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ARCHIV
FÜR
NATURGESCHICHTE.
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIE GM ANN,
FORTGESETZT VON
W. F. ERICHSON UND F. H. TROSCHEL.
HERAUSGEGEBEN
DR. ED. VON MARTENS,
PROFESSOR AN DER FRIEDRICH-WILHELMS-UNIVERSITÄT ZU BERLIN.
NEUN UND VIERZIGSTER JAHRGANG.
!Erster Band.
Mit 13 Tafeln.
Berlin,
Nicolaische Verlags-Buchhandlung
R. Stricker.
1883.
Inhalt des ersten Bandes.
lieber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern
(Lumbriculus variegatus Gr.). Von Dr. G. Bülow in
Erlangen 1
Ueber einen auffallenden Geschlechtsdimorphismus bei Psociden
nebst Beschreibung einiger neuer Gattungen und Arten
Von Dr. Ph. Bertkau in Bonn. (Hierzu Tafel I.) . . 97
Faunistische Studien in Japan. Enoshima und die Sagami
Bai. Von Dr. LudwigDöderlein, Conservatar des natur
historischen Museums in Strassburg. (Dazu eine Karte
Tafel II.) 102
Beiträge zur Kenntniss der Amphibien und Reptilien der
Fauna von Corsika. Von Dr. J. von Bedriaga. Hierzu
Tafel III-V 124
Nematoden, Trematoden und Acanthocephalen, gesammelt von
Prof. Fedtschenko in Turkestan, bearbeitet von Dr. v.
L instow in Hameln. Hierzu Tafel VI— IX 274
Die Mundtheile der Rhynchoten. Von Otto Geise. Hierzu
Tafel X 315
lieber die Gattung Argenna Thor, und einige andere Dictyni-
den. Von Dr. Th. Bert kau in Bonn. Hierzu Tafel XI . 374
lieber die madagascarischen Dytisciden des Königl. entomolo-
gischen Museums zu Berlin. Von H. J. Kolbe, Museums-
Assistent in Berlin 383
Untersuchungen an Foraminiferen. Von H. Schacko in Ber-
lin. Mit Tafel XII und XIII 428
Ueber eine noch nicht beschriebene Nothrus-Art. Von Ludwig
Karpelles 455
32/
<p-
lieber Theiluugs- und Regenerationsvorgänge bei
Würmern (Lnmbricnlns variegafns Gr.).
Von
Dr. C. Bülow
in Erlangen.
Die vorliegenden Beobachtungen, welche ich auf Ver-
anlassung des Herrn Prof. Semper an lebenden Liimhri-
culis angestellt habe, gingen Hand in Hand mit histolo-
gischen Untersuchungen des regenerirten Gewebes in den
verschiedenen Stadien der Ausbildung bei anderen Indivi-
duen derselben Art. Diese Untersuchungen sind indessen
noch nicht so weit gediehen, um veröffentlicht werden zu
können, weil namentlich kein Vergleichsmaterial herbeige-
zogen worden ist und auch die Embryologie verwandter
Würmer noch nicht studirt wurde; nothwendigerweise aber
müsste auch hierauf Rücksicht genommen werden, da sich
entschieden, soweit sich aus den vorliegenden Präparaten
und der entwicklungsgeschichtlichen Literatur ersehen lässt,
eine Menge von Einklängen in den embryologischen und
den Regenerations Vorgängen ergeben.
Die folgende Arbeit wurde in dem Würzburger zool.-
zoot. Institut begonnen und in dem Rostocker zu einem
gewissen Abschluss gebracht. Den Direktoren beider Labo-
ratorien, dem Herrn Prof, Dr. Semper und dem Herrn
Prof. Dr. Grenacher sage ich hiermit für ihre ungemein
freundliche Unterstützung öffentlich meinen besten Dank.
Die Regeneration verloren gegangener Körpertheile oder
Organe, sowohl in der Reihe der Wirbelthiere als auch in
derjenigen der Wirbellosen ist eine längst bekannte That-
Arcljiv f. Natiirg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 1
2 C. Bülow:
Sache. Schon Plinius berichtet in seiner „Historia naturalis"
lib. XXIX cap.oS, dass Eidechsen ihre durch eine Operation
zu Grunde gerichteten Augen wieder durch neue zu ersetzen
vermöchten und lib. XI cap. 111, dass sie abgebrochene
Schwänze neu entstehen lassen könnten. Wenn nun bereits
diese und analoge Erscheinungen soviel des Unerklärlichen
darboten — und ein Aufschluss über das Warum liegt ja
])is jetzt noch nicht vor — so musste natürlicherweise die
Entdeckung Trembley's im vorigen Jahrhundert um so
grösseres Aufsehen erregen, als durch sie dargethan wurde,
dass sogar Theilstücke von wenn auch relativ niedrig
stehenden Thieren sich zu vollständigen Individuen aus
sich selbst ergänzen könnten. Die Experimente waren an
der Hydra viridis^ dem „Polypede l'eau douce" R^aumurs
angestellt und lieferten das erwähnte Resultat. Der Grund
zu dieser Entdeckung lag in der Frage, die sich Trembley
vorlegte, ob nämlich die Geschöpfe, welche uns jezt unter
dem genannten lateinischen Namen bekannt sind, zu den
Pflanzen „d'un genre de sensitives" oder zu den Thieren
zu rechnen seien. Er schloss, dass, wenn er Gebilde vor
sich habe, die ersterem Reiche entstammten, sie wohl
auch als verstümmelte Individuen im Wasser fortleben
könnten und dort vielleicht gar einen neuen Spross bildeten,
der mehr oder weniger dem abgetrennten Stück ähnlich
sei. Da nun wirklich nicht nur ein einfaches Weiterleben
und Wiederauswachsen des Hauptstückes erfolgte, sondern
sogar eine vollständige Ergänzung beider Theile des in
zwei Hälften zerschnittenen Individuums zu der ursprüng-
lichen Art, so glaubte er gerechte Bedenken hegen zu
dürfen, solche Wesen als Thiere anzusprechen, bis denn
weitere Beobachtungen über ihre ganze Lebensweise,
namentlicli die Nahrungsaufnahme, ihn mehr und mehr
zwangen, doch Thiere und keine Pflanzen in den mit so
seltsamer Kraft ausgestatteten Gebilden zu erkennen.
Erklärlicherweise blieb er bei der einfachen Theilung
in zwei Hälften nicht stehen, sondern machte die Stücke
kleiner und kleiner, und doch entstand fast immer aus
jedem einzelnen Theilstück ein vollständiges Individuum.
Diese ox])eriinontell festgestellten Thatsachen finden sich
Ueber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 3
kurz augegeben in der Einleitung zum VI. Bande der:
„Memoires pour servir aTHistoire des Insectes par Reaumur"
gedruckt 1742. Schon im December 1740 hatte T rem bley
jenen bedeutenden Naturforscher mit seiner Entdeckung
brieflich bekannt gemacht, dieReaumur in der erwähnten
Vorrede, wenngleich er selbst in der Zwischenzeit die
Versuche wiederholt hatte und sie bestätigen konnte, noch
zu dem fragenden Ausruf der Verwunderung hinriss: „Peut
on se resoudre ä croire qu'il y ait dans la nature des
animaux qu'on multiplie en les hachant, pour ainsi dire,
en morceaux? — Qu'il y a tel animal qui etant divise en
8, 10, 20, 80 et 40 parties est multiplie autant de fois?"
Es war dies in der That ja auch so etwas Unglaubliches,
es wurden ja auch wirklich, wie Reaumur bemerkt,
die alten Ideen so vollkommen vernichtet, überhaupt eine
so gänzliche Umwälzung in der AufPassung des Thieres
herbeigeführt, dass das gerechte Erstaunen leicht verständ-
lich ist, welches diese Entdeckung bei den Naturforschern
wachrief. Noch jetzt muss diese Thatsache Verwunderung
erregen und besonders zum Nachdenken auffordern, um so
mehr, als auch bei höher organisirten Wesen, wie wir beim
weiteren Verfolgen der Litteratur gleich sehen werden,
ganze Thiere aus kleinen TheilstUcken gebildet werden
können. Solche Beobachtungen w^erfen natürlich eine Summe
interessanter, höchst wichtiger Fragen auf, die wir später
noch näher zu charakterisiren haben.
Wie schon erwähnt, war das Staunen nicht gering,
welches die Entdeckung Trembley's unter den Naturfor-
schern erregte, und, wie sich erwarten Hess, es blieb nicht
bei dem einfachen Bewundern. Bald regten sich eine ganze
Anzahl von auf naturwissenschaftlichem Gebiet thätigen
Männern, um in dieser neuen Richtung Thatsache an That-
sache zu reihen ; mancher Versuch missglückte, nur wenige
führten zu wirklich unzweifelhaften Resultaten,
1741 stellte Bernard de Jussieu und Guettard
auf Veranlassung Reaumur's Experimente über die Repro-
ductionskraft von Meerespolypen und Seesternen an und
gelangten zu sehr befriedigenden Resultaten. Sie zeigten
nämlich, oder besser gesagt, machten es höchst wahr-
4 C. Bülow:
scheinlich, dass die geDannten Thiere eine so grosse
Regenerationsfähigkeit besitzen, um aus Stücken, z. B. den
einzehien Armen eines Seesternes oder dem Theil eines
Polypen ganze Thiere zu erzeugen. Durch die direkte
Beobachtung solcher Stücke, während längerer Zeit hin-
durch erfuhren ihre Angaben durch den Arzt Gerard de
Villars sichere Bestätigung. Diese seltsame Erscheinung
wurde in neuerer Zeit für einige Asteroiden, namentlich von
Dalyell und Simroth, nochmals untersucht und zum
unzweifelhaften Factum erhoben.
Ungemein glücklich bei seinen Untersuchungen war
Charles Bonn et, indem er eine Reihe von im Wasser
lebenden Würmern fand, deren Reproduktionskraft eine
sehr weitgehende war, namentlich bei einem, dessen für
damalige Zeit ziemlich genaue Beschreibung auf den
Lumbriculus deutet. Seine Beobachtungen und Experimente
begann er im Juli 1741. Da sie für die vorliegende Arbeit
die G-rundlage bilden, diese eigentlich nur eine theilweise
Nachuntersuchung dessen ist, was Bonnet publicirte, so
müssen wir nothwendigerweise hierauf näher eingehen, als
es bei anderen der allgemeinen Uebersicht wegen anzu-
führenden Schriften sonst geschehen wird und in kurzen
Zügen das Hauptsächlichste aus seinen Beobachtungen,
Experimenten und Reflexionen vorführen.
In der ;,ersten Beobachtung^' beschreibt er den Wurm,
und beginnt nun im IL Cap. seine Beobachtungen an einem
in zwei Stücke zerschnittenen Lumhricuhis darzulegen. Das
Thier wurde, wie es scheint, ausserhalb des Wassers zerlegt ;
denn ^nachdem die Theile in eine Art von Tasse gethan
waren^, bemerkte er das Eigenthümliche an ihnen, dass
beide fast dieselben Manieren wie ein unverletztes Thier
hatten, hauptsächlich im Betreif der Bewegungen; auch
das hintere Stück versuchte, unter zu Hülfenahme seines
Vorderendes, vorwärts zu kriechen, es ging Hindernissen
aus dem Wege etc. Nach zwei Tagen wurden Pflanzen in
das Gefäss gethan; Stück A (Kopfstück) verkroch sich
sofort darin, während B (Schwanzstück) sich mit einem
Versteck in den Wurzeln begnügte. Zu gleicher Zeit
bemerkte Bonn et hier am Vorderende dieses Stückes eine
lieber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 5
kleine Anschwellung, eine Art von Knospe; nicht so gut
konnte ein ähnliches Gebilde an dem hinteren Ende des
Stückes A unterschieden werden. Am nächsten Morgen schon
waren beide Knospen deutlich erkennbar und charakte-
ristisch durch ihre rothe Farbe von dem übrigen Theil des
Körpers abgesetzt. Nach ungefähr einer Woche waren beide
Theilstücke zu vollständigen Thieren herangewachsen, aus-
gestattet mit allen den Theilen, die sich auch beim unver-
letzten Thiere zeigen.
Um zu untersuchen, wie weit die Fähigkeit der Rege-
neration gehe, theilte Bonnet darauf Würmer in 3, 4, 8,
10 und 14 Stücke „et toutes portions ou presque toutes
reproduisirent tete et queue^, während von einem in
26 Theile zerlegten Lumhriculus ^^plusieurs sont devenues
des animaux complets.^
In IV werden allgemeine Bemerkungen über die
Regeneration und das Wachsthum des neu entstehenden
Kopf- und Schwanzendes augestellt und erwähnt, dass im
Sommer gewöhnlich zwei oder drei Tage nach der Ope-
ration, im Winter wohl nach zehn oder zwölf Tagen die
Theilstücke wieder beginnen sich zu vervollständigen. Bei
kleineren Stücken nimmt die Regeneration noch später
ihren Anfang; sie vollzieht sich überhaupt hier lange nicht
in so exacter Weise wie bei den grösseren. Hat der Kopf
eine oder ein und eine halbe Linie erreicht, so hört er
auf zu wachsen, während das Wachsthum des Schwanzes
kein beschränktes ist. Theilstücke von Thieren, die zuerst
nur eine Länge von 2 — 3 Linien hatten, erreichten nach
Verlauf von einigen Monaten ungefähr die Grösse von zwei
Zoll. Als eigenthümlich wird bemerkt, dass ähnliche Stücke,
indessen von ungleicher Länge, fast gleiche Wachsthums-
geschwindigkeiten zeigten, während bei Stücken eines und
desselben Wurmes eine solche Uebereinstimmung keines-
wegs zu verzeichnen ist. Bonnet glaubt aus seinen Ver-
suchen angeben zu können, dass im allgemeinen die dem
Schwanzende beim unverletzten Thier am nächsten gele-
genen Theile im Vergleich mit den übrigen Theilen des
Körpers am langsamsten wachsen, wenn sie aus dem
Zusammenhang herausgetrennt werden. Zuweilen fand er:
e C. Bülow:
es regenerire das Kopfende am raschesten; mehr als eine
Ausnahme indessen zeigen, dass ein Schwanz ab und zu
gar nicht entsteht, wenn auch das Theilstück einen alten
Kopf besitzt.
In V sucht der Verfasser einen Vergleich zu ziehen
zwischen der Vermehrung der Pflanzen und derjenigen
dieser Würmer. Sie könne auch hier in die Unendlichkeit
fortgesetzt werden, ebenso wie bei jenen aus einer Pflanze
durch immer neue Stecklinge eine unbeschränkte Anzahl
neuer zu entstehen vermöchten. *Ein in 8 Theile zer-
schnittener Wurm liefert unter günstigen Bedingungen acht
vollkommene Thiere, die man nach einem Jahre abermals
in 8 Theile theilen kann und ebenso sicher wieder aus
diesen Stücken ganze Lmnbrlculi erhält, jetzt also schon
t)4; werden diese wieder in je 8 Stücke zerlegt, so ist die
Summe der Thiere am Ende dieses Jahres schon 512 u. s. f.
In VI wird die wichtige Frage aufgeworfen, ob eine
Regeneration auch in den Bächen stattfinde, und ob viel-
leicht Theilung die natürliche Art und Weise sei, auf
welche diese Würmer sich vermehren. B o n n e t hatte
nämlich Stücke in allen möglichen Zuständen der Ent-
wicklung gefunden, also solche ohne Kopf, oder ohne
Schwanz, oder gar ohne Kopf und Schwanz. In Bezug auf
die angeregte Frage sagt er: ,,Je u'avois pas espere que
mes observations me fourniroient de quoi m'eclaircir lä-
dessus: mais des Vers de cette Espece que je conservois
enticrs, s'^tant partagös comme d'eux-memes dans mes
tasses m'ont appris que c'est souvcnt par accident que
cela leur arrive. Cet accident provient ordinairemeut de
ce qu'ils se sont enfonces trop avant dans la terre, ou de
ce que la terre dans laquelle ils se sont enfonces, resiste
trop. II convenoit donc que ces Insectes, dont le corps est
cassant, et qui sont destines a vivre dans la boue, pussent
se reproduire de la maniere que je Tai demontre. Une autre
raison encore a pu l'exiger: ces Vers sont apparement
Sujets a etre mangcs, soit en tout, soit en partie, par
d'autres animaux, a la nourriture desquels ils ont ete
destines. Enfin j ajouterais qu'ils sont attaques quelquefois
d'une maladie assez singuliere, qui leur empörte souvent
lieber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 7
une partie du corps quils ne manquent pas de recouvrer
ensuite."
VII. enthält den Satz, dass der alte Theil „le Trongon"
eines an beiden Enden regenerirten Thieres nicht wachse,
und dass es einer beträchtlichen Zeit bedürfe, damit die
neu entstandenen Theile dasselbe Aussehen erhalten wie
,,le Trongon.'^ In einer Anmerkung: wird noch besprochen,
wie man sich bei der Regeneration das Wachsthum des
Schwanzendes zu denken habe, und wie der After entstehe.
Bonnet glatibt die Frage dahin entscheiden zu müssen,
dass der zuerst entstehende Ring den After bildet, und wenn
neue Ringe zwischen dem letzten abgeschnittenen und dem
in der Entstehung vorhergegangenen sich einschieben. Bei
unverletzten Thieren Hesse sich die Frage nicht entscheiden,
da man noch nothwendigerweise die Entwicklung des
Thieres vom Ei an verfolgen müsse.
In VIII wird von der Einwirkung der Sommerwärme
und der kälteren Temperatur des Winters gesagt, dass
jene bedeutend günstigere Resultate bei den Experimenten
über das Regenerationsvermögeu zur Folge hat und das
Längenwachsthum ein rascheres ist.
Aus den in Cap. IX enthaltenen Tafeln ersieht man
die Richtigkett derjenigen Angaben, welche über das Wachs-
thum regenerirender Theile im Allgemeinen schon angeführt
sind, und noch etwas für unsere späteren Angaben wichtige,
nämlich, dass sich ein Thier. welches einen neuen Schwanz
regenerirt hatte, aus eignem Antrieb in 2 Theile zerlegte.
X. Ein Wurm, dem der Kopf 8 mal abgeschnitten war,
hatte stets regenerirt, zum neunten Mal entstand nur noch
eine Knospe, dann hörte er auf zu leben. Er war immer
nur im reinen Wasser gehalten worden. Das Experiment
des fortwährenden Wiederabschneidens wurde an den ver-
schiedenen Enden möglichst variirt und gab Veranlassung
zum Zusammenstellen einer Tafel, aus der wir erkennen,
dass bei diesen Versuchen nach kürzerer oder längerer
Zeit der Tod eintritt. Auch hier finden wir die Bemerkung
von der Theilung eines Lumhriculus. In den Anmerkungen
zu der zweiten Tafel spricht Bonn et aus, dass keiner
seiner Würmer sich mehr als 12 mal ergänzt habe. Er
8 C. Bülow:
sagt weiter: „II est possible que la propri^te que ces
Insectes ont de repousser une nouvelle tete et une nouvelle
queune ä la place de celle que la section leur a lait
perdre est proportione au nombre et ä la nature des
accidents auquels ils sont exposes pendant le cours de
leur vie.
Die zweite Frage, ob diejenigen Würmer, denen man
Nahrung giebt, sich häufiger vervollständigen könnten als
solche, welche ohne Nahrung geblieben sind, glaubt er
verneinen zu müssen: die Reproduktionskraft sei in beiden
Fällen ungefähr dieselbe.
Regeneriren gut genährte Würmer rascher als solche,
denen man kein Futter gab? Wenngleich Bonnet diese
Frage nicht unzweifelhaft entscheiden will, so machte er
die Bejahung derselben doch sehr wahrscheinlich. Die
Thiere wurden zum grössten Theil mit schlammiger Erde
gefüttert; über den Einfluss derselben sagt er weiter; „Mais
en augmentant la quantite de la terre, ou augmente la
r^sistance que les vers ont ä percer, et de - la il arrive
qu'ils se rompent. On peut juger par - la, ä quel point
ces vers doivent se diviser dans les ruisseaux et multiplier
ainsi leur Espece par une voie qu'on auroit crue propre
qu'ä les faire perir."
Die Wachsthumslänge vermindert sich bei sonst gleich
bleibenden Verhältnissen nach jeder Operation.
Dass die Extremitäten anders als in der Richtung
der Achse gewachsen seien, hat Bonnet niemals gesehen.
Die neugebildeten Organe sind immer gleich.
In dem XII. Cap. werden neue Beobachtungen an-
gegeben über das Wachsthumsvermögen des Kopf- und
Schwanzendes und aus ihnen der Schluss gezogen, dass
weder eins noch das andere zu einem vollständigen Thier
sich ergänzen kann, wenn es nicht wenigstens anderthalb
Linien lang ist. Der Beobachter fragt sich, ob vielleicht
der Zustand der grossen Arterie, die den ganzen Körper
durchfliesst, hierauf irgend welchen Einfluss ausübe?
Aus den in XIII aufgestellten Tafeln geht abermals
eine Bestätigung der schon früher i)ehaupteten Art und
Weise des Wachsthums hervor, dann aber auch, dass die
lieber TheiluDgs- und Regenerations Vorgänge bei Würmern etc. 9
Würmer mit der Auiiäheruug des Winters aufhören grösser
zu werden.
XIV. Es wird nochmals angegeben, wie ein des Kopf-
theiles beraubter Wurm sieb benimmt und hieran Fragen
über den eigentlichen Sitz des Lebens geknüpft. Eine
Antwort darauf erfolgt, wie auch zu erwarten ist, nicht,
vielmehr schliesst das Capitel mit den Worten Reaumur's:
„Ne rougissons douc point d'avouer ici notre iguorance:
apprenous ä admirer et ä nous taire.^^
XV. In jedem Wurm geht die Blutwelle von hinten
nach vorne; die Richtung ändert sich nicht; wie er auch
immer zerschnitten werden mag, in jedem Theilstück be-
ginnt sie doch an demjenigen Ende, welches, als der Wurm
noch intact war, am weitesten nach hinten lag. Die Welle
verlangsamt sich bedeutend bei Thieren, welche lange
fasten mussten, während dies nicht der Fall ist bei Stücken,
die durch künstliche Theilung erhalten wurden.
XVI. Die Liimhriculi haben ein äusserst feines Gefühl,
beim leisen Berühren zucken sie sofort zusammen, auch
scheinen sie nicht des Gesichts beraubt zu sein. Fallen
nämlich Sonnenstrahlen auf sie, so werden ihre Bewegungen
weit lebhafter.
Observ. XVII behandelt die Frage, ob diese Würmer
vivipar oder ovipar seien. Durch eine seiner Beobachtungen
veranlasst entschied Bonnet auf die Weise, dass er geneigt
sei, ein Lebendiggebären anzunehmen. Er sah nämlich
beim Durchschneiden e'mQS LumhricuUis einen kleinen Wurm
aus dem Inneren hervorgehen, der nicht nur eine Zeitlang
weiter lebte, sondern sich noch ungefähr um seine ganze
anfängliche Länge vergrösserte. (In einer 1779 herausge-
gebenen Auflage seiner sämmtlicheu Werke sagt Bonn et,
dass er schon in seinen „Considerations sur les Corps
organises" die Gründe angegeben habe, die ihn veranlasst
hätten, diese Meinung für unrichtig zu erklären, ebenso
das, was in Observ. XVIII steht.) Es wird nämlich auch
hier nur von den kleinen Würmern gesprochen (Naisarten),
welche aus verschiedenen Theilen des Körpers eines Ltim-
hriculus, als er zerschnitten wurde, hervorgingen.
XIX. Ausser der Fortpflanzung durch Theilung hatte
10 C. Bülüw:
Trerabley auch noch die durch wirkliche Knospeutreibung
entdeckt. Eine ähnliche Knospe bemerkte B o n n e t am
Kopfe mehrerer seiner Würmer. Sie vergrösserten sich
indessen nicht, „oder sollte dies ein zweiter Kopf sein,
der gegen die Natur entstanden wäre, oder aber ein Aus-
wuchs nach Art der Sackgeschwüre?"
XX. Ein noch nicht zerschnittener Wurm hatte sich
von selbst in drei Theile getheilt, das Schwanzende war
das kürzere. Am wieder entstehenden Kopf dieses Stückes
zeigte sich ,,un de ces mamelons." Die Knospe ver-
grösserte sich nicht, als indessen ihr äusserstes Ende
abgeschnitten war, wurde auch sie zum Kopf. Beide Köpfe
schienen ihren eigenen Willen zu haben. Das Vorderende
des zweiten Kopfes wurde nochmals abgeschnitten, erneuerte
sich wieder und ebenso zum letzten Male, doch blieb er
stets unausgebildeter als der auch noch einmal verstümmelte
erste Kopf. Ebenso wie aus dem vorderen Ende können
auch aus dem hinteren kleine Auswüchse entstehen, sie
sind indessen stets mit dem Wachsthum des Hauptendes
wieder verschwunden.
]\Iit dem XX. Cap. schliessen die Beobachtungen
über den Lumhriculus, die wnr, da häufig auf sie zurück-
gegriffen werden muss, nusführlicher wiedergegeben haben
als es, wie schon gesagt, sonst der Fall gewiesen wäre.
Die nun folgenden Angaben Bonnets über Regene-
rationsversuche sind mit anderen Würmern, zunächst wohl
solchen aus der Familie der Naiden, angestellt worden.
Sie liefern das folgende Resultat: Auch hier erfolgt aus
Theilstücken heraus eine Ergänzung zu vollständigen
Thiercn, ebenso wie wir es von Lumhriculus gehört haben,
daneben aber ist zu bemerken, dass durch Theilung, die
wohl durch äussere Einwirkungen angeregt wurde, sich
diese Thiere vermehren.
Mit anderen Würmern wurden gleiche Versuche an-
gestellt und auch für sie eine ziemlich bedeutende Regene-
rationsfähigkeit bewiesen. Als eigcnthümlich hebe ich her-
vor, dass Bonnet beobachtet haben will und auch später
noch in seinen „Considerations" wiederholt, wie Würmer
anstatt eines Kopfes einen Schwanz am Vorderende her
Üeber Tlieilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 11
vorsprossen Hessen. Eins dieser Tliiere erzeiiü^te auch
einmal zwei Scliwänze. Ebenso wie beim Liimhriculus
werden auch hier zuweilen „Knospen" hervorgetrieben.
Eine dritte Art weisslicher 3—4 Zoll langer Würmer,
die ihr aus dem Schlamm herausgestrecktes Schwanzende
immerwährend in Schwingungen erhalten, gehen zu Grunde,
wenn sie verletzt werden.
Noch eine andere Art von schmutzig weisser Farbe
hatte lange Borsten, wesshalb sie den Namen „Faux-
millepie" erhielt. Der Kopf kann ganz unter das erste
Segment zurückgezogen werden. Die Bewegungen dieses
Wurmes sind langsam; wenn man ihn berührt, rollt er sich
auf. Von den zerschnittenen Thieren vervollständigte sich
nur der jeweilen erste Theil.
Nicht so bei einem andern kleinen Wurm, der sich
Röhren verfertigt, aus ihnen seinen Schwanz hervorstreckt
und in fortwährender Bewegung erhält; hier werden wieder
Thcilstücke, auch solche, die aus der Mitte genommen
wurden, zu ganzen Thieren *).
Ein dem gewöhnlichen Regenwurm ähnliches Thier,
das in dem Schlamme eines Baches gefunden wurde, zeigte,
nachdem es durchschnitten war, an einigen Theilstücken
allerdings Regenerationsknospen, doch gingen alle Stücke,
lange bevor sie sich zum ganzen Thier vervollständigt
hatten, zu Grunde.
Zum Schluss der Arbeit folgen noch Versuche über
die Reproduktionsfähigkeit des Ltimbricus, und auch hier
fand Bonn et, dass Theile die Kraft in sich haben, sich
zu ergänzen, wenngleich dazu eine ungleich längere Zeit
gehört (sie ist wohl proportional der Grösse der Würmer),
als es bei den im Wasser lebenden der Fall ist. Abbildungen,
allerdings sehr primitiver Art, veranschaulichen das
Wachsthum.
Reaumur, der zu gleicher Zeit mit Bonnet Ver-
suche mit Regenwürmern anstellte, kommt ungefähr zu
1) Dieser Wurm ist nach der Ansicht Claparedcs identisch
mit dem von ihm Tubifex Bonneti genannten. Claparede, Recherches
anatoraiques sur les Oligochetes. Geneve 1862. (Bonnet, p. 234— 38).
12 C. Bülow:
demselben Resultat, Schwänze, sagt er, entstehen relativ
leicht, nicht so die Köpfe, zumal wenn mau einen Wurm
in mehr als 2 Theile zerlegt hat. Von 50 hinteren Partien
ist dies Experiment nur drei- bis viermal geglückt. Vor
allen Dingen niuss die Pflege eine sehr gewissenhafte sein,
es darf die Erde nicht zu trocken, nicht zu nass und nicht
zu hart werden, wenn man auf ein irgend wie günstiges
Resultat rechnen will.
Experimente, wie sie im Vorhergehenden beschrieben
wurden, sind von verschiedenen Forschern, z. B. Lyon et,
dem Pater MazoUeni zu Rom, Goetze, Ginanni etc.
Aviederholt und grössteutheils als richtig befunden worden.
Ersterer hatte sogar einige Jahre vor Bonnet die Ent-
deckung an Würmern gemacht, dass sie ganze Körper-
strecken wieder zu ersetzen vermögen, hatte aber diese
Beobachtung nicht weiter verfolgt, bis er erst wieder durch
die Publicationeu Bonnets an sie erinnert wurde und
dessen Versuche nun selbst theilweise wiederholte.
Was überhaupt die Angaben über die Regenerations-
fähigkeit des Lumhrkuliis anbetrifft, so scheinen ernstliche
Bedenken gegen das hierüber von jenem französischen
Philosophen Vorgebrachte niemals erhoben worden zu sein.
0. F. Müller sagt in seiner Arbeit: Von Würmern
des süssen und salzigen Wassers, Kopenhagen 1771 p. 41:
„Wenn man die langen Würmer des Herrn Bonnet, die
zum Geschlechte der Regenwürmer gehören, in Gläsern
aufbewahrt, wird man bald an ihnen den Schwanz ver-
missen; selbst in ihrem natürlichen Aufenthalte trifft man
wenige unbeschädigt an, die meisten sind im Begriff
einen neuen Schwanz, andere einen Kopf, noch andere
beides zu entwickeln. Herr Bonnet ist geneigt zu glauben,
dass dieses Zertheilen von einer äusseren Ursache, von
d<3m Widerstände der Erde, in welche sie hineinkriechen,
lierrühre. In meinen Gläsern war keine Erde und unter
meinen Augen zersprang ein Wurm, den ich auf den Tisch
legte, in 3 Stücke. Demnach scheint die Zertheiluug ihnen
natürlich zu sein."
Ibid. p. 33 und 34. Die langen Würmer des Herrn
Bonnet haben sich auch unter meinen Augen durch natür-
lieber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 13
liches und klinstliches Zertbeilen vermehrt, d. h. die zer-
theilten Stücke haben neuen Kopf oder neuen Schwanz
oder auch beides zugleich bekommen.
Ed. Grube: lieber den Lumhricus variegatus MUller's
und ihm verwandte Anneliden. Arch. f. Naturg. 1844. p. 206.
^Die Reproduktionskraft dieses Wurmes ist eben so gross
als seine Reizbarkeit; Selbstzerstückelung habe ich oft
ohne besonderen Anlass beobachtet, sie erfolgte aber auch,
wenn mau den Körper hart berührte und besonders beim
Einsetzen in Weingeist. — Sehr häufig bemerkt man
Individuen mit reproducirten Schwänzen, die man in der
Regel an ihrer geringeren Breite, vollkommeneren Durch-
sichtigkeit und der Kürze der Segmente erkennt. ^^ p. 209.
„Die Reproduktionskraft ist bei dieser Art nicht minder als
bei der vorigen (Euaxes filirostris) : Exemplare mit einem
neu angesetzten Schwanz sind sehr häufig und Bildung
von Kopfenden erinnere ich mich auch öfter gesehen zu
haben."
In einigen anatomischen Details abweichend von dem
Grube'schen Lumhriciäus variegatus ist der von Claparede
a. a. 0. ebenso genannte und beschriebene Wurm. In
seiner Charakteristik führt er unter anderem an: „II est
d'un vivacite surprenante. Au moindre danger, il s'eloigne
ä la nage par des mouvements semblables ä ceux d'une
anguille. En meme temps son corps s'epaissit et se raccourcit.
Uu choc suffit pour le rompre. L'effroit qu'il semble öprouver
ä la moindre agitation de Teau le pousse parfois ä se
briser spontanement en deux ou plusieurs fragments dont
chacun continue ä nager avec vivacite et reproduit au
bout de quelques jours un ver complet."
Eine derartige leichte Zerbrechlichkeit wurde, wie wir
später noch sehen werden bei den von mir beobachteten
Thieren derselben Species nicht beobachtet, die Abweichung
mag indessen in der Verschiedenheit des Fundortes zu
suchen sein.
Wenn ich im Vorhergehenden sagte, die Versuche
Bonnet's seien „grösstentheils" als richtig befunden worden,
so bezieht sich dieser Ausspruch auf die Beobachtungen,
welche namentlich Bezuc; auf die Reo;enwürmer und Na'iden
14 C. Bülow:
haben. Die Versuche Reaumur's und Bonnet's über die
Lumbriciden und Naiden sind näoilich von Valmont de
Bomare, M. Bosc und Vandelli^) ohne Erfolg wieder
angestellt worden, während Duges fand, dass, wenn man
RegenwUrmern 4—8 der ersten Segmente abschneidet, ein
neuer Kopf innerhalb 10—40 Tagen entsteht und die Thiere
mit diesem zu fressen vermögen. Es ist durch diese
Beobachtungen somit wenigstens constatirt, dass jedenfalls
unter besonderen Vorsichtsmassregeln ein Kopf mit Gehirn
auch l)ei dem Lumhricus entstehen kann, es dürfen aber
nur wenige Segmente weggenommen werden. Nicht ent-
schieden ist indessen, ob Hinterenden oder Mittelstücke
wirklich keinen Kopf zu bilden im Stande sind. Dass
aber Bonne t's Behauptungen und Abbildungen so ganz
aus der Luft gegriffen wurden, kann man sich auch nicht
vorstellen. Zwar sagt er nirgends, wie dies ausdrücklich
Reaumur thut, er habe eine Entleerung von Koth gesehen,
und dies wäre ja das Anzeichen eines völlig ausgebildeten,
zur Nahrungsaufnahme fähigen Kopfes gewesen, doch aber
geht aus den Zeichnungen deutlich hervor, dass das rege-
nerirte Vorderende schon ziemlich lang geworden ist und
vermuthen lässt, es werde hier die völlige Ausbildung
noch erfolgen. Bonnet sagt übrigens selbst, dass seine
Untersuchungen über die „vers de terre" noch nicht zum
1) Von den ersten beiden nach einer Angabe D iiges, Recher-
chfts sur la circulation etc. Ann. des Sc. nat. 1828, von dem letzten
nach einem Citat von Claparede, Recherches anat. etc. Geneve 18G2,
p. 30, Anm. „Dominici Vandelii philosophiae medici-dissertationes
tres. De Aponi Thermis, de nonnullis insectis terres tribus et
zoophytis raarinis , et de Vermiura terrae reprodnctione, atquo
Taonia canis, Patavii 1758 p. 98—147. Cet ouvrage que parait etre
oublie est pourtant l'oeure d'un bon observateur. Dans des experiences
tres-soignees, repetees pendant deux annees consecutives, il ne reussit
point ä voir des lombrics mutiles reproduire leur extremite ante-
rieure. II conclut neanmoins avec prudence que ces experiences
demandent a etre faites avec im soin extreme et n'accuse point
Roaiimur de s'etre trompe. On sait qne phistard D nges commenga
par obtenir aussi des resiiltats negatifs, mais qne des experiences
posterieurs bii reiissirent completement."
Uober Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 15
Abschluss glommen seien. Bei Nai's gelang Duges eine
künstliche Theilung nicht, während wieder 0. F. Müller
a. a. 0. p. 50 — 63 etc. eine ganze Reihe glücklich gelungener
Regeuerationsversiiche mit der gezüngelten Na'ide und
anderen Naisarten beschreibt. Es ist die Frage über die
Regenerationsfähigkeit der Regenwttrmer somit noch nicht
endgültig entschieden, da auf beiden Seiten tüchtige For-
scher stehen, ihre Resultate aber nicht in Einklang zu
bringen sind, zumal neuere Beobachter wie Williams
(Report of the British Annelids. Report of the British
Association for 1851 p. 247) und C. Voigt (Vorlesungen
über nützliche und schädliche etc. Leipzig 1864 p. 91), wieder
die Richtigkeit der früheren Angaben bezweifeln, welche
für das Reproduktionsvermögen sprechen.
Was möglicherweise die Ursachen des Nichtüberein-
stimmens sind — jedenfalls liegen sie zum grossen Theil
an der mehr oder minder geschickten Art und Weise der
Behandlung des Materials — wollen wir hier nicht unter-
suchen; unter gewissen Bedingungen werden entschieden
beide Parteien Recht haben.
Einige Meeresanneliden haben ebenfalls die Fähigkeit,
fehlende Körperstücke zu regeneriren, namentlich den
Schwanz, wie dies ausser von anderen Beobachtern z. B.
auch durch van Beneden beschrieben worden ist. In
seiner „Historie naturelle des Anneies marins et d'eau
douce" theilt Quatrefages ^) neben sonstigen Fällen von
Regeneration des hinteren Körperendes von Marpliysa
sanguinea auch von Biopatra uncinifera mit, dass sie einen
Kopf zu regeneriren vermöge und fährt fort: „C'est le
seul fait bien constate, je crois, de la reproduction des
parties anterieures du corps par une Annelide errante."
Später kommt noch eine Beobachtung von Kinberg hinzu,
wie aus der Arbeit von Ehlers: Die Neubildung des
Kopfes und des vorderen Körpertheiles bei polychaeten
Anneliden, Erlangen 1869 hervorgeht-)- Kinberg fand
1) Quatrefages. Histoirc naturelle etc. I. p. 124, 342 und
IL p. 483.
2) In einer Anmerkung berichtet auch Claparede, Les anne-
lides etc. p. 31 über dieselbe.
16 C. Bülow:
bei Lycaretus neocephalicus gleiche Erscheinungen, während
Ehlers dasselbe von einer neuen Art aus der Gattung
Biopatra, nämlich Diopatra fragilis beschreiben konnte,
und Grube ^) von einer Sahella pavonina erwähnt, dass sie
eben im Begriffe stand ihr Vorderende zu reproduciren.
Aus allen diesen Angaben können wir entnehmen,
dass die Regeneration des Kopfes mit dem in ihm ent-
haltenen Gehirn und den übrigen Organen, namentlich aber
die Neubildung des Hintertheiles keine so seltene Erschei-
nung bei Würmern ist und vielleicht noch viel häufiger
vorkommen mag, wie man anzunehmen geneigt ist 2);
denn gar nicht selten stösst man in Werken, welche über
Anneliden handeln, auf die Bemerkung, dass dieser oder jener
Wurm ungemein leicht, oft ohne merkliche Veranlassung,
zerbreche. Sollten hier nicht auch, wenigstens in einigen
Fällen, Regenerationserscheinungen auftreten, vielleicht gar
eine ungeschlechtliche Vermehrung auf diese Art und Weise
vor sich gehen?
Das grosse Borstenwürmerwerk von Ehlers enthält
mehrere solcher Beobachtungen an Polychaeten, wo ver-
lorene hintere Körperstücke leicht ersetzt werden können:
Etmice Harassii, Polynoe ])ellucida, Ghrysapetalum fragile^
Liimhriconereis Nardonis. Namentlich von dem letzteren
Wurm werden häufig Thiere mit neugebildetem Schwanz-
ende angetroffen 2). Gehen hier und anderweitig denn stets
die abgestossenen Hintertheile zu Grunde, oder darf man
in solchen Fällen kein freiwilliges Abstossen annehmen,
sondern nur, das feindliche Thiere oder Unglücksfälle
jenen Würmern ganze Körperstrecken entreissen, die jedoch
bald wieder durch neue ersetzt werden können?
Nachdem wir im Vorhergehenden kurz das Wesent-
liche durchlaufen haben, was über die Theilung und
1) cf. Arch. f. Natg. 1869. Bd. 2. Bericht üljer d. Leist. in
dnr Nato:, d. nied. Th. 1868—69. Leuckart p. 244.
2) Cl aparede, a. a. 0. p. 30. „Un grand nombre de ces vors
(Aiin('']idos chetopodes) tous peut - etro peuvont reprodiiire inenie la
region antericure avec la tete.
.S) Elllers, Borsten wümer. p. 105, 278, 342, 388.
Ueber Theilungs- und Regeaerations Vorgänge bei Würmern etc. 17
Regeneration bei Würmern geschrieben worden ist, wollen
wir im Folgenden die eigenen Beobaclitungszeichen an
Lumbriculus variegaüis mit dem Bekannten vergleichen.
Alle wesentlichen Resultate der Versuche sollen vorange-
stellt werden, während die Versuche selbst mit den Mes-
sungen und anderen mehr oder weniger wichtigen Bemer-
kungen und Ergebnissen in einen Anhang aufgenommen
werden sollen, der zu gleicher Zeit als Beleg für das
Behauptete gelten mag.
Die grösste Anzahl der gesammelten Würmer (Lmn-
hriculus variegatus) wurde in dem „See'' des Veitshöch-
heimer Schlossgartens bei Würzburg gefunden. Zu den
Beobachtungen sind nur solche verwandt worden, die aus
ihm stammen. Sie fanden sich hier in ziemlich grosser
Menge, so dass es nicht all zu vieles Suchens bedurfte, um
eine auch für statistische Zwecke genügende Anzahl zu
erhalten. Die Fundorte im See selbst waren verschiedener
Art; entweder fanden sich die Lumlriciäi in dem losen
Schlamm, der den Boden bedeckte, dann aber meistens
und am zahlreichsten an seichten Stellen, oder aber sie
wohnten hier und da geradezu nesterweise, wie ich mich
ausdrücken möchte, in den reichlich vorhandenen Algen
am Rande des Wassers, und drittens und hier in besonders
reichlichem Masse, zwischen den verschiedenen Pflanzen-
wurzeln, die sich in den See hineinerstrecken. Ganz ähn-
lich sind die Fundorte, welche Grube angiebt, auch er
traf Lumhriculi in der Erde von Gräben und Teichen
oder in ihrem Bodensatz oder, „zwischen den Blättchen von
Lemna minor^ mit denen ihre Oberfläche bedeckt war,
mochten sie nun frisch oder wie im ersten Frühjahr, wenn
kaum die Eisdecke geschmolzen ist, abgestorben sein."
Schon bei dem Geschäfte des Fangens, auch wenn es
ohne eine bestimmte Absicht, für keinen wissenschaftlichen
Zweck, geschieht, muss es selbst einem unbefangenen
Beobachter auffallen, dass man, namentlich in den Monaten
Juni, Juli und August, eine so grosse Anzahl von Lum-
hriculi erhält, deren Schwanztheil eine ganz andere Farbe
hat, als es die des übrigen Körpers ist. Nicht selten
werden sogar Thiere gefangen, welche vollständig ver-
Arch. f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1, Bd. 2
18 C. Bülow:
stümmelt sind (schon Bonnet und 0. F. Müller a.a.O.
p. 41 bemerkten dies); es fehlt entweder der Kopf oder
der Schwanz oder beides, so dass nur noch ein Körper-
stumpf vorhanden ist. Beim genaueren Betrachten und
Vergleichen mehrerer Exemplare erscheint bei einigen der
Kopf von einer weit helleren Farbe, auch wohl nicht die
völlige Ausbildung erreicht zu haben, wie wir sie sonst zu
sehen gewohnt sind. Bei einer genügenden Anzahl gefan-
gener Thiere wird es uns leicht sein, Uebergänge von dem
einen Extrem in das andere zu finden, d. h. von dem
unversehrten, wenig in seiner Farbe vom übrigen Körper
verschiedenen Kopf oder Schwanz durch alle Farben-
nüanceu des Roth oder hellen Gelb und alle möglichen
Längen hindurch, bis zu Thieren, denen Kopf und Schwanz
völlig mangelt. Eine einfache Schlussfolgerung wird uns
bei der Frage nach der Ursache dieser Erscheinung sagen,
dass wir w^ohl keinen Fehler begehen, wenn wir annehmen,
es handle sich hier um verschiedene Entwicklungsstadien
der vorderen resp. der hinteren Körperextremität. Bestehen
wirklich die helleren Köpfe und Schwänze aus neugebilde-
tem Gewebe, so werden wir also unmittelbar durch blosses
Betrachten bestimmen können, wo wir es mit neuen, wo
mit älteren Körpertheilen zu thun haben, ohne irgend
welche mikroskopische Untersuchung des betreffenden
Gewebes vornehmen zu brauchen.
Natürlicherweise ist dies ja einstweilen nur eine
Annahme, die indessen ungemein leicht durch Beobachtung
zur Gewissheit gemacht werden kann. Ich brauche hier
nicht einmal auf meine eigenen Versuche zu verweisen,
es sagen dies schon die ältesten Angaben aus, sowie eine
ganze Reihe anderer Beschreibungen des Thieres in syste-
matischen Werken, dass, wo wir einen Schwanz haben,
der schärfer oder schwächer von dem übrigen Körper
durch die Farbe abgesetzt ist, hier sicher früher einmal,
zu irgend welcher Zeit, eine Regeneration stattgefunden
hat. Dabei gilt es ohne Ausnahme als Regel, dass der
später regcnerirte Theil bis zu einer vorläufig nicht näher
bestimmbaren Zeit stets ein helleres Aussehen hat, als der
früher rcgenerirte, und hierbei ist, wie noch bewiesen
Ueber Theilungs- und Regenerations Vorgänge bei Würmern etc. 19
werden wird, das auf die „Kopfsegraente" folgende Stück
des Wurmkörpers entweder für sich allein, oder zu gleicher
Zeit mit dem Kopf oder aber mit dem hintersten Theil
desselben das älteste.
AVeit schwieriger als bei dem Schwanz ist es nach
dem Augenschein zu bestimmen, ob ein Kopf ein regene-
rirter oder ein nicht regenerirter, also aus dem Ei mit
hervorgebrachter sei; doch gelingt es auch hier noch mit
einigermassen genügender Sicherheit eine solche Bestim-
mung auszuführen. Es haben nämlich Beobachtungen, welche
ich sieben Monate hindurch fortsetzte, ergeben, dass der
Kopf leichter nachdunkelt als der Schwanz, sich über-
haupt von vorne herein nicht in der Weise scharf unter-
scheidet, wie das regenerirte Hinterende. Hat das Thier
sich vollkommen ausgestreckt, so ist das Fällen des Urtheils
ob regenerirt, ob nicht auch noch bei neuen Köpfen von
der angegebenen Zahl der Monate ziemlich leicht, schwieriger
schon, wenn der Körper derb contrahirt ist. Bei einiger
Ausdauer und längerer Erfahrung in dieser Sache wird
man aber auch beim Kopf, ist er nicht schon vor recht
langer Zeit neu entstanden, nach dem Aussehen auf eine
stattgehabte Regeneration oder auf seine Ursprtinglichkeit
schliessen können.
Auf der Anerkennung dieses einfachen Unterschei-
dungsmittels zwischen regenerirtem und altem Gewebe
beruht der statistische Beweis für eine Thatsache, die ich
weiter unten mittheilen werde.
Wie schon bemerkt, ist zu Ende des Frühlings und
in den nächsten Monaten die Zahl der hinten und vorne
regenerirten Lumhriculij die man zu fangen Gelegenheit
hat, eine ungemein grosse, der Procentsatz der nicht
regenerirten ein recht kleiner. Dieser Thatbefund genügt,
um sich die Frage vorzulegen, ob denn allen Thieren mit
irgend welchen regenerirten Enden die einst verlorenen
Stücke von Feinden abgerissen seien, um als deren Nahrung
zu dienen, oder ob nicht etwa der Lumbricuhis bei seiner
eminent weitgehenden Regenerationsfähigkeit sich selbst
verstümmele, d. h. in Stücke reisse oder zerfalle, um aus
diesen Stücken ganze Thiere entstehen zu lassen und auf
20 C. Bülow:
diese Weise durch einfache Quertheilung, also* ohne vorher
angelegte Knospungszone, sein Geschlecht fortzupflanzen,
wie sie recht verbreitet in niederen Typen, so namentlich
in dem der Protozoen, vorkommt, dann aber auch nicht
all zu selten sich bei Coelenteraten und Echinodermen,
vielleicht vereinzelt bei einigen Würmern findet?
Natürlich kann die Frage durch einfache Ueberlegung
und auch daraus nicht entschieden werden, dass man eine
so grosse Anzahl von regenerirten Thieren in Gewässern
findet, da sie hier den allgemeinen Beziehungen der Wechsel-
wirkung der Organismen unterworfen sind. Es müssen
vielmehr zur Entscheidung nothwendigerweise auch noch
Beobachtungen angestellt und längere Zeit hindurch fort-
gesetzt werden.
Unterwerfen wir aber in unseren Aquarien Thiere
der Controlle, so muss man wiederum sich dessen sehr wohl-
bewusst sein, dass, wenn auch die Bedingungen, in denen
jetzt die Thiere unter unserer Aufsicht zu leben gezwungen
sind, noch so ähnlich den natürlichen gemacht werden,
doch dieser oder jener Factor unberücksichtigt geblieben
sein kann, und durch seine Vernachlässigung eine Reihe
von Erscheinungen eventuell eintreten können, die störend
auf das Resultat der Untersuchung einwirken. Manche
dieser Factoren lassen sich mit dem besten Willen in
unseren Behältern überhaupt nicht schaffen, so vor allen
Dingen kann man die ganze Summe der Wechselbeziehun-
gen nicht berücksichtigen, und wenn man auch wollte, so
ist ja doch nur ein geringer Bruchtheil für einzelne Indi-
viduen bekannt, es würde manches übersehen werden, und
dadurch das Beobachtete nicht den Vorgängen in der Natur
entsprechen. Nehmen wir weiter kleine Verschiedenheiten in
der chemischen Zusammensetzung des Wassers an, bedenken
wir den Einfluss, den die Menge der Flüssigkeit auf gewisse
Lebensäusserungen üben kann, wie dies z. B. durch die
Untersuchungen Semper's über das Wachsthum der
Schnecken dargelegt ist, etc. etc., so werden wir ermessen
können, dass alle unsere so angestellten Beobachtungen an
einer mehr oder minder grossen Unvollkommenheit leiden.
Sehr wichtig ist es in solchen Fällen nun, und ohne dies
üeber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 21
wäre eben der scheinbar erbrachte Beweis keine Wahrheit,
die Statistik 'zu Hülfe nehmen und aus einer grossen Summe
von Thieren, die dem natürlichen Aufenthaltsort entnommen
wurden, die Procentzahl derjenigen zu ermitteln, welche
dem jeweiligen Zweck entsprechen. Vergleicht man nun
die Eesultate dieses Verfahrens mit denen der angestellten
Beobachtungen, so darf man entschieden Schlüsse ziehen
für gewisse Vorgänge, welche man in den Aquarien be-
obachtet hat und als völlig richtige mittheilen will.
Wo eine solche Behandlung des Materials, eine der-
artige Beweisführung nicht möglich ist, nun da mag denn
allein die Beobachtung entscheiden, wenn sie auch nur an
Thieren unserer Behälter angestellt wurde, indessen wird
man sich stets vergegenwärtigen müssen, dass die unter
diesen Umständen ausgesprochenen Ergebnisse eventuell
noch eine Aenderung zulassen können, immerhin noch keine
Naturgesetze sind \).
Was die Einrichtung der Gefässe anbetrifft, in denen
die Ltimhriciili zum Zweck des Beobachtens gehalten
wurden, so ist im Folgenden hierüber Aufschluss gegeben.
Es waren kleine, glasirte, viereckige Steingutbehälter, wie
sie angewendet werden, um Vögeln Futter und Wasser zu
verabreichen, ungefähr 10 cm lang, 6 cm breit und 2— 2V2cm
hoch. Die Wände waren vollständig glatt, so dass eine
Verletzung der Thiere an ihnen nicht möglich war und
hierdurch eine Theilung hätte veranlasst werden können;
aus eben demselben Grunde wurde keine Erde hineinge-
than. Bonn et hält ja die Rauheit der Seitenwände und
die mehr oder minder feste Beschaffenheit des Schlammes,
mit welchem der Boden seiner Aquarien bedeckt war, für
1) Leider wird eben, es mag hier darauf hingewiesen sein, in
unseren Tagen mit dem Wort Gesetz in den beschreibenden Natur-
wissenschaften, namentlich in der Zoologie^ ganz leichtsinnig gewirth-
schaftet, und dies Wort, was mit der grössten Vorsicht angewandt
werden sollte, für alle möglichen unbewiesenen Hypothesen und
Theorien gebraucht, die oft nicht einmal durch wenige Thatsachen
begründet sind, sondern eben ganz und gar auf der so sehr beliebt
gewordenen Speculationsweise sich aufbauen.
22 C. Biilow:
die Faktoren, welche bewirkten, dass hin und wieder eine
Theilung eintrat; und auch er hatte solche zu verzeichnen,
wie wir bei der Besprechung seines Werkes ganz besonders
bemerkt haben.
Anstatt der erdigen Nahrung, die Lumhriculi wohl
sehr häufig in den Gewässern zu sich nehmen mögen,
wurden Algen in das Wasser gethan und zwar in so reich-
licher Menge, dass von Nahrungsmangel nicht die Rede
sein konnte. Wir begingen hiermit hoffentlich keinen
wesentlichen Fehler, zumal auch Algen, wenigstens theil-
weise, ihr natürliches Futter sind. Es wurde ja eben ein
grosser Procentsatz der gefangenen Lumhriculi in ihnen
gefunden. Natürlicherweise wurden andere Thiere, die den
zu beobachtenden hätten schaden oder irgendwie empfind-
lich hätten verletzen können, so weit irgend thunlich entfernt,
um jeden Einfluss von aussen her zu vermeiden, der störend
auf die ruhige Lebensweise der Würmer hätten einwirken
können. In der ganzen Einrichtung lag überhaupt das
Bestreben, alles zu vermeiden, was den Thieren hätte
Anlass geben können zu einer Theilung, so dass, wenn
eine solche doch eintrat, sie unter den gegebenen Bedin-
gungen wohl als Resultat einer nicht beeinflussten unge-
schlechtlichen Vermehrungsweise angesehen werden konnte.
Denn dadurch unterscheidet sich meiner Meinung noch funda-
mental die Schizogonie von der geschlechtlichen Fortpflan-
zung, dass es dort einer bestimmbaren Reizwirkung nicht
bedarf, um relativ unabhängig von der Zeit eine Theilung,
d. h. die Fortpflanzung zu bewirken, während hier aller-
dings ein erkennbarer Anstoss gegeben werden muss, um
Individuen gleicher oder ähnlicher Art zu erzeugen. In
diesem Falle ist natürlich die Ablegung der Embryonen
oder das Ausschlüpfen der Jungen aus dem Ei nicht
unabhängig von der Zeit, somit auch nicht beeinflusst von
dem Willen des gebärenden oder eierlegenden Thieres,
sondern abhängig von dem äusseren Anstoss, den die
Befruchtung gab. Theilung sowie Schizogonie einerseits
und geschlechtliche Fortpflanzung andererseits haben nur
gemein, dass in beiden Fällen Theile des mütterlichen
Körpers in den des bildenden übergehen, indessen kann
Üeber Theiluugs- uud llegenerationsvorgänge bei Würmern etc. 23
dies keinen Grund abgeben, beide Vermehrungsmodi direkt
mit einander vergleichen zu wollen; ohne eine solche Vor-
aussetzung würden wir uns ja als Anhänger der Urzeu-
gung aller möglichen Thiere bekennen. Nicht so schroff
stehen sich beide Extreme, Schizogonie und geschlechtliche
Fortpflanzung gegenüber, wenn man als vermittelnde Glie-
der die Parthenogenesis, namentlich aber Paedogenesis der
Insekten hineinzieht.
Das Wasser wurde häufig durch frisches ersetzt,
während der heissen Zeit mindestens einmal täglich, dabei
aber jede Erschütterung, oder jedes unsanfte Berühren mög-
lichst vermieden. Mussten die Thiere zu irgend einer ge-
naueren Besichtigung oder Messung gezwungen werden
das Algenversteck zu verlassen, in dem sie sich meistens
befanden, so geschah es auf die Weise, dass sie leise mit
einem elastischen Stäbchen berührt wurden, und meist
genügte dies, um sie hervorzutreiben. Recht derbe ist eine
solche Aufforderung meinerseits nie erlassen, und hat sich
doch einmal wie wir im Anhang sehen werden ein Schwanz-
stück auf eine gelinde Reizung hin getheilt, so möchte ich
dies mehr der ganzen Disposition des Thieres zuschreiben,
als in einem von aussen hinzugefügten Reiz überhaupt den
Grund suchen zu wollen, um zu erklären, wie auch eine
ganze Reihe von Thieren in den Aquarien dazu kommen
konnte, sich scheinbar ohne irgend welche Veranlassung
zu zerlegen. Meiner Auffassung nach trat einfache Quer-
theilung, vielmehr nur zu dem Zweck bei den Lumhriciäi
ein, sich in dieser Weise auf ungeschlechtlichem Wege zu
vermehren. Und eine derartige Quertheilung, ohne dass
irgend welche Knospungszone angelegt oder gar schon ein
vollständiger Kopf gebildet gewesen wäre, ist, wie erwähnt,
im Verhältniss zu der geringen Zahl der Versuchsobjekte
sehr häufig eingetreten.
Es wurden nämlich unter den geschilderten Verhält-
nissen 29 Thiere in neun verschiedenen Behältern während
der Zeit vom 13. Juli bis ungefähr Anfang October
beobachtet und folgende Resultate gewonnen. (Das Spe-
ciellere im Anhang.)
Von den 29 Lumbriculi blieben bis zu dem genannten
24 C. Bülow:
Termin 11 ungetheilt, während die übrigen 18 sich auf
ungeschlechtlichem Wege bis zu 57 Individuen vermehrten.
Durchschnittlich hat sich also jedes Thier in ca. 3 Stücke
getheilt, die, wollten sie wieder vollständig werden, Schwanz
oder Kopf resp. Kopf und Schwanz regeneriren mussten.
Nach alle dem, was namentlich in der Einleitung schon von
dem ungemein weitgehenden Regenerationsvermögen der
Lumhriculi gesagt worden ist, braucht wohl kaum bemerkt
zu werden, dass niemals ein Thier in Folge einer Theilung
zu Grunde gegangen ist, sondern sich glatt weg vervoll-
ständigt hat, ohne dass auch nur eine Missbildung aufge-
treten wäre, wie sie doch sonst häufiger zur Erscheinung
kommt, wenn Lumbriculi künstlich in kleine Stücke zer-
theilt worden sind.
Drei der ursprünglichen 18 in Betracht kommenden
Individuen theilten sich zuerst in zwei Stücke A und B,
dann 3 resp. 4 Tage später B nochmals in Bi und B2. Bei
zweien 18 Tage, bei einem 30 Tage nach der ersten
Trennung trat unter den Stücken A eine abermalige Zwei-
spaltung in Ai und A2 auf. Ao theilte sich bei den beiden
ersten innerhalb eines ödes eines und eines halben Tages
in A3 und A4, während bei Ai des dritten Wurmes noch
an demselben Tage eine Theilung eintrat. Ein vierter
Limibriculiis zerlegte sich in 2 Theile A und B. Nach
25 Tagen A in Ai und A2 und 2 Tage später Ai in A3
und A4 und A2 in A5 und Ae. Aus diesen 4 erwähnten
Thieren sind bei dreien nach 34, bei einem nach 18 Tagen,
vom Tag des Beobachteus an gerechnet, je 5 Theilthiere
entstanden, im Ganzen also 20.
Ein Wurm theilte sich in 2 Stücke, zwei Tage später
jedes dieser nochmals. Es wurden somit 4.
Fünf zerfielen zuerst in zwei, dann meist nach weni-
gen Tagen das hintere Stück abermals in die gleiche
Anzahl.
Bei zwei anderen ist nur in sofern ein Unterschied
anzuführen, als hier die Kopfstücke A in eine Trennung
eingingen. Schliesslich wurden aus den noch übrigen 6
durch einmalige Theilung 12.
Vergleicht man diese nicht zu bestreitenden That-
lieber Theiluugs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 25
Sachen mit den sofort zu erwähnenden Ergebnissen ver-
schiedener Exkursionen, so wird man unbedingt zu der
Ueberzeugung gelangen müssen, dass eine Vermehrung
der Individuen bei Lumbriculus variegatus durch einfache
Quertheilung des Körpers mit nachfolgender Regeneration
stattfindet.
Diese Fortpflanzungsweise scheint sich im Freien nur
auf gewisse Monate im Jahre zu beschränken, während
welcher das Wasser ein bestimmtes, nicht tief liegendes
Minimum der Temperatur hat.
Am 14. Juli wurden aus dem Veitshöchheimer See
im Ganzen 173 Ltmibriculi gesammelt; 19 oder 10,6% von
ihnen hatten nur den Kopf regenerirt, 76 oder 42,27o den
Schwanz, ^^ oder 36,67o Kopf und Schwanz, unregenerirt
waren 7 oder 3,8% und völlig aus regenerirtem Gewebe
bestanden 12 oder 6,7%.
Am 13. Juli brachte ich 57 Würmer derselben Art
mit nach Hause; es hatten regenerirt den Kopf 12 oder
21%, 21 oder 377o den Schwanz, Kopf und Schwanz
19 oder 337o und vollständig unversehrt waren nur 5
oder 97o.
Ein Fang am 30. Juli ergab 295. Einen regenerirten
Kopf hatten 49 oder 177o, regenerirten Schwanz 121 oder
417o) regenerirten Kopf und Schwanz 83 oder 287o,
unregenerirte Thiere waren 18 oder 67o, ganz regenerirte
5 oder 27o da. Theilstücke zählte ich noch 19 oder 67o.
Am 3. September erhielt ich 242, davon mit regene-
rirtem Kopf 54 oder 227o, mit regenerirtem Schwanz 97
oder 407o, mit regenerirtem Kopf und Schwanz 60 oder
257o5 unregenerirt waren 22 oder 97o und ganz regenerirte
Thiere fanden sich 8 oder 37o. Eins war in jeder Hin-
sicht zweifelhaft. Mit sich wahrscheinlich entwickelnden
Geschlechtsorganen waren 29 vorhanden, sie alle hatten
einen alten unregenerirten Kopf.
Aus diesen Angaben ergiebt sich als Durchschnitts-
procentzahl für die unregenerirten Thiere nur die Zahl 77o,
während sie allerdings bei den Versuchen mehr als fünf-
mal so hoch sich berechnet, nämlich auf 387o. Diese
Ungleichheit findet aber, denke ich, leicht eine Erklärung
26 C. ßülow:
in dem Grunde, dass dort ja die natürliclien Lebens-
beziehungen herrschen und man wohl ohne Uebertreibung
annehmen darf, es komme der kleinere Procentsatz der im
Freien unregenerirt gebliebenen Thiere, gegenüber dem-
jenigen der im Aquarium nicht getheilten, grösstentheils
einmal auf Rechnung der Feinde, dann aber auch auf die
Ungenauigkeit, welche beim Revidiren der Würmer gar
nicht ausbleiben konnte und endlich auf die umgebende
Natur überhaupt. Dass Lumbriculi häufig, z. B. durch
Wasserkäfer oder Libellenlarven, angegriffen werden, und
Stücke ihres Körpers in deren Gewalt bleiben — wahr-
scheinlich zerreissen sie sich selbst, um wenigstens theil-
weise dem Feinde zu entgehen — habe ich im See und
in den Aquarien beobachtet. Diesem gegenüber können
wir den grossen Procentsatz der in Rücksicht kommenden
Beobachtungsthiere vielleicht durch das Faktum herab-
drücken, dass einige Limibriculi zu Beginn der Controlli-
rung nur Theilstücke waren, andere erst begonnen hatten
sich zu regeneriren. Sollte hierdurch die Zahl der während
der Zeit des Beobachtens ungetheilt gebliebenen Thiere
auch nur um wenige vergrössert sein, wie wenn nur nor-
male Würmer verwendet wären, so muss dies bei der
geringen Zahl von 29, auf Procente berechnet, schon schwer
ins Gewicht fallen.
Wie bekannt, graben sich die Lumbriculi ungefähr
zur Hälfte ihres Körpers in den Schlamm ein, oder ver-
kriechen sich gerne ebensoweit in ein dichtes Bündel von
Algen, während die hintere Hälfte ziemlich ohne Bewegung
frei in das Wasser hineinragt, ganz im Gegensatz zu den
Tubificiden, deren Hinterende in fortwährenden wellenför-
migen Schwingungen sich befindet. Eine kleine Bewegung
des Wassers oder eine geringe Erschütterung ihres zufälligen
Versteckes genügt, um fast momentan die Schwänze unsicht-
bar zumachen, dadurch, dass sie durch Contraktion voll-
ständig ihren Leib aus dem freien Wasser zurückziehen.
Auf diese Weise entziehen sie sich leicht den Blicken der
Feinde. Trotz alledem wird der Schwanz der' gefährdetste
Theil des Körpers sein, und wirklich zeigt ein Blick auf
die Procentzahlen der regeiierirten Schwänze, im Vergleich
Ueber Theilunga- uud Kogeuerationsvorgänge bei Würmern etc. 27
mit der der regenerirten Köpfe, dass immerhin eine ganze
Anzahl, wohl dieser Eigenthümlichkeit wegen, feindlichen
Angriffen zum Opfer fallen wird. Ein wirklicher Schaden,
der das Leben des Individuums in Frage stellen könnte,
resultirt bei der grossen Reproduktionskraft der Würmer
hieraus nicht.
Wären alle Neubildungen, welche bei den im „See"
gefundenen Thieren zu verzeichnen waren, dadurch her-
vorgerufen, dass eine einfache Theilung stattfand, so müsste
nothwendig die Procentzahl der regenerirten Köpfe dieselbe
sein, wie die der regenerirten Schwänze. Nun kommen
aber noch Thiere mit regenerirtem Kopf und Schwanz hinzu.
Ihre Procentzahl schwankt in den vorliegenden Fällen
zwischen jenen beiden; eine Regel lässt sich nicht daraus
ersehen.
Die vorne und hinten regenerirten Lumhricidi kann
man sich auf folgende vier Weisen entstanden denken:
1) Es war das Thier vollkommen unregenerirt, wurde
jedoch durch äussere Angriffe seines Kopfes und seines
Schwanzes entweder zu gleicher oder verschiedener Zeit
beraubt; letzteres wird der weit häufigere Fall sein. 2)
Das Vorderende eines Thieres mit altem Kopf, welches
durch freiwillige Theilung entstanden ist und möglicher-
weise schon einen Schwanz gebildet hat, wurde von einem
Feinde gefressen. 3) Das Thier theilte sich in 3 oder
mehr Theile. Solche Resultate vollzogener Theilung wurden
häufig beobachtet; natürlich mussten dann die jeweiligen
Mittelstücke Kopf und Schwanz reproduciren. 4) Das aus
eigenem Antrieb abgeworfene Schwanzstück hatte sich
entweder schon vervollständigt oder auch nicht, wurde
aber an seinem Hinterende angegriffen und desselben
beraubt.
Wenn wir diese vier Fälle auf ihre Wahrscheinlich-
keit prüfen, so haben am wenigsten Chancen 1) und 2),
vor allen Dingen weil das Kopfende hier unversehrt ange-
nommen wird und ein solches Thier entschieden meist
bestrebt ist seinen Vorderleib möglichst in Sicherheit zu
bringen, ihn zu verbergen, während das ins Wasser hin-
ausragende hintere .Stück wohl mit der Funktion des
28 C. Bülow:
Respirirens betraut ist. Es bleiben somit als wahr-
scheiulichere Grüiitle für das Entstehen von Thieren mit
regenerirtem Kopf und Schwanz Annahme 3) und 4) nach,
beide aber gehen von wenigstens grösstentheils freiwillig
vollzogener Theilung aus, machen sie somit als auch in
der Natur vorgehend wahrscheinlich. Die Voraussetzung
war hier, dass die Thiere noch keinen völlig ausgebildeten
Kopf haben; Theilthiere aber ohne Kopf sind einestheils
nicht so schnell, dann aber vermögen sie auch nicht so
leicht sich in den Sand zu vergraben wie solche mit aus-
gebildetem Kopf, werden also leichter von Feinden ange-
griffen und vielleicht wie bei Annahme 4) ihres Schwanzes
beraubt werden können.
Die Beobachtungen, die statistischen Angaben und auch
noch die letzten Ueberlegungen werden, denke ich, nun im
Stande sein, den schon gethanen Ausspruch zu rechtfertigen :
Es kommt hei Lumbriculiis eine ungeschlechtliche
Fortpflanzung, neben der geschlechtlichen, durch
einfache freiwillige Quertheilung, Schizogonie,
vor. Dass eine Kuospungszone vor der Theilung nicht gebildet
wird, lehrt die Beobachtung. In diesem Punkt, dem Fehlen
der Kuospungszone, unterscheidet sich die Theilung des
Lumhriculus wesentlich von der sogenannten Theilung der
Naiden und auch der Sylliden, und ist direkt derjenigen
der Protozoen, Coelenteraten und Echinodermen an die
Seite zu stellen. Man darf indessen beim Heranziehen der
Protozoen nie vergessen, dass doch die Vorgänge hier in
unserem Fall insofern ungemein verschieden sind von jenen,
als wichtige Organsysteme getrennt und später durch
einen complicirten, fast embryonalen Vorgang wieder neue
geschaffen werden. Von alledem ist bei jenem Typus
nicht die Rede.
Ein anderer Gedanke, der vielleicht den Weg zeigt,
wo eine verwandte Erscheinung zu suchen sei, ist der,
dass man sagt, es sei die Theilung der Naiden, welchem
Vorgang die Entstehung einer Kuospungszone vorangeht,
nur der ausgebildete Theilungsvorgang, wie ihn unser Lum-
hriQulus zeigt; denn dort werden fast vollkommene, schon
mit Gehirn und den nöthigen Organen versehene Thiere,
lieber Theilungs- und Regcnerations Vorgänge bei Würmern etc. 29
losgelöst, während hier das Thier sich ohne alles dies von
seinem bisherigen Mutterkörper trennt und dann erst das
bildet, was jene schon mitbekamen. Möglicherweise nehmen
Sylliden eine Mittelstellung ein. Nach Langerhans warten
„die Geschlechtsthiere nicht immer die volle Entwicklung
des Kopfes ab, ehe sie sich lösen ^)."
Bei der freiwilligen Trennung eines Thieres entsteht
immer, Ausnahmefälle sind mir nicht bekannt geworden,
ein Kopf resp. ein Schwanz. Letzterer ist in seinem
Wachsthum vielleicht nur insofern beschränkt, als das
ganze Thier ein Maximum der Grösse nicht wird über-
schreiten können, sondern sich theilt, wenn es dies erreicht
hat. Will man diesen Satz als richtig anerkennen, so
wäre er eine Bestätigung der von K. E. von Baer aus-
gesprochenen Behauptung, dass man die Fortpflanzung als
ein Wachsthum über das Maass des Wachsthums hinaus
ansehen könne.
An einer Stelle seiner Arbeit wirft B o n n e t die
Frage auf, wie man sich das Wachsthum des Schwanzes,
einmal bei der Regeneration, dann aber auch bei der
gewöhnlichen Grössenzunahme eines wachsenden Thieres
zu denken habe. Seinen Gedankengang hierüber haben
wir schon in der Einleitung erfahren.
Namentlich durch Sem per 's „Strobilation und Seg-
mentation" ist diese Frage jetzt als erledigt anzusehen,
da unzweifelhaft bewiesen wurde, dass bei den Vorgängen
der Knospung und bei denen des wachsenden Schwanz-
endes eine wirkliche Segmentation stattfindet, d. h. eine
stetige Neubildung von Segmenten am Schwanzende der
Anneliden. Ebenso soll sich bei der Entstehung des Kopfes
das vorderste Segment zuerst, das letzte, dem ältesten
Körpersegment zunächstliegende, am spätesten ausbilden.
Diese Angaben stehen aber im direktem Widerspruch mit
der Bonne t'schen Erklärung des Wachsthums sich rege-
nerii:ender Schwänze. Bei anderen Würmern, den Gestoden
1) lieber die fissipare und gemmipare Fortpflanzung, sowie
über den Generationswechsel bei Chaetopoden, cA. Claus, Lehrbuch
d. Zool. 3. Aufl. p. 410.
30 C. Bülow:
ist keine Segmentation, sondern eine Strobilation zu ver-
zeiclinen, eine Erscheinung, bei welcher entgegen der
Segmentation das letzte Glied das älteste, das dem Kopf
zunächst liegende das jüngste ist. Wenn wir nun eine
solche Kette von Bandwurmgliedern betrachten, so lehrt
uns schon ein flüchtiger Blick, dass die hinterste Proglottis
die am besten ausgebildete ist, während die vorderste, kaum
deutlich abgegrenzte, entschieden noch nicht ihre volle
Ausbildung erreicht hat.
Nach der Ansicht B o n n e t's ist aber auch bei dem
in der Bildung eines neuen Schwanzes begriffenen Lum-
hriculus das jüngste Glied das dem alten Theil des Kör-
pers zunächst gelegene, er nimmt also hier, um mich des
modernen Ausdruckes zu bedienen, eine wirkliche Strobi-
lation an, während sicher auch bei der Regeneration
sowohl des Kopfes als auch des Schwanses, im Anschluss
an die Knospung und das freiwachsende Schwanzende,
eine Segmentation zu verzeichnen ist. Schon ein flüchtiger
Blick auf einen sich regenerirenden Schwanz lehrt, dass
das letzte Glied das jüngste, weil am schlechtesten aus-
gebildete sei, vergleichbar der ersten Proglottis, während
das erste neue, in seiner ganzen Organisation weit höher
stehende, mit dem letzten Bandwurmgliede verglichen
werden kann.
Ein äusseres Zeichen der fortschreitenden Segmen-
tation scheint mir das Auftreten der Borsten zu sein, die
auch in den Kopfsegmenten stets von vorne nach hinten
zu sich mehr und mehr ausbilden. Die ersten haben je
nach der Länge des regenerirten Stückes schon längere
oder kürzere Zeit ihre volle Grösse erreicht, während die
hintersten noch tief versteckt im Körper liegen, oder über-
haupt noch nicht zu bemerken sind ; erst mit dem Längen-
wachsthum treten auch sie hervor, um dann bald ihre
volle Grösse zu erreichen. Ganz ähnlich verhalten sich
die Gefässschlingen, je weiter nach vorne, um so charakte-
ristischer sind sie ausgebildet.
Wenn diese Zeichen von Segmentation auch nur auf
äusserlichen Merkmalen beruhen, so werden sie doch wohl
schon so ins Gewicht fallen, um die Angaben Bonnet's
Üeber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 31
als unzutreffend abzuweisen; ganz entscheidend können
erst histologische Untersuchungen über diesen Gegenstand
sein, indess beweisen auch sie, wie an einem andern
Orte erläutert werden wird, eine wirkliche Segmentation
bei dem Regenerationsvorgange des Kopfes und des
Schwanzes.
Am schönsten verfolgen kann man die ganze Bildungs-
weise, soweit dies makroskopisch überhaupt möglich ist,
an nicht allzu kleinen sich vervollständigenden Theil-
stücken von Lumhriculus, die von einem solchen Thier
abgetrennt wurden, besonders deswegen, weil die Neubil-
dung hier ziemlich langsam vor sich geht und die Bewe-
gungen des Wurmes noch nicht zu rasche sind. Nimmt
man zu geringe Stücke, so wird die Regeneration häufig
unregelmässig.
Nach nicht allzu langer Zeit, unter günstigen Um-
ständen schon nach 2 Tagen beginnt die Knospung und
zwar so, dass zuerst ein kleiner Wulst am Hinterende
entsteht, welcher ganz aus neuen Zellen gebildet erscheint,
und über und über flimmert. Die Knospe wächst, die
Flimmerung verschwindet wieder, und erst nach und nach,
wenn jene schon recht gut mit unbewaffnetem Auge unter-
scheidbar ist, beginnt die Segmentation. Zu gleicher Zeit
wird wieder ein After deutlich sichtbar, wenngleich die
Stelle stets vorhanden sein musste, da, wie später mit
genauerer Zeitangabe erwähnt werden wird, häufig ein
Abgang von Faeces durch die kleine Knospe hindurch
beobachtet wurde.
Was die Bildung des Kopfes anbelangt, so will ich
nur bemerken, dass er als ungegliederte Knospe sich anlegt,
dann erst tritt eine Segmentation ein. Alles nähere hier-
über muss histologisch verfolgt werden. Von B o n n e t
liegen keine irgend erwähnenswerthe Angaben über die
Entstehung dieses Theiles vor. Ganz ferne liegt es mir,
jenem Forscher irgend welchen Vorwurf daraus machen zu
wollen, vielmehr will ich an diesem Orte bekennen, dass
seine Beobachtungen, wenn man jene Zeit mit ihren unzu-
reichenden Hülfsmitteln in Rücksicht zieht, als „vorzüg-
liche" bezeichnet werden müssen; denn es kann kaum
32 C. Bülow:
etwas neues hier erbracht werden, was nicht schon
Bonnet, wenn auch in anderer Form vorgetragen hätte.
Wenn von dem regenerirten Schwanzende gesagt
werden konnte, dass die Anzahl seiner Segmente eine
durchaus unbestimmte sei, so darf dies von dem Kopf
durchaus nicht behauptet werden; er erreicht stets nur
eine beschränlite Grösse. Aus allen Zahlenangaben Bonnet's
ergiebt sich schon dies Gesetz und kann ich es sicher nur
bestätigen.
Theilt sich ein Thier freiwillig in 2 Theile, so ge-
schieht es immer in einiger Entfernung vom Vorderende,
ein gewisses Minimum wird niemals überschritten werden.
Das Vorderende des zweiten Stückes regenerirt dann einen
Kopf, der in der weitaus grössten Mehrzahl der Fälle
überall eine gleiche Länge erreicht. Untersucht man ihn
genauer, so unterscheidet er sich, gerade wie ein alter Kopf,
in den ersten 10 (9?) Segmenten durch den Mangel von
contraktilen, blindendigenden, seitlichen Blutgefässen schon
hinlänglich von den übrigen Segmeuten des Körpers. Ratz el
machte auf diesen Unterschied der ersten Segmente des
ausgewachsenen Thieres von den folgenden aufmerksam
und giebt die Zahl der vorderen Segmente, denen diese
blinden, contraktilen Gefässe fehlen, jedoch auf 15 an. Er
hat wahrscheinlich geschlechtlich entwickelte Würmer vor
sich gehabt, bei denen allerdings die Anzahl der betreffen-
den Segmente eine grössere ist. In voller Uebereinstim-
mung mit der von mir angegebenen Zahl befindet sich die
Gruber'sche Figur 2, Tafel VII Archiv f. Naturg. Bd. 1,
Zehnter Jahrgang 1844. Der dort abgebildete Wurm ist
entschieden- nicht geschlechtsreif gewesen und doch nur
solche können in diesem Fall als Norm gelten. Ferner
giebt Ratzel die Zahl der besonders schön verzweigten
Darmschlingen, welche Rücken- und Bauchgefäss verbinden,
auf 8 an. Sicher wird er hierbei die ersten zwei Segmente
ungezählt gelassen haben, die ja auch eigene Darmschlingen
nicht mehr enthalten. Rechnen wir noch zu diesen acht
das den sogenannten Lymphraum Leydig's bildende erste
Segment, welches zu gleicher Zeit die obere Partie des
Mundes begrenzt, und das nächste Segment, welches das
lieber Theilungs- und Regenerations Vorgänge bei Würmern etc. 33
Gehirn grösstentheils in sich schliesst und die Unterlippe
bildet, hinzu, so haben wir im Ganzen zehn vordere Seg-
mente, die sich von dem übrigen Körper, bei jedem unre-
generirten und regenerirten Thier, als erster Theil des
Körpers ziemlich scharf unterscheiden lassen. Diese 10 (9)
Segmente möchte ich nun, entgegen der üblichen Bezeich-
nungsweise, als eigentliche „Kopfsegmente" in Anspruch
nehmen, vor allen Dingen aus folgendem Grunde: Bei einer
freiwillig vor sich gegangenen Theilung regenerirt nämlich
dasjenige Körperstück, welches eben seines Vordertheiles
beraubt, ist in normalen Fällen die genannte Zahl der
Segmente, also 10 (9), 2 vordere borstenlose, den Mund
umschliessende, und 8 (7) borstentragende, der contraktilen
blindendigenden Gefässanhänge entbehrenden Segmente.
Hat eine künstliche Theilung stattgefunden, so findet man
häufig Ausnahmen von dieser ziemlich allgemein geltenden
Regel, und zwar in der Art, dass namentlich bei kleinen
Theilstücken von nur wenigen Segmenten, die Anzahl der
borstentragenden Kopfsegmente verringert wird. Ob mit der
Zeit nicht auch hier noch die normale Zahl entsteht, kann
ich für 's erste nicht entscheiden..
Etwas ähnliches, wie es sich hier bei Lunibriculus
findet, ist ja schon vor einiger Zeit bei den Naiden ver-
muthet worden, nämlich eine die früheren Angaben über-
steigende Anzahl von Segmenten, die in die Bildung des
Kopfes eingehen. Eine Schwierigkeit bietet sich allerdings
der Annahme dar, dass bei Lunibriculus alle 10 (9) Segmente
Kopfsegmente sein sollen, in sofern als in dem neunten dieser
schon ein Theil des Geschlechtsapparates liegt. Die männ-
lichen „Geschlechtspori" münden dort aus. Es bleibt die
Frage also einstweilen noch offen, wie dies mit einander
zu versöhnen sei. Ebenso muss ich bis jetzt unentschieden
lassen, wie es sich mit den Geschlechtsverhältnissen über-
haupt macht, ob hier vielleicht etwas ähnliches wie ein
Generationswechsel zu verzeichnen ist oder nicht. In wie-
fern nämlich die freiwillige und künstliche Theilung auf
die Entstehung und Ablegung von Geschlechtsprodukten
einwirkt, ist mir bis jetzt noch nicht gelungen aufzuklären.
Möglich wäre es ja, dass geschlechtslose Zwischenstufen
Archiv f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 3
34 C. Bülow:
aufträten oder aber nur bestimmte Theilstücke zu
geschlecbtsreifen Thieren beranwaebsen könnten, also
Gescblechtsorgane bildeten, wäbrend die übrigen nur auf
ungeschlecbtlicbem Wege sieb fortpflanzten und erst nacb
einer bestimmten oder unbestimmten Anzabl von Gene-
rationen wieder Thiere lieferten, die sich geschlecbtlicb
zu vermehren im Stande wären. Natürlich bedürfte eine
solche Arbeit einer langen Zeit, sollte sie zu einem wirk-
lich unzweifelhaften Resultat führen, würde aber sicher
auch sehr lohnend sein. Aus meinen Versuchen geht noch
nirgends mit unzweifelhafter Sicherheit hervor, ob dies
oder jenes Thier Generationsorgane angelegt habe oder
nicht.
Schneidet man von den Kopfsegmenten eine bestimmte
Zahl, die man leicht an den Borsten controlliren kann, ab,
so entstehen immer gerade so viel Segmente wieder, wie
entfernt wurden, keins mehr keins weniger. Sind z. B.
fünf weggeschnitten, so werden fünf regeuerirt, sind 3 weg-
geschnitten so entstehen wieder drei u. s. f. Die abge-
schnittenen Segmente sind nicht lebensfähig. Schon Bounet
bemerkt es von dem ersten und letzten Theil des Wurmes
und vermuthet wohl ganz richtig, dass dies in der ab-
weichenden Beschaffenheit „der grossen Arterie** seinen
Grund haben möge. Sind dagegen nur anderthalb oder
zwei Segmente des Körpers ausser den Kopfsegmenten
an dem abgeschnittenen Stück, so kann man bei einiger-
massen sorgfältiger Pflege sicher sein, dass nicht nur ein
beschränktes Weiterleben, sondern auch eine Regeneration
des Schwanzes statthaben wird, wenn anders nicht gewisse
Unregelmässigkeiten bei der Entwicklung auftreten. So
kann es vorkommen, dass kein Schwanz entsteht, sondern
an seiner Statt eine Anschwellung. Durch einen operativen
Eingriff kann man meist nachhelfen.
Dieses verschiedene Verhalten der 10 (9) vorderen
Segmente gegenüber den darauf folgenden muss doch
unbedingt dazu Anlass geben, den „Kopfsegmenten" eine
andere Stellung einzuräumen als den Segmenten des übrigen
Körpers und wird wohl dazu beitragen, jenen Namen
rechtfertigen zu helfen. Entscheidend kann auch hier nur
tJeber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 35
der comperativ histologisch geführte Beweis sein, indem
man die Entstehung des regenerirten Kopfes mit der
embryonalen Entwicklung vergleicht. So viel ist ganz
sicher, dass die Neubildung des Schlundringes sowie des
Bauchnervenstranges vieles mit der Entstehung aus dem
Ei wird gemeinsam haben, ob aber im Kopfkeimstreifen
des Embryos sich jene Anzahl von Segmenten findet, kann
ich nicht entscheiden, da mir hierüber noch keine Präparate
zur Verfügung stehen; findet sie sich nicht, nun so bin ich
gerne bereit, den Namen wieder fallen zu lassen und die
nothwendigen Aenderungen vorzunehmen.
Was die Begutachtung der Experimente Bonnet's
anbetrifft, so habe ich schon Gelegenheit gehabt die grosse
Exaktheit des Forschers zu rühmen.
Die von mir angestellten Versuche sind im Anhang
genauer beschrieben, und eben da auch die Protokolle
mitgetheilt. Es findet sich immerhin noch einiges wesent-
liche dort, so unter anderem an den betreffenden Stellen
die Beschreibung der Art und Weise der Theilung, wo
eine solche direkt beobachtet wurde. Vor allen Dingen
werden aber dort noch mehr Belege für die ausge-
sprochenen Sätze sein, als ich bisher Gelegenheit hatte
anzuführen.
Wenn wir aber aus dem Vorhergehenden erfahren
haben, dass bei Lumbriculus eine Regeneration sogar des
Kopfes sehr leicht und unbedingt nach einer freiwilligen
Theilung stattfindet, so haben wir wohl unzweifelhafte
Fakta gehört, das ist aber auch alles. Ueber das „Warum"
geben die Beobachtungen keinen Aufschluss, keinen über
die von der Natur in Anwendung gekommenen Kräfte,
die eine solche Regeneration veranlassen.
Alle interessanten Fragen, welche über diese Erschei-
nungen noch zu lösen wären, müssten in der Beantwortung
der folgenden Sätze mehr oder weniger eingehend be-
sprochen werden.
1. Aufweiche Weise kommt eine Regeneration, deren
Resultate für einen Fall geschildert wurden, zu Stande,
und wie erklärt sich eine etwaige Abweichung von der
Regel?'
36 C. Bülow:
2. Ist eine gewisse Gesetzmässigkeit bei den inneren
und äusseren Vorgängen der Regeneration zu registriren,
nicht nur in Bezug auf die verschiedenen Species einer
und derselben Klasse, sondern auch im Vergleich mit den
verschiedenen Repräsentanten verschiedener Typen? (Natür-
lich müsste ein solcher Vergleich überhaupt anzustellen
sein.)
3. Wesshalb gehen Th eilstücke einiger, selbst höber
organisirter Thiere, wie die Würmer, nicht zu Grunde,
sondern vermögen noch Tage ja Wochen lang Lebens-
äusserungen zu thun, oder gar zu regeneriren?
4. Welche Ursachen bewirken die normale Wieder-
entwicklung verloren gegangener Körpertheile, sogar die-
jenige ganzer Thiere aus kleinen Theilstücken?
Darstellung der Vorgänge in den Aquarien.
Die erste zu beschreibende Serie von Beobachtungen
ist angestellt worden, um zu sehen, ob eine freiwillige
Theilung in der Gefangenschaft stattfände, da ein solcher
Vorgang vermuthet werden konnte wegen der ungemein
grossen Zahl regenerirter Thiere, welche man im Veitshöch-
heimer See fand. Eine Bestätigung der Vermuthung wer-
den die Beobachtungen ergeben. Noch einmal will ich
darauf aufmerksam machen, dass alle möglichen Vorsichts-
massregeln angewendet wurden, um dasjenige von den
Thieren fern zu halten, was irgendwie reizend auf sie
einwirken und eine Theilung veranlassen konnte, die dann
im strengsten Sinne des Wortes keine freiwillige mehr
gewesen wäre. Die Lebensbedingungen, in welche die
Thiere versetzt wurden, sind schon angeführt. Die Tem-
peratur des Wassers wurde häufig gemessen und notirt.
Sonnenschein traf die Behälter ab und zu, dagegen hatte
das volle Tageslicht ungehinderten Zutritt, wenn auch
nicht zu allen Gefässen in gleicher Stärke. Die Behälter
wurden mit Nummern bezeichnet, sollen jetzt der Reihe
Ueber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 37
nach vorgeführt, und die Resultate der Vorgänge in ihnen
der Wirklichkeit entsprechend beschrieben werden.
12. Juli, Abends 7. Nr. 1 enthielt 3 Lumbriculi von
einstweilen unbestimmter Grösse. Alle drei besassen schon
regenerirte Schwänze, zwei von ihnen auch wohl regene-
rirte Köpfe. Die regenerirten Schwänze mochten schon aus
dem vorhergehenden Jahre stammen, da sie bei zweien der
Thiere braun, bei dem dritten fast von ähnlicher Farbe waren,
wie sie der übrige Körper aufzuweisen hatte. Diesem
letzten Wurm fehlte aber ein Theil des Schwanzendes, er
hatte indessen schon eine kleine ca. IV2 mm lange Schwanz-
knospe angesetzt, ein Anzeichen, dass entweder eine Thei-
lung stattgefunden hatte oder der Schwanz von einem
feindlichen Individuum dem Thiere war entraubt worden.
Hier Hess sich wohl mit der grössten Wahrscheinlichkeit
sagen, dass früher schon eine Regeneration des Kopfes
stattgefunden habe.
18. Juli, Morgens 9V4. Eins der drei Thiere hatte
sich getheilt und zwar so, dass an dem regenerirten Schwanz-
stück noch 9 alte Segmente sitzen geblieben waren. Die
Theilung musste nicht allzu lange vor der Beobachtung
stattgefunden haben, da, wenngleich das Schwanzende des
Kopfstückes schon vernarbt war, doch das Kopfende des
Schwanzstückes diese Vernarbung noch nicht vollkommen
zeigte. Wahrscheinlich war sie übrigens wohl verzögert
worden durch Theile von Nahrungsballen, die an dieser
Stelle zum Darm heraussahen. Die Länge des Kopfstückes
A'*^ betrug ca. 22/3 cm, während das Schwanzstück B'**
4^4 cm mass. Es hatte somit das Thier vor der Theilung
eine ungefähre Länge von 7 cm gehabt. Die Temperatur
des Wassers betrug 25 V2^ C.
22. Juli, Nachmittags 6V4. Die Kopfknospe des
Schwanzendes B''^ hatte ca. IV2 mm, sie war gut mit Blut
versorgt, wie man an der Röthe derselben sehen konnte.
Ungefähr in der Mitte dieses Theilstückes war abermals
eine Trennung in Bi'** und B^'^ vor sich gegangen, mitten
im Segment, nicht zwischen zwei. Wahrscheinlich war die
Theilung schon in der Nacht erfolgt, da ganz minimale
Regenerationsknospen sowohl am Kopf- wie am Schwanz-
38 C. Bülow:
ende des zweiten B2"' resp. des ersten Stückes Bi'i be-
merkt wurden. Bi'*^ mass 18 mm, B2''^ 22— 25 mm. Tem-
peratur des Wassers 26 V2" C.
23. Juli, Abends 7V2. Die 3 aus einem Thier her-
vorgegangenen Stücke sind im Vorhergehenden der Reihe
nach von vorne nach hinten mit A'**, Bi'-*, Bo''^ bezeichnet
worden. A''^ besitzt also eine Schwanzknospe, Bj'* Kopf-
und Schwanzknospe und Be"^ Kopfknospe. Es ist zu be-
merken, dass schon eine Kothentleerung aus Bi"' beobachtet
wurde, wenngleich die, Schwanzknospe erst ca. 2 Tage
alt war. Natürlicherweise mussten die Faeces von Nahrungs-
ballen herstammen, die das Thier aufgenommen hatte, be-
vor es sich theilte; denn unmöglich kann angenommen
werden, dass die Kopf knospe schon soweit ausgebildet ist,
um zum Fressen tauglich zu sein.
28. Juli, Nachmittags 6^4. Einer der zwei anderen
noch unversehrten Lumbriculi, derjenige mit wahrscheinlich
uuregenerirtem Kopf aber mit regenerirtem Schwanz hat
sich vor kurzem getheilt ; es haben die durch die Theilung
erzeugten Enden der beiden Stücke noch ein etwas von
der Farbe des übrigen Körpers abweichendes Aussehen,
wennschon die Wunden sich völlig geschlossen haben.
Die Theilung hatte im Segment stattgefunden, und zwar
so, dass an A"'^ noch 13 Segmente von primär regenerirtem
Gewebe ansitzen. Das zweite Stück B"*^ muss demnach
vollkommen aus primärem Regenerationsgewebe bestehen;
es hat eine Länge von ca. 4V2 cm, A"'^ eine solche von
ca. 374, so dass also das ganze Thier, da die Masse stets
bei ausgestrecktem Zustande genommen wurden, ungefähr
7V2cm Länge im Maximum der Dehnung hatten. Tempe-
ratur des Wassers 22^ C.
1. August, Morgens 9V4. Das aus regenerirtem Ge-
webe bestehende Stück B'"» des Thieres (A B) IL Nr. 1,
welches sich am 28. Juli getheilt hatte, hat sich abermals
in 2 Stücke zerlegt, von denen das erste Bi""' 15 — 16 mm,
das zweite oder dasjenige, welches das natürliche Schwanz-
ende besass, B-i''^ 25 — 27mm laug war. Die Theilung
hatte im ersten Drittel eines Segments stattgefunden.
4. August. Eins der Thiere, das letzgenannte Schwanz-
Ueber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 39
ende B2"* ist durch einen Zufall, nicht durch Krankheit,
zu Grunde gegangen.
7. August. Das Thier, welches als Vordertheil aus
der am 18. Juli stattgehabten Theiluug von (A B) I. Nr. 1
hervorgegangen war, also A'*' hatte sich wahrscheinlich
schon am Tage vorher, also am 6. August getheilt, da
das vordere Theilstück Ai'** ebenso wie das hintere A2'''
schon eine kleine Schwanz- resp. Kopfknospe getrieben
hatte. A2''' hatte sich nochmals getheilt, so dass aus A"*
also 3 Thiere entstanden sind: Ai"^ A3"* und A4'** (cf.
Tabelle). Ai'** bestand bis auf den früher bereits schon
regenerirten Kopf und die junge Schwauzknospe aus altem
Gewebe. Länge 29 mm. As'** hatte 16 oder 17 alte Seg-
mente, der übrige Theil war primäres Regenerationsgewebe.
Das Stück mass 17 mm, von denen 7 mm von dem alten
Gewebe eingenommen wurden. Das Schwanzende A/** hatte
selbstverständlich nur neues Gewebe und eine Länge von
22— 23 mm. Temperatur des Wassers: 26^0.
16. August, Mittags 12-74. Wohl am Tage vorher hat
sich ein Thier mit wahrscheinlich unregenerirtem Kopf,
in diesem Fall also Theilthier A"** des Thieres (A B) IL
Nr. 1 in zwei Stücke zerlegt. Es sind an den betreffenden
Stellen schon Schwanz- resp. Kopfknospe vorhanden.
Nennen wir diese Stücke wieder Ai"** und A2"'S so ist
noch zu bemerken, dass A2'"* ~ es besteht vollkommen aus
regenerirtem Gewebe — sich nochmals in die zwei Stücke
A3'"* und A4"** zerbrochen hat. Ai"** hatte ca. 4*/3 cm,
A3"** ca. 17 mm und A4 "* 26 — 27 mm. Es giebt dies eine
Totallänge des ungetheilten Thieres von 8,6 cm. Ver-
gleichen wir diese Zahl mit der Angabe, welche über die
Grösse des Mutterthieres (AB) IL Nr. 1 von A"** gemacht
wurde, so sehen wir, dass A"** eine Länge erreicht hat,
die jene um ca. 1 cm übersteigt. Die Theilung hatte
jedesmal im Segmente stattgefunden. Temperatur des
Wassers : 21^ C.
Bis zu Anfang Oktober ist eine weitere Theilung
nicht eingetreten. Durch die blosse Beobachtung kann in
Betreff der Geschlechts Verhältnisse noch nichts bestimmtes
ausgesagt werden, wenngleich dem Aussehen nach zu
40 C. Bülow:
urtheilen bei zweien derjenigen Thiere, deren Kopf während
der Zeit des Beobachtens nicht regenerirt war, eine
Anlage der Geschlechtsorgane vor sich zu gehen schien.
Nr. 1. Am 12. Juli wurden 3 Lumbriculi in ein Gefäss
gethan.
Thier (A B) I. Nr. 1.
jF' äm^8. Juli B'-i
Ai"^ 6. Aug. y-^ Bi"i 22. Juli Ba"^
Äs"^ 7. Aug. Ä4'-i
Thier (A B) IL Nr. 1
A^' 28."jüli B"-i
Ai"-il5.Aug. A2"i B"-i 1. Aug. B''
Aa'"^ 16. Aug. A4"-i t am 4. Aug.
Thier (AB)IIL Nr. 1 blieb ungetheilt.
Nr. 2. Am 12. Juli wurden 3 Lumbriculi in ein mit
Nr. 2 bezeichnetes Gefäss gethan. x\lle drei hatten rege-
nerirte Schwänze ; einen regenerirten Kopf konnte man
bei einem mit grosser Wahrscheinlichkeit voraussetzen,
während die Köpfe der übrigen zwei Würmer sicher unre-
generirt waren, oder aber, da man mit mathematischer
Sicherheit in diesen Fällen nichts aussagen kann, man
müsste annehmen, die Regeneration sei vor verhältniss-
mässig langer Zeit erfolgt. Alle Thiere waren völlig ohne
sichtbaren Fehler, ziemlich gross und recht agil. In das
Gefäss wurden ausser den gewöhnlich gegebenen Algen
auch noch Wurzeln hineingethan. Die Temperatur des
Wassers: 23^ C.
18. Juli, Morgens W/i. Das Thier (A B) I. Nr. 2 mit
regenerirtem Kopf und ebensolchem Schwanz hat sich
getheilt in A'-2 und B'^, die Wunden sind gut vernarbt.
Die Theilung ist mitten im Segment eingetreten. Das
Kopfstück misst 3 cm, das Schwanzstück 31/2 cm. B'*- hat
an seinem Vorderende noch 17 alte Segmente. Die Länge
des ganzen Thieres war, wie aus den Angaben folgt, somit
vor der Theilung 6V2 cm.
19. Juli, Morgens QV^. Wenn schon erst ein Tag
lieber Theilunga- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 41
seit der Teilung verflossen ist, so ist doch schon Kopf-
iind Schwanzknospe gebildet worden; aus der Schwanz-
knospe wurde eine Kothentleerung beobachtet.
5. August, Nachmittags 4. Ein zweites Thier (A B)
IL Nr. 2 hat sich ungefähr zwischen zwei Segmenten ge-
theilt. A"*^ besitzt noch 10 primär regenerirte Segmente
und ist ca. 34 mm lang. Das 4 cm lange Schwanzstück
B"'^ besteht ganz aus regenerirtem Gewebe.
16. August. Ein Lumhriculus mit regenerirtem Kopf
und regenerirtem Schwanz hat sich schon vor 2 — 3 Tagen,
der Grösse der Regenerationsknospen nach zu schliessen,
in 2 Theile Ai''^ und A2'*^ zerlegt. Am ersten Stück
sind noch acht neugebildete Segmente sitzen geblieben,
während das zweite Stück vollkommen aus regenerirtem
Gewebe besteht. Die Theilung hatte im Segmente statt-
gefunden. Beide Theilstücke hatten, wie schon bemerkt,
gut unterscheidbare Regenerationsknospen. Jedes dieser
Stücke hatte sich nun wieder getheilt, wohl am Tage vor
der Beobachtung, so dass also aus dem Wurm vier ent-
standen sind: As'*^, A4'*^ As'*^ undAe'*^ As'*^ besitzt natür-
lich den regenerirten Kopf und besteht zum übrigen Theil
aus altem Gewebe, seine Länge ist 22 mm. Von A^''^ sind
über Vs alt, während den letzten Theil die schon bei A'*^
erwähnten 8 neuen Segmente ausmachen. Kopf- und
Schwanzknospe sind angelegt. Grösse des Stückes lV2cm.
As'*^ und Aq'^ bestehen natürlich ganz aus regenerirtem
Gewebe, weil ja das Hinterende von Ai'^ bereits solches
aufzuweisen hatte; getrennt haben sich beide zwischen
zwei Segmenten. As''^ ist IV2 cm, Ae'*^ ca. 22 mm lang.
Auch sind an allen betreffenden Bruchstellen Regenerations-
knospen, wenngleich von verschiedener Grösse. Aus den
Zahlenangaben geht hervor, dass der Ltmibriciilus^ welcher
sich in vier Theile zerlegt hat, aus A''^ gebildet sein muss.
Es sind somit aus dem Thier (A B) I. Nr. 2 im Ganzen
5 Bruchstücke durch freiwillige Theilung entstanden. Bis
zum Anfang des Oktobers hat eine weitere Trennung nicht
verzeichnet werden können, alle Thiere sind vollständig
geworden und bedeutend gewachsen. Temperatur des Was-
sers am 16. August : 2lo C.
42 C. Bülow
In Nr. 2 wurden am 12. Juli 3 Lumbiculi gethan.
Tbier (A B) I. Nr. 2
A^^2 IsTluli B'-2
Ai'-2 13. Aug. Ao'--
Aä"^ 15.Aug. A4"2 A5"2 15.Aug. Ae''^
Tbier (A B) IL Nr. 2
r^^2" sT^Aug! B"'2
Tbier (A B) IIL Nr. 2 blieb ungetbeilt.
In Bebälter Nr. 3 wurden am 12. Juli 3 Lmnhriculi
getban, 2 mit regenerirtem Scbwanz, eins von diesen hatte
aucb einen regeuerirten Kopf, der dritte war obue jeglicbe
Regeneration.
16. Juli, Morgens 9V4. Beim Durcbmustern des Ge-
fässes zeigte sich ein Lumbriculus, und zwar der unter
dem 12. Juli zuletzt genannte, in einem Stadium, das auf
eine baldige Tbeilung scbliessen Hess. Das ganze Tbier
war 7V2 cm lang und batte in einer Entfernung von
3V2 cm vom Vorderende eine leicbte Eiuscbnilrung mit-
ten im Segment. Dort, wo die Eiuscbnilrung am tiefsten
ging, nämlicb auf der Rückenseite, batte sieb ein kleiner
gelbrotber Querstrieb durcb Ansammlung von Blut gebildet.
Da icb vermutbete, dass wobl baldigst eine Tbeilung ein-
treten wairde, wurden, um genauer beobacbten zu können,
die übrigen Tbiere sammt dem Futter vorsichtig aus dem
Gefäss entfernt, wobei jede Erscbütterung mögliebst ver-
mieden wurde, damit nicht ein Reiz die etwa folgende
Tbeilung beschleunige. Die Einschnürung ging von beiden
Seiten gleich weit zur Mittellinie hin, von der Seite be-
trachtet war sie, wie schon angemerkt, auf dem Rücken
am tiefsten. Der Blutstrom lief 10^/2 Uhr noch ununter-
brochen durcb das ganze Rückengefäss, es batte somit
weder der nach vorne gelegene Tbeil, noch der hintere
seine eigenen Contraktionswellen. Die Dicke der Ein-
schnürungsstelle betrug etwas weniger als ^/a des Quer-
durchmessers des übrigen Tbieres. Gegen 10^4 wurde
zuerst eine Ungleichheit in den Blutwellen bemerkt; zwar
ging die vom Scbwanz kommende noch vollkommen durcb,
Ueber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 43
daneben aber ging eine selbstständige von der Einschnü-
rungsstelle aus zum Kopf hin, deutlicher noch war dies
um 11 Vi herum zu bemerken. Das betreffende contrahirte
Segment war missfarben grünlich, natürlich jene Stelle aus-
genommen, die von dem Rückengefäss eingenommen wurde.
Zwischen IIV4 und 12 Uhr machte das Thier plötzlich
ohne sichtbaren Anlass einige rasche Bewegungen. Als es
wieder ruhig geworden war sah man, wie sich im Kopf-
theil ungefähr zu Anfang des hinteren Drittels der Länge
eine zweite Einschnürung gebildet hatte. Sie blieb ca.
eine Minute sichtbar^ um darauf wieder zu verschwinden,
ohne irgend welche merkliche Spuren zu hinterlassen.
Dieselbe zuckende Bewegung wurde kurz darauf noch ein-
mal wiederholt, es trat eine gleiche Wirkung ein, indessen
lag die Einschnürung jetzt ungefähr in der Mitte des vor-
deren Theiles. Auch sie wurde nach kurzer Zeit wieder
aufgehoben, während die zuerst beobachtete noch immer in
gleicher Form bestand. V2^U war noch keine weitere Aende-
rung in dem Zustand eingetreten. IV4 wurde abermals eine
neue Einschnürung bemerkt, die indessen auch wieder in
kurzer Zeit verschwand. Sie lag diesmal im hinteren Stück,
drei Segmente von der primären entfernt. IV2 Uhr eine
heftige Bewegung, wiederum von der gleichen Erscheinung
begleitet, diesmal im 17. Segment nach hinten. Nach
anderthalb Minuten hatte der Körper hier abermals seine
normale Form. 1 Uhr 50 Minuten wiederholte sich dasselbe
Experiment noch zweimal mit gleichem Resultat. 2 Uhr 4 Min.
und 2V2 Uhr erfolgten starke Contraktionen, indess ohne
Wirkung auf die primäre Einschnürung auszuüben. Um
zu erfahren, ob das Nervensystem vielleicht irgend welche
Unterbrechung erlitten hätte, wurde das Schwanzende leicht
berührt, worauf das ganze Thier sogleich durch Fortbewe-
gung von der Stelle reagirte. Das contrahirte Segment
war dadurch nicht afficirt worden. 3V2 Uhr ging die Bliit-
welle wieder normaler, auch schien es, als ob die primäre
Einschnürung wieder rückgängig gemacht werden sollte,
da sie nur noch wenig tief ging. Dagegen bemerkte man
jetzt, dass an dieser Stelle die contraktilen Gefässschlingen
zum Theil verschwunden waren. Einige bald folgende
44 C. Bülow:
scliläugelnde Bewegungen brachten scheinbar den alten
Zustand wieder hervor, 3V4 ging die Einschnürung tiefer
als sie je gewesen war, so dass zuletzt eine völlige
Knickung des Körpers eintrat, wenn das Thier eine stärkere
Krümmung seitwärts machte. Von nun an wechselte die
Stärke der Einschnürung ausserordentlich, bald hat es voll-
kommen den Anschein, als ob eine Ausgleichung der Dicke
eintreten wollte, und die betreffende Unregelmässigkeit
wieder ausgeglichen werden solle, dann plötzlich tritt sie
durch einige Contraktionen aufs Neue deutlich hervor.
Gegen 5*/2 wurde das Thier einige Male leicht berührt
ohne irgendwie bemerkenswerthe Resultate, es reagirte
einfach durch Bewegung. 6V2 wurden die Algen in das
Aquarium zurückgethan, da allmählich die Hoffnung
schwand eine sich vollziehende Theilung zu beobachten.
8^/1 ist die Einschnürung fast unmerklich geworden, und
gegen 9 wird sie nur noch durch eine helle Stelle im
Segment und den erwähnten Querstrich im Rückengefäss
bezeichnet.
Am nächsten Morgen ist das betreffende Segment noch
heller geworden, namentlich die linke Seite, und zwar
derart, dass man das Bauchgefäss durchschimmern sieht;
es ist sogar statt der Einschnürung eine leichte Ausbuch-
tung aufgetreten.
In demselben Behälter ist noch vom 16. Juli eine voll-
zogene Theilung zu constatiren. Das Kopfstück hat eine
Länge von ca. 2^4 cm. Sein Vordertheil ist unregenerirt,
am Hinterende sitzen noch 9 neue Segmente. Das Stück
B'*^ war vollkommen aus Regenerationsgeweben gebildet.
Es hatte eine Länge von ungefähr 3^4 cm. Das ungetheilte
Thier hatte somit ca. 6V2 cm gemessen.
17. Juli. Beide Theilstücke vom vorhergehenden Tage
hatten Regenerationsknospen angesetzt; im Uebrigen war
äusserlich an beiden nichts merkwürdiges aufgetreten. B''^
lag wie A'--^ in den Algen verborgen. Zuerst durch Be-
rührung der Algen, als dies aber keine Wirkung hatte,
durch leises Berühren des Thieres B"» selbst wurde der
Versuch gemacht es zum Verlassen seines Versteckes zu
bewegen. Es gelang auf diese Weise sogleich, das Thier
lieber Theilungs- und Regenerations Vorgänge bei Würmern etc. 45
kroch hervor. Kaum war es im freien Wasser angelaugt,
als eine schnelle, zuckende Bewegung eine Unregelmässig-
keit in den Segmenten hervorbrachte, welcher Art indess,
kann nicht genauer angegeben werden, da Bewegungen
die exakte Beobachtung verhinderten. Bald folgten unge-
mein rasche Schlängelungen, wie man sie sonst bei diesen
Thieren nicht zu sehen bekommt, ohne Fortschritt vom
Fleck, am besten bezeichnet man sie wohl mit dem Worte
Knäuelung. Es war nämlich das Thier einige Augenblicke
vollkommen in einander verwickelt, dann erfolgte eine
Auflösung des Knäuels, der unmittelbar dasselbe Experiment
folgte, diesmal wie es schien energischer; denn als sich
nun der in einander geschlängelte und verwickelte Körper
wieder entrollte, war das Thier zerrissen, es hatte sich
somit durch eigene Kraftanstrengung getheilt. Das vordere
Stück mass 12 mm, das hintere Schwanzende 26 mm. Un-
gestüme Bewegungen traten nicht mehr auf, beide Theile
krochen nach kurzer Zeit in die Algen zurück.
Ich gebe hier gerne zu, dass man die soeben be-
schriebene Theilung als nicht freiwillig im strengsten Sinne
des Wortes bezeichnen kann, da nicht zu entscheiden ist,
ob nicht doch vielleicht die leise Berührung den Anlass
dazu gegeben hat, indessen bin ich sehr geneigt anzunehmen,
dass das Thier, wenn ich so sagen darf, zur Theilung
neigte, und dass die Berührung vielleicht den Anlass gab,
um diese Absicht zur That werden zu lassen. Denn wie
häufig habe ich bei anderen Gelegenheiten Lumhriciäi in
allen möglichen Grössen und allen möglichen Stadien der
Ausbildung berührt, und sicher oft weit derber als es hier
der Fall war, ohne dass eine solche Wirkung eingetreten
wäre! Doch auch angenommen die Berührung wäre der
unmittelbare Anlass zur Theilung gewesen, so haben wir
doch immerhin eine Art und Weise kennen gelernt, wie
sich diese Thiere selbst zerlegen.
18. Juli. Die beiden Theilstücke Bi"^ und Ba''^ des
Schwanzes B'*-^ haben kleine Regenerationsknospen an-
gesetzt.
3. August, Ein vollständiges Thier ohne Regenerations-
gewebe hat sich in der Mitte eines Se^-ments zerlest. Das
46 C. Bülow:
Vorderstück A"-^ misst ca. 33/4— 4 cm, das Schwanzstück
B'^*^ ca. 4 cm. Jenes zeigt eine der schon häufiger be-
obachteten Einschnürungen in ziemlich starker Ausbildung.
5. August. Das Kopfstück A"*^ hat sich noch einmal
halbirt, jedoch nicht in dem damals eingeschnürten Seg-
ment. Die Schwanzknospe von A"*^ ist ca. V4 mm, die
Kopfknospe von B"'^ V2 mm lang. Theilsttick Ai"'^ mit
dem alten Kopf misst ca. 22 mm, Theilstück A2 17— 18 mm.
8. August. Ungefähr 4 mm von der äussersten Spitze
des Schwanzendes von B" •'^ wurde linksseitig eine bis zum
Rückengefäss gehende Einschnürung bemerkt; der Blutstrom
läuft hier nicht ganz regelmässig. Der geringen Eijtfernung
vom After wegen scheint mir die Einschnürung, zumal sie
auch nur einseitig ist, nicht durch den Willen des Thieres
selbst erzeugt zu sein. Am nächsten Tag hat sie sich fast
vollkommen aufgehoben, man findet kaum die Stelle wieder,
sie ist nur an ihrer grösseren Durchscheinbarkeit sichtbar.
Theilungen sind bis zum Oktober nicht mehr zu verzeich-
nen; alle Thiere sind bedeutend gewachsen.
In Nr. 3 wurden am 12. Juli 3 Lumbriculi gethan.
Thier (A B) L Nr. 3
A'-3 16."juli B'-3
Bi'-3 17. Juli Bg
Thier (A B) IL Nr. 3
A"-^ 3. Aug. B"-3
a7^^ 5? Aug. As"-^
Thier (A B) III. Nr. 3
, '^ ,
blieb ungetheilt.
Nr. 4 enthielt am 12. Juli 3 scheinbar vollständige
Luinhriadi, nur in einem Fall konnte ein gelinder Zweifel
obwalten, ob vielleicht nicht doch der eine Kopf regenerirt
sei. Temperatur des Wassers 23'^ C.
Eins der vollkommen unregenerirt gebliebenen Thiere
hatte sich am 15. Juli, entschieden kurz vor der Beobach-
tung, getheilt. Das Kopfstück A''^ hatte eine Länge von
ca. 26 -27 mm, sein Hinterende war vollkommen vernarbt,
dagegen zeigte der Vordertheil des ca. 3V2 cm langen
lieber Theilnn^s- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 47
Schwanzstückes die deutlichsten Spuren einer noch nicht
lange überstandenen Theilung. (Das ungetheilte Thier
hatte im Maximum der Streckung eine ungefähre Länge
von 31—32 mm gehabt.) An dem Vorderende von B'"'* sass
nämlich, verbunden durch einen dünneren Stiel, ein patho-
logisch verändertes Segment in Kugelform. Pathologisch
verändert möchte ich es einestheils schon wegen seiner
entschieden grünlichen Farbe nennen, dann aber auch
wegen seiner Form. Einen gewissen Antheil an der Thei-
lung wird ebenso wohl das zweite tief eingeschnürte Seg-
ment genommen haben.
Lag das Theilstück auf der Seite, so zeigte sich die
Einschnürung besonders tiefgehend von der Rückenseite
zum Bauch hin. Vielleicht stand das Rückengefäss dieses
Segments noch mit dem des übrigen Körpers zusammen,
da man deutlich hin und wieder das Blut aus ihm ver-
schwinden sah; im entgegengesetzten Fall, der indess auch
so ohne weiteres nicht von der Hand zu weisen ist, müsste
man annehmen, um diese Erscheinung zu erklären, dass
jenes abgeschnürte Segment eine selbständige Contraktions-
fähigkeit seines Hauptblutgefässes sich bewahrt habe. Nicht
so gar selten streckte sich allein das kugelige Segment
sammt der Einschnürung bedeutend, um gleich darauf wieder
eng an den übrigen Körper herangezogen zu werden.
Dabei nahm das kugelige erste Segment die sphaeroidische
Gestalt an. Die vordere Fläche des ersten Segments war
gut abgerundet und ebenso gut vernarbt wie die hintere
des Kopftheilsttickes A''*. Nach Verlauf einer Stunde
ging noch das Bauchgefäss, somit auch wohl der Bauch-
strang des Nervensystems ununterbochen in das abge-
schnürte Segment über. Es schien, als ob dies kleiner
geworden sei. Die Bewegungen des Theilthieres sind nicht
übermässig ungestüm, sondern es verhält sich im Allge-
meinen recht ruhig. Macht das Vorderende Bewegungen,
so sind sie ziemlich ähnlich denen, die ein seines Kopfes
nicht entbehrender Lumbriculus macht, d. h. er wird beim
Fortkriechen theils als Stütze gebraucht, theils aber auch,
um, mit den Borsten wenn möglich sich festhaltend, den
übrigen Körper bequem nachziehen zu können. Zwischen
48 C. Bülow:
ganz wenig Wurzeln liegend verharrt das Tliier lange Zeit
ohne diese Stelle wesentlich zu verändern. Vom Anfang
der Beobachtungen an waren die Bewegungen zum Zwecke
des Weiterkriechens ziemlich sicher, d. h. es blieb für ge-
wöhnlich die Rückenseite oben, nur hin und wieder, relativ
selten, legte es sich auf die Seite oder gar auf den Rücken,
wie dies sonst so allgemein, namentlich bei den Schwanz-
enden künstlich getheilter Lumhriculi beobachtet wird.
12 Uhr setzte sich der Blutstrom deutlich in das abge-
schnürte Segment fort. An der Bauchseite ist diese Ein-
schnürung nur sehr gering. Was nun das fernere Schicksal
der abgeschnürten Segmente anbetrifft, so sind theoretisch
betrachtet drei Möglichkeiten zu verzeichnen. 1) Es wird
entweder ganz abgeschnürt und vergeht dann. 2) Die
Einschnürung wird wieder aufgehoben und somit das erste
Segment dem übrigen Körper auf's neue eingereiht, oder
3) es kann resorbirt und dann vielleicht mit zum Aufbau
der Regenerationsknospe verwendet werden. Wenn wir
diese drei Möglichkeiten auf ihre Zweckmässigkeit hin in
descendenztheoretischem Sinne prüfen, so müssen wir den
zwei letzten vor der letzten den Vorzug geben, schon
allein desshalb, weil so eine entschiedene Ersparniss an
Material von Seiten der Natur zu constatiren wäre, und
überall sehen wir, dass sie sich bemüht möglichst viel mit
möglichst geringen und einfachen Mitteln zu erzeugen. Es
würde sich nun weiter fragen, welches ist der einfachste
und am schnellsten zum Ziele führende Weg für den vor-
liegenden Fall? Die weitere Beobachtung wird uns ja
Aufschi uss darüber geben, um ihr aber vorzugreifen, möchte
ich als die zweckentsprechendste Möglichkeit die zweite
im Voraus bezeichnen. Wozu aber diente denn jene Ein-
schnürung, warum entstand sie wohl? Vielleicht um hier
eine Stauung des Blutes zu veranlassen und das vordere
Segment dadurch in der Weise zu afficiren, dass es zu
einer Theilung geeigneter wurde?
Mittags 1 Uhr bemerkte man schon ziemlich deutlich,
dass der vorausgesehene Fall aller Wahrscheinlichkeit nach
eintreten werde, da die Stelle, die das kugelige erste
Segment mit dem übrigen verband, an Dicke beträchtlich
Ueber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 49
zugenommen hatte. Bei Loupenvergrösseriing sah man jetzt
deutlich, dass der früher vollkommen kugelige Theil mit
Einschluss der Einschnürung zwei Segmente in Anspruch
genommen hatte und ferner, dass diese zwei ihre eigenen
Contraktionen des Rückengefässes hatten, daneben aber
setzte sich auch in sie hinein die vom Hinterende kom-
mende Welle fort; meistens lag eine vollständige Contraktion
zwischen einer jeden solchen, so dass also die kurze vor-
dere Strecke des Butgefässes noch einmal so schnell pulsirte,
als der übrige Gefässstamm. IV2 Uhr war die Einschnü-
rung noch geringer; an ihre Stelle war ein helleres Ge-
webe getreten, die contraktilen Gefässanhänge waren theil-
weise verschwunden. In dem Verhalten der Blutwelle hatte
sich wenig geändert. Das Kopfende des Schwanzstückes
war von dem Theil e ines Segmentes begrenzt. Um 2 war
die Einschnürung, wenn sich das Thier ruhig verhielt, nur
noch schwach augedeutet, trat aber bei Bewegungen wieder
stärker hervor. 3V4 konnte sich das erste Segment noch
selbstständig contrahiren, auch setzte sich noch immer die
Blutwelle des übrigen Körpers bis hier fort, wenn kurz
vorher eine selbstständige von da nach vorne ausgegangen
war. Nachmittags 6 Uhr konnte man von einer Einschnü-
rung nichts mehr bemerken; die Ungleichheit der Blut-
wellen in dem ersten Segment und dem übrigen ganzen
Körper dauert noch fort.
5. August. Ein zweites ziemlich grosses Thier hat
sich mitten in einem Segment getheilt. Es war dasjenige,
bei dem wir unsicher waren, ob nicht ein Kopf schon
früher neugebildet gewesen sei. Der ganze Körper war
nicht so dunkel pechbraun, wie man ihn sonst bei alten
Thieren zu finden gewohnt ist, somit der Wurm wohl aus
einem abgeworfenen Schwanzende durch Neubildung eines
Kopfes entstanden. Das Vorderende A"** war ca. 3V2 cm,
das Schwanzende B"** 4V2 — 572 cm. Genauer konnte es
nicht gemessen werden, da es ungemein lebhaft war. Das
ungetheilte Thier hätte somit eine Länge von 7,7 — 8,7 cm
gehabt.
7. August. Das Schwanzstück B"* vom 5. August
hat sich wieder in zwei Theile zerlegt, in Bi"'* und B2""*.
Arch. f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 4
50 C. Bülow:
Bi"-^ besitzt schon eine Kopfknospe und hat eine Länge
von 19 mm, Bb"'* misst 3— 3V4cm. Die Theilung war im
Segment vor sich gegangen. Temperatur des Wassers
26» C.
9. August, Nachmittags 7. Dasjenige Thier, welches
sich am 15. Juli in zwei Theile zerspalten hatte (Thier
(A B) I. Nr. 4) konnte abermals und zwar in dem Theil-
stück A'-^ eine vollzogene Trennung seines Körpers in
zwei Stücke A/*^ und Ag'"^ aufweisen. Die Wunden waren
schon vernarbt, die Theilung hatte im Segment stattgefunden.
Das Kopfstück bestand vollkommen aus altem Gewebe und
war ca. 30 mm lang, am Schwanzstück sitzen noch zwei
alte Segmente, die übrigen sind regenerirte. k^'^ mass
33/4 cm. Es hatte demnach das ungetheilte Thier die Total-
länge von ungefähr 6^4 cm erreicht. Das Thier (AB) I. Nr. 4,
von dem dies k^'^ ja abstammte, hatte nur 61—62 mm
gemessen, es war somit in der Grösse von dem aus ihm
durch Theilung und nachfolgende Regeneration entstandenen
übertroffen. Temperatur des Wassers 26^ C.
16. August. Das letzte der drei ursprünglich in das
Aquarium gesetzten Thiere hat sich bis jetzt noch nicht
getheilt; es ist schon sehr gross geworden. An einigen
Stellen hat es zur Zeit der Beobachtung eine unansehn-
liche Färbung angenommen, grünlich abstechend gegen den
übrigen Körper. Dies veränderte Aussehen zeigte nament-
lich das letzte Ende des Wurmes — es war zu gleicher
Zeit stark aufgetrieben — und die Stellen zu Beginn des
3. und 4. Viertels von der Länge des Thieres. Hin und
wieder wurden spontan auftretende Einschnürungen in ein-
zelnen Segmenten bemerkt, die aber alle nur von kurzer
Dauer waren. 6V2 Uhr sind jegliche Unregelmässigkeiten
in dem Bau und der Farbe des Lumbriculus verschwunden.
Bis zum Anfang Oktober ist keine weitere freiwillige
Theilung zu verzeichnen; die verstümmelten Stücke sind
wie wohl kaum erwähnt zu werden braucht, zu ganzen
Thieren ausgewachsen und haben sich dabei bedeutend ver-
grössert.
Nr. 4 enthielt am 12. Juli 3 ausgewachsene Lum-
hriculi.
Ueber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 51
Tbier (AB)L Nr.4
Aa'-* 9. Aug. A2'"'
Tbier (A B) IL Nr. 4
K^"^ öTAug! B
//.4
Bi"-4 7. Aug. B2""»
Tbier (A B) III. Nr. 4
blieb ungetbeilt
Gefäss Nr. 5 entbleit am 13. Juli 3 Lumhriculiy zwei
davon mit regenerirtem Scbwanz, eins dieser aucb mit eben-
solcbem Kopf; das dritte Tbier batte sieb, wobl sebon vor
langer Zeit, zweimal regenerirt, indess untersebieden sieb
das primär und das secundär gebildete Gewebe nur wenig
von dem des ersten Tbeiles des Körpers. Als Nabrung
erbielten sie nur Algen. Temperatur des Wassers 2372^ C.
16. Juli, Das Tbier [(A B) I. Nr. 5J mit unregene-
rirtem Kopf aber regenerirtem Scbwanz batte sieb getbeilt.
Das Kopfstück A"^ war ca. 274 cm lang, das Scbwanzstück
B"^ 3V4 cm, so dass die ganze Länge des Tbieres (A B) L
Nr. 5 vor derTbeilung 572 cm betragen batte. Unmittelbar
vor der Beobacbtung musste die Zerreissung des Lum-
hriculus erfolgt sein, vielleicbt durcb die unvermeidlicbe
geringe Erscbütterung des Gefässes veranlasst, welcbe beim
Herunternebmen von seinem Platz unvermeidlicb ist, da
nämlicb weder bei A'*^ nocb bei B'*^ scbon ein Scbluss der
Wundränder erfolgt war, der docb bei künstlicber Tbeilung
nacb wenigen Minuten einzutreten pflegt. Aus dem Hinter-
ende von A"^ traten nocb einige Faeces bervor, es bestand
ganz aus altem Gewebe, wäbrend B'*^ nur 7 solcbe Seg-
mente besass, der übrige Tbeil war regenerirt.
Wäbrend der Beobacbtung scblossen sieb die Wunden.
Eine Einscbnürung binter dem ersten Segment von B"^
batte nicbt stattgefunden. Die Temperatur des Wassers
betrug 28 72^ C.
18. Juli. Die Tbeilstücke des Tbieres (A B) L Nr. 5:
A''^ und B''^, welcbes sieb am 16. Juli zerlegt batte, waren
heute scbon mit sebr deutlicber Scbwanz- resp. Kopfknospe
52 C. Bülow:
versehen. Erstere mass ca. 1 mm, letztere 2/3 mm. Im Stück
B'*^ war wohl schon in der Nacht eine neue Theilung in
zwei Stücke eingetreten, die wir Bi'*^ und ßg'"^ nennen
wollen; Bi'*^ war ca. 13 mm, B2'-^ 2V4— 2V3 cm lang. Die
Wunden waren gut vernarbt, die Trennung war im Seg-
ment erfolgt. Temperatur des Wassers 26» C.
5. August. Es sei hier bemerkt, dass die Temperatur
des Wassers in allen Aquarien 25V2^ C. betrug.
Ein Thier mit regenerirtem Kopf und regenerirtem
Schwanz hat sich in A"*^ und B"-^ getheilt. A"-^ ist ca.
3 cm lang und besteht mit Ausnahme des Kopfes ganz aus
altem Gewebe; B"*^ hat nur 14 alte Segmente, der Rest ist
neu, es misst 4V2 cm. Das ungetheilte Thier hatte somit
eine Grösse von l^U cm gehabt.
7. August, Morgens IIV2. Stück B""^ hat sich in
2Theile Bi'"^ und Bg''*^ zerlegt; die Theilung war zwischen
2 Segmenten erfolgt. Bi"-^ war 18—19 mm, B2" ^ nur aus
Regenerationsgeweben bestehend, 2V4— 2V2cm.
16. August. Es haben sich zwei Thiere getheilt, von
denen der eine Lumbriculus (A B) III. Nr. 5 ist. Stück
A'"*^ dieses Thieres besteht zum grössten Theil aus
ursprünglichem Gewebe ; es hat eine Länge von ca. 3 cm
B'"-^ hat noch 2 Segmente primär regenerirten Gewebes,
das übrige ist neueren Datums. Die Grösse von B"'*^ ist
3V4 cm. (A B) III. Nr. 5 mass somit im Maximum der
Streckung vor dem 16. August 6V4 cm. Bei der Theilung
schienen mehrere Segmente in Mitleidenschaft gezogen zu
sein, da das erste unversehrte des Schwanzendes B'"'^ sich
von den übrigen Segmenten durch Farbe und Gestalt ab-
setzte. Auf das fünfte Segment folgte eine Einbuchtung,
die wohl durch Einschürung bei der Theilung entstanden
sein mag.
Das zweite Thier, welches sich zerrissen hatte, besass
auch einen unregenerirten Schwanz. Aus ihm waren Ai'*^
und Ag''^ entstanden, Ai'*^ mit vier regenerirten Segmenten
am Hinterende, A2'^ ganz regenerirt; ersteres war ca.
24 mm, letzteres ca. 31 mm. Aus diesen Angaben entnehmen
wir, dass das ungetheilte Thier, welches eine Länge von
56 mm besessen hatte, aus A'-^, dem ersten Theilstück des
üeber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc 53
Thieres (AB) I. Nr. 5 entstanden war. Es hatte somit
ungefähr dieselbe Grösse erlangt, wie sie das Mutterthier
besass (55 mm). Ai'*^, welches die Algen nicht verlassen
wollte, zeigte sich, als es durch leichte Berührung dazu
veranlasst wurde, ungemein agil. Es machte kurze Zeit
die diesen Würmern zukommenden eigenthümlichen
Schwimmbewegungen, die darin bestehen, dass der Körper
in Form einer Drahtspirale mit weiten Windungen aufge-
rollt wird, eine plötzliche Geradstreckung schnellt ihn dann
eine kleine Strecke vorwärts, das spiralige Zusammenrollen
beginnt von neuem etc.
Als es sich so ein Stückchen weiter bewegt hatte,
knäuelte sich das Thier, wie weiter oben schon einmal
beschrieben wurde, plötzlich auf, kurz darauf folgte ein
Wiederaufrollen. Noch hatte keine Theilung stattgefunden,
wie ich vermuthete, wohl aber wurde eine starke Ein-
schnürung in einem Segment bemerkt. So blieb das Thier
ruhig liegen. Eine nochmalige leise Berührung, ausgeführt
um zu sehen, wie bei der etwa erfolgenden Streckung und
Contraktion diese Einschnürung sich verhalten werde, be-
wirkte ein sofort eintretendes abermaliges Aufknäueln und
wie sich beim Entwirren der in einander gewickelten
Masse des Thierkörpers zeigte, eine Trennung in zwei
ungefähr gleiche Theile As*'^ und A^'*^. Wenige Augen-
blicke noch machte das Kopfende lebhafte Bewegungen,
dann beruhigte es sich wieder. Das Schwanzende Aa'"^ war
von vorne herein scheinbar durch die Theilung nicht
afficirt worden. Das äussere Verhalten beider war über-
haupt vollständig das gleiche, wie man es zu sehen ge-
wohnt ist, wenn ein Thier künstlich in zwei Stücke zer-
legt wird. As'*^ hat 14 mm, A4"^ 13 mm. Bis Ende Sep-
tember sind noch alle am Leben und beträchtlich ge-
wachsen.
In Nr. 5 befanden sich am 13. Juli 3 Lumbriculi.
Thier (AB) I. Nr. 5
A^^^ liT Juli ß'-^
Ai'^ 16. Aug. A2"5 B/-5 18. Juli B2'
Aa'-^ 16. Aug. A4"5
54 C. Bülow:
Thier(AB)ILNr.5
A"-5 5. Aug. B"-^
Bi"-5 B2'''^
Thier (A B) III. Nr 5
k^'> 16^ Aug. B'"-5
Nr. 6. In diesem Gefäss sind zwei Thiere mit rege-
nerirtem Schwanz aber unregenerirtem Kopf; das dritte
hatte nur den Kopf neu gebildet, ist im übrigen aber unre-
generirt. Es wurden Algen und Wurzeln hinzugethan. Die
Temperatur des Wassers betrug 23^2^ C.
18. Juli, Morgens 10 V4. Ein Thier mit regenerirtem
Schwanz zeigte eine Einschnürung. Es wurde der Lum-
hriciäus in dem Behälter belassen und nichts darin geän-
dert, damit nicht etwa diese A ender ung als Ursache der
eventuellen Aufhebung der Einschnürung bezeichnet werden
könnte. Wenige Minuten später trat, durch ein Zucken
des Körpers erzeugt, eine neue Einschnürung kurz vor der
schon vorhandenen auf, die jedoch bald wieder verschwand.
Dieselbe Erscheinung hatten wir schon häufiger zu be-
obachteten Gelegenheit. Es scheint fast, als wenn es voll-
ständig von dem Willen des Thieres abhängig sei, an
einer beliebigen Stelle des Körpers sich einzuengen und
diese Einengung kurz darauf wieder aufzuheben. Wahr-
scheinlich wird dieser Willensakt sogar bis zur Trennung
in mehrere Stücke gesteigert werden können. Der Blut-
strom ging noch ununterbrochen durch den ganzen Körper,
ohne irgend welche Abänderung an der eingeschnürten
Stelle zu erleiden.
In der ganzen Organisation wurde kein weiterer sicht-
barer Fehler bemerkt. IV2 war die betreffende Stelle
ziemlich missfarben geworden, von nun an begann die
Farbe jedoch sich mehr und mehr auszugleichen, so dass
6V4 hieran der Ort der Erscheinung nicht mehr kenntlich
war, nur dadurch zeichnete er sich von dem übrigen Körper
aus, dass er heller war, wohl durch ein theilweises zu
Grunde gehen der mit Leberzellen besetzten Blindschläuche
des Gelasssystems.
lieber Theilungs- und Regeuerationsvorgänge bei Würmern etc. 55
21. Juli. Dasselbe Thier, welches sich am 18. stark
eingeschnürt, die Einschnürung aber wieder aufgehoben
hatte, wurde als in zwei Theile zerlegt gefunden. Das
vordere Stück A"^ mass 23—24 mm, das zweite B"^ unge-
fähr 4V4 cm. Die Theilung hatte sich in einem Segment
vollzogen. A'*^ bestand völlig aus unregenerirtem Gewebe,
B'*^ besass davon noch 21 Abschnitte. Zu bemerken ist,
dass die Einschnürung nicht in dem früher eingeengt ge-
wesenen Segment stattgefunden hat. Die Länge des unge-
theilten Wurmes betrug 6V2 cm.
22. Juli. Schwanzende B'-^ des Thieres (AB)I. Nr. 6
hatte sich fast zwischen zwei Segmenten in die Stücke
Bi'*® und B2''^ getheilt. Bi'*^ hat V/2 cm, 62''^ 3V4cm Länge.
Die vernarbten Enden hatten eine krankhafte grünliche Farbe.
3. August, Abends. Ein Thier (A B) II. Nr. 6 mit
unregenerirtem Kopf, aber regenenerirtem Schwanz hat sich
in der Mitte eines Segments in die Stücke A"-^ und B""^
getheilt. A"'^ bestand mit Ausnahme des letzten Segments
aus altem Gewebe und hatte die Länge von 2^4 cm, B"'^
mass 3^4 cm. Die Wunden waren vernarbt.
5. August, Nachmittags 574. Die Theilstücke A"'^ und
B"-6 vom 3. August haben sich jedes in zwei getheilt. Ai"*^
ist 17 mm lang, A2"'^ 15 — 16. Die Schwanzknospe ist ca. ^4 cm
lang, indessen von abweichender Gestalt. Wir haben hier näm-
lich zwei Schwänze neben einander, eine Missbildung, die
häufiger beobachtet werden kann. Die Stellung der beiden
ist folgende: Der längst und überhaupt best entwickelte
ist der in der Verlängerung der Körperachse liegende. Nach
seitwärts zu, ungefähr zwischen der vertikalen und der
horizontalen Ebene, welche durch den Körper des Thieres
bei normaler Stellung desselben gelegt werden können,
entspringt der zweite kleinere. Bi"*^ misst 15 mm, die
Kopfknospe daran Va mm. Die Theilung ist ungefähr
zwischen zwei Segmenten eingetreten. Die der Theilungs-
stelle zunächst liegenden scheinen b*ei der Trennung in
Mitleidenschaft gezogen zu sein, wie wohl aus der grün-
lichen Farbe sich vermuthen lässt. B2"*^ hat 2V4— 2V2 cm
Länge.
7. August. Die beiden Schwänze von A2""^ sind gut
56 C. Bülow:
gewachsen, auch der seitliche. Der Hauptschwanz ist
kräftig angelegt, seine Grösse ca. IV4 mm, während der
Nebenschwanz noch sehr dünn ist und erst ca. ^k mm
erreicht hat.
8. August. Der Hauptschwanz von A2"*^ zeigt schon
Ringgefässe, der seitliche nicht; er ist noch ebenso dünn
wie am Tage vorher.
Bis zum Oktober sind alle Theilstücke zu vollstän-
digen Würmern ausgebildet und bedeutend gewachsen.
Der Nebenschwanz von A2"'*^ ist verschwunden, der zweite
normalere ist bedeutend länger geworden, ohne irgend
welche Missbildung zu erfahren.
Nr. 6 enthielt am 13. Juni 3 Limibriculi, 2 von ihnen
th eilten sich.
Thier (A B) I. Nr. 6
A^^ 2Wuli B"6
Thier (A B) IL Nr. 6
A'"6 3. Aug. B"-6
0
Ai"-6 5. Aug. Aa"'^ Bi"-6 5. Aug. Bg"*«
Thier (A B) III. Nr. 6
/ s
blieb ungetheilt.
Von den drei in Nr. 7 befindlichen Lumbriculi haben
alle regenerirte Schwänze, einer nur 6 alte Segmente und
dazu einen neuen Kopf. Als Futter waren Algen und
Wurzeln in das Gefäss gethan.
17. Juli, Mittags 12 Uhr. Ein Thier mit regenerirtem
Schwanz wurde in 2 Stücke A'*"^ und B''^ getheilt gefun-
den. A'*"^ ist 3 cm lang, es besteht zum grössten Theil
aus altem Gewebe mit ein paar neuen Segmenten am
Hinterende. Das Schwanzstück B ist 3V2 cm lang und
nur aus primär regenerirtem Gewebe gebildet. Die Thei-
lung hatte im Segment stattgefunden. Beide A"' und B'"^
zusammen messen 6V2 cm.
21. Juli, Nachmittags 4. Das abgeschnürte Schwanz-
ende des Thieres (A B) I. Nr. 7 hat sich noch einmal
getlieilt, doch musste diese Selbstoperation schon am Tage
vorher vor sich gegangen sein, da beide Stücke Bi'*^ und
Ueber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 57
B2''' Schwanz- resp. Kopfknospe gebildet hatten; jene war
ca. V4 mm, diese V2 mm lang. Bi'*'^ mass 17 mm, h/'^
24 mm. Die Theilung war im Segment erfolgt.
30. August. Ein yollkommen regenerirtes Thier zeigte
eine ein Segment umfassende Einschnürung. Auch hier
erfolgte keine Theilung. Ende September sind noch alle
Thiere, ohne dass weitere Theilungen zu verzeichnen
wären, vorhanden, wenn auch natürlich in Grösse und
Ausbildung verschieden von denjenigen des vorhergehenden
Monats.
In Nr. 7 waren am 13. Juli 3 Lumhriculi, nur einer
theilte sich.
Thier (A B) L Nr. 7
A'-7 17. Juli B-''
B/^^^^STAugTBa'-^
Thier (A B) IL Nr. 7
blieb ungetheilt.
Thier (A B) III. Nr. 7
blieb ungetheilt.
Gefäss Nr. 11 wurde mit 4 kleinen Lumhriculi be-
setzt. Der erste war ca. 2 cm laug und hatte regeuerirten
Kopf und regenerirten Schwanz. Der Kopf war erst so
wenig ausgebildet, dass Segmente mit unbewaffnetem Auge
noch nicht zu unterscheiden waren. Die Schwanzregene-
ratiousknospe war noch kürzer als der angelegte Kopf:
(Demnach ist das vorliegende Stück wohl irgend ein Bi
eines getheilten Wurmes.) Thier 2 hatte ca. 31/2 cm Länge
und ebenfalls einen unfertigen Kopf. Thier 3 war 3 cm
gross mit Kopfknospe und regenerirtem Schwanz. Liim-
briculus 4 mass ungefähr 4^4 cm, hatte einen alten Vor-
derkörper, einen alten, regenerirten Schwanz und eine
Schwanzknospe. In den Behälter wurden Algen gethan.
1. August, Morgens 11 V4. Das im Vorhergehenden
unter 4 genannte Thier, jetzt mit (A B) I. Nr. 11 bezeich-
net, hatte sich bedeutend vergrössert. Am 13. Juli mass
es ja nur 2^4 cm. Dicht hinter einer Gefässschlinge war
eine Theilung in die Stücke A'-*» und B"" eingetreten.
58 C. Bülow:
•
A'**^ besteht tbeils aus altem Gewebe, theils ist es primär
regenerirt. Seine Länge ist 27 mm. Stück ß'-" enthält
nur 5 Segmente primären Gewebes, das übrige ist seeundär
regenerirt, es misst 374—3^2 cm. Hiernach berechnet sich
die Grösse des ungetheilten Thieres auf 60— 62 mm; es ist
also in 18 Tagen um ca. 3,5 cm gewachsen.
8. August. Das Schwanzende B'*^^ des Thieres (Aß)
I. Nr. 11 hat sich in zwei Theile zerlegt, Bi'-i^ und B2''**.
Bi'*Ai misst 16— 17 mm, ß^'*^^ 2V2 cm.
Bis zum 12. Oktober hat sich ausser in der Grösse
und der Ausbildung nichts verändert.
In Nr. 11 waren am 13. Juli 4 Würmer, nur einer
von ihnen hat sich getheilt.
Thier (AB) I. Nr. 11
Bi'-ii 8. Aug. B2'"»
Thier (A ß) II. Nr. 11
blieb ungetheilt.
Thier (A ß) III. Nr. 11
blieb ungetheilt.
Thier (AB) IV. Nr. 11
blieb ungetheilt.
Ebenfalls vier Thiere wurden in Nr. 12 gesetzt. 1)
ist ca. 3 cm lang und hat eine Schwanzknospe von V2 mm.
2) misst etwas über 2 cm, es hat eine Kopfknospe von
'V4 mm. Die Länge von 3) beträgt 3V2 cm. Es hat dieser
Lumbriculus einen ausgebildeten regenerirten Kopf. 4) ist
ungefähr 4 cm gross und hat ein Kopfknospe von 74 mm
Länge, einen älteren, wahrscheinlich primär regenerirten
Mitteltheil und einen dann seeundär regenerirten Schwanz.
Das Futter bestand aus Algen und feinen Wurzeln.
14. Juli, Abends 7 Uhr. Das unter 4) näher charak-
terisirte Thier hat sich getheilt in ein vorderes A'-'^ ca.
20 mm langes, mit der jetzt 1 mm grossen Kopfknospe und
in ein Schwanzstück von 27—28 mm. Das Kopfende von
}3'-i2 xv'iYi[ von drei älteren regenerirten Segmenten gebildet,
Ueber Theilungs- uud Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 59
der übrige Theil besteht aus dem zuletzt entstandeneu
Gewebe. Die Wunde ist gut vernarbt, Knospen sind noch
nicht angelegt, doch ist dies schon am Mittag des nächsten
Tages geschehen.
1. August, Morgens. Thier 1), jetzt (A B) IL Nr. 12
bezeichnet, welches ja einen unregenerirten Kopf und am
13. Juli nur eine Schwanzknospe besass, hat sich in die
Theile M"'^^ und B"i2 zerlegt. Die Theilung hat im Seg-
ment stattgefunden. Das Kopfstück ist aus dunkelbraunem
Gewebe gebildet, seine Länge beträgt 30 — 31 mm. Der
Schwanztheil B''^ hat noch ein altes Segment, das übrige
ist primär regenerirt und misst ungefähr 37^ cm. Fast ein
gleiches Wachsthum war, in gleicher Zeit, wenn wir uns
noch einmal daran erinnern wollen, bei Thier (A B) L Nr. 11
zu verzeichnen gewesen.
Eine weitere Theilung hat bei 3), jetzt (AB ) III Nr. 12,
stattgefunden in A""»^ mj^l B"'-i2. K'"'^^^ ist 21 mm lang
und besteht mit Ausnahme des früher regenerirten Kopfes
aus altem Gewebe. Das zweite hintere Theilstück hat 1(5
alte Segmente und eine Länge von 372—3^4 cm. Die Thei-
lung war im Segment eingetreten. Auch hier ist das
Wachsthum des Schwanzes ungefähr gleich dem des TheiL
thieres (AB) L Nr. 11.
4. August, Nachmittags. A""*^ hat eine ca. 2 mm
lange Schwanzknospe; es wurde eine Kothcntleerung be-
obachtet. Die Kopfknospe von B "•^- ist V4 i"iii- Aus dem
After des 172 mm langen neuen Schwanzes A'"'"^ fand
ebenfalls eine Ausleerung von Faeces statt.
Bis zum 12. Oktober sind noch alle Theilthiere am
Leben und gut weiter gewachsen und ausgebildet.
Fassen wir die Resultate, die sich aus den Beobach-
tungen ergeben, kurz zusammen, so haben wir folgendes
Hauptsächliche hervorzuheben.
1. Es findet eine Selbsttheilung des Körpers bei
Lumhriculus statt; sehr häufig trennt sich das Hinterende
oder Schwanzstück noch einmal.
2. Es vermögen diese Thiere sich an beliebigen
Stellen des Körpers einzuschnüren, können auch diese Ein-
schnürungen wieder aufheben. Gingen sie zu weit, so
60 C. Bülow:
erfolgt gewöhnlich eine theilweise Obliteration der con-
traktilen Gefässanhäuge.
3. So weit beobachtet werden konnte, erfolgte nach
einer Theilung stets eine Regeneration. Die Theilthiere
vermögen sogar eine Grösse zu erreichen, welche diejenige
des Mutterthieres übersteigt.
4. Schwanz- und Kopfknospe legten sich bei einer
Temperatur, die nicht unter 21« C. herabsank, in 1—2
Tagen an.
5. Schon in den ersten Tagen wurde Kothentleerung
durch die neue Schwanzknospe hindurch zu wiederholten
Malen bemerkt.
Die nächsten Versuche sind angestellt, um zu sehen,
ob schlecht oder gar nicht genährte Lumhriculi sich auch
theilen. Zu diesem Zweck wurden in ein Gefäss Nr. 8 drei
von diesen Würmern gethan; einer war vollständig, ein
zweiter hatte einen regenerirten Schwanz, der schon recht
dunkel geworden war, der dritte besass ebenfalls einen
regenerirten Schwanz, doch von weit hellerer Farbe, als
es derjenige des zweitgenannten Thieres war. Alle Lum-
hriculi sind ziemlich gross, ungefähr 6 cm. Es wurde kein
Futter in das Aquarium gethan, als Wasser aber gemeines
Brunnenwasser verwandt.
22. Juli. Zwei der Thiere waren aus dem Wasser
herausgekrochen und fast durch Vertrocknen zu Grunde
gegangen; das eine zeigte noch schwache Lebensäusse-
rungen, das andere lebte nur an zwei verschiedenen Stellen
des Körpers.
23. Juli, Abends l^U Uhr. Das erste der herausge-
krochenen Thiere musste sich vollkommen erholt haben,
da es abermals das Wasser verlassen hatte, diesmal aber
dabei vollständig zu Grunde gegangen war ; von dem
zweiten Thier hatte sich ein Stück des Körpers (17 Seg-
mente) erholt, der übrige grösste Theil war leblos.
24. Juli, Morgens. Das letzte noch vollständige Thier
hatte den Behälter verlassen und war durch Eintrocknung
ums Leben gekonnneu. Das Stück von 17 Segmenten lebt
und hat sogar Kopf- und Schwanzregenerationsknospen
Ueber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 61
angesetzt. Die letztere ist zwar die längere, doch ist sie
weit dünner als jene.
Nr. 9 enthielt 3 Lumbriculi von verschiedener Grösse,
alle mit regenerirtem Schwanz. Bei dem einen war das
neue Hintersttick erst 5 mm lang. Futter wurde keins in
das Gefäss gethan.
18. Juli. Das Thier mit dem kleinsten regenerirteu
Schwanz hatte das Wasser verlassen und war an den Glas-
deckel gekrochen; da es jedoch noch von etwas Flüssig-
keit umgeben war, hatte eine Eintrockung noch nicht statt-
gefunden, so dass es, als es wieder ins Wasser zurück-
versetzt wurde, sich benahm, als wenn es dasselbe über-
haupt nicht verlassen gehabt hätte. Am Boden des Ge-
fässes befand sich relativ viel weisser Koth, er bestand
überwiegend aus kohlensaurem Kalk, wie sich leicht durch
Keagentien nachweisen Hess. Bei seiner Auflösung blieben
nur minimale Spuren von organischer Substanz zurück,
vielleicht von Infusorien oder anderen niederen Organismen
herrührend.
Am 29. Juli wurden wieder 2 Thiere an den Wänden
des Gefässes vertrocknet und ohne Leben aufgefunden.
Das Theilstück aus Nr. 8 wurde zu dem einen noch übrig
gebliebenen Thier hinzugesetzt und jenes Gefäss ander-
weitig verwandt.
I.August. Das Stück des Lumbricultts hat eine Länge
von 14 — 15 mm erreicht. In dies ;,Hungeraquarium^^ wurden
noch drei weitere Thiere von möglichster Grösse gethan.
Eins ist bis auf die Schwanzspitze unregenerirt, das zweite
von der Mitte an neu gebildet, das neue Gewebe aber schon
recht dunkel, das dritte hat vielleicht einen regenerirten
Kopf, sicher einen langen nochrothen, reproducirten Schwanz.
Es sind somit jetzt fünf Thiere in dem Behälter.
16. August. Zwei der Thiere sind herausgekrochen und
vollständig vertrocknet, unter ihnen auch das wieder ganz
gewordene Stück aus dem Behälter Nr. 8, Das unter dem
ersten August zuletzt näher beschriebene Thier mit dem
langen regenerirten Schwanz hat sich so getheilt, dass
noch Vs des Vorderthieres A aus neuen Segmenten besteht,
62 C. Bülow:
Die Länge von A ist 2V4 cm, B misst 3— 3V2 cm. Rege-
nerationsknospen sind schon an beiden Theilen angesetzt.
Alle Thiere sind langsam in ihren Bewegungen. Tempe-
ratur des Wassers: 2P C.
Weitere Theilungen können bis Anfang Oktober nicht
constatirt werden, die Thiere sind noch alle am Leben.
Ohne Futter werden auch die 3 Lumhriculi in Nr. 10
gelassen. Der grösste hatte Kopf und Schwanz regenerirt,
die zwei anderen waren klein, nur 3 cm lang; beide be-
sassen am Schwanz eine Regenerationsknospe von ca.
Vä mm Länge.
Am 18. Juli war eins der Thiere herausgekrochen,
konnte aber noch früh genug wieder ins Wasser zurück-
versetzt werden, um am Leben erhalten zu bleiben.
Vom 19. ist das gleiche zu bemerken.
Am 24. wurden zwei vertrocknet an den Gefässwänden
aufgefunden.
Am 5. August ist auch das letzte auf gleiche Weise
zu Grunde gegangen.
Bemerkungen: Von den 12 zur Beobachtung gekom-
menen Individuen, welche ohne Futter während der Zeit
vom 13. Juli bis Anfang Oktober gelassen wurden, hat
sich nur einmal ein Thier getheilt, die überwiegende Zahl
der übrigen hatte die Tendenz die Gefässe zu verlassen;
sie gingen meist bei diesem Versuch zu Grunde.
Die nun folgenden Experimente und Beobachtungen
wurden nur zu dem Zweck gemacht, um die Bonne t'schen
Angaben auf ihre Richtigkeit liin zu prüfen, sie können
indessen nicht Anspruch auf eine ebenso grosse Ausgedehnt-
heit erheben, da hier nur Monate verwandt wurden, während
jener Forscher Jahre dazu verbrauchte.
21. Juni. Die Länge des zum Versuch dienenden
Lumhriciilus betrug ungefähr 9 cm. Er wurde fast in der
Mitte durchgeschnitten. Der erste Theil bewegte sich
unmittelbar nach der im Wasser vorgenommenen Operation
2 — 3 Secunden lang sehr lebhaft, darauf wie wenn nichts
geschehen wäre. Das zweite Stück blieb nach dem Zer-
schneiden vollkommen bewegungslos liegen, dann begann
sich der Schwanz wie tastend hin und her zu schlängeln,
üeber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 63
während das Vorderende dieses Stückes vollkommen ruhig
blieb. Nach einigen Minuten schon begannen sich die
Wunden zu schliessen. Bei der Operation hatte ein kaum
merklicher Blutverlust stattgefunden. Der Schnitt war so
geführt, dass die Mitte eines Segments getroffen war; schon
in den beiden nächstfolgenden Körperabschnitten hatte die
Blutcirkulation ihren gewöhnlichen Verlauf. Nach ungefähr
20 Minuten war der Zustand der Wunden ein solcher, als
wären sie vollkommen vernarbt. Eine besondere Empfind-
lichkeit dieser Stellen konnte nicht bemerkt werden, fast
schien das Gegentheil obzuwalten. Die Bewegungen des
Schwanzes B waren lebhafter, als man sie an ganzen
Thieren bemerken kann, während das vordere kopflose
Ende sich bewegt, ganz wie Bonnet es beschreibt; es ist
indessen noch hinzuzusetzen, dass den Bewegungen in
sofern die Sicherheit mangelt, als das Thier nicht immer
auf dem Bauch weiterschreitet, sondern ab und zu auch
wohl diese oder jene Seite oder gar der Rücken nach
unten zu liegen kommt. Während nach Verlauf von ca.
einer Stunde die Blutwelle im ersten Theil A vom vor-
letzten Segment, dem ersten unversehrten, beginnt, geht
sie in dem zweiten Stück ß bis zu der äussersten Spitze.
Das Wasser hatte 25,5» C.
22. Juni, Morgens 9 Uhr. Das hintere Ende des Thieres
A zeigt sich unverändert, das vordere von B dagegen hat
einen gelbrothen Flecken als Zeichen, dass die Regeneration
bereits ihren Anfang genommen hatte. Die Bewegungen
des Thieres waren jetzt sicher, nicht mehr so hin und her-
schwankend; es blieb die Rückenseite stets nach oben
gerichtet. Temperatur des Wassers 24^ C.
23. Juni, Morgens 9 Uhr. Auch das hintere Ende
von A hat begonnen sich zu regeneriren. Es ist eine
Knospe von ca. 0,3— 0,4 mm von hellgelbem Aussehen ge-
bildet worden. Die Blutwelle nimmt im letzten Segment
ihren Anfang. Der Kopftheil von B ist ebenfalls gewach-
sen, doch nicht in dem Masse wie A. Seine Länge beträgt
0,2— 0,3 mm. Beobachtet man die Thiere auf ebener Fläche
nur in Bezug auf ihre Bewegungen, so kann man zu der
Meinung kommen, vollkommen ausgebildete vor sich zu
64 C. Bülow:
haben. Sind beide Theile in den im Gefäss liegenden
Algenhaufen gekrochen, so bemerkt man wie B gerne mit
dem Schwanz voran sich Bahn bricht, während bei A dies
immer mit dem Kopf geschieht. Temperatur des Wassers
25« C.
24. Juni, Morgens 10 Uhr. Der regenerirte Schwanz
von A niisst 0,9 mm; am reichlichsten mit Blut erfüllt ist
er auf der Rücken- und Bauchfläche, der Lage des Rücken-
und Bauchgefässes entsprechend. Die Blutwelle nimmt
schon in dem ältesten Theil des regenerirten Schwanzes
nahe dem alten Segment ihren Anfang.
Der Kopf von B hat eine Länge von 0,5 mm erreicht,
er wird sehr gut mit Blut versorgt.
26. Juni, Nachmittags 6^4 Uhr. Das Schwanzende
von A ist ca. 2,1 mm lang. Das Thier ist sehr lebhaft.
Die Blutwelle beginnt im neuen Schwanz kurz vor dem
After und geht von da in regelmässigem Tempo durch den
ganzen Körper. Es sind schon Segmente im regenerirten
Stück unterscheidbar an den Gefässschlingen, von denen
sich bereits eine Anzahl gebildet hat. Was das Stück B
anlangt, so ist hiervon zu bemerken, dass es sich in zwei
Theile zerlegt hat, von denen der vordere eine ungefähre
Länge von 1,9 — 2 cm, der hintere eine solche von 3,4—
3,6 cm hat. Die Theilung musste indess schon am Tage
vor der Beobachtung stattgefunden haben; denn beide Theil-
stücke hatten schon Regenerationsknospen angesetzt, das
erste Bi natürlich eine Schwanzknospe, das zweite B2 eine
Kopfknospe. Beide waren wohl gleich lang, indessen noch
nicht messbar gross. So agil wie A waren Bi und B2
nicht, namentlich nicht letzteres. In dem Algenversteck
kroch es immer mit dem Hinterende voran. Der Kopf
von B, war 1,2— 1,3 mm lang. Das Rückengefäss setzt
sich bis zu 2/3 der Länge in diesen Theil fort und bildet
dort eine deutlich erkennbare Schlinge. Der Leydig'sche
Lymphraum ist schon durch seine grössere Helle zu unter-
scheiden. Ein wohl ausgebildeter Mund ist noch nicht
vorhanden.
27. Juni, Nachmittags 6V4 Uhr. Der regenerirte
Schwanz von A ist 3.5 mm. Die Anzahl der deutlich sieht-
lieber Theilungs- und Regeneration svorgänge bei Würmern etc. 65
baren Gefässschlingen hat sich vermehrt. Das regenerirte
Gewebe hat eine hellgelbe Farbe, von der sich die rothe
des Blutes scharf absetzt. Ungefähr zwischen dem ersten
und zweiten Viertel der Länge des Thieres ist ein con-
traktiles Gefäss der linken Seite etwas verkrüppelt, wahr-
scheinlich, wenn wir aus beobachteten Fällen schliessen
dürfen, durch Einschnürung des Körpers an dieser Stelle
und Wiederaufhebung derselben entstanden. Der Kopf von
Bi ist 1,4—1,5 mm und mit deutlichen Gefässschlingen ver-
sehen. Die Schwanzknospe hat ungefähr die gleiche Grösse.
Das Vorderende von B2 hat eine kleine Kopfknospe ange-
setzt; sie ist noch nicht messbar. Temperatur des Wassers:
240 C.
28. Juni 7 Uhr. Schwanz von A 6,2— 6,4 mm. Kopf
von Bi ca. 2 mm, Schwanz 0,7 — 0,8 mm. Mit dem Kopf
vermag es sich schon festzuhalten. Kopf von B2 0,4 — 0,5 mm.
Das ganze Stück 3,5—3,6 cm. Temperatur 22 V2^ C.
30. Juni, Morgens IOV4 Uhr. Es ist abermals eine
Theilung eingetreten in dem schon ziemlich gross gewor-
denen Thier A mit dem unregenerirten Kopf. Die Theilung
war nicht in der Mitte des Thieres vor sich gegangen,
sondern es verhielt sich ungefähr das Kopfstück Ai zum
Schwanzstück A2 wie 3:4. Ai mass 2,9 cm, A2 4 cm. Die
Zerlegung in zwei Stücke war aller Wahrscheinlichkeit
nach in der Nacht oder am frühen Morgen vor sich ge-
gangen; denn die betreffenden Enden hatten noch keine
Regenerationsknospen angesetzt, wohl aber waren die Wun-
den vollkommen vernarbt. Dass in dem Blutcirkulations-
system des regenerirten Schwanzes eine Neubildung von
Gefässen stattgefunden haben musste, zeigte eine ober-
flächliche Betrachtung. Er hatte eine weit röthlichere Farbe
angenommen als in den vorhergehenden Tagen. Loupen-
vergrösserung zeigte denn auch, dass das von den Gefäss-
schlingen ausstrahlende Geflecht an Reichthum bedeutend
zugenommen und contraktile Anhänge zu bilden begonnen
hatte. Diese Anhänge wurden von Leydig entdeckt und
beschrieben. An so jungen Schwänzen, wie es der vor-
liegende einer ist, sieht man besonders schön die Contrak-
tionserscheinungen. Seine Länge betrug 10 mm. Bi : Kopf
Archiv für Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 5
66 C. Bülow:
2,3mm, Schwanz 1,6 mm. B2: Im lV2mm langen Kopf
einige dunkle Punkte, von altem Gewebe herrührend.
1. Juli, Morgens 9V2 Uhr. Ai und A2 haben an den
Theilstellen kleine Regenerationsknospen angesetzt. In
seinen Bewegungen ist Ao lange nicht so geschickt wie
Ai. Ao: Schwanz 11,7 mm. Bi: Kopf 2,5 mm, Schwanz
2,5 mm. Bo: Kopf 1,6 mm. Temperatur des Wassers:
230 C.
2. Juli, Morgens 9 Uhr. Die Knospen von Ai und A2
sind gewachsen, die von Ai, also die Schwanzknospe, ist
deutlicher durch ihre röthere Farbe. Der Schwanz von A2
ist sehr unruhig, er ist annäherungsweise 12^4 mm lang.
Bi : Kopf 274 mm. Die Segmente sind ohne Loupe zu er-
kennen; Schwanz 3V2mm. B2: Kopf 2 mm. Temperatur
des Wassers: 22« C.
3. Juli, Morgens 10 Uhr. Ai: Schwanz 1mm; Ag:
Kopf V2 nim, Schwanz konnte der Unruhe wegen nicht
gemessen werden. Bi : Kopf 2^8 mm, Schwanz 4V2 mm.
B2: Kopf 2V6nim. Temperatur des Wassers: 24^ C.
4. Juli, Morgens 9V4 Uhr. Ai: Schwanz IV2 mm. A2:
Kopf V4 nim, Schwanz ungefähr 17 mm. Bi: Kopf 3 mm,
Schwanz 6 V2 mm. B2: Kopf 2V2 mm. Temperatur des Was-
sers: 241/2'^ C.
7. Juli, 11 Uhr. Von Ai wurde der Schwanz abge-
schnitten und zwar so, dass noch ein halbes Segment an
dem alten Vorderheil sitzen blieb. Gleich nach der Ope-
ration öffnete und schloss sich abwechselnd der After des
Stückes A4 eine Zeit lang. Bald wurde relativ viel Unrath
ausgestossen, wahrscheinlich alle im Darm noch enthaltenen
Nahrungsballen. Auf das Blutgefässsystem des Schwanzes
wirkte der operative Eingriff in der Weise ein, dass die
Länge der Blutwellen im Rückengefäss eine bedeutend
kürzere wurde; die Diastole betrug meist nur ein Segment,
dann folgte die mehrere Segmente lange Systole des
Rückeuherzens. Dieser unregelmässige Gang dauerte nicht
lange an, die Pulsation wurde wieder eine normale; auch
im Bauchgefäss Hess sie sich bemerken wegen der grossen
Durchscheinbarkeit des Gewebes. Dass eine eigentliche
Contraktion hier statt hatte will ich "nicht gesagt haben,
Ueber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 67
wohl aber ein Erblassen und Erröthen des Bauchstammes
in gleichem Tempo mit den Pnlsationen des Rtickenge-
fässes. Es mag noch angeführt werden, dass zuerst alles
Blut in der vorderen oberen Partie des Körpers sich be-
fand. Der Blutverlust war ein ganz geringer wohl in Folge
der sofortigen Contraktionen der Wundränder.
22. Juli. Das Stück A3 war an den Deckel des Ge-
fässes gekrochen und dort fast vertrocknet. Es wurde
durch Hineinsetzen in das Wasser nicht wieder zum Leben
zurückgerufen.
5. August. A2 hat sich vor ungefähr zwei Tagen in
A5 und Aß getheilt, da schon Schwanz- resp. Kopfknospe
vorhanden ist. Ag seinerseits hat nochmals eine Theilung
in A7 und As vorgenommen. A5 hat einen Kopf aber keinen
Schwanz, es misst 2^4 cm, A7 fehlt beides, seine Länge
ist 12—13 mm und dem Stück As mangelt der Kopf, es
hat aber einen Schwanz; seine Grösse ist 26 — 27 mm.
Das Thier Ag war sonach vor der Theilung 6fi cm lang
gewesen, mithin kleiner geblieben als das ursprüngliche
Thier (A B) L I, welches ca. 9 cm gemessen hatte.
Alle Thiere vervollständigten sich und wuchsen be-
deutend; Ende September waren sie noch alle am Leben.
Thier (AB)LL wurde
getheilt in
-"-
A am 2L Juni B
zerfiel freiwillig in theilte sich selbst in
Äi 30. Juni A2 Bi 26. Juni B2
wurde zerschnit- theilte sich
ten in freiwillig in
A3 7. Juli A4 A5 3. Aug. Aß
freiwillig in
A7 5. Aug. As
IL Einem 6V2 cm langen Lumhriculus wurde der
Schwanz in einer Länge von 2V2 cm abgeschnitten. Das
Hinterende des Thieres war schon einmal regenerirt, es
hatte eine Farbe, die ein wenig heller war als der übrige
Theil des Körpers. Das Betragen der beiden Theilstücke
nach der Theilung war ganz dasselbe wie es schon früher
68 C. Bülow:
geschildert wurde. A bewegte sich mehrere Secunden
äusserst lebhaft, während B vollkommen ruhig liegen blieb.
Blut floss nur in geringer Quantität aus der Wunde dieses
Stückes; aus dem Hinterende A überhaupt keins. Viel-
leicht ist dieses Verhalten leicht erklärlich aus der Rich-
tung, welche das Blut in dem pulsirenden Gefäss nimmt.
Temperatur des Wassers: 22^ C.
22. Juni. A zeigt einen kleinen gelben Fleck am
Hinterende, B noch nichts derartiges. Beim Hineinkriechen
in die Algen zeigt das Schwanzende von B das Bestreben,
Bahn für den übrigen Körper zu brechen, d. h. voranzu-
gehen.
23. Juni. A ist sehr agil, es reagirt ungemein leb-
haft auf Reize. Die gestern erst geringe Knospe hat schon
eine Länge von 0,6 mm erreicht, ist also dem unbewaff-
neten Auge sehr *wohl erkenntlich. Die Blutwelle geht
noch vom letzten unversehrten alten Segment aus. In der
Knospe findet von Zeit zu Zeit eine Contraktion statt,
wodurch das in ihr enthaltene Blut fast völlig ausgetrieben
wird, bei der Extension tritt es wieder zurück. Dies Ein-
und Ausströmen scheint unabhängig von den Contraktionen
des Rückengefässes zu sein und vielmehr abzuhängen von
den Bewegungen des übrigen Körpers. Bei B war jetzt
eine Regenerationknospe deutlich zu bemerken, sie hatte
indess noch ziemlich geringe Länge. Temperatur des
Wassers: 24<> C.
24. Juni, 11 Uhr. A: Schwanz 0,9 mm. Die Contraktion
des Rückengefässes beginnt nun schon an dem äussersten
Ende des alten Gewebes. Das neu gebildete Stück hat noch
keine regelmässige Blutwelle. Es wurde eine Ausleerung
von Koth durch den regenerirten Schwanztheil beobachtet.
Die Kopfknospe von B hat eine ungefähre Länge von
0,3 — 0,4 mm erreicht; der Schwanz geht noch gerne voran.
Temperatur: 24,5» C.
26. Juni, 5 Uhr. Der Schwanz von A hat sich be-
deutend verlängert, er mass 2,1— 2,2 mm. Die Anzahl der
schon angelegten Gefässschlingen ist eine ganz ansehnliche,
sie lassen sich fast bis zur Schwanzspitze verfolgen, von
wo aus jetzt auch die Blutwelle des Rückengefässes ihren
Ueber Theilnngs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 69
Anfang nimmt. Beim Austritt von Koth kann man die hübsche
Erscheinung beobachten, wie mit dem Weiterrücken des
Hinterendes des Ballens der Anfang der Blutvrelle in
gleichem Schritt nach hinten rückt. Der Schwanz war
durch Blut am stärksten roth gefärbt, wenn das Thier
ruhig zwischen Algen lag. Nachträglich sei hier noch
erwähnt, dass schon am 24. Juni der einseitige Schwund
eines contraktilen Blindgefässes bemerkt wurde. Am 26.
war diese Stelle bedeutend kenntlicher geworden, das
Schwinden des contraktilen Gefässes hatte sich zum Theil
auch schon auf die andere Seite fortgesetzt. Ungefähr
zwischen dem Kopf und dieser Stelle bemerkte man an
der rechten Seite zwei Segmente von gleichem Aussehen,
wie es das eben beschriebene vor zwei Tagen gehabt hatte.
In der Reizbarkeit des Thieres war dadurch keine Aende-
rung vor sich gegangen, vorne, hinten und in der Mitte
war das Thier gleich empfindlich. Das Stück B hatte eine
Länge von 3,1 — 3,3 cm, der Kopf mass 1,5 — 1,6 mm. Tem-
peratur des Wassers: 2374^ C.
27. Juni, 7V4 Uhr. In seinem Aussehen hat sich das
Thier A wenig geändert; die zwei Stellen, wo, wie be-
merkt, die contraktilen Getässschlingen degenerirt waren,
sind ungefähr ebenso geblieben. Der Schwanz hat sich gut
verlängert, er misst 5,5— 5,7 mm. Bis zur Spitze zeigte er
Gefässschlingen, ganz fein beginnend und immer stärker
werdend, je weiter sie sich vom Ende entfernen. Man
sieht deutlich, dass auch sie sich contrahiren, indem sie
beim Vorüberziehen der Blutwelle für einen Augenblick
fast verschwinden, um jedoch gleich wieder roth zu er-
scheinen. Der Kopf von B ist 1,6—1,7 mm lang, das ganze
Thier ca. 3,3 cm. Temperatur des Wassers : 23» C.
28. Juni. In dem Aussehen der Segmente hat sich
nichts geändert. Der regenerirte Schwanz von A hat 7^4 mm
Länge. Besonders schön ist in ihm das Gefässsystem zu
beobachten. Das contraktile Rückengefäss ist nicht ein an
allen Stellen gleich dicker Schlauch, sondern, abgesehen von
der Verjüngung, die es am Hinterende erfährt, ist es auch
in jedem Segment an derjenigen Stelle breiter, an welcher
die Gefässschlingen nach unten steigen um sich mit dem
70 C. Bülow:
nicht pulsirenden Bauchstamm zu verbinden. Unterwegs
geben sie ganz feine Seitenäsie ab, und zwar um so
reichlichere und grössere, je weiter den alten Segmenten
zu. Der Koth wurde in langen zusammenhängenden Strän-
gen entleert, wobei eine beträchtliche Erweiterung des
Afters und der kurz hinter ihm gelegenen Strecke des
Schwanzes erfolgt. Der abgegangene Unrath hatte eine
Länge von IIV4 mm, übertraf somit die des regenerirten
Schwanzes um 4 mm. Das Eintreten in diesen war leicht
zu beobachten, da eben die Gewebe in dem jungen Stadium
noch sehr durchsichtig sind. Langsam und ohne Aufent-
halt durchlief er diesen Theil. Hieraus und aus dem
Umstand, dass sich, ausser bei der Entleerung, niemals
Nahrungsballen in ihm vorfinden, mögen es nun halb oder
ganz verdaute sein, möchte ich schliessen, es wäre der
neue Darm bei der genannten Grösse des regenerirten
Schwanzes noch nicht soweit ausgebildet, dass er zu ver-
dauen im Stande ist. Der Kopf von B scheint ziemlich
vollkommen zu sein, da das Thier sich mit ihm sehr gut
festzuhalten vermag. Die Borsten thun sicher hierbei das
beste, wenngleich es manchmal vorkommen mag, dass
durch Ansaugen auch der Mund zum Halten mit beiträgt.
Als Mittelzahl aus mehreren Messungen ergiebt sich für
diesen regenerirten Theil die Länge von 2,1 mm, doch
auch sie bleibt wohl noch etwas ungenau, weil das
Thier zu lebhaft war. Nicht ein Herausnehmen aus der
Flüssigkeit und ein Auflegen auf ein feuchtes Urglas ver-
mochten seine Beweglichkeit zu verhindern.
29. Juni, Morgens. A: Schwanz 9^4 — 10 mm. B:
Kopf 2V4 mm. Im Körper sind Nahrungsballen noch nicht
zu bemerken. Der Kopf wird also wohl noch nicht zum
Fressen tauglich sein. Beim Kriechen ist der Kopflappen
in beständiger Auf- und Abbewegung, er wird wahrschein-
lich als Tastorgan benutzt. Auf diese Funktion lässt auch
der Reichthura an feinen Haaren namentlich an seinem
Vorderende schliessen. Wasser 23^2^ C.
80. Juni, Morgens 9 Uhr. A: Schwanz 13,3 mm. In
ihm können jetzt schon lange Zeit Nahrungsballen liegen,
ohne ausgestossen zu werden, es mögen somit jetzt wohl
hier Verdauungsvorgänge stattfinden. B: Kopf 2 V3 mm.
üeber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 71
In dem Lymphraum liegen mehrere kleine dunkle Zellen,
ähnlich wie sie in dem übrigen regenerirten Theil zu finden
sind. Der Kopf wurde mit etwas mehr als drei alten Seg-
menten abgeschnitten und einer näheren Besichtigung unter-
zogen. Die von Leydig aufgefundene Ausmündungsstelle
des Lymphraumes zeigte sich als feiner von der Oberseite
sichtbarer Schlitz. Der Mund ist eine quer liegende Spalte
mit nach dem Innern zu laufenden Runzein und eigen-
thümlichen gelben Körpern in seinen Ecken. Ebensolche
Gebilde finden sich auch in der Nähe der Borsten. Ich
fand sie zuerst auf mikroskopischen Schnitten, will mich
hier indess nicht weiter auf ihre eventuelle Funktion ein-
lassen. Die zwei ersten Segmente hatten keine Borsten.
Das Rückengefäss theilte sich in zwei nach unten gehende
Schlingen, deren äusserste Convexität bis in den Lymphraum
reicht. Temperatur des Wassers 22<> C.
1. Juli, Morgens 10^/4 Uhr. A: Schwanz 16,3 mm.
Der abgeschnittene Kopf von B : Bi lebt noch. Ausser den
zwei vorderen Segmenten sind noch acht borstentragende
neue und fast vier alte Rumpfglieder vorhanden. Das
grössere Stück Bi bewegt sich langsam ; es hat eine mini-
male Regenerationsknospe.
2. Juli, Morgens 10^-4 Uhr. A : Schwanz 17,9 mm.
Bi hat eine kleine Schwanzknospe angesetzt; wie es scheint
nimmt das Stück Nahrung zu sich. Eine grössere hellere
Knospe findet sich am Kopfende von B2. Wasser: 23^ C.
3. Juli, 10'/2 Uhr. A: Schwanz 19V4mm. Die Schwanz-
knospe von Bi ist noch nicht messbar; die Kopfknospe
von C ist ca. V2 mm.
4. Juli, 93/4 Uhr. Schwanz von A 227^ mm. B, :
Schwanz ^'2 mm. C : Kopf 1 mm.
6. Juli. In dem Habitus von A hat sich nichts ge-
ändert. Der regenerirte Schwanz wurde in der Weise ab-
geschnitten, dass acht von den neuen Segmenten am alten
Rumpf sitzen blieben. Nach der Operation traten die gewöhn-
lichen Bewegungserscheinungen an „Ai" auf. Auffallend war,
dass der After von A2 sich häufig weit öffnete und wieder
schloss, ohne dass ein Kothaustritt erfolgte. Bi hat einen
feinen V/s mm langen Schwanz. B2 ist scheinbar sehr
blutarm. Kopf V/g mm. Temperatur des Wassers 2872^ C.
72 C. Bülow:
12. Juli, 10^4 Uhr. Ai hat sich während der vorher-
gehenden Tage im Ganzen in drei Stücke getheilt. Diese
Theilung muss in Zwischenräumen vor sich gegangen sein,
da die Schwanzknospe des ersten Stückes A2 bedeutend
länger war als die von A4, dem Mittelstück, und hier der
Kopf wieder stärker entwickelt ist als bei dem dritten
Theil A5, wo die Kopf knospe sich überhaupt kaum ange-
legt hat; gleiches gilt von der Schwanzknospe von A4.
Hieraus folgt, dass der hintere Theil A3, welcher zu gleicher
Zeit mit A2 aus Ai entstanden ist, sich, wie wir dies schon
sehr häufig anzumerken Gelegenheit hatten, nochmals ge-
theilt hat. In dem Kopf von A2 sind schon bei Loupen-
vergrösserung Segmente sichtbar. Der Schwanz von Bi
ist noch immer sehr dünn, er ist 5 mm lang. Der Kopf
von B2 ist recht gut ausgebildet.
24. August Von A5 hat sich ein kleines Stück von
7 mm abgelöst und schon wieder eine Kopfknospe an-
gesetzt.
Bis Ende September haben sich alle Thiere voll-
kommen ausgebildet, sind auch theils bedeutend gewachsen.
Dem Thier (A B) IL wurden
2V2 cm vom Hinterende
abgeschnitten.
Dem Thier A iiTjüni B (2V2cm)
wurde wieder Am 30. Juni
am 6. Juli der wurde der
Schwanz ab- Kopf mit fast
geschnitten. 4 alten Seg-
1 — "T^TT- — A menten von
Ai b. Juli A2 ^^^ nunmehr
zerlegt sich abgeschnit- 31/ ^^ ^
treiwilligm teuer Schwanz. r^j^-^j. ^^ J^_
A2 am 8. od. 9. Juli A3 schnitten.
r — 7^\ y * Bi 30. Juni B2
A4 iu. Juii A5 abgeschnittener
Kopf.
III. Das zu dem folgenden Versuch gebrauchte Thier
war 6V2 — 7 cm lang, 4 cm waren regenerirt, von Farbe
indess dem übrigen Körper fast ähnlich. Abgeschnitten
wurden von dem Kopfende des Lumbriculus die sieben
üeber Theilungs- und Regeneratiousvorgänge bei Würmern etc. 73
ersten Segmente des Körpers, also die zwei ersten borsten-
losen und die fünf folgenden borstentragenden. Der übrige
Körper ß verhält sich fast so, als wenn dem Thiere nichts
fehle, nur ab und zu geht es eine kleine Strecke rückwärts,
mit dem Schwanz den Weg suchend. Das Kopfstück
macht nur wenig Bewegungen von einer Seite zur anderen.
Wasser 22« C.
22. Juni, Morgens 9V2 Uhr. Obgleich der Kopf erst
am Tage vorher Abends gegen 8 Uhr abgetrennt war, so
giebt er doch jetzt schon kein Lebenszeichen mehr von
sich, in vollkommener Ueberoinstimmung mit den Angaben
Bonnet's.
Das Thier B hatte sich in zwei Theile zerlegt, Bi
2V2 cm, B2 3,75 cm. Bi zeigt am Vorderende einen winzigen
gelben Flecken. Die Theilung muss vor kurzer Zeit vor
sich gegangen sein; denn wenn auch das Hinterende von
Bi einigermassen gut vernarbt ist, so kann dies doch nicht
von dem Vorderende von B2 gesagt werden. Die Wund-
ränder sind wohl zusammengezogen, indessen ist ein voll-
kommener Schluss noch nicht erzielt worden; es geht
noch ein ganz feiner Streifen von dunkler Substanz fast
nach ganz vorne, und kaum darf man annehmen, dass die
Vernarbung vollendet sei, bevor er nicht verschwunden ist.
23. Juni IIV2 Uhr. Bj: Kopfknospe ca. 0,3— 0,4 mm,
die Schwanzknospe ungefähr um die Hälfte kleiner. So
wie diese war auch die Kopfknospe von B2. Bei Bewe-
gungen der Thiere wird bei beiden das Blut aus den
Knospen ausgetrieben, tritt aber gleich darauf wieder in
die regenerirten Theile ein. Das Fortkriechen geht ganz
sicher vor sich, in den Algen bahnt das Schwanzende von
B2 den Weg. Nicht so Bi, hier und auf dem Boden geht
stets das Kopfende voran. Temperatur des Wassers:
23,50 C.
24. Juni 11^4 Uhr. Der Schwanz von Bi hat eine
Länge von ca. 0,7 mm, der Kopf eine solche von 0,4—
0,5 mm. Die Blutwelle beginnt noch in dem letzten alten
Segment.
Beim Berühren des Theiles B2, der vollkommen ver-
steckt in den Algen lag, wurde wahrgenommen, dass ge-
74 C. Bülow:
linde Reize am Hinterende es nicht veranlassten, das Versteck
zu verlassen. Es wurden desshalb die Algenfäden etwas
bei Seite geschoben, um das Thier besser beobachten zu
können, und da merkte man denn sofort die wahrschein-
liche Ursache dieses Verhaltens. Es war nämlich das Thier
im Begriff sich ungefähr hinter dem ersten Drittel seiner
Länge zu theilen. In den Theilungsvorgang waren zwei
Segmente hineingezogen; die betreffende Stelle hatte ein
graues Aussehen angenommen und war ganz dünn zu-
sammengeschnürt. Die Blutwelle war hier sicher unter-
brochen; ebenso ging es mit der Nervenleitung: denn wurde
das hintere Ende des Thieres berührt, so bewegte es sich
lebhaft und suchte vorwärts zu entkommen, wurde daran
jedoch durch das fast unbeweglich bleibende vordere
Stück verhindert, welches höchstens wenige Hin- und
Herkrümmungeu machte. Diese Bewegungen waren sicher
nur veranlasst durch einige geringe Erschütterungen, die
das Hinterende durch die eingeschnürte sehr biegsame
Stelle auf das Vorderende als kleinen Reiz übertrug. Etwas
anders, indess immerhin ähnlich, gestaltete sich die Sache
beim Berühren des Vorderkörpers. Sofort nach dem empfan-
genen Reiz bewegte er sich lebhaft und riss den Hinter-
körper mit in diese Bewegung hinein. Beim Vorwärts-
kriechen wurde er einfach mitgezogen. Um eine flüchtige
Skizze von dem Verhältniss der Theile zu einander aufzu-
nehmen, versuchte ich die noch verketteten Thiere in eine
günstigere Lage zu bringen; es gelang in sofern, als sie
wenigstens dadurch in eine von Algen weniger einge-
nommene Gegend gelangten. Hier wurde schnell ein Bild
entworfen. Damit die Einzelheiten genauer gezeichnet
werden könnten, trachtete ich danach die Pflanzen mehr
und mehr von der Stelle des sich theilenden Lumhricvlits
zu entfernen; es konnte dieser Versuch indess nicht mit
dem erwünschten Erfolg zu Ende geführt werden, da durch
eine etwas stärkere Bewegung des Thieres, als sie bis
dahin ausgeführt worden war, sich beide Theile von ein-
ander in die Stücke B3 und B4 trennten. B3 behielt die
zwei grauen Segmente am Hinterende. Eine klaffende
Narbe war kaum eine halbe Minute nach der Zerreissung
üeber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 75
nicht mehr zu sehen; ebenso war nach kurzen Augen-
blicken das Vorderende von B4 geschlossen. Nach Ver-
lauf von einer halben Stunde hatte das hintere Ende von
B3 schon ein recht günstiges Aussehen angenommen. Die
grauen, eingeschnürt gewesenen Segmente hatten sich an
Dicke beträchtlich vermindert und gingen schliesslich ganz
zu Grunde, entgegen dem Fall, wo die zwei in Mitleiden-
schaft gezogenen Segmente wieder zum übrigen Körper
hinzugenommen wurden. Es ist dies verschiedene Ver-
halten leicht aus der Thatsache zu erklären, dass dort die
betreffenden Körperabschnitte vorne sassen, während sie
hier am Hinterende sich befanden, eine Blutwelle also
nicht mit einer gewissen Kraft in sie hineingepresst wer-
den und sie ernähren konnte.
Die Kopfknospe von B3 beträgt 0,4 mm. Temperatur
des Wassers: 25<> C.
24. Juni, Abends 7 Uhr. Das hintere Ende von B3
war natürlich vollkommen vernarbt, das letzte Segment
indessen etwas missfarben und auch ohne sichtbare Con-
traktionen des Blutgefässes. Das Vorderende von B4 war
vollkommen normal. Die Temperatur des Wassers betrug:
26 0 C.
26. Juni, 6 Uhr. Bi : Kopf 1,1 mm, Schwanz 2 mm.
B3: Kopf 1,1 — 1,2 mm, Schwanz 0,5— 0,6 mm. B4: Kopf
0,4— 0,5 mm. Das ganze Stück ist 3,1— 3,2 cm lang. Im
hinteren Theil sind zwei Hälften von Gefässschlingen
degenerirt. Wasser 23 Vb^ C.
27. Juni, Abends 8V2 Uhr. Bi: Kopf 1,5-1,7 mm.
Schwanz 4 mm. B3: Kopf 1,5—1,7, Schwanz 1—1,2 mm.
B4: Kopf 0,8— 0,9 mm. Das Afterende geht noch mit Vor-
liebe voran. Alle drei Stücke sind sehr agil. Temperatur
des Wassers: 23« C.
28. Juni, 6V4 Uhr. B, : Kopf 2 mm. Mund, Schlund
und Kopfdarm müssen schon so weit ausgebildet sein, dass
sie Nahrung aufzunehmen im Stande sind; denn zu mehreren
Malen wurde Kothentleerung beobachtet. Der Koth war
locker und bestand wohl über die Hälfte aus noch Chloro-
phyll und Protoplasma enthaltenden, also nicht sonderlich
verdauten, Diatomeen. Schwanz 8 mm. B3: Kopf 2 mm,
76 C. Bülow:
Schwanz 1,9 mm. B*: Kopf 1,1mm. Das ganze Stück misst
3,4— 3,5 cm. Temperatur des Wassers: 22» C.
29. Juni, 372 Uhr. Bi: Kopf 2V8 mm. Im 10,3 mm
langen Schwanz befindet sich Koth. B3: Kopf 2V2 mm,
Schwanz 378 mm. B4 : Kopf 2,8 mm. Temperatur des
Wassers 24 0 C.
30. Juni, 3 Uhr. Bi : Kopf 2,2 mm, Schwanz 13,7 mm.
B3: Kopf 2,6 mm, Schwanz 5 mm. B4 ist ca. 37 mm lang,
der Kopf misst 2,4 mm. Temperatur des Wassers: 24" C.
I.Juli, 1174 Uhr. Bi: Kopf 2,3 mm, Schwanz: 15,2 mm.
B3: Kopf 2,7 mm, Schwanz 7 mm. B4: Kopf 27'2mm. Von
B3 riss das regenerirte Schwanzstück (B3") durch einen
Zufall ab, der übrig gebliebene alte Theil sei B3'.
2. Juli, 3 Uhr. Bi : Kopf 2,5 mm, Schwanz 18,5 mm.
B3': Kopf 2V5nim, am Schwanzende ist eine kleine Rege-
nerationsknospe angesetzt. B3" lebt noch, da es auf Reize
durch Krümmungen Antwort giebt; es ist fast vollkommen
farblos, hat nur einen schwachen Schein in's Gelbliche. Die
Blutwelle bemerkt man kaum. B4: Kopf 2^3 mm. Tempe-
ratur des Wassers: 25» C.
3. Juli, 1172 Uhr. Bi: Kopf wie früher. Schwanz
19^4 mm. B3': Kopf 3 mm, Schwanz 1 mm. B3": das geringe
abgerissene Schwanzende von B3 ist wie erwartet werden
musste abgestorben (cf. Bonnet). B4: Kopf 3 mm. Im
Lymphraum befinden sich einige schwarze Punkte. Tem-
peratur des Wassers: 2472^ C.
6. Juli, Abends 7V4 Uhr. Von Bi und B3 wurden die
Köpfe abgeschnitten und zwar so, dass an Bi noch 3/4, an
B3' noch 172 Segmente sitzen blieben. Die abgeschnittenen
Vorderenden Bi' und b unterscheiden sich schon in so fern
von einander, als Bi' nur 6, b aber acht borstentragende
Kopfsegmente besass, dann vor allen Dingen auch durch
ihre Beweglichkeit. Bi' lag fast vollkommen ruhig da,
nur hin und wieder sich ein wenig ausstreckend oder nach
links und rechts biegend, b dagegen bewegte sich gleich
von Anfang an lebhaft und kroch, als noch gar nicht ein-
mal die Wunde vernarbt war, schon mit grosser Sicherheit
umher. Nach kurzer Zeit fand er die Algen und versteckte
sich in ihnen.
üeber Theilungs- und Regenerations Vorgänge bei Würmern etc 77
7. Juli, 10 V2 Uhr. Kopf Bi'*) ist zu Grunde gegangep,
b noch am Leben. B5 hat sich in 2 Stücke getheilt, in f
und g. f enthält nur alte Segmente, g besteht zum grössten
Theil aus dem regenerirten Schwanz, nur vier alte Segmente
sind noch daran.
12. Juli, IIV2 Uhr. f hat vielleicht schon einen aus-
gebildeten Kopf, da aus dem 5 mm langen Schwanz Koth
entleert wird, oder aber man müsste annehmen, dass die
Nahrungsballen schon von dem 5. oder 6. Juli her in dem
Theilthier sich befanden, g hat im Kopf einen schwarzen
Punkt. Dies Stück hatte sich nochmals in gi und g2 ge-
theilt. gl ist 14 mm, g2 21mm lang, letzteres besteht voll-
kommen aus regenerirtem Gewebe, b ist im ganzen mit
dem neugebildeten Schwanz ungefähr 5 mm lang. Der
Kopf von B5' ist wahrscheinlich ausgebildet. B4 ist am
längsten, seine Grösse beträgt 40—45 mm.
Bis zum Ende des September wurden noch alle Thiere
lebend gefunden; sie waren gut gewachsen.
Thier (A B) III.
Am 21. Juni sind 7 Segmente vom Vordertheil abge-
schnitten worden.
A 21. Juni B
Die 7 Segmente waren hatte sich freiwillig
am 22. schon zu getheilt in
Grunde gegangen
Von Bi 22. Juni B2
wurde der Kopf am trennte sich
6. Juli abgeschnitten. in die Stücke
Bf^ B5 B3 24. Juni B4
abgeschnittener freiwillig das regenerirte
Kopf in Schwanzende riss
f 7. Juli
ab am 1. Juli
--rrn^ B3' 1. Juli B3"
gl i^.Juligii g-^p^. ^^^Q_ ^g^ abgeris-
schnitten sene Schwanz
b 6. Juli B5' ^ S'°f ^l q
Kopf. <^™"j'J^e-. t 3.
1) Höchst wahrscheinlich wird bei dem Zählen der Kopfseg-
mente von Bj' ein Fehler begangen sein. Wie wir uns erinnern
78 C. Bülow:
IV. Das Versuclisthier ist 5— 5V2 cm lang. Es ist noch
völlig unregenerirt, die Farbe durchgehends eine pechbraune,
gegen den Schwanz zu etwas heller werdend. Der Lum-
briculus wurde in drei Theile zerlegt: Ai 2— 2V2 cm, B:
1,3—1,5 cm und C 2,2— 2,5 cm. A und B zeigen nur secun-
denlang nach dem Abschneiden eine heftige Bewegung; C
ist längere Zeit unbeweglich, dann aber wird sein hinteres
Ende sehr agil. Das Benehmen der einzelnen Theilstücke
beim Kriechen ist das schon häufiger erwähnte; ich will
nur daran erinnert haben.
23. Juni. A reagirt rasch und lebhaft auf einen Reiz.
Am Schwanzende findet • sich eine kleine hellgelbe, mit
rothem Blut durchsetzte Knospe. Lange nicht so beweglich
wie A ist B. Beim Verändern des Platzes geht das Kopf-
ende voran. Kopf und Schwanzknospe sind in der Anlage
vorhanden. In der Beweglichkeit mit B gleich ist C.
Befindet es sich in den Algen, so bricht das Hinterende
Bahn, der übrige Körper wird durch Contraktion nach-
gezogen. Die Kopfregenerationsknospe ist kaum sichtbar,
so minimal ist sie.
24. Juni, 73/4 Uhr. A: Schwanz 0,9 mm. Solche Theil-
stücke machen ganz dieselben eigenthümlichen Bewegungen,
wie man sie häufig an unverletzten Thieren zu sehen be-
bekommt. Berührt mau sie nämlich am Vorderende, so
wurden dem unverletzten zu diesem Versuch dienenden Thier 7 Kopf-
segmente, also 5 borstentragende, abgeschnitten. Das sechste wird
verletzt gewesen sein, ist also auch noch theilweise wieder regenerirt.
Neu dazu entstanden sind noch 7 Segmente, nach dem Satz, dass nur
80 viel Kopfsegmente regenerirt werden, wie abgeschnitten wurden.
Dieser regenerirte Theil ist nun bedeutend heller als der übrige
Körper, somit wohl allein für den Kopf gehalten, während noch
zwei der nächstfolgenden borstentragenden mit zu ihm gehörten.
Da nun am 6. Juni die zwei ersten und noch ca. 7 der folgenden
Kopfsegmente abgetrennt wurden, so ist auch leicht erklärlich, wie
sie schon einen Tag später zu Grunde gegangen sein konnten. —
Den Irrthum bei der Zählung wird man mir leichter verzeihen, wenn
ich sage, dass mein Augenmerk auf diese Dinge damals noch nicht
gerichtet war. Zu der Erkenntniss der eigenthümlichen Erscheinungen,
die der Kopf bietet, bin ich erst später gekommen.
üeber Theilungs- und Regenerationavorgänge bei Würmern etc. 79
genügt ein Ruck des ganzen Körpers, um oft wirklich
überraschend schnell das Hinterende an die Stelle zu
bringen, wo das Vorderende lag, während dieses meist
sich dann an der des Schwanzes befindet. Die beschriebene
Bewegungsform mag viel dazu beitragen, dass der Kopf
feindlichen Angriffen entgeht, und höchstens der Schwanz
die Beute anderer Thiere wird. Ein Lumhriciäus braucht
sich durchaus nicht nothwendigerweise, um dies Manöver
auszuführen, im freien Wasser zu befinden, er bringt es
auch in nicht all zu dichten Algen fertig. Bei der Berüh-
rung des Hinterendes erfolgt eine derartige Bewegung, so
weit ich beobachten konnte, niemals.
B: Kopf 0,3— 0,4 mm, Schwanz 0,6 mm. Ausserhalb
des Algenversteckes sucht sich das Kopfende fortwährend
festzuhalten, um den übrigen Körper bequem nachziehen
zu können; es gelingt indess noch nicht. C: Der Kopf
ist noch etwas kleiner als der von B. Temperatur des
Wassers: 26» C.
26. Juni, 7 Uhr. A: Schwanz 1,6—1,7 mm. B: Kopf
1mm, Schwanz 1,5— 1,6 mm. C: Kopf 1,1mm. In der
Mitte des Körpers ist eine Gefässschlinge degenerirt. Wasser
230 C.
27. Juni, 73/4 Uhr. A: Schwanz 2,7 mm. B: Kopf
1,7 mm, Schwanz 2,5 mm. C: Kopf 1,2— 1,3 mm. Tempe-
ratur 230 C.
28. Juni, 7V2 Uhr. A: Schwanz 4 mm. B: Kopf
2,3 mm, Schwanz 4 mm. C: Kopf 2 mm. Wasser 23^ C.
29. Juni, 4V2 Uhr. Ebenso wie alte Thiere beim
Tasten den Kopflappen schnell auf und ab bewegen, so
auch geschieht es hier mit dem regenerirten noch sehr
hellen Lymphraum unserer Thiere. A: Schwanz 574 mm.
B: Kopf 2V4mm, Schwanz 5,1mm. C: Kopf 274 mm. Was-
ser 24« C.
30. Juni, Nachmittags 6 Uhr. A: Schwanz 6,2 mm.
B: Kopf 2,5 mm, Schwanz 6,6 mm. C: Kopf 2,2 mm. Wasser
240 C.
1. Juli, 11 V4 Uhr. A: Schwanz 7,7 mm. B: Kopf
2,5 mm, Schwanz 7,7 mm. C: Kopf 2,3 mm. Temperatur
des Wassers: 22» C.
80 C. Bülow:
2. Juli, 3V4 Uhr. A: Schwanz 9,6 mm. Die contrak-
tilen Anhänge der Seitengefässe bilden sich aus. B: Kopf
22/3 mm, Schwanz 9,2 mm. C: Kopf 2V3 mm. Temperatur
des Wassers 25» C.
3. Juli, 51/4 Uhr. A: Scliwanz 10,9 mm. B: Kopf
277 mm, Schwanz 10,25 mm. C: Kopf 2,5 mm. Temperatur
des Wassers: 26« C.
4. Juli, lO'/a Uhr. A: Schwanz 12mm. B: Kopf ist
nicht mehr gewachsen, Schwanz 11 mm. C: Kopf 2V2 mm.
Wasser 24 72^ C.
14. Juli. B und C sind aus dem Behälter herausge-
krochen und vertrocknet.
5. August. Thier A hat sich vor ungefähr 2 Tagen
in zwei Stücke getheilt, und jedes dieser Stücke heute
nochmals, da an den betreffenden Bruchstellen durchaus
keine Regenerationsknospen zu sehen waren. Die Theile
wollen wir der Reihe nach A3, A4, x4.5 und Aß nennen
A3: 15 mm, A4: 13— 14 mm, A5 9 mm und Ae 19—20 mm.
Das ungetheilte Thier mass demnach 57 mm, hatte also
um ein Geringes die Grösse des Mutterthieres (ABC) IV
überschritten. Ende September sind alle Thiere vervoll-
ständigt und wohlauf. Eine Veränderung ausser in ihrer
Länge ist nirgends nachzuweisen.
Thier (A B C) IV
wurde am 21. Juli getheilt in
A ^ C
Ai 3. Aug. A2 gingen durch
A — r^A ^A A — 7^ i Herauskriechen
A3 5.Aug. A4 A5 5. Aug. Aß ^^g d^^ Q^fägg
zu Grunde.
Ein Thier von ungefähr 7 cm Länge wurde in vier
Stücke getheilt. A: 2 cm, B: 2 cm, 0: 1,5 cm und D:
1.5 — 2 cm. Einmal schon hat der Lumhriculus den Schwanz
regenerirt. In A waren nur alte Segmente vorhanden, B
zeigte neben alten noch 15 oder 16 neuere, C und D be-
standen demnach natürlich nur aus regenerirtem Gewebe.
A, B und C kriechen auf dem Bauch, D ist in seinen
Bewegungen unsicherer. Die eine Seite des Bodens des
Ueber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 81
Gefässes wurde mit grobem Sand bedeckt. Temperatur
des Wassers: 23» C.
23. Juni, 3 Uhr. A ist sehr lebhaft, es hat eine gut
erkennbare gelbe Schwanzknospe angesetzt. Beim Berühren
verliess es die Algen und vergrub sich in den Sand. Nach
Verlauf von mehreren Minuten hat sich das Thier voll-
kommen den Blicken entzogen. B und C waren weniger
lebhaft; Regenerationsknospen hatten sie an beiden Enden
angesetzt. D war eigenthümlicherweise zu Grunde gegangen.
Temperatur des Wassers: 25,5^ C.
24. Juni, 772 Uhr. Stück A ist noch vollkommen in
dem Sand verborgen. Es wurde durch Bewegen des-
selben herausgetrieben, gleich darauf jedoch begann es
aufs neue sich einzugraben. Nach Verlauf von kaum einer
Minute war diese Arbeit vollendet. B : Kopfknospe 0,3 mm,
Schwanz 0,5 mm. Um ca. 0,1 mm kürzer sind beide Stücke
bei C. Wasser 26 <> C.
26. Juni, 774 Uhr. Der Schwanz des im Sande ver-
grabenen Stückes A hat ein kränkliches Aussehen, er ist
nicht so gewachsen wie die übrigen, seine Form ist mehr
kolbig. B: Kopf 0,8—0,9 mm, Schwanz 0,4—0,5 mm. C:
Kopf 0,7 — 0,8 mm, Schwanz 0,9 — 1 mm. B und C hielten
sich in den Algen auf.
27. Juni, Abends 8 Uhr. Schwanz 1,3 — 1,4 mm. C
bemühte sich vergebens, als es auf den Sand gebracht
worden war, hineinzudringen, alle seine Versuche blieben
bei der grossen Elasticität des Kopfes ohne Erfolg. Kopf
1,3 — 1,45, Schwanz 1,9 mm. B: Kopf 1,4 — 1,5 mm, Schwanz
2 — 2,1 mm. Diesem Theilstück gelang der Versuch sich in
den Sand zu vergraben, es wurde jedoch wieder heraus-
gebracht und veranlasst, das Algenversteck aufzusuchen.
Wasser 23» C.
28. Juni. Auch die Stücke B und C, die bis dahin
sich in den Pflanzen aufgehalten hatten, haben sich in den
Sand zurückgezogen und stecken ihre Schwänze heraus,
die nur selten eine geringe Bewegung machen. Ä : Schwanz
1,7 mm. B: Kopf 2,1 mm, Schwanz 3 mm. C: Kopf 1,6 mm,
Schwanz 1,8— 1,9 mm. B und C wurden wieder in die
Pflanzen zurückgesetzt. Temperatur des Wassers: 2374^ C.
Archiv f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 6
82 C. Bülow:
29. Juni, 5 Uhr. Nur C steckt noch in den Algen.
A: Schwanz 2V2 mm. B: Kopf 2V4mm, Schwanz 4^4 mm.
C: Kopf lV2mm, Schwanz 2V2 mm. Wasser 24° C.
30. Juni, 6V2 Uhr. Da das Wachsthum in diesem
Gefäss ein so unregelmässiges war, hatte ich den Sand
am 29. entfernt und nur die Algen in dem Wasser belassen.
Auch heute noch war das Aussehen des Schwanzes von A
nicht normal, er war in seinem ersten Theil angeschwollen,
seine Länge betrug 3,1mm. B: Kopf 2V2 mm, Schwanz
53/4 mm. C: Kopf IV4 mm, Schwanz 2^4 mm.
1. Juli, 12 Uhr. Die Verkrüppelung des Schwanzes
von A hat sich noch nicht gehoben, die drei ersten Gefäss-
schlingen sind gut ausgebildet, dann folgt eine dünnere
Region und darauf wieder eine dickere, in der die Schlingen
wieder besser ausgebildet sind. Länge 3,5 mm. B war
fast ganz aus dem Wasser herausgekrochen und dadurch
recht matt geworden. Kopf 2 V2 mm, Schwanz 5,2 mm. C:
Kopf 2,1 mm. Schwanz 2,75 mm. Alle Thiere sind ziemlich
unempfindlich gegen Reize. Wasser 24V'2^ C.
2. Juli, 41/2 Uhr. In dem Gefäss war nur ein Wurm
zu finden, es war dies C; beim Suchen wurden die andern
beiden Stücke A und B an dem Glassdeckel gefunden in
einem halb, theilweise ganz vertrockneten Zustande, trotz
alledem wurden sie noch wieder ins Wasser gesetzt. Nach
einiger Zeit nahm man Bewegungen an ihnen wahr, nament-
lich an A. Der Kopf von C hat dieselbe Grösse behalten
wie am letzten Tage, der Schwanz misst 3 mm. Wasser
231/2" C.
3. Juli. Die beiden Stücke A und B sind todt. C.
Kopf 2 V3 mm, Schwanz 3^4 mm. Temperatur des Wassers :
24V4O C.
4. Juli. C: Kopf 2V3mm, Schwanz 4V4 mm.
13. Juli. Der Schwanz von C misst 972 mm.
Am 7. Oktober ist der eine Lumbriculus noch vor-
handen, der regenerirte Schwanz misst jetzt 2— 2V4 cm.
lieber Theilungs- und Reg-enerationsvorgäncre bei Würmern etc. 83
Thier (A B C D) V
wurde getheilt in die Stücke
B C D
^ war am 7. t am 23. Juni,
gingen am 2. q^^^^ ^^
Jul, durch Ver- 4 «„ lang,
trocknen an den ®
Wänden zu
Grunde.
VI. Ein Lumhriculus von 5V4 cm Länge wurde in
fünf Theile zerschnitten. A: 15 mm, B: 9— 10 mm, C:
7—8 ram, D: 7 mm und E: 12 — 13 mm. A und E waren
am lebhaftesten. Damit keine Verwechslung der Theile
eintreten könne, wurden die einzelnen Stücke in besondere
Behälter gethan, in denen sich Algen befanden. Nach
weniger als einer Stunde waren die Wunden sehr gut ver-
narbt. A, B, C und D hatten ihre gewöhnliche Farbe
behalten, E schien etwas blass geworden zu sein. Das
vordere Ende jedes Theilstückchens war mit Blut am
reichlichsten gefüllt.
24. Juni, Abends 8 Uhr. A ist sehr lebhaft, es hat
einen deutlichen gelben Fleck am Schwanzende, als Zeichen
der beginnenden Regeneration. Nur der vordere Theil des
Rückengefässes von B enthält eine merkliche Menge von
Blut, ebenso ist nur an diesem Ende des Theil Stückes eine
Regenerationsknospe. Ganz dasselbe, was von B gesagt wurde
ist von C zu erwähnen, nur ist die Kopfregenerationsknospe
noch geringer. D ist zu Grunde gegangen; E lebt zwar,
doch sind die Bewegungserscheinungen, die auf Reize hin
ausgelöst werden, äusserst schwach. Eine Kopfknospe ist
angesetzt. Wasser 25,5» C.
26. Juni, VU Uhr. A: Schwanz 1 mm. B und C haben
Kopf- und Schwanzknospen, E besitzt ebenfalls eine Rege-
nerationsknospe.
27. Juni, 4^4 Uhr. A: Schwanz 1,5 mm. Die neu-
gebildeten Stücke des Kopf- und Schwanzendes von B sind
recht hell. Kopf 0,8 mm, Schwanz 1 mm ; es ist bedeutend
lebhafter geworden als in den Tagen vorher. Das rege-
nerirte Vorder- und Hinterende von C sind noch heller als
84 C. Bülow:
bei B, auch an Grösse geringer. Kopf 0,6 mm, Schwanz
0^7_0,8 mm. Das Rtickengefäss setzt sich in Kopf und
Schwanz fort. Es ist ebenfalls weit agiler als früher. E
ist beim Vorwärtskriechen ziemlich sicher. Kopf 0,7—
0,8 mm.
29. Juni, IOV2 Uhr. A: Schwanz 4 mm, der Darm
des regenerirten Theiles ist mit Nahrungsstoffen erfüllt,
ohne dass sie ausgestossen werden. B: Kopf 1,6 mm,
Schwanz 2,3 mm. Die Gefässschlingen sind im Schwanz
schon ganz gut sichtbar. C: Kopf PAmm, Schwanz 1,6 mm.
E: Kopf 1,75 mm. Länge des ganzen Stückes 14 mm.
Wasser 22,6o C.
30. Juni, 774 Uhr. A: Schwanz 7,5 mm. B: Im Darm
sind schon Kothballen, der Kopf ist demnach so weit vor-
gebildet, um Nahrung aufnehmen zu können. Kopf 1,9 mm,
Schwanz 4 mm. C: Auch hier lagen verdaute Nahrungs-
tiberreste im Darm : kurze Zeit nach Beginn der Beobach-
tung gingen sie durch den After langsam ab. Kopf PA mm,
Schwanz 2V2nim. E: Kopf 1^4 mm. Das Thier hat einige
Luftblasen verschluckt, die es ausserhalb der Algen an der
Oberfläche des Wassers erhielten. Danach zu urtheilen ist
auch hier der Kopf einigermassen fertig. Wasser 23^ C.
I.Juli, 4 Uhr: A: Schwanz 9,8 mm. B: Kopf 2,2 mm,
Schwanz 5 mm. C: Kopf 2 mm, Schwanz 3V2 nim. Es
wurde wieder das Austreten von Koth beobachtet. E: Kopf
2 mm. Wasser 2472» C.
2. Juli, 472 Uhr. A: Schwanz 10V4mm. B: Kopf
ist nicht gewachsen, Schwanz 672 mm. C: Kopf auch nicht
grösser geworden, Schwanz 472 mm, E: Kopf 2 mm.
3. Juli 674 Uhr. A: Schwanz 1274 mm. B: Schwanz
7,9 mm. C : Schwanz 4V2 mm. Gerade am Anfang des
regenerirten Theiles sitzt eine Luftblase. Kopf 274 mm.
E: Kopf 274 mm. Wasser 25 V2« C.
4. Juli, 11 Uhr. A: Schwanz 13,4 mm. B: Schwanz
8,6 mm. C: Kopf 2 V2 mm, Schwanz 6,6 mm. E: Kopf
2V3mm, Wasser 243/4^ C.
12. Juli 43/4 Uhr. A: Schwanz 24— 25 mm. B: Schwanz
19 mm. C: Schwanz 17 mm. E: im Ganzen 23 mm.
22. Juli. B, C und D sind aus den Behältern heraus-
lieber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 85
gekrochen und vertrocknet. — Stellen wir zwischen dem
Wachsthum der Stücke A, B, C und E einen Vergleich
an, so ersehen wir aus den angegebenen Zahlen leicht,
dass das Kopfende bis zum 12. Juli bei allen fast die
gleiche Länge erreicht hat, der geringe Unterschied wird
sich mit der Zeit wohl noch ganz ausgleichen. Nicht so
ist es mit dem Schwanzende. Es hat bei A 24 — 25 mm,
bei B 19 mm und bei C 17 mm Länge erreicht. E war zu
Anfang des Versuches 12—13 mm lang, am 12. Juli 23 mm,
es ist mithin während dieser Zeit um 11— 12 mm gewachsen.
' Davon gehen aber für den Kopf noch 2V4 mm ab, so dass
für die Grössenzunahme am Schwanzende ca. 9 mm bleiben.
Wir müssen somit in diesem Fall ein ungleiches Längen-
wachsthum constatiren und zwar nimmt hier die Wachs-
thumsgeschwindigkeit von dem Kopftheilthier nach dem
Schwanztheilthier zu ab. Bei der Betrachtung dieses Resul-
tats dürfen wir nicht vergessen die Ungleichheit der
ursprünglichen Stücke in Rücksicht zu ziehen, wodurch
sich die Zahlen allerdings ein wenig umgestalten müssten,
im grossen und ganzen aber doch das Resultat nicht wesent-
lich geändert würde.
8. August, Morgens 7V4 Uhr. Vor einigen Tagen hat
sich das Thier A zuerst in 2 Theilstücke Ai und Bi zerlegt,
dann aber noch jedes wieder in 2, so dass auf diese Weise
die Theilthiere a, b, c, und d entstanden sind, a besteht
nur aus alten Segmenten und ist 16 mm lang, b hat ein
altes Segment, der übrige Körper ist primär regenerirtes
Gewebe : 13 mm, c und d sind natürlich nur aus regene-
rirten Segmenten zusammengesetzt, c misst 11 mm und d
20 mm. Die Länge des Lumbriculus A musste also vor
der Theilung 60 mm betragen haben. Das ursprüngliche
Thier (A B C D E) VI. war nur 5,3 cm gross gewesen, mit-
hin von dem ausgewachsenen A an Länge übertroffen.
Das Theilstück A hatte 15 mm gemessen, ungefähr ebenso
lang war auch jetzt noch das alte Gewebe.
24. August. Thier b hat sich am 21. oder 22. in zwei
Theile zerlegt, in ai und bi, und letzteres am 23. noch-
mals in f und g. ar. 26 mm, f 14 mm und g 18— 19 mm.
Stück b hatte sich also vom 8. bis zum 24. August von
86 C. Bülow:
13 mm auf 58—59 mm vergrössert, demnach zwar nicht
die Länge von Ai erreicht, wohl aber, wenn ich so sagen
darf, die Länge des Grossmutterthieres (A B C D E) VI.
überschritten.
Alle Thiere regenerirten und wuchsen gut.
ABC DE
theilte sich frei- | geht bald zu i
willig. Grunde.
Ai 6. Aug^ Bi wurden am 22. Juli
a 8. Aug b c^XAug. d vertrocknet auf-
— ^-^' gefunden.
ai 2LAug. bi
f23.Aug. g
VIL 27. Juni, Morgens 9 Uhr. Der zur Verwendung
gekommene Wurm war ungemein gross und dem entsprechend
dick. Das schon einmal regenerirte Schwanzende wurde
wieder abgeschnitten, und mit ihm noch drei alte Segmente.
Dies Stück k hatte die Länge von 2,6—2,7 cm, während
das ganze übrige Stück noch 6,6 cm mass. Das unverletzte
Thier war also ca. 9 cm gross gewesen. Nach kurzer Zeit
hatten sich die Wunden ziemlich gut geschlossen, die des
vorderen Thieres etwas früher. Nach Verlauf von ca. fünf
Minuten wurde ein weiteres ca. 7 mm langes Stück i
abgeschnitten. Es besass 13 Segmente. Bei der Operation
ging eine deutliche Menge Blut verloren ; die Pulsation des
Rückeugefässes dauert ohne auszusetzen fort, wie wenn
nichts geschehen wäre (in diesem Fall habe ich wenigstens
keine Aussetzung bemerkt). Die Blutwelle durchlief die
13 Segmente in 21—22 Secunden. Nur selten vollführte i
eine Bewegung nach links oder rechts. Lebhafter, dabei
aber unsicher war der Schwanz k. Das Afterende ging
voran und schleppte den übrigen Körper mit sich. Zwischen
dem ersten und zweiten Segment sass eine Luftblase.
IOV'2 Uhr wurde die dritte Operation vorgenommen. Das
Hinterendc war gut vernarbt. Bei dem Abschneiden wurde
Obacht darauf gegeben, dass sich in ihm möglichst viel
Blut befand; es gelang, denn das Rückengefäss des Theil-
lieber Theilungs- und Regeneratfons Vorgänge bei Würmern etc. 87
^Stückes war recht roth. Die Länge der Blutwellen schwankte
zwischen 4 und 11 Segmenten. Um das ganze Stück
(I2V2 Segmente) zu durchlaufen, brauchte sie 15 Sekunden,
h mass 6,5 mm. Auf Reize reagirt es lebhaft durch Con-
traktionen des ganzen Körpers. Das Kopfende vernarbte
bald. Um 11 Uhr wurde das vierte Stück abgetrennt; auch
hier nahmen die Pulsationen des ßückengefässes ihren
ungestörten Fortgang. Der Schluss der Wunde wurde
durch Längencontraktionen der nächstfolgenden Segmente
bedeutend unterstützt, g war 8^4 mm lang; die Zahl der
Segmente betrug 18 oder 19. Die Blutwelle brauchte
20—21 Sekunden, um den Körper von hinten nach vorne
zu durchlaufen, ihre Länge variirt zwischen 6 und 10 Seg-
menten. IIV2 Uhr wurde f abgeschnitten, es umschloss
17 Segmente. Das 7. Ringgefäss der linken Seite war ver-
krüppelt, dass Rückengefäss ging an dieser Stelle nicht
gerade durch, sondern macht einen kleinen Bogen nach
der entsprechenden Seite hin. f war ungefähr 7 mm lang.
Die Länge der Blutwellen schwankt zwischen 4 und 11
Segmenten, alle 17 wurden in 15 Sekunden durchlaufen.
Als sich 12 Uhr das Hinterende des vordersten Thieres
geschlossen hatte, wurde noch ein Stück e abgetrennt.
Da bei dem Durchschneiden eine relativ grössere Menge
Blut verloren ging als es sonst der Fall zu sein pflegt, so
war das Rückengefäss nicht stark angefüllt. Es waren 15
pulsirende Grefässabtheilungen in dem Stück, das von der
Blutwelle in ca. 15 Sekunden durchlaufen wurde, die Länge
der Wellen konnte wegen der fortwährenden Contraktionen
des Thieres nicht beobachtet werden. Nachmittags 3 Uhr
wurde ein Theil d, 18 Segmente in sich schliessend, abge-
schnitten, es war das siebente und hatte eine Länge von
8 mm. Die Blutwelle gebrauchte 20 — 22 Sekunden, um
von hinten nach vorne zu gelangen. Die sechste der
letzten Gef ässschlingen von hinten war verkümmert. 37* Uhr
wurde das achte Stück vom Kopfende abgeschnitten, es
hatte nur 9 Segmente. Die Blutwelle durchrann es in
7—8 Segmenten. Nur selten beobachtet man mehr als
eine Welle auf der ganzen Länge des Stückes, für gewöhn-
lich vergeht noch eine Zeit, während welcher sie ungefähr
88 C. Bülow:
2—3 Segmente weiterrücken könnte, bevor am Hinterende
der Anfang einer neuen erscheint.
3V2 Uhr. Das schon ziemlich kurz gewordene Kopf-
ende wurde nochmals in die Sücke b und a getheilt, so
dass jetzt der Liimbriculus in 10 Theile zerlegt worden
war. b hatte 15 Segmente und war 8 mm lang, a hatte
17 und mass 9 mm. In ihm ist scheinbar sehr wenig Blut
vorhanden, während in jenem reichlich ist. Die Welle
braucht 17—18 Sekunden zum Durcheilen des Stückes.
Bei den Operationen wurde stets bemerkt, dass das jeweilen
vorderste Stück das lebhafteste in seinen Bewegungen war,
das abgeschnittene Hinterende blieb eine Zeit lang bewe-
gungslos liegen. Jenes war um so agiler, eine je beträcht-
lichere Länge es hatte. Das beweglichste übrigens, ja auch
das längste von allen Stücken ist das Schwanzende. In
das ziemlich grosse Gefäss wurden nur Algen gethan.
Wasser 25« C.
28. Juni, 9 Uhr. Beim näheren Durchsuchen der Algen,
Nachzählen und Mustern der einzelnen Stücke, fand man,
dass alle noch am Leben waren, das Aussehen keines
einzigen war ein solches, dass man auf ein demnächst
erfolgendes Absterben hätte schliessen können. Die Beweg-
lichkeit hatte sich ungemein erhöht, alle machten auf Reize
hin den mehr oder weniger mit Erfolg gekrönten Versuch
weiter zu kriechen. Die Anfänge der Regeneration zeigten
sich als noch sehr kleine gelbe Stellen bei drei der grössten
Theilstücke am Schwanzende, am Kopf nur bei einem.
Bei Kriechversuchen sind alle äusserst unsicher, nicht
allein, dass sie dabei auf die rechte oder die linke Seite
zu liegen kommen, sondern es befindet sich auch manch-
mal die Bauchseite nach oben. Wurde ein Stück etwas
unsanft berührt, so waren die ausgelösten Bewegungen bei
den meisten doch noch so kräftig, um eine merkliche Orts-
veränderung zu Stande zu bringen und zwar eine um so
grössere, ein je grösseres Theilstück vorlag. In Bezug auf
die Geschwindigkeit, mit der die Blutwelle die Stücke von
hinten nach vorne durchläuft, muss bemerkt werden, dass
sie nicht dieselbe ist wie am Tage vorher; die Wellen
brauchen etwas längere Zeit.
Ueber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 89
•V
29. Juni, 12 Uhr. Alle Stücke, selbst die kleinsten
haben an beiden Enden Regenerationsknospen angesetzt.
Bei manchen ist die Schwanzknospe die grösste, nament-
lich wenn das letzte alte Segment das Theilstück eines
ganzen war.
30. Juni. Die Theilthiere leben alle, doch sind sie
noch immer nicht in ihi*en Bewegungen sicher. Die Rege-
nerationsknospen sind sehr wenig gewachsen, Kopf- und
Schwanzanlage noch nicht gleich gross. Temperatur des
Wassers: 22» C.
1. Juli. Zu Grunde gegangen ist bisher noch kein
Stück. Die grösseren bewegen sich lebhaft, wenngleich
diese Bewegungen in Bezug auf die Ortsveränderung nicht
sonderlich mit Erfolg gekrönt und noch immer sehr un-
sicher sind. Verfolgt man die Blutwellen, so will es scheinen
als ob sie ungemein langsam von einem Ende des Körpers
zum andern gingen. Die Regenerationsknospen haben be-
züglich des vorhergehenden Tages ziemlich an Grösse
zugenommen; die grössten Kopfknospen sind ungefähr
V4 mm lang und stark roth von Aussehen. An den kleineren
Stücken sieht man deutlich, dass die Kopfknospe die
Schwanzknospe an Grösse überragt, dagegen überwiegt bei
den grössten Theilstücken die Regenerationsknospe des
Schwanzes. Von allen Anlagen eines Kopfes ist die des
Schwanzstückes k die am weitesten ausgebildete. Wasser
23V2« C.
2. Juli, 5V2 Uhr. Die Kopfknospe von k ist lV2mm.
Alle Thiere sind am Leben, die ßlutwelle geht aber noch
immer sehr langsam, sie braucht z. B., um die 12 — 18 Seg-
mente von h zu durchlaufen, ungefähr 25 Sekunden, während
sie am 27. Juni denselben Weg in 15 Sekunden zurück-
legte, und während sie damals in ihrer Länge zwischen
4 und 11 Segmenten schwankte, war sie jetzt nur 1—2
Segmente lang ^). Heute tibertreffen die Schwanzknospen
die des Vordertheils an Grösse.
Bis zum Ende des Juli war die Regeneration eine
1) Sollte diese Ersparniss au Kraft, die doch sicher bei der
geringeren Intensität der Palsatiou angenommen werden muss, zur
Erzeugung der Regenerationsknospen verwendet werden?
90 C. Bülow:
ganz normale mit Ausnahme von zwei Sücken, die ein
aufgetriebenes Hinterende hatten, keins war zu Grunde
gegangen und die Aussicht vorhanden alle Theilstücke
zu äusserlich vollkommenen Thieren heranzuziehen. Von
dieser Zeit an traten aber Unregelmässigkeiten auf, die
auf keine Weise erklärt werden konnten. Das Wachsthum
war scheinbar ein ganz abnormes; es verschwanden einige
Thiere ganz aus dem Aquarium, bis am 24. August kein
einziges mehr aufzufinden war. Eine gründliche Revision
des Behälters, namentlich der Algen klärte die Sache durch
das Auffinden von 2 Libellenlarven auf, denen die Liim-
briculi entschieden eine günstige Beute gewesen waren.
Sie mussten mit neu hinzugefügtem Futter hineingekommen
sein, da, wie ich sicher behaupten kann, sie zu Anfang
des Versuches nicht in dem Behälter sich befanden. Nament-
lich des Verhaltens der Blutwellen wegen ist diese leider
unvollständige Beobachtung hier angeführt worden.
Die Resultate aus diesen sieben Beobachtungen brauche
ich wohl kaum zu ziehen; das Hauptsächlichste wird dem
Leser ja beim Durchsehen aufgefallen sein, sie stimmen
übrigens im Allgemeinen mit den Bonn et 'sehen überein.
In den folgenden Zeilen sollen kurz noch einige
Beobachtungen über die Regeneration von Kopfsegmenten
mitgetheilt werden. Wie schon früher hervorgehoben wurde,
entstehen, wenn von dem Kopf eine bestimmte Anzahl
Glieder abgeschuitten worden sind, unter günstigen Ver-
hältnissen genau ebenso viel neue.
Ich will nicht alle beobachteten Fälle hier wieder-
geben, sondern nur eine kurze Reihe; ich denke, diese
wenigen Angaben werden zum Beweis des Ausgesprochenen
genügen.
9. Oktober. Der zum ersten Versuch benutzte Lum-
hriculus hatte einen unregenerirten Kopf von tief dunkler
Farbe; bis zur Mitte des Körpers war der Wurm pech-
braun, von da an heller, also regenerirt. Von dem Kopf
wurden nun der Lyraphraum, das folgende borstenlose und
noch drei borstentragende Segmente abgeschnitten. Die
Borsten sitzen ungefähr in der Mitte zwischen je zwei
Einschnürungen, die sich schon äusserlich durch ihre
Ueber Theilungs- und Regeuerationsvorgänge bei Würmern etc. 91
dunklere Farbe kennzeichDen. Der erste dunkle Streif liegt
zwischen dem letzten bürstentragenden Kopfsegment. An
dem abgeschnittenen Stück zählt man 3V2 dunkle Streifen,
es muss also gerade zwischen dem dritten und vierten
borstentragenden Körperabschnitt zertheilt sein.
2. Einem zweiten Thier von pechbrauner Farbe wurde
ein Stuck mit drei dunklen Streifen vom Kopfende weg-
geschnitten, es enthielt dies also 2V2 borstentragende Glie-
der; in dem halben sassen noch gerade die Borsten des
dritten.
8. Der Limihrkulus ist ganz unregenerirt. Entfernt
wurden die 9 ersten Kopfsegmente. An dem abgeschnittenen
Stück erkennt man schon von aussen die Seitenlinien der
Lumhriculij sie ist durch ein etwas anderes Aussehen der
Zellen markirt und erstreckt sich bis in den Kopflappen.
Entdeckt wurde sie ja von Semper auf Querschnitten
bei Naiden.
11. Oktober, 4 Uhr. Der Kopf des Versuchsthieres ist
regenerirt, der übrige Körper nicht. Abgeschnitten wurden
5 Segmente, also 3 borstentragende.
21. Oktober. Dem unter zwei näher charakterisirten
Lumbriculus wurde der regenerirte Theil des Koi)fes ab-
geschnitten. Es waren am 9. 2V2 borstentragende Segmente,
natürlich also auch das Mundsegment und der Koi)flapi)en
entfernt worden: genau dieselben Stücke, nicht mehr und
nicht weniger waren wieder neu gebildet. Das Gewebe
war noch sehr hell, der Mund der äusseren Form nach
vollkommen ausgebildet, am Mundwinkel und den Borsten
die bereits erwähnten eigenthümlichen gelben Körper, wie
sie bei alten Thieren ebenfalls zu finden sind. Im 5. Kopf-
segment sassen die Borsten in dem neu gebildeten Theil,
der durch seine Farbe deutlich von dem übrigen Kopf
abgesetzt war.
Dem unter 1) beschriebenen Lumbriculus wurde der
regenerirte Theil abgenommen: es waren drei borstentra-
gende Segmente mit einer Spur alten Gewebes am Hinter-
ende. In diesem sassen noch obere Borsten, so dass also
vom Rücken im Ganzen vier Paare entfernt worden waren.
3 gehörten dem neuen Gewebe an. Auch hier sind somit
92 C. Bülow:
genau so viel Kopfsegmente entstanden wie abgeschnitten
wurden.
24. Oktober. Von 3 wurden die Kopfsegmente im
achten borstentragenden durchschnitten und dies Stück
einer genaueren Revision unterworfen. Bis zum fünften
war keine Spur von altem Gewebe zu entdecken, im sechs-
ten und siebenten einige dunkle Flecken, doch immer
noch in so geringer Menge, dass auch diese Segmente
ganz entschieden zu den neu regenerirten gezählt werden
müssen.
4. Die fünf vorderen Kopfabschnitte sind neu ent-
standen, wie man erwarten musste.
Es mag dies genügen, um die oben ausgesprochene
Behauptung zu rechtfertigen. Ich könnte noch mehr Fälle
anführen, sie würden indess nur ermüden, da sie schliess-
lich alle dasselbe Resultat liefern. Vorausgesetzt ist immer,
dass die zu den Versuchen verwandten Thiere normal
gebaut sind und die mittlere Grösse erreicht haben.
Ganz dieselbe Voraussetzung müssen wir machen, um
bei der Regeneration von Köpfen die Anzahl von acht
borstentragenden Segmenten zu erhalten, wie wir sie bei
gut ausgebildeten unregenerirten Thieren mit nur sehr
wenigen Ausnahmen stets antreffen. Einmal habe ich neun
solcher Kopfsegmente ohne contraktile Getassschlingen an
einem neu gebildeten Kopf beobachtet, häufiger dagegen
eine geringere Zahl und zwar meist dann, wenn die Thiere
aus relativ kleinen Stücken gezogen wurden. Der Kopf
erreichte aber trotzdem eine solche Ausbildung, dass er
zum Fressen vollkommen tauglich war, nur enthielt er
eben nicht die normale Zahl von Kopfsegmenten. Ob viel-
leicht nicht doch später, je weiter das Thier auswächst,
die Zahl acht erreicht wird, bleibt noch eine offene Frage,
ebenso die, auf welche Weise denn die eventuell hinzu-
tretenden Segmente gebildet werden, ob durch wirkliche
Segmentation, also durch Einschiebung von Segmenten zu
den schon gebildeten des Kopfes hin vom Körper her,
oder ob einfach alte Körpersegmente zu Kopfgliedern
umgebildet werden. Bei normal verlaufenden Regenerationen
werden unversehrte Körpersegmente nicht in die Bildung
Ueber Theilungs- und Regenerationsvorgfänge hei Würmern etc. 93
des Kopfes hineingezogen, wie man sich etwa durch fol-
genden Versuch tiberzeugen kann. Man sucht sich ein Thier
mit regenerirtem Schwanz aus, wenn möglich ein solches bei
dem der Vorderköper recht dunkel, der regenerirte Schwanz
aber möglichst roth ist, so dass beide Theile scharf von
einander abgesetzt sind. Schneidet man nun das Thier in
einem der dunklen Segmente nahe dem regenerirten Theil
durch, so ist es ja leicht nach Schluss der Wunde und
auch schon vorher die Zahl der unverletzt gebliebenen Seg-
mete zu constatiren, sie sei z. B. drei, wie dies thatsäch-
lich beobachtet wurde. Würden nun in die Bildung des
Kopfes Körpersegmente mit hineingezogen, so mtissten es
doch eins oder mehrere der ersten sein. Da aber nach der
Regeneration die drei alten noch ebenso gut vorhanden
waren wie beim Beginn derselben, so bleibt doch wohl
nichts anders übrig als zu sagen, es werden in die Bildung
des Kopfes keine Körpersegmente hineingezogen, oder aber
man müsste annehmen, dass genau so viel rothe Segmente
dunkel würden, wie dunkle zur Verwendung gekommen
wären. Letzteres scheint mir ziemlich ungereimt zu sein.
Eine andere Frage ist die, ob das Material zum
Aufbau des Kopfes nicht vielleicht aus den ersten Körper-
segmenten genommen werde? Eine Antwort hierauf kann
nur die histologische Untersuchung der Regenerations-
vorgänge ergeben, wir müssen sie also an diesem Orte
offen lassen.
Zum Schluss will ich noch einmal auf die ungemein
grosse Regenerationsfähigkeit der Liimbriculi hingewiesen
haben. Wie wir erinnern, hatte Bonnet einen dieser
Würmer in 26 Stücke zerlegt, „dont la plupart ont repris,
et dont plusieurs sont devenues des animaux complets."
Die einzelnen Theilstücke müssen schon recht klein ge-
wesen sein, bei einem Thier von mittlerer Grösse ca. 2 mm.
Ich habe diesen Versuch nun zwar nicht in der Form
nachgemacht, dass ich einen ganzen Wurm in so viel
Theile zerschnitt, sondern es sind nur immer gelegentliche
Beobachtungen angestellt. So erzielte ich z. B. mehrere
Male bei sorgfältiger Pflege aus Stücken von vier oder
fünf Körpersegmenten ganze Thiere. Waren sie 8 oder 9
94 C. Bülow:
Segmente gross, so konnte man sicher darauf rechnen aus
ihnen vollständige Würmer zu erhalten. Von einem Liim-
hrkulus, der in 14 Stücke zerschnitten wurde, ging nur
eins zu Grunde, die übrigen regenerirten Kopf und Schwanz,
Die Theilung war am 19. Oktober vorgenommen, am 8.
December 1881 lebten sie noch. Obgleich fast alle Theile
dieselbe Grösse von 3\/2 mm gehabt hatten, war doch das
Längenwachsthum am Schwanz kein gleichförmiges.
Missbildung habe ich ich nur am Schwanz, nicht am
Kopf auftreten sehen, wenn man eben nicht die geringere
Anzahl der Segmente, die hier und da zur Beobachtung
kam, als eine solche auffassen will. Was B o n n e t als
„trompe" oder „langue" beschreibt, ist nichts anders als
der vorgestülpte Schlund.
Man kann diese Erscheinung häufiger bemerken, na-
mentlich, wenn man Köpfe abschneidet und zu dem Wasser,
in welchem sie liegen, wenig Alkohol setzt. Manchmal
wird dann der Schlund ein ganzes Ende hervorgestreckt.
Thiere mit zwei sehr gut ausgebildeten Hinterenden
kommen vor. Noch jetzt (9. December 1881) befindet sich
in meinem Besitz ein Lumhriculus von ca. 572 cm Länge
und einem doppelten Schwanz; jeder einzelne misst P/4 cm.
Auf sonstige Missbildungen ist hin und wieder im Text
aufmerksam gemacht worden.
üeber Theilungs- und Regenerationsvorgänge bei Würmern etc. 95
Verzeichniss der benutzten Bücher.
Plinius, Historia naturalis, lib. XI, cap. 111 und lib. XXIX. cap. 38.
Bonn et, Traite d'Insectologie ou observations sur quelques especes
de Vers d'eau douce qui, coupes en morceaux deviennent autant
d'Animaux complets: Oeuvres d'histoire naturelle et de Philosophie
de Charles Bonnet. T. I. Neufchatel MDCCLXXIX.
— Considerations sur les Corps organises. Amsterd. MDCCLXIl.
Reaumur, Memoire pour servir ä l'histoire des Insects. T. VI.
Preface. Paris MDCCXLII. (In dieser Vorrede sind die Versuche
von Trembley, Memoire pour servir ä l'histoire d'un genrede
polype, von Bernard de Jussieu, Guettard uud Gerard
de Villars näher besprochen.)
Dalyell, The Powers of the Creator, p. 31, 72, 91, 100. II. vol.
p, 59, 99, 151 etc.
— Rare and remarkable Animals of Scotland.
Simroth, Anatomie und Schizogonie der Ophiactis virens. Z. f. w.
Zool. Bd. XXVII und XXVIII.
(Lyonnet und Mazolleni sind mir nur durch Reaumur bekannt
geworden.)
Duges, Recherches sur la circulation, la respiration et la repro-
duction des Anelides abranches. Ann. des Sc. nat. 1828.
Quatrefages, Histoire naturelle des Anneies marins et d'eau douce.
Paris 1865.
— Memoire sur la regeneration alternante des Syllis. Ann. d. Sc.
nat. Ser. 4. Zooig. T. II. 1854. p. 143 pl. 4.
Ehlers, Die Neubildung des Kopfes und der vorderen Körpertheile
bei polychaeten Anneliden. Erlangen 1869.
— Die Borstenwürmer (Annolida chaetopoda). Nach systematischen
und anatomischen Untersuchungen. Bd. I. Leipzig 1864 — 68.
Milne-Edwards, Legons sur la Physiologie, t. Qme, 72me. lec.
Paris 1863.
Krohn, Ueber die Erscheinungen der Fortpflanzung etc. Arch. f.
Naturg. von Wiegmann. 1852. p. 66.
Ratzel. Beiträge zur anatomischen und systematischen Kenntniss
der Oligochaeten. Z. f. w. Zool. Bd. XVIII.
Claparede, Recherches anatomiques sur les Oligochetes. Geneve et
Paris 1862.
— Les Annelides Chetopodes du Golfe de Naples, Geneve et Bäle
1868. p. 30 und 31.
96 C. Bülow: Ueber Theilungs- und Regenerationsvorgänge etc
Semper, Die Verwandtschaftsbeziehnngen der gegliederten Thiere.
Arb. aus d. zool.-zoot. Inst. Würzburg. B. III.
— Ueber die Wachsthumsbedingungen des Lymnaeus stagnalis. Arb.
aus d. zool.-zoot. Inst. Würzb. Bd. I.
Leydig, Vom Bau des thierischen Körpers. Tübingen 1864.
Ed. Grube, Ueber den Lumbricus variegatus Müller's und ihm
verwandte Anneliden. Arch. f. Naturg. 1844. 10. Jahrg.
0. F. Müller, Von Würmern des süssen und salzigen Wassers.
4^ Kopenhagen 1771.
Langerhaus, Ueber einige canarische Anneliden. Nova Acta d.
Kaiserl. Leop.-Carol. Deutsch. Acad. d. Natf. Bd. XLII, Nr. 3.
Nicht zu Gebote standen mir folgende Werke:
ßosc, Histoire naturelle des Vers. t. I. Paris, p. 128 und 215.
Dominici Vandelii philosophi ac medici dissertationes tres. De
Aponi Thermis, de nonnullis terrestribus etc. Patavii 1758. (cf.
Claparede: Les Annelides etc. p. 30.)
Williams, Report on the British Annelids. — Report of the
British Association for 1851 p. 247.
Carl Voigt, Vorlesungen über nützliche und schädliche, verkannte
und verläumdete Thiere. Leipzig 1864 p. 91.
Frey und Leuckart, Beiträge zur Kenntniss wirbelloser Thiere
1847. 4. p. 91.
Baird, Johnstous Catalogue of british non parasitical Worms.
Appendice.
van Beneden, Histoire naturelle du genre Capitella. Bullet, de
l'acad. roy. de Belgiqne 1857.
Kinberg, Ora regenerationen af hufvudet och de främre segmen-
terna hos en Annulat. — Oefv. af. k. Vet. Akad. Forh. Stock-
holm 1867. u. 2, p. 53 (cf. Clap. a. a. 0. p. 31.)
Tauber, Naturhist. Tidsskrift 1874. T. IX. p. 1—100.
C. Minor, On natural and artificial section in some Chaetopod
Annelids.
0. F. Müller, Zoologia Danica. Vol. IL
A. Agassi z, On alternate generation of Annelids and the Embryo-
logie of Autolytus cornutus. Boston, Journal of Nat, History
Vol. VII.
Sie sind mir theils durch Referate, theils durch Citate bekannt
geworden.
lieber einen auffallenden Gesehlechtsdimorphisnins
bei Psoeiden nebst Beschreibung einiger
neuer Gattungen und Arten.
Von
Dr. Ph. Bertkau
in Bonn.
(Hierzu Tafel I.)
Ein eigentlicher Geschlechtsdimorpliismus ist bei Pso-
eiden bisher nicht sicher bekannt geworden. Allerdings
hat Westwood eine Gattung Lachesilla aufgestellt, die
im männlichen Geschlecht kurze, im weiblichen gar keine
Flügel haben soll. Westwood hat die Art, für die er
diese Gattung gründete, L. fatidica (Z.) genannt, während
der Termes fatidicus L. jetzt auf einen Atropos bezogen
und als andere Art angesehen wird. Die Gattung Lache-
silla Westw. ist aber überhaupt neuerdings nicht wieder
aufgefunden und durch West woo d selbst nicht so vollständig
charakterisirt worden, dass man den von ihm behaupteten
Geschlechtsunterschied ohne weiteres als bewiesen annehmen
könnte; nach Mac Lachlan ist sie sogar nur die Nymphe
von Caecilius pedicularius (i.). Ferner spricht Westwood
die Ansicht aus, dass die Arten mit dreigliederigen Tarsen
und freier Hinterrandszelle (also Unterfamilie Caeciliini
Kolhe) die Männchen von grösseren Arten mit geschlossener
Discoidalzelle und zweigliederigen Tarsen seien (Psocini
Kolbe), eine Meinung, der Hagen selbst nach Prüfung der
Westwood'schen Typen nicht beipflichten kann. Abgesehen
nun von diesem zweifelhaften Falle bei Lachesilla und der
erwähnten Vermuthung Westwood's ist ein Geschlechtsdi-
Arch. f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 7
98 Ph. Bertkau:
morphismus nicht bekannt; nachstehende Beschreibung wird
indessen zeigen, dass ein solcher in einigermassen scharf
ausgeprägter Form auch bei den Psociden vorkommt.
Psocus heteromorphus n. sp. Fig. 1,
Griseo-virescens, sanguineo-variegatns. Vertex medio seriebiis
ölongitudiiialibus macularum partim confluentium postice divarican-
tibus simulque ternis praeter oculos sitis ornatus, ante ocellos
macula fiisca , alteram pallidam cingente ; frons longitudinaliter
striata. Palpi pallidi, articulo ultimo fasco; autenuae corpore (in ^
aliquanto, in $ paullo) longiores, villosae, fuscae, articulis 2 basa-
libus pallidis. Prothorax brevis, fuscus, meso- et metathorax lateribus
et marginibus fusco-variegati. Pedes pallidi tarsis fuscis. Abdomen
sapra vittis quinque, lateralibus interdum geminatis, saepissime in
maculas dissolutis instructum, subtus pallidum, segmento penultimo
brunneo-fuscum.
Alae ^ corpore longiores, hyalinae, laete iridescentes, venis
fuscis non ciliatis; anteriores pterostigmate fusco basi pallidiore;
fasciis 3 fuscis, prima a margine interiore Oriente in cellula postra-
diali angustius desinente, secunda a pterostigmate versus marginem
interiorem currente, cum tertia juxta marginem apicalem currente
conjuncta; alae posteriores immaeulatae.
Alae in ^ brevissimae vix marginem posteriorem segmenti
secundi abdominis superantes, venis apicem versus obsoletioribus.
Longitudo ^^ = 3, $ = 4 mm. Habitat in prov. Rhenana
locis calidioribus sub lapidibus.
Hinzufügen will ich noch, dass Kopf und Rumpf mit
eigenthümlichen, am Ende trichterförmig erweiterten Haaren
bedeckt ist, die bei schwacher Vergrösserung nageiförmig
erscheinen. Die Beine, namentlich Schienbeine, sind dicht
mit reihenartig angeordneten Borsten bekleidet; die Krallen
der Füsse vor der Spitze gezähnt.
Ich fand von dieser Art am 23. August v. J. J" und
$ auf dem Hammerstein unter Steinen ; die cT umschwärm-
ten die $ unablässig, auch wenn schon ein J" mit einem
$ in copula war; die kurzflügeligen Weibchen sah ich
auch am 1. September desselben Jahres bei Cochem an der
Mosel (im Endert-thal); cT konnte ich hier nicht mehr ent-
decken. Ein zweimaliger Besuch des Hammerstein am
27. Mai und 17. Juni d. J. Hess mich die Art vergebens
suchen. Dagegen klopfte ich am letzteren Datum eine
andere ungefliigelte Holzlaus, die unbeschrieben ist und
folgendermassen beschrieben sein mag.
Ueb. einen auffallenden Geschlechtsdimorphismus bei Psociden etc. 99
Trocticus n. g. Caput transversum, ocellis destitutum, oculia
magnis, globosis. Antennae corpore paullo longiores, 13-articulatae,
articulis duobus basalibus brevibus, craseis, ceteris filiformibus, pube-
scentibus. Palporum articulus ultimus fusiformis vel cylindriformis.
Pectus capite intra oculos sumpto angustius, meso-et metathorace
latiore quam prothorax; meso- et metathorax non connati, Alae
rudimentariae oculo inermi vix conspicuae, auriculariformes. Tarsi tri-
articulati, articulis duobus apicalibus simul sumptis basali multo
brevioribus. Abdomen late ovale, apice acuminato, et longitudinaliter
et transversaliter supra valde convexum.
Tr. gibbulus n. sp. Fig. 2.
Glaucescens, sanguineo - variegatus. Vertex antice late san-
guineus, postice seriebus 4 macularum eodem colore et binis juxta
oculos sitis ornatus; interspatium ellipticum, dilutius sanguineum,
flavo-cinctum. Oculi cinerascentes, prominuli. Frons longitudinaliter
crebre striata; labrum sulphureum, nigro marginatum; palporum
et antennarum a ticuli basales tres pallidi, ceteri fusci; pedes pallidi,
femoribus supra sanguineo inconspicue tincti, tarsi fusci. Thorax
supra vitta flava; abdomen fascia media lata vittaque a basi usque
ad fasciam illam ducta sanguineo-atra, punctis minoribus et majori-
bus irroratum, quorum maxima in series transversas et seriem lon-
gitudinalem vittam illam in dimidio posteriore continuantem disposita
sunt; abdomen subtus cinerascens, apice atro.
Longit. corporis = 3,3—3,5 mm. Habitat in provinc. Rhenana
locis calidioribus, in frutetis.
Von Atropinen waren bisher aus der deutschen Fauna
nur die Gattungen TrocteS; Atropos und Hyperetes bekannt
geworden mit ihren Synonymen Clothilla, Lepinotus, Para-
doxides, Paradoxenus und Liposcelis. Von diesen allen
unterscheidet sich • die vorliegende Art durch die faden-
förmigen, ISgliederigen Fühler, deren letztes Glied nicht
kürzer als die vorhergehenden ist und den buckeiförmig
erhobenen Hinterleib.
Von dieser Art klopfte ich mehrere Exemplare am
17. Juni d. J. auf dem Hammerstein, zumeist von Prunus
Mahaleb, dann von Pr. spinosa und Crataegus oxyacanthus.
Ich versuchte sie zu Hause am Leben zu erhalten, indem
ich sie in ein grosses Cylinderglas mit feuchter Erde, in
die ich Zweige von Pr. Mabaleb gesteckt hatte, setzte.
Um die Zweige frisch zu erhalten, hatte ich das Gefäss
mit dem eingeriebenen Glasdeckel verschlossen, so dass im
100 Ph. Bertkau:
Inneren eine feuchte Atmosphäre herrschte. Am 19. d. M.
lag 1 Exemplar todt am Boden, am 20. 8 weitere Exem-
plare, nachdem ich vorher Rinde von Platanus in das Ge-
fass gestellt hatte, auf der sie sich munter herumtrieben
und mit den Mandibeln zu schaffen machten. Ich Hess
nun das Gefäss offen stehen und that dadurch der weiteren
Sterblichkeit Einhalt; am 22. war noch ein Thier gestorben,
das aber vorher verletzt worden war, und am 24. lag
wieder eins todt am Boden. Der Körperinhalt desselben
war schon ganz zersetzt, und enthielt 8 wohl ausgebildete
honiggelbe Eier; die drei übrigen treiben sich jetzt noch
lebend auf der Rinde herum; dass sie Eier gelegt haben,
habe ich nicht bemerkt.
Dieses Thierchen hat in Färbung und Körpergestalt
grosse Aehnlichkeit mit Nymphen, die ich am 27. Mai an
derselben Stelle klopfte, und aus denen sich bis zum 2. Juni
geflügelte Thiere entwickelten, die mir Mesopsocus unipun-
ctatus i^Müll.) oder wenigstens sehr nahe damit verwandt
zu sein scheinen. Ich kann mich des Gedankens eines
genetischen Zusammenhanges zwischen beiden Formen und
damit also auch eines Generationsdimorphismus nur schwer
erwehren. Sollte ein solcher Zusammenhang wirklich be-
stehen, so würde natürlich der neue Gattungs- und Art-
name überflüssig sein.
Lapithes n. g. Corpus alis omnino destitutum; oculi globosi,
magni; ocelli nulli ; antennae 13-articulatae ; articuli duo basales
crassi, breves, ceteri filiformes, ultimus praecedentibus non minor,
setosi. Maxillae latae, oblique truncatae, dentibus 8 — 9 obtusis
instructae; palporum articulus ultimus fusiformis, praecedentibus
duobus longitudine aequus. Prothorax mesothoraci fere aequus;
meso-et metathorax non connati. Tarsorum articuli bini. Abdomen
late oviforme, convexum.
Diese Gattung kann mit keiner der ganz flügellosen
verwechselt werden, da sie durch die Bildung der Fühler,
Taster und namentlich Maxillen so sehr ausgezeichnet ist;
auch die zweigliederigen Tarsen sind für eine Atropine
sehr bemerkenswerth.
L. pulicarius n. sp. Fig. 3.
Violaceo fuscus, junior flavescenti-fuscus, subtus pallidior, thorax
et abdomeu supra vitta mediana pallida, in abdomine dilatata, late-
üeb. einen auffallenden Geschlechtsdimorphismus bei Psociden etc. 101
ribus obscurius cincta, vittamque angustiorem antice angustatam
includente. Pedes, palpi antennae anusque nigra. Longitudo cor-
poris =3 mm. Habitat in prov. Rhenana locis editioribus sub la-
pidibus.
Junge Thiere sind gelbbraun, der Streifen über dem
Rücken fast weiss; ältere Thiere dunkel bis fast schwarz.
Ich fand die Art zuerst im August v. J. im Sieben-
gebirge unter Trachyt, dann im Oktober bei Linz unter
Basalt; am 10. Juni d. J. zahlreiche Exemplare auf dem
Arienfels unter devonischem Schiefer; die Art scheint also
an keine bestimmte geologische Formation gebunden zu
sein, aber doch die wärmeren Gesteine (Trachyt und
Schiefer) dem Basalt vorzuziehen.
Bonn, den 27. Juni 1882.
Erklärung der Figuren.
Fig. 1. Psocus heteromorphus BertJc. a ^ , b Kopf des ^ von
vorn, c Flügel des f/.
Fig. 2. Trocticus gibbulus Bertk. a von oben, b stärker vergrössert
von der Seite; fj, fj Flügelrudimente.
Fig. 3. Lapithes pulicarius BertJc. a von oben, b rechte Maxille,
c Labrum (lbr.)^von vorn und Labium (Ibi.) von oben; d
Fusskralle.
Die Stricbe neben den Figuren bezeichnen die natürliche Grösse.
X
Paunistische Studien in Japan.
EnosMma nnd die Sagami-Bai.
Von
Dr. Ludwig Döderlein,
Conservator des naturhistorischen Museums in Strassburg.
(Dazu eine Karte. Taf. U.)
Unter den vielen durch Naturschönheit ausgezeich-
neten Punkten in Japan ist einer der bekanntesten und
berühmtesten das kleine Inselchen Enoshima; es ist reizend
gelegen an der Nord-Ost-Seite der Bai von Sagami, nicht
weit von der ehemals mächtigen Stadt Kamakura. Auf
drei Seiten mit nackten Wänden fast senkrecht aus dem
Meere aufspringend, trägt der gegen 50 m hohe Felsen,
der die Insel bildet, eine üppige Vegetation. Bei nur etwas
unruhiger See bietet die Brandung, die die klippenreiche
Küste der Insel peitscht, ein wundervolles abwechslungs-
reiches Schauspiel. Berühmt ist EnosBima besonders seiner
herrlichen Aussichtspunkte wegen. Gegen Westen über-
blickt man die Berge der Halbinsel von Miura bis zur
Südspitze, wo die durch ihren Fischreichthum wichtige
Stadt Misaki liegt; im Süden fesselt den Blick der Vulkan
Oshima mit seiner immerdar aufqualmenden Dampfsäule,
die sich aus seinem Krater erhebt, und im Osten ist es
der gewaltige Fusiyama, der in unvergleichlicher Schönheit
aus dem blauen Meere aufsteigt. Das alles macht dies
Fleckchen Erde zu einem der beliebtesten Ausflugspunkte
für die Fremden in dem nahen Yokohama und Tokio, von
wo aus eine Tour nach Enoshima und wieder zurück in
einem Tage gemacht werden kann.
Faunistische Studien in Japan. Enoshima und die Sagami-Bai. 103
Für den Japaner hat dieser Felsen noch eine ganz
besondere Weihe. An ihn knüpfen sich die Mythen von
der schönen Göttin Benten. Eine ihr geweihte Grotte und
mehrere ehrwürdige Tempel bilden für den wanderlustigen
Japaner Wallfahrtsorte ersten Ranges, und ungezählte
Schaaren von Pilgern kehren alljährlich in Enoshima ein,
um der Göttin ihre Huldigung darzubringen.
Dieser Strom von Besuchern hat das ursprüngliche
Fischerdörfchen Enoshima erweitert um eine Reihe statt-
licher Theehäuser und ein paar Duzend Verkaufsbuden.
In letzteren werden ;,Erinnerungen an Enoshima" feil ge-
halten; zu denselben liefert die See fast ausschliesslich
das Material: unter den geschickten Händen der Insel-
bewohner wird aus den bunten Schalen der Seethiere eine
Menge der verschiedensten Gegenstände fabricirt durch
Abschleifen der grösseren und Zusammenkleben der klei-
neren Schalen. Die Mannigfaltigkeit ist eine erstaunliche:
Hier sind reizende Gemälde aus Muscheln zusammengesetzt,
dort eine zierliche Theekanne aus einer grossen Schnecken-
schale geschliffen. Mit grosser Naturtreue werden Blumen,
vollständige Bäume, selbst Schlangen und Hirsche lebens-
gross aus Muscheln zusammengeklebt, aus Ehurna japonica
wird eine Pfeife, zu Hunderten ist Triton zum Signalhorn
verwandelt, Seeigelschalen bilden Kreisel, in grossen Mengen
wird Pecten Yessoensis und Hdlioüs gigantea feilgehalten;
daneben noch Tausende von mehr oder weniger unverletzten
Conchylien und anderen Erzeugnissen der See, die ihrer
schönen Farbe oder merkwürdigen Gestalt wegen auf Ver-
käufer hoffen können. Selten verlässt ein Besucher die
liebliche Insel, ohne sich aus diesen Verkaufbuden ein
oder das andere Stück als Andenken mitzunehmen.
Hier kann nun auch der Zoologe die reichste Ausbeute
machen; er erwirbt daselbst für eine Kleinigkeit manch
gutes Stück, das zu den begehrtesten Objekten einer
zoologischen Sammlung gehört. Unter den gewöhnlichsten
Erscheinungen auf jenem Markte finden wir ausser einer
grossen Anzahl der verschiedensten Molluskenschalen die
eigenthümlich gedrehten Eihülsen von Cestracion PhiUppi
und oft auch diesen sonderbaren Haifisch selbst, ebenso
104 Ludwig Döderlein;
den merkwürdigen Monocentris japonicus, an Crustaceen
mehrere Arten von Leucosia und Pisa, dann Lamhrus validus
und die riesige Macrocheira Kaempferi, von dieser freilich
nur einzelne Bruchstücke; an Echinodermen Echinanthiis
testudinarius sowie verschiedene Schlangensterne; ausserdem
Gorgonien, Amphihelia und Dendrophyllia, Distichopora cocci-
nea imd eine ganze Anzahl verschiedener Schwämme, darunter
am häufigsten die zusammengedrückt kelchförmige Sipho-
nochalma papyracea und die allbekannte Hyalonema Sie-
holdii, deren Nadelbündel in Ermangelung des echten
Schwammes oft in den eben erwähnten Kieselschw^amm
gesteckt sind.
Gehört das eben genannte und noch manches andere
ebenso auffallende zu den nie fehlenden Gestalten des
Naturalienmarktes von Enoshima, so pflegt eine ungleich
grössere Reihe von weiteren Formen nur ab und zu einmal
zu erscheinen. Dem Sammler fällt daselbst manchmal eine
seltene Art in die Hand, die er später Jahre lang vergebens dort
suchen kann, während andere Formen mit grosser Sicher-
heit von Zeit zu Zeit wieder anzutreffen sind. Wenn einer
Mühe und Kosten nicht scheut, sich alle paar Wochen
einmal nach dem Inselchen zu begeben, und dann daselbst
die ganze Anzahl der Krambuden gründlich zu durchstöbern,
so kann er sich in verhältnissmässig kurzer Zeit eine Samm-
lung von Seethieren anlegen, die gut ausgestatteten Museen
zur Zierde gereichen könnte. Sehr bald bemerken die Ver-
käufer, was einen öfteren Besucher interessirt und was
nicht, und um die Wette beeifern sie sich, die von diesem
begehrten Dinge im Vorrath zu halten. Hunderte von in-
teressanten Thierformen, die sich zu den gewöhnlichen Ver-
kaufsobjekten nicht recht eignen und daher sonst fortge-
worfen werden, tauchen auf einmal auf, weil sich Nach-
frage dafür findet. Ich habe im Verlaufe von nicht einem
Jahre eine stattliche und interessante Sammlung besonders
von Crustaceen, Echinodermen, Bryozoen und Spongien
allein in Enoshima zusammengekauft, die in anderer Weise
und in ähnlicher Vollständigkeit herzustellen mit ganz aus-
serordentlichen Schwierigkeiten verknüpft ist.
Bei öfteren Besuchen in Enoshima wird es aber auf-
Faunistische Studien in Japan. Enoshima und die Sagami-Bai. 105
falleo, dass die Menge der zum Verkauf ausgebotenen
interessanten Arten in den verschiedenen Jahreszeiten eine
sehr verschiedene ist. Wer Anfangs des Jahres mehrmals
hintereinander dahin kommt, findet gewöhnlich stets eine
ganz überraschend reiche Ausbeute ; dies dauert bis gegen
Ende x\pril; da auf einmal tritt eine Stockung ein; die
selteneren Formen kommen nicht mehr auf den Markt. Hat
man Anfangs Mai die Buden noch einmal gründlich durch-
sucht, so lohnt es kaum der Mühe wieder nachzusehen bis
gegen Mitte oder Ende November, wo allmählig diese sel-
tenen Formen wieder ihr Erscheinen machen. Diese For-
men sind nun aber Thiere, deren Leben sich in etwas
beträchtlicherer Tiefe abspielt, etwa von 60 Faden bis 400
Faden. Zu diesen Tiefseebewohnern gehören die meisten
ßrachiopoden, ein grosse Menge von Mollusken, eine Reihe
bemerkenswerther Bryozoen, mehrere Cidariden und Ophiu-
ren und besonders viele Spongien, darunter knollige,
becherförmige und ästige Lithistiden oder Steinschwämme
von oft bedeutenden Dimensionen ') und die eleganten For-
men der Hexactinelliden oder Glasschwämme. Die letzteren
vor allem sind es, die nur w^ährend des Winters auf den
Markt kommen, die schon oben erwähnte Hyalonema in
Hunderten von Exemplaren, während die andern Arten
auch während dieser Zeit zu den Seltenheiten gehören.
Doch konnte ich während eines einzigen Winters etwa ein
Dutzend verschiedener Arten mir sichern, freilich meist nur
in einem Exemplare, darunter die Gattungen Farrea,
ÄphrocallisteSj Myliiisia, Euplectella, Holtenia und andere.
Dass solche Formen aber nur im Winter gefangen
werden, erklärt sich leicht: Alle die hier in Frage kommen-
den Thiere bilden keinen eigentlichen Gegenstand der
Fischerei; sie werden beim Fange der essbaren Fische und
Krebse gelegentlich mit gewonnen und in Enoshima auf-
1) Während die bisher bekannten lebenden Lithistiden eine
sehr bescheidene Grösse erreichten, habe ich daselbst Exemplare
erhalten von 30 cm Durchmesser, so dass sich wenigstens der
Grössenentwicklung nach die lebenden Arten mit den fossilen wohl
messen dürfen.
106 Ludwig Döderlein:
bewahrt, weil sie dort Verwendung finden können, während
sie in anderen Gegenden, wo sie wohl auch gefangen
werden, als nutzlos wieder fortgeworfen werden. Nun ist
im Winter in der Bai von Sagami ein wichtiger Gegen-
stand der Fischerei der Fang von Tiefseefischen, von
denen die wichtigsten Scomhrops chilodipteroides (jap. mutsu),
und Pterothrissus gissu (jap. Msti) sind; weniger häufig
erhält man Änthias herycoides (jap. akamutsu), JBeryx splen-
dens, JB. decadactylus (jap. Mmmedai) und andre Beryciden,
Arten von Sehastes und Thyrsites [darunter Th. pretiosus
(jap. harmufsu)], sowie viele Arten von Macrurus und
Coryphaenoides u. a.; eine Anzahl derselben zeichnet sich
aus durch eine prachtvolle goldrothe Farbe sowie auffallend
grosse Augen; andere sind einförmig grau oder schwarz
gefärbt, dazu nackt oder mit sehr leicht abfallenden
Schuppen bedeckt ^). Man fängt diese Fische nicht
mit Netzen; solche werden meines Wissens in Japan nur
bis zu einer Tiefe von höchstens 40 Faden gebraucht; son-
dern mit der Tiefseeangel, bei welcher an einer langen
Leine eine grössere Anzahl von Angelhaken befestigt sind.
In die Leine verwickelt oder von einem Angelhaken
gefasst kommt nun oft statt des gewünschten Fisches ein
andres Produkt der Tiefsee herauf, anscheinend am häu-
figsten wohl Hyalonema Sieholdii, die lose im Schlamm
steckt und von den Haken, die leicht in die Schwamm-
masse eindringen können , ohne Mühe herausgehoben
wird. Andere Formen, die festgewachsen sind auf dem
Boden, wie z. B. Farrea, haben viel weniger Aussicht von
der Angel an die Oberfläche befördert zu werden, sie
mögen noch so häufig sein in der Tiefe. Daher sind die-
selben auch ziemlich selten zu kaufen.
Dieser Tiefseefischfang dauert nun bis in den April;
da beginnt ein anderer Fang: Mit der wärmeren Jahreszeit
kommen nämlich in die Nähe der Küsten Schwärme von
Thunfischen und anderen pelagischen Scomberoiden, die
im Sommer in ganz Japan für die Fischerei die erste
1) Eine Reihe dieser Fische kommt regelmässig mit vorge-
stülptem Magen an die Oberfläche.
Faunistische Studien in Japan. Enoshima und die Sagami-Bai. 107
Rolle spielen. Mit Netzen und Angeln verfolgt, die nicht
bis zum Grunde reichen, wird bei deren Fang nichts, was
den Meeresboden bewohnt, mit gewonnen. Der Fang der
Tiefseefische ist jetzt zu Ende. Er weicht nicht nur der
Concurrenz des Thunfischfanges, sondern der Grund liegt
besonders in der bekannten Thatsache, dass die Tiefseefische
im allgemeinen ganz ungemein schnell in Fäulniss über-
gehen, so dass sie im Sommer den Transport nach den
grossen oft weit entfernten Fischmärkten nicht aushalten
und also nicht verwerthet werden können. So hört um
diese Zeit der Tiefseefischfang auf und damit der Fang
der Glasschwämme und deren Begleiter, und er beginnt
erst wieder, wenn mit dem Eintritt der kälteren Jahreszeit,
also im November, auch die Thunfische wieder verschwinden.
Bezüglich des Fundortes der in Enoshima ausgebotenen
Thiere gab ich mir die grösste Mühe, etwas sicheres von den
Verkäufern zu erfahren ; doch kam dabei nicht viel heraus.
Von einer kleinen Anzahl wusste man, dass dieselben am
nächsten Strande aufgelesen werden können in beliebiger
Menge, von anderen, dass sie beim Fange der ,^aivabi'^ (die
wohlschmeckende Hdlioüs gigantea oder Ohrmuschel, deren
Fang eine grosse Menge von Fischern beschäftigt) an bestimm-
ten Klippen näher oder ferner der Insel gelegentlich mitge-
nommen werden. Doch betreffs des übrigen, besonders der
grossen Menge der Tiefseethiere konnte ich lange Zeit nichts
genaueres erfahren, als dass sie ferne von Enoshima aus oft
sehr bedeutenden Tiefen erhalten würden. Nach und nach
kam ich dahinter, dass das wenigste von den Fischern von
Enoshima selbst gefangen werde, dass vielmehr das aller-
meiste von den Fischern in Misaki stammt, die ihre Funde
an die Händler in Enoshima verkaufen. Manches auch
kommt von der Provinz Awa und der Vulkan-Insel Oshima,
ein kleiner Theil sogar von den weit entfernt im Süden
liegenden Ogasawarashima oder Bonin-Inseln. Von hierher
kommen z. B. eine Reihe schöner meist riffbildender
Korallen, die in Enoshima ausgestellt sind, worunter die
Gattungen Madrepora, Fimgia und Tubipora die häufigsten
sind; daneben eine Anzahl auffallender Conchylienschalen,
wie tropische Arten von Triton^ Cassis, Pteroceras, Ct/praea,
Nautilus und verschiedene andere.
108 Ludwig Döderlein:
Es ist wichtig das zu beachten; denn solche glänzenden
Stücke kommen in nicht geringer Menge aus den Kauf-
buden von Enoshima in die europäischen Sammlungen
und entstellen den Charakter der japanischen Fauna, in-
dem auf Grund dieser Belegstücke eine nicht unbedeutende
Anzahl tropischer Elemente fälschlich der japanischen
Fauna eingereiht werden. Wenn diesem Umstände mehr
Rechnung getragen würde, Hesse sich ein japanisches
Faunengebiet vielleicht besser von den tropischen abgren-
zen, als es bisher möglich gewesen war.
Es liegen eine Anzahl Inseln mit echt tropischer
Fauna sehr nahe bei Japan : das sind die Bonin-Inseln, die
Liu-Kiu-Inseln und die Goto-Inseln. Sie stehen alle unter
japanischer Herrschaft ; die Produkte jener Inseln, darunter
auch Fische, Conchylien und Korallen gelangen fast aus-
schliesslich in Japan zum Verkauf und werden daselbst
nicht weiter von echt japanischen Produkten unterschieden.
So erhält man in Kagoshima häufig Liu-Kiu-Formen , auf
dem Fischmarkte von Nagasaki verkauft man die Thiere
der Goto-Inseln, in Tokio und in Enoshima fand ich vieles
von den Bonin-Inseln. Daher wird jetzt von Fischen z. B.
die Gattung Triacanthis nach meiner Ansicht mit Unrecht
der japanischen Fauna zugezählt, der sie nicht angehört,
während sie in zahlreichen Arten an der Zusammensetzung
der Fauna jener» drei Inselgruppen theilnimmt; so sind
auch Seeschlangen der japanischen Fauna fremd, mit Aus-
nahme von Feiamis bicolor; so fehlen den japanischen
Küsten die riffbildenden Korallen und ähnliche Beispiele
mehr.
Genaueres über den Aufenthaltsort einer grösseren
Anzahl der in Enoshima feilgehaltenen Thiere erfuhr ich
erst als Resultat einer Reihe von Ausflügen, die ich in
einem kleinen Fischerkahn in dem Meere rings um Eno-
shima und südlich davon bis nach Misaki hin unternahm.
Trotz der häufigen Ungunst des Wetters und der fühlbaren
Unzulänglichkeit meiner Mittel hatte ich doch dabei man-
chen hübschen Erfolg zu verzeichnen.
Als ich das erste Mal nach Enoshima kam, fuhr ich
wiederholt mit den Fischern hinaus, um mich über die
Seefauna in der nächsten Nähe zu unterrichten. Ich benutzte
Faunistische Studien in Japan. Enoshima und die Sagami-Bai. 109
ZU dem Zwecke das gewöhnliche japanische Grundzuguetz,
das bei ebenem Grunde bis zu einer Tiefe von etwa 20
Faden einen vorzüglichen Fangapparat bildet. Das eigent-
liche Netz stellt einen langen ziemlich engmaschigen Sack
dar; am offenen Ende ist der untere Theil des Randes
mit Thonkugeln beschwert und streift den Boden, der
obere Theil wird von Holzschwimmern gehoben, die seit-
lichen Ränder laufen in zwei lange weitmaschige Flügel
aus, an welchen die beiden je 100 bis 150 Faden langen
Seile aus Reisstroh befestigt sind; das Netz wird ausge-
worfen, das Boot in möglichster Entfernung von demselben
verankert, und nun wird an den beiden Seilen das Netz
langsam herangeschleppt; bei ruhiger See sind zwei Mann
genügend zur Bedienung. Ich habe diese Netze an allen
Küstenplätzen von Japan, die ich besuchte, angetroffen und
vielfach dem Schleppnetze vorgezogen.
Auf dem seichten Sandboden zwischen Enoshima und
der nahen Küste (1 und 2 der Karte) fingen sich Pleuro-
nectiden, Garneelen und eine Squilla in grosser Menge, auch
einige Salpen und Quallen geriethen ins Netz, dazu unge-
heure Mengen von Algen. Die Stelle zeigte sich sehr reich
an Individuen, aber arm an Arten. Ein ähnliches wenig
befriedigendes Resultat hatte ich auf der etwas tiefern, aber
ebenfalls sandigen West- und Süd-West-Seite (3), doch
fehlten hier die Algen. Ich versuchte dann einmal Nachts
zu fischen an diesen letzteren Stellen und sicherte mir dabei
eine Anzahl von Strongylocentrotus tuherculatus, Ästropecten
scoparius und aurantiacus sowie einige Krabben, darunter
Dorippe sima — diese kleine Krabbe benutzt ihre zwei
Paare von Rückeufüssen, um eine Bivalvenschale (Tellina)
als Schild über sich zu halten, unter der der ganze Körper
des Thieres sich versteckt mit Ausnahme des langen zwei-
ten und dritten Fusspaares — sowie einen kleinen Pagu-
rus, der regelmässig auf seiner grossen Scheere eine Actinie
trug, die, wenn der Krebs sich in seine Schale zurückge-
zogen hatte, die Oeffnung derselben verdeckte. Unter
mehreren Fischen, die sich noch ebendaselbst fingen, fand
sich auch Flotosus Uneatus, der von den Fischern ganz
ungemein gefürchtet wird seiner mit Widerhaken besetzten
110 Ludwig Döderlein:
Stacheln wegen; da ich nicht erlauben wollte, diesen Fisch
sofort wieder wegzuwerfen, brachen sie ihm, ehe ich es
verhindern konnte, seine gefährlichen Stacheln ab, aus
Sorge, dass ich mich verletzen könnte.
Der Boden an der Stid-Ost-Seite ist in der Nähe der
Insel zu klippig, um die Anwendung eines Netzes zu ge-
statten, dagegen bot die felsige Küste der Insel besonders
an der Südseite eine interessante Fundstelle : In den zahl-
reichen, gewöhnlich noch etwas erweiterten Spalten des har-
ten vulkanischen Tuffgesteines sassen hunderte Yon Sfrongylo-
centrotus tuberculatus^ dem japanischen Steinigel, und Hessen
sich in vielen Fallen nur in Stücken aus ihren Verstecken her-
vorziehen. Etwas seltener fand sich daselbst auch in Spalten
und unter Steinen versteckt Sphaerechinus pulcherrimus mit
zarten grünen Stacheln. Auf den dunklen Felsen hob sich
grell leuchtend ein orangegelber Scytaster ab, der seine
Farbe offenbar nicht dazu hat, um ungesehen zu bleiben;
denn ich kenne kein anderes Seethier, das schon aus weiter
Entfernung so die Aufmerksamkeit auf sich zöge, wie dieser
auffallend gefärbte Seestern. Ihm wird das Dasein sauer
gemacht 'durch eine kleine parasitische Schnecke. An den
Armen oder der Scheibe des Thieres bemerkt man näm-
lich gar nicht selten beulenförmige Erhöhungen, die in
ihrer Mitte eine kleine Oeffnung erkennen lassen, aus der
gerade noch die Schalenspitze einer Eiäima hervorragt.
Der Parasit ist vollständig eingeschlossen in seinem Wirthe
und kann sich nicht mehr freiwillig aus seiner Behausung
entfernen ; die Oeffnung, durch die er noch mit der Aussen-
welt in Verbindung bleibt, ist wohl ursprünglich ein Porus
in der Körperhaut des Seesternes. Ziemlich häufig begegnen
wir hier noch einer hübschen Aplysia, die bei Beunruhigung
sich ihres purpurrothen Saftes entledigt. Die unter dem
Wasserspiegel gelegenen Felsen selbst sind über und über
bedeckt mit Bryozoen, besonders einer schwärzlichen
Eschara^ und Algen.
Nach Süden, Westen und Osten setzt sich Enoshima
fort in eine breite Terrasse, die nur bei Ebbe vom Wasser
unbedeckt bleibt. Ihre Oberfläche ist von tausenden von
kleineren und grösseren Spalten, Löchern und Ritzen zer-
Faunistische Studien in Japan. Enoshima und die Sagami-Bai. 111
rissen, die bei niedrigem Wasserstande natürliche Aquarien
bilden, in welchen Fische, Mollusken, Krebse und Würmer
ein abwechslungsreiches und anziehendes Leben entfalten.
Bei Ebbe aber gewöhnlich ganz im Trocknen lebend
finden sich hier noch Colonien von Ostrea, Purpura, Neri-
tina, dazwischen Chiton und Patella, in den Felsritzen
reihenweise die Cirrhipediengattung Scalpellum mit Indivi-
duen von jedem Alter. Daneben eine ansehnliche Spirula,
und wo eben das Wasser noch hinspritzt, breitet sich die
Spongiengattung Reniera aus, vertreten durch eine orange-
rothe und eine sammtschwarze crustirende Varietät, die
ich nur für die beiden Geschlechter einer Species zu halten
geneigt war: so constant ist ihr Vorkommen neben ein-
ander unter genau den gleichen Existenzbedingungen ; sie
sind oft innig mit einander verwachsen, die Aehnlichkeit
ihrer ganzen Gestalt ist auffallend und die Anzahl der
Individuen beider Formen scheint annähernd die gleiche.
Die mikroskopische Untersuchung der Nadeln belehrte mich
freilich eines bessern.
Dass jene interessanten Tiefseeformen, die in den
Kaufbuden eine so grosse Anziehungskraft auf mich aus-
übten, nicht in der nächsten Nähe von Enoshima ihre
Heimath hätten, davon hatte ich mich bald überzeugt; um
deren habhaft zu werden, waren offenbar Ausflüge nach
weiteren Entfernungen nothwendig.
Nachdem ich bei wiederholten Besuchen in Enoshima
gewahr geworden war, welch erstaunliche Mannigfaltigkeit
von Formen in jenen Tiefen verborgen sein musste, da
trieb es mich zu versuchen, was in meinen Kräften stand,
um diese Schätze selbst aufzufinden. Dass Versuche, die
eigentliche Fundstelle der Tiefseethiere von Enoshima zu
entdecken, zu öfteren Malen von verschiedenen Seiten schon
unternommen worden waren, wurde mir aufs bestimmteste
versichert, doch ging zugleich das Gerücht, dass dieselben
stets erfolglos geblieben seien. In wie fern dies begründet
oder unbegründet war, war mir in Japan nicht gelungen
sicher zu erfahren *). Den Fischern wurde nachgesagt,
1) Die „Challenger-Expedition" hat mit grossem Erfolg in den
dortigen Hyalonemaregionen gefischt.
112 Ludwig Döderlein:
dass sie die ihnen wohl bekannten Fundstellen sorgfältig
geheim hielten vor Fremden und die letzteren absichtlich
irre geführt hätten, wenn ihre Ftihrerdienste in Anspruch
genommen waren. Meine eignen Erfahrungen aus verschie-
denen Gegenden Japans bezüglich der japanischen Fischer
Hessen mir letztere Behauptung wenig glaublich erscheinen.
So machte ich mich denn selbst hinter verschiedene Fischer,
um jenes Geheimniss von ihnen zu erfahren.
Die bekannteste und auffallendste von allen jenen For-
men, deren Aufenthalt mir ein Räthsel war, ist die Hyalonema
Sieholdii, die jedermann in Enoshima unter dem Namen
hoshigai kennt. Wenn es mir gelang, den Fundort der
hoshigai zu ergründen, dann musste ich daselbst auch eine
grosse Reihe der übrigen Thiere erhalten können. Doch
abgesehen von ganz unbestimmten Angaben bezüglich des
Aufenthaltortes war das einzige sichere, was bei meinen
Fragen heraus kam, dass dieser Schwamm nur gelegentlich
mit Tiefseeangeln erbeutet würde. Fragte ich einen Fischer,
ob er selbst einmal einen solchen Schwamm gefischt habe,
so lautete die Antwort regelmässig nein.
Ich engagirte zuletzt einen Fischer, der mir zugab,
er habe zwar solche Schwämme selbst noch nie gefangen,
wüsste aber, wo sie vorkämen: die Stelle sei drei Ri (ca.
IV2 deutsche Meilen) von Enoshima in der Nähe der
Klippen von Uboshima in eirer Tiefe von 300 hiru (ca.
200 Faden). In Begleitung eines jungen Japaners, des
Herrn Takamatsu, den ich als Assistent und Dolmetscher
mit mir nahm, und mit einem Schleppnetz und einer Leine
von 240 Faden versehen, vertraute ich mich jenem Manne
an. Angekommen an dem fraglichen Orte, entdeckten wir
trotz aller Mühe aber auch keine Spur von einer Hyalo-
nema oder etwas ähnlichem weder im Schleppnetze noch
au den daran befestigten Hanfquasten. Was der Fischer
mir als Entfernung von Enoshima und als Tiefe angegeben
hatte, stellte sich wie gewöhnlich in solchen Fällen als
übertrieben heraus. Nun wollte ich gerne tiefere Orte weiter
in der See aufsuchen, um dort mein Glück zu probiren.
Scheinbar meinem Befehle, weiter herauszufahren, gehor-
chend, wussten es die Fischer aber so einzurichten, dass
sie der lieben Heimathsinsel stets näher kamen trotz meines
Faunistische Studien in Japan. Enoshiraa und die Sagami-Bai. 113
Protestes. Mein Dolmetscher, sonst ganz brauchbar, machte
es mir vollends unmöglich, meinen Willen durchzusetzen,
indem er mit höflichen Redensarten und Verbeugungen
nach echt japanischer Weise seine und meine Wünsche
den Leuten gegenüber ausdrückte, was wohl lang dauernde
Unterhandlungen, aber kein Resultat zu Tage brachte.
Durch diese Erfahrung gewitzigt, machte ich von nun
an meine Ausflüge bei Enoshima allein ohne einen Dolmet-
scher; der japanischen Sprache so weit mächtig, um mich
mit den Fischern direkt verständigen zu können, kam ich
dabei vortrefflich aus und habe es nie bereut, dass ich die
Hülfe eines solchen hindernden Mediums für die Zukunft
verschmäht hatte.
lieber die japanischen Fischer kann ich mich im allge-
meinen lobend ausdrücken: Die Nationalfehler der Japaner
hängen freilich auch ihnen an. Sie nehmen alles gern auf
die leichte Schulter, halten es mit der Wahrheit nicht zu
genau und sind sehr unzuverlässig in ihren Versprechungen.
Ist der Mann aber einmal an der Arbeit, dann ist er be-
wundernswerth ; von nicht besonders kräftigem Bau ist seine
Ausdauer und Unerraüdlichkeit ganz ausserordentlich. Ich
sah die Leute von Morgens 4 Uhr bis Abends 7 Uhr ihre
harte Arbeit des Ruderns und Netzziehens nur für die
kurze Zeit unterbrechen, die nöthig war, um ihr frugales
Mahl einzunehmen, aus Reis, Zwiebeln und Thee bestehend.
Zwei Mann genügten, um mich ca. 7 Seemeilen in die
offene See hinauszurudern, bei fast beständig ungünstigem
Winde, dort zu kreuzen und dabei in 150—300 Faden
Tiefe einen schweren Hanfquastenapparat zu schleppen;
sie zogen ihn fünf oder sechs Mal herauf und fuhren Abends
wieder zurück. Diese Leistung wäre ihnen freilich auch nicht
möglich ohne die unvergleichlichen japanischen krummen
Ruder, die ungleich ausgiebiger und dazu weniger ermü-
dend sind, als die geraden in Europa gebräuchlichen.
Ich wiederholte den Ausflug nach Uboshima und süd-
lich davon noch verschiedene Male bis in eine Entfernung
von 5 Seemeilen von Enoshima. Ursprünglich verwendete
ich dabei das Schleppnetz allein oder in Verbindung mit
Hanfquasten. Auf der Strecke zwischen Uboshima und
Archiv f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 8
114 Ludwig Döderlein:
Enoshima bei ziemlich festem sandigem Boden machte das
Ziehen des Schleppnetzes keine grösseren Schwierigkeiten.
Wo aber mehr südlich und in bedeutenderen Tiefen der Boden
anfing mudig zu werden, füllte sich der Netzbeutel rasch
mit dem zähen Thon und Hess sich nicht weiter von der
Stelle bewegen mit unserem kleinen Boote. Das Herauf-
ziehen kostete unverhältnissmässige Anstrengung, selbst
der Verlust des Netzes war zu befürchten, und der Inhalt
lohnte nicht der Mühe. Dabei aber konnte ich bemerken,
dass die Hanfquasten fast nie leer heraufkamen und fast'
regelmässig das, was das Netz heraufbrachte, selbst in
noch grösserer Menge enthielten. Ich sah ein, um das
Schleppnetz beibehalten zu können, brauchte ich ein viel
grösseres Boot, und musste die Anzahl der Fischer zum
mindesten verdoppeln. Abgesehen aber von den bedeutenden
Schwierigkeiten, in Enoshima ein grösseres Boot und die
dazu nöthige Mannschaft zu erhalten, um zur gewünschten
Zeit darüber verfügen zu können — selbst auf die zwei
bis drei Manu, die ich gewöhnlich beschäftigte, konnte ich
mich trotz ünverhältnissmässig hoher Bezahlung nie sicher
verlassen — erlaubten mir die viel bedeutenderen Kosten,
die ich aus meinen beschränkten Privatmitteln nicht mehr
hätte bestreiten können, die Verwendung eines solchen
nicht. So musste ich mich entschliessen, das Schleppnetz
wegzulassen und mich auf die Anwendung des Hanfquasten-
apparates allein zu beschränken. Ein solcher Apparat —
aus einer starken Eisenstange bestehend, an der 4 bis 6
Ketten befestigt waren; jede Kette trug eine oder mehrere
dicke Quasten von fein zerschlissenem Hanf, die 3 — 4 Fuss
Länge erreichten ~ erwies sich viel handlicher und zum
Aufsuchen von günstigen Fangplätzen vorzüglich geeignet;
und wenn auch manchmal Klumpen von zähen Thonmassen,
die sich an die Quasten anhingen, ihn so beschwerten,
dass wir mit Anstrengung aller Kräfte kaum im Stande
waren, ihn wieder heraufzubringen, so war ein solcher Fall
eben nur eine Ausnahme. An Felsen bleibt dieser Apparat
freilich eben so leicht hängen wie das Schleppnetz.
Die Lage der Orte, an denen ich fischte, bestimmte
ich in Ermangelung eines genaueren Instrumentes durch
Faunistische Studien in Japan. Enoshima und die Sagami-Bai. 115
einen Kompass mit Visirvorriclitung ; die Beobachtungen
erwiesen sich wenigstens so genau, dass ich die Punkte,
die ich einmal festgestellt hatte, mit einiger Sicherheit
wieder auffinden konnte, nachdem ich etwas Uebung darin
erlangt hatte. Als leicht erkenntliche Visirpunkte dienten
mir der Vulkan Oshima, der Fusiyama, besonders aber
die Insel Enoshima, ein auffallender Berg auf der Halb-
insel Miura (s. Karte) und der Leuchtthurm von Yogashima.
Bei den Untersuchungen zwischen Uboshima und
Enoshima (4, 5 und 6) konnte ich beobachten, wie drei
Arten von Astropecten, die fast allenthalben bei Japan
häufig sind, sich gegenseitig vertreten, in je grössere Tiefe
man kommt. Bis ungefähr 10 oder 15 Faden ist eine graue
Art, A. scoparius, äusserst häufig, bei ca. 30 Faden ist es
eine rothe Art, A. aurantiaais, die vollständig deren Stelle
übernommen hat; diese wird aber selbst wieder durch eine
braune Art ersetzt in einer Tiefe von ca. 60 Faden. Diese
Seesterne sondern äusserst viel Schleim ab, wenn sie in
etwas mattes Wasser gesetzt werden. Sie sind beständig
bedeckt auf der Rückenfläche von einer grauen oder
braunen Schmutzschicht; wenn man dieselbe entfernt,
so wird sie rasch wieder erneuert, indem aus den zahl-
reichen Poren der Körperhaut die erforderlichen Schmutz-
theilchen, wohl die Excremente der Thiere, 'ausgestossen
werden, nicht nur auf der Rückenfläche der Scheibe, son-
dern auch der Arme. Wird diese Schmutzschicht öfter
nacheinander entfernt, so geht dem Thiere das nöthige
Material allmählig aus. In einer Tiefe von ca. 100 Faden
südlich von Uboshima erhielt ich neben anderem eine Ko-
lonie von einer hübschen Palithoa, die die von einem Pagu-
rus bewohnte Schale völlig ttberkleidet hatte, doch so, dass
dem Bewohner der Ausgang nicht verschlossen war.
Als ich nach dem letzten dieser durchschnittlich wenig-
ergiebigen Ausflüge in dieser Richtung, Ende Mai, gerade
im Begriffe stand, wieder nach Tokio zurückzukehren, rief
man mich in das Haus eines Fischers, der eben nach zwei-
tägiger Abwesenheit wieder in Enoshima angekommen war;
er hatte eine ganze Sammlung von anscheinend ziemlich
frischen Exemplaren von Hyalomma, Farrea, Aphrocal-
116 Ludwig Döderlein:
listeSj Lithistiden, Terehratuliden und ähnlichem mitgebracht
neben dutzenden von dem grossen zum Signalhorn benutz-
ten Triton. Der Mann erzählte mir dann, das sei alles bei
Misaki gefangen; dort und bei der Provinz Awa sei die
Fundstelle der Tiefseethiere ; bei Enoshima kämen solche
Dinge kaum vor.
Ich hatte damals nicht mehr viel Zeit übrig, kaufte
dem Manne die Hälfte des Mitgebrachten ab, und Hess
mir das Versprechen geben: so bald ich wieder nach
Enoshima käme, würde er mich nach Misaki fahren, damit
ich selbst mein Glück dort versuchen könnte. Mitte Juli
begannen meine Ferien und ich eilte sofort wieder nach
Enoshima, um den Mann beim Worte zu nehmen.
Angekommen auf der Insel fand ich das Wetter günstig
und den Fischer bereit, den Ausflug zu unternehmen. Noch
vor der Abfahrt stellte sich aber heraus, dass der Mann
jene Dinge gar nicht selbst gefangen, sondern sie nur in
Misaki aufgekauft hatte. Er wusste nicht einmal die Orte,
wo sie gefangen würden, wollte es aber in Misaki erkun-
den. Ich willigte ein, da mir keine Wahl blieb, beschloss
aber mit meinen Hanfquasten die Strecke, die wir befahren,
zu untersuchen. So fuhren wir ab nach dem etwa 12 See-
meilen entfernten Misaki, doch nicht in gerader Richtung,
sondern in einem Bogen der Küste der Halbinsel von
Miura folgend in einer Entfernung von IV2 Meilen von
derselben. Die See wurde nun bald sehr unruhig und
die Seekrankheit befiel mich in einer nicht gerade an-
genehmen Weise. Etwa sechs Mal warf ich den Quasten-
apparat im Laufe dieses Tages in einer Tiefe zwischen
30 und 60 Faden (9, 10, 11). Es war nicht ganz
erfolglos, besonders an den tieferen Stellen, wo der Boden
bedeckt war mit Bryozoen, deren wir eine grosse Menge
fingen. Es waren ziemlich grosse verästelte Stöckchen,
besonders von Leprdlia und Entdlophora. Dazu kam unter
anderm auch eine kleine rothe Krabbe (gehört in die Nähe
von Stenorhynchus)^ so wie eine grosse Peronella-ArU ein
Schildigel, der lebend eine gelblichgraue Färbung zeigt,
beim Tode aber einen grasgrünen Saft in sehr bedeutender
Menge ausscheidet; das Thier erhält dadurch eine voll-
Faunistische Studien in Japan. Enoshima und die Sagami-Bai. 117
ständig grüne Farbe; dieselbe blasst bei getrockneten
Exemplaren allmählig etwas ab, in Spiritus dagegen erhält
sie sich ganz gut. Ein kleines abgestorbenes Bruchstück
eines Glasschwammes, das mit herauf kam, gab mir wenig-
stens die Hoffnung, dass in der Nähe, wenn auch in grös-
serer Tiefe, solche Thiere lebend zu erhalten sein dürften.
Durch die Seekrankheit, die mich den ganzen Tag nicht
verliess, sehr erschöpft, kam ich in Misaki an, wo wir die
Nacht zubrachten. Den nächsten Morgen besuchte ich das
dortige Fischerdorf in Begleitung eines meiner Leute. Von
Hütte zu Hütte gehend kaufte ich verschiedenes auf, be-
sonders ein paar Exemplare von Distichopora coccinea^ der
falschen Edelkoralle, wie sie die Japaner nennen. Auch
einige ganz hübsche Perlen wurden mir angeboten, die
von Haliotis gigantea stammten. Die Saison für Tiefsee-
thiere war vorüber; doch sah ich aus dem, was mir von
den verschiedensten Seiten vorgezeigt wurde, dass die
Fischer von Misaki in der That jene Tiefseethiere fangen,
die dann in Enoshima verkauft werden.
Wir fuhren endlich ab, um unsern Rückweg nach
Enoshima zu machen, diesmal aber in grösserer Entfer-
nung von der Küste als den Tag vorher. Etwa 2 V2 Meilen
nordöstlich vom Leuchtthurm von Yogashima (12) erreichten
wir 60 Faden Tiefe und hatten ähnliche Ausbeute wie den
Tag vorher. Eine Meile weiter war wenig Unterschied bei
über 100 Faden (13). Ich warf erst wieder aus, als wir
5V2 Meilen von Yogashima hinter uns hatten und über 4
Meilen von der Küste von Miura entfernt waren (14). Län-
ger als eine halbe Stunde Hess ich schleppen in 160 — 200
Faden Tiefe und dann heben. Als die Quasten endlich an
der Oberfläche erschienen, zeigte sich der Fang über alles
Erwarten reich und gut, dazu fast völlig verschieden von
allem, was wir bisher erhalten hatten. Da hing, vor allem
in die Augen stechend, in die Hanffäden verstrickt ein statt-
liches Exemplar der merkwürdigen und seltenen Lithoäes
hystrix, der japanischen „Teufelskrabbe", über ein Dutzend
Cidariden in drei verschiedenen Arten, dabei eine Gonioci-
daris, deren Stacheln auf der aboralen Seite breite etwas
concave Platten bilden mit einem auf ein Minimum redu-
118 Ludwig Döderlein:
cirten Stiele, Arten von Feronella, sowie Terebratella
rubella und Terehratulina caput serpentis an den Zwei-
gen einer ÄmphiJielia angeheftet; ausserdem eine ganze
Reihe von selteneren Mollusken, Crustaceen, Ophiuren
etc., an Menge aber alles andere tiberwiegend mehrere
Arten von Bryozoen aus den Gattungen Betepora, Hornera
und Entalophora , und zwei Arten von Hexactinelliden,
die Gattungen ^2^ÄrocaZ??5^es und Farrea repräsentirend.
Von letzteren Formen waren leider nur wenige unverletzte
Exemplare vorhanden, dagegen Tausende von Fragmenten
durchsetzten die Quasten derart, dass man dieselben that-
sächlich nicht berühren konnte, ohne das Knirschen der
dabei gedrückten Stückchen zu bemerken. Aus der zahllosen
Menge dieser zierlichen Schwämme, die bei diesem Ver-
such erhalten wurden, kann man schliessen, dass dieselben
auf weite Flächen hin den Meeresboden bewachsen müssen
wie Moose, untermischt mit Bryozoen und Korallen. Der Bo-
den scheint hier ziemlich fest und ist bedeckt von kleineren
und grösseren oft scharfkantigen Steinen vulkanischen Ur-
sprungs und Muschelfragmenten, auf welchen die Schwämme
etc. festgewachsen sind. Das Erstaunen und die Aufregung
meiner beiden Fischer beim Anblick der unerwartet reichen
Ausbeute, unter der sie viele von Enoshima her wohlbe-
kannte und für sehr selten gehaltene Formen begrüssten,
ist nicht zu beschreiben. Sie sprangen im Boote herum
und schrieen vor Vergnügen.
Bis die Jlanfquasten befreit waren von den delikaten
Gestalten, die sich darin verwickelt hatten, war es ziem-
lich spät geworden. Doch Hess ich etwa eine Meile von
diesem Punkte entfernt in der Richtung von Enoshima den
Apparat noch einmal schleppen (15), um mich über die
nördliche Grenze dieser Glasschwammregion zu unterrichten.
Ich musste dabei fast alle meine Leine nachgeben, bis das
Netz den Boden erreichte, 240 Faden. Die Tiefe mochte
etwa 190 Faden betragen; als es herauf kam, zeigten ver-
schiedene Schlangensterne, dass der Boden berührt war,
doch ausser ihnen war nichts weiter vorhanden.
Ich konnte mit diesem Tage zufrieden sein; der eine Fang
hatte mich für alle Mühe und Enttäuschungen entschädigt,
Faunistische Studien in Japan, Enoshima und die Sagami-Bai. 119
die ich vorher hatte. Hier hatte ich den Ort gefunden, wo
eine grosse Menge der in Enoshima feilgehaltenen Tiefsee-
bewohner lebte. Ich hatte einen Theil derselben wirklich
erhalten, vieles andere vermisste ich noch, darunter be-
sonders Hyalonema. Doch hatte ich hier nun eine sichere
Basis gewonnen für fernere Untersuchungen.
Anfang September unternahm ich wieder einen zwei-
tägigen Ausflug von Enoshima aus nach der Bai von Sagami.
Den ersten Tag ging die See äusserst hoch, so dass ich
nur mit Mühe ein paar Mal das Netz werfen lassen konnte ;
es war so schlimm, dass einer meiner beiden Fischer see-
krank wurde und den ganzen Tag unbrauchbar blieb; der
Mann, den das betraf, war ein gewerbsmässiger Fischer
und verstand sein Handwerk so gut wie irgend einer.
Wir fuhren in einer Entfernung von IV2 Meilen die
Küste von Miura entlang nach Süden, wobei wir nicht über
160 Faden erreichten. Aus einer Tiefe von 70 Faden, etwa
5 Meilen von Enoshima (17) zog ich ein sehr schönes Exem-
plar der Gattung Fentacrinus herauf. Die Bewegungen
des Thieres waren äusserst langsam; in einem Gefäss mit
Seewasser lebte es noch etwa eine halbe Stunde. Die
Kelcharme waren gerade ausgestreckt und parallel zu ein-
ander, als das Thier eben aus dem Meere heraufkam ; nach
Verlauf der halben Stunde waren sie sämmtlich so weit
als möglich zurückgebogen und der Kelch entfaltet. Mit
diesem Fentacrinus erschien angeheftet an ihn eine Coma-
tula, ausserdem Terehratella ruhella und die Molluskengat-
tung Xenophora in mehreren Exemplaren. Glasschwämme
zeigten sich hier nicht; der Boden schien mudig mit
vielen Schalenfragmenten bedeckt.
Die Nacht brachten wir im Boote zu, nahe der Küste.
Den nächsten Morgen fanden wir drei Meilen von der Küste
(20) entfernt Bryozoen und Feronella wie im vorigen Juli,
und etwa V2 Meile weiter, 5V2 und 6 Meilen von Enoshima,
die Glasschwammregion (21, 22); die auffallendste Gestalt
in Begleitung der Glasschwämme waren diesmal ein paar
blassrothe Astrophyton, während Cidariden und Feronella
hier fehlten; an Mollusken erwähne ich besonders von dieser
Stelle die Giiilfordia triumphans und eine Xenophora. Der
120 Ludwig Döderlein:
Fang war hier wiederum sehr reich, wenn wir auch den
Apparat nur ganz kurze Zeit unten lassen konnten des rasch
eintretenden schlechten Wetters wegen. Regen und starker
Wind zwangen uns schon gegen Mittag den Heimweg zu
suchen.
Weitere Ausflüge von Enoshima machte ich im fol-
genden November. Das Wetter begünstigte mich wieder
sehr wenig. Von neun Tagen, die ich auf die ganze Tour
verwendete, waren nur vier derartig, dass ich eine Aus-
fahrt wagen konnte und nur an zwei Tagen erlaubte es
die See, uns weit vom Lande zu entfernen. Zwei Tage
brachte ich westlich von Misaki zu. In dieser Richtung
begannen drei Meilen vom Lande entfernt die Glas-
schwämme in einer Tiefe von ca. 80 Faden (27). Ein bis
zwei Meilen nordwestlich von dieser Stelle in noch grös-
serer Tiefe (25) fischte ich neben einigen andern Echino-
dermen einen bemerkenswerthen krugförmigen Spatangiden
von rosenrother Farbe, der Gattung Pourtalesia ange-
hörig. Der Boden schien hier felsig zu sein und nicht von
losen Steinen bedeckt; die Tiefe wechselt hier sehr plötz-
lich; während ich an einer Stelle in 200 Faden den Boden
noch nicht erreichte, fand ich denselben kaum V* Meile
weiter dem Lande zu in nicht 70 Faden. Näher der Küste
zu begann eine sehr reiche Bryozoenregion in einer Tiefe
von ca. 40 Faden (29). 5 Meilen westlich von Yogashima
(31, 32) machte ich eine sehr ergiebige Ausbeute in 200 Faden
an Glasschwämmen, Bryozoen, Penuatuliden, Echinodermen
Crustaceen etc. ; ein frisches Bruchstück von Pentacrinus
kam ebenfalls zum Vorschein, und was mich am meisten
interessirte, das einzige Exemplar einer Hyalonema, das
ich zu erbeuten Gelegenheit hatte. Auch dies bestand nur
aus dem Nadelbüschel mit der noch lebenden Palithoa.
Dieser Schwamm ist an jenem Orte jedenfalls nicht häufig,
da ich ausser diesem Exemplar kaum 1—2 einzelne Nadeln
in den Hanffäden fand.
Zwei andre Tage fischte ich südwestlich von Enoshima
in einer Entfernung von 4—7 Meilen von dieser Insel und
4—5 Meilen von der Halbinsel von Miura. Bald in grös-
serer Menge, bald mehr vereinzelt kamen hier Glasschwämme
Faunistischc Studien in Japan. Enoshima und die Sagami-Bai. 121
zum Vorschein ; sie schienen in dieser Gegend nirgends
ganz zu fehlen, doch in Menge fand ich sie nur an den
südlichsten Punkten (35, 37, 39, 40), die ich in ^esen Tagen
berührte. Die begleitenden Formen stimmten zum Theil mit
früher erhaltenen überein, doch war auch viel neues dabei;
der Boden daselbst zeigte sich äusserst uneben und klippig;
der Gebrauch des Fangapparates stiess dadurch auf weit
grössere Schwierigkeiten als bisher; zahlreiche Steine und
Muschelfragmente bedeckten den Boden. Die Tiefe erwies
sich als sehr wechselnd, am bedeutendsten war sie an
einem Orte 6 Meilen südlich von Enoshima, 4V2 Meilen
von der Halbinsel (35), wo sie 250 Faden erreichte. Ein
bis zwei Meilen nordwestlich von dieser Stelle (39, 40)
bildete ein zäher Thon, der sich in grossen Klumpen an
die Hanfquasten anhing, den Meeresboden; doch fehlten
auch Steine an diesem Orte nicht ganz. Der Quasten-
apparat blieb an den klippigen Stellen sehr viel hängen;
dadurch und durch die schweren anhaftenden Thonklumpen
war das Heraufziehen mit ganz ausserordentlicher Mühe
verbunden. Hier hatte ich auch Gelegenheit, den berüch-
tigten Schwertwal Orca gladiator^ jap. saji, zu beobachten,
von dem zwei mächtige Exemplare in der nächsten Nähe unse-
res Bootes auftauchten ; nachdem diese Thiere acht bis zehn
Mal unter stark zischendem Geräusche Athem geholt hatten,
verschwanden sie wieder in der Tiefe. Eintretendes schlechtes
Wetter beendete diese Ausflüge wieder früher als mir er-
wünscht war und zwang mich nach Tokio zurückzukehren.
Mit diesen allerdings nur zum Theil zufriedenstellen-
den Resultaten musste ich meine Untersuchungen in der
Sagami-Bai zum Abschluss bringen, da ich schon Ende
desselben Monats Japan zu verlassen hatte.
Die in dieser Weise begonnenen Untersuchungen hätte
ich gerne noch einige Zeit fortgesetzt, um dabei das Mate-
rial zu sammeln zu einer faunistischen Bearbeitung wenig-
stens des östlichen Theils der Sagami-Bai. Nach den
schon gewonnenen Erfahrungen schien mir dies Unter-
nehmen, wenn nur mit einiger Umsicht und Energie durch-
geführt, auch bei geringen Geldmitteln sehr lohnende Re-
sultate zu versprechen. Möge sich in Japan bald ein an-
122 Ludwig Döderlein:
derer finden, der besser ausgestattet als ich es war, in
diesem verhältnissmässig leicht zugänglichen und an Inte-
ressantem ^0 überreichen Meerestheile die angefangene
Arbeit fortsetzt; die darauf verwendete Mühe wird nicht
vergebens sein. Einem solchen werden die oben gege-
benen Notizen vielleicht nicht ganz ohne Nutzen sein;
sie dürften ihm zum mindesten manches resultatlose Um-
hersuchen ersparen. — Das von mir zusammengebrachte
Material, das in sehr gutem Zustande in Europa angekom-
men ist, denke ich in Verbindung mit meinen nicht unbe-
deutenden übrigen Sammlungen aus verschiedenen Gegen-
den Japans zu bearbeiten resp. theilweise Specialisten zur
Bearbeitung zu überlassen; ich hoffe, dass mir dazu Gele-
genheit werde.
Sollte einmal der schon öfter in Anregung gebrachte
Gedanke verwirklicht werden, eine wissenschaftliche zoo-
logische Station an einem japanischen Küstenpunkte anzu-
legen, so würde sich meiner jetzigen Erfahrung nach die
Stadt Misaki als Ort derselben am besten eignen. Sie
kann von Tokio oder Yokohama aus zur See ganz leicht
erreicht werden, bietet den Vortheil eines sehr bedeutenden
Fischmarktes und giebt durch ihre Lage an der Spitze der
Halbinsel die Möglichkeit, Ausflüge mit gleicher Leichtigkeit
nach der Bai von Sagami, nach der Bai von Tokio oder
nach dem offenen Meere zu unternehmen; ihr Hafen ist
ruhig, geschützt durch die Insel Yogashima. Die abwechs-
lungsreiche Küste in der Nähe bietet die Existenzbedin-
gungen für die verschiedenartigsten Organismen; von be-
sonderem Werthe aber ist es, dass man von hier aus in
kurzer Zeit nach verhältnissmässig tiefer See gelangen
kann, wo ein erstaunlich reiches Thierleben entwickelt ist.
Freilich wird die Errichtung einer solchen Station, wenn
sie nicht durch Privatmittel geschieht, noch lange ein
frommer Wunsch bleiben, so grosse Erfolge man sich auch
davon versprechen müsste. Die japanische Regierung wenig-
stens wird, so lange sie wie jetzt an chronisch gewordener
Geldnoth leidet, die Mittel zu solchen rein wissenschaft-
lichen Zwecken nie hergeben.
Strassburg, im April 1882.
Faunistische Studien in Japan. Enoshima und die Sagami-Bai. 123
Bemerkungen zur Karte.
Für die beigegebene Karte ist die japanische Admiralitäts-
karte zu Grunde gelegt, auf der jedoch nur sehr wenige für meinen
Zweck brauchbare Tiefenangaben zu finden sind. Die angegebenen
Tiefen-Linien von 100 und 200 Faden sind nach meinen eigenen
Messungen construirt.
Die auf der Karte stehenden Zahlen bezeichnen die hauptsäch-
lichsten Stellen, an denen ich fischte. Auf sie beziehen sich die im
Texte eingeklammerten Zahlen.
Beiträge zur Kenntniss der Amphibien und Rep-
tilien der Fauna von Corsika.
Von
Dr. J. V. Bedriaga.
Hierzu Tafel III— V.
Dem hochverdienten Vice-Präsident der Kaiserl. natur-
forschenden Gesellschaft zu Moskau Herrn Geheimrath
Dr. K. R e n a r d zu seinem fünfzigjährigen Doctor- Jubi-
läum gewidmet.
Seltsamer Weise ist die Insel Corsika in naturwissen-
schaftlicher Beziehung nahezu eine terra incognita. Wäh-
rend von den unter französischer Oberherrschaft stehenden
Ländern Algerien von mehreren wissenschaftlichen Expe-
ditionen und von einzelnen Naturforschern unzählige Male
bereist und bis in das Herz der Sahara hinein durchforscht
worden ist, ist bis dato die von Frankreich oder Italien
aus so leicht erreichbare Insel Corsika in zoologischer Be-
ziehung und zwar hauptsächlich von den französischen Ge-
lehrten über alle Gebühr vernachlässigt und den Ausländern
zur Exploitation völlig tiberlassen worden. Aber auch für
diese scheinen die Schätze der Insel keinen sonderlichen
Reiz besessen zu haben. Mit Ausnahme von einzelnen
Zoologen, welche nach Corsika Sammelreisen unternommen
und ihre wissenschaftlichen Ergebnisse, wenn überhaupt,
in aller Kürze bekannt gemacht haben, wird diese Insel
meistentheils nur von Entomologen besucht, welche sich
mit dem Sammeln von sehr werthvollen, dort aber in
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 125
grosser Menge vorkommenden Coleopteren befassen. Aber
auch auf coleopterologischem Gebiete gelangen die Ergeb-
nisse dieser Reisen nicht in die Oeffentlichkeit, denn bis
anno 1878 wenigstens existirte noch kein umfangreiches
Verzeichniss der auf Corsika einheimischen Käferarten.
Als ich im vorigen Sommer auf Corsika landete, hegte
ich die Absicht, die Fauna dieser Insel in Augenschein zu
nehmen und mich zoogeographischen Studien zu widmen.
Namentlich beabsichtigte ich nach solchen Thierformen
zu suchen, welche als Verbindungsglieder zwischen der
Fauna Corsikas mit der Thierwelt Sardiniens und den
nächst gelegenen continentalen Ländern betrachtet werden
könnten. Dass derartige Studien für die Wissenschaft von
Nutzen sind und dass sie speciell dazu sich eignen, etliche
Probleme auf herpetologischem und amphibiologischem Ge-
biete aufzuklären, brauche ich wohl kaum hervorzuheben.
Wie sehr das circummediterrane Faunenbezirk und die
Inselfauna des Mittelmeeres sich zu dergleichen Studien
eignen, beweisen die werthvollen amphibiologischen und
herpetologischen Arbeiten Genes, De Bettas, Stauch s,
Böttgers, Latastes und Boscas. Döderleins allge-
meine Betrachtungen über die Thierwelt Siciliens enthal-
ten gleichfalls manche interessante Angabe, welche darauf
hinweist, dass die Fauna Sicula einen transitorischen Cha-
rakter trägt und Repräsentanten, sowohl der europäischen
als auch der afrikanischen Thierwelt aufweist. Während
meiner Reise in Griechenland und auf den Cykladen ist mir
ebenfalls die Thatsache aufgefallen, dass die dortige Fauna
durchaus keinen selbstständigen oder etwa durchweg euro-
päischen Charakter in sich birgt, sondern dass sie viel-
mehr Uebergänge der europäischen Fauna in die asiatische
und afrikanische enthält.
Die Arbeiten der soeben erwähnten Forscher ergeben
ein nicht zu unterschätzendes Resultat in zoogeographischer
Beziehung, nämlich dasjenige, dass die in einem gewissen
südlichen Küstenbezirke Europas lebenden Kriechthiere in
den gegenüber liegenden Lokalitäten der afrikanischen
Küste meistentheils wiedergefunden werden, oder durch
nahe verwandte Formen vertreten sind. So z. B. werden
126 J. V. Bedriaga:
die Reptilien und Amphibien der pyrenäischen Halbinsel,
mit Ausnahme einiger endemischen Arten, auf dem alge-
rischen Küstenstriche oder im Norden Maroccos ange-
troffen. Die Kriechthierfanna des südfranzösischen Lit-
torals ist gleichfalls im Norden Algeriens entweder durch
die nämlichen Arten oder deren Abarten und Unter-
arten vertreten. Andererseits werden die Balearen wie
auch Sardinien von europäischen und afrikanischen For-
men bevölkert.
Abgesehen davon, dass mir Corsika ein Interesse in
zoogeographischer Beziehung zu besitzen schien, hoffte ich
auf dieser Insel die verschiedensten Thi erformen in grös-
serer Anzahl vorzufinden und zwar aus dem einfachen
Grunde, dass Corsika einerseits nahe vom Binnenlande,
andererseits nahe von Sardinien gelegen ist und dabei,
trotz seiner geringen Ausdehnung, Localitäten von überaus
verschiedener klimatischer Beschaffenheit aufweist. Gegen
alle meine Erwartungen aber fand ich, dass die Thierwelt
Corsikas, mit Ausnahme der Vögel und Insekten, sowohl
in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht arm ist
und dass sie wenig Uebereinstimmendes mit der Fauna
des nahe gelegenen Sardiniens oder derjenigen des euro-
päischen Continents bietet. Die corsikanische Fauna be-
steht hauptsächlich aus kosmopolitischen Thierarten, aus
einigen endemischen und aus Zugvögeln.
Von der Absicht alle Thierklassen während meiner
Anwesenheit auf Corsika zu berücksichtigen und ein mög-
lichst vollständiges Verzeichniss der Species zu liefern,
musste ich zu meinem grossen Bedauern wegen einer an-
dauernden Krankheit absehen. Da ich jedoch mein Haupt-
augenmerk auf die Amphibien und Reptilien gerichtet
hatte und im Stande war, einiges Material zu sammeln, so
will ich in nachfolgenden Blättern etlicher Resultate, zu
denen ich bei meinen Studien gelangt bin, Erwähnung
machen.
Der erste Abschnitt dieses Aufsatzes behandelt die
Arten, welche ich selbst gesammelt habe. Im zweiten Ab-
schnitte nenne ich diejenigen Species, welche von anderen
auf Corsika constatirt worden sind. Die Lücken, welche
Beitr. z. Kenntniss d Amphibien n. Reptilien d. Fauna v. Corsika, 127
in dieser Arbeit zu Tage treten, glaube ich nächstens
theilweise ausfüllen zu können.
I. Abschnitt.
1. Megapterna montana Savi.
Bis vor Kurzem war man der Ansicht, dass des auf
Corsika einheimischen tritonenartigen Caudaten zum ersten-
mal in der Savi'schen Schrift „Descrizione d'alcune nuovi
specie di mammifferri e rettili italiani" erwähnt worden
war. Da§s dem aber nicht der Fall ist, glaube ich neuer-
dings nachgewiesen zu haben. Ich untersuchte nämlich im
Jahre 1879 die Gravenhorst'schen, im Breslauer Museum
aufbewahrten Original-Exemplare der „Molge platycephala"
sine patria und gewann die Ueberzeugung, dass Graven-
horst zwei specifisch verschiedene Molche beschrieben und
derart durcheinander gemischt hat, dass man längere Zeit
hindurch irrthümlicherweise glaubte, es handle sich in den
„Deliciae musei zoologici vratislaviensis" nur um eine ein-
zige Species. Ausserdem habe ich mich tiberzeugen können,
dass eine dieser von Gravenhorst verkannten Molch-
formen nichts anders vorstellt, als die von Savi 1838 als
neue und zwar einem neuen Genus angehörende Art be-
schriebene „Megapterna montana", dass folglich die Be-
nennung „Molge platycephala Gravenh." als eine Collectiv-
Bezeichnung zu betrachten ist und als solche eingezogen
werden müsste.
Die im Zoologischen Anzeiger 1879 veröffentlichten
Ergebnisse meiner diesbezüglichen Untersuchungen haben
selbstverständlich mein Interesse für den corsikanischen
Schwanzlurch dermassen in Anspruch genommen, dass ich
nicht eher ruhen konnte, bis sich mir die Gelegenheit bot,
lebende Exemplare desselben in A?igenschein zu nehmen
und näher zu untersuchen. Mein Hauptaugenmerk habe ich
dabei auf die Stellung gerichtet, welche der corsikanische
Molch im Systeme einnimmt. Es stellte sich alsbald her-
aus, dass es keineswegs genügend war, die während mei-
nen Vorarbeiten aufgetauchten Fragen in Bezug auf die
128 J« V. Bedriaga:
Euproctus-Angelegenheit durch eine etwaige Untersuchung
des auf Corsika einheimischen Caudaten allein zu lösen
und ich sah ein, dass man unumgänglich auch die übrigen,
mit letzterem bald identificirten, bald zusammengeworfenen
und in den Genus ;,Euproctus^ einverleibten Formen, wie
z. B. den sardinischen Euproctus Rusconii Gene und den
pyrenäischen Euproctus pyrenaeusautor., heranziehen müsse.
Ich gestehe offen, dass diese Wahrnehmung meine Aufgabe
bedeutend erschwerte, da ich mich durch sie plötzlich einem
bedenklichen Ansichtswirrwar gegenüber hingestellt sah
und die traurige Erfahrung machen musste, dass das mir
zu Gebote stehende, mit grossen Schwierigkeiten erhaltene
Material nicht genügen konnte, um mein Unternehmen zu
Ende zu führen.
Obgleich ich dessen wohl bewusst bin, dass ich
manche Aufklärung, namentlich mit Bezug auf die dem
corsikanischen Caudaten verwandten, geographisch aber
von ihm getrennten Formen schuldig geblieben bin, hege
ich die Hoffnung, dass die in beifolgenden Blättern nieder-
gelegten Resultate meiner Untersuchungen die Euproctus-
Frage einigermassen erläutern werden und dass sie der
Amphibiologie von Nutzen sein dürften.
Da ich aus eigener Erfahrung weiss, wie schwer es
fällt, der Euproctus- und Megapterna- Literatur Meister zu
werden und Klarheit in die verworrenen diesbezüglichen
Ansichten der Autoren herbeizuschaffen, so glaube ich im
Interesse derjenigen, welche sich mit den in Rede stehen-
den Urodelen befassen sollten, zu handeln, wenn ich eine
geschichtliche Uebersicht meinen Untersuchungen voran-
schicke. Da die meisten Schriften, in denen es sich um
die uns hier interessirenden Thiere handelt, schwer zu-
gänglich sind, so will ich die gewichtigen Angaben der
Autoren textuell wiedergeben; dies dürfte umsomehr dem
Leser willkommen seiö, als ihm dadurch die Mühe erspart
wird, sich durch einen Stoss von Literatur durchzuarbeiten.
Aus den von mir im Laufe dieser Arbeit noch zu er-
wähnenden Gründen führe ich den auf Sardinien einheimi-
schen und von Gene beschriebenen tritonenartigen Cau-
daten unter seinem Original-Namen „Euproctus Rusconii''
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 129
an ; den in den Pyrenäen lebenden und unter dem Namen
„Euproctus pyrenaeus" bekannten Molch bezeichne ich vor-
läufig einfach als „pyrenäische Molchart"; für den corsi-
kanischen Caudaten endlich will ich den Namen „Megap-
terna montana Savi" beibehalten. Diesen Namen entlehne
ich aus der oben citirten im Nuovo Giornale de' Letterati,
Tomo XXXVI, Nr. 211. Pisa 1838 veröffentlichten Schrift
Savi's. Diese Schrift enthält folgende ziemlich genaue
Gattungs- und Art-Diagnose der Megapterna montana.
;, Genus Megapterna Savi. — Caratteri generici.
Gute liscia, molle, porosa. Denti delle mascelle medio-
cremente lunghi. Denti palatini disposti in due serie
rappresentanti un y con l'apertura rivolta verso le fauci.
Lingua ampla, schiacciata; con stretto margine libero, solo
SU i lati, e posteriormente. Glandole postorbitali
piccole, poco visibili. Estremita anteriori con quatro
dita : posteriori con cinque : dita lunghe , sottili, libere :
Coda lunga, subcompressa. Coste molto sviluppate, e
molto mobili.
Specie. Megapterna montana. — Di questo Sa-
lamandride, che nell' aspetto molto somiglia al Geotriton
fuscus di Bonaparte, ne ho avuti due individui. Esse
furono raccolti sopra i monti di Corsika. Mi assicura il
D. Chiesi esser colä questo rettile molto comune, e disse
mi che Tordinaria sua dimora e dentro i tronchi marci de
Faggi, e sotto le scorze morte. I due individui da me
esaminati essendo stati conservati in uno spirito di vino
assai forte sono uu poco ritirati, ed il loro colore e sbia-
dito: con tutto ciö siccome i caratteri che destinguone un
tal rettile consistonö nella struttura delle varie parti del
suo corpo, e non nei colori, cosi malgrado la cattiva con-
servazione de' due individui che possiedo, facile riesce il
conoscere che esse differiscono dagli altri rettili fino ad
ora conosciuti, non solo per caratteri specifici, ma anche
per caratteri generici. — Descrizione. La sua testa e
piutosto allungata e notevolmente depressa : ambo le mas-
celle d'egual lunghezza: le narici d'apertura orbicolare,
poste air estremita del muso. Occhi di mediocre grossezza,
con palpebre distinte, e mobili : ambo le mascelle armate
Archiv f. Naturg, XLIX. Jahrg. 1. Bd. 9
130 J. V. Bedriaga:
di denti, sottili, assai lunghi, e quelli della mascella supe-
riore leggermenle curvi in dietro: per i quali caratteri
differisce il nostro rettile dai Geotritoni che han denti tanto
minuti da non potersi distinguere se non difficilmente.
I denti palatini son disposti in due serie le quali dopo
esservi conservate parallele fra loro per due terzi circa
della totale estensione divergono ad un tratto, e forman
cosi la figura d'un y rovesciata, con l'apertura cioe rivolta
verso le fauci. II gruppo di glandole succutanee posto
all' angolo delle mascelle esiste in quest* animale come
nella Salamaudra terrestre, ma e proporzionatamente raolto
piu ristretto, e non risulta che da un piccolo numero di
ibllicoli. Le glandole succutanee dorsali non ve le ho
osservate, e non credo che le abbiano; ma lo statto poco
perfetto de' due individui da me posseduti, non rai per-
mette di asserire se realmente essi ne fossero privi. Par-
lando deir apparecchio cutaneo dirö che questo rettile e
vestito da una cute delicata, moUe, diafana, e che sembre
contenere un infinita di minutissimi follicoli: e insomma
un apparecchio perfettamente simile a quello dei Geotritoni.
— Tornando a parlare della bocca noterö che la lingua 6
tanta ampla da occupare quasi tutto lo spazio intermedio
alle due brauche della mascella inferiore; che e schiacciata,
epoco alta : aderente perfettamente dalla parte anteriore,
libera nel margine su i lati e posteriormente, caratteri che
fanno distinguere il nostro rettile da quelli componenti
tutti gli altri generi di Salamandride, almene degli europei,
come vedremo in seguito. II tronco e mediocremente ri-
gonfio verso la parte media. Tutte levertebre che formauo
il di liu rachide (forse eccettuate solo le ultime due) sono
munite di coste rudimentarie perfettamente articolate sulle
vertebre cd in numero di dodici paja, per quel che mi e
sembrato. Quelle della parte media del tronco sono tanto
lunghe da giungere fino alla parte piü esterna del corpo;
per consequenza la Megapterna ha le vertebre molto piü
sviluppate non solo di quello che le abbia la Salamandra
macnlosa, ma fincoYSi la. Salamandrina perspicillata. La coda,
che in lunghezza supera tutto il rimanente del corpo , e
sottile , alla sua origine e piü larga che alta , ma poi
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 131
ristringendosi diviene piü alta che larga : ad un terzo della
siia lunghezza acquista la sua raaggiore altezza; in seguito
diminuisce e termina in una punta acuta, ed e affatto
priva d'appendici membranosi. Le estremitä anteriori sono
lunghe tanto che distese sotto la teste non giungono all'
estremitä del muso. Le mani son formate ciascima da
quattro dita, sottili, mediocremente lunghe. II dito esterno
e rinterno sono i piü corti, e presso a poco d'egual lun-
ghezza: il secondo, dal lato esterno, e poco piü lungo del
terzo. Le estremitä posteriori ripiegate sul corpo giungono
al di lä della mezza lunghezza di questo. II piede resulta
di cinque dita libere, e lunghe disegualmente; altro carattere
di distinzioni fra quest' animale ed i Geotritoni. II dito
esterno e il piü corto: i due medj sono i piü larghi. II
margine posteriore della gamba ha sulla parte media una
dilatazione che combinandosi colla base del piede fa com-
parir questo munito d'un grandissimo calcagno. — I colore
de' due individui da me posseduti e un grigio-cenerognolo
minutamente punteggiato di nero. — Dimension!:
Lunghezza totale: poll. 3 lin. SVs; della coda: poll. 1 lin.
72/3; della testa: lin. 51/2; Larghezza della testa: lin. SV^;
Lunghezza della estremitä anteriori: lin. 6V2; della mano:
2V2; deir estremitä posteriori: lin. 7; del piede: lin. 3.
Beinahe gleichzeitig mit dem Erscheinen der Cha-
rakteristik von Megapterna montana, publicirte Gen 6 seine
Synopsis Reptilium Sardiniae indigenorum (Memorie della
R. Accademia delle scienze di Torino, Serie II, tomo I,
1839), worin ein der Megapterna montana etwa ähnlich
aussehender nnd allem Anschein nach verwandter Molch
und zwar der Euproctus Rusconii beschrieben und abge-
bildet worden ist.
Bonaparte, der Zeitgenosse Savi's und Genö's,
kannte sowohl die Megapterna montana als auch den
Euproctos Rusconii. Er Hess beide in seiner Iconografia
della Fauna italica, fasc. XXVI 1839 unter ihren ursprüng-
lichen Namen ,,per rispetto al parere del sullodato pro-
fessore (d. h. Sa vi!)" abzeichnen. Dessenungeachtet ver-
mochte er nicht die Verschiedenheiten zwischen diesen
beiden Molchen ausfindig: zu machen und führte sie im
132 J. V. Bedriaga:
Texte unter dem Namen Euproctus platycephalus an ^).
Den Speciesuamen „platycephalus" entlehnte er aus dem
Gravenhor st' sehen Werke ^Deliciae musei zoologici
vratislaviensis" und gab dem Genusnamen „Euproctus Gene"
den Vorzug, obschon „Megapterna Savi" etwas älteren
Datums ist. Auf diese Weise stiftete Bonaparte die
nicht geringe Confusion, welche bis vor kurzem und sogar
bis heute noch in Betreff dieser Molchformen geherrscht
hat. Die Worte des Prinzen von Canino: „Anche la Me-
gapterna montana, Savi, di Corsica, e FEuproctus Rusconii,
Gene, di Sardegna, riuniti da noi non solo genericamente
ma specificamente, si ritengono diversi, malgrado la nostra
opinione, per conscociata asserveranza dei rispettivi fon-
datori" ^) lassen vermuthen, dass diese Ansicht Bona-
parte's schon damals bestritten worden ist und dass Savi
und Gene an ihn ohne Erfolg appellirt haben.
Unter den von Bonaparte aufgezählten Merkmalen
der Gattung Euproctus (= Euproctus Gene 4- Megapterna
Savi) sehen wir die Characteres externi des Euproctus, wie
sie von Gene angegeben worden sind, figuriren, dagegen
vermissen wir in der Iconografia della Faima italica die
hervorragendsten Punkte der S a v i'schen Megapterna-Dia-
gnose gänzlich. Bonaparte fügt ausdrücklich hinzu, dass
der dem Original-Genus Euproctus von Gene zugeschrie-
bene Fronto-temporal-Bogen seinem Genus Euproctus zu-
kommt. In die Synonymie seines Euproctus platycephalus
versetzte Bon aparte ausser der Megapterna montana Savi
und dem Euproctus Rusconii Gene auch Molge platycephala
Gravenhorst und Triton Rusconii Gene.
In seinem mir leider unzugänglichen „Catalogue of
the specimens of Amphibia in the Collection of the British
Museum. London 1850" soll Gray die Megapterna Savi,
obschon mit einigen Zweifeln, zu Euproctus platycephalus
1) In der Systema Reptilium von Fitzinger (fasc. I, Am-
blyglossae. Vindobonae 1843) p. 38 figurirt Euproctus platycphae-
lu8 Bonap. als Typus von einer neuen Gattung „Pelonectes".
2) Vergl. die Einleitung zur Iconografia della Fauna italica.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 133
(= Molge platycephala Gravenh. + Euproctus Rusconii
Gene) gestellt haben.
Obgleich Dumeril und Bibron die Megapterna
montana nur dem Hörensagen nach kannten, Hessen sie
sich dennoch verleiten, dieselbe ohne Weiteres in die Sy-
nonymie des Euproctus Rusconii zu versetzen. Ihr Capitel
über die Gattung Euproctus verräth Mangel an Sorgfalt und
übertrifft darin dasjenige, was Bonaparte uns über sei-
nen Euproctus platycephalus geboten hat, so z. B. erstreckt
sich, laut der generellen Herpetologie (T. IX, pag. 159)
der Verbreitungsbezirk des Euproctus Rusconii, i. e. der
Megapterna montana, auf Sardinien, Frankreich und Spa-
nien; Corsika wird auch mit keiner Sylbe erwähnt! Zahl-
reiche Urodele, so der Euproctus platycephalus Gray-Bona-
parte, die Hemitritone asper, rugosus, Bibroni, cinereus
und punctulatus Duges, die Molge platycephala Otto-
Gravenh. und endlich, wie bereits erwähnt, die Megapterna
montana werden ohne jedwede Kritik als Synonyme des
Euproctus Rusconii aufgefasst, was schon aus dem Grunde
nicht stattfinden dürfte, dass in demselben Bande der
Erpetologie generale und zwar auf Seite 152 Hemitriton
asper Alf. Duges zu Triton repaudus D. B. und die Hemi-
tritone cinereus, rugosus, punctulatus und Bibroni Duges
in die Synonymie gleichnamiger Tritone versetzt sich be-
finden (Vgl. Bd. IX, pag. 150-153).
Die Duges' sehen Hemitriton -x\rten, auf die ich
später zu sprechen kommen werde, werden somit von
Dumeril und Bibron zu zweierlei Zwecken gebraucht,
was wohl hinlänglich beweisen dürfte, wie leichtsinnig ihr
systematisches Werk bearbeitet worden ist. Wie in der
Iconografia della Fauna italica, vermisse ich auch in der
generellen Herpetologie die Aufzählung der Kennzeichen
der Megapterna montana ; die Charakteristik des Euproctus
dagegen ist vorhanden; sie ist nämlich zum grössten Theil
aus der Gene'schen Synopsis entnommen. Alles Uebrige
gehört augenscheinlich nicht zu dieser Gattung, sondern
eher zu dem Genus Glossoliga Bonap. ^).
1) Bei dieser Gelegenheit will ich hinzufügen, dass die Au-
toren der Erpetologie generale, gestützt auf die Vermuthung Gene's
134 J. V. Bedriaga:
Im Bde. XX der Ann. des scienc. nat. 3e serie ver-
gleicht Gervais seine Glossoliga Poireti mit Euproctus
Rusconii Gene und bemerkt Folgendes: „La synonymie de
Tespece type du genre Euproctus peut etre etablie ainsi
qu'il suit: a) Euproctus Rusconii Gene . . . Euproctus platy-
cephalus (Molge platycepbala, Otto) Bonap., Amphibia
europaea, p. 68 (de Corse et de Sardaigne). — b) Triton
glacialis, Philippe ... — c) Triton cinereus, T. rugosus, T.
punctulatus, T. Bibronii et repandus, Dumeril ... T. asper
(reunissant les precedentes) . . .'^ — Demnach wäre nach
Gervais die corsikanische Euproctus-Form, d. h. unsere
Megapterna montana, mit der sardinischen und pyrenäischen
identisch !
De Betta verfällt in den nämlichen Irrthum. In
seiner Mouografia degli Amfibi Urodeli italiani e piu diffu-
saraente delle specie vivente nelle provincie venete ^) be-
steht er ungeachtet der brieflichen Einwände Savi's auf
der Identität der Megapterna montana mit dem sardinischen
Euproctus. In der „Sinonimica" finden wir alle die oben
erwähnten Namen wieder. Corsika, Sardinien, Spanien und
endlich die Pyrenäen werden als Wohngebiete des soge-
nannten Euproctus platycephalus Otto-Bonap. bezeichnet.
Nach Strauch^), welcher, nebenbei sei es bemerkt,
versucht hat, das Salamandriden - System möglichst zu
vereinfachen, soll Megapterna Savi zu Triton Laur. als
Synonym gehören. Der Umstand, dass dieser treffliche
Herpetologe seinen Triton platycephalus auch als auf Cor-
sika vorkommend anführt, lässt mich vermuthen, dass er
an die Zusammengehörigkeit von Megapterna montana
(welche übrigens in der Synonymie des eben genannten
Caudaten nicht erwähnt worden ist), und Triton platyce-
phalus glaubt.
und die Angabe Guichenot's, Triton Poireti Gervais (= Glossoliga
Poireti) sei identisch mit Euproctus Rusconii den ersteren in den
Genus „Euproctus" einverleibt haben.
1) Mem. R. Instituto Veneto, vol. XI, 1864.
2) Vergl. seine Revision der Salamandriden-Gattungen in Mem.
de l'Acad. Imper. des scienc. de St. Petersb. Vlle serie, T, XVI'
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika, 135
Schreiber schloss sich zum Theil den Ansichten
Bonaparte's und zum Theil denjenigen Strauch's an
und führte uns in seiner Herpetologia europaea Savi's
Megapterna montana, Gene's Euproctus Rusconii und
Duge's Hemitriton-Arten unter dem Namen Triton platy-
cephalus Grav, vor. Ob Schreiber Exemplare seines
plattköpfigen Tritons ans den von ihm aufgezählten Loca-
litäten, wie z. B. Corsika, Sardinien und den Pyrenäen,
selbst gesehen und verglichen hat ist aus seinem Buche
nicht ersichtlich und hätten wir nicht auf indirektem Wege
und zwar durch eine Publikation Bouleuger's erfahren,
dass ihm bis anno 1875 nur pyrenäische und sardinische
Euprocten vorgelegen haben, so wäre ich eher geneigt
gewesen das auf den platycephalen Triton bezügliche
Capitel in der Herpetologia europaea als eine Compilation
zu betrachten. Die Diagnose des Hemitriton Dugös tritt
daselbst allerdings scharf hervor, die Kennzeichen aber
der sogenannten italienischen Formen des Triton platyce-
phalus beziehen sich bald auf die sardinische, bald auf
die corsikanische Form. Die Angabe Schreibcr's Triton
platycephalus komme nach Gervais auch in Algier vor,
beruht auf einem Irrthume Gervais, welchen letzterer in
seinem in den Ann. des scienc. nat. 1853 veröffentlichten
Aufsatze corrigirt zu haben scheint. Gervais hebt näm-
lich darin ausdrücklich hervor, dass seine nordafrikauische
Glossoliga Poireti und der Gene'sche Euproctus ßuscouii
generisch verschieden sind 0. Ferner fügt Gervais eine
Skizze des Schädels der Glossoliga Poireti hinzu, aus
welcher man sofort scliliessen kann, dass man keinen Eu-
proctus- oder Triton-Schädel vor sich hat und endlich er-
wähnt Gervais des Euproctus platycephalus als eines
Synonyms der „typischen Species aus dem Genus Euproc-
tus." Sowohl diese Notitz Gervais als auch die Grün-
dung seitens Bouaparte, der Gattung „Glossoliga", welche
für die nordafrikanische, ursprünglich von Gervais^) als
1) Es sei bemerkt, dass Gervais in diesem Aufsatze die vom
Euproctus Rusconii bewohnten Länder aufzählt und dass Nordafrika
unter diesen nicht genannt wird.
2) Vergl. seine Enumeration de quelques especes de Reptiles
136 J. V. Bedriaga:
Triton Poireti oder wie es scheint gar als Euproctus
Rusconii *) bezeichneten Caudaten bestimmt gewesen war,
scheinen Dumeril und Bribon bei ihrem Versuch, Glos-
soliga Poireti in den Genus Euproctus einzuverleiben, un-
bekannt geblieben zu sein.
Aus einem von Dr. Egid Schreiber an Herrn Bou-
lenger im Jahre 1878 gerichteten und vom letzteren ver-
öffentlichten Schreiben ^) schliessen wir, dass der Verfasser
der Herpetologia europaea seinen Irrthum in Betreff des
Triton platycephalus eingesehen hat und den corsikanischen
Molch „Megapterna montana" vom Euproctus Rusconii
Gene getrennt haben will. Da SchVeiber ausserdem einer
in den Annali del Museo Civico di storia naturale di
Genova vol. XIII, 17 dicembre 1878 publicirten Abhand-
lung, deren Autor beide zuletzt genannte Molche verglichen
und für specifisch verschieden erklärt haben soll, er-
wähnt, so liegt die Vermuthung nahe, dass Schreiber
durch diese Schrift beeinflusst worden ist.
In der englischen Zeitschrift „Nature" vom 5. Decem-
ber 1878 finden wir nochmals obige Ansicht über die Nicht-
zusammengehörigkeit des sardinischen und corsikanischen
Urodels erläutert. Während der sardinische Molch uns als
Euproctus Rusconii Gene in der ,,Nature" vorgeführt wird,
erhält Megapterna montana den Namen Euproctus montanus
Savi. Die ursprünglichen Diagnosen dieser Thiere sind in
dieser Notiz aufrecht erhalten.
Darauf hin erklärte De Betta mit Recht, dass diese
Ansicht eigentlich nicht als neu betrachtet werden darf^).
De Betta hätte allerdings hinzufügen können, dass der
Sohn Savi's seiner Zeit auf die Trennungen der Gattungen
^legapterna und Euproctus bestand *) , dass aber seine
provenant de Barbarie. Extrait des Ann. des scienc. nat. Novembre
1837, pag. 5.
1) Vergl. Gervais mir leider unbekannte Arbeit „Sur les ani-
maux vertebres de l'Algerie. Ann. des scienc. nat. 3. serie. X, 1848.
2) Bulletin de la Soc. zool. de France 1878, pag. 304.
3) Nuova Serie di Note erpetologiche. Atti del R. Istituto
Yen. di sc. e lett. Ser. V, T. V. 1879.
4) Vergl. De Betta's Monografia delgi Amfibi Urodeli Italiani.
ßeitr. z. Kenutniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 137
Aeusserung bei den Zoologen keinen Anklang gefunden
hat. Die Thatsache, dass der Versuch die betreffenden
Molcbarten ein für allemal zu trennen erst nachträglich
und zwar im Jahre 1878 so gut wie gelungen ist, findet
nämlich darin seine Erklärung, dass die Amphibiologie in
letzterer Zeit bedeutende Fortschritte gemacht hat und
dass heut zu Tage es viel leichter fällt, ein Urtheil über
dieses oder jenes Thier zu fällen, als es früher der
Fall war.
De Betta's Schrift „Nuova serie di note erpetolo-
giche" (Venezia 1879) enthält ein Capitel über den Eu-
proctus platycephalus, in welchem der Autor der Megapterna
montana gedenkt, zugleich aber bemerkt, dass seiner An-
sicht nach die specifische Trennung der iusulanischen Uro-
Üelen noch nicht nachgewiesen worden ist.
In demselben Jahre überraschte uns F. La taste,
indem er den beinahe in Vergessenheit gerathenen Triton
pyrenaeus D. B. der Synonymie des Triton platycephalus
oder Euproctus Rusconii entzog und als selbstständige Art
„Euproctus pyrenaeus" erklärte *).
Bald darauf publicirte Bou lenger einen Artikel
„Quelques mots sur les euproctes" (Bull. Soc. Zool. de
France 1878, pag. 304). Obgleich, wie wir es aus dieser
Schrift ersehen können, die corsikanische Megapterna dem
Verfasser vorgelegen hat, wird letztere dennoch unter dem
Namen „Euproctus platycephalus" angegeben und, aller-
dings mit Bedenken, für identisch mit Euproctus Rusconii
Gene gehalten.
Mem. R. Istituto veneto, vol. XI, 1864, p. 558. Bemerkung 1 : „A tergo
della lettera del eh. prof. Paolo Savi in data de 24 marzo a. c., egiä
citata nel l'articolo della Salamandra corsica il degnissirao ed egregio
figlio di lui dott. Adolfo, nello strendere la distinta della specie che
tanto generosamente mi venivano trasmesse, sottoposeal N. 7. Euproc-
tus Rusconii Gene-Sardegna, la speciale avvertenza che riscontrato
nuovamente dal padre suo il genere de Gene col proprio genere
Megapterna, trovo ancora di dover ritenere questo ben äistinto da
quello, e di non poter quindi convenire col Dumeril che ne fa un
sinonimo dell' Euproctus.''''
1) Revue internationale des sciences, Nr. 42, 1878, pag. 495,
138 J. V. Bedriaga:
„II est certain", sagt Boulenger, „que l'Euproctus
pyreiiaeus est une espece bien distincte (de l'Euprocte
Ruscollii !). En serait-il de meme de Megapterna montana
Savi ? (Noiis regrettons de n'avoir pu consulter le Journal
daus lequel cette espece a ete decrite pour la premiere
fois). C'est ce que nous ne saurions dire, n'ayaut encore
vu que cette forme et ne connaissant pas le veritable Rus-
conii ou platycephalus. Mais, ä en juger les figures des
auteurs (Gene, Bonaparte) qui represeutent le Rusconii
avec un museau plus allonge que le Megapterna et l'elar-
gissement du tarse arrondi chez celui-ci, triaugulaire ou
en forme d'eperou chez celui-lä, il se pourrait que dans
ces deux cas encore deux especes eussent ete reunies a
tort." — Der Aufsatz Bou lenger 's enthält, als Anhang,
den oben erwähnten Brief Schreib er's.
Die Gravenhorst'sche Molge platycephala war aber
bis dahin ununtersucht geblieben und fand die verschie-
densten Verwendungen. Vor zwei Jahren *) nahm ich die
Untersuchung der drei im Breslauer Museum übrig ge-
bliebenen Original-Molch-Exemplare Gravenhorst's und
gelangte zur Ueberzeugung, dass das kleinste Stück einen
Euproctus (Megapterna!) montauus vorstellt und es dünkt
mir als müssteu die beiden grösseren als Euproctus Rus-
conii Gene angesehen werden. Damals standen mir aller-
dings sonst keine anderen sardinischen Euprocten zur Ver-
fügung und ich habe mich lediglich begnügen müssen, wie
ich es auch ausdrücklich hervorgehoben habe, die Identität
dieser grösseren Breslauer Molche — welche, nebenbei sei
bemerkt, Gravenhorst sub Rubrik 1 „Individua quatuor
majora'' in seinem oben citirten Werk beschrieben hat —
mit Euproctus Rusconii Gene nur aus den mir vorgelegenen
literarischen Hilfsmitteln zu schliessen. Zugleich habe ich
die Vermuthung ausgesprochen, dass Euproctus pyreuaeus
der Autoren wohl der Fauna der iberischen Halbinsel an-
gehören mag.
1) Vergl. meinen Aufsatz „üeber Molge platycephala Gravenh."
im Zoologischen Anzeiger 1879.
Eeitr. z. Keuutniss d. Amphibien u. Keptilien d. Fauna v. Corsika. 139
In meiner, im Bulletin de la Sog. Imper. des natur.
de Moscou 1880 erschienenen Abhandlung über die geo-
graphische Verbeitung der europäischen Lurche nannte ich
ferner drei Euproctus-Arten und gab an, dass unter dem
von Barbosa du Bocage, Boscä, Rosenhauer, Ma-
chado, Dumeril und Bibron der Fauna der pyrenäi-
schen Halbinsel zugeschriebenen Euproctus Rusconii wohl
nichts anders als Euproctus pyrenaeus D. B.-Lataste ge-
meint sein kann. Meine diesbezüglichen Muthmassungen
haben sich, wie ich aus einem kürzlich erschienen Ver-
zeichnisse von Bosca ersehe, als richtig erwiesen.
In der neuesten Zeit haben zwei talentvolle Forscher,
L. Camerano 0 und Mario Lessona^) die sardinischen
und corsikanischen Molche histologisch untersucht und
sind beide der Meinung, dass es sich um zwei distinkte
Arten handle. Dieser Ansicht schloss ich mich bis ganz
vor kurzem an. Seitdem ich aber in Besitz von einigen
lebenden corsikanischen Urodelen gelangt bin und zwei
Exemplare des Euproctus Rusconii von Prof. Lessona in
Turin tauschweise erhalten und meine Aquisitionen einer
eingehenden Prüfung unterworfen habe, neige ich mich
zur Ansicht, dass die insulanischen Schwanzlurche wohl
gener isch verschieden sein dürften. Ich habe auf die-
jenigen neuen charakteristischen Merkmale, welche mir bei
der corsikanischen Form besonders aufgefallen sind, im
zoologischen Anzeiger 1882 bereits hingewiesen. Anderer,
ebenfalls gewichtiger Kennzeichen werde ich im Laufe
dieser Arbeit gedenken und zugleich versuchen, die Ein-
würfe, welche gegen die von mir proponirte generische
Trennung der in Rede stehenden Schwanzlurche auftauchen
könnten, zu beseitigen.
Obgleich Megapterna montana verhältnissmässig selten
als Untersuchungsobject gedient zu haben scheint, sind,
wie man es aus Vorstehendem ersehen kann, die Schriften,
1) Zoologischer Anzeiger 1881, S. 183.
2) Mein, della R. Accad. delle sc. di Torino, serie II, Tom.
XXXIV. „Contributio allo studio della pelle degli Urodeli (Sala-
mandrina, Euproctus e Spelerpes)."
140 J. V. Bedriaga:
in denen von diesem Molche und vom Euproctus Rusconii die
Rede ist, in quantitativer Hinsicht ziemlich zahlreich. Anders
aber verhält es sich mit der Qualität derselben, was
v^ohl darin seinen Grund haben mag, dass entweder es
nur wenigen Forschern vergönnt gewesen ist lebende Indi-
duen des Savi'schen Caudaten zu untersuchen und dass
diese wenigen Forscher es bis jetzt unterlassen haben uns
näher mit ihm bekannt zu macheu, oder dass sie es nicht
für werth hielten, wenigstens diejenigen Irrthümer, welche
in die äussere Bekennzeichnung der Megapterna montana
sich eingeschlichen haben und immer wiederholt worden
sind, zu beseitigen. Trotzdem dass mir mehrere lebende
Megapterna montana zur Verfügung stehen und dass ich
dieselben somit selbstständig oder mit Zuhilfenahme nur
der neuesten Schriften — , welche meistens ein Resume
davon geben was über den Savi'schen Caudaten berichtet
worden ist — , zu bearbeiten im Stande gewesen bin, habe
ich vorgezogen die zum Theil schwer zugänglichen und
in älteren Zeitschriften zerstreuten Notizen über das uns
hier interessirendc Thier erst zu Rathe zu ziehen und dann
zu Werke zu gehen. Ich muss offen gestehen, dass diese
Vorarbeit mir keineswegs, wie man es erwarten dürfte,
zur Orientiruug in der Megapterna-Angelegenheit gedient,
sondern dass sie im Gegentheil meine eigenen Unter-
suchungen bedeutend erschwert hat und dass ich die Ueber-
zeugung gewonnen habe, dass in einigen Fällen es leichter
fällt, ein neues Thier zu beschreiben und ihm seinen Platz
im System einzuräumen, als sich durch die Diagnosen und
Ansichten der Autoren über eine schon „bekannte*' Thier-
form hindurch zu arbeiten. Nachdem ich, wie ich glaube,
alle Autoren, welche des in Rede stehenden IMolches er-
wähnen, durchgeblättert und etliche Ergebnisse meiner
Untersuchungen aneinandergereiht habe, wurde mir klar,
dass Megapterna montana allerdings schon und zwar mit
Recht vom Euproctus Rusconii specifisch getrennt worden
ist, dass sie aber weder ausführlich, noch tadellos, wie ich
es im Nachfolgenden zu beweisen öfters Gelegenheit haben
werde, beschrieben worden war.
Abgesehen von der Form des Schwanzes und von
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 141
dem weniger gestreckten Habitus, stimmt der Körperbau
der Megapterna moutana im Allgemeinen mit dem Triton
überein. Der Körper erscheint allerdings und namentlich
bei den weiblichen Individuen kürzer und gedrungener als
es z. B. beim cristatus oder beim Triton Blasii der Fall
ist und sieht eher demjenigen von Triton alpestris oder
Tr. marmoratus ähnlich. Während der Zeit seines Land-
aufenthaltes ist beim S a v i'schen Molche eine leichte
Depression des Rumpfes zu bemerken. Das Männchen
weist entschieden schlankere Formen auf, als das Weibchen.
Beim letzteren ist der Rumpf gegen die Abdominal-Gegend
zu bauchig verdickt oder aufgetrieben und verleiht ihm ein
sogar ziemlich plumpes Aussehen. Diese Eigenthümlichkeit
des Weibchens, nebenbei sei es bemerkt, beruht wohl ein
fach darauf, dass es bedeutend mehr frisst als das Männ-
chen. In beiden Geschlechtern ist der Rumpf an der
Unterseite etwas abgeflacht, längs der Vertebrallinie ver-
tieft und an den Flanken mit zahlreichen linearen verti-
calen Impressionen versehen. Die Configuration des Kopfes
ist, je nach dem Geschlechte, so sehr verschieden, dass
man das Geschlecht schon danach allein zu bestimmen
vermag; auf den ersten Blick könnte man sogar vermuthen,
dass man es mit zwei verschiedenen Species zu thun hat.
Der beim Weibchen lange, beim Männchen dagegen kurze
Kopf ist beim letzteren vom Rumpfe gesondert, während
beim crsteren fast gar keine halsartige Einschnürung wahr-
nehmbar ist. Die Depression des Kopfes (bei Betrachtung
desselben von oben) tritt beim Weibchen stärker hervor;
sie erstreckt sich nämlich so ziemlich über die ganze
Schädeldeckc , während beim Männchen die Parotiden-
gegend stark aufgetrieben erscheint. Der grösste Breiten-
Durchmesser des Kopfes geht beim Männchen ungefähr
durch jene Region wo die Quadratbeine zu liegen kommen.
Beim Weibchen dagegen erscheint der Kopf vom vorderen
Rande der Augen angefangen bis zu seinem Ansätze an
den Rumpf meistens gleich breit. Bei einigen mir vorlie-
genden, weiblichen Megapternen geht der grösste Breiten-
durchmesser des Kopfes durch die Augen. Die beim Männ-
chen eher zugerundete, beim Weibchen (bei Betrachtung
142 J. V. Bedriaga:
des Kopfes von oben) eher schwach abgesetzt aussehende
Schnauze ist beim letzteren kürzer als beim ersteren. Die
übrigens nur bei günstiger Beleuchtung deutlich sichtbare
Abstutzung der Schnauze wird durch eine Vertiefung im
Zwischenkiefer verursacht, welche beim Weibchen schärfer
als beim Männchen ausgeprägt ist. Betrachtet man den
Kopf der Megapterna von der Seite, so fällt die plattge-
drückte Form- keineswegs dermassen auf, dass man sich
geneigt fühlen könnte das Thier danach als einen platy-
cephalen Molch par excellence zu bezeichnen (Vgl. Fig. 44).
Die Depression des Kopfes im Gegentheil wird schon da-
durch vermindert, dass die Augen stark hervortreten und
nach oben gerückt erscheinen, dass ferner Parotidenwülste
vorhanden sind und endlich, dass die Muskulatur in der
Scheitelbeinregion stark entwickelt ist. Wenn Sa vi angiebt,
dass die Augen bei seiner Megapterna montana von „me-
diocre grossezza" sind, so beruht dies auf dem Umstände,
dass diesem Gelehrten nur schlecht conservirte Sp^-itus-
Exemplare dieses Molches zur Verfügung gestanden haben,
bei denen die Augenbulbi in die Orbitalhöhlen eingezogen
waren. Was die Grösse und Lage der Augen betrifft, so
erinnert der corsikanische Molch, meiner Ansicht nach,
einerseits an Salamandra maculosa, andererseits sowohl an
Chioglossa lusitanica als auch an den italienischen Spelerpes
fuscus.
Die Parotiden und die Nasenlöcher sind deutlich er-
kennbar. Namentlich kommen erstere beim Weibchen stark
zum Vorschein. Die Nasenlöcher stehen genau auf der
Grenze zwischen der Seiten- und Vordersicht des Kopfes;
sie sind ziemlich weit von einander entfernt.
Die Mundspalte ist gross. Sobald der Mund geöffnet
und ein Druck auf die hinteren freien Enden des ersten
Kiemenbogen-Paares verübt wird, erhebt sich die hintere
Partie der Zunge (Vergl. Fig. 43) und die freien Ränder
derselben werden sichtbar. Die fleischige, grosse, beinahe
den ganzen vorderen Theil des Bodens der Mundhöhle
einnehmende Zunge ist nämlich seitlich und hinten frei,
vorn und in der Mitte ist sie aber angewachsen. Die
Configuration der Zunge ist auf dem Bilde 39 angegeben.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 143
Megapterna montana besitzt, — wie ich es bereits in
meiner neuerdings im Zoologischen Anzeiger erschienenen
vorläufigen Mittheilung über diesen Molch hervorgehoben
habe — , das Vermögen ihre Zunge hinauszuschleudern um
sich ihre Nahrung auf diese Weise zuzuführen (Fig. 38).
Die Zunge kann allerdings bei diesem Molche nicht so
weit hinausgestossen werden wie es beim Spelerpes der
Fall ist und zwar aus dem Grunde, dass sie beim letzteren
am Rande ringsum vollkommen frei ist, während dieselbe
beim ersteren mit ihrem vorderen Rande am Kiefer fest-
gewachsen und infolgedessen eigentlich nur herausschlagbar
ist, also ähnlich wie es bei manchen Anuren z. ß. bei
Phyllomedusa bereits beschrieben worden ist. Bei Megap-
terna montana findet folglich nur ein Hervorschleudern
des hinteren Theils der Zunge statt, das durch die Aus-
dehnungsfähigkeit des Zungenstiels und der Zunge selbst
zu Stande kommt. Diese Dehnbarkeit ist aber ziemlich
bedeutend, wenn man bedenkt, dass das Thier die von
ihm in der Entfernung von etwa 5— 6 mm sich befindenden
Fliegen selten verfehlt.
Die Gaumenzahnreihen ahmen entweder die Form
eines umgekehrten lateinischen V (A) (Vergl. Fig. 3) oder
eines ebenfalls nach rückwärts geöffneten Y (Ä) nach.
Ueber die Beschaffenheit sowohl der Gaumen- als auch
der Kieferzähne wird später die Rede sein.
Die ziemlich kurzen vorderen und längeren hinteren
Extremitäten sind schlank. Die Vorderbeine überragen
beim Männchen um 1 mm die Schnauzenspitze; beim Weib-
chen reichen sie entweder bis zur Schnauzenspitze oder
nur bis zu den Nasenlöchern. Die Hinterbeine sind ge-
wöhnlich halb so lang wie der Rumpf. Die Finger sind
ziemlich breit und eher flach.
Die hinteren Extremitäten beim Männchen weisen an
den Fusswurzeln nach aussen zu abgerundete, scheibenför-
mige Hervorragungen auf, welche ich bei der Beschreibung
des Skelets nochmals zu berücksichtigen gedenke. Ich will
nur noch in Betreff dieser sonderbaren Bildungen an den
Hinterbeinen, welche ich auf dem Bilde 4 wiederzugeben
versucht habe, bemerken, dass ich nicht mit Unrecht darauf
144 J. V. Bedriaga:
hingewiesen habe, class Megapterna montana mangelhaft
beschrieben worden ist. Sa vi selbst, dem wir die aus-
führlichste Beschreibung dieses Caudeten verdanken, kannte
die Geschlechtsunterschiede seiner neuen Species nicht;
er erwähnt jedoch „einer sehr grossen Ferse", welche ihr
zukommen soll. Sämmtliche Nachfolger Savi's geben aber
bestimmt an, dass diese Hervorragung an der Fusswurzel
ein ausschliessliches Kennzeichen der weib-
lichen Megapterna montana, resp. des Weibchens
des sowohl auf Corsika als auch auf Sardinien
lebenden „Triton platycephalus" oder „Euproctus
platycephalus Bonap." ist. So viel ich weiss ist
Bonaparte der erste gewesen, der diese Entdeckung beim
corsikanischen Molche gemacht haben wollte. ^^La femina",
sagt der Prinz zu Canino, „maggiore in dimensione che il
maschio, distinguesi a colpo d'occhio per un tuberculo assai
sviluppato quasi a foggia di sprone posto nel margine poste-
riore della gamba . . . f). Bonaparte, der die Savi'sche
Megapterna vom Gene'schen Euproctus nicht zu unterschei-
den vermochte und zwei verschiedene Formen als eine Art
betrachtete, hat sich wohl durch die allem Anscheine nach
falsche Angabe Gene's in Bezug auf den Euproctus Rus-
conii ^) irre leiten lassen. De Betta, indem er sich den
diesbezüglichen Ansichten Bonaparte's anschloss ohne die
Thiere vorher anatomisch untersucht zu haben, machte sich
die erfolgreiche Durchführung seiner Euproctus- resp. Mc-
gapterna-Untersuchungen unmöglich.
Die Angabe Bonaparte's „das Weibchen sei grösser
als das Männchen", was in der Wirklichkeit nicht der
Fall ist, beruht ebenfalls auf der Verwechselung der Ge-
schlechter.
Der beim Weibchen kurze und namentlich an seiner
Wurzel verdickte, beim Männchen aber lange, in seinem
ersten Drittel sehr breite Greifschwanz erinnert an den-
jenigen des Pleurodcles Waltlii Mich, und der Glossoliga
HagenmüUeri Lataste. Anfangs ist er oben ziemlich stark
1) Vergfl. seine Iconografia della Fauna italica.
2) Vergrl. seine Synopsis Reptilium eto. 1. c. „Fem in a tihiis
posticis calcaratis."
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 145
abgeplattet und in der Medianlinie vertieft. Gegen die
Mitte hin erscheint er von den Seiten zusammengedrückt,
indess kommt die Comprimirung viel weniger zum Vor-
schein, als wie wir sie bei den echten Tritonen kennen
gelernt haben. Die Schwanzlänge und die Massenverhält-
nisse der übrigen Körpertheile werde ich an einer anderen
Stelle geben.
Wenn die meisten Amphibiologen meinen, dass bei
beiden Geschlechtern ein kegelförmig ausgezogener
Cloakenhügel sich vorfinde, oder dass eine nach hinten
wie ein stark vorragender Kegel aussehende Cloake der
weiblichen Megapterna montana zukomme, so befinden
sie sich in einem Irrthume, welcher sich, so zu sagen,
vererbt hat. Der betreffende „Kegel" ist im Gegentheil
nur bei der männlichen Megapterna montana vorhanden.
Die Cloakenwandung erscheint nämlich je nach Umständen
mehr oder weniger angeschwollen. Beim post-nuptias Indi-
viduum kommt die Kegelform des Cloakenhügels weniger
zum Vorschein; die Cloakencoufiguration erinnert eher an
diejenige der Tritone, z. B. an diejenige des ausländischen
Triton longipes Strauch (Vergl. Strauch's Revision der
Salamandriden Gattungen, 1. c, Taf. 1, Fig. 2 b), unterschei-
det sich aber von letzteren, — und dies ist zu beachten
— , dadurch, dass die Cloake bei Megapterna montana
nicht nach unten zu ihrer ganzen Länge nach gespaltet
erscheint, sondern vielmehr mit ihrem Ausgang nach hinten
schaut. Dabei greift die Cloakenöffnuug theilweise nach
unten. Während der Excrementen-Ablage nimmt der Clo-
akenwulst eine stark ausgeprägte Kegelform an M; noch
stärker tritt der stumpfe Kegel hervor während der Brunst-
periode (Vergl. Fig. 4). Die Cloakenwandung besitzt somit
eine Turgescenzfähigkeit. Während der Turgescenz dieses
Gebildes sind sehr hohe Falten an ihm sichtbar. Es bilden
1) Gleichzeitig sei hier bemerkt, dass das Männchen während
der Ablage der Excremente seine kegelförmige Cloake mit den
Hinterbeinen hin und her reibt und presst, was wohl auch während der
Samenentlehrung stattfinden könnte. Die beschriebenen Hervorra-
gungen an den Hinterbeinen dürften dabei zweckmässig sein.
Archiv f. Naturg. XL IX. Jahrg. 1. Bd. 10
146 J. V. Bedriaga:
sich nämlich durch eine Aufwulstung von innen, innere,
lippenähnliche, accessorische Ränder, welche die Afteröff-
nung umgeben (Fig. 6). Die äusseren Ränder der Cloake
beim brünstigen Männchen erhalten lineare Impressionen
und warzenähnliche Bildungen und die Afteröffnung selbst
schaut nur nach hinten und nicht nach hinten und zugleich
nach unten wie sonst.
Bei der weiblichen Megapterna montana habe ich
von dieser Kegelbildung nichts wahrnehmen können. Die
Cloake ist hier flach und längsgespaltet; in der Mitte er-
scheint die Spalte etwas breiter, was den Anschein giebt,
als wäre das Cloakenorificium circulär. Die Cloakenlippen
schwellen allerdings leicht auf während der iVbblage der
Excremente; namentlich ist eine Aufwulstung an den vor-
deren Lippenpartien erkennbar. Das nämliche findet wohl
während dem Begattungsacte und dem Absetzen der Eier
statt. Wirft man eine weibliche Megapterna in Weingeist,
so scheinen die Cloakenlippen gleichfalls vorne etwas auf-
getrieben. Es ist leicht möglich, dass der von Boulenger
neuerdings beschriebene (1. c.) und mit dem provisorischen
Namen „Euproctus platycephalus" bezeichnete Molch des
Bruxeller Museums ein weibliches Individuum des corsi-
kanischen Caudaten vorstellt. Sowohl die Worte Boulen-
ger's „il n'y a pas de tubercule au tarse. L'anus est fai-
blement tumefie, il est neanmoins conique et ä orifice cir-
culaire" wie auch sonst die dem Bruxeller Exemplare
zugeschriebenen Merkmale scheinen darauf hinzudeuten,
dass der Verfasser eine in Alcohol conservirte, weibliche
Gebirgs-Megapterna vor sich gehabt hat.
Während der Laichzeit sowohl als wenn die Thiere
im Wasser sich aufhalten erscheint die Hautdecke nahezu
glatt und fast sich sogar schlüpfrig an. Sonst besitzt die
Haut ein chagrinirtes Aussehen; eine grosse Anzahl dicht
aneinander stehender winziger Körner sind nämlich auf
allen oberen Körperregionen vertheilt.
Was die Färbung und Zeichnung anbetrifft, so ist
dieselbe allerdings von mehreren Forschern berücksichtigt
worden. Da jedoch denjenigen Fachgenossen, welche die-
sen Molch einigermassen ausführlich in ihren Werken be-
Beitr. z, Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 147
handelt haben — ich habe hiebei besonders Sa vi, Bona-
parte und De Betta im Auge — nur Alkohol-Präparate
vorgelegen haben, sind die existirenden Beschreibungen
des Farbenkleides bei Megapterna montana nicht ohne
Mängel. Selbst Sa vi musste sich mit Weingeist-Exemplaren
begnügen. „I due individui da me esaminati", sagt er,
„essendo stati conservati in un spirito di vino assai forte
sono un poco ritirati, ed il loro colore e sbiadito." Infolge-
dessen enthält auch der Savi'sche Aufsatz nur die zwei
folgenden Zeilen über das Farbenkleid seines Urodels: „II
colore de' due individue da me posseduti e un grigio —
cenerognolo minutamente punteggiato di nero.'' — Bona-
parte äussert sich gleichfalls darüber in aller Kürze; er
sagt nämlich in seiner Iconografia der Fauna italica: „II
suo colore, certamente alterato dal potentissimo alcool in
cui stette immerso, era al di sopra di un grigio cenerog-
nolo assai cupo spruzzato minutamente di nero ; al di sotto
era di un cenerino giallognolo." — Aus der neuerdings in
den Annali del Museo Civico di Genova veröffentlichten
Notiz erfahren wir *), dass „ Euproctus montanus " eine
rostfarbige fleckenlose Kehle aufweist. Etwas ausführ-
licher finden wir die Farben des corsikanischen, sogenann-
ten Gebirgs-Euproctus von De Betta (1. c.) beschrieben.
Die Oberseite des Körpers soll nach diesem Forscher ent-
weder olivenfarbig, braun gefleckt, oder schwarz mit einem
Stich ins Olivenfarbige (nerastro olivaceo) sein. Im ersteren
Falle ist die Unterseite grau mit rostfarbigem Anfluge
(cinereo rubiginoso) und ungefleckt, im zweiten Falle
schmutzig grau, gleichfalls fleckenlos. Die Seiten sollen
bei den schwarz-olivenfarbigen Individuen olivengrün er-
scheinen. De Betta fügt hinzu, dass beim 38 mm langen
Individuum der Rücken auf olivenbräunlichem Untergrunde
beinahe durchweg braungefleckt ist und dass die unteren
Partien des Körpers schmutzig grau mit einem braunen
1) Diese Notiz kenne ich nicht aus eigener Anschauung,
sondern nur nach einem in den Atti del R. Istituto Yen. di sc. e lett.
1879 befindlichen Auszuge, Vergl, De Betta, Nuova serie di Note
erpetologiche.
148 J. V. Bedriaga:
Anfluge (annebiato di bruna) erscheinen; endlich, dass die
34 mm langen Larven oben schwärzlich, unten weisslich
gefärbt sind. Was die früheren Angaben De Betta's über
die Farbe seines Euproctus platycephalus anbelangt, so
können wir dieselben hier nicht in Betracht ziehen, weil
Megapterna montana und Euproctus Rusconii als eine und
dieselbe Species von ihm beschrieben worden sind. Auch
glaube ich kaum, dass De Betta bis vor kurzem den
corsikanischen Molch gekannt haben dürfte. „Le parti
inferiori", sagt er nämlich in seinen „Reptilien und Am-
phibien der Fauna Italiens^ sind beim Euproctus platyce-
phalus ;,cli color cinereo sporco piü o meno rubiginoso
esparso di punti o di macchie oscure, ora fitte e confluenti,
ora rare e molto discoste." Diese Farben dürfte möglicher-
weise der sardinische Euproctus Rusconii aufweisen, bei
Megapterna montana aber sind die unteren Körperregionen
ganz anders gefärbt.
Mit mehr Bestimmtheit können wir annehmen, dass
die corsikanische Megapterna dem Verfasser der Herpeto-
logia europaea im Jahre 1875 nicht vorgelegen hat, denn
wir finden in der bereits citirten Arbeit Boul enge r's über
die Euprocten die Bemerkung, dass dazumal Schreiber
nur sardinische und pyrenäische Euprocten gekannt ha-
ben soll.
Die nach „gut erhaltenen Spiritus-Exemplaren" ver-
fasste und in den Annali del Museo Civico di Storia naturale
di Genova Vol. VII, S. 545 erschienene Charakteristik des
Euproctus Rusconii bezieht sich auf Gene's in Sardinien,
und nicht, wie es in dieser Schrift angegeben ist, auch in
Corsika, einheimischen Caudaten.
Die eingehende Beschreibung des Farbenkleides bei
Megapterna montana dürfte somit von Nutzen sein.
Megapterna montana tritt meines Wissens in zwei
oder drei Fabenvarietäten auf. Bei der einen, welche ich
als Var. marmorata bezeichnen will, ist die Grundfarbe der
Oberseite des Körpers dunkel- oder olivenbraun. Hellgrüne,
dunkelgrüne oder graugrüne Flecken heben sich, namentlich
beim Weibchen, vom Grundtone ab. Diese verschieden
geformten Flecken haben bei näherer Untersuchung des
Beitr. z. Kenntnies d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 149
Thieres eine Tendenz, sich in mehrere Querreihen zu ordnen
und sind von braunen Pünktchen, welche nichts anders
als Wärzchen vorstellen, besäet. Auf den Schwanzseiten
nehmen die Flecken entschieden an Grösse zu und ver-
drängen beinahe gänzlich den Untergrund. Gegen den
Bauch zu wird das Grün dieser Flecken heller; die Flecken
fliessen meistens zusammen und bilden jederseits Längs-
binden. Vom Nacken bis zur Schwanzspitze zieht sich
eine gelbe, orangenrothe oder braungelbe Linie hin, welche
übrigens öfters von den grünen Rückenflächen durchbrochen
wird. Diese, meistens grelle Medianlinie geht nicht auf
den Kopf über, sondern wird hier durch ein dunkelbraunes
Band vertreten, das die Mittelzone der Kopfoberseite ein-
nimmt, die Parotidenwülste trennt und gegen die Augen
zu seitliche Aeste sendet. Die Schnauzgegend ist bräun-
lich; die Wangen auf hellbraunem Grunde schmutziggrün
gefleckt. Die Oberseite der Extremitäten ist auf Hellbraun
graugrün gezeichnet. Die Finger erhalten oben hellbraune
und graugrüne Querbinden. Was die Färbung der Unter-
seite der Körpertheile anbelangt, so muss erwähnt werden,
dass dieselbe von den durch die äusserst dünne Haut durch-
scheinenden Organen beeinflusst wird. So z. B. wird die
meistens vorherrschende graue Pigmentirung vorn durch die
Farbe der Leber, in der Kehlgegend und an den Extremitäten
durch das Roth der Blutgefässe beeinträchtigt. Der Bauch
und namentlich die Bauchseiten erhalten eine bei vielen
Individuen sehr stark ausgeprägte, milchweise oder gelb-
lichweisse Beperlung. Oefters treten diese hellen Punkte
so zahlreich auf, dass sie dem Bauche förmlich eine weiss-
liche oder gelbliche Tinte verleihen. Die Pupille ist quer-
oval. Iris goldgelb dunkelbraun besprenkelt. Diese Be-
sprenklung tritt namentlich vorn stark auf. Auf der Kehle,
besonders an den Kehlrändern, sind helle Punkte und
Flecken vorhanden.
Zur Brunstperiode treten selbstverständlich alle Far-
ben etwas schärfer hervor; namentlich ist eine Sättigung
derselben beim Männchen constatirbar. Ausserhalb der
Paarungszeit aber erscheint das Männchen im Gegentheil
weniger schön gekleidet als das Weibchen; es entwickelt
150 J. V. Bedriaga:
sich bei ihm nämlich zu dieser Zeit der braune Grundton
auf Kosten der grünen Fleckung, welche uns diejenige
beim Triton marmoratus erinnert. Es sei jedoch bemerkt,
dass sowohl die Form als auch die Zahl und Grösse der
grünen Flecken ziemlich veränderlich ist und dass sie
bald in schmalen Streifen, bald als deltaförmige Zeich-
nungen oder Ocelli auftreten. Im letzteren Falle macht
das Grün gewöhnlich einem goldgelben Tone Platz. Der
Fundort dieser Farbeuvarietät ist Bastelica.
Die in der Umgegend Bastias beobachteten und ge-
sammelten Stücke der Megapterna montana sind durch
ihre dunkle Grundf^rbung und ihre mit grünen Flecken
marmorirte Zeichnung der vorhergehenden Spielart ähnlich.
Die Flecken der oberen Körpergegend sind dunkel metal-
lisch-grün und verdrängen die dunkelbraune oder schwarze
Grundfarbe so sehr, dass dieselbe nur in Form von ge-
schlängelten Linien durchbricht. Auf der Unterseite des
Körpers ist der Untergrund braun oder dunkelbraun. Zahl-
reiche vom Bauche auf die Flanken übergehende, zur Laich-
zeit perlmutterglänzende Punkte heben sich vom dunklen
Grunde ab und verleihen dem Thierchen ein schmuckes
Aussehen. Iris kupferroth, mit einem schwarzen senkrechten
Strich. — Diese, mit einem kurzen Schwänze und mit
weniger rauher, ja beim Anfassen sogar schlüpfrig erschei-
nender Haut versehene Megapterna montana dürfte meiner,
meiner Ansicht nach, mit einem besonderen Subspeciesnamen
bezeichnet werden, was ich übrigens denjenigen tiberlassen
will, denen es vergönnt sein wird eine grössere Anzahl von
Exemplaren zu untersuchen.
Während diese im Norden Corsikas lebende Megap-
terna montana locale Abänderungen in Form und Färbung
aufweist, kommt bei Bastelica und zwar im Prunelli-Flusse
noch eine dritte constante Farbenvarietät vor, welche mit
der oben beschriebenen gemarmelten Form in Gemeinschaft
lebt und viel einfacher gekleidet ist. Abgesehen von der
orangengelben oder gelben, dorsalen Mittelbinde, welche
auch auf den Schwanz übergeht, indem sie hier jedoch
ihre Reinheit einbüsst, kommen bei ihr oben zwei Tinten
von Braun vor und zwar ein Hellnussbraun, das sich
ßeitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v, Corsika. 151
grösstentheils auf Kopf, Rumpf und Schwanz verbreitet
und ferner ein braungelber oder grauweisser Thon, der
jederseits in Form von einer Seitenbinde auftritt. Diese
Seitenbinden trennen die dunkle Rückenzone von den nach
aussen gelegenen, bald am Hinterrande der Augen, bald
an der Achsel ihren Ursprung nehmenden und bis zu den
Wurzeln der Hinterextremitäten und sogar darüber sich
hinziehenden dunkelbraunen oder bräunlichen Streifen.
Während die braungelben oder grauweissen Binden auf
den Kopfseiten nur spurweise angedeutet sind und in den
meisten Fällen nur als ein gelblicher Flecken in der Paro-
tidengegend erkennbar sind, tritt die dunkle, eben erwähnte
Streifung in den Schläfengenden des Thierchens und nament-
lich zur Paarungszeit, scharf hervor. Bei genauer Besich-
tigung dieser Form nimmt man eine spurweise Andeutung
von helleren Flecken auf der Oberseite des Rumpfes wahr.
Diese Flecken sind, wie wir es später sehen werden, nichts
anders als die Ueberbleibsel derjenigen Mackeln, welche
das Jugendgewand der Megapterna montana zieren und
welche von der zuerst beschriebeneu Farbenvarietät zum
grössten Theil beibehalten worden sind. Ferner entdeckt
man, dass die hellen Seitenbinden aus einer Anzahl Flecken
bestehen, welche in Längsreihen angeordnet und zusammen-
geflossen sind. — Die ursprünglich reich vertretene Fleckung
hat sich bei der uns hier interessirenden dritten Form des
corsikanischeu Caudaten am besten auf den Schwanzseiten
des ausgewachsenen Thieres erhalten, jedoch erscheint sie
beim letzteren graugelb, oder gelblich, während die jungen
Stücke grüne Mackeln aufweisen. Die oben dunkel- oder
hellnussbraunen Extremitäten sind gelblich gefleckt. Der
Bauch ist ähnlich colorirt wie bei der gemarmelten Form.
Der Cloakenkegel erscheint ebenfalls wie dort gelblich
rosa. Zur Laichzeit hellen sich die Farben sehr bedeutend
auf. Das Dunkelbraun der Oberseite des Körpers wird
gelbbraun und die Rumpfbinden erscheinen gelblichweiss.
Bei einer von mir erbeuteten männlichen Megapterna ging
die Aufhellung der Farbentöne so weit, dass sie nahezu
gelblichweiss und stellenweise fleischfarben erschien. Bei
einem andern Männchen waren auf dem Rücken hochgelbe
152 J. V. Bedriaga:
Hieroglyphenzeichnungen zu sehen, welche jedoch alsbald im
Aquarium eingingen.
Junge Exemplare haben, wie bereits angedeutet, grosse
Aehnlichkeit mit den weiblichen M. montanae marmoratae.
Mir liegen zwei Altersstufen und zwar 48 mm und 54 mm
lange Individuen vor, welche im Grossen und Ganzen von
einander nicht abweichen. Entweder erscheint der schwarze
oder bräunchlichschwarze Fond der Oberseite aller Körper-
regionen durch verästelte und untereinander sich verei-
nigende, grosse grassgrüne Mackeln unterbrochen und zum
Theil verdrängt, oder es treten auf dem Untergrunde kleine,
bald grüne, bald metallisch-grüne Ocelli, oder unregel-
mässige zusammengeflossene Fleckenstreifen auf, welche
der Quere des Rückens nach sich hinstrecken. Oben an
den vorderen und hinteren Ecken der Augen sind gold-
gelbe Fleckchen vorhanden; bei dunkelgefärbten Exem-
plaren treten diese besonders glänzend auf. Von dieser
Zierde — , welche eher dem Hochzeitsgewande angehören
müsste, denn bei fast allen tritonartigen Urodelen tritt be-
kanntlich der Silber- oder Goldglanz während der Liebes-
periode stark hervor — , ist meistens bei den Alten keine
Spur vorhanden. Nur bei einigen intensiv colorirten ge-
schlechtsreifen Megapternen habe ich an der Schnauzen-
gegend und am Hinterrande der Orbita eine constante
goldgelbe Betupfung oder eine silberglänzende Punktirung
auf der Kehle und am Bauche entdecken können. Diese
Abwesenheit des Metallglanzes bei den lungenathmenden
Exemplaren ist umsomehr auffallend, als die Larven damit
reichlich versehen sind. Die Mittellinie auf dem Rücken
tritt bei den Jungen im Allgemeinen viel deutlicher her-
vor als bei den Alten ; sie erscheint sehr grell orangenroth
oder goldgelb.
Die 45 mm langen Larven sind, sobald sie im tiefen
Wasser sich befinden, schwarz, mit Ausnahme der eben
erwähnten goldgelben oder rostrothen Dorsallinie. Setzt
man aber diese Larven in ein niedriges, mit Wasser ge-
fülltes Gefäss, so hellt sich die Farbe alsbald auf und
man nimmt wahr, dass die dunkle Färbung nicht gleich-
massig über die Oberseite des Körpers vertheilt ist, son-
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 153
dern vielmehr, dass letztere eine grössere Anzahl eng
aneinander auf stahlgranem oder gelbgrauem Grund liegen-
der schwarzer Flecken aufweist. Auf den Seiten des Kör-
pers und namentlich an den Lippenrändern zeigen sich
die Flecken von einem gelben irisirenden Farbstoffe um-
geben und erscheinen sowohl an den Bauchgrenzen als
auch auf den Schwanzseiten ästig und mit mehr oder
weniger deutlichem, braunem Anfluge versehen. Der durch-
sichtige Flossensaum am Schwänze zeigt schwach ausge-
sprochene graue Flecken. Der Bauch und die Kehlgegend
erhalten ebenfalls graue Flecken, deren Contoure häufig
verwischt sind. Die Haut unten ist so dünn, dass man
Leber, Magen und Gedärme unterscheiden kann. Die Fuss-
sohlen sind ungefleckt, hellgrau. Die Kiemen endlich, bur-
gunder- oder lilaroth.
Der so auffallende Unterschied zwischen den Farben
der Larven der Megapterna montana, je nach dem sie sich
in mehr oder weniger tiefem Wasser befinden, bewegt mich
zur Annahme, dass die Amphibien nicht nur bei „Ent-
ziehung des Lichtes und Herunterstimmung des Nerven-
systems", sondern auch im Wasser überhaupt und speciell
im tiefen Wasser öfters dunkel werden. Die Larven der
Gebirgs-Megapterna werden z. B. bedeutend heller, je mehr sie
sich ihrer endgültigen Metamorphose nähern und weniger
tiefe Reservoire aufsuchen. Das Schwarze ändert sich in
Schwarzbraun oder Olivenbraun um; das Stahlgrau oder
Gelbgrau macht anfangs dem braungelben oder grünlichen
Tone Platz, welcher erst später in Sattgrün übergeht. Bei
dieser Gelegenheit will ich bemerken, dass sowohl die
ausgewachsenen Megapternen als auch Discoglossus pictus,
den ich öfters auf Corsika zu beobachten Gelegenheit gehabt
habe, im Wasser dunkler erscheinen als auf dem Lande.
Leydig erwähnt eines ähnlichen Falles bei Rana platyr-
rhinus.
Wenn im Gegentheil bei Tritonen, namentlich bei den
kleineren Arten, die Farben während ihres Aufenthaltes
im Wasser heller und schöner auftreten als sonst, so ist
das wohl durch die Geschlechtsthätigkeit hervorgerufen
und mit Recht als Hochzeitsschmuck bezeichnet worden.
154 J. V. ßedriaga:
Megapterna montana sowohl als Pleurodeles Waltlii, Glos-
soliga HagenmüUeri Lataste und noch andere Arten ge-
hören aber zu denjenigen Formen, bei denen die periodisch
wechselnden secundären Sexualcharactere gar nicht oder
nur in sehr unbedeutendem Grade auftreten. Es entwickeln
sich nämlich bei ihnen weder auffallend metallisch glänzende
Zeichnungen, Rückenkämme, Schwanzflossen noch hohe
Schwanzsäume; die Hinterzehen erhalten keine Schwimm-
häute mit denen sogar ein Landmolch — der Spelerpes
fuscus — versehen ist; in der Haut endlich treten entweder
keine auffallende oder überhaupt gar keine Veränderungen
auf. Ob diese Eigenthümlichkeiten von den eben genannten
Urodelen noch nicht erworben oder von ihnen schon ein-
gebüsst worden sind bleibt fraglich. Die Thatsache, dass
diejenigen tritonenartigen Caudaten, bei denen es zu keiner
Kammbilduug konmt, meistens eine höhere Organisations-
stufe aufweisen als die übrigen, bewegt mich zur Annahme,
dass speciell diese secundären Sexualcharaktere nachträg-
lich verloren gegangen sein dürften, dass dagegen neue
Charaktere, wie z. B. Lataste'sche, sog. copulatorische
Bürsten u. s. w. an deren Stelle aufgetreten sind und dass
diese selbstverständlich im Zusammenhange mit einem
anderen Begattungsmodus stehen.
Was die Gestalt der Megapterna-Larven anbelangt,
so will ich bemerken, dass letztere den Axolotln im
Allgemeinen ähnlich sieht (Vergl. Fig. 45). Nur ist ihre
flache, vorn abgerundete Schnauze länger als bei letzteren.
Die vertiefte Vertebrallinie ist bei den 40 mm langen Larven
sichtbar. Auf den Seiten des Rumpfes und Schwanzes sind
Falten oder lineare Impressionen vorhanden. Die Augen
sind nach oben gerückt. Die buschigen Kiemen erscheinen
kurz, wenigstens bedeutend kürzer als es z. B. bei der
Larve des Triton alpestris oder Tr. palustris der Fall ist.
Der Hautsaum an der Oberlippe ist bogig geschwungen
und verdeckt seitlich den Unterkiefer gänzlich, vorn aber
nur zum Theil. Ungefähr am Gelenk-Ende vom Unter-
kiefer ist dieser Saum zweilappig und mit seinem inneren
Lappen an den Unterkiefer selbst angewachsen. Es ent-
steht auf diese Weise eine Art von Blindsackbilduug. Nach
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 155
stattgefundener Metamorphose bleibt sowohl von dieser
Blindsackbildung als auch vom herabhängenden Oberlippen-
saume nur eine Spur übrig. Der Unterkiefer wird länger
und der wenig breite Mundschlitz der Larve bildet sich
zu einer grossen Mundspalte aus. Das Thierchen schnappt
nicht mehr nach seiner Nahrung, sondern kann von jetzt
an seinen Mund weit öffnen und seine früher unansehn-
liche, vom Mundboden sich nur wenig abhebende, jetzt
aber längliche, ovale Zunge herausschlagen und mittelst
eines Secrets die Insekten aufnehmen und dieselben dem
Munde zuführen. Zu dieser Periode treten die Augen aus
den Orbitalhöhlen stark hervor und die oberen Augen-
lider nehmen an Ausdehnung zu. Das bei den 12 bis 20 mm
langen Larven parallel mit der Oberkieferzahnreihe stehende
Sphenoidalzahnreihenpaar nimmt allmählich die Gestalt eines
umgekehrten U an (die Schenkeln erscheinen selbstver-
ständlich getrennt); später nähern sich die nach vorn ge-
richteten Enden der Schenkeln des U, verlieren an der
Stelle, wo sie zusammentreten ihre bogige Gestalt und
nehmen bei den 35 bis 40 mm langen Larven die Form
eines nach rückwärts geöffneten V (A) an. Bei älteren
Stücken macht häufig die V-Form der Gestalt eines eben-
falls umgekehrten Y (Ä) Platz.
Die Kiemenbüschelrückbildung findet während der
Umwandlung am allerersten statt. Ein Schlitz persistirt
am Halse ziemlich lange Zeit hindurch. Der ursprünglich
hohe, an der Basis des Schwanzes seinen Ursprung neh-
mende, obere and untere Hautsaum wird gänzlich einge-
büsst. Endlich treten grüne Farbentöne auf und die glatte
Beschaffenheit der Haut verschwindet.
Die 10 bis 15 mm langen Larven sind unten gelblich
und ungefleckt, oben gelblichweiss mit schwarzen Pünkt-
chen besetzt, welche gewöhnlich intensiv schwarz am
Schwanzsaurae sich zeigen. Bei etwas älteren, etwa 20
bis 25 mm langen Stücken vermehren sich die dunklen
Flecken; sie treten jedoch verschwommen auf. Die dunk-
len — , schwarzen oder grauschwarzen Flecken — , ver-
drängen allmählich den hellen Untergrund und gehen auf
die Seiten des Bauches über. Bei noch grösseren Larven
156 J. V. Bedriaga:
erhält auch die Mittelbauchzone dunkle Tupfen. Kehle,
Abdomen und Unterseite der Beine bleiben ungefleckt; sie
sind gelblichgrau. Endlich bei den 40 mm langen Indivi-
duen nimmt die schwarze Farbe auf allen oberen Körper-
gegenden entschieden Oberhand, denn jetzt erscheint der
braune oder graue Untergrund blos in Form von Flecken.
Die orangenrothe dorsale Mittellinie tritt auf, begleitet von
einem Goldglanz, der sich auf den Seiten der Larve ver-
breitet. Die Kiemenbüschel lassen da, wo sie weniger
stark schwarz pigmentirt erscheinen, das Roth des Blutes
deutlich durchscheinen; an den übrigen Stellen gibt das
mit Schwarz gemengte Roth eine burgunderrothe oder violette
Tinte. Was die hellen, oben erwähnten Punkte auf der
Bauchseite der erwachsenen Megapterna montana anbelangt,
so ist zu bemerken, dass sie erst beim lungenathmenden
Jungen auftreten. Anfangs ist diese Punktirung goldgelb
und spärlich vertreten, nachträglich wird die Anzahl der
Punkte grösser, dieselben werden heller, weisslich und
greifen über die Kehle. Vom Anus an bis zur Schwanz-
spitze zieht sich eine fleischfarbene oder graugelbe Linie
hin, welche auch in der Regel von den Ausgewachsenen
beibehalten wird und als Rest des unteren Schwanzsaumes
der Larve betrachtet werden muss. Die Hervorragung
an der hinteren Kante des Unterschenkels, welche wir
beim ausgewachsenen Männchen beschrieben haben, ist bei
den Larven nicht vorhanden. Sie tritt erst im fünften oder
sechsten Monat, nach vollzogener Verwandlung, sichtbar
auf. Am Skelet ist sie allerdings schon früher constatirbar.
Der Cloakenhügel ist zu, dieser Zeit noch nicht ausge-
bildet; Männchen und Weibchen sehen sich folglich in
dieser Beziehung vollständig ähnlich.
Die Details in Maassen ^) der Megapterna montana
sind folgende:
^ $ Larve ")
Totallänge des Thieres 9,7 8,9 5,1
Länge des Kopfes ....... 1,2 1,3 0,9
1) Die Maasse sind in Centimetern ausgedrückt.
2) Ausgewachsene, verwandlungsfähige Larve.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 157
</ $ Larve
Länge des Rumpfes 3,2 3,3 1,8
„ „ Schwanzes 5,3 4,3 2,4
Grösste Breite des Kopfes .... 0,9 0,8 0,6
„ „ „ Schwanzes (an der
Basis) 0,6 0,4
„ Höhe des Kopfes (in der Paro-
tidengegend}. . . 0,6 0,45 0,45
„ Höhe des Schwanzes (in seiner
Mitte) 0,5 0,4 0,6
Grösster Umfang des Kopfes . . . 2,41 1,79 1,71
„ Rumpfes . . . 2,52 3,51 2,03
„ „ „ Schwanzes (an
der Basis) . . 1,51 1,31
Wenn wir das Schädelgerüste der Megapterna mon-
tana näher untersuchen und es mit demjenigen des Eu-
proctus Rusconii und des pyrenäischen, unter dem Namen
„Euproctus pyrenaeus D. B." bekannten, Caudaten ver-
gleichen, so gewinnen wir erst dann die Ueberzeugung,
dass diese drei Formen nicht mit Unrecht als platycephale
im Gegensatz zu unseren europäischen, continentalen Tri-
tonen-Arten bezeichnet worden sind. Die flache Gestalt
des Craniums und der verhältuissmässig geringe Höhen-
durchmesser desselben sind meiner Ansicht nach streng
genommen die einzigen allgemeinen oder gemeinschaft-
lichen Charaktere, welche die genannten Urodelen aufzu-
weisen haben. Jedoch bieten sie auch in diesen Punkten
untereinander Differenzen. So ist z. B. der Höhendurch-
messer des Schädels beim Euproctus Rusconii sehr gering,
während derselbe beim pyrenäischen Molche ansehnlicher
erscheint. Megapterna montana nimmt, was die Höhe des
Craniums anbelangt, eine Mittelstellung zwischen den zu-
letzt erwähnten Formen ein ^). Beim sardinischen Euproctus
1) Die Maasse lasse ich hier folgen:
M. montana. E. Rusconii. „p]. pyrenaeus"
Grösste Länge des Schädels 9 mm 12 mm 12 mm
,, Breite „ „ 6—7 „ 8 ,, 9 ,,
« Höhe „ „ 3 „ 3Va„ 4V2V
158 J. V. Bedriaga:
liegen die Nasen- und Scheitelbeine in einer und derselben
Ebene; bei den übrigen zwei Molchen kommen die Nasen-
beine etwas niedriger zu liegen als die Stirnbeine, wodurch
eine leichte Wölbung in der Interorbital-Gegend zu Stande
kommt. Während die Ossa parietalia beim pyrenäischen
und corsikanischen Urodelen nahezu in der nämlichen Ho-
rizontal-Ebene mit den Ossa frontalia sich befinden, liegen
jene beim Euproctus Rusconii viel niedriger als diese.
Ausserdem stossen beim sardinischen Molche die Scheitel-
beine in der Mittellinie, unter Bildung einer scharf vor-
springenden Kante zusammen. Bei Megapterna montana
vermissen wir diese vorspringende Kante und beim pyre-
näischen Caudaten finden wir einen knorrigen Vorsprung,
wovon späterhin die Rede sein wird. Seitlich senken sich
die Parietalia sowohl beim E. Rusconii als auch beim pyre-
näischen Caudaten und verursachen eine ziemlich starke
Einschnüung des Schädelrohrs in der Scheitelgegend.
Beim Euproctus Rusconii weist der Schädel eine lang-
gestreckte Form auf, namentlich ist die vordere Partie des
Craniums sehr in die Länge gezogen. Dagegen sind die
Schädelabschnitte bei Megapterna montana auf einander
geschoben und entfalten sich eher in die Breite (vergl.
Fig. 1). Mit Bezug auf die Umrisse des Schädelgerüstes
erinnert die Megapterna etwa an Triton alpestris, während
Euproctus Rusconii und der pyrenäische Molch darin eher
dem Triton helveticus oder Triturus viridiscens Raf. ähn-
lich sehen. Die zahntragenden Ränder der Oberkiefer ver-
laufen beim pyrenäischen und sardinischen Caudaten in
gerader, oder bei näherer Besichtigung leicht nach innen
zu gebogener Richtung, beim corsikanischen Molche aber
sind sie auifallend bogig gestaltet und zwar nach aussen
convex. Beim letzteren stossen die Oberkiefer mit den
Unterkiefern beinahe ihrem ganzen Verlaufe nach zusam-
men, während bei den übrigen zwei Arten die zahntragenden,
seitlichen Partien des Unterkiefers nach aussen von den
Oberkieferspangen zu liegen kommen und von diesen un-
verdeckt bleiben.
Die Schädelknochen bei Megapterna montana sind von
zarter und transparenter, mau möchte sagen glasähnlicher
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 159
Beschaffenheit. Beim Euproctus Rusconii und namentlich
beim pyrenäischen Caudaten macht das Schädelgertiste im
Gegentheil den Eindruck eines festen, derbknöchigen Ge-
ftiges und wird hierin, so viel ich weiss, nur vom Pelo-
nectes Boscai Lataste tibertroffen. Megapterna montana
zeigt im Gegensatz zu den ihr verwandten Formen keine
stark ausgeprägte Leisten- oder Höckerbildung an der
Schädeloberfläche. Die Haut haftet bei allen hier zu Ver-
gleich gezogenen Malcharten sehr fest an den Knochen der
Regio nasalis.
Die sämmtlichen hier aufgezählten Eigenthümlich-
keiten am Cranium erscheinen ftir die specifische oder gar
generische Selbstständigkeit der in Rede stehenden Schwanz-
lurche nur von untergeordnetem Werthe, sobald wir die
üeberzeugung gewinnen, dass dem Gene'schen Euproctus
und dem pyrenäischen Caudaten ein vollständig geschlosse-
ner Frontotemporal-Bogen zukommt und dass derselbe bei
Megapterna montana fehlt. Bei dieser kommt es nur zur
Bildung eines schwach ausgeprägten Augenhöhlenfortsatzes,
der etwa demjenigen des Triton alpestris oder Tr. palustris
(== taeniatus) ähnelt.
Dieses gewichtigen Kennzeichens am Cranium der
Mepapterna montana gedenkt, so viel ich weiss, niemand,
obschon dieses Merkmal wohl sicher von einem grösseren
Werthe sein dtirfte als alle diejenigen, welche uns neuer-
dings vorgelegt worden sind.
Da das Schädelgerüste und die Skeletverhältnisse über-
haupt von denjenigen Autoren, welche die M. montana und
den Euproctus Rusconii specifisch getrennt wissen wollen,
nicht verglichen worden sind und ausserdem weil Mega-
pterna montana mit Bezug auf ihr Gerippe weder von
S a V i noch von seinen Nachfolgern untersucht und be-
schrieben worden ist, so will ich hier auf einige Detail-
verhältnisse desselben näher eingehen, indem ich ausdrück-
lich bemerke, dass ich nur auf die Unterschiede im Skelet-
bau, welche Megapterna montana, Euproctus Rusconii und
der pyrenäische, sog. „Euproctus pyrenaeus D. B.", Molch
aufweisen, hinzudeuten beabsichtige und dass ich die ein-
160 J. V. Bedriaga:
gehende Untersuchung der Skelettheile beim corsikanischen
Caudaten anderen überlasse.
Bei Megapterna montana stossen die Petroso-Occipi-
talia mit ihren Rändern zusammen und bilden einen breiten,
nahezu horizontal liegenden knöchernen Schädelbalken,
welcher die obere Begrenzung des Foramen magnum dar-
stellt. Beim pyrenäischen Urodelen ist diese Supraoccipital-
spange äusserst schmal, derb und nach unten gerichtet.
Beim Euproctus Rusconii sind die Petroso-Occipitalia nach
einwärts zu in der Medianlinie getrennt. Eine kleine, mit
Hyalinknorpel verstopfte Lücke ist an dieser Stelle wahr-
nehmbar; sie könnte als Cartilago supraoccipitale gelten.
Die Basioccipitalspange ist bei allen drei Formen knorplig.
— Von den Bogengängen des Gehörorgans sind nament-
lich diejenigen stark ausgeprägt, welche oben und seitlich
vom Foramen magnum liegen. Die sogenannten inneren
Bogengänge sind beim pyrenäischen Caudaten am stärksten
entwickelt; bei Megapterna montana werden sie zum Theil
von den hinten liegenden und vorspringenden Rändern der
Scheitelbeine verdeckt. Beim pyrenäischen Urodelen neh-
men diese Ränder an der Bildung der inneren Bogengänge
Antheil. Die zwischen den Bogengängen sich befindende
Einsenkung der Petroso-Occipitalia ist beim Euproctus Ru-
sconii am stärksten und bei Megapterna montana am
schwächsten ausgeprägt. Das hintere Ende des Petrosum
endet bei allen diesen Formen ziemlich spitz und legt sich
bei Megapterna und beim pyrenäischen Caudaten an den
hinteren Schenkel des Squamosum von unten an. Bei den
zwei erwähnten Arten erscheinen diese Fortsätze am Pe-
trosum mit denjenigen ihnen anliegenden des Squamosum
gleich lang. Bei den Larven der Gebirgs-Megapterna sind
die Fortsätze am Petrosum gar nicht und diejenigen am
Squamosum schwach angedeutet und ragen nicht nach hin-
ten hervor. Beim Euproctus Rusconii aber erhebt sich das
hinterste Ende des Petrosum und umgibt das kürzere
Schenkelende des Squamosum von aussen. Betrachtet man
die Unterfläche des Schädels, so nimmt man alsbald wahr,
dass diese Fortsätze beim Molche aus den Pyrenäen am
stärksten entwickelt sind und dass sie nach aussen und
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 161
lateralwärts stark hervortreten. Jeder dieser Fortsätze be-
sitzt eine rinnenartige Vertiefung, welche zur Fenestra ovalis
führt. Letztere liegt beim E. Rusconii und „E. pyrenaeus"
auf der nach hinten und seitwärts gerichteten Spitze eines
ziemlich lang ausgezogenen Kegels. Bei Megapterna mon-
tana erscheint dieser Kegel durch einen in die Quere des-
selben sich erstreckenden Bogengang leicht aufgebaucht.
Die hinteren Ränder des Basilarbeins überlagern die Pars
petrosa beim corsikanischen Molche, während dieselben bei
den übrigen, hier zu Vergleich gezogenen Arten mit dem
Rande des Os parasphenoideum zusammenstossen.
Die Occipital-Condylen sind namentlich beim Euproctus
Rusconii und bei Megapterna montana kurz abgesetzt. Letz-
tere weist einen eigenthümlich gestalteten Squamosum auf.
Seine sämmtlichen Fortsätze nämlich und insbesondere der
vordere und obere Fortsatz, sind im Vergleich zu Euproctus
Rusconii und „pyrenaeus'' äusserst kurz und abgerundet.
Bei den zuletzt genannten Formen erscheinen die Fortsätze
am Squamosum mächtig angelegt; sie sind breit und lang.
Der längste von ihnen ist derjenige, welcher zur Bildung
des Daches der Orbila beiträgt, indem er sich mit dem
Processus postfrontalis verbindet. Beim sardinischen Eu-
proctus verläuft er nach vorn in gerader Richtung, wäh-
rend er beim pyrenäischen Urodelen eine Biegung auf-
weist. Dass der hintere, lamellöse Fortsatz am Squamosum
bei Megapterna montana kurz und beim pyrenäischen Cau-
daten verhältnissmässig sehr lang ist, habe ich schon er-
wähnt. Ich will nur noch hinzufügen, dass er an seiner
äusseren Seite bei diesen beiden Formen massig concav
erscheint. Zwischen den in Rede stehenden Fortsätzen ist
beim Euproctus Rusconii eine Einkerbung sichtbar; die-
selbe fehlt bei den übrigen Urodelen. Der hintere Fortsatz
am Squamosum schaut beim Rusconii und „pyrenaeus'^ mit
seiner breiten Aussenfläche nach hinten und zugleich seit-
wärts, bei Megapterna montana aber nur nach hinten.
Die Ossa qaadrata zeigen bei diesen Molchen keine
namhaften Unterschiede, dagegen sind die Ossa ptery-
goidea bei den insulanischen und pyrenäischen Formen
unter einander verschieden. Beim „Euproctus pyrenaeus"
Archiv f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. H
162 J. V. ßedriaga:
der Autoren sind sie lang und sehr massiv angelegt; sie
sind in ihrer Mitte und namentlich an der Basis breit.
Das Pterygoideum osseum reicht bis zur Oberkieferspange
und wird mit dieser durch eine Knorpelcommissur verbun-
den. Letztere ist bei oberflächlicher Besichtigung aller-
dings nicht sichtbar und man könnte leicht annehmen, dass
das knöcherne Pterygoideum direkt mit dem Oberkiefer-
fortsatze in Contact trete. Die Cartilago pterygoidea ist
als ein dünnes, in der Mitte der nach oben und lateral-
wärts schauenden Fläche des knöchernen Flügelbeins ein-
gefalztes Stäbchen erkennbar. Nur an der Basis des Flügel-
beins wird sie etwas umfangreicher. Bei dieser Gelegen-
heit will ich vorausschicken, dass das Chondrocranium
beim pyrenäischen Urodelen im Vergleich zu demjenigen
bei Megapterna montana und Euproctus Rusconii stark re-
ducirt erscheint.
Bei den Insulanern stellen die Flügelbeine relativ
kurze, und lamellöse Knochen dar, namentlich sind sie bei
Megapterna montana von zarter und transparenter Be-
schaffenheit und erhalten eine sehr breite Basis. Beim
corsikanischen Molche sind die Ossa pterygoidea breiter
als bei den übrigen zweien. Sowohl bei Megapterna als
auch beim E. Rusconii werden sie vermittelst eines frei
auslaufenden Fortsatzes der Cartilago pterygoidea mit den
Oberkiefern verbunden. Die Fitigelbeine sammt ihren knor-
peligen Enden sind' bei beiden zuletzt genannten Formen
in Proportion zu den Dimensionen des Schädels gleich
lang, jedoch, weil bei Megapterna montana das Schädel-
gerüste im Gegensatz zu demjenigen beim Euproctus Rus-
conii kurz und breit erscheint, ist man leicht geneigt zu
glauben, dass die Ossa pterygoidea bei ihr kürzer seien
als beim sardinischen Molche, namentlich scheint der frei
zu Tage tretende Pterygoidknorpel beim letzteren bedeu-
tend länger zu sein. Beim corikanischen Caudaten errei-
chen die Flügelbeine das Basilarbein nicht, wie es beim
Euproctus Rusconii der Fall ist, sondern werden von diesem
durch einen Bogengang getrennt.
Die untere Fläche des Basilarbeins scheint bei ober-
flächlicher Betrachtung des Schädels der Megapterna mon-
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 163
tana flach zu sein. Untersucht man aber dieselbe näher,
so findet man, dass diejenige Partie, welche zwischen den
Zahnstreifen zu liegen kommt, wulstartig aufgetrieben ist.
Da, wo die nach rückwärts sich erstreckenden Spangen der
Vomero-palatina enden und das Paraspenoideum in seinem
hinteren Theil anfängt in die Breite sich auszudehnen, ist
diese Aufwulstung sanduhrförmig eingeschnürt und wird
ganz hinten wiederum breiter. Beim Gen e'schen Urodelen
ist dieser Wulst ebenfalls vorhanden. Schwache Andeu-
tungen desselben finde ich auch beim pyrenäischen Schwanz-
lurchen. Beim letzteren liegen die freien Spitzen der Zahn-
leisten am Vomer eingebettet in rinnenartigen Vertiefungen
des Basilarbeins. Beim sardinischen Euproctus befindet
sich am Rande des hinteren Bezirks des Os parasphenoideum
ein Querwulst, der einen zickzackartigen Verlauf nimmt
und in der Medianlinie durch ein Grübchen vom longitudi-
nalen Wulste getrennt wird.
Die Scheitelbeine, von oben betrachtet, sehen bei Me-
gapterna montana denjenigen des Triton alpestris im all-
gemeinen ähnlich. In der Medianzone des Schädels liegen
diese Knochen in einer und derselben Ebene mit den Fron-
talia. Beim Euproctus Rusconii aber kommen sie tiefer zu
liegen als die Stirnbeine. Nach hinten zu senken sie sich
ziemlich stark beim Rusconii, dagegen schwach bei Megap-
terna. Ihre Ränder aber treten nach oben hervor. In der
Medianlinie stossen die Parietalia unter Bildung einer
scharf vorspringenden Kante zusammen.
Im Gegensatz zui* symmetrischen Entwicklung der
Knochen der Schädeldecke bei den insulanischen Urodelen,
zeigen die, die Schädeldecke constituirenden Knochen beim
„pyrenaeus" der Autoren eine höchst auffallende assymetri-
sche Bildung. Die rechte Scheitelbeinhälfte greift nämlich
bei diesem Molche nach links; die Naht befindet sich in-
folgedessen nicht in der Mittellinie des Craniums, sondern
ist seitlich gelegen. In der Medianlinie und zwar im hin-
teren Abschnitte der Parietalia ist ein nach rückwärts
schauender, knorriger Vorsprung vorhanden, also etwa ähn-
lich wie es für Triton pyrrhogaster Boje (= subcristatus
Schlegel) angegeben worden ist. Zwischen den Parietalia
164 J. V. Bedriaga:
und dem Supraoccipitalbalken befindet sich ein Knorpel-
plättchen, das als ein, von den Scheitelbeinen abgelöstes
Stück aufzufassen ist. Die Ossa parietalia scheinen bei
diesem Molche, bei oberflächlicher Betrachtung des Schä-
dels kürzer zu sein als bei den Insulanern. Am gespreng-
ten Cranium aber überzeugt man sich, dass sie in der Wirk-
lichkeit länger sind und dass sie von den Stirnbeinen zum
Theil verdeckt werden.
Was die Ossa frontalia anbelangt, so sind sie bei den
in Rede stehenden Arten höchst verschieden gestaltet. Vor
allem ist zu erwähnen, dass der sogenannte Processus post-
frontalis bei Megapterna montana fehlt. Hier ist der Pro-
cessus orbitalis ossis frontis massig entwickelt und tritt
jederseits als dornartige horizontal liegende Hervorragung
am äusseren Rande des Stirnbeins hervor, also etwa ähn-
lich wie es beim Triton palustris der Fall ist. Dieser
Processus hört an jener Stelte auf, wo die Frontalia die
Scheitelbeine überlagern. Die in die Augenhöhle gerich-
tete Fläche des Processus orbitalis ist gleichfalls nur massig
entwickelt und trägt nur wenig zur Bildung der Innen-
wand der Orbita bei.
Betrachtet man die Stirnbeine am ungesprengten Cra-
nium, so erscheinen die Nasenfortsätze derselben ziemlich
kurz und abgerundet. Am gesprengten Schädel aber nimmt
man wahr, dass sie vorn zum Theil von den Nasalia ver-
deckt werden. Es ist bemerkenswerth, dass an dieser
Stelle das Schädeldach von den Nasalien, den Frontalien
und endlich von einer, die innere Fläche der Stirnbeine
bekleidenden Knorpelplatte constituirt wird und somit drei-
schichtig erscheint, also ähnlich wie wir es beim spanischen
Rippenmolche kennen gelernt haben.
Etwas länger und spitzer scheinen die Processus na-
sales oss. front, beim Euproctus Rusconii zu sein. Bei
diesem Molche ist der Processus orbitalis stärker ausge-
prägt; er greift nämlich in die Augenhöhle weiter hinein,
als dies bei der corsikanischen Megapterna der Fall ist,
er sondert sich ferner schärfer von den Frontalplatten ab,
indem er sich nach oben zu erhebt, überschreitet die Or-
bita und verbindet sich schliesslich mit dem ihm entgegen-
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 165
schauenden Fortsatze am Squamosum. Es entsteht auf diese
Weise ein Arcus tympano-frontalis, wie es Gene bereits
in der Charakteristik seiner Gattung ,,Euproctus'' hervor-
gehoben hat. Dieser Bogen besteht, wie ich hier bemer-
ken will, aus zwei gleich langen Fortsätzen.
Vom Ursprünge des Processus postfrontalis an gehen
auf der Oberfläche der Frontalia medianwärts Leisten,
welche in der Mittellinie der Schädeldecke in Contact treten
und nach hinten zu concav erscheinen. Die hinteren Enden
der Ossa frontalia werden dadurch von ihrem Körper ge-
sondert. Diese Endstücke befinden sich in der nämlichen
Ebene wie die Scheitelbeine, die beim Euproctus Rusconii
niedriger als beim ;,pyrenaeus" und bei Megapterna mon-
tana zu liegen kommen. Beim „pyrenaeus^^ sehe ich eine
schwache Andeutung der eben erwähnten Leistenbildungen;
bei Megapterna montana vermisse ich sie aber gänzlich.
Während die Frontotemporal-Bogen beim sardinischen
Euproctus nur eine äusserst schwache Biegung aufweisen
und die Verbindung der sie bildenden Fortsätze sichtbar
ist, indem sie durch ein kleines Knorpelstück angedeutet
wird, sind diese Bogen beim pyrenäischen Caudaten nach
aussen zu stark convex und scheinen aus intacten Knochen-
stücken zu bestehen. Nur an der unteren Partie des links
gelegenen Frontotemporal-Bogens sehe ich an dem mir vor-
liegenden Schädel gerüste eine Sutur, welche gewiss auf
eine an dieser Stelle vor sich gegangene Vereinigung des
Processus postfrontalis mit dem Fortsatze des Squamosum
hindeutet. Im Atlas von Dumeril und Bibron (vergl. die
Erpetologie generale, Atlas, PI. 102, Fig. 4) vermisse ich
ebenfalls beim pyrenäischen ,, Triton poncticule'', welcher
wohl gewiss mit dem uns interessirenden Caudaten aus den
Pyrenäen identisch sein dürfte, die Grenze dieser zwei, den
Frontotemporal-Bogen constituirenden Fortsätze. Auch der
Duges'schen Tafel (vergl. seine Recherches zoologiques
sur les Urodeles de France. Ann. des Scienc. nat. 3. Serie.
Zool. Tom. XVII, p. 253), ist, so viel ich mich erinnern
kann, die Sutur nicht angegeben.
Der Processus orbitalis nimmt beim pyrenäischen Cau-
daten bedeutend Antheil an der Bildung des Daches und
166 J. V. Bedriaga:
der Innenwand der Augenhöhle und trägt durch seine
starke Entwicklung zur Ausdehnung der Frontalia in die
Breite bei.
Bei Megapterna montana und insbesondere beim Eu-
proctus Rusconii ist der Körper des Stirnbeins schmäler
als beim ;,E. pyrenaeus'^ ; beim sardinischen Molche kommt
es sogar zu einer förmlichen Einschnürung des Stirnbeins.
Die am Scheitelbein beim pyrenäischen Molche constatirte
asymmetrische Entwicklung tritt an den Ossa frontalia noch
schärfer auf. Die rechte Hälfte des Stirnbeins ist hier
hauptsächlich auf Kosten der linken entwickelt, nur der
vorderste, an den Intermaxillarfortsatz grenzende Theil der
linken Stirnbeinhälfte greift ziemlich weit nach rechts. In-
folgedessen befindet sich die mediane, schlangenförmig ge-
krümmte Frontalnaht ganz vorn auf der rechten und rück-
wärts auf der linken Seite des Schädels. Ein weiterer
Unterschied vom Euproctus Rusconii und von der corsi-
kani sehen Megapterna beruht auf den merkwürdigen, nur
beim Dicamptodon ensatus Eschholtz (= Triton ensatus
auct.) constatirten Contouren der Vorderenden des Stirn-
beins. Sie sind nämlich fransenartig ausgeschnitten und'
scheinen dabei bei oberflächlicher Untersuchung des Schä-
delgerüstes ungleich lang zu sein. Geht man aber auf die
Verhältnisse näher ein, so nimmt man wahr, dass das an
der rechten Seite des Nasenbeins eingekeilte Knochenstück
(vergl. Fig. 18) der rechten Hälfte des Stirnbeins angehört
und dass es sich von diesem abgelöst hat. Merkwürdiger-
weise stimmt der pyrenäische Molch insofern auch hierin
mit dem californischen Dicamptodon ensatus überein, als
auch bei diesem accessorische, allem Anscheine nach von
den angrenzenden Theilen sich abgelöste Knochenplätt-
chen in der Regio fronto-nasalis sich vorfinden sollen.
Auf den Tafeln Dumeril-Bibrons und D u g e s ist
jenes accessorische Knochenplättchen beim „Triton poncti-
cule" aus den Pyrenäen allerdings nicht angegeben.
Beim pyrenäischen Caudaten verlaufen somit sowohl
dje longitiulinal-mediane Frontalnaht als auch die trans-
versalen Frontouasal-Nähte in mäandrischen Windungen.
Die Processus nasales und das Stirnbein selbst sind rauh.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 167
Beim Euproctus Rusconii' sind allerdings in dieser Gegend
etliche Grübchen, Höcker und Leisten vorhanden, jedoch
fallen sie bei ihm viel weniger als beim pyrenäischen Cau-
daten auf. Bei Megapterna montana ist sehr wenig davon
zu sehen.
Bei Betrachtung des Schädels von oben stellen die
Praefrontalia beim corsikanischen Molche ungleich ent-
wickelte Knochen dar; ihre nach oben gerichteten Flächen
erscheinen etwas kleiner als es beim Euproctus Rusconii
der Fall ist und weisen einen massig ausgeprägten Rand-
wulst auf. Beim „pyrenaeus*' der Autoren reichen die
senkreckten Flächen der Praefrontalia im Gegensatz zum
Euproctus Rusconii und zu Megapterna montana ziemlich
weit in die Augenhöhle hinab. Diese Flächen weisen bei
allen drei hier zu besprechenden Arten Rinnen auf; am
schwächsten sind dieselben bei der Megapterna ausge-
sprochen.
Die Nasenbeine sind bei der letzteren breiter als
beim pyrenäischen und Gen e'schen Molche. Lateralwärts
stossen sie bei ihr an die Oberkiefer an jener Stelle, wo
diese senkrecht abfallen. Auf diese Weise nehmen die
oberen Fortsätze des Oberkiefers keinen Antheil an der
Bildung des Schädeldecke, wie es beim Euproctus Rusconii
und beim pyrenäischen Molche der Fall ist, sondern die
Nasalia tragen vielmehr dadurch, dass ihre Seitenwände
sich nach unten biegen und fast senkrecht abfallen, zur
Bildung der Seitenwand des Craniums bei. Derjenige
Theil des paarigen Nasenbeins, welcher beim sardinischen
Euproctus gabelförmig erscheint und ziemlich weit nach
rückwärts in die Frontalia eingreift ist beim corsikanischen
Caudaten^ kürzer und unter rechtem Winkel eingeschnitten.
Sowohl bei diesem als auch beim Euproctus Rusconii
treten die Nasenbeinhälften hinter der Intermaxillar- Ver-
tiefung in Contact, beim pyrenäischen Molche dagegen
bleiben dieselben durch die weit nach rückwärts reichenden
Fortsätze des Zwischenkiefers getrennt. Die Nasenlöcher
kommen beim zuletzt genannten Molch und bei Megapterna
montana auf der vorderen senkrechten Wand des Schädels
zu liegen, während sie beim Euproctus Rusconii auch nach
168 J. V. Bedriaga:
oben in die Schädeldecke hineingreifen. Die Nasenlöcher
bei Megapterna montana sind durch das breite Intermaxil-
lare verhältnissmässig weit von einander getrennt. Entfernt
man die knorpeligen Theile, welche die Nasenlöcher um-
geben, so überzeugt man sich, dass die vorderen Rän-
der der Nasenbeine beim pyrenäischen und sardinischen
Schwanzlurche leicht ausgeschnitten sind, dass aber die-
selben bei Megapterna montana nach aussen zu convex
erscheinen.
Der Zwischenkiefer besteht bei sämmtlichen, in Rede
stehenden Formen aus einem Stück. Die Nasenfortsätze
des Zwischenkiefers sind sowohl beim E. Rusconii als
auch bei Megapterna montana zum grössten Theil von den
Nasenbeinen überlagert. Die beim zuletzt erwähnten Molche,
namentlich vorn breite und verhältnissmässig kurze, beim
Euproctus Rusconii schlitzartige und lange Internasal-
Vertiefung wird somit auf eine lange Strecke von den Ossa
nasalia begrenzt. Beim pyenäischen Caudaten wird diese
Vertiefung ihrer ganzen Ausdehnung nach vom Zwischen-
kiefer begrenzt. Die Processus ascendentes strecken sich
nämlich sehr weit nach rückwärts, trennen die Nasalia,
nehmen an der Bildung der Schädeldecke Theil und zeigen
eine ganz eigenthümliche Configuration, wie es auf der
Abbildung 18 zu sehen ist. Vorn bedecken sie mit ihren
seitlichen Rändern die Ränder der Nasenbeine, nach rück-
wärts zu, seitlich werden sie selbst theilweise von den
Stirnbeinrändern verdeckt, hinten aber dienen sie wiederum
als Belegknochen. Die Intermaxillar-Rinne streckt sich
weit nach vorn und geht auf die vordere, senkrecht-stehende
Seitenwand des Zwischenkiefers über; sie stellt zwei un-
gleich tiefe Partien vor und zwar eine weniger tiefe, welche
oben auf der Schädeloberfläche zu liegen kommt und eine
tiefere, senkrecht liegende.
Das Cavum intermaxillare bei Megapterna montana
wird aus Folgendem constituirt: vorn und zum Theil auch
seitlich von den Fortsätzen des Zwischenkiefers; nach
rückwärts, seitlich, von den hoch emporsteigenden, die
Frontalia erreichenden Fortsätzen der Vomero-palatina und
endlich hinten, von einer knorpeligen Wandung, welche
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 169
mir nichts anders zu sein scheint als eine Fortsetzung der, die
ventrale Fläche der Stirnbeine auskleidenden Knorpelplatte.
Letztere bildet gleichfalls hinten den Boden des Cavum inter-
maxillare. Der Nasenraum zerfällt vermittelst einer, ihrem
ganzen Verlaufe nach paarigen Scheidewand in zwei Nasen-
kapseln, welche ihrerseits vom Cavum Granu durch eine zum
Theil knöcherne, zum Theil knorpelige Wand getrennt wer-
den. Der Hyalin-Knorpel nimmt einen nur sehr geringen An-
theil an der Bildung dieser Wand und ist jederseits nur an
dem nach rückwärts gelegenen Ende an der Grenze des
Orbitosphenoids wahrnehmbar. Der Boden des Cavum inter-
maxillare wird hauptsächlich durch die Processus palatini
ossis intermaxillaris und durch die Vomero-palatina gebildet.
Bei den Larven des Savi'schen Molches erscheinen die
Seitenwände, welche die Nasenkapseln von einander, vom
Intermaxillar-Raum und vom Cavum Cranii trennen zum
grössten Theile knorpelig; knöchern erscheinen nur die
Partien der sich von den Vomero-palatina emporhebenden
Fortsätze, welche an diejenigen des Zwischenkiefers stossen.
Während der Nasenraum bei Megapterna montana,
nachdem der Zwischenkiefer entfernt worden ist, als aus
drei Abtheilungen bestehend sich erweist, d. h. aus zwei
grösseren, seitlichen (die Nasenkapseln!) und aus einer
mittleren (Internasal-Cavum !) *), bietet der Nasenraum des
pyrenäischen „Euproctus" nur eine Scheidewand und folg-
lich nur zwei Abtheilungen (vergl. Fig. 21). Ein durch
die Vermittlung von aufsteigenden Fortsätzen der Vomero-
palatina entstandenes Internasal-Cavum kommt hier nicht
vor, sondern es ist vielmehr eine zur Aufnahme der Schädel-
drüse bestimmte Intermaxillarhöhle vorhanden, welche aus-
schliesslich vom Zwischenkiefer constituirt, folglich mit
knöchernen Wänden versehen ist. Das unpaare Septum
ist bei diesem Caudaten knorpelig und es entspringt aus
der gleich beschaffenen, transversalen, den Nasenraum vom
Cavum cranii trennenden Wand. Nach vorn erstreckt sich
dieses Septum nasale ungefähr bis zur Mitte des Nasen-
raums: von da an wird es durch den Zwischenkiefer ver-
1) Vergl. Fig. 5.
170 J. V. Bedriaga:
treten. Die auf der Schädelunterfläche sich befindende
Oeffnung, welche in die Intermaxillarhöhle führt, erscheint,
sobald man die Deckknochen entfernt und sie auf der
dorsalen Seite des Pflugscharbeins aufsucht in Form von
zwei winzigen, jederseits und nächst der Nasenscheidewand
gelegenen, Löcherchen. Das Septum erstreckt sich nämlich
in diametraler Richtung zur ziemlich ursprünglich weiten
Oeffnung und theilt letztere in zwei kleine Löcher. Auf
meiner schematischen Figur kann man dies übersehen.
Die zu jeder Seite des Septum nasale liegenden Oeffnungen
sind mit den Buchstaben Ci bezeichnet.
Was endlich das Septum beim Euproctus Rusconii
betrifft, so glaube ich, dass es vollständig knöchern sein
dürfte. Mir fehlt es augenblicklich an Material, um auf
diesen Punkt näher eingehen zu können.
Die zum Durchtritt des Nasalastes des Trigeminus
bestimmten Löcher sind beim pyrenäischen und beim sar-
dinischen Caudaten gross, bei Megapterna montana aber
sind sie kaum angedeutet.
Die zahntragenden Alveolarfortsätze sind beim Euproc-
tus Rusconii länger als bei Megapterna montana und beim
pyrenäischen „Euproctus.'' Bei der Betrachtung des Schädels
von der Seite nimmt man wahr, dass die zahntragende
Partie ganzrandig ist, während dieselbe beim sardinischen
Euproctus wellig gebogen erscheint. Die Gaumenfortsätze
betheiligen sich, sowohl bei diesem Molche als auch beim
pyrenäischen zum x\ufbau des Mundhöhlendaches, nament-
lich sind dieselben beim Euproctus Rusconii stark in hori-
zontaler Richtung entfaltet. Beim Savi'scheu Molche ist
die Betheiligung der Zwischenkiefer-Palatin-Platte an der
Bildung des Gaumendaches eine sehr geringe, weil sie eher
senkrecht zu stehen kommt, was auch den relativ grösseren
Höhendurchmesser des Schädels und die ausgeprägte
Wölbung des Gaumendaches verursacht. Die äussere Wand
des Os intermaxillare fällt bei Megapterna montana und
beim pyrenäischen Molche im Gegensatz zum sardinischen
Euproctus ziemlich senkrecht ab. Derjenige Theil des
Intermaxillarbeins, welchen man als „Körper" bezeichnet,
kommt bei Megapterna montana und beim „pyrenaeus"
Beitr. z. Kenutniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 171
fast perpendiculär zu stehen, während derselbe beim ßus-
conii eher zu einer horizontalen Stellung sich neigt, wodurch
eine Erweiterung und Abplattung des vorderen Bezirks des
Cranium stattfindet. Die von den Nasenlöchern bis zum
Ende der Oberkiefer sich jederseits hinziehende Aussen-
linie erscheint bei Megapterna montana nach aussen zu
convex. Beim Eusconii dagegen ist keine derartige Biegung
vorhanden. Der äussere Oberkieferrand ist eher nach innen
zu eingebogen. Beim pyrenäischen Schwanzlurche ist das
Nämliche in dieser Beziehung constatirbar, wobei jedoch
zu erwähnen wäre, dass die Enden der Oberkieferspangen
nach einwärts zu gekrümmt erscheinen. Diese Spangen
sind bei Megapterna montana verhältnissmässig sehr lang
und werden vom knöchernen Pterygoid nur durch ein
kleines Knorpelstück getrennt. Beim Euproctus Rusconii
dagegen ist das cartilaginöse Pterygoid von ansehnlicher
Länge und beim pyrenäischen Caudaten ist es sehr reducirt,
worauf ich bereits hingedeutet habe. Hier stossen die nach
einwärts gekrümmten Enden der horizontalen Fortsätze
der Maxillaria, so zu sagen, direkt an die sehr langen
knöchernen Flügelbeine. Dass letztere von den Oberkiefer-
spangen überragt werden, ist aus den beigegebenen Abbil-
dungen 1 und 15, welche die Schädel von Megapterna
montana und Euproctus Rusconii vorstellen, zu sehen. Die-
jenigen Fortsätze, welche an die Zwischenkiefer stossen,
sind beim Gene'schen Molche stärker entwickelt als bei
den zwei anderen. Die oberen Fortsätze passen sich beim
Rusconii an die vorderen Stirn- und Nasenbeine an; bei
der pyrenäischen Art verdecken erstere die Ränder der
Nasalia, der Praefrontalia und die Ränder der Processus
nasales ossis frontis. Sie nehmen somit einen gewichtigen
Antheil am Aufbau der Schädeldecke. Bei Megapterna
montana ist der nämliche Fall vorhanden, aber nur mit
dem Unterschiede, dass sie von den Rändern der Ossa
nasalia zum Theil überlagert werden. Ferner muss erwähnt
werden, dass die Gaumenfortsätze der Maxillaria, ähnlich
wie diejenigen des Zwischenkiefers, beim Euproctus Rus-
conii stark entfaltet erscheinen, dass sie horizontal liegen
und folglich in einem bedeutenden Grade zur Bildung des
172 J. V. Bedriaga:
Mundhöhlendaches beitragen. Dass die Zahnstreifen am
Oberkiefer (bei Betrachtung des Schädelgerüstes von unten)
bei Megapterna montana nach aussen zu convex, beim
Euproctus Rusconii concav und beim Molche aus den
Pyrenäen leicht concav erscheinen, habe ich schon erwähnt.
Dem ziemlich stark beim Euproctus Rusconii ausgeprägten
Alveolarfortsatze entlang läuft an seiner Innenseite eine
rinnenartige Bildung. Diese als Zahnfurche bezeichnete
Rinne ist beim pyrenäischen und namentlich beim corsika-
nischen Schwanzlurche viel schwächer und nur vorn ange-
deutet. Der an die Praefroutalia grenzende Fortsatz greift
bei Megapterna montana viel weiter nach hinten, als es
bei der sardinischen und continentalen Form der Fall ist
und erscheint somit auf Kosten des vorderen Stirnbeins
entwickelt. An der Aussenfläche des Os maxillare superius
sieht man jederseits etliche Grübchen und Löcher von
denen einige zum Durchtritt der Nerven dienen. Diese
Oeffnungen sind bei Megapterna montana mit unbewaffne-
tem Auge nicht sichtbar, beim Euproctus Rusconii aber sind
sie ziemlich ansehnlich und beim pyrenäischen Schwanz-
lurche treten sie sehr deutlich zum Vorschein. Während
das Foramen incisivum beim letzteren rund, beim Rusconii
länglich und bei beiden sehr deutlich ausgeprägt erscheint,
ist es bei Megapterna montana nur mit Zuhülfenabme eines
Mikroskops sichtbar.
Die Zähne sind bei allen drei in Rede stehenden
Molchformen doppelreihig und besitzen zweizinkige Spitzen.
Beim Euproctus Rusconii und besonders beim pyrenäischen
Caudaten sind die Zähne ziemlich mächtig entwickelt und
nach einwärts gekrümmt. Bei Megapterna montana sind
die Zähne allerdings schwächer entwickelt als bei den
zuletzt genannten, sie sind aber länger und dicker als bei
den europäischen, ächten Tritonen; sie sind ferner nicht
so stark nach einwärts gekrümrat wie beim Rusconii und
„E. pyrenaeus".
Ueber das Orbitosphenoid ist folgendes zu bemerken.
Bei Megapterna ist es breiter als beim E. Rusconii und
beim „E. pyrenaeus''. Bei diesen ist nämlich die, in die
Augenhöhle gerichtete Fläche des Processus orbitalis auf
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 173
Kosten des Orbitosphenoideum entwickelt und trägt ein
sehr grosses Foramen opticum.
Der in Rede stehende Knochen bildet sowohl beim
sardinischen als auch beim pyrenäischen Schwanzlurche
die innere Circumferenz der Choane. Bei Megapterna
montana dagegen wird dazu der hier vorhandene knorpelige
Antorbital-Fortsatz verwandt. Die am Alisphenoid liegenden,
mit dem Petrosum untrennbar vereinigten, für den Durch-
tritt des Ramus ophtalmicus und Ramus submaxillaris und
mandibularis bestimmten Löcher sind namentlich beim
Molche aus den Pyrenäen auch mit unbewaffnetem Auge
gut sichtbar.
Der vordere, flügelartig ausgebreitete Theil des paarigen
Os Vomeropalatium ist bei Megapterna montana Verhältnis s-
mässig breiter als bei den zwei übrigen Arten. Dadurch,
dass die Fortsätze der Zwischen- und Oberkiefer bei Me-
gapterna montana nahezu in einer senkrechten Stellung
sich befinden, nimmt das Vomero-palatinum am meisten
am Aufbau des Mundhöhlendaches Antheil. Beim „pyre-
naeus" sind die Pflugscharbeine vorn geringer entwickelt
als bei den übrigen zwei Molchen; sie liegen fast horizontal
und zwar in einer und derselben Ebene wie die Gaumen-
fortsätze. Bei der corsikanischen und pyrenäischen Form
dagegen erscheint die vordere Partie des Os Vomero-
palatinum bei ventraler Ansicht hohl, wodurch die Aus-
mündung des Cavum intermaxillare viel tiefer zu liegen
kommt, als es beim Euproctus Rusconii der Fall ist. An
ihren lateral wärts und nach hinten gelegenen Rändern be-
sitzen die Vomero-palatin-Platten bei Megapterna montana
tiefe Ausschnitte, welche zum Theil die Begrenzung der
Choane bilden. Beim E. Rusconii und beim „pyrenaeus''
ist der, gegen die Augenhöhle gerichtete Hinterrand der
Vomero-palatina nicht so tief wie sonst zur Choanenbildung
ausgeschnitten.
Die zahntragenden, in der Längsachse des Basilar-
beins verlaufenden Spangen der Vomero-palatina sind so-
wohl beim Euproctus Rusconii als auch beim pyrenäischen
Caudaten an ihrem Ursprung breit und leicht aufgebaucht.
Bei M. montana sind sie ihrem ganzen Verlaufe nach gracil
174 J. V. Bedriaga:
und divergiren nach rückwärts weit mehr, als bei den
soeben erwähnten Arten. Die Zahnstreifen bilden die Figur
eines umgekehrten lateinischen V (A). Im Gegensatz zum
pyrenäischen Caudaten treten sie bei der corsikanischen
Megapterna und beim E. Rusconii nach rückwärts massig
auseinander. Beim zuletzt genannten scheinen die Gaumen-
zahnreihen in gerader Linie zu verlaufen; betrachtet man
sie aber näher, so nimmt man wahr, dass sie medianwärts
leicht eingebogen sind. Diese Einbiegung ist bei Megap-
terna montana sehr deutlich ausgeprägt.
Was die Gaumenzähne beim „pyrenaeus" anbelangt,
so treten sie vorn in fast parallelen Reihen auf, um gegen
ihre Mitte hin stark auseinander zu weichen. Sie er-
scheinen hier nach aussen convex. Die hinteren Enden der
Zahnstreifen schauen nach der Mittellinie des Parasphenoi-
deum ; sie sind nämlich medianwärts gekrümmt und liegen
in rinnenartigen Vertiefungen des Basilarbeins eingebettet.
Bei sämmtlichen drei Urodelen gehen die Zahnstreifen nicht
über die Choane hinaus. Megapterna montana weist die
kürzesten Zahnstreifen auf. Zugleich will ich mir die Be-
merkung erlauben, dass bei keinem von mir untersuchten
Megapterna- oder Euproctus- Exemplare die Zahnstreifen
so weit nach hinten sich erstrecken, wie es neuerdings für
Euproctus Rusconii (Triton platycephalus) bildlich ange-
geben worden ist. Sowohl beim pyrenäischen als auch bei
den insulanischen Molchen sind die Gaumenzähne doppel-
reihig, obschon nicht ihrem ganzen Verlaufe nach; jeder
Zahn weist zwei Spitzen auf. Der pyrenäische Molch
besitzt die längsten und stärksten Vomero-palatin-Zähne.
Die Unterkiefer differiren bei den uns hier interes-
sirenden Formen nur wenig.
Sowohl die Zungenbeine als auch die Kiemenbogen
bei diesen Caudaten gleichen in ihrer Configuration den-
jenigen der Gattung Triton. Aehnlich wie es, beispielweise,
beim Triton cristatus oder alpestris der Fall ist, bestehen
die grossen messerförmigen Zungenbeinhörner aus drei
Abschnitten, von denen der vorderste, auf der beigege-
benen Figur punktirt angegebene, breite Abschnitt und
das hinterste, eine Scheibe vorstellende Stück bei Megap-
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 175
terna montana und beim Rusconii hyalinknorpelig, beim
„pyrenaeus" aber opakknorpelig sind. Der mittlere Ab-
schnitt des Keratohyale ist mehr (beim Enproctus Rusconii
und beim „pyreneus'O oder weniger (bei Megapterna mon-
tana) ossificirt. Dieser Abschnitt ist bei den soeben ge-
nannten Formen ungleich gross. Vergleicht man die beige-
gebenen Abbildungen der Zungenbein-Kiemenbogenapparate,
so nimmt man wahr, dass es beim corsikanischen Molche
kürzer als das vordere Knorpelstück ist, dass es beim
Rusconii und pyrenaeus auf Kosten des letzteren entwickelt
erscheint.
Der Zungenbeinkörper besteht gleichfalls aus drei
Segmenten und zwar aus einem mittleren und längsten,
ferner aus einem vordersten Knorpelstückchen, das als
vordere Copula bezeichnet wird und dem ossificirten Mittel-
segmente aufsitzt und endlich aus einem dritten hinteren
ebenfalls knorpeligen Abschnitt, der als Verbindungsglied
zwischen dem knöchernen Theile des Basihyale und dem
zweiten Kiemenbogenpaare dient. Die freien Enden der
vorderen kleinen Zungenbeinhörner schauen nach vorn;
beim Euproctus Rusconii und beim pyrenäischen Schwanz-
lurche sind sie gebogen. Beim ersteren sind sie links und
rechts mit der vorderen Copula durch derbes Bindegewebe
verbunden und werden durch die Copula getrennt. Beim
„pyrenaeus" sind die kleinen Hörner mit einem quer über
die vordere Copula (bei der dorsalen Ansicht derselben)
liegenden Knorpelstückchen vermittelst Bindegewebe fest
aber leicht beweglich verbunden. Bei der ventralen Ansicht
des Zungenbeinkörpers ist dieses Verbindungsglied zwischen
dem rechten und linken Hörn nicht sichtbar; es ist durch
die Copula verdeckt.
Bei der corsikanischen Megapterna sind die „kleinen
Hörner" ebenfslls durch eine Brücke verbunden (Vergl. die
beigegebenen Figuren 2 und 25). Wir finden hier infolge-
dessen dieselbe Bildung wie beim „pyrenaeus" oder beim
Triton alpestris vel taeniatus ^). Hinzufügen will ich nur
1) Vergl. Annali del Museo Civico di Genova etc. Vol. VII,
1875. Tav. XIII, Fig. 99. — Der Verfasser der in diesen Annalen
176 J. V. Bedriaga:
noch, dass die Verbindung dieser eigenthümlichen Ring-
bildung (respect. der kleinen Hörner) mit dem Zungenbein-
körper locker und infolgedessen leicht beweglich ist. Es
ist mir sogar einmal vorgekommen, den Halbring, oder
jene Brücke, welche die kleinen Hörner verbindet, ver-
schoben und auf der Spitze der vorderen Copula aufge-
spannt vorzufinden; diese Eigenthümlichkeit ist wohl durch
die Präparation entstanden. Ich habe dies auf Fig. 25 c
und d dargestellt, um späterhin einige Reflexionen hier-
über anknüpfen zu können.
In seinen „Anatomischen Abhandlungen über die
Perenaibranchiaten und Derotremen I" (Hamburg 1864)
S. 31 spricht sich J. G. Fischer folgenderweise über die
Genese der kleinen Hörner aus: „Vielleicht aus der vor-
deren Copula (Fig. 7 a) i), vielleicht auch aus dem vorderen
Segmente (d) ^) der Zungenbeinhörner bilden sich eigen-
thümliche (bei den Salamandrinen nämlich!), den Perenni-
branchiaten fremde seitliche Fortsätze (Fig. 8, d) ^) , von
publicirten Arbeit über Salamandrina perspicillata scheint nicht
sicher darüber gewesen zu sein, was für eine Art ihm vorgelegen
hat, denn auf S. 90 wird auf Fig. 99 bei der Besprechung des Triton
taeniatus und helveticus hingewiesen, in der „Erklärung der Abbil-
dungen" S. 209 (S. A.!) heisst es aber, dass Fig. 99 das Zungenbein-
Kiemenbogen-Apparat eines Triton alpestris vorstellt.
1) Diese Frage nämlich ist eine Copie von einem Bilde Duges;
sie stellt das Zungenbein- und Kiemenbogen-Apparat einer Larve
des marmorirten Triton vor. Als vordere, punktirt angegebene
Copula dürfte Fischer das Gewebe, welches die Hypohyalia unter-
einander, oberhalb des Endkopfes des Zungenbeinkörpers verbindet,
bezeichnen. Die Orginal-Figur von Duges (Vergl. seine Recherches
sur l'osteologie et la myologie des batraciens Paris 1834. Fl. XV,
Fig. 114) ist mir leider unbekannt.
2) = Hypohyalia.
3) Diese Figur soll, wie ich aus der beigegebenen „Erklärung
der Abbildungen" schliesse, das Zungenbein und die Kiemenbogen
einer jungen „Salamandra terrestris (nachdem die Kiemen geschwun-
den sind)" vorstellen. Mit dem Buchstaben d werden die zwei,
jederseits am Zungenbeinkörper sich befindenden kleinen Hörner
bezeichnet.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 177
denen dem erwachsenen Zustande nur einer (Fig. 9 d) *) zu
verbleiben scheint. Diese Fortsätze, die vordere breitere
Hälfte und der Endknopf der Zungenbeinhörner, sowie die
dem zweiten Kiemenbogen zuzusprechenden Ventralseg-
mente (g)^) sind die einzigen Theile, die sich im erwach-
senen Zustande als Knorpel erhalten." Ob die Genese dieser
kleinen Hörner seit 1864 verfolgt worden ist, ist mir, da mir
zur Zeit wenige literarische Hilfsmittel vorliegen, unbe-
kannt geblieben. Zu meiner eigenen Belehrung habe ich
den Zungenbeinapparat bei verschiedenen mir vorliegenden
Altersstufen der M. montana untersucht und bin zu einem,
wenn mir auch nicht in allen Punkten klaren Resultate in
Betreff der Entstehungsweise bezw. des Entwicklungsganges
der kleinen Hörner bei dieser Molchart gelangt. Da zwei-
felsohne die Genese dieser Hörner bei Megapterna mon-
tana noch nicht bekannt ist, so will ich hier versuchen
dasjenige, was ich darüber erfahren, konnte in aller Kürze
zu beschreiben. — Nimmt man als Untersuchungsobjekt
eine ausgewachsene, mit üppig entwickelten Kiemen hu-
scheln versehene Larve der Megapterna montana, so kommt
man zur Ueberzeugung, dass bei ihr das Keratohyale jeder-
seits aus zwei Abschnitten besteht und zwar aus einem
langen hinteren, den man als eigentliches Keratohyale zu
bezeichnen pflegt und aus einem kurzen vorderen Segmente,
1) Fisch er's Fig. 9 stellt das Zungenbein des „ausgewach-
senen Triton marmoratus" vor. Es sei mir erlaubt zu bemerken,
dass mir Fisch er's oben citirter Satz: „von denen dem erwachsenen
Zustande nur einer (d. h. Fortsatz!) (Fig. 9 d) zu verbleiben scheint"
insofern nicht ganz klar ist, als einerseits Fig. 9 das Zungenbein
eines erwachsenen Triton marmoratus und nicht einer „Salamandra
terrestris" (d. h. maculosa) vorstellen soll, andererseits Fische r's
Fig. 8 nicht etwa den Zungenbein- und Kiemenbogen-Apparat einer
Triton-Larve oder eines jungen Triton marmoratus, sondern einer
jungen „Salamandra terrestris" wiedergibt! Ob es sich hier um
einen Schreib- oder Druckfehler handelt, oder ob Fischer etwa
sagen wollte, dass dem erwachsenen Zustande des Landsalamanders
jederseits nur ein kleines Hörn ähnlich wie es beim Triton marmo-
ratus der Fall ist, verbleibt, und dabei auf seine Fig. 9 hinzuweisen
beabsichtigte, ist mir nicht klar geworden.
2) = Keratohyalia IL
Arch. f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 12
178 J. V. Bedriaga:
das Hypohyale genannt wird. Dieser Zerfall des Kerato-
hyale in zwei ungleich lange Stücke ist bei den jüngeren
Larven noch nicht sichtbar. Erst bei den ca. 5 mm langen
Individuen tritt die Gliederung auf und ist endlich bei
den etwas älteren Larven ebenso deutlich sichtbar, wie es
auf Fig. 22 dargestellt worden ist ^). Während des Um-
wandlungsprocesses den das kiementragende Thier in ein
lungenathmendes durchzumachen pflegt, erscheinen die vor-
deren, an den Zungenbeinkörper anliegenden und an diesen
durch Bindegewebe angehefteten Enden der Hypohyalia
gegabelt ; sie umfassen den Zungenbeinkörper von den
Seiten. Auf der Dorsalseite des „Körpers" werden diese
Fortsätze der Hypohyalia allmälig länger; sie stossen später-
hin aneinander und vereinigen sich (Fig. 25 b). Auf seiner
Ventral-Seite, dagegen kommt es zu keinem Zusammen-
stosse; die sich gegenüberstehenden Fortsätze bleiben ge-
trennt von einander an den Zungenbeinkörper durch Binde-
gewebe angeheftet (Vergl. Fig. 25 a) ^). Die vordere Copula,
welche den Endknopf des Zungenbeinkörpers bildet, er-
scheint jetzt etwas länger als vorher und wird umgeben
von den umgestalteten Hypohyalia, wie von einem unvoll-
ständig verschlossenen Ringe oder einem Halbringe, also
ähnlich wie es nach der Angabe der Autoren beim Triton
alpestris der Fall sein soll. Wohl gleichzeitig lösen sich
die secundären Keratohyalia von den Hypohyalia ab und
nehmen diejenige Form an, ^^elche auf dem Bilde 2 ange-
geben sich befindet. An den hinteren, freien Enden der
letzteren findet ebenfalls insofern eine Veränderung statt,
1) Diese Figur hat Aehnlichkeit mit demjenigen Bilde Duges
(nach Fischer!), welches das Zungenbein des Triton marmoratus
vorstellt, nur sind die Hypohyalia bei Megapterna montana nicht
untereinander wie dort verbunden, sondern erscheinen getrennt am
Zungenbeinkörper angeheftet, also ähnlich wie es bei Salamandra
maculosa (Vergl. Gegenbaur, Grundriss der vergleichenden Ana-
tomie (Leipzig 1878) S. 495) der Fall sein soll.
2) Der Deutlichkeit halber habe ich diejenige Stelle, w o die
Verschmelzung der auf der dorsalen Seite des Körpers liegenden
Fortsätze stattgefunden hat, durch einen Strich (Fig. 25 b bis z)
angegeben.
Beitr. z. Keantniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 179
als sie sich zuspitzen und zu Hörnern werden. Obgleich
das mir vorliegende Material mit Bezug auf die Alters-
stufen von Megapterna ungenügend erscheinen könnte, um
daraus den Entstehungsvorgang der eigenthümlichen Ring-
bildung und der kleinen Hürner selbst am Zungenbein-
körper zu erklären und man mir die Vermuthung, dass
diese Bildung überhaupt als ein Produkt der primären
Keratohyalia bezw. Hypohyalia aufzufassen seien, streitig
machen könnte, bin ich nicht nur von dem von mir ge-
schilderten Vorgange überzeugt, sondern glaube sogar,
dass das so merkwürdig aussehende Gebilde, welches dem
Endkopfe des Zungenbeinkörpers bei Amblystoma punc-
tatum aufsitzen soll (Vergl. Morphol. Jahrb. III. Bd., Taf. V,
Fig. 75) möglicherweise auf eine Gabelung und Verschmel-
zung der Hypohyalia zurtickführbar ist. Denn stelle man sich
vor, dass die an den Zungenbeinkörper anstossenden Enden
der Hypohyalia etwas höher (dem soll auch bei Ambly-
stoma punctatum der Fall sein !) liegen würden, als es von
mir bei Megapterna montana constatirt worden ist und
dass dieselben, anstatt in der verticalen Ebene sich zu
gabeln, eine Gabelung in der Horizontal-Ebene aufweisen i),
ferner, dass diese gabelig aussehenden Enden in Contact
treten und verschmelzen, dass also der Verschmelzungs-
punkt der nach rückwärts gelegenen fortsatzähnlichen
Theile der Hypohyalia auf dem Endknopfe des Zungen-
beinkörpers ruht 2) und endlich, dass die hinteren Enden
der von den secundären Keratohyalia sich abgelösten
Hypohyalia bedeutend länger werden, sich nach hinten
und medianwärts umbiegen und dass sie an jener Stelle,
wo die Biegung stattgefunden hat, eigenthümliche, nach
1) Eine spurweise angedeutete Gabelung der Hypobyalia in
der Horizontal -Ebene ist in der Arbeit über das Kopfskelet der
Urodelen (Morphol. Jahrb. III, Bd., Tafel I, Fig. 10) sichtbar.
2) Man würde ein Bild, das demjenigen, welches ich auf der
von mir beigegebenen Tafel (Fig. 25 d) dargestellt habe , ähnlich
aussieht erhalten, nur mit dem Unterschiede, dass dorten (Morphol.
Jahrb. III, Fig. 75) das eine Paar der sich gegenüberliegenden Fort-
sätze untereinander nicht verschmolzen und auf der Ventral-Seite
(und nicht auf der Spitze des Zungenbeinkörpers!) augeheftet ist.
180 J. V. Bedriaga:
vorn zugekehrte Anhängsel aufweisen, so wird man das
complicirte dem Zungenbeinkörper des Amblystoma punc-
tatum aufsitzende Gebilde erhalten.
Man ersieht aus der Fig. 2, dass die drei Epibran-
chialia (II— IV), welche der ausgewachsenen Larve der
Megapterna montana zukommen (Vergl. Fig. 22), geschwun-
den sind, dass das zweite Keratobranchialpaar sich ver-
schoben hat und anstatt den Keratobranchialia I anzuliegen
mit ihren vorderen Enden an die hintere Copula des
Zungenbeinkörpers angeheftet ist. Die hinteren Enden der
erstgenannten Bogen stützen sich jetzt an die Epibran-
chialia I, während sie früher mit dem zweiten Epibran-
chialpaare zusammenstiessen. Ferner nimmt man das
Schwinden des bei jungen Larven vorhandenen Zungen-
beinstiels wahr. Obschon, wie gesagt, der Zungenbeinstiel,
allem Anscheine nach eine gänzliche Rückbildung — ein
Os thyreoideum habe ich nicht finden können — bereits
bei den eben verwandelten Stücken erfährt, habe ich ihn,
um seine Gestalt und Lage wiederzugeben, in Fig. 2 (Vergl.
auch Fig. 22) puuktirt angegeben und will nur noch hin-
zufügen, dass er aus zwei Segmenten zu bestehen scheint
und an die hintere Copula angeheftet sich befindet *).
Als ich darnach forschte, was wohl aus dem Zungen-
beinstiele geworden sein mochte und die Rückbildung der
drei Epibranchialpaare mir zu erklären suchte, stiess ich
auf etliche Präparate, welche mir die Genese der Epi-
branchialia II und III anschaulich machten. Möglicher-
weise ist diese bereits bekannt; ich will ihrer auf alle
Fälle nur mit ein paar Worten gedenken. Bei den von
mir untersuchten 14 mm langen Larven der Megapterna
montana fand ich nur zwei Epibranchialia vor, die aber
untereinander, wie es in Figur 26 halbschematisch ange-
geben ist, verbunden waren. Eine mit dem Buchstaben g
1) Bei den Larven von Pleurodeles Waltlii ist der Zungenbein-
stiel an der dorsalen Seite des „Körpers" angeheftet und besteht
aus zwei Theilen, von denen der eine an den „Körper" anstossende
Abschnitt aus einer nur wenig verknorpelten Masse besteht und eher
wie ein starkes Band aussieht, während der andere gut verknorpelt
erscheint.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 181
auf dieser Abbildung bezeichnete Linie deutet darauf hin,
dass an dieser Stelle der Zerfall der beiden rechten Epi-
branchialia stattfindet und folglich Epibranchialia II wohl
aus den Epibranchialia I hervorgesprossen und von diesen
sich abgelöst haben ^). Die Untersuchung des Zungenbein-
Kiemenbogen-Apparates bei einer älteren etwa 16 mm lau-
gen Larve bestätigt meine diesbezügliche Vermuthung. Ich
fand hier jederseits drei Epibranchialia vor (Vergl. Fig. 24).
Das zweite Epibranchiale war bereits abgelöst; jener seit-
liche Fortsatz (a) das Epibranchiale I, mit dem es ver-
bunden gewesen ist, schien mir etwas kürzer zu sein. Am
Epibranchiale 11, das aber einen längeren Ast (b) besass,
hing das in seiner Entwicklung fortgeschrittene und be-
reits selbst schon mit einem hervorgesprossenen Aste (c),
welcher nichts anders als die Anlage des punktirt angege-
benen Epibranchiale IV vorstellt, versehene Epibranchiale III.
Meine Vermuthung, dass die paarigen Theile der
Zungenbeinapparate der Larve überhaupt Produkte des
Zungenbeinkörpers seien, d. h., dass sämmtliche Kiemen-
bogen aus dem „Körper" als hervorgesprossen zu betrachten
sein dürften, habe ich leider wegen Mangel an Material nicht
durch Thatsacheu bestätigen können, habe aber Andeu-
tungen dafür zu finden vermocht, dass das zweite Kerato-
branchiale aus dem Keratobranchiale I hervorsprosst, also
ähnlich wie es bei den Epibranchialia stattfindet, nur mit
dem einzigen Unterschiede, dass diese beiden Bogen auf
eine längere Strecke verbunden sind (Vergl. Fig. 27) '^).
1) Vergl. bei dieser Gelegenheit Fig. 4 auf Taf. I im Morphol.
Jahrb. III. Sie stellt nämlich den Zungenbein-Kiemenbogen- Apparat
eines Menobranchus lateralis vor. Epibranchialia II und III sind
untereinander verbunden; von der Andeutung einer Trennung dieser
zwei Bogenpaare ist keine Spur zu sehen. Auf Fischer's zweiter
Tafel (1. c.) ist der Zungenbein-Kiemenbogen- Apparat eines älteren
Menobranchus dargestellt. Hier erscheint Epibranchiale III vom
Epibranchiale II getrennt.
2) Es sei mir gestattet folgendes zu bemerken. Ich habe
oben gesagt, dass bei Megapterna montana das Keratobranchiale II
seine Stellung zum ersten Keratobranchiale im Laufe der Entwick-
lung der Larve insofern verändert, als es sich mit einem seiner
182 J. V. Bedriaga:
Bei den lungenathmenden Exemplaren der Megapterna
montana ist der knöcherne Mittelabschnitt des Zungenbein-
körpers leicht bauchig aufgetrieben und nach hinten zu
erweitert. Bei Megapterna ist in der Mitte eine leichte
Einschnürung desselben vorhanden; beim pyrenäischen
Molche ist eine leichte Vertiefung am Mittelabschnitte des
„Körpers" sichtbar. Seitlich sind bei M. montana lattiellöse
Leisten zu sehen, von denen übrigens beim pyrenäischen
Molche nur Spuren vorhanden sind. Die dadurch an beiden
Seiten des knöchernen Segments des Zungenbeinkörpers
entstandenen Falzen dienen zur Einbettung der Eetractores
Linguae. Bezüglich der Kiemenbogen will ich bemerken,
dass das erste Paar sowohl beim Euproctus Rusconii als
auch bei Megapterna montana nur partiell ossificirt ist
(die ossificirten Partien habe ich auf meinen Abbildungen
2 und 16 in dunklerem Ton wiedergegeben); beim pyre-
näischen Molche dagegen sind sie fast durchweg ver-
knöchert. Hier sind sie sowohl mit dem Basihyale als
auch mit dem Epibranchiale durch die Vermittelung von
Knorpelscheiben verbunden, während bei Megapterna mon-
tana und beim sardinischen Euproctus die an die Epibran-
chialia grenzende Knorpelscheibe entweder gar nicht exi-
stirt, oder nur undeutlich ist, weil die Grenzen zwischen
Knochen resp. Verkalkung und Knorpel nicht scharf mar-
kirt erscheinen. Während das zweite Kiemenbogenpaar
bei Megapterna montana eine ausgeprägte hyaline Structur
aufweist, erscheint es bei den übrigen Urodelen ossificirt,
also etwa ähnlich wie es beim Ranodan Sibiriens, Tritiums
viridiscens oder bei EUipsoglossa naevia der Fall sein soll.
Sowohl beim Euproctus Rusconii als auch bei Megapterna
montana stösst das zweite Kiemenbogenpaar mit der Spitze
Enden an die hintere Coioula stützt. Bei Menobranchus lateralis
findet dagegen eine Verschmelzung des zweiten bei diesem Molche
sehr kurzen Keratobranchialc (Vergl. Fisch er's Taf. I, Fig. 3) statt;
es soll der Wurzel des Epibranchiale I anliegen. Es ist möglich,
dass es sich hier um keine Verschmelzung derselben handelt, sondern
dass dieses Verhalten beim Menobranchus darauf hindeutet, dass die
Keratobranchialia II bei dieser Art aus dem hinteren freien Ende des
ersten Keratobranchialia hervorsprossen.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 183
der Copula zusammen und kommt in einer und derselben
Ebene mit dem Zungenbeinkörper zu liegen. Bei der
pyrenäischen Urodelenform dagegen, heben sich die vor-
deren Enden der genannten Kiemenbogen etwas nach oben.
Zugleich will ich bemerken, dass die den Zungenbein-
Kiemenbogen-Apparat componirenden Theile bei einer und
derselben Art in Bezug auf die Configuration und Lage
Abweichungen aufweisen können, so z. B. treten zuweilen
die Kiemenbogen des zweiten Paares in Contact mit ein-
ander, zuweilen aber sind sie von einander getrennt. Beim
pyrenäischen Schwanzlurche und beim Euproctus Rusconii
sind die Epibranchialia gut verknöchert und besitzen an
ihren hinteren freien Enden Knorpelscheiben. Bei Megap-
terna montana tritt an den Epibranchialia nur eine par-
tielle Ossification auf. Auf die äussere Configuration des
Zungenbein-Kiemenbogen-Apparates will ich nicht weiter
eingehen, da dieselbe aus meinen halbschematischen Abbil-
dungen ersichtlich ist.
Die binconcaven Wirbel bei Megapterna montana
zeichnen sich vor allem durch ihre glasähnliche und zarte
Structur aus, während dieselben bei den übrigen, hier zu
Vergleich gezogenen Arten von starkknochiger Beschaffen-
heit sind. Bei den ersteren erscheinen sie von depresser
Gestalt, weil die Dornfortsätze, namentlich die oberen,
äusserst niedrig sind. Nur die ersten Caudalwirbel weisen
höhere Processus spinosi auf, welche aber im Vergleich
mit denjenigen der Caudah-egion beim Rusconii oder beim
„pyrenaeus" sehr schwach ausgeprägt sind. Beim letzteren
sind diese Fortsätze mächtiger entwickelt als bei sonst
irgend einem europäischen Triton. Pelonectes Boscai
Lataste reihet sich hierin an den pyrenäischen Molch an,
allerdings mit dem Unterschiede, dass beim ersteren die
Fortsätze überhand über den Wirbelkörper nehmen, wäh-
rend sie beim letzteren mit dem Körper ziemlich gleich
hoch erscheinen. Zugleich muss hinzugefügt werden, dass
sowohl bei diesen beiden Urodelen als auch beim Euproctus
Rusconii und bei Megapterna montana die oberen Processus
spinosi in der Schwanz-Region ein wenig niedriger sind
als die unteren. Beim E. Rusconii und bei Megapterna
184 J. V. Bedriaga:
moütana sind überhaupt diese Dornfortsätze breiter als sie
hoch sind und stellen namentlich bei der ersteren eine
continuirliche, verticalstehende, niedrige lamellöse Leisten-
bildung vor, indem nämlich die Processus spinosi in ein-
ander greifen und an ihren freien, oberen Rändern wie
abgeschnitten aussehen. Beim sardinisehen Euproctus tritt
die Trennung der Processus spinosi in der Caudal-Region
insbesondere unten auf. Die Zwischenräume der Dornfort-
sätze sind beim pyrenäischen Molche überall und nament-
lich in der Rumpfgegend stark ausgesprochen; der Dorn-
fortsatz tritt als eine hohe Leiste auf und reicht durchaus
nicht bis zu dem ihm nächstvorderen oder nächsthinteren.
In der Caudal-Region sind die Processus spinosi sowohl
nach oben als auch nach unten zu abgerundet und ähnlich
wie es auch bei den zwei übrigen Urodelen der Fall ist,
messerartig zugeschärft. Was die Gabelung der Dornfort-
sätze an ikren hinteren Enden betrifft, so ist dieselbe am
schärfsten bei pyrenäischen Caudaten und am schwächsten
bei Megapterna montana ausgeprägt. Die grösste Höhe
des macerirten Schwanzes beim „pyrenaeus" ist 5 mm,
während dieselbe beim Euproctus Rusconii 3 mm und bei
Megapterna montana 2V2 nim beträgt. — Der Dornfortsatz
am Atlas zeigt eine nach vorn (besonders beim E. Rus-
conii!) gerichtete Erweiterung und stark ausgesprochene
Verflachung; er fällt beim „pyrenaeus" unter sehr scharfer,
bei M. montana unter weniger scharfer und beim E. Rus-
conii unter sehr wenig ausgeprägter Knickung und weniger
steil nach vorn zu ab. Nach vorn zu sendet die untere
Fläche des Atlas einen schaufelartigen, mit dem Basilarbein
artikulirenden Fortsatz, welcher bei der corsikanischen
Megapterna lamellös ist. Beim sardinischen Euproctus ist
an der unteren Seite dieses Fortsatzes und zwar mehr nach
vorn zu eine longitudinale Rinne vorhanden. An dieser
Stelle weist der freie Rand des Processus einen Ausschnitt
auf. Von diesen Eigenthümlichkeiten ist sowohl beim
pyrenäischen als auch beim ausgewachsenen corsikanischen
Caudaten nichts zu sehen, dagegen existirt sowohl Rinne
als auch Ausschnitt bei der Megapterna-Larve. Die Pro-
cessus condyloidei liegen bei M. montana näher aneinander
als es bei den zwei übrigen der Fall ist.
Beitr. z, Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 185
Alle drei uds hier interessirenden Molchformen weisen
rudimentäre Querfortsätze am Atlas auf. Bei M. montana
finde ich die am schwächsten entwickelten Querfortsätze
am Atlas. Ueberhaupt sind bei ihr die jederseits doppelt-
angelegten Processus transversi schwach ausgebildet. Am
letzteren Drittel des Schwanzes sind sie anfangs schwer —
nach rückwärts sogar gar nicht — erkennbar. Beim E.
Rusconii aber treten die Processus transversi schärfer her-
vor und können bis in die letzten Caudalwirbel verfolgt
werden. Endlich beim „pyrenaeus" übertreffen dieselben
an Länge diejenigen bei den zuletzt genannten Urodelen
etwa um das Doppelte; sie sind, wie es auch beim E.
Rusconii der Fall ist, kräftig entwickelt, zeigen sehr deut-
lich ihre Doppelanlage, und sind transversal und zugleich
nach hinten gerichtet angelegt.
An ihrer unteren Fläche zeigen die Wirbelkörper im
Allgemeinen eine sanduhrförmige Einschnürung. Bei Megap-
terna montana ist die vordere Partie mit der hinteren gleich,
oder nahezu gleich breit ; beim „pyrenaeus" dagegen ist
die hintere Partie bedeutend breiter als die vordere. Letz-
tere sieht einem Flaschenhalse ähnlich und stösst an die,
einer erweiterten Basis von einer Flasche ähnlich aus-
sehende, hintere Partie des nächstvordersten Wirbelkörpers.
Wie es sonst bei den Molchen der Fall ist, sind auch
beim Euproctus und Megapterna Schwankungen in der
Wirbelzahl vorhanden. Bei M. montana besteht die Wirbel-
säule meistens aus einem Hals-, dreizehn Stamm-, einem
Sacral- und sechs und zwanzig Caudal-Segmenten. Beim
Euproctus Rusconii und beim pyrenäischen Caudaten ist
die Zahl folgende.
es OJ
Euproctus Rusconii
Pyren. Molch . .
25
26—27
186 J. V. Bedriaga:
Die Rippen bei M. montana sind etwa eben so lang
oder länger als beim Triton alpestris; sie zeigen eine
schwache Krümmung und enden ziemlich stumpf. Von den,
den Processus uncinati der Vögel entsprechenden, Fort-
sätzen sehe ich nur eine Spur am zweiten und dritten
Rippenpaare. Die längsten, etwa dem siebenten und achten
Wirbel angehörigen, Rippen messen 4 mm. Ihre Vertebral-
enden sind zweiwurzlig, also ähnlich wie es bei den Tri-
tonen und bei dem Euproctus der Fall ist. Der Atlas
entbehrt jeglicher Rippenrudimente. Am Stamme zähle
ich 14 Rippenpaare (das Sacralwirbelpaar mitgerechnet).
Ferner können zwei Rippenpaare an den ersten Caudal-
wirbela unterschieden werden. Beim Euproctus Rusconii
sind im Ganzen 16 bis 17 Rippen jederseits vorhanden,
wovon ein bis zwei Paar der Caudalregion angehören.
Beim pyrenäischen Caudaten ist die Rippenzahl um zwei
grösser als beim letztgenannten. Die Rippen sind beim
„pyrenaeus" verhältnissmässig sehr lang (der siebente Wir-
bel ist etwa 5 bis 5V2 mm lang) und tragen stark ent-
wickelte dornartige Fortsätze. Namentlich sind dieselben
am dritten, vierten und fünften Paare mächtig entwickelt.
Die Rippen erscheinen stark nach hinten und nach unten
zu gekrümmt. Beim E. Rusconii ist dagegen die Krüm-
mung schwach, auch sind die Rippen kürzer als beim
letzteren, länger aber als bei Megapterna montana, sie
zeigen, und zwar nur das dritte und vierte Paar, massig
ausgeprägte Fortsätze. Ihre Enden sind leicht nach oben
zu gebogen.
lieber den Schultergürtel hätte ich folgendes zu er-
wähnen. Die Pars ossea am Procaroid bei M. montana
ist weniger umfangreich als bei den zwei anderen Formen.
Der hyalin-knorpelige Theil des Procarocoids geht in die
Pars coracoidea über vermittelst einer Knorpelbrücke,
welche die Fortsetzung des Saumes am Coracoideum ist.
Beim Euproctus Rusconii und namentlich beim „pyrenaeus"
ist dieser hyalin-knorpelige Randsaum schwächer entfaltet.
Die Pars ossea einer jeden Brustgürtelhälfte theilt sich
nach vorn zu in drei mehr oder weniger breite Aeste,
zwischen denen der Hyalinknorpel auftritt. Von diesen
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 187
Aesten bildet der eine das knöcherne Coracoid, der zweite
die Scapula im engeren Sinne und der dritte, mittlere,
weniger breite grenzt an die Pars coracoidea cartilaginea.
Beim Euproctus Rusconii kann diese Spaltung ebenfalls
constatirt werden, jedoch erscheint sie nicht so deutlich,
weil die Zwischenräume Ossificationspunkte aufweisen. Beim
pyrenäischen Caudaten ist nur ein in der Gegend des
Zusammentreffens des knöchernen Procarocoids und der
eigentlichen Scapula vorn sich befindender, mit Knorpel
und Knochensubstanz ausgefüllter Ausschnitt vorhanden.
An der Bildung der Gelenkpfanne nimmt bei allen in Rede
stehenden Molchen nur die knöcherne Partie des Schulter-
gürtels theil. Die Cavitas glenoidalis ist beim „pyrenaeus"
verhältnissmässig sehr klein.
Obgleich die Skeletstücke der Hand und des Fusses
bei M. montana viel Knorpelsubstanz aufzuweisen haben,
sind sie eher bei ihr als verknöchert zu bezeichnen, weil
die Verknöcherung überhand über den Knorpel nimmt.
Es sind drei proximale Handwurzelknochen vorhanden und
zwar eine Centrale, ein Radiale, ein Intermedium oder
wenn man will Intermedioulnare, das bei einem von mir
untersuchten Exemplare des corsikanischen Molches ziem-
lich deutlich die Verschmelzung zweier Stücke und zwar
des Intermedium mit dem Ulnare zeigt. Darauf folgen vier
Carpalia (2. 3. 4. und 5.) und ebensoviele Metacarpus-
knochen, von denen der zweite und dritte vom dritten
Carpale, der vierte vom vierten Carpale und endlich der
fünfte vom fünften Carpusknochen getragen werden. Der
zweite, dritte und fünfte Metacarpusknochen tragen je zwei
und der vierte drei sanduhrförmig eingeschnürte Phalangen.
Die Zahl der Carpalknochen beim Euproctus Rusconii habe
ich nicht mit Gewissheit erfahren können. An beiden vor-
deren Extremitäten zählte ich nur fünf Knochenstücke, von
denen das Intermedioulnare eine longitudinale eine longi-
tudinale tiefe Furche trägt, welche auf seine Entstehung
deutlich hinweist. Höchst wahrscheinlich sind mir bei der
Präparation einige Stücke verloren gegangen. Vor mir
liegen das fünfte Carpale, das den Metacarpus V trägt,
das vierte und dritte, welche mit den Metacarpen IV und
188 J. V. Bedriaga:
III gelenken und zum Theil den zweiten Metacarpus be-
rühren.
Der pyrenäische Molch weist ein grosses Interme-
dioulnare, ein kleines eher knorpeliges Radiale, ein Cen-
trale, drei grössere Carpalia (3. 4 und 5.) und ein ganz
kleines und nahezu gänzlich knorpeliges zweites Carpale
auf. Der fünfte Mittelhandknochen ruht auf dem fünften
Carpale und trägt zwei Phalangen, von denen die letzte,
wie auch diejenigen der übrigen Finger, an ihrer Spitze
ziemlich stark erweitert sind. Metacarpus IV sitzt auf dem
vierten Carpale und trägt drei Phalangen; Metacarpus-
knochen III und II haben zum Träger das dritte Carpale.
Auf beiden zuletzt genannten Metacarpen folgen je zwei
Phalangen. Die Phalangen sind laug; sie besitzen, ähnlich
wie diejenigen am Fusse eine sanduhrförmige Gestalt und
sind gut verknöchert.
Das Darmbein bei Megapterna montana unterscheidet
sich so gut wie gar nicht vom Os ilei des Euproctus und
der Tritonen. Bei dem sardiuischen Euproctus ist es
übrigens länger als bei den übrigen hier zum Vergleich
gezogenen Molchformen. Sowohl bei M. montana als auch
beim pyrenäischen Caudaten sind die Hälften des Os
ischio-pubium in ihrer Längs-Richtung an der Ventralseite
vertieft. Ihre median-longitudinalen Ränder sind leicht
emporgehoben und durch die beim corsikanischen Molche
wulstartig und ziemlich breit emporspringende, beim Euproc-
tus Rusconii aber in einem Schlitze eingebettete, knorpelige
und schmale Symphyse getrennt. Beim letzteren sind die
Hälften des Ischio-pubium weniger breit als bei der Megap-
terna, Medianwärts stossen sie vorn, wo die Basis der
Cartilago ypsiloides ruht, unter Bildung eines Winkels
aneinander. Beim pyrenäischen Molche ist der Ausschnitt
an dieser Stelle verhältnissmässig sehr unbedeutend. Der
am vorderen, äusseren Rande sich verlaufende knorpelige
Saum ist beim letzteren weniger breit als bei Megapterna
montana. Die Foramina obturatoria befinden sich bei
beiden Urodelen in der knöchernen Partie des Ischio-
pubium. Die vorderen äusseren zum Theil seitlichen Rän-
der dieser Knochentafeln erscheinen nach oben zu — bei
Beitr. z. Keimtniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 189
der Ventralansicht des Thieres — leicht gebogen. Das an
dem äusseren, hinteren Winkel des Sitzbeins jederseits sich
befindende dornartige Tuber ischii ist beim pyrenäischen
Schwanzlurche länger als bei Megapterna montana. Be-
trachtet man die dorsale Fläche des Os ischio-pubium, so
nimmt man an ihm einen, beiden Molchen zukommenden,
vorderen, dicken Wulst wahr, welcher namentlich beim
„pyrenaeus" und zwar besonders an der Ansatzstelle des
Darmbeines stark entwickelt ist. Die hinten sich befindende
Aushöhlung ist dementsprechend beim „pyrenaeus*' tiefer
als beim corsikanischen Caudaten. Der Breitendurchmesser
ist beim letzteren geringer als beim ersteren. Der mittlere
unpaare Theil der Cartilago ypsiloides erscheint bei M.
montana doppelt so lang als es beim „pyrenaeus'' der Fall
ist. Die Hörner sind dagegen bei diesem länger als bei
jenem und erhalten etliche kalkige Incrustationen, während
dieselben bei M. montana hyalin sind.
Den Beckengtirtel' des Gene'schen Euproctus behalte
ich mir vor späterhin zu untersuchen. Das mir zur Verfügung
stehende Exemplar weist einen defecten Beckengürtel auf.
Was die Obervorderarmknochen und die Knochen
des Beines anbelangt, so sind unter den uns hier interes-
sirenden Schwanzlurchen keine namhaften Unterschiede
vorhanden, mit Ausnahme einer Eigenthümlichkeit an der
Fibula bei Megapterna montana und beim Euproctus Rus-
conii. Ich habe schon seiner Zeit erwähnt, dass Euproctus
Rusconii eine spornartige Hervorragung an der Fusswurzel
zukommt, welche als ein rudimentärer sechster Finger auf-
gefasst werden könnte. Es ist neuerdings nachgewiesen
worden, dass diese Hervorragung „weder mit der Tarsus-
Bildung, noch mit der Anlage des Fusses überhaupt", wie
Gen6 und seine Nachfolger zu glauben schienen, „etwas
zu schaffen hat, sondern, dass sie auf einer ganz excessiven
Entwicklung des Processus styloideus Fibulae resp. einer
dem letzteren aufsitzenden Knorpel-Kappe beruht." Diese
,,Knorpel-Kappe" (Vergl. Fig. 13 a) vermisse ich bei Megap-
terna montana. Hier ist die Fibula aber viel mehr median-
wärts in die Breite entfaltet, als es beim Gene'schen Cau-
daten der Fall ist und an jener Stelle, wo beim Euproctus
190 J. V. Bedriaga :
Rusconii die „Knorpelkappe" aufsitzt abgerundet, was man
übrigens schon an der lebenden Megapterna beobachten
kann. Die Fibula erscheint bei ihr als eine transparente,
etwa scheibenförmige Lamelle (Vergl. Fig. 10). Beim „pyre-
naeus^ nehme ich an der Fibula nur eine schwach ausge-
prägte Leisten-Bildung wahr (Fig. 28). Bei der weiblichen
Megapterna montana ist die Hervorragung am Tarsus —
sobald man auf die Skeletverhältnisse nicht näher eingeht
— nicht sichtbar (Fig. 9). Untersucht man aber das Skelet,
so bemerkt man eine Andeutung der eben besprochenen
Bildung (Fig. 7).
Von den acht gut verknöcherten Fusswurzel stücken
unterscheide ich bei Megapterna montana vier Tarsalia,
ein Centrale, eine Tibiale, ein Intermedium und ein Fibu-
lare, das eine nach hinten, gegen die Fibula schauende
mit Knorpel erfüllte Concavität aufweist. Das zweite Tar-
sale trägt den ersten und zweiten Metatarsus, das vierte
Tarsale trägt den vierten und fünften Metatarsus, während
Metatarsus III vom dritten Tarsalknochen getragen wird.
Metatarsus I, II und V weisen je zwei, Metatarsus III und
IV je drei Phalangen auf. Die erste Phalanx vom Mittel-
fussknochen I ist äusserst kurz. Was den Tarsus beim
Euproctus Rusconii anbelangt, so finde ich ihn bereits ab-
gebildet. Sowohl die Metatarsalia als auch die Phalangen
sind gut ossificirt und sind länger als bei Megapterna
montana. Die letzten Phalangen erscheinen an ihren freien
Enden eher zugespitzt, während dieselben beim corsikani-
schen und pyrenäi sehen Schwanzlurche an ihren Enden
Auftreibungen zeigen.
Die Zahl der Phalangen, ihre Vertheilung und die
Anordnung der Mittelfussknochen ist beim letztgenannten
Caudaten genau dieselbe wie bei Megapterna. Das Fibulare
schaut mit seiner concaven Seite nach aussen und gegen
die Fibula zu, also ähnlich wie wir es beim Euproc-
tus Rusconii kennen gelernt haben. Das erste Tarsale ist
sehr klein; das Intermedium ist länglich, etwa wie es bei
der corsikanischen Megapterna der Fall ist.
Ueber den Aufenthaltsort und die allgemeinen Lebens-
bedingungen der Megapterna montana hätte ich Folgendes
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 191
ZU bemerken. Megapterna scheint auschliesslich der Fauna
Corsikas anzugehören. Bis jetzt wenigstens ist sie noch
nirgends auf dem Binnenlande nachgewiesen worden und
scheint gleichfalls auf dem nahe gelegenen Sardinien zu
fehlen. Es liegen mir allerdings einige Angaben darüber
vor, dass ein der Megapterna raontana ähnlich sehender
Molch in den nördlichen Gebirgsketten Ungarns vorkommt,
jedoch glaube ich, dass eingehende Untersuchungen wohl
sicher ergeben werden, dass der ungarische Molch, falls
er überhaupt der Gattung Megapterna oder Euproctus an-
gehört, von der corsikanischen Form specifisch verschieden
ist. Megapterna montana ist auf den corsikanischen Ge-
birgen allenthalben anzutreffen, aber viel seltener in den
Niederungen und an den Küsten. Hierher gelangt sie nur
vereinzelt, indem die ausgew^achsenen Exemplare, Larven
oder Eier von Bergströmen fortgeschleppt werden. Ihre
eigentlichen Aufenthaltsorte sind die hohen Gebirge und
die hochgelegenen Thalschluchten. Bei meinen Excursionen
auf Corsika sammelte ich sie vorzugsweise in den um den
Monte Renoso liegenden Gebirgsketten. Aus den Schriften
De Betta's und anderer Autoren erfahren wir, dass dieser
Molch auch am Fusse des Monte Rotondo, beispielsweise
im Thale „Restonica", in Zicavo und bei Fontanone ge-
funden worden ist. In der Umgebung Bastias, im Suärta-
Thale ist das Thier ebenfalls recht häufig, jedoch wird es
dorten nur im Larvenzustande angetroffen, was mich ver-
muthen lässt, dass der Laich im Frühjahre oder im Herbste
hierher durch die Bergströme gelangt und dass nur einzelne
Larven -- weil die Reservoire in der Gegend von Bastia
im Hochsommer kein Wasser enthalten — ihre Verwand-
lung durchmachen und am Leben bleiben können. Ein
günstiger Ort zum Fange von Larven der Megapterna
montana ist ausserdem das Orezza-Thal, wo man ihrer,
namentlich im kühlen, beschatteten Strom der engen Thal-
schlucht, welche das Dörfchen Stazzona von Carchetto
trennt, mit geringer Mühe habhaft werden kann.
In stehenden Gewässern habe ich auch keine Spur
der Megapterna montana entdecken können. Wenn die
italienischen Autoren der Megapterna oder dem ,,Euproctus
192 J. V. Bedriaga:
montanus" die „aque corrente e stagnante" als Aufenthalts-
orte zuschreiben, so sind unter letzteren die kleinen Seen
oder „pozzi", wie sie im Volksmunde heissen, oder endlich
diejenigen Keservoire, welche sich in der Nähe eines jeden
Bergstromes befinden und durch diesen gespeist werden
zu verstehen, denn die wirklich stehenden Gewässer, wie
sie z. B. an den niederen Küsten Corsikas zahlreich sich
vorfinden, meidet Megapterna montana ganz bestimmt. Auch
sind diese Sümpfe auf Corsika gewöhnlich salzhaltig und
der grössten Hitze ausgesetzt. Sowohl für die ausgewach-
senen Megapternen als auch für die Larven ist vielmehr
klares und kaltes Gebirgswasser die Hauptexistenzbedingung.
Die ausgewachsenen Exemplare suchen übrigens das
Wasser nur während der Brunstperiode auf und zwar im
Frühjahre und im Herbste. Zu diesen Jahreszeiten ver-
lassen die Megapternen das Wasser nicht. Es scheint
sogar, dass ihr Organismus sich zu dieser Periode an das
Wasser so sehr adaptirt, dass die Thiere ausserhalb des
Wassers nicht leben können. Ich war auch stets beim
Fange dieser Molche darauf bedacht ein Gefäss mit Wasser
oder ein nasses Säckchen bereit zu halten, um meine Ge-
fangenen einzuquartiren. Die Thatsache, dass die Megap-
ternen zur Liebesperiode auf trockenem Boden rasch ster-
ben, dagegen im nassen Leinen eingewickelt sehr gut fort-
leben können, lässt mich vermuthen, dass zu dieser Zeit
die trockene Luft einen tödtlichen Einfluss auf die Haut
übt, was wohl in der Verschiedenheit der Structurverhält-
nisse der Haut beim Thiere post nuptias und nuptiae
tempore ihre Erklärung findet.
Nach Beendigung des Fortpflanzungsgeschäftes ver-
lassen die Thiere die Bäche und werden zu Landbewohnern.
Meine Nachforschungen behufs Feststellung der Zeit, wann
der Wasser- oder Landaufenthalt dieses Molches anfängt
resp. endet haben mich zur Ueberzeugung geleitet, dass
Megapterna ganz und gar von den auf Corsika sehr va-
riablen klimatischen Verhältnissen abhängig ist und dass
sie in verschiedenen Localitäten zu verschiedener Zeit
ihren Wasser- oder Landaufenthalt beginnt. In der Regel
begibt sie sich im Frühjahre ins Wasser und zwar sobald
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 193
der Schnee zu schmelzen begonnen hat, also etwa von
Ende März bis Anfang Mai. Anfang Mai, resp. Ende
Juni verlässt die Megapterna ihr Wasserbecken um auf
dem Lande, unter den Wurzeln der Kastanienbäume ein
förmlich zurückgezogenes Leben zu führen. In dieser Zeit
kann man sie nur zufälligerweise beim Entwurzeln eines
Baumes finden, dann aber meistens in halb betäubtem
Zustande und in grosser Anzahl gesellt. Ob sie unter
solchen Umständen eine Art Sommerschlaf hält vermag
ich nicht anzugeben, schliesse aber daraus, dass die ersten
Stücke, welche sich im Wasser erblicken lassen stets halb-
verhungert aussehen, dass die Megapterna während ihres
Landaufenthaltes keine, oder nur geringe Nahrung zu sich
nimmt. Im Herbste locken die ersten Regen die Megap-
terna aus ihren Verstecken hervor. Mitte September oder
Anfang October trifft man sie wieder im Wasser. In zwei
Localitäten Corsikas war es mir vergönnt, den Beginn der
zweiten Brunstperiode im Jahre zu beobachten und zwar in
den ersten Tagen des Septembers in Bastelica unweit des
Monte Renoso und Anfang October in der Umgebung
Bastias. In Bastelica, das im Vergleich zur Gegend von
Bastia ein nordisches Klima aufweist, hatten die Thiere
ihr Laichgeschäft bereits Ende September beendet und
waren verschwunden. Dadurch, dass der Wasseraufenthalt
der Megapterna montana in jeder Oertlichkeit zu ver-
schiedener Zeit stattfindet ist die Jagd auf sie schwierig,
ja, man könnte ganz Corsika sogar zur günstigen Jahres-
zeit bereisen ohne auch ein einziges ausgewachsenes Exem-
plar dieses Molches zu Gesicht zu bekommen, denn ent-
weder macht man die unliebsame Wahrnehmung, dass sein
Wasseraufenthalt noch nicht begonnen hat oder dass er
bereits vorüber ist. Trifft es sich zufällig, dass man an
einem gewissen Orte zum passenden Augenblicke angelangt
ist, so wird man öfters durch eine spärliche Ausbeute an
ausgewachsenen Stücken entäuscht, namentlich wenn man
der Meinung ist, dass Schwanzlurche während des Fort-
pflanzungsgeschäftes in grösserer Anzahl gesellig ange-
troffen werden. Nur selten ist es mir gelungen an einer
und derselben Stelle mehr als zwei Megapternen zusammen
Archiv f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 13
194 J. V. Bedriaga:
oder in geringer Entfernug von einander vorzufinden. Es
scheint beinahe, dass die Thiere paarweise sich gesellen
und sonst nur Larven ihrer Art um sich dulden. Ihres
versteckten Lebens wegen sind sie ausserdem schwer zu
entdecken. Sie wählen nämlich zu ihrem Aufenthalte im
Wasser passende Orte nur unter denjenigen Steinen, welche
der gewöhnlich reissenden Strömung des Bergfiusses Wider-
stand leisten und sie vor dem Fortschwemmen schützen
können. Hebt man unvorsichtigerweise einen Stein auf,
ohne Vorkehrungen gegen die Kraft des Stromes getroffen
zu haben, so hat man häufig den Aerger sich die Beute
unmittelbar unter den Augen fortgerissen zu sehen.
Im Gegensatz zu den Tritonen sind die Megapternen
auch zur Brunstzeit sehr apathischen Natureis ; sie schwim-
men gar nicht, oder nur dann, wenn auf sie gejagt wird.
Aehnlich wie es beim Pleurodeles Waltlii constatirt worden
ist, sitzen die Megapternen mit Vorliebe unter den Steinen
und umschlingen einander mit den Schwänzen.
Zum Eierlegen wählt Megapterna montana diejenigen
Stellen, welche von der Strömung am wenigsten beeinflusst
werden. Sie heftet ihre Eier vereinzelt an die unteren
Flächen der Steine, vorzugsweise an den Ufern der Bäche.
Selten habe ich dicht aneinander abgesetzte Eier vorge-
funden. Die Grösse des Eies kann ich nicht angeben, da
diejenigen, welche ich gesammelt habe bereits so fortge-
schritten waren, dass die Larven die Gallerte verliessen
ehe ich Zeit finden konnte sie in ein Gefäss unterzubringen.
Die Entwicklung der Larven war mir leider nicht vergönnt
zu verfolgen, weil letztere durch den Bedienten unvor-
sichtigerweise zum Fenster hinausgeworfen wurden.
Bis auf welche Höhe diese Art hinaufsteigt konnte
ich nicht ermitteln, vermuthe aber, dass sie, ähnlich wie
es beim Euproctus Rusconii und beim pyrenäischen Cau-
daten der Fall ist, in bedeutenden Höhen anzutreffen ist
und dass sie in den über zweitausend Meter hoch gelegenen
Seen des Monte Rotondo und Monte Renoso nicht fehlen
dürfte; ich glaube sogar, dass diese Seen ihr zum eigent-
lichen Aufenthaltsorte dienen und dass ihr Laich von dort
durch die Gebirgsströme verschleppt und in niedriger ge-
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 195
legenen Orten, wie z. B. Bastelica, das in der Höhe von
724 Meter liegt, zerstreut wird. Auf dieselbe Weise mögen
auch die ausgewachsenen Individuen und die Larven wan-
dern. Diese Annahme gewinnt dadurch an Boden, dass
ich an ein und demselben Orte am 10. Juli Larven von
drei verschiedenen Grössen sammelte. Die kleinsten waren
10 mm, die mittleren 20 bis 25 mm und die grössten ver-
wandlungsfähigen Larven waren ungefähr 40 bis 50 mm
lang. Dass bei Megapterna montana drei Eierablagen im
Jahre stattfinden ist nicht annehmbar, schon desshalb nicht
weil der Landaufenthalt dieser Species zur schönen Jahres-
zeit von ziemlich langer Dauer ist. Dass Megapterna mon-
tana sich auf dem Lande begattet und das Wasser auf-
sucht um ihren Laich abzulegen kann ich aus allem, was
ich über diese Form erfahren habe ebenfalls nicht zulassen.
Obgleich ich während meiner Anwesenheit in Baste-
lica mehrerer brünstiger Pärchen der Megapterna montana
habhaft geworden bin und dieselben auf die bestmöglichste
Weise im Zimmer einzuquartiren mich bemüht habe, ist
es mir doch nicht gelungen sie beim Begattungsacte zu
ertappen, ich glaube aber, dass die Begattung bei diesen
Thieren Nachts und zwar ähnlich wie wir es beim pyre-
näischen Molche kennen gelernt haben, stattfindet, worauf
ich späterhin zurückzukommen beabsichtige.
Die Metamorphose der Larve geht im Frühjahre und
im Herbste vor sich. Mit Präcision kann ich die Ver-
wandlungszeit nur für einige von der Megapterna bewohn-
ten Localitäten angeben; sie hängt nämlich von den klima-
tischen Verhältnissen der Oertlichkeiten ab und wechselt
darnach selbstverständlich. Vom 1. September bis zum
15. September fand ich im hochgelegenen Bastelica ent-
weder Larven vor, welche der Verwandlung nahe standen
oder solche, welche bereits rückgebildete Kiemen auf-
wiesen oder endlich solche, welche kaum 20 mm massen
und den Winter über im Wasser unter Eis verbringen
sollten, also ähnlich wie wir es beim Landsalamander
kennen gelernt haben. Wenige Tage später traf ich in
der Umgebung Bastias gar keine verwandlungsfähige Lar-
ven vor. Die zweite Verwandlungszeit im Jahre war hier,
196 J. V. Bedriaga:
WO das Frühjahr bedeutend früher als in Bastelica anfängt,
und der Sommer ausnehmend heiss ist und lang andauert,
bereits vorüber. In den Bächen wimmelte es von ganz
kleinen Larven. Da die Herbstregen letztes Jahr im
Norden Corsikas sich früher als sonst eingestellt hatten,
waren die Alten bereits im Wasser zu sehen.
In der Gefangenschaft sind die Megapternen anfangs
sehr scheu und nehmen keine Nahrung zu sich. Erst nach-
dem sie etliche Wochen gefastet haben, entschliessen sie
sich nach den Fliegen zu schnappen. Im vierten Monat
ihrer Gefangenschaft haben meine Megapternen ihre Scheu
gänzlich verloren und fangen an oft und auffallend viel zu
fressen. Ich füttere sie mit Fliegen und Rindfleisch. Kalbs-
leber scheint ihnen besonders zu munden. Halte ich ihnen
ein Stückchen davon vor, so folgen sie stets meinen Fingern.
Regenwürmer dagegen werden von ihnen mit Widerwillen
angenommen. Die seit September 1881 im Aquarium ge-
haltenen Exemplare dieser Art haben bis jetzt (März 1882)
das Wasser nicht verlassen und gehen überhaupt nur dann
auf's Land, wenn ihr Wasser warm geworden ist und er-
neuert werden muss. Dieser lang andauernde Wasser-
aufenthalt findet wohl darin die Erklärung, dass die Nizzaer
Wintertemperatur der Sommertemperatur im Hochgebirge
Corsikas nahezu gleichkommt. So haben z. B. meine cor-
sikanischen Frösche (Discoglossus pictus) sich schon im
Januar Monat begattet!
In den Herbstmonaten häuteten meine Gefangenen
alle drei Wochen, jetzt im Winter findet die Häutung ein-
mal per Monat oder alle fünf Wochen statt. Der Häutungs-
process dauert gewöhnlich zwei Tage an, bisweilen aber
weniger mehr als 24 Stunden. Die Haut reist anfangs an
der Mundgegend und löst sich von selbst vom Kopfe und
Halse ab. Die Loslösung von der alten Haut von den
vorderen Extremitäten geht dagegen mit Schwierigkeiten
von dannen und wird durch Hin- und Herreiben des Leibes
gegen Steine und Pflanzen bewirkt. Darauf hin packt die
Megapterna das abgeschälte Stück der Oberhaut in den
Mund und zieht die bis dahin an den Hinterkörper ange-
heftete Partie derselben gänzlich ab. Die Haut wird meisten-
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 197
theils vom Thiere verzehrt. Was das milchartige Haut-
secret anbelangt, so kommt es nur dann zum Vorschein,
wenn das Thier im Todeskampfe sich befindet. In Wein-
geist hineingeworfene, oder im Wasser ertrunkene Stücke
lassen ihr Hautsecret reichlich fliessen und sehen mitunter
dadurch wie gepudert aus. Bei etlichen in meinen Aquarien
verendeten Megapternen, habe ich sowohl in der Ohren-
gegend als auch an den Schwanzseiten ziemlich grosse
Geschwüre vorgefunden und schreibe diese Krankheit der
Fleischkost zu. Das nämliche habe ich seiner Zeit auch
beim Pleurodeles Waltlii beobachten können, nur mit dem
Unterschiede, dass bei diesem die Geschwüre sich in der
Bauchgegend bildeten.
Ehe ich auf die Beschreibung der bereits oben zum
Vergleich gezogenen Euproctus Rusconii und „E. pyrenaeus"
übergehe, will ich die mir bekannt gewordenen Synonyme
der Megapterna montana anführen.
1829. Molge platycephala Otto (partim!).
Gravenhorst, Deliciae musei zoologici vratisla-
laviensis. I. Reptilia. Lipsiae. S. 84.
1838. Megapterna montana Savi.
Savi, Descrizione della Salamandra corsica e della
Megapterna montana, nuovi animali della famiglia
dei Betrachii in: Descrizione d'alcune nuove specie
di Mammiferi e rettili italiani. Nuovo Giornale
de' Letterati. Numero 102, T. XXXVI. Pisa.
1839. Euproctus platycephalus Otto (partim!).
Bonaparte, Iconografia della Fauna italica.
1843. Pelonectes platycephalus Fitz.?
Fitzinger, Systema reptilium, pag. 33. I. Vin-
dobonae.
1850. Euproctus platycephalus.
Gray, Catalogue of the specimens of Amphibia in
the collection of the British Museum, London
pag. 24.
1853. Euproctus platycephalus (Molge platyce-
phala Otto (partim!).
Gervais, Note sur le Glossoliga Poireti et TEu-
198 J. V. ßedriaga:
proctus Rusconii. Ann. des scienc. nat. 3e Serie.
Zool. T. XX, pag. 314.
1854. Euproctus Rusconii Gene (partim!).
Dumeril etBibrom, Erpetologie generale. T. IX,
pag. 159.
1864. Euproctus platycep haius (Otto) Bonaparte
(partim !).
De Betta, Monograiia degli Amtibi ürodeli Ita-
liani. Mem. R. Istituto Veneto, Vol. XI, 1864.
pag. 556.
1870. Triton platycephalus Otto (partim!).
Strauch, Revision der Salaraandriden-Gattungen.
Mem. de TAcad. Imper. d. scienc. de St. Petersb.
VIII e Serie, T. XVI, No. 4. S. 35.
1874. Euproctus platycephalus (Otto) Bouaparte
(partim !).
De Betta, Rettili ed Amfibi in Fauna d'Italia,
Parte IV. Miliano. Inserata nell' opera: „L'Italia
sotto Taspetto fisico, storioo, artistico e statistico
S. A. S. 91.
1875. Triton platycephalus Gravh. (partim!).
Schreiber, Herpetologia europaea. Braunscbweig.
S. 54.
1878. Euproctus platycephalus Grav.
La taste, Liste des especes de Brataciens anoures
et Urodeles de France. Revue internationale des
Sciences. No. 42, pag. 495.
1878. Euproctus platycephalus vel Megapterna
moutana Savi.
Bou lenger, Quelques mots sur les euproctes.
Bull. Soc. Zool. de France, pag. 304.
1878. Euproctus montanus Savi.
Giglioli, Nota sulle specie italiane del genere
Euproctus. Annali del Museo Civico di Storia
naturale di Genova, vol. XIII, 17 dicembre.
1878. Euproctus montanus Savi.
Giglioli, Corsican Herpetology in: Nature, Vol. 19,
No. 475, pag. 97.
1879. Euproctus platycephalus.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 199
Giglioli, Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiere
Italiens ^). Arch. f. Naturg. Bd. I, S. 93.
1879. Euproctus platycephalus Bonap.
De Betta, Nuova serie di Note erpetologiche.
Atti del R. Istituto Ven. di sc. e lett. Ser. V. T. V.
(S. A. pag. 27).
1879. Euproctus montanus Savi.
V. Bedriaga, Ueber Molge platycephala Gravenh.
Zoolog. Anzeiger, S. 451.
1880. Euproctus montanus Savi.
V. Bedriaga, Ueber die geographische Verbrei-
tung der europäischen Lurche. Bull, de la Soc.
Imper. des natur. de Muscou. No. 4, S. 321.
1880. Euproctus montanus Savi.
Giglioli, Elenco dei Mammiferi, degli Uccelli ed
dei Rettili ittiofagi appartenenti alla Fauna italica
e Catalogo degli Anfibi e dei Pesci italiani. Firenze.
pag. 16.
1881. Euproctus montanus Savi.
Camerano, Ueber die italienischen Euproctus-
Arten in: Zool. Anzeiger, S. 45.
1881. Euproctus montanus Savi.
L es so na, Mario, Contributio allo studio della pelle
degli Urodele. Mem. della R. Accad. delle sc. di
Torino, Serie 11, T. 34.
1882. Megapterna montana Savi.
V. Bedriaga, Ueber Megapterna montana Savi in:
Zool. Anzeiger, S. 45.
Der in Sardinien lebende und so oft mit Megapterna
montana vereinigte Euproctus Rusconii ist ausführlicher als
erstere beschrieben und von Gene, Tschudi (?) und Bona-
parte abgebildet worden. Wenn ich diesen Molch nochmals
kurz charakterisiren will, so geschieht dies aus zweien
Gründen. Erstens weil ich einige Irrthümer, welche sich
in frühere Beschreibungen eingeschlichen haben, beseitigen
1) Diese Arbeit ist im Mai 1878 eingereicht und im Januar
1879 publicirt worden. Inzwischen hatte der Verfasser seine Ansichten
mit Bezug auf den Euproctus verändert.
200 J. V. Bedriaga:
möchte, zweitens aber, weil icli die Hoffnung hege, dass
es dem Leser genehm sein wird, wenn die Diagnosen sowohl
des corsikanischen als auch des sardinischen Molches auf-
einander folgen.
Was zunächst die Form des Körpers anbetrifft, so
will ich hervorheben, dass Euproctus Rusconii schlanker
als die vorhergenannte Art gebaut ist. Der Kopf ist im
Allgemeinen länger, der Schwanz hingegen kürzer, aber
eleganter als bei Megapterna montana. Er endigt schwert-
artig und ist an seinem letzten Drittel sehr dünn und oben
mit einem ziemlich hohen Hautsaume versehen, der seinen
Ursprung in der Entstehung von etwa 5 mm von der Schwanz-
basis nimmt. Unten ist das letzte Drittel des Schwanzes
gleichfalls mit einem Flossensaume versehen. Ob diese Haut-
saumbildung nur zeitweise und zwar während des Aufenthalts
des Thieres im Wasser auftritt, um nachher zu verschwinden,
ist mir unbekannt geblieben ^). Der Kopf ist beim E. Rusconii
platt gedrückt, flacher als es bei Megapterna montana der
Fall ist. Die Breite des Kopfes ist mit derjenigen der
Megapterna ziemlich gleich; sein Höhendurchmesser dage-
gen, erscheint geringer als bei letzterer. Eine halsartige
Verengung ist vorhanden. „Die kleinen Augen'', heisst es
in einer recenten Arbeit über E. Rusconii, „liegen nicht
seitlich am Schädel, sondern sind fast ganz auf dessen
Oberfläche gerückt.'* Allerdings, falls man die in Rede
stehende Molchform mit unseren binnenländischen Tritonen
vergleicht, so kommt man zur obigen Schlussfolgerung.
Vergleicht man aber die Lage der Augen bei diesem Cau-
daten mit derjenigen der M. montana, so wird man, ~
weil die Augen bei letzterer sehr stark auf der Oberseite
des Kopfes gerückt erscheinen — , eher geneigt sein anzu-
geben, dass beim sardinischen Euproctus die Augen seit-
lich am Schädel zu liegen kommen. Mein Spiritus-Exem-
plar weist wenig vorspringende, verhältnissmässig kleinere
Augen auf, welche ähnlich, wie es bei der männlichen
1) Mir liegen überhauiDt nur eine Larve, ein ausgewachsenes,
in Alcohol conservirtes Männchen und ein Skelet dieser Art vor.
Beitr. z. Kenniniss d. Amphibien n. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 201
Megapterna montana der Fall ist, etwas schief nach vorn
zu gegen einander gerichtet sind. Die Entfernung zwischen
Auge und Nasenloch ist grösser als bei Megapterna mon-
tana. Die Augenlider sind weniger stark entwickelt als
bei letzterer. Die Schnauze ist eher stumpf als abge-
rundet. Die Schnauzenspitze erscheint leicht aufgeworfen
(Vergl.Fig.il); die vordere Seite der Schnauze fällt ziem-
lich steil ab. Der Unterkiefer ist bedeutend kürzer als
der Oberkiefer; beim Verschluss des Mundes ist daher
vorn eine Ritze sichtbar, was bei M. montana nicht der
Fall ist. Auch kommen bei dieser, sobald sie den Mund
verschlossen hält, die Oberkieferzähne nicht zum Vor-
scheine, erstens darum nicht weil die Kiefer gut aneinan-
der passen, zweitens weil der gradrandige, sonst kaum
merkliche Oberlippensaum den Oberkieferrand verdeckt.
Beim Euproctus Rusconii hingegen ist dieser Saum bogig
derart geschwungen, dass er vorn, so zu sagen, einen Aus-
schnitt aufweist und die Zähne nicht verdeckt, seitlich aber
erscheint der Saum stark entfaltet, hängt zum Theil über
den Unterkiefer herab, verdeckt ihn und verhängt folglich
die Mundspalte. Ein ähnliches Verhalten bietet der Ober-
lippensaum auch bei der Larve von M. montana. Es ent-
steht auch hier wie dort in der Gegend des Gelenk-Endes
vom Unterkiefer eine Art Blindsackbildung, deren ich oben
erwähnt habe. Die Gaumenzahnreihen sind ähnlich ange-
ordnet wie bei den meisten tritonenartigen Urodelen; sie
stellen ein umgekehrtes V vor (Fig. 17). Ueber die Zunge
kann ich leider kein Urtheil fällen, weil mir nur Spiritus-
Exemplare zu Gebote stehen, namentlich vermag ich nicht
anzugeben, ob sie ähnlich wie bei Megapterna montana
protactil ist. Die Zunge scheint auch beim lebenden Thier
klein zu sein ; sie ist bei dem mir vorliegenden Individuum
SVi mm breit und 4 mm lang. Vorn erscheint sie ziemlich
dick und ist an den Kinnwinkel angeheftet, an den Seiten
und hinten, wo sie, nebenbei sei es bemerkt, abgeflacht
ist, weist sie freie Ränder auf. Gegen die Mitte hin, oder
etwas mehr nach rückwärts von ihrem Centrum, ist sie an
einem Stiele angewachsen ; ihre Oberfläche weist zahlreiche
Furchen und Aufwulstungen auf (Fig. 8).
202 .1. V. Bedriaga:
Die Parotidei! sollen beim E. Rusconii fehlen; bei
meinem Exemplare fehlen sie auch factisch. Jene Querfalte,
welche bei einigen Urodelen die Unterseite des Kopfes vom
Halse trennt und als Plica gularis bezeichnet wird, ver-
misse ich bei meinen beiden Insulanern.
Die vorderen Extremitäten sind beim Gen e'schen
Molche dünner und um ein kleines kürzer als bei M. mon-
tana; da ausserdem der Kopf beim ersteren länger ist als
bei der letzteren, so reichen die Vorderbeine, wenn man
sie nach vorn streckt und an den Leib andrückt, nicht bis
zu den Nasenöifnungen oder gar bis zur Schnauzenspitze,
sondern erreichen kaum den vorderen Augenrand. Die
Hinterbeine sind halb so lang wie der Rumpf. Die Finger
sind cylindrisch und meistens um einen halben mm länger
als bei M. montäna.
Aus den Beschreibungen des Euproctus, sowohl älteren
als auch neueren Datums, erfahren wir, dass beim Weibchen
die Hinterbeine „an der Aussenseite der Schienen stark
dreieckig erweitert oder mit einem höckerartigen Vor-
sprunge versehen sind, der mitunter nach rückwärts bis
an die Fusswurzel gerückt, über dieselbe manchmal fast
spornartig vorragt.'' Dass diese Angabe auf einem Irrthume
beruht und dass die spornartigen Hervorragungen an der
hinteren Kante des Unterschenkels beim Männchen vor-
handen ist, dagegen beim Weibchen vollständig fehlt ist
ganz kürzlich, wie ich glaube, mit Recht hervorgehoben
worden. Mir steht allerdings kein weiblicher Euproctus
Rusconii zu Gebote und ich kann mich folglich nicht mit
Bestimmtheit darüber aussprechen; die Thatsache aber,
dass mein Männchen mit einem Sporne versehen ist, lässt
mich vermuthen, dass man früher in Betreff dieser Höcker-
bildung beim sardinischen Caudaten eben denselben Fehler
begangen hat wie dies bei M. montana der Fall ist, näm-
lich man hat entweder die Genitalien beider Molchformen
gar nicht oder nur oberflächlich untersucht und desshalb
auch die Geschlechter verwechselt.
Ob die Angaben der Autoren, dass bei erwachsenen
Stücken des Euproctus Rusconii die Cloake in beiden
Geschlechtern als ein lang ausgezogener, nach hinten und
Beitr. z. Keuntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 203
unten gerichteter Kegel hervorragt richtig ist, bleibt frag-
lich. Sollte das wirklich der Fall sein — was in Anbe-
tracht der gleichlautenden Angaben der Forscher wohl
möglich sein könnte — , so unterscheidet sich darin die
Gattung Euproctus vom Genus Megapterna sehr wesentlich,
denn bei dem weiblichen corsikanischen Caudaten ist die
Cloake flach und längsgespaltet. Bei dem mir vorliegenden
Männchen des E. Rusconii ist der Cloaken-Ausgang nicht
nach hinten, wie es bei M. montana der Fall ist, sondern
nach hinten und nach oben zugekehrt, wie es bereits von
Gene hervorgehoben worden ist. Der Cloaken-Kegel biegt
sich nämlich an seinem Ende plötzlich gegen die Unter-
fläche der Schwanzwurzel. Am äusseren Rande der Oeifnung
befinden sich zwei warzenähnliche Aufwulstungen. Beim
Weibchen soll die Cloakenmündung gleichfalls nach oben
gerichtet sein ; wenn es denn wirklich so der Fall ist, wie
findet dann die Begattung statt? Ich hoffe diese Frage
nächstens beantworten zu können, einstweilen will ich
bemerken, dass die Umarmung des brünstigen Pärchens
wohl auf eine andere Weise vor sich geht als es beim
pyrenäischen oder corsikanischen Molche der Fall ist. Eine
„Umarmung" ist allerdings bei dem letzteren noch nicht
constatirt worden, ich vermuthe aber nach allem, was ich
an diesem Thiere zu beobachten Gelegenheit gehabt habe,
dass eine solche hier dem Coitus vorangehen mtisste *).
1) Nachträglicher Zusatz. Am 16. März habe ich drei Pärchen
der Megapterna montana beim Begattungsacte ertappt und habe mir
Folgendes aufnotiren können.
Indem das brünstige Männchen die Wurzel seines Schwanzes
auf diejenige des Weibchens logt, umschlingt es mit dem übrigen
Schwanztheile den Leib des letzteren und zwar an der vorderen
Ansatzstelle ihrer Hinterextremitäten (Vergl. Fig. 47). Auf diese
Weise kommt das erste Schwanzviertel des Männchens, die Wurzel
nämlich, oben auf das Weibchen, das zweite Viertel seitlich, links
und unten, das dritte Viertel seitlich rechts und endlich das Schwanz-
ende auf dem Rumpfe des Weibchens zu liegen. Die Schwanzspitze
selbst greift über das erste Schwanzviertel über und trägt somit zur
Bildung einer starken Schlinge bei, aus der das anfangs trotzige
Weibchen viel Mühe zu entkommen hat. Den Schwanz des Letzteren,
204 J. V. Bedriaga:
Die glänzende, oben glatte, seitlich runzelige Haut des
E. Rusconii ist von grossen, weissen, ebenfalls glänzenden
Körnchen, oder, richtiger gesagt, von zu Kegeln ausge-
zogenen Höckerchen, spärlich versehen. Auf der Bauch-
seite und gegen das Schwanzende hin werden diese Höcker
vermisst. Dagegen an der Schwanzwurzel, besonders an
den Seiten, sind diese Hervorragungen zahlreich und stark
ausgebildet.
etwa in aeiner Mitte, packt das Männchen zwischen den Zähnen und
presst seine mit scheibenartigen Hervorragungen versehenen Beine
an die Unterseite der Schwanzbasis seiner Gefährtin. Zwischen
diesen Hervorragungen und demjenigen Schwanztheile des Männ-
chens, welcher die Abdominal- Gegend des Weibchens von unten um-
gürtelt — also neben der Cloakenmündung des Letzteren — , befinden
sich die auffallend aufgeschwollenen Ränder der männlichen, etwa
kegelförmig aussehenden, Cloake. Die weibliche Cloake wird vom
Männchen hin und hergerieben; ihre Lippen schwellen nach und
nach auf und die Mündung selbst erscheint bedeutend grösser
als sonst. Ungefähr zehn Minuten nach geschehener Umarmung
tritt unter beständigen Zuckungen des Männchens aus seinem
Cloakenkegel eine etwa 2 mm lange und 1 mm breite und hohe
grösstentheils hyaline Masse hervor. Bei näherer Betrachtung dieser
Masse erkennt man etliche opak und kernartig aussehende Gebilde,
welche in ihr eingebettet sich befinden. Dadurch, dass einer-
seits die Fusswurzeln beim Männchen mit ihren scheibenförmigen
Hervorragungen an den Schwanz des Weibchens sich stemmen und
dass andererseits die Fusswurzeln mit ihren äusseren Kanten mit ein-
ander in Contact treten, kommt es, so zu sagen, zur Bildung eines
Beckens, welches den herausgequollenen Spermatophor verhindert
SU fallen und verloren zu gehen. Gelangt dieser nicht direkt aus
der männlichen Cloake in die weibliche, so wird er durch das in-
zwischen paarungslustig gewordene Weibchen mit seinen Cloaken-
lippen von den Fussflächen des Männchens aufgenommen. Der Sper-
matophor verschwindet in der weiblichen Cloake nur sehr langsam;
sie wird, so zu sagen, nach und nach eingesogen. Häufig aber wird
eine Partie desselben vom Weibchen entfernt, was wohl darin seine
Erklärung findet, dass seine Samentasche eine nur beschränkte Anzahl
von Samenfäden aufzunehmen im Stande ist. Während der 10 bis
15 Minuten andauernden Begattung sind sowohl Männchen als
Weibchen gegen ihre Umgebung unempfindlich. Nach vollzogener
Copulation aber wird das Weibchen sehr beweglich und reizbar.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 205
Was die Farbenbeschreibungen anbetrifft, so glaube
ich, dass nur Gene lebende Stücke des Euproctus Rusconii
vorgelegen haben. „Adultus", sagt dieser Forscher, ^,stipra
et lateribus ohscure oUvaceiis, albo granulatus, infra sordide
cinereus, vel ferrugineuSj punctis vel maculis nigris adspersus.
luvenis supra bruneuSy einer eoirroratus, linea dorsali conUmia^
maculis utrinque suhrotundis, corporeque infra albo-ferru-
gineis.^' Die Oberseite meines Exemplars ist aschgrau. Auf
den Flanken sind hellbraune Flecken vertheilt. In der Mitte
des Rückens und zwar in der vertieften Längslinie, ver-
läuft ein greller Streifen, welcher auf den Kopf übergeht,
an der Schwanzwurzel aber endet. Neben den Nasen-
löchern und auf den oberen Augenlidern sind gelbe Flecken
vorhanden. Die Unterseite aller Körpertheile ist gelblich
oder grauweiss mit auf der Kehle zahlreichen, sonst aber
wenig zahlreichen rostbraunen Flecken versehen. Diese
Flecken und Punkte concentriren sich meistens auf den
Bauchseiten. Die Unterseite der Extremitäten, des Cloaken-
kegels und das letzte Drittel des Schwanzes erscheinen
mehr oder weniger intensiv gelb colorirt und sind un-
gefleckt.
Bei der Larve endet die Schnauze ziemlich spitz.
Der Oberlippensaum ist bogig geschwungen und verdeckt
seitlich den Unterkiefer. Die Kiemen erscheinen etwas
länger als bei der Megapterna-Larve. Der Schwanz ist
höher als bei der letzteren; der Flossensaum fängt bereits
auf dem Rücken — etwa in dessen Mitte — an und läuft
spitz zu, während bei der Megapterna-Larve und nament-
lich bei der weiblichen, derselbe an seinem Ende abge-
rundet ist. Bei den Larven der Magapterna, welche ich
aus der Umgebung Bastias besitze sieht das Schwanzende
wie abgeschnitten aus. Besonders stark entfaltet tritt der
Saum am Schwänze der Euproctus- Larve gegen sein Ende
hervor. Die leicht aufgewulsteten Cloakenlippen deuten
bereits auf die spätere Ausbildung eines Kegels hin. Oben
und seitlich sind auf gelbbraunem Grunde dunkelbraune
Flecken sichtbar. Unterseite schmutzig gelb und ungefleckt.
Es ist erwähnenswerth, dass die Beschaffenheit der
Epidermis sowohl beim Euproctus Rusconii als auch bei
206 J. V. Bedriaga:
Megapterna montana charakteristische Merkmale darbietet.
Da ich hierüber augenblicklich wegen Mangels an Material
und an literarischen Hülfsmitteln kein eigenes Urtheil
haben kann, so will ich derjenigen Ergebnisse, zu denen
die histologischen Untersuchungen Lessona geführt haben,
hier gedenken. „Nella epidermide dello E. Ruscomi'\ sagt
Mario Lessona ^), „io destinguo tre strati, che sono il
corneo e il mucoso cui si aggiunge un terzo strato inter-
posto fra essi, il quäle io, per analogia con quelle che fu
riconosciuto nell' uomo, chiamerö strato lucido. Queste tre
parti deir epidermide presentano tra loro notevoli differenze
non solo per la posizione ma anche per la qualitä e il
numero degli elementi onde risultano Diversa per
aspetto e per conformazione e la epidermide dello E. mon-
tanus (= Megapterna montana !) da quella della specie
precedente, per la sua maggiore semplicitä contraddistinta
dalla mancanza dello strato lucido gia menzionato, e pel
diverso rapporto che intercede fra i due strati onde risulta.
Mentre nello E. Rusconii lo strato corneo e tenuissimo,
trasparente, costituito da cellule, larghe e sottili, nel mon-
tanus si presenta analogo a quello della Salamandrina,
risultando di grosse scaglie parimente saldate e di aspetto
corneo, che col loro sovrapporsi danno origine ai tuber-
coletti onde appare rivestita la pelle "
An den mir vorliegenden Querschnitten kann ich aller-
dings das Vorhandensein des „strato lucido" beim Euproc-
tus Rusconii und die Abwesenheit desselben bei Megapterna
montana constatiren, dagegen sehe ich nicht, dass jene, aus
länglichen Elementen bestehende, überzählige Lage der
Epidermis dunkler erscheint als die darunter liegende
Zellenlage, wie es nach Lessona der Fall sein soll.
Den Angaben C a m e r a n o's ^) und L e s s o n a's
(1. c.) über die Beschaffenheit der Haut in der Parotiden-
gegend kann ich mit mehr Zuversicht beitreten. Bei Me-
gapterna montana sind äusserlich deutlich sichtbare Paro-
1) Vgl. sein Contributio allo studio della pelle degli Urodeli.
Mem, della R. Accad. di sc. di Torino. Serie II, Tom. 34, Tav. 1, IL
2) Zoologischer Anzeiger 1881, S. 183.
ßeitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 207
tiden vorhanden. Zieht man die Haut an der Ohrdrtisen-
gegend ab, so bemerkt man eine Anhäufung von grossen
Follikeln, welche stellenweise in zwei, selten in drei
Schichten angeordnet sind. Aehnliche beuteiförmige, grosse
Drüsen sind übrigens auch auf den Schwanzseiten vor-
handen. Etwas kleinere derartige Drüsen fehlen den Rumpf-
seiten, der Wandgegend und namentlich der Mittellinie
des Rückens keineswegs. Beim Euproctus Rusconii sind
diese Drüsen kleiner als beim corsikanischen Caudaten,
sie sind spärlich über alle Körpergegenden zerstreut und
bilden in der Ohrengegend keine Complexe. Folglich sind
Elemente zur Parotidenbildung eigentlich da, ihre Zahl
aber ist so unbedeutend, dass man von Parotiden in der
Diagnose dieses Thieres nicht gut reden kann.
Beifolgende Details über die Maasse des Euproctus
Rusconii, sowie die beigegebenen Figuren desselben werden
wohl einen ziemlich deutlichen Begriff von seiner Körper-
form geben können.
Larve.
Gesammtlänge des Thieres
Längte des Kopfes
„ „ Rumpfes
„ „ Schwanzes
Grösste Breite der Kopfes
„ „ „ Schwanzes (an seiner Basis) . . .
„ Höhe des Kopfes
„ „ „ Schwanzes
Grösater Umfang des Kopfes
j, „ r Rumpfes
„ „ n Schwanzes (an seiner Basis) ,
9,1
1,5
3,1
4,5
0,95
0,65
0,4
0,6
2,6
2,75
4,3
0,7
1.5
2,1
0,55
0,35
0,65
1,6
1,7
Die Hauptverschiedenheiten zwischen Euproctus Rus-
conii und Megapterna montana will ich durch folgende
Tabelle erläutern.
M. montana Savi. E. Rusconii Gene.
Von ziemlich schlankem Körper- Von schlankem Körperbau.
bau.
Gesammtlänge des Körpers beim Gesammtlänge des Körpers beim
$: 9.7. $:9,1.
208
Bedriaga:
M. montana Savi.
Haut mit zahlreichen, dicht an-
einander stehenden Körnchen
besetzt.
Schwanzsaum fehlt.
Grosse hervorstülpbare Zunge ;
vorn angeheftet, hinten und
seitlich frei.
Sehr schwach ausgebildeter Ober-
lippensaum.
Augen hervorstehend und nach
oben gerückt
Parotidenwülste vorhanden.
Ziemlich abgeplattet aussehende
und kurze Finger.
Beim brünstigen $ ist die Cloake
kegelförmig.
Cloakenmündung beim J schaut
nach hinten und zum Theil
auch nach unten.
Beim $ post nuptias tritt die
Kegelgestalt der Cloake weniger
deutlich hervor. Die Cloaken-
lippen sind turgescenzfähig.
Frontotemporal-Bogen fehlt.
An der hinteren Kante des Unter-
schenkels (beim Z) ist von aus-
sen eine scheibenförmige Her-
vorragung sichtbar.
Bewohnt Corsika.
E. Rusconii Gene.
Haut mit grossen, wenig zahl-
reichen Körnern besetzt.
Oben und unten am Schwänze ist
ein Fiossensaum vorhanden.
Kleine Zunge, vorn ausgewachsen,
hinten und seitlich frei.
Stark ausgebildeter Oberlippen-
saum.
Augen liegen eher seitlich.
Parotidenwülste fehlen.
Dünne, lange und cylindrisch aus-
sehende Finger.
Beim brünstigen $ stellt die
Cloake einen stark hervorragen-
den Kegel vor.
Cloakenausgang beim J ist nach
hinten und zugleich nach oben
gegen die ünterfläche der
Schwanzwurzel gerichtet (Vgl.
Fig. 12 und 14).
? ?
Frontotemporal-Bogen vorhanden.
Die hintere Kante des Unter-
schenkels (beim $) ist mit
einem Sporn versehen.
Bewohnt Sardinien.
Als ich meine Notiz über Molge platycephala Gravenb.
niederschrieb, haben mir keine sicher aus Sardinien stam-
mende Exemplare des Euproctus Rusconii vorgelegen. Ich
vermuthete damals nur, dass das grösste, im Breslauer
Museum aufbewahrte Individuum der Gravenhorst'schen
Molche einen Euproctus Rusconii Gene vorstelle. Wenn ich
jetzt, wo ich in den Besitz eines ächten Rusconii gelangt
bin, meinen Aufsatz lese, so komme ich beinahe zur Ueber-
zeugung, dass das betreffende Breslauer, von Gravenhorst
und von mir beschriebene Exemplar auch factisch einen
männlichen Euproctus Rusconii vorstellt. Leider bin ich
im Unklaren darüber, wie die Cloakenmündung beim Bres-
lauer Individuum beschaffen ist. Ist sie nach hinten und
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 209
nach oben zu gerichtet? Ich finde darüber nichts in meinem
Aufsätze erwähnt; Gravenhorst's Werk aber steht mir
augenblicklich nicht zur Disposition ^). Hingegen bin ich
1) Nachträglicher Zusatz. Der Güte eines Fachgenossen ver-
danke ich folgende Abschrift der Gr avenhorst'schen Diagnose
seiner Molge platycephala:
M. platycephala. Corpore toto artuhusque superne et ad
latera granulosis, capite ovali piano. Hujus speciei invidua quii;que, a
Fitzingero Viennae accepta, collega meus aestumatissimus Otto
ex Austria retulit, speciei ipsi autem nomen Molges platycephalae
indidit. Ab ignea et taeniata haec differt capite majore, magis
depresso, antice latiore et magis rotundato, quamvis ignea, hoc re-
spectu, medium teneat inter taeniatam et platycephalam. Cauda, alatere
Visa, caudae feminarum Molges taeniatae magis respondet. Statura nee
non proportio pedum et digitorum cum illis speciebus congruunt.
1, Individua quatuor majora. Longitudo corporis, ad anum
usque, 18 — 19 linearum, caudae 14 — 18 linearum. Caput depressum
planum ovale, trunco paulo latius, longitudine 6V2J latitudine 4 linea-
rum; margine maxillarum superiorum utrinque, infra oculos, parum
deflexo. Digiti vel graciles vel subcrassiusculi. Tuber anale singulari
est indole, conicum, apice coni versus apicem caudae spectante, pro-
minente, vel nuUo orificio ani distincto, vel orificio obsolete, in ipso
coni apice sito, itaque versus apicem caudae spectante, rugulis non-
nullis obsoletis, radiatim dispositis, circumdato, in uno individuo
minus turgescens sed potius longitudinaliter carinatum, orificio ani
obsolete, in apice postico carinae sito, nee apicem caudae versus,
sed, uti in reliquis Molgis, deorsum spectante. Caput truneus pedes
et cauda superne et ad latera, granulis multis parvis, haud vero
confertissimis, scabra, rarius nigro-fusca sunt, plerumque picea,
maculis irregularibus nigris marmorata, granulis interdum passim,
praecipue ad latera, albidis; inferne levia, sordide-albo-flava, plus
minus maculis parvis nigris adspersa, in uno individuo prorsum
immaculata.
2. Individuum minus: Longitudo corporis 12, caudae 9
linearum. Caput ut in majoribus individuis, sed margine maxil-
larum superiorum infra oculos haud magis deorsum prominulo quam
in reliquis maxillae locis. Digi ti subcrassiusculi breviusculi. Tuber
anale convexiusculum oblongo-ovale, multo minus turgens quam
in individuis majoribus, nee conico-prolongatum, at per totam lon-
gitudinem rima perangusta fissum, rugulis distinetis deficientibus.
Granula ut in majoribus, sed confertiora, nee vero confertissima.
Color superne pieeo-fuscus, maculis magnis irregularibus nigro-
fuscis, inferne sordide-flavus, passim vestigiis macularum obscurarura.
Archiv f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 14
210 J. V. Bedriaofa:
vollkommen sicher, dass das kleinste 47 mm lange Graven-
horst'sche Exemplar damals von mir richtig bestimmt
worden war ; es ist nämlich eine Megapterna montana und
zwar ein Weibchen, wie ich jetzt erst ersehe, nachdem ich
die Gelegenheit gehabt habe corsikanische Megapterna ein-
gehend zu untersuchen.
Der „Synopsis Reptilium Sardiniae indigenorum"
zufolge wird Euproctus Rusconii „in langsam fliessenden
Gewässern und Wasserlöchern auf den Bergen des nörd-
lichen und mittleren Sardiniens ziemlich häufig getroffen
und zwar im Frühjahr", also zur Brunstperiode. „Questa
specie", fügt De Betta hinzu (Vergl. Fauna d'Italia. Rettili
ed Anfibi. S. A., S. 91), ,,risulta sempre ancora esclusiva
fra noi della Sardegna settentrionale . . ., dove trovasi
frequente sui monti, in acque correnti e nelle stagnanti.
A quanto scrissero . . . il Gene, i giovanni Euprotti ten-
gono la loro ordinaria dimora dentro i tronchi putrefatti
dei faggi e sotto le corteccie marcie di altri alberi ,
sempre perö in luoghi montanosi e vicine alle acque.
Dicesi che in Sardegna sia questa specie assai temuta
per poteri venefici ed essa attribuiti dal volgo." — Bei
dieser Gelegenheit will ich bemerken, dass Megapterna
montana in einigen Localitäten Corsikas, z. B. in Bastelica,
für giftig gehalten wird. Ihr vulgärer Name ist „Scor-
pione"! Auf Sardinien ist der Euproctus Rusconii unter
dem Namen „Trotta canina" bekannt.
In einem neuerdings publicirten „Elenco dei Mammi-
feri, degli Uccelli e dei Bettili ittiofagi appartenenti alla
Fauna italica e Catalogo degli Anfibi e dei Pesci italiani"
(Firenze, 1880) werden „Monte sette Fratelli*' und „Sarra-
bus" als Fundorte des Euproctus Rusconii angegeben.
Nach eingezogenen Erkundigungen aber soll diese Art
auf den „Sette Fratelli" nicht vorkommen, sondern am
Genargentu, also im centralen Sardinien, in kalten und
fliessenden Gebirgswassern.
Zum Schluss will ich hinzufügen, dass wir, so viel
ich weiss, drei Abbildungen des Euproctus Rusconii be-
sitzen und zwar die von Gen 6, die von Tschudiund die
von Bonaparte. Die von Gene, zum Theil illuminirten
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 211
Figuren ($, Larve, Schädelgerüste und Cloakengegend) und
das Bild Tschudi's kenne ich leider nicht. Dasjenige
von Bonaparte liegt mir aber vor. Obschon es von
künstlerischer Hand verfertigt worden ist, sehe ich wenig
Aehnlichkeit zwischen dem Bilde und meinem Spiritus-
Individuum, namentlich scheinen mir Kopf und Hals gänz-
lich missrathen zu sein. Ferner dürfte der Rumpfumfang
auf dem Bilde zu gross sein. Der Schwanzsaum ist nicht
sichtbar und die Extremitäten sind zu dick gerathen^). Ob
Euproctas Rusconii in der von Bonaparte angegebenen
Länge jemals angetroffen worden ist, ist fraglich. Dagegen
sind Cloakenkegel, Kopf (von oben betrachtet) und Larve
ziemlich gut dargestellt. Die weissen Körner auf dem
Körper heben sich sehr natürlich vom Untergrunde beim
erwachsenen Stücke ab.
Die Synonym ie würde wohl ziemlich genau die fol-
gende sein.
1829. Molge platycephala Otto (partim!).
Gravenhorst, Deliciae musei zoologici vratisla-
viensis, pag. 84.
1839. Euproctus Rusconii Gene.
Gen 6, Synopsis Reptilium Sardiniae indigenorum,
Mem. Accadem. Torino. Serie II, T. I, pag. 282.
Fig. 3, 4.
1843. Pelonectes platycephalus Fitz.?
Fitzinger, Systema reptilium I, pag. 33.
1) Bei dieser Gelegenheit fällt mir ein, dass das Kritisiren
(selbstverständlich wenn es nicht von einem äusserst gewissenhaften
Meister ausgeht, — ich denke dabei an die musterhaften Kritiken
Leydig's) viel leichter von statten geht, als das Schaffen selbst.
Häufig aber macht die, wenn auch wohlgemeinte und in den Augen
anderer verdiente, zu Ungunsten des Autors oder Zeichners ausge-
fallene Kritik einen peinlichen Eindruck auf letzteren. So ist es z. B.
mir ergangen als Dr. Fraisse mein vielleicht zu sehr pompös an-
gemeldetes Bild vom Pleurodeles als nicht den neueren Anforderungen
entsprechend erklärte. Das betreffende Bild war nämlich, ich muss
offen gestehen, ursprünglich gut gerathen und sollte auf litho-
graphischem Wege hergestellt werden, erschien aber leider als
ein schlecht ausgefallener Holzschnitt, was gewiss nicht meine
Schuld war.
212 J. V. Bedriaga:
1850. Euproctus platycephalus.
Gray, Catalogue of the specimens of Amphibia in
the collection of the British Museum. London.
1853. Euproctus platycephalus, Molge platyce-
phala Otto (partim!).
Gervais, Note sur le Glossoliga Poireti et 1' Eu-
proctus Rusconii, 1. c.
1864. Euproctus platycephalus (Otto) Bonaparte
(partim!).
De Betta, Monografia degli Amfibi Urodeli Ita-
liani, 1. c.
1870. Triton platycephalus Otto (partim!).
Strauch, Revision d. Salamandriden-Gatlungen, 1. c.
1870. Euproctus Rusconii Gene (partim!).
Alfr. Westphal-Castelnau, Catalogue de la
collection de reptiles du feu Alex. Westphal-Castel-
nau. Extrait du Compte-rendu des travaux du Con-
gres scientifique de France tenu ä Montpellier en
decembre 1868, pag. 57 i).
1874. Euproctus platycephalus (Otto) Bonap.
(partim!).
De Betta, Retilli ed Anfibi in: Fauna d'Italia, 1. c.
1875. Triton platycephalus Gravenh. (partim!).
Schreiber, Herpetologia europaea, S. 54.
1875. Euproctus Rusconii (Triton platycephalus).
Wiedersheim, Bemerkungen zur Anatomie des
Euproctus Rusconii. Annali del Museo Civico di
St. nat. di Genöva, Vol. VII, pag. 545. Tav. XX.
1878. Euproctus Rusconii Gene.
Giglioli, Nota sulle specie italiane del genere
Euproctus. Ann. del Museo Civico etc. vol. XIII.
1878. Euproctus Rusconii Gene.
Giglioli, Corsican Herpetology, 1. c.
1879. Euproctus platycephalus Jan. Euproctus
Rusconii Gene.
1) Der Verfasser behauptet, E. Rusconii komme in den Pyrenäen,
auf Sardinien, in Spanien, Frankreich und Afrika vor (!) und fügt
hinzu, dass die in der Sammlung Westphal-Castelnau aufge-
stellten Stücke aus den Pyrenäen und aus Nantes (! !) stammen.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 213
De Betta, Nuova serie di Note erpetologiche etc.;
1. c, S. A., S. 38.
1879. Euproctus Rusconii Gene.
V. Bedriaga, lieber Molge platyeephala Grvh. 1. c.
1880. Euproctus Rusconii Gene.
V. Bedriaga, Ueber die geographische Verbrei-
tung der europäischen Lurche, 1. c.
1880. Euproctus Rusconii Gen^.
Giglioli, Elenco dei Mammiferi, degli Ucelli e
dei Rettili etc. Firenze, pag. 16.
1881. Euproctus Rusconii Gen6.
Camerano, Ueber die italienischen Euproctus-
Arten, 1. c.
1881. Euproctus Rusconii Gen6.
Lessona, Mario, Contributio allo studio della pelle
degli ürodeli, 1. c.
Ferner sind noch folgende Citate nachzutragen, für
deren Richtigkeit ich mich aber nicht verbürgen kann.
Euproctus platycephalus Bonap., Amphibia
europaea in: Mein, della R. Accadem. d. sc. di Torino,
ser. 2. II, pag. 68, 88. 1839. — Triton Rusconii in litt,
et Mus. (teste Bonap.). — Euproctus Rusconii Rept.
Mus. Mediolan. p. 55. 1857 (nach De Betta). — Euproctus
Rusconii De Betta, Cat. Syst. Rept. Mus. p. 27. 1853.
Tschudi's Arbeit, worin des uns hier interessirenden
Molches Erwähnung gemacht wird, ist mir leider unbe-
kannt.
Euproctus Rusconii Guichenot habe ich unter die
Synonyme nicht aufgenommen und zwar aus dem Grunde,
dass mir folgende Angabe La taste's*) darüber vorliegt:
„Quant ä Euproctus Rusconii Guichenot (non Gene),
d'Oran, qui n'est certainement pas un Euprocte, mais un
Glossolige et peut-etre le Poireti, quoique Guichenot, au
Heu de le d^crire, ait reproduit la description de l'Euprocte
sarde donnee par Gen 6 . . ." Bei dieser Gelegenheit
möchte ich bemerken, dass es neuerdings behauptet worden
1) Vergl. seine „Diaguoses de reptiles nouveaux d'Algerie'
^Suite) in: Le Naturaliste, No. 47, 1881.
214 J. V. Bedriaga:
ist, „Euproctus Poireti" komme in Nordamerika vor; dass
dies ein Märchen ist brauche ich wohl kaum sagen zu
müssen.
Die von Sa vi und Gene creirten Gattungen „Megap-
terna" und „Euproctus" erlitten ein ganz eigenthümliches
Schicksal. Wie sehr die Forscher über den Werth und die
Stellung derselben im System unschlüssig, unconsequent
und unaufgeklärt waren, beweist schon die kurze, geschicht-
liche Uebersicht, welche ich am Anfange dieses Capitels
gegeben habe. Wir ersehen aus dieser, dass die uns hier
interessirenden Molchformen zu allererst von Graven-
hörst zusammengeworfen und als Molge platycephala,
deren Heimath dem Autor unbekannt geblieben ist, be-
schrieben worden sind. Savi und Gene, welche keine
Ahnung davon hatten was die Molges platycephalae wohl
sein mochten und vielleicht das Werk Gravenhorst's
gar nicht gekannt hatten, führten uns diese, zweifelsohne
insulanischen Formen unter dem Namen „Megapterna mon-
tana" und „Euproctus Rusconii" vor. Auf diese Weise
wurde die eine Gravenhorst'sche Art in zwei Gat-
tungen gespaltet, was gewiss zu den seltensten Fällen
gehört! Dabei muss aber bemerkt werden, dass bis vor
kurzem ein vorurtheilsfreier Commentar zur Graven-
horst'schen Molge platycephala gefehlt hat. Die Original-
Exemplare dieser Form sind nämlich, nach allem zu urthei-
len, seit Gravenhorst bis zum Jahre 1879 von niemand
untersucht und verglichen worden und hätten folglich,
streng genommen, in der Synonymie anderer Arten keinen
Platz finden dürfen. Die von 1838 und 1839 datirenden
Schriften Savi's und Gen6's waren dem Prinzen Bona-
parte bei der Herausgabe seines Prachtwerkes über die
Thierwelt Italiens wohl bekannt. Dessen ungeachtet be-
rücksichtigte er dieselben nur oberflächlich, oder richtiger
gesagt nicht vorurtheilsfrei und machte, ohne es zu ahnen,
in Betreff der insulanischen Molche, Kehrt zur Ansicht
Gravenhorst's, indem er die Gattungen „Megapterna"
und „Euproctus" in eine einzige vereinigte und dabei dem
Gene'schen Genus-Namen „Euproctus" den Vorzug gab.
Dieser Schiedsspruch Bonap arte's ist aber insofern von
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 215
der maniere de voir Gravenhorst's verschieden, als
letzterer keine Vorgänger gehabt hatte, deren Ansichten er
über den in Rede stehenden Gegenstand beizutreten oder
zurückzuweisen gehabt hätte, während der Prinz von
Canino die Arbeiten Savi's und Gene's und ausserdem
die darin beschriebenen Schwanzlurche selbst sehr gut
kannte und somit eher im Stande gewesen sein sollte ein
richtiges Urtheil über ihre Zusammengehörigkeit oder Ver-
schiedenheit zu fällen; das war aber nicht der Fall! Unter
den Synonymen des ßonaparte'schen Euproctus (= Eu-
proctus Rusconii Gene + Megapterna montana Savi) finden
wir seltsamer Weise auch die „Molge platycephala Graven-
horst", welche, wie ich neuerdings nachgewiesen zu haben
glaube, nichts anders ist als eine CoUectiv-Bezeichnung für
den corsikanischen und sardinischen Caudaten.
Die Ansicht, dass die auf Sardinien und Corsika
einheimischen und tritonartigen Molche zweien Arten eines
und desselben Genus und zwar des „Euproctus Gene"
angehören, wird jetzt von den meisten Amphibiologen ge-
theilt. Die Zahl derjenigen, welche entgegengesetzter Mei-
nung sind, wird hoffentlich geringer, sobald diese insula-
nischen Formen in grösserer Menge in unsere Sammlungen
gelangen und näher untersucht sein werden. Die Schlacht
ist also insofern halbgewonnen. Hingegen dürfte der von
mir vor kurzem ausgegangene Versuch, diese Caudaten auch
generisch von einander zu trennen theilweise wegen Vor-
eingenommenheit, theilweise aber aus denjenigen Gründen,
welche ich im Laufe dieser Arbeit zu entkräften gesucht
habe, eines minder raschen Erfolges sich erfreuen. Haben
doch neuerdings mehrere Naturforscher, denen ein viel
umfangreicheres Material zu Gebote stand als mir, sich
speciell mit den Molchen Corsikas und Sardiniens abge-
geben, ohne der Genusfrage die ihr gebührende Aufmerk-
samkeit zu schenken, wohl aus dem einfachen Grunde,
dass sie keine Unterschiede von generischem Werthe bei
diesen Schwanzlurchen zu entdecken vermochten.
Als ich mich in meiner vorläufigen Mittheilung über
Megapterna montana dahin äusserte, dass entweder Gene's
Diagnose seiner Gattung „Euproctus" behufs Aufnahme
216 J. V. Bedriaga:
der Megapterna einer Ergänzung oder gar — wie ich hier
hinzufügen möchte — einer Umgestaltung bedürfe, oder
dass die Gattung „Megapterna Savi" restaurirt werden
müsste, tauchte in mir die Frage auf, ob überhaupt eine
einmal formulirte Diagnose, an deren Richtigkeit und Klar-
heit wir nichts auszusetzen haben, behufs Einverleibung
einer neuen Thierform ergänzt oder etwa umgestaltet werden
dürfe. Wirft man einen Blick in die amphibiologische
Literatur, so wird man allerdings zur Annahme verleitet,
dass man mit den ursprünglichen Diagnosen nach Belieben
verfahren kann, denn fast jedes neue System bietet einer-
seits ein mehr oder weniger selbstständiges Urtheil in
Betreff der Grundrisse desselben und andererseits in den
meisten Fällen neue Umschreibungen älterer Diagnosen.
Dieses Verfahren wird allerdings dadurch erklärt, dass
gewisse, seiner Zeit für gut und natürlich gehaltene Ab-
theilungen des Systems nachträglich durch Auffindung
verbindender Uebergangsformen uns in einem anderen
Lichte erscheinen und die Reconstruirung des Systems
fordern, was in einigen Fällen die Umgestaltung der
Original-Diagnosen nach sich zieht. Diese Einwendung
ist gewiss am Platze, sobald es sich um eine eingehend
untersuchte Gruppe handelt und sobald die Ergebnisse
der Untersuchungen nichts oder wenig mehr und zwar nur
im Nebensächlichen zu wünschen übrig lassen und von
den meisten Autoren für gut geheissen werden. Dergleiche
Fälle aber gehören in unserer Wissenschaft und speciell
in der ziemlich vernachlässigten Klasse der Amphibien zu
den seltensten. Namentlich die Abtheilung der Batrachia
gradientia ist noch weit davon entfernt, eine rationelle
Eintheilung aufzuweisen, ja selbst die Gattungen der um-
fangreichen Tribus Salamaudra mecodonta ruhen zum Theil,
obschon mehrere namhafte Autoritäten sich mit ihr befasst
und gediegene Arbeiten — ich habe dabei die Strauch'sche
Revision im Auge — geliefert haben, auf einer wenig
festen Grundlage. Dies fällt besonders auf, wenn man
dasjenige Material, aus dem die Gattung Triton aufgebaut
ist, einer eingehenden Prüfung unterwirft. Schlagen wir
z. B. jenes Capitel der Herpetologia europaea oder der
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 217
Revision der Salamandriden-Gattungen auf, worin der Genus
Triton behandelt worden ist, so ersehen wir, dass darin
Triton platycephalus genannt wird, der, wie es neuerdings
nachgewiesen worden ist, sich in drei verschiedene Formen
auflösen lässt. Wir folgern selbstverständlich aus diesem
Umstände, dass diese Formen unseren Vorgängern nicht
genügend bekannt waren und dass die stattgefundenen
Ergänzungen und Umgestaltungen der Triton -Diagnose,
behufs Einverleibung in den Genus Triton eines dahin
nicht gehörenden Formen-Complexes sich als unnütz er-
wiesen haben. Der Triton platycephalus auctor. plur. dient
uns, meiner Ansicht nach, als Ermahnung, dass wir nur
dann an den Original-Diagnosen Veränderungen vornehmen
dürfen, wenn wir eingehende Studien über das uns interes-
sirende Thier aufzuweisen im Stande sind, dass aber im
entgegengesetzten Falle wir uns eher an die schon exsisti-
renden Eintheilungeu oder Diagnosen zu halten haben.
Die recenteren Autoren, welche das Wesen des Triton
platycephalus erkannt und uns drei verschiedene Species,
aus denen letzterer zusammengesetzt worden ist, vorgeführt
haben, sind, wie bereits erwähnt, der Meinung, dass diese
Arten dem Genus „Euproctus" einverleibt sein müssten.
Somit wäre die eine Zeitlang anuUirt gewesene Gene'sche
Gattung wiederhergestellt. Es bliebe nur noch zu wissen
übrig, welche Formel den Autoren als Richtschnur gedient
hat, denn, so viel ich weiss, existiren etliche verschiedene
Umschreibungen der ursprünglichen Diagnose des Euproctus.
Letztere lautet folgenderweise:
„Gen. Euproctus, Gene. — Characteres externi.
— Caput magnum, depressum; parotides nullae, Dentes
maxillares validi, recurvi; palatini in series duas rectas,
inter nares contiguas, versus fauces sensim divergentes ^
digesti. Begio ani, in adultis, tumida, angusta, longitudindlis,
apertura rotunda, postica^ idesf versus caudae hasim hiante.
Cauda hasi teres, pone hasim compressa ; pedes validi; ante-
riores tetradactyli, posteriores pentadactyli, digitis suhcylin-
dricis, liberis^ palmis plantisque laevibus. — Characteres
anatomici. — Processus postico-laterdlis externus ossium
frontalium cum processii ossis tympanici anterius porrecto
218 J. V. Bedriaga:
arcum continuum utrinqiie efficiens. Costae imperfectae. —
Observ. SalamandraeLaiir. et Salamandrinae Fitzing. ab
hoc genere longe discedimt capite parotidibus instructo ;
Geotritones Bonap. cauda tereti pedibusque palmatis;
Tritones L a u r. capite parvo verruscisque plantaribus ;
Fleurodelides Mich ah. costis perfectis: omnes autem ani
apertura constanter rimaeformi.
EuproctiTS Rusconii. Adultus supra et lateribus
obscure olivaceus, albo-granulatus^ infra sordide cinereus,
vel ferriiginens^ punctis vel maculis nigris adspersus. —
Mas tibiis posticis laevibus. Fetnina tibiis posticis calca-
ratis. — Longit. trunci cum capite poll. 2V2; caudae: 2V4.
— luven is supra bnmeus einer eo-irroratus, linea dorsali
eontinua, maculis utrinque subrotundis, corporeque infra albo-
ferrugineis; cauda ancipiti, breviuscula,"'
Longit. poll. IV2— 2.
Adultus sat frequens occurrit in aquis lente fluentibus
et cavis montium lacunis Sardiniae borealis et mediae, vere
et aestate, insectis et praesertim Lepidopterorum larvis in
aqua delapsis victitans. A vulgo Fonneusium Trota canina
dicitur et veneni insimulatur. luvenem legi primum in
sylva montana vulgo dicta di Curadorri inter Tempio et
Oschiriy sub arboris cortice cecus rivulum, m. junio ; dein
in monte Genargentu sub lapidibus itidem secus rivulos,
exeunte julio. — Des er. Color in adultis supra obscure
olivaceus, seu brunneo-niger, maculis interdum obsoletis-
simis subferrugineis, infra sordide cinereus vel ferrugineus,
punctis vel maculis parvis, nigro-coerulescentibus, nunc
crebis et confluentibus, nunc raris et late discretis. Caput,
dorsum, latera, pedes extus et cauda verruculis albis,
punctiformibus, elevatis, adspersa. Caput magnum, trunco
latius, depressum, antice rotundatum: nares marginales;
oculi parvi, vix prominuli, subobliqui. Truncus capite
duplo tantum longior, convexus. sulculo dorsali sat pro-
fundo exaratus, crista omnino nuUa. Cauda corpori longi-
tudine subaequalis, basi teres^ dein anceps, acie supera
pauUo ultra basin, infera versus medium incipiente, ferru-
gineo-marginatis. Pedes anteriores mediocres, tetradactyli ;
posteriores crassi, peutadactyli, tibiis foeminarum calcare,
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 219
seu tuberculo magno prominenti, ad apicem lateris interni
instructis: palmae et plantae laevissimae, verrucis omnino
nullis: digiti subcylindrici, fissi, breves, inaequales: pollex
omnium minor ; tertius omnium major : secundus, quartus
et quintus subaequales. Regio ani in utroque sexu tumida,
logitudinaliter eiongata, in mare gracilior, apertura rotunda,
apicali, siirsum, idest versus caudae basim, hiante. — Mas
Ibemina crassitie et longitudine minor. — Pelvis vertebrae
sextodecimae suspensa. — Observ. Huc forsan spectat Triton
Poireti Gervais, Africae borealis incola (confer Institut, 1836,
26 aprilis) : ea saltem quae a clarissimo Auetore in diagnosi
afferentur, speciei, nostrae conveniunt. Cum vero fusa ani-
maiis descriptio in Diario citato desideretur, nee ullum de
insolita ani et pedum structura verbum fiat, harum specierum
identitatem asserere intempestivum existimo. — Gyrinus
Euprocti supra est olivaceus, griseo-nebulosus, infra cinereus,
unicolor, caudaque instruitur a basi valde compressa, supra
et infra late marginata. Idem vero animal, aetate nonnihil
progessum, branchiis scilicet evanescentibus vel recens
evanidis, maculas elegantissimas sumit, iisque decoratum
speciem longe aliam mentitur. Corpus verruculas punetifor-
mes, albas expromit. Color supra brunneus, fuliginosus,
punctis cinereis adspergitur ; a cervice usque ad apicem
caudae linea albido-ferruginea excurrit, juxta quam per
totam longitudinem utrinque enitent maculae subrotundae
ejusdem coloris; caput denique fascia l'rontali transversa,
maculaque utrinque pone oculos ornatur. — In hisce primis
vitae stadiis ani regio explanata est, aperturaque rimae-
formis . . . .".
Bonaparte, der den Umfang und den Inhalt der
Gattung „Euproctus" völlig missverstanden und ihren ein-
zigen sardinischen Repräsentanten mangelhaft untersucht
hat, glaubte die eben angeführte Diagnose ergänzen zu
müssen. Die Abschrift dieser umgestalteten Diagnose lasse
ich hierselbst folgen: Euproctus Gene (Megapterna Savi).
Capo grande, depresso; occhi piccoli, poco sporgenti: lingua
ampla, schiacciata, cou stretto margine libero soltanto sui
lati e posteriormente ; denti mascellari grandetti, validi,
ricurvi; i platini disposti in due serie rette, contigue fra
220 J. V. Bedriaga:
le narici, divergent! a gradi verso le fauci in maniera
quasi da rappresentare im Y: senza parotidi: cute granel-
losa, ma nei giovani liscia molle e porosa: regioue anale
negli adiilti tumida, protratta orizzontalmente in giusa di
cono allungato, con apertura rotonda superiore, verso la
base della coda: coda lunghetta, terete alla base, qiiindi
leggermente compressa: arti robusti, gli anterior! con
quattro dita, i posteriori con cinque ; un rudimento di sesto
dito nelle femmine, calcare per Gene, gran calcagno per
Savi, che ne trasse il suo nome Megapterna; e tutte esse
dita limghe, sottili, subtereti, libere: niuna Verruca sotto
le palme, niuna sotto le piante: costole imperfette, quatun-
que bene sviluppate e molto mobili, carattere che lo accosta
ai Pleurodelini. Un processo esterno situato lateralmente
e posterior imente nelle ossa frontali, forma con altro pro-
cesso deir osso timpanico prolungato all' innanzi, un arco
continuo supra ciascuna orbita, simile quasi a quelli del
Pleurodeles."
Beide vorangehenden Diagnosen haben durch De
Betta eine leichte Modification erlitten. Er lässt sich näm-
lich in seiner Monografia degli Anfibi Urodeli Italiani
(I.e., pag. 507) folgendermassen vernehmen: „Euproctus
Gene (Megapterna Savi). Capo grande, depresso, a muso
ottuso ed arrotondato: occhi piccoli, poco sporgenti: senza
parotidi: lingua ampla, schiacciata aderente pel davanti,
libera soltanto ai lati e posteriormente: denti mascellari
mediocremente lunghi, i palatini disposti in due serie rette
e quasi parallele, divergent! verso le fauci a giusa quasi
di un Y: cute granellosa o coperta di piccole verruche, ma
quasi liscia, molle e porrosa nei giovanni: coda lunga,
terete alla base, quindi subcompressa: arti anterior! con
quattro dita, i posteriori con cuique, e tutte, lunghe,
sottili, arrotondate e libere: coste sviluppate e molto mobili.
— „Due specie, fügt De Betta hinzu, si riferivano a
questo genere: l'Euproctus platycephalus proprio della
Sardegna, della Corsica e, secondo Dumeril anche della
Spania; e l'Euproctus Poireti Gervais proprio dell' Africa,
ma pel quäle il Bonaparte trovö di stabilire il distinto
genere Glossoliga. La specia europaea resta quindi l'unica
rappresentante del genere Euproctus."
Beitr. z, Kenntniss d. Amphibien ii. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 221
Die Verfasser der Erpetologie generale proponirten
wiederum eine verschiedene Charakteristik des in Rede
stehenden Genus, welche sich sowohl auf Euproctus Rus-
conii als auch auf E. Poireti, d. h. Glossoliga Poireti,
beziehen sollte. Dumeril und Bibron sagen folgendes:
„Langue arrondie, libre derriere et sur les cotes, adh6rente
seulement en devant, tete tres-large ä museau mousse
arrondi; pas de parotides; dents palatines formant deux
lignes longitudinales, presque paralleles; mais un peu plus
6cartees entre elles vers la gorge : peau rugueuse ou cou-
verte de petites verrues; queue pointue, comprimee dans
les quatre cinquiemes de sa longueur qui depasse celle du
reste du corps; doigts libres, allonges, arrondis. — Ce genre,
etabli par M. G e n ^ .... a les plus grands rapports avec les
Tritons dont il differe principalement par la langue qui
est adherente en arriere chez ces derniers. M. M. Gen 6
et Bonaparte on en outre remarque une disposition par-
ticuliere dans les os de la tete qui consiste en un prolon-
gement des frontaux qui vont se reunire aux mastoidiens
dits tympaniques ; .... Quant au nom donne ä ce genre
.... nous ne voyons pas que les bords du cloaque soient
plus tumefies que ceux de la plupart des Salamandrides,
ä l'epoque de la ponte. Quant au repli oü ä la saillie
formee par la peau sur le tarse de la femelle et qui a
fait proposer le nom de Megapterne par M. Savi nous
ferons la meme Observation. Ce genre n'est donc pas
Etabli sur des caracteres bien positifs, exceptö celui tire
de l'attache de la langue."
Fernand Lataste endlich, dessen Tableau dichoto-
mique des especes de Batraciens de France im Jahre 1878
in der Revue internationale des sciences erschienen ist,
schlug folgende Euproctus-Diagnose vor: „Queue aplatie
en rame; parotides alsentes ou fort peu developpees. Jamals
de crete dorsale chez le male; cloaque conique chez la
femelle au temps du frai. — Euproctus platycephalus Grav.
Langue tres-grande recouvrant presque en entier le plancher
buccal; un gros tubercule fortement proeminent au tarse
chez la femelle."
Aus den angeführten Diagnosen ist ersichtlich, dass
sämmtliche Autoren darüber einig sind, dass der Gattung
222 J. V. Bedriaga:
„Euproctus" die Parotidei! fehlen (Gene, Bonaparte, De
Betta, Diimeril und Bibron), ferner, dass die Repräsen-
tanten dieses Genus mit einem Arcus Frontotemporalis
(Gene, Bonaparte, Dumeril und Bibron), mit einem
langausgezogenen nach hinten und nach oben sich öffnenden
Cloakenkegel (Gene, Bonaparte) und endlich mit kleinen,
wenig hervortretenden Augen versehen sind (Bon aparte,
De Betta). Diese Merkmale sind allerdings beim Eu-
proctus Rusconii wahrnehmbar, sie werden aber bei jenem
corsikanischen Caudaten, den ich als Megapterna montana
in dieser Arbeit angeführt habe, vermisst. Megapterna
montana weist dagegen eine protractile Zunge auf,
deren in den Diagnosen des Genus ,,Euproctus" mit keiner
Sylbe erwähnt wird. Dieser Umstand allein wird wohl
zur Genüge zeigen, dass der corsikanische Caudate in die
Gattung Gene's nicht hineingehören kann. Sollte man
aber demungeachtet sich geneigt fühlen ihn als „Euproctus
montanus" zu betrachten, so müsste in diesem Falle die
Original-Diagnose, welche uns Gene hinterlassen hat, nicht
nur ergänzt, sondern in ihren Hauptpunkten verändert
werden. Angesichts der missglückten Versuche, welche
man gemacht hat, um eine Umgestaltung und Erweiterung
der Charakteristik des Genus Triton zu erlangen, ziehe
ich vor, für den Schwanzlurchen Corsikas die ursprüng-
liche Savi'sche Megapterna-Diagnose aufrecht zu erhalten,
dabei aber schlage ich vor, da diese Diagnose den An-
forderungen der Neuzeit nicht mehr genügt und zu neuen
Missverständnissen führen könnte, dieselbe folgenderweise
zu ergänzen: Cutius dense et subtiliter granosa.
Dentium palatinorum series pqistice valde diver-
gentes. Lingua ampla rotundata, postice lateri-
busque libera, medio pedunculo protactili affixa.
Parotides distinctae. Plica gularis indistincta.
Crista dorsali et caudali obsoleta. Cauda apicem
versus compressa. — Mas. Regio analis nuptiae
tempore in conumapice apertum producta. Disco
fibulare. — Fem. Regio analis plana; disco fibu-
lare nuUo.
Nur weil der in den Pyrenäen, in Spanien und
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 223
Portugal einheimische Molch lange Zeit hindurch mit vor-
hergenannten Formen vereinigt wurde und jetzt noch als
ein Euproctus betrachtet wird, muss derselbe hier Berück-
sichtigung finden. Ich gestehe offen, dass ich nur ungern
auf den pyrenäischen „Euproctus" der Autoren zu sprechen
komme und zwar schon aus dem einfachen Grunde, dass
ich dabei unwillkürlich gezwungen sein werde, die Frage
über seine Stellung im Ürodelen-System zu berühren, ohne
dieselbe zur Zeit endgültig lösen zu können. Jedenfalls
aber glaube ich, dass dasjenige, was ich hier zu bieten
in der Lage bin, zu neuen Studien anregen dürfte.
Die Existenz eines eigenthümlichen, in den Pyrenäen
lebenden tritonartigen Caudaten erfahren wir zum ersten
Mal aus den Duges'schen Recherches zoologiques sur les
Urodeles de France, welche in den Ann. des sc. nat. im
Jahre 1852 erschienen sind. Der Verfasser beschreibt
darin fünf im Pariser Museum unter den Namen „Triton
rugosus, cinereus, repandus vel asper ^), puncticulatus und
Bibronii" aufgestellte pyrenäische Molche und creirt sowohl
für diese als auch für Triton alpestris einen neuen Gattungs-
namen „Hemitriton." Ohne mich auf eine Besprechung
der Duges'schen Classifikation der französischen Lurche
einzulassen, beschränke ich mich auf die Bemerkung, dass
Duges für seine fünf neuen Hemitriton-Arten keine speci-
fischen Merkmale vorzubringen gewusst hat; darin stimme
ich übrigens sonderbarer Weise mit dem Autor selbst
überein, denn auf S. 268 seines Aufsatzes lässt sich Duges
folgenderweise vernehmen: „ils sont fort semblables entre
eux. Je les ai decrits comme ils sont ranges dans les
galeries du Mus6um. Mais si Ton compare attentivement
entre elles ces diverses especes, on verra parmi le Bibroni
bien des analogies avec le Repandus. Dans les Puncti-
culatus, on en rencontre de presque identiques avec les
Bibronii et Cinereus et meme avec le Rugosus. On trouve
les intermediaires, et la transition des uns aux autres est
1) Auf S. 257 des erwäbnten Bandes der Annalen wird Hemi-
triton repandus genannt; auf S. 266 aber wird „repandus" in „asper"
umgetauft !
224 J. V. Bedriaga:
des plus simples. Dans tous les cas, ces esepces ne diffe-
rent essentiellement que par leurs couleurs: est-ce lä un
caractere süffisant pour empecher de les fondre en une
seule? Malgre Timposante autorite d'un auteur comme M.
Dum6ril, je pense que non, et qu'il faudrait de toutes
ces especes n'en faire qu'une seule avec des varietes
assez nombreuses."
Kurze Zeit nach dem Erscheinen dieser Du ges'scheu
Arbeit nahmen A. und A, M. C. D u m e r i 1 die durch
Bibron's Tod in die Länge gezogene Publication des
letzten Bandes der Erpetologie generale wieder auf. Wie
schwer es ihnen fiel, der überaus complicirten Unterordnung
„Batrachia gradientia" Meister zu werden, ersieht man
beinahe aus jeder Seite des neunten Bandes des eben
erwähnten Werkes. Besonders schien ihnen die pyrenäische
Ausbeute 1846 von Bibron viel Verdruss zu bereiten.
Bibron, der tüchtige Reptilien- und Amphibien-Kenner
und der hervorragendste Mitarbeiter bei der Herausgabe
der allgemeinen Herpetologie, war nämlich gestorben, ohne
irgend welche Notiz, nach der sich die beiden Dumeril
richten konnten, über die von ihm gesammelten Thiere
hinterlassen zu haben. „A la suite", sagen letztere, „de
ces huit especes bien determinees, nous allons eu indiquer
cinq autres que nous conservons au Museum, mais sur
lesquelles nous n'avons eu aucun renseignement. Ces
Tritons sont inscrits sous les noms Rugueux, Cendre,
Recourbe, Poncticule, de Bibron." Nach diesem Passus
folgt nun sowohl eine Beschreibung der fünf bereits von
Duges als „Hemitritons" skizzirten pyrenäischen Molche,
als auch die Charakteristik eines ebenfalls aus den Pyre-
näen stammenden Caudaten und zwar des Triton pyrenaeus.
Die Gattung „Hemitriton'' findet in der Epetologie generale
nur insofern Berücksichtigung, als sie in die Synonymie
des Genus Triton sich versetzt befindet. Ob die Arten-
zahl des „Triton" durch die Aquisition Bibron's der-
massen sich bereichert hat, wie es die Dumeril wollen,
ist fraglich. Sobald ich die zwei mir vorliegenden Varie-
täten eines pyrenäischen Caudaten betrachte und dieselben
mit den Duges - Dumöril'schen Diagnosen ihrer 5 bis 6
i
Boitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 225
Species vergleiche, so komme ich zur Schlussfolgerung,
dass diese sämmtlichen Arten wohl nur eine einzige vor-
stellen. Wenn wir die Seiten 139, 140, 150-154 der
generellen Herpetologie (Bd. IX) lesen und darauf achten,
dass die Hemitritone Duges in die Synonymie gleich-
namiger Tritone versetzt worden sind, so kommen wir
unwillkürlich auf den Gedanken, dass es den Verfassern
überhaupt nur daran gelegen war ein Prioritätsrecht mit
Bezug auf die pyrenäischen Molche zu haben; denn, indem
die beiden Dumeril die von Duges beschriebenen Arten
als so 1 c h e unter einem anderen Namen aufnahmen, dabei
aber eine neue sechste Species (Triton pyrenaeus) creirten
und die Ansicht aussprachen, die ersten seien Abarten
der letzteren, hofften sie, dass im Fall die Spaltung der
in den Pyrenäen lebenden Urodelen in Arten sich nicht
bewähren sollte, oder, dass ihre Nachfolger gewichtige
Differenzen unter diesen Molchen auffinden dürften, sie
und nicht Duges als Autoren betrachtet werden würden.
Um letzterem überhaupt die Autorschaft unmöglich zu
machen gingen die Autoren der generellen Herpetologie
so weit, dass sie auf S. 151 die Vermuthung kund gaben,
dass ihre und die Duges'schen pyrenäischen Arten als
identisch mit Euproctus Rusconii betrachtet werden könnten.
Die Anregung dazu ging allerdings von Gervais aus,
welcher inzwischen einige Reflexionen über diesen Gegen-
stand erscheinen Hess (Ann. des scienc. nat. 3. Serie. Zool.
Tom. XX, pag. 314). Etwa acht Seiten weiter in dem-
selben Bande* der Erpetologie generale und zwar im Capitel
über den Euproctus finden wir auch wirklich die Hemitriton-
Arten Duges oder die Triton-Species Dumeril's in der
Synonymie des Euproctus Rusconii wieder! Folglich fand
die Ausbeute Bibron's zugleich dreierlei An-
wendungen, was jeder Kritik spottet M)- Es wird mir
1) Ich will hier, zur bequemeren Uebersicht. die sich wieder-
sprechenden Ansichten Dumeril's folgenderweise zusammenstellen:
1. Combination : Triton pyrenaeus, punctulatus, cinereus, repan-
dus, rugosus sind selbstständige Arten. — 2. Combination: Triton
pyrenaeus gilt als Species, die übrigen sind Varietäten (S. 140).
Arch. f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 15
226 J. V, Bedriaga:
daher wohl kaum jemand verargen, wenn ich hier kein end-
gültiges Urtheil über die systematische Stelhmg der in Eede
stehenden Caudaten-Form fälle, sondern letztere unter dem
provisorischen, aber von den meisten Autoren acceptirten
Namen „Euproctus pyrenaeus D. B". anführe, indem ich
allerdings einige Bemerkungen mit Bezug auf den Gattungs-
Namen „Euproctus" am Schlüsse dieses Capitels einschalte.
Ich habe bereits erwähnt, dass mir nur zwei Farben-
Varietäten des pyrenäischen Caudaten vorliegen ; beide
sollen aus dem Lac d'Oncet (Pic du Midi) stammen. Die
erste dieser Spielarten ist durchaus mit derjenigen identisch,
welche mir vor vier Jahren von Herrn F. La taste unter
dem Namen „Euproctus pyrenaeus" zugesandt worden ist.
Ich lasse hier ihre allgemeinen Kennzeichen folgen.
Var. A. — Die Grundfarbe der Oberseite aller Theile
ist aschgrau, olivengrün oder grau mit bräunlichem Ton.
Verschieden geformte gelbe, weisslichgelbe oder hochgelbe
Flecken heben sich in der Mittelzone des Rumpfes vom
Untergrunde ab. Bald erscheinen diese Flecken ringförmig,
bald stellen sie Ocelli oder Längsbänder vor; sie gehen
auch auf den Schwanz über und zieren oben seine Seiten.
Alsdann findet sich meistens an den Flanken und an der
unteren Partie der Schwanzseiten eine Reihe von mehr
oder weniger stark ausgesprochenen gelben Augenflecken.
Zahlreiche, gelblichweiss gefärbte Körner findet man auf
der Oberseite des Körpers, namentlich auf den Rumpf-
und Schwanzseiten zerstreut. Betrachtet man die Hautdecke
der Oberseite mit der Loupe, so nimmt man wahr, dass
die gelblichweissen, wie Körner aussehenden Bildungen
eine schwarze oder dunkelbraune Spitze erhalten. Es kommt
häufig vor, dass sämmtliche erwähnte Zeichnungen schwach
angedeutet sind. Bei den schön gelb gezeichneten Indivi-
duen erhalten die gelben Flecken schwarze oder dunkel-
braune Umrandungen. Der obere Schwanzsaum ist hell-
braun oder röthlich. Das dunkle Colorit der oberen und
— 3. Combination: Alle sechs Arten, resp. eine Art und fünf
Varietäten, sind Synonyme des Euproctus Rusconii Gene (S. 151
und 159).
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 227
seitlichen Körpergegenden geht auch auf die Seiten des
Bauches über. Die Baiichmittelzoue aber erscheint, nament-
lich zur Brunstzeit, sowohl beim Männchen als auch beim
Weibchen lebhaft feuerroth, ähnlich wie es beim Triton
alpestris der Fall ist. Seitlich wird diese Zone von einer
in Zickzack sich hinziehenden Linie umsäumt und folglich
vom Grau der Bauchseite getrennt. Oefters lösen sich
von dieser Zickzacklinie einige schwarze Ocelli ab, welche
nicht etwa, wie beim Triton cristatus, auf dem ganzen
Bauche vertheilt erscheinen, sondern nur seitlich zu liegen
kommen. Die rothe Mittelzone ist ungefleckt. Die Kehle
ist bei dieser Varietät meistens einfarbig roth oder safran-
gelb; nur an den Kieferrändern nimmt man etliche dunkle
Punkte wahr. In selteneren Fällen erhält die Kehle in
der Gegend ihrer transversalen Falte eine hellgelbe und
graue Punktirung. Die Schnauzenspitze und die Kiefer-
ränder sind gelblich grau punktirt. Auf der röthlichen
Unterseite der Extremität, insbesondere auf den Sohlen
finden sich öfters dunkle Punkte. Die* unten lebhaft roth
colorirten Finger erscheinen dagegen selten gefleckt. Der
Cloakenhügel ist seitlich grau, unten roth. Die Unter-
schneide des Schwanzes ist bis zur Spitze feuerroth oder
safrangelb. Zur Paarungszeit tritt das Roth und Gelb
intensiver auf.
Var. B. — Die zweite Varietät unterscheidet sich
insofern von der ersten, als bei ihr die gelbe Fleckung auf
der Oberseite des Körpers fehlt. Der Rücken und die
Seiten des Rumpfes und des Schwanzes erscheinen häufig
nahezu schwarz, und sind mit gelblichen Punkten versehen.
Die Uebergänge von der ersten Abart zu der vorliegenden
sind vorhanden. Gewichtiger scheint mir die Färbung
der Unterseite zu sein. Das grelle Roth nämlich macht
hier entweder dem Blassroth, dem Gelb, dem Graurosa
oder endlich dem Rosa Platz und wird durch zahlreiche
graue Makeln verdrängt. Ich besitze sogar ein Exemplar,
bei dem das Helle am Bauche nur spurweise angedeutet
ist. Die Kehle behält am meisten das rothe oder gelbliche
Colorit. Die Unterschneide des Schwanzes weist eine
unterbrochene gelbliche oder röthlich braune Linie auf.
228 J. V. Bedriaga:
Der Körper beim pyrenäischeu Caudaten ist kräftig
und plump. Der ziemlich lange, mit abgeplatteter Schädel-
decke und abgestutzter Schnauze versehene Kopf ist deut-
lich vom Rumpfe abgetrennt. ,,0n voit", sagen die Ver-
fasser der Erpetologie generale, „de chaque cote du cou,
entre les epaules et la tete de chaque cote un tubercule
saillant" .... Diese Hervorragungen sind nichts anders
als die freien Enden der Epibranchialia, welche stark nach
oben gebogen sind, die Haut spannen und auf diese Weise
die Kopf- und Rumpfgrenze markiren. Parotiden fehlen.
Die ziemlich kleineu uud wenig hervorstehenden Augen
liegen seitlich. Ebenfalls seitlich kommen die ziemlich
grossen Nasenöffnungeu zu liegen. Die Oberlippe reicht
seitlich stark über den Unterkiefer herab und verdeckt
den letzteren. Da aber der Unterkiefer einen breiteren
Querdurchmesser besitzt als der Oberkiefer, so erscheint
die Oberlippe, um ersteren verdecken zu können, nicht
nur in ihrer vertikalen, sondern auch in ihrer horizontalen
Richtung stark entwickelt. Vorn berühren sich die Lippen
nicht; es ist an dieser Stelle eine Vertiefung constatirbar.
Die Mundspalte ist sehr klein. Die verhältnissmässig kleine
Zunge ist beinahe oval. An ihren Seiten und zwar nur
nach hinten zu sind Andeutungen von freien Rändern
wahrnehmbar, sonst erscheint die Zunge mit ihrer ganzen
Unterseite an den Boden der Mundhöhle angewachsen.
Seitlich sitzen die Oberkieferzähne nicht unmittelbar neben
dem Oberlippensaum, wie es sonst meistens der Fall ist,
sondern sie liegen mehr medianwärts. Die Gaumenzähne
bilden zwei geschwungene Reihen, die an den inneren
Nasenlöchern beginnend nach rückwärts ziehen, divergiren
und ein umgekehrtes V nachahmen. Eine Kehlfalte ist
vorhanden und je nach der Stellung des Kopfes mehr oder
weniger deutlich sichtbar. Der dicke Rumpf ist cylindrisch
an der Ober- und Unterseite etwas abgeflacht; längs der
Vertebrallinie ist keine Vertiefung vorhanden. Die Beine
sind stämmig; die vorderen, wenn man sie nach vorn
streckt und an den Leib andrückt, reichen entweder um
1 mm weiter als die Augenränder, oder erreichen die
Schnauzenspitze und greifen manchmal darüber hinweg;
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 229
die hinteren Extremitäten sind etwas länger als die Rumpf-
hälfte. Die freien, flachgedrückten Zehen sind verhältniss-
mässig kurz. Duges erwähnt eines „petit tubercule au
bord cubital des quatre pieds'^ welcher bei seinen Hemi-
triton cinereus vorhanden sein soll; bei den mir vorliegen-
den pyrenäischen Urodelen aber ist keine Spur davon zu
merken. Der kurze Schwanz erscheint seiner ganzen Länge
nach auffallend dick und wird vom Thiere als Greiforgan
benutzt. Nur gegen sein stumpf abgerundetes Ende ist
eine leichte, seitliche Comprimirung sichtbar. Ueberhaupt
erscheint der Schwanz, mit Ausnahme seiner ziemlich
drehrunden, dicken, von oben etwas flachgedrückten Basis,
nur desshalb zusammengedrückt, weil er höher als breit ist
und sowohl oben als auch unten in der Mittellinie eine mit
abgerundetem Gipfel versehene Leiste aufweist, welche
jedoch mit einem eigentlichen Flossenkamm nicht zu ver-
wechseln ist. Die Muskulatur am Schwänze ist stärker
entwickelt als bei irgend einem anderen europäischen triton-
artigen Caudaten. Im Allgemeinen sieht der Schwanz bei
diesem Molche demjenigen ähnlich, welchen Strauch bei
seinem Triton Karelinii abgebildet hat.
Die Grössenverhältnisse bei dem uns hier interes-
sirenden Caudaten sind folgende:
i 2
Totallängc des Thieres 12,1 9,2
Länge des Kopfes 1,7 1,4
„ „ Rumpfes 5,1 3,1
„ „ Schwanzes 5,3 4,7
Grösste Breite des Kopfes (hinter den Augen) 1,3 1,0
Schwanzes 0,6 0,5
Höhe des Kopfes (hinter den Augen) 0,5 0,4
„ (in der Mitte) . . 0,9 0,6
Grösster Umfang des Kopfes 3,4 2,6
^ „ „ Rumpfes 4,1 3,1
„ „ „ Schwanzes (an der Basis) 1,2 1,6
„ » « , (in der Mitte) 1,5 1,4
Wenn Dumeril sagt: „Les teguments sont tres-remar-
quables par leur rugosite, analogue ä celle de la peau de
certain crapauds", so stimme ich mit ihm darin überein.
» n »
5J n
230 J. V, Bedriaga:
Mit Ausnahme des Bauches, der Kehle und der Unterseite
der Beine sind alle Körpertheile von zahlreichen, warzen-
ähnlichen Bildungen besetzt. Auf jedem dieser grau ge-
färbten Wärzchen sitzt ein dunkelbrauner Höcker, welcher
zur Brunstzeit und namentlich beim Männchen stark aus-
gebildet erscheint und als Dornspitze sich ausnimmt. Be-
sonders auffallend stark entwickelt treten die Doruspitzen
in der Ohr- und Halsgegend und an den Seiten der Schwanz-
wurzel auf, so dass diese Bildungen dem Thiere ein gradezu
stacheliges Aussehen verleihen. Auf den Schwanzseiten
und gegen den Bauch zu sind die Warzen gelblichweiss
gefärbt; die Höcker oder Dornspitzen aber sind gelblich
oder braun. Auf der Unterseite des Bauches sind meistens
nur schwach ausgebildete Wärzchen vorhanden, denen die
Höcker oder Körner bald zukommen, bald fehlen.
Die Cloakengegend beim männlichen pyrenäischen
Caudaten unterscheidet sich von derjenigen der ächten
Tritonen nur dadurch, dass der Analhttgel unten nicht der
Länge nach aufgeschlitzt ist, sondern hinten und nur zum
Theil auch unten gespaltet erscheint. Zur Brunstzeit schwillt
aber der wulstartig verdickte Cloakenhügel auf und nimmt
— namentlich während der Umarmung beider Geschlechter
— eher die Form eines stumpfen Kegels an. Dabei kommt
die Analöffnung mehr nach hinten zu liegen.
Obgleich die Cloake bei beiden Geschlechtern ver-
schieden geformt erscheint und man im Stande ist darnach
sofort das Geschlecht des Thieres zu erkennen, wies die
Literatur in dieser Hinsicht bis ganz vor kurzem irrige
Ansichten auf. Duges, so viel ich aus einer mir vor-
liegenden Abschrift seiner oben citirten Arbeit ersehen kann,
schreibt dem Hemitriton punctulatus und Hemitr. Bibroni
aus Eaux-Bonnes eine häufig konisch aussehende Cloake
zu. In welchen Fällen aber sein Urodele-Batrachier mit
einer derartig gestalteten Cloake versehen gewesen ist
interessirte Duges nicht weiter. Auf der von ihm uns
hinterlassenen Tafel ist, wenn mein Gedächtniss mich nicht
trügt, der genannte Hemitriton mit einer konischen, ziemlich
langen, nach hinten und nach unten vorragenden Cloake
dargestellt. — In Figur 3 auf Tafel 106 der Erpetologie
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 231
generale ist „Triton poncticule" wiedergegeben. Die Um-
risse der Cloake sind allerdings nicht gut sichtbar, sie
scheinen mir aber ungefähr dieselben zu sein wie diejenigen
beim, auf derselben Tafel abgezeichneten Triton marmo-
ratus. Aus dem Texte dieses Werkes ersehen wir, dass
es den Verfassern darum zu thun gewesen ist Geschlechts-
uuterschiede bei ihrem pyrenäischen Molche ausfindig zu
machen. „Le prolongement", sagt Dumeril, „qui se voit
au cloaque semble rapprocher ce Triton des especes du
genre Euproctus . . . Nous avons aucun renseignement sur
ses Tritons qui, comme nous l'avons dit, paraissent etre
tous des mäles." — In Bezug auf seinen Triton Bibroni,
welcher ebenfalls aus den Pyrenäen stammt und entweder
von ihm als Species oder als Varietät oder gar als Synonym
des Euproctus Rusconii Gene betrachtet worden ist, fügt
er ferner hinzu: „Les mäles faciles ä reconnaitre par le
prolongement arrondi de l'extremite de leur cloaque dirige
en arriere". — Lataste, dem es vergönnt gewesen ist die
Liebesspiele des sog. Euproctus pyrenaeus D. B. zu ver-
folgen, schreibt im Gegentheil dem Weibchen dieser Art
ein ,,cloaque tres proeminent" und dem Männchen ein
„cloaque bien moins saillant'^ zu. — Endlich gedenkt
Bou lenger (1. c.) der Angaben Lataste's und bestätigt
dieselben. Meine eigenen Untersuchungen haben Folgendes
ergeben.
Die Cloake beim Weibchen post nuptias ragt, wie
Lataste richtig angegeben hat, stark hervor und erscheint
an ihrer Basis breit, aufgebaucht, während ihr Ende zuge-
spitzt ist (Vergl. Fig. 35). Die Cloakenwandung ist turges-
cenzfähig; zur Zeit der Eierablage erscheint die Cloake
etwa kegelförmig, sie ist 3 mm lang und erinnert im
Allgemeinen, wie es bereits A. Tourneville hervorge-
hoben hat, an diejenige des Pelonectus Boscai Lataste $ .
Die Cloakenmündung ist nach hinten und zugleich nach
unten zu gerichtet. Das stumpfe Ende des „Kegels" neigt
sich nämlich nach unten (Vergl. Fig. 34). — Zur Brunstzeit
nimmt der Cloakenhügel des Männchens ebenfalls eine
gestreckte, etwa kegelartige Gestalt an. — Die so merk-
würdig gestalteten Cloaken bei beiden Geschlechtern des
232 J. V. Bedriaga:
pyrenäischen Molches sind für ihren Begattungsmodus sehr
geeignet. Die Liebesspiele des „Euproctus pyrenaeus" sind
bekanntlich von F. Lataste neuerdings beschrieben wor-
den ^). Die Angaben dieses vortrefflichen Beobachters kann
ich, wie man es auch von vorn herein erwarten durfte,
vollständig bestätigen, glaube aber einiges hinzufügen zu
müssen. Da es ausserdem sehr möglich ist, dass bei
Megapterna montana der Begattungsact demjenigen beim
pyrenäischen Caudaten ähnlich ist, will ich meine vom
Herbst 1881 datirenden Notizen hierüber an dieser Stelle
reproduciren.
Das während der Begattung quer unter dem Weibchen
liegende Männchen umschlingt den hinteren Theil des
Körpers des ersteren (etwa an der vorderen Ansatzstelle
der Hinterextremitäten) von unten nach oben mit seinem
Greifschwanze, welcher sich dann nochmals unter seinen
eigenen Rumpf biegend ihn umschlingt. Auf diese Weise
bildet der Schwanz des Männchens eine Schlinge, welche
das Weibchen gefangen hält ^). Das freie Schwanzende
des Männchens kommt dabei zwischen die beiden Körper
zu liegen. Die kegelförmigen Cloaken beider Geschlechter
liegen dicht an einander; sie berühren sich entweder seitlich
oder es befindet sich die Cloake des Männchens unter jener
des Weibchens ^). Diese gegenseitige Lage beider Cloaken
kann man sich nämlich dann vorstellen, sobald man sich ver-
gegenwärtigt, dass die Bildung der soeben erwähnten nach
1) Vgl. Revue internationale des sciences, No. 42, p. 498 (1878).
2) Ich habe zweimal Gelegenheit gehabt zu beobachten, dass
das Männchen sein Weibchen anstatt am Becken zu umschlingen,
dasselbe wohl irrthümlieherweise am Halse mit seinem kräftigen
Schwänze umschnürte und erdrosselte.
3) Es ist, wie ich es aus einem Briefe eines Freundes schliesse,
beobachtet worden, dass die Urodelen-Männchen zuweilen unterein-
ander sich den Hof machen. Die diesbezüglichen Angaben kann ich
bestätigen. Letzten Herbst befanden sich 13 pyrenäische Molche in
meinem Aquarium, darunter war nur ein Weibchen, das, obgleich
stets von den brünstigen Männchen in Anspruch genommen, sie
nicht alle zu befriedigen vermochte. Faute de mieux umarmten
sich die Männchen untereinander!
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 233
oben gerichteten Schlinge nur dann stattfinden kann, wenn
das Männchen die Wurzel seines Schwanzes senkrecht nach
oben richtet und auf diese Weise seine zur Brunstzeit beinahe
kegelförmige Cloake von allen Seiten entblöst hält. Mit
einem seiner Vorderbeine umarmt das verliebte Männchen
seine Gefährtin oder stemmt sich nur an ihre Achsel; mit
seinen Hinterftissen aber reibt und drückt das Männchen die
Schwanzwurzel und die Cloakenwandung seiner Gefährtin j
dabei sind seine Finger so emsig beschäftigt, wie ich es
noch nie bei einem unserer europäischen Schwanzlurche
zu sehen bekommen habe, auch muthete ich den Amphibien
die gleiche Beweglichkeit und Selbstständigkeit der Finger
überhaupt nicht zu. Dieses Fingerspiel übt wahrscheinlich
einen Reiz auf die Genitalien des Weibchens aus und be-
zweckt wohl eine raschere Eierablage; Öfters aber, wie ich
nebenbei bemerken will, verwundet dieses Fingerspiel die
Cloakenränder des Weibchens und verursacht eine Blutung
dieser Theile ^). Mit seinem Kopfe, d. h. mit Stirn- und
Schnauzengipfel, reibt das Männchen verschiedene Körper-
theile des Weibchens ; entweder dreht es seinen Kopf nach
hinten und streichelt seine Beine und seinen Schwanz oder
glättet es mit der Stirn seine Kehle. — Diese zärtlichen
Liebkosungen dauern so lange, bis beim Männchen zuckende
Bewegungen eintreten und der Spermatophor aus der
schlitzartigen Oeffnung des Cloakenkegels hervortritt. Leider
wurde derselbe kein einziges Mal, als ich die Thiere bei
ihrer Begattung oder Umarmung beobachtete, vom Weibchen
aufgenommen. Das eine Mal blieb der Spermatophor an
der Cloakenwandung des Weibchens hängen, das andere
Mal haftete er an den Hinterextremitäten. Im Verlaufe von
zwei und ein halb Stunden habe ich vier Emissionen des
Samens beobachten können, welche etwa alle 30 bis 50
1) Bei den insulanischen Arten (Euproctus Rnsconii und Me-
gapterna montana) dienen zweifelsohne jene sporn- oder discusartigen
Hervorragungen, welche bei den Männchen am hinteren Rande des
Unterschenkels sich befinden, dazu um die Cloakenlippen des Weib-
chens zu reiben und zu pressen. Diese Fibula-Hervorragungen be-
sitzen die pyrenäischen Molche, ungeachtet der Angabe Duges,
entschieden nicht.
234 J. V. Bedriaga:
Minuten stattgefunden haben. Der zuckenden Bewegungen
am starr daliegenden Männchen, welche die Vorboten der
jedesmaligen Emission sind, habe ich je 90 bis 100 gezählt.
Sämmtliche Spermatophore gingen, wie gesagt, verloren,
das Weibchen nahm sie weder auf, noch laichte es und es
ist mir bis zur Stunde noch nicht gelungen die Frage zu
lösen, ob die Befruchtung beim pyrenäischen Molche eine
innere ist oder ob das brünstige Weibchen zur Eierablage
zugleich mit dem Hervortreten des Sperma schreitet und
die Eier somit ausserhalb des Mutterleibes befruchtet werden.
Ich will hier nicht unerwähnt lassen, dass ich in der
letzteren Zeit die Rippenmolche, die Glossoliga Hagen-
müUeri und die pyrenäische Form sehr häufig sich umarmen
sah, ferner, dass ich einige Spermaemissionen bei diesen
Arten sicher constatiren konnte, dass aber die Weibchen
noch nie in meinen Aquarien gelaicht haben. Ich bin
geneigt diese sonderbare Erscheinung dem zuzuschreiben,
dass die Urodelen- Weibchen, sobald sie in der Gefangen-
schaft sind, d. h. sobald sie sich neuen Lebensbedingungen
anzupassen haben, das Vermögen zu laichen gänzlich oder
wenigstens zeitweise eiubiissen. Wie sollte es auch dem
nicht der Fall sein? Unter meinen pyrenäischen Molchen
waren brünstige Männchen bereits im Januar vorhanden,
was gewiss dem Nizzaer Klima zuzuschreiben ist, denn zu
dieser Jahreszeit befinden sich diese Molche in ihrer Hei-
math tief unter Erde und Schnee. Wenn die Männchen
sich dermassen durch äussere Bedingungen irre leiten
lassen, treten in der Organisation des Weibchens unzeit-
mässige Functionen nicht so leicht auf; die Ovarien haben
nämlich zu dieser Periode keine entwickelten Eier und
können nicht ihren Jahrestribut zahlen. Dadurch aber,
dass beim Männchen die Brunstzeit in der Gefangenschaft
früher eintritt als sonst, fällt vielleicht seine post nuptias
Periode gerade mit jenem Augenblicke zusammen, wenn
das Weibchen zur Eierablage schreiten müsste. Diese Nicht-
übereinstimmung der Brunstperioden bei beiden Geschlech-
tern ist gewiss die Ursache davon, dass in der Gefangen-
schaft die Weibchen, wenigstens bei den erwähnten Arten,
das Laichen überhaupt aufgeben, verfetten und bald sterben.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 235
Der Umstand, dass das Cloakenende beim Euproctus
Rusconii nach oben zu gerichtet ist, lässt mich vermuthen,
dass der Samen aus dem Cloaken-Ausgange in die weib-
liche Cloake eindringt — natürlich vorausgesetzt, dass die
Begattungs weise bei dieser Art derjenigen des pyrenäischen
Caudaten gleich ist. Findet aber beim Euproctus Rusconii
keine innere Befruchtung statt, wie es z. B. bei Glossoliga
Hagenmülleri kürzlich beobachtet worden ist, so haben
jedenfalls die Eier des E. Rusconii mehr Aussicht befruchtet
zu werden, als es etwa bei Megapterna montana der Fall
sein dürfte, da bei dieser der Cloakenkegel, resp. die
Cloakenmündung ähnlich wie beim brünstigen pyrenäischen
Molche nach hinten zu schaut und die Eier infolgedessen
nicht direkt mit dem befruchtenden Element begossen
werden können. Dass Megapterna montana sich in ähn-
licher Weise wie der pyrenäische Molch begattet, ist gleich-
falls nur eine Vermuthung, welche unter anderem darauf
basirt ist, dass ich einst ein brünstiges Pärchen fischte,
das sich fest mit ihren Schwänzen umschlungen hielt. Ob
dies nur ein Zufall war habe ich nicht entscheiden können,
jedenfalls aber schien mir die Umarmung eine zu innige
zu sein, um als eine zufällige betrachtet zu werden. Als
ich das betreffende Pärchen in meine Botanisirbüchse
steckte, trennte es sich nicht sofort, sondern blieb einige
Secunden in derselben Stellung liegen.
Was endlich die heuer dem pyrenäischen Caudaten
eingeräumte Stellung im System betrifft, so ist dieselbe,
wie ich es bereits erwähnt habe, schon von Gervais und
Dumeril angedeutet worden. Gervais betrachtete den
sardinischen und corsikanischen Molch als eine „typische
Species" ('? !) der Gene'schen Gattung „Euproctus", führt
dieselbe unter dem Namen „Euproctus Rusconii" an, ver-
setzt sowohl den mir unbekannten Triton glacialis Philippe
als auch die Duges-DumeriFschen Arten in die Syno-
nymie des Euproctus Rusconii und führt endlich folgende
Bemerkung hinzu : „M. G e n e a etudie le cräne de l'Eu-
proctus d'apres uu exemplaire recueilli par lui en Sardaigne;
ceux que j'ai observe viennent des Pyrenees; leur forme
est absolument la meme que ceile des Euproctus de la
236 J. V. Bedriaga:
Mediterran6e; et il est impossible, dans l'etat actuel de nos
connaissances sur ces animaux, de separer speciliquement
ceux des Pyrenees de ceux qu'on avait precedemment
observes".
In seiner Monografia degli Amfibi Urodeli Italiani
(1. c.) scheint De Betta mit Bezug auf die Synonymie
seines Euproctus platycephalus (= Euproctus Rusconii
Gene + Megaptenia montana Savi) die Ansichten von
Gervais zu theilen.
Strauch und Schreiber, welche die Gattung „Eu-
proctus*' annuUiren zu können glauben , betrachten die
D u g e s - D u m e r i 1 und Philipp e 'sehen pyrenäischen
Urodelen-Arten entweder als Varietäten oder als Synonyme
des Triton platycephalus Otto Gravenh. Als die Euproctus-
Frage neuerdings wieder auftauchte, wurde die Vermuthung
in den Ann. del Mus. civ. di Genova, vol. XIII, 1878.
p. 602 ^) ausgesprochen, dass der pyrenäische „Euproctus"
möglicherweise verschieden von den zwei italienischen
Arten sei. Allein diese Hypothese erschien etwas zu spät,
denn sowohl auf dem Congress 1878 zu Paris als auch im
October-Hefte der Revue internationale des sciences des-
selben Jahres war der Unterschied zwischen dem pyre-
näischen „Euproctus" und dem „Euproctus platycephalus"
1) Der Verfasser behält sich darin das Recht vor, die insula-
nischen Molche eingehend zu untersuchen. Ich will mir infolgedessen
die Bemerkung erlauben, dass ich nicht geneigt bin gegenwärtige
Arbeit aufzuschieben und auf die angemeldeten Untersuchungen zu
warten, erstens weil bereits drei Jahre verflossen sind seitdem in
den Genueser Annalen die vorläufige Bemerkung über die italienischen
Euproctus-Arten niedergelegt wurde und zweitens, weil die Ergeb-
nisse meiner Untersuchungen mit denjenigen des italienischen Autors
in ihren Hauptpunkten differiren. Es ist mir bereits seiner Zeit
vorgeworfen worden mit Bezug auf die Faraglioni-Eidechse voreilig
gehandelt und auf eine angemeldete Abhandlung nicht gewartet zu
haben. Es wäre daher wünschenswerth zu erfahren, wie lang der-
artige Monopol-Rechte andauern dürfen. Meiner Ansicht nach müsste
die Arbeit selbst nicht später als ein Jahr nach den vorläufigen
Mittheilungen erscheinen, sonst könnte man einen ganzen Haufen
Thematas mouopolisiren und anderen dadurch die Möglichkeit
nehmen, sich mit dem ihnen zusagenden Gegenstande zu befassen.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 237
(cl. h. Mepapterna montana + Euproctus Riisconii) von
F. Lataste bereits nachgewiesen worden. Die diesbezüg-
liche Angabe Lataste's ist nachträglich von Boiilenger
in einem interessanten Aufsätze über die Euprocten, ferner
von De Betta und endlich von mir bestätigt worden.
Die Gründe, welche Lataste bewogen haben den pyre-
näischen Caudaten in die Gattung „Euproctus" einzuver-
leiben, glaube ich in seiner Liste der Anuren- und Urodelen-
Batrachier gefunden zu haben. Es sind nämlich die fol-
genden: Abwesenheit des Rückenkammes beim Männchen;
kegelförmige Cloake beim brünstigen Weibchen. — Darauf
hin möchte ich mir die Bemerkung erlauben, dass das
Weibchen des Pelonectes Boscai — eine Form, welche
Lataste allerdings im Jahre 1878 noch nicht kannte —
ebenfalls zur Brunstzeit eine wie ein stumpfer Kegel aus-
sehende Cloake besitzt, dass ausserdem ein ähnlicher
Cloaken- Kegel auch beim weiblichen Cynops pyrrhogaster
Boi6 vermuthet wird und dass diesen beiden Molchformen
ebenfalls der Rückenkamm fehlt. Dem ungeachtet ist es
Niemand eingefallen sie in das Genus Euproctus einzuver-
leiben. Es ist ferner erwähnenswerth, dass man die Ab-
wesenheit eines Rückenkammes bei den osteuropäischen,
allem Anscheine nach ächten Triton-Species und zwar beim
Triton Montadoni Boulenger constatirt hat und dass infolge-
dessen dieses Merkmal nicht mehr als ein dem „Euproctus"
eigenthümliches gelten kann.
Der pyrenäische Molch und Euproctus Rusconii weisen,
meiner Ansicht nach, mehrere schwerwiegende Unterschiede
auf, welche mir eher von generischem als specifischem
Werthe zu sein scheinen. Gene schreibt nämlich seinem
Genus ausdrücklich eine „Regio ani in adultis tumida, an-
gusta, longitudinalis, apertura rotunda postica, idest versus
caudae basim hiante". Der Cloakenausgang beim pyre-
näischen Caudaten ist nicht nach oben, sondern nach unten
zu gerichtet. — Bonaparte erwähnt beim „Euproctus"
einer „lingua ampla, schiacciata, con stretto margine libero
soltanto sui lati e posteriormente" und eines „rudimento
di sesto dito nelle femmine". Beim pyrenäischen Caudaten
ist die Zunge klein und nur seitlich — und zwar in ge-
238 J. V. Bedriaga:
ringer Ausdehnung — frei. Von einem rudimentären sechsten
Finger ist bei ihm keine Spur vorhanden. — De Betta
fügt der Genus-Diagnose des „Euproetus'' hinzu: „cute
granellosa o coperta di piccole verruche, . . . arti lunghe,
sottili, arrotondate e libere." Beim pyrenäischen Molche
ist die Haut auf der Oberseite des Körpers mit zahlreichen,
dicht aneinanderstehenden, grösseren, dornig zugespitzten
Hervorragungen besetzt. Die Finger sind kurz und ziemlich
abgeplattet. — Dum^ril endlich spricht von einer „queue
pointue" beim Euproctus. Der Schwanz beim pyrenäischen
Caudaten endet stumpf abgerundet.
Der pyrenäische Molch sieht im allgemeinen dem
Triton Karelinii Strauch ähnlich; er erinnert durch seine
Farben an Triton alpestris und cristatus, durch die Ab-
plattimg des Kopfes an Euproctus Rusconii, durch die
krötenartige Form seines Kopfes, die Abwesenheit des
Rückenkammes, die rauhe Beschaffenheit der Haut und in
seinen Bewegungen an Pleurodeles Waltlii. Die Gestalt
der Cloake bei ihm erinnert an den Pelonectes Boscai,
oder sogar an Triton alpestris. Durch die Anwesenheit
des Arcus fronto-temporalis reihet er sich an Triton hel-
veticus, Pelonectes Boscai, Pleurodeles- Waltlii, Euproctus
Rusconii und noch an etliche andere Arten. Endlich
können seine übrigen Skelettheile — einzeln genommen —
mit mehreren Urodelen-Species verschiedener Gattungen
parallelisirt werden. Ich lasse hier die allgemeinen Kenn-
zeichen sowohl des pyrenäischen als auch des sardinischen
Caudaten folgen. Da die Gattung Euproctus und diejenige
neue Gattung oder Untergattung, zu der die pyrenäische
Form gehört, so viel ich weiss, nur durch je einen Reprä-
sentanten vertreten sind ^), so befinden sich sicher unter
1) Die Ansicht Dumeril's, dass Triton Poireti Gervais der
Gattung Euproctus angehöre ist schon längst von Bonaparte und
Gervais widerlegt worden. Der betreffende Molch gehört einer
selbstständigen Gattung an, oder wenigstens einer Untergattung des
Pleurodeles Mich, und muss den Namen „Glossoliga Poireti" beibe-
halten. Es ist daher unmotivirt, wenn Glossoliga Poireti in einem
kürzlich erschienenen vergleichend -anatomischen Werke über den
1
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien n. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 239
den von mir tabellarisch zusammengefassten specifischen
Merkmalen etliche von generischem Werthe.
Euproctus Rusconii.
Körper schlank.
Haut mit wenig zahlreichen grös-
seren Körnern besetzt.
Ruderschwanz.
Nach hinten zu ist der Schwanz
stark zusammengedrückt ; er
endet papierdünn und ziemlich
spitz zu.
Eine vertiefte mediane Längslinie
am Rücken vorhanden.
Ziemlich grosse Mundöffnung.
Kleine (?) Zunge, vorn angewach-
sen, seitlich und hinten frei;
protractil?
Dünne, lange, cylindrische Zehen.
An der hinteren Kante des Unter-
schenkels (beim J) ist eine
spornartige Hervorragung vor-
handen.
Cloake beim J (stets?) kegel-
förmig.
Der Cloakenausgang beim ^
schaut nach hinten und oben ;
er ist also gegen die Unter-
tläche der Schwanzwurzel ge-
richtet.
Kleine Cloakenöffnung,
Beim 2 soll ^ie Cloake ähnlich
wie beim ^ gestaltet sein.
Die Cloakenöffnung beim ^ soll
nach hinten und nach oben
gerichtet sein.
Der pyrenäische Molch.
Körper plump.
Haut mit dicht aneinanderstehen-
deu Dornspitzen besetzt.
Greifschwanz.
Nach hinten ist der Schwanz
schwach zusammengedrückt ;
sein ziemlich dickes Ende ist
stumpf abgerundet.
Fehlt nahezu gänzlich.
Sehr kleine Mundöffnung.
Kleine Zunge, vorn und hinten,
ferner an den Seiten vorn an-
gewachsen ; schwach ausge-
prägte , rückwärts gelegene
Ränder.
Ziemlich kurze, dicke, abgeplat-
tete Zehen.
Fehlt.
Cloake beim brünstigen ^ er-
scheint etwa als ein stumpfer
Kegel.
Beim $ post nuptias ist ein
Cloakenhügel (mamelon anal)
vorhanden, also ähnlich wie
bei den ächten Tritonen (Fig.
86, 37).
Der Cloakenausgang beim J schaut
nach hinten und zum Theil auch
nach unten.
Grosse Cloakenöffnung.
Beim brünstigen $ stellt die
Cloake einen langen ausge-
zogenen, stumpf endenden Ke-
gel vor (Fig. 34). Beim $ post
nuptias ist der Cloakenkegel
weniger lang.
Beim l)rünstigen ^ ist die Oeff-
nung der Cloake nach hinten
und unten gerichtet.
Brillensalamander wiederum als Euproctus Poireti uns vorgeführt
wird. Ebenfalls falsch ist es, wenn der Verfasser dieses Werkes
angibt, dass sein Euproctus Poireti eine nordamerikanische Art sei.
240 J. V. Bedriaga:
Euproctus Rusconii. Der pyrenäische Molch.
? Beim $ post nuptias öffnet sich
der Cloakenkegel nach hinten.
Ziemlich niedrige Dornfortsätze Sehr hohe Dornfortsätze an den
an den Schwanzwirbeln. Schwanzwirbeln.
^) Die Annäherung beider Geschlech-
ter während der Begattung fin-
det durch die Vermittlung des
Schwanzes des J statt.
Ziemlich langer Schwanz. Kurzer Schwanz.
Gesammtlänge des J: 9,1. Gesaramtlänge des J: 12,1.
Schwanzlänge: 5,3. Schwanzlänge: 5,3.
Fundort: Sardinien. Fundorte: die Pyrenäen, Spanien
und Portugal (?) 2).
Ob die Allgen beim E. Rusconii hervortretend, ob
seine Zunge protractil und seine Cloake stets kegelförmig
aussieht, kann ich nicht mit Sicherheit angeben, weil ich
noch keine lebende Exemplare in Händen gehabt habe.
Die Synonym ie der pyrenäischen Form dürfte fol-
gende sein.
Hemitriton cinereus, rogosus, puncticulatus,
Bibroni, asper vel repandus Duges, Recherches
zoologiques sur les Urodeles de France. Ann. des Scienc.
nat. 3. Serie, Zool. Tom. XVII, 1852, pag. 253.
Triton glacialis Philippe in: Seance de l'Acad.
Montpell. pag. 20. 1847.
Triton pyrenaeus, cinereus, rugosus, puncti-
culatus, Bibroni, repandus Dumeril et Bibron,
Erpetologie generale, Tom. IX, 1854. p. 139, 150—154, 159.
Euproctus Rusconii Gene, Gervais, Note sur Ie
Glossoliga Poireti et l'Euproctus Rusconii. Ann. des Scienc.
nat. 3. Serie. Zool. Tom. XX, p. 312. — Alfr. Westphal-
Castelnau, Catalogue de la coUection de reptiles de feu
Alex. Westphal-Castelnau. Extrait du Compte-rendu
1) Ich glaube nicht, dass beim E. Rusconii die Annäherung
beider Geschlechter während des Begattungsactes vermittelst des
Schwanzes stattfindet und zwar aus dem Grunde, dass der Schwanz
bei ihm mit einem ziemlich stark ausgeprägten Flossensaume ver-
sehen ist.
2) Vergl. meinen Aufsatz über die geographische Verbreitung
der europäischen Lurche im Bull, de la Soc. Imper. de Moscou 1879,
No. 4, S. 339.
i
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 241
des travaux du Congres scientifique de France tenu ä
MoDtpellier, en decembre 1868. p. 57. — Euproctus
Rusconii Schinz, Rosenhaner, Die Tbiere Andalusiens.
Erlangen; 1856. S. 15. — Barbosa du Bocage, Liste
des Mammiferes et Reptiles observes en Portugal. Revue
et magas. de Zool. par Guerin-Meneville, XVI,
2. Serie, 1863.
Euproctus platycephalus Otto Bonap., De Betta,
Monografia degli Amfibi Urodeli Italiani. Mem. R. Istituto
Ven.; vol. XI, 1864, p. 556.
Triton platycephalus Otto, Strauch, Revision
der Salaraandriden-Gattungen, Mem. de TAcad. Imper. d.
scienc. de St. Petersb. VII. Serie, T. XVI. No. 4, S. 35.
Triton platycephalus Gravh, var. a, b, c, Schrei-
ber, Herpetologia europaea, S. 55 (1875).
Euproctus pyrenaeus D. B., Lataste, Liste des
especes de Batraciens anoures et urodeles de France.
Revue internationale des sciences, No. 42, p. 495 (1878). —
Boulenger, Quelques mots sur les euproctes. Bull. Soc.
Zool. de France 1878, p. 304. — De Betta, Nuova serie
di Note erpetologiche. Atti del R. Instituto Ven. di sc. e
lett. Ser. 5, T. V. (S. A., S. 27) 1879. - v. Bedriaga,
lieber Molge platycephala Gravenh. Zool. Anzeiger 1879,
S. 451; Ueber die geographische Verbreitung der europ.
Lurche im Bull, de la Soc. Imper. des natur. de Moseou,
No. 4. S. 321. 1880. — Boscä, Catalogue des reptiles et
amphibiens de la peninsule iberique etc. Bull. Soc. Zool.
de France 1881, p. 247.
Von den Fundorten des uns hier interessirenden
pyrenäischen Caudaten sind mir nur folgende bekannt:
Pyrenäen : Lac d'Oncet, Pic du Midi (nach F. Lataste),
Eaux-bonnes (nach Bibron und Tourneville), Lac Bleu
(nach Ph ilippe).
Spanien: Panticosa, La Junquera, La Cerdania (nach
Ed. Boscä) Malaga (nach Rosenhauer).
Portugal (nach Barbosa du Bocage).
Schliesslich möchte ich bemerken, dass die Ver-
muthung Reichenba ch's (vergl. seinen Aufsatz: „Ein
zweifelhafter Triton und eine ausgezeichnete Varietät von
Archiv f. Natiirg. XLIX. Jahrg. ]. Bd. 16
242 J. V. Bedriaga:
Euprepia Villica." Dresden 1865) seine „gelbe Varietät"
des Triton eristatus sei vielleicht mit dem pyrenäischen
Molch identisch, als verfehlt zu betrachten.
Die hier mitgetheilten Ergebnisse meiner, wenn auch
lückenhaften Untersuchungen dürften zur Genüge beweisen,
dass wir dem von Strauch mit Bezug auf die Classification
der tritouenartigen Urodelen eingeschlagenen Wege nicht in
allen Punkten folgen können. Abgesehen davon, dass Triton
platycephalus aus dreien, heuer von den meisten Autoren
als verschieden anerkannten Formen besteht, können diese
Formen wohl kaum als Arten der Gattung „Triton" gelten
und zwar schon desshalb nicht, weil Megapterna montana
keiner von denjenigen drei Gruppen angehört, aus denen
Strauch zufolge die Sippe „Triton" bestehen soll. Wir
müssten entweder eine vierte Gruppe hinzufügen, welche
diejenigen Arten, bei denen weder ein Arcus fronto-tempo-
ralis noch ein Rückenkamm vorhanden ist, umfassen würde
oder müssen wir die ünterabtheilungen Strauch's gänzlich
fallen lassen. Sowohl ersteres als auch letzteres ist, sobald
man die Sippe Triton im Sinne Strauch's auffassen will,
nicht gut ausführbar. Uebrigens würde die Hinzufügung
einer vierten Gruppe, deren Repräsentant die corsikanische
Megapterna wäre, von selbst die Auflösung der Strauch-
schen ünterabtheilungen herbeiführen, weil diese vierte
Gruppe einerseits der sub Rubrik 1 von Strauch uns
vorgeführten, andererseits der sub Rubrik 3 von ihm vor-
geschlagenen Gruppe sicher zum Nachtheil dienen würde.
Der Umstand, dass Strauch bestrebt gewesen ist eine
möglichst einfache Classification der Salamandriden zu
liefern und mit Recht sich gegen die verwerfliche Zersplitte-
rungsmethode seiner Vorgänger erklärte, dabei aber es
dennoch für noth wendig erachtete, seine an Arten umfang-
reiche Gattung „Triton" in Gruppen zu sondern, beweist
hinlänglich, dass diese hier am rechten Platze sind. Diese
„Gruppen" können, meiner Ansicht nach, eigentlich nichts
anders als Untersippen, Rotten oder Unterrotten vorstellen,
denn nur diese finde ich in den neuesten und rationell
durchgeführten Stufenleitern der subordinirten Categorien
ßeitr. z. Kenntniss cl. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 243
erwähnt '). Sowohl in der Theorie als auch in der Praxis
würde ein eventuelles Ausbleiben der Abtheilungen zweiter
Ordnung* im Urodelensystem sich nicht bewähren, weil
wir z. B. in der Gattung „Triton" die heterogensten Ele-
mente vorfinden. Eine Genus-Diagnose müsste aus ent-
gegengesetzten Merkmalen bestehen und würde sich infolge-
dessen verworren und vague ausnehmen. Wenn wir ferner
die Thatsache in Betracht ziehen, dass eine Anzahl der-
jenigen Formen, welche in den Triton-Genus einverleibt
worden, noch nicht genügend bekannt sind und zugeben,
dass diese wenig bekannten Formen uns möglicherweise
noch etliche Ueberraschungen bieten dürften — dabei
brauche ich nur auf Triton platycephalus oder Triton Poireti
hinzudeuten — , so mtissten wir uns vielleicht dahin neigen die
exotischen, wenig bekannten Formen unter ihrem ursprüng-
lichen Namen anzuführen; dabei bliebe uns aber gewiss über-
lassen, dieselben nur als provisorische Benennungen, faute
de mieux, zu betrachten. Folgten wir beispielsweise der
Ansicht Lataste's, Boulenger's und Tourneville's in
Bezug auf die Einführung von Untergattungen in den Genus
„Triton'', so wäre uns dann die Möglichkeit geboten, ein-
zelne Untersippen, welche nachträglich eingehend unter-
sucht werden würden, eventuell dem erwähnten Genus zu
entziehen, ohne dass demselben daraus ein bedeutender
Nachtheil erwachsen würde, jedenfalls würde dies keine
Umwälzung der Grunddiagnose nach sich ziehen.
Die Voreingenommenheit gegen die Zersplitterung der
Categorieu ist zum Theil allerdings dadurch gerechtfertigt,
dass die Auetoren und Autoren meistens darauf zielen,
ihre Diagnosen allzu kurz zu formuliren und folglich nur
einzelner Kennzeichen gedenken. Ein schablonmässiges
Vorgehen in der Classification ist aber der Natur wider-
sprechend und führt uns leicht irre. Kürze und zugleich
Präcision sind in den Diagnosen, wie wir es aus den zahl-
reichen Versuchen die Urodelen zu classificiren ^) schliessen
1) Vergl. z. B. Häckel's Generelle Morphologie II (1866).
2) Meiner Ansicht nach werden wir uns so lange von kurzen
Diagnosen mit Bezug auf die tritonartigen Lurche enthalten müssen,
244 J. V. Bedriaga:
können, nur selten erreicht worden. In der uns hier
interessirenden Gruppe wurde entweder die Beschaffenheit
der Haut zum generischen Charai5:ter erhoben oder es spielte
die Anordnung der Gaumenzähne die wichtigste Rolle.
Andere Systematiker lenkten ihre Aufmerksamkeit haupt-
sächlich auf die An- oder Abwesenheit des Frontotemporal-
bogens oder des Rückenkammes oder endlich auf die
Befestigungsweise der Zunge. Selbstverständlich bewährte
sich ein dergleichen Pedantismus in den Eintheilungs-
methoden nur eine Zeitlang, um neuen ebenfalls einseitigen
Ansichten Platz zu machen. Und dennoch gibt es, glaube
ich, ein Mittel, den Categorien von untergeordnetem Werthe
eine längere Lebensdauer zu verleihen und die extremen
Ansichten mit Bezug auf die Eintheilung der tritonenartigen
Schwanzlurche zu neutralisiren. Man versuche nämlich den
Laurent i'schen Genus „Triton" in Untergattungen zu
spalten und erwähne in den subgenerischen Diagnosen
mehrerer der hervon-agendsten, specifischen Kennzeichen.
In diesem Fall dürften wir unter anderem folgende gut
definirte Subgenera erhalten:
Subgenus Triton (im engeren Sinne des Wortes!)
mit Tr. cristatus, marmoratus, palustris, Blasii
etc. als Repräsentanten.
Subgenus Hemitriton Duges repräsentirt durch
den, in den Pyrenäen und in Spanien einheimischen und
in dieser Arbeit zum Vergleich gezogenen Hemitriton
pyrenaeus D. B.
Subgenus Pelonectes Lataste. — Species: P.
Boscai.
Ferner könnten vielleicht die Gattungen Euproctus
Gene und Megapterna Savi zu Untergattungen degradirt
und der Gattung Triton — allerdings mit einigen Schwierig-
keiten — subordinirt werden. Eher dürften aber die Genera
bis der Begattungsmodus bei sämmtUchen, oder wenigstens bei den
meisten Formen bekannt sein wird. Ich bin fest überzeugt, dass die
Zeit naht, wo die Art und Weise, wie die Begattung bei den Caudaten
vor sich geht, eine hervorragende Stelle in den Diagnosen einnehmen
und vielleicht an und für sich als genügendes, subgenerisches oder
selbst gener isches Merkmal gelten wird.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 245
Pleurodeles Mich., Glossoliga Bonap. und bis auf
weiteres die fremdländischen Cynops Tschudi, Triturus
Raf. etc. der Gattung Triton untergeordnet werden. Triton
Montandoni Bouleuger und Triton helveticus Razoum.
dürften vielleicht als Repräsentanten besonderer Uebergangs-
genera betrachtet werden.
Indem ich vorläufig meine Untersuchungen über die
hier in Rede stehenden Molche abschliesse, will ich noch-
mals des merkwürdigen Schicksals der Creationen Savi's
und Gene's gedenken. Von Gravenhorst im Jahre 1829
unter dem Namen „Molge platycephala" vereinigt, wurde
sowohl Megapterna montana als auch Euproctus Rusconii
nach einem Jahrzehnt als verschiedene Species und Genera
beschrieben, um wiederum, aber diesmal unter ganz anderen
Umständen, von Bonaparte zusammengeworfen zu werden.
Es entstand somit anfangs ein „Euproctus platycephalus'*,
späterhin ein „Triton platycephalus.^^ Erst im Jahre 1878
gelang es Giglioli und mir nachzuweisen, dass Triton
platycephalus der Autoren einerseits und dass Molge platy-
cephala Gravenh. andererseits ein Gemisch aus Megapterna
und Euproctus sei. Vierzig Jahre lang also befanden wir
uns im Irrthume und kehren erst jetzt zu den Ansichten
Savi's und Gene's zurück!
2. Salamandra maculosa Laur. var. corsica Savi.
Literatur und Synonymie:
1838. Salamandra corsica Savi, Descrizione d'alcune
nuove specie di Mammiferi e Rettili italiani in:
Nuovo Giornale de letterati. T. XXXVII, No. 102,
p. 208.
1839. Salamandra moncherina(corsica)Bonaparte,
Iconografia della Fauna italica. IL Anfibi, fasc.
XXVI, fol. 131. tav. fig. 1.
1852. Salamandra corsica (Savi) Duges, Recherches
zoologique sur les Urodeles de France in: Ann.
des scienc. nat. 3. Serie, T. XVII, p. 258. (Le
cräne d'apres Bonaparte, pl. 1, B. fig. 4 et 5.)
246 J. V. Bedriaga:
1854. Salamandra corsica (Savi) Dumeril et Bi-
bron, Erpetologie generale. T. IX p. 61. Atlas
pl. 103, fig. 2, l'interieur de la bouche.
1864. Salamandra corsica (Savi) De Betta, Mono-
grafia degli Amfibi urodeli Ualiani. Memor. dcll'
R. Istituto Ven. di scienze, lett. ed arti, p. 520.
1870. Salamandra maculosa var. corsica Strauch,
Revision der Salamandriden-Gattungen in: Meni.
de l'Acad. Imper. des sc. de St. Petersb. VII. Serie,
Tom. XIV, No. 4, 1, p. 30.
1874. Salamandra corsica (Savi) De Betta, Rettili
ed Amfibi in: Fauna d'Italia, IV. Miliano bei
Valardi (S. A., p. 80).
1875. Salamandra maculosa Laur. Schreiber, Herpe-
tologia europaea, S. 81.
1878. Salamandra corsica (Savi) Giglioli, Corsican
Herpetology in: Nature Dec. 5 (London).
1879. Salamandra corsica (Savi) Giglioli, Beiträge
zur Kenntniss der Wirbel thiere Italiens im: Arch.
f. Naturg. S. 93—100.
1879. Salamandra maculosa var. corsica v. Be-
driaga, Ueber die geographische Verbreitung der
europäischen Lurche in: Bull, de la Soc. Imper.
des natur. de Muscou. No. 4, S. 339.
1880. Salamandra corsica (Savi) Giglioli, Elenco
dei Mammileri, degli Uccelli e dei Rettili ittiofagi
appartenenti alla Fauna italica e Catalogo degli
Anfibi e dei Pesci italiani, p. 16 (Firenze).
„II Dott. Tito Chiesi", sagt Savi in seiner oben
citirten Abhandlung, „. • • • ritornando da un viaggio fatto
in Corsica . . . mi favori due rettili della famiglia de'
Salamandridi, . . . L'uno di detti rettili appartiene al
genere Salamandra: e un poco piü grande della comune
Salamandra maculosa, e con essa ha una tal quäle affinitä:
cosi che onde far risaltar meglio i suoi caratteri di lui
uniro quella della comune Salamandra. A questa nuova
specie daro il nome di Salamandra corsica."
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 247
Was nun die Unterscheidung dieser zwei „Salamander-
Arten" betrifft, so wurde dieselbe in erster Linie auf die
Verschiedenheit der Richtung der Gaumenzahnreihen basirt.
Während bei dem italienischen, gefleckten Molche die ge-
schwungenen Gaumenzahnreihen jederseits etwa die Form
eines S nachahmen, oder zusammen „eine etwa glocken-
artige Figur darstellen" ^), sollen dieselben beim corsika-
nischen Landsalamander, nach der Angabe Savi's, in ihrer
hinteren Hälfte parallel laufen und nah aneinander liegen;
in ihrem vorderen Abschnitte aber sollen sie stark aus-
einander weichen und halbkreisförmig sich krümmen, um
alsdann gegen ihre vordersten Enden hin sich einander
zu nähern und eine kurze Strecke wiederum nahezu parallel
zu laufen. Die rückwärts gelegenen Enden der Vomero-
palatin-Zahnreihen endlich sollen divergiren ^). Alsdann
hebt Savi hervor, dass bei seiner corsica der Kopf breiter
als lang, dass die äusserste Hinterzehe rudimentär und
dass der Schwanz fast zusammengedrückt erscheint. Ferner
sollen die Parotiden länger als breit, die Rückenporen
wenig zahlreich und die plattgedrückten Finger durch
schwach ausgebildete Spannhäute versehen sein. Endlich
fügt Savi hinzu, dass bei Salamandra corsica die gelben
Flecken kleiner und weniger zahh-eich sind als bei S.
maculosa und dass letztere die Körpermaasse seiner neuen
Species nicht erreicht.
Da die oben citirte Abhandlung von Savi selten und
schwer zugänglich ist, so glaube ich im Interesse des Lesers
zu handeln, wenn ich die Diagnose sowohl der S. corsica
als auch der S. maculosa an dieser Stelle abdrucken lasse.
Della Salamandra corsica. — Descrizione. Testa
assai piü larga che lunga, misurando la sua larghezza all'
articolazione delle mascelle, e la lunghezza dal forame
occipitale alF apice del muso. Denti della mascella supe-
riore e inferiore picolissimi. Denti palatini disposti in
due Serie: approssimate e parallele per due terzi della
loro lunghezza; presse Tangolo anteriore della fossa orbi-
1) Vergl. Fig, 30 b (nach Savi!).
2) Vergl. Fig. 30a (nach Savi!).
248 J. V. Bedriaga:
tale bruscamente divergono, e poi ripiegansi in modo, che
tornando ad accostarsi intercettano uno spazio circolare:
indi giunto di nuovo sulla linea media si riuniscano, e per
piccolo spazio scorrano nuovamente parallele; disposte
insomma come nelle figura qui unita (Vergl. Fig. 30 a).
L'estremitä posteriore di ciascuna di queste serie e per
un piccolo tratto divergente ad angolo, verso la respettiva
articolazione delle mascelle. Lingua circolare, mediocre-
mente larga, libera sü i lati e posteriomente. Glandole
postorbitali poco piü lunghe che larghe, mnnite di un scarso
numero di pori. Fori dorsali radi, poco distinti Estremüä
anteriori con quatro dita, subcompresse, subpalmate, senza
iinghie. Estremitä posteriori con cinque dita, subcompresse,
subpalmate. Dito esterno rudimentario : secondo e medio
subeguali: quarto assai piü lungo del primo e esterno:
quinto, o interno, quasi rudimentario, e piü corto dell'
esterno. Coda conica, subcompressa, piü corta della metä
di tutto Fanimale. Colore nero con rade macchie gialle.
üna macchia poco visibile sulle narici, una sü ciascuna
orbita e sulle parotide; altre assai piccole sparse sul dorso,
sü i fianchi, sulla coda; sulle estremitä tanto anteriori che
pnsteriori non ve ne sono che delle piccolissime. Le parti
inferiori hanno un colore nero tendente allo scuro, e vi
son delle macchie gialle, poco visibili. Dimensioni: Lung-
hezza totale: poU. 6 lin. 9. Lunghezza della testa: lin. 8.
Larghezza delle testa, alla sua base: lin. 9V2. Lunghezza
delle estremitä posteriori: poll. 1 lin. 4. Lunghezza della
coda: poll. 3. Distanza fralle estremitä anteriori e le
posteriori : poll. 2. — Costumi. Abita i monti della Corsica.
II Dott. Tito Chiesi trovö l'individuo qui sopra descritto
SU quelli di Lucardo in luogo umido, sotto dei grossi massi:
e ne vedde una coppia sü i monti di Niolo. In quell' isola
e denominata Cane montile.
Salamandra maculosa Laurenti: — Descrizione.
Testa tanto lunga che larga, misurando la larghezza all'
articolazione delle mascelle, e la lunghezza dal forame
occipitale all' apice del muso. Denti della mascella superiore
piccolissimi, e piü nuuierosi che nella specie precedente.
Benti palatini disposti in due serie curvate in modo da
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 249
intercettare uno spazio spatoliforme corto e largo, il manico
del quäle e rivolto verso le fauci: ciascheduna serie alla
siia estremitä posteriore diverge verso rarticolazione della
corrispondente mascella, uon con un angolo ma con dolce
curva: la estremitä anteriori non si toccano; come si puö
vedere nell' annessa figura (Vergl. Fig. 30 b). Lingua cir-
colare, mediocremente larga, libera su i lati e posterior-
mente. Glandole postorbitali reniformi assai piu lunghe
che larghe, traforate da molti pori. Pori dorsali numerosi,
ben distinti. Estremitä anteriori con quatro dita, subtereti,
libere, senza unghie. Estremitä posteriori con cinque
dita, libere, distinte. II primo dito, o Testerno, assai lungo
e subeguale al quarto : il secondo ed il terzo sono i piü
limghi, e son subeguali fra loro: il qiiinto, o interne, e piü
corto di tutti. Coda conica, terete, poco piü corta della
metä di tutto l'aniniale. Colore nero d'incbiostro, con molte
macchie gialli, grandi e ben distinte, tanto sulle parti
superiori, che sulle inferiori, sulle estremitä e suUa coda.
Dimensioni: Lunghezza totale: poll. 5 lin. 11; della testa:
lin. 7. Larghezza della testa, alla sua base: lin. 7. Lung-
hezza delle estremitä anteriori : poll. 1 ; delle estremitä
posteriori: poll. 1 lin. 2; della cauda: poll. 2 lin. 9. Distanza
fralle estremitä anteriori e posteriori : poll. 1 lin. 8. Costumi.
Abita negli Appennini. Abbondante sü i monti di Serra-
vezza."
Die Savi'sche Salamandra corsica ist von einigen
Autoren entweder als gute Species anerkannt (Bonaparte,
Duges, Giglioli) oder als solche mit einigen Zweifeln
angeführt worden (Dumeril, Bibron, De Betta, Fatio).
Andere betrachten sie bald als eine Varietät (Strauch), bald
als eine „nicht einmal besonders scharf ausgeprägte Local-
varietät" (Schreiber, Brehm). Als ich meinen Aufsatz
über die geographische Verbreitung der europäischen Lurche
verlasste, schloss ich mich der Ansicht Strauch's an ^)
1) „In neuester Zeit", sagt Strauch, „hat Betta beide
Arten (S. maculosa und corsica I) genau verglichen und behauptet,
dass sie nicht bloss in der Stellung der Gaumenzähne, sondern auch
in der Form des Kopfes, der Zunge, des Schwanzes und der Zehen,
250 J. V. Bedriaga:
und erhielt darauf hin folgende briefliche Mittheilung von
Herrn F. Lataste: „La disposition des dents palatines
m'a paru tres variable chez les echatillons taut africains
que frauQais ou espagnols et je ne crois pas du tout ä
l'existence de Salamandra corsica."
Seitdem hatte ich Gelegenheit lebende corsikanische
Salamander mit andern, aus Heidelberg und Algierien
stammenden Stücken zu vergleichen und habe mich von
der Richtigkeit der Strauch'schen Vermuthung überzeugen
können. Die Gaumenzahnreihenanordnung bei den aus
Bastelica (Corsika) stammenden Individuen dieses Molches
ist ganz und gar dieselbe wie bei der continentalen macu-
losa (Vergi. Fig. 29 a, b und c). Was die übrigen Skelet-
verhältnisse betrifft, so habe ich gleichfalls keine nennens-
werthen Abweichungen finden können und bin der Ansicht,
dass der algierische gefleckte Salamander mit Bezug auf
die gegenseitigen Maassverhältnisse der einzelnen Körper-
regionen schon eher von dem Continental - europäischen
Molche verschieden sich ausnimmt und als eine selbstständige
Form gelten könnte. Von denjenigen äusseren Merkmalen,
deren Sa vi bei Salamandra corsica gedenkt, sind mir nur
wenige aufgefallen; das sind: die Abplattung der Finger,
namentlich an den Hinterextremitäten (Vergl. die Abbildung
von S. corsica in der Fauna italica), die, im Vergleich zum
algierischen oder sogar zum Heidelberger Salamander,
kurzen mit schwach entwickelten Spannhäuten verbundenen
Hinterzehen und endlich die geringe Anzahl der Poren auf
den Rumpfseiten ^).
in der Zahl der Kieferzähne, in der Beschaffenheit der Haut, in der
Färbung und Zeichnung, — kurz ziemlich in allen Punkten von
einander abweichen, jedoch sind alle diese Abweichungen so ausser-
ordentlich gering, dass sie mir individuell und folglich ganz unwe-
sentlich zu sein scheinen, und da mir Exemplare vorliegen, bei
denen die Gaumenzahnreihen hinsichtlich der Krümmung die Mitte
zwischen beiden Arten halten, so glaube ich die Salamandra corsica
Sa vi höchstens für eine Varietät der Salamandra maculosa Laur.
erklären zu müssen."
1) Duges, 1. c, gibt an, dass die beim corsikanisehen Sala-
mander langen Parotidenwülste als „caracteres positifs" betrachtet
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 251
Diese sämmtlicben Kennzeichen können selbstver-
ständlich nicht als specifische gelten und man muss sich
geradezu wundern, dass diejenigen Autoren, welche den
insulanischen gemeinen Salamander als eine gute Species
betrachten, zugleich die corsikanische Megapterna entweder
als Euproctus montanus bezeichnen, oder gar mit Euproctus
Rusconii confundiren. Sollte man sich aber auch fernerhin
geneigt fühlen die corsikanische Salamandra maculosa unter
einem besonderen Speciesnamen beizubehalten, so könnten
in diesem Fall die Kennzeichen der algierischen Abart zum
generischen Charakter erhoben werden ! !
Da der algierische Salamander wohl nächstens von
anderen in einer speciellen Arbeit über die Reptilienwelt
Algieriens berücksichtigt werden wird, so will ich davon
absehen, auf die Eigenthümlichkeiten dieser Form näher
einzugehen und mich damit begnügen, die Maasse der
drei aus Bastelica, Heidelberg und Algierien stammenden
Exemplare anzugeben.
a
<D
Totallänge des Thieres
Länge des Kopfes
„ „ Rumpfes
„ „ Schwanzes
Kopfbreite (in der Gegend des Gelenk-Endes
vom Unterkiefer gemessen)
Grösste Höhe des Kopfes
Länge der 3. Hinterzehe
„ „ äussersten Hinterzehe
mm
150
19
56
75
15
6
7
3
Die mir bekannt gewordenen corsikanischen Fundorte
des gefleckten Salamanders sind; Bastelica, Cauro, Bocog-
werden müssen. Darauf hin muss ich erwidern, dass die Oberdrüsen
bei der continentalen S. maculosa verschieden geformt und manch-
mal auch nierenförmig erscheinen. — Beim algierischen Salamander
dagegen weisen die wenig sichtbaren Parotidenwülste auch mit
Bezug auf ihre Configuration Eigenthümlichkeiten auf.
252 J. V. Bedriaga:
nano, Fozze di Vizzavona, das Lucardo-Gebirge und der
Niolo (nach Savi), Orezza, Cap Corso und Cervione. In
der zuletzt genannten Localität sollen auffallend grosse
Exemplare vorkommen.
Nach Dumeril und Bibron soll die Var. corsica
auch in Algierien einheimisch sein, was ich jedoch sehr
bezweifle. Die mir vorliegende Form des gefleckten Sala-
manders aus Bona hat nichts im Gemeinen mit der cor-
sikanischen; sie sieht eher der europäischen ähnlich, darf
aber demungeachtet nicht mit der letzteren identificirt
werden. Ich möchte mir erlauben die Laurentische Sala-
mandra maculosa in drei Varietäten zu sondern. Die all-
gemein bekannte, plump aussehende, „typische" Form
könnte Var. europaea heissen; die mit kurzen, abgeplatteten
und mit schwach ausgebildeten Spaunhäuten verbundenen
Fingern versehene, ebenfalls plump aussehende corsika-
nische Form dürfte die Savi'sche Benennung „corsica" als
Varietätsnameu beibehalten. Endlich die dritte, in Algierien
(Mont Edough bei Bona) einheimische, schlanke, platt-
köpfige, mit langen Fingern und glatter Haut versehene
Form müsste Var. algira heissen.
Auf S. 58 (Bd. IX) der generellen Herpetologie finden
wir einen algierischen gefleckten Molch, als eine Abart
der maculosa Laur. bezeichnet. Demzufolge würde nach
Dumeril und Bibron die Fauna Algieriens zwei Formen
des Salamanders, und zwar Salamandra corsica und S.
maculosa var., aufweisen. Diese Angabe scheint mir um-
somehr apokrypher Natur zu sein, als weder Lallemant
in seiner „Erpetologie de FAlgerie ou Catalogue synoptique
et analytique des reptiles et amphibiens (Paris)" noch
Guichen ot (nach Strauch!) in seinen „Reptiles et poissons
dans l'Exploration seien tifique de l'Algerie (Paris 1850)" der
corsica, var. od. spec, erwähnen, sondern die in Oran,
Kabylien und Bona einheimische maculosa namhaft machen.
Salamandra maculosa var. corsica bewohnt vorzugs-
weise die Kastanienwälder und wird zur Regenzeit, also
im Frühjahre und im Spätherbste, massenweise unter abge-
fallenem Laube angetroffen. Zur heissen Jahreszeit dagegen
fällt es sehr schwer auch nur eines aus2:ewachsenen Indi-
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. "Reptilien d. Fauna v. Corsika. 253
vidiiums habhaft zu werden. Die Thiere verkriechen sich
nämlich in hohle Baumstämme oder unter Gewurzel, um
hier eine Art Sommerschlaf zu halten. Grosse 50 mm lange
Larven und junge Exemplare habe ich dagegen auch im
Sommer sammeln können. Letztere halten sich unter Moos
und abgefallenem Laube in der Nähe von fliessenden Ge-
wässern auf. Dass Steine, wie es sonst angegeben wird, dem
Salamander als Herberge dienen, kann ich nicht bestätigen.
Bei den Corsen gelten die Salamander als höchst
giftige Thiere, namentlich im Süden der Insel (z. B. in
Bastelica) werden entsetzliche Dinge über diese harmlose
Geschöpfe erzählt und es ist mir während meines Aufent-
haltes in Bastelica und Bocognano nicht ein einziges Mal
gelungen, jemanden dazu zu bewegen, mich mit Salaman-
dern zu versorgen. Im Norden der Insel heissen die Sala-
mander: Cadelli lurchi; im Süden aber sind sie unter
dem vulgären Namen „Cadelli montanilli" und nicht „Cane
montile'S wie er sonst von den Autoren angegeben wird,
bekannt. „Cane montile, Trota canina" sind vielmehr
sardinische Namen für Spelerpes Genei Schleg. und Eu-
proctus Rusconii.
Die Angaben Fatio's (Faune des Vertebr^s de la
Suisse, vol. III, p. 491) und De Betta's, dass auf Sar-
dinien Salamandra maculosa durch die S. corsica Savi
vertreten wird, bezweifle ich, seitdem ich darüber Erkun-
digungen eingezogen und erfahren habe, dass Salamander
überhaupt auf dieser Insel nicht vorkommen. Das nämliche
hat bereits Schreiber hervorgehoben.
Zum Schluss will ich bemerken, dass Reichenbach
(1. c.) vermuthet, dass die Wurfbain'sche „Salamandra
Aldrovandi aquat. atra, semicircularis in dorso albicantibus"
(Vergl. Job. Pauli Wurfbainii Salamandrologia. Norim-
bergae 1683) eine verbleichte Salamandra corsica vorstellt!
3. Hyla viridis L.
Die im Museum zu Basel aufbewahrten Laubfrösche
stammen aus Ajaccio. Das mir vorliegende corsikanische
Exemplar habe ich tauschweise erhalten; der Fundort ist
254 J. V. Bedriaga:
mir leider unbekannt geblieben. Den Angaben meiner
Correspondenten 7Aifolge kommen Baumfrösche im Früh-
jahre in den Gärten Bastias in grosser Menge vor. Meine
corsikanische Hyla viridis sieht derjenigen aus Sardinien
sehr ähnlich. Bei beiden treten die dunklen Kopf- und
Afterstreifen schwach hervor; erstere laufen bis an die
Wurzeln der Vorderextremitäten hin. Der graugrüne Rücken
ist mit dunklen Flecken besäet.
4. Discoglossus pictus Oth.
Literatur und Synonymie.
Discoglossus pictus Oth., Müller, Katalog der im
Museum und Universitätskabinet zu Basel aufgestellten
Amphibien und Reptilien in: Verhandl. d. Naturf. Gesells.
in Basel 1878. S. A., S. 582. - De Betta, Fauna d'ItaliaIV,
1. c, S. 68. — Giglioli, Beiträge zur Kenntniss der Wirbel-
thiere Italiens, 1. c, S. 93. — Lata st e, Etüde sur le Disco-
glossus pictus Oth. in : Actes de la Soc. Linn. de Bordeaux,
Tome XXXIII, p. 275-341, pl. III- V. — Schreiber,
lierpetologia europaea, S. 114. — v. Bedriaga, lieber
die geographische Verbreitung der europäischen Lurche,
1. c, S. 339.
Discoglossus pictus ist der gemeinste Anure der Insel,
namentlich werden im Prunelli bei Bastelica stattliche
Exemplare angetroffen. Hinsichtlich der Färbung und
Zeichnung zeigt diese Art eine überaus grosse Veränder-
lichkeit. Die rostbraune, nahezu ungefleckte und die hell-
nussbraune, spärlich gefleckte Varietät (Vergl. Lataste,
op. c, 1. c, Taf. III, Fig. a und b) kommt in Gemeinschaft
mit der scharf gezeichneten Abart vor. Letztere erinnert
im Allgemeinen an diejenige Form des Discoglossus, welche
von Lataste auf seiner Taf. IV (Fig. c) dargestellt worden
ist. Ihre Grundfarbe ist licht aschgrau. Zahlreiche, von
weiss, gelblichweiss oder ganz hellgrau umsäumte, bald
dunkelgrüne, bald braungrüne und unregelmässige Flecken
heben sich vom hellen Grunde ab. Zwischen den Augen
Beitr. z. Kenntnissd. Amphibien ii. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 255
befindet sich eine vorn scharf hell umsäumte Querbinde,
welche nach rückwärts zu zwei Schenkeln sendet. In der
Mitte des Rückens ist eine sternartige, dunkelgrüne Figur
vorhanden, in deren Mitte sich ein grauweisser, wiederum
sternf()rraiger oder dreieckiger Flecken befindet. Das Grau-
weiss tritt hier stets blasser auf als dasjenige, welches als
Grundton gilt. Zahlreiche, roth gefärbte Wärzchen zieren
namentlich die Körperseiten. Diese rothe Färbung ver-
schwindet alsbald bei den in der Gefangenschaft gehaltenen
Stücken und ich wäre geneigt gewesen dieselbe als eine
Zierde, welche periodisch auftritt, zu betrachten, wären die
jungen Individuen nicht ebenfalls mit gleichen Flecken ver-
sehen gewesen. Die in Form von Längsleisten auftretenden,
seitlichen Drüsenreihen sind bei dieser Spielart kürzer und
weniger stark ausgeprägt als bei den zwei übrigen auf Cor-
sika lebenden Varietäten der in Rede stehenden Art, Oefters
trifft man Exemplare, bei denen die Makeln verschwommen
erscheinen, also ähnlich wie es von Camerano auf seiner
Taf. III (Fig. 4) ^) angegeben worden ist, oder solche, bei
denen die Oberseite aller Körperregionen dunkel, nahezu
schwarz erscheint. Letztere gehören aber keineswegs einer
besonderen Varietät an; die Verdunkelung der Haut tritt
nämlich nur zeitweise auf, um schliesslich einem hellen Ton
Platz zu machen.
Discoglossus pictus ist kürzlich so eingehend und
musterhaft von F. Lataste beschrieben und abgebildet
worden, dass es schwer sein würde etwas hinzuzufügen.
Ich will nur noch mit Bezug auf meine corsikanischen
Stücke erwähnen, dass das Trommelfell entweder gar nicht,
oder nur sehr wenig sichtbar ist, dass die Zeichnung
bereits bei der vierbeinigen Larve scharf ausgeprägt er-
scheint, dass die längsgebänderte oder gestreifte Form
(Vergl. Lataste's Taf. IV, Fig. d) auf Corsika fehlt und
endlich, dass die Verwandlung der Larven in den milden
Gegenden der Insel, z. B. in Orezza, Bastia, Cap Corso,
im August stattfindet, dass aber in den höheren Regionen
1) „Studi sul Genere Discoglossus Ottli." in: Atti della R.
Accad. delle di Torino, Vol. XIV,
256 J. V. Bedriaga:
Corsikas, wie z. B. in Bastelica oder Bocognano, die
Larven sich erst im September verwandeln.
Den Discoglossus pietus habe ich in folgenden Ge-
genden Corsikas mit Erfolg gefischt: Corte^ Vivarrio, Bo-
cognano, Bastelica und Orezza. Die Exemplare des Basler
Museums stammen aus Ajaccio.
5. Rana esculenta L. subsp. viridis Roesel.
(=Rana esculenta autor.)
Die mir vorliegenden Stücke des grünen Frosches
stammen aus einem Bache unweit Orezza. In den gebir-
gigen Gegenden Corsikas ist diese Art sehr selten; die auf
dem Markte zu Bastia feilgebotenen Ranae esculentae
stammen aus den Sümpfen unweit des Lago Biguglia. Der
Vorsteher des Basler Museums, F. Müller, kennt die in
Rede stehende Art aus Ajaccio ^).
Meine Vermuthungen darüber, dass subsp. viridis auf
Sardinien einheimisch sei ^), ist insofern bestätigt worden,
dass Corona und Fanzago^) sie neuerdings dort ent-
deckt und erklärt haben, sie sei nach Sardinien verschleppt
worden.
6. Bufo variabilis Fall.
Literatur und Synonymie: Bufo variabilis (Laur.),
F. Müller, op. cit., 1. c. — Bufo variabilis (Fall.) v. Be-
driaga, op. cit., 1. c.
Bufo variabilis ist mir aus zwei corsikanischen Loca-
litäten bekannt und zwar aus der Umgebung Bastias und
Ajaccios. Die von mir im Jahre 1878 im April bei Bastia
erbeuteten Exemplare und Larven stehen mir augenblick-
lich nicht zur Verfügung, ich ersehe jedoch aus meinem
1) Vergl. dessen Katalog der im Museum und Universitäts-
kabiuet zu Basel aufgestellten Amphibien und Reptilien, 1878.
2) Bulletin de la Soc. Imper. de Moscou 1881, Nr. 2, S. 299.
3) Sulla Rana esculenta L. importata alla Sardcgna, Estr. dallo
„Spallanzani", Riv. di Sc. med. etc. 2. Ser. Anno IX, Fase. ^/g.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika, 257
Notizbuche, dass sie so gut wie gar nicht von dem conti-
nentalen Bufo variabilis abweichen. Aus Sardinien besitze
ich ebenfalls ein Stück dieser Art. — Bei dieser Gelegen-
heit will ich bemerken, dass meine auf Musealetiquetten
begründeten Angaben hinsichtlich des Vorkommens des
Bufo calamita ^} und Bombinator igueus auf Sardinien ^)
einer Bestätigung noch harren. Dass Musealetiquetten
öfters, namentlich wenn die betreffenden Stücke durch
Vermittlung von Naturalienhandlungen erworben sind, apo-
kryphe Fundortsangaben enthalten und dass dieselben folg-
lich mit Vorsicht zu citiren sind, habe ich selbstverständ-
lich erst nach und nach einsehen können. Den in Rede
stehenden Arten müsste in meinem Aufsatze über die
geographische Verbreitung der Lurche Europas (siehe
Tabelle XVI) eher ein Platz unter den Arten von zweifel-
haftem Vorkommen eingeräumt werden. Bonaparte
lässt sich folgenderweise über die Kröten Sardiniens ver-
nehmen : „Bufo viridis. — E forse l'unico della Sardegna,
ove lo chiamano Rana Pabeddoso, ovvero Rana pintada."
In seinem Capitel über Bufo vulgaris widerspricht sich
übrigens der Verfasser der „Iconografia della Fauna Ita-
lica" wenn er angibt, dass das Pariser Museum Exem-
plare des Bufo carbunculus (= Bufo vulgaris nach Bona-
parte!) aus Marseille, Sardinien und Ligurien besitzt.
Nach Lessona (1. c.) soll diese Art auf Sardinien fehlen.
7. Tropidenotus natrix L. var. Cetti Gen6.
Synonymie : Natrix Cetti Bonaparte, Iconografia
della Fauna Italica IL Tav. 1832 — Tropidonotus natrix
var. Cetti (Gene) De Betta, Fauna d'Italia IV, 1. c. S. A.,
S. 46. — Tropidonotus natrix var. h. Schreiber, Herpe-
tologia europaea, S. 238.
Auf Corsika ist die Ringelnatter durch die Varietät
„Cetti Gene" vertreten. Die Zahl der Schuppen- und
1) Lessona, Studii sugli Anfibi Anuri del Piemonte in: R.
Accademia dei Lincei, 1876—77. S. A., S. 6.
2) Bulletin de Moscou, 1. c. ( 1879).
Arch. f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 17
258 J. V. Bedriaga:
Schilderreihen ist bei ihr etwas geriuger als bei der mir
vorliegenden aus Nizza. Ich besitze Exemplare dieser
Abart aus Orezza, wo sie ziemlich gemein ist. In den
im Osten der Insel gelegenen Niederungen, namentlich in
den Sümpfen bei Porto -Vecchio, bei Fiumorbo und bei
Bastia soll das Thier in Massen, vorkommen.
Die Annahme Strauch's (die Schlangen des Russi-
schen Reichs in: Mem. de l'Acad. Imper. des scienc. de
St. Petersb., VII. Ser. T. XXI, No. 4, S. 149), dass die
Ringelnatter weder Sardinien noch Irland bewohne, scheint
mir nicht gerechtfertigt zu sein, denn Gene, Bonaparte,
De Betta, Döderlein, Jan und Schreiber geben in
Bezug auf Sardinien das Gegentheil an. Bon aparte fügt
hinzu, dass Natrix Cetti auf dieser Insel häufiger als auf
Corsika angetroffen wird. Dass die sogenannte typische Form
der Ringelnatter auf diesen beiden Inseln fehlt, ist allerdings
sehr glaubwürdig. Falls mein Gedächtniss mich nicht trügt,
so glaube ich ausserdem irländische Exemplare des Tro-
pidonotus natrix gesehen zu haben. Die mir leider augen-
blicklich nicht zur Verfügung stehende Arbeit Fried el's:
„lieber Thierleben und Thierpflege in Ireland" (Zoolog.
Garten 1878, No. 12) dürfte darüber Auskunft geben.
Ausser der Ringelnatter habe ich entweder die Würfel-
oder Vipernatter auf Corsika und zwar bei Tescavotta
gesehen, kann aber nicht sicher angeben, welche von beiden
es war, weil ich ihrer nicht habhaft werden konnte. Nach
Gen6, Westphal-Castelnau, Bonaparte und De Betta
soll Tropidonotus viperinus auf Sardinien einheimisch sein.
8. Zamenis gemonensis Laur. var. viridiflavus Latr.
(=Zamem8 viridiflavus auct.)
Die auf Corsika einheimische Zornnatter gehört der
Varietät „viridiflavus Latr." an. Die Grundfarbe der Ober-
seite aller Körpertheile ist bei ihr schwarz. An der vor-
deren Körperhälfte befinden sich fast auf jeder Schuppe
hellgelbe Makeln; manchmal nimmt man daselbst auch
streifenartige Flecken wahr. In der Schwanzgegend sind
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 259
vorzugsweise letztere vorhanden und bilden 10 bis 11 unter-
brochene gelbe Längsstreifen. In einigen Fällen bleiben
sow^ohl diese Streifen als auch andere Flecken in der
Caudalregion aus und es erscheint somit die Oberseite des
Schwanzes mehr oder weniger einfarbig braunschwarz oder
grauschwarz colorirt. Die Unterseite ist strohgelb. —
Diese Varietät wird von einigen Autoren als Grundform
der Zornnatter betrachtet.
Ich sammelte etliche Exemplare des viridiflavus in
Orezza, Bocognano und Bastelica. Das Basler Museum
erhielt diese Natter von der Insel „Grande Sanguinaire"
bei Ajaccio. Es ist ferner nachgewiesen worden, dass
diese Abart auf Sardinien, auf Elba, in Italien und in
Frankreich gefunden worden ist. — Zamenis sardus Suckow
dürfte, meiner Ansicht nach, nicht als besondere Varietät
gelten, denn sie scheint mir auf einem sardinischen er-
wachsenen Individuum basirt zu sein.
9. Platydactylus mauritanicus L.
Findet sich vorzugsweise im Norden Corsikas und
zwar nahe an der Küste. In der Umgebung Bastias bin
ich ihm sehr häufig in den Gärten begegnet. — Hemidac-
tylus turcicus soll gleichfalls der corsikanischen Fauna
nicht fehlen, mir ist er jedoch nie zu Gesicht gekommen.
Beide Arten werden für Sardinien erwähnt.
10. Notopholis Fitzingeri Wiegm.
Diese hübsche Zwergeidechse wurde bekanntlich von
Gene auf der Insel Sardinien, wo sie namentlich in Siliqua
und Orosei vorkomen soll, und neuerdings von Giglioli
auch auf Cosika und zwar bei Ajaccio gefunden 0- — Die
von mir in Orezza erbeuteten und bei Bocognano und Cauro
gesehenen Exemplare wiesen einen olivenfarbenen oder
dunkelbraunen Rücken und Schwanz auf: die Rumpfseiten
1) Arch. f. Naturg. Jahrg. 45. Bd. 1, S. 93.
260 J. V. Bedriaga:
waren etwas dunkler als der Rücken. Die Scbädeldecke
und die Wangen waren dunkel- oder hellbraun; die vor-
dere Partie des Bauches, die Kehle und die Unterseite der
Hinterbeine und der Schwanzwurzel gelb oder röthlich gelb.
Endlich waren die 11 bis 12 Schenkelporen intensiv gelb.
Es war entweder ein Massetericum oder vier grössere
Schilder vorhanden, welche die Schläfen zum Theil be-
kleideten. Nach Schreiber soll Notopholis Fitzingeri die
Länge von 7 bis 10 cm erreichen ; meine corsikanischen
Stücke sind etwas grösser; ich lasse hier die Maasse
meiner grössten, aus Orezza und aus Sardinien stammenden
Exemplare folgen:
Corsika. Sardinien.
Totallänge 12,3 11,1
Länge des Kopfes 0,9 0,8
,. „ Rumpfes 2,7 2,7
„ „ Schwanzes 8,7 7,6
Grösste Breite des Kopfes (in der
Backengegend) 0,6 0,6
Grösste Höhe des Kopfes .... 0,35 0,3
Zahl der Schenkelporen 11—12 11.
11. Lacerta oxycephala Fitz.
Synonymie :
1832 — 41. Podarcis oxycephala Bon aparte, Icono-
grafia etc. Tav. Fig. 3. — 1840. Podarcis oxycephala Bona-
parte, Amph. Eur. p. 37. sp. 28 in: Mem. Acad. di Scienze
diTorino, Ser.H. Tom. IL — 1839. Lacerta oxyceph. Dumeril
et Bibron, Erp. gen. V, p. 235. — 1874. Podarcis oxyce-
phala (Schlegel) De Betta, Rettili ed Anfibi in: Fauna
d'Italia, p. 28 (S. A.). — 1875. Lacerta oxycephala (D. B.)
Schreiber, Herpetologia europaea, S. 404. — Podarcis
oxycephala (D. B.), Giglioli, Beiträge zur Kenntniss der
Wirbelthiere Italiens, 1. c. — 1880. Lacerta oxycephala.
(Fitz.), V. Bedriaga, Ueber Lacerta oxycephala Fitz, und
Lacerta judaica Camerano in: Arch. f. Naturg. Jahrg. 46.
Bd. 1. S. 250. Taf. XI, Fig. 2, 5, 6 und 8. — 1879. Lacerta
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 261
oxycephala, v. Bedriaga, Herpetologische Studien (Fort-
setzung) in: Arch. f. Naturg. Jahrg. 45. Bd. 1. S. 306.
In meinem Aufsatze über die in Rede stehende Lacerta
habe ich, auf Grund der von mir eingezogenen Erkundi-
gungen, gesagt, dass die oxycephale Eidechse in Dalmatien
selten angetroffen wird und dass sie dorten nur sehr be-
grenzte Localitäten bewohnt. Nachdem ich die Fauna
Corsikas in Augenschein genommen und Lacerta oxyce-
phala an Stelle und Ort zu beobachten Gelegenheit gehabt
habe, bin ich zur Ueberzeugung gelangt, dass meine obigen
Vermuthungen nicht ganz unmotivirt waren, dass sie in
Betreff Corsikas richtig sind und dass diese Eidechsenart
nicht etwa allerorts zu finden ist, wie wir es von der ihr
nahe verwandten Mauereidechse kennen gelernt haben,
sondern dass sie nur gewisse Bezirke bewohnt, deren
Grenzen sie nicht überschreitet. Lacerta oxycephala ist
folglich eine derjenigen eigenthümlichen Arten, welche sich
an gewisse klimatische und Boden- Verhältnisse so sehr
angepasst haben, dass sie wohl kaum unter anderen Lebens-
bedingungen ihr Dasein fristen könnten. Mir gegenüber
ist schon öfters von Naturforschern, welche Corsika bereist
haben, die Bemerkung gemacht worden, dass Lacerta oxy-
cephala auf dieser Insel nirgends anzutreffen sei, oder dass
sie wohl keine gut charakterisirte, sondern eine leicht mit
der Mauereidechse zu verwechselnde Species sein müsste.
Obgleich letztere Ansicht von Herpetologen von Fach nicht
getheilt werden dürfte, gebe ich gerne zu, dass die Wohn-
gebiete der spitzkr)pfigen Lacerta ziemlich schwer zu ent-
decken sind. Während meiner Anwesenheit auf Corsika
habe ich lange Zeit hindurch ohne Erfolg auf diese Art
gespähet, obschon ich sowohl im Norden als auch im Süden
der Insel die „region montagneuse", welche zum Aufenthalts-
orte der spitzköpfigen Eidechse dienen soll, fleissig durch-
forscht habe. — Die ersten Individuen dieser Art habe ich
in der von Vivarrio etwa 12 km entfernten und sich 1,145 m
über die Meeresfläche erhebenden Focce di Vizzavona zu
Gesicht bekommen. Ihre Anzahl aber war so gering, dass
ich sie förmlich suchen musste. Geht man aber der „route
departementale" entlang, welche von der, auf dem eulmini-
262 J. V. Bedriaga:
renden Punkte des Vizzavona- Waldes aufgebauten Miniatur-
Festung durch ßoeognano längs dem Gravona-Thale nach
Ajaccio führt, so sieht man stellenweise und namentlich
am Südeingange des neu angelegten Eisenbahntunnels auf
mächtigen Felsenblöcken die oxycephala sich sonnen. Die
Jagd wird hier durch das Terrain und durch den regen
Verkehr auf der Landstrasse sehr erschwert. Verlässt man
aber die Landstrasse und ersteigt man die Bergabhänge in
der Hoffnung, bessere Resultate zu erzielen, so findet man
hier auch keine Spur von diesen Eidechsen; sogar die
muralis, welche an der grossen Landstrasse mit der oxyce-
phala gesellig leben, fehlen hier gänzlich, was wohl darin
seine Erklärung findet, dass diese Gegend wasserarm ist.
In der Nähe von Bocognano trifft man die oxycephala
höchst selten und südlich von dieser Localität, also gegen
Ajaccio zu, vermisst man sie gänzlich. Ob sie im Gravona-
Thale und an den Abhängen des Monte d'Oro haust, kann
ich nicht angeben, da ich es vorgezogen habe, auf die
Erforschung dieser, für einen Naturforscher wohl sehr
interessanten Gegend, wegen den dort weilenden Banditen,
zu verzichten.
Als eigentliche Heimath der oxycephala müssen die
Terrassen des Monte -Renoso betrachtet werden; jedoch
auch hier sind nur beschränkte Localitäten von ihr bevor-
zugt, denn bei Bastelica selbst, welches auf den Abhängen
des Renoso-Berges liegt und auf dem Wege nach Basteli-
caccia und Cauro kommt nur die braune Mauereidechse
vor. Schlägt man aber von Bastelica aus eine nördliche
Richtung ein und folgt man entweder den Ufern des Pru-
nelli oder dem Fusspfade der zum „Neve del Monte Reuoso"
und weiter zu den sogenannten „pozzi", d. h. zu den kleinen
Renoso-Seen führt, so nimmt man erst wahr, dass man
das eigentliche Wohngebiet der in Rede stehenden Eidechse
betreten hat. Sie ist hier die alleinige Vertreterin ihrer
Gattung ; auf allen Felsblöcken und Steinen, welche am Ufer
des Prunelli-Flusses liegen, oder inselartig aus dem Strome
sich emporheben, sieht man diese stattliche Eidechsen-Art
paarweise sich sonnen; sie fällt sofort durch ihr dunkles
Colorit, welches vom hellfarbigen Boden sich abhebt,
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 263
sowohl als durch die Grösse und Depression ihrer Körper-
form auf. Im Gegensatze zur muralis wird sie von den
Einheimischen „grande Lucertola" genannt und von den
anderen unterschieden; ja selbst die jungen Stücke dieser
Species, welche durch ihren abgeplatteten Körper, —
namentlich sobald sie die Rippen heben und die Hautdecke
spannen, um die Sonnenstrahlen gleichmässig über alle
oberen Körpertheile zu vertheilen — den Gekonen sehr
ähnlich sehen, werden von den Bastelicanern keineswegs
mit den Mauereidechsen verwechselt, was zur Genüge be-
weist, dass der Corse, wie übrigens alle Insulaner, mit
der Fauna seines Landes gut bekannt ist.
In ihren Bewegungen steht die oxycephala der Mauer-
eidechse nach. Bei drohender Gefahr ergreift sie nicht
sofort die Flucht, sondern wartet den Verfolger ruhig ab
und entschlüpft ihm aus unmittelbarer Nähe. Nichtdesto-
weniger ist die Jagd auf sie höchst schwierig, weil das
von ihr bewohnte Terrain zahllose Schlupfwinkel bietet
und dieselben öfters nicht zugänglich sind. Die Corsen
benutzen bei der Jagd auf diese Eidechse, und zwar mit
grossem Erfolge, Angeln, an denen sie Rosshaarschlingen
befestigen. Die Schlinge erregt gewöhnlich die Neugierde
dieser Thiere in dem Maasse, dass sie ein nach dem
anderen herangelaufen kommen, um sich dieselbe anzu-
sehen. Im Klettern auf den Mauern und Felsen benimmt
sich die Lacerta oxycephala ungeschickt und zieht stets
vor, sobald sie in die Klemme gejagt wird, Bäume zu
ersteigen. Oefters glaubte ich meines Fanges sicher zu
sein, indem ich alle Ritzen eines aus dem Flusse sich em-
porhebenden Steines verstopfte und somit dem Thiere das
Entkommen zu erschweren glaubte; wie gross war aber
meine Entäuschung, als meine Beute sich ins Wasser
stürzte und zu einem anderen Steine herüberschwamm,
oder gar ins Wasser tauchte, um nach einer Weile weit
von mir wieder aufzutauchen. Ueberhaupt scheint für diese
Species ausser der Sonne noch das Wasser eine gewichtige
Existenzbedingung zu sein; sie trinkt viel mehr und öfters
als irgend eine andere Eidechse; sie badet sich und bedarf
einer grossen Feuchtigkeit. Meine in Gefangenschaft leben-
264 J. V. Bedriaga:
den oxycephala haben anfangs, vier Monate lang, keine
Nahrung zu sich genommen, waren aber, solange ich ihnen
das Wasser nicht entzog, munter und sahen wohlbeleibt
aus. Als ich aber während eines einzigen heissen Tages
ihr Becken mit Wasser zu füllen vergessen hatte, starb
mir eine ganze Menge von ihnen weg. Die Hitze scheinen
diese Lacerten nicht ertragen zu können, denn sie werden
auf Corsika nicht unter 700 m über der Meeresfläche ange-
troffen. Dabei werden von ihnen kühle und bewaldete
Oertlichkeiten bevorzugt, wo sie nämlich weniger Aussicht
haben im Sommer an Wasser- und Feuchtigkeitsmangel zu
leiden. Lacerta oxycephala muss als Bewohnerin nörd-
licher Klimata gelten und könnte wohl in Süddeutschland,
wo der Winter mir übrigens milder als in Bastelica zu
sein scheint, sehr gut fortkommen.
Als ich im Jahrgange 46 dieses Archivs etliche Be-
merkungen über Lac. oxycephala veröffentlichte, standen
mir nur wenige, todte Exemplare dieser Art zur Verfügung.
Infolgedessen habe ich damals meine Aufmerksamkeit
hauptsächlich auf die Skeletverhältnisse und auf die Syno-
nymie gerichtet und habe ausserdem auf diejenigen Merk-
male hingewiesen, nach denen man diese Species von der
Mauereidechse zu unterscheiden vermag. In Bezug auf
das Colorit des oxycephala habe ich früher nichts positives
angeben können und beabsichtige folglich hierselbst eine
kurze Beschreibung ihres Farbenkleides folgen zu lassen.
Sowohl aus der Schreiber'schen Herpetologia euro-
paea als auch aus meiner Arbeit über die Kriechthiere
Griechenlands *) ist ersichtlich, dass in Rede stehende
Species etliche Farbenvarietäten aufweist und dass sie
sehr mannigfaltig gezeichnet auftritt. „In den meisten
Fällen", sagt Schreiber, „zeigt die Oberseite ein helleres
oder dunkleres Grau, das aber einerseits durch Grünlich-
grau bis ins Olivenfarbene, andererseits durch Gelb- oder
Röthlichgrau bis ins Bräunliche übergehen kann.'' Ob diese
Farben-Varietäten zugleich auch Local-Formen sind, ist
aus der herpetologischen Literatur nicht ersichtlich; ich
1) Bulletin de la Soc. Imper. des uat. de Moscou 1881.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 265
war daher genöthigt, als ich diese Eidechse in Varietäten
zu sondern versucht habe, die Zeichnung in Betracht zu
ziehen, was bei ihr, da sie bei weitem nicht in dem Grade
variirt wie Lac. muralis, mir thunlich erschien, umsomehr,
weil die Oxycephala je nach der Localität verschieden
gezeichnet auftritt. Aus^ Griechenland und Dalmatien hat
man eine vollkommen einfarbige, ferner eine punktirte und
endlich eine genetzte Form kennen gelernt. Auf Corsika
ist die genetzte und namentlich die quergebänderte Spielart
constatirt worden und in Spanien endlich scheint eine mit
Längsbinden versehene oxycephala einheimisch zn sein.
Von Farbenvarietäten sind mir neuerdings zwei auf Corsika
lebende bekannt geworden und zwar eine grüne aus der
Focce di Vizzavona und der Umgebung von Bocognano
und eine braune aus Bastelica; beide weisen auf der Ober-
seite des Körpers entweder ein dunkles Netzwerk auf, oder
erscheinen quergebändert.
A. — Exemplare aus dem Vizzavona-Walde. Den
hellgrünen Fond durchziehen beim 20 cm langen Männchen
breite, wellenförmige, schwarze Querstreifen, welche sich
namentlich an den Körperseiten verästeln, in einander ver-
schmelzen und ein Netzwerk bilden. Zuweilen findet ein
gegenseitiges Zusammenfliessen der Querbinden der Länge
nach statt, vermittelst sehr feiner Verzweigungen. Auf den
Rumpfseiten, wo die schwarze Zeichnung üppig entwickelt
ist, tritt der Untergrund in Form von kleinen, unregelmässig
gestalteten Flecken oder Ocelli auf, welche vorn hellbraun
umrandet erscheinen. Gegen den Bauch zu, auf den Flanken
verdrängt das Hellbraun die schwarze Zeichnung gänzlich.
Eine Längsreihe von blauen Ocellenflecken befindet sich
gewöhnlich auf der Bauch- und Flanken-Grenze. Besonders
intensiv blau gefärbt treten letztere in der Gegend der
Hinterbeine beim Männchen auf und stellen gewiss secundäre
Öexualcharaktere vor. Seitlich ist die Schwanzwurzel gleich-
falls blau besprenkelt; ferner erhalten die äusseren Bauch-
plattenreihen dunkelblaue und schwarze Makeln auf rosa-
weissem Grunde. Beim Weibchen, deren Grundton aller
oberen Körpergegenden dunkelgrün erscheint, fehlt die blaue
Fleckung entweder gänzlich, oder ist dieselbe weniger als
266 J. V. Bedriaga:
beim Männchen vertreten. Dagegen aber ist die Unterseite
des Körpers beim ersteren viel schöner colorirt; sie weist
nämlich eine prachtvolle rosa Tinte auf, die in der Median-
zoue des Bauches und auf der Kehle in Menuigroth über-
geht. Der Pileus ist bei beiden Geschlechtern mehr oder
weniger dunkelgrün, schwarz und braun besprenkelt; die
Schläfen und Kieferschilder sind abwechselnd dunkelbraun,
schwarz und grünlich colorirt. Die Oberseite der Vorder-
beine ist grün mit dunkelbraunen Ringflecken versehen.
Das hintere Extremitätenpaar ist gleichfalls oben grün, von
schwarzen oder dunkelbraunen Zickzacklinien durchzogen.
Die vordere und obere Partie des Schwanzes ist namentlich
beim Männchen lebhaft grün gefärbt und von Blau und Braun
betupft. Gegen die Spitze zu nimmt das Braun Oberhand.
Die Schwanzunterseite ist rosaweiss, rosa oder mennigroth.
B. — Eine in der Focce di Vizzavona sehr selten
vorkommende Form der oxycephala ist diejenige, bei
welcher der grüne oder dunkelgrüne Untergrund dermaas-
sen durch die üppig entwickelten schwarzen Zeichnungs-
elemente verdrängt erscheint, dass er in Gestalt von kleinen
Augenflecken zum Vorschein kommt.
C. ~ Bei den auf dem Monte Renoso bei Bastelica
einheimischen spitzköpfigen Lacerten ist die Grundfarbe
bei beiden Geschlechtern hellnussbrauu ; sie tritt entweder
in Gestalt von Augenflecken auf, welche in einem auf der
Rückenzone schwarzen, auf den Seiten aber dunkelbraunen
Netzwerke eingeschlossen erscheinen, oder in Form von
unregelmässigen die Breite durchziehenden Binden, welche
durch öfters ebenso breite schwarze Querbinden von ein-
ander getrennt sind. Bei anderen Stücken ist der Grundton
vorn bis auf wenig zahlreiche Ocelli reducirt, während die
hintere Partie der Körperoberseite schwarze oder dunkel-
braune Zickzacklinien und weniger eng aneinander liegende
Hieroglyphen auf braunem Fond aufweist. Das Dessin
dieser Form stimmt mit demjenigen überein, welches im
Arch. f. Naturg. 46. Jahrg. Taf . XI bildlich angegeben worden
ist. Die Oberseite des Kopfes, der Extremitäten und des
Schwanzes und endlich die Wangen sind auf hellbraunem
Grunde schwarz und braunschwarz punktirt und gemarmelt.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 267
Der Bauch, die Unterseite der Beinchen und des Schwanzes
zeigen einen tiefrostbraunen Anflug. Die Kehle ist gleich-
falls rostbraun mit ringförmigen dunkelgrauen Zeichnungen
bedeckt,
Die jungen Individuen dieser Art übertreffen die alten
an Schönheit. Ihre Farben sind allerdings nicht so intensiv
wie bei den letzteren, die Vertheilung der Tinten aber und
die Zeichnung ist so mannigfaltig und zierlich, dass man
nach dem Pinsel greifen möchte um die Thierchen abzu-
malen. Die Jungen der grünen Grund Varietät der L. oxyce-
phala kenne ich leider nicht, sie waren zur Zeit, als ich
mein Zelt in Bocognano aufschlug und im Walde zu Vizza-
vona jagte, noch nicht sichtbar. In Bastelica dagegen hatte
ich die Gelegenheit, etliche junge Stücke der braunen
Grundvarietät im September zu sehen und zu erbeuten. Es
sind ca. 13 cm lauge Exemplare. Ihre hellbraune Rücken-
zone tritt in Form von Augenflecken auf; jeder dieser
Ocelli fasst in sich ein winziges grüngelbes Fleckchen ein.
Gegen die Rumpfseiten hin nehmen die Augenflecken an
Grösse zu, namentlich werden die grüngelben Fleckchen
der Rückenzone auf den Seiten grösser und erscheinen
hier grün; sie nehmen eine bestimmte runde Gestalt an,
verdrängen das auf der Rückenzone prädominirende Colorit
der Ocelli und werden somit von letzteren nur eingerahmt.
Bei oberflächlicher Betrachtung des Thierchens glaubt man,
dass die Augenflecken durch schwarze Zwischenräume völlig
von einander getrennt seien, dem ist aber nicht immer der
Fall. Bei näherer Untersuchung überzeugt man sich, dass
die Ocelli meistens von einem dunkelbraunen Colorit, das
etwa in halbkreisförmigen Figuren auftritt, unvollständig
umrahmt sind und dass sie folglich mit einander in Ver-
bindung treten. In der Caudalregion erscheinen die Ocelli
weniger zahlreich. Zwischen den hier vorhandenen dunkel-
braunen Querstreifen haben die Augenflecken wenig Raum,
um sich auszubreiten ; rückwärts von der Schwanzwurzel
sind sie nicht mehr sichtbar. Die grüne Farbe ist nur
noch auf den freien Rändern der oberen Schwanzschilder
vertreten. Der Schwanz, mit Ausnahme seiner metallgrünen
Spitze, erscheint somit grün und braun gebändert. — Die
268 J. V. ßedriaga:
Schädeldecke ist grünlichbraun, braun gezeichnet. Die
Zeichnungen — Linien, Flecken etc. — sind überhaupt bei
den oxycephalen Eidechsen äusserst symmetrisch vertheilt.
Die Hinterbeine sind oben heller gefärbt und weniger scharf
gezeichnet als die Vorderextremitäten; sie sind hellbraun,
besäet mit graugrünen Ocellenflecken, während die Vorder-
beine auf dunkelbraunem Fond gelbgrüne Ocelli aufweisen.
Die Unterseite des Körpers, mit Ausnahme der Kehle und
der Vorderbeine, welche auf grünlichweissem Grunde braun
und schwarz gemarmelt erscheinen, ist lebhaft mennigroth,
rosa oder grünlichgrau; die erste und äusserste Ventral-
schilderreihe ist blau und schwarz gefleckt. Die an die
Bauchplatten grenzenden Schuppen sind öfters blau colorirt.
Die Sohlen sind bei den Jungen grauweiss, bei den Alten
graubraun. Bei den ersteren sind die Femoralporen weiss-
lichgrau, bei den letzteren grau.
Die Zahl der Schenkelporen variirt zwischen 17 und 27.
12. Lacerta muralis Laur. subsp. neapolitana,
subsp. fusca var. viridiocellata und
var. corsica m.
Folgende vier Formen der Mauereidechse kommen
auf Corsika vor.
1. L. muralis subsp. neapolitana m. — Fundorte:
Umgebung von Bastia, Ajaccio und Orezza.
2. Var. viridiocellata m. — Fundorte : Umgebung von
Bastia und Cap Corso. — Bei dieser Gelegenheit will ich
bemerken, dass meine braune viridiocellata mit sicula albi-
ventris Bonap. — De Betta nicht identisch ist*).
3. Subsp. fusca m. — Die gemeinste Eidechse auf
der Insel. Bei Vivarrio habe ich eine Zwergform der
fusca constatirt. Bei Bocognano weisen die braunen Mauer-
eidechsen grüne, metallisch glänzende Schwänze auf. Nach
F. Müller (op. c, 1. c.) sind die in der Umgebung Ajaccios
1) Vergl. Boettger, Liste von Reptilien und Batrachiern,
gesammelt 1880—81 auf Sicilien durch Herrn Insp. Carl Hirsch.
Beitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 269
einheimischen fuscae zuweilen mit einem doppelten Naso-
f renale versehen.
4. Var. corsica. — Fundort: Bocoguano. — Die
schwarze Oberseite des Körpers ist von etlichen blassgelben
Längsstreifen durchzogen. Die erste longitudinale Bauch-
schilderreihe ist grün gefleckt; die übrigen Bauchplatten
erscheinen grauweiss und sind schw^arz punktirt. Die
Grundform dieser Abart ist die fusca.
Endlich kommt auf Corsika noch eine fünfte, eigen-
thümliche muralis vor; ich habe sie im Arch. f. Naturg.
Jahrg. 45, Bd. 1, S. 274 bereits beschrieben. Das einzige
mir vorliegende defecte Exemplar dieser Form ist auf dem
Wege von Bastia nach Corte erbeutet worden.
IL Abschnitt.
Während sämmtliche, oben angeführte Reptilien und
Amphibien von mir selbst auf Corsika erbeutet worden sind
und sich zur Zeit in meiner Sammlung befinden, sind die
im folgenden Abschnitte erwähnten, angeblich auf dieser
Insel einheimischen Arten beim Durchgehen herpetologischer
Schriften mir aufgefallen.
1. Bufo vulgaris Laur. — Mir liegt eine Mitthei-
lung vor, dass bei Cauro, unweit von Ajaccio, kolossal
grosse Kröten gesehen worden sind. Da diese Mittheilung
von glaubenswürdiger Seite stammt, so bin ich geneigt
anzunehmen, dass unter diesen Kröten wohl nichts anders
als Bufo vulgaris gemeint worden sein kann. Ausserdem
ist mir von meinem verstorbenen Freunde F. Brüggemann
einst mitgetheilt worden, dass er Bufo vulgaris, Bufo cala-
mita, Rana temporaria L. subsp. agilis Thomas und subsp.
fusca Roesel für Corsika angegeben gesehen habe.
2. Phyllodactylus europaeus Gene. — Diese
auf Sardinien, auf den meisten Inseln des toskanischen
Archipels, ferner auf der bei Marseille liegenden Insel
Pendus und sogar auf der apenninischen Halbinsel con-
statirte Gekonen-Art soll auch der corsikanischen Fauna
270 J. V. Bedriaofa:
nicht fehlen. Als Fundorte nämlich werden Bonifacio,
Pianotoli, Cap Corso und die sanguinarischen Inseln bei
Ajaccio genannt'). Ich glaube den Phyllodactylus europaeus
auf der Punta della Parata bei Ajaccio gesehen zu haben.
3. Lacerta viridis L. — Eine aus Corsika stam-
mende buntscheckige (bariolee!) Varietät der Smaragd-
eidechse soll in der Sammlung von Westphal-Castelnau
aufgestellt sein. Mir ist Lacerta viridis auf Corsika nie
zu Gesicht gekommen, so dass ich auch nicht vollkommen
tiberzeugt bin, ob diesen Angaben ^) nicht eine Verwechse-
lung mit Lacerta muralis neapolitana zu Grunde liegt.
Lacerta viridis ist, so viel ich weiss, mit Ausnahme Elbas
auf keiner, westlich von der apenninischen Halbinsel liegen-
den Insel angetroffen worden. Sowohl auf Sardinien als
auch auf den Balearen und auf den kleineren Inseln im
Tyrrhenischen Meere ist sie durch die formenreiche Mauer-
eidechse vertreten. Auf Sicilien dagegen und auf den
Inseln des ägaischen und ionischen Meeres kommt sie sehr
häufig vor.
4. Vipera aspis L. — (Vipera aspis var. Redi
Westphal-Castelnau!). — Dem Kataloge Westphal-
Castelnau's zufolge soll diese Vipernvarietät auf Corsika
erbeutet worden sein, was mir sehr zweifelhaft erscheint.
Mit Ausnahme meines Gastwirthes in Stazzona (Orezza),
welcher behauptete unweit der Orezzaquelle kleine, giftige,
mit rudimentären Füsschen (!) versehene Schlangen gesehen
zu haben, haben alle Corsen, bei w^elchen ich mich nach
Vipern erkundigte, das Vorkommen giftiger Schlangen auf
ihrer Insel stets verneint. Auf diese Angaben der Ein-
heimischen und namentlich der Landbewohner , welche
allein im Stande sind, derartige nächtliche Thiere hin und
wieder zu Gesicht zu bekommen, dürfte mau sich verlassen
und die Behauptung West phal-Ca st ein au's für apokryph
halten, umsomehr, da der betreffende Katalog auch sonst
eine Menge falscher Fundortsangaben aufweist. Bei dieser
1) Vergl. Giglioli, Beiträge zur Kenntniss der Wirbelthiore
Italiens in: Arch. f. Naturg. 1879, Bd. 1, S. 93.
2) Catalogue de la collection de Reptiles du Feu Westphal-
Castelnau, 1. c.
Eeitr. z. Kenntniss d. Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 271
Gelegenheit sei bemerkt, dass Cetti in seinem Werke über
die Fische und Kriechthiere Sardiniens ebenfalls behaupten
soll, dass eine „Vipera di secco" auf Sardinien einheimisch
sei ; nach den Angaben der neueren Autoren aber soll diese
Insel gar keine Ottern enthalten. Bon aparte erblickt
unter der „Vipera di secco" Coluber austriacus, was wohl
ebenfalls verfehlt ist, denn die Glattnatter wird weder in
der Synopsis reptilium Sardiniae indigenorum, noch von
De Betta für Sardinien angeführt. Schreiber behauptet
ausserdem ausdrücklich, dass die in Rede stehende Coro-
nella-Art auf Sardinien fehlt. Sollte die Cetti'sche Viper
eine Coronella vorstellen, so dürfte es die girondica sein.
Wenn Bonaparte in Bezug auf Vipera aspis sagt „abita
questa Vipera in tutta Fltalia e nelle sue Isole", so sind
unter den Inseln nur Sicilien, Elba und Montecristo zu
verstehen. Hinzufügen will ich noch, dass nach A. Dumeril
die Insel Malta die aspis nicht beherbergt.
5. Emys orbicularis L. (=Emys lutaria Bona-
parte). — In der Iconografia della Fauna Italica lesen
wir Folgendes in Bezug auf Terrapene caspica: „Noi non
ne possediamo veruna provenutaci da alcun punto d'Italia
ne dalle sue Isole, ben che abbiamo fatto venire a bella
posta e di Sicilia e di Sardegna e di Corsica non poche
Testuggine d'acqua dolce *)". — Dagegen war es mir nicht
möglich auf Corsika eine Spur von Schildkröten zu ent-
decken. Die wenigen Stücke, welche man auf dem Markte
von Bastia sieht, sind mir ausdrücklich als aus Italien
kommend bezeichnet worden.
6. Testudo graeca L. — Diese Art soll nach
Schreiber and De Betta (Vergl. dessen „I rettili ed
anfibi del Regno della Grecia in: Atti del' R. Istituto Ven.
di scienze lett. ed arti Vol. XIII, Ser. HL 1868) auf Corsika
einheimisch sein.
Nizza, im März 1882.
1) In Europa kommen bekanntlich nur zwei Species von
Süsswasserschildkröten und zwar Emys orbicularis L. und Clemmys
caspica vor; folglich muss Bonaparte unter seinen Testuggine
d'acqua in diesem Fall die allerorts gemeine Emys orbicularis
gemeint haben.
Ö72 J. V. Bedriaga:
Erklärung der Figuren.
Tafel III.
Alle Figuren dieser Tafel sind mit der Loupe gezeichnet.
Fig. 1. Schädel einer männlichen Megapterna montana von oben.
Fig. 2. Zungenbein- und Kiemenbogen-Apparat der M. montana
von oben.
Fig. 3. Schädel der männlichen M. montana von unten.
Fig. 4. Leibesstück und hintere Extremitäten von M. montana.
Männchen.
Fig. 5. Vomero-palatina (Vop.) und Nasenscheidewände (Sep.) einer
ausgewachsenen M. montana. Schematisch und vergrössert.
Fig. 6. Cloaken-Kegel einer brünstigen M. montana. (^.
Fig. 7. Hintere Extremität der linken Seite von M. montana ^
von oben.
Fig. 8. Mundhöhlenboden und Zunge des Euproctus Rusconii.
Fig. 9. Fuss der weiblichen M. montana.
Fig. 10. Hintere Extremität der linken Seite von M. montana ^
von oben.
Fig. 11. Kopf des Euproctus Rusconii ^ von der Seite.
Fig. 12. Leibesstück und hintere Extremitäten eines männlichen
E. Rusconii.
Fig. 13. Eine Partie der hinteren Extremität der rechten Seite von
E. Rusconii ^ von oben.
Fig. 14. Cloakenkegel eines Euproctus Rusconii ^ von oben.
Fig. 15. Schädel des E. Rusconii von oben. Schematisch.
Fig. 16. Zungenbein- und Kiemenbogen-Apparat des E. Rusconii
von oben.
Fig. 17. Schädel des E. Rusconii von unten. Schematisch.
Tafel IV.
Fig. 18. Schädel des pyrenäischen Caudaten (Hemitriton pyrenaeus)
von oben. Halbschematisch und vergrössert.
Fig. 19. Zungenbein und Kiemenbogen - Apparat des Hemitriton
pyrenaeus. Vergrössert.
Fig. 20. Schädel des Hemitr. pyrenaeus. Halbschematisch und ver-
grössert.
Fig. 21. Vomero-palatina (Vop.) und Naseuscheidewand (Sep.) des
erwachsenen H. pyrenaeus. Schematisch und vergrössert.
Fig. 22. Zungenbein- und Kiemenbogen-Apparat einer Megapterna-
Larve. Vergrössert.
Fig. 23. Mundhöhle eines H. pyrenaeus. Vergrössert.
Beitr. z. Kenntniss d Amphibien u. Reptilien d. Fauna v. Corsika. 273
Fig. 24. Kieraenbogen einer Megapterna-Larve. Schematisch und
vergrössert.
Fig. 25. Die sog. kleinen Hörner am Zungenbeine der M. montana.
Schematisch und vergrössert.
Fig. 26. Kiemenbogentheile einer Megapterna-Larve. Schematisch
und vergrössert.
Fig. 27. Keratobranchiale I und II bei der Megapterna - Larve.
Schematisch und vergrössert.
Fig. 28. Tibia und Fibula von H. pyrenaeus, rechts von oben.
Schematisch und vergrössert.
Fig. 29. Gaumenzahnreihen: a. beim gefleckten Salamander aus Hei-
delberg; b. beim gefleckten Salamander aus Algierien; c.
beim gefleckten Salamander aus Corsika.
Fig. 30. Gaumenzahnreihen bei Salamandra corsica Savi (a) und bei
Salamandra maculosa. Copien nach Savi.
Fig. 31. Kopf von H. pyrenaeus (^. Natürliche Grösse. Von oben.
Fig. 32. Kopf von H. pyrenaeus (^. Natürliche Grösse. Von der
Seite.
Fig. 33. Fuss eines H. pyrenaeus (-/*. Vergrössert.
Fig. 34-. Leibesstüok und hintere Extremität eines H. pyrenaeus $
Vergrössert (brünstiges Exemplar!).
Fig. 35. Cloaken-Kegel von H. pyrenaeus $ post nuptias. Natürliche
Grösse. Von unten.
Fig. 36. Cloaken-Kegel von H. pyrenaeus J^. Natürliche Grösse.
Von unten.
Fig. 37. Cloaken-Kegel von H. pyrenaeus J* von der Seite. Ver-
grössert.
Tafel V.
Fig. 38. Kopf von M. montana, von der Seite. Vergrössert.
Fig. 39. Mundhöhle von M. montana. Vergrössert.
Fig. 40. M. montana ^.
Fig. 41. M. montana ^ .
Fig. 42. Larve von M. montana von der Seite.
Fig. 43. Kopf von M. montana von der Seite. Vergrössert.
Fig. 44. Kopf von M. montana $ von der Seite. Vergrössert.
Fig. 45. Larve von M. montana von oben.
Fig. 46. Euproctus Rusconii ^ . Spiritus-Exemplar.
Fig. 47. Ein sich begattendes Megapterna-Pärchen.
Ai-ch. f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 18
Nematoden , Trematoden und Acantliocephalen,
gesammelt von Prof. Pedtschenko in Tnrkestan,
bearbeitet von
Dr. V. Linstow
in Hameln.
Hierzu Tafel VI— IX.
Durch Herrn Professor Dr. Leuckart wurde mir
der ehrenvolle Auftrag, die vom verstorbenen Professor
Fedtschenko in Turkestan gesammelten Helminthen, und
zwar die Nematoden, Trematoden und Acanthocephalen zu
untersuchen, eine Aufgabe, der ich mich um so lieber
unterzog, als bisher die centralasiatische Helminthenfauna
noch so gut wie unbekannt war.
Die Sammlung, welche mir als Untersuchungsmaterial
übermittelt wurde, bestand aus 119 Spirituspräparaten und
45 microscopischen Präparaten; letztere waren meistens
mit Carmin gefärbt und lagen in Glycerin. Diese 164
Präparate repräsentiren 97 Arten, von denen 36 neu sind;
manche Formen konnten nur mit Wahrscheinlichkeit, andere
gar nicht bestimmt werden, weil das Material nicht aus-
reichte. 47 Arten finden sich auch in anderen Welttheilen,
und von diesen sind 3, wie die am Schluss angefügte
Tabelle ergibt, in allen 5 Welttheilen heimisch, 14 in
Europa, Asien und Amerika; von diesen letzteren leben
aber 11 im Menschen oder in dessen Hausthieren, so dass
die Verbreitung somit zum Theil als eine künstliche anzu-
sehen ist.
Nach dem vorliegenden Material ist es aber zur Zeit
Nemat., Tremat. u. Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedtschenko. 275
noch gar nicht möglich, auch nur annähernd erschöpfend
über die Helminthenfauna der einzelnen Welttheile zu re-
feriren und sie vergleichend zusammenzustellen, da Europa
der einzige ist, der hierzu genügend durchforscht ist. Fedt-
schenko hat nur vier Arten aus der grossen von ihm ge-
machten Sammlung selber benannt und bearbeitet: Filaria
tricuspis, Cheiracanthus (Gnathostoma) hispidus, Mermis
explicans und Mermis longissima, über vrelche weiter unten
das Nähere angegeben ist.
Was den Typus der turkestanischen Helminthen be-
trifft, so muss hervorgehoben werden, dass dieselben ganz
den europäischen gleichen und sich ohne Zwang in das
bekannte System einreihen lassen; eine einzige Form
machte die Aufstellung eines neuen Genus (Äprocta) noth-
wendig; die übrigen konnten, wenn auch die Arten mit-
unter unbestimmbar waren, doch mit Sicherheit in 27 der
vorhandenen Genera untergebracht werden.
Der Zahl der Nematoden gegenüber (76 Arten) ist die
Anzahl der Trematoden (15 Arten) und die der Acantho-
cephalen (3 Arten) eine auffallend kleine, was wohl darin
seinen Grund hat, dass die Larvenzustände der beiden
letzten Familien wirbellose Wasserthiere bewohnen , und
an solchen in der wasserarmen turkestanischen Hochebene
Mangel sein dürfte.
Die Grösseangaben bezeichnen meistens mittlere Werthe ;
wo ich bei den Nematoden die Grösse einzelner Organe
im Verhältniss zum ganzen Körper angeführt habe, wählte
ich stets Brüche mit dem Zähler 1, nachdem der Nenner
nach dem Decimalsystem getheilt war, wo es nöthig wurde,
da es übersichtlicher erscheint, wenn man z. B. von einem
Organ angibt , es nehme von der Gesammtgrösse des
Körpers V7,2 ein, als wenn das Verhältniss durch den Bruch
"/i23 bestimmt wird.
Die eingeklammerten Zahlen, welche die Gläser be-
zeichnen, rühren von mir her.
276 Dr. V. Linstow:
Parasitische Nematoden.
1. Ascaris lumbricoides Lin.
Glas mit derselben Bezeichnung.
Der Wohnort ist nicht angegeben, kann also wohl
nur der Mensch sein; der Helminth ist so vielfach und
gründlich beschrieben, dass die vorhandenen Exemplare
keine Gelegenheit zu neuen Beobachtungen bieten.
2. Ascaris megalocephala Cloquet.
Glas No. 13481.
Gefunden im Darm des Pferdes.
3. Ascaris mystax Rud.
Glas No. 12932.
Glas mit der Bezeichnung „Ascaris mystax".
Der Inhalt des ersteren Glases ist im Darm des
Hundes, der des zweiten im Darm der Katze gefunden.
4. Ascaris microcephala Rud.
Fig. 1—2.
Glas No. 18129.
Microscopisches Präparat No. 18144.
Mund mit 3 Lippen und 3 Zwischenlippen, welche
ebenso lang wie erstere sind, Lippenrand gezähnelt, Rücken-
lippe viereckig; männliches Schwanzende zugespitzt, jeder-
seits 31 prä- und 3 postanale Papillen.
Die Lippen haben von Wedl eine Darstellung ge-
funden, die mit der hier gegebenen durchaus übereinstimmt,
nur sind die Rücken- oder Oberlippe und die sie seitlich
begrenzenden Nebenlippen von der Innenseite abgebildet,
von wo aus gesehen die Pulpa der ersteren zwei finger-
förmige Ausläufer nach vorn schickt.
Die Zvvischenlippen sind fast so gross wie die Haupt-
lippen, letztere haben am Vorderrande Zahnleisten, die
Oberlippe ist fast viereckig, an den beiden Vorderecken
etwas ausgebuchtet; die Pulpa ist zweitheilig, vorn mit 2
Nemat-, Tremat. u. Acaiithocephalen, ges. v. Prof. Fedtscheako. 277
rundliclieii Vorsprtingen ; Papillen habe ich auf der Ober-
fläche nicht gefunden, dagegen nahe der Basis zwei Reihen
kleiner, ovaler Körperchen, die in der Oberhaut liegen.
Das männliche Schwänzende ist zugespitzt, die Pa-
pillen sind klein, sie stehen in 2 Längsreihen und sind
sehr weit an die Seite gerückt; 0,4 mm vom Kopfende
steht in der Rücken- und Bauchlinie je eine Nacken-
papille. Die Eier sind oval mit dicker, hyaliner Hülle,
deren Oberfläche mit Leisten unregelmässig überzogen ist;
die Dottermasse ist von der Schale weit abgerückt; ihre
Länge beträgt 0,072, ihre Breite 0,059 mm.
5. Ascaris depressa Rud.
Glas No. 27470, 13699, 927389.
Die beiden ersten Gläser enthalten Exemplare aus
Astur palumbarius, das letzte aus dem Vogel No. 11 (36479)
und ist das Exemplar zu einer genauen Bestimmung nicht
gut genug erhalten.
6. Ascaris ensicaudata Rud.
Glas No. 19174.
In Turdus viscivorus gefunden.
7. Ascaris spiculigera Rud.
Glas No. 12476.
Das Glas enthält lauter geschlechtlich noch unent-
wickelte Exemplare von durchschnittlich 8 mm Länge und
0,25 mm Breite. Der Oesophagus misst V6,4 der Gesammt-
länge; vom Ende desselben entspringt ein blinddarmför-
miger Anhang von V12 Körperlänge; der Schlundring ist
sehr deutlich; die Lippen sind trotz der Kleinheit der
Exemplare schon sicher als zu Asc. spiculigera gehörig
zu erkennen ; der Schwanz misst V51 der Körperlänge. Die
grosse geographische Verbreitung dieser Art erwähnt schon
Schneider.
Gefunden in Phalacrocorax carbo.
278 Dr. V. Liustow:
8. Ascaris mucronata Schrank.
Glas No. 12278.
Lauter geschlechtlich unentwickelte Exemplare aus
Esox lucius.
9. Ascaris adiposa Schrank.
Glas No. 13233.
Eine Ascaris-Larve aus der Leibeshöhle von Esox
lucius. Der Geschlechtsreife Zustand dieser Larve ist nicht
bekannt und bietet namentlich der Kopf keinerlei Anhalts-
punkte, aus denen man auf ersteren schliessen könnte.
10. Ascaris alata n. sp.
Fig. 3.
Glas No. 27375.
Zwei weibliche Exemplare aus Raubvogel No. 14.
Die Länge der Weibchen beträgt 24 mm, ihre Breite
1,2mm; Kopf mit Lippen und Zwischenlippen, welche
ebenso lang wie erstere sind; Lippenrand ohne Zähnelung;
Oberlippe fast viereckig, mit zwei weit nach aussen ge-
rückten Papillen im Winkel zwischen Vorder- und Aussen-
rand; die Vorderecken der Oberlippe sind an der Innen-
seite ohrenförmig vorgezogen. Der Oesophagus misst Via
der Gesammtlänge; der Schwanz ist kurz, von Vs? der
ganzen Thierlänge , und hat ein conisch abgerundetes
Ende.
11. Ascaris Acipenseris n. sp.
Glas No. 12273.
Eine grosse, 33 mm lange und 1,3 mm breite Em-
bryonalform, d. h. eine geschlechtlich unentwickelte As-
carisform mit dem embryonalen Bohrzahn am Kopfende;
der Körper ist lockenförmig aufgerollt; der Oesophagus
misst V4, der Schwanz Visa der Gesammtlänge ; letzterer ist
conisch mit einem kleinen Hautfortsatz.
Nemat., Tremat. u. Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedtschenko. 279
12. Ascaris Siluri glanidis n. sp.
Fig. 4.
Glas No. 19007 und 13244.
Embryonaltbrm mit Bohrzahn von 25 mm Länge und
1 mm Breite ; der Körper ist aufgerollt, der Oesophagus
misst Vio, der Schwanz Vss der Körperlänge; letzterer ist
conisch zugespitzt; der Darm ist nach vorn in einen neben
den hinteren zwei Dritteln des Oesophagus gelegenen Blind-
darm vorgezogen. Seitlich vom Bohrzahn stehen 2 kleine
Papillen ; man glaubt eine Andeutung der Oberlippe zu
sehen.
Gefunden an der Aussenwand des Darms von Silurus
glanis, vom Bindegewebe fest umwachsen.
Ascaris Siluri Gmel. wohnt im Darm desselben Thieres
und Ascaris Glanidis ist eine winzig kleine Form aus
dem Wels.
13. Ascaris Pastoris n. sp. inquir.
Glas Nö. 18978.
Es ist nur ein geschlechtlich unentwickeltes Exemplar
vorhanden von 21 mm Länge und 0,66 mm Breite; am Kopf-
ende bemerkt man 3 Lippen ohne charakteristische Zeich-
nung oder Form; ausser dem Verdauungstract sind noch
keinerlei Organe ausgebildet; die Haut ist regelmässig
quergeringelt; der Oesophagus nimmt V?, der conische
Schwanz mit gerundetem Ende Vss der ganzen Länge ein.
Wohnthier: Pastor roseus.
14. Ascaris spec?
Glas No. 27502.
Fundort unbekannt, daher nicht näher untersucht.
15. Ascaris spec. ?
Glas No. 12308.
Aus einem nicht bestimmten Fisch, daher nicht weiter
berücksichtigt.
280 Dr. V. Linstow:
16. Ascaris spec. ?
Glas (No. 7 meiner Bezeichnung, aus Glas) No. 13689,
wo die Form mit Echinorhyncbus acanthotrias zusammen
sich fand, aus Astur palumbarius, also vermuthlich Ascaris
depressa: eine Bestimmung ist aber nicht möglich, da nur
ein unreifes Exemplar vorhanden ist.
17. Ascaris spec?
Glas No. 13275.
Eine grosse Larvenform, wahrscheinlich aus der Bauch-
höhle seines Wohnthieres, eines Fisches No. 13209, die
schlecht erhalten ist.
18. Ascaris spec?
Glas No. 13280; Larven aus der Bauchhöhle eines
unbekannten Fisches.
19. Physaloptera striata n. sp.
Fig. 5—6.
Glas (No. 14) ex parte und No. 14046.
Das Glas (No. 14) enthielt diese Art zusammen mit
Physaloptera abbreviata aus Tropidonotus hydrus, das Glas
No. 14046 aber aus dem Magen von Ciconia alba, wohin
sie wohl nur mit gefressenen Schlangen gekommen sein
kann und also hier als Pseudoparasit anzusehen ist.
Das Kopfende ist durch 2 dorso-ventrale Lippen aus-
gezeichnet, die klein und rechtwinklig sind und einen
leicht geschwungenen Vorderrand von der doppelten Grösse
der Seitenränder haben ; nach innen zu wird die Lippe
dreitheilig, jede ist von einem nach vorn kolbig ange-
schwollenen Aste der Pulpa gestützt; es finden sich weiter
vier kleine Zwischeulippen und zwischen den beiden Haupt-
lippen stehen verschiedene Erhabenheiten, die ich nicht
näher erklären kann.
Die Länge des Männchens beträgt 18, die Breite 0,48
mm; am Schwanzende stehen vier prä- und zwei postanale
Papillen jederseits, ausserdem eine präanale in der Mitte;
Nemat., Tremat. u. AcanthocephaleD, ges. v. Prof. Fedtschenko. 281
die Papillen sind gross und von einem Hofe umgeben,
der radiäre Streifung zeigt; das männliche Schwanzende
ist spiralig eingerollt und misst Vst^s der ganzen Länge;
die Bursa hat Längsleisten, welche, wo sie Querfalten bil-
den, sägeartige Contouren zeigen; die 1. und 2. der prä-
analen Papillen berühren sich.
Das Weibchen ist 25 mm lang und 0,66 mm breit;
das abgerundete Schwanzende misst Vss der Körperlänge;
die sehr kleinen Eier sind dickschalig und enthalten den
fertig entwickelten Embryo; sie sind 0,046 mm lang und
0,025 mm breit; die Vulva liegt so, dass sich der durch
sie gebildete vordere Körperabschnitt zum hinteren verhält
wie 3 : 2. Der Oesophagus misst Vss der Gesammtlänge.
20. Physaloptera abbreviata Rud.
Fig. 7-8.
Glas No. 19006, 14032, 14036, (14) ex parte, ? (8).
Gefunden im Magen von Pseudopus Pallasii, in Tro-
pidonotus hydrus, im Darm von ? Phrynocephalus helio-
scopus und als Pseudoparasit im Magen von Ciconia alba.
Die Haut ist dick und stark gewellt, der Körper
breit und gedrungen; hinter dem Kopfe steht in der Rücken-
und Bauchlinie eine Nackenpapille, die in einen spitzen
Dorn ausläuft; das Kopfende führt zwei sehr grosse Lippen
und jede derselben ist mit einem grossen, keilförmigen
Zahn und 3 Papillen , am Innenrande aber mit kleinen
Zähnchen versehen ; der Oesophagus misst */i2 der Körper-
länge.
Die Länge des Männchens beträgt 9, die Breite 0,6
mm; das Schwanzende zeigt an langgestielten Papillen
jederseits 2 prä- und 2 postanale, an ungestielten eine
unpaare dicht vor dem Anus, ferner jederseits eine prä-
und 5 postanale ; von letzteren stehen 1 und 2 dicht hinter
dem Anus, 3 und 4 dicht neben einander in der Mitte des
Schwanzes, die 5. nicht weit vom Schwanzende. Die Bursa
hat einen gewellten Rand und in der Mitte conische Spitzen,
die in Längsreihen stehen; die Girren sind lang und ge-
282 Dr. V. Linstow:
bogen; der grössere hat die ansehnliche Länge von 2,7mm;
Länge des Schwanzes V21.
Das Weibchen ist 18 mm lang und 0,87 mm breit: das
abgerundete Schwänzende misst V47 der Gesammtlänge ;
die dickschaligen Eier sind 0,036 mm lang und 0,02 mm
breit; die Vulva trennt den vorderen vom hinteren Körper-
abschnitt im Verhäitniss von 8 : 31.
Das Glas (No. 14) enthält Exemplare aus Tropido-
notus hydrus, die mit Physaloptera striata zusammen den
Inhalt dieses Glases bilden ; Glas No. 19006 aus Pseudopus
Pallasii und die Gläser 14032 und 14036 aus dem Magen
von Ciconia alba, wohin sie, wie bei voriger Art, nur mit
verschlungenen Schlangen, welche diesen Parasiten be-
herbergten, gelangt sein können ; ersteres Glas enthält nur
Männchen, letzteres nur Weibchen; das Glas (No. 8) birgt
nur unreife und verdorbene Exemplare, so dass ich Fedt-
schenko's Bestimmung in Bezug auf das Genus bestätigen
kann, aber zweifelhaft bin, ob der Inhalt zu dieser Art
gehört.
21. Physaloptera dentata n. sp.
Fig. 9—10.
Glas No. 36430, 14389, 18918.
Das erste Glas enthält Exemplare aus Agama san-
guinolenta, das zweite aus Vipera berus, das dritte aus
Phrynocephalus auritus; das bewohnte Organ ist bei
Vipera nicht angegeben, bei Agama ist es der Darm und
die Leibeshöhle, bei Phrynocephalus Mund und Darm.
Der Kopf ist durch 2 sehr grosse Lippen ausgezeichnet,
von denen jede in der Mitte eine Papille und einen grossen
keilförmigen Zahn führt, an dessen Basis an der Innen-
seite noch ein kleines Zähnchen steht; in der Entfernung
von 0,48 mm vom Kopfende bemerkt man eine Nacken-
papille; der Oesophagus misst ^4,2 der Gesammtlänge.
Das Männchen ist 7 mm lang und 0,66 mm breit; der
Schwanz misst Vu der ganzen Thierlänge ; die Bursa ist
mit conischen Spitzen besetzt, die in Längslinien stehen;
jederseits finden sich 4 gestielte präanale Papillen, unge-
k
Nemat., Tremat. u. Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedtschenko. 283
stielte jederseits 3 postanale und eine unpaare dicht vor
dem After; die 1. und 2. postanale finden sich dicht neben-
einander etwa in der Mitte des Schwanzes und verschmelzen
oft zu einer grösseren, die 3. steht weiter nach dem Ende zu.
Das Weibchen ist 12 mm lang und 0,96 mm breit;
das Schwanzende ist kegelförmig mit abgerundeter Spitze,
von V25 Länge im Verhältniss zum ganzen Körper. Die
sehr zahlreichen, dickschaligen Eier sind 0,052 mm lang
und 0,043 mm breit.
22. Physaloptera malleus n. sp.
Fig. 11—12.
Glas (No. 15), microscopisches Präparat No. 5.
Aus Corvus cornix; in der Gattung Corvus ist bisher
noch keine Physaloptera gefunden; das Präparat enthält
ein männliches Schwanzende.
Der Kopf hat zwei sehr grosse, gerundete, an der
Innenseite ausgehöhlte Lippen, der Oesophagus misst V6,5
der Körperlänge; die Breite nimmt von vorn nach hinten
beständig ab.
Das Männchen ist 20 mm lang und 0,76mm breit;
das von einer ovalen Bursa eingefasste Schwanzende von
^33,3 der Gesammtlänge hat jederseits 4 prä- und 2 post-
anale Papillen, sowie eine unpaare präanale; alle sind
langgestielt und die beiden postanalen stehen nebenein-
ander in der Mitte des Schwanzes; die Bursa ist mit rund-
lichen Erhabenheiten übersät, die in Querreihen stehen ;
der grössere der Girren besitzt einen doppelten Haken.
Das Weibchen hat eine Länge von 42 und eine Breite
von 1,5 mm, das Schwanzende misst nur V269 der Gesammt-
länge; die Eier zeigen eine doppelte Schale, von denen
die äussere Schicht die stärkere ist; die Länge beträgt
0,046 und die Breite 0,029 mm.
23. Filaria rotundata n. sp.
Fig. 13—14.
Glas No. 36438.
Wohnthier : Otis Mac Quini.
284 Dr. V. Linstow:
Die Haut ist sehr derb und zeigt regelmässige, feine
Querringel ; die wenig hervortretenden 2 dorso- ventralen
Lippen haben ein aus je 2 Dreiecken gebildetes Chitin-
gerüst ; in jeder Submedianlinie stehen auf ihnen 2 Pa-
pillen über einander; am Kopfe beginnt eine elliptische
Seitenmembran , die beim 66 mm langen Weibchen 4 nim
weit nach hinten reicht ; der Oesophagus misst ^'9 der Ge-
sammtlänge. Das 37 mm lange und 0,66 mm breite Männ-
chen hat einen abgerundeten Schwanz, der V77 der ganzen
Länge misst; die beiden Girren sind 1,4 und 0,46mm lang;
der kürzere ist etwas dicker; jederseits stehen 4 prä- und
6 postanale Papillen, von denen die 4 prä- und die beiden
ersten postanalen langgestielt sind, die übrigen stehen nahe
bei einander am Schwanzende; die Bursa zeigt länglich-
runde Erhabenheiten.
Das Weibchen ist 66 mm lang und 0,9 mm breit; der
kegelförmige Schwanz hat eine Länge von Vios der Ge-
sammtgrösse; die reifen Eier sind dunkelbraun und sehr
dickschalig; die Hülle ist dreifach, die mittlere Lage ist
die Trägerin der braunen Farbe ; die äussere ist die stärkste,
die Länge der Eier, welche einen entwickelten Embryo
enthalten, beträgt 0,069, die Breite 0,056 mm.
24. Filaria papulosa Kud.
Fig. 15.
Glas (No. 9), No. 13458, No. 18900.
Die beiden erstgenannten Gläser enthalten Exemplare
aus der Leibeshöhle des Pferdes, das letzte aus der des
Kalbes. Das weibliche Hinterleibsende habe ich abgebil-
det, weil ich dasselbe etwas anders sehe als Schneider.
25. Filaria sanguinolenta Rud.
Glas (No. 10).
Gefunden in Auswüchsen des Oesophagus im Hunde.
26. Filaria ? obtusocaudata Rud.
Glas No. 16481.
Aus Lanius spec. ? Es sind nur Rudimente eines
Nemat., Tremat, u. Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedtschenko. 285
Weibchens vorhanden und ist daher eine sichere Bestim-
mung nicht möglich,
27. Filaria tricuspis Fedtschenko.
Fig. 16.
Glas (No. 11), (No. 12), (No. 13), No. 363, No. 498,
No. 27401, microscopisches Präparat No. 4, No. 194, No. 536.
Fedtschenko beschreibt die Art im Bericht der
Freunde der Naturwissensch. Moskau Band X, Heft 2,
pag. 10 — 11, aus der Leibeshöhle von Corvus cornix, frei
oder eingekapselt, ferner aus Alauda spec? (No. 489 und
521 der F.'schen Sammlung) mit der Diagnose: Ore spi-
nulis duabus tricuspidatis lateralibus , ano deficiente. Mas
spiculis duobus, uno recto, altero ad spiram torto; papillis
post anum non distinguendis ; longitudo 40 mm, femina
vulvae orificio 0,495 mm ab ore distante; longitudo 150mm.
Die Zugehörigkeit zur Gattung Filaria steht nicht über
allem Zweifel wegen des Fehlens des Anus und der Pa-
pillen am männlichen Schwanzende.
Die Muskeln sind auf Durchschnitten, die im rechten
Winkel auf die Längsachse des Thieres geführt sind,
rinnenförmig ; der nach innen gerichtete Hohlraum wird
durch eine Blase ausgefüllt, die gekernte Zellen führt. Von
der Innenfläche gesehen werden diese Innenhälften der
Muskeln also spindelförmige Längswülste darstellen, die
bei jedem Muskel vorn und hinten in spitzem Winkel en-
digen. Die Seitenfelder sind sehr gross und nehmen fast
h'o der ganzen Körperwand ein. Der Darm scheint kein
einheitliches Lumen zu haben , sondern an dessen Stelle
finden sich lauter parallel neben einander liegende
Röhren , die wahrscheinlich mit einander anastomosiren,
wenn das Bild nicht durch Gerinnung des Darminhalts
entstanden ist. Die Zeichnung ist nach von Fedtschenko
hergestellten, mit Carmin gefärbten, in Glycerin liegenden
vortrefflichen Präparaten gemacht.
286 Dr. V. Linstow:
28. Filaria obtusa Rud.
Glas No. 7991.
Es sind nur unvollkommene Weibchen aus Hirundo
urbica vorhanden.
29. Filaria strongylina Rud.
Glas No. 13559.
Aus dem Darm von Sus scrofa domestica; das Glas
enthält ein Männchen und ein Weibchen.
30. Filaria micro Stoma Schneider.
Fig. 17.
GlasNo. 13428 ; microscopisches Präparat No. 191.
Das männliche Schwanzende hat 4 prä- und 2 bis 4
postanale grössere Papillen jederseits, welche letztere, wie
Schneider schon bemerkt, häufig sehr unsymmetrisch stehen,
aber nicht immer , und dann pflegen sie nur in der Zahl
von zweien vorhanden zu sein. Uebersehen ist bisher eine
Gruppe von 12 sehr kleinen Papillen, die am Schwanzende
sich finden; die Bursa zeigt Längsstreifen. Wenn die
postanalen grossen Papillen so unregelmässig stehen wie
in der Zeichnung, so fehlen auf der einen Seite die beiden,
welche dicht hinter dem Anus stehen, auf der anderen
aber die beiden nach dem Schwanzende hin gerückten.
Gefunden im Magen von Equus caballus.
31. Filaria ? coronata Rud.
Glas No. 8334.
Das Präparat ist verdorben; es scheint eingetrocknet
gewesen zu sein und ist zu feineren Untersuchungen un-
tauglich; es stammt aus den Muskeln am Kopfe von Co-
racias garrula.
32. Filaria ? abbreviata Rud.
Glas No. 27465.
Das Glas enthält nur 2 kleine Rudimente eines Weib-
chens und ist die Art daher mit einiger Sicherheit nicht
zu bestimmen. Fundort: Leibeshöhle von Saxicola.
Nemat., Tremat. u. Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedtschenko. 287
33. Filaria truncato-caudata Deslong.
Glas No. 9630, microscop. Präparat No. 1, 2, 3.
Das Glas enthält nur ein weibliches Exemplar, dem
das Kopf- und Schwanzende fehlt, die microscopischen
Präparate nur Durchschnitte.
Wohnort: Leibeshöhle von Vanellus cristatus.
34. Filaria Ca prae n. sp. inquir.
Glas No. 16450.
Nur ein aus 4 Bruchstücken bestehendes Weibchen
ist vorhanden, das sehr lang gewesen sein muss; die Breite
beträgt 0,36 mm ; das Kopfende fehlt, die Rudimente sind
mit Eiern erfüllt.
Gefunden ist die Art in den Muskeln unter der Zunge
von Capra hircus.
35. Filaria ? nodulosa Rud.
Glas No. 9630.
Nur das schlecht erhaltene Rudiment eines Weibchens,
gefunden unter der Haut des Rückens von Lanius coUurio,
ist da, das eine genaue Bestimmung nicht zulässt.
36. Filaria squamata n. sp.
Fig. 18—19.
Glas No. 12485, No. 13068.
Es sind nur Weibchen vorhanden ; die Länge beträgt
24, die Breite 0,72 mm; das Kopfende trägt zwei rundliche,
seitlich stehende hyaline und wenig hervorragende Lippen;
der Oesophagus misst V4, der Schwanz V288 der Gesammt-
länge; der Körper ist nach vorn verdünnt, nach hinten
verdickt. In den Subraedianlinien verlaufen Halskrausen,
die aus eigenthümlichen , ringförmigen Gliedern bestehen
und an der Aussenseite nach hinten gerichtete Schuppen
zeigen; 1 mm vom Kopfende entfernt vereinigen sie sich
auf der Rücken- wie auf der Bauchseite zu je einer
Schlinge und hier steht eine dreispitzige Nackenpapille,
von der aus nach hinten in der Rücken- und Bauchlinie
288 Dr. V. Linstow:
wiederum eine einfache , gerade Krause verläuft. Der
Oesophagus ist Anfangs dünn und wächst dann bis auf
das Fünffache der ursprünglichen Breite. Die starkwan-
digen Eier haben eine doppelte Schale , von denen die
innere Schicht die dünnere ist; sie sind 0,039mm lang und
0,023 mm breit.
Gefunden im Darm von Phalacrocorax carbo.
37. Filaria Turdi atrogularis n. sp.
Fig. 20.
Microscopische Präparate No. 7845 und No. 7846.
Ersteres Präparat enthält ein Weibchen, letzteres das
Schwanzende eines Männchens. Fundort: Turdus atrogu-
laris.
Der Mund ist durch nichts ausgezeichnet, das Kopf-
ende ist gerundet, ohne Lippen; die Muskulatur ist die der
Polymyarier, die Haut ist derb und ungeringelt.
Der Schwanz des Männchens ist kurz, kegelförmig
mit abgerundetem Endtheil, 0,052 mm lang; die gekrümm-
ten, am Ende abgerundeten Spicula sind derb und kurz,
fast gleich, 0,1 und 0,095 mm lang; eine Bursa und Pa-
pillen sind scheinbar nicht vorhanden.
Das Weibchen ist 13 mm lang und 0,26mm breit; der
Schwanz ist abgerundet ; die Vulva des Weibchens , das
keine Eier enthält, liegt dicht am Kopfende; der durch sie
gebildete vordere Körperabschnitt verhält sich zum hin-
teren wie 1 :21.
Fedtschenko hat die Präparate mit „Eustrongylus"
bezeichnet; diese Gattuug besitzt aber nur ein langes
Spiculum und eine napf- und glockenförmige Bursa; die
Zugehörigkeit zu Filaria ist wiegen des Fehlens der Pa-
pillen am männlichen Schwanzende nicht zweifellos, jedoch
war das Material zur Aufstellung einer neuen Gattung bei
Weitem nicht genügend und nehme ich an, dass Papillen
doch vorhanden , an dem einen Präparat aber zufällig
nicht sichtbar sind, da die Form sonst alle Merkmale der
Gattung Filaria trägt.
Nemat., Tremat. u. Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedtschenko. 289
38. Filaria spec?
Glas No. 13468.
Das Glas enthält ein Männchen und ein Weibchen,
deren Fundort unbekannt ist; die Thiere sind lan^ und
dünn und habe ich die Form, weil ihre Herkunft nicht
angegeben ist, nicht weiter benannt und beschrieben. Die
Bezeichnung „? P^ilaria papulosa", welche das Glas trägt,
ist nicht zutreffend.
39. Filaria spec?
Glas (No. 16).
Das Gefäss enthält nur Rudimente einer Filarie, deren
Wohnthier nicht angegeben ist und habe ich daher die
Exemplare nicht näher untersucht.
40. Aprocta cylindrica nov. gen., nov. spec.
Fig. 21.
Glas No. 9316, microscop. Präparat No. 190.
Das Kopfende ist abgerundet, ohne Lippen, Papillen
und sonstige Merkmale; der Oesophagus ist sehr kurz und
misst nur Vis der Körperlänge; die Muskeln stellen die
Form zu den Meromyariern , jede Muskelzelle hat einen
deutlichen Kern mit Kernkörpercheu, das Schwanzende ist
bei beiden Geschlechtern abgerundet, ein After fehlt.
Das Männchen ist 16 mm lang und 0,54 mm breit, das
Schwanzende ist kurz, Vio7 der Körperlänge gross, die Ge-
schlechtsöffnung ist etwas vorragend, ganz hinten steht
jederseits eine postanale Papille ; es finden sich 2 kurze,
gebogene, nicht völlig gleichlange Spicula von 0,31 und
0,28 mm Länge.
Die Länge des Weibchen beträgt 27, die Breite 0,9
mm; die Eier sind sehr klein, elliptisch-gestreckt, 0,026 mm
lang und 0,01 mm breit.
Gefunden in der Augenhöhle von Petroeca cyanea.
Fedtschenko bezeichnet die Form mit „Ceratospira"
Schneider, welche Gattung eine breite Bursa und jederseits
11 Papillen am männlichen Schwanzende zeigt und zu den
Archiv f. Naturg. XLiX. Jahrg. 1. Bd. 19
290 Dr. V. Li n stow:
Polymyariern gehört, verleitet wahrscheinlich durch Schnei-
der's Vermuthung (Monogr. d. Nemat. p. 108), es möchten
sich die filarienartigen Nematoden, die in der Augenhöhle,
unter den Augenlidern, in der Nasenhöhle, im äusseren
Ohre wohnen, später zu einem Genus Ceretospira ver-
einigen lassen, was auf die hier beschriebene Form aber
nicht anwendbar ist.
41. Cheiracanthus hispidus Fedt.
Glas mit der Bezeichnung „Gnathostoma hispidum";
microscopisches Präparat No. 248.
Diese merkwürdige Art, gefunden zwischen den Magen-
häuten von Sus scrofa fera ist von Fedtschenko im
Protokoll der Moskauer Gesellsch. der naturforsch. Freunde
Bd. X, 1872, Heft 1 pag. 7—11, tab. XV eingehend ge-
schildert; die von ihm aufgestellte Gattung Gnathostoma
dürfte aber nicht aufrecht zu erhalten sein, da Diesing's
Cheiracanthus robustus, der zwischen den Magenhäuten von
Felis catus wohnt, ohne Zweifel in dieselbe Gattung mit
dieser Form gehört, die am ganzen Körper von Dornen
starrt.
42. Dispharagus spiralis Molin.
Fig. 22.
Glas No. 12867, microscopische Präparate No. 6 und
192.
Im Darm von Gallus domesticus lebend. Bei beiden
Geschlechtern ist der Körper spiralig aufgerollt, am vor-
deren Körperende finden sich in den Submedianlinien ge-
wellte Halskrausen, die umbiegen und wieder nach vorn
verlaufen, bis sie sich, nachdem sie ^/g ihrer Länge wieder
zurückgegangen sind, an der Bauch- und Rückenseite zu
je einer Schlinge vereinigen ; bei der verwandten Art
Dispharagus nasutus gehen sie nur bis zur Hälfte der Länge
wieder zurück.
Das männliche Schwanzende führt 4 prä- und 5 post-
anale Papillen jederseits; Molin gibt die Zahl der post-
t
Nemat., Tremat. u. Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedtschenko. 291
analen Papillen auf 3 an, die bei Disph. nasuta ebenfalls
5 beträgt.
43. Agamonema rotundatum n. sp.
Fig. 23.
Glas No. 13275.
Eine 25 mm lange und 1,2 mm breite Nematodenlarve
aus dem noch unbestimmten Fisch No. 13209; eine sehr
merkwürdige Form, die aus der Leibeshöhle des Fisches
stammen muss, da einzelne Exemplare von Bindegewebe
noch umwachsen sind; der Kopf ist kugelförmig, blasig
aufgetrieben, der Schwanz conisch zugespitzt von V298 der
Gesammtlänge ; der Oesophagus misst Ve^s der ganzen Thier-
länge, der Anus mündet fast terminal und von Geschlechts-
organen findet sich noch keine Spur.
Wahrscheinlich haben wir hier die Larve eines bisher
noch unbekannten Nematoden-Genus vor uns.
44. Heterakis curvata n. sp.
Fig. 24.
Glas No. 27466.
Der Körper ist nach vorn verdünnt, der abgerundete
Kopf hat 3 schwache, runde Vorwölbungen, deren jede
vorn eine kleine Papille trägt; der Oesophagus misst Vs,?
der Gesammtlänge und endet in einen kugelförmigen Bul-
bus; der Schwanz ist zugespitzt.
Das Männchen hat eine Länge von 14 bei einer Breite
von 0,54 mm; die Spicula messen 1,2 und 0,9 mm; das
Schwanzende ist \''58,5 der Gesammtlänge gross und führt
2 prä-, 7 postanale Papillen und 2 neben dem Anus jeder-
seits; von den postanalen stehen 4 mehr nach innen, 3
mehr nach aussen; die vorderste der präanalen ist weit
nach vorn gertickt; der Saugnapf ist schwach entwickelt.
Beim 12,3 mm langen und 0,54 mm breiten Weibchen
ist das Schwanzende lang zugespitzt; es misst ^/s der
Körperlänge; die Vulva liegt etwas hinter der Körpermitte ;
die durch sie gebildeten Körperabschnitte verbalten sich,
292 Dr. V. Li u stow:
der vordere zum hinteren, wie 14:13. Die Eier sind 0,039
mm lang und 0,026 mm breit.
Wohnthier: Perdix graeca.
45. Heterakis inflexa Rud.
Glas No. 13019, microscop. Präparat No. 199.
Die Exemplare sind im Darm von Gallus domesticus
gefunden und bieten nichts Neues.
46. Heterakis lineata Schneider.
Fig. 25.
Glas No. 13627.
Aus Anus boscbas domestica.
Am männlichen Schwanzende stehen jederseits 3
grössere Papillen neben dem Anus, mehr nach der Mittel-
linie zu finden sich 3 neben dem Saugnapf, 1 dicht am Anus
und 3 nach dem Schwanzende zu, von denen die vordere
sehr klein ist und die beiden anderen dicht bei einander
stehen; im Ganzen sind also 10 Papillen jederseits vor-
handen.
47. Heterakis vesicularis Frölich.
Glas No. 13027, No. 13637.
Der Oesophagus misstVsjG der Gesammtgrösse ; Schwanz
zugespitzt.
Länge des Männchens 96 mm, Breite 0,54 mm; das
eine der beiden Spicula hat ungewöhnlich breite Flügel;
am Schwanzende jederseits 12 Papillen; der Schwanz misst
V23 der Körperlänge.
Das Weibchen ist 108 mm lang und 0,48 mm breit;
das lang zugespitzte Schwanzende hat Vi 2 der Gesammt-
länge; die Vulva liegt in der Körpermitte; die Eier sind
0,066 mm lang und 0,036 mm breit.
Wohnort : Gallus domesticus und Anas boschas do-
mestica.
Nemat., Tremat. u. AcanthocephalcD, ges. v. Prof. Fedtscheuko. 293
48. Heterakis tenuicauda n. sp.
Fig. 26—27.
Glas No. 13572 und 14423.
Der Kopf ist abgerundet mit 3 wenig hervortretenden
Lippen; der Oesophagus misst Vs der ganzen Länge.
Länge das Männchens 22, Breite 1 mm, die Länge des
Schwanzes beträgt Vei der Körperlänge; die Bursa ist breit,
der Saugnapf sehr gross mit einer kleinen, nach hinten
verlaufenden Rinne ; das Schwanzende ist fadenförmig, die
Spicula sind gerade, fast gleich gross, allmählich zuge-
spitzt, sehr breit, 0,98 und 0,96 mm lang; jederseits stehen
12 Papillen, davon 4 grosse dicht bei einander neben dem
Anus, nach innen davon je eine vor und eine hinter dem-
selben, am Ende des Schwanzes 4, davon die beiden letzten
in einer Querlinie neben einander und endlich 2 kleinere
vor dem Saugnapf. Das Weibchen ist 14 mm lang und
0,6 mm breit, das pfriemenförmige Schwanzende misst Vis
der Gesammtlänge ; die Eier sind sind 0,06 mm lang und
0,042 mm breit.
Wohnthier: Perdix graeca, im Darm.
49. Heterakis macroura n. sp.
Fig. 28.
Glas No. 27448.
Kopf mit 2 halbkugelförmigen Lippen; Schwanzende
zugespitzt, der Oesophagus ist am Ende etwas ange-
schwollen und misst '^ji der Körperlänge.
Länge des Männchens 9 mm. Breite 0,6 mm, die Bursa
des männlichen Schwanzes, der Vtp der Gesammtgrösse
misst, ist breit, der Saugnapf sehr gross; jederseits stehen
10 Papillen, von denen 4 seitlich neben dem Anus sich
finden, mehr nach innen eine zwischen der 2. und 3., noch
weiter nach innen eine zwischen 1. und 2., ferner eine
dicht hinter dem Anus und die 3 letzten bei einander nach
hinten, wo die Bursa aufhört, die mittlere mehr nach innen
gerichtet. Die Spicula sind an der Wurzel rundlich, nach
dem Ende hin zugespitzt ; sie messen 0,13 und 0,11 mm.
294 Dr. V. Linstow:
Das Weibchen ist 12,6mm lang und 0,66mm breit;
das Schwänzende misst V'7,8 der Gesammtlänge , die Eier
sind 0,072 mm lang und 0,048 mm breit.
Fundort: Megaloperdix Nigelii.
50. Heterakis gracilis n. sp. inquir.
Glas No. 36729.
Der Schwanz ist lang zugespitzt, die Länge des Oeso-
phagus beträgt V?,* der Gesammtgrösse.
Das Männchen ist 7,5 mm lang und 0,24 mm breit;
der Saugnapf ist sehr gross; das Schwanzende misst Vi2,5
der ganzen Grösse, die Spicula sind 0,7 und 0,6 mm lang.
Die Länge des Weibchens beträgt 13,3 mm ; die Breite
0,48 mm; der Schwanz nimmt V/e der Körperlänge ein;
die sehr dickschaligen Eier sind 0,054 mm lang und 0,03
mm breit.
Es ist nur 1 Männchen und 1 Weibchen vorhanden,
die eine eingehendere Beschreibung nicht ermöglichen.
Gefunden im Munde von Agama sanguinolenta.
51. Strongylus filaria Rud.
Glas No. 13382.
Länge des Männchens 68 mm, des Weibchens 94 mm,
die Exemplare stimmen in allen Punkten mit Sehne ider's
Beschreibung und Abbildung ; derselbe scheint aber nicht
ganz erwachsene Thiere untersucht zu haben, da er die
Länge des Männchens auf nur 25 mm angiebt.
Gefunden in Ovis aries.
52. Strongylus paradoxus Mehlis.
Glas No. 13558.
Aus den Bronchien von Sus scrofa ; es sind nur Rudi-
mente von Weibchen vorhanden.
53. Strongylus armatus Rud.
Fig. 29.
Glas No. 36562; microscop. Präparat No. 17091.
Die Girren sind kurz, an der Wurzel stark verbreitert,
k
Nemat., Tremat, u. Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedtschenko. 295
0,21 mm lang ; die männliche Cloake hat eine Einfassung
von im rechten Winkel zu einander stehenden Chitinleisten.
Die Exemplare sind von sehr verschiedener Grösse; der
Oesophagus misst Vu? der männliche Schwanz Vasjs der
Gesammtlänge ; die letzte Hälfte des Schwanzes ist plötz-
lich stark verdünnt und pfriemenförmig zugespitzt. Der
Oesophagus ist kurz und sehr kräftig, die Darmwand
schwarz pigmentirt. Die Haut ist regelmässig quergeringelt;
der tiefe Mundbecher besteht aus einer vorderen und einer
hinteren, grösseren Abtheilung, welche letztere stärkere
Wandungen hat; in den Submedianlinien steht je eine
langgestielte Papille, ferner je eine kleinere in der Rticken-
und Bauchlinie. Der Mundbecher zeigt verschiedene For-
men je nach den Muskelcontractionen, mitunter stehen die
Wände nicht parallel, sondern divergiren nach vorn.
Gefunden in der Darm wand von Equus caballus, ver-
muthlich in Arterien derselben.
54. Strongylus contortus Rud.
Fig. 30.
Glas mit der Bezeichnung „Strongylus contortus*'.
Die Girren sind 0,48 mm lang, an der Wurzel kolbig
verdickt, am Ende mit einem halbkugelförmigen Aufsatz;
nicht weit vom Ende befindet sich an der Aussenseite ein
nach hinten gerichteter Dorn; zwischen den Girren steht
ein gabelförmiges Chitinstück.
Fundort: Magen von Ovis aries.
55. Strongylus spec?
Fig. 31.
Glas No. 12931.
In dem Glase befindet sich nur die hintere Hälfte
eines Männchens, dessen Fundort nicht angegeben ist. Die
Girren sind lang und spitz, die Bursa besteht aus 2 seit-
lichen und einem Mittellappen; in die ersteren tritt ein
breiter Ast der Pulpa, der sich in 3 breite, spitz endende
Rippen theilt; in den Mittellappen tritt ein ebenso breiter,
der seitlich je eine lange, schmale Rippe abgibt, die im
296 Dr. V. Linstow:
entsprechenden Seitenlappen mündet; darauf tritt eine
doppelte dichotoraische Theilung* ein und ist die innere
Rippe der 4 Endrippen nochmals in je 2 gespalten.
Am nächsten verwandt ist die Form mit Strongylus
ornatus des Pferdes, der aber kurze Girren und jederseits
vorn eine Rippe mehr hat; ähnlich gebildet ist auch das
männliche Schwanzende von Globocephalus longemucrona-
tus und bitte ich die Unterschiede aus meiner Abbildung
mit der Molin's (II sottordine degli Acrof. pag. 536—537,
tab. XXX Fig. 3—4), welche die letztgenannte Art dar-
stellt, zu ersehen.
Da nur ein halbes Männchen vorhanden ist, dessen
Wirth nicht bekannt ist, so habe ich die Benennung unter-
lassen.
56. Crenosoma striatum Bed.
Glas No. 19004.
Das Glas enthält nur ein Männchen, das in Erinaceus
europaeus gefunden ist.
57. Atractis dactylura Rud.
Fig. 32.
Glas bezeichnet „Atractis dactylura" : microscopisches
Präparat No. 22.
Die beiden Girren sind sehr ungleich und sieht man
bei keinem Nematoden ihre Function so klar aus der
Form, wie bei dieser Art; der kleinere ist hakenförmig
und dient offenbar zum Festhalten des Weibchens, wäh-
rend der grössere weit in die Vulva hineingeschoben wird,
um dem Samen den Zugang zu erleichtern; wer noch
Zweifel haben sollte, dass die Girren nicht den Samen
übertragen, d. h. dass er nicht durch sie hindurch, sondern
neben ihnen in den Körper des Weibchens geführt wird,
kann sich hier vom Sachverhalt überzeugen , denn bei
dieser Form existirt neben den beiden Girren noch ein
zugespitztes, röhrenförmiges Organ, welches augenschein-
lich zum Uebertragen des Samens dient, also als Penis
fungirt.
Gefunden in Homopus Horsfieldii.
Nomat., Tremat. u. Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedtschenko. 297
58. Pharyugodon acanthurus Diesing.
Glas bezeichnet „Oxyuris extenuata (spinicaudaDuj.,
acanthurus Dies.)".
Es sind in dem Glase nur 3 weibliche Exemplare
vorhanden, und sind die charakteristischen Stacheln am
Schwanzende meistens verloren gegangen.
59. Oxyuris vermicularis Bremser.
Glas No. 13791.
Bei geschlechtlich noch unentwickelten Exemplaren
ist der Schwanz gegen den übrigen Körper deutlich ver-
schmälert, griffeiförmig, Vio der Körperlänge messend ; bei
den ausgewachsenen Thieren ist er abgesetzt, kegelförmig,
V33 der ganzen Länge einnehmend. Der Oesophagus misst
bei unentwickelten Exemplaren Va, bei geschlechtsreifen V4
der Gesammtlänge.
Aus Kirgisenkindern.
60. Oxyuris inflata n. sp.
Fig. 33.
Glas No. 18962.
Der Oesophagus, welcher beim Männchen V6,2, beim
Weibchen \ s,? der Gesammtlänge einnimmt , hat einen
grossen, kugelförmigen Bulbus; das Schwanzende ist zu-
gespitzt; am Kopfe ist die Epidermis elliptisch aufgetrieben ;
der Mund hat 3 undeutliche Lippen.
Beim 3,2 mm langen und 0,2 mm breiten Männchen
misst der Schwanz ^/i3 der ganz'en Länge; der Cirrus ist
gerade, kurz und dick, 0,046 mm lang.
Das Weibchen hat eine Länge von 6 und eine Breite
von 0,3 mm; das Schwanzende ist sehr lang zugespitzt,
V3,6 der ganzen Länge des Körpers messend; die Vulva
liegt an der Grenze vom ersten und zweiten Fünftel des
Körpers; die Eier sind 0,098 mm lang und 0,056 mm breit.
Wohnthier: Pterocles arenaria.
298 Dr. V. Linstow:
61. Oxyuris longicollis Schneider.
Fig. 34.
Glas mit der Bezeichnung „Oxyuris longicollis".
Der Darm hat an seiner Uebergangsstelle in den
Enddarm 2 kugelförmige Drüsen; der Oesophagus zeigt
am Ende einen kugelförmigen Bulbus.
Länge des Männchens 2,1mm, Breite 0,18 mm, der
Oesophagus misst V2,8, der Schwanz V25 der ganzen Körper-
länge; der Körper ist spiralig aufgerollt; unmittelbar
hinter dem Anus ist die Haut in einen griffeiförmigen
Fortsatz ausgezogen und das Schwanzende ist hinter diesem
plötzlich stark verschmälert, fingerförmig, mit rundem Ende.
Papillen finden sich jederseits 3, eine prä-, eine postanale
und eine am äussersten Schwanzende ; der Cirrus ist etwas
gebogen, dolchförmig und 0,12 mm lang.
Das Weibchen ist 7,3 mm lang und 0,84 mm breit ;
der Oesophagus nimmt V4,3, der Schwanz Vso der Gesammt-
länge ein, der Körper ist gerade gestreckt, cylindrisch,
der Schwanz conisch ; die Vulva liegt so, dass der durch
sie gebildete vordere Körperabschnitt sich verhält zum
hinteren wie 23 : 17; die dünnschaligen Eier sind 0,15 mm
lang und 0,11 mm breit.
Gefunden in Homopus Horsfieldii.
62. Oxyuris lanceolata n. sp.
Fig. 35.
Glas No. 17769, microscopisches Präparat No. 17769,
No. 18628.
Männchen sind nicht vorhanden. Der Kopf zeigt 3
wenig entwickelte Lippen, von denen jede eine kleine Pa-
pille führt. Die Länge beträgt 6,7, die Breite 0,58 mm.
der Oesophagus misst Vu, der Schwanz 74,6 der ganzen
Länge; der kurze Oesophagus hat am Ende einen kugel-
förmigen Bulbus ; der Schwanz ist hinter dem Anus plötz-
lich verdünnt , von hier an cylindrisch, Anfangs 0,06 mm
breit, allmählig zugespitzt. Die Vulva steht dicht beim
Kopfe, der durch sie gebildete vordere Körperabschnitt
verhält sich zum hinteren wie 2:35. Die Eier haben eine
Nemat., Tremat. u Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedtschenko. 299
glatte Schale, sie sind spindelförmig, an beiden Enden
gerade abgestutzt, 0,18 mm lang und 0,036 mm breit.
Gefunden in Insekten, deren Arten nicht bestimmt sind.
63. Trichocephalus affinis Rud.
Glas No. 13534, No. 13414.
Die Exemplare, welche nichts Besonderes bieten, sind
in Ovis aries gefunden.
Gordiaceen und Mermiten.
64. Gordius stylosus n. sp.
Fig. 36—38.
Glas No. 36438, Glas (No. 19).
Die Farbe ist braun, am Kopf ein schwärzlicher Ring,
die Epidermis zeigt zwei Systeme von Parallellinien, welche
sich in spitzem Winkel schneiden.
Das Männchen ist 150 mm lang und 0,78 mm breit,
das Schwanzende ist zweitheilig mit abgerundeten End-
lappen, welche an den einander zugekehrten Seiten kleine,
stumpfe Chitinhöcker führen, die sich in 2 Reihen neben
der Geschlechtsöffnung nach vorn ziehen.
Länge des Weibchens 145 mm, Breite 0,7 mm, Schwanz-
theil in 3 Endlappen endigend, von denen die seitlichen
abgerundet sind, aber der Mittellappen cylindrisch ist.
Das Glas No. 36438 enthält 2 Männchen aus Otis
Mac Quini, wohin dieselben sicher nur durch verschlungene
Insekten gelangt sind, welche diese Parasiten beherbergten,
und wären die Helminthen also an diesem Orte als Pseudo-
parasiten anzusehen; das Glas (No. 19) enthält ein Weib-
chen, dessen Fundort unbekannt ist.
65. Gordius palustris n. sp.
Fig. 39—40.
Glas No. 9474.
Nur das Männchen ist vorhanden, das 220mm lang
und 0,8 mm breit ist ; die Farbe ist braun, am Kopfe steht
300 Dr. V. Linstow:
ein schwärzlicher King; das Schwanzende ist zweitheilig
und finden sich an den Endlappen keinerlei Chitinborsten
oder -Zähne; die Epidermis zeigt sehr feine und dicht
stehende parallele Längslinien und ausserdem gröbere, un-
regelmässig gestellte Querlinien.
Fundort: Sumpfiges Wasser.
6ß. Gordius maculatus n. sp.
Fig. 41.
Glas (No. 17).
Länge des Weibchens 305 mm, Breite 1,3 mm; die
Farbe ist gelblich, ein Ring am Kopfe braun; der Vorder-
körper ist verdünnt, der Hinterleib verdickt, am Ende ab-
gerundet, nicht gelappt ; die Epidermis zeigt 2 Systeme von
Parallellinien, die sich in spitzem Winkel schneiden und
grosse, runde, in der Mitte durchbohrte Papillen, die an
Gordius subbifurcus (vid. Schneider, Monogr. d. Nemat.
pag. 180, tab. XIV fig. 2) erinnern, und sind dieselben von
der Epidermis überzogen.
67. Mermis paludicola n. sp.
Fig. 42—43.
Glas No. 17971.
Die Farbe ist braun , die Haut , wie bei fast allen
Mermis-Arten, doppelt schräg gestreift, die beiden Streifen-
systeme kreuzen sich in spitzem Winkel. Der Kopf zeigt
6 fingerförmige Ausläufer der Pulpa, von denen die 4 sub-
medianen die Haut nicht durchsetzen, wohl aber die 2
lateralen, welche in eine ovale , dunkle Papille auslaufen.
Die innere Auskleidung des Oesophagus ist stark chitinisirt.
Länge des Männchens 36 mm, Breite 0,34; das Schwanz-
ende zeigt 9 prä- und 15 postanale Papillen; die beiden
Girren sind sehr lang und dünn, 1,3 mm lang; wahrschein-
lich haben beide dieselbe Grösse, was nicht sicher nach-
zuweisen ist, da nur 1 Exemplar einen unverletzten Cirrus
besitzt, alle anderen sind abgebrochen; ausserdem findet
sich ein 0,14 mm langes, unpaares, breiteres Chitinsttick.
Die Papillen stehen in 4 Reihen, die beiden inneren zeigen
Nemat., Tremat. u. Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedtschenko. 301
4 postanale, die äusseren 9 prä- und 11 postanale Papillen.
Die Kenntniss dieser Männchen ist für die Systematik
nicht unwichtig, da man, während eine grosse Zahl von
Mermis-Larven bekannt ist, entwickelte Männchen bisher
nur von Mermis albicans kannte.
Das Weibchen ist 78 mm laiig und 0,48 mm breit, das
Schwanzende ist hier wie beim Männchen abgerundet; eins
der Exemplare befindet sich in Häutung.
Ob die Art mit Fedtschenko's Mermis explicans
(Bericht der Freunde der Naturwissensch. Moskau Bd. X,
2, pag. 8—10, tab. XIV fig. 16) identisch ist, lässt sich, da
eine Artbeschreibung fehlt, nicht bestimmen. Die Abbil-
dung gibt einen Querschnitt durch den oberen Theil des
Magens (Fettkörpers) und bezieht sich die Darstellung
übrigens nur auf die inneren Organe; der Fundort aber
„in einem Rohr am Ufer des See's Durman-Uul" lässt eine
Zusammengehörigkeit vermuthen, denn der Fundort des
Inhalts des Glases No. 17971 ist mit „Rohrwurzeln" be-
zeichnet.
68. Mermis acuminata n. sp.
Fig. 44.
Glas No. 17670, microscopisches Präparat No. 17354.
Nur Weibchen sind vorhanden ; Länge 45 mm, Breite
0,72, der abgerundete Kopf zeigt einen von der Pulpa
ausgehenden, auf dem optischen Querschnitt zangenförmigen,
nach vorn gerichteten Chitinapparat, man bemerkt an dem-
selben 6 kleine Papillen; der Schwanz ist kegelförmig
zugespitzt, wodurch diese Art von der vorigen leicht zu
unterscheiden ist ; die unbefruchteten Eier haben eine von
dem Dotter weit abstehende Hülle von 0,069 mm Länge
und 0,055 mm Breite.
Fundort unbekannt,
69. Mermis rotundata n. sp. inquir.
Microscopisches Präparat No. 209.
Ein mit Embryonen erfülltes, schlecht erhaltenes weib-
liches Exemplar von 14 mm Länge und 0,17 mm Breite.
302 Dr. V. Linstow:
Das Kopfende ist gerade abgestutzt, das Schwanzende ge-
rundet.
Die Embryonen haben einen etwas abgeschnürten Kopf-
theil, sie sind 0,74 mm lang und 0,02 mm breit; Vt der
ganzen Länge wird von dem lang pfriemenförmig zuge-
spitzten Schwanz eingencftnmen.
Der Fundort ist nicht angegeben.
70. Mermis Drassi n. sp. inquir.
Fig. 45.
Glas No. 1962.
Das Glas enthält ein aus 6 Bruchstücken bestehendes
weibliches Exemplar, dessen Gesammtlänge, wenn nichts
fehlt, etwa 76 mm bei einer Breite von 0,46 mm betragen
mag. Das Mundende ist abgerundet mit stark chitinisirtem
Oesophagusrohr und hat 4 von concentrischen Kreisen um-
gebene Papillen; das Schwanzende ist kegelförmig mit
abgestumpfter Spitze.
Fundort: Drassus spec?
71. Mermis spec?
Glas (No. 18).
Eine Larve von 338 mm Länge und 0,54 mm Breite.
Beide Körperenden sind abgeschnitten und ist die Art
daher unbestimmbar, die Haut ist kreuzweise schräg gestreift.
Fedtschenko beschreibt (Bericht der Freunde der
Naturwissensch. Moskau, Bd. X, 2, pag. 8—10, tab. XIV
fig. 15) eine Mermis longissima aus Pachytylus migratorius ;
das Weibchen ist 440 mm lang und bezieht sich die Be-
schreibung und Abbildung nur auf die inneren Organe, so
dass ich über die Zusammengehörigkeit dieser beiden
Formen nur Vermuthungen haben kann.
Fundort des im Glas (No. 18) enthaltenen Exemplars :
Latrodectes spec?
Nemat., Tremat. u. Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedtschenko. 303
Dracuncnliis.
72. Dracunculus medinensis Lin.
Microscopisches Präparat No. 238.
Ein 28 mm langes und 0,11 mm breites Rudiment eines
Weibchens, ohne Kopf- und Schwanzende, mit völlig ent-
wickelten Embryonen; dieselben haben die bekannte cy-
lindrische , vorn abgerundete Gestalt mit langem , fein
pfriemenförmig zugespitztem Schwanz und sind 0,54 mm
lang und 0,0197 mm breit.
Die microscopischen Präparate No. 185 und 187 ent-
halten Durchschnitte von parasitischen Nematoden, welche,
da keine weiteren Bezeichnungen weder der Helminthen-
art, von der sie stammen, noch des Wirthes, den letztere
bewohnen, gemacht sind, unberücksichtigt geblieben sind.
Freilebende Nematoden.
73. Anguillula recticauda Hempr. u. Ehrenb.
Microscopisches Präparat No. 201.
Die Gestalt ist schlank, ein Mundbecher, der nur
flach ist, ist vorhanden, weder am Kopfe noch am Körper
finden sich Borsten, die Haut ist glatt, der Schwanz ist
pfriemenförmig zugespitzt, die Girren sind sichelförmig ge-
bogen, die Schwanzspitze ist ohne Leimdrüse ; der Oeso-
phagus hat am Ende einen ovalen Bulbus ohne Ventil-
apparat. Die Länge beträgt 1mm, die Breite 0,029 mm,
der Schwanz misst Vtjg der Oesophagus ebensoviel von der
Gesammtlänge.
Die Bezeichnung „Diplogaster", welche das Präparat
trägt, ist nicht zutreffend, da die zweite Oesophagusan-
schwellung , welche für dieses Genus charakteristisch ist,
fehlt.
74. Anguillula rigida Schneider.
Microscopisches Präparat No. 227, No. 227a.
Das erstere enthält ein reifes Männchen, das letztere
ein solches Weibchen.
304 Dr. V. Linstow:
75. Dorylaimus stagnalis Duj.
Microscopisches Präparat No. 224, 225, 226.
Ersteres Präparat enthält ein reifes Männchen, das
zweite ein Weibchen, das dritte eine Larve.
76. Trilobus longicaudatus m.
Microscopisches Präparat No. 219, 220, 221, 222, 223.
Das erste Präparat enthält ein ganz junges Exemplar,
das zweite Durchschnitte, das dritte und fünfte je ein un-
reifes Weibchen.
In dem mit „Phanoglene" bezeichneten microscopischen
Präparat No. 218 ist kein Helminth aufzufinden.
Acanthocephalen.
77. Echinorhynchus gigas Goeze.
Glas No. 13521.
Das Glas enthält ein 220 mm langes und 5 mm breites,
unbefruchtetes weibliches Exemplar aus dem Darm von
Sus scrofa (fera).
78. Echinorhynchus plicatus n. sp.
Fig. 46.
Glas (No. 6), No. 27446—47, No. 27501, No. 27455.
Der Körper ist gestreckt, in der Mitte verdickt, von
Querfurchen eingeschnürt, ohne einen sogenannten Hals;
die Länge beträgt 45, die Breite 1,3 mm; vorn ist der
Körper bewaffnet; der cylindrische Rüssel hat 13 Haken-
reihen und ist etwa doppelt so laug wie breit; die grossen
Haken haben eine zweigespaltene Wurzel. Der darauf
folgende Körper ist etwa ebenso breit wie der Rüssel und
schwillt darauf auf das fünffache der ursprünglichen Breite
an. Die Anzahl der Hakenreihen auf dem Körper beträgt
auch 13, diese Haken sind aber anders gestaltet als die
des Rüssels, die eine einfache, rundliche Wurzel haben;
ihre Wurzel ist herzförmig eingeschnitten und messen sie
0,024 mm, während die Haken des Rüssels 0,062 mm gross
Nemat., Tremat. u. Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedtschenko. 305
sind. Die elliptischen Eier haben eine doppelte Schale,
die innere ist hart, gelblich, die äussere farblos und mit
unregelmässiger Oberfläche ; letztere ist 0,066 mm lang und
0,043 mm breit; der Embryo ist in ihnen fertig entwickelt.
Fundort: Emberiza caniceps, Turdus merula, Saxicola
oenanthe, Petroeca cyanea.
79. Echinorhynchus aeanthotrias n. sp.
Fig. 47.
Glas No. 13689, No. 13689 (zweimal vorhanden), No.
27312, No. 27362.
Länge des Körpers 36 mm, Breite 1,4; ein Hals fehlt,
der Körper ist unbewaffnet, durch Querfurchen einge-
schnürt, der cylindrische Rüssel trägt 33—40 Reihen von
Haken, die eine dreifache Form haben. Der Rüssel hat
Vs der Breite des darauf folgenden Körpers; er ist im 2.
Drittel etwas angeschwollen, langgestreckt und hat an der
Spitze einen kleinen, halbkugelförmigen, unbewaffneten
Aufsatz. Von den 3 Haken-Arten des Rüssels ist die am
vorderen Drittel stehende die grösste, ihre Wurzel ist
ganz gerade ; die mittleren haben einen zweitheiligen
Wurzelast und die hintersten wieder einen einfachen; sie
erinnern einigermassen an die Dornen der Rosen und stehen
in weitläuftigen Reihen. Die Länge der vorderen Haken
beträgt 0,059, die der mittleren 0,06 und die der hinteren
0,043 mm. Die dickschaligen Eier sind 0,056 mm lang und
0,023 mm breit; die Schale ist eine doppelte und trägt die
äussere Schicht feine Längsleisten.
Wohnthier: Astur palumbarius.
Trematoden.
80. Distomum plesiostomum n. sp.
Fig. 48.
Glas (No. 1), (No. 2), No. 13555, microscopisches
Präparat No. 203.
Die Länge beträgt 12 mm; die Breite 0,84 mm; der
Körper ist cylindrisch, sehr lang gestreckt; der Bauch-
Archiv f. Naturg. XLTX. Jahrg. 1. Bd. 20
306 Dr. V. Linstow:
saugnapf ist etwas grösser als der Mundsaugnapf, ersterer
hat 0,4^'^ nim, letzterer 0,36 mm im^Durchmesser; der Bauch-
saugnapf liegt im vordersten Sechszehntel des Körpers ;
die Haut hat keine Bewaffnung. Die Hoden liegen hinter
einander im vorderen Körperviertel, die Dotterstöcke neh-
men beiderseits den Rand des mittleren Drittels ein; die
Geschlechtsöffnungen liegen zwischen beiden Saugnäpfen,
die sich fast berühren; an der vorderen Grenze der Dotter-
stöcke findet sich der lappige Keimstock, dicht vor ihm
die Vesicula seminalis inferior. Die dickschaligen Eier
sind 0,034 mm lang und 0,02 mm breit, die reifen sind
schwärzlichbraun von Farbe.
Wohnthier : Perdix graeca.
81. Distomum heterostomum Rud.
Glas (No. 3), No. 18145—18163, microscopisches Prä-
parat No. 17963, No. 18164.
Länge 5, Breite 1,5 mm; der Bauchsaugnapf ist sehr
gross und derb , er misst 0,62 mm im Durchmesser und
liegt an der Grenze zwischen dem 1. und 2. Körperviertel;
hier geht eine Ringfurche um den Körper herum; der eben-
falls sehr massige Mundsaugnapf, dessen Basis einge-
zogen werden kann, hat einen Durchmesser von 0,66 mm.
Die Haut ist unbewaffnet , das Körperparenchym ist von
einem eigenthümlichen , dunkeln Netzwerk durchzogen.
Hinter dem Bauchsaugnapf liegen in einem längsquadrati-
schen Felde die Eier , die gross sind und einen Längs-
durchmesser von 0,11, einen Querdurchmesser von 0,079
rara haben, dahinter folgen die lappipen Hoden, zwischen
beiden liegt der Keimstock, während die Dotterstöcke am
Rande des 2. und 3. Körperviertels sich erstrecken (vergl.
Ramsay Wright, Contributions to american helminthology
pag. 3-6, pl. I fig. 1-2).
Gefunden in Ardea nycticorax.
82. Distomum choledochum n. sp.
Fig. 49.
Glas No. 13776.
Länge 9, Breite 1,3 mm; der Körper ist unbewaffnet.
i
Nemat., Tremat, u. Acanthocepbalen, ges. v. Prof. Fedtachenko. 307
nach vorn verdünnt, hinten abgerundet, der Bauchsaugnapf
ist wenig grösser als der Mundsaugnapf, ersterer misst 0,38,
letzterer 0,34 im Durchmesser und ersterer liegt an der
Grenze zwischen dem 1. und 2. Körperdrittel; dicht vor
ihm finden sich die Geschlechtsöffnungen. Der Darm trennt
sich in zwei Schenkel erst eine ansehnliche Strecke hinter
dem Schlundkopfe. Zu hinterst im Körper liegen die beiden
gelappten Hoden, vor ihnen bemerkt man die Vesicula
seminalis inferior und den Keimstock; zwischen diesem
und dem Bauchsaugnapf verläuft hin- und hergewunden
der Eiergang (uterus) ; die Dotterstöcke liegen an den Bän-
dern des Körpers zwischen dem Hinterrande des Bauch-
saugnapfes und dem Keimstock. Die kleinen Eier sind
0,026 mm lang und 0,013 mm breit.
Wohnthier : Anas spec. ? in der Leber.
83. Distomum nigrum n. sp.
Glas No. 12846 ex parte.
Die Länge beträgt 12 , die Breite 2 mm ; die ganze
Haut bis an das hinterste Ende des Körpers ist mit stumpfen,
dieselbe nur wenig durchsetzenden Chitinkegeln bewaffnet.
Der Mundsaugnapf hat einen Durchmesser von 0,43 mm,
der Bauchsaugnapf von 0,72 ; die schwärzlich braunen Eier
sind 0,043 mm lang und 0,026 mm breit.
Das Glas ist mit „Distomum globocaudatum in Corvus
cornix teste Diesing" bezeichnet; Diesing's Diagnose von
Distomum globocaudatum aber heisst u. A. : „corpus inerme"
und „acetabulum ore minus", so dass diese Art, bei der
der Bauchsaugnapf beinahe doppelt so gross wie der
Mundsaugnapf ist, nicht gemeint sein kann.
Gefunden in Corvus cornix.
84. Distomum ? globocaudatum Creplin.
Glas No. 12846 ex parte.
Mit der vorigen Art im selben Glase befand sich eine
zweite Form, die 13 mm lang und 1,5mm breit ist; zu
einer genauen Bestimmung sind die Exemplare zu schlecht
erhalten; mit Sicherheit ist nur zu constatiren, dass die
308 t)r. V. Linst ow:
Eier relativ gross sind und eine Länge von 0,13 mm bei
einer Breite von 0,075 ram haben.
Wohntbier: Corvus cornix.
85. Distomum hepaticum Abildgaard.
Glas bezeichnet mit „Distomum hepaticum", microsco-
pisches Präparat No. 249 und 250.
Die beiden microscopischen Präparate enthalten schöne
Durchschnitte, deren Wiedergabe ich hier unterlasse, weil
die Histologie dieses Thieres scbon oft und von Leuckart,
Mace und Sommer in erschöpfender Weise dargestellt ist.
86. Distomum lanceolatum Mehlis.
Glas mit der Bezeichnung: „Distomum lanceolatum".
Die Exemplare bieten nichts Neues.
87. Distomum longissimum n. sp.
Fig. 50.
Glas No. 13171, microscopisches Präparat No. 202.
Körper sehr gestreckt, cylindrisch, 20mm lang und
1 mm breit, unbewaffnet; Mundsaugnapf mit einem Durch-
messer von 0,28 mm, Bauchsaugnapf grösser, im vordersten
Sechstel des Körpers gelegen, 0,34mm gross; dicht vor
ihm liegen die Geschlechtsöffnungen. Der Schlundkopf
ist fast ebenso gross wie der Mundsaugnapf. Die Dotter-
stöcke liegen an den Rändern des 3. Viertels des Körpers,
unmittelbar hinter ihnen findet sich die Schalendrüse; auf
diese folgt der lappige Keimstock und hierauf die grosse
Vesicula seminalis inferior; zu hinterst liegen die gelapp-
ten Hoden. Die Eier sind 0,026 mm lang und 0,15 mm
breit. Auffallender Weise finden sie sich bei allen Exem-
plaren in grosser Menge auch in den Darmschenkeln, wohin
sie wohl mit vom Mundsaugnapfe aufgenommener Galle
gelangt sind. Die Galle derjenigen Lebern, die von Di-
stomum hepaticum bewohnt sind, enthält auch stets grosse
Mengen von Eiern.
Distomum dimorphum unterscheidet sich von dieser
Nemat., Tremat. u, Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedtschenko. 309
Art u. A. dadurch, dass bei ihm der Bauchsaugnapf kleiner
ist als der Mundsaugnapf.
Wohnthier: Ardea stellaris, in der Leber.
88. Distomum sulcatum n. sp.
Fig. 51.
Microscopisches Präparat No. 205.
Länge 8 mm; Breite 3 mm, der Durchmesser des Mund-
saugnapfes beträgt 1,3, der des Bauchsaugnapfes 1,1 mm,
beide sind relativ gross und derb, letzterer liegt im 2-
Körperdrittel; die Haut ist unbewaffnet; die Hoden liegen
schräg hinter einander im Hinterende des Körpers; die
Dotterstöcke finden sich an den Seiten des Körpers zwischen
dem Hinterrande des Bauchsaugnapfes und dem hinteren
Hoden; vor dem vorderen liegt die Vesica seminalis in-
ferior und der Keimstock. Die Haut entsendet eigenthüm-
liche Auswüchse in's Innere des Körpers hinein.
Gefunden in Perdix graeca var.
89. Distomum variegatum Rud.
Microscopisches Präparat No. 204.
Das Präparat enthält ein junges, noch nicht entwickel-
tes Exemplar von 2,5 mm Länge und 1,1 mm Breite. Der
Mundsaugnapf misst 0,38, der Bauchsaugnapf 0,29 mm im
Durchmesser; letzterer liegt dicht hinter der Körpermitte;
die Haut ist unbewaffnet ; die Dotterstöcke sind noch nicht
entwickelt; die eiförmigen Hoden finden sich im hintersten
Viertel des Körpers, schräg hinter einander gelagert, Eier
sind noch nicht vorhanden, der Eiergang ist von einer
schwarzen, körnigen Masse erfüllt.
Die Bestimmung ist nur dadurch gelungen, dass ich
ein Präparat besitze, in welchem Exemplare der verschie-
densten Entwicklungsphasen sich finden, von denen einige
dem vorliegenden Exemplare durchaus gleichen.
Wohnthier : Rana spec. ?
90. Distomum macrourum Rud.
Glas No. 14332.
Länge 6,7 mm, Breite 0,24 mm; der Durchmesser des
810 Dr. V. L in stow:
Mundsaugnapfes beträgt 0,15, der des Bauchsaugnapfes
0,25 mm ; letzterer liegt im vorderen Zehntel des Körpers,
dicht dahinter die Hoden hinter einander; die Dotterstöcke
finden sich an den Seiten des 3. Sechstels des Körpers.
Die Eier sind unreif hellbraun, reif schwärzlichbraun, 0,049
mm lang und 0,029 mm breit; sie füllen fast die ganze
hintere Körperhälfte aus.
Gefunden in der Leber von Pica caudata.
Die von mir in der Leber von Corvus cornix gefun-
denen Exemplare sind 10 mm lang und 0,48 mm breit ; bei
frischen Exemplaren ist die Farbe der Vorderhälfte weiss-
lich und schwarz, die der Hinterhälfte gelb; der Mund-
saugnapf ist 0,42 mm , der Bauchsaugnapf 0,54 mm im
Durchmesser gross; die Grösse der Eier ist genau dieselbe
wie die der turkestanischen Exemplare.
91. Amphistomum conicum Rud.
Glas No. 13404.
Die Exemplare bieten nichts Bemerkenswerthes.
92. Monostomum nigropunctatum n. sp.
Fig. 52.
Glas No. 9976—9985.
Länge 11 mm, Breite 2,5; die Farbe ist braun, der
nach vorn verschmälerte, nach hinten verdickte und abge-
rundete Körper ist bedornt; der Mundsaugnapf ist gross,
sein Durchmesser beträgt 0,72 mm ; die Hoden liegen hinten
im Körper, zwischen ihnen verläuft der Ausmündungsgang
der Dotterstöcke; der Eiergang bildet Schlingen, die von
der Mittelaxe des Körpers schräg in gleichen Winkeln
links und rechts mit nach hinten gerichteten Aesten ver-
laufen. Die Eier sind sehr gross, 0,17 mm lang und 0,08
mm breit, mit völlig entwickelten Embryonen; diese haben
je 2 schwarze, viereckige Augenflecken, durch welche das
ganze Thier ein schwarzpunktirtes Ansehen erhält.
Gefunden in der Bauchwand eines mit „Akatza" be-
zeichneten Vogels.
Nomat., Tremat. u. Acanthocephaleii, ges. v, Prof. Fedtschenko. 311
93. Holostomum Falconum Bellingham.
Glas No. 13689.
Die Exemplare sind zu genaueren Untersuchungen zu
schlecht erhalten; die Länge beträgt 3, die Breite 1,5mm,
der Körper ist nach der-ßauchfläche zu gekrümmt und ist
die hintere Hälfte verschmälert.
Gefunden in Astur palumbarius.
Zu bemerken ist, dass die No. 13689 der Gläser 3
mal vorhanden ist; die beiden anderen enthalten Echino-
rhynchus acanthotrias aus Astur palumbarius.
94. Tetracotyle spec?
Glas No. 746.
Kapseln mit Trematodenlarven , gefunden unter der
Haut von Mergus spec.?; der Insasse ist unkenntlich, die
Kapseln sind elliptisch, concentrisch geschichtet und sehr
dickwandig, wodurch sie sich mit Wahrscheinlichkeit als
zu Tetracotyle gehörig kennzeichnen.
Cestoden.
Folgende 3 Präparate von Tänien waren wohl nur
zufällig vorhanden, da die Cestoden dieser Sammlung von
Herrn Dr. Krabbe in Kopenhagen bearbeitet sind,* alle
drei enthalten keinen Scolex und sind daher unbestimmbar,
sollen also nur der Vollständigkeit halber hier mit aufge-
führt werden.
95. Taenia spec?
Glas (No. 5) aus Glas No. 2731)7-27398.
Aus dem noch unbestimmten Vogel No. 12.
96. Taenia spec?
Glas (No. 4) aus Glas No. 27446-27447.
Mit Echinorhynchus plicatus aus Turdus merula.
97. Taenia spec?
Glas No. 23772—27373.
Aus Coracias garrula.
312 Dr. V. Linstow:
Erklärung der Abbildungen.
Tafel VI.
Kopf von Ascaris microcephala von der Rückenfläche.
Männliches Schwanzende ders. Art von der Bauchfläche.
Oberlippe von Ascaris alata.
Kopf von Ascaris Siluri glanidis von der Rückenfläche.
Kopf von Physaloptera striata von der Rückenfläche.
Männliches Schwanzende ders. Art von der Bauchfläche.
Kopf von Physaloptera abbreviata von der Seite.
Männliches Schwanzende ders. Art.
Kopf von Physaloptera dentata von der Seite.
Männliches Schwanzende ders. Art.
Kopf von Physaloptera malleus von der Seite.
Männliches Schwanzende ders. Art.
Tafel VII.
Kopf von Filaria rotundata.
Männliches Schwanzende ders. Art.
Weibliches Schwanzende von Filaria papulosa.
Durchschnitt durch Filaria tricuspis. a. cuticula, b. cutis,
c. Seitenfeld, d. contractile Muskelsubstanz, e. Darm.
Männliches Schwanzende von Filaria microstoma.
Kopfende von Filaria squamata von der Rückenfläche.
Halskrause ders. Art stärker vergrössert.
Männliches Schwanzende von Filaria Turdi atrogularis.
Männliches Schwanzende von Aprocta cylindrica.
Männliches Schwanzende von Dispharagus spiralis.
Kopf von Agamonema rotundatum.
Männliches Schwanzende von Heterakis curvata.
Männliches Schwanzende von Heterakis lineata.
Kopf von Heterakis tenuicauda.
Tafel VIII.
Männliches Schwanzende ders. Art.
Männliches Schwanzende von Heterakis macroura.
Kopf von Strongylus armatus.
Girren und Stützapparat des männlichen Strongylus con-
tortus.
Nemat., Tremat. u, Acanthocephalen, ges. v. Prof. Fedischeako. 313
Fig. 31. Männliches Schwanzende von Strongylus spec? (No. 55.)
Fig. 32. Männliches Schwanzende von Atractis.
Fig. 33. Kopf von Oxyuris iuflata.
Fig. 34. Männliches Schwänzende von Oxyuris lougicollis.
Fig. 35. Kopf von Oxyuris lanceolata.
Fig. 36. Männliches Schwanzende von Gordius stylosus.
Fig. 37. Weibliches Schwänzende ders. Art.
Tafel. IX.
Fig. 38. Cuticula ders. Art.
Fig. 39. Männliches Sehwanzende von Gordius palustris.
Fig. 40. Cuticula ders. Art.
Fig. 41. Cuticula von Gordius maculatus.
Fig. 42. Kopf von Mermis paludicola.
Fig. 43. Männliches Schwanzende ders. Art.
Fig. 44. Kopf von Mermis acurainata.
Fig. 45. Kopf von Mermis Drassi.
Fig. 46 a — b. Haken des Rostellum von Echinorhynchus plicatus.
Fig. 47a — c. Haken des Rostellum von Echinorhynchus acanthotrias.
Fig. 48. Distomum plesiostomum.
Fig. 49. Distomum choledochum.
Fig. 50. Distomum longissimum.
Fig. 51. Distomum sulcatum.
Fig. 52. Ei von Monostomum nigropunctatum.
I
314 Dr. V. Linstow: Nemat., Tremat. u. Acanthocephalen etc.
üebersicht der von Fedtschenko in Turkestan gefundenen schon
bekannten Helminthen mit Angabe ihres bisher bekannten Vaterlandes
nach den Welttheilen geordnet; ein X bezeichnet Parasiten des
Menschen und der Hausthiere.
Ascaris lumbricoides
„ megalocephala
„ niystax
„ microcephala
„ depressa
„ ensicaudata
„ spiculigera
„ mucronata
„ adiposa
Physaloptera abbreviata
Filaria papulosa
„ sanguinolenta
„ obtusocaudata
„ obtusa
„ strongylina
„ microstoma
„ coronata
„ abbreviata
„ truncatocaudata
,. nodulosa
Dispharagus spiralis
Heterakis inflexa
„ linearis
n vesicularis
Stronylus filaria
paradoxiis
„ arraatus
-, contortus
Crenosoma striatum
Atractis dactylura
Pharyngodon acanthurus
Oxyuris vermicularis
» longicoUis
Trichocephalus affinis
Dracunculus medinensis
Trilobus lougicaudatus !
Rhabditis rigida ■
Anguillula recticauda i
Dorylaimus stagnalis j
Echiuorhynchus gigas
Distomumheterostomum |
n hepaticum |
„ lanceolatum !
,. macrourum I
r. variegatum i
Amphistomum conicum '
Holostomum Falconum '
Europa
Europa
Europa
Europa
Europa
Europa
Europa
Europa
Europa
Europa
Europa
Europa
Europa
Ä Europa
X Europa
Europa
Europa
Europa
Europa
X Europa
X Europa
X -
X Europa
X Europa
X lEuropa
X 'Europa
X Europa
Europa
Europa
Europa!
El
Asien
Asien
Asien
Afrika
Afrika
Afrika
Asien
luropa
Juropa
X Europa
X
Europa
Europa
Europa
Europa
Europa
Europa
Europa
,-, Europa
X Europa
Europa
Europa
Europa
Europa
Asien
Asien
Amerika
Amerika
Amerika
Amerika
Amerika
Amerika
Amerika
Amerika
Australien
Australien
— j Amerika
Afrika
Afrika
— I Afrika
Amerika
Amerika
Amerika
Australien
Amerika
Amerika
Amerika
Amerika
Amerika
Amerika
Australien
Australien
Die Mundtheile der Rhynchoten/)
Von
Otto Geise.
Hierzu Tafel X.
Schon längst war dem Entomologen, der nach Merk-
malen für seine Eintheilungen suchte, die Bildung der Kerf-
mundtheile aufgefallen. Denn so verschieden in seinem
Wechsel auf der einen Seite und doch so typisch in seinem
Bestände auf der andern, immer aber so bedeutungsvoll
für die ganze Lebens- und Entwicklungsstellung des Thieres
Hess sich ein Andres wohl schwerlich finden.
Fabricius, war es, welcher die hohe Bedeutung der
Mundwerkzeuge unserer Thiere richtig erkennend darauf
hin bereits vor über hundert Jahren sein Systema ento-
mologiae gründete.
Freilich, als unfehlbar hat sich denn auch dieses Ein-
theilungsprincip nicht erwiesen ; scheint es doch, als ob
die Natur, an Gestaltungen überreich , den systematisiren-
den Bestrebungen des Menschengeistes häufig, man möchte
sagen mit leichter Ironie, sich entgegenstelle. So hat man
der Eintheilung in kauende und saugende Insecten, welche
eben von Fabricius aufgestellt worden ist, wie zum
Trotze, sogar einen Käfer, einen Angehörigen also der
Ordnung der Insecten, welche als Prototyp der Kaukerfe
gilt, mit saugenden Mundtheilen kennen lernen müssen —
1) Eingegangen im August 1882.
316 Otto Geise:
ganz abgesehen davon, dass wie tiberall, so denn auch
hier die Natur, vermittelnd und überleitend, allzu schroffe
Gegensätze vermeidet.
Das Alles jedoch beraubt die Mundtheile der Insecten
nicht ihres hohen, systematischen Werthes. Sie werden
ihn vielmehr behalten, so lange wenigstens, bis ein anderes
principium divisionis sich als durchgreifender herausstellen
wird.
Aber wenn nun auch Fabricius gegen die mehr
oder minder schwankenden Unterscheidungsmomente frühe-
rer Entomologen das Gewicht dieses neuen Eintheilungs-
grundes in die Wagschale warf, noch war nicht allzuviel
damit gewonnen: Unterscheidungsmerkmale wohl, aber
etwas weiteres kaum — hatten die verschiedenen Apparate
doch fast nichts mit einander gemein, als die gleiche Lage
und ihre ganz allgemeine Beziehung zur Nahrungsaufnahme.
Das geistige Band zu finden, welches die Extreme ver-
einigte, dies war erst dem Scharfblicke Savigny's vor-
behalten, der durch das helle Licht einer glücklichen Idee
in Zusammenhang und Verwandtschaft das bisher gänzlich
Verschiedene brachte.
War er es doch, welcher in einer kleinen, aber um
so inhaltreichern Schrift uns in dem mächtigen Kauapparat
des Käfers, in dem zierlichen Saugrohre des Falters,- in
dem weichen Rüssel der tastenden Fliege, in dem Schnabel
endlich der Wanze mit seinen feinen, stechenden Borsten
ein und dasselbe Ding erkennen Hess, dasselbe Ding, nur
angebildet den verschiedenen Bedingungen des Lebens,
welche die umgebende Natur dem Thiere stellte, den An-
forderungen, mit denen das Thier an diese Natur heran-
trat — Thatsachen, wie sie, wenn auch noch nicht für
den Sinn ihres ersten Beleuchters , kaum unterstützender
für diejenige Auffassung der Natur gefunden werden können,
welche zuerst die Formen des Lebendigen durch Ursache
und Wirkung verknüpft erkennen Hess.
Seit jener Zeit sind die MundtheUe der Kerfthiere
der Gegenstand zahlreicher Einzeluntersuchungen geblieben
— mit Recht, wie mich dünkt, denn sie haben uns des
Interessanten bereits die Menge enthüllt und so dürfte es
Die Mundtheilo der Rhynchoten. 317
wohl nicht unwillkommen sein, eine Untersuchung auch
der Bildung des Kerfmundes unternommen zu sehen, welche
bisher noch nicht ganz genügend erforscht ist.
Indem ich daher in den folgenden Blättern die Er-
gebnisse eines eingehenden Studiums der Mundtheile vor-
nehmlich einiger Wasserwanzen vorlege, gebe ich mich
der Hoffnung hin, wenigstens einiges Wissenswerthe damit
dem Bekannten hinzuzufügen.
Es sei mir gestattet, zur Orientirung über das Nach-
folgende einige wenige Worte über die allgemeine Mor-
phologie der Kerfmundtheile vorauszuschicken.
Nach vergleichend - anatomischen und entwicklungs-
geschichtlichen Untersuchungen können wir uns für be-
rechtigt halten, die Mundtheile der sechsfüssigen Insecten
zurückzuführen zunächst auf die drei paarigen Anhänge
der drei in die Bildung des Kopfes eingegangenen Meta-
meren des Kerfleibes. Wir finden das erste Paar umge-
wandelt zu den Mandibeln, das zweite zu den Maxillen,
das dritte zu den mehr oder weniger verwachsenen Unter-
lippenkiefern.
Wir nehmen hier, wie dies allgemein geschieht, den
Typus der Mundtheile der kauenden Insecten zum Aus-
gangspunkt und müssen daher, im Hinblick auf die beiden
untern Kieferpaare, ergänzend hinzufügen, dass die als
Maxillen bezeichneten Kiefer eine Gliederung aufweisen in
einen als cardo bezeichneten Basaltheil, in einen sich
diesem anfügenden, stets einen Taster tragenden stipes und
schliesslich in zwei lobi, den lobus externus und internus,
die an den stipes sich anschliessen. Die Unterlippe zeigt
sich in derselben Weise gegliedert und mit einem Taster
versehen, nur dass hier die einzelnen Theile durch Ver-
wachsung oft schwinden, was jedoch nie bei den charakte-
ristischen Tastern stattfindet.
Zu diesen Constituenten des Kerfmundes gesellt sich
nun noch die unpaare, als Fortsetzung des Clypeus auf-
gefasste Oberlippe, das labrum, hinzu und ferner, vornehm-
lich ausgebildet und zur Selbstständigkeit gelangt bei den
Dipteren, derEpipharynxund derHypopharynx, zwei gleich-
falls unpaare Gebilde, welche man beide als mediane Er-
318 Otio Geise:
hebungen der innern Fläche von Ober- und Unterlippe zu
betrachten gewohnt ist.
Wie sich nun aus diesen Theilen das Mundbesteck
der von mir untersuchten Wanzen im einzelnen aufbaut,
mögen die folgenden Blätter lehren.
Einer oberflächlichen Betrachtung der Mundtheile
einer Wanze zeigen sich zunächst sehr einfache Verhältnisse.
Der relativ oft kleine Kopf trägt vorn einen unpaaren, taster-
losen, scheinbar mehr oder minder häufig gegliederten Fort-
satz, ein Gebilde, welches uns sofort durch den Reichthum an
synonymen Benennungen, die von den frühern Beschreibern
herrühren, in Wahl und Qual versetzt : rostrum, haustellum
proboscis, Rüssel, Schnabel — alles Namen, mit welchen
bald das Ganze als Einheit der Mundtheile, bald auch ein-
zelne, gleich näher zu beschreibende Bestandtheile des-
selben bezeichnet worden sind. Dem Sinne gemäss dürfte
proboscis der eigentlich deckende Ausdruck für das Ganze
sein, doch nennen wir es immerhin Schnabel, eine Bezeich-
nung, die sich bereits mehr und mehr eingebürgert hat,
wobei jedoch bemerkt sei, dass wir unter Schnabel die
Gesammtheit der äussern Mundtheile verstehen.
Wie schon angedeutet, zeigt sich dieser Schnabel auf den
ersten Blick bei den verschiedenen Wanzenarten in verschie-
dener Zahl zergliedert, ebenso wie er die mannigfachsten
Formen zur Schau tragen kann. Von dem kurzen, schein-
bar zweigliedrigen , fast pyramidenförmigen Schnabel der
Corixa und Sigara, von der mehr oder weniger gestreck-
ten konischen Gestalt, die er bei vielen Wasserwanzen auf-
weist, zeigen sich zahlreiche Uebergänge, bis zu dem lang-
ausgezogenen, scharf geknickten Schnabel der Bettwanze,
welcher uns zugleich eine Form repräsentirt, die bei den
Landwanzen vorwiegt.
Die Zahl der Glieder, in welche der Schnabel sich
äusserlich theilt, scheint jedoch bei näherer Untersuchung
regelmässig vier zu sein. (Obwohl bei Monanthia von fünf
Gliedern gesprochen wird, so glaube ich doch, dass diese
Angabe auf einem Irrthum beruht.)
Wir sprachen bisher von dem Schnabel nur als von
einem einheitlichen Gebilde, denn dass wir es mit
Die Mundtheile der Rhynchoten. 319
einem zusammengesetzten Organe zu thun haben, ward
nur flüchtig oben erwähnt. Eine nähere Untersuchung
möge uns nun seine einzelnen Theile kennen lehren.
Da treffen wir denn oben, wo der Schnabel sich vom
Kopfe äusserlich absetzt, bald länger, bald kürzer, bald
flacher, bald stärker gewölbt, ja zu einer Röhre sich unten
schliessend, ein als Fortsatz des Clypeus sich ergebendes
Gebilde, in dem es uns nicht schwer fällt, das Homologon
der Oberlippe, wie wir diese bei den Kaukerfen finden,
zu erkennen.
Nach Entfernung der Oberlippe zeigt sich, dass die-
selbe einen dorsalen Längsspalt des Restes unseres Schna-
bels bedeckte, und leicht ist es, diesen Längsspalt bis zur
Spitze zu verfolgen — es wird klar, wir haben es in der
Hauptmasse unsres Fortsatzes mit einer Rinne zu thun,
und mühelos gelingt es uns weiter, äusserst feine, haar-
artige, scheinbar in der Dreizahl vorhandene Gebilde aus
derselben herauszupräpariren , von denen sich jedoch bei
vorsichtigem Auseinanderziehen das mittlere als aus zwei
Theilen bestehend ergiebt, so dass wir nunmehr vier
zarte , meist stark bogenförmig gekrümmte Chitinborsten
erhalten. Leicht lassen sich dieselben auch in den Kopf
hinein verfolgen und wir gewahren , dass sie seitlich im
Grunde desselben, zwischen starken, ihnen zugehörigen
Muskeln ihren Ursprung nehmen.
Damit sind wir mit der gröbern Anatomie des Schna-
bels zu Ende. Sehen wir uns nun die Thatsachen an, die
wir gefunden. Wir haben den bald flachen, bald mehr
oder weniger gewölbten Fortsatz des Clypeus , die vier
Chitinborsten und die grosse, gegliederte, die Borsten um-
schliessende Rinne. Für das erste Gebilde gelang es uns
bereits das Homologon in dem labrum der Kaukerfe zu
finden; den übrigen ihre morphologische Stellung anzu-
weisen , das vermochte eben erst der eindringende Geist
Savigny's ; die gegliederte Rinne entspricht der Unterlippe,
die zwei ohne weiteres von einander trennbaren Borsten
den Mandibeln , die zwei zusammenklebenden und nur
schwer zu isolirenden den Maxillen der kauenden Insecten.
Was die Oberlippe anlangt, so sei noch ergänzend
320 Otto Geise:
bemerkt, dass, im Falle sie sich rinnenförmig krümmt, ja
zu einer Röhre sich unten schliesst, sie die vier Borsten
umfasst und dann selbst von der Rinne der Unterlippe
mit umschlossen wird.
Man wird sich erinnern, wie beständig bei den kauen-
den Abtheilungen der Insecten die Anhänge des zweiten
in die Bildung des Kopfes eingegangenen Metameres, die
complicirt gebauten Maxillen mit Tastern versehen er-
scheinen. In gleicher Weise zeigen dann auch die übrigen
Abtheilungen der Hexapoden constant vorhandene Maxillar-
taster, und selbst bei den Diptern, wo die sonst gleich
beständigen Taster der Unterlippe sich wenigstens nicht
mehr als solche wahrnehmen lassen, finden sich jene in
schönster Ausbildung. Nur die Rhynchoten scheinen in
Hinsicht dieser Organe entschieden zu kurz gekommen zu
sein, denn Taster, wie wir sonst sie zu finden gewohnt
sind, weist kein Schnabelkerf auf.
Angesichts dieser auffallenden Thatsache ist es denn
erklärlich, dass man vielfach nach Tasterrudimenten bei
unsern Thieren gesucht oder auch sich andern Gedanken
über den Verbleib dieser Organe hingegeben hat.
So will Ratzeburg Taster an der Basis der Ma-
xillen, Savigny solche an dem labrum von Nepa cinerea
gesehen haben. Auch Cuvier soll welche abbilden. Ich
habe bei meinen Untersuchungen nie etwas derartiges be-
merkt und bin der Ueberzeugung, dass Angaben, wie die
oben erwähnten, auf Täuschung beruhen.
Was des Nähern die Unterlippe anlangt, so ist man
über die Art ihrer Bestandtheile sehr verschiedener An-
sicht. Seit Savigny wissen wir, dass die Unterlippe
auch der Rhynchoten als durch Verwachsung der ursprüng-
lich getrennten, paarigen Anhänge des dritten Kopfseg-
mentes entstanden zu denken ist. Diese ursprüngliche
Duplicität der Unterlippe lässt sich auch noch häufig bei
unsern Thieren auf Querschnitten unschwer constatiren,
wenigstens wenn wir eine untere, mediane Längsfurche
gleichsam als Naht der beiden verwachsenen Theile auf-
fassen wollen; ja wir werden sogar sehen, das bei zwei
Die Mundtheile der Rhynchoten. 321
Wanzenarten das letzte Glied der Unterlippe sich noch
getrennt erhalten hat.
lieber diese allgemeine Genese der Unterlippe ist
man sich einig , aber wir vermissen , wie schon her-
vorgehoben, die sonst so charakteristischen Taster, die
uns bei allen übrigen Ordnungen der Insecten, mit
einziger Ausnahme der Diptern, entgegentreten. Die Streit-
frage ist nun die, ob diese Taster einfach zu Grunde ge-
gangen seien oder aber, ob sie nicht vielmehr in der Unter-
lippe selbst in veränderter Gestalt fortexistiren , ob nicht
vielleicht das erste, oft derbere Glied der Unterlippe im
engern Sinne und die folgenden Glieder den mit einander
verwachsenen Tastern entsprechen.
Dass die Taster einhüllende, schützende Organe dar-
stellen können, ist allerdings richtig — sehen wir sie doch
an der Unterlippe der Hymenoptern mit dieser Function
betraut — aber dieser Umstand ist auch der einzige, den
man für die Ansicht, dass die vordem Glieder der Unter-
lippe der Rhj^nchoten den verwachsenen Tastern entsprächen,
ins Feld führen kann, denn die Thatsache, dass das Ende
des labium zugleich sich zu einem feinen Tastorgane um-
gestaltet hat, darf uns nicht verleiten, aus der gleichen
Function auf eine Homologie zu schliessen.
So bleibe denn die Frage nach der Zusammensetzung
der Unterlippe der uns beschäftigenden Thiere unentschie-
den nach wie vor; mir jedoch für mein Theil will es viel
natürlicher erscheinen, wie auch Gerstfeldt in seiner
Arbeit über die Mundtheile saugender Insecten im Gegen-
satze zu ßurme ister thut, die Taster einfach als zu
Grunde gegangen zu denken, und anzunehmen, dass die
Unterlippe lediglich aus den Körpern des dritten Kiefer-
paares gebildet werde.
Aber lassen wir jetzt unsere Untersuchung einen
speciellern Charakter annehmen und greifen wir aus der
Menge der Rhynchoten eine Wasserwanze heraus.
Durch die stattliche Grösse des Kopfes und des
Schnabels, sowie durch die ziemlich bedeutende Häufigkeit
des Vorkommens empfiehlt sich uns sofort die flinke
Archiv f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 21
322 • Otto Geise:
Rückenschwimmerin unserer stehenden Gewässer, Noto-
necta glauca.
An dem auf der Stirn glänzend grünen Kopfe*) ent-
springt länglich- konisch der ziemlich derbe, viergliedrige
Schnabel. Mit breitem Ansätze, seitlich an seiner Basis
mit zahlreichen, starken Tasthaaren besetzt, erhebt sich
das erste Glied, überdeckt von der breit -lanzettförmigen
Oberlippe, welche am Beginn des zweiten, mit dem ersten
ziemlich gleich langen Gliedes endigt. Das dritte Glied
ist bedeutend, fast doppelt so lang, als jedes der beiden
ersten und trägt schliesslich das vierte und letzte Glied,
welches aus tief braunschwarzem Chitin besteht, an seiner
Spitze schräg nach unten abgeschnitten erscheint und
ebenda mit zahlreichen Tasthaaren und Tastknöpfchen ver-
sehen ist.
Wir gehen nun an die Zergliederung des Kopfes selbst,
nachdem wir noch kurz constatirt haben, dass sich die
aus dem Kopfe tretenden Borsten, in der äusserst flachen
Rinne des ersten Labialgliedes von der Oberlippe noch
bedeckt, vom Beginn des zweiten Gliedes an in die hier
tief sich aushöhlende und zu einem Rohre sich schliessende
Unterlippe einsenken. Vorsichtig entfernen wir Ober-
lippe und Stirndecke und sehen jetzt, nach Beseitigung
zahlreicher und uns vorläufig noch nicht interessirender
Muskeln und Drüsen, ein Gebilde vor uns, welches schon
vorher, durch die Decke der Stirne durchscheinend , uns
aufgefallen war und in dem wir, nach einigem Zaudern,
die von den Autoren sogenannte „Wanzenplatte" erkennen.
Burmeister lässt sich über diese zweifelhafte Platte ver-
nehmen, wie folgt :
,,Zwischen den Borsten liegt oben im Kopfe eine
kleine, tief ausgehöhlte, hornige, bisweilen gespaltene, bis-
weilen in drei Spitzen auslaufende (Wanzen-) Platte, welche
mit einem verlängerten, nach unten gebogenen Fortsatze
bis tief in den Kopf heraufreicht. Auf diesem Fortsatze
verläuft der Schlund, welcher von Muskeln, die mit vielen,
1) Die ^rüne Färbimg rührt von dem pigmentirten Fett-
körper her.
Die Mundtheile der Rhynchoten. 323
feinen, hornigen Sehnen von einer über dem Schlünde ge-
legenen Platte entspringen, umfasst wird" ^).
Savigny benannte jene Platte mit dem Ausdrucke
ligula, hypopharynx, wobei indess, wie Burmeister be-
merkt, ein Unterschied darin sich finde, dass die Borsten
unter und neben dieser Zunge gelagert seien. Später erklärt
Burmeister das ganze Gebilde als zum innern Kopf-
skelette gehörig.
Gerstfeld ist sich über das Wesen der betreffenden
Platte ebensowenig klar, er schreibt:
„Vorn am Kopfe, fast in gleicher Höhe mit den nach
aussen daran liegenden Basen der Mandibeln und etwas
über denselben Theilen der Maxillen sieht man, wie es
scheint, bei allen Hemiptern ein horniges oder lederartiges
Stück ein wenig vorragen, welches nach dem Vorgange
Savigny's von allen Naturforschern als Zunge oder Hypo-
pharynx gedeutet worden ist. Es bildet den untern Theil
des vordem Randes eines mehr oder weniger kurzen, hor-
nigen Ringes, welcher den Anfang des Verdauungskanales
röhrenförmig umgiebt und tiefer in den Kopf hineindringt,
als die Mundtheile. Diese hornige Umgürtung des Mundes,
kann unmöglich der immer unterhalb des Mundes liegende
Hypopharynx sein. Für die Annahme aber, dass sie
aus dem mit einander zu einem Ringe verwachsenen
Hypopharynx und Epipharynx bestehe, fehlt jede Ana-
logie. Ich neige mich daher der Burmeister'schen
Erklärung zu und halte diese Theile für eine Ver-
knöcherung der nächsten Umgebungen des Anfangs der
Speiseröhre, w^elche mit den innern Kopfbedeckungen in
continuirlichem Zusammenhang zu stehen scheint, ohne
aber auch nur irgend etwas über den Zweck dieser Bil-
dung sagen zu können, denn dass sie mit dem Saugacte
in irgend einer Verbindung stehen sollte (wie dies in den
Erklärungen zu Cu vi er, id. acc. de pl. Insectes, pl. 95,
fig. 2 b. aufgestellt wird) , ist mir durchaus nicht ein-
leuchtend".
Soweit die Autoren. Klar ist uns die Bedeutung, wie
1) Burmeister, Entomologie, II. p, 46.
324 Otto Geise:
die Beschaffenheit der „ Wanzenplatte " wohl kaum gewor-
den. Betrachten wir daher selbst das fragliche Gebilde
bei Notonecta etwas näher. Zur Orientirung sei gleich
vorausgeschickt, dass sich allerdings Cuvier auf dem
rechten Wege befand und dass ferner die „ Wanzenplatte "
nicht für sich allein besteht, sondern dass sie mit der
„über dem Schlünde gelegenen Platte" Burmeister's eine
physiologische Einheit bildet. Es handelt sich um ein
hohles Gebilde und zwar, was die ganz allgemeine Form
anlangt, um zwei in stumpfem Winkel aneinandergefügte,
von oben nach unten tief eingedrückte Trichter oder, wenn
man lieber will, um zwei in geschilderter Weise vereinigte
Halbtrichter, in welche sich von oben her zwei gleichgestal-
tete Halbtrichter einfügen, indem die Ränder der inein-
ander liegenden Theile verwachsen.
Von oben gesehen tritt uns das Gebilde in seiner
Hauptmasse als eine dunkel, fast schwarz chitinisirte Spange
entgegen, deren zwei Flügel mit ihren seitlich ausge-
schweiften Rändern auf eine kurze Strecke mit dem um-
gebenden Kopfskelette in Verbindung treten und nach vorn
zu in eine heller und heller werdende und zwischen Ober- und
Unterlippe aus dem Kopfe heraustretende Rinne auslaufen.
Aber auch in der Tiefe erweisen sich die beiden Flügel ver-
einigt, so dass auch ein Querschnitt den Anblick einer
stark gekrümmten Spange uns zeigen müsste und man
in der That, wenn man die contradictio in adjecto nicht
scheut, von einer „tief ausgehöhlten Platte" sprechen kann.
Von unten betrachtet sehen wir die der concaven Seite
der „Wanzenplatte" entsprechende convexe und wenden
wir endlich das ganze concav-convexe Gebilde zur Seite
und betrachten es in dieser Lage, so bemerken wir, dass
hinten, von dem schw^arz chitinisirten vordem Theile scharf
geschieden, ein hellerer Theil in stumpfwinkliger Biegung
sich nach unten senkt und schliesslich in den Anfahgs
noch starren Oesophagus ausläuft. Auch jener vordere,
dunkle Theil zeigt an seinem untern Rande eine leichte
Biegung nach unten.
Wenn ich oben das ganze Gebilde mit zwei Halb-
trichtern verglich, die in stumpfem Winkel aneinander ge-
Die Mundtheile der Rhynchoten. 325
fügt seien, so entspricht jener vordere, dunklere Theil a dem
ersten, der hellere, hintere b dem zweiten Halbtrichter. Die
beigegebene Figur 17 möge diese etwas verwickelte Be-
schreibung ergänzen und eine Anschauung von der bei den
verschiedenen Wanzen- und weiterhin Rhynchotenarten in
seiner besondern Gestaltung äusserst wechselvollen , im
Princip aber gleichen Wanzen- oder also besser Rhynchoten-
platte geben.
Aber es scheint vielleicht schon jetzt an der Zeit, für
das ganze Gebilde einen passenderen Namen zu wählen,
nennen wir es daher — und wir werden sehen, dass wir
das Recht dazu haben — Schlundkopf.
Die feine, zuletzt fast glashell werdende und dem unbe-
waffneten Auge entschwindende Rinne , in welche der
Schlundkopf nach vorn hin ausläuft, endigt, wenn sich
dieser noch in situ befindet, etwa über dem ersten Viertel
des ersten Unterlippengliedes, da sie ja, wie wir bereits
wissen, aus dem Kopfe heraustritt. Sie wird von den hier
zusammentretenden und den Kopf verlassenden Borsten
umfasst.
An der Stelle nun, wo die Oberlippe iuserirt, sehen
wir, was uns zuerst entgangen, dass die feine Rinne mit
einem Male überdacht erscheint und so den Beginn eines
Hohlraumes kennzeichnet, welcher in den bald mächtig
sich verbreiternden Schlundkopf führt. Denn mit einem
hohlen Gebilde haben wir es, wie schon angedeutet, zu thun.
Die an der erwähnten Stelle beginnende Ueberdachung
der Rinnne würde also dem ersten und weiterhin auch
dem zweiten tnnern, in dem äussern liegenden Halbtrichter
entsprechen. Sie verläuft in ihrer Medianlinie eine Strecke
in einem spitzen Winkel mit der obern , vordem Fläche
der beiden Flügel des Schlundkopfes, bis sie ebenso, wie
die ihrem Verlaufe im Ganzen folgende Medianlinie auch
der convexen äussern Fläche, in zweimaliger Biegung nach
unten wendet, wo dann schliesslich die beiden hintern in
einander liegenden Halbtrichter, deren parallele Seiten die
Linien eben vorstellen, in den Oesophagus übergehn.
Präpariren wir nun das ganze, eigentlich ziemlich
einfache, nur etwas schwierig zu beschreibende Gebilde
326 Otto Geise:
heraus, so bemerken wir leicht, dass der ganze convex-
concave Schlundkopf mit grosser Elasticität um seine me-
diane Längsachse zu federn im Stande ist, indem, nach dem
Versuche einer Abplattung der Concavität, der Chitinbogen
sofort in seine frühere Lage zurückspringt. Dass diese
Elasticität für den Mechanismus von Wichtigkeit ist, den
unser Schlundkopf darstellt, werden wir weiter unten an
Längs- und Querschnitten zu erkennen Gelegenheit finden.
Verfolgen wir jedoch zunächst die gröbere Anatomie des
Kopfes unsres Thieres weiter.
Von dem spitz auslaufenden Theile des Schlund-
kopfes, fest mit ihm an dieser ihrer Ursprungsstelle ver-
schmolzen, senken sich, seitwärts und nach unten diver-
girend, zwei Chitinleisten, um sich schliesslich in der Nähe
der Augen am Grunde des Kopfes zu befestigen.
Diese Chitinleisten erweisen sich als Rinnen, welche
nur an ihrem untern Ende diesen Charakter aufgeben und
so, unter plötzlicher starker Verschmälerung, mit dem Kopf-
gerüst in Verbindung treten. In die Rinnen aber finden
wir die Maxillen und Mandibeln eingelagert, welche auf
solche Weise von ihrer Befestigungsstelle, den seitlichen
Basaltheilen des Kopfes, convergirend der Spitze des Schlund-
kopfes zugeleitet werden.
Schon Burmeister hatte diese Chitinleisten bei
Cicada fraxini wahrgenommen und beschrieben, ihre Be-
deutung jedoch nicht erkannt. Dass diese Gebilde ausser
der Zuführung der dünnen Chitinborsten zu dem Schlund-
kopfe auch noch zur Befestigung dieses massigen Organes
dienen, ist sehr wahrscheinlich. Ueber ihre Zugehörigkeit
zu andern Theilen des Kopfes oder des Mundes, sowie über
ihren feinern Bau werden Querschnitte uns später aufklären.
Zwischen den zusamraenstossenden Führungsleisten,
wie wir die beschriebenen Gebilde nennen wollen, unter
der Spitze des Schlundkopfes, liegt ein kleines, braunes
Chitinknöpfchen, welches eine breite, flache Chitinsehne
trägt. An dieser entspringen rechts und links zwei
ziemlich bedeutende Muskeln, welche sich an der Basis
der Führungsleiste der betreffenden Seite inseriren. Halten
wir uns mit einer Frage nach der Bedeutung dieses Ge-
Die Muudtheile der Rhynchoteu. 327
bildes für jetzt nicht auf, lassen wir uns lieber durch die
Erwähnung jener Muskelpartie auf eine kurze Beschrei-
bung der Muskeln auch des Schlundkopfes hinweisen.
Eine ausserordentlich mächtige Muskelmasse ist es,
welche sich vom Kopfdache in vier deutlich gesonderten,
grössern Partien nach der medianen Innenfläche, deren Ver-
lauf wir des Nähern bereits beschrieben, herabsenkt.
Während die vorderen Partien dieser Muskelmasse,
relativ die kleinsten, mit äusserst zahlreichen, feinen Chi-
tinsehnen an dem ersten, gerade auslaufenden Theile der
Innenfläche des Schlundkopfes und dem zwischen der
ersten und der zweiten Biegung befindlichen Theile sich
ansetzen, inserirt die dritte und grösste Partie an der Stelle,
wo die Fläche zum zweiten Male nach unten biegt, mit
einem derben, dunkeln Chitinkopfe, zu welchem die ein-
zelnen Sehnen hier verschmelzen. Die vierte kaum minder
mächtige Muskelmasse befestigt sich endlich wiederum mit
vielen getrennten Chitinsehnen an dem absteigenden Theile
der Fläche des Schlundkopfes, welcher hier, rasch sich ver-
schmälernd, in den Schlund selbst übergeht.
Versparen wir uns die Beschreibung der Muskulatur der
Borsten auf später und constatiren wir nur noch kurz das
Vorhandensein von vier ausserordentlich mächtigen Drüsen-
körpern im Innern des Kopfes und die Einmündung ihrer
beiden Ausführungsgänge in das erwähnte Chitinknöpfchen.
Denn nunmehr scheint es an der Zeit, die vielen vorge-
fundenen Thatsachen in ihrem Zusammenhange und ihrem
Zusammenwirken kennen zu lernen. Dazu mögen uns
Längs- und Querschnitte durch Kopf und Schnabel dienen^).
In Fig. 1 bietet sich uns ein Längsschnitt dar.
1) Hier sei es mir gestattet, einige Worte über die Methode
des Schneidens von Chitintheilen zu sagen, welche mir als die vor-
theilhafteste erschienen ist.
Lange hatte ich mich mit dem Schneiden meiner in Paraffin
eingebetteten Objecte herumgeplagt, ohne nur etwas Befriedigendes
zu Stande zu bringen. Selbst bei der vorsichtigsten Behandlung
fielen die spröden, feinen Chitintheilchen unweigerlich auseinander
und boten unter dem Mikroskope ein betrübendes Bild: disjecta
membra! Ein rettender Gedanke liess micti endlich zu einem
*
fast ausser Gebrauch gekommenen Einbettungsmittel, dem Wachse
328 Otto Geise:
Zunächst in der Mitte der Figur erblicken wir den
längsdurchschnittenen Schlundkopf. Da der Schnitt ziem-
lich, wenn auch nicht ganz median gelegt ist, so sehen wir
erklärlicher Weise nichts von den beiden Flügeln der
Chitinspange, des Schlundkopfes, wir haben vielmehr die
Medianlinien der Innern und äussern Fläche vor iVugen,
deren Verlauf wir bereits des Nähern beschrieben.
Rechts von dem Schlundkopfe, über dem mächtigen
labium, das wir jedoch vorläufig ignoriren, liegt das la-
brum, die Oberlippe, deren obere Lamelle Ir sich als eine
Fortsetzung des Clypeus c erweist. Ihre untere Lamelle e
steht mit einer kurzen, derben Chitinwand e' in continuir-
lichem Zusammenhange. Dies Stück gehört schon der
Innern Fläche des Schlundkopfes an und geht in den mit
e" bezeichneten Theil desselben über, an welchen sich nun
die übrigen Abschnitte anschliessen. Die bereits gekenn-
zeichneten Muskelpartien des Schlundkopfes finden wir
natürlich auch auf unserm Längsschnitte vor.
Die Rinne, in welche der Schlundkopf ausläuft und
deren Medianlinie wir in h erblicken , wird wie oben er-
wähnt, durch Ueberdachung bald geschlossen. Dies ge-
schieht an der Stelle, wo sie aus dem eigentlichen Kopfe
heraustritt, also da, wo e in e' übergeht. Die untere Linie
h, h', h", h'" folgt im Ganzen dem Verlaufe der oberen.
Werfen wir nun auch einen Blick auf mehrere Quer-
schnitte, welche jedesmal senkrecht auf die Richtung des
betreffenden Abschnittes der Medianlinien der Schlundkopf-
flächen geführt werden (Fig. 13, 14, 15). Anfänglich nur
klein und nur wenig concav-convex, wächst der Querschnitt
stetig nach hinten zu und erreicht in der Gegend, wo die
greifen, welches zu meiner Befriedigung den Erwartungen denn auch
entsprach. Seine zähe Consistenz hielt bei vorsichtiger Behandlung
auch die sprödesten Chitintheilchen zusammen und machte dadurch
eine geordnete Auffassung der Dinge möglich. Man lässt die Schnitte
in dem Einbettungsmittel und legt sie in Canadabalsam, dem man
möglichst viel Cymol beigemengt hat. Das Cymol hellt die Schnitte
in einem meist genügenden Maasse auf. Zwecks der Einbettung
in das reine Wachs empfiehlt, sich die vorherige Durchträukung mit
Terpentin. Nelkenöl ist nicht verwendbar.
Die Mundtheile der Rhynchoten. 829
horizontale Linie e" sich in starker Wölbung nach unten
biegt, die gewaltige hufeisenförmige Krümmung und Grösse,
welche unsere Figur 15 zeigt. Eine Zeitlang behält der
Querschnitt diese Gestalt und Grösse ziemlich unverändert
bei, bis er von der zweiten Biegung an nach abwärts stetig
abzunehmen beginnt, um schliesslich, ganz kreisförmig ge-
worden, den Beginn des eigentlichen Schlundes zu kenn-
zeichnen.
Nach dieser Betrachtung wird es uns nunmehr nicht
mehr schwer fallen, die Bedeutung des Schlundkopfes zu
verstehn. Es ist ein Pumpwerk, mit dem wir es zu thun
haben, und, wie sich zeigen wird, ein Pumpwerk von
höchster Entwicklung.
Bei der Contraction des Muskels m* erweitert sich
zunächst, wie ersichtlich, der Kaum, welcher von e" und
h' umschlossen wird und den wir mit a bezeichnen wollen.
Die Folge dieser Erweiterung wird nun sein, dass eine
dem Eingange des Schlundkopfes zugänglich gedachte
Flüssigkeit in den erweiterten Hohlraum einströmt *). Hat
sich a mit Flüssigkeit gefüllt, so beginnt m^ und nach-
folgend m^ sich zu contrahiren, unter gleichzeitigem Nach-
lassen von Muskel m^ In Folge davon muss nun die Flüssig-
keit, welche bisher den Raum a anfüllte, in den entstehenden
Hohlraum a' und weiter a" eindringen. Endlich tritt, wäh-
rend zunächst m^ und dann m^ nachlassen, der Muskel m*
in Action, wodurch der Raum a'" sich mächtig erweitert
und sich dabei mit der in a" vorhandenen Flüssigkeit
füllt. Hat m^ und m^ völlig nachgelassen, so verschliesst
sich, indem e"' sich eng an h'' anlegt, der Flüssigkeit der
Rückweg nach aussen und bei dem schliesslichen Nach-
lassen des Muskels m^ wird das in a'" enthaltene Flüssig-
keitsquantum durch die Elasticität der in ihre Ruhelage
zurückspringenden Chitinwände e"" und h''' durch den
Oesophagus o in den Magen gepresst.
Bei der Betrachtung dieses Pumpvorganges dürfen wir
natürlich nicht die Querschnitte aus dem Auge verlieren,
vornehmlich nicht den grössern.
1) Es wird sich weiter unten ergeben, dass eine solche Flüssig-
keit dem Einganp^e des Schlundkopfes wirklich zugänglich ist.
330 Otto Geise:
Die verschiedenen Muskelzüge haben ein Federn auch
der Aussenwände um eine mediane Längsaxe zur Folge
und dieses seitliche Ausweichen derselben ermöglicht er-
klärlicherweise eine ungleich bedeutendere Erweiterung
der Lumina, als sie sonst statt haben würde.
Wie Eingangs schon erwähnt, tritt der Schlundkopf
ganz vorn auch mit dem umgebenden Chitingerüste in
Verbindung oder besser, hat sich, wie wir sehen werden,
noch nicht davon getrennt. Dieser Umstand, der ein seit-
liches Ausweichen der Aussenwände verhindert, mag denn
in Verbindung mit der Anfangs noch unbedeutenden Grösse
des Querschnittes des Schlundkopfs an seinem vordem
Theile die überwiegende Länge dieses Abschnittes erklären.
So weit wäre nun ja alles leicht verständlich — aber
ganz so einfach soll der Saugvorgang doch nicht bleiben.
Wir haben nämlich bisher eines sonderbaren Fortsatzes
(in der Fig. mit d bezeichnet) nicht gedacht, mit dem es
eine eigne Bewandtniss hat.
Entfernt man äusserst vorsichtig die äussere schwarze
Chitinwand des Schlundkopfes, was allerdings etwas müh-
sam ist — der ganze Schlundkopf ist ungefähr einen halben
Millimeter breit und nur weniges länger — so sieht man,
von der Innern Fläche desselben in den eröffneten Hohl-
raum hineinragend, eine Duplicatur sich erheben, an der
Linie etwa, in welcher die nach unsrer Annahme die
Innenseite des Schlundkopfes constituirenden zwei Halb-
trichter in stumpfem Winkel zusammenstossen würden. Sie
läuft also, halbkreisförmig, an der Innenfläche des Schlund-
kopfes herum bis in die Ecken der Flügel und lässt ferner-
hin schon bei schwacher Vergrösserung an ihrem freien
Rande eine reiserbesenartige Ausfransung erkennen.
Bedeckt von dieser Duplicatur aber finden sich runzel-
artige Einfaltungen der Innenfläche vor, welche gleichfalls
mit zahlreichen Ausfransungen, Haaren und Knötchen, auch
Zälmchen versehen erscheinen.
In unserer Fig. 16 haben wir einen Horizontalschnitt
durch beide Schlundkopfflügel (im Querschnitt a und b)
gegeben. Die beiden auf dem Schnitte natürlich isolirt
erscheinenden Flügel des Schlundkopfes sind durch ganz
j
Die Mundtheile der Rhyüchoten. 331
schematische Linien zum bessern Verständuiss in Zusammen-
hang gebracht. Die Bezeichnung der einzelnen Theile ist
im Horizontalschnitte, wie im Längsschnitte die gleiche.
Die grosse, halbkreisförmig herumlaufende Duplicatur ist
mit d bezeichnet, d' bezeichnet die Faltung der Innen-
fläche , welche mit zahlreichen , verschieden gestalteten
Haaren und Zähnen aussen an den Rändern und im Innern
besetzt, dem Laufe der grossen Duplicatur folgt und mit
ihr eine um die ganze Innenfläche des Schlundkopfes
herum sich ziehende Rinne bildet, die durch den weiteren
Zapfen d" sogar, wie es den Anschein gewinnt, zu einer
Röhre geschlossen werden kann. Im Längsschnitte zeigen
sich die Faltungen vereinfacht, nehmen jedoch in den auf-
steigenden Flügeln sofort die Complication an, in welcher der
Horizontalschnitt sie zeigt. Unsere Figur 11 giebt eine
Darstellung der grossen herauspräparirten und flach aus-
gebreiteten Duplicatur d. Zähnchen finden sich auch an
der Innenseite der äussern Schlundkopfwand unter der Du-
plicatur und zwar nach vorne gerichtet.
Die reiserbesenartigen Ausfransungen der Duplicatur
setzen sich aus einzelnen, oben mit einander verwachsenen
Haaren zusammen, welche scheinbar oder wirklich eine
Rinne bildend unten wiederum ausgezackt sind und eine
Querstrichelung zu erkennen geben (Fig. 12).
Vergegenwärtigen wir uns nun wieder den Mechanis-
mus des Saugens, wie wir ihn oben dargestellt, so ergiebt
sich, dass bei dem Zuge des Muskels m*, dessen letztes
Bündel auf dem Horizontalschnitte nur dargestellt ist, der
Raum a' in beiden Figuren sich erweitern muss , ebenso
wie im Horizontalschnitte die Faltungen d' sich umkrem-
peln müssen. Hebt sich jetzt m^ und m^ unter gleich-
zeitigem Nachlassen von m^ so faltet sich die innere Fläche
wieder und es ist denkbar, dass etwa in den Schlundkopf
gekommene, festere Bestandtheile, wie Blutkörperchen oder
Gerinnsel von Blut oder Pflanzensäften — der Eingang des
Schlundkopfes ist annähernd 29 Mikromillimeter breit —
zwischen der Presse, welche die beiden mit Haaren und
Zähnchen besetzten Chitintheile d' und d" zu bilden
scheinen, zerdrückt würden, ehe sie in den Raum a" ge-
332 Otto Geise:
langen, denn es erhellt, dass durch den Fortsatz d, welcher
frei ins Innere des Hohlraumes des Schlundkopfes hinein
ragt, dieser in zwei durch ihn wie durch eine Scheidewand
getrennte Kammern zerfällt. In Folge der Contraction von
m- nämlich sehen wir, dass der Fortsatz d (also die ganze
Duplicatur) an die Aussenwand des Schlundkopfes ange-
drückt werden muss, ein Vorgang, dessen Nothwendigkeit
vornehmlich bei der Betrachtung des Längsschnittes in die
Augen springt.
Die im Räume a und a' angesammelte Flüssigkeit
muss daher, ehe sie a" erreichen kann, das Sieb passiren,
welches die Ausfransungen der Duplicatur bilden. Gröbere
Körper würden also zurückgehalten werden und vermöchten
erst nach gehöriger Zerkleinerung in der Presse d' — d"
mit neu einströmender Flüssigkeit das Sieb zu passiren
und dem Darme zugeführt zu werden. Ich mache jedoch
auch auf die doppelthalbmondförmige Gestalt aufmerksam,
welche die ausgebreitete Duplicatur zeigt und die, wie es
scheint, eine untere mediane Communication auch während
der Contraction von m^ zwischen a und a" frei lässt, man
müsste denn andern Falls annehmen, dass die Duplicatur
sich fester an die Seitenwände, als an die untere Wand
des Schlundkopfes bei der Contraction des mehrfach er-
wähnten Muskels anlegt.
Mag nun auch die eben gegebene Erklärung der
Function jener sonderbaren Zahn- und Siebbildung nicht
die richtige sein, sie ist die einzig mir zu Gebote stehende
und aus diesem Grunde für mich auch die wahrschein-
lichste. Diese etwas zweifelhafte Wahrscheinlichkeit aber
wird doch auch unterstützt durch das Vorhandensein einer
ganz homologen, Bildung bei Sigara und Corixa, in welcher
wir, ganz ohne Zweifel , ein wohl differenzirtes, abge-
schlossenes Kaukästchen kennen lernen werden.
Doch beeilen wir uns nunmehr mit der weitern Durch-
musterung unseres Längsschnittes:
Da zeigt sich uns denn, gleich unterhalb des Schlund-
kopfes gelegen, ein in der That höchst sonderbares Gebilde.
Ein schmaler Gang , der mit seiner oberen Seite mit dem
Schlundkopfe, mit der untern aber mit dem labium ver-
Die Mundtheile der Rhynchoten. 333
wachsen ist, erweitert sich mächtig nach unten, bis er
endlich, halbkreisförmig sich ausweitend in eine ebenfalls
annähernd halbkreisförmige Einstülpung tibergeht. Diese
in der Mitte stark chitinisirte Einstülpung stülpt sich
wiederum nach aussen um und verliert sich schliesslich in
eine dünne, flache Chitinhaut.
Stellen wir uns das Gebilde plastisch vor, so ist es
klar, dass wir es hier mit einer stark eingedrückten Hohl-
kugel zu thun haben, deren äussere Wand sich in einen
langen Trichter auszieht, deren innere Wand sich wieder
nach aussen umstülpt und sich schliesslich in die flache
Chitinhaut abplattet.
Um die Bedeutung dieses sonderbaren Organes zu
verstehen, erinnern wir uns daran, dass bei der gröbern
Anatomie des Kopfes uns ein kleines, unter dem Schlund-
kopfe zwischen den Führungsleisten der Borsten gelegenes
Chitinkügelchen aufgefallen war, an dessen flacher Chitiu-
sehne sich starke Muskeln inserirten und welches die Aus-
führungsgänge der mächtigen Kopfdrüsen in sich aufnahm.
Eben jenes Gebilde nun haben wir jetzt im Längsschnitte
vor Augen.
Durch die Contraction der an die Chitinsehne sich
ansetzenden Muskeln wird die innere Kugelfläche von der
äussern entfernt und der Hohlraum b mächtig erweitert,
denn hier, wie stets, erweist sich das chitinige Baumaterial
elastisch, wie federnder Stahl. Dieses Ausziehen der
Innern Halbkugel wird aber um so leichter gemacht, als
die Ausstülpung, welche schliesslich in die flache Chitin-
sehne übergeht, nicht eine regelmässig trichterförmige ist.
Vielmehr sehen wir die eine Seite des angenommenen
Trichters wieder nach innen eingedrückt, so dass ein Quer-
schnitt durch den obern Theil der Ausstülpung uns das
Bild eines seitlich stark eingedrückten Kreises bieten würde.
Bei der Contraction der Muskeln der Chitinsehne kann
sich nun der obere Theil der seitlich eingedrückten Aus-
stülpung in etwas zusammenlegen und es erhellt, dass da-
durch die Widerstände, welche der Umstülpung der innern
Kugelfläche sich entgegenstellen, um ein Beträchtliches
verkleinert werden. Der einspringende Rand des Gebildes,
334 Otto Geise:
in der Figur mit r bezeichnet, mag dazu bestimmt sein,
ein allzuweites Ausziehen zu verhüten.
Aber was bezweckt denn diese mächtige Saug-
bewegung des sonderbaren Apparates, denn um eine solche
handelt es sich augenscheinlich? Wir erinnern uns der
Ausführungsgänge der Drüsen und ihrer Einmündung in
das Chitinknöpfchen. In dr ist ein solcher Gang durch-
schnitten ^) ; er mündet in den Hohlraum b. Es liegt uns in
dem Chitinknöpfchen also offenbar ein Organ vor, welches
bestimmt ist, das Secret der Drüse aufzusaugen und nach
aussen zu befördern. Denn coutrahirt sich der Muskel,
welcher an der Chitinsehne inserirt und erweitert sich in
Folge dessen der Hohlraum b, so dringt durch den Drüsen-
gang dr das Secret der Erweiterung entsprechend in den
Hohlraum ein. Nun lässt der Muskel nach, aber der zu-
rückspringende Stempel (die innere Halbkugel) würde das
Secret der Drüse zum grösten Theile in dieselbe zurück-
treiben. Doch dafür ist gesorgt — in minimis natura ma-
xima ! — v stellt ein regelrechtes Klappenventil dar, genau
so, wie wir es bei unsern Feuerspritzen zur Anwendung
bringen. Beim Saugacte wird das Ventil von dem ein-
strömenden Drüsensecrete gehoben , nach der Anfüllung
des Hohlraumes b mit dem Eintritt der elastischen Kräfte
durch den Druck des angesammelten Secretes sofort ge-
schlossen und nun presst der mit Gewalt zurückspringende
Stempel das Secret durch den Ausführungsgang nach aussen.
Wohin? werden wir bald sehen, denn nunmehr drängt es
uns, unsere Betrachtung dem Ein- und Ausführungswege
zuzuwenden, welchen die beiden Pump- und Spritzvorrich-
tuugen, die wir kennen gelernt, nothwendiger Weise doch
haben müssen — den vier charakteristischen Borsten der
Wanze. Ihre Erörterung wird uns zugleich Gelegenheit geben,
die complicirte Ventilirung der trichterförmigen Ausmündung
der Spritze, die*wir bisher gar nicht erwähnt, die aber
doch, wie begreiflich, auch hier von Nöthen ist, zu schildern.
Wir wissen von früher her, dass die Borsten unsrer
Wanze je zu zwei an den seitlichen Basaltheilen des
1) Die Drüsengäüge haben ein merkwürdig flechtenartiges An s-
sehen, was auf eine beträchtliche Erweiterungsfähigkeit hinweist.
Die Mundtheile der Rhynchoten. 335
Kopfes entspringend in den convergirenden Führungsleisten
der Schlundkopfspitze zugeleitet wurden. Indem sie nun
zugleich aus dem eigentlichen Kopfe hervortraten, senkten
sie sieh beim Beginne des zweiten Gliedes, überdeckt bis-
her von der Oberlippe, in die tief sich aushöhlende Unter-
lippe ein. Kräftige Muskeln sind nun im Stande, die
Borsten vorwärts und rückwärts zu bewegen, so dass ein Auf-
und Abgleiten in der Rinne der Unterlippe ermöglicht wird.
Betrachten wir nun einmal einen Querschnitt, welcher
durch das erste Schnabelglied geführt ist und der in Fig. 6
uns vorliegt.
Wir sehen zunächst in dem grossen, ringförmigen,
oben leicht eingedrückten Theile die Unterlippe vor Augen.
Die Rinne, welche die Unterlippe an ihrer obern Seite
bildet, ist, wie wir jetzt auch an dem Querschnitte sehen,
nur äusserst flach und nicht im Stande, die ihr aufliegen-
den Borsten, welche wir in s durchschnitten haben, zu
umhüllen. Zur Compensation werden diese dagegen von der
Oberlippe, welche in Ir-e uns vorliegt, hier eine tiefe Rinne
bildet und in der Natur sich der Unterlippe noch enger
auflegt, als in unsrer etwas schematischen Figur gezeich-
net ist, umfasst. Die Oberlippe nämlich wird auf der
Unterlippe durch übergreifende Zäpfchen der letztern be-
festigt, welche in die Tiefe fortgesetzt gedacht, natürlich
übergreifende Längsleisten bezeichnen. Wir treffen damit
auf eine Einrichtung, welche von Graber mit dem Namen
der Führung benannt, eine grosse Rolle in dem Aufbau
der Mund Werkzeuge unsrer Thiere zu spielen berufen ist.
Wir werden das Wesen derselben sofort erörtern können,
denn nunmehr wenden wir uns der Betrachtung des Quer-
schnittes der Borsten selbst zu.
Was uns Fig. 6 nur ganz roh schematisch andeutet,
möge Fig. 7 in genauerer Ausführung und unter starker
Vergrösserung gezeichnet des Nähern erläutern. Der obere
Theil der Unterlippe, welche die flache Rinne bildet, liegt
uns in li vor, in e erkennen wir die untere Lamelle der
Oberlippe aus der vorigen Figur. Von Ober- und Unter-
lippe umschlossen treten uns nun aber die vier Borsten in
ungeahnt complicirter Gestalt entgegen. Wir sehen zunächst
336 Otto Geise:
zwei äussere, kleinere mit einem Lumen versehene Chitin-
gebilde — es sind die querdurchschnittenen Mandibeln — und
weiterhin, von ihnen seitlich zum Theil umfasst, mit ganz
gewaltigen Lumen versehen und an ihrer Innenfläche
doppelt ausgehöhlt die beiden mächtig entwickelten Unter-
kiefer, die Maxillen.
Nothwendigerweise müssen wir jetzt die als Führung
gekennzeichnete Einrichtung erörtern, denn nirgends kam
sie uns schöner entgegentreten, als hier bei den Borsten,
wo sie in fünfmaliger Wiederholung sich findet.
Im Principe beruht diese Einrichtung darauf, dass
langgestreckte Chitinstücke durch oft übergreifende Längs-
rinnen und darin verlaufende, entsprechend gestaltete Längs-
leisten mit einander in Verbindung stehen, so dass ein
Hingleiten aneinander möglich und, bei übergreifenden
Längsrinnen, ein Abheben unmöglich wird.
Sehen wir nun das labrum auf unserm Schnitte an,
so gewahren wir, dass dasselbe zwei Längsrinnen und
zwar übergreifende Längsrinnen aufweist. In diesen Längs-
rinnen aber verlaufen ihrer Gestaltung genau angepasst,
obere Längsleisten der Mandibeln : wir haben sie in dem
oberen Köpfchen jeder Mandibel im Querschnitte vor uns.
Ein Abheben der Oberlippe von den Mandibeln ist daher
unmöglich und, wenn wir die Gestalt und Lage aller vier
Borsten zusammen betrachten, auch von den Maxillen. Es
wird vielmehr die Oberlippe stets eng den obern Seiten
der vier Borsten anliegend erhalten, ein Umstand, dessen
Bedeutung wir bald einsehen werden.
Wenden wir uns nun zu den Maxillen. Da finden
wir im Prinzip wieder die gleiche Einrichtung in drei-
facher Wiederholung vor. Nur übergreifend sind an dieser
Stelle der Maxillen die Längsleisten nicht und die Maxillen
selbst tragen an den Kanten ihrer Innern, zweimalig ein-
gebogenen Fläche abwechselnd die Längsleisten und Längs-
schienen. Während die rechte Maxille an ihrer obern
Kante die Längsleiste, an der mittlem die Rinne, an der
untern wiederum die Leiste bildet, findet das umgekehrte
Verhältniss bei der linken statt.
Doch diese Gestaltung der Rinnen und Leisten der
Die Mundtheile der Rhynchoten. 337
Mandibeln und Maxillen ändert sich nach vorn zu bald.
Da nämlich , wo die Oberlippe aufhört und die Borsten
sich in die röhrenförmig sich schliessende Unterlippe ein-
senken, verlieren die Mandibeln ihre Führung, wenigstens
in der ausgeprägten Gestalt des bisher betrachteten Quer-
schnittes. Einen Ersatz erhalten sie jedoch, indem sie von hier
an feine Längscanellirungen an ihrer äussern Seite aufweisen,
welchen ähnliche Bildungen des die Borsten eng umschlies-
senden, eingestülpten Theiles der Unterlippe entsprechen.
Mit der Einsenkung in die Unterlippe aber beginnen
nun auch die Längsschienen der Maxillen überzugreifen,
wodurch ein Auseinanderweichen derselben, welches vorher
durch die in Führung mit der Oberlippe verlaufenden, eng
ihnen anliegenden Mandibeln verhütet wurde, auch jetzt
nicht möglich ist. Fig. 4 und 5 möge dem Gesagten zur
Erläuterung dienen. In der erstem derselben haben wir
wiederum die querdurchschnittene Unterlippe vor uns, deren
tiefe Rinne sich ebenfalls — durch Führung kann man
hier nicht sagen — durch Einfalzung zu einem Rohre luft-
dicht geschlossen hat, welches, wie die zweite Figur zeigt,
von den Borsten gänzlich ausgefüllt wird. Im übrigen er-
klärt sich die Figur nach dem bereits Gesagten von selbst ^).
Jetzt , nachdem wir so die sorgfältige Ineinander-
falzung der Maxillen kennen gelernt haben, erklärt es sich
auch mit einem Male, warum nach Entfernung der Ober-
lippe die Mandibeln sich leicht von den scheinbar nur
eine einzige Borste bildenden Maxillen abtrennen Hessen,
diese jedoch durch ihr hartnäckiges Zusammenkleben es
möglich machten, dass man bis zu Savigny's Tagen die
Zahl der Wanzenborsten auf drei angeben konnte. Es sind
eben nicht, wie Vitus Graber meint, sämmtliche vier
Borsten zu „einem, soliden Stachel" verfalzt, sondern die
Verfalzung erstreckt sich nur auf die Maxillen.
Aber wenden wir luns nunmehr zu der Betrachtung
der Lumina, welche uns auf dem Querschnitte der Borsten
entgegentreten und legen wir wieder den ersten Quer-
1) Fig. 5 zeigt nur oben in genügender Weise das üebergreifen
der Längsschienen der Maxillen. In Wirklichkeit findet sich dies
Verhältniss genau ebenso auch unten.
Archiv f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 22
338 Otto Geise:
schnitt, unsere Figur 7, zu Grunde. Da finden wir denn
zunächst jede Borste, und vornehmlich die Maxillen, durch-
setzt von einem gewaltigen Lumen.
Auch frühern Beobachtern waren diese Lumina nicht
entgangen und man glaubte, dass dieselben bis zur Spitze
der Borsten reichend durch Capillarthätigkeit den Nahrungs-
saft aufsteigen Hessen.
Vitus Graber hat richtig erkannt, dass dem nicht
so sei, verweist aber mit Unrecht Burmeister diese Auf-
fassung. In Wirklichkeit hat sich Burmeister in seiten-
langer Auseinandersetzung gegen eine solche erklärt. Nach
ihm ist es vielmehr Treviranus, von dem diese Ansicht
herrührt.
Ich habe mich schon im Anfange meiner Untersuchung,
indem ich selbst auf diesen Irrweg gerieth, durch Injection
mit Carmin überzeugt, dass die Lumina blind endigen und
die Höhlung lediglich von der Matrix der Borste durchsetzt
wird. Dass diese so lange persistirt, erklärt sich aus dem
Umstände, dass die Borsten, trotz ihrer Feinheit, an der
Häutung Theil nehmen. Auch fand ich zellige Gebilde,
welche ich als Reste der Matrix deuten zu dürfen glaube.
Die Sache erledigt sich übrigens ohne Weiteres durch
eine fernere Betrachtung unsres Schnittes; denn Grab er ist
auf dem seinigen die Hauptsache entgangen. Er sah nur vier
Lumina und sagt, indem er von dem angeblichen Aufsteigen
der Nahrungssäfte in den Lumina spricht: „Das ist Un-
sinn, dazu ist das Lippenrohr." Dass dem ganz und gar
nicht so ist, wird sich bald zeigen. Auf unserm Schnitte
finden sich noch zwei, median gelegene Lumina, ein grösse-
res, oberes, und ein kleineres, unteres, welche beide von den
doppelt ausgehöhlten Innenflächen der Maxillen begrenzt
werden: das eigentliche und alleinige Saugrohr bilden die
Maxillen und zwar in dem obern, von ihnen umschlossenen
Hohlraum! Es entspricht dies auch ganz den Thatsachen,
welche bei den Lepidoptern uns entgegentreten , wo es
ausschliesslich die Maxillen sind, welche sich zu dem Saug-
rohre vereinigen. Dass wir aber zu unsrer Aufstellung
berechtigt sind, muss sich sofort ergeben. Sehen wir uns
zu diesem Zwecke einen Querschnitt an, welcher etwas
Die Mundtheile der Rhynchoten. 339
vor der Insertion der Oberlippe, von der Spitze des Schna-
bels an gerechnet, durch diesen gelegt ist (Fig. 8).
Die flache Rinne der Unterlippe, die tiefere der Ober-
lippe kennen vrir wieder, wir sind ihr schon in Fig. 7 be-
gegnet. Auch die beiden Mandibeln, welche in Führungs-
schienen der Oberlippe verlaufen, bieten nichts abweichen-
des dar. Dagegen sehen wir mit einem Male die Maxillen
nicht mehr unter sich durch Führung vereinigt, sondern
von einander getrennt und nur oben mit einer weit offnen
Rinne in dieser Weise verbunden. Unterhalb der Rinne
sehen wir ein geschlossenes Rohr, dessen obere Wand mit
der untern der >Rinne zusammenfällt. Es ist kein Zweifel
mehr, wir haben es hier mit den mehrfach erwähnten,
rinnenförmigen Anfangstheile des Schlundkopfes zu thun,
der sich hier als der Einführungsgang desselben zu er-
kennen giebt, und unter demselben mit dem auf compli-
cirtere Weise entstandenen, weiter unten genauer zu er-
örternden Ausführungsgange der Spritze. An die Rinne
legen sich die, im weitern Verlaufe, das grössere, obere
Lumen umschliessenden Theile der Maxillen an, während
die das kleinere, untere begrenzenden annähernd den Aus-
führungsgang der Spritze umfassen.
Aber als den Einführungsgang des Schlundkopfes
haben wir bisher nur eine nach oben offene Rinne kennen
gelernt, und doch ist es nöthig, soll ein Saugen stattfinden,
dass ein luftdicht verschlossenes Rohr gebildet wird. Dazu
dient die Oberlippe. Die Einführungsrinne des Schlundkopfes
wird genau von diesem Gebilde überdeckt, welches zudem,
zur weitern Herstellung eines luftdichten Verschlusses, durch
die bereits erwätnte Verfalzung mit der Unterlippe (Fig. 6)
fest an diese und die Borsten angedrückt erhalten wird
und endlich noch die gleichfalls mehrfach erwähnte Füh-
rung mit den Mandibeln bewerkstelligt. Die untere La-
melle der Oberlippe aber geht, wie uns der Längschnitt
lehrte, ganz continuirlich in die Innenfläche des Schlund-
kopfes über.
Der Einführungsgang des Schlundkopfes und der Aus-
führungsgang der Spritze verschmälern sich rasch, die
Rinne giebt ihre Führung mit den Maxillen auf, legt sich
340 Otto Geise:
als äusserst feine Lamelle scliliesslicli der Innenfläche der
oberen Maxillarröhre an und endigt etwas später, als der
Gang der Spritze, welcher mit seiner Verschmälerung zu-
gleich seine obere Verbindung mit der Rinne fast gänzlich
aufgiebt und so von den zusammenstossenden und in Füh-
rung sich vereinigenden untern Theilen der Maxillen um-
fasst wird.
Indem nun zugleich oben die Maxillen mit ihren
Falzen ineinander greifen, stellen sie jetzt zwei streng von
einander geschiedene , luftdicht verschlossene Röhren dar,
das Einführungsrohr für den Schlundkopf, das Ausführungs-
rohr für die Spritze.
Nur kurz sei hier noch auf eine Thatsache aufmerk-
sam gemacht. Der Ausführungsgang der Spritze nämlich
wendet sich bei allen von mir untersuchten Arten constant
in seinem weitern Verlaufe zur Seite, so dass das ursprüng-
lich — abgesehen von der geringen, durch die Führung
verursachten Störung — vollkommen symmetrische Bild,
welches die Maxillen anfänglich im Querschnitte bieten,
nach vorn zu sich verrückt und dann in der Weise, wie
Fig. 5 uns zeigt, auffallend unsymmetrisch erscheint.
Die Verschiedenheit in der Führung der beiden Ma-
xillen, auf welche wir schon aufmerksam wurden und
welche darin bestand, dass unten die Längsrinnen über-
greifend gestaltet waren und zwar in ausgeprägter Weise,
oben aber nicht, erklärt sich auf sehr einfache Art. Wenn
wir uns nämlich vorstellen, dass die Borsten durch Con-
traction ihrer Muskeln vor- und zurückgeschoben werden
— wie dies ja in der That geschieht — so erscheint es
offenbar nothwendig, dass die von den Seiten des Kopfes
her convergirenden und dem Schlundkopfe sich anschmiegen-
den Maxillen die Möglichkeit haben , sich von einander
abzuheben und wieder mit einander zu vereinigen. Denn
es erhellt, wenn wir uns die Maxillen etwa im Zustande
des Vorstosses denken, dass ein Theil derselben, durch
Falzung augenblicklich noch vereinigt, beim Rückzuge
durch das Divergiren nach den Seiten hin, diese Vereini-
gung aufgeben und ferner, dass die Länge dieses
Theiles der Grösse des möglichen Verstosses entsprechen
Die Mundtheile der Rhynchoten. 341
muss. Eine feste Führung, welche ein leichtes Abheben
verhindert, würde also hier durchaus nicht am Platze sein
und so sehen wir , dem Bedürfniss vollkommen ent-
sprechend, einfache Längsleisten, welche sich in einfache
Rinnen beim Zusammentreten der Borsten einlegen, beim
Auseinanderweichen derselben aber ebenso leicht wieder
von ihnen abheben können. Der erforderliche feste Schluss
wird jedoch auch hier nicht vermisst, er wird vielmehr
bewerkstelligt durch die hier allein sich findende Führung
der Mandibeln. Denn dass durch diese Einrichtung ein
seitliches Ausweichen auch der Maxillen verhindert wird,
liegt auf der Hand.
Es dürfte nun, ehe wir an die Besprechung des Aus-
führungsganges der Spritze und dessen Ventilirung gehen,
am Platze erscheinen, etwas über die morphologische
Stellung des Schlundkopfes zu sagen , da sich nach der
Erörterung der dabei in Frage kommenden Thatsachen der
Bau dieses Ganges leichter verstehen lässt.
Zunächst sei bemerkt, dass es sich bei dem Schlund-
kopfe zwar um eine physiologische, nicht aber, wenigstens
nicht in seiner Gesammtheit auch anatomische Einheit
handelt.
Der Schlundkopf setzt sich zusammen, wir haben das
schon früher gesehen, aus einer äussern und einer sich
ihr anlegenden Innern Fläche und zwar stellt jene die
Hypopharyngeallamelle, wie ich sie nenne, dar, diese aber
die Epipharyngeallamelle.
Schon die altern Autoren haben dies Verhältniss rich-
tig erkannt, indem sie die „Wanzenplatte", welche der
untern Fläche des Schlundkopfes entspricht, mit dem Namen
ligula oder auch Hypopharynx benannten. Einen echten
und wirklichen Hypopharynx stellt in der That wenigstens
die frei aus dem Kopfe hervorragende und von den Borsten
umschlossene Schlundkopfrinne dar.
Was die Epipharyngeallamelle anlangt, so sahen wir
schon auf dem grossen Längsschnitte eine untere Lamelle
der Oberlippe, e, welche sich durch e' continuirlich in e'',
e''', e"" und schliesslich in die obere Wand des Oeso-
phagus und dann auch des Darmes fortsetzt. Diese Lamelle
342 Otto Geise:
ist es, welche ich mit dem Namen der Epipharyngeal-
lamelle bezeichnen möchte.
Ich spreche da von Lamellen; die Betrachtung des
Querschnittes in Fig. 9 wird dies erklären. Der Schnitt
ist etwa durch die Mitte des Spritzenganges gelegt. Er
zeigt uns den Kopf an dieser Stelle aus drei weniger mit
einander verwachsenen, als vielmehr nur lose zusammen-
hängenden Theilen bestehend. Auf Schnitten, welche weiter
nach hinten durch den Kopf gelegt werden, erscheint dann
zunächst die äussere Wand der drei Theile mit einander
fest verwachsen oder besser noch nicht getrennt, die hier
noch lose sich berührenden innern Flächen verschmelzen
mit einander, geben ihre Verbindung mit der äussern Kopf-
wand auf, e" und h' werden zu dem frei in der Höhlung
liegenden hintern Theile des Schlundkopfes und schliess-
lich zu Oesophagus und Darm, 1 e' und hh gehen in die
Bildung der Spritze ein.
Der von den Wänden le' und li' eingeschlossene Theil
ist die Unterlippe, deren erwähnte Wände wir auch im
Längsschnitte mit denselben Buchstaben bezeichnet vor uns
haben.
Die Epipharyngeallamelle muss man, soweit sie,
wie in dem Querschnitte e", frei von den übrigen Theilen
des Kopfes sich abhebend erscheint, als den innern Theil
einer lefzenartigen Faltung des Munddarmes und der Kopf-
wandung auffassen, was natürlich geradeso von der Hypo-
pharyngeallamelle gilt, die also nichts, wie man dies wohl
angenommen, mit der Unterlippe zu thun hat.
Sehen wir uns nun einmal den Querschnitt etwas
näher an , so bemerken wir , dass die Hypopharyngeal-
lamelle eine complicirte Einstülpung treibt , deren eine
Portion sich um die äussere Seite der Maxillen und Man-
dibeln schlägt und mit letztern in Führung tritt. Die
andere Portion schlägt sich an die doppelt ausgehöhlten,
innern Flächen der Maxillen hin und tritt auch hier mit
den drei Kanten derselben durch Führung in Verbindung.
Es wird uns nicht schwer werden , an dieser sonderbaren
Einstülpung der Hypopharyugeallamelle die schon früher
mehrfach erwähnten Führungsleisten wieder zu erkennen,
Die Mundtheile der Rhynchoten. 343
die also auch einen complicirteren Bau aufweisen, als auf
den ersten Blick zu vermuthen war.
Aber auch unten zeigt sich die Lamelle h h des mitt-
leren Kopftheiles complicirt nach oben eingestülpt, in einer
Weise, wie es die Figur erkennen lässt. Diese Einstülpung
leitet uns nun endlich zu dem oft schon erwähnten, com-
plicirt ventilirten Gang der Spritze über, indem sie den
obern Theil desselben vorstellt. Seine untere Begrenzung
wird von der Lamelle 1 e' gebildet , welche sich hier zu
beiden Seiten an h h eng anlegt.
So ohne Weiteres wird uns nun allerdings die Con-
struction des Ganges nicht verständlich sein ; nehmen wir
daher den Längsschnitt und eine Durchschuittszeichnung
der Spritze und ihres Ganges, von oben gesehen (Fig. 10a)
zu Hülfe.
Die Lamelle h h des Querschnitts ist auch im Längs-
schnitte mit denselben Buchstaben bezeichnet worden, ebenso
1 e'. Es ist nun die Spritze wohl als eine Einstülpung des
Munddarmes zu betrachten, welche, im Laufe der Entwick-
lung nach vorn gerückt, als eine Einstülpung des eigent-
lichen Hypopharynx erscheint und deren obere Wand h h
wir auch noch mit dem Hyopopharynx in continuirlichem
Zusammenhange sehen, während die untere, mit der La-
melle der Unterlippe fest verwachsen, den Anschein bietet,
als ob sie dieser selbst angehöre.
In die nunmehr von der Unterlippenlamelle le' und hh
gebildete Röhre, welche sich nach unten bedeutend er-
weitert, um schliesslich in die Hohlkugel der Spritze selbst
überzugehn, schlägt sich nun die Lamelle hh, als h'h' seit-
lich ein, so jedoch, dass im Anfange des Ganges noch ein
von diesen Einfaltungen nicht erfüllter Hohlraum bleibt.
Diese selbst sind natürlich nach der Spritze zu, also am
Beginne des Ganges geschlossen, da ja die Lamelle h'h'
auch die Wand der Spritze bilden hilft; ausserdem setzen
sie sich nicht bis ans Ende des Ausführungsganges fort,
sondern endigen etwa im vorletzten Drittel, nachdem sie
zuvor sich selbst, 1 e' und zuletzt auch den oberen Theil h h
berührend, den sich verengernden Ausführungsgang vorn
geschlossen haben. Fig. 10a mag Anfang und Endigung
344 Otto Geise:
der Einfaltungen in der Durchsicht zeigen. Im Längs-
schnitte , der ja nicht ganz sagittal geführt ist , mussten
eigentlich die Einfaltungen getroffen sein, doch würde eine
Einzeichnung eher zur Verwirrung, als zur Aufklärung bei-
getragen haben und ist deshalb vermieden worden.
Zum letzten Verständniss der Zusammenfügung der
einzelnen Theile müssen wir uns nun nach vorn und oben
alles einander genähert denken: hh verschmilzt mit der
Hypopharyngeallamelle h', deren Einstülpung diese Wand
ja nur darstellt, die Einfaltungen h'h' haben aufgehört, es
ist also der Gang der Spritze im Querschnitt einfach rund
zu denken, die Borsten rücken in die Höhe und treten
unter gleichzeitigem Schwinden der Führungsleisten mit
der Lamelle e der Oberlippe und dem rinnenförmig aus-
laufenden Schlundkopfe h' und h in Führung.
So leitet sich denn der ganze Complex allmählig zu
den Verhältnissen über, deren Bild uns Fig. 8 gab. Die.
Rinne des Schlundkopfes oben, unten ein Rohr, getrennt
durch eine gemeinschaftliche Wand, welche eins ist mit
den verschmolzenen oder noch nicht getrennten h' und hh.
Das Rohr stellt natürlich den Ausführungsgang der Spritze
dar, dessen untere Wand die hier noch nicht mit der Unter-
lippe verwachsene, ursprüngliche Hypopharyngeallamelle
oder vielmehr deren Einstülpung ist.
Stellen wir uns nun die gefundenen Thatsachen zu
einem Gesammtbild von dem Bau des Ganges zusammen,
so erhalten wir einen trichterförmigen , mit elastischen
Wänden — denn solche stellen die Einfaltungen h'h' ent-
schieden doch vor — versehenen Hohlraum, der vorn durch
das enge Aneinanderlegen dieser elastischen Wände ge-
schlossen erscheint, sich dann aber wieder, wie in Fig. 10 a
zu sehen, erweitert und schliesslich in der geschilderten
Weise in die untere Borstenröhre einmündet.
Fragen wir uns uun nach dem Zwecke der sonder-
lichen Bildung des Spritzenganges, so werden wir bald die
Ueberzeugung gewinnen, dass damit eine Einrichtung ge-
troffen ist, welche wohl dem in der Spritze angesammelten
Secrete bei dem Drucke des rückspringenden Stempels ge-
stattet nach vorne in die Borstenröhre hinauszudringen, nicht
Die Mundtheile der Rhynchoten. 345
aber auch umgekehrt, bei der Pumpbewegung des Stempels
der äussern Luft oder den Flüssigkeiten, welche die offene
Borstenröhre umgeben, durch dieselbe in die Spritze zu
gelangen, welch' letztere Möglichkeit natürlich mit dem
Zwecke des ganzen Apparates in directem Widerspruche
stehen würde.
Der Ausführungsgang, der in seinem vorletzten Drittel
von den hier sich eng aneinanderlegenden elastischen Pol-
stern für eine kurze Strecke ganz geschlossen erscheint,
ist dadurch erklärlicher Weise für äussere Dinge so gut
wie unzugänglich. Von innen gesehen ist die Sache an-
ders. Denken wir uns nämlich die Spritze mit Secret ge-
füllt und den Stempel im Rückspringen begriffen, so drückt
letzterer natürlich nach hydrostatischen Gesetzen mit über-
wiegender Kraft den Inhalt durch den Trichter, dessen
elastische Wände dem Drucke nachgebend von einander
weichen und vorn sich öffnen, nach aussen in die Röhre
der Borsten.
Wir haben im Verlaufe unserer Untersuchung nun
schon oft von dem Einführungsgange des Schlundkopfes
und von dem ihm zugehörigen Zuleitungsrohre der Ma-
xillen gesprochen. Sehen wir nun einmal, wie denn in
letzter Instanz unser Thier sich den Zugang zu seinen
Nahrungsquellen verschafft.
Es lässt sich im Voraus mit Sicherheit vermuthen,
dass es eben die Borsten sind, welche, durch die mehrfach
erwähnten, wenn auch noch nicht näher beschriebenen
Muskeln vorwärts gestossen , verletzend durch die Be-
deckungen der unserm Thiere zur Nahrung dienenden Ge-
schöpfe eindringen. Wie wir uns aber überzeugen, dass
dem wirklich so ist, sehen wir den Lanzettwaffen der
Borsten ein anderes zum Munde gehöriges Gebilde zu Hülfe
kommen, dessen wir, obgleich es das bei weitem ansehn-
lichste und in die Augen fallendste ist, doch nur vorüber-
gehend Erwähnung gethan haben; ich meine die Unter-
lippe. Bei der Contraction ihrer Muskeln werden die
Borsten allerdings nach aussen aus dem Kopfe hervorge-
stossen, aber bei der ausserordentlichen Feinheit der be-
treffenden Gebilde würde ein solches Vorwärtsstossen der-
346 Otto Geise:
selben nie und nimmer, trotz der Verfalziing der Maxillen,
im Stande sein, den Widerstand zu überwinden, der sich
ihnen in Gestalt der Bedeckung des Nahrungsobjeetes ent-
gegenstellt. Auch wäre nicht abzusehen, warum etwa die
nicht verfalzten Mandibeln sich zur Verstärkung des Ma-
xillarrohres dem letztern fest anlegen sollten.
So wird denn, um eine nothwendige Eröffnung der
Nahrungsquelle zu ermöglichen, das feine, biegsame Doppel-
rohr der Mandibeln und Maxillen, fest umschlossen von
einem gewaltigen dritten Rohre, der Unterlippe. In diese
nämlich senken sich, wie wir ja wissen, die Borsten ein,
vermögen nun in ihr, als einer festen Scheide, gleichsam
als der Fortsetzung der Führungsleisten, in welchen sie
im Innern des Kopfes verliefen, auf- und abzugleiten und
nehmen so, wie es nöthig ist, Theil an der Festigkeit der
Scheide, ohne ihre eigne, ebenso nothwendige Biegsamkeit
zu verlieren.
Aber die Unterlippe unsrer Thiere ist noch mit einer
andern Function betraut. Denn ausser ihrer Bedeutung
als Führungs- und Schutzeinrichtung kommt ihr noch die
Eigenschaft eines sehr beweglichen und äusserst empfind-
lichen Tastorganes zu. Auf diese Weise aber sehen wir
durch Arbeitstheilung, eine Mannigfaltigkeit der Functionen
des ganzen Schnabels ermöglicht, welche etwa feste, starre
Chitinborsten niemals erreichen konnten.
Das mit reichen Tasthaaren und Tastknöpfchen ver-
sehene Ende der Unterlippe hat augenscheinlich für unsre
Thiere eine grosse Bedeutung. Denn durch dies endstän-
dige Tastorgan der Unterlippe sind die Thiere in den Stand
gesetzt, zuvor genau die Beschaffenheit der zu durchbohren-
den Bedeckung ihres jeweiligen Nahrungsobjeetes zu prüfen,
ehe sie durch das kräftige Vorstossen der Stichwaffen in
das innere Gewebe einzudringen versuchen.
Was nun den Act des Stechens selbst anlangt, so
sehen wir hierbei den Mandibeln die erste und schwierigste
Rolle zugetheilt, ganz nach Art der Thätigkeit der homo-
logen Organe bei den kauenden Kerfen.
Betrachten wir nämlich eine lebende Notonecta unter
einer starken Lupe und suchen sie zum Stechen zu reizen,
Die Mundtheile der Rhynchoten. 347
was uns leicht gelingt, so bemerken wir, wie zuerst aus
der festen, geschlossenen Röhre der Unterlippe mit plötz-
lichem Verstösse die scharfgeschliffenen Klingen der Man-
dibeln hervordringen, also zunächst in das Gewebe des
Nahrungsthieres einschneiden würden. Jetzt erst in zweiter
Linie schiessen auch die Maxillen aus dem Rohre, wenn ich
so sagen darf, der Mandibeln hervor und zwar sehr weit und
mit bedeutender Schnelligkeit. Sie eben sind es, welche
von grösserer Länge, als die Mandibeln, durch das von
jenen bereits eröffnete festere Gewebe in die säftereichen
Weichtheile des Nahrungsthieres eindringen und nun die
vorhandene Nahrungsflüssigkeit dem saugenden Schlund-
kopfe zuleiten. Der ganze Vorgang gewährt den Anblick
eines mit auffallender Akkuratesse arbeitenden Mechanis-
mus. Bei festestem Schlüsse der einzelnen Theile gleiten
diese doch so leicht und schnell aneinander hin, dass ich
stets mit Interesse ihren Bewegungen gefolgt bin.
Jetzt endlich, nachdem wir die Verschiedenheit in
dem Bewegungsausschlag zwischen Maxillen und Mandibeln
kennen gelernt haben , mögen auch die oft erwähnten
Muskeln der Borsten genauere Erörterung finden.
Ganz einfach gestaltet sich die Muskulatur der Man-
dibeln. Ein m. protractor setzt sich an der Aussenfläche
der verbreiterten Basen der betreffenden Kiefer an und
geht, aufwärts parallel mit den Führungsleisten verlaufend,
in der Nähe der Austrittsstelle der Borsten an die Hypo-
pharyngeallamelle heran: er besorgt den Verstoss der
Mandibel.
Sein Antagonist, der m. retractor, bedeutend kleiner,
beginnt mit einer feinen Chitinsehne, in welche die Man-
dibelbasis sich auszieht, und inserirt an der hintern Kopf-
wand : er besorgt also das Zurückziehen der Borste.
Eigenthümlicher gestaltet sich aber der Bewegungs-
mechanismus der in mancher Beziehung schon ausgezeich-
neten Maxillen.
Es handelt sich nämlich bei den Maxillen, wie wir
bemerkt , um einen sehr weiten Verstoss in das weiche
Gewebe. Diesen in hinreichend ausgiebigem Masse zu er-
zielen, war die Contraction eines einfachen, von der Basis
348 Otto Geise:
der Borste bis zum Zügel verlaufenden Muskels, etwa wie
bei der Mandibel, nicht im Stande. Denn bei der Man-
dibel sehen wir ja bereits die ganze Länge des verfügbaren
Raumes von dem m. protractor durchsetzt, ohne dabei den
Bewegungsausschlag der Maxille wahrzunehmen, während
doch der Ausschlag einer Muskelcontraction oifenbar von
der Länge des betrejßfenden Muskels abhängt.
Dem Bedürfniss nach einer grössern Vorwärtsbewe-
gung wird nun in vollkommener Weise durch die sinn-
reiche Hebelvorrichtung genügt, welche Fig. 18 uns vor-
führt. Die Zeichnung ist in die Ebene projicirt. Wir haben
in a die untere, seitliche Wand des Kopfes, in c den Ba-
saltheil der Maxille vor Augen, an welche sich hinten in
mr der m. retractor max. ansetzt, in nichts abweichend
von dem entsprechenden Muskel der Mandibel. Der m. pro-
tractor max. setzt sich nun aber nicht etwa direct an die
Basis des Unterkiefers an, wie dies bei den Oberkiefern
geschieht, sondern an ein Chitinstück b, welches an seinem
einen Endpunkte mit der Kopfwand , an seinem andern
mit der Basis der Maxille gelenkt. Von hier steigt der
Muskel schräg nach aufwärts, um sich mit seinem andern
Ende an dem Flügel des Schlundkopfes zu befestigen.
Der Mechanismus des Ganzen ist ohne Weiteres klar.
Bei seiner Contraction dreht der Muskel das Chitinstück b
um dessen Endpunkt d, wo dasselbe mit der Kopfwand
gelenkt, nach vorwärts und aufwärts. Die Folge davon
ist, dass die in d' mit dem Chitinstück gelenkende Maxille
in einer Länge nach vorn und oben gehoben wird, welche
der Länge des Weges entspricht, den d' bei seiner Drehung
um d durchläuft und die offenbar eine sehr bedeutende ist.
Selbstverständlich muss jetzt der m. protractor max.
einen grössern Querschnitt annehmen, um die nothwendige
Leistung zu erfüllen, ohne dass wir desshalb an eine
grössere Kraft der Maxille im Vorstoss zu denken haben.
Das Chitinstück stellt eben einen einarmigen Hebel vor,
einen Hebel, bei welchem die Last an dem Endpunkte d
liegt, während die Kraft in der Mitte anfasst. An Kraft
geht daher verloren, was am Wege gewonnen wird.
Man könnte vielleicht denken, dass die Führungs-
Die Mundtheile der Rhynchoten. 849
leisten diesem Hebelmechanismus hinderlich seien, allein
ich erinnere an die schon erwähnte Thatsache, dass diese
Gebilde am Grunde ihren rinnenartigen Charakter aufgaben
und zwar wahrscheinlich auf eine Strecke, welche dem
Ausschlag der Hebelbewegung an Länge gleichkommt.
Soweit über die Principien der Bewegung und des
Baues des Wanzenschnabels unterrichtet, kann es uns nun,
um noch einmal auf Früheres zurückzukommen, kaum
Wunder nehmen, wenn wir die Maxillen der Taster, obgleich
sonst so constant auftretender Gebilde, entbehren sehen.
Ein Taster am Maxillarkörper selbst war ebea eine mecha-
nische Unmöglichkeit und mit der fortschreitenden Aus-
bildung der Kiefer zu glatten, in Röhren auf und nieder-
gleitenden Stiletten mussten die Taster schwinden.
Wir werden uns daher kaum Huxley anschliessen
können, wenn er, eben dieses Mangels der Maxillartaster
wegen, die Möglichkeit in Betracht zieht, dass die Ma-
xillen ,der Schnabelkerfe überhaupt nicht Homologa der
Unterkiefer kauender Insekten seien. (Huxley, Grund-
züge d. Anat. der Wirbellosen. Deutsche Ausgabe p. 372).
An diese genauere Erörterung des Bewegungsmecha-
nismus des Wanzenschnabels werden sich wohl passender
Weise einige Worte über die Bedeutung der Spritze an-
reihen können, da wir ja vorher nicht Gelegenheit gefunden
haben, darauf einzugehen.
Wir haben es bei der Spritze mit einem Injections-
instrumentchen bester Construction zu thun und ich brauche
wohl nur an die jedem Sammler bekannten, schmerzhaften
Stiche unsrer Notonecta zu erinnern, um uns sofort auch
von der Wirksamkeit der Injection zu überzeugen. Das
Secret der grossen, im Kopfe gelegenen Drüsen wird durch
die Spritze vermittelst der Maxillarröhre tief in das weiche
Gewebe gepresst, um hier durch seine ätzende Beschaffen-
heit eine Wirkung zu erzielen, welche die geringe mecha-
nische Verletzung niemals auszuüben im Stande wäre.
Es sei bemerkt, dass sich Drüsen, wie Spritze bei
allen Rhynchoten finden, die ich zu untersuchen Gelegen-
heit hatte, ob sie nun von thierischer oder pflanzlicher
Nahrung lebten. Ueber ihre Bedeutung für die Thiere
Otto Geise: .
selbst kann wohl kaum ein Zweifel sein. Dass die Ein-
richtung ein Schutzorgan darstellt, ist klar, denn die ge-
reizte Wanze sticht, doch dass sie nicht ein einseitiges
Schutzorgan darstellt, leuchtet wohl noch mehr ein. Ab-
gesehen davon, dass uns in der Spritze nebenbei auch
noch eine Angriffswaffe entgegentritt, unter deren Wirkung
kleinere Thiere erliegen, werden wir seine hauptsächlichste
Bedeutung doch entschieden in den Veränderungen zu
suchen haben, welche die Injection in den verletzten Ge-
weben hervorruft.
Die stark alkalische, ätzende Natur des Secretes be-
dingt eine Reizung und damit einen gesteigerten Säftezu-
fluss nach der angestochnen Stelle; dies liegt natürlich
sehr im Interesse des Thieres, welches jetzt leichter und
schneller sein Nahrungsbedürfniss befriedigen kann. Ob
ausserdem dem Secrete auch noch die Eigenschaft eines
die Nahrungsmittel zubereitenden Speichels innewohnt,
bleibe dahin gestellt, ist jedoch, nach Analogie der Func-
tion des entsprechenden Drüsensecretes bei Kaukerfen, sehr
wahrscheinlich.
Kehren wir nun noch einmal zu den Maxillen und
Mandibeln zurück, so lässt sich immerhin noch einiges
Bemerkenswerthe über ihre Gestaltung dem bereits Ge-
sagten hinzufügen.
Bei den einzelnen Arten zeigt sich die Form der
Borsten im Speciellen sehr dem Wechsel unterworfen, doch
bleibt sie im Wesentlichen sich zumeist gleich. Die Man-
dibeln weisen stets eine scharf lanzettförmige Spitze und
an den Aussenrändern, d. h. den oberen Rändern, welche
sich unter dem Deckglase der Krümmung der Borsten
wegen stets nach aussen legen, schärfere oder stumpfere
Widerhaken auf, welche wohl dazu dienen können, die
eingestochenen Chitingebilde während des Saugens in der
Wunde zu fixiren. Oft jedoch auch finden sieb Widerhaken,
welche so stumpf erscheinen, dass mau unwillkürlich an
ein Reibeisen erinnert und zu der Annahme gedrängt wird,
dass diese Gebilde zu einer weitern Zerfleischung der
Wunde bestimmt seien.
Ein anderartiges Gepräge zeigen die Maxillen. Ge-
Die Mundtheile der Rhynchoten. 351
mäss ihrer Bestimmung, eine doppelte Röhre zu bilden,
sind sie bedeutend breiter, als die Mandibeln, ganz im
Gegensatze zu den Behauptungen früherer Beschreiber,
welche sie äusserst zart und viel schmäler sein Hessen, als
diese. Letztere sind in Wahrheit jedoch nur solider gebaut
und mit unverhältnissmässig viel kleinerm Lumen versehen.
Auch die Maxillen sind mit seitlichen Stacheln be-
setzt, aber diese Stacheln sind lang und lein und eher
wohl Haare zu nennen; auch biegen sie sich stark nach
innen um, auf diese Weise die Höhlungen der Maxillen
gleichsam überwölbend. Zu einem Eindringen in festeres
Gewebe erscheinen die Maxillen daher durchaus ungeeignet.
Charakteristisch und sehr beständig ist eine Eigenthtimlich-
keit der Maxillen, die nämlich, dass beide nicht symme-
trisch gebaut sind, eine Eigenschaft, die sich vornehmlich
an der Spitze bemerklich macht, wo bei der einen Maxille
die langen Haate nach hinten, bei der andern nach vorn
gebogen sind. Und zwar sind dies diejenigen, welche den
beiden äussern Kanten aufsitzen, die mittleren Kanten,
welche durch ihre Vereinigung die beiden Maxillargänge
trennen, laufen in einen geraden Stachel aus.
Von einer Function der in Rede stehenden Gebilde
als Widerhaken ist bei einem solchen Befunde wohl kaum
zu sprechen. Ob sie aber, bei der verschiedenen Richtung,
in der sie stehen, etwa dazu dienen, durch Verflechtung
die bekannte Einfalzung noch zu verstärken und das spitze
Ende der Maxillen zum Eindringen in die weichen Ge-
webe zu befähigen, will ich dahin gestellt sein lassen, ob-
gleich es mich wahrscheinlich dünkt.
An den Basen zeigen sich die Borsten und vornehm-
lich die Mandibeln stark zusammengedrückt und abgeplattet.
Diese verbreiterte Basis entspricht nach G erstfei dt den
verschmolzenen cardines und stipites, der verlängerte,
borstenförmige Theil aber der Lade. Ich führe dies nur
an, um zu sagen, dass von einer Begrenzung hier keine
Rede sein kann. Es sind dies Vermuthungen und wenn
man dann einmal solche aussprechen will, so liesse sich
am Ende die von den Maxillen gebildete Doppelröhre auf
Duplicität der Laden zurückführen.
352 Otto Geise:
Die herauspräparirten Borsten zeigen stets eine starke
Krümmung, welche sich ganz natürlich durch ihre Lage
im Kopfe erklärt. Denn seitlich in der Tiefe des Kopfes
entspringend, convergirend aufsteigend und dann in die
Scheide der Unterlippe sich einsenkend, die zudem bei
vielen Wanzen heruntergebogen und an die Brust ange-
presst getragen wird, müssen sie selbstverständlich einer
Constanten Knickung an ihrer Austrittsstelle unterliegen,
welche ebenso selbstverständlich nicht ohne Wirkung auf
ihre Gestaltung bleibt.
Durch diese Krümmung der Borsten nun hat sich
Landois zu einer irrigen Auffassung des Stechvorganges
speciell unsrer Bettwanze verleiten lassen, obgleich diese
es eben nicht anders macht, als Notonecta glauca. Er
spricht sich in seiner Anatomie der Bettwanze (Zeitschrift
für wiss. Zool. XVIII) aus, wie folgt. ;,Im Ruhezustande
wird daher ( — d. h. weil die Borsten gekrümmt sind — )
das frei aus dem Kopfe hervorstehende Rostrum gegen
die Untenfläche des Kopfes durch Elasticität angedrückt. (!)
Werden nun durch die m. retractores rostri (— unsern m.
retr. max. et mand. — ) die Basen der Borsten gegen das
Innere des Kopfes stärker zurückgezogen, so bildet die
Kinnfurche das Hypomochlion und die Stechröhre wird
ganz unabhängig von den Bewegungen der Unterlippe
erigirt. Dieser Vorgang findet allemal statt, wenn das
Thier sich zum Stechen anschickt und die Stechröhre aus
ihrem Futteral der Unterlippe hervorhebt. Werden sodann
wieder die Basen der Borsten durch die m. erectores ( —
unsere m. protractores — ) nach vorn gezogen, so federt
das Stechorgan wieder in seine Ruhelage zurück."
Das Landois mit dieser seiner Annahme im Unrecht
ist, lässt sich erstens schon aus der Unwahrscheinlichkeit
entnehmen, dass so ganz ausserordentlich zarte Gebilde,
wie die Borsten der Wanze, im Stande sein sollten, unsere
feste Epidermis zu durchbohren, ohne von der Scheide
der Unterlippe geleitet zu werden. Sehen wir doch, dass
sie sogar im Kopfe, wo ihnen eventuell die umgebenden
Weichtheile wenigstens einige Stütze gewähren könnten
in besondern, complicirt gebauten Führungs- und Stützleisten
Die Mundtheile der Rbynchoten. 353
laufen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass sie, aus der
Unterlippe abgehoben, viel eher sich umbiegen, als ein-
dringen würden.
Zweitens aber spricht gegen diese Ansicht die Un-
denkbarkeit der Mechanik des Vorganges. Sehen wir ein-
mal zu: die m. retr. contrahiren sich: Folge, dass die
Borsten aus der Unterlippe herausspringen und nun völlig
frei gerade ausstehen. Jetzt ist nun zweierlei möglich,
entweder die m. protr. wirken — aber dann schnellen die
Borsten wieder in die Unterlippe zurück und der ganze
Act wäre nutzlos gewesen, oder aber die Wanze müsste
mit den angezogenen, geradeaus gerichteten Borsten schnell
vorwärts laufen, ganz eigentlich stossen — ein Bild, welches
für mich des Unwahrscheinlichen allzuviel bietet.
Es spricht aber auch zum Dritten gegen Landois
die feste Einfalzung der untern Glieder der Unterlippe
aller von mir näher untersuchten Wanzen, wie endlich zum
Schlüsse meiner Beobachtung des Stechens selbst bei No-
tonecta, Naucoris etc.
Landois ist übrigens der einzige, welcher von der
Existenz der Wanzenspritze eine Wahrnehmung hatte, ohne
jedoch von ihrer Gestalt und Function des Nähern unter-
richtet zu sein *). In seiner Abhandlung spricht er nämlich
1) Hier muss ich bemerken, dass erst, nachdem das Vor-
liegende bereits geschrieben war, mir die Untersuchungen von Paul
Meyer zu Händen kamen. Aus ihnen ersehe ich, dass dieser For-
scher allerdings nicht blos auf die Existenz der Spritze hingewiesen,
sondern auch ihren Bau und ihre Bedeutung im Ganzen richtig er-
kannt hat. Wenn ihm die doppelte Ventilirung entgangen ist, so
liegt dies vielleicht an der grössern Kleinheit seines Objectes (Pyr-
rhocoris apterus), denn nur durch mühsame Untersuchung des ganzen
Gebildes unter stärkster Lupe und mit auffallendem Lichte unter
dem Mikroskop gewann ich schliesslich, unter Zuhülfenahme von
Schnitten , z. B. Aufschluss über den Bau des Ausführungsganges.
Ich kann mir um so eher versagen, des Nähern auf seine
Untersuchung einzugehen, als die Differenzen in unsern beiderseitigen
Ansichten theils durch die Kritik der Landois'schen , theils aber
auch ohne Weiteres durch die von mir gefundenen Thatsachen sich
erledigen dürften. So z. B. ist selbstverständlich von einer Pump-
function der Spritze behufs Aufnahme von Nahrungsstoffeu , welche
P. Meyer immerhin in Möglichkeit zieht, nicht die Rede.
Archiv f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 23
354 Otto Geise:
von einem Ringe, welcher den Anfan^stheil des Kropfes
umgebe. Dieser Ring aber ist unsere Spritze und einmal
mit ihrem Baue bekannt, sieht man scharf abgegrenzt den
Stempel und vornehmlich schön den den Ausführungsgang
kennzeichnenden Porus, auch wenn man den Kopf in toto
betrachtet.
Es sei mir übrigens erlaubt, noch auf einen andern
Irrthum Landois' hinzuweisen. Er meint nämlich, dass
die Maxillen, in ihrem Verlauf nach innen zu sich spalten
und mit dem einen Theile an die Seiten des Schlundkopfes,
— den er, ohne über seine Bedeutung sich klar zu sein,
Kropf nennt — sich anlegen, während die andern Theile
ihren normalen Beginn zwischen den zugehörigen Muskeln
haben. Landois hat nun, wie ich überzeugt bin„ den
Wanzenkopf in toto unter dem Deckglase zusammengepresst
und untersucht und die durch den Druck aus ihrer Lage
gedrängten Führungsleisten für Abspaltungen der Maxillen
genommen.
Nach dieser kritischen Excursion und ehe wir uns
ganz von Notonecta glauca abwenden, mögen hier noch
einige Worte über die Muskulatur der Unterlippe stehen,
welche ja, für den Stechact so bedeutsam, durch ihre
grosse Beweglichkeit uns die Frage nach dem Mechanis-
mus dieser Bewegung nahe legt.
Nehmen wir unsern grossen Längsschnitt wieder vor,
von dem wir bereits bemerkt, dass er nicht ganz median
geführt ist. Wir wissen, dass die Unterlippe vom zweiten
Gliede an durch Einstülpung eine oben sich schliessende
Röhre bildet und so finden wir denn auch drei Chitin-
wände, die obere Wölbung der Unterlippe, die untere
Wölbung und in der Mitte die durchschnittene, untere
Partie der Einstülpung, der Rinne.
Am Ende des ersten Gliedes nun schlägt sich die
hier noch rinnenförmige, obere Seite der Unterlippe tief
in das Innere derselben ein, indem sie auf diese Weise
eine quer spaltförmige Einstülpung bildet. Die Blätter
dieser spaltförmigen Einstülpung sind stark chitinisirt und
vornehmlich das vordere, wieder aufsteigende, welches sich
in die Medianlinie der von hier, dem zweiten Gliede an,
Die Mundtheile der Rhynchoten. 355
zur Röhre werdenden Rinne fortsetzt. Diese Medianlinie
zeigt sich jedoch mächtig verdickt, wie uns ein Querschnitt
in Fig. 4 i vor Augen führt. Sie behält diesen gleichmässig
runden Querschnitt bei, bis sie bei i' sich stark vornehm-
lich in die Breite ausdehnt, dann sich ganz verliert, bald
aber bei i" sich wieder zeigt und zwar, wie ein Querschnitt
in Fig. 3 uns lehrt, auch nach oben zu die ganze Einstül-
pung ergreifend. Bei i'" geht die Rinne ihrer Verdickung
wieder verlustig und endigt schliesslich, indem ihre dünn-
chitinigen Wandungen vorn an der Spitze mit der festen
äussern Chitinmasse verschmelzen.
Nun aber sehen wir, wie von der obern Wand des
ersten Gliedes sich starke Muskeln zu der hintern Lamelle
der spaltartigen Einstülpung herabsenken, wie die vordere
aber zum Insertionspunkte von Muskeln dient, die sich
zur Einlenkungsstelle des dritten Gliedes hinziehen, und
bemerken zugleich, dass unten vom Beginne des dritten
Gliedes sich Muskeln nach der darüber gelegenen Ver-
dickung begeben. Die vorderen Muskeln, welche auf
unserm Schnitt sich noch zeigen, mögen uns später be-
schäftigen.
Was nun die ersten grössern Muskelpartien anlangt,
so leuchtet ein, dass es eine durch Hebel bewerkstelligte
Auf- und Abwärtsbewegung der Unterlippe ist, um die es
hier sich handelt. Contrahirt sich der obere Muskel,
den wir mit dem Namen m. depressor labii belegen wollen,
so findet eine Drehung um den Punkt f und f statt und
das labium muss sich senken. Contrahirt sich dagegen
der untere Muskel, welchen wir m. levator labii nennen,
so findet wiederum eine Drehung, aber um f und f" statt
und der stark chitinisirte, unnachgiebige Hebelarm, welcher
von den beiden Lamellen der spaltförmigen Einstülpung
und der medianen Verdickung der Fläche der Rinne ge-
bildet wird, hebt sich nach oben und mit ihm das La-
bium.
Der vordere, kleinere Muskel m. f. ist mit der Seit-
wärtsdrehung des dritten Gliedes betraut. Er ist paarig
und geht von der medianen Verdickung nach den Seiten
des beginnenden dritten Gliedes. Sein unterer Ansatzpunkt
356 Otto Geise:
würde also eigentlich aus der Figur herausfallen. Seine
Contractionen drehen, wie leicht ersichtlich, das dritte
Glied nach links und rechts.
Die Seitwärtsdreher der übrigen Glieder fallen nun
gar vollständig aus unsrer Figur heraus und bieten auch
eigentlich nichts bemerkenswerthes dar. Von den Seit-
wärtsdrehern des vordersten Gliedes sei gesagt, dass sie
mit einer langen Chitiusehne an der Seite desselben ent-
springen und mit vielen Fiederstrahlen an den Seitenränden
des zweiten Gliedes, oben und unten, sich inseriren. Die
Seitwärtsdreher des zweiten Gliedes entspringen an den
obern, seitlichen Theilen des ersten Gliedes, also neben
dem m. depr. labii und setzen sich, schräg nach innen und
abwärts laufend, an die Ränder der spaltförmigen Einstül-
pung an. Ihre Contractionen müssen ersichtlicher Weise
das zweite Glied nach rechts oder links drehen.
Es erübrigt nun noch die an der vordersten Ver-
dickung sich ansetzenden Muskeln einer Betrachtung zu
unterwerfen, was am besten unter Zugrundelegung eines
Querschnitts geschieht. Fig. 3 bietet einen solchen. Die
röhrenförmige, aber durch Einfalzung geschlossene Ein-
stülpung der Unterlippe ist mächtig verdickt. Von ihr
nach unten und seitwärts verlaufen die Muskeln, welche
wir bereits im Längsschnitte gesehen haben. Das Wahr-
scheinlichste ist mir nun, dass sie die Rinne, welche in
Wirklichkeit die Borsten eng und fest umschlossen hält,
beim Verstoss derselben zu erweitern und durch ihr Nach-
lassen und die daraus folgende Verengerung der Rinne
die vorgestosseuen Borsten in ihrer Lage zu tixiren be-
rufen sind.
Ich war früher der Ansicht, dass die Borsten nach
hinten zu sich verdickten und die Erweiterung der Röhre
dazu diene, für ihren Verstoss Raum zu schaffen.
Seit ich mich aber überzeugt habe, dass die Borsten oben
und unten den gleichen Querschnitt aufweisen, ward diese
Annahme hinfällig.
Dass nun meine jetzige Ansicht zweifelsohne der
Wahrheit entspreche, will ich nicht behaupten, aber sie
möge, wie es ja mit so vielen Erklärungen geht, wenigstens
Diu Mundtheile der Rhynchoten. 357
SO lange gelten, bis eine begründetere an ihre Stelle ge-
treten ist.
Damit sind wir mit der Betrachtung der Mundtheile
von Notoneeta glauca zu Ende. Wir haben durch sie
einen Einblick in den allgemeinen Aufbau und den ganzen
Mechanismus des Wanzenkopfes und Schnabels erhalten.
Abweichungen im Einzelnen finden sich selbstredend die
Menge, aber wir können uns doch leicht, da uns die Priil-
cipien bekannt sind, über sie orientiren. So wird es, hoffe
ich, nur kurzer Zeit bedürfen, um uns über den Mundme-
chanismus der zweiten, meinen Untersuchungen zu Grunde
gelegten Wanze aufzuklären.
Nepa cinerea, allgemein in unsern stehenden Ge-
wässern, verdient eigentlich nur deshalb dfes Weitern be-
schrieben zu werden, weil sie uns den Typus derjenigen
Wanzen repräsentirt, deren Oberlippe nicht flach ist, wie
im Grossen und Ganzen dies Gebilde bei Notoneeta erschien,
sondern rinnenförmig, ja zu einer Köhre umgestaltet die
Borsten umschliesst und mächtig verlängert, nun ihrerseits
von der Unterlippe fest umschlossen wird.
Die Verhältnisse im Innern des Kopfes entsprechen,
mit unwesentlichen Abweichungen, denjenigen bei Noto-
neeta. Wenden wir uns daher gleich zur Betrachtung ei-
niger Querschnitte, welche durch den kurzen, kegelförmigen,
viergliedrigen Schnabel gelegt sind.
Fig. 19 ist ein Schnitt durch das letzte Glied. Er
bietet uns nichts Neues: die Unterlippe, ihre Einstülpung
und Verfalzung. Aufmerksam dagegen werden wir bei
einem Blicke auf den in der zweiten Figur uns vorliegen-
den Schnitt (Fig. 20). Hier tritt uns scheinbar ein neues
Gebilde entgegen; sehen wir doch in die Rinne der Unter-
lippe eingelagert eine neue Rinne oder Röhre, im Princip
ganz gleichartig mit der Unterlippe gebaut, nur dass ihre
Spaltöffnung nach unten liegt. Um so auffallender wird
diese Aehnlichkeit, wenn wir das in Fig. 21 in stärkerer
Vergrösserung dargestellte Gebilde genauer ansehen, denn
da zeigt es sich, dass dasselbe sogar die Einfalzung des
Längsspaltes mit der Unterlippe, wie sie bei Notoneeta
358 Otto Geise:
uns entgegentrat, gemein hat und in seinem Innern, ganz
wie jene, von den Borsten ausgefüllt wird.
Nichts destoweniger haben wir es mit einem uns
längst bekannten Theile des Wanzenmundes zu thun, es
ist das labrum, welches wir vor uns sehen. Die Rinne
desselben, welche wir schon bei Notonecta wahrgenommen
haben, hat sich vertieft, die Ränder haben sich genähert
und sich schliesslich mit einander verfalzt. Zu gleicher
Zeit hat sich das ganze Gebilde in die mächtig erweiterte
Rinne der Unterlippe eingesenkt, welche ihrerseits nun
die Verfalzung ihrer Ränder aufgegeben hat, um sie erst
gegen ihr Ende hin, nachdem das labrum sich verloren
hat oder kurz bevor dies geschieht, wieder zu bewerk-
stelligen. In Fig. 21 sehen wir sogar, ganz wie bei No-
tonecta die Mandibeln in Führung mit der Epipharyngeal-
lamelle der Oberlippe. Fig. 22 zeigt uns einen Querschnitt
durch die Einlenkungsstelle des zweiten Gliedes. Das
Labium hat sich hier plötzlich verschmälert, seine Rinne
sich bedeutend abgeflacht, so dass sie das Labrum hier
nicht mehr umschliesst. Die Borsten senken sich also an
derselben Stelle in das Labium ein, wie bei Notonecta,
nur eben umfasst von der röhrenförmigen, mächtig ver-
längerten Oberlippe.
In Fig. 23 haben wir das erste Glied der wiederum
gewaltig an Durchmesser gewachsenen Unterlippe, seitlich
umfasst von einer Faltung des eigentlichen Kopfes. Zu-
gleich nehmen wir wahr, was uns in noch gesteigertem
Maasse auf dem folgenden Schnitte (Fig. 24) in die Augen
fällt, dass sich, wenn ich so sagen darf, die Clypeuslamelle
der Oberlippe von der Epipharyngeallamelle weiter abzu-
heben beginnt. Dieses Verhältniss leitet uns schliesslich
ohne Weiteres zu dem letzten Schnitte über. Das Labium
ist mit dem Kopfe und dessen übergreifender Faltung schon
verwachsen, ebenso wie die Lamelle des Clypeus in diesen
selbst übergegangen ist. Von ihm aus senken sich zu der
Epipharyngeallamelle sehr bald Muskeln, welche, nachdem
jene mit der Hypopharyngeallamelle, die wir auch bereits
antreffen, noch mehr verwachsen ist, den Beginn des saugen-
den Abschnittes des Schlundkopfes bezeichnen. Auch die
Die Muudtheile der Rhynchoten. 359
Ftihrimgsleisten und die hier schon im Innern des Kopfes
gelegenen Borsten finden wir in ganz schematischer Dar-
stellung wieder vor.
Weitere, bemerkenswerthe Abweichungen von dem
Mundbaue der Notonecta sind mir bei Nepa cinerea nicht
aufgestossen, ebensowenig, wie bei der ihr sehr nahe
stehenden Ranatra linearis.
Einen von den bisher geschilderten Verhältnissen be-
deutend abweichenden Typus dagegen bieten uns zwei
unter sich fast vollkommen übereinstimmend gebaute Wanzen-
arten, Sigara und Corixa.
Der hinten sonderbar kappenartig ausgezogene Kopf
lässt beim ersten Anblick einen Schnabel, wie wir ihn bei
andern Wanzen finden, gar nicht erkennen. Er endigt
vielmehr breit und stumpf, sodass man zuerst vielleicht
geneigt sein könnte, hier rein kauende Mundtheile zu ver-
muthen.
Aus diesen Verhältnissen erklärt es sich denn auch,
dass wir bei frühern Beschreibern stets die Behauptung
finden: ;,Schnabel versteckt, Scheide kurz, steckt mit im
Kopf^,*wie speciell bei Burmeister zu lesen.
Dem ist jedoch nicht so. Die Scheide, d. h. die
Unterlippe steckt wenigstens ganz und gar nicht im Kopfe,
ihre ungemein breite, stumpfe Gestalt nur, welche einen
wie bei andern Wanzen markirten Absatz vom Kopfe nicht
gestattet, verleitet uns dazu, sie für einen Theil des Kopfes
selbst zu halten.
Ganz wie bei andern Wanzen aber zeigt uns die
Unterlippe einen obern, medianen Spalt und es gelingt
auffallend leicht, das ganze Gebilde von dem Kopfe abzu-
lösen. Eine Gliederung lässt es auf den ersten Blick fast
gar nicht erkennen oder doch nur eine solche in zwei
Theile. Bei Betrachtung des Längsschnittes durch den
ganzen Kopf werden wir jedoch finden, dass wir auch bei
der Unterlippe dieser Wanzen es mit einer ursprünglich
viergliedrigen zu thun haben, wenn auch der Absatz der
beiden ersten und der beiden letzten Glieder je vonein-
ander fast geschwunden ist. Danach erklärt sich denn
die Angabe Fiebers, welcher nach Gerstfeldt das La-
360 Otto Geise:
bium unsrer Thiere aus nur zwei Gliedern bestehen lässt.
Auch derirrthum z. B.Bur meist er s, dass die Scheide mit
im Kopfe stecke, lässt sich erklären und zwar aus dem
Umstände, dass die beiden letzten, nur weni^ von einander
abgesetzten Glieder von dem zweiten umschlossen werden,
in dieses also zurückgezogen sind.
Eine Oberlippe, als ein vom Clypeus sich scharf ab-
hebendes Gebilde findet sich nicht, aber das Labium greift
um den verlängerten Clypeus herum, es steckt also eigent-
lich, ganz im Gegensatze zu der angeführten Behauptung,
ein Theil des Kopfes mit in der Unterlippe und unsre
Wanzen nähern sich dadurch, wenn auch nur um ein ge-
ringes und mit Wahrung bedeutendster Verschiedenheit,
dem Typus von Nepa, Ranatra etc.
Doch ein Längsschnitt durch den Kopf von Sigara
wird uns eine bessere Vorstellung von den Verhältnissen
zunächst der Unterlippe geben. Wenden wir uns daher
zu Fig. 26. Der Schnitt ist wiederum nicht ganz median
gelegt. Wir haben in Folge davon, indem wir etwas seit-
lich von der Spaltöffnung geschnitten, auch die obere Wöl-
bung der Rinne und der Aussenwand auf unserm Bilde.
Seitlich hängt natürlich der hier isolirt erscheinende Theil
le-li mit dem darunter gelegenen Theile des Labium li'-le'
zusammen.
Um nun das obere Stück für erst ausser Betracht zu
lassen, so zeigt der untere Theil der Unterlippe deutlich
eine Gliederung in zwei Abschnitte l-}-2 und 34-4. Aber
auch diese zeigen eine Theilung in je zwei Glieder, wie
man wohl sagen kann. 1 + 2 wird durch eine Chitinlamelle
getrennt, welche sich in das Innere des Labium einsenkt,
wieder nach oben schlägt und beiderseits Muskeln zur
Insertion dient, fast ganz wie wir dies bei Notonecta ge-
sehen haben; 34-4 zeigt dagegen an der Unterseite eine
leichte Einschnürung.
Wir haben das obere Stück ausser Acht gelassen.
Es ist dem ersten und zweiten Gliede zugehörig, ohne
Gliederung, wie ja diese sich nur auf die Rinne erstreckt
und wie sie auch der untern Seite der beiden ersten Glieder
fehlt. Umgekehrt sehen wir bei den vordem Gliedern die
Die Muudtheile der ßhynchoten. 361
Abgrenzung nur unten. Es sei übrigens bemerkt, dass
von diesen die obere Wölbung der Rinne, da dieselbe
weiter offen ist, von dem Schnitte, der dafür zu median
gelegt ist, nicht getroffen worden ist.
Die Muskulatur der beiden oberen Glieder entspricht
mutatis mutandis derjenigen bei Notonecta. Die in Fig. 26
mit 1 e' bezeichnete Lamelle durchsetzt bei Sigara fast den
ganzen Kopf oder besser, verwächst nicht mit ihm zum
grössten Theile, wie bei Notonecta, ein Umstand, der es
erklärt, warum das Labium unsrer Wanze sich so unge-
mein leicht vom Kopfe trennen lässt. Die Muskeln wechseln
nun ihre Insertionsstelle, indem sie an der Wand le' all-
mählig abwärtssteigend schliesslich ihrem ursprünglichen
Insertionspunkte gerade gegenüber, im Grunde des Labium
sich ansetzen. Zugleich hat auch die spaltförmige Ein-
stülpung ihre Lage geändert und ihren spitzen Winkel
nach vorn gekehrt. Die Muskelpartie ml hat ihre Insertion
an der Gelenkungsstelle des zweiten und dritten Gliedes
gewahrt.
Die Funktion der Muskeln ist dieselbe geblieben:
wir haben auch hier, wie bei Notonecta, einen m. depressor
und einen m. levator labii vor Augen.
Ueber die Muskulatur der beiden letzten Glieder ver-
mag ich nichts zu sagen.
Eine Thatsache möchte ich nicht unerwähnt lassen,
welche uns bei Betrachtung eines ganz vorn durch den
Schnabel gelegten Querschnittes auffällt. Da finden wir
nämlich (Fig. 27) unten eingefasst von dem hier noch flach
rinnenförmigen, aber sofort weiter hinten röhrenförmig
werdenden zweiten Scheidengliede, das dritte Glied —
gleichsam in das zweite zurückgezogen. Mehr aber, als
dieser Umsstand fällt uns ein andrer noch auf. Wir sehen
nämlich, dass das dritte Glied und also natürlich auch
das vierte vollkommen seine ursprüngliche Duplicität ge-
wahrt hat, also noch nicht mit einander verwachsen ist —
ein bei Wanzen bisher ganz einzeln dastehender Fall!
Ja, bei der Beobachtung lebender Thiere unter starker
Lupe ist es mir manchmal vorgekommen, als ob diese
Unterlippenglieder sogar gegen einander bewegt werden
362 Otto Geise:
könnten. Muskeln, welche durch ihre Insertionen diese
Bewegungsfähigkeit mir bestätigen sollten, konnte ich je-
doch bisher nicht finden, was nicht ausschliesst, dass sie
dennoch vorhanden sind. In Bezug auf weichere Gewebe
zeigt nämlich das Wachs, als Einbettungsmittel, nicht die-
selben Vorzüge, welche es für das Schneiden von Chitin-
theilen aufweist und ein üebersehen kleiner Muskelpartien
ist leicht möglich.
So ist denn schon das Labium unsrer Thiere durch
mannigfache, charakteristische Eigenschaften vor demje-
nigen der von uns früher betrachteten Arten ausgezeichnet.
Ehe wir jedoch die speciellere Betrachtung der Unterlippe
verlassen, sei es mir erlaubt, auf eine eigenthümliche Bil-
dung der oberen Seite des ersten und zweiten Gliedes
aufmerksam zu machen. Es giebt sich diese in Querrunzeln
zu erkennen, welche über die ganze Breite der obern Fläche
des Labium hinziehen. In unserm Längsschnitte sind die-
selben quer durchschnitten. Unter dem Mikroskope zeigen
sich diese Runzeln als Einsenkungen der sonst glatten
Chitinwand, welche mit zahlreichen Haaren in auffälliger
Weise besetzt sind. Es ist mir höchst wahrscheinlich, dass
wir es hier mit eigenartigen Empfindungshaaren zu thun
haben, denn an gewöhnlichen Tasthaaren leidet das Labium
keinen Mangel, vielmehr stehen diese wie ein Wald um
die Eingangsöffnung herum.
Wir gehen nun weiter und lenken unsern Blick auf
einen Schnitt, welcher durch den Schnabel etwas hinter
der Stelle gelegt ist, wo das erste Glied sich vom zweiten
durch die Einstülpung der Chitinlamelle absetzt. (Fig. 28).
Was uns zunächst in die Augen fällt, ist das mächtig
an Querschnitt gewachsene, ausgesprochen dreieckige La-
bium, dessen Ränder sich bereits zur Bildung einer ge-
schlossenen Röhre vereinigt haben. Eine Einfalzung lassen
dieselben jedoch nicht erkennen. Nehmen wir nun gleich,
um die im Innern der Röhre gelegenen Gebilde besser
erkennen zu können, Fig. 29 zur Hand, welche uns diesen
Theil der Fig. 28 in stärkerer Vergrösser ung zeigt.
Dass die untern vier Chitinstücke die durchschnittenen
Borsten sind, ist unschwer zu errathen, obgleich die Ma-
Die Mundtheile der Rhynchoten. 863
xillen uns durch ihre auffallend unsymmetrische Gestalt in
Verwunderung setzen.
Räthselhafter jedoch erscheint das obere, massige
Chitingebilde, welches in überraschender Weise die Form
einer bekannten Figur unsrer Spielkarten nachahmt. Das
sonderbare Object ist die stark chitinisirte, solide Spitze
des Clypeus, die Oberlippe, wenn wir hier von einer solchen
sprechen dürften. Die halbmondförmige Verbreiterung des
Stieles dient zu einer Führung der Maxillen und kenn-
zeichnet also auch hierin eine Abweichung von den Ver-
hältnissen andrer Wanzen, wo nicht die Maxillen, sondern
die Mandibeln in Führung der Oberlippe verlaufen.
Aber auch die Borsten und speciell die Maxillen
bieten uns auffällige Abweichungen vom Typus der Borsten
bei Notonecta und verwandten Arten.
Eine Asymmetrie in der Bildung der Maxillen konnten
wir ja schon bei der erwähnten Wanzenart constatiren,
ich erinnere nur an die Seitwärtsdrehung des Spritzen-
ganges, sowie an die Richtung der Haare an der Spitze.
Aber von einer so bedeutenden Verschiedenheit, wie sie
hier sich findet, war doch keine Rede. Und doch zeigt
sich diese Verschiedenheit der beiden Maxillen in noch
höherem Grade an der völlig asymmetrischen Spitze. Denn
hier weist die eine die Gestalt einer breiten, scharfrände-
rigen, tief ausgehöhlten Schaufel auf, die ohne jede Spur
von Haaren ist, während die andere, derbere, vorn mit
Haaren besetzt, sich der Bildung des entsprechenden Or-
ganes bei Notonecta nähert.
Die Mandibeln sind symmetrisch entwickelt und
gleichen an ihrer Spitze auffallend einem Reibeisen, indem
die zahnartigen Widerhaken anderer Wanzen zu breiten,
derben, aber doch scharfränderigen Erhöhungen geworden
sind.
Doch wir sind mit der Betrachtung des Querschnittes
der Maxillen noch nicht zu Ende. Denn einen wichtigen
Unterschied, der sich hier zwischen Sigara und Notonecta
findet, haben wir noch nicht erwähnt. Wir finden nämlich
nur einen von den Maxillen gebildeten Gang, der also für
Spritze und Schlundkopf gemeinsam ist.
364 Otto Geise:
Dieser Umstand mag sich aus der ganz ungewöhn-
lichen Verkürzung der sämmtlichen eigentlichen Mundtheile
erklären. Die äusserst kurzen, aber um so derber gebauten
Borsten legen sich nur eine ganz kurze Srecke eng anein-
ander an, indem die Maxillen die einfache Röhre bilden.
Mandibeln und Maxillen — um alles dies hier mit
einem Male zu erledigen — zeigen sich doppelt gekrümmt,
so zwar, dass sie etwa einer halben Windung einer sehr
lang ausgezogenen Schraubenlinie entsprechen würden. Diese
doppelte Krümmung ist bedingt durch das starke Conver-
giren von den Seitentheilen des Kopfes her, wo die Borsten
in bekannter Weise zwischen ihren Muskeln den Ursprung
nehmen, und dann durch eine wiederum höchst seltsame
Wendung des Unterlippenrohres nach aufwärts.
Die Borsten bewegen sich abwechselnd und vermögen
nur wenig aus der Scheide hervorzutreten.
Bei der Beobachtung des lebenden Thieres drängt
sich uns leicht die Vermuthung auf, dass wir es hier mit
einem nicht ausschliesslich saugenden Thiere zu thun
haben, insoweit es den Anschein gewinnt, als ob durch
die Thätigkeit der wie Reibeisen gestalteten Mandibeln
auch festere Substanzen angegriffen und die abgefeilten
Theilchen dann etwa mit der aufgesogenen Flüssigkeit
dem Darme zugeführt würden. Wir werden bald sehen,
dass die Beschaffenheit des noch zu beschreibenden, üb-
rigen Theiles des Mundapparates von Sigara diese Ver-
muthung in hohem Masse wahrscheinlich macht, ja geradezu
die Richtigkeit derselben bestätigt.
Zunächst haben wir den Querschnitt in Fig. 30 in
Kürze zu besprechen. Der Schnitt geht durch den Aus-
führungsgang der Spritze, welche bei unserer Wanze auf-
fällig klein bleibt. Wir haben, immer noch vom Labium
umhüllt, den Clypeus mit der Epipharyngeallamelle. Be-
reits schieben sich Muskeln zwischen beide ein, so dass
wir hier schon den Beginn des saugenden Schlundkopfes
constatiren können, denn unten haben wir auch die Hypo-
pharyngeallamelle getroffen, welche, wie aus dem Längs-
schnitte erklärlich, von der Röhre des Labium umfasst er-
scheinen muss.
Die Mundtheile der Khynchoten. 365
Ueber die Borsten und den Spritzengang ist nichts
zu sagen. Führungsleisten, als Einstülpungen der Hypo-
pharyngeallamelle finden sich auch hier, doch sind sie,
um das Bild nicht zu verwirren, in der Zeichnung fortge-
lassen worden.
Der folgende Schnitt in Fig. 31 bedarf noch weniger
der Erläuterung. Das Labium ist geschwunden, die Epi-
pharyngeallamelle greift in Verbindung mit ihrer obern
Decke, der Kopfwand, über die Lamelle des Hypopharynx,
um auf diese Weise eine Verwachsung einzuleiten. Wir
sehen den Schluudkopf ebenso, wie auf dem vorhergehen-
den Schnitte, im Momente des Saugens dargestellt. Be-
sonders schön charakterisiren sich die Borsten durch ihre
Lage als Ober- und Unterkiefer.
Lassen wir nun die Betrachtung der Querschnitte und
wenden wir uns wieder unserm Längsschnitte zu. Da fällt
uns denn sofort der horizontale, dünnwandige, langausge-
zogene vordere Theil des Schlundkopfes auf. Er ist un-
schwer mit dem ersten Theile des entsprechenden Gebildes
bei Notonecta zu homologisiren. Neu ist uns jedoch die
Erscheinung, dass während ein vorderer Abschnitt erweitert
ist, ein hinterer noch nicht in diesem Zustande sich be-
findet.
Obgleich ein ähnliches Verhalten bei Notonecta nicht
ausgeschlossen ist, so sehen wir doch zuerst hier, wie die
Speise durch wellenförmig fortschreitende Bewegungen
des vordem Abschnittes des Schlundkopfs nach hinten ge-
schafft wird, d. h. wir folgern diese Thatsache aus dem
vorliegenden Befunde.
Höchst sonderbar und auffällig von den bei Notonecta
angetroffenen Verhältnissen verschieden zeigt sich nun aber
der hintere Theil des Schlundkopfes.
In der Natur dunkel, an der Unterseite fast schwarz
chitinisirt und mit mächtig verdickten Wandungen versehen,
hebt er sich scharf von dem hellchitinigen, dünnwandigen
vordem Theile ab, wie er denn auch in dem Bilde durch
seine massige Entwickeluug zu allererst in die Augen
fällt. Nach hinten geht er dann in den unverhältnissmässig
weiten Schlund über.
366 Otto Geise:
Betrachten wir das seltsame Gebilde näher, so be-
merken wir bald, dass die obere Wand sich in zwei, mit
einander in Gelenkverbindung stehende Abschnitte theilt
— einen vordem kleinern, der einen langen Fortsatz nach
unten treibt, und einen hintern, welcher schmäler, aber
bedeutend länger und mehrfach gebogen ist. Die untere
Wand ist ungegliedert und mächtiger noch als die
obere.
An jeden der beiden Abschnitte der obern Wand
setzen sich starke Chitinsehnen, welche von zwei an der
Kopfwand sich inserirenden Muskelpartien ausgehen.
Was nun das Innere des Organes anlangt, so finden
wir dies ausgekleidet mit zahlreichen, längern und kürzern
Haaren, Zähnchen und Knöpfchen aller Art, so dass, wenn
wir den Querschnitt durch den vordem Theil des Organes
(Fig. 32) zu Hülfe nehmen, wir zu der Ansicht gelangen
müssen, dass wir hier complicirt gestaltete Reibplatten vor
uns haben, vergleichbar etwa den zusammengesetzten Zähnen
höherer Thiere.
Wie wir zugleich nach dem Querschnitte urtheilen
können, stellt unser Organ im Grossen und Ganzen ein
viereckiges Kästchen dar, dessen obere Wand durch den
Zug der sich an ihr inserirenden Muskeln gehoben werden
kann und zwar, entsprecheöd ihrer Gliederung in zwei
scharf gesonderte Theile, abwechselnd vom und hinten.
In der Ruhelage sind natürlich beide Wände durch
die Elasticität ihres Chitins fest aufeinander gepresst.
Fragen wir uns nach der Bedeutung dieser ganzen
Bildung, so .ist es offenbar nicht zu bezweifeln, dass uns
in dem Kästchen ein Apparat vorliegt, der bestimmt ist,
festere Nahrungsbestandtheile zu zerkleinern. Erinnern
wir uns zugleich an die eigenthümlich reibeisen-ähnliche
Gestalt der Mandibeln, so wird es uns nicht schwer fallen,
ein Bild der Vorganges bei der Nahrungsaufnahme zu con-
struiren.
Denken wir uns durch die Wellenbewegung des vordem
Schlundkopfes festere, von den Mandibeln abgefeilte Nah-
rungspartikelchen zugleich mit einer Flüssigkeit, in der
sie suspendirt sind, vor den Eingang unseres Kaukästchens
Der Mundtheile der Rhynchoten. 367
gebracht, so lassen sieh mehrere Arten der Aufeinander-
folge der Bewegungen vorstellen. Der vordere Zapfen,
dies sei noch vorausgeschickt, zeigt sich unten mit langen
Haaren besetzt. Man kann nun annehmen, dass die Thiere
zunächst die Flüssigkeiten aufnehmen wollen ; alsdann ver-
harrt der Zapfen in seiner Ruhelage oder hebt sich doch
nur wenig von der untern Wandung ab und es contrahirt
sich zunächt der zweite Muskel. Die Folge wäre, dass
die Flüssigkeit aus dem sich verengernden, vordem Schlund-
kopfe durch das Haarsieb des Zapfens in die sich er-
weiternde Kammer des hintersten Abschnittes gebracht
und dann, indem sich etwa der Zapfen jetzt fester an die
untere Wand anlegte und so den Rückweg nach aussen
völlig verschlösse, in den weiten Schlund gepresst würde.
Jetzt nun könnte das Kauen der vor dem Siebe gelegenen,
festern Theile, die etwa mit einem Reste von Flüssigkeit
in das Kästchen gesogen würden, durch abwechselndes
Heben und Senken der obern Wände d. h. durch Druck
und Reibung beginnen.
Auch eine andere Auffassung des Vorganges ist nicht
ohne Weiteres von der Hand zu weisen.
Wenn man will, kann man annehmen, dass die Thiere
sogar vorzugsweise von festerer Nahrung leben (der weite
Schlund spricht nicht dagegen) und dass dann meist, viel-
leicht auch nur häufig, die Flüssigkeit, in diesem Falle
wohl Wasser, nur der bequemeren Einfuhr der Theilchen
wegen aufgesogen wird. Dann mag der Zapfen wieder
als Sieb dienen, welches, nach vorhergegangener Erweite-
rung und Füllung des Kästchens die festern Theile zu-
rückhält, indess das Wasser durch entgegengesetzte Saug-
bewegungen des vordem Schlundkopfes (also wellenförmig
von hinten nach vorn schreitende) wieder nach aussen ge-
bracht wird.
Aber wie nun auch die Thätigkeit des hintern Theiles
des Schlundkopfes im Einzelnen sich gestalten möge, eines
unterliegt keinem Zweifel, dass er nämlich zum Kauen
festerer Substanzen bestimmt ist und dass wir es bei Si-
gara und der ihr fast völlig gleich gebauten Corixa in der
That mit einer jener üebergangsformen zu thun haben,
368 Otto Geise:
auf deren Vorhandensein wir im Eingange unsrer Abhand-
lung anspielten.
Die Erörterung dieses Kaukästchens der Sigara und
Corixa führt uns denn zum Schlüsse noch einmal auf No-
tonecta zurück. Ich erinnere an die sonderbare Duplicatur
und der von ihr überdeckten Faltungen der Innern Schlund-
kopfwand, bei deren Erörterung ich für sie, auf das jetzt
uns beschäftigende Gebilde hinweisend. Zerdrückung klei-
nerer, festerer Theile als Function in Anspruch nahm.
Dass ausserdem das Kaukästchen der Sigara den beiden
hintern Theilen des Schlundkopfes bei Notonecta, auch
homolog ist, bedarf kaum einer Erwähnung. Bei beiden,
sonst so sehr verschiedenen Typen weist also der Schlund-
kopf drei Kammern auf oder aber, wenn das Wort nicht
gefallen sollte, drei deutlich gesonderte Abschnitte.
Damit sind wir mit der Darstellung der Mundtheile
auch von Sigara zu Ende gekommen. Nur auf eines
möchte ich doch noch die Aufmerksamkeit lenken. In
dem vordem Abschnitte der Oberwand des Kaukästchens
nehmen wir eine scharf contourirte, hellere Stelle wahr.
fz.) Sie zeigt eine lamellöse Structur, welche uns auch der
Querschnitt in Fig. 32 erkennen lässt. Unter sehr starker
Vergrösserung gewährt sie fast den Anblick einer zelligen
Zusammensetzung. Eine ähnliche Dififerenzirung des Chi-
tins finden wir auch an der entsprechenden Stelle des
Schlundkopfes von Notonecta, also an der ins Innere des-
selben hineinragenden Duplicatur (vergl. Fig. 1, d). Ueber
ihre Bedeutung vermag ich nichts zu sagen.
Ziehen wir zum Schlüsse unsrer Untersuehimg nun
noch kurz andere Rhynchoten in unsre Betrachtung hinein,
so ergiebt sich, dass im Grossen und Ganzen bei allen
Hemiptern, vielleicht mit Ausnahme der Cocciden, der gleiche
Plan im Aufbau der Mundorgane befolgt zu sein scheint
dass man sonach wohl ein Recht hat, diese grosse Thier-
klasse unter der Gesammtbezeichnung der Schnabelkerfe
zusammen zu fassen.
In Einzelnheiten ändert der Bau des Mundes natürlich
bei einer so zahlreichen und durch Gestalt und Lebens-
weise verschiedenen Thiergruppe vielfach ab, aber wer
Die Mundtheile der Rhynchoten. 369
mag die Einzelnheiten fassen und behalten? Wir müssen
uns zumeist mit den Principien begnügen und sind froh,
wenn uns die Natur nicht allzu bald von der Hinfälligkeit
derselben den Beweis liefert.
Eines aber möchte ich dennoch nicht unerwähnt lassen.
Ziemlich scharf nämlich lassen sich zwei Typen der Spritze
unterscheiden. Es weisen die Landwanzen einen eckigen,
mehr quadratischen Bau derselben auf, im Gegensatze zu
dem mehr runden Typus der Hydrocoren. In Fig. 10 b
liegt die Spritze einer grossen, ostindischen Pentatoma vor,
welche zugleich noch eine Umhüllung aufweist, deren Be-
deutung ich nicht zu erklären vermag. Leider Hess sich
auf dem Schnitte der obere Theil nicht erkennen.
Wie es den Anschein hat bedingt dieser eckige Bau
eine Vermehrung der elastischen Kraft der Wandungen
und es steht damit vielleicht die Thatsache in Verbin-
dung, dass den meisten Landwanzen zugleich Pflanzen zur
Nahrung dienen. Dann erklärt sich aber das Bedürfniss nach
einer möglichst kräftig wirkenden Spritze leicht aus der
grössern Consistenz des pflanzlichen Gewebes und des zu-
gleich langsamem Säftezuflusses zu der gereizten Stelle,
Nachtheile für die Nahrungsaufnahme der Wanzen, welche
häufigere und stärkere Injectionen des ätzenden Drüsense-
cretes wohl in etwas compensiren könnten.
Ich weise schliesslich noch betreffs der Spritze auf
die neuere Arbeit Meinerts ^Fluernes Munddele" hin.
Aus ihr ersehe ich, dass aller Wahrscheinlichkeit nach ein
ganz ähnliches Gebilde sich auch bei einigen dieser Thiere
findet. Schon vorher drängte sich mir die Vermuthung
auf, dass die mit ihrem Stiche gewaltige Wirkungen er-
zeugenden Dipternarten auch ein analoges Organ zur In-
jection ihres giftigen Secretes haben müssten. Nun sehe
ich denn wirklich, dass Meinert bei Tabanus eine An-
schwellung des Ausführungsgauges der Speicheldrüsen ab-
bildet, welche bedeutende Aehnlichkeit mit unsrer Khyn-
chotenspritze aufweist. Leider hat Meinert das Gebilde
nicht auf Schnitten untersucht, durch deren Zuhülfenahme
man natürlich allein Aufschluss über seinen feinern Bau
gewinnen kann. Ich beabsichtige indess demnächst diesem
Archiv f. Naturg XLIX. Jahrg. Bd. 1. 24
370 Otto Geise:
Organe der Diptern ein näheres Studium zu widmen und
hoffe dann, über seinen Bau einiges berichten zu können *).
Wir sind am Ende unsrer Untersuchung angelangt.
Sie hat uns in dem Mundapparat unsrer Wanzen einen
hochcomplicirten und mit feinster Akkuratesse zusammen-
arbeitenden Mechanismus kennen gelehrt, der, obgleich,
wie es scheint, im Princip stets der gleiche, doch auch
bedeutender Modificationen sich fähig erweist. Wir werden
uns deshalb schwerlich an Grab er anschliessen wollen,
wenn er in seinem Insecten werke den „Wanzenschnabel''
einer nähern Beschreibung nicht für werth erklärt, da er
ja nur eine zweite Auflage des Fliegenrüssels sei. Man
hüte sich, wenn auch nur leise, der Natur Armuth vorzu-
werfen, denn wo sie ganz sich offenbart zu haben scheint,
da scheint dies immer nur den Augen so, die das Mehr
nicht sehen, wie das denn auch mit den meinigen bei vor-
liegender Untersuchung der Fall sein muss.
Ich kann nicht schliessen ohne zuvor noch meinem
hochverehrten Lehrer, Herrn Geheimerath Professor Dr.
R. Leuckart meinen aufrichtigen Dank auszusprechen
für die ungemein reiche Anregung und die vielfache
Unterweisung, mit welcher er mir, wie früher, so auch
jetzt noch insbesondere bei dieser Arbeit zur Seite ge-
standen hat.
1) Ich kann schon jetzt constatiren, dass sich bei Tabanus ein
analoges Organ findet. Im Querschnitte etwa unsrer Fig. 15 gleichend
bietet es auch in der Aufsicht ein dem Schlundkopfe in Fig. 17
ähnelndes Aussehen dar. Seine Muskeln inseriren sich oben an einer
etwa h' entsprechenden Stelle. Sein Bau scheint jedoch einfacher
zu sein, wie ich denn z. B. eine eigentliche Ventilirung nicht wahr-
genommen habe.
Die Mundtheile der Rhynchoten. 371
Tafelerklärung.
Tafel X.
Fig. 1 — 18. Schnitte durch Kopf und Schnabel von Notonecta glauca.
Fig. 1. Längsschnitt durch den Kopf; nicht ganz median, c Cly-
peus, Ir Lamelle der Oberlippe als Fortsetzung des Clypeus;
e e', e" e'", e"" obere und innere — h, h', h", h'" untere
und äussere Wand des Schlundkopfes, Epi- und Hypo-
pharyngeallamelle, a, a', a", a'" Kammern des Schlund-
kopfes, d Reuse (Fig 11), o Oesophagus,
m', m^, m^, m'^ — musc. dilatores pharyng.
b Hohlraum der Saugspritze; hh obere Wand derselben;
le' Lamelle der Unterlippe ; v Ventil ; dr Drüsengang ;
s Sehne zum Ansatz der m. dilatores der Saugspritze.
8 Borstenröhre.
m d 1 musc. depressor labii ; mllmusc. levator labii; f, ff"
Drehpunkte des ersten und zweiten Gliedes des labium,
i Verdickung des Grundes der ünterlippenrinne, i' zum An-
satz der Seitwärtsdreher der vordem Glieder des Schnabels
mf, i" zweite Verdickung zum Ansatz der Muskeln ma.
Fig. 2. Querschnitt durch die Spitze des Schnabels.
Fig. 3. Querschnitt durch den Schnabel, in der Gegend der Ver-
dickung i".
Fig. 4. Querschnitt.
Fig. 5. Borsten in starker Vergrösserung zur Darstellung der über-
greifenden Führungsrinnen.
Fig. 6. Querschnitt durch Unterlippe und Oberlippe; s Borsten.
Fig. 7. Querschnitt durch Mandibeln und Maxillen; die Führungs-
rinnen greifen nicht über, p' Saugröhre; s' Spritzröhre;
mx Maxillen; md Mandibeln; e untere Lamelle der Ober-
lippe, li oberer Theil der Unterlippe.
Fig. 8. Querschnitt, etwas weiter nach hinten, p auslaufende Rinne
des Schlundkopfes, eigentlicher Hypopharynx; s Gang der
Spritze, i in beiden Figuren die lumina der Matrix , in
gleicher Weise wie in den Maxillen in den nach aussen
gelegenen Mandibeln vertreten. Ausserdem die Bezeichnung
wie in Fig. 7.
Fig. 9. Querschnitt. Buchstabenbezeichnung, wie in Fig. 1.
h' Hypopharyngeallamelle , welche durch Einstülpung hier
Fühlungsleisten für Mandibeln und Maxillen bildet.
372 Otto Geise:
hh, h'h', li Begrenzungsflächen und Verschluss des Aiis-
führungsganges der Spritze.
Fig. 10. a. Durchsichtszeichnung der Spritze von Not. glauca. h'h'
Verschluss des Ganges.
b Spritze einer ostindischen Pentatoma mit einer Dupli-
catur d. (Im Längsschnitt.)
Fig. 11. Reusenartige Duplicatur der obern Wand des Schlund-
kopfes.
Fig. 12. Eine der Fansen in starker Vergrösserung.
Fig. 13, 14, 15. Querschnitte des Scblundkopfes ; h, e Hypo- und
Epipharyngeallamelle.
Fig. 16. Schnitt durch die Flügel des Schlundkopfes (a, b in Fig. 15)
in der Richtung der Linie x y in Fig. 17. Die Flügel
sind durch schematische Zeichnung verbunden. Buchstaben-
bezeichnung zum Theil wie in Fig. 1. d', d" runzelartige
Faltungen der Innern Schlundkopfwandung unter der
reusenartigen Duplicatur d.
Fig. 17. Der frei herauspräparirte Schlundkopf.
Fig. 18. Bewegungsmechanismus der Maxillen. Halbschematisch,
a Kopfwand, b Hebelstück, c Maxille, d Einlenkungspunkt
des Hebels an der Kopfwand, d' an der Maxille. mp musc.
protractor. max., mr musc. retractor max.
Fig. 19—25. Querschnitte durch den Schnabel und Kopf von Nepa
cinerea.
«
Fig. 19. Schnitt durch die Spitze des Schnabels, li Unterlippe;
s Borstenröhre.
Fig. 20. Schnitt, weiter aufwärts nach dem Kopfe zu geführt, zeigt
die Oberlippe Ir-e mit in der Rinne der Unterlippe liegend.
Fig. 21. Oberlippe Ir-e mit den sie ausfüllenden Borsten stärker
vergrössert. mx Maxillen ; md Mandibeln.
Fig. 22. Schnitt durch die Einlenkungsstelle des zweiten Gliedes
der Unterlippe.
Fig. 28 u. 24. Querschnitte durch den Schnabel nahe am Kopfe.
f übergreifende Faltungen des Kopfes.
Fig. 25. Schnitt durch die Stelle, wo das labrum in den Clypeus
übergeht, e Epi-, h Hypopharyngeallamelle.
Fig. 26 — 32. Quer- und Längsschnitte durch Kopf und Schnabel von
Corixa striata.
Fig. 26. Die senkrechten Linien zeigen die Lage der Querschnitte
an, auf welche die Zahlen verweisen. Längsschnitt durch
den Kopf; nicht streng median, e und h Epi- und Hypopha-
ryngeallamelle.
Die Mundtheile der Rhynchoten. 373
li, li', le, le', obere und untere Wölbung der Unterlippen-
röhre, s Borstenröhre.
1, 2, 3, 4 erstes, zweites, drittes und viertes Glied des
labium. mdl, mll m. depressor et m. levator labii.
z Faserige Stelle in der obern Wand des Kaukästchens k.
Fig. 27. Querschnitt durch das zweite und dritte Schnabelglied,
(li 2 und li 3).
Fig. 28. Querschnitt durch das erste Glied, li labium; e Spitze
des Clypeus.
Fig. 29. Rinne des Schnabels aus Fig. 28, stärker vergrössert. md
Mandibeln; mx die einen einfachen Gang bildenden Ma-
xilleu; e stark chitinisirte Endigung des Clypeus.
Fig. 30. Querschnitt durch den Schnabel; weiter nach hinten als
der vorige Schnitt. Mandibeln und Maxillen; s Spritzen-
gang, h u. e Hypo- u, Epipharyngeallamelle,
Fig. 31. Querschnitt durch den Kopf; Schlundkopf in Erweiterung
, begriffen.
Fig. ife. Querschnitt durch den Kopf und das Kaukästchen, z fase-
rige Stelle, e Epi- und h Hypopharyngeallamelle.
Litteratur.
Savigny, Memoires sur les animaux sans vertebres. Paris 1816.
Burmeister, Handbuch der Entomologie. Berlin 1855.
Claus, Grundzüge der Zoologie. Marburg 1876.
Dewitz, Ueber Führung an den Körperanhängen der Insecten.
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ratus of some diptera. Boston 1881.
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Fabricius, Systema entomologiae, Flensburg u. Leipzig 1775.
Gerstfeld, Ueber die Mundtheile der saugenden Insecten. Leipzig
1853.
Grab er, Die Insecten. München 1877.
Huxley, Grandzüge der Anatomie der wirbellosen Thiere. Deutsche
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Landois, Zur Anatomie der Bettwanze. Zeitschrift für wissensch.
Zoologie. Bd. 18.
Meinert, Fluerues Munddele, Kjöbenhavn 1880.
Meyer, Zur Anatomie von Pyrrhocoris apterus. Archiv für Ana-
tomie und Physiologie. 1873.
Ueber die Gattung Argenna Thor, und
einige andere Dietyniden.
Von
Dr. Ph. Bertkau
in Bonn.
(Hierzu Tafel XI).
Die Gattung Ar gen na wurde von Thor eil 1869
in seiner Review of the European genera of Spiders auf-
gestellt und von Dictyna durch die Augenstellung unter-
schieden. Einige für die Frage der systematischen
Stellung in erster Linie entscheidende Fragen, nament-
lich die der Athmungsorgane , blieben von T h o r e 1 1
un erörtert und mussten es bleiben, da Thoreil nur 2
getrocknete Exemplare vor sich hatte. Auch L. Koch,
der 1878 in den Abhandl. d. Naturf. Gesellsch. zu Görlitz,
XVII p. 56 Fig. 8, zu der typischen Art Thorell's, A.
Meng ei, eine zweite Art, A. pallida, hinzufügte, erwähnt
hierüber nichts. Thorell und L. Koch sind die einzigen,
die die Gattung Argenna ausdrücklich aufführen: weder
Menge, noch Simon ^), noch Cambridge erwähnen die-
1) Simon führt sie 1874 in den Aran. nouveaux ou peu connus
du Midi de l'Europe unter seinen Dictynidae (= Amaurobiinae Thor.)
wohl nur auf die Autorität Thorell's hin an, da nach einer brief-
lichen Aeusserung ihm die Gattung ganz unbekannt ist
Dr. Ph. Bertkau: Ueb. d. Gatt. Argenna Tfior, u. e. a. Dictynidon. 375
selbe, und die Gattung gehört daher zu denjenigen, die
in Gefahr sind, in Vergessenheit zu gerathen.
Wegen Unkenntniss der Beschaffenheit der Athmungs-
organe musste ich in meinem „Versuch einer natürlichen
Anordnung etc." die systematische Stellung von Argenna
unentschieden lassen, wenn auch eine grössere Anzahl
Gründe für eine Zusammengehörigkeit mit Dictyna und
Lethia als mit Amaurobius sprachen, also für die Zuge-
hörigkeit zur Familie der Dictynidae und nicht Amauro-
biadae in meinem Sinne. Der Fund zweier weiblichen
Exemplare dieser Gattung setzt mich nun in den Stand,
diese nur vermuthete Zusammengehörigkeit mit aller Be-
stimmtheit behaupten und beweisen zu können.
Das Tracheensystem (Fig. 1) dieser Gattung ist näm-
lich ganz übereinstimmend mit dem bei den Dictyniden
herrschenden Typus gebaut. Vor den Spinnwarzen und
noch vor dem Cribellum (er.) findet sich ein breiter, etwas
geschwungener und an seinen Enden rundlich erweiterter
Spalt (s), der zunächst in 2 geräumige Hauptstämme (h)
mit starkem, mit Zäpfchen versehenen Spiralfaden führt;
von diesen Hauptstämmen gehen an ihrem Ende sowie
auch in ihrem früheren Verlauf an einzelnen Stellen Büschel
feiner Röhrchen (t) ab, die sich unverzweigt bis in den
Cephalothorax und dessen Gliedmafsen hinein erstrecken.
Genau kann ich die Vertheilung der feinen Fadenbüschel
nicht angeben, da ich nur ein Exemplar, und dieses erst
nach mehrmonatlichem Liegen in Alkohol untersucht habe.
Das Cribellum (Fig. 2) hat am meisten Aehnlichkeit
mit dem der Gattung Diotima Sim. (vgl. die Abbildung
in diesem Archiv. 1882 Taf. XVIII Fig. 19); es ist unge-
theilt, sein Hinterrand einfach schwach gebogen, der Vorder-
rand in gleichem Sinne, aber etwas stärker gebogen, so
dass das ganze Organ in der Mitte seiner Breite am nied-
rigsten ist; die Zahl der Spinnröhren auf demselben beträgt
etwa 200. Von der Tracheenspalte ist das Cribellum durch
einen verhältnissmässig weiten Zwischenraum getrennt.
Die Fächertracheen (sog. Lungen) sind nur wenig
entwickelt und bestehen aus einem länglichen, schräg nach
vorn gerichteten Sack, der an der der Medianlinie zuge-
376 Dr. Ph. Bertkau:
kehrten Seite 10—12 kleiner, flacher Säckchen (Blätter)
trägt; ich kenne keine zweite Art, die deutlicher bewiese,
dass die sog. Lungen der Arachniden nichts weiter als eine
eigenthümliche Modifikation der Tracheen sind. — Auch
Menge (Preuss. Spinnen p. 248) erwähnt von seiner
Dictyna albopunctata, einer Argenna-Art, wie ict
nachher zeigen werde, die geringe Entwickelung der
Fächertracheen; hier sollen sogar die Säckchen zweiter
Ordnung ganz fehlen und die Tracheen die einzigen funk-
tionierenden Athmungsorgane sein.
Sehr eigenthlimlich und in beiden mir vorliegenden
Arten fast gleichgestaltet sind die Samentaschen (Fig. 3,
4, und 5 a, b). Oberhalb der Mündung der Eileiter (Fig.
4 s) ist die sog. Epigyne als eine trapezoidische oder
breit herzförmige, stärker verhornte Platte bemerkbar;
die längere Seite des Trapez liegt vorn. In den vordem
Ecken desselben liegt je eine grosse elliptische Vertiefung,
die grossen Achsen schräg, von vorn nach hinten diver-
girend. In der hinteren Spitze der Ellipse beginnt ein enger
Kanal, der nach hinten verläuft und nach einigen Yer-
schlingungen, die schwer zu verfolgen sind, in die nieren-
förmigen, plattgedrückten Samentaschen einmündet. In
beiden Exemplaren sind nun die oben erwähnten 0 Öff-
nungen in der Epigyne durch ein fast rein weisses,
schwach rosa angehauchtes, wenig gewölbtes
Deckelchen geschlossen. Dieses Deckelchen hat ebenfalls
einen elliptischen Umriss und ist so gelegt, dass die grosse
Achse desselben mit der der Oeffnung ungefähr einen
Winkel von 60« macht. Es ist nicht von einer Haut ge-
bildet, sondern besteht aus einem Sekret, dessen Herkunft
mir zweifelhaft ist. Diese eigenthümliche Einrichtung,
die noch bei keiner anderen Gattung gemeldet ist, scheint
mir recht geeignet zu sein, um die Gattung Argenna fester
zu begründen.
Die Brust (Fig. 6 st) ist abgerundet dreieckig, die
Spitze des Dreiecks nach hinten vorgezogen und mit langen
Haaren wirtelig besetzt; auch der Seitenrand der Brust
trägt kürzere, schräg nach vorn gerichtete Haare. Die
Lippe (1) ist abgerundet dreieckig, mit stumpf zugerundeter
lieber die Gattung Argenna Thor, und einige andere Dictyniden 377
Spitze; die Unterkiefer sind länglich viereckig, an der
Spitze abgestutzt, und fast doppelt so lang als die Lippe,
nach der sie nur schwach konvergiren. — Die Augenstel-
lung (vgl. Fig. 7) ist von Thoreil ausführlich angegeben
und ein Grund der gener ischen Trennung gewesen. Ein
von Thoreil und Koch übersehener Punkt bei den Scheitel-
augen scheint mir alle Beachtung zu verdienen. Es ist
dies eine Differenzierung anscheinend der Cornealinse in
2 Hälften, von denen die eine, der Mittellinie zugekehrte,
blaugrün schimmert, die äussere bernsteinfarben ist. Das-
selbe Auge zeigt also in seinen verschiedenen Theilen die-
jenigen Modifikationen vereinigt, die sonst nur auf ver-
schiedene Augen vertheilt vorkommen (yeux diurnes und
nocturnes Dufour's). In wie weit mit jener Verschieden-
heit, in der sich die Cornealinse zeigt, eine Verschieden-
heit der übrigen Gewebselemente des Auges verbunden
ist, haben auch die Grenach er'schen Untersuchungen
nicht gezeigt, da er diesem Unterschiede keine Beachtung
geschenkt hat, wie denn überhaupt den meisten unserer
heutigen Histiologen der Vorwurf nicht erspart werden
kann, dass sie von den mühevollen Arbeiten der „Syste-
matiker" weniger Notiz nehmen, als es in ihrem eigensten
Interesse zu wünschen wäre.
Die bisherigen Angaben beziehen sich vorzugsweise
auf Argenna pallida L. Koch, von der sich ein weib-
liches Exemplar unter den Vorräthen fand, die ich während
der Reblausuntersuchungen im Ahrthal (6. Juli bis 20.
August 1882) zusammengebracht habe; unter welchen Um-
ständen ich die Art gefunden, kann ich nicht sagen. An
der Richtigkeit der Benennung ist kein Zweifel, da ich
durch die Gefälligkeit Dr. Z immer man n's Gelegenheit
hatte, das typische Exemplar L. Koch's zu sehen; den
beiden einzigen bisher bekannten Fundorten für diese Art
(Niesky und Nürnberg) kann jetzt demnach auch das Ahr-
thal (wahrscheinlich der Fuss der Landskrone) hinzuge-
fügt worden.
Am 30. Juni v. J. fand ich bei Rheinbrohl an einer
etwas feuchten Stelle unter einem Stein ein Exemplar
einer Argenna- Art, das fast in allen Merkmalen mit A. pal-
378 Dr. Ph. Bertkau:
lida tibereinstimmt, so das es genügt, die Unterschiede
hervorzuheben. Zunächst ist die Grundfarbe des Körpers
nebst Beinen weit heller, lehmgelb; die (runden) Stirn-
augen sind grösser, fast so gross als die (elliptischen)
vorderen Seitenaugen; der bernsteinfarbene, nicht schim-
mernde Theil der Scheitelaugen nimmt fast ^U des ganzen
Auges ein; die hintere Augenreihe ist schwach gebogen.
Wichtiger scheint mir noch der Unterschied der Deckelchen
der Epigyne zu sein : während die kleinste Entfernung der-
selben von einander bei A. pallida fast kleiner als der
kleinste Durchmesser eines solchen Deckelchens ist, über-
trifft er bei dieser Art fast den grössten Durchmesser.
— In einigen der angeführten Punkte stimmt die be-
sprochene Art mit A. Mengei überein, bei der z. B. eben-
falls die hintere Augenreihe schwach gebogen ist. Nach
Thor eil sind bei A. Mengei die Stirnaugen fast um ein
drittel kleiner als die übrigen,- nach L. Koch sind sie
den Seitenaugen an Grösse gleich. Leider giebt Thor eil
die Beschaffenheit der Epigyne nicht an, und da die Farbe
eine so verschiedene ist, so scheint es mir angemessen,
die Art vorläufig als von A. Mengei verschieden anzusehen ;
sie mag A. testacea heissen.
Die besprochenen Arten sind nun nicht die einzigen
der Gattung Argenna, wenigstens wenn meine Vermuthung
richtig ist, dass Dictyna albopunctata Menge und Le-
thia albispiraculis Cambridge (Ann. a. Magaz. Nat.
Hist. (5) I p. 109 PL XI Fig. 1) ebenfalls zu derselben
gehören. Von L. albispiraculis scheint mir dies unzweifel-
haft: Cambridge hielt die Deckelchen, die sich auf den
Oeffnungen der Samentaschen befinden, für den sog. Lungen-
deckel und wählte nach dieser Vorstellung seinen Namen
für die Art; dass sie aber auch bei Lethia albispiraculis
die Bedeutung haben, die ich oben von ihnen angab, geht
daraus hervor, dass Cambridge bei den S von L. albi-
spiraculis diese Deckelchen verraisste (s. Spiders of Dorset
II p. 571).
Von Dictyna albopunctata Menge scheint mir
die Zugehörigkeit zu Argenna eben so wenig zweifelhaft»
da Menge die „eirunden Deckel" an der Schlossplatte
üeber die Gattung Argenna Thor, und einige andere Dictyniden 379
richtig angiebt und zeichnet. Aus der Abbildung (Fig. B,
C, D) geht auch hervor, dass die Deckel mit ihrer Längs-
achse anders gerichtet sind wie die Oeffnungen, was zum
Verständniss der Figuren C und D, die sich zu wider-
sprechen scheinen, zu bemerken nicht tiberflüssig sein mag.
Wenn die Fig. C ganz korrekt ist, so würden bei A. albo-
punctata (Menge) die Deckel noch näher bei einander
liegen als bei A. pallida. — Ein fernerer Punkt, der für
die Zusammengehörigkeit der genannten Arten spricht,
liegt in der Zeichnung des Hinterleibes; dieselbe ist so
nahe übereinstimmend, dass daneben die Angabe Menge's:
„Augen wie bei Dictyna arundinacea" kaum ins Gewicht
fällt. Endlich könnte noch Lethia patula Cambridge
(Ann. a. Mag. Nat. Hist. (5) I p. 108), die nach dem Autor
selbst mit seiner L. albispiraculis nahe verwandt ist, zu
Argenna gehören. Cambridge giebt von dem einzigen
Exemplar die Oeffnungen der Samentaschen weit von ein-
ander entfernt an, erwähnt aber keinen Deckel. Die weite
Entfernung der Oeffnungen würde die Art meiner A. testacea
näheren.
Der Umstand, das Menge seine Art zu Dictyna,
Cambridge zu Lethia stellt, hönnte Zweifel an der Berech-
tigung der Gattung Argenna erregen, die aber unbegründet
wären. Cambridge wurde wahrscheinlich durch ThorelTs
Gattungstabelle (a. a. 0. p. 119) zu dem Missgriff veranlasst,
die Argenna neben Dictyna stellt und die Unterschiede von
dieser hervorhebt, während Argenna thatsächlich mit Lethia
weit näher als mit Dictyna verwandt ist. Zu entscheiden,
ob „maxillae in labium inclinatae^ (Argenna und Dictyna)
oder „subparallelae" sind, ist überdies nicht so^leicht,
und ich möchte daher die Gattung lieber auf die Eigen-
thümlichkeit ihrer Samentaschen (Besitz der Deckelchen
und Lage der Oeffnung vor den Taschen) begründen.
Zu welcher Zeit und woraus übrigens die Deckel
entstehen, kann ich nicht angeben. Sind sie ein Produkt
von Drüsen des Weibchens oder des Männchens und dann
ein Zeichen der vollzogenen Begattung, ähnlich dem „Be-
gattungszeichen" des Parnassius und anderer Papilioniden?
Müssen sie im ersteren Falle zur Vollziehung der Begattung,
380 Dr. Ph. Bertkau:
im letzteren zur Befruchtung der Eier beseitigt werden,
und wie geschieht dies? Alles dies sind Fragen, die ich
nur anregen, nicht beantworten kann. Doch glaube ich
um so mehr, dieselben aussprechen zu sollen, als die Arten
der Gattung Argenna nur selten und gelegentlich dem
Zoologen zu Gesicht kommen und also nur von einer
grossen Zahl aufmerksamer Beobachter eine Lösung dieser
immerhin interessanten Frage erwartet werden kann.
Im Anschluss an diese Mittheilung will ich etwas
ausführlicher auf eine eigenthümliche Erscheinung bei
Dictyna viridissima eingehen, deren ich gelegentlich bereits
früher gedacht habe (Ueber 5 . . . Weibchen einer Eresus-
Art . . . etc. in den Verh. des naturf. Ver. d. preuss. Rhein-
lande und Westfalens XXXIY p. 276 Anm. 2).
Bei Dictyna viridissima finden sich die Oeffnungen
der Samentaschen in einer gemeinsamen flachen Grube
von herzförmiger Gestalt; der vordere Theil der Grube
ist noch durch eine sich nach hinten allmählich verflachende
Leiste getheilt (Fig. 8). Seitlich setzt sich jede der so
entstehenden Hälften (c) in einen sich allmählich ver-
schmälernden Kanal (t) fort, der Anfangs nach auswärts
gekehrt ist, sich dann nach vorn wendet und in einen
geräumigen, flachen Sack (s) mündet. Dieser Sack hat
eine zarte, in Falten zusammengelegte Wandung; sein
Querdurchmesser übertrifft den Längsdurchmesser beträcht-
lich, und er ist in der Mitte etwas eingeschnürt. An der
der Unterseite des Körpers zugekehrten Wandung sind,
der Mittellinie genähert, 2 hornartige, gekrümmte Körper
(c) angebracht, die am einen Ende mit weiter Mündung (o")
beginnen, sich dann verengern und am anderen Ende mit
einer halbmondförmigen Oeffnung (o), an die sich Muskeln
inseriren, abschliessen. Hinter diesen Hörnern erheben
sich zwei keulenförmige Schläuche (r. s.) mit etwas zarterer
Wandung als die genannten Hörner: die Samentaschen.
Sie sind zur Zeit der Geschlechtsreife (bei uns von Ende
August an) mit Spermatozoen prall erfüllt, und noch am
6. Januar dieses so milden Winters (1883) fand ich ein
Exemplar, bei dem die Samentaschen noch reichlich Sper-
matozoen enthielten ; ausserdem aber befinden sich Sperma-
Üeber die Gattung Argenna Tlior. und einige andere Dictyniden 881
tozoen in den übrigen beschriebenen Theilen, und dieselben
strömen an der erwähnten Spalte (o'), wenn sich diese
von der davor liegenden Wand abhebt, heraus.
In dem grossen Sacke sind nun ferner noch als In-
halt 2 vielfach gedrehte und hin- und hergewundene wurst-
förmige Körper (f) vorhanden, die das Sekret einer Drüse
zu sein scheinen. Bei auffallendem Lichte sind sie weiss,
bei durchgehendem dunkel. Sie scheinen aus einer gall-
ertigen Masse gebildet zu sein, in der Partieen von ver-
schiedenem Lichtbrechungsvermögen mit einander ab-
wechseln. Wo und wie sie gebildet werden, kann ich
nicht sagen; wahrscheinlich sind die Drüsen, die sie ge-
liefert, zur Zeit der Geschlechtsreife bereits abortirt. Hinter
den Samentaschen, an deren blindem Ende, erheben sich
2 Lappen (d), die eine deutliche Struktur nicht mehr er-
kennen Hessen, und die möglicher Weise bei der Bildung
der wurstförmigen Körper betheiligt sind. Diese letzteren
sind zu Anfang der Fortpflanzungsperiode mächtiger ent-
wickelt und füllen fast den ganzen von den übrigen Or-
ganen nicht eingenommenen Hohlraum des Sackes aus; in
der späteren Jahreszeit ist ihr Umfang ein geringerer,
und bei dem am 6. Januar untersuchten Exemplar sah ich,
wie durch leichten Druck des Deckgläschens ein dünn-
flüssig gewordener Theil dieser Masse, vermischt mit
einigen Spermatozoen, durch den Stiel (t) der Samentaschen
nach der äusseren Mündung (o) glitt. Vereinzelte Sperma-
tozoen finden sich jederzeit zwischen den Windungen der
wurstförmigen Körper; ihre Gestalt ist schon von Balbiani
(Ann. Sei. Nat., ZooL, (5) XVIII PI. 14 Fig. 52 A) richtig
angegeben.
Eine befriedigende, auf unanfechtbare Beobachtungen
sich stützende Erklärung dieses so auffallenden Apparates
kann ich nicht geben; selbst die Oeffnung im Innern des
grossen Sackes, in die der „Eindringer" eingeführt wird,
lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen, da man die
Wahl zwischen o' und o" hat. Ich habe in diesem Herbste
mehrere in copula befindliche Päärchen, bei denen der
Eindringer durch die äussere Oeffnung (o) schon längere
Zeit eingeführt war, auf verschiedene Weise zu tödten
882 Dr. Ph. Bertkau: üeb. d. Gatt. Argenna Thor. u. e. a. Dictyniden
versucht, in der Hoffnung, die Vereinigung dadurch eben
so wenig zu stören, wie dies bei Dictyna uncinata und
Tegenaria picta gelingt; aber immer vergebens.
Am wahrscheinlichsten ist mir folgende Deutung des
Apparates. Der Eindringer wird durch t in die Oeffnung
o' eingeführt und füllt von hier aus die zugehörige Samen-
tasche mit Samen. Von letzterem gelangt von Zeit zu
Zeit eine kleinere Partie durch die Oeffnung o" an die
wurstförmigen Körper, von denen sich zur Zeit der Eiab-
lage ein Theil in Flüssigkeit verwandelt und mit dem Samen
vermischt die Flüssigkeit darstellt, die nachträglich über
die Eier ausgegossen wird. Eine ähnliche Vermuthung
äusserte Menge (Preuss. Spinnen p. 186) über die Funktion
der „Nebensamentaschen^^ seines Tmeticus leptocaulis. —
Dictyna viridissima legt wie die übrigen Dictyna-Arten
ihre Eier in grösseren Zwischenräumen in 4— 5 Partieen ab.
Erklärung der Abbildungen auf Tafel XI.
Fig. 1. Cribellum und Anfang des Tracheensystems von Argenna
testacea.
Fig. 2. Cribellum stärker vergrössert.
Fig. 3. Epigyne von A. pallida.
Fig. 4. „ „ „ testacea.
Fig. 5. Samentaschen von A. testacea, von innen; die linke (B)
mit, die rechte (A) ohne Deckelchen (d).
Fig. 6. Brustplatte (st) mit Unterlippe und Unterkiefer von A.
pallida.
Fig. 7. Cephalothorax von A. pallida mit seiner eigenthümlichen
Zeichnung.
Fig. 8. Der zu den Samentaschen von Dictyna viridissima gehörende
Apparat.
Ueber die madagascarischen Dytisciden
des Königl. entomologischen Museums zu Berlin.
Von
H. J. Kolbe,
Museums - Assistent
in Berlin.
Es heisst einem doppelten Zwecke genügenj wenn
von irgend einer Thiergruppe irgend eines faunistischen
Gebietes das gesammte Material eines Museums in einem
Bilde zusammengestellt und dem entomologischen Publicum
vorgeführt wird: zum ersten gewinnt der Aussenstehende
einen Einblick in die Schätze des Museums; zum anderen
wird die Verarbeitung des reichhaltigen Museumsmate-*
rials in dem gedachten Sinne ein anschauliches Bild von
der betreffenden Fauna liefern, welches, in wissenschaft-
lichem Zusammenhange, einen interessanten Anblick von
dieser Fauna gewährt. Eine solche Arbeit ist immer von
grossem wissenschaftlichen Werthe für die Zoogeographie
überhaupt, wie für die eventl. Eigenthümlichkeit des
Faunengebietes im besonderen. Leider sind dergleichen
faunistische Werke, zumal entomologische, noch selten
oder jm gegebenen Falle meist sehr wenig vollständig.
Auch die vorliegende Arbeit ist ohne Zweifel noch entfernt
von einer Erschöpfung der DytiscidenfaunaMadagas-
384 H. J. Kolbe: Ueber die madagascarischen Dytisciden
cars, einer Region, welche fast unausscbliesslich ihre
eigenen zoologischen Species und zum grössten Theile
auch ihre eigenen Genera besitzt ^). Aber obgleich es
wahrscheinlich ist, dass zukünftige Reisende in Madagascar
noch mehr Species entdecken werden, so verlockte dennoch
das bereits vorhandene und umfangreiche Material des
Königl. Museums den Verfasser, eine Bearbeitung dieser
Insectenfamilie zu unternehmen, zumal da eine Menge
noch nicht in der Literatur verzeichneter Species das
Interesse und den Werth der Arbeit erhöhten. Es waren
bisher 25 Species von Madagascar bekannt, die durch
das Material des Königl. Museums jetzt auf 50 erhöht sind;
unter denselben wurden 22 als neue Arten erkannt, und
3 waren bisher nur der Fauna Afrikas eigenthümlich. In-
zwischen ist das grosse Dytisciden werk von David
Sharp erschienen, welches, wie man auf den gleich folgen-
den Seiten finden wird, auch aus Madagascar sehr viel
Neues bringt und diese Zahlen um ein Bedeutendes
ändert.
Das Berliner Entomologische Museum besitzt einen
grossen Reichthum an Insecten, der vorzüglich erst in der
Vorführung irgend einer bestimmten Insectenfamilie sich
kundgiebt.
Madagascar ist in letzteren Jahren ausser anderen
tüchtigen Männern, wie dem Rev. Mr. Cowan, namentlich
durch den verdienstvollen Hildebrandt, der leider zu
früh, nämlich dort im fernen Madagascar selbst sein Leben
Hess. Vor etwa 50 Jahren war es der Franzose Goudot,
durch dessen noch umfangreichere madagascarische In-
sectensammlungen das Berliner Museum einen grossen Zu-
wachs aus dieser Fauna gewann. Ebenso hatCh. Coquerel
Madagascar sehr explorirt.
Im Königl. Museum befindet sich, von Goudot ent-
deckt, eine neue, systematisch sehr wichtige Gattung, welche
Hydatonychus genannt wurde. Die meisten Gattungen
1) Zufällig nicht in der Dytisciden-Familie, welche bekannt-
lich über alle Erdtheile in homogenea Generibus ausgebreitet ist.
des Königl. entomologischen Museums zu Berlin. 385
heimathen auch auf dem benachbarten afrikanischen Con-
tinente, viele sind weit darüber verbreitet, andere finden
sich zahlreich an Arten in der orientalischen Region
und in Australien , mehrere sind unter verschiedenem
Reichthum an Arten über alle Continente der Erde ver-
breitet.
Die Hyphydrus-Arten stehen den afrikanischen, die
Hydro vatus den ostindischen am nächsten. Auch unter
den ostindischen Hydaticus finden sich nahe Verwandte
der madagassischen Arten. Copelatus und Bidessus haben
sehr nahe verwandte Arten in Australien. Selbst der
südeuropäische Bidessus bicarinatus ist mit dem madagas-
sischen costipennis sehr nahe verwandt. Einer der Haupt-
factoren der Aehnlichkeit räumlich so weit getrennter
Species ist in manchen Fällen indessen wohl nur die Aehn-
lichkeit der Lebensweise, in demselben Medium, dem
Wasser. Doch ist die Uebereinstimmung in den generi-
schen Auszeichnungen sicher in jedem Falle auf die ur-
sprüngliche Stammesverwandtschaft und die gemeinsame
Abstammung zurückzuführen.
Folgende Uebersicht repräsentirt die Dytiscidengat-
tungen Madagascars, unter Anführung der Artenanzahl der
madagascarschen Region einerseits und der orientalischen,
australischen und äthiopischen Region andererseits. Die
systematische Anordnung ist der 1882 erschienenen Mono-
graphie der Dytisciden von Dr. D. Sharp entnom-
men *).
1) D. Sharp, On aquatic carnivorous Coleoptera or Dytis-
cidae. Scientific Transactions of the Royal Dublin Society. Vol. II.
(Series II) Part II. 1882 Plate Vü-XVIII.
Archiv f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 25
386
H. J. Kolbe: Ueber die madagas carisclieii Dytisciden
Anzahl der Arten.
I. Dytisci fragmentati.
A. Noterides.
Hydrocoptini
Hydrocoptus . . .
Noterini
Synchortus . . .
Hydrocanthini
* Cantbydrus . . .
Hydrocantbus . .
B. Laccopbilides.
* Laccopbilus . . .
Neptosternus . . .
n. DyiJisci complicati.
A. Hydroporides.
Hy drovatini
Hydatonychus . .
* Hydrovatus . . .
Biddessini
Heterbydrus . . .
* Bidessus ....
Hy pbydrini
^^ Hypbydrus . . .
Hydroporini
* Herophydrus . .
B. Colymbetides.
Agabini
* Copelatus . . .
Coly mbetini
* Rbantus ....
C. Hydaticides.
Hydaticiui
* Hydaticus . . .
Tbermonectini
Rbanticus ....
Cybist rini
* Cybister ....
1
8
1
4
6
3
6
2
10
1
10
Die mit einem * versehenen Gattungen kommen auch in Eu-
ropa vor.
des Königl. entomologischen Museums zu Berlin. 387
Der Hauptschwerpunkt liegt in der Entfaltung der
Noteriden, Hydrovatinen, Hyphydrus, Hydaticus und Cy-
bister. Um einen Begriif von der Verschiedenheit der
Dytiscidenfauna Madagascars von der Europas zu erhalten,
merke man, dass Hydrovatus und die Hydrocanthinen nur
sehr vereinzelt und zumeist in südlicheren Gegenden sich
finden ; ebenso Cybister nur in 1 Art in Nord- und Mittel-
europa. — Andererseits fehlen in Madagascar die Gattungen
Cnemidotus, Haliplus, Brychius, Pelobius, Hydroporus,
Noterus, Ilybius, Agabus, Colymbetes, Dytiscus, Eunectes
und Acilius, welche, mit einigen Ausnahmen, in dem ßeich-
thum und der allgemeinen Verbreitung der Species die
characteristischen Gattungen der Dytiscidenfauna Europas
bilden. Indessen kommt Madagascar in seinen characteri-
stischen Gattungen mit Afrika überein, noch mehr indessen
mit der Fauna des tropischen Asien. Es kommen hier
die verschiedenen Gattungen der Noteriden, die Hydrovatus,
Laccophilus, Hyphydrus, Copelatus, Hydaticus und Cybister
in Betracht.
Von den 69 bis jetzt in der madagascarschen Region
constatirten Species der Familie Dytiscidae sind 63 auf
Madagascar selbst und 6 nur auf den umliegenden Inseln
gefunden. Von den 63 Arten Madagascars leben 19, im
Ganzen also 25 Arten auf den kleineren Inseln der mada-
gascarschen Region. Ferner sind 13 Species über die
Grenzen der Region hinaus verbreitet, einige nur auf der
gegenüberliegenden Küste Afrikas, andere über weitere
Strecken des Continents, sogar bis Südeuropa, wenige über
Südasien und Australien. 50 Arten finden sich nicht ausser-
halb der Madagascarschen Region, und 40 sind auf Mada-
gascar selbst beschränkt.
Die Verwandtschaft mit der Dytisfauna der benach-
barten Continente ist, wie schon gezeigt, nicht zu unter-
schätzen, doch zeigt die Fauna Madagascars eine Selb-
ständigkeit, wie man sie längst aus anderen zoologischen
Gruppen dieser grossen Insel erkannt hat. Ganze Reihen
artenreicher Gattungen, z. B. der Cetoniidae, Buprestidae,
Curculionidae, Carabidae sind nicht ausserhalb Madagascars
gefunden worden.
388 H. J. Kolbe: lieber die madagascarschen Dytisciden
Eine weitere Verbreitung einzelner Arten Dytisciden
über die Grenzen der Region hinaus liegt vielleicht nur
in der leichten Locomotion dieser Thiere begründet. Wohl
kaum verbreiten sich andere Insecten mit einer solchen
Leichtigkeit über weite Strecken, als die Dytisciden; selbst
nicht zu breite Meere und Meeresarme sind für sie keine
Barrieren. Die südeuropäischen Cybister tripunctatus
Oliv., binotatus Klug und senegalensis Aube gehören auch
zur Fauna Madagascars, wo indessen erstere Art sich zu
einer besonderen Rasse cinctus Sharp und die zweite sich
zu madagascariensis ausgebildet hat. Diese weite Ver-
breitung über ein so grosses Areal ist gewiss nur die Folge
von dem kräftigen Flugvermögen; denn die genannten
Species gehören zu den grössten der Familie, deren kräf-
tige Flügel eine gute Ausdauer beim Fliegen constatiren,
während ihre Körpergrösse gewaltigen Naturhindernissen,
etwa Stürmen, leichter Widerstand leisten kann als die
winzige Grösse der kleinen Arten. Nur noch von mittel-
grossen Arten sind einige mehr oder weniger weit ver-
breitet; sie gehören zu den Gattungen Neptosternus, Cope-
latus, Rhanticus und Hydaticus. Auch der kleine Cybister
auritus Gerst. findet sich ausserhalb Madagascars in Zan-
zibar. Wie die Uebersiedelung stattfand, ob von hüben
und drüben von Madagascar oder vom Continent Afrika
aus, ist wohl in keinem Falle sicher zu entscheiden, weil
die Beobachtung darüber nichts zuwege gebracht hat.
Wahrscheinlich mag es sein, dass letztgenannte Cybister-
Art ursprünglich nur Madagascar angehörte, weil sie auf
dem Continent nur ein beschränktes Vorkommen zu be-
sitzen scheint.
Vielfach mag die gegenseitige Mittheilung von Arten
nur auf dem Luftwege stattgefunden haben; möglich ist
es aber auch, dass in sehr entlegener Zeit eine grössere
continentale Annäherung, vielleicht sogar eine unmittelbare
Verbindung zwischen Madagascar und Afrika bestand, die
eine beiderseitige Einwanderung von bisher fremden Ele-
menten voraussetzt und die Vermuthung aufkommen lässt,
dass auf diesem Wege die Gemeinsamkeit der Gattungen
auch kleiner Species, die im Laufe der Zeit sich beider-
des königl. entomologischeu Museums zu Berlin. 389
seits zu selbständigen Formen herausbildeten, herbeigeführt
worden ist. Eine continentale Verbindung Madagas-
cars mit Afrika kann indessen eventl. nur in einer sehr
alten Zeitperiode bestanden haben. Nach meiner Meinung
(denn ich finde darüber gerade keine literarischen Daten)
kann eine etwaige derartige Verbindung Madagascars mit
dem benachbarten Festlande nicht nach den ersten Epochen
der Eocenperiode existirt haben, obgleich hier auch ein
Hippopotamus lebte; denn die lemuroiden Affen, die für
Madagascar so sehr characteristisch sind, und wovon 2
Unterfamilien mit mehr als 30 Arten nur hier vorkommen,
finden sich in Afrika, ähnlich wie in Ostindien nur in ei-
nigen viel fernerstehenden und besonderen Unterfamilien
angehörenden Gattungen. Auch die übrigen Säugethiere
Madagascars sind fast ohne Ausnahme eigenthümliche und
phylogenetisch alte Gattungen, wie die Viverriden und
Centetiden, Cryptoprocta etc. Es scheint daher, dass die
Fauna Madagascars von der Afrikas schon frühzeitig durch
eine unübersteigliche Barriere getrennt worden ist. Ebenso
finden sich von anderen Familien der Säugethiere, die der
Eocenperiode entstammen, hierfür merkwürdige Belege;
denn von Edentaten, die für Afrika, speciell Südafrika
characteristisch sind, lebt in Madagascar nichts.
Eine selbständige Entwickelung des Thierlebens Ma-
dagascars während so langer Zeiträume der Isolirung ist
daher begreiflich, der Keichthum endemischer Arten nur
das Kesultat dieser Isolirung und selbständigen Entwicke-
lung, ohne fremde Influirung. Nur beiläufige Immigrationen
mögen vielleicht Elemente sein, welche die unausschliess-
liche Selbständigkeit der madagascarschen Fauna in ei-
nigen Beziehungen stören möchten. Dieselben sind daher
bei einer Betrachtung der zoogeographischen Verhältnisse
Madagascars thunlichst zu berücksichtigen, um möglichst
das unverfälschte Bild dieser Fauna zu eruiren. In diesem
Betracht sind die mit einem ausdauernden Flugvermögen
ausgerüsteten Insecten, zumal die Dytisciden, aber wohl
nur die grösseren Formen, nicht gut geeignet, wenn wir
nicht die proponirten fremden Erscheinungen ausser Acht
zu lassen im Stande sind. Es scheint mir, dass Cybister
390 H. J. Kolbe: Ueber die madagascarschen Dytisciden
senegalensis, Hydaticus leander, H. Petita und Rhanticus
congestus erst nach der Isolirung Madagascars hierher ein-
gewandert sind.
Die obige Uebersicht der geographischen Verbreitung
der madagascarschen Gattungen belehrt uns über die ver-
wandtschaftliche Stellung der Fauna Madagascars zu den
benachbarten Continentalfaunen. Wenn wir nunmehr diese
Seite unserer Betrachtungen mit schärferen Augen ansehen,
so werden dem aufmerksamen Forscher höchst interessante
geographische und faunistische Probleme offenbar.
Es ist annehmbar, dass Madagascar, wenn je eine
continentale Verbindung dieser grossen Insel mit einem
der näheren Continente bestanden bat, in seiner organischen
Welt noch jetzt demjenigen Continent in etwa gleicht, mit
dem es früher ein zusammenhängendes Ganze bildete.
Deshalb treten wir an die Frage über diese Verwandt-
schaften heran und betrachten hier das Verhältniss zu der
Fauna der äthiopischen, orientalischen und australischen
Region. Diese zoologischen Regionen sind hier im grossen
Ganzen aufzufassen, wie sie Alfred Rüssel Wallace
lehrt. — Madagascar besitzt merkwürdigerweise einen ähn-
lichen Reichthum an Species, wie die orientalische Region
und ist dadurch sehr verschieden von dem ärmeren Afrika.
Auch zeigen manche Species eine nähere Verwandtschaft
mit orientalischen als mit afrikanischen, obgleich eine
ziemliche Reihe von Arten mit afrikanischen, aber nicht
mit indischen Arten identisch ist. Mögen folgende Puncte
mit den näheren Details und den, wie man finden wird,
recht eigenthümlichen Beziehungen der Dytiscidenfauna
Madagascars zu der der benachbarten Continente den ge-
neigten Leser bekannt machen.
1. Diejenigen Gattungen, welche in allen Erdtheilen
leben, sind auf Madagascar und in der orientalischen
Region artenreicher als in Afrika.
2. Sämmtliche kleinen Species (kaum mit einer Aus-
nahme) sind der madagascarschen Region eigenthüm-
lich; von den mittelgrossen und grossen Arten sind die
meisten über die Region hinaus verbreitet.
3. Diejenigen Gattungen, welche die grösseren und
des königl. entomologischen Museums zu Berlin. 391
grössten Dytiscidenformen in sich fassen, sind in Afrika
und in dem tropischen Asien verhältnissmässig zahlreich,
in Australien aber viel sparsamer.
4. Die nach meiner Auffassung zu den phyloge-
netisch älteren Gruppen gehörenden Gattungen Bidessus
und Copelatus sind in Madagascar, Afrika und Südasien
mehr oder weniger sehr sparsam vertreten, in Australien
aber reich an Arten (20 und 26 Arten).
5. Gattungen, welche Madagascar nicht mit der ori-
entalischen Kegion gemeinsam hat, finden sich auch nicht
in Australien (Herophydrus, Neptosternus, Synchortus,
Heterhydrus, Hydatonychus).
6. Die meisten Gattungen sind sowohl in Madagascar
(trotz des viel kleineren Areals), als auch in der orienta-
lischen Region artenreicher als in Afrika (Canthydrus,
Bidessus, Hyphydrus, Hydrovatus, Laccophilus, Copelatus
und Hydaticus).
7. Madagascar hat mit der äthiopischen Region
15, mit der orientalischen 12 und mit der australischen 11
Genera gemeinsam.
8. Andererseits fehlen in der madagascarschen Re-
gion 13 Genera der äthiopischen, 7 der orientalischen und
17 der australischen Region.
9. Die kleineren und kleinsten Arten sind denen
der orientalischen und australischen Fauna näher
verwandt als denen der äthiopischen Region.
10. Die Dytisciden der Fauna Madagascars stehen
überhaupt den orientalischen und australischen näher als
den afrikanischen.
11. Cybister cinctus Sharp steht in sehr naher Be-
ziehung zu der südasia tischen Form des tripunctatus
Oliv.; madagascariensis Aube ist hingegen sicher eine zur
selbständigen Species sich ausbildende Rasse des afrika-
nischen binotatus Klug.
Erklärung der vorstehenden 11 Puncte.
1. Wenn Madagascar ehemals eine continentale Ver-
bindung mit der orientalischen Region hatte, so wird sich
392 H. J. Kolbe: üeber die madagascarschen Dytisciden
das reiche Thierleben dieses ehemaligen grösseren Conti-
nents über das ganze Land verbreitet haben, von welchem
jetzt nur Madagascar im Südwesten und Indien nebst dem
Archipel im Nordosten übrig geblieben sind. Afrika,
welches auch von anderer Seite für reiche Einwanderungen
nicht völlig zugänglich war, erhielt auch von der mada-
gassisch-orientalischen Fauna keinen Zufluss. Daher einer-
seits der Speciesreichthum Madagascars, andererseits die
Armuth Afrikas.
2. Als Madagascar bereits isolirt war, vielleicht aber
dem Continente Afrika noch näher gerückt war als gegen-
wärtig, vielleicht in einer Ausdehnung bis zu den Comoren,
in der Zeitperiode Madagascars wurden, wie es mir scheint,
manche der grösseren Formen von Dytisciden von hüben
und drüben verschlagen, so dass beide Faunen von ihren
Species sich mittheilten. Die kleineren Species wagten
sich nicht in die Lüfte und in die Strömungen des Meeres
und blieben hier wie dort in ihren alten Wohnsitzen.
3. Die grösseren Dytisciden, Hydaticus, Sandracottus,
Cybister etc., sind in Madagascar, Afrika und Südasien
viel zahlreicher als in Australien, wo nur bezw. 6, 2 und
2 Species gefunden sind, während man aus der orienta-
lischen Region 9, 8 und 22, aus der madagascarschen und
afrikanischen, wo Sandracottus nicht heimathet, 10, 10 und
8, 12 kennt. Die Ursache dieser Minderheit in Australien
scheint die zu sein, dass diese Gattungen jüngeren phylo-
genetischen Zweigen entstammen und sich in verschiedenen
Species differenzirten, nachdem Australien von dem austro-
indischen Continente bereits separirt war. Daraus leuchtet
hervor, dass eine Verbindung Madagascars mit Australien
früher gelöst war als mit Indien; und es hat vielleicht
eine Verbindung Australiens mit Madagascar nur auf dem
indirecten Wege über den Sundatheil des madagasso-indi-
schen Continentes stattgehabt.
4. Währenddessen haben sich die phylogenetisch
älteren Gattungen Bidessus und Copelatus in Australien
reich entwickelt, erstere in 20, letztere in 26 Species. Aber
die Trennung von dem Sunda-Archipel und Indien Hess
keinen Austausch oder eine weitere Verbreitung der Arten
des königl. enlomologischen Museums zu Berlin. 393
ZU Stande kommen. Daher die Armuth der orientalischen
Region und Madagascars an Arten aus diesen Gattungen.
5. Phylogenetisch jüngere Gattungen, wie die oben
unter 5 erwähnten, scheinen sich erst nach der Trennung
von dem madagasso-indischen Continente entwickelt zu
haben. Sie leben deswegen nicht in Indien, aus demselben
Grunde auch nicht in Australien, sondern nur in Madagas-
car-Afrika.
6. Das bereits unter 2 Gesagte gehört auch hierher.
7. Nach der Trennung Madagascars von dem mada-
gasso-indischen Continente ging also seine Fauna (jedoch
vermuthlich in irgend einer geringen Verbindung mit
Afrika), einer selbständigen Entwickelung entgegen. Neue
Gattungen scheinen sich ausgebildet zu haben (Neptosternus,
Heterhydrus, Hydatonychus) und andere eingewandert zu
sein (Herophydrus, Synchortus, andere Typen von Hyphy-
drus). Diese Einwanderungen haben anfangs wohl auf
dem Landwege, später auf dem unter 1. bezeichneten Luft-
oder Wasserwege stattgefunden. Die gegenwärtig grössere
Anzahl der Madagascar und Afrika gemeinsamen Gattungen,
gegenüber der geringeren der orientalischen Region, ist
daher erklärlich, obgleich die Verwandtschaft der Species
der mit der orientalischen Region gemeinsamen Gattungen
und der analoge Speciesreichthum derselben sich viel mehr
dieser Region zuneigt.
8. Das Fehlen der 13 äthiopischen Gattungen in der
madagascarschen Region bezeugt die schon seit langer
Zeit bestehende Kluft zwischen beiden Regionen. Nur
7 orientalische Gattungen fehlen Madagascar; allerdings
beherbergt die orientalische Region auffallend wenig Genera
(nur 19, Madagascar 17) bei grossem Reichthum an
Arten. Viel ferner steht Australien mit 17 nicht auf Ma-
dagascar vorkommenden Gattungen, die grösstentheils (10)
der Region eigenthümlich sind, in Folge früherer Sepa-
rirung und langer Isolirung.
9. Unter den kleinen und kleinsten Species befinden
sich die phylogenetisch ältesten Gattungen der Dytisciden-
familie. Da nach unserer Ansicht und auf Grund unserer
Schlussfolgerungeu Madagascar im Anfang eine continentale
394 H. J. Kolbe: lieber die madagascarschen Dytisciden
Verbindung mit dem sunda-indischen Continente hatte, ohne
im Westen mit dem afrikanischen Continente zusammen-
zuhängen, so verbreiteten sich naturgemäss die Dytisciden
über diesen madagasso-indischen Continent, dessen indo-
oceanischer Rumpf demnächst durch eine plutonische Ka-
tastrophe verschwand und nur das gebirgige Madagascar
nebst kleineren Inseln im Südwesten zurückliess. Daher
die noch nahe Verwandtschaft nicht nur der grösseren,
sondern auch der kleinen Formen mit denen der orienta-
lischen und auch der australischen Region.
10. Hier werden einige madagassische Species, unter
Beifügung der sehr nahe verwandten indischen oder austra-
lischen Species, aufgeführt.
Hydaticus dorsiger Dup. prope luzonicus Esch.
(Manilla).
Hydaticus bivittatus Lap. prope vittatus Fbr. (Süd-
ostasien und Australien), philippensis Wehnke
(Philippinen) und ßowringi Clk. (Japan, China,
Australien).
Indessen steht Hydaticus ornatus n. sp. dem üs-
heri Clk. (Oberguinea) am nächsten.
Colymbetes latus Fairm. am nächsten mit einigen
australischen Arten verwandt.
Copelatus elongatus n. sp. hat die unmittelbarste
Verwandtschaft mit den zahlreichen (17) glatten
Arten Australiens und der 1 Art vom Himalaya,
welche die erste Speciesgruppe der Gattung in
Sharp's Monographie bilden.
Canthydrus concolor Sharp am nächsten einer Art
von Hongkong.
Hydrovatus nigricans Sharp äusserst nahe mit pi-
cipennis Motsch. in Ceylon und Siam verwandt.
Ueberhaupt stehen die Hydrovatus Madagascars
den indischen Species näher als den afrika-
nischen.
Bidessus perexiguus n. sp. ist mit den kleinen Bi-
dessus-Arten von Ceylon, Sumatra, Siam etc.
und mit dem australischen basalis Mach, ausser-
dem plagiatus n. sp. mit dem australischen
des kÖDigl, entomologischen Museums zu Berlin. 395
bistrigatus Clk. sehr nahe verwandt. Aus der
äthiopischen Region ist nur 1 weniger nahe ver-
wandte Art bekannt.
11. Die nicht vollständig zur Ausbildung gelangte
Färbung des Chitinskelets der Coleoptera besteht in einem
hellen, meist bräunlichen Gelb. Obgleich das Chitinskelet
bald nach dem Ausschlüpfen aus der Puppe sich erhärtet
und damit gewöhnlich eine dunkle Färbung annimmt, so
gibt es doch manche Arten, welche die helle Färbung
(das Bild einer unreifen, weniger ausgebildeten und
weniger vollkommenen Form) als einen Charakter ihrer
Art dauernd das ganze Lebensstadium hindurch be-
halten. Daraus folgt , dass die mit der Erhärtung
der Chitinhtille bald dunkel gefärbten Arten sich in
einem höheren Stadium der phylogenetischen Entwicke-
lung befinden. Unter den Dytisciden i. sp. Cybister ist
ein Theil der Arten breit gelb berandet, andere sind ganz
dunkel gefärbt. Die ersteren würden die weniger ausge-
bildeten, die letzteren die phylogenetisch jüngeren Species
sein. Einen interessanten diesbezüglichen Fall haben wir
vor uns in den oben unter 11. bezeichneten Species. Cy-
bister cinctus Sharp ist ein directer Sprössling der orien-
talischen Rasse des weitverbreiteten tripunctatus Oliv.;
madagascariensis eine solche von dem afrikanischen bino-
tatus Klug. Tripunctatus ist eine breit gelbgerandete
Species, binotatus hingegen ist ganz dunkel gefärbt. Dieser
gelbgerandete Tripunctatus wurde der Fauna Madagascars
mitgetheilt, als die madagasso-indische Landverbindung
noch bestand. Erst nach der Trennung Madagascars von
dem indischen Festland wanderte von Afrika her C. bino-
tatus in Madagascar ein. Beide Species haben sich hier
zu selbständigen Formen ausgebildet. Dass nun der ältere
Tripunctatus längere Zeit zur selbständigen Ausbildung zur
Verfügung hatte, als der jüngere Binotatus, und in Folge
dessen Tripunctatus sich weiter von der Stammart entfernte,
als Binotatus, dafür spricht auch der Umstand, dass D«
Sharp die Tripunctatus-Rasse bereits als selbständige Ari
beschreibt, weil sie reichlich von der Stammart sich diffe-
396 H. J. Kolbe: lieber die madagascarschen Dytisciden
renzirt hat, während er die Rasse des Binotatus noch in
Verbindung mit dieser Art aufführt.
Also ist C. binotatus phylogenetisch für jünger zu
halten als C. tripunctatus. Es scheint mir, dass während
der Zeitperiode des madagasso-indischen Contineutes diese
Art wirklich noch nicht zur Entwickelung gelangt war,
noch nicht existirte; es wäre ihr doch sonst ein leichtes
gewesen, sich schon zu der Zeit weiter zu verbreiten, so
dass sie gleichzeitig mit Tripunctatus den untergegangenen
continentalen Landstrich belebte und sich bis Indien ver-
breitet hätte, und jetzt noch dort zu finden wäre, was
nicht der Fall ist.
In Madagascar erfreut sich also die Binotatus-Rasse
sicherlich nicht eines so langen Bürgerrechtes, als die
Tripunctatus- Rasse, 1) aus dem oben gedachten Grunde,
dass Binotatus sich sonst auch in Indien oder auf den
Sunda-Inseln finden müsste, neben Tripunctatus; und 2)
indem wir annehmen, dass beide Formen, unter demselben
Einfluss der äusseren Verhältnisse, dieselbe Zeitdauer zu-
rücklegen müssen, um denselben Grad der Abweichungen
von der Stammform zu erreichen, was hier nicht der Fall
und folglich die weniger differenzirte Binotatus-Rasse erst
in einer späteren Zeit anfing, sich morphologisch zu ver-
ändern, d. h. erst später ein Bürger Madagascars wurde
als Tripunctatus.
Diese Betrachtungen der Zoogeographie und Phylo-
genie der Dytiscidenfauna Madagascars sind dem jetzt
folgenden speciellen Theile, welcher die systematische Auf-
zählung und Characterisirung der Species enthält, voraus-
geschickt. Es befinden sich in der Königlichen Sammlung
43 Species, deren Beschreibung hier vollständig original
ist. Die Arten, welche Klug beschrieben hat, befinden
sich im Museum in den typischen Stücken. Bei jeder
Gattung ist die geographische Verbreitung erwähnt, jeder
Species gleichfalls das etwaige weitere Vorkommen beige-
fügt. Als bisher noch unbeschrieben wurden 11 Species
aus den Gattungen Hydrovatus, Bidessus, Hydrocanthus,
Copelatus, Hydaticus und Cybister erkannt. Bisher war,
des königl. entomologischen Museus zu Berlin. 397
wie erwähnt, die Zahl der neuen Species noch grösser,
betrug nämlich 22. Da erschien das grosse Werk von
David Sharp, welches der Voraussetzung entsprach, dass
mehrere neue Species hier schon beschrieben seien. Auch
die Zahl der überhaupt von Madagascar bekannten Arten
betrug vor kurzem nur 50, wovon 43 im hiesigen Königl.
Museum. Der Zuwachs aus Sharp's Werk bringt die
Zahl der madagascarschen Dytisciden, einschliesslich der
von mir jetzt beschriebenen neuen Species, auf 63 Species.
Am Schlüsse dieser Abhandlung sind die sämmtlichen üb-
rigen Dytisciden Madagascars (20 Species), sowie die 6
bisher nur auf den madagascarschen Inseln gefundenen
Arten unter Beifügung der Characterisirung, die der Autor
an dem respectiven Orte geliefert, in einigen Fällen, wie
sie Sharp angewandt hat, aufgeführt.
Diese Beigabe ist ein sachlicher Vortheil, in der
Weise, dass wir in dieser Abhandlung nicht allein eine
Vorführung des Museumsmaterials, sondern der gesammten
bis jetzt bekannten Dytiscidengattungen und Species ge-
winnen, was sowohl gegenwärtig von wissenschaftlichem
Nutzen, als auch einem späteren Bearbeiter der madagas-
carschen Dytisciden willkommen ist.
Nach der Classification des Dr. D. Sharp, welche
wir an diesem Orte ohne nähere Erörterung vorläufig in
Anwendung bringen wollen, gestaltet sich die systematische
Anordnung der madagascarschen Dytisciden in der Weise,
wie sie in folgendem angewandt worden ist.
I. Dytisci fragmentati.
A. Noterides.
Genus Hydrocoptus Motsch.
Madagascar, orientalische Region (Java, Nordindien,
Slam, Borneo) und Nordaustralien.
1. H. seriatus Sharp 1. c. No. 11.
Longulus, parum et retrorsum convexus, lateribus
parallelis, postice vix attenuatus, fusco-ferrugineus, capite
398 IL J. Kolbe: Ueber die madagascarschen Dytisciden
et thorace laete ferrugineis; elytrorum plagis tribus longi-
tudinalibus fuscis, obsoletis, suturali et discoidali fusis,
illa ad apicem perdueta; thorace infra marginem anticum
leviter transversim punctato-sulcato, medio utrinque inter-
rupto, punctis 4—5 sat grossis, aequaliter remote distanti-
bus; elytris seriatim punctato-striatis, punctis plus niinusve
subtilibus, densis, interstitiis exterioribus singulatim distincte
vage punctatis. Subtus ferrugineus.
Long. 272—27* mm.
Madagascar orientalis (Goudot).
Am nächsten verwandt mit Hydrocoptus vittatus Sharp
(Nordindien und Borneo), nur etwas grösser und mit deut-
licheren Punctreihen auf den Flügeldecken. Auch H. bi-
vittis Motsch. (Nordindien) steht der madagascarschen Art
sehr nahe.
Genus Synchortus Sharp.
Madagascar, Westafrika und Mosambique.
2. S. duplicatus Sharp 1. c, No. 17.
Oblongo-ovalis, postice leviter attenuatus, fuscus, ni-
tidus, capite thoraceque castaneo-ferrugineis, subtus brunneus,
capite et thorace fere glabris, hoc ad latera antrorsum
leviter rotundato; elytris glabris, apice lateribusque, disco
minus, laxe et obsolete, nee profunde, punctatis, apicem
versus et postice levissime pilosulis; processu prosternali
subito dilatata, parum lata, in medio laevi, lateribus
punctatis.
Long. 3,5 — 4 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Sehr nahe verwandt mit Synchortus simplex Sharp
(Gaboon, Westafrika), aber doppelt so gross als dieser.
Ausserdem noch 2 Species in Madagascar (s. unten).
Genus Canthydrus Sharp.
Madagascar, äthiopische Region (je ein Species in
West- und Südafrika), orientalische Region (zahlreich),
paläarktische Region (sehr vereinzelt au den südlichen
des königl. entomologischen Museums zu Berlin. 399
Grenzen, paläarktische und nearktische Region (in letzterer
zahlreich).
3. C. concolor Sharp 1. c. No. 51.
Ovalis, postice sat attenuatus, convexus, laete fulvus,
nitidulus, elytris postice cum sutura margineque fuscescen-
tibus, subtus ad abdomen brunneus; capite et thorace
glaberrimis, hoc ad latera aequaliter et levissime rotundatis ;
elytris glaberrimis, remote et laxe subseriatim obsolete
punctulatis; processu prosternali sensim dilatata, sat lato,
laevi, linea laterali impressa, punctulis ad basin versus
mediocribus.
Long. 2,5 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Sehr ähnlich dem Canthydrus flavus Motsch. (Ostin-
dien, Slam, Formosa).
4. C. guttula Aub6. Spec. Hydroc. p. 410.
Oblongo- ovalis, valde convexus, postice attenuatus,
niger, nitidus, ore, antennis, thoracis angulis anticis, gut-
tula elytrorum parva, rotundata, ultra medium propius
latera posita, ferrugineis; serie punctorum discoidali dup-
licata punctulisque sparsis, ad latera et in parte apicali
paulo distinctis ; processu prosternali sensim attenuato, sat
lato, subtiliter rugoso, punctulato, nusquam laevi.
Long. 274 — 3 mm (die Goudot'schen Stücke 3V3 mm).
Madagascar or. (Goudot), interior austral. (Hilde-
brandt).
Nahe verwandt mit C. notula Er. (Angola, Tanger,
Aegypten) und mit arabicus Sharp (Arabien) — Auch auf
Mauritius.
Var. a frontalis: fronte cum clypeo flavis (Hilde-
brandt 2 Exemplare.)
Var. b macularis: elytro utroque ornato plagis ultra
medium duobus lutescentibus, magnis, longis, longitudina-
libus (Goudot 1 Expl.).
400 H. J. Kolbe: üeber die madagascarschen Dytisciden
Genus Hydrocanthus Say.
Madagascar, vereinzelt in der äthiopischen, orienta-
lischen und australischen, wenig zahlreicher in der neotro-
pischen und nearktischen Region.
5. H. funebris Fairmaire, Ann. Soc. entom.
de France 1869 p. 188.
Oblongus, latus, valde convexus, niger, anthracinus,
nitidus, labro et antennis ferrugineis, thorace in lateribus
brunneo, leviter rotundato, infra marginem anticum et po-
ticum, hoc levissime tantum, transversim profundato, puncto
antescutellari impresso nullo; elytris ad basin simpliciter
transversim punctato-striatis, in disco obsolete triseriatim
punctatis, punctis seriei propesuturalis apicalibus remotis,
vix seriatis; processu prosternali parum elongato, dilatato,
apice fere obtuso, leviter bisinuato, supra laevi, basi late-
ribusque obsolete punctatis.
Long. 5^4— 6V2 mm.
Madagascar or. (Goudot), int. austr. (Hildebrandt).
Steht wegen seiner Grösse dem H. grandis Lap.
(Westafrika) und dem H. Deyrollei Sharp (ibid.) am nächsten.
Auch H. australasiae Wehncke (Nordaustralien) ist mit der
madagascarschen Art sehr nahe verwandt.
6. H. gracilis n. sp.
Oblongo-ovalis, haud fortiter convexus, postice valde
attenuatus, niger, nitidus, leviter nigro-picescens, fere le-
vissime aeneo perfusus, subtus piceus, ore, antennis, late-
ribus thoracis brunneis, his sat rotundatis, puncto antescu-
tellari sat profundo; elytris ad basin leviter transversim
lineariter impressis, impressione vix punctata, disco distincte
triseriatim punctatis, Stria suturali apice abrupta; processu
prosternali sat brevi, inter coxas anticas coarctato, sensim
dilatato, apice fere obtuso, levissime rotundato, supra cre-
berrime punctato.
Long. 6,5 mm.
Madagascar int. austr. (Hildebrandt). Rarissime iu-
ventus.
des königl. entomologischen Museums zu Berlin. 401
Diese Art kann mit H. funebris verwechselt werden,
ist aber sogleich durch die Verschiedenheit des Proster-
nalfortsatzes zu unterscheiden. Im übrigen ist Gracilis
bei gleicher Länge schmäler und flacher; die Punctstreifen
der Flügeldecken sind deutlicher, letztere an der Basis
mit einer eingedrückten, kaum punctirten Linie versehen.
Auch ist die Färbung der Oberseite kein reines Schwarz;
dieselbe ist vielmehr pechartig durchscheinend und, mit
funebr is verglichen, mit einem leicht metallischen Scheine
überhaucht.
B. Lacoophilides.
Genus Laccophilus Leach.
Ueber alle Regionen der Erde verbreitet. Die nächsten
Verwandten der madagascarschen Arten vorzüglich im
tropischen Asien, weniger in Australien und Afrika.
7. L. lateralis Sharp 1. c. No. 148.
Mediocris, obscurus, capite thoraceque testaceis, hoc
ad marginem anticum et posticum in medio sat late nigro;
elytris fere in medio levissime ampliatis, nigro-suffusis,
hinc et illinc, praesertim in parte posteriore, flavidis, pel-
luscentibus, marginibus testaceis, intra hos distincte ab-
ruptim lineatis, macula obliqua humerali testacea; subtus
niger, nitidus, segmentis abdominalibus ad marginem pos-
ticum et apicem Ultimi testaceis; abdomine in medio, prae-
sertim in segmento postico, longitudinaliter subcarinato.
Long. 3^4 mm. Madagascar int. austr. (Goudot).
Von den beiden folgenden Arten durch geringere Grösse,
sowie oberseits und unterseits durch viel dunklere Färbung,
namentlich aber durch die fast kielförmige Aufdachung
der Hinterleibsunterseite verschieden.
Scheint die von Sharp I. c. unter lateralis be-
schriebene Art zu sein.
8. L. rivulosus Klug, Ins. Mad. p. 136.
Testaceus, capite postice, thorace antice maculaque
Archiv f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 26
402 H. J. Kolbe: Ueber die madagascarschen Dytisciden
sinuata postica nigris; elytris in medio leviter arapliatis,
lineis fuscis, leviter undulatis, duplicatis, numerosis, ad
latera maculis tribus pallidis ornatis; subtus testaceus vel
rufotestaceus ; segmentis abdominalibus ultimis nigrescen-
tibus, ultimo vix subcarinato.
Long. 5 mm.
Madagascar or. (Goudot).
9. L. complicatus Sharp 1. c. No. 151.
Pallide testaceus, capite ad marginem posticum, tho-
race antice subnebulose, postice anguste, vix late sinuato,
nigris; elytris ante medium leviter ampliatis, mox satis
angustatis, eorumque lineis dorsalibus fuscis, valde undu-
latis, fere irregularibus, haud duplicatis, numerosis, mar-
ginibus pallidis maculaque singula utrinque juxtascutellari
rhomboidal! testacea; subtus testaceo-pallidus, pectore pos-
tico abdominisque lateribus fuscis; segmento ultimo sub-
carinato.
Long. 4V4 — 4^4 mm.
Madagascar or. (Goudot), inter. austr. (Hildebrandt).
Ausserdem sind noch 3 Species von Laccophilus in
Madagascar. gefunden, davon 1 auch auf Mauritius, nebst
2 ferneren Arten, welche auf letztere Insel beschränkt sind.
II. Dytisci complicati.
O. Hydroporides.
Genus Hydatonychus (nov. gen.).
In 1 Species bekannt und auf Madagascar beschränkt.
Corpus crassum, breve, convexum, processu prosternali
apice dilatata, unguiculis pedum posterior um aequalibus,
anticorum validis, valde elongatis, exteriore arcuato,
crassiore, interiore recto, lineari, parum breviore; clypeo
marginato; antennis maris in medio crassatis, articulis
5. parum, 6. et 7. valde, 6. maxime latis, compressis, folia-
ceis, ceteris tenuibus, feminae simplicibus, tenuioribus,
sed intus fere serratis; elytris apice acuminatis.
des königl. entomologischen Museums zu Berlin. 403
Diese Gattung steht Hydrovatus sehr nahe, unterscheidet
sich aber durch die in der Mitte sehr verbreiterten Fühler-
glieder und die ausserordentliche Entwickelung der Vorder-
klauen.
10. H. crassicornis n. sp.
Obscure ferrugineus, nitidus, capite thoraceque palli-
dioribus, antennis pedibusque et subtus testaceis; elytris
obsolete fuscescentibus, vix nebulose maculatis, distincte,
sed fere subtiliter, haud densissime punctatis.
Long. 2V3— 2V2nim.
Madagascar or. (Goudot).
Diese Species ist eine interessante und für die Syste-
matik wichtige Form. Schon die Bildung des Prosternal-
fortsatzes, der hinten in starker Verbreiterung sich dem
Metasternum anschliesst, und durch welches Merkmal sich
die Hydrovatinen auszeichnen, spricht für eine nähere
Verwandtschaft mit den Noteriden. Auch die zugespitzten
Flügeldecken erinnern an letztere Gruppe, die ganze Körper-
form namentlich an Suphis und Colpius. Sogar besitzt
Hydatonychus im männlichen Geschlecht die merkwürdig
aufgetriebenen mittleren Fühlerglieder, gleichwie Noterus.
Genus Hydrovatus Motsch.
Zahlreich in der orientalischen, weniger in den sämmt-
lichen übrigen Regionen der alten und neuen Welt.
11. H. dilutus n. sp.
Brevis, convexus, nitidulus, subdense punctulatus,
piceo-niger, subtus fuscescens, capite castaneo, in medio
obscuriore, thorace ad latera diffuse rufocastaneo, elytro
utroque fasciis duobus transversis, posteriore sinuata, sutu-
ram non attingentibus, in lateribus inter se et cum macula
tertia anteapicali conjunctis, ornato; clypeo in medio trun-
cato, fere subemarginato, capite supra opaco vel subnitido,
subtilissime et remote punctato, juxta oculos oblique longi-
tudinaliter impresso; thorace in disco subtilius, ad marginem
posticum late et subrugose punctulato, propius latera laevi,
404 H. J. Kolbe: Ueber die madagascarschen Dytisciden
marginibus punctatis ; elytris distincte et haud dense punc-
tulatis, Seriebus tribus regularibus.
Long. 2V2nim.
Madagascar or. (Goudot).
Dem H. cuspidiatus Kunze (Europa) und obtusus
Motsch. (Ind. or.) in Grösse und Form sehr ähnlich, in der
Färbung dunkler.
12. H. nigricans Sharp 1. c. No. 212.
Major, crassus, subovatus, piceus, fere niger, concolor,
nitidulus, sat dense punctatus, subtus castaneo-brunneus,
capite piceo-pelluscente, clypeo brevi, antice truncato, supra
leviter convexo, glabro, subtilissime dense punctulato,
punctis vix conspicuis , antice juxta oculos transversim
impresso; thorace fere subrugose et distincte, in disco haud
subtilius, punctato, prope latera fere laevi, ad haec ipsa
Serie punctorum accumulata, linea mediana longitudinali
laevi; elytris sat dense punctatis, seriebus obsoletis aut
nullis, interiore ad basin distinctiore.
Long. 3V4— 4V4nim.
Madagascar or. (Goudot).
13. H. cruentatus n. sp.
H. nigropiceo similis, sed crassior, brevior, nigro-
castaneus, rubro-castaneo-maculatus, capite rufo-piceo, clypeo
brevi, antice distincte emarginato, supra subtiliter et remo-
tius punctato, impressione juxtaoculari antice lata, retrorsum
elongata; thorace castaneo, margine antico late, postico
anguste nigricante, distincte et leviter subrugose punctato,
punctis disci subtilioribus, ad latera versus sparsioribus
subtilissimisque, ad marginem lateralem distinctis et den-
sioribus; elytris castaneis, basi, sutura, disco, macula ante-
apicali diffuse atris, punctulatis, punctis fere densis et sub-
tilibus, subtilioribus quam in H. nigropiceo, seriebus tribus
punctigeris a basi usque ad apicem plus minusve distinctis.
Long. 4 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Dem H. nigropiceus ähnlich, aber von dickerem,
des königl. entomologischen Museums zu Berlin. 405
kräftigerem und verhältnissmässig kürzerem Körper, und
durch das ausgerandete Kopfschild, abweichende Sculptur
des Kopfes, Halsschildes und der Flügeldecken, sowie
durch die mannigfaltige Färbung verschieden.
14. H. subpunctatus n. sp.
Major, brevis, latus, supra ater, opacus, glaber, mar-
ginibus piceis, castaneo dilutis, capite piceo, antice juxta
oculos longitudinaliter impresso, supra subtilissime remotius
punctato; thorace atropiceo, glabro, lateribus brunneis supra
subtiliter subpunctatis, lateribus impunctatis; elytris in
disco subtiliter subpunctatis, lateribus laevissimis, seriebus
tribus punctigeris distinctis, inter has serie singula, con-
stituta punctis, inter se valde remotis.
Long. 4,5 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Breiter und kürzer als die vorigen Arten, auch dunkler
und nur auf der Scheibe matt. Ausgezeichnet durch die
zwischen den gewöhnlichen Punctreihen reihenförmig an-
geordneten und weit getrennten Puncto. Die übrige Punc-
tirung auf der Scheibe fast verschwindend.
Hydrovatus.
1. Elytris aequaliter et distincte punctulatis:
a. Clypeo plus minusve obtuso.
a. Vertice subtilissime remote punctato,
juxta oculos oblique longitudinaliter
impresso , elytris haud dense punc-
tatis dilutus.
ß. Vertice subtilissime dense punctato, juxta
oculos transversim impresso, elytris sat
dense punctatis .... nigricans.
b. Clypeo distincte emarginato, vertice subtiliter
remote punctato, fronte juxta oculos ante
marginem anticum longitudinaliter retrorsum
impressa, elytris fere dense, subtiliter punc-
tatis cruentatus.
2. Elytris in disco obsoletius punctatis, lateribus
406 H. J. Kolbe: lieber die madagascarschen Dytisciden
laevissimis, inter series longitudinales punctigeras
singula serie, constituta paucis punctis distinctis,
inter se valde remotis; vertice subtilissime remote
punctato snbpunctatus.
Ausser diesen Hydrovatus- Arten sind in Madagascar
noch 4 gefunden (s. unten).
Genus Bidessus Sharp.
Ueber alle Erdtheile verbreitet.
15. B. costipennis Fairmaire, Ann. Soc.
entom. France 1869 p. 187.
Brevis, robustulus, latiusculus, ferrugineus, nigroma-
culatus, capite planato, pallide ferrugineo, nitido, oculis
majusculis, fronte angustata; thorace utrinque baseos oblique
plicato, ad basin utrinque nigricante, ante scutellum trans-
versim impresso; elytris mox infra humeros ampliatis,
utrinque valde carinatis, carina postice fere exstante, dein
tenuiore, obliquata, haud ad apicem perveniente ; linea
infra carinam, haud prope suturam, leviter elevata; disco
communi dorsali planato, fere late fossulato, ubique dense
et grosse punctatis; costis marginalibus valde distinctis,
exteriore fere apicem attingente, interiore prope carinam
abbreviata. Subtus fuscus, abdomine pallidiore, pedibus
ferrugineis.
Long. 2V3 mm.
Madagascar interior austr. (Hildebrandt). Auch auf
Nossi Burra.
Nahe verwandt mit porcatus Klug (Aegypten) und
bicarinatus Clairv. (Stideuropa).
Die Species der Gruppe, welcher costipennis angehört,
ist in wenigen Arten über Afrika, Arabien, Südeuropa,
Nord- und Südamerika verbreitet. Die merkwürdige Körper-
bildung macht es wahrscheinlich, dass ihre Entwickelung
in eine späte Zeitperiode fiel, nachdem ihre Gattungsge-
nossen bereits über alle Erdtheile verbreitet waren. Auch
zeigt ihr Fehlen in der orientalischen Region, dass die
des königl. entomologischen Museums zu Berlin. 407
Gattung auftrat, nachdem diese Region von der afrikani-
schen ganz isolirt war.
16. B. perexiguus n. sp.
Perparvus, longulus, planatus, pallide flavidus, niti-
dulus, capite parum obscurato; thorace utrinque baseos
lineola impressa, in elytra continuata, exstructo, ad latera
sat rotundato, flavo, laevi, postice utrinque obscurato ; ely-
tris ovalibus, in medio leviter ampliatis, apice acuminatis,
flavis, basi, sutura, vittis, e basi abortis, longitudinalibus,
discoidalibus, ante apicem convenientibus, ad hanc non
perductis, nigris, interiore interdum confusa; Stria elytrorum
basali tertiana partem occupante, parum obliquata, suturali
profunda. Subtus pallidus, pectore obscuro.
Long. IVsmm.
Madagascar int. austr. (Hildebrandt).
Diese Art gehört zur Gruppe des Geminus und hat
seine nächsten Verwandten unter den Bidessus-Arten Cey-
lons, Sumatras, Slams, Celebes und Australiens. Aus
Nordaustralien ist ihm z. B. Basalis Mach sehr nahe ver-
wandt.
17. B. plagiatus n. sp.
Major, ovalis, nitidulus, pallide flavidus, fusculatus,
vertice anguste nigro, clypeo intra apicem biimpresso;
thorace ad latera fere recto, flavo-ferrugineo, antice fusco,
macula magna, parti posteriori thoracis elytrorumque cir-
cascutellari suffusa, plaga horum dorsali, postice bipartita,
vittis antice utrinque duobus, prorsum prolatis, exteriore
abrupta, fuscis; elytris supra punctulatis, Stria suturali
profunda, basali sat brevi. Subtus niger, segmentis abdo-
minalibus apice fuscatis, pedibus ferrugineis.
Long. 2,5— 2^4 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Gehört zu der Gruppe derjenigen Bidessus-Arten, die
zahlreich über Australien und Südamerika bis Nordamerika
verbreitet sind. Eine vereinzelte Art lebt in Slam, eine
andere auf den Philippinen, eine sehr nahestehende in
408 H. J. Kolbe; üeber die maJagascarschen Dytisciden
China und eine fernere in Arabien. Die madagascarsclie
Art ist nahe mit B. bistrigatus Clk. in Australien verwandt.
Eine vierte Bidessus-Art, strigicoUis Fairm., kommt
ausser in Madagascar auch auf Bourbon vor. Sie gehört,
gleich perexiguus, zur Geminus-Gruppe.
Gattung Hyphydrus Illiger.
Afrika, Asien, Australien, Europa.
18. H. distinctus Aube, Hydroc. p. 461.
Ovali-rotundatus, crassus, brevissimus, inaequaliter
punctatus, ferrugineus, nigro-maculatus, capite toto ferru-
gineo, juxta oculos longitudinaliter impresso, thorace nigro,
nitido, ad latera haud latissime ferruginato, disco usque
ad latera subtilius, antice et postice rugosule punctato,
punctis crassioribus intermixtis; elytris ferrugineis, sutura
fasciisque longitudinalibus, altera prope suturam, altera
discoidali latiore, interrupta, maculaque externa humerali
nigris; ubique dense et subtiliter puuctatis, aliis punctis
profundioribus remote persparsis ; Stria discoidali punctata ;
subtus fusco-piceus, nitidus.
Long. 4,5 mm.
Madagascar or. (Goudot), int. austr. (Hildebrandt).
Auch auf Mauritius und Bourbon.
Steht der Art grossus Sharp. (Südafrika) sehr nahe.
19. H. madagascariensis Wehnke,
Stett. Ent. Zeit. 1877 p. 150.
Ovalis, brevis, crassus, dense punctatus, rufo-testaceus,
fusco vel fusco-nigro plagiatus, capite ferrugineo, vertice
piceo, clypeo utrinque inaequaliter impresso, thorace nigro-
piceo, lateribus discoque late ferrugineis, mediocriter, po-
stice usque ad latera densius et parum rugose punctato;
elytris ferrugineis, basi anguste, sutura fasciisque longitu-
dinalibus, quae saepe confluunt et interruptae, maculaque
humerali mediocri, rotundata, nigris, ubique dense et di-
des königl. entomologischen Museums zu Berlin. 409
stincte punctulatis , linea discoidali longitudinali leviter
impressa; subtus ferrugineo-brunneus.
Long. 5 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Den Arten puncticoUis Sharp (Abyssinien) und sig-
natus Sharp (Guinea) am nächsten stehend.
20. H. impressus Klug, Ins. Mad. p. 137.
Ovatus, minor, crassus, brevis, ferrugineus, supra
niger, nitidus, antice et in lateribus diffuse ferrugineus,
capite toto ferruginato ; fronte in medio late impresso; tho-
race confertim punctato, in disco subtilius, antice et postice
densius et paulo rugosule punctato, disco piceo, lateribus
ferrugineis; elytris aequalibus, sat dense punctatis, fascia
repanda abbreviata baseos et interrupta exigua mediana
lateribusque obscure testaceis, linea dorsali leviter impressa
vix conspicua.
Long. 3,5 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Ausser diesen leben noch drei Hyphydrus-Species in
Madagascar, wovon 2 auch auf Bourbon.
Genus Herophydrus Sharp.
In wenigen Arten über Madagascar, Afrika, Arabien
bis Südeuropa verbreitet.
21. H. her OS Sharp, 1. c. No. 375.
Major, supra et infra convexus, ovalis, postice fere
elatus, niger, nitidus, capite elytrorumque fascia basali et
Stria apicali, versus latera et antrorsum producta, sangui-
neis, illo macula ovali transversa signato, supra punctulato;
juxta oculos, antice, foveola ovali, obliqua, posita; clypeo
antice toto marginato ; elytris creberrime, sed fere aequa-
liter et distinctissime punctatis, seriebus punctigeris haud
pronuntiatis, fere obsoletis ; thorace foveola parva antescu-
410 H. J. Kolbe: lieber die raadagascarschen Dytisciden
tellari exstructo; subtus fossulato-punctatus, pedibus rufis,
posterioribus castaneis.
Long. 5,5 — 6,25 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Eine kräftige Art, ausgezeichnet durch die markirte
und ziemlich dichte Punctirung, sowie durch die rothe, oft
unregelmässige Querbinde an der Basis der Flügeldecken.
22. H. spadiceus Sharp, 1. c. No. 377.
Mediocris, ovalis, supra et infra convexus, niger, niti-
dus; capite nigro, vertice oreque rufis, supra dense punc-
tulato, juxta oculos longitudinaliter impresso; clypeo antice
utrimque marginato, medio integro; thorace rugulose, in
disco transversim subtilius punctato; foveola antescutellari
parum profunda, supra per transversum lateribusque inter-
dum brunneis; elytris punctulatis, nigris, plaga humerali
et macula propinqua castaneo-fuscis, diffusis, sat distincte
triseriatim punctatis; Stria suturali crebris punctulis consti-
tuta, in parte apicali parum impressa. Subtus niger, niti-
dus, pedibus ferrugineis.
Long. 473— 4 Vi mm.
Madagascar or. (Goudot), int. austr. (Hildebrandt).
Unter den Vorräthen des Museums befindet sich eine
Farbenabänderung :
Var. lineolata. Variat elytris rufo-castaneis, longi-
tudinaliter nigro-lineatis; lineis in disco confusis, apice
singulatim, 4—5, exstantibus, antice fere integris; basi
elytrorum nigra.
Long. 4,5 mm (Goudot 1 Expl.).
Ausserdem kommt noch eine dritte Art von Herophy-
drus in Madagascar vor.
Oolyrabetides.
Genus Copelatus Erichson.
lieber alle Erdtheile verbreitet, aber fast nur in den
wärmeren Zonen derselben.
des königl. entomologischen Museums zu Berlin. 411
23. C. elongatus n. sp.
Valde elongatus, nitidus, niger, elytris laevibus, utro-
que triseriatim striato-punctato, punctis obsoletis, elongatis,
inter se sat remotis, Stria laterali nulla, vitta lineari ad
elytrorum margines laterales, in medio interrupta, thora-
cisque marginibus rufo-ferrugineis, macula in illis subapi-
cali testaceo-ferruginea; thorace utrinque ante marginem
posticum atque per transversum ante anticum leviter im-
presso, in impressione subtiliter substriolato-puuctato ; subtus
piceus, pedibus ferrugineis.
Long. 8 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Zunächst mit der zahlreich in Australien, mit einzelnen
Ausläufern im tropischen Asien etc. vertretenen Species-
gruppe verwandt, die durch die glatten Flügeldecken aus-
gezeichnet ist, wozu auch der europäische agilis gehört.
24. C. duodecimstriatus Aube, Hydr. p. 378.
Elongato-ovalis, subdepressus, convexiusculus, nigro-
piceus, nitidus, labro lateribusque ferrugineis, elytrorum
margine utrimque laterali picescente; thorace utrinque ante
marginem posticum atque per transversum ante anticum
leviter impresso, in impressione subtilissime substriolato-
punctulato; elytris in disco utrinque sexstriatis, striis 2.,
4., 6. fere e basi nascentibus, apice leviter abbreviatis, 1., 3.,
5. antice abbreviatis, apicem haud totis attingentibus, 1.
multo ultra medium terminata, 3. fere in medio, usque ad
basin punctis solutis inter se remotis continuata, 5. propius
basin terminata; Stria laterali in medio antrorsum abbre-
viata. Subtus rufopiceus, pedibus testaceo-ferrugineis.
Long. 6 mm.
Madagascar or. (Goudot). Mauritius, wo die Art bisher
allein bekannt war.
25. C. polystrigus Sharp, 1. c. No. 872.
Oblongo-ovalis, depressus, niger, fere nigro-piceus,
subnitidus, capite piceo vel ferrugineo, vertice obscuriore,
412 H. J. Kolbe: üeber die madagascarschen Dytisciden
lateribus thoracis elytrisque prope margines laterales inter
strias duas exteriores, maculaque subapicali, ad vittam
illam spectante, rufo-ferrugineis; elytrorum striis decem
impressis fere basin totis attingentibus, vix inaequaliter
abbreviatis, mox ante apicem alternis longioribus et per-
parum brevioribus ; Stria laterali antice abbreviata, medium
paulo superante. Subtus nigro-piceus, nitidus, pedibus
ferrugineis.
Long. 5V3— 6V3 mm.
Madagascar or. (Goudot), int. austr. (Hildebrandt).
Natal, Senegal.
Scheint mit C. 20-striatus Fairmaire (Madagascar und
Ile Mayotte in den Comoren) sehr nahe verwandt, aber
wohl nicht identisch zu sein. Denn nicht nur der 2., 4.
und 6., sondern auch der 8. und 10. Streif der Flügeldecken
erreichen nicht ganz die Spitze; an der Basis sind fast
alle ziemlich gleichmässig abgekürzt, indessen erreichen
der 7. und 10. die Basis fast vollkommen; der 6. und 9.
sind an der Basis etwas kürzer als die übrigen. Bei
einem Stück aus Central-Madagascar ist der 5. Streif an
der Basis abgekürzt, der 6. erreicht die Basis beinahe
völlig. Auch die von Fairmaire bei 20-striatus ange-
gegebene Färbung passt nicht auf polystrigus.
Sharp beschreibt beide als verschiedene Species.
Ist ausserhalb der Region mit einer Art aus Abyssi-
nien (Erichsoni Gu^rin) zunächst verwandt.
Ausser diesen 3 beschriebenen Arten leben in der
madagascarischen Region noch 3 andere, von denen 2 bis
jetzt nur auf Mauritius resp. Bourbon gefunden sind.
Genus Rhantus Esch.
In allen Regionen beider Erdhälften, namentlich in
den gemässigten Zonen, in Afrika, Ostindien, dem indischen
Archipel und in Brasilien nur vereinzelt.
26. Rh. latus Fairmaire,
Ann. Soc. entom. France 1869, p. 191.
Oblongo-ovalis, fusco-niger, capite postice ferrugineo-
des königl. entomologischen Museums zu Berlin. 413
testaceo, juxta oculos Digro, thorace ferrugineo, disco fus-
cato, in medio nigro, elytris obscure fusco-testaceis, den-
sissime nigro-vermiculatis, lateribus ferrugineis vel testaceis,
in dorso triseriatim punctato-striatis, punctis distinctis,
inter se sat remotis. Subtus piceo-ater, pedibus anticis
ferrugineis.
Long. 13 mm.
Madagascar or (Goudot), int. austr. (Hildebrandt).
Zunächst mit australischen Species verwandt. Eine
zweite Art lebt auf Rodriguez (s. unten).
Hydaticides.
Genus Hydaticus Leach.
lieber alle Erdtheile verbreitet. Die nächsten Ver-
wandten der madagascar sehen Arten in Afrika, im tropi-
schen Asien und in Australien.
27. H. dorsiger Aube, Hydr. p. 193.
Oblongo-ovalis, testaceus, capite ad margiuem posticum,
thorace postice in medio, macula elytrorum dorsali, com-
muni, elongata, nigris ; elytris triseriatim punctatis, punctis
mediocribus, sat grossis, interioris seriei inter se vix,
mediae distincte remotis, serie exteriore obsoleta punctisque
remotis. Subtus castaneo-ferrugineus , posticis pedibus
concoloribus, anterioribus testaceis.
Long. 13— 14 mm.
Madagascar or. (Goudot), int. austr. (Hildebrandt).
Kommt auch in Natal und nach Sharp in Arabien
vor. Ein von Natal stammendes Stück des Königlichen
Museums ist etwas kleiner als die madagascarschen Stücke.
Am nächsten verwandt ist H. luzonicus Esch. (Phi-
lippinen).
28. H. sobrinus Aub6, Hydr. p. 156.
Oblongo-ovalis, depressiusculus, ferrugineus, capite
cum thorace laete testaceis, illo postice sinuate, fronte in
414 H. J. Kolbe: Ueber die madagascarschen Dytisciden
medio semicirculariter nigritulo, hoc in medio signaturis
nigris transversis colorato; elytris ferrugineis, maculis mi-
nimis, partim lineis confluentibus, fascia repanda transversa,
fere mediana, postice elata, alteraque anteapicali angusta,
sinuata, nigris. Subtus ferrugineo-castaneus, pectore cum
pedibus anterioribus testaceis.
Long. 12 mm.
Madagascar or. (Goudot). Auch auf Mauritius.
Soll ferner in Südamerika vorkommen. Ein Exem-
plar des Königl. Museums von Pondichery, welches mit
der madagascarschen Art congruirt, würde ausserdem für
ihre Verbreitung bis in die orientalische Region sprechen.
H. matruelis Clk. von der Goldküste steht dem
Sobrinus sehr nahe. Die Unterschiede beider Species sind
bei Clark in den Trans. Ent. Soc. London 1864 p. 216
verzeichnet. Es scheint mir, dass H. matruelis Clk. mit
dem von Fabricius im Syst. Eleutherat. L p. 263 be-
schriebenen unifasciatus identisch ist.
29. H. concolor n. sp.
Minor, oblongo-ovalis, leviter convexus, retrorsum de-
planatus, fusco-piceus, capite ad marginem posticum ely-
trorumque plaga suturali, antice et postice abbreviata,
diffusa, nigris ; thorace obscure fusco, elytris, limbo excepto,
nigro-vermiculatis, supra vix triseriatim punctatis, punctis
accumulatis, subtilissimis. Subtus fuscus, pedibus fusco-
luteis.
Long. 9V4 mm.
Madagascar int. austr. (Hildebrandt).
Eine kleine Art, durch gleichmässige braune Färbung
von den übrigen verschieden.
Am nächsten mit H. leander verwandt.
30. H. bivittatus Costelnau, Etud. entom. p. 98.
Oblongo-ovalis, parum ellipticus, obscurus, capite
postice late nigro; thorace testaceo, postice in medio et
elytris nigris, his ad marginem lateralem cum vitta interna
longitudinali, margini approximata, ante apicem cum hoc
des königl. entomologischen Museums zu Berlin. 415
confluente, luteo-testaceis, in dorso triseriatim punctatis,
punctis serierum 2 interiorum subtilibus, inaequalibus ,
densis, accumulatis, exterioris majoribus, simplicibus, inter
se remotis. Subtus castaneo-niger, pedibus anterioribus
testaceis, posticis castaneis.
Long. 14 mm.
Madagascar or. (Goudot), int. austr. (Hildebrandt).
Ausserdem auf Mauritius und ferner in Caffraria und
Senegambien.
Sehr nahe verwandt mit H. vittatus Fbr. (Ceylon,
Ostindien, Java, China, Japan, Mesopotamien, die meisten
Sunda-Inseln und Moluccen, sowie Australien), philippi-
nensis Wehnke (Philippinen), Bowringi Clk. (Australien,
China, Japan) und noch einigen orientalischen Arten.
31. H. ornatus n. sp.
Ovalis, postice depressiusculus , capite thoraceque
testaceo-ferrugineis, illo ad extremum marginem posticum
nigro, hoc antice et postice vix nigritulis ; elytris ovalibus,
testaceis, nigro-maculatis, late transversim maculatis ; altera
fascia baseos angusta, abbreviata, sinuata, altera ante
medium, lata, ad latera diffusa, bipartita, maculosa, tertia
ultramediana obliqua, in marginibus direpta, irregulariter
sinuata; apice maculosa; in dorso triseriatim punctatis,
punctis inter se remotis, omnibus nigro-cinctis, fere ocel-
latis. Subtus ferrugineus, antice cum pedibus anterioribus
testaceus.
Long. 14 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Nahe mit H. nigromaculatus Clk. (Angola) und H.
Usheri Clk. (Ober-Guinea) verwandt.
32. H. exclamationis Aub6, Hydroc. p. 206.
Major, oblongo-ovalis, convexiusculus, postice depressus,
niger, capite antice, thorace late in lateribus elytrorumque
vitta laterali, longitudinali, leviter obliquata, postice tenui,
acute terminata, luteis; elytrorum marginibus lateralibus
nigris, dorso triseriatim punctato, punctulis subtilibus,
416 H. J. Kolbe: lieber die madagascarechen Bytisciden
densis, irregulariter accumulatis , serie interiore alteris
distinctiore. Subtus nigro-piceus, pedibus anterioribus fer-
rugineis, posticis totis nigris.
Long. 15 mm.
Madagascar int. aust. (Hildebrandt). Ausserdem im
portug. Guinea.
Gehört zur Verwandtschaft des H. vittatus.
33. H. Petitii Aub6, Hydroc. p. 204.
Major, oblongo-ovalis, latus, convexiusculus, postice
depressus, niger, capite ad marginem anticum, thorace late
in lateribus elytrorumque vitta lata laterali longitudinali,
sat longe ante apicem abruptim abbreviata et macula
rhombica anteapicali luteis, margine elytrorum mox pone
humeros usque ad apicem nigro, in dorso triseriatim
punctatis, punctis subtilibus, dense accumulatis, partim
interruptis. Subtus castaneo-niger, pedibus anterioribus
testaceis.
Long. 16 — 18 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Nach Sharp auch in Südafrika und Abyssinien. Ge-
hört gleichfalls zur Verwandtschaft des Vittatus.
Genus Rhanticus Sharp.
In 1 Species weit über x'^frika, die orientalische Re-
gion und Australien verbreitet.
34. Rh. congestus Klug. Ins. Mad. p. 136.
Minor, ovalis, testaceo-ferrugineus, interdum supra
fuscatus, sat convexus, postice planatus; in capite postice
versus oculos macula frontali arcuata, antice fascia te-
nuiore nigris; thorace ad marginem anticum et posticum
fusco-atrato, maculis discoidalibus transversis, oblongis,
margini posteriori propioribus, nigris; elytris irroratis,
fasciis duabus obscuris, saepissime dirreptis, obliquis, ante-
riore latiore, posteriore angustiore, in dorso triseriatim
des königl. entomologischen Museums zu Berlin. 417
pimctatis, piinctis punctulis accumnlatis constitutis, inter
se reraotis. Subtus ferrngineo-testaceus.
Long. 10—11 mm.
Maclagascar or. (Goudot), int. austr. (Hildebrandt).
Verbreitung: äthiopische Region: Madagascar,
Caffraria, N'Gami, Angola, Guinea, Senegal, Kordofan,
Arabien; orientalische Region: Bengalen, Siam, For-
mosa, China (nur südl. China?); australische Region:
Australien, Neu-Caleäonien.
Diese geographischen Angaben sind theils dem Königl.
Museum, theils den Literatur-Angaben entnommen.
H. signatipennis Lap., welcher Name von Sharp
angenommen wurde, ist mit congestus Klug identisch.
Genus Cy bist er Curtis.
In allen zoogeographischen Regionen, ausser der neo-
tropischen nur vereinzelt in Mexico. In der neotropischen,
Region tritt die nahe verwandte Gattung Megadytes mit
zahlreichen grossen Arten an die Stelle von Cybister.
35. C. operosus Sharp 1. c. No. 1132.
Oblongo-ovalis, ellipticus, postice dilatatus, supra con-
vexiusculus, retrorsum deplanatus, nitidus, viridi-olivaceus,
splendore interdum amethystiuo suffusus, coucolor, macula
rufa ante extremum elytrorum vix conspicua; subtus nigro;
capite vix subtilissime punctato, elytris seriatim punctatis,
punctis distinctis, inter se remotis; pedibus piceo-nigris
vel nigris; </ $ thorace et elytris laevibus, comparibus.
Long. 30 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Die nächsten Verwandten in Afrika und trop. Asien.
36. C. madagascariensis Aube, Hydr. p. 94.
Elongato-ovalis, postice parum dilatatus, convexius-
culus, retrorsum haud deplanatus, nitidus, supra piceo-oli-
vaceus, subtus nigro-piceus; labro luteo, thoracis lateribus
confuse ferrugineis ; elytris triseriatim punctatis, punctis
Archiv f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 27
418 H. J. Kolbe: Üeber die madagascarschen Dytisciden
remotis, macula anteapicali rufo-ferruginea vix conspicua;
pedibus nigro-piceis, anterioribus rufo-variis; J" tborace
et elytris laevigatis, $ tborace supra utrinque punctulato,
elytris prope bumeros baud ultra medium striis minimis
irregularibus leviter persparsis.
Long, d^ 26, $ 28V2-29V2mm.
Madagascar or. (Goudot), bor. occid. et int. austr.
(Hildebrandt).
Eine Abart des C. binotatus Klg., welcbe weit über
Afrika (südlicb bis zum Nyassa-See), bis an die Küsten
Stideuropas und Arabiens verbreitet.
Eine andere Abart C. Dejardinsii Aube (s. unten)
lebt auf Mauritius.
37. C. owas Lap. Castelnau, Etud. entom. p. 100.
Ovalis, major, postice dilatatus, convexus, retrorsum
haud deplanatus, nitidus, supra viridi-vel piceo-olivaceus,
subtus nigro-piceus ; labro luteo; tborace ad latera ferru-
gineo; elytris triseriatim punctatis, punctis remotis; pedibus
ferrugineis, posticis obscurioribas; d^ elytris laevibus, $
tborace supra, laevi disco perparum excepto, striis brevibus
perflexis confluentibusque, lateribus rugulose striolatis,
elytris sat ultra medium striolis irregularibus, plerumque
longitudinalibus, plus minusve confluentibus, instructis;
prope suturam et postice laevibus.
Long. ^ 35, $ 34— 36 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Zunächst mit C. immarginatus (Mosambique, Caff-
raria, Senegal, Gambia) verwandt.
Q Var. substriata: minor, tborace in disco latius
laevigato, lateribus baud rugulose striolatis, elytris vix
ultra medium striolatis, macula elytrorum rotundata antea-
picali rubra distincta.
Long. 34 mm.
Madagascar int. austr. (Hildebrandt).
des königl. entomologischen Museums zu Berlin. 419
38. C. einet US Sharp 1. e. No. 1141.
Ovalis, haud longulus, postice sat dilatatus, eonvexius-
culus, nitidus, supra viridi-olivaeeus, subtus nigro-piceus;
labro, elypeo, thoracis elytrorumque lateribus, bis postiee
hamato-dilatatis, lata luteis vel testaceis, eapite vix pun-
etato, tborace plus minusve laevi ; elytris laevibus, interdum
obsoletissime Pustulosis, distinete triseriatim punetatis,
punetis valde remotis, lineis tribus longitudinalibus vix
impressis valde obsoletis; pedibus anterioribus testaceis,
tibiis pedibusque posticis pieeis ; epimeris metathoracalibus
macula antica testacea signatis; in $ elytris ad humeros
striolis valde subtilissimis late persparsis.
Long. 27—28 mm.
Madagascar or. (Goudot), int. austr. (Hildebrandt).
Diese Species ist eine selbständig ausgebildete Form
des C. tripunctatus und kommt den ostindischen Rassen
dieser Art am nächsten. Sie ist kürzer, breiter und ge-
wölbter als die afrikanische Rasse des tripunctatus und
kommt in der Körperform den Asiaten sehr nahe, ist aber
breiter und gewölbter als diese; dabei besitzt das $ die-
selbe feine Sculptur in der Schultergegend der Flügeldecken,
wie indische und Sundastücke. Von allen unterscheidet
sich einet US durch die sehr breiten gelben Ränder des
Halsschildes und der Flügeldecken.
Verbreitung des C. tripunctatus Oliv, in seinen Rassen
nach Sharp :
1. Rasse: Ostasien, China-Japan, Formosa, Mand-
schurei, Philippinen, Malacca, Hindostan, Ceylon, Australien.
2. Rasse: Malayischer Archipel von Sumatra bis
Celebes, (die Form von Bourbon und Mauritius steht der
malayischen Rasse sehr nahe,) Neu-Caledonien.
3. Rasse: Sporadisch auf den Philippinen und auf
den malayischen Inseln.
4. Rasse: Afrika und Südeuropa.
5. Rasse: Madagascar; unter dem Namen cinctus
als specialisirte Form betrachtet.
420 H. J. Kolbe: üeber die madagascarschen Dytisciden
39. C. convexiusculus n. sp.
Q Elongato-ovalis, minor, postice pariim dilatatus,
sat convexiusculus, nitidus, viridi-olivaceus, subtus piceus,
thorace supra prope latera laete viridi, labro, clypeo,
thoracis elytroruraque lateribus, bis postice haud bamato-
dilatate, luteis; capite subtiliter, sed distincte punctulato,
tborace ante scutellum elevato, convexiusculo, prope latera
substriolato ; elytris sat convexis, laevibus, seriebus 3 pun-
ctigeris impress'is, punctis remotis; pedibus anterioribus
luteo-ferrugineis, posticis piceis; epimeris metathoracalibus
unicoloribus.
Long. 21 mm.
Madagascar int. austr. (Hildebrandt).
Dem Tripunctatus äbnlicb, aber kleiner, hinten viel
v^eniger breit, oben ziemlich gewölbt; durch das leicht
kissenförmige gewölbte Halsschild, die ganz glatten Flügel-
decken und die einfach gefärbten Metathoracalepimeren
verschieden.
40. C. senegalensis Aube.
Var.: irroratus.
Minor, ovalis, ellipticus, postice sat dilatatus, antice
leviter convexiusculus, nitidus, supra viridi-olivaceus, subtus
piceus; labro, clypeo, thoracis elytrorumque lateribus late
luteis; capite punctulato, thorace supra piano; elytris tri-
seriatim punctatis, punctis remotis; pedibus anterioribus
testaceis, posticis nigro-piceis; cT elytris antice Pustulosis,
2 laevibus.
Long. 19 mm.
Madagascar or. (Goudot).
41. C. auri tu s Gerstaecker, Archiv f Naturg. 37. 1871, p. 43.
Parvus, ovalis, postice dilatatus, ellipticus, supra
convexiusculus, retrorsum deplanatus, nigro-piceus, nitidus,
aeneo-micans, labro, clypeo, prothoracis margine laterali
testaceis, pedibus anterioribus elytrorumque macula sub-
des königl. entomologischen Museums zu Berlin. 421
apicali, interdum obsoleta, riifis ; elytris triseriatim punctatig,
punctis remotis; ^^ $ thorace et elytris laevibus.
Long. 16—17 mm.
Madagascar or. (Goudot).
42. C. tibialis Sharp 1. c. No. 1150.
$ Oblongo-ovalis, postice dilatatus, supra aequaliter
convexiusculus, nitidus, viridis, subtus discolor, pectore late
testaceo, per longitudinem medium piceo, ad latera parum
difFuso, abdomine castaneo- piceo, pedibus anterioribus
testaceis, earumque tibiis et tarsis piceis, posticis pieeo-
nigris; labro, elypeo, thoracis lateribus elytrorumque mar-
ginibus lateralibus testaceis ; capite tboraceque glabris, illo
subtilissime remote punctulato, hoc in lateribus vix con-
spicue inaequaliter striato-reticulato, fere toto glabro;
elytris sat ultra medium striolis longitudinalibus, plus
minusve confluentibus, exstructis, prope suturam et postice
laevibus.
Long. 30 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Eine ausgezeichnete Art, durch die gelben Seiten-
ränder des Halsschildes und der Flügeldecken am nächsten
mit Tripunctatus, in der Sculptur der Flügeldecken mit
den $ von Owas verwandt.
43. C. dytiscoides Sharp 1. c. No. 1155.
Major, oblongo-ovalis, postice dilatatus, convexus,
retrorsum convexiusculus, nitidus, glaberrimus, supra viridis
vel piceo-olivaceus, labro, elypeo, thoracis omnibus mar-
ginibus (lateralibus late, antico angustius, postico angu-
stissime) elytrorumque vitta prope marginem, ab humeris
usque ad apicem, longitudinali, apice vix hamato-dilatato,
testaceo-rufis, margine ipso elytrorum laete anguste viridi,
prope humerum cum vitta connexo, concolore ; ^ $ thorace
et elytris laevibus, glaberrimis, in $ levissime Pustulosis.
422 H. J. Kolbe: lieber die madagascarsclien Dytisciden
Subtus testaceus vel testaceo-rufus, pectore per longitudinem
medium pieeo.
Long. cT 36, $ 39 mm.
Madagascar or. (Goudot).
Scheint sehr nahe mit Buqueti Aube, Hydr. p. 44
verwandt zu sein. Nach Sharp ist Dytiscoides von
Buqueti, welcher am Senegal vorkommt, durch die stärker
behaarten Mitteltarsen des c^ und durch den mehr ge-
rundeten Winkel des Prosternalkiels verschieden.
Vielleicht ist auch diese Art nur eine special ausge-
bildete Form des Buqueti, welche in Madagascar zu einer
relativ späteren Zeit eingewandert wäre, da sich in der
orientalischen Region wenigstens keine sehr nahe ver-
wandte Form findet.
Ausserdem sind noch folgende Dytisciden in Mada-
gascar einheimisch:
1. Synchortus asperatus Fairm., Ann. Soc. Ent.
Fr. 1869 p. 188. „Oblongo-ovatus, convexus, postice vix
attenuatus, niger, nitidus, prothoracis lateribus, capite pe-
dibusque fulvo-piceis, laevibus, elytris fere a basi sat laxe,
postice fortius asperatis et transversim rugosulis. Long.
4 mm." Madagascar.
2. Synchortus rugosopunctatus Wehnke, D.
Ent. Zeitschr. 1876, p. 221. „Ovatus, postice valde atte-
nuatus, capite thoraceque pallide testaceis, elytris nitidis,
ferrugineis, rugoso-punctatis, pedibus luteis. Long. 372 mm."
Madagascar.
3. Laccophilus luctuosus Sharp 1. c. N. 149.
„Ovalis, convexus, nitidus, testaceus, prothorace anterius
et posterius in medio infuscato, elytris fuscis, fascia sub-
basali ad suturam anguste interrupta testacea; pectore
des königl. eutomologischen Museums zu Berlin. 423
nigricante, abdomine fusco. Long. SVs, lat. 2 mm.'' Ma-
dagascar.
4. Laccophilus posticus Aube, Hydr. p. 428.
;,Oblongo-ovalis, postice paulo angustior, apice oblique
rotundatus, nitidus, rufotestaceus, prothorace anterius et
posterius in medio infuscato, elytris lineis undulatis, haud
interruptis, confluentibus, nigris; abdomine pectoreque ni-
gricautibus. Long. 4, lat. 2V8 mm." Madagascar (nach
Aube auch auf Ile de France). Die Diagnose ist Sharp
1. c. No. 152 entnommen.
5. Laccophilus addendus Sharp 1. c. No. 174.
„Ovalis, minus convexus, nitidus, testaceus, prothorace
anterius et posterius in medio sub-infuscato, elytris fusco-
irroratis, irrorationibus ad basin inaequaliter desinentibus.
Long. 4, lat. 274 mm." Madagascar.
6. Neptosternus ornatus Sharp 1. c. No. 175.
(Prosternal process tridentate; spurs of bind tibiae acu-
minate at apex. Head rhater short; bind angles of pro-
thorax very acute.) „Oblongo-ovalis, sat latus, subdepressus,
nitidus, laevigatus, rufus, elytris fuscis, maculis decem
rufis ; prothorace angulis posterioribus retrorsum spectanti-
bus, peracutis. Long. SVs, lat. 2 mm." Madagascar, Zan-
zibar.
7. Hydrovatus pictulus Sharp 1. c. No. 185.
„Latus, brevissimus, convexus, nitidus, ferrugineus, supra
fusculus, elytris evidenter rufo-signatis; thorace crebre,
elytris sparsim punctatis. Long. 2V2, lat. 2 mm.'' Mada-
gascar.
8. Hydrovatus humilis Sharp 1. c. No. 198.
„Brevis, sat latus, convexus, vix nitidus, castaneus, elytris
magis fuscis, sat crebre punctatis; antennis vix tenuibus;
coxis posterioribus crebre punctatis. Long. 2V2, lat. IVa mm."
Madagascar.
9. Hydrovatus uniformis Fairmaire, Ann. Soc.
ent. Fr. 1869, 185. Sharp 1. c. No. 213. „Nigro-piceus,
subopacus, latus, subrotundatus, convexus, dense fortiter
punctatus, antennis pedibusque rufis, illis crassiusculis.
Long. 4V4, lat. 3 mm." Madagascar.
10. Hydrovatus Badeni Wehncke, Sharp 1. c.
424 H. J. Kolbe: Ueber die madagascarschen Dytisciden
No. 214. „Nigropiceus, latus, convexus, dense fortiter
punctatus, antennis pedibusqiie rufis. Long. 4V'4, lat.
SVs nim.
Mas, nitidus, antennis sat elongatis et gracilibus,
tarsis anterioribus et intermediis dilatatis.
Fem., opaca, magis obsolete punctata, antennis paulo
brevioribus, tarsis latiusculis, sed articulis basalibus haud
dilatatis." Madagascar.
11. Heterhydrus agaboides Fairmaire ibid. p.
186 „(Scutellum obtectum. Prostevnum postice dilatatum,
mesosternum obtegente. Tarsi postici angulo valido, unico,
terminanti. Corpus crassum, ovatum.) Ovalis, sat con-
vexus, infra convexior, ater, vix nitidus, tenuissime punc-
tulatus, prothorace transversim leviter impresso. Long.
6 mm." Madagascar.
12. Bidessus strigicollis Fairmaire, Naturaliste
1880 p. 293; Sharp 1. c. No. 276. ,,Sat angustus, minus
convexus, opacus, subtiliter pubescens, fuscus, thorace in
medio pallidiore; elytris subtiliter fere dense punctatis,
coxis posterioribus sparsim sub-obsolete punctatis. Long. 2,
lat. IVs mm." Madagascar, nach Fairmaire auf Röunion.
13. Hyphydrus stipes Sharp 1. c. No. 339. „Ova-
lis, sat convexus et latus, crebre sat fortiter, minus inae-
qualiter punctatus, piceus, capite, thoracis lateribus angus-
tius elytrisque rufo-testaceis, his nigro-signatis, Stria dis-
coidali ad basin distincta; tarsorum anticorum articulo 3^
nigricante.
Mas, trochanteribus anteriribus incisis, incisurae mar-
gine externa crasso; abdominis segmento apicali profunde
transversim impresso, apice medio late incrassato, tibiis
anterioribus leviter dilatatis. Long. 472, lat. vix 3 mm.
Fem., minor, paulo magis subtiliter punctata." Ma-
dagascar, Bourbon.
14. Hyphydrus scriptus Fbr. Syst. Eleut. I p. 257;
Sharp 1. c. No. 340. „Ovalis, convexus, latus, nitidus, inae-
qualis sat crebre punctatus, picescens, capite, thoracis late-
ribus angustius, elytrisque rufo-testaceis, his nigro-signatis,
Stria discoidali ad basin distincta.
Mas, trochanteribus anterioribus fere ad basin incisis,
des königl. entomologischen Museums zu Berlin. 425
tarsorum quatuor anticorum articulo basali posterius fortiter
dilatato; tibiis anterioribus bene dilatatis; abdominis seg-
mento apicali transversim impresso, apice medio incrassato.
Long. 4V4, lat. 3 mm.
Fem., paulo minor et subtilius punctata."
Madagascar, Bourbon.
15. Hypbydrus Coquerelii Fairmaire Ann. Soc.
eut. Fr., 1869, 186. „Breviter ovatus, crassus, convexus,
valde punctatus, nitidulus, rufo-testaceus, capite marginato
valde impresso, prothorace medio infuscato, elytris fascia
lata suturali et fasciis late transversis, sinuatis, fuscis punc-
tisque fuscis ad humeros, aut fusco-nigris, fascia antica
sinuata maculaque subapicali testaceis. Long. 3 mm."
Madagascar.
16. Herophydrus verticalis Sharp 1. c. N. 376.
„Latior, parum elongatus, convexus, piceus, sat nitidus,
prothorace transversim in medio elytrisque lateribus ob-
scure pallido-signatis, antennis pedibusque fusco-testaceis;
thorace elytrisque crebre fortiter aequaliter punctatis ; clypeo
conspicue marginato, margine in medio parum interrupto.
Long. 4V2, lat. 3 mm."
Madagascar interior.
17. Copelatus 20-str latus Fairmaire, Ann. Soc.
ent. Fr. 1869, p. 188. „Oblongus, depressus, supra niger,
prothoracis elytrorumque margine vage testaceis, subtus
fuscus, antennis, palpis, pedibusque obscure testaceis, ely-
tris utrimque decemstriatis, striaque marginali antice ab-
breviata. Long. 5 mm." Ile Mayotte (Comoren); nach
Sharp in Madagascar.
18. Hydaticus leander Rossi, Sharp 1. c. No. 1032.
„Ovalis, rufo-testaceus, vertice nigro, elytris creberrime
nigro-irroratis, irrorationibus versus suturam coalescentibus,
pectore, abdomine pedibusque posterioribus ferrugineo-ob-
scuris; tarsis posterioribus robustis, marginibus postice
parum longe ciliatis. Long. 11, lat. 6 mm." Madagascar,
Nord- und Westafrica, Nubien, Abyssinien, Aegypten, Süd-
europa (Italien, Corsica, Nizza).
19. Hydaticus madagascariensis Aube, Hydr.
p. 210. „Ovalis, convexus, postice depressiusculus; thorace
426 H. J. Külbe: lieber die madagascarschen Dytisciden
nigro, ad latera luteo; elytris nigris, cum vitta versus la-
tera longitudinali, paulo obliqua, punctis duobus ad basin
transversim dispositis, alteroque ad apicem, luteo-testaceis ;
corpore subtus nigro-piceo. Long. 14V2 mm, lat. 8V2 mm."
Madagascar.
20. Hydaticus rufulus Aube, Hydr. p. 199. „Ob-
longo-ovalis, convexiusculus, prothorace testaceo, immaculato,
elytris testaceis, cum punctis minimis rotundatis nigris,
plus minusve confluentibus fasciisque duabus transversis
umbrosis vix conspicuis, una paulo ultra medium, altera
ante apicem; corpore subtus ferrugineo. ^ prothorace
laevi, $ irregulariter utrinque vix impresso. Long. 10V2mm."
Madagascar (von Fairmaire, Ann. Soc. ent. Fr. 1869. 190,
als besondere Art aufgeführt); nach Aube ausser auf Ma-
dagascar: Indes orientales, iles asiatiques, au Senegal et
au Cap de Bonne-Esperance.
Vielleicht ist H. rufulus Aube identisch mit Rh.
congestus Klug. Nach Sharp 1. c. p. 663 und 995
scheint Rufulus mit dem in der orientalischen Region weit
verbreiteten H. Fabricii Mach identisch zu sein, ohne dass
er Madagascar dabei anführt.
Die folgenden 6 Species sind nur auf einigen zur
madagascarschen Region gehörigen Inseln ausserhalb Ma-
dagascar gefunden.
1. Laccophilus lineatus Aub6, Hydr. p. 426.
„Ovalis, apice paulo oblique rotundatus, depressiusculus,
testaceus; capite in vertice infuscato; thorace antice et
postice nigro-maculato, in medio brevissime acute producto ;
elytris nigris, vitta transversa ad basin, lineolis plurimis
longitudinalibus maculaque irregulari paulo ultra medium
ad latera et altera ad apicem, rufo-luteo-testaceis. — Long.
4 mm, lat. 2V4mm." Mauritius.
2. Laccophilus irroratus Aube, Hydr. p. 427.
„Ovalis, apice vix oblique rotundatus, depressiusculus, supra
testaceus, infra brunneus; capite in vertice nigro; thorace
in medio de apice ad basin nigro, brevissime acuto pro-
des kÖnigl. entomologischen Museums zu Berlin. 427
ducto; elytris nigris, lineolis irregularibus ad basin macu-
lisque in disco confuse flexiiosis, pallido-ornatis. Long.
4 mm, lat. 2V2nim.'' — Mauritius, Bourbon.
3. Copelatus Guerini Aube, Hydr. p. 387. „Elon-
gato-ovalis, depressiusculus, castaueo-brunneus; capite toto,
thorace late ad latera, elytris confuse ad basin, latera et
apicem rufo-ferrugineis; elytris in disco striis quatuor lon-
gitudinalibus utrinque impressis. Long. 6 mm, lat. 3 mm."
Mauritius.
4. Copelatus pulchellus Klug, Sharp 1. c. No.
864. „Oblongo-ovalis, latiusculus, haud elongatus, subde-
pressus, piceus, capite anterius, prothoracis lateribus ely-
trisque rufescentibus, bis disco plus minusve infuscato, basi
discrete dilutiora, antennis pedibusque rufis; thorace ad
angulos posteriores strigoso-punctato ; elytris striis sex pro-
fund is, suturali prope scutellum desinente, aliaque margi-
nal! valde abbreviata. Long. 573? lat. 3^/8 mm." Bourbon,
(? Senegal).
5. Rhantus socialis, Waterhouse, Ann. Nat. Hist.
4 ser. XVIII p. 106. „Elongato-ovalis, supra obscure fla-
vicans, infra uiger; capite postice nigro, vertice transversim
flavo-notato ; thorace disco guttis parvis duabus approxima-
tis piceis notato; elytris obscurioribus (flavo-limbatis) ; pro-
sterno pallido. Long. 4V2 lin., lat. 2V8 lin." Rodriguez.
6. Cybister Desj ardin sii Aube, Hydr. p. 93.
„Elongato-ovalis, vix postice dilatatus, ad apicem rotun-
datus, convexiusculus, nitidus, supra et infra nigro-piceus;
labro luteo; thoracis lateribus confuse ferrugineis ; elytris
ad apicem macula irregulari lutea vix conspicue notatis;
pedibus piceo-nigris, anticis rufo-variis. — Mas: elytris
laevibus. Femina: striis minimis irregularibus valde et
dense impressis; thorace valde reticulato-strigoso. Long.
28—29, lat. 15-1572 mm.^^ - Ile de France.
üntersuchimgen an Foramiiiiferen.
Vou
G. Schacko
in Berlin.
Mit Tafel XII und XIII.
I. Olobigeriiien Eiuschluss bei Orbiilina.
Bei längerem Studium der geographischen Verbreitung
und systematischen Stellung mariner Formen von Rhizo-
poden, war der Wunsch rege geworden, auch Unter-
suchungen über embryonale Zustände bei Foraminiferen
daran zu knüpfen. Sind nun die Fortpflanzungserschei-
nungen bei Rhizopoden identisch mit denen der Zelle im
Allgemeinen, so konnte, so wünschenswerth es gewiss auch
war, der sehr interessante Theil, die Beobachtung des Plas-
mas und der Kernverhältnisse, hier leider keine Berück-
sichtigung finden, weil es mir nicht vergönnt war, trotz
aller Bemühungen, geeignetes Material, lebende marine
Rhizopoden, zu erlangen, um daran Untersuchungen zu
machen. Es konnten somit nachfolgende Beobachtungen
nur an Schalen, sowohl lebender Foraminiferen, als auch
aus tertiären vorzüglich miocänen Schichten entstammenden
Rhizopoden gemacht werden, und können diese Unter-
suchungen keinen Anspruch au vollständigen Verlauf der
G. Schacko: Untersuchungen an Foraminiferen. 429
Entwicklung und Bildung des Embryo machen. Es sind
nur durcti den Tod des Individuums unterbrochene Ent-
wicklungsmomente, die mit der Fortpflanzung in einigem
Verhältniss stehen, besonderer Beobachtung unterzogen
worden.
Anregend zu dieser Studie wirkte die sehr belehrende
Darstellung der Entwicklungs-Verhältnisse der Rhizopoden
und sorgsame Zusammenstellung der Leistungen und Beob-
achtungen vieler Forscher auf diesem Gebiete, von Pro-
fessor 0. B titsch li in Bronn's Klassen und Ordnungen des
Thier-Reichs. Ferner die Beobachtungen von M. Schulze,
Oven, Carpenter, Semper, Parker, Reussu. A. und
ich spreche hier zugleich Herrn Professor von Martens
meinen aufrichtigen Dank aus, für die Beschaffung noth-
wendiger Literatur, besonders zur Förderung meiner mikros-
kopischen Studien auf diesem Gebiete.
Durch die Untersuchungen von Po urtal es , M. Schul ze ,
Major Oven und anderer Forscher hat sich herausgestellt,
dass die kugelige Schale vieler Orbulinen eine kleine, oft
sogar bestachelte Globigerina im Innern einschliesse. Dies
Verhalten ist einerseits als Fortpflanzungsact gedeutet worden,
indem man glaubte, dass die Orbulinen losgelöste End-
kammern von Globigerinen seien und als Brutkammer
dienend, eine junge Globigerina im Innern entwickelten,
andererseits, dass durch besondere Wachsthumvorgänge
gewöhnliche Globigerinen aus Orbulinen, die Globigerinen
enthielten hervorgegangen sein.
M. Oven will die Gattung Orbulina gestrichen wissen
und stellt sie zu Globigerina, während hingegen Carpenter
zu beweisen sucht, dass nicht alle Orbulinen den Einschluss
von Globigerinen zeigen.
Das von mir zur Untersuchung verwendete Material
stammte von vier Standorten her.
Orbulinen von Cap Verde 23^ W. und 16<> N. recent.
Orbulinen von Rimini Adria Meer, recent.
Orbulinen aus dem Wiener Tertiär von Lapugy, den
Miocän-Schichten angehörend aus Ost-Ungarn.
Orbulinen ebenfalls aus dem Wiener Tertiär von Sz-
Somlyo, Miocän-Schichten in NO.-Ungarn.
430 G. Schacko:
Um brauchbare Untersuchimgsobjecte zu erlangen wen-
dete ich folgendes Verfahren an. •
Die Manipulation zur Erlangung der Einschlüsse der
Orbulinen erfordert eine gewisse Gewandtheit, da durch
falschen Druck die Schale ihrer Sprödigkeit wegen häufig
ganz zersprengt wird und die zarten Einschlüsse dann
vollständig zerstört worden. Dieses zu vermeiden reinige
man die Kugel vollständig und feuchte sie ein wenig an.
Die Poren saugen die nöthige Quantität Wasser sofort ein.
Hierauf hält man die zu untersuchende Kugel gegen das
Licht, und sucht die dunkelste Stelle an ihrer Oberfläche
zu finden, denn hier liegt die kleine Globigerine dicht an
der Innen- Wandung der Orbuline. Nun legt man die Kugel
so auf eine schwach angefeuchtete Glasplatte, dass man
den auf der Orbulina als dunkel erkannten Punkt zur
linken Hand hat und übt mit dem Nagel des Daumen der
rechten Hand einen leichten Druck direct auf die darunter
liegende Orbulina aus. Durch einige Uebung wird bald
die nöthige Gewandtheit erlangt und ein ausserordentlich
feines Gefühl bei Ausübung des noth wendigen Druckes
entwickelt. Die Orbulinen-Schale erhält, der Art behandelt,
nur Risse und zerspringt nicht in zu kleine Stücke, da
die Sprödigkeit durch das Eindringen des Wassers in die
Poren beseitigt wird, und man kann nun leicht mit feiner
Nadelspitze nachhelfen und dieBruch-Theile der Schale weiter
untersuchen. Wenn nicht gerade sehr ungünstige Brüche
stattgefunden, so erscheint die kleine äusserst zarte Globi-
gerine, regelmässig intact dicht an der Innen-Wandung
der Orbulinenschale sitzend, mit der apicalen Seite der
Innen- Wand der Orbulina zugekehrt, auf der basalen Seite
mit ziemlich weitem Nabel und mit 3, 4 auch 5 deutlich
sichtbaren grossen zusammenhängenden kugeligen Kammern
mit halbmondförmigen Oeffnungen versehen.
Besonders möchte ich noch bemerken, dass bei der
grossen Anzahl der untersuchten Schalen von Orbulinen
3mal der Fall beim Zerbrechen der Schale vorkam, dass
sich Doppelschalen zeigten, indem sehr grosse Schalenseg-
mente absprengten und darunter eine neue Schale zum
Vorschein kam. Genau correspondirten die Perforirungen,
tJntersuchung'en an Foraminiferen. 431
sowohl die grossen als kleine Poren, wie ich durch mikros-
kopische Beobachtung ersehen konnte, nur dass die Dicke
der Doppelschalen einen geringen Unterschied zeigten.
Die äussere Schale war etwas schwächer. Die Dicke beider
Schalen zusammen war gleich der normalen Dicke bei
verhältnissmässig gleicher Grösse anderer Individuen. Diese
Doppelschalen zeigten sich bei zwei tertiären Individuen aus
Miocän-Lagern von Lapugy und gehörten wohl zu einer
kleinen Orbulinenspecies. Sie hatten nur Vs der gewöhn-
lichen Grösse der Orbulinen von jenem Fundorte erreicht,
befanden sich demnach im Entwicklungsstadium.
Eine andere Doppelschalen - Bildung zeigt sich bei
einem Individum einer noch lebenden grösseren Art von
dem Cap-Verden. Auch hier war die vollständige Grösse
noch lange nicht erreicht. Dieser Umstand scheint mir
eng mit den Wachsthumverhältnissen der Orbulinen-Schalen
zusammen zu hängen und könnte wohl darauf hindeuten,
worüber bereits M. Schulze seine Ansicht dargethan hat,
dass sich das Wachsthum der monothalamen Schalen nur
durch innere Resorptions- und äussere Auflagerungs-Er-
scheinungen erklären lasse.
a) Orbulina von dem Cap-Verden.
Die allgemeine gewöhnliche Form der Schale der
Orbuline ist die Kugelform. Die von mir untersuchten re-
centen Orbulinen von dem Cap-Verden besassen dieselbe
vollständig, ohne die geringste Abweichung zu zeigen, so-
wohl in der Jugend als bei ausgebildeter typischer Form.
Die tertiären jedoch von Sz-Somlyo und noch mehr
die von Lapugy weichen vorzüglich im Jugendzustande
bedeutend von der typischen Kugelform ab. Junge Exem-
plare zeigten nach dem einen Pol zu eine spitzenförmige
blasenartige Erhöhung ähnlich einer Birnform, andere
mehrere blasenartige und beerenförmige Erhöhungen und
zwar genau an der Stelle, wo die kleine Globigerine im
Innern an der Innen-Wand der Orbulina lag und wie sich
nach weiterer Untersuchung zeigte, schmiegte sich die
grobe und starke Orbulinenschale genau an die Aussenwand
432 G. Schacko:
der sehr zarten Schale der innen liegenden Globigerine
an und war zum Tlieil wie es schien fest mit derselben
verwachsen, oft eingebettet, was aber bei den recenten be-
stachelten kleinen Globigerinen nicht der Fall war, die sich
in den recenten Orbulinen von dem Cap -Verden befanden.
Sowohl recente Orbulinen als auch tertiäre zeigten nicht
die geringste Spur von Stacheln, erschienen an der Ober-
fläche der Schale glatt und zum Theil seidenglänzend, vor-
züglich die recenten ; die tertiären hingegen hatten ein etwas
rauheres Ansehen in Folge grösserer Porencanäle, deren
Oeffnungen nach aussen von erhabenen Kanten umzogen
werden und zusammen eine reticuläre Felderung bilden,
so dass jede Porenöifnung in einem solchen Feldchen liegt.
Die von den Cap-Verden stammenden Exemplare re-
center Orbulinen waren rein weiss, seidenglänzend, durchaus
kugelrund; sie besassen gleichdicke Wandstärken und einen
Durchmesser von 0,3 bis 0,9 Millimetern. Bei dem Auf-
brechen der Schale zeigten sämmtliche untersuchten Exem-
plare iin Inneren stets eine mehr oder weniger fein be-
stachelte kleine zartwandige Globigerine, meist rechts, nur in
Einem Falle links gerwunden, und zwar in verschiedenen
Entwicklungs-Stadien, so dass 2, 3. 4, auch 5 Kammern bei
noch schwacher Vergrösserung schon sichtbar wurden. Bei
grossen Exemplaren konnte ich oft nur 2 Kammern, bei
den grössten sonderbarerweise nur schwache Andeutungen
von Schalenbildung einer Globigerine, jedoch ohne Stachel-
besatz auffinden, und es schien als w^äre der ziemlich zarte
Schalenbau der kleinen Globigerine zusammengesunken und
bilde nur noch einen unscheinbaren Scherbenhaufen. Es
scheint mir nicht ganz unwahrscheinlich, dass nach höchster
Entwicklung der Orbuline die Globigerine vollständig zu
Grunde geht. Vergleicht man die Entwicklungsstadien der
Orbulinen mit denen der sie begleitenden Globigerinen, so
tritt im ersten Jugendzustand zuerst der Durchmesser der
Orbuline gegen den Durchmesser der correspondirenden
kleine Globigerine in der Entwicklung verhältnissmässig
zurück. Bei 0,7 mm Durchmesser der Orbuline hat die
Entwicklung der Globigerine ihren Ilr>hcnpunkt erreicht
und scheint dann bei Zunahme des Umfanges und Durch-
Untersuchungen an Foraminiferen. 433
messers bei 0,8—0,9 mm der Orbuline vielleicht eine Re-
sorption der Kammern der Globigerine stattzufinden, die
so weit gehen könnte, dass bei voller Ausbildung der Or-
buline die Globigerine vollständig verschwindet. Ich könnte
Carpenter's Beobachtung, nicht in allen Orbulinen, Globi-
gerinen gefunden zu haben dahin deuten, dass er entweder
nur entwickelte Zustände bei Orbulinen oder auch mög-
licherweise andere Species beobachtet haben mag. Doch
wird für die Zukunft Bestimmteres sich wohl aus weiteren
Beobachtungen ergeben, die mit ausgedehnterem Material
ausgeführt werden können, als mir zu Gebote stand. Eine
junge Orbulina von 0,3 mm Durchmesser enthielt eine
Globigerine, die den inneren Raum der Orbuline bis fast
-/s erfüllte. Eine Orbuline von 0,7 mm Durchmesser
enthielt eine Globigerine von 0,5 mm, das grösste Entwick-
lungs-Stadium einer Globigerine, welches ich beobachten
konnte. Eine Orbulina von 0,8 jedoch nur eine kleine
Globigerine von 0,2 mm und eine Orbulina 0,8 ja 0,9 mm
Durchm. eine kaum noch bemerkbare Spur einer Bildung
von Globigerinen-Schale. Ob noch andere Umstände als
Resorptionsverhältnisse im letzten Fall eingetreten sein
mochten, wage ich nicht zu behaupten. Das untersuchte
Exemplar war vollständig intact und geschlossen, zeigte
durchaus keine andere oder zufällige Oeffnung, oder son-
stige andere sichtbare Einwirkung von Aussen. Auch
habe ich überhaupt bei den recenten Orbulinen, die ich
untersucht, keine runde Oeffnung in der Schale vorge-
funden, wohl aber bei anderen, die in grosser Meerestiefe
gefunden worden waren, wahrscheinlich abgestorbene Exem-
plare, die ausserdem mit feinem Kalkschlamm oft voll-
ständig angefüllt waren. Hier war von Erhaltung der
Globigerine keine Spur mehr zu finden. Nebensächlich
bemerkt, konnte das reichhaltige Material des bekannten
Globigerinen-Mergels von Klausenburg in Siebenbürgen,
worin wenigstens 75% Globigerinen und Orbulinen ge-
funden werden, zur Untersuchung nicht benutzt werden,
da dieselben alle vollständig calcinirt waren und sich im
Innern der Orbulinen die herrlichsten kleinen Kalkspath-
Drusen gebildet hatten.
Archiv f. Natwrg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 28
4.14 G. Schacko:
Betrachtet man nun die kleine eingeschlossene Globi-
gerine genauer, so lindet sie sich stets in der Nähe der Or-
bulinen-Waudung, trotz ihrer ansehnlichen Bestachelung.
Ob im normalen Zustand frei, mag ich noch nicht ent-
scheiden, dennoch konnte ich dieselbe stets nur mit Ge-
waltanwendung und Opferung ihres Stachelbesatzes, selbst
im Wasser erweicht, nie anders frei zur Beobachtung er-
halten. Die Stacheln sind weit länger an den Stellen der
Kammern, wo sie sich frei entwickeln können, als an der
Stelle, wo sie die Wandung der Orbuline berühren. Sie
erlangen hier nur die Länge die ihnen der Zwischenraum
gewährt und bleiben oft vielfach beim gewaltsamen Ab-
bruch an der Wand der Orbuline hängen, sind selbst durch
längere Behandlung mit Wasser nicht zu entfernen, so
dass sie auch an der Orbulineu-Schale festgewachsen er-
schienen. Frei entwickelte Stacheln haben oft die Länge
des Durchmessers der Kammer, auf der sie stehen. Sie
sind sehr zart und scheinen sich direct mit kurz verdickter
Basis aus der dünnen Schale zu erheben, denn man findet
häufig abgebrochene Stacheln an deren Basalende noch
vollständig ein rundausgebrochenes Stück der Schale sich
befindet. An den Stacheln hing häufig noch angetrocknetes
Plasma in Form kleiner Kugeln und Klümpchen oder in
Form feiner Fäden, die Spitze des einen Stachels mit der
eines andern verbindend. Grössere Ansammlungen von
Plasma konnten nicht nachgewiesen werden, sowohl in
der Orbuline als in der Globigerine. Dennoch fanden sich
grössere Körper oder Kugeln vor, sowohl in der Orbuline
als in der letzten Kammer der Globigerine und ich glaube
in diesen die von M.Schulze früher in Rotalinen gefundenen
dunklen Kugeln wieder in Orbulina und Globigerina ge-
sehen zu haben. Sie bildeten grosse zusammenhängende
Complexe, entbehrten jeder gemeinsamen Hülle und schienen
besonders aus feinem monekülaren schwarzen Körnchen zu
bestehen nnd sollen nach früheren Untersuchungen nicht
aus thierischer Substanz gebildet sein.
Grössere und kleinere Complexe dieser Körper habe
ich auch bei tertiären Globigerinen, die Orbulinen ent-
nommen waren, gefunden, und waren dieselben hier mit
Untersuchungen an Foraminiferen. 435
einem Saum der feinsten und glänzenden Schwefelkieskry-
stalle umgeben.
Ferner zeigten sich vorzüglich in der letzten Kammer
der kleinen Globigerine und sehr selten in der Orbuline
grössere Kugeln, ähnlich wie Carpenter auch kugelige
etwas ovale zuweilen in Zweitheilung begriffene Körper in
Orbulites gesehen hat. Sie waren von einer festen Hülle
deutlich umgeben. Mosseley „Note by a naturalist on tho
Challenger*', London 1879 p. 292 spricht sich darüber aus
und deutet diese Körper als parasitische, einzellige Algen.
Lankaster's Ansicht, sie für Zellkerne zu halten scheint
mir eben so wenig sicher. Ich möchte die Vermuthung
aussprechen, dass diese Körper oder Kugeln, die ich nur
spärlich und sehr selten bei meinem geringen Material
auffand und nicht mit Säuren untersuchen konnte, einfach
die Embryonalkammern der sich anderorts wieder bildenden
kleinen Globigerinen sein möchten. Bei genauer Messung
der Grösse, Form und Anheftungsfläche der Embryonal-
kammer an die 2. Kammer und der Wandungsverhältnisse
gaben diese Körper selbst noch bei der stärksten Ver-
grösserung ein getreues Bild der Embryonalkammer und
der sich daranschliessenden 2. Kammer der kleinen Globi-
gerine, die sich innerhalb der Orbuline fand. Da ich diese
Untersuchung nur an bereits todten Exemplaren recenter
Orbulinen gemacht habe, so möchte ich dieselbe vorläufig
nur als Fingerzeig für spätere, an lebenden Orbulinen vor-
zunehmende Untersuchungen hingestellt haben. Ich weiss
auch nicht, ob bereits schon genauere Untersuchungen über
die Embryonalkammer dieser kleinen Globigerinen gemacht
worden sind.
Oven giebt im Lin. Soc. Journal Zool. Vol. IX Taf. 5
Fig. 2. 3. 4 Abbildungen aufgebrochener Orbulinen-Schalen
mit darin eingeschlossenen kleinen Globigerinen, Fig. 2
zeigt auch deutlich die eine Kammer der Globigerine mit
Stacheln bewehrt. Er nennt sie G. (Orbulina) acerosa n. s.
Dennoch möchte ich meine untersuchte Orbulina von dem
Cap Verden nicht mit der Oven's identificiren. Die An-
ordnung der 5 abgebildeten Kammern seiner Globigerine,
wovon nur die eine Kammer mittlerer Grösse bestachelt
436 G. Schacko:
gezeichnet ist, machen durchaus nicht den Eindruck einer
regelmässigen Entwicklung, doch mag ich hierüber nicht
streiten, es kann ja wirklich eine andere Species vorge-
legen haben. Die unter Fig. 4 abgebildete Globigerine
harmonirt eher mit meiner Tertiär-Art von Lapugy.
Die von mir in der Orbulina von dem Cap Verden
aufgefundene kleine Globigerine Taf. XIII Fig. 2 ist ihrer
Natur nach stets mehr oder weniger involut und zeigt ober-
flächlich betrachtet 5 deutliche runde Kammern. Zerbricht
man nun die letzten Kammern, so finden sich noch 7, auch
oft 8 sehr kleine Kammern vor, so dass ich klar und deut-
lich bei vollständiger Entwicklung der Globigerine 13 aus-
gebildete Kammern zählen konnte. Die ersten Kammern
von der Embryonalkammer bis zur 8. Kammer sind ganz
durchsichtig glashell, ohne Perforation. Die 9. Kammer
ist perforirt und die 10., IL, 12. und 13. perforirt und be-
stachelt. Ich gebe hier die grössten Durchmesser der
einzelnen Kammern der kleinen Globigerine an zur Ver-
gleichung der Wachsthumverhältnisse.
Embrvonal - Kammer, Durchmesser 0,016 mm
2.' „ „ 0,0135 „
3. „ „ 0,015 „
4. „ „ 0,017 „
5. „ „ 0,019 „
6. „ „ 0,023 „
7. „ „ 0,031 „
8. „ „ 0,036 „
9. „ „ 0,054 „
10. „ „ 0,07 „
11. „ „ 0,095 „
12. „ „ 0,14 „
13. „ „ 0,175 „
Die Embryonalkammer erscheint als völlig runde Kugel,
nur an der Stelle, wo die Oeffnung zur 2. Kammer führt,
fehlt ein kleines Kugelsegment. Hier setzt sich auch die
im Durchmesser weit kleinere 2. Kammer an. Es folgen
nun die 3., 4., 5., 6., 7. Kammer mit mehr oder weniger
seitwärts gedrückter Kugelform. Diese bilden zusammen
den ersten Umgang der Globigerine. Die Kammern 8, 9,
Untersuchungen an Foraminiferen. 437
10 und 11, ebenfalls fast kugelig, bilden den 2. etwas aus
der ursprünglichen Ebene herausgetretenen Umgang. Kammer
12 und 13 vollendet fast den 3. Umgang. Die Oefifnungen
der Kammern sind gegen die Nabelhöhle, welche durch
die Umgänge gebildet wird, gerichtet, mit einem dicken
leistenförmigen Mundsaum umrahmt, der gut die doppelte
Stärke der Kammerwand-Dicke besitzt. Embryonal-Kammer
bis zur 7. Kammer waren von einer 0,002 dicken Wandung
eingefasst, die grösseren Kammern Hessen selbst bei starker
Vergrösserung keine Netzstructur um ihre Poren erkennen,
zeigten jedoch unregelmässig verbreitete Verstärkungen
der Schale, die sich in langgedehnten unregelmässig ge-
krümmten Windungen zwischen den Poren hinzogen. Die
Poren der letzten Kammer haben etwa einen Durchmesser
von 0,0025 mm und zeigen keine trichterförmigen Erweite-
rungen, stehen sehr regelmässig in einer Entfernung von
0,01 mm von einander und bedecken die ganze Kammer.
Ich habe mich bemüht eine Form dieser kleinen Glo-
bigerine im Schlamm, worin die Orbulinen gefunden waren,
in freiem Zustande aufzufinden. Es war vergebens, obw^ohl
sich Globigerinen-Formen von derselben Grösse frei darin
vorfanden, welche jedoch andere Entwicklung und Perfo-
ration zeigten, somit andern Species angehören mussten.
Auch hierdurch möchte vielleicht meine Vermuthung, dass
die in Orbulina erzeugte Globigerine entweder ganz ver-
loren gehe oder wenigstens nicht frei würde und im Innern
der Orbulina verbliebe, mehr Wahrscheinlichkeit erlangen.
Sie ist eine gar zu zarte Erscheinung gegenüber den dick-
wandigen Globigerinen, die sich wohl frei ohne Schutzhülle
entwickeln könnten.
Die Poren der Orbuline sind von sehr verschiedener
Grösse. Es giebt grobe Poren von einem Durchmesser
von, 0,018 bis 0,024 mm, oft ovale selbst unregelmässige
ausgebuchtete Oeffnungen und nur schwache trichterförmige
Erweiterungen zeigend, die gegen die Innenfläche der Wan-
dung der Orbuline gerichtet sind. Die kleineren Poren
sind die häufigsten und haben einen durchschnittlichen
Durchmesser von 0,003 mm; dennoch finden sich dazwischen
noch feinere Poren von 0,0015 mm darunter. Die mittleren
438 G. Schacko:
Poren entwickeln durch die sie umrahmenden Leisten be-
deutende Trichtererweiterungen fast auf Vi ihrer ganzen
Länge stets an der Oberfläche der Schale nach Aussen.
Ich möchte demnach den ganz grossen Poren der Orbeline
eine speciellere Function noch zuschreiben. Sie haben
nämlich einen bedeutend grösseren Durchmesser, als die
Kugeln, welche ich als Embryonen muthmasslich bezeichnet
habe. Sind diese zur Reife gekommen, so könnten diese
Kugeln allein oder vielleicht, resp. mit ihrem Appendix
der 2. Kammer ganz bequem aus der Orbuline ausgestossen
werden, um sich weiter frei zu entwickeln und dann mit
einer Orbulinenschale sich umgeben. Zur besseren Aus-
stossung der Embryonen möchten deshalb die grossen
Poren oder Löcher auch ganz schwache Trichteröffnungen
nach der Innen - Seite der Orbulinen - Wandung bilden,
während die kleineren Poren ihre Trichteröffnung zum
Wassereinziehen oder Durchtritt der Pseudopodien an der
Oberfläche der Ausseuwanduug der Orbuline zu liegen
haben. Doch gebe ich gern zu, dass auch andere Gründe
hierzu obwalten mögen.
b) Orbulina Nro. 1 von Rimini (Adria Meer).
Von geringeren Dimensionen im Umfang, etwa von
0,3 bis 0,6 mm im Durchmesser boten sie fast dieselben
Erscheinungen wie die vorherbeschriebenen dar, nur mit
einigen Differenzen. Eine grosse Anzahl von Exemplaren
war in Doppelbildung ihrer, Schalen begriffen. Die eine
Hälfte der oberen Schale war fast immer abgesprengt, die
darunter liegende (ob Neu-Bildung) war sehr dünn. Auch
konnte man 2 verschiedene Species oder Varietäten an der
äusseren Entwicklung der Orbulinen-Schalen beobachten.
Die eine Partie zeigte sehr grosse regelmässige Perforation,
die andere sichtbar kleinere Perforation mit dicken Wan-
dungen der Schale.
Die grösseren Orbulinen zeigten auch hier selten den
Einschluss von Globigerinen oder theilweise nur Bruchstücke
davon, oft waren die Schalen mit körniger feiner Kalkmasse
zum Theil angefüllt und hatten dann ein 0,8 mm grosses
Untersuchungen an Forarainiferen. 439
Loch in der Wandung der Orbulinen-Schale; diese schienen
abgestorbene Exemplare zu sein. (Taf. XIII Fig. 3.) In
unversehrten geschlossenen Exemplaren von 0,5 Durchmesser
fanden sich ganz schwach gestachelte Globigerinen und
zwar waren dieselben von der 9. Kammer an mit kurzen
und weichen Stacheln versehen. Die Maasse für die
Kammern dieser Globigerine sind.
Embryonalkammer 0,019
2. Kammer 0,017
3. „ 0,0175
4. „ 0,02
5. „ 0,029
Sie unterscheiden sich von den früher beschriebenen
Cap Verdischen dadurch, das 1. die Embryonalkammer
grösser ist und die darauf folgenden Kammern, ebenfalls
kräftiger entwickelt, sich gerade zum Centrum der Embryo-
nalkammer stellen, nicht schräg gedrückt erscheinen, und
bereits die 9. Kammer bestachelt ist. Weitere Entwicklung
der folgenden Kammern habe ich nicht verfolgen können.
c) Orbulina Var. No. 2 von Rimini.
Andere Orbulinen von Rimini zeigten grosse Poren,
enthielten nur Globigerinen-Einschluss ohne Bestachelung
und konnte hier bei 0,3 mm Durchmesser die bis jetzt
grösste Entwicklung der Kammern an Zahl festgestellt
werden. (Taf. XIII Fig. 4). Es zeigten sich 14 gut er-
haltene deutlich fein perforirte Kammern mit folgenden
Durchmesser- Verhältnissen.
Embryonalkammer 0,016 8. Kammer 0,023
2. Kammer 0,012 9. „ 0,035
3. „ 0,015 10. „ 0,041
4. „ 0,017 11. „ 0,046
o.
0,057
6. „ 0,021 13. „ 0,078
7. „ 0,022 14. „ 0,11.
Diese Globigerine bleibt bei sehr regelmässiger Ent-
wicklung gegen die vorige an Grösse zurück und erreicht
in voller Vollendung bei der 14. Kammer etwa an Grösse
440 G. Schacko:
die 11. Kammer der Globigerine von dem Cap Verden.
Die Perforation ist in Grösse der Poren und Abständen
den früheren gleich. Nur die Schalenmasse war sehr durch-
sichtig und zeigte eine gleichmässige Granulierung. Beide
Varietäten No. 1 und No. 2 zeigen in der Spiralanordnung
der Kammern bereits Verschiedenheit. Zieht man eine
Linie durch die Embryonalkammer, so stellen sich auf die-
selbe bei der einen bestachelten Varietät No. 1 die Kammern
1, 2, 7, 5 auf die gerade Linie, während bei der unbe-
stachelten Varietät N. 2 diese Linie die 1., 4., 7. und 10.
Kammer gerade durchschneidet. Bei No. 1 beginnt die
Perforation bei der 9. Kammer und zeigt weitere Zwischen-
räume, bei No. 2 beginnt sie erst bei der 12. und ist ent-
schieden enger.
Will man das Resultat dieser Beobachtungen kurz
zusammenfassen, so zeigten sich in morphologischer Beziehung
im Bau der Schale von recenten Orbulinen, welche hier
behandelt sind, wenige Unterschiede, während bei ihren
Einschlüssen, den Globigerinen, sich recht greifbare Unter-
schiede zeigen, in Betreff der Bestachelung, Windungsaxe,
Perforirung etc. Zu erwähnen ist noch, dass bei allen
von mir beobachteten eingeschlossenen Globigerinen die
Embryonalkammer und eine Anzahl der darauf folgenden
kleinen Kammern nicht perforirt ist.
d) Orbulinen ans tertiären Schichten.
Zeichnen sich die miocänen Schichten von Lapugy
in Siebenbürgen überhaupt durch die schöne Erhaltung
der Einschlüsse von Conchylien etc. aus, so ist dies nicht
weniger der Fall bei der Erhaltung der Schalen von Fora-
miniferen, und es zeigten die Orbulinen noch klar und
deutlich den Einschluss der Globigerine. Im Vorhergehen-
den ist bereits über den Bau der Orbuline und Globigerinen-
Einschluss berichtet worden, und es zeigten sich auch hier
recht interessante und bedeutende Unterschiede der Ent-
wicklung beider zu einander. Die Orbuline von Lapugy
zeigt eine etwas länglich-runde, zitzen-, auch beerenför-
mige blasige Anschwellung an dem einen Pol der Kugel,
Untersuchungen an Foraminiferen. 441
gerade an der Stelle, wo die Entwicklung der Globigerine
stattfindet.
Ich fand die Embryonalkammer und den grössten
Tbeil der folgenden Kammern stets fest mit der Orbulinen-
Schale verwachsen, und konnte dieselben nie ohne Be-
schädigung von derselben trennen. Dies hat seinen Grund
darin, dass sich die Orbulinen-Schale genau an die Kammer-
wände der Globigerine anlegt, die Globigerine somit in
den von der Orbuline gebildeten Höhlungen halb verdeckt
liegt und auf diese Weise geschützt ist.
Ein Bild von diesen Lagerverhältnissen giebt Taf. XIII
Fig. 5 und 6. Fig. 6 Embryonalkammer mit Kammer 2,
3, 4, 5, 6 ist imperforirt. Fig. 5 zeigt Kammer 8, 9, 10
und 11 als etwas länglich breitgedrückte perforirte und
reticulirte Kammerform. Die Kammern 12, 13 und 14
sind hier vollkommen aufgebrochen, es zeigt sich nur noch
der Durchschnitt der Kammerwand und der Rand der
Schale, wie er in die darunter liegende Aushöhlung in der
Orbuline mit derselben verwachsen ist, ferner die Perfo-
rirung der Orbuline, central gestellt zur Hohlfläche derselben,
also hier durchaus keine regelmässig gleichmässige Perfo-
rirung wie im übrigen Theil der Orbulinen-Schale. Die
letzten 3 grossen Kammern waren nur perforirt und zeigten
keine Leistenbildung und Reticulation um ihre Porenöff-
nungen. Die Embryonalkammer, sehr stark gebaut, ist
grösser im Durchmesser als die der recent beobachteten,
ebenso ist auch die weitere Entwicklung der Globigerine
weit kräftiger, obwohl der Durchmesser der Orbuline ver-
hältnissmässig klein ist, denn die Exemplare erreichen kaum
die Grösse von 0,6 mm.
Der Durchmesser der Embryonalkammer ist 0,023 mm.
der 2. Kammer „ 0,019 „
n 3. „ „ 0,022 „
„ 4. „ „ 0,025 „
. 5. „ „ 0,034 „
„ 6. „ „ 0,037 „
„ 7. (wahrscheinlich) „ 0,041 „
„ 8. „ „ 0,045 „
„ 9. „ „ 0,055 „
442 G. Schacko:
Der Durclimesser der 10. Kammer ist 0,066 mm
„ 12. „ „ 0,13 „
„ 13. ,, „ 0,15 „
14 0 10
Die Schalenwandung der Embryonalkamnier hat eine
Dicke von 0,002 mm, die der folgenden Kammern kaum
0,0015 mm und die der letzten 3 grossen Kammern sind
noch dünner.
Dicht an der Peripherie der Kammern, die von der
Orbulinen-Schale fast eingeschlossen sind, zeigt sich in
der Wand der Orbuline eine grosse Anzahl bedeutender
Durchlass-Poren (Fig. 5 und 6 X). Dieselben treten bei
verschiedenen Individuen in recht verschiedener Anzahl
auf, so dass ich oft an der Peripherie einer Kammer zwei,
oft 5, ja auch 6 grosse Porenlöcher zählen konnte; während
sie an anderen Stellen der Orbulinen-Schale nur sehr selten
anzutreffen waren. Es scheint diese Erscheinung doch sehr
eng mit den Bildungsverhältnisseu der Orbulinen-Schale
und der Globigerinenschale überhaupt in innigster Ver-
bindung zu stehen. Der typische, vielleicht Species- Cha-
rakter dieser Globigerine liegt in der reticulirten Perfo-
ration bei der 8., 9., 10. und 11. Kammer, und hat somit
Aehnlichkeit mit der ungleich stärkeren Reticulation oder
Lamellenverstärkung bei der sie umgebenden Orbulinen-
Schale. In der 12., 13. und 14. also den letztgebildeten
Kammern tritt derselbe jedoch wieder zurück und es zeigt
sich hier nur einfache Perforation, und tritt also eine
Abschwächung oder Reduction in Betreff der Schalendicke
ein, was möglicherweise als ein Anzeichen für das spätere
gänzliche Verschwinden der Globigerine in der Orbuline
aufgefasst werden könnte. Das Austreten der Globigerine
aus der Umhüllung der Orbuline unter dem hier stattfinden-
den Verhältniss der Anheftung an die Wandung derselben
scheint mir nicht gut erklärbar. Die Globigerine wäre
somit nur als die Brutbildungsstätte der Em-
bryonen aufzufassen, während die Orbuline nur
als eine sie länger überdauernde Cyste anzu-
sehen wäre.
Untersuchungen au Foraminiferen. 443
Auch in den Tertiär-Lagern fand ich die grösseren
Exemplare der Orbulina zum grossen Theil mit einer grossen
Oeffnung versehen, vor, stets aber ohne Einschluss einer
Globigerine, mit feinem Sande oder Schlamm ausgefüllt,
während junge kleine Orbulinen-Schalen, in denen die
Sarcodemasse in Schwefelkies umgewandelt war, gut den
Abdruck der kleinen Globigerinen-Kammern noch deutlich
im Schwefelkies zeigten, wenn gleich die dünnen Kalk-
schalen derselben verschwunden waren.
Die Orbulina der oberen Miocän-Schichten von Sz.-
Somlyo im NO. von Ungarn ist von der von Lapugy wieder
verschieden. Die Schale ist feiner perforirt und regelmäs-
siger kugelförmig. Die kleine Globigerine ist hier auch
mit der Schale der Orbuline eng verwachsen. Die Em-
bryonalschale derselben hat mit der recenten Globigerine
Fig. 4 sehr viel Aehnlichkeit. Nur zeigt sie eine feinere
regelmässige enge Perforirung, aber es zeigen sich bei ihr
auch die grossen Durchlassporen an der Peripherie der
Kammern, wie bei der von Lapugy. Wie sich nun über-
haupt die Embryonal- Globigerinen in den hier untersuchten
Orbulinen zu den anderen Embryonen wirklicher frei ent-
wickelten grossen Globigerinen verhalten, ist eine Frage,
deren Erledigung weiteren Beobachtungen vorbehalten ist.
IL Embryonen in Peneroptis proteus.
Die wenigen und spärlichen Beobachtungen über die
Vermehrungsweise mariner Rhizopoden, welche während
einer ziemlich langen Reihe von Jahren bekannt geworden
sind, stehen in keinem Verhältniss zu den Beobachtungen,
welche an Süsswasser-Rhizopoden vorzüglich in letzter Zeit
veröffentlicht worden sind. Diese Erscheinung findet ge-
wissermassen ihre Begründung darin, dass man bei Süss-
wasser-Rhizopoden ihrer Durchsichtigkeit oder schwachen
Beschalung wegen leichter die Entwicklung derselben, und
besonders das Verhalten des Plasmas hierzu, verfolgen
kann. Dazu lässt sich das Material zur Beobachtung viel
leichter beschaffen und. auch erneuern.
444 G. Schacko:
Bei marinen Rhizopoden hingegen verhindert der oft
sehr starke Schalenbau fast jede Beobachtung innerer Ent-
wicklung und so ist man oft nur auf die wenigen dünn-
schaligen transparenten Formen oder auch Jugendstadien
von Foraminiferen, die einige Einsicht gestatten, ange-
wiesen. Ausserdem ist brauchbares Material zu diesen
Untersuchungen sehr schwer zu beschaffen um ein Studium
mit Erfolg daran knüpfen zu können. Sichere Beobach-
tungen über das Erscheinen von Embryonen innerhalb der
Schale mariner Rhizopoden sind gemacht von M. Schulze
bei Milioliden und Rotalia, von Carpenter und Johns,
welche Embryonen, beschalte Brut in den einzelnen Käm-
merchen des Scheibenrandes bei Orbitolites beobachteten,
und von Semper, Z. f. w. Z. XIII p. 568.
Ist nun das Studium der marinen Rhizopoden schon
an sich sehr erschwert, so treten noch mannigfache Täusch-
ungen in der Beobachtung gerade von Embryonen hinzu.
Es sind besonders Diatomeen, welche sich oft aussen aut
die dünnen Wandungen der Kalkschaleu von Foraminiferen
festsetzen : Pinnularia, Eunotia und besonders Cocconeis.
Bei einiger Uebung und guter Präparation des Objectes
lässt sich dies jedoch überwinden, theils durch chemische
Prüfung, theils durch scharfe Beobachtung mit gutem Mi-
kroskop, so dass man hier sicher gegen Täuschung ge-
schützt ist. Schwieriger ist es jedoch, wenn Diatomeen
durch die Oeffnungen oder wie es häufig geschieht durch
die Verletzung der Schale in das Innere derselben gelangen
und sich dann an der Innenfläche festsetzen wie ich häufig
bei Orbiculina und Orbitolites Gelegenheit hatte zu beo-
bachten, da ist die Täuschung sehr leicht möglich und
erfordert die höchste Aufmerksamkeit.
Besonders war ich darauf bedacht Species zu unter-
suchen, welche bei bedeutender Grösse der Kammern und
Durchsichtigkeit der Schale nur kleine Ausgangsöffnungen
haben, um so gegen Täuschung wo möglich bewahrt zu
bleiben. Bot demgemäss früher Orbiculina oder Orbitolites
Gelegenheit zur Auffindung von Embryonen, so zeigte sich
dieses noch klarer bei Peneroplis proteus d'Orb., einer Art
die in morphologischer Hinsicht viel Aehnlichkeit mit Or-
Untersucnungen an Foraminiferen. 445
biculina und Orbitolites zeigt. Man findet bei derselben
nicht die geringste Andeutung einer sekundären Kammerung,
während andere Arten von Peneroplis aus dem Mittel-
meer, rothem Meer, Ost-Indien und den Philippinen bereits
Andeutungen schon von aussen und durch Leisten-Ver-
dickungen im Inneren Anfänge secundärer Kammerbildung
f zeigen. Somit bekundet Peneroplis auch hierdurch mit
Orbiculina Lam. sehr nahe Verwandtschaft.
Peneroplis proteus d'Orb., eine durch Formwechsel
im Aufbau der Kammern interessante Art, lebt im West-
indischen Meer und wird zu den imperforaten Polythala-
mien gestellt. Eine Abbildung dieser Art giebt d'Orbigny
in Foraminifores de Tile de Cuba par Ramon de Sagra,
Taf. VII Fig. 7, 8, 9.
Der Darminhalt einer in Spiritus aufbewahrten Ho-
lothurie aus dem Meerbusen von Mexico, welcher unter-
sucht worden war, lieferte ausser vielen anderen Forami-
niferengattungen auch eine Anzahl gut erhaltener Indivi-
duen von P. proteus, unter denen sich auch das mit Em-
bryonen angefüllte Exemplar befand, welches ich mit Hilfe
des Prisma bei 150facher Vergrösserung gezeichnet, Taf.
XII Fig. 1 abgebildet habe. Es ist seiner Grösse und
Entwicklung nach noch ein junges Exemplar.
Unter den anderen aufgefundenen Individuen von
P. proteus, der keine Embryonen enthielten, machten sich,
abgesehen von ihrer sonstigen morphologischen Beschaffen-
heit, zwei Varietäten besonders kenntlich. Die typische
Form, welche d'Orbigny in Fig. 7 und 8 abbildet, ist aus-
gezeichnet durch die knopfförmige Verdickung und massige
Auflagerung über die Embryonalkammer und über dem
ersten cyclischen Kammerumgang. Die andere Form,
welche ich hier besonders beobachtete, ist sehr dünn und
flach, hat eine fast gleichmässige Dicke, welche bei weiterer
Entwicklung der Kammerbildung nur langsam zunimmt,
doch bei den letzten zwei Kammern um das Doppelte zu-
genommen hat. Auch zeichnet sich diese Form besonders
durch Dünnschaligkeit und Zierlichkeit der Kammern aus
und bildet gewöhnlich eine einfache Fächerform, während
die typische von d'Orbigny abgebildete Form in Gestalt
446 G. Schacko:
sehr veränderlich ist, auch gröbere Kammern zeigt und
eine Grösse von 1 mm und darüber erreicht.
Das zierliche mit Embryonen angefüllte Individuum
besass aber kaum eine Länge von 0,5 mm, eine Breite von
0,52 mm. Die Dicke beim Embryonalumgang betrug 0,04 mm
und bei den letzten beiden Kammern 0,085 mm ; dasselbe
war zwar wohl noch jung aber gut ausgebildet, unverletzt
und gehörte der regelmässig gebauten typischen Fächer-
form an, war gut und hell durchsichtig, die Schale der Em-
bryonalkammer klar und deutlich in jeder verschiedeneu
Lage zu erkennen. Plasma oder Sarkodereste zeigten sich
nicht.
Die eingeschlossenen Embryonal-Schalen sind von der-
selben Grösse- Form und gelblich braunen Farbe, wie die
Embryonalkammer des Mutterthieres. Tafel XTI Fig. 2
zeigt die Embryonalkammer und ersten Umgänge von P.
proteus bei 420facher Vergrösserung.
Unterzieht man den Bau der Schale von P. proteus
einer genaueren Beobachtung, so fällt die grosse Embryo-
nalschale mit ihrer Windung sofort ins Auge. Sie hat
eine monothalame, flaschenförmige, den Lageniden nicht un-
ähnliche Form, mit langem etwas erweiterten Hals, ist
nicht monaxon wie die Lageniden, sondern der Hals hat
sich umgebogen, an die Wandung des elliptisch-eiförmigen
Theiles gelegt, und ist mit demselben eng verschmolzen
zu einer einfachen Wandung. Ebenso hat die flach ge-
drückte OefiFnung mit stark verdickter Lippe sich flach au
die Wandung angeschmiegt. Hiermit hat die Embryonal-
kammer ihren Abschluss erreicht, und ebenso erhalten die
Embryonen bis hieher ihre Entwicklung innerhalb der
Schale des Mutterthieres, und gleichen der Embryonal-
kammer in Form und Grösse vollkommen. Somit ist der
monaxone Charakter der Embryonalkammer aufgegeben,
der bilaterale dafür eingetreten und die Spirale bereits im
Embryo zum typischen Ausdruck gekommen.
An die Embryonalkammer setzen sich nun zehn kleine,
sackförmige rundliche Kammern in spiraler Ebene perleu-
schnurartig an. Ihre Oeffnungen, die als Verbindungsröhren
der einzelnen Kammern unter einander fungireu, liegen
Untersuchungen an Foraminiferen. 447
zum Theil zuerst dicht an der Wand der Embryonalkammer.
Später entfernen sie sich immer mehr und durchbohren
die dicken Septalwandflächen, welche die Kammern von
einander trennen. Indem die Kammern sich vergrössern,
nimmt auch die Zahl der Röhren in der Septalkammer-
wandfläche im Verhältniss rasch zu, so dass die letzten
Kammern wohl 30 Ausratindungsröhrchen aufzuweisen haben,
ja es finden sich sogar zwei alternierte Reihen von Aus-
münduugsröhren in den letzten Kammern vor. Alle diese
grossen Durchbohrungen oder Löcher der Septalkammer-
wände bilden an beiden Seiten der Wand starke Randver-
dickungen von klarer glänzend emailleartiger Kalkmasse
und sind auf beiden Seiten etwas konisch trichterförmig
erweitert, um das Durch- und Zurücktreten des Plasmas
und der Pseudopodien zu erleichtern. Die Länge dieser
Verbindungsröhren schwankt zwischen 0,007 und 0,15 mm,
der Durchmesser von 0,003— 0,0085 mm und derVerdickungs-
rand um die Oeffnuug ist 0,0018 mm breit. Diese Ver-
dickungsringe verbinden sich untereinander wieder durch
feste breite Brücken oder Leisten, so dass hierdurch die
Septalwandungen verdickt dem ganzen Gehäuse die Festig-
keit geben, wie starke Rippen, ähnlich den Speichen eines
Rades.
Die Embryonalkammer hat eine Länge von 0,055 mm,
eine Breite von 0,041 mm und eine Höhe von 0,04 mm.
Der innere kugelige Theil eine Länge von 0,038 mm und
Breite 0,033 mm. Der untere Theil der Halsröhren an der
Stelle, wo derselbe umbiegt, 0,017 mm breit und 0,004 mm
hoch. Die obere Erweiterung des Halses 0,012 mm hoch
und 0,016 mm breit. Die eigentliche Oeffnung des Hals-
loches und Verbindung zur nächsten Kammer hat jedoch
nur im Durchmesser 0,005 mm, indem hier die sich um-
biegende Schale in Verbindung mit dem Lippenrand die
erste Anlage zu einer Septalkammerwand bildet. Die voll-
ständig richtig ausgebildeten Embryonen nun haben ge-
nau dieselben Dimensionen, zeigen dieselben Verhältnisse
und Formen der eben beschriebenen Embryonalkammer des
Mutterthieres. Die auch vorkommenden abweichenden Formen
der Embryonen, wie sie Taf. XII Fig. 3 f und g abge-
448 G. Schacko:
bildet sind, werden bedingt durch die sich nach einer Seite
hin verengende Kammerbildung bei spiralem Umgang der-
selben.
Die zweite auf die Embryonalkammer folgende Kammer
ist weit kleiner als diese, hat eine gedrückt kugelige Form
und einen Durchmesser von etwa 0,017 mm. Die folgenden
Kammern nehmen eine unregelmässig länglich runde Form
an, die an Grösse proportional zunimmt, so dass die zehnte
Kammer 0,014 mm hoch und 0,025 mm breit ist. Mit diesen
10 Kammern ist der erste Spiral- Umgang beendet. Es
folgen nun, einen halben Umgang bildend nun etwas lang
gestreckte Kammern, und bilden sich bald in der Kamraer-
septalwand 2 Verbindungsröhren und in der letzten von
diesen Kammern erscheint die erste, bereits vollständig
beschalte, ausgebildete langgestreckte junge Embryoschale,
900 im^ iiii-e Axe gedreht gegen die Horizontalfläche. Sie
nimmt fast zwei Drittel des ganzen Innenraums der Kammer
ein. In der vorhergehenden Kammer fand sich noch eine
länglich geformte geringe Masse beschälten Plasmas vor,
doch war dieselbe nicht zur richtigen Ausbildung eines
Embryo gelangt. Die nun jetzt folgenden zehn grossen
langgestreckten Kammern nehmen nach aussen an Breite
sehr zu, werden aber fast keilförmig, da sie sich dem
Centrum stets zuneigen. Alle diese Kammern sind mit
Embryonen angefüllt und zwar von verschiedener Form-
Entwicklung. Während in den breiten Theil der Kammern
die Embryonen regelmässig sich entwickeln können, nehmen
die im keilförmigen Theil der Kammer sich befindenden,
auch eine keilförmig gedrückte längliche Form an, wie
Taf. XII Fig. 3 f und g zeigt und sind die Embryonen
hier gewöhnlich um 90% gegen die Spiralebene gedreht.
Nachdem sich nun eine keilförmige Kammer entgegen-
gesetzt der Richtung der früheren Kammern gebildet und
somit eine kürzere Septalkammerwand entstanden (Taf XII
Fig. 1 c), tritt hierdurch ein Wendepunkt im Spiralbau
des Thieres ein.
Durch die Einschiebung der Kammer hat sich eine
gerade Basis zum geraden vertikalen Aufbau der Kammern
gebildet. Es können nun verschiedene Formen der Kammer-
Untersuchungen an Foraminiferen. 449
bildungen entstehen, je nachdem die Kammern sich in
gleichmässiger Breite entwickeln, sich stabförmig aufsetzen,
oder immer mehr in der Breite sich ausdehnen, so dass
dann die verschiedensten kelch- und fächerförmigen Formen
entstehen können.
Das Embryonen enthaltende Individuum hatte nur
noch zwei breite gut und normal entwickelte Kammern
gebildet, deren Spiralkammerwände auch an Höhe zu-
nehmend, zwei parallellaufende Communikationsröhren mit
alternirenden Oeffnungen zeigten. Sämmtliche unter sich
communicirenden Kammern des Thieres stehen somit nur
allein durch diese 2 Reihen von Oeffnungen in der letzt-
gebildeten Septalkammerwand mit der Aussenwelt in Ver-
bindung und somit auch sämmtliche in den Kammern ein-
geschlossenen Embryonen, die nur durch die Septalkammer-
wände in Reihen getrennt werden.
Die gut ausgebildeten Embryonen lagen nun in den
2 letzten grossen Kammern (Taf. XII Fig. 1 a); in der
ersten 30 Stück, und zwar, da es die Dicke der Kammer
hier gestattete, in doppelter Reihe jede zu 15 Stück dicht
gedrängt neben und übereinander; alle diese 30 Stück
entsprachen vollständig der Grösse der Embryonalkammer
des Mutterthieres. Bei Fig. 1 a ragt die unterste zweite
Lage der Embryonen noch etwas hervor gegen die erst
obere Lage, da die letzte Septalkammerwand am Schluss
der Kammer gewöhnlich bei Peneroplis etwas windschief
schräg gedreht ist. Es konnte auch bei tieferer Einstellung
des Tubus beim Mikroskop die zweite Lage vollständig
klar beobachtet werden.
Die vorletzte Kammer zeigte ebenfalls zwei Reihen
übereinander liegender Embryonen, da sie jedoch nicht so
breit war als die erste Kammer, so enthielten die zwei
Reihen zusammen nur 26 Stück, Die nun folgenden schon
früher erwähnten keilförmigen Kammern sind nur einreihig
durchbohrt und liefern zum Theil unregelmässig geformte
Embryonen (Taf. XII Fig. 3 f und g), etwa 60 Stück, so
dass im vollständigen Thier 118 Stück Embryonen aufge-
funden worden sind.
Da nun alle Embryonen von regelmässiger oder un-
Archiv f. Naturg. XLIX. Jahrg. 1. Bd. 29
450 G. Schacko:
regelmässiger Form in allen Kammern fast gleiche Raum-
verbältnisse zeigen, so dürfte man vielleicht vermuthen,
dass eine sehr regelmässige Abschnürung der Sarcode mit
Kernbildung, oder ein recht gleichmässiger Zerfall des
ganzen Weichkörpers stattgefunden haben könnte, gerade
so wie wir den ganzen Inhalt der Centralkapsel bei den
Radiolarien in die Brutbildung eingehen sehen. Die meisten
Embryonen der letzten 2 Kammern lagen in horizontaler
Lage, nur einige wenige machten davon eine Ausnahme,
indem sie sich um 90^ gedreht hatten. Die ganze Kammer-
höhe und -Breite ist auf die sorgfältigste Weise zur völligen
Entwicklung der Embryonen ausgenutzt. Auch hat die
Drehung bei doppelter Lagerung der Embryonen über ein-
ander, wenn auch unter gewissen Schwierigkeiten stattge-
funden, da man dieselbe in sehr verschiedener Lage an-
trifft. In den anderen Kammern, wo nur eine Reihe Em-
bryonen wegen der geringeren Kammerdicke Platz hat,
liegen die Embryonen gewöhnlich um 90« gegen die Hori-
zontale gedreht; indessen finden auch hier Ausnahmen statt.
Am merkwürdigsten ist die Ausbildung der Embryonen in
den spitz und keilförmig zugehenden Enden der Kammern,
wo die Länge die normale Länge fast um die Hälfte über-
schreitet, aber dann die Breite in demselben Verhältniss
abnimmt.
Das Thier ist sicher unter diesen Verhältnissen bei
der Ausbildung seiner Embryonen auf dem Punkt gewesen,
wo dieselben bereits reif und zu freier Entwicklung fähig
waren, der Tod dasselbe aber überrascht hat.
Eine weitere Entwicklung der Embryonen in der
Schale des Thieres, bei dem schon sehr beschränkten und
unter sich abgeschlossenen Kammerräumen, kann ich mir
nicht gut denken. Auch nach meiner Ueberzeugung kann
der Embryo, wie schon früher Semper es angiebt nur durch
Aufbrechen der Schale des Mutterthieres in das Freie ge-
langen. Bei dem Bau von Peneroplis kann dies sicher nur
auf diese Art bewerkstelligt werden, und zwar wird dies
durch die schwache und oberflächliche Anheftung der
obersten dünnen Deckflächen der Kammern auf die Sep-
talkammerwand leicht durch schwachen Druck der Em-
Untersuchungen an Foraminiferen. 451
biyonen selbst von Innen gegen die Deckfläche geschehen
können. Das Mutterthier wird vielleicht ganz zerstört oder
höchstens nur diejenigen Kammern mit der Embryonal-
kammer erhalten, welche ihrer kleinen Raumverhältnisse
wegen keine Embryonen ausbilden können. Folgende Er-
scheinung möchte ich hiermit noch in Verbindung bringen.
Ich habe häufig früher sowohl recente als auch in tertiären
Schichten, Individuen sowohl von Peneroplis, als auch
vorzüglich von Dendritina aufgefunden, denen vollständig
die feine Deckschale der Kammern fehlte und nur als
Rippen die Septalkammerwände allein stehen geblieben
waren und nur am letzten Umgang mit der Embryonal-
kammer noch in Verbindung waren, nicht unähnlich und
vergleichbar nackten Radspeichen an einer Narbe. Ich
schrieb früher diese Durchbrechung der Kammern bei
todten Thierschalen einer Zersetzung des Kalkes bei der
sehr dünnen Deckschale der Kammern zu, glaube aber
diesen Zustand vielleicht auf die Entwicklung und Aus-
stossung der Embryonen zurückführen zu können. Schliess-
lich könnte noch darauf aufmerksam gemacht werden, dass
die unregelmässig entwickelten Embryonen wohl Anlass
geben möchten zu der grossen Formverschiedenheit, zu
welcher Peneroplis neigt, obgleich sie gerade nicht häufig
auftritt. Anderseits würden, da jene abnormen Formen
weniger keilförmige Kammern bilden, hier wieder weit
mehr regelmässig gebaute Embryonen erzeugt werden können,
die dann wieder zu der typischen Fächerform sich aus-
bilden könnten. Doch liegen hierüber keine directen Beob-
achtungen vor.
III. Perforation bei Peneroplis.
In Betreff der Perforation gehört nach der Eintheilung
der Foraminiferen in Perforata und Imperforata das Genus
Peneroplis zu den letzteren, ebenso Orbiculina und Miliola-
Die in Taf XII Fig. 2 angedeutete Punktirung, die über
die ganze Fläche der Kammern sich ausbreitet, lässt sich
bei starker Vergrösserung, in kleine oft unregelmässige
452 G. Schacko:
Kreise auf, die abermals von einem kleinen Ring umgeben
sind, somit scheinbar das Ansehen von Poren haben; auch
breitet sich in weiterer Entfernung um diese Kreise und
dazwischen ein zartes feines rundmaschiges Netz aus und
liegt so wie wir es oft bei Poren finden, in jeder Masche
ein solches Kreisgebilde. Lässt man schräges Spiegellicht
auf die Oberfläche der Schale fallen, so erkennt man napf-
förmige Vertiefungen oder Porenlöcher, die durch eine
ringförmige Verdickung umrahmt sind und deren Oeffnung
durch einen flachen Boden unten geschlossen. An kleinen
feinen Bruchstücken der Schale erkennt man, dass sie aus
zwei verschiedenen Schichten oder Lagen besteht, eine
obere sehr dünne, durchsichtig glasig emailleartige Schicht,
welche auch die napfförmigen Vertiefungen und den Boden
derselben bildet, und einer etwas stärkeren krystallinisch
brüchigen gekörnelten Schicht, die dem Inneren der Kammer
zugewendet ist. Die Embryonalkammer und die Embryonen
scheinen nur^ von der ersten glasigen emaillirten Schicht
gebildet zu sein, man erkennt auch die flachen Vertiefungen
sowohl an der Embryonalkammer selbst, wie auch deren
Durchschnitt oder Vertiefung an den Embryonen, die sich
um 900 gedreht haben , sehr deutlich schon hervortritt
(Taf. XII Fig. 3 d). Die ganze Dicke dieser dünnen Deck-
schale der Kammern beträgt durchschnittlich 0,004 mm,
wovon knapp die Hälfte auf die oberste emaillirte Schicht
mit ihren Vertiefungen kommt. Eine Durchbohrung der
Kammern findet unter diesem Verhältniss hier nicht statt.
An den Stellen jedoch wo sich die Deckschale der
Kammern über die Rippen oder Septalwand fortzieht und
anheftet, fand ich diese Vertiefungen oft fast 3 mal so tief,
so dass sie fast röhrenförmig wie Durchlass-Poren er-
schienen, und als ich Luft in die Kammern eindringen
Hess, zeigten sich nicht blos die grossen Durchgangsröhren
der Septalwände damit erfüllt, sondern auch einige Poren-
räume in geringer Anzahl, welche zwischen Septalwand
und Deckschale sich befanden. Als Interseptalkanäle möchte
ich diese Erscheinung noch nicht deuten, denn diese schwachen
Reste wirklicher Perforation möchten vielleicht doch im
Zusammenhang stehen mit den vorher angeführten Ver-
Untersuchungen an Foraminiferen. 453
tiefungen der Oberfläche der Schale, und diese machen
den Eindruck, als wäre die obere Schicht der Schale
früher wirklich perforirt gewesen, diese Perfo-
ration aber später bei weiterer festen Ausbildung
der Septalflächen und deren grossen Röhren auf-
gegeben worden.
Dieselbe Erscheinung zeigt sich zum Theil bei der
Oberfläche der Schale von Orbiculina und Orbitolites, die
ebenfalls zu den Imperforaten gestellt werden und auch
bei einer Miliolina aus dem Pariser Grobkalk, wo ich die
Perforation noch recht deutlich verfolgen konnte, nachdem
die eine Deckschicht fortgenommen war.
Das Verschwinden einer früher vorhandenen Perforation
liesse sich wohl so erklären, dass bei Neubildung von
Kammern Plasma ausgestossen sich zur Wand differenzirt
und provisorisch von Pseudopodie durchbrochen wird, diese
aber nach definitiver Gestaltung der Kammern in das Innere
zurücktreten, um einen bequemeren Weg durch die grossen
Septalwandröhren zu finden, nur müsste dann eine Ver-
dickung der Deckschale freilich von Innen stattfinden, wie
es ja auch die zweite Schicht der Deckwand, welche von
krystallinischer Beschaffenheit ist, wirklich zeigt.
454 G. Schacko: Untersuchungen an Foraminiferen.
Erklärung der Tafeln.
Taf. XII.
Fig. 1 . Peneroplis proteus d'Orb. Schale mit vollständig entwickelten
Embryonen. 150 fache Vergrösserung.
Fig. 2. Peneroplis proteus d'Orb. e Embryonalschale mit ein und
einem halben Umgang der folgenden Kammern, x Durch-
lassröhre in der Septalkammerwand. 420 fache Vergrösserung.
P'ig. 3. Embryonen von Peneroplis proteus d'Orb.
e. Ausgebildeter Embryo von oben gesehen.
d. Embryonen von der Seite gesehen,
fundg. Embryonen unregelmässig ausgebildet. 420 fache
Vergrösserung.
Sämmtliche Figuren sind mit dem Prisma gezeichnet.
Tafel XIII.
Fig. 1. Orhulina von dem Cap- Verden, Durchschnitt, im Innern die
bestachelte kleine Glöbigerine zeigend, 90 mal vergrössert.
Fig. 2. Bestachelte eingeschlossene Glohigerine von dem Cap-Verden,
mit 13 Kammern, 260 mal vergrössert.
Fig. 3. Bestachelte eingeschlossene Glohigerine von Rimini Nro. 1
mit Embryonalkammer, 660 mal vergrössert.
Fig. 4. Eingeschlossene Glohigerine von Rimini Nro. 2, mit 14 Kam-
mern, 210 mal vergrössert.
Fig. 5. Eingeschlossene Glohigerine von Lapugy, tertiär, 8, 9, 10,
11 reticulirte Kammern, 12, 13, 14 aufgebrochene Kammern
im Durchschnitt, 210 mal vergrössert.
Fig. 6. Embryonalkammer und folgende Kammern der eingeschlosse-
nen Glöbigerine von Lapugy, 210 mal vergr.
lieber eine noch nicht beschriebene
Nothrus-Art.
Von
Ludwig Karpelles.
Im entomologischen Museum der Berliner Universität
befindet sich ein vom Custos Hrn. Dr. Hilgendorf in Japan,
Hakodate, gesammeltes Exemplar einer Milbe, welches einer
sehr auifallenden neuen Art der Gattung tfothrus Koch an-
gehört. Dasselbe ist ca. 2,5 mm lang auf einem Papier-
streifen aufgeklebt, so dass mir bei Schonung des Ob-
jectes eine genauere Untersuchung nicht vergönnt war,
aus diesem Grunde konnte ich u. A. auch das Geschlecht
nicht constatiren. Jedoch ist, wie schon bemerkt, diese
Milbe in ihrer Form so auffallend, dass sie äusserlich schon
auf den ersten Blick von den bis jetzt beschriebenen unter-
schieden werden kann. Da diese Art sowohl charakterisirt
ist, so benenne ich sie meinem hochverehrten Lehrer, Herrn
Prof. Dr. Andreas von Kornhuber (in Wien) zu Ehren:
Nothrus KornJmheri n. sp.
Der Körper ist im Umrisse fast fünfeckig, vorn
schmäler als hinten und plump (Fig. 2). Das Abdomen
mit den von einander sehr deutlich geschiedenen Häuten
der drei Larvenstadien ist sehr gross, auffallend einem
Füllhorn ähnlich, da der Cephalothorax dagegen nur klein
ist, so erhält der ganze Körper diese Form (Fig. 1). Das
456 Ludwig Karpelles:
Kopf bruststück ist vorn schmal, zugespitzt mit rauher, grob
granulirter Oberfläche. Die beiden Stigmen liegen auf seiner
Oberseite einander genähert, knapp vor dem Rande des
Hinterleibes. Die für viele Arten so charakteristischen
Stigmenborsten gingen bei dem vorliegenden Exemplare
verloren. Der Hinterleib von der schon wiederholt her-
vorgehobenen auffallenden Gestalt ist oben und vorn stark
gewölbt mit der Spitze nach hinten gebogen, so dass seine
Hinterfläche concav erscheint (Fig. 1). Jede der vier di-
stincten Häute hat einen gelben, ziemlich breiten Rand-
streifen, sie sind oberhalb dieser Streifen, unten, seitlich
und hinten sehr regelmässig und namentlich die unterste
mit grosser Deutlichkeit mit Längsfurchen und zwischen
diesen liegenden Erhabenheiten versehen. Die Randstreifen
greifen wulstförmig über einander und bewirken dadurch
wie durch ihre gelbe Farbe die deutliche Trennung der
vier Häute. Letztere sind kurzborstig, die Beborstung
nimmt von oben nach unten zu. Von den Mundtheilen
kann ich blos die Palpen mit Sicherheit erkennen, dieselben
verlaufen fast gerade nach vorn, tragen ebenfalls zahlreiche
kurze Borsten und sind an ihrer Spitze kaum merklich
verdickt. Die lieiden vordersten Fusspaare, von denen
das erste die Mundtheile auf der Yentralfläche fast voll-
ständig bedeckt, sind knapp hinter einander inserirt, das
Erste fast ganz gerade nach vorn, das zweite etwas mehr
nach der Seite gerichtet. Die beiden hintern Fusspaare
sind einander ebenso wie die beiden ersten genähert und
sind nach hinten und aussen respective nach der Seite
gerichtet. Die Linie, die man sich zwischen dem dritten
und vierten Fusspaare gezogen denkt, halbirt die Ventral-
fläche des Thieres. Die Füsse sind sechsgliedrig, ihr
zweites Glied ist am längsten und stärksten, sie enden
alle mit drei kleinen, schwachen einwärts gekrümmten
Krallen, sind alle mehr oder weniger borstig. Das zweite
und dritte Fusspaar sind um ein Geringes länger als das
erste und vierte.
Mit Ausnahme des gelben Randes jeder der vier Häute
ist das Thier gleichmässig dunkelbraun und fast ganz mit
kurzen zahlreichen Borsten versehen.
Ueber eine noch nicht beschriebene Nothrus-Art.
457
Ich fasse die Charakteristik im Kurzen folgender-
massen zusammen.
1. 2. 3.
Fig. 1. Nothrus Kornhuberi n. sp. von der Seite.
Fig. 2. „ „ „ 5, von oben.
Fig. 3. ,, „ „ ,, in natürlicher Grösse.
Corpus pentag'onale brunneum, cephalothorace minuto,
abdomine valde convexo, cornui copiae simillimo, scutis
larvarum nympharumque subellipticis , elatis marginibus
flavescentibus aucto. Totum corpus, pedes palpique setis
curtis brunneis tecta. Tarsi tridactyli.
ÜDiversItätsbuchdruckerei von Carl Georgi in Bonn.
ms
Tari.
Bertkau. ad not. det
r.F Schmidt UtA.
1883.
Östlicher Theil
der
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Mcolai'sdie yerla|s -BxidLhanähmö .
(R.Stricker )
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V.BedricL^a del.
C.E Schmidt litfu.
1^83.
Taf.iv:
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