von Braunroth. Am Hinterrand des
Unter - und des Oberschenkels je zwei kleine blaue
Fleckchen.
Bauch: braun-(rost-)roth. Die Schuppen zeigen diese
Farbe in ihrem vorderen Theile; der kleinere, hintere Ab-
schnitt ist schwarzgrau mit Neigung zu Blau. Die so im
Ganzen rothbraune Färbung des Bauches ist nahezu die-
selbe, welche ich von einem Männchen der Malteserin be-
schrieben habe — nur ist sie etwas dunkler, satter als
bei dieser, schwarzblau angeflogen. Also auch hierin
ist genetischer Zusammenhang zwischen beiden
Formen augenscheinlich sichtbar. Ebenso hat, wie
bei jenem Männchen, die Kehle und die Unterseite
des Schwanzes der Filfola Braunroth; an der Kehle ist
indessen das Schwarzblau vorherrschend, und nach vorn,
414 Th. Eimer:
im Winkel zwischen den Unterkieferschildern, finden sich
an ihr mehrere blaue Schüppchen.
Die Unterkieferschilder sind schwarz mit blauem
Ton, rothbraun gescheckt. Am Winkel der Schuppen jeder-
seits ein kleiner blauer Fleck.
Seiten. Am Bauch jederseits neun ganze oder halbe
blaue Schuppen.
Das Weibchen zeigte bei mehrel'en Exemplaren
etwas Violettbraun im Schwarz der Oberseite des Rum-
pfes, insbesondere ging ein in dieser Weise gefärbter Streif
vom ersten Drittel derselben an bis zur Schwanzwurzel in
der Mittellinie. Jederseits vom Kopf an bis zur Schwanz-
wurzel ist das Schwarz 2 mm breit durch ein schwaches
Grün theilweise verdrängt, unmittelbar hinter dem Kopfe
auch in der Mittellinie. Nach aussen von dieser Zone
finden sich im Schwarz kleine, meist annährend runde,
blaugrüne oder blaugrüngelbe Fleckchen. — Auch die
Oberseite von Kopf, Schwanz und Extremitäten war etwas
heller als beim Männchen, die erstere mit Grünlich und
Rostbraun.
Bauch: leicht roströthlich, Unterseite der Extremi-
täten und des Schwanzes röthlichbraun bis fleischfarben.
Kehle*) hellblau mit grossen, schwarzen, mit Rothbraun
(besonders an den Rändern) gemischten Flecken. Ebenso
Unterkiefer.
Die Seiten des Kopfes (bis zum Unterkiefer) schwarz
mit drei kleinen blauen Flecken.
Schon Günther ^) sagt von der Filfola-Eidechse, sie
sei nicht schwarz, sondern: „the back and sides orna-
mented with small bluish - green specks and the lower
parts are bluish black." Allein die Beziehungen dieser
Färbung zu derjenigen der maltesischen Eidechsen sehe
ich nirgends hervorgehoben. Nun finden sich aber in der
Filfola-Eidechse nicht nur die Spuren der gelben Farbe
1) Fig. 25.
2) Aun. of natural history Yol. XIV. 4. Ser. 1874. S. 158
und 159.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 415
der Malteserin wieder — auch ihre Zeichnung lässt eine
bestinnntc, auf diese zuriickführbare Regel erkennen. Es
scheinen zwar die hellen Fleckchen auf ihrem Kücken
bei oberflächlicher Ansicht durchaus unregelmässig zer-
streut zu sein. Suclit man aber nach einer Ordnung, so
wird man wohl in den meisten Fällen — auch in unserer
Zeichnung ist dies möglich — deutlich erkennen, das s die
Fleckchen wenigstens im Gebiete der Augenbo-
gen- uud der Oberkieferlinie (der zwei weissen Sei-
tenlinien) in-je einer, diesen Linien entsprechen-
den Längsreihe einzeln hintereinander stehen
und oft ist solche Ordnung auch im Gebiete der IL Zone
zu erkennen. Nun besitze ich aber ein Exemplar, welches
auf das Deutlichste die Entstehung dieser Zeichnung vor
Augen führt. Dasselbe ist eine punctato - striata , am
meisten ähnlich Individuen der auf Corsica heimischen
Rasse, mit ziemlich grobgezeichneter, secundärer Mittel-
zone, mit sehr verdickten, nach innen zackigen Grenzlinien
der III. und V. Zone. Diese Grenzlinien müssen dadurch,
dass sie allmählich mehr zackig, fleckig wurden, nach
einwärts rückten und die hellen Zonen bis auf jene Fleck-
chen ausfüllten, die schwarze, gelbgespritzte Filfola-Rasse
gebildet haben. Auch die Malteserin zeigt, wie früher
bemerkt, häufig noch Längsstreifung. Das in Rede ste-
hende von mir auf dem IFilfola gefangene, gestreifte
Stück ist ein Weibchen, bei welchem die ursprünglich
gelblichgrünen Längsstreifen des Rückens in Spiritus fast
weiss geworden sind und dessen Bauch ebenfalls durchaus
ohne Schwarz oder Braun ist ^).
1) Der neueste Beschreiber der Lacerta Lilfordi schliesst aus
Aehnlichkeiten zwischen derselben, bezw. den Mauereidechsen der
kleineren Inseln bei Menorka, und der filfolensis auf eine nähere
Verwandtschaft beider und vcrmuthet dosshalb auch eine beiden
gemeinsame Anordnung der Rückenzeichnung. Es versteht sich
für uns von selbst, dass weder Aehnlichkeit der Farbe oder der
Rückenzeichnung, noch auch gewisse Uebereinstimmungen z. B. in
der Schuppenbildung (vergl. das Folgende) oder der Körpergrösse
auf eine unmittelbare Verwandtschaft der auf isolirten Felsen leben-
416 Th. Eimer:
Was die Schilder und Schuppen der Filfola-Ei-
dechse angeht, so zeigt sich in Beziehung auf die Rücken-
schuppen bei ihr nach derselben Richtung hin eine
Abweichung von der Stammform (der Malteserin) wie
bei der coerulea gegenüber der capresischen, bezw. süd-
italienischen. Die Rückenschuppen sind bei der Filfola-
Eidechse kleiner als bei der Malteserin. Bei Betrachtung
mit der Lupe erweisen sie sich als rundliche, nicht ge-
kielte Körner. Diese Körner unterscheiden sich ferner
von den Rückenschuppen der Malteserin dadurch, dass sie
nicht, wie bei dieser, dicht aneinanderliegen , sondern
von einander durch einen freien Raum getrennt sind, in
welchem ein ganz kleines, schwer sichtbares Körnchen
liegt. Es sind hierin also Eigenthümlichkeiten
gegeben, welche es allein rechtfertigen würden,
die Filfola-Eidechse als eine besondere Art der
Malteserin gegenüber aufzustellen, ganz abgese-
hen von der Körpergrösse , der Kopfform und
der Farbe, während ander-erseits ihr Zusammen-
hang mit dieser so augenscheinlich ist, dass
man sie ebenso gut als Varietät derselben be-
zeichnen kann — dasselbe was ich auch für die Be-
ziehungen der coerulea zu den italienischen Mauerei-
dechsen hervorgehoben habe. Gerade die Schuppen und
Schilder sind es ja, welche wesentlich zur systematischen
Abgrenzung benutzt werden. Die Rückenschuppen zeigen
nicht nur gewöhnlich sonst innerhalb des Variationskreises
der Mauereidechse eine hochgradige Constanz bezüglich
ihrer Grösse und anderweitigen Beschaifenheit, es erstreckt
sich diese Gleichartigkeit über die Grenze der Art hinaus,
denn die Mehrzahl der der Gattung Acanthodactylus un-
terstellten Formen stimmt mit ihr im Wesentlichen darin
überein. Um so bemerkenswerther ist die schon früher
hervorgehobene Thatsache, dass innerhalb des Gebietes
der Art Lacerta muralis und des ihr unmittelbar verwand-
den Mauereidechsen verschiedener Gegenden unter sich schliessen
lassen — auf eine Verwandtschaft unter sich, die etwa g^rösser wäre,
als die mit ihren bezüglichen nächsten Inselnachbarn.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 417
teil Acanthodactylus in Beziehung auf die Bcschairenbeit
der Rückenschuppeu sich Abänderungen bemerken lassen,
welche deutlich mit klimatischen Verhältnissen in Bezie-
hung stehen: ich habe die Grösse, die blattt'ih-mige Aus-
breitung der Rücken- und Bauchschuppen, das stärkere
Hervortreten der Kielung der ersteren, das Auftreten von
stacheligen Fortsätzen an den Zehen u. s. w. bei Acantho-
dactylusarten auf Anpassung an die Trockenheit der Luft,
in welcher die Thiere leben, bezw. auf Wasserarmuth des
Landes zu rtick geführt, indem ich umgekehrt auf den Be-
fund an der Lacerta eoerulea und zum Voraus auch auf
jenen an der Filfola-Eidechse im Vergleich mit den übri-
gen Mauereidechseu hinwies, wonach an den auf isolirten
Felsen im Meere, also in feuchter Luft, lebenden Formen
die Rückenschüppchen kleiner als bei den Bewohnerinnen
des Festlandes seien ^). Bei der Filfola-Eidechse sind
nun die Rückenschüppchen sogar auseinandergetreten : sie
liegen nicht mehr dicht aneinander wie bei den übri-
gen Mauereidechseu, sondern es bleibt ein Raum zwi-
schen ihnen frei. Während bei Acanthodactylus-
species ein dachziegelförmiges sich Ueberlagern
der Rücken- (und auch der Bauch-) Schuppen in
Folge der Flächenvergrösserung derselben auf-
tritt, zeigt dieFilfola-Eidechse eine derartige Ver-
kleinerung der Schüppchen, dass dieselben die
Körperoberfläche gar nicht mehr decken und in
den Zwischenräumen, welche zwischen ihnen auftreten,
sehen wir eine Veränderung, die in weiterer Ausbildung,
mit weiterer Verkleinerung der Schüppchen Hand in Hand
gehend, zur Bildung einer gleichartigen, glatten Rücken-
fläche führen müsste. Diese Veränderung dürfen wir aber
auf Grund des Vergleiches mit Acanthodactylus darauf
zurückführen, dass der Körper unserer Eidechsen in der
1) Auch bei der Malteserin sind sie kleiner als bei den Fest-
landformen (grösser aber als bei der Filfola-Eidechse) und stehen eng
aneinander, so dass ein ganz anderes Bild der Beschuppung entsteht
als bei diesen.
418 Tb. Eimer:
feuchten Luft ausgedehnter, wasseraufnehmender Schup-
penbildungen nicht bedarf.
Es braucht kaum ausdrücklich darauf hingewiesen
zu werden, in welchem Maasse ein Blick auf die stark
schuppige Bekleidung so vieler Wüsten- und Steppenrepti-
lien aus anderen Gruppen meine Auffassung von den Ur-
sachen der Entstehung dieser Bekleidung stützt.
Die übrigen Schilder und Schuppen der Filfola-Eidechse
anlangend, so mag zuerst bemerkt werden, dass auf den
äussersten Bauchschuppen jederseits, und zwar stets auf
den mittleren und häufig auch auf den vorderen, gew«3hn-
lich aber nicht auf den hinteren der Reihe, jene kleinen
Schildchen aufsitzen, welche ich bei der coerulea als Ober-
schildchen bezeichnete, und die bei dieser unverhältniss-
mässig häufig zu einer neuen Reihe von Bauchschildern
sich vergrössern. — Auf dem hinteren Theil der äussersten
Bauchschuppenreihe findet sich, wie bemerkt, bei der Fil-
fola gewöhnlich kein eigentliches Oberschildchen , statt
desselben sind vielmehr drei kleine Schüppchen vorhan-
den, von welchen allerdings das hinterste das grösste ist
und so den Beginn der Oberschilderbildung andeutet ^).
Entsprechend den Eigenschaften der Filfola-Eidechse
1) Es muss bemerkt werden, dass die Zeichnung, welche
Braun auf Taf. 1. Fig. 14, c von den Bauch- und Rückenschildern
der Filfola-Eidechse gibt, in jeder Beziehung unrichtig ist. Er
wirft übrigens selbst die Frage auf: ob der Zeichner nicht „mehr
nach Willkühr" gezeichnet habe.
Derselbe Autor sagt auf S. 14 es wolle ihm scheinen, dass
die Oberschildchen aus allmählich sich vergrössernden Rückenschup-
pen hervorgegangen seien, eine Ansicht, deren Beweis den Haupt-
inhalt der gleich nachher von ihm citirten p. 13 meiner Abhandlung
über L. coerulea bildet.
Hier sei übrigens zugleich die Bemerkung gestattet, dass als
Auetor von „Lacerta filfolensis** Günther zu setzen ist und kein
Anderer. Günther hat diese Eidechse a. a. 0. als ,,Filfola-Rasse"
behandelt und die Literatur wird der Eitelkeit eines Dritten, der
nach Jahren kommt und hinter den Namen Lacerta filfolensis sei-
nen eigenen setzt, ohne sonst auch nur das mindeste Verdienst um
dieses Thier zu haben, sicher schon aus moralischen Gründen die
Unterstützung zu versagen haben.
Untersuchungen über das Variiron der Mauereidechse. 419
finden sich auch bei der Malteserin Oberschildchen; allein
sie sind nicht überall deutlich, am schönsten allerdings in
der Mitte nnd etwas vor der Mitte. Wir hätten also einen
kleinen Unterschied zwisclien Malteserin und Filfoleserin
auch darin, dass bei crsterer die Oberschilder eine grös-
sere Ausbreitung zeigen. Indessen wird diese Regel bei
Untersuchung zahlreicher Formen wohl Ausnahmen auf-
weisen lassen.
Es gehen wie bei der coerulea, so auch bei der Fil-
fola-Eidechse 4 bis 5 Rückenkörner auf ein Bauchschild ;
bei der Malteserin 4, bei der süditalienischen und bei der
deutschen 3^ — 4. Bei der deutschen fehlen die Oberschil-
der, bei der süditalienischen treten sie da und dort auf.
Bei der coerulea entwickeln sie sich sehr häufig zu einer
neuen Reihe von Bauchschuppeu.
Wir haben also eine Vermehrung der Zahl der auf
ein Bauchschild gehenden Rückenkörner bei den südlichen
Formen gegenüber der deutschen zu verzeichnen. Die hin-
tersten dieser Körner gehen bei den südlichen zunächst in
Oberschildchen über, entwickeln sich aber zuweilen zu
einer neuen Bauchschuppenreihe.
Hier füge ich einige Maasse der Filfola- und der
maltesischen Mauereidechse bei, um die bedeutenden Grös-
senunterschiede vor Augen zu führen. Die angegebenen
Maasse beziehen sich nicht auf zahlreiche Messungen, aber
auf ausgebildete Thiere von der gewöhnlichen Grösse ,
filf. J filf. $ malt. ^ malt. $
Gesammtlänge 222 mm 150 145 135
Kopflänge ...... 20 13.5 17 15
Rumpflänge 70 42 45 38
Schwanzlänge 132 95 83 82
Grösste Breite der Kopfdecke 11 80 77
Grösste Kopfbreite ... 13 11 10
Grösste Kopfhöhe ... 11 8,2 7,5
Die im Vorstehenden gegebene ausführliche Verglei-
chung der Formen hatte den Zweck, zu zeigen, nach wel-
chen Richtungen hin bezüglich der Beschaifenheit der
Schuppen und Schilder dieselben besonders variiren und
wie sich durch Herrschendwerden von Variationen allmäh-
420 Th. Eimer:
lieh constante Eigenthümlicbkeiten herausbilden, die zur
Aufstellung neuer Arten und selbst Gattungen führen kön-
nen (Acanthodactylus), ohne dass absolute Grenzen vor-
handen wären, welche irgend die Auffassung einer ur-
sprünglichen organischen Selbstständigkeit dieser Gruppen
stützen könnten.
Ich hatte seiner Zeit desshalb die Auffindung der La-
certa coerulea für sehr werthvoll und einer monographi-
schen Behandlung für würdig gehalten, weil in ihr zum
ersten Male eine Form vorlag, welche, wie ich mich aus-
drückte und, wie ich oben wiederholte, ebenso gut als
neue Art wie als Varietät von einer unzweifelhaften Stamm-
form unterschieden werden konnte, von der sie augen-
scheinlich durch zufällige Verhältnisse vor Zeiten getrennt
worden war. Jeder Systematiker würde, wie ich mich
damals ausdrückte, die coerulea als neue Art erklären
können, während andererseits ihre Uebereinstimmung mit
Lacerta muralis in Beziehung auf die wesentlichsten für
diese Art gültigen Eigenschaften, sie mit demselben Recht
nur als Varietät bezeichnen lässt. Wir hatten somit in
ihr einen Fall von Naturzüchtung vor uns, welcher, wie
kein anderer dies bisher zu thun vermocht hat, die ab-
solute Relativität der Begriffe Varietät und Art beweist.
Ganz ebenso ist dies nun nach meinen heutigen Angaben
mit der Filfola-Eidechse, nur dass diese noch mehr von
ihrer Stammform abweicht, als die coerulea von der
ihrigen.
Die Vergleichung zwischen Lacerta und Acanthodacty-
lus mag aber weiter andeuten, welche Quelle der Feststel-
lung von Beziehungen eine solche methodische Verglei-
chung auch geographisch entfernt lebender, verwandter,
aber selbst in verschiedene Gattungen eingereihter
Formen darbieten mag, Fragen, auf welche ich zurück-
kommen werde.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 421
Die Mauereideclisen auf dem Aetna.
Schon vor Jahren hatte ich Gelegenheit zu beobach-
ten, dass die auf den Lavablöcken des Vesuvs herumlau-
fenden Mauereidechsen dunkler erscheinen, als die sonst
in der Umgebung Neapels vorkommenden Thiere dieser
Art. Meine Beobachtung war aber nur flüchtig, im Vor-
übergehen gemacht und ich hatte es versäumt, die Ver-
hältnisse auf dem Vesuv nach dieser Richtung genauer zu
verfolgen. Der Aetna, welchen ich von Malta aus unschwer
erreichen konnte, musste wegen seiner ausgedehnten Lava-
felder einen noch viel günstigeren Boden für meine Untersu-
chungen darbieten, als der Vesuv. Denn eine vollkommene
Anpassung der Mauereidechse an die Farbe des Lavabodens
konnte ich nur auf grösseren Lavafeldern erwarten, indem
anzunehmen ist, dass auf weniger ausgedehnten solchen Fel-
dern, je kleiner sie sind um so mehr, gleichzeitige Anpassung
an die Verhältnisse der grünen Umgebung sich zeigen, auch
eine Mischung der etwa entstandenen Varietät mit den grünen
Thieren aus der letzteren stattfinden und dass so die Fixirung
einer ausgeprägten Rasse verhindert werden mag — dies
besonders desshalb, weil die Lavafelder verhältnissmässig
neue und vorübergehende Bildungen sind, indem sich auf
ihnen nach nicht allzulanger Zeit wieder üppiger Pflanzen-
wuchs entwickelt. Gerade der letztere Punkt kommt hier
sehr in Betracht bei der Beurtheilung etwaiger Farbenan-
passung, macht diese hier hervorragend beachtenswerth.
Wohl schliesse ich aus der Thatsache, dass unter den zahl-
reichen Varietäten, der Mauereidechse gern bestimmte
Farben und stets bestimmte Zeichnungen sich zeigen, dass
sich diese Varietäten trotz der möglichen Vermischung
allmählich entwickelt haben aus constitutionellen Ursachen
— aber eventuell zugleich unter Regulirung durch die For-
derungen der Anpassung an örtliche Verhältnisse, welche wie
der Schatten der Blätter, wie Sandfarbe und grüne Vegeta-
tion, seit unendlich langer Zeit wirksam sind und in Folge
immer wiederholter Auslese durch althergebrachte und im-
mer neu sich stärkende Vererbung sich im Organismus
Archiv f. Naturg. XXXXVII, Jahrg. 1. Bd. 28
422 Th. Eimer:
mehr und mehr befestigt haben müssen. Ganz im Gegen-
satz zu diesen gewöhnlichen Verhältnissen der letzteren
Art ist ein Lavafeld eine gewissermassen künstliche Er-
scheinungauf der Erdoberfläche und seine eigenartigen Far-
ben haben nicht an einer und derselben Stelle seit sehr lan-
ger Zeit eine bestimmende Wirkung auf jene der auf ihnen
lebenden Thiere ausüben können. Desshalb mag von
vornherein weniger erwartet werden, dass auf kleinen La-
vagebieten eine hochgradige Anpassung der Mauereidech-
sen sich zeige. Dagegen erwartete ich sie, nachdem ich
selbst auf solch kleinen Gebieten am Vesuv eine relative
Anpassung schon gesehen hatte, mit Sicherheit auf den
grossen Lavafeldern des Aetna. Diese meine Erwartung
wurde fast tibertroflPen, und die im Folgenden mitzuthei-
lenden Thatsachen liefern den schönsten und unwiderleg-
lichsten Beweis für die mächtige Wirkung der Farbe der
Umgebung auf die Farbe unserer Eidechsen und eines
der merkwürdigsten Beispiele von Farbenanpassung der
Thiere überhaupt.
Ich besuchte von Catania aus die Lava, welche sich
zwischen Cefali und Misterbianco von Nicolosi an bis nach
Catania herabzieht, hier sich in's Meer ergiessend. Es
mag dieser Lavastrom etwa zwei Stunden lang sein und er
geht nach Süden fächerförmig in drei Hauptströme aus-
einander, von welchen jeder etwa V4 Stunde breit sein
dürfte. Der mittlere dieser Ströme ist es, welcher sich Ca-
tania südlich von Cefali nähert, aber bevor er an die
Stadt herantritt, abermals in zwei schmale Ströme sich
spaltet. Der nördliche derselben zieht unmittelbar südlich
von Cefali vorüber und er ist es, den man auf dem Weg
von Catania über Cefali nach Misterbianco hin zuerst be-
tritt. Das Dorf Cefali ist schon grösstentheils aus Lava
aufgebaut. Jenseits desselben begrenzen überall aus Lava-
steinen aufgeschichtete Mauern die Strasse. Diese selbst
ist schwärzlich an Farbe, Lavaboden, welcher beiderseits
auf den Feldern längst wieder mit üppigem Grün be-
deckt ist. Es war ein kühler Morgen am 5. April 1879,
als wir diese Strasse fuhren. Den Tag vorher, vor unse-
rer Ankunft, hatte es in Catania heftig gestürmt und durch-
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 423
einauder geregnet und geschneit. Jetzt schien die Sonne
dann und wann durch die zertheilten Wolken und bald
wurden einzelne Mauereidechsen an den braunschwarzen
Strassenmauern sichtbar: es waren, so weit ich im Vor-
beifahren erkannte, Exemplare der süditalienischen Striato-
maculata-Rasse, alle schön grün wie sie irgend auf Capri
oder in Süditalien im grünen Gebüsch vorkommen. Wir
schritten weiter vor, die Vegetation wurde ärmer, sterile
Lava kam mehr zur Herrschaft, aber immer noch war
ziemlich reichlich Vegetation vorhanden. Jede auf der
Mauer sitzende Eidechse wurde genau gemustert. So zeigte
es sich, indem wir in vegetationsärmeres Gebiet kamen,
dass die Farbe unserer Thiere sich änderte : es erschienen
zuerst einzeln, dann mehr und mehr zahlreich solche, bei
welchen ein Theil der Körperoberfläche die Farbe des
Gesteins angenommen hatte, so dass sie, auf diesem sitzend,
weniger leicht sichtbar wurden. Und zwar waren es
Kopf, vorderer und hinterer Theil des Rückens und Schwanz,
welche zuerst die braune Farbe angenommen hatten,
während der mittlere Theil des Rückens noch grün blieb.
Es war nun im höchsten Grade interessant zu
sehen, wie Schritt für Schritt, je weiter wir in
vegetationsärmere Gegend gelangten, die Ei-
dechsen dunkler wurden, in der Weise , dass das
grüne Gebiet ihres Rückens immer geringer an Ausdeh-
nung ward, bis es nur noch als kleiner, nach vorn und
nach hinten in Braun übergehender Sattel sich zeigte und
bis es endlich ganz geschwunden war. Noch war Grün
da und dort zwischen der Lava ziemlich reichlich vorhan-
den, aber die nackt daliegende Oberfläche des Gesteins
beherrschte die Landschaft. Jetzt schon, trotzdem dass
die Vegetation noch nicht durchaus geschwunden, dass
wenigstens in dieser frühen Jahreszeit einiges Grün da
und dort vorhanden war, hatten alle Eidechsen das braune
Lavakleid angelegt. Endlich kamen wir in die pflanzen-
lose Lavaeinöde. Wir befanden uns inmitten des übri-
gens nur etwa V4 Stunde breiten Lavastromes zwischen
Cefali und Misterbianco — etwa IV2 Stunden von Cata-
nia entfernt. Das Thierleben hatte allmählich fast voll-
424 Th. Eimer:
ständig aufgehört — nur höchst selten huschte da oder dort
eine Mauereidechse über die wildgethürmten Blöcke der
Lava, die hier eine tiefbraune Farbe hat. Die Anpas-
sung der Farbe der Eidechsen an die der Steine
war eine vollkommene. Die Thiere waren alle
ohne jede Spur von Grün und auch die schwar-
zen Flecke des Rückens schienen, so viel ich zu
erkennen vermochte, ohne eine der Eidechsen in der Hand
beobachten zu können, in Braun verwandelt, kurz,
das ganze Thier war braun mit etwas dunkleren
Zeichnungen. Leider trat heftiger Platzregen ein, wäh-
rend ich mitten auf dem Lavafelde mich befand. Damit
waren meine Beobachtungen zu Ende, bevor ich auch nur
eines der scheuen Thierchen hatte fangen können.
Durch die mitgetheilten Thatsachen sind die äusser-
sten Anforderungen, welche an die Farbenanpassungsfä-
higkeit unseres Thieres gestellt werden können, befriedigt
und es sind durch sie die Annahmen, welche ich in die-
ser Beziehung gemacht habe, indem ich das Gelb der
Malteserin, das Blau der viridis durch Anpassung an Blu-
men erklärte, in höchstem Grade gestützt. Dagegen ist
die vollkommen haltlos hingestellte Behauptung, es sei die
direkte Einwirkung der Sonne, welche die Eidechsen dunk-
ler macht, abermals — wenn dies überhaupt noch nöthig
war — ad absurdum geführt. Brennt die Sonne oben auf
den Lavafeldern heisser als unten in Catania ^) und brennt
sie die Eidechsen auf der Lava und auf den im Meere
isolirten Felsen dunkel, so hätte sie auf den Lavablöcken
eine ganz andere Wirkung als z. B. auf dem Filfola: hier
würde sie schwarz, dort braun färben.
Wenden wir uns zur Betrachtung eines besonderen
positiven Gewinnes, welchen wir aus den am Aetna ge-
wonnenen Thatsachen ziehen dürfen.
Diese Thatsachen liefern uns nach einer Richtung
1) Was erst zu beweisen wäre, denn die Wärmewirkung der
dunkeln Felsen wird jedenfalls zu einem guten Theil durch die
Höhenlage ausgeglichen, in welcher im speciellen Fall die Eidech-
sen dunkel gefunden wurden.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 425
hin einen Fall, wie er in ähnlicher Weise ausser eben auf
Vulkanen kaum wieder vorkommen dürfte, indem sie uns
die Möglichkeit an die Hand geben, mit grösster Sicher-
heit — ja eventuell auf den Tag nachzuweisen, innerhalb
welchen Zeitraums eine Naturzüchtung stattgefunden ha-
ben muss. Die Lava, welche ich besuchte, und auf wel-
cher ich die vollkommene Anpassung der Farbe der Ei-
dechsen an die des Bodens fand, stammt aus dem Jahre
1669. Es ist also die vollkommene Anpassung innerhalb
eines Zeitraums von 200 Jahren geschehen. Es wird
nun aber die Aufgabe weiterer Untersuchung sein, zu er-
forschen, ob vollkommene Anpassung sich nicht, was ich
für wahrscheinlich halte, auf viel jüngeren Lavafeldern
findet und es dürfte solcher Untersuchung nicht schwer
werden, eine äusserste Zeitgrenze für den Process festzu-
stellen. Leider hatte ich dazu keine Zeit am Aetna, weil
ich veranlasst war, an demselben Tag die Keise nach Nor-
den fortzusetzen.
Schlnssbemerknugen znr Anpassnngsfrage.
Die mitgetheilten Thatsachen lassen erwarten, dass
in der Regel eine hochgradige Farbenanpassung der
Mauereidechsen an den Untergrund allerorten wird fest-
gestellt werden können, wenn man alle dabei in Betracht
kommenden Faktoren genau kennen gelernt hat und in
Rechnung zieht, und sofern man sich vor Augen hält, dass
die Beschaffenheit des Kleides unserer Thiere, auch wenn
sie der Umgebung angepasst ist, nicht immer auf den ersten
Blick als hochgradig übereinstimmend mit derselben zu
erscheinen braucht, sondern vielmehr vielleicht ein fein
ausgearbeitetes Mittel sein wird aus zahlreichen Anforde-
rungen, welche die Anpassung zu gleicher Zeit stellt. Es
wurde schon berührt, dass persönliche Unterredung unter
Berücksichtigung des reichen Materials, über welches Gi-
glioli verfügt, im Gegensatz zu der früher von diesem
Autor ausgesprochenen Meinung, welche Farbenanpassung
bei Mauereidechsen leugnete, weitere zahlreiche Beiträge
zu Gunsten meiner Ansicht geliefert hat. Giglioli hat
426 Th. Eimer:
auf allen mögliclieii Inseln und im Meere isolirten Felsen
Italiens gesammelt und die SchilderuDg, welche er mir von
den meisten der von ihm besuchten Oertlichkeiten machte,
Hess Beziehungen der Anpassung zwischen Eidechsen und
Boden erkennen, sowie man die von mir zur Berücksich-
tigung empfohlenen Gesichtspunkte der Beurtheilung zu
Grunde legte; nur an einzelnen scheinen solche seiner Er-
zählung noch zu fehlen. Vergleichung der Verhältnisse an
Ort und Stelle würde sicher darin in's Einzelne hinein sehr
hübsche Ergebnisse im Sinne der Anpassungstheorie lie-
fern, denn die in Frage kommenden Oertlichkeiten sind
sehr verschieden — theils steril, theils reich an Pflanzen-
wuchs, theils mit Kalk, theils mit Urgebirgsboden, meh-
rere vulkanisch. Einige wenige Bemerkungen über die-
selben und über die sie bewohnenden Eidechsen will ich
nach den Angaben Giglioli's hier noch anfügen.
Schon früher habe ich bemerkt, dass die Mauereidechsen von
Stromboli auf Grund ihrer Zeichnung, aber auch ihrer Grundfarbe,
so auffallend dunkel sind, dass man durch sie sofort an vulkanischen
Boden, auf dem sie leben, gemahnt wird.
Die Isola di Santo Stefano besteht aus Kalk und ist
nach den Angaben Giglioli's dunkel. Die Eidechsen seien fast
schwarz (ihre Zeichnung, sowie auch die der Bewohnerinnen von
Stromboli wurde früher behandelt — ich kenne sie nur nach Spi-
ritusexemplaren, an welchen die Farben verloren gegangen sind).
Ihr Rücken sei grüngefleckt, ihr Bauch blau. Es wäre zu unter-
suchen, ob nicht auch der Rücken einen blauen Anflug habe; übri-
gens scheint die dunkle Farbe des Rückens wesentlich durch die
Zeichnung hervorgerufen zu sein.
Die Isola del Toro, eine sehr kleine Insel im Südwesten
von Sardinien, beiSant AntiochoSardegna, welche übrigens Giglioli
nicht selbst besucht hat, bestehe aus dunkelm Gestein. Ihre Mauer-
eidechsen seien auf dem Rücken intensiv schwarz, der Bauch sei
gelb, schwarz gefleckt.
Tinetto, Eiland in der Nähe von Spezia, aus dunkelm Fels
bestehend, führt dunkle Eidechsen.
La Scuola, ein Felsen bei Pianosa, ähnlich dem Filfola, aus
Kalkstein bestehend, sei dunkel gefärbt; seine Eidechsen seien
schwarz mit grünen Flecken.
Linosa bestehe aus schwarzer Lava. Eidechsen und Gongy-
lus darauf seien schwarz.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 427
Montecristo bestehe aus Granit; die Eidechsen zeigen theil-
weise Granitzeichmmg.
Piano sa, eine platte, weisse Insel, aus Tuff. Ihre Eidechsen
seien, die Farbe betreffend, im Ganzen hell. Doch kommen hier
Pflanzengrün und Pflanzenschatten in Betracht; nach ersterem sind
die Eidechsen theilweise grün; die helleren wurden auf den Steinen,
an den Mauern gefunden.
Palmajola, eine kleine, aus dunkelm Gestein (Kalk) beste-
hende Insel, gegenüber Elba, auf der übrigens Pflanzenwuchs vor-
handen ist. Demgemäss sind die Eidechsen grün, schwarzgefleckt
(nigriventres).
Salina, eine der liparischen Inseln, vulkanisch, sei ganz grün :
entsprechend seien die Eidechsen gefärbt (nigriventres).
So bieten auch die Eidechsen auf Lipari und überhaupt auf
allen Inseln mit reichlicherem Pflanzenwuchs nichts Besonderes in
der Färbung dar.
Zu diesen Mittheilungen Giglioli's füge ich hinzu,
dass nach den Angaben von Eingeborenen die Eidechsen
nicht nur der Insel Gozo, welche ziemlich gross, sondern
auch die der Insel Comino, welche nur vielleicht viermal
so gross ist als der Filfolafels, durchaus die gewöhnliche
Farbe haben. Beide Inseln, bei Malta gelegen, sind mit
Pflanzen bewachsen.
Diese Thatsachen führen mich auf die Mauereidech-
sen der capresischen Felsen zurück.
Trotz der so laut redenden Beispiele von Farben-
anpassung der Mauereidechse, wie ich sie besonders aus
eigener Beobachtung kenne und im Vorstehenden geschil-
dert habe, erschiene, wie ja im ersten Theile dieser Schrift
eingehend erörtert worden ist, solche Anpassung für den
Fall, dass Verfolgung der Eidechsen durch räuberische
Feinde fehlen würde, durchaus nicht nothwendig. Dann
würde die Wirkung constitutioneller Ursachen, bezw. der
direkte Einfluss äusserer Einwirkungen auf die Con-
stitution, im Kleide unserer Thiere rein zum Ausdruck
kommen können, wie ich das z. B. für Arion empiricorum
als wahrscheinlich angegeben habe 0- — Von Trutzfarben
glaube ich bei der Mauereidechse abstehen zu dürfen.
1) Hier füge ich, nach neuerlicher Besprechung mit Dr. Wein-
428 Tb. Eimer:
Auf der Münchener Naturforscherversammlung *) habe
ich von der Lacerta muralis coerulescens monaconensis
gesagt: ;;das Thier ist dessen (des Monaconefelsens) Far-
ben nicht so angepasst, dass auf eine Auslese durch Feinde
geschlossen werden mtisste, während alle Thatsachen der
von mir vertretenen Auffassung günstig sind, dass der
Mangel an Grün im Untergrund — pflanzenarmer Boden —
die im Organismus der Thiere gelegene Neigung nach
Blau zu variiren zum Siege kommen lässt, wogegen diese
Farbe auf dem Lande verdrängt wird, indem hier um so
mehr Grün an ihnen auftritt, je mehr grüner Pflanzenwuchs
sich findet." Das Gestein auf der Kuppe des Monacone-
Felsens ist in der That erheblich heller, als die dort le-
benden Eidechsen und ohne dunkle Flecke. Die Farbe dieses
Gesteins ist ein helles Grau mit bläulichem Ton, von welchem
sich die Eidechsen ziemlich stark abheben. Wenn eben-
solcher Boden oben auf den Faraglioni vorhanden ist, so
müssen sich die noch dunkleren Faraglioni-Eidechsen dort
noch stärker von demselben abheben. Wenn man die
dunkeln Thiere auf einem Boden, welcher in weiterer
Ausdehnung hell ist, wie das Gestein oben auf dem Mona-
cone, herumlaufen sieht, so drängt sich das eine der von
mir für die Erklärung der Farbenänderung in Anspruch
genommenen Momente, die Neigung blaue und schwarze
land an, dass derselbe von seiner Ansicht, die Farben des Arion
empiricorum könnten Schutzfarben sein, durchaus zurückgekommen
ist: Versuche haben ihm gezeigt, dass diese Schnecke von Vögeln
verschmäht v/ird. — Ein Beispiel von Farbenanpassung dagegen,
welches den von der Mauereidechse gelieferten nicht nachsteht, ist
mir in diesen Tagen wieder aufgefallen: ich hatte längst beobachtet,
dass unsere Acridium coerulescens und germanicum die Farbe ihrer
Oberflügel in verschiedenen Gegenden ausserordentlich nach jener des
Bodens ändern. Hier bei Tübingen copiren sie in den Weinbergen
in überraschender Weise den röthlich braunen Erdboden. Dagegen
fand ich Acridium coerulescens da, wo steinige Stellen hellen Keu-
persandsteins die Weinberge unterbrechen, wie diesen hell, event.
grau mit bläulichem Ton gefärbt — ganz nahe dabei, auf rothem
Boden, waren die Thiere wieder rothbraun!
1) Amtlicher Bericht S. 180.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 429
Farben zu erzeugen, d. i. die constitutionellen Ursachen,
in den Vordergrund, und man möchte annehmen, dass jene
Neigung ohne AVeiteres gerne zum Ausdruck komme,
sowie Pflanzengriin wegfällt, an welches sich die Farbe
der Eidechsen nach allen von mir mitgetheilten Thatsa-
chen fast sofort mit seinem Auftreten anpasst.
Allein die so ganz ausserordentlichen Fälle von An-
passung, welche ich beobachtet habe, seitdem ich die Mo-
nacone-Eidechse kennen lernte, die Thatsaclie, dass auch
auf isolirten Felsen, welche Pflanzengrün tragen, die
Mauereidechsen grün sind, die Thatsache, dass das Feh-
len von Anpassung bei unseren Thieren geradezu als auf-
fallende Ausnahme bezeichnet werden müsste, führen zu
der im ersten Abschnitte erörterten Ansicht zurück, dass die
dunkeln Eidechsen auch auf den hellen Theilen unserer
Felsen geschützt sein werden , weil sie Schatten und
weil sie , dunkle Flecken 0 vortäuschen, wie sich diese,
wenn auch nicht auf der Kuppe, so doch auf dem gan-
zen übrigen Umfang des Monacone in der That auch fin-
den 2). Und heute, nachdem ich die geschilderten wun-
1) Betreffs der früher besprochenen merkwürdigen Angaben,
dass schwarze Hühner von Raubvögeln weniger häufig geholt wer-
den als andersgefärbte, erzählt mir auf Befragen Dr. Weinland,
der landwirthschaftliche Erfahrung besitzt, es sei ihm dieselbe That-
sache schon seit seiner Knabenzeit von den Tauben bekannt: es
werden schwarze Tauben vom Habicht weit seltener geholt als anders-
gefärbte (weisse natürlich ausgenommen). SeinYater habe die Sache
durch die Annahme erklärt, es möchten die schwarzen Tauben vom
Habicht für Krähen gehalten werden. Dagegen ist einzuwenden,
dass der scharfsichtige Habicht, wenn er überhaupt auf den schwar-
zen Fleck einmal aufmerksam geworden ist und ihn als Vogel er-
kannt hat, leicht auch dessen Art erkennen wird. Die Annahme
einer Verwechselung mit Schatten dagegen, welche sich wesentlich
auf Schutz in der Nähe bezöge, würde voraussetzen, dass der Raub-
vogel auf das Objekt gar nicht aufmerksam wird.
2) Durchaus dieselben Farbentöne, wie sie die Felsen von
Capri zeigen, findet man, wie ich kürzlich beobachtete, sehr schön
an den mächtigen Jurafelswänden des oberen Donauthals zwischen
Beuron und Sigraaringen. Ich führe dies an, um die Möglichkeit,
der Beurtheilung der bezüglichen Verhältnisse auf Capri näher
zu legen.
430 Th. Eimer:
derbaren Beispiele von Farbenaüpassung der Mauereidechse
kennen gelernt habe, gewinnt für mich bezüglich der Mo-
nacone-Eidechse auch noch ein anderes Moment Bedeu-
tung, welches ich früher nicht zu verwerthen gewagt
hätte: die Thatsache, dass ein Theil der Kuppe des Mo-
nacone -Felsens braunen Erdboden aufweist, welcher be-
sonders in der heissen Jahreszeit zu Tage tritt, in der ich
die Eidechsen auf demselben braun geförbt sah. Wie ich
aber mittheilte, wechseln die Monacone-Eidechsen die Farbe,
und zwar tritt im Frühling mehr Blau und leuchtendes
Grün in ihrem Kleide zu Tage als im Spätsommer vor-
handen ist.
Hier mag auch die früher schon berührte Thatsache
einen Platz finden, dass nicht minder die coerulea und
die coeruleo - coerulescens von den Faraglioni einen Far-
benwechsel zeigen. Diese Thiere werden, sobald sie der
Sonne ausgesetzt sind, heller: während sie, behaglich sich
sonnend, platt ausgebreitet, an den warmen Steinboden sich
anschmiegen, nimmt ihr Rücken, in grauen und bläulichen
Tönen schillernd, eine mehr matte Gesammtfarbe an, im
vollen Gegensatz zu der Annahme, es sei die direkte Ein-
wirkung des Sonnenlichts, welche sie dunkel gefärbt habe,
indem sie das dunkle Pigment in die äusseren Lagen der
Haut zog. Man kann sich von der Richtigkeit meiner
Angabe auch bei unserer schwächeren deutschen Sonne
leicht überzeugen, wie ich dies u. A. Herrn Dr. G.
Seidlitz auf der Münchener Naturforscherversammlung
zeigen konnte.
Im Uebrigen erscheinen mir als die wichtigsten Er-
gebnisse meiner neuen Beobachtungen über die Mauer-
eidechse diejenigen, welche sich auf den Beweis der Be-
deutung constitutioneller Ursachen beziehen und ich freue
mich, darauf hinweisen zu können, in welchem Maasse
diese Ergebnisse als Bestätigung der Ansichten erscheinen,
die ich in meiner Abhandlung über Lacerta muralis coe-
rulea aussprach, zu einer Zeit, als auf zoologischem Ge-
biete von einer Bedeutung constitutioneller Ursachen unter
dem Druck der Macht, welche man dem neuen Princip
der Anpassung zuschrieb, kaum die Rede war. Seitdem
üütersuchuDgen über da« Variiren der Mauereidechse. 431
hat ihnen Wallace in seinen Untersuchungen über die
Tropenwclt eine bedeutende Stelle zugeschrieben und es
wird sich zeigen, dass die Resultate meiner, wenngleich
nur in einem beschränkten Rahmen ausgeführten Unter-
suchungen mit den extensiven Erfahrungen dieses For-
schers in manch wesentlicher Uebereinstimmung stehen.
Vierte Al^theilnng^.
Ergebnisse meiner nenen Untersuchnngen für die
Theorie von der Entwickelung ans constitntio-
nellen Ursachen. Zeichnungen und Farben der
Raubvögel. Zeichnungen der Säugethiere und
der Raupen.
Kraftfarben.
Benutzen wir nun das uns zu Gebote stehende Ma-
terial ^um Versuch einer Erklärung der letzten Ursachen
des Herrschendwerdens der Farben Blau und Schwarz
bei den Mauereidechsen, so ergibt sich das Folgende.
Es liegen keinerlei Anhaltspunkte dafür vor, dass
äussere Einwirkungen direkt und allein die fraglichen
Farben hervorgebracht hätten.
Diese Farben treten auf an den Bewohnern im Meere
isolirter, pflanzen arm er Felsen oder kleiner pflanzen-
armer Inseln, deren Bodenfarbe ihnen entweder entspricht
oder grau oder blau oder weiss ist; auf anders — etwa
braun gefärbtem Boden entsprechender Oertlichkeiten sind
sie nicht als herrschend bekannt. Vielmehr scheint hier Braun
auch im Kleide der Thiere stets herrschend zu werden.
Die von den capresischen Felsen gemeldeten That-
sachen zeigen auf das Deutlichste, dass dort Blau das
erste Stadium der Farbenänderung ist und dass diese
432 Th. Eimer:
Farbe secundär in Schwarz übergegangen sein muss, soweit
sich dieses findet.
Selbst das Blau kommt nicht zur Herrschaft
auf kleinen weit im Meere isolirten Felsen, so-
wie diese grünen Pflanzenwuchs tragen (Galli), — ■
ebensowenig auf dicht neben den Wohnorten blau oder
schwarz gefärbter Eidechsen gelegenen pflanzenbewach-
senen Inseln.
Dagegen beginnt Blau sich gerne über den Körper
auszubreiten auf grosser Inselfläche selbst mit Pflanzen-
wuchs, da wo grössere Stücke entsprechend gefärbten
Bodens zu Tage liegen (Capri — Cycladen?).
Obwohl Thatsachen bekannt sind, welche beweisen,
dass Feuchtigkeit die Ursache der Dunkelfärbung von
Eidechsen sein kann und obwohl diese Färbung auch in
den uns beschäftigenden Fällen durch sie begünstigt wer-
den mag, so sprechen diese Fälle doch auf das Entschie-
denste dagegen, ihr dabei einen irgend entscheidenden
Einfluss zuzuschreiben — es sei denn, dass man der Ab-
sorbtionsfähigkeit der Pflanzen gegenüber Wasser eine so
grosse Bedeutung zuschreiben wollte, dass man jener ent-
behrende Felsen für feuchter "erklärte als von ihnen be-
wachsene , während eher das Umgekehrte richtig sein
dürfte — denn die grössere Luftfeuchtigkeit im ersteren
Falle wird wohl weit aufgewogen durch die grössere Bo-
denfeuchtigkeit im letzteren.
Wenn wir also von der Bedeutung des Pflanzenwuch-
ses für die Feuchtigkeit auf isolirten Felsen, bezw. auf
kleinen Inseln für unsere Frage absehen dürfen, da anzu-
nehmen ist, dass sogar eher pflanzenreiche derartige Oert-
lichkeiten feuchter sein werden als pflanzenarme ^), so fin-
1) Es schrieb mir seiner Zeit Dr. Günther, dass sich die
Schwarzfärbung von Reptilien auf Schildkröten erstrecke, die auf
Inseln isolirt seien von der Grösse Württembergs und mit tropischer
Vegetation — es müsse demnach diese Schwarzfärbung einen viel
tieferen Grund haben, als die Färbuug des Gesteins. Es ist, meine
ich, selbstverständlich nicht nöthig, dass sie überall, wo sie vor-
kommt, auf dieselbe Hauptursache zurückzuführen sei — so ist es
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechso, 438
den wir, dass ohne Rücksicht auf Kleinheit des
Wohngebietes und ohne Rücksicht auf die Ent-
fernung derselben vom Lande die Farben Blau oder
Schwarz herrschend werden oder nicht, dass also Feuch-
tigkeit für ihre Entstehung nicht massgebend sein kann.
Andernfalls müssten auch die Eidechsen Lezw. die
Reptilien auf allen in den grossen Meeren gelegenen Inseln
und Eilanden schwarz sein.
Es wurde im ersten Theil die Frage aufgeworfen, ob
nicht die Ernährungsweise Einfluss auf die kräftige
Körperbeschaffenheit der dunkeln Eidechsen gewonnen
habe. Da diese sich trotz der Sterilität ihrer Wohnorte
gerade bei ihnen findet, so könnte man daran denken,
dass sie sich an den Genuss von kleinem Seegethier ge-
wöhnt hätten, sofern man die Ausbildung einer grösseren
Rasse nicht auf die Verdrängung des Schwächeren durch
den Stärkeren zurückführen will. Solche Aenderung der
Ernährungsweise könnte nun auch eine Aenderung der
Färbung bewirken. Leider habe ich inzwischen keine Ge-
legenheit gehabt, genauer zu untersuchen, wie sich z. B.
die Faraglione - Eidechsen an Ort und Stelle nähren. Es
könnte auch eine specifische oder fast ausschliessliche Er-
nährung auf den betreffenden Wohngebieten durch Land-
thiere in solcher Weise wirken. Dabei ist auffallend, dass
die Rasse je mehr sie in der Farbe abgeändert, je mehr
sie blau oder schwarz ist, auch um so kräftiger wird
(coerulea, filfolensis). Es ist übrigens kaum denkbar, dass
der Unterschied in der Vegetation auf den verschiedenen
Wohngebieten in demselben Verhältniss auf die Ernäh-
rungsweise der Eidechsen gewirkt kaben könnte, dass
darauf die vorliegenden Unterschiede in Farbe und Con-
stitution zurückzuführen sein dürften, kaum denkbar, dass
sich z. B. die fast grüne coerulescens gallensis oder die
monaconensis wesentlich anders ernähre als die filfolensis.
möglich, dass jene dunkeln Schildkröten der Feuchtigkeit der tropi-
schen Inseln die Ursache ihrer Färbung verdanken, ebenso wie die
von Leydig berichteten Fälle des Vorkommens dunkler Eidechsen
wohl auf Feuchtigkeit zurückzuführen sind.
434 Th. Eimer:
Allerdings ist es nicht kurzweg von der Hand zu wei-
sen, dass selbst die auf hohen, steilen Felsen lebenden
Eidechsen wenigstens zu Zeiten des Mangels an Landnah-
rung sich am Fusse der Felsen, an der Meeresgrenze,
Nahrung suchen, allein es ist doch nicht anzunehmen, dass
die Nahrungsnoth auf Felsen mit so wenig Pflanzenwuchs,
wie ihn der von mir untersuchte Gallifels hat, eine so
viel geringere sei als z. B. auf den Faraglioni — man
müsste denn zugeben wollen, es sei dieser Unterschied
immerhin dazu ausreichend, dass er die Bewohner der
letzteren schon früher und ausschliesslicher zur Gewöh-
nung an eine neue, reichliche Nahrung veranlasst habe,
als die des ersteren — oder dass jene überhaupt viel
länger an Ort und Stelle eingebürgert und von neuer Nah-
rung beeinflusst seien als diese.
Diese Gesichtspunkte bieten sich auf Grund meiner
neuen Untersuchungen der Erwägung dar: da die Frage
durch gelegentliche Untersuchungen zu lösen sein wird, so
darf ihrer Erledigung hier nicht weiter vorgegriffen wer-
den. Möglich also ist, dass auch die Ernährungsweise die
Blau- und Schwarzfärbung begünstige — allein schon weil
sie ihre Anfänge auf grösseren Wohngebieten (Caprij zeigte,
ist nicht zu schliessen, dass sie massgebend sei. Ausserdem
steht die Thatsache, dass die Blaufärbung der Kehle, be-
sonders der Männchen, während der Brunstzeit vor-
kommt, an ganz gewöhnlichen Wohnorten auftritt und
dass sie auf das Deutlichste auf dieselben Ursachen wie
die Gesammtblaufärbung zurückzuführen ist, im Wider-
spruch zu einer entgegengesetzten Annahme und führt uns
zugleich auf die Erklärung der wirklichen Ursachen dieser
Färbung.
Wie jene Blaufärbung der Kehle, so tritt die erste
Spur der blauen Gesammtfärbung, eine leichte Blaufär-
bung der Unterseite und schliesslich des ganzen Thieres,
nach meiner Beobachtung zuerst an Männchen im Früh-
ling und Sommer — - als Hochzeitskleid deutlich auf, und
erhält sich so lange als die Eidechsen im Zustande der
höchsten Lebensthätigkeit sich befinden. Dabei ist die
neue Färbung nicht ununterbrochen in absolut derselben
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 435
Intensität ausgeprägt: nach einer Folge heisser Sommer-
tage ist sie glänzender, satter, lebhafter; naclidera die
Thiere bei ungünstiger Witterung längere Zeit in der Kälte,
im Versteck zugebracht haben, tritt sie zurück und macht
am Bauche einem Blaugrau Platz, wie es bei den vorge-
schrittenen Formen im Winter sich zeigt , während es,
wenn sie nur Sommerkleid ist, im Winter völlig schwindet.
Es ist somit ursprünglich der Zustand er-
höhter Lebensenergie, der Turgor der Säfte in
der Haut, welcher die Blaufärbung hervorruft
und es ist bemerkenswerth, dass auch hier, wie bei der
Zeichnung das Männchen es ist, bei welchem die neue
Eigenschaft zuerst auftritt.
Diese Erklärung ergibt sich für die Galli-, Monacone- und
Faraglioni-Eidechsen, bei welch' letzteren der Uebergang
eines Theils der Rückenfarbe in Schwarz (coerulea) deut-
lich eine höhere Stufe der Umbildung bezeichnet, welche,
da sie hier vorerst nur eben am Rücken auftritt, die An-
sicht herausfordert, dass sie durch Anpassung begünstigt
werde, eben in dem Sinne, dass die Thiere Flecke und
Spalten vortäuschen.
Bei der Filfola-Eidechse ist theilweise gleichfalls rei-
nes Blau vorhanden (blaue Flecke des Rückens, Kehle
des Weibchens), theilweise zeigen sich (am Bauch, Kehle
des Männchens, an Stellen der Oberseite) Mischungen von
Farben, welche darauf schliessen lassen, dass hier nicht
minder Blau als Uebergangsfarbe wenigstens an einzelnen
Körpertheilen eine Rolle gespielt habe, wogegen das frü-
her von mir beschriebene gestreifte Exemplar (punctato-
striata) allerdings darauf schliessen lässt, dass das Schwarz
des Rückens wesentlich einem raschen Ueberhandnehmen
und Zusammenfliessen der ursprünglichen schwarzen Zeich-
nung seinen Ursprung verdanke.
Die schon berührte Thatsache, dass es hier wie dort
eine ganz besonders kräftige Rasse ist, welche die Kraft-
farben annimmt, bezw., dass diese Farben mit üppiger
Constitution zusammenfallen, stimmt mit der anderen, dass
sie (Blau wie Schwarz) auch sonst bei kräftigen Männ-
chen zuerst in vorzüglicher Ausbildung auftreten und bei-
436 Th. Eimer:
des stimmt mit der von mir für dieses Auftreten gegebe-
nen Erklärung überein.
Wenn wir aber die Zähigkeit des Auftretens einer
Längsstreifung bei den Jungen, bezw. Weibchen der Rep-
tilien auf Vererbung setzen, so ergibt sich von selbst die
Frage, ob nicht auch die blaue, bezw. schwarze Farbe
der Mauereidechsen einer solchen Ursache mit ihre Ent-
stehung zu verdanken habe, ob nicht die Neigung die-
selbe zu erzeugen , dadurch begünstigt werde, dass ur-
sprünglich Dunkelfärbung bei unseren Thieren herrschend
gewesen sei. In der That liegt es nahe, anzunehmen,
dass der grosse Feuchtigkeitsgehalt der Luft, wie er in der
Vorzeit geherrscht haben muss, in dieser Weise wirkte und
die Thatsache, dass heute noch die Jungen verschiedener
Eidechsenarten dunkel oder schwarz aus dem Eie kom-
men, spricht für eine solche Annahme. Sie würde das
zeitweilige Auftreten von dunkeln Individuen einer sonst
hellen Rasse mit auf Rückschlag zurückführen lassen, wie
denn Leydig, wie früher bemerkt, bezüglich der Lacerta
vivipara nigra sich dahin äussert, man könnte vielleicht
annehmen, die ausgewachsene Lacerta vivipara nigra habe
einfach ihr Jugendkleid beibehalten.
Interessant für unsere Fragen und hier nicht zu
übergehen ist schliesslich die Thatsache, dass an der Un-
terseite mancher Varietäten von Mauereidechsen andere
Farben als Blau und Schwarz auftreten, wie Gelb und
Roth, beide offenbar auf Grund derselben Ursache, welche
die ersteren erzeugt: sie sind Kraftfarben, dienen speciell
dem Schmuck, bezw. geschlechtlicher Zuchtwahl. Auch
bei der Gattung Acanthodactylus traf ich im heissen Fe-
bruar Egyptens in der Wüste von der Kloakenöffnung der
Thiere an nach rückwärts über die Unterseite des Schwan-
zes hin ein schönes Ziegelroth, und ebenso fand ich zu
derselben Zeit die Kehle von männlichen Agama colonorum
mit dieser Farbe gefärbt.
Rothe Unterseite ist besonders bei südlichen Mauer-
eidechsen bekannt, theils bei solchen, deren Rücken grün,
thcils bei solchen, wo er braun ist. Weiter im Norden, bei
Bozen, trifft man safrangelben Bauch bei braunem Rücken
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 437
und die mämilicbe Malteserin verwandelt das Gelb der
Unterseite zur Kraftzeit in Rotb. Dass in allen diesen
Fällen die j;länzende Farbe der Unterseite nicbt auf den
Rücken iibcri^rcift , lässt sieb auf das Bestimmteste dureb
die Forderungen der Anpassung erklären, wie umgckebrt
die durcb diese Forderungen bedingte Rückenfarbe corre-
lativ Einfluss auf die Farbe der Unterseite baben muss,
in der Weise, dass jedenfalls braune oder sandfarbene Ober-
seite viel Blau im Kleide auszuscbliessen scbeint, dagegen
Rotb und Gelb der Unterseite zulässt, wäbrend bei grü-
nem Rücken unten nicbt nur Blau, sondern aucb Roth
und Gelb vorkommt, was eben auf besondere, nicbt greif-
bare Unterscbiede in der Constitution, der pbysikaliscb-
cbemischen Zusammensetzung des Körpers sich beziehen
muss* in speciellen Fällen vielleicht auch mit beginnen-
dem Uebergang einer Farbeuvarietät in die andere zu
thun hat. Bei der maltesischen Mauereidechse findet sich
nicht die Kraftfarbe Roth auf Unterseite und Rücken, wohl
aber Gelb. Dieser einzig in seiner Art dastehende Fall
erklärt sich eben durch die Anpassung des gelben Rückens
an gelbe Blumen und er lässt vermuthen, dass bei diesem
Thier das Gelb der Unterseite von Anfang an von dem
der Oberseite abhängig war, bezw. mit demselben entstan-
den ist.
Es sind demnach in der That innere, constitutionelle
Ursachen, welche die erste Entstehung der neuen Farben
unserer Mauereidechsen erklären. Geschlechtliche Zucht-
wahl mag die weitere Ausbildung und Fixirung dersel-
ben begünstigt baben, jedenfalls aber muss auf den Wohn-
orten der blauen bezw. schwarzen Rassen eine solche Be-
günstigung durch äussere Verhältnisse vorhanden sein,
— es müssen hier Hindernisse weggefallen sein, welche
ihrer Ausbildung und Fixirung an gewöhnlichen Orten
entgegenstehen. Ich sehe auch heute , auf Grund der
Thatsachen, welche mir mein neugewonnenes Material an
die Hand gibt, diese Hindernisse in der unter gewöhnlichen
Verhältnissen der Umgebung stattfindenden Auslese nach
Grün und Braun, bezw. Sandgelb. In Folge der nöthigen
Anpassung an das Grün des Pflanzenwuchses und an das
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 29
438 Th. Eimer:
Braun des Erdbodens, an das Gelb des Sandes. Jene Be-
günstigung aber finde ich im Wegfallen dieser Hindernisse
auf kahlen, von Erdboden entblösten, pflanzenarmen Eilan-
den, in der Möglichkeit, die Farben Blau und Schwarz
frei zum Ausdruck kommen zu lassen, weil dieselben, sei
es auf dunkelm, sei es auf hellem Boden ihre Träger nicht
verrathen — sei es auch, weil diese da oder dort an sol-
chen Orten keine Feinde haben.
Ursachen der Entstehung neuer Zeichnungen. Das Zeichnuugs-
gesetz der RaubYÖgel. Zeichnungen von Säugethieren.
Geheimnissvoller als die Entstehung der Fixirung des
Farbenkleides erscheint bei den Mauereidechsen der ver-
schiedensten Gegenden und bei den Eidechsen überhaupt
das so wunderbare Gesetz der Ausbildung von Flecken-
zeichmmgen ganz bestimmter Art aus gemeinsamer gestreif-
ter Anlage, durch Abänderung ganz bestimmter und immer
derselben Theile dieser Streifung, vor sich gehend stets
in einer und derselben Richtung.
Man kann nicht anders sagen, als dass die Umwand-
lung der Streifen- in die Fleckenzeichnung wie nach einem
vorgezeichneten Plane, nach vorgezeichneten Mustern statt-
findet.
Warum rücken die Flecken, in welche sich die
Grenzlinien der ersten Zone auflösen, immer nach ein-
wärts und bilden die sog. sekundäre Mittelzone — wa-
rum rücken sie nicht umgekehrt auch einmal nach aus-
wärts ?
Warum rücken die aus der oberen Grenzlinie der III.
Zone entstehenden Flecken stets nach auf- bezw. ein-
wärts in die IL, die Flecken der unteren Grenzlinie der-
selben Zone stets nach ab- bezw. auswärts in die IV.
Zone ? u. s. w. — würde doch auch auf anderen Wegen
das augenscheinliche Hauptziel der Umwandlung, die Ent-
stehung eines Fleckenkleides erfolgen können!
Auf diese Fragen haben wir keine andere Antwort
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 439
als die, dass es die Constitution des Körpers sein wird,
welche die bestimmte Richtung der Umwandlung vorzeich-
net, indem sie gewisse kleine Abänderungen erzeugt hat,
die sich, weil sie nicht im Widerspruch mit äusseren Bedin-
gungen standen, fixirten, vererbten, um wieder neuen, sich
vererbenden den Ursprung zu geben. Zur näheren Erklärung
der bestimmten Richtung der Variation fehlt uns ein phy-
siologischer Gesichtspunkt vom Werthe desjenigen, welcher
zum Verständnisse der Farbenumwandlung gedient hat,
es sei denn, dass wir eine ganz bestimmte Vertheilung der
Ernährungsbezirke des Organismus und deren correlative
Beziehungen zu Hülfe nehmen wollen, eine Annahme,
welche allerdings zum Zweck des Begreifens der auffallen-
den Neigung des Organismus, symmetrische Zeichnun-
gen überhaupt zu erzeugen, gemacht werden muss. Beruht
doch das Verständniss der Symmetrie auch der Körper-
form auf entsprechenden Thatsachen und Annahmen, hier
freilich mit dem Hintergrund der Erklärung des Ursprungs
der Symmetrie durch Anpassung an die Umgebung, durch
die Nothwendigkeit z. ß. bestimmter Richtung der Ortsver-
änderung.
Ich komme auf diese Fragen zurück.
Sehen wir zunächst ab von den Einzelheiten der Um-
bildung und fassen wir ihr Gesammtergebniss in's
Auge, so finden wir für dieses Gesammtergebniss vielleicht
eine Erklärung in Anpassungsnöthigung.
Die Thatsachen weisen sämmtlich darauf hin, dass
die Fleckenzeichnung eine neue Errungenschaft ist, dass
die Stammform sämmtlicher Mauereidechsen und wohl die
der Eidechsen überhaupt eine längsgestreifte war. Und
verschiedene Fälle zeigen, dass auch heute stark fleckige
Formen wesentlich an Orten mit Fleckenschatten, längsge-
streifte mehr auf Grasboden u. s. w. vorkommen.
Sollte nun nicht der Gedanke Berechtigung haben,
dass die Thatsache ursprünglicher Herrschaft
der Längsstreifung in Zusammenhang stehen
möchte mit der ursprünglich herrschenden mono-
kotyledonen Vegetation, deren Streifen und Strei-
fenschatten die Streifenzei chjuung unserer Ei-
440 ^h. Eimer:
dechsen entsprochen haben würde, und ferner,
dass die Umwandlung der Streifenzeichnung in
eine Fleckenzeichnung in Zusammenhang stehe
mit der Ausbildung einer Vegetation, welche Flek-
kenschatten wirft?
In der That sprechen zahlreiche Erscheinun-
gen dafür, dass in früheren Zeiten unsere Fauna
viel mehr gestreift gezeichnete Glieder aufzu-
weisen hatte, als dies heute der Fall ist.
Ganz davon abgesehen, dass die Jungen vieler, ja
vielleicht der überwiegenden Mehrzahl der Reptilien und
der Amphibien längsgestreift sind — auch bei Säugethie-
ren zeigen die Jungen vielfach diese Streifung da, wo sie
bei den Alten geschwunden ist: ich erinnere nur au unsere
Rehe, Hirsche, an die Tapire, an das Wildschwein. Sodann
hebe ich hervor, dass es Verwandte solcher nur in der
Jugend längsgestreifter Formen gibt, welche noch heute
zeitlebens Spuren der Längsstreifung erkennen lassen, wie
der Axishirsch, während andere, wie z. B. viele ausländi-
sche Nagethiere, längsgestreift bleiben, wogegen sonst ge-
wöhnlich Fleckenzeichnung oder Mangel an Zeichnung bei
den Säugern herrschend ist.
Auch manche Nacktschnecken zeigen in der Jugend
Längsstreifung, während sie dieselbe im Alter vermissen
lassen (z. B. Arion empiricorum). Besonders gehören hier-
her bekanntlich die von Weismann studirten Sphingiden
— und, wie ich hinzufüge, auch zahlreiche andere, viel-
leicht die meisten Raupen, sofern sie nicht zeitlebens längs-
gestreift bleiben.
Der Annahme einer Beziehung zwischen Längsstrei-
fung, bezw. Fleckenzeichnung der Mauereidechsen und Ve-
getation scheint die Thatsache zu widersprechen, dass das
letzte Glied in der Reihe der Umwandhingen der Zeichnung
derselben eine Querstreifung ist: aus der Längsstreifung
wird zuletzt eine Tigerzeichnung. Gegen diesen Einwand
könnte man vorbringen, dass es sich in der Varietät tigris
vielleicht um eine an besondere Verhältnisse augepasste
Form handelt — und in der That würde diese Zeichnung
passen zu der Zeichnung und den Schatten z. B. des Ge-
Untersuchungen über das Variireu der Mauereidechse. 441
Zweiges von Holzpilanzen, ebenso wie dieselbe Zeichnung
der wilden Katze im Geilste der Bäume nicht autfällt. Jeden-
falls wird Niemand, der Thiere im freien Le])en zu beob-
achten gewohnt ist, sich gestatten, eine mögliche Anpas-
sung zu verneinen, bevor er auf das Genaueste die Le-
bensweise des betreffenden Thieres mit Bezug auf seinen
Wohnort studirt hat und stets wird er hervorheben, dass
jeder einzelne Fall für sich in dieser Weise genau geprüft
sein will, ehe er Aburtheilung erlaubt.
"^ Gleichviel aber, ob es im einzelnen Falle möglich
ist, eine Anpassung nachzuweisen oder nicht, es ist für
uns zunächst vor Allem wichtig, dass vorliegenden That-
sachen zufolge überhaupt in der T hier weit die Ten-
denz einer Umwandlung von Längsstreifung in
Querstreifung, und zwar durch das Zwischen-
stadium einer Fleckenzeichnung hindurch an-
genommen werden muss.
Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier diesen Ge-
genstand zu erschöpfen ; ich muss mich darauf beschrän-
ken, einige besonders auffallende Beispiele zur Illustration
des soeben ausgesprochenen Satzes anzuführen, welche
zugleich zeigen werden, dass mehrere der für die Eidech-
sen festgestellten Gesetze eine allgemeinere oder eine all-
gemeine Verwendung finden.
Das biogenetische Gesetz, die Erfahrung, dass im
Laufe der individuellen Entwicklung die Stamraentwick-
lung wiederholt wird, spricht sich, abgesehen von den
Reptilien und abgesehen von den Sphingidenraupen (Weis-
mann), in der Zeichnung zahlreicher anderer Thiere in
glänzender Weise aus.
Ebenso das Gesetz der männlichen Präponde-
ranz, wie ich die Thatsache nennen will, dass neue, auf
die Art übergehende Eigenschaften, wenigstens der Farbe
und Zeichnung, zuerst am Männchen auftreten.
Junge Vögel von verwandten Gattungen oder Arten
z. B. haben dieselbe Zeichnung und dieselben Farben,
selbst dann, wenn sie im Alter in beiden Geschlechtern
oder wenn jedenfalls ihre Männchen im Alter von den
Jungen sehr verschieden sind. Die Weibchen behalten
442 Th. Eimer;
gewöhnlich mehr oder weniger die gemeinsamen, bezw.
die Jugendeigenschaften, die Männchen der verschiedenen
Arten dagegen weichen am meisten von einander ab. Man
nehme zum Beweis verwandte Gattungen oder Arten ir-
gendwelcher Vogelgruppe heraus, z. B. Amseln und Dros-
seln oder die verschiedenen Würgerarten: in diesen und
in sehr zahlreichen anderen Fällen ist zugleich zu beob-
achten, dass das Jugend-, bezw. das bleibende weibliche
Kleid durch der Länge des Thierkörpers entsprechende
strichartige Flecke gezeichnet ist, dasjenige des erwachse-
nen Männchens durch solche Flecke, welche der Quere
nach gerichtet sind oder durch Mangel der Zeichnung, im
letzteren Falle aber durch besondere Färbung.
Geradezu auffallend erscheinen diese Beziehungen bei
den Raubvögeln: die Jungen fast aller unserer einhei-
mischen Raubvögel haben nach Abwerfen der Dunen ein
Jugendkleid, welches braun gefärbt und mit schwarzen
Längsspritzern gezeichnet ist, die zuweilen so aneinander
gereiht sind, dass sie schwarze Längslinien darstellen,
später aber in längsgestreifte Flecken sich auflösen. Die
Weibchen behalten dieses Kleid häufig; zuweilen wird es
aber auch bei ihnen, wenigstens im Alter, in ein querge-
streiftes umgewandelt. Dies ist die Regel beim Männchen
schon zur Zeit seiner Reife. Die Längsstreifung erhält
sich am längsten an der Unterseite ; der Rücken dagegen
verliert, wieder zuerst beim Männchen, später die Zeich-
nung, während die Querstreifung, wenigstens in Form von
Querbinden an der Unterseite des Schwanzes und der Flügel
oder an der ganzen Unterseite, bestehen bleiben kann. Zu-
letzt wird auch die Unterseite einfarbig. Zugleich ändern
sich die Farben aus Braun in Braunroth, in Grau, Grau-
blau, Blau, zuweilen in Schwarz und in Weiss. Die letz-
tere Farbe ist, wenn sie am ganzen Thier, auch am Rücken
auftritt, wohl mit Ausnahme der Fälle, in welchen es
sich um Anpassung an Schneefarbe handelt (Schneeeule,
Falco islandicus) eine Alterserscheinung, gleich dem
Bleichen der Haare des Menschen.
Dagegen zeigt sich im Auftreten der Farben Grau
und Blau, auch Braunroth oder Rothbraun, bezw. Schwarz,
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 443
offenbar eine aus constitiitionellen Ursachen vor sieb ge-
bende Umwandhuig nacb Art der Ausbildung der Quer-
streifung: es sind die Männchen einzelner Arten, bei
welchen diese Färbung typisch geworden ist und andere,
bei welchen sie sich auch schon auf die Weibchen ver-
breitet hat. Es ist somit die Riickenseite unserer Vögel,
welche zuerst neue Eigenschaften annimmt. Zahlreiche
Thatsachen sprechen aber dafür, dass sich die jugend-
liche Zeichnung wie bei den Eidechsen am läng-
sten im Vordertheile des Körpers erhält, dass
die neue zuerst im hinteren Theile desselben
auftritt. Zuweilen trifft man alle Stufen der Umbildung
zugleich am Körper eines und desselben Vogels: Kehle
längsgestreift, Brust längsgefleckt, nach unten in kurze,
abgerissene Fleckenzeichnung übergehend, welche den Ue-
bergang zur Querstreifung bilden, die am Schwänze aus-
gesprochen ist, während die ganze Rückenseite schon ein-
farbig geworden.
Genaue Untersuchung der Umbildung der Kleider
wird zeigen, dass das Gesetz der wellenförmigen
Entwicklung hier ebenso deutlich oder deutlicher aus-
gesprochen ist als bei den Eidechsen.
Ich empfehle zur Prüfung meiner Angaben Demjenigen,
welchem eine Sammlung nicht unmittelbar zur Verfügung
stehen sollte, einen Blick auf die Abbildungen von Riesen-
thal, „Die Raubvögel Deutschlands" zu werfen. Er wird
tiberall ohne Weiteres nach den gegebenen Regeln junge
Thiere und Weibchen von den Männchen zu scheiden im
Stande sein und wird auch für die übrigen meiner Aufstel-
lungen hinreichend Belege finden.
Die Thatsache des allmählichen Uebergangs der
Streifung in eine Flecken- und schliesslich in Band-
zeichnung ist u. a. schön an den Abbildungen von Falco
gyrofalco, Falco arcticus, Falco Feldeggii zu erkennen.
Ferner ist an zahlreichen Abbildungen zu erkennen,
wie dieselben Umbildungen , welche die Zeichnung an
einem und demselben Individuum aufweist, in ihren ver-
schiedenen Stufen auf junge Vögel, Weibchen und Männ-
chen vertheilt sind. Das Weibchen behält entweder die
444 Th. Eimer:
jugendliche Zeiclmimg oder es ist längsgestreift, während
das Männchen schon quergestreift ist; oder es hat das
Weibchen eine höhere Stufe erreicht, es ist quergestreift,
nun ist aber das Männchen schon mehr oder weniger ein-
farbig, grau, graublau oder sattbraun, rothbraun geworden,
wenigstens auf dem Eücken — das Männchen steht immer
auf einer höheren Stufe als das Weibchen und sei es auch
nur darin, dass die nächsthöhere Zeichnung am Körper um
einen Schritt weiter nach vorn sich ausgebreitet, die ju-
gendlichere um ein Stück mehr verdrängt hat. Sehr be-
lehrend in dieser Beziehung sind die Abbildungen einiger
Falken, welche eine sehr vorgeschrittene Entwicklung er-
reicht haben, vorzüglich die von Falco rufipes, aesalon,
cenchris, tinnunculus. Bei diesen ist wenigstens beim
Männchen das einfache Grau , Graublau , Eostroth der
höchsten Stufe im Zustand der vollsten Ausbildung des
Vogels oder im Alter aufgetreten, theilweise sogar zur Herr-
schaft gelangt. Man vergleiche auf Taf. XXXIII bei Rie-
senthal die Abbildungen von Falco rufipes: der junge
Vogel hat das längsgestreifte, braune Kleid wenigstens noch
an der Unterseite, der Schwanz ist schon quergestreift;
das Weibchen hat unten noch deutliche Spuren der Längs-
streifung, oben ist es grau, quergestreift; das alte Männ-
chen ist einfach grau, am hintersten Theil des Bauches
und an den Hosen rostroth — Rest der braunen Bauchfarbe
der Jugend, aber intensiverer Ton. Vergleichung der Ab-
bildungen auch der übrigen genannten Arten ergibt ähn-
liche Beziehungen. Falco cenchris und tinnunculus J" ge-
ben insofern noch Anlass zu einer Bemerkung, als die
einfarbige graue Färbung von Schwanz, bezw. Schwanz und
hinterem Theil der Flügel zwar das Gesetz bestätigt, dass
neue Eigenschaften am hinteren Theile des Körpers zuerst
auftreten, wogegen hier zugleich der Kopf die neue Farbe
angenommen hat — eine Beziehung, welche auch sonst
sehr häufig zu beobachten ist, so bei Astur nisus, der, gleich
Astus palumbarius, auch in Anderem sehr hübsche Illustra-
tion der von mir aufgestellten Gesetze liefert.
Im Gegensatz zu diesen vorgeschrittenen Typen er-
hält sich zuweilen die jugendliche, bezw. weibliche Zeich-
CFntersuchnngen über das Vaviiren der Mauereidcchse. 445
niiiig auch beim Männchen durcli's ganze Leben. Dies
scheint auf den ersten Blick besonders bei vielen Eulen-
arten der Fall zu sein, nur dass der Schwanz hier ge-
wöhnlich schon Querstreifnng zeigt. Indessen haben mir
einige Fälle hier sehr bemerkenswerthe Verhältnisse vor-
geführt und diese Fälle beweisen, wie nothwendig zu end-
gültiger Beurtheilung der Bedeutung der Zeichnung jeder
einzelnen Art ein sorgfältiges Studium ihrer Kleidung von
der jugendlichsten an bis zur ältesten ist.
Bubo maximus, Syrnium Aluco, Otus vulgaris machen
im ausgebildeten alten Kleide ohne nähere Untersuchung
den Eindruck, dass sie im Wesentlichen, wenigstens an
der Bauchseite längsgefleckt, bezw. längsgespritzt seien.
Es überraschte mich desshalb im höchsten Grade, zu
sehen, dass die Jungen aller drei Arten schon im bräun-
lichweissen Duuenkleid eine vollkommene Querstreifung
führen und es schienen diese Fälle somit einen vollen
Gegensatz zu dem aufgestellten Gesetze darzubieten. Genaue
Beobachtung des Kleides der Alten zeigt nun aber, dass
die Federn, wo sie längsgespritzt erscheinen, nur im mitt-
leren Theile eine entsprechende Zeichnung haben, am
Rande dagegen schön quergestreift sind, so z. B. prächtig
am Bauche von Bubo maximus. Die Zeichnung der Deck-
flügelfedern erweist sich als eine solche, welche mit jener
der Lacerta muralis reticulata zu vergleichen ist — offen-
bar ist sie aus Querstreifung hervorgegangen, die auch
am Schwanz und bei Aluco und Bubo an der Unterseite
der Flügel und an den Schwanzfedern auch oben zu be-
merken ist.
Wir haben es also hier mit sehr vorgeschrittenen For-
men zu thun, welche indessen immerhin etwas Auffallendes,
Besonderes darin darbieten, dass die ursprünglich reine
Querstreifung durch eine Zeichnung ersetzt wird, die theil-
1) Ich verdanke diese und andere Beobachtungen den Schätzen
des Stuttgarter Naturalienkabinets, welche so reich besonders an
■württembergischen Stücken, durch die unermüdliche, nunmehr 40jäh-
rige Thätigkeit des Direktors der Sammlung, des Oberstudienraths
Dr. von Kraus s, zusammengetragen worden sind.
446 Th. Eimer:
weise, wenigstens an Abschnitten der Unterseite, Längs-
spritzung in's Auge fallen lässt, obschon sie mit Querstrei-
fung verbunden ist. Und zwar werden die so gearteten
Federn, wie Uebergangskleider deutlich zeigen, stets zuerst
an bestimmten Stellen eingesetzt, während im Uebrigen
das Üunenkleid mit seiner feinen Querstreifung noch be-
steht. Man wird versucht, bei diesem Verhalten an einen
theilweisen Rückschlag in ein früheres phylogenetisches
Stadium zu denken, für dessen Erklärung das Nachtleben
der Eulen Anhaltspunkte geben könnet.
Aehnlich wie bei den genannten Eulen ist die Zeich-
nung auch bei anderen beschaffen, wogegen bei wieder
anderen, z. B. bei Athene noctua, welche den Tagraubvö-
geln in der Lebensweise näher steht, Fleckenzeichnung
vorherrscht; bei Otus brachyotus aber ist das rein jugend-
liche Kleid der Längsspritzung bestehen geblieben, ohne
dass die Federn irgend Querstreifung zeigen — nur Un-
terseite des Schwanzes und ein Theil der Flügel sind
quergestreift. Ich kenne die Jungen der Brachyotus im
Dunenkleide nicht, allein ich glaube schliessen zu dürfen,
dass dieselben nicht quergestreift sind, ich glaube somit
die Ansicht vertreten zu können, dass Otus vulgaris und
brachyotus im System nicht zusammengestellt werden soll-
ten , sondern dass sie sehr wenig nahestehende For-
men sind.
Kurz zusammengesfasst ergibt sich für die Raubvögel:
1) dass in der Jugend (abgesehen vom Dunenkleid,
welches in der Regel meist ohne Zeichnung ist) Längs-
zeichnung und braune Grundfarbe vorherrschen;
2) dass sich beide beim Weibchen am längsten erhal-
ten, während neue Eigenschaften zuerst beim Männ-
chen und zwar bei älteren Männchen auftreten;
3) dass als solche neue Eigenschaften erscheinen:
a) Querstreifung;
b) graue, graublaue und dunkel- oder rostbraune,
auch schwarze Farbe,
und zwar, dass die Querzeichnung zuerst, die neue Farbe
später auftritt, endlich, dass beide eine Zeit lang zusam-
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 447
men bestehen können, dass aber zuletzt die Zeichnung ganz
schwindet.
Weiter ist hervorzuheben, dass die Längszeichnung
zuweilen noch den Eindruck einer Längsstrcifung machen
kann (am Halse und am Ko])f öfter sich erhaltend), dass
sie dann in Längsspritzung sich umbildet, dass aus dieser
letzteren grobe, nicht längsgerichtete Flecke hervorge-
hen können, welche endlich zur Querstreifung führen.
Das erste Stadium ist übrigens in der Regel nicht mehr
deutlich.
Wir hätten somit folgende Stufenreihe:
a) hellbraune Färbung mit schwarzer Längszeichnung;
««) Längsstrcifung,
ßß) Längsspritzung,
ß) braune Färbung mit Fleckenzeiohnung, ohne beson-
dere Ausdehnung der Flecken nach irgend welcher
Richtung;
y) graue oder rottbraune Färbung mit Querzeichnung
(event. auch mit Fleckenzeichnung);
ö) dieselbe Färbung ohne Zeichnung.
Immer die nächstfolgende Zeichnung tritt zuerst bei den
kräftigen, älteren Männchen auf; stets machen die Formen
mit den fortgeschrittensten Eigenschaften die vorhergehenden
im Laufe ihrer Entwicklung durch, stets bleiben die Weib-
chen auf einer tieferen, gewöhnlich der nächsttieferen Stufe
stehen.
4) Endlich geben die Abbildungen Belege dafür, dass die
neuen Eigenschaften, dass vorzüglich die Querstrei-
fen im hinteren Theile des Körpers beginnen und
nach vorn vorschreiten, dass sich am Kopf am läng-
sten die jugendliche Zeichnung erhält, ferner, dass
die Oberseite der unteren in der Entwicklung voran-
geht, besonders auch was die Farbe betrifft.
Als auffallende Thatsache mag nun nach Behand-
lung der Raub Vögelzeichnung zunächst hervorgehoben wer-
den, dass sich nicht nur bezüglich der Zeichnung, son-
dern auch bezüglich der Farbe eine eigenthümliche Pa-
rallele zwischen den Mauereidechsen und den Raubvögeln
448 Th. Kimer:
findet: nicht dass die satteren, glänzenderen Farben bei bei-
den zuerst am Männchen auftreten, denn dies gilt ja für
die Thierwelt überhaupt — es ist speciell ein Grau mit blauem
Ton, dann ein Graublau, ja ein ausgesprochenes Blau und
schliesslich sogar ein Schwarz als solche neue Farbe bei
den Raubvögeln wie bei den Mauereidechsen zu verzeich-
nen, welche Farbe hier wie dort zuerst beim Männchen
und zwar bei älteren Männchen als Schmuckfarbe er-
scheint.
Es ist wohl gerechtfertigt, anzunehmen, dass diese
Schmuckfarben der Raubvögel, wie das Wallace für die
Schmuckfarben überhaupt als das Wahrscheinlichste an-
nimmt, gleichfalls Kraftfarben seien und zwar solche, welche
das Männchen zur Zeit der üppigsten Kraftfülle, im kräf-
tigsten Alter entwickelt hat, erhalten konnte, weil gleich-
zeitig seine Vertheidigungs- und Angriffswaffen sich aus-
gebildet hatten und so den Luxus schönerer Farben ge-
statteten, und dass das Männchen diese Farben allmählich
auf das Weibchen und auf die Art übertrug, dies um so
leichter, weil sie zur Zeit der höchsten Kraft und Begat-
tungslust am üppigsten sein mussten.
Andererseits ist vielleicht die Frage zu stellen, ob
nicht gewisse matte Farben, wie lichtes Grau, w^ie es bei
manchen Raubvögeln phylogenetisch in der Entwicklung
begriffen ist oder sich entwickelt hat, auf die Folgen des
Alters der Art zurückzuführen seien, gleichwie das
Alter des Individuums ein Verblassen der Farben zur
Folge hat — dabei ist nicht ausgeschlossen, dass die Wir-
kung der Fortpflanzung alter Männchen, die kräftig und
gechickt sind um jüngere Nebenbuhler zu verdrängen, den
Process beschleunigte oder doch den Einfluss der kräftige-
ren Farben des eigentlichen Hochzeitalters abschwächte.
Ich berühre diese Frage deshalb, weil man ähnliche
Beziehungen in der menschlichen Gesellschaft thatsächlich
antrifft: mau begegnet zuweilen Kindern mit auffallend
altem Gesichtsausdruck und wenn man nachfragt, so wird
man in solchen Fällen in der Regel erfahren, dass ihre
Eltern, oder dass ihr Vater zur Zeit der Zeugung in sehr
hohem Alter stand! Fortgesetzt müsste dieselbe Ursache
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 449
eine schon in der Jugend sehr alt aussehende Menschen-
rasse alhnilhlich hervorhringen.
Uebrigens hat solche hellere Farbe in Verbindung
mit schöner Zeichnung die Wirkung, den Eindruck der
letzteren bedeutend zu erhöhen. Niemand wird daran
zweifeln, dass die Querbinden unserer llaubvögel eine
Zierde sind — geschlechtlich mögen sie hervorragend beim
Männchen auch an der Unterseite der Flügel wirken, wenn
diese, die gewöhnlich verborgen sind, beim Flügelschlag oder
beim majestätischen Flug zur Entfaltung kommen. Anderer-
seits lässt sich nicht läugnen, dass die der Querstreifung
vorangehende grobe Fleckenzeichnung gegenüber der Längs-
spritzung, bezw. Längsstreifung, den Eindruck des Kraft-
vollen macht und so einen besondern Reiz auf das Weib-
chen ausüben mag, und endlich ist die Annahme nicht
ohne Weiteres von der Hand zu weisen, dass diese Zeich-
nung als Wirkung kräftigen Säftezuflusses vielleicht auch
entstanden oder in ihrer Entstehung begünstigt worden sei.
Die Uebertragung dieser Auffassung auf die Eidechsen
würde auch dort eine Erklärung für die Entstehung der
Fleckenzeichnung aus der Längsstreifung, abgesehen von
Anpassung, geben und stimmt vollkommen mit den dort
geschilderten Thatsachen überein. Deckt sich vollends die
Forderung der Anpassung und der geschlechtlichen Zucht-
wahl mit der Wirkung constitutioneller Ursachen, so
würde die Erklärung der Umbildung nichts zu wünschen
übrig lassen.
Der Umstand nun aber, dass, wie gesagt, die Ten-
denz der Umwandlung der Längsstreifung in Flecken-
zeichnung und schliesslich in Querstreifung bei den ver-
schiedensten, nicht unmittelbar verwandten Thiergruppen
in gleicher Weise zu Tage tritt, scheint doch sehr für die
Annahme, dass es allgemeine äussere Verhältnisse seien,
welche Antheil an dieser Umwandlung haben, scheint
speciell für den Einfluss der allmählichen Umänderung
der Vegetation in der berührten Weise zu sprechen —
gleichviel, in welchem Maasse diesem Einfluss durch ge-
schlechtliche Zuchtwahl und durch constitutionelle Wirkung
die Arbeit erleichtert wurde.
450 Th. Eimer:
Am auffallendsten sind die Analogien, welche die
Zeichnung der Säuger zu jener der bisher behandelten
Thiere darbietet. Ich werde diese Frage an einem ande-
ren Orte specieller behandeln und führe an dieser Stelle
nur an, dass die Thatsachen hier nicht nur auf das Deut-
lichste auf ursprünglich weit häufigere Längsstreifung, wie
schon bemerkt wurde, hinweisen, sondern dass da, wo
Fleckenzeichnung vorhanden ist, diese oft genug nachweis-
bar aus der Längsstreifung sich entwickelt hat, ferner,
dass dies ebenso für die Querstreifung gegenüber der
Fleckung gilt — und bekanntlich sind es diese drei Zeich-
nungstypen, welche fast ausschliesslich auch bei Säuge-
thieren vorkommen. Zuletzt schwindet häufig jede Zeich-
nung, dann ist sie indessen in der Jugend oft noch deut-
lich, z. B. bei jungen Löwen, deren Rücken gefleckt ist
und deren Stirne noch eine Anordnung der Flecke in
Längsreihen zeigt!
Ueberhaupt bietet die Familie der Katzen die glän-
zendsten Beweise für das von mir aufgestellte Zeichnungs-
gesetz der Säugethiere dar. Ich werde anderwärts zeigen,
dass man bei den gefleckten derselben in der Anordnung
der Flecken selbst im Alter an gewissen Körperstellen
vielfach noch Spuren ehemaliger Längsstreifung erkennt
und dass diese in der Jugend viel deutlicher sind. Aber
nicht minder glänzende Beweise geben andere Säugethier-
gruppen in entsprechendem Sinne ab. In manchen Fällen
sind die letzten Spuren einer typischen Zeichnung noch
vorhanden bei Thieren, an welchen kaum Jemand, ohne
besonders darauf hingewiesen zu sein, überhaupt Zeich-
nung suchen wird, Fälle, welche zugleich ausserordent-
lich sprechende Belege für die Zähigkeit abgeben, mit
welcher diese sich vererbt. So haben zahlreiche Arten
der Gattung Canis, die Wölfe, Schakale u. a., auch unser
Haushund zuweilen, noch Andeutungen einer Querstreifung,
welche auf die Zeichnung der Hyänen zurückzuführen ist!
Dass das schliessliche Schwinden aller Zeichnung bei die-
sen und bei anderen Säugethieren durch Anpassung zu
erklären sei, lässt sich nicht bezweifeln. Ebensowenig
dürfte daran zu zweifeln sein, dass dasselbe mit der Ent-
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 451
stehung der Fleckenzeicbnnng z. B. von Arten der Gat-
tung Felis der Fall. Ist dem so, so dürfen wir wohl auch
für die Querstreifung nach Anpassung fragen und für das
Baumleben der quergestreiften Katzen wird in der That
die Querstreifiing ganz passend sein. Der Tiger mag
im Geäste und im Schilf Schutz finden, für viele andere
quergestreifte Säugethiere wird gleichfalls Uebereinstim-
mung der Querstreifung mit der Lebensweise thatsächlich
sein — in wieder anderen wird sie ein Ueberrest frühe-
ren Anpassungszustandes, vielleicht auch eine unschädliche
Zierde darstellen, zuweilen wird sie vermuthen lassen, dass
ihre Träger gegenüber ihren Ahnen die Lebensweise ge-
ändert haben — jeder einzelne Fall bedarf selbstverständ-
lich besonderer, sorgfältiger Untersuchung.
Uebrigens zeigt sich, wie schon aus dem Vorstehen-
den zu erschliessen ist, dass überall die Zeichnung für
die Beziehungen der Formen im höchsten Grade wichtig,
dass jeder, auch der unbedeutendste Schattenfleck für die
Stellung seines Trägers im System von grösster Bedeutung
ist, eine Thatsache, welcher man bisher, weil man ihre
Grundlage nicht beachtete, in der Systematik nicht mehr
als etwa instinktiv gelegentlich Rechnung getragen hat.
Zeichnung der Raupen.
In welchem Maasse die Entwicklung der Zeichnung
das biogenetische Gesetz stützt und wie dieselbe systema-
tisch zu verwerthen, hat Weismann durch seine Unter-
suchungen über die Sphingidenraupen gezeigt, zu deren
Resultaten meine Befunde an Eidechsen um so mehr eine
eigenthümliche Parallele bilden, als ich nicht wesentlich
durch Untersuchung der ontogenetischen Zustände, wie
Weismann, sondern vorzüglich durch Vergleichung der
Varietäten des ausgewachsenen Thieres zur Feststellung
einer Gesetzmässigkeit gelangt bin, welche mit den Er-
gebnissen Weismann's hochgradig übereinstimmt, nicht
minder mit schon früher und wiederum kürzlich von Wür-
452 Th. Eimer:
tenberger auf Grund von paläontologischen Untersuchun-
gen an Ammoniten abgeleiteten Sätzen. Hier ist mir zu-
nächst wichtig, darauf hinzuweisen, dass die von Weis-
mann beschriebenen Arten der Zeichnung sich, entsprechend
den von mir für Reptilien, Vögel und Säugethiere festge-
stellten Typen als eine längsgestreifte, eine gefleckte und
eine quergestreifte erweisen, wenn auch nicht mit ganz den-
selben ontogenetischen Beziehungen und nicht mit ganz dem-
selben gegenseitigen Ersatz in der Zeitfolge wie dort. (Bei
Amphibien ist Querstreifung wenig vertreten. Die Zeich-
nung erreicht dort meist nur die Stufe der Fleckung.) Ich
führe Weismann's eigene diesbezügliche Worte an: „Alle
Daten der Entwicklungsgeschichte", sagt er, „laufen darauf
hinaus, dass von den drei, bei Sphingiden vorkommenden
Zeiclmungsformen der Längsstreifung, den Schräg-
strichen und den Flecken, die erstere die älteste ist.
Unter den Arten, welche mit Schrägstrichen oder mit
Flecken geziert sind, finden sich viele, deren Jugendsta-
dien längsgestreift sind, das Umgekehrte aber findet sich
nicht: niemals zeigt die junge Raupe Flecken oder Schräg-
striche, wenn die erwachsene Raupe nur längsgestreift ist.
Die erste und älteste Zeichnung der Sphingiden -Raupe
war also die Längsstreifung, oder genauer der Subdorsal-
streif, zu welchem ein Dorsalstreif und ein Stigmaistreif
noch hinzukommen konnte.^'
Es mag hier nebenbei darauf hingewiesen werden,
dass es auffallenderweise dieselbe Abtheilung des Körpers
durch helle Längslinien ist, wie bei Reptilien, bezw. Amphi-
bien, welche wir bei den Sphingidenraupen wiederfinden:
die Subdorsallinie entspricht der oberen weissen Seitenlinie
(Augenbogenlinie), die Stigmallinie der unteren weissen
Seitenlinie (Oberkieferlinie), die Dorsallinie der ursprüng-
lich bei den Mauereidechsen gleichfalls hellen Mittelzone.
Dagegen würden nach Weismann's Schilderung be-
züglich der Entstehung der Querzeichnung bei den Raupen
Verhältnisse gegeben sein, welche von jenen der Repti-
lien, der Vögel und der Säuger abweichend sind.
„Man kann nicht eigentlich sagen^, bemerkt Weis-
mann, „dass die zweite Form der Zeichnung, die Schräg-
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 453
striche, sich ans der ersten entwickelt hätte/' Beide kom-
men nämlich gleichzeitig nebeneinander vor. Aber die
Thatsachen beweisen, dass sie später in der phyletischen
Entwicklung erschienen sind als die Längsstreifen: „Ein-
mal treten sie in der Ontogenese einiger Arten später auf,
als die Längsstreifen . . . dann verschwinden die Längs-
streifen häufig im Laufe der Ontogenese, während die
Schrägstreifen allein das Feld behaupten. So schwindet
die Subdorsale bei allen einheimischen Smerinthus-Arten
schon sehr früh bis auf geringe Reste; ich suchte aber, oben
zu zeigen, dass neue Charaktere nur im letzten Stadium
hinzugefügt werden und dann, wenn wiederum neue hinzu-
kommen aus dem letzten Stadium verschwinden und auf die
jüngeren zurückrücken. Die Charaktere verschwinden
also aus einem Stadium in derselben Ordnung,
in welcher sie gekommen sind."
Die Uebereinstimmung dieser Thatsachen mit den von
mir für die Eidechsen, bezw. Vögel festgestellten, braucht
nicht besonders hervorgehoben zu werden. In den letzten
Sätzen liegt das Gesetz ausgesprochen, welches ich als
das Gesetz der wellenförmigen Entwicklung be-
zeichnet habe. Es sind die Sätze, welche schon früher
und neuerdings wieder Würtenberger für die Ammoniten
aufgestellt hat ^).
1) Würtenberger: Neuer Beitrag zum zoologischen Be-
weise der Darwin'schen Theorie. Ausland 1873. Nr. 1 u. 2, und:
Studien über die Stammesgeschichte der Ammoniten. Ein zoologischer
Beweis für die Darwin'sche Theorie, Leipzig 1880. Würtenber-
ger findet für die Ammoniten, dass alle Skulpturveränderungen sich
zuerst auf dem letzten (äusseren) Umgang zeigen, und dass dann eine
solche Veränderung bei den nachfolgenden Generationen sich nach
und nach immer weiter gegen den Anfang des spiralen Gehäuses
hin fortschiebt, bis sie den grössten Theil der Windungen be-
herrscht. Dann können wieder neue auf dem nun äussersten Um-
gang entstehen, die vorigen verdrängen u. s. w. D. h. die A'mftio-
niten erhalten erst im vorgeschritteneren Lebensalter, erst wenn sie
den von ihren Eltern ererbten Entwicklungsgang möglichst genau
durchgemacht haben, die Fähigkeit sich nach einer neuen Richtung
hin abzuändern — es kann sich diese Veränderung aber in der Weise
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 30
454 Th. Eimer:
Eine männliche Präponderanz ist bei den Raupen
nicht festzustellen, aber die Präponderanz des Alters
ist hier maassgebend wie bei den Eidechsen und Vögeln —
neue Eigenschaften treten zuletzt hinzu und werden auf
die Nachkommen vererbt. Und wie dort, so treten
auch hier die neuen Eigenschaften in der Regel
am hinteren Theile des Körpers zuerst auf und
breiten sich successive — mit dem ontogenetischen
und phyletischen Alter — nach vorn aus: postero-ante-
triore Entwicklung. Vorn kann die alte Zeichnung
noch vorhanden sein, während hinten die neue herrschend
geworden ist — also wiederum ganz dieselben Verhält-
nisse wie bei den Eidechsen und Vögeln: man vergleiche
vererben, dass sie bei der folgenden Generation immer ein wenig
früher auftritt, bis sie selbst wieder den grössten Theil der Wachs-
thumsperiode charakterisirt. Es geht aus den früher mitgetheilten
Thatsachen hervor, dass dieses „Gesetz der frühzeitigeren Vererbimg",
wie es Würtenberger nennt, ebenso für die Eidechsen gilt. Die
Stadien der „wellenförmigen Entwicklung" illustriren dasselbe auf
das Deutlichste : die am meisten von der längsgestreiften Stammform
in der Ausbildung der Zeichnung entfernten Formen (tigris) behalten
die Längsstreifung nur noch ganz kurze Zeit, bald folgt Fleckenzeich-
nung; die maculatae dagegen behalten die Längsstreifung länger —
und entsprechend verhalten sich alle die verschiedenen Unterstufen
jeder neueren Zeichnung gegenüber der Längsstreifung sowohl als ge-
genseitig : immer die um eine Stufe mehr vorgeschrittene Form ver-
kürzt auf Kosten dieser neuen Stufe die früheren, bis die ältesten
zuletzt aus der Entwicklung schwinden.
Die Alterspräponderanz („Gesetz der Anpassung im reiferen Le-
bensalter", wie es Würtenberger nennt, eine Bezeichnung, welche
jedoch den Theil der Umbildung, welcher auf constitutionellen
Ursachen beruht, ausschliessen würde) erklärt Würtenberger da-
durch, dass der Kampf um's Dasein im reiferen Lebensalter, wo die
Bedürfnisse am grössten waren, wohl auch am stärksten gewesen
sei, wesshalb sich zufällige, nützliche Abänderungen in dieser Pe-
riode am leichtesten befestigt haben mögen.
• Die Uebereinstimmung der paläontologischen, durch die Ammo«
niten uns überlieferten Thatsachen mit denjenigen, welche uns die
lebenden Wesen darbieten, ist im höchsten Grade interessant. Sie
erhebt die ganz allgemein herrschende Gesetzmässigkeit derselben
über allen Zweifel.*
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 455
in dieser Bezielinng z. B. die Abbildung der Raupe von
Smeriutluis ocellata bei Weismann (dessen Fig. 70) !
Die Flecken entstehen bei den Sphingidenraupen entwe-
der aus der Subdorsallinie oder unabhängig von derselben ;
die Fleckenzeichnungen sind auch hier später als die Längs-
streifung entstanden.
Längsstreifung und Schrägstreifung schliessen sich
hier aus*), nicht erstere und Fleckenzeichnung, nicht auch
diese und Schrägstreit'ung. Dies wird dadurch zu erklä-
ren gesucht, dass Längs- und Querstreifung sich in ihrer
Anpassungswirkung beeinträchtigen würden , letztere und
Schrägstreifung nicht , ebensowenig Längsstreifung und
Fleckenzeichnung.
Längsstreifung ist also bei den Sphingidenraupen
stets die primäre Zeichnung, Flecken und Schrägstriche
sind secundär. Die Frage nach dem relativen Alter der
letzteren beiden lasse sich nicht allgemein beantworten. „In
einigen Fällen verschwindet die Schrägstreifung, wenn die
Augenflecke zur vollen Entwicklung gelangen und man
dürfte daraus für diese Fälle schliessen, dass sie auch frü-
her in der Phylogenese aufgetreten ist. Allein es ist sehr
wahrscheinlich, dass Schrägstreifung zu verschiedenen Zei-
ten unabhängig von einander entstanden ißt."
Wir hätten also Verschiedenheiten in den Zeichnungs-
verhältnissen zwischen Sphingidenraupen einerseits und
Eidechsen, Vögeln und Säugethieren andererseits darin,
dass bei ersteren Fleckenzeichnung nicht der Quer- (bezw.
Schräg-) Zeichnung vorangeht und zweitens, dass diese
nicht aus jener entsteht. Aber es muss hervorgehoben
werden, dass Weis mann verschiedentlich eine Punkt-
oder Gitterzeichnung erwähnt, welche sich aus den Längs-
streifen entwickelt „durch Zerlegung derselben in Punkte
oder kleine Felder'' (z. B. S. 59 für die Gattung Pterogon)
und welche zuletzt (bei Oenotherae) völlig selbständig wird."
Ob dieser nicht vielleicht eine grössere Rolle bei der ge-
setzmässigen Umbildung Zeichnung zukommt? Oder ob
1) Abgesehen von wenigen Fällen: Calymnia Panopus, Macro-
glossa Corythus. Diese Fälle werden als Beweis dafür aufgeführt (S. 126),
dass beide Zeichnungen nicht aus einander entstanden sein können.
456 Th. Eimer:
nicht da, wo Schrägzeichnung auf Längszeichnung unmit-
telbar folgt, das Zwischenstadium der Fleckenzeichnung
verloren gegangen ist? Die complicirten Zeichnungen,
welche eben bei Sphingidenraupen auftreten, möchten an-
deuten, dass überhaupt hier weniger als anderwärts ele-
mentare Verhältnisse zu erwarten sein werden. Dagegen
mache ich auf die elementaren Zeichnungen aufmerksam,
welche andere Raupen, z. B. die der Eulen, dann die der
Spanner, weniger, aber immer noch mehr als jene der Sphin-
giden, die der Spinner darbieten. Ein Blick auf irgenwelche
gute Abbildungen zeigt, dass Längsstreifung, Fleckenzeich-
nung und Querstreifung überall die drei typischen Zeich-
nungsarten auch hier sind. Dabei erhalten die Eulen im
Allgemeinen den primitivsten Zustand, indem ihre Raupen
vorwiegend längsgestreift sind. Die Fleckenzeichnung
der genannten Raupen ist nun auch eine einfachere als
jene der Sphingiden. Bei letzteren deutet besonders die
Bildung der complicirten Augenflecke auf sehr vorgeschrit-
tenen Zustand hin ^).
Es dürfte somit wohl erst die genaue Untersuchung
der Ausbildung der Zeichnung bei solchen Raupen, welche
noch primitivere Verhältnisse aufweisen, zeigen, wie weit
die hier stattfindenden Umbildungen gegenüber den von
mir behandelten Thiergruppen Analogien darbieten.
Nebenbei will ich nicht versäumen, darauf hinzuwei-
sen, dass gerade bei den Eulen der Schmetterling eine
Querstreifung als Zeichnung führt, dass somit gerade hier
wiederum die Längsstreifung im Lauf der Entwicklung in
eine Querstreifung umgewandelt worden ist. Dasselbe gilt
für viele andere Schmetterlinge, und häufig ist bei diesen
auch deutlich die Tendenz der Umbildung der Flecken-
zeichnung in Querstreifung zu beobachten.
1) Zu solcher Annahme würde stimmen, dass z. B. bei Eu-
phorbiae „nach der ersten Häutung plötzlich und unvermittelt
eine schon sehr complicirte Zeichnung auftritt" (Weismann S. 25),
während allerdings im Allgemeinen für die Sphingidenraupen ebenso
wie für die Eidechsen das Gesetz gilt, dass die einfachsten Zeich-
nungen zuerst auftreten und allmählich in complicirtere übergehen.
ünterauchungen über das Variiren der Mauereidechse. 457
Wenn man annimmt, dass die Herrschaft der drei Zeich-
nungstypen mit auf Anpassung- an äussere Verhältnisse, an
Wechsel der Vegetation in der von mir hervorgehobenen Weise
zu beziehen sei, so wird man es autfallend finden, dass
ich eine analoge Art der Umbildung derselben bei so ganz
verschiedenen Thiergruppen überhaupt suche. Es läge
doch näher anzunehmen, dass bei diesen verschiedenen
Gruppen ähnliche Zeichnungen auf ganz verschiedenen We-
gen entstanden sind, wie dies in der That sogar für die
verschiedenen Genera der Sphingiden von We i s m a n n an-
genommen oder bewiesen ist. Wenn ich solche Analogie
wenigstens als Regel und in groben Zügen suche, so bin
ich dazu veranlasst dadurch, dass dieselbe nicht nur zwi-
schen Vögeln und Reptilien besteht, wo noch unmittelbare
genealogische Beziehungen als massgebend in die Wag-
schale fallen könnten, sondern dass dasselbe für diese
Thiere einerseits und für die Säuger andererseits gilt.
Ganz wie bei den Eidechsen und bei den Raubvögeln,
wird auch bei den Säugethieren die Längsstreifung in die
Fleckenzeichnung und diese in die Querstreifung unmit-
telbar umgewandelt!
Diese Analogien lassen sich vielleicht durch die An-
nahme verständlich machen, dass die Natur überall vor-
handene einfachste Mittel zur Herstellung nützlicher Ein-
richtungen benutzen wird.
Mögen sich aber die drei Zeichnungstypen im einzel-
nen Fall bilden wie sie wollen: es bleibt eine höchst
bemerkenswerthe Thatsache, dass sie bei so verschiede-
nen Thiergruppen in gleicher Weise typisch sind und es
sprechen auch die Zeichnungen der Raupen wohl eher
dafür als dagegen, dass in der That in der hervorgeho-
benen Weise der Wechsel der Vegetation dabei seinen
Anpassungszwang geltend gemacht hat.
Weis mann führt nicht auf diesen Wechsel, wohl
aber auf vollkommene Anpassung an den Aufenthalt an
Pflanzen während des jetzigen individuellen Lebens, theil-
weise auf Wechsel des Wohnorts während dieses Lebens,
alle verschiedenen Typen der Raupenzeichnung zurück,
kommt übrigens der von mir in den Vordergrund gesteil-
458 Th. Eimer:
ten Auffassung sehr nahe, wenn er die Frage aufwirft:
dürfte nicht vielleicht — wenn gefragt wird, warum zu-
erst die Längsstreifung und später erst die Schrägstrei-
fung bei den Sphingidenraupen sich ausbildete — auch
daran gedacht werden, dass die ältesten Sphingiden vor-
wiegend auf niedrigen Pflanzen, zwischen Gräsern lebten
und erst im Laufe der Zeit allmählich auf Sträucher und
Bäume übersiedelten?" Die Bejahung dieser Frage,
welche, entsprechend meiner Annahme, die Vererbung
als wesentlichste Ursache des Auftretens der Längsstrei-
fung der jungen Thiere betont, lässt strenge Anpassung
aller, auch der Jugendstadien an die jetzigen Verhältnisse
der Vegetation nicht als nothwendiges Postulat hinstellen.
Auch Weismann erkennt in der That die wesentlichste
Ursache der jugendlichen Längsstreifung in der Vererbung,
sucht aber ausserdem der Anpassung möglichst hohe Be-
deutung einzuräumen.
„Schon der erste Anfang einer Streifung", sagt er
zur Erklärung der Längsstreifung als Anpassungserschei-
nung, „muss nützlich gewesen sein, denn er zerlegte für
das Auge des Beschauers bereits die grosse, auffällige
Fläche des Raupenkörpers in mehrere Stücke und machte
sie dadurch weniger auffallend".
„So ist auch nicht schwer einzusehen, wie eine ganze
Gruppe von Gattungen sich mit dieser niedrigen Stufe der
Zeichnung bis heute behelfen konnte. Färbung und
Zeichnung sind ja nicht das einzige Schutz- und Trutzmit-
tel dieser Thiere, und gerade die Raupen der so einfach
gezeichneten Macroglossini besitzen z. B. die schützende
Gewohnheit nur bei Nacht zu fressen, bei Tage aber sich
zu verbergen. Uebrigens kann unter gewissen Lebensbe-
dingungen die Längsstreifung auch für die Sphingiden-
Raupe ein besserer Schutz sein, als irgend eine andere
Zeichnung, und alle die Arten, bei denen sie heute noch
die bleibende Zeichnung ist, leben entweder zwi-
schen Gräsern oder an Coniferen." Weiterhin:
„Auch heute noch, leben die meisten Sphingiden-Raupen
auf niedern Pflanzen, wenige und meist nur die Angehö-
rigen ganzer Gattungen auf Bäumen."
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 469
Die Schrägstreifung wird durch Anpassung an ge-
rippte Blätter, die Ring- bezw. Augenfleckenzeichnuug als
Nachahmung von Theileu der Nahrungspflanzen (Beeren:
Hippophaes) oder als Schreckmittel oder als Widrigkeits-
zeichen aufgefasst. „Die unregelmässige Gitterzeichnung
ahmt das Gewirr von Lichtern und Schatten, Streifen und
Flecken nach, welches unter niedrigem Pflanzen wuchs zwi-
schen Stengeln, trockenen und dürren Blättern am Boden
entsteht — sie bildet sich übrigens eventuell aus der
Schrägstreifung."
Das über die Lebensweise der in den verschiedenen
typischen Arten gezeichneten Sphingidenraupen Mitge-
theilte stimmt überein mit dem, was in Bezug auf die
Mauereidechsen bis jetzt bekannt oder wahrscheinlich ist.
Die Thatsache aber, dass die jungen und weiblichen Ei-
dechsen u. s. w. heute noch längsgestreift sind, lässt sich
wohl nicht auf Anpassung zurückführen, wenn man dies
bei der Zeichnung der Alten thun will, und so möchte be-
züglich dieser Zeichnung vielleicht auch für die Raupen
bei dem Versuch der Erklärung mehr die Vererbung als
absolute Anpassung in den Vordergrund gestellt werden —
da ja, wie Weis mann hervorhebt, die Raupen auch an-
dere Schutz- und Trutzmittel als Färbung und Zeichnung
haben \). Indessen muss bezüglich der Anpassungsfrage
1) Dass in der That auch die Sphingidenraupen nicht in allen
Lebensstadien äusseren Verhältnissen angepasst sind, beweisen z. B.
die Nachrichten, welche Weis mann über die Entwickkmg von Deile-
phila Euphorbiae gibt S. 25 : „Die jungen Räupchen messen unmit-
telbar nach dem Ausschlüpfen 4 mm, sind zuerst etwas heller, wer-
den aber schon nach einer Stunde für das blosse Auge tief sammt-
schwarz ; später, bei zunehmender Grösse, erblassen sie wieder,
werden grünlich schwarz und später schwärzlich grün .... wenn
die Räupchen die Länge von 7 mm erreicht haben, sind sie oliven-
grün und stechen dann nicht mehr so grell ab von dem Grün der
Euphorbia-Blätter wie vorher." Die spätere auffallende Zeichnung
der Raupen, für welche der Anpassung günstige Anhaltspunkte nicht
aufgefunden werden können, wird allerdings als Widrigkeitszeichen
aufgefasst ; so könnte man auch die ursprünglich schwarze Farbe der
jungen Räupchen als Trutzfarbe auffassen — allein dann kann man
die spätere grüne Farbe derselben doch nicht als Anpassung ansehen.
460 Th. Eimer:
jeweils dem Urtheil Desjenigen der Vorrang bei einer be-
stimmten Thiergrupe gelassen werden, welcher dieselbe
darauf vorzüglich studirt hat — denn ich weiss wohl, wie
sehr Der, welcher das Leben der Thiere in der freien Natur
beobachtet und wie häufig er durch Anpassungen über-
rascht wird, welche bei Betrachtung derselben im Insek-
tenschrank oder in der Sammlung überhaupt undenkbar
oder unglaublich erscheinen.
Die Fleckenzeichnungen aber, welche Weismann
behandelt , sind meist sehr hochentwickelte Bildungen,
die vielleicht doch, wie ich schon andeutete, aus früheren,
verloren gegangenen, einfacheren Fleckenzeichnungen ent-
standen sein könnten, wie sie zahlreiche andere Raupen
(z. B. viele der Eulen u. s. w.) besitzen, wie sie übrigens
auch unter den Sphingiden (Nicaea und Euphorbiae) vor-
kommen.
Ob also bei Raupen eine jener der übrigen be-
handelten Thiere analoge Umwandlung der Zeichnung
stattfinde, würde weiterer Untersuchung bedürfen — ich
habe die Frage nur aus den angegebenen Gründen angeregt.
Auch ist zu betonen, dass bei so kleinen, auf Anpassung
an die unmittelbare Unterlage, die sie bewohnen, ange-
wiesenen Thieren immerhin andere Anpassungsanforderun-
gen in erster Linie als wirksam gedacht werden können,
als sie den grösseren Reptilien, Vögeln, Säugern, wo den
Schatten bedeutender Schutz zugeschrieben werden darf,
gemeinsam sind — so dass es nicht wunderbar sein würde,
wenn die ersteren den für letztere geltenden allgemeinen
Regeln sich entzögen. Diese Frage tritt aber überhaupt in
ihrer Bedeutung völlig in den Hintergrund angesichts der
Uebereinstimmng, in welcher die Ergebnisse meiner Un-
tersuchungen gegenüber jenen Weismann's sich befinden:
diese Uebereinstimmung erlaubt nun auch die Erklärung
zu versuchen für einige der aufgestellten Gesetze, für welche
ein solcher Versuch bis jetzt nicht überall unternommen
worden ist.
üntersuchunefen über das Variiren der Mauereidechse. 4G1
Eutwickluiigspräpoiuleraiiz des Alters und des Mäuuclieus.
Postero-auteriore Entwicklung,
DiePräponderanz desAlters erklärt sich zunächst
dadurch, dass diejenigen Individuen, welche am meisten der
Umgebung angepasst sind, in der Regel auch die ältesten
werden, und dass sie am meisten Zeit haben, ihre Eigen-
schaften fortzupflanzen. Für die Raupen bemerkt Weis-
mann in dieser Beziehung: dass die neuen Charaktere
zuerst im letzten Stadium der Entwicklung auftreten müs-
sen, erkläre sich hier durch die Grösse des Thieres und
durch die längere Dauer des letzten Stadiums: die Raupe
werde ihrer Grösse halber im letzten Stadium viel leich-
ter gesehen und sei längere Zeit der Gefahr ausgesetzt,
von Feinden entdeckt zu werden, daher lasse es sich
wohl begreifen, dass vor allem Anpassung der erwach-
senen Raupe die nothwendige Folge einer Aenderung
der Lebensbedingungen derselben (z. B. die Uebersiedelung
auf eine neue Futterpflanze) sein müsste.
Ich glaube nun aber noch einen anderen Gesichts-
punkt als hervorragend massgebend zur Erklärung beizie-
hen zu dürfen: eben weil die mit der neuen Zeichnung
versehenen Individuen am längsten leben, bezw. die neue
Zeichnung am längsten tragen, wird diese auch dem Or-
ganismus am festesten gewissermassen eingeimpft und
wird desshalb auch vorzüglich gerne auf die Nachkom-
men übergetragen werden. Je länger sie also von dem
betreffenden Individuum schon getragen worden ist, um
so nachdrücklicher wird sie sich aus constitutionellen
Ursachen vererben, und da sie um so länger getragen
wird, je nützlicher sie ist, so wird sie sich um so leichter
vererben, je nützlicher sie ist, d. h. es ist die conservative,
mit auf constitutionellen Ursachen beruhende An-
passung, welcher für die Frage eine bedeutende Rolle zu-
geschrieben werden muss und die selbst auch durch die
Beispiele Weis mann 's in sehr schöner Weise illustrirt wird.
462 Th. Eimer:
Die männnliche Präpon deranz Hesse sich aus
ähnlichen Gründen, speciell dadurch erklären^ dass die ag-
gressiveren Männchen, so lange nicht andere Schutz- oder
Trutzeigenschaften bei ihnen ausgebildet sind, zuerst in
der Zeichnung sich anpassen werden, dass eben diese ag-
gressiveren zugleich die kräftigeren sind, welche wiederum
ihre Eigenschaften am meisten übertragen und vermehren.
Ebenso Hesse sich die postero-anteriore Ent-
wicklung durch Anpassung verstehen : der vom Kopf
am meisten entfernte Körpertheil wird am meisten anpas-
sungsbedürftig sein, da er am wenigsten anderweitig, durch
die Sinnesorgane, geschützt und da er besonders dadurch
im Nachtheil ist, dass er zuletzt der Verfolgung durch den
Feind sich entzieht. In der Nähe des Kopfes dagegen,
ebenso wie an der Unterseite der Thiere gegenüber der
Oberseite, kann sich eine veraltete, nicht mehr brauchbare
Zeichnung am längsten erhalten.
Nach Weismann's Beobachtungen kommt es, wie
oben bemerkt, vor, dass bei Raupen die Umänderung der
Zeichnung nicht von hinten nach vorn, sondern von vorn
nach hinten fortschreitet, dass also die neuerworbene Zeich-
nung zuerst vorn auftritt. Dies gilt aber für einen Fall,
in welchem die neue Zeichnung Augen vortäuscht, die
fürchten machen sollen und die nach Zurückziehen des
Kopfes an das nun scheinbar vordere Ende des Körpers
zu stehen kommen (Chaerocampa Elpenor) — oder es
handelt sich um verwandte Formen, deren Erklärung in
den genetischen Beziehungen zum Träger jener zweck-
mässigen Einrichtung gesucht werden muss.
Auch in anderen Fällen, in welchen die Entwicklung
in dieser Weise von vorn nach hinten geht, möchten sieh
entsprechende Erklärungen finden lassen, welche der An-
nahme günstig sind, dass Schutzbedürfniss, sei es am einen
oder am andern Körperende, die Veranlassung zur Ausbil-
dung der neuen Eigenschaft gegeben hat.
Warum aber rückt diese Eigenschaft in regelmässigen
Abständen — symmetrisch — nach vorwärts, bezw. nach
rückwärts am Körper, um sich allmälig gleichmässig über
denselben zu verbreiten? Diese Frage, deren Beantwor-
Untersuchuugen über das Variiren der Mauereidechse. 463
tung die wellenförmige Entwicklung erst dem Ver-
ständuiss näher bringen würde, führt uns wiederum auf
die Bedeutuug coustitutioneller Ursachen für die Umbil-
dung der Zeichnung zurück. Vorher möchte ich nur noch
erwähnen, dass die stufenweise Entwicklung, die
Thatsache, dass nur wenige ganz bestimmte Typen der
Zeichnung existiren, auf deren jeder ein Thier im Laufe
seiner Stammesentwicklung eine Zeit lang stehen bleibt,
späterhin noch nähere Erörterung finden wird.
IVelleuförmige Entwicklnng (Undulationsgesetz), Allgemeine
Betrachtung-en über die Bedeutniig constitntioneller Ursachen,
Es wurde im Vorstehenden geschlossen, dass sich
zwar wohl die Endresultate der Zeichnungsumänderung im
Groben und Ganzen als durch Anpassungsnöthigung mit-
bestimmt erklären lassen, wogegen die Thatsache, dass
diese Umbildung innerhalb weiter Grenzen, selbst bei ver-
schiedenen Gattungen, ja bei verschiedenen Typen (Rep-
tilien, Amphibien), überall auf ganz dieselbe W^eise, bei
den näher verwandten Formen auch im Kleinsten durch-
aus gleichartig geschehe, nur auf constitutionelle Ursachen
zurückgeführt werden könne. Zum Verständniss der Wir-
kung dieser wurde auf eine bestimmte Vertheilung der
Ernährungsgebiete hingewiesen, welche unmittelbar und
durch die gegenseitigen, wie durch andere correlative Be-
ziehungen für das Einhalten bestimmter Richtungen der Um-
änderung ebenso maassgebend sein dürften, wie sie zur Er-
klärung auch der Symmetrie herbeigezogen werden müssen.
Bei der Umwandlung der Längsstreifung der Eidechsen
in Fleckung und Querstreifung handelt es sich um eine in
seitlicher Richtung vor sich gehende Umbildung. Hier
scheint jener Erklärungsversuch weniger deutliche Stützen
zu haben, als bei einer Umbildung von vorn nach hinten
oder umgekehrt, weil im letzteren Falle bei den behan-
delten Thieren die metamerische Gliederung des Körpers
bessere Anhaltspunkte für das Verständniss gibt. Am ein-
464 Th. Eimer:
faclisten erscheint die Verbreitung einer Zeichnung in der
Längsrichtung des Körpers bei Thieren verständlich, welche
jene Gliederung auch äusserlich darbieten. Hier finden
wir zunächst nichts Auffallendes in der Thatsache, dass
jedes Segment die Eigenschaften der übrigen zeigt, denn
ein solcher Körper, z. B. eben der der Raupen, ist ja bis
zu einem gewissen Grade als eine Kolonie von gleich-
werthigen Theilen, den Segmenten, zu betrachten. Hier
kann es nicht auffallen, wenn eine neue Eigenschaft von
einem Segment sich auf das nächstfolgende und successive
symmetrisch weiter auf die übrigen verbreitet — eben aus
constitutionelleu, bezw» correlativen Ursachen — wie dies
Weis mann thatsächlich auch für seine Raupen annimmt.
Was bei solchen mehr oder weniger homonom gegliederten
Thieren uns einleuchtend erscheint, darf nun wohl auch
auf die metamerisch gegliederten höheren Formen zur
Erklärung der in der Längsaxe fortschreitenden symmetri-
schen Umänderung der Zeichnung angewendet werden und
mag zuletzt auch als Handhabe zum Verständniss einer
lateral gerichteten Umbildung dienen, indem wir die That-
sache zu Hülfe nehmen, dass das Bestreben des bilateralen
Organismus, Rechts und Links gleich zu gestalten, sich
überall gerne auch in der Erzeugung bilateral symmetri-
scher Zeichnung ausspricht — ich sage als Handhabe zum
Verständniss, denn ich weiss wohl, dass wir bis jetzt nicht
im Stande sind, die feinen morphologischen und die phy-
siologischen Ursachen der Gestaltung hier zur Demonstration
zu bringen.
Würtenberger nahm es, sagt Weismann, „ohne
nähere Begründung gewissermassen als selbstverständlich
an, dass das Zurückrücken der Charaktere in frühere Sta-
dien der Ontogenese auf Naturzüchtung beruhe, dass somit
die treibende Kraft, welche das Zurückrücken bewirkt,
dieselbe sei, welche nach seiner Ansicht den betreffenden
Charakter zuerst im letzten Stadium hervorgerufen hat.''
Die Entwicklung der Raupen scheint, fährt er fort, da-
gegen Thatsachen zu zeigen, welche beweisen, „dass
ein solches Zurückrücken der Charaktere bis zu einem
gewissen Grade unabhängig ist vom Nützlichkeitsprincip,
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 465
dass es daher auf eine andere Ursache zurückgeführt wer-
den muss, auf die Bildungsgesetze, welche innerhalb eines
jeden Organismus walten. Demnach ist bei segmentirten
Thieren die Neigung vorhanden, die gleichen Cha-
raktere auf allen Segmenten zu wiederholen. (Cor-
relation, Darwin)^ ^).
Ich hebe diese mit der meinigen übereinstinimendo
Auffiissung Weismaun's zum Zweck späterer Verwerthung
hier hervor.
Zugleich finde ich Veranlassung zu betonen, dass das
Gesetz der wellenförmigen ICntwicklung — kurz : U n d u-
lationsgesetz zu nennen — nicht zusammenfällt mit
dem biogenetischen Gesetz, indem das erstere die That-
sache behandelt, dass während des individuellen Lebens
des Thieres von diesem bezw. von der Art im Lauf der
Zeiten, neue Eigenschaften erworben werden, und dass
diese neuen Eigenschaften in bestimmter Richtung
über den Thierkörper hinziehen, so zwar, dass sie
denselben eine Zeit lang beherrschen, um dann
wieder vor neuen zu weichen. Jede Eigenschaft er-
reicht somit einmal den Höhepunkt ihrer Herrschaft, um
dann wieder zu schwinden, wie sie auch von bescheidenen
Anfängen aus entstanden war. So läuft eine Eigenschaft
um die andere gleich aufeinanderfolgenden Wellen über
den Thierkörper hin, ebenso im Lauf der Ontogenie über
das Individuum, wie im Lauf der Phylogenie über die
Art. Das biogenetische Gesetz betont nur diese Ueber-
einstimmung der ontogenetischen Entwicklung mit der
phylogenetischen, nichts weiter. Das Undulationsge-
setz schliesst das biogenetische ein; es begreift nicht wie
1) Für die Thatsache aber, dass diese neuen Charaktere auf
die jugendlichen Stadien zurückrücken, selbst dann, wenn sie diesen
nicht nützlich sind, scheint mir in dem Satze Weism an n's : „Ver-
änderungen, welche in späteren Stadien der Ontogenese entstanden
sind, haben die Tendenz, sich im Laufe der phyletischen Entwick-
lung nach rückwärts auf die jüngeren Stadien zu übertragen", das
erklärende Wort nicht ausgesprochen — es ist dies doch wohl
Vererbung.
466 Th. Eimer:
dieses allein die auf Vererbung beruhenden Thatsachen in
sichj sondern zugleich solche, welche auf constitutionelle
Ursachen zurückzuführen sind, nämlich die Ausbildung
neuer Eigenschaften am Körper überhaupt und die Ver-
breitung derselben über diesen in bestimmter Richtung.
Auch in Bezug auf weitere Fragen finden sich Be-
ziehungen zwischen den durch Weismann berührten That-
sachen und meinen Befunden, nicht minder den schon in
meiner Abhandlung über Lacerta muralis coerulea ausge-
sprochenen, wie den vorliegenden.
Dass eine und dieselbe Art gleichzeitig auf zwei ver-
schiedenen Wohngebieten auf zwei verschiedenen phyleti-
schen Stadien angelangt sein kann, wäre nach Weismann
bewiesen, wenn die Abbildung Horsfield's von Chaero-
campa Celerio aus Indien wirklich eine Celerio darstellt.
Dieselbe besitzt Augenflecke auf allen Segmenten vom vier-
ten bis zehnten, die europäische hat nur auf Segment 4
und 5 Augenflecke. — Schon in „Lacerta muralis coerulea"
habe ich erwähnt, dass in den verschiedensten Gebieten
stets dielben Varietäten der Mauereidechse auftreten, und
meine neueren Beobachtungen zeigen deutlich, dass die
Verschiedenheiten der Zeichnung im Wesentlichen auf ver-
schiedene Stufen der Entwicklung zurückzuführen sind, auf
welche die Art an einzelnen, getrennten Oertlichkeiten
gelangt ist, so dass der von Weis mann gesuchte Beweis
für die Eidechsen zweifellos geführt ist. — Die Wichtig-
keit dieser Thatsache aber wird sich aus Späterem ergeben.
„Die Thatsache, dass die Mauereidechse in den ent-
ferntesten Gegenden Italiens, trotz anderweitiger Verschie-
denheiten, in Beziehung auf Farbe und Zeichnung wesentlich
in denselben Varietäten auftritt", hatte ich schon damals
zum Beweis dafür, dass das Variiren nur nach ganz be-
stimmten Richtungen hin stattfi'nde, verwerthet, entsprechend
der zuerst von Nägeli^) bestimmt ausgesprochenen Ansicht.
„Während Darwin", sagte ich, „das Variiren regellos nach
1) Nägeli, Entstehung und Begriff der naturhistorischen Art.
München 1865.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechsc. 467
allen Richtungen geschehen lässt, vertritt Nägeli bekannt-
lich die Ansicht, dass es in jedem Organismus nur nach
einer oder wenigen, durch dessen chemische und physika-
lische Zusammensetzung bedingten Richtungen stattfinden
könne. Es scheint mir dieser Satz, zu dessen Gunsten
neuerdings Askenasy^) zahlreiche Belege aus dem Pflan-
zenreiche vorgeführt hat, und der unter den Zoologen auch
von Weismann-) vertreten wird, nicht minder nothwendig
richtig zu sein, wie die Thatsache, dass bestimmte chemi-
sche Elemente nur bestimmte Verbindungen eingehen und
dass diese Verbindungen charakteristische Eigenschaften
zeigen". Weiterhin sprach ich aus, dass eine Abände-
rung (Varietät) nichts anderes sein könne, „als das noth-
wendige Krystallisationsprodukt aus einer veränderten Zu-
sammensetzung des Organismus. Dasselbe nothwendige
Krystallisationsprodukt aus einer Mischung gegebenen Ma-
terials stellt die neue Rasse dar, welche wir durch Kreuzung
verschiedener Eltern erzeugen. Und ganz in derselben
Weise müssen alle sogenannten correlativen Eigenschaften
erklärt werden."
Ferner, und im Zusammenhang mit solcher Auffassung,
betonte ich die Bedeutung indifferenter Eigenschaften ge-
genüber dem alten Darwin'schen Satz, dass jede Eigen-
schaft eines Organismus demselben jetzt nützlich sein oder
früher einmal nützlich gewesen sein müsse -und fasste die
Beziehungen der Entwicklung aus inneren Ursachen gegen-
über dem Nützlichkeitsprincip in folgende Sätze zusammen :
„Es werden
1. aus inneren Ursachen Organisationsverhältnisse
entstehen, gleichsam auskrystallisiren können, welche dem
1) Askenasy, Beiträge zur Kritik der Darwin'schen Lehre.
Leipzig 1872. Hier ist auch gezeigt, inwieweit bei Darwin schon
von vornherein die Annahme regellosen Variirens eingeschränkt war
(Correlation) und inwieweit er späterhin ein Variiren nach bestimm-
ter Richtung anerkennt.
2) Weismann, lieber die Berechtigung der Darwin'schen
Theorie. Leipzig 1868, S. 27. Diese Bemerkung psfsst insofern nicht
genau, als Weis mann wenigstens jetzt zwar bestimmte, aber sehr
viele Variationsrichtungen annimmt ; indessen ist unsere Differenz
doch wohl nur eine scheinbare (vergl. später).
468 Th. Eimer:
Organismus ebenso nützlich sind, als wenn sie durch den
Kampf um's Dasein entstanden wären. In diesem Falle
werden die Anforderungen des Nützlichkeitsprincips zu-
fällig von dem Produkte der Entwicklung aus inneren
Ursachen erfüllt und dessen Bedeutung bleibt daher unge-
schmälert.
2. Es können aus inneren Ursachen für das Fort-
kommen des Organismus indifferente und
3. sogar schädliche Eigenschaften entstehen
Mit schädlichen Eigenschaften behaftete Organismen wer-
den sich aber nur dann erhalten und werden nur dann ihre
Eigenthümlichkeiten durch Generationen vererben können,
wenn jene im Vergleich zu den ihnen eigenen nützlichen
nicht in Betracht kommen oder sofern sie in Correla-
tion stehen mit anderen, die nützlicher sind als
sie selbst schädlich*'*).
Die Bedeutung der Constitution des Körpers für die
Richtung des Variirens erscheint als selbstverständlich.
Vielleicht gerade desshalb aber wurde sie, um mit Weis-
mann zu reden, bis dahin vernachlässigt. Ich hatte zu-
erst an der Variation eines Thieres in meiner ersten
Eidechsenarbeit einen thatsächlichen Beweis für jene Be-
deutung zu liefern gesucht. Es folgten die Thatsachen,
welche in Weismann's Untersuchungen über die Zeich-
nung der Sphingidenraupen zu seinen Gunsten enthalten
sind, und neuestens hat Wallace in seiner ;,Tropenwelt"
denselben Standpunkt vorzüglich hervorgekehrt. Im üebri-
gen muss er auf zoologischem Gebiete auch heute als sehr
vernachlässigt bezeichnet werden; und doch ist klar, dass
wir nur auf seinem Boden zu den Fragestellungen gelangen,
welche uns zu der Erkenntniss der letzten Ursachen der
Formumbildung und der definitiven Formgestaltung führen
können. Man hat sich, wie mir scheint, zu sehr gewöhnt,
überall nur nach dem unmittelbaren Nutzen irgend einer
Eigenschaft, überall ausschliesslich nach Anpassung zu
fragen, statt von vornherein der Entwicklung aus consti-
tutionellen Ursachen ebenbürtige Rechte, ja das erste Recht
1) „Lacerta muralis coerulea". S. 42 und 43.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 469
einzuräumen. Gerade Diejenigen, welche die Annahme eines
unmittelbaren Zusammenhanges zwischen unorganischer und
organischer Welt am lebhaftesten vertreten, äussern sich viel-
fach so, als ob das Nützlichkeitsprincip allein die letztere
regiere — und doch würde dies nichts anderes heissen,
als dass ein priucipieller Gegensatz zwischen beiden be-
stehe, und doch ist thatsächlich der Nutzen, die Concurrenz
nichts als der Regulator der constitutionelleu Veränderun-
gen der Organismen und selbst dies nur in einem gewissen
Grade, indem eine grosse Anzahl von Formbildungen augen-
scheinlich gar nicht in den Bereich dieser Concurrenz fällt,
vom Nützlichkeitsprincip gar nicht unmittelbar berührt sich
gestaltet hat.
Allerdings ist es, wie schon Darwin hervorhebt, für
uns oft schwer oder unmöglich zu entscheiden, ob eine
Eigenschaft ihrem Träger von Nutzen sei oder nicht, denn
oft beruht dieser Nutzen auf sehr mittelbaren Beziehungen,
nicht zu reden von Eigenschaften, welche, weil sie corre-
lativ mit nützlichen entstehen oder von solchen, welche auf
nothwendigen molekularen Bau- und Compositionsverhält-
nissen, etwa auf feinster, Festigkeit, Elasticität etc. bedin-
gender Mechanik beruhen. In letzter Linie ist ja über-
haupt alles Bestehende irgendwie in seiner Gestaltung be-
einflusst von der Aussenwelt, mit anderen Worten, in letzter
Linie steht jedes Bestehende in Beziehung zu allem übrigen
Bestehenden. In diesem Sinne muss schliesslich auch alles
Bestehende zweckmässig sein — und in diesem Sinne
hat der Darwin'sche Satz, dass jede an einem Organis-
mus auftretende Eigenschaft demselben jetzt nützlich sein
oder einmal nützlich gewesen sein müsse, Berechtigung —
aber auch nur in diesem.
Die Kenntniss aller dieser mittelbaren, der letzten Be-
ziehungen des Seienden würde nichts anderes heissen als
die Kenntniss der Mechanik des Weltganzen. Das Dar-
win'sche Nützlichkeitsprincip aber hat es eben damit nicht,
sondern nur mit den unmittelbaren Beziehungen der Or-
ganismen sowohl unter sich als zur übrigen Aussenwelt zu
thun und zwar stützt es sich auf das Wandelbare dieser
Beziehungen. Dass es aus diesem Wandelbaren, Unbe-
Arch. f. Naturg. XXXXVU. Jahrg. 1. Bd. 31
470 Th. Eimer:
stimmten die ganze Fülle der Formgestaltungen fast durch-
aus erklären will, dies gerade erscheint als seine angreif-
bare Seite. Wenn anders auf der Bahn der Erkenntniss
über die Darwin 'sehe Anpassungskunde hinaus, selbst
wenn in dieser reell fortgeschritten werden soll, so scheint
es nöthig, von Fall zu Fall zu fragen, inwieweit die Eigen-
schaften der Organismen etwa als unbeeinflusst von jenen
wandelbaren, unmittelbaren Beziehungen, also als „indiffe-
rent", inwieweit sie etwa nachweisbar als die Wirkung
constitutioneller Ursachen, d. i. feststehender physikalisch-
chemischer Bedingungen sich darstellen. Da scheint mir
denn eine Fülle von Thatsachen vorzuliegen, welche die
Wirkung constitutioneller Ursachen, welche die Bedeutung
indifferenter Eigenschaften bei der Formgestaltung erweisen.
Warum haben die aus den Zellen einer Spongie heraus-
krystallisirenden Kalk- oder Kieselkörperchen, warum haben
die Kalkkörperchen der Korallenstöcke, warum die Kalk-
körperchen der Holothurienhaut gerade diese oder jene
zierliche und keine andere Form? — doch wohl aus denselben
Gründen, aus welchen ein Krystall seine bestimmte Form
hat und nicht aus Gründen der Nützlichkeit. Warum die
zierliche Form der Radiolarien-, warum die zierlichen Skulp-
turen, Zeichnungen und Farben der Schneckengehäuse, welche
letzteren noch dazu meist zeitlebens von Schlamm oder
Schmutz bedeckt sind und tieren Zeichnungs- und Farben-
zierden sogar oft erst nach dem Poliren hervortreten?
Warum die schwarze Färbung des Bauchfells mancher
Wirbelthiere ? Warum die so manchfaltigen, fein ausge-
arbeiteten Muster der Blätter unserer Laubbäume? Warum
das Rothwerden der Blätter im Herbst? Warum Bleichen
der Haare und alle anderen Veränderungen im Alter, bei
Thieren und Menschen? Warum die Noth wendigkeit des
Stoffwechsels, des Todes nach Erwerbung eben des höch-
sten Grades von Vermögen und Wissen, der höchsten „An-
passung" an die Umgebung — sicher nicht wegen Nutzens
für das Individuum, noch auch der Art — höchstens zu
Nutzen der Erhaltung des Kreislaufs des Lebens auf der
Erde, welchen Nutzen im Werthe über den der Dauer der
eigenen kräftigen, lebensfrohen leiblichen Existenz zu
Üntersucliniigen über das Variiren der Mauereidechse. 471
stellen, dem consequenteu Verfechter der Bedeutung un-
mittelbarer Nützlichkeit schwer werden muss^).
Nicht zum Nutzen seiner selbst allein kann
das Individuum eingerichtet sein — nur undenkbar
grober Egoismus könnte dies ernstlich annehmen — es ist
das Individuum nichts als ein Kädchen im Uhrwerk des
Weltganzen — diesem müssen seine Eigenschaften dienen,
diesemsind sie ^^angepasst''; für das Rädchen, für das
Individuum selbst aber iällt nur soviel Procent-
satz von Nutzen ab, als die Ordnung des Ganzen
ihm gutschreibt, als durch diese ihm zukommt. Würden
wir die mathematische Weltformel kennen, so wären wir
im Stande, diesen Procentsatz zu berechnen. Wie die Dinge
liegen, sind wir weit genug davon entfernt. Es wirken
also zum Bestand der augenblicklichen Gestaltung der Or-
ganismen und zur Umbildung derselben zu einer anderen
Kräfte, die einem gegebeneu dieser Organismen wohl mög-
licherweise unmittelbar zu Gute kommen können, die ihm
aber nicht unmittelbar zu Gute kommen müssen und die
trotzdem in seiner Bildung zum A usdruck kommen
können — es sind dies die allgemein, nach feststehenden
mechanischen Gesetzen wirkenden physikalisch-chemischen
Naturkräfte, die als ^^constitutionelle Ursachen" zur Er-
klärung eines Theils jener Bildung somit beigezogen wer-
den müssen.
Es ist ein grosser, aber im Verhältniss zum Ganzen
doch nur ein unendlich kleiner Theil der Orgauisations-
verhältnisse der Natur, welche der specielle Darwinismus,
welche seinNützlichkeitsprincip erklären hilft. ,,Der mensch-
liche Geist fordert, dass das Werdende in der Natur bei
aller Beeinflussung und Abänderung durch das schon Vor-
handene doch im Grunde nach gewissen grossen feststehen-
den Principien sich gestalte" sagt Leydig^) gelegentlich
1) Man vgl. hierzu Askenasy über Verhältnisse aus dem Ge-
biete der Botanik. Unter zahllosen anderen zoologischen Beispielen
ist eines der sprechendsten das ewig zerstörte Hymen — eines der-
jenigen allerdings, welche auf unmittelbare Correlation (vgl. später)
bezogen werden können.
2) Leydig, Vom Bau des thierischen Körpers. Tübingen 1864. S.7.
472 Th. Eimer:
einer Beurtheilung der Darwin 'sehen Theorie. In der
That ist ja die Erkenntniss dieser grossen, feststehenden
Principien das Endziel der Naturforschung auch auf dem
Gebiete des Organischen. Zu diesem Zwecke handelt es
sich zunächst darum, das Wesentliche, das ursprünglich
Maassgebende loszulösen von dem, was Folge der nächsten
Beziehungen zur Aussenwelt ist, das durch Beeinflussung
durch das schon Vorhandene Abgeänderte wegzunehmen
von dem Kern, der sich im Wesentlichen aus sich heraus
entwickelt, um diesen, nachdem er freigestellt, so erschö-
pfend wie möglich durchforschen zu können. Und nehmen
wir an, dass die complicirten Erscheinungen der jetzigen
organischen Welt sich aus einem einfachen Organischen ge-
bildet haben und dass dieses in letzter Linie auf ein Unor-
ganisches zurückzuführen sei, so sehen wir ja, je weiter
zurück, jene Beziehungen um so mehr sich verringern, wir
kommen nothwendig zuletzt auf einen Punkt, wo sie fehlen,
von wo an allein constitutionelle Entwicklung nach vor-
wärts, zu complicirteren Bildungen, leiten konnte.
Es sind noch andere Gesichtspunkte als die bisher
berührten, welche mich längst dazu geführt haben, auf den
Werth der Entwicklung aus constitutionellen Ursachen be-
sonders aufmerksam zu sein. Ich habe schon in meinen
Untersuchungen über das Nervensystem der Medusen ^) da-
rauf hingewiesen, welch wichtige Beweise die vergleichende
Anatomie beibringt durch dieThatsache hochgradig ähnli-
chen Baues von Organen, die zwar demselben physiologischen
Zweck dienen, aber gänzlich unabhängig von einander, bei
Thieren ohne alle unmittelbaren Verwandtschaftsbeziehun-
gen, entstanden sind, Beweise, nicht zwar direkt dafür, dass
die Bildungsfähigkeit des gegebenen organischen Materials
eine wenig grosse ist, jedenfalls aber dafür, dass mit Hülfe
dieses Materials nur in geringer Variation Einrichtun-
gen geschaffen werden können, welche einer ganz be-
stimmten und Constanten äusseren Anforderung alle aufs
Beste genügen. Es führt diese Thatsache in glänzender
1) Das Nervensystem der Medusen, anatomisch und physio-
logisch untersucht. Tübingen, Laupp 1878.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 473
Weise die Illustration des allerdings selbstverständlichen,
aber, wie gesagt, gerade desshalb vielleicht viel zu wenig
berücksichtigten Satzes vor Augen, dass jede Forderung,
welche das Nützlichkeitsprincip an einen Organismus stellt,
wenn überhaupt, so nur innerhalb gewisser, durch die Com-
position, bezw. durch die Bildsamkeit des Organismus vor-
geschriebener Grenzen, d. i. in einer durch jene Composi-
tion bedingten Art, erfüllt werden kann. Wie der Hand-
werker aus einem gegebenen Material nur ganz bestimmte
zu einem bestimmten Zwecke taugliche Werkzeuge zu ferti-
gen im Stande ist, so der Organismus. Dementsprechend
findet man Sinnesorgane, z. B. Seh- oder Hörorgane von
Thieren, w^elche gar nicht unmittelbar mit einander ver-
wandt sind, oder deren Verbindungsglieder der betreffen-
den Organe vollständig entbehren, nach demselben Princip
gebaut. Ich erinnere an die Augen der Wirbelthiere einer-
seits und der Tintenfische andererseits; an die Facetten-
augen der höheren Krebse und der Insecten; an die Hör-
organe der Würmer, Mollusken einerseits und gewisser
Medusen andererseits. Das Hörorgan ist in den meisten
Fällen dieselbe, auffallend ähnlich gebaute, mit Flüssig-
keit gefüllte, mit Hörhaare tragenden Zellen ausgekleidete
Kapsel, in welcher ein Hörstein als Klöpfel wirkt — es ist
dieselbe Maschine bei Medusen, Würmern und Mollusken
und im Grunde wieder bei Wirbelthieren, und zwar oft in
überraschender Aehnlichkeit bezüglich des Baues bis in's
Einzelne hinein. Dagegen kommt, wie ich nachwies, u. A.
ein zweites Princip des Baues eines Hörorgans zur Aus-
führung, darauf beruhend, dass der von den Hörzellen um-
schlossene Hörstein bei der Erregung der ersteren als den
Eindruck der Schallwellen verstärkender Widerstand dient:
dieser Bau findet sich z. B. bei den cyclonauren Medu-
sen, während andererseits ein Theil dieser Thiergruppe
die erstere Bauart angenommen hat — also haben verwandte
Thiere verschiedene, nicht verwandte ähnliche Bildung.
Die Einzelheiten des Vorkommens je des einen bezw. des
anderen Typus im ersteren Falle beweisen wiederum, dass
verwandtschaftliche Beziehungen für dasselbe nicht durch-
aus massgebend sind und ist darin die Thatsache der Be-
474 Th. Eimer:
schränkung auf zwei zweckentsprechende Bildungsmöglich-
keiten deutlich ausgesprochen. Die wunderbaren Modiii-
cationen, unter welchen die Anwendung desselben Princips
zuweilen ausgeführt ist und auf welche ich an dem er-
wähnten Orte näher eingegangen bin, erhöhen noch das
Interesse, welches diese Verhältnisse bieten und sind von
besonderem Gewicht für die Beweisführung in dem von
mir vertretenen Sinne.
Nur zu zahlreiche widerrufene oder des Widerrufs
bedürftige „Stammbäume^ zeigen, wie sehr diese Gesichts-
punkte vielfach missachtet werden, wie häufig man analoge
Beziehungen für homologe ausgegeben hat und ausgibt.
Der Grund hiervon ist der, dass die Richtung der Zeit fast
ausnahmslos auf die Feststellung der Homologien gewen-
det erscheint, während die nicht minder morphologisch
wie physiologisch wichtigen und interessanten analogen
Beziehungen der Form fast vollkommen vernachlässigt
werden.
Auch Weismann hat, wie im Vorstehenden erwähnt,
schon früher sich dahin ausgesprochen, „dass die Zahl der
möglichen Variationen für jede Art zwar sehr gross sein mag,
keinesw^egs aber im buchstäblichen Sinne genommen unbe-
grenzt ist, dass die physische Natur einer jeden Art eine nicht
minder wichtige Rolle bei der Hervorbringung neuer Cha-
raktere spiele, als Naturzüchtung, welche doch immer erst
mit den Ausflüssen jener physischen Natur, nämlich mit
den Variationen operiren und Neues schaffen kann". Dies
führt uns darauf, seiner und Wall ace 's Stellung zur Frage
von der constitutionellen Entwicklung etwas näher zu treten.
Weis mann 's Untersuchungen stellen fest, „dass die
Zeichnung der Sphingidenraupen sich äusserst allmählich,
gesetzmässig und nach ganz bestimmten Richtungen hin
phyletisch entwickelt hat".
Die Entwicklung der Deilephila-Arten zeigt, „dass die
Entwicklung der Zeichnung eine durchaus gesetz massige
ist, dass sie bei allen Arten in derselben Weise vor sich
geht. Alle Arten scheinen auf dasselbe Ziel loszusteuern
und es macht desshalb ganz den Eindruck, als ob ein
inneresEntwicklungsgesetz es wäre, welches als
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 475
treibende Kraft die pbyletisebe Weiterbildung
der Arten veranlasse".
Er fiibrt auf innere Ursacben die Tbatsacbe zurück,
dass bei gegliederten Thieren die Eigenscbaften eines Seg-
ments sieb auf die übrigen übertragen.
Bei drei Arten von Smerintbusraupen erscheinen gegen
Ende der Ontogenese rothe Flecken, ohne dass Ererbung
von einer gemeinsamen Stammform möglich wäre, denn sie
fehlen in den jüngeren Stadien der Ontogenese. Dass diese
drei Arten (Sraer. Populi, Ocellata, Tiliae) unabhängig von
einander in analoger Weise variiren, dafür, sagt W eismann,
habe er keine andere Antwort als die, dass aus ähnlicher
phj^sischer Constitution auch ähnliche Variationen mit Noth-
wendigkeit hervorgehen müssen — der Fall biete viele
Aehnlichkeit mit dem von mir bezüglich der Farben bei La-
certa muralis cöerulea beschriebenen.
Auch gewisse Fleckenzeichnungen von Sphingiden-
raupen, für welche eine andere Erklärung nicht möglich
ist, werden auf constitutionelle Ursachen zurückgeführt.
Es erkennt also- Weismann die Bedeutung cousti-
tutioneller Ursachen durchaus an, wenn er auch wenig Ver-
anlassung findet, denselben für seinen Gegenstand grössere
Wirkung zuzuschreiben.
Dagegen kämpft er gegen bestimmt gerichtete Va-
riation (Askenasy), Vervollkommnungsprincip (N ä g e 1 i),
überhaupt gegen eine unbekannte treibende Entwicklungs-
kraft, die er als phyletische Lebenskraft bezeichnet^).
Die Thatsachen, welche ich bezüglich der Farbe, be-
sonders aber der Zeichnung der Eidechsen mitgetheilt habe,
beweisen die Existenz einer bestimmt gerichteten Variation,
insofern als 1) selbst bei räumlich getrennten Varietäten
einer Art ganz dieselbe Richtung der Zeichnungsänderung
zu beobachten ist, 2) selbst bei verschiedenen Arten bezw.
Gattungen (sogar einschliesslich der Amphibien !) nur diese
selbe und keine andere Art der Umbildung der Zeichnung
vorkommt.
1) Vgl. besonders S. IIa. ff. und die Einleitung.
476 Th. Eimer:
Die typische Gleichmässigkeit, mit welcher dieser
Process vor sich geht, ist so wunderbar, dass ich lange
Zeit kein Bedenken trug, auch die Uebereinstimmung der
typischen Hauptformen der Zeichnung bei Reptilien (bezw.
Amphibien), Vögeln und Säugethieren als den Ausdruck
einer gemeinsam im Organismus dieser Thiere begründeten
Entwicklungsrichtung aufzufassen. In der That schien mir,
bis ich auf den Gedanken kam, die typische Umwandlung
der Vegetation zu Hülfe zu ziehen, ein anderer Weg der
Erklärung für die merkwürdige Thatsache nicht offen.
Das Bedürfniss, die Möglichkeit näher liegender, greifbarer
Erklärungsmomente aufzufinden, zu erschöpfen, hat mich
auf jenen Gedanken geführt — sollte er sich bei weiterer
Prüfung als nicht begründet erweisen, so wird man auf
die auf constitutionellen Ursachen beruhende Variations-
richtung zurückgreifen müssen.
Es will mir nun aber scheinen, dass auch Weis mann
verschiedenes sehr hübsches Material zu Gunsten der An-
nahme bestimmter Variationsrichtungen beibringt. Ist es
nicht als bestimmte Variationsrichtung zu bezeichnen, wenn
bei segmentirten Thieren die „Neigung** zum Ausdruck
kommt, die Eigenschaften eines Segments auf die übrigen
zu übertragen? An ganz derselben Stelle und mit den-
selben Merkmalen, höchstens zuerst etwas abgeschwächt,
erscheint der auf einem Raupensegment aufgetretene Fleck
später auf dem nächstliegenden und so fort! Es ist dies
in der That, wie schon hervorgehoben, kein anderer Fall
als jener der in ganz bestimmter Richtung vor sich gehen-
den typischen Veränderung der Eidechsenzeichnung — nur
dadurch vor diesem und vor anderen ausgezeichnet, dass
wir für das Verständniss seiner Ursachen im gleichartigen
Bau der Segmente deutlichere morphologische und physio-
logische Anhaltspunkte haben.
So ist doch auch die Thatsache, dass Deilephila
Hippophacs in einzelnen Individuen Ringflecke besitzt wie
sie den meisten Arten von Deilephila zukommen, ohne
dass Vererbung möglich wäre, ein Beweis für bestimmt
gerichtete Variation, obschon oder vielmehr weil die Ring-
flecke auf segmentaler Vermehrung des auch bei den übri-
üntersuchunpfen über das Variiren der Mauereidechse. 477
gen Individuen von Hippophaes auf dem 11. Segmente be-
findlichen Fleckes beruhen. Damit ist auch die Thatsache
paralleler Entwicklungsreihen berührt — auch sie spricht
in diesem Sinne für bestimmt gerichtete Variation. Die
Erscheinung, dass die drei vorhin genannten Arten von
Smerinthusraupen in analoger Weise variiren, wird nun
wirklich, wenn ich Weismann recht verstehe, von ihm
als in gewissem Sinne bestimmt gerichtete Variation
anerkannt, ebenso wie der Fall, wonach mehrere Arten von
Sphinx in ganz gleicher Weise und unabhängig von ein-
ander Flecken bekommen, welche zur Bildung farbiger
Säume führen. Wie mir scheint weisen aber nicht minder
als diese letzteren auch die vorgenannten Thatsachen da-
rauf hin, dass auf Grund von Verwandtschaft der Körper-
composition, also auf Grund von constitutionellen Ursachen,
etwa befördert durch direkte äussere Einflüsse, verwandte
Eigenschaften an verschiedenen Organismen erscheinen —
auskrystallisiren können und dass sie sich wieder auf Grund
der genannten Verhältnisse bei ihnen in ganz derselben
Weise, nach derselben Richtung, also überall nach be-
stimmter Richtung umbilden können, dass also wirklich
eine bestimmt gerichtete Variation besteht, welche von
den auf den Organismus wirkenden Anpassungsforderungen
entweder unberührt bleibt oder durch sie gehemmt oder
abgelenkt, bezw. in ihrer Wirkung modificirt, aber auch
durch andere constitutionelle Processe — correlativ — mo-
dificirt, möglicherweise sogar ausgelöscht werden kann.
Ich halte es also nicht für geboten, bestimmt gerich-
tete Variation mit phyletischer Lebenskraft zu identificiren,
bin vielmehr der Ansicht, dass die erstere rein physikalisch-
chemisch, ohne dahinter stehenden Spiritus rector minde-
stens ebenso verständlich sei wie mit dieser Kraft, und ich
glaube mich am bestimmtesten auszudrücken, wenn ich die
ihr zu Grunde liegenden Vorgänge als organische Kry-
stallisation bezeichne.
Auch mit dem Nägeli 'sehen Ausdruck „VervoU-
kommnungsprincip" möchte sich mechanische Auffassung
befreunden können, indem sie berücksichtigt, wie ich dies
im Vorstehenden ja angedeutet habe, dass thatsächlich eine
478 Th. Eimer:
Umbildung zu complicirteren Formerscheinungen in der
Natur zu beobachten ist, ohne dass diese Entwicklung nach
„vorwärts" etwa ausschliesslich als die Folge complicirterer
Wechselwirkung der Organismen, als Folge verschärften
Kampfs ums Dasein betrachtet werden könnte. Wie ge-
sagt, nehmen wir einen unmittelbaren Zusammenhang zwi-
schen anorganischer und organischer Natur an, so müssen
,, vollkommenere** Verbindungen bezw. Formen thatsächlich
ohne Einwirkung des Kampfs ums Dasein entstanden sein
und geben wir dies zu, so wird es uns auch nicht schwer
fallen, einen weiteren Fortschritt zum „Vollkommeneren" —
sofern wir darunter ein Zusammengesetzteres verstehen,
d. i. die Bildung complicirterer Verbindungen — auf Grund
oder mit Zuhülfenahme von constitutionellen Ursachen, an-
zuerkennen.
Dazu ist nun aber, wie Nägeli selbst ja ausdrück-
lich bemerkt, die Annahme einer immateriellen Triebkraft
durchaus nicht nothwendig. Dasselbe gilt für die bestimmt
gerichtete Variation, sofern man dieselbe nur in dem von
mir vertretenen Sinne auf rein materielle Veränderungen
bezieht, die eventuell von der Naturzüchtung beeinilusst
oder benutzt werden, die aber nicht etwa nach einem wirk-
lich vorgezeichneten „Plane" zu einem bestimmten, vorge-
setzten Ziele führen.
Es ist übrigens hier keineswegs meine Aufgabe, diese
und andere Fragen unter kritischer Behandlung auch der
vorliegenden speculativen Literatur erschöpfend zu behan-
deln — es ist meine Aufgabe, Thatsachen aus dem
Bereich der Zoologie zur Lösung dieser Fragen beizubrin-
gen und dieselben zu dieser Lösung selbst zu verwerthen.
Solcher Thatsachen sind von anderer Seite bisher nur
wenige beigebracht — aus dem Gebiete der Botanik da-
gegen durch Askenasy, auf dessen Schrift auch be-
züglich der hierhergehörenden Auffassungen Darwin 's
und Anderer hingewiesen werden mag. Botanische und
zoologische Thatsachen bringt ferner Wallace in seiner
„Tropenwelt^ bei, besonders bezüglich der Ursachen der
Farben. Dieselben verlangen hier eingehendere Berück-
sichtigung.
Untersuchung"en über das Variiren der Mauereidechse. 479
Wal lace tritt zunächst der Ansicht entgegen, welche
immer noch von Manchen vertreten werde, dass die Farbe
die direkte Folge der Einwirkung des Lichts und der
Wärme der Sonne sei. Die in der gemässigten Zone, gegen-
über der tropischen vorkommenden glänzenden Farben
widerlegen diese Ansicht, ebenso auf der anderen Seite die
Thatsache, dass in so vielen Gruppen von Thieren die
tropischen xArten vor denen der gemässigten Zone in der
Farbe durchaus nicht bevorzugt sind.
Wallace sucht das Darwin 'sehe Princip der ge-
schlechtlichen Zuchtwahl als nicht wirkend hinzustellen,
ohne dass man den von ihm für die Behauptung, dass das
Weibchen niemals auswähle, beigebrachten Beweisen ent-
scheidendes Gewicht beilegen könnte. Dagegen ist für
uns die Auffassung wichtig, dass die Farbenpracht der
Männchen vieler Vogel- und Insectenarten gegenüber der Fär-
bung der Weibchen durch die höher gesteigerte Lebenskraft
des Männchens zu erklären gesucht wird. Wallace deutet
zum Beweise dessen darauf hin, dass die Färbung der
Thiere bei Krankheit und Abmagerung gewöhnlich matter,
in gesundem, kräftigem Zustande lebhafter wird. Dies sei
ein sehr wichtiger Erfahrungssatz von grosser Tragweite,
der wirklich ein allgemeines Gesetz zu enthalten scheine.
Matte Färbung des Pelzes der Säugethiere ist ein Anzeichen
von Krankheit oder Schwächezuständen, straffes, glänzen-
des Haar mit leuchtendem Auge sind sichere Anzeichen
von Kraft und Gesundheit; dasselbe gelte von der Farbe
der Vögel; auch die schönen Farben der Raupen werden
matt, sobald dieselben trag werden und sich zum Ein-
spinnen anschicken. Auch an den gesundesten, kräftigsten
Exemplaren der Pflanzen sei die Färbung der Blätter am
saftigsten, die der Blüthen und Früchte am schönsten. Die
Färbung wird beim Männchen am intensivsten während
der Zeit der Paarung, wo die Lebensthätigkeit am höchsten
gesteigert ist. Auch besondere äussere Anhänge des Körpers,
welche sich beim Männchen gerne entwickeln, werden so
entstanden erklärt.
Indem Wallace die Wirkung geschlechtlicher Zucht-
wahl ausschliesst, kommt er dazu, auch die schönen, regel-
480 Th. Eimer:
massigen, mit Farben verbundenen Zeichnungen, wie z. B.
die Augen der Pfauenfedern, einfach als Ausfluss der Or-
ganisation, ohne Theihiahme irgendwelchen anderen Ein-
flusses, erklären zu wollen, wie denn, nach Darwin selbst,
bei Hausthieren die Farbenabänderungen ohne Einfluss
der geschlechtlichen Zuchtwahl eine Tendenz zeigten, sich
symrfietrisch auszubilden. Zur Erklärung der bezüglichen
Erscheinungen, besonders der Zierfedern der Männchen
zahlreicher Vogelarten, macht Wallace „ohne damit das
Räthsel vom Ursprung und Zweck derselben vollständig
lösen zu wollen", darauf aufmerksam, dass die reichste
Färbung und Zeichnung auf den Federn vorkommt, welche
am meisten abändern und welche am ungewöhnlichsten
entwickelt sind (z. B. Schwanzfedern des Pfaues, des Hahns).
Nun sei leicht einzusehen, dass während dieser abnormen
Ausbildung auch ungleiche Farbenvertheilung auf den ein-
zelnen Theilen einer und derselben Feder eintreten konnte
und dass solche Flecken und Streifen sich auch zu ab-
schattirten Augen auszubilden vermochten, ähnlich wie die
Farbenringe auf einer Seifenblase mit Abnahme der Dicke
der Wandung zunehmen.
Ich kann nun allerdings dieser Auffassung nicht ganz
beistimmen, weil ich es nicht für erwiesen und aus ver-
schiedenen Gründen auch nicht für wahrscheinlich halte,
dass die geschlechtliche Zuchtwahl bei der Bildung gewisser
Zierden keine Rolle spielt. Dagegen muss hervorgehoben
werden, dass gerade diese Auffassung eben das Aeusserste
leistet in den Anforderungen an constitutionelle Ursachen
und ferner muss anerkannt werden, dass die symmetrische
Umwandlung der Zeichnung der Eidechsen einer andern
Erklärung nicht wohl zugänglich ist als der, dass in der
That der Organismus auf Grund von constitutionellen
Ursachen gerne regelmässige, symmetrische Zeichnungen
(bezw. Vertheilung von Farben) erzeugt ^).
Sehr interessant für uns ist ferner der Abschnitt von
1) Eine eigen thümliche Ausnahme von dieser Regel bietet,
abgesehen von den die Nutzhausthiere botreffenden Fällen, das Meer-
schweinchen (Cavia cobaya) dar.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 481
Wallace's Schrift, welcher über lokale Ursachen der
Farbenen twickliing liandelt. Ein thatsächlicher, aber
bis jetzt unerklärter Eintiuss auf die Färbung geht von der
Oertlichkeit aus. Sehr oft sind Arten ganz verschiedener
Thierfamilien in einer Gegend gleich gefärbt und ihre
beiderseitigen Verwandten anderer Landstriche sind ganz
verschieden von ihnen und wieder unter sich gleich. Dar-
win, Bat es und Wallace haben viele derartige Fälle
bekannt gemacht. „Die wahrscheinlichsten Ursachen dieser
gleichzeitigen Farbenvariation möchten in besonderen Stoffen
des Bodens, des Wassers oder der Luft, oder vielleicht
auch in besonderen Pflanzenprodukten zu suchen sein; der
chemischen Analyse ist somit ein weites Feld bei der fer-
neren Untersuchung dieses interessanten Punktes eröffnet".
Die von den drei genannten Forschern aufgestellten Bei-
spiele werden im XVL Capitel, welches eine von Wallace
vor der biologischen Section der British Association in
Glasgow 1876 gehaltenen Rede wiedergibt, mitgetheilt.
Die meisten derselben finden sich auf Inseln. Meist wird
die Färbung blasser, zuweilen aber auch dunkler, lebhafter
und oft geht mit dieser Farbenveränderung eine
ungewöhnliche Zunahme der Grösse Hand in Hand.
Dies wird besonders durch Beispiele von Schmetterlin-
gen belegt. (Es würde dies darauf hinweisen, dass nicht
die von mir als möglich hervorgehobene Umänderung der
Ernährungsweise die Ursache der Grössenzunahme sein
wird, kaum aber auch wohl die Verdrängung des Schwäche-
ren durch den Stärkeren auf kleinem Wohngebiete : es wür-
den dann wohl allgemeine klimatische Verhältnisse beige-
zogen werden müssen — an Vermehrung des Stoffwechsels in
Folge der „zehrenden" Luft wäre aber bei der für die Ei-
dechsen auf pflanzenarmen Felsen so spärlichen Nahrung kaum
zu denken, wie überhaupt die gute Ernährung gerade an sol-
chen Oertlichkeiten wieder ein grosses Fragezeichen würde) ^).
1) leb muss bemerken, dass ich das Buch von Wallace erst
dann genau kennen lernte, als der grösste Theil dieser Arbeit schon
geschrieben war und dass ich die auf dasselbe bezüglichen Citate
erst nachträglich einfügte. Die hier berührte Stelle hatte ich dabei
im Vorstehenden übersehen.
482 Th. Eimer:
In einem anderen Abschnitt wird der Einfluss der
Farbe der Körperhülle auf die Sinneswahrneh-
mung behandelt: die Anwesenheit von dunkelm Pigment
trage zur Schärfe der meisten Sinne bei. Daraus wird ge-
schlossen : wenn das Ueberwiegen der weissen Farbe ge-
meiniglich mit einem minder scharfen Wahrnehmungsver-
mögen in Verbindung stehe, so sei diese Farbe doppelt
gefährlich. Darin liege vielleicht ganz einfach der Grund,
dass auf Inseln die weisse Farbe stärker entwickelt ist,
denn hier sei der Kampf um's Dasein minder hart, die
Zahl der Feinde geringer. Darin sei es auch mitbegrün-
det, warum der Albinismus sich im wilden Zustande nicht
halten könne, wohl aber der Melanismus. Die Eigenthüm-
lichkeit mancher Inseln, z.B. der Galopagos, dass sie nur
Thiere von düsterer Färbung besitzen, lasse sich vermuth-
lich auf dieselbe Weise erklären: es mögen dort giftige
Früchte wachsen, w^elche die weissen oder hellfarbigen
Varietäten ausrotten, da bei diesen das Schmecken und
Riechen mangelhaft ist. Nur sei kaum anzunehmen, dass
das Nämliche von den hellfarbigen Schmetterlingen gelte
und vielleicht sei dies der Grund, warum die Wirkung des
insularen Wohnorts auf die Färbung bei diesen Insekten
viel augenfälliger sei, als bei Vögeln und Säugethiereu.
Da aber hervorgehoben wird, dass auf manchen Inseln
andere Farben, z. B. lebhaft Roth, begünstigt werden (nur
auf den Molukken und auf Neu-Guinea kommen zu zwei
ganz verschiedenen Familien gehörige, prachtvoll rothe
Papageien vor) so muss ich gestehen, dass ich nicht in
der Lage bin, die W^allace'schen Mittheilungen in dieser
Beziehung für den besonderen Fall der Eidechsen verwer-
then zu können, es sei denn die Thatsache, dass er dunkle
Farbe rundweg als Schutzfarbe bezeichnet und sie in dieser
Beziehung mit der Umgebung angepasster Farbe unmittel-
bar zusammenstellt, was aber, wenn es auf der Voraus-
setzung von mit der Farbe verbundener Sinnesschärfe be-
ruhte, wiederum auf unsere Eidechsen kaum Anwendung
finden könnte.
In einer Zusammenfassung sagt Wallace, die Fär-
bung werde hervorgerufen oder verstärkt durch die allmäh-
Üntersiichuncren über das Variiren der Mauereidechse, 483
liehe Fortentwicklung, mn^ die Körperhülle sammt ihren
Anhängen erhehlich wachsen oder mag eine allgemeine
Zunahme von Energie vorhanden sein. Ferner werden die
Farben durch Nahrung, durch chemische oder photogra-
phische Einwirkung von Lichtstrahlen (Umfärhuiig von
Thieren in die Farben der Umgebung) ^) und endlich durch
unbekannte lokale Ursachen verändert; letztere bestehen
muthmasslich in besonderen Eigenschaften des Bodens oder
der Pflanzen einer bestimmten Gegend. Von Feuchtigkeit
ist nirgends die Rede.
Nachdem ich nachträglich auf einige Aeusserungen
Weismanns aus früherer Zeit, in seiner Schrift über den
Saison-Dimorphismus 2) aufmerksam geworden bin, sehe
ich mich veranlasst, hier noch Bemerkungen über den Um-
fang des Begriffes ^constitutionelle bezw\ innere Ursachen"
zu machen, bezüglich dessen sich Weis mann dort ge-
nauer ausspricht.
Weismann sagt an genanntem Orte : „So wenig ich
geneigt bin, einer unbekannten Transmutationskraft das
Wort zu reden, so sehr möchte ich auch hier wieder be-
tonen, dass die Umwandlung einer Art nur zum Theil auf
äusseren Einflüssen beruht, zum anderen Theil aber auch
auf der specifischen Constitution dieser einen Art. Speci-
fisch nenne ich dieselbe, insofern sie auf denselben Reiz
anders reagirt, als die Constitution einer andern Art. Im
Allgemeinen lässt sich auch recht wohl einsehen, warum
dies so sein muss. Nicht etwa, weil eine neue Art von
Lebenskraft in ihr verborgen läge, sondern deshalb, weil
sie eine andere Entstehungsgeschichte hinter sich hat, als
irgend eine andere Art. Wir müssen annehmen, dass von
den ältesten Zeiten der Organismenbildung an durch alle
Zwischenstufen hindurch sich bestimmte Eigenschaften,
Wachsthums-, Ernährungs- oder Entwicklungstendenzen bis
auf die heute lebenden Arten übertragen haben, dass jede
1) vgl. vorne S, 245.
2) Leipzig 1875, S. 82 ff.
4^4 Th. Eimer:
von diesen eine gewisse Summe solcher Tendenzen in sich
trägt, dass diese es sind, welche seine äussere und innere
Erscheinung zu jeder Zeit seines Lebens bestimmen, welche
in ihrer Reaktion gegen die Aussenwelt das individuelle
Leben wie das der Art selbst darstellen" . . . darausgeht
„mit Nothwendigkeit hervor, dass verschiedene Arten ver-
schieden reagiren müssen auf solche äussere Reize, welche
Abänderung ihrer Form hervorrufen. Dies heisst nun nichts
Anderes, als dass jeder Art durch ihre physische Consti-
tution (in dem soeben definirten Sinne) bestimmte Varia-
tionsmöglichkeiten vorgezeichnet sind. Dieselben sind offen-
bar ausserordentlich zahlreich für jede Art, aber nicht un-
endlich, sie gestatten der Naturzüchtung einen weiten Spiel-
raum, aber sie beschränken dieselbe auch, indem sie sie
zwingen, gewisse, wenn auch breite Entwicklungsbahnen
einzuhalten^'.
Es bezieht somit Weismann alle Veränderungen des
Organismus auf Vererbung und Anpassung in der Weise,
dass er, um seine eigenen Worte wiederzugeben, unter
„Vererbung auch die Vererbungssummen, das heisst die
jeweilige physische Constitution einer Art^^ begreift,
;,also die beschränkte und in obigem Sinne bestimmt ge-
richtete Variationsfähigkeit, unter Anpassung aber die
direkte und indirekte Reaktion dieser physischen Con-
stitution auf den Wechsel der Lebensbedingungen." Eine
Transmutation rein nur aus inneren Ursachen könne
nicht gedacht werden, „könnten wir den Wechsel äus-
serer Lebensbedingungen absolut sistiren, so würden
die vorhandenen Arten stationär bleiben, denn nur die
Einwirkung äusserer Reize im weitesten Sinne des Wor-
tes vermag Abänderungen zu erzeugen und selbst die
nie fehlenden „individuellen Variationen" scheinen mir
neben der ererbten Ungleichheit der Anlage wiederum auf
ungleichen äusseren Einflüssen zu beruhen, und auch die
ererbte Anlage selbst ist nur deshalb ungleich, weil von
jeher die einzelnen Individuen etwas verschiedenen äusseren
Einflüssen unterworfen waren.^
Die gegebene Constitution des Organismus wird also
durchaus der Vererbung zugeschrieben, bezw. es wird diese
Untersuchungen über das Variiren der Maiior(Md( diso. 485
Constitution crkliirt als der Ausdruck des von Urzeiten her
in itgeb rächten Materials, in der Modification, welche dieses
durch Anpassung im Lauf der Zeiten erfalircn hat.
Hierzu möchte ich 7Ainächst wiederholen, dass die Be-
zeichnung „Anpassung" für alle die Veränderungen, welche
der Organismus in Folge seiner Beziehung zur Aussenwelt
erleidet, doch genau genommen nicht richtig ist. Man sollte
eigentlich unter diesen Begriff nur diejenigen Eigenschaften
des Organismus stellen, durch welche er sich im Kampf
ums Dasein äusseren Verhältnissen angepasst, welche er
erworben hat, weil sie ihm nützlich sind — nicht aber Eigen-
schaften, welche wesentlich die Folgen der direkten Ein-
wirkung äusserer Einflüsse sind, wie z. B. die dunkle Haut
und die dunkeln Haare der Südländer Folge der Einwir-
kung des Sonnenlichts, wie dunkle Färbung von Reptilien
etwa Folge der Einwirkung der Feuchtigkeit ist — und
welche völlig indifferent für den Organismus im Kampf
um's Dasein sein können. Solche direkt durch äussere
Einflüsse entstandene Eigenschaften des Organismus möchte
ich als durch Impression entstanden bezeichnen, weil sie
demselben gewissermassen aufgedrückt sind.
Da sich nun ein Organismus während seines indivi-
duellen Lebens durch Impression verändern kann, so ist
schon aus diesem Grunde streng genommen der Satz nicht
richtig, dass die Constitution nur auf Vererbung und An-
passung zurückzuführen sei.
Ausserdem wird nun solche Impression sofort Anlass
zu neuen Compositionen im Organismus geben, welche
von selbst, aus sich heraus, bis zu einem ge-
wissen Grade fortwirken, eventuell ganz neue
Bildungen treiben und welche jetzt allerdings mit der
nun gegebenen Gesammtconstitution auf die folgenden Ge-
nerationen sich vererben, eventuell verändert durch neue
Einwirkungen von Aussen, ohne dass sie irgend nützliche
Bedeutung für den Organismus zu haben brauchten.
Aber auch bei geschlechtlicher Mischung wird die
organische Krystallisation in der Weise wirksam sein können,
dass einzelne Eigenschaften des Nachkommen nicht in der
Linie jener eines oder des andern der ^Itern liegen, son-
Arclüv f. Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 32
486 Th. Eimer:
dern vielmehr in einer dritten, neuen Linie, dass also
durch Vermischung zweier Eigenschaften eine neue dritte
entsteht.
Weil somit im individuellen Leben neue Zusammen-
setzungen des Organismus entstehen können, welche, wenn
anders die allgemeinen physikalisch-chemischen Gesetze
für denselben gelten, in unübersehbarer Complication in
ihm fortwirken werden und weil solche neue Zusammen-
setzungen sogar durch geschlechtliche Mischung entstehen
können, ist die in jedem Augenblick gegebene Constitution
nicht absolut als die Summe aller Vererbungen zu be-
zeichnen ^).
1) Mit der Erklärung der Constitution als der Summe der
Vererbungen hat auffallende Aehnlichkeit die betr. Aeusserung einer
ein Jahr später als Weismann's Schrift in der weiland Jenaischen
Literaturzeitung erschienenen Kritik meiner Abhandlung über La-
certa muralis coerulea, deren Verfasser dieser letzteren kein an-
deres Verdienst lassen zu dürfen glaubt, als das, „auf eine ausser-
ordentlich günstige Gelegenheit zur Vermehrung und Vertiefung
wahrer Naturerkenntniss nachdrücklich aufmerksam gemacht zu
haben". Vielleicht zeigt der Inhalt meiner vorliegenden Abhandlung,
dass der Kritiker einen ganz richtigen Instinkt gehabt hat, wenn er
die Bedeutung eines Stoffes ahnte, welchen damals nicht erschöpfen
zu können, noch zu wollen ich ausdrücklich selbst erklärt hatte. Nur
wundereich mich darüber, dass derselbe, Herr B en ja min Vetter,
nicht die Gelegenheit ergriffen hat, durch Behandlung dieses Stoffes,
zum Zweck der „Vertiefung wahrer Naturerkenntniss", eine Ab-
wechslung in seine gewöhnliche Thätigkeit, bestehend in gewerbs-
mässiger Kritik und Bücherübersetzuug, zu bringen und zu zeigen,
was er in der Förderung dieser Erkenntniss durch eigene Arbeit
zu leisten vermöchte. Leider geht sogar aus der Kritik nur zu
deutlich hervor, dass ihr Verfasser nicht nur die landläufigste
Literatur über den Gegenstand nicht kannte, sondern dass er nicht
einmal die von ihm kritisirte Abhandlung ordentlich gelesen hatte,
denn sonst würde er sich in seinen vernichtenden Angriffen gegen
die Bedeutung „innerer Ursachen" an die Adresse Nägel i 's und
nicht an die meinige haben wenden müssen, auch würde er sonst wohl
kaum den Muth dazu gehabt haben, der Welt zu erklären, dass
„auch Wir", nämlich Herr Benjamin Vetter, „innere Ursachen"
anerkennen und was „Wir" (im Gegensatz zu meiner Wenigkeit) da-
runter verstehen, ohne die bekannten bezüglichen Ansichten der
Naturforscher irgend zu berühren.
Untersuchungen über daa Variiren der Mauereidechse. 487
Dca aber jene Aenderuiii^en nicht nur nützliche, son-
dern auch indifferente sein können, so ist es nicht die
nützliche (Dar w in 'sehe) Anpassung allein, welche dabei
maassgebend ist.
Weil nun Weis mann in der That nicht nur die un-
mittelbar wirkenden äusseren Reize zur P^rklärung der Va-
riation beizieht, sondern auch die Correlation, so treten
sich unsere Auffassungen in der Hauptsache sehr nahe,
sowie man die ^äusseren Reize^^ im weitesten Sinne des
Wortes nimmt, d. h. darunter alle direkten und indirekten
Beziehungen der Aussenwelt zum gegebenen Organismus,
unter den indirekten aber „Correlation" versteht. Fasst
man die Sache so, so ist gewiss richtig, dass es in letzter
Linie diese Beziehungen sind, welche den Anstoss zu Or-
ganisationsveränderungen abgeben und dass demgemäss
mit dem „absoluten Sistiren des Wechsels der äusseren
Lebensbedingungen die vorhandenen Arten stationär bleiben
würden" — wir hätten ohne diesen Wechsel eben den all-
gemeinen Tod.
Uebrigens schiene es nicht gerechtfertigt den Begriff
der Darwin 'sehen unmittelbaren Correlation als gleichbe-
deutend mit constitutionellen inneren Veränderungen über-
haupt zu setzen. Schliesslich ist freilich Alles correlativ
— keine Gestaltung besteht oder entsteht, wie früher her-
vorgehoben, ohne Beziehung zu anderen (Cuvier). Aber
Darwin hat den Ausdruck correlative. Variation doch nur
angewendet auf ganz bestimmte, bekannte Beziehungen zwi-
Es ist dies derselbe Kritikus, welcher meinen hypothetischen
Erklärungsversuch des ohne sichtbare Ursache vor sich gehenden
Sinkens von Quallen durch Verdichtung von Wasser durch Capillar-
attraction mit dem Hinweis darauf als verfehlt hinzustellen suchte,
dass ein Atmosphärendruck nöthig sei, um ein gegebenes Volumen
Wassers um V20000 ^" verkleinern und der also keine Ahnung davon
hat, was unter Capillarattraction zu verstehen, dass ihre Druckwirkung
mit gewöhnlicher Druckwirkung nicht entfernt zusammenzustellen ist.
Die Keckheit des literarischen Gründerthums in Kritik wie im
Plagiat stützt sich auf die Erwartung, dass man es ignorirt. Ich
finde, dass es die Pflicht gegen die Allgemeinheit erfordert, jene Er-
wartung wenigstens gelegentlich zuweilen zu täuschen.
488 Th. Eimer:
sehen zwei Eigenschaften, der Art, dass die zweite in noth-
wendigem Zusammenhang mit der ersten auftritt. Mit jenen
constitutionellen inneren Veränderungen dagegen wird das
allgemeine Wechselspiel der im Stoff an sich gelegenen Kräfte
betont, welche um so manchfaltigeren Ausdruck finden, d. h.
zu um so manchfaltigeren Formgestaltungen führen müssen,
je complicirter die Mischungen des Stoffes werden. Wer
diese allgemeinen physikalisch-chemischen Beziehungen dem
Begriff der Darwin 'sehen Correlation unterordnete, würde
dies nur deshalb thun können, weil er der gewisser-
maassen aktiven Wirkung der ersteren bei der Umbildung
der Form eine verhältnissmässig geringe Bedeutung zu-
schriebe, indem er die direkten Beziehungen zur Aussen-
welt für weit wichtiger für dieselbe hielte, während ich
eben jene sehr hochstelle.
In letzterer Beziehung scheint mir in der That ein ge-
wisser Unterschied zwischen der Weismann 'sehen Auf-
fassung und der meinigen zu bestehen. Dieser Unterschied
drückt sich eben in unserer beiderseitigen Fassung des Be-
griffes „Constitution" aus, welchen man, wie gesagt, meiner
Meinung nach nicht als die Summe aller Vererbungen
wird definiren dürfen, sondern in erster Linie wesentlich
mit als das Produkt eigener, allerdings von der Aussenwelt
beeinflusster physikalisch-chemischer Thätigkeit des Or-
ganismus, die keineswegs mit dem Aufhören der An-
passungsnöthigung im Dar win'schen Sinne — was ja denk-
bar wäre — wohl aber mit dem Stillstand im Wechsel
aller Lebensbeziehungen, d. i. mit dem allgemeinen, abso-
luten Tode, aufhören würden, im Sinne organischer Form-
gestaltung thätig zu sein.
Bei solcher Auffassung ist es durchaus nicht nöthig,
eine phyletische Lebenskraft als treibende Kraft vorauszu-
setzen, wie ich schon früher hervorhob selbst dann nicht,
wenn wir, worauf ich hier noch mit ein paar Worten ein-
gehen muss, eine „Vervollkommnung", d. i. einen Fort-
schritt in der Complicirtheit der Gestaltung in der Natur
annehmen. Auch Weismann macht darauf aufmerksam,
dass die Zeichnung seiner Raupen mehr und mehr vom
Einfachen zum Complicirteren fortschreitet. Und einen sol-
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 489
eben allmäligen Fortschritt beobachten wir in der ganzen
organischen Natur. Ist derselbe nur auf die wachsenden
Anpassungsl'orderuugen zu setzen oder mit darauf, dass
durch die auch ohne Mithülfe der nützlichen Anpassung
fortgesetzt complicirter werdenden Verbindungen der Materie
im Laufe der Zeit eine grössere Manchfaltigkeit der For-
men entstanden ist? Es scheint mir sehr viel für die
letztere Auffassung zu sprechen, wie ich schon früher auf-
merksam gemacht habe auf die Thatsache, dass je weiter
zurück zu einfachen Verhältnissen um so mehr die An-
passungsnöthigung zurücktrat und dass zuletzt Organisches
aus Unorganischem doch wohl nur auskrystallisirt gedacht
werden kann, wenn man ihm nicht eine besondere Ent-
stehung zugestehen will. Es darf aber vielleicht in diesem
Sinne auch darauf hingewiesen werden, wie auffallend es
ist, dass Organismen, welche einmal auf einer gewissen
Höhe der Ausbildung angekommen sind, sich verhältniss-
mässig nur sehr stillen rückbilden, trotzdem dass der Kampf
um's Dasein jeder Form ausserordentlich zahlreiche Wege
zur Fortsetzung der Existenz auch bei einfacherem, z. B.
irgendwie zurückgezogenem Leben darbieten würde. Wäre
der unmittelbare Anpassungszwang so sehr maassgebend für
die Formgestaltung wie Viele annehmen, so müsste, wie mir
scheint, eine unübersehbare Manchfaltigkeit von Formen
existiren -— jeder gegebene Organismus müsste sich, sobald
seine Existenzbedingungen schwierige werden, nicht nach
einer oder wenigen Richtungen einfach dichotomisch, wie
dies thatsächlich der Fall ist, nach vorwärts, zu compli-
cirterer Gestalt umbilden, sondern es müsste diese Umbil-
dung nach ausserordentlich vielen Richtungen gieichmässig,
strahlenförmig, also nach rückwärts wie nach vorwärts
stattfinden, entsprechend der so ausserordentlichen Manch-
faltigkeit der Existenzbedingungen, welche ebensowohl der
Anpassung nach vorwärts als nach rückwärts, d. i. nach
einfacherer, passiverer Lebensweise Raum bieten. Ueber-
haupt scheint es schwer, anzuerkennen, dass -das Compli-
cirtere immer das Bessere, das Praktischere sei, und allein
schwierigen Anforderungen zu genügen vermöge. Auch aus
diesen Gründen ist wohl die oben gestellte Frage berechtigt.
490 Th. Eimer:
Abgesehen von der Lösung dieser Frage aber scheint
der Unterschied, in den Auffassungen von Weis mann und
mir (bezw. N'ägeli, Askenasy) auch darin Ausdruck zu
finden, dass ich nicht wie er viele, sondern nur wenige
mögliche Variationsrichtungen, allerdlugs für jede Eigen-
schaft des Organismus i), gegeben und nur eine Hauptrich-
tung zur Zeit herrschend sehe.
Der ^-anz bestimmte Weg, welchen im Einzelnen, im
Kleinsten, die Entwicklung der Zeichnung z. B. der Ei-
dechsen verfolgt, führt mich nicht nur zu diesem Schlüsse,
sondern er dürfte auch darauf hinweisen, mit welcher
Sicherheit die Constitution, ganz unbeschadet des Wech-
sels der äusseren Lebensbeziehungen, durch lauge, lange
Zeit hindurch in Umänderungen fortwirkt. Ich folgere
daraus, dass nicht entfernt jede Variation von den augen-
blicklichen Lebensbedingungen sofort beeinflusst wird
und ich halte es auf Grund der bezüglichen Thatsachen
für wohl denkbar, dass solche weit gehenden Variationen
in bestimmten Richtungen sich ausbilden werden, auch
dann, wenn jene Beziehungen lange dieselben blieben^).
Bedeutung der Entwicklung aus constitutiouellen Ursachen für
die Entstehung neuer Arten ohne Mithülfe der Isoliruug. Corre-
lative Variation,
Die felsenbewohnenden Eidechsen scheinen für wesent-
liche Theilnahme der Isoliruug bei der Artbildung im Sinne
Moritz Wagners zu sprechen. Auf den bei Capri ge-
legenen Felsen sind die Thiere in der That um so mehr
abgeändert, je sicherer ihr Wohnort isolirt ist. Den Maass-
stab für den Grad dieser Isolirung gibt nicht nur die re-
lative Unzugänglichkeit der Felsen durch den Menschen
selbst ab, sondern, wie früher bemerkt, auch der Grad der
1) Vielleicht fasst Weismann die Sache ebenso auf!
2) Man vergleiche hierzu auch das im Folgenden über das
Ueberhandnehmen von dunkler Haut- und Haarfarbe bei uns Deut-
schen Gesagte.
Untersuchungen über das Variiren der Manereidechse. 491
Sorglosigkeit der Thiere gegenüber dem letzteren. Auf den
iinziigänglichsteu Felsen fand ich die Eidechsen am harm-
losesten. Gibt aber die Isolirung gegenüber dem Menschen
wirklich den Maassstab für die Isolirung überhaupt ab? Man
wird dies wohl annehmen dürfen, denn am leichtesten wird
durch menschlichen Verkehr zufällig eine Verbindung zwi-
schen der isolirteu und der Mutterrasse der Eidechsen her-
gestellt bleiben — durch Individuen, welche durch diesen
Verkehr übertragen werden.
Allein bei genauer Betrachtung hält die absolute Be-
deutung der Isolirung für die Umbildung unserer Eidechsen
keineswegs Stand. Der Filfolafels ist gegenüber dem Men-
schen nicht mehr isolirt als z. B. die Galli und doch findet
sich dort die sehr, hier die kaum abgeänderte Rasse.
Man wird dagegen mit Recht sagen: maassgebend für
den Grad der Umbildung muss mit die Zeit sein, seit w^el-
cher die Thiere schon auf ihrem Wohnorte hausen: sie
könnten die Galli, wie auch den Monacone erst seit Kurzem
bewohnen, die Faraglioni und den Filfola schon lange.
Allein wir haben an den Eidechsen vom Aetna gesehen,
in verhältnissmässig wie kurzer Zeit wenigstens vollkom-
mene Farbenumänderung unserer Thiere durchgeführt
werden kann — es schiene, eben wegen der geringeren
Isolirung des Monacone und der Galli, eher anzunehmen,
dass diese Felsen schon seit längerer Zeit von Eidechsen
bewohnt sind als die Faraglioni, denn umgekehrt.
Ich spreche der Isolirung, wie früher gezeigt wurde,
einen Werth für die Umbildung durchaus nicht ab; ich
finde aber, dass bei näherer Betrachtung in dem speciellen
Fall der Ausbildung der Felseneidechsen nicht sie der in
erster Linie maassgebende Faktor ist, sondern eben die
Anwesenheit oder der relative oder absolute Mangel an
Pflanzenwuchs, und es scheint mir nichts gewisser als dies,
dass trotz des Mangels der Isolirung, trotz der Möglichkeit
der Mischung der sich abändernden mit der Mutterrasse alle
Mauereidechsen irgend eines Bezirks des italienischen Fest-
landes schwarzblau würden, sowie derselbe in Beziehung
auf Pflanzenarmuth und Bodenbeschaffenheit den Fara-
glioni entsprechende Verhältnisse annähme. Die Mauerei-
492 Th. Eimer:
dechsen des Aetna liefern den direkten Beweis für meine
Ansicht.
Damit wäre eine abgegrenzte, in sich abgeschlossene
neue Form noch nicht gegeben. Nun ist aber der Satz
anerkannt, dass irgendwelche Variation andere Veränder-
ungen im Gefolge hat. Mehr als irgendwie sind wir bei
diesen correlativen Veränderungen berechtigt, das Beispiel
von der Krystallisation der Anorgane zu gebrauchen,
die Vergleichung mit der kaleidoskopischen Bildung von
Figuren zu verwerthen: sowie irgend Etwas im ursprüng-
lichen Zustand, in der ursprünglichen Anordnung von Theil-
chen des Organismus verändert wird, kommen auch andere
Theilchen in Bewegung, alles ordnet sich zu einem neuen
Ganzen an, hat — oder bildet — „eine neue Art^.
So halte ich die Thatsache correlativ stattfindender
Abänderung in vielen Fällen für die Entstehung neuer, in
sich abgeschlossener Formen, Arten, von maassgebender Be-
deutung.
Sie macht die Entstehung neuer Arten ohne Mithülfe
der Isolirung ohne Weiteres verständlich, sie wirft aber
auch einLicht auf das Fehlen von Zwischenformen.
Ich stütze mich bei dieser Auffassung auf Thatsachen:
wir haben gesehen, dass bei mehreren der beschriebenen
Eidechsenvarietäten mit der Aenderung der Farbe und
Zeichnung auch ziemlich erhebliche Formveränderungen
Hand in Hand gingen i). Andere habe ich darauf hin nicht
genauer, nur einige der Festlandvarietäten habe ich ebenso
wie die coerulea und die Filfolaeidechse auf etwaige feine
morphologische Unterschiede untersucht (Oberschilder, Zahl
der auf ein Brustschild gehenden Körner) — genaue Unter-
suchung verwandter Varietäten und Arten, unter Berück-
sichtigung der geographischen Verbreitung und besonders
unter Berücksichtigung der schon früher berührten Frage,
inwieweit die eine Form nach den Eigenschaften der an-
1) Vielleicht ist es auch auf correlative Beziehungen zurück-
zuführen, dass vorzüglich die platycephalen Mauereidechsen, welche
gewöhnlich zugleich auf dem Rücken wenig kräftig gezeichnet sind,
nigriventres sind — ceteris paribus, denn es gibt hiervon Ausnahmen.
Untersuchung über das Variiren der Mauereidechse. 493
deren hin zu variiren strebt, bietet ein weites, noch unbe-
rührtes Feld der Forschung gegenüber den verschiedensten
„Arten" dar und dürfte zu einer bedeutenden und wichtigen
Reform des Systems lüliren.
Die correlativ entstehenden Abänderungen können die
Folge haben, dass eine Vermischung der neuen Form mit
der alten gar nicht mehr möglich ist, indem sie, worauf
ich schon vor Jahren aufmerksam gemacht habe *), die Ge-
schlechtsprodukte, sei es nach ihrer stofflichen Zusammen-
setzung, sei es gar nach ihrer Gestalt betreffen-).
Uebrigens ist es, wie bemerkt, durchaus unrichtig,
anzunehmen, dass geschlechtliche Vermischung verschie-
dener Formen nothwendig zu einem Ausgleich der bei-
derseitigen Eigenschaften führen müsse. Weismann
äusserte sich dahin, es sei die Isolirung unter allen Be-
dingungen für die Artbildung vortheilhaft, aber nur dann
nothwendig, wenn die abändernden Eigenschaften mor-
phologischer Natur, d. h. für den Kampf um's Dasein
1) „lieber den Bau und die Bewegung der Samenfäden" in
„Zoologische Untersuchungen", Würzburg, Stahel 1874 und Verhand-
lungen der physikalisch-med. Gesellsch. zu Würzburg, N. F. VI. Bd.
2) Ich erinnerte damals daran, wie grob selbst morphologisch
z. B. die Samenfäden ganz nahe verwandter Arten (Rana esculenta
und temporaria!) häufig verschieden sind und dass die Unmöglichkeit
der Erzeugung von Bastarden im speciellen Falle demnach schon in
bezüglichen mechanischen Hindernissen ihre Ursache haben kann,
wenn sie nicht auf Verschiedenheiten der stofflichen Mischung beruht.
Ausserdem habe ich auch früher darauf aufmerksam gemacht,
wie wenig selbst nahverwandte Varietäten gerade von Eidechsen
häufig Lust zeigen freundschaftliche Beziehungen zu erhalten, wie
sehr sie vielmehr geneigt sind, sich zu meiden, ja sich zu verfolgen
und zu tödten, analog den feindlichen Beziehungen, welche unter
den Menschen am ausgeprägtesten unter ungleich gearteten Verwand-
ten vorkommen. Dabei ist keineswegs Brodneid, wie mir entgegen-
gehalten worden ist, die Ursache — meine Beobachtungen hatten dies
von vornherein ausgeschlossen, und seitdem habe ich z. B. er-
fahren müssen, dass mir Clevener Mauereidechsen, die ich mit nea-
politanischen zusammengethan hatte, unter Ausschluss des Brodneids
als Triebfeder, von den letzteren sofort umgebracht wurden; auch
im Terrarium zeigen fortgesetzte Wahrnehmungen entsprechende Ge-
gensätze.
494 Tb. Eimer:
gleichgültig sind*). Doch sprach er die Meinung ans,
dass namentlich bei Pflanzen zahlreiche Beispiele für
die Entstehung der Species durch die räumliche Trennung
und Verhinderung der Kreuzung (Amixie) beizubringen
sein dürften, illlein es hat Nägeli gerade für Pflanzen
als thatsächlich nachgewiesen, dass das gemischte Zu-
sammenleben für die Bildung neuer Formen nicht hin-
derlich, sondern förderlich sei^). Und verschiedene
Autoren haben darauf aufmerksam gemacht, dass es ge-
rade die rein morphologischen, d. i. die für den Kampf
um's Dasein unwichtigen Merkmale sind, welche sich am
zähesten erhalten.
Dass bei Kreuzung verschiedener Formen das Pro-
dukt nicht eine gleichmässige Mischung der Eigenschaften
der zwei Elterntheile darstelle, ist ja hinreichend bekannt,
lehrt aber am einfachsten die geschlechtliche Fortpflanzung,
bei welcher bei den Nachkommen gewöhnlich entweder
rein männliche oder rein weibliche, nur ganz ausnahms-
weise gemischte (Zwitter-) Produkte sich ergeben. Ganz
ebenso lässt sich bei der Zucht von Hausthieren be-
kanntlich beobachten, dass Junge sehr häufig die Eigen-
schaften der Mutter oder des Vaters haben, keineswegs
beide gemischt, eine Thatsache die ja auch beim Menschen oft
so auifällt. Und ganz entsprechende Nachrichten liegen für
die Mischung von Varietäten wild lebender Formen vor.
Die Jungen von rothen und schwarzen Eichhörnchen z. B.
sollen entweder roth oder schwarz, nicht gemischt gefärbt sein.
Dasselbe scheint für die Nachkommen der verschiedenen Va-
rietäten der Helix hortensis zu gelten. Ich finde in meinem
Garten fast ausnahmslos nur die ungestreifte und dazwischen
die fünistreifige Varietät, trotzdem, dass beide häufig in
Begattung mit einander angetroffen werden. Aehnliches
gilt vielleicht für die fast schwarze und die hellrothe Varie-
tät von Arion empiricorum, wo diese untereinander vor-
1) Weismann: Ueber den Einfluss der Isolirung auf die Art-
bildung. Leix^zig 1872.
2) Nägeli: Das gesellschaftliche Entstehen neuer Species.
Sitzungsber. d. Müncheuer Akad. 1872.
Untersucbuu«^ über das Variiren der Mauereidechse. 495
kommcu indem dann gewöhnlich nicht alle Zwischeu-
formen, sondern nur die extremen gefanden werden. Das
Experiment nuiss allerdings^ auf Grund der oben hervorge-
hobenen M(>glichkeiten für jeden einzehien solchen Fall
feststellen, ob die Begattung wirksam ist. Es handelt sich
bei dieser divergirenden Entwicklung offenbar um den Aus-
druck correlativer Verhältnisse, welche die Form nur eben
in der einen oder in der anderen Weise „auskrystallisiren"
lassen. Die correlativen Beziehungen im Körper einerseits
des männlichen, andererseits des weiblichen Individuums
geben eine greifbare Handhabe hierfür.
Ganz abgesehen aber von Alledem — sobald wir der
Entwicklung aus constitutionelien Ursachen ihr Recht ein-
räumen, besonders sobald wir zugeben, dass diese Ent-
wicklung in wenigen, ganz bestimmten Hauptrichtungen
geschieht, erscheint Isolirung zur Bildung neuer Arten
nicht entfernt nöthig — mag man dabei im si)eciellen
Fall constitutioneller Arbeit allein die Wirkung zuschreiben
oder mag man erkennen, dass die äusseren Beziehungen
des Organismus jene Arbeit beeinflussen.
Man sieht an der Umbildung der Zeichnung der Mauer-
eidechsen geradezu, wie neue Eigenschaften aus Naturnoth-
wendigkeit entstehen, wie aus einem bestimmt gearteten
Thier allmälig ein anderes wird, trotz allen Mangels der
Isolirung. Speciell zeigt das Gesetz der Alters- bezw. der
männlichen Präponderanz aber auch, in welcher Weise nicht
trotz, sondern in Folge stattfindender Mischung neue Eigen-
schaften allmälig herrschend werden.
Wie ganz ohue Anpassungszwang, rein aus constitutionelien
Ursachen, eine Eigenschaft, nachdem sie einraal, sei es in Folge von
Kreuzung oder in Folge von direkter Einwirkung äusserer Verhält-
nisse aufgetreten ist, trotz fortAvährender Vermischung mit der alten
Eigenschaft allmälig sicher die Oberhand bekommt, das beweist u. A.
auf das Deutlichste auch das Uebergewicht, welches in Deutschland
die dunkeln Haare über die blonden gewinnen.
Es scheint nämlich zweifellos, dass dieses Fortschreiten der
Umbildung in bestimmter Richtung nicht etwa auf andauernde
Wirkung neuer äusserer Verhältnisse — mehr Sonnenlicht in Folge
der Culturveränderung — zu schieben ist, sondern dass die einstige
Mischung mit dunkeln Südländern als maassgebend betrachtet
496 Th. Eimer:
werden muss — denn sonst niüsste im Norden annähernd dieselbe
Umbildung schon jetzt deutlich sein, was nicht dej' Fall, üebrigeus
ist die vertretene Auffassung ja a,uch statistisch erwiesen durch die
Tbatsache, dass die Dunkelfärbung überall von den grossen Heer-
Btrassen aus fortschreitet. Dass die Dunkeln vermöge grösserer Sinnes-
schärfe im Kampf um's Dasein einen Vortheil hätten, welcher ihnen
EurHeiTschaft verhilft, wird unter den gegebenen Culturverhältnissen
auch Wallace nicht annehmen wollen. Er schreibt im Gegentheil
den Blonden eine höhere Intelligenz zu, die sie erworben haben,
weil sie im Kampf um's Dasein eben in Folge mangelnder Sinnes-
schärfe auf dieselbe angewiesen sind. Trotzdem nun dass die blon-
den Elemente ursprünglich in bedeutender Mehrheit vorhanden ge-
wesen sein müssen und vielfach noch sind, schreitet die Dunkelfär-
bung mehr und mehr vorwärts. Dabei wiederholen sich bekanntlich
die bei den Ahnen vorherrschenden Eigenschaften auch hier in der
Jugend: bei den deutschen Kindern tritt der Blondkopf in den Vor-
dergrund, mit zunehmendem Alter tritt die Dunkelfärbung hervor.
Am auffallendsten ist mir solche Thatsache im Oberengadin entgegen-
getreten, wo offenbar eine Mischung von dunkeln Eomanen mit blon-
den Deutschen stattgefunden hat, auffallend um so mehr, als in jener
hohen Lage das Klima geradezu Blondfärbung begünstigen sollte.
Die Thatsachen zeigen aber umgekehrt, dass letztere vollkommen ver-
drängt wird: die alten Einwohner haben vollständig südliche Haar-
und Hautfarbe, auch ganz dunkle Augen, so dass man sie demnach
für fast reine Italiener halten wird — nur aus dem sanfteren Aus-
druck des Auges besonders blickt germanisches Wesen heraus, wie
dieses auch aus der ganzen Art der Leute zu erkennen ist. Nun
zeigt es sich aber, dass die Kinder häufig vollkommen germanisch
sind in blonder Haarfarbe, mit blauen Augen, und die Kinder ganz
dunkler Eltern bieten oft in ihrem Aussehen einen solchen Gegen-
satz zu diesen, dass man zögern möchte, sie für deren Nachkommen
zu halten. Bald gewinnt aber die dunkle Farbe bei ihnen das Ueberge-
wicht und zuletzt bekommen sie ganz die Eigenschaften der Alten.
Vielleicht sind solche Thatsachen bei den üblichen statistischen
Erhebungen noch nicht genügend berücksichtigt.
Im Oberengadin ist die Ausrottung von Blond durch Schwarz
bei den Alten vollendet. Andererseits haben wir in unseren süd-
deutschen, vielfach mit südlichem Blut gemischten Landsleuten häufig
auf das Deutlichste den Beweis für die Thatsache vor Augen, wie
zäh die differenten Eigenschaften der Eltern lange Zeit auch in den
Kindern auseinandergehalten werden. In vielen Dörfern, z. B. hier
in der nächsten Nähe von Tübingen, findet man einen vollkommen
dunkeln, fast romanischen und einen rein germanischen Typus der
Bevölkerung nebeneinander — trotzdem dass in diesen kleinen
Untersuchungen über das Variiren der Mauoreidechse. 497
Dörfern die Mischunsr eine atetip:e ist, %vcil die Leute nur selten
über das Dorf hinaus heirathcn. Allmählig wird auch hier das
Dunkle überwiegend werden, olVonbar rein in Folge des constitutio-
nellen Uebergewichts, welchos demselben gegenüber dem Blond und
Blau zukommt.
Es dürfte also zweifellos sein, dass auch bei rein morphologi-
schen Eigenschaften, d. i. bei solchen, welche für den Kampf um's
Dasein nicht wesentlich sind, sei es die Ausbildung verschiedener
neuer Formen, sei es das Ilerrschendwerden einer neuen Eigenschaft,
nicht aber ein Mittelzustand das Ergebniss der Mischung sein kann,
auch dann, wenn diese Mischung fortwährend stattfindet und wenn im
letzteren Falle nach dem Zahleuverhältniss des gegebenen Materials
das entgegengesetzte Resultat erwartet werden sollte — ganz unbe-
schadet der Bedeutung, welche die Isolirung im Speciellen für die
Ausbildung neuer Formen haben wird und haben muss.
Moritz Wagner hat sein Verdienst, die Bedeutung
der Isolirung für die Artbildung besonders betont zu haben
dadurch nur geschädigt, dass er ihre Wirkung geradezu
an die Stelle derjenigen des Darwin 'sehen Princips setzen,
dieses durch jene verdrängen wollte, was ihm trotz fort-
dauernder schriftstellerischer Anstrengungen in entsprechen-
dem Sinne ebenso wenig gelingen wird, wie dem gleichge-
richteten Bestreben KöUikers mit seiner Entwicklungs-
hypothese, von welcher wir alsbald noch zu reden haben
werden.
Zur Fra^e von der möglichen Beobachtung der Bildung neuer
Arten. Köllikers Entwicklungsliypothese.
Von Gelehrten und von Ungelehrten, die sich die
Kritik der Darwin 'sehen Lehre zur Aufgabe stellen, hört
man immer noch die Behauptung, es sei noch niemals der
direkte Uebergang einer Art in die andere beobachtet
worden. Noch kürzlich hat Köliiker diese Behauptung
in der Polemik ausgesprochen, welche er so auffallender
Weise in einem Lehrbuch, dessen Inhalt ganz anderen
Zwecken dienen soll, in der zweiten Auflage seiner „Ent-
wicklungsgeschichte", gegen den Darwinismus führt, und
selbstverständlich kehrt dieselbe Behauptung auch in allen
tendenziösen theologischen Schriften wieder.
498 Th. Eimer:
Ich will deragegeütibcr nicht wiederholen, was über
die Relativität des Begriffes Art schon Alles gesagt worden
ist, noch will ich die nicht minder bekannten Thatsachen
wiederholen, welche zeigen wie die Formen ganzer Thier-
gruppen heute vor unseren Augen derartig durch Zwischen-
formen in einander übergehenj dass wir nicht im Stande
sind, Arten abzugrenzen, noch endlich will ich das bezügliche
so lautredende paläontologische Material hier in's Feld führen.
Ich glaubte, wie früher bemerkt, schon durch meine
Untersuchung über Lacerta muralis coerulea eine Behaup-
tung wie die angezogene durch einen specieilen Gegenbe-
weis hinfällig gemacht zu haben, und die im Vorstehenden
niedergelegten Ergebnisse liefern diesen Gegenbeweis wie-
derholt so bestimmt wie ein Beweis überhaupt verlangt
werden kann.
Man sieht in der That bei den Mauereidechsen die
Entstehung neuer Arten vor sich gehen — nicht weniger
gewiss wie man das Wachsen eines Organismus erkennt.
Ich erklärte in meiner Abhandlung über Lacerta mu-
ralis coerulea, man könne dieses Thier mit demselben Rechte
als neue „Art* wie als Varietät bezeichnen; ich benannte
es als Varietät — ein ruhmbedürftiger Autor hat es richtig
später mit einem neuen Namen als Art belegt. Dieselbe
Relativität gilt für die Mauereidechse vom Filfolafelsen,
die Lacerta muralis filfolensis.
Wissenschaftlich ist die Frage „ob man den üeber-
gang einer Art in die andere beobachtet habe", wohl da-
mit erledigt und sollte nicht mehr verneint werden. Prin-
cipiellen Widerspruch, tendenziöse Verneinung kann man
nicht hindern, aber im Interesse der Wahrheit halte ich
es für geboten, wiederholt und so lange als es nöthig sein
wird mit Nachdruck auf das Thatsächliche hinzuweisen.
Allerdings vertragen sich solche Thatsachen mit der
Herrschaft einer „sprungweisen Entwicklung", wie sie
KöUiker annimmt, nicht. Es verträgt sich mit Abweisung
des Darwinismus freilich der Stand der Thatsachen über-
haupt nicht, welche unbestritten anerkannt sind, seitdem
Kölliker in seiner ersten Schrift gegen denselben die
folgenden acht Thesen ausgesprochen hat:
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 499
1) „Es sind keine Uebergängo der Arten der jetzigen Schöp-
fungsperiode ineinander beobaclitct und gehen die Varietäten, die
man kennt, seien sie nun gezüchtet oder von selbst entstanden,
nirgends so weit, dass man von der Entstehung neuer Species zu
reden berechtigt wäre.
2) Es finden sich keine Uebergänge einer Thi erform in eine
andere unter den fossilen Resten früherer Epochen,
3) Der von Darwin angenommene Kampf um die Existenz
soll in der Natur nicht vorkommen (Pelz ein).
4) Eine Tendenz der Organismen, nützliche Varietäten zu bil-
den und eine natürliche Züchtung existiren nicht.
5) Pelzeln hat eingewendet, dass, wenn die späteren Organis-
men aus den früheren hervorgegangen sind, nicht jetzt noch die
ganze Entwicklungsreihe von den einfachsten bis zu den höchsten
Organismen existiren könnte, vielmehr müssten in diesem Falle die
einfacheren Wesen zu Grunde gegangen sein.
6) Sehr wichtig ist der Einwurf, den selbst Huxley betont,
dass wir keine Varietäten kennen, die sich unfruchtbar begatten,
wie dies bei scharf geschiedenen Thierformen Gesetz ist.
7) Die teleologische allgemeine Anschauung Dar win's ist eine
verfehlte.
8) Zum Verständniss der gesetzmässigen, harmonisch vom Ein-
facheren zum Vollkommeneren fortschreitenden Formenreihe aller Or-
ganismen bedarf man nicht der Entwicklungstheorie von Darwin" ^).
Was Kölliker nach dieser vernichtenden Kritik in
demselben Aufsatz, sowie auch in einer folgenden Arbeit 2)
im Sinne der achten These an Stelle des Darwin 'sehen
Princips bietet, ist das Folgende:
Er nimmt eine Entwicklung der Formen aus inneren
Ursachen — auf Grund eines allgemeinen Entwicklungs-
gesetzes — an, unter Ausschluss der Wirkung des Nütz-
lichkeitsprincips und zwar auf Grund der Annahme poly-
phyletischer Descendenz,
Dabei spielen die Eier auch der höheren und höchsten
unter den jetzt lebenden Thieren als „Urorganismen^ eine
besondere Rolle : es wird angenommen, dass z. B. die Eier,
1) üeber die Darwin 'sehe Schöpfungstheorie. Zeitschr. für
wissensch. Zoologie. Bd. XIV.
2) Morphologie und Entwicklungsgeschichte des Pennatuliden-
stammes nebst allgemeinen Betrachtungen zur Descendenzlehre.
Frankfurt 1872.
500 Th. Eimer:
bezw. die Keimzellen einer bestimmten Form in Folge eines
aus inneren Ursachen geänderten Entwicklimgsmodus in
neue Formen übergeben konnten — die neuen Formen
konnten mehr oder weniger verschieden von einander sein
— im ersteren Falle bilden sich „Geschöpfe", die weiter
von einander abstehen und einer anderen Familie, Gattung,
Ordnung u. s. w. angehören — im letzteren Falle verhal-
ten sich die neuen Formen wie Varietäten und Arten zu
einander.
Weiter wäre nach Kolli ker „daran zu denken'^, ob
nicht neue Formen durch innere Keime oder äussere Knos-
pen erzeugt werden. Hierfür werden die Erscheinungen
des Generationswechsels beigezogen.
Drittens, ob nicht ebenso wie Eier, Keime und Knos-
pen, so auch frei lebende Jugendformen von Thieren die
Fähigkeit besassen, eine andere Entwicklung als die typi-
sche einzuschlagen.
Endlich wird auch der Möglichkeit einer schnellen
Umbildung fertiger „Geschöpfe^ in andere gedacht.
In allen diesen Fällen hätten wir eine sprungweise
Entwicklung — „jedoch ist diese im Wesentlichen
auf die embryonale Zeit, ja selbst auf die ersten
Stadien derselben zu verlegen"^).
Ausserdem wird auch eine langsamere Umbildung
geringeren Grades als möglich anerkannt und derselben
einige Wirkung zugeschrieben, indessen soll sie im Wesent-
lichen gleichfalls in die embryonale Zeit fallen.
Wir hätten sonach eine Entwicklung ,,nach oben, zu
höheren Formen" aus inneren Ursachen, es müssten dem-
nach Urorganismen — Eier — aus inneren Ursachen sich
sprungweise zu höheren Formen, z. B. zum Säugethier
hinauf gebildet haben und es wäre ihnen dies gelungen
gleichviel ob sie da und dort angestossen hätten, gleich-
viel wie die äusseren Verhältnisse, in welchen sie lebten
oder leben sollten, beschaffen waren. Anpassung kommt
gar nicht in Frage — ob ein neu entstandener Theil nütz-
lich oder schädlich war, ist gleichgültig — es ist nicht
1) S. 43.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechse. 501
anders zu denken, als dass dem Urorganismus aus inneren
Ursachen die ganze Laufbahn, die er durchzumachen hatte,
genau vorgezeichnet war und dass dieser Plan (das Wort
Entwicklungsplan wird wiederholt gebraucht und zwar
als gleichbedeutend mit „allgemeine Naturgesetze") von
vornherein in Uebereinstimmung stand mit den äusseren
Verhältnissen.
Bei der ganzen Behandlung, sowie auch speciell bei
den angewendeten Beispielen ist durchaus ausser Acht
gelassen, dass wir innerhalb zahlreicher Thiergruppen
schon durch die lebenden bezw. fossilen Uebergänge deut-
lich einen bestimmten Zusammenhang der Formen erkennen
— überall ist ausser Acht gelassen die Handhabe, welche
für Feststellung eines solchen Zusammenhangs durch die
Wiederholung der Formenreihen in der individuellen Ent-
wicklung gegeben ist. Die Bedeutung des biogenetischen
Gesetzes für die Annahme allmähliger Entwicklung ist
nicht gewürdigt. So wird der Generationswechsel bei
den Polypomedusen wiederholt für die sprungweise Ent-
wicklung verwerthet, während gerade dieser Fall das
glänzendste Beispiel für eine allmälilige, in Rücksicht auf
Anpassung an äussere Verhältnisse erfolgte Umwandlung
(höhere Entwicklung) der Formen ist, das man sich über-
haupt denken kann, besonders auch deshalb, weil hier
die individuelle Entwicklung die vollkommenste Wieder-
holung jener phylogenetischen Entwicklung darstellt.
Da diese Entwicklungshypothese ^) im Wesentlichen nur
mit „Möglichem" und „Denkbarem" rechnet, somit wesent-
lich spekulativen Charakters ist, so gehört ihre Behand-
lung eigentlich eher in eine philosophische, als in die
vorliegende Abhandlung. Wenn ich sie trotzdem hier be-
rühre, so g;eschieht dies aus zwei Gründen: l)weilKölli-
ker von „inneren Ursachen" spricht, 2) weil auch ich eine
„sprungweise Entwicklung" vertrete — ohne dass in bei-
den Fällen innere Beziehungen zwischen unseren Auffassun-
gen bestehen.
1) Nähere Besprechung fand dieselbe durch Weismann im
Archiv für Anthropologie 1873.
Arch. f. Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 33
502 Th. Eimer:
Bezüglicli 1) ist zu bemerken, dassKölliker erst in
seiner zweiten Abhandlung die Bezeichnung „innere Ur-
sachen" angenommen hat, jetzt allerdings dieselben auch
als physikalisch-chemische erklärt. Dies, wie aus seinen
eigenen Worten zu schliessen, in Folge des Widerspruchs,
welchen seine in der ersten Abhandlung gegebene Auf-
fassung erfuhr. Dort sprach er nur von einem „grossen
Entwicklungsplan", welcher den Umbildungen zu Grunde
liegen soll — und es lässt sich nicht läugnen, dass die
grossen Sprünge, welche er in der Natur für möglich er-
klärty sowie die Thatsache, dass, wenn seine Hypothese
irgend haltbar sein soll, von vornherein eine Ueberein-
stimmung der von ihr angenommenen Entwicklungsmög-
lichkeiten mit den Forderungen der Aussenwelt voraus-
gesehen sein musste, nur durch die Annahme eben eines
schon von vornherein gegebenen „Entwicklungsplanes",
nicht aber auf dem Wege der allgemein wirkenden physi-
kalisch-chemischen Gesetzmässigkeit, verständlich sein wür-
den. Somit deckt sich die Hypothese mit den Forderungen
der letzteren nicht, die Concession, welche ihr Autor in
zweiter Linie nach dieser Richtung hin gemacht hat, muss
als mit dem Inhalte derselben nicht vereinbar bezeichnet
werden. Die Hypothese ruht, wie gesagt, auf spekula-
tiver, auf philosophischer Grundlage, nicht auf natur-
wissenschaftlicher und mit jener Grundlage hört sie auf
zu sein. Thatsächlich haben also die von Anderen und
mir angenommenen Entwicklungsursachen als physikalisch-
chemische in dieser Hypothese keine Verwendung— „con-
stitutionelle Ursachen' müssen in ihrer Wirkung durch die
Beziehungen der Aussenwelt zum gegebenen Organismus
in jedem Augenblick beeinfiusst werden können — das
Endziel der werdenden Form ist bei dieser Annahme durch-
aus in keiner Weise vorausgesehen.
Zu 2) ist zu bemerken: in meiner Hervorhebung der
Bedeutung correlativer Variation für die Bildung neuer
Formen liegt die Vertretung einer sprungweisen Entwick-
lung ausgesprochen, freilich nicht einer vorzugsweise herr-
schenden, aber einer solchen, welche unter Umständen maass-
gebend sein kann. Ich halte diese sprungweise Entwick-
i
Untersuchungen über das Varihen der Mauoreidechse. 503
hing allerdings ausgczeiclinet illustrirt z. B. durch die fast
plötzlichen morphologischen Veränderungen, welche bei
der Umwandlung eines Axolotl in ein Anibl3^stoma oder in
der 'sehr raschen Umwandlung einer Kaulquappe in einen
Frosch vor sich gehen — aber mit der Einschränkung,
dass in beiden Fällen wohl ein ziemliches Maass von Ab-
kürzung der Entwicklung mit in Rechnung zu ziehen ist,
so dass die correlativen Wirkungen nicht rein zum Aus-
druck kommen. Meine Annahme einer correlativen
Entstehung von Arten beruht auf der Voraussetzung
der plötzlichen Entstehung ganz kleiner Veränderungen,
welche jedoch immerhin so bedeutend wären, dass sie dazu
ausreichen entweder die Stammform alsbald zu trennen
oder doch die Veranlassung zu dieser Trennung abzugeben.
Auf diese Weise würde sich die thatsächliche scharfe Ab-
grenzung gerade auch der nächstverwandten Arten, wie
sie nachdrücklich kürzlich von Leydig hervorgehoben
worden ist, verständlich machen lassen^).
Gegenüber der Kölliker'schen Entwicklungshypo-
these aber muss ich schliesslich darauf hinweisen, dass
durch die von Würtenberger, Weis mann und mir
festgestellten Thatsachen die Voraussetzung dieser Hypo-
these, dass der Anstoss zur Umbildung einer Form, bezw.
der Anfang einer neuen Entwicklungserscheinung, „im
Wesentlichen auf die embryonale Zeit, ja selbst auf die
ersten Stadien derselben zu verlegen sei" derart widerlegt
ist, dass das Gegentheil als richtig erscheint. Denn jene That-
sachen lassen die letzten Stadien des individuellen Lebens
in der genannten Beziehung als maaäsgebend erkennen 2).
Entstehung neuer Arten durch Genepistase.
Es erübrigt mir hier noch eine Frage zu berühren,
welche sich an der Hand der im Vorstehenden dargelegten
Beweise, betreffend die Entwicklung aus constitutionellen
1) Leydig, Die Anuren Batrachier der deutschen Fauna.
Bonn 1877. S. 4.
2) Man sieht daraus, um mit den Worten Kölliker's zu
reden: „Wie vorsichtig man" im Spekuliren sein muss
604 Th. Eimer:
Ursachen, bezw. die Annahme bestimmter Variationsrich-
tungen, nothwendig ergeben muss, die Frage nämlich, auf
welche Weise dabei die Bildung neuer, dichotomisch
zusammenhängender Species zu Stande kommen kann.
Wie kann bei jener Annahme überhaupt nur eine
Spaltung in Varietäten, bezw. Arten entstanden gedacht
werden?
Unser Eidechsenmaterial gibt uns hierüber interessante
Aufschlüsse.
Wir beobachten bei den Eidechsen bezüglich der
Zeichnung eine einzige Hauptrichtung des Variirens. Diese
Richtung führt von der striata zur maculata, bezw. reticu-
lata und tigris. Alle gezeichneten Varietäten lassen sich
auf diese Typen zurückführen. Ganz dasselbe gilt nicht
allein für die Art Lacerta muralis, nicht allein für
die Gattung Lacerta, sondern auch für die meisten Rep-
tilien.
Es gibt also nicht nur Varietäten der Art Lacerta
muralis, sondern es gibt Gattungen von Sauriern oder von
anderen Reptilien, welche entweder striatae oder maculatae
und welche mit durch diese Zeichnung charakterisirt sind.
Für die Varietäten der Mauereidechse habe ich die
Frage erörtert, ob striata und maculata, wenn sie unter
einander leben, getrennte Varietäten sein können? Dass
sie an verschiedenen Oertlichkeiten je abgeschlossene Va-
rietäten sind, unterliegt keinem Zweifel. Aber auch die
erstere Frage konnte nicht absolut verneint werden — und
in der That sprechen auch die uns hier beschäftigenden
Ueberlegungen gegön eine solche Verneinung.
Es zeigte sich, dass alle Zeichnungsvarietäten, die
wir kennen lernten, Stufen auf der Entwicklungsleiter
zur maculata, bezw. reticulata und tigris darstellten. Ich
sprach desshalb von einer stufenweisen Entwicklung.
Wo immer eine wohlcharakterisirte, in sich ab-
geschlossene Varietät sich ausgebildet hat, stellt
sie eine solche Entwicklungsstufe dar.
Es muss somit die Abspaltung in die verschiedenen
Varietäten so entstanden gedacht werden, dass Genepi-
stase, d. h. Stehenbleiben auf einzelnen Stufen
Untersuchungen über das Variircn der Mauereidechse. 505
der Entwicklung dabei das Maassgebende ist —
nicht etwa, wie Kölliker in seiner Hypothese meint,
plötzliche Aenderung der Entwicklungsrichtuug. Was aber
für diese Varietäten gilt, gilt auch, wie die Zeichnung
überall beweist, für Arten und für Gattungen — überall
sind sie als genepistatische zu erkennen!')
Dieses Gesetz der Genepistasie oder Phylepi-
stasie (Gesetz der stufenweisen Entwicklung) erweist sich
als ein höchst wichtiges, als ein solches, welches eine Menge
von Formbeziehungen klarlegen, besonders aber desshalb,
weil seine Anwendung zeigen wird, dass überall in der
Natur bestimmt gerichtete Variation, dass nirgends zufällige,
dass vielmehr überall constitutionelle Ursachen für die Um-
bildung der Formen in erster Linie maassgebend sind.
Für die drei Hauptformen der Zeichnung: Längs-
streifung, Fleckenzeichnung, Querstreifung habe ich eine
Unterstützung des Stehenbleibens in der bestimmten Rich-
tung der Entwicklung auf den betreffenden Stufen durch
Anpassungszwang als möglich erklärt. Wir hätten also
hier eventuell nicht reine Genepistase in dem früher er-
örterten Sinne zu verzeichnen. Bei dem hohen Anpassungs-
bedürfniss der Mauereidechse ist nach den gegebenen Aus-
führungen anzunehmen, dass in der That auch heute die
verschiedenen Hauptzeichnungen gewöhnlich zur Umgebung
stimmen. So ist unter Berücksichtigung der Sesshaftigkeit
der Eidechsen unschwer zu erklären, dass z. B. ebenso
eine (conservative) Striata- und eine (fortgeschrittene) Ma-
culata- Varietät in Folge von Anpassungszwang abge-
schlossen zwischen einander leben, als dies mit Striata,
bezw. Maculata einerseits und ungezeichneten Varietäten
andererseits der Fall ist.
Allein es zeigt sich auf Grund des vorgeführten Ma-
terials doch, dass an einzelnen Orten die herrschende Rasse
noch mehr gestreift, an der andern noch mehr gefleckt ist,
ohne dass die äusseren Verhältnisse an beiden in charak-
teristischer Weise entsprechend verschieden wären, so dass
1) Vgl. vorn S. 323 und 324. Man kann statt Genepistase auch
das Wort Phylepistase anwenden.
506 Th. Eimer:
dort augenscheinlich die phyletische Entwickhiug- nur aus
constitutionellen Ursachen nicht das Ziel erreicht hat, zu
welchem sie hier gediehen ist (reine Genepistase) — und
dasselbe, was in dieser Beziehung für die Hauptformen der
Zeichnung der Art Lacerta muralis gilt, gilt eo ipso für
die Zwischenformen dieser Zeichnung, durch welche be-
stimmte Varietäten ja gleichfalls charakterisirt sind — eben-
dasselbe ist aber auch auf die Arten und auf die Gattun-
gen anderer Reptilien anzuwenden — jede derselben stellt
im Wesentlichen eine Stufe auf der Leiter der bestimm-
ten Richtung der Entwicklung dar, so dass die äusse-
ren Verhältnisse auf das Bestimmteste nur als
der eventuelle Begünstiger des Stehenbleibens
auf solcher Stufe, nicht aber als das von vorn
herein die Stufe bestimmende Moment ^erschei-
nen. Dasselbe gilt für die anderen der von mir bezüglich
der Zeichnung behandelten Thiere. So hob ich für ge-
wisse Zeichnungen der Raubvögel die Bedeutung der
Zierde statt des Schutzes als solche Begünstiger
hervor: es kann neben oder es könnte sogar trotz der
schützenden Anpassung auch geschlechtliche Zuchtwahl
sein, welche sich bestimmter Stufen bemächtigt und die-
selben eine Zeitlang festhält.
Es braucht aber selbstverständlich die Zeichnung nicht
in allen Fällen, auch nicht bei den so anpassungsbedürfti-
gen Mauereidechsen, absolut der Umgebung angepasst zu
sein oder der geschlechtlichen Zuchtwahl zu dienen, dann
nämlich, wenn andere Eigenschaften diese Aufgabe der Art
in die Hand nehmen, dass die Bedeutung der Zeichnung
zurückgedrängt wird — wie schon hervorgehoben wurde,
wird diese sich in solchen Fällen ohne Schaden, aber auch
ohne Nutzen für den Organismus in bestimmter Richtung
entwickeln können — umgekehrt wird sie durch Anpassungs-
bedürfnisse anderer Art, z. B. durch das Bedürfniss der An-
passung an einfache Färbung, zurücktreten, zuletzt schwin-
den können: die dunkeln Felseneidechsen, die Wüstenei-
dechsen, die Wüstenthiere überhaupt und besonders auch
viele Säugethiere bieten hervorragend Beweise hierfür.
Da alle Zeichnungen, sei Anpassung mit im Spiele
UutcrsuchimgGD über das Variiren der Mauereidechse. 507
oder nicht, alle, wo sie immer vorkommen, wenigstens
innerhalb der grossen behandelten Gruppen des Thierreichs
bei Varietäten, Arten und Gattungen sich im Wesentlichen
— von Seitenabzweigungen zunächst abgesehen — als
Stufen aus einer bestimmten P^ntwickiungsrichtung erkennen
lassen, so müssen wir zu dem Schluss kommen, dass Va-
rietäten, Arten, Gattungen eventuell nichts als
solche auf verschiedenen Stufen der Entwicklung
stehende Formen sein werden, sei es, dass einfach
ihre Genossen ihnen in der Weiterentwicklung sehr rasch
vorauseilten, so dass die Verbindung durch Zwischenformen
bald verloren ging — wie beim Ausziehen eines dehnbaren
Fadens der mittlere Theil dünn und dünner wird und
schliesslich reisst — oder dass örtliche Trennung die
Absonderung begünstigte.
Dabei setze ich als erlaubt voraus, dass ich nicht
zögern darf, die an der Hand der Thierzeichnung gewonne-
nen Gesetze zu verallgemeinern, indem ich die Zeichnung
den übrigen Theilen des Organismus gegenüber mit der
Ueberschrift vergleiche, welche den Inhalt eines Buches
angibt, und indem ich so andere, wenn auch feinste, Um-
änderungen als mit jenen der Zeichnung Hand in Hand
gehend annehme.
Auf diese Weise lässt sich eine Entstehung
neuer sehr verschiedener Arten aus constitutio-
nellen Ursachen allein begreifen, selbst ohne
dass man dabei irgend correlative Veränderun-
gen zu Hülfe nehmen müsste.
Dazu ist nun noch das Folgende zu bemerken.
Bleibt eine Form aus constitutionellen Ursachen auf
einer tieferen phyletischen Stufe stehen, so wird sie, je
länger sie stehen bleibt um so mehr, aus rein con-
stitutionellen Ursachen eine andere werden, in-
dem ihre Eigenschaften sich dem Organismus ohne wei-
teres Zuthun von Aussen fester und fester einprägen (con-
stitutionelle Imprägnation). Sie wird also nach einer
gevv^issen Zeit nicht mehr dieselbe sein, welche sie damals
war, als ihre Verwandten sich von ihr trennten. Sie wird
je länger sie mit diesen Eigenschaften zu existiren vermag
508 Th. Eimer:
um SO mehr in anderer Weise als jene correlativ sich ver-
ändern, um so mehr aber auch im Stande sein, gerade
diese, die conservirten Eigenschaften gegenüber dem An-
passungszwang zu erhalten und es wird sich dieser letztere
mit grösserem Erfolg auf Umänderung auf andere Eigen-
schaften werfen.
So wird selbst bei einer einzigen Entwick-
lungsrichtung die Genepistase Veranlassung zur
Bildung neuer, in dichotomischer Verzweigung
verwandter Formen geben können, eventuell ganz
ohne Anpassungszwang.
Es zeigt sich in der That, dass nicht alle Varietäten
der Mauereidechse, ebenso nicht alle Arten und Gattungen
verwandter Reptilien in eine und dieselbe gerade Linie
bezüglich der Abstammung zu stellen sind, vielmehr finden
sich seitliche Abweichungen von dieser Linie, welche deut-
lich auf eine dichotomische Verzweigung bezüglich der
verwandtschaftlichen Beziehungen hinführen. Für die Va-
rietäten der Mauereidechse zeigt ein Blick auf die auf
Tafel XIII dargestellten nördlichen Formen solche Ab-
weichungen in der Zeichnung, welche Hand in Hand gehen,
mit anderen der Färbung etc. Betreffs der südlichen brauche
ich nur an die Podarcis muralis siculus olivaceus albiven-
tris Bonap. (muralis fasciata mihi ^) ) in Sicilien zu erinnern
oder an die ungezeichneten Varietäten und endlich an die
Felseneidechsen 2).
Vielfach sind nun aber bei diesen Abweichungen, wie
früher gezeigt wurde, z. B. eben bei den Mauereidechsen
des Nordens, auf das Sichtbarste nützliche Anpassungsfor-
derungen maassgebend gewesen.
Wenn auf der einen Seite reine Genepistase die Ent-
stehung dichotomisch verzweigter Formen erklären kann,
so wird auf der anderen Seite der Anpassungszwang eine
solche Entstehung selbstverständlich begünstigen.
1) Wie in dem p. 375 aufgestellten Verzeichniss der von mir
benannten Formen nicht erwähnt.
2) Ich werde an einem anderen Orte die Verwandtschaft auch
der Arten und Gattungen unserer Eidechsen überhaupt näher fest-
zustellen suchen.
üntersuclmiigen über das Variiren der Mauereidechse. 509
Ebenso wird aber Impression wilbrend des rein gene-
pistatiscben Stadiums eine Ablenkung von der ursprüng-
licben Entwicklungsricbtung bewirken können.
Allein die Tbatsacben weisen auf eine fortdauernde
mächtige Wirkung der ursprünglichen Entwickluugsriclitung
hin : niemals scheinen, mögen die äusseren Einwirkungen
sein, welche sie wollen, strahlenförmig vom Wendepunkt
der Umänderung ausgehende Linien die Wege der neuen
Richtung zu bezeichnen — schematisch lassen sich diese
vielmehr so darstellen, dass sie, nach kurzem Abrücken von
der ursprünglichen Bahn, derselben annähernd parallel, nur
wenig von ihr divergirend, wieder weiterziehen. Der Grad
der Divergenz deutet die Wirkung der constitutio-
nellenlmprägnation während des genepistatischen Still-
standes an oder die der Impression oder die beider, even-
tuell unter Mithülfe der Nützlichkeitsanpassung; die An-
näherung an die ursprüngliche Bewegungsrichtung ist die
Folge des Fortwirkens der ursprünglich thätigen consti-
tutionellen Ursachen. — In ähnlicher Weise können nun
von der Neben- wie von der Hauptlinie weitere Abzwei-
gungen stattfinden, die ersteren werden zu successive grös-
serer Abweichung von der ursprünglichen Richtung führen.
Mehr und mehr werden im Laufe der Zeit die äusseren
Ursachen, soweit sie die Divergenz bedingten zu consti-
tutionellen Veränderungen führen. Allein es scheint viel-
fach ausserordentlich lange zu dauern, bis dies geschehen
ist und so lange hat die divergirende Linie die Neigung, der
ursprünglichen Entwicklungsrichtung wieder vollkommen
parallel zu laufen, bezw. mit ihr wieder zusammenzufallen
— im letzteren Falle reden wir von Rückschlag, Ontepi-
stase. Vergleicht man die divergirende Linie mit einer ge-
spannten elastischen Feder, so kann man sagen, dass sie
nach dem Aufhören der äusseren, sie spannenden Ursachen
zurückschnellt in der Richtung der früheren Lage.
So können wir den ganzen Process der Umbildung
vergleichen mit den Folgen einer Völkerwanderung über
weite, fremde Gebiete. Die einen Geschlechter bleiben,
weil sie nicht die Kraft haben zu folgen, früher, andere
später zurück (Genepistase), wieder andere erreichen ein
510 Th. Eimer:
fernes Ziel. Die einen erhalten ihre Eigenschaften in der
neuen Heimath oder festigen sie sogar, ändern sie corre-
lativ um, andere verändern sich unter der Einwirkung
äusserer Verhältnisse und passen sich eventuell der Um-
gebung an. Je eher die Verbindung zwischen den einzel-
nen Geschlechtern verloren geht, um so eher erscheint jede
derselben als eine neue Art, als eine neue Gattung — aber
alle tragen den Stempel gemeinsamer Abstammung in die
Haut eingebrannt und diese Zeichnung weist überall zu-
rück auf eine einzige Hauptrichtung der Wanderung und
auf einen Ausgangspunkt derselben.
Schliesslich sei es erlaubt, noch ein paar Worte über
eine schon gelegentlich berührte vergleichende Beziehung
zu sagen, welche die aus den vorstehenden Thatsachen
mit Nothweudigkeit sich ergebende Auffassung von der
Bedeutung constitutioneller Ursachen für die Umbildung
der Formen in einem Punkte noch näher illustriren möchte.
Ich sprach früher von Eigenschaften, welche möglicher-
weise auftreten könnten als Folge des Alterns der Art. In der
That weisen alle Erscheinungen der organischen Natur auf
ein Kommen und Gehen, auf allmäliges Entstehen, aufBlüthe-
zeit und Absterben auch der Arten. Ich kann nach meinen
Beobachtungen die Ansicht nicht theilen, dass dieser Pro-
cess vorzüglich durch das Nützlichkeitsprincip im Dar-
win'sehen Sinne zu erklären sei. Es scheinen mir die
Thatsachen, ebenso wie allgemeine Ueberlegungen, dafür
zu sprechen, dass das Gesetz, nach welchem das organi-
sche Individuum während seines Lebens aus constitutio-
nellen Ursachen wächst und stirbt, auch auf die Art, auf
die Gattung u. s. w. angewendet werden dürfe. Wir neh-
men das Gesetz des Kreislaufs des individuellen Lebens
einfach als ein Naturgesetz hin, ohne zu verlangen, dass
bei dem bestimmten Weg, welchen dasselbe einhält, noth-
wendig eine besondere Lebenskraft als wirkend vorausge-
setzt werden müsse — so gross die Rolle allerdings ist,
welche diese Auffassung in der Entwicklung der Wissen-
llütersuchiiuoren über das Variircu der Mauereidecliso. 511
Schaft gespielt hat. Nicht mehr uud nicht minder uoth-
wendig scheint mir bei der Annahme eines solchen phyle-
tischen Kreislaufs, bezw. eines in ganz bestimmter Rich-
tung vor sich gehenden phyle tischen Wachsthums,
eine Lebenskraft beigezogen werden zu müssen.
Es scheint mir immerhin verständlicher, dieses Wachs-
thum, jenen Kreislauf, den individuellen wie den phyleti-
schen, als die Wirkung physikalisch-chemischer Kräfte, als
organische Krystallisation zu bezeichnen^ welche beeinflusst
wird durch den Zwang des Nützlichkeitsprincips, der Ver-
erbung und Anpassung, als dritte, ungreifbare Kräfte zur
Erklärung beizuziehen. Allein ich sehe keinen Makel der
Naturforschung darin, zu erkennen und es auszusprechen,
dass wir bei consequenter Verfolgung der vorliegenden Fragen
an eine Grenze kommen, von wo an ein unbefangenes Ur-
theil subjectiver Auffassung volles Recht einräumen muss.
Kein Physiker, kein Chemiker wird es versuchen,
die gesetzmässige Harmonie der anorganischen Natur durch
unmittelbare Nützlichkeitsforderungen zu erklären ; so gross
die Bedeutung ist welche man dieser, dem Darwinismus,
bei der Gestaltung der organischen zuerkennen muss,
man wird sie nicht als das treibende, sondern nur als ein
regulirendes Princip dieser Gestaltung mit Grund erkennen
können.
Solche iluffassung thut dem Darwinismus kein Unrecht
— sie gesteht ihm volle Berechtigung zu nicht nur, sondern
sie schützt ihn vor den Blossen, welche allzu zudringliche
Freunde ihm bereitet haben und bereiten — sie mag auch
Solchen gerecht werden, welche in der Inthronisirung des
speciellen Darwinismus das für die ganze Natur gleich
Gesetzmässige und damit idealen Boden vermissen.
Cnemidophorns.
Mit der weiteren Verfolgung der Gesetzmässigkeit der
Thierzeichnuug beschäftigt, machte ich nachträglich eine
Beobachtung, welche auf einen bestimmten Theil der Zeich-
nung der Mauereidechsen erklärendes Licht wirft und
512 Th. Eimer:
welche zugleich die Eigenschaften der ursprünglichsten
Stammform der Eidechsen in Beziehung auf die Zeichnung
vor Augen führt.
Cnemidophorus sexlineatus L. aus Nordamerika und
Mexico hat abgesehen von der Mittelzone auf jeder Hälfte
der Oberseite nicht, wie die Lacerta muralis striata, fünf,
sondern sechs ausgesprochene gestreifte Zonen : statt zweier
weisser Seitenlinien jederseits sind deren drei vorhanden;
die den Mauereidechsen fehlende grenzt unmittelbar an die
Mittelzone. Die sechs auffallenden, scharf ausgeprägten
weissen Linien geben dem Thier ein sehr charakteristi-
sches Aussehen — daher auch sein Name — ein Aus-
sehen, welches dasselbe von unseren Mauereidechsen an-
scheinend sehr verschieden macht. Es zeigt sich nun aber,
dass die dritte (mediane) weisse Seitenlinie andeutungsweise
auch bei der Lacerta muralis striata vorhanden ist : in Fig.
1, 2, 3, 13 und 14 meiner Abbildungen auf Taf XIV ist sie
deutlich zu erkennen, in Fig. 13 und 14 durch II« bezeichnet.
Ich habe in der Beschreibung der Zeichnung der striata
gesagt, es zerfalle die IL Zone, das obere Seitenband der-
selben wieder in zwei ganz scharf, aber äusserst zart ab-
gesetzte Läugsbänder, ein inneres helleres, grünliches (Fig.
18 und 14 IIa) und ein äusseres dunkleres, bräunliches
(Fig. 13 und 14 llß). Diese Abtheilung der zweiten Zone
in zwei Längsstreifen scheine das erste Opfer zu sein,
welches dem Zurücktreten der Längsstreifung gebracht
wird, denn sie werde schon bei den ausgewachsenen Männ-
chen der campestris ganz, bei alten Weibchen theilweise
vermisst ^). Auf den von mir angezogenen Abbildungen
hat der Lithograph den Unterschied in den zwei Längs-
streifen etwas zu scharf, die innere derselben etwas zu
hell gezeichnet. Diese letztere ist nun aber offen-
bar nichts Anderes als ein Ueberrest der die
Mittelzone unmittelbar begrenzenden weissen
Linie, welche bei Cnemidophorus sexlineatus so
1) Und zwar zuerst vorn, was eine Ausnahme von der Regel
darstellt, wonach die alte Zeichnung sich am längsten im vorderen
Theile des Körpers erhält.
Untersuchungen über das Variiren der Mauereidecbse. 513
ausgesprocbcii vorhaudeu ist. Wir haben dem-
nach in der Zeichnung dieses letzteren Thieres
die älteste bis jetzt auffindbare, bezw. die Ur-
zeiclmung der Eidechsen und vielleicht der Rep-
tilien überhaupt vor uns und wir erkennen in der
Gattung Cnemidophorus eine Form, welche die
ältesten Eigenschaften in dieser Beziehung am
längsten erhalten hat.
„Die Raupe von Pterogon Gaurae aus Nordamerika",
sagt Weis mann, ^^bestätigt von Neuem die merkwürdige
Erscheinung, dass die Thier- wie Pflanzenformen Nord-
amerika's phyletisch älter sind als die europäischen, wie
dies in gleicher Weise auch bei Deil. Lineata, der vicari-
irenden Form von D. Livornica hervortrat. Ganz in Ueber-
einstimmung damit entbehrt die Raupe von Pt. Gaurae"
(gegenüber von der europäischen Oenotherae) „auch des
Augenflecks auf dem elften Segment und zeigt statt dessen
noch das ursprüngliche, wenn auch kleine Sphingidenhorn.^
Cnemidophorus sexlineatus gibt abermals einen Be-
weis für diese höchst interessante Thatsache, gibt abermals
einen Beweis dafür, welch fruchtbares Feld die weitere
Verfolgung der Zeichnungsgesetze bei den verschiedensten
Thieren sein wird. Ich bin mit dieser Aufgabe beschäftigt.
Ich weiss selbst am Besten wie wenig im Verhältuiss zum
Ganzen, was Einzelheiten angeht, meine vorliegende Ab-
handlung bietet, aber ich verwahre mich hiermit ausdrück-
lich gegen die unsittliche Uebung der literarischen Wege-
lagerer, welche, wenn sie eines solchen durch Andere an's
Licht gebrachten Stoffes sich bemächtigen, sofern sie es
nicht für das Einfachste halten, die Thätigkeit dieser An-
deren ganz zu ignoriren, es jedenfalls für nöthig finden, zu
zeigen, was dieselben nicht und dass sie überhaupt nichts
geleistet haben, um aus der Asche von deren Thätigkeit nun
selbst als die zu bewundernden Phönixe emporzusteigen').
1) Was eigene Erfahrungen in diesem Gegenstande, und zwar
nach beiden genannten Richtungen hin betrifft, so stehen die ge-
legenthch meiner Untersuchungen über das Nervensystem der Quallen
(Rippenquallen und Medusen) gemachten obenan. Man vergleiche
hierzu meine „Medusen".
514 Th. Eimer
Sanroktonos.
In meiner Abhandlung über Lacerta muralis coeriüea
beschrieb ich die eigenthümliche, in Italien verbreitete Me-
thode, mit welcher dort die Knaben die Eidechsen fangen :
sie machen an das Ende eines langen, starren Grashalmes eine
Schlinge, welche sie etwa durch Speichel noch mit einem
schillernden Spiegel füllen. Sie halten den Grashalm der
Eidechse hin, und diese, neugierig wie sie ist, kommt näher
und näher, sich den Apparat zu besehen, und lässt sich in
dieser Neugierde leicht die Schlinge über den Kopf ziehen.
Die berühmte Statue des Sauroktonos*) stellt be-
kanntlich einen noch dem Knabenalter nahen Jüngling dar,
weicher, mit dem linken Arm an einen Baumstamm gelehnt,
in der rechten Hand ein Stück eines Stabes haltend, in
lauernder Stellung eine am Baumstamme hinaufkletternde
Eidechse mit den Augen verfolgt, um dieselbe, wie die Ar-
chäologen meinen, mit jenem Stabe, bezw. mit einem Pfeile,
von welchem der Stab ein Stück darstellen würde, entwe-
der zu kitzeln oder zu durchbohren. Das letztere Urtheil
bezieht sich, so viel ich weiss, auf die Angabe von Pli-
nius^): „fecit" (ex aere Praxiteles, welchem die Statue
von ihm zugeschrieben wird) „puberem Apollinem subre-
penti lacertae cominus sagitta insidiantem quem sauroc-
tonon vocant." Apollo soll aus den Zuckungen der ster-
benden Eidechse Zukünftiges verkünden wollen. Ein auf
unsere Statue bezügliches Epigramm des Marti al'\) lautet:
„Sauroctonos Corinthius" (d. i. aus korinthischem Erz)
„Ad te reptandi, puer insidiose, lacertae
Parca, cupit digitis illa perire tuis."
Die Eidechse kriecht also zu dem Knaben heran.
Dies und die ganze Haltung des Sauroktonos, welche
eine durchaus ruhig erwartende, fast nachlässige ist,
el)enso die Haltung des rechten Armes und der rechten
Hand, die Art, wie diese das Stabstück in den Fingern
1) (JavQoxTovog, Eidechsentödter.
2) Hist. nat. XXXIV, 70.
3) XIV. 172.
Untersuchungen über das Variircn der Mauereideclise. 515
hält - leicht und spielend, nicht fest und sicher, wie man
einen Pfeil hält, mit dem man tödten will, endlich der
friedliche, eher Spiel als ernste Uebung andeutende Aus-
druck des Gesichts — Alles dieses scheint mir auf das
Bestimmteste darauf hinzuweisen, d a s s wir i m S a u r o k -
tonos einen Knaben vor uns haben, welcher mit
der Grasschling-e auf die Eidechse lauert, nicht
mit einem Pfeile. Erst durch diese Erklärung wird die
Haltung der ganzen Statue verständlich und erscheint diese
in ihrer ganzen lebenswahren Harmonie. Bekanntlich fin-
det sich eine Nachbildung des Originals in Marmor, welche
im Jahre 1777 auf dem Palatin ausgegraben wurde, im
Vatikan, eine andere, kleinere, in Erz, bei S. Balbina ge-
funden, in der Villa Albani in Rom, eine u. A. in Paris.
Ich kenne die beiden ersteren aus eigener Anschauung
genauer. Au der bekanntesten und schönsten, der vatikani-
schen sind die beiden Arme von den Schultern ab neu. Am
Exemplar der Villa Albani sind die Arme alt, nach einer
der mir im Augenblick zugänglichen Angaben soll die
rechte Hand auch hier restaurirt sein ^). Sei dem wie ihm
wolle, jedenfalls ist die Haltung von rechtem Arm, von
Hand und Fingern in beiden Fällen übereinstimmend eine
solche, dass sie nur auf die leichte Handhabung eines
Grashalms bezogen werden kann, nicht aber eines Pfeils.
Das Hauptgewicht möchte ich aber auf die, wie gesagt,
nur mit ersterer Auffassung in Einklang zu bringenden
übrigen Verhältnisse der Statue legen.
Es wäre interessant zu wissen, ob die Methode des
Eidechsenfangs mit der Schlinge auch in Griechenland ge-
übt wird, was bei den alten Beziehungen der Griechen und
Römer wohl wahrscheinlich ist — aber selbst wenn dies
nicht der Fall wäre, würden diese Beziehungen dazu hin-
reichen, dem Praxiteles den Stoff zu seiner Statue an die
Hand gegeben zu haben.
Damit w^äre die Uebung jener Methode als eine sehr
alte erwiesen. Auf wie alte Zeiten sich ähnliche Uebun-
1) Auch am Pariser Exemplar sei der rechte Vorderarm mit
Iland neu, wie auch die Finger der linken.
516 Th. Eimer:
gen zurückführen lassen, wie zäh sie sich auf die Nach-
welt vererben und in ihr erhalten, dafür liefert mir den
Beweis ein Freskogemälde im etruskischen Museum im
Vatikan, einen Knaben darstellend, welcher einen durch
einen Bindfaden an den Beinen festgehaltenen Vogel flattern
lässt, ein Verfahren, welches heute noch zu den gewöhn-
lichsten Thaten der täglichen Thierquälerei in Italien ge-
hört und welches sonach mindestens seit dem in's Dunkel
einer unbekannten Vorzeit ragenden Leben des Etrusker-
volkes gedankenlose Menschenkinder beschäftigt hat.
Rom am 16. Oktober 188L
Erklärung der Abbildungen auf Taf. X[II -XV.
Allgemeine Bezeichnungen der Tafel XIII und XIV:
I bis VI erste bis sechste Zone,
la Grenzlinie der ersten,
III a innere Grenzlinie der dritten,
III b innere Grenzlinie der dritten Zone.
II« inneres,
II ß äusseres Band der zweiten Zone, das erstere der medianen
weissen Seitenlinie von Cuemidophorus sexlineatus entsprechend.
Tafel XIII.
Fig. 1. Lacerta muralis striata s. str. = campestris de ßetta.
Lido bei Venedig.
Fig. 2. Dieselbe.
Fig. 3. striata $ vom Karst bei Triest — noch nahe der typischen
campestris, aber mit dem Beginn der Bildung einer sekun-
dären Mittelzone (I).
Fig. 4. striata: punctato-striata vom Karst. ^^ iuv.
Fig. 5. ebendaher: punctato-striata, jung.
Fig. 6. striata: punctulato-fasciata J von Cleven mit sehr kräfti-
ger Fleckung der Mittelzone.
Fig. 7. striata: punctulato-fasciata $ von Teinach, Schwarzwald.
Fig. 8. striata: punctulato-fasciata ^ aus Süddeutschland.
Fig. 9. striata: punctulato-fasciata ^ aus Bozen.
Fig. 10. striata: punctato-fasciata (Meremmii) aus Dalmatien.
Untersuchungeu über das Variiren der Mauereidechse. 517
Fig. 11. maculata: reticulata, aber noch nicht typisch ausgebildet,
deutlich aus einer punctato-fasciata hervorgegangen, ^.
Rimini.
Fig. 12. maculata; reticulata Q. Insel Pianosa.
Tafel XIV.
Fig. 13. striata: maculato-8triata=albiventris Bonaparte Q. Neapel.
Fig. 14, Derselbe Typus ^. Toskana.
Fig. 15. Derselbe Typus, aber mehr der maculata sich nähernd.
(^. Toskana.
Fig. 16. maculata: striato-maculata ^^ . Umbrien.
Fig. 17. maculata: striato-maculata ^. Modica, Sicilien.
Fig. 18. maculata s. str. Insel San Stefano.
Fig. 19. maculata s. str. An den Flanken Uobergang zur reticulata
bezw. tigris. Insel Ventotene ^.
Fig. 20. maculata: tigris. ^. Modica.
Fig. 21: punctato-striata vom Karst, mit der Punktreihe auf den
äussersten Bauchschuppen (welche sich auch bei Schlangen
findet).
Fig. 22. Ein sehr junges Thier vom Karst, bei welchem schon die
sekundäre Mittelzone ausgebildet ist.
Tafel XV.
Fig. 23. Lacerta muralis coerulescens monaconensis ^.
Fig. 24. Lacerta muralis filfolensis (-^.
Fig. 25. Kopf des ^ derselben von der Unterseite.
Fig. 26. Acanthodactylus Boskianus ^ aus der Wüste der Sinai-
halbinsel (vgl. den Text S. 406).
Arch. f. Natnrgesch. XXXXVII. Jahrpj. 1. Bd. 34
Der Bau der Kieraenbliitter bei den Knochenfischen.
Von
Dr. J. Albin Riess,
Lehrer an der Charlottenschule in Potsdam.
Hierzu Taf. XVI— XVIII.
Das Thier nimmt die Stoffe, deren es zur Erhaltung
seiner Masse bedarf, aus der Aussenwelt durch Flächen
auf, zunächst durch diejenige, welche seine Masse von der
Aussenwelt abgrenzt. Bei der Vergrösserung des Körpers
wächst aber die Aussenfläche in einem geringeren Ver-
hältnisse als die Masse. Daraus ergiebt sich für ein grös-
seres Thier die Nothwendigkeit, dass die resorbirende
Haut zum Zwecke bedeutenderer Flächenentwicklung com-
plicirter sich gestalte ^). Dies wird ganz besonders da ge-
boten sein, wo es gilt, den zum Stoffwechsel nothwendi-
gen Sauerstoff einem Medium zu entziehen, welches den-
selben nur in geringem Maasse respirationsfähig enthält.
Die Kiemen der Thiere und insonderheit die der Fische
veranschaulichen, wie durch eine mehrfach gefaltete Haut
eine zur Grösse des Thieres in directem, zu der geringen
Menge des im Wasser athembar enthaltenen Sauerstoffes
in indirectem Verhältnisse stehende Respirationsfläche ge-
schaffen wird. Unter einer solchen Haut muss aber, wenn
sie den Bedürfnissen des Körpers bei hohen Ansprüchen
1) Vergl. Leuckar t, Archiv für Naturgeschichte, 1851, Th. I.
S. 146.
Der Bau der Kiemenblätter bei den Knochenfischen. 519
gentigen soll, ein weit verzweigtes ßlutgefässsystem ausge-
gebreitet sein. Damit die Haut immer in guter Berührung
mit dem umgebenden Medium stehe, muss sie übrigens in
passender Weise gestützt werden. Die feine Zertheilung
der Blutgefässe setzt einen Apparat voraus, welcher kräftig
genug ist, das Blut durch die feinen Gefässe zu treiben.
Unter diesen Gesichtspunkten werde ich den Bau der
Kiemen schildern, wie ich ihn durch die Untersuchungen,
die ich über die Kiemen einiger Knochenfische unter der
Leitung meines hochverehrten Lehrers, des Herrn Geh.
Hofrath Prof. Dr. Leuckart in Leipzig in dessen Labo-
ratorium anstellte, kennen lernte.
Der Bau der Kiemen ist der Gegenstand vielfacher
Untersuchung gewesen. Joh. Müller ^) und Hyrtl ^) ha-
ben in vorzüglichen Abhandlungen den Verlauf des Blutes
durch den ganzen Kiemenapparat dargestellt. Das Capil-
larnetz der Kiemenblätter ist ausser diesen Forschern von
Döllinger ^), Fischer*), Rosenthal ^) beschrieben
und abgebildet worden. Eine Beschreibung des Skelets
der Kiemenblätter enthält die schon erwähnte Arbeit von
Döllinger und die Abhandlung über den Kiemenapparat
von Lereboullet ^). Letzterer hat auch die Kiemenhaut
untersucht und ihre Fläche berechnet. Die Muskulatur der
1) „Vergleichende Anatomie der Myxinoiden. Gefässsystera." —
Academie der Wissenschaften zu Berlin 1839.
2) „Beobachtungen aus dem Gebiete der vergleichenden Ge-
fässlehre: II. üeber den Bau der Kiemen der Fische." — Med. Jahr-
bücher des österr. Staates. Bd. 24. 1838.
3) „Ueber die Vertheilung des Blutes in den Kiemen der
Fische/' — Abh. der Königl. Bair. Academie der Wissenschaften,
2. Bd. (1831—36) 1837.
4) „üeber die ausserordentlich feine Vertheilung der Blutge-
fässe in den Kiemen der Fische." — Leipzig, naturhistor. Frag-
mente, Bd. I. 1801.
5) „Ueber die Structur der Kiemen." — Verhandlungen der
Gesellschaft naturforschender Freunde zu Berlin. Bd. I. 1829.
6) „Anatomie comparee de l'appareil respiratoire, dans les ani-
maux vertebres." — Strasbourg et Paris, 1838.
520 J. Albin Riess:
Kiemenblätter hat Duvernoy ^) behandelt. Bei Joh. Mül-
ler finden wir auch das nutritive Gefässsystem berück-
sichtigt, welches vonFohmann ^) als Lymphgefässsystem
aufgefasst wird. Ich werde auf alle die Arbeiten dieser
Forscher in den einzelnen Capiteln zurückkommen.
Meine Untersuchungen haben sich nur auf wenige
Fische erstreckt. Es waren dies Esox lucius, Perca fluvia-
tilis, Leuciscus rutilus, Cyprinus carpio und auratus, Co-
bitis fossilis, Salmo salar, Hippocampus.
Die grösseren Fische wurden behufs der Gefässunter-
suchung mit durch Carmin oder Berliner Blau gefärbter
Gelatine injicirt, und zwar vom Bulbus arteriosus aus.
Die Zeichnung des Capillarnetzes in Fig. 10 ist jedoch nach
einem nicht injicirten Präparate gefertigt.
Allgemeines über den Kiemenapparat.
Die allgemeine Einrichtung des Kiemenapparates , die
Anordnung, Zahl und Form der Kiemenblätter ist genü-
gend bekannt. Nur über den Kiemenapparat von Hippo-
campus kann ich dem Bekannten Einiges hinzufügen.
Was über denselben vorliegt, findet sich fast aus-
schliesslich in einer Schrift aus dem Jahre 1816 von T le-
dern an n ^). Er beschreibt das Herz, die Arterien, Kiemen-
deckel, Kiemenöifnung, auch die Bogen mit ihren Läpp-
chen von Syngnathus acus und hippocampus, vermag aber
den Bau der Blätter nicht zu erklären.
Schon das Kiemengerüst weicht in seiner Bildung
von dem der übrigen Fische ab. Während bei diesen die
Kiemenbogen sich meist aus vier Knochenstücken zusam-
mensetzen, bestehen sie hier, mit Ausnahme des ersten,
vordersten, aus einem einzigen Knochenbogen. Dieser be-
sitzt zwei Schenkel, einen aufrecht stehenden, nur etwas
1) „Du mecanisme de la respiration dans les poissons.*' —
Annales des sciences naturelles. 1839.
2) „Das Saugadersystem der Wirbelthiere." 1. Heft. Fische.1827.
3) „lieber Kiemenbildung bei den Nadelfischen." — Meckels
Archiv für Physiologie, 2. Bd. 1816.
Der Bau der Kiemenblätter bei den Knochenfischen. 521
Dach hinten sich neigenden und einen horizontal liegenden.
Der letztere Theil zieht gerade nach der Mittellinie des
Körpers und stösst hier mit dem des Bogens der anderen
Seite gelenkig zusammen (Fig. 27). Copularstticke fehlen.
Hiermit im Zusammenhang steht die Thatsache, dass auch
die Zunge fehlt, was schon von Tiedemann bemerkt
wird; denn die Copularstticke der Kiemenbogenknochen
der anderen Fische sind die Verlängerungen des Zungen-
beins nach hinten. Die beiden Schenkel des ersten Bo-
gens sind gelenkig verbunden.
Die Kiemenblätter stehen in zwei Reihen alternirend
an dem senkrechten Schenkel des Knochenbogens (Fig. 26
und 27). Die Blätter aller Bogen sind dicht gedrängt.
Der ganze Kiemenapparat zeigt, aus dem Kopfe heraus-
genommen, eine kugelige Form und ist einer Maulbeere
nicht unähnlich (Fig. 24). Die Blätter der beiden Reihen
stehen von einander ab, etwa wie die Flügel des Ahorn-
samens (Fig. 25).
Bau der Kiemenblätter.
Jedes Kiemenblatt enthält einen Stütz- und Bewe-
gungsapparat und wird von einer theils glatten, theils ge-
falteten Haut bedeckt. Unter der Haut findet sich ein
sehr ausgebreitetes Gefässsystem vor.
I. Stütz- und Bewegungs- Apparat der Kiemenblätter.
Dieser Apparat setzt sich aus einem Skeletstücke,
der Kiemengräte, aus Bindegewebe, welches andere Or-
gane an die Gräte, diese selbst aber an den Kiemen-
bogenknochen, sowie an die Gräten benachbarter Blätter
heftet, und aus Muskeln und elastischen Bändern zusam-
men, durch welche die Gräte bewegt wird.
1. Die Kiemengräte.
Die Kiemengräten des Seepferdchens unterscheiden
sich in Bezug auf ihre Form und die Art ihrer Befesti-
gung so merklich von denen der übrigen von mir unter-
suchten Knochenfische, dass es nöthig ist, sie gesondert
zu betrachten.
522 J. Albin Riess:
Bei den übrigen Knochenfischen habe ich eine gleich-
artige Bildung der Kiemengräte bemerkt. Sie besteht bei
allen aus zwei Theilen: aus einem langgestreckten, säbel-
förmigen Körper und einem kurzen Gelenkkopfe. Der
erstere Theil zieht sich, in der inneren Hälfte des Kiemen-
blattes gelegen, durch die ganze Länge desselben, läuft
nach der Spitze des Blattes zu fein aus und verschmälert
sich gegen die Basis desselben hin. Bei dem Barsch ist
sie der Dicke der Kiemenblätter entsprechend sehr dick,
bei dem Hechte dünn. Bei einigen Fischen, z. B. beim
Lachs und Karpfen, sind die Flächen der Gräte gerippt,
und ihr äusserer Band ist mit Zähnen besetzt. An der
Basis biegt sich der säbelförmige Theil der Gräte in einen
kurzen Haken nach innen (Hecht, Barsch (s. Fig. 13, 1), oder
nach aussen (Lachs, Cyprinoiden (s. Fig. 16, 1). An den
beiden Seiten dieses Hakens sitzen nun als Gelenkkopf
zwei ohrenförmige Körper, welche ihn nach allen Rich-
tungen hin überragen. Bei dem Hecht und Barsch sind
diese Gelenkohren wie der Haken des Kiemengrätensäbels
nach innen, bei dem Lachs und den Cyprinoiden nach
aussen gerichtet, so dass also bei ersteren die Gelenkoh-
ren der gegenüberliegenden Blätter einander zu-, bei letz-
teren von einander abgewendet sind (Fig. 31 u. 32). Mit
diesem Unterschiede hängt eine besondere Anordnung der
Muskulatur und eine besondere Einrichtung der Gefässe
zusammen. Die Gelenkohren zweier benachbarter Kiemen-
gräten derselben Kiemenblattreihe kehren einander Flä-
chen zu, welche sowohl unter sich, als auch der Fläche des
Kiemengrätensäbels parallel sind. Die Gelenkohren einer
und derselben Kiemengräte stossen jedoch mit geneigten
Flächen auf einander. Dadurch bekommt der ganze Ge-
lenkkopf das Ansehen eines Sectors aus einer Rolle. In
die Rinne finden wir die Vene des Kiemenblattes einge-
legt (s. Fig. 2 und 17).
Was das Gewebe der Kiemengräten anlangt, so zählt
Lereboullet eine Anzahl Fische mit knöchernen, ebenso
viele mit knorpeligen und noch andere mit halb knöcher-
nen und halb knorpeligen Kiemengräten auf. Ich habe
bei den von mir untersuchten Arten überall gefunden, dass
Der Bau der Kiemenblätter bei den KnocheDfischeo. 523
die Kiemengräten ans verkalktem Knorpel bestehen. Die
Gelenkohren bestehen aus schaligem Knorpel mit einge-
streuten halbmondförmigen Zellen und reichlicher Zwi-
schensubstanz. Die Schalen lagern sich concentrisch um
den Haken des Kiemengrätensäbels (Fig. 9).
Durch den Kiemengrätensäbel zieht sich beim Hecht
und Barsch ein rundlicher, nach der Spitze der Gräte all-
mählich an Breite zunehmender und an der Spitze selbst
die ganze Gräte bildender Strang. Derselbe besteht aus
grossen, polyedrischen, dicht gedrängten Zellen. Die Zel-
len besitzen einen sehr grossen, kugeligen oder ellipsoidi-
scheu Kern mit deutlichem Kern körperchen und einer kör-
nigen Masse (Fig. 11). An dem Kern lassen sich häufig
Einschnürungen bemerken, welcher Umstand deutlich auf
eine Theilung der Zellen hinweist. In der Peripherie des
Stranges liegen kleinere, abgeplattete Zellen, welche sich
von den grösseren, centralen abgespaltet haben. An der
Basis der Kiemengräte zweigt sich von dem in Rede
stehenden Zellenstrange ein anderer ab, welcher gegen
ihn divergirend nach dem inneren Rande der Kiemengräte
zieht und sich da bald verliert (Fig. 13, II, III).
Auch beim Lachs und den Cyprinoiden finden sich
zwei solcher Zellenstränge in der Kiemengräte vor; beide
ziehen aber durch die ganze Gräte, der eine am inneren
Rande, der andere mehr in der Mitte gelegen. Von letzte-
rem zweigen sich unter rechtem Winkel Querstränge für die
Rippen und Zähne an den Kiemengräten des Lachses ab.
Beide Zellenstränge werden nun von schaligem Knor-
pel mit spärlichen, halbmondförmigen Zellen eingehüllt,
welcher offenbar von jenen aus gebildet wurde.
Die beiden Zellenstränge zeigen die zweifache Auf-
gabe der Kiemengräte an; die eine Aufgabe besteht darin,
das Kiemenblatt zu stützen, die andere liegt in der Bezie-
hung der Kiemengräte zu den Gefässen des Kiemenblattes.
Beide Aufgaben werden wir bei der Betrachtung der Kie-
mengräten des Seepferdchens deutlicher erkennen.
Dass das Wachsthum der Kiemengräte von innen,
von dem centralen Zellenstrange aus erfolgt, lehrt die Be-
trachtung der jüngsten Kiemenblätter. Die Gräten dieser
524 J. Albin Riess:
bestehen nur aus .dem grosszelligen Strange. Die Gräten
der Pseudobranchien vom Barsch (Fig. 19) werden auch
nur von dem grosszelligen Strange gebildet, welcher von
einer dünnen Scheide zellenarmer Knorpelmasse umgeben
ist. Die Gelenkohren sind sehr klein. Dieses, sowie die
Zartheit der Kiemengräte hängt mit dem Mangel der Mus-
kulatur zusammen.
Die Kiemengräten des Seepferdchens unterscheiden
sich von denen der übrigen Knochenfische dadurch, dass die
einer Kiemenblattreihe auf einem gemeinschaftlichen, un-
unterbrochenen Knorpelstamme aufsitzen (Fig. 27). Es lie-
gen über dem senkrecht stehenden Theile des Kiemen-
knochenbogens zwei wellenförmig gebogene Knorpelstämme.
Da, wo diese nach aussen biegen, sitzen auf denselben
unbeweglich die Kiemengräten mit einer etwas verbreiter-
ten Basis fest (s. auch Fig. 29). Die Kiemengräte selbst
hat die Beschaffenheit derjenigen aus der Pseudobranchie
vom Barsch. Eine zellenarme Knorpelscheide schliesst
einen grosszelligen Strang ein. Anfangs liegt die Gräte
in der Mitte des Blattes, später zieht sie sich nach dem
äusseren Rande, liegt dann also der Vene des Blattes
näher, als der Arterie, was bei den übrigen Knochenfischen
umgekehrt der Fall ist (Fig. 28 und 30).
An der Basis der Kiemengräte zweigt sich von ihr
eine kürzere Gräte ab, welche wie der kurze Zellenstrang
in der Kiemengräte des Hechtes gegen jene divergirend
nach dem inneren Rande des Kiemenblattes zieht und auf
eine kurze Strecke die Wandung der Arterie des Kiemen-
blattes bildet (Fig. 28 I).
Die Kiemenblätter des Seepferdchens enthalten also
eine gabelähnliche Gräte. Die lange Gräte stützt das Blatt,
die kurze wirkt bei der Bewegung des Blutes durch die
Kiemengefässe mit. Es wird hiervon weiter unten die
Rede sein.
2. Bindegewebe.
Die Kiemenblätter einer und derselben Reihe werden
durch dünne, sehr feste Bänder an einander geheftet. Diese
liegen wie dünne Platten zwischen den Gelenkköpfen der
Der Bau der Kiemenblätter bei den Knochenfischen. 525
Kiemengräte und betragen etwa den fünften Tlieil der Dicke
eines Gelcnkkopfes. Sie bestehen aus sehr dicht an ein"
ander liegenden Fasern, zwischen welche spindelförmige
Zellen reichlich eingelagert sind. Bei Hippocampus fehlen
diese Platten selbstverständlich; sie werden hier durch
entsprechend gelegene Partieen des die Kiemengräten tra-
genden ununterbrochenen Knorpelstarames vertreten.
Die durch die Zwischengrätenbänder (Fig. 9, Zb) ge-
bildeten, sehr festen Reihen der Kiemenblätter werden
durch lockerfaseriges Bindegewebe an den Kiemenbogen-
knochen und an die die Bogen bedeckenden Hautknochen
befestigt. Die Verbindung der gegenüber liegenden Reihen
wird im nächsten Capitel beschrieben werden.
Der säbelförmige Theil der Kiemengräte wird von
einer dicht anliegenden Bindegewebsscheide vollständig
eingeschlossen. Nach dem Innenrande des Blattes setzen
sich die Lamellen dieser Scheide zur Bildung einer zwei-
ten Scheide fort, durch welche die Arterie des Kiemen-
blattes umschlossen und au die Kiemengräte befestigt
wird. Ebenso ziehen zwei Lamellen divergirend nach dem
äusseren Rande des Blattes, werden durch zahlreiche Zwi-
schenlamellen verbunden und gestützt und hüllen auch die
am äusseren Rande des Blattes verlaufende Kiemenblatt-
vene ein. In den Pseudobrauchien des Barsches und in
den Kiemen des Seepferdchens finden sich in diesem Bin-
degewebe zahlreiche Pigmentzellen (Fig. 18 und 28 — 30).
3. Muskeln und elastische Bänder.
Die Muskeln der Kiemeublätter sind eingehend von
Duvernoy studirt worden. Er unterscheidet in Bezug
auf die Anordnung der Muskulatur vier Typen. Nach
seiner Abbildung ist die Muskulatur in den Kiemenblät-
tern des Stör ähnlich angeordnet, wie ich es bei dem
Lachs und den Cyprinoiden fand. Ebenso lässt sich eine
Aehnlichkeit zwischen dem Klumpfisch und dem Hecht
auffinden, was die Muskulatur der Kiemenblättchen an-
langt. Nach einem dritten Typus soll die Muskulatur
526 J. Albin Riess:
beim Meeraal und Lachs *) eingerichtet sein, nach einem
vierten bei den Selachiern und Petromyzonten.
Ich habe bei meinen Untersuchungen nur zwei Modi
der Anordnung der Muskeln und elastischen Bänder ge-
funden, den einen bei dem Hecht, Barsch und Seepferd-
chen, den anderen beim Lachs und den Cyprinoiden. Bei
beiden werden die Kiemenblätter durch zwei in entgegen-
gesetztem Sinne wirkende Kräfte nach innen und aussen
gedreht.
Bei dem Hecht und Barsch geht die Drehungsaxe
der Kiemenblätter durch die Mitte der Gelenkohren und
durch den Haken am basalen Ende des Säbels der Kie-
mengräte. Bei dem Seepferdchen liegt sie in dem die Kie-
mengräten tragenden Knorpelstamme. Die Bewegung nach
innen, bei welcher also die Kiemenblätter der gegenüber
liegenden Reihen einander sich nähern, geschieht durch
starke Muskeln (Musculi adductores), welche von den Blät-
tern der einen Reihe nach denen der anderen und umge-
kehrt ziehen. Die von der einen Seite kommenden Mus-
keln kreuzen sich mit denen der anderen. Sie finden sich
auch an den Kiemenblättern, welche nicht am Knochenbo-
gen sitzen, fehlen aber den Pseudobranchien. Um uns
die Insertion dieser Muskeln deutlich zu machen, denken
wir uns das Kiemenblatt so gestellt, dass der Kiementrä-
ger nach oben, die Spitze des Blattes nach unten zeigt,
wie auch die Figuren 13, 14, 16 gezeichnet sind. Es setzt
sich nun der Muskel einerseits an die untere Kante zweier,
benachbarten Kiemenblättern angehörender Gelenkohren an,
zieht schräg nach unten und findet seinen Ansatzpunkt
andererseits an der die Gräte und Arterie desjenigen Blat-
tes umfassenden Bindegewebsscheide, welches von jenen
beiden Blättern eingeschlossen wird {Fig. 13, 14, 17,
4—7, m add).
Bei Hippocampus findet der eine Ansatz an der Aus-
biegung des Knorpelstammes nach innen, der andere an
der Bindegewebsscheide statt, welche die kleinere, sich
1) loh habe sie, wie bemerkt, bei diesem Fische anders ge-
funden.
Der Bau der Kiemenblätter bei den Knochenfischen. 527
au die Kiemeublattarterie anlegende Kiemengräte, wie auch
die Arterie selbst tiberzieht (Fig. 28 u. 29, m add).
Wenn diese Musculi adductores wirken, bewegen sich
die beiden Kiemeublattreihen eines Bogens einander zu;
das zwischen diesen enthaltene Wasser wird verdrängt.
Von ihrer Bedeutung ftir die Bewegung des Blutes wird
später die Rede sein.
Diesen eben erwähnten Muskeln wirken feine Mus-
culi abductores entgegen. Diese setzen sich, das Kiemcn-
blatt wieder in der vorigen Weise aufgestellt gedacht, an
den oberen, äusseren Rand der Gelenkohren der Kiemengräte
an (Fig. 13, m abd), ziehen sich zwischen den Bindegewebsfa-
sern, welche die Kiemengräten an den Kiemenbogenknochen,
und denjenigen, welche dieselben an die Hautknochen heften,
in die Höhe und werden in der Mitte des Kiemenbogenkno-
chens an diesen befestigt. Diese Muskeln finden sich nur an
der äusseren Kiemenblattreihe eines Bogens vor; die Blät-
ter der inneren Reihe besitzen sie nicht. Ebenso fehlen
sie selbstverständlich an den Kiemenblättern, welche nicht
an den Kiemenbogenknochen sitzen, und an den Blättern
der Pseudobranchien. Während diese Muskeln beim Hecht
nur gerade, parallel der Richtung des Kiemenblattes, in
die Höhe steigen, giebt es beim Barsch ausser den gera-
den noch zwei Systeme schiefer Muskeln. Diese können
die Blätter einer und derselben Reihe einander nähern
und auch das zwischen ihnen enthaltene Wasser vertrei-
ben. Es ist dies ftir den Barsch ein Vortheil, weil bei
ihm die Kiemenblätter viel weiter stehen, als bei dem
Hechte.
Bei Hippocampus setzen sich solche Musculi abducto-
res nur an den Enden des die Kiemengräten tragenden
Knorpelstammes an.
Bei dem Hecht und Barsch werden die Musculi ab-
ductores noch untersttitzt durch ein elastisches Band, wel-
ches, an den oberen, inneren Rand der Gelenkohren der
Kiemengräte sich ansetzend, die beiden gegeutiberl legen-
den Blattreihen verbindet. Dieses Band erstreckt sich
tiber alle, auch tiber die nicht am Knochenbogen gelegenen
Kiemenblätter. Es besteht aus dicht gelagerten Längs-
528 J. Albin Riess:
und Querfasern. Wenn die Musculi adductores die Kie-
menblätter anziehen, wird es gespannt. Lassen jene im
Zuge nach, so zieht es sich zusammen und entfernt die
beiden Kiemenblattreihen wieder von einander. Dieses
Band wurde von Hyrtl als eine Scheidewand in dem Kie-
menbogenkanale aufgefasst (Fig. 13, 14. 3 e B).
Bei Salmo und den Cyprinoiden ist der Mechanismus
der Bewegung der Kiemenblätter ein etwas anderer. Bei
diesen Fischen haben die beiden Kiemenblattreihen eines
Bogens eine gemeinschaftliche Drehungsaxe. Sie liegt in
einem Bande, welches zwischen den beiden Kiemenblatt-
reihen etwa in der Mitte zwischen Basis und Spitze der
Blätter, an der Stelle, wo die Blätter sich vollständig von
einander trennen, die ganze Länge der Kiemenblattreihen
sich hindurchzieht und diese fest an einander hält. We-
gen dieses letzteren Umstandes wurden die Kiemenblätter
dieser Fische von den Zoologen als verwachsene bezeich-
net, ja Döllinger fasste die zwei gegenüberliegenden
Blätter als ein einziges, doppeltes mit zwei Gräten und
zwei Spitzen auf. An jenes Band sind nun Muskeln be-
festigt, welche basalwärts ziehen und abwechselnd an die
Blätter der beiden Reihen sich ansetzen und zwar wieder
an die Bindegewebsscheide, welche die Gräte und Arterie
des Kiemenblattes umschliesst. Diese Muskeln ziehen als
Musculi adductores die Basalhälften der gegenüberliegen-
den Kiemenblätter einander an, während sich die Spitzen
derselben entfernen. Sie finden ihre Gegenmuskeln an der
Basis der Kiemenblätter. Es spannen sich Muskeln zwi-
schen dem oberen und äusseren Rande der Gelenkohren
der Kiemengräte und dem unteren, äusseren Rande des
Kiemenbogenknochens aus. Solche Musculi abductores
finden sich hier wiederum nur an der äusseren Kiemen-
blattreihe. Wenn sie wirken, ziehen sie die Basalhälften
der gegenüberliegenden Blätter von einander ab ; die Spit-
zen nähern sich. Verstärkt wird die Wirkung dieser Mus-
keln durch die Ausdehnung der Bindegewebsmassen, welche
zwischen den basalen Hälften der beiden Kiemenblattrei-
hen sich vorfinden und von Duvernoy als diaphragme
branchial beschrieben wurden. Sie werden durch die in-
Der Bau der Kiemenblätter bei den Knochenfischen. 529
C
folge des Zuges der Musculi adduetores bewirkte Annähe-
rung der gegenüber liegenden Kiemenblätter zusammenge-
drückt und dehnen sich bei dem Nachlassen des Druckes
wieder aus (Fig. 16).
II. Haut der Kiemenblätter.
Die Aufgabe der Kiemen besteht darin, den im Was-
ser enthaltenen Sauerstoff aufzunehmen und die im Körper
gebildete Kohlensäure abzugeben. Der Gasaustausch erfolgt
durch die Kiemenhaut. Dieser wird um so ergiebiger sein,
je griJsser die Berührungsfläche zwischen Kiemen und Was-
ser ist. Die Vergrösserung der Kiemenfläche ist nach dem
Princip der Faltelung erfolgt. Man kann sich diese Falte-
lung als eine dreifache in folgender Weise vorstellen, wo-
mit aber keineswegs gesagt sein soll, dass sich dieselbe
in Wirklichkeit so vollziehe. Dadurch, dass an den Seiten
der Kiemenspalten oder, was dasselbe ist, auf den Rän-
dern der Kiemenbogen Hautlamellen um die ganze Kie-
menspalte herum sich erheben, erhalten wir die erste Fal-
telung; durch Zerspaltung dieser Lamellen in einzelne
Blätter kommt es zu einer zweiten und endlich durch
Bildung von Falten auf diesen Blättern zu einer dritten
Faltelung. Diese letzten Falten bilden nun die eigentliche
Respirationsfläche.
Die Hautfalten sind bei allen Kiemen, mit Ausnahme
der Pseudobranchien, eben. Die der letzteren sind aus
Gründen, die nachher erörtert werden sollen, mannigfach
gekrümmt. Die Kiemenblätter sind in ihrer ganzen Länge
gefaltet. Alle Falten eines Blattes liegen einander parallel,
die der beiden Seiten eines Blattes können gegenüber,
aber auch abwechselnd gestellt sein. Bei den kammför-
migen Kiemen bilden die Falten rechte Winkel mit den
Rändern des Blattes; bei Hippocampus liegen sie am äus-
seren Rande des Kiemenblattes höher als am inneren, zie-
hen also schräg über das Kiemenblatt hinweg (Fig. 25).
Was die Stellung der Falten anlangt, so stehen sie
alle senkrecht auf den Flächen der Kiemenblätter. Nur die
ersten Falten an der Basis machen eine Ausnahme; diese
530 J. Albin Riess:
neigen sich unter einem spitzen Winkel nach der Spitze
des Blattes zu (Fig. 17, 29).
In Bezug auf die Grösse weichen die Falten mehr
von einander ab. Es soll an dieser Stelle nicht ein ab-
solutes Maass für die Grösse der Falten angegeben wer-
den, sondern die Breite derselben soll mit der Breite der
Kiemenblätter, und ihre Höhe mit dem Abstände zweier
Kiemenblätter derselben Reihe von einander verglichen
werden. Die Hautfalten nehmen von der Basis der Blätter
nach der Spitze zu immer mehr von der Fläche des Kie-
menblattes ein. Da, wo die Blätter der gegenüberliegen-
den Reihen mit einander verwachsen und in einander ein-
geschaltet sind, ist die Haut glatt, nicht gefaltet. Die Fal-
ten finden sich hier nur auf der äusseren Hälfte der Fläche
der Blätter; am freien Theile der Blätter bedecken sie
aber diese ganz. In den Pseudobranchien ist die Breite
der Falten beträchtlicher als die Breite der Blätter. Bei
Hippocampus übertrifft auch die Breite der Falten die
der Blätter bei weitem, indem sie sich sowohl über den
äusseren feand der Blätter nach aussen, als auch über den
inneren nach innen erweitern (Fig. 30).
Die Höhe der Falten, d. h. ihre Erhebung über die
nicht gefaltet gedachte Fläche der Kiemenblätter wechselt
ebenfalls sehr. Sehr niedrig sind die Falten wegen der eng
stehenden Kiemenblätter beim Hecht, höher bei dem Barsch,
Lachs und den Cyprinoiden, sehr hoch bei dem Seepferd-
chen. Bei allen aber stossen die Falten der benachbarten
Blätter derselben Reihe höchstens mit ihren Rändern an
einander. Andere Verhältnisse weisen die Falten auf den
Blättern der Pseudobranchien vom Barsch auf. Bedeuten-
der noch als die Breite dieser Falten ist die Höhe der-
selben. Diese ist beträchtlicher als die Entfernung zweier
Blätter. Die Falten benachbarter Blätter finden nicht mehr
genügend Platz neben einander. Sie müssen sich vielfach
krümmen und zwischen einander einschieben. Mitunter
geschieht das sehr regelmässig, indem die Falten benach-
barter Biätter in der Lage mit einander abwechseln, wie
die Finger der gefalteten Hände. Häufig liegt ein Bündel
Falten des einen Blattes zwischen zwei Falten des ande-
Der Bau der Kiemenblätter bei den Knochenfischen. 531
ren (Fig. 18, 19). Nach der Spitze und dem Rande der
Blätter zu sind die Falten niedriger.
Denken wir uns, dass die Haut dieser Falten verlo-
ren ginge und nur die Blutgefässnetze erhalten blieben,
dass ferner die ganze Pseudobranchie von der äusseren
Haut vollständig bedeckt würde, was in der That nach
J oh. Müller bei einigen Fischen der Fall ist so bekommen
wir eine Blutgefässdrüse mit wirr durch einander liegen-
den Blutgefässnetzen. Von aussen betrachtet mögen auch
die Pseudobranchien mancher Fische den Anblick einer
Drüse gewähren, weshalb auch Joh. Müller kiemen- und
drüsenartige Pseudobranchien unterscheidet.
Die Menge der Falten auf einem Kiemenblatte richtet
sich nach der Länge desselben. Ein 10 mm langes Kie-
menblättchen vom Hecht trägt jederseits 150, ein IV2 mm
langes vom Seepferdchen 25 Falten. Bei allen Fischen
sind die Falten der Kiemenblätter ziemlich gieichweit ge-
stellt; gedrängt sind sie auf den Blättern der Pseudo-
branchien.
Structur der Kiemenhaut. — Obgleich die Haut
der Fische einen schleimigen Charakter besitzt, so ist
doch au ihr ein homologes Verhalten zu der anderer Wir-
belthiere zu bemerken. An der Haut, welche die Kiemen-
bogen, sowie den äusseren und inneren Rand der Kiemen-
blätter bekleidet, lassen sich deutlich zwei Schichten er-
kennen, eine tiefere aus rundlichen und eine obere aus
platten Zellen bestehende (Fig. 9, 10). Es wird also auch
hier ein Verhornungsprocess eingeleitet. Die platten Zel-
len behalten jedoch ihren Zellkern. Beide Schichten haben
so ziemlich dieselbe Dicke; es liegen bei beiden drei oder
vier Zellen über einander. Zwischen diesen sehr kleinen
Zellen finden sich noch grössere, rundliche Schleimzellen,
welche mit den übrigen allmählich an die Oberfläche der
Haut gelangen und dieser die schleimige Beschaffenheit
ertheilen.
An den Falten ist die Haut wesentlich feiner. Sie
besteht hier nur aus einer einzigen Schicht abgeplatteter,
polygonaler Zellen von sehr geringen Dimensionen. Sie
haben alle einen deutlichen Kern (Fig. 10, 11). Der Grund
532 J. Albin Riess:
zwischen zwei Falten wird wieder von einer dickeren
Haut gebildet. In der Tiefe liegen rundliche Zellen, welche
nach oben hin sich in die Länge strecken und endlich in
ein Epithel übergehen, welches Aehnlichkeit mit einem
Cylinderepithel hat. Auch hier kommen Schleimzellen
vor. An den Seiten geht das Cylinderepithel allmählich
in das Plattenepithel der Hautfalten über (Fig. 11, 12).
Es darf als Merkwürdigkeit angesehen werden, dass
die Kiemenblattfalten von einem einschichtigen Epithel
gebildet werden, weil dies an der äusseren Haut der Wir-
belthiere sonst nicht vorkommt. In den Präparaten von
Fischkiemen war die Haut durch die Behandlung stets
von dem darunter liegenden Bindegewebe abgesprungen;
so ist sie auch in den Figuren gezeichnet.
III. Die Grefässe der Kiemenblätter.
Jedes Kiemenblatt enthält zwei Gefässsysteme ; das
eine dient der Athmung, das andere der Ernährung des
Kiemenblattes.
1. Das respiratorische Gefässsystem.
a) Die Arterie des Kiemenblattes. — Die Ar-
teria branchialis giebt für jedes Kiemenblatt ein besonde-
res Gefäss ab. Nie habe ich gefunden, dass die Arterien
zweier gegenüberliegender Blätter einen gemeinschaftlichen
Ursprung gehabt hätten, wie es Hyrtl bei Acipenser Ru-
thenus abbildet. Die Arterie des Kiemenblattes verläuft
an dessen innerem Rande bis zur Spitze. Dieses Gefäss
zeigt nun eine merkwürdige und bedeutungsvolle Einschnü-
rung. Von seinem Austritte aus der Arteria branchialis
an hat es an der Seite, welche der Kiemengräte zugekehrt
ist, keine eigene Wandung, sondern diese wird von der
Kiemengrätc gebildet. Die Kiemengräte nimmt auch
Theil an der Bildung der Wandung der Arteria brauch,
an der Stelle, welche über dem Austritte der Kiemenblatt-
arterie liegt (Fig. 13 bei II). Durch die Kiemengräte wird
nun dieses letztere Gefäss zusammengeschnürt. Während
Per Bau der Kiemenblätter bei den Knochenfischen. 533
es bei seinem Austritt aus der Art. brauch, eiuen kreis-
förmigen Querschnitt besass, wird dieser dann oval, später
halbniondtörmig. Endlich geschieht die Zusammendrtickung
in einem so hohen Grade, dass sich das Gefäss seitlich
ausbuchten muss. Es besteht jetzt aus zwei cylindrischen
Gängen, die an den Seiten der Kiemengräte hinziehen
und durch ein rinnenförmiges, von der Kiemengräte be-
decktes Mittelstttck communiciren (Fig. 5, 6, 22).
Diese Form hat das Gefäss beim Hecht und Barsch
nur auf eine kurze Strecke von etwa 0,3 mm in 10 mm
langen Blättern (Fig. 13, 14 IV). Bei dem Lachs und den
Cyprinoiden dagegen findet sich die Einschnürung bis zur
Mitte des Kiemenblattes (Fig. 16).
Bei dem Hecht und dem Barsch findet sich weiter
da, wo die Einschnürung statt hat, an der inneren, also
der Kiemengräte gegenüberliegenden Seite ein 0,3 mm
dickes und 0,2 mm breites, sehniges, aus dicht aneinander
liegenden, parallelen Fasern bestehendes Band, welches
den ganzen Kiemenbogen in seichten Wellenlinien durch-
zieht (Fig. 13, 14, 6, 22). Dieses Band bildet an der Stelle
der Einschnürung die Wandung der Kiemenblattarterie an
der inneren Seite, was an der äusseren Seite durch die
Kiemengräte bewirkt wird. Ersteres geschieht aber an
den Arterien der Blätter beider Reihen eines Bogens, so
dass also die Arterien der gegenüberliegenden Blätter, wie
überhaupt alle Kiemenblattarterien eines Bogens, durch
dasselbe verbunden werden (Fig. 14, 6, 22).
Nach der Einschnürung erweitert sich das Gefäss
fast plötzlich wieder und bekommt nun ein Lumen, wel-
ches das beim Austritte aus der Arteria brauch, um Vs der
Weite übertrifft. Diese Weite behält das Gefäss fast bis
zur Spitze des Blattes bei. Von der Erweiterungsstelle
an bekommt dasselbe eine vollständige, eigene Wandung,
wird aber durch die früher erwähnte Bindegewebsscheide
der Kiemengräte angeheftet. Da, wo sich die Kiemen-
blattarterie wieder erweitert, setzt sich an die Bindege-
websscheide der Musculus adductor an. Wenn dieser
wirkt, zieht er Kiemengräte und Kiemenarterie nach in-
nen. Die Bewegung der letzteren findet aber bald an dem
Archiv für Naturg. XXXXVII. Jahrg. 1. Bd. 35
534 J. Albin Riess:
vorhin beschriebenen Bande ein Hinderniss; von beiden
Seiten werden an dieses Band Arterien und Gräten ange-
zogen; es wird also eine feste Lage einnehmen; die Kie-
menblattarterien werden zusammengepresst.
Bei Hippocampus ist ein ähnliches Verhalten zu be-
merken. Der Musculus adductor zieht auch die kürzere Kie-
mengräte gegen die Kiemenblattarterie (Fig. 28); ein ge-
genstrebendes Band fehlt jedoch, so dass die Einschnürung
nicht in dem Grade erfolgt, wie bei dem Hechte.
Wie schon erwähnt, reicht bei dem Lachse imd den
Cyprinoiden die Zusammenschnürung der Kiemenblattar-
terie bis zur Mitte des Blattes. Bis hierher bildet die
Kiemengräte die äussere Wandung des Gefässes. Werden
beide durch die Musculi adductores gegen die zwischen
den beiden Kiemenblattreiheu gelegenen, von Duvernoy
als Diaphragme branchial beschriebenen Bindegewebshäute
gezogen, so werden die Kiemen blattarterien zusammenge-
presst und verschlossen.
Die Kiemenblattarterien dieser Fische zeigen aber noch
eine andere vortheilhalte Einrichtung. Dieselben erweitern
sich an der Stelle, wo sich die gegenüberliegenden Blätter
vollständig trennen, in einer Weise, dass wir von einem
Kiemenblattherzen reden dürfen. Sie bekommen jetzt wie
bei dem Hechte ringsum eigene Wandungen und beginnen
mit einer bulbösen Anschwellung, deren Wandung über
doppelt so dick ist, als die des nachfolgenden Gefässes.
Ebenso besitzt der Hohlraum der Anschwellung einen dop-
pelt so grossen Durchmesser als der des letzteren. Hyrtl
hat diese Erweiterung bei Cyprinus Brama gesehen und
in derselben Weise gedeutet (Fig. 16, II).
Bei den Cyprinoiden stehen die Erweiterungen der
Arterien der einen Kiemenblattreihe unter sich in Verbin-
dung. Wir erhalten so ein perlschuurälmliches Gefäss
durch die ganze Kiemenblattreihe (Fig. 21). Mitunter fin-
den Communicationen der Gefässe beider Blattreihen eines
Bogens durch enge Canäle statt (Fig. 21, b).
b) Die Capillargef ässe des Kiemenblattes. —
Obgleich in den verschiedenen Schriften über Kiemen von
der capillaren Verzweigung der Blutgefässe in denselben
Der Bau der Kiemenblättor bei den Knochenfischen. 535
die Rede ist, so ist doch anzunehmen, dass keiner der
Forscher eine richtige Vorstellung von derselben hatte. Man
injicirte und fand die KieinenblUtter gleiehmässig gefärbt
und erschloss hieraus die Feinheit der Gefässe.
Rosenthal's Ansicht ist falsch. Er zeichnet das
Gefässsysteni der Falten in einer der Längsrichtung der
Kiemenblätter parallelen Fläche liegend. Was er als re-
spiratorisches Gefässnetz zeichnet, hat Aehnlichkeit mit dem
nutritiven. Joh. Müller hat auch keine richtige Vor-
stellung von der Vertheilung der Blutgefässe in den Kie-
menblättern gehabt. Er sagt: „Solche quere, parallele
Aeste über die Kiemenblätter, wie Treviranus^) abge-
bildet hat, giebt es nicht an dem respiratorischen Netz;
an dem nutritiven kommen sie hie und da, aber auch
baumf<)rmige Aeste vor. Die Täuschung in Hinsicht des
respiratorischen Netzes ist leicht zu erklären, da der Be-
obachter durch die Querfältchen der Kiemenblätter, in
welche die Zweige regelmässig zur Auflösung in das all-
gemeine (!) Netzwerk eintreten, veranlasst werden kann,
injicirte Querfältchen für quere Gefässe zu halten. ^^ Auf
einem Längsschnitte durch die Kiemenblätter sieht man
allerdings die durchschnittenen Capillarnetze als quere
Gefässe (Fig. 14, 16). Ferner sagt Joh. Müller, dass
sich die Gefässe in den Pseudobranchien anders als in
den wahren Kiemen und zwar federartig verth eilten. Hier
hat er das Richtige gesehen, aber nicht die Flächen der
Capillarnetze, sondern ihre Kanten. Die wahren Kiemen
zeigen ganz dasselbe Bild. Wenn man ein Kiemenblatt
vom äusseren Rande aus betrachtet, so erscheinen die
Falten und mithin auch die Capillarnetze wie die Strahlen
an der Spuhle einer Feder. — Fischer giebt eine Ab-
bildung von den Capillaren in den Kiemen. Ich habe
ähnliche Bilder gesehen, wenn ich Kiemenblätter von der
Fläche aus betrachtete, deren Falten, durch einen Druck
zur Seite gelegt, einander dachziegelartig bedeckten. Seine
Capillaren bilden aber viel zu weite Maschen. Döllin-
ger bildet die Umrisse des Gefässnetzes einer Falte ab.
1) NB. Ich habe diese Abliildung nicht gesehen.
536 J. Albin Riess:
Er weiss, dass jede Falte ein eigenes, ebenes Gefässnetz
besitzt, hat es aber nicht gesehen. Er fand bei seinen In-
jectionspräparaten die Falten (Hülsen) gleichmässig mit
Masse ausgefüllt, sagt aber: ,,Es ist nach allem, was wir
von der Gefässvertheilung im Thierreich wissen, wahr-
scheinlicher und aller Analogie angemessener, sich vorzu-
stellen, dass jede in die Hülse führende Arterie ein zar-
tes Adernetz zwischen den beiden Blättern der Schleim-
haut bilde u. s. w." Hyrtl hat gefunden, dass jede Falte
ein eigenes Capillarnetz besitzt; doch lässt seine Abbil-
dung nicht erkennen, ob er eine richtige Vorstellung von
der Form des Netzes gehabt habe.
Die Arterie des Capillarnetzes. — Die Kiemen-
blattarterie giebt für jede Hautfalte des Blattes auf beiden
Seiten ein Gefäss unter meist rechtem Winkel ab. Mit-
unter besitzen aber mehrere solcher Gefässe, besonders
bei dem Lachs und den Cyprinoiden, eine gemeinschaft-
liche dickere Wurzel; seltener beobachtete ich es bei dem
Hecht und Barsch, nie bei dem Seepferdchen. Bei dem
Lachs und den anderen Kammkiemern bemerkte ich an
der Basis besonders der letzten Blätter am Bogen, dass ein
stärkeres Gefäss von der Kieraenblattarterie sich abzweigte
und dem Verlaufe dieser entgegengesetzt basalwärts zog.
Es hat dies seinen Grund darin, dass die Arteria bran-
chialis in grösserer oder geringerer Entfernung von der
Basis des Kiemenblattes verläuft und dieses noch viele
Falten näher der Basis trägt. Für diese Falten an der
Basis des Blattes giebt jene rücklaufende Kiemenblattar-
terie stets einzelne Zweige ab. Hiermit stimmt Hyrtl's
Beschreibung und Abbildung des Kiemenblattes von Aci-
penser Ruthenus überein. Die Kiemenfaltenarterien zer-
theilen sich erst, wenn sie in die Kiemenfalten eintre-
ten; sie sind demnach so lang, als der glatte Theil des
Kiemenblattes breit ist. Sehr kurz sind die aus der rück-
laufenden Kiemenblattarterie entspringenden an der Basis
der Kiemenblätter, ebenso die am freien Theile derselben,
endlich alle in den Blättern der Pseudobranchien vom
Barsch und in den Kiemenblättern des Seepferdchens. Sie
anastomosiren in keiner Weise mit einander. Ein solch
Der Bau der Kiemenblätter bei den Knochenfischen. 537
(lichtes Gefässnetz, wie esHyrtl zwischen diesen Gefässen
im glatten Theile des Kiemenblattes bei Acipenser Ruthe-
nus und Sturio und noch bei anderen Fischen gefunden
und von Salmo Hucho abgebildet hat, habe ich nirgends
bemerkt.
Das Capillarnetz. — Die Arterien der Hautfalten
lösen sich, sobald sie in diese eintreten, in das Capillar-
netz auf. Die Capillaren bestehen nur aus dem Endothel-
rohr und erscheinen auf dem Querschnitte einfach contou-
rirt (Fig. 11, 12). Das ganze Netz ist mit seiner Kante
den Bindegewebslamellen, welche die Kiemengräte und die
Hauptkiemenblattadern überziehen, angeheftet; seine Ma-
schen werden durch homogenes Bindegewebe ausgefüllt.
Was die Art der Capillarzertheilung anlangt, so ist die-
selbe durch das Wort „Netz" richtig bezeichnet. Alle Ca-
pillaren liegen in einer Fläche; nie habe ich in einer
Falte zwei Capillaren über einander angetroffen. Nur in
den Pseudobranchien sind die Netze wie die Falten ge-
krümmt. Die Capillaren zertheilen sich regellos. Nur
dann und wann lassen sich mehrere, eine grössere Strecke
neben einander hinlaufende unterscheiden. Immer oder
fast immer wird das ganze Gefässnetz von zwei stärkeren
Capillaren umflossen. Und diese sind es, die bei schlecht
gelungenen Injectionen allein injicirt erscheinen. Viel-
leicht hat Joh. Müller dasselbe gesehen, es lässt sich
dies wenigstens nach (Jen Worten vermuthen: „Das arte-
rielle Zweigelchen eines Federchens (d. h. Blattes) der
Nebenkiemen giebt nach beiden Seiten so viel Seitenäst-
chen ab, als Blättchen (d. h. Falten) vorhanden sind, diese
bilden sehr regelmässige, starke Bogen auf denBlättchen."
Die Capillaren sind so fein, dass die Blutkörperchen
nur einzeln und nur parallel ihrer Längsaxe dieselben pas-
siren können. Bei Hippocampus haben vier Blutkörper-
chen, die diejenigen des Hechtes um die Hälfte an Grösse
übertreffen, neben- und übereinander in den Capillaren
Platz; also haben die Kiemencapillaren des Seepferdchens
einen etwa neunmal so grossen Querschnitt als diejenigen
des Hechtes.
Die Maschen des Capillarnetzes sind ßo eng, dass
538 J. Albin Kiess:
die Capillaren ebenso viel von der Fläche des Netzes ein-
nehmen, als die Zwischensubstanz. Ich habe das Ader-
netz der Kiemen mit dem der menschlichen Lunge ver-
glichen und gefunden, dass jenes v^eit feinmaschiger war.
Auf einer Fläche von 0,01 qmm finden sich etwa 80 Ma-
schen (Fig. 10).
Die Vene des Capillarnetzes. — Die Capillaren
einer Falte vereinigen sich zu einer Vene, die dicht unter
der Haut am äusseren Rande des Kiemenblattes verlaufend,
sehr bald in die etwas tiefer gelegene Kiemenblattvene
einmündet. Die Kiemenfaltenvenen communiciren in kei-
ner Weise mit einander, zeigen auch keine Anschwellun-
gen. Von dem, wasHyrtl bei Salmo Hucho gefunden hat,
habe ich bei Salmo salar nichts entdecken können. Er
sagt: „Bei Salmo Hucho finden sich kleine Bulben an den
Gelassen, die das Blut aus den Fältchen zurückführen.
Diese Bulben sind durch Anastomosen verbunden und er-
zeugen nebstdem Aestchen, welche ein Capillarnetz erzeu-
gen, welches die Wurzeln der aus den Bulben zurückfüh-
renden Gefässe verdecken. ^^ Irrthümer sind bei der Be-
trachtung der Kiemenblätter unter schwacher Vergrösse-
rung sehr leicht möglich; ein mit Berliner Blau injicirtes
Kiemenblatt erscheint dem blossen Auge gieichmässig blau
gefärbt.
c) Die Vene des Kiemenblattes. — Sie ver-
läuft am äusseren Rande des Kiemenblattes, hat, wie die
Arterie, in der Mitte desselben den grössten Querschnitt;
kurz vor der Spitze nimmt dieser ab. Da, wo sie am
Grunde des Blattes der Vena branchialis zubiegt und einen
Winkel von 120^ bildet, um die äussere Kante des Blattes
zu überschreiten, sowie da, wo sie über die Rinne der von
den beiden Gelenkohren der Kiemengräte gebildeten Rolle
hinwegzieht, ist sie bei allen von mir untersuchten Fischen
sehr eng. Sie erweitert sich erst kurz vor dem Eintritte
in die Vena brauch. (Fig. 13, 16, v). Bei dem Hecht und
Barsch habe ich diese Stelle nie mit Blutkörperchen und
bei Injectionspräparaten selten mit Injectionsmasse gefüllt
gesehen, obgleich die vorhergehenden und nachfolgenden
Partieen gefüllt waren. Die Ader hat hier offenbar ein
Der Bau der Kiemeublätter boi den Knochenfischen. 539
starkes Contractionsverrnögen, durch welches der Inhalt
derselben weitergetrieben wird. Dazu drückt die Kiemen-
gräte, wenn sie sich nach aussen bewegt, auf das Gcfäss
und triigt mit zur Verengerung desselben bei.
Dass die Kiemengräte zu der Kiemenblattvene in Be-
ziehung steht, sieht man sehr deutlich an den Blättern von
Hippocampus. Der Knorpelstamm, welcher die Kiemen-
gräten trägt, bildet an der Stelle, wo er die Biegung nach
aussen macht, über welche die Kiemenblattvene geleitet
wird, kurz vor der Einmündung derselben in die Vena
branch. die Wandung derselben an der inneren Seite. Wenn
sich hier die Kiemengräte nach aussen bewegt, wird die
Kiemenblattvene durch den die Gräte tragenden Stamm
zusammengedrückt und verschlossen (Fig. 28, II).
Mechanismus derBewegung des Blutes durch das
respiratorische Gefässsystem.
Bei der Injection kleiner Fische geschieht es oft,
dass die Arteriae branchiales bei ihrem Ursprung aus der
Aorta ascendens zerspringen. Der Grund hiervon liegt in
dem Widerstände, welchen die Capillaren der Kiemenblätter
dem Vordringen der Injectionsmasse entgegensetzen. Auch
Hyrtl sagt, dass eine Injection der Kiemengefässe vom
Bulbus arteriosus aus schwierig sei. Es ist unter solchen
Umständen schwer zu begreifen, wie das schwache Herz der
Fische im Stande sei, die Summe aller der Widerstände
zu überwinden, welche in den vielen Capillarnetzen der
Kiemenblätter der Bewegung des Blutes entgegentreten,
und wie auch noch ein Rest von Kraft überbleibe, um das
Blut nach dem Austritt aus den Kiemen in die Körper-
arterien, denen doch auch wieder Capillarnetze vorliegen,
weiterzubewegen. Das Räthsel löst sich, wenn man sich
überzeugt, dass sich nicht bloss am Anfange der Aorta de-
scendens bulböse Anschwellungen entwickeln, deren Aufgabe
es ist. das Blut in die Körpercapillaren zu treiben, sondern
auch in den Kiemeublättern Einrichtungen existiren, welche
geeignet sind, das Blut durch die Gefässe derselben zu
bewegen, oder doch das Herz zu unterstützen.
540 J. Albin Riess:
Die Bewegung des Blutes durch die Kiemenblätter
hindurch geschieht durch die Bewegung der Kiemengräten.
Vergegenwärtigen wir uns den Moment, in welchem die-
selben durch die Musculi adductores nach innen bewegt
worden sind! Sie drücken jetzt auf die Kiemenblattarte-
rien und verschliessen diese. Sobald sich nun die Gräten
nach aussen bewegen, werden die Gefässe geöffnet. Durch
den Druck des Herzens wird Blut aus der Arteria brauch,
in die Kiemenblattarterie gepresst, oder diese saugt das-
selbe aus jener ein. Nun ziehen die Musculi adductores
die Gräten wieder an. Die Kiemenblattarterien werden
wieder verengt. Das Blut wird in denselben nach der Spitze
der Kiemenblätter und aus ihnen in die Capillarnetze der
Hautfalten getrieben. Da die Kiemengräte bei dem Aus-
tritte der Kiemenblattarterie aus der Arteria branchialis
deren Wandung bildet, so drückt sie, wenn sie nach innen
gezogen ist, auch auf diese. Ein Zurückfliessen des Blutes
ist somit nicht möglich. Durch den Druck der Kiemengräte
auf die Kiemenblattarterie wird das Blut vielmehr nach
der Spitze zu in den erweiterten Theil derselben getrieben-
Das Gefäss wird durch den Druck ausgedehnt; sobald
jener nachlässt, zieht es sich zusammen und trägt zur
Weiterbewegung des Blutes bei. Der Bulbus in der Kie-
menblattarterie des Lachses und der Cyprinoiden ist wegen
seiner dicken Wandung geeignet das Blut in die Falten am
freien Theile der Kiemenblätter zu treiben, während der
Kiemengräte die Aufgabe zufällt, das Blut durch die Fal-
ten an der basalen Hälfte des Kiemenblattes und in den
Bulbus der Kiemenblattarterie zu pressen. Den Commu-
nicationen der Bulbi bei den Cyprinoiden dürfte eine com-
pensatorische Bedeutung zuzuschreiben sein.
Das Blut wird durch die Kiemenblattarterie also in
der Weise bewegt, dass es aus der vom Herzen aus ge-
füllten Kiemenarterie gesaugt und in die Kiemencapillaren
gedrückt wird. Man könnte deshalb die diesbezüglichen
Einrichtungen in den Kiemenblättern mit einer Saug- und
Druckpumpe vergleichen.
Wenn die Kiemengräten sich nach aussen bewegen,
drücken ihre Gelenkköpfe auf die Kiemenblattvenen. Da-
Der Bau der Kiemenblätter bei den Knochenfischen. 541
durch werden diese an den Stellen, wo sie ohnedies nur
einen geringen Querschnitt besitzen, noch mehr zusammen-
gedrückt. Bei Hippocampus wird die Kiemeublattvene
durch die Drehung des Knorpelstammes, welcher zur Bil-
dung ihrer Wandung beiträgt, verschlossen. Bei allen die-
sen Fischen kann also, wenn die Kiemengräte sich nach
aussen bewegt und den Eintritt von Blut aus der Kiemen-
arterie in die Kiemenblattarterie gestattet, kein Blut aus
der Kiemenvene in die Kiemeublattvene und aus dieser in
die Kiemencapillaren zurücktreten.
Der etwas weniger vortheilhafte Mechanismus an der
Kiemenblattarterie bei Hippocampus ist in Beziehung zu
bringen mit der geringen Zahl der Kiemenfalten und der
Weite der Kiemengefässe. Der bessere Verschluss an der
Kiemeublattvene verhindert aber sicherer den Rücktritt des
Blutes in die weiteren Kiemencapillaren.
2. Das nutritive Gefässsystem.
Ausser den respiratorischen Gefässen enthalten die
Kiemenblätter noch andere, mehr im Inneren gelegene.
Schon Mo uro*) hat sowohl aus dem dorsalen, als auch
aus dem ventralen Ende der Kiemenbogen ausser der Ar-
teria und Vena branchialis Gefässe hervorgehen sehen,
welche er für Lymphgefässe hält. Nach Fohmann^)
tritt ein Lymphgefäss am dorsalen Ende des Bogens in
diesen ein und giebt jedem Kiemenblättchen ein Aestchen
ab. Das rückführende Aestchen mündet in einen Lymph-
stamm, welcher den Bogen am ventralen Ende verlässt
und sich init der Kehlvene vereinigt. Job. Müller hält
diese Gefässe für Venen und nach ihm leiten sie Blut so-
wohl dorsal-, als ventralwärts ab. Treviranus^) hält
1) Alex. Monro, ,,Vergleichung des Baues und der Physio-
loQfie der Fische mit dem Bau des Menschen und der übrigen Thiere,"
übersetzt von J. G. Schneider. 1787,
2) „Das Saugadersystem der Wirbelthiere." 1. Heft. 1827.
3) Ich habe diese Mittheilung aus Joh. Müll er 's Arbeit
entlehnt.
542 J. Albiu Riesa:
die Kiemengräte für liohl, und in ihrem Canale soll ein
Lymphgefäss liegen. Er bat vielleicht den centralen Zel-
lenstrang' der Kiemengräte, welcher das Licht besser durch-
lässt, als das übrige Gewebe, für einen hohlen Raum ge-
halten. Diese Lymphgefässe sollen auf jeder Seite des
Bogens in einen dorsalwärts führenden Stamm münden.
Nach Joh. Müller giebt es am Kiemenblatte keine lym-
phatischen Gefässe. Er kommt zu dem Schlüsse, dass die
von andern Forschern für Lymphgefässe gehaltenen Ge-
fässe Venen seien, dadurch, dass sie ihm, als er die Aorta
ascendens durchschnitt, und infolgedessen die Capillaren
des respiratorischen Gefässsystems sich entleerten, roth er-
schienen. Nach Joh. Müll er 's Beobachtungen wird das
Blut aus dem nutritiven Gefässnetz, welches in der Tiefe
der Kiemenblätter weite Maschen bildet, durch ein Ge-
fäss abgeleitet, welches sich am äusseren Rande des Kie-
menblattes bei dem viel stärkeren Aste der Kiemenblatt-
vene meist doppelt findet, so dass zwei feinere Venen zu
den Seiten der Kiemenblattvene liegen. Sie sammeln sich
mit anderen Venen des Kiemenbogens zu den Gefässen,
welche den Kiemenbogen sowohl am oberen, als auch am
unteren Ende verlassen und in die Jugularvenen einmün-
den. Die Arterien zu diesen Venen kommen für den Bo-
gen aus der Vena branchialis oder aus der Aorta descen-
dens. Von der Vena branchialis aus sollen die Muskeln der
Kiemenblätter, diese selbst aber von den Kiemenblattvenen
ernährt werden. In Bezug auf die Ernährung der Kie-
menblätter hat sich Joh. Müller geirrt.
Ich habe in Rücksicht dieser Gefässe nur die Kie-
menblätter vom Hecht untersucht.
Die vielen Maschenräume in dem centralen Bindege-
webe der Kiemenblätter können als Lymphräume ange-
sehen werden, man trifft in denselben viele Lymph-, aber
auch Blutzellen an. Es ist klar, dass durch den hohen
Druck, unter dem das Blut in den Respirationscapillaren
steht, viele Blutflüssigkeit, Lymphzellen und wohl auch Blut-
körperchen aus den Capillaren austreten. Diese ausgetre-
tenen Massen sammeln sich in den Bindegewebsmaschen,
von welchen aus sie durch Gefässe nach der Basis geleitet
Der Bau der Kiemenblätter bei den Knochenfischen. 543
werdcu. Hier verlaufen zwischen der Arteria brancliialis
und dem die gegenüberliegenden Kiemengräten verbinden-
den Bande zwei, auch drei starke Gefässe, welche viel-
fach mit einander conimuniciren, ihrer Wandung nach den
Charakter von Lymphgefassen, ihrem Inhalte nach aber
den von Blutadern au sich tragen. Diese Gefässe nehmen
nun auch die Venen des nutritiven Gefässsystems auf.
Die Arterien zur Ernährung des Kiemenbogens ent-
stehen sow^ohl aus der Arteria, als auch der Vena bran-
chialis, die zur Ernährung des Kiemenblattes nur aus der
Arteria brauch. Nie habe ich nutritive Gefässe aus der
Kiemenblattveue hervorgehen sehen, was von Joh. Müller
behauptet wird. Die Täuschung ist dadurch erklärlich,
dass die nutritiven Gefässe an manchen Stellen der Kie-
menblattveue sehr dicht anliegen.
Die Arterien des nutritiven Gefässsystems vertheilen
sich nun meistens in folgender Weise: Die Arteria bran-
chialis giebt an der der Basis des Blattes zugewendeten
Fläche jederseits von Zeit zu Zeit ein stärkeres Getäss ab.
Diese Gefässe zertheilen sich vielfach und ernähren die an
der Basis des Blattes gelegeneu Bindegewebsmassen. Ein
Ast derselben biegt um die Arteria brauchialis und läuft
dann an der von der Basis des Blattes abgewendeten Seite
dieser hin. Dieses Gefäss ist das eigentliche Ernährungs-
gefäss beider Kiemeublattreihen. Nachdem es an vier oder
fünf Blattpaare Zweige abgegeben hat, verschwindet es;
es ist schon vorher durch ein anderes, ebenso entstande-
nes Gefäss unterstützt worden und wird schliesslich durch
dieses ersetzt. Diese Gefässe geben abwechselnd jedem
Blatte der beiden Reihen ein Gefäss ab. Aus diesem ent-
steht bald ein Zw^eig für den Musculus adductor des Kie-
menblattes (Fig. 5). Dieser Muskel wird jedoch, besonders
in seinen basalen Partieen, noch von anderen, auch aus
Zweigen der Arteria brauch, hervorgehenden Gefässen er-
nährt. In Bezug hierauf stimmen meine Beobachtungen
mit denen Joh. Müll er 's überein. Nach der Abgabe des
Gefässes für den Muskel theilt sich obiges Gefäss in zwei
Arme, welche, die Kiemengräte umfassend, über diese hin-
weg nach dem äusseren Rande des Kiemeublattes fast bis
544 J. Albin Riess:
zur Kiemenblattvene ziehen. Hier beschreiben sie einen
Bogen und ziehen nun letzterer parallel bis zur Spitze des
Kiemenblattes. Da, wo diese Gefässe den Bogen bilden,
geben sie einen Zweig ab, welcher basalwärts zu dem am
äusseren Rande des Kiemenblattes gelegenen Bindegewebe
und zu dem Musculus abductor zieht. Bei dem Ueberschrei-
ten der Kiemengräte entspringt aus demselben Gefässe ein
sehr zarter Zweig, welcher sich auf der Fläche der Kie-
mengräte verbreitet. Die beiden bogenförmigen Gefässe
hat Joh. Müller gesehen, aber für Venen gehalten.
Von den Venen des nutritiven Gefässsystems verläuft
eine sehr starke zwischen den beiden zuletzt erwähnten
Arterien in der Nähe der Kiemenblattvene. Sie ist dop-
pelt so stark als die Arterien, wechselt häufig mit diesen
die Lage, doch so, dass mehr die Arterien ihre Lage ver-
ändern. An der Basis des Blattes mündet sie in die an-
fangs erwähnten Längsgefässe.
Die Capillaren des nutritiven Gefässsystems bilden
sehr weite Maschen.
Grösse der Kiemenfläche.
Da die Zahl der Kiemenblätter mit dem Alter des
Fisches wenigstens später nicht wesentlich zunimmt, so
wird die durch die Massenzunahme des Fisches verlangte,
entsprechende Vergrösserung der Respirationsfläche da-
durch erreicht, dass die Kiemenblätter in einem grösseren
Masse in die Länge wachsen, als der Fisch, und dass die
Kiemenblätter, welche nicht am Knochenbogen, sondern
vor und hinter demselben sitzen, bei kleinen Fischen viel
feiner, bei grossen aber eben so dick und breit sind, als
die am Bogen. Bei einem 650 g schweren Hechte zählte
ich an dem unteren Schenkel des äussersten Kiemenbo-
gens, der eine Länge von 60 mm besass, 120 Blatt-
paare, bei einem grösseren Hechte, dessen entsprechendes
Stück 125 mm lang war, 130 Paare. Die Kiemenblätter
waren also doppelt so dick. Die vor dem Bogen sitzen-
den 50 Blattpaare nahmen bei dem kleineren Fische eine
Linie von 10 mm, bei dem grösseren von 40 mm ein. Diese
Der Bau der Kieraenblätter bei den Knochenfischen. 545
Blätter waren also viermal so dick. Die Umgsten Blätter
waren bei dem kleineren Fische 10 mm, bei dem grösse-
ren 25 mm lang. Aber selbst, wenn wir uns denken,
dass die Kieraenblätter in demselben Maasse an Dicke,
Breite und Länge zunehmen, wie der Fisch, wird die
Respirationsfläche nicht um das Vierfache, sondern um
das Achtfache wachsen. Denn ein doppelt dickes und
breites Kiemenblatt hat Falten von der vierfachen Grösse
und auf einem doppelt so langen Kiemenblatte können
doppelt so viele Falten sitzen. Wenn ein Fisch noch
einmal so lang wächst, vergrössert sich (gleichmässige
Zunahme der Dicke und Höhe vorausgesetzt) seine Masse
um das Achtfache. Dem entsprechend nimmt auch die
Respirationsfläche um das Achtfache zu. Die Respira-
tionsfläche obigen grossen Hechtes muss also mehr als
achtmal so gross gewesen sein, als die des kleineren.
Dies stimmt gut mit der Gefrässigkeit grosser Hechte zu-
sammen.
Ich habe nun die Fläche des kleineren 650 g schwe-
ren Hechtes berechnet. Nach einer genauen Zählung fan-
den sich auf einer Seite- an den unteren und an der Hälfte
der oberen Bogen, wo die Blätter 10 mm lang waren, 486
(rund 500) Blattpaare, auf beiden Seiten also etwa 2000
Blätter. Diese repräsentiren, der Länge nach an einan-
dergereiht, eine Linie von 20,000 mm. Vor den unteren
Bogen und an der hinteren Hälfte der oberen Bogen zählte
ich auf einer Seite 285 (rund 300) Paare, demnach auf
beiden Seiten 1200 Blätter. Nehmen wir für diese, welche
von 10 mm Länge abnehmen bis auf 0, eine mittlere Länge
von 5 mm an, so ergeben sie, in gleicher Weise an einan-
der gereiht, eine Linie von 6000 mm. Alle Blätter tragen
auf einem 1 mm langen Stück jederseits 15 Falten. Dem-
nach haben die ersteren Blätter 600,000, die letzteren
180,000 Falten. Die Kiemenfalten haben etwa die Form
eines Halbkreises. Der Radius dieses Halbkreises beträgt
bei den ersteren Kiemenblättern 0,2 mm, die Fläche des-
selben also 0,0628 qmm. Die beiden Flächen einer Haut-
falte sind sonach 0,1256 qmm gross. Nehmen wir für die
Falten der kürzeren, dabei dünneren und schmaleren Blät-
546 J. Albin Riess:
ter einen durchschnittliclien Radius von 0,1 mm an, so
sind die beiden Flächen einer solchen Falte 0,0314 qmm
gross. Dies mit der Zahl der Falten multiplieirt ergiebt
für die grösseren Kiemenblätter eine Fläche von 75360 qmm,
für die kleineren von 5652 qmm. Die gesammte Kiemen-
respirationsfläche beträgt demnach 81012 qmm, d. i. ein
Quadrat mit etwa 284 mm langen Seiten. Diese Fläche
ist im Vergleiche zu der Lungenfläche der Kaltblüter sehr
gross, muss es aber auch sein, da sie die Aufgabe hat,
den Sauerstoff aus einem Medium aufzunehmen, in wel-
chem er nur in geringer Menge vorhanden ist. Auf ein
Gramm Körpergewicht fällt 125 qmm Kiemenfaltenfläche.
Bei dieser Berechnung ist der glatte Theil der Kie-
menblatthaut nicht berücksichtigt worden. Da auch unter
der glatten Haut schon ziemlich feine Blutgefässe verlau-
fen und dieselbe, mit der Körperhaut des Frosches, welche
doch auch der Athmung dient, verglichen, sehr dünn ist,
so muss auch diese als Respirationshaut betrachtet wer-
den. Ebenso dürfen wir vermuthen, dass die Innenhaut
des Kiemendeckels, unter welcher viele Blutgefässe sich
verzweigen, wie die mit sehr dichten, wedeiförmigen
Blutgefässwundernetzen ausgestattete Schwimmblase des
Hechtes der Respiration diene, so dass also die Respi-
rationshaut in Wirklichkeit eine weit grössere Fläche dar-
stellte.
Ein grosses Kiemenl)latt des 650 g schweren Hechtes
ist an der Basis 1 mm breit. Nehmen wir für dieses eine
mittlere Breite von 0,5 mm, für ein kleines eine mittlere
Breite von 0,25 mm an, so bilden die Kiemenblätter dieses
Fisches, mit ihren Kanten zu einem Quadrat zusammen-
gelegt, ein solches von 11500 qmm oder mit 107 mm Sei-
tenlänge. Die beiden Seitenflächen aller Blätter betragen
23000 qmm (= 1 Quadrat mit 153 mm langen Seiten).
Nehmen wir an, dass von den Falten eines Kiemenblattes
die Hälfte der Fläche desselben besetzt sei, so müssen
wir, um die Gesammtfläche der Kiemenblätter zu erhalten,
die Hälfte des zuletzt gefundenen Werthes zu der oben
angegebenen Faltenfläche addiren (81012-1-11500 = 92512).
Vergleichen wir nun die Zahlen, so ersehen wir, dass durch
Der Bau der Kiemenblättor bei den Knochenfischen. 547
die Faltelung der Kieiiiciibiätter uuseres Hechtes die Fläche
derselben um das Vierfache vergrössert wird:
(92512:23000 = 4,02).
Stellen wir noch einmal die beiden Hechte neben-
einander! Hätten beide eine gleiche Anzahl ungefaltelter
Kiemenblätter, so würde der do])pelt so grosse Hecht mit
doppelt so langen und breiten Kiemenblättern nur eine
viermal so grosse Kiemenfläche besitzen, als der kleine.
Die für ihn nothwendige achtfache Fläche könnte dadurch
erreicht werden, dass die Zahl seiner Blätter sich verdop-
pelte. Wie wir oben sahen, wächst die Fläche der gefäl-
telten Kiemenblätter bei Vergrösserung des Fisches auf die
do])pelte Länge auf das Achtfache; daraus erhellt, dass in
der Faltelung der Haut ein Mittel gegeben ist, bei dem
Wachsthum eines Fisches die Kiemenfläche in gleichem
Verhältnisse wie die Masse zu vergrössern. Das vergrös-
sernde Moment liegt darin, dass mit der Läugenzunahme
der Kiemenblätter die Zahl der Falten wächst.
Monro berechnet die Kiemenfläche eines „sehr gros-
sen^^ Rochen, dessen Grösse aber nicht angegeben ist, auf
15 Qu.-Fuss, Lereboullet dje eines Petromyzon marinus
von einer Länge von 71cm und einem Umfang von 11,4 cm
auf 2 qm 217600 qmm. Er vergleicht diese Fläche mit
der Oberfläche des Fisches und findet, dass jene 27V2nial
so gross ist, als diese. Wie Lere.boullet aus den ange-
gebenen Grössen die Oberfläche des Fisches ermittelt hat,
in derselben Weise habe ich den Körperinhalt seines Fi-
sches auf 730 ccm berechnet. Es fällt dann auf 1 ccm
Masse eine Kiemenfläche von 3038 qmm. Diese Berech-
nung stimmt mit meiner über die Kiemenfläche des Hech-
tes angestellten nicht im mindesten überein. Die hohe
Zahl resultirt in der Berechnung von Lereboullet dar-
aus, dass er die Grösse der Falten sehr hoch angiebt. Er
zählt nur 369600 Falten, jede 3 qmm gross. Ich wieder-
hole meine Zahlen: 600,000 Falten, jede 0,0628 qmm, und
180,000 Falten, jede 0,0157 qmm gross.
Um den Werth der Kiemenrespiration beurtheilen
zu können, müssten übrigens weit mehr Berechnungen aus-
geführt werden; es müsste auch die Schnelligkeit des Ath-
548 J. Albin Riess:
mens und der Blutbewegung, die Menge und Grösse der
Blutkörperchen, der Gasgehalt des Wassers in Rücksicht
gezogen werden. Sodann wäre zu vergleichen die Kie-
menfläche junger und alter Fische derselben Art, sowie
verschiedener Fische, wie auch deren Lebensweise, endlich
die Kiemenrespiration mit der Lungenrespiration. Ein
oberflächlicher Vergleich der Kiemen des Hechtes und eines
Weissfisches lehrt, dass jener Raubfisch eine bedeutend
grössere Respirationsfläche besitzt.
Erklärung der Abbildniigen.
Tafel XVI.
Fig. 1 — 8. Querschnitte durch einige Paare von Kiemenblättern eines
Hechtes von 500 g Gewicht, 35mal vergr., in verschiedenen
Entfernungen von der Basis. Fig. 1 — 4 alle Blätter noch
verwachsen, 5 u. G die Blätter derselben Reihe frei, 7 u. 8
alle Blätter frei.
Fig. 9. Durchschnitt durch den Kopf der Kiemengräte, wie in
Fig. 2, 140mal vergr.
Fig. 10. Durchschnitt durch den freien Theil eines Kiemenblattes
wie Fig. 8, 175mal vergr.
Die Bezeichnung ist in allen Figuren gleich.
Kn Knochen des Kiemenbogens.
Kg Kiemengräte.
Bg Bindegewebe.
eB elastisches Band zwischen den gegenüberliegenden,
Zb Band zwischen den nebeneinanderliegenden Blät-
tern.
Gb Band, welches die Kieraenblattarterien verbindet,
und ihre Wandung bildet.
E Haut durchschnitten.
E' Haut der Falten, von der Fläche aus gesehen,
m add Musculus adductor,
m abd Musculus abductor des Kiemenl)lattes.
a br Kiemenarterie.
V br Kiemenvene,
albr Kiemenblattarterie.
Der Hau der Kiemenblätter bei den Knochenfischen. 549
vlbr Kiemenblattvene.
a pl Arterie der Kiemeublattfalten.
V pl Vene der Kiemenblattfalten.
C Capillaruetz, in Fig. 5 — 8 nur angedeutet und um-
grenzt, in Fig. 10 theil weise ausgeführt. Das
Weissgelassene stellt die Capillaren dar. Links
ist in der Mitte das Capillarnetz, innen und
aussen das Epithel einer etwas gekrümmten
Falte gezeichnet.
V nl Ernährende, lymphatische Gefässe.
a n Ernährende Arterie.
V n Ernährende Vene.
' Tafel XVII.
Fig. 11 u. 12. Längsschnitte durch ein Kiemenblatt, parallel der
Richtung des Kiemenbogens. Die P'alten und Capillarnetze
quer, die Kiemengräte (Kg) längs durchschnitten. 350mal
vergrössert.
Fig 13 — 16. Längsschnitte durch Kiemenblätter, rechtwinklig auf
der Richtung des Kiemenbogens, 30mal vergr.
Bezeichnung wie vorher.
Fig. 13. Vom Hecht, durch die Mittellinie eines Blattes, daher keine
Falten sichtbar.
Fig. 14. Vom Barsch, durch die Seite geschnitten, daher zwei Blät-
ter mit ihren Falten sichtbar. C die durchschnittenen
Capillarnetze.
Fig. 15. Pseudobranchienblatt vom Barsch. M Muskulatur des Kie-
mendeckels. C die vielfach gekrümmten, durchschnittenen
Falten und Capillarnetze.
Fig. 16. Von Leuciscus rutilus. Das linke Blatt durch die Mitte,
das rechte durch die Seite getroffen.
Fig. 17 — 21. Längsschnitte durch Kiemenblätter parallel der Rich-
tung des Kiemenbogens.
Fig. 17. Vom Hecht, 30mal vergr. C quer durchschnittene Capillar-
netze in den Hautfalten.
Fig. 18. Pseudobranchie vom Barsch. 40mal vergr. Bei III nur die
quer durchschnittenen Capillarnetze eines Blattes, bei II die
verschlungenen zweier Blätter, bei I auch das querdurch-
schnittene Epithel der Hautfaiten eines Blattes gezeichnet.
Fig. 19. Wie Fig. 18, IL Die starken Linien die quer durchschnit-
tenen Capillarnetze. SOmal vergr.
Fig. 20. Zwei Blätter von Leuciscus rutilus. Das Epithel der Haut-
falten ist nicht gezeichnet.
35*
550 J. Albin Riess: Der Bau d. Kiemenblätter b. d. Knochenfischen.
Fig. 21. Längsschnitt durch drei Kiemenblattarterien von Leuciscus
rut., um deren bulböse Anschwellungen mit ihren Commu-
nicationen zu zeigen, was in
Fig. 21b im Querschnitt, etwas schief liegend, gezeigt wird.
Tafel XVIII.
Fig. 22. Querschnitt durch Kiemenblätter vom Barsch, SOmal ver-
grössert. Man sieht die zusammengedrückte Kiemenblatt-
arterie.
Fig. 23 — 30. Kiemen vom Seepferdchen.
Fig. 23. Kopf nat. Gr. Kiemendeckel abgenommen.
Fig. 24. Kiemenapparat, aus dem Kopfe herausgenommen, 2mal ver-
grössert.
Fig. 25. Ein Paar Kiemenblätter an dem quer durchschnittenen Kie-
menbogen sitzend, 20mal vergr.
Fig. 26. Drei Paar Blätter (bei I ist ein Blatt abgeschcitten) am
Bogen Kb.
Fig. 27. Zwei Kiemenbogenknochen, rechts mit den die Kiemengrä-
ten tragenden Knorpelstämmen. 25mal vergr.
Fig. 28. Längsschnitt durch ein Kiemenblatt, qaer durch den Kie-
menbogen, 40mal vergr.
Fig. 29. Längsschnitt durch drei Blätter, nicht genau parallel der
Richtung des Bogens, so dass Blatt I in der Nähe des Aus-
senrandes, Blatt II durch die Mitte, Blatt III in der Nähe
des Innenrandes durchschnitten ist. Man sieht beide Knor-
pelstämme, aber nur den einen mit Kiemengx'äten. öOmai
vergrössert.
Fig. 30. Querschnitt durch ein Kiemenblatt, parallel einer Haut-
falte, um die Grösse derselben zu zeigen. Das Capillarnetz
ist nur umgrenzt. 60mal vergr.
Fig. 31. Kiemengräten zweier gegenüberliegender Blätter vom
Lachs und
Fig. 32. vom Hecht, die verschiedene Richtung der Gelenkohren
zeigend.
ünlversitäta-Buclidrnckerei von Carl Georgi in Bonn.
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