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ARCHIV
FÜR
NATURGESCHICHTE.
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIE GM ANN,
FORTGESETZT VON W. F. ERICHS ON.
IN VERBINDUNG MIT
PROF. DR- R. LEUCKART IN LEIPZIG
HERAUSGEGEBEN
voa
DR. F. H. TROSCHEL,
PROFESSOR AN DER FRIEDRICH- WILHELMS-UNIVERSITÄT ZU BONN.
ACHT UND VIEBZIG8TER JAHRGANG.
Erster Band.
Mit 20 Tafeln.
Berlin,
Nicolaische Verlags-Buchhandlung
B. Stricker.
1882.
Inhalt des ersten Bandes.
Seite
Helminthülogische Studien. Von Dr. von Li n stow in Hameln.
Hierzu Tafel I und H 1
Ein Stomiatide aus Japan. Von Dr. L. Döderlein. Hierzu
Tafel HI 26
Zur Kenntniss der Sinnesborsten der Hydrachniden. Von Dr.
G. Haller, Privatdocent in Bern. Hierzu Tafel IV . . 32
Zur Kenntniss der Dermaleichiden. Von Dr. G. Hai 1er in Bern.
Hierzu Tafel V— VH 47
Zur Entwicklungsgeschichte des Leberegels (Distomum hepati-
cum). Von Rudolf Leuckart. Hierzu Tafel VHI . . 80
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur der Kiemen
der Plagiostomen. Von Wilhelm Dröscher aus Schwerin.
Hierzu Tafel IX-XU 120
Ueber die Segmentirung bei den Milben. Von P. Kramer in
Halle a. d. Saale. Hierzu Tafel XHI, Fig. 1—4 .... 178
Ueber Tyroglyphus carpio, eine neue Art der Gattung Tyro-
glyphus Latr. Von P. Kram er in Halle a. d. Saale. Hierzu
Tafel XIH, Fig. 5—10 183
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insekten aus den
Familien Tabanidae. Leptidae, Asilidae, Empidae, Dolicho-
pidae und Syrphidae. Von Bei in g, Forstmeister in Seesen
am Harz 187
Ueber den Bau von Schistocephalus dimorphus Crepl. und Ligula
simplicissima Rud. Von Franz Kiessling aus Würzen.
Hierzu Tafel XIV und XV 241
Herpetologische Bemerkungen. Von Dr. J. G. Fischer in
Hamburg. Hierzu Tafel XVI une XVII 281
:i2 10 7
IV
Seite
Zweite Erwiderung an Herrn Prof. Th. Eimer. Von Dr,
J. von Bedriaga 303
Ueber Bastardfische. Von Dr. RudolfLeuckart . . . . 309
üeber das Cribellum und Calamistrum. Ein Beitrag zur Histio-
logie, Biologie und Systematik der Spinnen. Von Dr. Ph.
Bertkau in Bonn. Hierzu Tafel XVHI, Figur 1—22. . 316
Ueber den Duftapparat von Hepialus Hecta L. Von Dr. Ph.
Bertkau in Bonn. Hierzu Tafel XVHI, Figur 23— 25 . . 363
üeber den Stinkapparat von Lacon murinus L. Von Dr. Ph.
Bert kau in Bonn. Hierzu Tafel XVHI, Figur 26—28 . 371
Ueber Gamasiden. Von P. Kramer in Halle a. d. Saale. Hierzu
Tafel XIX und XX 374
Helminthologische Studien
von
Dr. von Linstow
in Hameln.
Hierzu Tafel I und 0..
1. Füaria Muscicapae m.
Diese Art scheint unter den Singvögeln weiter ver-
breitet zu sein, denn ich fand ein Exemplar zwischen den
Magenhäuten von Motacilla alba, ohne dass ich im Stande
wäre, der gegebenen Beschreibung etwas anderes Neues
hinzusetzen zu können, als dass 0,22 mm vom Kopfende
entfernt jederseits eine Nackenpapille steht; auch das hier
gefundene Exemplar war ein Weibchen, das genau mit dem
aus Muscicapa tibereinstimmt; das jüngst gefundene misst
nur 7,9 mm und enthält wie das früher beschriebene eine
Unsumme unreifer Eier.
2. Füaria Strigis m.
= Trichina affinis Diesing e. p.
Diese schon öfter erwähnte Form fand ich eingekapselt
in der Oesophaguswand von Btiteo vulgaris und Lanitis
excuhitor. Die Länge beträgt durchschnittlich 1,3 mm, die
Breite 0,06 mm; der Mund ist mit zwei stumpfen Zähnen,
das äusserste Schwanzende mit Dornen bewaffnet; auf-
fallend ist die Länge des Oesophagus, die sich zu der des
übrigen Körpers verhält wie 6 : 5. Unter dem Namen
Trichina affmis beschreibt Diesing eine eingekapselte
Nematodenlarve aus der Katze, dem Hunde, dem Dachs,
Arch. f. Naturgescla. XXXXVIII. Jahrg. 1. Bd. 1
2 von Linstow:
dem Schwein, dem Maulwurf, aus Fledermäusen, aus Eulen,
der Nachtscbwalbe, dem kleinen Würger, dem Rothkelilelien,
dem Kibitz, dem Kranich, dem Brachvogel und verschie-
denen Möven. Dass hier verschiedene Arten zusammen-
geworfen sind, kann man aus den Wohnthieren mit grosser
Wahrscheinlichkeit schliessen. Die von mir gefundene
Form ist eine ächte Filarienlarve und stimmt mit Wedl's^)
Beschreibung und Abbildung überein. Gefunden ist diese
Art bis jetzt in Lanius minor und exciibitor^ ülula dluco,
Aegolius otuSy Buho maximus, Strix noctua und flammea^
Astur nisus und pahtmbarius und Btiteo vulgaris. Die
Species findet sich so häufig, dass auch die erwachsene
Filaria unmöglich zu den Seltenheiten gehören kann, doch
fehlen über die Zusammengehörigkeit der Larvenform mit
einer bekannten, geschlechtsreifen noch alle Anhaltspunkte.
3. Strongylus minutus Duj.
Fig. 1.
aus dem Darm von Talpa europaea. Von Dujardin^)
wurde diese Art in Arvicola arvalis gefunden und ge-
nau beschrieben. Sie ist wohl die kleinste aller be-
kannten Strongylus-Arten ; das Männchen liegt spiralig auf-
gerollt und ist dem unbewaffneten Auge nicht sichtbar.
Die Länge beträgt 0,99 mm, die Breite 0,046 mm, die nach
dem Schwanzende hin etwas abnimmt. Die Darmwand
ist mit stark lichtbrechenden kleinen Kernen dicht durch-
setzt, so dass sie bei schwachen Vergrösserungen schwärz-
lich aussieht. Die Haut ist sehr dick und zeigt eigen-
thümliche, querverlaufende Falten, welche mehrere Längs-
reihen auf dem Körper bilden. Die Girren sind sehr
gross, 0,197 mm lang, linear und an den Spitzen ver-
wachsen. Die Bursa ist zweilappig, sie wird gestützt durch
eine schmale, allein verlaufende Hinterrands- und eine
ebensolche Vorderrandsrippe, die sich in der ersten Hälfte
ihres Verlaufes an den Stamm der Mittelrippen anlegt;
von letzteren sind 4 vorhanden, die dicker als die ersteren
1) Sitzungsber. der k. Akad. XIX, 1856, p. 130— 133, Fig. 15—18.
2) Histoire des Helminthes pag. 118.
Herminthologische Studien^ 3
sind; ausserdem findet sich eine am Ende gegabelte End-
rippe. Dujardin's Exemplare waren 2,25 mm gross,
jedoch waren die von mir gefundenen völlig entwickelt
und geschlechtsreif und passt die Beschreibung Dujar-
din's übrigens so genau, dass an der Identität seiner
und der von mir gefundenen Art kein Zweifel besteht.
4. Strongylus papülatus n. sp.
Fig. 2.
im Darm von Otis tarda gefunden, die seit sieben Jahren
im Winter regelmässig in grossen Schaaren bei Hameln
vorkommt. Das Thier ist klein und zart, die Haut und
die Muskelschicht sind sehr stark und gleichdick, erstere
ist regelmässig quergeringelt, am deutlichsten am Kopf-
ende; nicht weit von diesem finden sich 2 kleine, leicht
übersehbare Nackenpapillen.
Das Männchen ist 6,7 mm lang, an Breite von vorn
nach hinten stetig zunehmend, hier 0,072 mm im Durch-
messer zeigend. Der Oesophagus nimmt V9 der Gesammt-
länge ein; die Girren sind dick, gekrümmt, 0,14 mm lang,
am vorderen Drittel entspringen 2 Ghitindornen, ausser-
dem bemerkt man ein spindelförmiges, unpaares Mittelstück
von 0,072 mm Länge. Das Schwanzende zeigt eine breite,
zweitheilige Bursa mit kleinem Mittellappen. An Rippen
besitzt dieselbe eine Vorder- und eine Hinterrandsrippe
und 4 breite Mittelrippen, die am Ende hakenförmig um-
gebogen und verschmälert sind; die unpaare Mittelrippe
ist aus zwei Aesten verschmolzen, die an der Spitze zu-
sammentreffen; in der Mitte sendet sie jederseits einen
Ausläufer ab und gabelt sich am Ende; vor der Bursa steht
jederseits eine grosse Papille.
Das 8,4 mm lange Weibchen ist in der Gegend der
Vulva 0,084 mm breit; diese liegt weit nach hinten und
theilt den Körper so, dass der vordere Abschnitt sich zum
hinteren verhält wie 41 : 7; der Oesophagus nimmt Vu der
Körperlänge ein, die farblosen Eier sind 0,08 mm lang
und 0,036 mm breit. Strongylus Tardae Rudolphi^) ist
1) Entoz. IL p. 241.
4: von Linstow:
bisher nur einmal in einem einzigen weiblichen Exemplar
gefunden und kann auf unsere Art nicht bezogen werden,
denn crstcre enthielt braune Eier und war 40 mm lang;
der Kopf hatte ferner einen breiten Ring, was auf unsere
Art nicht passt, deren Kopfende gar nicht ausgezeichnet ist.
5. Strongylus monodon n. sp.
Fig. 3.
zwischen den Magenhäuten von Oidemia nigra. Nur ein
Weibchen wurde gefunden, das aber durch die Mundbil-
dung leicht als neu zu erkennen ist. Die Länge beträgt
16,5, die Breite 0,14 mm. Der Körper ist gelblich-weiss
gefärbt, schlank, und erscheint überall gleich breit. Die
Vulva liegt an der Grenze des letzten und vorletzten
Fünftels und theilt den Körper im Verhältniss von 17 : 4.
Das Schwanzende ist in eine conische, am Ende abge-
rundete Spitze ausgezogen uud nimmt es Vss der ganzen
Körperlänge ein, während der Oesophagus V23 derselben
ausmacht. Das Verhältniss der Breite zur Länge beträgt
1 : 116. Die Eier sind 0,092 mm lang und 0,062 mm breit;
das Mundende zeigt einen von chitinisirten Wendungen
gebildeten Becher ohne stützende Rippen in der Wand, in
dessen Mitte ein spitzer, conischer Zahn steht. Der Oeso-
phagus nimmt vorn Va des Breitendurchmessers des Kör-
pers ein.
Anfangs glaubte ich, Strongylus nodulosus gefunden
zu haben, welche Art am selben Orte vorkommt; zwar ist
die Mundbildung hier ähnlich, genauer betrachtet aber doch
sehr verschieden. Der grosse Mundbecher von Str. nod.
ist durch je eine grössere dorsale und ventrale und vier
halb so lange submediane Rippen ausgezeichnet; an der
Innenseite der Wandung stehen 3 grosse, abgerundet-co-
nische Zähne; zur Vergleichung mit Str. monodon ist eine
Abbildung (Fig. 4) beigefügt. Der Oesophagus nimmt vorn
fast die ganze Breite des Körpers ein; die Haut ist sehr
fein quergeringelt; die Gesammtlänge beträgt 8,6 mm, die
Breite 0,22 mm; das Verhältniss der Breite zur Länge ist
1 : 40. Der Oesophagus misst Vo??? cler Schwanz 7^4,8 des
Körpers. Die Eier sind 0,11mm lang und 0,082 mm breit.
Helminthologische Studien. 5
Wenn schon diese beiden Formen nicht vereint werden
können, ist es auffallend, dass zwischen den Magenhäuten
der Enten noch 2, also im ganzen 4 Strongylusarten leben ;
diese beiden, Strongyliis iincinatus und acutus, sind ebenso-
wenig auf die hier beschriebene Art zu beziehen; beide
sind roth, ohne den auffallenden Mundbecher, und das
Kopfende der ersteren Art ist mit 6 conischen Papillen
versehen.
6. Strongylus pölygyrus Duj.
Fig. 5—6.
aus dem Darme von Mus sylvaücus. Die weibliche Ge-
schlechtsröhre dieser und der meisten anderen weiblichen
Strongylen bietet ein besonderes Interesse und soll hier
ein Versuch gegeben werden, die einzelnen Abschnitte zu
deuten. Das Ovariura (a) zeigt wandständige Kerne mit
kleinen Kernkörperchen, während das letzte, 0,18 mm
lange Ende (b) nur aus starken Muskelschichten besteht.
Hierauf folgt ein kugelförmiger Körper (c), der aus lauter
einzelligen Drüsen zusammengesetzt wird, die ihr Secret
in den Innenraum desselben ergiessen. Der Abschnitt b
ist offenbar bestimmt, die Eier mit Kraft durch diesen
Körper, der nur ein geringes Lumen zeigt, hindurchzu-
pressen. Fragt man sich, welche die Function desselben
sein kann, so muss man annehmen, dass das Secret der
kleinen Drüsen auf den Inhalt des Ei's keinen directen
Einfluss üben kann, denn schon bevor diese Stelle passirt
ist, hat die Dotterfurchung begonnen, ein Beweis, dass die
Bildung des Eierinhalts vollendet ist. Wahrscheinlich wird
hier ein Firniss abgesondert, welche der Eischale eine
grössere Festigkeit giebt, wie wir ähnliche Organe auch
bei 2 anderen Hauptfamilien der Eingeweidewürmer, die
Schalendrüse der Cestoden und Trematoden finden, wenn-
gleich letztere den Zweck zu haben scheinen, die ganze
Eischale abzusondern. Auf diesen Körper folgt ein 0,18 mm
langer Abschnitt (d), welcher als Uterus bezeichnet werden
kann; er ist sehr dickwandig und verlaufen die Muskeln
Anfangs quer, allmählich aber gehen sie in die Längs-
richtung über. Die Wirkung dieser Muskelzügc muss die
6 von Li 11 stow:
sein, dass das hier eingeschlossene Ei um seine Längs-
achse rotirt wird und so überall die Oberfläche mit dem
Drüsensecret gleichmässig in Berührung kommt. Nun folgt
ein 0,72 mm langer Abschnitt mit massig starken Muskel-
wänden (e), der nur zur Fortbewegung der Eier dient, die
Vulva. Diese, welche in beginnender Dotterfurchung ab-
gelegt werden, entwickeln den Embryo in massig feuchter
Erde in 8 Tagen.
Derselbe ist 0,31 mm lang und 0,023 mm breit; der
Oesophagus misst 72,4, der Schwanz V4,7 der Gesammt-
länge; letzterer ist pfriemenförmig, der Mund zeigt 2 kleine
kugelförmige Erhabenheiten.
7. Strongylus auricularis Zed.
Fig. 7—13.
Der Embryo, schon von Leuckart*) gezogen und
beschrieben, entwickelt sich in feuchter Erde (im Mai) in
6 Tagen; seine Länge beträgt 0,4 mm, die Breite 0,011 mm.
Der Schwanz ist pfriemenförmig und misst Ve,? des Kör-
pers, während der Oesophagus Vs der Gesammtlänge ein-
nimmt. Am Kopfe stehen zwei rundliche Vorragungen,
dahinter bemerkt man eine feine Querlinie. Die Mund-
öffnung wird durch ein enges Vestibulum gebildet; der
Oesophagus ist in der Mitte verdünnt und endet in einem
ovalen Bulbus mit Ventilzähnen; vor dem Anus steht eine
kleine Hervorragung. In der Mitte unter dem Darm be-
merkt man eine kleine, bohnenförmige Genitalanlage. Eine
Abplattung der hinteren Körperhälfte und laterale Chitin-
leisten, die Leuckart gefunden hat, sowie eine undeut-
liche Begrenzung des Oesophagus habe ich nicht bemerkt.
Die Eier mit völlig entwickelten Embryonen verfütterte ich
am 21. Mai an einen Frosch, den ich am 3. Juni unter-
suchte. Im Magen fanden sich zahlreiche ganz junge
Exemplare neben Eiern, die zum Theil unentwickelt ge-
blieben waren, zum Theil noch Embryonen enthielten.
Die Länge der freien Thiere betrug durchschnittlich
0,46 mm, die Breite 0,026 mm, es fand sich eine 0,1 mm
1) Menschliche Parasiten 1. Aufl. pag. 108—109.
Helminthologische Studien. 7
lange Geschlecbtsanlage, der Oesophagus mass Vs^ö, der
Schwanz Vojs der Gesammtlänge. Gegen den Embryo, wie
er das Ei verlässt, ist das Thier bedeutend dicker ge-
worden, der Schwanz ist relativ kürzer, die Genitalanlage
ist etwa um das Fünffache gewachsen und das Vestibulum
hat ein Lumen bekommen.
Ohne Fütterungsversuche habe ich*) in dem Darm
von Lacerta vivipara 0,51 mm lange Exemplare dieser Art
gefunden, die also an Länge wenig, bedeutend aber an
Breite zugenommen hatten, denn sie zeigten 0,033 mm im
Durchmesser, das Vestibulum war verbreitert und zeigte
sich eine ansehnliche Geschlechtsanlage. Betrachtet man
ein reifes Männchen mit seiner grossen Bursa, so fragt
man sich, wie aus dem Wurm mit pfriemenförmigem Schwanz
eine solche Form entstehen kann. Die Umwandlung ge-
schieht bei der jedesmaligen Häutung schrittweise. Ein
junges Männchen fand ich (Fig. 9), das 2 mm lang und
0,084 mm breit war; der Oesophagus mass Ve^s der Ge-
sammtlänge. Die Haut war doppelt und eine Häutung
offenbar nahe bevorstehend; die Bursa war durch eine
Verbreiterung der Haut am Schwanzende schon angedeutet,
die Rippen derselben waren vorhanden; die Endrippe zeigte
sich getheilt, was sie beim erwachsenen Männchen nicht
ist; die Spicula fehlten noch gänzlich. Das Kopfende war
ohne die den erwachsenen Exemplaren zukommende Epi-
dermisauftreibung und zeigte zwei kleine, conische Zähn-
chen. Die Verbreiterung der Haut ging hinten in eine
dolchförmige Schwanzspitze über.
Ein 6,4 mm langes und 0,18 mm breites Männchen
(Fig. 10), dessen Oesophagus nur Vi4,4 der ganzen Länge
misst, zeigt bereits die Epidermisauftreibung am Kopfende;
die Bursa besteht aus 2 seitlichen und einem abgerundeten
Mittellappen; die Rippe, welche den letzteren stützt, giebt
im zweiten Drittel seitlich je einen Ausläufer ab, während
das Ende doppelt gegabelt ist.
Bei den ganz erwachsenen Männchen (Fig. 11 — 13)
ist der Mittellappen verhältnissmässig sehr klein geworden;
1) Dieses Archiv 1879, pag. 179—180.
8 von Linstow:
die beiden Endäste der Endrippe haben in sofern eine
andere Gestalt angenommen, als nur die inneren Gabeläste
den Saum der Haut erreichen und sich eng an einander
gelegt haben.
Die Rippen der Bursa sind bekanntlich nicht nur
Stützapparate, sondern enden in eine Tastpapille; sie sind
also wohl Gefühlswerkzeuge, mit denen das Männchen im
Finstern nach der Vulva des Weibchens &ucht, wie wir
solche Papillen am männlichen Schwanzende der meisten
Nematoden kennen. Das Männchen von Strongylus auri-
cularis umfasst bei der Copula mit den Seitenlappen der
Bursa das Hinterleibsende des Weibchens in der Gegend der
Vulva, wobei die Riickenseite nach dem Kopfende, die
Bauchseite nach dessen Schwanzende gerichtet ist; die
Spicula dienen offenbar zur Erweiterung der Vulva, um
dem einströmenden Samen Platz zu schaffen.
Strongylus auricidaris, und wahrscheinlich alle Stron-
gylus-Arten, hat also eine directe Entwicklung ohne Zwischen-
wirth. Aus der kleinen Zahl Eier, welche die Strongylus-
Weibchen ausbilden, war dieses schon zu schliessen; sie
stehen in dieser Beziehung mit dem Genus Oxyuris und
Sclerostonmm in der Mitte zwischen den freilebenden Nema-
toden, deren Weibchen oft nur ein oder zwei Eier gleich-
zeitig zur Reife bringen, und den Gattungen mit Zwischen-
wirth, wie Äscaris, Filaria, Cucullanus^ Eustrongylus,
Trichiita, wahrscheinlich auch Fhysaloptera und Tropidocerca^
bei denen die Zahl der Eier eine ausserordentlich grosse
ist, was dadurch bedingt ist, dass bei diesen letzteren nur
ein kleiner Theil der Eier in den Zwischenwirth und ein
verschwindend kleiner Theil der letzteren in den defini-
tiven Wirth gelangt, während die freilebenden Nematoden
ihre Jungen alle in das ihnen bestimmte Medium bringen,
also keins der Eier verloren geht.
8. Angiostomum entomelas Duj.
Fig-. 14—15.
in der Lunge von Änguis fragüis. Das Lungengewebe ist
erfüllt von embryonenhaltigen Eiern, wo dieser Parasit
sich eingenistet hat. Der Embryo ist 0,39 mm lang und
Helminthologische Studien. 9
0,02ß mra breit; die Gestalt ist dick, der Schwanz, welclier
V7,9 der Gesaramtlänge misst, ist pfrieraenförmig; der Oeso-
phagus zeigt eine vordere, lange und eine hintere, mehr
kugelförmige Anschwellung am Ende; er misst Vsjc der
ganzen Länge des Thieres; in der Endanschwellung be-
merkt man einen undeutlichen Ventilapparat; das Darra-
lumen ist mit Luft gefüllt.
Von diesen Embryonen that ich eine beträchtliche
Anzahl in feuchte Erde und fand mehrere von ihnen nach
2—3 Wochen in folgender Weise verändert: Die Länge
betrug 0,82 mm, die Breite 0,056 mm. Die Haut war fein
quergeringelt; am Mundende, wo 6 kleine Wülste bemerk-
bar waren, zeigte sich ein cylindrisches Vestibulum; der
Oesophagus hatte zwei Anschwellungen, von denen die
hintere einen Ventilapparat zeigte; seine Länge betrug Vsj
die des pfriemenförmigen Schwanzes V6,2 der Gesammt-
länge; die Vulva lag wenig hinter der Körpermitte
(13 : 12); der Uterus war einhörnig und verlief von der
Vulva nach hinten; hier fanden sich zwei 0,049 mm lange
und 0,029 mm breite Eier mit membranöser Hülle, welche
jedes 2 Furchungskugeln enthielten. Die Bewegungen des
Thieres waren langsam.
Der einhörnige Uterus erinnert an die freilebende
Gattung MonJiysfera, hier aber verläuft der Uterus von der
Vulva an nach dem Kopfende.
Männchen habe ich nicht gefunden.
Somit hätten wir hier also die frei in der Erde leben-
den geschlechtlich differenzirten Exemplare von Angiosto-
miim entomelas vor uns, dessen grosse, parthenogenetische
Form parasitisch in der Lunge der Blindschleichen lebt,
und dasselbe Verhalten hat Leuckart^) für [Ascaris]
Bhahdonema nigrovenosum nachgewiesen. Derselbe hat die
Entwicklung der freilebenden, kleinen Geschlechtsthiere
weiter verfolgt und gefunden, dass die Embryonen in den
Weibchen schon die Eihüllen durchbrechen, hier lang aus-
wachsen und alle inneren Organe der Mutter zerstören.
1) Allgemeine Naturgescliichte der Parasiten pag. 127 — 129,
Fig. 61-62.
10 von Linstow:
Beide ^£>'enannten Arten zeigen also einen Generations-
wechsel, da eine kleine, freilebende, geschlechtlich diffe-
renzirte Form sich geschlechtlich, eine grosse, parasitische
sich hermaphroditisch fortpflanzt.
Da nicht nur die Lebensweise, sondern auch der
anatomische Bau dieser beiden Arten in den wesentlichsten
Punkten übereinstimmt, so dürfte es wohl angebracht sein,
sie beide in das Genus Ängiostomum zu stellen, zu denen
vielleicht auch Ä. macrostomwn gehört ; alle drei bewohnen
als parasitische, hermaphroditische Thiere die Lungen
unserer Reptilien und Amphibien und kennt man von ihnen
nur sogenannte Weibchen. Duj ardin ^) beschreibt das
Männchen von Ä. macrostomum, welche Art er mit Ä.
entomelas zusammenwirft, hat aber ein solches nur einmal
gefunden und ist nicht sicher, ob hier nicht ein Irrthum
obwalte, was ich in der That glaube, da ich beide Arten
in sehr zahlreichen Exemplaren gefunden, niemals aber
ein Männchen entdeckt habe.
9. Ängiostomum nigrovenosum Rud.
Fig. 16.
= Äscaris nigrovenosa Ant., = Bhabdonema nigrovenosum
Leuck., in der Lunge von Rana temporaria; die Art ge-
hört ebenso wie Ä. entomelas und macrostoma zu den
Meromvariern Schneiders, und könnte dieser Umstand
allein genügen, sie nicht zu Äscaris zu stellen; Ä. nigro-
venosa hat, wie die beiden anderen genannten Arten dieser
Gattung einen beträchtlichen Mundbecher, mit dem Blut
aus den Lungengefässen des Wohnthiers gesogen wird und
müssen die Saugbewegungen, wie man aus der Massig-
keit der Oesophagusmuskulatur schliessen kann, sehr kräf-
tige sein. Der Grund der Einreihung dieser Form unter
Ängiostomum ist vorstehend unter Nr. 8 auseinandergesetzt.
10, Nematoxys ornatus Duj.
= Oxyuris spec. Claus.
aus den Lungen von Triton taeniatus. Der Mund hat einen
kleinen conischen Bohrzahn ; der Oesophagus zeigt am
1) Histoire des Helmintlies pag. 263, pl.s Fig. C 5.
Helminthologische Studien. 11
Ende einen eiförmigen Bulbus mit Ventilzähnen, die Haut
ist fein quergeringelt und übrigens befinden sich alle
Exemplare in Häutung.
Das Männchen ist 1,6 mm lang und 0,24 mm breit;
der Schwanz ist kegelförmig, am äussersten Ende in eine
feine Spitze ausgezogen, 0,36 mm lang; die beiden Girren
sind sehr schwach und klein, hakenförmig gebogen; das
grosse, accessorische Chitinstück ist kegelförmig, 0,18 mm
lang, hat die Gestalt einer Hohlrinne und leitet ohne
Zweifel den Samen über, fungirt also wohl als Penis.
Das Weibchen ist von dicker, spindelförmiger Gestalt,
2,2 mm lang und 0,36 mm breit. Der Bulbus des Oeso-
phagus misst 0,36 mm; der lang zugespitzte Schwanz 0,48
mm. Vulva und Eier sind noch nicht ausgebildet; der
Schwanz ist einstülpbar wie bei manchen Distomum- Arten.
Nematoxys ornatus ist bisher in Triton taeniatus noch nicht
gefunden, und wahrscheinlich meint Claus dieselbe mit
seiner fraglichen Oxyuris-Art, die er in den Lungen dieses
Thieres beobachtete.
11. Oxyiiris ohvelata Brems.
Fig. 17.
aus dem Cöcum von Arvicola arvdlis. Den „kaulquappen-
artigen" Embryo von Oxyiiris vermiciäaris hat Leuckart*)
beschrieben und abgebildet und einen ähnlichen enthalten
die Eier von Oxyuris ohvelata. Die Vorderhälfte ist dick
und von Querrunzeln eingeschnürt, während die hintere
plötzlich verdünnt ist und gleichsam einen kleinen Schwanz
darstellt; Mund- und Afteröifnung, sowie innere Organe
sind noch nicht sichtbar. Dieser Embryo stellt nach Leu-
ckart eine eigenthümliclie Zwischenform dar, welche, so-
bald die Eier den Körper des Weibchens verlassen haben,
in die definitive Embryonalform übergeht.
12. Trichina spiralis Owen.
Als hier im Orte durch die microscopische Fleisch-
schau ein trichinöses Schwein entdeckt wurde, verschaffte
ich mir von dem Fleische, in welchem wenig zahlreiche
1) Menschliche Parasiten, 1. Aufl. II. pag. 324, Fig. 192.
12 von Linstow:
Kapseln sich fanden; eine Portion wurde an eine Haus-
maus verfüttert, welche nach 24 Stunden todt war. Im
Anfang des Dünndarms fanden sich bei der 48 Stunden
nach der Fütterung vorgenommenen Section mehrere freie
Trichinen von 1,31 mm Länge und 0,062 mm Breite; an
denselben machte ich die Beobachtung, dass sie wie die
Trichocephalen, die Trichosomen und Trichodes Längs-
bänder haben; die Haut zeigt Seitenbänder, deren Breite
sich zum Körperdurchmesser verhält wie 5 : 19, während
bei erwachsenen Trichinen die Bänder verhältnissmässig
schmaler sind, da hier das Verhältniss 5 : 23 besteht. Der
Fund ist in sofern für die Systematik von Interesse, als
er die enge Zusammengehörigkeit der vier durch die eigen-
thümliche Bildung des Oesophagus ohnehin schon nahe
verwandten Gattungen zeigt. Die Seitenbänder sind nur
bei ganz frischen Exemplaren sichtbar und zeigen bei jun-
gen Exemplaren keine, bei erwachsenen wenig zahlreiche
Stäbchen. Leuckart*) hat diese Längsbänder in noch
früheren Stadien, nämlich bei den Muskeltrichinen ge-
funden, deutet aber die schwach glänzenden Pünktchen in
ihnen nicht als die Hautoberfläche erreichende Stäbchen,
sondern als Kerne von Zellen, aus welchen diese Bänder
zusammengesetzt werden.
Trichodes crassicauda Bell.
Fig. 18.
aus der Harnblase von 3Ius decumanus. Die am meisten
entwickelten Eier enthalten einen reifen Embryo, den ich
durch Zerdrücken der Eischalen freimachte und isolirte.
Seine Länge beträgt 0,29 mm, die Breite 0,0098 mm. Der
Körper ist vorn und hinten abgerundet, am Kopfende steht
in der Mittelaxe ein zurückziehbarer Bohrzahn, der auf
eine active Weiterbewegung im Wohnthiere schliessen lässt.
Die Grenze zwischen Oesophagus und Darm ist nicht auf-
zufinden, ebensowenig der Anus.
1) Untersuchungen über Trichina spiralis, II. Aufl. pag. 76,
Tab. 1 Fig. 12.
Helminthologische Studien: 13
14. TricJiosoma Tdlpae v. Siebold.
Reinhardt*) und v. Siebold^) geben das Vorkommen
eines nicht näher beschriebenen Helminthen eingekapselt
in der Milz des Maulwurfs an, den D iq^im^ Nematoideum
Tdlpae nennt und dazu bemerkt, die ähnliche im selben
Organe bei Crocidura aranea gefundene Form müsse für
ein Trichosoma gehalten werden. Massenhafte Eier eines
TricJiosoma, die wahrscheinlich hierhergehören, fand ich in
der Milz eines Maulwurfs; sie haben die bekannte Form,
sind 0,072 mm lang und 0,034 mm breit und war der
Dotter in Furchung begriffen; meistens fanden sich sechs
Furchungskugeln ; von den Würmern selber war nichts zu
bemerken.
Auff'allend ist das massenhafte Vorkommen von Tricho-
somen-Eiern in der Milz eines Thieres, das sonst kein
Trichosomum beherbergt, von welchem diese Eier herrühren
könnten; bisher kannte man überhaupt keine Art dieser
Gattung aus dem Maulwurf.
Eingekapselt in den Häuten des Hodens von Sorex
tetragonurus lebt das Trichosoma incrassatimi, in Kapseln
der Milz von Crocidura aranea das Trichosoma sjüenaceumy
das aber auch im Darm und Magen seines Wirthes gefun-
den wird, während derselbe Parasit bei Crocidura leucodon
in den Mesenterialdrüsen gefunden ist.
Neuerdings beschreibt Perroncito^) Körper aus der
Leber eines Hundes, welche die Form und Grösse der
Eier von Trichocephalus dispar hatten, und von welchen
er ungewiss lässt, ob sie Helmiutheneier oder Psorosper-
mien sind; den Abbildungen nach handelt es sich hier
ebenfalls um Trichosomen-Eier. Dieselben durchsetzten die
Leber in Gruppen massenweise und gaben ihr ein krank-
haft verändertes Aussehen.
1) Sachs e's allgemeine deutsche naturhist. Zeitung II, 1847,
pag. 224.
2) Wiegmann's Archiv 1850, II, pag. 358.
3) Cellule oviforme nel fegato di un Cane, Torini 1877,
14 von Linstow:
Endlich sind in der Leber von Triton cristatus auch
weibliche Trichosomen und Eierhaufen beobachtet.
Man kann nur annehmen, dass die Trichosomen,
welche sonst in der Regel den Darm ihrer Wirthe be-
wohnen, gelegentlich und zufällig auch in das Innere an-
derer Organe gerathen, wo dann die befruchteten Weib-
chen ihre Eier ablegen und in den meisten Fällen selber
entweder zu Grunde gehen oder weiter wandern.
15. TricJiosoma capillare n. sp.
Fig. 19.
Wenn bisher ausser dem Trichosoma Talpae keine
Art dieser Gattung aus dem Maulwurf bekannt war, ist es
mir nun gelungen, eine solche aufzufinden. In der Harn-
blase eines anderen Exemplars als das, dessen Milz die
erwähnten Eier enthielt, fand ich eine ungemein zarte,
feine Trichosomeuform, deren Männchen 11,8 mm lang und
hinten 0,072 mm breit ist, während die Breite vorn nur
0,016 mm beträgt. Das Verhältniss des vorderen, vom
Oesophagus gebildeten Körperabschnittes zum hinteren ist
wie 1 : 1,3. Die Cirrusscheide ist unbedornt, mit regel-
mässigen, feinen Querfalten versehen und kann weit vor-
gestülpt werden; der Cirrus ist 0,81 mm lang; die Haut
hat seitliche Stäbchenbänder von Vn Körperdurchmesser,
in denen die Stäbchen sehr fein sind und sparsam stehen;
nur am vorderen Körpertheil sind die Bänder sichtbar.
Die Grösse der weiblichen Exemplare kann ich nicht
angeben, da sie beim Herausnehmen aus ihrem Wohnort
zerrissen; hinten sind sie 0,14 mm breit und der Theil
von der Vulva bis zum Schwanzende misst 4,5 mm. Der
vorstreckbare Theil der letzteren hat an der Basis einen
ringförmigen Kragen; die Eier sind 0,049 mm lang und
, 0,026 mm breit; die vorstehend erwähnten in der Milz ge-
fundenen Eier können also von dieser Art nicht herstam-
men, da sie beträchtlich grösser sind.
Helmintholop:isclie Studien. 15
'C5
16. Rhahditis pellio Schneider.
Fig. 20.
, = Pelodera pellio Sehneider.
= Anguillida Lumhrici Gmel.
= Nematodum Lunibrici Lieberkühn.
Unter dem Namen Regenwurmtrichinen ist seit der
Zeit, wo Trichina spiralis die wissenschaftliche und die
Laienwelt in Aufregung versetzte, oft ein Parasit des
Regenwurms, welcher mit diesem gefährlichen Wurm nichts
zu thun hat, irriger Weise in Verbindung gebracht. Die
„Regenwurmtrichinen^ gehören zu den sehr häufig vorkom-
menden Helminthen, die seit langer Zeit bekannt sind;
schon Goeze hat sie gefunden und beschrieben und in
Diesing's Systema Helminthum findet man pag. 134 ein
grosses Litteraturverzeichniss.
Unter dem Namen Feioder a pellio beschrieb Schnei-
d er*) einen geschlechtlich entwickelten Nematoden, welchen
Btitschli^) ausführlicher dargestellt hat. Derselbe findet
sich in Regenwürmern, aber nicht in lebenden, sondern in
todten, faulenden und Schneider giebt an, dass die Lar-
ven encystirt in der Leibeshöhle der Regenwürmer, beson-
ders auf den Dissepimenten vorkommen und beim Faulen
geschlechtsreif werden. Schon Lieber kühn ^) bemerkte,
dass die „Filarien" der Regenwürmer nach dem Tode
ihres Wirthes aus den Cysten herauskriechen, sich häuten
und in wenigen Tagen zu geschlechtsreifen Würmern wer-
den, die zu Angiostomaj = Leptodera angiostoma zu gehören
schienen.
Die Zusammengehörigkeit von Anguillida Lumbrici
und Rhabditis pellio schien also wahrscheinlich, wenngleich
Schneider nicht angiebt, welche der verschiedenen im
Regenwurm gefundenen Nematodenlarven er meint und
Lieberkühn die geschlechtsreife erzogene Art nicht
beschreibt.
1) Monographie der Nematoden, pag. 154, Tab. XI, Fig. 11.
2) Beiträge zur Kenutniss der freilebenden Nematoden, pag.
112—113, Tab. IX, Fig. 59 a— d, Tab. IX, Fig. 59 e.
3) Mem. cour. de l'Acad. de Belgique XXVI, pag. 20.
16 von Li nstow:
Ich fand mehrere Exemplare von Lumhricus, welche
zahlreiche Exemplare von AnguüUda Lumhrici enthielten;
manche von ihnen waren in der Häutung begriffen; sie
waren 0,45 mm lang und 0,02 mm breit; der Oesophagus
mass Vöj der Schwanz Vsjg der Gesammtlänge. Das vordere
Ende des ersteren ist eine vorstreckbare Saugröhre; die
Darmwand ist mit glänzenden Kernen durchsetzt, der
Schwanz ist fein zugespitzt; am Kopf- und Schwanzende
zeigte sich die abzustreifende Haut am deutlichsten; am
übrigen Körper trat sie an den concaven Biegungsstellen
mit kleinen rundlichen VorsprUngen vor.
Kegenwürmer, welche Anguillula Lumhrici in Menge
enthielten, zerstückelte ich und Hess sie 14 Tage lang
faulen, indem das Eintrocknen verhindert wurde. Als ich
das Präparat wieder untersuchte, waren die meisten Wür-
mer gestorben in etwas gegen früher vergrössertem Stadium;
sie waren 0,6 bis 0,7 mm lang und 0,024 mm breit; wenige
aber waren geschlechtsreif geworden. Die Weibchen
waren 2,4 mm lang und 0,2 mm breit; sie enthielten zahl-
reiche Eier von 0,06 mm Länge und 0,039 mm Breite und
gehörten zu Rhahditis pellio.
Die Fäulniss mag wohl eine zu intensive gewesen
sein, denn um das Austrocknen zu verhindern, waren die
zerstückelten Regenwürmer mit etwas Wässer in ein Glas
gethan, das mit Thierblase Überbunden wurde, so dass die
Fäulnissgase nicht entweichen konnten; daher werden die
meisten der Parasiten gestorben sein.
Die Eierzahl der erwachsenen Weibchen war hier,
als bei einem nur im reifen Zustande freilebenden Nema-
toden, da wir einen faulenden Regenwurm nicht unter die
lebenden Organismen rechnen können, eine massige, sie
betrug etwa 20—30, während die Weibchen der in allen
Altersstufen freilebenden Nematoden meistens nur 2 reife
Eier führen.
17. Agamonematodum hospes n. sp.
Fig. 21.
Die Zahl der im jugendlichen Alter parasitisch, später
frei lebenden Arten der Nematoden scheint grösser zu sein,
Helminthologische Studien. 17
ak bisher bekannt war; so fand ich die hier zu schildernde
geschlechtlich unentwickelte Form, die augenscheinlich den
später freilebenden Nematoden angehört, in verschiedenen
unter feuchtem Moos oder Steinen im Walde lebenden
Thieren, als Armadillo vulgaris^ Vortex lapicida, Vitrina
cellaria. Vielleicht ist die Form verwandt mit dem 0,75
mm langen und 0,01 mm breiten Agamonematodum Arma-
dillonis pihdaris Leidy's^), doch passt die Beschreibung,
nach der das Schwanzende in eine doppelte Spiraltour
aufgerollt ist, nicht. Das Thier ist schlank, im Tode ge-
rade gestreckt, der Körper vorn verjüngt, das Schwanz-
ende kurz, plötzlich verdünnt, spitz - kegelförmig. Der
Oesophagus zeigt zwei Anschwellungen, die hintere mit
schwachen Ventilzähnen; das äusserste Kopfende ist kaum
merklich verdickt, das Körperparenchym zeigt hier zwei
kleine Spitzen. Die Länge beträgt 1,02 mm, die Breite
0,033 mm. Der Oesophagus misst Vs? die Schwanzspitze
V40 der Körperlänge; der After ist undeutlich; die Darm-
wand ist mit Kernchen dicht durchsetzt, die Subcuticular-
schicht zeigt in den Seitenlinien, welche Vs der Körper-
breite messen, grössere Kerne. In der Mitte unter dem
Darm liegt die spindelförmige Genitalanlage. Das Thier
bleibt nur so lange am Leben, wie das Wohnthier nicht
in Fäulniss übergeht. Dass übrigens der Parasitismus nur
ein vorübergehender ist, kann man schon daraus ver-
muthen, dass die Wohuthiere ganz verschiedenen Ordnun-
gen (den Crustaceen und Mollusken) angehören.
18. EcJiinorhynchus transversus Rud.
Fig. 22.
Für diesen Parasiten kann ich einen neuen Fundort,
nämlich den Darm von Turdus iliacus angeben, wo ich
ihn zweimal in je einem Exemplar fand, das eine war 3,
das andere 9 mm lang. Von Dujardin ist die Art ge-
nau beschrieben und sollen nur die Haken des Rüssels
hier Erwähnung finden. Im Ganzen findet man an dem-
selben 25 Querreihen von Haken, von denen die 11 vor-
1) Transact. Acad. Philad. 2. ser. X. pag. 243, Tab. XI, Fig. 47.
Archiv für Naturg,, XXXXVm. Jahrg. 1. Bd. 2
18 von Linstow:
deren aus starken Flaken gebildet werden ; der dicke Wiirzel-
ast ist nach hinten g-erichtet und läuft er seitlich in zwei
rundliche Vorsprünge aus; die hinteren Haken sind schwächer,
der Wurzelast ist schmal und gestreckt und verläuft nach
vorn; sie bilden 14 Reihen. Ohne Zweifel dienen somit
die vorderen Haken zum Eindringen des Rüssels in die
Darmwand, während die hinteren bei dem Zurückziehen
desselben besonders in Thätigkeit kommen.
Bistomum davigerum Rud.
Fig. 23.
aus Triton taeniatus. Als zu dieser Gattung gehörig nennt
van Beneden^) eine Cercaria armata, was als Bezeich-
nung, nicht als Name aufzufassen ist, denn die Form soll
der Cercaria armata, welche die Jugeudform von Distomum
retusum darstellt, ähnlich sein, ist also nicht identisch
mit ihr.
van Beneden beschreibt die Sporocysten als gelb
oder orange, ohne Organe, unregelmässig von Form, in
denen sich wieder neue bilden und in diesen letzteren ent-
stehen die Cercarien; sie leben in Limnaea stagnalis und
ovata sowie in Flanorhis corneus. Die Cercarie führt am
Mundsaugnapf einen Stachel, der Schwanz ist lang. Wer-
den die encystirten Cercarien in Frösche gebracht, so
haben sie sich in 24 Stunden in Distomen verwandelt, in
denen nach 6 Tagen schon die Hoden entwickelt sind.
Eine weitere Beschreibung dieser ganz jungen Disto-
men wird nicht gegeben und da ich solche gefunden habe,
bin ich in der Lage, die Lücke ausfüllen zu können.
Die jüngsten Exemplare sind 0,32 mm lang und 0,11
mm breit; der Mundsaugnapf misst 0,059 mm, der Bauch-
saugnapf 0,039 mm im Durchmesser. Von der Mitte des
Bauchsaugnapfes verhält sich die Entfernung zum Kopf-
ende zu der vom selben Punkte zum Schwänzende wie 5 : 2.
Der ganze Körper, ist von in Schrägreihen stehenden Sta-
cheln besetzt, die sich kreuzen. Gegen Ende des Leibes
liegt ein dunkler, körniger, rundlicher Körper, der aus 2
1) Mem. sur les vers intest, pag, 96—97.
Helmintholo^ische Studien. 19
Halbkugeln besteht; übrigcDS bemerkt man noch keinerlei
Organe im Innern.
Die Eier des erwachsenen Distominn sind 0,0259 mm
lanü: und 0,0197 mm breit.
20. Dlstomum glohiporum Rud.
Fig. 24.
Die Eier wurden am 8. Februar in's Wasser gelegt
und Hessen am 22. desselben Mts. die Embryonen aus-
schlüpfen. Diese schwimmen schnell im Wasser, indem sie
sich von links nach rechts um ihre Längsaxe willzen; sie
sind im Durchschnitt 0,082 mm lang und 0,052 mm breit;
vorn steht ein kleiner, abgestumpft kegelförmiger, einzieh-
barer Kopfzapfen; dahinter folgt eine ringförmige Ver-
stärkung der äusseren Bedeckung, die überall mit Wimper-
haaren besetzt ist. Im Innern des Thieres bemerkt man
feine Körnchen und blasse, ungekernte Zellen. Wagen er*)
und von Willemoes-Suhm^) haben diesen Embryo auch
gezogen. Die Gestalt beim Schwimmen ist bald birn-
förmig, wobei das verdickte Ende das vordere ist, bald
walzen-, bald spindelförmig, bald, und so in der Ruhe, die
immer nur kurze Zeit währt, eiförmig, seltner kugelig.
Der Kopfzapfen wird suchend und tastend abwechselnd
vorgestreckt und eingezogen.
Nur einige Stunden kann das Thier im Wasser leben;
findet es dann nicht seineu Wirth, so werden die Bewe-
gungen des Körpers im Allgemeinen und die der Wimper-
baare langsamer und seltner, es treten Sarcode-Tröpfcheu
aus und das Thier stirbt; so erinnert das Verhalten sehr
an das des Embryo's von Distomiim hepaticum.
21. Distomum oxyurum Crepl.
aus Fuligula cristata. Diese Art ist erst einmal von
Creplin beschrieben und erwähnt, der sie in unent-
wickeltem Zustande sah, so dass sie noch nicht vollständig
bekannt ist. Die Länge beträgt 6,5 mm, die Breite 1,8 mm.
Das vordere Drittel des Körpers ist cyliudrisch gebaut,
1) Zeitschrift f. wissensch. Zool. IX, p. 88 u. 89, Tab. I, Fig. 5.
2) ibid. XXllI, pag. 340, Fig. 5.
20 von Linstow:
der Mundsangnapf hat einen Durchmesser von 0,44 mm.
Die hinteren zwei Dritttheile des Körpers sind in der
Mitte spindelförmig verdickt, der Bauchsaugnapf ist kugel-
förmig, prominent, mit einem Durchmesser von 0,64 mm.
Vor dem letzteren liegen die Geschlechtsöffnungen; der
Cirrus ist ein grosses, auffallendes Organ von 0,48 mm
Länge und 0,11mm Breite. Auf den Bauchsaugnapf folgt
nach hinten der Keimstock und hinter ihm liegt der
Vereinigungspunkt der Dottergänge; hierauf folgen die
hinter einander liegenden, gelappten Hoden; die traubigen
Dotterstöcke finden sich an den Seitenwänden des Körpers
hinter dem Bauchsaugnapf und lassen das vordere Drittel
und hintere Sechstel des Körpers frei. Die Eier sind
wenig zahlreich; ich fand in jedem Exemplar 30—40; sie
sind gross, fast so gross wie die von Bistomum hepaticum^
0,11 mm lang und 0,082 mm breit; die Schale zeigt an der
einen Seite einen Deckel, an der anderen eine kleine Ver-
dickung. Der eigenthümliche, schwanzartige Anhang des
Thieres besteht grösstentheils aus Längsmuskeln ; dicht vor
der Spitze ist an der Bauchseite eine Einschnürung und
hier mündet das Excretionsgefäss.
22. Distomum brachysomum Crepl.
aus dem Cöcum von Glaucion clangula und dem Darm von
Fuligula cristata. Für diese kleine Form ist durch Vil-
1 0 1 ^) das Interesse geweckt, welcher die Larve im Kropf
von Tringa dlpina in einer 0,2 mm grossen Kapsel fand
und nachwies, dass die entsprechende Cercarie sich in
AntJmra graciUs einkapselt.
Bei Die sing steht die Art als Species inqtdrenda
ohne Beschreibung; ich fand sie 0,54 mm lang und 0,29
mm breit; der Mundsaugnapf misst 0,049 mm, der Bauch-
saugnapf 0,066 mm im Durchmesser; letzterer liegt etwa
in der Mitte des Körpers; der Schlundkopf ist halb so
breit wie der Mundsaugnapf. Der Darm gabelt sich an
der Grenze des 2. und 3. Drittels der Entferung zwischen
1) Comptes reudus 1876, pag. 475.
Helminthologische Studien. 21
Mund- lind Baiigsaugnapf; die Haut ist unbewaffnet. Die
Eier sind nicht zahlreich, etwa 150 in jedem Exemplar;
wie gewöhnlich ist die unreife Hälfte farblos, die reife
gelb; sie liegen nur in der hinteren Körperhälfte und sind
0,021 mm lang und 0,013 mm breit; nach der Seite des
Deckels zu erscheinen sie etwas verschmälert. Die Dotter-
stöcke reichen vorn nicht über den Hinterrand des Bauch-
saugnapfes, die Hoden liegen symmetrisch an der Grenze
zwischen dem 3. und 4. Viertel des Körpers. Die männ-
liche Samenblase legt sich halbmondförmig um den Vorder-
rand des Bauchsaugnapfes.
23. Taenia Fringülarum Rud.
• Fig. 25.
aus Farns major. Die Haken sehe ich etwas anders als
Krabbe^), welcher sie gerader abbildet und habe ich da-
her ihre Form wiedergegeben; die Anzahl beträgt 10, die
Länge 0,026 mm.
24. Taenia tenerrima n. sp.
Fig. 26.
aus Fuligula cristata. Die Länge scheint beträchtlich
werden zu können, ich kann sie nicht angeben, da ich
das Thier nur in dem Stadium sah, in welchem noch keine
reife weibliche Geschlechtsorgane und keine Eier vorhanden
sind; der feine Körper ist vorn 0,11mm, am Ende 0,5 mm
breit. Die Geschlechtsöffnungen stehen einseitig, die Körper-
contouren sind sägeförmig; der Scolex ist breit mit einem
Querdurchmesser von 0,36 mm, während die Saugnäpfc
0,16 mm lang sind. Die kleinen Girren sind cylindrisch,
0,046 mm lang 0,007 mm breit, mit stumpfen Zähnchen
sparsam besetzt. Die Segmentirung des Körpers fängt
schon unmittelbar hinter dem Scolex an. Die Breite der
einzelnen Proglottiden verhält sich zu ihrer Länge An-
fangs wie 1 : 3,6, am Ende wie 1 : 8,4. Die Haken sind
1) Bidrag etc. pag. 326-327, Tab. IX Fig. 245—247.
22 von Linstow:
sehr gross, der Hebelast fehlt fast; am Grunde des Wurzel-
astes bemerkt man eine kleine, knopfförmige Verdickung,
wie Krabbe') eine solche bei den Haken von Taenia
sinuosa abbildet, die aber nur die lialbe Grösse dieser
Haken haben. Ihre Anzahl beläuft sich auf 9, die Grösse
beträgt 0,11 mm. Letztere stimmt mit der der Haken von
Taenia coronata, ebenso die Anzahl, während die Formen
beider grundverschieden sind; die Form ist derjenigen der
Haken von T. sinuosa ähnlich, die aber 10 Haken von
0,051 — 0,061 mm, nach Krabbe nur von 0,052 mm Länge hat.
25. Taenia trichosoma n. sp.
Fi^. 27—29.
aus Fuligula ferina. Der 11 mm lange Körper ist noch
ohne Andeutung der Geschlechtsorgane, doch werden die-
selben wohl einseitig stehen, da das Ende des Proglottiden-
körpers an der einen Seite leicht wellig begrenzt ist, an
der anderen aber die Hinterecken der einzelnen Proglottiden
weite, rundliche Vorsprünge zeigen,_ so dass hier ein stumpf-
sägeförmiger Umriss entsteht. Der Scolex und der so-
genannte Halstheil sind von ausserordentlicher Feinheit.
Jener ist im Verhältniss zu diesem nur wenig-spindelför-
mig verdickt; er ist nur 0,075 mm breit; die Saugnäpfe
sind längsoval, 0,036 mm breit und 0,049 mm lang. Das
verhältnissmässig ausserordentlich lange Rostellum ist
0,21 mm lang und 0,016 mm breit. Der haarfreie Pro-
glottidenkörper misst vorn nur 0.035 mm, hinten 0,2 mm
im Durchmesser; die Länge der einzelnen Proglottiden ver-
hält sich zur Breite nicht weit vom Scolex wie 1 : 3,8, am
Ende wie 1 : 1,7, Die 8 kleinen Häkchen sind lang ge-
streckt, 0,018 mm lang und haben Aehnliehkeit mit denen
von Taenia laevis; hier aber ist der Scolex kugelförmig,
das Rostellum ist weit kürzer, der ganze Körper viel
robuster, gleich hinter dem Scolex schon 0,54 mm breit
und verhält sich die Länge der ersten Proglottiden zu
ihrer Breite wie 1 : 23.
1) 1. c. Tab. VII, Fig. 252 a.
Helminthologische Studien, 23
26. Taenia hacülaris Goese.
Fig. 29.
= Taenia hacülaris Diesing e. p.
aus Tulpa europaea. Die Länge beträgt etwa 150 mm,
genau Hess sie sich nicht bestimmen, da das Exemplar
zerrissen war. Der Proglottidenkörper ist Anfangs 0,12 mm
breit, in der Mitte 1,66, am Ende 2,4 mm. Die Länge der
einzelnen Proglottiden verhält sich zu ihrer Breite Anfangs
wie 1 : 4,7, in der Mitte wie 1 : 10, am Ende wie 1 : 4,5.
Kalkkörperchen fehlen ganz; die Geschlechtsöffnungen
stehen einseitig. Man findet 36 Haken von 0,02 mm Länge,
die 3 Aeste sind etwa gleich lang. Die Eier haben eine
dreifache Hülle, von denen die äussere und die innere
regelmässig eliptisch geformt sind, die mittlere dagegen
ist unregelmässig und membranös. Die äussere ist 0,075 mm
lang und 0,059 mm breit, die innere 0,059 mm lang und
0,033 mm breit.
Diesing führt Taenia haciUarls unter den Arten mit
einem Rostellum interme auf, Creplin war der erste, wel-
cher (1851) das Rostellum als bewaffnet beschrieb; eine
Darstellung der Haken fehlte aber bisher. Nun wirft
Diesing die beiden Tänienarten des Maulwurfs von
Goeze und Batsch, Taenia filamentosa und Taenia bacil-
laris zusammen, was aber wohl unrichtig sein dürfte, denn
T. filamentosa beschreibt Batsch: Das Thier nimmt vom
Hinterende bis zum Kopfe allmählich, doch nicht zu stark,
ab, so dass der Hals nur um zwei Drittel schmäler ist als
das Hinterende (bei T. hacillaris ist das Verhältniss wie
1 : 20); die Glieder sind viereckig, etwas kürzer als breit
(bei T. 5rtd??ar?5 verhalten sich Länge zur Breite wie 1 : 10);
die GeschlechtsöfPnungen sind unregelmässig abwechselnd
(bei T. hacillaris einseitig); die reiferen Proglottiden haben
einen dem Ovarium entsprechenden runden Fleck (fehlt
bei T. hacillaris), die Girren sind auffallend stark und
lang^) (bei T. hacillaris sehr klein und schwer zu finden,
cylindrisch, 0,0033 mm breit und nicht rand-, sondern
1) vid. Batsch, Naturgeschichte dei' Bandwurmgattungen.
Tab. II, Fig. 84.
24 von Linstow:
flächenständig, 0,3 mm vom Rande entfernt). Letztere
Eigenschaft hat T. hacillaris mit T. acuta der Fledermäuse
gemein, mit welcher unsere Art überhaupt nahe verwandt
ist. Die Form der Haken gleicht sich an beiden Arten,
auch die Anzahl ist eine ähnliche, die Grösse aber ist bei
den von T. acuta die doppelte derjenigen von T. hacillaris.
Diese Art ist also von T. filamentosa zu trennen.
Moniez^) giebt eine vorläufige Notiz, in welcher er be-
merkt, dass im Maulwurf 2 verschiedene Tänien zu finden
seien, die T. hacillaris und eine viel grössere und stärkere,
welche vorläufig T. Barroisii genannt wird; ob sie etwa
mit T. filamentosa identisch ist, wird sich erst entscheiden
lassen, wenn die Beschreibung veröffentlicht ist. ^
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1. Strongylus minutus, männliches Hinterleibsende.
Fig. 2. Strongylus papillatus, männliches Hinterleibsende.
Fig. 3. Strongylus monodon, Kopf.
Fig. 4. Strongylus nodulosus, Kopf.
Fig. 5. Strongylus polygyrus, Ende des weiblichen Genital-
tracts; a Ovarium, b muskulöser Endtheil derselben, c Firnissdrüse,
d Uterus, e Vulva.
Fig. 6. Strongylus polygyrus, Embryo.
Fig. 7 — 13. Strongylus auricularis.
Fig. 7. Embryo.
Fig. 8. Weiter entwickeltes Exemplar.
Fig. 9. Ganz junges Männchen, Schwanzende.
Fig. 10. Halb erwachsenes Männchen, Schwanzende.
Fig. 11 — 13. Schwanzende eines erwachsenen Männchens.
Fig. 11. Von der Rückenfläche.
Fig. 12. Von der Bauchseite, a Cloakenöffuung.
Fig. 13. Von der rechten Seite.
Fig. 14. Angiostomum entomelas, Embryo.
Fig. 15. Freilebendes weibliches Exemplar derselben Art.
Fig. 16. Angiostomum nigrovenosum, Kopfende.
1) Bulletin scientif. du depart. du Nord, 3. annee Nr. 11.
Paris 1880. pag. 448.
Helminthologische Studien. 25
Fig. 17. Ei aus dem Uterus von Oxyuris dbvelata mit kaiil-
quappeuartigem Embryo.
Fig. 18. Embryo aus dem Ei von Tricliodes crassicauda.
Fig. 19. Tbeil eines Weibchens von Trichosoma capillare mit
Vulva.
Fig. 20. Embryo von Bhahditis pellio aus dem Regenwurm,
a abzustreifende Haut.
Fig. 21. Agamonematodum hospes, a Seitenlinie.
Fig. 22. Haken von Ecliinorhynclius transversits, a vordere,
b hintere.
Fig. 23. Jüngste Form von Distomum clavigeriim.
Fig. 24. Embryo von Distomum glohiporum.
Fig. 25. Haken von Taenia Fringillarum.
Fig. 26. Haken von Taenia tenerrima.
Fig. 27. Scolex von Taenia trichosoma.
Fig. 28. Haken derselben Art.
Fig. 29. Haken von Taenia hacillaris.
* i •
Ein Stomiatide aus Japan,
Von
Dr. L. Döderlein.
Hierzu Tafel III.
Im Mai vorigen Jahres erhielt ich durch die Güte
des Herrn Dr. Disse einen sonderbar gestalteten Fisch,
der in dem als reicher zoologischer Fundort berühmten
Enoshima mit einem Grundnetz gefangen worden war, der
den Fischern daselbst aber völlig unbekannt gewesen ist.
Ich erkannte in ihm einen echten Stomiatiden, was mir um
so interessanter war, als ja Vertreter dieser Familie bisher
nur im atlantischen Ocean gefunden worden waren. Ich
kann ihn mit keiner der mir bekannten Gattungen ver-
einigen und schlage für ihn, wenn er thatsächlich neu ist,
den Namen Lucifer albipennis vor.
Der Körper ist sehr stark comprimirt und gestreckt,
die Haut nackt. Die Total länge beträgt 24 cm, die Höhe
des Körpers in der Mitte 3,4 cm, die Breite 1,8 cm.
Der Kopf ist stark zusammengedrückt, die Mundspalte
sehr weit und ganz nach oben gerichtet. Die Schnauze ist
überaus kurz und concav, daher die Länge des Kopfes
von der Schnauze bis zum Ende der Schädelkapsel nur
0,9 cm. Die Länge der Mund spalte ist 2,5 cm.
Die Zähne sind spitz, ziemlich schwach und einwärts
gekrümmt, von ungleicher Grösse. Im Zwischenkiefer sind
sie sehr klein, jederseits stehen vier, zu je zweien durch
weite Lücken von einander getrennt. Im Oberkiefer stehen
zwanzig bis fünfundzwanzig in einer Reihe, in Gruppen
L. Döderlein: Ein Stomiatide aus Japan. 27
von dreien oder vieren; die Zwischenräume zwischen den
Gruppen sind ziemlich klein. Im Unterkiefer stehen
dreissig bis vierzig in einer Reihe, ohne bedeutendere Lücken
zu lassen. Im Oberkiefer sind die Zähne um so kleiner, je
weiter nach hinten sie stehen; im Unterkiefer sind die
vordersten und hintersten etwas schwächer als die mittleren.
Der vomer trägt rechts einen, links zwei ganz nach hinten
gebogene Zähne, der Gaumen rechts drei, links zwei, die
nach innen gekrümmt sind. Die Zunge ist unbewaffnet;
auf den Kiemenbogen aber zeigen sich eine Anzahl sehr
feiner Zähnchen.
Der Operculartheil ist sehr klein, fast rudimentär,
die Kiemenöifnung ausserordentlich weit, so dass sämmt-
liehe Kiemen von aussen sichtbar sind; es sind vier Paare
von vollständigen Kiemen entwickelt, die Kiemenblättchen
bei allen von gleicher Grösse. Pseudobranchien fehlen.
Die Kiemenhautstrahlen werden nach unten hin undeutlich;
acht bis neun lassen sich erkennen, die nächsten sind nicht
mehr entwickelt, wenn sich auch die Stelle, wo sie liegen
müssten, leicht bestimmen lässt. Das stark nach vorne
springende Zungenbein trägt eine lange dünne Bartel,
4,5 cm lang. Die Spitze derselben ist fadenförmig, vor
der Spitze liegt eine knotenförmig verdickte Stelle von
weisser Farbe, wahrscheinlich phosphorescirend.
Die Augen liegen seitlich, der Durchmesser des Auges
ist 0,5 cm; dicht über den Augen liegt ein runder Fleck,
der die doppelte NasenöfPnung trägt.
Brustflossen fehlen vollkommen.
Bauchflossen liegen weit hinten am Bauche und sind
ziemlich gut entwickelt, 2,7 cm lang und bestehen aus 7
Strahlen. Entfernung des Anfangs der Bauchflossen von
der Schwanzspitze beträgt 10,7 cm. Die einzige Rücken-
flosse ist auf den Schwanztheil beschränkt: sie bei>'innt in
einer Entfernung von 5,7 cm von der Schwaiizspitze, ihre
Basis ist 2,4 cm lang; sie zählt 13 Flossenstrahlen, von
denen die hintersten die längsten sind. Der Anfang der
Afterflosse liegt dem der Rückenflosse gerade gegenü])er;
beide Flossen sind einander sehr ähnlich; die Afterflosse
ist 2,7 cm lang und besteht aus 15 Strahlen. Die Schwanz-
28 L. Döderlein:
flösse ist sehr kurz, die äussei'sten Strahlen 1,3 cm lang;
sie ist stark gegabelt und besteht aus etwa 18 Strahlen.
Der After liegt sehr weit nach hinten in einer Ent-
fernung von 6,3 cm von der Schwanzspitze.
Die Farbe des Fisches ist ein tiefes Schwarz, das
von mehreren unter einander liegenden Pigmentschichten
in der Haut herrührt; ebenso gefärbt ist das Innere der
Mundhöhle, die Kiemenbogen, die Kieraenhaut und die
Bartel mit Ausnahme des oben erwähnten Knotens. Bauch-,
Kücken-, After- und Schwanzflosse sind milchweiss. Das
Auge des lebenden Fisches soll blau sein.
Auf der dunklen Haut des Körpers heben sich aber merk-
würdig ab eine grosse Anzahl von weissen Punkten, welche
phosphorescirende Organe vorstellen. Das grösste derselben
von mandelförmiger Gestalt befindet sich dicht unter dem
Auge mit der Spitze nach unten gerichtet, in einer Länge
von 0,4 cm. Viel kleiner ist ein andrer phosphorescirender
Fleck am oberen Theile des vorderen Randes der Kiemen-
öffnung. Fünf kleinere Flecke ^liegen unter einander am
hinteren Rande der Kiemenhaut, der oberste derselben
zwischen dem 7. und 8. Kiemenhautstrahle. An der Stelle,
wo sich die Kiemenhaut mit dem rudimentären Kiemen-
deckel verbindet, liegt ein ähnlicher Fleck, doch auf der
inneren Seite des Kiemendeckels, so dass er bei einer
Seitenansicht des Fisches unsichtbar ist; von aussen ist
fer überhaupt nur zu sehen, wenn die Kiemendeckel stark
ausgespannt werden. (Auf der beigegebenen Abbildung
des Fisches habe ich diesen Fleck doch gezeichnet, wie
wenn er von aussen sichtbar wäre.)
Eine grössere Anzahl von kleinen leuchtenden Flecken
liegt zu beiden Seiten des Körpers in je zwei Längs-
reihen angeordnet so, dass jedem einzelnen Körpersegment
ein Fleck in jeder Längsreihe entspricht. Die oberste
Fleckenreihe beginnt etwas hinter der Kiemenöffnung in
der Mitte der Körperhöhe ; der dritte Fleck liegt am höch-
sten; von da senkt sich die Reihe bis die Entfernung zum
Rückenrande etwa das Doppelte beträgt von der Entfer-
nung zum Bauchrande; der 25. Fleck steht über dem An-
fang der Bauchflossen, der 38. über dem Anfang der
Ein Stomiatide aus Japan. 29
Afterflosse; der 39. fehlt; der 48. Fleck liegt über dem Ende
der Afterflosse und beschlicsst die obere Reihe. Die Entfer-
nung der einzelnen Flecke von einander beträgt etwa 4 nini.
Die untere Fleckenreihe liegt in ihrer ganzen Aus-
dehnung am unteren Rande des Körpers. Sie beginnt mit
acht dicht auf eiuanderfolgenden Flecken unterhalb der
Kiemenöfi'nung ; weiter hinten steigt der Abstand der ein-
zelnen Flecke ebenfalls auf etwa 4 mm. Der 13. Fleck
liegt unter dem ersten Fleck der oberen Reihe, der 37.
unter dem Anfang der Bauchflossen, der 50. über dem An-
fang der Afterflosse; mit dem 51. endet die untere Reihe.
Dieser letzte Fleck entspricht dem ausgefallenen 39. Fleck
der oberen Reihe. Die Entfernung der beiden unteren
Reihen phosphorescirender Flecke von einander beträgt am
Anfange der Bauchflossen 0,5 cm.
Noch viel kleinere weisse phosphorescirende Flecke
liegen in sehr beträchtlicher Anzahl gemischt mit etwas •
grösseren grauen Flecken zu den Seiten des Körpers; den
einzelnen Körpersegmenten entsprechend ziehen sich Bänder
solcher Flecke vom Rücken zum Bauche herab; in der
Nähe der grösseren Reihenflecke häufen sich die solche
Bänder zusammensetzenden Flecke (s. Fig. 3).
Die leuchtenden Flecke bestehen aus einer weissen
centralen Scheibe, die umgeben ist von einem grauen Hofe.
Ein Querschnitt durch einen solchen leuchtenden Fleck
zeigt eine kugelförmige weisse Zellenmasse, die eingebettet
liegt in einer Einstülpung der mit schwarzem Pigment er-
füllten Epidermis, ähnlich wie das Auge in seiner Höhle
liegt. Ein Theil der weissen Zellenmasse grenzt frei nach
aussen und bildet die weisse centrale Scheibe, während
der graue Hof entsteht durch die übergreifenden Ränder
der schwarzen Epidermis, durch welche die darunter lie-
gende weisse Masse noch durchscheint. Der der äusseren
Oberfläche am nächsten liegende Theil der weissen Zellen-
masse zeigt sich etwas gelblich gefärbt, während der übrige
rein weiss erscheint (s. Fig. 5). Die ganz kleinen weissen
Flecke sind ähnlich gebaut, doch ist ein Hof kaum ange-
deutet. Die in den Bändern enthaltenen grauen Flecke
bestehen aus ungefärbten grossen Zellen, die in kleineren
30 L. Döderlein:
«
oder grösseren Gruppen heisammen liegend die pigmentirte
Epidermis in einfachen Zellenscbicbten bedecken (s. Fig. 6).
Der dunkelgefärbte Magen von Lucifer alhipennis ver-
längert sieb in einen langgedebnten Blindsack, der sich
bis in die Gegend der Baucbflossen erstreckt. Die Leber
ist einlappig und nur halb so lang. Am Anfange des
Dünndarms befindet sich ein ganz kurzer Blindschlauch;
vom Magen an ist der Darmtraktus ungefärbt und verläuft
gerade ohne Biegungen bis zum After. Das mir vorliegende
Exemplar des Fisches ist ein Weibchen, dessen Eiersäcke
mit Eiern gefüllt sind. Die Eiersäcke erstrecken sich
durch die ganze Leibeshöhle und setzen sich fort in paarige
Ausführungsgänge, die mit einer unpaaren Oeffnung dicht
hinter dem After münden, so nahe, dass die beiden Oeff-
nungen nur wie eine einzige erscheinen.
Eine Schwimmblase ist nicht vorhanden, lieber die
Nahrung des Fisches suchte ich mich durch Prüfung des
Mageninhaltes zu unterrichten; die äusserst spärlichen
Beste, die ich fand, möchte ich einem Borstenwurme zu-
schreiben.
Wir haben es hier wohl mit einem Tiefseefische zu
thun, der sich nur zufällig einmal in Höhen verirrt hatte,
wo die Fischer von Enoshima noch Netze anzuwenden
pflegen. Aus seiner schwarzen Farbe lässt sich schliessen,
dass er an Stellen lebt, wo das Tageslicht nicht mehr hin-
zudringen vermag, sei es in sehr grossen Tiefen oder in
geringerer Tiefe unter Steinen. Die sehr geringe Entwick-
lung seiner Flossen schliesst grosse Beweglichkeit aus.
Wahrscheinlich wird er ähnlich wie Lopliius oder Felor
unbeweglich auf der Lauer liegen und in die Nähe kom-
mende kleinere Thiere, die er vielleicht noch durch das
Spiel seiner langen phosphorescirenden Bartel anlockt,
plötzlich erschnappen, wozu ihn sein auffallend weites
Maul sehr befähigt macht.
Lucifer alhipennis gehört in die Familie der Stomia-
tidae GtJir. und zwar in die Gruppe Stomiatina, die aus-
s'ezeichnet ist durch das Vorkommen von nur einer Rücken-
flösse. Die Schuppen fehlen ihm wie den Gattungen
Echiostoma Lowe und Malacosteus Ayres, mit denen er
Ein Stomiatide aus Japan. 31
auch sonst viele Aclmlichkeit besitzt. Von beiden Gattun-
gen aber trennt ilm der voll stand i<;e Mani;el von Brust-
flossen M, von Malacosteus unterscheidet ihn noch der Be-
sitz von Gaumenzähnen, von EcJdosto^na die Anordnung der
Zähne des Unterkiefers, die bei Liicifer durchgängig nur
'eine Reihe bilden. Die phosphorescirenden Flecke, die
die ganze Familie auszeichnen, sind bei ihm sehr reichlich
entwickelt. Der grosse Fleck unter dem Auge ist wohl
identisch den bei Malacosteus und Echiostoma beobachteten.
Das Vorkommen von Fischen aus der Familie der
Stomiatidae im pacifischen Ocean ist nach der mir zu Ge-
bote stehenden Literatur bisher noch nicht beobachtet.
Doch sind die hieher gehörigen Fische sämmtlich Tiefsee-
thiere, die sehr selten den Fischern und noch seltner ein-
mal einem Zoologen in die Hände fallen. Vielleicht haben
die neueren Tiefseeforschungen, deren Resultate in der
Ichthyologie mir leider noch verschlossen sind, auch in
dieser Gruppe unsere Kenntniss bezüglich der Verbreitung
schon erweitert.
Tokio, den 15. Mai 1881.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1. Lud f er albipennis ; natürliche Grösse.
Fig. 2. Kopf desselben, doppelte Grösse.
Fig. 3. Vier Segmente desselben aus der Mitte des Körpers,
um die Vertheiiung der weissen (phosphorescirenden) und grauen
Flecke zu zeigen ; doppelte Grösse.
Fig. 4. Zwei der kleinsten weissen Flecke und ein grauer
B'leck; SOfach vergrössert.
Fig. 5. Querschnitt eiues phosphorescirenden Fleckes aus
einer seillichen Pceihe ; lOOfach vergrössert.
Fig. 6. Querschnitt eines grauen Flecks; 200fach vergrössert.
1) Darin stimmt Lucifer mit Hathyophis, einer neuen, von
Günther 1878 eingeführten atlantischen Stomiatidengattung überein.
Späterer Zusatz.
Zur Kenntiiiss der Sinnesborsten der Hydrachniden.
Von
Dr. G. Haller,
Privatdocent in Bern.
Hierzu Tafel IV.
Es gilt seit langer Zeit als eine ausgemachte That-
sache, dass die verschiedenartig gestalteten Borsten und
Haare mancher Milben sehr oft die Rolle von Sinnesorganen
spielen. Nichts destoweniger fehlen uns bis heute aus-
führliche Untersuchungen über deren mikroskopischen Bau,
namentlich über deren Beziehungen zu Nervenendigungen
fast gänzlich. Es war daher bei einer zusammenfassenden
Monographie der Hydrachniden unserer schweizerischen
Flüsse und Seen mein Bestreben, diese Lücke, wenigstens
für die Süsswassermilben nach besten Kräften auszufüllen.
Es wird voraussichtlich noch längere Zeit verstreichen,
bis ich der mir gestellten Aufgabe nach allen Richtungen
hin gerecht geworden bin. Ich erlaube mir daher einige
Mittheilungen über den feineren anatomischen Bau dieser
Sinnesorgane, aus dem Zusammenhange ausgezogen, hier
zur allgemeinen Kenntniss zu bringen.
1. Ueber den Ban und die Bedeutung der „langen Borsten"
am ersten Beinpaare von Atax.
Die ersten Gebilde dieser Art, welchen ich meine
Aufmerksamkeit zuwandte, sind die langen Borsten, welche
man in grosser Menge am ersten — und nur an diesem —
Beinpaare sowohl der Männchen als der Weibchen von
Ätax crassipes und Verwandten findet. Dieselben zeigen
in Beziehung auf Insertion und Gestalt so auffallende Ver-
G. Haller: Zur Kenntn, der Sinnesborsten der Hydrachniden. 33
Lältnisse, dass sie die Aufmerksamkeit aller Monographen
der Ilydracliuidcn auf sich gezogen haben. So gründete
bereits Bruzelius auf sie die Merkmale seiner Gattung
Ätax. Auch Claparede kommt in seiner bekannten
mustergültigen Arbeit über Ätax Bonzi auf sie zurück.
Er will aber die Merkmale seines Vorgängers nicht aner-
kennen, weil die Höcker, auf welchen diese steifen Borsten
eingerammt sind, morphologisch gesprochen den Riugwällen
entsprechen, in welchen die Schwimmborsten eingepflanzt
sind. Gramer erkennt diese Thatsachen an, will aber
nichts destoweniger die Gattung Ätax aufrecht erhalten,
weil ja auch anderwärts derartige geringfügige Merkmale
zur systematischen Geltung kommen. Sehen wir also, auf
wessen Standpunkt wir uns stellen wollen.
Die langen Borsten der ersten Extremität von Atax
stehen zu mehreren vorzugsweise an der unteren und der
äusseren Fläche des zweiten bis fünften Gliedes (Fig. 1 u. 2,
Taf. IV), das erste und letzte entbehrt derselben ganz. An
der inneren und der oberen Fläche der Extremität fehlen
sie und werden hier durch die baldigst zu besprechenden
Schüppchen und Tasthaare vertreten.
In der Länge kommen sie den bereits von Clapa-
rede in dessen mustergültigen ;,Studien an Acariden^^ be-
sprochenen Schwimmborsten gleich. Jedoch nehmen sie
vom zweiten bis fünften Gliede an Länge wenig aber stetig
ab. Die Länge der ersten beträgt etwa 0,25 bis 0,30 mm,
die letzten messen noch 0,2 bis 0,25 mm.
Mit Ausnahme der ersten an der Bauchfläche des
Gliedes, welche meistens paarig auftritt, stehen sie einzeln
ander Innenseite eines Höckers, welcher nach Claparede
morphologisch den Wallringen entsprechen würde, in wel-
chen die Schwimmborsten eingepflanzt sind. Es erreicht
dieser Höcker namentlich am zweiten und zuweilen auch
noch am dritten Gliede eine recht beträchtliche Grösse
(Fig. 1 uns. Taf.), nach der Spitze der Extremität zu ver-
liert er sich aber immer mehr, bis die letzten Borsten
wieder einem einfachen Ringe eingelenkt sind, welcher
nur in einem darüber vorspringenden Zähnchen das Rudi-
ment des Höckers erkennen lässt (Fig. 2 Taf. IV h').
Arch. f. Naturgesch. XXXXVIII. Jahrg. 1. Bd. 3
34 G. Haller:
Dieser Basidialhöcker der Sinnesborste hat, wenig-
stens an dem zweiten und dritten Gliede, im Längsschnitte
(Fig. 3 h) ungefähr eine dreieckige Gestalt, jedoch sind
nur dessen obere und äussere Flächen frei, die innere geht
continuirlich in den Binnenraum der Extremität über, wo
die beiden freien Seiten einander schneiden, entsteht eine
scharfe in der Mitte leicht ausgebuchtete Kante; die obere
Seite ist nach innen und unten leicht abschüssig und trägt
etwa in dem Winkel zwischen ihr und der Extremität die
lange Borste. Dieser Höcker schützt die nur lose befestigte
Borste vor dem Seitwärtsüberkippen und gibt Raum für
das Nervenknötchen des zu der Sinnesborste hintretenden
Aestchens. Seine Bedeutung ist jedoch sicherlich keine
grosse, da auch bei den letzten Borsten, welche diesen
Höcker entbehren, die Verhältnisse nicht wesentlich ver-
schiedene sind.
Diese Sinnesborsten erscheinen im optischen Längs-
schnitte (Fig. 2 uns. Taf.) degenförmig, d. h. sie sind lang
gestreckt, laufen in eine stumpfe Spitze aus, schwellen
gegen die Basis hin leicht an und verjüngen sich hart vor
derselben wieder in gleichem Maasse. Dabei ist ihre hin-
tere Seite, wenigstens in der äusseren Hälfte oder nicht
selten ihrer ganzen Länge nach mit kleinen Zähnchen be-
setzt, welche nach der Basis zu zu kurzen Querrippen wer-
den, und erscheint dadurch wie gesägt. Bei Behandlung
der Borsten mit Kalilauge erkennen wir ferner, dass die-
selbe von einem centralen Hohlräume durchbrochen wird
(Fig. 4 Taf. IV ch), welcher nahe der Spitze als fast un-
messbar feiner Kanal nach aussen mündet, und sich im
verdickten Theile der Borste in entsprechender Weise er-
weitert. Bei gelungenen Präparaten dieser Art beobachten
wir endlich eine grosse Anzahl kurzer bogenförmiger Neben-
kanälchen vom nämlichen Durchmesser wie das Ende des
Hauptkanales, welche von der centralen Höhlung abzweigen,
um sich nach kurzem Verlaufe an der Spitze jener oben
beschriebenen feinen Zähnchen zu öffnen.
Das bisher Beschriebene würde noch keine Berech*
tigung enthalten, diese Gebilde als Sinnesorgane zu be-
trachten, allein es ist mir gelungen, den zu ihnen hintretenden
Zur Kenntniss der Sinnesborsten der Hydrachniden. 35
Nerv mit voller Sicherheit zu beobachten (Fig. 3 uns. Taf.).
Es geschieht dieses am besten am lebenden Thiere, wo
die durchsichtige Körperdecke dem geübten Beobachter
gestattet, diese Einzelheiten aufzusuchen. Wir beobachten
dann wie sich eine geraume Strecke weit vor seinem Hin-
zutritte zur Borste ein kleines Nervenfädchen (Fig. 3 n)
aus der Muskelmasse (Fig. 3 m) der Extremität lostrennt
und in leicht gewundenem Verlaufe bis nahe an die vor-
dere Wand des Basidialhöckers (uns. Fig. h) tritt, wo es
sich hart an der Basis der Borste in ein sehr kleines
Nervenknötchen (Fig. 3 nk) auflöst. In der centralen H()h-
lung der Borste (Fig. 3 B) selbst beobachten wir einen leicht
granulösen Inhalt (Fig. 3 i), von dem nicht selten ausge-
tretene Partikelchen dicht vor der Oeffnung der Zähnchen
(vergl. Fig. 4 i i) liegen.
Den weiteren Verlauf des Nervenfädchens nach rück-
wärts oder dessen Communication mit dem Inhalte der
steifen degenförmigeu Borsten zu beobachten, ist mir leider
nicht gelungen. Es kann aber eines Theils kein Zweifel
darüber herrschen, dass dieses feine Nervenästchen ein
Ausläufer des Beinnerven ist, dessen Eintritt in die Extre-
mität bereits beobachtet worden ist. Anderer Seits wird
wohl Niemand daran zweifeln, dass der kleine Nerven-
knoten mit dem Inhalte der Sinnesborste in Verbin-
dung tritt.
Unbestreitbar lässt sich zwischen den eben beschrie-
benen Sinnesborsten und den sogenannten blassen, säbel-
förmigen Borsten der Crustaceen eine Parallele ziehen,
indem beide spccifische Sinnesorgane sind, deren Inhalt
mit dem den Träger umgebenden Medium in Communication
stehen. Allerdings herrschen bedeutende Verschiedenheiten,
namentlich in Beziehung auf die äusseren Gestaltsverhält-
nisse vor; nichtsdestoweniger können wir wohl kaum irre
gehen, wenn wir diese degenförmigeu Borsten der ersten
Extremität von Ätax als Geruchsorgane deuten.
Ziehen wir nun bei der Beurtheilung des Werthes
oder Unwerthcs der Merkmale der Gattung Atax diese
Beobachtung in Betracht, legen wir ferner darauf Gewicht,
dass dem ersten Beinpaare ausser diesen Borsten noch zwei
36 G. Haller:
weitere spezifische Sinnesgebilde zukommen, ihnen dagegen
die normalen Borsten der übrigen Beinpaare gänzlich fehlen,
dass daher das erste Beinpaar von Ätax physiologisch
einer Antenne gleichkommt, so müssen wir trotz den Ein-
wendungen Claparede's die von Bruzelius gegründete
Gattung aufrecht halten und stimmen darin mit Gramer
vollkommen überein. Das Hauptgewicht in der Gharak-
teristik darf aber nicht auf die Insertion dieser Degen-
borsten auf den oben beschriebenen Höckern gelegt werden,
sondern auf den Wechsel der Funktionen, welcher aus
einem Schwimmfusse eine Antenne macht.
Aehnliche Gebilde wie diese Riechborsten finden wir
bei den Hydrachniden noch wiederholt vor, so namentlich
bei Äxona; auch Ätax besitzt noch an den zwei Hinter-
beinpaaren (Fig. 1 Taf. IV) am Ende des zweiten Gliedes
zwei derartige Gebilde. Eine Concentration derselben auf
das erste Beinpaar kommt aber unter den Süsswassermilben
anderwärts nicht mehr vor.
2. Ueber die bei den Milben in weitester Verbreitung auf-
tretenden Schüppchen- oder blattförmigen Sinneshaare.
(Hierzu Figur 5.) "^
Wie bereits oben erwähnt wurde, fehlen die eben be-
schriebenen degenförmigen Borsten an der Rücken- und
Innenfläche der Palpen gänzlich und werden hier durch
einige andere Bildungen ersetzt, welche wir bereits als
Schüppchen und Tasthaare vorübergehend kennen gelernt
haben. Wenden wir nun jenen unsere Aufmerksamkeit
zu, diese werden wir in einem folgenden Abschnitte zu be-
sprechen haben.
Die Schüppchen oder blattförmigen Haare treten bei
den Acariden in weitester Verbreitung, jedoch durchaus
nicht allgemein, auf, und gleichen in der Gestalt immer
mehr oder weniger dem in Figur 5 unserer Tafel abge-
bildeten, jetzt näher zu beschreibenden Typus. Manchmal
kommen sie wie bei einzelnen Oribatiden über den ganzen
Körper mitsammt den Extremitäten vertheilt vor, wiederum
finden sie sich in manchen Fällen nur am Körper oder
gar nur an bestimmten Stellen desselben, bei den dritten
Zur Keimtniss der Sinnesborsteu der Ilydrachuiden. 37
Arten haben wir sie endlich nur an den Extremitäten zu
suchen. Zu diesen letzteren gehört Ätax crassipcs, bei
welcher Hydrachnide sie sich nur an dem antennenartigen
ersten Beinpaare finden, an den folgenden stehen an ihrer
Stelle kurze und einfache Dornen. Auch am ersten Bein-
paare (Fig. 2 SS uns. Taf.) stehen sie nur vereinzelt und
durch weite Abstände getrennt in der Zwei- oder Dreizahl
an der Aussenseite des zweiten bis fünften Gliedes und
ausserdem je eines in der Mitte des Vorderrandes an der
Rückenfläche dieser Glieder. Bei anderen Hydrachniden
treten sie dagegen zahlreicher auf.
Sie stellen sich unserem Auge stets als kurze und
breite Blättchen von mehr oder weniger lanzettlicher Ge-
stalt und mit leicht granulösem Inhalte dar, in welchen
nicht selten eine hell durchscheinende, rundliche und kern-
artige Stelle wahrzunehmen ist (Fig. 5 k). In Bezug auf
das Verhalten ihrer Seitenränder lassen diese Gebilde bei
den verschiedenen Arten einige Verschiedenheit erkennen.
Wir beobachten nämlich, wie sich, ähnlich wie es oben für
die Riechborsten beschrieben worden ist, von der centralen
Höhlung, welche das Schüppchen einschliesst, parallel ver-
laufende feinste Kanäle nach aussen hinziehen, welche im
Ganzen einen von unten und innen nach schräg oben und
aussen gerichteten Verlauf nehmen (Fig. 5 r'). Es geben
dieselben dem Rande ein Aussehen, als ob er fein gefranst
wäre. Bei Ätax und einigen anderen Formen nun ent-
spricht nur der eine Rand dieser Beschreibung, der andere
(Fig. 5 r) scheint rippenartig verdickt. Bei einigen Oriba-
tiden und anderen Milben sind dagegen beide Ränder ge-
franzt und der verdickte Streifen nimmt mehr die Stelle
der Mittelrippe eines lauzettlichen Lorbeerblattes ein.
Fügen wir endlich dieser Beschreibung noch hinzu,
dass man auch für diese spezifischen Sinnesorgane einen
blassen Nervenfaden beobachten kann, welcher in dem
Nerven der Riechborsten ähnliches Verhalten zeigt, so
glaube ich meine Beobachtungen über diese blassen Schüpp-
chen vollständig mitgetheilt zu haben. Ein Vergleich mit
den oben geschilderten Riechborsteu lässt uns erkennen,
dass, die Verschiedenheiten der Gestaltsverhältuisse abge-
38 G. Haller:
rechnet, beide Gebilde einen annähernd gleichen Bau zeigen,
mithin wohl auch demselben Sinne dienstbar sind.
3. Ueber die Tasthaare der Hydracliniden.
Bereits in einem früheren Aufsatze *) war ich bestrebt,
nachzuweisen, dass einzelnen Borstengebilden des Acariden-
körpers und namentlich der Extremitäten Tastvermögen
zukommt. Meine heutigen Beobachtungen bestätigen das
damals Mitgetheilte, indem sie zwei weitere Formen dieser
Gebilde bekannt machen, welche gleich den damals be-
schriebenen in ihrem Bau den entsprechenden Sinnesge-
bilden der Insekten und Crustaceen, kurz dem bei den
Arthropoden allgemein vorhandenen Typus durchaus ent-
sprechen.
Die eine Form dieser Tastorgane scheint bei ober-
flächlicher Beobachtung eine einfache, hakenförmig gebogene
Borste zu sein und ist wohl auch von früheren Zoologen
in diesem Sinne aufgefasst worden. Eine genaue Betrach-
tung ergibt aber, dass dieselbe in ein feines Knöpfchen
ausläuft und mit einem Nervenfaden in Verbindung tritt,
welcher das allgemein gültige, oben bereits beschriebene
Verhalten zeigt (Fig. 7 uns. Taf.). Die Länge und Stärke
dieser Borste bleibt für die einzelne Species konstant,
variirt aber bei den verschiedenen Milben in so hohem
Grade, dass hierüber nichts Bestimmtes gesagt werden
kann. So entsprechen sie den bereits früher beschriebenen
langen und kräftigen Borsten am vorletzten und letzten
Gliede der beiden vorderen Extremitäten der Dermaleichen,
bei Ätax (vergl. uns. Fig. 7) dagegen den kurzen schwachen
Haaren, von denen je eines auf jedem Höcker des vor-
letzten Gliedes der Maxillarpalpen inserirt ist. Bei üro-
poda clavus ^j stehen eine grosse Anzahl solcher geknöpften
Sinneshaare von ausserordentlicher Kürze in einfacher
Reihe rings um den Rand des knopfförmigen Körpers.
Bei Epicrius stehen dagegen vier bis fünf längere Borsten
1) Vergl. Zeitschr. f, wissensch. Zoologie Bd. XXXIV, p. 275,
Taf. X, Fig. 2 und 3 b b.
2) Vergl. dieses Archiv 1881, p. 183 Taf. IX Fig. 1.
Zur Kenntniss der Sinnesborsten der Ilydrachniden. 39
dieser Art an der Innenseite des antennenförmigen ersten
Fiisspaares ^). Ausser diesen angeführten Beispielen Hessen
sich noch mehrere auffinden, welche alle beweisen, dass
diese geknöpften Sinnesborsten, welche wir bereits von den
Insekten kennen, auch bei den Acariden in weiter Ver-
breitung vorkommen.
Die zweite Form dieser Tastgebilde, welche an ähn-
liche Bildungen der Antennen mancher Crustaceen erinnert,
habe ich dagegen bis jetzt nur an den Extremitäten einiger
Hydrachniden vorgefunden, so ganz besonders an der eigen-
thümlichen zu einem Greiffusse umgestalteten letzten Ex-
tremität (Fig. 8 uns. Taf.) einer neuen Hydrachnidengat-
tung aus dem Genfersee, welche ich meinem verehrten
Freunde Professor Forel in Morges, dem bekannten Er-
forscher dieses See's zu Ehren, Forelia nennen werde.
Man suche sie ferner au dem verdickten vorletzten Palpen-
gliede von Axona, sowie an den letzten Beingliedern einiger
anderen Hydrachniden. Eigenthümlicher Weise und in
striktem Gegensatze zu jenen bei beiden Geschlechtern in
gleichem Maasse verbreiteten und vereinzelt auftretenden
laugen Sinnesborsten, findet sich diese zweite, jetzt zu be-
schreibende Form vornehmlich bei den Männchen vor, die
Weibchen entbehren ihrer fast gänzlich (Fig. 2 uns. Taf.).
Eine zweite allgemeine Eigenthümlichkeit lassen sie da-
durch -erkennen, dass sie stets in grossen Mengen dicht
gedrängt und grössere Flächenräume überziehend vorkommen
(Fig. 8 uns. Taf.). Ebenso verschieden erweisen sie sich
in ihrer Gestalt. Es sind nämlich überaus kleine, kaum
0,03 mm lauge, leicht gebogene Härchen, welche an ihrer
Basis einen festen Chitinhügel von eben solcher geringen
Grösse erkennen lassen (Fig. 6 A). In der Seitenansicht
(Fig. 6 B.) erkennen wir deutlicli, dass die Härchen von
der oberen Seite des sperrig abstehenden Chitinhöckerchens
entspringen. Auch an diese Gebilde sehen wir bei Atax
einen feinen Nervenfaden herantreten.
Eine zweite Form derselben lässt (Fig. 6 c) neben
dem ursprünglichen ersten Härchen noch ein etwa um die
1) loc. cit. p. 190 Taf. IX Fig. 9.
40 G. Haller:
Hälfte kürzeres zweites erkennen. Sie findet sich weitaus
seltener und wenigstens bei Ätax nur am Ende des
Fusses in der Nähe der Krallen. Sicherlich ebenfalls
nur eine Abart dieser zweiten Form von Tasthärchen sind
die dunkelgefärbten unter dem Mikroskope den trocken-
häutigen Spreuschüppchen einiger Compositen nicht unähn-
lichen dünnen plattenförmigen Chitingebilde, welche in
eine feine Haarspitze auslaufen. Die Bedeutung dieser
Gebilde, welche sich namentlich an der Innenfläche des
zweiten Gliedes der überaus dicken Palpen von Arrenurus
tuherculatus Leb (diese Art ist jedenfalls nur das Weibchen
von Arr, viridis Duges) dicht gedrängt und in grosser An-
zahl finden, als Sinnesorgane konnte ich nicht direkt nach-
weisen, muss aber dieses aus Analogie mit den verwandten
Gebilden an den Palpen von Axona schliessen, obwohl die
Schüppchen von Arrenurus viridis von viel beträchtlicherer
Grösse sind. Ob sich dieselben noch bei anderen Arten
dieser Gattung vorfinden, kann ich nicht mit Bestimmtheit
sagen, vermuthe es aber.
Es lässt sich schon jetzt mit ziemlicher Sicherheit
sagen, dass diese zweite Form von Tasthaaren sich auch
bei den übrigen Milben vorfinden wird. Bin ich heute
noch nicht im Stande, dieses mit Bestimmtheit zu thun,
so liegt es am Mangel frischen Materials.
4. üeber das antenniforme Haar der Hydraeliniden*
Ganz am vorderen convexen Körperende, seltener
etwas nach hinten auf die Rückenfläche verschoben, er-
kennen wir bei allen Hydrachniden ungefähr ober- und
etwas vorderhalb der Insertionsstelle des ersten Beinpaares
ein sehr bewegliches Haar, welches sich von allen anderen
Haaren der Körperfläche durch seine Insertion auf einem
kleinen vorspringenden Hügel und durch seine bedeutendere
Grösse bei meistens auch beträchtlicherer Breite auszeich-
net. Dasselbe muss einem aufmerksamen Beobachter der
Hydrachniden sofort in's Auge fallen, in der That gedenkt
desselben denn auch schon der vortreffliche Acarinologe
Duges unter dem sicherlich nicht unpassenden Namen
„^o^7 antenniforme^'' und gibt von demselben für die Gattung
Zur Keuntniss der Siunesborsteu der Hydrachüideu. 41
Hydraclma eine kurze Beschreibung nebst entsprechender
Abbildung *). Seiner Lage nach vollkommen zutreffend ver-
gleicht er es dabei mit dem gleichnamigen Gcl)ilde der
Galeoden.
Morphologisch gesprochen aber ist dieses antenniforme
Haar nichts weiter als das erste Paar der die Oeffnungeu
der Hautdrüsen der RUckenflilche begleitenden schwachen
Haare. In der That sehen wir denn auch an seiner Innen-
fläche hart neben dessen Basis einen kleinen Kanal (Fig.
9 a uns. Taf.) die dicke Haut durchbrechen, durch welchen
die vorderste Hautdrüse ihr Sekret nach aussen ergiesst.
In physiologischer Beziehung spielt dasselbe, wie sich
dieses schon aus der grossen Beweglichkeit und aus der
beträchtlicheren Ausbildung schliessen lässt, die Rolle eines
spezifischen Sinnesorganes und zwar, wenn wir dem Ideen-
gange Duges folgen, diejenige einer Tastborste.
Fassen wir nun dasselbe näher in's Auge, so bemerken
wir zunächst, dass es, wie dieses auch von Duges ange-
geben wird, aus dem Inneren eines kleinen über die Körper-
oberfläche vorspringenden Höckers (Fig. 9 a) — Duges
nennt ihn üiberciäe en fleiiron — entspringt. Eine genaue
Untersuchung lehrt uns, dass dieser letztere gewissermassen
die Stelle einer Gelenkkapsel vertritt, in welcher die Basis
der Borste sich mit einigem Spielräume nach allen Seiten
hin bewegt. Wahrscheinlich ist der unterste Theil dieses
antenniformen Haares mit den Innenwandungeu dieser Aus-
höhlung durch mehrfache Muskelzüge verbunden, wenigstens
scheint die Bewegung dieses Gebildes innerhalb den Willens-
bereich seines Trägers zu fallen. Leider gelang es mir
nicht, diese Muskeln darzustellen, dagegen beobachtete ich
auch hier einen feinen Nervenfaden, welcher zur Basis der
Sinnesborste tritt, und das oben angedeutete allgemein gül-
tige Verhalten zeigt.
Die Gestalt dieser antenniformen Haare ist eine ein-
fache (uns. Fig. 9 b), mehr oder weniger schwertförmige,
dabei sind ihre Ränder glatt oder wellenförmig. Der cen-
1) A. Duges sur les Acariens in Ann. d, scieuc. nat. II ser.
A. I pag. 163, Taf. 11, Fig. 45.
42 G. Haller:
trale Hohlraum endet blind, sendet auch keine seitlichen
Ausläufer aus, wie dieses bei den als Geruchsorgane zu
deutenden Borsten und Schüppchen der Fall ist. Zur Er-
klärung ihrer Funktionen können wir daher jedenfalls
diesen Sinn nicht zu Rathe ziehen, es bleiben noch Gehör
und Tastsinn, von denen dieser letztere wohl die grössere
Wahrscheinlichkeit für sich hat.
5. Uebor einige weitere als Sinnesorgane zu deutende
Borstengebilde.
In diesem letzten Abschnitte gedenke ich einige ver-
wandte Borstengebilde der Hydrachniden zu beschreiben,
welche sich nicht wohl unter einer der vorhergehenden
Ueberschriften besprechen Hessen. Ich werde mich hierbei
möglichst kurz zu fassen suchen.
Erstlich sind hier eigenthümliche blasse, gegen das
Ende allmählich in eine Spitze auslaufende streifenartige
Haargebilde (Fig. 2 st, st) zu erwähnen, welche sich in
sehr geringer Anzahl am ersten antenniformen Beinpaare
von Ätax auffinden lassen. Sie sind höchstens halb so
lang als die steifen Riechborsten und etwa vier mal länger
und entsprechend kräftiger als die kleinen Tasthaare an
der nämlichen Extremität. Von beiden unterscheiden sie
sich durch die einfachen, nicht doppelt contourirten Ränder
und besitzen gleich den Degenborsten einen leicht granu-
lösen oder gewölkten Inhalt. Da sie weder mit einem
von den zwei dem Tastsinne untergeordneten Typen von
Sinnesborsten, noch mit den dem Geruchssinne dienstbaren
Degenborsten oder den Schüppchen tibereinstimmen, viel-
mehr durch die einfache Construktion ihrer Wandungen
einen eigenartigen Typus verrathen, ist es vielleicht ge-
stattet, sie als Gehörorgane einfachster Art zu deuten. Es
ist mir nicht bekannt, dass diese spitzen, blassen und langen
Streifen anderwärts bereits beobachtet worden wären.
Einen weniger eigenartigen Bau verrathen aber die
beiden nachfolgend zu beschreibenden Gebilde, welche
sich am meisten dem antenniformen Haare ohne Höcker
nähern.
Bei der Gattung Eylats liegt bekanntlich die einfache
Zur Kenntniss der Sinnesborsten der Ilydrachnideu. 43
der Gesclileclitsnäpfe und Geschlcclitsplatten entbehrende
Gesclilechtsöffuung so weit nach vorne an die Bauchfläche
gerückt, dass ihr vorderes Ende fast unmittelbar an die
Mundtheile stösst. Hinter ihr liegt in einem Abstände von
etwas mehr als ihrer eigenen Länge der von einer rund-
lichen Platte umgebene After. Der ganze zwischen den
Epimeralplatten der vier Vorderfüsse gelegene Theil der
Bauchfläche, in dessen Mitte die jederseits von einer ein-
fachen Reihe kurzer, etwas distanter Haare umgebene Ge-
schlechtsöffnung liegt, wird von einer grossen Menge dicht
gedrängter zierlicher Börstchen bedeckt, welche sich nach
hinten immer mehr verlieren und nicht über die Analöff-
nung hinaus erstrecken. Diese Börstchen haben eine zier-
liche dolchförmige Gestalt (Fig. 10 uns. Taf.), bei einiger
Dicke eine wenig ansehnliche Länge und zierlich gefranzte
Ränder. Sie lassen einen Inhalt ähnlich demjenigen der
Schüppchen erkennen und sind ebenfalls spezifische Nerven-
endigungen. Wir können nämlich beobachten, wie sich
auch zu ihnen ein sehr feines Nervenästchen schlägt, wel-
ches innerhalb des Ringes, der ihre Basis umgibt, zu einem
. Knötchen anschwellt.
Als Sinnesorgane hat man auch die kräftigen scharf-
gezackten Borsten zu deuten (Fig. 12 uns. Taf.), welche
sich in grosser Zahl und einfacher Reihe an der ünter-
fläche des letzten (Fig. 11 uns. Taf.) und bei den übrigen
Gliedern der Beinpaare der nämlichen Milbe periarticulär
vorfinden.
Wenigstens in der Gestalt erinnern sie an eigenthüm-
liche flexible Borsten, von denen je drei am oberen Rande
an der Innenseite des zweiten Palpengliedes, eine siebeute
und unpaare in der Mitte des oberen freien Randes von
Diplodontus fdiformis entspringen. Auch sie sind sicherlich
als Tastgebilde zu betrachten.
Ueberhaupt scheint der obere Rand der Unterlippe
nicht selten der Träger von Sinnesempfindung zu sein.
Ich schliesse dieses aus der grossen Anzahl kleiner Här-
chen und blasser, kurzer aber starker Stifte, welche wir
z. B. bei Hydroäroma rubra an dieser Stelle in Menge
auffinden. Möglicher Weise haben wir in ihnen einfache
44 G. Haller:
Geschmacksorgane zu deuten, bervorzulieben ist aber ihre
Aebnlicbkeit mit den Taststit'ten und Tastbaaren. Die
äusserst geringe Grösse erschwert aber ihre Untersuchung
bedeutend.
Endlich könnte man vielleicht hier noch der langen
kräftigen Borsten gedenken, welche auf einem grösseren
Höcker jederseits neben der Geschlechtsöffnung und auf
kleineren zu beiden Seiten des Amts von Limnocliaris stehen.
Auch sie scheinen Sinnesorgane darzustellen.
6. Ueher zwei Chitinbilduug'eii au eleu Palpeu, welche leicht
zu falscheu Deutungen Yer au lassung- gebeu köuuteu.
Zum Schlüsse mag es von Werth sein, zweier Chitin-
bilduugen an den Palpen zu gedenken, welche durch ihre
eigenthümliche Gestalt und ihre Lage an den Palpen leicht
Veranlassung zu falschen Deutungen geben könnten und
vielleicht auch schon gegeben haben.
Leber t*) hat eine höckerartige, mit einem kurzen
aber überaus kräftigen Dorne bewehrte Erhabenheit an der
Unterseite des zweiten Palpengliedes seiner, wie bereits
Gramer richtig betont hat, mit Limnesia synonymen Gat-
tung CampognatJia seiner ganz besonderen Aufmerksamkeit
für werth gehalten und beschreibt dieselbe mit einer sol-
chen Sorgfalt, dass man gut sieht, dass er ihr eine Be-
deutung zugeschrieben hat, wie etwa einem eigenthtimlichen
Sinnesorgane. Dieser dorntragende Höcker war aber be-
reits vor dem seiner Aufgabe durchaus nicht gewachsenen
Monographen der Hydrachniden des Genfer See's bekannt
und wäre derselbe in der Litteratur auch nur in ganz
geringem Maasse bewandert gewesen, so hätte er wissen
müssen, dass bereits Duges^) dieselbe erwähnt und ab-
bildet. Auch Bruzelius war sie recht wohl bekannt und
er benutzte dieselbe, vielleicht mit Unrecht, als Merkmal
für einige seiner Arten. In der That ist denn auch dieser
Höcker mit dem fast eiförmigen kurzen und kräftigen Dorne
1) Lebert § XIII Hydrachnides in BulL de la soc. vand. d-
scienc nat. 1874 pag. 85.
2) Duges S. 1. Acariens loc. cit. p. 145. PI. 10 Fig. 16.
Zur Kenntniss der Sinnesborsten der Hydrachniden. 45
wolil werth, unsere Aufmerksamkeit für kurze Zeit in An-
spruch zu nehmen und kann leicht zu ähnlichen Ver-
muthungen Raum geben, wie ich sie oben ausgesprochen
habe. Eine eingehende Untersuchung lehrt uns aber, dass
alle Anhaltspunkte zur Verfechtung dieses Gedankens fehlen.
Dagegen ist es mehr als wahrscheinlich, dass dieser Fort-
satz jederseits einfach als Antagonist des krallenförmigen
Endgliedes der ihm zunächst gelegenen Mandibel wirkt,
indem dieses beim Kauen gegen ihn eingreift. Diese Be-
obachtung erklärt auch die Dicke seiner Wandungen und
den kräftigen gedrungenen Bau seines Domes. Es fehlt
derselbe keiner der bis jetzt von mir untersuchten Lim-
nesia-Arten und ist daher wahrscheinlich der ganzen Gat-
tung eigen.
Einige kurze Worte gehören endlich noch den sich
in der Spitze der Palpen aller Hydrachniden vorfindenden
harten Chitinstückchen, welche gewöhnlich in der Dreizahl
vorhanden sind. Diese harten klauen- oder nageiförmigen
Chitinstückchen, werden von Lebert, w^elcher sie zuerst
beobachtet hat, ihrer Funktion nach nicht unpassend rudi-
mentäre Krallen genannt, durchführen lässt sich freilich
dieser Vergleich schon desshalb nicht, weil die Krallen
bei allen Hydrachniden stets nur paarig auftreten (Fig. 11
uns. Taf.). Auch sie möchten den Ungeübten nur zu leicht
verführen, sie für Sinnesorgane zu halten. Dem ist jedoch
sicherlich nicht so, sondern sind dieselben einfach die
zum Ergreifen der Beute dienenden Armaturstücke der
Palpen.
Mit vorliegender Besprechung ist das Gebiet der
Sinnesborsten bei den Hydrachniden sicherlich noch nicht
erschöpft behandelt worden. Ich wünsche aber, wenigstens
eine Grundlage gegeben zu haben, auf welcher später weiter
gebaut werden kann.
Bern, Anfangs März 1881.
46 G. Haller: Zur Kenntniss d. Sinnesborsten der Hydrachniden.
Erklärung der Tafel IT.
Sämmtliche Zeicbnungen wurden mit Hülfe der Camera lucida
von Nachet nach Bildern des kleinen Hartnack'schen Instrumentes
bei eingestossener Kammer meisten Theils nach lebendem oder
frischem zerpflücktem Materiale, seltener nach Kalilauge-Präparaten
oder nach künstlich angefertigtem Chitinskelete gezeichnet.
Fig. 1 bis 7 beziehen sich auf Atax.
P'ig. 1. Weibchen von Atax crassipes, nach dem Leben ge-
zeichnet bei Oc. 3 Syst. 4. Die Palpen sind gänzlich, die Beine nur
rechter Seits weggelassen worden.
Fig. 2. Die drei letzten Glieder des ersten Fusspaares der
nämlichen Milbe. Oc. 3 Syst. 6. bb Riechborsten, hh deren Höcker,
h'h' dieselben in rudimentärem Zustande, ss Schüppchen, st, st blasse
Streifen, tb, tb Tasthaare, tb' besondere Modifikation derselben.
Fisr. 3. Die Basis der Riechborsten mit dem basidialen
Höcker im Querschnitt. Oc. 5 Syst. 7. B Borste, h Höcker, i In-
halt der Borste (nur im unteren Theile derselben angedeutet), m
Grenze der Muskulatur der Extremität, n Nervenfaden, nk dessen
Endanschwellung.
Fig. 4. Spitze einer Riechborste mit Kalilauge behandelt,
näml. Vergr. B Spitze der Borste, ch centraler Hohlraum, ii aus-
getretene Partikelchen des Inhaltes.
Fig. 5. Riechschüppchen Oc. 4 Syst. 7. ii Inhalt, k kern-
artige Stelle, r einfacher, r' gefranster Rand.
Fig. 6. Tasthaare mit Chitinhöckerchen, näml. Vergrösserung.
A von oben, B von der Seite, C erste Modification derselben.
Fig. 7. Geknöpfte Tastborste von den Palpen, näml. Vergr.
Fig. 8. Letzte Extremität linker Seits meiner neuen Gattung
Forelia aus dem Genfer-See. Man sieht die gegen das Ende der
Glieder hin angehäufte Menge der Tasthaare ersterer Form. Oc. 3
Syst. 7.
Fig. 9. Antenniformes Haar vom Chitinskelette einer Hydrach-
nide Oc. 4 Syst. 7. a der die Rückenfläche überragende Höcker,
welcher die Borste b trägt, c Ausführgang der ersten Hautdrüse
der Rückenfläche.
Fig. 10. Dolchförmiges Haar aus der Geschlechtsgegend von
JEylais extendens. Oc. 5 Syst. 7. Benennung wie bei F'ig. 3.
Fig. 11. Endglied des letzten Beinpaares . von Eylais exten-
dens Oc. 4 Syst. 6.
Fig. 12. Drei stärker vergrösserte stark gezackte Dornen der
Unterseite Oc. 3 Syst. 7.
Zur Kenntniss der Dermaleicliiden.
Von
Dr. G. Haller,
in Bern.
Hierzu Tafel V— VII.
Fast gleichzeitig mit der von mir bereits früher be-
sprochenen Monographie ^) von Meguin imd Robin, sowie
meinen eigenen Studien über diese Milben 2) veröffentlichte
Canestrini^) eine Anzahl von Beschreibungen nebst zahl-
reichen sehr mittelmässigen Abbildungen solcher Derma-
leichen, welche er für neu hielt. Wir finden unter dieser
Benennung sehr verschiedenartige parasitische Milben zu-
sammengestoppelt, so reihte der italienische Acarinologe
den Dermaleichen ListropJiorus gihbosus Pagenst., Cheyletus
parasitivorax Megn. und Homopus sciurimis Koch an. Da
Canestrini nur die Studie von Buch holz ^) kannte,
mussten für ihn mehrere Arten neu sein, welche in den
neueren Monographien von Robin und Megnin nur kurz
1) Siehe: Journal de l'anatomie et de la physiologie par Robin
et Pouchet. Paris 1877. pag. 209—248 Taf. XII— XIII, pag. 391 bis
429 Taf. XXII-XXV, pag. 498-520 Taf. XXVI— XXXIX pag. 630
bis 656 Taf. XXXVI— XXXVIII.
2) Zeitschr. f. wissen scbaftl. Zoologie Bd. XXX pag. 50 — 98,
Taf. III-IV, pag. 512— 562, Taf. XXXIII— XXXV.
3) Vol. V Ser. V degli Atti del R. Istituto Veneto di scienze,
lettere ed arti. Estr. pag. 1 — 28 1878. Atti della societa Veneto-
Trentina di scienze natural! in Padova Vol. VI, Fase. I, Taf. 1—5.
4) Verhandlungen d. kais. Leopold-Carol. deutschen Akademie
der Natarf. Dresden 1870, pag. 1—56, Taf. I— VII.
48 G. Haller:
vorher beschrieben worden waren. Er sah sich daher bald
und ohne sein Verschulden genöthigt, der ersten Studie
eine zweite nachzuschicken,* in welcher er seine neu be-
nannten Formen auf die synonimen Arten der franz. Aut.
zurückführte. Ausserdem wurden die verschiedenen Gat-
tungen, in welche nunmehr diese Schmarotzer eingetheilt
worden waren, einer eingehenden Prüfung unterworfen.
Die von mir auf zwei eigenthümliche Arten gegründete
Krameria wurde von ihm, wie ich bereits am anderen Orte
gezeigt habe, mit Unrecht fallen gelassen, dagegen accep-
tirte er die Gattungen Freyana mihi, Pterolichus Robin,
Troctophyllodes Rob., ferner Bimorphus mihi und Anaiges
Nitzsch, neu aufgestellt wurden ÄUoptes und Xoloptes.
Im März 1881 veröffentlichte sodann der bereits durch
seine vorzüglichen Untersuchungen an Oribatiden bekannte
Engländer A. D. Michael*) die Beschreibung eines ausser-
ordentlich merkwürdigen Parasiten vom Kormorane {Fhala-
crocorax carho), welchen er ohne ihn in einer der bereits
bestehenden Gattungen unterzubringen Dermaleichus hetero-
pus nannte. Das Hauptmerkmal dieses Schmarotzers, nämlich
die vollkommen unsymmetrische Entwickelung des zweiten
Beinpaares, kann uns einen Beweis davon geben, wie tief die
Nothwendigkeit bei der Begattung mit einem Hülfsapparate
zur Bezwingung des Weibchens versehen zu sein, auf den
Bau unserer Thiere und namentlich die Ausrüstung von
ihren Extremitäten einwirkt. Ich habe bereits in meinen
früheren Abhandlungjen darauf hingewiesen und auch seit-
her, wie nachfolgende Beschreibungen zeig-en werden, man-
chen interessanten Beweis hierfür aufgefunden. Auffallender
Weise haben sich dieselben bisher den sämmtlichen übrigen
Monographen entzogen oder sind von ^ihnen absichtlich
übergangen worden. Für die beschreibende Systematik
verdienen diese accessorischen Begattungsorgane ebenso
viel Beachtimg als für die allgemeine Morphologie, da sie
sehr gute Merkmale zur Erkennung der Arten gewähren.
Interessant ist ferner Michaels Bemerkung, dass sich
1) Michael in Journal of the royal microscopical society ser.
II vol. I PI. IV, pag. 212-216.
Zur Kenntniss der Dermaleichiden. 49
das Chitingerüste bei den Dermaleiclicn der Wasservögel im
weiteren Sinne meist grösserer Entwicklung erfreue als bei
unseren Sperlingsvögeln. Auch hierin stimmen seine Be-
obachtungen mit den meinigen übercin. Er lässt sich (loc.
cit. pag. 2) darüber folgendermassen hören: „. . . I have
however, remarked that the chitinous strengthening is
usually strenger in species parasitic upon aquatic and
particulary marine birds, than in those found on terrestral
ones. One is inclined to ask the reason of this and the
question is not very easy to answer; but I am inclined
to think that the rougher life led by the host, and the
more constant exposure to alternations of wet and drying,
might be too much for the softer bodies of the species
found upon our sparrows and song-birds."
An diese verdienstvolle Arbeit, welche ein interessantes
und lehrreiches Licht auf das Verhältniss der Dermaleichen
zu Darwins Lehre der Anpassung der Arten wirft, schliesse
ich, wie dies wohl der Zeit gemäss richtig ist, einige Be-
merkungen Oudemanns über die Synonimik der Arten.
Von allgemeinerem Interesse möchte dessen Bemerkung sein,
dass Dimorphus Phaetonis Buchh. unter dem Namen Äcarus
Phaetontis bereits Fabricius bekannt war und von ihm
ziemlich kenntlich beschrieben wurde 2). Auch die bisherige
Auffassung des Anaiges passerinus L. wird von Oudemann
angegriffen, indem er von dieser ursprünglichen Art unter
dem Namen Anaiges Halleri eine neue Form abtrennt und
wie folgt umschreibt: „Beim </ das dritte Fusspaar im
2. Gliede am meisten verdickt, das 1., 3. und 4. beinahe
gleichdick; keine Anal-Anhänge.^^ Ich hatte noch keine
Gelegenheit, mich von dieser letzteren Angabe selbst zu
überzeugen.
Eine Studie Canestrini's^), welche für die Kenntniss
1) Verslag van de vertiende Wintervergadering der nederlan-
dsche enlomologische Vereenigung geliouden te Leiden op 19. Dec. 80.
pag. CXVIII, nebst Brief.
2) E. S. IV. p. 433 Nr. 41.
3) Nuovi Acari osservati da Giovanni Canestrini e Antonio
Berlese in Atti della societa veneto-trentina di scienze naturali
anno 1881. vol. VIII c 3 tav.
Archiv für Naturg., XXXXVm. Jahrg. 1. Bd. 4
50 G. Haller:
der Tyroglyphiden von grossem Interesse ist, brachte auch
einige neue Dermaleichen, besonders langschwänzige Formen,
den Gattungen Pterolichus und ÄUoptes zugehörend, aber
auch eine Art von JBlaps obtusa und mortisaga, welche meiner
Gattung Krameria in auffallender Weise ähnlich sieht und
welche ich daher, obwohl sie von einem Käfer stammt,
für dieselbe reklamire. Auch die beiden weiteren Para-
siten von Insekten, welche von B erlese') in einer späteren
Arbeit unter dem Namen Canestrmia als besondere Gat-
tung beschrieben worden sind, gleichen namentlich in der
Körperform auffallend dem Älloptes hlaptis und könnte
daher vielleicht ihre Existenzberechtigung als besondere
Gattung angetastet werden. Sie sind mir aber nicht aus
eigener Anschauung bekannt, wesshalb ich diese Aufgabe
Berufeneren überlasse.
Meine eigenen Dermaleichenstudien habe ich, was die
schwer zu beobachtende Anatomie unserer Thiere anlangt,
soeben mit einem Aufsatze in der Zeitschrift für wissen-
schaftliche Zoologie abgeschlossen 2). Ich beeile mich nun,
gleichsam als Nachtrag zu dieser Studie die Systematik
unserer Milben durch die Beschreibung einiger neuen, oder
wenig bekannten Formen und durch Besprechung einer
neuen Gattung zu vervollständigen.
Sehen wir von Canestrinia als einer nur auf Insekten
schmarotzenden Gattung ab, so wären die Genera folgende.
1. Anaiges Nitzsch. 1819. Drittes Beinpaar beim
Männchen gleichwie in den folgenden drei Gattungen massig
bis stark verdickt und ebenso verlängert, des Haftläppchens
entbehrend, in eine Kralle auslaufend; erstes Beinpaar stets,
zweites Beinpaar in der Regel mit Olecranonfortsatz, beide
stets mit Dornfortsätzen. Abdomen nach hinten einfach zu-
gerundet ganz randig; meist mit, selten ohne Analschild chen.
2. Dimorphus Hall. 1878. Drittes Beinpaar des
Männchens stets ohne Kralle, dagegen mit Haftläppchen;
die beiden ersten Beinpaare nur selten mit Olecranon-
1) Sopra UD nuovo genere di Acari etc. par Ant. Berlese;
maggio, 1881 ; Venezia. c 1 tav. e pag. 5.
2) Zeitscbr. f. wisseiisch. Zoologie Bd. XXXVI. p. 367 und ff.
Taf. XXIV und XXXV.
Zur Kenntniss der Dermaleichiden. 51
fortsätzen , stets mit raelir oder weniger ausgebildeten
Dorufortsätzen. Hinterleib stets nut tiefem mittlerem Aus-
schnitt.
3. Pteronyssus. Rob. und Megn. 1877. Drittes
ßeiupaar gleich den übrigen mit sehr grossen Haftläppchen;
vordere Beinpaare stets einfach ohne Olecranonfortsätze
oder Dornen. Hinterleibsausschnitt nur sehr wenig tief,
Körper nach hinten einfach zugerundet. Statt der zweiten
hinteren Randborste ein kurzes Stachelchen,
4. Alloptes Canestr. 1879. Beine des vierten Paares
beim Männchen stärker entwickelt als die anderen. Körper
der Männchen nach hinten tief ausgeschnitten. Weibchen
wie bei den vorhergehenden Gattungen gestaltet.
5. Xoloptes Canestr. 1879. Beine des 4. Paares
beim Männchen kleiner als die anderen, mit Haftläppchen
und Kralle.
6. Freyana Hall. 1878. Die beiden Geschlechter
von ziemlich gleicher Gestalt. Es fehlen die geschwänzten
Weibchen. Die Beine des 1. und 2. Paares länger als
diejenigen des 3. und 4. Paares, welche sich an der Bauch-
flache stark gegen die Mittellinie hin inseriren.
7. Krameria Hall. 1878^). Allgemeine Körperform
der Männchen mehr oder weniger quadratisch, dadurch den
breiten Weibchen sehr ähnlich. Unterschied im Bau des
3. und 4. Beinpaares sehr gering, die letzteren wie bei
Freyana ganz an der Bauchfläche eingelenkt.
8. Pterolichus Robin 1877. Die beiden Geschlechter
von verschiedener Körperform. Keine geschwänzten Weib-
chen. Alle Beine gleichmässig entwickelt. Das Abdomen
des Männchens nach hinten mehr oder weniger eingeschnitten,
zuweilen zweispaltig, Hinterleibsrand des Weibchens ganz
oder einfach eingeschnitten, oder zweispaltig.
9. Pterocolus nov. gen. 1881. Die beiden Ge-
schlechter von sehr verschiedener Körperform. Keine ge-
schwänzten Weibchen. Alle Beine gleichmässig entwickelt
oder das vierte Paar beim Männchen verdickt. Abdomen
des Männchen's nach hinten zugespitzt, in einen Knauf
1) Zeitschr. f. wissenscliaftl. Zoologie Bd. XXXIV, p. 256.
52 G. Haller:
auslaufend, des Weibchens tief zweispaltig, in zwei spitze
Zipfel auslaufend.
10. Proctophyllodes Robin 1877. Die beiden Ge-
schlechter von sehr verschiedener Gestalt. Geschwänzte
Weibchen vorhanden. Alle Beinpaare von gleicher Ent-
wicklung. Das Männchen trägt zuweilen blattförmige
Chitinanhänge, wo diese fehlen, ist der hinter dem letzten
Beinpaar liegende rechteckige Abschnitt durch einen tiefen
Einschnitt in zwei gleiche Hälften getheilt.
1. Gattung Anaiges Nitzsch.
(Tafel V Fig. 1—5.)
1. Anaiges digitatus mihi. Männchen von sehr ge-
ringer Grösse, beträchtlich kleiner als das Weibchen, ver-
kehrt eiförmig, etwa 2 mal so lang als breit. Abdomen
mit breitem, gestreiftem Saum, Analschildchen ganzrandig,
nach hinten zugespitzt. Vordere Mittelborsten nur massig
entwickelt, hintere dagegen überaus stark, doppelt; von
den Endborsten nur die mittlere lang und kräftig, die
äussere kurz und schwach, die innere nur wenig länger.
Olecranonfortsatz des ersten Fusspaares lang und kräftig,
hakenförmig, derjenige des zweiten nur schwach. Dorn-
fortsätze des vierten Gliedes nur schwach; am ersten Fuss-
paare dabei leicht abgeflacht und nach rückwärts gebogen,
Dornfortsätze des fünften Gliedes sehr stark, mit breitem
Chitinflügel. Drittes Beinpaar von ähnlichem Habitus wie
bei Anaiges fringillarumj das letzte Fussglied gegenüber
der Kralle mit starkem, fingerartigem Fortsatz (Fig. 1
uns. Taf. I), welcher eine längere Borste trägt, nach aus-
wärts von der Kralle, dicht an deren Basis entspringen zwei
Borsten, von denen die eine sehr lang und kräftig ist.
Das vierte Fusspaar überragt angedrückt das Ende des
Hinterleibes merklich. Länge von der Schnauzenspitze
bis zum Ende des Abdomens gemessen: 0,336; grösste
Breite 0,181 mm.
Weibchen. Gleich den Larven leicht kenntlich an
der entsprechenden Bildung der zwei vorderen Extremitäten-
paare. Länger und breiter als die Männchen, von sehr
gestreckter Körperform, fast 2V2 mal so lang als breit;
Zur Kenntniss dor Dermaleichiden. 53
Körper nach hinten zugerundet. Länge ca. 0,545, Breite
0,218 mm. Larven von weit gedrungenerem Körper, nach
hinten ebenso regelmässig zugerundet.
Diese Art, welche ich nach der Bildung des End-
gliedes des dritten Fusspaares benenne, stammt aus Canada,
wo sie von Herrn Tyrell auf Dendroecia striata gefunden
wurde. Sie ist jedenfalls mit Anaiges mucronatus Buchh.
nahe verwandt, aber von ihr durch die viel geringere Grösse
und die Bildung der vorderen Beinpaare verschieden.
Ausser An. digitatiis erhielt ich durch meinen Correspon-
denten folgende zwei Arten, welche beide mit den gleich-
benannten Formen unserer einheimischen Vögel vollkommen
übereinstimmen:
Anaiges passerinus von Dolichonyx oryzivorus und
Junco hiemalis.
An. fringillarum von Goniophaea ludoviciana und
Empidonax flaviventris.
Von den nachfolgenden Arten, welche in Gestalt etc.
bis auf die charakteristischen Kennzeichen vollständig mit
einheimischen Formen, und zwar allermeist mit An. pachy-
cnemhis (Fig. 3 uns. Taf. I) übereinstimmen, gebe ich nur
die kurzen Diagnosen:
2. Anaiges Poppe'i mihi. Diese Art erinnert gleich
der vorhergehenden auf den ersten Blick an Anaiges frin-
gillarum. Sie ist jedoch deutlich unterschieden durch den
Mangel eines Olecranonfortsatzes am 2. Beinpaare, durch
das ganzrandige, nach hinten abgerundete Analschildchen
und durch ein Paar starker dornförmiger Fortsätze, von
denen je einer hart nach einwärts von der Basis des dritten
Fusspaares schräge nach ein- und rückwärts hervorsteht.
Das dritte Beinpaar ist noch stärker verdickt als dort und
gebräunt; das letzte Glied derselben weist einen ähnlichen
nur bedeutend kürzeren Fortsatz auf als Anaiges digitatiis.
Länge der Männchen 0,48, Breite 0,39. Weibchen stark
gedrungen, breitleibig, kenntlich an der ähnlichen Bildung
des zweiten Gliedes des zweiten Beinpaares. Länge 0,545,
Breite 0,272 mm.
Diese Art wurde mir gleich einigen der nachfolgenden,
welche auf europäischen Vögeln gefunden wurden, von
54 G. Haller:
Herrn Poppe in Halle zugeschickt, nach welchem ich sie
denn auch benannt habe. Sie wurde von ihm auf Loxia
pityopsitfaca in einigen Exemplaren gefunden.
3. Anaiges triclenttilatus mihi. Von der Körper-
form des Anaiges coleoptratus mihi. Drittes Beinpaar da-
gegen demjenigen von Anaiges pachycnemius ähnlich, nur
ist dasselbe entschieden kürzer und dicker, stark gebräunt,
das zweite Glied derselben nach auswärts nicht so stark
verbreitert, ohne Höcker, nach einwärts am Hinterrande
mit einer leistenförmigen Chitinverdickung, welche in drei
kleine Zähnchen ausgezogen ist (Fig. 4 uns. Taf. VI).
Charakteristisch für die Männchen unserer Art ist auch
der stark entwickelte äussere Genitalapparat und das über-
aus kurze Abdomen, welches von dem vierten Beinpaare
weit überragt wird. Gemeinschaftlich mit Anaiges biden-
latus Giebel (Fig. 2 uns. Taf. V) auf Alauda arvensis.
4. Anaiges pollicipatus mihi. Dem Anaiges
pachycnemius sehr ähnlich, jedoch von ihm ebenfalls durch
die Verhältnisse der dritten Extremität deutlich unter-
schieden. Das zweite Glied steht nach auswärts nicht so
stark vor und entbehrt des Höckers gänzlich, sein unterer
Innenrand ist in einen langen und spitzen daumenförmigen
Fortsatz ausgezogen, welcher nur leicht nach hinten ge-
richtet ist, fast wagerecht nach einwärts steht und mit der
Kralle des letzten Gliedes eine Zange zum Ergreifen des
Weibchens bildet. Zwei kleine nach hinten gerichtete
Chitinzähnchen an der Basis dieses Fortsatzes vervollstän-
digen den in Fig. 5 uns. Tafel I dargestellten accessorischen
Begattungsapparat dieser Art. Das Männchen misst in der
Länge 0,482, in der Breite 0,282 mm. Poppe fand das-
selbe auf Accentor modularis.
Auf diesem Vogel lebt auch die von Giebel als
hidentatus^) benannte Analgesform. Ich habe in Fig. 2
uns. Taf I die dritte Extremität derjenigen Art, welcher
ich Giebels Benennung beilege, abgebildet. Es geht hier-
aus hervor, dass dieselbe keineswegs mit der vorliegenden
Art identisch ist.
1) Zeitschr. von Halle 1871 pag. 497.
Zur Kenutniss der Dermaleicbiden. 55
2. Gattung Dimorphus Haller.
(Taf. V Fig. 6—18, Taf. VI Fig. 1—5, Taf. VII Fig. 1—5.)
1. Dim. aculeatus mihi. Zu Mögniii und Robins
zweiter üntergatümg der Anaigen gehörend; die beiden
dreieckigen Hinterleibs-Lappen des Männchens hart an ihrer
Basis durch eine quere Articulation in zwei Abschnitte ge-
trennt. Männchen gross und gestreckt, die Hinterleibslappen
klein, nach auswärts mit drei langen und starken End-
borsten, hart nach vorne von der Articulation noch eine
vierte schwächere, auch ander Innenseite der Lappen weit
nach vorne, dicht hinter der Commissur eine schwächere
Borste. Zweites Glied des ersten Beinpaares nach hinten
verbreitert, am Hinterrande quer abgestutzt, seine hintere
Aussenecke in ein kaum merkbares Dörnchen ausgezogen,
die Dornfortsätze der vorletzten Glieder aller vier ersten
Extremitäten lang und dünn, sehr spitz, kaum merkbar
nach hinten gekrümmt; die Endglieder ohne Dornfortsätze.
Drittes Beinpaar von Körperlänge, an der Basis stark ver-
dickt, allmählich verjüngt; das letzte Glied einfach zuge-
spitzt, nahe dem Aussenrande mit zwei schwachen Dorn-
börstchen; Glied eins und vier nahe dem Aussenrande mit
sehr langer und starker Borste. Viertes Beinpaar nur
wenig dünner als die beiden ersten, überragt angedrückt
die Spitze des Hinterleibes nur wenig, letztes Glied zuge-
spitzt, ohne accessorische Begattungsorgane. Epimeren des
ersten Fusspaares getrennt auslaufend, diejenigen des dritten
sehr breit. Dicht vor den Haftnäpfen zwei mit der Conca-
vität gegen einander gewendete ( ) förmige Chitinbögen
(Fig. 6 uns. Taf. V), welche auf dem hinteren leicht ver-
dickten Schenkel je zwei winzige Stachelbörstchen tragen.
Länge 0,245, Breite 0,443.
Weibchen denjenigen von Dimorph, cuhitalis Megn.
sehr ähnlich und von ihnen kaum durch die Bildung des
zweiten. Gliedes des ersten Fusspaares zu unterscheiden.
Kleiner als die Männchen.
Tyrell fand diese Art auf Gyaniirus cristatus.
2. Bim. Tyrellii mihi. Männchen. (Fig. 7 Taf. V).
Körper gedrungen eiförmig, nach hinten jederseits in zwei
56 Gr. Haller:
schmale, durch einen tiefen und breiten dreieckigen Aus-
schnitt getrennte Lappen verlängert, welche am hinteren
Rande nach auswärts von einem kleinen zahnartigen Vor-
sprunge das zweitinnere Paar der Endborsten tragen, zwei
Absätze jederseits neben der Basis tragen die innerste und
nächstäussere Endborste, weiter oben am Abdomen folgt
oberhalb dieser letzteren auf einem kleinen Zäpfchen in-
serirt die äusserste derselben. Wir haben somit fünf Paare
entwickelter Endborsten, unter denen die zweitinnerste alle
anderen an Länge und Stärke überragt. Sehr eigenthüm-
lich ist die Gestaltung und Ausrüstung der massig ver-
kürzten, in ihren Grundgliedern leicht verdickten vorderen
Beinpaare (Fig. 8 uns. Taf. V). Es zeichnen sich nämlich
das zweite und dritte Glied des ersten Beinpaares durch
ihr abnormes Verhalten aus, indem ihre Verbindungsfläche
eine schräge von oben und aussen, nach innen und unten
geneigte ist, während dem sich dieselbe am zweiten Bein-
paare normal verhält. Zugleich ist der Dornfortsatz der
beiden vorderen Beinpaare von einem kurzen und sehr
dicken Dornbörstchen flankirt, so dass er gleichsam ver-
doppelt erscheint. Der obere Rand der Innenseite des
zweiten Gliedes des zweiten Beinpaares trägt auch ein
gegen das Ende in eigenthümlicher Weise verbreitertes
Dornbörstchen, aus dessen oberem nach einwärts leicht
ausgerandetem Ende ein schwacher und blasser Faden
hervorragt (Fig. 9), auch der obere Innenrand des folgen-
den Gliedes dornförmig verlängert (Fig. 8). Drittes Bein-
paar massig lang, stark verdickt und ungleich gegliedert;
erstes Glied nach auswärts leicht verbreitert, mit langer
und starker Borste, zweites und drittes Glied mit schräger
Verbindungsfläche, drei kaum halb so lang als zwei, auch
kürzer als vier; Glied vier gleich den beiden vorhergehen-
den bis zum hinteren Ende von gleicher Dicke, am Aussen-
rande nahe dem Hinterende mit langer und starker Borste,
dicht hinterhalb derselben in einen langen und spitzen,
nach hinten gerichteten Dornfortsatz ausgezogen (Fig. 7)-
Glied fünf ungefähr so lang als vier, von aussen nach
innen zugespitzt, mit mehreren längeren Borsten. Viertes
Fusspaar merklich kürzer und schmächtiger als die zwei
Zur Keuiitniss der Dermal eicliiden. 57
vorderen, erreicht angedrückt die Spitze der Ilinterleibs-
lappen bei weitem nicht, ziemlich gleichmässig gegliedert,
nur sein Endglied kürzer als die übrigen, am Ende quer
abgestutzt, nach einwärts von dem Ursprünge des Haft-
läppchens mit längerem cylindrischem, nach auswärts mit
kürzerem höckerförmigen Fortsatze (Fig. 10). Länge bis
zur Spitze der Lappen 0,454, Breite 0,272.
Zwei Männchen dieser Art mit einer noch geschlcchts-
unreifen Larve erhielt ich durch Tyrell von Galeoscoptes
Carolinensis. Ich habe dieselbe gleich den übrigen cana-
dischen Formen seiner Gefälligkeit zu verdanken und daher
ihm zu Ehren Dim. Tyrellii benannt. Dieselbe steht jeden-
falls Bimorphus socialis Megn. und JDim. oseimim Megn.
sehr nahe, lässt sich aber von beiden auf den ersten Blick
durch oben hervorgehobene Eigenthümlichkeiten der zwei
vorderen Beinpaare, durch die Gestalt der Lappen, des
Dornfortsatzes des dritten Beinpaares u. s. w. unterscheiden.
3. Dim. 2>ici major is Buchh.
Anaiges serratilobatus Gieb. Zeitschr. v. Halle 1870.
pag. 495.
JDim. pici majoris Buchh. Nova Acta Leop. etc. 1870.
pag. 43, Taf. V Fig. 28-30.
non Anaiges socialis Ch. Robin Journ. de l'anat. etc.
1877. pag. 511. Taf. XXVIII. Fig. 4.
Dimorphus pici majoris Buchh. gleicht dem Dimorph,
socialis, welcher von Megn in und Robin ebenfalls auf
einem Spechte gefunden wurde, in so auffallender Weise,
dass nur eine genaue Untersuchung denselben als ver-
schieden von jenem erkennen lässt. Die Merkmale von
Dim. pici majoris Buchh. sind folgende.
Das dritte Glied des ersten Beinpaares an seiner
Innenfläche mit sehr kräftigem dreieckigem Fortsatz, wel-
cher nach hinten über die Fläche des ersten Gliedes herab-
reicht und dieselbe berührt; das entsprechende Glied des
zweiten Beinpaares entbehrt desselben, dagegen springt
das erste Glied in der Mitte des Aussenrandes in eine
starke Ecke vor, welche eine lange Borste trägt. Das dritte
Glied beider Fusspaare am oberen Rande stark verlireitert,
das nachfolgende an seiner Basis merklich schmäler, jenes
58 G. Haller:
springt daher nach auswärts als starke Ecke vor, Dorn-
fortsatz des letzten Gliedes sehr stumpf, warzenförmig
(Fig. VI Taf. II).
Ende des Hinterleibes vollkommen demjenigen von
Anaiges socialis ähnlich, jedoch trägt der mittlere Zapfen
au der Aussenseite des Lappens statt einer einfachen kurzen
Borste wie dort, eine an ihrer Basis leicht verbreiterte
Säbelborste, die verkehrt V-förmige Leiste, welche die Ge-
schlechtsorgaue nach vorne umgibt, ist bei Dim. pici
majoris beträchtlich kleiner, die rundbogenförmige Leiste,
welche die Haftnäpfe umrahmt, nach vorne nicht unter-
brochen (Fig. 1 Taf. VI).
Das erste Glied des dritten Beiupaares trägt an seiner
Innenseite eine viertelmondförmige Chitinplatte mit star-
kem, von einer Hohlkehle durchzogenen Chitindorne, wel-
cher sich von seiner Umgebung durch intensiv braune Farbe
auszeichnet (Fig. 3). Ein ähnliches Armaturstück ist von
mir *) auch für Dermaleichus Phaetonis beschrieben und
als zum accessorischen Begattungsapparate gehörend er-
kannt worden. Das zweite Glied springt nach einwärts
mit sanfter Rundung vor, das vierte endlich trägt am
Hinterrande auch an der Innenseite einen dem äusseren
vollkommen ähnlichen Dorn (Fig. 1 Taf. VI). Das End-
glied des vierten Beinpaares entspricht vollkommen der
Schilderung und Zeichnung, welche ich von dem entsprechen-
den Gliede von Dim. Tyrelli entworfen habe (s. Fig. 10
Tafel V).
Wie bereits Buch holz anführte, lebt diese Art auf
Ficus major, wo sie auch von mir aufgefunden wurde.
Zwei Weibchen, welche im Baue der vorderen Gliedmassen
der oben gegebenen Beschreibung vollkommen entsprechen,
wurden von Poppe auf dem nämlichen Spechte gefunden.
Sie kennzeichnen sich übrigens durch die sehr langen
Schenkel der halbkreisförmigen Lyra und durch den auf-
fallend gestalteten hinteren Körperrand.
4. Bim. appendiculatus mihi. Männchen von
auffallend gestreckter Gestalt, beträchtlich mehr als zwei
1) Loc. cit. pag. 555, Taf. XXXIII, Fig. 8.
Zur Keiintuiss der Dermaleichiden. 59
mal so lang als breit und zwar ist es nicht wie bei Dm.
elongatus Bucbh. der zwisclien dem 2. und 3. Beinpaare
gelegene Abschnitt, welcher diese Streckung erleidet, son-
dern der hinter dem letzten Fusspaar gelegene KiJrpertheil.
Grösste Breite etwas nach vorne vom dritten Fusspaare,
von hier an nach hinten nur wenig verschmälert, am Ende
des Abdomens ein tiefer schmaldreieckiger Einschnitt. Auf
der Höhe des dritten Gliedes ein den ganzen Körper um-
ziehender ringförmiger Quercindruck. Hart an demselben
entspringen zwei schmale, deutlich abgetrennte Anhänge,
welche nach hinten in eine Spitze auslaufen und etwa die
Länge des zweiten Gliedes des dritten Beinpaares haben.
Das Ende des Abdomens wird durch den vorerwähnten
Ausschnitt in zwei nach hinten kaum verschmälerte, stumpfe
Lappen getrennt, an deren Ende wir die innerste der drei
ungefähr gleich langen und kräftigen Endborsten finden.
Zwei Höcker an der Aussenseite der Lappen tragen die
beiden anderen, der untere von diesen durch eine kaum
bemerkbare Ausbuchtung vom Hauptlappen getrennt. Die
Lappen werden von einem breiten Chitinrande umgeben,
welcher nur durch die innerste Endborste eine Unter-
brechung erfährt und den Hinterleibsausschnitt nach vorne
theilweise ausfüllt. Die Haftnäpfe sind von beträchtlicherer
Grösse, die Ruthe klein mit längeren Seitenschenkeln
(Fig. 4 Taf; VI).
Das Köpfchen erweist sich als gestreckt, etwa ellip-
tisch; die vorderen Beinpaare als klein und schmächtig.
Ihre Ausrüstung ist sehr wenig entwickelt; der Dorufort-
satz des vorletzten Gliedes auf ein feines Häkchen redu-
cirt, derjenige des letzten nur wenig kräftiger. Das dritte
lange und nur wenig verdickte Fusspaar erreicht mit seiner
Spitze kaum das Ende des Hinterleibslappens. Glied zwei,
drei und vier nicht verschmälert, zwei und vier die läng-
sten; fünf auffallend kurz, ungefähr so lang als eins und
drei, zugespitzt und in einen kurzen Schnabel ausgezogen.
Es trägt das Haftläppchen nicht an seiner Spitze, sondern
etwas nach einwärts von ihr, zwischen ihr und einem
eigenthümlich gestalteten Dorne. Dieser ist an der Basis
stark verbreitert, ungefähr in seiner Mitte plötzlich ver-
60 G. Haller:
schmälert und läuft iu zwei kurze Spitzen aus (Fig. 5
Taf. VI). Das Basalglied des vierten Beinpaares sehr gross,
an seinem unteren Rande breiter als die nachfolgenden
Glieder; das letzte an seiner Basis verschmälert, am freien
Ende ausgerandet, trägt in diesem Ausschnitte das Haft-
läppchen. Totallänge 0,6, Breite 0,24 mm.
Von dieser merkwürdigen Form, welche wegen ihrer
auffallenden Körperform und ihrer Anhänge mit keiner der
bereits beschriebenen verwechselt werden kann, fand ich
nur ein einziges Männchen auf Balkis aquatims. Die
Weibchen sind nach meiner Erfahrung sehr leicht an der
ähnlichen Formation der vorderen Beinpaare zu erkennen.
5. Dim. parinus. Biichholz.
d^ Buchh. Nov. Acta. pag. 33 Taf. III Fig. 19.
Das Männchen dieser Art wurde bereits von Buch-
holz beschrieben, welchem jedoch nur dieses Geschlecht
bekannt war. Durch die Gefälligkeit des Herrn Poppe,
welcher auf Parw5 coent^m^ zwei Weibchen dieser Art fand,
bin ich in den Stand gesetzt, das Versäumniss von Buch-
holz nachzuholen. Die Weibchen dieser Art bieten in der
That so merkwürdige Verhältnisse dar, dass es sich der
Mühe lohnt, dieselben noch nachträglich bekannt zu machen.
Weibchen. (Fig. 6 Taf. VI). Körper kurz und ge-
drungen, kaum IV2 nial so breit als lang, nach hinten
kaum verschmälert, dagegen vom letzten Fusspaare an bis
etwa zur Hälfte des hinter diesem gelegenen Körpertheils
ganz allmählich verdickt und plötzlich wieder verschmälert.
Abdomen am Hinterrande stark ausgebuchtet, die beiden
Hinterecken des Körpers nach hinten stark höckerartig
vortretend, ein jeder dieser Höcker trägt zwei entfernt
von einander inserirte ungefähr gleich lange und gleich
starke Endborsten. Auf der Rückenfläche ausser der Kopf-
platte keine Platte, an der Bauchseite zu beiden Seiten
des Afters zwei starke ungefähr halbmondförmige, mit der
concaven Seite nach einwärts gekehrte, am Aussenrande
mehrfach ausgerundete Platten. Geschlechtsöffnung auf-
fallend weit nach vorne gelegen fast an der Basis des
Trugköpfchens, Lyra mit den sehr stark verkürzten Epi-
meren des ersten Fusspaares verwachsen, winkelig gebogen.
Zur Kcnntniss der Dermaleichiden. 61
Epinieren der Leiden liiiitcrcn Fiisspaare mit ciuander ver-
wachsen, auf jeder Seite eine schräge, mit der Concavität
nach einwärts gewendete C-Figur darstellend, deren vor-
derer Längsstrich nach vorne stark verlängert ist. Zwei
gleich lange und starke hintere Raudborsten.
Trugköpfchen sehr kurz und sehr breit, queroval;
Mundtheile entsprechend gedrungen und kräftig. Vordere
Extremitätenpaare ungefähr gleich lang und gleich dick,
als die hinteren sehr kräftig gebauten, die beiden ersten
Glieder dieser letzteren sehr klein. Vordere Beinpaare
ohne jegliche Armatur. Länge 0,365, Breite 0,23 mm.
Es hält nicht schwer, aus dem kurzen und stark ge-
drungenen Baue und den unbewaffneten Beinen auf Dim.
parinus als die Männchen dieser Art zurtickzuschliessen.
6. Dimorphus Fuffini Buchh.
Bim. Fuffmi Buchh. Nov. Act. pag. 37 Taf. IV
Fig. 23 mas und 24 fem.
Poppe fand auf verschiedenen Möven- Arten nach-
folgend beschriebene Art. Namentlich die Weibchen stim-
men so sehr mit der oben erwähnten Abbildung von Buch-
holz überein, dass ich es nicht wage, vorliegende Art neu
zu benennen. Aber auch in der schlechten Abbildung des
Männchens erkenne ich manchen Zug wieder, welcher auf
die vorliegende Form schliessen lässt. Jedenfalls aber
kann ich in Dim. Fufßni Buchh. mein Thier eher wieder
erkennen, als'in den Abbildungen, welche Canestrini an
zwei verschiedenen Orten ^) von seinem Dim. starnae ent-
wirft. Sollte sich, wie ich zu glauben genügende Ursache
an der Identität der Wirthe haben, dennoch Uebereinstim-
mung der Buchh. Art mit Canestrini 's finden, so müsstc
dieselbe den älteren Namen tragen. Die Beschreibung von
Buch holz ist zu ungenügend, um das in beiden Geschlech-
tern merkwürdige Thier wiederzuerkennen. Es soll daher
dasselbe hier ebenfalls ausführlicher besprochen werden.
Männchen: Ziemlich gestreckt, zwei mal so laug
als breit, dabei der Abstand zwischen dem zweiten und
1) Canestr. Intorno agii Acari Estr. dal Vol. iV ser. V degli
Atti del r. istituto veneto di scienez ed arti etc. Taf. VI Fig. 4
und Atti della societä veneto-trentiua etc. Taf. I— III Fig. 9.
62 G. H aller:
dritten Fusspaar kaum erweitert, dagegen der hinter dem
letzten Fiisspaare gelegene Abschnitt merklich verlängert
und zugleich in entsprechendem Maasse nach hinten ver-
schmälert; Abdominalende durch einen tiefen keilförmigen
Einschnitt in zwei schmale, nach hinten zugespitzte Lappen
zerlegt. Ein blasser schmaler Hautsaum umgibt dieselben
an der Innenseite vollständig und setzt sich auch nach
aussen hin fort, nach hinten überragt derselbe die Spitze
der Abdominallappen und steht hier in zwei undeutlich
getrennten Spitzen hervor. Zwei lange Endborsten, deren
innere an der Spitze der Lappen, deren äussere beträcht-
lich weit nach vorne am Seitenrande inserirt ist, vor der-
selben stehen noch zwei kurze Börstchen, ein drittes ähn-
liches am lunenrande der Lappen nahe dem vorderen Ende
der Incisur. Rücken fast vollständig durch Chitinplatten
geschützt, nur die Verbindungsstellen weich; auch das
Chitiugerüste der Bauchfläche mit zahlreichen accessori-
schen plattenartigen Erweiterungen (Fig. 2 Taf. VII).
Epimeren des ersten Beinpaares halsbandartig vereinigt,
nach hinten in eine lange Spitze auslaufend, des zweiten
Paares am Anfange stark erweitert. Die vorderen Bein-
paare einfach, ohne Fortsätze, an Stelle derselben starke
vorspringende Ecken. Drittes Beinpaar stark verdickt und
verlängert, das letzte Glied stark zugespitzt, ziemlich kurz.
Die Borste des ersten Gliedes nur kurz, des vorletzten
nicht viel länger, wellenförmig gebogen, an der Innenseite
des letzten Gliedes und nahe dessen oberem Ende eine
kurze aber starke Borste von der Gestalt eines zur Schreib-
feder zugeschnittenen Gänsekieles. An der Spitze des
letzten Gliedes zu beiden Seiten des Haftläppchens der
accessorische Begattungsapparat, bestehend aus zwei durch
eine Bucht getrennten Chitinzähnen (y) an der Innenseite
und einem riffartigen, durch zahlreiche parallele Längs-
striemen gefurchten Chitinstücke (x) am Aussenrande des
Gliedes (Fig. 3 Taf. VII). Viertes Fusspaar sehr kurz
und dünn, aus ungefähr gleichen Gliedern zusammenge-
setzt, das Endglied stark zugespitzt, ohne accessorischen
Begattungsapparat, auf einem Vorsprunge der Aussenseite ein
starkes Börstchen tragend. Totallänge 0,54, Breite 0,27 mm.
Zur Kenntiüss der Dermaleichiden. 63
Weibchen kurz und breit, Körper vom dritten
Fusspaarc an nach hinten liaum merklich verschmälert,
die Hinterecken zugernndet. Jederseits eine einzige lange
und kräftige, nahe der Mittellinie inserirte Endborste, hart
nach einwärts von derselben die innere in Gestalt eines
sehr kleinen Härchens. Auf der Rückenfläche ausser der
Kopfplatte zu jeder Seite des Abdomens eine breite band-
förmige Platte von der Gestalt eines flachen mit der Con-
cavität nach auswärts gewendeten (; am Hinterrande in
der Mitte zwischen diesen eine unpaare, fast halbkreis-
förmige Chitinplatte von sehr geringer Grösse, welche die
postanale Geschlechtsöffnung trägt (Fig. 4 Ta£ VH). An
der Bauchfläche die Epimeren der beiden ersten Paare
ähnlich wie beim Männchen, das erste Paar nur mit sehr
kurzem Stachel; die hinteren sehr klein. Lyra halbkreis-
förmig. Köpfchen kurz und breit. Die zwei vorderen
Beinpaare kurz und schmächtig einfach, wie beim Männ-
chen, ebenso klein und noch dünner die hinteren, jene mit
stark verdickten Chitinrändern. Grösse des Weibchens
sehr unbedeutend, kaum halb so gross als das Männchen.
Larven leicht kenntlich an dem einzigen Paare entwickelter
Endborsten.
Die vorliegende Art bildet im männlichen Geschlechte
eine hübsche Illustration zu der weiter oben mitgetheilten
Beobachtung Michael's, betreffend die Entwicklung des
Chitingerüstes der die Wasservögel bewohnenden Derma-
leichen.
7. Dint. gladiator mihi. Beide Geschlechter leicht
gedrungen und entsprechend breit. Männchen und Weib-
chen leicht kenntlich an dem hakenförmigen Olecranon-
fortsatz des zweiten Gliedes des ersten Beinpaares, an dem
sehr langen und starken fast geraden und gegen das Ende
hin ganz allmählich zugespitzten Dornfortsatze des vor-
letzten und dem mangelnden des letzten Gliedes (Fig. 11
Tafel V).
La])pen des männlichen Hinterleibes kurz und breit,
nach auswärts mit schräger /-förmiger Chitinleiste, nach
einwärts mit schmalem blassem Saume, welcher jederseits
über die Spitze des Hinterleibes in Gestalt eines laugen
64 G. Haller:
aber schmalen Zahnes hervorragt. Jederseits vier Paare
von Endborsten, von denen die innerste imd äusserste
schwächer am Seitenrande, die beiden mittleren weitaus
stärkeren und längeren mehr an der Spitze des Hinter-
leibes inserirt sind. Drittes Beinpaar dick und von mas-
siger Länge, stark säbelförmig nach einwärts gekrümmt,
besonders dessen letztes Glied. Das erste nur an der
Basis leicht verdickt, die drei folgenden kaum verändert,
das letzte plötzlich verschmälert und zugespitzt. Glied
eins trägt fast in seiner Mitte eine starke und lange Borste,
eine schwächere steht jeweilen an der Aussenseite des
Hinterendes des dritten und vierten, sowie nach innen in
der Mitte des vierten Gliedes; sehr charakteristisch scheint
die Ausstattung des letzten Gliedes, welches in seiner
ersten Hälfte am Innenrande zwei über einander stehende
schwertförmige Borsten trägt (Fig. 12 A). Das letzte Bein-
paar steht den vorderen zweien an Dicke oder Länge kaum
nach. Sein letztes Glied ist leicht verlängert und am
freien Ende zugerundet. In seiner äusseren Hälfte trägt
dasselbe am Aussenrande zwei längere cylindrische Höcker,
welche durch ein blasses Stachelbörstchen getrennt werden,
das in einen langen schmalen Faden ausläuft. Jene cylin-
drischen Höcker, die einem accessorischen Begattungsappa-
rate entsprechen, geben sich durch einen blassen Ring an
ihrer Spitze als saugnapfartige Bildungen zu erkennen
(Fig. 12 B Taf. V), wie solche von Robin für Tyroglyphus
siro, von mir für Tyrogl. crassipes beschrieben worden sind ;
ähnliche Bildungen werden wir endlich bei der nachfolgen-
den Art kennen lernen.
Die Männchen dieser schönen Art, welche von T vre 11
mehrfach srni Edopistes migratorius gefnuden wurde, haben
eine Länge von 0,35, eine Breite von 2,36 mm. Die Weib-
chen sind 0,455 mm lang und 0,245 breit. Dimorphus
gladiator steht jedenfalls Dim. asternalis Megn. sehr nahe,
unterscheidet sich aber namentlich durch den Besitz eines
Olecranonfortsatzes am ersten Beinpaare.
8. JDim. calcaratus mihi. Männchen merklich grösser
als die Weibchen, Körper sehr gestreckt und von massiger
Breite, namentlich der hinter dem dritten Beinpaare liegende
Zur Kenntniss der Dermaleicliiden. 65
liegende Abscbnitt sehr lang und nach hinten nur wenig
verschmälert, am Ende durch einen tiefen bogenförmigen,
nach vorne hin stark verlängerten Abschnitt in zwei lange
und schmale Lappen geschieden. Die Lappen mit breitem
durch eine nach hinten keilförmig erweiterte Spalte ge-
trennten farblosen Hautsaum, welcher nach hinten in zwei
zahnartige Absätze ausläuft. Am Ende eines jeden der
Lappen, nach auswärts vom hinteren zahnartigen Vorsprung
des Hautsaumes eine lange und starke Endborste, weit
nach vorne von dieser am Seitenrande der Abdominal-
lappen eine zweite ähnliche und über dieser eine dritte
nur wenig schwächere, eine letzte ganz schwache am Innen-
rande der Lappen noch weiter nach vorne als diese. Vor
Allem aber erweisen sich die Verhältnisse des dritten und
vierten Beinpaares auch für diese Art als sehr charakteris-
tisch. Das dritte Beinpaar ist sehr lang und stark ver-
dickt, nach hinten ganz allmählich verjüngt, aber nicht zu-
gespitzt; die Gliederung ist annähernd eine gleiche, nur
das letzte Glied übertrifft die anderen an Länge. Glied
eins ungefähr in seiner Mitte, vier in der Mitte des lunen-
randes mit ungemein langer und kräftiger Borste, dieses
ausserdem am hinteren Rande mit zwei schwächeren ;
Glied fünf trägt in der Mitte des Innenrandes einen starken
knebeiförmigen Dorn, welcher das Ende des Fusses nur
wenig überragt, ausserdem einen zweiten noch dickeren
und sehr kurzen nach innen von der Insertion des Haft-
läppchens, nach aussen von dieser ist der Hinterrand des
Gliedes in einen kräftigen, leicht nach einwärts gerichteten
Spornfortsatz verlängert (Fig. 13 uns. Taf. V). Das vierte
Fusspaar steht den beiden ersten an Grösse nur wenig
nach, seine Gliederung ist ungefähr gleich, jedoch verjüngt
sich dasselbe gegen das Ende hin ganz allmählich; sein
letztes Glied ist in der Mitte leicht verschmälert, am Ende
zugeruudet, nach auswärts vom Haftläppchen demselben
sehr genähert und dicht neben einander trägt dasselbe zwei
sehr kleine saugnapfartige Bildungen (Figur 14 Tafel V).
Länge 0,527, Breite 0,236 mm.
Die Weibchen dieser Art charakterisiren sich durch
den kurzen und gedrungenen Körper, welcher nach hinten
Arch. f. Naturg. XXXXVUI. Jahrg. 1. Bd. 5
66 G. Haller:
zwischen den zwei Paaren von Endborsten leicht ausge-
randet ist, den als eine Spitze vorspringenden After und
die wohl ausgebildeten Epimeren; das erste Paar derselben
vereinigt sich weit nach hinten, um in eine gemeinsame
Spitze auszulaufen. Diese letztere reicht bis zur bogen-
förmigen Lyra, deren beide Enden je eine mittellange Borste
tragen. Länge 0,418, Breite 0,218 mm.
Von dieser in beiden Geschlechtern wohl charakteri-
sirten Art erhielt ich ein einziges Männchen und zwei
Weibchen zur Untersuchung, welche von Poppe auf Orty-
gometra porzana gefunden wurde. Mit Bim. Gallimdae
Buchh. stimmt dieselbe durchaus nicht überein.
9. Dim. forcipatus mihi. Männchen (Fig. 15
uns. Taf. V) lang und schmal, mit tief und breit ausgeschnit-
tenem Hinterleibe, die schmalen und spitzen Lappen tragen
nahe der Spitze und an dieser selbst je eine lange und
sehr starke Endborste, alle übrigen Paare sind nur durch
kurze Härchen angedeutet. Der bis zu den Haftnäpfen
reichende, nach vorn zugerundete Ausschnitt vollkommen
durch eine durchsichtige und farblose Chitinhaut ausge-
füllt, welche an den Seiten merklich über das Abdomen
hervorragt, nach hinten in zwei starke zugespitzte Lappen
verlängert ist. Grundglieder der vorderen Extremität sehr
stark verdickt, diejenigen des zweiten Paares mit ihren
Innenrändern nach oben die Aussenränder des ersten
Paares bedeckend. Das zweite und dritte Glied nur un-
deutlich getrennt, das zweite das nachfolgende nach aus-
wärts leicht überragend mit eigenthümlich zugeschärftem
Seitenrande (Fig. 16 Taf. V), aber ohne nach rückwärts
gekrümmten Dorn am hinteren Ende. Die Dornfortsätze
des letzten und vorletzten Gliedes kaum ausgebildet, nur
durch schwache stumpfe Höckerchen vertreten (Fig. 16
Taf. V). Epimeren des ersten Fusspaares quer nach ein-
wärts tretend, gleich nach ihrem Ursprünge verwachsen,
in eine lange gemeinsame Spitze auslaufend.
Drittes Beinpaar nur wenig verdickt und sehr lang,
säbelförmig nach einwärts gekrümmt, von der Basis des
ersten bis zum Ende des vierten Gliedes nicht verschmälert,
scheinbar viergliedrig, da zwei und drei nur sehr un-
Zur Kenntniss der Derraaleichiden. 67
deutlich und ohne Articulation getrennt sind. Letztes Glied
dicht hinter der Innenecke des vierten eingelenkt und gut
um die Hälfte dünner als jenes, daher die Aussenecke von
vier über das nachfolgende Glied sehr stark vorspringend.
Hier befindet sich nun als accessorischer Begattungsapparat
eine eigenthümliche Zangenbildung (Fig. 17 uns. Taf. V).
Dicht hinter der an der Aussenecke des vierten Gliedes
entspringenden längeren Borste ist der hintere Rand des
Gliedes zu einem nach auswärts steil abfallenden Chitin-
zahne (uns. Fig. z) verlängert, welchem entsprechend die
Aussenseite des letzten Gliedes in ihrer oberen Hälfte
einen bogenförmig erweiterten Chitinkamm (uns. Figur k)
trägt. Der durch diese Chitinbildungen entstehende Scheeren-
oder Zangenapparat wird noch durch zwei kleine Chitin-
höckerchen (uns. Fig. hh') vervollständigt, welche sich
nach einwärts von dem Chitinzahne erheben. Ich habe
diesen eigenthümlichen Apparat bei allen sechs von mir
untersuchten Männchen dieser Art wohl ausgebildet ge-
funden, die anderen Arten scheinen ihn, aus den Beschrei-
bungen und Zeichnungen Megnin's zu schliessen, zu ent-
behren; jene Arten kenne ich nicht aus eigener Anschau-
ung. Auch das vierte Beinpaar ist aus den nämlichen
Gründen wie das dritte scheinbar nur viergliedrig, steht
den vorhergehenden an Grösse und Länge bedeutend nach
und läuft ganz allmählich in eine Spitze aus. Sein letztes
Glied ist ungefähr so lang, wie ein jeder der beiden vor-
hergehenden Abschnitte und entbehrt aller accessorischen
Ausstattungen. Länge 0,454, Breite 0,200 mm.
Weibchen und Larven leicht kenntlich durch den
oben beschriebenen Bau der beiden ersten Beinpaare.
Körper sehr lang und schmal, von der Insertion des ersten
Beinpaares an nach hinten zweimal stufenw^eise verschmä-
lert. Beim trächtigen Weibchen anfänglich weit nach
hinten vom vierten Beinpaar ein ungefähr halbkugeliger
Abschnitt durch eine tiefe Ringfurche abgesondert (Fig. 18
Taf. V}. Mit dem Wachsen des Eies verstreicht die letztere
mehr und mehr, bis sie endlich ganz verschwindet. Hintere
Beinpaare sehr dünn. Lyra überaus flach, kaum gebogen
(s. uns. Fig. 18). Länge 0,363, Breite 0,136 mm.
68 G. Haller: '
Diese Art, deren Weibchen namentlich sehr charak-
teristisch gebildet sind, steht im männlichen Geschlecht fast
allen der vierten Abtheilung Megnins sehr nahe, unter-
scheidet sich aber von allen durch die Bildung der Vorder-
beine und den Zangenapparat am 3. Beinpaare, ausserdem
durch verschiedene oben erwähnte Einzelheiten. Tyrell
fand dieselbe in mehreren Exemplaren auf Tringoiäes macu-
laris aus Canada.
3. Gattung Pteronyssus. Megn. und Robin.
(Taf. II Fig. 6—8).
1. Pteron. simplex. Männchen. Dem Männchen
von Pteron, striatus Megn. sehr ähnlich. Von gestreckter
Körperform, zwischen dem zweiten und dritten Beinpaare
von tiberall gleicher Breite, der hinter dem dritten Bein-
paare gelegene Abschnitt nach hinten nur wenig verschmä-
lert, in der Mitte kaum merklich ausgeschnitten, die beiden
Enden zugerundet. Jederseits zwei lange Endborsten,
welche getrennt entspringen, nach kurzem Verlaufe aber
zusammenstossen und sich so innig zusammenschmiegen,
dass sie verwachsen erscheinen und nur durch starken
Druck getrennt werden können. Die innerste Endborste
auf ein kurzes Spitzchen reducirt, die äusserste auf ein
nur wenig längeres Häkchen. Die männlichen Genitalien
liegen sehr weit nach hinten, zwischen der Insertion des
letzten Beinpaares. Zu jeder Seite von der Analspalte ein
dreieckiger, mit der schmälsten Seite nach einwärts ge-
wendeter Lappen, welcher den Haftnapf trägt und sich
vom übrigen Körper durch den Mangel der Hautvillen aus-
zeichnet. Das letzte Glied des ersten Beinpaares gegen
das Ende hin mit leichtem Chitinkamme an der Unterseite.
Das dritte Beinpaar von den Vorigen kaum durch geringere
Dicke und bedeutendere Länge unterschieden, am Aussen-
rande des letzten Gliedes gegen das Ende mit kaum be-
merkbarem, ein feines Haar tragendem Chitinhöcker. Letztes
Fusspaar beträchtlich kürzer als die beiden ersten Paare,
jedoch von gleicher Dicke, erreicht angedrückt das Ende
des Abdomens nicht. Länge 0,346, Breite 0,163 mm.
Zur Kenntniss der Dermaleichiden. 69
Weibchen (Fig. 2 Taf. VI). Mehr als IV2 mal so
lang als das Männchen und nur wenig breiter. In der
gestreckten Körpergestalt dem Weibchen von Fteronyssus
picinus sehr ähnlich, nach hinten jedoch noch stärker ver-
schmälert. Jederseits von dem schmalen und kaum merk-
lich ausgerandeten Ende des Abdomens zwei gleiche End-
borsten von bedeutender Länge und entsprechender Stärke.
Zwischen beiden Paaren den hinteren Körperrand in Ge-
stalt eines sehr kleinen, nach seitwärts gewendeten Börnes
tiberragend die postanale GeschlechtsöflPnung. Epimeren
des ersten Beinpaares am hinteren Ende zusammenstossend,
alle lang, aber schwach; Schenkel der Lyra lang und dünn
auslaufend. Zwischen den zwei vorderen und zwei hinteren
Beinpaaren ist, was Dicke und Länge anbetrifft, kaum ein
Unterschied zu bemerken ; das letzte Glied des ersten Paares
ohne Chitinkamm. Länge 0,527, Breite 0,181 mm. Larven
von ähnlicher Körpergestalt wie die Weibchen.
Diese namentlich durch den sehr bedeutenden ge-
schlechtlichen Grössen unterschied ausgezeichnete Art wurde
von Tyrell in zwei Männchen, ebenso vielen Weibchen
und einigen Larven auf Melanerpes erythrocephdliis aus
Canada gefunden.
2. Fteronyssus quadratus mihi. Diese Art sieht
DimorpJms picinus M6gn. sehr ähnlich, ist aber deut-
lich von ihr durch die Gestalt des Abdomens des Männ-
chens unterschieden (Fig. 8 Taf. VII). Die beiden Ab-
schnitte des Hinterleibes sind nämlich am Hinterrande
nicht zugerundet, sondern geradlinig, mit ausgesprochenen
Hinterecken. Der in seiner Gesammtheit genau quadra-
tische hinter dem letzten Fusspaare gelegene Körperab-
schnitt, wird am Hinterrande seiner ganzen Länge nach
durch einen schmalen farblosen Hautraud gesäumt, welcher
nach hinten von der vierten Extremität nur wenig nach
einwärts vom seitlichen Körperrande beginnt, um an der
Ventralfläche als niedriger Kamm nach den Hinterwinkeln
des Abdomens zu ziehen. Jederseits drei auf den hinteren
Körperchen inserirte Endborsten von ziemlich gleicher
1) Mügu. und Rubin loc. cit. pag. 423 Taf. XXV.
70 G. Haller:
Länge. Das dritte Beinpaar empfangt sein Haftläppchen
nicht an der Spitze selbst, sondern merklich entfernt von
derselben am Aussenrande. Ich fand ein einziges Männchen
dieser Art auf Gecinus canus.
Pterocolus nov. gen.
(Taf. II Fig. 9—12, Taf. VII Fig. 6—9.)
Koch beschrieb in seinem oftfach erwähnten ba-
rocken Werkchen zuerst das Männchen des hierher ge-
hörenden Dermaleichus corvinus und bildete auch ein Weib-
chen ab, weiches er irrthümlicher Weise auf diese Species
bezog. Erst Buchholz erkannte beide Geschlechter und
bildete die Art kenntlich ab. Er lehrte uns auch eine
zweite diesem Genus zuzuweisende Species den Derm.
Eulabis kennen; es ist jedoch sehr fraglich, ob auch das
von ihm abgebildete und beschriebene Weibchen wirklich
hierher zu ziehen ist.
Nachdem nun einmal die Dermaleichen in verschiedene
Genera gesondert waren, glaubte ich, dass ein Bedürfniss
vorhanden sei, Thiere, deren Männchen und Weibchen eine
so charakteristische Körperform besitzen, in einer beson-
deren Gattung unterzubringen. Ich*) stellte daher für sie
das Genus Pterocolus auf, indem ich mich auf die nach
hinten zugespitzte und in eine Endrosette auslaufende
Körpergestalt der Männchen und den hinten tief gespaltenen,
lang gestreckten Leib der Weibchen, ausserdem aber auf
einige nebensächliche Merkmale berief. Diese letzteren
sind, wie sich jetzt herausstellt, allerdings nur für Dermal,
corvinus charakteristisch, allein die bestimmt angegebenen
Körperformen hätten zur Bezeichnung der Gattung voll-
kommen genügt. Leider blieb aus mir unbekannten Ur-
sachen die Beschreibung bei der Publikation ganz weg.
Als später Canestrini seine Dermaleichenstudien
schrieb, ignorirte er diese Gattung ganz und ordnete die
beiden erwähnten Arten dem Genus Pterolichis Chr. Rob.^)
unter. Dieser Gattung werden aber je länger je mehr und
1) Weitere Beiträge loc. cit. pag. 538 und f.
2) Megnin und Robin loc. cit. pag. 393.
Zur Kenntniss der Derinaleichiden. 71
sicherlich ganz gegen die Absicht der ersten Monographen
alle missbeliebigen Arten zugeschoben, welche man anderswo
nicht unterbringen kann. Wir bekommen daher eine Gruppe
der heterogensten Formen, welche mit den ersten typischen
Arten nur die Eigenthiimlichkeit gemeinsam haben, dass
ihre hinteren Fusspaare keine auffallenden sexuellen Unter-
schiede zur Schau tragen. Ein ähnliches Schicksal droht
auch der von Canestrini^ errichteten Gattung Alloptes.
Wie bekannt, stellte der italienische Acarinologe diese
Gattung für einige Dimorphusformen auf, deren viertes
Fusspaar in autfallender Weise verdickt ist. Seine typi-
schen Formen waren All. ccramhicis und All. palmatiis.
Wir dürfen daher auch fordern, dass die hierher gehörigen
Species in beiden Geschlechtern einen Dimorphus ver-
wandten Habitus aufweisen. Allein neulich beschrieben
Canestrini und B erlese eine Federmilbe von Cypselus
apus als Alloptes cypseli, welche mit den typischen Formen
der Gattung nichts weiter gemeinsam hat, als das verdickte
vierte Fusspaar, dagegen im äusseren Habitus BermaleicJms
corviniis gleicht wie ein Ei dem anderen.
Canestrini hält sich mithin in unnatürlicher Weise
an die im Bau der Beinpaare ausgesprochenen sexuellen
Unterschiede. Ich kann mich mit diesem Verfahren aus
zwei Gründen nicht einverstanden erklären. Erstlich weil
eines der gerechtfertigsten Grundgesetze einer naturgemässen
Systematik fordert, dass die Summe einer Reihe gemein-
schaftlicher Merkmale mehr gilt, als eine vereinzelte Eigeu-
thümlichkeit. Sodann bietet die äussere Körperform,
welche wie wir anderweitig 2) sehen, zusammenhängt mit
der inneren Anatomie, ein gewichtigeres Merkmal als die
sexuellen Verschiedenheiten im Baue der verschiedeneu
Beinpaare. Nur wenn man sich durch diesen Grundge-
danken leiten lässt, wird es gelingen, die so überaus
mannigfachen Gestalten der Federmilben in mehreren gut
umschriebenen und harmonisch abgeschlossenen Gruppen
unterzubringen. Auf dieser Basis will ich es denn auch
1) Canestriui Intoruo ad alcuni acari parassiti in Atti della
societä veueto-treutina di scienzc naturali vol. VI fac. I pag. 7.
2) Zeitscbr. f. wissensch. Zoologie. Band XXXVi.
72 G. Haller:
versuchen, in kurzen Worten die neue Gattung Pterocolus
zu umschreiben.
Körper in beiden Geschlechtern gestreckt und unge-
fähr von der nämlichen Grösse. Sexueller Unterschied
namentlich in der verschiedenen Körpergestalt, zuweilen
auch in den hinteren Beinpaaren ausgesprochen. ^ Körper
nach hinten in eine Spitze auslaufend, am Ende ungetheilt,
dagegen zu einer Rosette verdickt. Zweite Weibchenform
mit tief eingeschnittenem Hinterleibe ; erste ähnlich nur mit
weniger tiefem Einschnitte. Geschwänzte Weibchen fehlen
vollkommen. Hierher gehören:
I. Viertes Beinpaar des Männchens nicht in merklicher
Weise verdickt.
1. Pteroc. corvinus Koch.
Dermal, corvinus Koch Crust. Myr. und Arachn. h 33
18 mas 19 non fem. Buchh. Nova Acta Leop. 1870 pag. 24,
Taf. II, Fig. 10 mas, 11 fem.
Pterocohis corvinus Koch. Haller weitere Beiträge p. 538.
Pterolichus corvinus Koch Canestr. lutorno pag. 9.
Körper des Männchens etwa zwei und ein halbes Mal
so lang als breit, namentlich der Endabschnitt lang gestreckt.
Aeussere Rückenborsten vorhanden, Endborsten ungleich
lang. Einschnitt tief und schmal, Seitenlappen entsprechend
lang und schmal. Endborsten ungleich lang und stark.
2. Pterocolus Eulahis Buchh.
Dermaleichus Eulabis Buchh. Nova Acta Leop. 1870
pag. 21. Taf. 11 Fig. 8 mas, Fig. 9 fem (?).
Pterocolus Eulahis Buchh. Hall. Weit. Beitr. p. 539.
Pterolichus Eulahis Buchh. Can. Intorno pag. 9.
Männchen sehr kurz und gedrungen, namentlich der
hinter den vier Beinpaaren gelegene Endabschnitt. Vordere
Rtickenborsten fehlend, hintere ohne begleitendes Spitzchen.
Rosette durch eine blasse Haut gesäumt. Jederseits zwei
ungleich lange Endborsten. Weibchen wahrscheinlich noch
unbekannt.
3. Pterocolus gracilepinnatus mihi. Männchen
(Fig. 9 Taf. VII) von sehr gestreckter Gestalt, fast 3 Mal
so lang als breit, eben so wohl zwischen dem zweiten
und dritten als hinter dem vierten Fusspaare verlängert;
Zur Kenntniss der Dermaleichiden. 73
Ende des Abdomen die Spitze des hintersten Fusspaares
beträchtlich überragend, in zwei divergirendeAeste gespalten,
deren jeder eine fiossenartige Verbreiterung trägt, die in
der Mitte mit derjenigen der anderen Seite verwachsen
ist. Zwei sehr lange und am Anfange schwach verbreiterte
Paare von Endborsten, deren innere an der Spitze, deren
äussere leicht nach vorne von derselben am Aussenrande
der kurzen Gabeläste des Abdomens entspringt.
Körper sehr stark gepanzert, auf der Rückenfläche
nur die Verbindungsstellen weich und mit Rillen versehen;
aber auch die Bauchfläche längs den Seitenrändern durch
starke Chitinschienen verstärkt, der hinter dem vierten
Fusspaare liegende Abschnitt sogar theilweise durch eine
gebräunte Platte bedeckt, welche die beiden Haftnäpfe und
auf einer Nath in ihrer Mitte die Analspalte trägt. Epi-
meren der vorderen zwei Beinpaare schwach und striemen-
förmig, diejenigen der hinteren sehr stark, breit und un-
gefährdreieckig, diejenigen des vierten Paares sogar doppelt.
Auf gleicher Höhe mit dem vorderen Ende der Bifurcation
des Abdominalendes, mithin an der schmälsten Stelle des
Körpers am Seitenrande eine schwache, und farblose
Chitinschuppe, in deren Schutze ein kurzes Hakenbörstchen
entspringt. Der Raum zwischen den beiden divergirenden
Aesten des hinteren Körperendes bis auf eine kleine Lücke
durch Chitinmasse ausgefüllt. Die flossenartigen Verbrei-
terungen farblos durch radiär ausstrahlende Reihen nach
auswärts an Grösse abnehmender Chitinpunkte von bräun-
licher Färbung sehr zierlich punktirt, ihr Rand regelmässig
sternförmig ausgeschnitten (Fig. 9 Taf. VI).
Alle Beinpaare sehr schlank und von massiger Länge,
die hinteren kaum durch geringere Dicke von den vorderen
unterschieden. Haftläppchen länglich oval, ihr Stiel in
eigenthümlicher Weise in der Mitte des Seitenrandes in-
serirt ; die hinteren merklich grösser als die vorderen. Die
männlichen Geschlechtsorgane kurz aber mit sehr starkem
Chitinskelet.
Alle Platten von braunrother Färbung, die stärker
chitinisirten Stellen entsprechend dunkler, die weiche Haut
von weisslicher Färbung. Totalläugc 0,63, Breite 0,22 mm.
74 G. Haller:
Weibchen habe ich keine zur Untersuchung erhalten,
dagegen die sehr charakteristisch gestaltete Larve (Fig. 10
Taf. VI). Der Körper derselben ist sehr breit und hoch
gefüllt, zwischen dem zweiten und dritten Fusspaare kaum
oder nur merklich verschmälert, der Abstand zwischen
beiden sehr lang. Der hinter dem dritten ßeinpaare ge-
legene Abschnitt nach hinten sehr stark verschmälert, in
zwei lange und spitze Lappen geschieden, deren jeder eine
lange und kräftige End börste trägt. Der weiche Körper
des Thieres durch zwei Platten beschützt, deren erste der
Kopfplatte der Erwachsenen entspricht, deren zweite auf
der Höhe des dritten Beinpaares leicht verbreitert beginnt,
* sich anfänglich ungetheilt nach hinten zieht, um sich bald
entsprechend der Bifurkation des Abdomens in zwei Hälften
zu spalten, deren jede einen Abdominallappen von oben
bedeckt. Dicht vor der Insertion des dritten Fusspaares
die letzte Rille der Körperoberfläche zu einer merklich
vorstehenden Schuppe verbreitert, unter welcher das der
zweiten hinteren Randborste entsprechende Dörnchen in-
serirt ist. Die beiden vorderen Beinpaare sehr schmächtig,
das dritte kürzer und dicker, sein zweites Glied springt
nach vorne und aussen buckelartig über das erste hervor
und trägt hier eine kurze aber starke Borste.
Tyrell fand diese interessante Art auf Empidonax
flaviventris in Gesellschaft mehrerer sehr grossen Analges-
Weibchen (Taf. III Fig. 10), welche sich nicht näher be-
stimmen lassen. Unter unseren europäischen Arten steht
jedenfalls Fteroc. gracilepinnatus dem DermaleicMis corvinus
Buchh. am nächsten, unterscheidet sich aber auf den ersten
Blick durch die bedeutendere Länge, den zierlichen flossen-
förmigen Anhang des Endknaufes u. s. w.
Die Mundtheile sind sowohl bei dem Männchen,
als bei der Larve so instructiv, dass ich mir nicht versagen
kann, auf diese von mir an anderen Orten ausführlicher
besprochene Frage kurz zurückzukommen und verweise
ich für die nachfolgende Schilderung auf die Figuren
Fig. 6 bis 10 uns. VII. Tafel.
Betrachten wir unseren Pterocoliis zunächst von der
Rückenfläche, so stossen wir zuerst auf das Epistom, wel-
Zur Kenntniss der Dermaleichiden. 75
ches die naclifolgenden Mundtbeile an ihrer Basis bedeckt.
Dasselbe (Fig. 6 e) ist gerade bei unserer Art sehr kurz,
nach vorne hin zugerundet. Dicht darunter liegen nach
einwärts und der Mittellinie genähert die scheerenförmigen
Mandibeln, wie Erich son dieselben zuerst benannt hat,
mithin das erste Kieferpaar. Bei Fterocolus gracilepinnaüis
(uns. Fig. 6 k', k') sind dieselben von lang gestreckter Ge-
stalt, mit sehr langen und an ihren Innenrändern höcker-
losen Fingern; sie sind es, von welchen die Gestalt des
Trugköpfchens aller Arten abhängt. Nach aussen von
ihnen liegen jederseits die Mandibularpalpen (Fig. 6 pm,
pm), gleich den Mandibeln sehr lang gestreckte und schlanke
Organe, welche wie bei allen anderen tracheenlosen Milben
nur drei Glieder erkennen lassen, das letzte derselben ist
nach aussen zugespitzt und leicht nach auswärts gebogen.
Verfolgen wir bei einer tieferen Einstellung des Instrumentes
das untere Ende der Palpen nach einwärts, so erkennen
wir bei Fterocolus gracilepinnaüis zwei stark gebräunte
Platten (Fig. 8 k 2) ungefähr von der Gestalt eines Bumer-
augs, deren hintere divergirende Enden sich mit dem oberen
Ende der gleichseitigen Epimere des ersten Fusspaares
kreuzen. Sie kennzeichnen sich durch die Insertion der
Maxillarpalpen als das zweite Kieferpaar. Wir beobachten
nun unsere Milbe von der Bauchfläche und stossen hier
zunächst auf die bräunliche, an ihrem oberen Rande leicht
verschmälerte Unterlippe (Fig. J ul), welche bei unserer
Art etwas höher als breit, und an ihrem hinteren Rande
durch eine mittlere und zwei seitliche Ausbuchtungen aus-
gerandet erscheint. An ihrem vorderen Rande ist dieselbe
in der Mitte zu einem schwachen Zähnchen ausgezogen,
zu beiden Seiten von diesem Vorsprunge trägt sie zwei in
auffallender Weise verbreiterte blattförmige Organe (Fig.
7 1 1), welche nach hinten gelenkig mit der Unterlippe ver-
bunden sind. Die Gestalt dieser farblosen und dünnhäutiicen
Organe, welche an ihrem Innenrande leicht verdickt und
deren Fläche durch fünf bis sechs schräge von oben und
aussen nach innen und unten eindringende leicht gebogene
Streifen gerippt erscheinen, ist sehr schwer zu beschreiben,
sie ergibt sich am Besten aus unserer Figur 7. Durch ihr
76 G. Haller:
paariges Auftreten und ihre gelenkige Verbindung mit der
Unterlippe geben sich dieselben als Labialtaster zu er-
kennen. Setzen wir nun unsere Untersuchung von der
Bauchfläche aus nach einwärts fort, so treffen wir dicht
hinter dem mittleren zahnartigen Vorsprunge der Unter-
lippe auf zwei der Mittellinie sehr stark genäherte, kaum
merklich gebogene, stabförmige Gebilde (Fig. 7 k^ k^),
welche ich entsprechend ihrer Lage als das dritte Kiefer-
paar beanspruche.
Bei' der sechsfüssigen Larve (Fig. 9 uns. Taf. VII)
bleiben sich diese Verhältnisse bis auf das zweite Kiefer-
paar und dessen Taster gleich. Die Taster erscheinen
denjenigen der übrigen Dermaleichen noch ähnlicher, ihr
letztes Glied ist am Ende einfach zugeraudet. Die Platten
sind im Verhältnisse zu denjenigen des erwachsenen Thieres
beträchtlich grösser und von bedeutender Flächenausbil-
dung, sie ragen nach hinten fast bis zur Insertion der
Rückenborsten in das Körperinnere hinein, dabei ist ihre
Gestalt etwa dreieckig mit nach innen gewendeten und
parallel verlaufenden längsten Seiten.
Es scheint mithin, als ob die grösste Ausbildung dieser
Platten einen primitiven Zustand des betreffenden Thieres
bezeichnete. Die grösste Ausbildung dieser Platten bei
Anaiges (Fig. 10) würde mithin die von mir bereits früher
ausgesprochene Ansicht bestätigen, dass nämlich die Analges-
formen die ältesten und von ihnen die andern Dimorphus-
formen abzuleiten sind.
IL Viertes Fusspaar des Männchens verdickt.
4. Pferocolus cypseli. Can. und Berl.
Älloptes cypseli Can. und Berl. Nuovi acari loc. cit.
pag. 5 Taf. XIX Fig. 3 fem., Fig. 4 mas.
Beide Geschlechter länger und besonders schmäler
als bei der nachfolgenden Form. Endrosette des Männchens
mit farblosem Saum und jederseits mit vier kurzen End-
borsten. Rückenborsten kurz. Die Glieder des vierten Fuss-
paares von sehr ungleichmässiger Entwicklung ; das Endglied
aller vier hinteren Extremitäten an der Innenseite nahe dem
oberen Ende mit kurzem Dornfortsatze. Weibchen mit tiefem
und breitem Ausschnitte, Lappen lang und sehr schmal mit
Zur Kenntniss der Dermaleichiden. 77
blassem Saume, drei Endborsten, eine längere und zwei um
die Hälfte kürzere, welcbe in weiten Abständen stehen.
5. Pterocolus hisetatiis nov. spec. Taf. VI Fig. 11.
mas Fig. 12 fem.
Beide Geschlechter bei ungefähr gleicher Breite merk-
lich kürzer als bei voriger Art, äussere Schulterborsten
sehr lang und stark, innere vorhanden aber sehr klein.
Männchen mit wenig ausgebildeter Endrosette, diese ohne
blassen Hautsaum. Jederseits drei Endborsten, mittlere
länger als der Körper, äussere und innere überaus kurz.
Viertes Fusspaar sehr gleichmässig gegliedert, die End-
glieder aller hinteren Extremitäten ohne Spitzchen, dafür
das untere Ende des dritten Gliedes des letzten Fusses
an der Innenseite mit längerem, starken Börstchen. Das
Weibchen mit kurzem schmalem Einschnitte, kurzen aber
breiten Lappen, blos mit zwei gleichen langen und starken
Endborsten. L. 0,45, Br. 0,2 mm. Weibchen L. 0,46, Br.
0,16 mm.
Das Männchen dieser Art kann wohl schwerlich mit
einem der übrigen verwechselt werden, dagegen gleicht
das Weibchen sehr demjenigen von Pterocolus corvinus.
Bei genauerer Untersuchung unterscheidet es sich aber von
demselben durch den sehr kurzen Einschnitt, die eben so
beschaffenen und sehr kurzen Seitenlappen, endlich durch
die gleichmässig langen Endborsten.
Herr Poppe in Vegesack bei Bremen, welcher diese
Federmilbe in mehreren ,' Exemplaren auf Möven (Sterna
hirundo) fand, hatte die Güte, mir dieselbe zur Beschreibung
zur Verfügung zu stellen.
Erklärung der Tafeln V-VII.
NB. Sämmtliche Figuren sind mit Hülfe der Camera lacida
von Nächst gezeichnet worden. Die Angabe der Combinationen
bezieht sich auf ein kleines Hartnack'sches Mikroskop mit einge-
stossener Kammer. Als Objekte dienten meist in Harzeinschluss
präparirte Milben.
78 G. Haller:
Taf. V.
Fior. 1 — 5. Die dritte Extremität einer Seite der Mäniiclien
von Anaiges digitatus, hidentatus, pachycnemüis, tridentulatus und
polUcipatus bei Oc. 3 Syst. G.
Fig. G. Geuitalapparat von Dim. aculeatus. J^ Oc. 5 Syst. 6.
Fig. 7 — 10 bez. s. auf Dim. Tyrelli.
Fig. 7. Männchen von der Dorsalfläche. Oc. 3 Syst. 6.
Fig. 8. Die Beine der rechten Seite bei Oc. 4 Syst. 6.
Fig. 9. Eigenthümlich verbreiterter Dorn vom oberen Rand
des zweiten Gliedes der 2. Extremität bei Oc. 5 Syst. 7.
Fig. 10. Endglied des vierten Fusses des Männchens. Oc. 5
Syst. 7.
Fig. 11 und 12 bez. s. auf Dim. gladiator mihi.
Fig. 11. Die drei ersten Glieder der ersten Extremität. Oc. 4
Syst. 6.
Fig. 12. A Endglied des dritten, B des vierten Fusses des
Männchens. Oc. 3 Syst. 7.
Fig. 13 und 14 bez. s. a. Dim. calcaratus mihi.
Fig. 13 Endglied des dritten, Fig. 14 des vierten Beines des
Männchens, beide bei Oc. 3 Syst. 4.
Fig. 15 — 18 auf Dimorph, forcipatus mihi.
Fig. 15. Männchen von der Dorsalfläche aus gesehen. Oc. 3
Syst. 6.
Fig. 16. Die drei ersten Glieder des ersten Beinpaares. Oc. 4
Syst. 6.
Fig. 17. Die Zange zwischen dem vorletzten und letzten
Gliede des dritten Beinpaares des Männchens. Oc. 5 Syst. 7. h u. h'
access. Höcker, k Chitinkamm, z zahnförmiger Chitinvorsprung.
Fig. 18. Weibchen von der Bauchfläche, die Extremitäten nur
einseitig gezeichnet. Oc. 3 Syst. 6.
Taf. VI.
Fig. 1 — 3 bez. s. a. Dim. pici majoris Buchh.
Fig. 1. Hinteres Abdominalende des Männchens. Oc. 3 Syst, G.
Fig. 2. Die zwei ersten Extremitäten einer Seite. Oc. 4 Syst. 6.
Fig. 3. Sporn an der Innenseite der dritten Extremität des
Männchens. Oc. 5 Syst. 7.
Fig. 4. Männchen von Dim. appendiculatus mihi von der
Ventralfläche. Oc. 3 Syst. 6.
Fig. 5. Dessen letztes Glied des dritten Fusses. Oc. 5 Syst. 7.
Fig. 6 und 7. Weibchen und Männcfhen von Pteronyssiis
Simplex mihi bei Oc. 3 Syst. 6.
Fig. 8. Männchen des Pter. guadratus mihi von der Bauch-
fläche. Oc. 3 Syst. 6.
G. Haller: Zur Kenntniss der Dermaleichiden. 79
Fig. 9. Männchen von Ptcrocolus gracüepmnatus mihi von der
ßauchfläche. Oc. 3 Syst. 6.
Fig. 10. Larve ders. Art von der Rückenfläche. Oc. 3 Syst. 6.
Fig. 11 und 12. Männchen und Weibchen von Pterocol.
imisetatus mihi von der Uauchfläche. Oc. 3 Syst. 6.
Taf. VII.
Fig. 1 — 5 bez. s. auf Dim. Puffini Buchh.
Fig. 1. Männchen von der Rückenfläche. Oc. 3 Syst. 6.
Fig. 2. Dasselbe von der Bauchfläche. Oc. 3 Syst. 6.
Fig. 3. Endglied des dritten Fusses mit dem access. Begat-
tungsapparate und dem Haftläppchen im optischen Querschnitte.
Oc. 5 Syst. 7. y die beiden Zähnchen an der Innen-, x der riffartige
Vorsprung an der Aussenseite.
Fig. 4. Weibchen von der Rücken-,
Fig. 5. Dasselbe von der Bauchfläche. Beide Fig. bei Oc, 3
Syst. 6.
Fig. 6—8 bez. sich auf den Mundapparat des . erwachsenen
Männchens, Fig. 9 der Larve von Pterocolus gracüepinnatus mihi,
Fig. 10 von Änalges spec. innom. von Empidonax flaviventris. Alle
Fig. bei Oc. 5 Syst. 7.
In Figur 6 — 10 bedeutet e Epistom, k^ — k^ das erste bis dritte
Kieferpaar, pm Palpus maxillaris, ul Unterlippe, ult Unterlippentaster.
Zur Entwicklungsgescliiclite des Leberegels
(Distomum hepaticum).
Von
Rudolf Leuckart.
Hierzu Tafel VIII.
Bei der Beurtheilung der Entwicklungs- und Lebens-
geschiclite des Leberegels sind wir bislang auf blosse Ana-
logieschlüsse angewiesen gewesen. Auf Grund derselben
hielten wir uns zu der Annahme berechtigt, dass die Em-
bryonen, die in den nach aussen gelangten Eiern unter
günstigen Umständen sich entwickeln und nach dem Aus-
schlüpfen, wie das Creplin^) schon vor mir 2) beobachtet
hat, nach Art der Flimmerinfusorien eine Zeitlang im
Wasser umherschwimmen, schliesslich in eine Schnecke
einwanderten und in dieser dann zu Keimschläuchen wür-
den, deren Brut in dem definitiven Wirthe wiederum zu
Leberegeln heranwüchse. Das gesellige, meist massenhafte
Vorkommen der ausgebildeten Parasiten legte weiter noch
die Vermuthung nahe, dass diese Brut, statt, wie gewöhn-
lich bei den verwandten Schmarotzern, in Cercarienform
auszuschwärmen und einen neuen Zwischenwirth zu suchen,
der die jungen Würmer dann einzeln an den späteren Wirth ab-
liefere, als schwanzlose Distomeen, gleich der Brut des
sog. Leucochloridium, an ihrer Bildungsstätte verharren
dürfte und mit der den Keimschlauch beherbergenden
1) Ersch und Gruber's Encyclop. Bd. XXIX S. 328. Nach-
trag zum Art. Distoma.
2) Parasiten des Menschen Bd. I. S. 565.
Rudolf Leuckart: Zur Entwlcklungsgesch. d. Leberegels etc. 81
Schnecke gleich in grösserer Menge in den definitiven
Träger tibergehe.
So ungefähr wird die Lebensgeschichte des Leberegels
in unseren neuern helminthologischen Werken dargestellt,
und so auch meist in den landwirthschaftlichen Schulen
gelehrt. Aber Analogieschlüsse haben bekanntlich keine
absolute Beweiskraft, und dieser Umstand macht es denn
erklärlich, dass sich, besonders in Kreisen, denen eine
specifisch helminthologische Bildung abgeht, gelegentlich
Stimmen geltend zu machen suchen, die den hier kurz ent-
wickelten Ansichten eine jede Berechtigung absx)rechen,
und gelegentlich sogar unter dem Scheine eines besseren
Verständnisses Alles in Frage stellen, was die moderne
Helminthologie, was selbst das helminthologische Experiment
uns über die wunderbaren Schicksale der Eingeweide-
würmer gelehrt hat. Selbst ein Weltblatt wie die Times
hat sich diesen Stimmen nicht verschliessen können und
in der Mittwochs -Nummer vom 7. April 1880 u. a. den
Aufsatz eines gewissen Dr. John Harley gebracht, der
in einer wahrhaft monströsen Form einer solchen Miss-
achtung Ausdruck giebt. Freilich geschah das, so müssen
wir hinzufügen, unter dem unmittelbaren Eindrucke der
Nachrichten über die furchtbaren Verluste, welche die eng-
lischen Schafzüchter während der vorausgegangenen Monate
durch die Distomumkrankheit betroffen hatten, über Ver-
luste, gegen welche die ob ihrer Erfolge so viel gepriesene
moderne Wissenschaft einstweilen weder Schutz, noch Ab-
hülfe zu bieten vermochte.
Ein Feind, dessen Natur und Position unserer Kennt-
niss sich entzieht, ist schwer zu bekämpfen. Und als solch
ein Feind musste der Leberegel so lange gelten, als seine
Schicksale experimentell nicht verfolgt, seine Lebensge-
schichte nicht erforscht war. Ein ertahrener und ratio-
neller Landwirth mochte es immerhin für zweckmässig
erachten, das erkrankte Vieh vom Weidegange abzuhalten,
und es zu hindern, die Eier seiner Parasiten auszustreuen,
einen ausgiebigen Erfolg aber konnte er erst dann von
seinen Vorsichtsmassregeln erwarten, wenn er mit der
Kenntniss des Zwischenwirthes zugleich eine Einsicht in die
Archiv für Naturg., XXXXVIII. Jahrg. 1. Bd. 6
82 Rudolf Louckart:
Brutstätten der Parasiten und die Infection seiner Heerden
gewonnen hatte.
Vor allen Dingen also galt es im Interesse sowohl
der Praxis, wie der wissenschaftlichen Erkenntniss, die
Frage nach der Beschaffenheit und der Natur dieses
Zwischenwirthes zur Lösung zu bringen.
In der Voraussetzung, dass es wirklich eine Schnecke
ist, die den Zwischenwirth des Distomum hepaticum abgiebt,
kann bei der Feststellung dieses Trägers eine nur geringe
Anzahl von Formen in Betracht kommen. Wissen wir doch,
dass auf den Faröern, auf denen nach den Beobachtungen
von Willemoes-Suhm's das Distomum hepaticum in den
Schafen sehr häufig ist, überhaupt nur acht Schnecken
leben, vier Nacktschnecken {Arion ater, Ar. cinctus, Limax
agrestis, L. marginatus) und vier Gehäuseschnecken ( Vitrina
pelluciday Hyalina alliaria, Limnaeus pereger und L. trun-
catulus). Unter diesen acht Schnecken, und vermuthlich
den häufigsten derselben, wird also der Zwischenträger zu
suchen sein. v. Willemoes-Suhm selbst ist zumeist geneigt,
den Limax agrestis, der auf den Faröern die bei Weitem ge-
meinste und gefährlichste Schnecke sei, auch häufig auf den
Schafweiden vorkomme und gewiss oftmals mit dem Grase
gefressen werde, für den Zwischenträger zu halten ^), ob-
wohl er denselben bei seinen Untersuchungen (an Ort und
Stelle) stets frei vonDistomen fand. Roll es ton spricht sich 2)
bei Gelegenheit der über die Lebensfäule in der „Times"
geführten, schon oben erwähnten Discussion gleichfalls zu
Gunsten einer Nacktschnecke aus, glaubt aber auf Grund
der geographischen Verbreitung, dass nicht der Limax
agrestis, sondern der Arion ater (der übrigens richtiger,
wie er meint, als A. hortensls bezeichnet werde) als Zwischen-
1) Schon früher hatte übrigens Moulinie auf die von ihm
bei Limax und Helix entdeckten Keimschläuche mit stummelschwän-
zigen Cercarien als die rauthmasslichen Jiigendformen unseres
Distomum hingewiesen. (Mem. Inst. Genev. T. III). Was sich gegen
diese Vermuthung sagen lässt, ist bereits 1863 von mir (Parasit.
Bd. I S. 570 Anm.) geltend gemacht.
2) Times vom 14. April 1879, sowie Ztschr. für wissenschaftl.
Zool. Bd. XXIII S. 339.
Zur Entwickliingsgescli. des Leberegels (Distomiim hepaticum). 83
träger fig-iirire *). Die experimentelle Bestätigung dieser
Vermiithinig, die Rolleston unter Hinweis auf die zu
diesem Zwecke von ihm und seinen Schülern unternom-
menen Züchtungsversuche in nahe Aussicht stellen zu dürfen
glaubte, ist freilich ausgeblieben, und wird auch schwer-
lich jemals geliefert werden, obwohl die Nacktschnecken
inzwischen auch von anderer Seite mehrfach (von Küchen-
meister und Joseph) der Uebertragung der Distomum-
keime verdächtigt sind.
Noch bevor übrigens Rolleston seine Behauptung
veröffentlichte, hatte ich bereits auf experimentellem Wege
die Ueberzeugung gewonnen, dass es nicht die Nackt-
schnecken, sondern die schalentragenden kleinen Limnaeen
seien, in denen die Flimmerembryonen unseres Distomum
sich ansiedeln und entwickeln.
Bei einem Besuche des Dresdener botanischen Gartens
fand ich gegen Ende Juli des Jahres 1879 in den dortigen
Aquarien die Jugendformen eines kleinen Limnaeus, die
ich auf Rossmässler^s Angabe hin, dass die betreffende
Localität den L. minutus (= L. trimcatulus) beherberge,
auf diesen letzten zu beziehen mich versucht fühlte. Da
ich nun im Laufe des betreffenden Sommers gerade zahlreiche
Embryonen von Dist. hepaticum gezüchtet und fast alle
mir hier zur Disposition stehenden Schnecken (darunter
auch Limnaeus aurictdaris, L. palustris und L. pereger,
allerdings, wie ich hinzufügen muss, stets nur in mehr
oder minder erwachsenen Exemplaren) vergebens mit den-
selben zu inficiren versucht hatte, fasste ich den Entschluss,
auch die neue Art zum Experimente heranzuziehen. Zu
meiner freudigen Ueberraschung fand ich denn auch schon
nach wenigen Tagen eine Anzahl der von mir gesammelten
Schnecken mit meinen Embryonen besetzt. Sie hatten in
der Athemhöhle, meist nahe der Niere, ihr Quartier auf-
geschlagen, und waren zu nackten mehr oder minder kug-
ligen Körpern geworden, die bald vereinzelt, bald auch
in grösserer Anzahl, fast klumpenförmig vereinigt, durch
eine zarte zellige Umhüllung an dem Athemdeckel befestigt
1) Zool. Anz. 1880 S. 400.
84 Rudolf Leuckart:
waren, lieber die Abstararaimg der Schmarotzer von den
eingewanderten Embryonen konnte kein Zweifel sein. Nicbt
bloss, dass dieselben den für letztere so charakteristischen
Kopfzapfen besassen, sie trugen auch in dessen Nähe noch
das frühere Embryonalauge, allerdings nicht mehr in Form
eines einfachen x-förmigen Fleckens, sondern als zwei un-
regelmässig gestaltete schwarze Punkte, deren Beziehungen
zu den früher vereinigten zweien Hälften schon durch die
verschiedene Weite ihres Abstandes zur Genüge sich kund-
that. Aber nicht nur das Aussehen unserer Thiere war
ein anderes geworden. Sie hatten auch insofern sich ver-
ändert, als ihre Gesammtmasse gegen früher nicht unbe-
trächtlich zugenommen hatte, und die hellen Zellen, welche
den grössten Theil des embryonalen Körperparenchyms
bildeten, theilweise in ansehnliche Ballen verwandelt waren,
in denen man bei näherer Untersuchung geschlossene Haufen
rundlicher Zellen erkannte, wie in einem durchfurchten
Eie. Es hatte mit andern Worten bereits eine Weiterent-
wicklung unserer Parasiten stattgefunden; die früheren
Embryonen waren offenbar im Begriffe, zu Keimschläuchen
zu werden.
Obwohl nicht alle meine Schnecken inficirt waren,
musste ich doch Angesichts der hier geschilderten Zustände
zu der Ueberzeugung kommen, dass ich in meinem Limnaeus
minutus den wirklichen Zwischenträger des Distomum hepa-
ticum gefunden hatte. Doch die in nur massiger Zahl
gesammelten Versuchsthiere waren rasch durchsucht, und
ich war in meinen Beobachtungen nur um Weniges und
kaum Wesentliches vorwärts gekommen. Die Parasiten
wuchsen, veränderten auch wohl ihre Gestalt in's Längliche,
vermehrten die Zahl und Grösse ihrer Keimballen, — doch
das war auch nahezu Alles, was weiter zur Beobachtung
kam. Zwei Sendungen von Dresden, meist etwas grös-
sere Schnecken, erwiesen sich der Infection nur wenig
zugänglich und gingen im Laufe des folgenden Monats,
während meiner Abwesenheit von Leipzig, bis auf einige
wenige grössere Exemplare zu Grunde. Und diese letz-
teren ergaben sich bei der Untersuchung als parasitenfrei.
Da inzwischen auch mein Zuchtmaterial vollständig
Zur Entwicklungsgesch. des Leberegels (Distomum hepaticum). 85
verbraucht war, musste ich mich einstweilen mit dem ge-
wonnenen Resultate begnügen. Versprach dasselbe doch
in weiterem Verfolge die Frage, die mich schon so oft
und so lange beschäftigt hatte, zu einem befriedigenden
Abschlüsse zu führen.
In diesem Sinne äusserte ich mich auch gelegentlich
gegen befreundete Fachgenossen und Schüler, zumal die
letzteren vielfach die Zeugen meiner Funde gewesen waren.
Cobbold berichtete darüber — ohne Beachtung zu finden —
kurz an die Times, und ein mir unbekannter Correspondent
an die Oesterreichische landwirthschaftliche Zeitung. Beide
Male hiess es, dass es mir gelungen sei, in dem Limnaeus
mimitus den lange vergebens gesuchten Zwischenträger des
berüchtigten Leberegels nachzuweisen.
Es war übrigens nicht das erste Mal, dass der Lim-
naeus minutus mit unserm Distomum in Beziehung ge-
bracht wurde. Einige Jahre früher hatte bereits Wein-
land in seinem Werke über die Weichthierfauna der
Schwäbischen Alp 0 hervorgehoben, dass er in der Leber des
Lim. truncatulus Keimschläuche mit Cercarien aufgefunden
habe, die ein feines Stachelkleid besässen und vielleicht
um so eher die Jugendformen des Dist. hepaticum ab-
geben dürften, als sie eine entschiedene Neigung zeigten,
an fremden Gegenständen umherzukriechen und daselbst
sich zu verkapseln.
Bei wiederholter Untersuchung und Vergleichung der
von mir gesammelten Schalen kam mir aber allmählich
ein Zweifel, ob dieselben in Wirklichkeit dem Li^nn.
minutus {L. truncatulus) angehörten. Form und Windung
schien nicht recht auf die mir vorliegenden authentischen
Gehäuse zu passen, und die von mir zu Rathe gezogenen
Beschreibungen führten mich immer mehr und bestimmter
auf den Limn. pereger hin. Als dann schliesslich auch
mein früherer Schüler Kobelt, unser heutiger Rossmässler,
in gleichem Sinne sich aussprach, ja die ältesten der ein-
geschickten Schalen entschieden als solche von L. pereger
in Anspruch nahm, da musste ich natürlich die Ueberzeugung
1) Stuttgart 1875. S. 101.
86 Rudolf Leuckart:
gewinnen, dass es der letztere, und nicht Lhnn. truncatulus
gewesen sei, mit dem ich experimentirt hatte. Bei früheren Ver-
suchen liatte sieh dieser nun freilich niemals in meinen Aqua-
rien inficiren lassen. Allein ich hatte damals nur mit nahezu
voUwüchsigen Thieren experimentirt, während die Dresdener
Exemplare sämmtlich noch Jugendformen waren und zum
Theil erst vor Kurzem das Ei verlassen hatten. Ich glaubte
mich auch der Thatsache zu erinnern, dass die mit Keim-
schläuchen besetzten Thiere vornehmlich den kleinern und
Jüngern Exemplaren angehört hatten, und machte mich —
zugleich im Hinblick auf gewisse andere, wenn auch zu-
nächst nur den Wirbelthieren entnommene Erfahrungen —
mit der Zeit immer mehr mit dem Gedanken vertraut, dass
auch im vorliegenden Falle die Jugendformen weit sicherer
und leichter sich inficiren Hessen, als die grösseren und
ausgewachsenen Thiere. Natürlich, dass alsbald der Ent-
schluss gefasst wurde, die eventuelle Berechtigung der
Vermuthung durch das Experiment zu prüfen.
Doch die Gelegenheit dazu sollte länger auf sich warten
lassen, als ich erhoffte.
Der Sommer 1880 verging, ohne dass ich in der Lage
war, meine Experimente fortzusetzen. Ich erhielt allerdings
durch die freundliche Theilnahme des Herrn Dr. Meisner
in Dresden, der mich auch früher schon mehrfach durch Zu-
sendung helminthologischen üntersuchungsmateriales unter-
stützt hatte, ein Paar mit Distomum besetzte Lebern, aber
sie lieferten mir nur spärliches Zuchtmaterial. Und dieses
ging obendrein durch ein Chytridium, das ich schon früher
bei meinen Culturen von Distomum und Bothriocephalus
als einen gefährlichen Ei-Parasiten kennen gelernt hatte,
vollständig zu Grunde.
Erst der vergangene Sommer gestattete mir — Dank
der Beihülfe des Veterinär- medicinischen Vorstandes des
Berliner Viehhofs und insbesondere des Herrn Departements-
thierarztes Dr. Pauli — die Wiederaufnahme meiner Ex-
perimente. Dieselben haben nicht nur meine Vermuthung
bestätigt, dass es nur die jüngeren und jüngsten Exemplare
unseres Limnaeus pereger sind, in welche die Embryonen
des Leberegels einwandern, während die älteren Schnecken
Z ur EntwickluDgsgesch. des Leberegels (Distomum hepaticum). 87
völlig immun sind, sie haben mich auch sonst in der Er-
kenntniss der Entwicklungsvorgänge dieses Wurmes um
ein Beträchtliches gefördert, und eine Anzahl von That-
sachen enthüllt, die, wie sie in Hinsicht auf die Praxis
wichtige Consequenzen haben, so auch auf die Bildungsge-
schichte der Distomeen mehrfach neues Licht werfen. War
es doch nahezu das erste Mal, dass die Entwicklung eines
derartigen Thieres, und namentlich dessen erste Geschichte,
zum Gegenstande einer methodisch ausgeführten Experi-
mentaluntersuchung gemacht wurde.
Zu einem vollen Abschlüsse haben meine Untersuchun-
gen, wie wir sehen werden, aber auch dieses Mal nicht
geführt. Trotzdem aber trage ich keinen Anstand, sie
schon in ihrer jetzigen unvollkommenen Form zu veröffent-
lichen. Theils wegen des praktischen Interesses, welches
die Frage nach den Schicksalen unseres Helminthen,
materiell vielleicht von allen, die unsere Heerden heim-
suchen, des bei Weitem wichtigsten, hat — schätzt man
doch die Verluste, welche derselbe herbeiführt, allein für
das mittlere Europa jährlich auf viele Millionen — theils
auch in der Hoffnung, durch meine Mittheilungeu die
Theilnahme wenn nicht der landwirthschaftlichen Mini-
sterien ^) und Vereine, so doch wenigstens die der Land-
wirthe, Veteriuärärzte und Zoologen für eine Frage wach
zu rufen, die vielleicht nur durch ein thätiges und umfang-
reiches Zusammenwirken der verschiedensten Kräfte in
allseitig befriedigender Form gelöst werden kann.
Bevor ich jedoch zu einer näheren Darlegung meiner
Untersuchungen übergehe, darf ich wohl die Frage erörtern,
ob denn der Lymn. pereger der einzige Zwischenträger
unseres Distomum sei. Die negativen Resultate der früheren
1) Ich will bei dieser Gelegenheit übrigens dankbar hervorheben,
dass das kg!. Sächsische Ministerium des Innern, dasselbe, welches be-
kanntlich einst die Cestodenversuche Küchenmeister 's und Haub-
ner's in liberalster Weise ermöglichte, auch mir alsbald auf meine Vor-
stellung einen Geldbetrag zur Infection von Schafen mit Distomum-
brut zur Disposition gestellt hat. Leider bin ich, wie das weiter
unten von mir auseinandergesetzt werden wird, bis jetzt noch nicht
in der Lage gewesen, die verwilligten Fonds in Anspruch zu nehmen.
88 Rudolf Leuckart:
InfectioDSversuche können natürlich jetzt, nachdem wir die
Unterschiede in der Infectionsfähigkeit der verschiedenen
Alterszustände kennen gelernt haben, nicht mehr als ent-
scheidend gelten. Sie müssen unter Rücksichtnahme auf
diese neue Thatsache wiederholt werden. So weit ich
selbst dazu im Laufe des Sommers im Stande war, habe
ich freilich immer nur die alten negativen Ergebnisse er-
halten. Physa, Succinea, PlanorbiSy auch Faliidina^ Ancylus,
CyclasViQsseii sich auch in jugendlichenFormen nicht inficiren.
Ein Gleiches gilt für Limnaeus auricitlaris und L. palustrisj
obwohl ich in den ersten Jugendzuständen des letztern einige
Male einen frisch eingewanderten, nach Abstreifen des Flim-
merkleides aber rasch abgestorbenen Embryo auffand. Auf
Landschnecken habe ich meine Infectionsverhältnisse nicht
ausgedehnt. Es fehlte mir dazu an dem geeigneten
Materiale. Aber auch für diese glaube ich mit grosser
Bestimmtheit die Immunität voraussagen zu dürfen. Und
das schon desshalb, weil die Flimmerembryonen, die schon
im feuchten Schlamme ihre Beweglichkeit einbüssen und
zu Grunde gehen, doch vermuthlich nur ein Wasserthier
angehen.
In welchen Verhältnissen wir die Ursachen dieser
Erscheinung zu suchen haben, ist einstweilen unbekannt.
Zum Theil mögen dieselben in der verschiedenen Be-
schaffenheit des Thierkörpers, der den Angriffspunkt der
Parasiten abgiebt, in gewissen Eigenschaften also des
thierischen Gewebes, zu suchen sein. So ist mir bei meinen
Untersuchungen u. a. der Umstand aufgefallen, dass das
Körperparenchym von Limnaeus pereger^ im Gegensatze
zu dem des L. palustris, eine ausserordentlich schleimige
Beschaffenheit besitzt und desshalb denn auch weit leichter
mit fremden Gegenständen in Contact bleibt. Freilich
muss ich es unentschieden lassen, ob dieser Umstand bei
der Auswahl des Wirthes irgendwie in's Gewicht fällt.
Trotz der hier angezogenen negativen Ergebnisse
bin ich übrigens der Meinung, dass neben — und vielleicht
sogar vor — unserm Limnaeus pereger in dem schon Anfangs
erwähnten L. trimcatulus {L. minutus) noch ein zweiter
Zwischenwirth für unsern Parasiten existirt. Die Gründe
Zur Entwicklungsgesch. des Leberegels (Distomum hepaticum). 89
für meine Annahme entnehme ich nicht bloss der Thatsache,
dass diese beiden Arten in Bau und Lebensweise einander
weit näher stehen, als die übrigen bei uns einheimischen
Limnaeen, vor denen sie auch eine viel weitere geogra-
phische Verbreitung voraushaben, sondern weiter noch einem
später besonders anzuziehenden positiven Befunde, der mich
aller Wahrscheinlichkeit nach mit der ausgebildeten Jugend-
form unseres Distomum bekannt gemacht hat.
Jedenfalls sind bis auf Weiteres diese beiden Arten
gleichmässig in's Auge zu fassen, wenn es gilt, die Gefähr-
lichkeit einer Weidestelle zu beurtheilen, und durch Aus-
rottung der Zwischenträger unsere Heerden gegen die
Distomumseuche nach Kräften zu schützen.
Indem ich nach diesen Bemerkungen nun zu dem
eigentlichen Gegenstande meiner Darstellung übergehe, es
also versuche, die Entwicklungsgeschichte des Distomum
hepaticum^ so weit ich sie bis jetzt erforscht habe, ihren
wesentlichen Zügen nach zu schildern, sind es natürlich
zunächst die Embryonen, denen wir unsere Aufmerksam-
keit zuwenden.
Der Embryo des Leberegels gelangt bekanntlich ^) erst
dann zur Ausbildung, wenn die Eier mit dem Kothe der
erkrankten Thiere nach Aussen abgelegt sind, und im Wasser
resp. dem feuchten Wiesengrunde die günstigen Entwick-
lungs-Bedingungen gefunden haben. Die Zeit, die darüber
verstreicht, wechselt nach der umgebenden Temperatur,
dürfte aber nur selten, auch des Sommers, unter vier bis
sechs Wochen herabsinken. Vor Mitte und Ende Juni
habe ich in meinen Aquarien nur selten ausgebildete Em-
bryonen beobachtet, obgleich dieselben oftmals schon im
Spätherbst oder Winter mit Eiern besetzt waren und im
geheizten Baume gehalten wurden. Es bedarf einer Tem-
peratur von mindestens 16*^ K, um die Entwicklung zu
unterhalten. Die erste Periode des Ausschlüpfens fällt
hiernach so ziemlich mit der ergiebigsten Laichzeit unseres
Lwinaeus pereger zusammen.
In den Aquarien suchen die Thierchen mit besonderer
1) Vergl. hiezu Leuckart, Parasiten a. a. 0.
90 Rudolf Leuckart:
Vorliebe die Lichtseite und die obern Wasserschichten, in
denen sie sich zu Zeiten, besonders bei reicher Besetzung,
in förmlichen Schwärmen ansammeln, Ihre Bewegung ist
ausserordentlich rapide, weit schneller, als die der Infu-
sorien, mit denen unsere Thiere sonst leicht verwechselt
werden könnten. So lange sie schwimmen, haben sie
(Fig. 1) die Gestalt eines schlanken Kegels von 0,15 mm
Länge, so dass sie schon mit unbewaffnetem Auge leicht
zu erkennen sind. Und das um so mehr, als sie durch
eine gelblich-weisse Färbung scharf gegen ihre Umgebung
sich absetzen. Die Basis des Kegels wird beständig nach
vorn getragen. Sie bildet eine 0,04 mm breite schwach
gewölbte Fläche, die nach hinten kragenförmig übergreift,
und im Centrum einen stumpfen flimmerlosen Zapfen trägt,
der als ein Tastapparat zu fuugiren scheint. Wenn der-
selbe, wie es gewöhnlich geschieht, nach innen eingezogen
wird, dann sieht man die benachbarten Kopfränder kapuzen-
artig über ihm sich zusammenlegen. Die Flimmerhaare,
welche den Körper in uniformer Anordnung bedecken,
haben am Kopfe die beträchtliche Länge von 0^01 mm und
sind hinten nur wenig kürzer. Sie beginnen ihre Be-
wegungen erst beim Hervorschlüpfen der Embryonen, in
demselben Augenblicke, in welchem sie mit dem umgebenden
Wasser in Berührung kommen. So lange die jungen Wür-
mer noch von der Eischale umschlossen sind, bleiben die
Haare ruhend, obwohl die Flimmertrichter des Wasser-
gefässsystems schon längst in Thätigkeit sind.
Die hier geschilderte schlanke Kegelform besitzen
unsere Thierchen aber nur während der freien Bewegung.
Sobald sie auf einen fremden Gegenstand stossen oder sonst
gestört werden, ziehen sie sich unter entsprechender Ver-
dickung bis auf zwei Dritttheile der früheren Länge zu-
sammen. Sie erscheinen dann mehr birnförmig, mit schlan-
kerm Hinterkörper und aufgetriebenem Vorderieibe (Fig. 2).
Beide Abschnitte sind so ziemlich von gleicher Länge,
aber keineswegs bloss, wie wir sehen werden, durch ihre
Form von einander verschieden. Daneben lässt sich, wie
früher, noch der Kopf mit dem kragenartig übergreifen-
den Rande als ein besonderer Abschnitt unterscheiden.
Zur Entwicklungsgesch. des Lcberegels (Distomum hepaticum). 91
Die äussere Begrenzung des Embryonalkörpers wird
(Fig. 1) von einer Epidermis oder, wenn man lieber will,
von einer Ectodcrmschicht gebildet, deren Zellen in geschlos-
sener einfacher Lage neben einander liegen und die loeomo-
tivcn Flimmerhaare tragen. Bei den Embryonen von Bist,
cygnoiäes sollen diese Zellen nach Wagen er ^) je nur mit
einer einzigen Wimper versehen sein, in unserm Falle
aber ist es ein ganzer Wald von Haaren, der denselben
aufsitzt. Dafür aber haben diese Zellen eine sehr ansehn-
liche Grösse. Es gilt das namentlich für die Zellen des
Hinterleibes, welche, den Darmzellen gewisser Rhabditiden
vergleichbar, zu je zweien den ganzen Körperumfang um-
fassen und, in zwei Reihen über einander angebracht, nie-
mals mehr als vier an Zahl betragen. Auch die Zellen
des Vorderkörpers sind in Querreihen angeordnet, aber
kürzer und schmaler, da die Zahl der Reihen vier beträgt,
und in jeder Reihe meist wieder vier Zellen neben einander
stehen. Nur in der zunächst auf den Kopftheil folgenden
Reihe zähle ich deren sechs. Der Kopftheil selbst ist von
einer einzigen Zellenreihe umgeben.
Man erkennt diese Zellen am deutlichsten an Präpa-
raten, die man einige Augenblicke der Einwirkung ver-
dunstender Ueberosmiumsäure ausgesetzt hat. Sie erscheinen
als sechseckige Platten, die mit ihren Seitenrändern an
einander stossen, in den einzelnen Reihen also alterniren,
und je einen grossen Kern in sich einschliessen. Da die
Zellen eine ziemlich grosse Dicke besitzen, kann man in der
Profillage des Thieres auch deren Einfügung deutlich beo-
bachten. Die Ränder sind keilförmig abgeflacht und mit-
telst einer förmlichen Sehuppennaht mit einander ver-
einigt.
Durch diese Art der Zusammenfügung mag es auch
seine Erklärung finden, dass die Zellen sich leicht einzeln
von ihrer Unterlage ablösen und den Embryonalleib
als eine nackte Masse zurücklassen. An dieser erkennt
man auf der Aussenfläche sodann eine cuticulaartige, scharf
gezeichnete Grenzschicht, unter der in ganzer Ausdehnung
1) Zeitschr. f. wissensch. Zoologie. Bd. IX. S. 8G.
92 Rudolf Leuckart:
eine ziemlich dicl?:e und helle Substanzlage hinzieht, die
als Leibeswand zu betrachten ist. Obwohl nämlich den
sog. Parenchymwürmern zugehörig, besitzen unsere Thiere
doch schon im Embryonalzustande eine Leibeshöhle d. h.
einen Innenraum, der sich durch Aussehen und Beschaffen-
heit deutlich gegen seine Umgebung absetzt. Dass die
Inhaltsmassen diesen Raum vollständig füllen und mit den
KörDcrwänden ein scheinbar zusammenhäniiendes Ganzes
bilden, kann unsere Auffassung um so weniger ändern, als
die ersteren in Folge ihrer Consistenz- und Lagenverhält-
nisse eine ziemlich ausgiebige Verschiebung zulassen.
Ihre grösste Dicke erreichen die Körperwände in dem
Kopftheile, der desshalb denn auch von allen Körperab-
schnitten der stärkste ist und seine Grundform am wenig-
sten verändert. Die zähe und anscheinend auch struktur-
lose Substanzmasse derselben springt nach Innen sogar
wulstartig vor, so dass der Innenraum merklich verengt
wird. Am hinteren Rande des Kopfes sind in diese Grund-
substanz die zwei x-förmig vereinigten Augenflecke einge-
lagert, die keineswegs der äusseren Zellenlage angehören,
und desshalb denn auch den Verlust derselben überdauern.
Uebrigens sind die Augenflecke nicht die einzigen
Gebilde, welche in der Körperwand sich auffinden lassen.
Auch mit Muskelfasern und Wassergefässen ist dieselbe
ausgestattet, obwohl die einen, wie die andern Aveit weniger
auffallen, als die Gesichtsorgane.
Was zunächst die Muskeln betrifft, so bilden diese
eine dünne, dicht unterhalb der äusseren Cuticularschicht
hinziehende Lage zarter Längs- und Ringsfasern, die sich
abwechselnd zusammenziehen, und dadurch die oben er-
wähnten Form Veränderungen des Wurmkörpers herbeiführen.
Die Ringmuskeln sind am stärksten entwickelt, im Ganzen
auch wohl ihrer Wirkung nach die kräftigsten. Man sieht
sie schon in Activität, bevor der Embryo geboren ist, zu
einer Zeit bereits, in der noch nicht einmal die Augen-
flecke angelegt sind. Sie erstrecken sich dem Anscheine
nach ziemlich gleichmässig über die gesammte Körper-
fläche, wenn auch anzunehmen ist, dass ihr Verhalten im
Kopfende mancherlei Abweichungen darbietet.
Zur EntwicklimgsgGsch. des Leberegels (Distomum hepaticum). 93
Auf die Anwesenheit eines excretorischen Apparates
wird man zunächst dadurch aufmerlvsam, dass man an der
vorderen Grenze des Hinterleibes, symmetrisch rechts wie
links, die Augenfleeke nach oben oder unten gedacht, eine
Flimmerstelle entdeckt, die (Fig. 2) der Leibes wand ange-
hört und bei näherer Untersuchung als ein Flimmertrichter
erkannt v/ird, wie er hei den erwachsenen Trematoden
(und Cestoden) neuerdings in weiter Verbreitung nachge-
wiesen wurde. Ich habe dieses Gebilde bereits im Jahre
1863 bei unseren Embryonen aufgefunden und schon da-
mals als Flimmertrichter gedeutet ^), es auch im Laufe der
Zeit bei den Embryonen zahlreicher anderer Trematoden
beobachtet, so dass sein allgemeines Vorkommen kaum zu
bezweifeln ist ^). Auffallender Weise sind die Trichter
übrigens nicht in allen Zuständen gleich deutlich. Man
sieht sie bald ausgedehnt und mit heller Flüssigkeit gefüllt,
in der die flackernde Bewegung der Haare auf das schärfste
hervortritt, bald auch zusammengefallen, so dass sie nur
mit Mühe sich auffinden lassen. Es sind kurze, schräg
nach hinten und innen verlaufende, schliesslich auch etwas
erweiterte Röhren, welche sich vorne in einen engen Gang
ausziehen, und im Innern, wie mir geschienen, je zwei lebhaft
schwingende Haare tragen. Dass diese, wie es Fraipont^)
und Pintner*) jüngst beschrieben haben, einer Zelle
aufsitzen, welche die OefPnung des Trichters pfropfenartig
verschliesst, habe ich freilich nicht mit Sicherheit beob-
achten können, allein zu Zeiten hatte ich Bilder, die einer
derartigen Auffassung durchaus günstig waren. Jedenfalls
ist das Hinterende der Haare fixirt und die hintere Oeffnung
der Trichter der Leibeshöhle am meisten angenähert. Die
übrigen Theile des excretorischen Apparates markiren sich
1) Parasiten Bd. I S. 766 (Nachtrag).
2) Die von G. Wagener bei den Trematodenembryonen mehr-
fach beobachteten „seitlichen Flimmerstellen" sind sonder Zweifel
gleichfalls auf unsere Trichter zu beziehen. (In einigen Fällen habe
ich übrigens statt zweier Flimmertrichter bei unseren Embryonen
deren drei gefunden, indem sich unterhalb des einen derselben, bald
rechts bald links noch ein überzähliger entwickelt hatte.)
3) Arch. d. Biologie 1880. Vol. I. p. 415.
4) Arbeiten des zool. Inst, in Wien. Bd. III. S. 183.
94 Rudolf I^euckart:
nur selten in deutliclier Weise. Es sind zwei dünne Canäle,
die sich in melir oder minder geschlängeltem Verlaufe nach
hinten in den Körperwänden hinziehen. Ob dieselben, was
allerdings sehr wahrscheinlich ist, mit den Ausläufern der
Flimmertrichter in Zusammenhang stehen, muss ich unent-
schieden lassen. Ebenso wenig weiss ich über die Aus-
mtindungsstelle derselben zu sagen, obwohl es mir gelegent-
lich geschienen hat, als wenn das hintere Leibesende un-
serer Embryonen einen feineu Perus trage. Flimmerhaare
wurden immer nur in den Trichtern aufgefunden, während
Wag euer angiebt, bei seinen Embryonen mehrfach auch
sonst noch Flimmerung gesehen zu haben. Die das Licht
scharf brechenden kleinen Körnchen, welche mitunter in
ziemlicher Menge der Körperwand, besonders der tieferen
Lage derselben, inhäriren, scheinen mit dem excretorischen
Apparate keinerlei Beziehung zu haben.
Die von der Leibeswand umschlossenen Inhaltsmassen
füllen den Innenraum so vollständig, dass man auf den
ersten Blick geneigt ist, dem gesammten Körper unserer
Embryonen ein einziges zusammenhängendes Parenchym zu
vindiciren. Trotzdem aber lässt sich nicht bloss, wie be-
merkt worden, Leibeswand und Inhaltsmasse scharf aus
einander halten, sondern letztere auch wieder (Fig. 2) in
zwei von einander durchaus verschiedene Theile zerlegen,
verschieden sowohl durch Natur und Aussehen, wie durch
ihre Lage. Der eine dieser Theile füllt den gesammten
Vorderkörper. Er besteht aus einer Körnermasse, die trotz
der Abwesenheit einer eigenen Umhüllung allseitig scharf
begrenzt ist und sich mit ihrem vorderen konisch verjüngten
Theile durch den Kopf hindurch bis in die Nähe des Tast-
zapfens verfolgen lässt. Ein Vergleich mit den verwandten
darmführenden Embryonen (z. B. von Amphistomum subdava-
tum) lässt kaum einen Zweifel, dass dieses Gebilde einen rudi-
mentären Darm darstellt. Es gleicht demselben — von den
Unterschieden der histologischen Structur abgesehen — in
einem solchen Grade, dass ich mich lange Zeit versucht
fühlte, es auch physiologisch diesem Apparate zur Seite
zu setzen, bis mich die Unmöglichkeit, eine Mundöffnung
aufzufinden, sowie die Feststellung seiner weitern Schick-
Zur Entwicklungsgesch. des Leheregels (Distomum hepaticum.) 95
sale davon tiberzeugten, dass es in Wirklichkeit nur ein
rudimentäres Organ sei. Natürlich kann uns die Abwesen-
heit distincter Zellen nicht abhalten, die betreffende Masse
als ein Endodermgebilde in Anspruch zu nehmen.
Von durchaus anderer Beschaffenheit sind (Fig. 2)
die Inhaltsmassen des hinteren Körperabschnittes, die aus
deutlichen hellen und scharf gezeichneten Zellen bestehen,
welche in dicht gedrängter Menge den Innenraura erfüllen
und unter dem Drucke der sich coutrahirenden Leibes-
wände nicht selten nach vorn und hinten sich verschieben.
Die Zellen sind 0,009 mm gross und umschliessen in ihrem
körnerlosen Protoplasma einen ansehnlichen bläschen-
förmigen Kern (0,006 mm) mit deutlichem Kernkörperchen.
Die Veränderungen, welche später mit diesen Zellen vor
sich gehen, lassen über die Natur derselben keinen Zweifel.
Sie repräsentiren die erste Anlage der späteren Brut, sind
also die Keimzellen unserer Thiere, Gebilde, die keines-
wegs, wie man das früher meist annahm — nur G. Wagener
macht in dieser Beziehung eine Ausnahme *) — erst nachträg-
lich entstehen, sondern von Anfang an vorhanden sind, und
schon zu einer Zeit sich auffinden lassen, in welcher der Em-
bryo noch weit von seiner definitiven Ausbilduugentfernt ist.
Die Keimzellen sind also Theilstücke des Embryo, sie
sind Embryonalzellen, wie die übrigen, nur dass sie nicht, wie
diese, zur Vergrösserung ihres Trägers dienen, sondern, dem-
selben immer mehr sich entfremdend, den Ausgangspunct
einer neuen Descendenz abgeben. Wir dürften schwerlich
fehlgreifen, wenn wir sie genetisch als Theile (vielleicht
die einzigen Theile) des Mesoderms in Anspruch nehmen.
Die Würmchen, welche ich hier beschrieben habe,
erinnern in so vieler Hinsicht an die von Giard^) und
Mecznikoff^) bei Ophiuren und Turbellarieu beobachteten
1) Vergl. u. a. Zeitschr. für wisseusch. Zool. Bd. IX S. 86,
wo z. B. bei den Embryonen von Dist. cygnoidea ausdrücklich jener
eigenthümlichen Zellenhaufen Erwähnug geschieht, aus denen die
zweite Generation sich entwickele.
2) .Tourn. de l'Anat. et Physiol. T. XV p. 449.
3) Zool. Anzeiger Bd. II S. 547 und 618, Ztschr. für wissensch.
Zool. Bd. XXXV, S. 282 ff.
96 Rudolf Leuckart:
Orthonectiden, dass ich kein BedcDken trage, diese merk-
würdigen, mehrfach, wie die verwandten Dicyemiden, als
Uebergangsformen der Protozoen zu den vielzelligen Orga-
nismen betrachteten Schmarotzer unmittelbar an unsere
Embryonen anzuknüpfen und der Trematodengruppe zuzu-
weisen. Dass dieselben niemals über den Embryonalzu-
stand hinaus sich entwickeln, vielmehr Zeitlebens in diesem
verharren und durch geschlechtliche Diiferenzirung der
Keimzellen zu männlichen und weiblichen Individuen werr
den, kann uns in dieser Auffassung um so weniger beirren,
als die geschlechtsreifen Entozoen der niedern Thiere, wie
ich das an einem andern Orte des Nähern auseinanderore-
setzt und in seinen Consequenzen dargelegt habe ^), ihrem
morphologischen Werthe nach fast sämmtlich auf mehr
oder minder weit entwickelte Jugendformen sich zurück-
führen lassen.
In überzeugender Weise belehrt uns diese Zusammen-
stellung der Orthonectiden mit Distomumembryonen weiter
aber davon, dass die Keimzellen der letzteren nur mit
Unrecht als Gebilde betrachtet werden, welche principiell
von den weiblichen Geschlechtsproducten verschieden sind.
Wenn wir sie trotzdem nach wie vor von letzteren unter-
scheiden, dann geschieht dies mehr aus Opportunitätsgrün-
den, als in der Absicht, sie damit als morphologisch selbst-
ständige Bildungen zu kennzeichnen.
In dem hier beschriebenen Zustande schwimmen nun
die Embryonen unseres Disfomum hepaticum umher, um
ihre Achse sich drehend, rastlos, Stunden lang und viel-
leicht noch länger. Fremde Körper, an welche sie an-
stossen, werden betastet und wieder verlassen, als wenn
dieselben den Erwartungen der Wanderer nicht entsprächen.
DerUmlauf beginnt von Neuem, bald gerade vorwärts, bald
in grösserm oder kleinerm Bogen, nachdem sich der Leib
unter fortwährender Flimmerung nach der Seite der Ab-
lenkung zusammengekrümmt hat. Mitunter sieht man den
Embryo sogar mit völlig eingekrümmtem Leibe ohne Orts-
veränderung um seinen Mittelpunct drehen. Schliesslich
1) Parasiten 2. Aufl. 1880. Bd. I. S. 149.
Zur Entwickln ug8;^escli. des Leberegels (Distomura hepaticum). 97
aber finden unsere Würmchen ein geeignetes Object, eine
Schnecke, in der sie dann bleibend ihren Wohnsitz auf-
schlagen. In der Regel ist es, wie schon oben bemerkt,
die Athemhöhle, in welche sie eindringen, meist bis an's
hintere Ende, so weit die räumlichen Verhältnisse es ge-
statten. Ich habe Schnecken gesehen, die schon nach
zweien Tagen 40, 50 und mehr Eindringlinge, meist dicht
neben einander gehäuft, in ihrer Athemhöhle beherbergten,
während solche im Innern, in der Leber und zwischen den
Darmwinduugen, wenn überhaupt, stets nur vereinzelt auf-
gefunden wurden.
Nur einige wenige Male besassen diese Einwanderer
noch ihr früheres Aussehen. Sonst hatten sie beständig
ihr Flimmerkleid abgeworfen und die Augeuflecke getrennt,
wenngleich zunächst nur in geringem Abstände. Auch die
Gestalt war verändert, indem die Kegelform des Körpers
tiberall einer mehr oder minder gedrungeneu Bildung Platz
gemacht hatte. In vielen Fällen waren die jungen Para-
siten sogar zu einer kugelförmigen Masse zusammengezogen,
an der sich die früheren Abschnitte in keinerlei Weise
mehr markirten. Die Augenflecke waren meist weit aus-
einandergerückt. Die jüngsten Einwanderer, solche wenig-
stens mit noch angenäherten Augen, schlössen sich auch
in ihren Gestaltsverhältnissen mehr den früheren Embryonen
an. An solchen Exemplaren sah man nicht selten auch
noch eine mehr oder minder lebhafte Peristaltik, bisweilen
so kräftig und so rasch, dass sie eine merkliche Ortsbe-
wegung zur Folge hatte. Diese Beweglichkeit dürfte es
auch erklären, dass unsere Thiere gelegentlich, wie er-
wähnt, aus der Athemhöhle ihrer Wirthe in deren Einge-
weide überwandern.
Das Abwerfen des Flimmerkleides stellt vermuthlich
die erste Veränderung dar, die mit den Eindringlingen
vor sich geht. Sie bezeichnet den Eintritt in eine neue
Entwicklungsphase, den Beginn des parasitären Lebens.
Schon bei frei lebenden Embryonen beobachtet man, wie
früher bemerkt , gelegentlich die gleiche Erscheinung.
Aber bei diesen ist sie das Signal einer rasch eintretenden
Auflösung, denn im Freien folgt dem Abfallen derFlimmer-
Archiv f. Naturg. XXXXVIH. Jahrg. 1. Bd. 7
98 Rudolf Leuckart:
Zellen rasch ein Aufplatzen des Leibes, und ein Zerfliessen
der Körpermasse. Vermutlilich sind es vorzugsweise die
älteren Embryonen, welche auf diese Weise, nach vergeb-
lichem Bemühen, ein passendes Unterkommen zu finden,
ihrem Untergange entgegengehen.
Bevor die Ablösung der Flimmerzellen beginnt, macht
das Thier einige kräftige peristaltische Bewegungen, die,
wie es scheint, eine Lockerung des Zellenkleides zur Folge
haben. Es ist das wenigstens daraus zu entnehmen, dass die
Schwingungen der Flimmerhaare plötzlich sich verlang-
samen und gelegentlich schon vor der Ablösung erlöschen.
Darauf folgt eine plötzliche Zusammenziehuug, welche den
Zusammenhang der Zellen sprengt und diese dann ab-
blättern lässt.
Aehnlich wird es voraussichtiger Weise bei den
eingewanderten Embryonen der Fall sein. Auch hier wird
das Flimmerkleid vermuthlich durch eine starke Con-
traction gesprengt und zum Abfallen gebracht. Und das
vielleicht um so leichter, als die Embryonen alsbald nach
ihrer Einwanderung stark zu wachsen beginnen, so dass
sie schon am zweiten Tage zu Körpern von 0,2—0,3 mm
geworden sind. Die Form, welche sie dabei annehmen,
zeigt manchen Wechsel, doch lässt sich das hintere Körper-
ende häufig, namentlich bei den mehr gestreckten Individuen
(Fig. 3), schon bei oberflächlicher Betrachtung durch seine
schlankere Bildung unterscheiden. Am Kopfende sieht man in
der Nähe der jetzt weit abstehenden und nicht selten auch
stark in der Längsrichtung verschobenen Augen immer
noch das zapfenartige Tastorgan, bald nach innen einge-
zogen, bald frei hervorragend. Die peristaltischen Zu-
sammenziehungen des Körpers haben nachgelassen und
in manchen Fällen — momentan wenigstens — vollständig
aufgehört. Aber auch in solchen Fällen zeigen die nach
wie vor flackernden Flimmertrichter, dass das Leben keines-
wegs erloschen ist.
Sobald die Thiere zur völligen Ruhe gekommen sind,
scheiden sie auf ihrer Aussenfläche eine dünne Lage heller
cuticularer Substanz aus, welche dem Körper aufliegt und
eine Art Cyste darstellt, die man um so leichter für einen
Zur Entwicklungsgesch. des Leberegels (Distomum hepaticum). 9Ö
integrirenden Tlieil des KiH'pers halten könnte, als sie sich
den Contractionen und Formveränderungen des Wurmes
vollständig anpasst. Dazu kommt dann äusserlich noch
das lockere Zellengewebe, welches die Parasiten an ihrer
Lagerstätte befestigt, nach Herkommen und Beschaffenheit
aber natürlich dem Wirthe angehört.
Die Grösseuz anahme, deren wir bei unseren Würm-
chen eben gedachten, vertheilt sich übrigens keineswegs
in gleicher Weise über die einzelnen Körpertheile und
Organe. Sie betrifft vielmehr vorzugsweise, wenn nicht
ausschliesslich, die Masse der Keimzellen, welche einzeln,
die einen rascher, die anderen weniger rasch, wachsen
und durch mehrfach wiederholte Theilung allmählich zu
grossen und immerfort sich vergrössernden Zellenhaufen
werden. In der Regel sind es zunächst die vorderen oder
doch wenigstens einige der vorderen Keimzellen, welche
diese Umwandlung eingehen (Fig. 3). Gleichzeitig wird
die Lagerung derselben im Innern des Embryonalkörpers
durch das beträchtliche Massenwachsthum verändert. Der
hintere, früher ausschliesslich mit ihnen gefüllte Leibesab-
schnitt reicht nicht mehr aus, dieselben zu fassen, zumal
er in der Regel, wie erwähnt, der weniger nachgiebige
ist. Die Zellen und Ballen drängen nach vorn, immer
weiter und immer stärker, je mehr sie sich vergrössern.
Das Darmrudiment ist ausser Stande, dem Andränge zu
widerstehen. Es wird (Fig. 3) nach vorne verschoben und
verbreitet sich Scheiben- oder kappenartig in unregel-
mässiger Form über die Innenfläche des sich allmählich stark
ausweitenden Kopfendes. Die Leibes wand wird gedehnt,
hier oder dort, je nach den Verhältnissen, buckeiförmig
aufgetrieben; die Lage der Augenflecken so oder anders
gestaltet. Die Menge der schon früher vorhandenen stark
das Licht brechenden Körner nimmt um ein Beträchtliches
zu. Man sieht sie nicht selten gruppenweise vereinigt
und unter dem Drucke der sich gelegentlich immer noch
zusammenziehenden Körperwände mit den Kcimballen lang-
sam auf- und abschieben.
Es sind übrigens keineswegs alle Keimzellen, welche
zur Theilung und Weiterentwicklung gelangen. Ein grosser
100 Rudolf Leuckart:
Tbeil derselben bleibt vielmebr in seinem früberen Zu-
stande. Selbst von den Keimballen scheinen manche auf
diesem oder jenem Stadium Wachsthum und Metamorphose
einzustellen. Nur selten geht die Zahl der Ballen über 12
und 15 hinaus, und bisweilen zählt man deren sogar nur
8—10 jedenfalls nur ein kleiner Bruchtheil der ursprüng-
lich vorhandenen Keimzellen, deren Menge man doch
immerhin auf 30—40 zu veranschlagen das Recht hat.
Aber nicht bloss einzelne Keimzellen, auch ihre Träger,
die jungen Keimschläuche, gehen während der ersten Tage
ihres parasitischen Lebens in Menge zu Grunde. Es gilt
das, wie es scheint, namentlich für jene, die schon frühe
in Kugelform sich zusammenzogen. Sie verlieren sehr
bald ihre Beweglichkeit, oft schon zu einer Zeit, in der die
Keimzellen eben sich theilen, und verschrumpfen dann
ziemlich rasch zu einem Substanzhaufen, in dem man nur
noch wenige Spuren der früheren Organisation vorfindet
Andererseits hat es aber auch den Anschein, als wenn
unsere Keimschläuche, besonders solche, welche stärker in
die Länge wuchsen, die Fähigkeit der Theilung besässen.
Man trifft wenigstens mitunter auf Exemplare, deren hin-
teres Leibesende in mehr oder minder grossem Umfange
durch eine tiefe Strictur gegen den übrigen Körper abge-
setzt ist, und zwar so vollständig, dass die Inhaltsmassen
desselben, Keimzellen und Ballen verschiedener Grösse,,
von den übrigen völlig abgesackt sind. Und daneben stösst
man auf Schläuche, bei denen das hintere Ende in einen
unregelmässig gezackten Zapfen ausläuft, der immerhin
eine Rissstelle repräsentiren könnte. Allerdings sind es
gewöhnlich nur die grösseren, weiter entwickelten Keim-
schläuche, welche solche Bildungen aufweisen, allein das
ändert natürlich an der Sachlage nicht das Geringste.
Es ist im Gegentheil zu vermuthen, dass eine derartige
Theilung, wenn sie überhaupt stattfindet, bei den grössern
und stärker gedehnten älteren Formen weit leichter ein-
tritt, als auf den früheren Stadien. So viel ist jedenfalls
unschwer zu constatiren, dass die Grössenzunahme unserer
Parasiten eine weniger active, als passive Erscheinung dar-
' stellt. Sie ist die Folge des stetigen und massenhaften
Zur Entwicklungsgesch. des Leberegels (Distomum hepaticum). 101
Wachsthums der im Innern vorhandenen Keimballen, die
immer mehr und stärker auf die Aussenvvände drücken
und unsere Parasiten schon nach wenigen Tagen in an-
sehnliche Schläuche von 0,6—0,8 mm verwandeln, welche
je nach Anordnung und Lagerung der grösseren Keime
bald mehr in die Länge gestreckt, bald auch sehr unregel-
mässig geformt sind. Die Körperwände sind eher dünner,
als dicker geworden, und haben ihre Contractionsfähigkeit
zum grossen Theil eingebüsst. Die Flimmertrichter lassen
sich nicht mehr nachweisen, und selbst die Augen entziehen
sich in vielen Fällen der Beobachtung. Ebenso hat der in
der Nachbarschaft der letzteren angehäufte Körnerhaufen,
der Ueberrest des rudimentären Darmes, seinen früheren
Zusammenhang verloren (Fig. 4) und sich in eine diffuse
Masse aufgelöst, die theils noch der Wand anliegt, theils
auch zwischen den Keimballen vertheilt ist. Unter den
letzteren haben nur noch die kleineren ihre frühere
Kugelform beibehalten. Sind dieselben bis 0,09 mm
herangewachsen, dann beginnen sie sich zu strecken, bis
sie schliesslich zu ansehnlichen Schläuchen werden, welche
sich durch eine specifische innere und äussere Organisation
als selbständige Geschöpfe zu erkennen geben. Die un-
gleiche Ausbildung der Keime, auf die wir schon bei einer
früheren Gelegenheit hinwiesen, manifestirt sich auf diesem
Stadium noch deutlicher als früher, so dass man neben
zahlreichen Schläuchen jüngerer Entwicklungsstufen in
der Regel nur einen einzigen antrifft (Fig. 5), der seine
volle Reife erlangt hat. Dieser eine aber besitzt dafür
oftmals eine so ansehnliche Grösse, dass er den mütterlichen
Körper fast in ganzer Länge durchsetzt.
Als ich nach Verlauf von etwa acht Tagen zum ersten
Male die Keimlinge, deutlich als selbständige Geschöpfe
erkannte, da glaubte ich nicht anders, als dass es die
junge Distomumbrut sei, die sich im Innern der Sporocyste
entwickelt habe. Um so grösser aber war mein Erstaunen,
als ich mich überzeugen musste, dass die junge Brut keine
Distomeen, sondern Redien darstellte.
Bisher war man wohl ziemlich allgemein der Ansicht, dass
die Redien direct aus den flimmernden Embryonen hervor-
102 Rudolf Leuckart:
giDgen, sich also als das Product einer Metamorphose,
und nicht einer Fortpflanzung entwickelten. Der einzige
Fall freilich, in dem bis jetzt das Herkommen einer lledie
zur Beobachtung gelangt war, der von v. Siebold beo-
bachtete Fall des Monostomiim mutabüe \ schloss die Ver-
muthung nicht aus, dass die Redie durch einen Zeugungs-
process im Innern des Embryo entstanden sei, aber das
frühzeitige, der Entwicklung des Embryo alsbald nachfol-
gende Auftreten ^), sowie die Einzahl und die Grösse des
Sprössliugs schienen doch andererseits dafür zu sprechen,
dass es sich hier um ein Beispiel jener eigenthümlichen
Metamorphose handle, die wir bei den Echinodermenj
Nemertinen (Pilidium), EcJiinorhynchen u. a. inzwischen
näher kennen gelernt haben ^).
Die hier mitgetheilten Beobachtungen lassen die Deu-
tung dieses Vorganges nicht länger zweifelhaft erscheinen.
Die ßedien entstehen aus Keimzellen, und das nicht bloss
bei Dist. hepaticum^ sondern auch bei Monostommn mutabüe^
nur dass deren Entwicklung hier viel früher, schon vor
der Geburt des Embryo, bald nach dessen Bildung anhebt,
und immer nur — wohl im Zusammenhang mit den un-
bedeutenden Grössenverhältnissen des Mutterthieres —
auf die Production eines einzigen Keimlings beschränkt
bleibt.
Die von G. Wagener beschriebene merkwürdige
Vermehrung des Gyrodactylus elegans ^) dürfte, soweit es
sich dabei um die Production der in dem Embryo einge-
schlossenen Tochter und Enkelin handelt, in derselben
1) Archiv für Naturgesch. 1835. Th. 1. S. 69.
2) Nach Wagen er (Zeitschr. f. wissensch. Zool. Bd. IX S. 87)
bildet sich der Keimschlauch mit dem Embryo sogar zu gleicher
Zeit, so dass beide zusammen stets im gleichen Stadium der Ent-
wicklung stehen, v. Siebold lässt den Keimschlauch erst ent-
stehen, nachdem der Embryo bis zu einem gewissen Grade ent-
wickelt ist.
3) So habe ich mich selbst einst ausgesprochen (Parasiten
1. Aufl. Bd. 1. S. 492), und ebenso urtheilt auch heute noch Claus
(Grundzüge der Zool. 4. Aufl. 1880. S. 397).
4) Archiv für Anat. und Physiol. 1880. S. 768.
Zur Entwicklungsgesch. des Leberegels (DistoDium hepaticum). 103
Weise aufzufassen sein. Dass der Fortpflanzung durch
Keimzellen, die natürlich auch hier nichts Anderes sind,
als Zellen, welche dem Embryonalkörper schon auf früher
Entwicklungsstufe entfremdet wurden — G. Wagener ist
geneigt, sie als übrig gebliebene Farchungskugeln zu be-
trachten — später eine geschlechtliche Vermehrung folgt
indem die auf ungeschlechtlichem Wege entstandenen
Thiere succesive geschlechtsreif werden und nach dem Ab-
legen ihrer Keimlinge befruchtete Eier produciren, kann
unser Urtheil über die Natur des betreffenden Vorganges
nicht beeinflussen. Es wird durch diesen Umstand nur
soviel bewiesen, dass die geschlechtliche und ungeschlecht-
liche Vermehrung — die Vermehrung durch befruchtete
Eier und durch Keimzellen — bei Gyrodactylus nicht scharf
aus einander gehalten und namentlich nicht, wie bei den
Thieren mit Generationswechsel, über verschiedene Indi-
viduen vertheilt ist.
Die Unterschiede, welche in der zeitlichen Entwick-
lung der Keimzellen zwischen Monostomum mutabüe einer-
seits und unserm Bistomum hepaticum andererseits ob-
walten, werden übrigens dem Anscheine nach durch
Zwischenformen ausgeglichen. Bei Amphistonium subclava-
tum wenigstens sah ich in den so eben ausgeschlüpften
Embryonen an Stelle der früher vorhandenen Keimzellen
bereits Ballen mit acht und zehn Furchungskugeln ^),
Entwicklungsphasen also, welche bei unserm Leberegel
immer erst nach der Einwanderung in den Zwischenwirth
zur Beobachtung kommen. Und ähnlich mag es sich auch
bei den Embryonen anderer Distomeen verhalten.
Ob die Redien übrigens in allen Fällen den hier be-
haupteten Ursprung aus Keimzellen haben, mit anderen
Worten alle eine besondere Generation repräsentiren, lässt
1) Der Angabe v. Siebold's (vergl. Anat. S. 159), dass er iu
den Embryonen von Amphistomum subclavatum einen schlauch-
förmigen Körper habe hindurchschimmern sehen, der möglichenfalls
ein Keimschlauch gewesen sei, wie bei Monostomum, liegt sonder
Zweifel ein Irrthum (wahrscheinlich eine Verwechslung mit dem auf
der Spitze des Kopfendes — des v. Siebold'schen Saugrüssels —
ausmündenden Darmes) zu Grunde.
104 Rudolf Leuckart:
sich natürlich nicht mit Bestimmtheit behaupten. Wage-
ner macht darauf aufmerksam, dass der eben erwähnte
Embryo von Amphistomum (Diplodiscus) bis auf das ab-
fallende Wimperkleid und die Form des Schlundkopfes
genau mit der zugehörigen Redie übereinstimme ^); er
scheint demnach anzunehmen, dass sich der erstere direct
in den Keimschlauch umbilde. Die Möglickeit eines sol-
chen Verhaltens müssen wir allerdings zugeben, zumal wir
im Laufe der Zeit zahlreiche Fälle kennen gelernt haben,
in denen Metagenese und Metamorphose einander bei ver-
wandten Formen vertreten, aber einstweilen, glaube ich,
haben wir bis zum erbrachten Beweise dieser Möglichkeit
nur einen theoretischen Werth zuzugestehen. Und das um
so mehr, als nach Wagen er 's Untersuchungen auch der
bewimperte Embryo von JDistomum cygnoideSj einer Form,
die nicht aus Redien, sondern aus Sporocysten hervorgeht,
welche darmlos sind, wie die zugehörigen Embryonen, statt
sich direct (durch Abwerfen des Flimmerkleides) in den
Keimschlauch zu verwandeln, diesen gleichfalls in mehrfacher
Anzahl auf endogenem Wege, wie wir es für unsere Redien
nachgewiesen haben, aus Keimzellen hervorbringt ^),
Uebrigens muss ich hierzu bemerken, dass Wagen er
nur für bewimperte Embryonen eine solche Zwischengene-
ration von Keimschläuchen annimmt. Die bei zahlreichen
Distomeen vorkommenden unbewimperten Embryonen —
denen ich als neu noch die von Bist, ovocaudatum hinzu-
fügen kann — sollen nach ihm direct (durch Wachsthum,
eventuell Verzweigung) zu dem späteren Keimschlauche
werden.
Die freien Redien, die ich bei unserm Limnaeus pere-
ger, und zwar zunächst in der Athemhöhle, auffand, be-
sassen im massig contrahirten Zustande gewöhnlich eine
Länge von 0,4—0,7 mm. Einzelne waren auch grösser,
bis zu 1 mm. Freilich geben diese Grössenunterschiede
kein absolutes Maass für das Alter und den Entwicklungs-
1) Zeitschr. für wissensch. Zoologie. Bd. IX. S, 88.
2) Beiträge zur Entwicklungsgesch. der Eingeweidewürmer,
in den Harlemer Naturkund. Verhandlingen Deel XIII pag. 29—45.
Zur Entwicklungsgesch. des Leberegels (Distomum hepaticum). 105
grad der Parasiten, denn die Würmchen besitzen Anfangs
ein ansehnliches Contractionsvermögen, in Folge dessen
sie bald beträchtlich sich strecken, bald auch stark sich zu-
sammenziehen, und kriechend sowohl, wie schlängelnd mit
unerwarteter Schnelligkeit sich bewegen. Wo kleinere
Redien mir entgegentraten — und ich habe Schnecken, welche
erst 16 — 20 Tage vorher inficirt waren, und zum Theil
kaum die Grösse von 2—3 mm besassen, nicht selten mit
mehreren Dutzend Redien verschiedener Grösse angetroffen
i— da waren dieselben meist wohl erst bei der Präpa-
ration frei geworden. Jedenfalls werden die Keimschläuche
mit der Zeit so leicht verletzlich, dass es nur einer geringen
Zerrung bedarf, sie zum Reissen zu bringen. Eine beson-
dere Oeffnung zum Austritte der reifen Redien giebt es
nicht; dieselben werden sonder Zweifel einzeln durch die
Leibeswand ihrer Mutterthiere hindurchbrechen.
Der walzenförmige Leib zeigt, wie bei der grössern
Menge der Redien, drei auf einander folgende Abschnitte,
einen Kopftheil, ein Mittelstück und ein Schwanzende
(Fig. 6). Die ersten zwei Theile sind durch einen vor-
springenden Ringwulst, der den Körper kragenartig um-
giebt, scharf gegen einander abgesetzt, während das Mittel-
stück hinten durch zwei kurze und stumpfe Zapfen begrenzt
wird, die sich auf eine Ausstülpung der Leibeswand zurück-
führen lassen, aber nicht seitlich stehen, wie das meist
dargestellt wird, sondern der einen — sagen wir ventralen
— Körperfläche angehören. Das hintere Leibesende, der
Schlankeste und in der Regel auch kürzeste Abschnitt des
Wurmkörpers, besitzt eine stumpfe Kegelform. Auch der
Kopftheil präsentirt sich gewöhnlich als ein kegelförmiger
Aufsatz, aber Länge, Dicke und Haltung desselben zeigen
viele Verschiedenheiten, die um so auffallender sind, als
die übrigen Körperabschnitte eine grosse Formbeständig-
keit besitzen. Es hängt das damit zusammen, dass der
Kopftheil der bei Weitem beweglichste Abschnitt des ge-
sammten Leihes ist, der nicht bloss bei der Nahrungsauf-
nahme, sondern auch bei det Ortsbewegung eine wichtige
Rolle spielt. Er besitzt für diese Leistungen sogar einen
eignen Fixationsapparat, denn die Lippen, welche die Mund-
106 Rudolf Leuckart:
Öffnung umgeben und das vordere Segment des Schlund-
kopfes in Form eines Ringwulstes bedecken , haben
die Fähigkeit, sich nach aussen hervorzuwölben und
scheibenartig auszubreiten, so dass das Vorderende des
Wurmes dann einen förmlichen Saugnapf darstellt, der eine
um so grössere Brauchbarkeit besitzt, als seine Aussen-
fläche dicht mit microscopischen Wärzchen und Höckerchen
besetzt ist. Man trifft nicht selten auf Würmer, welche
mit Hülfe dieses Mundnapfes den Organen ihres Wirthes,
namentlich dem Darme, anhängen, und die Pumpkraft ihres
Pharynx so direct auf die Gewebselemente wirken lassen,
dass diese zerreissen und .in Gestalt eines feinkörnigen
Detritus in den Darmkanal übertreten. In anderen Fällen
fixiren sich die Würmer mit dem Mundnapfe, nachdem sie
vorher den Kopftheil möglichst gestreckt haben, um dann
den übrigen Leib nachzuziehen und sich kriechend zu be-
wegen. Die zapfenartigen Auswüchse der Schwauzbasis
erweisen sich dabei als Einrichtungen, welche, den Fuss-
stummeln gewisser Insectenlarven vergleichbar, das Aus-
gleiten nach hinten verhindern.
Die Organisation unserer Redien zeigt in anatomischer
sowohl, wie histologischer Hinsicht eine grosse Aehnlich-
keit mit jener der Embryonen, nur dass die einzelnen Züge
weit schärfer und charakteristischer hervortreten. Die Be-
schaffenheit der Leibeswand und der den Innenraum er-
füllenden Organe, die Muskulatur, das Wassergefässsystem
mit seinen Flimmertrichtern, Darm und Keimstock — das
Alles erinnert an die Verhältnisse, welche wir oben be-
schrieben haben. Die stärkere Individualisirung der Organe
und die bessere Ausprägung der Elementartheile entspricht
der beträchtlichen Körpergrösse und einer gesteigerten
Leistung.
Nach Aussen wird die Leibeswand von einer Cuticula
begrenzt, an die auch hier wieder zunächst ein System
von muskulösen Längs- und Riugsfasern in einfacher
Schicht sich anschliesst. Auf diese folgt nach innen so-
dann, die Leibeswäude vervollständigend, eine Lage grosser
Kernzelleu, die für gewöhnlich eine feinkörnige Beschaffen-
heit haben, unter Umständen aber auch mehr blasenartig
Zur Entwicklungsgesch. des Leberegels (Distomum hepaticum). 107
sich auftreiben. Sie vertreten offenbar die anscheinend
structuiiose Sabstanzlagc, welche wir in der Körperwand
der Embryonen vorfanden, und stehen mit den aufliegenden
Fibrillen vielleicht in einer ähnlichen Beziehung, wie wir
das durch die Gebrüder Hertwig u. A. für die Ausläufer
der sog. Neuromuskelzellen kennen gelernt haben.
Der den Kopfzapfen hinten umfassende Ringwulst
ist trotz seiner feinkörnigen Beschaffenheit ausschliesslich
cuticularen Ursprungs. Er repräsentirt eine Art Skelet-
giirtel, der den durch zahlreiche und kräftige Muskelfasern
vertretenen Retractoren des Kopfes und Pharynx zum festen
Ansatzpuncte dient (Fig. 6). Diese mechanische Bedeutung
erklärt auch die sonst kaum motivirte Consistenz, in wel-
cher das betreffende Gebilde bei den Redien gefunden
wird^). Von einer Geburtsöffnung, wie sie nach de la
Valette bei zahlreichen Arten unterhalb des Skeletgürtels
existirt und nach Wagen er sogar bisweilen schon den
Embryonen zukommt 2), habe ich bei unserm Dist. hepa-
ticum niemals eine Spur gefunden.
In Betreff des excretorischen Apparates kann ich mich
kurz fassen, da das, was ich darüber beobachten konnte,
mit dem oben beschriebenen Verhalten der Embryonen voll-
ständig übereinstimmt. Die Flimmertrichter, die auch hier
für gew^öhnlich in zweifacher Anzahl sich vorfinden, aber
nur selten in voller Schärfe sich präsentiren, liegen (Fig. 6)
in kurzer Entfernung vor den zwei Fussstummeln, mit ihrer
Endöffnung, wie früher, nach hinten gerichtet. Der Ver-
lauf der secretorischen Kanäle ist nur selten eine längere
Strecke zu verfolgen — in vielen Fällen sucht man nach
ihnen überhaupt vergebens — und die Ausmündung ent-
zieht sich der Beobachtung.
Wenn wir für unsere Redien oben im Gegensatze zu
den Embryonen eine stärkere Individualisirung der Organe
1) Nach de la Valette giebt es übrigens auch Redien, bei
deneu dieser Apparat durch vier kreuzweise gestellte llervorragungen
vurtretou ist. Symbolae ad Trcmatodum evolutiouis historiaui 1855.
Tab. I Fig. 12.
2) Zeitschr. f. wisseusch. Zool. Bd. IX. S. 88. Tab- V. Fig. 40".
108 Rudolf Leuckart:
in Anspruch genommen haben, so passt das wohl für kein
Gebilde in höherem Grade, als für den Darmapparat. Bei
den Embryonen verkümmert, besitzt derselbe bei unsern
Redien, wenigstens den jugendlichen Redien, eine so an-
sehnliche Entwicklung, dass er schon bei oberflächlichster
Betrachtung in die Augen fällt (Fig. 6). Ein gerader und
weiter Canal von gelblicher Farbe durchzieht er den bei
Weitem grössten Theil der Leibeshöhle bis zur Basis des
Schwanzanhanges, in der er, bald früher, bald später —
ich habe einzelne Exemplare gesehen, in denen derselbe
fast bis zur Schwanzspitze hinreichte — mit abgerundetem
blinden Ende aufhört. Nach vorn lässt sich der Darm
bis in den Kopfanhang hinein verfolgen, bis zum Schlund-
kopf, der die Form eines kugligen Körpers (von 0,04 mm,
bei grösseren Exemplaren auch mehr) besitzt und seiner
Hauptmasse nach aus radiär verlaufenden Muskelfasern be-
steht (Fig. 6). Unter dem Zuge dieser Fasern sieht man den
canalförmigen Inneuraum von Zeit zu Zeit sich erweitern
und mit einer Inhaltsmasse sich füllen, die dann nach
hinten in das Darmlumen übertritt. Der Füllungsgrad
dieses letzteren zeigt manche Verschiedenheiten: man be-
obachtet den Darm bald stark gew^eitet, bald auch zusam-
mengefallen, so dass die Wandungen sich berühren. In
ersterm Falle ist die Inhaltsmasse gewöhnlich mehr flüssig,
aber reich an feinern und gröbern, zum Theil stark licht-
brechenden Körnern. Die Wand wird von ziemlich ansehn-
lichen Kernzellen gebildet, die, mehr oder minder stark
abgeflacht, in einfacher Schicht einer dünnen und structur-
losen Tunica propria aufliegen.
An der Verbindungsstelle mit dem Schlundkopfe ist
der Darm halsartig eingeschnürt und jederseits von einer
Zellenmasse umgeben, die sich deutlich gegen die übrigen
Körpertheile absetzt und wohl mit vollem Rechte als ein
Ganglieuapparat in Anspruch genommen werden darf.
Der übrige Inhalt des Kopfzapfens wird von dem
schon oben erwähnten Retractor gebildet, der mit seinen
Fasern den vorderen Darmabschnitt schirmartig umfasst
und schliesslich sich an die gürtelförmige Cuticularver-
dickung ansetzt (Fig. 6).
Zur Entwickliingsgesch. des Leberegels (Distomum hepaticum). 109
Ganz anders aber verhält sich in dieser Hinsicht der
übrige Wnrmleib, dessen Tnneiiraum in ganzer Ausdehnung,
soweit der Darm ihn nicht für sich in Anspruch nimmt,
mit Keimzellen und Keimballen gefüllt ist (Fig. 6), die
vollständig mit jenen tibereinstimmen, welche wir in den Em-
bryonen und Sporocysten oben kennen gelernt haben. Schon
die kleinsten Redien enthalten diese Gebilde in reichlicher
Menge, so dass die Annahme einer nachträglichen Bildung
von der Körperwand aus, wie man sie früher annahm und
auch direct beobachtet zu haben glaubte, in keiner Weise
gerechtfertigt ist. Man findet dieselben je nach den Con-
tractionszustäuden der Leibeswand bald hier, bald dort in
grosser Masse zusammengehäuft, bald mehr im Schwanz-
anhange, bald mehr im Mittelkörper, nicht selten auch in
den Fussstummeln, die desshalb denn auch in ihren Grössen-
verhältnissen manche Verschiedenheiten darbieten. Selbst
unter den Augen des Beobachters verändern die Ballen in
Folge einer localen Zusammenziehung nicht selten ihre
Lage, indem sie bald hierhin, bald dorthin abfliessen und
die in wechselnder Menge zwischen ihnen eingelagerten
fettartig glänzenden Körner mit sich fortreissen.
Die Grösse und Entwicklung dieser Keime richtet
sich nach dem Alter oder, wenn man lieber will, den
Grössenverhältnissen der Redien. Nur in den seltensten
Fällen trifft man (ausserhalb der Sporocysten) auf Exem-
plare, deren Keime sämmtlich noch als einfache Zellen
erscheinen. Einzelne derselben, vornehmlich wiederum
solche, die der vorderen Körperhälfte angehören, sind ge-
wöhnlich schon in Zellenballen verwandelt und zu einer
ansehnlichen Grösse herangewachsen. Natürlich, dass unter
dem wachsenden Drucke dieser Inhaltsmassen auch das
Mutterthier an Grösse zunimmt. Ein so auffallender und
unregelmässiger Forraenwechsel freilich, wie er bei den
Sporocysten in Folge der Keimentwicklung stattfindet,
lässt sich bei unsern Redien nicht beobachten. Der
kräftige Bau der Körperwände bietet dem Andränge der
Keime einen hinreichenden Widerstand, und macht es mög-
lich, dass unsere Parasiten die frühere Form im Wesent-
lichen behalten. Nur der Darm verändert sich unter dem
110 Rudolf Leuckart:
Drucke der ihn nmi^ebenclen Ballen. Nicht bloss, dass er
an dem Grössenwachsthura des Kiirpers keinen Antheil
nimmt und desshalb denn auch dem Anscheine nach immer
mehr sich verkürzt, je länger die Redie auswächst, auch
die Weite desselben wird geringer und der Darminhalt
immer spärlicher.
In der hier kurz geschilderten Weise sind die Redien
bereits zu einer Zeit organisirt, in der sie nicht mehr als
0,2 mm messen (Fig. 5). Leibeswand, Darmapparat und
Keimzellen, das Alles trägt im Wesentlichen schon die
spätere Bildung, nur dass die letztern an Grösse zurück-
stehen, der Darm aber dafür um so mehr hervortritt. Die
äussere Gestalt des Keimes ist um diese Zeit freilich
einfacher, als später, denn der gesammte Leib erscheint
unter der Form eines ziemlich gedrungenen Ovoids,
dessen beide Enden ziemlich gleichmässig gerundet sind.
Erst bei näherer Betrachtung erkennt man in einiger Ent-
fernung vor der Körpermitte eine schmale Cuticularerhebung,
die ringförmig den an dieser Stelle gewöhnlich etwas ein-
geschnürten Leib umfasst, die Anlage also des späteren
Kopfgürtels, und hinten, kurz vor dem schwach conisch
zugespitzten Schwanzende zwei leichte buckeiförmige Auf-
treibungen, die später in die Fussstummel auswachsen.
Die hintere Hälfte des Wurmkörpers ist hiernach also die-
jenige, die am spätesten — vielleicht gleichfalls erst in
Folge der immer stärker schwellenden Keimzellen — zu
ihrer definitiven Grösse und Gestaltung auswächst.
Die eigentliche Embryonalentwicklung der Redien ist
bisher nicht eingehend von mir verfolgt worden. Aber
so viel glaube ich behaupten zu dürfen, dass auch bei
unsern Trematoden ein gastrulaartiges Stadium vorkommt.
Keimballen, die etwa 0,09 mm lang sind (0,08 mm breit),
und auf den ersten Blick einen völlig homogenen Zellen-
haufen darstellen, zeigen bei näherer Untersuchung eine
regelmässige Anordnung ihrer Zellen, in Folge deren sich
die scheinbar ungeordnete Masse in zwei über einander
liegende einfache Schichten auflöst (Fig. 5). In der Achse des
Ballens, im Innern also der Innern Zellenlage, verläuft ein
fadenartig dünner Hohlraum, der an dem einen Pole sich
Zur Entwicklungsgesch. des Leberegels (Distomum hepaticum). 111
öffnet. Es ist die erste Andeutung- des späteren Darmlumcns,
falls anders die Deutung, welche ich dem Bilde gebe, die
richtge ist. Die innere Zeilenlage würde somit als Endo-
derm, die äussere als Ectoderm zu betrachten sein. Aus-
sehen und Beschaffenheit der Zellen zeigt freilich in
beiden Schichten kaum merkliche Unterschiede, allein
solches darf doch kaum ohne Weiteres gegen meine Auf-
fassung geltend gemacht werden. Später bemerkt man
zwischen diesen beiden Lagen noch weitere Zellen, die
sich ziemlich rasch vermehren, und schliesslich, während
der Ausbildung der Leibeswand und des Darmes, die Keim-
zellen liefern. Ich brauche kaum hervorzuheben, dass diese
Zellen das Mesoderm unserer Würmer darstellen, die Deutung
also, welche wir den Keimzellen bei den Embryonen ge-
geben haben, völlig zutrifft. Der Schlundkopf entwickelt
sich erst später, w^enn die Würmchen etwa 0,15 mm messen
(Fig. 5) und zwar unter der Form eines Zelienringes,
der dem Anscheine nach von dem Ectoderm nach innen
einwächst.
Leider hat es mir nicht gelingen wollen, in ähnlicher
Weise auch die Entwicklung der in den Redien vorhan-
denen Keimballen zu verfolgen. Selbst die von ihnen
aufgeanimten Distomeen sind mir unbekannt geblieben, denn
die Hunderte von Schnecken, die ich in meinen Aquarien
inficirt habe, und zu verschiedenen Zeiten iniicirt habe,
sind zu meinem grossen Leidwesen sämmtlich zu Grunde
gegangen, bevor ihre Keimballen zur weiteren Ausbildung
kamen. Wohl fand ich gelegentlich Redien mit 0,06—0,08
mm grossen Keimballen im Innern, die schon anfingen,
ihre Kugelform zu verlieren — aber keine einzige, die
mir ein weiteres Stadium gezeigt hat. Schon in der zweiten
Woche nach der Infection begannen meine Schnecken zu
sterben, und die vierte Woche hat keine überlebt, wenig-
stens keine der inücirten. Die Frage nach den Ursachen
dieser Erscheinung muss ich unbeantwortet lassen, obwohl
die Vermuthung nahe liegt, dass die Masseneinwanderung
der Embryonen, die in meinen Aquarien stattfand, auf den
Gesundheitszustand der Versuchsthiere einen verhängniss-
vollen Eiufluss ausübte. Andererseits muss ich übrigens
112 Rudolf Leuckart:
hinzufügen, dass die Aufzucht des Limn. pereger in künst-
lich hergerichteten Aquarien keineswegs so leicht ist, als
es den Anschein hat. Die Jugendformen desselben sind
nach meinen Erfahrungen vornehmlich auf den Genuss
mikroscopischer Algen angewiesen — die Thiere fressen
auch massenhaft Distomumeier, freilich ohne sie zu ver-
dauen und die Embryonen freizugeben — und diese sind
in den ad hoc hergerichteten Aquarien nur schwer in hin-
reichender Menge zu beschaffen. Einen Theil der Schuld
mag freilich auch der Umstand haben, dass ich durch eine
Badereise meine Untersuchungen gerade zu einer Zeit unter-
brechen musste, in der meine Zuchtversuche die grösste
Ausdehnung erreicht hatten. Die Aquarien wurden fremder
Pflege anvertraut und erwiesen sich bei meiner Rückkehr
als verödet.
Wenn ich im nächsten Jahre Gelegenheit finde, meine
Versuche wieder aufzunehmen, dann werde ich mich be-
mühen, die Missstände, mit denen ich dieses Mal zu kämpfen
hatte, zu beseitigen. Hoffentlich werde ich dann auch in
die Lage kommen, die Lücken zu füllen, die ich einst-
weilen noch lassen musste.
Uebrigens glaube ich schon jetzt die Redien unseres
Leberegels in brutgefülltem, völlig entwickeltem Zustande
aufgefunden zu haben, allerdings nicht bei dem Limn.
pereger^ sondern dem nahe verwandten Limn. truncatulus.
Es ist schon oben erwähnt worden, dass ich meine
Versuchsthiere Anfangs für diese letztere Art gehalten
habe. Auch später, als ich eines Besseren belehrt wurde,
habe ich die Vermuthung nicht aufgegeben, dass dieselbe
in gleicher und vielleicht selbst grösserer Häufigkeit, als
Limn. pereger^ die Jugendformen unseres Leberegels be-
herberge.
Leider aber sind meine Bemühungen, den Limn. trun-
catulus lebend zum Zwecke der Untersuchung und des
Experiments mir zu verschaffen, lange Zeit ohne Erfolg
gewesen. Hier um Leipzig ist derselbe nicht zu finden,
und die mehrfach in Aussicht gestellte Beihülfe befreundeter
Fachgenossen blieb aus. Erst durch die Freundlichkeit
des Herrn Clessin, dem ich dafür auch an diesem Orte
Zur Entwicklungsgesch. des Leberegels (Distomum hepaticum). 113
meinen besten Dank sage, kam ich in den Besitz von etwa
drei Dutzenden ausgewachsener Exemplare. Sie waren
am Ufer des Mains, nahe bei Ochsenfurt, dem Wohnorte
des Herrn Clessin, bei niedrigem Wasserstande gesam-
melt. Obwohl die Schnecke, wie derselbe schreibt, im
Mainthale überall verbreitet ist, hängt ihr Auffinden viel-
fach vom Zufall ab, so dass dieselbe von allen Limnaeen
am schwierigsten in grösserer Menge zu beschaffen ist.
Da die Thiere, den Erfahrungen an Limnaeus pereger
zufolge, für Infectionsversuche wenig geeignet schienen,
auch der Antritt der vorhin erwähnten R^ise in Kürze be-
vorstand, fasste ich, in der Hoffnung, dabei möglichenfalls
den weiteren Entwicklungszuständen unseres Distomum zu
begegnen, den Entschluss, die Schnecken einfach auf etwa
vorhandene Parasiten hin zu untersuchen.
In der That bin ich dabei denn auch auf dreierlei
verschiedene Redien gestossen, die sämmtlich mit reifer
Trematodenbrut gefüllt waren. Zwei derselben enthielten
Cercarien, die dritte aber ein schwanzloses Distomum mit
Eigenschaften, die in so vielfacher Hinsicht auf unser
Bist, hepaticum hinweisen, dass ich es für erlaubt halte,
dasselbe bis auf Weiteres als die vermuthliche Jugend-
form dieses letzteren in Anspruch zu nehmen. Mein Aus-
spruch würde noch bestimmter lauten, wenn es mir mög-
lich gewesen wäre, an den zugehörigen Redien Fussstum-
mel aufzufinden, wie solche doch an den von mir gezogenen
Jugendformen vorkommen. Doch die Abwesenheit dieser
Gebilde ist kein zwingender Grund, die betreffenden
Parasiten für eine andere Art zu halten, denn ich habe
an dem hinteren Ende derselben oftmals die deutlichsten
Spuren einer früher hier stattgefundenen Ablösung aufge-
funden und mitunter auch Redien ohne Kopf gesehen, die
doch kaum etwas Anderes, als derartige abgetrennte Stücke
gewesen sind. Auf Grund dieser Beobachtungen glaube
ich annehmen zu dürfen, dass die fragliche Redie —
vielleicht in Zusammenhang damit, dass ihre Distomum-
brut nicht ausschwärmt — beträchtlich in die Länge wächst
und in eine Anzahl einzelner Stücke aus einander bricht.
Die Frage nach der Zusammengehörigkeit mit Bist.
Arcli. f. Naturg. XXXXVUI. Jahrg. 1. Bd. 8
114 Kudolf Leuckart:
hepaticum hätte sich vielleicht durch einen Verftitterungs-
versuch ausser Zweifel stellen lassen. Aber leider fand
ich unter den mir vorliegenden Schnecken nur eine einzige,
welche mit unserer Redie besetzt war. Und dieses eine Exem-
plar musste natürlich für die Untersuchung reservirt bleiben.
Die Keimschläuche, welche die Leber der Schnecke
in grösserer Ausdehnung durchwachsen hatten, besassen
eine Länge von 1 — 1,6 mm und eine ziemlich gleichmässige
Dicke (0,2 mm). Ihr Inhalt bestand (Fig. 7), von dem
Darme abgesehen, ausschliesslich aas jungen Distomeen von
0,42 mm, die dicht verpackt, mit dem Kopfende bald nach
vorne, bald nach hinten, meist zu zweien neben einander
lagen. Bei der ansehnlichen Grösse der Würmer ist ihre
Zahl in den einzelnen Keimschläuchen eine nur beschränkte,
so dass ich selten deren mehr als ein Dutzend gezählt
habe. Keimballen und Keimzellen waren nirgends mehr
nachweisbar. Die Keime hatten sämmtlich — ein Um-
stand, der offenbar auf das Alter unserer Parasiten hin-
wies — ihre Metamorphose durchlaufen.
Da die junge Brut den Innenraum der Redien völlig
für sich in Anspruch nahm, war der Darm unserer Thiere
auf das vorderste Leibesende beschränkt. Früher schlank
und lang gestreckt, ist derselbe allmählich zu einem kurzen
und gedrungenen Sacke von ovaler Form (0,2 mm lang)
geworden, der, mit einer breiigen Körnersubstanz gefüllt,
dem Anscheine nach seine frühere functionelle Bedeutung
vollständig eingebüsst hatte, obwohl der ihm vorausgehende
Schlundkopf, ein Bulbus von 0,7 mm, kaum merklich ver-
ändert erscheint. Ein eigentlicher Kopf ist an den Redien
nicht mehr vorhanden. Wohl erkennt man am Vorderende
noch einen zapfenförmigen Vorsprung, der hinten durch
einen cuticularen Ringwulst begrenzt wird, aber derselbe
ist von so unbedeutender Grösse, dass er kaum einmal
zur Aufnahme des Schlundkopfes ausreicht (Fig. 7).
Doch es ist, wie gesagt, weniger die Beschaffenheit
des Keimschlauches, als die der eingeschlossenen Distomum-
brut, welche mich an einen Zusammenhang mit dem Bist,
hepaticum denken lässt.
Zunächst fällt hier der Mangel eines Ruderschwanzes
Zur EntwickluDgsgescii. des Leberegels (Distomum hepaticum). 115
in's Gewicht, ein Umstand, welcher zur Genüge kundgiebt, dass
unsere Würmchen bis zur Uebertragung in den definitiven
Wirth ihren Keimschlauch nicht verlassen, in dieser Beziehung
also den Voraussetzungen entsprechen, welche wir von vorn
herein an die Jugendformen des Leberegels zu stellen hatten.
Daneben aber giebt es noch Anderes, was sich für
meine Vermuthung geltend machen lässt. In Körperform
und anatomischer Bildung ist unser junges Distomum
(Fig. 8, 9) freilich weit von den erwachsenen Leberegeln ver-
schieden, allein daran können wir bei dem ungleichen
Entwicklungs- Zustande der betreffenden Thiere um so
weniger Anstoss nehmen, als ähnliche Unterschiede überall
zwischen den Jugendformen und den ausgebildeten Disto-
meen obwalten. Wissen wir doch zur Genüge, dass die
definitive Gestaltung der letzteren sehr wesentlich auf dem
Auswachsen des Hinterleibes beruht, dieses aber erst dann
beginnt, wenn die Geschlechtsorgane, die bei den Jugend-
formen zunächst nur in kümmerlicher Anlage vorhanden
sind, zu ihrer weiteren Entwicklung kommen. Auch auf
die Abwesenheit der für den Darm des Leberegels so
characteristischen Verästelung können wir kein Gewicht
legen, da diese gleichfalls erst anhebt, wenn die Würmer
in ihren späteren Wirth übertragen sind. Hat sich Joseph
doch erst noch jüngst durch seine Untersuchungen davon
überzeugen müssen, dass die Leberegel, so lange sie von ge-
ringer Grösse sind und die Gallengänge noch nicht auf-
getrieben haben, selbst in ihrem definitiven Wirthe einen
einfachen Gabeldarm besitzen, und diesen erst allmählich
durch Anbildung der Seitenzweige in die spätere Form
verwandeln*).
Bei dem Versuche, die Jugendformen der Distomeen
auf bestimmte Arten zurückzuführen, muss man also von
gar Vielem abstrahiren, was auf den ersten Blick in die
Augen fällt, trotzdem aber nur von vorübergehender Dauer
ist. Bloss die bleibenden Charaktere können dabei in's
Gewicht fallen, und diese finden wir, wenn auch nicht
ausschliesslich, so doch vorzugsweise in den relativen
1) Der Landwirth. Breslau 1881. Nr. 57.
116 Rudolf Leuckart:
Grössenverhältnissen der Saugnäpfe und in der Beschaffen-
heit der Cuticula. Und hierin zeigt nun die Distomum-
brut unserer Redien in der That eine grosse Aehulichkeit
mit dem Leberegel. Wie bei letzterem, so ist auch bei unserer
Jugendform der hintere Saugnapf nur wenig grösser, als
der vordere (0,08 : 0,07 mm), und die Haut mit Stacheln
besetzt, die nicht bloss im Ganzen eine ungewöhnliche Ent-
wicklung besitzen, sondern auch auf der Rückseite des
Vorderkörpers, wo sie am grössten sind (Fig. 9), bereits
deutlich eine Schuppenform erkennen lassen.
Unter solchen Umständen scheint mir die Vermuthung,
dass es in Wirklichkeit die Jugendform des berüchtigten
Leberegels sei, die ich hier beschrieben habe, bis auf
Weiteres durchaus gerechtfertigt.
Die bei Limnaeus truncatulus weiter von mir aufge-
fundenen zwei Redienformen können bei der Frage nach
den Jugendzuständen des Bist, hepaticum kaum in gleicher
Weise in Betracht kommen. Allerdings ist die eine der-
selben vermuthlich mit jener identisch, welche Weinland
einst dem Entwicklungskreise des Leberegels einzufügen
geneigt war ^), allein ich finde bei näherer Prüfung und
Ueberlegung doch nur entfernte Beziehungen zu unserm
Parasiten, jedenfalls weit fernere, als das bei der erstbe-
schriebenen Art der Fall war. Schon der Umstand, dass
die Redie Cercarien erzeugt, lässt diese Beziehungen
zweifelhaft erscheinen. Dazu kommt, dass die Redie, die
bis zu 2 mm heranwächst und eine Dicke von 0,3 mm er-
reicht, mit den Producten meiner Züchtungsversuche nicht
recht zusammenpasst, indem ihre Fussstummel nicht bloss
1) Es ist das, wie ich beiläufig bemerke, nicht bloss die ein-
zige Redie, sondern sogar der einzige Helminth, welcher bisher bei
Limn. truncatulus beobachtet wurde. Auch Limn. pereger ist den
bisherigen Angaben zufolge sehr arm an Parasiten. De Filippi
(trois. mem. sur les Trematodes p. 6, Tab, I. Fig. 7) berichtet über
eine Sporocyste mit unentwickelten Keimen, die er in demselben auf-
gefunden habe. Mit den oben beschriebenen Entwicklungsformen
unseres Dist. hepaticum scheint dieselbe kaum identificirt werden
zu können.
Zur Eatwicklungsgesch. des Leberegels (Distomum hepaticum). 117
beträchtlich grösser sind, sondern weiter nach vorne
stehen, so weit, dass der Schwanztheil meist länger er-
scheint, als der gesammte übrige Körper. In Bezug auf
die Bildung des Kopfes hat dieselbe freilich eine grössere
Aehnlichkeit mit den Sprösslingen des Leberegels, als wir
das für die vorhin beschriebene Form hervorheben konnten,
allein der geringere Grad der Schrumpfung, auf den dieser
Umstand sich zurückführen lässt, rührt allem Anscheine
nach daher, dass unsere Redien Jüngern Datums sind, wie
das auch durch die noch in ziemlicher Menge zwischen
den Cercarien befindlichen Keimballen zur Genüge bewiesen
wird. Die Cercarien, deren ich in einem Falle über 50
zählte, sind kleiner und schlanker, als die muthmasslichen
Jugendformen des Bist, hepaticum (0,31 mm lang, 0,14 mm
breit), und mit Saugnäpfen versehen, die vorn, wie hinten
genau von derselben Grösse (0,052 mm) sind. Das Stachel-
kleid ist nur schwach entwickelt, so dass die Spitzchen,
w^elche in dichten Reihen neben einander stehen, kaum
irgendwo über die Cuticula hervorragen. Der Ruderschwanz
misst 0,21 mm, steht an Länge also nicht unbeträchtlich
hinter dem eigentlichen Körper zurück.
Ich will übrigens zugeben, dass die Charaktere der
hier beschriebenen Cercarie die Möglichkeit einer Rück-
führung auf unseren Leberegel nicht völlig ausschliessen,
obwohl die Wahrscheinlichkeit eines genetischen Zusammen-
hanges meines Erachtens weit geringer ist, als bei der
schwanzlosen Form. Von der noch übrig gebliebenen
dritten Art lässt sich solches in keiner Weise behaupten,
da sie nicht bloss durch die Abwesenheit eines Stachel-
kleides, sondern auch sonst durch ihre Beschaffenheit nach
einer anderen Richtung hinweist. Die auffallendste Auszeich-
nung derselben besteht in einem lappigen Organ von grob-
körnigem Aussehen, das längs den Seitentheilen des Leibes
hinläuft und eine so beträchtliche Entwicklung hat, dass
der Körper bei völliger Ausbildung desselben eine ziemlich
gleichmässige Scheibenform (von 0,28 mm Länge und 0,24
mm Breite) besitzt. Bei näherer Untersuchung löst sich
das betreffende Gebilde in eine dichte Menge von Körnerzellen
auf. Vor dem hintern Saugnapfe bilden dieselben auf der
118 Rudolf Leuckart:
Rückseite des Körpers eine brtickenartige Verbindung, der
beiden Seitenorgane. Ich weiss diese Gebilde kaum auf
etwas Anderes zu deuten, als auf die späteren Dotter-
stöcke, die ebensowenig, wie die übrigen Geschlechtsorgane,
erst dann ihren Ursprung nehmen, wenn unsere Distomeen
in den definitiven Wirth gelangten, sondern schon im Cer-
carienzustande angelangt sind. Die Saugnäpfe haben eine
nur unbedeutende Grösse (beide messen ziemlich gleich-
massig 0,06 mm), während der Schwanz im gestreckten
Zustande eine sehr ansehnliche Länge (0,6 mm) hat. Die
Redien, in denen die in Kürze hier geschilderten Cercarien
entstehen, sind schlanke Schläuche, die bis 2 mm lang werden
(Dicke = 0,25 mm) und zwei kurze Fussstummel besitzen.
Sind meine Ansichten von der Entwicklungsgeschichte
des Leberegels die richtigen, dann besitzt derselbe also zwei
einander nahe verwandte Zwischenwirthe. Es sind die
kleinen Limnaeen unserer Sümpfe und Wiesen, welche ihn
aufziehen und an unser Hornvieh abliefern. Die Ueber-
tragung geschieht um so leichter, als die betreffenden
Schnecken mit besonderer Vorliebe an Gräsern und andern
Pflanzen emporklettern.
Gegen diese Limnaeen also haben sich die
'Maassregeln zu wenden, die wir zum Schutze
unserer Heerden zu ergreifen haben. Localitäten,
welche von denselben bewohnt sind, müssen als Weide-
plätze gemieden, die Schnecken selbst nach Kräften be-
seitigt werden.
Es wird das auch die erste und wichtigste prophy-
lactische Aufgabe dann bleiben, wenn es sich wider Er-
warten herausstellen sollte, dass die junge Brut unseres
Leberegels die Schnecken in Cercarienform verlässt und
einen neuen Zwischenträger aufsucht. Nur dass sich unsere
Schutzvorkehrungen in diesem Falle auch noch nach einer
andern Richtung zu wenden haben. In welcher Weise das ge-
schehen müsste, werden wir freilich erst dann beurtheilen
können, wenn unsere Kenntnisse von der Lebensgeschichte
des Wurmes zum vollen Abschlüsse gekommen sind.
Nachdem einmal die richtige Spur gefunden, wird
hoffentlich das Ziel in nicht allzuferner Zeit erreicht sein.
Zur Entwicklungsgesch. des Leberegels (Distomum hepaticum). 119
Sollten sich die Schwierigkeiten der Aufzucht der
Helminthenbrut mit unsern dermaligen Mitteln nicht be-
seitigen lassen, dann müsste man durch eine methodische
Untersuchung der an den Infectionsorten lebenden Lim-
naeen und durch Fütterungsversuche die Frage von einer
anderen Seite angreifen i). Solche Fütterungsversuche
werden sich natürlich auch dann als nothweudig erweisen,
wenn es gelingen sollte, wie ich immer noch hoffe, die
Distomeen in ihren Keimschläuchen zur vollen Entwicklung
zu bringen. Sie sind nicht bloss zur Feststellung der
Chronologie und der definitiven Metamorphose nöthig,
sondern auo-h zur Erledigung der Frage nach der Patho-
genese der Leberfäule und der Verbreitung der Würmer
im Thierkörper. Wissen wir doch schon heute mit Be-
stimmtheit, dass die Leberegel keineswegs immer auf die
Leber sich beschränken, sondern in früher Entwicklungs-
stufe auch in die Blutgefässe und die Lunge übertreten.
Dabei abstrahire ich übrigens von den neuerdings
bei den Schweinen im Fleisch aufgefundenen jugendlichen
Distomeen 2), obwohl man dieselben mit unserm Distomum
hepaticum mehrfach in Verbindung gebracht hat. Ich kenne
den Wurm (durch die Freundlichkeit des Herrn Duncker
in Berlin) aus eigener Anschauung und darf mit Bestimmt-
heit behaupten, dass er mit unserm Leberegel keine Ge-
meinschaft hat. Sein Vorkommen bei dem Schweine ist
meines Erachtens nach ein beiläufiges und zufälliges, für
die Beurtheilung seines Entwicklungscyclus eben so irre-
levant, wie das Vorkommen jugendlicher Distomeen (des
sog. Distomum ophthalmohium und Monostomum lentis) bei
dem Menschen.
1) Ich darf bei dieser Gelegenheit wohl die Bitte aassprechen,
mich durch Zusendung von Limnaeus truncatuius in lebenden (mög-
lichst zahlreichen und auch jugendlichen) Exemplaren, sowie durch
Mittheilungen über frisch ausgebrochene Egelseuchen und notorische
Infectionsherde in meinen Untersuchungen freundlichst zu unterstützen.
2) Ztscbr. f. microsc. Fleischschau und populäre Microscopie
1881. Nr. 3.
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur
der Kiemen der Plagiostomen.
Von
Wilhelm Dröscher
aus Schwerin.
Hierzu Tafel IX-XII.
Die folgenden Untersuchungen über die histologische
Struktur des respiratorischen Apparates der Plagiostomen
habe ich auf Anregung meines verehrten Lehrers, des Herrn
Geheimrath Leuckart auf dem zoologischen Institute zu
Leipzig ausgeführt. Es geschah dies in Anschluss an die
vor kurzer Zeit daselbst von Herrn Dr. Eiess gemachten
Untersuchungen über die Kiemen der Knochenfische, in
welchen ein bis dahin unbekannter Mechanismus der Blut-
bewegung nachgewiesen wurde. Es war nun meine Auf-
gabe zu untersuchen, wie sich die Blutbewegung in den
Kiemen der Selachier, die von denen der Teleostier auf
den ersten Blick sehr verschieden gestaltet erscheinen, be-
werkstelligt, und ferner die Abweichungen beiderlei Ein-
richtungen aus der Verschiedenheit der Gesammtorganisa-
tion beider Gruppen zu erklären. Die hauptsächlichsten
Untersuchungen über die histologische Struktur der Kiemen-
blätter habe ich am Torpedo marmoratus angestellt, aus
Gründen, die mir das zu Verfügung stehende Material vor-
schrieb; doch habe ich hierbei die Genera Mustelus, Acan-
thias und Scyllium ebenfalls berücksichtigt. Das Gefäss-
system habe ich unter den Squaliden hauptsächlich an
Mustelus und Scyllium, unter den Rajiden an Raja studirt.
Das Material wurde mir vom Herrn Geheimrath Leuckart
W. Dröscher: Beitr. z, Kenntniss d. histolog-. Struktur etc. 121
ö*
aus dem reichen Vorrathe seines Institutes in ausserordent-
lich liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt; mein
verehrter Lehrer stand mir auch fortwährend mit Eath und
Hülfe belehrend und fördernd zur Seite. Es ist mir eine
angenehme Pflicht ihm an dieser Stelle meinen tiefst ge-
fühlten Dank auszusprechen. Ferner haben mich die Herren
Dr. Marshai und Dr. Chun in liebenswürdigster Weise
mit Material theils aus Triest, theils aus Neapel unterstützt,
wofür ich den genannten Herren meinen besondern Dank
auszusprechen mich verpflichtet fühle.
Die Methode meiner Untersuchung bestand zum Theil
in der Präparation mit dem Messer, zum grössten Theil
jedoch in der Anfertigung von Schnitten nach verschiedenen
Richtungen, die dann mit passenden Färbeflüssigkeiten,
meistens mit ammoniakalischem Karmin, gefärbt wurden.
Die Gefässe zeigten sich an den meisten Exemplaren, die
in Chromsäure oder in Alkohol gehärtet waren, sehr deut-
lich ohne Injektion; sie waren mit geronnenem Blut so
prall gefüllt, dass man ihren Verlauf sehr deutlich verfol-
gen konnte. Zur Sicherheit wurden jedoch einige Injek-
tionen an Scyllium und Raja gemacht und zwar mit dem
bewährten Thiersch'schen Blau.
Bevor ich nun zur eigentlichen Beschreibung der Kie-
men selbst übergehe, halte ich es für passend, einen kur-
zen historischen Abriss der bis jetzt über diese Organe ge-
machten Untersuchunsren und ihrer Resultate zu £:eben.
^ö'
Geschichtliches.
Die makroskopische BeschaflPenheit und Anordnung
der Kiemen der Selachier ist schon lange bekannt; der
Unterschied zwischen den in besondern Kiementaschen ge-
trennten Kiemen dieser Fische und den gemeinsamen Kie-
menhöhlen der Ganoiden und Teleostier musste natürlich
schon den ersten Forschern auffallen, die sich mit der
Anatomie der Selachier beschäftigten. So beschreibt als
einer der ersten, wie Lereboullet in seiner später zu er-
wähnenden Arbeit angiebt, Perrault in einer Abhandlung
über Squalus vulpiis, die sich in den Memoires pour servir
122 Wilhelm Dröscher:
ä rhistoire naturelle des animaux (Memoires de rAcaddmie
des seiences, 1660 — 1678, t. III) befindet, die Kiemen dieses
Haifisches, aber nur in allgemeiner, grober Weise. Der
erste Forscher, der in Bezug auf die Kiemen genauer zwi-
schen Knorpel- und Knochenfischen unterschied, war
Broussonet. Bedeutender gefördert wurde die Kenntniss
der Kiemen der Knorpelfische durch Monro in seinem
Werke: „Bau und Physiologie der Fische, verglichen mit
dem des Menschen", welches Werk durch seinen deutschen
Uebersetzer Schneider um interessante Zusätze vermehrt
wurde. Monro beschrieb die Kiemen der Roche und be-
rechnete die eigentliche respiratorische Fläche derselben,
indem er die sich auf den Seiten der Kiemenblätter er-
hebenden Falten genau zählte und mass. Ausserdem war
er der erste, der sich mit dem Studium der Gefässe, die
das Blut zu den Kiemen hinführen, und ebenso jener,
welche es aus denselben wieder aufnehmen, beschäftigte;
er beschrieb diese Gefässe fast ebenso vollständig und ge-
nau wie später Hyrtl. Bei weitem nicht so eingehende
und genaue Beschreibungen der Kiemen einzelner Haie
und Rochen finden sich in der Histoire naturelle des pois-
sons von Lacepede. Die Unterschiede zwischen den
Kiemen der Teleostier und Selachier wurden dann beson-
ders hervorgehoben und zu erklären gesucht in den Legons
d'anatomie comparee par Cuvier. Hierin finden sich vor-
treffliche Beschreibungen der Kiemen verschiedener Rochen
und Haie, sowie der zu- und ableitenden Gefässe. Ferner
finden wir hier zum ersten Male eine umständlichere Be-
schreibung der Muskulatur, welche sich zwischen den Kie-
mensäcken der Selachier befindet. Diese Beschreibung
wurde von Duvernoy geliefert. Derselbe Forscher hat
später dem Studium der Wände der Kiemensäcke und den
darin enthaltenen Muskeln eine besondere Abhandlung:
„Du mecanisme de la respiration dans les poissous" ge-
widmet; hierin bezeichnete er zuerst die Wand zwischen
den beiden Kiemenblattreihen desselben Bogens als Dia-
phragma. Er verfolgte den Uebergang des Diaphragmas
der Knochenfische, das nur von sehr geringer Entwicklung
ist^ zu dem der Selachier, bei denen es am vollständigsten
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur ete. 123
ausgebildet ist, indem er die Zwischenstufen, welche das
Diaphragma vom Stör, das drei Viertel der Länge der
Kiemenblätter einnimmt, und das von der Chimaera, wel-
ches den freien Rand der Kiemenblätter erreicht, ohne
sich aber mit der Körperbedeckung zu verbinden und eine
Trennung in Kiemensäcke hervorzurufen, bilden, unter-
suchte. Hierdurch wurde der Zusammenhang zwischen den
festsitzenden Kiemen der Selachier und denen der anderen
Fische bedeutend seinem richtigen Verständniss entgegen-
geführt. Die Kenntnisse von der Muskulatur des Kiemen-
diaphragmas wurden nach Duvernoy noch besonders ver-
mehrt durch dessen Schüler L er eboullet in seiner „Ana-
tomie comparee de l'appareil respiratoire". Vor Duvernoy
hatte schon Alessand rini ein muskulöses Diaphragma
gefunden beim Orthag oriscus möla und in seiner Abhand-
lung: „De piscium apparatu respirationis tum speciatim
Orthagorisci" (in den Nov. comment. acad. scient. instit.
Bononiens 1839) beschrieben und mit dem Diaphragma
der Selachier verglichen. Derselbe Forscher hat auch im
4. Bde. der Comm. Bononiens von 1840 seine Untersuchun-
gen speciell über die Kiemen der Selachier veröffentlicht
unter dem Titel: „Observationes supra intima branchiarum
structura piscium cartilagineorum". In neuester Zeit ist
die Kiemenmuskulatur der Selachier vollständig untersucht
und ausführlich beschrieben worden von Vetter in einer
Abhandlung: „Zur vergleichenden Anatomie der Kiemen-
und Kiefermuskulatur der Fische" (im 8. Bde. der Jenaischen
Zeitschrift). Das knorpelige Skelet des Kiemenkorbes hat
in der Arbeit von Gegenbaur: „lieber das Kopfskelet
der Selachier" eingehende Berücksichtigung gefunden.
Das Gefässsystem der Kiemen wurde nach Monro von
Cuvier und Alessandrini, hauptsächlich aber von Hyrtl
in einer besonderen Arbeit: ,,Das arterielle Gefässsystem
der Rochen" beschrieben. Vor Hyrtl lieferte auch schon
Job. Müller in seiner vergl. Anatomie der Myxinoiden
(Abth. Gefässsystem) interessante und wichtige Beiträge
zur Kenntniss desselben. Alessandrini beschreibt das-
selbe ziemlich ausführlich; er macht auch genauere An-
gaben über die Struktur der Kiemenblätter, namentlich
124 Wilhelm Dröscher:
Über ein eigenthümliches, in denselben sieb findendes Ge-
webe. Die Arbeiten von Fiseber, Eosentbai und Doel-
liuger über das Gefässsystem und die Struktur der Kie-
men bebandeln nur einzelne Knocbenfische.
Ausser diesen speciellen Arbeiten über die Kiemen
finden sieb nocb zablreicbe Monographien über einzelne
Gattungen der Plagiostomen, die jedoch betreffs der Kiemen
nur allgemeine Bemerkungen, Wiederbolungen des durcb
die speciellen Arbeiten bekannt gewordenen entbalten. leb
bescbränke mich dessbalb aucb darauf, diese Arbeiten in
dem nachfolgenden Litteraturverzeichniss anzufübren. Das-
selbe gilt aucb für die Handbücber der vergleicbenden
Anatomie, die aucb nur allgemeine Bemerkungen über die
Kiemen enthalten; so die Physiologie comparee par Milne-
Edwards, ferner die Abhandlung von Williams über die
Respirationsorgane in Todd's Encyklopädie, das System
der vergl. Anatomie von Meckel etc.
Trotz all dieser verschiedensten Arbeiten ist eine ge-
naue, zusammenhängende Beschreibung der Kiemen der
Plagiostomen und namentlich eine Beschreibung der Gefäss-
vertheilung in den Kiemenblättern selbst bis jetzt nocb
nicht geliefert worden.
Allgemeines.
Die Kiemen der Selachier scheinen auf den ersten
Blick von den entsprechenden Organen der Ganoiden und
Teleostier himmelweit verschieden zu sein. Während die
Kiemenblattreihen, die den Kiemenbögen aufsitzen, bei den
letzteren beiden Abtheilungen des Fischreiches sich frei in
einer gemeinschaftlichen, vom Operkularapparate bedeckten
Kiemenhöhle befinden, sind dieselben bei den Selachiern
in von einander getrennte Kiemensäcke vertheilt, und jeder
dieser Kiemensäcke hat seine besondere, äussere Oeffnung.
Auf diesen Unterschied, der, wie wir im Folgenden nach-
zuweisen versuchen wollen, auf der besonderen Ausbildung
und Entfaltung von Einrichtungen beruht, die bei den Ga-
noiden und Teleostiern in ihrer Entwicklung zurückgeblie-
ben sind, hat zuerst der französische Forscher Broussonet
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 125
aufmerksam gemacht. Im Anschluss an ihn bezeichnete
Cuvier die Kiemen der Selachier als festsitzende im
Gegensatz zu den freien Kiemen der Ganoiden und Teleo-
stier, und Charles Bonaparte führte wegen dieser fest-
sitzenden Kiemenform für die Abtheilungen der Rochen
und Haie den Namen der Elasmobranchier ein. Für beide
Abtheilungen sind Form und Lage der Kiemensäcke im
Wesentlichen gleich, seitlich vom Schlünde; nur sind die
Oeffnungen der Kiemensäcke, die bei den Haien seitlich
stehen, bei den Rochen durch die in horizontaler Richtung
sicÄ mächtig ausbildenden Brustflossen auf die Unterseite
des Körpers gedrängt. In der Mitte zwischen beiden Ab-
theilungen steht Squatina, die also auch in Betreff der
Lage der Kiemenöffnungen wie in der ganzen Körperform
den Uebergang zu den Rochen bildet. Auf eine allgemeine
Beschreibung der Kiemensäcke, ' Angabe ihrer Zahl und
Verschiedenheiten etc. kann ich hier um so eher verzichten,
als sich diese Verhältnisse in allen Handbüchern der ver-
gleichenden Anatomie (vergl. Stannius, Zootomie) erörtert
finden ^).
Auch bei den Selachiern geschieht die Vergrösserung
der auf den Kiemenbögen zur Seite der Innern Kiemen-
spalten sich erhebenden Kiemenoberfläche nach dem Prin-
cipe der Faltelung. Es bilden sich nicht nur die einzelnen
Kiemenbiättchen als Falten auf den Seitenwänden der Kie-
mentaschen, sondern auf den beiden Seitenflächen der Kie-
menblätter erhebt sich wiederum die Haut derselben zu
senkrecht zur Fläche der Kiemenblätter stehenden Fält-
chen, in denen sich dann das eigentliche Kiemenkapillar-
netz ausdehnt, und die also die hauptsächlichste respirato-
rische Oberfläche bilden, genau so wie dies auch bei den
Teleostiern der Fall ist.
Die Kiemenblätter haben nicht überall auf dem Bogen
die gleiche Länge, sondern sind ungleich und sind im
Ganzen so angeordnet, dass die längsten den Punkt, wo
sich die beiden Hälften des Bogens gelenkig verbinden
1) Man vgl. auch : Rathke, Beiträge zur Entwicklungsgeschichte
der Haifische und Rochen.
126 Wilhelm Dröscher:
und wo die längsten Kiemenstrahlen dem Bogen aufsitzen,
einnehmen. Von hier nehmen die Kiemenblätter nach den
Enden des Bogens zu allmählich ab; an letzteren Stellen
sind sie gewöhnlich nur sehr kurz; hier geht die Kiemen-
blattreihe der vordem Wand des Kiemensackes ununter-
brochen in die der hintern Wand über. Bei Squatina sind
die Kiemenblätter im Allgemeinen sehr kurz, bei Mustelus
und Acanthias sehr viel länger; die von Scyllium halten
zwischen den beiden vorigen die Mitte. Die Kiemenblätter
sind fast in ihrer ganzen Länge der Wand des Kiemen-
sackes angewachsen, nur am oberen Ende stehen sie eine
kurze Strecke lang in schräger Richtung vom Diaphragma
ab. Der freie Rand derselben ist nur selten ganz glatt, er
zeigt meistens höckerige oder zahnartige Hervorragungen,
erscheint gesägt. Sehr grosse Zähne trägt er bei Raja, wie
schon Duvernoy bemerkt hat. Die auf den Seitenflächen
der Kiemenblätter senkrecht stehenden Schleimhautfalten
nehmen nicht die ganze Breite der Blätter ein, wie dies
bei den Teleostiern durchweg der Fall zu sein scheint,
sondern das der angewachsenen Kante des Blattes zunächst
gelegene Drittel einer Seitenfläche bleibt frei; nur an der
frei abstehenden Spitze ziehen sie sich über die ganze
Breite weg. Auf diesen Unterschied von den Teleostiern
hat schon Aiessandrini aufmerksam gemacht.
Das Kiemenskelet.
Zur Stütze der respiratorischen Flächen dient eine
Skeletgrundlage, die bei den Selachiern wie alle Skelet-
theile knorpelig ist. Sie besteht aus Bögen wie bei den
Teleostiern. Dieser Theil des Kiemenapparates ist in
seinem genaueren Verhalten jedenfalls am längsten und
am besten bekannt; in neuerer Zeit ist er eingehend be-
schrieben worden in der Arbeit Gegenbaur's über das
Kopfskelet der Selachier. Ich kann mich desshalb darauf
beschränken, das für das Verständniss meiner Untersuchun-
gen Nothwendige aus den verschiedenen über diesen Punkt
gelieferten Arbeiten zu rekapituliren.
Die Hauptstütze der Kiemen wird gebildet von den
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 127
inneren Kiemenbögen. Sie bestehen aus vier Gliedern,
die gelenkig mit einander verbunden sind. Von diesen
schliesst sich das oberste Glied jeder Seite als Basale an
die Wirbelsäule, mit der es durch Bindegewebe verbunden
ist, an und dient als Suspensorium des ganzen Bogens.
Das ihm entgegengesetzt liegende, jederseitige, unterste
Glied schliesst sich als Copulare an eine in der Mittellinie
des Bauches liegende Reihe von Knorpelstücken an und
bringt so den Visceralapparat unten zum Abschluss. Zwi-
schen beiden liegen die bedeutendsten Glieder des Bogens,
das obere und untere Mittelglied. Beide sind an der Stelle,
wo sie zusammenstossen, etwas verbreitert und durch ein
fibröses Band gelenkig verbunden, so dass dadurch dem
ganzen Kiemenbogen die Möglichkeit gegeben wird Be-
wegungen auszuführen, welche, wie aus dem Folgenden
hervorgehen wird, für die Aus- und Einathmung und auch
für die Schluckbewegung nothwendig sind. Die nach aussen
gekehrte Seite dieser Mittelglieder ist nicht einfach abge-
rundet, sondern sie zeigt an ihren beiden Rändern zwei
mehr oder minder stark hervortretende Leisten, zwischen
welchen sich eine zur Aufnahme der Kiemengefässe die-
nende Rinne entwickelt. Die dem hintern Rand des Kie-
menbogens folgende Leiste dient den gleich zu erwähnen-
den Knorpelstrahlen zum Ansatz, während an der vordem
Leiste sich die Muskeln des Diaphragma's inseriren. Die
Innenseite der Mittelglieder ist namentlich in der Nähe
der Artikulationsstelle rinnenförmig ausgebildet, und diese
Vertiefungen dienen dazu, den zwischen den beiden Mittel-
gliedern gelegenen Musculus adductor des Kiemenbogens
aufzunehmen 1). Der letzte Kiemenbogen, der keine Kie-
menblätter mehr trägt, sondern nur zur Begrenzung und
Stütze des letzten Kiemensackes dient, besteht nur aus
2 Gliedern, den beiden Mittelgliedern; er besitzt damit
nur eine geringe Beweglichkeit, die noch verringert wird
durch die innige Verbindung mit dem Schultergürtel. Er
weist Beziehungen zum Gefässsystem auf.
1) lieber die Bedeutung dieser Rinne vergl. Gegenbaur's
Arbeit über das Kopfskelet pag. 150.
128 Wilhelm Dröscher:
Auf der hintern Leiste der beiden Mittelglieder, aber
nur an dieser selbst, sitzt eine Reihe von Knorpelstrahlen
auf, die sich in das zwischen den beiden Kiemenblattreihen
eines Bogens befindliche Diaphragma hineinerstrecken und
demselben als Stütze dienen; zugleich versehen sie dieselbe
Funktion für die dem Diaphragma ansitzenden Kiemen-
blätter; sie haben somit schon nähere Beziehungen zu den
Kiemenblättern als die Kiemenbögen. Zuerst sind sie von
Duvernoy beschrieben und dann von Alessandrini;
auch Lereboullet, Stannius und Rathke erwähnen
sie, und Gegenbaur hat ihnen einen besondern Abschnitt
gewidmet. Sie sind nicht alle unter einander gleich, son-
dern der stärkste ist der, welcher auf der Artikulations-
stelle der beiden Mittelglieder aufsitzt. Von hier nehmen
sie allmählich ab nach den Enden der Mittelglieder zu,
ähnlich wie die Kiemenblätter; die letzten sind ganz kleine
Knorpelchen, wenigstens bei den Haien; bei den Rochen
ist die Grössenabnahme keine so bedeutende. Die Zahl
dieser Knorpelstrahlen ist bei den Rochen allgemein eine
grössere als bei den Haien. Bei Squalis longirostris sind
nach den Untersuchungen Rathke's diese distinkten Knor-
pelstrahlen zu kontinuirlichen Knorpelplättchen verschmol-
zen. Am letzten, kiemenlosen Kiemenbögen scheinen die
Knorpelstrahlen ganz zu fehlen, sind hier jedoch nach den
Untersuchungen Gegen bau r's durch kleine Knorpelstück-
chen vertreten. Alle diese Knorpelstrahlen sind mit dem
Kiemenbögen gelenkig verbunden ; sie sind in seichte Gru-
ben eingesenkt, und die gelenkige Verbindung wird dadurch
hergestellt, dass das Perichondrium des Kiemenbogens in
seinen äusseren Lagen direkt in das des Kiemenstrahles
tibergeht, während eine innere Lage desselben zwischen
den Kiemenbögen und den Kiemenstrahl eindringt, um
hier ein kleines Bindegewebspolster zu bilden, auf dem
der Knorpelstrahl ruht und sich bewegen kann. So wird
es jedem einzelnen Kiemenstrahl möglich gemacht, in Folge
der Contraktionen des Muse, adductor Bewegungen auszu-
führen, welche dazu dienen, die Kiemenscheidewand zu
dehnen und die Kiemenblätter von einander zu entfernen.
Diese Knorpelstrahlen finden sich also, wie schon erwähnt,
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 129
nur an den Mittelgliedern eines Bogens; den Endgliedern,
d. h. dem Basale und Copulare fehlen sie. Aber mit jedem
dieser Glieder steht ein Knorpelstrahl in Verbindung, der
sich am Rande der Kiemensackscheidewand bogenförmig
gekrümmt hinzieht, letztere begrenzend, und sich in die
Interstitien der äusseren Kiemenöffnungen hineinerstreckt.
Die Verbindung mit dem Innern Kiemenbogen geschieht
nur durch Bindegewebe. Diese Knorpelbögen sind zuerst
von Cuvier und darauf von Rathke angegeben worden;
letzterer beschreibt sie als einen Rahmen bildend, zwischen
welchem das Diaphragma ausgespannt sei. Cuvier be-
zeichnet sie als Rudimente von Vertebral- respective Ster-
nalrippen in Folge ihrer Lage; während Stannius das
gesammte Gerüst dieser Knorpelbögen als einen abortiven
Repräsentanten des äusseren Kiemenkorbes der Petromy-
zonten auffasst. Gegenbaur hat diese Skelettheile in
ihren Verschiedenheiten genau beschrieben und sie als
äussere Kiemenbogen bezeichnet. In Betreff ihrer Bedeu-
tung verwirft er die eben erwähnte Ansicht Cuvier's;
dagegen glaubt er eine Uebereinstimmung mit dem Kiemen-
skelet der Petromyzonten annehmen zu müssen und hält
die äusseren Kiemenbogen für Vererbungen von einer den
Cyclostomen und Selachiern gemeinsamen Stammform.
Struktur der Kiemensackwände und des
Diaphragmas.
Ihre eigenthümliche Vertheilung in getrennte Kiemen-
säcke verdanken die Kiemen der Selachier dem Vorhan-
densein einer Wand zwischen den beiden Kiemenblattreihen
eines jeden Bogens, welcher diese letzteren angewachsen
sind. Diese Kiemensackscheidewand wurde zuerst von
Duvernoy untersucht und von ihm in der ersten Ausgabe
der Legons d'anatomie comparee par Cuvier (1805) be-
schrieben. Duvernoy fand, dass diese Scheidewand ähn-
liche Beziehungen zum Respirationsmechanismus, zur Ent-
fernung und Erneuerung des Athmungsmediums aufweise,
wie das Zwerchfell der Säugethiere zur Athmung, und er
bezeichnete dieselbe desshalb als Diaphragme branchial.
Arcli. f. Naturgesch. XXXXVIII. Jahrg. 1. Bd. 9
130 Wilhelm Dröscher:
Später widmete er der Beschreibung von verschiedenen
Formen des Diaphragmas eine besondere Abhandlung:
„Du mecanisme de la respiration dans les poissons". Vor
dem Erscheinen dieser letzten Arbeit hatte schon Alessan-
drini in seinen: „Observationes supra intima branchiarum
structura piscium cartilagineorum" und in seiner noch ein
Jahr früher erschienenen Arbeit: „De piscium apparatu
respirationis tum speciatim Orthagorisci" das Diaphragma
und seine Zusammensetzung erwähnt, aber zu dem, was
Duvernoy schon 1805 geliefert hatte, nichts Neues hin-
zugefügt. Duvernoy bemerkte, dass das Diaphragma
der Selachier nicht bloss wie die ähnlichen Bildungen
einiger anderer Fische muskulös und sehnig, d. h. binde-
gewebig sei, sondern dass auch knorpelige Theile an seiner
Zusammensetzung Theil nähmen. Er beschrieb zuerst die
schon oben beim Skelet erwähnten Knorpelstrahlen. Ebenso
war er der erste, der die Muskelschichto des Diaphragmas
von Raja beschrieb und abbildete.
Bei der nun folgenden Beschreibung des Diaphragmas
gehe ich vom Kiemenbogen aus. Derselbe wird zunächst
von einem starken Perichondrium umgeben, das sich na-
mentlich an seinen Seitenrändern verdickt zeigt. Der ganze
Skeletbogen liegt in einer Hülle faserigen Bindegewebes.
Die Bindegewebsschichten, welche unmittelbar unter dem
Epithel des Bogens liegen, sind verdichtet, was man an
ihrer dunkleren Färbung mit Carmin erkennt. Sie zeigen
einen parallelen Faserverlauf und bilden eine Cutis, die
sich oft zu breiteren oder spitzeren Papillen erhebt. An
die Papillen knüpft eine Zahnbildung an, wie 0. Hertwig
sie im 8. Bande der Jenaischen Zeitschrift beschrieben hat.
Es finden sich also hier in den der Schlundhöhle zuge-
kehrten Epithelflächen der Kiemenbogen dieselben Zahn-
bildungen, wie im Mund und auf der äusseren Haut. Bei
einzelnen Arten finden sich auch sogenannte Pharyngeal-
radien, kleine, mit Bindegewebe und Epithel überzogene
Knorpelstrahlen, wie sie Gegenbau r beschrieben hat, die
sich über die inneren Kieraenspalten hinübererstrecken. In
dieses den Bogen an seiner konkaven Seite umhüllende
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 131
Bindegewebe ist der später zu beschreibende Adduetor der
beiden Bogenhälften eingebettet.
Das eigentliche Diaphragma schliesst sich an die
konvexe, nach aussen gekehrte Seite des Kiemenbogens
an. Ausser Bindegewebe, Muskelfasern und Knorpelstrahlen
enthält es noch Blutgefässe und grössere Bluträume im
Bindegewebe, welche beim Gefässsystem beschrieben werden
sollen. Diese Bestandtheile sind dem Diaphragma der Squa-
liden und ßajiden gemeinsam, obgleich beide Familien
sonst im speciellen Bau mancherlei Unterschiede zeigen.
Zur Stütze und zur Ausspannung des Diaphragmas dient
eine Reihe von Knorpelstrahlen, die sich an eine Leiste
des hinteren Randes des Kiemenbogens ansetzen. Die ein-
zelnen Strahlen hängen durch eine Haut lockeren Binde-
gewebes, das sich direkt an ihr Perichondrium anschliesst,
unter einander zusammen, so dass sie sich einander nähern
und von einander entfernen können. Sie sind bei den
Haien weniger zahlreich als bei den Rochen, ebenfalls klei-
ner; sie bleiben meist einfach oder theilen sich gabelig,
wobei jedoch beide Aeste rund bleiben. Die einzelnen
Ausnahmen können hier übergangen werden, da man eine
eingehende Beschreibung derselben in Gegen bau r's Arbeit
über das Kopfskelet findet. Bei den Rochen sind die Knor-
pelstrahlen viel zahlreicher und stärker entwickelt in Dicke
und Länge. Hier erreichen sie tiberall den Rand des Dia-
phragmas und erstrecken sich sogar noch über denselben
hinaus. Bei Raja bleibt von ihnen nur der mittlere dem
Gelenke der Mittelglieder aufsitzende Strahl an der Spitze
ungetheilt; alle andern gabeln sich. Die beiden Aeste der
Gabel sind dabei nicht gleicbmässig ausgebildet. Der eine
Ast bleibt kurz und drehrund, er reicht nur bis zum Rand
des Diaphragmas. Der andere Ast ist länger und ver-
breitert sich an seinem Ende schaufeiförmig zu einer Knor-
pelplatte. Es ist dies in der ventralen, dem untern Mittel-
gliede angehörigen Hälfte des Diaphragmas der ventrale,
der Bauchseite zugekehrte Ast der Gabel; in der dorsalen
Hälfte ist es dagegen der der Rückenseite zugekehrte Ast,
der sich verbreitert. Diese Knorpelplatten behalten nicht
die Lage der eigentlichen Knorpelstrahlen bei, bleiben
132 Wilhelm Dröscher:
nicht im Diaphragma, sondern biegen rechtwinklig nach
hinten um, um hier den untern und obern Wänden der
Kiemensäcke als Stütze zu dienen.
Auf der vordem Seite der Knorpelstrahlenreihe liegt
eine Schicht neben einander verlaufender Muskelbündel,
die den mächtigsten und wichtigsten, schon von Duvernoy
erwähnten Theil des Diaphragmas bilden. Diese Muskel-
schicht befähigt das Diaphragma zu seiner eigenthümlichen,
im Respirationsmechanismus so wichtigen Funktion, wie
wir später sehen werden. Die einzelnen Bündel derselben
sind mit den Knorpelstrahlen, denen sie aufliegen, durch
lockeres Bindegewebe verbunden, nur am mittelsten und
stärksten Strahle findet ein Theil derselben eine wirkliche
Insertion. Das erwähnte Bindegewebe erstreckt sich überall
zwischen die einzelnen Bündel hinein und umgiebt die-
selben scheidenartig, indem es sich mit der auf der Vorder-
seite der Muskelschicht liegenden Bindegewebshaut ver-
bindet. Die Insertionslinie des Diaphragmamuskels am
Kiemenbogen wird durch eine am vorderen Rande desselben
verlaufende Leiste bezeichnet.
Die Muskelschicht liegt nun nicht überall den Knor-
pelstrahlen dicht an. Zwischen den Insertionslinien der
beiden Theile am Kiemenbogen findet sich ein Raum, der
zur Aufnahme der Kiemenbogenarterie, die von hieraus
ihre Aeste an die einzelnen Kiemenblätter abgiebt, und
anderer, später zu erwähnender Gefässe dient. Diese Ge-
fässe liegen hier nicht frei, sondern sind von lockerem
Bindegewebe, das den ganzen Raum ausfüllt, umgeben.
Wenn Vetter in seiner Arbeit: „lieber die Kiemen- und
Kiefermuskulatur der Fische" (Jenaische Zeitschrift, Bd. 8.
pag. 420) angiebt, dass sich in diesem Raum auch die
Vene des Kiemenbogens befinde, so beruht dies auf einem
Irrthum, da ein Kiemenbogen für seine beiden, zwei ver-
schiedenen Kiemensäcken angehörigen Kiemenblattreihen
nicht eine einzige, sondern zwei Wurzelvenen besitzt, die
wie später beschrieben wird, anderswo verlaufen.
Dieser mit lockerem Bindegewebe erfüllte Raum nimmt
nach oben allmählich ab, indem sich die Muskelschicht der
Knorpelstrahlenreihe allmählich nähert, um sich ihr dann
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 133
bald ganz anzulegen. Aber auch hier drängen sich zwischen
beide Theile vielfach Gefässäste, die aus der Kiemenbogen-
arterie entsprungen sind. Sie verschieben zum Theil die
Knorpelstrahlen und lassen sie nach aussen gewölbt durch
die sie bedeckende Bindegewebshaut hervortreten, so dass
sie wie zwischen die Kiemenblätter geschoben erscheinen.
Diese Lagerung einzelner Blutgefässe ist in so fern von
Bedeutung, als bei einer Contraktion der Muskelschicht
des Diaphragmas das Blut aus ihnen, dadurch, dass sie
an die Knorpelstrahlenreihe hinangedrückt werden, hinaus-
getrieben und in die Kiemenblätter gedrängt wird.
Die Innervirung des Diaphragmas geschieht am Zungen-
beinbogen durch einen Ast des Glossopharyngaeus, an den
darauf folgenden eigentlichen Kiemenbögen . durch Aeste
des Vagus. Ein solcher für einen Kiemenbögen bestimmter
Nervenast tritt an der oberen Commissur eines Kiemen-
sackes zwischen den Basalia zweier benachbarter Bögen
durch und verläuft an der Basis der Muskelschicht auf
der Vorderseite derselben, dicht an der Insertionslinie, der
Krümmung des Kiemenbogens folgend. Er giebt Aeste
ab, die sich auf der Muskelschicht vielfach verästeln. Von
diesen Nervenzweigen erhält man regelmässig auf Quer-
schnitten durch die beiden Kiemenblattreihen desselben
Bogens, die senkrecht zum Diaphragma gemacht sind,
Querschnitte neben der Muskelschicht. Nach dem Durch-
tritt durch den Kaum zwischen den Basalia giebt der Nerv
eines Bogens innerhalb des die obere Kiemensackkommis-
sur bewerkstelligenden, die oberen Enden der Kiemenbögen
verbindenden Bindegewebes einen schwächeren Ast ab, der
zu der vordem Wand desselben Kiemensackes, die aber
von der hintern Kiemenblattreihe des nächst vordem Kie-
menbogens gebildet wird, tritt und an der Basis der hier
ansitzenden Kiemenblätter parallel der Krümmung des
Bogens verläuft. So findet man an jedem Kiemenbögen
mit Ausnahme des Zungenbeinbogens und des letzten Kie-
menbogens, die später berücksichtigt werden sollen, auf
jeder Seite des Diaphragmas einen Nervenstrang parallel
der Krümmung des Kiemenbogens verlaufen. Der auf der
Vorderseite an der Insertionslinie der Muskelschicht ver-
134 Wilhelm Dröscher:
laufende ist der stärkere, er gehört dem Bogen selbst an;
der auf der hintern Seite unter der hintern Kiemenblatt-
reihe verlaufende ist schwächer und gehört als Ast zu
dem Nerven des nächstfolgenden Bogens. (Vergl. Fig. 9.
n und n'.)
Auf der Vorderseite der Muskellage und auf der Rück-
seite der Knorpelstrahlenreihe liegt je eine Schicht lockeren
Bindegewebes, welche beide Schichten das Diaphragma
nach aussen abschliessen. Beide Bindegewebshäute stehen
durch das die Knorpelstrahlen verbindende Bindegewebe
und durch die bindegewebigen Muskelscheiden in Zusammen-
hang. Nach innen schliessen sie sich an das den knor-
peligen Skeletbogen auf seiner konvexen Seite umhüllende
Bindegewebe an. Diese Bindegewebslamellen sind es auch,
welche die erwähnten, zahlreichen und oft beträchtlich
grossen Lückenräume, die mit Blut gefüllt sind, enthalten.
Die äussersten Schichten der beiden das Diaphragma be-
grenzenden Lamellen verdichten sich zu einer Cutis, der
das Epithel der Kiemen sacke vermittelst einer Basalmem-
bran aufliegt. An diese Cutis des Diaphragmas schliesst
sich ein bestimmter Gewebekörper der Kiemenblätter direkt
an, wie später gezeigt werden soll.
Das die Knorpelstrahlen verbindende Bindegewebe
ist gewöhnlich von lockerer Beschaffenheit; ihm scheinen
namentlich auf Querschnitten die Knorpelstrahlen einfach
eingebettet zu sein. Bei Scyllium sondert sich jedoch aus
diesem Bindegewebe an den oberen Enden der Knorpel-
strahlen eine Art von festerem Ligament ab, das die oberen
Enden sämmtlich unter einander verbindet.
Bei Raja findet sich hier zwischen den Knorpelstrahlen
noch ein besonderer Apparat von Bändern, der schon von
Duvernoy beschrieben und abgebildet ist. Diese Bänder,
die sich zwischen je zwei Knorpelstrahlen ausspannen,
haben entsprechend der ventralen und der dorsalen Hälfte
des Diaphragmas entgegengesetzte Richtung. Sie gehen
von dem untern Theile der dem Mittelstrahl zugekehrten
Seite eines jeden Knorpelstrahles in schräger Richtung
nach dem obern Theil der dem Mittelstrahl abgekehrten
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 135
Seite des nach der Mitte zunächstfolgenden Strahles*).
Zwischen dem Mittelstrahl und den beiden ihm benach-
barten Strahlen spannen sich keine Bänder aus. Diese
Bänder wirken als Antagonisten des Diaphragmamuskels,
wie später erläutert wird, sie unterstützen die Wirkung
des in der Beuge des Bogens liegenden Adductors. Von
diesen bei Kaja schön ausgebildeten Bändern habe ich
bei den Haien, von denen ich namentlich Mustelus auf
diesen Punkt hin untersuchte, keine Spur gefunden.
Ich wende mich nun zur Beschreibung der Anordnung
und des Verlaufes der Muskelbündel des Diaphragmamuskels
oder des Musculus interbranchialis. Diese Verhältnisse
bieten bei den Haien und Rochen merkliche Verschieden-
heiten dar, so dass eine gesonderte Betrachtung ange-
zeigt ist.
Bei den Haien wird das Diaphragma an seinem
äussern Rande umgeben und gestützt von den beiden Knor-
pelspangen des dazu gehörigen äusseren Kiemenbogens.
Diese sind es denn auch, an denen sich die Muskelbündel
des Diaphragmas mit ihren äusseren Enden inseriren. Da,
wo sich die beiden Spangen nicht erreichen, sondern nur
durch Bindegewebe an ihren Enden verbunden sind, inse-
riren sich die Muskelbündel in diesem Bindegewebe. Am
ventralen Ende, wo die ventrale Spange eine dreieckige
Platte bildet, verbindet Bindegewebe diese Platte mit dem
Copulare des inneren Kiemenbogens und bewerkstelligt so
den Abschluss des Diaphragmas. Aehnlich geschieht es
am obern, dorsalen Ende. In der ventralen Hälfte des
Diaphragmas inseriren sich die äussersten Muskelbündel,
die zugleich die stärksten sind, an der dreieckigen Platte
der untern Spange des äussern Kiemenbogens. Ein kurzes
und dickes Muskelbündel nimmt seinen Ursprung von dem
hintern Rande der dreieckigen Platte des nächst vordem,
äussern Bogens und von dem beide auf einander folgenden
Platten verbindenden Ligament. Diese Bündel ziehen zum
untern Mittelgliede des innern Kiemenbogens, um sich an
demselben zu inseriren. Dabei gehen sie einander nicht
1) Vergl. Duvernoy 1. c. tab. 6. fig. C und D.
136 Wilhelm Dröscher:
parallel, sondern divergiren etwas, so dass ihre Insertions-
linie am innern Kiemenbogen eine längere ist als am
äussern Kiemenbogen. Nach aussen von den mehrfach
erwähnten dreieckigen Platten liegen Theile der ventralen
Längsmuskulatur der Kiemen.
Das untere Mittelglied dient nur einem kleinen Theile
von Bündel des Muse, interbranchialis, die vom äussern
Kiemenbogen kommen, zur Insertion; von diesen Bündeln,
die sich noch am Mittelgliede inseriren, scheinen die äusser-
sten schon das Gelenk der beiden Mittelglieder überschrei-
ten zu wollen; sie biegen sich jedoch gerade über dem
Gelenke dem Kiemenbogen zu und inseriren sich an dem-
selben; ebenso verhalten sich die entsprechenden Bündel
der dorsalen Hälfte, so dass hier auf einer kleinen Strecke
das Aussehen eines Scheitels entsteht. Auch das dorsale
Mittelglied gewährt nur einem kleinen Theil von Bündeln,
die von der dorsalen Spange des äussern Kiemenbogens
kommen, eine Insertion; dieselben verhalten sich wie die
entsprechenden der ventralen Hälfte. Die weiter nach
aussen gelegenen Bündel beider Hälften des Diaphragmas,
die also an den Mittelgliedern keine Insertion finden, gehen
in einander über; sie nehmen dabei allmälilich eine dem
Kiemenbogen immer mehr parallele Kichtung an. Man
hat also hier im Diaphragma zwischen zwei verschieden-
artig verlaufenden Partien von Muskelbündel zu unter-
scheiden. Die eine Partie wird gebildet von denen, welche
sich am innern Kiemenbogen inseriren, indem sie von der
ventralen resp. dorsalen Spange des äusseren Kiemen-
bogens nach dem ventralen resp. dorsalen Mittelgliede des
innern Bogens ziehen. Die zweite Partie wird gebildet
von denen, die keine Insertion am innern Kiemenbogen
finden, sondern über die Gelenkverbindung der Mittelglieder
hinweg aus der ventralen in die dorsale Hälfte oder um-
gekehrt übergehen. Die innersten Bündel der letzteren
Partie ziehen über den Mittelstrahl, der dem Gelenke auf-
sitzt, weg, ohne sich an ihm zu inseriren, da derselbe
ihnen noch nicht dicht anliegt. Die mehr nach aussen
gelegenen Bündel inseriren sich jedoch zum Theil am
Mittelstrahl. Die äussersten, das Diaphragma begrenzenden
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 137
Bündel gehen jedoch wieder über den Mittelstrahl und
über die freien Enden der anderen Kiemenstrahlen hinweg
. in einander über, indem sie dabei die Enden der Strahlen
von beiden Seiten umfassen, so dass dieselben in der
Muskelschicht versteckt liegen. Jenseits, d. h. nach aussen
von den beiden Spangen des äusseren Kiemenbogens, liegt
das System des Musculus constrictor superficialis communis.
Soweit die beiden Knorpelspangen reichen, ist der Muse,
interbranchialis des Diaphragmas von dem Constrictor ge-
trennt, eben durch dieselben; aber in der Mitte des
äussern Umfanges des Diaphragmas, wo die Spangen einen
Zwischenraum zwischen sich lassen, schliessen sich die
Bündel des Diaphragmamuskels ohne dazwischen gescho-
bene Scheidewand an die darüber liegenden Bündel des
Constrictor an, mit denen sie hier ungefähr gleichen Ver-
lauf haben; dieselben bilden hier das Septum zwischen zwei
benachbarten Kiemenspalten. (Vgl. Fig. 2.)
Die eben gegebene Beschreibung des Diaphragma-
muskels galt dem Gen. Mustelus. Vetter hat in seiner
schon öfter erwähnten Arbeit denselben Muskel bei Hexan-
chus und ferner bei Äcanfhias und Scymnus beschrieben.
. Bei Hexanchus sind die beiden Spangen des äussern Kie-
menbogens nur wenig entwickelt, sie bieten daher nur
einer geringen Zahl von Muskelbündeln des Diaphragmas
eine Insertion und trennen diesen ganzen Muskel nur un-
vollkommen von dem Constrictor communis. Der erstere
schliesst sich eng an das System des letzteren an und er-
scheint eigentlich nur als ein besonderer Theil desselben,
der sich von der Oberfläche aus zwischen zwei Kiemen-
blattreihen hinaberstreckt. Mit der Weiterentwicklung der
äusseren Kiemenbögen schreitet auch die Trennung des
Diaphragmamuskels vom Constrictor weiter vorwärts. Zu-
gleich nehmen die dorsalen und ventralen Portionen des
Constrictors andere Verlaufsrichtung an, als sie bei Hexan-
chus zeigen; ihre Bündel gehen nicht mehr mit denen des
M. interbranchialis parallel, nur die das Septum zweier
Kiemenspalten bildenden Bündel bewahren eine mit den
äussersten Bündeln des Muse, interbranchialis parallele Rich-
tung. Diesen Differenzirungsprocess hat Vetter beschrie-
138 Wilhelm Dröscher:
bell und zu erklären versucht. Abweichungen von diesem
allgemeinen Verhalten bieten der Zungenbeinbogen und
der letzte Kiemenbogen; sie mögen desshalb besser ge-
sondert berücksichtigt werden.
Ich wende mich jetzt zur Beschreibung des Verlaufes
der Muskelbündel im Diaphragma von Kaja; derselbe ist
verschieden von dem bei Mustelus. Den Rochen fehlt das
System der äusseren Kiemenbogen: das Diaphragma eines
Kiemenbogens wird hier in Folge dessen nicht von zwei
Knorpelspangen an seinem äusseren Umfange begrenzt,
sondern es findet sich hier nur ein bindegewebiger Streifen,
der das ganze Diaphragma rings umzieht. Derselbe ist
entstanden durch das Zusammenschliessen der beiden, das
Diaphragma seitlich nach den Kiemensäcken zu begren-
zenden Bindegewebslamellen. In. diesem bindegewebigen
Streifen finden denn auch die Bündel des Muse, interbran-
chialis ihre äussere Insertion (vergl. Fig. 1). Im Dia-
phragma selbst können wir streng scheiden zwischen der
dorsalen, oberhalb des Mittelstrahles gelegenen Hälfte und
der ventralen, unterhalb des mittleren Kiemenstrahles ge-
legenen Hälfte. Die Bündel beider Hälften sind vollständig
ron einander getrennt, gehen an keiner Stelle in einander
über, wie dies im Diaphragma der Haie in der äusseren
Partie der Bündel der Fall war. Die Muskelbündel beider
Hälften sind symmetrisch zum Mittelstrahl angeordnet in
Bezug auf ihre Richtung. Die untersten und die obersten,
am weitesten von der Mittellinie des Diaphragmas abge-
legenen Bündel inseriren sich an den betreffenden Mittel-
gliedern des Innern Kiemenbogens und zwar ebenfalls an
einer Leiste längs des Vorderrandes. Die untern Bündel
ziehen dabei von unten und aussen nach oben und innen.
Die Mittelglieder reichen aber nicht aus, um allen Bündeln
des Diaphragmas eine Insertion zu bieten. Die weiter
nach innen, dem mittleren Kiemenstrahle zu gelegenen
Muskelbündel beider Hälften inseriren sich nicht mehr am
Innern Kiemenbogen, sondern an den beiden Seitenrändern
des mittleren Strahles. Diese Innern Bündel haben genau
dieselbe Richtung wie die untern und obern. Die Muskel-
bündel beider Hälften konvergiren gegen einander und
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 139
stossen am Mittelstrahle auf einander, aber ohne sich zu
vereinigen, da der Mittelstrahl zwischen sie geschoben ist.
Dieser Kiemenstrahl bildet die Symmetrielinie der beiden
Hälften des Diaphragmas. Durch diesen beschriebenen
Verlauf seiner Bündel gewinnt der Muse, interbranchialis
bei Raja das Aussehen eines sorgfältig geregelten Scheitels
(vergl. Fig. 1). Von dem Constrictor communis hat sich
hier der M. interbranchialis völlig getrennt; beide haben
ganz verschiedene Lage und Faserrichtung und sind durch
den sehnigen Streifen, der den Rand des Diaphragmas
umzieht, getrennt.
Ich will nun noch kurz die Art der Begrenzung der
Kiemensäcke nach aussen erwähnen. Bei den Haien sieht
man nach Entfernung der oberflächlichen Constrictoren
oberhalb und unterhalb der äusseren Kiemenöffnung die
Kiemensäcke geschlossen durch ziemlich zarte Bindege-
webshäute. Dieselben spannen sich vom Hinterrande eines
äussern Kiemenbogens zum Vorderrande des nächstfolgen-
den. Es sind diese Häute nichts anderes als die Fort-
setzungen der Bindegewebslamellen des Diaphragmas und
zwar der hintern Diaphragmaseiten. Dieses Bindegewebe
umhüllt die äussern Kiemenbögen und schlägt sich dann
nach hinten um, um sich an den Vorderrand des nächst-
folgenden, äussern Kiemenbogens anzusetzen und sich hier
mit dem Bindegewebe der Vorderseite dieses Diaphragmas
zu verbinden. Längs des Vorderrandes der äussern Kie-
menbögen schliessen sich an die Bindegewebshäute Sehnen-
streifen an, welche entsprechend jedem Diaphragma und
jeder Kiemenspalte den Constrictor superficialis communis
durchsetzen und in einzelne Portionen theilen, um zugleich
den Bündeln der einzelnen Portionen als Insertionsfläche
zu dienen. Die Bindegewebsmembran, welche also den
Abschluss der Kiemensäcke nach aussen, ober- und unter-
halb der Kiemenlöcher besorgt, trägt demnach auf der
äussern Seite einzelne Theile des Constrictor communis;
nach innen ist sie mit dem Epithel der Kiemensäcke be-
kleidet.
Bei den Rochen gehen die bindegewebigen Häute, welche
die Kiemensäcke allseitig bis auf die äussern Kiemenspalten
140 Wilhelm Dröscher:
abschliessen, nicht von einem System äusserer Kiemen-
bögen aus, da ein solches hier fehlt; sondern von dem
sehnigen Streifen, der an Stelle der äussern Kiemenbögen
jedes Diaphragma umgiebt. Dieser Streifen giebt nun eine
nach hinten sich umbiegende Lamelle ab, die sich an den
Vorderrand des Sehnenstreifens des nächsten Diaphragmas
ansetzt und mit demselben verbindet. So entsteht dieselbe
zum Abschluss der Kiemensäcke dienende Haut wie bei
den Haien, nur ist sie nicht zwischen zwei äussern Kiemen-
bögen ausgespannt. Zu ihrer Stütze dienen die schon oben
beschriebenen, vom Rande des Diaphragmas nach hinten
umbiegenden Knorpelplatten, die Verbreiterungen des einen
Astes der Kiemenstrahlen. Nach aussen liegen diesen
Häuten auch wieder einzelne Portionen des Constrictor
comm. auf, jedoch nur auf der ventralen und dorsalen
Seite. An den Seiten der Kiemensäcke grenzen die Häute
direkt an die Skeletbögen der mächtig entwickelten Brust-
flosse und verbinden sich mit denselben. Diese mächtige
Entwicklung der Brustflosse hat nicht allein eine Verschie-
bung der äussern Kiemenöffnung bewirkt, sondern auch
eine bedeutende Umbildung des Constrictor superficialis.
Die Brustflosse hat sich gleichsam in den Constrictor ein-
geschoben und hat ihn dadurch in eine dorsale und ven-
trale Hälfte getheilt. Beide bestehen aus einer der Zahl
der Kiemensäcke entsprechenden Anzahl hinter einander
liegender Portionen, deren jede aus einer nur geringen
Lage Muskelbündel besteht, die von dem sehnigen Um-
grenzungsstreifen eines Diaphragmas zu dem des nächst-
folgenden ziehen. Ihre Länge entspricht genau der "Weite
der Kiemensäcke oder dem Abstände zweier Diaphragmen
von einander. Diese hinter einander liegenden Portionen
sind getrennt durch schmale Sehnenstreifen, welche sich
innen an die Umgrenzungsstreifen des Diaphragmas, aussen
an das Unterhautbindegewebe ansetzen. Ein Zusammen-
hang zwischen den Muskelbündeln des Diaphragmas und
denen der angrenzenden Constrictoren existirt ebensowenig,
als ein solcher zwischen den einzelnen Portionen des
letzteren.
Die oberen und unteren Enden der einzelnen Kiemen-
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 141
bögen siücl auch nicht einfach neben einander gelegen,
sondern sind durch lockeres Bindegewebe, das sie mit-
sammt den zwischen ihnen liegenden Muskeln, Bändern,
Nerven und Gefässen umhüllt, mit einander verbunden.
Dasselbe Bindegewebe heftet oben die dorsalen Enden der
Bögen an die Wirbelsäule, die untern, ventralen Enden
an die Reihe der Copulae. Es begrenzt auch oben und
unten die Innern Kiemenspalten.
Bevor ich die Besonderheiten des Zungenbeinbogens
und des letzten Kiemenbogens beschreibe, mag es mir ge-
stattet sein, noch einiger Bänder Erwähnung zu thun,
welche ich zwischen den obern Enden der Kiemenbögen
gefunden habe; ich habe dieselben speciell bei Mustelus
genau verfolgt. Am dorsalen Ende eines jeden obern Mittel-
gliedes, da, wo demselben das unter der Wirbelsäule lie-
gende Basale angesetzt ist, entspringt vom vordem und
untern Rand ein kleines und drehrundes, aus sehr dicht
neben einander gelagerten elastischen Fasern bestehendes
Band. Dasselbe entspringt auch an der entsprechenden
Stelle des letzten, keine Kiemen mehr tragenden Kiemen-
bogens. Dieses kurze Band zieht, mit dem Rande des
Mittelgliedes einen sehr spitzen Winkel bildend, nach vorne
und nach innen der Mittellinie zu, um sich an der schräg
nach hinten gekehrten Kante des nächst vordem Bogens
anzusetzen. Das vom ersten Kiemenbögen ausgehende Li-
gament zieht in den Winkel, den das obere Glied des
Zungenbeinbogens mit dem Schädel bildet, um sich am
hintern Rand des Zungenbeins zu inseriren. Das Zungen-
bein selbst weist ein solches Ligament nicht auf; es fehlt
hier ja auch ein nächst vorderer Bogen, an dem sich das
Band inseriren könnte.
Ein solches kurzes, rundes, elastisches Band findet
sich nun bei Raja zwischen den obern Enden zweier be-
nachbarter Bögen nicht. Hier sind die Bändervorrichtungen
anderer Art. Die Gelenkverbindungen zwischen den obern
Mittelgliedern und den ihnen ansitzenden Basalia werden
unterstützt durch starke und breite elastische Bänder, die
vom Mittelgliede zum Basale über das zwischen beiden
liegende Gelenk hinwegziehen. Ueber diesen Bändern
142 Wilhelm Dröscher:
liegen andere, ebenfalls breite, die sich von dem obern
Ende eines Bogens zu dein des folgenden Bogens erstrecken
und die somit die Bewegungen des einen Bogens sich an
die der andern anschliessen lassen.
Zwischen den obern Enden der Kiemenbögen liegt
nun noch ein besonderes System von Muskeln, welche von
Vetter bei den Haien untersucht und als Musculi inter-
arcuales superiores beschrieben worden sind. Ihre Zahl be-
läuft sich meistens auf 3 zwischen je zwei Bögen. Bei
Eaja habe ich jedoch vergeblich nach diesen Muskeln ge-
sucht; hier konnte ich zwischen den obern Enden der
Bögen keine Spur von ihnen entdecken.
Ich wende mich jetzt zu den beiden abweichend ge-
stalteten Kiemenbögen, dem Zungenbeinbogen und dem
letzten Kiemenbögen. Das Skelet dieser beiden Bögen
findet sich genau beschrieben und erklärt in den öfters
erwähnten Untersuchungen von Gegenbau r.
Am Zungenbeinbogen findet man im Allgemeinen zwei
Glieder, ein oberes Hyomandibulare vermittelt die Ver-
bindung mit dem Schädel; ein unteres Hyoidstück verbindet
sich mit der Reihe der Copulae. Die beiden Glieder zeigen
verschiedene Entwicklung bei den Haien und bei den
Rochen. Bei erstem tragen beide zur Begrenzung der
ersten Kiementasche bei; beide setzen den die Kiemen-
blattreihe tragenden Bogen zusammen. Sie verbinden sich
mit einander durch ein Gelenk, das der Artikulationsstelle
zwischen dem Palato-Quadratum und dem Unterkiefer ent-
spricht und sich derselben ganz anlegt, sogar mit Binde-
gewebe daran befestigt ist. Am Zungenbeinbogen finden
sich noch verschiedene Bänder, die man in Gegenbaur's
Arbeit genau angegeben findet.
Das Verhalten des Zungenbeins bei den Rochen ist
zwar sehr verschieden von dem der Haie, lässt sich aber
aus dem letztern ableiten. Während bei den Haien noch
der ganze Zungenbeiubogen an der Bildung der vordem
Wand der ersten Kiementasche Theil nahm, tritt bei den
Rochen das Hyomandibulare in Folge verschiedener Diffe-
renzirungsprocesse, die mit der mächtigen Entwicklung
der Brustflosse zusammenhängen, ganz ausser Beziehung
Beiträge zur Kenntnis s der histologischen Struktur etc. 143
zum Kiemenapparate; es verbindet sich als Kieferstiel mit
dem ünterkieferapparate. Dabei rückt es vor das Hyoid-
stück und verliert die Kiemenstrahlen, die es bei den
Haien trägt. Das ventrale Glied des Zungenbeinbogens,
d. h. das Hyoidstück, erhält allein die Beziehungen zu dem
Kiemenapparate aufrecht; es gestaltet sich einem eigent-
lichen Kiemenbogen sehr ähnlich dadurch, dass es sich
in zwei Stücke, entsprechend den beiden Mittelgliedern
eines Kiemenbogens, gliedert. Dieser Theil des Zungen-
beinbogens trägt denn auch bei den Rochen allein Kiemen-
strahlen und ein Diaphi^gma.
Zur Stütze der ihm aufsitzenden Kiemenblattreihe
trägt der Zungenbeinbogen ähnliche Knorpelstrahlen wie
die Kiemenbogen. Bei den Haien sitzen dieselben den
beiden Gliedern auf, bei den Rochen nur dem Hyoidstück.
Bei den Haien zeichnen sich die Kiemenstrahlen des Zun-
genbeins vor den andern namentlich dadurch aus, dass
sie Neigung zu einer breiten, plattenartigen Ausbildung
zeigen; am freien Ende verzweigen sie sich g'ewöhnlich.
Zwischen den obern Enden dieser mit dem Skeletbogen
verbundenen Knorpelstrahlen schieben sich häufig kürzere,
frei in der vordem Kiemensackwand liegende ein. Ein
Mittelstrahl, der dem Gelenk zwischen Hyomandibulare und
Hyoidstück aufsitzen würde, scheint hier durchweg zu feh-
len. Die ganze Knorpelstrahlenreihe wird auch hier durch
eine Bindegewebshaut zusammengehalten. Ein äusserer
Kiemenbogen kommt dem Zungenbeinbogen nur bei we-
nigen Arten zu; bei den meisten fehlt er; hierüber vergl.
Gegenbaur, 1. c. pag. 164.
Dem Zungenbeinbogen fehlt nun ein solches Dia-
phragma mit einem Musculus interbranchialis, wie es sich
an den andern Kiemenbogen findet. Dieses findet seinen
natürlichen Grund in der verminderten Beweglichkeit des
Bogens, weil er sich dem ünterkieferapparate zum Theil
anlegt, und in dem Fehlen einer vordem Kiemenblattreihe.
Die vordere Seite des Zungenbeinbogens ist zwar auch
von Muskulatur belegt, die zur Bildung der Vorderwand
des ersten Kiemensackes beiträgt; aber dieser Muskel ge-
hört dem Constrictor communis an und ist nichts als die
144 Wilhelm Dröscher:
vorderste Partie desselben. Der M. interbranchialis ist
zwar, wie Vetter nachgewiesen hat, ursprünglich auch
ein Theil des Constrictor gewesen, hat sich aber von dem-
selben allmählich losgetrennt. Am Zungenbeinbogen ist
nun eine solche Lostrennung unterblieben. Diese vordere
Portion zerfällt in zwei Theile, einen dorsalen und einen
ventralen, die durch eine breite Aponeurose, die sich vom
Kiefergelenk bis fast zur ersten Kiemenspalte erstreckt,
getrennt sind; vor dieser Aponeurose gehen die Bündel
der einen Hälfte in die der andern über und bilden so
die Begrenzung der ersten Kiemenspalte. Ihren hintern
und oberflächlichen Ursprung nehmen die dorsalen und
ventralen Muskelbündel von einem Sehnenstreifen, der die
Wand der ersten Kiementasche äusserlich umzieht an Stelle
eines äussern Kiemenbogens und der diese vordere Portion
des Constrictor von der folgenden trennt; ihre vordem und
Innern Enden inseriren sich zum Theil am Zungenbein-
bogen, zum Theil in der erwähnten Aponeurose, die eine
einem mittlem Kiemenstrahl entsprechende Lage hat. So
bietet die Anordnung der Muskelbündel dieser Portion des
Constrictor einige Aehnlichkeit mit dem Musculus inter-
branchialis eines Diaphragmas, ohne demselben doch ho-
molog zu sein.
Bei den Rochen hat sich der die vordere Wand der
ersten Kiementasche bildende Theil des Zungenbeinbogens
einem Kiemenbogen sehr ähnlich gestaltet. Hier finden
sich ganz ähnliche Kiemenstrahlen, die sich an den Spitzen
gabeln, um ähnliche Knorpelplatten zu bilden, wie sie oben
beschrieben wurden. Dieselben biegen sich auch hier nach
hinten um und stützen die obere und untere Wand der
ersten Kiementasche. Ein eigentlicher Mittelstrahl tritt hier
nicht so deutlich hervor als an den andern Kiemenbogen,
da auf dem Gelenke der beiden Glieder dicht neben ein-
ander zwei nach der Spitze zu divergirende Kiemenstrahlen
aufsitzen, zwischen deren obern Enden sich ein frei im
Diaphragma liegender einschiebt. Der eine von beiden
ist jedoch stärker als der andere und repräsentirt so ge-
wissermassen den Mittelstrahl. Diese vordere, dem Zungen-
beinbogen augehürige Kiemensackwand gestaltet sich auch
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 145
dadurch einem Diaphragma sehr ähnlich, dass sich zwischen
den einzelnen Kiemenstrahlen genau dieselben Bänder aus-
spannen, die im eigentlichen Diaphragma schon von Du-
vernoy erwähnt wurden; freilich sind sie hier nicht so
stark entwickelt. An allen diesen Bildungen nimmt nun
das Hyomandibulare keinen Antheil, da es ganz vor die
Kiemensackwand getreten ist.
Der Vorderseite der Kiemenstrahlenreihe des Zungen-
beinbogens liegt nun bei Raja eine Muskelschicht an, die
in ihrer Anordnung dem Muse, interbranchialis der übrigen
Kiemenbögen vollkommen gleichgestaltet ist. Die einzelnen
Muskelbündel haben hier dieselbe Insertion und dieselbe
Richtung; die ganze Muskelschicht gewinnt dadurch auch
hier das Aussehen eines Scheitels. Ein Theil der Muskel-
bündel inserirt sich innen an den beiden Bogengliedern,
ein anderer Theil an dem stärkern der beiden dem Ge-
lenke aufsitzenden Kiemenstrahlen. So sind auch hier die
Bündel der dorsalen und der ventralen Hälfte streng ge-
schieden, gehen nicht in einander über, wie dies ebenfalls
der Fall ist an den eigentlichen Kiemenbögen. An der
Vorderseite ist die Muskelschicht mit einer Bindegewebs-
fascie überzogen, die sie von der davor liegenden Kiefer-
muskulatur trennt.
Der Zungenbeinbogen der Haie, der in seiner Tota-
lität zur respiratorischen Funktion in Beziehung steht, ist
ziemlich verschieden gestaltet von den eigentlichen Kiemen-
bögen. Der Zungenbeinbogen der Rochen differenzirt sich
noch weiter als der der Haie; aber dadurch, dass sich von
ihm ein Glied ganz ablöst und ausser Beziehung zum Kie-
menapparate tritt, während das andere Glied keine andern
Beziehungen als respiratorische aufweist, ist dem letztern
die Möglichkeit gegeben, sich den eigentlichen Kiemen-
bögen gleich zu gestalten, entsprechend der gleichen Funk-
tion. Trotzdem ist aber dieser die erste Kiemenblattreihe
tragende Theil des Zungenbeinbogens, der sich einem
Kiemenbögen gleichgestaltet hat, nicht einem ganzen Kie-
menbögen homolog zu setzen, sondern nur der ventralen
Hälfte eines solchen ; der dorsalen Hälfte entspricht da-
gegen das aberrant sich gestaltende Hyomandibulare.
Archiv für Naturg., XXXXVIH. Jahrg. 1. Bd. 10
146 Wilhelm Dröscher:
Die dem Zungenbeinbogen zukommende Arterie hat
bei den Haien sowohl als bei den Rochen dieselbe Lage
wie an den eigentlichen Kiemenbögen. Sie liegt auch hier
zwischen der Basis der Kiemenstrahlen und der diesen letz-
tern anliegenden Muskelschicht. Zu erwähnen ist schliess-
lich noch, dass dem Zungenbeinbogen der Haie und Rochen
der Adductor, der in der Beuge der Mittelglieder liegt, fehlt.
Der letzte Kiemenbögen zeigt in seinem Skelet Re-
duktionen gegen die andern. Er besteht nur aus den
beiden Mittelgliedern. Ausserdem trägt er keine Kiemen
mehr und dient nur zur Begrenzung der letzten Kiemen-
tasche. Mit dem Verluste der Kiemenblätter geht der
Verlust der Kiemenstrahlen, von denen Gegenbaur je-
doch noch Rudimente bei einzelnen Arten nachweisen
konnte, Hand in Hand. Ebenso der Verlust des Dia-
phragmas und des äussern Kiemenbogens. Dieser letzte
Kiemenbögen ist mit dem Schuitergerüst in Verbindung
getreten und hat zu gleicher Zeit Beziehungen zum Ge-
fässsystem erhalten. An ihn legt sich daher zum Theil
die Muskulatur des Schultergerüstes und der Brustflosse
an und dient mit zur Bildung der hintern Wand des letzten
Kiemensackes; hierzu trägt auch noch die letzte Portion
des Musculus trapezius bei. An den hintern Rand des
Bogens schliesst sich, von einem plattenförmigen Fortsatz
der zugehörigen Copula gestützt, die vordere Wand der
Perikardialhöhle und ferner der Anfangstheil des Oeso-
phagus.
Die Struktur der Kiemenblätter.
Die histologische Struktur der Kiemenblätter habe
ich hauptsächlich an Torpedo untersucht, und auf diesen
Rochen wird sich meine Beschreibung zunächst richten.
Die Kiemenblätter der Haie scheinen mir von denen bei
Torpedo sehr wenig abzuweichen.
Zum Zwecke der Untersuchung habe ich durch ein
Kiemen blatt Schnitte nach drei Richtungen gelegt; Quer-
schnitte senkrecht zur Längsrichtung des Blattes, Längs-
schnitte in der Längsrichtung und zwar senkrecht zu den
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 147
beiden Seitenflächen des Blattes und Flächenschnitte eben-
falls in der Längsrichtung, aber parallel der Seitenfläche
des Blattes. Der Querschnitt des Blattes hat ungefähr
dreieckige Gestalt (Fig. 3); die dem Diaphragma ange-
wachsene Seite bildet die breite Basis; die derselben ge-
genüber liegende Dreiecksecke ist nicht spitz, sondern ab-
gerundet; sie entspricht dem abgerundeten, äussern Rande
des Kiemenblattes. Das ganze Kiemenblatt hat die Gestalt
einer Messerschneide. Die Basis, d. h. die dem Dia-
phragma angewachsene Seite, wird, wie hier im Voraus
bemerkt werden soll, eingenommen von der Arterie des
Blattes, der freie Rand dagegen von der Vene (Fig. 3 albr
und vlbr). Die dreieckige Gestalt des Querschnittes durch
das eigentliche Kiemenblatt wird dadurch etwas gestört,
dass die auf den Seitenflächen des Kiemenblattes senk-
recht aufsitzenden Schleimhautfalten mitgetroflfen werden;
dieselben springen dann von den beiden Seiten des Quer-
schnittes flügelartig vor; sie nehmen nicht die ganze Breite
der Seitenfläche ein, sondern lassen das der Basis zuge-
kehrte Drittel frei; dabei erscheinen sie als halbkreisför-
mige Flächen.
In Betreff der Gewebe des Kiemenblattes halte ich
es zur Erleichterung der Beschreibung für zweckmässig,
drei Regionen zu unterscheiden, welche von verschieden-
artigen Geweben eingenommen werden; das der Basis zu-
gekehrte Drittel, eine mittlere Region und der freie Rand
des Kiemenblattes. Von diesen drei Regionen ist die dem
Diaphragma ansitzende entschieden die wichtigste und
merkwürdigste. Sie besteht aus einem ganz eigenthüm-
lichen Gewebekörper, der die Kiemen der Plagiostomen
von denen der Teleostier, denen er gänzlich fehlt, wesent-
lich verschieden gestaltet. Dieses Gewebe ist nichts an-
deres als ein Bindegewebe, das aber in Folge der eigen-
thümlichen Anordnung seiner Elemente in Form von Strän-
gen und Balken grosse Lückenräume einschliesst. Der
Körper dieses Gewebes zieht sich durch die ganze Länge
des Kiemenblattes, die Form desselben streng nachahmend;
unten an dem festsitzenden Ende des Blattes spitzt er sich
zu, um allmählich aufzuhören; oben in der abstehenden
14Ö Wilhelm Dröschert
freien Spitze verbreitert er sich etwas; hier nimmt er fast
die ganze Breite des Blattes ein. (Fig. 3, 4, 5, C.) Die
diesen Gewebekörper allseitig umschliessende Wandung
besteht aus Bindegewebe, dessen Fasern sehr regelmässig
parallel neben einander gelagert sind; man erkennt zwi-
schen denselben sehr deutliche, zerstreut liegende Binde-
gewebskerne. Zwischen den eigentlicheu Bindegewebs-
fibrillen lassen sich deutlich stärkere und feinere elastische
Fasern erkennen; ausserdem sieht man hier, namentlich
in den äussern Schichten der Wandung, glatte Muskel-
fasern, die sofort an ihren spindelförmigen Kernen kennt-
lich sind. Diese Wandung schliesst den Gewebekörper
auch an seiner dem Diaphragma anliegenden Basis ab und
heftet die hier eine Strecke weit verlaufende Arteria la-
minae branchialis an ihn an. Sie schliesst sich direkt an
die als verdichtete äusserste Schicht der beiderseitigen,
bindegewebigen Grenzlamellen beschriebene Cutis des Dia-
phragmas an, ist nichts als eine Ausstülpung der letztern
in die Kiemenblätter hinein. Der umschlossene Gewebe-
körper besteht aus einem leiterförmig oder netzartig an-
geordneten Balkenwerk; die einzelnen Balken sind bald
kürzer, bald länger; oft verlaufen sie auf lange Strecken
ganz frei, oft verzweigen sie sich vielfach und anastomo-
siren mit benachbarten Balken. Zwischen den einzelnen
Balken bleiben stets zahlreiche grössere und kleinere
Lückenräume, die sämmtlich, unter einander in Verbindung
stehen. Die Balken sind nicht einfach homogen, sondern
bestehen aus sehr feinen, dicht neben einander gelagerten
Bindegewebsfibrillen, was man an der deutlichen Streifung,
die jeder zeigt, erkennen kann. Namentlich an den Stellen,
wo sich Zweige von den grössern Balken ablösen, macht
sich diese Zusammensetzung sehr deutlich bemerkbar ; hier
vertheilen sich die Fibrillen eines ganzen Balkens auf
mehrere Zweige. An solchen Stellen sieht man auch bis-
weilen Kerne, wenn auch verhältnissmässig selten ; in den
Balken selber sind die Kerne noch viel seltener. Diese
Kerne sichtbar zu machen gelingt am besten durch Fär-
bung mit Methylviolett. In den Balken erkennt man auch
elastische Fasern ; glatte Muskelfasern habe ich hier nicht
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 149
auffinden können. Dies Balkenwerk ist nun nicht von der
umschliessenden Bindegewebsschicht getrennt, sondern steht
mit derselben in sehr innigem Zusammenhang und zwar
sind die die Balken zusammensetzenden Fibrillen direkte
Verlängerungen der Fibrillen der Wandungen. Die Binde-
gewebsfasern der innersten Schicht der Wandung lösen
sich in zahlreichen Bündeln ab und durchziehen den von
den Wandungen umschlossenen Raum, indem sie sich mit
eben solchen, von der entgegengesetzten Wandung aus-
gehenden Bündeln verbinden oder auch ganz bis zur ent-
gegengesetzten Wand selbst ziehen und sich an dieselbe
ansetzen; hierdurch entsteht das Balkenwerk. Die die Balken
bildenden Fibrillen sind also genau dieselben Elemente,
wie die Fasern der Wandung. Auf der Wandung dieses
beschriebenen Gewebekörpers liegt nun das Epithel des
Kiemenblattes vermittelst einer Basalmembran auf.
Die Anordnung der Balken ist keine durch den ganzen
Gewebskörper völlig gleiche. An der dem Diaphragma
zugekehrten Seite im Umkreis der Art. lam. brauch, bilden
die Bindegewebsbalken ein sehr reiches Netzwerk; sie
sind hier fast baumförmig verzweigt und die einzelnen
Zweige verbinden sich vielfach mit einander. Weiter nach
der Mitte zu liegen die Balken fast regelmässig parallel
neben einander; die zwischen ihnen bleibenden Lücken-
räume werden seltener von Zweigen der grössern Balken
durchzogen. Hier sind die Wandungen des ganzen Ge-
webekörpers nahezu parallel. An dem vordem Abschluss,
wo die beiden Seitenwände durch eine leichte Krümmung
in einander übergehen, findet sich wieder dieselbe Anord-
nung wie an der Basis des Blattes. Letztere rührt an
beiden Stellen davon her, dass die Wandungen, von denen
die einzelnen Balken ziemlich unter rechtem Winkel ab-
gehen, nicht mit einander parallel gehen wie in dem mitt-
lem Theile, sondern gekrümmt sind, so dass in Folge
dessen die Balken durch einander strahlen müssen.
Diese speciell nach Präparaten von Torpedo gegebene
Beschreibung gilt auch für die Haie. In dem lakunären
Gewebekörper der Haie findet man eine regelmässiger
parallele Anordnung der Bindegewebsbalken, als bei den
150 Wilhelm Dröscher:
Rochen, so dass es den Anschein haben kann, als bestände
dieses Gewebe aus parallel neben einander verlaufenden
Gefässen; durch Berücksichtigung von Längs- und Flächen-
schnitten tiberzeugt man sich jedoch, dass dies nicht der
Fall ist.
Ein ganz ähnlicher Gewebekörper, wie der eben be-
schriebene, findet sich nach den Untersuchungen Posner's ^)
in den Kiemen der Lamellibranchiaten. Hier ist freilich
an den Bindegewebsbalken eine fibrilläre Streifung kaum
angedeutet; die Balken haben im Gegentheil noch ein
zartes, protoplasmatisches Aussehen; man kann in ihnen
noch zahlreiche Bindegewebskörperchen, d. h. Kerne, die
mit etwas Protoplasma umgeben sind, erkennen ; ausserdem
enthalten die Balken noch Pigmentkörnchen. An die Balken
legt sich an manchen Stellen ein Protoplasmahäutchen an,
ebenfalls mit Kernen und Pigmentkörnchen. Diese Ele-
mente des betreffenden Gewebes bei den Lamellibranchia-
ten stehen noch auf einer niedrigeren, weniger differen-
zirten Stufe als die der Plagiostomen, was man an dem
Mangel der fibrillären Streifung, an dem Erhaltenbleiben
von Bindegewebskörperchen und Protoplasmahäutchen er-
kennt. Aber beide Arten sind Bindegewebe mit grossen
Ltickenräumen zwischen den einzelnen Gewebselementen.
Bei beiden Thiergruppen haben die Ltickenräume dieselbe
Bedeutung; sie sind Blutbahnen, wie Posner für die La-
mellibranchiaten nachgewiesen hat. Auch bei den Plagio-
stomen werden die Ltickenräume des Gewebekörpers von
Blut durchflössen; sie stehen durch Spalten mit der an
der festsitzenden Seite des Blattes verlaufenden Arteria
lam. brauch, in Verbindung, so dass letztere ihr Blut in
den lakunären Gewebekörper hineinschicken kann. Auf
allen Schnitten sieht man die Maschenräume sehr stark
mit Blut gefüllt; in demselben bemerkt man einzelne Häuf-
chen von Pigmentkörnchen, die hier durch Umwandlung
aus dem Blute zu entstehen scheinen. Man erkennt die
Verbindung mit der Kiemenblattarterie am sichersten durch
Injektion von dem allgemeinen Kiemenarterienstamme aus.
1) Posner, Ueber den Bau der Najadenkieme.
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 151
Hierbei erscheint der ganze beschriebene Gewebekörper
als ein einziger gleichmässig mit Injektionsmasse ausge-
füllter Hohlraum, wenn die Injektionsmasse ziemlich dunkel
war, so dass das Balkenwerk durch sie nicht hindurch-
schimmern kann. Ist sie hell genug, dann sieht man letz-
teres durch die Masse hindurch; dieselbe erfüllt nur ihre
Zwischenräume. Die Lückenräume zwischen den ßinde-
gewebsbalken sind also interfibrilläre Blutbahnen; die Ge-
webselemente sind intravasculär ; sie werden allseitig von
Blut umflossen.
Alessandrini^) hat diesen Gewebekörper schon
gesehen, aber als solchen nicht ganz richtig erkannt; er
hält ihn für einen Complex reich verzweigter und oft ana-
stomosirender Gefässe, die in einander geflochten wären.
Aber den Bindegewebsbalken fehlt, soweit es mir möglich
war nachzuweisen, jeglicher Endothelbelag, der für den
Charakter eines richtigen Gefässes nothwendig ist. Zu-
treffender ist schon die Bemerkung Ale ss and rini's, dass
dieses erwähnte Gewebe dem erektilen gleiche, welches
sich häufig in den venösen Kreislauf einschalte. In Wirk-
lichkeit hat auch dieser Gewebekörper die Struktur eines
Corpus cavernosum; man findet in seiner Wandung und in
seinem Balkenwerk die auch den ganz ähnlichen Trabekeln
eines kavernösen Gewebes zukommenden elastischen Fasern
und glatten Muskelfasern, und seine Lückenräume werden
auch von einem Gefässe aus, mit dem sie in Verbindung
stehen, mit Blut gefüllt.
Dieses kavernöse Gewebe kommt eigentlich nur den
Kiemenblättern zu. Am obern Ende derselben tritt es
jedoch aus ihnen heraus und erstreckt sich über die Zwi-
schenräume der einzelnen Kiemenblätter hinweg, dieselben
an ihren obern Enden auf diese Weise in Communikation
setzend. Diese einzelnen Brücken kavernösen Gewebes
zwischen den Kiemenblättern liegen im Diaphragma. Bei
den Kochen sind sie nur wenig breit; bei Füllung mit In-
jektionsmasse glaubt man ein kleines Gefäss von einem
1) Alessandrini, Observationes supra intima branchiarum
structura piscium cartilagineorum.
152 Wilhelm Dröscher:
Kieraenblatt zum andern ziehen zu sehen. Bei den Haien
ist das kavernöse Gewebe im Diaphragma über einen
breitern Raum erstreckt; es bleibt nicht bloss zwischen
den obern Enden der Blätter, sondern überschreitet die-
selben noch. Bei Tor2)edo und Raja habe ich hier sogar
ein besonderes Gefäss gefunden, das die obern Enden
der Kiemenblätter unter einander verbindet; an der ven-
tralen und dorsalen Commissur eines Sackes geht es von
der einen Kiemenblattreihe auf die andere über. Es bildet
also einen geschlossenen Gefässring, der sämmtliche Kie-
menblätter des Sackes in Verbindung setzt. Dieses Gefäss
zeigt stark elastische Wände, die eine sehr kräftige Rin^-
muskelschicht besitzen. An den einzelnen Blättern selbst
erkennt man an ihm. leichte Anschwellungen, die sich in
ein besonderes, schwammiges Maschenwerk öffnen, das all-
mählich in das Gewebe des kavernösen Körpers übergeht.
Dieser ganze, beschriebene Gew^ebekörper fehlt den
Teleostiern ganz; hier enthält das Bindegewebe der Kie-
menblätter zwar auch mit Blut gefüllte Ltickenräume.
Doch dieselben bilden keinen abgeschlossenen kavernösen
Gewebekörper; sie saugen nur die in die Gewebe ausge-
tretenen Blutmassen auf, um sie der Vena nutritiva zuzu-
führen. An der Stelle, wo bei den Plagiostomen das be-
schriebene Gewebe liegt, d. h. also unmittelbar an der
äussern Seite der Art. lam. branch., befindet sich bei den
Teleostiern die Kiemengräte, der Skeletstab der Kiemen-
blätter; dieselbe fehlt wiederum den Plagiostomen gänzlich.
Sie ist hier überflüssig geworden durch den Umstand, dass
die Kiemenblätter dem Diaphragma angewachsen sind und
durch dieses und die in demselben befindlichen Kiemen-
strahlen gestützt werden.
An die vordere Kante des die Basis des Kiemen-
blattes durchziehenden kavernösen Gewebekörpers schliesst
sich nun die zweite der drei Gewebsregionen des Kiemen-
blattes an. Es ist dies eine Lamelle faserigen Bindege-
webes, welche sich zwischen der vordem Kante des kaver-
nösen Gewebes und der am freien Rande des Kiemenblattes
verlaufenden Kiemenblattvene ausspannt und letztere zum
Theil umhüllt. Dieses Bindegewebe nimmt die ganze Dicke
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 153
des Kiemenblattes ein. Es besteht aus sehr fein verästelten
Bindegewebssträngen, die mit ihren Aesten vielfach durch
einander geschlungen sind; hier lassen sich sehr leicht
zahlreiche Kerne erkennen. Dieses Bindegewebe schliesst
sich direkt an die vordere Wand des kavernösen Gewebes
an; die parallel gelagerten Fasern derselben nehmen in
ihren äussern Schichten ein lockeres Geftige an, verflechten
sich in einander und gehen so allmählich in das Binde-
gewebe über. An dieser Stelle schieben sich auch auf
beiden Seiten des kavernösen Gewebes Fortsätze dieser
Bindegewebshaut zwischen die Wandung des prsteren und
das Epithel, die jedoch nur bis zur Ursprungslinie der
Capillarnetzarterien, die aus dem kavernösen Gewebe her-
vorkommen, reichen. Der beschriebenen Bindegewebsla-
melle, die die ganze Dicke des Kiemenblattes ausmacht
(Figur 7 und 3 m), liegt die Basalmembran des Epithels
direkt auf. Macht man durch diese Kegion einen Längs-
schnitt, so erhält man genau dasselbe Bild, wie ein ent-
sprechender Schnitt durch ein Kiemenblatt eines Knochen-
fisches es darbietet. Man hat genau dasselbe Bindegewebe,
in der Axe des Blattes; auf den Seiten die Durchschnitte
der Schleimhautfalten mit dem Capillarnetz.
An der Bildung der auf den Seitenflächen des Kie-
menblattes sich erhebenden Schleimhautfalten betheiligt
sich das Bindegewebe des Blattes durchaus nicht. Letz-
teres beschränkt sich ganz auf die Axe des eigentlichen
Blattes. Die Schleimhautfalten enthalten nur das von Epi-
thel überzogene Capillarnetz, das jedoch besser beim Ge-
fässsystem beschrieben wird. Diese Falten stehen ein-
ander zum Theil genau gegenüber, so dass auf einem
Querschnitt beide Falten getroffen w^erden; zum Theil ist
ihre Anordnung jedoch so, dass eine Falte der einen Seite
dem Zwischenraum von zwei Falten der andern Seite ge-
genübersteht. Entsprechend den Zwischenräumen zweier
solcher Falten findet sich in der Bindegewebslamelle noch
eine besondere Einrichtung. Auf einem Längsschnitt sieht
man hier ganz regelmässig neben den Zwisch enräumen von
je zwei Falten auf heiden Seiten des Blattes die Quer-
schnitte zarter Bündel glatter Muskelfasern, die an ihren
154 Wilhelm Dröscher:
Kernen kenntlich sind (Fig. 7 glm). Die Bündel liegen
dicht unter der Basalmembran des Epithels; sie bestehen
nur aus wenigen, neben einander hinziehenden Fasern.
Auf einem Flächenschnitt sieht man sie zwischen den
Durchschnitten von je zwei Schleimhautfalten über die
Breite des Kiemenblattes wegziehen. Ihr Verlauf ist dem-
nach senkrecht zur Längsrichtung des Kiemenblattes. Sie
lassen sich nach dem Diaphragma zu durch die Wandung
des kavernösen Gewebes verfolgen und inseriren sich in
derselben, ungefähr an der Uebergangsstelle derselben in
die Cutis des Diaphragmas. Nach dem freien Rand zu
kann man sie bis in die Umgebung der Vene verfolgen,
wo sie zwischen den dort befindlichen Gewebselementen
ihr Ende finden.
Die Umgebung der Vene, die den freien Rand des
Kiemenblattes einnimmt, bietet nun wieder Eigenthümlich-
keiten, so dass ich diesen freien Rand als dritte Gewebs-
region von den beiden beschriebenen unterschieden habe.
Die Vene selbst zeigt in ihren Wandungen den Bau der
Arterien; sie ist ihrer physiologischen Funktion nach auch
Arterie und trägt bloss als ableitendes Gefäss den Namen
Vene. Die Wandung zeigt eine sehr starke Ringmuskel-
schicht und eine weniger starke, nach aussen von derselben
gelegene Längsmuskelschicht. In diese Vene münden auf
beiden Seiten entsprechend den Schleimhautfalten die Venen
des respiratorischen Capillarnetzes, das ja in den Falten
liegt. Alle auf derselben Seite einmündenden Venen liegen
genau über einander und bilden eine gerade Reihe. An
der vordem und hintern Seite dieser Venenreihe und zwar
auf beiden Seiten der Kiemenblattvene zieht nun je ein
Bündel parallel gelagerter elastischer Fasern mit glatten
Muskelfasern durch die ganze Länge des Kiemenblattes.
Diese Bündel liegen auf der Innern Seite der Vene in dem
Winkel, den die Reihe der einmündenden Capillarnetz-
venen mit der Kiemenblattvene macht, aber nicht der Wand
der Vene ganz dicht an, sondern durch Fortsätze der Bin-
degewebslamelle der zweiten Region von ihr getrennt. Auf
der dem Diaphragma zugekehrten Seite schliessen sich an
diese Bündel mehrere unmittelbar unter der Basalmembran
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 155
liegende, hinter einander gereihte Bündel glatter Muskel-
fasern an. die die Vene auch in ihrer ganzen Länge be-
gleiten; sie sind durch die Bindegewebslamelle getrennt
(Fig. 3 glm'). Auch auf der äussern Seite der Vene liegen
solche Bündel glatter Muskelfasern. Es entstehen so am
freien Rande des Kiemenblattes zwei aus elastischen Fasern
und glatter Muskulatur bestehende, schmale, die ganze
Länge des Kiemenblattes durchziehende Bänder, die nahezu
parallel mit einander einen nach vorne und hinten offenen
Raum einschliessen, in dem die Vene entlang zieht und
der sonst von dem Bindegewebe der Lamelle der zweiten
Region ausgefüllt ist. Beide Bänder sind ihrer ganzen
Länge nach durchbrochen durch die Reihe der Capillar-
netzvenen. Gekreuzt werden die Fasern dieser Bänder
durch quer verlaufende Bündel glatter Muskelfasern, die
zwischen den einzelnen Capillarnetzvenen durchziehend
hier ihr Ende finden. Unmittelbar der Vene nach innen
angelagert durchzieht ein Nervenast das Kiemenblatt der
Länge nach; er tritt am untern Ende als Zweig des hier
unter der Kiemenblattreihe hinlaufenden Nerven ein. Das
die Vene nach aussen umgebende Bindegewebe, dem die
hier liegenden, glatten Muskelfasern eingebettet sind, zeigt
zwei längsverlaufende Gefässräume, die zum nutritiven
Gefässsystem gehören und bei demselben berücksichtigt
werden sollen. Die den Seitenflächen des Kiemenblattes
aufsitzenden Schleimhautfalten schliessen mit den aus ihnen
heraustretenden Venen ab; der freie Rand des Blattes
springt zwischen diesen Falten als abgerundeter Wulst
nach aussen vor; er trägt hier ein sehr dickes Epithel.
Die Gewebe des Kiemenblattes hängen an der dem
Diaphragma angewachsenen Seite und am untern, dem
Kiemenbogen ansitzenden Grunde mit den Geweben des
Diaphragmas zusammen. Die Wandung des kavernösen
Gewebekörpers steht, wie schon oben erwähnt wurde, an
der ganzen Innern Seite des Blattes mit der Cutis des
Diaphragmas in direktem Zusammenhang. An dem untern
Ende der Blätter, das nicht wie das obere absteht, sondern
mit dem den Bogen umgebenden Bindegewebe verwachsen
ist, steht das Bindegewebe der Kiemenblätter ebenfalls
156 Wilhelm Dröscher:
in direktem Zusammenhange mit dem des Bogens. Die
äussersten Schichten desselben sind sehr dicht; sie ver-
laufen nicht gerade, sondern unterhalb eines Kiemenblattes
biegen die Fasern in das Blatt hinein. Die glatten Muskel-
fasern, die die Vene umgeben, hören hier auf. Hier am
untern Ende der Kiemenblätter sind die untern Enden der-
selben unter einander durch einen Streifen Bindegewebes
verbunden, der sich an das Bindegewebe des Bogens setzt.
In diesem bindegewebigen Streifen vereinigen sich öfter
die Venen von 2—3 benachbarten Blättern zu grössern
Stämmen, die sich in die Wurzelvenen ergiessen.
Das Epithel der Kiemensäcke.
Das Epithel, das die Kiemensäcke auskleidet und
nichts als eine Fortsetzung der Rachenschleimhaut durch
die Fori branchiales interni darstellt, während es nach
aussen zu ununterbrochen in die Bedeckung der äussern
Haut übergeht, zeigt dieselbe Beschaffenheit wie bei den
Teleostiern. Es ist zweischichtig, beide Schichten bestehen
aus mehreren Zellenlagen. Die Zellen der tiefern Schichten
zeigen sich mehr rundlich und sind grösser; die Zellen
der darüber liegenden Lagen nehmen an Grösse allmählich
ab. Zugleich geben sie ihre rundliche Form mehr und
mehr auf, sie platten sich ab und gehen in die Zellen der
zweiten oberflächlichen Schicht über, die sich eben durch
ihre abgeplattete Form auszeichnen. Beide erwähnte Schich-
ten sind natürlich nicht scharf zu trennen. Der hier an-
gedeutete Process ist dem Verhornungsprocess der Zellen
der äussern Epidermis sehr ähnlich; nur werden hier die
abgeplatteten obersten Zellen nicht als trockene Schüpp-
chen abgestossen, sondern verschleimen. In sämmtlichen
Zellenlagen des Epithels erkennt man aber deutlich die
Zellenkerne mit ihren Kernkörperchen. Dieses Erhalten-
bleiben der Kerne unterscheidet den hier geschilderten
Abplattungsprocess von dem eigentlichen Verhornungspro-
cess. In dem mehrschichtigen Epithel finden sich nun
überall zahlreiche, grosse Schleimzellen, die durch das
Freiwerden ihres Inhaltes dem Epithel eine schlüpfrige,
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 157
schleimige Beschaffenheit ertheilen. Das Kiemenepithel
vereinigt somit mit der mechanisch-schtitzenden Funktion
noch eine Sekretion *). An einzelnen Stellen finden sich
diese Schleimzellen besonders häufig, so namentlich am
freien Rande der Kiemenblätter, wo sie sehr dicht gedrängt
in radiärer Anordnung neben einander stehen. Hier zeigt
das Epithel auch eine etwas andere Beschaffenheit, indem
es mehr das Aussehen eines Cylinderepithels mit radiär
um den freien Rand des Kiemenbiattes angeordneten Zellen
darbietet. Auch hier sind die Zellen der obern Schichten
kleiner und abgeplatteter als die der untern Schichten.
Eine ähnliche Anordnung der Zellen bietet das mehrschich-
tige Epithel der Seitenflächen der Kiemenblätter und zwar
zwischen den einzelnen Schleimhautfalten ; auch hier finden
sich die erwähnten Schleimzellen, jedoch nur sehr spärlich;
ebenso spärlich finden sie sich zwischen den einzelnen
Kiemenblättern. Im Gegensatz zu diesem mehrschichtigen
Epithel bleibt das Epithel der Schleimhautfältchen, d. h.
also der eigentlichen respiratorischen Fläche völlig ein-
schichtig. Es besteht aus einer einzigen Lage grosser,
polyedrischer, lückenlos sich an einander anschliessender
Zellen, die nach aussen kugelsegmentartig hervorgewölbt
sind. Sie besitzen einen grossen Kern mit deutlichen Kern-
körperchen. Diese grossen Zellen liegen einer Basalmem-
bran auf, die das Kiemencapillarnetz direkt bedeckt. So
wird eine möglichst direkte Wechselwirkung zwischen dem
Wasser, das die Kiemenblätter umspült, und dem venösen
Blute, das das Capillarnetz passirt, ermöglicht und der
Gasaustausch erleichtert. Man sieht leicht ein, dass hier
ein mehrschichtiges Epithel der Schnelligkeit und Leichtig-
keit des Athmungsprocesses hinderlich sein würde. Diesem
einschichtigen Epithel der Schleimhautfalten fehlen natür-
lich die Schleimzellen.
Eine Stelle an den Schleimhautfalten der Kiemen-
blättchen von Torpedo ist noch besonders ausgezeichnet.
Hier findet sich nämlich an einer am äussern Rande der
1) Verg], Ose. Hertwig, Ueber Bau und Entwicklung der
Piacoidschuppen (Jenaische Zeitschr. Bd. 8. p. 335).
158 Wilhelm Dröscher:
Schleimhautfalten nahe an der Austrittsstelle der Capillar-
netzvene gelegenen Stelle anstatt eines einschichtigen Epi-
thels ein mehrschiclitiges, rundes Epithelpolster. Auf der
obern Seite der Schleimhautfalte erhebt sich dieses Polster
ziemlich bedeutend über die Fläche des einschichtigen
Epithels empor; die Hervorragung auf der untern Seite
ist keine so bedeutende (Fig. 8). An diesen Stellen be-
rühren sich die einzelnen, über einander liegenden Schleim-
hautfalten. Das Polster entsteht durch das Mehrschichtig-
werden des Epithels. Die unterste Schicht besteht aus
einer einzigen Lage grosser cylindrischer Zellen, die pal-
lisadenartig, ganz regelmässig neben einander stehen. Sie
besitzen einen grossen Kern mit sehr deutlichen Kern-
körperchen. Die über dieser Cylinderzellenschicht liegen-
den Zellen nehmen wieder die den Zellen des mehrschich-
tigen Epithels zukommende Beschaffenheit an ; auch platten
sich die oberflächlichen Zellen sehr deutlich ab. In diesem
Epithelpolster findet man auch bisweilen die erwähnten
Schleimzellen wieder, wenn auch nur in sehr spärlicher
Anzahl. Letztere erkennt man am besten mit Meth3dviolett,
mit welchem Färbemittel sie sich tiefblau färben, während
die umgebenden Epithelzellen nur ihren Kern gefärbt zeigen.
Dieses Epithelpolster habe ich nur an den Kiemenblättern
von Torpedo gefunden; bei sämmtlichen andern, von mir
untersuchten Plagiostomen habe ich vergeblich nach einer
entsprechenden Bildung gesucht.
Das Gefässsystem der Kiemen.
Im Gefässsystem unterscheiden wir zunächst zwei
physiologisch verschieden funktionirende Abschnitte: I. das
respiratorische Gefässsystem und IL das nutritive. Ich
wende mich zunächst zu dem ersten als dem wichtigeren.
Es bieten sich uns hier drei Abschnitte dar: a) die
Arterien als zuleitende Gefässe, b) das Capillarnetz, das
den Gasaustausch vermittelt und endlich c) die Venen als
ableitende Gefässe.
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 159
a) Die Kiemenarterien.
Die Kiemenarterien sind schon von Monro in seinem
Werke über Bau und Physiologie der Fische in sehr ge-
nauer Weise beschrieben worden, nach Injektionen, die er
an Raja gemacht hatte. Er giebt an, wie sich hier der
Kiemenarterienstamm in die einzelnen Kiemenbogenarterien
auflöst. Aehnliches haben Cuvier und Stannius beschrie-
ben. Alle drei genannten Forscher beschränken sich je-
doch darauf, den Verlauf der Kiemenbogenarterie nur un-
gefähr zu verfolgen, und sie geben die Art und Weise,
wie die Aeste für die Kiemenblätter abgegeben werden,
nur in ganz allgemeiner und zum Theil unrichtiger Weise
an. Auf letztern Punkt geht nun zwar Alessandrini
in seiner mehrfach erwähnten Arbeit näher ein, seine Be-
schreibung bleibt jedoch ebenfalls hinter dem wirklichen
Verhalten zurück.
Aus dem Kiemenarterienstamm, der an der ventralen
Seite unter dem System der Copulae des Kiemenkorbes
verläuft, entspringen nun auf jeder Seite im Allgemeinen
ein oder zwei primäre Aeste, worauf derselbe sich gabel-
förmig theilt und hierdurch die Kiemenbogenarterien des
Zungenbeinbogens liefert, während die der andern Bögen
durch Auflösung der primären Aeste entstehen. So erhält
jeder Bogen mit Ausnahme des letzten, der in Allem, was
das Gefässsystem betrifft, aus dem Spiele gelassen werden
kann, da seine Wandung nicht mehr respiratorisch funk-
tionirt, eine Kiemenbogenarterie, die an seiner konvexen,
nach aussen gekehrten Seite entlang zieht und hier die
beiden den Bogen aufsitzenden Kiemenblattreihen versorgt
durch Abgabe von Aesten nach beiden Seiten hin. In
diesem Umstände stimmen die Plagiostomen mit den Te-
leostiern tiberein, nur ist der Verlauf der Arterie bei den
erstem ein komplicirterer als bei den letztern. Die beiden,
von derselben Kiemenbogenarterie versorgten Kiemenblatt-
reihen gehören verschiedenen Athmungsräumen an. Am
Zungenbeinbogen, wo die Kiemenbogenarterie dieselbe Lage
hat wie an den andern Kiemenbögen, versorgt sie nur eine
Reihe von Kiemenblätter; für diese Reihe gilt im Uebrigen
160 Wilhelm Dröscher:
Alles, was von dem Verhalten der Gefässe an den andern
Kiemenbögen gesagt wird.
Die Kiemeubogenarterie steigt von dem ventralen
nach dem dorsalen Ende des Kiemenbogens; sie nimmt
hierbei allmählich an Stärke ab, je mehr Kiemenblätter
sie mit Aesten versorgt; am dorsalen Ende hört sie ganz
auf, steht also nicht mit dem postarteriellen System in
Verbindung. Die ganze Masse des Blutes muss somit durch
das Capillarnetz wandern. Die Arterie verläuft in dem
Raum zwischen der Basis der Knorpelstrahlen und der
Insertionslinie der Muskelschicht und zwar am untern Mittel-
gliede ganz dicht am Kiemenbögen, in einer Rinne des
letztern; aber gleich nachdem sie über das Gelenk der
beiden Mittelglieder hinübergestiegen ist, verlässt sie die
Rinne im Kiemenbögen und zieht schräg aufwärts, so dass
ihr Abstand vom Kiemenbögen allmählich immer grösser
wird, bis sie das letzte Drittel des obern Mittelgliedes er-
reicht hat. Hier bleibt sie nun bei Baja nicht mehr ein-
fach, sondern theilt sich in zwei Aeste für die beiden Kie-
menblattreihen. Der eine Ast bleibt in dem Räume zwischen
Muskelschicht und Knorpelstrahlenreihe und löst sich durch
Abgabe von Aesten für die Kiemenblätter allmählich auf.
Der andere Ast tritt zwischen zwei Kiemenstrahlen durch
die dieselben verbindende Haut durch, um auf der Rück-
seite der Knorpelstrahlenreihe parallel dem Kiemenbögen
weiter zu verlaufen und die letzten, obersten Blätter der
hier liegenden Kiemenblattreihe zu versorgen. Diese Thei-
lung der Kiemeubogenarterie am letzten Ende habe ich
bei Miistelus nicht gefunden.
Die Abgabe der Aeste für die einzelnen Blätter ge-
schieht bei den Plagiostomen anders als bei den Teleostiern.
Bei den letztern entsteht für jedes Kiemenblatt ein von
seinem Ursprünge aus der Kiemeubogenarterie an geson-
derter Ast, der nur das eine Kiemenblatt versorgt; hier
haben nie zwei anliegende oder gegenüberliegende Blätter
einen gemeinschaftlichen Ursprung ihrer Kiemenblattar-
terien. Doch schon bei Äccipenser RutJienus hat Hyrtl
einen solchen gemeinschaftlichen Ursprung mehrerer Kie-
menblattarterien aus der Kiemeubogenarterie gefunden. Bei
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 161
den Plagiostomen ist dies Verhalten ein ganz allgemeines.
Hier giebt die Kiemenbogenarterie nie für jedes Kiemen-
blatt einen besondern Ast ab; sondern es entspringen aus
ihr stets nur grössere Gefässe von Zeit zu Zeit, die für
mehrere neben einander liegende Kiemenblätter bestimmt
sind. Einzelne von diesen Aesten sind sogar nicht bloss
für benachbarte Kiemenblätter einer Reihe bestimmt, son-
dern geben zugleich Aeste ab für die entsprechend gelege-
nen Kiemenblätter der gegenüber liegenden Reihe. Diese
primären Aeste der Kiemenbogenarterie steigen in dem
Räume zwischen Muskelschicht und Knorpelstrahlen auf-
wärts, um dann durch eine der Wandungen dieses Raumes
hindurchzutreten; ihre Verästelung entsprechend der Zahl
der zu versorgenden Kiemenblätter geschieht erst in dem
unter der Kiemenblattreihe liegenden Bindegewebe. Der
erste aus der Arterie des Bogens entspringende Ast giebt
einen veutralwärts verlaufenden, dicht unter den der ven-
tralen Kiemensackcommissur benachbarten Blättern in halber
Höhe derselben hinziehenden Ast ab, der sich nicht weiter
verästelt, sondern ein unter rechtem Winkel von ihm ab-
gehendes Gefäss in jedes Kiemenblatt hineinschickt. Die
aus den beschriebenen, primären Aesten hervorgehenden
Gefässe sind nun nichts anderes als die Kiemenblattarte-
rien, Art. laminarum branchialium. Sie liegen also auch
an der Innern, dem Diaphragma zugekehrten Seite der
Blätter ganz entsprechend ihrer Lage bei den Teleostiern.
Bei den Plagiostomen treten sie jedoch nicht schon am
Grunde des Kiemenblattes in dasselbe hinein wie bei den
Teleostiern, sondern sie treffen das Kiemenblatt meist erst
in halber Höhe desselben; so weit verlaufen sie im Dia-
phragma, theils schon getrennt, theils noch in den pri-
mären Aesten enthalten. Wenn die Kiemenblattarterie
an das Kiemeublatt hinangetreten ist, so theilt sie sich in
zwei Aeste,* von denen der eine dem untern, der andere
dem obern Ende des Kiemenblattes zustrebt. Beide Aeste
sind jedoch nicht sehr lang, sondern hören bald auf, als
gesonderte Gefässe zu existiren und gehen in das Lücken-
system des kavernösen Gewebekörpers über. Bei den Pla-
giostomen wird die innere Seite des Kiemenblattes also
Arcli. f. Naturgesch. XXXXVIII. Jahrg. 1. Bd. 11
162 Wilhelm Dröscher:
gar nicht ganz von einem besondern Gefäss eingenommen,
sondern ein solches existirt nur eine Strecke weit ober-
und unterhalb des Punlites, in welchem die Art. laminae
branchialis an das Kiemenblatt hinantritt (Fig. 9). Wenn
Cuvier angiebt, dass die Art. laminae branchialis in einiger
Entfernung vom Ende der Blätter mit einem Gefässe ana-
stomosire, das von einem Blatte zum andern gehend sämmt-
liche Art. laminae brauch, verbinde, so ist dies entschieden
nicht ganz richtig. Er hat dies irrthtimlicher Weise dar-
aus geschlossen, dass die aus der Kiemenbogenarterie ent-
springenden, primären Aeste oft, nachdem sie ein Kiemen-
blatt versorgt haben, einen Seitenast abgeben, der in halber
Höhe über mehrere Kiemenblätter wegzieht und Aeste in
dieselben hineinschickt. Diese Aeste sind jedoch erst die
eigentlichen Art. lam. brauch, und keine besondern Com-
munikationsgefässe. Es finden sich freilich ausserdem
zwischen einzelnen Kiemenblättern besondere kleine Aeste,
die von einem Blatte zu einem benachbarten ziehen und
beide verbinden, doch ist dies keineswegs in regelmässiger
Weise zwischen allen Kiemenblättern der Fall; zwischen
solchen Kiemenblättern, die auf die beschriebene Art und
Weise in Verbindung stehen, finden sich andere, die dieser
Verbindung entbehren; und ausserdem liegen diese kleinen
Communikationsäste in ganz verschiedener Höhe, so dass
hier von einem besondern zusammenhängenden Gefäss nicht
die Rede sein kann. Eine zusammenhängende Communi-
kation zwischen sämmtlichen Kiemenblättern der beiden
Kiemenblattreihen existirt freilich doch, wenigstens habe
ich sie bei Maja und Torpedo unzweifelhaft nachgewiesen,
aber es kann dies kaum die von Cuvier gemeinte sein,
denn, wie ich schon oben in der Beschreibung derselben
bei Gelegenheit des kavernösen Gewebes erwähnt habe,
befindet sie sich unmittelbar am obern Ende der dem Dia-
phragma ansitzenden Seite der Kiemenblätter. Cuvier
giebt ferner an, dass der für ein Kiemenblatt bestimmte
Ast der Kiemenbogenarterie zwei Gefässe in das Blatt
hineinschicke, eins am Innern Rand als Art. lam. brauch,
verlaufend und eins am freien äussern Rande neben der
Vene des Kiemenblattes. Diese Angabe ist, soweit ich an
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 163
injicirten Kiemen, bei denen die Injektion von dem Kie-
menarterienstamme aus gemacht wurde, sehen konnte, falsch.
Es finden sich zwar Get'ässe neben der Vena lam. brauch,
am freien Rande des Kiemenblattes; diese stehen jedoch
mit der Arterie in keinem Zusammenhang, sondern sind
ganz anderer Natur, gehören zum nutritiven System.
Cuvier und Alessandrini nehmen an, d^ss die
Art. lam. brauch, am ganzen innern Rande der Kiemen-
blätter entlang laufe; dies ist, wie aus der obigen Be-
schreibung hervorgeht, nicht richtig. Ferner lassen beide
Forscher aus derselben paarweise rechts und links ent-
sprechend den Schleimhautfalten Aestchen unter nahezu
rechtem Winkel entspringen, welche das Blut in das die
Schleimhautfalten einnehmende Capillarnetz führen sollen.
Diese Angabe ist ebenfalls falsch ; sie entspricht dem Ver-
halten bei den Teleostiern, aber nicht dem bei den Pla-
giostomen. Beide Forscher tibersehen dabei ganz das an
das Gefäss sich anschliessende kavernöse Gewebe, selbst
Alessandrini, der dasselbe wenigstens gesehen hatte,
wenn er es auch nicht richtig verstand. Die Art. laminae
branchialis steht mit den Lückenräumen des sich an sie
anschliessenden kavernösen Gewebekörpers durch Spalten
in ihrer Wandung in Verbindung, so lange sie überhaupt
als distinktes Gefäss existirt; an ihren Enden geht sie
ganz und gar in dasselbe über. Durch die Spalten tritt
das Blut aus ihr in die Lückenräume; dieselben sehen
bei Präparaten, aus einfach gehärteten, nicht injicirten
Kiemen spaltenförmig aus; an injicirten Präparaten ge-
winnen sie dagegen ein mehr rundliches, gefässartiges
Aussehen. Es scheint, als ob von der Art. lam. brauch,
einzelne Aeste abgegeben würden, die sich in das kaver-
nöse Gewebe hineinerstrecken, stets durch Spalten mit den
Lückenräumen desselben in Verbindung bleibend. Das
Vorhandensein von glatten Muskelfasern in den Wandungen
des kavernösen Gewebekörpers unterstützt ein Hinaustrei-
ben des Blutes aus den Lückenräumen und zwar tritt letz-
teres dann in das Capillarnetz. Die Capillarnetzarterien
kommen also nicht aus der Art. lam. brauch, direkt, son-
dern aus dem kavernösen Gewebeköi-per, welchen das in
164 Wilhelm Dröscher:
die Kiemen hineingeschickte Blut stets zu passiren hat. In
letzterem findet jedenfalls zum Theil schon ein Gasaus-
tausch statt. Die Seitenwände dieses Theils der Kiemen-
blätter tragen keine Schleimhautfalten, aber durch die
Ausbreitung in dem Lückensystera wird dem Blute hier
schon eine bedeutende Berührungsfläche mit dem Wasser
geboten.
Erwähnt mag schliesslich noch werden, dass alle diese
Kiemenarterien, welche das Blut den Kiemen zuführen,
in ihren Wandungen den Bau der Arterien zeigen; sie
haben sehr kräftig muskulöse und elastische Wände, so
dass sie einen sehr starken Impuls auf das Blut auszu-
üben im Stande sind. Sie unterscheiden sich also gar
nicht von den Kiemenvenen, welche das Blut von den
Kiemen wegführen. Letztere Beobachtung hat schon M o n r o
gemacht; er bemerkt, dass keinerlei Unterschied zwischen
den Kiemenarterien und den Kiemenvenen stattfinde, wohl
aber, dass beide von der Pfortader und der Hohlader
ebenso verschieden seien, wie die menschliche Aorta von
der Hohlader.
b) Das Capillarnetz.
Dasselbe nimmt die auf den Seitenflächen der Kie-
menblätter sich erhebenden Schleimhautfalten ein; es ist,
wie Alessand rini erwähnt, der physiologisch wichtigste
Theil der Kiemen, von dessen möglichst ausgedehnter
Flächenentwicklung die Wirksamkeit des Gasaustausches
abhängt. Zugeführt wird dem Capillarnetz das Blut durch
eine besondere kleine Arterie, die aus dem kavernösen
Gewebe nahe der vordem Grenzlinie desselben hervor-
kommt und zwar aus einem grössern Lückenraume, der
aut dem Querschnitt ein gefässartiges Aussehen hat. An
der Bildung der Wandung dieser Capillarnetzarterie nimmt
das Gewebe der Wandung des kavernösen Gewebekörpers
direkten Antheil. Ausserdem zeigen diese kleinen Arterien
an der Stelle, wo sie als selbständige Gefässe erscheinen,
kleine, bulböse Anschwellungen, die mit einer sehr starken
Ringmuskelschicht belegt sind. Hier wird dem aus dem
Lückensysteme heraustretenden Blute ein neuer Impuls
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 165
versetzt, so dass es leichter das Capillarnetz passirt. Es
wird nun nicht stets für jede Schleimhautfalte eine beson-
dere Arterie abgegeben, sondern es findet sich auch der
Fall, dass ein solches, aus dem Lückensysteme heraus-
tretendes Gefäss mehrere, 2 — 3 Schleimhautfalten versorgt,
dadurch, dass es sich in ebenso viele Aeste theilt. Das-
selbe Verhalten findet man ja auch bei den Knochenfischen.
Die Arterie der Schleimhautfalte theilt sich beim Eintritt
in die letztere, so viel ich bei Baja und auch bei Scyllium
erkennen konnte, in 2 ungleiche Aeste; der kleinere zieht
eine kurze Strecke an der der Seiteufläche des Kiemen-
blattes ansitzenden Seite der Schleimhautfalte entlang und
löst sich hier bald in's Capillarnetz auf. Der grössere
dagegen zieht am freien, äussern Rande der Falte hin und
steht durch Spalten mit dem an ihn sich anschliessenden
Capillarnetz in Verbindung. Dieses Randgefäss des Ca-
pillarnetzes konnte ich bei Torpedo direkt in die Capillar-
netzvene verfolgen; einen solchen Uebergang aus der Ar-
terie in die Vene hatte Alessand rini vergebens gesucht.
Das die ganze Fläche der Falte einnehmende Capillarge-
fässsystem ist nun schon von Cuvier ganz richtig als Netz
bezeichnet; manche Forscher haben es als aus schleifen-
förmig neben einander verlaufenden Gefässen bestehend
dargestellt; doch ist diese Ansicht für die Plagiostomen
nicht zutreffend. Jede Schleimhautfalte wird nun auf bei-
den Seitenflächen von Epithel begrenzt, welches auf einer
Basalmembran liegt. Der ganze Raum zwischen den beiden
Basalmembranen der beiden Seiten wird von dem Capillar-
netz eingenommen (Fig. 8). Die Basalmembranen der
Falten erscheinen als Ausstülpungen der Basalmembranen
der Seitenflächen des Kiemenblattes. Auf der dem Kie-
menblatte ansitzenden Seite schliesst sich das Capillarnetz
durch eine elastische Membran, die mit der Basalmembran
zusammenhängt und ihr gleicht, gegen das Gewebe der
Axe des Blattes ab. Der Zwischenraum zwischen den ein-
zelnen Capillaren wird eingenommen von homogenem Bin-
degewebe, das sehr deutlich ellipsoidische Kerne mit Kern-
körperchen zeigt. Auf einem Querschnitt durch die Schleim-
hautfalten (Fig. 8) erscheinen die Capillaren wie parallel
166 Wilhelm Dröscher:
neben einander liegende Röhren. Am äussern Ende des
Capillarnetzes, dem freien Rande des Kiemenblattes zuge-
kehrt ergiessen sich die Capillaren in eine Vene, die das
Blut aus der Schleimhautfalte heraus in die am freien
Rande des Blattes verlaufende Kiemenblattvene führt. Jede
Falte hat ihre besondere Capillarnetzvene; hier fliessen
die Venen mehrerer, benachbarter Falten nicht zu grössern
Gefässen zusammen, die dann erst in die Kiemenblattvene
münden würden.
c) Die Kieme nvenen.
Die das arteriell gewordene Blut aus den Kiemen-
blättern ableitenden Gefässe, die Kiemenblattvenen, nehmen
die freien Ränder der Kiemenblätter ein, ganz wie bei
den Teleostiern. Sie beginnen am obern Ende der Kie-
menblätter, und ihr Querschnitt nimmt allmählich zu, je
mehr sie sich dem Grunde des Blattes nähern, je mehr
Capillarnetzvenen sie also aufnehmen. Ueber die Struktur
ihrer Wandungen und des sie umgebenden Gewebes vergl.
den vorigen Abschnitt. Unterhalb einer jeden Kiemen-
blattreihe eines Kiemenbogens läuft nun ein Gefäss hin,
welches die aus den Blättern herabsteigenden Kiemenblatt-
venen aufnimmt; es sind dies die sogenannten Wurzelvenen
der Kiemensäcke. Jeder Kiemenblattreihe kommt eine
Wurzelvene zu; an einem Kiemenbogen findet man also
2 Venen mit Ausnahme des Zungenbeinbogens, der ja nur
eine Kiemenblattreihe trägt. Dies Verhalten bildet einen
Unterschied von den Teleostiern, bei denen an jedem Kie-
menbogen nur eine Wurzelvene sich findet, die zwischen
den beiden Kiemenblattreihen liegt, nicht wie bei den
Plagiostomen. Dieselbe kann jedoch auch bei einzelnen,
wie ich es bei Leuciscus gesehen habe, zuerst getheilt sein,
sich aus 2 Aesten zusammensetzen. Bei Leuciscus nehmen
diese beiden Aeste ungefähr die untere Hälfte des Kiemen-
bogens ein. Die Kiemenblattvenen ergiessen sich nicht
einzeln in die Wurzelvenen, sondern es vereinigen sich
2 — 3 zu grössern Stämmen, die dann ihrerseits in die
Wurzelvenen münden. Diese Beobachtung stammt schon
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 167
von Alessand rini. Bei Baja ist dies Verhalten sehr
deutlich nachzuweisen ; bei ScyJlium weniger deutlich, hier
münden sie mehrfach einzeln; oft aber nähern sich auch
hier benachbarte Kiemenblattvenen mit ihren untern Enden
so sehr, dass ihre Ausmündungen in die Wurzelvenen zu
einer gemeinschaftlichen Oeffnung verschmelzen. Die auf
beiden Seiten des Kiemenbogens neben den Insertionslinien
der Muskelschicht und der Knorpelstrahlenreihe verlaufen-
den Wurzelvenen stehen durch einen queren Ast in Ver-
bindung, der das die Wurzelvenen trennende Diaphragma
unmittelbar unterhalb des Gelenkes der Mittelglieder an
der ventralen Seite des Mittelstrahles durchdringt. Diese
Anastomose ist schon von Monro beschrieben worden.
Alessandrini giebt an, dass sich die beiden, zur Seite
der Kiemenbogenarterie liegenden Wurzelvenen schon dies-
seits der Hälfte des Kiemenbogens zu einem einzigen Ge-
fäss vereinigen, das dann später mit den andern derselben
und der gegenüberliegenden Seite die Aortenwurzel bildet.
Diese Angabe ist entschieden unrichtig und in Folge der
falschen Auffassung der Anastomose entstanden. Die Wur-
zelvenen bleiben in der ganzen Länge des Kiemenbogens
getrennt. Die Anastomose derselben liegt unter der Kie-
menbogenarterie, zwischen derselben und dem Kiemen-
bogen. Die Wurzelvenen eines Bogens verbinden sich
überhaupt nie, auch ausserhalb desselben nicht zu einem
Gefäss; dagegen verbinden sich aber die beiden Wurzel-
venen eines Kiemensackes, die zwei auf einander folgen-
den Bögen angehören, zu einer Aortenwurzel. Diese Ver-
einigung geschieht an der obern Commissur der Kiemen-
säcke, wo die beiden Kiemenblattreihen in einander über-
gehen. Eine weniger wichtige Vereinigung geschieht auch
an der ventralen Commissur, wo die beiden Kiemenblatt-
reihen ebenfalls in einander übergehen und wo die gegen-
überliegenden Blätter an ihrer Basis durch eine mit Epithel
verbundene Brücke von Bindegewebe verbunden sind. Hier
existirt für beide gegenüberliegende Keihen nur eine Wurzel-
vene, die in der Bindegewebsbrücke verläuft. Da, wo sich
die beiden Kiemenblattreihen trennen, theilt sich der ge-
meinsame Venenursprung in die zwei Wurzelvenen des
168 Wilhelm Dröscher:
KiemensackeS; die sich dann erst wieder an der obern
Commissur vereinigen. Aus dieser ventralen Commissur
treten Arterien als Verlängerungen der Wurzelvenen her-
vor, die im nächsten Abschnitt besprochen werden sollen.
Die Wurzelvene der hintern Reihe eines Kiemensackes
ist die stärkere, mit der sich die der vordem Reihe an
der obern Commissur der Säcke als schwächere verbindet
zu einem gemeinschaftlichen Gefäss, das eine der Aorten-
wurzel bildet. Die der hintern Reihe ist desshalb stärker,
weil sie das Blut der ventralen Hälfte der vordem Wurzel-
vene des nächstfolgenden Sackes, welche die Kiemenblatt-
venen der dem untern Mittelgliede ansitzenden Kiemen-
blätter sammelt, durch die den Bogen überschreitende
Anastomose aufnimmt. Man erkennt dies an dem Verlauf
der Anastomose und daran, dass die besagte Vene plötzlich
am Querschnitt bedeutend zunimmt.
Die aus den Kiemenvenen, welche durch Vereinigung
der Wurzelvenen entstanden sind, herrührenden Gefässe
kann ich übergehen, da sie in H y r t Ts Arbeit i) sehr voll-
ständig behandelt sind. Die hier entspringenden Rami
nutritientes der Kiemenbögen sollen im nächsten Abschnitt
besprochen werden. Die Kiemensackvenen durchsetzen
den mit lockerem Bindegewebe ausgefüllten Raum zwischen
den sich an einander legenden Basalia zweier benachbarter
Bögen. Die Kiemensackvenen entsprechen nicht vollkom-
men den Kiemenbogenarterien ; letztere stehen nur zu einem
einzigen Bogen, aber zu je zwei Säcken in Beziehung,
während die erstem Beziehungen zu zwei auf einander
folgenden Bögen aufweisen. Erwähnt mag noch werden,
dass diese Gefässe ihre Bezeichnung als Venen dem Um-
stände verdanken, dass sie Blut von den Kiemen fortführen;
ihrer Struktur nach sind sie wahre Arterien und führen
auch arterielles Blut; sie bilden die Wurzel des arteriellen
Gefässsystemes. Mi Ine -Edwards hat desshalb für sie
die Bezeichnung „Epibranchialarterien" vorgeschlagen, die
angenommen zu werden verdiente.
1) Hyrtl, das arterielle Gefässsystem der Rochen,
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 169
Das nutritive Gefässsystem.
Die nutritiven oder bronchialen Gefässe der Kiemen
entspringen aus dem Körperarteriensystem, d. h. aus den
Gefässen, die aus den Kiemenvenen hervorgehen, und ihr
Blut kehrt in das Körpervenensystem zurück. Ich werde
hier das nutritive Gefässsystem des Bogens mit dem daran
sich anschliessenden Diaphragma getrennt betrachten von
dem der Kiemenblätter. In beiden Systemen hat man zu
unterscheiden zwischen Arterien und Venen.
1. Das Nutritivgefässsystem des Kieuienbogeas und Diaphragmas.
Man kann hier wieder zwei Hälften unterscheiden,
eine dorsale, dem obern Mittelgliede entsprechende und
eine ventrale. Beide erhalten ihre Gefässe von entgegen-
gesetzten Seiten und geben sie nach entgegengesetzten
Seiten ab.
a) Arteria nutritiv a s. bronchialis.
Schon Mo uro giebt an, dass an der ventralen Com-
missur der Säcke aus den Wurzelveuen Gefässe hervor-
gingen, welche in einen gemeinsamen Längsstamm mün-
deten, der dann seinerseits durch Abgabe von Aesten die
Kiemenbögen und die umgebenden Theile mit Gefässen
zur Ernährung versorgte^). Joh. Müller erklärt in seiner
berühmten Arbeit über die vergleichende Anatomie der
Myxinoideu, Abtheilung Gefässsystem, diese Angabe für
falsch; er findet eine solche ventrale Verlängerung der
Wurzelvenen nur am 2. Kiemenbögen (p. 201). Hyrtl
hat sie dagegen an allen Kiemensäcken nachgewiesen und
hat so Monro's Beobachtung zum. Theil wieder zu Ehren
gebracht (p. 2 — 3). Freilich münden die aus den ven-
tralen Kiemensackcommissuren hervortretenden, ventralen
Kiemenvenenverlängeruugen nicht in einen gemeinsamen
Längsstamm, wie Mo uro es angiebt; sie stehen nur unter
einander durch Aeste in Verbindung, wenigstens die drei
1) Vergl. Monro, Bau und Physiologie der Fische, verglichen
mit dem des Menschen; Tab. I. Fg. 4 u. 5.
170 Wilhelm Dröscher:
vordersten; die ventrale Kiemenvenenverlängerung der vier-
ten Kiemenspalte bleibt unverbunden, isolirt; die der fünften
in Folge dessen natürlich ebenfalls ; sie ist aber ohne dies
nur sehr klein und von geringer Bedeutung. Diese ven-
tralen Kiemenvenenverlängerungen geben ausser manchen
andern Gefässen (darunter die Arteria coronaria cordis),
die zur Ernährung von Kopfmuskuiatur und von andern
Organen dienen, Arterien ab, welche zu den Constriktoren
der Kiemensäcke und zu den Kiemenbögen selbst treten.
Die genauere Art der Verzweigung dieser einzelnen Aeste
kann ich übergehen, sie findet sich in Hyrtl's genannter
Arbeit genau angegeben. Der für einen Kiemenbögen und
sein Diaphragma bestimmte Zweig tritt, wie ich bei Raja
deutlich verfolgen konnte, neben der austretenden Kiemen-
venenverlängerung in das Diaphragma ein; er verläuft auf
der Vorderseite desselben nahe der Insertionslinie der Mus-
kelschicht, neben dem hier liegenden Nerven und giebt
zahlreiche sich verzweigende Aeste ab, die sich auf der
Muskelschicht in der dem untern Mittelgliede angehörigen
Hälfte des Diaphragmas ausbreiten, auch durch dieselbe
hindurchdringen, um die hier befindlichen Gewebe zu er-
nähren. Es ist dies die Art. bronchialis der untern Hälfte
des Diaphragmas ; über das Gelenk der Mittelglieder hinaus
habe ich sie nicht verfolgen können.
Die obern Kiemenvenen geben, nachdem sie durch
Zusammenfliessen der beiden Wurzelvenen entstanden sind
und durch den Raum zwischen den Basalia hmdurch ge-
treten, je einen Ramus musculo cutaneus ab, der zu den
obern Partien der Constriktoren der Kiemensäcke und zu
der Haut des Nackens zieht; er tritt nicht zum Kiemen-
bögen selbst. Die Arteria bronchialis der obern Hälfte
des Diaphragmas dagegen entspringt aus der Kiemenvene
gleich nach dem Zusammenfliessen der Wurzelvenen, da
wo sie in den Raum zwischen den Basalia hineintreten
will. Dieselbe biegt sich gleich von ihrem Ursprünge an
rückwärts und tritt ins Diaphragma und zwar in den Raum
zwischen Muskelschicht und Knorpelstrahlenreihe und läuft
am obern Mittelgliede, wenn auch in einiger Entfernung,
von demselben zurück. Ich habe sie bis zum Gelenk der
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 171
Mittelglieder verfolgen können. Auch sie verästelt sich
hier reichlich und einige ihrer Aeste dringen in die Mus-
kelschicht hinein und theils durch dieselbe hindurch. Die
Wurzelvenen selbst geben in ihrem Verlauf von der untern
zur obern Commissur eines Sackes feine Gefässchen an
das Diaphragma ab, genau so, wie Joh. Müller es für
die Knochenfische beschrieben hat. Diese Gefässästchen
beschränken sich aber bei den Plagiostomen auf den Kie-
menbogen und das Diaphragma, treten nicht in die Kie-
menblätter hinein; ebenso nach Joh. Müller bei den Te-
leostiern.
b) Die Vena bronchialis.
Dieses Gefäss ist bei Knorpelfischen eigentlich wenig
bekannt. Bei Knochenfischen, bei denen dieses System
ganz ähnlich gestaltet ist, wurde die Bronchialvene von
Duverney entdeckt als ein zwischen den beiden Kiemen-
blattreihen über der Arterie verlaufendes Gefäss, das sich
aber nur an der untern Hälfte des Kiemenbogens nach-
weisen Hess. Fohraann hielt dieses Gefäss nach Unter-
suchungen am Aal für ein Lymphgefäss, das aus den Kie-
menblättern Aeste erhält. Joh. Müller wies jedoch nach,
dass dies Gefäss nichts weiter sei als die Bronchialvene
der untern Hälfte des Bogens und dass derselben an der
obern Hälfte des Bogens ein ganz ähnliches Gefäss ent-
spräche. Die untere ergiesst sich in die Kehlvene, die
obere in die Jugularvene.
Aehnliche Gefässe finden sich nun auch im Diaphragma
der Plagiostomen und zwar in dem Räume zwischen der
Basis der Knorpelstrahlen und der Muskelschicht, wo auch
die Arterie verläuft. In der untern Hälfte des Diaphrag-
mas verläuft die Vene unmittelbar oberhalb der Kiemen-
bogenarterie ; sie lässt sich hier bis zum Gelenke der Mittel-
glieder verfolgen. Oberhalb dieses Gelenkes in der dor-
salen Hälfte beginnt ein anderes Gefäss, das wegen des
Aufsteigens der Kiemenbogenarterie unterhalb derselben
zwischen ihr und dem Kiemenbogen dem letztern anliegend
verläuft und am dorsalen Ende des Kiemenbogens austritt.
Einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Venen der
172 Wilhelm Dröscher:
beiden Diaphragmahälften habe ich nirgend nachweisen
können. Sie erhalten das Blut, das sie aus dem Dia-
phragma abführen, aus den zahlreichen Lückenräumen, in
den beiden bindegewebigen Grenzlamellen des Diaphrag-
mas. Diese Lückenräume, die keine besondern Gefässe
mit besouderu Gefässwandungen darstellen, sondern den
Lymphräumen gleichen, sich von letztern jedoch durch den
Umstand, dass sie Blut führen, unterscheiden, saugen das
in die Gewebe des Diaphragmas getretene Blut auf; sie
erstrecken sich zu diesem Zweck auch zwischen die ein-
zelnen Muskelbündel. Die aufgesogenen Blutmassen führen
sie nun, indem sie sich zu Läugsstämmen, die nach dem
Kiemenbogen zustreben, ordnen, nach den erwähnten an
der Basis des Diaphragmas verlaufenden Bronchialvenen-
stämmen. In welche Körpervenen diese letzteren nach
ihrem Austritt aus dem Diaphragma münden, konnte ich
nicht verfolgen; es ist aber zu vermuthen, dass dies ähn-
lich so geschieht wie Joh. Müller von den Teleostiern
angegeben hat; die untere würde dann in die Kehlvene,
die obere in die Jugularvene führen.
2. Das nutritive Gefässsystem der Kiemeublätter.
Die Arterien desselben nehmen ihren Ursprung in den
Kiemenblättern selbst; die Venen treten in die Venen des
Diaphragmas über.
a) Arteria bronchialis laminae branchialis.
Eine einzige solche Arterie für ein jedes Kiemenblatt,
die durch Auflösung in Aeste dasselbe mit ernährenden
Gefässen versorgte, existirt nicht ; sie wird gewissermassen
durch die Kiemenblattvene vertreten. Dieselbe giebt näm-
lich an ihrer Innern, der angewachsenen Seite des Kiemen-
blattes zugewandten Seite zahlreiche, hinter einander lie-
gende Gefässchen ab, die in die oben beschriebene Binde-
gewebslamelle zwischen der Vene und dem vordem Rande
des kavernösen Gewebes eindringen und sich hier zahl-
reich verästeln; sie bilden hier das ziemlich grossmaschige
nutritive Capillarnetz. Aeste von ihnen erstrecken sich
auf die Wandung des kavernösen Gewebekörpers. Mit
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 173
Gefässen des Diaphragmas uud des Kiemenbogens stehen
diese eben beschriebenen Gefässe in keinem Zusammenhang.
b) Vena nutritiva.
An dem freien Rande eines Kiemenblattes auf der
äussern Seite der Vene erkennt man deutlich zwei neben
einander verlaufende Gefässe, die vielfach mit einander
durch quere Aeste kommuniciren. Sie liegen, in dem zwi-
schen den Schleimhautfalten vorspringenden Wulst des
freien Kiemenblattrandes und durchziehen parallel mit ein-
ander die ganze Länge des Kiemenblattes; an der Basis,
wo sie sich ihrem Austritte aus demselben nähern, liegen
sie nicht mehr nach aussen von der Vene, sondern zu
beiden Seiten derselben.' Sie ergiessen sich soweit ich es
verfolgen konnte, in die beiden beschriebenen Bronchial-
venen des Kiemenbogens. Ihre Wandungen sind nament-
lich im Kiemenblatte selbst nur dünn und nicht muskulös,
verleihen diesen Gefässen also den Charakter der Venen.
Ich halte diese Gefässe denn auch für die Bronchialvenen
des Kiemenblattes, die das aus dem nutritiven Capillar-
netz heraustretende Blut aufnehmen und fortführen. Ein
ganz ähnliches Verhalten hat Job. Müller vom Hecht be-
schrieben.
Die Muskulatur des Kiemenapparates und der
Respirationsmechanismus.
Die Muskulatur des Kiemenapparates, welche die Ein-
und Ausathmung besorgt, findet sich genau beschrieben in
Cuvier's Lecons d'anatomie comparee und dann später
in Vetter's schon oben erwähnter Arbeit. AuchRemak*)
lieferte Beiträge zur Kenntniss derselben. Ebenso gut ist
der Mechanismus der Ein- und Ausathmung bekannt (vergl.
die Physiologie von Milne- Edwards). Er ist ein ganz
ähnlicher und wird von ganz ähnlichen Muskeln besorgt,
wie bei den Knochenfischen. Das Oeffnen der Kiemen-
1) Remak, Bemerkungen über die äussere Atliemmuskulatur
der Fische.
174 Wilhelm Dröscher:
bögen geschieht durch die an ihrer Unterseite liegende
Muskulatur, die sich zwischen Schultergürtel und Unter-
kiefer ausspannt; sie ist bei den Plagiostomen entwickelter
als bei den Teleostiern. Der Eintritt des Wassers aus
dem Schlünde in die Kiemensäcke wird dadurch erleichtert,
dass der Adductor der beiden Hälften des Kiemenbogens,
der in dem Gelenkwinkel der beiden Mittelglieder liegt,
den untern Boden des Schlundes hebt, indem er die untere
Hälfte des Kiemenbogens der obern nähert. Aus dieser
Bewegung erklärt sich der Umstand, dass der Insertions-
punkt des Adductor am untern Mittelgliede von dem im
Gelenke liegenden Drehpunkt weiter entfernt ist als der
Insertionspunkt am obern Mittelgliede. Aus der Noth-
wendigkeit diese Bewegungen auszuführen erklärt sich
auch die bewegliche Gliederung des Bogens. Der Austritt
des Wassers aus den Kiemensäcken wird nun bewirkt
durch ein Zusammenschliessen der Wände der Kiemen-
säcke in Folge einer Contraktion des Muse, interbranchia-
lis. Eine solche Contraktion nähert die Knorpelstrahlen
des Diaphragmas einander, verkleinert so die Fläche des-
selben. Hierbei werden zugleich die einzelnen Kiemen-
blätter einander genähert und das Wasser aus ihren Zwi-
schenräumen hinaus getrieben. Eine Contraktion des Ad-
ductor zieht die Knorpelstrahlen wieder von einander ab,
spannt das Diaphragma aus und entfernt somit die Kie-
menblätter wieder von einander, so dass ihre Zwischen-
räume sich wieder mit Wasser füllen können ^). Anstatt
durch einen den Plagiostomen fehlenden Operkularapparat
wird die Ausathmung hier unterstützt durch ein besonderes,
den Kiemensäcken aufliegendes System von Constrictoren,
welches auch das Schliessen der äussern Kiemenöffnungen
besorgt.
Die Blutbewegung in den Kiemen wird bei den Pla-
giostomen durch Ein- und Ausathmungsbewegungen nicht
sonderlich unterstützt, wie das dagegen bei den Teleostiern
der Fall ist. Den Plagiostomen fehlt die Kiemengräte der
Teleostier, welche die Uebertragung der Athmungsbe-
1) Vergl. Duvernoy, Mecanisme de la respiration p. 4 — 5.
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 175
wegungen auf die Blutbewegung" bewirkt. Freilich bewirkt
auch hier eine Contraktion des Diaphragmamuskels da-
durch, dass die zwischen der Muskelschicht und der Knor-
pelstrahlenreihe gelegenen Theile der Kiemenarterien kom-
primirt werden, ein Heraustreiben des Blutes aus denselben,
das dann in die Kiemenblätter tritt und hier das kaver-
nöse Gewebe schwellt, so dass dadurch zu gleicher Zeit
das durch Annäherung der Kiemenblätter an einander be-
wirkte Heraustreiben des Wassers aus ihren Zwischen-
räumen unterstützt wird. Aber diese Förderung der Blut-
bewegung ist nur von sehr geringer, untergeordneter Be-
deutung gegen den vollkommenen Mechanismus der Kno-
chenfische, der den Plagiostomen gänzlich fehlt. Letztere
bedürfen aber auch eines solchen nicht, bei ihnen erhält
das Blut schon vom Herzen einen kräftigeren Antrieb, der
es leichter durch die Kiemencapillaren treibt. Bei den
Plagiostomen zeigt der Bulbus arteriosus eine sehr starke
Schicht quergestreifter Ringmuskelfasern ausser der elasti-
schen Faserschicht. Diese quergestreifte Muskelschicht
fehlt den Teleostiern gänzlich^); bei ihnen enthält der
Bulbus nur elastische Fasern. Die bei den Selachiern sich
findenden, quergestreiften Muskel sind mm im Stande, hier
einen neuen, vorwärts treibenden Druck auf das Blut aus-
zuüben, so dass es leichter das Kiemencapillarnetz passirt.
Ausserdem haben sämmtliche Kiemenarterien bei den Pla-
giostomen, stärkere, muskulöse Wandungen als bei den
Teleostiern. Der Austritt des Blutes aus dem kavernösen
Gewebekörper wird erleichtert durch die glatten Muskel-
fasern, welche sich in der Wandung desselben finden. Und
selbst die kleinen Capillarnetzarterien wirken antreibend
auf das Blut ein vermöge ihrer mit starker Ringmuskel-
schicht belegten, bulbösen Anschwellungen an ihrem Ur-
sprünge.
1) Vergl. Tiedemann, Bau des Fischberzens, pl. 1 und 2.
Leydig, Handbuch der vergl. Histologie p. 410.
176 Wilhelm Dröscher:
Literaturverzeichniss.
Perraul t, Memoires pour servir a l'bistoire naturelle des animaux
(Mem. de l'Acad. des sciences 1866—78. t. III).
Broussonet, Memoire pour servir ä i'histoire de la respiration des
poissons (Memoir. de l'Acad. d. sciences 1785).
Monro, Bau und Physiologie der Fische, verglichen mit dem des
Menschen.
Lacepede, Histoire naturelle des poissons.
Cuvier, Legons d'anatomie comparee II ed. 1840.
Duvernoy, Du mecanisme de la respiration dans les i)oissons (An-
nales d. sciences naturelles 1839).
Lereboullet, Anat. comparee de i'appareil respiratoire.
Alessandrini, Observationos supra intiraa brauchiarum structura
piscium cartilagineorum.
Vetter, Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie der Kiemen-
und Kiefermuskulatur der Fische (Jenaische Zeitschr. Bd. 8).
Gegenbau r, lieber das Kopfskelet der Selachier.
Milne-Edwards, Physiologie comparee.
Joh. Müller, Vergl. Anatomie d. Myxinoiden, Abth. Gefässsystem,
Posner, Beiträge zur Kenntniss des Baues der Najadenkieme.
Fohmann, Saugadersystem der Wirbelth. Heft 1 Fische.
Hyrtl, Das arterielle Gefässsystem der Rochen.
Tiedemann, Anatomie des Fischherzens.
Rathke, Entwicklungsgeschichte der Haifische und Rochen (Bei-
träge zur Gesch. der Thierw^elt, Abth. 4).
Remak, Bemerkungen über die äussere Athemmuskulatur der Fische.
Erklärung der Abbildungen auf Tafel IX— XII.
k Kiemenbogen; kr Kiemenstrahl; c cavernöses Gewebe; m
Bindegewebe ; gim und glm' glatte Muskelbündel ; p Epithelzellen-
polster; cz Cylinderzellenschicht; b Basalmembran; madd Musculus
adductor; md Musculus interbranchialis ; mc Musculus constrictor;
nbr und n'br Kiemenbogennerven ; obr Kiemenbogcnarterie ; vbr Wur-
zelvene; albr Kiemenblattarterie; vlbr Kiemenblattvene; cp Capillar-
netz ; oc und vc Arterie und Vene des Capillarnetzes; bl Blutkörper-
chen; pg Pigmentkörnchen; vnlbr Vena nutritiva lamiuae branchialis
Beiträge zur Kenntniss der histologischen Struktur etc. 177
Fig. 1. Diaphragma von Raja.
Fig. 2. „ „ Mustelus.
Beide von der Seite dargestellt.
Fig. 3. Kiemenblatt von Torpedo, Querschnitt.
Fig. 4. Kiemenblatt von Torpedo; Querschnitt durch das oberste
Ende.
Fig. 5. Kiemenblatt von Torpedo, Längsschnitt.
Fig. 6. Torpedo ocellata, cavernöses Gewebe.
Fig. 7. Torpedo', Längsschnitt durch den rein bindegewebigen Theil
des Kiemenblattes.
Fig. 8. Querschnitt durch eine Schleimhautfalte mit dem Capillar-
netz von Torpedo.
Fig. 9. Flächenschnitt durch 2 gegenüberstehende Kiemenblätter
desselben Bogens von Scyllium catulus; der mit c bezeich-
nete weisse Raum wird von dem cavernösen Gewebekörper
eingenommen.
Fig. 10. Querschnitt durch die 2 Kiemenblattreihen eines Bogens
von Scyllium.
Fig. 11. Längsschnitt durch den freien Rand eines Kiemenblattes
von Torpedo.
Arch. f. Naturg. XXXXVUI. Jahrg. 1. Bd. 12
Ueber die Segmentiruiig bei den Milben.
Von
P. Kramer
in Halle a. d. Saale.
Hierzu Tafel XHI. Fig. 1—4.
Je weiter die Kenntniss der Ordnung der Äcarina
vorsclireitet, um so zahlreicher werden die Fälle, wo Seg-
mentirung bei den Milben beobachtet wird. Es verdient da-
her der neueste Versuch, die Segmentirung als ein durch-
greifendes Moment für die ganze Ordnung in den Vordergrund
zu rücken, der von Haller (Zoolog. Anzeiger 1881. N. 88)
gemacht wurde, die vollste Zustimmung, es entspricht durch-
aus den natürlichen Verhältnissen, bei den Milben eine
Segmentallinie in der Gegend zwischen dem zweiten und
dritten Fusspaar anzusetzen. Zu gleicher Zeit hat Haller
die beiden Beinpaare, welche in den „Cephalothorax"
fallen, als ächte Beinpaare angesehen, was ich ebenfalls
für vollkommen richtig halte.
Während nun im Allgemeinen die Segmentirung nicht
weiter reicht, als dass da, wo sie deutlicher auftritt, drei
discrete Körpertheile beobachtet werden, indem der „Ce-
phalothorax" bei Milben, wie Histiostoma, Glyciphagus und
Verwandte wieder in zwei deutliche Abtheilungen zerlegt
ist, eine vordere, das Köpfchen (Capitulum) und den Tho-
rax, so geht sie in einzelnen Fällen entschieden weiter.
Früher habe ich bei Tarsonema die einschlagenden Ver-
hältnisse ausführlich behandelt und dargelegt, dass na-
mentlich beim Weibchen eine ziemlich grosse Anzahl von
P. Kramer: lieber die Segmentirung- bei den Milben. 179
Leibessegmenten vorhanden ist (Archiv für Naturgeschichte
von Troschel Jahrgang 42. 1876. Seite 197 ff.). Haller
sprach später seinen Zweifel aus (Die Milben als Parasiten
p. 64), dass die von mir als Männchen und Weibchen
angesehenen Formen überhaupt zusammengehören. Diese
Zweifel scheinen mir vor der Thatsache, dass ich beide
Formen aus Larven von genau derselben Beschaffenheit
züchtete und dass ich sie stets in grossen Mengen in dem-
selben Pflanzenauswuchs antraf, aufgegeben werden zu
müssen. Ich wüsste wenigstens bis jetzt kein Beispiel,
dass aus ein und demselben Larvenstadium zwei so völlig
von einander verschiedene Formen wie Tarsonema fem.
und Tarsonema mas. schlüpften, selbst wenn man glauben
wollte, man habe es hier mit hypopialen Gestalten zu thun,
was aber nicht der Fall ist, denn die Weibchen legen Eier,
aus denen wieder jene oben genannten Larven sich ent-
wickeln. (Ich darf hier wohl daran erinnern, dass auch
mein Pygmephorus von Hall er als hypopiale Form be-
zeichnet wurde, was sich aber nach Michael's Beob-
achtungen, der beide Geschlechter fand, nicht zu bestä-
tigen scheint.) Ein Beispiel von noch weiter gehender
Segmentirung will ich in den nachfolgenden Zeilen an-
führen. Es betrifft eine Milbe, ein erwachsenes Weibchen,
von der ich, da ich überhaupt nur dies eine Exemplar
aufzufinden vermochte, das Männchen nicht kenne, es könnte
also, wie das ja auch berechtigt wäre, Abstand genommen
werden, sie in das System aufzunehmen. Die Organisation
bietet aber einen so charakteristischen Anblick, dass sie
zur Erläuterung der Segmentalfrage wohl einer öffentlichen
Besprechung unterworfen werden darf.
Das ziemlich winzige, aber mit blossem Auge durch
seine weisse Farbe gerade noch sichtbare Thierchen ward
von mir im Thüringer Wald auf dem Erdboden in einem
Tannenbestande gefunden, und scheint Älycus roseus Koch
zu sein.
Die Rückenansicht giebt eine sehr deutliche Segmen-
tallinie zwischen Thorax und Abdomen. Die Schultern
des letzteren treten etwas gewölbt hervor, zwischen beiden
ist die Segmentallinie nach hinten leicht ausgebuchtet.
180 P. Kramer:
Das Abdomen zeigt neun deutliche Segmente, welche ganz
so, wie man sie bei den kleinen Poduren sieht, auf ein-
ander folgen. Die Segmentfurchen zwischen den drei
ersten Abdominalsegmenten sind breit und präsentiren sich
gewissermassen als Doppellinien, von denen die vorderen
das vorhergehende Segment abschliessen, die hinteren das
nachfolgende beginnen. Der Seitenrand des Abdomens
zeigt deutlich die Ausbuchtungen und Einschnürungen, die
den Segmentmitten und den Grenzen zwischen den Seg-
menten entsprechen. Die Beborstung folgt durchaus den
Segmentverhältnissen, es finden sich nur auf den Segment-
flächen Borstenreihen, die den Grenzlinien der Segmente
parallel laufen. Das hinterste Segment trägt die ganz
endständige Afteröffnung, welche man bei der Rtickenan-
sicht des Thieres zur Hälfte sieht, während die andere
Hälfte bei der Bauchansicht gesehen wird.
Auf dem Thorax steht ein deutliches Augenpaar, was
ganz wie bei Rhyncholophus mit hochgewölbten Linsen ver-
sehen ist. Ausserdem trägt er mehrere lange Borsten, von
denen das zwischen den Augen befindliche deutlich ge-
wimpert ist. Dieses bevorzugte Borstenpaar auf dem Thorax
Hess bei geringer Vergrösserung, zumal es den schwarzen
Augenflecken nahesteht, zuerst die Vermuthung aufkommen,
als hätte man hier ein dem Oribatiden-Stigma ähnliches
Athmungsorgan zu vermuthen, stärkere Vergrösserung zeigte
aber deutlich, dass jenes Borstenpaar nichts weiter ist, als
ein ganz gewöhnliches Haargebilde. Auf dem Thorax
ziehen sich noch drei nach hinten baumförmig verästelte
Längs- und zwei Querlinien hin, welche das ganze Rücken-
feld desselben in mehrere Felder theilen, von denen drei
den ganzen mittleren Raum einnehmen. Die kleinen Haar-
borsten auf den Segmenten des Hinterleibes sind kurz und
beiderseits gefiedert, wie es von einigen Trombidium-Arten
bekannt ist. Sie glänzen beim lebenden Thier hell weiss
und geben so dem ganzen Rücken einen weissen Schimmer.
Die Hautfarbe dagegen ist ein ins röthliche spielendes
schwaches Violett.
Auf der Unterseite sieht man zunächst wieder die
thoracale Segmentallinie deutlich zwischen den Hüftplatten
lieber die Segmentirung bei den Milben. 181
des zweiten und dritten Fusspaares hinlaufen, ausserdem
aber ziehen sich die Segmentlinien des Rückens ebenfalls
auf die Unterseite herunter, aber nicht als einfach kreis-
förmig umlaufende Linien, sondern, und dies ist nament-
lich bei den hinteren besonders deutlich, sie krümmen sich
in der Mitte des Unterleibes nach vorn und laufen um die
Geschlechtsöffnung', indem sie diese seitlich begleiten, so
dass dadurch After und Geschlechtsöffnung wie in dasselbe
letzte Segment gerückt erscheinen. Der Verlauf der Seg-
mentlinien der weiter nach vorn zu gelegenen Hinterleibs-
segmente war auf der Unterseite nicht deutlich zu ver-
folgen. Die Geschlechtsöffnung ist umfangreich und wird
von zwei grossen gewölbten, innen ausgehöhlten und mit
je drei grossen etwas ovalen Saugnäpfen versehenen Klappen
geschlossen. Die äussere Fläche dieser Klappen ist wie
die Fläche der Hüftplatten mit einem netzartigen Linien-
system überzogen, am Rande jeder Klappe steht eine eng-
geordnete Reihe kurzer befiederter Borsten, durch welche
der Spalt zwischen den Platten auch noch zum Theil ver-
schlossen wird.
Was die Gliedmaassen anlangt, so sind die Füsse
sämmtlicher vier Paare völlig gleichartig gebaut. Die
Anzahl der Glieder ist an den vorderen Füssen fünf, an
den hinteren Füssen befinden sich sechs freie Glieder.
Sämmtliche Füsse sind mit drei Krallen bewehrt.
Die Taster sind fünfgliedrig, die Spitze des fünften
Gliedes ist mit einer Anzahl kurzgefiederter Borsten dicht
besetzt. Die Mandibeln sind scheerenförmig, kurz und
ziemlich hoch gewölbt.
Leider Hess sich bei dem einen Exemplar, das zur
Beobachtung vorlag, nicht ersehen, wo die Tracheenöffnung
sich befand und ob überhaupt Tracheen vorhanden sind,
so dass die systematische Stellung des merkwürdigen
Thieres unbestimmt bleiben muss. Das Vorhandensein
entwickelter Augen legt es allerdings nahe, die Milbe in
die Gegend der Trombidien zu setzen.
Die Bedeutung für die Hinterleibsfrage ist jedoch
bei der Beobachtung unserer Milbe das wichtigste. Es
liegt auf der Hand, dass bei Betrachtung derselben sich
182 P. Krämer: üelier die Segmentirung bei den Milben.
drei natürliche Abtheilungen ergeben. Capitulum (Mund-
segment), Thorax und Abdomen und zwar dieses letztere
in deutliche Abschnitte zerlegt. Wir beobachten dement-
sprechend auch Mundgliedmassen, Thoracalgliedmassen
(der Zahl nach zwei Paare), Abdominalgliedmassen (der
Zahl nach ebenfalls zwei Paare).
Erklärung der Abbildungen auf Tafel XIII.
Fig. 1—4.
Fig. 1. Alycus roseiis Koch von oben.
Fig. 2. Dieselbe von unten.
Fig. 3. Eine Rückenborste.
Fig. 4. Ein Maudibel von der Seite.
Halle im October 1881.
lieber Tyroglyphus carpio, eine neue Art der
Gattung Tyroglyphus Latr/)
Von
P. Kramer
in Halle a. d. Saale.
Hierzu Tafel XIII. Fig. 5—10.
Die Gattung TyroglypJius Latr. ist auch noch neuer-
dings und wohl mit Recht, sowie auch die mit ihr ver-
wandten Gattungen, wie Glyciphagus und andere, mit den
Dermaleichiden, sowie zahlreichen anderen Gattungen unter
der grossen Familie der Sarcoptiden belassen worden.
Denn obwohl namentlich die freie Lebensweise zu dem
Parasitismus der ächten Sarcoptiden und auch der soge-
nannten Sarcoptidae plumicolae einen scharfen Gegensatz
abgiebt, so sind doch die organischen Beziehungen derart,
dass die Stellung der Tyroglyphiden im System wohl neben
oder unter den Sarcoptiden zu suchen ist. Diese An-
schauung wird nicht unwesentlich unterstützt durch die
Beobachtung eines ächten Tyroglyphus, welcher so ent-
schieden den Dermaleichiden-Typus verräth, dass er eine
Art Bindeglied zwischen den beiden Milbengruppen ab-
geben kann.
Die Charakterzüge der Gattung Tyroglyphus sind fol-
gende :
Tracheenlose Milben mit deutlicher Segmentallinie
zwischen Thorax und Abdomen. Mandibeln scheerenför-
mig. Taster zweigliedrig. Ein Paar Excretionsdrüsen an
/
1) Einen kurzen Auszug dieses Aufsatzes veröffentlichte ich
in dem Zool. Anz. N. 98, 1881.
184 P. Kramer:
den Seiten des Abdomen. Mit langer glatter Borste an
dem vorletzten Gliede der drei ersten Fusspaare. Die
Glieder der Ftisse dick. Das Endglied nicht verlängert
und an der Spitze nicht stark verdünnt. > Jeder Fuss mit
einer starken Kralle. Beim Männchen zwei Haftnäpfe neben
dem After. Freilebend.
Diesen Kennzeichen begegnet man auch bei der vor-
liegenden Art Tyr. carpio nov. sp., so dass eine genaue
Beschreibung der allgemeinen Gestalt nicht nöthig ist.
Das Weibchen (Fig. 5) so v\^ie das Männchen (Fig. 6
und 7) besitzen eine sehr charakteristische Behaarung.
Dieselbe besteht aus wenigen langen Borstenpaaren, von
denen zwei auf dem Thorax sich befinden. Die Rücken-
flache zeigt je eine lange abstehende Borste in der Schulter-
gegend. Im letzten Drittel des Seitenrandes ragen zwei
ziemlich stark gekrümmte lange Borsten hervor und bieten
mit dem am Hinterrand schon etwas auf der Unterfläche
der Körpers entspringenden Borstenpaar das zum schnellen
Erkennen der Art hinreichende Bild. Auf der Rücken-
fläche befindet sich und zwar in der hinteren Hälfte noch
ein Paar ebenfalls ansehnlicher Borsten. Beim Weibchen
stehen auf der Hinterleibsunterseite nahe dem hinteren
Ende der Afteröffnung noch zwei Borsten. Diese fehlen
beim Männchen. Die Körperfarbe ist wie bei allen Tyro-
glyphen weisslich, das Capitulum und die Füsse haben
einen schwach violetten Schimmer. Die glatte Haut ist
durchscheinend.
Die Geschlechtsöffnung der erwachsenen Weibchen
liegt zwischen den Epimeren der beiden hinteren Fuss-
paare und ist von den vier kleinen Haftnäpfen begleitet,
welche man stets beobachtet. Die Afteröffnung ist ganz
ans Ende des Hinterleibes gerückt, zieht sich allerdings,
da sie lang ist, eine ganze Strecke nach vorn.
Es unterscheidet sich das Weibchen von T, carpio
in Nichts von dem Charakter eines Tyroglyphusweibchens.
Es ist allein die Behaarung, welche hier in einer für die
Art charakteristischen Form auftritt.
Um so merkwürdiger sind die Besonderheiten des
erwachsenen Männchens. Das Hinterleibsende desselben
Ueber Tyroglyphus carpio, eine neue Art d. Gatt. Tyrogl. Latr. 185
ist nicht abgerundet, wie bei den typischen Tyroglyphen.
Vielmehr besitzt das Thier einen breiten als dünne Platte
weit nach hinten hervorragenden Schwanzanhang. Von
der Seite her betrachtet zeigt er sich als ein leicht nach
unten gekrümmter dachförmiger Vorsprung. Unter ihm
ragen die Haftnäpfe nach hinten etwas über den Umriss
des Abdomens hervor (Fig. 9). Dieser Schwanzanhang
muss unser grösstes Interesse in Anspruch nehmen. Er
besteht aus einer vierfach zertheilten Platte, welche an
ihrer Basis undurchsichtig und lebhaft kaffeebraun gefärbt,
an ihrem gelappten Rande dagegen völlig durchsichtig ist.
Die vier Lappen, in welche der Rand durch tiefe Ein-
schnitte zerfällt, sind an ihrem Grunde, wie es scheint,
durch vier ebenfalls abgerundete nur bedeutend kürzere
Lappen, die auf ihnen liegen, verstärkt, so dass sich ein
Bild ergiebt, wie es Fig. 8 zeigt. Durch diesen ansehn-
lichen und merkwürdigen Fortsatz des Hinterleibes werden
wir auf das lebhafteste an die Hinterleibsanhänge bei den
männlichen Dermaleichiden erinnert, und es bekommt so
dies Tyroglyphus-WsLnuchQu einen ausgesprochenen Derma-
leichus-Charakter. Es ist somit das, w^as oben angedeutet
wurde, wohl nicht unbegründet, dass mit unserer Milbe ein
Bindeglied zwischen den Tyroglyphus- und Dermaleichus-
artigen Milben vorliegt, durch welches die bisher doch
immer noch bedeutende Kluft zwischen beiden nicht un-
erheblich zusammenschrumpft, so dass die Berechtigung
grösser wird, beide Milbengruppen wirklich unter einem
^ gemeinsamen Gesichtspunkt zu betrachten.
Die Geschlechtsöffnung des Männchens liegt etwas
hinter den Epimeren des vierten Fusspaares und hat durch-
aus den typischen Charakter solcher Oeffnung.
Etwas verschieden von dem gewöhnlichen Bau der
Haftnäpfe sind dagegen diejenigen, welche den After un-
serer Art begleiten. Es ist nämlich kein vollständig ab-
geschlossener Cylinder, in welchem der eigentliche Haft-
apparat sich bewegt, sondern auf der dem Hinterleibe zu-
gewendeten Seite ist der Cylindermantel wie aufgeschlitzt,
auch ist hier die Röhrenwandung niedriger, so dass der
ganze Haftnapf einen hufartigen Charakter bekommt. Die
186 P. Kram er: Ueber Tyroglyphus carpio etc.
Afteröffnimg rührt mit ihrem vorderen Ende an das Gertist
der Geschlechtsöffnung.
Die Ftisse sind bei beiden Geschlechtern kurz und
verhältnissmässig dick und tragen alle für die Gattung
Tyroglyplms charakteristischen Merkmale, so namentlich
die keulenförmigen Haare am oberen Ende des letzten
Fussgliedes der beiden ersten Fusspaare. Beim Männchen
ist das vierte Fusspaar ohne jene lange Borste am Ende
des vorletzten Gliedes. An dessen Stelle befindet sich
ein stumpfer dicker Zapfen. Die Bewegungen sind lang-
sam und schwerfällig.
Ausser den erwachsenen Thieren sind sämmtliche
Larven zur Beobachtung gelangt und sind die Maasse der
einzelnen Entwicklungsstufen folgende:
Männchen Länge 0,45 mm Breite 0,20 mm.
Weibchen „ 0,52 „ „ 0,25 „
2. achtfüssige Larve Länge 0,35 mm
1. achtfüssige „ „ 0,21 „
sechsfüssige „ „ 0,16 „
Ei „ 0,15 „
Die Larven aller Stadien tragen sämmtliche Borsten
wie die erwachsenen genau in derselben Anordnung auf
Kücken und Seite, so dass der hauptsächlichste Unter-
schied in den Geschlechtswerkzeugen und ihrer Ausbildung
zu suchen ist.
Erklärung der Abbildungen auf Tafel XIII.
Fig. 5—10.
Fig. 5. Weibchen von Tyroglyphus carpio von oben.
Fig. 6. Männchen von demselben von oben.
Fig. 7. „ „ „ „ unten.
Fig. 8. Der Schwanzanhang stärker vergrössert.
Fig. 9. Das Männchen im Umriss von der Seite.
Fig. 10. Die beiden Englieder des vierten Fusses.
Halle im October 1881.
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten
aus den Familien Tabanidae, Leptidae, Asilidae,
Empidae, Dolicliopidae und Syrphidae.
Von
Beling,
Forstmeister in Seesen am Harz.
Mit Bezugnahme auf meinen im 1. Bande des 41. Jahr-
ganges des Archivs für Naturgeschichte S. 31 bis 57 ab-
gedruckten Beitrag zur Metamorphose der zweiflügeligen
Insecten lasse ich die seitdem von mir gemachten bio-
logischen Beobachtungen in Betreff einer Anzahl von Dip-
teren aus den in der Ueberschrift genannten Familien in
Nachstehendem folgen.
1. Sargus cuprarius L.
Larve: bis 10 mm lang, 3,5 mm breit, platt, ellip-
tisch, nach vorn hin etwas erweitert, hornig, schwärzlich
braun, dicht gekörnelt. Der schmutzig bräunliche, im
vorderen Theile hellere Kopf schmal, bis zu den Augen
gleich breit, von da ab bis zur Spitze stumpf dreieckig,
mit einzelnen steifen, steil abstehenden Haaren besetzt.
Ein jedes der zwölf Leibesglieder, mit Ausschluss des
letzten, mit einer Querreihe kurzer steifer, steil abstehen-
der, bräunlicher Haare, welche auf den hinteren Gliedern
in der Nähe des Hinterrandes stehen. Dem Kücken ent-
lang zwei breite hellere Längenbänder und in gleicher
Weise heller gefärbt als der übrige Körper auch die scharf
zusammengedrückten Seitenkanten. Die beiden ohne scharfe
188 Beling:
Grenzen mit einander verschmolzenen ersten Leibesglieder
heller als die übrigen. Bauchseite gleich der Oberseite
mit zwei helleren parallelen Längsbändern. Das dritte
bis elfte Leibesglied an der Oberseite wie an der Bauch-
seite mit breiter seichter Querfurche. Das an seinem Ende
gerundete Afterglied an der Oberseite mit einem flachen
grubigen Eindrucke oder auch mit unregelraässigen, ganz
seichten breiten Längsfurchen, hinter der Mitte jederseits
mit einem langen, steifen, nach vorn gerichteten Haar auf
kleiner punktförmiger Erhöhung.
Puppe in der Larvenhaut verborgen, nicht vortretend
und deshalb von der Larve in nichts unterschieden.
Die Larven fand ich in grösserer Anzahl zusammen-
lebend im Felde unter verwesendem Unkraut, welches im
Jahre zuvor in kleinen Haufen zusammengetragen war,
von der in Zersetzung begriffenen Pflanzensubstanz sich
ernährend. Aus den mitgenommenen Larven züchtete ich
von Anfang Juni bis zum 25. Juli, an welchem Tage die
letzten auskamen, 87 imagines, die relativ meisten zu Ende
des Monats Juni. Bemerkenswerth war hierbei das so
sehr ungleichzeitige Ausschlüpfen der imagines.
2. Chrysomyia polita L.
Larve: bis 6 mm lang, 2 mm breit, hornig, assei-
förmig, platt, lang oval, nach vorn hin etw^as breiter, fein
gekörnelt, schmutzig schwärzlich braun, zwölfgliederig.
Bauch- und Rückenseite mit je zwei nicht scharf markirten,
breiten, verwaschenen, parallelen, hellen Längsbändern und
auch die scharfen Seitenkanten heller. Der schmale, platte,
schnabelförmig vorgestreckte Kopf in die ersten Leibes-
glieder nicht einziehbar, am Anfang des hinteren Drittheils
zu jeder Seite mit einer verhältnissmässig grossen, schwärz-
lichen, beulenförmigen, das Auge vorstellenden Erhöhung
und mit steifen Borsten besetzt. Die ersten beiden Ringe
des zwölfgliederigen Leibes ohne scharfe Grenzen in ein-
ander übergehend. Ein jedes der ersten elf Leibesglieder
mit einem Kranze steifer, heller, nach hinten gerichteter,
verhältnissmässig langer Borstenhaare umgeben. After-
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 189
glied am Hinterende gerundet, mit seichten, grubigen und
längsfurchigen, unregelmässigen Eindrücken und mit steifen,
hellen, seitwärts oder abwärts gespreizten Haaren besetzt,
in der Mitte des Hinterendes sehr seicht ausgerandet.
Hinterstigmen am Leibesende nahe bei einander in einer
Horizontalspalte stehend. — Die Larve ist derjenigen von
Sargus cuprarius sehr ähnlich, unterscheidet sich von der-
selben indessen, abgesehen von einer merklich geringeren
Grösse, durch längere, dunklere und reichlichere Be-
haarung.
Puppe: in der Larvenhaut verborgen, ganz ebenso
wie diejenige von Sargus cuprarius.
Die Larven fand ich zu gleicher Zeit und an gleichen
Orten mit den Larven der vorgedachten Dipterenart. Vom
14. Mai bis 15. Juni züchtete ich aus den mitgenommenen
Larven 58 imagines, welche sich hinsichtlich des ungleich-
zeitigen Ausschlüpfens ganz ebenso verhielten wie die
imagines von Sargus cuprarius.
3. Chrysops relictus Meig.
Puppe: 12 mm lang, 3 mm dick, schmutzig bräunlich
gelb. Kopf glänzend, vorn stark gebräunt; unterer Stirn-
rand mit vier breiten, gerundeten, in einer Querreihe ste-
henden Zähnchen, oberhalb dieser Zähnchen zwei kleine
in Querreihe stehende Höcker mit je zwei braunen, steifen,
massig langen Haaren; weiter nach hinten hin zwei ähn-
liche aber durch grösseren Zwischenraum getrennte, mit
nur einem solchen Haar besetzte Höcker. An der Ober-
seite auf der Grenze zwischen Kopf und Mittelleib zwei
gebräunte, ohrförmige, nach hinten hin divergirende Län-
genleisten. Fühlerscheiden seitwärts am Kopfe anliegend,
kurz, spitz auslaufend, wenig markirt. Hinterleib neun-
gliederig, braun mit schwärzlichen Gliedereinschnitten,
weniger glänzend als Kopf und Fuss- und Flügelscheiden.
Erstes Hinterleibsglied sehr kurz, in der Mitte des Vorder-
saumes tief ausgebuchtet; drittes bis einschliesslich achtes
Hinterleibsglied am Rücken in der Nähe des Hintersaumes
mit einer Querreihe enggesteller, ungleich langer, nach
190 Beling:
hinterwärts gerichteter, heller Borstenzähne, welche auf den
hinteren Gliedern allmählich etwas länger werden und sich
auch über die Bauchseite der Glieder hin erstrecken. After-
glied in sechs klauenförmig gespreizt stehende Dornen-
zähne endend, von denen die beiden obersten etwas kleiner
als die übrigen vier sind und etwas weiter nach vorn hin
stehen. Fuss- und Flügelscheiden gleich lang, bis Anfang
des dritten Hinterleibsgliedes reichend.
Aus drei Puppen, die ich am 16. Juli 1876 im Ufer-
sand eines kleinen Wiesenbaches fand, gingen am 24. und
am 25. desselben Monats je eine imago hervor. Die dritte
Puppe kam nicht zu weiterer Entwickelung.
4. Chrysopila laeta Zellerst.
Larve: sehr contractu, wenn ganz ausgestreckt stark
spindelig nach vorn hin verdünnt, 16 mm lang, am After-
ende 2 mm dick, stielrund, schmutzig weiss, glatt, glän-
zend, zarthäutig, 12 gliederig. Kopf resp. Kieferncapsel
klein, braun; die oberen Kieferncapselgräten als eine
grosse, in der Mitte etwas erweiterte, ovale, braune, hinten
geschwärzte Platte durchscheinend. Die Leibesglieder bis
zum elften einschliesslich an Länge allmählich etwas zu-
nehmend; die Bauchseite des fünften bis einschliesslich
elften Gliedes am Hinterende der Glieder mit kurzen
breiten Kriechschwielen. Die seitwärts am Hinterende des
zweiten Leibesgliedes befindlichen Vorderstigmen klein,
punktförmig, gelbbraun, die von denselben nach den Hin-
terstigmen ziehenden Tracheen am Rücken der Larve stark
durchscheinend. Afterglied kaum so lang als das vorher-
gehende oder elfte Leibesglied, ein wenig verdickt, stark
aber flach läugsgereift, mit stark vortretendem After, am
Ende mit vier breiten stumpflichen Hautzähnen oder Zapfen,
von denen die beiden oberen die zwei gelbbraunen, ver-
hältnissmässig grossen, um den vierfachen Durchmesser
des einen von einander entfernten Stigmen mit breitem
dunklei'en Rande und hellerem Kern nahe unter sich, die
beiden unteren aber an jeder Oberseite einen grossen zahn-
förmigen Ansatz oder Anhang haben, so dass die gedachten
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 191
beiden Hantzapfen gewissermassen zweitheilig sind und
das Stigmenfeld von sechs Hautzähnen umgeben erscheint,
von denen zwei an der Oberseite, zwei an der Unterseite
und zwei an den beiden Afterglied-Verticalseiten mitten
inne zu stehen scheinen.
Puppe: 12 mm lang, 2,5 mm am Thorax dick, stiel-
rund, nach hinten hin etwas verdünnt; einfarbig oder gleich-
massig rothbraun, hartschalig; Hinterleib neungliederig,
erstes Glied sehr kurz, die folgenden bis einschliesslich
zum achten allmählich an Länge etwas zunehmend, drittes
bis einschliesslich achtes Glied zunächst des Hinterrandes
mit einem Kranze ungleich langer und ungleich breiter,
dünner Hautzähne umgeben, welche im Allgemeinen an
der Oberseite kräftiger als an der Unterseite sind. After-
glied kurz, am abgestutzten Hinterende in sechs auswärts
gespreizte, starke Dornenzähne endend. Flügelscheiden bis
Ende des zweiten Hinterleibsgliedes reichend und Fuss-
scheiden wenig darüber hinaus ragend.
Eine Larve wurde am 22. Mai 1876 in schmierig
nasser Modererde eines dicken Buchenstockes im Laub-
holzwalde gefunden. Dieselbe war am 11. Juni eine ein
bis höchstens zwei Tage alte Puppe und diese lieferte am
23. Juni eine imago fem. Aus einer anderen am 27. März
desselben Jahres in einem faulen Ahornstocke in einem
Buchenbestande aufgefundenen Larve ging am 14. Juni
eine imago, gleichfalls fem. hervor.
5. Chrysopila nigrita Fabr.
Larve: bis 12 mm lang, 1,7 mm dick, spindelförmig,
nach vorn hin verdünnt, stielrund, gelb, mit schwarzbraun
durchscheinendem Darminhalte, sehr agil und in dieser
Beziehung einer Leptis-Larve sehr ähnlich, zwölfgliederig,
die Bauchseite des fünften bis einschliesslich elften Gliedes
mit seichten Kriechschwielen. Das etwas verdickte After-
glied am Hinterende mit vier breitbasigen, verhältniss-
mässig grossen, in einem regelmässigen Viereck oder Qua-
drat stehenden Hautzähnen, von denen die beiden oberen
wenig kleiner als die beiden unteren sind. Zwischen dem
192 Beling:
oberen und unteren Hautzaline jederseits ein ganz kleines
spitzes Hautzälmchen. Unterhalb der beiden oberen Haut-
zähne zwei verliältnissmässig grosse ovale, mit ihrem Län-
gendurchmesser horizontal stehende, dunkel gelbbraune,
um den zwei- bis dreifachen Längendurchmesser des einen
von einander entfernte Hinterstigmen, welche einen hellen
Mittelpunkt und einen breiten dunkelen Rand haben. Kie-
ferncapsel klein, gelbbraun, djas obere Grätenpaar hinter
derselben als ein ovales, breites, schwarzbraunes, in der
Mitte etwas helleres, am Ende tief ausgebuchtetes Band
durchscheinend.
Puppe: 9,5 mm lang, 1,9 mm gleich hinter dem
wenig erweiterten Thorax dick, stielrund, braun, der Puppe
der Chrysopila atrata sehr ähnlich. Das erste und zweite
Glied des neunringeligen Hinterleibes sehr kurz, drittes
bis einschliesslich achtes Hinterleibsglied im vorderen
Theile etwa bei ein Drittheil der Länge mit einer gerundet
kielförmigen Erhabenheit, am Hinterrande ringsum mit
einem Kranze dichtstehender, nach hinten gerichteter,
in der oberen Hälfte haarförmig dünn zweitheiliger und
daselbst hakenförmig umgebogener Dornenzähne. After-
glied kurz, hinten gerade abgestutzt und daselbst am Un-
terrande mit zwei dickbasigen, spitzen, plumpen Dornen-
zähnen, ausserdem aber mit einer Anzahl weit kleinerer,
dünner, ungleich grosser, mit der zweitheiligen haarför-
migen Spitze nach hinten gebogener Zähnchen. Die Seiten-
stigmen der Hinterleibsglieder markirt zapfenförmig vor-
ragend. Die kurzen Flügel- und Fussscheiden nur bis
Ende des zweiten Hinterliebsgliedes reichend.
Eine Larve fand ich am 25. Mai 1879 in feuchter
Erde am Ufer eines Wiesenbaches, welche zusammen mit
einer Anzahl Lucilia-Larven und Puppen in Erde von der
Fundstelle zu Haus getragen wurde und unter den ge-
dachten Larven und Puppen bald stark aufräumte. Am
1. Juli erschien in dem Züchtungsbehälter eine imago fem.,
ohne dass die Dauer der Puppenrahe näher beobachtet
worden. Eine andere im Jahre zuvor am 22. April an
derselben Stelle aufgefundene, mitgenommene und in Erde
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Iiisecten etc. 193
von der Fundstelle unterhaltene kam nicht zu weiterer
Entwickelung.
6. Ghrysopila nuhecula Fall.
Aus einer am 3. Mai in einem morschen Buchenstocke
im Laubholzwalde aufgefundenen gelblichen, im Uebrigen
derjenigen von Ghrysopila laeta ganz ähnlichen Larve wurde
am 13. Juni eine Chr. nuhecula gezüchtet.
7. Symphoromyia crassicornis Panz.
Larve: 12 mm lang, 1,6 mm dick, stielrund, nach
vorn hin etwas spindelig und jenseits der Mitte auch nach
hinten hin etwas verdünnt, schmutzig weiss, zwölfgliederig.
Kieferncapsel klein, braun; das obere Kieferncapsel- oder
Kopfgräten - Paar breit, schwärzlich -braun, in der Mitte
etwas bogig aus einander tretend und daselbst blasser als
am Vorder- und am Hinterende gefärbt, nach hinten hin
etwas verbreitert; der ovale Raum innerhalb der beiden
Kieferncapselgräten bräunlichgelb durchscheinend, wodurch
eine ähnliche Nackenfigur entsteht wie bei der Larve von
Ghrysopila atrata. Die Leibesglieder von den vorderen
bis zum elften einschliesslich an Länge allmählich etwas
zunehmend. Afterglied etwa zwei Drittheile so lang wie
das nächst vorhergehende oder elfte Glied, mit zwölf ziem-
lich tiefen Längsriefen, in der Mitte etwas verdickt, am
Hinterende zweilippig, indem der Ober- und der Unterrand
zu einer gerundeten Lippe erweitert sind. Beide Lippen
stehen klaffend oder weit geöffnet aus einander; die obere
Lippe an ihrer Rundung mit 4 kleinen schmalen Zähnchen,
von denen die beiden mittleren, etwas genähert stehenden,
ein wenig stärker als die beiden äusseren sind. Die un-
tere Lippe mit vier ganz seichten Ausbuchtungen und da-
her schwach gezähnt erscheinend. Beide Lippen an der
einander zugekehrten Innenseite intensiv braungelb gefärbt,
wodurch die Larve ein sehr charakteristisches Aussehen
erhält. Auf der Grenze zwischen Ober- und Unterlippe
ist die braungelbe Färbung durch ein schmales weisses
Archiv für Naturg., XXXXVIÜ. Jahrg. 1. Bd. 13
194 Beling:
Horizontalband unterbrochen. An der Basis der Innenseite
der Oberlippe zwei grosse kreisrunde, braune, um etwa
den anderthalbfachen Durchmesser des einen von einander
entfernte Hinterstigmen.
Puppe: 10 mm lang, 2 mm am Thorax dick, stiel-
rund, nach hinten hin wenig kegelig verdünnt, derbhäutig
oder hartschalig, gelbbraun, einer Chrysopila-Puppe sehr
ähnlich. Kopf vorn- gerundet, mit vier in einem Viereck
stehenden kleinen seichten Höckern, von denen die oberen
beiden je ein kurzes steifes Haar tragen. Hinterleib neun-
gliederig, erstes Hinterleibsglied ganz kurz, die folgenden
unter sich von ziemlich gleicher Länge, jedes vom vierten
bis einschliesslich achten in der Nähe des Hinterrandes
mit einem Kranze dicht gestellter, schmaler, steifer, haar-
förmiger, ungleich langer Dornenzähne umgeben, welche
an den vorderen Gliedern kurz sind, an den hinteren
Gliedern allmählich länger werden. Am Rücken des zweiten
und dritten Hinterleibsgliedes eine Querreihe ähnlicher,
aber ganz kurzer Doruenzähnchen in der Nähe des Hinter-
randes. Afterglied etwas kürzer als das vorhergehende Glied,
am Ende der Oberseite mit einer in der Mitte durch einen
Zwischenraum unterbrochenen Querreihe von Dornenzäh-
nen, am Ende der Unterseite mit zwei dicken, langen, seit-
wärts gespreizten und an ihren Spitzen etwas geschwärzten,
resp. stark gebräunten, kegelförmigen Dornen. Die Dornen-
zähne, insbesondere die der letzten Hinterleibsglieder sind
öfter zweispitzig oder an ihren Spitzen gespalten. Fühler-
scheiden seitwärts am Kopfe über den Augen liegend;
Flügel- und Fussscheiden gleich lang, bis zur Mitte des
dritten Hinterleibsgliedes reichend.
Eine Larve wurde am 12. Mai 1880 in der oberen
Erdschicht eines beraseten Fahrweges im Saume eines
Buchenwaldes gefunden. Dieselbe war am 22. desselben
Monats Puppe, aus der am 4. Juni die imago hervorging.
Vier an derselben Stelle bis zum 5. Juni noch gefundene
kleinere Larven gelangten nicht zu weiterer Entwickelung.
Am 10. Juni des folgenden Jahres fand ich an derselben
Waldesstelle wiederum drei erwachsene Larven, mit denen
indessen keine Züchtungsversuche angestellt wurden.
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 195
8. Leptogaster cylindricus Degeer.
Meine frühere, nach dem bis dahin nur aufgefundenen
einzigen Exemplare entworfene Beschreibung der Larve
(Seite 41 des 1. Bandes, 41. Jahrganges dieser Zeitschrift)
habe ich jetzt, nachdem ich die Larven vielfach auf Fel-
dern in lehmiger, bindiger Ackererde und auch unter
Hecken in der Nähe grösserer Ackerflächen in humoser
Erde auffand und aus denselben imagines züchtete, folgen-
dergestalt zu ergänzen, resp. zu berichtigen:
Larve: bis 12 mm lang und bis 2 mm dick; das
letzte der zvrölf Leibesglieder in zwei Abtheilungen ge-
sondert, eine kurze vordere und eine meist längere, zu-
weilen aber auch gleich lange kegelförmige hintere, welche
letztere zuweilen mit einer kuppeiförmigen, mit einzelnen
kurzen braunen Haaren besetzten Spitze endet. An der
Unterseite des sechsten bis einschliesslich elften Leibes-
gliedes je eine Querreihe seichter Kriechschwielen. Vorder-
stigmen am Ende des mit dem ersten ohne scharfe Be-
grenzung verschmolzenen zweiten Leibesgliedes klein, bräun-
lichgelb, blass und wie die ganz gleich gestalteten und
gleich gefärbten seitwärts am Aftergliede und vor dessen
Mitte am Ende der vorderen Abtheilung stehenden Hinter-
stigmen schwer auffindbar. Eine Stigmenspalte, welche ich
der Larve früher beilegte, ist nicht vorhanden.
Aus Larven, welche ich im Frühjahr 1876 in ein mit
Erde gefülltes Glas setzte, gingen bis zum 21. Mai drei
Puppen hervor, aber erst am 5. und 6. Juli, also nach
etwa sieben Wochen, erschienen die imagines. Während
der ganzen Puppenruhezeit war die Temperatur ausser-
gewöhnlich kühl gewesen.
9. Dioctria oelandica L.
Larve: bis 14 mm lang, 2 mm dick, walzig rund,
rein weiss, parcellenartig, stellenweise wasserklar, mit breit
durchscheinendem dunkelen Darminhalte, der Länge nach
fein nadelrissig, zwölfgliederig, scharf gegliedert; erstes
Glied kurz, mit dem zweiten ohne scharfe Grenzen ver-
196 Beling:
schmolzen, Vordersaum des zweiten Gliedes maschenförmig
höckerig gekörnelt. Die Leibesglieder bis einschliesslich
zum vorletzten an Länge allmählich etwas zunehmend.
Afterglied etwas kürzer als das vorletzte Glied, aus zwei
Abtheilungen bestehend, oder mit einem Zwischenringe,
wie die vorgedachte Leptogaster-Larve, hinten stumpflich
gespitzt und an der stumpfen Spitze mit verhältnissmässig
langen zapfenförmigen Hauterweiterungen und steifen brau-
nen Haaren besetzt. Am Rücken des Aftergliedes jeder-
seits etwas vor der Mitte beziehungsweise am Ende des
Zwischenringes, ein ganz kleines, gelbbraunes, punktför-
miges, schwer auffindbares Stigma. Vorderstigmen an jeder
Seite des zweiten Gliedes hinter der Mitte sehr klein,
punktförmig, bräunlich gelb, den Hinterstigmen sehr glei-
chend. An der Unterseite des zweiten, dritten und vierten
Gliedes etwa in der Mitte je zwei nicht eben lange, braune
steife Haare. Kieferncapsel klein, in die ersten Glieder
tief einziehbar, braun, mit steifen Haaren besetzt. Kiefern-
capselschild löfPelartig gewölbt, die Gräten nach hinten
hin als ein breites, weiterhin in zwei Theile gabelförmig
gespaltenes, heller werdendes Band durchscheinend.
Puppe: bis 11 mm lang, 3 mm am Thorax dick,
rundlich, mit ziemlich markirten Seitenrändern, nach hinten
hin kegelig verdünnt, schmutzig weiss, an den Scheiden
bräunlich und später schwärzlich. Stirn mit zwei abwärts
gebogenen, weit von einander entfernten, kastanienbraunen,
glänzenden, langen, spitzen, dornenartigen Zähnen. Seit-
wärts am Kopfe unterhalb eines jeden Auges ein kamm-
förmiger, nach unten gerichteter Ansatz mit drei kräftigen,
braunen Dornenzähnen. Hinterleib neungliederig, am Rücken
des zweiten bis einschliesslich achten Gliedes eine Quer-
reihe von 10 bis 13 alternirend kleinen spitzen, resp. langen
braunen, mit den Enden gemshornartig nach hinten ge-
krümmten Dornenzähnen. Die kleineren Zähne stehen in
der Regel etwas vor und bilden daher mit den alterniren-
den langen Zähnen keine egalen Querreihen. An den hin-
teren Leibesgliedern sind die über die anderen wegragen-
den Langzähne minder kräftig, aber etwas länger und
etwas blasser als an den vorderen Hinterleibsgliedern. Im
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 197
üebrigen stehen diese Zahnreihen auf den vorderen Hinter-
leibsgliedern an deren Anfange, weiterhin auf der Mitte
und an den vorletzten drei Gliedern ganz nahe am Hinter-
rande. Unterseite der Hinterleibsglieder mit je einer Quer-
reihe feiner, langer, blasser Haare, welche Reihe über den
etwas zusammengedrückten Seitenrand hin jederseits noch
etwas auf den Rücken übergreift, meist aber hinter die
Rücken-Dornzahnreihe etwas zurück tritt. Letztes Leibes-
glied am dünnsten, stumpflich endend, an der Oberseite
in der Mitte mit zwei weit von einander entfernten braunen,
langen, mit der Spitze nach rückwärts gebogenen Dornen-
zähnen, einigen ganz kleinen höckerartigen Zähnen und an
der Endkaute mit zwei ähnlichen, etwas längeren, kräf-
tigen, schwärzlichen, an der Spitze hellen Zähnen, ausser-
dem an jeder Seite mit einer Querreihe langer, blasser,
nach hinterwärts gerichteter Haare. Flügelscheiden bis
nahe zum Ende des dritten, Fussscheiden bis etwas über
den Beginn des vierten Hinterleibsgliedes hinaus reichend.
Die Larven fand ich in humoser Erde im Laubholz-
walde, auch unter Feldhecken und einmal auf einem Feld-
wege in einem frischen Maulwurfshügel. Die imagines
erscheinen zu Ende Mai und im Juni nach zwei- bis
vierwöchiger Puppenruhe. In dem am genauesten beob-
achteten Falle dauerte die Puppenruhe vom 11. Mai bis
10. Juni.
10. Dioctria flavipes Meig.
Larve: bis 12 mm lang, 2 mm dick, stielrund, sehr
flach fein und deshalb unscheinbar längs-nadelrissig, weiss,
parcellenartig, stellenweis wasserhell, mit intensiv schwarz
durchscheinendem Darminhalte, zwölfgliederig, scharf ge-
gliedert. Kopf resp. Kieferncapsel klein, braun, am Hin-
terende mit einigen steifen langen braunen Haaren besetzt;
die oberen Kieferncapselgräten als ein verhältnissmässig
breites, nach hinten hin gabelig zweitheiliges, schwärz-
liches Band durch die vorderen Leibesglieder scheinend.
Erstes Leibesgiied maschenförmig chagrinirt, mit dem
zweiten ohne scharfe Grenzen verschmolzen. Die Thorax-
198 Beling:
glieder etwas dicker als die Hinterleibsglieder und letztere
bis zum Aftergliede an Länge allmählich etwas zuneh-
mend. Afterglied stumpflich kegelig, mit einem Zwischen-
ringe, jenseits der Mitte mit vier braunen, steifen, weit-
läufig gestellten Haaren in Querreihe an der Oberseite, in
ein kastanienbraunes meist aufwärts gebogenes Spitzchen
endend und vor diesem Spitzchen mit erhabenen bräunlichen
Warzen und einzelnen langen, dünnen, steifen, bräunlichen
Haaren besetzt. An jeder Seite des zweiten, dritten und
vierten Leibesgliedes je ein braunes abstehendes Haar.
Stigmen wie bei der Larve von Dioctria oelandica, weicher
diese Larve sehr ähnlich ist, von welcher sie sich aber,
abgesehen von etwas geringerer Grösse, durch die braune
Stachelspitze am Ende des Aftergliedes sicher unterscheidet.
Puppe: 9 mm lang, 2,3 mm dick; bräunlich gelb,
rundlich, mit markirten Seitenrändern, nach hinten hin
etwas kegelig verdünnt. Kopf und Mittelleib ganz wie
bei der Puppe von Dioctr. oelandica. Hinterleib neun-
gliederig, am Kücken des zweiten bis einschliesslich sie-
benten Hinterleibsgliedes je eine Querreihe von sieben
kurzen und sechs langen, alternirenden, braunen, langen,
flachen, mit der Spitze hakenförmig nach unten gekrümm-
ten Borstenzähnen. In diesen Reihen stehen die kurzen
Zähne etwas vor den langen, bilden also mit letzteren
keine regelmässigen oder egalen Reihen, werden an den
hinteren Gliedern immer kleiner und fehlen am achten
und neunten Gliede ganz. Achtes Hinterleibsglied an der
Oberseite mit vier gleich langen Borstenzähnen in Quer-
reihe. Afterglied an der Oberseite in der Mitte mit zwei
weit von einander entfernt stehenden braunen, langen, mit
der Spitze abwärts gekrümmten Borstenzähnen, in zwei
kräftige, braune, aufwärts gebogene Dornenzähne endend
und an jeder Ecke der horizontalen Endkante nahe unter
jedem der vorgedachten beiden Dornenzähne mit einem
dünnen, spitzen, unscheinbaren Zähnchen. Flügelscheiden
bis Ende des zweiten, Fussscheiden bis Ende des dritten
Hinterleibsgliedes reichend.
Aus einer am 30. März in humoser Erde unter einer
Wiesenhecke gefundenen Larve ging am 6. Juni eine imago
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 199
mas hervor und eine daselbst am 11. Juni aufgefundene
Puppe lieferte drei Tage später, am 14. Juni, eine imago
mas.
11. Dioctria linearis Fabr.
Larven und Puppen sind denen der Dioctria flavipes
in Form und Färbung völlig gleich und ich habe bislang
keine greifbaren Unterschiede aufzufinden vermocht. Die
Larven fand ich in humoser Erde unter Wiesenhecken,
auch in lichten Waldesrändern in der Nähe von Wiesen.
Aus zwei an solchen Stellen aufgefundenen und in hu-
moser Erde einige Wochen unterhaltenen Larven gingen
am 11. Mai Puppen und am 7. resp. 8. Juni, also nach
etwa vierwöchiger Ruhe, die imagines hervor.
12. Laphria gilva L.
Larve: bis 25 mm lang, am dritten. Leibesringe oder
dem Metathoraxgliede 4 mm dick, von da ab nach vorn
hin verschmälert, die Hinterleibsglieder gleich breit, rund-
lich, scharf gesondert und sehr deutlich unterscheidbar.
Alle zwölf Leibesglieder rein weiss. Kieferncapsel ver-
hältnissmässig ziemlich gross, kastanienbraun, stark glän-
zend, an den Seiten gerundet und daselbst mit einigen
braunen, steifen Haaren besetzt, doppelt so breit als lang,
an der Vorderseite tief ausgebuchtet, von der Mitte ab
nach hinten hin stark verschmälert, am Hinterende ziem-
lich grade abgeschnitten, unterwärts mit mehreren steifen,
steil abstehenden braunen Haaren besetzt. Oberkiefer
schwarzbraun, stark, vierzähnig, die beiden mittleren Zähne
lang und breit, nahe beisammen stehend, parallel, vorne
gerundet, wenig abwärts gebogen; zu jeder Seite neben
diesen beiden Zähnen ein ähnlicher, aber erheblich kür-
zerer, mit der Spitze etwas seitwärts gerichteter Zahn und
an der Aussenseite dieses Zahnes eine kurze, breite zapfen-
artige Erhöhung, welche den kurzen, aus zwei cylindrischen
dünnen Gliedern bestehenden Fühler trägt. Die ersten
beiden Leibesglieder oder Pro- und Mesothorax ohne deut-
200 Beling:
liehe Trennung in einander übergehend. Das Protborax-
segment ganz kurz, fein maschenförmig gerieft, das zweite
und die übrigen Segmente bis zum elften einschliesslich
der Länge nach fein nadelrissig. Am Hinterende des
zweiten Leibesgliedes etwas unterhalb der Grenze zwischen
Ober- und Unterseite je ein kleines kreisrundes, gelb-
braunes, deutlich bemerkbares Vorderstigma. An der Bauch-
seite des fünften bis einschliesslich zehnten Leibesgliedes
je sechs warzenförmige Kriechschwielen, die zusammen-
genommen sechs Längenreihen fussstummelartiger Erhaben-
heiten an der Bauchseite der Larve bilden. Afterglied nach
hinten hin etwas verdünnt, am Ende kuppeiförmig gerun-
det, unregelmässig dicht und fein runzelig, in zwei Ab-
theilungen zerfallend ; am Ende der ersten Abtheilung oder
des Zwischenringes oberhalb der Grenze zwischen Bauch-
und Rückenseite befinden sich die durch weiten Zwischen-
raum getrennten beiden gelbbraunen, kreisrunden Hinter-
stigmen, welche merklich grösser als die Vorderstigmen
sind. Am Ende des Aftergliedes ein grosser, ovaler, quer
stehender, gelbbrauner, stark glänzender Hornfleck, inner-
halb welches an der Mitte der ünterkante ein schwarz-
brauner, mit der scharfen Spitze nach oben gerichteter
Zahn und zu beiden Seiten mehr nach oben hin je ein
kurzer, schwarzbrauner, zahnartiger Höcker befindlich ist,
unter welchen beiden Höckern zwei lange, steife, braune
Wimperhaare stehen. An der Oberseite der hinteren Ab-
theilung des Aftergliedes vier kurze, steife, braune, weit
von einander entfernt stehende Haare in Querreihe.
Puppe: bis 16 mm lang, 3,3 mm am Thorax dick,
gerundet, gelbbraun, hornschalig, stark glänzend; Stirn
mit zwei schwarzbraunen, starken, spitzen, nach vorn hin
etwas divergirenden und mit den Spitzen abwärts gerich-
teten Dornenzähnen; unterhalb eines jeden dieser beiden
Zähne zur Seite des Kopfes ein vierzähniger, kammför-
miger Auswuchs, an dem der obere Zahn gross, lang und
weit abstehend ist, während die beiden untersten, nahe
beisammen befindlichen Zähne kurz und unter sich von
gleicher Grösse sind. Unterseite des Kopfes mit vier
kleinen schwarzbraunen Zähnchen in Querreihe, von denen
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 201
die beiden äusseren grösser und spitzer als die beiden
inneren, zuweilen doppelspitzigen sind. Hinterleib neun-
gliederig, das zweite bis einschliesslich achte Glied an der
Oberseite etwa in der Mitte mit einer Querreihe ganz dicht
stehender, kurzer, brauner, ungleich langer Dornenzähne,
welche an den Seiten des Rückens durch lange, dünne,
braune Haare vertreten werden. Bauchseite des vierten
bis einschliesslich achten Hinterleibsgliedes in der Nähe
des Hinterrandes mit einer Querreihe nahe bei einander
stehender, brauer, steifer, feiner Haare, die an den hin-
teren Gliedern allmählich an Länge zunehmen. Seiten-
ränder des zweiten bis einschliesslich siebenten Leibes-
gliedes beulig aufgebauscht, auf jeder in die Länge ge-
dehnten Aufbauschung mit zwei langen, schwarzbraunen,
nach hinterwärts gerichteten Haaren. Afterglied an der
Oberseite mit zwei durch weiten Zwischenraum getrennten,
kleinen, schwarzbraunen, zuweilen doppelspitzigen Zähnen
in Querreihe, dahinter eingeschnürt, dann kegelig ver-
dünnt, am Ende mit vier in einem Viereck stehenden, an
ihrer Spitze geschwärzten Zähnen, von denen die beiden
oberen erheblich kleiner als die beiden unteren, auch durch
weiteren Zwischenraum getrennt sind. Flügelscheiden bis
Mitte oder Ende des dritten, Fussscheiden bis Mitte des
vierten Hinterleibsgliedes reichend.
Die Larven leben unter der Rinde der gemeinen
Kiefer Pinus sylvestris L. Ich fand sie nicht selten in
noch stehenden Stöcken 25- bis 40jähriger Stämme dieser
Holzart, in der Regel im zweiten Sommer, nachdem die
Stämme gehauen worden waren. Aus einer am 29. August
gefundenen und mitgenommenen Puppe ging schon am
1. September eine imago fem. hervor. Von mehreren ein-
gezwingerten und mit in Vermoderung begriffener Kiefer-
rinde unterhaltenen Larven verpuppte sich eine am 19. Juni
und lieferte am 12. Juli eine imago fem. und eine zweite
imago erschien in dem Einzwingerungsglase am 14. Juli
aus einer Puppe, deren Ruhedauer nicht hatte beobachtet
werden können.
202 Beling:
13. Äsilus atricaplUus Fall.
Larve: bis 18 mm lang, 2,5 mm dick, stielrund, rein
weiss, glänzend, sehr seicht und unscheinbar längs nadel-
rissig, 12 gliederig, die hinteren Glieder allmählich an
Länge etwas zunehmend. Kieferncapsel klein, braun, lin-
senförmig, mit einzelnen langen braunen Haaren besetzt,
in die ersten Leibesglieder weit zurückziehbar ; Oberkiefer
hakenförmig abwärts gekrümmt, kastanienbraun, weiter
nach hinten hin gelbbraun. Die oberen Kieferncapsel-
gräten als ein gelbbraunes in der dunkler gefärbten Mitte
etwas erweitertes, hinten gabelig zweitheiliges Längenband
hindurchscheinend. Fühler kurz, zapfenförmig. Die ersten
drei Leibesglieder an jeder Seite etwas hinter der Mitte
mit einem steil abstehenden bräunlichen Wimperhaar. Vor-
derstigmen am zweiten Leibesgliede sehr klein, punkt-
förmig, unscheinbar. Afterglied mit einem Zwischenringe,
oder in zwei Abtheilungen zerfallend, stumpf kegelig, etwas
zusammengedrückt, längs gefurcht, mit acht braunen, steil
abstehenden Wimperhaaren, von denen zwei oberhalb und
zwei unterhalb der stumpf keilförmig zusammengedrückten
Endkante befindlich sind und je zwei mehr nach vorn hin
sowohl an der Rückenseite wie an der Bauchseite des
Gliedes, durch weiten Zwischenraum getrennt, unfern der
Seitenkante stehen. An jeder Seite des Rückens der vor-
deren kürzeren Abtheilung oder des Zwischenringes des
Aftergliedes ein kleines kreisrundes bräunlich gelbes Stigma.
Puppe: bis 14mm lang, am Thorax bis 4mm dick,
rundlich, nach hinten hin etwas verdünnt, glänzend, licht-
braun, hornschalig, wenn frisch an den Scheiden heller,
am Hinterleibe und an den Scheidenspitzen dunkler. Stirn
mit zwei kastanienbraunen, kräftigen, spitzen, hakig ab-
wärts gerichteten Stachelzähnen, unterhalb eines jeden
dieser beiden Zähne, beziehungsweise unterhalb der braun
durchscheinenden Augen ein kammförmiger Anhang mit
drei grossen braunen, an der Spitze dunkleren Zähnen,
von denen die beiden hinteren genähert stehen und der
hinterste eine breite stumpfe Spitze hat. Mittelleib am
Beginne der Fussscheiden jederseits mit zwei, mit der
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 203
scharfen Spitze nach hinterwärts gerichteten, hinter ein-
ander stehenden kleinen braunen Zähnchen. Hinterleib
neungliederig, erstes Glied sehr kurz, zweites Glied mit
zehn langen, breiten, braunen, mit ihrer Spitze rückwärts
gekrümmten Zähnen in der Nähe des Vorderrandes des
Gliedes auf einer kielförmig erhabenen Kante in Quer-
reihe. Die folgenden sechs Hinterleibsglieder an ihrer
Rückenseite mit einer Querreihe ähnlicher aber häufig al-
ternirend längerer und kürzerer, in der Regel geradspitziger
Zähne. Auf den späteren Hinterleibsgliedern nehmen die
Zähne an Länge mehr zu und werden borstenförmig, auch
heller und die Reihen, in denen sie stehen, nähern sich
immer mehr dem Hinterrande des Gliedes. Am Vorder-
rande der Seite eines jeden Hinterleibsgliedes vom zweiten
bis einschliesslich achten, ein punktförmiges braunes Stigma.
Bauchseite der mittleren Hinterleibsglieder mit je einer
Querreihe dicht stehender, nach hinterwärts gerichteter,
langer, heller, dünner Wimperhaare, welche Querreihe
beiderseits noch etwas auf den Rücken übergreift. After-
glied erheblich dünner als die übrigen Hinterleibsglieder,
jenseits der Mitte eingeschnürt, an der Spitze etwas er-
weitert, vierseitig, mit vier an den Ecken stehenden ge-
krümmten Dornenzähnen, von denen die beiden oberen
dickbasig, klauenförmig und weit kräftiger als die beiden
unteren sind. Flügelscheiden bis Ende des vierten, Fuss-
scheiden bis Ende des fünften Hinterleibsgliedes reichend.
Eine Larve fand ich in der lehmigen Erde eines zur
zeitweiligen Weidebenutzung liegen gebliebenen Ackers
am 17. Mai. In dem Glase, worin diese Larve in Erde
von der Fundstelle unterhalten worden war, fand sich am
20. Juni eine Puppe und daraus ging am 9. Juli eine
imago fem. hervor. Die Puppenruhe hatte demnach min-
destens 20 Tage oder drei Wochen gedauert. Aus einer
anderen in Ackererde aufgefundenen Larve, welche sich
gleichfalls bis zum 20. Juni verpuppt hatte, wurde in den
Tagen vom IL bis 14. Juli eine imago mas gezüchtet.
Eine dritte in einer Kohlenmeilerstätte im Nadelholzwalde
am 19. Juni aufgefundene Larve ergab am 10. Juli eine
imago mas.
204 Beling:
14. Äsilus cyanurus Loew.
Larve: bis 18 mm lang, 2,5 mm dick, stielrund,
weiss ins Schmutziggelbliche, glänzend fein und unschein-
bar längs nadelrissig, zwölfgliederig, die Glieder nach
dem Leibesende hin allmählich an Länge etwas zuneh-
mend. Kieferncapsel linsenförmig, klein, gelbbraun mit
einzelnen langen, braunen Haaren besetzt, tief in die ersten
Leibesglieder zurückziehbar. Oberkiefer hakenförmig ab-
wärts gekrümmt, kastanienbraun. Die oberen Kiefern-
capselgräten als ein geschwärztes, massig breites im hin-
teren Viertheil gabelig stumpf zweizinkig getheiltes Län-
genband durch die ersten Leibesglieder scheinend. Die
ersten drei Leibesglieder wie bei der Larve von Äsilus
atricapiUus und ebenso das stumpfkegelförmige, wenig
keilförmig zusammengedrückte Afterglied bezüglich der
Form, Behaarung und sonstigen Beschaffenheit.
Puppe: bis 14 mm lang und bis 4 mm am Thorax
dick, der Puppe von Äsil. atricapiUus sehr ähnlich, gelb-
braun ; die beiden kastanienbraunen, starken, spitzen Stirn-
zähne wenig abwärts gebogen, die Zähne des kammför-
migen Kopfansatzes unterhalb der Augen meist kleiner
und spitzer als bei der vorigen Puppe.
Die Larven leben hier vorzugsweise im Laubholzwalde
unter der Laubdecke im Boden und kommen nicht selten
vor. Es wurden gezüchtet: aus einer Puppe vom 9. April
1 mas am 4. Mai, aus einer Puppe vom 10. Mai 1 fem.
am 6. Juni, aus einer Puppe vom 11. Mai 1 mas am
7. Juni, aus einer Puppe vom 19. Mai 1 fem. am 10. Juni,
aus drei Puppen vom 24. und 25. Mai 1 mas am 8., 1 fem.
am 9. und 1 mas am 10. Juni; es schwankte hiernach die
Puppenruhe zwischen 2 bis 4 Wochen. Im Sommer 1881
fand ich Larven und später Puppen auch zahlreich in
einem etwa 40jährigen Fichtenbestande in von früheren
Maulwurfshügeln etc. herrührenden Bodenerhöhungen und
züchtete aus am 20. Juni eingeholten Puppen schon in
den nächsten Tagen eine Anzahl imagines. Eine gleich-
zeitig mitgenommene Larve, die sich am 22. Juni verpuppte
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 205
ergab am 10. Juli, also nach 18 Tagen Puppenruhe, eine
imago mas.
14. Empis tesselata Fabr.
Larve: bis 15 mm lang, 3 mm dick, 12gliederig,
wenig contractu, vom vierten bis siebenten Gliede am
dicksten, im gestreckten Zustande von da ab sowohl nach
dem Kopfende wie nach dem Afterende hin etwas ver-
dünnt, am letzteren etwa 2 mm dick, ziemlich scharf ge-
gliedert, schmutzig gelblich, derbhäutig, nicht glänzend
und der Darminhalt nicht durchscheinend. Kieferncapseln
klein, braun, das obere Kopfgrätenpaar schwarz, schmal,
nach hinten hin verdünnt und gabelig gespreizt, die un-
teren beiden Kopf- oder Kieferncapselgräten nur ganz
blass durchscheinend, etwas kürzer als die oberen, aber
mit denselben von gleicher Färbung. Die vorderen Leibes-
glieder unter sich von ziemlich gleicher Länge, das achte
bis einschliesslich elfte Glied allmählich länger werdend.
Das etwas abgeschnürte Afterglied um etwa ein Viertheil
kürzer als das vorhergehende Glied, zuweilen aber auch
ebenso lang, mit neun breiten, flachen Längsfurchen, am
Hinterende kuppeiförmig gerundet und daselbst im oberen
Theile mit zwei ganz kleinen, gelbbraunen, um den dop-
pelten Durchmesser des einen von einander entfernten
Stigmen; unterhalb dieser beiden Stigmen und mit den-
selben ungefähr ein gleichseitiges Dreieck bildend, ein
kleiner, sehr kurzer, höckerartiger Hautzahn. Die Kriech-
schwielen an der Bauchseite sehr unbedeutend.
Puppe: 12 mm lang, 3,3 mm dick, schmutzig bräun-
lich, zarthäutig, gerundet, mit merklich verdünntem Kopf-
ende. Stirn mit zwei Paar kurzen, breiten, verhältniss-
mässig grossen, am Oberende etwas gerundeten und in
jedem Paar ganz nahe zusammen stehenden braunen, lap-
penförmigen Erweiterungen, von denen das obere Paar
merklich kleiner als das untere ist. An der Oberseite
eines jeden dieser vier Stirnlappen, von denen die beiden
unteren an ihrem Ende gebräunt sind, ein langes blasses
Wimperhaar, so dass an der Stirn vier im Viereck stehende
206 Beling:
Haare befindlich sind. Thorax stark buckelig verdickt,
braungelb, glänzend, glatt, mit vereinzelten steifen, langen,
blassen Haaren besetzt. Der neungliederige Hinterleib
nach hinten hin etwas kegelig verdünnt, am Ende stumpf-
lich, am dritten und vierten Gliede am dicksten. Jedes
Hinterleibsglied an der Oberseite in der Nähe des Hinter-
randes (die v^orderen Glieder) oder am Hinterrande selbst
(die hinteren Glieder) mit einer Querreihe ungleich langer,
ganz dicht gestellter, bräunlich gelber, feiner, nach hinter-
wärts gerichteter, öfter den Gliedern platt anliegender
Borstenhaare. Bauchseite der Hinterleibsglieder mit einer
in der Mitte durch weiten Zwischenraum unterbrochenen
und nicht ganz bis zu den Seitengrenzen reichenden Quer-
reihe ähnlicher, nicht ganz so dicht stehender, aber häufig
weit längerer, heller gefärbter und mehr gleich langer
Borstenhaare. FlUgelscheiden bis Ende des zweiten, Fuss-
scheiden bis Mitte des vierten Hinterleibsgliedes reichend.
Die erste Larve fand ich am 7. April 1880 in der
Erde eines etwas begraseten alten Fahrweges innerhalb
eines etwa SOjährigeu Fichtenbestandes. Am 22. desselben
Monats wurden daselbst noch zwei Larven aufgefunden,
welche sich am 3. Mai verpuppt hatten, während die erst-
gefundene Larve im Begriff sich zu verpuppen im Züch-
tungsglase abgestorben war. Aus den beiden Puppen vom
3. Mai erschienen am 17. desselben Monats eine imago
fem. und drei Tage später, am 20., eine imago mas. Aus
einer am 7. Mai an der betreffenden Waldesstelle aufge-
fundenen und mitgenommenen Puppe ging am 26. Mai die
imago hervor, es hatte mithin im letztgedachten Falle die
Puppenruhe mindestens 19 Tage gedauert.
16. Empis stercorea L.
Larve: bis 10 mm lang, 1,2 mm dick, stielrund,
nach vorn hin im ausgestreckten Zustande verdünnt, weiss,
im vorderen Theile wasserhell, träge, 12gliederig, die
letzten fünf bis sechs Glieder etwas, und das Afterglied
stark abgeschnürt, die sämmtlichen Leibesglieder von den
vorderen zu den hinteren an Länge allmählich etwas zu-
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 207
nehmend. Kieferncapsel und deren Gräten braun. Die
oberen beiden Kieferncapselgräten ganz schmal, ziemlich
nahe beisammen stehend, die unteren beiden ungleichmässig
dick, nach hinten hin divergirend, bogenförmig aufwärts
gerichtet. Afterglied stark abgeschnürt, etwa zwei Drit-
theile so lang als das vorhergehende Leibesglied, mit neun
ziemlich tiefen Längsfurchen, hinten kuppeiförmig ge-
rundet, an der Rundung mit zwei verhältnissmässig grossen
kreisrunden, intensiv braunen, heller gelbbraun gerandeten,
um kaum einen Durchmesser des einen von einander ent-
fernten Stigmen und unterhalb derselben ein sehr kleines
Hautzähnchen oder Zäpfchen.
Puppe: 7,5 mm lang, 2,5 mm am Thorax dick, zart-
häutig, gelblich, am Thorax und an den Flügelscheiden
buckelig erweitert, stark glänzend. Der neungliederige
Hinterleib gerundet, nach hinten hin kegelig verdünnt, am
Ende stumpflich. Rückenseite der ersten acht Hinterleibs-
glieder in der Nähe des Hinterrandes mit einer Querreihe
ganz nahe bei einander stehender, ungleich langer, nach
hinten hin gerichteter, anliegender gelbbrauner Borsten-
haare oder Borstenzähne. Bauchseite jener ersten acht
Hinterleibsglieder mit je einer Querreihe blasser, langer,
steil abstehender, nicht dicht gestellter Haare. Afterglied
an der Oberseite jenseits der Mitte mit einer Querreihe
ähnlicher, nach hinten gerichteter Haare und am stumpf-
lichen Hinterende mit einer Anzahl solcher Haare dünn
pinselförmig besetzt. Stirn mit zwei kurzen, breiten, oben
gerundeten, nahe bei einander stehenden Zähnen und mit
vier in einem Viereck stehenden langen, blassen Wimper-
haaren. Thorax an der Oberseite mit mehreren und an
der Unterseite mit zwei in Querreihe stehenden ähnlichen
Haaren. Flügelscheiden bis Ende des dritten, Fussscheiden
bis Ende des fünften Hinterleibsgliedes reichend.
Die Larven leben in humoser Erde an feuchten oder
frischen Waldesstellen. Die imagines züchtete ich zu Ende
Mai und Anfang Juni, ohne die Dauer der Puppenruhe,
welche wohl muthmasslich über zwei bis drei Wochen sich
erstrecken wird, genauer kennen gelernt zu haben.
208 Beling:
17. Empis nodosa ^ ^ 4 — 5 mm. nov. spec.
Pilosa; thorace fusco cinereo, nigro-fusco tristriato;
pleuris cinereo-pruinosis; antennis fuscis abdomine testa-
ceo J", aut nigro-fusco $; alis parum fuscanis, fere hya-
linis, basi flavescentibus, eorum nervis anterioribus validis
nigro-fuscis; halteribus flavis; pedibus flavis c/", aut testa-
ceis $ , nigro pilosis ; tarsis obscuris ; haustello praelongo.
Bebaart, Kopf graubraun, im hinteren Theile mit
schwarzen Borstenhaaren; Augen hellbraun; Fühler schmutzig
gelbbraun, an der Oberseite dunkeler, das lang und scharf
gespitzte Endglied schwarzbraun; Rüssel weit über die
Brust hinaus ragend, dreimal so lang als der Kopf und
nur um ein Drittheil bis ein Yiertheil kürzer als der Kör-
per, am Anfange meist heller, schmutzig gelblich, weiter
hin gelbbraun ins Schwärzliche, an der Basis oben mit
schmaler, gelblicher Einfassung; oberhalb dieser Einfassung
das Untergesicht schwarzbraun, stark glänzend. Taster
gelb. Thorax etwas glänzend, graubraun, in gewisser
Richtung rein grau erscheinend, an den Seiten hellgrau
bereift, mit drei ganz durchgehenden, parallelen, schmalen
Längenstriemen, deren jede von zwei Reihen kurzer, steifer,
nach hinten gebogener schwarzer Borstenhaare gebildet
wird. Schildchen von gleicher Färbung mit dem Rücken-
schilde, am Hinterrande mit 4 bis 6 steifen, schwarzen, in
Querreihe stehenden Borstenhaaren. Flügel glashell, wenig
bräunlich getrübt, ohne Randmal, mit dicken schwarz-
braunen Adern, ausgenommen die fünfte und sechste Län-
genader und Analader; insbesondere ist die Randader bis
zur vorderen Zinke der dritten Längsader sehr kräftig.
Vorderrand der Flügel mit sehr kurzen schwarzen Haaren
dicht bewimpert. Schwinger gelb ; Schüppchen etwas heller,
mit gleichfarbigen Wimperhaaren besetzt. Beine bräunlich
gelb, bald mehr, bald weniger ausgedehnt verwaschen
braun längs gestriemt, insbesondere beim Weibchen, schwarz
behaart. Schenkel dick; Kniee und die kurz und sehr
dicht behaarten Tarsen schwarzbraun, erstere glänzend;
letztes Tarsenglied an der Unterseite mit stark vortretenden
weissen Haftpolstern.
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 209
Das Männchen hat einen bräunlich gelben, etwas
glänzenden, hell behaarten Hinterleib und hellere Beine
als das Weibchen ; die Unterseite der Schenkel der Mittei-
und Hinterbeine ist bei demselben mit feinen, langen,
schwarzen Wimperhaaren besetzt. Bauchseite des Hinter-
leibes gegen das Ende hin mit einem plumpen, in einen
spitzen Zipfel ausgezogenen Höcker. Der Analanhang oder
das Hypopygium klauenartig oder zangenförmig, klaffend;
die obere Klaue zweispaltig, die untere ungetheilt, breit,
gerundet, etwas länger als die obere, beide an ihren Aussen-
seiten mit kurzen, steifen, braunen Borstenhaaren dicht
besetzt. Aus der unteren Klaue oder Zangenhälfte erhebt
sich ein kurzer, glasheller Faden ein wenig schräg auf-
wärts, welcher bei dem einen von mir gezüchteten Männ-
chen in der Mitte, bei dem anderen am Ende mit einer
knotenförmigen Verdickung versehen ist. (Das dritte ge-
züchtete Männchen steht nicht mehr zu meiner Verfügung.)
Ob diese Analfaden- Verdickung nur zufällig, oder ob sie
regelmässig bei dieser Species vorkomme, bleibt weiter
zu erforschen.
Das Weibchen hat dunklere, mehr schwärzlich braun
angehauchte Beine und einen schwarzbraunen, etwas grau
bereiften, massig glänzenden, am Ende gespitzten, mit zwei
schmalen, länglichen, schwarz bewimperten, mit den platten
Seiten parallel neben einander stehenden, etwas schräg
aufwärts gerichteten Lamellen endenden Hinterleib. Die
Schenkel der Mittel- und Hinterbeine sind an der Unter-
seite gegen die Spitze hin kurz und dicht schwarz fieder-
artig bewimpert.
Larve: bis 7 mm lang, 1,2 mm dick, stielrund, in
ganz ausgestrecktem Zustande nach vorn hin spindelig ver-
dünnt, zwölfgliederig, die einzelnen Glieder etwas abge-
schnürt, weiss, mit einem Stich ins Gelbliche, die ersten
und die letzten Glieder glashell, durchscheinend. Kiefern-
capsel und Kieferncapselgräten wie bei der Larve von
Rhamphomyia sulcata, welcher diese Larve ^überhaupt sehr
ähnlich ist und von welcher sie sich im Wesentlichen nur
durch Folgendes unterscheidet: Afterglied abgeschnürt, aber
nicht verdickt, mit neun flachen Längsfurchen, am Ende
Arch. f. Naturgesch. XXXXVTII. Jahrg. ]. Bd. 14
210 Beling:
gerundet, auf der Rundung mit einem ganz kleinen zahn-
förmigen Hauthöcker und oberhalb desselben mit zwei
verhältnissmässig grossen, intensiv gelbbraunen, um den
ein- bis anderthalbfachen Durchmesser des einen von ein-
ander entfernten Hinterstigmen.
Puppe: bis 5,5 mm lang, 1,5 mm am Thorax dick,
zartschalig, schmutzig gelblich; Kopf, Thorax und die
Scheiden etwas intensiver gefärbt, glänzend; der Hinter-
leib ziemlich glanzlos. Vor der Stirn zwei breite, kurze,
am abgestutzten Ende gekrümmte, nahe beisammen ste-
hende resp. zusammentretende zahnförmige Plättchen; ober-
halb dieser beiden Plättchen vier lange, helle, in einem
Viereck stehende Haare, von denen die unteren zwei ganz
nahe oberhalb der beiden Plättchen stehen. Thorax an
der Ober- wie an der Unterseite mit einzelnen ähnlichen
Haaren besetzt. Hinterleib neungliederig; Rücken der
ersten acht Hinterleibsglieder mit je einer Querreihe un-
gleich langer, gebräunter, nach hinten gerichteter, anlie-
gender Borstenzähne besetzt. Die Bauchseite der Hinter-
leibsglieder mit längeren, hellen, steil abstehenden, weit-
läufig gestellten Wimperhaaren. Leibesende mit ähnlichen,
nach hinten gerichteten Wimperhaaren ganz dünn, pinsel-
förmig besetzt. Flügelscheiden bis Ende des dritten, Fuss-
scheiden bis Mitte des fünften Hinterleibsgliedes reichend.
Die Larven fand ich Ende Mai auf einem alten Fahr-
wege innerhalb eines Buchenbestandes mittleren Alters
unter der Laubdecke des Bodens und die ersten zwei
Puppen wurden daselbst am 30. des genannten Monats
aufgenommen. Die eine dieser Puppen lieferte am IL Juni
1 imago fem., die andere kam nicht zu weiterer Entwicke-
lung. Aus sechs Larven, die ich am 30, Mai aus dem
Walde nach Hause trug, wurden am 15. Juni 1 fem., am 17.
Juni 1 mas, am 20. Juni 1 mas und am 2L Juni 1 mas
gezüchtet. Die Puppenruhe hatte demnach bei der am
15. Juni erschienenen fem. nicht über 15 Tage gedauert.
Meine E. nodosO' hat grosse Aehnlichkeit mit E. grisea
Fall., unterscheidet sich aber davon in auffälliger Weise
durch den bräunlich gelben Hinterleib des Männchens. Da
alle drei von mir gezüchteten Männchen einen so gefärbten
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 211
und nicht schwarzgraueu Hinterleib haben, so scheint es
sich hier kaum um eine Varietät, sondern in der That
um eine neue Species zu handeln, zumal meine Indivi-
duen in Vergleich mit der von Zetter stedt Dipt. Scan-
dinaviae Tom. I, pag. 374 gegebene Beschreibung noch
folgende Unterschiede zeigen: die Fühler sind nicht braun-
gelb, sondern, wenigstens an der Oberseite, ganz dunkel
gelbbraun bis schwarzbraun, das letzte Glied ist in der
ßegel dunkeler als die übrigen. Der Rüssel ist länger
als die Brust und tiberragt diese merklich. Die Beine
sind beim Weibchen dunkeler als beim Männchen, breit
schwärzlich oder bräunlich längs gestriemt, die Kniee bei
beiden Geschlechtern schwarzbraun glänzend. Nicht blos
die Schenkel der Mittelbeine, sondern auch diejenigen der
Hinterbeine sind beim Weibchen und zwar beide nur gegen
die Spitze hin schwarzbraun kurz befiedert.
18. Empis aestiva Lw.
Larve: 6 mm lang, 0,8 mm dick, gelblich, an beiden
Leibesenden wasserhell, zwölfgliederig, scharf gegliedert,
stielrund, wenn ganz ausgestreckt nach vorn hin spindelig
verdünnt, stark contractu. Kieferncapsel und deren Gräten
blass rostbraun, das obere Grätenpaar dünner und weniger
stark divergirend als das untere Paar. Afterglied dick
und kurz, fast kugelrund, etwas kürzer als das vorher-
gehende Leibesglied, flach längs gerieft, am Ende kuppei-
förmig gerundet und am oberen Rande der Rundung mit
zwei grossen, rostgelben, um etwa den Durchmesser des
einen von einander entfernten Hinterstigmen, unterhalb
dieser Stigmen ein ganz kleines, schwer wahrnehmbares
höckerförmiges Zähnchen.
Puppe: 3,5 mm lang, 0,8 mm am Thorax dick,
schmutzig rostgelblich, nach hinten hin kegelig verdünnt.
Kopfende mit zwei breiten, am Ende gerundeten und ganz
schmal braun gesäumten, nahe beisammen stehenden Zähn-
chen, neben jedem derselben ein nach vorn gerichtetes,
steifes, langes, blasses Haar. Oberhalb der Stirn zwei
etwas weiter von einander entfernt stehende ähnliche
212 Beling:
Haare, die mit den vorhin gedachten beiden Haaren die
Ecken eines ungleichseitigen Vierecks bilden. Der stark
glänzende Thorax an der Unterseite und mehr noch an
der Oberseite mit einzelnen ähnlichen Haaren besetzt.
Ende des kegeligen Hinterleibes bei der männlichen Puppe
stumpf. Rückenseite des zweiten bis einschliesslich achten
Hinterleibsgliedes mit je einer Querreihe dicht gestellter,
ungleich langer, nach hinten hin anliegender Borstenhaare.
Bauchseite der Hinterleibsglieder mit langen, dünnen, hellen
Wimperhaaren sparsam besetzt. Fuss- und Flügelscheiden
bei der männlichen Puppe gleich lang, bis Ende des vierten
Hinterleibsgliedes reichend.
Eine Larve und zwei Puppen fand ich am 30. Mai
und beziehungsweise 8. Juni in einem Buchenbestande un-
terhalb der Laubdecke eines alten Fahrweges und erzielte
daraus gegen die Mitte Juni zwei Männchen.
19. Microphorus pusülus Macq.
Larve: 7 mm lang, 0,9 mm dick, stielrund, wenn
ausgestreckt nach vorn hin spindelig verdünnt, contractu,
zwölfgliederig, ziemlich scharf gegliedert, gelblich, an den
Leibesenden weiss, wasserhell, xifterglied um etwa ein
Viertheil kürzer als das vorhergehende Glied, etwas ver-
dickt, flach längs gerieft, am gerundeten Abfalle des Hinter-
endes mit einem breitbasigen, spitzen, aufwärts gebogenen
Hautzahne und oberhalb dieses Zahnes mit zwei bräunlich
gelben, ganz blassen, um etwa den vierfachen Durchmesser
des einen von einander entfernten Hinterstigmen. Kiefern-
capsel klein, linsenförmig, braun. Kieferncapselgräten
braun, das obere Paar dünner und weniger stark nach
hinten hin divergirend als das untere Paar. Fünftes bis
elftes Leibesglied an der Bauchseite mit flachen Kriech-
schwielen.
Aus zwei am 13. Mai in einem Buchenbestande unter
der Laubdecke eines alten Fahrweges gefundenen Larven
wurde am 29. desselben Monats ein mas gezüchtet.
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 213
20. Ocydromia glabrimla Fall.
Larve: bis 6 mm lang, 0,6 mm dick, stielrund, nach
vorn hin etwas spindelig verdünnt, zwölfgfiederig, gelblich
weiss, in der Mitte intensiver gefärbt, an den Enden wasser-
hell, glatt, glänzend, zarthäntig. Die Leibesglieder bis
zum elften einschliesslich nehmen allmählich an Länge
etwas zu. Afterglied etwas kürzer als das vorhergehende
Glied, breit und seicht längs gefurcht, an der hinteren
Abrundung mit einem dicken, breitbasigen, stumpflichen,
mit seiner Spitze aufwärts gerichteten Hautzäpfchen und
oberhalb dieses Zäpfchens mit zwei kleinen, punktförmigen,
braunen, etwas zapfenförmig vortretenden, um den zwei-
bis dreifachen Durchmesser des einen von einander ent-
fernten Hinterstigmen. An der Bauchseite des fünften bis
einschliesslich elften Leibesgliedes seichte Kriechschwielen.
Kieferncapsel und deren durch die ersten Leibesglieder
scheinende Gräten schwarzbraun, das obere Grätenpaar
nach hinten hin nur massig divergirend und an der Spitze
kaum erweitert,
Puppe: 3 mm lang, 1 mm am Thorax dick, gelblich,
zarthäutig, kegelig, am Ende des Hinterleibes stumpflich,
am Thorax stark buckelig verdickt. Kopf kurz, schnau-
zenförmig, mit zwei kleinen, schwarzbraunen, nahe neben
einander stehenden Zähnchen und an der Aussenseite eines
jeden dieser Zähnchen mit einem kurzen, steifen, steil ab-
stehenden Haar. Oberhalb dieser beiden Zähnchen in
einiger Entfernung von denselben zwei durch weiten Zwi-
schenraum getrennte ähnliche Härchen. Unterseite des
Prothorax jederseits mit zwei kurzen, feinen, ziemlich nahe
hinter einander stehenden Haaren. Oberseite des neun-
gliederigen Hinterleibes am dritten bis einschliesslich achten
Gliede in der Nähe des Hinterrandes mit einer Querreihe
kurzer, intensiv brauner Borstenzähnchen. Fussscheiden
fast bis zum Hinterleibsende reichend, Flügelscheiden etwas
kürzer.
Die Larven fand ich zu Anfang des Monats Mai im
Felde unter in Zersetzung begriffener pflanzlicher Substanz,
die daraus hervorgegangen war, dass man im Frühjahr
214 Belin
des vorangegangenen Jahres das aus dem Getreide gejätete
Unkraut am Ackerrande in kleine Häufchen zusammen-
geworfen hatte. Aus den mitgenommenen Larven wurden
vom 15. Mai bis 9. Juni elf Stück imagines beiderlei Ge-
schlechts gezüchtet.
21. Bhamphomyia sulcata Fall.
Larve: bis 7 mm lang, 1,2 mm dick, stielrund, ziem-
lich scharf gegliedert, glänzend, glatt, gelblich weiss, in der
Mitte intensiver gefärbt, an den Leibesenden wasserhell
durchscheinend, wenn ganz ausgestreckt nach vorn hin
spindelig verdünnt, zwölfgliederig. Die Leibesglieder von
den vorderen zu den hinteren an Länge allmählich etwas
zunehmend. Die in die ersten Leibesglieder ganz zurück-
ziehbare Kieferncapsel klein, linsenförmig, muschelartig ge-
bogen, an der Oberseite dicht blass behaart, an jeder
Längenseite mit einem grossen, bräunlichen, verwaschenen
Fleck, kastanienbraun, mit zwei Paar gleichgefärbten, im
Nacken durch die ersten Glieder scheinenden Gräten. Die
oberen beiden Kieferncapselgräten sehr dünn, nahe bei
einander stehend, fast parallel, die tiefer liegenden unteren
beiden erheblich dicker, nach hinten gespitzt und mit den
etwas gebogenen Spitzen einander sich nähernd. Hinter
der Kieferncapsel eine blassbraune, grosse, rundlich drei-
eckige, am Hinterende schmal schwarzbraun gesäumte
Hornplatte durchscheinend. Afterglied ziemlich stark ab-
geschnürt, dick, fast um die Hälfte kürzer als das vorher-
gehende Glied, mit breiten, ziemlich tiefen Längsrinnen,
in der hinteren Hälfte fein netzförmig gegittert, mit zwei
verhältnissmässig ziemlich grossen, kreisrunden, intensiv
braungelben, um etwa den zwei- bis dreifachen Durch-
messer des einen von einander entfernten Hinterstigmen,
unterhalb welcher in einiger Entfernung ein ganz kleines,
dickes, stumpfliches Hautzähnchen befindlich. Vorderstig-
men äusserst unscheinbar. An der Bauchseite des fünften
bis einschliesslich elften Leibesgliedes unbedeutende Kriech-
schwielen.
Puppe: bis 6,5 mm lang, 2,2 mm am Thorax dick,
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 215
schmutzig blass gelblich, zarthäutig glänzend; die männ-
liche Puppe mit sehr gross braungelb durchscheinenden
Augen. Thorax mit den Fitigelscheiden dick buckelig er-
weitert, stark glänzend. Der neungliederige Hinterleib ver-
hältnissmässig dünn, stumpf kegelig. Stirn mit vier in
einem Viereck stehenden, mit ihren Enden gespreizten,
auf oder neben kleinen warzenförmigen Erhöhungen be-
findlichen braunen Haaren und bei der männlichen Puppe
mit zwei neben einander stehenden breitbasigen, kurzen,
spitzen Zähnchen. Oberseite des Thorax mit einzelnen
langen, steil abstehenden Haaren besetzt, Unterseite vor
den Augen mit zwei gleichen Haaren. Hinterleib neun-
gliederig, die Oberseite der ersten acht Hinterleibsglieder
mit einer hinter deren Mitte befindlichen Querreihe ganz
dichtstehender, ungleich langer, nach hinterwärts gerich-
teter brauner Borstenhaare oder Borstenzähne, welche an
den hinteren Gliedern länger als an den vorderen sind.
Die Bauchseite der Hinterleibsglieder mit je einer Quer-
reihe dünner blasser Wimperhaare, welche länger als die
Borstenhaare oder Borstenzähne der Oberseite sind. After-
glied an der stumpflichen Spitze seicht ausgerandet und
daselbst mit zwei Büscheln langer, gespreizt nach hinten
gerichteter Haare. Flügelscheiden bis Ende des vierten,
Fussscheiden bis Ende des sechsten Hinterleibsgliedes
reichend.
Die Larven und deren Puppen fand ich an feuchten
Waldesstellen, vorzugsweise neben kleinen Bächen und auf
alten Fahrwegen in feuchter humoser Erde. Die imagines
wurden nach durchschnittlich etwa zweiwöchiger Puppen-
ruhe vom 20. April bis um die Mitte des Monats Mai in
beiden Geschlechtern und in grösserer Anzahl gezüchtet.
Neben einem kleinen Waldbache auf der Grenze zwischen
Wald und Wiesen in schmierig feuchter Erde finde ich an
derselben kleinen, wenige Quadratmeter umfassenden Stelle
Larven und Puppen zur Frühjahrszeit schon seit mehreren
Jahren.
216 Beling:
22. BhampJwmyia nitidula Zetterst.
Larve: bis 6 mm lang, 1 mm dick, stielrund, im
ganz ausgestreckten Zustande nach vorn hin spindelig ver-
dünnt, weiss, in der Mitte gelblich, an den beiden Leibes-
enden wasserhell durchscheinend, zwölfgliederig. Kiefern-
capsel sehr klein, linsenförmig, braun, dahinter die beiden
Paare gleichgefärbter, nach hinten hin divergirender Kiefern-
capselgräten durchscheinend. Das untere Grätenpaar etwas
kürzer als das obere. Afterglied von fast gleicher Länge
mit dem vorhergehenden Gliede und von diesem ziemlich
stark abgeschnürt, in der Mitte verdickt und deshalb fast
kugelig erscheinend, breit und flach längs gefurcht, am
kugelig gerundeten Hinterende in der Mitte mit einem
ganz kleinen Hautzähnchen und oberhalb desselben zwei
blass gelbbraune, um etwa den Durchmesser des einen
von einander entfernte Hinterstigmen. Die beiden Vorder-
stigmen am zweiten Leibesgliede sehr klein und schwer
auffindbar. Kriechschwielen an der Bauchseite der letzten
Leibesglieder sehr schwach und kaum bemerkbar.
Puppe: 4,5 mm lang, 1,2 mm am Thorax dick,
schmutzig gelblich weiss, zarthäutig, nach hinten hin ke-
gelig verdünnt. Stirn mit zwei ganz kurzen, breiten, ge-
rundeten, zahnförmigen Erweiterungen. Kopf und Thorax
stark glänzend, mit einzelnen langen, dünnen, hellen, steifen,
steil abstehenden Haaren besetzt. Vorderrücken vom Hinter-
rücken durch eine Querfurche geschieden. Hinterleib neun-
gliederig; Rücken des zweiten bis einschliesslich neunten
Hinterleibsgliedes in der Nähe des Hinterrandes je eines
Gliedes mit einer Querreihe sehr feiner, nach hinten platt
anliegender bräunlicher Borstenzähne. Bauchseite der letzten
vier Hinterleibsglieder mit einer Querreihe langer und dün-
ner, heller, steil abstehender Haare. Die Behaarung der
Hinterleibsglieder nach dem Körperende hin an Länge
allmählich zunehmend, an dem mit einer stumpflich zwei-
zähnigen Spitze endenden Aftergliede dünn pinselförmig
gestellt. Flügelscheiden bis Ende des dritten, Fussscheiden
bis Mitte des fünften Hinterleibsgliedes reichend.
Fünf Larven fand ich am 19. April in einem lichten
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 217
Buchenbestande auf einem alten Fahrwege in humoser
Erde. Am 21. desselben Monats hatte sich eine derselben
bereits verpuppt und am 3. Mai bis einschliesslich 6. Mai,
also nach etwa zwei Wochen Puppenruhe erschienen drei
imagines.
23. Rhamphomyia dentipes Zettst.
Larve: bis 6 mm lang, 1 mm dick, stielrund, nach
hinten hin und wenn ganz ausgestreckt auch nach vorn
hin etwas spindelig verdünut, weiss, an den Leibesenden
durchscheinend, wasserheil, in der Leibesmitte gelblich,
zwölfgliederig, die Leibesglieder von den vorderen zu den
hinteren an Länge allmählich etwas zunehmend, die letzten
vier Glieder unter sich von ziemlich gleicher Länge. After-
glied von dem vorhergehenden stark abgeschnürt, weiter-
hin verdickt, flach längs gerieft, wasserhell, am Ende
kuppeiförmig gerundet, auf der Mitte der Rundung mit
zwei kleinen, rundeu, braungelben, um den ein- bis andert-
halbfachen Durchmesser des einen von einander entfernten
Stigmen und unterhalb der beiden Stigmen mit einem
kurzen, breitbasigen, schuppenförmigen Hautzahne. Die
beiden Vorderstigmen an den Seiten des zweiten Leibes-
gliedes sehr klein, punktförmig, schwer auffindbar. Kiefern-
capsel klein, gelbbraun, unmittelbar dahinter ein kleines
schwärzlich braunes, im Umrisse dreiseitiges, stumpfeckiges
Plättchen durchscheinend. Die zwei Paar Kopfgräten nach
hinten hin stark divergirend, gelbbraun und dazwischen
ein verwaschener gelblicher Fleck durchscheinend.
Puppe: 5 mm lang, 1,5 mm dick, schmutzig gelblich
weiss, zarthäutig. Stirn mit vier in einem Viereck stehen-
den, mit je einem langen, steifen Haar besetzten, kleinen,
rundlichen Höckern, von denen die unteren beiden mehr
genähert stehen als die oberen zwei. Thorax stark er-
haben und glänzend, mit einzelnen langen, dünnen, hellen
Haaren besetzt. Hinterleib kegelförmig, neuugliederig, erstes
Glied massig lang und kahl; zweites bis einschliesslich
achtes Glied am Rücken mit je einer Querreihe ungleich
langer, dicht stehender, nach hinten hin anliegender bräun-
218 Beling:
lieber Haare besetzt. Seiten und Bauch der Hinterleibs-
glieder mit ähnlichen Haaren wie der Thorax, aber dichter
und in Querreihe besetzt. Ende des Hinterleibes stark
verdünnt, bei der männlichen Puppe mit einem langen,
cylindrischen, quer gerillten, am Ende rundlich abgestumpf-
ten oder abgewölbten unbehaarten Fortsatze. Flügelschei-
den bis Ende des dritten Hinterleibsgliedes reichend, Fuss-
scheiden wenig länger.
Vier Larven fand ich am 12. April in einem faulen
Buchenstocke innerhalb eines Laubholzwaldes, von denen
sich am 20. April 1 Stück verpuppt hatte. Nach etwa
2 Wochen erschienen zwei imagines mares. In einem an-
deren Jahre erzielte ich aus Larven, die am 6. April in
Holzmoder eines faulen Stockes im Buchenwalde aufge-
funden waren, am 2. Mai ein mas und am 4. Mai 2 dto.,
von einer am 28. März aus einem faulen Erlenstocke im
Walde mitgenommenen Larve aber am 3. Mai 1 mas.
24. Hilara interstincta Fall.
Larve: bis 7mm lang, 0,7mm dick, stielrund, nach
vorn hin verdünnt, gelblich, an den Körperenden wasser-
hell durchscheinend, zwölfgliederig. Kieferncapsel klein,
braun, dahinter zwei obere und zwei untere lange, kasta-
nienbraune, nach hinten hin gabelig gespreizte Gräten durch-
scheinend, von denen das obere Paar dicker als das untere
ist. Die Leibesglieder von den vorderen nach den hinteren
an Länge allmählich etwas zunehmend, das vorletzte Glied
das längste. Afterglied um ein Viertheil kürzer als das
vorhergehende Glied, an der Basis etwas eingeschnürt, am
Hinterende kuppeiförmig gerundet und auf der Rundung
mit einem breitbasigen, spitzen, zuweilen aufwärts ge-
krümmten Hautzahn versehen, oberhalb welches zwei kleine
blasse, gelbbräunliche, punktförmige, um fünf bis sechs
Durchmesser des einen von einander entfernte Stigmen
befindlich. An der Bauchseite des fünften bis einschliess-
lich elften Leibesgliedes schmale Kriechschwielen.
Puppe: 5,5 mm lang, am buckelig erweiterten Tho-
rax 1,4 mm dick, zarthäutig, gelblich weiss, am Thorax
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 219
ziemlich stark am Hinterleibe weniger glänzend. Stirn
kurz und breit, schnabelförmig erweitert, mit zwei neben
einander stehenden, breiten, gebräunten, an der Spitze
gerundeten Zähnchen und an der Aussenseite eines jeden
dieser beiden Zähnchen ein langes, helles, steifes Haar.
Oberhalb dieser beiden Haare zwei ähnliche, aber durch
weiteren Zwischenraum getrennte Haare, so dass vor der
Stirn vier in einem Viereck stehende Haare befindlich sind.
Thorax an der Ober- und Unterseite mit einzelnen ähn-
lichen Haaren besetzt. Der nach hinten hin kegelig ver-
dünnte Hinterleib neungliederig; die ersten acht Hinter-
leibsglieder am Rücken in der Nähe des Hinterrandes mit
einer Querreihe ungleich langer, brauner, dicht stehender,
mit einzelnen langen Haaren gemischter Borstenzähne. An
der Seite der Hinterleibsglieder und an der etwas abge-
platteten Unterseite des vierten bis einschliesslich achten
Hinterleibsgliedes einige lauge, bräunliche, zum Theil in
Querreihe stehende Wimperhaare in der Nähe des Hinter-
randes der Glieder. Afterglied sehr kurz und schmal, am
Ende etwas ausgerandet und daselbst mit ungleich langen,
zum Theil äusserst kurzen Borstenzähnen besetzt. Flügel-
scheiden bis Ende des dritten, Fussscheiden bis Ende des
vierten Hinterleibsgliedes reichend.
Die Larven fand ich mehrfältig im Laubholzwalde
an lichten Stellen in frischer humoser Erde und züchtete
daraus nach etwa zweiwöchiger Puppenruhe die ima-
gines mehrentheils gegen den Schluss des Monats Mai und
im Juni.
25. Hilara pilosa Zetterst.
Aus einer am 2. Juni unter zusammengeballtem Buchen-
streulaub an einer feuchten Wal dessteile aufgefundenen
4 mm langen, 1,3 mm am Thorax dicken Puppe mit zwei
gebräunten, spitzen, nahe beisammen stehenden, abwärts
gerichteten Zähnen vor der Stirn und unterhalb derselben
an der Kehrseite des Kopfes mit zwei kleinen, spitzen,
durch weiten Zwischenraum getrennten Zähnchen, sonst
ganz wie die vorstehend zuletzt beschriebene Puppe ge-
220 Beling:
staltet und beschaffen, ging am 6. Juni 1 H. pilosa mas
hervor.
26. Hilara maura F.
Larve: bis 6mm lang, 1mm dick, stielrund, nach
vorn hin spindelig verdünnt, gelblich weiss, glänzend,
zwölfgliederig. Kieferncapsel und deren zwei Paar Gräten
von gleicher hellbrauner Färbung; die oberen beiden Gräten
ganz schmal, die unteren beiden merklich breiter oder
dicker, aber mit den oberen von ziemlich gleicher Länge.
Afterglied etwas kürzer als das vorhergehende Leibesglied,
abgeschnürt, am Hinterende kuppeiförmig gerundet, an der
Abrundung mit einem verhältnissmässig grossen, haken-
förmig aufwärts gebogenen Hautzahne und oberhalb des-
selben mit zwei ganz kleinen, sehr blass bräunlichgelben,
um den vier- bis sechsfachen Durchmesser des einen von
einander entfernten Hinterstigmen.
Puppe: 4,6 mm lang, 1,6 mm am Thorax dick, gelb-
lich weiss ins Bräunliche, zarthäutig, vor der Stirn mit
zwei verhältnissmässig grossen, kastanienbraunen, nahe
beisammen stehenden, hakenförmig abwärts gerichteten
Zähnen. Thorax an der Oberseite buckelig erweitert, mit
einzelnen langen, blassen, steifen, steil abstehenden Haaren
besetzt. Hinterleib neungliederig, Rückenseite der Hinter-
leibsglieder mit je einer Querreihe ganz nahe beisammen
stehender, ungleich langer, brauner, mit den Spitzen nach
hinten gerichteter, dem Gliede platt anliegender Borsten-
haare oder Borstenzähne besetzt. Bauchseite der Hinter-
leibsglieder mit langen, dünnen, abstehenden Borstenhaaren.
Afterglied kegelförmig, an der abgestumpften Spitze mit
einem Kranze kurzer, steifer, nach hinten gerichteter Borsten
endend. Flügelscheiden bis Mitte, Fussscheiden bis Ende
des fünften Hinterleibsgliedes reichend.
Im Monat April 1879 wurden im Ackerfelde auf einem
beraseten Fahrwege in erst kürzlich aufgeworfenen Maul-
wurfshügeln mehre Larven aufgefunden und daraus am 2. Mai
zwei imagines mas und fem. gezüchtet. Aus einer Anzahl
Larven, die ich aus einem seit der Ernte des Vorjahres noch
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 221
nicht wieder bearl)eiteten Ackerstücke in der Nähe der vor-
jährigen Fundstelle am 26. März 1880 mit nach Hause nahm,
gingen vom 29. April bis 2. Mai fünf imagines hervor.
Hilara quadrivittata Meig. züchtete ich am 25. Mai
und am 3. Juni aus je einer nicht näher untersuchten
Puppe, welche kurz zuvor auf einem alten Fahrwege
innerhalb eines Fichtenbestandes in Erde gefunden wurde
und Hilara flavipes Meig. zu Ende des Monats Mai aus
einer am 5. Mai zugleich mit Larven von Hilara inter-
stincta aus humoser Erde eines Buchenbestandes mitge-
nommenen und mit diesen für übereinstimmend gehaltenen
Larve.
27. Hilara matrona Halid.
Larve: bis 8 mm laug, 0,8 mm dick, stielrund, scharf
gegliedert, in ausgestrecktem Zustande nach vorn hin
spindelig verdünnt, zwölfgiiederig, glatt, glänzend, gelblich.
Kieferncapsel klein, linsenförmig, braun und hinter der-
selben zwei Paar gleichgefärbte Gräten durchscheinend.
Die oberen beiden Kieferncapselgräten dünn, anfänglich
etwas aus einander tretend, weiterhin aber fast parallel
verlaufend; die unteren beiden Gräten etwas aufwärts
gerichtet, merklich dicker als die oberen und nach hinten
hin weiter aus einander tretend. Afterglied um ein Vier-
theil kürzer und etwas dünner als das vorhergehende
Glied, flach längs gefurcht, am Hinterende mit einem
breitbasigen, spitzen, aufwärts gerichteten Hautzahue und
oberhalb desselben mit zwei kleineu, rostgelben, um etwa
5 Durchmesser des einen von einander entfernten punkt-
förmigen Stigmen, deren jedes unterhalb eines sehr seichten
und unscheinbaren zahnförmigen Höckers steht, so dass
mithin das Hinterende des Aftergliedes im oberen Theile
nicht glatt gerundet, sondern in zwei seichte Höckerchen
erweitert erscheint.
Puppe: 4,5 mm lang, 1,3 mm dick, zarthäutig, gelb-
lich, vor der Stirn mit zwei neben einander stehenden,
stumpflichen, braunen, hornigen Zähnen und an der Unter-
seite des Kopfes resp. des Prothorax mit zwei weit von
222 Beling:
einander entfernten breitbasigen, kurzen, spitzen Zähnchen,
sonst ganz wie die Puppe von Hilara interstincta.
Eine kleine Anzahl Larven und Puppen wurde am
18. Juni in feuchter Erde neben einer kleinen Bachrinne
innerhalb eines an Wiesen grenzenden jungen Fichtenbe-
standes gefunden. Aus den von da mitgenommenen Larven
gingen vom 2. bis G. Juli zwei fem. und 1 mas hervor
und am 10. Juli erzielte ich noch 1 mas und 1 fem. aus
zwei am 8. desselben Monats von da eingeholten Puppen.
Aus einigen am 17. Juni eines anderen Jahres sammt
einer Larve an einer ähnlichen Bachrinne am Walde ge-
fundenen Puppen gingen einige Tage später 1 mas und
1 fem. hervor.
28. Fsilopiis platypterus Fabr.
Larve: bis 8 mm lang, 0,8 mm dick, stielrund, nach
vorn hin spindelig verdünnt, zwölfgliederig, die Leibes-
glieder von den vorderen zu den hinteren bis zum elften
einschliesslich an Länge etwas zunehmend, gelblich, glän-
zend. Kieferncapsel klein schwarzbraun, linsenförmig;
Kieferncapselgräten ebenso gefärbt, das obere Paar bis
etwa zur Hälfte seiner Länge fast parallel laufend, dann
massig nach hinten hin divergirend, am Ende spateiförmig
erweitert, das untere Grätenpaar etwas länger als das
obere und stärker divergirend. Inmitten zwischen dem
oberen und dem unteren Kieferncapselgrätenpaar ein stäb-
chenförmiges bräimliches Hornplättchen durchscheinend.
Afterglied um etwa ein Viertheil kürzer als das vorher-
gehende Leibesglied, bei der kriechenden Larve in der
Mitte verdickt, flach längs gefurcht, am Ende mit vier in
einem Viereck stehenden Hautzähnen, von denen die beiden
oberen, merklich kleineren, weit von einander entfernt und
mehr nach vorn hin gestellt sind, als die nahe beisammen
befindlichen, erheblich grösseren und mit den Spitzen auf-
wärts gerichteten beiden unteren. Die auf dem nach hin-
ten hin abgeschrägten, von den eben gedachten vier Haut-
zähnen umgebenen Stigmenfelde unter den oberen beiden
Zähnen stehenden, beiden kleinen, blass rostgelblichen
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 223
Hinterstigmen um den sechs- bis achtfachen Durchmesser
des einen von einander entfernt.
Puppe: 5 mm lang, 1 mm dick, zarthäutig, gelblich
weiss, am Thorax stark verdickt, mit kegeligem, neun-
gliederigem Hinterleibe. Unterseite der Stirn mit zwei
länglichen, breiten, nahe beisammen stehenden, etwas diver-
girenden, in zwei ganz kleine, höckerförmige, schwärzliche,
gewissermassen ein kleines Schnäuzchen bildende Zähnchen
auslaufenden Plättchen und an deren vorderem Ende jeder-
seits ein kurzes, steifes, schwärzliches Haar. Unterhalb
der eben gedachten beiden Plättchen nach dem Hinterleibe
hin zwei, eine kleine, in der Mitte bogenförmig erhabene
Querleiste bildende, schwärzliche, zahnförmigC; nebenein-
ander stehende Erhöhungen und vor dieser Querleiste an
deren Mitte zwei kurze, steife, schwärzliche Haare. An
der Grenze zwischen Kopf und Thorax zwei schmale
lange, nach dem Ende hin gespitzte, unten bräunliche, in
der oberen Hälfte geschwärzte, ziemlich nahe beisammen
stehende, grätenförmige Arme. Der lange, glatte, glänzende
Thorax an der Oberseite mit vereinzelten, kurzen, steifen,
schwärzlichen Haaren besetzt. Rücken der ersten acht Hinter-
leibsglieder mit je einer Querreihe dicht gestellter, ungleich
langer, schmaler, brauner Borstenzähne. Afterglied der
männlichen Puppe am Hinterende gerundet. Fussscheiden
doppelt so lang als die Flügelscheiden, bis zum Ende des
Hinterleibes reichend, oder darüber hinaus ragend.
Eine Larve fand ich am 28. April in einem Buchen-
bestande unter der Laubdecke des Bodens in Erde und
züchtete daraus am 4. Juni ein mas.
Die vorstehende, nach der sehr zusammengeschrumpft
im Züchtungsglase aufgefundenen Exuvie angefertigte
Puppen-Beschreibung konnte für das Mal nicht vollständiger
gegeben werden und erscheint noch der Ergänzung, viel-
leicht auch einiger Berichtigung fähig.
29. Neurigona quadrifasciata Fabr.
Larve: bis 9 mm lang, 1,2 mm dick, weiss, etwas
ins Gelbliche spielend, glänzend, stielrund, derbhäutig.
224 Beling:
massig stark gegliedert, zwölfgliederig, wenn ganz ausge-
streckt nach vorn hin spindelig verdünnt. Kieferncapsel sehr
klein, schwarzbraun, stark glänzend, rundlich, unmittelbar
dahinter ein verwaschen goldgelblicher Fleck. Von den zwei
Paar mit der Kieferncapsel gleich gefärbten Kopfgräten die
oberen beiden am Ende knopfförmig erweitert. Die Leibes-
glieder von den vorderen zu den hinteren allmählich an
Länge etwas zunehmend. Afterglied etwas kürzer als das
vorhergehende elfte Leibesglied und von diesem stark
abgeschnürt, nach hinten hin verdickt, der Länge nach
sehr flach und breit gefurcht, am Ende kuppeiförmig ge-
rundet, auf der Mitte der Rundung mit zwei kleinen, gelb-
braunen, um wenig mehr als den Durchmesser des einen
von einander entfernten Stigmen. Die beiden Vorderstig-
men am Ende des zweiten Leibesgliedes gelbbraun, sehr
klein, punktförmig. An der Bauchseite des fünften bis
einschliesslich elften Gliedes seichte Kriechschwielen.
Puppe: 5 mm laug, 1,7 mm am Thorax dick, kegelig,
am Hinterende stumpf, schmutzig weiss, au den Scheiden
stark glänzend, zart- oder dünnhäutig. Kopfende mit
ganz kurzer, gebräunter, stumpf oder gerundet zweizähniger
Verlängerung und zu jeder Seite derselben mit einem an
der Basis hellen oder weissen, im oberen Theile ge-
schwärzten, langen, dünnen Haar. Thorax hinter den braun
durchscheinenden Augen mit zwei langen, gelbbraunen,
dünnen, fast steil aufwärts gerichteten oder etwas nach
vorn gebogenen Dornen, den ausgezogenen Vorderstigmen;
im Uebrigen der Thorax mit einigen kurzen, steifen, steil
abstehenden Haaren besetzt. Hinterleib neungliedrig, das
zw^eite und achte Glied in der Nähe des Hinterrandes an
der Oberseite mit einer Querreihe kurzer, sehr feiner, nach
hinten hin dicht anliegender Borstenhaare auf dunkelem
Grunde; drittes bis einschliesslich siebentes Hinterleibs-
glied mit breitem, schwarzbraunem Quersaum in der Nähe
des Hinterrandes und auf diesem Saum mit ähnlichen,
aber längeren Borstenhaaren als das erste und siebente
Hinterleibsglied besetzt. Flügelscheiden bis Ende des
vierten, Fussscheiden bei der männlichen Puppe weit, bei der
weiblichen etwas über das Hinterleibsende hinausreichend.
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 225
Acht Larven wurden am 6. April 1878 in humoser
Erde unter der Laubdecke eines Buchenbestandes in einer
grabenartigen Vertiefung gefunden und aus denselben am
7. Mai ein mas und 1 fem. gezüchtet. Von zwei an der-
selben Waldesstelle am 29. April 1881 aufgefundenen Larven
gelangte die eine zu weiterer Entwickelung und lieferte
am 30. Mai ein mas.
30. Argyra vestita Wiedem.
Larve: bis 10 mm lang, 1 mm dick, stielrund, gelb-
lich weiss, wasserhell, porcellanhäutig, glänzend^ ziemlich
scharf gegliedert, mit intensiv durchscheinendem ge-
schwärzten Darminhalte, zwölfgliederig. Kieferncapsel klein,
schwarz, die oberen beiden Kopfgräten dünn, schwarz, nach
hinten hin divergirend, am Ende spateiförmig erweitert,
die unteren beiden Kopf- oder Kieferncapsel gräten merk-
lich kürzer und stärker nach hinten hin divergirend als
die oberen beiden. Afterglied mit 5 Hautzähnen endend,
von denen drei am oberen und zwei etwas grössere, breit-
basige, stumpflich gespitzte, etwas weiter nach hinten hin
gestellte am unteren Rande des Gliedes stehen. Von den
gedachten drei Zähnen am oberen Hinterrande des After-
gliedes ist der mittelste merklich und mitunter weit kleiner
als die beiden übrigen. Die unterhalb der drei Hautzähne
befindlichen beiden kreisrunden, blass gelbbraunen Hinter-
stigmen um mindestens den sechs- bis achtfachen Durch-
messer des einen von einander entfernt.
Puppe: 4 mm lang, 1,5 mm dick, bauchig kegelig,
zarthäutig, etwas glänzend, schmutzig gelblich, am Kopf-
ende mit einer kurzen, stumpflichen Spitze. Augen sehr
gross braun durchscheinend. Stirn mit vier kurzen, steifen
Haaren, von denen die oberen beiden zur Seite der schnau-
zenförmigen Spitze, die unteren beiden weit näher beisammen
stehen. Rücken des Thorax hinter den Augen mit zwei
langen, nahe beisammen stehenden, steifen, nach vorwärts
gespreizten, borstenähnlichen Dornen — den ausgezogenen
Vorderstigmen. Rücken der ersten acht Glieder des neun-
giiederigen Hinterleibes mit je einer Querreihe kurzer,
Archiv f. Naturg. XXXXVIJI. Jahrg. 1. Bd. 15
226 Beling:
ungleich langer, dicht stehender Borstenzähne. Afterglied
der männlichen Puppe kurz und dünn, an der gerundeten
Spitze sehr seicht ausgerandet, gleichfalls mit einer Quer-
reihe von Borstenzähnen an der Oberseite. Fussscheiden
weit länger als die Filigelscheiden, bis Ende des sechsten
Hinterleibsgliedes reichend.
Die Larven fand ich im sandigen Schlamm des Ufers
eines während der Sommerzeit fast ganz ausgetrockneten
kleinen Baches innerhalb eines Gartens und züchtete am
4. August 1 mas.
31. Forphyrops crassipes Mg.
Larve: bis 11 mm lang, 1,5 mm dick, stielrund, derb-
häutig, elfenbeinweiss, stellenweise wasserhell, stellenweise
gelblich durchscheinend, zwölfgliederig, die Glieder bis
zum elften einschliesslich an Länge allmählig zunehmend.
Afterglied um etwa ein Drittheil kürzer als das vorher-
gehende Glied, in der Mitte etwas verdickt, ganz flach
und breit längs gefurcht, am Ende mit zwei verhältniss-
mässig grossen, breitbasigen unteren und zwei schmalen,
merklich kleineren, etwas weiter nach vorn stehenden,
durch weiten, in der Mitte mit einem ganz kleinen, zuweilen
sehr seichten und undeutlichen Zähnchen versehenen Zwi-
schenraum getrennten, spitzen oberen Hautzähnen, unter
deren jedem ein punktförmiges, sehr blasses, bräunlich-
gelbes Stigma befindlich. Beide Hinterstigmen um min-
destens den vierfachen Durchmesser des einen von einander
entfernt. Kieferncapsel klein rundlich, schwarzbraun; die
beiden dahinter durch die ersten Leibesglieder scheinenden
Grätenpaare schwarzbraun, nach hinten hin gabelig gespreizt,
das obere Paar an der Spitze knopfförmig erweitert.
Aus einer am 3. Mai in Erde auf einem Fahrwege
im Buchenwalde gefundenen Larve wurde am 31. Mai
1 mas gezüchtet, ohne dass mir die Puppe näher bekannt
geworden ist.
32. Systenus leuciirus Lw.
Larve: bis 5 mm lang, 0,8 mm dick, stielrund, nach
vorn hin spindelig verdünnt, zwölfgliederig, die Glieder
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecteö etc. 227
von den vorderen zu den hinteren an Länge allmählich
etwas zunehmend, gelblich. Kieferncapsel klein, linsen-
förmig, sammt den Kieferncapselgräten schwarzbraun; die
oberen beiden lang und dünn, an ihrem Ende kaum etwas
erweitert, nach hinten hin erst wenig und dann etwas mehr
divergirend ; die unteren beiden Kieferncapselgräten kürzer,
dicker und nach hinten hin stärker divergirend als die
oberen. Afterglied kürzer und etwas dünner als das vor-
hergehende Leibesglied, mit zwei verhältnissmässig grossen,
breiten, nahe beisammen stehenden Unterzähnen und zwei
sehr kurzen, höckerförmigen, weiter nach vorn gerückten
Oberzähnen an seinem Hinterende. Unterhalb der eben
gedachten Oberzähne zwei sehr kleine unscheinbare, punkt-
förmige, rostbräunliche, um etwa den achtfachen Durch-
messer des einen von einander entfernten Hinterstigmen.
Bauchseite des fünften bis einschliesslich elften Leibes-
gliedes mit flachen Kriechschwielen.
Einige Larven wurden am 16. Mai in einem Buchen-
bestande in Modererde der etwa ein Meter über dem Boden
befindlichen, lochförmig eingefaulten Stelle eines etwa
80jährigen Buchenstammes gefunden. Aus diesen Larven
gingen am 11. Juni, am 25. Juni und am 3. Juli je eine
fem. hervor. Schon zu Ende Mai hatte ich aus faulem
Buchenholze desselben Forstes ein mas erzielt.
33. Dolichopus discifer Stan.
Larve: bis 10 mm lang, 1,2 mm dick, elfenbeinweiss,
glänzend, stielrund, wenn ganz ausgestreckt nach vorn
hin etwas spindelig verdünnt, zwölfgliederig, die Glieder
von den vorderen zu den hinteren allmählich an Länge
etwas zunehmend. Afterglied im vorderen Theile etwas
verdickt, nach hinten hin dünner, an der Oberseite mit
vier, an der Unterseite mit zwei Längsriefen, am Ende
mit vier in einem Viereck befindlichen Hautzähnen, von
denen die oberen beiden kleiner als die unteren sind,
etwas weiter nach vorn stehen, und ein kleines, flaches
oder stumpfes Zähnchen in ihrer Mitte zwischen sich
stehen haben. Die vier Längsriefen der Oberseite enden
228 l3cliugt
an den Seiten der beiden Oberzähne, wogegen die beiden
Längsriefen der Unterseite die beiden Unterzähne der Länge
nach durchziehen. Unterhalb der Oberzähne zwei kleine,
punktförmige, blass gelbbraune, um etwa den sechsfachen
Durchmesser des einen von einander entfernte Hinter-
stigmen. Bauchseite des fünften bis einschliesslich elften
Leibesgliedes mit seichten Kriechschwielen. Kieferncapsel
klein, linsenförmig, im vorderen Theile gelbbraun, hinten
schwarzbraun oder schwarz. Kieferncapselgräten schwarz
durch die ersten Leibesglieder scheinend, die oberen beiden
am Ende knopfförmig erweitert.
Puppe: 4 mm lang, 2,8 mm dick, bräunlichgelb, zart-
häutig, vor der Stirn mit einer kurzen, breiten, von zwei
gerundeten, braun gerandeten Plättchen gebildeten Erwei-
terung und an jeder Seite dieser Erweiterung ein steifes,
schräg seitwärts gerichtetes Borstenhaar. Etwas unterhalb
der Stirn eine ähnliche, aber sehr kurze, braun gerandete
Erweiterung mit zwei langen, steifen, braunen Haaren.
Hinterleib neungliederig, kurz und dick, kegelig, mit
stumpflichem Ende. Oberseite des zweiten bis einschliess-
lich achten Hinterleibsgliedes mit je einer Querreihe dicht-
stehender, ungleich langer, nach hinterwärts gerichteter,
flach anliegender, brauner Borstenzähne. Der stark gewölbte,
glänzende Thorax mit zwei langen, spitzen, seitwärts ge-
richteten, an der Basis verdünnten, im oberen Drittheile
ganz geschwärzten, stielrunden Dornen, den ausgezogenen
Vorderstigmen. Fussscheiden über das Leibesende hinaus
reichend.
Aus einer am 22. Juni an einer feuchten Fahrwegs-
stelle innerhalb eines Laubholzbestandes aufgefundenen
Larve ging am 16. Juli eine imago mas hervor.
34. Dolichopus popularis Wiedem.
Larve: bis 9 mm lang, 1 mm dick, stielrund, gelb-
lich weiss, glänzend, in ausgestrecktem Zustande nach
vorn hin verdünnt, zwölfgliederig, die späteren Glieder
allmählich immer etwas länger werdend. Kieferncapsel
ganz klein, linsenförmig, schwarzbraun; Kieferncapselgräten
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 229
ebenso gefärbt, naeb binten bin divergivend, die beiden
höber liegenden am Ende knopfförmig erweitert. After-
glied etwas verdickt, mit vier Hautzäbnen endend, von
denen die beiden unteren grösseren weiter nacb binten
steben als die beiden kleineren oberen. Die unter den
letztgedacbten beiden Hautzäbnen stebenden Hinterstigmen
klein punktförmig, braungelb, um mindestens den vierfachen
Durchmesser des einen von einander entfernt.
Aus einer an derselben Waldesstelle, wo die vorhin
beschriebene Larve des Bolichopus discifer zwei Jahre
früher aufgenommen war, am 24. April 1879 aufgefundenen
Larve ging am 3L Mai 1879 eine imago mas hervor.
35. Bolichopus trivialis Halid.
Larve: bis 10 mm lang, 1 mm dick, stielrund, schlank,
im ausgestreckten Zustande nach vorn hin etwas spindelig
verdünnt, glatt, glänzend, gelblich, an den Leibesenden
wasserbell, zwölfgliederig, die Leibesglieder von den vor-
deren zu den hinteren an Länge allmählich etwas zunehmend
bis zum elften Gliede einschliesslich. Afterglied kürzer,
aber dicker als das vorhergehende Leibesglied, längsge-
rieft, an der Oberseite von vorn nach hinten abgeschrägt
und an der Abschrägung mit vier langen spitzen, in einem
Viereck stehenden Hautzäbnen, von denen die höher gele-
genen beiden etwa 2 mm weiter nach vorn stehen und
merklich kleiner als die tiefer gelegenen, resp. weiter nach
hinten gestellten sind. Die beiden Hinterstigmen unterhalb
der oberen beiden Hautzähne des Aftergliedes klein, punkt-
förmig, bräunlicbgelb. An der Bauchseite des fünften bis
einschliesslich elften Leibesgliedes seichte Kriechschwielen.
Kieferncapsel klein, schwarzbraun, die oberen beiden Gräten
derselben lang, schwarz, divergirend, am Ende knopfförmig
erweitert. Innerhalb der divergirenden beiden oberen
Kieferncapselgräten eine aus kurzen, kastanienbraunen
Längslinien und einem grossen, bräunlichgelben, verwa-
schenen Flecke gebildete Nackenzeichnung durch die ersten
Leibesglieder scheinend.
Aus einer am 28. Mai in einem Buchenwalde an einem
230 Heling:
in Vermoderung begriffenen alten Buchenstocke gefundenen
und eingezwingerten Larve ging am 26. Juni eine imago
mas hervor. Am 26. Juni 1881 erschien in dem Glase,
worin in eingeholtem Baummoder aus einem Buchenwalde
Larven von Systenus leucurus bis zu ihrer Verwandelung
unterhalten waren, auch eine imago DolicJh trivialis mas.
Nach diesen Erfahrungen leben die Larven im Moder von
Laubholzbäumen.
36. Dolichopus longkornis Stann.
Larve: bis 6 mm lang, 0,7 mm dick, stielrund, im
ausgestreckten Zustande nach vorn hin spindelig verdünnt,
weiss, glänzend, zwölfgliederig, die Leibesglieder von den
vorderen zu den hinteren bis zum elften einschliesslich,
an Länge allmählich etwas zunehmend. Afterglied wenig
über halb so lang als das vorhergehende Glied, in der
Mitte verdickt, an seinem Ende mit zwei kleinen, durch
weiten Zwischenraum getrennten Oberzähnen und zwei
merklich grösseren, mehr nach hinten stehenden Unter-
zähnen, so dass ein von vier im Viereck stehenden Haut-
zähnen umgebenes, von vorn nach hinten resp. von oben
nach unten abgeschrägt erscheinendes Stigmenfeld mit
zwei kleinen, punktförmigen, gelbbraunen, unterhalb der
Oberzähne stehenden, um etwa den vierfachen Durchmesser
des einen von einander entfernten Hinterstigmen vorhanden
ist. Kieferncapsel klein, schwarzbraun, rundlich, deren
oberen beiden Gräten schwarzbraun, ziemlich breit, auf
längerer Erstreckung wie zusammenverschmolzen unmittel-
bar an einander liegend und erst jenseit der Mitte stark
divergirend, am Ende knopfförmig erweitert.
Puppe: 3,5 mm lang, 1,4 mm dick, zarthäutig, gelb-
lich. Stirn mit zwei Paar hinter einander stehenden, brei-
ten, flachen, an der gerundeten Spitze schwarzbraun ge-
säumten, zahnförmigen Erweiterungen und die Unterseite
des Prothorax mit zwei ähnlichen, zahnförmigen Erwei-
terungen. Rücken des Thorax mit zwei langen, divergirenden,
am Ende gespitzten, gelblichbraunen, im oberen Drittheil
etwas geschwärzten Dornen, den ausgezogenen Vorderstig-
Beitrag* zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 231
men. Hinterleib dick, kegelig, neungliederig, an der Ober-
seite des zweiten bis einschliesslich achten Gliedes zunächst
des Hinterrandes mit einem ziemlich breiten, bräunlichgelben
Querbande und in diesem Querbande mit einer Querreihe
sehr dicht gestellter, gleich gefärbter, nach hinten hin
anliegender dünner, nicht ganz gleich langer, haarför-
miger Wimperzähne. Afterglied kurz, am Ende abgestutzt,
ohne Zahn- oder Haarbesatz. Flügelscheiden bis Ende des
dritten Hinterleibsgliedes, Fussscheiden bis zum Körper-
ende reichend.
Die Larven fand ich im Frühjahr vereinzelt in einem
seit der vorjährigen Ernte noch nicht v^ieder bearbeiteten
Acker. Aus den mitgenommenen und eingezwingerten
Larven wurde am 20. Mai und am 26. Mai je eine imago
mas gezüchtet. Aus einer anderen, am 3. Mai an einer
feuchten Stelle eines Fichtenwaldes in Erde aufgefundenen
Larve ging am 5. Juni eine imago mas hervor.
37. Chrysotoxum bicindum L.
Larve: 8 mm lang, 3,5 mm dick, wenn ganz einge-
zogen etwas oval, an der Bauchseite abgeplattet und mit
ganz seichter Längenrinne, hochgewölbt, sehr contractu,
wenn ganz ausgestreckt im vorderen Theile spindelförmig
lang gespitzt oder schnabelartig ausgezogen, schmutzig
gelblich weiss, lederhäutig, ziemlich glanzlos, mit schwärz-
lich durchscheinendem Darminhalte. Die einzelnen Kinge
des zwölfgliederigen Leibes in Querwulste geschieden, so
dass eine reichliche Anzahl von Gliedern vorhanden zu
sein scheint. Die Rückenseite des Leibes mit schmalen,
spitzen Haut -Stacheln oder Dornen in Querreihen ganz
weitläufig besetzt; von diesen Dornen sind die an den
Seitenrändern des Leibes stehenden die längsten und kräf-
tigsten. Afterende an der Oberseite nach hinten hin abge-
schrägt mit einem kastanienbraunen, glänzenden, hornigen,
zapfenförmig vortretenden Stigmenträger. Chitinskelett des
Kopfes klein, schwarz, nach hinten hin gabelförmig getheilt
durch die vorderen Leibesglieder seheinend.
Die Larve unterscheidet sich von der ihr sehr ahn-
232 Beling:
liehen, der Xanthogramma ornata Meig. durch die an allen
Leibesgliedern vorhandenen spitzen Hautzähnchen, die
flachere Leibesgestalt und den stärker resp. länger vor-
tretenden, zapfenförmigen Stigmenträger.
Puppe innerhalb der Larvenhaut, ein bis 8 mm langes,
4 mm dickes, an der Bauchseite abgeplattetes, an der
Rückenseite hoch gewölbtes, schmutzig bräunliches, in seiner
Form der ganz eingezogenen Larve völlig gleichendes
Tönnchen.
Eine am 9. April in einem alten, flachen, älteren, ver-
nachlässigten Composterdehaufen im Felde aufgefundene
und eingezwingerte Larve lieferte am 20. Juni eine imago.
38. Xanthogramma ornata Meig.
Larve: bis 10 mm lang und bis 4,5 mm breit oder
dick, sehr contractu, im eingezogenen Zustande oval, hoch
gewölbt, an der Bauchseite etwas abgeplattet, mit ganz
seichter Längenrille in der Mitte; im ausgestreckten Zu-
stande vorn spitz, spindelförmig oder schnabelartig lang
ausgezogen und dann kreiselähnlich erscheinend, leder-
häutig, gelblich weiss, glanzlos mit schwärzlich durchschei-
nendem Darminhalte; der ganze Leib in etwa 30 bis 36
schmale Querwülste getheilt. Zweiter, dritter und vierter
Leibeswulst von je einem Kranze nicht dicht stehender,
brauner, in ein kurzes Haar auslaufender Zähnchen um-
geben. Afterende dick, gerundet, mit einem kastanien-
braunen, glänzenden, hornigen, etwas zapfenförmig vor-
ragenden, abgerundeten Stigmenträger. Chitinskelett des
Kopfes wie bei der Larve von Chrysotoxum hicinctum, an
jeder Seite der Mundöffnung ein gabelig zweizähniger An-
hang, indem auf einem kurzen, dicken Stamme zwei zapfen-
artige, durch eine rundliche Ausbuchtung getrennte Zähne
stehen.
Puppe innerhalb der Larvenhaut, ein bis 8 mm langes,
bis 4 mm dickes, lichtbraunes, von der ganz zusammenge-
zogenen Larve nur durch die gebräunte Färbung unter-
schiedenes Tönnchen.
Einige vereinzelte Larven fand ich am 30. August
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 233
1874 in einem beraseten Erdhaufen auf einem Feldwege.
Von dieser Fundstelle wurden am 20. Januar 1875 fünf
Stück Larven eingeholt und in einem mit Erde von der
Fundstelle gefüllten Glase unterhalten. Gegen Ende des
Monats Mai trat die Verpuppung ein und am 12. Juni
oder nach etwa dreiwöchiger Puppenruhe erschienen die
ersten beiden männlichen imagines. Diesen folgten am
29. Juni ein drittes Männchen und am 27. Juni ein Weib-
chen. Aus der fünften Puppe gingen am 10. Juli eine
grössere Anzahl kleiner Schlupfwespen, Fteromalus punda-
tus Ratzeb., hervor. Am 28. Februar 1876 fand ich in
demselben Erdhaufen wiederum drei Larven, die sich am
21. Mai in Puppen verwandelt hatten, aus welchen letz-
teren aber nur kleine Schlupfwespen in reichlicher Anzahl
hervorgingen. Zwei Larven, die ich am 25. Mai 1879 auf
einer Wiese in Erde fand und die sich am 1. Juni ver-
puppt hatten, lieferten am 29. Juni und resp. am 4. Juli
die imagines.
39. Syritta pipiens L.
Larve: sehr contractu, im ausgestreckten Zustande
10 mm lang, 3 mm dick, fast stielrund, wenn kriechend
etwas zusammengedrückt und dann nach beiden Leibes-
enden hin etwas verschmälert, besonders nach dem Vorder-
ende hin, 12gliederig, die Glieder mehrentheils in je vier
Querwulste getheilt, schmutzig gelblich, glanzlos, kurz
borstig, lederhäutig. An der Bauchseite des vierten bis
einschliesslich zehnten Leibesgliedes ganz kurze, abge-
stumpft kegelige, warzenförmige, an ihrer Spitze mit ganz
kurzen Borstenzähnchen besetzte Kriechschwielen, welche
zusammen in zwei Längenreihen stehen. Das meist ein-
gestülpte Vorderende des ersten Leibesgliedes mit ganz
kurzen, steifen, braunen, an der Basis breiten, oben spitzen,
nach hinterwärts gerichteten, in zahlreichen Querreihen
stehenden Borsten besetzt. Oberhalb der grossen Mund-
öfPnung ein kurzer, dicker fleischiger Stamm mit einem
etwa gleich langen aber etwas schmaleren aufgesetzten
Zapfen oder Lappen, der zwei zweigliederige, kurze Taster
234 Beling:
trägst; das erste Glied dieses Tasters stielrimd, kurz, unten
dicker als oben, das zweite Glied aus zwei kurzen, zu-
weilen ganz oder theilweise mit einander verwachsenen
dünnen, grannenförmigen Spitzchen bestehend. Leibesende
in der Regel durch anhaftenden Schmutz verdunkelt, an
jeder Seite mit drei in einer Längenreihe stehenden dicken,
mit dem übrigen Körper gleichgefärbten zapfenförmigen
Hautzähneu, von denen der letzte jeder Reihe erheblich
länger und meist etwas kräftiger als die übrigen zu sein
pflegt. Am Ende des Aftergliedes ein horniger, licht-
brauner, plattgedrückter, nach hinten hin etwas verschmä-
lerter, in der Mitte der Oberseite wie der Unterseite mit
einer Längeurille versehener, hinten gerade abgestutzter
Stigmenträger.
Puppe in der Larvenhaut, ein schmutzig gelblich
w^eisses, nach hinten hin kegelig gespitztes, an der Bauch-
seite wenig abgeplattetes, an der Rückenseite stark ge-
wölbtes, am Thorax mit zwei kurzen, dicken, lichtbraunen,
weit von einander entfernten, nach oben hin divergirenden,
am Ende gerundeten hörnchenförmigen Armen, den zu
Stielen ausgezogenen Vorderstigmen, versehenes Tönnchen.
Eine sehr grosse Anzahl von klumpenweise zusam-
menlebenden Larven fand ich zu Ende des Monats März
im Felde neben einer Ackerstelle, auf welcher im Herbst
zuvor Zuckerrüben eingemiethet gewesen waren, unter ver-
wesendem Stroh und anderen in Zersetzung begriffenen
vegetabilischen Substanzen, wovon sie sich augenscheinlich
ernährten. Aus den mitgenommenen Larven gingen am
13. und 14. Mai je zwei, an den folgenden Tagen aber
sehr zahlreiche imagines hervor.
Ausser den in Vorstehendem gedachten Dipteren-
Larven züchtete ich noch je eine imago von Systenus
Scholtdi Loew mas aus faulem Buchenholz am 6. Juni,
Medetercs dichrocerus Kowarz aus einer unter der Rinde
eines todten Fichtenstammes gefundenen Puppe am 14.
August, Porphyrops pectmatus Loew aus von einer feuchten
Waldesstelle entnommener schlammiger Erde und Euthy-
neura myrtilli Macq. am 29. Mai aus faulem Buchenholz,
welches aus dem Walde mit nach Hause genommen war.
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 235
Die mir zeither im lebenden Zustande bekannt ge-
wordenen Larven ans den in der Ueberscbrift dieser Ab-
handlung genannten Dipteren-Familie mit Ausschluss der
Syrphiden, lassen sich etwa folgendermassen charakteri-
siren: sie sind stielrund, nach vorn hin in der Regel bald
mehr, bald weniger spindelförmig verdünnt zumal krie-
chend oder in ganz gestrecktem Zustande, weiss oder gelb-
lich gefärbt, zwölfgliederig, das erste Glied mit dem zweiten
aber meist dergestalt verschmolzen, dass sich die Grenze
beider nicht immer deutlicb erkennen lässt. Der Kopf wird
vertreten durch eine in der Regel braune oder schwarze,
ovale oder linsenförmig gerundete, tief in die ersten Leibes-
glieder zurückziehbare kleine Kieferncapsel, mit welcher
zwei Paar verhältnissmässig lange, meist schmale, gelb-
braun, kastanienbraun, schwarzbraun oder schwarz ge-
färbte, zuweilen an ihren Hinterenden knopfförmig oder
spateiförmig erweiterte und durch die ersten Leibesglieder
in der Regel, wenigstens die oberen, sehr deutlich hin-
durcbscheinende, bald ziemlich parallel laufende, bald nach
hinten hin mehr oder weniger stark divergirende, zuweilen
auch, wenigstens das obere Paar, lose Hornplättchen von
verschiedener Gestalt und Färbung zwischen sich habende
und dann eine bei derselben Art oder Gattung constante
Nackenzeichnung einrahmende Gräten lose verbunden sind.
Das wesentlich mit zur Unterscheidung benutzbare After-
glied ist entweder kegelig, oder keilförmig zusammenge-
drückt oder am Hinterende kugelig gerundet und dann
an der kugeligen oder kuppeiförmigen Abrundung mit einem
bald grösseren, bald kleineren, zuweilen ganz unbedeuten-
den Hautzähnchen besetzt, in anderen Fällen dagegen endet
das Afterglied mit vier bis fünf Hautzähnen oder Haut-
zäpfchen und bei einer Larvenart (Symphoromyia crassi-
cornis) mit zwei horizontalen Lippen. Bald ist das After-
glied mit einer verticalen Stigmenspalte, bald mit zwei
mehr oder minder weit von einander entfernten Stigmen
in Horizontalstellung versehen, von denen zwei durch-
scheinende Tracheen nach den an den Seiten des zweiten
Leibesgliedes befindlichen, meist sehr kleinen und schwer
auffindbaren Vorderstigmen ziehen. Die Bauchseite des
236 Beling:
fünften bis einschliesslich elften Leibesgliedes ist mit bald
mehr bald weniger stark ausgeprägten Kriechschwielen
versehen, die in einigen Fällen ein fussstummelförmiges
Ansehen haben und in eine Anzahl von Längenreihen ge-
ordnet sind. Die Larven sind im Wesentlichen Erdefresser,
zum Theil aber und unter Umständen vielleicht alle, arge
Räuber, die andere Larven und Puppen angreifen und,
indem sie dieselben aussaugen, tödten. Ein Theil dieser
Larven ernährt sich von faulem Holz oder von sonstigen,
in Zersetzung begriffenen oder schon tibergegangenen vege-
tabilischen Substanzen.
Zur näheren Bestimmung der in Rede stehenden Larven
ist die nachstehende Tabelle nach analytischer Methode
entworfen, welche im Laufe der Zeit wohl desto erheb-
licheren Modificationen zu unterliegen haben wird, je mehr
die noch sehr dürftige Kenntniss dieser Dipteren-Larven
an Umfang gewinnt.
1. Afterglied am Hinterende mit einer verticalen Stigmen-
spalte. Die oberen Kicferncapselgräten als ein
schmales, braunes oder gelbbraunes, nach hinten
hin verbreitertes oder auch in der Mitte erweiter-
tes, zweizinkig endendes Band im Nacken der Larve
durchscheinend.
Tabanus, Haematopota und wahrscheinlich auch
Chrysops.
Afterglied mit zwei getrennt stehenden gefärbten Stig-
men 2.
2. Die beiden Hinterstigmen stehen auf einem von Haut-
zähnen umgebenen Felde 3.
Die beiden Hinterstigmen sind von keinen Hautzähnen
umgeben, es steht aber zuweilen ein Hautzahn
unter denselben, oder das Stigmenfeld ist zwei-
lippig 8.
3. Die Hinterstigmen am Ende des Aftergliedes sind von
vier gleich grossen und ganz gleich gestalteten, in
einem regelmässigen Viereck stehenden Hautzähnen
umgeben. Larven sehr beweglich, mit schwarz-
braunem Nackendreieck, welches durch ein zwischen
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 237
den beiden oberen Kieferncapselgräten befindliches
Chitin- oder Hornplättchen gebildet wird.
Leptis.
Die beiden Hinterstigmen sind von vier oder mehr un-
gleich grossen oder ungleich gestalteten Hautzähnen
umgeben 4.
4. Die die Hinterstigmen umgebenden vier Hautzähne sind
ziemlich gleich gross, die unteren oder die oberen
an ihrer Basis mit einem kleinen Zähnchen oder
dergestalt mit einer Erweiterung versehen, dass
sie am Rande ausgekerbt erscheinen 5.
Die die Hinterstigmen umgebenden vier Hautzähne sind
ungleich gross, oder zwischen den oberen beiden
Zähnen ist noch ein kleines Zähnchen eingefügt 6.
5. Von den das Stigmenfeld umgebenden vier Hautzähnen
sind die beiden oberen an ihrer Aussenseite aus-
gekerbt, resp. spitz ausgebuchtet, oder mit einem
kleinen spitzen Nebenzähnchen versehen. Die oberen
beiden Kieferncapselgräten sind durch ein farbiges
Hornplättchen verbunden, so dass im Nacken der
Larve ein breites braunes oder schwarzbraunes
Band durchscheint.
Chrysopüa.
Von den gedachten vier Hautzähnen sind die unteren
beiden an ihrer Aussenseite mit einem kleinen
höckerförmigen Hautzähnchen besetzt. Die oberen
beiden Kieferncapselgräten schwarzbraun, anfäng-
lich nahe beisammen, erst jenseits der Mitte stark
divergirend, am Ende knopfförmig erweitert.
Dolichopus longicornis.
6. Von den vier die Hinterstigmen umgebenden Hautzähnen
sind die oberen zwei merklich kleiner als die un-
teren beiden. Kieferncapselgräten schwarzbraun 7.
Von den vier die Hinterstigmen umgebenden Hautzähnen
haben die oberen beiden noch ein ganz kleines
Zähnchen zwischen sich. Die oberen beiden Kiefern-
capselgräten am Ende knopfförmig erweitert.
Argyra, Porphyrops, Dolichopus zum Theil.
238 Beling:
7. Die beiden oberen Hautzähne des Stigmenfeldes deut-
lich, die oberen beiden Kieferncapselgräten am
Ende knopfförmig erweitert.
DolicJiopus zum Theil, Psilopus.
Die beiden oberen Zähne des Stigmenfeldes sehr klein,
höckerförmig, die oberen beiden Kieferncapselgräten
am Ende kaum erweitert.
Systenus.
8. Afterglied mit zweilippigem, intensiv braungelb ge-
färbtem Stigmenfelde; die dunkleren, gelbbraunen
grossen Stigmen unter der Oberlippe. Kiefern-
capselgräten wie bei Chrysopila.
Symphoromyia.
Afterglied nicht zweilippig endend und ohne gefärbtes
Stigmenfeld 9.
9. Afterglied mit einem die beiden weit von einander
entfernt stehenden Hinterstigmen tragenden Zwi-
schenringe 10.
Afterglied ohne einen solchen Zwischenring, am Hinter-
ende kugelig oder kuppeiförmig gerundet, an der
Abrundung die beiden einander genäherten Hinter-
stigmen und unter diesen ein Hautzahn oder Haut-
zäpfchen 13.
10. Die hintere Abtheilung des Aftergliedes abgestumpft
kegelig, an der Spitze mit braunem Hornfleck.
Laphria.
Die hintere Abtheilung des Aftergliedes anders ge-
staltet, ohne Hornfleck 11.
11. Die hintere Abtheilung des Aftergliedes horizontal keil-
förmig zusammengedrückt, mit stumpfer Schneide.
Die oberen beiden Kieferncapselgräten als ein
farbiges, zuweilen in der Mitte etwas erweitertes
und zuweilen am Ende gabelig getheiltes Band
durchscheinend.
Äsilus.
Die hintere Abtheilung des Aftergliedes kegelig 12.
12. Afterglied an seinem Ende stumpflich und daselbst
mit zapfenförmigen Hautwarzen und mit langen
steifen braunen Haaren besetzt. Mandibeln nicht
Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc. 239
gespreizt. Die oberen Kieferncapselgräten ge-
nähert, als ein braunes oder schwärzliches, weiter-
hin zweitheiliges helleres Band durch die ersten
Glieder scheinend.
Bioctria.
Afterglied an seinem Ende stumpflich, zuweilen mit
aufgesetzter ganz kleiner Kuppel, mit langen ab-
stehenden Haaren, aber ohne Hautwarzen. Die
kastanienbraunen Mandibeln nach vorn oder unten
hin gespreizt resp. gabelförmig klaffend. Die
oberen Kieferncapselgräten als ein anfänglich dun-
keles, weiterhin gabelig getheiltes, schmales und
helleres Band durch die ersten Glieder scheinend.
Leptogaster.
13. Der unter den Hinterstigmen am Aftergliede befind-
liche Zahn klein, meist höckerförmig und zu-
weilen so unbedeutend, dass er leicht zu über-
sehen steht 14.
Der unter den Hinterstigmen befindliche Hautzahn
grösser und leicht in die Augen fallend 15.
14. Die oberen beiden Kieferncapselgräten schwarzbraun,
schmal, wenig divergirend, am Hinterende kaum
erweitert. Hinterstigmen klein, punktförmig, braun,
etwas zapfenartig vortretend, unterhalb derselben
ein ganz kleines schuppenförmiges Zähnchen.
Ocydromyia.
Die oberen beiden Kieferncapselgräten schwarzbraun,
am Ende knopfförmig erweitert, an der Basis der-
selben ein verwaschener goldgelblicher Wisch. Hin-
terstigmen gelbbraun, um etwa den Durchmesser
des einen von einander entfernt, nicht zapfenartig
vortretend, unterhalb derselben nur die Andeutung
eines Hautzähnchens.
Neurigona,
15. Der unter den Hinterstigmen befindliche Hautzahn sehr
kurz aber meist verhältnissmässig breit oder dick-
basig. Hinterstigmen gelbbraun, verhältnissmässig
gross, um nicht mehr als den ein- bis zweifachen
Durchmesser des einen von einander entfernt. Kie-
240 Beliug: Beitrag zur Metamorphose zweiflügeliger Insecten etc.
f erncapselgräten in der Regel kastanienbraun, seltener
schwarzbraun oder schwarz, die oberen beiden
schmaler als die unteren und nach hinten ver-
schmälert oder gespitzt.
Empis, Rhamphomyia.
Der unter den Hinterstigmen befindliche Hautzahn er-
heblich grösser, meist mit seiner Spitze aufwärts
gerichtet. Die kleinen punktförmigen, gelben oder
gelbbräunlichen Hinterstigmen um vier bis sechs
Durchmesser des einen von einander entfernt. Die
oberen Kieferncapselgräten braun, an ihrem Ende
nicht erweitert, bald schmaler, bald breiter als die
unteren beiden.
Hilara, Micropliorus.
lieber dea Bau von Scliistocephalus dimorphus
Creplin und Ligula simplicissima Rudolph!.
Von
Franz Kiessliiig
aus Würzen.
Hierzu Tafel XIV und XV.
Die Untersucliungen, deren Resultat nachfolgende
Arbeit ist, sind im Laboratorium des Herrn Geheimrath
Prof. Dr. Leuckart augestellt worden. Sowohl für das
Material, welches Herr Prof. Leuckart mir bereitwilligst
zur Verfügung stellte^), als auch für das freundliche In-
teresse, mit welchem er meinen Arbeiten folgte, und für
die fördernden Rathschläge und Unterweisungen, welche
er mir in schwierigen Fällen stets gern zu Theil werden
Hess, ihm meinen herzlichsten Dank auszusprechen, ist
mir deshalb angenehme Pflicht.
Nachdem ich die Untersuchung des Scliistocephalus
begonnen, wurde ich durch Herrn Geheimrath Leuckart
darauf aufmerksam gemacht, dass Ligula simplicissima sich
vermuthlich nur wenig von genanntem Thiere unterscheide,
weshalb ich auch letztere mit in den Bereich meiner Unter-
suchungen zog und fand, dass beide Cestoden bezüglich
ihrer Organisation allerdings vielfache Berührungspunkte
zur Schau tragen, dass indessen auch Unterschiede vor-
1) Auch von meinem Freunde Herrn Dr. Riehm in Halle
empfing ich mehrmals schöne Exemplare von Schistoceplialus^ wofür
ich ihm meinen Dank ausspreche.
Archiv für Naturg., XXXXVIH. Jahrg. 1. Bd. 16
242 Franz Kiessling:
banden sind, welche, im Gegensatze zu der Meinung Don-
nadieu's, die generische Abtrennung beider unbedingt
verlangen *).
Die Aelinlichkeit beider tritt uns zuerst schon in
ihrer Lebensgeschichte entgegen. Beide bewohnen im aus-
gebildeten geschlechtsreifen Zustande den Darmtractus ver-
schiedener Wasservögel, des Fischreihers, der Taucher,
der Möven und anderer. Im Larvenzustande dagegen schma-
rotzen sie in der Leibeshöhle von Fischen, und zwar in
der Wei^e, dass Ligiäa den verschiedenen Weissfischarten,
Schistocephalus dem Stichlinge, und zwar nur dem Gastero-
steus acideatus^ inne wohnt. Im Allgemeinen wird man
nicht grade häufig in der Lage sein, die in Frage stehen-
den Cestoden zu erlangen, da einerseits die betreffenden
Weissfische, die in fast allen Fällen an chronischer Peri-
tonitis erkranken ^), stark abmagern, zum Theil ihre Fär-
bung und ihre Schuppen verlieren und deshalb von den
Fischern, noch ehe sie zu Markte gebracht, ausgesondert
und weggeworfen werden, andrerseits der SchistocephaUis
in seiner Verbreitung äusserst beschränkt zu sein scheint,
da er auch in der weiteren Umgebung von Leipzig und
Halle nirgends zu finden ist, wogegen er in den Seen,
Gräben und Flüssen der Berliner Umgegend so massenhaft
vorkommt, dass er mindestens in jedem zweiten Stichlinge
angetroffen wird.
Die betreffenden Stichlinge sind äusserlich leicht als
inficirte zu erkennen, denn ihr Bauch ist durch den Para-
siten ballonartig aufgetrieben, wodurch ihnen das Schwim-
men sehr erschwert wird. Nicht nur, dass der Parasit
1) Ausser den Beobachtungen Leuckart's über beide Thiere,
die derselbe in der 2. Auflage seines verdienstvollen Parasitenwerkes
zerstreut niedergelegt hat, ist es noch eine Arbeit über Ligula von
Donnadieu (Contribution ä l'histoire de la Ligule, Journal de
l'anatomie et de la physiologie. Paris 1877), die ich vorzüglich zu
berücksichtigen habe. Musste ich die Mittheilungen meines hochver-
ehrten Lehrers überall bestätigen, so war ich bei denen von Don-
nadieu nur selten in der gleichen Lage, wie meine weiteren Aus-
führungen bezeugen werden.
2) Leuckart, Parasiten II. p. 479.
Ueb. d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. u. Lig. simplicissima R. 243
das Thier belastet, nicht nur, dass er beim Durchschneiden
des Wassers diesem einen beträchtlichen Widerstand leistet,
er beeinträchtigt auch in hohem Grade die Beweglichkeit
der Wirbelsäule. Daher kommt es auch, dass solche Fische
mit Vorliebe an der Oberfläche des Wassers langsam dahin
treiben, mehr als dahin schwimmen, und mit grosser Leich-
tigkeit sogar mit der Hand gefangen werden können. Dadurch
erreicht aber die Natur am besten ihren Zweck, den Zweck
der Erhaltung jenes Schistocephalus ] denn grade jene an
der Oberfläche schwimmenden und nach Luft schnappen-
den — jedenfalls um durch Einpressen von Luft in den
Darmtractus ihr hydrostatisches Gleichgewicht wieder her-
zustellen — Fische sind es, welche am öftersten den Möven
und Reihern zur Beute fallen; der Parasit wird zugleich
mit seinem Träger verschluckt und gelangt so in seinen
definitiven Wirth. In anderen Fällen kann er jedoch auch
auf einer bestimmten Entwicklungsstufe nach Aussen durch-
brechen ^), was immer den Tod seines Trägers zur Folge
hat. Der Bandwurm treibt dann eine Zeit lang frei im
Wasser umher, bis ihn ein Wasservogel verschlingt, in
welchem er sich dann binnen ausserordentlich kurzer Frist
zum geschlechtsreifen Thiere zu entwickeln scheint. Dies
letztere suchte ich zu wiederholten Malen durch Ftttterungs-
versuche zu beweisen, so zwar, dass ich sowohl die Schisto-
cephaluslarven für sich, als auch mit solchen inficirte Stich-
linge an Enten verfütterte, indessen gelang der Versuch
niemals; die Würmer waren bereits zwölf Stunden nach
der Fütterung vollkommen verdaut, ein Umstand, der mich um
so mehr in Staunen versetzte, als Donn adieu ^j die so nahe
verwandte Ligula mit Leichtigkeit in Enten züchten konnte;
ich glaube deshalb aber auch in die Angabe Diesing's ^),
dass Schistocephalus auch in Enten vorkomme, gerechten
1) Steenstrup, Overs. kongl. danske videnskab. selsk. for-
handl. 1857. pag. 166, übersetzt in den Halle'schen Jahrbüchern für
die ges. Naturwissensch. 1859. Bd. XIV. p. 475. — Dasselbe gilt
auch von Ligula. (Vergl. Bloch, Abhandlung von der Erzeugung
der Eingeweidewürmer. 1782. S. 2.)
2) Donnadieu, Contribution etc.
3) Die sing, Systema helminthum, Bd. I. pag. 585.
244 Franz Kiessling
Ö
Zweifel setzen zu dürfen. Wenn demnach meine Fütterungs-
versuche auch nur ein negatives Resultat lieferten, so kann
ich doch nicht umhin, meine Behauptung bezüglich der
schnellen Entwicklung des Schistocephalus aufrecht zu er-
halten. Ich stütze mich dabei einmal auf den ausseror-
dentlich hohen Grad der Entwicklung, welchen die Ge-
schlechtsorgane der Larve zeigen, andrerseits auf die un-
verkennbare Aehnlichkeit mit Ligula simplidssima, welche
nach Donnadieu's Versuchen, vorausgesetzt, dass sie
vorher die nöthige Grösse und Ausbildung besass, bereits
in vierundzwanzig Stunden ihre Geschlechtsreife erlangt,
und wenn dieselbe erreicht ist, auch nach kurzer Zeit dem
Träger abgeht, denn die Dauer des Parasitismus beträgt,
nach genanntem Forscher, nicht mehr als 2V2 Tage.
Es sei mir noch verstattet, mit wenig Worten eine
Beschreibung der äussern Form beider eigenthümlichen
Cestodenlarven zu geben, bevor ich auf eine genauere Dar-
legung des feineren Baues unserer Würmer eingehe.
Die Larve von Schistocephalus hat schon äusserlich
vollkommen den Habitus eines Bandwurmes. Der nach
vorn zu lanzettförmig zugespitzte oder auch mehr abge-
rundete Körper ist flach, bandförmig und deutlich in eine
grosse Summe von Gliedern getheilt. Seine Länge kann
bei vollkommen ausgestreckten Thieren 10 cm und mehr,
seine Breite 1 cm betragen, und so dürfen wir uns nicht
wundern, wie der Leib eines so kleinen Fisches wie des
Stichlings durch diesen Cestoden ausserordentlich aufge-
trieben wird, und das Gewicht des Parasiten das des
Trägers oft übertrifft. Ohne mikroskopische Vergrösserung
gelingt es uns kaum, am Kopfe eine sehr kleine Vertiefung
wahrzunehmen (Fig. 6 G), welche ganz auf dem Scheitel
sich befindet und wohl kaum physiologische Bedeutung
hat, da sie den ziemlich mächtig entwickelten, dorsal und
ventral des Scheitels gelegenen beiden Saugnäpfen des
ausgebildeten Thieres weder der Zahl noch der Lage nach
entspricht, und das Thier auch bei der Art seines Aufent-
haltes in der Leibeshöhle eines Haftorganes durchaus nicht
bedarf. Die Glieder der Kette haben die Gestalt eines
niedrigen Trapezes und sind trichterförmig ineinander
üeb. d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. u. Lig. simplicissima R. 245
geschoben, so dass der Hinterrand einer jeden Proglottis
frei über den Vorderrand der nächstfolgenden hervorragt.
Das Hinterende der ganzen Kette verschmälert sich all-
mählich, um schliesslich bald ganz spitz, bald mehr abge-
rundet zu endigen. In der Medianlinie des ganzen Band-
wurmkörpers erblicken wir auf der Bauchseite eine er-
habene Linie, welche sich bei genauerer Betrachtung als
aus erhabenen Punkten zusammengesetzt erweist, von denen
je einer auf ein Glied kommt. Es sind dies die Mün-
dungsstellen des männlichen Geschlechtsapparates, welcher,
wie auch der weibliche mit seinen beiden Oeffnungen, bei
der Larve schon vollkommen entwickelt ist und nur der
ausgiebigeren Nahrungs- und Wärmezufuhr im Darme des
definitiven Trägers harrt, um mit der Entwicklung der
Geschlechtsprodukte zu beginnen.
Ist der Schistocephdlus in seinen definitiven Wirth
übertragen, so beginnt, von hinten nach vorn fortschreitend,
die Ausbildung der Geschlechtsreife, und zwar tritt dabei
eine so starke Streckung ein, dass die Breite des Gliedes
auf die Hälfte herabsinkt, die Länge natürlich wesentlich
zunimmt. Die Geschwindigkeit dieser Ausbildung liegt
namentlich an solchen Exemplaren klar auf der Hand, bei
welchen eine Proglottis schon geschlechtsreif ist, während
die nächst vorhergehenden sich noch vollkommen im ur-
sprünglichen Zustande befinden, so dass durch die Ver-
schmälerung der geschlechtsreifen Glieder gegenüber den
ungeschlechtlichen ein ganz scharfer Absatz geschlechts-
reif e und unreife Glieder trennt und dem ganzen Band-
wurme ein höchst merkwürdiges Aussehen verleiht. Dies
wird noch erhöht durch den Umstand, dass wahrscheinlich
in Folge eines Häutungsprocesses, von welchem unten des
weiteren gesprochen werden soll, die äusserliche Ringelung
und damit die äusserliche Trennung der Glieder ver-
schwindet, während die mit dunkler Farbe durchscheinen-
den Uteruseier eine solche auf andere Weise wieder etwas
hervortreten lassen.
Die Larve von Ligida simplicissima ist äusserlich
ganz ungegliedert; sie hat auch weit weniger die Form
eines Bandes, sondern ist dick und im Querschnitt oft fast
246 Franz Kiessling:
oval, ohne scharfe Seitenränder. Ihre Länge ist weit be-
trächtlicher als die der Schistocephaluslarve; sie beträgt
20 bis 25 cm bei schwankender Breite und Dicke. Eben-
sowenig wie bei Schistocephaliis finden sich Haftapparate
am Kopfabschnitte unserer Larve, und aus gleichem Grunde
wie dort fällt uns dieser Mangel physiologisch betrachtet
keineswegs auf, wenn auch entwicklungsgeschichtlich ein
Auftreten so kräftiger Saugnäpfe innerhalb weniger Stunden
im höchsten Grade bemerkenswerth sein dürfte. Die Sa-
gittalebene des Thieres ist auch hier auf der Bauchseite
durch eine Linie markirt, welche indessen nicht erhaben
wie bei Schistocephalus, sondern vertieft erscheint, indem
die Mündungen der bereits sehr vollständig angelegten
Genitalorgane in das Innere des Bandwurmkörpers einge-
zogen sind. Die Geschlechtsapparate zeigen indessen bei
weitem noch nicht die hochgradige Entwicklung wie bei
ScJiistocephaUis ; und um so mehr wird darum die Richtig-
keit meiner Behauptung erhellen, dass letztgenannter Pa-
rasit ^ich mindestens eben so schnell entwickelt als Ligula,
deren Entwicklungsdauer von Donnadieu experimentell
auf 1 — 2V2 Tage festgesetzt worden ist. Auf diesen kann
ich denn auch bezüglich der Entwicklung der Ligulalarve
im definitiven Träger verweisen und füge nur noch hinzu,
dass man auch bei ihr jene stufenmässige Absetzung der
geschlechtsreif en Glieder von den ungeschlechtlichen hin-
reichend oft zu constatiren in der Lage sein wird.
Ueber meine Untersuchungsmethoden bemerke ich
noch, dass frische Thiere mir nur selten zur Verfügung
standen; meist wurde die Zerzupfung gehärteter Präparate,
mehr noch die Zerlegung derselben in Schnittserien ange-
wendet. Die Erhärtung geschah in Alkohol, Chromsäure
oder Müller'scher Flüssigkeit; die Färbung durch Haema-
toxylin und Picrocarmin. Eine Doppelfärbung durch beide
Substanzen liess vorzüglich die drüsigen Elemente (Eier-
stock, Hoden und Dotterstock) sehr schön blau gefärbt
aus dem übrigen rothen Gewebe hervortreten.
Ueb. d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. u. Lig. simplicissima R. 247
Parenchym*
Da unsere beiden Würmer, wie alle Cestoden, zu den
parenchymatösen Würmern gehören, so habe ich zunächst
dieses Parenchymgewebe, in welches alle Organe einge-
bettet sind, zu besprechen. Man kann dasselbe am besten
auf feinen Querschnitten studiren, und zwar verdienen
solche, welche mit Haematoxylin gefärbt sind, vor anderen
den Vorzug.
Diese Grundsubstanz erscheint immer schwächer ge-
färbt als alle anderen sie umgebenden Theile des Band-
wurmes, und gewährt das Bild einer Gewebsmasse, die
aus Zellen zusammengesetzt ist, deren Gestalt von der voll-
kommen runden bis zur ausgeprägtesten ovalen Form va-
riirt. Die runden zeigen einen Durchmesser von 0,001 —
0,013 mm und ihre, immer lebhaft gefärbten Kerne fast
constant einen solchen von 0,003 mm. Diese Zellen haben
einen feinkörnigen Inhalt und liegen eingebettet in einem
zierlichen Netze von Intercellularsubstanz, das aus feinen,
bald runden, bald platten Fasern gebildet wird, die meist
sehr intensiv gefärbt erscheinen, wenigstens intensiver als
die zwischen ihnen liegenden Bindegewebszellen. Seine
Maschen zeigen die verschiedensten, unregelmässigsten For-
men und sind oft nur zum geringsten Theile von den in
ihnen liegenden Bindegewebszellen ausgefüllt oder erschei-
nen auch vollkommen leer : die Bindegewebszellen sind zu
Grunde gegangen oder es haben sich nur ihre Zellkerne
erhalten.
Gegen die Cuticula hin liegen die Bindegewebszellen
dichter, so dass sie einen dunklen Streifen bilden, der
sich von dem übrigen Parenchym merklich abhebt, ohne
jedoch auch nur im geringsten eine vollständige, feste Ab-
grenzung gegen das darunter liegende Gewebe zu zeigen;
es ist dies die gewöhnlich als Subcuticula bezeichnete
Schicht. Den allmählichen Uebergang aus dem übrigen
Gewebe in dieses verdichtete nicht mit gerechnet, schwankt
sein Durchmesser zwischen 0,029—0,038 mm. Bei den
geschlechtsreifen Thieren ist derselbe fast überall gleich,
aber bei den Larven zeigt er sich an den Stellen, an denen
248 Franz Kiessling:
eben die Cuticula erneuert worden ist, bedeutend kleiner
als an solchen, wo eine ältere Cuticula aufliegt; dafür
liegen an jenen Stellen die Zellen aber auch dicht ge-
drängter neben einander, so dass die ganze Schicht schwie-
riger in ihre einzelnen Bestandtheile aufzulösen ist. Das
Protoplasma der einzelnen Zellen ist dort verschmolzen
und bildet eine dunkelkörnige Masse, aus welcher sich
nur die einzelnen Zellkerne durch intensive Färbung ab-
heben.
Wo es möglich ist, diese Gewebslage in einzelne
Zellen aufzulösen, erscheinen diese als bald mehr, bald
weniger längliche Zellkörper, die meist senkrecht gegen
die Cuticula gerichtet sind, häufig genug aber, vorzüglich
nach den Seiten hin, auch Verschiebungen eingehen, und
die an beiden Seiten in fadenförmige Enden auslaufen.
Die gegen die Cuticula hin gerichteten Enden sind nur
kurz und schwierig zu erkennen, die anderen lassen sich
jedoch oft weit in das Körperparenchym hinein verfolgen.
Diese Zellenlage ist wegen der eben dargelegten Beschaffen-
heit und wegen des weiter unten beschriebenen Hautmus-
kelschlauches nicht als Matrix der Cuticula anzusehen,
wofür sie von Sommer-Landois 0? Schiefferdecker 2)
und Steudener^) erklärt worden ist, und wofür sie offen-
bar auch Donnadieu^) gehalten hat, da er nur die Mittel-
schicht von Ligula mit Parenchym erfüllt sein lässt ^).
Die dichtere Bindegewebslage unterhalb der Cuticula
von Ligula ist mächtiger entwickelt als die von Schisto-
cephahis, da ihr Durchmesser von 0,033 — 0,049 mm wächst.
Plasmatische Canäle, wie sie Sommer-Landois bei
1) Sommer-Landois: üeber den Bau der geschleohtsreifen
Glieder von Bothi'iocephalus latus. (Zeitschrift für wissensch. Zoo-
logie XXII. 1.)
2) Schiefferdecker: lieber den feinern Bau der Taenien.
(Jenaische Zeitschrift für Naturw. Bd. VIIL)
3) Steudener: Ueber ^en feineren Bau der Cestoden. Halle
1877. Abhandl. der naturf. Ges. zu Halle Bd. XIII.
4) Donnadieu: Contribution etc. pag. 463.
5) Vergl. auch Leuckart: Parasiten. Bd. IL 2. Aufl. pag.
365—67.
Ueb. d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. u. Lig. simplicissima R. 249
Bothriocephdltis latus beschrieben haben, habe ich weder
bei ScJiistocepJmhis noch bei Ligula nachweisen können.
Allerdings befindet sich zwischen der äussersten Eing-
muskelschicht und dem gewöhnlich als Subcuticiüa bezeich-
neten Gewebe ein Gefässsystem, welches, ein unregel-
mässiges Netzwerk bildend, das ganze Thier umhüllt. In-
dessen kann ich nicht mit Bestimmtheit angeben, welchen
physiologischen Zwecken es dient und ob dasselbe nicht
als ein Theil jenes excretorischen Gefässapparates zu be-
trachten sein dürfte, dessen Hauptstämme in der Mittel-
schicht des Thieres, d. h, eingeschlossen vom Parenchym-
muskelschlauch, verlaufen.
Kalkkörperchen.
In dem Körperparenchym befinden sich die, von an-
deren Cestoden her unter dem Namen der Kalkkörperchen
genügend bekannten festen Concretionen. Ich entsinne
mich aber, dieselben bei verschiedenen Taenien und auch
bei JBothriocepJiahis latus häufiger gesehen zu haben als
bei unseren Thieren. Es sind Körperchen von meist runder,
nicht selten auch ovaler Gestalt, deren Grössendurchmesser
nie mehr als 0,013 mm beträgt. Häufig genug konnte ich
auch jene Schichtung an ihnen bemerken, welcher zufolge
man ihr Aussehen mit dem von Amylonkörnern verglichen
hat. Sie färben sich mit allen Farbflüssigkeiten sehr in-
tensiv. In den geschlechtsreifen Thieren erscheint, wie
auch Leuckart an anderen Cestoden beobachtet hat ^),
ihre Zahl weit geringer als in den Larven, nicht nur weil
sämmtliche Gewebe eine ausserordentliche Pehnung er-
fahren haben, sondern auch weil die beim Wirthswechsel
auf unsere Thiere einwirkenden Magensäuren einen grossen
Theil von ihnen aufgelöst haben. Hohlräume bezeichnen
die Stellen, an welchen sie sich befanden und fallen als
rundliche, ungefärbte Punkte ins Auge.
Was die Lage dieser Kalkkörperchen betrifft, so sagt
Donnadieu^), dieselben befänden sich vorzüglich unter
1) Leuckart: Parasiten. II. Bd. pag. 359.
2) Donnadieu: Contribution etc. pag. 461.
250 Franz Kiessling:
der Haut, und zwar zwischen Cuticula und Längsmusku-
latur dicht zusammengewürfelt in einer Schicht, die er
die „Zone corpusculaire" oder „zone calcigere", die Zone,
„welche die Kalkkörperchen erzeugt^^ nennt. Er hat die-
selben auch in anderen Theilen des Körpers beobachtet,
meint jedoch, dass sie dorthin nur gekommen seien durch
den Druck, der auf das Objekt ausgeübt worden ist, oder
durch die Beobachtungsflüssigkeit, die ihnen gestattet, im
Körper vorzudringen.
Diese Angaben Donnadieu's kann ich in keiner
Weise bestätigen; niemals habe ich beobachten können,
dass die Kalkkörperchen eine besondere Schicht des Kör-
pers für sich in Anspruch nähmen. Vielmehr liegen die-
selben fast gleichmässig durch das ganze Körperparenchym
vertheilt, und finden sich nur an solchen Orten, wo em-
pfindliche Organe, z. B. das Nervensystem, gelegen sind,
in beträchtlicherer Menge. So habe ich sie namentlich
im Kopfe der Schistocephalus- und Ligulalarve in der
Umgebung der beiden Ganglien in ungemein grosser An-
zahl gefunden. Sie dienen offenbar dazu, beim Wirths-
wechsel diese wichtigsten aller Organe, welche so nahe
der Oberfläche liegen, vor dem Einflüsse der verdauenden
Magensäfte zu schützen, indem sie dieselben neutralisiren
und so unwirksam machen.
Cuticula.
Nach aussen hin wird der Bindegewebskörper unserer
Thiere von einer Haut, der sogenannten Cuticula, umgeben,
deren Dicke ^bei Schistocephalus nicht überall vollkommen
gleich ist, sondern zwischen 0,0149 — 0,0182 mm wechselt. Sie
ist am dicksten in der Mitte der dorsalen und ventralen
Fläche und wird immer dünner nach den beiden Seiten zu.
An den meisten mit Carmin gefärbten Querschnitten
der Larve sowohl als des geschlechtsreifen Thieres von
Schistocephalus kann man zunächst deutlich zwei Streifen
unterscheiden, die in Bezug auf ihre Empfänglichkeit für
Carminfärbung ein verschiedenes Verhalten zeigen. Der
äusserste, von dem darunter liegenden nicht scharf abge-
Ueb. d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. u. Lig. simplicissiraa R. 251
grenzte Streifen erscheint dunkler gefärbt als jener und
hat einen verschiedenen Dickendurchmesser (Fig. 3. Cu'),
während die darunter liegende Schicht wenig gefärbt und
0,0083-0,0096 mm dick ist (Fig. 3. Cu"). Die letztere
ist nach innen zu scharf abgegrenzt gegen einen Streifen
von Muskulatur (Fig. 3. Hm), auf welchen ich weiter unten
zurückkommen werde, und zeigt ein vollkommen homo-
genes, an allen Stellen des Körpers sich gleich bleibendes
Aussehen, während der äussere Streifen bald mehr, bald
weniger granulirt erscheint.
Die Cuticula wird senkrecht durchsetzt von einer
zahllosen Menge feiner Porenkanälchen, welche zuerst
Sommer- Landois bei Bothrtocephaliis latus nachgewiesen
haben, und welche sich auf Querschnitten durch eine feine
Strichelung der Cuticula kundgeben, auf Flächenschnitten
dagegen derselben ein punkfcirtes Aussehen verleihen. Nur
auf äusserst feinen Schnitten und bei sehr starker Ver-
grösserung konnte ich diese Porenkanäle wahrnehmen, da
sie sich ihrer Enge halber in den meisten Fällen der Be-
obachtung entziehen.
Diese eben beschriebene Cuticula ist nun keine con-
sfant sich gleich bleibende Bildung, sondern ist während
des Wachsthums unseres Thieres einer fortwährenden Ver-
änderung unterworfen, dahin gehend, dass eine Abstossung
und Erneuerung derselben stattfindet ^), was uns bei
dem vermuthlich schnellen Wachsthume unseres Parasiten
nicht Wunder nehmen darf. Die äussere, fein granulirte
Schicht, deren Gefüge sich immer mehr lockert, ist das
Produkt einer Zersetzung der Cuticula. Sie hebt sich mehr
und mehr von der darunter liegenden Cuticula ab, bis ihr
Zusammenhang mit derselben sich endlich ganz löst. Diese
Lostrennung ist nicht eine gleichmässige und überall gleich-
zeitige, sondern beginnt in der Mittellinie des Körpers,
da also, wo durch Entwicklung des eingelagerten grössten
Theiles des reproduktorischen Apparates das Wachsthum
des Dickendurchmessers ein viel grösseres ist als an den
1) Leuckart gebührt das Verdienst, zuerst solche Häutungen
nachgewiesen zu haben. (Parasiten, IL pag. 362.)
252 Franz Kiesslins:
o
Seiten. Oft habe ich beobachten können, dass in der Mitte
der dorsalen und ventralen Fläche die granulirte Schicht
der Cuticula sich vollkommen losgelöst hatte, so dass der
darunter liegende weniger gefärbte Streifen die oberste
Begrenzung bildete, auf welcher nicht die geringsten Spuren
von Auiiagerungen zu bemerken waren, während auf beiden
Seiten die granulirte oberste Schicht noch im innigsten
Zusammenhange mit der darunter liegenden sich befand.
Oft sah ich auf dieser losgelösten Lage noch eine zweite
und sogar eine dritte solche, deren Gefüge immer lockerer
wurde und die sich mehr und mehr von der Oberfläche
des Wurmes abhoben, trotzdem aber noch deutlich genug
als ehemalige Membranen zu erkennen waren. Diese auf-
gelagerten Häutungsprodukte besitzen oft einen bedeutend
grösseren Dickendurchmesser als die unter ihnen befind-
liche Cuticula.
Diese eben dargelegten Beobachtungen sind, wie ich
schon oben erwähnt, an der Larve von Schistocephalus an-
gestellt worden. Bei den geschlechtsreifen Gliedern findet
eine Häutung nicht mehr statt. Die Cuticula erscheint
hier als eine vollkommen homogene, wenig gefärbte Masse,
wie ich sie schon oben beschrieben habe, die nur noch
selten granulöse Auflagerungen trägt. Sind solche aber
doch noch vorhanden, so sind sie nur gering, haben eine
unregelmässige Gestalt, ganz lückenhafte Anordnung und
lassen sich deutlich als die letzten Reste jenes Häutungs-
processes erkennen. Es sind das wohl dieselben Produkte,
die von einigen Forschern (Sommer, Schief ferdeckerj
als Härchen, Cilien oder Fädchen gedeutet worden sind.
Nach Donnadieu^) besteht die Körperbedeckung von
Ligula aus einer, wenige Lagen enthaltenden Epidermis.
Diese Lagen nehmen von der obersten nach der untersten
hin an Dicke zu. Er bemerkt noch, dass diese Bedeckung
verschieden sei von der anderer Helminthen, z. B. GordiuSy
ohne jedoch einen Grund dafür anzugeben. Alsdann rechnet
er zur Haut (peau) noch die unter dieser Epidermis sich
befindende Schicht bis zur Längsmuskulatur, (wohl die
1) Do nn adieu, Contribution etc. p. 462.
üeb. d. Bali von Scbistoc. dimorphus Cr. u. Lig. simplicissima R. 253
sogen. Subcuticula), welche iu ihrem untersten Theile reich
an Kalkkörperchen sei, weshalb er sie als die schon er-
wähnte „zone corpusculaire^' bezeichnet. Dass vorzüglich
letztere Angabe eine vollständig irrige ist, ist schon nach
einem oberflächlichen Einblicke in die Organisation unseres
Thieres ersichtlich; denn zwischen Längsmuskulatur und
Cuticula breitet sich ein umfangreicher Drtisenapparat aus.
den Donnadieu vollkommen übersehen hat. Dass die Cuti-
cula unseres Cestoden nicht gleich sei derjenigen anderer
Helminthen, z. B. Gordius, ist allerdings sehr richtig; denn
bei genanntem Nematoden findet sich zwischen Cuticula
und Hautmuskelschlauch eine weiche, feinkörnige, Kerne
enthaltende Subcuticularschicht, welche als Matrix der
Cuticula anzusehen ist, während eine solche Matrix, wie
schon oben erwähnt worden, bei unseren beiden Cestoden
fehlt. Richtig ist ferner auch, dass bei Ligiäa die Schichten
der Cuticula nach aussen hin an Stärke abnehmen. Die
gesammte Cuticula hat einen Durchmesser von 0,016 —
0,018 mm. Die innerste, mächtigste Schicht der Cuticula
misst 0,007 mm und besteht aus einer völlig homogenen
Substanz, die für Carminfärbung nicht empfänglich ist und
deshalb ihr dunkelgelbes Aussehen bewahrt hat, während
sie bei Haematoxylinfärbung im Gegentheile ganz dunkel
erscheint (Fig. 4. Cu). Auf sie folgt eine zartere, schmä-
lere, ebenfalls homogene Schicht von 0,004 — 0,005 mm
Durchmesser, die sich gegen Carmiu auch unempfänglich
verhält, aber heller aussieht als die vorige. In Haema-
toxylin färbt sie sich nur schwach, Sie zeichnet sich aus
durch eine grosse Anzahl schwarzer Pünktchen, die bald
in einfacher, bald in mehrfacher Reihe neben einander
verlaufen. Ist das erstere der Fall, so beschreiben sie
oft über lange Strecken hin eine zarte Bogenlinie, während
in anderen Fällen nicht die geringste Regelmässigkeit in
ihrer Anordnung zu erkennen ist. Auch in Bezug auf ihre
Grösse weichen sie sehr von einander ab: Erscheinen sie
oft als kleine Pünktchen, so haben sie doch nicht selten
auch einen Durchmesser, welcher grösser ist als derjenige
der Cuticularschicht, in welche sie eingelagert sind, so
dass sie zum Theil mit in die darüber oder darunter be-
254 Franz Kiessling:
findliche Schicht zu liegen kommen. Es scheint diese
Schicht viel Aehnlichkeit mit der zu besitzen, welche
Schiefferdecker auch bei Taenien aufgefunden hat und
dort als die ,,feinpunktirte Schicht" bezeichnet. Ob, wie
genannter Forscher sagt, diese Punkte die Enden von
Sehnen der mm. dorso-ventrales sind, wage ich nicht zu
behaupten (Fig. 4. Cu'). Hierauf bemerken wir eine dritte,
ebenfalls strukturlose Schicht von 0,003— 0,004 mm Durch-
messer, die sich sowohl in Carmin wie in Haematoxylin
schwach färbt (Fig. 4. Cu"). Die vierte Schicht ist von
geringer Mächtigkeit, denn ihr Durchmesser beträgt nur
0,0016 mm (Fig. 4. Cu"')- Sie ist stets dunkel gefärbt,
scharf von der darunter liegenden Schicht abgegrenzt und
oft mit dieser nur in geringem Zusammenhange, nicht
selten stellenweise ganz von ihr losgelöst. Da ihr Vor-
kommen kein constantes ist, ist wohl die Annahme be-
rechtigt, dass sie, zur dritten Schicht gehörig, nichts weiter
ist als die oberste, veränderte Lage derselben, welche von
Zeit zu Zeit abgestossen wird.
Büschelförmige, körnige Protoplasmafäden habe ich
weder bei Ligula noch bei Schistocephalus auf der Cuticula
bemerken können.
Muskulatur.
Leuckart^) unterscheidet in der neuesten Auflage
seines allbekannten Parasitenwerkes die in der Bindesub-
stanz des Körpers hinziehenden Muskeln als Parenchym-
muskeln von den subcuticularen Fasern, welche er als
Hautmuskelschlauch in Anspruch nimmt, eine Unterschei-
dung, welcher auch ich mich bei meinen Ausführungen
anschliessen werde.
Hantmnskelschlanch.
Bei Donnadieu geschieht desselben keine Erwäh-
nung, obwohl Ligula sowohl wie Schistocephalus ein peri-
pherisches System von Fasern besitzen, das sich unmittelbar
1) Leuckart, Parasiten, II. 2. Aufl. pag. 368, G9.
üeb.'d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. u. Lig. simplicissima E. 255
unter der Cuticula ausbreitet und auf feinen Flächen schnitten
ein zartes Gitterwerk bildet, während auf Querschnitten
die eine, äussere, als deutliche Ringmuskulatur erscheint
(Fig. 3 u. 4. Hm\ die Elemente der andern aber als kleine,
runde Pünktchen oder Körnchen, welche jener in geringen,
fast regelmässigen Abständen nach innen zu anlagern
(Fig. 3 u. 4 Hm'). Die Details über die erstere, die Ring-
muskulatur, lassen sich am besten auf feinen Querschnitten,
die über die letztere auf Flächenschnitten studiren.
Die äussere Riugmuskulatur liegt in ihrem ganzen
Verlaufe der Cuticula an und hat einen Durchmesser von
0,002 mm. Querschnitte von Schistoceplialus bringen weit
mehr als solche von Ligula zu der Ueberzeugung, dass
dieser Streifen wirklich Muskulatur und nicht etwa eine
Lage der Cuticula ist. Dort tritt nämlich, wie unten des
weiteren beschrieben werden wird, ein gesondert im Pa-
renchym verlaufender Streifen von Quermuskulatur auf,
welcher mit dem in Frage stehenden nach Färbung und
Bau vollkommen gleicher Bildung ist.
An diese peripherischen Ringmuskeln lagern sich
Muskelzellen an, die in der Längsrichtung des Thieres
verlaufen. Sie sind spindelförmig und ihr grösster Durch-
messer beträgt 0,001 —0,004 mm, während ihre Länge zwi-
schen 0,079—0,265 mm variirt. Sie siiid meist einfach,
nicht selten jedoch spalten sie sich von der Mitte aus oder
erst am Ende in zwei Theile. Alle verlaufen in gerader
Linie oder doch nur leicht gewellt. •
Parencliymmuskeln.
Die Parenchymmuskeln von Sdiisfocephalus gehören
zu den glatten Muskeln, denn sie bestehen aus lang ge-
streckten, völlig homogenen Faserzellen, die sämmtlich
eines Kernes entbehren. Sie halten, wie es bei allen Cesto-
den der Fall ist, drei Verlaufsrichtungen inne, den drei
Dimensionen des Raumes entsprechend, und wir unter-
scheiden deshalb Quer-, Längs- und Sagittalmusk-eln.
Die ersteren erscheinen auf Querschnitten als drei
von einander gesonderte Muskellagen (Fig. 3. M', M", M'"),
deren einzelne Muskelfasern in der innersten dicht an ein-
256 Franz Kiessling:
ander liegen ; die beiden äusseren Streifen hingegen zeigen
eine lockere Anordnung und der äusserste fehlt sogar auf
vielen Querschnitten vollständig. An den Seitenrändern
spalten sich die Enden der Muskeln oft dichotomisch und
breiten sich dann nach der Cuticula hin schwach fächer-
förmig aus. Hier werden sie alsdann auch von einigen
Zügen der Längsmuskulatur durchsetzt, was vorher niemals
geschieht. Der innerste und mittlere dieser Muskelzüge
nehmen nach den Seiten zu an Dicke ab, während der
äussere überall fast gleichmässig stark bleibt.
Der innerste, mächtigste Muskelzug hat eine grösste
Dicke von 0,099 mm (Fig. 3. M'). Seine Bündel, die sich
nur in der Mitte der ventralen Fläche trennen, um den
Ausführungsgängen des Genitalapparates den Durchtritt
zu gestatten, liegen dicht bei einander und bilden zwei
Muskelpl^ten, welche die Mittelschicht einschliessen. In
der letzteren gehen neben den dicken Muskelbündeln oft
noch einige Fasern nebenher, die jenen mehr oder weniger
eng anliegen.
Wenn wir auf feinen Querschnitten der Larve von
dieser inneren Muskelplatte nach aussen zu gehen, so sehen
wir eine Lage quer durchschnittener Längsmuskeln (Fig. 3.
Lm'), auf welche die erste Anlage des Dotterstockes folgt.
Längsmuskulatur und Anlage des Dotterstockes werden
eingeschlossen von einer zweiten Quermuskellage, die nur
0,013 mm dick ist und nach den Seitenrändern zu auch
an Dicke abnimmt ^(Fig. 3. M''). Ich will dieselbe zum
Unterschiede von der obigen die mittlere Quermuskellage
nennen. Ihre einzelnen Faserzüge sind nicht so dicht zu-
sammengedrängt wie die der innersten, sondern liegen
ganz locker auf und neben einander. In den geschlechts-
reifen Thieren wird der Dotterstock nicht mehr von der-
selben eingeschlossen, sondern breitet sich ausserhalb dieser
Muskellage aus.
Auf diesen mittleren Quermuskelzug folgt eine schmale
Längsmuskelschicht (Fig. 3. Lm") und oberhalb derselben
sieht man dann auf manchen Querschnitten abermals Quer-
muskeln, die ich als äusserste Quermuskulatur bezeichnen
will (Fig. 3. M"')' Es sind hier auch mehrere Muskelfasern
Ueb. d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. u. Lig. simplicissima R. 257
ZU kleinen Bündeln gruppirt, die aber nie dicker als
0,003 mm sind und sich auch nicht zu einer zusammen-
hängenden Lage vereinigen, sondern erst nach unregel-
mässigen Abständen wiederkehren, weshalb sie sich auch
nicht auf allen Querschnitten vorfinden. Diese äusserste
Quermuskulatur ist es auch, welche, wie ich schon oben
erwähnte, den Ringfasern des Hautmuskelschlauches voll-
kommen gleich ist.
Der inneren Quermuskulatur folgen nach aussen Mus-
keln, deren Fasern ebenfalls zu grösseren oder kleineren
Bündeln gruppirt sind und die ganze Länge des Thieres
durchsetzen, sie sind die grössten und stärksten des ganzen
Cestoden. Die Mächtigkeit dieser Längsmuskellage (Fig. 3.
Lm'), welche man am besten auf Querschnitten beurtheilen
kann, beträgt in der Mitte des Körpers, da, wo der Uterus
sich ausbreitet, höchstens 0,016 mm, steigt aber bald bis
0,49 mm, um an den Seitenrändern wieder bis auf 0,016 mm
herabzusinken.
Ausserhalb der mittleren Quermuskulatur befindet sich
ein zweiter Längsmuskelzug, der in der Mittellinie 0,033 mm,
an den Seitenrändern aber nur 0,008 mm dick ist. Die
Bündel dieser äusseren Längsmuskulatur (Fig. 3. Lm")
sind dünner, lockerer und verlaufen in weiteren Abständen
von einander als die der inneren.
Die dritte Art von Muskeln sind die Sagittalmuskeln
(Fig. 3. Sm), welche, keine besondere Schicht bildend,
sondern in unregelmässigen Abständen von einander von
der dorsalen zur ventralen Fläche hin in der ganzen Dicke
des Gliedes verlaufend, sowohl der Rindenschicht wie der
Mittelschicht angehören. In ersterer sind sie natürlich we-
niger bemerklich als in letzterer, da sie hier mit Ausnahme
der Muskeleinrichtungen, welche mit den Geschlechtsorga-
nen zusammenhängen, die einzigen contraktilen Elemente
bilden. Oft genug kann man beobachten, wie sie sich
bis zur Cuticula hinziehen und sich an derselben, nachdem
sie sich nicht selten dichotomisch gespalten haben, inse-
riren. Sie verlaufen meist in einzelnen Fasern und sind
nur selten zu schwachen Bündeln vereinigt. Ihre Quer-
schnitte verleihen den Flächenschnitten unseres Thieres
Arch. f. Naturg. XXXXVIII. Jahrg. 1. Bd. 17
528 Franz Kiessling: '
ein fein punktirtes Aussehen. Zwischen den Windungen
des Uterus fehlen sie fast gänzlich, aber zwischen den ver-
schiedenen, eng hintereinander liegenden Uteri benachbarter
Proglottiden zeigen sie sich in grösserer Anzahl, wodurch
eine, wenn auch sehr schwache Abgrenzung der einzelnen
Proglottiden innerhalb der Mittelschicht zu Stande kommt,
während alle anderen Muskeln keinerlei Gliederung er-
kennen lassen. Die Sagittalmuskeln halten ferner, so lange
sie nicht durch die Geschlechtsorgane in ihrem Laufe irri-
tirt werden, eine gerade Richtung inne; nur nach den
schmalen Seiten des Thieres zu krümmen sie sich ein
wenig, und zwar in der Weise, dass die convexe Seite
immer nach dem schmalen Seitenrande hin gerichtet ist.
Ausser den oben beschriebenen Muskeln giebt es
noch solche, welche mit dem Genitalapparate in Verbin-
dung stehen ; auf sie werde ich bei Behandlung desselben
zurückkommen.
Donnadieu^ beschreibt bei Ligula nur zwei Arten
von Muskeln, nämlich Längs- und Quermuskeln, die aus
Bündeln gebildet werden, welche wirr durch einander
liegen. Beide Muskelarteu bilden zusammenhängende Lagen.
Die Längsmuskelu beider Bandwurmflächen vereinigen sich
an den Seiten zu einem Bogen, der in der Mitte am dicksten
ist und nach den Seiten zu abnimmt, dort aber immer
noch die Quermuskel läge an Stärke übertrifft.
Diese Mittheilungen bedürfen der Berichtigung und
Vervollständigung.
Was oben über die Muskeln von Schistocephalus im
Allgemeinen gesagt worden ist, gilt auch für die von Li-
gula. Ferner muss ich hervorheben, dass auch hier die
Muskeln nicht, wie Donnadieu angiebt, nur in zwei, son-
dern in drei Richtungen verlaufen, und dass wir deshalb
auch hier wie bei allen anderen Cestoden neben den mm.
long, und mm. transv. noch Sagittalmuskeln zu unterschei-
den haben.
Die Quermuskeln (Fig. 4. M) sind nur schwach ent-
wickelt, am mächtigsten noch im Mittelfelde, wo sie, dicht
1) Donnadipn, Coutribution etc. p. 462 u. 463.
üeb. d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. u. Lig. simplicissima R. 259
gruppirt, nur von wenig Längsmuskelfasern durchsetzt sind
und eine zusammenhängende, von der Längsmuskulatur
ziemlich gesonderte Lage bilden, während sie nach den
Seiten zu immer mehr divergiren und von ziemlich kräf-
tigen Strängen der Längsmuskulatur durchsetzt werden.
Die mittleren Muskeln sind die kräftigsten und zugleich
auch die längsten, denn sie durchziehen in grader Richtung
die ganze Breite des Gliedes. Vor ihnen, das heisst nach
der Mittelschicht zu, liegen noch eine Anzahl langer, feiner,
vereinzelter Muskelfasern. Auf feinen Querschnitten, vor-
züglich der Larve von Ligula, kann man beobachten, dass
diese Fasern in der Mittelschicht sich bis über den Ver-
breitungsbezirk der Hoden erstrecken, sich auch zwischen
den Windungen des Uterus hindurchziehen, und da sie,
wie die meisten Quermuskeln unseres Thieres, nach den
Seiten zu divergiren, am Rande der Seitenfelder in der
ganzen Dicke der Mittelschicht zu finden sind, wodurch
eine feste Unterscheidung der Rinden- und der Mittelschicht
sehr illusorisch wird. Die oberhalb der stärksten, graden
Quermuskelzüge, also die nach der Cuticula hin verlaufen-
den Quermuskeln weichen noch mehr als die oben be-
schriebenen von der graden Richtung ab und strahlen an
den Seitenrändern der Glieder gegen die Cuticula hin
fächerförmig aus. Ja, die oberflächlichsten von ihnen wen-
den sich sofort in kurzen Bögen zur Cuticula.
Die Zwischenräume dieser Muskelausstrahlungen sind,
wie ich schon oben erwähnte, von schwächeren oder
stärkeren Bündeln der Längsmuskulatur durchsetzt. Die
Längsmuskeln sind überhaupt bei unseren Thieren ausser-
ordentlich kräftig entwickelt, ohne aber zu einer zusammen-
hängenden Lage vereinigt zu sein. Weniger stark im
Mittelfelde, wo ein Theil des sexuellen Apparates sich be-
findet und auch die Quermuskeln am kräftigsten entwickelt
sind, die hier von ihnen nur in wenig schwachen Bündeln
durchsetzt werden, nehmen sie nach den Seitenrändern hin
bald an Mächtigkeit bedeutend zu, die Quermuskeln überall
bis zu den, am tiefsten liegenden, feinsten Fasern durch-
setzend, bis an den Seitenrändern ihre Zahl sich immer
260 Franz Kiessling:
mehr verringert und die einzelnen Bündel immer schwächer
werden (Fig. 4. Lm).
Die Sagittalmuskeln sind bei Ligula in derselben
schönen Weise entwickelt wie bei SchistocepJialus, so dass
es verwundern muss, wie sie Donna dieu hat übersehen
können.
Nervensystem.
Unstreitig setzt das Nervensystem der Cestoden der
Untersuchung die grössten Schwierigkeiten entgegen. Wollte
man doch vor nicht all zu langer Zeit die Existenz eines
Nervensystems der Bandwürmer überhaupt leugnen und
sprach von spongiösen Strängen im Inneren des Band-
wurmes, deren physiologische Bedeutung entweder nicht
angegeben werden konnte, oder die man dem Excretions-
apparate zurechnete, wie dies auch von Donnadieu be-
züglich der Ligula noch geschah. Heute ist man darüber
anderer Meinung. Nachdem Schneider*), der zuerst das
Nervensystem unserer Z^^^<?a auffand, Blumberg^), Steu-
dener ^) und Kahane ^j ihre diesbezüglichen Untersuchun-
gen publicirt, denen sich auch Leuckart auf Grund seiner
eigenen Beobachtungen anschliesst, kann es keinem Zweifel
mehr unterliegen, dass wohl alle Cestoden ein besonderes
Nervensystem besitzen, und dass als solches nichts anderes
als jene obenerwähnten Stränge aufgefasst werden müssen,
welche längst den Forschern aufgefallen und von ihnen
beschrieben worden waren. Ein solches Nervensystem
suchen wir denn auch nicht vergebens bei unseren beiden
1) Schneider, Untersuchungen über Platlielminthen, Giessen
1873. (Separatabdruck aus d. 14. Jahresbericht der oberhessischen
Gesellsch. f. Natur- u. Heilk. pag. 34.)
2) Blumberg, Ein Beitrag zur Anatomie der Taenia plicata,
T. perfoliata und T. mamillana. Arch. f. wissensch. u. prakt. Thier-
beilk. 1877. Bd. I. p. 23.
3) Steudener, a. a. 0. pag. 294,
4) Kahane, Taenia perßolata, ein Beitrag zur Anatomie u.
Histologie der Cestoden. Zeitschr. f. wissensch. Zoologie, 1880.
Bd. XXX.
Ueb. d. Bau von Schistoc. diraorphus Cr. u. Lig. simplicissima R. 261
Parasiten, und da eine eingehende Vergleichung des Ver-
haltens desselben bei beiden Parasiten mich zu dem Re-
sultate geführt hat, dass im Wesentlichen die beregten
Organe beider Thiere miteinander übereinstimmen, so kann
ich beide zugleich behandeln.
Das Nervensystem besteht aus zwei grossen seitlichen
Strängen (Fig. 6. N), welche man durch die gesammte
Gliederkette hindurch zu verfolgen im Stande ist. Sie
haben einen mittleren Durchmesser von 0,038 mm, zeigen
aber hier und da Anschwellungen, welche, wo ich sie con-
statiren konnte, immer mit der Strobilation Hand in Hand
gingen. Etwas Aehnliches erwähnt Riehm ^) von Bipy-
lidium pectinatum^ und ich verweise bezüglich ihrer Deutung
auf seine Darstellung. Mir erscheint die Möglichkeit, diese
Gebilde den weiter unten beschriebenen Kopfganglien als
gleichwerthig an die Seite setzen zu können, nicht ganz
ausgeschlossen, obwohl ich natürlich nicht wage, bei dem
mir zur Verfügung stehenden Materiale, das schon längere
Zeit conservirt ist, ein entscheidendes Urtheil abzugeben.
Nach dem Hinterrande des Thieres zu werden die Stränge
dünner, um sich in der terminalen Proglottis mit ihren
mehr oder weniger aufgelösten Fasern zwischen Muskel-
und Parenchymgewebe zu verlieren. Nach dem Kopfende
zu verbreitern sie sich dagegen, um im Kopfe selbst je
ein relativ grosses Ganglion zu bilden (Fig. 6. Ng), dessen
Durchmesser 0,077 mm und darüber beträgt, und so keulen-
förmig blind zu endigen, doch nicht, ohne vorher der beide
Ganglien verbindenden Commissur den Ursprung gegeben
zu haben (Fig. 6. Nc). Diese letztere ist eine, bogenförmig
nach hinten und oben gekrümmte Brücke, wie sie ja auch
von anderen Cestoden in dieser Weise beschrieben wor-
den ist.
Seitennerven sowohl wie die Nervenmasse des Ge-
hirns sind fein granulirt und von äusserst zarten, parallel
verlaufenden Fasern durchsetzt. Nur in den beiden Ganglien,
deren Granulation durchgehends dichter ist, sah ich ver-
einzelte, längliche, mit feinen Ausläufern versehene Zellen
1) Riebm, Studien an Cestoden pag. 37.
262 Franz Kiessling:
mit deutlichen Kernen, welche die Verlaufsrichtung der
Fasern inne hielten, wie denn zu vermuthen steht, dass
eben diese Fasern nur die Fortsetzungen jener Ausläufer
repräsentiren. Besonders auf Querschnitten, welche von
den durchschnittenen Längsfasern fein punktirt erscheinen,
zeigen uns die Nervenstränge ausserdem noch ein fein-
faseriges Maschenwerk, anscheinend von Intercellularsub-
stanz und Bindegewebe — womit es grosse Aehnlichkeit
hat — zusammengesetzt, und mag dasselbe zur Stütze,
vielleicht auch zur Isolirung der Nervenfasern nicht un-
wesentlich beitragen, wie denn auch eine dichtere Zusam-
menlagerung von Bindegewebszellen in der unmittelbaren
Umgebung der Stränge diesem Zwecke dienen und zu-
gleich dem so wichtigen Apparate Schutz sichern dürfte.
Besondere peripherische Endapparate habe ich nicht
auffinden können.
Excretorischer Apparat.
Auch der Excretionsapparat von Ligula und Schisto-
cephalus scheinen mir im wesentlichen übereinzustimmen,
und ich halte darum eine Trennung beider Thiere in seiner
Besprechung nicht für nöthig.
Donnadieu^) beschreibt bei Ligula ein Gefässsystem,
welches er für einen digestiven Apparat hält. Zur Wider-
legung dieser Ansicht verweise ich auf die Ausführungen
Leuckarts^) über diesen Gegenstand. Donnadieu sah
nämlich bei Ligula jederseits zwei, durch Anastomosen
verbundene, parallel verlaufende Gefässstämme, die, um-
geben von einer dicken Membran und erfüllt mit einer
granulösen, dichten Flüssigkeit, in dem hinteren Körper-
ende blind endigen, vorn aber in den Bothridien ausmün-
den. Dass diese Angaben vollkommen unrichtig und un-
genügend sind, wird aus dem folgenden hervorgehen.
Es ist nicht ganz leicht, sich über den Verlauf der
Excretionscanäle in einer Schistocephalus- oder Ligulalarve
zu Orientiren. Bei den meisten Cestoden werden ja die
1) Donnadieu, pag. 463 — 465.
2) Leuckart. Parasiten. Bd. II. 2. Aufl. pag. 378.
Ueb. d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. u. Lig. simplicissima R. 263
verbrauchten Nährsäfte, die Produkte des Lebensprocesses,
in zwei grosse Seiteneanäle geleitet, welche, im Scolex
mit einem Gefässringe beginnend, das ganze Thier der
Länge nach durchziehen und in jedem Gliede durch einen
einfachen Gefässstamm verbunden sind, in der terminalen
Proglottis dagegen getrennt oder gemeinsam nach aussen
münden. Nicht so bei den in Rede stehenden. Auf Quer-
schnitten und auf Flächenschnitten sieht man hier inner-
halb der Mittelschicht unserer Thiere eine Unsumme fei-
nerer und gröberer Canäle und Canälchen, deren Zusam-
menhang man sich kaum vorstellen, jedenfalls aber nicht
beschreiben kann. Schon Steudener ^) hat auf die grosse
Zahl von Längsstämmen bei Ligula hingewiesen und jeder-
seits 7 — 9 solcher Stämme gesehen, allein ich kann mich
seiner Meinung hierüber doch nicht vollkommen anschliessen,
obwohl er seine Beobachtungen an Injectionspräparaten
gemacht zu haben scheint. Ich kann nämlich eine Regel-
mässigkeit der Längsstämme überhaupt nicht constatiren,
weder in Bezug auf ihre Anzahl noch auch in Beziehung
auf ihre Lage. Ja, diese Längsstämme liegen nicht einmal
in einer Ebene, sondern sie bilden in Gemeinschaft mit
zahlreichen Queranastomosen, Verzweigungen und Veräste-
lungen ein verworrenes Netzwerk, welches die ganze Mittel-
schicht unserer Thiere durchsetzt. Dabei sind die Kanäle
bald eng, bald weit, bald als feine Linien kaum erkenn-
bar, bald als ziemlich breite Bahnen sofort ins Auge fal-
lend. Nur in der Schwanzregion kommt ein besonders
starker Stamm jederseits zur Entwicklung, der die kleine-
ren Canäle allmählich zu sammeln scheint, um sich in der
terminalen Proglottis nach aussen zu öffnen und seinen
Inhalt durch die Contraktion des gesammten Wurmkörpers
nach aussen zu entleeren. Nach dem Kopfe hin konnte
ich dagegen nirgends eine oder mehrere constant auftre-
tende stärkere Gefässe nachweisen, wie es mir denn auch
nicht gelungen ist, im Kopfe selbst ein Ringgefäss oder
einen Plexus solcher mit Bestimmtheit zu erkennen^).
1) St eu den er, pag. 290.
2) Nachdem diese meine Arbeit bereits vollendet war, gab
264 Franz Kiessling:
Was den histologischen Bau dieser eben beschriebenen
Gefässe betrifft, kann ich nur erwähnen, dass dieselben
aus einer zarten, cuticulaartigen, elastischen Membran be-
stehen und eine klare Flüssigkeit in sich bergen.
Da mir zumeist nur gehärtete Objecte zur Verfügung
standen, ist mir die Nachweisung von Wimpertrichtern,
wie diese früher schon, allerdings nicht ganz richtig, durch
Schneider 1) und Andere, zuletzt von vielen Cestoden
mir Herr Dr. Riehm, den ich in Halle besuchte, einige Aufschlüsse
über den excretorischen Apparat der Schistocephaluslarve mit der
Erlaubniss, dieselben hier vorläufig mitzutheilen, und da ich die
diesbezüglichen Injectionspräparate selbst in Augenschein genommen
und mich von der Richtigkeit seiner Angaben überzeugt habe, so
trage ich kein Bedenken, von seiner Erlaubniss Gebrauch zu machen,
„Der excretorische Apparat setzt sich aus einer ungemein grossen
Zahl ungeordneter und mannigfach verzweigter Canälchen zusammen,
welche in ihrem Verlaufe ein Maschenwerk bilden, wie es nicht ein-
mal annähernd von irgend einem Cestoden bekannt ist; denn wenn
auch Dipylidium latissimum schon durch die Verzweigung seiner
Gefässe auffallen muss, so ist doch das Gefässsystem von Schisto-
cephalus dimorphus noch ganz ungleich reicher an Aesten und Aest-
chen, schon darum, weil es nicht auf eine Ebene beschränkt ist,
sondern die ganze Binnenschicht des Thieres erfüllt. In jedem
Gliede befindet sich rechts und links im Seitenrande eine
Mündung des Apparates ähnlich den Stigmen der Insekten, so
dass eine Anzahl von Canälchen sich vereinigen, um mittelst eines
gemeinsamen Stämmchens ihren Inhalt zu entleeren. Die letzten
Proglottiden werden dadurch sehr entlastet und zeigen verhältniss-
mässig wenig Gefässstämme, welche dicht nebeneinander in der ter-
minalen Proglottis münden. Ein Gefässring im Kopfe fehlt; die
Gefässe sind dort vielmehr äusserst eng, aber um so zahlreicher,
und umfassen das Vorderende der Mittelschicht korbartig."
Herr Dr. Riehm gedenkt seine Untersuchungen über den
Gefässapparat dieses Cestoden und zahlreicher anderer später zu
veröffentlichen und abzubilden.
Ich will nur noch erwähnen, dass seitliche Oeffnungen des
Excretionsapparates in ähnlicher Weise auch bei anderen Cestoden
durch Wagen er (Entwicklung der Cestoden, Breslau 1854), Leuckart
(die Blasenbandwürmer und ihre Entwicklung, Giessen 1856) und
Hock (Niederl. Archiv für Zoologie, 1879. Bd. V) beschrieben
worden sind.
1) Schneider, Untersuchungen über Plathelminthen p. 29.
üeb. d. Bau von Schistoc. dimorphiis Cr. u. Lig. simplicissima R. 265
durcli Pin tu er 0 und, wenn auch in etwas abweichender
Weise, durch Fraipont^) beschrieben worden sind, nicht
möglich gewesen. Ich schliesse mich aber der Vermuthung
Pintner's, dass Ligula (und dasselbe gilt auch von ScMsto-
cephalus) in Betreff des Vorhandenseins dieser Organe keine
Ausnahme machen werden, auf Grund meiner Beobach-
tungen an.
Diese Kenntniss des Excretionsapparates verdanke
ich nur der Untersuchung der Larven von Schistocephalus
und Ligula. In geschlechtsreifen Thieren, in denen der
reproduktorische Apparat fast die ganze Mittelschicht er-
füllt, habe ich wohl, vorzüglich auf Flächenschnitten, noch
einige vereinzelte Stücke der Excretionsgefässe gesehen,
aber immer nur ganz kurze Strecken hindurch verfolgen
können. Auf Querschnitten entzogen sie sich ganz der
Beobachtung. Sie sind im geschlechtsreifen Thiere so ver-
engt, dass sie inmitten des sich mächtig ausbreitenden
sexuellen Apparates nur schwer zu erkennen sind.
Greschlechtsorgane.
Die Analysirung des Geschlechtsapparates von ScJiisfo-
cephalus und Ligula war nicht mühelos, da infolge der
ausserordentlichen Kürze der Glieder die einzelnen Theile
desselben sehr zusammengedrängt sind. Auch ist es mir
nicht gelungen, mittelst gelinder und methodischer Com-
pression von gefärbten Gliederketten nur leidliche Präpa-
rate zu erhalten, wie sie ja von vielen Platyhelminthen
hergestellt und zur allgemeinen Orientirung über den
sexuellen Apparat mit Vortheil verwendet werden können.
Ich habe mich daher, wie schon oben erwähnt, in der
Hauptsache der Methode des Transversal- und Horizontal-
schneidens bedienen müssen.
Da unsere Thiere, wie alle Cestoden, zu den Herma-
1) Pintner, Untersuchungen über den Bau des Bandwurm-
körpers. Mit bes. Berücksichtigung der Tetrabothrien und Tetra-
rhynchen. Wien 1880. p. 23.
2) Fraipont, Recherches sur l'appareil excreteur des Tre-
matodes et des Cestoides. Arch. de Biologie 1880.
266 Franz Kiessling:
phroditen gehören, so kommen bei ihnen sowohl männliche
wie weibliche Organe in Betracht, und zwar münden er-
stere durch eine (Cirrus), letztere durch zwei (Vagina und
Uterus) Oeffnungen nach aussen. Es befinden sich aber
nicht, wie dies von Taenien beschrieben worden ist, Samen-
leiteröffnung und Eingang zur Vagina in einem gemein-
schaftlichen Sinus genitalis, sondern alle drei Geschlechts-
öffnungen münden vollkommen gesondert auf der Seite des
Gliedes, die man im Gegensatze zur Rückenfläche als ven-
trale zu bezeichnen pflegt. Da die Glieder ausserordentlich
kurz sind, d. h. der Geschlechtsapparat in nur kurzen
Abständen sich wiederholt, so ist auch die Lage der Mün-
dungsstellen eine dem entsprechende: Vagina- und Uterus-
öffnung liegen, wie auch schon von Leuckart^) beob-
achtet worden ist, beim geschlechtsreifen Thiere seitlich vom
Cirrus (Fig. 8); alle drei also in einer Linie, welche in
der Breite des Thieres verläuft (Fig. 1, 2, 8. C. V. U).
Die männliche und die weibliche Scheidenöffnung von
Schistocephalus liegen nahe bei einander, und zwar ist die
letztere von der ersteren meist 0,0462 mm entfernt, wäh-
rend der Uterus 0,154 mm seitlich von der Vaginalöffnung
mündet. Jedoch ist die Lage dieser Mündungen in der
ganzen Gliederkette keine constante. Vagina und Uterus
können nämlich sow^ohl rechts als links vom Cirrus mün-
den, natürlich in der Weise, dass die Vaginalöffnung immer
zwischen Uterus- und Cirrusmündung sich befindet. Auf
Präparaten, auf denen ich die Lage der Mündungen durch
eine Anzahl Glieder verfolgen konnte, sah ich die Vagina-
und Uterusöffnung siebenmal links vom Cirrus liegen,
dann einmal in gleicher Entfernung rechts von demselben,
dann wieder mehrmals links; auf anderen Präparaten je-
doch konnte ich ihre rechtsseitige Lage drei, vier und
noch mehrmal hintereinander constatiren.
Bei Ligula wird von Donnadieu, wie das bei der
von ihm gegebenen Darstellung des Geschlechtsapparates,
auf welche ich unten zurückkommen werde, nicht anders
zu erwarten ist, nur eine Geschlechtsöffnung angenommen;
1) Leuckart, Parasiten. II. Bd. 2. Aufl. pag. 393.
üeb. d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. u. Lig. simplicissima R. 267
jedoch sind hier die Verhältnisse in Bezug auf Zahl und
Lage dieser Mündungen ganz dieselben wie bei ScJiisto-
cephalus. Ebenso findet auch ein Wechsel ihrer Lage
statt. Auf einem mir vorliegenden Präparate wechseln
links- und rechtsseitige Lage von Vagina- und Uterusöff-
nung zweimal mit einander ab, alsdann sind dieselben
zweimal links, fünfmal rechts, viermal links, einmal rechts,
einmal links, dreimal rechts, einmal links, zweimal rechts
und viermal links von der männlichen Oeffnung zu finden.
Eine Regelmässigkeit betreffs ihrer Lage findet also auch
nicht statt.
Bei der Larve von Schistocephdlus dimorphus findet
man indessen die Oeffnungen des Geschlecbtsapparates in
einer etwas anderen Lage. Es liegt hier nämlich die
Vagina noch hinter dem Cirrus und nur der Uterus mündet
seitlich desselben (Fig. 7), so dass die drei Oeffnungen
die Ecken eines rechtwinkligen Dreiecks bezeichnen, dessen
Hypotenuse die Distance Cirrus-Uterus, dessen grössere
Kathete die Distance Vagina-Uterus, und dessen kleine
Kathete die Distance Cirrus- Vagina bilden. Warum mit
der Geschlechtsreife des Thieres die Vagina sich so ener-
gisch verschiebt, kann ich nicht angeben; doch bleibt ein
so sonderbares Verhalten immerhin bemerkenswerth.
Ich wende mich nun zur Beschreibung der einzelnen
Theile des sexuellen Apparates selbst.
Der männliche Geschlechtsapparat
umfasst die Hoden und deren Ausführungsgänge, sowie
den, letztere aufnehmenden Samenleiter mit seinem mus-
kulösen Endapparate.
Die Hoden.
Diese befinden sich in einfacher Lage in geringen
Abständen von einander innerhalb der Mittelschicht. Sie
breiten sich vorzüglich in den Seitenfeldern aus, dringen
aber vereinzelt auch hinein ins Mittelfeld, soweit dies nicht
von den übrigen Theilen des sexuellen Apparates in An-
spruch genommen wird. In der Larve (Fig. 3 u. 4. t) sind
268 Franz Kiessling:
sie mehr zur Rückenfläche gedrängt, während sie im Zu-
stande der grössten Entwicklung fast die ganze Mittelschicht
beider Seitentheile einnehmen. Wenn auch die Zahl der
zu einem Geschlechtsapparate gehörigen Hodenbläschen bei
der dichten Lage derselben und der geringen Abgrenzung
der kurzen Glieder innerhalb der Schicht dieser Organe
nicht angegeben werden kann, so ist doch so viel gewiss,
dass dieselbe eine immerhin beträchtliche sein muss. Ich
zählte auf Querschnitten jederseits 30 — 35.
Diese Hoden sind rundliche, ovale oder auch voll-
kommen unregelmässige Bläschen, die von einem hellen,
feinen, aber doch deutlich erkennbaren Häutchen umgeben
sind. Hatten dieselben in den jungen Thieren einen Durch-
messer von 0,016—0,066 mm, so erweitern sie sich bei
geschlechtsreifen Exemplaren bis zu 0,149 mm Durchmesser.
Sie sind mit Samenelementen in den verschiedensten Sta-
dien ihrer Entwicklung erfüllt. Am meisten fallen zwei bis
drei grosse, dunkel gefärbte, lang gestreckte, fast schlauch-
förmige Zellen auf, die, wenn auch dicht an einander und
vorzüglich auch dicht an die gemeinsam umhüllende Mem-
bran angelagert, doch meist wieder ein helles, umhüllendes
Häutchen erkennen lassen. Sie zeichnen sich aus durch
6 — 8, am häufigsten peripherisch gelagerte Kerne. In-
mitten der Bläschen sieht man immer kleine, blasse, ho-
mogene Zellen von höchstens 0,008 mm Durchmesser.
Ausserdem sah ich in vielen Hoden noch eine kugelförmige,
ebenfalls von einem feinen Häutchen umgebene Zelle von
0,016 mm Durchmesser, die an ihrem äusseren Rande voll-
kommen homogen und hell, in der Mitte aber dunkel und
fein granulirt erschien. Nur in wenig Hodenbläschen be-
merkte ich zwei solcher kugelförmigen Zellen. Wo sich
solche vorfanden, hatte die Zahl der anderen, weiter oben
beschriebenen sich immer vermindert und an ihren Stellen
befanden sich Hohlräume.
Die Hodenbläschen von Ligula sind ganz so beschaffen
wie die von Schistocephalus. Die wenigen Angaben, welche
Donnadieu*) darüber macht, werden hierdurch zum Theil
1) Do nn adieu, Contribution etc. p. 483.
Ueb. d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. u. Lig. simplicissima R. 269
bestätigt. Aber einen Unterschied zwischen den der Mittel-
linie zunächst liegenden und den entfernteren, welch letz-
tere er als unfruchtbar bezeichnet, habe ich nicht wahr-
nehmen können. Ich habe vielmehr gefunden, dass selbst
die den Seitenrändern zunächst liegenden Hoden den übrigen
vollkommen gleichen und auch Samen produciren, der
fortgeleitet wird und am Befruchtungswerke Theil nimmt.
Auf die irrige Ansicht Donnadieu's, dass die Mem-
branen der Hodenbläschen zersprängen, um die Samen-
elemente ins Parenchymum treten zu lassen, in dessen
Maschen sie fortwanderten bis zum Anfange der Samen-
röhren, werde ich unten zurückkommen.
Samenleiter.
Dicht unter der dorsalen Muskellage verläuft inner-
halb der Mittelschicht jederseits das vas deferens, ein bis
ziemlich in die Seitenränder verfolgbarer, sich mehrfach
schlängelnder Schlauch, der sich wiederholt verzweigt, bis
seine feinsten Ausläufer sich endlich mit den Hoden in
Verbindung setzen (Fig. 1. 2. V. d). Die letzteren hängen
wie kleine Beeren an äusserst feinen Stielchen, den vasa
efferentia, welche wieder in stärkere eingelenkt sind, die
alle von einem gemeinschaftlichen Stämmchen, dem vas
deferens, getragen werden. Der eine der Samenleiter geht,
sich mehrfach windend, stets zwischen der dorsalen Muskel-
wandung und den Uteruswindungen hin, um dann, an der
Seite des letzteren fast parallel mit dem von der anderen
Seite kommenden vas deferens in wenig Windungen eine
kurze Strecke senkrecht gegen die Bauchfläche empor-
steigend, in eine Samenblase zu münden, welch letztere
das Sperma in den vom Cirrusbeutel umhüllten Cirrus
eintreibt.
Die aus den Hoden kommenden vasa efferentia haben
einen Durchmesser von 0,003 — 0,006 mm und sind von
einer glashellen, zarten, dehnungsfähigen Haut umgeben,
die ganz den Wandungen der vasa deferentia gleicht. Der
Durchmesser der letztgenannten Röhren ist sehr verschie-
den, jedoch beträgt er nie mehr als 0,038 mm. Die Samen-
leiter sind keineswegs immer am stärksten an den Mündungs-
270 Franz Kiessling:
stellen, sondern zeigen auch vorher manchmal infolge von
Samenauhäufungen Anschwellungen, deren Stärke diejenige
an der Mündungsstelle noch übertrifft. Man kann sie
übrigens schon bei sehr jungen Larven betrachten, wo sie
als dunkel gefärbte, blind endigende Stränge erscheinen ;
dass sie sich noch nicht mit den Hoden in Verbindung
gesetzt haben, brauche ich wohl nicht besonders zu be-
merken, dagegen kann man aber ihren Verlauf nach der
andern Seite hin bis zu den muskulösen Endapparaten
leicht beobachten.
Ehe die beiden vasa deferentia in den Cirrusbeutel
münden, treten sie gesondert in eine dickwandige Blase
von 0,092 mm Durchmesser, die uns stets die Gestalt einer
Kugel entgegenträgt (Fig. 2. 3. 9. Sb). Ihre Wandung
besteht aus einer Reihe von Pol zu Pol verlaufender
Muskelfasern. Da dieselben dicht über einander gelagert
und stets dunkel gefärbt erscheinen, ist sie vollkommen
undurchsichtig. Wir haben hier ein Samenreservoir, das
infolge seiner Form als kräftiger Hohlmuskel zugleich
befähigt ist, durch Druck den Samen in den fast senkrecht
aufsteigenden Leitungswegen weiter zu befördern. Es ist
dies derselbe Körper, den S o m m e r - L a n d o i s ^) bei Bo-
thriocephaliis latus als hinteren unteren Hohlmuskelapparat
beschrieben haben und der von anderen Forschern der
kugelförmige (Leuckart) oder glockenförmige (Böttcher)
Körper genannt worden ist.
Ueber den sich daran schliessenden Cirrusbeutel mit
dem Cirrus (Fig. 1—4 u. 9. C) geben Querschnitte genü-
gende Auskunft. Er ist von spitzeiförmiger Gestalt und
so gelagert, dass sein grösster Durchmesser fast senkrecht
gegen die ventrale Fläche gerichtet ist, und zwar ist der
letzteren sein spitzeres, der dorsalen Fläche hingegen sein
stumpferes Ende zugewandt. Seine Länge von Pol zu Pol
misst 0,347 mm, seine grösste Breite dagegen beträgt
0,192 mm.
Seine Wandung wird gebildet von einer dicken Muskel-
schicht, deren Fasern die Richtung von Pol zu Pol ein-
1) Soramer-Landoi8, lieber den Bau etc. pag. 54.
üeb. d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. u. Lig. simplicissima K. 271
schlagen (Fig. 9. Lm), und einer ziemlich lockeren Muskel-
schicht innerhalb der ersteren, welche aus Ringfasern be-
steht (Fig. 9. Rm). Ohne Zweifel dient dieser muskulöse
Endapparat dazu, den Penis behufs der Begattung hervor
zu treiben und wieder zurück zu ziehen. Er wird in
seiner ganzen Länge vom Samenleiter durchzogen (Fig. 9.
V. d), der im hinteren Theile mehrere Windungen macht,
dann aber mehr gestreckt verläuft. Das zugespitzte vor-
dere Ende entwickelt sich zu dem vorstülpbaren, vom
Cirruscanale durchzogenen Begattungsorgane, dem eigent-
lichen Cirrus.
Cirrusbeutel und das daran sich schliessende Samen-
reservoir finden wir auch schon bei der Larve von Schisto-
cephalus ; das letztere in derselben Grösse und Gestalt wie
beim geschlechtsreifen Thiere, den ersteren vollkommen
kugelförmig und kleiner als daselbst, da er einen Durch-
messer von nur 0,192 mm besitzt. Beide stehen noch voll-
kommen senkrecht auf der ventralen Fläche und werden
erst durch den sich mächtiger entwickelnden Uterus seit-
lich gedrängt.
Der oben beschriebene Apparat ist bei Ligula in allen
seinen Theilen ebenso beschaifen wie bei Schistocephalus^
mit dem einzigen Unterschiede, dass der ersteren vasa
deferentia sich schon vor ihrem Eintritte in das Samen-
reservoir vereinigen ').
1) Hierdurch erweisen sich die Angaben Donnadieu's (Con-
tribution etc. p. 481 ff.) über diesen Gegenstand als vollkommen
irrige. Derselbe schreibt ungefähr folgendermaassen: der Samen
gelangt durch Zerreissen der Hodenmembran und Fortwanderung
in den Maschen des Pareuchyms bis zu den zwei leitenden Röhren,
deren wenige Verzweigungen frei im Parenchym endigen. Die Sa-
menleiter selbst schlängeln sich vielfach und nehmen nach dem Ende
hin immer mehr an Stärke zu, bis sie endlich gesondert in ein
beuteiförmiges Organ, die „matrice" einmünden. Sie sondern ein
schleimiges Sekret ab zur Einschliessung der Samen theilchen. Ihr
Dasein ist ein kurzes, da sie ihre Thätigkeit nur entfalten, um sich
fünf Stunden nach ihrem Entstehen selbst wieder zu verschlucken,
eine Procedur, welche an den Anfangstheilen beginnt und in ganz
kurzer Zeit vollendet ist. Auch die weiblichen Röhren, von welchen
272 Franz Kiessling:
Der weibliche Gesclileclitsapparat
unserer Parasiten lässt, wie bei allen Botliriocepbalen,
ausser den drei, die Materialien zur Eibildung liefernden
Drüsen (Eierstock, Dotterstock und Scbalendrüse) nocb
Vagina und Uterus erkennen.
Die Vagina.
Die Vagina (Fig. 1. 2. V), deren Vorbandensein aucb
bei sebr jungen Larvenformen constatirt werden kann, bat
eine meist läuglicb runde Oeffnung von 0,015—0,038 mm
Durchmesser. Sie verläuft zwiscben Uterus und Cirrus
eine kurze Strecke abwärts, biegt dann seitlicb um und
verläuft dicbt an der ventralen Ringmuskellage in fast
horizontaler Richtung nach dem Seitenrande zu, macht
noch unterhalb des mittleren Theiles des Keimsackes eine
in der Horizontalebene liegende Windung nach der hin-
teren Seite des Gliedes und geht dann wieder in etwas
schräger Richtung abwärts nach der dorsalen Fläche, um
in den Ausführungsgang des Keimstockes einzumünden.
Ein Receptaculum seminis oder eine blindsackartige
Erweiterung, wie sie bei Bofhriocephalus latus nachgewiesen
wird, ist nicht vorhanden. Wohl ist die Vagina an ein-
zelnen Stellen erweitert, so dass ihr Durchmesser zwischen
0,009 — 0,021 mm variirt; ja, bei Ligula sah ich sie sogar
einmal 0,046 mm stark, was jedoch nur in dem verschie-
denen Füllungsgrade mit Samenflüssigkeit seinen Grund
hat. Am häufigsten zeigten sich solche Anschwellungen
in der Mitte des letzten, in schräger Richtung abwärts
verlaufenden Theiles der Vagina, während die Mündungs-
stelle sich dann stets wieder verengerte.
Ihre Umhüllung ist ähnlich der des Samenleiters,
nur erscheint sie etwas stärker und dichter als diese und
ist ausserordentlich dehnbar.
icb später noch einmal zu reden haben werde, vollführen ein gleiches,
so dass nur wenige Spuren am Ende in der Nähe der raatrice noch
Zeugniss geben vom früheren Dasein der tubes seminanx und tubes
ovariens.
Ueb. d. Bau. von Schistoc. dimorphiis Cr. u. Lig. aimplicissima R. 273
Bei Donn adieu geschieht der Vagina von Ligula
keine Erwähnung, ohwohl auch hier eine solche vorhanden
ist, die in ihrem Verlaufe ganz der oben von Schistoce-
phalus beschriebenen gleicht.
Der Eierstock.
Der Eierstock (Fig. 1. 2, 4. K) ist bei Schistocephälus
wie fast bei allen bekannten Cestodenformen in doppelter
Anzahl vorhanden. Er wird repräsentirt durch jene beiden,
symmetrisch rechts und links von der Mittellinie gelagerten
Flügel, welche der Mittelschicht angehören und der ven-
tralen Quermuskulatur dicht aufliegen. Auf Querschnitten
erscheinen sie wie zwei, hauptsächlich in den Seitenfeldern
sich ausbreitende Dreiecke, die durch Verlängerung ihrer
an der Ventralfläche liegenden Grundlinie verbunden sind.
Vorzüglich sieht man diese Gestalt auf Querschnitten der
Larve. Die Grundlinien der Dreiecke, denen auch die Ver-
bindungslinie an Grösse gleicht, sind ungefähr je 0,462 mm
lang, während die der Mittellinie zugewandten Seiten, die
mit ersterer einen Winkel von ungefähr 45" bilden, 0,154 mm
gross sind; die dritten Seiten aber, mit den kleinsten in
einem stumpfen Winkel stehend, 0,3 mm messen.
Beide Eierstöcke entsenden also gegen einander einen
beide verbindenden Gang, von dessen Mitte der ausführende
Canal (Fig. 1. 2. 0') seinen Anfang nimmt. Der letztere
verläuft, ein wenig sich schlängelnd und begleitet von der
Vagina und dem Sammelrohre der Dotterstöcke, in schräger
Richtung nach der dorsalen Seite des hinteren Gliedrandes
zu. Er ist ein anfänglich dünner Canal von höchstens
0,013 mm Durchmesser, erweitert sich aber nach Einmün-
dung der Vagina zu einem länglich runden Räume von
0,06 mm Länge (Fig. 1. 2. 0") und einem grössten Durch-
messer von 0,038 mm, der in eine 0,023 mm weite Schlinge
umbiegt (Fig. 1. 2. 0'"), in welche dicht neben einander
die Produkte von Dotterstock und Schalendrüse aufgenom-
men werden.
Die Keimstöcke selbst sind nach dem Typus der
röhrenförmigen Drüsen gebaut, denn sie bestehen aus einer
Anzahl einfacher, blind endigender oder mit einander
Archiv f. Naturg., XXXXVIII. Jahrg. 1. Bd. 18
274 Franz Kiessling:
commuuicirender Gefässe, die durch ihre verschiedenen
Verschlingungen mit einander ein dichtes Geflecht von
Röhren bilden, das bei oberflächlicher Betrachtung wie
ein compakter Körper aussieht. Schnitte der Larve unseres
Thieres, bei der die Schläuche meist noch isolirt und we-
niger unter einander verflochten sind, lassen über die
wahre Natur dieses Organes nicht in Zweifel. In der
Larve beträgt der Durchmesser dieser Schläuche höchstens
0,023 mm, während er im geschlechtsreifen Thiere 0,03 —
0,038 mm misst. Sie sind umgeben von einer glashellen,
strukturlosen Membran und erfüllt mit den Eikeimen, Zellen
von 0,009 mm Durchmesser, die einen verhältnissmässig
grossen Kern erkennen lassen, der oft 0,006 mm misst.
Alle bisher besprochenen Theile des sexuellen Appa-
rates von Ligida zeigen nur unwichtige Verschiedenheiten
von denen des Schistocephalus, dagegen ist der Eierstock
von Ligula merkwürdiger Weise, wie schon Leuckart
bemerkte^), nur ein einfacher, und dies dürfte um so mehr
auffallen, als derselbe durchaus nicht symmetrisch zu seiner
Ausführungsstelle liegt und in Folge dessen auch nicht
als aus paariger Anlage entstanden betrachtet werden kann,
wie das von Riehm^) gelegentlich der Beschreibung von
Taenia rhopalocephala geschehen konnte, sondern es ent-
spricht derselbe vielmehr nach Lage und Gestalt vollkom-
men einem der beiden Eierstöcke von Schistoeephalus.
Der Eierstock ist natürlich dasselbe Organ, w^elches
Donnadieu^) als Eiröhren beschreibt. Nach ihm ver-
laufen jederseits zwei, die Eikeime bereitende Röhren,
welche die Samenleiter bis zu deren Enden begleiten, wo
sie sich dann erweitern und zu einem flaschenförmigen
Körper, dem Uterus, vereinigen. Ueber das Schicksal
dieser Röhren habe ich schon weiter oben, als ich seine
Ansichten über den Samenleiter vorführte, referirt, und ich
brauche auf die Irrigkeit seiner Beschreibungen hier wohl
nicht näher einzugehen.
1) Leuckart, Parasiten, II. Band pag. 405.
2) Riehm, etc. pag. 12.
3) Donnadieu, Contribution etc. pag. 484.
Üeb, d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. u. Lig. simplicissima R. 275
Es ist in der Tbat nur ein einfacher, asymmetrischer
Eierstock vorhanden und erstreckt sich derselbe bald nach
der rechten, bald nach der linken Seite hin. Dieser Wechsel
ist jedoch keineswegs ein regelmässiger, vielmehr ist das
Verhältniss hier ganz so wie bei der wechselnden Lage
der üterusmünduug.
Dotterstock.
Der Dotterstock*) (Fig. 1—4. d) gehört, wie wir
schon oben zu erwähnen Gelegenheit hatten, mit Ausnahme
des Endstückes der Dottergänge der Rindenschicht an,
und zwar breitet er sich, wie vorzüglich auf Querschnitten
ersichtlich, zwischen Längsmuskulatur und der sogenannten
Subcuticula aus. Von den bei der Larve von Schistoce-
plidlus in grösseren oder geringeren Entfernungen von ein-
ander verlaufenden feinsten Quermuskelstreifen ist beim
geschlechtsreifen Thiere nur selten etwas zu bemerken,
da sie durch die Dotterkammern vollkommen verdeckt wer-
den. Lässt er bei JBothriocephalus latus das Mittelfeld frei
und breitet sich nur über die Seitenfelder der beiden Glied-
flächen aus, den Umfang des ersteren auf diese Weise
bezeichnend, so verbreitet er sich bei ScMstocephalus über
die ganze dorsale Fläche und ist nur in dem mittleren
Theil der ventralen nicht vorhanden. Eine Abgrenzung
der Dotterstöcke für die einzelnen Glieder ist nicht wahr-
zunehmen, ebenso wenig, wie dies bei den Hoden mög-
lich ist.
Der Dotterstock besteht aus einer Anzahl in ein-
facher Lage neben einander liegender Säckchen, deren
grösster Durchmesser senkrecht auf die Gliedflächen ge-
richtet ist und ungefähr 0,107 mm beträgt, während der
kleinere höchstens 0,056 mm misst. Betrachtet man diese
Dotterkammern auf Flächenschnitten, so haben sie immer
annähernd den letzteren Durchmesser. Dass sie in der
eben beschriebenen Weise comprimirt sind, scheint nicht
ohne Einfluss der in fast regelmässigen Abständen von
einander verlaufenden Sagittalmuskeln vor sich gegangen
1) Donnadieu hat denselben vollkommen übersehen.
27ß Franz Kiessling:
ZU sein. In den Larven sind sie noch ziemlich kugel-
förmig und haben einen Durchmesser von höchstens 0,038
mm. Sie sind daselbst bei Schistocephalus^ wie aus Fig. 3. d
ersichtlich, auch noch nicht so hoch gegen die Gliedfiächen
gelegen wie beim geschlechtsreifen Thiere, denn es breiten
sich oberhalb derselben noch die lockeren Längs- und
Quermuskeln aus, welche ich oben beschrieben habe. Bei
weiterer Entwicklung müssen sie sich also zwischen die-
selben hindurch drängen, wenn auch nicht immer voll-
kommen, da häufig genug zu bemerken ist, dass sie im
Zustande der Füllung, in welchem sie nach allen Seiten
hin Ausbuchtungen zeigen, in die lockere Längsmuskulatur
hinein vorspringen. Bei Ligtila breiten sie sich jedoch
schon in der Larvenform in nächster Nähe der beiden
Gliedflächen aus (Fig. 4. d).
Die Dotterkammern entleeren ihre Produkte in ein
ausgedehntes, vielfach verzweigtes System von Röhren,
das sich zwischen Dotterkammern und Längsmuskulatur
ausbreitet und ununterbrochen im ganzen Thiere fortsetzt.
Es sind dies die Dottergänge, die an ihrem körnigen Li-
halte sofort erkennbar sind. Diese Röhren, welche auf der
ventralen Fläche nicht unbedeutend au Stärke zunehmen,
treten endlich in das von Dotterkammern entblösste Mittel-
feld derselben, wo alsdann durch ihre mannigfachen Win-
dungen und durch Vereinigung der von verschiedenen
Seiten kommenden Dottergänge (eine Vereinigung, die sich
meist auf mehrere Glieder erstreckt) die eigenthümlichsteu
Figuren entstehen. Besonders schön habe ich das bei
Ligida beobachten können (Fig. 5. D), wo die einzelnen
Dottergänge sich meist zu einem ringförmigen Canale ver-
einigen, der die drei Geschlechtsöffnungen umgiebt. Von
einem dieser, durch Vereinigung mehrerer Dottergänge
entstandenen Hauptdottergänge, welche sich im Mittelfelde
befinden ~ bei Ligula meist von dem oben erwähnten
Ringcanale aus — geht ein Leitungsweg ab (Fig. L 2. D'),
welcher die ventrale Muskel läge durchbricht, um in die
Mittelschicht einzutreten. Dort geht er in mehrfachen
Windungen, welche aus Fig. 2. D' ersichtlich, in schräger
Richtung abwärts, um, an seinem Ende etwas zugespitzt,
üeb. d. Bau von Schistoc. dimorphas Cr. u. Lig. sirapliuissima R. 277
mit der Schalendrüse zugleich in die Schlinge einzumün-
den, vermittelst welcher der Befruchtungscanal in den
Uterus umbiegt. Eine vor der Mündung gelegene am-
pullenartige Erweiterung, wie sie bei Bothriocejjhalus latus
zu finden ist, habe ich bei unseren Thieren nie be-
obachtet.
Hatten die direkt aus den Dotterkammern kommen-
den Canäle einen Durchmesser von 0,003 mm, so steigt
derselbe bei den in das Mittelfeld eingetretenen und bei
dem unpaaren Sammelrohre bis 0,023 mm, "Dottergänge
sowohl wie Dotterkammern sind von einem zarten homo-
genen Häutchen umgeben, der Inhalt der letzteren besteht
aus einer grossen Anzahl Zellen, den Dotterkügelchen,
welche bei verschiedener Grösse ein grobkörniges Aus-
sehen haben und bald vereinzelt, bald zu dichten Gruppen
zusammengedrängt sich vorfinden. Es sind dies dieselben
Gebilde, durch welche auch die Dottergänge ihr charak-
teristisches Aussehen erhalten.
Die Schalendrüse,
deren bei Donnadieu ebenfalls keine Erwähnung ge-
schieht, ist auch bei beiden Thieren gleichgebildet vor-
handen (Fig. 1. 2. S. d). Sie befindet sich innerhalb der
Mittelschicht in der Nähe der dorsalen Quermuskellage,
und zwar seitlich von den Windungen des Uterus. Die
ovale Drüse hat einen Durchmesser von 0,006 mm, und der
Ausführungsgang, in welchen sie sich fortsetzt, ist 0,016 mm
lang. Der letztere verläuft gestreckt nach der Schlinge,
durch welche der Ausführunsgang des Keimstockes in
den Uterus umbiegt, um gemeinschaftlich mit dem Dotter-
gange in dieselbe einzumünden.
Die Schalendrüse besteht aus Drüsenzellen, welche
wie an feinen Stielchen befindliche Bläschen an der Ober-
fläche einer Halbkugel angeordnet sind und ihre Stielchen
als Radien nach dem Mittelpunkte der Kugel senden.
Die Funktion dieser Drüse wird durch ihren Namen
genügend gekennzeichnet.
278 Franz Kiessling:
Uterus.
Jene oben beschriebene Schlinge, in welche der Aus-
führungsgang des Keimstockes umbiegt, erweitert sich bald
zu einem, zunächst in schräger Richtung nach der ven-
tralen Fläche aufsteigenden Canale, dem Uterus (Fig. 1. 2.
U). Derselbe breitet sich innerhalb der Mittelschicht bald
etwas mehr rechts, bald etwas mehr links von der Mittel-
linie aus, je nachdem die drei Geschlechtsöffnungen ihre
Lage wechseln. Er ist ein Schlauch, welcher mehrere
Windungen macht, deren Verlauf durch die beigegebene
Abbildung deutlicher wird wie durch die weitschweifigste
Beschreibung. Was die Stärke dieser Uterusröhre betrifft,
so ist leicht zu sehen, dass diese nicht überall gleich ist.
Ungefähr in der Mitte ihres Verlaufs ist sie ausserordent-
lich stark, denn sie hat einen Durchmesser von 0,087 mm.
Der letzte, ziemlich senkrecht nach der Mündung auf-
steigende Theil verschmälert sich allmählich, die Mündung
selbst aber hat einen grössten Durchmesser von 0,049 mm,
grade gross genug, um einem einzigen Ei, gleichgiltig in
welcher Lage es sich befindet, den Austritt zu gestatten.
Der Uterus ist umgeben von einer feinen, strukturlosen,
aber dehnbaren Membran, welche vorzüglich au solchen
Windungen, die von Eiern entleert sind, deutlich wahr-
zunehmen ist.
Die Eier sind grosse Gebilde, die meist in jeder
Farbmasse ihre gelbe Farbe bewahren. Sie sind länglich
rund, an den Polen aber bedeutend abgeplattet. Der Durch-
messer von Pol zu Pol misst 0,049 mm, während der senk-
recht auf diesem stehende 0,034 mm beträgt. Au dem
einen Pole kann man häufig das so ckarakteristische Deckel-
chen deutlich wahrnehmen. Die 0,003 mm starke Schale
umschliesst eine grosse Zahl kugeliger Zellen mit körnigem
Inhalte, die Zellen des Nahrungsdotters, in deren Mitte das
0,006 mm Durchmesser besitzende Ovulum liegt.
Das oben Mitgetheilte gilt in vollem Umfange auch
für den Uterus und die Eier von Ligula. Donnadieu
sagt, der erstere sei ein sackförmiges oder flaschenförmiges
Organ, in welches sich die Ei- und Samenröhren ergössen.
Ueb. d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. n. Lig, simplicissima R. 279
Dass ihn Quer- und Flächenschnitte, die bei oberfläch-
lichster Beobachtung des Uterus den Eindruck eines, sich
mehrfach windenden, schlauchförmigen Organes hervor-
rufen, nicht über die wahre Natur desselben aufgeklärt
haben, ist mir unverständlich. Wenn er ferner sagt, der
Uterus habe, vorzüglich in der Larvenform, die Gestalt
der Ziffer „Acht", so beruht dies wohl auf einer Ver-
wechslung. Er sieht die Anlage des Cirrus und des sich
dahinter entwickelnden Bulbus, welche beide Organe er
ja gar nicht nennt, als den sich entwickelnden flaschen-
förmigen Uterus an.
Erklärung der Abbilduuffen auf Taf. XIV u. XV.
Fig. 1. Proglottis von Schistocephalns dimorphus.
C Cirrus; V. d Vasa deferentia; t Hoden; K Keimstock;
0' Ausführungsgang der Keimstöckc ; 0" Erweiterung dieses
Ganges; 0'" Schlinge, vermittelst welcher der Ausführuugs-
gaug des Keimstockes in den Uterus umbiegt; V Vagina;
S d Schalendriise; d Dotterstock; D Dottergänge; D' Sam-
melrohr des Dotterstockes; U Uterus; N Nervensystem.
Fig. 2. Darstellung der Organisation von Schistocephalus cUmorpJins
in einem Querschnitte des Gliedes.
Sb Samenblase (die übrigen Bezeichnungen wie in Fig. 1).
Fig. 3. Querschnitt durch Schistocephalns dimorphus. Larve.
Cu' i\eussere Lage der Cuticula; Cu" Innere Lage der-
selben ; Sc Subcuticulare Bindegewebsschicht ; Hm Riug-
faseru des Hautmuskelschlauches ; Hm' Längsfasern des-
selben; M' Innerste Schicht der Quermuskulatur; M" Mitt-
lere Schicht derselben ; M'" Aeusserster, feinster Streifen
der Quermuskulatur; Lm' Innere Längsmuskelplatte; Lm"
Aeussere Lage der Längsmuskulatur ; Sm Sagittalmuskelu ;
E Excretionsgefässe (die übrigen Bezeichnungen wie in
Fig. 1 und 2).
Fig. 4. Querschnitt durch Ligida simplicissima. Larve.
Cu Innerste Schicht der Cuticula; Cu' homogene Schicht
derselben, fein punktirt; Cu'' dritte Schicht der Cuticula;
280 Franz Kieseling: Ueb. d. Bau von Schistoc. dimorphus Cr. etc.
Cu'" vierte Schicht der Cuticula; Lm Längenmuskulatur; M
Quermuskulatur (die übrigen Bezeichnungen wie in den vor-
hergehenden Figuren).
Fig. 5. Theil eines Flächenschnittes durch Ligula simplicissima.
(Geschlechtsreif.)
ü Uterus; D Dottergänge.
Fig. 6. Flächenschnitt durch den Kopf von Scldstocephalns dimor-
phus. (Larve.)
N Seitliche Nervenstränge; Ng Ganglion; Nc Commissur;
G einfache Vertiefung.
Fig. 7. Lage der Geschlechtsöfifnungen bei der Larve von Schisto-
cephalus dimorphus.
C Cirrus; V Vagina; U Uterus.
Fig. 8, Lage der Geschlechtsöffnungen beim geschlechtsreifen Schisto-
cephälus dimorphus.
Bezeichnung wie in Fig. 7.
Fig. 9. Muskulöser Endapparat des männlichen Ausführungsganges
von Schistocephalus dimorphus.
Rm Ringmuskulatur; Lm Längsmuskulatur (die übrigen
Bezeichnungen wie oben.
Herpetologisclie Bemerkungen,
Von
Dr. J. G. Fischer
iü Hamburg.
Hierzu Tafel XVI u. XVH.
I. Beiiierkuiigeii über einzelne Stücke der Schlau^en-
sammlun^ des Kön. Zoologischen Museums in Dresden.
Ueber einige dieser Sammlung angehörige Typen
neuer Arten ward früher berichtet^). Andere Stücke zeigen
von den Beschreibungen der Autoren gewisse Abweichungen,
die von allgemeinem Interesse sein dürften.
Unter den Kolubriden zeigt ein Exemplar (No. 271)
von Elaphis melamirus Schi, (von Siao auf Sangi) eine
abweichende Färbung :
Ganz schwarz, an Kopf und Nacken wenig heller.
Der schräge abwärts nach hinten gehende seitliche schwarze
Halsstreif beginnt nicht, wie meistens, an der hinteren
äusseren Seite des Parietale, sondern sein Anfang, der
von dem der anderen Seite nur um drei Schuppenreihen
entfernt ist, liegt in einer Entfernung vom hinteren Parietal-
saume, der gleich der Entfernung des letzteren von der
Schnauzenspitze ist. Die schwarzen Seitenflecken an her-
aufgebogenen Theilen von Bauchschildern fehlen gänzlich.
1) Archiv f. Naturgesch. XXXXVI. Jabrg. I. Bd. Chrysopelea
viridis Fisch, von Tabukan (Sangi) p. 222, Taf. IX, Fig. 13—17;
Dipsas subaeqiialis Fisch, aus Ogowe, Westafrika; pag. 224,
Taf. IX, Fig. 18-21.
282 J. G. Fischer:
Kinn, Kelilgegeud und Hals biis zum 30. Baucliscbilde gelb-
lich; nach hinten wird die Unterseite immer stärker dunkel
gesprenkelt, schliesslich ganz schwarz. — Sq. 21; Oc. 1—2;
Sup. lab. 9. — Anale nicht geteilt. Deutliche Kiele be-
ginnen in der Mitte des Körpers auf den Schuppen der
sechsten, auch auf einzelneu Schuppen der fünften Längs-
reihe.
Ein Stück (No. 359) von Pityophis deppei Mus.
pjerol. von unbekanntem Fundorte ist dadurch merkwürdig,
dass das Praefrontale jederseits mit dem Frenale ver-
schmolzen ist und bis zu den Lippenschildern herabreicht.
Tropidonotus spiloyaster Boie. Die auf Luzon
von Hrn.' Dr. A. B. Meyer gesammelten Stücke zeigen
folgende Abweichungen : Bei No. 324 sind von den Punkten
der Bauchschilder nur die seitlichen vorhanden, wie bei
21 subminiatus, von dem das Stück aber in der Pholidosis
durchaus abweicht. No. 356 und 357 (ebenfalls von Lu-
zon) zeigen die charakteristischen Punkte der Bauchschilder
nur in der ersten Körperhälfte. Diese beiden Schlangen
und No. 358 (bei der sich jene Punkte jedoch bis unter
den Schwanz erstrecken) zeigen ausserdem eine schiefe
schwarze Linie vom Auge längs der hinteren Oberlippen-
schilder, und einen median gelegenen hellgelben Fleck im
Nacken, vier Schuppen hinter den Parietalia.
Tropidonotus picturatiis Schlg. Unter den ver-
schiedeneu auf Jobi und Neu-Guinea von Hrn. Dr. Meyer
gesammelten Stücken ist No. 260, ein junges von Dore
auf Neu-Guinea stammendes Exemplar, durch die Jugend-
färbung interessant. Eine schwarze Binde geht vom Nas-
loch durch das Auge über die Schläfe und die Spitze des
letzten Supralabiale; darunter eine helle, auch oben schwarz
gesäumte Binde zum Nacken; Kopfschilder fein schwarz
gesäumt; ein schwarzer Streif an der Grenze des 5. und
G. Supralabiale nach unten; eine aus schwarzen schrägen
nach hinten kleiner werdenden Längsstreifen gebildete
Binde auf dem dritten bis zum vierzehnten Bauchschilde.
Tropidonotus trianguligerus'RGmw. Drei Stücke
der Dresdener Sammlung sind durch die allmählich in
die Färbung der ausgewachsenen Exemplare übergehende
Herpetologische Bemerkungen. 283
Jugendzeichnung belehrend. No. 771 von Macassar, Süd-
Celebes, gesammelt von Hrn. Dr. Meyer, ist schwarz mit
drei weissen Längslinien bis zum Ende des Schwanzes;
die mittlere derselben nimmt die zwei dorsalen mittleren
Schuppenreihen ein, die beiden äusseren verlaufen je auf
den äusseren 1 — 2 Schuppenreihen und auf einem die
Ausdehnung der letzteren etwas übertreffenden Teile der
Bauchschilder; letztere sind in der Mitte weiss, ohne Punkte.
Die mittlere Rückenbinde ist anfangs wellenförmig. Vor
ihr, durch drei Schuppenreihen getrennt, ein weisser, fünf
Schuppen breiter Fleck hinter den Parietalia. Hinter den
Oberlippenschildern ein weisser vier Schuppen breiter
Fleck, der durch drei Schuppen von dem eben erwähnten
weissen Nackenfleck getrennt ist. — Schuppenformel: Sq.
9 0 70
21; Oc.l— 3; Lab.^; ~^-^; T. 2 + 2+4; V. 155 + Vi + ^-
Schuppen stark gekielt, auch die der äusseren Reihe.
8 Infralabialia jederseits mit Kinnfurchenschildern in Be-
rührung; von letzteren die des zweiten Paars grösser, als
die des ersten und stark divergierend, median durch eine
Reihe länglicher Schilder von dem ersten Bauchschilde
getrennt. Oberkieferzähne in ununterbrochener Reihe, die
letzten drei grösser.
Bei der sehr ähnlichen Schlange No. 777 aus Siao,
gesammelt von Hrn. Dr. Meyer, ist der Kopf bis zum
Ende des Frontale weiss, die mittlere Rückenbinde ist
nahe dem Nacken in noch grösserer Ausdehnung wellen-
förmig, in Anfange sogar schon in einzelne Flecken auf-
gelöst; die mittlere Bauchbinde schmaler als bei 771, so
dass die Bauchschilder in drei gleiche Teile geteilt er-
scheinen, von denen der mittlere weiss, die beiden äusseren
schwarz sind. Hinter den Supralabialia eine weisse, bis
hinter die Schläfengegend heraufsteigende, aber nicht den
ersten weissen Nackenfleck erreichende Halsbinde. Schup-
pen und Kopfschilder wie bei 771: Sq. 21; Oc. 1 — 3;
Lab. 9; -p^-,; V. 1624- Vi+^-
4.5.0 ^
Den Uebergang zu der Färbung erwachsener Exem-
plare bildet No. 783 von Siao (Dr. Meyer coli.). Dieselbe
284 J. G. Fischer:
hat aber 4 Postokiilaria. Die RückeDbiiide mehr und mehr
in die hellen Khombcnfiecken alter Exemplare aufgelöst;
Bauch wie bei 777 mit zwei dunklen Längsbiuden, deren
heller Zwischenraum gleich der Breite einer jeden der-
selben ist.
Tropidonotus taxispilottisHolhY. Von den Stücken
der Dresdener Sammlung sind vier Nummern (115 bis 118)
durch den Besitz von zwei Anteokularia bemerkenswerth,
der von Baird undGiard nur ausnahmweise beobachtet
wurde. Drei derselben (115, 117 und 118) haben ausser-
dem 27 Schuppenreihen statt der gewöhnlichen Zahl von 29.
Tropidonotus clirysargos Boie. Das der Jugend-
form (267, 31 7 j zukommende gabelförmige Nackenband
findet sich ausnahmsweise auch noch bei ausgewachsenen
Exemplaren (No. 266 aus Java).
Tropidonotus siihminiatas Reinw. Unter den
Stücken der Dresdener Sammlung hat No. 189, auf Java
von Hrn. von Schierb rand gesammelt, noch eine dritte
Punktlinie auf der Mitte des Bauches? — No. 199, aus
Bombay von dem Missionair Hrn. Alb recht eingesandt,
ist die von Günther (Catal. Colubr. Sn. 69) erwähnte
Varietät mit zwei gelben Seitenlinien von der Mitte des
Körpers bis zum Ende des Schwanzes.
Tropidonotus ehr y sargoi des Schlg. EinaufSiao
von Hrn. Dr. A. B. Meyer gesammeltes Stück (No. 325)
zeigt an den Seiten der Bauchschilder dunkle Längsstriche,
die zwei kontinuierliche Reihen bilden und entfernt an die
zwei Punktreihen von T. suhminiatus erinnern. Schuppen-
formel: Sq. 19; Oc. 1—3; Lab. 8.
Tropidonotus leheris L. Unter den Stücken der
Sammlung weicht ein von Dr. Mathe s von Galveston ein-
gesandtes Exemplar (No. 142) von den übrigen Formen ab
durch den Besitz von 17 Schuppenreihen (gegen 19) und
durch den Mangel der dorsalen hellen Mittelbinde.
Ischnognathus occipitomaculatus Stör. Ein aus
Mexico stammendes (Pieschel coli.) Exemplar, No. 1044,
weicht von der allgemein angenommenen Diagnose durch
den Besitz eines Frenale an jeder Seite ab.
Hypsirrliina enhydris Schneid. Unter den 15 von
Herpetologische Bemerkungen. 285
Celebes, Java, Bangkok etc. stammenden Stücken gehören
die aus Borneo (Banjermassiu, coli. A. Bach mann) her-
rührenden Exemplare (No. 722 bis 724) sämmtlich zu der
Varietas hilineata Gray.
Unter den Psammophiden sind zwei von Banjer-
massiu auf Borneo (coli. A. Bachmann) stammende Exem-
plare von Psammoäynastes ^9^^?^;er?f?en^^<5 Boie be-
merkenswerth durch eine schwarze nach dem Nacken
gehende Binde und durch den Mangel der symmetrischen
Kopfzeichnung.
Unter den Dryadiden zeigen sämmtliche Stücke von
Dromicus (Lygophis Fitz.) lineahis L. den Charakter
von B. dilepis Cope (zwei Anteokularia), welche Art
hiernach einzuziehen sein dürfte.
Unten den Dendrophiden der Sammlung ist ausser
der früher von mir beschriebenen Art (No. 871), Chryso-
2ielea viridis aus Tabukan auf Sangi, die grosse Suite
von JDenärophis punctitlatus Gray interessant (24 Num-
mern von Hrn. Dr. Meyer auf Celebes, Ternate, Mysore,
Jobi, Neu-Guinea gesammelt, 5 Nummern von Queensland
aus dem Museum Godeffroy). Viele Exemplare zeigen
nämlich ganz oder theilweise die Charaktere des auch
anderen Ortes nur als Varietät dieser Art aufgefassten *)
Dendr. striolatus Petr. No. 458—460 von Kordo (Mysore)
haben 9 Supralabialia, die Praefrontalia länger als die
Internasalia; No. 468 von Ansus auf Jobi zeigt 9 Supra-
labialia, davon das 5. und 6, an der Orbita. No. 472 von
Dore auf Neu-Guinea hat von den 9 Supralabialia das
4. und 5. an der Orbita. Zu bemerken ist ferner, dass
die aus Queensland herrührenden Stücke (No, 473 — 477)
sämmtlich dunkler gefärbt sind; bei ihnen ist ferner das
Gelb der Oberlippe nicht so scharf gegen die dunkle Farbe
der Schläfengegend abgesetzt, wie bei denen von anderen
Fundorten ; auch sind die Bauchschilder viel stärker ge-
kielt. — Unter den aus Passim (Neu-Guinea) stammenden
Originalexemplaren der Varietät: fasciatus Meyer (Mon.-
Ber. Berl. 1874, 11) zeigt No. 450 nur am ersten Kih'per-
1) s. Peters und Doria im Catalogo dei rettili etc. 1878. pg. 171.
286 J. G. Fischer:
dritteil die aufsteigenden Querbinden deutlich, während
No. 451 ganz mit striolatus Pet. übereinstimmt: 9 Supra-
labialia, davon 5. und 6. an der Orbita, Internasalia kürzer
als Praefontalia. Die der Varietät atrostriatus Meyer an-
gehörigeu, zu Ansus auf Jobi gesammelten Stücke zeigen
ebenfalls einige Abweichungen von der 1. 1. angestellten
Diagnose. 462 und 463 sind kaum durch die dunklere
Färbung des Kopfes vom Typus zu unterscheiden; 464 hat
9 Supralabialia, davon 4. und 5. am Auge ; der Kopf ist nicht
schwarz, sondern gelbgrau; am Rücken verläuft eine (im
Weingeist) hellblaue Längslinie. Sämmtliche (6 Nummern)
als von den Pelew-Inseln aus dem Museum Godeffroy einge-
sandten Stücke waren als Dendr. striolatus Pet. bezeichnet.
Unter den Dipsadiden sind namentlich die indischen
Arten gut vertreten (u. A. Dipsas irregularis Merr. in
39 Nummern von Java, Celebes, Sangi, Ternate, Neu-
Guinea, Jobi, Mysore, Ceram). Unter den sparsameren
afrikanischen Formen fand sich die früher von mir be-
schriebene Dipsas suhaequalis (No. 1040) aus Ogowe, West-
Afrika.
Unter den Schlangen der übrigen Familien erwähne
ich nur folgende als bemerkenswerth :
Ein Exemplar (No. 835) von Naja liaje L. von unbe-
kanntem Fundort zeigt insofern eine kleine Variation der
Kopfschilder, als sich unterhalb des Auges zwei kleine
Subokularia von den Lippenschildern abgetrennt haben.
Die zahlreichen Exemplare von Tropidolaemus macu-
latus Gr. u. Tr. suhannulatus Gr. weisen so allmähliche
Uebergänge der Färbung auf, dass eine Zusammenziehung
der beiden Arten dadurch angezeigt erscheint. Die hellen
Halbringe der letzten Art lösen sich ganz allmählich in
die kleinen gelben Flecke der ersten auf.
II. Neue Eidechsen aus Australien und Polynesien.
Psendodelma,
eine neue Gattung der Pygopodidac.
Keine Supranasalia. Nasloch in einem unteren Ein-
schnitt des Nasale. Ohroffuung deutlich. Auge ohne Lider,
Herpetologische Bemerkungen. 287
mit Schuppen umgeben. Gaumen ohne Zähne, mit breitem
Einschnitt. Schuppen glatt, in einer ungeraden Zahl von
Längsreihen. Keine Vorderfüsse. Hinterfüsse sehr kurz,
ungeteilt. Keine Praeanalporen.
Zunächst verwandt mit Delma Gr., von welchem es
durch die ungerade Zahl der Schuppenreihen, die breite
Gaumenfurche und den Mangel der Supranasalia verschie-
den ist.
Art: P.S. impar sp. n. von Melbourne.
Taf. XVI. Fig. 1—4.
Diagnose : Fünfzehn Längsreihen von Schuppen. Un-
tere Halsschuppen merklich kleiner als die paarigen sechs-
eckigen medianen Bauchschuppen. Zw^ei grössere Prae-
analschilder. Olivengrün; jederseits am Rücken zwei helle
dunkel gesäumte Längslinien.
Beschreibung.
Form. Schlangenähnlich. Kopf und Schwanz nicht
abgesetzt. Letzterer doppelt so lang wie Kopf und Rumpf
zusammen. Auge ohne Lider, von zwei bis drei Reihen
kleiner Schuppen umgeben. Ohröffnung länglich oval.
Fussstummel klein, anliegend, schuppig, ohne Krallen.
Ohne Praeanalporen.
Kopf Schilder. Rostrale fünfeckig, schwach gewölbt;
die zwei oberen Kanten zu einer kaum auf die Schnauze
heraufgebogenen Spitze zusammentretend; die seitlichen,
kleinsten, je an das erste Labiale sich anschliessend, —
Nasale einfach, mit dem Nasloch im unteren Rande, —
mit dem entsprechenden Schilde der anderen Seite auf
der Schnauzenspitze hinter dem Rostrale in einem Punkte
zusammenstossend. — Supranasalia fehlen. — Ein Paar
grosse Int ernasalia, median breit zusammenstossend, seit-
wärts herabgebogen, durch die kleinen Frenalia von den
Lippenschildern getrennt. — Hinter den letzteren auf der
Stirngegend zwei median und hinter einander gelegene
unpaare Schilder (Frontalia), von denen das vordere (Prae-
frontale) wenig grösser ist als das hintere (Frontale), jenes
288 J. G. Fischer:
nnregelmässig siebeneckig mit vorderer, dieses fünfeckig
mit hinterer Spitze. — An den vorderen und äusseren Teil
des ersten Frontale stösst jederseits ein nach aussen ge-
legenes, seitlich bis auf die kleinen Frenalia herabge-
bogenes Schild (Frontonasale), das vorn und oben vom
Internasale seiner Seite, hinten vom ersten Supraorbitale
und den kleinen Vorderaugenschildcrn begrenzt wird. —
Auf das zweite der beiden unpaaren Frontalia folgt nach
hinten ein Paar länglicher Parietalia (Frontoparietalia?),
deren gemeinschaftliche Mittelnaht gleich der Länge des
vorhergehenden Frontale ist. Jedes derselben wird von
aussen von einem schmalen, bandähnlichen Schilde be-
gleitet (eigentliche Parietalia?), das auf der linken Seite
des Thiers teilweise mit ersterem verschmolzen ist. —
lieber dem Auge zwei kleine Superciliaria, von denen
das zweite, grösste, gerade über der kreisrunden Pupille
gelegen ist. — Zwei Supraorbitalia; das vordere ist
sechseckig und länger als breit, das hintere breiter als
lang, letzteres hinter die obersten Hinteraugenschuppen
wenig herabgebogen. — F renal ia. Vier kleine rundliche
Schildchen liegen zwischen der hinteren Seitenspitze des
Nasale und dem das Auge umgebenden Schuppenkreise
längs des zweiten und dritten Oberlippenschildes. — Von
den sieben Supralabialia liegt das vierte, längste, unter
dem Auge; das siebente hat die Form und Grösse der
benachbarten Halsschnppen. Zwischen ihm und der Ohr-
öffnung liegt eine ihm gleiche Schuppe. — Kinnschild
gross, dreieckig. — Jederseits sechs Infralabialia, von
denen die drei letzten bedeutend kleiner sind, als die
vorhergehenden. Diejenigen des ersten Paares schliessen
hinter dem Kinnschilde zusammen, die des dritten Paars,
schmal und lang, sind median von zwei grösseren Schildern
begleitet. Keine Reihe von Submentalia längs der
Unterlippenschilder. — Kehl- und untere Hals-Schuppen
so breit wie lang, rhombisch mit abgerundetem Hinter-
rande, kleiner als die auf sie folgenden sechseckigen Bauch-
schuppen.
Körporsclnippen in fünfzehn Längsreihen, alle spiegel-
glatt. Von diesen sind die der zwei median am Bauch
Herpetologische Bemerkungen. 289
gelegenen Reihen die grössten und deutlich sechseckig,
die der unpaaren dorsalen Mittelreihe wenig kleiner als
die benachbarten, und durch Zuschärfung der vorderen
und der hinteren Kante fast rhombisch. — Zwei etwas
grössere Praeanalschuppen. — Schuppen des Schwanzes
von denen des Körpers nicht verschieden. — Keine Poren
vor dem After.
Farbe. Grundfarbe olivengrün, unten heller. Jeder-
seits etwas unter und hinter der Ohröffnung beginnen
zwei weisse durch eine Schuppenreihe getrennte Längs-
linien, welche eine schmale braune — eben jene Schuppen-
reihe einnehmende — Längsbinde zwischen sich fassen
und oben wie unten dunkelbraun gesäumt sind. Am Schwanz^
etwas hinter dessen Wurzel, lösen sich diese Längslinien
in eine Zahl schräge gestellter Linien auf, welche von
unten und vorn nach oben und hinten geneigt, und je
durch eine Schuppenreihe getrennt sind. Zählt man am
Rumpf die unpaare dorsale Mittelreihe der Schuppen als
die erste, so verlaufen die erwähnten zwei hellen Seiten-
linien auf den Grenzen resp. der zweiten und dritten, so
wie der dritten und vierten Reihe, während die von jenen
eingefasste braune Längsbinde auf den Schuppen der
dritten, der obere und untere Saum derselben durch einen
dunklen Fleck auf den Schuppen resp. der zweiten und
vierten Reihe entsteht. — Unterseite hellolivengrün.
Masse: Von der Schnauzenspitze bis zum After 0,08 m;
Schwanz 0,167 m. Totallänge 0,247 m.
Ein Exemplar aus Melbourne, Eigenthum des Kön.
Zoolog. Museums in Dresden.
Cryptodeliua,
neue Gattung der Pygopodidae.
Mehrere Paare Supranasalia; Schuppen glatt, klein,
in einer geraden Zahl von Längsreihen; eine Reihe Prae-
analporen. Auge ohne Lider, von Schuppen umgeben.
Gaumen ohne Zähne mit breitem Ausschnitt. Keine Vor-
derfüsse; Hinterfüsse kurz, beschuppt, ohne Zehen.
Durch die Praeanalporen mit Pygopus^ durch die
glatten Schuppen mit Belma verwandt.
Archiv f. Naturg., XXXXVIII. Jalirg. 1. Bd. 19
290 J. G. Fischer:
Art: Cryptodelma nigriceps von der Nicolbay,
Westaustralien.
Taf. XVI. Fig. 5 bis 9.
Diagnose. 26 bis 28 Längsreihen von Schuppen (rings
um die Mitte des Körpers gezählt). Elf Praeanalporen.
Schwanz halb so lang, wie das ganze Thier. ~ Fleisch-
farben, Oberseite des Kopfes schwarz.
Beschreibung.
Form. Schlangenähnlich. Kopf in der Hinterhaupts-
gegend wenig breiter als der Hals. Schwanz abgesetzt,
so lang wie Kopf und Rumpf zusammen. Auge ohne Lider,
von Schuppen umgeben. OhröfFnung deutlich, klein. Fuss-
stummel klein, anliegend, mit Schuppen bedeckt, unge-
teilt, ohne Zehen oder Krallen. Elf Praeanalporen in
einer unter stumpfem Winkel gebrochenen Linie. — Gau-
meneinschnitt breit. Zunge breit, an der Spitze stark ein-
geschnitten.
Kopf Schilder. Rostrale breit, niedrig. — Nasale
einfach, in der dorsalen Mittellinie zusammenstossend,
Nasloch im seitlichen Teil, an der Grenze des ersten
Lippeuschiides. Zwei oder drei Paare Supranasalia,
je nachdem das unsymmetrisch geteilte dritte Paar als
solche oder als (individuell) abgelöste Teile des (bei
dieser Auffassung zerklüfteten) vorderen Frontale betrachtet
wird. — Zwei unpaare Frontalia hinter einander, in fast
gerader Quernaht an einander stossend, hinteres unregel-
mässig fünfeckig, ebenso breit wie lang. — Ein paar lange
Parietalia, ausserhalb von einer Reihe schmaler läng-
licher Schildchen begleitet. — In der Frenalgegend drei
Längsreihen kleiner Schilder, von denen die der obersten,
an die Supranasalia stossenden, die grössten sind, die der
untersten sich längs der Labialia unter das Auge hin-
ziehen. — Auge von einem Schuppenkranz umgeben, da-
von zwei (Superciliaria) oberhalb desselben liegen. —
Zwischen letzteren und den zwei unpaaren Stirnschildern
liegen zwei etwas grössere Supraorbitalia von unregel-
mässig sechseckiger Gestalt und fast gleicher Grösse. —
Herpetologische Bemerkimgen. 291
Hinterhaupts- und Schi äfenschiippen klein, rhombisch.
— Sieben Supralabialia, von denen das vierte, grösste,
und das fünfte unter der Orbita liegen. — Kinnschild
gross, kappenförmig die Spitze des Unterkiefers einhüllend.
— Acht Infralabialia, die des ersten Paares die gröss-
ten, die der folgenden allmählich kleiner und median von
einer Reihe etwas grösserer, sechseckiger Schilder begleitet.
Körperschuppen ohne Kiele')- Sie sind am Rücken
rhombisch, nach den Seiten herab wenig grösser; die an
der Ventralseite gelegenen zwei Mittelreihen haben breitere,
sechseckige Schuppen. Schuppen von Kehle und Hals
gleichförmig, klein, rhombisch. — Zwischen After und
Porenreihe 4—5 Reihen abgerundeter Schuppen, die zwei
der letzten Reihe etwas grösser.
Farbe. Das ganze Thier ist schmutzig fleischfarben,
unten wenig heller. Kopf (von den unpaaren Frontalia
an) und Anfang (11 Schuppenreihen) des Nackens tief
schwarz, welche Farbe sich an der Seite des Nackens bis
zur Grenze der Bauchgegend herabzieht. Eine schwarze
Querbinde zieht sich von den Frontalia seitwärts durch
das Auge bis zum Mundwinkel herab, das 4. bis 6. Ober-
lippenschild und die ihnen entsprechenden Unterlippen-
schilder so wie die mit letzteren benachbarten seitlichen
Kehlschuppen einhüllend. Ein verwachsener dunkler Fleck
auf den ersten Unterlippenschildern.
Masse. Von der Schnauzenspitze bis zum After
0,064 m; Schwanz 0,06 m.
Ein Exemplar von der Nicolbay, Westaustralien, No,
2259 des Kön. Naturalienkabinets in Stuttgart, Geschenk
des Herrn Baron F. von Müller.
Die Gattungen der Pygopodidae gruppieren sich also
folgendermassen :
1) Unter der Loupe geben sich auf denselben undeutliche
Runzeln und Vertiefungen zu erkennen, die aber auf den (übrigens
guten) Konservierungszustand zurückzuführen sein düi'ften. Da das
vorliegende Exemplar offenbar ein recht junges ist (Totallänge
0,124 m), so würden, wenn gekielte Schuppen vorhanden wären, die
Kiele, wie dies bei jungen Exemplaren von Pygopifs lepidopus der
Fall ist, um so deutlicher hervortreten.
292 J. G. Fischer:
I. Rückenschuppen gekielt
1) mit einfachen Kielen, Praeanalporen vorhanden.
Pygopus Fitz.
2) mit doppelten Kielen; keine Praeanalporen.
Pletholax Cope^).
II. Rückenschuppen ungekielt
1) Praeanalporen fehlen.
a. Mehrere Internasalia, Längsreihen von Schuppen
in gerader Zahl Belma Gr.
b. Keine Internasalia, Schuppenreihen in ungerader
Zahl Pseudodelma Fisch.
2) Praeanalporen vorhanden.
Mehrere P. von Internasalia Cryptoäelma Fisch.
Rliodoiia bipes, sp. n. von der Nicolbay, Westaustralien.
Taf. XVI. Fig. 10 bis 15.
Diagnose: Keine Vorderfüsse^). Hinterfüsse zwei-
zehig, mit Krallen. — 18 Längsreihen von Schuppen. —
Gaumen ohne Zähne, mit einem hinten gelegenen drei-
eckigen Ausschnitt. — Zwei Punktreihen auf der Mitte
des Rückens; jederseits eine tiefbraune Längsbinde.
Beschreibung.
Form. Körper abgerundet viereckig; Kopf klein,
Schnauze platt, vorragend, der ganze Oberlippenrand scharf;
Ohröifnung punktförmig, in gerader Verlängerung des Ober-
kieferrandes gelegen. Hinterfüsse zweizehig; die Zehen
rund, mit Krallen; äussere Zehe dreimal so lang wie in-
nere. Schwanz nicht abgesetzt, anfangs abgerundet, dann
etwas geschwollen, spindelförmig, am Ende spitz, ein Drittel
der Totallänge.
1) Proc. Ac. N. Sc. Philad. 1864, p, 229.
2) Bei der Reduktion, welche die Vorderfüsse bei anderen
Arten dieser Gattung, namentlich bei H. punctata Gr. und hei K.
punctatovittata Gnth. erfahren, und bei der Variabilität, der die
Füsse bei anderen Gattungen (DihamusJ unterworfen sind, erschien
es nicht rathsam, auf den gänzlichen Mangel der Vorderfüsse eine
neue Gattung zu begründen.
Herpetologische Bemerkungen. 293
Kopfschilder. Rostrale mit scharfem Rande, oben
etwas gewölbt, unten platt, kappenartig die äusserste Schnau-
zenspitze einhüllend; die oberen Seitenränder nach hinten
zu einer kurzen Spitze zusammentretend, die mit den Spitzen
der Nasalia und des Praefrontale in einem Punkt zusam-
mentrifft. — Nasale einfach, mit demjenigen der anderen
Seite zusammentreffend. — KeineSupranasalia. — Prae-
frontale breit, mit dem hinteren geraden Rande an das
Frontale stossend, mit dem seitlichen schwach herabge-
bogenen Teile auf dem ersten der zwei Frenalia ruhend.
— Frontale dreieckig, ebenso lang wie breit, mit vor-
deren geraden, seitlichen etwas konvexen Rändern, etwas
länger als das Praefrontale. Inte r parietale einfach
(keine Frontoparietalia), fünfeckig; Vorderrand etwas aus-
geschnitten zur Aufnahme der Spitze des Frontale; obere
und äussere Seitenränder kurz, Hinterränder die längsten,
unter spitzem Winkel zusammentretend. — Parietal ia
schmal, bandartig. — An der Seite des Vorderkopfes zwi-
schen Nasale und Praeokulare ein kleines fünfeckiges F re-
nale, auf dem ersten und zweiten Supralabiale. — Ein
Praeokulare, wenig kleiner als das Frenale, ruht auf
dem zweiten Lippenschilde. — Zwei Supraorbitalia
begrenzen von oben die Orbita. Von ihnen ist das vor-
dere doppelt so gross wie das zweite; zwischen letzterem
und dem von Frontale und Interparietale gebildeten Winkel
liegt ein drittes viereckiges Schildchen eingeschaltet, auf
welches nach hinten und aussen, längs des freien Vorder-
randes des Parietale, noch ein kleineres folgt. — Drei
winzige Postokularia begrenzen die Orbita von hinten;
das untere, kleinste, ruht auf der Grenze zwischen drittem
und viertem Labiale. — Der ziemlich scharfe Oberlippenrand
wird von vier grösseren Supralabialia, denen noch ein
kleineres folgt, begrenzt. Von jenen liegt das dritte, grösste
unter dem Auge. — Kinnschild gross, fünfeckig. — Vier
Infralabialia, von denen das vierte das längste, zugleich
aber auch das niedrigste ist. — An den geraden Hinter-
rand des Kinnschildes stösst ein grosses fünfeckiges Sub-
mentale, auf welches wiederum jederseits drei grössere,
die Unterlippenschilder begleitende länglich viereckige
294 J. G. Fischer:
Schilder folgen. Von diesen stossen hinter dem Submen-
tale diejenigen des ersten Paares und weiterhin die des
zweiten je in einem Punkte der ventralen Mittellinie zu-
sammen und fassen ein median gelegenes rhombisches
Schild zwischen sich.
Körperschuppeii spiegelglatt, in 18 Längsreihen, sechs-
eckig mit abgerundeten Hinterrändern, die der vier dor-
salen Mittelreihen nur wenig grösser als die übrigen. Obere
Schwanzschuppen gleich denen des Körpers. Unter dem
Schwanz eine Reihe etwas grösserer unpaarer Schilder.
Zwei grössere Praeanalschuppen, an deren Grenze sich
kopfwärts eine unpaare median gelegene Schuppe an-
schliesst.
Farbe. Grundfarbe röthlich braun, Bauchseite heller.
Jederseits vom Nasale an eine IV2 Schuppen breite gut abge-
setzte dunkelbraune Längsbinde (Fig. 15) nach hinten über
die Beckengegend fort bis zum Anfang des Schwanzes, wo sie
weniger deutlich wird und sich in kleine Flecken auflöst.
Beide Binden sind durch vier dorsale Schuppenreihen von
einander getrennt. Jede Schuppe der zwei dorsalen Mittel-
reihen (Taf. XVI. Fig. 14) hat in ihrer Mitte einen dunkel-
braunen punktförmigen Fleck, durch deren Aufeinander-
folge auf der Rückenseite zwei mit den Seitenbinden parallele
und von jeder der letzteren durch IV2 Schuppen getrennte
Längslinien entstehen. Der Anfang dieser Punktliuien
findet sich schon auf den oberen Kopfschildern, von denen
das Frontale und das Interparietale je zwei, jedes Parietale
einen etwas länglichen braunen Flecken zeigt. Auch jene
zwei Punktlinien hören in ihrer Regelmässigkeit am An-
fange des Schwanzes auf, der an seiner Dorsalseite un-
regelmässig braun gefleckt und marmoriert erscheint.
Masse: Kopf und Rumpf = 0,057 m
Schwanz = 0,027 „
Totallänge == 0,084 ,
Hinterbein = 0,01 „
Die Art ist — abgesehen von der Form der Kopf-
schilder, der Farbe etc. — von den übrigen Arten leicht
durch die Zahl der Zehen und der Schuppenreihen zu
unterscheiden. Es haben
Herpetologische Bemerkungen. 295
Schuppen- 2ehen
reihen
Rod. punctata Gr. 20 1 — 2
„ gerrardii Gnth. 21 1(2)— 2
g punctatovittata Gnth. 17 1 — 2
, fragilis Gnth. 20 3—3
„ ?<i>e5 Fisch. 18 0—2
Ein Exemplar von der Nicolbay, Westaustralien,
No. 2258 des Kön. Naturalienkabinets in Stuttgart, eben-
falls ein Geschenk des Herrn Baron F. von Müller.
Hiiinlia Muelleri sp. n. aus Westaustralien.
Taf. XVI. Fig. 16—19.
Diagnose. Gesammthabitus ziemlich kräftig. Kücken-
schuppen in vier Längsreihen. Vorderrand des Ohrs ge-
zähnt. Eine schmale dunkle und zwei bis drei feine helle
Längslinien, jene auf der Mitte des Rückens, diese an
den Seiten. Zwischen je zwei dieser Linien eine Reihe
schwarzbrauner Flecken, von denen die der einen mit
denen der zunächst oberen oder unteren abwechseln.
Beschreibung.
Form. Ziemlich gedrungen. Schnauze ziemlich spitz.
Auge gross, unteres Lid mit grosser centraler Scheibe. Ohr-
öflfnung massig, Vorderrand mit 3 bis 5 vorragenden Schuppen.
Die an den Leib gelegten Vorderfüsse reichen mit der
längsten Kralle bis zum Vorderraud des Auges. Die Hiuter-
füsse reichen mit der Kralle der längsten (vierten) Zehe
bis zum Ellenbogengelenk der Vorderbeine. Schwanz viel
länger als der Körper, schwach abgesetzt, anfangs abge-
rundet viereckig, dann rundlich, von der zweiten Hälfte au
stark verdünnt, sehr fein auslaufend.
Kopfschilder. Rostrale massig, gewölbt, mit herauf-
gebogener Spitze (Supranasalia fehlen). Nasa Ha oval,
oben zugespitzt, mit der oberen Spitze sich berührend
(Exemplar a) oder durch das in einem Punkt erfolgende
Zusammentreffen von Internasale und Nasale wenig von
einander getrennt. — Inte r nasale rhombisch, wenig breiter
als lang, hinten mit dem Frontale in einer sehr kurzen
296 J. G. Fischer:
Naht in Berührung. — Frontale lang, mit langen seit-
lichen Kanten. — Zwei kleine Frontopa rietalia und ein
noch kleineresinterp ar i etale. — VierSnpraorb it alia,
das vorderste, grösste, von dreieckiger Form. — Eine Reihe
kleiner, von vorn nach hinten an Grösse abnehmender
Superciliaria. — Sieben (bei Exemplar b 7 — 8) Ober-
lippenschilder, das fünfte und sechste unter dem Auge.
Acht Unterlippenschilder. — Mentale ziemlich breit,
hinten gerade abgestutzt. Hinter ihm ein grösseres ein-
faches, und längs der Infralabialia jederseits vier grössere
Submentalia.
Körperschuppen glänzend, glatt, in der Mitte des Kör-
pers in 30 Längsreihen; zwischen Achsel und Weiche —
an der Seite des Bauches gezählt — 58 Schuppen. Die
Schuppen der vier dorsalen Mittelreihen sind merklich grösser
und namentlich breiter, als die der Seiten und des Bauches.
Zwei grosse Praeanalschilder. — Unterhalb des Schwanzes
eine Reihe grosser sechseckiger Querschilder. '
Grundfarbe oben bräunlich gelb. In der dorsalen
Mittellinie eine feine und nicht sehr scharfe, bei dem grössten
Exemplar sogar ganz verwaschene, von zwei hellen Säumen
eingefasste dunkle Längslinie. Dieselbe verläuft auf der
Grenze der zwei medianen Schuppenreihen vom Hinter-
kopf bis etwas über die Schwanzwurzel hinaus. — Jeder-
seits von letzterer, und um zwei Schuppenreihen von ihr
entfernt eine helle Längslinie. Dieselbe beginnt über
und hinter dem Auge, und verläuft auf der Mitte einer
Schuppenreihe über das Ohr fort längs der Seite des
Rückens ebenfalls bis auf den Anfang des Schwanzes.
Ventralwärts von der letzteren und von ihr durch drei
Schuppenreihen getrennt verläuft eine zweite helle Längs-
linie; diese beginnt in der Frenalgegend, geht durch das
Ohr über die Schulter fort längs der Körperseite bis zum
Ooerschenkel, um, durch diesen unterbrochen, sich längs
des Schwanzanfangs fortzusetzen. Sie ist bei zwei Exem-
plaren ebenso scharf wie die obere, bei einem dritten je-
doch zwischen Ohr und Schultergegend ganz unterbrochen.
Zwischen jenen zwei Längslinien liegt eine bis auf den
Anfang des Schwanzes fortgesetzte Reihe von vertikal
Herpetologische Bemerkungen. 297
stehenden länglich rechteckigen schwarzbraunen Quer-
flecken; in der Entfernung zwischen Vorder- und Hinterbein
werden 10 bis 12 dieser Flecke gezählt. Ventralwärts von der
unteren und dorsal von d!er oberen jener zwei hellen Seiten-
linien liegen je eine zweite und dritte Reihe brauner Flecke.
Diese wechseln in ihrer Lage mit denen der mittleren
Reihe ab, sind aber nicht so regelmässig geformt wie jene,
sondern erscheinen mehr oder weniger verzerrt und zer-
stückelt (Fig. 16 und 19, letzteres Seitenansicht). — Ober-
seite der Gliedmassen braun marmoriert und gefleckt, die
des Schwanzes vom zweiten Viertel an — bis wohin sich
die dorsale und die seitlichen Fleckenreihen erstrecken —
gelblich braun. — Unterseite des Thieres einfarbig grau-
lich weiss.
Masse:
Von der Schnauzenspitze o v
1 . Kc*. bcnwanz
bis zum After
a: 0,049 m 0,075 m
b: 0,044 „ 0,070 „
c: 0,048 „ 0,087 ,
Drei Exemplare von der Nicolbay, Westaustralien.
No. 2253 des Kön. Naturalien-Kabinets in Stuttgart. Von
Herrn Baron Dr. F. von Müller an dasselbe eingesandt.
Bemerkungen zu HeuiidactyluiS ateles A. Duhm.^)
Das Museum Godeffroy in Hamburg besitzt eine
Suite von Eidechsen aus verschiedenen Inseln des Karo-
linen-Archipels, die sämmtlich mit der Diagnose obiger,
von Mindanao (Philippinen) stammenden Art in den we-
sentlichsten Punkten übereinstimmen, in anderen aber so
bedeutsame Abweichungen zeigen, dass sie als Repräsen-
tanten besonderer Varietäten, wenn nicht neuer Arten zu
betrachten sein dürften.
Hern, ateles A. Dum. Var. articulatus.
Taf. II. Fig. 20—25.
Fünf Exemplare (von Ponape, No. 17596), die in ihrer Bil-
dung der Diagnose am nächsten kommen, sind von robustem
1) Arch. du Mus. d'hist. Nat. Tom. VIII, 426; PI. VIII, fig. 9.
298 J. G. Fischer:
Habitus. Die Pupille ist senkrecht. Schenkelporen siud
nicht vorhanden. Der Schwanz ist glatt, aber unterhalb
nicht, wie die Diagnose sagt (queue deprimee, ~ ~ les
granulations semblables en dessus* et en dessous) mit Kör-
nerschuppen wie an der Dorsalseite, sondern mit kleinen
viereckigen Schild chen bepflastert (Fig. 25). Der Rand
des Schwanzes ist bei den Stücken, wo dies Organ unver-
stümmelt und nicht ergänzt ist, durch quere Einkerbungen
in kleinere Abschnitte geteilt, gewissermassen gegliedert
(Fig. 24 und 25). Die Grenzen dieser Glieder sind ausser-
dem durch vorragende, spitze Schuppen am Rande markiert,
während nur die ergänzten Teile des Schwanzes den
wellenförmigen fein gezähnelten Rand haben, den die
Diagnose von H. ateles dem Organe zuspricht (a bords fine-
ment denteles). Die Haftschreiben an den vier äusseren Zehen
der Vorder- wie der Hinterfiisse (Fig. 22, 23) sind sehr breit,
am Ende durch eine Furche geteilt, von der die Blätter
(en chevrons) divergieren. Die Daumen der Vorderfüsse
sind, wie die Diagnose angibt, stark verkümmert, ohne
Krallen, unterhalb mit ungeteilten Querlamellen; dieje-
nigen der Hinterfüsse (Fig. 22 und 23), im übrigen ebenso
geformt, zeigen bei mehreren Exemplaren eine feine
aber deutliche Kralle. Bei anderen Exemplaren hat
der Daumen des Hinterfusses keine Kralle, doch dürfte aus
der Analogie mit den gleich zu beschreibenden Varietäten
auf einen zufälligen Verlust zu schliessen sein. Rostrale
hufeisenförmig (Fig. 21) (abweichend von der Diagnose)
mit feinen Körnchen zwischen den oberen Schenkeln. Kinn-
schild dreieckig; neben den Infralabialia mehrere Reihen
Submentalia (Fig 20), die nach hinten an Grösse ab-
nehmen und allmählich in die Körnerschuppen der Kehle
übergehen. — Farbe rothbraun (ein Exemplar dunkler
marmoriert), Unterseite gelblich.
Masse:
Kopf und
Rumpf
Länge
Schwanz
Grösste
Breite
a) 0,055 m
b) 0,054 „
0,039 m
0,044 „
0,007 m
0,007 „
Herpetologische Bemerkungen.
299
Kopf und
Rumpf
Länge
Schwanz
Grösste
Breite
c) 0,051 m
d) 0,052 „
e) 0,057 „
0,046 m
0,045 „
0,049 „
0,007 m
0,007 „
0,008 „
2) Hemidactylus ateles A. Dum. Var. scutellatus Fisch.
Taf XVII. Fig. 26-30.
Ein Stück des Museum Godeffroy (No. 4585) von den
Greenwich-Inseln weicht nicht nur durch den Besitz von
Schenkelporen, sondern auch durch die Form des Rostrale
u. a. Besonderheiten von der Diagnose des französischen
Forschers so sehr ab, dass es zum mindestens als Reprä-
sentant einer besonderen Varietät betrachtet werden muss.
Körper robust. Daumen der Hinterfüsse (Fig. 28 und
29) wie der der Vorderfüsse verkümmert, jener jedoch
mit einer winzigenKr alle, die dem Daumen der Vorder-
füsse fehlt. — 52 grosse Femoralporen, die von einer
Seite zur anderen in einer unter einem Winkel gebrochenen
Linie hinübergehen (bei H. ateles: il n'y a pas de pores
femoraux). — Rostrale zweimal so breit wie hoch
(Fig. 27) (bei H. ateles: rostrale plus haute que large),
mit drei quer gelagerten Schildern über seinen
oberen geraden Quer kanten. Kinnschild dreieckig.
Längs der inneren Seite der Infralabialia eine Reihe
grösserer, später geteilter Submentalia (Fig. 26). — Der
glatte Schwanz platt, und, wie bei der vorigen Varietät,
an der ursprünglichen, nicht ergänzten, Partie seitlich durch
vorragende Spitzen stark sezähnt (Fig. 30, nur an dem
ergänzten Theile wie bei dem Pariser Exemplar : ä bords
tinement denteles) — unterhalb mit mauersteinähnlichen
kleinen viereckigen Schildchen gepflastert.
Farbe: Oben graubraun, mit undeutlicher dunklerer
Marmorierung, etwas dunkler an der Dorsalseite des Kopfes
und des Schwanzes; Ventralseite, auch des Schwanzes,
einfarbig strohgelb (bei H. ateles: queue — — dont les
bords en dessus comme en dessous sont d'un brun assez vit).
300 J. G. Fischer:
Masse: Rumpf und Kopf = 0,115 m; Scbwanz —
0,095 m; grösste Breite des Schwanzes (nahe der Wurzel)
= 0,02 m.
3) Hemidactylus ateles A. Dum. Var. depressus Fiscb.
Taf. XVIf. Fig. 31—36.
Auch zwei von der Insel Ruk stammende Exem-
plare (No. 17598) des Museum Godeffroy sind wegen der
ganz abweichenden Körpergestalt, wegen der verschiedenen
Form der die Unterlippenschilder begleitenden Submentalia
und anderer Eigentümlichkeiten als Typen einer beson-
deren Varietät, vielleicht einer neuen Art zu betrachten.
Form: Ziemlich schlank, stark niedergedrückt.
Vorderdaumen verkümmert, ohne freies Glied, ohne Kralle-
Hinterdaumen sehr kurz, ohne freies Glied, aber mit feiner
Kralle (Fig. 33 und 34). — Keine Schenkel- oder Prae-
anal-Poren. Schwanz durch quere Einkerbungen gegliedert
(Fig. 35 und 36), platt, am Rande der ergänzten Teile
fein gezähnelt, an dem der ursprünglichen Partieen durch
zerstreute spitze Schuppen, welche den Querabteilungen
entprechen, gesägt, unterhalb (Fig. 35) mit platten — in
Querreihen geordneten Schildchen gepflastert. ~- Rostrale
(Fig. 32) hufeisenförmig, mit einer grösseren Schuppe
zwischen den aufsteigenden Schenkeln. Keine Reihe grösserer
Submentalia an der Seite der Infralabialia, sondern die
Gegend hinter dem Kinnschilde mit unregelmässigen Schild-
chen ausgefüllt (Fig. 31).
Farbe: Dorsalseite (Exemplar a) dunkelbraun oder
(Exemplar b) graugelb, in letzterem Falle mit undeutlicher
dunkler Marmorierung und namentlich auf den Gliedmassen
deutlicher Punktierung. Ventralseite schmutzig gelb, gegen
die Schwanzspitze hin allmählich in ein bräunliches Ko-
lorit übergehend.
Masse :
Kopf und
Rumpf
Lauge
Seh wanz
Grösste
Breite
a) 0,08 m
b) 0,08 „
0,06 in
0,066 „
0,018 ra
0,01 „
Herpetologische Bemerkungen. 301
Erklärung der Abbildungen auf Tafel XYI und XVII.
Taf. XVI.
Fig. 1—4. Pseudodelma impar Fisch.
Fig. 1. Das ganze Thier in natürlicher Grösse.
Fig. 2. Kopf, Dorsalseite, Sraal vergrössert.
Fig. 3. Kopf, Ventralseite, Smal vergrössert.
Fig. 4, Kopf und Hals, Seitenansicht; Smal vergrössert.
Fig. 5—9. Cryptodelma nigriceps Fisch.
Fig. 5. Das ganze Thier in natürlicher Grösse (Rückenansicht).
Fig. 6. Kopf, Dorsalseite, 6mal vergrössert.
Fig. 7. „ Ventralseite, „ „
Fig. 8. f, Seitenansicht, „ „
Fig. 9. Aftergegend, 6mal vergrössert.
Fig. 10 — 15. Bhoäona bipes Fisch.
Fig. 10. Das ganze Thier in natürlicher Grösse.
Fig. 11. Kopf, Dorsalseite, 6mal vergrössert.
Fig. 12. „ Ventralseite, „ ,.
Fig. 13. „ Seitenansicht, „ „
Fig. 14. Eine Partie aus der Mitte des Thieres, Dorsalseite, 6mal
vergrössert.
Fig. 15. Eine Partie aus der Mitte des Thieres, Seitenansicht, 6mal
vergrössert.
Fig. 16 — 19. Hinulia muelleri Fisch.
Fig. 16. Das ganze Thier in natürlicher Grösse.
Fig. 17. Kopf, Dorsalseite, 3mal vergrössert.
Fig. 18. „ Ventralseite, „ „
Fig. 19. Eine Partie aus der Mitte des Thiers, Seitenansicht, nicht
vergrössert.
Taf. XVII.
Fig. 20 — 25. Hemidactylus ateles A. Dum. Var. articu-
latus Fisch.; Smal vergrössert.
Fig. 20. Kinngegend.
Fig. 21. Schnauze, von vorn gesehen.
Fig. 22 und 28. Rechter Hinterfuss von oben (22) und von unten (23).
Fig. 24 und 25. Partie aus der Mitte des Schwanzes von oben (24)
und von unten (25).
Fig. 26 — 30. Hemidactylus ateles A. Dum. Var. scutel-
latus Fisch., 2mal vergrössert.
Fig. 26. Kinngegend.
Fig. 27. Schnauze von vorn gesehen.
302 J. G. Fischer: Herpetologische Bemerkungen.
Fig. 28 und 29. Linker Hinterfuss von oben (28) und von unten (29).
Fig. 30. Partie aus dem Anfange des Schwanzes, von unten gesehen,
a ursprüngliche, b ergänzte Partie.
Fig. 31—36. Hemidactylus ateles A. Dum. Var. depres-
sus Fisch. 2mal vergrössert.
Fig. 31. Kinngegend.
Fig. 32, Schnauze, von vorn gesehen.
Fig. 33 und 34. Rechter Hinterfuss von oben (33) und von unten
(33) gesehen.
Fig. 35 und 36. Partie aus der Mitte des Schwanzes, von oben
(35) und von unten (36) gesehen, a ursprüngliche, b er-
gänzte Partie.
Zweite Erwiderung an Herrn Prof. Th. Eimer.
Von
Dr. J. von Bedriaga.
Die neuerdings veröffentlichten Untersuchungen über
das Variiren der Mauereidechse 0 enthalten wiederum einen
Paragraph, der sich auf mich bezieht. Es liegt zwar nicht
in meiner Absicht, die zornigen Ausbrüche des Verfassers
eingehend zu erwidern, dennoch sehe ich mich gezwungen,
einige Irrthümer Herrn Eimer 's zu beseitigen.
In der Ansicht, dass man nur dann produktiv auftritt,
sobald mau nach einem Erwerb trachtet, suchte Herr
Eimer nach den Gründen, welche mich veranlasst haben
mochten, meine Schrift „lieber die Entstehung der Farben
bei den Eidechsen, Jena 1874" zu veröffentlichen. Falsch
unterrichtet, gibt er für bestimmt an, dass diese Schrift
behufs Erlangung eines Titels bei der hohen Fakultät zu
Jena eingereicht worden war und bedauert, dass letztere
nicht fähig gewesen ist, eine ihr vorgelegte Arbeit ihrem
Werthe gemäss beurtheilen zu können. Darin liegt ein
direkter Angriff an meine hochverehrten Jenenser Lehrer
und ich sehe mich veranlasst zu erklären, dass die be-
treffende Schrift im zweiten Semester eines neunzehn-
jährigen Studenten verfasst und publicirt worden ist und
dass sie infolgedessen zum Zwecke einer Dissertation nicht
dienen konnte.
Falls Herr Eimer die sonderbare Gewohnheit hat
beim Abfassen seiner „gelehrten Abhandlungen" dieselben
1) Arch. f. Naturgesch. 47. Jahrg. 2. Heft. S. 239.
304 J. V. Bedriaga:
mit Nebensäcblicliem, zu einer wissenschaftlichen Polemik
gar nicht Gehörendem zu füllen, um sie in gediegenen Zeit-
schriften zu veröffentlichen, so müsste er seine Erkundi-
gungen über die Angelegenheiten privater Natur seiner
Gegner sorgfältiger einziehen. — Die Handlungsweise Herrn
E. ist mir übrigens ganz und gar unbegreiflich. Es würde
z. B. doch Niemand, der auch nur eine geringe Dosis Takt
hat, einfallen, Herrn E. vorzuwerfen, dass er seine Carriere
etwa der Nachsicht dieser oder jener Fakultät und seinen
Freunden zu verdanken hat, weil seine Schriften (das ist
allgemein bekannt) capitale Fehler enthalten und desshalb
nicht in Betracht gezogen worden sein konnten.
Aus der Handlungsweise Herrn E. ist ersichtlich, dass
er das Vertrauen des Publicums wieder zu gewinnen sucht;
um es zu erlangen greift er aber nach sonst unerlaubten
Mitteln. Sein Zornausbruch weiss keine Grenzen und
bricht sogar gegen die Behörden los, welche mit mir in
Contact gewesen sind. Alles wird aufgeboten um mich in
die Klemme zu treiben. Correspondenz und persönlicher
Verkehr mit Autoritäten auf wissenschaftlichem Gebiete
wird dazu hervorgeholt. So werden z. B. Herrn Prof.
Leydig's für ihn günstige Ansichten wiederum citirt und
zu gleicher Zeit mir ein rohes Auftreten gegen diesen Ge-
lehrten vorgeworfen (den dabei von Herrn E. gebrauchten
Ausdruck will ich schon der Achtung halber, welche ich
Herrn Prof. Leydig schulde, nicht wiederholen).
Dass meine Aeusserungen über Prof. Leydig nichts
Unerlaubtes enthielten, muss ein jeder einsehen, der meine
polemische Schrift gelesen hat. Dass Prof. Leydig sich
von ihnen nicht beleidigt gefühlt hat, beweist schon der Um-
stand, dass ich mit ihm seit bald drei Jahren in freundlichem
brieflichen Verkehr stehe und dass der Antrieb dazu von
ihm ausgegangen ist. Der Versuch Herrn E., Prof. Ley-
dig's Wohlwollen mir abwendig zu machen wird ihm
hoffentlich misslingen.
Herr Eimer hat es in der Untersuchung meiner Pri-
vatangelegenheiten so weit gebracht, dass er sogar die
Nationalität des „Pamphletisten" erfahren hat und sich mit
ihr beschäftigt, was für mich gewiss nur sehr schmeichelhaft
Zweite Erwiderung an Herrn Th. Eimer. 305
sein kann, da man sich mit dergleichen Details sonst nur
in Biographien zu beschäftigen pflegt. — Zu den Pamphle-
tisten scheint also Herr E. einen jeden, der polemische
Schriften veröffentlicht hat, zu rechnen. Es ist gewiss keine
Schmeichelei für seine Collegen, denn in keinem anderen
Lande sind die Erwiderungen so an der Tagesordnung,
wie gerade in Deutschland. Dadurch, dass ich dem Tü-
binger Professor erwidert habe, habe ich bewiesen, dass
ich mich der Sitte des Landes angepasst habe.
Es wird jeder Unparteiische zugeben müssen, dass
ich Herrn E. nicht auf eine .,unbezeichenbare" Weise an-
gegriffen habe. Diese uubezeicheubare Weise, diese rohe
Art, seine Gegner anzugreifen, habe ich erst aus der letzten
Produktion Herrn Eimers kennen gelernt. Es ist bekannt-
lich überall eine erlaubte Sache, in polemischen Schriften
seine Gegner scharf und beisseud anzugreifen so lange
der Angriff in anstandsmässiger Form gekleidet ist; auch
wird kein rechtdenkeuder Mensch sich durch solche An-
griffsweise persönlich gekränkt fühlen, wie sehr auch seine
literarische Leistungsfähigkeit getadelt werden mag, doch
auf grobe Weise die Handlungen des Gegners und seine
vorausgesetzten Motive öffentlich der „Niedrigkeit'' anzu-
klagen, tritt schon über in die Kategorie grober Insulte,
oder besser gesagt in die Handlungsweise, welche ich als
solche auffassen würde, wenn sie von einer Persönlichkeit
ausginge, bei der man an eine feinere Redensart gewohnt
wäre. Von Herrn Eimer ausgehend lässt mich dieser
Ausdruck unberührt, doch erlaube ich mir diesem Herrn
höflichst den Rath zu ertheilen (falls er meine Wenigkeit
jemals wieder mit seiner Aufmerksamkeit beehren sollte),
seinem Missvergnügen auf etwas feinere Art Luft zu machen;
andernfalls könnte meine Nachsicht ihm gegenüber reissen
und seine persönlichen Angriffe könnten möglicherweise
zur Folge haben, dass er meine persönliche Bekanntschaft
auf eine ihm unliebsame Weise machen würde ; denn rohe
persönliche Angriffe, wie sie Herr Eimer zu machen
pflegt, sind meines Wissens in keinen Kreisen der gebil-
deten Welt erlaubt. Ich suche Herrn E. dadurch zu ent-
schuldigen, dass er augenscheinlich gegen seine eigene
Arcli. f. Naturg. XXXXVUI. Jahrg. 1. Bd. 20
306 ■ J. V. Bedriaga:
Impotenz in Zorn g'erathen ist. Und wie sollte er es auch
nicht sein. Nach fünfjährigem fleissigem Suchen hat er
keine Möglichkeit gefunden, mich in würdigem, ernstem
Tone zurechtzuweisen und griff somit zu unerlaubten Mit-
teln. — Was mich anbetrifft, so bin ich meiner selbst be-
wusst und glaube die erlaubten Schranken Herrn E. gegen-
über sicher nicht überschritten zu haben, habe auch nirgends
in meinen polemischen Schriften die Privatangelegenheiten
oder Kleinlichkeiten, wie Fehler in der Interpunktion meiner
Gegner hervorzuheben gesucht, Herr E. hat bekanntlich
nach diesen kleinlichen Mitteln gegriffen einem Gelehrten
gegenüber, der seine Ansichten nicht theilte!
Was mich anbelangt, so bin ich mit dem Erfolge
meiner wenigen Aufsätze befriedigt. Meine erste Publi-
kation (1874) trug trotz ihrer vielen Mängel dazu bei, dass
man sich mit einer Frage beschäftigt hat, die unbeachtet
geblieben war^) und Herr Eimer hielt es doch der Mühe
werth, meine Ansichten zu diskutiren. Er veröffentlichte
nämlich in demselben Jahre ein Schriftchen, welchem er,
wie es scheint, sehr grossen Werth beilegt, da er eine zweite
Auflage desselben hat folgen lassen. Während auf diese
meine erste Arbeit es leicht war zu antworten, blieb meine
an ihn im Jahre 1876 gerichtete Erwiderung unbeantwortet,
denn seine jetzigen Ausfälle können nicht als Antwort
gelten. Darin sehe ich ebenfalls einen Erfolg. Herr E.
sagt allerdings, dass er mich keiner Erwiderung würdigt.
Warum dann lässt er seine von mir bereits beantwortete
1) Bei dieser Gelegenheit sei mir gestattet folgendes zu be-
merken. Der Umstand, dass Prof- Giglioli seine in der Nature
(Vol. XIX, December 1878) veröffentlichte Ansicht über die Nicht-
anpassung der Eidechsen an den Boden im privaten Gespräche mit
Herrn E. v.'iderrufen hat, beweist nur, dass man stets auch auf
wissenschaftlichen Gebieten gegenwärtig haben muss, dass man es
mit Menschen zu thun hat, deren Ansichten auch veränderlich sein
können. Herr E. hat in der Menschenkenntniss mehr Erfahrung
als ich und versteht aus den Schwächen' derselben Nutzen zu ziehen.
Herr Giglioli wird aber wohl selbst zugeben müssen, dass von
jetzt an seine Angaben nur mit Vorsicht citirt werden dürfen und
wird mir die diesbezügliche Bemerkung nicht übel nehmen müssen.
Zweite Erwiderung an Herrn Th. Eimer. 307
„Nachschrift" im Archiv f. Naturg. 1881 wiederum er-
scheinen? Er fügt hinzu, dass er meine Produktionen
als nicht existirend betrachten wird. Ich dagegen beab-
sichtige keineswegs die Produktionen meiner Gegner gänz-
lich zu ignoriren, im Gegentheil werde ich mich stets be-
eilen dieselben zu Rathe zu ziehen und sollte es z. B.
dem Tübinger Professor der Zoologie gelingen zu beweisen,
dass JBufo viridis und Bufo variabilis verschiedene Arten
sind, so würde ich gewiss der erste sein, diese Entdeckung
zu verwerthen *).
Dass es Herrn E. an Orientirung in der Eidechsen-
kunde mangelt, beweist am besten folgender Ausfall gegen
mich: „Hier sei übrigens die Bemerkung gestattet, dass
als Auetor von ,,Lacerta filfolensis^' Günther zu setzen ist
und kein anderer. Günther hat diese Eidechse a. a. 0.
als „Filfola-Rasse" behandelt und die Literatur wird der
Eitelkeit eines Dritten, der nach Jahren kommt und hinter
den Namen Lacerta filfolensis seinen eigenen setzt, ohne
sonst auch nur das mindeste Verdienst um dieses Thier
zu haben, sicher schon aus moralischen Gründen die Unter-
stützung zu versagen haben^'-). — Darauf hin muss ich
bemerken, dass ich der erste gewesen bin sowohl die
Lilfordi- als auch die Filfola- Eidechse aus dem Genus
Zootoca zu entziehen, ferner habe ich die Unterschiede
beider erkannt und endlich die Filfola-Abart mit dem Va-
rietätsuamen .ßlfolensis^^ (1876) bedacht, sie in meinen
Herpetologischen Studien beschrieben und von der muralis
neapolitana abgeleitet. Günther beschrieb bekanntlich
Lacerta muralis var. Lilfordi als „A new European Species
of Zootoca'' und fügte hinzu: „To this species {Zootoca
Lilfordi) I refer also the lizard which is so common on
the Filfola Rock, a very small island south of Malta" ^).
Dass Herr E. in seiner Handlungsweise inconsequent
ist, mag folgendes beweisen: er erklärt sich für das Priori-
1) Vergl. Eimer's Zoologische Studien auf Capri, II, Leipzig
1874, S. 45.
2) S.-A. aus dem Arch. f. Naturgesch. Berlin 1881, S. 182.
3) Ann. and Magaz. of Nat. Hist. 1874.
308 J. V. Bedriaga: Zweite Erwiderung an Herrn Th. Eimer.
tätsprincip und wirft anderen vor, dasselbe nicht berück-
sichtigt zu haben. Wesshalb denn belegt er die im Jahre
1857 von De Betta als ,,Podarcis (= Lacerta) murdlis
var. campestris^' benannte Eidechse mit dem Namen „La-
certa muralis striata^' ? ^) Seine Lac. muralis niacidato-
striata ist im Jahre 1832 als „alhiventris^^ seine Lac. mu-
ralis modesta sds olivacea beschrieben worden. Herr Eimer
gibt es ja selbst zu, dass er eine Umtaufe der genannten
Arten vorgenommen hat!
Es wird mir wohl niemand ausser dem Auetor ver-
argen, wenn ich in meiner nächsten Revision der Eidechsen
Europas und Asiens die Benennungen seiner neuen Formen
nicht acceptire. Eine Form mit dem Namen „Lacerta
muralis coeruleo-coeridescens^^ oder „Lacerta muralis coeru-
lescens monaconensis^'' zu belegen, wäre ja ein Unding.
Die übrigen Ausfälle Herrn E. gegen mich lasse ich
unerwidert. Den Zweck dieser Zeilen finde ich erfüllt,
indem ich das Unwahre in seinem mir gewidmeten Para-
graph beleuchtet habe. Im übrigen appellire ich an das
Publicum, welches nach Durchblätterung unserer beider-
seitigen Schriften selbst im Stande sein wird, ein Urtheil
darüber zu fällen, ob seine Handlungsweise gegen mich
eine correcte gewesen ist.
Nizza, November 1881.
1) S.-A. aus dem Arch. f. Naturgesch. 1881. S. 139.
lieber Bastardfische.
Von
Dr. Rndolf Leuckart.
Die „deutsche Fischereizeitung", welche unter Mit-
wirkung bewährter Fachmänner seit einigen Jahren in
Stettin zur Hebung der Fischerei und Fischzucht heraus-
gegeben wird, enthält in ihren Nummern vom 25. Februar
und 23. März 1880 eine Mittheilung des Herrn G. Over-
beck in Winkels-Mühle bei Düsseldorf, durch welche die
bis dahin noch offene Frage nach der Fruchtbarkeit der
Fischbastarde in positivem Sinne ihre Beantwortung findet.
Die Bastarde., um die es sich handelt, waren von
Herrn Overbeck in seiner Brutanstalt aus Lachseiern,
die er im Januar 1878 mit der Milch von Forellen be-
fruchtet hatte, in einem eignen, gegen fremden Import ge-
nügend geschützten Aufzuchtbache gross gezogen. Im Früh-
ling des Jahres 1879 wurden von der Zucht 70 Stück in
einen kleinen ganz verschlossenen Teich gesetzt, in dem
sie bis zum folgenden Januar verblieben. Nach Abfischen
des Teiches fanden sich nur noch 54 Stück, die von 10
— 23 cm (incl. Schwanzflosse) massen. Ein Theil der
grössern Fische war zur geschlechtlichen Entwicklung ge-
kommen. Ein einziges Exemplar war weiblichen Ge-
schlechtes; daneben aber wurden nicht weniger als 25
Milchner gezählt, so reif, dass schon bei leichtem Angreifen
die Milch in Menge auffloss. Der Mutterfisch wurde nun
mit 15 der besten Milchner zusammen in ein cementirtes
Bassin gebracht, in dem die Fische sämmtlich bis zur Voll-
reife der Eier verweilten. Als letztere nun am 7. Februar
810 Rudolf Leuckart:
zum Zwecke einer künstlichen Befruchtung abgenommen
wurden, erwies sich die grössere Anzahl der Milchner als
trocken, jedoch war immer noch hinreichend Milch vor-
handen, die Eier zu befruchten.
Der Erfolg des Versuchs entsprach den daran ge-
knüpften Erwartungen. Schon Mitte März konnte Herr
Ov erb eck in den befruchteten Eiern deutlich die Augen
der eingeschlossenen Embryonen erkennen und bald darauf
in Berlin die ausgeschlüpften Fischchen mit Mutterfisch
und Milchner (in Spiritus conservirt) zur Ausstellung brin-
gen. Es hat leider den Anschein, als wenn diese interes-
santen Objecto in der Fülle des dort Gebotenen ziemlich
unbeachtet geblieben sind.
Der hier angezogene Versuch hat also den Beweis
geliefert, dass die Fischbastarde, wenigstens von Lachs
und Forelle, nicht bloss fruchtbar sind, sondern auch
bei reiner Inzucht eine Nachkommenschaft er-
zeugen.
Das Resultat hat ein hohes wissenschaftliches Inter-
esse und ist auch vom practischen Standpuncte aus wichtig,
da die genannten Bastarde durch ihr rasches Wachsthum
vor der Forelle, der sie sonst sehr ähnlich sind und auch
in Bezug auf ihre Schmackhaftigkeit mindestens gleich-
stehen, noch einen besondern, bei der Fischzucht nicht zu
unterschätzenden Vorzug besitzen.
Ziemlich gleichzeitig mit Herrn 0 verbeck hat übri-
gens auch Herr Haack — laut Circular des deutschen
Fischerei-Vereins vom 12. Febr. 1880 — die Befruchtungs-
fähigkeit der Lachsbastardeier, allerdings nur zufällig und
in Rückbastardirung, beobachtet.
Da die Bastarderzeugung bei den Salmoniden mit
keinerlei besondern Schwierigkeiten verbunden ist, auch
in den grossen Lachsfischereien häufig geübt wird ~ nicht
selten werden solche Bastardeier, meist wiederum von
Lachs mit der Milch von Forellen befruchtet, zu billigen
Preisen abgegeben — steht zu erwarten, dass die hier
zum ersten Male an der Hand der Erfahrung und des Ex-
perimentes geprüfte Thatsache bald von anderer Seite auf-
genommen und weiter verfolgt wird. Versprechen doch
üeber Bastardfische. 311
auch sonst die Fische weit mehi-j als irgend welche andere
Thiere, die definitive Erledigung gewisser einstweilen noch
unentschiedener Fragen aus dem Bereiche der Zeugungs-
lehre. Und das gilt zunächst und vorzugsweise in Be-
zug auf die Bastardzeugung, die noch lange nicht ge-
nügend durchforscht ist und noch mancherlei wichtige und
unerwartete Aufschlüsse in Aussicht stellt. Wissen wir
doch bis jetzt nicht einmal mit Bestimmtheit die Grenzen
anzugeben, innerhalb derer eine solche möglich ist. Der
alte Flourens'sche Satz, dem zufolge nur die Arten des-
selben Geschlechtes Hybride zu erzeugen im Stande wären,
ist bei der heutigen Anwendung des Genusbegriffes längst
obsolet geworden. Allerdings darf wohl als ziemlich sicher
gelten, dass eine Bastardbildung um so leichter geschieht,
je näher die betheiligten Arten mit einander verwandt sind;
wenn es aber wahr ist, was Fr aas in seiner künstlichen
Fischerzeugung (2. Aufl. S. 48) behauptet — und wir haben
keinen Grund, es von vorn herein zu bezweifeln — , dass
es ihm gelungen sei, zwischen Salmo fario $ und Lota
marmorata J'j zwischen zwei Formen also, die ganz ver-
schiedenen Gruppen angehören, durch künstliche Befruch-
tung eine Bastardzeugung zu vermitteln, dann müssen die
Grenzen einer Verbastardirung doch weiter aus einander
liegen, als wir bisher anzunehmen geneigt waren.
Dass übrigens auch im freien Zustande eine Bastard-
zeugung zwischen Quappe und Forelle stattfinde, steht zu
bezweifeln, da solcher Annahme schon die durch v. Sie-
bold (Süsswasserfische von Mitteleuropa, S. 74) der Ver-
gessenheit entrissene Steinbuch'sche Beobachtung über
das Begattungsgeschäft der Quappe entgegensteht. In an-
dern Fällen aber ist durch ältere und neuere Beobach-
tungen die spontane Entwicklung von Bastardfischen zur
Genüge dargethan. Und zwar eben sowohl experimentell,
bei Salmoniden, wie durch zoologische Vergleichung und
Nachweis unverkennbarer Zwischenformen, besonders bei
Stören und Karpfen. Wir verdanken es namentlich den
Untersuchungen, welche v. Siebold über die bei uns ein-
heimischen Karpfenarten angestellt hat, dass die Existenz
solcher hybrider Formen heute fast allgemein zur Aner-
312 Rudolf Leuckart:
kennung gekommen ist. Nicht weniger als fünf Arten
sind es, die von demselben als Bastarde erkannt wurden:
Cyprinus Kollari (von Cyprinus carpio und Carassius vul-
garis)^ Ähramidopsis Leuckarti (von Abramis hrama und
vermuthlich Scardiniiis erythropJithalmus), JBliccopsis ahramo-
rutiliis (von Blicca Björnka und Leuciscus rutilus), Älbur-
nus dolahratus (von Alhurnus lucidus und Squalius cephalus)
und Chondrostoma Rysela (von Chondr. nasus und Telestes
Agassimi). Später hat Fraisse in seinen Fischen des
Neckar denselben noch eine sechste Form hinzugefügt,
die auf Leucisms rutilus und Squalius cephalus zurückge-
führt wird. Wie wenig erschöpfend aber unsere Kennt-
nisse über alle diese Formen sind, geht am schlagendsten
vielleicht aus dem Ausspruche hervor, den von Siebold
(a. a. 0. S. 20) mit folgenden Worten seiner Aufzählung hinzu-
fügt. „Leider habe ich über das Leben und das Wesen dieser
Fische gar Manches unaufgeklärt lassen müssen, nament-
lich habe ich über die Bedingungen ihrer Entstehung und
über ihre Fortpflanzungsfähigkeit bis jetzt keine Erfah-
rungen sammeln können; auch habe ich in Bezug auf
ihre Abstammung, wie das die Schwierigkeit des Gegen-
standes mit sich bringt, Manches nur errathen können,
habe aber diese über Bastardbildungen nur als Vermuthun-
gen hingestellten Aeusserungen um so weniger unterdrücken
wollen, weil ich erwarten kann, dass dieselben zur Nach-
prüfung anregen werden, wodurch meine mangelhaften
Untersuchungen um so eher ergänzt werden dürften!"
Trotz der direct hier ausgesprochenen Aufforderung und
der grossen Bedeutung, welche die Bastardfrage sowohl für
die Systematik, wie für die Lehre von der Artenbildung
hat, besitzt das hier (1863) Gesagte noch heute seine Gül-
tigkeit. Nur in sofern sind unsere Kenntnisse gefördert,
als die Fortpflanzungsfähigkeit wenigstens der Lachsbastarde
durch die Eingangs angezogenen Experimente selbst bei
reiner Inzucht als bewiesen angesehen werden darf. Damit
stimmt auch die Beobachtung, welche v. Siebold bei Ge-
legenheit des Cyprinus Kollari (a. a. 0. S. 98) anzieht,
dass er in verschiedenen Fischbastarden die Geschlechts-
lieber Bastardfische. 313
Werkzeuge, namentlicli die Eierstöcke oft vollkommen, ja
sogar strotzend entwickelt angetroffen habe.
Wenn es hiernach erlaubt ist, die Beobachtungen
über die Fortpflanzungsfähigkeit der Lachsbastarde auf
die Fischbastarde überhaupt zu übertragen, dann steht
natürlich der Annahme Nichts im Wege, dass die im Freien
vorkommenden Fischbastarde eben so wohl durch reine
Inzucht, wie durch Verbastardirung ihren Ursprung ge-
nommen haben können, dass es mit anderen Worten zur
Production dieser Bastarde keineswegs einer stets von
Neuem wiederholten Bastardzeugung bedürfe. Die Häufig-
keit, in der einzelne dieser Bastardfische an bestimmten
Localitäten gefunden werden — und gelegentlich geht diese
so weit, dass ihre Menge die der Stammeltern übertrifft —
ist natürlich nur geeignet, der hier ausgesprochenen Ver-
muthung eine Stütze zu geben. Demgemäss werden denn
auch die zahlreichen und manchfaltigen Uebergänge zwi-
schen den typischen Bastarden und den bei deren Er-
zeugung betheiligteu Stammarten, welche die Unterschei-
dung oftmals ausserordentlich erschweren, am einfachsten
durch die Annahme eine Rückverbastardirung in verschie-
denen Graden weit einfacher und natürlicher ihre Erklärung
finden, als durch die wenig greifbare Supposition von dem
überwiegenden Zeugungseinflusse des einen oder anderen
der beiden Stammeltern.
Schon V. Siebold hat besonders bei dem Cypr. Kol-
lari auf derartige Unterschiede aufmerksam gemacht und
gezeigt, dass der genannte Bastard in Betreff selbst der
wichtigsten Charaktere (Bartfäden, Zahnbildung) bald dem
Cypr. carpio, bald dem Cypr. carassius resp. gibelio, and
zwar, je nach Umständen, mehr oder minder auffallend,
sich annähere. Ich selbst bin in der Lage, dazu einen
weitern Beitrag zu liefern, und zwar auf Grund einer Fisch-
sendung, welche ich der Freundlichkeit des als ausgezeich-
neten Ornithologen bekannten Herrn Amtsrath A. Nehr-
korn in Riddagshausen ^) bei Braunschweig verdanke.
1) Der Riddagshauser Klosterteich ist schon seit langer Zeit
als eine ergiebige Fundstätte des üypr. Kollari bekannt. Schon vor
314 Rudolf Leuckart:
Dieselbe bestand — von einii^en Exemplaren Rhodeus ama-
rus abgesehen — aus zwölf zwischen 4,5 — 7 cm (meist
gegen 6 cm) langen „Nichtkarpfen", welche mit einer
grossen Anzahl ähnlicher Fische einer „von sehr unerfah-
rener Seite" angelegten Karpfenzucht entstammten. Herr
Nehrkorn glaubte ,,nach oberflächlicher Anschauung"
darin ausser Cypr. Kollari auch noch die Teichkaraasche
{Carassius vulgaris var. gihelio) erkannt zu haben, bei nä-
herer Untersuchung^) jedoch ergab sich, dass die Fische
sämmtlich zu Cypr. Kollari gehörten, aber Formen reprä-
sentirten, welche weit mehr, als die gewöhnlichen Exem-
plare dieser Art, an den Gibel sich anschlössen. Und
das nicht bloss in der allgemeinen Körperform, sondern
auch, wie sogleich bemerkt werden soll, in der Zahnbil-
dung. Bartfäden waren mit x\usnahme eines Exemplares
überall vorhanden, jedoch in fast allen Fällen von unbe-
deutender Länge, so dass sie leicht übersehen werden
konnten. In der Mehrzahl massen dieselben 1 — 1,5 mm,
bald etwas mehr, bald auch weniger. Nur ein Exemplar
hatte Bartfäden von der gewöhnlichen Beschaffenheit des
Cypr. Kollari (bei 6 cm Körpergrösse etwa 4 mm lang),
und bei einem zweiten fehlten dieselben gänzlich. Bisweilen
waren die Fäden rechts und links auch ungleich ent-
wickelt, auf der einen Seite grössei*. als auf der andern.
Noch weit auffallender aber erschien die Bildung der Zähne,
indem nicht weniger als sieben der vorliegenden Exemplare
des sonst für Cypr. Kollari charakteristischen kleinen Aussen-
zahnes entbehrten, also ein Gebiss hatten, welches durch-
aus mit dem der Karausche übereinstimmte. Zu diesen
zwanzig Jahren erhielt ich von meinem verstorbenen Freunde Bla-
sius Exemplare, welche demselben entstammten. Wie ich dem
mehrfach angezogenen Werke von Siebold 's entnehme (S. 98 Anm.),
hat Blasius s. Z. auch einen Streckteich mit einer grössern Anzahl
von Cypr. Kollari besetzen lassen, um zu beobachten, ob diese
„Hälverlinge" (= Halbkarpfen) sich unter einander fortpflanzen
würden. Von dem Resultate des Versuches ist freilich niemals Et-
was kund geworden.
1) Dieselbe wurde zunächst von meinem Assistenten Herrn
Dr. Marschall vorgenommen und später von mir bestätigt.
Ueber Bastardfische. 315
sieben Exemplaren gehörte u. a. auch dasjenige, welches
die ansehnlichsten Bartfäden trug, während das gleichfalls
oben erwähnte bartfadenlose auf dem rechten Schlund-
knochen einen wenn auch kleinen, doch ganz unverkenn-
baren Aussenzahn trug, also ein Kollarigebiss hatte. Frei-
lich war es nur dieser eine Schlundknochen, der in solcher
Weise bewaffnet war, indem der gegenüberstehende rechte
des Aussenzahnes entbehrte. Die gleiche Asymmetrie fand
sich in zwei anderen Fällen, nur dass das Kollarigebiss
hier auf der rechten Seite gefunden wurde. Beiderseits
kam die Zahnbildung des Cypr. Kollari nur bei einem
einzigen Fische zur Beobachtung, und auch hier ergab sich
insofern eine Abweichung, als der kleine Aussenzahn rechts
wie links bloss der Schleimhaut inhärirte, mit dem Knochen
also keinen festen Zusammenhang hatte. Schliesslich fand
sich noch ein Exemplar mit Karauschengebiss, welches auf
dem rechten Schlundknocheu neben den vier gewöhnlichen
Zähnen zwei grosse, gleichfalls lose Aussenzähne besass,
die übrigens, da sie eine starke Kaufläche trugen, mög-
licher Weise noch von der vorausgehenden Dentation her-
rührten.
Nach dem, was über die Fortpflanzungsfähigkeit der
Bastardfische oben mitgetheilt ist, glaube ich nicht fehlzu-
greifen, wenn ich annehme, dass es sich bei den hier kurz
beschriebenen Fischen um eine Brut handelte, welche durch
Rückverbastardirung des Cypr. Kollari mit der Teichka-
rausche ihren Ursprung genommen hat, um Bastarde also,
welche ihrer Abstammung nach (mindestens) drei Viertel
Karausche und ein Viertel Karpfe repräsentirten.
üeber das Cribellum und Calamistrum.
Ein Beitrag zur Histiologie, Biologie und Systematilc
der Spinnen.
Von
Dr. Ph. Bertkau
in Bonn,
Hierzu Tafel XVII f. Fig. 1—22.
Bei einigen Spinnen findet sich immittelbar vor den
gewöhnlichen Spinnwarzen ein eigeuthtimliches Organ, das
zuerst (9 p. 224 und 606) von Blackwall 1839, und voll-
ständiger 1841 beschrieben und für ein viertes Paar ihrer
ganzen Länge nach verwachsener Spinnwarzen erklärt
wurde. Diese Deutung hat Black wall festgehalten und
noch 1874 (11) durch Angabe von feinen Köhrchen, die
an dieser Stelle über die Körperhaut hervorragen, zu stützen
versucht. Anderwärts haben die Mittheilungen Black-
walTs nur wenig Aufmerksamkeit und seine Deutung
kaum Billigung gefunden. Von Hand- oder Lehrbüchern
ist V. Siebold's Lehrbuch der vergleichenden Anatomie
das einzige mir bekannt gewordene, das die BlackwaH'sche
Angabe aufgenommen hat (p. 541); die Arachnologen spe-
ciell haben wenig zur Aufklärung jenes Organes beige-
tragen. Noch 1869 brachte Thoreil (33 I p. 30) mehrere
Gründe vor, die gegen die Bedeutung dieses Organs als
eines vierten Spinnwarzenpaars sprechen sollten und deutete
später (p. 121) sogar an, dass bei einigen Arten hier viel-
leicht die Tracheen münden möchten. In seinen Bemer-
kungen über die Synonymen Europäischer Spinnen (38 II
p. 595) kam er der richtigen Erkenntniss dieses Organs
Ph. Bertkau: lieber das Cribellum und Calamistrum etc. 317
näher, indem er in demselben ein dickes Bündel feiner
Röhrchen erkannte, die von der Haut zu einer umfang-
reichen Drüsenmasse verlaufen. Dennoch wagte er keine
positive Entscheidung zu treffen, weil er an den über die
Haut hervorragenden „Haaren" nicht unterscheiden konnte,
ob sie röhrig („tubulär'') seien oder nicht, ob sie also zur
Ausleitung des von der Drüse gelieferten Sekretes dienen
könnten oder nicht. Auffallender Weise hat auch ein sonst
sehr sorgfältiger Beobachter, Menge, gar nichts zur Lö-
sung der Frage nach der Bedeutung des in Rede stehen-
den Organs beigetragen. Die bezüglichen Stellen seines
Werkes ,,Preussische Spinnen'' waren weit mehr geeignet,
die Frage zu verwirren als sie zu klären, so dass ich mit
vollem Rechte den Zweifel aussprechen konnte, ob er das
fragliche Organ überhaupt gesehen habe oder nicht.
Für die BlackwaU'sche Deutung trat ich selbst 1875
mit aller Bestimmtheit ein, indem ich zeigte, dass an dieser
Stelle eine sehr grosse Anzahl von Spinndrüsen mündet
(3 p. 318); den Irrthum, dass diese Spinndrüsen einzellig
seien, berichtigte ich selbst 1877 (5 p. 270 Anm. 1), wo
ich angab, dass sie mehrzellig und eine einfache Modi-
fikation der bekannten „birnförmigen" Drüsen seien. Gleich-
zeitig zeigte ich, wie sich die eigenthümlichen Haare, das
sog. Calamistrum, an dem Tarsus der Hinterbeine der mit
diesen Spinngefässen ausgerüsteten Arten an der Herstel-
lung des Gewebes betheiligten.
Gegenüber diesen bestimmten Angaben ist es immer-
hin auffallend, dass Claus in der neuesten Auflage seiner
„Grundzüge" dieses Organ seiner besonderen Bedeutung
nach als noch keineswegs aufgeklärt bezeichnet. Aber
ein übertriebener Skepticismus hat immer weniger ge-
schadet als zu grosse Leichtgläubigkeit und auch an und
für sich ist eine erneute und eingehende Darstellung dieses
Organs und des stets im Zusammenhang damit vorkommen-
den Calamistrum von Interesse. Die nachfolgenden Zeilen
beschäftigen sich mit der Histiologie der betreffenden
Drüsen, mit der Bedeutung, den diese für die specielle
Oeconomie des Thieres haben und mit der Systematik der
damit ausgerüsteten Gattungen, wobei ich es für meine
S18 Ph. Bertkau:
Pflicht halte, anzuführen, dass der histiologische Theil der
Arbeit auf dem hiesigen anatomischen Institut und unter
Benutzung von dessen reichen Htilfsmitteln verschiedener
Art angefertigt ist. Ich fühle mich Herrn Prof. v. Lava-
lette St. George, dem Direktor des Instituts, und Herrn
Prof. M. Nussbaum, der mich bei meinen Arbeiten wesent-
lich unterstützt hat, zu lebhaftem Dank verpflichtet.
Ueber die äusseren Verhältnisse des in Rede stehen-
den Organs, das ich nach dem Vorgange L. Koch's (22
p. 3 Anm.) Cr i bell um nenne, orientirt man sich am besten
an Amaurobius ferox, einer unserer grösseren einheimischen
Arten, die auch vrohl überall zu haben ist. Auf diese Art
beziehen sich auch alle Angaben in dem allgemeinen Theil.
Betrachtet man ein Weibchen dieser Art von der
Bauchseite (.Fig. 1), so bemerkt man, namentlich bei leich-
tem Drucke auf den Hinterleib, der ein Auseinanderspreizen
der Spinnwarzen zur Folge hat, unmittelbar vor diesen
(sp. I) und hinter der schmalen Spalte (st.), die zu den
vier einfachen Tracheen führt, ein queres Piättchen (er.)
von rothbrauner Farbe und mattem Glänze; diese Platte
ist das Cribellum, von Thoreil (33 I p. 29) inframamil-
lary organ, Organum inframamillare, von 0. Her man
(19 I p. 48) im Ungarischen fonalszürö, „Fadenseiher", im
Deutschen Schiffchen, aber letzteres fälschlich unter Bezug-
nahme auf Menge, genannt, von letzterem (26 p. 287) irriger
Weise mit dem Hypopygium, Colulus, unterer Afterdeckel
identificirt, von Black wall, wie oben angeführt, für ein
Paar verwachsener Spinnwarzen erklärt, was insofern un-
richtig ist, als dieses Organ nicht über die übrige Körper-
haut hervorragt, wie diese Benennung, die Beschreibung
und Abbildung Blackwall's (10 PL IX Fig. 88 e, 93 f) ver-
muthen lassen. Bei einiger Vergrösserung erkennt man, dass
dieses Piättchen von einer Hornleiste eingerahmt ist, die
hinten am breitesten ist und hier in der Mitte zwei kleine
zitzenförmige Vorsprünge nach hinten hervortreten lässt.
Vorder- und Hinterrand sind in der Mitte durch eine Brücke
verbunden, so dass dadurch die ganze Platte in zwei sym-
metrische Hälften zerfällt, deren jede einer Flügelfrucht des
Ahorn nicht unähnlich ist. Bei stärkerer Vergrösserung
Ueber das Cribellum und Calamistrum etc. 319
(Fig. 4) erscheint nun jedes der beiden Felder durch ein
nicht ganz regelmässiges Leistenwerk in eine sehr grosse
Zahl kleiner Feldchen eingetheilt, in deren Mitte man je
ein Pünktchen erblickt. Nach einer rohen Zählung tiber-
steigt die Zahl dieser Feldchen 1200 auf je einem Felde;
bei scharfer Beleuchtung, am Rande, oder auf Querdurch-
schnitten sieht man nun aus jedem der Pünktchen ein
kurzes Röhrchen (tt) hervorragen, das sich rückwärts noch
eine kurze Strecke weit verfolgen lässt, und sich dann in
einer weissen Drüsenmasse verliert. Dieses Röhrchen ist
der Ausführungsgang einer Spinndrüse und der über die
Körperhaut hervorragende Theil ist demnach ein sog.
Spinnröhrchen, tubulus textorius.
So viel lässt sich ohne besondere Vorkehrungen, bei
Präparation in Alkohol oder indifferenten Flüssigkeiten
wahrnehmen; Wasser macht den Inhalt der Drüsen auf-
quellen und trübt das ganze Bild. Um nun über den Bau
der Drüsen selbst näheren Aufschluss zu erhalten, ist ein
Härten derselben nöthig ; die besten Resultate habe ich mit
verdünnter Ueberosmiumsäure und Kali bichr. erhalten.
Unter Anwendung dieser Härtungsmittel Hess sich folgen-
der Bau mit grosser Deutlichkeit erkennen. Die Drüse
(Fig. 3) ist kugelig und besitzt eine tunica propria (tp)
mit spärlich eingestreuten, ovalen Kernen (k) mit kleinem
Kernkörperchen. Bisweilen greift die t. propria der einen
Drüse auf die benachbarte über, so dass dann zwei Drüsen
von einer gemeinsamen t. propria umhüllt sind ,* namentlich
ist dies der Fall, wenn die Lumina zweier benachbarter
Drüsen mit einander kommuniziren, was nicht gerade selten
eintritt. Immer aber gehen von der t. propria der einen
Drüse Lappen, Fortsätze u. s. w. aus, die sich mit der
der benachbarten verbinden und so zwischen den einzelnen
Drüsen ein Maschenwerk herstellen, in dessen Zwischen-
räumen das Blut cirkulirt, wie an Längs- und Querschnitten
durch die stark gehärtete ganze Drüsenmasse leicht zu
sehen ist.
Die Epithelzellen (s) der Drüse sind durch gegen-
seitigen Druck eckig geworden, übrigens aber annähernd
nach allen Dimensionen gleich ausgedehnt. Jede besitzt
320 Ph. Bertkau:
einen durch die Härtungsmittel zackig werdenden Kern
mit Kernkörperchen; ihre Zahl in einer Drüse übersteigt
30 wohl kaum. Ob bei grösseren Arten, Eresus z. B.,
ihre Zahl grösser ist, kann ich nicht angeben.
Die Intima (i) der Drüse ist namentlich nach Be-
handlung mit Kali bichr. recht deutlich zu sehen, indem
dieses Reagens eine starke Aufquell iing derselben hervor-
ruft. Bei Anwendung desselben erscheint auch der sonst
homogen aussehende Inhalt als aus kleinen, kugeligen oder
eiförmigen, stark glänzenden Körnchen oder vielmehr Tröpf-
chen bestehend. An einer Stelle nun verengt sich der
von der Intima umschlossene Raum plötzlich trichterförmig
und diese selbst tritt zwischen den Epithelzellen als Aus-
führungsgang der Drüse hindurch. In seltenen Fällen sind
die Epithelzellen der Drüse in unmittelbarer Nachbarschaft
des Ausführungsganges auf diesen hinaus verlängert; ge-
wöhnlich aber erscheinen sie hier ebenso regelmässig ge-
staltet wie am ganzen übrigen Umfang der Drüse. Der
Ausführungsgang ist von einer Hülle umgeben, in die ovale
Kerne (k') mit kleinem Kernkörperchen von derselben Be-
schaffenheit wie in der tun. propria eingestreut sind. In
unmittelbarer Nachbarschaft der Drüse sind diese Kerne
am zahlreichsten; sie werden in einiger Entfernung spär-
licher und häufen sich nur scheinbar kurz vor dem Cri-
bellum wieder an, indem hier eben alle Ausführungsgänge
dicht zusammen gedrängt sind. Jeder Ausführungsgang
bleibt nur eine kurze Strecke, nachdem er die Drüse ver-
lassen hat, isolirt; bald tritt er mit 8—10 benachbarten
in ein Bündel zusammen; diese Bündel vereinigen sich zu
stärkeren, und so fort, bis vor dem Cribellum alle Aus-
führungsgänge auf einem kleinen Räume zusammengedrängt
sind. Dabei scheinen die kernhaltigen Hüllen der einzelnen
Ausführungsgänge mit einander zu verschmelzen ; wenig-
stens ist es mir nie gelungen, einen Ausführungsgang über
eine gewisse Entfernung von der Drüse hinaus zu isoliren.
Dass die Wandung der Ausführungsgänge kurz vor ihrem
Durchtritt durch die Körperhaut eine derbere Beschaffen-
heit annehmen, als sie auf dem grössten Theile ihrer
Länge haben, Hess sich schon nach ihrem Verhalten nicht
Ueber das Cribellum und Calamistrum etc. 321
härtenden Mitteln gegenüber schliessen, und wird jetzt
bestätigt. Die feine, zarte Wand wird kurz vor dem Cri-
bellum etwas dicker und fester; der über die Körperbaut
hervorragende Theil ist am solidesten. Von Black wall ist
es für die gewöhnlichen Spinngefässe nachgewiesen, und
ich habe mich auch bei dem Cribellum von der Richtig-
keit dieser Angabe überzeugen können, dass die Zahl der
Drüsen mit dem Wachsthum des Thieres zunimmt. In
welcher Weise die Vermehrung der Drüsen vor sich geht,
ob jene Drüsen, deren Lumina miteinander kommunizieren,
früher eine waren und späterhin ganz in 2 getrennte zer-
fallen, ob die Ausführungsgänge, die zu Bündeln zusam-
mentreten, Drüsen angehören, die in einem genetischen
Zusammenhang mit einander stehen, kann ich nicht sagen.
Früher bereits habe ich angegeben, dass diese Drüsen
eine eigenthümliche Modifikation der bekannten birnför-
migen darstellen, von denen sie sich durch ihre geringere
Grösse, beträchtlichere Zartheit, sowie dadurch unterschei-
den, dass ihre Ausführungsgänge eben nicht auf Spinn-
warzen, also diesen eigenthümlichen kegelförmigen, einge-
lenkten Hervorragungen, sondern an einer sonst nur wenig
modifizierten Stelle der Körperhaut ausmünden. Es Hesse
sich noch hinzufügen, dass diese Einzeldrüsen in vollkom-
menerer Weise als die gewöhnlichen birnförmigen zu einem
vollkommeneren Drüsencomplexe zusammentreten. Ein Ver-
gleich meiner Darstellung mit der Landois' (13 p. 241)
oder meiner Figuren mit dessen Fig. 1 a, b auf Taf. VII
lässt wohl keinen Zweifel an der Berechtigung meiner
vorhin wiederholten Behauptung zu. Nur hinsichtlich der
Mündung der Drüsen möchte ich noch auf die Analogie
mit den anderen Spinndrüsen hinweisen. Bei den gewöhn-
lichen, auf Spinnwarzen ausmündenden Spinndrüsen sind
die Spinnröhrchen noch von einer kegelförmigen weiteren
Röhre, der sog. Spinnspule, gestützt. Das Analogon dieser
Spinnspulen sind am Cribellum die sich kreuzenden Leisten,
zwischen denen die Spinnröhrchen hervorkommen. Immer-
hin sind unsere Drüsen eigenartig genug gestaltet, um
einen besonderen Namen zu verdienen: ich werde sie Cr i-
bellumdrüsen nennen.
Archiv für Naturg. XXXXVIII. Jahrg. 1. Bd. 21
322 Ph. Bertkau:
Die Spinrigefässe sind bekanntlicli Drüsen ohne Muskel-
beleg, und auch hierin stimmen die Cribellumdrüsen mit ihnen
tiberein. Das Sekret wird meist so reichlich abgesondert,
dass es den ganzen Ausführungsgang anfüllt und, wenn die
Mündung des letzteren an einen Gegenstand angedrückt
wird, dort haften bleibt und nun vermöge seiner Zähigkeit in
einen langen Faden ausgezogen werden kann ; nöthigen Falls
mag auch der durch eine Kontraktion des gesammten Hinter-
leibes auf die Drüsen ausgeübte Druck einen Antheil an der
Herausbeförderung des Sekretes haben. Die Spinnwarzen
mit ihrer allseitigen Beweglichkeit haben demnach wesent-
lich die Bedeutung, die auf ihnen angebrachten Spinn-
röhrchen mit Bequemlichkeit jedem beliebigen Gegenstand
nahe bringen zu können. Ein gleiches lässt sich nun von
dem Cribellum nicht sagen, da es über die übrige Kör-
perfläche nicht hervorragt; es ist daher hier auch eine
andere Einrichtung nöthig, um das Sekret hinauszubeför-
dern. Diese besteht darin, dass eine bestimmte, durch den
reichlichen Besitz eigenthümlicher Haare ausgezeichnete
Stelle des letzten Beinpaares über das Cribellum gerieben
wird und auf diese Weise die äusserst feinen Fädchen
aus den Spinnröhrchen herausgehaspelt werden. Dazu ist
aber vorher noch etwas anders nothwendig.
Das Cribellum liegt nämlich im Ruhezustande zwischen
den vorderen Spinnwarzen versteckt und seine Fläche
macht mit der Mittellinie des Bauches einen rechten Winkel;
es muss daher, damit das Bein überhaupt mit ihm in Be-
rührung gebracht werden kann, vorher aus seiner versteck-
ten Lage entfernt werden. Hierzu scheint mir ein Muskel-
paar (nii Fig. 2) zu dienen, das sich an die zitzenförmigen
Vorsprünge an dem hinteren Rahmen des Cribellum inse-
rirt und von hier nach hinten verläuft; durch eine Kon-
traktion desselben wird das Cribellum niedergezogen. Ausser
diesem Muskelpaare sind noch drei andere (m2, ms, m4)
im weiteren Umkreise des Cribeilums vorhanden, die viel-
leicht auch bei der Bewegung desselben in Thätigkeit
treten: das eine Paar befindet sich vor, ein anderes hinter
dem Cribellum; beide inseriren sich mit breiter Fläche
und rufen auf der Körperhaut die eigenthümliche mosaik-
Ueber das Cribellum und Calamistrum etc. 823
artige Skulptur hervor, die zu manchen Missverständnissen
Anlass gegeben hat. Das vordere Paar verläuft durch die
Masse der Cribellumdrtisen, und es mag daher die Kon-
traktion desselben auch von einigem Einfluss auf den Aus-
tritt des Sekretes sein. Ein drittes (m4) inserirt wieder
an einem langen Vorsprung hinter dem Cribellum.
Die Stelle des letzten Beinpaares nun, die über das
Cribellum gerieben wird, ist eine durch den Besitz eigen-
thümlicher Haare ausgezeichnete Strecke an der Oberseite
des Tarsus (vorletzten Gliedes), und der Apparat wurde
von seinem Entdecker, Blackwall, Calamistrum ge-
nannt. Fickert (17 p. 10 Anm. 1) verlegte die Stelle
des Calamistrum auf die Unterseite; sie hat aber die
Lage, die ich vorhin angegeben und ist nur bei einigen
Arten etwas nach hinten (innen) herabgerückt, nie aber
bis auf die untere Hälfte; bei der von Fickert angegebenen
Lage wäre auch eine kaum mögliche Verrenkung des
Tarsus nöthig, um das Calamistrum an das Cribellum
heranzubringen. Bei Amaurobius ferox ist der Tarsus des
letzten Beinpaares (Fig. 20) an seiner Oberseite von vorn
und hinten zusammengedrückt, so dass dadurch eine schmale
Leiste entsteht. Diese Leiste ist ihrer Länge nach rinnen-
artig vertieft und die beiden Ränder der Rinne sind
nun mit den Calamistrumhaaren besetzt, und zwar sind
die der hinteren Reihe dichter und kräftiger als die der
vorderen und betrugen bei einem zur Untersuchung die-
nenden Exemplar 54, während die der vordem Reihe die
Zahl 30 nicht erreichte. Der ganzen Beschaffenheit nach
scheint die hintere Reihe die wichtigste, wenn nicht allei-
nige Rolle zu spielen. Der Raum zwischen beiden Reihen
ist ganz unbehaart; die Haare der vorderen Reihe neigen
schräg nach hinten und abwärts, die der hinteren Reihe
schräg nach vorn und abwärts, so dass der freie Raum
zwischen den Spitzen der Haare schmäler ist als an ihrer
Basis ; überdies sind die Haare der hinteren Reihe stärker
nach vorn gebogen als die der vorderen nach hinten. Sie
stecken in stark verhornten, rothbraun gefärbten Ringen,
sind flach gedrückt, am oberen Rande mit einer Ver-
dickungsleiste und feinen abstehenden Börstchen versehen,
324 Ph. Bertkau:
im übrigen gestreift, so dass es den Anschein gewinnt,
als ob das Haar aus einzelnen Fäserchen zusammengesetzt
sei; überdies ist es noch von einer blassgelben oberfläch-
lichen Schiebt umgeben, die am Rande, in der Profilansicht,
als Saum hervortritt. In dem Enddrittel ist es plötzlich
verschmälert und stark gebogen, und diese Biegung ist das
charakteristische Merkmal, das die Calamistrumhaare vor
den übrigen sofort erkennen lässt.
Das Calamistrum tritt nun in sehr verschiedener Form
und Ausbildung auf. Bei Dictyna, Diotima, Lethia,
Hyptiotes, Uloborus, Dinopis, Miagrammopes ist
der Tarsus stark zusammengedrückt, so dass an seiner
oberen Seite eine scharfe Kante entsteht; zugleich ist er
gebogen, daher die Oberseite bei der Profilansicht konkav,
die Unterseite konvex erscheint. Hier ist nun die scharfe
Leiste mit einer einfachen Reihe von Calamistrumhaaren
besetzt, die, abgesehen von ihrer regelmässigen Anordnung
und charakteristischen Biegung, durch ihre schwarze Fär-
bung ein um so leichter wahrnehmbares Calamistrum her-
stellen, als die Farbe des Beines und der übrigen Haare
hier hell ist. Weniger deutlich ist das Calamistrum bei
Eresus, Dresseus, Adonea, Stegodyphus, bei denen
auch die übrigen Haare schwarz sind und dicht bis ans
Calamistrum herangehen; man erkennt es aber auch hier
an der Leiste, die auf dem Tarsus verläuft und dicht mit
einer Reihe gebogener Haare besetzt ist. Bei Filistata
ist es auf eine sehr kleine Stelle des Tarsus unmittelbar
hinter dem Gelenk beschränkt, und bei Zoropsis ist es
auf eine breite Fläche in dem mittleren Theile des Tarsus
ausgedehnt und dabei von so wenig charakteristischer Ge-
stalt, dass man die Haare durch das Mikroskop untersuchen
muss, um die Ueberzeugung zu gewinnen, dass man auch
hier Calamistrumhaare vor sich hat; auf die Einzelheiten
werde ich in dem systematischen Theil näher eingehen.
Ebenso wird man dort einige speciellere Angaben über die
mir bekannt gewordenen Verschiedenheiten des nur wenig
veränderlichen Cribellum finden; hier sei nur bemerkt, dass
sich hauptsächlich 2 Formen unterscheiden lassen, nemlich
ein durch eine mediane Brücke in zwei Hälften geschiedenes,
üeber das Cribellum und Calamistrum etc. 325
wie bei Amaurobius, und ein ohne solche Brücke, bei wel-
chem also die Spinnröhrchen in ununterbrochener Reihen-
folge über das ganze Feld verbreitet sind. Beide Formen
sind übrigens nicht scharf geschieden und kommen bei
verschiedenen xArten derselben Gattung vor: Dictyna viri-
dis sima z. B. hat ein vollständig getheiltes Cribellum,
bei D. flavescens keilt sich die Brücke von hinten nach
vorne aus und endet, bevor sie den Vorderrahmen erreicht
hat; Dict. arundinacea und uncinata endlich haben
keine Spur einer solchen Brücke. Auch sei hier darauf
aufmerksam gemacht, dass die Breite des Cribellum und
die Länge des Calamistrum in genauer Correlation stehen.
Arten mit breitem Cribellum (Amaurobius, Eresus, Hyptio-
tes, Uloborus) haben auch ein langes Calamistrum; Fili-
stata, die von allen mir bekannten Arten das relativ
schmälste Cribellum besitzt, hat auch das kürzeste Cala-
mistrum.
Bereits bei den ersten Mittheilungen über das Cri-
bellum und Calamistrum gab Black wall auch an, dass
und in welchem Zusammenhang beide Organe zu einander
und zu dem von ihnen verfertigten Gewebe stehen; kurz
gesagt besteht das Zusammenwirken beider Organe bei
der Anfertigung der Gewebe dieser Arten darin, dass das
Calamistrum des einen Hiuterfusses in rascher Aufeinander-
folge wiederholt über das Cribellum gerieben wird; aus
letzterem wird dadurch ein Bündel Fäden hervorgezogen,
das nun dem übrigen, von den gewöhnlichen Spinnwarzen
verfertigten Gewebe eingefügt wird. Black wall beschrieb
diesen Vorgang bei Dictyna und Amaurobius; ich selbst
habe ihn in aller Genauigkeit bei Eresus cinnabarinus be-
obachtet und beschrieben (5 p. 279; 6 p. 333); später habe
ich ihn auch bei Titanoeca und Dictyna wahrgenommen.
Von letzterer Gattung sind namentlich D. arundinacea und
uncinata zu empfehlen; im Frühling wird man kaum einen
von letzterer Art bewohnten Strauch längere Zeit beob-
achtet haben, ohne bei dem einen oder anderen Exemplar
zugleich die beschriebene Bewegung der Hinterbeine wahr-
zunehmen (vgl. 8 p. 296).
Ausser von diesen Gattungen ist mir noch eine Angabe
326 Ph. Bertkau:
von B. G. Wilder über Hyptiotes (Cyllopodia Hentz) ca-
vatus bekannt geworden, die jedenfalls hierher zu ziehen
ist; da die Schrift, in der Wilder seine Beobachtung mit-
getheilt hat, wohl nicht gerade jedem Interessenten zur
Hand ist, so will ich hier eine fast wörtliche Uebersetzung
der betreffenden Stelle geben. Nachdem Wilder ange-
geben hat, dass diese Art ihr Netz wahrscheinlich gegen
Tagesanbruch anlege, fährt er fort (35 p. 268): „Das Netz
hat eine dreieckige Gestalt und besteht aus 4 Radien, nie
mehr oder weniger, die von einigen (6 — 10) unabhängigen
klebrigen Fäden gekreuzt werden. Der Ausgangspunkt
der Radien ist in einen einfachen, nahezu horizontalen,
starken und kurzen Faden verlängert; die äusseren Enden
der Radien sind an einen zweiten starken, ebenfalls mehr
oder weniger horizontalen Faden (Grundlinie) befestigt,
der nahezu rechtwinkelig zu dem ersteren (d. h. dem ver-
längerten Vereinigungspunkt der Radien; Anm. d. Uebers.)
verläuft.
Die Radien und die Grundlinie schliessen wahrschein-
lich keinen ungewöhnlichen Vorgang der Herstellung ein;
aber die vollständige Unabhängigkeit der klebrigen Linien
bilden einen scharfen Gegensatz zu den spiralig verlaufen-
den Fäden von Epeira und Nephila.
Zur Zeit der Beobachtung hatte die Spinne die Grund-
linie, die 4 Radien und 4 Querfäden zunächst der Grund-
linie vollendet; sie kam eben auf einem äusseren Ra-
dius in der Richtung von der Spitze her, und drehte, als
sie den zuletzt angefertigten vierten klebrigen Faden er-
reicht hatte, sich um, schien mit ihrem Körper einige rohe
Messungen der Entfernung zu machen und befestigte dar-
auf, indem sie mit ihren Spinnwarzen eine kurze Strecke
(etwa 002) an dem Radius entlang fuhr, einen Faden an
denselben. Dann Hess sie ihren Hinterleib vom Radius
herabfallen, sich nur mit den beiden ersten Beinpaaren an
denselben festhaltend, und indem sie sich mit dem dritten
Beinpaar von dem Radius abstemmte, begann sie das vierte
Paar gleichzeitig über die Spinnwarzen hin und herzube-
wegen, wobei sie ein sehr klebriges und elastisches Band
von schwach gelber Farbe aus derselben hervorhaspelte.
üeber das Cribellum und Calamistrum etc. 327
Gleichzeitig bewegte sie sich langsam nach der Spitze zu
bis zu einem Punkte, wo die interradialen Räume schmal
genug waren, um ihr einen Uebergang zum zweiten Radius
zu gestatten. Jetzt hörte sie auf, den Faden weiter her-
vorzuziehen, und während sie auf dem zweiten Faden ab-
wärts ging, zog sich derselbe zusammen und hatte beinahe
die richtige Länge, als sie an dem vierten Querfaden an-
gelangt war. Sie befestigte den hervorgehaspelten Faden
an den zweiten Radius in einer solchen Entfernung von
dem vierten Querfaden, die der auf dem ersten Radius fast
gleich war. Auf dieselbe Weise zog sie den fünften Quer-
faden zwischen dem zweiten und dritten und zwischen
diesem und dem vierten Radius. Hierauf hörte sie mit
dem Hervorhaspeln des Fadens auf, begab sich auf den
ersten Radius zurück und legte dann einen sechsten, sie-
benten, achten und neunten Querfaden an, alle auf dem-
selben Wege und beinahe in demselben Abstände.
Die Geschwindigkeit der Bewegungen des vierten
Fusspaares ist sehr gross; mit grosser Anstrengung konnte
ich die Hand ebenso rasch bewegen, und fand mindestens
fünf Hin- und Hergänge in der Sekunde oder 300 in der
Minute; ungefähr 10 Minuten waren zur Herstellung der
5 Querfäden verwandt worden, wobei die zum Zurück-
gehen erforderliche Zeit sehr kurz war; und da die vier
ersten längeren Fäden mindestens 15 Minuten in Anspruch
genommen haben müssen, so mag die Spinne nach einer
ungefähren Schätzung innerhalb einer halben Stunde ihre
Hinterbeine 7500 Mal hin und herbewegt haben; eine
Schätzung, die gewiss hinter der Wirklichkeit zurück-
bleibt."
Das Wesen des mit Cribellum und Calamistrum ver-
fertigten Gewebstückes besteht darin und muss darin be-
stehen, dass eine der Zahl der Cribellumdrüsen einiger-
massen entsprechende Anzahl von feinen Fäden dicht neben
einander liegen ; dies ist in der That der Fall, wie Fig. 6,
eine bei 700-facher Vergrösserung angefertigte Abbildung
einer Gewebsflocke von Amaurobius ferox zeigt. Sowohl
die Abbildung S. 76 in Murray 's Economic Entomology als
auch namentlich 0. Herman's Abbildung (19 I p. 76), die
328 Ph. Bertkau:
einen Faden in wellenförmigem Zuge neben einem gerade
gestreckten Faden zeigt, berühren das Wesen der Sache
nicht. Schon mit blossem Auge lassen sich alle mit Hülfe
von Cribellum und Calamistrum zu Stande gekommenen
Gewebe (curled web Blackwall's, gekräuseltes Gewebe)
an ihrer eigenthümlichen, gewöhnlich etwas bläulichen
Farbe erkennen.
Thor eil (33 I p. 30) meint, wenn auch das Cribel-
lum bei Dictyna und Amaurobius zur Herstellung des ge-
kräuselten Gewebes diente, so könnte es doch bei Hyptiotes
und Uloborus, die regelmässig geometrische Netze weben,
diese Bedeutung nicht haben. Aber diese Meinung geht
von einer falschen Voraussetzung aus, nämlich von einer
Verkennung des oben scharf präcisirten Wesens des ge-
kräuselten Gewebes. Mit der Gestalt des Gesammtgewebes
hat diese Frage nichts zu thun : bei Dictyna, Amaurobius,
Titanoeca und Eresus werden die gekräuselten Bestand-
theile in kurzen Stücken angefertigt und einem unregel-
mässigen Gewebe eingefügt; bei Hyptiotes, jedenfalls auch
bei Uloborus und wahrscheinlich auch bei anderen Arten,
werden sie in lange Bänder ausgezogen, und diese Bänder
dann einem njit Hülfe der anderen Spinnwarzen verfer-
tigten Rahmen in einer solchen Weise eingefügt, dass da-
durch der Schein eines Sektors eines Radnetzes von Epei-
riden entsteht.
Ich muss übrigens bemerken, dass mir alle Einzel-
heiten des Vorganges nicht klar sind. Namentlich bleibt
noch die Frage zu beantworten, wie das hervorgehaspelte
Band bei Eresus u. s. w. bis zum Ende des Metatarsus
gelangt, so dass es nun von den Krallen der beiden Hin-
terfüsse gefasst und an Fäden gewöhnlicher Art geheftet
werden kann; ferner, wie Hyptiotes so lange Fadenbündel
hervorhaspeln kann, ohne dass sich dieselben verwirren.
Wahrscheinlich ist mir, dass ein aus einer anderen Spinn-
drüse stammender derberer Faden als Leitseil dient, dem
sich die feinen aus den Cribellumdrüsen stammenden Fäden
anschmiegen. Durch Kontraktion beim Eintrocknen dieses
derberen Fadens würde sich auch die starke Verkürzung
der Querfäden bei Hyptiotes erklären, während, wenn die-
Ueber das Cribellam und Calamistrum etc. 329
selben ausschliesslich aus den feinen Fäden beständen, sie
sofort eintrocknen und ihre Elastizität verlieren müssten.
Simon führt (30 I p. 165) von der Familie der Ulobo-
riden an: les fils . . . vus au microscope, . . paraissent
iormes d'un fil assez öpais, autour du quel s'enroule un
second fil tres delie, formant des festons irreguliers . . .
Es würde dies der Abbildung 0. Herman's entsprechen.
Wahrscheinlich stammt der erste Faden aus einer gewöhn-
lichen Drüse, und setzt sich der zweite, darum gewundene
aus einer Anzahl feiner, aus den Cribellumdrüsen stammen-
den Fädchen zusammen. Der Zweck des gekräuselten
Gewebes ist nun leicht ersichtlich. Alle diese Gewebe
haften mit der grössten Leichtigkeit und Zähigkeit an den
Fingern z. B., die sie berührt haben. Sie ersetzen in dieser
Hinsicht die klebrigen Fäden der anderen Spinnen, na-
mentlich Epeiriden, die wie Menge (26 p. 32) bemerkt,
kleine klebrige Kügelchen aufgereiht enthalten und wahr-
scheinlich aus den baumartig verästelten Drüsen stammen.
Wilder nannte ja auch die Querfäden beim Gewebe von
Hyptiotes einfach „viscide lines".
Das gekräuselte Gewebe ist daher ein in erster Linie
dem Fange dienendes Gewebe und hierin liegt die hohe
Bedeutung des Cribellum und Calamistrum für die Oeco-
nomie der Arten. Die Cribellumdrüsen werden aber auch
noch bei anderen Gelegenheiten verwandt; z. B. bei einigen
Arten zur Verfertigung der Eiersäckchen und vielleicht
auch des Wohngewebes. So führt Blackwall (11 p. 341)
an, dass bei Hyptiotes paradoxus die Betheiligung des
Calamistrum bei der Bildung der äusseren konvexen Um-
hüllung des Kokons unzweifelhaft sei, eine nordamerika-
nische Art brauche Cribellum und Calamistrum bei der
Fabrikation ihres Wohngewebes (?; cell; so nennt Black-
wall an anderen Stellen, z. B. 10 p. 327, das Wohngewebe
von Epeira cornuta, in dem sie auch überwintert u. s. w).
Ob Black wall über das Eiersäckchen von Hyptiotes pa-
radoxus an einer anderen Stelle eine ausführlichere Mit-
theiluug gemacht hat, die obigen Ausspruch ganz zweifel-
los als richtig erscheinen lässt, ist mir nicht bekannt ge-
worden. Ich habe im vorigen Jahre von einem Exemplar
330 Ph. Bertkau:
von der Färbung des H. undulatus C. L. Koch ein Eier-
säckchen erhalten, bei dem im Umkreise ein derber Faden
in viereckigen Zickzacklinien gezogen war; dieser derbe
Faden war mit Strahlenbüscheln ganz feiner Fädchen be-
setzt, die sehr wohl aus den Cribellumdrüsen hätten stam-
men können. Da ich indessen die Entstehung des Kokons
nicht beobachtet habe, so will ich hierüber nichts mit
Bestimmtheit aussagen. Dagegen haben mir in diesem
Jahr zwei Weibchen von Eresus cinnabariuus, merkwürdig
genug in derselben Nacht vom 29./30. Mai, je ein Eier-
säckchen angefertigt, an dessen äusserster Umhüllung die
Flocken gekräuselten Gewebes unverkennbar waren. An-
dererseits scheinen mir die Dictynaarten z. B. ihre Eier-
häufchen ohne Betheiligung des Cribellum und Calamistrum
mit dem linsenförmigen Gewebe zu umhüllen. Die bei
dem Kokon von Hypt. paradoxus von mir erwähnte Eigen-
thümlichkeit ist aber neben Simon's Angaben mit ein Grund
für die Annahme, dass auch sonst ein derberer Faden dem
Bündel aus den Cribellumfäden als Stütze dient.
Auch über die zweite Angabe Blackwall's von der
Betheiligung des Cribellum und Calamistrum bei der An-
fertigung des Wohngewebes einer nordamerikanischen Hy-
ptiotesart (H. excavatus?) habe ich keine ausführlichere
Mittheilung gefunden. Obwohl ich unseren H. paradoxus
im Freien nicht gerade selten beobachtet habe, so ist mir
ein Wohngewebe von ihm doch nicht bekannt geworden;
auch Thoreil (32) stellt ein solches in Abrede und Simon
(30 I p. 173) sagt ebenfalls geradezu bei der Gattungs-
schilderung: „L'Hyptiotes ne construit point de retraite ni
de coque". Ob daher unser Hyptiotes eine andere Ge-
wohnheit hat als der nordamerikanische, ob bei ihm das
Wohngewebe bisher übersehen ist, oder ob Blackwall
hier mit „cell" etwas anderes meint als sonst, kann ich
nicht entscheiden.
Ich kann diese Schilderung noch nicht verlassen, ohne
auf die Wichtigkeit hingewiesen zu haben, die die Cri-
bellumdrüsen für die Auffassung der Spinndrüsen über-
haupt haben. Augenscheinlich haben wir es hier mit einer
niederen Form von Spinndrüsen zu thun, die sich enge an
lieber das Cribelluin und Calamistrum etc. 331
die gewöhnlichen Hautdrüsen anschliessen, wie sie bei
den Arthropoden, z. B. Coleopteren und Hymenopteren,
verbreitet sind. Den Cribellumdrüsen ähnliche Hautdrüsen
können wir daher auch als Ausgangspunkt der anderen
Spinngefässe annehmen. Diese vervollkommneten sich zu-
nächst zu den „birnförmigen", die bei den in mancher
Hinsicht niedrig stehenden Teraphosiden vielfach die ein-
zigen sind, und differenzirten sich bei den anderen in die
verschiedenen Formen, die man überhaupt unterschieden
hat: schlauchförmige, verästelte u. s. w.
Namentlich populäre Schriftsteller haben mit Vorliebe
auf die grosse Zahl von Spinnröhrchen bei den Spinnen,
und in dem leicht begreiflichen, wenn auch nicht zu recht-
fertigenden Streben, recht auffallende Thatsachen zu be-
richten, auf die grosse Zahl von Einzelfäden hingewiesen,
aus denen sich ein scheinbar einfacher Spinnfaden zusam-
mensetzen soll. Das Cribellum in seiner entwickeltsten
Form übertrifft mit seiner grossen Zahl von Spinnröhrchen
(bei Stegodyphus lineatus über 4800 auf jedem Felde,
einer noch nicht 0,2 Quadratmillimeter messenden Fläche)
die kühnsten bisher gegebenen Zahlen bei weitem und
steht in dieser Hinsicht überhaupt wohl einzig da.
Von einem wichtigen Umstand ist bisher noch nicht
die Rede gewesen, um die Darstellung nicht aufzuhalten,
nemlich davon, dass beide Organe bei den entwickelten
Männchen ganz oder theilweise verkümmert sind, während
die jungen Männchen dieselben in gleicher Ausbildung
wie die entsprechend alten Weibchen haben und die Re-
duktion erst vor der letzten Häutung eintritt. Bei den
Männchen kleiner Arten (z. B. Dictyna, Lethia) bleibt von
dem Cribellum gewöhnlich keine Spur übrig; bei anderen
(Eresus, Amaurobius) wird es als ein Hornplättchen von
der Gestalt des früheren Cribellum erhalten, auf dem un-
regelmässige Vertiefungen als einziger Rest der vorher so
charakteristischen Einrichtung übrig geblieben sind; von
Drüsen ist auch nicht die geringste Spur erhalten. Das
Calamistrum ist ebenfalls bei einigen Arten ganz geschwun-
den, bei anderen in mehr oder weniger vollkommenem
Zustand erhalten, aber auch in den Fällen deutlich nur
332 Ph. Bertkau:
einzeilig, wo es bei dem Weibehen zweireihig ist. Und
zwar ist, wie schon von vornherein anzunehmen war, die
vordere Reihe geschwunden oder undeutlich geworden.
Das blosse Faktum, dass beide Organe beim geschlechts-
reifen Männchen in einem Zustand vorhanden sind, der
einen Gebrauch nicht gestattet, könnte leicht zu der irrigen
Ansicht verleiten, dass sie in einem Zusammenhang mit
der den Weibchen obliegenden Brutpflege, also speciell
mit der Verfertigung der Eiersäckchen stehen. Dass sie
nebenher auch hierzu gebraucht werden, ist oben ange-
führt worden, dass dies aber nicht ihre einzige und nicht
einmal ihre Hauptaufgabe ist, geht daraus hervor, dass
die jungen Männchen dieselben ungeschmälert besitzen,
sowie aus der direkten Beobachtung ihrer Verwendung
bei Anlage des Fanggewebes. Ihre Verkümmerung ist
daher nur daraus zu erklären, dass die Männchen über-
haupt kein Fanggewebe mehr machen; Organe, die aus-
schliesslich einem solchen Zwecke dienen, sind daher ent-
behrlich geworden. Die Erhaltung der übrigen Spinn-
drüsen ist wohl dem Umstände zuzuschreiben, dass die
entwickelten Männchen ein Wohugewebe vielfach noch
verfertigen, sowie namentlich, dass sie ihrer und des Ge-
webes bedürfen, um den Samen in die Taster zu bringen,
worüber man Menge's (25 p. 38) und meine (4 p. 254)
früheren Mittheilungen vergleichen möge.
Die Zahl der Gattungen, bei denen Cribellum und Cala-
mistrum beobachtet sind, ist schon recht beträchtlich: Zo-
ropsis, Oecobius, Filistata, Amaurobius, Nurscia,
Titanoeca, Psechrus, Eresus, Stegodyphus, Adonea,
Dresseus, Dorceus, Dinopis, Avella, Menneus, Uloborus,
Phillyra, Hyptiotes, Miagrammopes, Dictyna, Lethia,
Diotima, Rhium, Argenna, Mezentia, wo die gesperrt ge-
druckten Namen die Gattungen bezeichnen, bei denen ich
mich selbst durch eigene Untersuchungen von ihrer An-
wesenheit und Beschaffenheit habe überzeugen können.
Sie werden fälschlich auch einigen Gattungen zugeschrie-
ben, die sie thatsächlich nicht haben. Bei Menge sind
manche dieser Angaben auf die, wie schon oben bemerkt,
irrige Identifizirung des Cribellum mit seinem „Hypo-
Ueber das Cribellum und Calaraistrum etc. 333
pygium" und des Calamistrum mit der Skopula zurückzu-
führen. Bei der Gattung Cybaeus, der Menge (26 p. 287
und 288) ein Cribellum zuschreibt, das aber keine Durch-
bohrungen zeige, liegt die Sache insofern anders, als die
Art, die Menge für Cyb. tetricus C. L. Koch hielt, nach
L. Koch ein Amaurobius ist und also jedenfalls das rich-
tige Cribellum besitzt. Die Angabe von einem Calamistrum
bei einigen Drassiden beruht ebenfalls auf einer falschen
Terminologie; er meint an dieser Stelle die Skopula. Ferner
schreibt Menge noch (26 p. 510) seinem Dolomedes „Spin-
delfelder, cribella'' zu und bildet dieselben auch (PL 83
Tab. 288) ab. Schon diese Abbildung indessen, die das
Balkenwerk nicht, dafür statt der feinen Röhrchen lange,
klobige Haare zeigt, beweist, dass Menge auch hier etwas
anderes für das Cribellum genommen hat; ich habe schon
früher (8 p. 282) die Vermuthung geäussert, dass Menge
sich durch ein kurz vor der Häutung stehendes Exemplar
hat täuschen lassen.
Die Angabe einiger älterer Schriftsteller (z. B. v. Sie-
bold's), die die in Rede stehenden Organe Arten den Gat-
tungen Drassus und Clubiona zuschreiben, sind auf eine jetzt
^ antiquirte Nomenklatur zurückzuführen, nach der z. B.
Amaurobius fenestralis eine Clubiona atrox, Dictyna viri-
dissima ein Drassus viridissimus war. Weniger zu ent-
schuldigen ist es aber, wenn Lebert noch 1877 (24 p. 9) das
Calamistrum als allgemeinen Besitz der Drassiden hinstellte;
kein einziger Drasside hat ein Calamistrum. — Ueber Omanus
und die Fam. Omanoidae T]%or. s. unten bei Oecobiadae.
Bevor ich auf die Systematik obiger Gattungen näher
eingehe, halte ich es für angemessen, die Systematik der
Spinnen im Allgemeinen zu beleuchten.
Gegenwärtig hat, vielleicht mit einigen Aenderungen in
Einzelheiten, bei den meisten Araneologen das von Thor eil
(33 I) aufgestellte System Geltung. Dasselbe ist eine Fort-
bildung des von Latreille auf die Form des Gewebes
und die Bewegungsart begründeten Systems, dessen Spuren
sich bis zu Aristoteles (1 p. 622b) zurückverfolgen
lassen, insofern derselbe bereits Arten mit und ohne Ge-
webe und unter letzteren solche von verschiedenen Gewebs-
334 Ph. Bertkau:
formen unterschied. Aber bei Aristoteles dienen diese
Unterschiede nicht als systematische, mit Ausnahme viel-
leicht des yevog tqitov oocfcozaTov xal y?.arfvQWTaTOVj mit
dem er unsere Epeiriden bezeichnete und in dem er wieder
zwei kleinere ysV/; unterschied. Lister, Clerck, Degeer,
Latreille, Sundevall, Walckenaer, Menge hielten die
Prinzipien dieses Systems fest und bauten dasselbe weiter aus.
Bei Thor eil tritt an Stelle der Begründung der von ihm
gleich Menge als Unterordnungen bezeichneten Gruppen
durch die Form des Gewebes und die Gangweise eine
solche durch körperliche Merkmale. Wenigstens ist die
Form des Gewebes nirgends ausdrücklich hervorgehoben,
und insofern beschwert sich Thorell mit Recht, von Si-
mon missverstanden zu sein, indem die Orbitelariae, Reti-
telariae, Tubitelariae u. s. w. nur in den Namen Anspie-
lungen auf die Form des Gewebes enthalten. Aber der
Inhalt der Gruppen ist wesentlich derselbe geblieben, den
sie bei den früheren Autoren hatten, und die zur Unter-
scheidung herangezogenen Merkmale sind theils sehr unter-
geordneter Natur, theils nicht scharf zu fassen. So sind
z. B. die beiden Unterordnungen der Orbitelariae und
Retitelariae nur durch die relative Entfernung der Augen .
von dem Stirnrande unterschieden, und selbst dieses Merk-
mal ist nicht einmal ein durchgreifendes, indem Tapinopa
unter den Retitelarien nach demselben zu den Orbitelarien
gehören müsste. Bei anderen Unterordnungen sind Unter-
scheidungsmerkmale in greifbarer Form überhaupt nicht
angegeben. Ich bin es nicht allein, der solche vermisst:
auch Gerstäcker (18 p. 293 ff.) spricht dies aus, und Aus-
ser er scheint es eben so ergangen zu sein, indem derselbe
in seiner analytischen Tabelle (2) der Familien die Unter-
ordnungen ganz überspringt. Thorell's Versuch, die Unter-
ordnungen auf andere Weise als durch das Gewebe zu
charakterisieren, kann ich daher nicht als gelungen an-
sehen; es bleibt nun noch die Frage, ob diese Unterord-
nungen natürlich sind. Die Bedingung dafür ist, dass alle
zu derselben Unterordnung gestellten Familien und Gat-
tungen unter einander näher verwandt sind, als mit einer
Gattung und Familie einer anderen Unterordnung. Diese
üeber das Cribellum und Calamistrum etc. 335
Bedingung scheint mir voll nur bei den Territelarien, an-
näherungsweise bei den Laterigraden und Citigraden er-
füllt zu sein. Die Orbitelariae enthalten als fremdartige
Elemente die subf. Uloborinae; die Gattung Pachygnatha,
die bei den Retitelarien steht, ist näher mit der Orbitelarie
Tetragnatha als mit irgend einer anderen Gattung ver-
wandt; die Tubitelarien enthalten die sehr verschieden-
artigen Familien der Agaleniden, Filistatiden, Dysderiden
und Drassiden; selbst die Saltigraden erscheinen durch
die Eresiden verunreinigt.
Andere Forscher wieder räumen der Form des Ge-
webes einen systematisch konstitutiven Werth ein und er-
klären in zweifelhaften Fällen ausdrücklich, dass die Form
des Gewebes bekannt sein müsse, bevor über die syste-
matische Stellung der betreffenden Gattung ein endgültiges
Urtheil abgegeben werden könne; 0. Herman (19 II p. 32)
möchte dem Gewebe sogar die Bedeutung von Organen
beilegen.
Was mir an der Eintheilung der Spinnen nach ihrer
Lebensweise natürlich scheint, ist die Unterscheidung der
Tristicta in solche, die typisch ein Fanggewebe machen
und solche, die kein Fanggewebe machen. Dieser Unter-
schied in der Lebensweise findet einen adäquaten Ausdruck
in dem Besitz oder Mangel einer Afterkralle an den Füssen
(ausg. Zoropsis). Auf der Grenze beider Gruppen stehen
in beiderlei Hinsicht die Lycosiden, von denen einige
(exotische) Formen nur 2 Krallen haben, während Menge
von den Gattungen Dolomedes, Ocyale und Oxyopes meldet,
dass sie leichte Gewebe verfertigen. Die Vagabundae
in diesem Sinne würden demnach ausser den Lycosiden
als Uebergangsform noch die Drassiden, Anyphaeniden,
Sparassiden, Thomisiden und Attiden enthalten, von denen
ein grosser Theil bei Latreille unter den Sedentarien stand.
Eine weitere Benutzung der Form des Gewebes zur Unter-
scheidung der Sedentarien kann ich aber nicht für natür-
lich halten, und zwar ebensowenig in dem Sinne, dass
ein gleiches Gewebe die Zugehörigkeit zu derselben Fa-
milie bedingt, noch in dem, dass ein verschiedenes Gewebe
ausschliesst. Hiervon mache ich nur bei dem Radgewebe
336 Ph. Bertkau:
eine Ausnahme. Das Radnetz der Epeiriden (aber nicht
das fälschlich damit gleichgestellte Gewebe der Uloboriden)
ist so charakteristisch, dass es der wichtigste Unterschied
gegenüber den Theridiaden ist; es ist auch fast der ein-
zige, während in den meisten anderen Punkten eine grosse
Uebereinstimmung beider Familien besteht. — Aus den
angeführten Gründen kann ich daher auch in den Namen
Orbitelariae, Retitelariae u. s. w. keine systematischen
Kategorien, sondern nur Namen zur Bezeichnung einer
biologischen Eigenthümlichkeit sehen.
An Stelle jenes Systems nun, das die ganze Ordnung
in 7 Unterordnungen zerfällt, aber vielfach nicht im Stande
war, die Unterschiede dieser Unterordnungen anzugeben,
in anderen Fällen solche Unterschiede angab, die allenfalls
zur Unterscheidung von Gattungen hinreichend waren, habe
ich vor vier Jahren (7) ein anderes gesetzt, in welchem
ich nur 2 Unterordnungen annahm, diese aber durch eine
Anzahl wichtiger anatomischer Verhältnisse unterschied.
Auch bei den Familien bemühte ich mich, schärfere und
wesentlichere Unterschiede aufzufinden, und schmeichele
mich mit der Hoffnung, dass mir dies auch gelungen ist.
Obwohl die in jenem Versuch niedergelegten Prinzipien,
soviel ich sehe, bis jetzt von keinem Araneologen ange-
nommen sind, so hält mich dieser Umstand nicht ab, auf
derselben Grundlage weiterzubauen, indem ich der Ueber-
zeugung bin, dass wir auf diesem von mir eingeschlagenen
Wege eher als auf jedem anderen zu einem befriedigenden
Abschluss der Bestrebungen einer natürlichen Klassifikation
kommen. In zwei Punkten namentlich glaube ich, in jenem
Versuch eine wesentliche Verbesserung eingeführt zu haben :
in der Verwendung von wirklich wichtigen Organisations-
verschiedenheiten als Familiencharakteren und in einer
auf diese Merkmale gegründeten anderen Begrenzung der
Familien.
Ich zweifele nun keinen Augenblick, dass sich bei
der Durcharbeitung eines grösseren, namentlich exotischen,
Materials manche Modifikationen als nöthig herausstellen
werden. Ich bedauere, selbst kein solches Material zur
Verfügung zu haben, und ebenso bedauere ich, dass das
üeber das Cribellum und Calamistrum etc. 337
reiche Material grösserer Museen nur zur Bereicherung der
Kataloge mit neuen Namen benutzt wird. Um so mehr
bin ich Herrn Eug. Simon zu Danke verpflichtet, der mir
mit der grössten Liberalität seltene, mir nicht zugängliche
Arten aus seiner Privatsammlung zur Untersuchung über-
lassen hat ; nur hierdurch bin ich im Stande, mir über die
Gattungen Filistata, Oecobius, Uroctea, Stegodyphus, Ado-
nea, Dresseus, Zoropsis, Miagrammopes, Dinopis, Diotima,
Podophthalma ein eigenes Urtheil zu bilden.
Die mit Cribellum und Calamistrum versehenen Gat-
tungen, bisher nur Tristicta, bringe ich zu den Familien der
Zoropsididae, Filistatidae, Oecobiadae, Miagrammopidae, Di-
nopidae, Uloboridae, Dictynidae, Eresidae, Amaurobiadae,
und fasse dieselben zu einer (zwischen Unterordnung und Fa-
milie stehenden) Gruppe, Cribellata, zusammen, im Gegen-
satze zu den übrigen Tristicta, die ich M crom am mi 11 ata
nenne. Die weitere Gruppierung der Familien der letzteren
möchte ich, soweit die mir allein bekannten deutschen Fa-
milien in Betracht kommen, jetzt etwas anders einrichten, als
ich in meinem „Versuch etc." p. 357 unter 9) gethan habe.
Anstatt nämlich die relative Grösse der Augen möchte ich jetzt
den Besitz oder Mangel einer Afterkralle in erster Linie
in Rücksicht nehmen und die einen als Perissonycha,
die anderen als Artionycha bezeichnen, deren weitere
Unterabtheilung mit Hülfe der a. a. 0. angegebenen Merk-
male sich von selbst ergiebt.
Die weitere Eintheilung der Cribellata, von denen
ich in meiner früheren Tabelle nur die 4 Familien Ulobo-
ridae, Dictynidae, Eresidae, Amaurobiadae berücksichtigen
konnte, würde sich in folgender Weise gestalten.
1. Nur 2 Krallen an den Füssen; Afterkralle fehlt.
Zoropsididae.
Afterkralle neben den Hauptkrallen vorhanden . . 2
2. Cephalothorax flach gedrückt, der Länge nach fast
ganz horizontal; deutlich nur 4 Augen in einer ge-
bogenen Querreihe; Sternalplatte von der Oberseite
des Cephalothorax nicht deutlich abgesetzt.
Miagrammopidae.
Archiv f. Naturg. XXXXVÜI. Jahrg. 1. Bd. 22
338 Pb. Bertkau:
Cephalotborax mehr oder weniger gewölbt, mindestens
von den Augen zum Stirnrande abfallend; 8 Augen;
Sternalplatte deutlich vorhanden 3
3. Augen gedrängt, auf einer gemeinsamen Erhöhung;
Calamistrum nur eine sehr kurze Strecke an der
Basis des Tarsus einnehmend; männlicher Taster
lang, Endglied abgeschnitten und den verhornten
Träger mit dem darin aufgerollten Spermophor nur
z. Th. bergend; Epigyne an der weiblichen Genital-
spalte nicht vorhanden . . . . Filistatidae.
Augen getrennt von einander; Calamistrum einen
beträchtlichen Theil des Tarsus einnehmend . . 4
4. Mandibeln schwach; Cephalotborax kreisförmig;
Augen in 3 Querreihen, 4, 2, 2, die beiden hintersten
weit von den vorderen entfernt, einander sehr ge-
nähert; After von einem Kranz langer Haare dicht
umstellt; hinterste Spinnwarzen lang, dreigliederig.
Oecobiadae.
Mandibeln stärker; Augen anders gestellt ... 5
5. Seiten des Kopfes stark eckig hervorgezogen, die
vordem Seitenaugen tragend (Scheitelaugen sehl*
gross) Dinopidae.
Kopfecken nicht stark vorgezogen; Scheitelaugen
nicht oder nicht auffallend grösser .... 6
6. Vor dem Cribellum eine breite Querspalte, die zu
einem hochentwickelten Tracheecsystem führt;
Cribellum ein einziges ungetheiltes Feld von be-
trächtlicher Ausdehnung; Eingang zu den Samen-
taschen hinter einem spitzigen Zipfel der Bauch-
haut versteckt, Gewebe ein Stück eines Radge-
webes; Eier in einem langen Säckchen.
Uloboridae.
Cribellum durch eine Leiste getheilt, oder, wenn
ungetheilt, wenig entwickelt; Oeffnung der Samen-
taschen freiliegend; Gewebe unregelmässig; Eier
in mehreren bikonvexen Säckchen.
Dictynidae.
7. Vor dem Cribellum eine enge Querspalte, die zu 4
einfachen Tracheenröhrchen den Eingang bildet. 7 a b
lieber das Cribellum und Calamistrum etc. 339
7 a. Cephalothorax rechteckig, vorn so breit wie hinten,
vorn kugelig herabgewölbt, die 4 Mittelaugen ein-
ander genähert, die hinteren die grössten; Seiten-
augen von einander und den zugehörigen Mittel-
augen entfernt Eresidae.
7 b. Cephalothorax lang fünfeckig oder dreieckig, vorn
verschmälert ; Augen in 2 Querreihen und die Seiten-
augen in der gewöhnlichen Entfernung von den
Mittelaugen Amaurobiadae.
Der systematische Werth von Cribellum und Cala-
mistrum ist sehr verschieden geschätzt und nach meiner
Ansicht von allen anderen Araneologen mit Ausnahme
Blackwall's unterschätzt worden. Für alle diejenigen, die
auf die Lebensweise Gewicht legen, muss der Werth von
Organen, die in erster Linie der Herstellung eines Fang-
gewebes dienen, unzweifelhaft sein. Und wer anatomischen
Verhältnissen Bedeutung beilegt, kann ebenfalls die syste-
matische Wichtigkeit des Cribellum nicht verkennen, da
es nicht ein Spinnwarzenpaar schlechthin, sondern ganz
eigener Natur ist und zugleich das Vorkommen eines an-
deren Organs, des Calamistrum, nach sich zieht. Nur in
dem einen Falle Hesse sich die systematische Bedeutung
der erwähnten Organe bezweifeln, wenn nämlich die Mög-
lichkeit vorläge, dass früher alle Spinnen dieses vierte
Paar von Spinnwarzen besessen, aber im Laufe der Zeit
bis auf wenige Gattungen verloren hätten. Denn wenn
dies nicht der Fall ist, lässt sich der gemeinsame Besitz
nur auf gemeinsame Abstammung, und nicht etwa auf eine
„Convergenzerscheinung" zurückführen. Nun könnte man
allerdings aus Menge's Identifizirung des Cribellum mit
dem „colulus" oder „hypopygium" schliessen, dass letzteres
der Rest eines früheren Cribellum wäre ; aber nichts wäre
verkehrter als dies. Denn das Hypopygium ist nichts
weiter als ein Stückchen Körperhaut von der gewöhnlichen
Beschaffenheit, begrenzt von sehr zarter Körperhaut. Und
zwar bildet die vordere Grenze die von der Tracheenspalte
gebildete Falte, die seitliche und hintere Grenze die weiche
Haut zwischen den Spinnwarzen. Die Tetrasticta haben
daher auch kein solches Hypopygium. Dass diese Ansicht
340 Ph. Bertkau:
richtig ist, geht daraus hervor, dass das Hypopygium neben
oder vielmehr vor dem Cribellum vorkommt: das Stück
gewöhnlicher Körperhaut zwischen Tracheenspalte und Cri-
bellum ist eben das Homologon des Hypopygium. Auch
das Fehlen des Cribellum in dem einen Geschlecht ist
nicht geeignet, den systematischen Werth desselben herab-
zudrücken, da nur die geschlechtsreifen Männchen ein ver-
kümmertes, die jungen aber ein wohl ausgebildetes Cri-
bellum haben.
Die angeführten Gründe werden es, so hoffe ich, recht-
fertigen, wenn ich Gattungen mit und ohne Cribellum nicht
in einer Familie vereinige, und überhaupt eine Verglei-
chung einer Gattung der Cribellaten mit einer der Mero-
mammillaten, um damit eine nähere Verwandtschaft herzu-
leiten, nicht zulasse. Mag die äussere Aehnlichkeit zwischen
manchen den beiden Gruppen angehörigen Gattungen noch
so gross sein, wie sie thatsächlich zwischen Zoropsis und
Zora, Amaurobius und Coelotes, Oecobius und Uroctea
gross ist: diese äusserliche Aehnlichkeit beweist mir für
eine natürliche Verwandtschaft nichts mehr, als die habi-
tuelle Aehnlichkeit der Spitzmäuse mit den Mäusen, der
Blindschleiche, des Aals mit den Schlangen u. s. f.; vgl.
dagegen Cambridge, 15 p. 575.
Ich gehe nun zur Besprechung der einzelnen Familien
und zur genaueren Schilderung der Organe bei den Gat-
tungen über, von denen ich etwas mehr, als bisher bekannt
war, zu melden weiss.
Fam. Zoropsididae. Provisorisch habe ich diese
Familie in meinem Bericht über die Leistungen im Ge-
biete der Arthropoden i. J. 1880 auf S. 71 aufgestellt,
nachdem ich bereits in dem Bericht pro 1877 — 78 auf S. 321
(104) die Einreihung einer mit Cribellum und Calamistrum
ausgerüsteten Gattung unter die Drassiden für einen Miss-
griff erklärt hatte. Ich würde mich nur wiederholen, wenn
ich hier nochmals die Gründe auseinandersetzen sollte,
weshalb die Cribellaten eine Gruppe für sich ausmachen;
die Gattung Zoropsis bietet aber wiederum ein sprechendes
Beispiel für die Unzulänglichkeit der bisherigen Systeme
und der Merkmale, auf die dieselben begründet waren.
lieber das Cribellum und Calamistrum etc. 341
Und wenn man früher Arten dieser Familie zu Dolomedes
oder Zora rechnete, so beweist dieser Irrthum für mich
ebenso wenig eine nähere Verwandtschaft zwischen Dolo-
medes, Zora und Zoropsis, wie etwa die Lacerta aquatica
L. eine Verwandtschaft zwischen Lacerta im heutigen Sinne
und Triton beweist.
Wenn nun auch Zoropsis nicht zu den Drassiden oder
einer anderen Familie der Meromammillaten gehört, so
bleibt noch immer die Frage offen, ob sie unter den Cri-
bellaten eine Familie für sich bildet, oder nicht vielleicht
einer der bereits bestehenden Familien angereiht werden
könnte. Das letztere scheint mir aber unthunlich, wenig-
stens so lange, als unsere Kenntnisse von dem inneren Bau
und dessen Verschiedenheiten so geringe sind. Es ist nicht
nur der Mangel einer Afterkralle, sondern auch das eigen-
artig gebildete Cribellum und Calamistrum, was den Zor-
opsididen eine abgesonderte Stellung anweist. Sieht man
von diesen Eigenschaften ab, so würden sie sich im übrigen
vielleicht am ehesten noch den Amaurobiaden näheren lassen.
Die einzige Gattung dieser Familie ist Zoropsis
Sim., gegründet auf (Dolomedes, später) Zora ocreata C.
L. Koch\ ausserdem gehören hierher noch Z. media Sim.
aus verschiedenen Gegenden Frankreichs, Italien, Spanien;
Z. Albertisii Pavesi, Hecaerge Wrightii Blackw. (16 p. 405
PI. XV Fig. 2 und 2 s. o.), (die, wie auch Simon vermuthet,
vielleicht mit Z. ocreata synonym ist; wenigstens ist die
Epigyne mit dem frei abstehenden „Nagel^' ganz überein-
stimmend gebaut); ferner Zora lutea Thor.^ Dolomedes spi-
nimanus L. Duf., Olios rufipes Luc. (cf. Simon 31 p. 124).
Das Vorhandensein von Cribellum und Calamistrum
bei Zora ocreata hat zuerst Simon (30 IV p. 2 und 325)
nachgewiesen und auf diesen Umstand die Gattung Zor-
opsis gegründet. Nach ihm spinnen die Arten derselben,
die er unter Baumrinde und Steinen antraf, ein bläulich
weisses Gewebe um ihren Cocon, ähnlich Amaurobius.
Jedenfalls aber legen sie auch ein Fanggewebe an, und
das Vorkommen unter Steinen und Baumrinde ist vielleicht
auf die ungünstige Jahreszeit beschränkt.
Die Untersuchung des Cribellum (Fig. 7) und Cala-
342 Ph. Bertkau:
mistrum nach einigen Spiritusexemplaren, die ich der Güte
meines verehrten Freundes Eug. Simon verdanke, ergab
folgende Verhältnisse. Das Cribellum ist der Länge nach
durch eine schmale Brücke getheilt; die ganze Breite be-
trägt genau 1,00 mm, wovon 0,04 mm auf die Brücke
kommen; die Höhe ist 0,10 mm. Beide Hälften stossen
unter einem sehr stumpfen, fast flachen Winkel zusammen.
Was nun dieses Organ bei vorliegender Art vor allen
anderen auszeichnet, ist der Umstand, dass jede Hälfte
durch eine der hinteren Begrenzungslinie parallel laufende
Leiste nochmals in zwei Stücke zerlegt ist, von denen das
obere etwas höher ist als das untere. Diese Bildung zeigte
sich ganz übereinstimmend bei zwei Exemplaren, so dass
ich kaum annehmen kann, sie sei durch eine unregelmässige
Vertheilung der Spinnröhrenöffnungen bei ihrer Vermeh-
rung während einer Häutung entstanden. Dagegen spricht
auch die Verschiedenheit der beiden Felder, indem die
Spinnröhrchen auf den vorderen beträchtlich länger sind
als auf den hinteren. Diese stehen dicht gedrängt und
ihre Zahl auf jeder Seite übersteigt 1200.
Noch eigenthümlicher als das Cribellum ist das Cala-
mistrum, wenn man von einem solchen sprechen will, indem
nemlich nur die eigenthümliche Biegung der Haare auf etwas
Besonderes hindeutet: weder ist das Bein zusammengedrückt,
noch ausgeschweift, noch sind die Haare in regelmässiger
Weise angeordnet. Der etwa 6,5 mm lange Tarsus ist
braun und schwarz geringelt; der erste Ring ist braun,
der zweite schwarz; dieser ist etwa 1,6 mm lang. Auf der
hinteren (inneren) Seite hat der Tarsus nun an dieser
Stelle eine flache, muldenförmige Vertiefung, die etwa ein
Achtel des ganzen Umfanges einnimmt und 1,3 mm lang
ist. Die Ränder dieser Vertiefung sind dicht mit schwach
gebogenen Calamistrumhaaren unregelmässig besetzt, nur
am unteren Rande stehen dieselben in einer geraden Linie;
im Vergleich zur Grösse des Thieres sind sie besonders
schlank. ~ Das Calamistrum dieser Art ist desshalb von
besonderem Interesse, weil es uns einen Fingerzeig geben
kann, wie wir uns die Entstehung der höher ausgebildeten
Form desselben zu denken haben. — Das einzige Männchen,
Ueber das Cribellum und Calamistrum etc. 343
das mir zu Gebote stand, hatte verstümmelte Hinterbeine,
wesshalb ich über das Calamistrum hier nichts sagen kann.
Ich will noch hinzufügen, dass die Art vier einfache
Tracheenschläuche von gewöhnlicher Beschaffenheit be-
sitzt; die Tasterkralle hat 9, 'die eine Kralle des letzten
Beinpaares 14, die andere 7, etwas weitläufiger gestellte
und kräftige Zähne. Beinpaar I. und IV finde ich bei
einem $ gleich lang, während Thor eil IV, Simon I als
länger angeben.
Fam. Oecobiadae. Auch diese Familie enthält gegen-
wärtig nur eine Gattung, Oecobius Luc, deren nicht gerade
zahlreichen Arten in den Mittelmeerländern zu Hause sind.
Simon (29 V p. 10 und 30 II p. 1 ff.). Thoreil (33 I p. 111)
und Cambridge (14 p. 219 ff.) vereinigen die Gattung mit
Uroctea Buf., die aber weder ein Cribellum noch ein Cala-
mistrum hat und daher zu den Meromammillaten gehört.
Die Familie hat demnach in meinem Sinne genau denselben
Umfang, den ihr Black wall (12 p. 382) zuwies.
Die erste Nachricht, dass diese Gattung ein Cribellum
und Calamistrum besitze, gab Blackwall (a. a. 0.), indem
er deren Vorhandensein bei seinem Oec. navus behauptete;
Cambridge gab sie ebenfalls (14 p. 220) bei seinem 0.
trimaculatus an. Simon sowohl (30 II p. 6) wie Thoreil
(33 I p. 113) vermissten sie, und letzterer glaubte daher,
dass Oecob. navus Blackw. in eine andere Gattung und
Familie gehöre, die er Omanus und Omanoidae nannte.
Wodurch Simon und Thorell getäuscht worden sind, kann
ich nicht sagen; ich kann nur konstatieren, dass Omanus
Thor., wenn der Besitz eines Cribellum und Calamistrum
und längerer hinterer Spinnwarzen den Unterschied von
Oecobius begründen soll, mit letzterer Gattung synonym
ist. Wie ich nemlich an einem mir gütigst von E. Simon
überlassenen Exemplar von 0. annulipes gefunden habe,
hat Oecobius ein Cribellum (Fig. 15), das bei genannter
Art etwa 0,258 mm breit und 0,026 mm lang ist. Es ist
durch eine Brücke, die fast so breit wie j^des der Felder
ist, in zwei Hälften getheilt; die Breite jedes der Felder
beträgt 0,086 mm. Ausser dem Cribellum sind noch 3
Spinnwarzenpaare da, und die 8 Spinnwarzen Cambridge's
344 Ph. Bertkaii:
kommen eben dadurch heraus, dass er das Cribelhim als
ein „überzähliges" viertes Paar zählt; Simon (30 II p. 6
Anra. 2) schreibt aber Cambridge irriger Weise die Meinung
zu, dass Oecobius noch neben dem Cribellum vier Spinn-
warzenpaare habe. Ueber die Beschaffenheit des Cala-
mistrum lassen sich Blackwall und Cambridge nicht
näher aus; nur wird erwähnt, dass das Männchen keine
Spur desselben habe. Auch ich kann nichts darüber mit-
theilen, da das zur Untersuchung dienende Exemplar durch
Schütteln alle seine Haare, z. Th. auch die Fusskrallen
verloren hatte.
Die früheren Autoren schrieben dieser Gattung nur
6 Augen zu und Blackwall sah sie als einzigen bis dahin
bekannten Vertreter der Senoculina mit Cribellum und
Calamistrum an; 1869 sprach Thor eil (33 I p. 113) die
Meinung aus, dass sie acht Augen habe und Simon (29
III p. 344) folgte ihm hierin, während Cambridge (14 p. 219)
es unentschieden lassen will, ob die „unregelmässigen,
weissen Stellen neben den hinteren Augen in Wirklichkeit
Augen oder deren Stellvertreter sind". Bei obiger Art
habe ich mich mit aller Bestimmtheit davon überzeugen
können, dass diese Stellen keine Augen, sondern einfache
Pigmentflecke sind, die mir zu den beiden hinteren Augen,
in deren Nachbarschaft sie stehen, zu gehören scheinen.
Bei der erwähnten Art stehen aber auch noch ganz am
hinteren Ende des Kopfes zwei kleine Augen, einander
fast berührend, so dass die Gattung doch achtäugig ist
(Fig. 16). Ferner beobachtete ich eine Eigenthümlichkeit
an der Cornealinse der anderen Augen, die vielleicht mit
der bevorstehenden Häutung zusammenhängt, vielleicht aber
auch specifisch und dann werth ist, an reichlicherem und
frischem Material genauer studiert zu werden. Die Cornea-
linse hat nämlich an der fast regelmässig halbkugelig nach
Innen vorspringenden Seite^ im Inneren, eine konzentrische
Schale, deren oberer, gerade abgeschnittener Rand unge-
fähr im Niveau der übrigen Körperhaut verläuft; aus
dem Hohlraum dieser Schale ragt ein nicht ganz regel-
mässiger eiförmiger Körper von gelbgrüner Farbe hervor.
Die erwähnte Schale färbt sich mit Karmin am stärksten,
lieber das Cribellum und Calaruistrum etc. 345
der Centralkörper gar nicht. Eine solche Differenzierung
innerhalb der Linse ist, so viel ich weiss, bis jetzt noch
bei keiner Art beobachtet worden.
Filistatidae. Auch gegenwärtige Familie zählt mit
Sicherheit nur die eine Gattung Filistata; Cambridge
rechnet zu ihr (14 p. 218) auch noch die Gattung Miltia
E. Sim. mit zwei Arten, die aber Simon selbst (30 I p. 237)
zu den Drassiden stellt. Da ich nicht Gelegenheit gehabt
habe, sie zu sehen, so kann ich mir kein eigenes Urtheil
über sie bilden; wenn sie aber, wie es scheint, kein Cri-
bellum und Calamistrum hat, so rechne ich sie nicht zu
den Filistatiden. Von der Gattung Filistata sind Arten
aus den Mittelmeerländern, von St. Helena, aus dem süd-
lichen TheileNordamerika's und aus Peru bekannt geworden.
Die Gattung Filistata ist früher allgemein in die Ver-
wandtschaft der Teraphosiden gebracht worden, und Simon
bildet noch aus ihr die 2. Familie seiner Teraphosae. Der
einzige Grund, der hierfür sprechen könnte, ist eine ge-
wisse habituelle Aehnlichkeit, die sich in den zusammen-
gedrängten Augen und den zwar kräftigen, aber dabei doch
nicht kurzen Beinen ausdrückt. Was sonst noch geltend
gemacht werden könnte, die Beschaffenheit der männlichen
Taster z. B., ist nicht beweisend, da die gleiche Bildung
auch bei Sc^^todiden u. s. f. vorkommt. Das wesentlichste
Merkmal der Tetrasticta, die 4 Athmungsorgane, fehlen,
und desshalb habe ich mich schon vor 4 Jahren gegen
eine Vereinigung der Filistatiden mit den Teraphosiden
ausgesprochen. Thoreil (33 I p. 158) stellt die Familie
an das Ende seiner Unterordnung Tubitelariae, die nach
dem eigenen Geständniss gewissermassen eine Rumpel-
kammer ist, bestimmt alle die Formen aufzunehmen, die
anderswo nicht untergebracht werden können ; die Reihen-
folge ist: Drassidae, Dysderidae, Filistatidae, Territelariae.
Aber sehen wir zu, ob sie mit einer der Familien, zwischen
die Thoreil sie stellt, eine nähere Verwandtschaft auf-
weist! Mit den Drassiden, die nur 2 Fusskrallen, kein
Cribellum und Calamistrum haben, kein Fanggewebe an-
legen, sicher nicht, und gegen eine Verwandtschaft mit
den Dysderiden sprechen dieselben Gründe, die gegen eine
346 Ph. Bertkau:
solche mit den übrigen Tetrasticta geltend gemacht sind.
Durch diese Anordnung wird sogar der natürliche Zu-
sammenhang zwischen Dysderiden und Teraphosiden zer-
rissen.
Unter den Cribellata stehen sie ebenfalls isoliert.
Die Verschmelzung der Unterlippe mit dem Sternum findet
sich zwar auch bei den Dinopiden wieder, aber alle an-
deren Verhältnisse sind bei beiden Familien so verschieden,
dass darauf eine nähere Verwandtschaft nicht zu begründen
ist. Die über der Unterlippe zusammenneigenden Unter-
kiefer, die an der Basis verschmolzenen Mandibeln, von
denen wohl nur die ungewöhnlich kurzen Klauen aus-
giebiger bewegt werden können, weisen in Verbindung mit
den anderen bereits erwähnten Verhältnissen dieser Familie
einen ganz besonderen Platz an.
An Exemplaren von Filistata testacea, die mir E.
Simon verehrt hatte, fand ich Cribellum (Fig. 9) und Cala-
mistrum (Fig. 11, 12) von folgender Beschaffenheit. Das
Cribellum liegt hier fast ganz zwischen den vorderen,
grössten Spinnwarzen versteckt und ist ringsum von langen,
kräftigen Haaren umgeben, die koncentrisch über ihm zu-
sammenneigen. Seine Breite ist sehr gering: sie beträgt
0,184 mm; die Breite jeder Hälfte 0,09 mm; die trennende
Leiste zwischen beiden Hälften ist daher ebenfalls sehr
schmal. Die Höhe kommt der Breite fast gleich (0,078 mm).
Die Spinnröhrchen sind dicht gedrängt und betragen trotz
der geringen Ausdehnung auf jeder Hälfte über 2000. —
Das Calamistrum ist sehr eigenthümlich, und findet sich
in annäherend gleicher Ausbildung bei keiner anderen
Gattung wieder. Der Tarsus, dessen ganze Länge bei
dem untersuchten Exemplar 3,5 mm beträgt, ist unmittelbar
hinter dem Gelenk an der hinteren und oberen Seite zu-
sammengedrückt, so dass dadurch eine etwa 0,4 mm lange
Leiste entsteht, die im Profil nicht geradlinig, sondern
etwas konkav verläuft. Die Schneide sowie die Abdachun-
gen dieser Leiste sind mit verhältnissmässig dicken, ge-
drehten Haaren besetzt, die am Ende plötzlich in ein ganz
feines Spitzchen auslaufen und dem Anscheine nach aus
einer grossen Zahl feiner Fasern zusammengesetzt sind.
lieber das Cribellum und Calamistrum etc. 347
In gleicher Weise fand ich Cribellum und Calamistrum
bei einer Art, die mir Dr. Ahrens aus Peru mitgebracht
hatte, wahrscheinlich T. capitata Zfm^^; nur war hier das
Cribellum nicht so hoch wie bei F. testacea.
Ich füge dieser Beschreibung das hinzu, was ich sonst
noch von der Anatomie dieser merkwürdigen Gattung an
dem Spiritusexemplar ermitteln konnte. Beim Männchen
sind die Metatarsen sämmtlicher Beine quer geringelt, und
diese Ringelung ruft eine Krümmung des Fusses nach
unten hervor; ähnliches ist schon wiederholt gemeldet
worden; beim Weibchen ist von einer solchen Ringelung
nichts wahrzunehmen. Die beiden Hauptkrallen (Fig. 13 a)
der Füsse sind stark und stark gebogen, mit 9 kräftigen
Zähnen; der die Kralle durchsetzende Canal giebt in die
stärkeren Zähne Aeste ab, die nach ihrem Eintritt in die-
selben kugelig anschwellen. Die Tasterkralle (Fig. 13b)
ist ebenfalls stark und stark gebogen, mit 16 schwächeren
Zähnen, deren Spitzen fast einen Halbkreis beschreiben,
während sie bei den Fusskrallen fast in gerader Linie
verlaufen. Zwischen Spinnwarzen und Genitalspalte findet
sich die breite, schon von Keyserling (21 p. 348) er-
wähnte Traeheenspalte. Dieselbe macht die von mir
früher angegebene Regel, dass man aus der Breite der
Spalte auf ein hoch entwickeltes, verästeltes Tracheensystem
schliessen könne, zu Schanden, indem die Tracheen bei
Filistata 4 einfache Röhren sind, die noch das Bemerkens-
werthe an sich haben, dass ihre Wandung die kleinen
Zäpfchen und sonstigen Verdickungen, die sowohl an den
Röhren-, wie an den Fächertracheen, sog. Lungen der
Spinnen so gewöhnlich sind, nur an der Basis vorhanden
sind. Die beiden äusseren dieser Röhren sind sehr ge-
räumig, fast sackartig (Fig. 10). Die Samentaschen sind
birnförmig, verhältnissmässig klein, und in den Ecken der
Genitalspalte angebracht. Das Endglied des männlichen
Tasters (Fig. 14) ist schräg abgeschnitten, die Schnittfläche
etwas vertieft, und in dieser Vertiefung ist ein Theil des
Trägers verborgen. Letzterer ist umgekehrt lang birn-
förmig, ganz verhornt und umschliesst das sehr geräumige
Spermophor, von dem 2 Windungen dicht auf einander
348 Ph. Bortkau:
gedrängt verlaufen, während die letzte in dem Einbringer
entrollt ist, an dessen Spitze das Spermoplior ausmündet.
Das Spermoplior enthielt eine grosse Menge anscheinend
homogener Kugeln, die aber wegen ihrer beträchtlichen
Grösse mit grosser Wahrscheinlichkeit auf Cönospermien
hinweisen. Genaueres über die Genitaldrüsen und die
Beschaffenheit etwaiger Cönospermien zu ermitteln, muss
der Untersuchung frischen Materials vorbehalten bleiben.
Fam. i\maurobiadae. Die meisten Autoren geben
dieser Familie, die von Anderen sogar noch als Unterfa-
milie der Agaleniden angesehen wird, einen weiteren Um-
fang, als ich ihr auf Grund wichtiger anatomischer Ver-
hältnisse zugestehen kann, da die Dictyniden mit ihr
vereinigt werden. Indem ich wegen einer Definition der
Amaurobiaden auf meinen „Versuch" etc. verweise, will
ich hier einiges über Cribellum und Calamistrum einiger
einheimischer Arten der Gattungen Titanoeca und Amauro-
bius mittheilen.
Bei Titanoeca quadriguttata ist das Cribellum der
Länge nach durch eine massig (0,035 mm) breite Leiste
in zwei unter einem sehr stumpfen, fast flachen Winkel
gegen einander geneigte Hälften getheilt. Jedes dieser
Felder hat eine fast regelmässig rechteckige Gestalt lyiit
abgerundeten Ecken; die Breite eines Feldes ist 0,180, die
Höhe 0,024 mm. Die Spinnröhrchen stehen auf denselben
nicht dicht, und das Leistenwerk, das dieselben umgiebt,
ist ziemlich stark entwickelt; meist befindet sich das Spinn-
röhrchen in der Mitte eines rhombischen Feldchens. Auf
jedem der beiden Felder sind etwa 300 Röhrchen vor-
handen. Der hintere hornige Begrenzungsrand des Cri-
bellum ist unverhältnissmässig stark, an der stärksten Stelle,
in der Mitte, fast doppelt so stark, als die Höhe eines
Cribellumfeldes beträgt. — Das Calamistrum findet sich
auf einer etwa 1,2 mm langen Leiste an der oberen und
hinteren Seite des nicht viel längeren Tarsus und hat
etwa 45 Haare.
Amaurobius ferox hat als Typus der allgemeinen
Schilderung von Cribellum und Calamistrum gedient und
kann daher übergangen werden. Bei A. jugorum nimmt
Ueber das Cribellum und Calamistriim etc. ' 349
das Calamistrum ungefähr 2 mm des 3,5 mm langen Tarsus
ein. Auf der vorderen Hälfte der Oberseite ist derselbe
ziemlich dicht mit Haaren besetzt, die, je näher sie an das
eigentliche Calamistrum kommen, um so mehr die Be-
schaffenheit von Calamistrumhaaren annehmen; aber auch
hier ist die Grenze derselben nicht scharf anzugeben. Das
eigentliche Calamistrum befindet sich auf der hinteren Ab-
dachung des Tarsus, besteht aus 40 genau in einer Linie
angeordneten kräftigen Calamistrumhaaren, und ist von
dem vorderen Theile durch einen ganz nackten Streifen
getrennt, dessen Breite hier etwas beträchtlicher ist als
bei A. ferox. Aehnlich sind die Verhältnisse bei A. clau-
strarius und A. fenestralis ; nur sind hier alle Dimensionen
und Zahlen etwas kleiner.
Von Männchen der genannten Gattungen standen mir
nur Tit. quadriguttata, Amaur. ferox, fenestralis und similis
zu Gebote; bei den genannten Arten ist das Calamistrum
in mehr oder weniger verkümmertem Zustande, am undeut-
lichsten bei T. quadrig., vorhanden.
Da die beiden Gattungen ( — das Cribellum von Nur-
scia kenne ich nicht — ), die mit Sicherheit in diese Fa-
milie gehören, ein getheiltes Cribellum besitzen, so ist es
wahrscheinlich, dass Gattungen mit ungetheiltem Cribellum
in ihr nicht vorkommen. Mezentia Thor, (34 III p. 203)
mit ungetheiltem Cribellum, die der Autor mit Amaurobius
vergleicht, würde ich daher vorläufig aus ihr ausschliessen ;
ebenso Psechrus Thor, (34 II p. 171), die zwar ein ge-
theiltes Cribellum hat, deren Abbildung bei Doleschall
aber einen von Amaurobius weit abweichenden Habitus
zeigt. Beide Gattungen gehören vielleicht in folgende
Familie, worüber Gewissheit allein eine Untersuchung der
Tracheen verschaffen könnte.
Fam. Dictynidae. Die 3 oder 4 Gattungen dieser
Familie werden von den meisten Autoren mit voriger ver-
einigt; wer aber je Gelegenheit gehabt hat, den Unter-
schied zwischen dem Tracheensystem eines Amaurobius
und einer Dictyna, Lethia oder Diotima wahrzunehmen,
wird nicht mehr in Versuchung kommen, zwei so ver-
schiedene Formen zusammenzuwerfen, während weit gering-
350 Ph. Bortkan:
fügigere Unterschiede sogar Charaktere von Unterordnun-
gen abgeben. Das Cribellum ist in dieser Familie im All-
gemeinen ganz; in der Gattung Dictyna aber kommen auch
Arten mit vollständig (D. viridissima) und unvollständig
(D. flavescens) getheiltem Cribellum vor.
Bei Dictyna viridissima, der Blackwall ein unge-
theiltes Cribellum zuschreibt (10 p. 340), ist dasselbe der
ganzen Höhe nach durch eine ziemlich breite Leiste ge-
theilt. Das ganze Cribellum (Fig. 17) hat die Gestalt
einer Ellipse, deren grosse Achse mehr als vier mal so
lang ist als die kleine; seine Breite beträgt 0,312 mm.
Jede der beiden Hälften ist 0,148 mm breit, und (an
der höchsten Stelle) 0,065 mm hoch, mit über 300 Spinn-
röhrchen besetzt. Der Tarsus der Hinterbeine ist auf der
oberen Seite zusammengedrückt, in der Profilansicht kon-
kav gebogen und mit einer einfachen Reihe von 28 Cala-
mistrumhaaren besetzt; in der Mitte der Länge des Cala-
mistrum stehen an der Vorderseite des Tarsus 4 — 5 Haare,
die in ihrem Aussehen ganz mit Calamistrumhaaren über-
einstimmen.
Bei D. flavescens (junges Exemplar) ist das Cribellum
(Fig. 18) nur unvollkommen getheilt, indem sich vom Hin-
terrande eine sich nach vorn auskeilende Leiste erhebt,
die aber den Vorderrand nicht erreicht. Bei den übrigen
mir zu Gebote stehenden Arten (D. uncinata, arundinacea)
habe ich von einer solchen Leiste keine Spur gesehen.
Dasselbe ist bei Diotima hirsutissima Sim. der Fall,
von welcher Art ich ein Spiritusexemplar der Freundlich-
keit von E. Simon verdanke. Hier ist das Cribellum
(Fig. 19) 0,25 mm breit und 0,039 mm hoch, im allge-
meinen rechteckig gestaltet mit abgerundeten Ecken, aber
doch Vorder- und Hinterrand etwas gebogen, und zwar
der Vorderrand stärker, so dass die Höhe in der Mitte
am geringsten ist; dasselbe trägt über 500 Spinnröhrchen.
Das Calamistrum ist ähnlich wie bei Dictyna viridissima
gebildet; nur sind hier deutlich 2 Reihen von Calamistrum-
haaren (vordere mit 10) vorhanden. Hinzufügen will ich
noch, dass die Gattung, wie sie im Allgemeinen grosse
Aehnlichkeit mit Dictyna zeigt, so auch in der Beschaffen-
Ueber das Cribellum und Calamistrum etc. 351
heit des Tracheensystems mit ihr übereinstimmt. Von Lethia
habe ich früher berichtet; über Argenna kann ich nichts
mittheilen.
Vielleicht gehört die Gattung Rhium (RJiion) Cbr.^
für die Thoreil (33 ü p. 603) die Familie der ßhioidae
errichtet, zu den Dictyniden, mit denen sie durch geringe
Grösse, Schlankheit der Beine, Beschaffenheit der Fuss-
krallen und des männlichen Tasters viel Uebereinstimmung
zeigt. Die Sechszahl der Augen kann für sich allein keine
besondere Familie bedingen, ist in vorliegendem Falle aber
vielleicht auch nur eine individuelle Abnormität; Fälle von
monströsen Augendefekten sind schon zahlreich bei den
Arachniden bekannt geworden. Cambridge giebt von
dem einzigen bekannten Männchen an, dass es Calamistra
und ein Cribellum habe, während bei den </ unserer Dicty-
niden, Diotima nicht ausgenommen, das Calamistrum kaum
wahrzunehmen ist.
Fam. Uloboridae. Diese Familie zählt 2 oder 3
Gattungen, die wegen der eigenthümlichen Form ihres
Gewebes, das einen kleineren oder grösseren Kreissektor
darstellt, von Thoreil und Anderen als Unterfamilie der
Epeiriden, von Anderen als eine in die Nachbarschaft der
Epeiriden gehörige Familie angesehen werden. Ueber das
Gewebe von Uloborus habe ich in der Literatur keine
näheren Angaben gefunden; von dem Gewebe des Hyptiotes
berichten Thor eil und Wilder übereinstimmend, dass
die Zahl der Radien regelmässig vier seien, und dies
stimmt mit meinen allerdings nicht sehr ausgedehnten
Beobachtungen überein. Sordelli beschreibt, wie Lebert
(24 p. 147) anführt, auch Gewebe von mehr, bis zu 25
Radien, eine Angabe, die wohl noch der Bestätigung be-
darf. Die Uebereinstimmung in der Form des Gewebes
von Hyptiotes und Epeiriden ist also schon recht gering,
und noch weniger ist, auch abgesehen von der Betheiligung
des Cribellum und Calamistrum, bei der Herstellungsweise
des Gewebes eine Uebereinstimmung vorhanden, worüber
man Wilder's oben in extenso angeführten Beobachtun-
gen vergleichen möge. Wenn nun Wilder bei dem Ge-
webe einer unzweifelhaften Epeiride (Nephila plumipes)
352 Ph. Bertkau:
ebenfalls einen Defekt am Kreisgewebe fand, und zwar
einen solchen, der durch das Gewebe von Hyptiotes (H.)
ausgefüllt wurde, so dass beider Gewebe sich zu einem
vollständigen Kreisgewebe einer Epeira (E.) ergänzten
und diese Thatsache kurz in der Formel N+H = E aus-
drückte, so wird wohl Niemand diese Formel dahin inter-
pretieren wollen, dass dadurch ein Beweis für die syste-
matische Verwandtschaft geliefert werde. Und selbst wenn
das Gewebe und die Art seiner Herstellung von Uloborus
und Hyptiotes mehr Uebereiustimmung mit dem von Epeira
zeigten als es thatsächlich der Fall ist, so würde dadurch
hier wohl nichts anderes bewiesen, als dass zwei Gattungen
ein ganz gleiches Gewebe verfertigen und doch systematisch
weit von einander verschieden sein können. Mit den Epei-
riden haben die Uloboriden nicht mehr Aehnlichkeit als
mit den anderen Familien der Tristicta und weniger als
z. B. mit den Dinopiden und Dictyniden, mit welchen letz-
teren sie auch im Besitz eines hochentfalteten Tracheen-
systems übereinstimmen.
Indem ich auf die früher von mir (7 Taf. XII Fig. 11)
gelieferte Abbildung des Cribellum von Uloborus Walcke-
naerii verweise, will ich hier noch hinzufügen, dass das-
selbe 0,568 mm breit und an der höchsten Stelle 0,160 mm
hoch ist und etwa 3600 Spinnröhrchen trägt. Das Cala-
mistrum findet sich an der Oberseite des hier stark zu-
sammengedrückten, schneidigen Tarsus, dessen halbe Länge
es ungefähr einnimmt; derselbe ist auch beträchtlich stärker
ausgeschweift, als es bei Dictyna oder Diotima der Fall
war und hat 33 Calamistrumhaare in einer Reihe. An
der Unterseite vom Tarsus und Metatarsus stehen
in Reihen geordnete „Kolbenhaare". So nenne ich
eigenthümliche, walzig gestaltete, nur an der Basis ver-
schmälerte, stumpf endende dicke Haare, die sich bei Ulo-
boriden, Dinopiden und Miagrammopiden auf der Unter-
seite vom Tarsus und Metatarsus des vierten Beinpaares
vorfinden. Bei Uloborus beginnen diese Kolbenhaare un-
gefähr da, wo das Calamistrum aufhört; am Metatarsus
sind sie regelmässiger geordnet, zahlreicher, aber kleiner
und hören vor dem Ende auf. — Bei Hyptiotes ist Cri-
lieber das Cribellum und Calamistrum etc. 353
bellum und Calamistrum ähnlich gestaltet; letzteres nimmt
aber fast die ganze Länge des Tarsus ein und besteht
aus etwa 30 Haaren; hinter dem eigentlichen Calamistrum
findet sich eine Reihe von kaum halb so langen Haaren.
Dem Männchen fehlt dieses Calamistrum, sowie die Kolben-
borsten vollständig; letztere sind hier bei Hyptiotes etwas
schlanker als bei Uloborus und auf die ganze Unterseite
des Tarsus und Metatarsus verbreitet.
Die Gattung Phillyra Hmts^ die der Autor als Unter-
gattung von Epeira behandelte, ist mit Uloborus verwandt;
Emerton erwähnt von Ph. mammeata Hentz ein Cala-
mistrum am Tarsus IV.
Fam. Dinopidae. Wohl über keine Familie sind
hinsichtlich der systematischen Stellung so viele verschie-
dene Ansichten geäussert, als über diese. Wenn man berück-
sichtigt, dass sie, wie ich schon früher ausgesprochen habe
und gleich beweisen werde, mit den Uloboriden in aller-
nächster Verwandtschaft steht, also einer Familie, die bis-
her zu den Orbitelariae gerechnet wurde, so haben alle
„Unterordnungen" mit Ausnahme der Territelarien das
zweifelhafte Glück genossen, sie entweder umfassen, oder
sich doch einer näheren Verwandtschaft mit ihr rühmen
zu dürfen: Saltigraden (L. Koch; C. L. Koch; Tacza-
nowski?), zwischen Saltigraden und Citigraden
(Cambridge), Citigraden (Mac Leay, Doleschall), Lateri-
graden, oder vielmehr zwischen diesen und Citigraden
(Gerstäcker), Tubitelarien (Thoreil; Cambridge;), Reti-
telarien (Karsch), Orbitelarien. Zunächst will ich nun
noch einmal daran erinnern, dass die wenigsten dieser
Unterordnungen natürliche Complexe von Familien, über-
haupt keine systematischen Begriffe meiner Ansicht nach
sind, und dass daher das blosse Verweisen in eine der
genannten Unterordnungen ohne Angabe, welcher Familie
oder Gattung sie speciell benachbart sein soll, gar keinen
Werth hat. — Für eine Verwandtschaft mit den Saltigraden
oder Citigraden könnte nur die Stellung und relative Grösse
der Augen sprechen, ein, wie ich schon wiederholt aus-
gesprochen habe, sehr trügerisches Merkmal, das nie allein
bei einer systematischen Frage entscheidend sein dürfte;
Arch. f. Naturgesch. XXXXVIII. Jahrg. 1. Bd. 23
354 Ph. Bertkau:
für eine Verwandtschaft mit den Laterigraden wüsste ich
mit dem besten Willen Nichts geltend machen zu können.
Wegen der Bildung der Spinnwarzen und einer Gliederung
des Metatarsus I, die einigen Gattungen dieser Familie
mit den Hersiliaden eigenthlimlich ist, stellt Thorell —
und Cambridge scheint derselben Ansicht zu sein ~ sie
zwischen seine Agalenidae und Hersiliadae, deutet aber
zugleich eine Verwandtschaft mit den Podophthalmidae
an. Wenn die Hersiliaden ein Cribellum und Calamistrum
hätten, Hesse sich die Frage schon diskutiren, obwohl sie
selbst dann nicht die nächsten Verwandten der Dinopiden
wären; die Agaleniden sens. Thor, sind in sich noch zu
ungleichartig, um als natürliche Gruppe gelten zu können,
und selbst diejenigen unter ihnen, die mit Cribellum und
Calamistrum ausgerüstet sind, die Amaurobiaden und Di-
ctyniden, können erst als entferntere Verwandten der Dino-
piden gelten. Kar seh (20) verweist die Familie auf Grund
einer, wie er meint, bisher nicht berücksichtigten Angabe
Doleschall's über die Lebensweise von D. Kollari Bol, in
die Retitelariae. Jene Angabe aber hat Karsch unrichtig
verstanden und übersetzt, während schon 1869 Thorell
(33 I p. 43) eine richtige Uebersetzung gegeben hatte
(„ — baut ein grosses sehr unregelmässiges Netz zwischen
Bäumen, in dessen Mitte sie sich mit weit vorgestreckten
Beinen aufhält"). Und wenn Karsch die Dinopiden nun
aus dem Grunde zu der Unterordnung der Retitelarien
bringen will, weil dieselbe ohnehin schon „dem Baue
nach ganz heterogene Elemente umfasst", so wird jeder
in einem solchen Verfahren nur Hülf- und Gedankenlosig-
keit, nicht aber die Bürgschaft für eine gesunde Systematik
erblicken können.
Ich habe nun schon vor vier Jahren (7 p. 388) ge-
legentlich die Ansicht ausgesprochen, dass die Dinopiden
(und Miagrammopiden) am nächsten mit den Uloboriden
verwandt seien, und freue mich, in dieser Frage E. Simon
auf meiner Seite zu sehen, wie er mir vor kurzem brieflich mit-
theilte. Es ist in der That zu verwundern, dass bei den vielen
Erörterungen über die systematische Stellung dieser Familie
die allernächste Verwandtschaft nicht mit in Betracht gezogen
üeber das Cribellum und Calamistrum etc. 355
ist. Das Cribellum ist in beiden Familien ungetheilt, das
Calamistrum auf der sehr stark zusammengedrückten und
ausgebuchteten Oberseite des Tarsus einreihig angebracht;
der Cephalothorax sehr niedrig; der Hinterleib auf der
Oberseite mit Knötchen versehen, die mit büschelig ste-
henden Haaren besetzt sind; die Tarsen und Metatarsen IV
haben auf der Unterseite die Kolbenhaare ; das erste Bein-
paar ist das längste. Selbst die Augenstellung, die am
meisten die Ansichten irre geführt hat, ist im Grunde ge-
nommen dieselbe, indem in beiden Familien die vordere
Augenreihe deorsum curvata, die hintere recurva ist. Dazu
kommt noch, dass nicht bei allen Gattungen der Dino-
piden die Scheitelaugen so beträchtlich grösser sind, wie
bei Dinopis, und dass auch bei Hyptiotes der Unterschied
in der Grösse der Augen kein kleiner ist. Endlich ist
die Beschaffenheit der Spinnwarzen, soweit Dinopis und
Hyptiotes in Betracht kommen, die ich allein zu unter-
suchen Gelegenheit hatte, genau dieselbe. Das erste Spinn-
warzenpaar ist kurz und dick, das dritte länger und
schlanker, zweigliederig; das zweite Glied des dritten
Paares ist kegelförmig und, wie schon Thorell (34 IE
p. 197 und 202) von Dinopis camelus und Avella super-
ciliosa aiiführt, längs der ganzen Innenseite mit Spinn-
röhrchen besetzt; das mittlere Paar ist ganz von den beiden
anderen verdeckt und sehr klein. Der eigenthümliche
schwanzförmige Anhang, in den der Körper sich
bei Dinopis hinter den Spinnwarzen fortsetzt,
ist in schwächerer Andeutung auch bei Hyptiotes
vorhanden. Nach diesem allem kann ich in der Gattung
Dinopis nur eine durch die besondere Grösse der Scheitel-
augen und durch Verschmelzung der Lippe mit dem Ster-
num entstandene Modifikation der Gattung Uloborus
sehen, die vielleicht nicht einmal eine Familienverschieden-
heit bedingt. Leider giebt Dol eschall von seiner D.
Kollari nicht an, ob sie über oder unter ihrem Netze
sitze; wenn sie, was mir sehr wahrscheinlich ist, rück-
lings in ihrem Gewebe hängt, so wäre auch in ihrer
Lebensweise eine genaue Uebereinstimmung ausgedrückt.
Bei einer aus Brasilien stammenden, noch unbeschriebenen
356 Ph. Bertkau:
kleinen Dinopis-Art, die mir E. Simon gütigst anvertraut
hatte, habe ich an der Stelle, wo sie zu vermuthen sind,
vergeblich nach Tracheen gesucht ; weitere Nachforschungen
konnte ich nicht anstellen, um nicht das Exemplar (ein
Unicum!) zu zerstören.
Bei dieser Art nimmt das Cribellum fast die ganze Breite
des Hinterleibes ein, ist ungetheilt und massig hoch. Das
Calamistrum erstreckt sich etwa über 1,5 mm des 5,5 mm
langen Tarsus, der an seiner Unterseite fast geradlinig
verläuft, während er an seiner Oberseite beträchtlich aus-
gebuchtet ist; das Calamistrum besteht aus einer einfachen
Reihe von ca. 36 Haaren. Die Kolbenhaare beginnen hier
erst hinter dem Calamistrum, wie bei üloborus und sind
am Metatarsus dichter, aber kürzer. Ausser schräg ab-
stehenden, steifen Haaren ist Tarsus und Metatarsus auf
seiner Oberseite auch mit senkrecht abstehenden, etwas
rückwärts gebogenen feineren Haaren besetzt, die sich
ähnlich auch bei einigen Dictyniden finden. — Cambridge
(15 p. 574) sagt von seiner Avella despiciens, sie habe
Calamistra von besonderer Beschaffenheit, beschreibt diese
aber nicht näher; wenn seine Abbildung korrekt ist, so
würde hier der Tarsus nicht ausgeschweift sein.
Ausser Dinopis werden in diese Familie Avella
Camhr. und Menneus Sim. gestellt; vielleicht gehört auch
Mezentia Tfior. hierher. Die Gattung Jelskia Tac^., die
ihr Autor und ihm folgend ich (in meinem Bericht über
1880 p. 71) zu den Dinopiden stellte, ist nach einer brief-
lichen Mittheilung E. Simon's eine echte Attide und syn-
onym mit Lyssomanes Hentz.
(Ich habe in meinem Bericht etc. 1875 und 1876 auf
S. 293 (85) bei Erwähnung der Ansicht L. Koch's, dass die
Gattung Podophthalma zu den Agaleniden gehöre, die
Bemerkung fallen lassen, „wenn nicht das Calamistrum
fehlte, so könnte man nach der Beschreibung an eine Ver-
wandtschaft mit Dinopis denken". Nachdem ich eine Po-
dophthalma-art aus Abyssinien gesehen habe, schliesse ich
mich vollständig Cambridge'» und Simon's Ansichten, die
jetzt auch wohl überhaupt allgemein getheilt werden, an,
dass Podophthalma mit Ocyale nahe verwandt sei. Die
Ueber das Cribellum und Calamistrum etc. 357
Uebereinstimmung erstreckt sich sogar auf die Bekleidung
des Körpers mit Federhaaren, und ihr eigenthümliches
Aussehen erhält Podophthalma nur dadurch, dass die vor-
deren Seitenaugen herab- und auf Höckerchen gerückt
sind. Auf diese geringfügige Modifikation eine Familie zu
gründen, halte ich für unthunlich und vereinige Podo-
phthalma, Ocyale etc. ebenso mit den Lycosiden wie Oxyopes
und Verwandte. Mit den Dinopiden hat aber Podophthalma
nichts weiter als die Augenstellung gemein und ich beeile
mich, meine oben andeutungsweise gemachte Bemerkung
in aller Form zurückzunehmen; vgl. auch noch Thoreil
34 III p. 199).
Farn. Miagrammopidae. Bezüglich dieser Familie
kann ich mich kurz fassen, da bereits ihr Begründer, Cam-
bridge, und Thorell die nahe Verwandtschaft mit den
üloboriden hervorgehoben haben. Dieselbe spricht sich,
abgesehen von der gleichen Beschaffenheit des Cribellum
und Calamistrum, aus in dem flachen Cephalothorax, in
der Länge des ersten Beinpaares, dem Besitze von büschelig
behaarten Tuberkeln auf der Rückseite des Hinterleibes,
eines schwanzähnlichen Anhanges hinter den Spinnwarzen,
Kolbenhaaren an Tarsus und Metatarsus IV. Die Spinn-
warzen sind ebenfalls von gleicher Beschaffenheit, indem
das dritte Paar zweigliederig, das zweite Glied kegel-
förmig und an seiner ganzen Innenseite mit Spinnröhren
besetzt ist. Alle diese Verhältnisse konnten auch bei den
Dinopiden angeführt werden, und da die Verwandtschaft
der Miagrammopiden mit den Üloboriden anerkannt ist,
so kann diese üebereinstimmung auch noch als eine wei-
tere Stütze meiner oben ausgesprochenen Behauptung von
der Verwandtschaft der Dinopiden mit den Üloboriden
dienen. Konnte man die Dinopiden als üloboriden an-
sehen, bei denen die Augen z. Th. eine ungewöhnliche
Grösse erreicht hatten, so sind die Miagrammopiden ülo-
boriden, bei denen die Augen z. Th. verkümmert sind.
Dazu kommen dann noch einige Besonderheiten (Sternum,
Schwäche der 3 hinteren Beinpaare im Vergleiche zum
ersten), die ihnen den Rang einer besonderen Familie
sichern. Diese Familie zählt nur eine, seit 1869 bekannte
358 Ph. Bertkau:
Gattung, deren Arten von Ceylon, Australien, Rodriguez
und Zanzibar stammen. Letztere Art, M. Raffrayi Sim.,
hatte mir der Autor zu einer äusserlichen Untersuchung
anvertraut und ich war dadurch in der Lage, einige der
Punkte, die eine Verwandtschaft mit Uloboriden und Dino--
piden bedingen, aus eigener Betrachtung zu bestätigen.
Auf der Unterseite des Hinterleibes, eine beträchtliche
Strecke vor den Spinnwarzen glaubte ich ein Stigma zu
bemerken, was dann höchst wahrscheinlich zu einem reich
entfalteten Tracheensystem führen würde und ein weiterer
Punkt in der Kongruenz der oft genannten Familien wäre.
Der Tarsus ist bei M. Raffrayi ähnlich, wie ihn Cambridge
(16 Fig. la) von M. Thwaitesii abbildet. Er sitzt mit
schmaler Basis an der Tibia, erweitert sich dann an der
Oberseite, indem diese sich unter einem Winkel von der
Unterseite entfernt, und dann mit einem stumpfen Knie
einen mit derselben nahezu parallelen Verlauf annimmt.
Dabei ist er seitlich zusammengedrückt und auf der so
entstehenden Leiste auf der Oberseite finden sich ca. 40
lange Calamis trumhaare. Die ganze Länge der Unterseite
ist mit (etwa 20) Kolbenhaaren besetzt, die anfangs lang
mit dünner Basis sind und später kürzer und gedrungener
werden; am Metatarsus sind dieselben ganz kurz.
Die 3 Familien der Uloboriden, Dinopiden und Mia-
grammopiden bilden eine unverkennbare natürliche Gruppe.
Famil. Eresidae. Nach den früheren ausführlichen
Auseinandersetzungen über diese Familie (5; 7 p. 388)
kann ich mir jetzt wohl eine nochmalige Besprechung
der systematischen Stellung derselben ersparen; ich will
nur auch hier wiederholen, dass sie mit den Attiden
nichts gemein hat. Das Vorkommen von Cribellum und
Calamistrum bei dieser Familie hat zuerst L. Koch 1866
(23 p. 1) angegeben. Genauer habe ich beide Organe von
Eresus cinnabarinus und Stegodyphus lineatus kennen ge-
lernt. Das Cribellum ist bei beiden ähnlich dem von
Amaurobius gebildet, nur nach aussen höher und im Ganzen
grösser. Bei E. cinnabarinus ist jede Hälfte 0,420 mm,
das ganze 0,973 mm breit, an der höchsten Stelle 0,250 mm
hoch. Die Spinnröhrchen stehen dicht gedrängt und be-
Ueber das Cribellum und Calamistrum etc. 359
tragen auf jedem Felde über 2880. Das Calamistrum be-
steht aus einer einfachen Reihe von Haaren auf einer
etwa 1,6 mm langen Leiste an der oberen und hinteren
Seite des etwa 2 mm langen Tarsus und ist auch beim
Männchen vorhanden. Bei einem sehr grossen Exemplar
von Stegodyphus lineatus, das ich der Güte von E. Simon
verdanke, sind die Verhältnisse noch riesiger: das ganze
Cribellum 1,309 mm breit, 0,3 mm hoch; jedes Feld 0,62 mm
breit und hat etwa 4800 Spinnröhrchen. Es ist dies die
grösste Zahl, die ich gefunden habe, die aber vielleicht
bei grösseren Arten dieser Familie noch überschritten wird.
— Adonea (capitata) und Dresseus (fuscus) stimmen in
allen wesentlichen Punkten des Cribellum und Calamistrum
mit den genannten beiden Gattungen überein ; über Dorecus
kann ich nichts mittheilen, da ich keine Gelegenheit hatte,
die Gattung zu untersuchen.
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Erklärung der Abbildungen auf Tafel XYIIl.
Fig. 1. Hinterleibsende von Amaurobius ferox $, von unten ge-
sehen; st das zu den Tracheen führende Stigma; sp. I
erstes Spinnwarzenpaar; er Cribellum.
Fig. 2. Cribellum derselben Art herauspräparirt, doch ohne die
Drüsen; m^, m.^, mg, m^ vier Muskelpaare.
Fig. 3. Cribellumdrüsen von A. ferox; tp tunica propria mit ihren
Kernen k; s Drüsenzellen, i Intima der Drüse, k' Kerne
der Hülle des Ausführungsganges.
Fig. 4. Stück des Cribellum, 1200fach vergrössert; tt die als tubuli
textorii über das Cribellum hervorragenden Ausführungs-
gänge der Cribellumdrüsen.
Fig. 5. Ein Calamistrumhaar von Am. ferox,
Fig. 6. Ein Stück aus dem Gewebe von A. ferox bei starker Ver-
grösserung; neben einem derben, aus einer gewöhnlichen
Spinndrüse stammenden Faden läuft ein ganzes Bündel
feiner, von den Cribellumdrüsen gelieferter Fäden.
; von F'ilislata testacea Latr.
362 Ph. Bertkau: üeber das Cribellum und Calamistrum etc.
Fiff. 7. Cribellum, tr Anfaner des Tracheen- \ rr •
^ j o I yQjj /oropsis ocreata
Systems > in T K T\
Fig. 8. a Fusskrallen, b Tasterkralle J ^ • ♦ )•
Fig. 9. Cribellum
Fig. 10. Anfang des Tracheensystems
Fig. 11. Calamistrum
Fig. 12. Calamistrumhaare
Fig. 13. a Fuss-, b Tasterkralle
Fig. 14. Letztes Tasterglied
Fig. 15. Cribellum ) von Oecobius annulipes; 1, 2, 3, 4 die
Fig. 16. Cephalothorax J 4 Augenpaare.
Fig. 17. Cribellum von Dictyna viridissima mit anhängenden Drüsen.
Fig. 18. 5, „ „ flavescens (Walck.).
Fig. 19. „ „ Diotima hirsuta Sim.
Fig. 20. Calamistrum von Amaur. ferox von vorn gesehen ; Cj hin-
tere, Cg vordere Reihe der Calamistrumhaare ; die der vor-
deren Reihe sind etwas kürzer, die der hinteren Reihe
etwas weitläufiger geordnet gezeichnet, als der Wirklichkeit
entspricht.
Fig. 21. Schienbein (ti), Tarsus (ta) und Metatarsus (mt) von Mia-
grammopes Rafifrayi Sim.\ c Calamistrumhaare, k Kolben-
haare.
Fig. 22. Rechtes Cribellum von Stegodyphus lineatus {Latr.).
lieber den Duftapparat von Hepialus Hecta L,
Von
Dr. Pli. Bertkau
in Bonn.
(Hierzu Taf. XVIII, Fig. 23-25.)
Ich habe bereits vor 2^/2 Jahren in den Sitzungsbe-
richten der Niederrheinischen Gesellschaft für Natur- und
Heilkunde, 1879 p. 288, eine kurze Mittheilung über den
Duftapparat der Männchen von Hepialus (Phymatopus)
Hecta gemacht. Eine ausführlichere Darstellung dieses
in mehrfacher Hinsicht so interessanten Organs habe ich
unterlassen, weil ich aus Anzeigen ersah, dass Fr. Müller
in den Archiv, do Museu Nacional de Kio de Janeiro,
Vol. n, an den Füssen einer Menge von Brasilianischen
Nachtschmetterlingen Duftapparate beschrieben hatte. Erst
vor Kurzem, nachdem ich Gelegenheit gefunden hatte,
Einsicht in die erwähnten Archiv, etc. zu nehmen, bin ich
zu der Ueberzeugung gekommen, dass durch jene Mitthei-
lungen Mülle r's die folgenden Nachrichten über unseren
Falter Nichts von ihrem Interesse verlieren können: nicht
nur ist die Einrichtung bei H. Hecta eine ganz andere
als Müller sie bei Brasilianischen Erebiden beschreibt,
sondern es fehlt auch in der Mittheilung Müller's jeder
bestimmte Nachweis von Drüsen, der hier überhaupt zum
ersten Male von mir bei H. Hecta geliefert ist. Ich finde das
von Aurivillius (lieber sekundäre Geschlechtsunterschiede
Nordischer Tagfalter in Bih. t. K. Svensk. Vet.-Akad. Handl.
V. No. 25) geäusserte Bedenken, ob in der That alle als
„Duftschuppen" in Anspruch genommenen, durch Gestalt
oder Standort ausgezeichnete Schuppen wirklich mit Drüsen
in Verbindung stehen, durchaus nicht ungerechtfertigt, am
364 Ph. Bertkau:
allerwenigsten clurcli Weismann's Bemerkung im Zool.
Anz. I. p. 98 von vornherein widerlegt. Denn Weismann
macht hier nur auf die Möglichkeit aufmerksam, dass
in dem Schmetterlingsflügel sich noch lebende Drüsenzellen
finden können ; der thatsächliche Zustand muss aber für
jeden einzelnen Fall untersucht werden.
So auffallend nun bei H. Hecta der Duftapparat ist, so
findet sich in den speciell lepidopterologischen Werken, die
ich auf diesen Punkt mir angesehen habe, doch kaum mehr als
die Notiz, dass bei H. Hecta die Hinterftisse verkümmert seien.
Diese bei der Häufigkeit unseres Schmetterlings auffallende
Erscheinung mag wohl darin ihre Erklärung finden, dass die
meisten „Lepidopterologen", in Verkennung der eigentlichen
Bedeutung des Wortes Zoologie, die Schmetterlinge für
Thiere halten, die gejagt und aufgespiesst werden müssen,
und daher nur solche Mittheilungen für werthvoll halten,
die auf das Erlangen der Beute Bezug haben. Selbst A.
& 0. Speyer sagen in dem speciell der Beschaffenheit
der Beine gewidmeten dritten ihrer „Lepidopterolo-
gischen Beiträge" (Isis 1843 p. 161 ff.) nur, dass der
Hinterfuss von H. Hecta verkümmert sei, führen die Gat-
tung p. 167 als Beispiel für die Regel an, dass, „wo die
Hinterfüsse mangelhaft sind, dafür die Schienen verdeckt
(soll heissen : verdickt) zu sein pflegen", und beschreiben
auf S. 187 die „Hinterschienen eine hohle, äussere (?) ge-
wölbte Platte bildend." Etwas ausführlicher, aber z. Th.
unrichtig, ist die Beschreibung, die 0. v. Prittwitz in
der Stett. Ent. Zeitung 1845 S. 249 entwirft: „An der
Stelle, wo das letzte Fusspaar am Abdomen (?) ansitzt, ist
das letztere kahl und wie zusammengedrückt; die eigent-
lichen Schenkel sind blasenförmig und enden in ein dünnes
Bein, mit welchem das Schienbein zum Kniegelenk ver-
wachsen ist, dieses ist dann gelblich bis zum Gelenk; das
letzte Glied ist aber ganz abnorm gestaltet. Es endet
nemlich statt in Klauen in eine unförmliche blasenartige
Keule, und an dieser stehen eine Menge gelblicher Haare
in einem dichten Büschel zusammen. Beim ersten Blick
glaubt man die Honigbeutel einer Biene zu sehen." Die
älteste der mir bekannt gewordenen Beschreibungen ist
Ueber den Duftapparat von Hepialus Hecta L. 365
zugleich die beste; sie rührt von De Geer her und findet
sich in dessen Abh. z. Gesch. d. Insekten, deutsch von
J. A. E. Götze, I. Bd. (3. Qu.) auf S. 71 f., während er
das Bein in Fig. 14, 15 auf Taf. VII abbildet; Olivier
hat in seiner Encyclop. methodol. VII. 70 lediglich De
Geer's Angaben aufgenommen.
Fig. 23 stellt einen männlichen H. Hecta von der
Bauchseite vergrössert dar. An Trochanter und Ober-
schenkel des letzten ßeinpaares bemerkt man Nichts ausser-
gewöhnliches; das Schienbein aber ist stark keulig ange-
schwollen und von oben nach unten zusammengedrückt.
Seine Haut ist glatt und glänzend, durchscheinend gelb
gefärbt; an der Spitze ist ein schräg abgeschnittenes Stück
fast rein weiss. Die untere Seite ist ohne jede Spur von
Schuppen oder sonstigen Epidermisbildungen ; nur bei
starker Vergrösserung erkennt man auf ihr kleine haar-
ähnliche Vorsprünge und Fortsätze, die aber nicht etwa
den Schuppenhaaren gleichbedeutend sind, da sie einfache
Wucherungen der Kutikula sind. Auf der oberen, d. h.
dem Körper zugewandten Seite ist die Oberfläche zunächst
vertieft und hebt sich aus der Vertiefung wieder, konzen-
trisch mit dem äusseren Umkreise, schwach gewölbt empor;
vgl. Fig. 24. Diese Stelle nun ist an den Rändern spärlich mit
gewöhnlichen Schuppen, im übrigen aber sehr dicht mit
langen, keulenförmigen Haarschuppen von blassgelber Farbe
besetzt, die wie eine Art Pinsel die Schienenspitze um ein
weniges überragen. Die Poren, in denen diese Schuppen-
haare stehen, haben jederseits eine fast halbkreisförmige
Platte neben und etwas hinter sich, die schräg gegenein-
ander aufgerichtet sind und das Schuppenhaar z. Th. um-
fassen, so dass sich dieses aus seiner bestimmten Lage —
alle sind in der Längsachse des Beines von vorn nach hinten
gerichtet und stehen nur wenig in die Höhe — nicht ent-
fernen kann. Bereits mit schwacher Vergrösserung und
ohne besondere Präparation erkennt man die riesigen Drüsen
mit ihrem grossen Kern, die durch die durchsichtige Haut
hindurchschimmern. Jeder etwaige Zweifel über die Natur
der Drüse wird aber gehoben durch einen Querschnitt
durch ein in Alkohol gehärtetes Bein, wie ihn Fig. 25
366 Ph. Bertkau:
darstellt; derselbe ist nach mehr als zweijährigem Liegen
in Alkohol angefertigt. Die Drüsen sind einzellig, flaschen-
förmig und füllen fast ganz allein den Hohlraum des Beines
an, in welchem ausser ihnen nur noch Muskeln und ein
Tracheenstamm verlaufen. Die an den Seitenrändern ste-
henden konvergiren nach der Oberseite zusammen, die in
der Mitte befindlichen durchsetzen fast senkrecht die ganze
Dicke des Beines. An ihrem oberen Ende verengert sich
die Drüsenzelle und mündet mit diesem verengerten Halse in
einen grossen Hautporus ein, aus dem sich eins der er-
wähnten Schuppenhaare erhebt. Diese sind im Allgemeinen
keulenförmig, am dicken Ende gewöhnlich abgerundet oder
gar etwas eingedrückt, selten schwach zugespitzt; eine
solche Vielheit von Formen, wie De Geer in Fig. 16 ab-
bildet, habe ich nicht beobachtet. Sie sind hohl und haben
an dem, wie erwähnt, gewöhnlich eingedrückten Ende eine
unregelmässig begrenzte und schwer wahrnehmbare Oeff-
nung. Ohne auf die Frage über die feinere Struktur der
Schmetterlingsschuppen hier näher einzugehen, kann ich
von diesen doch nach Schrägschnitten mit aller Bestimmt-
heit behaupten, dass ihre Skulptur, namentlich ihre Längs-
streifung, durch Rippen, die auf der Aussenfläche ange-
bracht sind, hervorgerufen werden; auf der Innenfläche
findet sich nur ein ganz schwaches, unregelmässiges Netz-
werk, das man nur sieht, wenn die Innenfläche frei gelegt
ist, und von dem ich nicht einmal sicher bin, ob es nicht
von geronnenem Inhalt herrührt.
Der Inhalt der Drüsen ist ein ätherisches Oel, das die als
Fortsetzung des Ausführungsganges dienenden Schuppenhaare
anfüllt und an deren oberer Oeffnung heraustritt und durch Ca-
pillarität an der Aussenseite derselben haftet. Betrachtet man
nemlich ein solches, einem lebendenThier entnommenes Schup-
penhaar, so sieht man auf seiner Aussenseite zwischen
den Rippen das blass gelbgrün gefärbte Oel in grösseren
und kleineren Tröpfchen. Wird nun der ganze Büschel
von Schuppenhaaren an die Luft gebracht, so verdunstet
von denselben eine grössere Menge der Substanz und er-
füllt die Luft mit einem angenehmen aromatischen Geruch,
den man auch erhält, wenn man das ganze Schienbein auf
üeber den Duftapparat von Hepialus Hecta L. 367
dem Papier zerquetscht. In letzterem Falle ist er aber
wegen seiner starken Konzentration zu penetrant, und mehr
widerlich als angenehm.
Fr. Müller hat an den meisten von ihm als Duft-
apparat in Anspruch genommenen Bildungen zugleich eine
Schutzvorrichtung nachgewiesen; eine solche findet sich
auch hier und zwar in einer solchen ungewöhnlichen Weise,
dass sie vielleicht das Interessanteste an dem ganzen Ap-
parat ist. Sie besteht darin, dass der erste Hinterleibsring
auf seiner Unterseite nur an einer schmalen medianen
Brücke eine hornige Haut hat; rechts und links befinden
sich 2 grosse Oeffnungen, in die die Körperhaut sackartig
eingestülpt ist. Die Wandung des Sackes besteht aus einer
sehr zarten und dabei elastischen Haut, die mit kurzen
Schuppenhaaren besetzt ist. Die Elastizität rührt wesentlich
daher, dass in ihr Reifen von derberer Beschaffenheit dicht
neben einander gelagert sind, zwischen denen eine faltige Haut
ausgespannt ist ; unter ihr verlaufen Hautmuskeln. In diesem
eingestülpten Sack befindet sich auch das erste Hinterleibs-
stigma. Durch Druck auf den Hinterleib lässt sich der
eingestülpte Sack in Gestalt einer geräumigen Blase her-
vorstülpen (s. Fig. 23, rechte Seite). Wie ich nun bereits
früher erwähnt habe, hat der Schmetterling gewöhnlich sein
Bein in dieser Tasche stecken, und zieht es nur hervor,
„wenn er in pendelndem Fluge über dem im Grase sitzen-
den Weibchen herschwebt''. Fängt man in einem solchen
Moment ein Exemplar, so beeilt sich dasselbe, die Beine
in die schützende Tasche zu stecken, an deren Rändern
noch lange, konvergirende Haare den Schutz verstärken;
es kostet auch immer eine gewisse Mühe, das Bein ge-
waltsam aus der Tasche hervorzuzerren. Die vorher er-
wähnte weisse Stelle am Ende der Schiene ist eben das
Stück der Unterseite, soweit die Schiene gewöhnlich in
der Tasche verborgen ist. An den folgenden Leibesringen
bemerkt man eine Andeutung einer ähnlichen Bildung, die
eine gute Illustrierung des Gesetzes der homonomen Seg-
mentierung ist.
De Geer war diese Tasche unbekannt; der Druck-
fehler in Speyer's Mittheilung (verdeckt statt verdickt)
368 Ph. Bertkau:
Hess mich Anfangs glauben, von ihm sei die Tasche bemerkt
worden; v. Prittwitz hat sie an einem Exemplar in un-
vollkommener Weise gesehen, ohne aber ihre Bedeutung
zu kennen.
Schon De Ge er, der nicht wusste, dass diese Klump-
füsse nur den Männchen eigenthümlich seien, warf die Frage
nach ihrer Bedeutung auf; zum Gehen sind sie nicht taug-
lich; da er den eigenthümlichen Flug dieses Schmetter-
linges wohl kannte, so dachte er daran, dass es „die
Balancierstangen seien, bei dieser Art von Fluge das Gleich-
gewicht zu halten", v. Prittwitz äussert in sehr zurück-
haltender Weise die Vermuthung, dass sie eine „sexuelle
Beziehung" haben.
Es ist schon wiederholt der eigenthümliche Flug dieses
Schmetterlinges erwähnt worden, und es scheint mir an-
gemessen, darüber noch einiges zu sagen. Verglichen mit
dem stürmischen, hastigen, fast stossweisen Flug von H.
Sylvinus, der eine kurze Strecke vorwärts fliegt, eine
Pflanze umschwärmt und im nächsten Momente weitereilt,
ist der Flug von H. Hecta ein sehr ruhiger zu nennen.
An schönen Abenden im Mai und Juni kann man ihn an
Waldrändern am häufigsten ungefähr 1 Meter hoch vom
Boden in einem Bogen, dessen Ebene senkrecht ist, hin-
und herfliegen sehen, wobei er fast einen Halbkreis be-
schreibt, dessen Durchmesser etwa ^J2 Meter beträgt. Schon
Linn6 und Fabricius vergleichen diesen Flug mit der Be-
wegung eines Pendels; Linn., S. N. 85; F. Sv. 1148: Vespere
motu quasi in pendulo, in aere fluctuans ; und Fabr. Ent. Syst.
III. 2. p. 6. No. 4: Vespere in aere fluctitat motu pendulo, at so-
litarius. Das „solitarius'S das wohl im Gegensatze zu den
Schwärmen gewisser Eintagsfliegen gemeint ist, ist übrigens
nicht wörtlich zu verstehen, indem ich wiederholt 2 — 3 Exem-
plare an derselben Stelle hin und her und auf und nieder
schweben sah. Den Anziehungspunkt bildet in diesem Falle
ein am Boden oder im Grase sitzendes Weibchen, wie ich
zufällig fand, als ich mit dem Hute die Männchen zu fangen
versuchte und hierbei ein Weibchen vom Grase abgeschöpft
hatte. Schon Hering (Stett. Ent. Zeit. 1845 p. 312) meint,
mit Recht, dass das „Hin- und Herbalanciren der ^ in
üeber den Duftapparat von Hepialus Hecta L. 369
der kurzen Distanz über der Erde" auf ein am Boden
sitzendes $ schliessen lasse. Auf der Suche nach einem
Weibchen ist aber der Flug mehr dem des H. Sylvinus
ähnlich. Stösst man ein über einem Weibchen schwebendes
Männchen an, so stellt es sich mit angezogenen Beinen
todt, wie ebenfalls schon De Geer beobachtet hatte.
Ich habe mich vergeblich danach umgesehen, ob an-
dere Hepialus-Arten eine ähnliche Einrichtung zeigen. In
trockenem Zustande konnte ich H. Humuli, lupulinus, Vel-
leda, Sylvinus J" untersuchen; letztere Art auch in einigen
Spiritusexemplaren. H. Humuli ^ hat massig verdickte
Hinterschienen, die an der Oberseite mit einer Bürste un-
gemein langer, gebogener, aber nicht keulig gestalteter
Haare besetzt sind; diesen Haarbusch erwähnt bereits De
Geer a. a. 0. p. 70, Fig. 10 und 11. Die Hinterleibsseiten
haben am ersten Ringe eine elliptische Höhlung, deren
Grund durch eine dehnbare elastische Haut gebildet ist
Das cT von H. lupulinus hat ebenfalls behaarte Hinter-
schienen, doch unterscheidet sich die Behaarung äusserlich
durch Nichts von der starken Behaarung des Thorax; von
einer Tasche am ersten Hinterleibsringe ist nichts zu sehen.
Die Schienen der ^^ von H. Velleda und Sylvinus
sind nicht verdickt und in gewöhnlicher Weise behaart;
am ersten Hinterleibsringe findet sich jederseits eine un-
regelmässig dreieckig umgrenzte Stelle, deren Haut weiss
und zart ist; in diesem Felde liegt das Stigma des ersten
Hinterleibsringes. — Verkümmerte Hinter füsse hat
keine dieser Arten.
Wie man sieht, finden sich Andeutungen einer dem
H. Hecta ähnlichen Einrichtung bei den erwähnten ein-
heimischen Arten, von H. lupulinus ausgehend und durch
Velleda und Sylvinus sich zu Humuli vervollkommnend;
von dieser aber bis zu der besprochenen Art ist noch
immer'ein sehr weiter Sprung. Ob bei einer dieser Arten
die Schienbeine Drüsen enthalten, kann ich nicht sagen;
bei H. Sylvinus habe ich, allerdings nur in oberflächlicher
Weise, vergeblich darnach gesucht; am ehesten dürften
sie bei H. Humuli vorhanden sein. Dagegen will ich nicht
versäumen, auf die Homologie der „Tasche" mit der Ohr-
Archiv für Natiirg. XXXXV7II. Jahrg. 1. Bd. 24
370 Ph. Bertkau: lieber den Duftapparat von Hepialus Hecta L.
ähnlichen (und von Swinton auch als Gehörorgan ge-
deuteten) Höhlung bei den Eulen, dem „Acridierohr'', dem
damit homologen Organ bei Grillen und dem Tonapparat
bei den Cicaden hinzuweisen.
Die Gattung Hepialus ist in mehrfacher Hinsicht syste-
matisch interessant durch den Rippenreichthum an beiden
Flügelpaaren, die kurzen Fühler, den mangelnden Rüssel
und durch anatomische Verhältnisse des Nervensystems
und der Hoden, die ein ursprüngliches Verhalten aufweisen,
worüber man E. Brandt's und Cholodko wsky's Mit-
theilungen vergleichen möge. Ich beobachtete an einer
unter einem Steine gefundenen Puppe von H. Sylvinus eine
Art des Ausschlüpfens, die ebenfalls ganz abweichend von
allen mir sonst bekannten Schmetterlingen ist. Während
uemlich gewöhnlich die Puppenhülse am Kopfe und Thorax
in den verschiedenen Näthen, in denen die Scheiden der ein-
zelnen Theile zusammenstossen, gesprengt wird, wurde bei
der genannten Art der ganze vordere Theil der Puppenhülse
etwa in der Höhe des ersten Brustsegments der Quere
nach in unregelmässiger Weise abgelöst und blieb nur
durch ein schmales Band mit dem Reste in Verbindung;
die Bruchflächen waren zackig, wie zernagt. Es scheint,
dass diese Familie noch manche Besonderheiten aufzu-
weisen hat.
lieber den Stinkapparat von Lacon mnrinns L.
Von
Dr. Ph. Bertkau
in Bonn.
(Taf. XVIII, Fi^. 26—28.)
Nachdem zuerst Steiu Hautdrüsen bei Käfern be-
kannt gemacht, verdanken wir Meckel und namentlich
Leydig weitere Aufschlüsse, welcher letztere 1859 die
genannte Ordnung am vollständigsten hinsichtlich des Vor-
kommens und Baues der Hautdrüsen durchsuchte und er-
forschte. Ich kann heute über die Hautdrüsen eines An-
gehörigen einer Familie berichten, aus der Leydig keinen
Vertreter untersucht hat, und thue dies um so lieber, als
die Hautdrüsen hier in einer solchen Weise auftreten,
dass sie ein komplizirteres Organ herstellen.
Wenn man im April oder Mai bis Mitte Juni einen Lacon
murinus, gleichviel ob Männchen oder Weibchen, ergreift, so
wird man kein Exemplar finden, bei dem nicht am Hinter-
leibsende zwei kurze, hornförmig gekrümmte, durchschei-
nende Würstchen hervortreten; vgl. Fig. 2G. Die Stelle, wo
dieselben sichtbar werden, ist die Rückenschiene des letzten
frei hervortretenden Hinterleibssegmentes in dem Winkel,
in dem Vorder- und Seitenrand zusammenstossen. An dieser
Stelle befindet sich nemlich eine kleine Oeffnung, die in
einen cylindrischen Hohlraum führt, dessen Wände von
einer zarten, in Falten zusammengelegten Haut gebildet
sind. Indem der Käfer beim Ergreifen sich todt stellt
und das letzte Hinterleibssegment nach unten umbiegt,
wird, wahrscheinlich durch den Blutdruck, ein Hervorstülpen
dieses Sackes bewirkt, wobei die Innenseite zur Aussen-
seite wird; im ausgestülpten Zustande ist der Sack am
Grunde weiss, nach der Spitze hin aber grün gefärbt.
Präpariert man einen solchen Sack im nicht hervor-
gestülpten Zustand heraus (Fig. 27), so zeigt sich an seiner
Grundhälfte Nichts besonderes; im letzten Drittel ist er
372 Ph. Bertkau:
aber dicht mit kugeligen ürüsenzellen besetzt, deren lange,
feine, vielfach verschlungenen Ausführungsgänge trupp-
weise in der Wand des Sackes ausmünden. Die Ausfüh-
rungsgänge beginnen in der Zelle neben dem Kern mit
einer schwachen Anschwellung, an der ich keine beson-
deren Strukturverhältnisse wahrnehmen konnte; bisweilen
sind 2 Drtisenzellen durch Lappen von Bindegewebe mit-
einander verbunden (Fig. 28); gewöhnlich aber sind sie
isolirt. Ihr Inhalt besteht aus kleineren und grösseren
Tröpfchen neben dem hellen Kern ; sie sind den Speichel-
drüsen gewisser Hautflügler oder den Drüsenzellen am
„Befruchtungscanal" vonDyt. marginalis ähnlich, die Stein
in seiner „Vergl. Anat. u. Physiol. der Insekten" Taf. IX
Fig. 5 abbildet. Ihr Sekret sammelt sich im unteren Theile
des Sackes an und verleiht demselben im ausgestülpten
Zustande die grüne Färbung. Am Boden des Sackes in-
serirt sich ein Muskelbündel, das ihn nach einiger Zeit
zurückzieht.
Wie man sieht, weicht der Bau dieser Säckchen
einigermassen von, dem der mit ihnen homologen und
längst bekannten hervorstülpbaren Bläschen am Hinter-
leibsende mancher Staphyliniden ab, worüber man die
Angaben Dufour's (Ann. d. Sei. Nat. VIII) und Steins
(a. a. 0. S. 121 £) vergleichen möge, während die Be-
schreibung, die Leydig (Müller's Archiv 1859 S. 52) von
Staph. erythropterus giebt, mit unserem Befunde fast genau
übereinstimmt. Jedenfalls haben sie in beiden Familien
für die Oeconomie des Thieres dieselbe Bedeutung: sie
verbreiten einen unangenehmen Geruch, und dienen daher
wohl als Abschreckungsmittel gegen Feinde. Der Geruch,
den die hervorgestülpten Säckchen von L. murinus aus-
strömen, ist ein starker Aasgeruch mit einer geringen Bei-
mengung von Moschus, wie das ja gewöhnlich der Fall
ist. — Eine Zeit lang dachte ich, auch die von F. Müller
bei Danais Gylippus und Erippus ^ beschriebenen her-
vorstülpbaren Pinsel seien mit den Säckchen von Lacon
homolog; aber Bürge ss, der sie (Annivers. Memoirs of
the Boston Societ. 1880) von D. Archippus beschreibt, ver-
legt sie ans Ende des achten Hinterleibssegmentes. Aber
Ph. Bertkau: Ueber den Stinkapi^arat von Lacou raurinus L. 373
wenn nicht homolog, so sind doch beide annäherend ana-
log, indem auch die erwähnten Organe der Danais-Männ-
chen Osmoterien darstellen. In wie weit jene Organe von
Dana'is zu den Afterdrüsen im eigentlichen Sinne des
Wortes zu rechnen sind, kann ich nicht genau entscheiden;
beschränkt man die Bedeutung des Wortes auf solche
Drüsen, die i n den After ausmünden, so würden sie weder
bei den Staphyliniden noch bei Lacon zu den Afterdrüsen
gehören.
Gegen Ende Juni treten die erwähnten Hörnchen bei
unserem Käfer nur zögernd und auf Druck, zuletzt sogar
gar nicht mehr hervor. Untersucht man um diese Zeit
ein solches Säckchen, so zeigt es sich, dass die Drüsen-
zellen in Zerfall begriffen und in grössere Partieen zu-
sammengeschmolzen sind. Mit dieser Erfahrung vertraut
wurde ich daher sehr überrascht, als ich am 11. Sept.
V. J. in der Eifel unter einem Stein ein kleines Exemplar
dieser Art antraf, das sofort seinen Stinkapparat in Thätig-
keit setzte; wahrscheinlich war es ein verfrühtes, über-
winterndes Exemplar.
Lacon murinus weicht noch darin von den mir
näher bekannten Familiengenossen ab, dass er sich nicht
in die Höhe schnellt, sondern sich todt stellt und seinen
Feind „anstinkt". Hält man ihm den Hinterleib fest, oder
lässt man ihn lange auf dem Rücken liegen, so bewegt
auch er den Prothorax gegen den Mesothorax, als wollte
er sich emporschnellen; diese Bewegung ruft ein leises
Zirpen hervor, dessen ich ebenfalls nirgends Erwähnung
gethan finde. — Andere einheimische Arten habe ich auf das
Vorkommen einer ähnlichen Bildung nicht untersucht; die
nächstverwandten Adelocera- und Agrypnus - arten habe
ich bei Bonn noch nicht gefunden; Dufour sagt (a. a. 0.
S. 17} ganz allgemein: „Dans la nombreuse famille des
Serricornes je n'ai encore pu decouvrir aucune trace de
l'existence de cet appareil'' (d. h. von „Organes des se-
cretions excrementielles", zu denen er auch die Bläschen
der Staphyliniden rechnete).
Bonn, den 31. Januar 1882.
Ueber Gamasiden
Von
P. Kramer
iu Halle a. d. S.
Hierzu Tafel XIX und XX.
In meinem Aufsatze über Gamasiden, in diesem Archiv
vom Jahre 1876, habe ich eine grössere Anzahl von Gat-
tungen und Arten aufgeführt, welche letztere zum guten
Theil neu waren. Um dieselbe Zeit schrieb Prof. Megniu
seine Abhandlung über Gamasiden (Journal de l'anatomie
et de la physiologie de Kobin. 1876 p. 288 ff.), und die darauf
folgenden Jahre brachten dahin einschlagende Arbeiten
von G. Haller, D. Michael, G. Canestrini ^) und Ber-
lese, so dass bei der grösser gewordenen Reichhaltigkeit
des Materials schon über Manches früher nur unvollkommen
Mitgetheilte vollständigere Angaben gemacht werden können.
Es haben sich aber auch bei der so von mehreren Seiten
gemeinsam aufgenommenen Arbeit an der genannten Mil-
benfamilie Zweifel über die Existenzberechtigung aufge-
stellter Arten und über die Brauchbarkeit gewisser von
mir benutzten systematischen Eintheilungsgrundsätze er-
hoben, so dass es an der Zeit zu sein scheint, diese soweit
möglich zu zerstreuen. Mit Rücksicht auf die beiden letzten
Punkte übergebe ich daher den Acarinologen die nach-
folgenden Zeilen. So weit es das sich nur langsam sam-
melnde Material erlaubt, werde ich die Entwicklungsstufen
der von mir aufgestellten Arten vorführen und es wird
1) Die Monographie: I Gamasi italiaui per G. e R. Cane-
strini konnte nicht mehr benutzt werden, da sie während des
Druckes der vorliegenden Arbeit erschien.
P. Kram er: lieber Gamasiden. 375
sich dann auf diese Weise am besten klar legen lassen,
in wie weit sie berechtigt gewesen sind oder nicht. Zu-
gleich werden sich einige neue denselben anschliessen
lassen. Ehe ich jedoch darauf im Einzelnen näher eingehe,
schicke ich über zwei Punkte, nämlich die Häutungen der
Milben und die Panzerverhältnisse der Gamasiden einige
Bemerkungen voraus.
Die Häutimgen der Milben.
Ist die Larve aus dem Ei geschlüpft, so hat sie wie
bekannt, in der Regel nur GFüsse, indem, so weit meine
Beobachtungen reichen, das 2. oder- 4. Fusspaar noch fehlt.
Von dieser Regel machen nach der einen Richtung hin,
indem sie nämlich weniger Füsse haben, Demodex follicu-
lonim und Phytoptus, nach der andern, indem er mehr
Füsse hat, Pteroptus vespertilionis eine Ausnahme. In
dem sechsfüssigen Stadium scheint in der Regel keine
Häutung, welche wieder zu einer sechsfüssigen Larve führt,
aufzutreten. Das einzige Beispiel für ein solches Vor-
kommen betrifft Damaeiis geniculatus, von dem G. Haller
in einer kurzen Mittheilung der schweizer entomologischen
Gesellschaft über Larven der Oribatiden berichtet, dass er
in dem Rückenknollen einer sechsfüssigen Larve Reste von
Häuten aus früheren Stadien vorgefunden habe. Sonst und
wenn wir die eben erwähnte Milbe ausnehmen führt die
erste Häutung aus dem sechsfüssigen Stadium in das erste
achtfüssige Larvenstadium hinüber. So kann man in jeder
zur Häutung erstarrten sechsfüssigen Glyciphagus- und
Tyroglyphus - Larve zur geeigneten Zeit die achtfüssige
Form eingeschlossen liegen sehen, und die Damaeus-Arten,
welche die Hautreste früherer Perioden auf dem Rücken
haftend mit sich führen, tragen im ersten achtfüssigen
Stadium nur eine einzige alte Haut, nämlich die der ein-
zigen sechsfüssigen Larvenform. Und wo man sonst einer
sechsfüssigen Larvenform begegnet und man beobachtet
sie bis zur Häutuugsruhe und darüber hinaus, so kann
man stets eine achtfüssige aber nie wieder eine sechsfüssige
Larve aus der alten Haut schlüpfen sehen. So bei Ery-
thraeus parietinus, bei TetranycJms telarius und anderen.
376 P. Kramer:
Auch spricht Megnin dasselbe von den Gamasiden aus,
eine Aussage, welche durch die Beobachtungen, die D.
Michael jüngst veröffentlicht hat, durchaus bestätigt wird.
So ist es demnach als der normale Verlauf anzusehen, dass
auf die sechsfüssige Larvenform nach der ersten Häutung
eine achtfüssige Larve folgt, der ich im Nachfolgenden den
Namen der ersten achtfüssigen Larve gebe. So weit die
vorhandenen Beobachtungen reichen und diese sind, wenn
auch nicht zahlreich, so doch aus sehr verschiedenen Mil-
benfamilien genommen, nämlich aus der Gruppe der Tyro-
glyphiden theils von mir selbst theils von andern, aus der
Gruppe der Gamasiden von Michael und Megnin, und
aus der Gruppe der Oribatiden, so ist auch dieses Larven-
stadium ein solches, während dessen die Milben keine Häu-
tungen bestehen, bei welcher nur die Haut abgeworfen
würde, ohne dass eine Gestaltsveränderung damit verbunden
wäre. Hier ist es namentlich wieder Damaeus, welcher im
Stadium der zweiten achtfüssigen Larve nur zwei alte
Häute auf dem Rückenstachel sitzen hat, nämlich die der
sechsfüssigen Larve, in deren Rückenzapfen der der ersten
achtfüssigen Larve eingeschoben ist, der seinerseits wieder
durch den in seiner Höhlung sitzenden Rückenzapfen der
lebenden Larve gehalten wird. Bei sehr vielen Larven
des ersten achtfüssigen Stadiums einer Glyciphagus-Art
habe ich die zweite während der Häutungsruhe liegen
sehen, so dass ich der Meinung bin, dass die zweite Häu-
tung ebenfalls eine Entwickelungshäutung im Gegensatz
zu einer blossen Wachsthumshäutung ist, wie man letztere
z. B. bei den Daphniden so schnell hinter einander
folgen sieht.
Ist eine Milbe in das zweite achtfüssige Stadium ein-
getreten so führt in den allermeisten Fällen die nächste
Häutung in das geschlechtsreife Stadium hinüber. Es ist
mir wenigstens kein Beispiel gegenwärtig, wodurch wäh-
rend der Periode des zweiten achtfüssigen Larvenstadiums
eine Wachsthumshäutung constatirt wäre. Ist dagegen
das geschlechtsreife Stadium erreicht, so sind solche
nicht ausgeschlossen, wenigstens glaube ich dieselben bei
üeber Gamasiden. 377
Bclellttj Eyldis und Limnochares bestimmt beobachtet zu
haben.
Es sind sonach bei der Mehrzahl der Milben drei
Entwicklungshäutungen, welche vollständig dem Abwerfen
der Eihaut entsprechen, vorhanden. Diesen letzten Process
muss man bei den Acariden desshalb unmittelbar mit den
Häutungen vergleichen, weil sich die merkwürdige Er-
scheinung einer Häutung im Eizustande auf diese Weise
am besten in die übrigen Processe einordnet. Solche Ei-
häutungen sind bei Ätax und Myohia von E. Claparede,
bei Cheyleüis von mir beobachtet worden. Es ist dabei
noch nicht aufgeklärt, wie sie im Einzelnen vor sich gehen,
wenn es auch wahrscheinlich ist, dass durch Schwellung
des Eiinhalts die alte Haut platzt, wobei ein Stechapparat
auf der neuen Eihaut diesen Vorgang beschleunigt. Zählt
man die Eihäutungen mit dem definitiven Abwerfen der
Eihaut und den Larvenhäutungen, so beobachtet man bei
Cheyleüis im Ganzen fünf Häutungen, bei Ätax würden es,
unter der Annahme, dass nur drei Larvenstadien vor-
kommen, sechs sein , da das Ei sich zwei Mal häutet, ehe
der Embryo die Eihaut abwirft.
Die postembryonale Entwicklung der Acariden schreitet
nach dem Vorhergehenden in vier Stadien fort, von denen das
vierte die reife Form repräsentirt. Für die unreifen Stadien
wähle ich im Nachfolgenden nicht die Bezeichnungen
Larve und Nymphe, sondern sechsfüssige Larve, erste
achtfüssige Larve, zweite achtfüssige Larve. Die Undeut-
lichkeit, welche durch den Ausdruck Nymphe in die Be-
trachtung hineinkommt, ist bereits in der von Megnin ge-
gebenen Definition dieses Wortes begründet. Megnin fasst
das Nymphenstadium als dasjenige auf, in welchem zwar
im Uebrigen die Körperentwicklung zum Abschluss ge-
kommen ist, in welchem aber die äusseren Geschlechts-
organe vollständig fehlen. Nach dieser Erklärung würde
es bei vielen Milben nicht möglich sein, Nymphen ausfindig
zu machen. Denn abgesehen davon, dass bei Dermaleichus-
Arten nach Haller's und meinen Beobachtungen, ebenso
wie bei Tyroglyphus-Arten accessorische sogenannte post-
anale Geschlechtsöffnungen in dem als Nymphenstadium be-
378 P. Kr am er:
zeichneten Lebensalter vorkommen, giebt es Milben, welche
die reguläre Geschlechtsöffnung vor dem After, wenn auch
noch nicht in so mächtiger Grösse wie später, schon vorder
letzten Häutung, ja schon als erste achtfüssige Larve be-
sitzen. So fand ich bei einem ächten Tyroglyphus, dessen
Beschreibung noch geliefert werden soll, ein ähnliches
Vorkommen, wie ich es bei einer verwandten Milbe im
Archiv vom Jahre 1880 p. 102 ff. berichtet habe.
Durch das Vorstehende ist nun keineswegs gesagt,
dass die Regel der dreifachen postembryonalen Entwick-
lungshäutung ausnahmslos Geltung habe. Im Gegentheil
habe ich selbst bei einer neuen, in triefenden Baumwunden
lebenden Art der den Tyroglyphiden zuzuzählenden Gattung
liisüostoma drei achtfüssige Larvenformen beobachtet, von
denen auch die letzte noch keine Spur von einer Ge-
schlechtsöffnung besass. Die letzte dieser Larvenformen
bestand lediglich aus Weibchen, denn alle zur Beobachtung
gekommenen Larven dieses dritten achtfüssigen Stadiums
trugen mindestens ein mächtig entwickeltes Ei. Ob diese
Larven eine postauale Geschlechtsöffnung führten, konnte
bei der starken Fetteutwickiung, die die ganze innere
Höhlung dicht mit weisslich schimmernden Bläschen aus-
füllte und so alles undurchsichtig machte, nicht entschieden
werden. Auch bei anderen Arten wird sich eine solche
Unregelmässigkeit wie das Vorkommen von drei acht-
füssigen Larven gewiss beobachten lassen. Die postem-
bryonale Entwicklung der Acariden ist bis jetzt ja nur
an einer verhältnissmässig kleinen Zahl von Arten bekannt
geworden und so gut wie wir ein Deutovum- und Tritovum-
Stadium kennen gelernt haben, so gut ist es wohl möglich,
dass Milben mit mehr oder mit weniger Entwicklungs-
häutungen als die vorläufig als normal festgesetzte Drei-
zahl angiebt vorhanden sind. Vielleicht liegt ein Fall dieser
Art in der Gattung Tarsonetnus Canestr. vor. (G. Haller^)
will die unter diesem Gattungsnamen aufgeführten Milben
nicht für reife Formen gelten lassen und doch habe ich
Männchen und Weibchen aus ein und derselben Larvenform
1) Halle r, die Milben als Parasiten. 1880. Seite 63 ff.
lieber Gamasiden. 379
gezüchtet.) Bei dieser Gattung treten, wenn ich nicht irre,
weniger als drei Larvenstadien auf, doch bedarf diese
Aussage noch einer genaueren Revision der bis jetzt be-
kannt gewordenen Thatsachen.
Eine besondere Stellung scheinen die Oribatiden ein-
zunehmen. Bei mehreren Arten von ihnen ist es sehr
leicht, die bis zum reifen Stadium abgelaufenen Häutungen
abzuzählen, da Reste der Larvenhäute auf dem Rücken der
heranwachsenden Thiere hängen bleiben. So geben die
Gattungen Nothrus, Eremaeus und Damaeus stets fünf Ent-
wicklungsstadien, die nach der vorigen Bezeichnung fol-
gende sind: sechsfüssige Larve, erste, zweite und dritte
achtfüssige Larve, reifes Thier. Das Besondere, was jene
Reihenfolge zeigt, ist dies, dass hier noch ein deutliches
drittes achtfüssiges Larvenstadium vorhanden ist, wie es
vorhin auch von Histiostoma erwähnt wurde. Man erkennt
bei den Oribatiden die Larven auf den ersten Blick an
der noch zum grössten Theil blassen und weichen Körper-
haut, und so bieten auch die Thiere, wenn sie in das
dritte achtfüssige Larvenstadium treten, dieses Merkmal
noch in ganz evidentem Maasse dar. Es finden sich aber
in diesem Stadium die äusseren Geschlechtsorgane voll-
ständig entwickelt vor, ja schon in früheren Entwicklungs-
phasen ist die Geschlechtsöffnung bereits vorhanden, so
dass auch durch diese Vorkommnisse die Bezeichnung als
Nymphe im Sinne Megnin's nur Schwierigkeiten mit sich
bringt.
Es liegt in den bisher bekannt gewordenen Momenten
der posterabryonalen Entwicklung der Acariden die Auf-
forderung, der allerdings so leicht und schnell nicht wird
nachzukommen sein, der Metamorphose bei einer mög-
lichst grossen Anzahl von Arten nachzuspüren, um auch
diesen Punkt voll ins Klare zu setzen, da es den Anschein
hat, als wenn doch immerhin eine bemerkenswerthe Man-
nigfaltigkeit in dieser Hinsicht herrscht, zumal wenn man
auch solche Thatsachen, wie sie von Megnin bei Demo-
dex foUiculorum Owen (Journal de l'anatomie et de la phys.
Xin. 1877) und von Landois bei Fhytoptus vitis Land.
(Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie Bd. 14. 1864)
380 P. Kr am er:
mitgetheilt werden, mit in Betvaclit zieht. Auch die von
Megnin erwähnte Verschiedenheit in der Anzahl der Häu-
tungen bei männlichen und weiblichen Gamasiden (Journal
de l'anatomie 1874. pag. 323 — 325) gehört hierher. Es
wird sich dabei auch herausstellen, ob ein Unterschied in
den Häutungen, wie er oben festgestellt wurde, als Wachs-
thumshäutung und Entwicklungshäutung, für die Milben
von Bedeutung sein wird oder nicht. So will es mir vor-
kommen, als wenn die beiden Stadien, welche Megnin
unter Fig. 2 B und Fig. 7 A in der Entwicklungsreihe von
Demodex folliculorum abbildet und welche doch jedenfalls
durch eine Häutung getrennt sind, nur eine sogenannte
Wachsthumshäutung zwischen sich haben, während eine
Entwicklungshäutung von dem in Fig. 7 B zu dem in Fig.
7 C abgebildeten Stadium hinüberführt. Bei den Insekten
sind wohl sämmtliche Häutungen Entwicklungshäutungen,
während bei den Krustern entschiedene Wachsthumshäu-
tungen vorliegen. Wenn bei den letzteren die Thiere
nach jeder der zahlreichen Häutungen nicht mehr augen-
scheinlich an Körpergrösse zugenommen haben, so lässt es
sich doch immer vorstellen, dass ein wenn auch nur sehr
geringes Maass von Körperzunahme bei jeder dieser Häu-
tungen eintritt. Es ist mit dieser letzteren Annahme kein
unbegrenztes Wachsthum postulirt, sondern nur eine Vor-
stellung weiter fortgeführt, welche zu einer, für die Dar-
stellung der Vorgänge bei der Metamorphose zweckdien-
lichen, Unterscheidung der Häutungsprozesse vielleicht nütz-
lich sein kann.
Der Panzer der Crainasiden.
Es ist nicht möglich die zahlreichen Arten der Ga-
masiden-Gattungen von einander zu unterscheiden, wenn
man nicht auf zweierlei achtet, erstens auf die von mir
vor mehreren Jahren in den Vordergrund gezogene Rand-
figur des Capitulum (Trugköpfchen, Haller), welche sich
wohl dauernd bei den Acarinologen als systematisch brauch-
bares Organ Beachtung erworben hat, entgegen der Mei-
nung Megnin 's, der die Benutzung dieser Randfigur als
Ueber Gamasiden. 381
einen grossen Missgriff darstellt, und zweitens auf die
Panzerverhältnisse. G. Canestrini hat jüngst in mehreren
Aufsätzen ausgiebigen Gebrauch von dem Panzer, als einem
sehr in die Augen fallenden Merkmal gemacht, und ich
selbst habe schon in meiner ersten Arbeit über Gamasiden
die systematische Brauchbarkeit desselben erprobt. Dass
der Panzer eine solche Ausnutzung verdient, ist zwar
mehrfach angezweifelt, so noch ganz neuerdings von
D. Michael, der hier ganz Megnin's Ansicht, deren Be-
rechtigung erhebliche Zweifel zulässt, folgt, doch dürften
die für die systematische Wichtigkeit desselben in dem
von mir in Giebels Zeitschrift für die gesammten Natur-
wissenschaften 1881 veröffentlichten Aufsatz: Zur Syste-
matik der Gamasiden, aufgeführten Gründe einer Beachtung
nicht unwerth sein, da sie sich den Bedürfnissen, welche
eine möglichst natürliche Gruppirung der in Rede stehenden
Thiergruppe befriedigen soll, eng anpassen. Die Panzer-
verhältnisse müssen bei allen Gamasiden und namentlich
bei der Gattung Gamasus auf das Vollständigste mit be-
rücksichtigt werden.
Der Panzer ist bei den Gamasiden wesentlich anders
gebaut als z. B. bei den Oribatiden und besteht aus einer
grossen Anzahl leicht zu isolirender Theile, denen man,
um sie in ihren gegenseitigen Beziehungen und Lagenver-
hältnissen genügend zu charakterisiren , auch besondere
Bezeichnungen beilegen muss. Es sind folgende Platten
vorhanden :
1) Dorsalplatte, 2) Marginalplatte , 3) Stigmalplatte,
4) obere und untere Coxalplatte, 5) Sternalplatte, 6) Ven-
tral- oder Abdominalplatte, 7) Analplatte.
Die Dorsalpatte liegt, wie ihr Name ausspricht,
auf dem Rücken und ist in der Regel einfach oder in zwei
Theile zerfallen, so dass in letzerem Falle eine Querlinie
auf dem Rücken sichtbar wird. In diesem Falle wird von
einer vorderen und hinteren Dorsal platte gesprochen. Dass
in vielen Fällen bei erwachsenen Gamasiden die Querlinie
persistirt, ist hinreichend erwiesen und bedarf einer Be-
gründung nicht mehr, obwohl Megnin und D. Michael
hierüber bisher anderer Meinung waren. Die Dorsalplatte
382 P. Kramer:
entsteht, soweit meine Beobachtungen reichen, von mehreren
Erhärtungscentreu der Rückeuhaut aus und es findet hierbei,
wenn ich die bisherigen Beobachtungen übersehe, ein
doppeltes Verhältniss statt. Entweder sind es vier ur-
sprüngliche Erhärtungscentren ( üropoda, Trachynotus) oder
nur zwei (Gamasus). Das letztere ist wahrscheinlich auch
bei Sejus der Fall. Hieraus ergiebt sich für die erwachsene
Form, je nachdem die Larvenzustände und -Verhältnisse
in grösserem oder geringerem Masse persistiren, eine grosse
Mannigfaltigkeit in der Ausbildung der Dorsalplatte. Es
kann in Zukunft die Ansicht, dass die irgendwie getheilte
Dorsalplatte für den Träger einer solchen ein Zeichen für
seine noch nicht völlig zu Ende gegangene Entwicklung
sei, nicht mehr aufrecht erhalten werden, wenn man be-
denkt, dass es eine Uropoda giebt — ü. tecta — bei der
die hintere Partie der Dorsalplatte von der vorderen ge-
trennt bleibt, ja dass bei einer anderen Uropoda, der später
genauer zu beschreibenden Uropoda splendida mihi, sämmt-
liche Elemente der Dorsalplatte bei Männchen und Weibchen
deutlich unterschieden werden können. Hier bleibt sogar
die hintere Abtheiiung der Platte in einem so ursprüng-
lichen Zustande, dass sie von der unverhärteten Haut kaum
unterschieden werden kann.
Entsteht die Dorsalplatte von zwei Erhärtungscentren
aus , wie es also bei Gamasus und unter Vorbehalt auch
bei Sejus ist, so sind zwei Arten möglich, wie sich der
Rückenpanzer bei den erwachsenen und reifen Thieren
gestaltet. Entweder können beide Platten, die vordere und
hintere Rückenplatte persistiren oder sie sind verschmolzen
und bilden nun blos noch eine einzige Platte. Wie bereits
gesagt, ist es keineswegs die Regel, dass sie immer ver-
schmelzen, vielmehr giebt es eine Anzahl Gamasus-Arten
mit doppelter Rückenplatte und bei der Gattung Sejus ist
es ebenso.
Die Marginalplatte ist nur selten noch in einiger-
maassen deutlicher Weise zu erkennen, so dass ich erst
zögerte, sie überhaupt unter den das Panzergehäuse nor-
mal zusammensetzenden Theilen aufzuführen. Aber die
Beobachtungen namentlich bei den Uropodeu lassen doch
üeber Gamasiden. 383
erkennen, dass man es mit einer selbstständigen Bildung zu
tbuu zu haben scheint. Es sind hierfür die Verhältnisse von
Wichtigkeit, wie man sie bei der zweiten achtfüssigen Larven-
form von U. clavus Hall, vorfindet (Taf XIX, Fig. 1). Hier ist
der Rand des die Bauchfläche deckenden Panzers durch jeder-
seits drei deutlich von einander getrennte schmale Platten-
streifen gebildet, so dass man einen aus sechs Stücken be-
stehenden schmalen Rahmen erhält. Offenbar haben wir hier
ein nur noch im Larvenstadium erkennbares , später als
selbstständiges Gebilde vollständig verschwindendes Platten-
element vor uns und zwar genau genommen eine untere
Marginalplatte. Bei anderen Uropoden persistirt bis ins
reife Stadium ein Plattentheil, den man mit Fug und Recht
als obere Marginalplatte wird ansprechen können. So er-
wähnt Canestrini bei seinem Notaspis (üropoda) margi-
natus Koch ein einfaches Rtickenschild, gesäumt mit einem
durchsichtigen Rande. Offenbar haben wir etwas ähnliches
zu vermuthen — eine Zeichnung liegt nicht vor — , wie
ich es bei meinem U. ovalis abbildete, wo nämlich von
der Schulterecke der Dorsalplatte an ein durch eine blosse
Hautschicht von ihr getrennte zierliche Umrahmungsplatte
dieselbe in ihrem ganzen Umfange umgiebt. Vielleicht wird
auch nun die ganz auffallende Panzerbildung bei dem von
mir seinerzeit geschilderten und abgebildeten Gamasus
cuspidahis verständlicher. Diese schöne kastanienbraune Art
besitzt, wie Taf. XIX, Figur 2 zeigt, zwischen der Stigmal-
und Ventralplatte einerseits und der Dorsalplatte anderer-
seits noch einen aus drei getrennten schmalen Platten-
streifen bestehenden Panzerring, der die Marginallinie des
Thieres beschützt. Zwei davon liegen jederseits an der
Seite, der dritte schliesst den Ring am Hinderrande. Die
Lagenverhältnisse sind also ganz ähnliche wie bei der
Larve von ü. clavus. Da die Plattengruppe weder genau
zur ßauchfläche noch zur Rückenfläche gehört, haben wir
hier vielleicht eine verschmolzene obere und untere Margi-
nalplatte vor uns, die sonst bei den Gamasus-Arten nicht
beobachtet wird.
Die Stigmal platte enthält das Stigma und den
Stigmalcanal — (Megnins Peritreme). Sie ist bei den er-
384 P. Kramer:
wacbseiien Thieren stets mit der Dorsalplatte vorn ver-
schmolzeü, aber bei vielen Arten und namentlich denjenigen
der Gattung Gamasus nur mit einer sehr schmalen Brücke
und zieht sich dann wie ein schmales Band längs des
Seitenrandes der Dorsalplatte zwischen dieser und der
Hüftgegend hin. Der Stigmalkanal bietet mit den Eigen-
thümlichkeiten seines Verlaufs einen nicht zu unter-
schätzenden Anhalt zur Unterscheidung der Arten. Er ist
daher ein sehr brauchbares systematisches Merkmal trotz-
dem er, so namentlich bei den Uropoda - Arten , während
des Larvenstadiums sehr merkliche Aenderungen seines
Verlaufs erfährt. Wie die Stigraalplatte bei den Uropoden
sich in die durch die Fussgruben sehr complicirt gestal-
tenden Panzerverhältnisse der Unterseite einfügt, lässt sich
am schönsten bei Larven von Uropoda clavus beobachten,
die im zweiten achtfüssigen Stadium bereits sämmtliche
Fussgruben besitzen, ohne dass doch die Verschmelzung
der Panzerplatten bereits bis zur Verwischung der Tren-
nungslinien vorgeschritten ist. Man vergleiche hierzu die
bereits oben zur Beachtung der die Marginalplatte bilden-
den Plattenstücke angeführte Figur 1, welche die eine
Hälfte der Unterseite in genügender Grösse darstellt. Es
stellt sich hiernach heraus, dass die Stigmalplatte die nach
dem Seitenrand des Thieres zugewendete Hälfte der Gru-
benwand für die Grube des zweiten und dritten Fusspaares
bildet, während die Coxalplatte (siehe w^eiter unten) den
Rest der Wandung dieser Gruben und die ganze Grube
für das vierte Fusspaar, ebenso die Umrandung für die
Oeffnung, durch welche das Capituium hindurchtritt, über-
nimmt. Es Hess sich schon vermuthen, da die Stigmal-
öffnung bei den Uropoden häufig in der Tiefe der mittleren
Fussgrube, der Grube für das dritte Fusspaar liegt, dass
die Stigmalplatte Antheii nimmt an der Bildung dieser
Grube. Dieses Verhältniss der betreffenden Platte sieht
man nun bei der genannten Larve (Fig. 1) auch auf das
schönste vor sich, und es werden die wunderlichen Krüm-
mungen, welche der Stigmalkanal bei vielen erwachsenen
Uropoden macht, keinen Einfluss auf die Lage der ganzen
Platte haben, da dieselbe verhältnissmässig breit ist, also
üeber Gamasiden, 385
dem Kanal zu seinen Weglinien ausreichend Platz lässt.
Vergleicht man die Lage der Stigmalplatte bei den Uro-
poden mit der bei den Gamasus - Arten , so fällt es auf,
dass sie bei jenen von der Dorsalplatte so weit entfernt
liegt, während sie bei diesen unmittelbar an dieselbe an-
stösst. Es drängt sich nämlich, wie es bei Uropoda clavus
am deutlichsten vorliegt, die Marginalplatte zwischen Dor-'
salplatte und Stigmalplatte ein. Diese zunächst auffallende
Verschiedenheit wird sich vielleicht dadurch in etwas
lösen, dass wir die Marginalplatte da wo sie auftritt als
einen von dem Hauptstock der Dorsalplatte losgelösten
Theil derselben halten, so dass sie wesentlich zur Dor-
salplatte gehörig anzusehen ist.
Die Coxalplatte liefert die Umrandungen der Hüft-
öffuungen und zwar findet sich die oberhalb derselben gele-
gene Abtheilung selbst bei erwachsenen Thieren nicht ver-
schmolzen mit der unterhalb, also nach der Bauchseite zu
gelegenen, so dass mit Recht von einer oberen und einer
unteren Coxalplatte gesprochen werden kann. Die obere
Coxalplatte ist ein Plattenstück, welches ebenfalls, wie die
Stigmalplatte, mit seinem vorderen Ende an der Dorsal-
platte befestigt ist, sich nach hinten zu unterhalb der Stig-
malplatte hinzieht und zwischen die Hüftgelenke der drei
letzten Fusspaare spitzige Fortsätze aussendet, denen ent-
sprechende Fortsätze der unteren Coxalplatte begegnen.
Diese letztere liegt als schmaler Plattenstreif zwischen den
Hüftgelenken der drei letzten Fusspaare und der Sternal-
platte (siehe weiter unten).
Es muss hier mit einem Worte eines Umstandes Er-
wähnung gethan werden, durch den ich früher die Uro-
poden glaubte von den gamasusartigen Gamasiden unter-
scheiden zu können. Ich sprach früher bei den Uropoden
von einer Durchbohrung des Bauchpanzers, um dem Ca-
pitulum einen Durchtritt durch denselben zu ermöglichen.
Megnin macht an derselben Stelle auf sein Camerostome
aufmerksam, was er bei den Mitgliedern der Gattung Ga-
masus nicht fand. Diese Auffassung einer Durchbohrung
muss jetzt , wo die Panzerverhältnisse einer genaueren Be-
trachtung unterworfen worden sind, ganz bei Seite gesetzt
Archiv f. Naturg. XXXXVHI. Jahrg. 1. Bd. 25
386 P- Kramer:
werden. Es ist bei Gamasiis die Oeffnung, in welcher
das Capituhim (Koptröhre , Trugköpfchen) eingelenkt ist,
und in welcher sich auch die Einleukungsstellen des ersten
Fusspaares befinden, ganz ebenso begrenzt wie bei den
Uropoden, nämlich von unten her durch die Sternalplatte,
von der Seite her durch den herabsteigenden Theil der
oberen Coxalplatte und von oben her durch den vorderen
Rand des Anfangssttickes dieser selben Coxalplatte, welche
sich ganz vorn an die Dorsalplatte ansetzt, so dass die
beiden von rechts und links aufsteigenden Theile derselben
einander vor der Dorsalplatte und auch noch vor der Stig-
malplatte begegnen. Es ist demnach bei Gamasus die
obere Begrenzungslinie dieser Panzeröffnung nicht, wie ich
lange Zeit glaubte, durch den vorderen Rand der Dorsal-
platte gebildet, sondern ganz wie bei Uropoda durch die
Coxalplatte, so dass in der That bei beiden Gamasiden-
gruppen, den Uropodinen und Gamasiuen (siehe hierüber
weiter unten) der Unterschied nur in der Grösse der be-
treffenden Oeffnungen zu suchen ist. Bei den Arten der
Gattung Gamasus entfernt sich die Coxalplatte in ihren
aufsteigenden Theilen so weit von der Sternalplatte, dass
man nicht mehr den Eindruck eines Camerostoms bekommt,
obgleich ein solches genau in derselben Weise vorhanden
ist, wie bei den Uropoda -Arten. Nur fehlt bei jenen die
bei diesen letzteren häufig vorkommende dachförmige Er-
weiterung der oberen Coxalplatte, welche da, wo sie kräftig
entwickelt ist, das Capitulum völlig bedeckt. Dieser dach-
förmige Fortsatz soll künftig das tectum heissen und ist
bei Uropoda teda mihi besonders stark ausgebildet. Zu
der unteren Coxalplatte sind offenbar noch die kleinen
Plattenstückchen gehörig, welche man in der Regel von
dreieckiger Form als Stützplatten des ersten Fusspaares
unter dessen Hüftgliedern liegend findet. Es ist wahr-
scheinlich, ja gewiss, dass überhaupt die untere Coxalplatte
im Grunde aus so vielen einzelnen Plattenstticken besteht,
alsFusspaare vorhanden sind. Es lässt sich dies aus den
vorhandenen Verhältnissen bei Larven von Uropoda posi-
tiv nachweisen. An Sicherheit gewinnt diese Annahme
auch noch dadurch, dass eben für das erste Fusspaar noch
Ueber Gamasiden. 387
ein isolirtes Plattenstückchen vorhanden ist, welches als
Coxalplatte des ersten Fusspaares angesehen werden kann.
Man hat wohl überhaupt diese untere Coxalplatte als Aequi-
valent der bei anderen Milben beobachteten Epimeren
anzusehen, so dass also die Epimeren des ersten Fuss-
paares bei den Gamasus- Arten sich getrennt erhalten haben
im Gegensatz zu denen der drei anderen Fusspaare, welche
mit einander verschmolzen sind.
Die Sternalplatte liegt zwischen den Hüften der
drei hinteren Fusspaare. Sie erscheint bei vielen weiblichen
Gamasus wie getheilt in eine vordere, bis zur Hüfte des
dritten Fusses reichende und eine hintere, die grosse weib-
liche Geschlechtsöffnung mit ihrem Deckel enthaltende Ab-
theilung. Indess ist es wohl richtiger, diese ganze mittlere
Brustgegend zusammen genommen mit dem einfachen Namen
Sternalgegend zu bezeichnen, und die sie deckende Platte
als Sternalplatte aufzuführen , so dass in ihr stets bei
den erwachsenen Thieren die Geschlechtsöffnung, die männ-
liche sowohl wie die weibliche liegt, wenn erstere nicht
vor der ganzen Platte angebracht ist. Bei den üropoda-
Larven ist die Sternalplatte länger als beim erwachsenen
Thier, indem sie noch etwas, häufig sogar ziemlich weit
über die Hüften des vierten Fusspaares herausragt. Wie
die Lage der Geschlechtsöffnung selbst, vornehmlich der
männlichen ein wichtiges systematisches Merkmal abgiebt,
wird weiter unten näher ausgeführt werden. Dass die
Sternalplatte mit der unteren Coxalplatte nicht zusammen-
hängt, ist namentlich an der oft sehr weitgehenden Tren-
nung beider Platten in der Gegend des dritten und vierten
Fusspaares zu erkennen, so dass man die Sternalplatte vor
der Hand wenigstens nicht als das Aequivalent für die
mittlere gemeinsame Partie der Epimeren der vorderen
Füsse vieler Milben, z. B. aus der Familie der TyroglypJiiden,
auch nicht als Aequivalent der Bauchplatte der männ-
lichen HydracJmiden ansehen kann.
Die Abdominalplatte oder Ventralplatte deckt
den Unterleib von den Hüften des vierten Fusspaares an
bis in die Gegend des Afters. Die Anal platte ist eine
verhältnissmässig kleine Platte, welche den After enthält.
388 t*. Kramer:
Ausser den hier aufgeführten Platten verdienen
noch kleine sehr regelmässig auftretende Plattenstücke
Erwähnung, welche vor der Sternalplatte liegen und 7a\
dem Bauchtaster 1) in einer engeren Beziehung zu stehen
scheinen. Es sind in der Regel zwei, doch können es
auch vier sein; sie entsprechen vielleicht den Epimeren
der Füsse.
So treten eine grosse Anzahl Plattenstücke auf, aus
denen sich der Panzer der Gamasiden zusammensetzt. Es
ist dabei nicht zu übersehen, dass sie sehr häufig theil-
weise oder ganz verschmolzen sind, wie namentlich bei
den Männchen vieler Gamasus-Arten, wo sämmtliche Platten
zu einem völlig einheitlichen harten Gesammtpanzer zu-
sammengewachsen erscheinen, so dass selbst die Trennungs-
linien zum grössten Theil völlig verschwunden sind. Aus
der grossen Mannigfaltigkeit und der grösseren oder gerin-
geren Vollständigkeit der Verschmelzung entspringen alle
diese verschiedenen Formen der Gamasiden-Panzer, welche
wir bei den zahlreichen Arten vor uns sehen und die ein
uns von der Natur selbst gebotenes Hülfsmittel geben,
um die oft schwer zu trennenden Arten sicher zu unter-
scheiden.
Ob aus den Panzerverhältnissen der Gamasiden die
Segmentfrage neues Licht erhalten kann, wage ich für
jetzt nicht zu sagen, es will mir aber so scheinen, als
wenn höchstens aus den Dorsal- und Ventral - Analplatten
sich Anhaltspunkte ergeben können, um über Segmente
des Milbenkörpers etwas auszusagen. Es sind zur Behand-
lung dieser Frage namentlich bei den Gamasiden noch
manche Schwierigkeiten zu tiberwinden, wie z. B., die
merkwürdig weit nach hinten gerückte Auheftungsstelle
der Retraktoren für die Maudibeln zu deuten, da doch die
Mandibeln Mundwerkzeuge sind. Bei den Uropoden liegt
1) Ich kann mich noch nicht dazu verstehen in diesem Or^an
ein Kinn vor mir zu sehen, wie Megnin es bezeichnet, neige mich
aber längst der Ansicht zu, dass wir in ihm ein Gliedmassenpaar
in verschmolzenem Zustande vor uns haben.
üeber Gamasiden. 389
diese Anheftungsstelle fast am Hinterrande des ganzen
Körpers.
Aus den bisher ausgeführten Panzerverhältnissen und
ihrer Deutung ergiebt sich, dass ich mich einer speziellen,
von Megnin geäusserten Ansicht nicht anschliessen kann. In
der Einleitung der anatomischen Abtheilung seiner Abhand-
lung über Gamasiden nämlich führt er die Gründe an, warum
für ihn die Gattung üropoäa und nicht die Gattung Gama-
sus die typische Gattung für die Gamasiden ist. Sie
gipfeln hauptsächlich darin, dass in Uropoda Thiere mit
entschieden insektenartigem Typus vorliegen, also Thiere
von höherer Organisation, während in GamasiiSj Derma-
nyssus, Pteroptus sich ein allmähliger Uebergang zu spinnen-
artigen Milben zeige. Das lusektenartige findet Megnin
darin, dass die Füsse des ersten Paares bei Uropoda zu
einem Tastorgan herausgebildet sind und sich durch die
eigenthümliche Gestalt und Entwicklung der Hüften, sowie
durch ihre Stellung, in so ferne, als „sie innerhalb der
Ränder des Camerostomes eingelenkt sind, als wahre Lippen-
taster' dokumentiren. Ich glaube oben nachgewiesen zu
haben, dass die Stellung des ersten Fusspaares bei allen
Gamasiden eine durchaus gleichmässige ist, nämlich inner-
halb der vorderen Grenzlinien der Sternalplatte und obern
Coxalplatte. Bei Uropoda tritt lediglich der Umstand ein,
dass diese Platten eine mehr in die Augen fallende Oeffnung
bilden, während bei der Gattung Gamasus diese so weit
ist, dass man sie gar nicht mehr für eine solche ansieht.
Ein Camerostome im Sinne Megnin's giebt es bei allen
Gamasiden, mit Ausnahme vielleicht von PteropttiSj wo die
Panzerverhältnisse sehr reducirt sind. Bei allen, wo sich
die Panzertheile deutlich beobachten lassen, ist es, wie
oben bemerkt wurde, von denselben Panzerstücken begrenzt.
Besonders lehrreich ist hierfür eine von mir früher schon
beschriebene und später häufig beobachtete Art Garn, lon-
gispinosuSj dessen Kopfröhre nebst Hüftgliedern des ersten
Fusspaares in Fig. 3 auf Taf. XIX abgebildet sind.
Ausser der Stellung, welche Megnin dem ersten
Fusspaar der Gattung Uropoda zuweist und die sich als
durchaus gleichartig bei den übrigen Gamasiden erwiesen
390 P. Krämer:
hat, betont er auch noch die Funktion desselben ; er weiss
allerdings, dass manche Arten der Gattungen Gamasus
und Dermanyssus die Vorderfüsse ebenfalls noch als Tast-
organ benutzen, und in sofern schliessen sie sich der eigent-
lichen typischen Form an, es kann aber überhaupt in
diesem Gebrauch des ersten Fusspaares eine Veranlassung
nicht liegen, es aus der Reihe der ächten Füsse zu streichen,
sonst niüsste man das erste Fusspaar bei der Mücken-
gattung Chironomus ebenfalls aus der Zahl der ächten
Füsse herausnehmen, da diese Thiere fortwährend mit
diesen Füssen tasten und sie zum Gehen nicht gebrauchen.
Auch finden sich Milbengattungen genug, bei denen etwas
vollständig Gleiches beobachtet wird. Linopodes raviis
benutzt sein langes erstes Fusspaar als Taster, ebenso
Gheyletiis vemistissimus Koch, auch Labidostoma luteum Kr.
(Nicoletia luteum) sieht man nie mit dem ersten Fusspaar
gehen. Alle diese Thiere können aber unmöglich in gleicher
Weise einen Uebergang zu den Insekten anbahnen, der
wohl überhaupt kaum von irgend einem Punkte der Milben-
schaar aus hergestellt werden kann, während von anderer
Seite eine Annäherung an die Crustaceen mit stichhaltigeren
Gründen vertheidigt wird. (Hai 1er.)
Eine allgemeine Bemerkung zur Systematik der
Gamasiden.
Vergleicht man die zur Familie der Gamasiden ge-
hörigen Gattungen nach ihren organisch wichtigern Merk-
malen, so fällt beim männlichen Geschlecht die verschie-
denartige Stellung der Geschlechtsöffnung auf. Bei den
Uropoden steht sie nämlich mitten in der Fläche der
Sternalplatte, während sie bei den Mitgliedern der Gat-
tung Gamasus viel weiter nach vorn an den Rand der
Sternalplatte gerückt ist. Megnin macht hierauf ebenfalls
aufmerksam und erwähnt 1. c. p. 321 ^^une Ouvertüre ovale
transversale, percee tout aupres du bord anterieur du
plastron sternal chez les gamases, les dermanysses, les
pteroptes, et percee un peu plus arriere et longitudinale-
ment chez les uropodes^'. Bei erneuter Beobachtung dieser
lieber Gamasiden. 391
Verhältnisse hat sich nun einerseits ergeben, dass keines-
wegs nur die Männchen der Gattung Uropoda de Geer
eine mitten in der Fläche der Sternalplatte stehende
Geschlechtsöffnung besitzt, es sind vielmehr noch andere
von Uropoda verschiedene Milben ebenso ausgezeichnet,
andrerseits ist es aber auch nicht ganz genau, wenn man
bei Gamasus die Geschlechtsöffnung die Sternalplatte durch-
bohren lässt. Bei dem grossen und allgemein verbreiteten
Männchen von. G. quinquespinosus mihi, derselben Milbe,
welche Megnin als Gamasus fungorum in seiner Schrift
aufführt, und von der er die Abbildungen auf Tafel VIII
beifügt (es ist einzig und allein durch die unter Fig. 2 c
abgebildete Randfigur möglich gewesen, die beiden Milben-
bezeichnungen als synonym zu erkennen, ein Beweis mehr,
von wie durchschlagender Wichtigkeit gerade diese Rand-
figur ist), derselben Milbe endlich, welche Canestrini
unter der alten Bezeichnung G. crassipes L. wieder auf-
führt, obgleich Linne wohl kaum von den vielen dick-
füssigen Männchen gerade dieses gemeint zu haben braucht,
also, bei dem grossen Männchen dieser Art lässt es sich
leicht beobachten, wie die Sternaiplatte vorn einen
Ausschnitt besitzt und in diesem Ausschnitt mündet der
männliche Geschlechtsapparat, hier befindet sich die männ-
liche Geschlechtsöffnuug. Sie ist keineswegs so einfach
gebaut, wie die Figur 2 und die Tafel VIII des oben
citirten Aufsatzes von Megnin vermuthen lässt. Es legt
sich nämlich von unten her eine Platte von besonderer Form
über den Ausschnitt, Taf, XIX, Fig. 13, 14, 15 und deckt
den Bauchtaster sowie auch den von zwei stark chitinisirten
Seitenleisten gestützten Ausführungsgang des Geschlechts-
apparates zu. Der Ausschnitt der Sternalplatte ist ferner
von einem Querriegel überbrückt, welcher bei stärkerer
Vergrösserung sich deutlich von der Sternalplatte loslöst.
Namentlich wenn man die Sternalplatte von innen her
betrachtet, bemerkt man leicht, dass dieser Querriegel das
Basalstück zu dem Bauchtaster ist, welcher hier dicht an
der Geschlechtsöffnung aufgestellt ist, so dass die Oeffnung
zwischen Sternalplatte und Querriegel liegt. Ganz ähnliche
Verhältnisse bemerkt man bei anderen Gamasus-Männchen.
392 P. Kramer:
Die Sternalplatte ist also ausgebuchtet und in der Aus-
buchtung liegt die Geschlechtsöffnung, jedoch so, dass sie
nicht die Sternalplatte durchbohrt, sondern vor ihr aus-
mündet. In sofern wäre die Lage der Geschlechtsöffnuug
als ectosternal zu bezeichnen, als eine in Bezug auf die
Sternalplatte aussenständige, im Gegensatz zu der Lage bei
den Uropoden, wo ich sie als eine endosternale bezeichnen
werde, als eine innenständige in Bezug auf die Sternal-
platte. Auf diese Lagenverschiedenheit werde ich bei der
Zusammenstellung der Gattungen und Gruppen der Gama-
siden Gewicht legen, sie giebt ein bequemes nicht nur,
sondern, wie es den Anschein hat, wirklich in der Organi-
sation begründetes Unterscheidungsmoment der in Rede
stehenden Thiere ab. Als fundamentales Kennzeichen wird
es allerdings nicht gut verwendet werden können, da es
sich herausgestellt hat, dass es Gattungen oder Thiergruppen
unter den Gamasiden giebt, welche im Allgemeinen mit
der typischen Gattung Gamasus die allernächsten Berührun-
gen haben, und doch die dieser Gattung fremdartige
endosternale Stellung der Geschlechtsöffnung besitzt. Es
wird dagegen unter den systematischen Kennzeichen zwei-
ten Ranges eines der wichtigeren werden können.
Die Gattungen, die hier in Betracht kommen, sind, als
bisher von den verschiedenen Acarinologen zu der Familie
der Gamasiden gezogen : üropoda de Geer, Tracliynotus Kr.,
Pteroptus Duj., Dermanyssus Duj., Nicoletia Canestr., Sejus
Koch, Gamasus L. Megnin führt von den eben erwähnten
nur die vier Gattungen üropoda j Gamasus, Dermanyssus,
Pteroptus auf. Es soll weiter unten über die Berechtigung und
Zugehörigkeit der andern drei das Nöthige erwähnt werden.
Hier wollen wir nur kurz die principiellen Züge der Ein-
theilung entwerfen. Pteroptus steht, wie schon Megnin
feststellte, den übrigen Gattungen dadurch eigenthümlich
gegenüber, dass es achtfüssige Junge zur Welt bringt.
Wir haben hier den Fall einer abgekürzten Entwicklung
vor uns und dies berechtigt, die Unterabtheilung der
Pteroptina mit der bisher allein dahingehörigen Gattung
Pteroptus Duj. aufzustellen. Sämmtliche übrigen Gamasiden
haben sechsfüssige Larven, sei es nun, dass die Larven
lieber Gamasideu. 393
schon im Eileiter ausschlüpfen, oder dass sie unmittelbar
nach dem Legen der Eier auskriechen, oder dass wie bei
Uropoda die Entwicklung im Ei zum guten Theil erst
nach der Ablage desselben vor sich geht. Hier scheint die
Entwicklung des Panzers aus zwei oder vier Centren her-
aus ein maassgebendes Moment abgeben zu müssen. Da
sich dies aber durch Beobachtung am reifen Thiere nicht
mehr unterscheiden lässt, so nehme ich für die Gattun-
gen Uropoda und Trachynotus, welche eine gemeinsame
Dorsalplatten -Entwicklung, nämlich aus vier Centren, zeigen,
die beiden gemeinsame Ueberdachung des Capitulum durch
die vordere Erweiterung der Dorsalplatte und die endoster-
nale männliche Geschlechtsöffnung als Hauptkennzeichen.
Dass beide Gattungen am besten in eine Gruppe, die ich als
die der Uropodina bezeichne, zusammengezogen werden, wird
durch die vielseitigen Beziehungen derselben hinreichend
begründet. Die noch übrigen Gattungen, Sejus, Gama-
stts, Dermanyssus, fallen wieder zusammen in die Unterab-
theilung der Gamasina. Es sind dies die ächten GamasuSy und
sie besitzen eine Dorsalplatte, welche von zwei Erhärtungs-
centren aus ihren Ursprung nimmt. Die Stellung der
Geschlechtsöffnung und weiterhin die Beschaffenheit der
Mundwerkzeuge wird hier zur bestimmteren Unterschei-
dung benutzt werden und zu einer klaren Trennung der
Gattungen von einander führen. Die Gattung Nicoletia
Canestrini wird weiter unten eine Besprechung erfahren,
sie scheidet aus der Familie der Gamasiden aus und muss
vielleicht den Ixodes zugewiesen werden.
Auf die oben angegebene Art und Weise kommen die
durch besondere Panzerverhältnisse bemerkenswerthen Gat-
tungen Uropoda und Trachynotus einerseits und die durch
augenfällige Aehnlichkeit der Gestalt sofort als zusammen-
gehörig erscheinenden Gattungen SejuSj Gamasus und Der-
manysstis andrerseits je in eine systematische Gruppe
zu stehen. Von der ersteren und einem Theil der letzteren
soll im Nachfolgenden besonders die Rede sein, während
die Behandlung der typischen Gattung Gamasus mit Der-
manyssus einer späteren Arbeit vorbehalten bleibt.
394 P. Kram er:
Familie: Gamasidae.
Augeulose Milben, welche im reifen Zustande Tracheen
führen. Je eine Tracheenöffuung auf jeder Körperseite mit
nach vorn verlaufendem Stigmalkanal. Taster fünfgliedrig.
Mandibeln dreigliedrig, scheerenförmig (in seltenen Fällen
wie bei Pteroptus und Dermanyssus fem. stechend) in einem
röhrenförmigen Capitulum (Trugköpfchen) laufend.
1. Erste Larve achtfüssig Fteroptina.
Erste Larve sechsfüssig ........ 2.
2. Capitulum ganz von der Dorsalplatte bedeckt, Männ-
chen mit endosternaler Geschlechtsöffnung, Dor-
salplatte aus vier Kernen entstehend, üropodina.
Capitulum frei unter der Dorsalplatte hervorragend,
Dorsalplatte aus zwei Kernen entstehend. Gamasina.
Fteroptina: Einzige Gattung Pteroptus Duj.
Üropodina: Auf der Bauchfläche Gruben für die
Füsse Uropoda de Geer.
Auf der Bauchfläche keine Gruben . Trachynotiis Kr.
Gamasina.
1. Geschlechtsöffnung des Männchens endosternal
Sejus Koch.
Geschlechtsöffnung des M. ectosternal ... 2.
2. Mandibeln in beiden Geschlechtern gleichartig,
scheerenförmig Gamasus L.
Mandibeln beim Weibchen ^iQQ\\Q\idi.Dermanyssus.Y)\\].
Es ist selbstverständlich, dass bei einer bereits so
vielfach behandelten Thiergruppe, wie es die Gamasiden
sind, die zur Kennzeichnung der Gattungen oben benutzten
Merkmale meist schon von anderen benutzt worden sind;
weshalb zur Rechtfertigung derselben nichts hinzuzufügen.
Es bleibt nur noch über die Berechtigung der aufgenom-
menen Gattung Trachynotus und Sejus ein Wort zu sagen
übrig. Die Gattung Trachynotus stellte ich 1876 auf und
zwar für eine Milbe, die Megnin vielleicht auch vor sich
gehabt hat. Er beschreibt nämlich seinen Gam. lagenarius
gerade mit demselben Wort, welches ich als Bezeichnung
der Art benutzte, er nennt dessen Gestalt piriforme! Aller-
üeber Gamasiden. 395
dings Hesse sich allein hieraus noch nichts über das Thier
entnehmen, und es wäre der G. lagenarius, wie fast alle
Arten von Megnin, für die Nachwelt verloren, wenn Megnin
nicht in einer spätem Note zu meiner Arbeit sich dahin aus-
gesprochen hätte, dass mein Trachynotus pyriformis eines
der von ihm in der ersten Sektion der Gattung Gamasus
besprochenen Thiere wäre. Es ist mir hieraus wahrschein-
lich, dass G. lagenarius Meg. mit meinem Tr. pyriformis
identisch ist; obgleich er wie Megnin a. a. 0. p. 297 an-
giebt, eine Nymphe, „ä plastron dorsal entier^^ besitzt, was bei
Tr. pyrif. nicht der Fall ist. Hat man nun in dieser Milbe
einen ächten Gamasus vor sich oder nicht? Ich bin letzterer
Ansicht. Nicht nur dem Aeussern nach sind Tr. und Garn.
verschieden, wichtiger ist es vielmehr, dass die ganze
Organisation von Trachyn. auf das entschiedenste auf üro-
poäa hinweist. Mau betrachte die überaus schlanken Man-
dibeln, die Lage des Capitulum, die Form der weiblichen
Geschlechtsöifnung, die Anlage der Rückenplatte aus vier
getrennten Stücken, die seitlichen Ausschwitzungen der
ersten Larve, die man in vollständig analoger Weise bei
einer TJropoda-huxwQ wieder findet, wie auch die Haltung
der Füsse, namentlich der vordem, welche fast genau mit
der der Uropoäa minima mihi übereinstimmt, wenn mau
die Thiere heftig berührt und sie die Glieder an sich
ziehen. Es ist sonach unthunlich die Milbe zu Gamasus zu
ziehen ; es wäre, wenn man es thun wollte, eben so leicht,
Uropoäa auch wieder mit Gamasus zu vereinigen. Ich halte
die Gattung Trachynotus daher auch für die Zukunft auf-
recht, wie sie ja denn auch schon in andere systematische
Arbeiten, z. B. von G. Canestrini übergegangen ist. Ein
Trachynotus ist ein von einem Gamasus in jeder Hinsicht
so weit verschiedenes Thier, was sich sogar bis auf das
Temperament ausdehnen lässt, dass es die Charakteristik
von Gamasus nur verderben würde, wenn mau es in diese
letztere Gattung aufnehmen wollte; ich hielt also mit Megnin
den Moment für gekommen „de le baptiser generiquement,"
ohne zu fürchten, damit wie Megnin es glaubte „de sur-
charger la nomenclature." Wenn ich nun so eben die
Ansicht aussprach, dass mein Trachynotus pyriformis mit
396 P. Kram er:
G. lagenarius Megn. synonym ist, so beruht diese Ansicht
nur auf der Vermuthung-, dass es keinen zweiten Trachy-
notits in Mitteleuropa ausser dem Tr. pyriformis giebt und
dass Megniu, wenn er eine birnförmig gestaltete unter
absterbenden Blättern lebende Gamaside beobachtete, jene
über ganz Deutschland und Italien verbreitete Milbe ge-
sehen haben wird. Die von jenem Acarinologen gegebene
Beschreibung reicht, zumal sie nicht durch eine Abbildung
unterstützt wird, nicht hin, um das Thier darnach wieder
zu erkennen. Unter diesem Vorbehalt also, indem ich da-
mit eine allerdings der Wahrheit nahe kommende Ver-
muthung ausspreche, hielt ich oben dafür, dass Gamasus
lagenarius Megn. synonym ist mit Trachynofus pyriformis
Kr., und ich werde jenen Gamasus darnach auch an der
gehörigen Stelle registriren. Während ich keinen Augen-
blick zweifelhaft bin, die Gattung Trachynotus zu den
üropodina zu stellen, Hess sich Sejus Koch nur nach
dem ganzen Habitus mehr der Gattung Gamasus nähern.
Dabei glaubte ich jedoch, dass die Stellung der männlichen
Geschlechtsöffnung kein maassgebender Gesichtspunkt wäre.
Allerdings muss ich bekennen, dass ich nur erst sehr wenige
ächte Sejus-ki'iQXi kenne und nicht weiss, ob alle von Koch
aufgefundenen Arten denselben Charakter besitzen ; so lange
ich jedoch vom Gegentheil nicht durch Anschauung über-
zeugt worden bin, darf ich es ja wohl annehmen, dass sie
ihn haben. Ich bin auch noch im Besitze einer noch mehr
Gamasusartigen Milbe, welche ebenfalls eine innenständige
männliche Geschlechtsöffnung besitzt, so dass diese Gruppe
der Gamasiden, wenn ich über diese neue Form erst ganz
im Klaren bin, noch erweitert werden muss. Für jetzt
halte ich dafür, dass Sejus, zu der meistens langsame,
breite und auch sonst dem typischen Gamasus nicht recht
gleichende Milben gehören, zu den Gamasina zu ziehen
sind und zwar an erster Stelle als üebergang zu den
üropodina aufgeführt werden müssen.
Dass Dermanyssus mit Gamasus zusammen eine natür-
liche Gruppe bildet, wird jedem, der die Thiere mit ein-
ander vergleicht, ohne Schwierigkeit einleuchten. Giebt es
doch Gamasus-Arten, welche zusammen mit Dermanyssus
Ueber Gamasiden. 397
z. B. auf Fledermäusen leben und bereits so vollständig
einen Derma77yssus-Chsir3iktGY angenommen haben, dass nur
die Untersuchung der Mundtheile Gewissheit darüber ver-
schaffen kann, ob man einen wahren Gamasus oder wirklich
nicht schon einen Bermanyssus vor sich hat.
Die Gattung Nicoletia Can., welche G. Canestrini
bei Aufstellung seines Systems der Acariden neu einführte
und der Familie der Gamasiden einreihte, habe ich ganz
aus derselben ausgeschieden, weil sie so wesentlich ver-
schiedene Charaktere besitzt, dass es bisher überhaupt
noch nicht klar liegt, wo dieselbe unterkommen wird. Es
hat sich nämlich herausgestellt, dass meine Gattung Lahi-
dostoma identisch ist mit Nicoletia Can. Nach den Zeich-
nungen und Beschreibungen, welche von letzterer seit
langer Zeit in meinen Händen waren, war es nicht mög-
lich zu dieser Ueberzeugung zu kommen und es bedurfte
erst eines Zufalles, um die Identität beider Gattungen zu
constatiren. Die Arten Lahidostoma luteum Kr. und Nico-
letia cornuta Can. sind aber nicht identisch, wie an einem
andern Ort genauer dargethan werden soll.
Indem so die Gattung Nicoletia Can. aus der Familie
der Gamasiden ausscheidet, haben wir die anderen oben
erwähnten Gattungen als den bis jetzt beobachteten Bestand
der betreffenden Familie anzusehen ^).
Die Gattung Uropoda de Geer.
In einem Aufsatz „Zur Kenntniss der schweizerischen
Arten der Gattung Uropoda de Geer" -) hat Haller die
von mir aufgestellte Gattung Notaspis Herm. wieder ein-
gezogen und die von mir erwähnten Arten derselben unter
die ältere Gattung Uropoda de Geer gestellt. Dabei for-
mulirt er die Gattungsmerkmale für Uropoda neu folgender-
massen: „Panzerhälften den Körper seitlich überragend,
innig mit einander verlöthet. Bauchpanzer mit Gruben
für die Extremitäten. Coxalglieder des ersten Beinpaares
stark vergrössert, decken von unten die Mundtheile fast
1) Siehe die Fnssnote p. 874.
2) Archiv für Naturgeschichte von Troschel. 1881. p. 182 ff.
398 P. Kramer:
gänzlich; Endglieder mit einfacher Borste; diejenigen der
hinteren drei Paare mit Krallen und Haftläppchen. " Dies
ist mit Ausnahme der letzten Abtheilung, welche von den
Haftlappen und Krallen handelt, die von mir bereits im
Jahrgang 1876 im Archiv für Notaspis Herm. aufgestellte
Charakteristik, und gerade diese' Erweiterung führt
systematische Schwierigkeiten mit sich, wesshalb die
Gattungsbezeichnung Uropoda einer erneuten Besprechung
unterworfen werden muss. Es stellt sich nämlich heraus,
dass es entweder nothwendig wird, wenn man die Gattung
Uropoda de Geer, so wie sie so eben nach Haller's
Charakteristik festgesetzt wurde, beibehält, eine Anzahl
Milben, welche im Allgemeinen und in vielen Einzelheiten
den CTropoc^a- Charakter besitzen, um desswillen von ihr zu
trennen, weil sie auch am ersten Fusspaare Krallen und
Haftlappen und zwar von Jugend auf und in beiden Ge-
schlechtern besitzen, oder die auf die Krallen und Haft-
lappen bezüglichen Merkmale aus der Gattungscharakte-
ristik von Uropoda fortzulassen. In letzterem Fall würde
man auf die von mir aufgestellte Charakteristik von Notaspis
Herm. zurückkommen. Dies letztere Namensbezeichnung
kann aber nicht gut beibehalten werden, da Nicolet eine
längst anerkannte Oribatiden - Gattung Notaspis genannt
hat und damit die allerdings viel ältere Bezeichnung Her-
manns für eine oifenbare Gamaside antiquirte. Es ist
daher angezeigt, die Gattungsbezeichnung Uropoda de Geer
für die von Haller, Megnin und mir beobachteten und
unverkennbar sehr nahe verwandten Milben beizubehalten,
die von dem ersten Fusspaar hergenommenen Merkmale
aber nicht in die Gattungscharakteristik aufzunehmen, viel-
mehr zwei systematisch gieichwerthige Gruppen in dieser
Gattung Uropoda de Geer so herzustellen, dass das Vor-
handensein oder das Fehlen von Krallen und Haftlappen am
ersten Fusspaar das Merkmal für die eine oder die andere
wird. Die Gattungscharakteristik von Uropoda wird dann
mit der von mir für Notaspis Herm. gegebenen wieder
übereinstimmen. Ich führte sie gern mit Haller's Worten
hier an, wenn die Wendung: „Panzerhälften den Körper
seitlich überragend" den von mir beobachteten Verhältnissen
lieber Gamasiden. 399
entsprechend wäre. Ich werde im Nachfolgenden eine
prachtvolle Uropode beschreiben, deren Rückenpanzer nicht
überall den Seitenrand erreicht, und sie wird nicht einmal
allein stehen, sondern es ist keine seltene Beobachtung,
dass der Rückenpanzer — und dieser stellt doch die eine
Hälfte des Panzers überhaupt dar — den Seitenrand nicht
mitbilden hilft. Dass im allgemeinen der Körper nicht
getrennt werden kann vom Panzer, zeigt am deutlichsten
die von G. Ha 11 er zuerst beschriebene, dann auch von
mir beobachtete schöne Art Uropoda clavus, bei der man
am ehesten sich von einem Hervorragen des Panzers über
die Seiten des Körpers eine Vorstellung bilden könnte. Denn
hier ist es ganz evident, dass der Körper selbst, d. h. die
mit Zellmasse erfüllte Höhlung des Leibes, bis an die äus-
serste Randlinie des ganz besonders dünnen Panzers geht.
Ich komme daher wieder auf meine frühere Charakteristik
zurück, die ich für Notaspis aufstellte, welche mit einigen
Wortänderungen die für Uropoda de Geer gültige sein wird.
Gattung Uropoda, de Geer.
Panzer stark entwickelt, den Leib vollständig um-
schliessend. Der Bauchpanzer mit Gruben für die Füsse.
Die Hüftglieder des ersten Beinpaares stark vergrössert,
in der Ruhe das Capitulum (Trugköpfchen) von unten her
völlig oder fast völlig verbergend. Körper oben gewölbt,
unten flacher. Stigmalöffnungen in den Gruben des dritten
Beinpaares. Stigmalkanal stark gekrümmt.
Die so umschriebene Gattung zerfällt in zwei syste-
matische Gruppen.
Tribus I. Endglieder des ersten Beinpaares mit oder
ohne Tastborste, aber mit deutlich entwickelten Krallen
und Haftlappen.
Tribus IL Endglieder des ersten Beinpaares vorn mit
einer langen Tastborste, ohne Krallen und Haftlappen.
Unter die eine oder andere dieser Abtheilungen werden
sich sämmtliche Arten der merkwürdigen Gattung gut ein-
ordnen lassen. Die zweite Abtheilung enthält die bisher der
Gattung UrojMda de Geer zugewiesenen Arten, die erste
Abtheilung dagegen die bisher von mir zur Gattung Nota-
400 P- Kramer:
s^ns Herrn, gezogenen. Einige neue Arten vertlieilen sich
gleichmässig unter beide Abtheilungen.
Gr. Ha 11 er hat seinem oben erwähnten Aufsatz eine
Tabelle zur Bestimmung der Arten beigegeben, welche ich,
unterstützt durch meine Thüringer Beobachtungen und
einige Mittheilungen des Prof. Canestrini inPadua, nicht
unerheblich erweitern kann. Letzterer führte in seiner
Uebersicht des Acaridensystems, dargestellt in dem Aufsatz
„Intorno agli acari italiani" (Atti del R. istituto veneto di
scienze lettere ad arti Vol. IV ser. V 1877) 6 Uropoden
auf, und zwar unter demselben Gattungsnamen Notaspis^
wie ich es früher that. Von diesen fällt N. ovum aus, als
nicht zu Notaspis Herm. gehörend. Ueber N. marginatus
und ciliatus, welche Benennungen Canestrini aus Koch
herübergenommen hat, vermag ich auch nach den neusten
Mittheilungen nichts auszusagen. Die Beschreibungen geben,
da sie nicht von Abbildungen begleitet sind, für einen
dritten keine deutlichen Merkmale an. U. tridentinus ist
eine gute Art, welche nach Mittheilungen von Prof. Cane-
strini Krallen und Haftorgane besitzt, und durch die
besondere Gestalt der weiblichen Geschlechtsöffnungsklappe
sich von allen mir bekannten Uropoden deutlich unter-
scheidet, wie sie denn schon durch ihre längliche Gestalt
auffällt. iV". cassideiiSj welche Art Canestrini mit Megnin's
Uropoda truncata identificirt, führt nach brieflicher Mit-
theilung keine Krallen und Haftlappen, wogegen N. vege-
tans, den Canestrini ebenfalls noch in dieser Mittheilung
erwähnt, mit Krallen und Haftlappen aufgeführt wird. Das
letztere ist namentlich überraschend, da Uropoda vegcfa,ns
de Geer für G. Haller vermuthlich die typische Form
für die ganze Gattung Uropoda hergegeben hat, der er
überhaupt den Besitz von Krallen und Haftlappen in beiden
Geschlechtern absprach. Es kann hiernach N. vegetans
Canestrini nicht identisch sein mit U. vegetans de Geer.
Möglich, dass hier eine Verwechslung sonst übereinstimmen-
der Formen vorliegt, da bisher auf den Besitz oder Nicht-
besitz von Krallen und Haftlappen am ersten Fusspaar nicht
allgemein geachtet wurde.
Die Arten der Gattung Uropoda, soweit sie von G.
üeher Gamasiden. 401
Canestrini, Haller (z. Th. Megnin) und mir beschrieben
sind, würden sich demnach nach folgendem Schema be-
stimmen lassen.
Tribus I.
Uropoden mit stark entwickelten Krallen und Haft-
lappen am ersten Fusspaar.
1. Dorsalplatte beim Weibchen getheilt, die hintere
Dorsalplatte klein und schmal. Deckel der Ge-
sehlechtsöffnung vorn abgerundet, den Vorderrand
der Sternalplatte nicht erreichend, tecta Kramer.
Dorsalplatte beim Weibchen einfach 2.
2. Der ganze Panzer mit zahlreichen, grossen Gruben
bedeckt elegans Kramer.
Der Panzer glatt 1 3.
3. Geschlechtsöffnungsdeckel des Weibchens hinten
gradlinig abgeschnitten, vorn scharf zugespitzt,
(die Spitze tiberragt den vorderen Rand der Ster-
nalplatte etwas), tief zwischen den Hüften des
vierten Fusspaares beginnend. Dorsalplatte vorn
stumpf vorgezogen. Länge zur Breite wie 4 : 3.
ovalis Koch.
Geschlechtsöffnungsdeckel des Weibchens hinten
durch eine stark nach hinten ausgebogene Begren-
zungslinie am Bauchpanzer befestigt, breit, vorn
die vordere Grenzlinie der Sternalplatte berührend,
noch vor den Hüften des vierten Fusspaares lie-
gend. Dorsalplatte vorn stark stumpfwinklig vorge-
zogen. Länge zur Breite fast wie 4 : 2.
tridentina Canestrini,
Tribus H.
Uropoden mit einfacher langer Tastborste am ersten
Fusspaar (unter vielen kurzen Endborsten), ohne Krallen
und Haftlappen an demselben.
1. Körper kreisrund clavus Haller.
Körper länger als breit 2
2. Körper hinten schwanzartig verdünnt, elongata Haller.
Körper hinten gleichmässig abgerundet .... 3
Archiv für Naturg., XXXXVIII. Jahrg. 1. Bd- 20
402 P. Kramer:
3. Dorsalplatte auf der Fläche rauh, vorn deutlich ein-
gebuchtet, hinten den Rücken nicht völlig be-
deckend. Der Seitenrand mit dicht gedrängten
säbelförmigen längeren Borsten besetzt.
splendida Kramer.
Dorsalplatte vorn nicht eingebuchtet, gleichförmig
oval, hinten breit auf der Fläche glatt, in die
Marginal platte eingebettet, die Füsse des ersten
Fusspaares ragen in der Ruhe weit über den
Vorderrand hervor minima Kramer.
Dorsalplatte vorn nicht eingebuchtet sondern stumpf
dreieckig vorgezogen, Körper Wappenschildähn-
lich, viel länger als breit, hinten schmaler als in
der Mitte, zugespitzt, scutulata Megnin (Haller).
Was die bereits früher von mir beschriebenen Arten
üropoda tecta und ovalis betrifft, so ist ü. tecta von Hai 1er
in der oben erwähnten Uebersicht der bisher bekannt ge-
wordenen Uropoda-Ai'ten anerkannt, wenn auch mit gewis-
ser Reserve, da er wohl von der Ansicht ausgeht, dass überall
da wo bei Gamasiden ein getheilter Rückenschild beobachtet
wird, ein noch nicht völlig ausgewachsenes Individuum
vorliegt. Die damit zusammenhängenden Bedenken über
die Berechtigung der in Rede stehenden üropoda können
jetzt durch das im Vorhergehenden näher Ausgeführte als
gehoben angesehen werden. U. tecta ist mir in so viel
völlig ausgebildeten allerdings nur weiblichen Exemplaren
mit vollkommen funktionirender Geschlechtsöffnung begeg-
net, dass die Form als gesichert betrachtet werden muss.
üropoda ovalis Koch, die ich alsdann in meine Uebersicht
aufnahm, ist von Haller mit ü. vegetans vereinigt worden.
Ich kann dem nicht zustimmen. Ür. ovalis, von Koch
allerdings nur so ganz im Allgemeinen geschildert, besitzt
am ersten Fusspaar Krallen und Haftlappen und führt im
weiblichen Geschlecht eine ganz charakteristisch gebaute
Geschlechtsöffnung, welche einen vorn scharf zugespitzten
Deckel besitzt. Beide Merkmale sucht man vergeblich an den
Abbildungen, welche Megnin seiner unzulänglichen Be-
schreibung von ür. vegetans beigegeben hat, und die mit
aller nur wünschenswerthen Deutlichkeit über die in Rede
üeber GamasideD. » 403
stehenden Momente Auskunft geben. Die Uropode besitzt
vielmebr nur die charakteristische Tastborste am Vorder-
ende des ersten Fusses und der Deckel der Geschlechts-
öffnung ist vorn stumpf und gerundet. Die Klappen, welche
die weibliche Geschlechtsöffnung verschliessen, sind über-
haupt wegen ihrer grossen Mannigfaltigkeit von Art zu Art
sehr gute Artmerkmale, wie ich später noch weiter anzu-
führen Gelegenheit haben werde. Man hat dabei nicht
bloss auf ihre Form sondern auch auf ihre Lage in der
Sternalplatte sein Augenmerk zu richten.
Ich führe hiernach üropoda ovalis Koch wieder als
selbstständige und wohl begründete Art in das System
zurück, gestehe aber zugleich, dass ich über ür. vegetans
keine Auskunft zu geben im Stande bin. Ich habe bis
jetzt keine Milbe beobachtet, welche den Megn in 'sehen
Abbildungen entsprechen würde, üropoda tridentina Can.
ist von den bisher von dem italienischen Forscher be-
schriebenen Arten diejenige , welche ich in das oben
erwähnte Schema aufzunehmen im Stande bin. Die übrigen
Arten, die Prof. Canestrini noch namhaft macht, sind
nach meinem Dafürhalten nicht so beschrieben, dass ich
sie scharf detiniren könnte, es sind: TJr. orbicularis, cassidea,
obscuraj margmata, ciliata. Sie sind theils in den Schriften
der venetianischen Academie vom Jahre 1877, theils brief-
lich erwähnt.
üropoda tecta Kr.
Taf. XX, Fig. 1-6.
Ur. tecta. Kramer, zur Naturgeschichte einiger Gat-
tungen aus der Familie der Gamasiden. Archiv f. Nat.
1876. S. 79. Taf. IV, Fig. 18, 20, 21.
ür. tecta. Haller, zur Kenntniss der schweizerischen
Arten der Gattung üropoda de Geer. Archiv f. Nat. 1881.
S. 184.
Die sechsfüssige Larvenform. Die 0,4 mm lange
ganz blassgelbe und durchsichtige Larve ist von länglich
ovaler Form. Das Hautskelett ist nur eben angedeutet und
von geringer Stärke. Das Rückenschild nimmt drei Viertel
etwa des Rückens ein und lässt zwischen seinem hinteren
404 P. Kramer:
Rande und dem nur sehr schwach angedeuteten hinteren
Rückenschild noch eine breite weichhäutige Strecke frei.
Die Ränder des Schildes zeigen keinerlei besondere Figuren,
nur sind einige Linien nahe dem Rande etwas stärker ver-
härtet und hier bemerkt man jederseits kurze Strecken
derselben wie gezähnelt. Auf der Fläche des Schildes ist
eine sehr spärliche Anzahl von kurzen Borsten vorhanden.
Charakteristisch für dieses Stadium ist am vorderen Rande
des Rückenschildes ein Paar stumpfer Höcker, auf welchen
die beiden nach vorn gerichteten Borsten stehen. Diese
Höcker treten in den späteren Stadien nicht mehr auf. Auf
der Bauchfläche haben sich die verhärteten Partien noch
nicht deutlich abgesondert. Die Stützplatten für die Füsse
des ersten Paares und die den Bauchtaster tragende kleine
besondere Sttitzplatte sind bereits scharf entwickelt. Die
Kopfröhre ist in diesem allerersten Entwicklungsstadium
ganz genau mit derselben sehr stark entwickelten Rand-
figur versehen, wie man sie bei den erwachsenen Thieren
beobachtet. Es ist ein langer zugespitzter Vorsprung, dessen
Seitenlinien mit scharfen Dornspitzen dicht besetzt sind.
Die Füsse sind kurz und gedrungen und besitzen sämmt-
lich einen stark entwickelten Krallenanhang. Die oberen
Coxal- und die Stigmalplatten führen noch keine Höhlungen,
in welche die Füsse zurückgezogen werden können, es ist
aber bereits die Lage, in welcher die Füsse in Ruhe ge-
halten werden, völlig übereinstimmend mit der, in welcher in
den beiden nachfolgenden Stadien die Füsse getragen werden.
Die Kieferfühler sind lang und ungemein dünn und reichen
in der Ruhelage bis ins letzte Viertel des Körpers zurück.
Eine Spur der Athmungsorgane ist noch nicht zu bemerken.
Die erste achtfüssige Larve. Die 0,50mm lange
Larve zeigt auf dem Rücken wie auf der Bauchfläche eine
fortgeschrittene Entwicklung des Hautskeletts. Auf dem
Rücken unterscheidet man jetzt deutlich 4 Platten, indem
zu der bereits im vorigen Stadium aufgetretenen vorderen
Platte die deutlich abgegrenzte hintere Platte getreten ist,
welche von der vorderen durch je eine dreickig gestaltete,
seitlich eingeschobene getrennt ist. Auf der vorderen Platte
bemerkt man einige Maschenflguren. Die am vorderen
lieber Gamasiden. 405
Rande des Rückens stehenden Borsten sind ungemein fein
geworden und können erst bei stärkerer Vergrösserung
(400 fach) deutlich erkannt werden. Sie stehen, wie bereits
erwähnt, nicht mehr auf bemerkbaren Höckern. Auf der
Bauchfläche ist die Ventral - Analplatte jetzt scharf abge-
gränzt, ebenso die Coxalplatte, in welcher künftig die
Höhlungen für die Füsse auftreten, namentlich die zum
4. Fusspaar gehörige, sowie auch die mittlere zwischen
den Hüften liegende Sternalplatte, auch die Stigmalplatte
ist bereits bemerkbar. Eine Umgestaltung hat der Bauch -
tasterapparat erfahren. Während im vorigen Stadium die
Grundplatte desselben breit war, und in der Mitte des
vorderen Randes (bei 400 facher Vergrösserung) einen ein-
fachen Borstenfortsatz trug, ist jetzt die Grundplatte lang
und schmal geworden, die Hüften der vorderen Füsse sind
also näher an einander gerückt. Sonst hat sich nichts
Erhebliches geändert. Die vorderen Füsse besitzen auch
jetzt wie im vorigen Stadium stark entwickelte Krallen,
der Luftkanal auf der Stigmalplatte ist in der Entwicklung
begriffen, und in einer kurzen Strecke bereits vorhanden.
Die zweite achtfüssige Larve. Das Haut-
skelett ist jetzt fast völlig ausgebildet. Nur sind die
Rücken- und Bauchplatten noch durch eine rings um den
Körper laufende weiche Hautzone von einander getrennt.
Die Dorsalplatte ist einfach und zeigt hier und da maschen-
förmige Figuren, die auch rosettenförmig ausfallen können.
Trotzdem dass sie einfach ist, scheint sie aus einem Paar
übereinanderliegender Platten zu bestehen, welche beide
am Rande mit einem Kranz feiner Haarborsten besetzt sind.
Der Bauchpanzer ist noch nicht zu einem einheitlichen
Platteustück zusammengeflossen, sondern man beobachtet
eine scharf umrandete Ventral-Analplatte, Sternalplatte und
die Gruppe der Coxalplatten. In den letzteren bemerkt man
bereits die der Gestalt der Füsse angepasste Form der
Fussgruben. Die vordem obern Coxalplatten haben bereits
über dem Capitulum das Tectum gebildet, welches mit
scharf gezähntem Rande über Taster und Mandibeln hinaus-
ragt. Die Tracheen sind vorhanden, auch hat der geschweifte
Stigmalkaual schon die spätere merkwürdige Gestalt. Die
406 P. Kramer:
Hüften des ersten Fusspaars sind jetzt ganz dicht anein-
andergerückt und verdecken den Bauchtaster vollständig.
Die Behaarung auf der Rückenfiäche ist bei der nun
schon ansehnlichen Grösse des Thieres noch mehr zurück-
getreten und namentlich die beiden Vorderrückenborsten
sind ganz winzig. Die Rumpflänge der Larve beträgt
0,63 mm.
Die reife Form. Das Weibchen. Während
die Färbung noch bei der zweiten achtfüssigen Larve hell-
gelb war, tritt bei dem erwachsenen Weibchen ein schönes
tiefes Kastanienbraun an dessen Stelle. Die Dorsalplatte
hat jetzt den Seitenrand des Bauchpanzers vollständig
erreicht, welcher als eine einheitliche Platte die Unterseite
völlig bedeckt. Der Rückenpauzer ist aber nun in zwei
Dorsalplattcn zerfallen, von welchen die hintere ganz klein
und schmal ist. Auf der Unterseite tritt zwischen den
Hüften des zweiten, dritten und vierten Fusspaares die
sehr grosse vorn ovale GeschlechtsöiFnung hervor, welche
von einem ebenso gestalteten, nämlich vorn abgerundeten,
hinten gerade abgeschnittenen Deckel geschlossen wird.
Die Geschlechtsöffnung erreicht fast den vorderen Rand
der Sternalplatte, so dass der Deckel nahezu die ver-
dickte Randpartie der letzteren berührt. Die Hüften des
ersten Fusspaares sind dicht aneinandergerückt und ver-
decken die verhältnissmässig winzigen Mundwerkzeuge
vollständig. Das Tectum hat dieselbe Form, wie sie im
vorigen Stadium beschrieben war, nur sind die Zähnchen
am Rande weniger hervortretend. Die Füsse liegen, sobald
sie in die Gruben zurückgezogen sind, derart, dass die
Spitzen der drei hinteren Paare nach hinten gerichtet sind,
während in den früheren Stadien nur die beiden letzten
Fusspaare diese Stellung haben, im ersten Stadium also nur
das dritte Fusspaar.
Uropoda elegans n. sp.
Taf. XIX, Fig. 4 a, b, 5.
Länge 0,70 mm. Breite 0,56 mm. Männchen und Weib-
chen von gleicher Grösse. Die ebenfalls gleiche Farbe
beider Geschlechter ist ein helles Braun mit einem violetten
lieber Gamasiden. 407
Stich. Die Dorsalplatte ist vom Rücken des Thieres aus
betrachtet, wie in einem breiten Rahmen eingebettet, sie
ist kleiner als der Umriss des Thieres und durchaus mit
heller erscheinenden Grübchen von ansehnlicher Grösse
bedeckt. Die Platte bekommt dadurch das Ansehen eines
Netzes mit grösseren zierlichen Maschen. Ebenso sind
auch alle übrigen Panzertheile ausgestattet. Die Trennungs-
linie zwischen Abdominalplatte und Analplatte ist sichtbar.
An den Körperseiten zieht sich ein ausserordentlich zier-
licher Borstenschmuck hin, welcher vorn einfach ist
und etwa von der Höhe des zweiten Fusspaares ab, aus
zwei übereinander befindlichen Borstenkreisen besteht.
Der obere Kreis besteht hier aus schwach kolbigen,
dem Rande mehr anliegenden Borsten. Der zweite Kreis
enthält zahlreichere Borsten und diese stehen von dem
Körperrande ab. Da die Borsten lang und gekrümmt sind,
so bieten sie ein sehr zierliches Ansehen, und desshalb
schien die Bezeichnung elegans angemessen. Das leicht
zugespitzte Vorderende des Körpers trägt vier dicht anein-
ander gedrängte Borsten, von denen die beiden mittlem
die üblichen Vorderrandborsten sind.
Die männliche Geschlechtsöfiuung liegt auf der Sternal-
platte zwischen den Hüften des dritten Fusspaares, sie ist
kreisrund mit etwas verdicktem Vorderrande. Die weib-
liche Geschlechtsöffnung wird von einem mächtigen Deckel
geschlossen, welcher den ganzen Raum zwischen den Hüften
der drei letzten Fusspaare einnimmt. Er ist vorn abgerundet.
Was die genauere Construction der Maschen des
Panzers betrifft, so scheinen sie durch kreisförmig dicht
an einander gerückte Erhebungen der Chitiufläche des
Panzers zu Stande gekommen zu sein, welche durch
strahlenförmig angeordnete Kanäle verbundene Gruben
zwischen sich gelassen haben. Diese Kanäle sind sehr fein
und erscheinen als schmale Striche, welche von Grube zu
Grube hinziehen. Es sind in der Regel sechs Kreisringseg-
mente, welche die Umwallung einer Grube bilden. Fig. 5.
Die Milbe fand ich unter Platanenrinden bei Mühl-
hausen in Thüringen.
408 P. Kramer:
üropoda ovalis Koch.
Taf. XX, Fig. 7—12.
Notaspis ovaliSj Koch, Deutschlands Crustaceen, Myriap.
und Arachniden. Heft 27, 21.
Notaspis ovaliSj Kramer, zur Naturgeschichte einiger
Gattungen aus der Familie d. Garn. Archiv f. Nat. 1876.
p. 73. Taf. IV, Fig. 22.
Erste achtfüssige Larvenform. Die Milbe besitzt
in diesem Stadium eine Rumpflänge von ca. 0,57 mm. Die
Rückenfläche ist nur in der Mitte stärker gewölbt, an den
Rändern flach. Die Rücken- und Bauchpanzer - Platten
erreichen den seitlichen Körperrand noch nicht, sondern
lassen einen breiten Randstreifen, zwar recht dicker, aber
noch nicht chitinisirter Haut übrig. Auf dieser befinden
sich an der äussersten Randlinie eine Reihe knopfförmiger
Erhebungen, deren Spitze stark chitinisirt und demnach
braun gefärbt erscheint. Auf jedem Knopf steht ein ge-
krümmtes kurzes stark gefiedertes Haar. Hierdurch erscheint,
wenn man geringe Vergrösserung anwendet, der Seitenrand
der Larve wie gekörnt. Die beiden vorderen Rückenborsten,
welche fast die einzigen auf der ganzen Fläche sind, sind
ebenfalls gefiedert. Auf dem Rücken sind vier chitinisirte
Felder zu unterscheiden, ein grosses vorderes, ein kleines
hinteres, und zwei seitliche, welche sich zwischen die
beiden genannten einschieben. Die Schilder sind noch
durch ansehnliche Zwischenräume von einander getrennt
und besitzen eine grossmaschige Zeichnung, welche auf
einer den eigentlichen Hautschildern aufliegenden Schicht
ausgeschwitzter Substanz sich befindet, die man mit der
Präparirnadel auch abheben kann. Auf der Unterseite des
Körpers ist die Sternalplatte schwach ausgebildet, die
Ventral - Analplatte aber schon ziemlich umfangreich, der
After selbst ist eine grosse Oeffnung in derselben, die mit
zwei kleinen Platten nur zum Theil verschlossen wird.
Die einzelnen untern Coxalplatten für die Füsse sind noch
ganz isolirt, Gruben sind noch nicht ausgebildet. Der Luft-
kanal ist bereits vorhanden, aber noch nicht in seiner
ganzen künftigen Ausdehnung. Die Hüften des ersten Fuss-
üeber Gamasiden, 409
paares decken den ganzen Mundapparat von unten her zu.
Die Randfigur der Kopfröhre ist wie bei den erwachsenen
Thieren gestaltet.
Zweite achtfüssige Larvenform. Die Rumpf-
länge beträgt jetzt bereits bis 0,70 mm, auch ist die Fär-
bung der chitinisirten Theile schon intensiver als im vorigen
Stadium, wo sie gelblich erschien. Der Rtickenpanzer be-
steht aus einer einzigen Platte, welche aber den Seiten-
rand noch durchaus nicht erreicht. Da auch die auf dem
Bauch befindlichen Platten vom Rande entfernt bleiben, so
erscheint er auch noch in diesem Entwicklungsstadium
ganz hell. Er ist völlig glatt, die im vorigen Stadium
beobachteten Borsten sind nicht mehr vorhanden. Dagegen
ist der Rand der Rückenplatten zinneuartig eingeschnitten
und jeder Vorsprung trägt eine kurze Borste. Auf der
Bauchfläche ist die Sternalplatte lang und gross, die Ventral-
Analplatte hat im Verhältniss zum vorigen Stadium ihre
Dimensionen nicht sehr geändert. Die Hüftplatten sind
verschmolzen und zeigen bereits die Gruben in vollstän-
diger Entwicklung. Noch ist das zweite Fusspaar nach vorn
gerichtet. Der Luftkaual ist langgestreckt und besitzt einen
von dem früheren, sowie auch von dem künftigen ganz ver-
schiedenen Verlauf.
Die reife Form. Männchen. Die Körperlänge beläuft
sich jetzt auf 0,90 bis 1 mm. Der ovale, an dem vorderen
Ende leicht kegelförmig vorgezogene Körper ist oberhalb
etwas stärker gewölbt, während die Bauchfläche nur sehr
flach gewölbt erscheint. Die Panzerplatten sind sehr stark
und besitzen eine dunkel kastanienbraune Färbung. Die
Bauchplatte breitet sich über die Seitenfläche noch etwas
nach dem Rücken zu aus, so dass die Berührungslinie des
Rücken- und Bauchpanzers nicht genau den seitlichen Umriss
des Thieres abgiebt, sondern etwas nach der Oberseite ein-
gerückt liegt. Hier bemerkt man noch dieselbe Zeichnung
wie sie bei der letzten Larvenform beobachtet wurde. Die
ganze Rückenfläche ist dicht mit kurzen nach hinten ge-
richteten Borsten bedeckt, welche aber durchaus glatt sind.
Das Tectum über der Kopfmundröhre ist ebenso lang nach
vorn gezogen, wie der kegelförmige Vorsprung des Rücken-
410 P. Kramer:
pauzers. Die Gruben der Füsse sind jetzt derart angeordnet,
dass sich sämmtliche Füsse der drei letzten Paare nach
hinten richten. Die vorderen Füsse decken mit ihren Hüften
den Mundapparat vollständig und besitzen stark ausgebil-
dete Krallen. Die Geschlechtsöffnung ist länglich und be-
lindet sich zwischen den Hüftringen des dritten Fusspaares.
Der Stignialkanal läuft in merkwürdigen Krümmungen
nach dem Stigma hin.
Weibchen. Die allgemeinen Verhältnisse sind
durchaus wie beim Männchen. Rücken- und Bauchpanzer
bestehen aus je einer einzigen Platte, welche sich
wie beim Männchen berühren. Die Geschlechtsöffnung,
welche sich zwischen den Hüften der drei letzten Fuss-
paare befindet, wird durch einen sehr umfangreichen Deckel
geschlossen, welcher eine für diese Art charakteristische
Form besitzt. Er ist schlank und vorn scharf zugespitzt.
Das Lager, in welches sich die Spitze beim Verschluss
der Geschlechtsöffnung hineinlegt, bildet hier eine Rinne,
welche den vorderen, nach den Hüften des ersten Fuss-
paares gewendeten verdickten Vorderrand der Bauchplatte
durchschneidet und sich auf einer kleinen Fortsetzung der-
selben nach vorn hinstreckt. Durch diese Form der Ver-
schlussplatte der weiblichen Geschlechtsöffnung wird man
stets Ur. ovalis von den übrigen Uropoda - Arten unter-
scheiden können.
Uropoda tridentina Can.
Die mir bis jetzt nicht begegnete Art ist von Prof.
G. Canestrini zuerst 1877 in den Abhandlungen der
venetiauischen Akademie der Wissenschaft beschrieben.
Eine von ihm mir freundlichst mitgetheilte Zeichnung, welche
die sehr charakteristische Geschlechtsöffnung des Weib-
chens gut zur Anschauung bringt, ist auf Taf. XIX, Fig. 19
wiedergegeben. Die längliche Gestalt ist in der Figur
ebenfalls sehr in die Augen fallend und für die Art kenn-
zeichnend.
Ueber Gamasiden. 411
üropoda clavus Haller.
Taf. XIX, Fig. I, 6, 7, 17.
Hai 1er, zur Kemitniss der schweizerischen Arten der
Gattung Uropoda de Geer, Archiv f. Nat. 1881. p. 183.
H a 1 1 e r erwähnt, dass ihm diese schöne Art aus
Deutschland von Dr. Blank enhorn zugesandt worden
wäre. Ich hatte sie am Südabhang des Thüringerwaldes,
den ich auf Milben vielfach durchstreift habe, nicht ge-
funden, begegnete ihr aber bei Ruhla nach dem Nordab-
hange zu jetzt so häufig, dass sie dort zu den allergewöhn-
lichsten Milben gehört. Obwohl mir viel Material zur Ver-
fügung stand, fand ich leider doch die sechsfüssige Larve
nicht vor.
Die erste achtfüssige Larve 0- Sie ist
bemerkenswerth durch den selir eigenthümlich ausgebilde-
ten Rand des Körpers, der beim ersten Anblick den Ein-
druck einer mit dem Brenneisen zierlich gefalteten Krause
macht. Er ist auf dieselbe Weise entstanden, wie die
Umrandung des ersten sechsfüssigen Larvenstadiums bei
Trachijnotus ptjriformis. Der eigentliche, sehr blasse und
durchsichtige Körper ist am Seitenrande mit langen Borsten
strahlenförmig besetzt. Diese Borsten sind nun vollständig
umhüllt durch ein aus Poren des Rückenrandes aus-
fliessendes Chitinblatt, welches kreisförmig den Seitenrand
umgiebt. Bei genauer Besichtigung zeigt sich dieser flügei-
förmige Ring aus lauter feinen, unter sich parallelen vom
Körperumriss senkrecht sich nach aussen streckenden Chitin-
strahlen, von denen jeder mit dem benachbarten zusammen-
geschmolzen ist. Ein übersichtliches Bild der Verhältnisse
gewährt die Figur 7. Hier ist a die Masse des Leibes-
inhaltes, welche vom Spiritus beeinflusst von der Körper-
haut etwas zurückgewichen ist, so dass man den zur Borste
b hinziehenden Strang (matrix d. Borste) deutlich wahr-
nimmt; c ist die Körperhaut und in d liegen die chitinösen
Sekretstreifen.
1) Ich glaube nicht irre zu gehen, wenn ich die hier beschrie-
bene Larve zu U. clavus ziehe.
412 P. Kramer:
Das Rückeiischild der Larve ist nur erst durch die
vier Theilscliilder, welche noch eine geringe Consistenz
zeigen, angedeutet. Die Füsse besitzen noch keine Gruben
im Bauchpanzer.
Die Länge des im Sonnenlichte fast irisirend glän-
zenden Thierchens ist 0,75 mm, wovon auf den eigentlichen
Körper nur 0,50, das übrige auf den Rand kommt. Die
Breite 0,67, wovon der Körper nur 0,40 in Anspruch nimmt.
Zweitß achtfüssige Larvenform. (Taf. XIX,
Fig 1.) Die Gesammtlänge des Thieres beträgt 0,80 mm.
Es ist kreisrund und trägt in vieler Einriebt bereits den
Charakter des erwachsenen Thieres. Durch die schon
einheitliche Dorsalplatte schimmert der Bauchpanzer mit
den Umrisslinien seiner noch getrennten Platten durch, es
entsteht dadurch das Bild eines Körpers , welcher von
einem Panzerrande eingefasst ist, doch wäre es nicht
richtig zu meinen, dass Rücken- und Bauchpanzer den
Körper seitlich überragt, vielmehr ziehen sich Zellenele-
mente des Körperinhaltes bis dicht an die äusserste Rand-
linie des Körpers. Auf der Dorsalplatte stehen mehrere
Borstenkreise, einer in der Gegend der durchschimmernden
Randlinie des Bauchpanzers, ein anderer mehr nach dem
Rande zu. Bei dieser Larvenform finden wir auch den
zarten Kranz von Börstchen, welche auf der Unterseite
des Randes entspringen und sich mit einer starken Krüm-
mung an der Spitze nach oben über den Rand auf den
Rücken heraufbiegen. Durch diese besondere Stellung hat
es oft den Anschein, als wenn die über den Rand herüber-
ragenden Borsten ein Knöpfchen an ihrem Ende trügen.
Dies ist jedoch nicht der Fall, und ist darnach für die
deutschen Mitglieder der Art die von Ha 11 er a. a. 0. ge-
gebene Figur nicht ganz zutreffend. Auf der Unterseite
sind Sterualplatte, Ventralplatte, Abdominalplatte, Coxal-
platte und Stigmalplatte , deutlich zu bemerken. Der
Stigmalkaual läuft erst eine Strecke dem Seitenrand
parallel, biegt dann auf eine kurze Strecke auf die zwischen
den für das zweite und dritte Fusspaar vorhandenen Gruben
liegende Leiste, um sich zu der in der Tiefe der Grube
des dritten Fusses liegenden Stigmalöffnung zu begeben.
Ueber Gamasiden. 413
Der Verlauf des Kanals ist von dem bei den erwach-
senen Thieren beobachteten sehr verschieden. Die Anal-
platte ist sehr klein und erscheint zum Theil von der
Veutialplatte bedeckt, so dass man glauben möchte, es
strecke sich eine kurze Chitinröhre in den Hinterleib,
welche den etwas erhärteten letzten Darmabschnitt darstellt.
Das erwachsene Thier. Das erwachsene Weib-
chen und Männchen sind im Allgemeinen so übereinstim-
mend gebaut, dass eine gemeinsame Beschreibung hinreicht.
Der Rückenpanzer ist jetzt wieder in eine deutliche Central-
platte und eine dieselbe umschliessende breite Margiual-
platte getrennt, welche beide durch eine dicke dunkelbraune
Verschmelzungslinie gesondert erscheinen. Auf der Central-
platte stehen zerstreute Haarborsten, auf der Marginalplatte
mehr dem Rande zu ein Kranz von kürzeren Borsten. Die
Marginalplatte ist nur an der äussersten Raudlinie mit dem
Bauchpanzer verschmolzen, man sieht Tracheenfäden und
Zellenmassen bis dicht an diese äusserste Randlinie heran-
treten. Es überragt also auch hier der Rücken- und Bauch-
panzer nicht den Körperrand. Von dem Aussenrande des
Bauchpanzers treten auch hier die kleinen stark gekrümmten
Börstchen über den Seitenrand des Thieres nach oben und
bieten bei schwächerer Vergrösserung das Bild geknöpfter
Borsten. Die Unterseite zeigt völlig verlöthete Panzer-
theile, es sind nur die Löthlinien zwischen Coxalplatte
und den bauchständigen Platten bemerkbar. Bemerkens-
werth ist der Lauf der Stigmairöhre. Sie hat ihren langen
Anfangstheil, der im 2. achtfüssigen Larvenstadium parallel
dem Seitenrand lief, verloren, nur ein ganz kurzes Häkchen
ist davon übrig geblieben, dagegen läuft sie nun auf der
Wandung zwischen den Gruben des zweiten und dritten
Fusspaares viel weiter nach unten hin und biegt dann
plötzlich zu der in der Tiefe der zweiten Grube liegenden
Stigmalöffnung herab. Die Randfigur der Kopfröhre besteht
in einem sehr lang zugespitzten, stark mit Dornen besetzten
lanzetlichen Zipfel. Fig. 17.
Die weibliche Geschlechtsöffnung ist durch einen vorn
stumpf abgerundeten Deckel verschlossen, welcher etwa
zwei Drittel der Sternalgegend einnimmt. Der männliche
414 P. Kramer:
äussere Geschlechtsapparat ist birnförmig, wie Hall er
ihn schon früher bezeichnet hatte und liegt zwischen dem
dritten und vierten Fusspaare.
Die Tastborste des ersten Fusspaares, welche schon
bei jungen Larven ganz in derselben Weise auftritt, ist
laug und von einem Büschel kürzerer Borsten begleitet.
Die Länge und Breite der erwachsenen Thiere beträgt
etwa 0,9 mm.
üropoda elongaia Haller.
Vergleiche hierzu Hall er a. a. 0. Die Milbe habe
ich bisher nicht beobachtet.
üropoda splendid a n. sp.
Taf. XIX, Fig. 8—10, 16.
Diese in jeder Hinsicht ausserordentliche Art ist im
männlichen und weiblichen Geschlecht mit Ausnahme der
Sternalplatte völlig tibereinstimmend gebaut, 0,95 mm lang,
0,75 mm breit und von kastanienbrauner Farbe. Am Vorder-
rande findet sich eine deutliche Einbuchtung, die man auch
bei Larven des letzten Stadiums bereits beobachtet. Die
Dorsalplatte bedeckt den Rücken nicht vollständig, viel-
mehr lässt sie die hintere Abtheilung desselben frei, so
dass wir hier Verhältnisse finden, welche der gewöhnlichen
Erfahrung widersprechen, dass Bauch- und Rückenpanzer
ringsum eng verlöthet sind. Hebt man die Dorsalplatte
von dem Thiere ab, so löst sich allerdings hinten ein kreis-
runder Rand; dies hängt damit zusammen, dass die Rücken-
bedeckung ringsum gegen den Bauch- und Körperseiten-
panzer durch eine geringeren Zusammenhang besitzende
Furche getrennt sind. Längs dieser kreisförmigen Furche
springt die Körperhaut bei an^-ewendeter Gewalt auf. Das
so abgelöste Rückenblatt zeigt nun hinten eine bei weitem
nicht zu so panzerähnlicher Härte ausgebildete Partie. In
ihr finden sich etwa 8 Haarplatten in dunkelbrauner Färbung
und verrathen panzerähnliche Verhärtung. Auf der obern
Fläche der Rückenplatte bemerkt man eine Linie, welche
einen inneren Schild abgrenzt, dessen hinterer Rand das
Ende des erhärteten Theiies der Dorsal platte überhaupt
lieber Gamasiden. 415
darstellt. Auf diesem inneren Schild finden sich längs den
beiden Seitenrändern besonders stark chitinisirte Linien
mit nach aussen gerichteten Fortsätzen. Figur 8. Die
Dorsalplatte ist mit zahlreichen Porenkanälen bedeckt und
trägt auf ihrer Fläche sowie an ihrem Rande längere nach
hinten gekrümmte Borsten, die aber ziemlich weit von
einander entfernt stehen. Unterhalb des am Seitenrand
der Dorsalplatte befindlichen Borstenkreises zieht sich nun
auf einer Leiste, welche von den Rändern der vorderen
Stirnausbuchtung ausgeht und in weitem Kreise nach dem
After zu läuft, und einen stark gezähnten Rand besitzt,
ein zweiter dichter Kranz von stark gekrümmten Borsten
hin, welche von blasser Farbe und ansehnlicher Grösse
sind. Sie bilden von oben her betrachtet ein dichtes Flecht-
werk, da jede Borste über mehrere nachfolgende über-
greift. Diese Anordnung der Randborsten giebt der ganzen
Milbe ein sehr charakteristisches Aeussere.
Auf der Unterseite des Körpers ist das ganze Panzer-
plattensystem eng mit einander verschmolzen. Die Sternal-
region ist bei den Weibchen breiter als bei den Männchen,
die weibliche Geschlechtsöffnung ist im Vergleich zu anderen
Uropoden klein, der Deckel nimmt nur die Gegend zwischen
den beiden letzten Fusspaaren ein, also vielleicht nur die Hälfte
des ganzen zwischen den Hüften liegenden Gebietes. Er
ist vorn ganz stumpf abgerundet. Die männliche Geschlechts-
öffnung ist kreisrund und liegt zwischen den Hüften des
vierten Fusspaares. Fig. 9 und 10.
Die Stigmairöhre läuft auf der Leiste zwischen den
Gruben für das zweite und dritte Fusspaar hin, um sich
dann in die dritte Grube zu senken, worin die Stigmal-
öffnung liegt; sie ist an ihrem Anfang scharf hakenförmig
umgebogen. Das Dach über der Kopfröhre ist dick und
wulstig.
Was die Füsse betrifft, so ist die Endborste des
ersten Fusspaares ausserordentlich lang und wird in
der Regel von einem dichten Büschel kürzerer Borsten
begleitet. Die Taster sind dadurch bemerkenswerth, dass
an ihnen die eigenthümlichen, für Gamasiden sonst charak-
teristischen Schaufelhaare am letzten Gliede fehlen. Am
41G P. Kramer:
Eiidgliede, sowie am vorletzten stehen mehrere starke
chitiuisirte Borsten mit verbreitertem Ende, das erste Glied
der Taster trägt einen, einem Rehbockgeweih ähnlich
sehenden Stachelanhang an der Unterseite des Vorder -
randes, worauf ein langes gefiedertes Haar steht. Die
Randfigur der Kopfröhre ist von allen bisher bei Uropoden
von mir beobachteten durchaus dadurch verschieden, dass
der lange einfache , mit scharfen Dornen besetzte Vor-
sprung sich in vier gefiederte recht ansehnliche Zipfel
spaltet, die man auch bei Larven bereits vorfindet. Fig. 16.
Von den Entwicklungsstufen ist mir nur die zweite
achtfüssige Larvenform bekannt geworden, welche in
mancher Hinsicht an üropoda clavus erinnert. Die Länge
der Larve beträgt 0,85 mm, die Breite 0,65, es tritt also
der oblonge Charakter deutlich hervor, auch findet sich
eine leichte Einbuchtung am Vorderrande des Rücken-
schildes. Dieses ist völlig einförmig und zeigt keine
Theilungslinien, wie wir ihnen bei den erwachsenen Thieren
begegnen. Dagegen ist die Randfigur der Kopfröhre ge-
nau so gestaltet wie bei den erwachsenen Thieren. Auf
dem Rückenpanzer findet man einen Kranz längerer Borsten,
dessen inneres Feld mit ebensolchen Dornen ausgefüllt ist.
Der Bauchpanzer ist in die schon früher häufig genannten
Platten getheilt, welche noch nicht fest mit einander ver-
kittet sind. Eine besondere Figur bietet der Stigmalkanal.
Er reicht vorn bis an den Seitenrand, indem er etwa an der
Stelle seinen Ausgang nimmt, wo die Krallen des zweiten
Fusspaares bei der Ruhelage liegen, zieht sich dann bis
zur Scheidewand der Gruben für das zweite und dritte
Fusspaar, läuft eine kurze Strecke auf ihr hin und begiebt
sich dann zur Stigmalöffnung, die auch hier in der zweiten
Grube, d. h. der Grube für das dritte Fusspaar liegt. Es
findet sich also auch hier ein langer Anfangstheil des
Stigmalkanals, der im erwachsenen Stadium fehlt.
üropoda minima nov. sp.
Taf. XIX, Fig. 11, 12.
Die kleine üropoda - Art ist nur 0,45 mm lang und
0,35 mm breit und bewegt sich ausserordentlich geschwinde,
tieber Gamasiden. 417
im Gegensatz zu den meist sehr langsamen anderen Arten.
Die Färbung ist ein schönes Kastanienbraun. Die Dorsal-
platte ist einfach und deckt den Rücken vollständig, erreicht
aber den Seitenrand nicht. Nach vorn ist sie etwas ver-
jüngt, so dass die Gestalt des Thieres etwas birnförmig
aussieht. Die Randplatte ragt am Seitenrande und Hinter-
rande über die Dorsalplatte hinaus, so dass letztere wie
in einem Rahmen liegend erscheint. Der obere Rand dieses
Rahmens ist mit kleinen Börstchen, welche nur sehr wenig
hervorragen, geschmückt. Die Platten sind überall mit
zahlreichen punktförmigen Poren besäet, sonst aber
durchaus glatt. Auf der Rückenfläche befindet sich noch
eine kreisförmig gestellte Gruppe kleiner Borsten, und in
der Mittellinie noch eine Reihe von Borstenpaaren. Jede
Borste ist von einer kleinen hellschimmernden Drüse be-
gleitet, deren Ausgangsöffnung neben der Borste steht.
Liegt das Thier ruhig da, so ragen die Vorderfüsse weit
über den vorderen Rand des Rückenschildes vor und geben
so ein von den übrigen Uropoden abweichendes Bild,
erinnern vielmehr an die Fusshaltung von Trachynotus
pyriformis\ es wird auch durch die sehr ansehnlichen Hüft-
glieder das Capitulum keineswegs ganz von unten verdeckt,
sondern diese Glieder sperren nach vorn hin ziemlich weit
auseinander. Die Unterseite zeigt die Luftröhrenöffnung an
der gewöhnlichen Stelle, der Stigmalkanal ist wenig ge-
krümmt, hat namentlich an dem vorderen Ende keine haken-
artig umgebogene Partie.
Die weibliche Geschlechtsöffnung ist ganz ungewöhn-
lich gross im Vergleich zum ganzen Thier. Der Deckel
derselben liegt zwischen den Hüften des zweiten bis vierten
Fusspaares und besitzt eine vorn abgerundete Gestalt,
zugleich ist sie dort etwas breiter wie hinten und lässt
sich demnach von den Deckeln aller anderen Uropoden, die
mir bis jetzt bekannt sind, gut unterscheiden. Sein vorderes
Ende erreicht den vorderen Rand der Sternalplatte noch
nicht, vielmehr befindet sich noch ein ziemlich breites Feld
dazwischen.
Die Randfigur des Capitulum ist in der Figur 12
abgebildet; sie zeigt die charakteristische Form in einer
Arch. t Naturg. XXXXVUI. Jahrg. 1. Bd. 27
418 P. Kramer:
besoudern Variante, ist im hinteren Theil eingeschnürt
und vorn in zwei blasse, wie es scheint behaarte Zipfel
gespalten. Die Unterseite zeigt langgestreckte Lippentaster
und überhaupt sehr in die Länge gezogene Mundorgane.
Die von Prof. Megnin beschriebenen
Üropoda-Arteii.
Megnin führt in seiner Monographie der Familie
der Gamasiden drei üropoda - Arten an: ü. vegetans de
Geer; ü. scuhdata Megn. ; U. truncata Megn.
Zur Charakteristik von ü. scutulata giebt M. folgendes
Material.
Corps bombe en dessus, plat en dessous, forme gene-
rale ovo-rhomboidale, a moitie anterieure plus large chez
les adultes, plus etroite chez les nymphes ; epistome for-
mant un angle saillant arrondi. Couleur sanguine foncee
chez les femelies ovigeres, plus pale chez les mäles et
chez les nymphes.
On trouve les adultes et les larves dans les amas de
feuilles mortes en ete et en automne et les nymphes adhe-
rentes ä differents coleopteres.
Femelle long. 0,70 mm, lat. 0,50 mm
Male — 0,60 - - 0,45 —
Nymphes - 0,50 — — 0,37 -
Aus dieser Charakteristik lässt sich das Thier nicht
wieder erkennen, zumal da keine Abbildung beigegeben
ist. Trotzdem hat G. H a 1 1 e r eine bei Bern von ihm
gefundene Uropode unter demselben Namen veröffentlicht
und, indem er eine Abbildung dazufügt, allerdings für die
Zukunft gesichert. Ob aber beide Arten TJ. scutulata M.
und Haller identisch sind, lässt die grosse Verschiedenheit
in den Grössenangaben zweifelhaft erscheinen. Auch ist
Haller selbst nicht sicher, ob er in seiner Art die von
Megnin mit demselben Namen aufgeführte wiedergefunden
hat, denn er fügt seiner Darstellung die Aussage hinzu:
„Megnin's Beschreibung ist zur Erkennung des Thieres
fast ungenügend und zu kurz." Wir können eben aus
Megnin's Charakteristik nichts wirklich ins Auge Fallendes
Ueber Gamasiden. 419
entnehmen und werden die U. scutidata künftig nur nacli
Haller's Darstellung defiuiren.
Bei U. truncMa M. liegt die Sache nicht anders. Hier
heisst es bei Megnin:
Semblable ä FUropode vegetans pour la forme, mais
avec l'epistome tronque. Couleur rouge jaunätre, rutilante
chez les adultes, terne bistre chez les nymphes. Les adultes
et les larves habitent le furnier decompose des jardins pen-
dant l'ete et l'automne et les nymphes se rencontrent adhe-
rant ä certains insectes, particulierement les staphylins.
Femelle long. 1,00 mm, lat. 0,85 mm
Male - 0,90 — - 0,75 —
Nymphe - 0,60 — — 0,50 —
Oeuf - 0,30 — — 0,12 -
Es ist hiernach nicht möglich, die Milbe wieder zai
erkennen, und der Name muss daher ruhen bis Megnin
etwa die Originalabbilduug veröffentlicht. Seiner Beschrei-
bung ist eine solche nicht beigefügt.
Selbst TJ. vegetans wäre nach der blossen Beschreibung
ebenfalls nicht wiederzuerkennen, wenn nicht die zahl-
reichen auf diese Milbe bezüglichen Abbildungen hier alle
Zweifel beseitigten. Bei diesen Abbildungen ist es für die
Einordnung in meine systematische Gruppirung der Uropo-
diden hinderlich, dass das Weibchen von Uropoda vegetans
mit Krallen am ersten Fusspaar abgebildet ist — und so
ist die Abbildung auch in Haller's Schrift „Die Milben als
Parasiten" übergegangen, — während das Männchen keine
Krallen führt. Nun hat Haller gerade bei der Gattungs-
charakteristik von Uropoda auf die Abwesenheit der Krallen
am ersten Fusspaar Gewicht gelegt und Megnin führt es
als besonderes Merkmal der Weibchen an, dass gerade
ihnen häufig die Krallen fehlen, wenn sie bei einem der
Geschlechter einer Art überhaupt nicht vorhanden sind.
Dass sie nun doch gerade beim Weibchen abgebildet sind,
weist darauf hin, dass hier irgendwo ein Versehen vorliegt.
Es ist mir bis jetzt noch nie vorgekommen, dass bei einer
Uropoda ■ Art Männchen und Weibchen verschiedenartig
ausgebildete Füsse im ersten Paare hätten.
Was ü. truncata Megn. betrifft, so wäre es vielleicht
420 P. Kramer:
möglich, dass M e g n i n hier meine TJ. ovalis vor sich
gehabt hat, doch lässt sich darüber nichts Gewisses fest-
stellen. Jedenfalls ist ü. ovalis dem mir bis jetzt noch
nicht begegneten U: vegetans sehr ähnlich, besitzt aber
Krallen und Haftnäpfe in sehr starker Ausbildung, während
diese dem TJ. vegetans fehlen sollen.
M e g n i n's neue Arten vermag ich hiernach nicht in
das von mir entworfene systematische Schema einzuordnen,
und zwar lediglich desshalb, weil er keine Kennzeichen
hervorhob, die es erlaubten, sie sogleich wiederzuerkennen.
Die Grattung Trachynotus Kramer.
Panzer stark entwickelt. Der Rückenpanzer aus vier
Th eilen sich bildend, deren Nahtlinien dem Rücken eine
rauhe Oberfläche geben. Der Bauchpanzer ohne Gruben
für die Füsse, Hüften des ersten Fusspaares vergrössert,
das Capitulum von unten bedeckend. Körper birnförmig,
oben sanft ausgehöhlt.
Trachynotus pyriformis Kr.
Taf. XX, Fig. 13—19.
Celaeno aegrota Koch, Deutschlands Crustaceen, Myr.
und Arachn. Heft 32, 5.
Tr. pyriformis Kramer, zur Naturgeschichte einiger
Gattungen aus der Familie der Gamasiden Archiv f. Natur-
gesch. 1876. p. 80.
Gam. lagenarins M6gnin, monographie de la famille
des Gamasides. Journal de Fanat. et phys. de Robin 1876.
p. 329.
Tr. pyrif. Canestrini, Studii intorno agli acari italiani
Seite 63 des Separatabzugs aus den Atti del R. istituto
veneto di scienze lettere ed arti Vol. IV. 1877.
Diese von mir im Jahre 1876 beschriebene Milbe ge-
hört zu den verbreitetsten, die ich kenne. Sie ist ausge-
zeichnet durch ein starkes Hautskelett, welches vorn mit
einem verdickten Fortsatz die Mundwerkzeuge völlig ver-
üeber Gamasiden. 421
deckt. Da am Bauchpanzer keine Gruben bemerkbar sind,
und übrigens die Entwicklung des Skeletts ganz nach dem
Modell von Uropoda vor sich geht, so lässt sich denken,
dass hier der Panzer einen larvenähnlichen Charakter bei-
behält, da ja auch die ersten Larvenstadien von üro])oda
noch keine Fussgruben zeigen.
Die sechsfüssige Larve. (Taf. XX, Fig. 13 — 15.)
Sie ist blassgelb und noch vollständig durchsichtig und
hat eine Länge von 0,35 mm, während die erwachsenen
Thiere bis zu 0,75 mm Länge haben. Man bemerkt an
ihnen noch nichts von der birnenförmigen Gestalt, aber
am Seitenrande ringö um den Körper heben sich flügel-
artige Fortsätze ab, welche später immer mehr zurück-
treten. Eine Seitenansicht lässt erkennen, dass der dach-
förmige Fortsatz, welcher sich über das Kopfstück fort-
schiebt noch ganz blattartig ist. Längs der Mittellinie des
Rückens zieht sich eine kammartige Erhebung hin, in
welcher sich eine Doppelreihe mascheuartiger Vertiefungen
bei einer Rückenansicht des Thieres bemerken lässt. Dieser
Kamm ist ebenfalls eine Hautabsonderung, und lässt sich
mit der Nadel entfernen. Die flügelartigen Fortsätze am
Hinterrande des Körpers sind nicht horizontal, sondern
ziemlich stark nach oben gebogen. In der kammartigen
Erhebung des Mittelrückens bemerkt man grätenartige
Linien, w^elche den maschigen Figuren bei der Rücken-
ansicht entsprechen und als Scheidewände zwischen jenen
Vertiefungen aufgefasst werden müssen. Die grosse Durch-
sichtigkeit des Chitinpanzers lässt nun mit ziemlicher
Gewissheit erkennen, dass das aus dem Ei geschlüpfte Thier
überhaupt noch keine flügeiförmigen Randerweiterungen
besitzt. Man bemerkt nämlich, Taf. XX, Fig. 15, dass* die
Borsten des Seitenrandes und die, welche auf dem Rücken
nahe am Seitenrande aufgestellt sind, von der sich immer
mehr vergrössernden Hülle eingeschlossen sind, welche
aus den Poren des Hautskelettes wie eine zähe Flüssigkeit
herausgequollen erscheint. So sind die beiden nach vorn
gerichteten Borsten, welche stets an der vorderen Spitze
des Rückenschildes stehen, bei der Rückenlage des be-
obachteten Thieres, von zwei dicht nebeneinander stehenden
422 P. Kramer:
Leisten eingeschlossen, welche wie die Wände eines
scheidenartig' die Borsten umschliessenden Cylinders aus-
sehen. Ebensolche Linien finden sich bei allen grösseren
in der Masse der hervorgequollenen Chitinsubstanz einge-
betteten Borsten, zum Zeichen, dass diese Substanz sich
erst allmählich gebildet und die Borsten umschlossen hat.
Ein ähnlicher Process läuft an den Borsten der Füsse ab,
indem diese, namentlich au den Füssen des ersten Fuss-
paares, flügelartige Seitenanhänge bekommen, wodurch sie
wie breite Platten gebildet erscheinen. Diese Füsse des
ersten Paares besitzen in dem sechsfüssigen Larvenstadium
des Thieres scheinbar noch keine Krallen, sondern führen
ein gerade abgestutztes Endglied, welches vorn mit einem
dichten Büschel von Haaren besetzt ist. Wendet man jedoch
eine hinreichend starke Vergrösserung an, so erkennt man
auch hier deutlich die Krallen, die allerdings unglaublich
winzig sind. Aus dem Borstenbüschel ragt eine lange
grade Borste hervor, welche besonders als Fühlhaar anzu-
sehen ist. Die Kopfmundröhre ist sehr kurz und voll-
ständig unter dem dachförmigen Fortsatz des vorderen
Rückenschildes verborgen. Sie besitzt aber bereits an dem
oberen Vorderrand die charakteristische Randfigur, wie
man sie bei den erwachsenen Thieren trifft. Sie besteht
in einem langen, in Form eines schmalen gleichschenkligen
Dreiecks vorspringenden Fortsatz. Die Kiefertaster sind
kurz und gedrungen und führen an der Aussenseite des
vierten und fünften Gliedes besonders lange Borsten.
Die erste achtfüssige Larven form Taf.
XX, Fig. 16, ist ebenfalls noch ganz blassgelb und voll-
ständig durchsichtig. Sie zeigt, abgesehen von der nun
vollständigen Anzahl der Füsse einige erhebliche Unter-
schiede gegen die vorige Stufe. Was zunächst den Umriss
der wirklichen Körperhülle, von oben her betrachtet, an-
langt, so ist er jetzt vorn nicht mehr völlig abgerundet,
sondern er tritt in einem wenn auch kurzen Kegel nach
vorn vor. Auch in diesem Stadium wird jedoch dieser
ursprüngliche Umriss durch Ausschwitzungen bald verändert,
welche indess nun nicht mehr auf allen Seiten gleich-
massig, sondern an der vorderen Hälfte des Körpers be-
Ueber Gamasiden, 423
sonders stark hervortreten. Hier gewinnen sie auch eine
ansehnliche Dicke, so dass die Seitenansicht das über die
Mundtheile vorspringende Dach nicht mehr, wie im sechs-
füssigen Larvenstadium, wie eine dünne nach vorn gerichtete
Platte zeigt, sondern entsprechend der hier überhaupt
schon verdickten Vorderrückenpartie schiebt sich auch eine
dicke Schicht der Ausschwitzungssubstanz weit nach vorn
vor. Diese an der vorderen Hälfte des Rückens befindliche
Ausschwitzung besitzt eine grössere Festigkeit, als die an
den übrigen Randtheilen auftretende. Die auf der Rücken-
fläche selbst jetzt bemerkbaren stärker chitinisirten Partien
bilden eine Gruppe von drei von einander getrennten
Feldern. Es ist ein mittleres umfangreiches vorhanden,
welches von zwei seitlichen begleitet wird. Man bemerkt
auf ihnen solche maschenförmige Zeichnungen, wie sie auf
der Mittellinie des Rückens im vorigen Stadium der Ent-
wicklung allein gefunden wurden. Die von wall artigen
Erhebungen eingeschlossenen Vertiefungen, welche im Bilde
die Maschen abgeben, sind unregelmässig polygonal und
zwei bis vier mal so breit als eine Walllinie zwischen je
zweien. Die Färbung der Felder ist noch fast ebenso matt
wie die der übrigen Hautpartien. Auch in diesem Stadium
werden die in der Gegend der Ausschwitzuugen liegenden
Rand- oder Flächenborsten völlig von derselben umschlossen.
Die Figur 16 stellt eine Rückenansicht des vorliegenden
Stadiums ohne Ausschwitzuugen am Hinterrande, wo sie
aber auch noch, wenn auch blasser als vorn und später,
auftreten, dar. Auf der Unterseite ist jetzt bereits deutlich
die Sternalplatte bemerklich. Sie geht nach hinten spitz
zu und hängt hier durch ein Paar Ausläufer mit der nur
schwach angedeuteten Abdominalplatte zusammen. Auf
dieser letzteren Plattenandeutung stehen zwei Reihen von
Börstchen, nach vorn zu zwei, nach hinten vier in jeder
Reihe. An den Füssen hat sich nicht viel geändert, nur
treten jetzt die Krallen am ersten Fusspaar bedeutend
klarer heraus. In diesem Stadium treten die Luftlöcher
und mit ihnen zugleich der Stigmalkanal auf, von Tracheen
habe ich jedoch noch nichts bemerken können.
Die zweite achtfüssige Larvenform. Taf. XX,
424 P. Kramer:
Fig. 18. Das aus dem vorhergehenden Stadium sich
entwickelnde Thier ist jetzt 0,55 mm lang und schon
viel tiefer braun gefärbt. Seine Gestalt ist bereits der
des erwachsenen Thieres durchaus ähnlich, die festen
maschenfürmig gemusterten Chitinpanzertheile bedecken
einen bedeutend grösseren Theil des Rückens, die Aus-
schwitzungen beschränken sich nur noch auf die vordere
Rückenpartie und scheinen bereits während des Häutungs-
processes vorgegangen zu sein. Das Ausschwitzungsprodukt
zeigt ein strahlenförmiges Gefüge und zwar treten die
senkrecht zur Körperwand gerichteten Strahlen der Chitin-
masse stark hervor und werden durch eine homogene
Zwischenmasse mit einander verschmolzen. Indessen auch
jetzt noch ist der Zusammenhang dieser Ausschwitzungs-
masse mit dem Körper im Ganzen ein sehr loser, ein
geringer Druck oder eine etwas stärkere Berührung mit
der Präparirnadel reicht hin, um ganze Felder davon vom
Körper zu lösen. Einen grossen Fortschritt hat die Anord-
nung der Borsten gemacht. Während in den beiden vor-
hergehenden Stadien auf der Rückenfläche nur vereinzelte
Borsten standen, welche auf der Hinterfläche näher anein-
ander rückten und am Seitenrande ebenfalls nur zerstreute
Gruppen meist sehr schwach gekrümmter Borsten auftraten,
ist jetzt der ganze Seitenrand bereits dicht mit den für die
erwachsenen Thiere charakteristischen Borsten besetzt,
welche nur noch nicht so breitflächig sind wie bei jenen.
Und auch auf der Rückenfläche haben sich grosse ]\Tengen
stark gekrümmter Borsten eingefunden, die sich auf der
Grenzlinie der stärker chitinisirten Felder gruppiren. Solcher
Felder bemerkt man jetzt vier, indem das im vorigen
Stadium nur angedeutete, den Hinterrand des Körpers
berührende, jetzt auch vollständig ausgebildet ist.
Auf der Unterseite hat sich die zwischen den Hüften
der drei letzten Fusspaare befindliche Sternalplatte gegen
das frühere Stadium vergrössert und streckt nun ihr breites,
gradlinig abgeschnittenes Hinterende noch über die Hüften
des vierten Paares nach hinten zu vor. Betrachtet man
das Thier von der Seite (Tai. XX, Fig. 17), so zeigt sich
bald, dass der den After tragende Theil der Unterfläche
üeber Gamasiden. 425
ziemlich steil nach ohen aufsteigt, der After befindet
sich auf einem nicht unerheblich hervorragenden Höcker.
Dabei bemerkt man, dass die Körperflanken von der ver-
schmolzenen über den Hüften sämmtlicher Fusspaare sich
hinstreckenden Coxal - Stigmalplatte gedeckt vs^erden , in
welcher die Stigmalöffnung mit ihrem kanalförmigeu
Anhang liegt, der in sanft gekrümmter Linie verläuft.
Diese Platten sieht man, bei einer Bauchansicht des Thieres,
hinter den Hüften des vierten Paares noch einen kleinen
Theil der Bauchiläche bedecken. Vor jener oben erwähnten
Sternalplatte kann man in diesem Stadium der Entwick-
lung auch die Stützplatten des ersten Fusspaares sogleich
und deutlich erkennen und vor ihnen den Bauchtaster,
welcher hier allerdings von ganz ungemein winziger Ge-
stalt ist, so dass es bei früheren Stadien nicht immer
gelingt, ihn zur Beobachtung zu bringen. Die Kopfröhre
ist auch jetzt noch sehr kurz und bleibt es auch, sie hat
auch jetzt eine obere Randfigur, welche ganz vollständig
mit der der erwachsenen Thiere übereinstimmt. Sie
erscheint nämlich in Gestalt eines lang vorgezogenen gleich-
schenkligen Dreiecks, dessen Seitenlinien mit kleinen
Dornen besetzt sind. Die Kiefertaster sind kurz und ge-
drungen und besitzen au ihrem letzten und namentlich vor-
letzten Glied längere Borsten, welche im unteren Drittel
knieförmig umgebogen sind. Die Mandibeln sind wie vom
ersten Stadium an sehr laug und dünn und ruhen mit
ihrem hinteren Ende, wenn sie zurückgezogen sind, im
letzten Viertel des Leibes.
Die reife Milbe. Das Weibchen. Den Haupt-
unterschied dieses Stadiums von dem vorhergehenden giebt
immer das Vorhandensein der Geschlechtsöffnung ab, welche
beim Weibchen von einem sehr umfangreichen Deckel ge-
schlossen wird. Es ist dieses das Entwicklungsstadium,
welches ich früher allein beschrieb und in einer allerdings
nur eben die Form der Milbe andeutenden Zeichnung mit-
theilte. Die Milbe erscheint jetzt durchaus dunkel- kaffee-
braun und lässt mit Ausnahme der vordersten Spitze des
Rückenschildes keine deutlichen Randpartien, welche als
Ausschwitzungen erscheinen, erkennen. Die einzelnen ver-
426 P. Kr am er:
härteten Partien des Rückens haben sich jetzt bis auf schmale
Zwischenstrecken einander so g-enähert, dass der ganze
Rücken bedeckt erscheint. Dabei hat die Mittelplatte an
Ausdehnung gewonnen, während die beiden Seitenplatten
mehr nach dem Seitenrande zurückgewichen sind und sich
in die Länge gestreckt haben. Die Randborsten sind im
Ganzen von derselben Gestalt, wie bei der vorigen Form,
sie werden aber, wie es scheint, mit dem Alter der Milbe
immer breiter, so dass sie zuletzt gekrümmten Messern
gleichen. Die Unterseite des Thierchens zeigt jetzt eine
mächtige Klappe als Verschluss der Geschlechtsöffnung,
welche zwischen den Hüften des dritten und vierten Fuss-
paares liegt. Die Klappe ist etwas schmaler als die Oeff-
nung, wenigstens soweit sie durch die äussere Umran-
dung umschlossen wird. Dass sie trotzdem nicht nach
Innen hineinschlagen kann, wird durch zwei Vorrich-
tungen verhindert. Eine befindet sich an der Klappe
selbst und besteht in zwei zahnartigen Spitzen, welche an
den vorderen Ecken nach der Seite vorspringen und sich
so gegen die Umrandung der Oeflfnung legen, dass sie die
Einwärtsbewegung der Klappe hindern. Die zweite ist an
der wallartigen Umrandung der Geschlechtsöffnung selbst
zu suchen und besteht hier in zwei längs des Seiten-
randes etwas mehr nach innen zu hinlaufenden Leisten, auf
welche die Klappe aufschlägt, wenn sie sich nach innen
bewegen will. Die Füsse und Taster der erwachsenen
Form haben genau dieselbe Gestalt, wie sie bereits bei
der ersten Larvenform sich zeigte. An den Füssen des
ersten Paares, welche mehr zum Tasten als zum Gehen
benutzt werden, ist die lange gerade nach vorn stehende
Borste am Vorderrande der letzten Glieder ebenso vor-
handen, wie früher, die Krallen sind, trotzdem sie sehr
deutlich bei angemessener Vergrösserung zu sehen sind,
ungemein klein und der sie deckende Haarbüschel noch
ebenso umfangreich wie früher. Die Mandibeln sind unge-
mein lang und schlank, die Taster kurz und auf der
oberen Fläche mit langen geknieten Haarborsten besetzt;
der Bauchtaster ist so winzig wie sonst. Die Randfigur
der Kopfröhre zeigt dieselbe Gestalt wie früher.
Ueber Gamasiden. 427
Die zahlreichen von mir beobachteten Weibchen trugen
Eier, die bereits zum Legen fertig waren, trotz alledem
habe ich kein Männchen bemerkt, noch auch eine Milbe,
von der ich vermuthen könnte, dass sie das Männchen zu
der vorliegenden sein würde. Hier ist also noch etwas
nachzuholen.
Anmerkung. Wie bereits oben unter dem Ycr-
zeichniss der Synonyma erwähnt wurde, hat offenbar Koch
unsere Milbe als Gelaeno aegrota aufgeführt und abgebildet.
Die Abbildung giebt, obgleich sie nur sehr skizzenhaft ist,
die charakteristische Figur unserer Milbe wieder. Wenn
dennoch der Gattungsname Gelaeno fallen gelassen wurde,
so geschah es, weil Koch unter dieser Bezeichnung so
verschiedenartig gestaltete Thiere, meist Larven von Oriha-
tiden vereinigt hat, dass es ganz unmöglich gewesen ist,
die dürftigen Kennzeichen, welche er überhaupt von
seiner Oribatiden-Gattung Gelaeno anführt, zu einer brauch-
baren Gattungscharakteristik zu benutzen. Allerdings ge-
stehe ich gern, dass ich erst durch erneute Vergleichung
mit der kleinen Koch'schen Abbildung auf den Gedanken
geführt wurde, dass Koch die vorliegende Milbe als
Gelaeno aegrota aufführt. Andere haben Sejus vidtius Koch
als mit Trachyuotus identisch angesehen, was aber aus
vielen Gründen völlig unmöglich ist.
Die Gattung Sejus Koch.
Vergl. Kramer, Ueber die Milbeng. Sejus und Zercon
K. im Vergleich zu Gamasus L. GiebeTs Zeitschrift für
die gesammten Naturwissenschaften 1881.
Seit geraumer Zeit bemühe ich mich um die sichere
Fundirung der beiden Koch'schen Gattungen Sejus und
Zercon. Als ich meinen Gamasus serratus aufgestellt hatte,
wollte es mir bald so vorkonnnen, als wenn ich mit diesem
Thier eine Art der Koch'schen Gattung Zercon vor mir
hätte, ich notirte mir bereits vor einigen Jahren Zercon
peltatus als vielleicht mit G. serratus zusammenzustellen.
Immer von neuem wieder vorgenommene Untersuchungen
428 P. Kramer:
haben es mir jetzt zur Gewissbeit erhoben, dass Koch
solche Thiere, wek'-he der Gestalt nach meinem Gamasus
serratiis gleich sind, unter die Gattung Zercon brachte.
Icli kannte früher nur das Weibchen. Die Männchen kannte
ich auch zu der Zeit noch nicht, als ich den in der Zeit-
schrft. f. d. gesammt. Naturwissenschaften im dritten Heft des
Jahrgangs 1881 abgedruckten Artikel schrieb, woraus sich
die Verschiedenheit der hier ausgesprochenen Ansicht von
der dort geäusserten erklärt. Jetzt wo ich auch das
Männchen in beliebig grosser Anzahl besitze, vermag ich
über diese bisher so unsichere Gattung Zercon namentlich
in Vergleich zu der ebenso schwer zu definirenden Gat-
tung Sejiis ein vielleicht genügend begründetes Wort in
Betreif ihrer systematischen Stellung zu einander und zu
Gamasus auszusprechen. Vor einiger Zeit fand ich nämlich
auch das Männchen zu einer unzweifelhaften Sejus - Art,
welche Koch im Allgemeinen kenntlich abgebildet hat,
nämlich zu Sejus togatus Koch (Koch, Crust. Myr. und
Arachn. 4, 17). Es stellte sich zwischen den Männchen dieser
beiden irrten und denen ächter Gamasus - Arten ein sehr
merkwürdiger Unterschied heraus, der zugleich den Gat-
tungen Sejus und Zercon, so wie sie K o c h festsetzte, eine
Mittelstellung zuweist zwischen Uropoda de Geer (Notaspis
Koch) und Gamasus. Während sich nämlich bei ächten
Gamasus- AxiQW die männliche Geschlechtsöffnung vorn am
Vorderrande der Sternal- oder Brustplatte öffnet, so dass
die Oeffnung am Vorderrande selbst liegt, erscheint sie,
wie oben des nähern ausgeführt wurde, bei Uropoda in die
Mitte etwa des Brustplattenfeldes gerückt. Und ebenso
steht diese Geschlechtsöffnung bei meinem Gamasus serratus
{Zercon peltatus Koch) und bei Sejus togatus K. Es ist
ein solcher Unterschied in der Stellung eines wichtigen
Organs wohl ausreichend, um die einmal aufgestellte Gat-
tung SejuSj für deren Beibehaltung ich mich auch häutig
ausgesprochen habe, als eine völlig gesicherte zu betrach-
ten. Wie sich Zercon Koch nun dazu stellt, das wird sich
durch Beobachtung noch zahlreicherer Arten am sichersten
festsetzen lassen. Fürs erste bin ich geneigt, wie ich es
auch bereits in dem in der Ueberschrift genannten Aufsatze
üeber Gamasiden. 429
über diese beiden Gattungen getban babe, Zercon als
unnöthig einzuzieben. Indem man die bisber etwa con-
statirten Zercon- kYl^xi der Gattung Sejus einverleibt, wird
man wobl den ricbtigen systematiscben Scbritt tbun. Der
bisberige Gamasns serrafiis bat in beiden Gescblecbtern
einen getbeilten Rückenscbild und es würde die Frage
künftig beantwortet werden müssen, ob man etwa für alle
recbtmässigen Mitglieder der Gattung Seßts Koeb eben-
falls einen getbeilten Rückenscbild festzubalten hat oder
nicht. Indess glaube ich, dass diese Frage nur einen
secundären Charakter beanspruchen darf, insofern, als die
Gestaltung der Dorsalplatte im Vergleich zur Stellung der
Geschlechtsöffnuug in systematischer Hinsicht zurücktreten
muss.
Indem so die Gattung Sejus Koch als eine klar um-
schriebene in das System der Gattungen der Familie der
Gamasiden eintritt, ziehe ich meinen Gamasns serratus als
Sejus serratus unter dieselbe.
Gattung Sejus Koch.
In Gestalt und Betragen durchaus an die Gattung
Gamasns erinnernd. Männliche Geschlechtsöffnung mitten
in der Fläche der Sternalplatte (Uropodenartig). Die
Dornenfortsätze au der Dorsal- (und Marginal)-Platte in
mannigfacher Weise entwickelt.
Sejus serratus Kramer.
Taf. XX, Fig. 20—22.
Zercon peUatus (?) Koch a. a. 0.
Gamasus serratus Kramer, Beiträge zur Naturge-
schichte einiger Gattungen etc. Archiv f. Naturg. 1876 p. 85.
Die sechsfüssige Larve ist von mir mit Sicherheit
nicht beobachtet worden, doch vermuthe ich, dass eine
Milbe, welche auf dem Hinterrücken 4 in Form eines
Quadrats aufgestellte Gruben besitzt und die sonst durch-
aus den Charakter der vorliegenden Milbe hat, die sechs-
füssige Larve sein wird. Bestätigt sich diese Annahme, so
würde die Stellung der vier Gruben des Hinterrückens
430 P. Kramer:
auf der ersten Stute der Entwicklung* eine bedeutend andere
sein, als später.
Die erste aclitfüssige Larve. Taf. XX, Fig. 20.
Die blassen nur im letzten Drittel des Rumpfes gelblichen
Thierchen besitzen eine Runipfiänge bis zu 0,35 mm. Die
Randfigur des Capitulum ist völlig übereinstimmend gebildet
mit der des erwachsenen Thieres. Der Rückenpanzer be-
steht aus zwei Platten, welche mit verwaschenen Rändern
in die weicheren Hautpartien übergehen und selbst noch
sehr wenig chitinisirt erscheinen. Eine Spur von der künf-
tigen Randzähnelung des Rückenschildes ist noch nicht
vorhanden, dagegen trägt die hintere Dorsalplatte bereits
die vier halbmondförmig erscheinenden Vertiefungen, welche
namentlich nach vorn durch stark chitinisirte Wälle geschützt
sind. Diese machen das sicherste Artmerkmal der vor-
liegenden Milbe aus. Die Borsten, welche später die hintere
Dorsaiplattenfläche schmücken, sind zum grössten Theil
bereits vorhanden und geben dem Hinterleibsrande, über
den sie meistens hinwegragen, das stets wieder auftretende
Aussehen. Auf der Bauchfiäche ist die Analplatte deutlich
umrandet. Die einzelne Borste in der Mittellinie hinter
dem After tritt hier wie in allen späteren Stadien auf.
Der Stigmalkanal ist auf einer kurzen Strecke bereits
entwickelt, welche sich in der Höhe der dritten und vierten
Hüfte hinzieht.
Die zweite achtfüssige Larve. Taf. XX, Fig. 2L
Die immer noch blasse, aber doch nun schon etwas tiefer
gefärbte Larve hat bis 0,40 mm Rumpflänge. Die Ränder
der beiden Dorsalplatten sind jetzt deutlich geworden auch
an der Seite die sägeförmigen Einschnitte, die beim er-
wachsenen Thier ebenfalls beobachtet werden. Die halb-
mondförmigen Gruben sind auch jetzt auf der hinteren
Rückenplatte deutlich vorhanden. Die beiden Dorsal platten
haben sich jetzt nun dicht aneinandergelegt, während im
vorigen Stadium noch ein mehr oder weniger breiter weich-
häutiger Zwischenraum vorhanden war. Die Borsten auf
der Fläche des hinteren Rückenscbildes sind genau die-
selben wie beim vorigen Stadium, nur sind die dicht vor
den Halbmoudflecken in der Mittellinie befindlichen grösser
Ueber Gamasiden. 431
als früher. Der Stigmalkanal an den Seiten des Körpers
ist laug und streckt sich bis in die Region der Hüften des
ersten Fusspaares nach vorn. Auf der Bauchfläche hat
sich nicht viel geändert. Die Sternalplatte besitzt jetzt
deutliche Ränder und ist von der Ventralplatte durch eine
weiche Hautpartie getrennt.
Reife Form. Das Männchen. Gegen die bisherige
Entwicklungsstufe hat sich nur wenig geändert und dies
wenige beschränkt sich, mit Ausnahme der Geschlechts-
öffnung, auf die bedeutend stärkere Chitinisirung der
Panzerplatten, welche sich jetzt vollständig berühren. Auf
der Oberfläche derselben hat sich eine schuppenförmige
Zeichnung eingefunden, welche in den bisherigen Stadien
fehlte, auch ist die Randzähnung der vorderen Rückenplatte
noch deutlicher und schärfer geworden. Die Geschlechts-
öffnung ist kreisförmig und findet sich in der Sternalplatte
zwischen den Hüften des dritten Fusspaares. Fig 22.
Taf. XX.
Das Weibchen. Das Weibchen unterscheidet sich
in nichts Anderem, als in der Form der Sternalplatte von
dem Männchen. Diese ist getheilt, so dass zwischen den
Theilen die Geschlechtsöffnung liegt; der hintere Theil
dient als Deckel derselben.
Sejus togatus Koch.
Taf. XX, Fig. 23, 24.
Koch, Crust., Arach. und Myriapoden Heft. 4, 1 7.
Diese Milbe ist mir augenblicklich nur in der zweiten
achtfüssigen Larvenform und als reifes Männchen bekannt,
Da ich vorläufig nicht Aussicht habe, die Beobachtung des
Thieres zu vervollständigen, die Anführung des mir vorlie-
genden Beobachtungsmaterials aber von systematischer
Wichtigkeit ist, so gebe ich die Abbildung der Unterseite
des Männchens zum Vergleich mit dem bei Sejus serratiis
Erwähnten. Zugleich habe ich dabei Gelegenheit, die merk-
würdigen Anhänge am Hinterleibsende genauer mitzu-
theilen, als es durch Koch geschah. Diese Anhänge sind
keine Eigenthümlichkeit der Männchen, sondern finden
sich bereits im zweiten achtfüssigen Larvenstadium.
432 P. Kramer:
Das erwachsene Mllnnclien hat eine Länge von min-
destens 1 mm, wobei die Anhänge am Hinterleibsende nicht
mit eingerechnet sind. Die Körperhaut ist durchweg recht
hart. Der Panzer besteht aber nicht wie bei ächten Gama-
sws-Arten aus verschmolzenen Panzerplatten, sondern man
kann alle Haupttheile deutlich von einander unterscheiden.
Die Rückenfläche ist vertieft und wird von zwei getrennten
Rückenplatten bedeckt, welche nirgends den Seitenrand
erreichen. Auf der hintern sowohl wie der vordem Dorsal-
platte finden sich kreis- und reihenförmige Gruppen kreis-
runder Löcherchen, welche sich nur sehr wenig in die
Plattenmasse einsenken.
Beide Platten sind mit einer Anzahl Borsten besetzt,
von denen eine auf der hinteren Platte jederseits am Rande
im letzten Drittel desselben auf einem kurzen aber sehr
deutlichen Zapfen steht. Der Seitenpanzer wird von der
ausserordentlich entwickelten Stigmalplatte gebildet. Am
hinteren Körperrande thürmt sich jederseits ein mächtiger
Kegel vor, welcher sich am Ende flaschenhalsartig ver-
längert und dort eine blasse, am Ende abgestumpfte Borste
trägt, Fig. 24, Taf. XX. Zwischen diesen beiden kegel-
förmigen Erhöhungen zeigt der hintere Leibesrand zwei
bedeutend kleinere Erhebungen, welche ebenfalls ein langes,
etwas nach unten gewendetes Haar, dessen Spitze fein
gefiedert ist, tragen. Der Seitenrand des Körpers hat eine
ganze Reihe kleiner zahnartiger Erhöhungen, auf welchen
nach hinten gerichtete gekrümmte Haarborsten stehen.
Eben solche Borsten und Zapfen trägt auch das auf die
Rückenfläche hinaufgezogene Stück der seitlichen Panzer-
platte. Diese zieht sich nach vorn zu ganz um die vordere
Dorsalplatte herum, so dass diese letztere auch vorn ganz
von der Umrisslinie ausgeschlossen ist. Der Bauchpanzer
wird von der umfangreichen Ventral - Analplatte gebildet
und der sich nach vorn daranschliessenden Sternalplatte,
welche aber mit ersterer nicht verschmolzen ist, wie man
es bei üropoda beobachtet, sondern durch eine deutlich
wahrnehmbare, weil durch Randverdickungen ausgezeichnete
Linie, getrennt erscheint. Die Afterplatte biegt sich in
ihrem letzten Abschnitt stark nach oben, so dass man eine
Ueber Gamasiden. 433
nach aussen gewölbte Bauchfläche beobachtet. An der
Stelle der stärksten Auswölbung liegt die Afteröffnung.
Auf der Sternalplatte und zwar zwischen den Hüften des
zweiten Fusspaares liegt die fast kreisrunde Geschlechts-
öffnung, deren wallartige Umrandung nach vorn zu beson-
ders breit ist.
Erklärung der Abbildungen.
Taf. XIX.
Fig. 1. Unterseite der zweiten achtfüssigen Larve von Uropoäa
clavus Hall, a die obere Coxalplatte, b die Stigmalplatte,
Ci, C2, C3 die drei Theile der unteren Marginalplatte, d der
Stigmalkanal, e das Camerostom (Megnin), f der Rand der
Grube für den vierten Fuss.
GamasKS cuspidatus Kramer von unten, a die Marginal-
platten.
Capitulum von Garn, longispinosus von unten besehen ; a
erster Fuss, b Taster.
Uropoäa elegans 4 a Männchen vom Rücken, 4 b von unten.
Ein Stück Rückenfigur, stärker vergrössert.
Uropoäa clavus erste achtfüssige Larve.
Ein Stück Rand derselben, a Matiix der Haut, b Borste,
c Haut, d chitinöse Ausschwitzung.
Fig. 8. Uropoäa splendiäa von oben.
Fig. 9. Weibliche Geschlechtsöffnung derselben.
Fig. 10. Männliche Geschlechtsöffnnng derselben.
Fig. 11. Uropoäa minima, halb von oben, halb von unten.
Fig. 12. Randfigur derselben.
Fig. 13. Sternalplatte mit Geschlechtsdeckel von Garn, quinque-
spinosus Kr. (Garn, fungorum Megn.) von aussen.
Fig. 14. Dieselbe von innen, a Geschlechtsdeckel, b Bauchtaster,
c Epimere desselben, d Epimere des ersten Fusses.
Fig. 15. Derselbe Apparat von der Seite a, b, c, wie vorhin, e der
Geschlechtsgang, f der Penis.
Fig. 16. Randfigur von Uropoäa splenäiäa.
Fig. 17. Randfigur von Uropoäa clavus.
Archiv für Naturg., XXXXVIH. Jahrg. 1. Bd. 28
434 P. Kram er: lieber Gainasiden.
Fig. 18. Die Verbindungsstelle der Dorsalplatte (a), der Stigmalplatte
(b) und der obern Coxalplatte (c) bei Gamnsus.
Fig. 19. Uro'poda tridentma, nach Canestrini.
Taf. XX.
Fig. li Weibliche Geschlechtsöffnung von Uropoda tccta.
Fig. 2. Sochsfüssige Larve derselben von unten.
Fig. 3. Sechsfüssige Larve von oben.
Fig. 4. Erste achtfüssige Larve von oben.
Fig. 5. Zw^eite achtfüssige Larve von oben — daneben von unten.
Fig. 6, Randfigur derselben.
Fig. 7. Der Stigmalkanal von Uropoda ovalis Männchen.
Fig. 8. Purste achtfüssige Larve derselben, 8 a ein Stück Haut mit
einer Borste.
Fig. 9. Zweite achtfüssige Larve.
Fig. 10. Weibliche Geschlechtsöffnung.
Fig. 11. Männliche Geschlechtsöffnung.
Fig. 12. Randfigur.
Fig. 13. Sechsfüssige Larve von TrachynoUis pi/riformis, von ol^en.
F'ig. 14. Dieselbe von der Seite.
Fig. 15. Vorderrand, um die Ausschwitzungen zu zeigen.
Fig. 16. Erste achtfüssige Larve.
Fig. 17. Zweite achtfüssige Larve von der Seite.
Fig. 18. Dieselbe von oben.
Fig. 19. Weibliche Geschlechtsöffnung.
Fig. 20. Hintere Dorsalplatte (rechte Hälfte) von Sejus serratus,
erste achtfüssige Larve.
Fig. 21. Dasselbe von der zweiten achtfüssigen Larve.
Fig. 22. Männliche Geschlechtsöffnung von Sej. serratus.
Fig. 23. Männliche Geschlechtsöffiuing von Sej. togatus Koch,
Fig. 24. Hinterleibsende von demselben (linke Hafte).
Halle, im Jan. 1882.
Duiversitäta-Buchdruckerei von Carl Georgi in Bonn.
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