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ARCHIV
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SATURGESCSICITE.
GEGRÜNDET VON A. F. A. WIEGMANN,
FORTGESETZT VON
W. F. ERICHSON, F. H. TROSCHEL
UND E. VON HÄRTENS.
HERAUSGEGEBEN
VON
Dr. P. HILGENDORP,
CUSTOS DES K. ZUOLUG. MUSEUMS ZU UERLIN.
ACHTUNDFÜNFZICtSTER JAHRGANG.
I. BAND.
Berlin 1892.
NICOLAISCHE VERLAGS-BUCHHANDLUNG
R. STRICKER.
Inhalt des ersten Bandes.
Seite
Otto Schuherth. Beiträge zur vergleichenden Anatomie des Genital-
apparates von Helix mit besonderer Berücksichtigung der Systematik.
Hierzu Tafel I-VI 1
Johannes Frenzel. Untersuchungen über die mikroskopische Fauna
Argentiniens. Salinella salve n. g., n. sp. Hierzu Tafel VII . . 67
Frdr.Matz. Beiträge zur Kenntniss der Bothriocephalen. Hierzu Taf.VIII. 97
Benno Wandolleck. Zur Embryonalentwicklung des Strongylus paradoxus.
Hierzu Tafel IX 123
Dr. phü. Hermann Stadelmann. Ueber den anatomischen Bau des
Strongylus convolutus Ostertag. Hierzu Tafel X 149
Dr. Änt. Collin. Gephyreen v Stabsarzt Dr. Sander. Hierzu Tafel XI. 177
Dr. Max. Meissner. Asteriden v. Stabsarzt Dr. Sander. Hierzu Taf. XII. 183
Dr. 0. Grimm. Fischerei und Jagd in den russischen Gewässern.
(üebersetzt von G. Josephy) 191
Dr. W. Michaelsen. Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 11.
Hierzu Tafel XIII 209
F. Niemann. Beiträge zur Morphologie und Physiologie der Oberlippen-
drüsen einiger Ophidier. Hierzu Tafel XIV 262
Friedrich Hans Mücjgenbiiry. Der Rüssel der Diptera pupipara. Hierzu
Tafel XV und XVI 287
Sig. Strodtmann. Die Systematik der Chaetognathen und die geographische
Verbreitung der einzelnen Arten im nordatlantischen Ocean. Hierzu
Tafel XVII und XVIII 333
22//7
Beiträge
zur
vergleichenden Anatomie des Genitalapparates von Hei ix
mit
besonderer Berücksichtigung der Systematik,
Von
Otto Sehuberth.
Hierzu Tafel I— VI.
In der vorliegenden Arbeit sind Untersuchungsergebnisse über
die Geschlechtsorgane der Landpulmonaten und zwar ausschliesslich
der Gattung Helix niedergelegt. Die betreibenden Untersuchungen
geschahen in der Absicht, um sowohl für die sichere Unterscheidung
einzelner Arten möglichst ausgiebige Anhaltepunkte zu erhalten, als
auch entscheidendere Kriterien in systematischer Hinsicht zu gewinnen
und wirkhch verwandten Species ihre Stellung im Systeme zu sichern.
Das Zustandekommen dieser Untersuchungen wurde an erster
Stelle dadurch ermöglicht, dass Professor Dr. Braun im Sinne des
verewigten J. C. Rossmässler') — welch' letzterer den Schnecken-
sammlern den Vorwurf machte, dass dieselben ,,den Kern wegwürfen
und die Schale aufhöben*^' — an die Conchyliologen , „Avelche es
anginge", ein „Mahnwort" 2) erUess, und dieselben darin bat, ihm
lebende Schnecken zu senden, um anatomische Untersuchungen vor-
nehmen zu können. Dank dem freundlichen Entgegenkommen von
zahlreichen ConchyHologen wurde Herrn Professor Braun auch lebendes
Material zugesandt, welches er mir in der uneigennützigsten Weise
zur Verfügung stellte.
Trotz der vielen Zusendungen von Schneckenmaterial war es
lange nicht möglich, Vertreter auch nur von allen europäischen
Arten der Gattung Helix zu erhalten, um eine Sichtung und Durch-
forschung der einzelnen Species vornehmen zu können; nichts desto
weniger glaube ich aber bei vielen Arten zu den bisherigen darüber
gemachten Angaben Neues hinzufügen bezw. berichtigen zu können.
') J. C. Kossmässler: Iconographie ; Einleitung zu Band II 1838.
^) Nachrichtsblatt der Deutschen malakozoologischen Gesellschaft No. 7
und 8. 1887. pag. 97.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd.I. H.l. J
2 UttoSchuberth: Beiträge zur vergleichenden
Da es nicht möglich war, sämmtliche Vertreter der Gattung in
den Kreis meiner Untersuchungen zu ziehen, so können auch diese
meine Ergebnisse nur als Beiträge zu einer späteren Systematik
der Gattung Helix betrachtet werden.
Für das liebenswürdige Entgegenkommen sowie für das in frei-
gebigster Weise mir zur Verfügung gestellte Material möge es mir
an dieser SteUe gestattet sein, Herrn Professor Dr. M. Braun, meinem
hochverehrten Lehrer, in dessen Institut die Arbeit ausgeführt wurde,
meinen verbindlichsten Dank auszusprechen, sowohl für die fort-
gesetzte Unterstützung und vielfachen Rathschläge, als auch für die
grosse Bereitwilligkeit, mit welcher er mir Notizen, sowie einschlägige
Literatur aus seiner Privatbibliothek zur Benutzung überliess.
Es versteht sich von selbst, dass ausser dem Geschlechtsapparate
auch andere Organe zur Untersuchung herangezogen worden sind,
wie beispielsweise das Gebiss, Gehörorgane, Lungenhöhle u. a. m.
Dagegen konnten die Spermatozoon nicht untersucht werden, da fast
nur conservirte Exemplare vorlagen; es ist zu erwarten, dass auch
darin vielleicht selbst bei nahverwandten Arten sich Unterschiede
ergeben werden, wenn man z. B. an die Spermatozoon bei Rana
fusca Roes. und R. arvalis Nils, denkt; dafür sprechen auch die
wenigen Angaben, die G. Platner^) macht.
In der folgenden Beschreibung der untersuchten Organe ist deren
Gestalt sowie ihre Grössenverhältnisse nur in soweit berücksichtigt
worden, als sie von den gewöhnlichen der bekannten Schneckenformen
abweichen und als es dem Zwecke des Ganzen entsprechen dürfte.
Auf die mikroskopische BeschaÖenheit der einzelnen Organe konnte
nur stellenweise genauer eingegangen werden, wenn der Rahmen
dieser Arbeit nicht überschritten werden soUte. Nicht minder kurz
wurde auch die Schilderung der histologischen Verhältnisse gefasst,
sofern aus anderen Gründen nicht eine eingehendere Untersuchung
der betreffenden Theile zur schärferen Trennung der einzelnen Gruppen
und Arten geboten erschien.
Zur leichteren Orientierung lasse ich eine kurze Darstellung der
Geschlechtsorgane hinsichtlich ihrer von Keferstein und Ehlers-)
festgestellten physiologischen Bedeutung der einzelnen Theile folgen;
zu demselben Zweck mögen hier auch die hervorragenden Arbeiten
von C. Sempera) sowie von A. Schmidt*) genannt werden.
') Die Structur und Bewegung der Samenfäden bei einheimischen Lungen-
schnecken. In. Diss. Göttingen 1885.
2) W. Keferstein und Ernst Ehlers: Beiträge zur Kenntniss der
Geschlechtsverhältnisse von Helix pomatia. Zeitschrift fiü' wissenschaftl. Zoo-
logie X. Bd. 1860. pag. 253 ff.
*) C. Semper: Beiträge zur Anatomie und Physiologie der Pulmonaten.
Ibidem VIII. Bd. 1857. p. 340.
*) Adolph Schmidt: Der Geschlechtsapparat der Stylommatophoren in
taxonoinischer Hinsicht. Separatabdruck aus dem I. Band des naturwissenschfl.
Vereins für Sachsen und Thüringen. 1855. p. 12.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 3
Am Grunde des rechten Fühlers befindet sich in der äussern
Haut des Thieres die sogenannte Geschlechtsöfinung , wo die männ-
lichen und weibHchen Geschlechtswerkzeuge ausmünden. Um zu den
letzteren zu gelangen, ist es zweckmässig, den wulstigen Mantelsaum,
welcher rings um den Schalenmund zieht, von dem Rücken des
Thieres zu lösen und dann das losgetrennte Lungenhöhlendach zu-
rückzuschlagen. Nach Durchschneidung der durchscheinenden, weiss-
Hchen Rückenhaut, welche Cuvieri) als „le diaphragme ou le cloison
qui separe la cavite pulmonaire de la partie anterieure de la grande
cavite" näher beschreibt, ist die Körperhöhle eröffnet und der Ge-
schlechtsapparat freigelegt. Von der Geschlechtsöffnung ausgehend
schliesst sich an dieselbe der untere oder vordere Theil der Vagina
mit der gegenüberliegenden bezw. an dieselbe angrenzenden Oeffnung
für den Penis. An dem letzteren inserirt sich in einiger Entfernung
von seinem vorderen Theile, der glans, sein Zurückziehmuskel; die
peitschenförmige Verlängerung des Penis wird als Flagellum be-
zeichnet; an ihrer Vereinigungsstelle mündet der Samenleiter. Un-
mittelbar über der Ausmündungsstelle des Penis befindet sich ein
muskulöser Blindsack, welcher der Pfeilsack genannt wird und den
sogenannten Liebespfeil enthält. In die Vagina münden etwas ober-
halb des Pfeilsackes die glandulae mucosae, s. digitatae, in derselben
Höhe nimmt auch der lange Blasenstiel, welcher öfters mit einer
blindsacka-rtigen Ausstülpung, Divertikel genannt, versehen ist,
seine Insertion. Dieses Blasenstieldivertikel , welches schon der
grosse, holländische Naturforscher Swammerdam^) beschrieben hat,
lässt derselbe irrthümlicherweise in den Ovidukt ausmünden. Auch
das sonst lesenswerthe Buch von M. List er 3) enthält entsprechend
den Anschauungen jener Zeit vielfach unbrauchbare Angaben. —
An dem Ende des Blasenstieles befindet sicli eine kugelige Auf-
treibung, dasReceptaculum seminis. Von derlnsertionsstelle des Blasen-
stieles ab nimmt die Vagina nach kurzem Verlaufe eine faltige Be-
schaffenheit an und geht in den Eileiter über. An dieser Stelle tritt
auch der Samenleiter heran, dessen Verlängerung zur Prostata,
wird. Beide , Eileiter und Prostata, legen sich mit ihren Hohl-
räumen, welche Rinnen darstellen, an einander, um den Ovisper-
matodukt oder Uterus zu bilden. An seinem distalen Ende besitzt
derselbe ein zungenförmiges , gelblich-weisses Organ, die Eiweiss-
drüse, von welcher ein geschlängelter Gang, der Zwitterdrüsengang,
zu der vielfach gelappten Zwitterdrüse, welche meist vollständig in
der Leber eingebettet liegt, hinführt. Die richtige Deutung dieser
beiden letztgenannten Drüsen und ihres Verbindungsganges geschah
erst ungefähr um die Mitte dieses Jahrhunderts. —
') G. Cuvier: Memoires pour servir ä l'histoire et lanatomie des mollus-
qnes. Paris. 1817. p. 37.
') Johann Swammerdam, Biblia natnrae. Leyden 1737.
^) Martini Lister, Exercitatio anatomica, in qua de cocbleis maxime
terrestribus et Limacitns agitur, Londini; 1695. pag. 261.
1*
4 OttoSchuberth: Beiträge zur vergleichenden
Zum besseren Verständniss der Bezahnung möge hier auch
mit wenigen Worten des Gebisses derselben gedacht sein.
Die Mundhöhle der Schnecke wird einerseits durch den Kiefer,
eine bogenförmige Chitinplatte, welche an der oberen Schlund-
wandung sitzt, und andererseits durch die Reibmembran (Radula),
eine zungenartiger Wulst am Boden des Pharynx, bewehrt. Die
Kieferplatte führt meist mehr oder weniger hohe quer verlaufende
Rippen, welche verschieden hoch sein können. Die Radula besteht
aus zahlreichen Zahnplatten, welche in vielen Querreihen angeordnet
sind. Der einzelne Zahn stellt bei der Gattung Helix einen Haken
dar, an welchem man einen breiten Theil, die Basalplatte, welche
der Reibmembran unmittelbar aufliegt, und einen freien, umgebogenen,
schmäleren Theil, das Epithem (Aufsatz) zu unterscheiden hat.
Letzteres ist, wie aus den beiliegenden Abbildungen hervorgehen
dürfte, mit einer scharfen und spitzen Schneide, dem Dentikel oder
Zahnzacken besetzt. Die Uebergangsstelle von der Basalplatte zum
Epithem wird als der obere Rand des Zahnes bezeichnet.
Die Vorbereitung der einzelnen Schnecken zu den anatomischen
Untersuchungen wurde in der Weise ausgeführt, dass die Thiere zu-
nächst vorsichtig von ihrer Schale befreit wurden. Hierauf wurde
das Thier mit der Sohle aufgeheftet und die Geschlechtsorgane
herauspräparirt. Die Zergüederung geschah in V4V0 Kochsalzlösung.
Um die Struktur der Organe zu erhalten, wurden dieselben sofort
in einer heissen concentrirten Sublimatlösung vorsichtig ausgebreitet
und längere Zeit darin liegen gelassen. Um das Sublimat aus den
Präparaten wieder zu entfernen, wurden dieselben in einer V2%
Kochsalzlösung ausgewaschen, worauf allmählige Härtung dieser
Theile in Alkohol folgte. Statt des SubHmates wurde auch die
Härtung mit V2 % Chromessigsäure mit gutem Erfolge vorgenommen.
Zum Zwecke der mikroskopischen Untersuchung wurden die derartig
behandelten Organe in Pikrocarminlösung gefärbt und in bekannter
Weise in Paraffin behufs Anfertigung von Schnitten eingebettet.
Die Radula wurde ebenso wie der Kiefer durch Behandlung des
Pharynx mit Kalilauge von den anheftenden Weichtheilen befreit.
Die schönsten und brauchbarsten Dauer -Präparate von der
Radula erhielt ich, wenn ich dieselben nach vorheriger Ausbreitung
in Glyceringelatine einlegte; das Einschliessen in Canadabalsam
machte die Radula zu durchsichtig und gab unbrauchbare Objecte.
Ebenso ist ein Färben derselben mit Pikrocarminlösung nicht zu
empfehlen, weil die Bilder undeutHch werden, wenn die Flüssigkeit
etwas zu lange eingewirkt hat. Die Abbildungen von der Radula-
bezahnung wurden fast durchgängig bei 248 — 300 facher Vergrösserung
mit der Camera lucida von Oberhäuser entworfen und dann gezeichnet.
Um eine möglichst einheithche Bezeichnung hinsichtlich der Grösse,
des Aussehens, sowie der Darstellung dieser Zähne bei meinen Unter-
suchungen anzustreben, habe ich die obenerwähnte Darstellung der
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 5
Radulazähne, wie dieselbe H. von Ihering^) einzuführen versuclit,
zu Grunde gelegt. Die bildlichen Darstellungen des Kiefers, der
Pfeile sowie der Geschlechtsorgane wurden aus freier Hand nach der
Natur zu Papier gebracht.
Bei Uebernahme des Materiales fand ich Beschreibungen sowie
Abbildungen der von Professor Braun bereits untersuchten Arten,
nämlich von Helix lusitanica, H. lenticularis, H. lens var.
lentiformis und von H. Tarnieri vor, welche Darstellungen ich mit
seiner Erlaubniss eingereiht habe.
Zum Zwecke einer geordneten Aufeinanderfolge der einzelnen
von mir untersuchten HelLx- Arten habe ich die systematische Zusammen-
stellung der Schnecken, sowie dieselbe der Kob elf sehe Katalog von
188P) angiebt, inne gehalten.
Von der ersten Gruppe der Gattvmg Helix lagen mir folgende
Thiere zur Untersuchung vor:
I. Anchistoma Ad.
Gonostoma lusitanica Pfr.
Tarnieri Mor.
lenticularis Mor.
lens Fer. var. lentiformis West.
lenticula Fer. var. Annai Pab.
maroccana Mor.
obvoluta Müll.
Triodopsis personata Lam.
Helix lusitanica Pfr.
(Porto. 5 IV 87, E. Sequeira ded.)
Taf. I. Fig. 1- 3a.
Von dieser Art lagen mir nur zwei bereits abgestorbene und
zwei lebende (C. Pollonera ded.) Exemplare vor.
lieber die Farbe des Thieres kann ich nur angeben, dass es
grauschwarz ist, die Sohle heller; Lungenhöhle nicht pigmentirt.
Die anatomische Untersuchung ergab Folgendes:
Darmkanal: Nach dem kiigehgen Pharynx folgt der etwa
17 mm lange, stark contrahirte und daher sehr dünne Oesophagus,
auf dem die beiden, nicht gelappten und nur in ihrem hinteren
Theil mit einander verwachsenen Speicheldrüsen etwa in der halben
Länge der Speiseröhre auf hegen; der nun folgende erweiterte Ab-
') Dr. H. von Ihering; Zur Verständigung über Beschreibung und Ab-
bildung von Radula-Zähneii. Nachrichtsblatt der Deutschen, malakozoologischen
Gesellschaft. 1885. No. 1 und 2.
^) Kobelt, W.: Cat. d. i. europ. Faunengeb. lebenden ßinnenconchylien.
II. Aufl. Cassel 1881.
6 Otto Schübe rth: Beiträge zur vergleichenden
schnitt des Darmes ist 14 mm lang und endet mit einem kleinen
Blindsack, der an seiner Anssenfläche die Leberausfühningsgänge
aufnimmt, kurz vor der Zwitterdrüse, deren weit nach vorn gerückte
Stellung bemerkenswerth ist. Jenseits des BKndsackes wird der Darm
wieder schmal, wendet sich nach vorn zu in gradem Verlauf und
macht an der Kreuzungsstelle mit der Aorta eine zweite Schlinge;
die Fortsetzung erreicht nicht wie bei vielen Helices den Magen-
blindsack, daher die dritte Schlinge weit nach vorn gelegen ist; von
da zieht der Darm in gradem Verlauf nach dem Anus.
Der Kiefer ist gebogen und trägt einige eng aneinander liegende
Rippen, deren Zahl zwischen 8 und 12 schwankt.
Die Radula (Taf. I. Fig. 2) zeigt die ganze Medianreihe ganz
eigenthümlich missgebildet, indem von der Basalplatte sich zwei
kurze Kegel erhoben, die wohl zusammen dem Haupt- oder Mittel-
zahn in der Querreihe entsprechen. Der Fall zeigt, dass die Unter-
suchung einer Radula, namentlich, wenn sie etwas Besonderes bietet,
nicht genügend ist.
Die Lungenhöhle als solche zeigt nichts Bemerkenswerthes.
Die Niere ist langgestreckt, an ihrem hinteren Ende wenig
aufgetrieben; der Harnleiter verläuft parallel dem Enddarm und
öffnet sich in eine kurze Rinne in der Höhe des Anus.
Das Herz liegt ganz am hinteren Nierenende,
Vom Nervensystem resp. den Sinnesorganen habe ich nur
anzuführen, dass die Otolithen abgerundet und 0,019 mm lang und
0,0133 mm breit sind.
Der Geschlechtsapparat (Taf. I. Fig. 1) zeigt folgende Ver-
hältnisse. Die weit nach vorn gelegene Zwitterdrüse ist schon oben
erwähnt worden; ihr Ausführungsgang verläuft zuerst grade und
schlängelt sich nur kurz vor der Eiweissdrüse ; letztere zeigt bei
einem Exemplar eine wohl bedeutungslose Einkerbung. Der Uterus
ist vielfach gefaltet, von ihm tritt das Vas deferens, welches an
seinem Ursprünge stark erweitert ist, früh ab, sich zum Penis
begebend, an dem ein Flagellum fehlt ; der Penis selbst erscheint an
der Insertionsstelle des Musculus retractor mehr oder weniger ein-
geschnürt.
Der Muskel theilt den Penis bald in zwei gleiche, bald in zwei
ungleiche Stücke. An der Vagina entspringen auf gleicher Höhe
drei, vielfach geschlängelte, nicht verästelte Anhangsdrüsen und das
sogenannte Receptaculum seminis. Der Pfeilsack ist langgestreckt
bis 12 mm lang und am peripheren Ende zugespitzt; er enthielt bei
dem einen Exemplar einen kurzen Pfeil, dessen Spitze an der
Mündung des Sackes die Wandung des letzteren durchbohrt hatte.
Anatomie des Geuitalapparates von Helix.
Hei ix Tarnieri Mor.
(Tanger III 1887. J. Ponsonby leg.)
Taf. I, Fig. 4.
Färbung der Thiere dunkel schwarzgrau; Sohle und Seiten
des Fusses etwas heller.
Das Lungenhöhlendach zeigt auf fast schwarzem Grunde etwa
hirsekorngrosse etwas unregelmässig gestaltete, gelbliche Flecken.
Kiefer und Radala schliessen sich Helix lusitanica an; ersterer
ist gekrümmt und zeigt in seinem mittleren Theile 11 — 12 Quer-
leisten. Die Radula hat etwa 120 Querreihen und 48 — 49 Längs-
reihen; die Zähne der medianen Längsreihe zeichnen sich durch
einen in der Regel stark ausgesprochenen Einschnitt aus. Die
Unterschiede in der Form ergeben sich leicht beim Vergleich der
Abbildungen.
Der Darmkanal weicht in seinem Verhalten kaum von Helix
lusitanica ab ; Oesophagus sehr lang und geht plötzlich in den
Magen über.
Die Lungenhöhle ist langgestreckt, dagegen die Niere kürzer
als bei HeHx lusitanica und ihr hinteres Ende etwas aufgetrieben,
das vordere zungenförmig.
Das Herz liegt ganz am hinteren Ende der Niere in einem
Ausschnitt derselben. Der Harnleiter öffnet sich etwas vor dem Anus.
Die Otolithen gleichen in der Gestalt denen von Helix lusi-
tanica, doch sind sie etwas grösser. Im Geschlechtsapparat ist
die langgestreckte Gestalt des Receptaculum seminis hervorzuheben,
sowie der Mangel einer Auftreibung des Endabschnittes des Vas
deferens. Der Pfeilsack lang, am unteren Ende etwas eingeknickt,
aufgetrieben und mit dem benachbarten Oviduct verwachsen; ein
Pfeil war nicht vorhanden. Die mikroskopische Betrachtung des
Pfeilsackes auf Querschnitten lässt eine deutliche Differenzirung
einer inneren Cirkulär- und einer äusseren Longitudinalschicht von
Muskelfasern erkennen.
Helix lenticularis Mor.
(Tanger III 1887. J. Ponsonby leg.
Taf. I. Fig. 5.
Färbung des Thieres schwarzgrau, an den Seiten und Sohle
heller; die Pigmentirung des Mantels umfasst nicht nur die Lungen-
höhle, in der sich mehr oder weniger schwarze Flecke und Streifen
finden, sondern greift auch auf andere Organe wie die Leber über.
Der Kiefer trägt 9— 11 breite Rippen.
Die Radula besitzt 45 Quer- und 85—90 Längszahnreihen;
der Mittelzahn trägt zwei Seitenzähnchen und ist am Basaltheile tief
8 OttoSchuberth: Beiträge zur vergleichenden
eingeschnitten; die Zähne der Seitenreihen tragen nur einen Seiten-
zahn, in der 12. oder 13. Reihe zerfällt der Mittelzahn in zwei Zacken.
Der Darm zeigt nichts Besonderes.
Der Ge,sc hl echt sapparat ist dem von Helix Tamieri sehr
ähnlich ; Penis lang, ohne Flagelliim ; Pfeilsack sehr lang, schlauch-
förmig; enthält in einem Falle einen kaum 1 mm langen, konisch
zugespitzten Pfeil; Anhangsdrüsen drei, fadenförmig, unverästelt, so
lang wie das Receptaculum seminis; letzteres kolbig, an seiner Ver-
bindung mit dem Leitungsapparat aufgetrieben, ohne Anhang.
Der Harnleiter öffnet sich kurz hinter dem After in eine Rinne.
Helix lens F^r.
(Dr. Krüper -Athen leg.)
Taf. I. Fig. 6.
Das Thier besitzt eine gleichmässige , hellgraubraune Farbe.
Eine äusserst zarte, durchscheinende Lungenhöhlenwandung spannt
sich über dem Rücken desselben aus; das intervasculäre Gewebe
zeigt eine schwarze Sprenkelung.
Den Kiefer durchziehen sieben über den concaven Rand deutlich
hinausragende Zahnleisten.
Hesse ^) fand den Kiefer sogar mit 15 Zahnleistchen besetzt,
deren Spitzen den concaven Rand überragen; die Anordnung der
Leisten war eine fächerförmige und nach dem concaven Rande zu
ausstrahlend.
In der Radula fanden sich 57 — 60 Längszahnreihen; das Epithem
des Centralzahnes zeigt beiderseitig eine rechtwinkeUge Einkerbung
und geht dann in einen lang ausgezogenen Aufsatz über, welchem
der Dentikel aufsitzt. An seinem oberen Rande ist der Zahn ver-
schmälert. An der Einkerbungsstelle hat derselbe seine grösste
Breite, um dann nach oben und unten zu abzunehmen. In der
18. Zahnreihe spaltet sich der Dentikel in zwei ungleiche Zahnzacken;
auch tritt hier ein Nebendentikel auf.
Der Geschlechtsapparat besitzt einen 12 mm langen und
gerade verlaufenden Uterus, welcher allmählich in die 5 mm lange
Vagina übergeht. Blasenstiel kräftig mit kaum differenzirter Sper-
matotheke. Letztere zeigt auf ihrer Innenwandung zahlreiche
Faltungen, welche sich zum Theil auch in den Blasenstiel fortsetzen.
Diese faltigen Erhebungen bestehen vornehmlich aus sogenannten
Bindesubstanzzellen ^), Plasmazellen und zahlreichen Fibrillen, welchen
ein hohes, pallisadenartig angeordnetes CyUnderepithel mit grossem
0 P. Hesse: Beiträge zur Molluskenfauna Griechenlands. HE. Jahrbuch
der Deutschen malakozool. Ges. XI 1888 pag. 233.
^) J. Brock: Untersuchungen über die interstitiellen Bindesubstanzen der
Mollusken. Zeitschrift für wissenschaftl. Zoologie Bd. 39. I. Heft. 1883.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 9
Kern aufsitzt. Eine einfache Anhangsdrüse nur vorhanden, selbige
hat eine dünne Wandung mit einem Besatz von hohem Cylinder-
epithel. Vereinzelte Muskelfasern sind auch hier vorhanden. Pfeü-
sack fehlt. Der kräftige S förmig gebogene Penis geht allmählich in
das Vas deferens über. Flagellum fehlt. Der 10 mm lange Musculus
retractor heftet sich 4 mm von dem Anfangstheil der Ruthe an.
Helix lens F^r. var. lentiformis West.
(Makrinitza auf dem Pelion in Thessalien XU. 1886. L. Stussiner mis.)
Taf. I Fig. 7. 8.
Die Farbe des Thieres gleicht im Ganzen der von Helix
lusitanica und Tarnieri; während aber bei letzterer das schwarze
Pigment in der Lungenhöhle derart zugenommen hat, dass nur
kleine, gelbUche Flecke übrig bleiben, sehen wir bei unserer Art
wenige, langgestreckte, gleichförmige schwarze Sprenkel, die sich auf
die Umgebung des zum Herzen führenden Gefässes beschränken.
Der Kiefer ist bogenförmig mit 8 Rippen im mittleren Theile.
Die Zähne der Radula zeigen in der medianen Reihe wie bei
Helix Tarnieri an ihrem oberen Basalrande einen Einschnitt, welcher
in eine kleine Vertiefung führt, deren Eingang als Punkt am ersten
auffällt; sie findet sich auch noch bei Zahnreihe 1 und zwar mehr
nach aussen gerückt. Seitenzähne fehlen ; erst in der 9. Reihe treten
sie als kleine Höcker auf. Im Allgemeinen sind die Zähne plumper,
die Spitzen abgerundet und gedrungen.
Die Zahl der QueiTcihen beträgt etwa 138, die der Längsreihen
57—59.
Von den Organen in der Lungenhöhle habe ich nur an-
zuführen, dass für das ganz hinten gelegene Herz ein tiefer halb-
mondförmiger Ausschnitt in der Niere vorhanden ist. Der Harnleiter
öffnet sich einige Millimeter vor dem After in eine Rinne.
Die Otolithen zeigen bei einer Dicke von 0,0095 mm 0,0209 mm
Länge und 0,0133 mm Breite.
Die Geschlechtsorgane hier wenig entwickelt; Receptaculum
seminis langgestreckt, statt dreier Anhangsdrüsen findet sich nur
eine einzige, kleine ; Pfeilsack fehlt, nicht einmal ein Rudiment kann
von demselben erkannt werden. Flagellum fehlt gleichfalls.
Helix lenticiila Fer. yar. Annai Pab.
(Tanger Hl 1887. J. Ponsonby leg.)
Taf. I. Fig. 9. 10.
Der Kiefer besitzt elf Zahnleisten.
Die Radula zählt etwa 45 Längsreihen. Der Mittelzahnzacken
besitzt auf jeder Seite einen Nebenzahnzacken ; der Hauptdentikel
ragt über den unteren Basalrand hinaus; in der 12. Reihe spaltet
sich der Dentikol in zwei Spitzen.
10 Otto Seh uberth: Beiträge zur vergleichenden
Bei Helix lenticula von Barcelona (ded. Pollonera); zeigt der
Kiefer wie die Radula fast denselben Befund; etwa 109 Quer- und
40 Längszahnreihen treten hier auf. Die marginalen Zähne besitzen
vier Zahnspitzen.
Bei den Geschlechtsorganen von diesen Exemplaren ist zu
bemerken, dass an dem gemeinsamen Geschlechtsatrium eine rund-
liche Wulst auftritt, von welcher eine anfangs kräftige aber sich
bald wieder verjüngende Ruthe ausgeht, welche unmerklich in den
Samenleiter übergeht. (Auf der Abbildung ist letzterer etwas ein-
gestülpt). Gegen die Prostata hin treibt das Vas deferens spindel-
förmig auf, verschmächtigt sich aber bei seiner Mündungsstelle in
den Ovispermatoduct. Blasenstiel kräftig mit eirundem Receptaculum.
Nach der Darstellung von Moquin-Tandon^) besitzt dieses Thier
keinen Pfeilsack und nur eine wurmförmige glandula digitata. Die
von mir untersuchten Exemplare dagegen wiesen sowohl einen etwas
langgezogenen Pfeilsack sowie zwei 4 mm lange Anhangsdrüsen auf.
Helix maroccana Mor.
(Tetuan III 1887. J. Ponsonby leg.)
Taf. I. 11. 12.
Die Färbung der Körperoberfläche des Thieres ist eine graue.
Augenfühler und Rücken etwas dunkler; das durchsichtige Lungen-
höhlendach zahlreich punkt- und strichförmig gesprenkelt.
Die Kieferplatte, welche mit ihren Enden kreisförmig zu-
sammentritt, hat 12 — 16 gleichmässig hohe Querriefen.
Die Radula zählt 127 Quer- und 54 Längszahnreihen; der
Mittelzahn mit zwei Nebenzahnzacken ; der obere Rand hat eine
kleine konische Erhabenheit. Ein Nebenzahnzacken wird in der
ganzen Reihe beobachtet; der Hauptdentikel spaltet sich in der
12. Reihe.
Das Geschlechtssystem erinnert an dasjenige von Helix
lenticularis. Der 11 mm lange und dünne Blasenstiel nimmt etwas
unterhalb der drei fingerförmigen Anhangsdrüsen mit einer birn-
förmigen Auftreibung seine Mündung in die Vagina ; der 8 mm lange
Pfeilsack hat eine schlauchförmige Gestalt. Der 15 mm lange walzen-
förmige Penis giebt an seiner Vereinigungsstelle mit dem Vas deferens
einen dünnen Retractor ab. Flagellum fehlt.
Helix obvoluta Müll.
(Würzburg, Conservator Hock leg.)
Taf. I. Fig. 13. 14.
Kopf und Anfangstheil des Rückens von diesen Thieren haben
eine rauchgraue Färbung; Seiten und Sohle dagegen eine grauweisse
Farbe. Die durchsichtige Haut der Lungenhöhle besitzt keine
Pigmentirung.
') Histoire naturelle des Mollusques par A. Moquin-Tandon T. I 1855.
pl. X fig. 14.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 11
Der Kiefer besitzt 6—8 flache Zahnleisten.
Die Radula hat 171 Quer- imd 75 Längszahnreihen.
C. Polio nera^) giebt eine mit meinem Befunde zutreffende Dar-
stellung von der Bezahnung. Der Mittelzahn, welcher kleiner ist
als die übrigen Zähne, zeigt am oberen Rande eine Einfurchung;
der spitze und gerade Dentikel, welcher den unteren Rand der
Basalplatte nicht erreicht, ist bei den benachbarten Zähnen nach
der Medianlinie zu gerichtet und zerfällt in der 12. Reihe in zwei
Zacken, in der 25. Reihe treten drei Zahnzacken auf.
Bei dem Geschlechsapparat fällt die verhältnissmässig lange
Vagina auf; letzterer sitzen zwei ungleich lange fingerförmige Anhangs-
drüsen auf; im vorliegenden Falle von 11 und 3 mm Länge. Die
Wandung dieser Blindsäcke besteht vornehmhch aus cirkulär an-
geordneten Muskelfasern, zwischen welchen vereinzelte „Plasmazellen",
rundliche kubische Zellen mit wenig gekörntem Protoplasma und
stark gekörntem grossen Zellkern eingestreut sind. Die Ausldeidung
des längeren Blindsackes besteht aus Cyhnderzellen; die des kürzeren
zeigt gleichfalls Cylinderzellen aber von fast doppelter Grösse. In
seinem Lumen befand sich eine feinkörnige Sekretmasse; in dem
grösseren dagegen war letztere mehr grobkörnig. Die Ausführungs-
gänge verlaufen eine Strecke vereint innerhalb der muskulösen
Vaginal- Wandung, bevor sich dieselben in die Scheide öffnen.
Helix obvoluta von Turin (C. Pollonera leg.) ist auf ihrem
Lungenüberzuge dunkel gefleckt; die Flecke setzen sich auch auf der
äusseren Seite der Niere und Leber fort. Gebiss dasselbe wie bei
den vorstehenden Exemplaren, nur weist das Genitalsystem hier
grössere Formen auf. Die Abbildungen von M o q u i n - T a n d o n ''^)
sowie von A. Schmidt 3) decken sich auch mit meinem Befunde.
Triodopsis.
Helix personata Lam.
(Würzburg, Conservator Hock leg.)
Taf. I. Fig. 15-18.
Der Körper ist grau, Kopf und Rücken lassen eine dunkel reh-
braune Farbe erkennen.
Die Anordnung der Organtheile von diesem Thiere weicht von
dem vorgenannten in vielen Stücken ab. Was den Kiefer anbelangt,
') C. Pollonera: Appunti anatomici in Appogio ad una classificazione
dei moUuschi geofili de Piemonte, Estratto del bulletino della Soc. raalacologica
Italiana. Vol. XII 1887. pag. 112. fig. 29.
*) 1. c. pl. X flg. 27.
^ 1. c. pag. 34 Taf. VIII fig. 57.
12 Otto Schuberth: Beiträge zur vergleichenden
so stellt ErdP) in„Wagner's Reisen in Algier" von demselben uns
eine Zahnrippe dar; bei meinen Untersuchungen fand ich denselben
meist mit fünf hochgestellten Zahnleisten besetzt, welche den concaven
Rand überragen.
Die Radula zeigt 116 Quer- und 56 Längszahnreihen. Der
Centralzahn zeigt an seinem Epithem die der Gruppe Anchistoma
eigenthümliche Einkerbung fast verstrichen; die Gesammtform des
Aufsatzes mit seinem gedrungenen und breit aufsitzendem Dentikel
ist die eines gleichschenkligen Dreiecks. Auch die Nachbarzähne
zeigen diese verbreiterte Form des Epithems. In der 10. Längsreihe
tritt ein Nebenzahnzacken auf, der immer höher tritt und schliesslich in
der 25. Reihe die gleiche Höhe mit den beiden Hauptdentikeln gewinnt.
Die Niere ragt nicht weit in die Athemhöhle vor; ihr Harnleiter
öffnet sich etwas hinter der vorderen Nierenspitze in einer Rinne,
wie die einschlagenden Untersuchungen von M. Braun^) ergeben
haben. An dem Geschlechtsapparat ist die an ihrem oberen
Ende geschlängelt verlaufende Vagina relativ lang; in dieselbe münden
zwei schlauchförmige glandulae digitatae von 8 — 13 mm Länge,
welche in ihrer Wandung eine kräftige Ringsmuskelfaserschicht
besitzen. Etwas unterhalb mündet der langgezogene Pfeilsack ein,
welcher einen Pfeil birgt, dessen typische Form nur bei der später
zu beschreibenden Gruppe der Campyleen eigen und von A. Schmidt^)
bildlich dargestellt worden ist. An die trichterförmige Krone des
Pfeiles setzt sich ein fein ausgezogener, runder Schaft an, der in
eine lorbeerblattförmige Spitze ausläuft.
Der 26 mm lange und feine Blasenstiel ist zum Unterschiede
von den vorgenannten Anchistomen mit einem darmähnlichen, 11 mm
langen Divertikel versehen, welches 10 mm von der Insertionsstelle
des Stieles abgegeben wird. Zwischen diesem Divertikel und dem
Uterus (resp. Eileiter) spannt sich eine feine, nur den Campyleen
zukommende Membran aus, welche mit zahlreichen, querverlaufenden
Gefässsträngen besetzt ist, auf welche ich noch an geeigneter Stelle
zurückkommen werde.
Die Zusammenstellung der anatomischen EigenthümHchkeiten der
der Gruppe Anchistoma zugehörigen Thiere, soweit mir dieselben
zugänglich waren, gipfelt in folgender Charakteristik:
Die Thiere haben meist eine dunkelgraue bis graubraune Färbung
ihrer Körperoberfläche.
Den Kiefer durchqueren 6 — 16 Zahnleisten, welche niedrig
angelegt sind; dieselben überragen alle den concaven Rand der
') Er dl: Moritz Wagner 's Reisen in der Regentschaft Algier, in den
Jahren 1836, 37 und 38. Tafel XIV.
^) M. Braun: Ueber den Harnleiter bei Helix. Nachrichtsblatt der
deutschen, malakozoologischen Gesellschaft. No. 7 und 8. 1888. pag. 110.
") A. Schmidt: Ueber die Pfeüe einiger Helix -Arten. Zeitschrift für
jyialakozoologie von Jüenke und Pfeiffer. Vn Jahrgang pag. 8. Fig. 10.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 13
Kieferplatte, und vertheilen sich vornehmlicli auf dem mittleren Theile
derselben. Der Mittelzahn der Radula, welcher zumeist kleiner ist
als die Nachharzähne , besitzt ein ziemlich langgestrecktes Epithem,
welches in seiner Mitte eingekerbt und öfters mit einem Nebendentikel
noch bewehrt ist. Auch der obere Rand des Zahnes weist häufig
eine Einsenkung auf.
Hinsichtlich des Geschlechtsapparates wurde bei keinem
Thiere ein Divertikel am Blasenstiel bemerkt, ausser bei Helix
personata. Die Glandulae digitatae beschränken sich auf einen, zwei
oder drei „Finger". Ein Pfeilsack fehlt entweder oder er erreicht
eine relativ grosse Ausdehnung.
Ein langer, walzenförmiger Penis scheint diesen durchweg kleinen
Thieren eigenthümlich zu sein. Allen aber fehlte ein Flagellum mit
einziger Ausnahme von Helix personata.
Von den Gruppen Acanthinula und Vallonia war geeignetes
Material nicht vorhanden, um Untersuchungen daran vornehmen zu
können.
Von der Gruppe der Fruticicolen gelangten folgende Thiere zur
Untersuchung :
IV. Fruticicola Held.
a) Petasia bidens Chemn.
b) Trochiscus leucozona Zgl.
c) Trichia hispida L.
,, Erjaveci Brus.
„ lurida Rssm.
f) Carthusiana galloprovincialis Dup.
(Helix) carthusiana Müll.
„ syriaca Ehrbg.
h) Eulota fruticum Müll.
„ strigella Drp.
HeHx bidens Chemn.
(Swinskuhle bei Rostock.)
Taf. II. Fig. 1.
Farbe grau, am Rücken und Kopf schwarz; Mantel mit zahl-
reichen schwärzlichen Tupfen.
A. Bielz^) beschreibt zwei Formen, eine var. minor und major,
welche in Siebenbürgen vorkommen sollen und auch eine
charakteristische Färbung besitzen.
Der Kiefer besitzt 20 — 25 flache Leisten, welche den concaven
Rand überragen.
') E. A. Bielz: Fauna der Mollusken Siebenbürgens. 1867, pag.
14 Otto Schuberth: Beiträge zur vergleichenden
Der Mittelzahn der Radula hat seinen Aufsatz beiderseits
rechtwinkelig ausgeschnitten und ist mit Dentikelbesatz versehen.
Dieser Nebendentikel ist auch auf den Nebenzähnen zu verfolgen.
90 Quer- und 51 Längszahnreihen treten hier auf.
Der Geschlechtsapparat besitzt einen 10 mm langen, und
vielfach gefalteten Uterus; letzterer geht ohne Differenzirung in die
Vagina über. Der Drüsenkörper des Oviduet's besteht aus kubischen,
glashellen Zellen mit rundlichem Kern; die Auskleidung des Ganges
besteht aus mehr quadratischen Cylinderzellen. Die Prostata setzt
sich aus Zellen von unregelmässiger Gestalt zusammen; das Proto-
plasma derselben erscheint stark gekörnt. Der drehrunde Pfeilsack
sitzt einem aus der Vagina hervortretenden Wulst auf. Seine Länge
ist 4 mm. Die ungleich langen giandulae digitatae sind in ihrem
mittleren Verlauf etwas aufgetrieben. Ihre Anzahl beträgt auf jeder
Seite zwei; mitunter wird eine Gabelung des einen Fingers be-
obachtet. Der 12 mm lange und ziemHch kräftige Blasenstiel geht
allmählich in ein beuteiförmiges Receptaculum über. Der 11 mm
lange Penis findet in einem 4 mm langen Flagellum seinen Ab-
schluss; das Vas deferens, welches an deren Vereinigungsstelle ab-
geht, besitzt hier eine knotenförmige Verdickung.
Einen Pfeil habe ich nicht vorgefunden und muss ich daher auf
die Darstellungen von A. Schmidt i) und R. Lehmann 2) Bezug
nehmen.
Helix leucozona Zgl.
(Val SeUa-Tyrol, P. V. Gredler leg.)
Taf. II Fig. 2. 3.
Das Lungendach, welches mit dunkelbraunen Fleckchen betupft
ist, ist sehr dünn. Die Flecke sind auf dem grauen, durch-
scheinenden Grunde derartig angeordnet, dass dieselben an Grösse
von dem Enddarm nach der anderen Körperseite zu allmählich ab-
nehmen.
Das Gebiss gleicht demjenigen von H. bidens. Der dünne,
horngelbe Kiefer zeigt 18 — 25 Leisten; die Radula zählt 105 — 120
Quer- und 61 Längszahnreihen. Der Hauptdentikel des Mittelzahnes
tritt auch hier in allen Zahnreihen deutlich hervor. Unter den
letzten marginalen Zähnchen treten neben dem Hauptzahnzacken
noch zwei kleine Zahnspitzen auf.
Der Geschlechtsapparat besitzt einen 10 mm langen Uterus,
an welchen sich eine ziemhch langgestreckte Vagina anschüesst. An
ihrem oberen Theile inseriren sich quirlständig acht 2V2 '^^ lange
und sehr dünnwandige giandulae digitatae, welche spitz zulaufen.
') 1. c. „Stylommatophoren" pag. 25, Tf. V Fig. 28.
*) Dr. R. Lehmann: Die lebenden Schnecken und Muscheln von der Um-
gegend Stettins und Pommern. 1873. pag. 93.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. I5
In derselben Höhe geht der starke und anfangs aufgetriebene Blasen-
stiel ab, welcher ein kolbiges Receptaculum trägt. 3 mm unterhalb
der Anhangsdrüsen heften sich an zwei gegenüberliegenden Seiten
der Vagina je zwei Pfeilsäcke an, welche dicht über einander liegen
und theilweise verwachsen sind. Der längere, welche der Vagina
zunächst liegt, hat ein unregelmässiges Lumen; derselbe ist mit
einem hohen, pallisadenartig angeordneten Cyhnderepithel ausge-
kleidet und enthält eine feinkörnige Sekretmasse; einen Pfeil habe
ich in demselben nicht vorgefunden. Der äussere mehr birnförmig
gestaltete Pfeilsack besitzt ein rundliches Lumen; auch sind die
CyHnderzellen hier etwas niedriger. In diesem fand ich stets den
Pfeil vor.
Der Penis, 12 mm lang und kräftig, besitzt ein 6 mm langes
Flagellum; retractor ebenfalls stark.
Helix hispida L.
(Rostock.)
Taf. II Fig. 4.
Ueber die Anatomie dieser Art Hegen mehrere Beschreibungen
vor, unter denen die Angaben von A. Schmidt 1) sowie R. Lehmann'^)
hervorgehoben zu werden verdienen. A. Bielz^) hat bei dem Thiere
in Siebenbürgen ,,zwei schwärzHche Rückenstreifen" beobachtet.
Von dem Kiefer stellt Moquin-Tandon*) nur zehn Zahn-
leisten dar; Lehmann deren 17 — 18; mein Befund ergab im Durch-
schnitt 16 schmale Querfalten.
Von der Radula giebt C. Pollonera^) eine auch mit meinem
Befunde sich deckende Darstellung der Zähne. Der Hauptzahn be-
sitzt zu beiden Seiten des Epithems einen wohlditferenzirten Neben-
zahn, welcher auf der 10. Nebenreihe noch genau zu verfolgen ist;
hier erreicht auch ihr Hauptdentikel eine bedeutende Grösse und
nimmt seine Direktion nach der Medianlinie.
Die Genitalorgane gleichen im Ganzen denjenigen von Helix
leucozona, nur sehen wir hier die Wer Pfeilsäcke den fingerförmigen
Drüsen mehr genähert. Auch hier haben wir bei den Pfeilsäcken
dieselbe Einrichtung beobachtet wie bei leucozona.
') 1. c. pag. 26. Tafel V. 31.
") 1. c. pag. 101. Tafel XII Fig. 35.
ä) 1. c. pag. 62—63.
*) 1. c. Table XVII Fig. 14.
*) 1. c. fig. 10 pag. 112.
16 Otto Schübe rth: Beiträge zur vergleichenden
Helix Erjaveci Brus.
(Agram, Brusina leg.)
Taf. II. Fig. 5—7.
Eine nur wenig hervortretende punkt- und strichförmige Zeichnung
bemerkt man auf dem Lungenhöhlendache ; dieselbe wird an der Seite
der Niere etwas continuirlicher, welche dem Mastdarm zu liegt.
Am Kiefer treten 24 — 28 Riefen auf.
Die Radula zeigt dieselben Verhältnisse wie Helix hispida. Etwa
110 Quer- und 51 Längszahnreihen vertheilen sich auf der 2V2 mm
langen und % tutti breiten Radula. Der Mittelzahn ist ausgesprochen
kleiner als die übrigen Zähne. Derselbe hat ein rechtwinklig ein-
geschnittenes Epithem, welches mit scharfen Dentikularl eisten ver-
sehen ist, welche bis an den oberen Rand des Zahnes reichen.
Diese breite Leiste ist auch auf den Seitenzähnen zu verfolgen.
Der Geschlechtsapparat ähnelt demjenigen von Helix
leucozona, doch ist er mehr gedrungen, auch ist die Vagina und das
Flagellum relativ kürzer; letzteres hakenartig umgebogen. Ein Ver-
gleich mit den Abbildungen dürfte dies ebenfalls ergeben. Der Pfeil
hat eine Länge von 2 mm, derselbe ist schwach gebogen; Spitze
etwas abgerundet.
Helix lurida Rssm.
(Val Sella-Tyrol, P. V. Gredler leg.)
Der Rücken dieses kleinen Thieres ist leicht gebräunt, die
Augenfühler von dunkelbrauner Färbung. Der sonst meist gefärbte
Mantelrand sowie das Lungenhöhlendach lassen eine Pigmentirung
nicht erkennen.
Der Kiefer hat 16 feine Falten.
Radula 2,5 mm lang, 1,0 mm breit mit ca. 120 Quer- und
59 Längszahnreihen. Die Zähne selbst decken sich in der Anordnung,
Form und Grösse mit denjenigen von Helix leucozona.
Hinsichthch des Geschlechsapparates gilt das Nämliche.
Helix carthusiaua Müll.
(Kleinasien, C. Conemenos leg.)
Taf. II. Fig. 8.
Schön gezeichnet ist bei der kleinen grauen Schnecke, deren
Rücken etwas dunkler gehalten ist, das Dach der Lungenhöhle;
letzteres erscheint durch die zahlreichen schwarzen Tüpfelchen auf
hellgrauem Grunde wie getigert; diese Flecken greifen auch auf die
Niere und Leber über.
Kiefer und Radula waren verloren gegangen.
Am Geschlechtsapparat verdienen erwähnt zu werden die drei
Paar fingerförmigen Anhangsdrüsen, welche sich an derselben Stelle
Anatomie des Genitalapparates von Helix. X7
inseriren, wo der kräftige Blasenstiel mit seinem länglichen Recep-
taculum seminis der Vagina aufsitzt. 7 mm unterhalb der Ansatz-
stelle geht ein etwa 8 mm langer, mit breiter Basis aufsitzender
Blindsack von der Vagina ab; er inserirt sich gegenüber der Ein-
mündungssteUe des Penis und zeigt in seinem Inneren eine starke
Faltung bezw. Septenbildung, welche von der relativ dünnen Wandung
ausgeht. Diese faltigen Erhebungen bestehen vornehmlich aus gross-
blasigen Bindesubstanzzellen, zwischen welchen vereinzelte Muskel-
fasern eingestreut sind. Besetzt sind diese Faltungen mit einem
hohen Cylinderepithel. Das zerklüftet erscheinende Lumen dieses
BHndsackes, welcher in das Geschlechtsatrium ausmündet, ist mit
Sekretmassen angefüllt.
Der Penis, welcher etwas tiefer mündet, besitzt eine abgesetzte
Glans; als Charakteristikum muss für die Untergruppe Carthusiana
das Fehlen eines Musculus retractor angegeben werden, wie
auch schon von A. Schmidt^) und H e s s e ^) hervorgehoben
worden ist. Das kräftige Flagellum ist nur 3V2 naöi lang. Mit
einer knotenförmigen Verdickung geht das ungemein feine Vas deferens
nach der Prostata ab. Pfeilsack fehlt.
Helix galloproYiucialis Dup.
(Tourves, Provence — Bavay leg.)
Taf. II. Fig. 9.
Der Kiefer, welcher mit einem feinen Längsstreifen versehen
ist, hat 20 und mehr Zahnrippen.
Die Radula trägt auf ihrem Mittelzahn einen sehr langen
Dentikel, welcher den unteren Rand der Basalplatte etwas überragt;
dieser langgestreckte Dentikel des Hauptzahnes geht durch alle Zähne
der Nebenreihe hindurch; hier nehmen diese Hauptzahnzacken ihre
Direction mehr nach der äusseren Seite der Radula zu. Der Central-
zahn, welcher dem von Helix Erjaveci sehr ähnlich ist, hat hier
eine Einfurchung am oberen Rande. 112 Quer- und 69 Längs-
zahnreihen setzen die Radula zusammen.
Der Geschlechtsapparat wie bei Helix carthusiana; nur ist
die blindsackartige Ausstülpung am Geschlechtsatrium 7 mm lang
und fein ausgezogen. Pfeilsaek fehlt; desgleichen der Musculus
retractor. Ruthe sehr lang mit wohl abgesetzter Glans. Flagellum
5 mm lang; Penis 8 mm lang.
') 1. c. pag. 33. Tafel VII Fig. 51.
^) 1. c. pag. 235.
Avch. f. Natuigesch. Jahrg. 1892. Bd.I. H. 1.
18 OttoSchuberth: Beiträge zur vergleichenden
Helix syriaca Ehrbg.
(Smyrna, C. Conemenos leg.)
Tai II. Fig. 10.
Das Lungenhöhlendach nur am Mantelsaum schwach braun
punktkt; in der Circumferenz der zungenförmigen Niere findet sich
ein feiner dunkelbrauner Saum.
Kiefer und Radula habe ich nicht untersuchen können.
Der Geschlechtsapparat besitzt eine geweihartig verästelte
Anhangsdrüse; ihre Länge beträgt 4 mm.
Mit einer in Körper und Glans differenzirten Ruthe, welche auch
hier einen Musculus retractor nicht besitzt, correspondirt ein 11 mm
langer, jedoch hier etwas stärkerer BHndsack, wie bei galloprovincialis ;
derselbe mündet ebenfalls in die gemeinsame Geschlechtsöffnung.
Pfeilsack fehlt.
Helix fruticum Müll.
(Rostock; Trencsin — Brancsik; Agram — Brusina;
Tarvis — J. Stussiner ded.)
Taf. II. Fig. 11—16.
Bei dem spangenartig sich schhessenden Kiefer zählte Bielz^)
4 — 5 Zahnleisten, Lehmann 2) deren bis 11. Bei zehn von mir
untersuchten Exemplaren beobachtete ich 6 — 8 Zahnrippen, welche
den concaven Rand etwas überragen.
Der Centralzahn der Radula ist kleiner als die Nebenzähne;
Epithem beiderseitig bogig ausgeschnitten; oberer Zahnrand eingefurcht.
Die Nachbarzähne haben eine unsymmetrische Haltung.
Die zungenförmige Niere ist innen und aussen gefleckt.
Die Geschlechtsorgane von dieser Art besitzen einen typischen
Bau. Von der überaus starken Vagina geht der Samenleiter ohne
Grenze in die walzenförmige Ruthe über, welche von der Glans durch
eine bandartige Einschnürung sich absetzt. Retractor kurz und
kräftig. Etwas unterhalb von der Einmündungssteile des Vas deferens
geht ein kräftiger Blasenstiel ab, welcher sich nach oben zu verjüngt
und in einem kleinen Receptaculum seminis endigt. Von ganz eigen-
artiger Form sind die Anhangsdrüsen. Dieselben stellen ovoide und
an einer Seite etwas abgeflachte Drüsenpackete dar, welche eine un-
ebene Oberfläche besitzen. Mit den abgeflachten Seiten Hegen diese
an einander. Auf geeigneten Durchschnitten lassen die Drüsen deutlich
erkennen, dass wir hier an einander liegende Schläuche vor uns haben,
welche durch Bindesubstanzen mit einander verbunden sind und nach
ihrer Mündungsstelle zu mit einander zu einem Ausführungsgange
') 1. c. pag. 60.
2) 1. c. pag. 108.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 19
verschmelzen. Bei den hiesigen Exemplaren wurden drei Glandulae
muscosae beobachtet. Sempera) bringt eine interessante Zusammen-
stellung in Bezug auf die Drüsenanzahl bei Helix fi'uticum, die von
verschiedenen Gegenden stammten. Derselbe Forscher theilt wörtlich
mit: ,,Es scheint demnach, als ob im Norden Europa's die Exemplare
von fruticum immer oder meist 3 Leibespfeildrüsen, die mitteldeutschen
bald 3, bald 2 solche, die von Innsbruck 2, die von südlicheren
Theilen Tyrol's meist 2, dann IV2 und mitunter nur 1 hätten, bis
endlich die schwarze Varietät von ItaHen nur 1 solche Drüse besässe."
Paasch 2) spricht von den Glandulae muscosae unter anderem,
dass dieselben aus dichten Ballen feiner Kanälchen bestehen; M oqu in-
Tand on 3) beschreibt die glandulae mucosae als: ,,representees un
Corps glanduleux forme de quatre lobes irregulaires presses les uns
contre les autres". —
Die Anhangsdrüsen münden mit zwei Oeffnungen nicht un-
mittelbar in den Vaginalraum, sondern ihr Sekret geht, nachdem
sich die beiden Ausführungsgänge vereinigt haben, erst in den
inneren, pfeillosen Bhndsack, um erst durch diesen in die Vagina
auszumünden. Unmittelbar unter diesen Drüsen, zum Theil noch
von diesen bedeckt, befinden sich nämlich zwei ungleich grosse,
kugelige Pfeilsäcke, welche an ihrer Basis mit einander communi-
ciren. Nur der kleinere und nach aussen gelegene führt einen
rundlichen, konischen Pfeil.
Auf dem unteren Theil der Vagina und zwar gegenüber der
Ansatzstelle des Penis befindet sich eine etwa linsengrosse Aus-
sackung; (auf der Abbildung ist diese Stelle durch Punkte ange-
deutet.) Diese steht durch einen feinen und engen Kanal mit dem
der Vagina unmittelbar angrenzenden „Pfeilsack" in Verbindung.
Zahlreiche Scheidewände durchziehen diese Ausstülpung und bilden
mannigfach gestaltete Hohlräume; kubische Cylinderzellen mit einem
grossen runden Kern kleiden die letzteren aus. In dem septirten
Räume fand sich ein feines körniges Sekret vor.
Diesen beutelartigen Blindsack konnte ich bei allen vorliegenden
Exemplaren von Fruticum nachweisen.
Die aus Trencsin (Ungarn) übersandten Exemplare von Fruticum
zeigten weniger zahlreiche Flecken auf dem Mantel, wie unsere
hiesige Form. Helix fruticum von Tarris Hess die Anzahl der
Flecken noch mehr zurücktreten auf dem Mantelüberzuge. Die Zahl
der Glandulae mucosae betrug hier nur zwei.
Sehr vereinzelte schwarze Flecken fanden sich auf dem Lungen-
höhlendach bei den Thieren aus Agram. Schliesslich will ich nicht
') C. Semper: Reisen im Archipel der Philippinen; III. Bd. Landmollusken.
Wiesbaden 1870-82 pag. 230.
^) A. Paasch: Beiträge zur genaueren Kenntniss der Mollusken. Archiv
für Naturgeschichte 1845 p. 39.
ä) 1. c. pl. XVI.
2*
20 Otto Seh übe rth: Beiträge zur vergleichenden
unerwähnt lassen, dass ich bei frisch untersuchten Exemplaren im
Receptaculum seminis zahlreiche Krystalle vorgefunden habe, welche
die Form von dreiseitigen Pyramiden besassen und 0,0171 mm Grösse
erreichten. Dieselben KrystaUformen konnte ich auch im Penis
nachweisen ; dieselben erreichten hier die Grösse von 0,0380 mm.
Helix strigella Drp.
(Insel Möen, Rostock und Würzburg.)
Taf. II. Fig. 17—19.
Obige Schnecke wurde von Herrn Prof. Braun auf der dänischen
Insel Möen gesammelt. Mantelsaum sowie Lungenhöhlendach leicht
gebräunt; auf letzterem finden verschiedentlich zerstreut kleine, rost-
braune Tupfen, welche namenthch in der Nähe der Niere sehr zahl-
reich wurden.
Am Kiefer zählte Lehmann i) 20 — 21 Zahnleisten; mein Be-
fund war 10 — 11.
Die Radula besitzt 142 Quer- und 71 Längszahnreihen. Aufsatz
des Mittelzahnes oben eingefurcht. Zwei schräg an beiden Seiten
des Epithems hervortretende Nebenzähne verdienen besonders hervor-
gehoben zu werden. Sehr zahlreich wie bei keiner der Helix-Arten
ist hier die Anzahl der Zahnspitzen in der marginalen Reihe; ich
zählte deren 3 — 6.
Das Gehörorgan besitzt dieselben glashellen Otolithen wie wir
sie schon bei den vorstehend genannten Helix-Arten kennen ge-
lernt haben,
Geschlechtsapparat: Obwohl Helix strigella gleich fruticum zur
Gruppe Eulota gehört, so besitzt die erstere dennoch einen anderen
Bau hinsichtlich der Anhangsdrüsen; hier treten wieder die be-
kannten fingerförmigen Drüsen auf, deren Zahl acht beträgt. Durch
\der Ausführungsgänge münden dieselbe in die Vagina. Länge der
Finger 7 mm.
Etwas nach vorn von der Insertionsstelle der Drüsen münden in
ungleicher Höhe zwei aber auf correspondirenden Seiten der Vagina
liegende schlaue] iförmige Blindsäcke von 15 mm Länge undlVgmm
Dicke; dieselben sitzen mit breiter Basis auf und haben eine ab-
gerundete Spitze. Die Schlauchwandungen haben eine äussere
Längs- und eine innere Ringmuskelfaserschicht; darauf folgen nach
innen zu vereinzelte Anhäufungen von Bindesubstanzzellen, welche
durch faltenartige Erhebungen das Lumen vielfach theilen und
durchsetzten. Diese Scheidewände sind mit einem kubischen Cyhnder-
epithel bekleidet, welches mit stark gekörnten Protoplasma und
und grossen Kernen versehen ist. Zwischen den Cylinderzellen
finden sich öfters beutelartig geformte, durchscheinende Zellen ein-
gestreut, welche an Schleimzellen sehr erinnern; an denselben konnte
«) 1. c. pag. 104. Tafel XII Fig. 36.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 21
man eine Oeffnung deutlich nachweisen. Ueber alle diese Zellen
zieht ein glänzender Cuticularsaum.
Vom Uterus ist noch zu erwähnen, dass sich der Eileiter aus
kubischen, unregelmässigen, glasigdurchsichtigen Zellen zusammen-
setzt, in welchen ein gekörnter, runder Kern sich befindet, der
Drüsenkörper der Prostata dagegen besitzt vornehmlich Zellen mit
stark gekörntem Protoplasma und trübem Kern.
Ein Pfeilsack fehlt.
Bei HeHx strigella von Rostock konnte ich auf der äusseren
Seite des Nierenüberzuges zwei feine, dunkelbraune Längsstreifen
erkennen.
Bei der Radula theilte sich der Dentikel in dem marginalen
Zahnverbande in 4 — 8 Zahnzacken.
Helix strigella von "VVürzburg schliesst sich den Exemplaren von
der Insel Möen an.
Im Allgemeinen wird bei der Gruppe der Fruticicolen ein
braun oder schwarz gesprenkelter Mantel häufiger beobachtet.
Zahlreicher gefurcht und schärfer bezahnt ist das Gebiss dieser
Thiere als das derer der Gruppe Anchistoma. Ein feiner, spangen-
artig zusammentretender Kiefer, welcher 6 — 25 Zahnleisten auf-
weisen kann , ist denselben eigenthümlich. Der Centralzahn der
Radula zeigt insofern ein typisches Verhalten, als derselbe nicht
nur mit einem spitzen Hauptdentikel, sondern auch noch mit einem
scharfen Nebendentikel beiderseitig bewehrt ist. Der obere Rand
des Zahnes zeigt meist eine tiefe Einfurchung. 6 — 8 scharfe Zahn-
zacken sehen wir die Zähne der marginalen Reihe aufweisen.
Ein kurzer und kräftiger Blasenstiel mit einer starken Basis
ist allen dieser Gattung angehörenden Thieren eigen, dagegen fehlt
sämmtlichen ein Divertikel. In Betreif der Anhangsdrüsen wechselt
die Anzahl ihrer Finger sehr; 4 — 8 wurden öfters beobachtet. Wenn
man weiterhin den inneren Bau der Glandula mucosa bei Helix fru-
ticum genetisch würdigt, so scheint auch diese aus „Fingern" hervor-
gegangen zu sein. In diesem Sinne spricht sich auch F. Wiegmann i)
aus, wenn er sagt: ,,Aus einem ähnhchen Typus (fortschreitende
Ausstülpung) hat sich vermuthlich durch weitere Differenzirung die
doppelte Schleimdrüse der Heliceen entwickelt, für welche ähnliche
Formen wie bei Helix fruticum, quimperiana die Brücke zu den ein-
fachen Doppelschläuchen vieler Campyleen bilden, aus denen durch
fortgesetzte, dichotomische Theilung endlich die baumförmigen Drüsen
mehrerer Gruppen hervorgingen." Auf die nähere Besprechung der
Glandulae mucosae bei Helix quimperiana werde ich noch bei der
Gruppe Pseudocampylaea, welcher dieses Thier subsumirt worden
ist, zurückkommen.
') F. Wiegmann: Der sogenannte Liebespfeil der Vitrinen. Jahrb. d.
deutsch, malak, Ges. XIII. 1886, pag. 81.
22 Otto Schübe rth: Beiträge zur vergleichenden
Das Auftreten eines sogenannten „Nebenblindsackes" am Ge-
schleclitsatrium scheint nur der Untergruppe Carthusiana eigen-
thümlich zu sein; weil derselbe gerade an der Stelle, wo der Pfeil-
sack sich zu inseriren pflegt, ansitzt, so wird er als ein Homologen
des fehlenden Pfeilsackes zu deuten sein, zumal bei anderen
Thieren dieser Gruppe, welche einen solchen Blindsack nicht be-
sitzen, ein, zwei und selbst vier Pfeilsäcke beobachtet worden sind.
Schliesslich möchte ich noch der Gruppe Eulota Hartmann mit
einigen Worten gedenken, von der ich leider nur die beiden nach-
genannten Arten untersuchen konnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass
den beiden Nebenbhndsäcken bei Helix strigella die oben erwähnte
Aussackung bei fruticum an die Seite zu stellen wäre, dürfte vielleicht
eine gewisse Berechtigung finden, wenn noch mehrere Species von
dieser Gruppe auf diese Frage hin anatomisch und wo möghch ge-
netisch zur Untersuchung gelangen möchten. Der Penis ist bei
allen stark entwickelt, jedoch mit einem kurzen, hakenförmig ge-
bogenen Flagellum ausgestattet. Der Musculus retractor ist meist
kurz und kräftig. Nur bei der Untergruppe Carthusiana fehlt derselbe.
Von der Gruppe
y. Campylaea
habe ich folgende Arten untersuchen können:
Campylaea planospira Rossm.
„ confusa Ben.
„ foetens Stud.
„ rhaetica Mouss.
„ Pouzolzi Mich.
„ phocaea Roth var. ornata.
„ Gobanzi Frfld.
„ cingulata Stud.
„ colubrina Jan.
„ Preslü Schmidt.
„ cyclolabris var. hymethi Mouss.
c. Chilotrema lapicida Leach.
d. Arionta arbustorum Leach.
„ „ var. rudis Meg.
HeHx planospira Bssm.
(Val SeUa-Tyrol, P. V. Gredler ded.)
Der Kiefer hat 5 — 7 Zahnrippen.
Radula 6 mm lang und 2 mm breit, hat 171 Quer- und 91
Längszahnreihen. Der Mittelzahn ohne Einkerbung des Epithems;
letzteres hat mit dem breit aufsitzenden Dentikel die Gestalt eines
gleichschenkeligen Dreiecks; oberer Zahnrand leicht eingefurcht. In
der 21. Reihe theilt sich der Dentikel; auch tritt daselbst ein Neben-
zahnzacken auf, welcher in den späteren Reihen durch weiteres
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 23
Hinzutreten von Zahnspitzen bis zu 6 Zahnzacken kommen kann.
Dieselbe Darstellung giebt auch C, Pollonerai). Die Reibmembran
besitzt hier einen rosarothen Farbenschimmer, welcher allmählich in
einen gelben Farbenton übergeht.
Bei dem Geschlechtssystem fällt die lange und geschlängelt
verlaufende Vagina zunächst auf; letztere nimmt erst nach Abgabe
des Blasenstiel wieder einen graden Verlauf an. An dem untern
Drittel zieht letzterer ein starkes 38 mm langes Divertikel ab, welches
mit dem Eileiter, wie bei allen Campyleen durch eine gekrösartige
Membran verbunden ist, welche aus Plasmazellen und interstitiellen
Bindesubstanzen besteht. Dieselbe wird von zahlreichen und feinen
Gefässen durchzogen, welche in vielfachen Verschlingungen und
Windungen zwischen Divertikel und Eileiter verlaufen und auf diese
Weise der Zwischenmembran ein quergestreiftes Aussehen verleihen.
Die Glandulae digitatae stellen hier zwei 20 mm lange, gegabelte,
schlauchförmige Finger dar, welche der Vagina aufsitzen, die Gabelung
erstreckt sich bis auf 5 mm von ihrer Insertion. Hier pflanzt sich
auch der länglich ausgezogene, birnförmige Pfeilsack ein, dessen
Länge 10 mm beträgt.
Relativ klein und dünn ist der Penis; derselbe misst 16 mm
Länge und 1 mm Breite. Flagellum 22 mm lang, an seinem Grunde
spiralig gerollt. Musculus retractor 15 mm lang.
Eine aus BranzoU im Etschthal stammende Helix planospira
(P. V. Gredler ded.) lässt Abweichungen nicht erkennen.
Helix planospira var. umbilicaris Bruiii.
(Tarvis — J. Stussiner leg.)
Taf. m. f^g. 1. 2.
Kiefer mit 4 — 7 hochgestellten Zahnleisten.
Die Radula hier ungefärbt, Bezahnung wie bei Planospira,
Die Spaltung der hier 25 mm langen Finger erstreckt sich hier
nur bis zur Mitte derselben.
Die von A. Schmidt 2) gegebene bildHche Darstellung des
Geschlechtsapparates stimmt auch mit meinem Befunde überein.
Helix confnsa Ben.
(Siacca-Sicilien, Adami leg.)
Taf. m. Fig. 3.
Kopf und Rücken bräunlich; Sohle grau. Lungenhöhlendach
bi^aun gemustert.
4 — 5 Rippen durchqueren den Kiefer.
Radula mit 180 Quer- und 93 Längszahnreihen.
0 1. c. pag. 113. Fig. 24.
') 1. c. pag. 37 IX Fig. 67.
24 Otto Seh uberth: Beiträge ziir vergleichenden
Der Geschlechtsapparat ist dem von planospira var. sehr
ähnlich; die fingerförmigen Anhangsdrüsen haben hier nur die
Hälfte der Länge von planospira aufzuweisen; dagegen ist die recht-
winklig geknickte Ruthe doppelt so gross ; ihr Flagellum misst 50 mm
Länge.
Helix foetens Stud.
(Hartenstein — Nieder-Oesterreich — J. Stussiner leg.)
Taf. III. Fig. 4.
Moquin-Tandon^) bildet den Kiefer mit zwei hochgestellten
Zahnleisten ab, an welche sich beiderseits noch eine niedere anlehnt;
denselben Befund habe ich ebenfalls zu verzeichnen.
Die Radula hat 136 Quer- und 81 Längszahnreihen, der Mittel-
zahn mehr langgezogen; am oberen Rande tief ausgeschnitten; in
der 16. Reihe wird der Dentikel mehr abgerundet, auch tritt ein
Nebendentikel seithch auf; in der 39. Reihe bemerkt man drei Zahn-
spitzen. Hinsich tHch des Geschlechtssystems muss erwähnt werden,
dass die fingerförmigen Anhangsdrüsen hier nicht gegabelt sind.
Der 5 mm lange Pfeilsack birgt einen Pfeil mit trichterartiger Krone,
welche in einen lang ausgezogenen Stiel ausläuft, welchem eine
lanzettförmige Spitze aufsitzt. Einen ähnlichen Pfeil besitzt auch
Helix personata.
Als besonders typisch bei dieser Art muss die stark hervor-
tretende ,, Kräuselung" des ca. 15 mm langen Flagellum's gelten,
eine Thatsache, die auch von A. Schmidt 2) mit Recht gewürdigt
wird.
HeUx rhaetica Mouss.
(Tyrol — P. V. Gredler ded.)
Taf. m. Fig. 5.
Die graubraune Färbung des Körpers greift zum Theil auch
auf das ganze Gewebe des Athemraumes über, welches zwischen
Mantelsaum und Enddarm liegt; auch die Circumferenz der Niere
ist dunkel nuancirt. Der Kiefer besitzt drei gleichmässig von
einander entfernte Zahnrippen.
Die Radula hat 151 Quer- und 87 Längszahnreihen; etwas
Charakteristisches kennzeichnet die Bezahnung nicht. Am Ge-
schlechtsapparat fällt besonders der 64 cm lange und sehr dünne
Blasenstiel auf, welcher in seinem unteren ersten Viertel ein 45 mm
langes Divertikel abgiebt, welches in seinem mittleren Verlaufe stärker
wird, um an seinem Ende wieder zu einer schmalen Spitze aus-
zulaufen; auch hier ist die Verbindung des Divertikels mit dem Ei-
leiter durch jene schon mehrfach erwähnte Membran hergestellt.
») 1. c. pag. 37. Tafel IX Fig. 64.
2) 1. c. 37.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 25
Die 23 mm langen und schlauchförmigen Finger der Anhangs-
drüse sind kräftig entwickelt und nicht gegabelt; dieselben haben
einen 8 mm langen Pfeilsack zwischen sich. Der Pfeil zeigt auch
hier die bereits beschriebene Form wie bei foetens.
Helix Pouzolzi Mich.
(Spizza, Lutomore — Südl. Dalmatien — J. Stussiner ded.)
Taf. m. Fig. 6.
Die Thiere sehr gross; besitzen einen lehmgelben Körper, welcher
vom Kopf, Rücken und Schwanztheil nach der Sohle hin sich abstuft.
Mantelrand grau, auf der Lungenhöhle prävahrt der gelbliche Farbenton
als Grundfarbe, welcher eine diffuse schwarze Pigmeutirung beigemengt
ist; letztere geht in der Gegend der Niere allmählich zurück.
Der kräftige Kiefer besitzt 5 — 10 Rippen.
Radula 8 mm lang und 3^/2 Tarn breit mit 163 Quer- und
109 Längszahnreihen.
Die Gestalt des Zahnes nähert sich mehr der eines gleichseitigen
Dreiecks, der Dentikel erreicht den unteren Rand der Basalplatte
nicht ; der obere Rand des Zahnes ist leicht eingedrückt ; hier besitzt
das Epithem drei neben einander stehende kreisförmige Vertiefungen;
dieser rundliche Eindruck wird auch bei den Nachbarzähnen bis in
10. Nebenreihe hin beobachtet. In der marginalen Reihe nimmt der
Dentikel eine mehr viereckige Form an, auch sind die Zahnspitzen
mehr abgerundet und ausgeglichen. Nebendontikel sieht man so gut
wie gar nicht auftreten.
Das Genitalsystem steht demjenigen von planospira und confusa
ziemlich nahe; schon A. Schmidt') spricht von einer Verwandtschaft
der beiden erstgenannten. Der Blasenstiel mass hier in einem Falle
von ca. 15 vorliegenden Exemplaren, 70 mm. Dementsprechend
haben auch die fingerförmigen Anhangsdrüsen starke Dimensionen;
ihre Gabelung erfolgt schon fast an der Basis derselben. Einem
besonderen aus dem Vaginal-Gewebe hervortretenden Wulst sitzt der
9 mm lange Pfeilsack auf. Der Pfeil zeigt die bereits bekannte Form.
Interessante Daten hat Professor AI. Braun ^) hinsichtlich der Anzahl
der verschossenen Pfeile bei Helix Pouzolzi gegeben, sowie über den
Sitz der eingedrungenen Liebespfeile.
Die relativ kleine und rechtwinkelig geknickte Ruthe misst nur
25 mm Länge.
Helix phocaea Roth var. ornata.
(Mittel-Griechenland XII 1887 — von Oertzen leg.)
Kopf dunkelbraun, Rücken und Schwanztheil etwas heller. Mantel
gleichmässig grau.
') 1. c. pap. 37.
^) Nachrichtsblatt der Deutschen malakozoologischen .Ges. No. 7 und 8-
1887. pag.^99.
26 OttoSchnberth: Beiträge zur vergleichendeu
Kiefer 3 — 5 Leisten.
Die Radula hat 190 Quer- und 81 Längszahnreihen. Bezahnung
zeigt nichts Abweichendes.
Der Geschlechtsapparat kommt dem von Helix confusa sehr
nahe; das Flagellum ist hier absolut kürzer. Die Unterschiede der
übrigen Organe sind nur quantitative; phocaea ist nur halb so gross
wie confusa.
Helix Gobanzi Frfld.
(Val Vestino, Tyrol. P. V. Gredler leg.)
Lungenhöhlendach dunkelgrau; an der Seite des Mastdarms
intensiv und nach der entgegengesetzten Seite allmählich abnehmend.
Auf den Nierenüberzug greift die Pigmentirung nicht über.
Der Kiefer besitzt zwei hohe Zahnleisten.
Die Radula hat 150 Quer- und 67 Längszahnreihen. Die Be-
zahnung zeigt nichts Besonderes.
Helix cingulata Stud.
(Brescia — Dr. Del Prete — Viareggio leg.)
Taf. in. Fig. 7-9.
Kopf, Rücken und Schwanztheil dunkelbraun ; auch der Mantel-
saum nimmt an dieser Tinction Theil. Der Columellarmuskel besteht
aus drei Köpfen; einer geht zum Mantelrand, die beiden anderen
nach vorn, von denen sich der rechte mit 5 — 6 Bündeln an die Seiten
der Sohle und mit 2 zu den rechten (Augen-) Fühlern begiebt; der
linke vertheilt sich ebenso, nur giebt dieser nach vorn noch zwei
sich weiter spaltende Bündel für den Pharynx ab.
Dem kräftigen, öfters schwarz pigmentirten Kiefer sitzen zwei
hohe Zahnleisten in seiner Mitte auf.
Die Radula hat 140 Quer- und 75 Längszahnreihen.
Die Otolithen besitzen auch hier die bekannte, rundlich-ovale
Form; bei einigen bemerkt man eine mehr oder weniger aus-
gesprochene, dellenförmige Vertiefung in der Mitte; Länge 0,0247 mm,
Breite 0,0152 mm.
Die Sexualorgane sind denjenigen von Helix rhaetica gleich.
Die Wandung der Glandulae digitatae besitzt eine starke Cirkulär-
schicht von Muskelfasern. Innen sind die Drüsen mit einem hohen
Cylinderepithel ausgekleidet. Etwas oberhalb der InsertionssteUe
der Anhangsdrüsen geht der 30 — 35 mm lange Blasenstiel ab,
welcher nach einem Verlaufe von 10 mm ein 40 mm langes Divertikel
abgiebt.
Der dünne Penis von 13 mm Länge hat ein fast doppelt so
langes peitschenförmiges FlageUum.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 27
Der Pfeil besitzt eine zackige Krone und einen stark ver-
jüngten Hals.
Helix cingulata von Bozen (P. V. Gredler ded.) zeigt den Mantel-
rand sowie den Anfangstheil der Lungenhöhlenwandung bräunlich
gefärbt. Die lange und ziemlich spitze Niere ragt weit in dem
Athemraum vor.
Das Gebiss der vorstehenden Exemplare zeigt keine Be-
sonderheiten.
Auch im Geschlechtssystem zeigten dieselben keine
Unterschiede.
Helix cingulata var. minor (P. V. Gredler ded.) unterscheidet
sich von den vorgenannten weder in der Bezahnung noch im
Genitalapparat.
Helix colubrina Jan.
(Val Ampola — P. V. Gredler leg.)
Taf. III. Fig. 10.
Aeusserlich ist dieselbe von Helix cingulata nicht verschieden,
nur das Thier ist etwas dunkler, auch ist die Lungenhöhlenwandung
ganz pigmentirt.
Die Zähne der Radula etwas schlanker als bei cingulata;
Mittelzahn am oberen Rande abgerundet; der Dentikel ragt über
den unteren Basalplattenrand weit hinaus.
Der Geschlechtsapparat gleicht demjenigen vonHelix cingulata.
Helix Preslii Schmidt.
(Luserna 3500' über dem Meeresspiegel. — P. V. Gredler leg.)
Kopf, Rücken und Schwanz graubraun ; Mantelsaum und Lungen-
höhlenwandung etwas abgeschwächt in der Färbung.
Radula, 141 Quer- und 71 Längszahnreihen ; die Zahnform
wie bei Helix colubrina.
Das Geschlechtssystem deckt sich mit dem von Helix rhaetica;
Penis 13 mm lang; Flagellum 18 mm lang.
HeUx intermedia Fer.
(Laibach — J. Stussiner leg.)
Mantelrand sowie Lungenhöhlendach rostbraun.
Kiefer 4 — 6 kräftige Leisten.
Radula 164 Quer- und 75 Längszahnreihen; die Zahnform wie
bei planospira.
Niere ziemlich breit und langgestreckt.
Die Geschlechtsorgane wie bei Helix rhaetica, nur etwas
kleiner.
28 Otto Seh uberth: Beiträge zur vergleichenden
Helix cyclolabris yar. hymetti Mouss.
(Euboea — von Oertzen leg.)
Körper gleichmässig grau.
Der Kiefer trägt 5 — 6 starke Rippen.
Die Radvila besitzt an ihrem Mittelzahn auf dem oberen Rande
derselben eine Einfurchung; bei dem 16. lateralen Zahne tritt ein
Nebendentikel auf. Weitere Details bietet die Abbildung.
146 Quer- und 72 Längszalmreihen,
An dem Geschlechtsapparat ist die Auftreibung des Blasen-
stieles an seiner Basis bemerkenswerth.
Die fingerförmigen Drüsen sind nicht getheilt. Pfeilsack 5 mm
lang. Die 12 mm lange Ruthe besitzt nur ein 3 mm langes FlageUum,
ein Verhältniss, das wohl auch bei Helix cyclolabris Desh. zutreffen
dürfte, und von Hesse^) nur mit Vorbehalt wiedergegeben wurde.
Chilotrema
Helix lapicida Leach.
(Hartenstein, Nieder-Oesterreich — J. Stussiner leg.)
Rücken und Schwanztheil grauröthHch; Sohle lehmfarben. Nach
Clessin''^) läuft eine dunkle Rinne über den Rücken". Lungen-
höhlendach mit zahlreichen schwarzgrauen Tupfen, welche auch auf
den äusseren Nierenüberzug und den convexen Rand der Leber
übergreifen.
Niere spitz zulaufend.
Der Kiefer 4 hoch gewellte Zahnrippen.
Die Darstellung der Bezahnung der Radula von C. PoUonera^)
deckt sich auch mit meinem Befunde. Lehmann^) zählt 190 Quer-
und 45 Längszahnreihen, welcher Angabe 170 Quer- und 72 Längs-
zahnreihen nach meinen Untersuchungen gegenüberstehen.
Der Mittelzahn ist kurz und gedrungen, oberer Rand ein-
geschnitten.
Die Geschlechtsorgane stimmen mit denjenigen von Helix
personata fast überein, wie schon von A. Schmidt^) angegeben
worden ist; auch geben Moquin-Tandon^), ErdP) sowie Lehmann
zutreffende Abbildungen von den ersteren.
') 1. c. pag. 542.
^) S. Clessin: Excursions-Molluskenfauna, 1884. pag. 181.
3) 1. c. pag. 113 Fig. 20.
*) 1. c. pag 85. Tafel XI. Fig. 28.
s) 1. c. pag. 35. Tafel Vin Fig. 59.
«) 1. c. pl. XI Fig. 24.
') 1. c. Tafel XTV.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 29
Arionta.
Helix arl)ustorum Leacli.
Rostock.
Ueber die anatomischen Verhältnisse dieser Art liegen ver-
schiedene und ziemlich ausführliche Beschreibungen vor, weshalb ich
über dieses Thier nur kurz referire.
Der Mittelzahn der Radula weist deutHche Nebenzahnzacken
auf, solche auch in den Nebenzahnreihen. Lehmann i) erwähnt die
Nebendentikel nicht. C. Pollonera dagegen stellt den Zahnbesatz
sehr genau dar; sein Befund deckt sich auch mit dem meinigen.
Der Geschlechtsapparat, welcher mit einem Blasenstiel und
einem langen Divertikel versehen ist, zeigt dasselbe Aussehen wie bei
H. rhaetica, nur sehen wir hier die schon mehrfach genannte
Zwischenmembran zwischen Blasenstieldivertikel und Eileiter mit
verhältnissmässig schmäleren Streifen besetzt. Bei Helix personata
sind die Gefässstreifen noch einfacher.
Zuerst erkannt und beschrieben wurde diese Zwischenmembran
bei Helix arbustorum von M. C. Verloren 2), er sagt darüber
Folgendes: ,, Membrana tenuissima valde laxa cum oviductu cohaeret,
per quam multa vascula, saepe dextrorsum et sinistrorsum convoluta
a ductu ad oviductum procurrunt. lila Organa vascula appellavimus,
an vero re vera sint vascula affirmare non audemus; convolutione
sua oculo nudo tamquam vascula satis ampla prodeunt, aequo jure
tamen illa Organa pro glandulis habere possemus."
Nach diesem Autor erwähnt A. Paasch^) diese Membran, wenn
er schreibt: „Dieser Kanal (er meint das Divertikel d. Aut.) wird
durch eine schlaffe Membran mit dem Ovidukt verbunden, über
welche, von dem Kanal anfangend, parallele Streifen, die aus einer
körnigen Masse bestehen, gegen den Oviduct laufen." — Aus diesen
beiden Citaten geht hervor, dass die Entscheidung der Frage, ob die
zahlreichen, querlaufenden Stränge in der „schlaffen Membran"
Gefässe oder Drüsen sind, offen gelassen ist. Spätere Forscher
haben, so viel mir bekannt geworden, sich mit dieser Frage nicht
beschäftigt.
Auf Grund meiner Untersuchungsergebnisse kann ich mittheilen,
dass die obengenannten Stränge als Gefässbündel zu deuten sind.
Dafür spricht einmal die bekannte Struktur der Gefässe bei den
Schnecken'^) sowie ferner die Thatsache, dass ich in dem Lumen
>) 1. c. pag. 87 Tafel XI Fig. 29.
■^) M. C. Verloren: De organis generationis in niolluscLs gasteropodis
pneunionicis. 1837. Lugdani Batarorum, tabula V fig. 27. pag. 116.
^) A. Paasch: Ueber das Geschlechtssystem und über die Harn bereitenden
Organe einiger Zwitterschnecken. Archiv für Naturgesch. IX. Jahrgang I. Bd.
1843. pag 80.
*) C. Vogt und E. Yung: Lehrbuch der praktischen vergleichenden
Anatomie I. Bd. 1888 pag. 776.
30 Otto Schuberth: Beiträge zur vergleichenden
dieser Gefässe geronnenes Blut gefunden habe, in welcliem noch die
Blutkörperchen suspendirt waren. Der Verlauf der Gefässe bei der
ausgebreiteten Membran ist derartig, dass sie in vielfachen Windungen
und Schlingen sowie durch Gabelung parallele Streifen bilden, welche
zwischen Ovidukt und Divertikel hinziehen. Zum Oefteren konnte
ich auf Querschnitten erkennen, dass Gefässe direct in das Wandungs-
parenchym des Divertikels sich öffneten und das Blut sowie die
Plasmazellen frei umspülen muss. Bei dem Oviduct gelang mir dieser
Nachweis nicht. Die Gefässe selbst sind zwischen zwei Blätter einer
Membran fixirt welche aus interstitiellen Bindesubstanzzellen besteht
und zahlreiche ,,Cirkulationslücken" erkennen lässt. Injection dieser
Gefässe vom Ovidukt oder Divertikel aus gelangen nicht. Auch ver-
mochte ich trotz zahlreicher Versuche nicht nennenswerthe Erfolge
zu erzielen, wenn ich die Injectionsverfahren von M. Milne
Edwards^) und Valenciennes^j beobachtete.
Die beiden ungegabelten Glandulae digitatae erreichen eine Länge
von 40 mm. Der Pfeil zeigt die schon früher beschriebene Beschaffen-
heit der Campyleengeschosse. In der Zwischenmembran fand ich bei
frisch secirten arbustorum ein Mal zwei, ein ander Mal drei ab-
geschossene Pfeile vor und zwar war ein Pfeil fast bis in die Gegend
der Eiweissdrüse eingedrungen.
Die Gehörsteine sind hier ovale Gebilde, welche an einem
Pole mehr zugespitzt erscheinen; ihr grösster Längsdurchmesser be-
trägt 0,019 mm., ihr Querdurchmesser 0,0152 mm. In der Mitte
öfters eine strichförmige Delle.
H, arbustorum aus Kremsmünster (A. Pfeiffer leg.) zeigt die
bekannte Färbung der inneren Organe weniger ausgeprägt als die
heimische Art. Einzelne Organe wie die Lungenhöhlenwandung nur
sehr vereinzelt gesprenkelt oder gar nicht pigmentirt. Leberüberzug
nicht gefärbt.
Kiefer hier mit 6 — 10 hohen Zahnrippen.
H. arbustorum var. rudis. Meg.
(Porta Manasso [7000'] — P. V. Gredler.)
Der anatomische Bau dieser ,, Varietät" deckt sich im grossen
Ganzen mit demjenigen von Helix arbustorum 3), nur möchte ich
erwähnen, dass die schlauchförmigen Anhangsdrüsen der kleineren
Varietät absolut länger erscheinen als diejenigen von arbustorum,
*) M. Milne-Edwards: Memoire de l'Academie des sciences. Tome XX
1845 Paris. Observations et experiences sur la circulation chez les mollusques
pag. 443.
■^) M. Edwards et Valenciennes: Ibidem pag. 485.
^) Lehmann 1. c. pag. 87.
Anatomie des Genital apparates von Helix. 31
sie messen 30 mm Länge und sind an ihrer Spitze eingebogen. Von den
Angaben A. Schmidt's^) hinsichtlich der Grössenverhältnisse des
Flagellums gegenüber von arbustorum typ. konnte ich mich nicht
überzeugen.
Helix Walteri Bttg.
(Spizza, Dalmatien — J. Stussiner mis.)
Taf. III. Fig. 14.
Körper schmutzig braun, nach beiden Seiten zu abgestuft.
Lungenhöhlendach mit dunkelbraunen Tupfen besetzt, welche strich-
förmig angeordnet sind. An der Seite des Mastdarms häufen sich
diese Sprenkel und nehmen nach der entgegengesetzten Seite ab.
Nieren und Leberüberzug aussen gleichfalls pigmentirt. Radula
6V2 DaDa lang und 2 mm breit mit 190 Quer- und 91 Längszahnreihen.
Die Form der Zähne wie bei Pouzolzi; hier zeigt nur der Central-
zahn einen kreisförmigen Eindruck.
Otolithen oval bis rundlich; bei einigen kann man eine con-
centrische Streifung erkennen.
Am Genitalapparat ist die grosse AehnUchkeit mit H. Pouzolzi
auffallend ; die Gabelung der fingerförmigen Drüsen erfolgt hier etwa
8 mm von der Basis. Ein typisches Merkmal bei dieser Art ist
folgendes: derjenige Theil der Vagina, welcher zwischen der Insertion
der Glandulae mucosae und derjenigen des Blasenstieles liegt, besitzt
einen scharf begrenzten dunkelbraunen Gürtelstreifen, welcher sich
gegen das umliegend hellgraue Gewebe scharf abhebt. Die Breite
dieser Zone beträgt 7 mm. Auf Schnitten sieht man dunkelbraune
Pigmentkörner frei zwischen den Bindesubstanzzellen eingestreut liegen.
Den folgenden drei Arten hat man die volle Zugehörigkeit unter
den Campylaeen nicht einräumen können, wie schon Hesse-) richtig
bemerkt, velmehr dieselben unter der besonderen Untergruppe
Pseudocampylaea vereinigt. Es sind dies, neben anderen, folgende
untersuchte Arten.
Helix quimperiana F^r.
(Brest — Bavay ded.)
Taf. III. Fig. 12.
Kopf und Rücken dunkelgrau, Seiten und Sohle heller. Lungen-
höhlenwandung schwarz getupft.
Speicheldrüsen stark entwickelt, vielfach gelappt und getheilt.
Kiefer 9 — 11 Rippen, welche den concaven Rand überragen.
Radula mit 170 Quer- und 99 Längsreihen.
Mittelzahn an seinem Epithem eingekerbt; am oberen Rande
desselben befi.ndet sich ein eigenartiges ReHef, wie aus der Abbildung
hervorgehen dürfte.
') 1. c. „Stylommatophoren" pag. 38.
*) P. Hesse: Die systematische Stellung von Helix Quimperiana Fer.
Jahrb. d. deutsch, malakoz. Ges. XII. 1885, pag. 45.
32 OttoScliuberth: Beiträge zur vergleichenden
Geschlechtsorgane: Die gekrösartige Membran zwischen
Ovidukt und Divertikel fehlt hier. Die Glandulae mucosae, welche
sehr an den Bau von Eulota fruticum erinnern, besitzen eine ungemein
starke, muskulöseWandung, welche die einzelnen Drüsen zusammenhält.
Zahlreiche cirkuläre Muskelfasern, denen vereinzelte, longitudinal an-
geordnete Fasern beigemengt sind, finden sich in der Wandung vor.
Hier münden die Drüsen direct, zum Unterschiede von fruticum, in
die Vagina ein,
Helix noverca Shutt.
Greta.
Rücken und Kopf gelblich.
Lungenhöhlendach schwarz gesprenkelt; diese Färbung setzt sich
auf Niere und Leber fort.
Geschlechtsorgane noch nicht vollständig entwickelt.
Helix sp. ? naxianae F^r. afflnis.
(Insel Kasos — von Oertzen mis.)
Taf. ni. Fig. 13.
Kopf, Rücken und Schwanztheil rostbraun; Mantelrand sowie
Lungenhöhlendach fleckig braun gefärbt ; Niere ungefärbt, wohl aber
der Leberüberzug.
Der feine, gelbliche Kiefer mit 11—17 Zahnleisten.
Radula 160 Quer- und 81 Längsreihen von Zähnen.
Mittelzahn am oberen Rande tief ausgeschnitten; das Epithem
eingekerbt; erinnert sehr an die Bezahnung der später folgenden
Gruppe der Xerophilen.
Geschlechtsapparat: Der 22 mm lange Uterus geht nach
einem spiraligen Verlaufe in eine 16 mm lange und grade Scheide
über. Blasenstiel an der Basis stark aufgetrieben und ohne Divertikel.
Glandulae mucosae fehlen. Receptaculum länglich oval mit zahl-
reichen faltigen Erhebungen.
Ruthe mit breiter Glans: FlageUum 42 mm lang.
Die vorstehenden von mir untersuchten Campylaeen zeigen
folgendes Verhalten:
Die Zahnrippen überragen auch hier den concaven Rand des
Kiefers, auch sind letztere mehr auf dem mittleren Theile desselben
angeordnet. Ihre Zahl variirt sehr bei den einzelnen Arten; häufig
wurden zwei bis sechs Zahnleisten beobachtet. Bei der Radula ist
der Mittelzahn meist kleiner als die Nachbarzähne; derselbe besitzt
die Gestalt eines gleichschenkligen Dreiecks; Nebenzacken wurden
an demselben nicht beobachtet.
Die Basalplatte ist an ihrem oberen Rande abgerundet. Ein
Nebendentikel wurde meist erst in den Nebenreihen bemerkt.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 33
Ein kräftiges und dickwandiges Blasenstieldivertikel , welches
durch eine typische Zwischenmembran mit dem Uterus verbunden,
und Trägerin eines reichen Gefässnetzes ist, wurde bei allen echten
Campyleen nachgewiesen. Ebenso sind die beiden schlauchförmigen
Glandulae mucosae, welche sich in verschiedener Höhe gabeln können,
dieser Gruppe eigenthiimlich. Auch ist der birnförmige etwas lang-
gezogene Pfeilsack mit einem charakteristischen Pfeil beschickt,
welcher eine trichterartige gestaltete Krone hat, an welcher sich ein
runder Schaft ansezt; dieser endigt mit einer lanzettförmigen Spitze.
Die bei allen diesen Thieren, im Verhältniss zu den Anchistomen
und Fruticicolen, kleine Ruthe ist ungefähr in ihrem hinteren Drittel
scharf rechtwinklig geknickt und läuft in das allen Campyleen
gemeinsame spiralig gerollte Flagellum aus.
VI. Pentataenia Ad. Scliniidt.
Es wurden folgende Arten untersucht:
Tachea Leach.
Helix Coquandi Mor.
„ nemoralis L.
„ hortensis Müll.
„ splendida Drp.
„ austriaca Miül.
Macularia Albers.
Helix punctata var. major. Müll,
lactea.
Dupotetiana Terver.
Graellsiana Pfr.
Juilleti var.
Codringtonii Gray var. crassa Pfr.
Wagneri Rossm.
vermiculata Müll,
parnassia Roth,
chorista Bourg.
balearica Zgl.
„ var. Campanyonii Aler.
minoricensis Mittre.
bathylena Bourg.
axia Bgt.
Iberus Montfort.
Helix muralis Müll.
„ melitensis Fer.
„ Ascherae Kob.
„ sicana Fer.
„ paciniana Phil.
Avch. f. Natnrgesch. Jahrg. 1892. Bd. I. H. 1.
34 Otto Seh übe rth: Beiträge zur vergleichenden
Helix scabriuscula Deh.
„ Gualtieriana L.
„ niciensis Fer.
Levantina Kobelt.
Helix Maltziana Parr.
Eremia L. Pfr.
Helix desertorum Forskai.
Pomatia Leach.
Helix aspersa Müll,
Mazzullii Jan.
pomatia L.
lucorum Müll,
secernenda Rossm.
ambigua Parr.
cincta Müll,
asemnis Brg.
melanostoma Drp.
figulina Parr.
obtusalis Zgl.
aperta Born.
Ich beginne mit der Untergruppe Tachea Leach.
Helix Coquandi Mor.
(Tanger — J. Ponsonby ded.)
Taf. IV. Fig. 1-3.
Lungenhöhlendach nur zwischen den Gefässen pigmentirt.
Färbung erstreckt sich bis zu der Niere.
Kiefer stark gekrümmt und mit 4 — 6 Querleisten, welche den
concaven Rand überragen, besetzt.
Radula 4 mm lang und 2V2 mm breit, mit 138 Quer- und
93 Längsreihen.
Der darmähnliche und langgezogene Magen ist mit den gelappten
Speicheldrüsen bedeckt. Der Darm macht auch hier die bekannten
drei Windungen, um schHesshch in den Mastdarm überzugehen.
Otolithen hier mehr rundlich, ohne Schichtung.
Geschlechtsapparat: Uterus 42 mm lang, wenig gefaltet;
an seinem vorderen Ende den 32 mm langen und anfangs etwas
aufgetriebenen Samenleiter abgebend. An der Scheide inseriren sich
ziemlich weit nach vorn die fingerförmigen Anhangsdrüsen, welche
aus 8 — 10 Blindschläuchen bestehen, die ihrerseits einem oben ver-
breiterten Stiel aufsitzen; ihre TotaUänge 16 mm. Auf Quer-
schnitten sieht man bei denselben ein hohes, regelmässiges Cylinder-
epithel, welches einer einschichtigen Bindesubstanzzellenlage aufsitzt.
Blasenstiel 48 mm lang mit einem 46 mm langen und kräftigen
Divertikel; letzteres enthält in seiner Wandung vornehmKch eine
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 35
grosse Menge von kubischen Zellen mit rundlichem Kern, zwischen
welchen vereinzelte Muskelfasern zu bemerken sind. Zahlreicher finden
sich letztere in der Blasenstielwandung; hier bilden sie eine förmliche
Ringschicht.
Receptaculum seminis kugelig. Pfeilsack 7 mm lang und kräftig,
derselbe sitzt mit breiter Basis auf. Pfeil 5 mm lang und grade,
mit dolchartiger Spitze. Flagellum 50 mm lang.
Helix nemoralis L.
lieber die Anatomie dieser Schneckenspecies liegen so zahlreiche
Arbeiten vor, dass ich von einer Beschreibung dieses Thieres
Abstand nehmen kann. Man vergleiche A. Schmidt^), Lehmann^),
C. Sempera) und F. Leydig-^).
Mir lagen Exemplare aus folgenden Gegenden zur Unter-
suchung vor.
Helix nemoralis (Porto, Portugal — Sequeira ded.) zeigte eine
dunkle Rückenfärbung mit einem röthlichen Schimmer. Lungen-
höhlendach sowie Mantel dunkelgefleckt; bei einigen zieht sich das
Pigment den grösseren Lungengefässen entlang. Penis, Flagellum,
Stiel des Receptaculum seminis sowie das Geschlechtsatrium blau-
schwarz.
Helix nemoralis (Tarvis — J. Stussiner ded.) sowie eine Varietät
von Herrn Brusina — Agram zeigten gar keine Pigmentirung
der Geschlechtsorgane. Exemplare, welche Herr P. V. Gredler aus
Bozen sowie Herr Schaufuss aus Dresden gütigst übersandten,
zeigten, mit den hiesigen Thieren verglichen, keine Abweichung. Bei
einem Exemplar (Brescia, Lombardei — Herr Dr. Del Prete — Via-
reggio) fehlte das Divertikel am Blasenstiel.
Helix hortensis Miill.
Hinsichtlich der Kenntniss der Organe von dieser Species gilt
dasselbe wie von der vorstehenden Heüx nemoralis. Beide Thiere
ähneln bei ihrer grossen Formenmannigfaltigkeit einander so stark,
dass dieselben anatomisch nur an der Gestalt ihrer Pfeile mit Sicherheit
0 1. c. pag. 19. Tfl. III Fig. 16.
'') 1. c. pag. 19.
2) 1. c.
■•) Dr. F. Leydig: Die Hautdecke xmi Schale der Gasteropoden. Archiv
für Naturgeschichte 1876 pag. 203 und ff. Tafel XVI.
3*
36 Otto Seh uberth: Beiträge zur vergleichenden
unterschieden werden können. A. Schmidt^) lässt unter anderen
Kriterien auch die Länge ihres Flagellums entscheiden; jedoch konnte
ich mich nicht von der Richtigkeit seiner Angaben bei meinen
Untersuchungen überzeugen.
HeHx hortensis ( Schau fuss — Dresden ded.) weicht in der
Beschaffenheit der Organe von der hiesigen nicht ab. Einige
Exemplare derselben Schnecke aus Ochsenfurt (S. Clessin mis.)
Hessen nur eine geringe Grösse ihrer Geschlechtstheile erkennen.
Helix hortensis von Agram (Brusina leg.) besass relativ
kleine Anhangsdrüsen; die bekannte Verjüngung derselben in ihrem
mittleren Verlaufe konnte hier nicht constatirt werden; nur am Ende
bestand eine kolbige Auftreibung derselben.
Exemplare von der Insel Möen wichen ebenfalls nicht ab.
Helix splendida Drp.
(Barcelona — Pollonera ded.)
Taf. IV. Fig. 4. 5.
Körper weiss; von dem grauweissen Mantelsack gehen drei
grauschwarze Längsstreifen über die Lungenhöhlenwandung der
Niere zu.
Kiefer zwei Zahnleisten; Moquin-Tandon 2) bildet 4 ab.
Radula 137 Quer- und 89 Längszahnreihen. Der Mittelzahn
besitzt ein rechtwinkehg gekerbtes Epithem; sein Dentikel erreicht
nicht den gleichgekerbten unteren Rand der Basalplatte. In der
16. Reihe tritt an der Epithemseite, welche der MedianHnie zusieht,
ein Dentikel auf, der in den folgenden Reihen mit dem Hauptdentikel
verschmilzt.
Der Geschlechtsapparat ist demjenigen von Helix Coquandi
sehr ähnlich. Die Anhangsdrüsen erreichen hier 15 mm Länge,
wovon die Hälfte auf den Stiel abgeht; der letztere oben verbreitert
und mehrfach gefurcht. Der 25 mm lange Blasenstiel unten ver-
breitert, giebt ein 38 mm langes Divertikel ab.
Pfeilsack kräftig; Pfeil grade und mit vier Schneiden. Spitze
fein und schmal ausgezogen.
•) A. Schmidt: Ueber die Artunterschiede von Helix nemoralis und Helix
hortensis mit Berücksichtigung ihrer Liebespfeile. Zeitschrift für Malakozoologie
1849. pag. 49.
Ibidem: Jahrg. 1850. Ueber die Pfeüe einiger Helix-Arten pag. 1—13.
Tafel I.
1. c. pag. 19 Tafel III flg. 15.
2) 1. c. pl. XII.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 37
Helix austriaca Müll.
(Agram — Brusina ded.)
Taf. IV. Fig. 6.
Kiefer mit 4 — 5 Zahnleisten.
Radula: Das Epithem desMittelzahnes ist schwach eingeschnitten,
oberer Zahnrand abgerundet ; der Dentikel erreicht den unteren Rand
der Basalplatte nicht.
Im Geschlechtssystem sind die Anhangsdrüsen kräftig ent-
wickelt, ihre Gesammtlänge 29 mm. 7 mm von ihrer Basis spaltet
sich der gemeinsame Stiel in zwei ebensolange Aeste und diesen wieder
sitzen die in ihrem mittleren Verlaufe etwas aufgetriebenen Finger
auf. Diese letzteren weisen erst an der verdickten Stelle eine mus-
kulöse Ringsfaserschicht auf, welchenach der Mündung hin etwas
stärker wird.
Blasenstiel, 35 mm lang,'giebt in seinem unteren Drittel einen
32 mm langen Divertikel ab. Pfeilsack 6 mm lang; derselbe besitzt
einen vierschneidigen 3 mm langen Pfeil mit zwölfzackiger Krone.
Der 20 mm lange Penis ist mit einem spirahg gewundenen
29 mm langen Flagellum versehen.
Helix austriaca (Trencsin Brancsik ded.) lässt schon in
der ersten lateralen Reihe der Radula am Zahnaufsatz die Ein-
kerbung auftreten.
Helix austriaca von Kremsmünster ohne Besonderheiten.
Die ersten Angaben über diese Schnecke machte Paasch ^),
jedoch halten sich seine Mittheilungen in ganz allgemeinen Grenzen.
Seine Abbildung trifft mit meinem Befunde zu ; desgleichen die
Beschreibung dieses Thieres von A. Schmidt 2); in der Abbildung
ist das Divertikel zu kurz gehalten ; selbiges überragt das Receptaculum
um ein ziemliches Stück. Lehmann 3) erwähnt von dem Divertikel
nichts.
M a c u 1 a r i a.
Helix punctata var. major. Müll.
(Oran — W. Kobelt ded.)
Taf. IV. Fig. 7.
Kiefer klein, mit 4 Zahnleisten,
Radula mit 130 Längs- und 180 Querzahnreihen. Zahnzacken
sehr kräftig; Mittelzahn leicht gekerbt. In der 23. lateralen Reihe
hat sich ein kräftiger Nebenzahnzacken entwickelt. Radula 9 mm
lang und 4 mm breit.
') A. Paasch: Beitrag zui' genaueren Kenntniss der Mollusken. Archiv
für Naturgeschichte pag. 37. fig. 2.
2) 1. c. pag. 18. fig. 12 und 13.
') 1. c. pag. 116.
38 Otto Seh ubertb: Beiträge zur vergleichenden
Der Geschlechtsapparat besitzt einen ca. 60 mm langen
Uteras, Blasenstiel 47 mm lang, derselbe giebt in seinem mittleren
Verlaufe einen 38 mm langen BKndsack ab; also zutreffend mit der
Annahme von A. Schmidt^), dass bei Helix punctata der Divertikel
kürzer als der Blasenstiel sein soll.
Glandulae mucosae sehr kräftig; ihre Totallänge ist 30 mm;
dieselben sind zusammengesetzt aus einem runden Stiel, welchem die
14 — 18 kolbenförmigen Finger aufsitzen, die sich nochmals theilen
können.
Pfeilsack klein. Pfeil nicht gefunden.
Penis mit einem 26 mm langen Flagellum,
Helix lactea Müll.
Taf. IV. Fig. 8.
Der halbmondförmige Kiefer hat 4 Zahnleisten.
Die Bezahnung der 7 mm langen und 4 mm breiten Radula
weicht von punctata nicht erheblich ab.
Auch der Geschlechtsapparat ist dem von Helix punctata sehr
ähnhch; nur ist hervorzuheben, dass hier der Blasenstiel bei 62 mm
Länge einen nur etwa die Hälfte dieser Ausdehnung betragenden
Blindsack in seinem unteren Drittel abschickt; dieselben Angaben
gehen aus der Darstellung des Geschlechtsapparates von H.
laetea hervor., wie sie ErcU^) wiedergiebt. A. Schmidt 3) dagegen
behauptet, dass bei obiger Art der Divertikel länger wäre als der
Blasenstiel.
Pfeilsack relativ klein. Pfeil nicht mehr vorhanden.
Helix dupotetiana Terv.
Taf. IV. Fig. 9.
Kiefer 3 — 7 Zahnleisten; Radula 6 mm lang und 2V2 mm
breit, mit 179 Quer- und 109 Längszahnreihen. Mittelzahn auf
seinem Epithem doppelt eingekerbt.
Der Geschlechtsapparat besitzt eine 21mm lange Ruthe mit
einem starken 1 2 mm langen Flagellum.
Die fingerförmigen Drüsen wie bei H. punctata. Pfeilsack klein.
Liebespfeil vierschneidig.
Helix graellsiana Pfr.
(Mallorca, M. Braun leg.)
Taf. IV. Fig. 10. 11.
Nach C. Sem per*) vermittelt dieses Thier durch sein Gebiss
den „Uebergang zwischen den aulacognathen und oxygnathen
HeHceen". Der goldgelbe Kiefer ist vollständig eben und entbehrt
') 1. c. pag. 16. Fig. 9 und 10.
') 1. c. Taf. Xin.
3) 1. c. „Stylommatophoren" pag. 15 und 16 Fig. 7 und 8.
) I. c. Reisen im Archip. der Philippinen pag. 241.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 39
der Zahnrippen. In seiner Mitte baucht sich derselbe vor und zeigt
eine längsverlaufende unregelmässige Riefelung seiner Fläche.
Die Radula besitzt eine ganz eigenartige Bezahnung. In Bezug
auf die Grösse dieses Thieres muss die Radula in ihrer Flächenaus-
dehnung entschieden als sehr gross bezeichnet werden. Die vor-
liegende ist 7 mm lang und 4 mm breit.
Die einzelnen Zähne stellen einen halbkreisförmig gebogenen
Haken dar; das vordere Drittel desselben wird vom Dentikel, gleich-
sam als dessen direkte Fortsetzung, gebildet. Von einem Mittelzahn
kann man hier nicht reden, da alle Zähne die gleiche Form be-
sitzen; nur nach den Rändern zu werden dieselben etwas kleiner.
Im üebrigen muss ich auf die beiliegende Abbildung verweisen.
Im Geschlechtsapparat erstreckt sich die Faltung des Uterus
sehr weit nach vorn und zwar auf Kosten der Vagina. Der an
seiner Basis stark aufgetriebene Blasenstiel giebt in seinem mittleren
Verlaufe ein 27 mm langes Divertikel ab. Weiter nach vorn befinden
sich die keulenartig aufgetriebenen Glandulae digitatae, welche sich
in zwei „Finger" getheilt haben.
Pfeilsack 6 mm lang und von länglich-ovaler Gestalt. Pfeil mit
trichterartig erweiterter Krone und mit vier Schneiden.
Ruthe 16 mm lang und walzenförmig; an der Abgangsstelle des
Musculus retractor ist dieselbe geknickt , Flagellum 37 mm lang,
peitschenförmig.
Helix JuUIeti var.
(Oran — W. Kobelt leg.)
Rücken hellbraun, Seiten und Sohle schmutzig weiss. Mantel-
saum dunkelgrau, ebenso der Anfangstheil der Lungenhöhle.
Kiefer mit 3 hochgestellten Rippen.
Radula 5 mm lang und 2V2 nim breit, besitzt 200 Quer- und
94 Längszahnreihen. Der Mittelzahn kleiner als die benachbarten
Zähne; das Epithem rechtwinkelig eingeschnitten und mit einem
Dentikularsaum versehen; in der 16. Reihe spaltet sich der Aufsatz
und ein zweiter Dentikel tritt auf.
Der Geschlechtsapparat besitzt einen ca. 60 mm langen
Uterus. Die Vagina ist mit zwei stark entwickelten büschelförmigen
Anhangsdrüsen versehen, welche einem 12 mm langen Stiele
aufsitzen. Blasenstiel an seiner Basis aufgetrieben, giebt ein
210 mm langes Divertikel ab von fast einem Millimeter Durchmesser,
welches in vielen Windungen sich um den Uterus schlängelt. Dieser
BUndsack besitzt aussen einen dünnen Epithelbelag, worauf ein
mächtiges Stratum folgt, welches aus kubischen, grossblasigen Zellen
mit fein granuKrtem Plasma und rundlichem Kern besteht. Die
innere Auskleidung bildet ein hohes, gleichmässiges Cylinderepithel
mit grossem Kern und Kernkörperchen. Pfeilsack nur 6 mm lang;
40 OttoSchuberth: Beiträge zur vergleichenden
der 4 mm lange Pfeil besitzt eine regelmässig gestaltete Krone und
vier Schneiden.
Der 30 mm lange Penis hat eine 5 mm dicke Glans ; zahlreiche
rhomboedrische Krystalle fanden sich zwischen den Falten derselben
und zwar frei im Lumen der Ruthe. Flagellum peitschenförmig,
22 mm lang.
Helix Codringtoiiii Gray yar. crassa Pfr.
(Mittel-Griechenland — von Oertzen mis.)
Taf. IV. Fig. 12. 13.
Rücken rothbraun, Fuss grauweiss. Das interväskuläre Gewebe
der Lungenhöhle etwas dunkel pigmentirt.
Kiefer mit 3 — 4 Zahnrippen.
Radula 8 mm lang und 3 mm breit mit 210 Quer- und
98 Längszahnreihen. Das Epithem des Mittelzahnes nicht ein-
gekerbt, oberer Zahnrandabgerundet, Nebendentikel auch unter
den lateralen Zähnen nicht vorhanden.
Otolithen auch hier eirunde, stark glänzende, halbplane
Körperchen, welche öfters mit einer sehr geringen Vertiefung in
ihrer Mitte versehen sind.
Am Genitalapparat ist die kurze Vagina zu erwähnen, welche
jederseits eine glandula mucosa besitzt und zwar sitzen einem
kräftigen, runden Stiele von 2 mm Dicke zwei bis drei kräftige
Finger auf, welche in ihrem mittleren Verlaufe verjüngt sind; ihre
Länge beträgt 16 mm. Die Wandung enthält vereinzelte Muskel-
elemente, welche nach der Basis der Drüse 'zu mehr und mehr
zunehmen. Von der Mitte des 52 mm langen Blasenstieles
geht ein Divertikel ab, welcher das Receptaculum weit überragt.
Der 2 mm lange und kleine Pfeilsack besitzt einen vierkantigen und
geraden Pheil.
Penis 26 mm lang mit einem 37 mm langen Flagellum.
Helix Codringtonii var. minor.
(Parnass — Dr. Krüper Athen ded.)
Rücken dunkelgrau, Fuss heUer. Das Gebiss sowie der Ge-
schlechtsapparat stimmen mit der vorgenannten Form fast überein,
nur besitzt hier die Anhangsdrüse vier neben einander stehende Finger,
welche einem kräftigen Stiele schräg aufsitzen.
Eine auffallende Erscheinung dürfte es sein, dass die mit der
vorigen Varietät so nahe verwandte HeHx Codringtonii Gray var.
umbilicata^) ein so mächtiges Packet von fingerförmigen Drüsen auf-
weist. Vier bis fünf starke Finger, welche sich ihrerseits oben
wieder in zwei und drei Finger theilen, münden zu einem starken
Stamme vereingt in die Vagina.
') F. Wiegmann: Beiträge zur Anatomie der Molluska. Jahrbücher
der Deutschen malakzool. Gesellschaft IV 1877. pag. 195. Tafel 6.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 41
Helix Wagneri Eossm.
(Daya, Nord- Afrika. Kobelt mis.)
Taf. IV- Fig. 14. 15.
Kopf und Rücken graugelb ; Fuss schmutzig weiss. Mantelsaum
stark gewulstet und unregelmässig dunkelbraun gesprenkelt. Die
äussere Lungenböhlenwandung ist ebenfalls so gefärbt und zwar vor-
nehmlich im Verlaufe der grösseren Lungenvenen.
Kiefer besitzt 4 Querleisten.
Radula 5 mm lang und 3 mm breit, mit 101 Längs- und
168 Querreihen von Zähnen. Das Epithem des Mittelzahnes recht-
winklig eingeschnitten. Der obere Rand des Zahnes abgerundet.
Der Geschlechtsapparat ist sehr langgestreckt. Der Uterus
vielfach geschlängelt und darmähnlich gestaltet. Derselbe misst 95 mm
Vagina sehr lang; in dieselbe münden mit einem langenStiele die
zahlreichen Finger. Der 40 mm lange Blasenstiel endigt mit einem
ovalen Receptaculum seminis; von dem unteren Drittel des ersteren
wird ein etwa 90 mm langes Divertikel abgegeben, welches sich ähnlich
verhält wie bei Helix Juilleti.
Pfeilsack relativ gross, mit einem 5 mm langen und geraden
Pfeü mit deutlich abgesetzer Krone. Das sehr hoch abgegebene
Vas deferens hat eine Länge von 50 mm und geht ohne Differenzirung
in den 40 mm langen Penis über, welchem ein 27 mm kräftiges
Flagellum aufsitzt.
Helix vermicttlata MülL
Taf. IV. Fig. 16.
Untersucht wurden Exemplare von Messina (L. Benoit ded).,
Smyrna (Conemenos ded.), Mahon, Palma, Constantine, Marseille
(Marion leg.) Algerien (J. von Fischer ded.) und von Cherchel
(Dr. W. Kobelt ded.)
Die Exemplare von den fünf erstgenannten Orten zeigten
folgendes gleiche Verhalten an ihren Organen. Nur der äussere
Mantelsaum schwarz pigmentirt.
Kiefer 3 — 5 Zahnleisten. Die Radula zeigt eine Flächen-
ausdehnung von 8 mm Länge und 3 mm Breite; 183 Quer- und
115 Längsreihen von Zähnen. Mittelzahn kleiner als die Nachbar-
zähne. Epithem rechtwinklig ausgeschnitten.
Der Geschlechtsapparat erinnert sehr an denjenigen von
Helix Wagneri; im Uebrigen kann ich auf die treffliche Darstellung
in Wort und Bild von F. Wiegmann^) Bezug nehmen, welche auch
mit meinen Befunden bis auf einige nebensächliche Zahlenangaben
übereinstimmt. Auch die Abbildungen von ErdP) sowie A. Schmidt^)
gaben eine richtige Darstellung von den Geschlechtsorganen.
') 1. c. Jahrb. für Malakozoologie IV 1877 pag. 196 Tafel 7.
^) 1. c. Tafel XIV.
") 1. c. pag. 15 Tafel 11 Fig. 6.
42 Otto Schuberth: Beiträge zur vergleichenden
Die Exemplare aus Marseille zeigten nicht nur den Mantelsaum
sondern auch die grösseren Lungengefässe pigmentirt.
Helix vermiculata von Algerien zeigt in der Radula 103 Längs-
und 209 Querreihen von Zähnen. Die Exemplare aus Cherchel haben
einen röthlichen Rücken, Seiten und Sohle schmutzig weiss.
Helix parnassia Roth.
Taf. IV. Fig. 17.
(Stromi in Phthiotis — südl. Abhang des Oeta — von Oertzen leg.)
Lungenhöhlenwandung wenig pigmentirt, vornehmlich an der
Mastdarmseite. Rücken hellgrau, Fuss und Sohle grauweiss.
Kiefer mit 4 — 8 Zahnleisten.
Radula 7 mm lang und 3 mm breit mit 160 Quer- und 95 Längs-
zahnreihen. Der Mittelzahn erinnert an die Form der Campyleen-
Zähne; in der lateralen Reihe besitzt das Epithem medianwärts
eine Spitze, welche bis in die 16 Reihe zu erfolgen ist; in der
"21 Reihe tritt ein Nebedentikel an der äusseren Seite des Zahnes auf.
Die Otolithen sind von ovaler Gestalt, welche von einer in der
Mitte derselben gelegenen Stelle aus concentrische Kreise erkennen
lassen. Ihre Form deckt sich mit der von A. Schmidt^) gegebenen
Abbildung.
Der Geschlechtsapparat ähnelt dem von Helix Codringtonii
var. crassa. Die Anhangsdrüsen haben zu beiden Seiten der Vagina
je einen 6 mm langen und kräftigen Stiel, auf welchem 2 — 3 grosse
Finger sitzen. Die letzteren erreichen 37 mm Länge und 3 mm
Breite; in ihrer Mitte verjüngen sie sich bis auf V2 Tnm.
Ihre Wandung besteht am freien Ende aus einer einfachen Schicht
von Bindesubstanzzellen mit einer dünnen Submucosa, welcher die
CyHnderzellen aufgelagert sind. Nach der Mitte der Drüse zu ver-
schwindet das bindegewebige Stroma mehr und mehr, um einer
starken Muscularis Platz zu machen, an welcher man unterhalb des
mittleren Verlaufes der Drüsen eine innere Longitudinal- und eine
äussere Cirkulärfaserschicht scheiden kann; also eine Umlagerung
der Schichten, wie sie sonst beobachtet werden. In dem engen Isthmus
der Drüse ist das Cylinderepithel doppelt so hoch als an den beiden
verbreiterten Enden derselben. Der 60 mm lange Blasenstiel schliesst
mit einem kugeligen Receptaculum ab. Derselbe giebt ein ca
100 mm langes Divertikel ab. Pfeilsack klein und dick, derselbe
ist an seiner Basis eingeschnürt und sitzt einem aus der Vagina
hervortretenden Wulst auf. Pfeil 5 mm lang, vierschneidig.
'^) A. Schmidt: Ueber das Gehörorgan der Mollusken. Zeitschrift für
die gesammten Natui-wissenschaften. 1856. Bd. VIII Separat -Abdruck pag. 64.
Fig. 9 Tafel I.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 43
Helix chorista Bourg.
(Barcelona — Pollonera mis.)
Thier grauweiss mit langen Augenfühlern ; nur der obere Rand
der Liingenhöhle hat eine schwarzgefleckte, unregelmässige Zeichnung.
Kiefer mit zwei Leisten.
Radula 5 mm lang und 2 mm breit mit 161 Quer- und 73 Längs-
zahnreihen. Zähne sämmtlich mit abgerundetem Dentikel.
Der Geschlechtsapparat kommt Helix minoricensis sehr nahe;
die Glandulae digitatae besitzen hier nur an ihrem unteren Drittel
eine cirkuläre Muskelfaserschicht.
Der Blasenstiel besitzt ein Divertikel, welches das Receptaculum
nur um ein weniges überragt,
Helix balearica Zgl.
(Mallorca, M. Braun leg.)
Kiefer mit 2 — 4 unregelmässigen Zahnrippen.
Radula mit 206 Quer- und 95 Längszahnreihen. Der Dentikel
am Mittelzahn stark abgerundet; Epithem am oberen Rande convex.
Der Dentikelbesatz wird an der lateralen Reihe sehr stark und ist
noch mit einem spitzen Afterdentikel versehen.
Der Geschlechtsapparat besitzt einen 33 mm langen Blasen-
stiel, welcher ungefähr in seiner Mitte einen 17 mm langen Divertikel
abgiebt. Die Glandulae digitatae haben 17 mm Länge. Einem 10 mm
langen und an seinem freien Ende verbreiterten Stiel sitzen zwei und
mehr spindelförmige Finger auf, welche mit einem knopfartigen Ende
abschliessen.
Der kräftige Pfeilsack besitzt einen 4 mm langen Pfeil, welcher
mit vier Schneiden versehen ist, die bis an die Krone hinaufi-eichen ;
letztere ist mit hohen und gefiederten Zacken besetzt.
Penis 1 7 mm lang, Flagellum 30 mm lang.
Helix balearica \ar. Companyonii Aler.
Palma — Mallorca, M. Braun leg.
Radula hat 166 Quer- und 81 Längszahnreihen; ihre Zahnform
wie bei der vorstehenden.
Vom Geschlechtsapparat ist zu bemerken, dass die glandulae
digitatae einem gemeinsamen Stiele aufsitzen. Die Finger haben eine
keulenförmige Gestalt; ihre Anzahl beträgt je vier.
Die 18 mm lange Ruthe hat ein 31 mm langes Flagellum;
Moquin-Tandon^) stellt das letztere viel zu kurz dar.
') 1. c. pl. XII Fig. 18.
44 OttoSchuberth: Beiträge zur vergleichenden
Helix minoricensis Mittre.
(Menorca, M. Braun leg. 1876.)
Taf. IV. Fig. 18.
Rücken hellgrau; auf dem Lungenhöhlendach sind drei kleine,
grade, schwarze Streifen, welche nach der Niere zu, ohne dieselbe
aber zu erreichen, verlaufen.
Hinsichtlich des Geschlechtsapparates muss ich bemerken, dass
derselbe dem von Graellsiana sehr nahe kommt, nur sind die
Glandulae mucosae hier drei fast bis auf die Basis gespaltene Finger;
auch sind die Organe im Ganzen viel kleiner.
Helix bathylena Bourg.
(Balearen, Mahon — Dr. W. Kobelt mis.)
Taf. IV. Fig. 19.
Rücken dunkelgrau ; Fuss und Sohle hellgrau. Weiterhin ist hier
zu bemerken, dass der Spindelmuskel hier vierfach gefiedert erscheint;
von demselben geht ein dünner Muskelstreifen an den Pharynx,
welcher sich an dem letzteren mit zwei Schenkeln inserirt.
Kiefer besitzt 4 Querleisten.
Die Radula hat 170 Quer- und 110 Längszahnreihen. Epithem
am Mittelzahn rechtwinkehg ausgeschnitten und trägt daselbst
Dentikularstreifen. Der obere Rand des Zahnes ist abgerundet.
Am Geschlechtsapparat ist der 40 mm lange und vielfach
gewundene Ovispermatoduct zu erwähnen; die Faltung desselben
hört schon nach einem Verlauf von 28 mm auf, um sich in einen
rundlichen Strang zu verwandeln, von welchem der 43 mm lange
Samenleiter abgeht. Bei Helix minoricensis dagegen erstreckt sich
die Faltung bedeutend tiefer hinab. Weiterhin sind die fingerförmigen
Anhangsdrüsen baumartig verästelt und gestielt; der Stiel misst
7 mm; die Gesammtlänge der Drüsen beträgt 21 mm. Ein dünner
und feiner Blasenstiel von 25 mm Länge schickt in seinem unteren
Drittel ein ebenso langes Divertikel ab. Pfeilsack hier 6 mm lang
und kräftig. Pfeil nicht mehr vorhanden.
Helix axia Bgt.
(Menorca — Dr. Kobelt.)
Körper grauweiss; Lungenhöhlenwandung schleierartig durch-
sichtig. Mantelsaum mit tief schwarzem Rande, welcher sich scharf
abhebt.
Die Radula besitzt hier nur 131 Quer- und 96 Längsreihen;
Centralzahn rechtwinklig eingeschnitten, und mit Dentikularleisten
besetzt; in der 17. Reihe spaltet sich der Dentikel, auch tritt ein
Nebendentikel auf.
Der Geschlechtsapparat ähnlich wie bei HeUx vermiculata
von Mahon. Der an seiner Insertionsstelle aufgetriebene Blasenstiel
Anatomie des Grenitalapparates von Helix. 45
hat 46 mm Länge und sendet in seinemunteren Drittel einen 36mm
langen Blindsack ab. Ganz anders wie die beiden vorhergehenden
Arten sind hier die Anhangsdrüsen gestaltet; dieselben haben nur
eine Gesammtlänge von 15 mm und sind vielfach getheilt. Ziemlich
weit vorn inserirt sich der verhältnissmässig lange Pfeilsack von
6 mm Länge.
Iberus.
Helix muralis MülL
(Sciacca — Adami leg.)
Taf. V. Fig. 1-3.
Aeusserer Mantelsaum sowie der Anfangstheil der Lungenhöhlen-
wandung grauröthlich gefärbt.
Kiefer mit 4 — 5 Rippen.
Radula 5 mm lang und 1 V2 nim breit mit 185 Quer- und 80
Längszahnreihen,
Die Form der Zähne erinnert ungemein an die der Campyleen;
hier ist jedoch der Dentikel nicht zugespitzt sondern abgerundet;
oberer Zahnrand eingefurcht; erst in der 16. Reihe tritt ein Neben-
dentikel auf.
Der Geschlechtsapparat besitzt auch hier, ähnlich wie bei
arbustorum nur zwei Glandulae digitatae von 15 mm Länge. Der
28 mm lange Blasenstiel trägt ein 20 mm langes Divertikel.
Ein kräftiger Pfeilsack, am freien Ende kugelig geformt, enthält
einen vierschneidigen, nur an seiner Spitze etwas gekrümmten
Pfeil; die Schneiden reichen bis an den Rand der Krone. Flagellum
spiralig gerollt.
Helix melitensis F^r.
(Viareggio — Dr. Del Prete.)
Taf. V. Fig. 4.
Bei dieser Art scheint jede Färbung des Mantels sowie des
Lungenhöhlendaches zu fehlen.
Kiefer hat 4 — 6 regelmässige Zahnleisten.
Die Zähne der Radula sind hier doppelt so gross und breit
als bei muralis; erst in der 31. Nebenreihe spaltet sich der ge-
drungene und mächtige Hauptdentikel ; ein Nebendentikel wird hier
gar nicht beobachtet in den lateralen Reihen. Der Hauptdentikel
ist bis in die 27, Reihe hinein oben abgerundet.
Der Geschlechtsapparat lässt im Vergleich mit H. muralis
nur quantitave Unterschiede erkennen; die einzelnen Organe sind
hier grösser angelegt und entwickelt. Der Pfeil hat eine grade und
mehr keilförmige Gestalt.
4(3 Otto Schübe rth: Beiträge zur vergleichenden
Helix Ascherae Kob.
(Siacca — Adami leg.)
Taf. V. Fig. 5. 6.
Rücken dunkelgrau mit einem einen Millimeter breiten und
weissen Längsstreifen. Seiten und Sohle grauweiss.
Kiefer mit 4 — 6 Zahnleisten.
Der Dentikelbesatz hat hier eine scharfe Spitze, sonst wie bei
H. muraUs.
Auch der Geschlechtsapparat erinnert sehr an muralis.
Helix sicaua F^r.
(Messina — L. Benoit leg.)
Taf. V. Fig. 7. 8.
Rücken grau; Lungengefässe zu beiden Seiten dunkel pigmentirt.
Kiefer 3 — 4 Zahnleisten.
Die Radula besitzt 170 Quer- und 75 Längszahnreihen.
Hier ist die tiefe rechtwinkelige Einkerbung am oberen Zahn-
rande des Epithems charakteristisch, im übrigen wie bei murahs.
Der Geschlechtsapparat desgleichen; die fingerförmigen
Drüsen besitzen eine starke Cirkulärschicht von Muskelfasern, darauf
folgt ein Stratum mucosum, welchem ein hohes Cylinderepithel auf-
gelagert ist.
Die Gehörbläschen zeigen in ihrer Cirkumferenz eine dunkle
Pigmentirung ; zahlreiche vollkommen durchsichtige Otolithen von
ovaler Form werden in denselben beobachtet. Eine Zeichnung ist
an den letzteren nicht zu bemerken.
Helix paciuiana Phil.
(SiciHen — Adami leg.)
Bei diesem Thiere zeigt die Lungenhöhlenwandung eine
charakteristische Färbung, indem nur das Gewebe, welches zwischen
Mastdarm und der grossen Lungenvene gelegen ist, dunkel pigmentirt
ist, die nichtgefärbten Gefässe treten hierdurch stark hervor.
Weitere Unterschiede von der vorstehenden murahs konnten
nicht ermittelt werden.
Helix scabriuseula Desh.
(Sicilien — Adami ded.)
Rücken dunkelgrau mit weissem Längsstreifen; Mantel und
Längenhöhlendach dunkelgrau; ebenso Niere und Leber.
Kiefer 4 — 5 Zahnleisten.
Die Radula so wie bei H. melitensis.
Der Geschlechtsapparat desgleichen; der gerade Liebespfeil
ist vierschneidig; Krone mit einem feinen, glänzenden Saum.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 47
Helix gualtieriaua L.
Granada. C. Semper leg. 1876.
Kiefer mit 5 Zahnleisten.
Die Radula hat 134 Quer- und 99 Längszahnreihen. Ein lang-
gestrecktes Epithem ohne jede Einkerbung mit breitem und spitzen
Dentikel; letzterer erreicht den unteren Basalplattenrand nicht mehr;
der obere Rand ist eingeschnitten; erst in der 18. lateralen Reihe
tritt ein Nebendentikel auf. Die Bezahnung erinnert sehr an diejenige
von H. nemoraHs.
Der Befund am Geschlechtsapparat deckt sich mit der Darstellung,
welche A. Schmidt 1) giebt; auch dürfte die Annahme von dem-
selben, dass H. Gualtieriana mit nemoralis verwandt ist, bei der
Betrachtung der Radula viel Wahrscheinlichkeit haben.
Hinsichtlich des Geschlechtsapparates ist das relativ sehr
starke und das Receptaculum weit überragende Divertikel zu be-
rücksichtigen; desgleichen ist der gerade und vierkantige Pfeil mit
der Krone, welche gespreizte Zacken besitzt beachtenswerth.
Helix nicieusis F^r.
(Ligurien — E. von Martens mis.)
Lungenhöhlenwandung dunkel pigmentirt. Diese Färbung er-
streckt sich auch auf den Pharynx und Oesophagus.
Kiefer mit 5 Zahnleisten.
Radula wie bei H. Ascherae.
Vom Geschlechtsapparat ist zu erwähnen, dass sich die
Glandulae digitatae fast an der Basis in zwei Finger von je 10 mm
Länge theilen. Moquin-Tandon^) lässt nur eine Glandula sich
spalten.
Blasenstiel 25 mm lang mit einem 32 mm langen Divertikel.
Pfeilsack langgestreckt, 6 mm lang; Pfeil mit einer Krone von
14 Zacken. Flagellum peitschenförmig 50 mm lang; Penis nur
15 mm lang.
Levantina Kobelt.
Helix malziana Parr.
(Rhodos — von Oertzen ded.)
Taf- V. Fig. 9. 10.
Körper weiss; Mantel sowie Lungenhöhlendach ungefärbt.
Kiefer mit 4 — 6 Zahnleisten.
Radula 7 mm lang und 2V2 mm breit; nicht weit vom oberen
Rande besitzt das Epithem eine kleine Einkerbung ; dieser Einschnitt
tritt auch am 1. lateralen Zahne auf und zwar medianwärts; der
1) 1. c. pag. 21. fig. 22. Tafel IV.
*) 1. c. pl. XII.
48 Otto Schuberth: Beiträge zur vergleichenden
Dentikel breit und spitz, ähnlich wie bei vielen Iberus- Arten ; in der
25. Reihe wird der Dentikel mehr ausgezogen.
Der Geschlechtsapparat weist am Blasenstiel ein 75 mm
langes Divertikel auf. Sehr schwach sind hier die Anhangsdrüsen;
drei zwimsfadendünne Finger vereinigen sich zu einem 3 mm
langen Stiele; ihre Gesammtlänge ist 10 mm; mitunter wird auch
auf einer Seite nur ein Finger beobachtet; Pfeilsack 7 mm lang;
der vierkantige Pfeil mit abgerundeter Spitze ist 5 mm lang; Krone
trichterförmig erweitert.
Eremia L. Pfr,
Helix desertorum Forsk.
(Kairo — J. Stussiner mis.)
Taf. V. Fig. 11. 12.
Rücken und Seite schmutziggrau; Mantelsaum ockerfarben;
Lungenhöhlendach ungefärbt; Leberüberzug gleichmässig schwarzgrau;
Oesophagus und Darm sind bis zum Blindsack dunkelpigmentirt.
Kiefer mit 2 Zahnleisten.
Radula: 173 Quer- und 100 Längszahnreihen. Die Zähne sind
breit und gedrungen. Der Mittelzahn hat ein in der Mitte beider-
seits rechtwinklig eingeschnittenes Epithem; am oberen Zahnrande
eingekerbt. In der 16. Reihe spaltet sich der Hauptdentikel ; in der
18. Reihe tritt statt dieser zwei Dentikelspitzen nur ein einziges fein
ausgezogenes Dentikel auf.
Der Geschlechtsapparat ist langgestreckt; Blasenstiel 45 mm
lang; Divertikel fehlt; Vagina besitzt auf jeder Seite eine 21 mm
lange Anhangsdrüse. Einem 8 mm langen Stiele, welcher sich an
seinem freien Ende verbreitert, sitzen 5—6 feine büschelförmig an-
geordnete Finger auf. Letztere besitzen eine Muskelscheide von
cirkulär verlaufenden Muskelfasern; in dem verbreiterten Stiele,
welcher von ebenso viel Oeffnungen durchsetzt ist als Finger vor-
handen sind, verlaufen die Muskelfasern schlingenartig um diese
Oeffnungen. Der kleine Pfeüsack enthält einen 5 mm langen und
schwach gebogenen, vierschneidigen Pfeil.
Der Ruthe fehlt ein Flagellum.
Pomatia Leach.
Helix aspersa Müll.
Taf. V. Fig. 13. 14.
Von dieser Schneckenspecies lagen aus verschiedenen Gegenden
Exemplare vor, und zwar von:
Sporaden — von Oertzen leg.; Porto-Sequeira ded. ; Cha-
rente, Frankreich-Schaufuss ded.; Messina - L. Benoit leg.
Die Exemplare von den Sporaden haben den äusseren Mantel-
saum sowie das intervaskuläre Gewebe der Lungenhöhle dunkel
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 49
pigmentirt ; auch der äussere Ueberzug der Niere nimmt an der
Färbung Theil.
Kiefer mit 6—15 Zahnleisten.
Radula hat 205 Quer- und 112 Längszahnreihen Mittelzahn
mit rechtwinklig eingeschnittenem Epithem, welchem ein langer und
spitzer Dentikel aufsitzt. Im oberen Zahnrande öfters eine kleine
Erhöhung vorhanden. C. PoUonera^) lässt nur die Nebendentikel
schärfer hervortreten.
Der Geschlechtsapparat mit einem 116 mm langen Diver-
tikel am Blasenstiel. A. Schmidt^) und ErdP) haben dasselbe
zu kurz dargestellt. Der 13 mm lange Pfeilsack birgt einen 10 mm
langen, leicht gebogenen Pfeil mit \der Schneiden: die gezahnte
Krone setzt sich von dem Schafte durch einen feinen Hals scharf ab.
Die Exemplare von Porto und Charente sind in ihren Organen
nur kleiner angelegt.
Die Vertreter von Messina Hessen an ihrem Mantelrande eine
dunkel rothbraune Färbung erkennen, welche sich auf das inter-
vaskuläre Grewebe der Lungenhöhle bis zu der Niere hin erstreckte.
Auch war der Pfeil hier gi'össer als bei den Exemplaren von
den Sporaden.
Helix Mazzullii Jan.
(Messina — L. Benoit ded.)
Aeusserer Mantelsaum wenig pigmentirt.
Kiefer mit 3—7 Zahnleisten.
Die Radula mit 153 Quer- und 121 Längszahnreihen besitzt
am Mittelzahn ein rechtwinkelig eingeschnittenes Epithem, welchem
noch ein Dentikel aufsitzt; oberer Zahnrand abgerundet.
Der Geschlechtsapparat mit einem 28 mm langen Blasenstiel
und einem 55 mm langen Divertikel. Anhangsdrüsen sehr klein
Acht 4 mm lange Finger sitzen auf einem kurzen Stiele.
Der 28 mm lange Penis besitzt ein 20 mm langes Flagellum.
Helix pomatia L.
Taf. V. Fig. 17.
Ueber die Anatomie dieses Thieres liegen zahlreiche und
hervorragende Arbeiten vor. So enthält die Arbeit von Prevost*)
ziemlich gute Abbildungen vom Geschlechtsapparat, jedoch werden
die Geschlechtsdrüsen in ihrer physiologischen Bedeutung noch
nicht richtig erkannt und gedeutet; das Gleiche trifft zu bei
0 1. c. Fig. 9.
*) 1. c. pag. 15. Fig. 5 Tafel. I.
3) 1. c. Tafel XIY.
*) Prevost: Des Organes genörateurs chez quelques Gasteropodes. 1830.
pag. 2. Planche I.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd. I. H. 1. 4
50 Otto Seh uberth: Beiträge zur vergleichenden
W. Wohnlich^) ferner hinsichtlich der Arbeit von M. C. Verloren^)
und A. Paasch^). Dagegen stehen die späteren Forschungen von
Schmidt^), Baudelot^), u. A. auf der Höhe der Zeit. Auch die
Untersuchungen von R. Lehmann'') verdienen alle Anerkennung.
Zur Untersuchung gelangten Helix pomatia aus Trencsin-Ungarn
(Brancsik ded.); diese Thiere decken sich im anatomischen Verhalten
mit den hiesigen Exemplaren.
Dagegen wiesen Vertreter dieser Art von Kremsmünster
(A. Pfeiffer ded.) ein Divertikel von 2 mm Länge am Blasenstiel auf.
Von 5 untersuchten Exemplaren konnte diese Eigenthümlichkeit bei
dreien nachgewiesen werden.
Von sechs untersuchten Individuen welche aus Agram (Brusina
leg.) stammten, hatte eines davon ein zugespitztes, etwas gewundenes
Divertikel am Gang des Receptaculum seminis.
Von Interesse dürfte die abnorme Bildung des Ovispermatoducts
sein, welche bei einer Pomatia von Tarvis (J. Stussiner ded.) gefunden
wurde; bei diesem Thiere war der Eileiter fast vollständig atrophirt
und begleitete die normale Prostata nur in Gestalt eines feinen
Streifens. Dieses abnorme Verhalten des Eileiters erstreckte sich
von der Eiweissdrüse bis zu 36 mm nach vorn hinab ; alsdann kam
der erstere wieder zur vollen Entwickelung.
Helix lucorum Müll.
(Zoolog. Station zu Neapel ded.)
Rücken weiss, Seiten dunkelgrau, Fusssohle hellgrau. Mantel-
saum sowie Lungenhöhlendach zeigen eine gleichmässige schwärzliche
Pigmentirung, welche sich bis zur Niere hin erstreckt.
Pharynx, Oesophagus und Magen sind ebenfalls dunkel pig-
mentirt; desgleichen auch die Speicheldrüsen.
Kiefer mit 4 Zahnleisten.
Radula 168 Quer-, 104 Längszahnreihen; Mittelzahn mit recht-
winklig ausgeschnittenem Epithem und spitzen Dentikeln. Die Neben-
zähne behalten den Afterdentikel bei.
Otolithen hier mehr rundlich.
Der Geschlechtsapparat besitzt einen 43 mm langen Blasen-
stiel, welcher in seinem oberen Drittel ein 4 mm langes Divertikel
abgiebt.
') W. Wohnlich : Dissertatio anatomica de Heiice pomatia. Wirceburgi. 1813.
2) I. c. pag. 14 tabula 5. Fig. 19.
^) 1. c. Geschlechtssystem einiger Zwitterschnecken pag. 72—73 Fig. 1,
*) 1. c. Stylommatophoren pag. 13 Tafel I. Fig. 2.
^) M. E. Baudelot: Recherches sur l'appareil generateur des Mollusques
gasteropodes. Paris 1863. pag. 36 pl. 3. Annales des sciences natur. 4 e Serie Zool.
Tome 19.
«) 1. c. pag. 123 Tafel XIII Fig. 42.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 51
Die fingerförmigen Drüsen sind nur schwach entwickelt. Pfeil -
sack 12 mm lang; Pfeil leicht gekrümmt, vierschneidig. Penis 20 mm
lang mit einem 15 mm langen Flagellum.
Helix secernenda Rossm.
(Monte Hum bei Comisa, Insel Lissa — M. Braun leg. 1886.)
Taf. V. Fig. 15. 16.
Kiefer mit 8 Zahnrippen.
Die Radula mit 206 Quer- und 121 Längszahnreihen ; dieselbe
ist 12 mm lang und 5^4 nam breit. Mittelzahn mit seitHch aus-
gebogtem Epithem und Dentikularleisten.
Der Geschlechtsapparat ist langgestreckt; den Angaben von
A. Schmidt*), dass diese Art ein kürzeres Flagellum, aber längeren
Blasenstiel besitzen soll, wie Helix pomatia, kann ich nicht bei-
pflichten, da ich öfters Abweichungen von diesen Verhältnissen ge-
funden habe. Sicherer scheint mir das Vorhandensein des kräftigen
und 15 mm langen Bhndsackes am Blasenstiel sowie der um ein
Drittel grössere und kräftigere Pfeil, der mit vier breiten Schneiden
versehen ist, welche an ihrem Kopfende hakenförmig ausgeschnitten
sind; auch sehen wir hier einen deutlich abgesetzten und schlanken
Hals. Die Zacken der Krone treten mit ihren Spitzen hier mehr
zusammen, bei pomatia stehen dieselben gespreizt.
Helix ambigua Parr.
(Corfu — Conemenos leg.)
Taf. V. Fig. 18.
Das Lungenhöhlendach ist im Verlaufe der grösseren Gefässe
dunkel pigmentirt.
Die Bezahnung dieselbe wie bei H. secernenda.
Am Geschlechtsapparat sind die beiden fingerförmigen Drüsen,
welche sich nur auf je ein Büschel von dünnen ,, Fingern" beschränken,
bemerkenswerth ; dieselben sitzen einem sehr kurzen Stiele auf.
Der 6 mm lange Pfeilsack birgt einen kurzen, keilförmigen Pfeil
mit 4 breiten Kanten; Spitze ein wenig gebogen.
Helix ciucta Müll.
(Rovigno — Istrien, Baron von Lichtenstern leg.)
Taf. V. Fig. 19.
Das Gewebe zwischen den grösseren Lungengefässen pigmentirt.
Kiefer mit 4 Zahnleisten.
Radula 9 mm lang und 4 mm breit mit 151 Quer- und 109
Längszahnreihen. Mittelzahn rechtwinklig eingeschnitten und mit
scharfen, dreieckigen Dentikeln besetzt; oberer Rand des Zahnes
gerade.
Otolithen von ovaler, leicht abgeflachter Gestalt; in ihrem
Centrum eine Delle; ihr grösster Längen -Durchmesser 0,0247 mm,
der Quer-Durchmesser 0,0152 mm.
>) 1. c. pagll Fig. 3.
52 Otto Seh uberth: Beiträge zur vergleichenden
Der Geschlechtsapparat: Blasenstiel ohne Divertikel; Pfeil-
sack 10mm lang; Pfeil stark gebogen, Hals schlank, Krone schmal
und niedrig.
Exemplare, welche von Karlen stammen (von Oertzen leg.), be-
sassen am Blasenstiel ein 4 mm langes Divertikel, welches von der
Mitte desselben abging.
Die vier Schneiden am Pfeil mehr verbreitert.
Auch Helix cincta von Smyrna (Conemenos ded.) besitzt ein
kleines Divertikel am Blasenstiel.
Die Pigmentirung am Mantelrande und Lungenhöhlendach sind
hier am schärften ausgesprochen.
Helix asemnis. Brg.
(Chics — von Oertzen leg.)
Taf. V. Fig. 20. 21.
Mantelrand orangefarben.
Kiefer 5 — 6 Zahnleisten.
Die Radula hat 204 Quer- und 116 Längsstreifen.
Die Struktur der Zähne wie bei H. secernenda.
Dasselbe gilt auch von dem Geschlechtsapparat; die An-
hangsdrüse zählt hier nur 4 — 5 Finger. Divertikel bedeutend kräftiger
und der Pfeil wie bei H. aspersa.
Helix melanostoma Drp.
(Marseille — Prof. Marion leg.)
Mantelsaum sowie Lungenhöhlendach ungefärbt.
Kiefer 5—8 Zahnleisten.
Die R a d u 1 a bezahnung wie bei H. promatia; in der
23. Reihe tritt ein langer Nebendentikel auf.
Otolithen rundlich bis oval, kreuzförmig eingeschnürt. Ihre
Gestalt erinnert an die Form, wie sie A. Schmidt i) wiedergiebt.
Der Geschlechtsapparat wie bei H. secernenda; Blasenstiel
mit einem 6 mm langen Divertikel ; die fingerförmigen Anhangsdrüsen
zahlreich.
Auf Querschnitten lässt der Drüsenkörper der Prostata stark
gekörnte, kugeHge Zellen mit ebensolchen Kern erkennen ; die Zellen
des Oviducts dagegen haben einen hellen, durchsichtigen Protoplasma-
leib mit unregelmässigem Kern. Die innere Auskleidung des Uterus
besteht aus kubischem Cylinderepithel, welches mit Flimmern ver-
sehen ist.
Diese Strukturverhältnisse des Uterus fand ich sehr häufig wieder
bei vielen Arten von Helix.
^) A. Schmidt: lieber das Gehörorgan der Mollusken, pag. 64 Fig. 37.
Tafel n.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 53
Helix figulina Parr.
(Athen — Dr. Krüper leg,
Taf. V. Fig. 22.
Lungenhöhlenwandung dunkel gesprenkelt.
Kiefer und Radula wie bei H. secernenda.
Otolithen oval bis rundlich ohne besonderen Textur.
Der Geschlechtsapparat besitzt ein 16 mm langes und 1 mm
breites Divertikel; Blasenstiel 23 mm lang. Die fingerförmigen
Anhangsdrüsen sind sehr klein und leicht zu übersehen; dieselben
verhalten sich so wie bei H. Malziana. Die Krone des 5 mm langen
Pfeiles besitzt tief ausgeschnittene, regelmässige Zacken.
Ein Exemplar vom Pelion (J. Stussiner mis.) besass ein 34 mm
langes Divertikel am Blasenstiel.
Helix obtnsalis Zgl.
(Melitopolis — C. Milachewitsch leg.
Taf. V. Fig. 23.
Mantel mit schwarzbraunen Flecken.
Radula wie bei H. secernenda.
Der Geschlechtsapparat besitzt kein Divertikel am Blasen-
stiel; fingerförmige Drüsen mittelgross.
Liebespfeil wie bei H. aspersa.
Ruthe 15 mm lang mit einem starken, 9 mm langen Flagellum.
Helix aperta Born.
(Athen — Dr. Krüper.)
Um den Mantelrand zieht sich ein 1 mm breiter, schwarzer
Pigmentstreifen; Lungenhöhlendach schwarz getüpfelt; desgleichen
die Leber.
Gebiss wie bei H. pomatia; nur 'tritt medianwärts in der
lateralen Reihe ebenfalls ein Nebendentikel auf, welcher in der
23. Reihe wieder verschwunden ist.
Otolithen oval bis rundlich; von der Mitte geht nach aussen
zu eine concentrische Streifung, ähnlich wie sie bei parnassia beob-
achtet worden ist; die rundlichen Formen besitzen noch eine feine,
radiäre Streifung.
In Betreff des Geschlechtsapparates muss ich bemerken, dass
Moquin-Tandon^) und Er dl 2) das Divertikel des Blasenstieles be-
deutend länger darstellen, als ich es bei meinen Exemplaren beob-
achten konnte. Jene Verdickung an der Vagina, welche A. Schmidt 3)
beschreibt, habe ich gleichfalls nicht erkennen können. Die Glandulae
') 1. c. Planche XTV Fig. 19.
2) 1. c. Tfl. XIII.
^) 1. c. „Stylommatophoren" pag. 14 Tafel I Fig. 4.
54 OttoSchuberth: Beiträge zur vergleichenden
digitatae stellen nur 4 — 6 kleine Finger dar, welche einem gemein-
samen Stiel aufsitzen.
Der generelle Charakter der Abtheilung Pentataenia spricht sich
in folgendem aus:
Im Vergleich zu den vorstehenden Gruppen der Anchistomen,
Fruticicolen und Campylaeen gehören den Pentataenien vornehmlich
grosse Thiere an. Die meist kräftigen Kieferleisten ragen auch bei
diesen Thieren über den concaven Rand hinaus, ihre Zahl variirt
sehr; 3 — 6 Rippen wurden am häufigsten beobachtet. Hinsichtlich
der Radula-Bezahnung wurde am Mittelzahn meist ein rechtwinklig
eingeschnittenes Epithem mit scharfem und ziemlich spitzem Dentikel
vorgefunden ; die Nebenzähne waren gleichfalls mit Nebenzahnzacken
ausgerüstet.
Die Anhangsdrüsen besitzen einen mehr oder weniger deutlich
abgesetzten Stiel, welchem ein verschieden grosse Anzahl Finger auf-
sitzen kann.
Ein Divertikel am Blasenstiel, welches den grössten Extremen
hinsichtlich seiner Längenausdehnung bei den einzelnen Arten unter-
liegen kann, ist meistens vorhanden.
Ein Pfeilsack war bei allen vorhanden. Der Pfeil selbst besass
im Grundtypus einen rundlichen Schaft, welcher mit vier Schneiden
versehen; die Krone ist hier deutlich differenzirt , was bei den
Anchistomen und Fruticicolen nicht der Fall ist.
Desgleichen besassen alle Pentataenien am Penis ein Flagellum.
Die Gruppe Macularia, welcher verhältnissmässig viele, sehr
grosse Thiere angehören, besitzt einen ziemHch kleinen Pfeilsack.
Von der Gruppe
Xerophila Held.
kamen zur Untersuchung:
Euparypha pisana Müll.
Heliomanes variabilis Drp.
Helicella cretica Per.
„ - arenarum Bourgt.
„ candicans Zgl.
„ „ var. obvia Zgl.
„ vestalis Parr.
„ ericetorum Müll.
Candidula candidula Stud.
Jacosta syrosina Boug.
Xerophila astata Bgt.
„ phoreopsis Ancey.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 55
Helix pisana Müll.
(Marseille — Marion leg.)
Taf. VI. Fig. 1—3.
Mantelrand dunkelgrau, Lungenhöhlendach grau abschattirt.
Kiefer mit 2 Zahnleisten ; Moquin-Tandon^) stellt diese Zahl
bei jungen Individuen fest, ältere sollen drei besitzen.
Kadula mit 175 Quer- und 70 Längszahnreihen ; der Mittelzahn
am oberen Rande eingekerbt: Epithem beiderseitig rechtwinkelig
ausgeschnitten und mit Dentikelbesatz versehen. Hauptdentikel lang
und spitz; dasselbe sitzt einem kreisrunden Epithemfortsatz auf und
ragt über den unteren Basalplattenrand hinaus. Die laterale Reihe
besitzt nur nach dem Rande zu einen Dentikelstreifen an der Seite
des Epithems neben einem kräftigen und breiten Hauptdentikel.
Der Geschlechtsapparat besitzt zwei Glandulae digitatae,
welche Darmähnliche Blindsäcke darstellen. An jeder Seite der
Vagina befindet sich eine derartige Drüse, welche 20 mm lang und
2V2 mm dick ist. Eine vorwiegend ringsförmige i\Iuskulatur ist in
der Wandung derselben neben vereinzelten Längsmuskelfasern nach-
zuweisen. Das hohe, palisadenförmige CyHnderepithel faltet und
stülpt sich in das Drüsenlumen vor. — Der 30 mm lange Blasenstiel
besitzt ein kugeliges Receptaculum ; Divertikel fehlt. A. Schmidt-)
stellt den Geschlechtsapparat von einem Exemplare von Murcia dar,
welches in seinem unteren Drittel ein ca. 20 mm langes Divertikel
abgiebt. Der kleine kuppeiförmige Pfeilsack sitzt einem sockelartigen
Wulst der Vagina auf. Pfeil gerade und vierkantig mit fein aus-
gezogener Spitze, ähnlich wie bei H. splendida.
Helix Yarlabilis Drp.
(Siacca — Adami ded.)
Taf. VI. Fig. 4-6.
Rücken mit einer rostbraunen, linearen Zeichnung. Seiten und
Sohle hellgrau. Lungenhöhlendach diffus dunkel pigmentirt.
Kiefer 6 — 10 Zahnleisten.
Radula: 135 Quer- und 77 Längszahnreihen; Bezahnung wie
bei pisana.
Darm mit grossem Blindsack.
Der Geschlechtsapparat besitzt zu beiden Seiten der Vagina
ein Büschel Glandulae multifidae von 2 mm Länge. Blasenstiel
kräftig mit kolbigem Receptaculum. Die beiden mit der Vagina
verwachsenen Pfeilsäcke haben eine verschiedene Gestalt; der innere
ist kugelrund, der äussere mehr konisch zugespitzt, und dieser birgt
') 1. c.
') 1. c. „Stylommatophoren" pag. 22. Tafel V. Fig. 23.
56 Otto Seh uberth: Beiträge zur vergleich euden
auch den Pfeil. Der letztere ist stielrimd, leicht gebogen und ohne
Schneiden, Krone tief ausgezackt.
Penis kräftig 10 mm lang, Flagellum 2 mm lang.
Helix variabilis von Messina (Hirschberg ded.) mit grauem Mantel-
saum und schwach bräunlichem Lungenhöhlendach ohne Besonderheiten.
Helix cretica F^r.
(Greta — E. von Martens leg.)
Taf. VI. Fig. 7.
Kopf röthlich grau ; Lungenhöhlendach ebenso gesprenkelt.
Kiefer 5 — 10 Zahnleisten.
Radula: 130 Quer- und G7 Längszahnreihen ; die Bezahnung
vpeicht von pisana nicht wesentlich ab.
Der Geschlechtsapparat besitzt zwei 2 mm lange Pfeilsäcke,
welche an entgegengesetzten Seiten der Vagina schräg aufstehen.
Anhangsdrüsen büschelförmig, ihre Wandung hat eine relativ starke,
cirkuläre Muskelfaserschicht.
Helix arenarum Bourgt.
(Cherchel Algerien — Dr. Kobelt mis.)
Taf. VI. Fig. 8.
Mantelrand und Lungenhöhlendach schwarzgrau.
Kiefer 8 — 9 Rippen;
Radula mit 154 Quer- und 97 Längszahnreihen; Bezahnung wie
bei pisana.
Der Geschlechtsapparat: Zahlreiche 6 mm lange und feine
Finger sind quirlständig um die Vagina angeordnet. Der 36 mm
lange und kräftige Blasenstiel endigt mit einem beutelartigen
Receptaculum. An dem vorderen Theile der Vagina inserirt sich
zu jeder Seite je ein Pfeilsack, welcher zur Hälfte an der Scheide
angewachsen ist. Pfeil 7 mm lang, wenig gebogen sonst wie bei
variabihs.
Helix candicans Zgl.
(Kremsmünster — A. Pfeiffer ded.)
Taf. VI. Fig. 9-11. 22.
Mantelrand sowie Lungenhöhlendach gelb bräunlich.
Kiefer sehr dünn mit 5—6 Zahnrippen, welche den concaven
Rand überragen.
Radula mit 136 Quer- und 69 Längszahnreihen; Mittelzahn
sowie die ersten lateralen Reihen zeigen eine regelmässige Form
ähnlich wie bei pisana; von der 21. Reihe ab zeigt der Dentikelbesatz
plötzHch eine grosse Unregelmässigkeit hinsichtlich der Länge der
Zacken.
Der Geschlechtsapparat besitzt kleine, büschelförmige
Anhangsdrüsen; Blasenstiel kräftig mit einem dreieckigen Recep-
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 57
taculum. An seinem distalen Ende setzt sich der Blasenstiel eine
kurze Strecke weit in die Vagina hinein fort, wobei sich die letztere
um denselben herumlegt. Der Blasenstiel selbst wird durch zwei
correspondirende Fortsätze von beiden Wänden aus in der Mitte der
Vagina fixirt. Beide Pfeilsäcke münden, wie es die schematisirte
Abbildung andeuten soll, in verschiedener Höhe der Vagina. Der
Blasenstiel verschmilzt schliessHch mit dem Gewebe der Vagina und
der Pfeilsäcke in dem gemeinsamen Geschlechtsatrium.
Pfeil wie bei variabilis, nur ist die Krone hier nicht gezackt.
Hei. candicans von Belgrad (Brusina mis.) besitzt grössere
Formen; Kiefer mit 7 — 12 Zahnleisten; im übrigen nicht abweichend.
Hesse') giebt von Helix candicans eine zutreffende bildliche
Darstellung des Geschlechtsapparates, ohne aber auf denselben
näher einzugehen.
Helix ob via Zgl. var. non candicans.
(Agram — Brusina leg.)
Taf. VI. Fig. 15.
Mantelrand ockerfarben, Lungenhöhlendach gelblich.
Kiefer 4 — 5 Zahnleisten.
Radula mit 116 Quer- und 65 Längszahnreihen. Die Form der
Zähne wie bei Hei. obvia.
Hinsichtlich des Geschlechtsapparates muss hervorgehoben
werden, dass die fingerförmigen Drüsen in vier kleinen Büscheln von
je 2 Fingern um die Vagina angeordnet sind. Pfeilsäcke rundlich
und mit einer kleinen Erhöhung an ihrem freien Ende, sonst wie
bei candicans; der Querschnitt der Vagina an dem verdickten Ab-
schnitte ist bei obvia viereckig bei candicans rundlich. Pfeil ^vie bei
candicans.
Die Wandung des Receptaculum seminis, welche aus Binde-
substanzzellen und Muskelfasern sich zusammensetzt, schickt auch
hier Fortsätze nach dem inneren Hohlraum zu. Die innere Aus-
kleidung besteht ans CyUnderzellen mit rundlichem Kern.
Helix vestalis Parr.
(Antiochia — E. von Martens ded.)
Taf. VI. Fig. 12—14.
Mantelrand dunkel pigmentirt; Lungenhöhlendach orangefarben;
das intervaskuläre Gewebe besitzt ein dunkles Pigment; um die
Niere zieht ein feiner dunkler Längsstreifen, desgleichen über den
Nierenüberzug
Kiefer mit 8 Zahnleisten.
Radula mit 152 Quer- und 73 Längszahnreihen. Epithem des
Mittelzahnes beiderseitig ausgebogt und mit einem langen Dentikel
•) P. Hesse: Miscellen. Jahrb. der Deutsch, malak. Gesellschaft. IX. 1882.
pag. 36. Tafel II. Fig. 2.
58 Otto Seh uberth: Beiträge zur vergleichenden
besetzt, welcher den unteren Basalrand weit überragt. In den Neben-
reihen nehmen die Zähne eine verschiedene Richtung zu der
Medianlinie.
Geschlechtsapparat: Anhangsdrüsen weisen zahlreiche Finger
auf von 3 — 4 mm Länge, einzelne Finger gabeln sich.
Die Vagina besitzt vier Pfeilsäcke und zwar an jeder Seite zwei,
welche dicht übereinander stehen.
Dicht am Geschlechtsatrium sitzt ein dünner, 18 mm langer
Penis, dessen Glans von dem Musculus retractor manchettenartig
umfasst wird. Flagellum 2V2 nim lang.
Aus der Vereinigungsstelle von Vagina und Penis geht, ähnlich
wie bei H. syriaca ein kegelförmiger Blindsack von 7 mm Länge ab,
welcher an seiner Basis 2V2 nim Durchmesser besitzt und in die
Geschlechtskloake ausmündet. Seine Strukturverhältnisse sind wie
Helix strigella (vergl. oben pag. 22).
Blasenstiel 6 mm lang mit kugeligen Receptaculum in dessen
Wandung zahlreiche Muskelfasern sich kreuzen; daneben finden sich
auch Plasmazellen und Bindesubstanzen, welche zahlreiche Fortsätze
nach der gegenüberhegenden Wandung abschicken. Diese falten-
artigen Erhebungen sowie die Wandung sind mit einem hohen
Cyhnderepithel besetzt.
Helix ericetorum Müll.
Würzburg.
Taf. VI. Fig. 16. 17.
Kiefer mit 6 Rippen, wie Maquin-Tandoni) ebenfalls angiebt.
Radula 4V2 mm lang und IV2 Da^a breit mit 138 Quer- und
68 Längszahnreihen ; die Form der Zähne wie bei Helix pisana.
Der Geschlechtsapparat besitzt 7 — 8 Finger an der Vagina;
Blasenstiel kräftig mit einem zipfelföirmigen Receptaculum. Die
beiden Pfeilsäcke stehen mit ihren Längsseiten der Vagina dicht an,
entgegen der Darstellung von A. Paasch 2) welcher die Pfeüsäcke
weit auseinander rückt. A. Schmidt ^) giebt dagegen eine zutreffende
Abbildung. Pfeil rund und stark gebogen.
Helix candidula Stud.
Würzburg.
Der Geschlechtsapparat:
Die Anhangsdrüsen weisen nur 4 Finger von 3 mm Länge auf.
Blasenstiel kräftig mit ovalem Receptaculum. Der 2 mm lange
») 1. c. pl. XVn. Fig. 30.
^) Beitrag zur genaueren Kenntnis» der Mollusken, pag. 38. Fig. 6.
3) 1, c. pag. 29. Tafel VI. Fig. 35.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 59
Pfeilsack sitzt einem 8 mm hohen, sockelartigen Wulst auf, welcher
sich von der Scheide deutlich absetzt.
Penis 8 mm lang mit einem 1 mm langen Flagellum.
Helix syrosina Boug.
(Syra — E. von Martens mis.)
Taf. VI. Fig. 18-20.
Kiefer mit 7 Zahnleisten.
Radula mit 150 Quer- und 120 Längszahnreihen. Die Be-
zahnung bietet nichts Abweichendes in der Form.
Der Geschlechtsapparat mit 4 — 5 spindelförmigen Fingern,
die sich auch gabeln können. Blasenstiel G mm lang. Receptaculum
oval, dessen Wandung gleichfalls faltige Erhebungen zeigt, wie
H. vestaHs; hier gehen jedoch diese Falten nicht auf den Stiel über. Der
kugelige Pfeilsack sitzt einer mächtigen, muskulösen Verdickung der
Scheide auf. Der Pfeü hat eine ringförmige, wenig genarbte Krone;
im übrigen wie bei H. ericetorum.
Penis 9 mm lang, FlageUum 2 mm.
Helix astata Bgt.
(Algerien — Dr. Kobelt ded.)
Taf. VI. Fig. 21.
Kopf grau mit einem Stich in das röthlichere, Seiten und Sohle
grau; Mantelrand und Lungenhöhlendach rostbraun.
Kiefer 9 Zahnleisten.
Radula mit 162 Quer- und 81 Längszahnreihen.
Zähne bieten nichts Besonderes.
Der Geschlechtsapparat besitzt zwei dichtgedrängte, büschel-
förmige Anhangsdrüsen an der Scheide.
Blasenstiel 17 mm lang mit einem zipfelförmigen Receptaculum.
Zwei mit einander verwachsene Pfeilsäcke sitzen an einer Seite der
Vagina; nur der äussere führt auch hier das Geschoss.
Der 15 mm lange Penis macht zwei Windungen; Flagellum
ebenso lang.
Helix phoreopsis Aucey.
(Algerien — Dr. Kobelt ded.)
Kopf und Rücken hellgrau; Mantelrand graubraun.
Kiefer 9 — 10 Zahnleisten.
Radula bietet keine Besonderheiten.
Der Geschlechtsapparat wie bei H. arenarum: die finger-
förmigen Drüsen sind kaum 2 mm lang und sehr dünn. Recep-
taculum wie bei vestalis. Zwei rundlichen Pfeilsäcke liegen der
Vagina an, wie bei astata.
60 Otto Schuberth: Beiträge zur vergleichenden
Als ein Hauptkennzeichen der Xerophilen gilt bekanntlich die
Thatsache, dass der rechte Ommatophor neben den Genitalien und
nicht zwischen denselben hindurchgeht. Ein feiner und dünner
Kiefer mit 4 — 10 Querleisten, welche den Rand der Platte überragen,
wurde häufig beobachtet.
Bei der Radula ist der Mittelzahn öfters kleiner als die
Nachbarzähne; ihr Epithem zeigt sich an dem Theile, wo der
Dentikel aufsitzt, kreisförmig abgerundet, am oberen Zahnrande ist
der Mittelzahn häufig tief ausgeschnitten. Stark hervortretende
Nebendentikel an demselben wurden bei allen Arten bemerkt.
Die grösste Mannigfaltigkeit herrscht hier in der Form und
Zahl der fingerförmigen Anhangsdrüse. Beobachtet wurden zwei bis
acht Finger ; mitunter können dieselben auch fehlen. Auch die Zahl
der Pfeilsäcke wechselt sehr, ein, zwei und vier sahen wir auftreten.
Der Pfeil ist meist stielrund, etwas gebogen und ohne Schneiden
oder Kanten. Das Receptaculum seminis zeigt hier ebenso oft un-
regelmässige Formen wie bei den Fruticicolen, ein Divertikel
fehlt.
Die langgestreckte Ruthe besitzt immer ein mehr oder weniger
langes Flagellum.
Auch C. Sempera) hat die Gruppe der Xerophilen schon
charakterisirt und bei denselben zwei Gruppen unterschieden und
zwar schied derselbe eine Gruppe mit einem Liebespfeilsack und
eine Gruppe mit zwei Pfeilsäcken.
ScWussbemerkungen.
Aus den vorstehenden Untersuchungsresultaten glaube ich bei
den einzelnen Arten der Gattung Helix, soweit mir dieselben zu-
gänglich waren, gezeigt zu haben, dass die Anatomie sichere und
entscheidende Merkmale an die Hand geben kann, zu entscheiden,
welcher Gruppe und Art eine Helix zu subsumiren ist.
Im Grossen und Ganzen habe ich die systematischen Angaben
des W. Kobelt' sehen Cataloges bei den von mir untersuchten Arten
bestätigt gefunden, nur dürfte die Stellung der Helix personata Lam.
bei den Anchistomen auf Grund des malakozootomischen Ergebnisses
nicht mehr zu halten sein. A. Schmidt hat schon direkt ihre
Gampyleen-Natur erkannt und auch ausgesprochen. Die Beschaffenheit
des Gebisses, das Vorhandensein eines starken Divertikels am Blasen-
stiel mit der typischen Membran zwischen Ovidukt und Divertikel,
der Pfeil, sowie das lange Flagellum, alle diese Momente zusammen-
genommen sind Merkmale der Gruppe der Campyleen. Ob nun
ebenso wie Helix personata auch die anderen Arten der Unter-
gruppe Triodopsis sich verhalten, dürften weitere Untersuchungen
ergeben.
'^) 1. c. Semper: Reisen im Archipel der Philippinen pag. 239.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 61
Ebenso dürfte es unter Berücksichtigung der Thatsache, dass
viele Thiere der Untergruppe Iberus Monfort in der Form des Ge-
bisses, sowie in der Gestalt der einfachen, schlauchförmigen Glandulae
mucosae, wie sie sonst bei keiner anderen Pentataenia beobachtet
werden, sowie in dem spiralig gerollten Flagellum und der Be-
schaffenheit des Harnleiters 1), den Charakter der Campyleen aus-
gesprochen finden, in anderer Beziehung aber wieder mehr zu den
Pentataenien hinneigen, — dürfte es, angemessen erscheinen, wenn die
Untergruppe Iberus an die Spitze der Abtheilung Pentataenia ge-
stellt würde, um auf diese Weise einen geeigneten Uebergang
zwischen den beiden Hauptgruppen der Campyleen und Pentataenien
zu vermitteln.
Auch wurden Verschiedenhenheiten ermittelt bei Vertretern
derselben Art, die aus verschiedenen Gegenden herstammten; bald
sehen wir da die Thiere variiren in der Färbung (Helix cincta), der
Anzahl der Glandulae mucosae (Helix fruticum), in dem Auftreten
von einem Divertikel am Blasenstiel (Helix pomatia) und in der
Grösse und sonstigen Beschaffenheit des Pfeiles (Helix aspersa).
Desgleichen hat auch die mikroskopische Untersuchung einzelner
Arten mehrfach noch unbekannte Thatsachen zu Tage gefördert,
hinsichtlich der Radula, der Strukturverhältnisse der Anhangsdrüsen,
des Receptaculum seminis; ferner ist der Charakter der Streifung
der vielfach erwähnten Zwischenmembran bei den Campyleen fest-
gestellt, sowie bei Helix fruticum das Vorhandensein einer Aus-
sackung am Geschlechtsatrium ermittelt worden.
Hinsichtlich des Kiefers und der Radula nimmt Helix graellsiana
in sofern eine ganz besondere Stellung unter den paläarktischen
Heliceen ein, als bei ihr allein eine vollständig ebene Kiefer-
platte sowie sichelförmig gestaltete Zähne in der Radula vor
banden sind. Dieses abweichende Verhalten lässt es unthunlich
erscheinen, Helix graellsiana einer der vorstehenden Gruppen ein-
zureihen und rechtfertigt die Aufstellung einer besonderen Gruppe
für dieses Thier, wenn man es nicht vorzieht, für dasselbe eine neue
Gattung zu bilden.
Abgesehen davon, dass nicht zutreffende Darstellungen von
Organtheilen bei Helix berichtigt oder verbessert werden konnten,
sind auch viele Arten anatomisch zum ersten Male beschrieben worden.
') 1. c. pag. 112. Ueber den Harnleiter bei Helix. Von Dr. M. Braun.
62 Otto Schuberth: Beiträge zur vergleichenden
Erklärung der Abbildungen.
Tafel I.
Gruppe Anchistoma.
Fig. 1. Helix lusitanica Pfr. Geschlechtsapparat.
Fig. 2. „ „ Radula.
Fig. 3. „ „ Pfeil.
Fig. 3 a. „ „ Otolithen.
Fig. 4. H. Tamieri Mor. Geschlechtsapparat.
Fig. 5. H. lenticularis Mor. Geschlechtsapparat.
Fig. 6. H. lens Fer. Radula. ^'\.
Fig. 7. H. lens Fer. var. lentiform. Radula.
Fig. 8. H. „ „ „ „ Otolithen.
Fig. 9. H. lenticula F6r. var. Ana'i Geschlechtsapparat.
Anatomie des Genitalapparates von Helix. 63
Tafel in.
Gruppe Campylaea.
Fig. 1. H. planospira var. iimb. — Geschlechtsapparat.
Fig. 2. „ „ Radula.
Fig. 3. H. confusa Ben. — Geschlechtsapparat.
Fig. 4. H. foetens Stud. Radula.
Fig. 5. H. rhaetica Mouss. — Geschlechtsapparat.
Fig. 6. H. Pouzolzi Mich. Radula.
Fig. 7. H. cingulata Stud. Radula.
Fig. 8. „ „ Kiefer.
Fig. 9. „ „ OtoUthen.
Fig. 10. H. colubrina Jan. — Radula.
Fig. 11. H. cyclolabris vai-. hyrn. Mous. — Radula.
Fig. 12. H. quimperiana Fer. — Radula.
Fig. 13. H. naxiana Fer. — Radula.
Fig. 14. H. Walteri Bttg. — Otholithen.
Tafel IT.
Gruppe Pentat aenia (Tachea und Macularia).
Fig. 1. H. Coquandi Mor. — Geschlechtsapparat.
Fig. 2. „ „ Radula.
Fig. 3. „ „ Otolithen.
Fig. 4. H. splendida Drp. — Radula.
Fig. 5. „ „ Pfeil.
Fig. 6. H. austriaca Müll. — Pfeil.
Fig. 7. H. punctata var. major. Müll. — Radula.
Fig. 8. H. laetea Müll. — Radula
Fig. 9. H. Dupotetiana Terv. — Radula.
Fig. 10. H. Graellsiana Pfr. — Geschjechtsapparat.
Fig. 11. „ „ Radula.
Fig. 12. H. Codringtonii Gray var. crassa Pfr. — Radula.
Fig. 13. „ „ „ „ Pfeil.
Fig. 14. H. Wagneri Rossm. — Geschlechtsapparat.
Fig. 15. „ „ Radula.
Fig. 16. H. vermiculata Müll. — Radula.
Fig. 17. H. pamassia Roth. — Radula.
Fig. 18. H. minoricensis Mitt. — Geschlechtsapparat.
Fig. 19. H. bathylena Burog. — Radula.
Tafel Y.
Gruppe Pentataenia (Iberus und Pomatia.)
Fig. 1. H. muralis Müll. Geschlechtsapparat.
Fig. 2. „ „ Radula.
Fig. 3. „ „ Pfeil.
Fig. 4. H. melitensis Fer. — Radula.
Fig. 5. fl. Ascherae Kob. — Radula.
Fig. 6. „ „ Pfeü.
Otto Schuberth: Verbessenmg. 65
Verbesserung.
Auf Tafel I ist die mit 11 bezeichnete Abbilclmig als „1" zu numeviren
(Hei. lusitanica), während die mit 1 bezeichuete Figur zu „5" (Hei. lenti-
cularis) gehört.
Tafel II. Die in der Mitte der Tafel befindliche, nicht numerirte Ab-
bildung stellt einen Querschnitt durch die Vagina etc. von Hei. Erjaveci dar.
Tal III. Fig. 12. Hel.Walteri — Otolithen
Fig. 13. Hel.quimperiana — Radula]
Fig. 14. Hei. naxiana — Radula
Tafel, rv. Fig. 8. Hei. graellsiana — Radulazähne v. d. Seite.
Tafel V. Fig. 24. Hei. gualteriana — Radula.
Tafel VJ. Fig. 22 gehört gerade unter 23; das Ganze stellt dann eine
Abbildung eines Querschnittes durch die Vagina von Hei. candicans auf der
Höhe der Einmündung eines Pfeilsackes dar (cf. Fig. 9).
Dementsprechend sind die Citate
[auf pag. 31 u. 32 zu verbessern.
Aich. f. Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd.I. H.l.
Untersuchungen
über die
mikroskopische Fauna Argentiniens.
Von
Johannes Frenzel.
Salinella salve nov. gen. nov. spec.
Ein vielzelliges, infusorienartiges Tier (Mesozoon).
Hierzu Tafel VII.
Die Veröffentlichung meiner Untersuclumgen über die hiesige
mikroskopische Fauna glaube ich nicht besser einleiten zu können
als mit der Beschreibung eines Organismus, welcher von allen, die
mir hier begegneten, — und es ist derer schon eine grosse Zahl —
als der merkwürdigste, eigenartigste und bedeutungsvollste erscheint.
Es ist dies ein Tier, welches seiner geringen Körpergrösse, seines
feineren Baues und seiner Fortpflanzungsart wegen lebhaft an ein
ziliates Infusor erinnert, das aber, da es sich aus zahlreichen, unter
sich nicht mehr gleichwertigen Zellen zusammensetzt, zu den Coelen-
teraten hinüberleitet, während es seiner äusseren Form nach gewissen
Turbellarien (Catenula) in hohem Grade ähnelt. Da die Differen-
zirung der Zellen immerhin nur ein geringes Maass erreicht, und da
vor allem nur eine einzige Zellschicht vorhanden ist, welche das
Tier sowohl nach aussen begrenzt, wie auch gleichzeitig den innern
als Darm fungirenden Hohlraum umschliesst, so nimmt dasselbe ohne
Zweifel eine mittlere Stellung zwischen Protozoen und Metazoen ein
und muss daher wohl mit Fug und Recht als ein Mesozoon be-
zeichnet werden.
Es wird häufig betont, dass die Natur keinen Sprung mache,
sondern sich in stetem Gleichmass weiter entwickele. Betrachten
wir das Pflanzenreich, so sehen wir gewiss recht unzweifelhafte
Uebergänge zwischen Einzelligen und Vielzelligen, derart, dass sich
erst losere Verbände von ersteren bilden, wie bei den Schizomyceten,
dann aber konstantere, wie bei den Pandorineen und Volvocineen,
wo schon gewisse Unterschiede zwischen den einzelnen MitgHedern
eines Coenobiums geltend werden.
Anders aber ist es im Tierreiche. Zwar giebt es auch hier
Verbände von einzelligen Organismen, die wir dann als Kolonien
ansprechen z. B., um mit den niedersten Formen zu beginnen, unter
den Rhizopoden bei Mikrogromia, unter den Heliozoen bei Raphi-
diophrys elegans, woran sich die Radiolarien anschliessen, und unter
Untersuchungen über die mikroskopische Fauna Argentiniens. 67
den Flagellaten bei zahlreichen Geschlechtern. Aber die Bestand-
teile all' dieser Colonien sind doch unter sich, wenn nicht immer
vollkommen, so wohl nahezu gleichwertig. Ja, wenn wir die schon
oben angezogenen Volvocineen zu den Tieren^) versetzen, so ist die
dort herrschende Differenzirung bei weitem noch nicht im Stande,
die Kluft, welche einen solchen mehr pflanzenähnlichen Organismen-
komplex von den Coelenteraten trennt, zu überbrücken.
Als zweizeilige Tiere wurden wohl die Syzygien der Gregarinen
betrachtet; aber längst schon wissen wir, dass dieselben als Jugend-
formen einzeln leben und sich erst weiterhin konjugiren. Vielleicht
jedoch liegt in einer polycystiden Gregarine die Andeutung einer
Zweizeiligkeit, welche freilich kaum erworben, sondern eher durch
Rückbildung verloren gegangen sein dürfte. Allerdings beruhen die
Angaben von A. Brass, dass das Protomerit den Wert einer Zelle
habe, da es einen Kern enthalten sollte, auf einem Irrtum, denn es
ist sicher kernlos. Aber die Scheidewand, welche dasselbe vom
Deutomerit trennt, ist nun einmal vorhanden und noch dazu von
hoher Vollkommenheit. 0. Bütschli -) hält sie zwar für eine Ein-
stülpung des Sarcocyts und mithin nicht für ein cutikuläres Gebilde.
Doch möchte ich bezweifeln, dass das Eine das Andere ausschliesse.
Aehnlich verhält es sich ferner mit einem Infusor, Nyctotherus
ovalis Leidy. Hier ist nämlich gleichfalls eine Scheidewand vor-
handen, welche den Kern (Ma. N. nach Bütschli) samt dem sog.
Körnerfeld vom hinteren grösseren Körperteil abtrennt und auf diese
Weise eine Differenzirung innerhalb einer und derselben Zelle hervor-
ruft, wie man sie kaum noch bei einem anderen Ciliaten antrifft.
Allerdings sieht Bütschli diese Wand 3), welche in der Jugend
fehlen soll, für ein plasma tisch es Gebilde an, eine Plasmalamelle,
welche sich „bis zu der relativ dicken Corticalschicht verfolgen lässt,
von welcher sie auszugehen scheint." Da aber diese Corticalschicht
doch auch plasmatischen Ursprungs, oder genauer gesagt, nur eine
Modifikation des Ectoplasmas ist, so will hier die chemische Auf-
fassung dieser Lamelle nicht viel bedeuten, denn die äussere Be-
grenzung der meisten ciliaten Infusorien ist ja eine mehr oder
minder plasmatische, d. h. nicht cuticulare.
Ausser diesem Nyctotherus ovalis, welcher als rechter Cosmo-
polit nicht nur in Europa und Nordamerika lebt, fand ich hier noch
ein anderes Infusor, welches mit jenem manche Aehnlichkeit hat.
Mit einem gewissen Rechte lässt es sich als zweizeiligen Organismus
') 0. Bütschli: Protozoa, nAbteüung: Mastigophora, Leipzig und Heidel-
berg 1883—1887; p. 775. — (Bronns Klassen und Ordnungen etc. Bd. I.)
^j Ebenda, I Abteilung: Sarcodiua und Sporozoa; 1880—82; — p. 513 und
515.
^) Ebenda, III Abteilung: Infusoria etc. 1887—1889. — p. 1493 und Taf.
66 Fig. 6a (Diese von Stein entlehnte Abbildung ist wohl nicht ganz korrekt).
5*
68 Johannes Frenzel.
betrachten; denn erstens repräsentiert die Querscheidewand dieselbe
Substanz wie die Hüllschicht, und zweitens liegen, vom Macronucleus
durch eben diese Wand getrennt, im hinteren Körperabschnitt zwei
kleine kernartige Gebilde, welche höchstwahrscheinlich dem Micro-
nucleus der übrigen Infusorien entsprechen. In ihren allgemeinen
Reaktionen wenigstens zeigen sich völlige Uebereinstimmungen mit
diesem Gebilde.
Leider war ich noch nicht im Stande, dieses interessante In-
fusor genauer zu erforschen, so dass ich jene ZweizelHgkeit nur als
eine Vermutung aufstellen kann. Auch dürfte diese Auffassung mit
Recht manchen Gegner finden, da man ja weder dem Macro-, noch
dem Micronucleus (Nebenkern) so ohne Weiteres den Wert eines
Zellkernes beimessen kann. Es scheint doch vielmehr, als wenn sie
die Funktion des Kernes unter sich geteilt hätten
Hiermit wäre nun auch Alles erschöpft, was allenfalls als erste
Differenzierung einer Zelle in zwei morphologisch geschiedene Com-
plexe anzusehen wäre, und jetzt macht die Natur in der Tat einen
grossen Sprung, indem sie uns bei den oben besprochenen Tier-
kolonien vorbei zu vielzelligen Organismen führt, nämlich zu den
Dicyemiden und Orthonectiden einerseits und zu dem von Franz
Eilhard Schulze entdeckten Trichoplax adhaerens andererseits. Wenn
man zwar im Hinblick auf die gewaltigen Strecken unkultivierter,
aussereuropäischer Länder und Wässer bedenkt, wie wenig das Tier-
reich in seiner Gesamtheit noch erforscht ist, so wird man aber
wohl bekennen müssen, dass nicht eigenthch die Natur, sondern
vielmehr wir selbst diesen grossen Sprung machen, indem wir unser
spärliches Wissen zusammenfassend eine Theorie daraus erbauen.
Ueber die Rolle der Dicyemiden und Orthonectiden ist man be-
kanntlich noch sehr im Unklaren; doch macht ihre verwickelte Fort-
pflanzung einerseits und ihre parasitische Lebensweise andererseits
nicht unwahrscheinlich, dass sie als rückgebildete Formen zu be-
trachten seien. Eine andere Stellung hingegen nimmt Trichoplax^)
ein, denn ,,da sich differenzierte Gewebe finden, welche mindestens
drei verschiedene über einander liegende Schichten bilden, so wird
man Trichoplax jedenfalls nicht zu den Protozoen, auch nicht etwa
zu Van Beneden's Mesozoa, sondern zweifellos zu den Metazoa zu
stellen haben". Ist dieser so ausserordentlich interessante Organis-
mus somit ,,auf die unterste Stufe der Metazoa" zu verweisen, wie
Fr. Eilh. Schulze mit Recht deduziert, so werden wir im Weiteren
erkennen, dass zwar unsere Salinella eine ebenso unvermittelte Stel-
lung einnimmt wie jene Form, dass sie aber recht wohl geeignet ist,
den weiten Sprung, welchen uns die Natur zu machen scheint, um
ein Erhebliches abzukürzen.
•) Trichoplax adhaerens nov. gen. nov. spec. — Von Franz Eilhard Schulze etc.
— Zoologisch. Anzeiger, VI. Jahrgang. 1883, p. 92 ff. und p. 128 (Berichtigung).
Untersuchungen über die mikroskopische Fauna Argentiniens. 59
Als ich vor Kurzem eine vorläufige Mitteilung 1) über diesen
Gegenstand der Oeffentlichkeit übergab, geschah es in der Hoffiiung,
noch weiteres Material zu finden und die bereits gewonnenen Re-
sultate zu einem einheitlichen Ganzen abrunden und vervollständigen
zu können. Leider aber erwies sich diese Hoffnung zum grössten
Teil als eine trügerische. Jeder, der sich mit dem Studium der
Protozoen beschäftigt hat, weiss ja, wie unberechenbar diese zarten
Organismen in ihrem Erscheinen sind. Ist dies schon in der Natur
der Fall, so noch vielmehr in dem engen Räume eines Aquariums,
zumal wenn dies bloss einige wenige Liter umfasst. Mit Bezug
hierauf seien nur einige Worte A. Gruber's^) citirt, der dieselbe
Erfahrung machte, „wenn es sich um Protozoen handelt, die so
launisch in ihrem Auftreten sind, heute in grossen Mengen er-
scheinen, um morgen wieder zu verschwinden, sich einmal im
Aquarium reichlich entwickeln, das andere Mal trotz aller Bemühungen
immer wieder zu Grunde gehen, kurz, dem Untersucher niemals ein
ruhiges und sicheres Feld zur Bearbeitung gewähren". Man ist
wohl im Allgemeinen der Ansicht — um dies hier nebenbei zu be-
rühren — , dass Mangel an geeigneter Nahrung den Grund für das
Absterben gewisser Formen abgebe, und jedenfalls haben wir darin
wohl die Hauptursache zu suchen, ohne damit aber alle jene
Erscheinungen erklären zu können. So erhielt zwar mein Salinen-
aquarium nur wenig Nahrungsstoffe. Trotzdem entwickelten sich
unsere Salinellen zuerst ziemlich reichlich darin, um dann ungemein
rasch zu verschwinden, obgleicli meiner Ansicht nach dieselben Nah-
rungsstoffe in nicht verminderter j\Ienge vorhanden waren. Wie soll
man hierfür eine plausible Erklärung finden?
Wie schon an anderer Stelle erwähnt worden ist, hatte ich mir
mit Benutzung gewöhnlichen Leitungswassers eine etwa zweiprocen-
tige Lösung eines Salzes hergestellt, welches, untermischt mit ein
wenig Erde, aus den Salinen in der Gegend von Rio cuarto, im
Süden der Provinz Cordoba, herstammte. Ich verdankte dasselbe
meinem Kollegen Dr. W. Bodenbender. Zufällig war auch, um dies
nicht unerwähnt zu lassen, eine sehr geringe Quantität einer stark
verdünnten Jodlösung hineingeraten, was vielleicht nicht ganz ohne
Einfluss auf das Auftreten unserer Tierchen war. Die Flüssigkeit
betrug nur etwa 3 Liter und befand sich in einem zeitweise offen,
zeitweise verdeckt stehenden Glase in der Nähe des Fensters, halb-
belichtet und täglich kurze Zeit von der Sonne beschienen. Staub
und Sand, tote Fliegen u. s. w. waren gleichfalls reichlich hinein-
gefallen; ebenso hatte ich, anderer Versuche halber, einige Lemna-
pfiänzchen und Spirogyrafäden hinzugefügt, alles Umstände, auf
welche ich glaube, ein gewisses Gewicht legen zu müssen ; denn jene
') Zoolog. Anzeiger. 1891 No. 367, p. 230.
^) Die Protozoen des Hafens von Genua von Dr. Aug. Gruber etc. — Nova
Acta der Ksl. Leop.-Carolin. Deutschen Acad. d. Naturf. Bd. 46 p. 473 ff.
70 Johannes Frenzel.
fremden Zutaten vermittelten einerseits eine Zufuhr von Nahrungs-
stoffen aller Art, wie auch die Entstehung einer reichen Bakterien-
vegetation; andererseits aber haben sie vielleicht gerade erst die
Keime unserer Salinellen in das Salzwasser hineingetragen, wenn
diese nicht schon in der Substanz desselben schlummerten.
Unzweifelhaft tierisches Leben entwickelte sich äusserst spärlich
und langsam in dieser künstlichen Saline, während in einer viel
stärkeren Lösung (von ca. 5 pCt.) von kaum Vi Liter ausser
Amoeben etc. sogar noch Branchipoden entstanden, wie dies bereits
im vorläufigen Berichte dieser Untersuchungen erwähnt worden ist.
Jenen Misserfolg glaubte ich daher der zufälligen Beimischung des
Jods zuschreiben zu dürfen. Nach und nach bemerkte ich nun
einige kleine Flagellaten, die den niedersten Formen angehörten,
darunter Arten, welche wohl zu Oicomonas, Monas etc. zu rechnen
sein werden. Von Rhizopoden zeigte sich eine Amoebe, von Ciliaten
ganz zuletzt nur ein kleines Infusor, welches eine gewisse Aehnlich-
keit mit Cyclidium hat.
Länger als zwei Monate stand diese Salzlösung fast unberührt,
indem nur ab und zu das verdunstete Wasser ersetzt und eine In-
spektion vorgenommen wurde. Bei einer zufälligen Wiederholung der-
selben begegneten mir mehrere Exemplare eines kleinen einzelligen
Organismus (Fig. 14), den ich seines ganzen Habitus wegen natur-
gemäss für eine Ciliate hielt. Daher erneuerte ich jetzt meine Nach-
forschungen in der Hoffnung, nun noch mehr Ciliaten zu finden,
und schliesslich entdeckte ich in einer Probe, die dem Boden des
Gefässes entnoromen war, einige fast ausgewachsene Individuen
unserer Salinella, die ich freilich im ersten AugenbHck und bei
schwacher Vergrösserung zunächst für irgend eine Turbellarie, sodann
für eine Larvenform ansah. Erst die deutliche Einschichtigkeit der
Körperwand, ferner die Querteilung eines Exemplars (Fig. 9), und
dann die Conjugation mit nachfolgender Enzystierung belehrten mich
über meinen Irrtum.
Da sich nunmehr fast in jeder Probe ein oder zwei Salinellen
fanden, so war es möglich, die Organisation derselben bis in's Ein-
zelne festzustellen. Die einzelligen Wesen hingegen wurden bald
seltener und verschwanden schHesshch ganz, ohne Zweifel wohl, weil
sie allmählich heranwuchsen und sich umbildeten. Leider wurden
unglücklicherweise die Stadien dieser Umbildung verpasst, so dass
mir davon nur wenig bekannt wurde. Auch die weiteren Folgen
der Enzystierung der erwachsenen Tiere konnten nicht beobachtet
werden, wesshalb ich aus allen diesen Tatsachen den Schluss ziehen
muss, dass ich überhaupt nur eine einzige Generation verfolgt
habe, abgesehen von den durch Teilung entstandenen Zwischen-
generationen. Vielleicht mochten die Tiere mithin nicht ihre nor-
malen Existenzbedingungen antreffen, vielleicht mochten sie sich in
der oben angedeuteten Weise selbst zu Grunde richten, Umstände,
Untersuchungen über die mikroskopische Fauna Argentiniens. 71
welche möglicherweise ihre Enzystierimg veranlassten oder be-
schleunigten.
Konnten somit wenigstens am lebenden Tier eine Reihe von sich
ergänzenden imd bestätigenden Beobachtungen angestellt werden, so
missglückte eine gute Abtötung und Conservierung vollständig, ein
Umstand, der wahrscheinlich für die Genealogie unserer Salinella
von hervorragender Bedeutung sein wird. Besonders zu bedauern
ist, dass es mir nicht gelang, ein einziges Exemplar zu einem brauch-
baren Dauerpräparat zu machen. BekanntUch ist ja die Conser\ie-
rung auch der Infusorien eine recht schwierige, da sie so leicht z er -
fliessen, was sich bei den zu Geweben zusammengeschlossenen
Zellen kaum in dem Maasse ereignet. Dasselbe Zerfliessen trat nun
auch hier ein, und nur einzelne Zellen glückte es festzuhalten
(Fig. 11). Diese boten freilich viel Interessantes dar.
Nachdem nunmehr schon eine Anzahl biologischer Eigentümlich-
keiten besprochen worden sind, gehen wir zur Morphologie unserer
Salinella über.
Salinella 1) nov. gen.
Schlauch- oder wurstförmig, turbellarienähnlich, vorn
und hinten rundlich zugespitzt. Dorso-ventral abge-
plattet, bilateral. Massige, kontraktile Gestaltsverände-
rungen. Zwei bis zwei und ein halb mal so lang als breit,
etwas breiter als hoch. Länge normal = 0,18 bis 0,22 mm.
Vielzellig, Körperwand einschichtig. Bauchfläche fein
bewimpert, Rücken und Seiten kurz borstig. Mund vorn,
subterminal-ventral, mit stärkeren Zirren. After terminal,
mit steifen Borsten. Innere Darmhöhle der Körpergestalt
ähnlich, mit längeren Zilien.
Fortpflanzung durch Querteilung, wie auch durch
Encystierung mit vorangehender Conjugation. Jugend-
form (Larve) einzellig.
Wohnort: Salinensalz-Lösung (2 pCt.). Cordoba (Ar-
gentinien).
Eine Species: S, salve nov. spec. mit den Charakteren
der Gattung.
Die äussere Gestalt der Salinella ist eine solche, wie man
sie weniger bei Protozoen, als vielmehr oft bei den Würmern an-
trift"t, so bei manchen Trematoden und vielen rhabdocoelen Strudel-
würmern. Denkt man sich einen CyHnder, vorn mehr zugespitzt,
hinten mehr halbkugelig abgerundet und auf seiner Unterlage von
Das Salinentierchen, von Salina, die Saline.
72 Johannes Frenzel.
oben nach unten etwas plattgedrückt, so kann man sich die Körper-
form dieses Organismus vergegenwärtigen. Dieselbe ist aber keine
starre, sondern durch dessen Beweglichkeit bedingte. Findet daher
eine Kontraktion in der Längsaxe statt, so wird die Form eine ent-
sprechend breitere (Fig. "2) und höhere (Fig. 5). Findet hingegen
massige Streckung statt, so kann eine leichte Verjüngung bald am
Vorderende (Fig. 3 und 4), bald am Hinterende eintreten (Fig. 1).
Nur wenn sich das Tier in gerader Richtung vorwärts bewegt, so
ist seine Gestalt eine völlig regelmässige (Fig. 6). Wie man sieht,
wird durch diese Erscheinungen die Aehnlichkeit mit jenen Würmern
noch erhöht.
Legt man eine Ebene dorso -ventral durch die Längsachse
(Fig. 5), so lässt sich der Körper in zwei völlig symmetrische Hälften
zerlegen, wesshalb wir den Typus der SaUnella einen bilateralen
nennen dürfen, wie er bereits vielfach bei den Protozoen angetroffen
wird, z. B. bei Flagellaten und Ciliaten, während er bei Coelenteraten
und Echinodermen im Allgemeinen verschwindet, um erst wieder bei
den Würmern zur Geltung zu gelangen.
Die Bewegungen der Salinella bestehen in einer Gestalts-
veränderung und einer Ortsveränderung, wovon jedoch nur die erstere
hier Erwähnung finde. Sie ist eine ,,wurmähnHche" und erinnert
wie die äussere Gestalt ebenfalls sehr an eine dendrocoele Turbellarie
oder auch an eine Gastro triebe. Sowohl in der Ruhelage wie in
der Ortsbewegung kann sie sich äussern und besteht hauptsächlich,
was schon oben angedeutet ist, in massigen Streckungen und Ver-
kürzungen des Körpers, ferner in bogen- oder auch S-förmigen Bie-
gungen. Namentlich das Vorderende ist recht beweglich und lässt
auf ein ümhertasten und -suchen schliessen, wie das ja auch schon
von den Ciliaten her bekannt ist und sogar als Ausdruck einer ge-
wissen Geistestätigkeit aufgefasst worden ist. Im Allgemeinen jedoch
ist die Fähigkeit der Gestaltsveränderung eine beschränkte zu nennen
und erreicht durchaus nicht jenen hohen Grad der Metabolie, wie
er für die Astasien unter den Flagellaten und die Lacrymarien unter
den Ciliaten charakteristisch ist. Auch fehlt jede amöboide Beweg-
lichkeit einzelner Zellen oder bestimmterer Zellgruppen, etwa wie sie
F. E. Schulze bei Trichoplax beobachtete.
Wenn wir mithin sehen, dass der Gestaltung unseres Organis-
mus eine bestimmte Norm zu Grunde liegt, so lässt sich dies auch
im Besonderen von der Differenzierung eines Vorder- und Hinter-
endes einerseits, und einer Bauch- und einer Rückenfläche anderer-
seits behaupten.
Das Vorderende ist meist etwas mehr zugespitzt als das
Hinterende. (Fig. 2, 3, 9.) Es trägt an seiner ventralen Fläche die
rundliche Mundöffuung, welche von einer massigen Anzahl — es
mögen deren 15 bis 20 sein — geisselartiger Cilien umstellt ist,
welche ihrerseits einen lebhaften Strudel verursachend die Nahrung
zum Munde führen (Fig. 2, 5, 6). — Das Hinterende stellt stets mehr
Untersuchungen über die niikioskopische Fauna Argentiniens. 73
oder weniger eine Kugelfläche dar (Fig. 1 bis 6) nnd trägt die After-
öffiinng genau terminal, in fast mittlerer Körperhöhe und wie die
Mundöffnung in der Längsachse hegend (Fig. 3 und 5). Für ge-
wöhnlich ist der After jedoch verschlossen und schwer sichtbar, wäh-
rend die Mundöfthung stets offen gefunden wurde. Sie scheint
durchaus starr und nicht verschliessbar zu sein; denn ich habe
nicht ein einziges Mal eine Bewegung ihrer Ränder wahrnehmen
können.
Wie der Mund von beweglichen Cilien, so wird der After von
allerdings spärlicheren und starren Borsten umgeben (Fig. 1, 3, 4,
5, 6), welche geradhnig nach hinten abstehen. Sie sind sonst etwa
ebenso dick und ebenso lang wie die Mundzirren.
Die Bauchfläche ist, im Allgemeinen platt-sohlenförmig und
schmiegt sich der Unterlage möghchst an. Sie ist dicht mit feinen
Wimpern besetzt, welche lebhaft flimmern (Fig. 5, 6), und stellt man
das Mikroskop scharf genug ein, so sieht man, dass sich diese
Flimmerung auch noch auf einen schmalen unteren Streifen der
Seitenränder, sowie auf den unteren Teil des Hinterendes bis etwa
zur Höhe der Afteröfihung oder etwas darüber hinaus erstreckt
(Fig. 5 und 6). Auch vorne geht sie noch über die Mundööiiung
hinaus.
Die Rücken fläche geht in gleichmässiger Wölbung allmählich
in die Seitenränder über, welche sich unten ziemlich scharf gegen
die Bauchfläche absetzen. Der Quer- \u_l(/,
schnitt, welcher etwa durch eine Mittel- N.fe^^^'''^'''?^^
ebene gelegt wird (s. Holzschnitt I im
Text), lässt sich am besten mit einem
Transporteur vergleichen, wie er in
jedem Reisszeug enthalten ist. Er zeigt
einen fast halbkreisförmigen Umriss, so
dass die Bauchseite den Durchmesser
des Kreises darstellt.
Die Rücken- wie Seitenflächen sind mit unter sich gleichartigen,
kurzen, geraden und senkrecht abstehenden Borstchen besetzt
(Fig. 1, 3, 4, 5, 6, 9), welche in ziemhch regelmässigen Zwischen-
räumen von einander geschieden sind, ohne aber stets völlig regel-
mässig verlaufende Reihen darzustellen, wie wir weiterhin noch sehen
werden. Diese Borstchen gehen am Hinterende bis in die Nähe des
Afters hinab, vorne jedoch nicht bis zur Mundöffnung, sondern nur
bis zur äussersten Spitze des Tieres (Fig. 3, 5, 6), wo sie dann von
den Cilien und Zirren abgelöst werden. Auch an den Längsseiten
reicht die Borstenbesetzung nicht bis zur Bauchfläche, sondern endet
dicht oberhalb des schon erwähnten schmalen Flimmerstreifens, ein
Verhältnis, das übrigens nicht leicht festzustellen ist.
Der Organismus, soweit wir ihn nunmehr aus seiner äusseren
Morphologie kennen gelernt haben, könnte sowohl für eine Protozoe
wie für ein W^ürmchen gelten. Stellt man aber bei der Betrachtung
74 Johannes Frenzel.
eines Exemplars von der Rücken- oder Seitenansicht her, den opti-
schen Schnitt ein (Fig. 3, 5), so erblickt man im Innern einen Hohl-
raum, der sich in seiner Gestaltimg ganz der äusseren anpasst; er
ist von einem Gemenge von Sandpartikelchen, Pflanzenresten, Bak-
terien etc. erfüllt, vs^elche von den ziemlich langen FlimmerziHen, die
die Wandimg des Hohlraumes umkleiden, in langsame Bewegung
versetzt werden. Wir haben es hier also zweifelsohne mit einem
Darmkanal zu tun, welcher vorn vom Munde in einem etwas
dünneren Rohre aufsteigend gradlinig von vorne nach hinten zieht
und im After endigt. (Fig. 5), so etwa, wie man dies am Darm
einer Schmetterlingsraupe mit freiem Auge wahrnimmt. Irgend eine
Gliederung zeigt er ebensowenig wie das Aeussere der Tieres, ab-
gesehen davon, dass er im aufsteigenden Teile von geringerem
Durchmesser als in seinem übrigen Verlaufe ist, und dass das kurze
Afterrohr meist kollabiert ist. Als solches können wir jetzt den-
jenigen Abschnitt bezeichnen, welcher die Zellenlage hinten durch-
bohrt, während das Mundrohr der entsprechende Abschnitt am
Vorderende ist (Fig. 5).
Schon bei der Betrachtung der Oberfläche der Salinella sieht
man eine eigentümliche Felderimg derselben (Fig. 1, 2, 4, 6, 9),
welche sofort auf ein Zellengewebe schliessen lässt. Bei Einstel-
lung des optischen Schnittes werden sodann nicht nur die Zellen,
sondern auch deren Kerne deutlich (Fig. 3, 5). Jetzt sieht man
auch, dass diese Zellen die Wandung des Schlauches bilden und
diesen sowohl nach aussen wie nach innen begrenzen, indem sie
bloss eine einzige völlig geschlossene Schicht ausmachen, welche nur,
wie schon bekannt, vom Darmrohr durchbohrt wird.
Dass ein Darmkanal von nackten Fhmmerzellen ausgekleidet
wird, hat nichts Auffälhges an sich. Denn dies finden wir bei Echi-
nodermen, Würmern, Mollusken etc., wie ja überhaupt das Mittel-
darmepithel nackt ist, d. h. einer kuticularen oder zelligen (epider-
malen) Hautschicht entbehrt. Viel befremdender aber erscheint es,
dass auch nach aussen keine aus besonderen Zellen zusammengesetzte
Haut oder Epidermis vorhanden sein soll; und für noch viel be-
fremdender muss meine Behauptung angesehen werden, welche die
Einschichtigkeit der Körperwandung unserer Salinelle betont.
Hierin liegt das Hauptmerkmal für diesen Organismus. —
Man wird mir wohl entgegenhalten, ich hätte vielleicht eine äussere
Umkleidimg übersehen, welche möglicherweise etwa wie ein zartes
Endothel sehr fein sei und sich dem Auge des Beobachters leicht
entziehe. Man wird an die Hypodermis der Würmer und Arthro-
poden erinnern, welche ja auch gemeinhin ihre zellige Struktur ver-
birgt; ja man kann einen noch näher liegenden Fall heranziehen,
nämHch den Darm der Arthropoden, wo doch auch erst vor nicht
langer Zeit durch Anton Schneide r^) die Hypodermis der basement
membran entdeckt worden ist.
*) Zoolog. Beiträge 2. Bd., p. 82 ff. Ueber den Darmkanal der Arthro-
poden.
Untersuchungen über die mikroskopische Famia Argentiniens. 75
Dem gegenüber miiss ich aber Folgendes geltend machen Leichter
und öfter als es dem Beobachter sonst lieb ist, löst sich unsere
Salinella in ihre einzelnen Bestandtheile auf. Hierzu genügt schon
der vom Deckgläschen ausgeübte Druck, ferner Mangel an frischem
Wasser u. s. w. Jedesmal nun geschieht der Vorgang so, dass sich
plötzlich meist alle Zellen zu fast gleicher Zeit von einander zu
trennen suchen, indem sich jede einzelne bestrebt, sich zur Kugel
abzurunden. Wo bleibt da eine äussere Haut oder Cuticula? Es
ist doch nicht anzunehmen, dass diese so ausserordentlich leicht
zerreissen würde, und zwar im gleichen Masse und Yerhältniss ^vie
die Zellen. Man müsste dann wenigstens einzelne Fetzen gewahren,
wenn man nicht voraussetzen wollte, dass an jeder Zelloberfläche
das ihr genau zugehörige Stückchen einer Haut sitzen bliebe. Dann
aber müsste dies weiterhin irgend wie nachweisbar sein, was
durchaus nicht der Fall ist. Denn färbt man die freigewordenen
Zellen, so müssten doch mindestens noch Rudimente der Zellkerne
einer Haut zu entdecken sein. Ich habe viele derartig behandelte
Zellen durchforscht, ohne jemals etwas davon wahrzunehmen (Fig. 11).
Die Zellen der Bauchfläche beispielsweise zeigen an jeder ihrer beiden
freien Flächen den Flimmerbesatz, welcher unmittelbar der Zelle
aufsitzt, wenn sich nicht vielleicht aussen eine zarte Pellicula ein-
schiebt, wie später noch zu erwägen sein wird, ein Gebilde, das aber
der Zelle selbst angehört.
Wir sind nun so weit gelangt, um zur Beschreibung dieser Zellen
im Einzelnen überzugehen.
Es ist schon oben gesagt worden, dass die Bauchseite des Thieres
bewimpert ist, die übrige Aüssenseite jedoch Borsten trägt. Damit
ist eine Diffcrenzirung der Zellen unter sich gegeben, welche durch
die weiter gehende Ausbildung der Mund- und Afterzellen noch
erhöht wird.
Alle Zellen sind mehr oder weniger isodiametrisch und würden
etwa einem kubischen Cylinderepithel unterzuordnen sein, wie es
z. B. im Mitteldarmepithel vieler Arthropoden (Artemia^) und
Mollusken 2) (Rissoa) vorliegt. Hat man ein Flächenbild (Fig. 1, 2,
6, 9), so sieht man die reihenweise Anordnung der Zellen, welche
hier fast quadratisch erscheinen. Nur die an den beiden Endpunkten
des Tieres Hegenden, sowie die sich teilenden (Fig. 4), erleiden einige
Verschiebungen ihrer Form und Lage, wie das ja auch bei jedem
anderen Epithel der Fall ist. Ebenso sind die letzteren, die sich zur
Teilung anschickenden Zellen, in der Teilungsrichtung etwas in die
Länge gezogen (Fig. 2, 3, 9). Eine besonders entwickelte Mutter-
') In einer weiteren Mittheilung dieser Untersuchungen, welche in den
Zoologischen Jahrbüchern erscheinen soll, gedenke ich das Nähere darüber zu
veröffentlichen.
^)Joh. Frenzel: Zum feineren Bau des "Wimperapparats. — Archiv f.
mikroskop. Anatomie Bd. 28. vide Taf. VII. Fig. 1.
76 Johannes Frenzel.
Zellenschicht, wie man sie oft') an der Basis eines Zylinderepithels
findet, existirt jedoch nicht, was schon hier bemerkt sein möge.
Damit wäre zwar nicht eine eigentliche Zwei- oder Mehrschichtigkeit
der Zellenlage bedingt worden, aber doch ein bedeutend höherer
Grad der Differenzierimg.
Es ist noch besonders hervorzuheben, dass die Zellen enge
gedrängt liegen und nicht etwa durch eine Interzellularsubstanz oder
gar durch ein sich einschiebendes Gewebe von einander getrennt
werden. Die Beweise hierfür sind dieselben wie die für die Abwesen-
heit einer äusseren Hautschicht, wenn nicht schon der optische Schnitt
ein genügend klares Bild gewährt (Fig. 3 und 5).
Ausser diesen schon aufgezählten Eigenthümlichkeiten ist allen
Zellen gemeinsam: ein Kern, eine Alveolarschicht an der äusseren
Begrenzung in Verbindung mit einer Art von Pellicula, eine feine
Längsstrichelung an der dem Darmlumen zugewendeten Seite und
der fast ganz übereinstimmende plasmatische Inhalt. Die Differenzierung
bezieht sich also doch nur auf die äussere Struktur.
Die ZeUen der Bauchfläche, um mit diesen zu beginnen, bilden
eine besonders regelmässige Lage (Fig. 2). Meist sah ich sie in vier
Längsreihen angeordnet, einmal auch in fünf, wovon aber die mittelste
sehr unvollkommen war. Bei jüngeren Individuen, von der Grösse,
wie sie in Fig. 4 dargestellt ist, waren bloss drei Reihen zu erkennen,
und bei noch jüngeren mögen wohl erst deren zwei zur Ausbildung
gekommen sein. Nehmen wir ein normales Individuum (Fig. 2), so
sehen wir am vorderen Pole ganz ausnahmsweise eine, natürlich
mehr keilförmige Zelle, welche mit ihrer schmalen Keilfläche an der
Begrenzung des Mundes teilnimmt (Fig. 2, 5). Es folgen ihr weiter
hinterwärts, links und rechts die Mundöffnung in gleicher Weise
begrenzend, ganz allgemein zwei unter sich ebenfalls gleichgestaltete
Zellen, welche im Flächenbild auch keilförmig erscheinen. Nun
folgen in der Regel schon drei, seltner zwei in einer Querreihe
liegende Zellen, von denen gewöhnlich nur noch die mittelste die
Begrenzung des Mundes nach hinten vermittelt. Doch kann auch
noch eine oder beide der Randzellen dabei beteiligt sein. Damit ist
jetzt die Mundgegend abgeschlossen, und es reiht sich das eigent-
liche Sohlenepithel an, welches je nach der Grösse des Individuums
aus etwa 6 bis 10 Querreihen zusammengefügt wird, deren letzte
Glieder sich allmählich verjüngend nur noch drei, resp. zwei Zellen
aufweisen. Hinten zeigt das Schwanzende der Sohle meist eine halb-
kreisförmige Abgrenzung (Fig. 2), so dass entweder eine oder auch
zwei Polzellen den Abschluss bilden, indem sie zugleich als After-
zellen zu bezeichnen sind, da ihre obere Schmalfläche das Afterrohr
von unten bekleidet (Fig. 5).
0 Eine solche Zellschicht findet sich gemeinhin dort, wo eine lebhafte
Regeneration von Epithelien statthat.
Untersiicliiingen über die mikroskopische Fauna Argentiniens. 77
Einschliesslich der Munclzellen kann man an der Sohle im Ganzen
mithin etwa 9 bis 14 in einer Längsreihe liegende Zellen zählen,
so dass nach einer nngefähren Schätzung wohl an 30 bis 48 davon
auf dies Gebiet entfallen. Dass diese Zellen nicht unter sich gleich-
artig sind, sahen wir schon an der besonderen Gestaltung der Mund-
zellen, Jedoch auch die der eigentlichen Sohle lassen sich in zwei
Kategorien verteilen, nämlich in die der zentralen Fläche und die
der Seitenränder. Die der ersteren stellen eine einfachere Figur dar,
indem ihre Form eine recht regelmässig kubische oder prismatische
ist. Anders verhält es sich mit den Zellen der Seitenränder, deren
Gestalt eine etwas komphziertere ist, da sie den Uebergang zu den-
jenigen des Rückens vermitteln. (Holzschnitt I). Im optischen Quer-
schnitt, der freilich selten mit einiger Klarheit festzuhalten ist, zeigen
nämhch die Randzellen einen mehr keilförmigen Schnitt; oder, wenn
wir der Einfachheit halber von einem regelmässigen Quadrat aus-
gehen, so erhalten wir annähernd die Figur unserer Zellen, indem
wir durch eine der Diagonale parallele Linie f ein dreieckiges Stück
von diesem Quadrat abtrennen (Holzschnitt II). Der
Rest ist sodann ihr optischer Querschnitt. Die Seite a r:;^
entspricht hier der Bauchfläche, b dem Seitenrand, c der LM^rf
Gastralhöhle und d der Grenzlinie an der benachbarten f^_ ^i»^^
Bauchzelle, während f die gleiche Linie an der be-
nachbarten Seitenzelle ausdrücken soll. Holzschn. II.
Nunmehr können wir auch verstehen, woher es kommt, dass
der untere Teil des Seitenrandes der Salinella eine Wimperung trägt ;
denn betrachtet man ein Individuum von der Bauchseite, so erkennt
man bei höherer Einstellung des ]\Iikroskops die gleichmässige
Flimmerung derselben; sobald man aber den optischen Schnitt ein-
stellt, welcher etwa in der Höhe des Kernzentrums gedacht ist, (wie
in Fig. 2), so wird man noch dieselbe Bewimperung längs des Seiten-
randes gewahr. Diese überzieht mithin die ganze äussere Fläche
unserer Zellen (Holzschnitt II, Linie a und b), welche wir als
basale Seitenzellen bezeichnen wollen. Eine geringere Ver-
schiedenheit macht sich an den am hinteren Pole liegenden basalen
Afterzellen geltend. Die letzte derselben kann im optischen Längs-
schnitte des Tieres fast dreieckig aussehen (Fig. 5), während sie im
(idealen) optischen Querschnitte (Holzschnitt IV) den übrigen After-
zellen, die zum grösseren Teile der Rückenpartie zugehören, ähnelt.
Sie ist aussen, wie auch die beiden meist rechts und links neben
ihr liegenden basalen Randafterzellen (Holzschnitt IV br.), völKg
bewimpert (Fig. 5, 6).
Eine gi'össere Verschiedenheit ist am vorderen Pole der Salinella
zu konstatiren, wo ja, wie schon besprochen, die Mundöffhung
subterminal liegt. Alle die sie umgebenden Randzellen zeigen noch
die gewöhnliche Bewimperung, jedoch in viel geringerem Maasse,
indem die Wimperhärchen viel spärlicher zerstreut sind. Dies gilt
ganz besonders von der vorderen Polzelle, welche, da sie auch
78 Johannes Frenzel.
Borsten trägt, die Charaktere einer Bauch-, Mund- und Rückenzelle
in sich vereinigt (Fig. 5). Die BeAvimperung hier reicht aber kaum
über die Zone der Mundzirren hinaus.
Im optischen Querschnitt (Holzschnitt I) bemerkt man, dass die
Zellen des Rückenteiles, um zu diesem überzugehen, ungefähr in
einem Halbkreise gruppirt sind. Schon daraus kann gefolgert werden,
dass ihre Zahl eine bedeutend grössere als die der Sohle ist Be-
trachtet man mithin ein normales Individuum von oben, so kann
man fünf (Fig. 1), allenfalls auch 6 Längsreihen zählen, während
jüngere Individuen deren nur drei bis vier haben (Fig. 4, 9). In
der seitlichen Ansicht sieht man im ersteren Falle drei bis vier
davon (Fig. 6). Aehnlich muss es sich ferner mit den Querreihen
verhalten, welche die der Bauchfläche um ein Geringes übertreffen.
In der Grösse der Zellen findet jedoch zwischen den beiden Haupt-
gruppen kein- charakteristischer Unterschied statt. Die vorderste
Polzelle, die den Mund nach vorn begrenzt, kann sowohl zum Rücken
wie zum Bauch gerechnet werden, wie wir bereits sahen. Der After-
pol hingegen wird gewöhnlich von vier oder fünf Rückenzellen ein-
genommen, welche sich mit den drei Bauchzellen zu einem Kreise
verbinden (Holzschn. IV).
fr.
Holzschn. IV.
Ueberblicken wir nunmehr die oben niedergelegten Resultate, so
können wir ungefähr feststellen, wie gross die Zahl der Zellen ist,
welche unsere Salinella zusammensetzen. Besitzt die Sohle davon
etwa 30 bis 48, der Rücken sodann 45 bis 60, so kommt als Total-
summe 75 bis 108 einzelne Zellen heraus, eine Summe, welche im
ersten Augenblicke auffallend gross erscheint, wenn man bedenkt,
dass die Protozoen nur aus einer einzigen Zelle bestehen. Es kommen
jedoch in dieser Klasse, so bei den Flagellaten (Spongomonas etc.),
Kolonien vor, die aus ebenso viel oder noch mehr Individuen
zusammengehäuft sind, wie auch nicht einzusehen ist, warum nicht
gleich eine grössere Anzahl sich vereinigen soll, wenn überhaupt
einmal eine Vereinigung von Zellen vor sich geht. —
Viel gleichförmiger als die äussere Oberfläche erscheint die
Struktur des von den nämlichen Zellen umkleideten Darmrohres.
Auf einem dorsoventral gelegten Längsschnitt schon sieht man, wie
gleichartig der innere Teil der Zellen d, h. ihre innere Oberfläche
ist (Fig. 5). Sie aUe tragen eine gleichmässige Wimperung, die aus
etwas längeren Zilien als die der Sohle besteht. Das kurze Mund-
rohr ist deutlich bewimpert, und die gleiche Erscheinung glaube ich
auch an dem engeren Afterrohr wahrgenommen zu haben.
l^ntersuchnngen über die mikroskopische Fauna Argentiniens. 79
Es ist sehr wahrscheinlich, dass alle Zellen ohne Ausnahme an
der Auskleidung des Lumens teil nehmen, wie sie ja auch alle an
der äusseren Oberfläche angetroffen sind. Zuerst glaubte ich hierbei
einige Verscliiedenheiten zu bemerken, indem ich vermutete, dass
gewisse Zellen, so die des Seitenrandes von der Begrenzung des
Darmrohres ausgeschlossen seien. Genaueres Zusehen jedoch zeigte
uns das Gegenteil. Sie werden nämlich weder von den sich
anschliessenden Reihen des Bauches, noch denen der Rückenseiten
völlig verdeckt, wie man wohl erwarten sollte, sondern sie ragen
noch mit einer schmalen freien Fläche in das Lumen hinein (Holz-
schnitt I). Dieser Punkt ist, wie wir weiterhin noch sehen werden,
nicht ohne Bedeutung, da er uns belehrt, dass in dieser Richtung
eine weitere Differenzierung des Epithels nicht eingetreten ist.
Wie die Seitenrandzellen, so bieten auch die vorderen Mund-
zellen (Fig. 2, 3; Holzschnitt HI), wie ferner die Afterzellen (Holz-
schnitt IV) dem Rohre nur eine schmale Fläche dar. —
Haben wir somit gesehen, dass sämmtliche Zellen nach einer
Richtung gewissermassen ein Haut-, nach der anderen ein Darmepithel
repräsentieren, so finden wir nun auch in ihrem feineren Bau diesen
Verschiedenheiten Raum gegeben.
Als äussere Bestandteile der Zellen treten einerseits die
Zilien, von denen vdr zwei Arten haben, und Zirren, andererseits die
Borstchen und langen Afterborsten hervor.
Es ist schon oben erwähnt worden, dass die Zilien der Bauch-
zellen dicht gedrängt stehen. Dieser Umstand sowohl wie auch ihre
erhebliche Feinheit lässt nicht konstatieren, ob sie in regelmässigen
Reihen angeordnet sind, wie dies bei den Ciliaten so gewöhnlich ist.
Da jedoch beim Flimmerepithel der Metazoen eine regelmässigere
Anordnung nicht unwahrscheinlich ist, so können wir sie auch hier
vermuten. Die einzelnen Wimpern sind feine dünne Härchen und
dabei auffallend kurz, da ihre Länge nur etwa ein Drittel oder die
Hälfte der Zellhöhe ausmacht. Ist diese nämlich = ca. 0,009 bis
0,015 mm, so mass und taxirte ich die Zilien = ca. 0,0035 mm.
— Ein feinerer Bau ist an denselben nicht zu entdecken und eben-
sowenig eine Differenzierung in einzelne Abschnitte, worin also eine
vollständige Uebereinstimmung mit den Ciliaten herrscht. Dabei
darf jedoch nicht vergessen werden, dass auch die Bewimperung bei
den Metazoen bis jetzt durchaus nicht allgemein eine deutliche
Differenzierung bemerken lässt.
Die Bauchzilien sind in hohem Grade gegen äussere Einflüsse,
besonders chemischer Natur, empfindlich. Bei Einwirkung von Öüss-
wasser, verdünntem Glycerin, Jod, Alcohol etc. verschwinden sie
schnell, teils indem sie zu quellen und zu zerfliessen scheinen, teils
indem sie sich in feinkörnige Gerinnungsprodukte umsetzen. Nur
bei Behandlung von Salpetersäure bleiben sie öfters erhalten, wenn
keine mechanische Störung wie Strömungen, Druck u. s, w. eintraten.
Es scheint mir nicht nur hier, sondern auch bei vielen anderen
80 Johannes Frenzel.
Gelegenheiten nicht unwahrscheinlich, dass dieses Reagens gleich-
zeitig eine gewisse Quellung und eine gewisse Coagulation heiTorruft,
welche beiden Vorgänge sich ungefähr das Gleichgewicht halten.
Hierin dürfte vielleicht die so ausgezeichnend fixirend wirkende Fähig-
keit der Salpetersäure liegen.
So kurz und zart die Bauchwimpern sind, so bewirken sie, wenn
auch keine pfeilschnelle, so doch eine recht lebhafte Vorwärts-
bewegung des Tieres, die sich auch zeitweilig in eine rückwärts-
gerichtete umsetzen kann. Die Lebhaftigkeit der Bewegung ist aber
offenbar von der Beunruhigung bedingt, welche unsere Tierchen
erleiden, wenn man sie auf den Objektträger bringt, denn bald
beruhigen sie sich, namentlich sobald sie etwas zu fressen finden.
Ihr Fortgleiten ist dann ein mehr kriechendes, zuweilen auch
kletterndes zu nennen, indem es sich mit dem schon beschriebenen
Recken und Biegen des Halsteiles verbindet. Völlig stille liegend
habe ich jedoch das Tier nie gefunden.
Die Cilien des Seitenrandes gleichen denen der Sohle vollständig,
wie sie ja auch denselben Zellen angehören.
Die Bewiniperung des Darmlumens, um nun hierzu überzugehen,
ist eine wesentlich andere. Einmal fällt ihre bedeutende Länge auf,
denn diese ist im Allgemeinen mehr als die Hälfte der Zellhöhe
(Fig. 3, 5, 11). Auch mögen die Zilien etwas dicker und kräftiger
als die des Bauches sein, während ihre Bewegung keine ganz so
schnelle und flatternde wie an diesem Orte ist, was vielleicht im
Längenunterschied beider Gebilde begründet ist. Immerhin flimmern
sie mit grosser Lebhaftigkeit, grade wie man dies am gleichgestalteten
Flimmerepithel der Metazoen beobachtet.
In ihrem feinerm Bau ferner macht sich eine auffallende Ver-
schiedenheit geltend, wie eine solche bei den Protozoen^) kaum
beobachtet wird, aber bei höheren Tieren vielfach konstatirt^) ist.
Am lebenstrischen Objekt ist zwar wegen der Tätigkeit der Cihen
nicht viel zu sehen, und man bemerkt nur an ihrem unteren Teile,
dicht über der Zelle, einen dunkleren, schattenhaften Saum. Sind
jedoch die Zellen isolirt, oder fängt das Tier an abzusterben, so
vermindert sich die Lebhaftigkeit der Flimmerung, und man erkennt
jetzt die Zusammensetzung jedes Fadens aus zwei Stücken, einem
weniger glänzenden, \äel kürzeren basalen und einem längeren,
normal erscheinenden, terminalen Ende. Nach Behandlung solcher
Zellen mit Salpetersäure oder Sublimat lässt sich dieser Bau gleich-
falls konstatieren (Fig. 11). Weitere Komplikationen, wie sie von
Eberth, Eimer, Engelmann u. A. und in neuerer Zeit von mir^)
beschrieben worden sind, fehlen jedoch vollständig, wesshalb es
schwierig ist, den unteren Abschnitt der Zilien zu homologisiren.
>) s. Bütschli, 1. c. Protozoa III. Abteil, p. 1323 ff.
2) s. Job. Frenzel, Wimperapparat 1. c, wo die hauptsächliche Litteratur
darüber zu finden ist.
^) Wimperapparat 1. c.
Untevsuclmngen über die mikroskopische Fauna Argentiniens. gl
Wahrscheinlich wird er aber ^Yohl nicht den steiferen Fussstäben,
als vielmehr den sog. Zwischengliedern gleichzusetzen sein.
Die Darmzilien sind gegen äussere Einflüsse viel mehr wider-
standsfähig als diejenigen der Sohle. Ihre häufige Berührung mit
dem aus Steinchen u. s. w. bestehenden Darminhalt, welcher sich
oft zwischen sie drängt, einerseits, ihre Vermischung mit dem höchst
wahrscheinlich vorhandenen Verdauungssafte andererseits macht dies
ja erforderlich. Beim Absterben der Zellen bleiben sie daher häufig
intakt ; bei Behandlung mit Salpetersäure, Sublimat, Picrinsäure oder
Alcohol werden sie meistens fixirt. Durch Carmin werden sie
übrigens gerade wie die Bauchzilien nur schwach tingirt (Fig. 11).
Es dürfte keinem Zweifel unterliegen, dass die Darmzilien der
Zelloberfläche ganz unmittelbar aufsitzen. Der von Engelmann u. A.
beschriebene Wimperstiel lässt sich hier nicht nachweisen, dagegen
eine deuthche Längsstrichelung in der Zelle, worauf später noch
zurückzukommen ist.
Die oberflächliche Begrenzung der Zellen ist eine sehr
zarte. Alles, was man als Cuticula und Membran ansieht, Avird hier
vermisst, so dass also hierin eine grosse Aehnlichkeit mit den meisten
Ciliaten einerseits und mit einem Mitteldarm-Epithel andrerseits
obwaltet. Die Uebereinstimmung mit jener Tiergruppe geht aber
noch viel weiter. Betrachtet man nämlich eine Salinella von oben
(Fig. 1) oder von der Seite (P'ig. 6), so lässt sich ein eigenartiger
Glanz nicht verkennen, welcher dem normalen Plasma gemeinhin
nicht eigen ist. Der Oberfläche sind ferner sehr kleine stark
glänzende Pünktchen aufgelagert, die aber nicht etwa mit den
Projektionsbildern der Borsten zu verwechseln sind. Wird dann der
optische Schnitt einer Rückenzelle festgehalten, so lässt sich nicht
läugnen, dass ihre äussere Begrenzung eine membranartige ist,
und dass die ihr aufsitzenden Borstchen als eine Differenzierung
dieser Membran aufzulassen sind. Diese ist aber einmal so zart und
dünn, in anderer Hinsicht so zerfliesslich, dass sie keineswegs als
eine echt kuticulare Bildung, sondern vielmehr als eine Pellicula
im Sinne Bütschli's^) aufzufassen ist, deren mehr oder weniger
(ekto-) plasmatische Natur betont werden muss, während bei einer
kuticularen Membran nicht nur die grössere mechanische Festigkeit,
sondern auch die chemische Constitution massgebend smd, obwohl
freihch ganz scharfe Grenzen in keinem der beiden Punkte zu be-
stehen scheinen.
Wir können mithin unsere Pellicula als eine gewisse Difleren-
zierung des Ectoplasmas ansehen, die sich durch ihren etwas grösseren
Glanz und die Einlagerung glänzender Pünktchen charakterisirt.
Auch an der Bauch fläche ist das Vorhandensein der Pellicula
sehr wahrscheinlich, da man hier zwischen Cilien und Alveolarschicht
einer Scheidewand gewahr wird (Fig. 11), die freilich noch zarter ist,
als die PelHcula des Rückens. Letztere besitzt sodann eine be-
1) 1. c. Protozoa III p. 1258 ff.
Arch. f. Naturgescb. Jahrg. 1892. Bd.I. H.l.
82 Johannes Frenzel.
sondere Differenzierung in Form der Borstchen und vielleiclit auch
der steifen Schwanzborsten.
Die Borstchen sind noch etwas kürzer als die Bauchzilien, an
Dicke jedoch diesen bedeutend überlegen. Sie sind auch etwas dicker
als der optische Schnitt der Rücken-Pellicula. Ihre Anordnung ist
eine derartige, dass sie in ziemlich gleich weiten Abständen von
einander stehen, so dass ihre Fusspunkte einigermassen regelmässige
Linien darstellen (Fig. 1, 4, 6). Durch die Bewegungen des Tieres
sowohl, wie auch durch das Wachstum einzelner sich späterhin
teilender Zellen finden aber immer Verzerrungen und Unter-
brechungen dieser Linien statt (Fig. 4).
Der Abstand einer Borste von der nächstfolgenden ist ungefähr
gleich ihrer Länge. Jede Zelle trägt ungefähr drei bis fünf Quer-
und ebensoviel Längsreihen, im Ganzen also ca 15 bis 20 Borsten
im Durchschnitt, so dass das ganze Tier, da ca 25 Rückenzellen
vorhanden, annähernd 1000 Borsten trägt. — Die Borsten stehen
senkrecht von der Leibeswand ab und sind ganz ohne Eigen-
bewegung; kriecht das Tier aber durch einen engen Spalt, so
biegen sie sich um, sich darauf wieder elastisch aufrichtend. Bei
Behandlung mit Reagentien stimmen sie sowohl mit der Pellicula wie
auch z. T. mit den Darmzilien überein und sind so empfindlich, dass
sie schon beim Zufiiessen dünnen Glycerins, Speichels, Süsswassers
oder desgl. zu Grunde gehen. Die schon oben genannten Con-
servierungsmittel haben dagegen meist einen leidlichen Erfolg, wenn
nicht etwa die ganze Zelle platzt.
Im Anschluss hiervon mögen noch die Afterborsten kurz er-
wähnt werden. Völlig zweifelhaft ist es noch, ob sie als Pellicula-
oder Plasmagebilde oder als beides zu gleicher Zeit anzusehen sind.
Sie dürften wohl den Schwanzborsten der oxitrichen Ciliaten gleichen.
Ihre Dicke übertrifft die der Borstchen an der Basis, während sie
nach oben spitz auslaufen, was bei den letzteren nicht geschieht;
denn sie sind völlig prismatisch und enden stumpf. Die Länge
der Afterborsten ist etwa gleich derjenigen der Mundzirren, also
beträchtlicher als der Durchmesser einer Zelle, doch so dass einige
von ihnen etwas länger, andere etwas kürzer sind. Sie stehen un-
gefähr gleichmässig verteilt um den After herum und gehören sowohl
Bauch- wie Rückenzellen an (Fig. 3 und 5). In ihrer Bedeutung
mögen diese Afterborsten wohl den gleichen Organen der bereits
genannten Ciliaten entsprechen, indem sie bei einer Rückwärts-
bewegung oder bei einer Berührung von hinten als Tastwerkzeuge
dienen, wozu sie durch ihre Elastizität wohl geeignet sein müssen.
Vielleicht kommt ihnen daneben noch die Eigenschaft eines Steuer-
organs zu; wofür ihre Starrheit wie geschaffen ist. Mit dem Aus-
leiten der Kotballen aber stehen sie wohl kaum in Beziehung,
zumal ihnen ja eine Eigenbewegung abgeht.
Die Pellicula, um zu dieser wieder zurückzukehren, ist un-
zweifelhaft dem Zellgewebe selbst zugehörig. Sie überzieht ferner
Untersucluuigen über die mikroskopische Fauna Argentiniens. 83
die äussere Oberfläche aller Zellen. Ob man sie aber auch der
inneren dem Darmlumen zugewandten Seite zuerkennen soll, ist
sehr fraglich vind kaum wahrscheinlich, wiewohl allerdings allen
cellulären Gebilden ohne Ausnahme aus theoretischen Gründen eine
vom übrigen Plasma etwas differenzirte Rindenschicht beigelegt werden
muss, die in den Epithelien als Kittsubstanz eine Rolle spielt.
Fehlt hier nun eine solche Substanz, wie wir noch sehen werden,
so kann man doch am lebenden Tier die Abgrenzung einer Zelle
von der andern deutlich in Form einer bald hellaufleuchtenden, bald
dunkel sich abhebenden Linie konstatiren, die nach meiner Meinung
der Ausdruck des chemischen Unterschiedes zwischen einer Cortical-
und einer Centralsubstanz ist. Erstere mag als eine Differenzierung
des Ectoplasma's aufzufassen sein.
Betrachtet man also irgend eine Zelle unserer Salinella, so
finden wir dieselbe ringsum umschlossen von einer sehr dünnen
Corticallage, die sich im allmählichen chemischen -wie physikalischen
Uebergang zur zarten Pellicula der Sohle oder zur etwas kräftigeren
Pellicula der Rückens umbildet, während sie den übrigen Zellleib
einschliesshch der inneren Oberfläche gleichmässig umkleidet.
Dringt man nun weiter in das Innere der Zelle vor, so trifft
man eine andere Schicht ectoplasmatischer Natur von viel grösserer
Mächtigkeit, welche uns als Alveolar schichte) von den cihaten In-
fusorien her bekannt ist. Auch hierin liegt also eine weitere Aehn-
lichkeit zwischen jenen Protozoen und unserer Mesozoe begründet,
und ich möchte mit Bütschli die obenbeschriebene Pellicula als
Grenzlamelle der Alveolarschicht gelten lassen. Ihre plasmatische
Natur wird, um mit Bütschli zu sprechen, ,, stets dadurch bestimmt,
dass dieselbe, wie das übrige Plasma schon durch blossen Druck
leicht völlig zerfliesst und sich auflöst." Sie erscheint auch hier
(Fig. 2, 3, 5, 1 1) auf dem optischen Schnitt, „als eine dichte Neben-
einanderreihung senkrecht zur Oberfläche stehender, feinster Bälk-
chen," welche als die Durchschnitte der Wandung von ziemlich
regelmässigen fast kubischen oder hexagonalen Alveolen („Waben")
aufzufassen sind, w^elche das Bild einer Zelle im Kleinen fast zu
wiederholen scheinen. Ferner möchte noch, wie es Bütschli und
Schewiakoff^) bei Balantidium elongatum auffanden, die Alveolar-
schicht gegen das unterliegende Plasma durch einen massig scharfen
Grenzsaum abgesondert sein, welcher jedoch nicht die Dicke der
Pellicula oder der übrigen Alveolenwände erreicht. (Fig. 11). Gerade
so, wie die Pellicula, so kommt diese Alveolenschicht allen Zellen
der Salinella ohne Ausnahme zu, findet sich aber nur unter ihrer
äusseren freien Fläche (Fig. 3, 5, 11). Im Besonderen fehlt sie den
sich berührenden Zellrändern und wird an der innern freien Fläche
durch eine andere Plasmakombination ersetzt. Sie scheint sowohl
1) s. Bütschli Protozoa III 1. c. p. 1258 ff.
2) 1. e. Protozoa III p. 1264.
6*
84 Johannes Erenzel.
in den bewimperten Baiichzellen wie in den borstentragenden Riicken-
zellen ganz gleichmässig entwickelt zu sein, woraus schon hervor-
geht, dass sie weder mit den Wimpern, noch mit den Borsten in
ursächlichem Zusammenhang steht. Vielleicht ist sie auch nichts
anderes, als die nach mechanischen Gesetzen erfolgte Anordnung
eines Balkengerüstes, um dem Zellleibe eine grössere Festigkeit
zu verleihen, was ja überall nötig erscheint, wo eine starre Cuticular-
schicht fehlt. Und während die Struktur des Zellinneren im Leben
nicht erkannt wird und von Vielen der lebenden Zelle abgesprochen
wird, so ist hier die Alveolenschicht sicher präformirt, da sie im
idealen Längsschnitte eines lebenden Tieres bereits sichtbar ist (Fig.
3, 5). Deutlicher tritt sie dann hervor beim langsamen Absterben,
um nach dem Tode rasch zu verschwinden, wenn es nicht gelingt,
sie in bekannter Weise zu fixiren. Mann sieht dann z. B. nach
Behandlung mit einem Gemisch von Picrin- und Salpetersäure und
nachfolgender Färbung mit Carmin unter der Pellicula kleine Recht-
ecke liegen, deren Wandung massig tingirt ist, während der Hohl-
raum von feinen farblosen Körnchen erfüllt wird (Fig. 11).
Ob nun die Bauchzilien diese Alveolen durchsetzen, vermag
ich nicht anzugeben.
Mit diesen nunmehr kennen gelernten Complikationen ist der
Differenzirungsfähigkeit des Ectoplasmas ein Ende gesetzt. Alles
was man bei den so hoch entwickelten Ciliaten noch als Myonema,
Muskelstreifen u. s. w. gefunden hat, fällt bei den Zellen der Sali-
nella weg, wie sie ja überhaupt als muskellos zu bezeichnen ist, in-
dem man ihre Bewegungsfähigkeit ohne Zweifel, von den Cilien
abgesehen, dem Entoplasma zudiktiren muss. ^)
Es ist schon mehrfach von einer Längs strichelung in den
Zellen unterhalb der Darmzilien die Rede gewesen. Da es aber
schwerlich zu entscheiden ist, ob sie der ektoplasmatischen oder
entoplasmatischen Region angehört, so möge sie bereits hier be-
besprochen werden, ehe wir zum eigentlichen Plasma übergehen.
Wie die Alveolenschicht, so ist die Zone der Strichel allen Zellen
der Salinella ausnahmslos eigen und liegt jener gerade gegenüber an
der Innern Wand derselben. Ihre Struktur lässt sich zwar schon an
der lebenden Zelle wahrnehmen, ist aber viel feiner und zarter als
die der Alveolenschicht, indem sie sich aus dicht gedrängt stehenden,
dünnen und wenig glänzenden Fädchen zusammensetzt, die ihrerseits
wieder nur der Ausdruck von Körnerreihen zu sein scheinen. Es
ist mir nicht bekannt, dass bei den Protozoen Elemente dieser Art
aufgefunden sind; bei Metazoen aber bilden sie eine häufige Er-
scheinung und zwar sowohl in Flimmerzellen wie auch in gewöhn-
lichen Epithelien, woraus schon hervorgeht, dass sie zum Wimper-
*) Bei sämintlichen Protozoen dürfte wohl das Gleiche der Fall sein, denn
tiberall, wo wir zur Annahme gezwungen sind, dass auch vom Ectoplasma
aus Contraktionen bewirkt werden, ist erst eine besondere Differenzirung
desselben in Form von Streifen etc. entwickelt.
Unterstellungen über die niikroskopisclie Fauna Ai'gentinieus. g5
apparat keine ursächliche Beziehung haben. Bekanntlich hat man
sie namentlich auch dort gefunden, wo ein Stäbchensaum i) die Zell-
oberfläche überzieht, und wenn ein morphologischer Zusammen-
hang der Strichel mit den Stäbchenhaaren nicht unmöglich ist, dessen
Bedeutung wir noch nicht verstehen, so mag auch hier solch' ein
Zusammenhang mit den Darmzilien als möglich zugegeben werden.
Von anderer Seite hat man ferner die Längsstreifiing für den Aus-
druck von Sekretionsvorgängen ansehen wollen, wie schliesslich auch
angenommen werden könnte, dass sie bei der Resorption beteiligt
seien. Ihr allgemeines Vorkommen macht aber doch eine all-
gemeinere Bedeutung wahrscheinlicher, die vielleicht z. T. nur darin
bestehen mag, dass die Striche ein feines Säulenwerk in der Richtung
des grössten mechanischen Druckes darstellen, um dem zarten Zell-
gebilde eine etwas grössere Widerstandsfähigkeit gegen diesen Ein-
fluss zu gewähren. Wir müssen uns z. B. vergegenwärtigen, dass
die Zellen der Salinella, wenn wir der Einfachheit halber den
optischen Schnitt betrachten (Fig. 3, 5), nach zwei Seiten durch
ihre Nachbarn geschützt dort keines besondern Schutzes bedürfen,
sondern nur an den beiden freien Seiten. Aussen haben wir ja
schon die Alveolenschicht gefunden, und nach innen müssten wir,
wenn uns dies freistünde, die Strichelung als ein Stützwerk legen,
das einem eventuellen Durchpassiren von Flüssigkeitsströmungen
den geringsten Widerstand entgegensetzt. Aus diesem Grunde
könnten wir hier keine Alveolenschicht gebrauchen, da dieselbe
vermöge ihres kompakteren Gefüges vermutlich weniger leicht durch-
lässig wäre. —
Die Strichelung lässt sich hier nicht so weit verfolgen, wie es
wohl an anderen Orten 2) der Fall ist. Beim Conserviren der Zellen
bleibt sie meist recht gut erhalten und färbt sich ähnlich wie die
Alveolenschicht mit Carmin. —
Obgleich sich über das eigentliche Entoplasma, dem wir uns
nun zuwenden, am wenigsten aussagen lässt, so ist es ohne Zweifel
wohl der wichtigste Bestandteil der Zellen. Es ist farblos, blass mit
eingelagerten helleren und dunkleren Körnchen, die sich teilweise
als Fett erweisen, wie solches auch in grösseren Kügelchen zu-
sammenfliesst. Seien es Bauch-, seien es ilückenzellen, das Ento-
plasma zeigt sich stets als dasselbe, und an der lebenden Zelle ist
keine weitere Struktur sichtbar. Besonders auch — und das ist
ungemein wichtig — vermisste ich stets geformte Nahrungs-
bestandteile irgend welcher Art darin. Eine mit Sublimat be-
handelte Zelle (Fig. 11) zeigt nun, dass auch das Entoplasma nicht
jeder Struktur entbehrt, indem sich unserm Auge ein mit Carmin
schwach gefärbtes Netzwerk darbietet, das man mit Bütschli für
den optischen Ausdruck eines Alveolen- oder Wabenbaues zu
*) Wimperapparat 1. c. p. 74 etc.
^) S. z, B. Job. Frenze!, Ueber die Mitteldarmdrüsse der Criistaceen.
jyiitteil. d. Zool. Station z. Neapel. Bd. V. Taf. 4 Fig. 2, 3, 4 etc.
gß Johannes Frenzel.
halten geneigt sein könnte. Ist es zwar etwas weitmaschiger als
das des ektoplastischen Alveolenwerkes, so wird dessen Bau doch
anscheinend kopiert. Fraglich allerdings miiss es bleiben, ob dieses
entoplastische Netzwerk im Leben präformiert sei. Trotz des mehr
oder weniger flüssigen Zustandes des Plasmas scheint mir dies nicht
so unmöglich; denn 'man kann sich recht wohl vorstellen, dass
dieses aus zahlreichen rundlichen Elementen besteht, von denen jedes
ein flüssigeres Centrum und ein dichteres resp. chemisch diff"erentes
Wandlager besitze. Denkt man sich diese Elemente ferner gegen
einander in gewissem Grade verschiebbar, so wird durch eine der-
artige Struktur die Beweglichkeit des Plasmas in keiner Weise ge-
hemmt. Ausserdem wird gemeinhin das gröbere Fadenwerk daneben
noch als selbständiges Element bestehen.
Als physiologische Eigenschaft müssen wir gerade dem Ento-
plasma einen nennenswerten Grad von Contraktilität zuerkennen.
Bereits oben, als wir von den Bewegungserscheinungen der Salinella
sprachen, wurde der wurmartigen Biegungen, Streckungen u. s. w.
des Körpers gedacht. Diese aber sind nur wieder der Ausdruck von
Kontraktionserscheinungen der Zellen in ihrer Allgemeinheit oder
gewisser Complexe derselben. Man erkennt dann weiter, dass jede
einzelne Zelle die Fähigkeit hat, sich nach allen Dimensionen des
Raumes zu kontrahiren, so dass einer Kontraktion in einer Richtung
eine Dehnung in einer anderen entspricht, da die Zellen hierbei
natürlich ihr Volumen beibehalten. Eine amöboide mit Pseudopodien-
bildung verknüpfte Gestaltsveränderung bleibt jedoch ausgeschlossen,
so dass wir von jeder Zelle sagen können, sie repräsentire in dieser
Beziehung eine Gregarine, oder eine Flagellate oder einer Ciliate,
aber kein Rhizopod.
Ehe das Entoplasma verlassen wird, mögen als negative Be-
funde noch aufgezählt werden: Das Fehlen kontraktüer oder anderer
Vakuolen, das Fehlen kristallisirter Körper, oder das von Stärke,
Paramylon, Paraglycogen etc. Ob Glycogen vorhanden, wage ich
nicht zu entscheiden. Ausser dem Nucleus sind ferner kernartige
Einschlüsse nicht zu konstatieren, alles Befunde, welche eine mehr
oder minder bedeutende Entfernung von den Protozoen doku-
mentieren. —
Wir würden jetzt zur Besprechung des Zellkernes gelangen,
dessen Struktur aber erst weiter unten bei Gelegenheit der Teilungs-
vorgänge erläutert werden möge.
Hier sei nur betont, dass jede Zelle ohne Ausnahme einen Zell-
kern besitzt. Er schwebt fast genau in ihrem Centrum und ist
meist kugelig. Sein Grössenverhältniss zum Zellleib ist ein solches,
dass es als normal angesehen werden kann, d. h. so wie wir es
gewöhnlich in entodermalen Epithelien antreffen. Sein Durchmesser
ist ca. 0,006 mm. In den lebenden Zellen ist er meist gut sichtbar,
indem er je nach der Einstellung des Mikroskops als ein dunkleres
(Fig. 2, 3, 5) oder helleres (Fig. 9) Bläschen hervorleuchtet.
Untersuchungen übei' die mikroskopische Fauna Argentiniens. 87
Ehe die morphologischen Eigenschaften unserer Salinella ver-
lassen werden, mögen hier noch diejenigen angereiht werden, welche
als Aeusserungen von Wachstums- und Teilungserscheinungen
auftreten.
Mehrfach beobachtete ich Individuen unserer Salinella von auf-
fallender Kleinheit, und eine Zählung ergab, dass die Anzahl der
Zellreihen eine geringere war als beim erwachsenen Tiere (vergl.
Fig. 1 und 4). Weitere Messungen Hessen als Bestätigung ferner
feststellen, dass die Zellen der kleinen etwa dieselbe Grösse hatten
wie die der grossen Salinellen. Dann fiel bei den Jugendformen
eine grössere Unregelmässigkeit in der reihenweisen Anordnung der
Zellen auf (Fig. 4), und schliesslich sah man, dass sie von sich
teilenden Zellen hervorgebracht wurde.
Wenn sich eine Zelle teilen will, so streckt sie sich entweder
mehr in die Breite oder mehr in die Länge, worauf sich späterhin
eine mehr quer- oder längsgerichtete Scheidewand bildet, doch so,
dass die Teilungslinie innerhalb einer zur Oberfläche des Tieres
parallel gelegten Ebene in allen Richtungen erfolgen kann,
während eine Teilung nach oben oder unten, d. h. genauer in der
Richtung nach dem Darmlumen zu, niemals erfolgt, wie wir ja auch
nie zwei Zellen übereinander liegend gefunden haben. Eine Mehr-
schichtigkeit und eine dadurch bedingte Abschliessung mancher Zellen,
sei es von der Leibes-, sei es von der Darmwand, wird also sorg-
fältig vermieden, vielleicht um die Gleichwertigkeit der Zellen nach
Möglichkeit zu erhalten.
Noch ehe eine zur Teilung fortschreitende Streckung einer Zelle
erfolgt ist, werden schon am Kern gewisse Veränderungen bemerk-
bar. Dieser ist normal ein rundliches „helles" Bläschen, welches,
im Leben schon erkennbar, mehrere Nucleolen, Kernkörperchen, ein-
schliesst. Sie sind, etwa 3 bis G an Zahl, von einander getrennt
ziemlich gleichmässig im Kernraume verteilt und fallen beim Heben
und Senken des Tubus als helle oder dunkle (Fig. 2, 3, 5, 9)
Kügelchen auf. Wenn der noch frische Kern aus einer zerstörten
Zelle tritt, so gewahrt man weiterhin ,,feinfädige Granulationen" in
ihm , Mitteldinge zwischen kurzen Fädchen und Körnchen
(Fig. 10). Leicht gelingt nun eine Fixirung und Tinktion des Kernes
(Fig. 7). Die Nucleolen sind jetzt kräftig rot gefärbt und liegen in
einem weitmaschigen Fadenwerk, dessen Knotenpunkte gleichfalls
etwas markirt sind. Auch die Begrenzung des Kernes wird durch
diese Behandlung deutlich und kräftig rot gefärbt, so dass sie recht
wohl einen membranösen Charakter, den einer Kernhaut hat. Wir
haben mithin einen Kern vor uns, wie er seltner bei den Protozoen,
um so häufiger aber bei den Metazoen vorliegt.
Die der Teilung vorangehenden Erscheinungen bestehen nun
darin, dass die Nucleolen verschwinden und das Maschenwerk chroma-
tophiler Substanz ein dichteres wird (Fig. 11). Vielleicht hat man
in diesem Stadium des Kernes gleichfalls ein Alveolenwerk vor sich.
88 Johannes Frenzel.
Wenn die Zelle sich nach einer Richtung zu dehnen anfängt,
so geschieht dies auch am Kerne, was man schon während des
Lebens beobachten kann, wo übrigens das Maschenwerk gar nicht
zu unterscheiden ist, sondern dem Kern ein gleichmässig trüb-
glänzendes Aussehen giebt (Fig. 12). Fast gleichzeitig mit einer
Einschnürung der Zelle zeigt sich nunmehr eine solche am Kerne;
und fixirt und färbt man einen solchen, so erweist sich das Maschen-
werk fast noch völlig unverändert (Fig. 8), wie ich dies s. Z. auch
schon am Mitteldarmepithel der CrustaceenO gefunden hatte. Die
einzige unzweifelhafte Veränderung besteht in einer Streckung der
Maschen, so dass sie nun in der Teilungsrichtung lang und schmal
erscheinen, während die membranöse Begrenzung des Kerns das
alte Bild darbietet. Sie wird also, dies sei betont, keineswegs auf-
gelöst. Noch ehe im weiterem Verlaufe sich in der Zelle eine Scheide-
wand bildet, schnürt sich der Kern zu zwei gleichen Hälften ab,
welche auseinanderweichen, worauf sich auch die völlige Trennung
der Zelle vollzieht, die ich leider nicht genauer verfolgen konnte.
Einige wenige Male habe ich hingegen den geschilderten Teilungs-
akt am lebenden Tier verfolgt, öfter aber noch die einzelnen Stadien
für sich angetroffen. Jener mag ca. 5 bis 10 Minuten in Ans[)ruch
nehmen.
Haben wir nun die vorliegende Kernteilung als eine direkte
oder indirekte anzusehen? Scheinbar wohl als erstere, genauer aber
doch als letztere, aber sicher nicht als mitotische.
Als die Karyokinese im Pflanzen- wie Tierreiche fast gleichzeitig
entdeckt worden war, neigte man zuerst der Ansicht zu, dass sie
wohl von allgemeinster Bedeutung sei. Nur wenige hielten an
der von W. Flemming als „direkte'^ bezeichneten Kernteilung fest,
und ich 2) glaube einer der Ersten gewesen zu sein, der sie hartnäckig
verteidigte. Späterhin ist sie ja auch häufig genug konstatirt worden.
Nachdem man aber mehr sein Augenmerk auf die Teilungsvorgänge
bei den Protozoen gelenkt hatte, sind doch, so am Micronucleus der
Ciliaten, allerhand Verschiedenheiten in der Kernteilung festgestellt
worden, welche einerseits den schroffen Gegensatz zwischen den ver-
schiedenen Teilungsarten ausgleichen, andrerseits die Haupt-Unter-
scheidung in eine mitotische und amitotische Teilung nicht mehr
völlig zulassen. Man wird vielmehr, um dies beiläufig zu betrachten,
vielleicht noch einen direkten und einen nicht-direkten Teilungs-
modus anerkennen. Letzterer aber wird wieder in mehrere Gattungen
*) Ueber den Darmkanal der Crustaceen nebst Bemerkungen zur Epithel-
regeneration Arch. f. Mikrosk. Anatomie Bd, 25. s. Taf. IX. Fig. 18, 23,
25 etc,
2) s. Darmkanal der Cnistaceen etc. — 1. c. ferner: Einiges über den
Mitteldarm der Insekten, sowie über Epithelregeneration. Arch. f. mikr. Ana-
tomie Bd. 26 p. 229 if.
Untersuchungen über die mikroskopische Fauna Argentiniens. 89
zerlegt werden müssen, je nach der Umformung, welche die Struktur
des Kernes erleidet, nämlich in einen amitotischen, mitotischen etc^)
In unserem Falle konstatiren wir also erst das Verschwinden
der Nucleolen, dann das Dichterwerden des Maschenwerkes und
endlich seine Streckung. Dies sind Umformungen und keine direkte
Abschnürung mehr. Eine Karyolyse aber haben wir nicht vor uns:
denn die Kernmembran bleibt intakt. — Nennen wir es also eine
nicht-direkte, amitotische Teilung. —
Die Teilung der Zellen ist ein Vorgang, welcher nicht allein
beim "Wachstum eines Tieres von statten geht, sondern auch bei
einer Teilung desselben, womit bereits das Gebiet der Fortpflanzung
betreten wird. Die Aehnlichkeit mit den früheren Erscheinungen
veranlasst uns jedoch, es hier anzufügen.
Mehrmals sah ich auffallend lange Exemplare der Salinella,
welche in der Mitte des Körpers eine ringförmige Einschnürung
trugen (Fig. 9), die bald nur flach, bald aber tief einschneidend war.
Dies Letztere deutete unzweifelhaft auf eine Teilung in ein vorderes
und ein hinteres Stück hin. Ferner bemerkte ich in der Nähe
dieser Einschnürung besonders viel Zellen, welche in der Teilung
begriffen waren. Sie bildeten eine gürtelförmige Zone um den
Körper des Tieres herum. Ihre Teilungserscheinungen weichen in
keinem Punkte von den übrigen sich vermehrenden Zellen ab.
Es gelang mir einmal, eine derartige Salinella eine Zeit lang
zu beobachten und die Halbierung zu verfolgen. Während diese sich
langsam vollzog, wobei der Einschnitt ein immer tieferer wurde,
ging die Teilung der Zellen weiter von Statten, so dass also gleich-
zeitig ein energisches Wachstum platz hatte. Die letzten Stadien,
die eigentliche Abtrennung, Bildung des neuen Mundes und Afters
mit ihren Apparaten, entgingen mir leider. Mund- wie Afteröffnung
entstehen jedoch vermutlich durch Auseinanderrücken der Zellen.
Während der Halbierung bewegen sich die Tiere weiter und auch
die Darmhöhle bleibt gefüllt. Ob aber noch Nahrungsaufnahme
stattfindet, ist mir nicht bekannt. Nach erfolgter Trennung
schwimmen beide Organismen davon. —
Nachdem wir nun eine Uebersicht über die Organisation unserer
Salinella gewonnen haben, konnte eine Reihe von Differenzen zwischen
den verschiedenen Zellen aufgefunden werden, welche etwa zu folgenden
Kategorien führen: I. Bauchzellen; 1) Zellen der Sohle, 2) basale
Seitenrandzellen, 3) untere Afterzellen, 4) Mundzellen, 5) vordere
Polzellen ; IL Rückenzellen; 6) EigentHche Rücken- und Seitenzellen,
7) obere Afterzellen; und schhesslich 8) die, beiden Gebieten an-
gehörigen, in der mittleren Zone liegenden Teilungszellen. Die
Differenzirung dieser Zellen kann mehr oder weniger als Ausdruck
ihrer durch Arbeitsteilung verschiedenen physiologischen Tätigkeit
*) vergl, Jul. Arnold: lieber Teihmgsvorgänge an den Wanderzellen etc.
Arch. f. mikr. Anatomie 1887 Bd. 30 p. 205 ff.
90 Johannes Prenzel.
angesehen werden. Leider nur wissen wir über die letztere nicht
viel zu sagen und dem bereits Mitgeteilten hinzuzufügen. Es wären
jedoch noch zwei Punkte in dieser Beziehung zu prüfen, nämlich
erstens die chemischen Eigenschaften der Zellen und zweitens
ihre Ernährungs Verhältnisse, die uns allerdings auf ein mit
Fragezeichen besäetes Feld leiten.
Hier und da ist bereits die grosse Zerstörbarkeit der Zellen
berührt worden. Leicht lösen sie sich aus ihrem Verbände, und
schnell gehen sie zu Grunde, wobei sie kugelig aufquellen. Da
Ersteres auch bei Wirkung von Druck eintritt, so ist es vielleicht
ebenso gut eine physikalische Erscheinung, wie das Quellen und
Platzen teilweise auch als einfache Imbibition mit Wasser angesehen
werden kann. Die grosse Bedeutung liegt aber darin, dass erstens
die Verbindung der Zellen eine ausserordentlich lockere ist, und dass
zweitens die Zellen überhaupt leicht zerstörbar sind. Dies letztere
beweist eine sehr grosse Aehnlichkeit mit den Ciliaten, die ja auch
auf Reagentien mit einem Zerfliessen antworten. Und wenn wir
unsere Salinella in mehrfacher Hinsicht ein „Entodermtier" nennen
durften, so würde dieser Ausdruck hier nicht mehr ganz passen,
da die nächstähnlichen epithelialen Gebilde im Allgemeinen viel
widerstandskräftiger gegen chemische Einflüsse sind und nicht sofort
bei leisem Druck nach allen Richtungen auseinanderstieben und
zerschmelzen. Dieses Auseinanderstieben kann sogar von hervor-
ragender genealogischer Wichtigkeit sein, indem es die lockere Zu-
sammensetzung unserer Salinella aus einer Anzahl einzelner Ciliaten
nach Art einer Kolonie vermuten lassen würde.
Fässt man nun aber die Ernährungsverhältnisse in's Auge,
so wird allerdings diese Vermutung wieder stark in den Hintergrund
geschoben, und der Charakter der Salinella als ein Entoderm-
oder gar als ein Mittel darmtier tritt von Neuem hervor.
Wir haben bereits gesehen, dass die Nahrung vermöge der
Zirren durch den Mund in das Darmrohr gelangt. Hier muss sie
nun verdaut und resorbirt werden, da eine intrazelluläre
Aufnahme von Nahrungsbestandteilen verneint werden muss. Schon
die langen Zihen würden einem solchen Vorgange im Wege stehen
und wären viel besser durch Pseudopodien ersetzt. Die Zellen
wirken also nicht wie einzelne cihate Organismen, deren Verdauung
ja eine intrazelluläre ist, sondern vielmehr ganz so wie ein Mittel-
darmepithel. Wie aber über der Tätigkeit eines solchen noch ein
dichter Schleier liegt, der uns nur Weniges ahnen lässt, so lassen
sich über die Verdauungsvorgänge bei einer Salinella nur einige Ver-
mutungen äussern.
Es käme nun zunächst in Betracht, ob die aufgenommene
Nahrung überhaupt verdaut werden muss, was mir noch nicht
völlig bewiesen, wenn auch sehr wahrscheinlich vorkommt.
Die Speise der Sahnella scheint eine sehr kärgliche zu sein,
wenn diese bei mir nicht, was man annehmen könnte, unter ab-
UntersuchuHgeii über die mikroskopische Fauua Argentiniens. 91
normen Bedingungen lebte. Ihr Darminhalt bestand ja zum grossen
Teil aus anorganischen Substanzen, nämlich Sandpartikelchen etc.^
untermischt mit stark verwesten Pflanzen- und Tierresten. Aber
die Nahrung vieler Salinenbewohner, wenn nicht gar aller,
sowie zahlreicher anderer Tiere ist eine nämliche. Wovon leben z. B.
die Artemien, die noch einen Salzgehalt des Wassers vertragen, wo
alles Andre zu Grunde geht und keine Vegetation mehr herrscht?
Sie verschlingen den Schlamm und zehren von den spärlich darin
enthaltenen organischen Substanzen. Ebenso lebt auch Branchipus,
Apus, die Regenwürmer etc. Ihre Speise besteht also offenbar aus
Verwesungsprodukten, aus Substanzen, welche möghcherweise
gar nicht verdaut zu werden brauchen. Denn das Prinzip der Ver-
dauung besteht doch darin, die eiweissartigen oder amylumartigen
Nahrungsbestandteile in eine absorbirbare Form zu bringen.
Verwesungsstoffe, die nun z. B. Ty rosin, Leucin, Zuckerarten etc. ent-
halten, Substanzen, welche auch als Verdauungsprodukte erscheinen,
mögen an und für sich schon resorbirbar sein.
Dazu kormnt jetzt noch ein anderer interessanter Umstand,
nämlich der massenhafte Bestand des Darminhaltes der Salinella an
Bacterien, welche übrigens im Darm der salinenbewolmenden
Crustaceen sehr spärlich sind. Neuerdings hat man bekanntlich
angenommen (EUenb erger und Goldschmidt), dass der Speichel
seine fermentative Kraft erst dem Einflüsse gewisser Mikroorganismen
verdanke. Ferner spricht man von einer sekundären Verdauung
im Blinddarm der Wiederkäuer, bewirkt durch eine Zersetzung unter
dem Einfluss von Bacterien.
Wiewohl mir nun zwar scheint, dass man der Tätigkeit lebender
Mikroorganismen keine allzu bedeutende RoUe bei den Verdauungs-
vorgängen zuschreiben darf, um nicht auf die sonderbaren Lehren
eines A. Bechamp^) zu geraten, so können wir doch festhalten,
dass die Salinella ein Bakterien fresser ist, wie etwa eine Vorti-
celle, und dass abgestorbene Bakterien möglicherweise nicht nur
sich selbst verdauen, sondern auch noch zur Verdauung anderer
Organismen beitragen könnten.
Ich bin so ausführlich auf jenen Punkt eingegangen, weil ich
nicht zu sagen vermag, wo das Verdauungssekret im Darm der
Salinella herkommt, wenn ein solches vorhanden ist. Bei Echino-
dermen, Mollusken, bei Artemia etc. sah ich Avenigstens das Aus-
wandern und Platzen von Mitteldarmzellen. Hier, an dieser Stelle,
gelang mir das nicht, womit aber keineswegs behauptet sein soll, dass
hier eine Sekretion nun auch ausgeschlossen sei. Dieselbe könnte
ja recht wohl in unsichtbarer Weise erfolgen, vielleicht als ein
*) Arcliives de Physiologie normale et pathologique, 1882 (No. 7). — Eine
Widerlegung fand sich schon in Comptes rendus de l'Acad. d. sciences XCII
No. 20. (Chamberland und Koux).
92 Johannes Frenzel.
stetiger Austausch zwischen Darm- und Zellinhalt, oder auch als
abwechselnde Sekretion und Absorption.
Indem wir hiermit auf das Gebiet der Absorption gelangen,
können wir nur feststellen, dass alle Zellen ohne Zweifel daran
teilnehmen, denn jede Zelle ragt, wenn auch z. T. nur mit schmaler
Fläche in das Darmlumeu hinein, und jede Zelle muss ferner ernährt
werden. Wie aber diese Absorption oder Aufsaugung geschieht,
entzieht sich noch völlig unserem Urteil, und es lässt sich weiter
nichts vermuten, als dass sie dem gleichen Vorgang bei den Meta-
zoen entspricht. Damit ist aber eine enge, physiologisch und morpho-
logisch begründete Beziehung zu diesen, und ein einschneidender
Unterschied von den Protozoen begründet. Denn abgesehen von
parasitischen Formen, welche sich ihr Leben so bequem eingerichtet
haben, herrscht bei den letzteren ganz allgemein eine intracelluläre
Verdauung und Resorption, zu deren Vermittlung ja allerlei Mund-
und Afteröffnungen am Zellleibe entwickelt sind, von denen an den
einzelnen Zellen der Salinella keine Spur vorhanden ist. Würden
wir etwa die Aufgabe haben, aus einer Anzahl von Ciliaten ein in
der allgemeinen Morphologie mit unserer Salinella ül)einstimmendes
Wesen zu konstruiren, so könnten wir dieselben so aneinanderreihen,
dass innen ein Darmraum mit zuführendem Mund und After übrig
bleibt, wie ja schon in der Achse der Kolonie von Spongomonas
intestinum Cienk. ein kanalartiger Hohlraum bemerkt worden ist.
Dann aber würde doch jedes einzelne Zellindividuum seine morpho-
logische wie physiologische Selbständigkeit im Grunde genommen
bewahren und aus dem Innenraum nach wie vor durch seinen Mund
die ihm zusagende Nahrung in sich aufnehmen. Es müsste, um
zur Salinella zu gelangen, entweder eine ganz ausserordentliche Um-
bildung jener ciliaten Organismen vor sich gehen, oder diese müssten
von Anfang an dem Typus der Opalinen angehören, wobei aber
von Neuem die grosse Schwierigkeit entstünde, aus einem Parasiten
wieder einen rechtschaffen lebenden Organismus umzubilden.
Verlassen wir nun das Mitteldarmtier Salinella und betrachten
von Neuem das Protozoon gleichen Namens, indem wir zur Fort-
pflanzung übergehen. Leider sind mir hiervon nur Bruchstücke
bekannt geworden, welche aber wieder auf eine Aehnlichkeit mit den
Ciliaten im besonderen hindeuten.
Eine Halbierung eines Tieres behufs der Vermehrung finden wir
auch bei Würmern, eine Conjugation mit folgender Engystierung ist
aber typisch für die Protozoen.
Die von mir beobachteten Tiere trugen keine Verschiedenheiten
unter sich zur Schau, namentlich keine, welche auf eine Geschlechts-
differenz hingewiesen hätten. Es kann allerdings sein, dass die
Salinella auch Geschlechtstiere aufweist, welche sich nur nicht in
meiner Zucht entwickelt hatten. Dies würde jedoch an Folgenden
wenig ändern.
Untersucbungen über die mikroskopische Fauna Argentiniens. 93
Mehrere Male sali ich zwei gleichartige Individuen zur Con-
jugation schreiten, indem sie sich zunächst mit ihren Bauchflächen
aneinanderlegten. Natürlich wurde nun die Aufnahme von Nahrung
eingestellt, worauf der Darminhalt allmählich durch den After ent-
leert wurde. Es blieb im Hohlraum somit nur noch eine klare
l<lüssigkeit zurück, welche wohl hauptsächlich aus Salzwasser
bestand. Hand in Hand damit ging eine Contraktion jedes Individuums
in der Längsrichtung, so dass aus jedem eine Halbkugel entstand.
Hiermit hören nun meine unmittelbaren Beobachtungen auf. Weiter-
hin aber fand ich eine Cyste (Fig. 13), in deren Innerem noch
deutlich die beiden Teilstücke, jedes mit seinem Hohlraum zu
erkennen war. Alles Aeussere, wie Cilien, Girren, Borsten etc. war
verschwunden. In den Hohlräumen fiel der trübe Zustand der
Flüssigkeit auf. Die CystenhüUe war sehr derbe, gelbbraun, stark-
glänzend, geschichtet und offenbar sehr fest, ohne äussere Skulptur.
Schliesslich sah ich nun eine ebensolche Cyste, die nun aber
mit zahlreichen gleichgrossen Zellen gleichmässig gefüllt war. Jede
Zelle führte einen Kern, dessen Struktur leider nicht zu erkennen
war, da die dicke Hülle das Untersuchen doch erschwerte (Fig. 15).
Nur kam es mir so vor, als wenn jede dieser Zellen etwas grösser
als die der ersten Cyste war.
Aus diesen Erscheinungen kann der Schluss gezogen werden,
dass im Innern der Cyste eine Zellwucherung eintritt, sei es, dass
die einzelnen Zellen wachsen und dadurch die Hohlräume ausfüllen,
sei es, dass sie sich durch Teilung vermehren. Doch ist das
Letztere kein unbedingtes Erforderniss, denn es könnte auch ebenso-
gut angenommen werden, dass Zellverschmelzungen eintreten.
Denn bliebe die Zahl der Zellen erhalten, so müsste die Cyste deren
etwa 200 besitzen; der optische Schnitt aber hat nur ca. 25 bis 30,
was eine ungefähre Totalsumme von 70 bis höchstens 100 Zellen
ergiebt^). Danach sollte man meinen, dass ihre Zahl um die Hälfte
reduziert sei.
Was nun weiter aus dem Cysteninhalte wird, lässt sich nicht
angeben, und alle meine Bemühungen, ein neueres Stadium zu ent-
decken, scheiterten.
Das Einzige, was anzuführen noch übrig bleibt, sind die Jugend-
formen. Schon Eingangs ist berichtet worden, dass diese zuerst
in meiner Kultur auftraten. Es sind kleine, einzellige Organismen,
jedoch etwas grösser als eine normale Zelle der SalinelJa. Ihre
Gestalt ist die einer Ellipse, welche an einer Längsseite abgeflacht
ist (im optischen Längsschnitt Fig. 14). Die Länge beträgt ca. 0,023,
die Höhe ca. 0,012 mm. Die Bauchtiäche ist gerade so bewimpert,
wie die grosser Salinellen.
') Addiert man zu jenen dreissig, die 16 der beiden nächsten Schichten, dann
die 7 der darauffolgenden und die letzten 2, so ergiebt das 30 + 2 . 16 + 2 . 7
-i- 2 . 2 = 80 Zellen. Freilich ist dies nur eine annähernde Zahl.
94 Johannes Frenzel.
Ebenso ist der Rücken vom Mund bis zum After mit den
nämlichen Borstchen besetzt. Auch eine Pellicula ist wahrscheinhch
und eine Alveolenschicht unverkennbar. Nur die Längsstrichelung
fehlt begründeterweise.
Die üebereinstimmung geht aber noch weiter. Vorn ist nämlich
eine deutliche Mundöffnung vorhanden, die mit Zirren besetzt ist,
und hinten sieht man längere Afterborsten, ohne dass freilich die
Afterölfnung deutlich zu unterscheiden war.
Im Centrum schwebt der kugelige Kern, dessen Struktur aber
eine abweichende ist, womit die Unterschiede von der grossen
Salinella beginnen. Er ist ebenfalls mehr oder weniger bläschenartig,
besitzt jedoch nur einen centralen Nucleolus. Von diesem
strahlen feine, glänzende Radien aus (Fig. 14). Leider hatte ich es
verabsäumt, einen solchen Kern zu fixiren und zu färben. Dagegen
tat ich dies bei zwei anderen Individuen, wo er bemerkenswerter
Weise schon verändert ist. Im ersteren Falle fehlte nämlich ein
deutlicher Nucleolus ; dagegen erwies sich die chromatophile Substanz
sehr dicht gelagert und aus ganz regelmässigen radienartigen Fädchen
zusammengesetzt, welche sich vom Zentrum bis zur Peripherie aus-
spannten, wo sie mit der kräftigen ebenso tingirten Kernhülle zu
verschmelzen schienen (Fig. 16). — Dann fand ich noch einen
anderen, in der Teilung begriffenen Kern. (Fig. 17), der zwei
Sonnen besass. Er war im Schnitt eine Ellipse, und die Zentren
der Sonne lagen etwa in deren Brennpunkten, von wo die Radien
ausgingen, die wohl spärlicher als in dem ersten Kern waren. Als
Grenzscheide zwischen beiden Systemen lag eine nicht tingirte aber
wohl differenzirte Aequatorialebene.
Es liegt hier mithin ein Teilungsmodus vor, welcher dem in-
direkten, mitotischen sehr nahe kommt, ohne doch, wie ich
meine, damit identisch zu sein. Erinnert man sich, dass bei der
reifen Salinella die Teilung eine indirekte amitotische war, so
liegt der bedeutende Unterschied auf der Hand.
Das noch Merkwürdigere an diesem einzelhgen Organismus ist,
dass seine Nahrungsaufnahme eine durchaus intracelluläre ist,
und man wird mir entgegenhalten, hierin liege eine so grosse Ver-
schiedenheit begründet, dass wahrscheinlich das EinzelHge gar
nicht die Jugendform des Vielzelligen sei. Gewiss können wir vor
der Hand diesen Einwurf nicht widerlegen, da alles übrige Beweis-
material in Gestalt von Zwischenformen ausfällt. Auch war ja schon
weiter oben auf die grosse Schwierigkeit hingewiesen worden, aus
einzelligen, intrazellulär verdauenden ein vielzelliges extra-
zellulär verdauendes Tier zu konstruiren. Immerhin könnte man
sich vorstellen, dass unser einzelliger Organismus durch Teilung sich
vermehrend etwa eine Blastosphaere bilde, deren Hohlraum mit
Speise gefüllt würde, dass dann der Mund der einzelnen Organismen
verschwinde, worauf nun das in der Zelle enthaltene Verdauungs-
sekret hinausbefördert, und nach Art eines Parasiten oder einer
absorbirenden Darmzelle die verdaute Nahrung aufgenommen würde.
Untersuchungen über die mikroskopische Fauna Argentiniens. 95
Fr. Eilh. Schulze sagt in seiner Abhandlung: „Zur Stammes-
geschichte der HexactineUiden'V) dass für jeden Anhänger der
Descendenztheorie nach der Durcharbeitung einer Tiergruppe auf
dem Wege der direkten Untersuchung die Aufgabe entstehe, die so
ermittelten Tatsachen zu verwerten für die Phylogenie oder Stammes-
geschichte der betreffenden Abteilung.
Als wir uns in der obigen Mitteilung bemühten, die Natur-
geschichte der Salinella festzustellen, d. h. Alles was sich auf die
Morphologie und Physiologie einschliesslich der Fortpflanzung und
sonstiger biologischer Eigenschaften bezieht, haben wir es nicht unter-
lassen, den Versuch zu einer genealogischen Geschichte der SaUnella
zu wagen. Und wenn auch wir uns bewusst sind, für die so ge-
wonnenen Vorstellungen keine absolute Sicherheit in Anspruch nehmen
zu können, so glaube ich auf diesen Versuch doch desshalb einigen
Wert legen zu dürfen, weil er uns die Berechtigung physiologischer
Anschauungen an phylogenetischen Problemen doch etwas mehr vor
die Augen führt, als manche modernen Descendenztheoretiker zu-
gestehen wollen. Man kann ja Bütschli-) zustimmen, „dass physio-
logische Charaktere bei der Bildung natürlicher systematischer
Gruppen möglichst zu vermeiden sind; dass vielmehr die morpho-
logische Beschaffenheit ausschlaggebend ist." ,,Wenn nun auch „die
Erfahrung häufig genug lehrt, dass gleiche Abstammung und daher
Zusammengehörigkeit sich mit physiologisch differenten Leistungen
sehr wohl verträgt," so wird man doch niemals ausser Acht lassen
dürfen, dass die Tätigkeit eines Organs oder eines Organismus, also
eine Summe von physiologischen Charakteren, einen ganz ge-
waltigen, bestimmenden Einfluss auf die morphologische Gestaltung
auszuüben im Stande ist, und dass diese mindestens zu einem sehr
erheblichen Theil von jenen Charakteren abhängig ist. Wenn man
auf diese letzteren gewöhnlich ein so geringes Gewicht legt, so rührt
das in hohem Maasse wohl von dem Umstände her, dass uns die
morphologischen Zustände in der Tierwelt viel genauer bekannt
geworden sind als die physiologischen Vorgänge, zu deren Er-
forschung unsere Hilfsmittel eben noch unzureichend sind.
Cördoba (Argentinien), d. 1. April 1891.
Zu den Abbildungen.
Die Abbildungen auf beiliegender Tafel sind bei einer Be-
leuchtung hergestellt worden, welche namentlich dort, wo es sich
um Aufnahme plastischer Gegenstände handelt, recht günstige
Resultate ergiebt. Sie wird nämhch erreicht durch eine Com-
bination von durchfallendem und auffallendem Lichte, so aber, dass
ersteres je nach Art des Objektes mehr oder minder abgeblendet
wird. Der Grund erscheint dann sanft abgetönt und die Objekte
*) Abhandlungen der Königl. Preuss. Acadeniie der Wissenschaften zu Berlin
vom Jahre 1887 (ausgegeben am 7. Mai 1887).
'^) Protozoa 1. c. I. Abteil. -Einleitung p. III.
96 Johannes Frenzel.
erhalten ihre natürliche Färbung, Plastik und glänzende Be-
schaffenheit. Feinere Strukturverhältnisse gehen hierbei freilich
verloren, können dann aber in hergebrachter Weise bei durch-
fallendem Lichte untersucht werden. Bei Immersionssystemen lässt
sich leider auffallendes Licht schlecht benutzen, wenn man die ge-
bräuchliche Linsenbeleuchtung anwendet. Dasselbe müsste hier durch
den Tubus senkrecht auf das Präparat geleitet werden, eine Ein-
richtung, über deren Ausführbarkeit mir indessen nichts bekannt ist.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1. Salinella salve. Rückenausiclit, Oberflächenbild. Ausgewachsenes
Individuum. Hinten ragen die Afterborsten hervor. Vergr. = 360
bis 400.
Fig. 2. Dasselbe, Ansicht von der Bauchfläche. Dieselbe Vergr.
Fig. 3. Dasselbe, optischer Längsschnitt in der Rückenansicht, in der Höhe
der Afteröfi'ming. Dieselbe Vergr.
Fig. 4. Jüngeres Individuum ; Rückenansicht. Man sieht mehrere sich teilende
Zellen. Dieselbe Vergr.
Fig. 5. Ausgewachsenes Individuum, optischer Längsschnitt in der Seiten-
ansicht. Man sieht vorn die Mund- und hinten die Afteröifnung.
Dieselbe Vergr.
Fig. 6. Halberwachsenes Individuum. Oberflächenbild der Seitenansicht, mit
einer sich teilenden Zelle. Dieselbe Vergr.
Fig. 7. Normaler Kern, mit Carmin tingirt. Vergr. = 1800.
Fig. 8. Kern in der Teilung begriffen, mit Carmin tingirt. Die Nucleolen
sind verschwunden, das Netzwerk ist etwas lang gezogen. Vergröss.
= 1800.
Fig. 9. Grosses Individuum, in der Mitte sich querteilend Vergr. = 400.
Fig. 10. Normaler Kern aus einer lebenden Zelle, mit mehreren Nucleolen.
Vergr. = 1800.
Fig. 11. Isolirte mit Salpetersäure-Sublimat-Alcohol fixirte und dann mit Carmin
tingirte Zelle. An der Bauchseite erkennt man noch die AVimperung,
darüber in der Zelle, die Alveolenschicht, sodann ein alveolenartiges
Netzwerk ; inmitten desselben den Kern. Oben in der Zelle eine feine
Längsstreifung. Die Intestinalzilien mit Fussstücken. Verg. = 1000.
Fig. 12. Lebende Zelle, in der Teilung begriffen. Vergr. = 1000.
Fig. 13. Encystirung nach erfolgter Conjugation zweier Individuen. Die Darm-
höhle ohne Fremdstoffe, mit einer Flüssigkeit gefüllt. Vergr. = 400.
Fig. 14. Vermutliches, einzelliges Jugendstadium. Kern mit radiärer Stern-
Strahlung. Vergr. = 1000.
Fig. 15. Cyste mit rundlichen gedrängt liegenden Zellen. Vergr. = 400.
Fig. 16. Kern einer einzelligen Jugendform, mit Carmin gefärbt. Vergr. = 1800.
Fig. 17. Ebensoich' ein Kern mit zwei Sternstrahlen und einer ungefärbten
Kernplatte. Vergi-. = 1800.
Beiträge
zur
Kenntiiiss der Botlirioceplialen.
Von
Frdr. Matz, cand. med.
(Aus dem zoolog. Institut Rostock.)
Hierzu Tafel VIII.
Nachdem mit Hülfe der neueren mikroskopischen Technik die
Geschlechtsorgane des Bothriocephalus latus von Sommer und
Landois (Z. f. w. Z 1872, XXII) klar erkannt waren, wurden
längere Zeit hindurch andere Bothriocephalen nicht unter-
sucht. Die verwandten Gattungen Triaenophorus , Duthi-
ersia, Ligula, Schistocephalus , Leuckartia, Abothrium
wurden uns während der Zeit näher bekannt. Erst v. Linst ow
giebt eine eingehende Anatomie von B. rugosus, Monticelli
bringt eine vorläufige Mittheilung über B. microcephalus, und
Lönnberg machte mehrere bemerkenswerte Angaben über B.
punctatus, B. belones (= Ptychobathrium belones Lönn-
berg), Abothrium rugosum Lönnb. (=• B. rugosus Rud'?),
B. infundibuliformis (= B. suecicus Lönnb.). Braun hatte
allerdings vorher schon (in ,,Zur Entwickelungseschichte des breiten
Bandwurmes" 1883) über B. felis und Leuckart (in „Parasiten des
Menschen") über B. cordatus Untersuchungen veröffentlicht; bei
beiden Arten fanden sich aber Avenig Verschiedenheiten von B. latus.
Zschokke bringt in seinen trefflichen Untersuchungen über die
Cestoden nichts näheres über die Bothriocephalis. str. und über-
haupt über die Dibothria Dies. (Pseuduphyllida v. Ben.), ob-
wohl sonst die meisten andern Gattungen berücksichtigt sind. Seine
früheren xingaben über B. infundibiliformis (in Recherches sur
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd. I. H. 1. 7
98 Frdr. Matz:
l'organisation etc. des vers parasites des poissons d'eau douce) sind
wie wir sehen werden, mit Vorsicht aufzunelimen i).
Im Sommer 1890 hatte ich im zoologischen Institut zu
Rostock Gelegenheit, mich unter der Leitung des Herrn Prof. Braun
näher mit der Anatomie der Geschlechtsorgane bei den Bothrio-
cephalen zu beschäftigen; die übrigen Organe wurden wenig be-
rücksichtigt. Material habe ich selbst wenig gesucht, das meiste
fand ich vor, allerdings teilweise nur in einigen wenigen und alten
Exemplaren, welch letzteres jedoch die Richtigkeit meiner Beob-
achtungen nicht beeinträchtigen dürfte, da ich mit der eigentlichen
Histologie mich wenig abgab, sondern auf die topographischen Ver-
hältnisse mein Hauptaugenmerk richtete.
Schon die oben erwähnten Untersuchungen hatten ergeben,
dass mit dem Namen Bothriocephalus Cestoden mit ziemlich
starken Artverschiedenheiten bezeichnet werden, und dass die Ver-
hältnisse von B. latus nicht ohne Weiteres auf die übrigen Bothrio-
cephalen übertragen werden dürfen. Im Folgenden werde ich die-
jenigen Arten zuerst besprechen, die von B. latus nur wenig
verschieden sind.
1. B. hiaus Dies. (Fig. 1—2).
? B. Phocae foetidae Creplin, Observ. pag. 68.
? „ „ „ Dujardin, Hist. nat. des Helm. pag. 613.
Dibothrium hians Diesing, Syst. Helm. I pag. 588 — 9.
„ ,, „ Denkschr. d. Wiener Akad. 12, p. 27,
tab. II 1—20.
Sitz. d. Wien. Akad, 48, 1 p. 238.
Mir standen mehrere Dutzend Bothriocephalen aus dem
Darm einer im Dezember 1887 bei Warnemünde gefangenen
Phoca vitulina zu Gebote. Bis jetzt sind in dieser nur B. vari-
abilis Krabbe und B. tetrapterus v. Sieb, gefunden, üeberhaupt
werden als Parasiten von Seehunden folgende Bothriocephali an-
gegeben: B. hians Dies, in Phoca barbata, Ph. annellata, Leptonyx
monachus; B. cordatus Leuck. in Phoca barbata und Trichechus
nosmarus; B. tetrapterus v. Sieb, in Phoca vitulina, B. antho-
cephalus Rud. in Phoca barbata und cristata; B. antarcticus
Baird in einer nicht bestimmten Phoca -Species; B. variabilis
•) Nach Fertigstellung der Arbeit kamen mir zwei neuere Arbeiten von
Monticelli zu Gesicht, Eleuco degli Elminti studiati a Wimereux nella prima-
vera del 1889, in: Bulletin scientif. de la France et de la Belg., T. 22, pag. 417
bis 444, tav. 22, und : Note elraintologiche in : Bollet. di Soc. di Nat. in Napoli.
An. IX Fase. II pag. 189— 208, tav. 8; in ersterer sind Angaben über B.
belones, in letzterer über B. Wageneri Montic. (= Centrolophi Pom-
pilii Wag.), B. lonchiuobothrium Montic, Anchistrocephalus (Bo-
thriocephalus?) Polypteri Leydig, Pyramicocephalus (Bothri-
ocephalus?) authocephalus Rud.
Beiträge zur Kenntniss der Bothriocephalen 99
Krabbe in Phoca cristata, barbata und vitulina; B. fasciatus
Krabbe in Phoca annellata undhispida; B. elegans Kr. in Phoca
cristata, und B. lanceolatus Kr. in Phoca barbata.
B. tetrapterus, variabilis und fasciatus waren bei der Be-
stimmung der mir vorliegenden Art auszuschhessen wegen der bei
jenen gefundenen, bei dieser fehlenden Zwei- resp. Dreizahl der
Geschlechtsöflhungen in jedem Glied; ebenso war auszuschliessen
B. antarcticus, weil bei diesem Anhängsel an den Grubentiügeln
beschrieben und abgebildet sind, ferner B. anthocephalus wegen
seiner Falten am vorderen Kopfteil, B. elegans und lanceolatus,
soviel aus der unvollständigen Beschreibung Krabbe's zu sehen ist,
wegen ihrer viel kürzeren Glieder (bei ersterem hinterste Glieder
0,2mm lang, beim zweiten an die Gliederbildung von Schisto-
cephalus dimorph us erinnernd). Es konnten, sollte anders die
mir vorliegende Form schon bekannt sein, nur B. cordatus und B.
hians in Betracht kommen. Von ersterem sagt Leuckart (Para-
siten des Menschen pag. 933), dass seine Geschlechtsorgane „kaum
irgend welche typische Verschiedenheiten von B. latus zeigen", was,
wie wir sehen werden, auch von unserer Form gilt. Da aber die
Eier von B. cordatus über V3 mal so lang sind als die Eier der
vorliegenden Art, da sein Cirrusbeutel grösser ist, endlich die Länge
des ganzen Bandwurms ganz bedeutend beträchtlicher ist, so war
auch dieser abzuweisen. Am meisten passte B. hians; die wenigen
Differenzen, die sich zwischen meinen Beobachtungen und den aller-
dings wenigen Angaben, dafür besseren Abbildungen Diesing's
zeigten, hielt ich nicht als zur Aufstellung einer neuen Art genügend.
Diese Differenzen betreffen nur den Kopf, jedoch weniger
dessen Gestaltung als Grösse. Diesing gibt als grösste Länge des
Kopfes 4.5 mm (2 par. Lin.), als grösste Breite 3,4 mm (IV2 par.
Lin.) an; einer der von ihm abgebildeten Köpfe ist jedoch auch
nur 2 mm lang und 1 V2 nim breit. Ich habe als grösste Länge
1^/2 mm, als grösste Breite 2 mm gefunden. Die Köpfe waren alle
erheblich kontrahiert, sodass die Grössendifferenz uns nicht auffallen
kann (bei B. punctatus werden wir sie noch erhebhcher finden).
Bei einigen Exemplaren glich der Scolex sehr dem von B. cordatus
(Leuckart, P. d. M. fig. 394 u. 398), namentlich von der Seite.
Diesing spricht in der Diagnose von einem caput ovale, gibt jedoch
mehrere Abbildungen, in denen der Kopf mehr herzförmig ist. Diese
Form war es, die ich bei meinen Exemplaren am häufigsten traf.
Die Gliederung lässt sich an der Seite schon etwas vor dem hintern
Ende der dorsoventralen Gruben sehen, wie bei B. cordatus (doch
nicht so hoch hinauf wie bei diesem).
Die grösste von mir gefundene Länge des ganzen Bandwurms
war 36 cm (bei Diesing 32 — 48 cm) die grösste Breite bis zu 6 cm
(bei Diesing 7,8 — 9 mm) eine Differenz, die darauf zurückzuführen
ist, dass bei der angewandten Abtötungsmethode (die Tiere wurden
über eine Glasplatte lang ausgestreckt und mit warmen Sublimat
7*
100 Frdr. Matz.
Übergossen) der Bandwurm in toto sich kontrahieren konnte. Dafür
habe ich meistens eine grössere Länge der Proglottiden gefunden.
In einem SöVs cm langen Exemplar waren die letzten 50 Glieder
IOV4 cm lang (also durchschnittlich jedes 2,05 mm lang), die vor-
hergehenden 50 GHeder nahmen 9V4 cm ein; dann IOV4, ^V/g; in
dem übrig bleibenden Anfangsteil von IV3 cm waren ca. 70 Glieder,
also ca. 270 Glieder ein Bandwurm. In einem andern waren
25 Glieder 9 cm lang, also jedes 3,6 mm (bei Diesing höchstens
2V2 nim). — Wie Diesing fand ich ein geteiltes Hinterende, bei
andern noch intakten keine sterilen Hinterglieder.
Die Geschlechtsorgane (cf. Fig. 1) zeigen wie gesagt keine
typischen Verschiedenheiten von B. latus. Ich brauche nur auf ge-
ringe Einzelheiten einzugehen. Ich fand jederseits ca. 170 — 200
(also im ganzen bis 400) ziemlich kugelrunde, 90 ,u grosse Hoden
(durchschnittlich auf dem Sagittalschnitt 19, auf dem Querschnitt
8 — 9), also weniger wie bei B. latus. Die angefüllten Schlingendes
Vas deferens füllten die Zwischenräume zwischen den Uterusschlingen
vollkommen aus; eine ziemlich muskulöse Vesicula seminalis nimmt
das Vas deferens auf, das dann mit teils engen, teils weiten Schlingen
den Cirrus durchzieht. Dieser ist 0,487 mm lang und 0,312 mm
breit. Die Dotterstocksbläschen waren teils einzeln, teils mehre mit-
einander verschmolzen, doch Hess sich die Zahl auf ca. 3000 be-
stimmen (quer ca. 7G, sagittal ca. 40). Ihre grösste Breite ist
56,6 fji, grösste Länge 113 fi. Der von der Ventralfläche kommende
einfache Sammelgang hat dicht vor seinem Ende nur sehr selten und
dann auch nur in geringem Masse jene bei B. latus bekannte starke
Anschwellung, die als Dotterreservoir dient. Das Verhältnis der
Länge des Keimstocks zur Breite ist ca. 4 : 11 (bei B. latus ca. 1 : 2),
eine Difierenz, die nicht auf verschiedene Kontraktionszustände zu-
rückzuführen ist, da ja bei den ganzen Proglottiden ein umgekehrten
Verhältnis herrscht (bei B. latus kürzere Plaglattiden im Verhältnis
zur Breite als hei B. hians). Aus dem nach hinten sehenden,
Mo nie z' sehen Pavillon geht nach hinten und dorsal der Germidukt
hervor, der bald die Vagina aufnimmt. Erst kurz vor der Um-
biegungsstelle nach vorn und nach der Seite tritt der Dottergang in
den Germidukt. Dort sieht man auch die nur sehr schwach ent-
wickelte Schalendrüse, die bei weiten sich nicht so hervorhebt wie
bei B. latus, sondern nur aus spärlichen, etwas länglichen Drüsen-
zellen besteht. Die Uterusschlingen verlaufen im grossen und ganzen
wie bei B. latus, nur habe ich meistens 6—7 grössere Schlingen
auf jeder Seite gefunden, falls hierauf Gewicht zu legen ist. Die
Vagina steigt dicht vor der männlichen Oeffnung, beide von einem
deutlichem Papillarfelde umgeben, zuerst grade nach der dorsalen
Fläche auf, biegt dann häufig erst um die Vesicula seminalis um und
bildet, wieder ventral geworden, parallel der Proglottisfläche einige
Schlingen (die bei B. latus sich fast gar nicht zeigen), und verläuft
endlich in leichten Biegungen nach hinten, dort gerade dorsal vom
Pavillon in ein weites Receptaculum seminis sich ausbuchtend, aus
Beiträge zur Kenntniss der Bothriocephalen. |01
der ein enger Kanal in den Germidukt führt. — Die Eier sind
59,2 iJ, lang und 38,2 /j, breit.
Der Seitennerv liegt an der bei B. latus bekannten Stelle,
nach aussen von den Wassergefässen, die ich jederseits doppelt an-
traf, zwischen Nerv und Mittelfeld, und zwar selbst in den älteren
Proglottiden ohne deutlich verschiedene Weite. Die Längsmuskeln
sind wie bei B. latus zu Bündeln vereint. Geschichtete Kalk-
körperchen sind in viel grösserer j\Ienge als bei B. latus verbreitet,
in der Rinden- und Parenchymschicht, im Mittel- und Seitenfeld.
Sie erreichen eine Grösse bis zu 26,2 /i.
2. B. ditremus Creplin.i) (Fig. 3— 6.)
Bothrioceph. ditremus Creplin, Observ. pag. 65 u. Nov. Observ.
pag. 83.
MehHs, Isis 1831 pag. 191.
„ „ Dujardin, Hist. nat. d. Helm. pag. 613.
Dibothrium ditr. Diesing, Syst. Helm. I pag. 594 — 5.
,, „ „ Sitz. d. Wiener Akad. 48, 1, pag. 241.
Bothr, ditremus Sograff, Bericht der kaiserl. Gesellschaft der
Freunde der Naturw. in Moskau etc. Bd. 23,
1877, russisch geschriebene Abhandlung über
die Kopfmuskeln der Bothriocephalen, pag. 21
bis 28, Fig. 35 Abbild, vom Scolex.
Von den 3 mir zu Gebote stehenden Exemplaren, im Dez. 1887
im Darm von Colymbus septentrionalis (Warnemünde) gefunden,
war das längste 12,9 cm lang mit ca. 110 Proglottiden. Der Scolex
(Fig. 6) ist etwas weniger als bei B. hians vom Körper abgehoben,
jedoch bei weitem nicht so wenig wie bei B. latus. Die grösste
Breite beträgt 1 mm (von der Seite), Länge IV»; mm, Dicke (von
der Fläche) Va ^^^- Vorn erhebt sich bei einem Exemplar ein ganz
kleiner spitzer Buckel, die beiden andern waren vorn ziemlich rund.
Die beiden dorsoventralen Gruben laufen nicht ganz so allmählich
wie bei B. latus aus. Creplin fand coUum depressum utplurimum
capite brevius et cum hoc continuum; ich bemerkte die Gliederung
schon am Ende der Gruben. 15 mm hinter dem Kopf sind die
Proglottiden IV4 — 2 mm breit, ^/^^ mm lang. Im mittleren Teile
nehmen 20 Proglottiden 34 V2 mm ein, im hinteren 40 V2 nim; die
') V. Linst ow gibt in seinem .,Compendium" als Autoruamen Diesing
au, wohl (ladurcli veranlasst, weil dieser den Gattungsnamen in Dibothrium
umändert und seinen eigenen Namen als Autornamen hinzufügt (im Systema
heim.). Da man jetzt von der Bezeichnung Dibothrium aligemein Abstand
genommen hat, so muss der erste Autorname beibehalten werden; darnach
ebenfalls wieder aufzunehmen: B. dentriticus Nitzsch B. fissiceps CrepL,
B. labracis Dujard. (statt Dies.). B. belones will Lönnberg aller-
dings in Ptychobothrium belones umwandeln.
102 Frdr. Matz.
längste mass 2V4niin; die grösste Breite war 2V3rain; die hinterste
Proglottis war gegabelt.
Schon 15 — 16 mm hinter dem Kopf findet man beschalte Eier
(58,6 fx lang und 35,5 /» breit). Die Geschlechtsorgane sind ganz
nach dem Typus von B. latus gebaut. 101 (Jb grosse Hoden sind
ungefähr an 380 — 390 in jeder Proglottis (auf dem Querschnit ca.
18, auf dem Sagittalschnitt ca. 20); im Mittelfeld findet man sie
auch und zwar im Vorderteil jeder Proglottis; der Cirrus ist nämlich
überall etwa V5 der Proglottislänge vom vorhergehenden Gliede
entfernt, und den dadurch entstehenden Raum nehmen in dem
Mittelfeld Hoden ein, ca. 24. Der Cirrus ist 282 /» lang und 164 [i,
breit ; das denselben durchlaufende Vas deferens ist stark geschlängelt.
Dotterstocksbläschen sind ca. 3000 vorhanden (sagittal ca. 43, quer
ca. 36); sie sind von ovaler Form, 90,9 p lang und bis 54,5 /.i
breit. Ein meistens sehr stark gefülltes Dotterreservoir ist eben-
falls hier vorhanden. Der Keimstock sendet nach vorn zwei Hörner
(Fig. 4), die hintern Flügel vereinigen sich bisweilen hinten in
der Mitte, so ein umschlossenes Feld bildend, in welchem, von der
Fläche gesehen, die Vereinigung der Geschlechtsgänge stattfindet.
Die Schalendrüse ist auch hier nur wenig ausgebildet. Die Vagina
ist im Anfangsteil nicht so geschlängelt wie bei B. hians; auch
hier findet sich ein ziemlich weites Receptaculum seminis. Uterus-
„hörner" waren jederseits bis 7 vorhanden. — Auf etwas vielleicht
nicht Unwichtiges will ich noch aufmerksam machen. Bei allen
Proglottiden, die ich daraufhin untersuchte, sowohl von B. hians,
als auch von B. ditremus und dem folgenden B. dendriticus (cf.
Fig. 1, 4, 7) fand ich, dass, wenn die Vagina von der rechten Seite
aus in den Germidukt mündete, dam an der Uterusmündung die
Vagina zur linken vorbeizog, und umgekehrt: wenn von der linken,
dann rechts vorbei. (Die Einmündung der Vagina in den Germidukt
ist jedoch nicht regelmässig abwechselnd rechts und Knks, sondern
ganz unregelmässig abwechselnd). — Auch bei B. ditremus sind
deutliche Papillen um die Geschlechtsöffnungen vorhanden.
Nerv und Wassergefäss haben dieselbe Lage wie bei B. latus,
auch die Muskulatur ist dieselbe, nur dass ich die Längsmuskeln
gar nicht oder sehr wenig zu Bündeln geordnet antraf.
3. B. dentriticus Nitzsch. (Fig. 7—8).
Bothr. dentriticus Nitzsch, Ersch und Gruber Encycl. 12, pag. 97.
„ „ Creplin Nov. Observ. pag. 86.
Dibothr, denditricum Diesing, Syst. Helm I pag. 586 — 7.
„ „ „ Sitz. d. Wiener Akad. 48,1, p. 236.
Mir stand ein ca. 42,5 cm langes kopfloses Exemplar, noch von
Creplin herrührend, mit der eigenhändigen Bezeichnung: B. di-
tremus aus Larus canus zu Gebote. Bis jetzt sind in der Litteratur
als Wirte von B. ditremus ausser 2 Mergusarten und Colymbus
septentrionalis nur Larus argentatus angegeben, während in 3 übrigen
Beiträge zur Kenntniss der Bothriocephalen. 103
(so auch in Lariis canus) der von Nitzsch B. denditricus genannte
Cestode gefundenen wurde. Dass ich es ebenfalls mit dieser Art zu
thun hatte, dafür zeugte nicht nur die Grösse des Tieres, die mit
der früher gefundenen (10,5 — 40,6 cm) übereinstimmt, sondern auch
namentlich die Eigentümlichkeit, die dem Tiere den Namen ,,dentri-
ticus" gebracht hat, in den reifen Gliedern bildet nämlich der Uterus
,,eine schöne dendritische Figur" (Nitzsch). Creplin erwähnt aus-
drücklich dies bei B. ditremus nicht bemerkt zu haben. Was den
Umstand anbetrifft, dass von Nitzsch bothria marginalia^ angegeben
') Marginale Gruben kommen wahrscheinlich bei keinem Bothriocephalus
vor. Leuckart (Paras. d. M. pag. 864) vermutet dies ebenfalls. Lönnberg
gibt ihnen bei seiner Diagnose direkt dorsoventrale Gruben, ohne jedoch der
Frage näher zu treten. — Angegeben sind marginale Gruben von Rudolphi in
seiner Entoz. Hist. für alle ihm bekannten Bothriocephalen s. str., für die er
überhaupt die Grubenlage angibt (mit Ausnahme von B. rugosus), nämlich für
B. claviceps, proboscideus , infundibuliformis, granularis, fragilis, punctatus,
rectangulus, in seiner Synopsis für B. crassiceps, von Bremser für B. latus,
von Creplin für B. fisscieps, von Nitzsch für B. dendriticus, von delle Chiaje
für B. gracilis, von Duj ardin für B. belones, von Mol in für B, sulcatus und
longicoUis, von Leidy für B. speciosus, von Olsson für B. angusticeps. Von
diesen 17 sind bis jetzt schon 9 als mit dorsoventralen Gruben versehen erkannt,
nur von B. sulcatus, longicollis, dendriticus, fissiceps, speciosus, angusticeps,
crassiceps, gracilis ist dies noch nicht erwiesen, sie sind überhaupt (mit Aus-
nahme von B. crassiceps) nicht wieder gefunden und deshalb nicht wieder unter-
sucht worden. B. sulcatus und longicollis haben einen langen Hals, sodass
leicht Irrtum möglich gewesen ist (wie bei B. latus). Der von Mol in und
Wagen er abgebildete Kopf von B. crassiceps hat meiner Ansicht nach dorso-
ventrale Gruben, wie sie auch F. S. Leuckart direkt angibt und abbildet. Die
Abbildung von B. gracilis, die delle Chiaje geben soll, habe ich nicht gesehen,
doch wird bei dieser kleinen „4 Linien langen und '/^ Linien breiten" Form
Irrtum auch nicht auszuschliessen sein (vielleicht ist sie larval, da sie im Darm
eines Oktopoden, Loligo vulgaris, gefunden wurde». Dasselbe möchte von dem
„Vj Linien langen, Vio Linien breiten Kopf des IV2 Zoll langen" B. speciosus
gelten, von dem Leidy keine Abbildung bringt. Von B. angusticeps bildet
Olsson das einzige Exemplar, das er unversehrt, mit Kopf erhielt, ab, jedoch
kann man an ihm auch nicht mit Bestimmtheit marginale Gruben erkennen, da
eine Drehung in den vordersten Proglottiden vor sich gegangen zu sein scheint.
Das ist auch vielleicht zur Erklärung der Angaben über B. fissiceps und B.
dendriticus anzunehmen; von beiden liegen jedoch keine Abbildungen vor.
Ersterer ist nur in einigen („aliquot") intakten Exemplaren von Creplin (in
Sterna hirundo) gefunden. Als Erklärvmg überhaupt für die irrtünilichen An-
gaben ist auch wohl anzunehmen, dass die 4 Flügel der dorsoventralen Gruben
stark nach der Seite gekrümmt vorgefunden werden können, wenn zufällig in
diesem Kontraktionszustande abgetötet wurde, sodass dadurch allerdings leicht
marginale Gruben voigetäuscht werden, namentlich wenu der Kopf wenig abge-
setzt und der Hals lang ist, respektive die ersten Glieder wenig breit sind.
Man beachte auch Diesing's Diagnose für B. folium: bothria in capite margi-
nalia, spectato corpore lateralia.
104 Frdr. Matz.
sind, so konnte ich dies natürlich bei meiner kopflosen Form weder
bestätigen noch zurückweisen. Am Anfang derselben, es mochten
höchstens 2 cm davon fehlen, zeigte sich schon die Gliederung
(Nitzsch gibt an, dass der Hals 2—3 mal so lang als der Kopf war).
Im ganzen zählte ich 307 Proglottiden. Die ersten 130 nahmen
6V4 cm ein, die vordersten von diesen waren ^/^ mm, die letzten
6V4 mm breit. Etwas weiter nach hinten fand ich die grösste Breite
von 71/4 mm, bei einer Proglottislänge von P/.i mm. In der Mitte
massen 50 Glieder 11 cm, die ersten von diesen waren 1 mm, die
letzten 5 mm lang. In den letzten 15 cm waren die längsten
Proglottiden bis 6 mm (IV2 — 2 mm breit), hier auch erst war die
erwähnte Uterusform zu sehen.
In den Geschlechtsorganen (cf. Fig. 7 u. 8) wiederholt sich der
Typus von B. latus. Es finden sich ca. 470 Hoden, die 94,5 ^m gross
sind; ca. 30 von ihnen finden sich in dem Räume zwischen Cirrus
und vorhergehender Proglottis im Mittelfeld, der auch hier grösser
ist als bei B. latus, aber kleiner als bei B. ditremus (selbst bei
den längsten hintern Gliedern nur etwas über 1/3 der Praglottislänge,
gewöhnlich nur 1/5 derselben). Samenblase und Schlängelungen des
Vas deferens durch den 327 (i breiten und 409 n langen Cirrus sind
wie bei B. ditremus, ebenso die Grösse der Dotterstocksbläschen, von
denen jedoch nur ca. 2200 vorhanden sind, und die ausser im Seiten-
felde auch an der Grenze zweier GHeder im Mittelfelde liegen, was
ich unter den nach dem Typus von B. latus gebauten nur noch
bei B. ditremus fand. (In Schistocephalus dimorphus fand
Kiessling (Archiv f. Naturg. 1882, Bd. 48) sie sogar über das ganze
dorsale Mittelfeld und den grössten Teil des ventralen verbreitet).
Ihre beiderseitigen Sammelgänge buchten sich bei ihrer Vereinigung
stark aus; der Hauptsammeigang bildet kurz vor der Einmündung
in den Germidukt ein weniger weites Dotterreservoir. Die bei voriger
Art erwähnten vorderen Ausläufer des Keimstockes sind hier nicht so
stark ausgebildet, die hintern Flügel nähern sich einander zwar sehr,
eine Vereinigung aber habe ich nicht bemerkt. Die Schalendrüse ist,
wenn auch nur schwach entwickelt vorhanden Vagina mit Recepta-
culum seminis, dessen enger Ausführungsgang sich in den ziemlich
langen Germidukt ergiesst. Von Uterus konnte ich bei den geschlechts-
reifen Gliedern nur die zwei letzten Drittel genau verfolgen, soweit
wie Fig. 7 zeigt, doch scheinen dieselben Verhältnisse wie bei B.
ditremus vorzuUegen. Bei den ältesten GKedern geht die bei den
mittleren, allerdings nicht so schön wie bei B. latus sich findende
Rosettenform dadurch verloren, dass die Länge der Proglottis auf
Kosten der Breite grösser wird, ein Vorgang, dem auch der Uterus
folgen muss; die Schlingen werden dadurch mehr von einander ent-
fernt. Deutlich nahm ich ihrer jederseits 8 — 9 wahr (Fig. 8).
Sonst wie bei B. ditremus.
Beiträge zur Kenntniss der Bothriocephalen. 105
4. B. punctatus Rud. (Fig. 9—12).
Bothrioceph punctatus Rudolphi, Ent. Hist. III pag. 50, Synops. pag.
138 u. 475.
„ ,, F. S. Leuckart, Zool. Brachst. I, pag. 40 u. 64,
tab. 1 fig. 16, tab. 2 fig. 40.
Nitzsch, 1. c. pag. 97.
Draramond, Charlesw. Mag. of nat. hist. II,
pag. 574.
Eschricht, Isis 1839, pag. 344.
Nov. Act. IXX Suppl. II, pag. 77ii. 59,
tab. III fig. 17—28.
Siebold, Wiegmanns Arch. 1842, 2, pag. 306.
Dujardin, 1. c. pag. 617
Bellingham, Ann. of. nat. hist. 14, pag. 254.
V. ßeneden, Bullet. Acad. Belg. 16, 2, pag. 278.
„ Mem. „ ,, 15, pag. 161
tab. 21.
„ „ Spen. Cobbold, Transact. Linn. Soc. 22,
pag. 157.
Dibothr. punctatam Diesing, Syst. Helm. I, pag. 593 — 4 (hier auch
die Litteratur vor Riidolphi aufgezählt).
„ „ Diesing, Sitz. d. Wien. Akad. 13, pag. 579.
„ „ Leidy, Proceed. Acad. Philad. VII, pag. 444, VIII,
pag. 46.
„ „ Molin, Denkschr. d. Wien. Akad. 19, pag. 235. .
„ „ Diesing, Sitz. ,, „ „ 48, pag. 240.
Bothrioceph. punctatus Sograff, 1 c. fig. 7 11.
,, ,, Nieniiec, Untersuchungen über das Nerven-
system der Cestoden, Aus dem Zool. Institut
Wiens VII, tab. I fig. 4 (Scolex).
„ ,, Carus, Prodr. Faunae Med. pag. 120.
,, ,, Lönnberg, Bidrag tili kännedomen om i Sverige
förekomandeCestoder, in: Bihang tili k. svenska
vet Akad. Handl. B. 14, Afd. IV, No. 9, pag.
32—34.
„ „ Monticelli, Elenco degli Elmenti studiati
a Wimereux nella primavera del 1889, in:
Bullet, seient. de la France et de la Belg.
T. 22, pag. 428.
Das Material rührte her aus mehreren im Jahre 1888 bei
Warnemünde gefangenen Exemplaren von Cottus scorpius und
aus Rhombus maximus (unbek. Herkunft).
lieber das Aeussere ist schon genügendes bekannt. Die
wechselnde Länge des Kopfes erwähnt namentlich Niemiec; ich fand
sie von fast 3 mm (aus Rhombus max.) bis % ™i^ (^^^^ Cottus
106 Frdr. Matz.
scorphis), jedoch ist daraus nicht auf verschiedene Arten zu schliessen;
meistens ist der Kopf etwas breiter als der Anfangsteil der Strobila;
auf Querschnitten durch seinen hintern Teil sieht man an der Seite
schon den eigentlichen Bandwurmkörper, ungefähr vom letzen Drittel
des Scolex an (Fig. 10 A u. B). Das hintere Ende der Gruben
ist meistens nicht geschlossen, beide Flügel enden frei. — Je nach
dem Kontraktionszustande findet man schmale oder breite, quadratische
oder sehr kurze Proglottiden, letzeres sogar in dem Masse, dass
Lönnberg sie als ,,rugosae'' bezeichnen konnte.
Das Charakteristischte dieser Form ist die Lage der männlichen
und weiblichen Geschlechtsöfiiiung auf der einen, der Uterusmündung
auf der andern Fläche. F. S. Leuckart schon sah in der Mitte
der grösseren Glieder an den Ovarien (wofür er den Uterus hielt)
ganz kurze aber deutliche Zäpfchen; ,, gewiss männliche Geschlechts-
teile." Diesing sagt in Syst. Helm: aperturae genitales, feminea et
mascula, in articuli singuli latere oppositae. v. Beneden hat das,
was man an Totalpräparaten sehen kann, ziemlich genau abgebildet,
doch manches falsch gedeutet. Die eng zusammenliegenden Schlingen
des Vas deferens hielt er für den Hoden, das Dotterresevoir für die
Dotterdrüse selbst; er sagt, dass er den Uterus sich habe entleeren
sehen, fügt aber nicht hinzu, wo dessen Mündung liegt, sodass man
schliessen muss, dass er alle 3 Oeffnungen als auf einer Fläche sich
befindend annahm. Wohl infolgedessen gibt Diesing in Sitz. d.
Wien. Akad. 1. c. nur aperturae genitales laterales an; ebenso auch
Olsson; erst bei Lönnberg finden wir aperturae genitales ventrales,
medianae, apertura uteri dorsalis.
Es sind ca. 76 Hoden vorhanden, die nur 40,8 f.i gross sind,
also viel weniger und kleiner als bei den vorigen Arten. Das aus
ihren Ausführungsgängen hervorgehende Vas deferens liegt nicht
median, sondern seitlich vom Cirrus und zwar unregelmässig ab-
wechselnd rechts und links (z.B. rechts, r. , r, 1, 1., r.). In noch
nicht mit Eiern gefüllten Gliedern (Fig. 12) nimmt es einen
ziemlich umschriebenen Platz von ovaler Form ein, der vor der
Fläche gesehen, ungefähr drei mal so lang ist als der Cirrusbeutel
und zwei mal so breit. Bei älteren ist es etwas weniger zusammen-
gedrängt, bis an oder unter den Uterus und Keimstock gezogen. Der
Cirrus ist ziemlich klein, höchstens bis 100// lang und ^/2 mal so
breit; eine Samenblase ist nicht vorhanden, das zuletzt enger
gewordene Vas deferens geht direkt in den Cirrus hinein und zieht
mit wenigen Windungen durch dasselbe hindurch, um median auf
der Fläche zu münden Dotterstockbläschen gibt es hier im Gegen-
satz zu den vorigen Arten wenig, ca. 490 (auf dem Querschnitt
ca. 70, auf dem Sagittalschnitt ca. 7); sie sind teils rund, teils oval;
wenn das erstere, so ist ihr Durchmesser 30 — 40//; wenn oval, so
sind sie länger, aber weniger breit. Auf der LTterusöffnungsfiäche
ist eine schwache Verbindung zwischen den Dotterstockbläschen der
einen mit der andern Seite; nicht so auf der andern Fläche. Fast
in jeder Proglottis, nach hinten in der Nähe des Eierstocks, findet
Beiträge zur Kenntniss der Bothriocephalen. 107
man einen Dotterstocksfollikel sehr viel mal grösser als die übrigen
(cf. Fig. 9). Es ist immer der am meisten nach der Mitte be-
findliche, und zwar entweder ventral oderdorsal, rechts oder links,
ganz unregelmässig abwechselnd. Die Vereinigung der Ausführungs-
gänge zu einem einzigen geschieht nicht schon im Rindenteile,
sondern kurz vor dem meist stark gefüllten Dottersack, der
mitten im Parenchym dorsal vom Keimstock gelegen ist, es kommen
von der dorsalen und ventralen Fläche, von rechts und links
die schon etwas stärkeren Kanälchen zusammen. Der Keim-
stock ist, von der Fläche aus gesehen, ziemlich bisquitförmig, von der
Seite aus schwach nach der Genitalöffnungsfläche gebogen (Fig. 9)
und an beiden Enden und in der Mitte verdickt. Aus der Mitte
geht der Germidukt nach der Genitalöfinungsfläche und etwas nach
vorn, wendet sich dann gleich nach der Seite um und bildet eine
starke Erweiterung, aus der ein enger, ganz kurzer Gang in die
eng daran liegende Erweiterung der Vagina mündet. Die Vagina
zieht von ihrer äussern Mündung dicht an den Cirrus in ganz
wenigen Biegungen nach der Uterusfläche hin, geht vor dem Germi-
dukt vorüber und bildet dann die erwähnte Erweiterung, die nicht
als Receptaculum seminis, sondern als Vereinigungsstelle von Sperma
und Ei aufzufassen ist. Der Germidukt geht von hier nach der
Genitalöffnungsfläche, dann nach der Seite, wo er gleich darauf den
aus dem Dottergang hervorgehenden Kanal aufnimmt, ist hierauf
von wenigen Schalendrüsenzellen umgeben, zieht nach der Uterus-
fläche und von da nach der andern Seite und bildet hier einige
Schlingen, die wenig nach der andern Seite hinüberreichen. Dann
mündet er in einen schon bei jungen Proglottiden vom übrigen Teil
des Eihälters abgesetzten Raum, den man als eigentliche Uterus-
höhle bezeichnen kann. Aus dieser geht eine OfPnung nach der
Fläche, die der Cirrusmündung entgegengesetzt ist. Bei jungen,
nicht kontrahierten Gliedern liegt diese Hölile (^Fig. 12) im vorderen
Teil und deckt den in der Mitte oder noch weiter nach hinten ge-
legenen Cirrus nicht, der Uterusgang macht eine einzige Biegung
nach der dem Vas deferens entgegengesetzten Seite. Später wird
der Uterussack durch die Füllung immer grösser und kann bis zum
Ovarium hinanreichen.
Es ist noch die Frage zu erörtern, ob die Uterusöflhungs- oder
Geschlechtsöffnungsfläche.. mit derjenigen zu vergleichen ist, welche
bei B. latus die drei Offnungen trägt, ob also der Uterus oder
der Cirrus ventral mündet. Lönnberg nimmt das letztere an,
ebenso für B. belones (Ptychobothrium belones Lönnberg). Aber
man muss berücksichtigen, dass der Keimstock bei B. latus ventral
liegt, hier bei B. punctatus müsste er nach Lönnberg's Meinung
dorsal liegen, da er nach der Uterusfläche hin sich befindet. Bei
B. latus geht der Germidukt dorsal, liegt die Schalendrüse ebenfalls
dorsal, und der Nerv sowie das Wassergefäss , wenn nicht in der
Mitte, so etwas mehr ventral; hier aber liegen Germidukt und
Schalendrüse nach der Cirrus-, Nerv und Wassergefäss nach der
108 Frdr. Matz.
Uterusfläche. Man berücksichtige auch, dass bei denjenigen Bothrio-
cephalen, bei denen marginale Geschlechts- und flächenständige
Uterusöflhung bekannt sind, diese letztere als ventral bezeichnet
wird, auch von Lönnberg. Von der verwandten Gattung Triae-
nophorus zeigt die früher allein bekannte Art Triaenoph. nodu-
losus dieselben Verhältnisse, bei den von ihm selbst gefundenen
und benannten Triaenophorus anguillae (aus Anguilla vulg.)
fand Lönnberg entgegengesetzte Mündungen und bezeichnete auch
hier wie bei B. punctatus die Uterusöffnung als dorsal. Soviel
sieht man, dass die Uterusöffnung immer flächenständig ist und
nur die Geschlechtsöffaungen ihren Platz wechseln, wenigstens von
der Fläche nach der Seite. Warum nimmt man nun nicht an,
dass sie von der einen Fläche um den Rand herum nach der andern
wandern? Bei den Trematoden findet man (meistens) dorsale
Vaginal- und ventrale Uterusöffhung (und allerdings auch ventralen
Cirrus). Der Vergleich liegt doch näher, dass auch bei einigen
Cestoden dorsale Vagina (und allerdings auch Cirrus) und ventrale
Uterusöffnung vorhanden ist. Phylogenetisch müsste man dann bei
den Cestoden ein Wandern der Begattungsöffnungen von der dorsalen
Fläche nach dem Rande und von da nach der ventralen Fläche an-
nehmen.*)
Die Eier sind 57,2 fi lang und 39,4 /*. breit. Die Längsmuskeln
sind zu stärkeren Bündeln vereinigt. Kalkkörperchen fehlen.
5. B. clayiceps ßud. (Fig. 13—16).
Bothrioceph. claviceps Rudolphi; Ent. Hist. III, pag. 37, Synops.
pag. 136 und 472.
F. S. Leuckart, 1. c, I, pag. 49, tab. II, flg. 28.
Nitzsch, 1. c, 12, pag. 97.
,, Dujardin, 1. c, pag. 618.
BelHngham, 1. c, XIV. pag. 25.
„ Siebold, Lehrb. d. vergl. Anatomie, pag. 147.
*) Saint Remy (Revue biologiqiie du Nord de la France 1890, No. 7,
pag. 249-260) fand in Caryophyllaeus mutabilis männliche und weibliche
Geschlechtsöffnungen auf einer Fläche und den Uterus durch einen kurzeu
engeren Kanal mit der Vagina nicht weit von ihrem Ende verbunden. Diesen
Canalisutero-vaginalis hält er für das Ende des Laurer'schen Kanals und den
Uterus und Ovidukt für dessen grösseren Teil (pag 257). Die Thatsache selbst
kann ich nach den von mir verfertigten Präparaten bestätigen, Saint Remy
scheint sich aber in der Funktion des Laurerschen Kanals zu irren. Da ich
auch bei dieser Form die Vagina zwischen Keimstock und Genitalöffnungsfläche
vorbeiziehen sehe, feiner auch die Schalendrüsenzellen mehr nach dieser Fläche
hin antreffe (um den ersten Teil des Ovidukts, während Saint Remy sie erst
um den eigentlichen Uterus bemerkte), so sind vielleicht auch hier dorsale
Geschlechts- (und zugleich Uterus-)Oeffnungen anzunehmen, oder wenigstens ist
die Sache so zu erklären, dass sie auf derjenigen Fläche münden , welche der
bei B. latus als Geschlechtsöffmuigsfläche bekannten entgegengesetzt ist; man
muss sich nämlich bei den, wie mir scheint, radiär gebauten Cestoden von einer
streng durchgeführten Anwendung von dorsal und ventral hüten.
Beiträge zur Kenntniss der Bothriocephaleii. 109
Dibothrium claviceps Diesing, Syst. Helm. I, pag. 589 (hier auch die
Litteratur vor Rudolphi aufgeführt).
„ „ „ Sitz. d. Wien. Akad. 13,2, pag. 578.
Molin, „ „ 38, pag. 8.
,, „ Diesing, ,, ,, 48, pag. 241.
Bothriocephalus claviceps Olsson, Lunds Unio, Arsskrift III, pag. 56.
lieber diesen nach dem Typus von B. punctatus gebauten
Wurm, den ich wiederholt im Darm hiesiger Aale antraf, finden vs^ir
bei den früheren Beobachtern mehrfach unrichtige Angaben.
Rudolphi und auch Leuckart gaben seitenständige Gruben an,
nach Molin und Olsson sind sie vielleicht dorsoventral. Molin
gibt ferner an, ,,aperturas genitales orbiculares, alternas" an seinen
bis 97 cm langen Exemplaren beobachtet zu haben. Mir standen
bis höchstens 12 cm lange Exemplare aus Anguilla vulgaris zur
Verfügung, an denen ich flächenständige Geschlechtsöffnungen be-
merkte; sollte Molin seine Beobachtung vielleicht an der allerdings
ziemlich langen, in Anguilla vulgaris viel häufiger und zahlreicher als
B. claviceps (und zusammen mit dieseml) vorkommenden Tänie
gemacht haben, für die jene Angabe passt? Allerdings will auch
Olsson diese Beobachtung an 9 cm langen Exemplaren gemacht
haben, ebenso Nitzsch. Siebold gibt an, dass beide Geschlechts-
öflnungen flächenständig sind, von der Uterusöffiiung sagt er nichts.
Duj ardin fand ,,rorifice genital au milieu des articles"; seiner Be-
schreibung nach hat er jedoch die Uterusöffnung gesehen.
Ich fand dorsoventrale Sauggruben; vorn war der Scolex stumpf
abgerundet oder ringförmig verbreitert, doch so, dass über diese
vordere Fläche eine Furche zieht, wodurch dieselbe, von oben gesehen,
ein etwas bisquitförmiges Aussehen erhält (Fig. 16). Der Scolex
ist wenig breiter als die ersten Proglottiden, bis V2 mm, und je nach
der Contraktion V2 -IVö^iim lang. Die gleich hinter ihm beginnen-
den Proglottiden sind, wenn nicht kontrahiert, ','4 oder Vr. so lang
als der Scolex. Die gesclilechtsreifen Gleder sind 2 mm breit und
^/a — V4 iiiin lang; man bemerkt an den Gliedern häufig sekundäre
Teilung, wie bei B. punctatus; dadurch wohl wird bewirkt, dass der
Rand des vorhergehenden über das nachfolgende Glied sich
nicht erhebt, höchstens deutet eine rings herumgehende Furche die
Grenze an, wie es auch bei B. punctatus der Fall ist.
Bei der Beschreibung brauche ich nur das von der vorigen Art
Abweichende anzugeben. Ca. 56 Hoden, die 36,7 — 47,5 /f gross
sind, Cirrus (Fig. 13 u. 14) verhältnissmässig klein, bis 109 j» lang
und 64 fj. breit. Dotterstöcke ebenfalls gering an Zahl, ca. 462. Kurz
vor dem Dottersack vereinigt sich das rechte und linke Sammelrohr.
Hier fehlt der bei B. punctatus erwähnte grosse Dotterstocks-
follikel im Mittelfeld; auf der Cirrusfläche ist keine Trennung zwischen
den beiderseitigen Drüsen, was sich ventral zwar auch, aber weniger
deutlich zeigt. Die Schalendrüsenzellen liegen hier enger zusammen
und heben sich deshalb deutlicher hervor, wie bei voriger Art. Ihre
110 Frdr. Matz.
Lage ist ziemlich an derselben Stelle, wie sie Monticelli für
B. belones angiebt (Elenco degli Elmenti etc. tav. 22, Fig. 8),
d. h. ziemlich lateralwärts. Germidukt ohne Erweiterung, Vagina
ebenfalls ohne Receptaculum seminis, höchstens zeigt sie sich etwas
am Ende erweitert. Die meisten Schlingen des Uterus liegen auch
hier auf der dem Vas deferens entgegengesetzten Seite. Sehr grosse
Uterushöhle, häufig fast kugelrund.
Ausser kleineren Exkretionsgefässen im Rindenfelde waren
konstant zwei Hauptgefässe in der Parenchymschicht zu sehen, die
mit einander innerhalb der Proglottis selbst kommunicieren (Fig. 15).
Zwischen beiden liegt jederseits der Nerv. — Die Längsmuskeln
sind nicht in Bündeln geordnet.
6. B. infundibuliformis Rud. (Fig. 17 -18).
Bothriocephalus infund. u. proboscideus Rudolphi, Ent. Hist. III,
pag. 46 und 39, Synops.
pag. 137, 472 u. 473.
„ „ „ F. S. Leuckart, 1. c, I,
pag. 38-42, tab. I, fig. 14,
18 und 19.
„ „ „ Nitzsch, 1. c. 12, pag. 97.
Bothrioc. Salmonis Umblae Kölliker, Müllers Archiv 1843, pag. 90
bis 99, tab. VII, fig. 42—55.
Bothrioc. infund. u. probosc. Bellingham, 1. c. 14, pag. 252 u. 253.
,, „ „ Dujardin, 1. c. pag. 615 u. 616.
Bothrioc. du Saumon (Bothr. probosc.) Blanchard, Ann. d. sc. nat.
3. ser. XI pag. 116—118, X, tab. XII, fig. 8.
Dibothr. inf. u. probosc. Diesing, Syst. Helm. I, pag. 520 u. 521 (hier
auch d. Litteratur v. Rudolphi aufgeführt).
„ „ ,, Diesing, Sitz. d. Wiener Akad. 13, pag. 578.
„ 48, pag. 242.
Bothr. proboscideus Olsson, 1. c. III, pag. 53, tab. II, fig. 45 — 47.
„ „ V. Willemoes -Suhm, Z. f. w. Z. 23, tab. 17,
fig. 8 u. 10.
„ „ Knoch, Bullet. Acad. imper. St. Pertersb. IX
pag. 290-314.
„ „ Sografi", 1. c. fig. 15 u. 16.
„ ,, Cobbold, Entozoa of man etc. pag. 468 u. 469.
„ „ Zschokke, Recherches sur l'organ. etc. (Arch.
biolog. tome V, 1884, pag. 21 — 25,
tab. 9 fig. 3.
„ ,, „ Parasitenfauna von Trutta salar
pag. 184.
Bothr. suecicus Lönnberg, 1. c, pag. 35 - 36.
Beiträge zur Kenntniss des Bothriocephalen. m
Die beiden Rudolphi'schen Arten B. proboscideus und
infundibuliformis hat Zschokke unter dem Namen B. infundi-
buliformis zusammengezogen, was ich nach meinen Beobachtungen
als berechtigt ansehen muss. Die Unterschiede, die Rudolphi an
in verschiedenen Kontraktionszuständen getödteten Tiere herausfand,
kann man im Leben auch an einem und demselben Tiere bemerken.
Die zur Unterscheidung angegebenen Verschiedenheiten können
desshalb nicht als specifische betrachtet werden. Leuckart gibt
eine sehr eingehende Beschreibung, um eine Auseinanderhaltung zu
ermöglichen, muss aber trotzdem Ausnahmen und Übergänge von
der einen zur andern Form zugeben. Berichtigt hat er aber schon
die Angabe Rudolphi's, dass marginale Gruben vorhanden sind,
sie sind dorsoventral gestellt. — Dass auch B. Salmonis Umblae
Kölliker, dessen Embryonalentwickelung Kölliker beschäftigte, zu
unserer Art gehört, geben Knoch und Schauinsland (Embryonal-
entwickel, der Bothriocephalen, in: Jen. Zeitschrift f. Naturg. 19,
Jena 1885 pag. 521) an; beide hatten in ihren Untersuchungen über
die Eier und deren Entwickelung nichts difterentes gefunden, was
nicht auf nicht vollständige und genaue Beobachtung zurückgeführt
werden konnte: andere Beobachter haben den in Salmo Umbla
(S. salvelinus L.) gefundenen Bothriocephalus direkt als B. infundi-
buliformis angesehen, was auch richtig sein dürfte.
Über die Geschlechtsorgane wusste man lange nichts zu berichten.
Erst von Zschokke erhalten wir eine kurze Beschreibung, wonach
die Übereinstimmung mit B. latus ziemlich gross ist. Später brachte
Lönnberg einen Bericht über die von ihm in Lachsarten gefundenen
Bothriocephalen, die sonst in ihrem Äussern mit B. infundibuliformis
übereinstimmten, aber marginale*) Geschlechts- und ventrale Uterus-
öffnungen hatten. Er glaubte deswegen, für sie eine neue Art
kreiren zu müssen, und benannte sie B. suecicus; jedoch führt er
dabei an, dass sie vielleicht nur eine durch klimatische Verhältnisse(!)
bedingte Abart seien. Da ich aber nun an Meerforellen (Trutta
trutta) und Lachsen (Salmo salar), die bei Warnemünde, z. T.
in der Nordsee gefangen waren, unter andern auch an einem von
Rudolphi selbst gesammelten und bestimmten Exemplar die mar-
ginalen Öffnungen gefunden habe, so ist die Art B. suecicus nicht
beizubehalten und die Angaben Zschokke's sind auf nicht genaue
Beobachtungen zurückzuführen, (wenn ihm nicht eine neue Art vor-
gelegen hat, was aber unwahrscheinlich ist, da die sonstigen Angaben
über das Äussere so genau stimmen).
F. S. Leuckart gibt als grösste von ihm gefundene Länge
des Tieres 129 cm. (4 Fuss an), Bellingham fand 82 cm., Lönn-
berg 25cm. Das grösste der von mir gefundenen untersuchten
*) Dass Lömiberg statt der sonst gebräuchlichen, sehr imbestimmten Be-
zeichnung „lateralis" entweder „ventralis" oder „dorsoventralis" anwendet,
kann man nur billigen, nicht aber, dass er nun statt „marginalis" — „lateralis"
sagt. Wie viele Missverständnisse können dadurch entstehen!
112 Frdr. Matz.
Exemplare aus Salmo salar und Trutta trutta war 27 cm. lang
(wenig kontrahiert).
Ca. 300 Testikel, bis 72 /< gross, nehmen die Parenchymschicht
ein bis fast an die Medianebene und nach den Seiten bis zum
Lateralnerven sich erstreckend. Die Samenkanälchen verlaufen nach
dem dorsalen Teil der linken Seite der Parenchymschicht, von wo
(Fig. 17) das aus ihnen entstehende, anfangs enge, später weite Vas
deferens in vielfachen Schlingen, die jedoch immer dicht neben ein-
ander liegen, nach dem linken Rande zieht, kurz vor dem Cirrus
enger wird und in ziemlich gerader Richtung denselben durchsetzt.
Der Cirrus ist ca. 255 |W lang und mündet, mit der Vagina, immer
am linken Rande der Proglottis (üterusötfnung als ventral gelegen
gedacht) in eine Geschlechtskloake; diese liegt zwischen ersten und
zweiten Drittel des Randes (Fig. 18). Die Dotterstocksfollikel sind
von sehr unregelmässiger Gestalt, bald rund, bald oval, bald aus-
gestreckt und gelappt; kleinere wechseln mit grösseren in unregel-
mässiger Weise ab, ihre Zahl zu bestimmen würde deswegen von
geringem Wert sein. Die Angabe Zschokke's, dass sie rechts und
links von der Vagina liegen, kann ich nicht erklären; wohl aber
ist zu bemerken, dass sie sich nicht an der bei den vorigen Arten
bekannten Stelle, zwischen Längsmuskeln und der sogenannten
Subcuticula befinden, sondern zwischen den Längsmuskelbündeln
selbst , die in nicht zu grosser Zahl (bis 29 auf der Fläche) und in
geringer Grösse vorhanden sind. Die grösseren Ausführungsgänge
vereinigen sich erst, von allen Seiten kommend, im Parenchym
ziemlich in der Mitte und oberhalb des Keimstocks mit einander,
um dann einen nicht grossen Dottersack zu bilden, der einen kurzen
Gang zum Germidukt sendet. Der Keimstock ist langgestreckt
bisquitförmig, von der Seite aus gesehen dorsalwärts ein wenig
gekrümmt; der Germidukt, etwas nach der dem Cirrus entgegen-
gesetzten Seite verlaufend, nimmt die Vagina dorsal und hinter dem
Keimstock auf, dann an seiner ersten dorsalen Umbiegungsstelle,
wo sich auch die Schalendrüsenzellen befinden, den Dottergang.
Er verläuft dann mehr auf der dorsalen Fläche in nicht vielen
Windungen nach vorn und mündet in die Uterushöhle. Diese ist
nicht rund, wie bei B. punctatus und B. claviceps, sondern
nach beiden Seiten spitz ausgezogen; auch bei stärkerer Füllung
verschwinden diese Spitzen nicht ganz. Die Mündung der Uterus-
höhle liegt genau in der Medianlinie. — Die Vagina mündet in die
Genitalkloake vor und meist ventral vom Cirrus, doch auch manchmal
dorsal. Sie läuft, sehr wenig gekrümmt, nach hinten und hat kurz
vor ihrer Einmündung in den Germidukt eine ziemlich dicke Wandung
(Sclileimdrüsenzellen?). — Eier 54,5 ^ lang und 40,9 // breit.
Der linke Seitennerv verläuft etwas nach innen vom Cirrus und
dorsal(!), der linke Ilauptgefässstaram unterhalb des Cirrus; andere
kleinere Gefässe (häufig melir als 6 auf jeder Seite) liegen zwischen
den Transversalmuskeln und den Dotterstocksfollikeln (bez. Längs-
muäk:ln).
Beiträge zur Kenntnis« der Bothriocephalen. ] ] 3
7. B. rugosus Rud. (Fig. 23—26).
Bothriocephalus rugosus Rudolph!, Ent. Hist. III, pag. 42, Synops.
pag. 137.
„ „ F. S. Leuckart, 1 c. pag. 57.
„ ,, Dujardin, 1. c. pag. 617.
Coi3bold, Transact. Linn. Society 22, pag. 158
und 159.
Dibothrium rugosum Diesing, Syst. Helm. I, pag. 591 (hier auch die
Litteratur von Rudolphi aufgeführt).
„ „ Wagener, Naturk. verh. Haarlem XIII: pag. 93
(Larvenform).
Z. f. w. Z. IX pag. 73—77, tab. V,
fig. 10—12.
Diesing, Sitz d. Wien. Akad. 48, pag. 239 u. 240.
ßothrioe. rugosus Olsson, 1. c. IV, pag. 10, tab. III, fig. 65.
? Abothrium Gadi v. Beneden, Les poissons des cotös de Belgique,
leurs parasites etc. B r u x. 1870,
pag. 56, tab. V fig. 14, tab. VI fig. 17.
? „ „ Moniez, Memoire sur les Cestodes, in: Bullet,
scientif. du depart. du Nord, 1881,
pag. 167—174, tab. IX fig. 1—10.
Bothrioc. rugosus Schauinsland, 1. c. pag. 8 — 18 tab. I fig. 1 — 28.
V. Linstow, Arch. f. Nat. 1888, pag. 242—245,
tab. 11 fig. 15—26.
? Abothrium rugosum Lönnberg, 1. c. pag. 38 — 39.
Lönnberg fand in Gadus morrhua und aeglefinus 20 — 60 cm.
lange Cestoden, die zu v. Beneden' s Abbildung und Beschreibung
von Abothrium Gadi passten. Der Kopf bildete ein „tuber", der
bisweilen mit unregelmässigen Vorsprüngen versehen war und als
Anheftungsorgan dienen konnte. Diesen Wurm vereinigte Lönnberg
mit B. rugosus, indem er annahm, dass der zweigrubige Kopf des
letzteren sich zu jenem „tuber" umwandelte. Er wählte nun für
beide Formen die geraeinsame Bezeichnung Abothrium rugosum.
Allerdings sind bis jetzt als Wirtstiere von Abothrium Gadi
v. Ben. nur solche Fische angegeben, in denen auch schon B. ru-
gosus gefunden wurde, (nur in Morrhua barbata allein Abothrium
Gadi). Aber ist jene Annahme auch richtig, (und es lässt sich
wohl nichts Bestimmtes nach Vergieichung der Anatomie beider
Formen dagegen sagen), warum denn den gemeinsamen Gattungs-
namen Abothrium einführen? Richtiger ist doch die Beibehaltung
des Genusnamens Bothriocephalus, da die grubenlose Form, wenn
wirklich ein Zusammenhang zwischen beiden Arten herrscht, doch
aus Bothriocephalus rugosus hervorgegangen ist. Das Typische
der Tiere wird doch sicher an der Form des Bothriocephalus
rugosus erkannt. Sonst müsste gezeigt werden, dass diese nach
gewisser Lebensdauer und Grösse ihre Gruben in den bestimmten
Wirtstieren verlieren muss. Nun sind aber schon von früheren
Aich. f. Natuigfsch. Jalirg. 1892. Bd. I. H. 1. 8
114 Frdr. Matz.
Beobachtern Tiere von 97 cm. Länge zu B. rugosus gestellt. Mir
stand nur ein ziemlich altes, noch von Creplin in Lota vulgaris
gefundenes Exemplar von 36 cm. Länge zur Verfügung, dass die
dorsoventralen Gruben deutlich erkennen liess (Fig. 23). Der Scolex
war IVio mm lang und ziemlich vom Körper abgehoben. — In der
Mitte des Tieres hatten 20 Proglottiden die Länge von zusammen
10 mm, jede also durchschnitthch V2 mm lang.
Duj ardin berichtet, dass die Geschlechtsöffnungen flächen-
ständig sind. Aber schon Osson fand sie marginal, ebenso v. Linstow.
Bei ,,Abothrium" fanden Moniez und Lönnberg sie ebenfalls
marginal, Uterusöffnung ventral. Da B. rugosus am meisten mit
B. infundibuliformis übereinstimmt, so seien auch hier nur die
Unterschiede angegeben.
Geschlechtsöffnungen mit Kloake (Fig. 24) unregelmässig am
Rande abwechselnd, (z. B. rechts, rechts, Hnks, 1., r., r., l, 1., r., 1,,
auf einer andern Stelle: 5 mal rechts und dann 5 mal links etc),
Olsson zeichnet sie zwischen 1. und 2. Viertel des Randes, v. Linstow
zwischen 3. und 4. Viertel, ich fand sie im zweiten (Fig. 25). Cirrus
264 /j, lang und 127 ,« breit; das ihn durchziehende Vas deferens
habe ich fast ganz grade gefunden, v. Linstow erwähnt und zeichnet
viele Schlingen. Die Vagina geht etwas vor dem Cirrus und etwas
dorsal von ihm vorüber. Zwischen den Hoden zweier Proglottiden
findet keine Trennung statt. Die Dotterstocksfollikel hegen auch
hier zwischen den Längsmuskeln (Fig. 26), dringen aber auch schon
teilweise über die Transversalmuskeln hinaus in die Parenchymschicht
hinein. Wohl durch diese ungewöhnliche Lage wurde v. Linstow
veranlasst, sie für Hoden, die Hoden dagegen für Dottersäcke
anzusehen. Diese Hoden liegen jedoch an ihrer gewöhnKchen Stelle.
Die Dottersäcke zweier benachbarten Proglottiden sind wie bei
B. infundibulifornis von einander getrennt; von der Fläche gesehen,
bilden sie in jedem Giiede 2 gleichschenklige Dreiecke, mit der Spitze
nach der Mitte, mit der Basis nach dem Rande. Ich konnte nur
einen von der Ventralfläche kommenden Dottergang (ohne Dotter-
reservoir) wahrnehmen (v. Linstow erwähnt ,,zwei bogige Gänge").
Grosse Ausbuchtung bei Vereinigung von Vagina und Germidukt.
Schalendrüsenzellen nur wenig sichtbar (wohl wegen des Alters des
Exemplars nicht mehr recht tingierbar). Nur wenig Uterusschlingen
(höchstens bis fünf auf jeder Seite, keine Rosettenform). Uterushöhle
nach den Seiten nicht spitz endend, sondern auch bei jüngeren
Proglottiden abgerundet.
Der Nerv liegt auch hier dorsal von Vagina und Vas deferens.
Ca. 40 Längsmuskelbündel auf jeder Fläche. Im Uebrigen muss ich
auf V. Linstow's Arbeit verweisen, da mir nur ein schon lange in
Spiritus liegendes Exemplar zur Verfügung stand.
Beiträge zur Kenntniss der Bothriocephalen. II5
8. B. microcephalus Rud. (Fig. 19—21).
Taenia Tetraodontis Molae Viborg, Ind. Mus. Vet. Hafn. pag. 241.
„ ,, „ Rudolph!, Ent. Hist. III pag. 213.
Bothriocephales microcephalus Rudolphi. Synops pag. 138 u. 473.
„ sagittatus E. S. Leuckart, 1. c. pag. 39 tab. I
fig. 15.
„ microcephalus Drummond, 1. c. IV pag. 241.
„ „ Dujardin, 1. c. pag. 619.
„ „ Bellingham, 1. c. 14, pag. 253.
Dibothrium microcephalum Diesing, Syst. Helm I pag. 592.
„ „ Wagener, Nov. Act. 1. c. pag. 16 u. 69.
tab. 7, fig. 77.
„ „ Diesing, Sitz. d. Wien Akad. 13,
„ „ V. Beneden, Bullet. Acad. Belg. 22, 2
pag. 521.
„ „ Diesing, Sitz. d. Wien. Akad. 48,
pag. 241.
Bothriocephalus microcephalus Olsson, 1. c. III pag. 55.
„ „ Monticelli, Osserv. sul Bothr.
microcephaluSjNapoli
1888.
„ „ „ Elenco degli Elminti
etc., 1. c. pag. 427.
„ „ „ Note elmintolagiche,
1. c. pag. 202.
Anatomisch ist diese Art besonders von Monticelli untersucht
vporden, dessen Angaben ich bestätigen kann; mir standen nur einige
Exemplare, die noch von Rudolphi stammten, zur Verfügung. Die
Häckchen am Kopf sind bei Monticelli genau beschrieben, an einem
meiner Exemplare (6V4 cm lang, sehr konstrahiert) fand ich sie nicht
(Fig: 22), wohl aber an einem 13 m langen, wenig kontrahierten u.
1 kleineren ca. 13 mm langen Exemplaren. Von dem 13 cm langen
waren 42Proglottiden (aus der Mitte) 16 mm lang und bis 3V4 mm breit.
Die Geschlechtsöffinungen liegen am Rande und zwar unregel-
mässig abwechselnd (z. B. rechts, links r., 1., 1., r., 1., 1., 1., oder:
r., 1., I., r., r., 1., r., 1., l, oder: 1., 1., 1., 1., r., 1..). Die Testikel,
bis 73 fi gross. Hegen wie gewöhnlich und betragen ca. 450; ein
Uebergreifen des Hodenfeldes von einer zur andern Seite findet nicht
statt, wohl aber zwischen den Hodenbläschen und den Dotterstocks-
follikeln benachbarter Proglottiden. Den Ciri'us habe ich im Gegen-
satz zu Monticelli ziemlich lang gefunden (Fig. 19), bis V2 mm, grösste
Breite bis 0,15 mm. Die Vagina geht vor und dorsal von dem
Cirrus vorbei, beide münden in die auch hier vorhandene Geschlechts-
kloake. Dass diese nicht notwendig auf Selbstbefruchtung hinweist,
zeigt der manchmal V3 mm weit hervorragende „Penis" (Fig. 20).
DotterstocksfoUikel liegen nach innen von den Tranversalmuskeln im
8*
116 Frdr. Matz.
Parenchym, aber gesondert von den Testikeln, seitlich und dorsal
von ihnen; zwischen beiden bildet der hier ventral gelegene Nerv
eine deuthche Grenze; dorsal kommen die DotterstocksfoUikel fast
zur Berührung in der MitteUinie. Der rechte und linke Sammelgang
fliessen kurz vor dem kugelrunden Dottersack dorsal vom Keimstock
zusammen. Dieser ist, von der Fläche gesehen, bisquit-förmig. Der
Germidukt ist eng. Bei der Vereinigung mit der leichtgewellten,
mitten durch die Schlingen des Vas deferens hindurchgehenden
Vagina entsteht eine beträchtliche Erweiterung. Schalendrüsenzellen
bei meinen Präparaten nur wenig zu sehen. Der Uterus macht
viele Biegungen, jedoch ohne die bekannte Rosettenform. Nach der
letzten Biegung erweitert er sich stark, wodurch auch hier eine
Uterushöhle entsteht, die aber lange nicht so mächtig ist als bei
den vorigen Arten. Ein ganz kurzer Gang führt hin zur Oefthung,
die in der Medianlinie oder links oder rechts von ihr liegen kann
(und zwar ohne Beziehung zur Geschlechtsöfihungsseite). Die Eier
sind 68,1 fj- lang und 40,8 /.t breit.
Die Längsmuskeln stehen in zahlreichen deutlichen Bündeln
zusammen. Der Nerv liegt, wie gesagt, ventral vom Cirrus, im
Gegensatz zu den beiden vorigen Arten. Ueber das Wassergefäss-
system kann ich keine genauen Angaben machen (nach Monticelli
so wie „bei den übrigen Bothriocephalen".) *)
*) Monticelli meint am Schluss seiner ersten Arbeit über B. micro-
cephalus, dass die Gegenwart von Häkchen am Kopf nicht zur Aufstellung
einer neuen Gattung nötige : auch bei der zweiten behielt er den alten Namen.
Nachdem er aber (Note elmintol. pag. 199—202) eine andere, früher fälschlich
für ein Tetrabothrium gehaltene, dem B. microcephalus sehr ähnliche
Dibrothiumform , die ebenfalls mit Häkchen versehen war, untersucht hat,
wählte er für sie beide den Gattungsnamen Archistrocephalus. Ich halte dies
nicht für nötig; ebensowenig wie ich Lönnberg (Bemerkungen zum „Elenco
degli Elminti ... dal Monticelli", in: Verhandlungen des biolog. Vereins in
Stockholm, Bd. IJI Okt. 1890 No. 1, pag. 6) beistimmen kann, wenn er als „das
einzige und letzte Kennzeichen, das allen Bothriocephalen gemeinschaftlich ist,
das bis jetzt die Gattung zusammengehalten hat", das betrachtet, „dass die
Sauggruben schwach entwickelt, spaltenförmig sind und dass sie nur wenig
kräftige Seitenblätter besitzen", und wenn er infolgedessen Bothr. belones in
Ptychobothrium belones umwandeln will (schon unter den ersten E,u-
dolphi'schen Arten von Bothriocephalen hat B. rectangulus ziemlich starke
Bothridien, und dann denke man, worauf auch Monticelli hinweist, z.B. an
B. antarcticus, B. stemmacephalus, B. folium), - ebensowenig kann
ich die Anwesenheit von Häkchen am Kopfe einer Form als Grund für ihre
Abzweigung vom Genus Bothriocephalus ansehen. Die Verwirrung der
Synonymik, die bei der Benennung und Klassificierung von Cestoden durch eine
einseitige Rücksichtnahme auf die Kopfform vor der Herbeischaffung eines
wenigstens einigermassen erschöpfenden Materials erzeugt wird, kann man doch
genügend bei den Tetrabothrien erkennen.
Beiträge zur Kenntniss der Bothriocephalen. 117
9. B. fragilis Rud. (Fig. 22).
Litteratur siebe Diesing, Syst. Helm. I, pag. 593.
An den mir vorliegenden von Creplin und Riidolphi ge-
fundenen Exemplaren konnte ich keine genauen Studien machen, da
die Objekte schon zu lange in Spiritus lagen, übrigens auch nicht
völlig geschlechtsreif waren. Nur kann ich die Angabe v. Siebold's
in seinem Lehrbuche der vergl. Anatomie (pag. 417) bestätigen, dass
marginale Geschlechtsöffnungen vorhanden sind, eine Notiz, die
Diesing entgangen zu sein scheint, da er in seiner „Revision der
Paramecocotyleen" (Sitz. d. Wien. Akad. 48, pag. 243) dieselben als
unbekannt angibt. — Die Abbildung, die F. S. Leuckart vom Scolex
gibt, ist gut: der Kopf ist wenig abgehoben, mit runden dorso-
ventralen Gruben (Fig. 22). Oefters habe ich an den mir vorliegenden
Exemplaren sekundäre Teüung der Glieder beebachtet.
10. B. plicatus Rud. (Fig. 29-30).
Litteratur aufgezählt in Diesing, Syst. Helm. I, pag. 591 und v. Linstow,
Compendium der Helminthologie, pag. 218.
An den beiden mir zu Gebote stehenden Exemplaren von
Rudolphi war noch nichts von Keimzellen zu beobachten; das
längste sichtlich nicht mehr intakte war 57 mm lang.
Wagener gibt eine schöne Abbildung vom Kopf; die dorso-
ventralen Sauggruben sind sehr stark abgehoben; vorn am Kopf ist
eine zierliche Wulstung nach den 4 Grubenflügeln hin mit Vor-
wölbungen. Der in der Mitte befindliche Buckel fehlte bei meinem
Exemplar. Fig. 30 zeigt einen Querschnitt durch eine fast V2 c^i.
breite Proglottis; die Schnittrichtung ist nicht ganz parallel der
Proglottisgrenze, so dass die verschiedenartigen Faltungen zu sehen
sind, die Längsmuskeln sind zu engen Bündeln geordnet, zwischen
ihren Einzelsträngen verlaufen die Transversalmuskeln. Kalk-
körperchen, bis zu 15,72 ,a gross. Hegen ziemlich zahlreich nach
aussen von den Muskeln, selten im Innern.
Ol SSO n vermutet flächenständige Geschlechtsöfliiungen („apertu-
rae genit.(?) laterales").
11. B. rectangulus Rud. (Fig. 27-28).
Ueber Litteratur cf. Diesing, Syst. Helm. I, pag. 592.
Auch von dieser Art hatte ich zwar zahlreiche, doch nicht
geschlechstreife Formen, die Herr Dr. v. Linstow Herrn Prof Braun
übersandt hatte und aus Barbus fluviatilis stammten; sie waren
bis 41/2 cm lang (mit ca. 80 Proglottiden). An einer von ihnen
waren hinten 8 Glieder 6 mm lang, also jedes ca. ^/^ mm lang und
118 Frdr. Matz.
% mm breit, demnach ziemlich quadratisch. Von der Seite gesehen
ist der Kopf stark abgehoben, dreieckig, pfeilförmig, die Sauggruben
von der Fläche ziemlich oval (Fig. 27). Fig. 58 zeigt den ziemlich
rechteckigen Querschnitt durch eine Proglottis. — Diesing gibt
Sitz. d. Wien. Akad. 48, pag. 240) ventrale Geschlechtsöffnungen an.
Bei einer Uebersicht über den Bau der von mir untersuchten
Arten ergeben sich ziemlich beträchtliche Unterschiede. Namentlich
ist auf die Lage der Geschlechtsöffnungen Rücksicht zu nehmen: sie
liegen teils ventral (dann der Cirrus vor der Vagina), teils marginal
(dann die Vagina vor dem Cirrus und meist etwas dorsal von ihm
oder auch in derselben Höhe oder etwas ventral), teils dorsal (dann
wieder der Cirrus vor der Vagina). Die Uterusöfihung liegt, nach
meiner Auffassung, immer ventral. Die Testikel differieren an Grösse
und Zahl, letzteres jedoch nicht in dem Maasse, wie bei den Tänien.
Die Schlingen des Vas deferens liegen dorsal oder doch mehr dorsal
als ventral und entweder in der Nachbarschaft der MitteUinie oder
nur auf einer Seite. Nur bei B. latus und den diesem ähnlich ge-
bauten Bothriocephalen ist eine Vesicula seminalis vorhanden. Der
Keimstock hat meist ein ziemlich kompaktes Gefüge, selten zeigen
seine Schläuche sich weniger dicht zusammengedrängt. Die Ver-
bindung zwischen seinen beiden Hälften ist bei B. latus kleiner als
bei den andern Arten, wo man überhaupt kaum von zwei gesonderten
Hälften sprechen kann. Die Dotterstocksfollikel liegen entweder
ausserhalb der Längsmuskeln oder zwischen ihnen oder nach innen
von den Transversalmuskeln. Bei einigen liegen sie auch im Mittel-
feld, sowohl dorsal wie ventral, zwischen denen zweier benachbarten
GHeder kann ein Uebergang bestehen oder nicht, (was auch für die
Hoden gilt). Ein Dotterreservoir ist nicht überall vorhanden. Die
Schalen drüse ist häufig nicht so stark entwickelt wie bei B. latus,
sie liegt stets mehr dorsal. Ein Receptaculum seminis, ist nicht
konstant, grosse Schlingen der Vagina sind selten. Uterusschlingen
findet man teils mehr teils weniger als bei B. latus; sie bilden nur
bei den Arten mit ventraler Geschlechtsöffhung die bekannte Rosetten-
form. Bei den andern ist am Ende eine entweder ziemlich kreis-
runde oder ovale oder langgestreckte Uterushöhle vorhanden. In
allen untersuchten Arten ist eine flächenständige freie Oeffnung des
Uterus nach aussen zu konstatieren.
Dies Letztere ist es, was die Bothriocephalen und die eng
verwandten Gattungen Ligula, Schistocephalus, Solenophorus,
Duthiersia, Abothrium, Triaenophorus, Diplocotyle, Amphi-
cotyle, auch Cyathocephalus und Caryophyllaeus von den
übrigen Cestoden, den Tänien und Tetrabothrien trennt, bei
Beiträge zur Kenntniss der Bothriocephalen. 1]9
denen bis jetzt noch keine Uterusöfihung gefunden worden ist.
Leuckart (Paras. d. Menschen, 2. Aufl. I. pag. 402 Anm.) vermuthete
die Existenz einer Uterusöffnung für alle Bothriaden, doch bestätigt
sich dies nach Zschokke's Untersuchungen nicht; auch ich fand
weder bei Tebrabothrium cylindraceuni aus Larus glaucus
noch bei einem Tetrabothrium aus Colymbus septentrionalis
(Tetrabothrium macrocephalum?) noch bei einem Phyllobothrium
spec? eine Uterusöfifhung. Dies spricht zu Gunsten des Vorschlags
Perriers (Compt. Rend. T. 86, 1878, pag. 552), nicht wie früher
die Dibothrien und Tetrabothrien zusammen den Tänien gegenüber-
zustellen, sondern die Dibothrien den Tetrabothrien und den Tänien,
oder, wie er die Gruppen benennt, die Cestoden in Bothriades
(Ectinobothrium , Duthiersia, Solenophorus, Bothriocephalus, Ligula
etc.) und Taeniades zu teilen (Taeniens, Phyllobothriens, Phylla-
canthiens, Rhynchobotriens, wenn auch allerdings die Gründe, die
Perrier dafür anführt, nicht stichhaltig sind, (die erste Gruppe hat
seiner Meinung nach nur ventrale, die zweite nur marginale Ge-
schlechtsöffnungen), und wenn auch die Gruppierung im Einzelnen
nicht richtig ist, z. B. stellt er Triaenophorus unter die Phylla-
canthidae.
Zum Schluss gebe ich eine kurze Aufzählung der bis jetzt be
kannten Bothriocephalen; bei der allerdings unwissenschafthchen
Gruppierung Hess ich mich von verschiedenen praktischen Gesichts-
dunkten leiten, wie leicht zu ersehen ist.
Ich glaubte die folgenden von Rudolphi benannten Arten aus-
lassen zu dürfen, weil sie teils gar nicht, teils unvollständig be-
schrieben sind, und weil in den für sie angegebenen Wirtstieren
andere Arten von Bothriocephalen gefunden worden sind: B. Lop hü,
Rud. (aus Lophius piscatorius, in dem Lönnberg B. punctatus ge-
funden hat), B. Callariae Rud., B. Gadi Morrhuae Rud.,
B. Gadi barbati Rud. (aus Gadus Morhua, in dem B. rugosus
gefunden wurde), B. Gadii Rediani Rud. (aus Gadus minutus
Cuv., B. punctatus darin gefunden), B. Eriocis Rud. (aus Salmo
eriox, B. (suecicus) infundibuliformis darin gefunden) (B. Squali
glauci Rud. (aus Prionodon glaucus Müller. Henle, ohne jegliche
Beschreibung von Rudolphi; da nun von Dujardin in Prionodon
glaucus Anthobothrium auriculatum gefunden wurde, hatte Rudolphi
wahrscheinlich diese Form vor sich; er gab bekanntlich auch den
Bothriaden mit 4 Gruben den Namen Bothriocephalus). Ueber
B. proboscideus Rud., B. suecicus Lönnb. und B. Umblae Kölliker
habe ich oben gesprochen, sie sind nicht beizubehalten.
I. Als Bothriocephaluslarven finden wir 18 angegeben: B.
liguloides Leuck., B. spec? Leuck. (Ligula reptans Dies.) aus Chryso-
thrix sciurea, B. Ardeae coeruleae Rud., B. Falconis Rud., B. Lanii
120
Frdr. Matz.
pomerani Rud. , B. Strigis accipitrinae Riid., B. spec? Cobb. aus
Tetrao iirogallus, B. spec? Cobb. aus Coryphodon Blumenbachii , B.
spec. Gastaldie aus Rana esculenta, B. spec? Dies, aus Lissotriton
dorsalis, B. spec? Leuck. aus Cryptobranchus maximus, B. spec?
Zschokke aus Perca fluviatilis, B. spec? Zschokke aus Trutta salar,
B. spec? Braun aus Coregonus albula, B. spec? aus Coregonus
maraena, B. latus (larva), B. lanceolatus v. Linst., B. Osmeri v.
Linst., B. spec. Olsson aus Salmo alpinus, B. spec? Wagener aus
Scyllium canicula.
II. Entwickelte Formen (jedoch noch nicht alle geschlechtsreif
beobachtet).
A. Aus Säugetieren i^GeschJecbtsöffnungen [G.-Ö.] flächenständig
oder unbekannt):
Kopf nicht oder wenig abgehoben:
B. latus Bremser 1 aus Homo
B. cristatus Davaine / sapie;
B. felis Crepl.
B. decipiens Dies.
B. sulcatus Molin
(marg. Gruben?)
B. maculatus Leuck.
B. serratus Dies.
B. fuscus Krabbe
mit
langem
„Hals"
ohne
,,Hali
sapiens.
aus dem
Katzenge-
schlecht.
aus
Hunden.
aus See-
hunden.
(=: B. reticiilalus Kr.?\
= B. dubios Kr.? /
B. similis Kr.
B. elegans Kr.
B. lanceolatus Kr.
B. variabilis Kr.
(G.-Ö, verdopp.)
B. fasciatus Kr.
(G.-Ö. verdopp.)
B. Aus Vögeln:
G.-Ö. flächenst.:
B. dendriticus Nitzsch (marg Gruben)! aus
B. fissiceps Crepl. ( „ " )l Schwimm- u.
B. ditremus Crepl. | "Wasservögeln.
B. podicipedis Bell. )
C, Aus Reptilien:
B. imbricatus Dies aus Halichelys atra.
Kopf stark abgehoben:
B. cordatus Leuck. aus Mensch
Hunden und Seehunden.
B. hians Dies
B. antarcticus Baird
(G.-Ö.?) I aus See-
') B. anthocephalus Rud. j huiiden.
B. tetrapterus v. Sieb
(G.-Ö. verdopp.)
B. stemmacephalus Cobb. i
Phocaena.
B. folium Dies, aus Herpestes
(G.-Ö. ?)
B. spec. ? Food aus Ursus.
G.-Ö. marg.:
B. longicollis Molin aus
Gallus
G.-Ö. ?
B. palumbi Montic. aus
Trigla.
') Von Monticelli wurde für diesen Wurm vor kurzem (Note elmintoL,
1. c. h. 22 205 fig. 14 und 15) eine neue Gattung Pyraraicocephalus geschaffen
(Pyramicocephalus anthocephalus Rud.) Cf. Anm. auf pag. 116.
Beitiäge zur Kenutniss der Bothriocephalen.
121
I>. Ans Fischten'.
G.-Ö. flächeust.:
B. punctatus Rud. |
B. claviceps Rud. '
Uterusöffnung- auf der
den G.-Ö. entgegen-
gesetzten Fläche.
B. belones Duj. I
B. macrobothrium Montic.
B. platycephalus Montic.
B. angustatus Rud.
B. rectangulus Rud.
B. capillicolli.s Megnin
B. labracis Dujand.
B. speciosus Leidy (marg. Gruben ?)
B. crassiceps Rud. ( „ ,.
G.-Ö. verdopp. u. flächenst.
B. Wageneri Montic.
B. lonchinobothrium Montic.
G.-Ö. marg.:
rugosus Rud.
infundibuliformis Rud.
B. microcephalus Rud.
fragilis Rud.
G.-Ö. marg. ?
B. macracanthus Montic.
G.-Ö. ?
plicatus Rud.
granularis Rud.
angusticeps Olsson (mai^. Öruhen^
carpionis Rud.
cordiceps Leidy.
dubius V. Ben.
cepolae Rud.
E. Aus Mollusken i
B. gracilis delle Chiaje aus Loligo vulgaris
(ob larvale Form ?).
Figurenerklärung.
Tafel Vin.
C. Oirrus.
D. Dotterstocksfollikel.
Dk. Dotterkaiial.
Dr. Dotterreservoir.
Gd. Germidukt.
H. Hoden.
Lm. Läugsmuskeln
N. Nerv
Od. Ovidukt.
0dm. Mündung des Ovidukt in die
Uterushöhle.
Ov. Ovarium.
P. Papillen um die Geschl.-Oeffuungen.
Phr. Hinterer Proglottideurand
Rs. Receptaculum seminis.
Seh. Schalendrüsen.
Tm. Transversalmuskeln.
Ut. Uterus.
Utm Uterusmündung.
Uth. Uterushöhle.
V. Vagina.
Vm. Vaginamündung.
Vd. Vas deferens.
Vdb. Grenze des Bezirks der Schlingen
des Vas deferens
Vs. Vesicula seminalis.
Vdm. Mündung des Vas deferens.
W. Wassergefäss.
0 Von Monticelli (Note elmint., 1. c. pag. 202) Anchistrocephalns micro
cephalus genannt.
'^) Von Monticelli (Note elmint. pag. 202) Anchistrocephalns Polypteri
genannt (C meine Anin. a\if pag. 116). Da meines Erachtens auch hier die Auf-
stellung einer neuen Gattung nicht nöthig ist. so ist die von Monticelli als
passend angesehene Artbezeichnung „macracanthus" vor „Polypteri" wohl vor-
zuziehen, wenn nun doch einmal auf die Gegenwart von Häkchen am Kopf
gleich durch den Namen aufmerksam gemacht werden soll.
122 Frdr. Matz. Beiträge znr Keinituiss der Botriocephalen.
Fig. 1. Geschlechtsorgane von B. hians, von der Fläche. \o.
2. Kopf von B. latus, A von der Seite, B von der Fläche, f.
3. B. ditremus, Seitenfeld nach einem Querschnitt, das Mittelfeld kon-
struiert, von hinten gesehen. Dotter nur teilweise gezeichnet. V-
4. B. ditremus, von der Fläche. \^.
5. >' •• » » Seite. \o.
6. Köpfe von B. ditremus, A u. B von der Fläche ; C u. D derselbe Kopf
C von der Fläche, D von der Seite f.
7. Geschlechtsorgane von B. dendriticus. Die Uterusschlingen zwischen
Uti u. Utj konnte ich nicht genau verfolgen, ^.p.
8. Verlauf des Uterus einer der letzten Proglottiden von B. dendriticus. \°
9. B. punctatus, Seitenfeld nach einem Querschnitt, Mittelfeld schematisch
von hinten gesehen. \".
■ 10. Kopf von B. punctatus, A von der Fläche, B von der Seite, f.
. 11, Sagittalschnitt durch B. punctatus.
12. Junge Proglottis von B. punctatus.
.. 13. B.claviceps, wie Fig. 9. \°.
» 14. B. » von der Seite. \".
„ 15. B. » beide Seitenfelder nach einem etwas schrägen Frontal-
schnitt. \o.
» 16. Kopf von B. claviceps, A von der Fläche, bei auffallendem Lichte ge-
zeichnet, B von oben gesehen. \o. C Querschnitt durch A bei a— c. ^f.
» 17. B. infuudibuliformis, Riudenfeld u. Hoden nach einem Querschnitt, die
übrigen Geschlechtsorgane konstruiert. Y-
» 18. B. infuudibuliformis, von der ventralen Fläche gesehen.
» 19. B. microcephalus, wäe Fig. 17. \".
„ 20. B. » wie Fig. 18. Die Uterusschlingen sind zum grössten
Teil nur durch eine einfache Linie angedeutet, um die Zeichnung etwas
übersichtlicher zu machen.
21. A u. B. Kopf von B, microcephalus, von beiden Flächen gesehen (ver-
schiedene Konstruktion der Sauggruben), hakenloses Exemplar f.
» 21. C Queischnitt durch den mittleren, D durch den Endteil der Saug-
gruben eines andern Exemplars.
» 22 A Kopf von B. fragilis. \°. B Querschnitt durch die Mitte der Gruben.
» 23. Kopf von B. rugosa, von der Fläche, y.
» 24. B. rugosus, wie Fig. 17.
,> 25. B. » • ■• 18.
.. 26. B. » von der Seite.
» 27. Kopf von B. rectangulus, A von der Seite, B von der Fläche ff), C— G
der Reihe nach Querschnitte dadurch.
» 28. Querschnitt durch eine Proglottis von B. rectangulus. \o.
.■ 29. A— C Querschnitt durch den Kopf von B. plicatus. B ^.
30. Querschnitt durch eine Proglottis von B. plicatus. \°.
*) Um die zahlreichen Abbildungen unverkürzt wiedergeben zu können,
war eine Reduktion des ursprünglichen Maa.ssstabes auf die Hälfte erforderlich,
wodurch indess die Deutlichkeit der Figuren kaum wesentlich gelitten haben
dürfte.
Der Herausgeber.
Zur Embryonalentwicklun^
des
Strongylus paradoxus-
(Aus dem zoologischen Institut zu Berlin.)
Von
Benno Wandolleck.
Hierzu Tafel IX.
\_)er Embryonalentwicklung der Nematoden ist bisher nur
wenig Aufmerksamkeit gewidmet worden. Zwar sind auch auf diesem
Gebiete einige Arbeiten erschienen, deren Ergebnisse sind jedoch an
manchen Stellen lückenhaft und Avidersprechend, so dass eine aber-
malige Untersuchung wohl erwünscht wäre.
Der erste, welcher über EmbryonalentAvicklung der Nematoden
gearbeitet hat, ist Alexander Brandt (2). Er hat schon, was
spätere Forscher nicht berücksichtigt haben, die von der gewöhn-
lichen abweichende Furchung gesehen und bildet auch auf Tafel XXI
die eigentümliche Umlagerung der primären Blastomeren ab, ohne
jedoch etwas darüber in seiner Arbeit anzuführen, die sich ja aller-
dings auch hauptsächlich mit dem Studium der Veränderungen des
Kernes vor und während der Furchung befasst. Untersuchungs-
object war Ascaris nigrovenosa. Dann veröffentlichte Bütschli in
einer kleineren Mitteilung die Entwicklung von CucuUanus elegans.
Ohne dem Entwicklungsgange wirklich folgen zu können, wiess er
hauptsächlich auf die merkwürdige Form der Blastula, die hier aus
einer zweischichtigen Zellplatte besteht, und auf die Gastrulation
durch Umschlagen der Ränder dieser Platte hin. Auch beschreibt
er schon die Entstehung der Keimblätter, wobei er aber das Meso-
derm aus Zellen hervorgehen lässt, die am Kopfende des Embryo
gelegen und von dem Entoderm hergekommen seien und giebt da-
mit, wie später gezeigt werden soll, deutlich zu erkennen, dass er
die Anlage des Mesoderms mit der des Centralnervensystems ver-
wechselt hat.
1876 veröffentlichte Ganin (8) einen Aufsatz über die Ent-
wicklung der Pelodera teres. Nach dem Referat in Band 28 der
Zeitschrift f. wiss. Zoologie scheint er sich mit den Anfangsstadien
*) Erschien zuerst als Dissertation im Juli 1891.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd. I. H. 2.
124 Benno Wandolleck.
nicht beschäftigt zu haben. Er beschreibt eine Furchungshöhle und
lässt die Zellen des Entoderms in dieselbe hineinwachsen. Er hat
die Mesodermstreifen gesehen, scheint aber ihren Ursprung nicht zu
kennen. Vorder- und Enddarm werden vom Ektoderm durch Ein-
stülpung gebildet. Ebenso bildet das Ektoderm die Bauchver-
dickung, die sich zum Nervensystem differenzirt. Die Geschlechts-
organe bilden sich aus zwei grossen Zellen, die jederseits an der
Knickungstelle des Embryo liegen, jedoch scheint der Ursprung der-
selben nicht bekannt.
Nach den Untersuchungen von Natanson (12) über Oxyuris
sondert sich Ekto- und Entoderm, wenn die Blastida gebildet ist.
Das Entoderm stülpt sich ein, das Mesoderm sondert sich vom Ento-
derm. Mund und After entstehen durch eine Einstülpung.
Die bedeutendste Arbeit auf diesem Gebiet ist die von Götte
über Rhabditis nigrovenosa (9), Er hat als erster die Entwicklung
von Anfang an beobachtet. Die abweichende Furchung, die
Lagerungsbeziehungen der Blastomeren, die Entstehung des Ekto-
derms und Entoderms aus je einem der primären Blastomeren, die
Abspaltung zweier Mesoblasten vom Entoderm und das Auftreten
der sich aus ihnen entwickelnden Mesodermstreifen ist von ihm be-
schrieben worden. Der Vorderdarm entsteht durch Einstülpung des
Ektoderms, wogegen der After nur durch Auseinanderweichen der
Ektodermzellen gebildet wird. Die Geschlechtsorgane gehen aus zwei
symmetrisch liegenden Zellen des Mesoderms hervor. Das Central-
nervensystem jedoch wird vom Ektoderm des Kopfes abgespalten.
Osman Galeb (7) der Anguilluliden untersuchte, hat nur
wenige Beobachtungen über die Entstehung der Cuticula und der
Musculatur gemacht.
Die jüngste Arbeit ist nun diejenige von Hallez (10). Aehnlich
wie Götte hat auch er die Entwicklung mehrerer Nematoden
schrittweise verfolgt. Für die Furchung giebt er Schemata, ist je-
doch im übrigen kaum so weit gekommen, wie Götte. In einigen
sich hauptsächlich mit der Anatomie beschäftigenden Arbeiten ist
auch der Embryologie ein mehr oder minder grosses Kapitel zu-
geteilt.
In der 1880 erschienenen Arbeit von Oerley über Anguilluliden
(13) ist folgendes über die Embryonalentwicklung gesagt: Nach
wiederholten Teilungen bildet sich eine Morula, die sich zu einer
aus zwei Schichten bestehenden Platte formt; eine Bildung der
Gastrula ist nie zu sehen. Die Bildung der beiden Schichten ist
nur durch Delamination möglich. Ein heller Streif in der Mitte
deutet die Entwicklung der Leibeshöhle an. Mund und After ent-
stehen durch ektodermale Einstülpung.
Gobb (5), der eine Anzahl parasitischer Nematoden aus Tieren
des nördlichen Eismeeres untersucht hat, macht sehr merkwürdige
Angaben über die Embryologie von Ascaris kükenthaHi. Nach ihm
ist die Grösse der beiden ersten Furchungskugeln eine sehr ver-
Zur Embryonalentwicklung des Strongylus paradoxus. 125
schiedene. Bei der fortgesetzten Teilung werden die Ektodermzellen
immer kleiner und liegen ganz zerstreut zwischen den grossen
Entodermelementen. Für die Furchung giebt er Schemata, von
denen er sagt, dass sie der Hauptsache nach richtig sein dürften.
Dann widmet S trüb eil (16) in seiner Arbeit über Heterodera
schachtii einen längeren Artikel der Embryonalentwickelung. Mit
geringen Ausnahmen sind jedoch seine Resultate identisch mit denen
Götte's. Er findet am Kopfe des Embryo ähnHche Zellen, wie die
Schwanzzellen. Der After wird wie der Vorderdarm durch Ein-
stülpung gebildet. Die Anlage des Geschlechtsorganes besteht aus
zwei symmetrisch liegenden Zellen des Mesoderms.
Das sind die bis jetzt veröffentHchten Untersuchungen über
Nematodenentwickelung. Trotz der grösseren Schriften von Götte
und Hallez weisen unsere Kenntnisse von der Entwickelung noch
immer bedeutende Lücken auf. Einmal ist es die von Götte beob-
achtete Umlagerung der Blastomeren und die Entstehung des Meso-
derms, was noch einer Bestätigung bedarf, dann aber ist fast die
ganze Organogenese entweder gar nicht, oder doch nur unvollständig
untersucht worden. Diese Umstände Hessen es wohl aussichtsreich
erscheinen, die Entwickelung eines noch wenig oder gar nicht unter-
suchten Nematoden zu studiren, und so war es mir ein angenehmer
und ehrenvoller Auftrag, als mein hochverehrter Lehrer, Herr Geh.
Eat Prof. F. E. Schulze, mir im Winter 1889/90 vorschlug, mich
mit der Entwicklung eines Nematoden zu beschäftigen.
Da nun die Entwicklung von Cucullanus elegans, zu Folge des
Auftretens der merkwürdigen Blastula in Form einer zweischichtigen
Zellplatte und der Gastrulation durch Umschlagen der Ränder dieser
Platte am interessantesten schien, so untersuchte ich zuerst diesen
Parasiten des Barsches. Derselbe gehört zu den \iviparen Nematoden
mit postembryonaler Metamorphose und Wirtwechsel. Die Weibchen
leben nach der Befruchtung in den Pylorusanhängen des Barsches
und bringen hier eine grosse Menge Eier hervor. Die Eier sind
vollkommen durchsichtig und haben eine Grösse von 0,064 mm (sie
wachsen übrigens während der Entwicklung); sie sind sehr wenig
widerstandsfähig und höchst empfindlich gegen Reagentien. Da die-
selben in physiologischer Kochsalzlösung, Eiweiss u. s. w, sofort ab-
starben, war es von vorn herein unmöglich, die Entwicklung an
einem Ei zu verfolgen, und war ich nur auf Vergleich angewiesen.
Es gelang mir jedoch nicht nur, alle von Bütschli gezeichneten
Stadien zu Gesicht zu bekommen, sondern ich habe auch noch einige
von ihm nicht gesehene beobachtet.
Das Ei unterliegt auch hier der aequatorialen Furchung, und
es ist aus der Analogie mit andern Nematoden zu schliessen, wenn
ich es auch ebenso wenig wie Bütschli beobachten konnte, dass
aus der einen Furchungskugel das ganze Ektoderm, die eine Seite
der Platte, und aus der andern das Ento-Mesoderm , die andere
Seite der plattenförmigen Blastula, hervorgeht. Die Gastrulation
126 Benno Wandolleck.
geschieht nun auf die Weise, dass durch Vermehrung der Zellen der
aus der ektodermalen Furchungskugel hervorgegangenen Zellschicht
die Platte sich nach der entodermalen Seite hin umschlägt; es bildet
sich zuerst ein unten offenes Rohr, dann ein schhtzförmiger Blasto-
porus, der sich, wie ich aus Vergleichung von Dauerpräparaten, die
ich anfertigte, und auch an frischem Material gesehen habe, von
hinten nach vorn schhesst, zuletzt nur ein kleines Loch übrig
lassend.
Leider gelang es mir nicht bei der Ungunst des Materials,
welches schwierig zu erlangen war, und zu dem noch gegen das
Frühjahr hin stetige Degenerationen hinzukamen, die Entwicklung
bedeutend weiter zu verfolgen. Da zuletzt das Material fast gar
nicht mehr zu beschaffen war, so blieb mir nichts anderes übrig,
als mich einem andern günstigeren Nematoden zuzuwenden, der
leichter zu beschaffen und geeigneter für die Beobachtung wäre.
Von CucuUanus kann ich noch sagen, dass die plattenförmige
Blastula wahrscheinlich nur ein secundäres Stadium darstellt. Das
Resultat der Furchung ist zuerst sicher ein kugelrunder Zellhaufen
mit verschwindend kleiner Furchungshöhle , dessen eine Halbkugel,
später die obere (äussere) Seite der Platte aus ektodermalen, das
heisst dotterarmen, dessen andere, später die untere (innere) Seite
der Platte aus entodermalen dotterreichen Elementen besteht.
Was das Nervensystem anlangt, so ist es klar, dass Bütschli
dasselbe für das Mesoderm gehalten hat, wie aus Vergleichungen
mit anderen Mitteilungen hervorgeht. Es tritt bei etwas älteren
Embryonen in Form von zwei Strängen dorsal- und ventralwärts ge-
lagert auf. Der ventrale Strang ist dem dorsalen stets um ein
Bedeutendes voraus.
Ich wählte nun als zweites Untersuchungsobject den, den Tier-
ärzten sehr bekannten, Bewohner der Bronchien des Schweines,
Strongylus paradoxus, der ungeheuer häufig bei Sus scrofa ferus
und domesticus, leicht jederzeit in grossen Mengen von dem Central-
schlachthof zu Berlin zu beziehen war. Der Strongylus paradoxus
lebt, wie schon gesagt, in Mengen zusammengepackt in den Bron-
chien des Schweines, dieselben häufig vollkommen verstopfend und
dadurch das Lungengewebe verändernd. Das Weibchen ist be-
deutend länger und dicker als das Männchen und in grösserer Zahl
als das letztere vorhanden. Es bringt in ununterbrochener Folge
Eier zur Reife, die befruchtet werden, ihre ganze Entwickelung im
mütterUchen Körper durchmachen und als lebendige, ausgebildete
Würmer, nur noch von der Eischale umschlossen, geboren werden.
Der Parasit ist also ovovivipar.
Er schien in Folge der Beschaffenheit seiner Eier ein aus-
gezeichnetes Beobachtungsobject abzugeben. Jedoch muss ich gegen-
über der Behauptung S trüb eil' s, der ebenfalls die grosse Klarheit
der Entwickelungsstadien dieses Wurmes rühmt, betonen, dass ge-
rade das, was die Beobachtung zu erleichtern scheint, dieselbe später
in hohem Grade erschwert, es ist dies nämlich die Reichhaltigkeit
Zur Embryonalentwicklung des Strongylus paradoxus. 127
der Entodermelemente an DotterschoUen, und die vollkommene
Durchsichtigkeit der ektodermalen Blastomeren. Denn, während die
Dotterkugeln sich bis zum Stadium des vollkommenen "Wurmes er-
halten und durch ihr starkes Lichtbrechungsvermögen alles ver-
decken, worden schon nach kurzer Zeit die Conturen der ektoder-
malen Elemente so undeuthch, dass man sich an frischem Material
kaum genügenden Aufschluss über ihre weiteren Schicksale ver-
schaffen kann.
Die zur Beobachtung bestimmten Weibchen wurden, wie schon
bemerkt, mit den Lungenspitzen von frisch getöteten Schweinen aus
dem Städtischen Central-Schlachthof zu Berlin bezogen.
Methoden.
Da ich glaiibe, dass die von mir angewendeten Methoden von
einiger Wichtigkeit sind, und nelleicht die Kenntnis derselben für
ähnliche Untersuchungen erwünscht sein würde, so gebe ich hier
eine genaue Beschreibung.
Meine Beobachtungen wurden an frischem und conservirtem
Material angestellt. Die Entwickelung habe ich an ein und dem-
selben Ei in schwacher Kochsalzlösung mit Hilfe des auf 30 ^ C. ge-
heizten Objecttisches nach Max Schultze beobachtet. Um über-
mässiges Verdunsten der Flüssigkeit zu verhindern, wurde das
Deckglas auf drei Seiten mit Wachs umrandet, während die vierte
zum Nachfüllen der verdunsteten Flüssigkeit offen bheb. Wachs-
füsschen an der einen offenen Seite verhinderten das Zerdrückt-
werden und untergelegte Haare, dass die Eier bei Zusatz weggespült
wurden. Die Lösung, die zum Nachfüllen diente, ward weniger con-
centriert genommen, da durch das Entweichen der Flüssigkeit schon
so wie so eine Concentration hervorgerufen wurde.
Um Totalpräparate zu erhalten, galt es, die dem unbewaffneten
Auge fast unsichtbaren Eier an den Objectträger zu heften. Nach
langen vergeblichen Versuchen, und nachdem das Verfahren des
Fixierens und Färbens unter dem Deckglas als vollkommen un-
brauchbaraufgegeben war, (erstens war das Flüssigkeitsquantum
viel zu gering, um die schwer durchdringlichen Eier zu conservieren,
und dann wurden dieselben von jedem Flüssigkeitsstrome sofort weg-
geschwemmt ; untergelegte Haare hatten nur zur Folge, dass die Eier
beim Fortschwimmen an dieselben anstiessen und zerbarsten), gelang
es mir auf folgende Weise ausgezeichnete Totalpräparate zu be-
kommen. Als Objectträger wurden nur solche von Deckglasdünne
verwendet.
Der Wurm wurde ohne Flüssigkeitszusatz auf den Objectträger
gebracht und in der Mitte durchschnitten. Mit der Leibesflüssigkeit
trat auch der Uterus heraus: der Wurm ward entfernt und nun
128 Beniio Wanrtolleck.
unter dem Präpariennikroskop die Entwickelungsstadien heraus-
präparirt. Dieselben lagen jetzt in der wahrscheinlich eiweisshaltigen
Uterus- und Leibesflüssigkeit der Mutter. Nun ward der Object-
träger plötzlich mit der bis 70 o C. erwärmten Fixierungsflüssigkeit
Übergossen, oder in dieselbe getaucht. Das Eiweiss gerann, und
während die Embryonen conserviert wurden, klebten sie zugleich an
dem Objectträger fest. Sie konnten jetzt wie mit Eiweiss auf-
geklebte Schnitte behandelt werden. Die heisse Conservierungs-
flüssigkeit hatte auch die Resistenzfähigkeit der chitinösen Eihaut
gegen Reagentin überwunden.
Die Stadien wurden jetzt in der gewöhnlichen Weise mit Borax-
carmin gefärbt (sie mussten lange in der Farbe verweilen). Die
Farbe ward so ausgezogen, dass die Kerne ziemlich dunkel, das
Plasma jedoch nur wenig gefärbt erschien; alsdann wurden die bis
jetzt noch ganz undeuthchen Zellgrenzen vermittelst einer gleich zu
beschreibenden Methode deutlich gemacht. Es ward mir dieselbe
von meinem hochverehrten Lehrer, Herrn Geh. Rat Prof. F.E.Schulze
angegeben, der dieselbe schon lange mit Erfolg anwendet. Sie be-
steht in der Einwirkung der in Xylol gelösten Pikrinsäure. Die
Präparate werden aus Alkohol absol. in diese Lösung gebracht,
welche sofort wirkt. Die Kerne werden rot, das Plasma rotgelb,
und die Grenzen der Zellen treten scharf hervor. Jedoch ist diese
Methode nicht immer von dem gewünschten Erfolg gekrönt; sie er-
fordert viele Uebung und Geduld, und häufig müssen Präparate als
wertlos fortgeworfen werden, die tagelange Behandlung erfordert
hatten. Da nun aber hauptsächlich bei älteren Embryonen Total-
präparate in Folge der Undurchsichtigkeit jener nicht ausreichten,
so musste ich, um einen besseren Einblick zu bekommen, zu
schneiden versuchen. Bei ihrer Kleinheit und leichten Bewegbarkeit
schien dieses zuerst unmöglich zu sein, jedoch mit Hülfe eines neuen
Verfahrens habe ich auch dieses zu Stande gebracht. Der Uterus
ward hierbei auf dem Objectträger in einem Tropfen frischen
Hühnereiweisses zerzupft, der Tropfen alsdann mit einer feinen
Nadel umgerührt, sodass die Stadien in dem Hühnereiweiss suspen-
diert waren, und dann mit dem Objectträger in die auf 50 — 70" C.
erhitzte Conservierungsfiüssigkeit gebracht. Das Eiweiss coagulirte
sofort zu einem zusammenhängenden Kuchen, die Embryonen in
sich schliessend, die in der Flüssigkeit, die natürlich das Eiweiss
durchdrang, conserviert wurden. Vermittelst eines scharfen Rasir-
messers Hess sich nachher leicht der Eiweisskuchen von dem Glase
herunterschälen. Derselbe wurde nun in der gewöhnlichen Weise
weiter behandelt und zum Schneiden vorbereitet, in Parafin von
hohem Schmelzpunkt eingebettet und in möglichst feine Schnitte zer-
legt. Da jedoch sämmtliche Furchungsstadien sehr zu Schrumpfungen
geneigt sind, so wurde zum langsamen Entwässern der Schulze' sehe
Dialysator, auch beim Einbetten nicht Xylol, sondern Chloroform
benutzt. Als Fixierungsflüssigkeit diente mir für Totalpräparate
Zur Embryonalentwicklung des Strongylus paradoxns. 129
Lang 'sehe Lösung, für die zum Schneiden bestimmten Objecte
Lang 'sehe Lösung und hauptsächlieh Chromosmiummessigsäure.
Alle andern Fixierungsmittel, aueh die so viel gerühmte Pikrin-
salpetersäure, gaben ein negatives Resultat, höchstens wäre noch der
van Bene den' sehe Alcohol- Eisessig zu nennen. Die Schnitte
wurden 3 // stark mit dem Jung' sehen Mikrotom gemacht, nach
der May er 'sehen Methode aufgeklebt imd auf dem Objectträger ge-
färbt. Da die Embryonen in Folge ihrer Kleinheit leicht aus dem
Eiweiss und dem Parafin aussprangen, so wurde jedesmal die Schnitt-
fläche mit einer dünnen Haut von Mastix -CoUodium überzogen,
welches Mittel die Objecte zurückhielt. Für ganz alte Embryonen
habe ich mit Erfolg Doppelfärbung HaematoxyHn-Eosin verwendet.
Farchung u. Gastrulation.
Die Eier von Strongylus paradoxus sind 0,059 mm lang und
0,04 mm breit und gleichmässig elliptisch. Sie sind im unbefruchteten
Zustand von einer dünnen durchsichtigen Dotterhaut umgeben und
enthalten eine grosse Menge Deutoplasma. Dasselbe besteht aus
kleinen gelblichen, das Lieht stark brechenden, Kügelchen und ist
so im Dotter verteilt, dass derselbe ein stark vaeuolenartiges Aus-
sehn erhält. Der Kern ist gross und meist mittelständig (Fig. 1).
Wenn das Ei der Reife entgegengeht, treten zuerst Bewegungen
in der Dottermasse auf, die zu einem vollständig veränderten Aus-
sehn derselben führen. Sie verliert ihre vacuolenreiche Beschaffen-
heit und es tritt zuerst ein Stadium ein, welches die beiden Dotter-
arten vollkommen dureheinandergemischt zeigt, allein dies ist nur
von sehr kurzer Dauer. Das Deutoplasma rückt nach der Mitte des
Eies, ballt sich hier zusammen und lässt einen hyalinen Hof von
Protoplasma zurück (Fig. 2). Das Keimbläsehen befindet sich noch
im Centrum des zusammengeballten Nahrungsdotters. Jetzt beginnt
die Metamorphose des Kernes, die Richtungskörper werden in der
bekannten Weise ausgeschieden, die Dotterkörner treten auseinander
und sind jetzt wie vorher ganz gleichmässig im Ei verteilt (Fig. 8).
Das Ei hat seine Reife erlangt, und die Befruchtung kann vor sich
gehen. Da bei der Begattung eine grosse Menge Sperma in die
weiblichen Genitalien entleert wird, so schwimmen die unregelmässig
gestalteten Spermatozoen überall im Uterus umher, sodass die Eier
sofort befruchtet werden. Es ist mir jedoch niemals gelungen, diese
so bedeutenden Vorgänge zu Gesicht zu bekommen und ihnen zu
folgen, und ich glaube daraus schliessen zu müssen, dass die Flüssig-
keiten, in denen ich die Eier beobachtete , und die deren Lebens-
fähigkeit wenigstens auf einige Zeit erhielten, doch nicht die
Bedingungen geboten haben müssen, die nötig waren, um die
Spermatozoen befruchtungsfähig zu erhalten. Ich muss jedoch hier
noch bemerken, dass meinen Beobachtungen zufolge, das Deuto-
plasma sich bei der Befruchtung passiv zu verhalten scheint. Es
Arch. f. Natnrgescli. Jahrg. 1892. Bd. I. E. 2 9
130 Benno Wandolleck.
ist mir bei Eiern, die einen eben in die Ruhephase tretenden Kern
zeigten, nnd die durch die gleich darauf folgende Teilung zeigten,
dass die Befruchtung soeben vollzogen war, niemals auch nur eine
nennenswerthe Anordnung des Deutoplasmas aufgefallen.
Das Ei hat sich jetzt mit einer Schale umgeben, und sogleich
nimmt die Entwickelung ihren Anfang. Immer lassen sich deutlich
zwei Häute, die das Ei umgeben, unterscheiden. Erstens die dem
Inhalte eng anliegende Dotterhaut, und zweitens die wesentlich festere
Schalenhaut. Erstere ist eine sehr dünne glashelle Membran; letztere
ist bedeutend derber, etwas gelblich gefärbt, sonst aber homogen.
Bei Flüssigkeitszusatz zeigt sie sich sehr quellungsfähig, so dass sie
dann Kugelform annimmt. Der Zwischenraum zwischen beiden Häuten
ist von einer vacuolenreichen Flüssigkeit angefüllt, welche beim flüch-
tigen Anblick eine Skulptur der Schalenhaut vortäuschen könnte.
Der Eikörper besteht gleichmässig aus feinkörnigem Protoplasma und
gelblichen Dotterschollen. In der Nähe des animalen Eipoles be-
finden sich die beiden Richtungskörper. Ihre Lage kann jedoch
später nicht mehr zur Orientirung des Eies benutzt werden, da sie
bald nach den ersten Teilungen ihre Austrittsstelle verlassen, ja
später gar nicht mehr aufzufinden sind.
Es sind von mir auf dem heizbaren Objecttisch einzelne Eier
von Teilung zu Teilung bis zur Ausbildung der Keimblätter beob-
achtet worden. Ein Vergleichen der Stadien, obgleich die Abkömm-
linge der ersten Teilung sich schon in der Färbung unterscheiden,
musste aufgegeben werden, da diese Methode unmöglich in derselben
Weise, wie die direkte Verfolgung über das Schicksal und die Her-
kunft der einzelnen Blastomeren genügende Aufklärung geben konnte.
Nachdem eine kurze Ruhepause nach der Befruchtung vergangen,
schreitet das Ei zur ersten Teilung. Dieser Vorgang wird wieder
durch eine ganz specifische Bewegung des Dotters eingeleitet. Es
sondert sich nämlich scharf und immer schärfer der Nahrungsdotter
von dem Bildungsdotter, während der eine nach dem einen, wird der
andere nach dem andern Pole des elliptischen Eies hingedrängt. Es
bedeutet diese Bewegung jedoch noch keineswegs eine Teilung, sondern
nur eine Sonderung der beiden Dotterarten an den entgegengesetzten
Polen. Zu gleicher Zeit hat sich der Kern dem Auge entzogen, er
ist in Teilung begriffen. Bald darauf erscheinen die beiden Tochter-
kerne , aber es erfolgt keine Teilung des Eies. Die beiden Kerne
verlassen jetzt langsam vorrückend die Mitte des Eies, treten beide
in den protoplasmatischen Teil über und bleiben hier eine ganze
Weile dicht nebeneinander ruhig liegen (Fig. 4), alsdann verlässt der
eine der Kerne seine Stelle, rückt in den deutoplasmareichen Teil
hinüber, und kaum ist er in demselben angekommen, so erfolgt die
erste Dotterteilung, ziemlich genau in der Mitte zwischen den beiden
Polen. Der Dotter hat sich vorher noch etwas in die Länge gestreckt
(Fig. 5 u. 6).
Zur Embryonalentwickluiig des Strongylus paradoxus, \^\
Die Teilung ist eine aeqiiatoriale ; die eine Kugel, die die
Riclitungskörper trägt und aus Bildungsdotter besteht, nimmt den
oberen, aboralen Pol, die andere, welche das ganze Deutoplasma des
Eies enthält, den oralen Pol ein. Wie meine Untersuchungen zeigen
werden, geht aus jener das ganze Ektoderm und seine Derivate, aus
dieser das gesamte Ento-Mesoderm des jungen Wurmes hervor. Die
beiden Kugeln sind ganz gleich gross und nur später, wenn die ekto-
dermale Kugel (Bezeichnung Ekj) ihre Gestalt zu verändern anfängt,
hat es den Anschein, als ob dieselbe kleiner wäre als die andere,
deren gröbere Struktur und stärkeres Lichtbrechungsvermögen sie
schon so wie so grösser erscheinen lassen. Ebenso wenig wie Götte
bei Rhabditis, kann ich auch hier bei Strongylus eine Regel für die
späteren Teilungen und noch viel weniger ein genaues Schema der
Teilungen, wie es Hallez (10) und Cobb geben, aufstellen. Es teilt
sich eben einmal das eine und einmal das andere Elastomer zuerst
(Eig. 9, 10); ja es schien mir sogar, wie bei Rhabditis sich häufiger
das dotterreiche Elastomer zuerst zu teilen, sodass hier die Regel
von dem Widerstand, den der Nahrungsdotter der Teilung- entgegen-
setzen soll, wohl kaum Anwendung finden dürfte.
Es war nun von hoher Wichtigkeit, zu beobachten, inwieweit
die von Götte bei Rhabditis gemachten Wahrnehmungen über die
Verschiebung der beiden primären Blastomeren gegeneinander von
allgemeiner Geltung für die Entwickelung der Nematoden seien. Da
auch noch andere Forscher, welche über jenen Gegenstand gearbeitet
haben, ähnhches berichten, so war mit gTosser Wahrscheinlichkeit
anzunehmen, dass dieselben Vorgänge auch bei Sti'ongylus statthaben
würden. Ich fand die Angaben jenes Forschers auch vollkommen
bestätigt. Zuerst lagen beide Blastomeren in annähernder Kugelform
nebeneinander. Die Trennungslinie beider war die Aequatorialebene
des Eies. Diese Lage ändert sich sehr bald, die Blastomeren ver-
lieren ihre kugelförmige Gestalt, ziehen sich in die Länge und werden
birnförmig. Während der Kern zur Teilung schreitet, entsendet das
Elastomer, welches keine Dotterkörner enthält und die Richtungs-
körper trägt, indem es sich auszieht, einen breiten Fortsatz finger-
förmig über die andere Kugel, welche dasselbe auf der entgegen-
gesetzten Seite des Eies thut (Fig. 7, 8). Die vorher senkrechte
Furchungsebene erhält dadurch eine schräge Stellung.
Es ist dieser Vorgang das erste Anzeichen der beginnenden
Umwachsung des Entoderms durch das Ektoderm, denn, wie schon
gesagt, geht das Ektoderm mit allen von ihm kommenden Geweben
aus der einen dotterarmen Kugel, das Ento-Mesoderm aus der andern
dotterreichen hervor. An einem Ei, welches sich in diesem Stadium
befindet, kann der Beschauer sich schon vollkommen über die ver-
schiedenen Körperregionen des zukünftigen Embryos orientiren. Legt
man das Ei so, dass das dotterreiche Elastomer, das ich mit En^
bezeichnen will, nach rechts; die Seite, wo das dotterarme, welches
ich Ekj nenne, sich über Euj schiebt, nach oben gerichtet ist, so
ist diese Seite die Rückenfläche des Embryo; an der Stelle, wo
9*
132 Benno Wandolleck.
zuerst Erii lag, befindet sich später der Schwanzteil, während sich
an dem entgegengesetzten Pole der Kopf befindet. Ich habe diese
Besultate durch die ununterbrochene Beobachtung ein und desselben
Eies gewonnen, und ist auch schon deshalb kein Zweifel möglich,
da die beiden primären Blastomeren von vorn herein gleich ein ganz
verschiedenes Aussehen haben, auch bei der Conservierung und
Färbung die Farben jedesmal in ganz specifischer Weise aufnehmen,
was auch jeden Zweifel ausschliessen muss.
Die eben beschriebene Verschiebung der beiden primären Blasto-
meren ist nur der vorbereitende Act für die zweite Teilung gewesen,
welche jetzt senkrecht zur vorigen Teilungsebene und zwar fast immer
in der ektodermalen Kugel zuerst erfolgt (Fig. 9). In kurzem teilt
sich auch En^, sodass jetzt vier in schrägem Kreuz stehende Blasto-
meren vorhanden sind (Fig. 10), Die Mittelpunkte sämmtlicher Teil-
stücke liegen in der Medianebene des zukünftigen Embryos. Ek^
nimmt die Stelle des Kopfes; En^ diejenige des Schwanzes; Ekg die
des Rückens; Eng die des Bauches ein. Dieses vierzellige Stadium
scheint ein längerwährendes Ruhestadium zu sein, was nicht nur die
grosse Häufigkeit dieser Phase in einem Uterus, sondern auch das
gleichzeitige Auftreten ruhender Kerne in jeder Zelle bestätigt. Das
erste Zeichen der beginnenden Weiterentwicklung wird jetzt angedeutet
durch eine Sonderung der Dotterelemente in der zweiten entodermalen
Kugel in Eng, welche grosse Aehnlichkeit mit dem Vorgang vor der
ersten Furchung hat. Während der Kern unsichtbar wird, werden
die Dotterkörner fast sämmtlich nach dem hinteren Ende der Zelle
getrieben, während der vordere Teil nur wenige derselben zurück-
hält und beinahe ganz das Ansehen eines ektodermalen Elementes
erhält. Das Elastomer zerfällt in zwei verschiedenartig aussehende
Teilstücke Eng, Eng (Fig. 11), sodass es den Anschein erwecken
könnte, als ob es hier zu einer nachträglichen Bildung von Ekto-
derm käme. Dies ist jedoch keineswegs der Fall, denn wie meine
fortgesetzten Beobachtungen ein und desselben Eies gezeigt haben,
wird auch diese Zelle, wie sämmtliche von dem primären En her-
stammenden Elemente zum Aufbau des Ento-Mesoderms verwendet.
Bis jetzt lagen die Mittelpunkte aller fünf Blastomeren noch in
der Medianebene, dies Verhältnis wird aber sehr bald gestört dadurch,
dass die durch die letzte Teilung entstandenen Kugeln sich seitKch
an einander vorbeischieben, sodass ihre Trennungsfläche sich im
spitzen Winkel zur Medianebene stellt. Zu gleicher Zeit geraten
auch die Ekkugeln in Bewegung, schieben sich aneinander in gleicher
Weise vorbei, ziehen sich in die Länge und zerfallen in je zwei
Teilstücke (Fig. 12). Auch bei diesen ersten Teilungen ist noch zu
bemerken, dass die Teilstücke und hauptsächhch die Ek-Elemente
sehr häufig das Bestreben haben, die eben vollendete Teilung rück-
gängig zu machen und wieder mit einander zu verschmelzen. Auch
später werden die Grenzen der Ek- Stücke oft so undeutlich, dass
man es mit einer gieichmässigen Schicht hyalinen Protoplasmas zu
Zur Embryonalentwicklung des Strongyhis paradoxus. 133
thun zu haben glaubt. Gerade diese Eigenschaft der Ek erschwert
auch später in hohem Grade die Beobachtung, sodass es manch-
mal bei der intensiven Vermehrung, die dieselben nachher zeigen,
schwer wird, genau zu sagen, welches die Derivate einer bestimmten
Zelle sind.
Eng, ein Abkömmmling von Eng, ist um ein bedeutendes kleiner,
wie diese Zelle. In ähnlicher Weise zerfällt jetzt auch Eui in ein
grösseres und ein kleineres Teilstück (Fig. 14), das grössere hat die
Stelle von En^ inne, das kleinere dagegen liegt an dem Schwanzpol.
Das neugebildete Stück hat im Gegensatz zu Eng dieselbe Beschaffen-
heit wie Enj, und ist nicht durch sein Aussehen von den andern
Entodermzellen verschieden.
Es sind jetzt acht Blastomeren vorhanden, vier Ek. und vier Eu.
Wieder tritt nun eine Bewegung und Umlagerung der Blastomeren
unter sich ein. Dadurch, dass sich Ekg nach hinten zu in die Länge
streckt (Fig. 14), wird En^ aus seiner früheren Lage, wo die Median-
ebene durch seinen Mittelpunkt ging, ganz nach Hnks und etwas
nach oben hinausgedrängt; En., folgt nach, indem es von unten nach
oben rückt, so dass es sich jetzt in die Furche zwischen Ekg und
Ek4 einkeilt. Zu gleicher Zeit ist auch das zuletzt entstandene En-
doblastomer aus seiner Lage am Pol und in der Medianebene ge-
treten und hat einen Platz weiter vorn und etwas Hnks eingenommen.
Das Stadium hat in Folge dieser Verschiebungen eine höchst un-
symmetrische Gestalt angenommen, die hauptsächhch durch die jetzt
eintretende intensivere Segmentation der Ek-Elemente hervorgerufen
wird. Bis jetzt konnte man die Medianebene so durch dieses Stadium
hindurchlegen, dass rechts von derselben Ekg und Ekg lagen, Eki
und Ek4 aber auf der linken Seite; dies Verhältnis wird aber sehr
bald gestört, dadurch, dass Ekg in querer Richtung in zwei Stücke
zerfällt, von denen das neu entstandene sich nach hinten zu zwischen
Ekg und Ek^ (Fig. 15) drängt, bald daraufzeigt auch Ek^ Anzeichen
der beginnenden Teilung; dieselbe vollzieht sich, und das neue Ekg
legt sich, ähnlich wie Ekg zwischen Ekg und Ekj, zwischen Ek^ und
Ekg. Es ist damit bereits der Anfang zu einer Lagerung der Ek-
Zellen gemacht, welche man beim Anschauen späterer Stadien vom
Rücken aus stets zur Ansicht bekommt (Fig. 16), nämlich der Ans
Ordnung der Ekzellen in drei parallelen Reihen, welche den Rücken
des Embryo vom Kopf zum Schwanzende durchziehen. Zugleich
bilden auch, wenn dieses Stadium erreicht ist, die Ek-Elemente eine
Kappe, die die En-Stücke von vorn und vom Rücken her zu über-
decken beginnt.
Während dieser Vorgänge in der Ek-Masse sind auch die En-
Zellen nicht in Ruhe geblieben. Zuerst ist Eng zur Teilung ge-
schritten und zwar in querer Richtung, während Eng seine bei der
letzten Teüung erlangte Lage behält, rückt Eng nach hinten, wobei
es En4 vor sich her schiebt (Fig. 15). Weiter zerfällt Eng, dessen
Abkömmling Eng nach oben in die Mitte des Zellhaufens gehoben
wird (Fig. 17). Nun erfolgen in den En-Elementen diejenigen Tei-
134 Benno Wandolleck.
limgen, welche dem Enbryo erst die bilateral-symmetrische Anordnung
seiner Theile geben. Als erstes zerfällt En^ dnrch Teilung in der
Medianebene in zwei rechts und Hnks gelegenn bilateral-symmetrische
Stücke (Fig. 18); dasselbe thut Eus, gleich darauf folgt En4 nach.
Ehe aber diese Teilungen in der En-Masse aufgetreten, haben sich
auch die Ek-Blastomeren in der Längs- und Querrichtung vermehrt,
sodass die kleine Kappe, die sie vorher bildeten, grösser und voll-
kommener geworden ist und nicht blos die En-Masse von oben, son-
dern jetzt auch von den Seiten her zu überdecken anfängt. Bei
einer Ansicht vom Rücken sieht man nur noch die in mehreren
Reihen nebeneinanderliegenden Ek-Zellen; blos am hinteren Pole
ragt das in zwei symmetrische Teilstücke zerfallene En^ hervor,
sich nicht nur in der Grösse, sondern auch in der Struktur und
dem Aussehen deutlich von den Ek-Stücken abhebend. Ich will in
Uebereinstimmung mit früheren Untersuchern der Nematoden-
entwickelung diese beiden Zellen Schwanzzellen nennen, ohne ihnen
damit ebensowenig, wie meine Vorgänger, irgend eine hervorragende
Bedeutung zu vindiciren. Aber das will ich hier gleich betonen,
dass sie stets entodermalen und nie ektodermalen Ursprungs sind.
Bis dahin hatte der Embryo noch immer eine ziemlich gedrungene
Form, dies ändert sich aber dadurch, dass, während Eng und Eng
auch durch Längsteilung in je zwei seitliche Stücke zerfallen,
das Paar Eng nach der Bauchseite hin wieder in die Doppelreihe
der En- Stücke einrückt. Auch Eng hat sich unterdessen in zwei
Stücke geteilt.
Auf diesem Stadium bilden die En- Zellen mit Ausnahme des
Paares Eni iiur zwei nebeneinanderliegende Längsreihen, eine vier-
fache Reihe ist jetzt noch nicht vorhanden, dieselbe tritt erst viel
später, wenn bereits der Blastoporus anfängt sich zu schliessen und
die Mittelschicht in zwei Streifen angelegt ist, auf. Ich habe dieses
hauptsächlich durch die Schnittmethode festgestellt, da frische und
conservirte Totalpräparate keinen genügenden Aufschluss hierüber
gaben. Es haben auch die frischen Eier, die sich in diesem Stadium
befinden, die Neigung, sich auf die Bauch- oder Rückenfläche zu
legen, da dieselben eine breitere Basis geben wie die Seiten.
Durch die starke Vermehrung der Teile der Ek-Kappe schlägt
sich, nicht nur der Rand derselben nach der Bauchseite hin um,
sondern die Zellen schieben sich auch nach dem Schwanzende über
die beiden Entodermzellen (Euj) die sich mit dem Namen Schwanz-
zellen belegte, hinweg, die letzteren dabei hinunterdrückend.
Dieser Vorgang ist nun von der höchsten Wichtigkeit, denn
während das Paar En^ durch die Ueberwachsung der Eck-Kappe in
die Doppelreihe der unter ihm liegenden En -Zellen gedrückt wird,
drängt dasselbe das Paar Eng, das seine Lage direkt darunter hatte,
seitwärts und nach unten aus der Reihe heraus.
Mit der Ausbildung dieser Formation kann man jetzt die
Furchung für abgeschlossen halten, und lässt dieses Stadium sich
schon völHg mit den Endstadien anderer Furchungen vergleichen.
Zur Einbryonalentwickiung des Strongylus paradoxus. 135
Wie leicht zu erkennen, ist dieses der der Gastriüa identische
Zustand.
Wenn man den oben geschilderten Entwicklungsgang noch ein-
mal recapitulirt, so finden sich darin mehrere Punkte, die nicht nur
für Strongylus paradoxus, sondern auch für die ganze Ordnung der
Nematoden von Bedeutung sind. An der Hand des letzten Stadiums
wird man leicht alle frühereu Stadien auf bekannte typische Forma-
tionen zurückführen können. Es sind in der letztbeschriebenen
Form deutlich zwei Schichten zum Ausdruck gekommen, erstens die
aus dem primären Ek-Blastomer entstandene epithelartig angeordnete
äussere Schicht, das Ektoderm, und, der von jener kappenartig um-
fasste aus kubischrundlichen Zellen bestehende. Kern, das Ektoderm,
das Derivat der primären En-Zelle.
Was die von mir geschilderten ersten Vorgänge betrifft, die sich
vor der Furchung abspielen, so möchte ich neben der Bewegung der
Dotterschollen nur noch auf die Teilung des Kernes hinweisen, die
nicht mit der Segmentation des Eies Schritt hält, sondern ihr voraus-
eilt. Es ist dies schon mehrfach beobachtet und meistens damit er-
klärt worden, dass der Reichtum der Zelle an Deutoplasma der
Furchung ein Hinderniss bereite, und so das Auftreten zweier Kerne
in dem ungefurchten Ei zu Stande käme. Da aber in diesem Falle
nur die eine Hälfte der Kugel Deutoplasma enthält, wogegen die
andere gänzlich frei davon ist, beide Kerne sich aber in dem proto-
plasmareichen Teile befinden, so kann jene Erklärung hier wohl
kaum in Anwendung gebracht werden. Es hat fast den Anschein,
als ob der Kern, der später in dem deutoplasmareichen Teile liegt,
sich solange an das andere Ende des Eies begebe, bis die Sonderung
der Dotterarten vollständig vor sich gegangen, dann in jenem Teil
übertrete, worauf alsdann die endgültige Segmentation erfolgt.
Die erste Furchung zeigt etwas Besonderes; sie ist nicht wie
gewöhnlich meridional sondern aequatorial. Da ich mich in diesem
Punkt mit allen früheren Untersuchern, die darüber berichtet haben,
im Einklang befinde, so kann die aequatoriale Furchung wohl als
die allen Nematoden eigene angesehen werden. Nun tritt aber gleich
mit der ersten Segmentation ein Zustand ein, der ebenfalls für die
Nematoden von grosser Wichtigkeit ist. Die eine Kugel, das dotter-
arme Blastomer, wird zum Ektoderm des zukünftigen Wurmes, wo-
gegen das dotterreiche Blastomer das Ento-Mesoderm enthält. Es
ist dieses schon von Natanson angenommen worden; da er jedoch
der Entwicklung nicht direkt folgen konnte, war es nur eine Vor-
aussetzung, welche die richtigen Verhältnisse traf. Erst Götte und
Hallez haben an der Hand von direkten Beobachtungen hierauf
aufmerksam gemacht, und wie meine Untersuchungen zeigen, kann
ich diese Angaben vollkommen bestätigen. Von Anfang an ist Ekto-
und Entoderm von einander gesondert, die erste Teilung schon hat
diese ausgesprochene Differenzierung bewirkt, was bei den Eiern
anderer Tiergruppen erst viel später zur Erscheinung kommt, tritt
bei den Nematoden nach der ersten Segmentation ein.
136 Benno Wandolleck.
Hierbei komme ich nun zu dem zweiten Punkte von allgemeiner
Bedeutung für die Nematodenentwicklung, nämlich zu der Ver-
schiebung der primären und den Bewegungen der späteren Blasto-
meren gegeneinander.
"Wie oben bemerkt, ist die erste Umlagerung sehr viel früher
bekannt gewesen, wie Götte es annimmt, denn schon in der Arbeit
von Alex Brandt über Rhabditis findet sich eine Figur, die diesen
Vorgang wiedergiebt, auch wird derselbe von Auerbach (1) ab-
gebildet. Sehr schön lässt sich bei Strongylus paradoxus diese Um-
lagerung verfolgen, und sie ist wohl demnach ein in der Entwicklung
aller Nematoden sich wiederholender Vorgang. Wenn auch Strubel 1
bei Heterodera schachtii angiebt, dass die ersten drei Furchungs-
kugeln immer in einer Reihe hintereinander liegen, was diese Be-
wegung notwendiger Weise ausschliessen müsste, so kann dies wohl
nur auf Täuschung beruhen, da dreizelhge Stadien, von oben oder
von unten betrachtet, oft den Eindruck hervorrufen, als ob die drei
Blastomeren nebeneinander und nicht in Form eines Dreiecks lägen.
An dieses Stadium habe ich vorhin die Orientirung des Eies
nach den späteren Körperregionen des Embryo angeschlossen, und
ich komme nun damit zu einem Punkte, in Betreff dessen ich mich
mit meinen Vorgängern nicht in Ueberein Stimmung befinde.
Die Austrittsstelle der Richtungskörper bezeichnet den animalen
oder aboralen Pol ; er wird bei Strongylus und bei allen Nematoden
durch die Ek-Kugel eingenommen. Diese Kugel nimmt späterhin
mit ihren Derivaten den Rücken der Gastrula ein, wo sie aber am
Anfange gelegen, befindet sich später der Kopf des Wurmes, nicht
der Schwanz; dieser liegt durch die entodermalen Schwanzzellen
markirt, am entgegengesetzten Ende, wo früher die En-Kugel ihren
Platz hatte. Es ist daher weder die eine Kugel, die Kopfkugel,
noch die andere die Schwanzkugel zu nennen.
Die Untersucher vor Götte haben die Verschiebung nicht be-
achtet und sind infolge dessen zu jener irrigen Meinung gekommen.
Götte ist auch hier der erste, der die Umlagerung verfolgt und die
Angaben zurückgewiesen hat, als ob die eine Hälfte des gefurchten
Nematodeneies den vorderen, die andere, den hinteren Teil des
Embryo bilde. Aber indem er diese falschen Angaben widerlegt,
verfällt er in einen andern Irrtum, lässt die Drehung der Dotter-
masse eine totale werden, und die einzelnen Kugeln sehr complicierte
Bewegungen machen. Trotzdem er die Entwicklung vom Anfang
bis zur Gastrula beobachtete, scheint ihm doch bei dem vollständig
gleichen Aussehen der beiden primären Blastomeren ein Irrtum mit
untergelaufen zu sein, wenigstens kann sich für Strongylus seine
Angaben keineswegs bestätigen. Götte lässt die Ek-Kugel mit
ihren Abkömmlingen vollständig herüberwachsen. Dabei müssen
nach seiner Angabe Ektodermzellen zweierlei Art entstehen, zwei
grosse und die übrigen kleine. Der Schwanzteil wird durch die
beiden grossen Zellen bezeichnet, er legt diesen beiden Zellen, wie
er sagt, keine grosse Bedeutung bei, ich halte aber das für be-
Zur Embryonalentwickhmg des Strongylus paradoxus. 137
deutend genug, dass er überall betont, dass sie das Schwanzende
des Embryos bezeichnen, und dass man mit Hülfe der Schwanzzellen
den Embryo stets orientieren könne. Zwei grosse in die Augen
fallende Zellen bezeichnen allerdings auch bei Strongylus das
Schwanzende, aber sie sind niemals ektodermalen Ursprungs. Wenn
man auch nicht, wie ich es gethan, die Entwicklung beobachtet
hätte, so muss doch jedem unbefangenen Beschauer bei Strongylus
paradoxus sofort die Verschiedenartigkeit der Ek-Elemente und dieser
beiden Schwanzzellen auffallen. Ich will zuerst einmal ein frisches
Präparat betrachten.
Die Elemente des Ektoderms sind feinkörnig, klein, hyalin; die
Schwanzzellen, wie die En-Stücke gross und mit gelblichen Dotter-
schollen erfüllt. Auf einem conservierten Totalpräparat, das mit
Karmin gefärbt ist, sind die epithelartig angeordneten Ek-Zellen
tiefrot tingiert, die Schwanzzellen aber, wie das ganze Entoderm,
hellrosa. Auf Schnitten zeigen die Ek, eine feinkörnige, aber com-
pakte Struktur; die Schwanzzellen wie die En ein gittrig fasriges
Gefüge, welches dadurch entstanden ist, dass zwischen den Proto-
plasmasträngen die Dotterschollen aufgelöst sind. Es kann also gar
kein Zweifel darüber sein, dass die sog. Schwanzzellen allerdings
die Schwanzregion des Embryo bezeichnen, aber bei Strongylus
immer entodermalen Charakters und immer an dem Pol gelegen
sind, der früher durch das primäre Endoblastomer bezeichnet wurde.
Strubell scheint, in Bezug auf die Schwanzzellen schon etwas
schwankend geworden zu sein, was ich hauptsächlich darauf zurück-
führe, dass er Eier von Strongylus paradoxus als Vergleichsobjecte
verwendet hat. Er giebt an, dass auch am Vorderende sich ähnliche
Gebilde befinden, die Schwanzzellen von diesen jedoch durch ihre
stärkere Prominenz sich unterscheiden. Wer jedoch einmal gesehen
hat, wie leicht auch bei ganz normaler Furchung verschiedene Zellen
gegen die anderen hervorragen, wird leicht einsehen, dass eine
stärkere Prominenz nicht für eine Unterscheidung verwertet werden
kann. Hier möchte ich noch auf eine sehr merkwürdige Figur in
Hallez's Arbeit hinweisen, welche sehr grosse Aehnlichkeit mit ge-
wissen Entwicklungsstadien von Strongylus hat, und für seine Auf-
fassung der Schwanzzellen absolut keine Belege liefert; es ist Fig. 139
auf PI. IV. Das Stadium ist von der Rückseite gesehen; 10 epithel-
artig angeordnete sechseckige Zellen liegen in drei Reihen neben-
einander und decken als Ektodermkappe das Entoderm und das
Mesoderm, welch' letzteres hier schon als zwei Stränge angegeben
wird. Am hinteren Ende sehen zwei grosse rundUche Zellen hervor,
Hallez nennt sie Schwanzzellen und lässt sie aus dem Ektoderm
hervorgehen. Nun ist aber das Bild mit einer Schattierung ver-
sehen, die aller Wahrscheinlichkeit nach die Struktur der Zellen
verdeutlichen soll, und da zeigt sich eine merkwürdige Verschieden-
heit. Die epithelartigen Ektodermzellen sind feinkörnig dunkel ge-
halten, die Schwanzzellen aber die doch mit jenen gleichen Ursprungs
sein sollen, sind gross, kugelig, hell und mit grossen, runden Dotter-
138 Benno Wandolleck.
körnern versehen. Hier sind nur zwei Mögliclikeiten, entweder hat
Oxyuris longicollis zwei Arten von Ektodermzellen oder die Schwanz-
zellen sind keine Ektodermzellen sondern die hinteren Zellen des
Entodermkernes. Das erstere ist wohl kaum zulässig und nur das
zweite, wie auch meine Untersuchungen zeigen, die einzig richtige
Deutung. Hallez hat das Stadium richtig gesehen und nach der
Natur abgebildet, aber wie ich annehmen muss, beeinflusst durch
die Götte'sche Arbeit, falsch gedeutet. Ich möchte glauben, dass
in dieser Figur noch ein Irrtum mit untergelaufen ist, indem die
mit m (Mesoderm) bezeichneten Zellen jedenfalls keine Mesoderm-
streifen sind, sondern der Rand der Ektodermzellen, denn wie ich
beobachtet habe, tritt eine Prohferation der Mesoblasten erst ein,
wenn dieselben durch die darüberliegenden Entodermzellen seitwärts
und nach unten aus ihrer früheren Lage gedrängt worden sind, was
durch das vollkommene Ueberwachsen des Ektoclerms bewirkt wird.
Ich nehme dies für Oxyuris longicollis deswegen an, weil die be-
treffende Figur von Hallez mit einem von mir in Fig. 18 abgebildeten
Stadium frappirende Aehnlichkeit zeigt.
Was die eventuellen Gründe der Aequatorialteilung der Nema-
todeneier und die merkwürdige Umlagerung der primären Blasto-
meren betrifft, so kann ich mich ganz Götte's Auffassung an-
schliessen, der diese Vorgänge allein auf Rechnung der eigentümlichen
Form der festen chitinigen Eihaut bringt, die ungehindert nur eine
Aequatorialteilung gestatte und dadurch eine Drehung der Dotter-
masse einleite.
Ich käme nun noch zu der Art und Weise wie das Ektoderm
das Entoderm einschliesst, zu der Bildung der Gastrula. Dieser
Vorgang ist im Princip derselbe, wie er von Götte und Hallez be-
schrieben wurde, nur bei weitem einfacher. Die Elemente des Ekto-
derms, wie des Entoderms, hauptsächlich aber die letzteren zeigen
zuerst die Neigung, sich quer zu teilen und ihre Teilstückc nach
vorn zu schieben, abgesehen von Verschiebungen, die dem Ei oft
eine sehr unsymmetrische Gestalt verleihen, und wie schon gesagt,
mit durch die Festigkeit der Eischale bedingt sind. Das Ektoderm
umwächst das Entoderm von oben, während das Entoderm durch
Vermehrung seiner Zellen gewissermassen in die vom Ektoderm ge-
bildete Kappe hinein wächst. Die Stadien sind aber immer com-
pakt, und die Furchungshöhle ist auf ganz geringe Spalten zwischen
den Zellen reducirt. Wenn man von einer Blastula sprechen will,
so kommt bei Strongylus nur eine Sterroblastula und später durch
Epibolie eine Sterrogastrula zur Ausbildung. Damit will ich aber
nicht sagen, dass nicht doch auf einem Stadium ein kleines ver-
gängliches Blastocoeloma entstehen könnte, denn auch ich halte den
Unterschied zwischen Coelo- und Sterrogastrula nur für einen
graduellen. Eine Urdarmhöhle kommt aber nicht zur Ausbildung.
Erst bei späteren Stadien, wenn der Vorderdarm gebildet ist, weichen
dessen Zellen auseinander und zeigen eine deutliche Spalte,
Zur Embryonalentwicklung des Strougylus paracloxus. 139
Mesoderm und Blastoporus.
Ich habe die Entwickehmg an einem Punkte verlassen, wo sich
das Stadium als eine vollkommene Gastrula präsentirte. Das Ekto-
derm überwölbte epithelartig das Entoderm vom Rücken und von
den Seiten aus; das letztere war in dieser Höhlung fast ganz ein-
geschlossen, hatte sich in zwei symmetrische Reihen angeordnet und
in der Nähe des Hinterendes zwei ebenfalls symmetrisch liegende
Zellen seitwärts und nach unten ausgeschieden (Fig. 19, 20). Ich
habe, wenn sich das Ei in diesem Zustand befand, weder auf Total-
präparaten ^ noch auf Schnitten mehr als eine Doppelreihe von En-
todermzellen zur Ansicht bekommen; erst in sehr viel späteren
Stadien habe ich auf Querschnitten vier Zellen nebeneinander ge-
sehen. Im hinteren Ende des Embryo sind nun, während das Ek-
toderm anfing, die Schwanzzellen zu decken, dieselben nach unten
gedrängt worden, sie haben auf das unter ihnen liegende Zellenpaar
Euß gedrückt, sie aus der Reihe der Entodermzellen herausgeschoben
und ihre Stelle eingenommen. Hier haben wir mit dieser Umlage-
rung die Bildung der beiden symmetrisch liegenden Mesoblasten vor
uns. Das Ento-Mesoderm, welches aus dem primären mit En^ be-
zeichneten Elastomer herkam, ist jetzt in seine beiden Bestandteile
in das aus einem doppelten Zellstrange bestehende Entoderm, die
Anlage des Darmes und in die beiden Mesoblasten, die Anfänge des
Mesoderms zerfallen. Eine kurze Zeit jedoch nur übertragen diese
beiden Zellen die Entodermreihe, bald werden sie durch die Ekto-
dermkappe dem Blick entzogen. Gleich nachdem das Ektoderm die
beiden Schwanzzellen überdeckt hat, schlägt es sich, bei der raschen
Vermehrung seiner Elemente nach der Bauchseite hin um, indem es
so mit seinen Rändern einen, fast die ganze Bauchseite einnehmen-
den, Blastoporus bildet. Dieser Vorgang ist nun auch das Zeichen
für die Mesoblasten, je in eine Reihe von Teilstücken zu zerfallen.
Diese Teilstücke ordnen sich perlschnurartig an jeder Seite des
Entoderms an und bilden so die bilateral gelagerten Mesoderm-
streifen (Fig. 21, 22, 23, 24).
In dem Masse nun wie die Mesodermstreifen sich bilden, rücken
auch die Ränder der Ektodermkappe von allen Seiten nach der
Bauchseite zusammen, wobei jedoch die beiden Längsränder gleich
von Anfang an einen bedeutenden Vorsprung vor den beiden Schmal-
seiten zeigen (Fig. 21). Diese halten, sobald sie das Vorder- resp.
Hinterende überdeckt haben, in ihrer Ausbreitung inne, sodass ein
fast die ganze Länge der Bauchseite des Embryo einnehmender,
schlitzförmiger Blastoporus entsteht. Wenn nun die Seitenränder
dieses Schlitzes sich immer mehr der ventralen Mittellinie auf allen
ihren Punkten näherten, so würde der Blastoporus während seines
ganzen Bestehens dieselbe Form behalten, dies ist aber nicht der
Fall. Wenn die Ränder noch ziemlich von einander entfernt sind,
gewinnen die, nach hinten zu liegenden, Teile ein Uebergewicht, sie
140 Benno Wandolleck.
erreichen früher die Mittellinie und der Blastoporus schliesst sich
zuerst hinten, allmähhch nach vorn forrtschreitend (Fig. 22). Dabei
kommt es jedoch keineswegs zu einer Nahtbildung. Die Zellen liegen
beim Vorrücken nicht in einer Linie, einzelne stehen vor und
während sie mit den gegenüberHegenden zusammenstossen. passen
sie sich in einander ein, sodass man nach dem Schlüsse nicht mehr
sagen kann, welche Zellen zu der einen und welche zu der anderen
Reihe gehört haben. Der Schluss des Blastoporus geschieht jedoch
nicht in gleicher Weise auf seiner ganzen Ausdehnung. Vorn bleibt
ein Stück ungeschlossen (Fig. 23) und dieses verkleinert sich da-
durch, dass die es begrenzenden Zellen concentrisch sich zusammen-
ziehen. Dabei entsteht ein ziemlich rundes, kleines Loch, welches
die Stelle bezeichnet, wo späterhin die ektodermale Einstülpung des
Vorderdarmes entsteht, und wo der definitive Mund des Embryo
liegt, sodass wenigstens in dieser Hinsicht von einem Uebergehen des
Blastoporus in den Mund gesprochen werden kann.
Nach der Umwachsung des Entoderms und dem Schluss des
Blastoporus hört aber die Thätigkeit des Ektoderms noch keineswegs
auf; die Vermehrung seiner Elemente geht stetig vorwärts, was von
jetz ab eine Umformung und Streckung des Embryonalleibes zur
Folge hat.
Mit der Erreichung dieses Zustandes ist nun auch die Weiter-
entwicklung und Ausbreitung des dritten und letzten Keimblattes
des Mesoderms vor sich gegangen. Die Art und Weise der Ent-
stehung desselben ist von hervorragender Bedeutung für die Ent-
wicklung der Nematoden. Dasselbe hat seinen Ursprung am caudalen
Ende des Entoderms gehabt und zwar in Form von zwei rechts und
links liegenden Zellen, wodurch die bilaterale Symmetrie des Wurm-
körpers zum vollkommnen Ausdruck gekommen ist. Bei der grossen
schon äusserlich sichtbaren Verschiedenheit der Ek- und En-Elemente
ist es auch ohne direkte Verfolgung des Vorganges über allen Zweifel
erhaben, dass die Mesoblasten vom Entoderm abstammen, so wie die
durch die grossen Schwanzzellen bedingte Verschiedenheit der beiden
Enden des Embryo es zeigt, dass dieselben von dessen caudalen
Ende abgeschieden werden. In ihrer Weiterentwicklung bilden sie
die Mesodermstreifen.
Was nun die Angaben früherer Beobachter anbetrifft, so be-
gegnet man in Bezug auf die Herkunft des Mesoderms sehr ver-
schiedenen Auffassungen.
Bütschli lässt dasselbe von einigen an der Mundöffnung des
Embryo gelegenen Zellen herkommen und sich erst ziemlich spät
entwickeln. Auf seiner Figur zeichnet er einen längeren ventralen
und einen kürzeren dorsalen Strang und giebt damit deutlich zu er-
kennen, dass er das vom Kopfteü des Embryo herkommende Cen-
tralnervensystem für das Mesoderm gehalten hat.
Ganin lässt seitlich vom Entoderm sich 2 gleiche längliche
Zellmassen des Mesoderms sondern, was ein Zeichen dafür ist, dass
Zur Embryonalentwicklung des Strongylus paradoxus. 14^
er nur spätere Stadien gesehen hat und in Folge dessen über die
Abstammung des Mesoderms nicht ganz im Klaren ist.
Ueber die Abstammung spricht sich Natanson in seiner Ab-
handlung schon bestimmter aus, ohne jedoch der beiden Mesoblasten
Erwähnung zu thun. Götte ist auch hier wieder der erste, der die
richtigen Angaben über Abstammung der Mesoblasten giebt, ob-
gleich er den Vorgang des Hinausdrängens derselben anders be-
schreibt, als ich es bei Strougylus gesehen habe. In seinen nach
der Götte'schen Arbeit veröffentlichten „Recherches" giebt Hallez
seinen Irrtum in Bezug auf die Mesoblasten zu und bestätigt die
Angaben Gottes,
Es bliebe nun noch eine Vergleichung der Ergebnisse früherer
Untersuchungen über den Schluss des Blastoporus mit meinen Beob-
achtungen. Ganin hat nur eine kleine äussere Vertiefung an der
Bauchseite wahrgenommen, die nur eine ganz kurze Zeit existierte,
aber"" er hat nichts über die Art des Verschwindens derselben mit,
geteilt. Bütschli widmet diesem Vorgange mehr Aufmerksamkeit,
doch beruhen seine Mitteilungen darüber nur auf Combinationen,
die jedoch vollkommen das richtige treffen, was ich schon bei Be-
sprechung der Entwicklung des Cucullanus gezeigt habe, wo es mir
gelang durch Vergleich den Blastoporus vom langen Schlitz bis zum
letzten Rest zu verfolgen.
Ich will jetzt die Schicksale der einzelnen Keimblätter, ihre
weitere Umbildung und Entwickelung zu den definitiven Organen,
so weit es mir dieses zu beobachten möglich war, auseinandersetzen.
Ich wende mich zuerst zu dem Entoderm.
Derivate des Entoderms.
Das Entoderm lag bei den zuletzt beschriebenen Enbryonen,
nach Ausscheidung der Mesoblasten in Form eines doppelten Zell-
stranges, in der sich schliessenden Gastrula. Dieser Zellstrang ist
die Anlage des entodermalen Teiles des Darmtractus. Durch leb-
hafte Teilung, die mit derjenigen der Ektodermzellen Schritt hält,
wird dieser Strang nicht nur in die Länge gestreckt, sondern seine
Elemente ordnen sich auch jetzt in zwei übereinanderliegenden
Doppelreihen an. Im hinteren Ende aber wird diese regelmässige
Anordnung bald 'gestört, indem die Zellen sich aneinander vorbei-
schieben, was wohl auf Rechnung der verlängerten Gestalt und der
Umknickung des Embryo gesetzt werden muss. In dem vorderen
Teile entwickelt sich eine spaltförmige Höhle durch Auseinander-
weichen der Zellen (Fig. 25); dieser Spalt wird rundhch und bleibt
bis zur definitiven Streckung des ganzen Organes erhalten. Ich
hatte schon im ersten Teil, welcher die Furchung behandelte, darauf
hingewiesen, dass Ena sehr in seinem äusseren Ansehen den Ekto-
142 Benno "Wandolleck.
dermzellen gleichkäme durch die geringe Zahl der Dotterkörner; die
Derivate dieser ZeUe bilden nun den vorderen Teil des Darmes.
Während sie sich noch mehr aufhellen, bekommen sie ganz das
Aussehen der Ektodermzellen, sodass nach erfolgter Einstülpung des
Oesophagus der Uebergang von den Ektoderm- zu den Entoderm-
zellen nicht aufzufinden ist. Diese einen Hohlraum umschliessende
Zellmasse setzt sich nach hinten ziemlich scharf gegen den übrigen
Darmteil ab, wogegen sie sich nach vorn an das Ektoderm anlegt.
Mittlerweile ist mit dem Kopfteile eine Veränderung vorgegangen;
in Folge der Entwickelung des Nervensystems und der vorhin be-
schriebenen Auftreibung des vorderen Teiles des entodermalen Darmes,
hat sich derse be stark verdickt und sich ventralwärts gekrümmt.
Vorn schräg nach unten zeigt er bald eine Abplattung, welche, indem
sie sich allmählich senkrecht zur Körperaxe zu stellen beginnt, sich
einzusenken anfängt. Zuerst ist es nur eine wenig tiefe Delle, die
aber immer mehr und mehr an Tiefe zunimmt, trichterförmig wird,
wobei das eingestülpte Ende die Entodermschicht durchbricht, sich
mit dieser verbindet und so der Darmhöhle durch einen ektodermalen
Canal eine Oefinung nach aussen schafft (Fig. 25, 26, 27). Da die
Abplattung früher stark zur Bauchseite geneigt lag und nur durch
das weiter nach hinten gelegene Nervensystem senkrechter gestellt
wurde, so ist leicht zu ersehen, dass es die Region ist, in der der
letzte Rest des Blastoporus lag, doch wird jene Stelle nicht zur
bleibenden Mundöffnung, sondern wird durch den Process der Ein-
stülpung weiter in das Innere des Embryo verlegt und durch die
Stelle bezeichnet, an welcher der Uebergang des Stomodaeums in
den entodermalen Darm liegt. Der Mund selbst aber ist eine voll-
ständig neue Bildung des Ektoderms.
Während sich diese Vorgänge am Vorderende abspielen, kommt
es auch am Hinterende des Embryo zu einer ähnlichen Bildung.
Ebenfalls durch Invagination formiert sich hier Enddarm und After.
Ventralwärts eine kleine Strecke von der Schwanzspitv;e zeigt sich
zuerst eine flache Einsenkung, die immer tiefer wird, die Entoderm-
zellen auseinanderdrängt und sich dann nach innen öffnet.
Da mir über die Arbeiten von Ganin, Natanson und Rade-
kewitsch nur die bezw. Referate zur Verfügung standen, und die-
selben in Bezug auf Mund- und Afterbildung kurz gehalten sind,
so kann ich nur weniges davon in Vergleich bringen, so viel aber
glaube ich aus den Referaten entnehmen zu können, dass jene die
Ektodermeinstülpungen sowohl für Mund-Vorderdarm einerseits, als
auch für After-Mastdarm anderseits erwähnen. Auch Oerley und
Strubell geben für beide Organe eine Einstülpung an; Götte je-
doch will eine solche nur für den Mund bestehen lassen, und er-
klärt die Afterbildung dadurch, dass die Ektodermzellen am Hinter-
ende auseinanderweichen. So sind für die Entstehung des Mundes
und des Oesophagus wohl alle Beobachter zu demselben Resultat
gekommen, und es würde dasselbe vom After zu sagen sein^ wenn
nicht Götte, wie schon bemerkt, einen anderen Entstehungsmodus
Zur Embryonalentwicklung des Strongylus paradoxus. 143
zur Kenntnis gebracht hätte; sein Beweis hierfür scheint mir aller-
dings auf etwas schwachen Füssen zu stehen, weil er nur die
verschiedene Grösse der Ektoderm- und Entodermzellen als Beleg
nennt. Jedenfalls ist bei Strongylus paradoxus die Einstülpung des
Ektoderms zum After-Enddarm immer sehr deutlich zu beobachten
und es spricht auch schon der Umstand dafür, dass die vom Ekto-
derm ausgeschiedene Chitinhülle sich nicht nur in den Vorderdarm,
sondern auch in den Enddarm hinein erstreckt. Einen Irrtum möchte
ich noch berechtigen, in dem sich Gott e in Betreff der Beobachtung
Bütschli's über den Rest des Blastoporus von Cucullanus befindet.
Bütschli hat es nicht gesehen, sondern nur vermutet, dass derselbe
ganz am Vorderende gelegen sei. Da es mir nun aber gelungen,
jenen Rest zur Beobachtung zu bekommen, so habe ich dies dahin
zu berichtigen, dass der Rest des Blastoporus allerdings sehr weit
nach vorn, aber doch immer noch ventralwärts gelegen ist.
Der endgültige Darm des Embryo besteht nun aus folgenden
Teilen. Zuerst ein, aus hellen Ektodermzellen gebildeter, mit Chitin
ausgekleideter, Oesophagus, darauf ein, aus ebenfalls hellen Zellen,
die aber entodermalen Ursprungs sind, bestehender, birnförmiger
Vorderdarm, dann von diesem, nicht nur durch eine tiefe Falte,
sondern auch durch das verschiedene Aussehen seiner Bestandteile
scharf abgegrenzte, Mitteldarm, dessen Zellen mit Dotterkörnern ge-
füllt, noch ganz das Aussehen des Entoderms haben. Dieser Mittel-
darm lässt noch kein Lumen erkennen, dasselbe entsteht erst später
gleichzeitig von vorn und von hinten durch Auseinanderweichen der
Wände. An den Mitteldarm schliesst sich nun, ähnlich wie vorn,
ein kurzer später mit Chitin ausgekleideter Enddarm, der eine kleine
Strecke vor dem Schwanz im After ausmündet. Der Krümmung,
der der Embryo unterworfen ist, hat der Darm in der Weise nach-
gegeben, dass er sich dicht an die Bauchseite angelegt hat. Der
zum Ausschlüpfen reife Wurm zeigt einen nur wenig kolbigen Vorder-
darm, dessen vorderer Teil chitinisirt ist; er nimmt im conservierten
Zustand stark Farbe auf; er ist nach hinten wie durch einen
Shincter abgeschnürt und in den zwiebeiförmigen Anfang des Mittel-
darmes eingesenkt, von dem letzteren färben sich meistens nur die
Kerne, wogegen der Enddarm wieder durch stärkere Färbbarkeit
ausgezeichnet ist.
Derivate des Ektoderms.
Das Ektoderm spielt bei der Formirung der Gastrula die Haupt-
rolle und hat grossen Anteil an der Ausscheidung der Mesoblasten;
es lässt auch durch Einstülpung den Anfang und das Ende des Ver-
dauungsapparates entstehen. Damit ist jedoch die Thätigkeit des
Ektoderms noch lange nicht abgeschlossen.
144 Benno Wandolleck.
Nach dem Schlüsse des Blastoporus ward der Embryo schmäler
und fing an, sich in die Länge zu strecken, dabei ward er aber
durch die Festigkeit der Eischale, die sich einer Verlängerung wider-
setzt, gezwungen, sein Hinterteil zu krümmen und nach innen ein-
zuschlagen. Hand in Hand mit diese Einkrümmung hat auch die
Aufblähung des Kopfteiles und die Ausscheidung einer feinen chiti-
nigen Cuticula begonnen. Während nun die vorhin beschriebenen
Einstülpungen des Vorder- und Enddarms eingeleitet werden, ver-
mehren sich die Zellen des Ektoderms, wobei sie zugleich eine be-
deutende Abflachung und Verlängerung erleiden. Dadurch wird der
Embryo immer länger und dünner, sein Schwanzteil liegt jetzt schon
dicht unter dem Kopf und beginnt, sich unter demselben vorbei-
schiebend, bereits eine zweite Windung zu machen. Dann hat aber
schon einige Zeit vorher der Kopfteil des Ektoderms nach innen die
Anlage des Centralnervensystems abgespalten.
Als sich der Gastrulamund eben geschlossen, und der Embryo
noch die länglich ovale Form hatte, zeigten mehrere der Ektoderm-
zellen am Kopfende eine sie vor den andern Zellen auszeichnende
prismatische Gestalt (Fig. 24), es sind die Zellen, welche durch
Teilung die Anlage des Nervenringes geben. Auf der Bauchseite
scheinen die Zellen in grösserer Anzahl vorhanden und auch etwas
voluminöser zvi sein, als nach dem Rücken zu. Zuerst liegt dieser
reifenartige Zellmantel, der sich im optischen und realen Durch-
schnitt deutHch als zwei kurze Zellreihen markirt, dicht an der Ab-
flachung, welche die beginnende Einstülpung des Oesophagus be-
zeichnet. In dem Masse aber, wie sich jene vorher beschriebene
Einstülpung vollzieht, rückt der Nervenring immer weiter nach hinten,
bis er endlich auf einem Stadium dessen Kopfteil schon ziemlich
schlank und spitz ist, seine definitive Lage kurz vor der grossen
Anschwellung des Darmes einnimmt. Von dem Ektoderm wird der
Ring bald durch Zellen abgedrängt, welche vom Mesoderm her-
kommen und sich zwischen den Nervenring und das Ektoderm
schieben (Fig. 27, 28, 29, 30).
Fast von allen früheren üntersuchern ist diese ringförmige oder
im optischen Durchschnitt aus einem dorsalen und einem ventralen
Strang bestehende Anlage gesehen worden, jedoch haben nicht alle
die allein zulässige Deutung dieses Organes gegeben. Bütschli,
als erster, zeichnet und beschreibt zwei Stränge, hält diese Anlage
jedoch für das Mesoderm und lässt sie von einigen Entodermzellen
herkommen, die in der Nähe des Mundes gelegen sind. Dieselbe
Verwechslung begehen auch Natanson undHallez, der letztere in
seiner früheren Arbeit. Ganin ist der erste, welcher für diese An-
lage die allein richtige Deutung hat und ihrer Entwicklung genauer
nachgeht. Er lässt dasselbe zuerst ventralwärts aus paariger An-
lage hervorgehen, was ich jedoch für Strongylus parad. nicht be-
stätigen kann, da "Bei diesem Wurm der Nervenring stets im ganzen
Umkreise der Körperverdickung entsteht. Götte glaubt sich nach
seinen Beobachtungen ganz an Ganin anschliessen zu können, und
Zur Embryonalentwicklung des Strongylus paradoxus. 145
hält es auch für wahrscheinHch , dass die Seitenteile des Nerven-
ringes sich später vom Ektoderm ablösen, als die ventrale und dor-
sale Partie.
Derivate des Mesoderms.
Ich habe das Mesoderm in jenem Stadium verlassen, in dem es,
hervorgegangen aus den beiden Mesoblasten, in Form von zwei
bilateral symetrischen Streifen ventralwärts vom Entoderm lag
(Fig. 24). Als zuletzt entstandenes Blatt, ist es nun auch dasjenige,
welches sich am spätesten und am langsamsten differenzirt. Zuerst
macht sich eine Veränderung in den beiden Streifen dadurch be-
merkbar, dass sie, während ihre Elemente sich vermehren, eine
andere Lage einnehmen.
Sie lösen sich von der Stelle, wo ihre Ursprungszellen lagen,
los und rücken nach vorn, sodass sie jetzt ziemlich gleich weit vom
Mittelpunkte des Embryo sich nach vorn und nach hinten erstrecken.
Betrachtet man dieses Stadium von der Bauchseite, so liegen die
beiden Streifen noch ziemlich seithch, bei der aber jetzt beginnenden
Krümmung und Streckung des Embryo werden sie ventralwärts ver-
schoben, und nun beginnt ihre weitere Differenzierung. Leider hört
aber damit auch eine ganz genaue Ueberwachung der einzelnen
Elemente der Mittelschicht auf, und nur weniges lässt sich noch an
Schnitten und Totalpräparaten erkennen.
Nach der Vermehrung der Zellen, die, solange die Streifen be-
standen, niemals sehr intensiv war, lösen sich einzelne Zellen aus
dem Verbände los und gelangen, wahrscheinhch mit amoeboider Be-
weglichkeit ausgerüstet, zwischen die schon angelegten Organe. Die
vorderen geraten zwischen das Ektoderm und den Nervenring, wo
sie sich ausbreiten und vermehren, wobei letzterer wohl hauptsächlich
durch ihre Thätigkeit nach hinten verschoben wird. Die Haupt-
masse der Mesodermzellen bleibt jedoch noch eine Weile zusammen
liegen, den Darm als eine, im Querschnitt halbmondförmige, Schicht
umfassend; dann aber rücken sie in den Schwanzteil und an das
Ektoderm. Hier sind sie wohl die Bildner des starken Hautmuskel-
schlauches; dort entstehen aus ihnen, neben dem schon genannten
Organ auch noch die stark entwickelten Analmuskeln, und die
Muskeln der Anfangsteile der Geschlechtsorgane, und vielleicht sind
auch einige, in jener Gegend liegende, drüsige Organe auf mesoder-
malen Ursprung zurückzuführen. Der Mitteldarm wird von den
Mesodermzellen nicht aufgesucht, was auch daran zu erkennen ist,
dass derselbe stets frei von einer Muskulatur bleibt. Durch dieses
Auseinanderweichen der Elemente der Mittelschicht bildet sich nun
hauptsächlich in dem mittleren Teil des Wurmes eine Art Leibes-
höhle aus, die aber wahrscheinlich durch später sich entwickelnde
Verbindungen sehr reduciert wird.
Arch. f. Natuigesch. Jahrg. 1892. Bd.I. H.2. 10
146 Benno Wandolleck.
Die Mesodermstreifen haben mit dieser Entwicklung ihre frühere
bilateral symmetrische Lage aufgegeben, jedoch sind nicht alle Be-
standteile der Streifen in diese Veränderung eingetreten. Zwei sym-
metrische, in der hinteren Hälfte des Körpers gelegene Zellen, die
schon früher durch ihre Grösse vor den andern, durch häufige
Teilung kleiner gewordenen Zellen ausgezeichnet waren, sind an ihrem
Platze geblieben. Es stellen diese beiden Zellen die paarige Anlage
der Geschlechtsdrüsen dar. Bei der Krümmung des Embryo werden
sie, da sie gerade an der Knickungsstelle desselben liegen, nach
unten und aneinandergedrückt. Sie legen sich hier so dicht zu-
sammen, dass ihre Grenze nicht erkennbar ist, was leicht den An-
schein hervorbringen könnte, als ob es nur eine grosse Zelle wäre
und die beiden ursprünglichen Zellen verschmolzen wären. Doch
bleiben die beiden Zellen mit den Kernen erhalten und zerfallen
bald in kleinere Elemente, die aber scheinbar noch vereinigt bleiben
und bei dem zum Ausschlüpfen reifen Wurm einen spindelförmigen
Körper darstellen.
Ob die früheren Beobachter vor Götte diese Anlage schon ge-
sehen, wage ich nicht zu behaupten, da in den Referaten, die mir
allein zu Gebote standen, nichts davon enthalten ist, doch scheint
es nach einer Bemerkung von Götte, als ob Ganin schon das
Organ bemerkt, es aber nicht gedeutet habe. Oerley behandelt
nur kurz die spätere Entwicklung und Differenzierung der Ge-
schlechter; Hallez sagt nichts hierüber, obgleich auch er in den
Mesodermstreifen des auf Fig. 85 dargestellten Embryo einer der
hinteren Zellen ein grösseres Volumen giebt. Götte redet hierüber
in ausführlicherer Weise, spricht aber immer nur von einer Zelle,
die in den Mesodermstreifen liegen soll, doch liegt dies wohl nur an
dem Ausdruck, denn die paarige Anlage kann ihm unmöglich ent-
gangen sein. Am meisten führt S trüb eil über die Geschlechts-
anlage an; er hat die paarige Anlage gesehen und bildet auf
mehreren Figuren eine allmähliche Vereinigung der beiden Zellen
ab. Er gebraucht hierbei das Wort Verschmelzung, ohne dafür in
den Figuren einen Beleg zu geben. Die letzte Figur, welche die
vollendete Verschmelzung zeigen soll, zeigt factisch nur zwei dicht
aneinandergelagerte Zellen mit zwei Kernen, bei denen man keine
Scheidewand mehr sieht. An einer Verschmelzung müssten doch
auch die Kerne teilnehmen, und ich glaube, dass an dieser An-
nahme Strubell's wohl die Eigenschaft jener Zellen schuld ist, die
ich schon einigemale erwähnte, nämlich ihre Grenzen scheinbar ver-
schwinden zu lassen.
Ein sehr wenig erforschtes Kapitel ist das der Entstehung der
Muskulatur, und auch ich habe nur geringe Beobachtungen zu ver-
zeichnen. Für die Erforschung dieser Organe ist wohl Strongylus
paradoxus das ungeeigneteste Object, nicht allein wegen seiner Klein-
heit, sondern auch zum grossen Teil wegen der Menge des Nahrungs-
dotters, der bis zum ausgebildeten Wurme in den Entoderm- und
Mesodermzellen erhalten bleibt. Wenn auch aus der späteren An-
Zur Embryonalentwicklung des Strongylus paradoxus. 147
Ordnung der Zellen des Mesoderms und aus der Analogie mit andern
Tieren sicher anzunehmen ist, dass aus ihnen das INIuskelsystem her-
vorgeht, so bleibt doch immer die merkwürdige Thatsache bestehen,
dass der Embryo schon deutliche Bewegungen ausführt, wenn die
Mesodermstreifen noch als solche bestehen, sodass man einen Anteil
des Ektoderms an der Muskulatur vermuten könnte. Die Erklärung
von Götte scheint aber wohl nur aus dem Wunsche entstanden
zu sein, eine deutlich gefühlte Lücke auszufüllen. Dies erkennt
auch S trüb eil an, während andere, wieOsmanGaleb jene frühen
Bewegungen einfach ignoriren und die Muskulatur aus der Mittel-
schicht hervorgehen lassen.
Es wäre nun noch hier am Platze, zwei Organe der Nematoden
zu erwähnen, die bisher noch in keiner Entwicklungsgeschichte be-
rücksichtigt werden: das Excretionsorgan und die Seitenlinien. Die
letzteren halte ich für vergrösserte Ektodermzellen , die früher
mehrere Reihen bildend nebeneinander lagen, jetzt aber verschmolzen
sind, und zwei in die Leibeshöhle vorspringende Längswülste mit
einer grossen Zahl von Kernen und ohne Zellgrenzen, bilden.
Das Excretionsorgan ist mir nur gelungen bei ganz ausgebildeten
Würmern zu Gesicht zu bekommen und auch da keineswegs in
seinem ganzen Verlaufe. Auf Essigsäurezusatz erschien bei aus-
geschlüpften oder herausgedrückten Würmern auf kurze Zeit ein
kleines Stück des Canals mit dem Perus excretorius, verschwand
aber sehr bald, als die Ektodermkerne stärker hervortraten. Bei
jüngeren Embryonen ist es mir nicht gelungen etwas von der An-
lage dieses Organs zu entdecken.
Es liegt mir nun noch die angenehme Pflicht ob, allen denen
meinen aufrichtigen Dank auszusprechen, die zum Gelingen dieser
meiner ersten Arbeit beigetragen haben. Vor allen meinem Lehrer
Herrn Geh. Rat Prof. F.E.Schulze, ferner Herrn Privatdocenten
Dr. E, Korscheit für das rege Interesse, das sie meiner Arbeit
entgegen brachten. Dann aber habe ich mich noch bei den Herrn
Tierärzten der Abteil. IL des Städtischen Central-Schlachthofes zu
bedanken durch deren freundliches Entgegenkommen es mir allein
möglich war stets ganz frisches Material zu erhalten.
Litteraturverzeichnis.
1. Auerbach. Organologische Studien II 1874.
2. Brandt, A. Die Eifurchung der Ascaris nigrovenosa. Zeitschr. f. wiss.
Zool. 28.
3. Bütschli. Untersuchungen über die beiden Oxyuren der Blatta orientalis,
ebenda 21.
4. Bütschli. Zur Entwicklungsg. des Cuciülanus elegans.
5. Cobb. Beiträge zur Anatomie und Outogenie der Nematoden. Jenaische
Zeitschr. 23.
6. Gabriel. De Cucullani elegantis evolutione, Berlin 1861.
10*
]^48 Benno Wandolleck.
7. Galeb. Recherches sur les entozaires des insects. Archiv de zool.
exper. 7.
8. Ganin. Ueber die Entwicklung der Pelodera teres. Referat in Zeitschr.
f. wiss. Z. 28.
9. Götte. Unters, znr Entwicklungsg. der Würmer 1. Leipzig 82.
10. Hallez. Recherches sur Tembryogenie et sur les conditions du deve-
loppement de quelques Nematodes 1885.
11. Leuckart. Die Parasiten des Menschen II, 1866.
12. Natanson. Embryonalentw. von 3 Oxyurisarten aus Periplaneta, Referat
in Zeitschr. f. wiss. Zool. 28.
13. Oerley. Monographie der Anguilluliden. Budapest 1881.
14. Racieke witsch. Zur Entwicklungsg. der Nematoden. Referat in Jahresb.
über d. Fortschr. der Anat. 1.
15. Schneider. Monographie der Nematoden 1866.
16. Strubell. Untersuchungen über den Bau und die Entwickeluug von
Heterodera schachtii. Cassel 1888.
Erklärung der Figuren.
Allgemeine Bezeichnungen.
G. — Anlage der Genitaldrüsen.
M. — Mund.
Mb. — Mesoblasten.
Md. — Mitteldarm.
Ms. — Mesodermstreifen.
N. — Nervenring.
R. — Richtungskörper.
S. — Schwanzzellen.
A. — After.
Bl. — Blastoporus.
Ed. — Enddarm.
Ek. — Dotterarme Blastomeren Ek-
toderm.
En. — Dotterreiche Blastomeren En-
toderm.
Ekd. — Ektodermaler Teil des Darmes.
End. — Entodermaler Teil des Darmes.
Fig. 1. Unreifes Ei.
Fig. 2. Ei bei Austritt der Richtungskörper.
Fig. 3. Reifes Ei.
Fig. 4. Ungefurchtes Ei mit 2 Kernen.
Fig. 5. Vorbereitung zur Furchung.
Fig. 6. Zweiteilung.
Fig. 7. Anfang der Umlagerung.
Fig. 8. Späteres Stadium, Beginn der Teilung von Ek^
Fig. 9. 2 Ektoderm eine Entodermzelle.
Fig. 10. 4 zelliges Stadium.
Fig. 11. Teilung von En vor Ek.
Fig. 12. Teilung von Ek vor En.
Fig. 13. Beide geteilt.
Fig. 14. En in 2 Stücke zerfallen Ek bereitet sich zur Teilung vor.
Fig. 15. En und Ek geteilt.
Fig. 16. Ekzellen in 3 Reihen geordnet vom Rücken gesehen.
Fig. 17. Ektodermkappe vergrössert von der Seite.
Fig. 18. Rückenansicht eines Stadiums, dessen En in symetrische Stücke ge-
teilt sind.
Fig. 19. Vollendete Ekkappe Seitenansicht.
Fig. 20. Dasselbe Stadium vom Bauche.
Fig. 21, 22, 23. Schluss des Blastoporus.
Fig. 24. Durchschnitt nach Verschwinden des Blastoporus.
Fig. 25. Einkrümmung des Embryo.
Fig. 26. Beginn der Ektodermeinstülpungen.
Fig. 27. Späteres Stadium.
Fig. 28. Bildung des Oesophagus und des Mastdarms.
Fig. 29, 30 Streckung des Embryo.
Die Zeichnungen sind bei Zeiss F. Oc. 2 angefertigt. Fig. 16, 18 sind
Rückenansichten 20—24 Ansichten vom Bauche aus die übrigen sind von der
linken Seite gesehen.
lieber den anatomischen Bau
des
Strongylus convolutus Ostertag
nebst
einigen Bemerkungen zu seiner Biologie*).
(Aus dem zoologischen Institut zu Berlin.)
Von
Dr. phil. Hermann Stadelmann.
Hierzu Tafel X.
in der Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene (Heft 1, 1890),
sowie im Centralblatt für Bakteriologie und Parasitenkunde giebt
uns Ostertag die erste Kunde von Strongylus convolutus. Er fand
die Innenfläche des Labmagens eines IV2 Jahre alten Stieres,
Holländer Race, mit linsengrossen, trüben, grauen Flecken völhg
übersät. Sie waren rundlich, hatten alle eine in der Mitte gelegene
nadelstichähnliche Oeffnung und sassen im Epithel der Mucosa.
Als er diese Flecke mikroskopisch untersuchte, fand er darin zu-
sammengerollt einen Nematoden und zwar unentwickelte und voll-
ständig entwickelte Tiere beiderlei Geschlechts. Aeltere Wurm-
exemplare waren durch das Epithel hindurch als geblich braune
Ringe schon mit blossem Auge erkennbar. Gleich nach Bekannt-
werden dieser Ostertag'schen Entdeckung wurde im „Archiv für
animalische Nahrungsmittelkunde" (Jahrgang 6, Heft 4) ein mit
„Weinland" unterzeichnetes Referat veröffentlicht, worin die Neuheit
dieser Form bestritten, auch die von mir seinerzeit in der Oster-
tag'schen Abhandlung gegebenen Zahlenangaben in Zweifel gezogen
wurden. Wie sich nun später durch eine von Weinland an Ostertag
gesandte Notiz herausstellte, war dies ganze Referat weiter nichts
als eine Entstellung einer von Weinland einem gewissen Schiller-
Tietz auf sein Ansuchen gegebenen Erklärung über unseren Parasiten.
Die eigentliche Weinlandsche Auskunft beginnt im Gegensatz zu be-
sagtem Referat gleich mit den Worten: „Strongylus convolutus dürfte
wohl doch eine neue Art sein."
*) Dieselbe Arbeit erschien am 29. Juli 1891 in Berlin als Dissertation ohne
Abbüdungen.
150 Dl"' phil- Hermann Stadelmann.
Ein Artikel Ostertags in der von ihm herausgegebenen Zeit-
schrift für Fleisch- und Milchhygiene (Jahrg. 1 Heft 6 p. 87 — 92)
„Litterarische Unlauterkeiten" überschrieben, klärt diese Verhältnisse
näher auf.
Um nun jeden Zweifel an der Neuheit dieses Wurmes zu zer-
streuen, werde ich im Folgenden seine systematische Stellung näher
erörtern.
Ich habe vorliegenden Wurm mit den in der zoologischen
Sammlung des hiesigen Königlichen Museums für Naturkunde vor-
handenen Nematoden und speziell Strongyliden verglichen, wozu mir
der Direktor derselben, der Geheimrat Professor Möbius, in liebens-
würdigster Weise die Erlaubnis gab.
Seiner Muskulatur nach gehört Strongylus convolutus zu der
Schneiderschen Unterabteilung, den Meromyariern, wenngleich die
meromyarische Natur dieses Wurmes, besonders bei älteren Exem-
plaren, nicht immer klar zum Vorschein kommt.
Die Zugehörigkeit zu den Strongyliden beweisen: die beiden
gleichen Spicula, die rings geschlossene Bursa, die einen Trichter
bildet, der Längsmuskelbelag der Vagina, das Fehlen der Längsfasern
im Oesophagus und das im Anfang zweizeilige Darmepithel [vgl.
Schneider (19)].
Unter den Strongyliden ist der Wurm nach der Schneiderschen
Einteilung zu der ersten Gruppe zu stellen, in der die Formen
mit runder Mundöffnung, deren Mundfläche sich nach der Bruch-
seite senkt, zusammengefasst sind. Ein Vergleichen des Strongylus
convulutus mit den ungefähr 40 Arten, die zu dieser Gruppe ge-
hören, würde mich zu weit führen. Es genügt, darauf hinzuweisen,
dass er sich von allen bisher bekannten Formen durch die die Vulva
überdeckende Hautduplikatur unterscheidet.
Die Artdiagnose des Strongylus convolutus ist folgende:
Länge des $ 10 — 13, des S 7 — 9 mm. Gestalt schlank, cylin-
drisch. Vorder- und Hinterende spitz, beim ^ Hinterende etwas
angeschwollen. Farbe hellbraun, Cuticula sehr durchsichtig. Mund-
öffnung rund, Mundfläche sich nach der Bauchseite senkend. Lippen
fehlen. 6 sehr kleine Mundpapillen, keine Mundbewaffnung. Haut
mit gegen 34 zarten Längskanten. Kopfkaspel sehr klein. Vulva
quergestellt ist 1,73 mm vom Schwanzende entfernt. Sie wird über-
deckt von einer ebenso breiten wie langen, glockenförmigen Haut-
duplikatur. After von einem Hautwulst umgeben, Bursa besteht
aus zwei Seiten und einem unsymmetrisch vor einem Seitenlappen
stehenden Hinterlappen. Seitenlappen eben so breit wie lang. Die
zwei hinteren Bursalrippen durch einen seichten Einschnitt getrennt.
Jede Hinterrippe spaltet sich kurz vor ihrem Ende in zwei Teile,
von denen jeder eine kleine Anschwellung am Ende hat. Mittel-
rippen, Vorderrippen der Bursa durch einen tiefen Einschnitt getrennt.
Mittelrippen reichen bis an den Rand der Bursa.
Wohnort: Unter der Schleimhaut des Labmagens des Eindes.
Verursacht pusteiförmige Auftreibungen.
Ueber den anatomischen Bau des Strongylus convolutus Ostertag. 151
Nach vorstehender Diagnose dürfte wohl eine Verwechselung
des Strongylus convolutus mit anderen StrongyHden nicht mehr
möglich sein und besonders nicht eine solche, dass Strongylus con-
volutus mit Strongylus longevaginatus identificiert wird, wie es der
Verfasser des Referats (23) thut. Letzterer Wurm hat keine Vul va-
glocke, sondern, wie auch Weinland in seinem Schreiben an
Schiller-Tietz ausdrücklich hervorhebt (17 p. 88) einen Wulst an
der Vulva, Dass Strongylus convolutus nicht identisch mit Strong.
contortus, giebt der Verfasser genannten Referats selbst zu, indem
er sagt: „Strong. contortus hat eine anders gebaute Bursa und eine
andere Vulva (letztere mit einem vorstehenden Knötchen, aber keiner
Glocke.)"
Vorliegende Untersuchungen habe ich vom Sommer 1890 an
bis Ende Winter 1890/91 im Zoologischen Institut der Universität
Berlin unter Leitung des Herrn Geheimrath Professor F. E. Schulze
angestellt. Diesem, meinem hochverehrten Lehrer, spreche ich an
dieser Stelle für das grosse Interesse, das er meiner Arbeit zu-
wandte, und für die mannigfaltigen wissenschaftlichen Anregungen
überhaupt, die ich von ihm erfuhr, meinen tiefgefühlten, aufrichtigen
Dank aus. Auch sei es mir vergönnt, seinem ersten Assistenten,
dem Privatdozenten Dr. E. Korscheit und dem Privatdozenten
Dr. K. Hei der für ihre vielfachen Ratschläge an dieser Stelle
zu danken.
Allgemeines über Strongylus convolutus.
Strongylus convolutus ist schlank, hat cylindrische Gestalt und
erscheint von hellbrauner Farbe. Das Weibchen ist 10 — 13, und
das Männchen 7 — 9 mm. lang. Diese Grössenverhältnisse sind
natürlich schwankend und können nur als IVIittelwert dienen. Die
Kopfkapsel ist sehr klein, der Mund lässt beim ausgewachsenen Tier
keine Bewaffnung erkennen. Der Kopf ist mit 6 Papillen besetzt,
die jedoch wegen ihrer Kleinheit beim lebenden Tier schwer sichtbar
sind und deren Vorhandensein am besten Schnittserien lehren. Das
Weibchen trägt über der Vulva, die 1,55 mm. vom After entfernt
ist, eine 0,2 mm. lange und ebenso breite glockenförmige Haut-
duplikatur. Das Hinterleibsende des Männchens wird von der Bursa
umgeben, deren Anheftungsstelle 0,16 mm. von jenem entfernt ist.
Die Bursa besteht aus zwei grossen seithch gelegenen und einem
kleinen unsymmetrischen Hinterlappen. Jeder Seitenlappen ist
0,11 mm. breit und fast ebenso lang. Jedes der beiden dunkel-
gelben Spicula hat eine Länge von 0,2 und eine Breite von 0,02 mm.
Durch die sehr durchsichtige Cuticula hindurch sind die inneren
Organe leicht zu übersehen. Der Darm, der deutlich in drei Teile
zerfällt, einen Oesophagus mit Pharyngealbulbus, einen breiten Chylus-
magen und einen engeren Enddarm, verläuft ziemHch gerade und
152 Dr. phil. Hermann Stadelmann.
endet in dem After, der beim Männchen im Körperende, beim
Weibchen 0,18 mm. davon entfernt ist. Die Geschlechtsorgane sind
vielfach um den Darm geschlungen, der Anfangsteil der Ovarien
liegt ungefähr in der Körpermitte. Uteri nach vorn und hinten,
Vulva quergestellt. Das Männchen besitzt einen unpaaren Hoden,
der als einfacher Schlauch den Körper durchzieht und dicht neben
dem After mündet. Das Nervensystem liegt als Ring um den
Oesophagus.
II.
Material nnd Methoden der Untersuchung
Das Material zu meinen Untersuchungen lieferte mir jederzeit
und in reichster Fülle der hiesige Schlachthof, wo mir Herr Dr.
Ostertag selbst oder seine Collegen mit Strongylus convolutus infi-
cierte Rindermagen aussuchten. Auch diesen Herren gegenüber
fühle ich mich gedrungen, für ihre BereitwiUigkeit und den Anteil,
den sie an meiner Arbeit nahmen, meinen wärmsten Dank an dieser
Stelle auszusprechen.
Ein einziger Magen enthielt in der Regel so viel Exemplare des
Wurmes, dass ich für einige Zeit immer hinreichend Material hatte.
Um der Tiere habhaft zu werden, war es nötig, sie aus den Knöt-
chen, in denen sie sitzen, herauszupräparieren. Dies geschah bei
erwachsenen Exemplaren, indem ich eine Nadel in die centrale
nadelstichähnliche Oeffnung einführte und die Tiere vermittelst
dieser heraushob. Spitze Nadeln sind hierzu schlecht verwendbar,
da sie keine genügende Fläche zum Emporheben darbieten, besser
eignen sich hierzu die vorn breitgeklopften lanzettförmigen und am
allerbesten die vorn nach Art einer Harpune gearbeiteten Nadeln.
Handelte es sich um junge Tiere, so war dies Verfahren bei der
Kleinheit der Individuen meist resultatlos. Um sie zu besichtigen,
schnitt ich das Knötchen, worin ich sie vermutete, vom Magen ab
und brachte dasselbe zwischen zwei Objektträger. Durch einen
leichten Druck und durch langsames Bewegen des oberen von einer
Seite zur anderen, gelang es mir leicht, das Würmchen von der das-
selbe umgebenden Bindegewebsschicht zu trennen. Hatte ich diese
Trennung erreicht, so zog ich den oberen Objektträger vorsichtig
ab, präparierte den Wurm unter dem Präparier- Mikroskop heraus
und brachte ihn auf einen anderen Objektträger. Bei dieser
letzteren Manipulaiion muss man nur darauf achten, dass das breit-
gedrückte Stück nicht wieder zusammenschnurrt, da sonst ein Auf-
finden des Wurmes bei seinem fast gleichen Lichtbrechungsvermögen,
wie das des Bindegewebes, fast unmögHch ist.
Bei der grossen Durchsichtigkeit des Wurmes war es mir mög-
lich, die meisten Details am lebenden Tiere oder an in toto ein-
gelegten zu studieren. Die entweder gefärbten oder ungefärbten
ganzen Tiere, die zur Untersuchung btstimmt waren, schloss ich in
Ueber den anatomischen Bau des Strongylus couvolutus Ostertag. 153
Glycerin und nicht in Canadabalsam ein. Ich fand nämlich, dass
die gefärbten Individuen in Canadabalsam nach einiger Zeit total
undurchsichtig und weiss wurden, eine Erscheinung die ich, sowie
andere Kommilitionen im hiesigen Institut früher schon bei Echinor-
hynchen beobachtet hatten. Von einer nicht genügenden Ent-
wässerung, die diese Erscheinung sonst veranlasst, kann hierbei
nicht die Rede sein, da auch Tiere, die Monate lang in absolutem
Alkohol gelegen hatten, der fast tägUch erneuert wurde, dieses Ver-
halten zeigten. Als Fixierungsmittel benutzte ich Quecksilberchlorid
und zwar nur kaltes, da ich bemerkt zu haben glaubte, dass bei
Anwendung von erhitztem einzelne Gewebe zerreissen. Bei Be-
nutzung von Lang 'scher Lösung wurde gewöhnlich die Cuticula
zerstört. Auch Chromosmiumessigsäure, sowie Pikrinschwefelsäure
und andere Fixierungsmittel halte ich bei Nematoden anzuwenden,
nicht für vorteilhaft, da sie die spätere Tingierbarkeit beein-
trächtigen.
Tiere, die zum Schneiden vorbereitet wurden, habe ich vorher
in Stücke geschnitten, doch empfiehlt es sich nicht, letztere Prozedur
am lebenden Tier vorzunehmen, da durch den hohen Druck, unter
dem die einzelnen Organe im Innern des lebenden Tieres zu stehen
scheinen, die Geschlechtsorgane ausgestossen werden und auch
meistenteils die feinen Mesenterialfäden, an denen der Darm sus-
pendiert ist, zerreissen. Deshalb habe ich die Tiere in der Fixierungs-
flüssigkeit erst getötet und sie dann zerschnitten. Um Schrumpfungen
zu vermeiden, härtete ich im Schulze 'sehen Dialysator, nach dessen
Gebrauch ich die Stücke noch eine Zeit lang in absolutem Alkohol
liegen Hess. Um den Alkohol zu verdrängen, und zur Paraffinein-
bettung vorzubereiten, verwandte ich nicht Xylol, das trotz vor-
sichtigen Zusetzens Schrumpfungen hervorrief, sondern Chloroform,
und hatte hauptsächlich die Senkmethode vorzüglichen Erfolg.
Nachdem ich den Alkohol hatte verdunsten lassen, stellte ich das
Gefäss in den Wärmeofen und Hess unter stetem Zusetzen von
hartem Paraffin das Chloroform verdampfen. Hierauf blieben die
Stücke noch 24 Stunden lang in reinem geschmolzenen Paraffin
stehen und wurden dann eingebettet und in Schnittserien von
0,003 mm. Schnittdicke zerlegt.
Mit Benutzung aller dieser Vorsichtsmassregeln gelang es mir,
dem Zweck entsprechende Schnitte anzufertigen. Die Schnitte wurden
mit Boraxcarmin gefärbt, auch HämatoxyHn lieferte gute Bilder.
Um die Zellgrenzen deutlieh zu machen, wandte ich Goldehlorid an,
Silbernitrat versagte vollständig. Zum Aufhellen der feinsten Einzel-
heiten des Nervensystems diente Chromosmiumessigsäure mit nach-
folgender Holzessig-Behandlung und zwar derart, dass die Stücke
ungefähr sechs Stunden in ersterer und 24 Stunden in letzterer
Flüssigkeit liegen blieben.
Um einzelne Teile bei der Schnittführung vor dem Ausspringen
zu bewahren, habe ich die Schnittfläche mit einer dünnen Mastix-
koUodiumschieht überzogen.
154 r>r. phil. Hermann Stadelmann
III.
Beschreibung der Geschlechtstiere.
a. Integument.
Die Ciiticula hat eine helle, gelblich braune Färbung und ist
sehr durchsichtig, sodass man durch sie hindurch die Organe des
Tieres leicht übersehen kann. Sie stellt einen chitinösen Schlauch
dar, der in gleicher Mächtigkeit das ganze Tier von vorn bis hinten
umgiebt. Nur am Kopfe zeigt sie eine ringförmige Anschwellung.
Auf Querschnitten zeigt es sich, dass die Dicke der cutikularen
Schicht überall eine gleiche ist. Schon bei oberflächlicher Be-
trachtung fällt sofort die bei Nematoden von fast allen Autoren be-
schriebene Kingelung ins Auge. Stellt man das Mikroskop auf den
Seitenrand des Tieres ein, so macht dieser einen welligen Eindruck.
Jeder Ring wird durch die Seitenlinien in zwei gleich grosse Halb-
ringe geteilt, die nicht alternierend stehen, sondern in derselben
Weise, wie es Bütschli (2) bei Oxyuris diesingi p. 259 beschreibt.
Die Ringe sind durch eine dünnere Chitinschicht verbunden, welche
dehnbar zu sein scheint. Denn bei Bewegungen des Tieres sieht
man, dass auf der der Bewegung entgegengesetzten Seite die Ringe
etwas auseinander weichen und der Rand ein etwas glatteres Aus-
sehen bekommt, während auf der andern Seite die Ringe sich nähern,
sodass der Rand hier vielfach den Eindruck macht, als ob er ein-
gekerbt ist. (vergl. Bütschli (2) Tab. XXI Fig. III).
Die Consistenz der Cuticula ist nach innen zu nicht dieselbe.
Auf Querschnitten kann man drei koncentrisch übereinanderliegende
Schichten zählen, die auch bei anderen Nematoden beobachtet sind.
Nur Cobb (4 p. 55) giebt bei Ascaris kükenthalii deren fünf an.
Sie sind auch bei der Betrachtung des ganzen Tieres bei einiger
Aufmerksamkeit am Rande leicht durch ihr verschiedenes Licht-
brechungsvermögen zu unterscheiden. Während die beim lebenden
Tiere gelblich erscheinende Aussenschicht Carmin intensiv aufnimmt,
ist die mittlere für Farbstoff weniger zugänglich und zeigt eine
strahlenförmige Anordnung der Substanz; die der Subcuticula auf-
liegende ist weniger stark entwickelt und scheint ein ähnliches Ver-
halten wie letztere zu haben.
Die Subcuticula oder Subcutan-Schicht selbst hat eine massige
Dicke. Sie stellt eine fein granulierte Masse dar, in der stark licht-
brechende Körnchen eingelagert sind.
Wie allen vorhergehenden Autoren, die kleinere Nematoden be-
schrieben, gelang es auch mir nicht Kerne in derselben oder über-
haupt eine zellige Struktur nachzuweisen. Ihre Verbindung mit der
Cuticula scheint eine sehr innige zu sein, was besonders daraus ge-
schlossen werden kann, dass überall da, wo bei Schnitten oder Zupf-
präparaten die Cuticula sich losgelöst hatte, immer an letzterer die
lieber den anatomischen Bau des Strongylus convolutus Ostertag. 155
Subcuticula sass. In betreff ihrer Tingierbarkeit ist zu bemerken,
dass sie mit Carmin sich intensiv färbt. In ihrem Verhalten und in
ihrer Zusammensetzung stimmt sie so ziemlich mit den Längslinien
überein, die auch hier nur mächtiger entwickelte Teile der Subcuti-
cula zu sein scheinen, auf die diesbezüglichen Verhältnisse werde
ich weiter unten zu sprechen kommen. Die den Kopf einhüllende
Hautkapsel, die für diese Art so merkwürdige Hautduplikatur über
der Vulva und die Bursa, die alle ja doch nur den Wert eines cuti-
kularen Gebildes haben, will ich an anderer Stelle ausführhcher be-
sprechen.
b. Muskulatur.
Nach innen zu liegt der Subcuticula die Muskelschicht auf. Sie
bildet in Uebereinstimmung mit allen übrigen Nematoden, jedoch
nicht wie die beiden vorhergehenden Schichten, einen continuierlichen
Schlauch, sondern zerfällt in vier Abschnitte, von denen jeder sich
vom Kopf bis zum Schwanzende erstreckt. Zwei gehören der dor-
salen und zwei der ventralen Körperhälfte an. Ihre Trennung ge-
schieht durch die beiden Median- und die beiden Laterallinien. Die
sehr häufig vorkommende Trennung der einzelnen Felder durch Sub-
medianlinien, wie sie z. B. Bütschli (2) bei Oxyuris diesingi (p.261)
in der vorderen Körperhälfte fand, ist nicht vorhanden. Jedes der
vier Muskelfelder stellt auch bei Strongylus convolutus eine ein-
zellige Zelllage dar. Die Muskelzellen selbst haben die Gestalt
eines langgestreckten spindelförmigen Rhombus und verlaufen in
diagonalen Reihen und zwar in derselben Weise wie es S trüb eil
von Heteroderen schachti (20 p. 17) angiebt. Auf einen Querschnitt
kommen bei jüngeren Tieren 8 Zellen, die ähnlich wie bei Strongylus
contortus (vgl. Schneider 19 p. 202) bandförmig verlängert sind.
Bei älteren Individuen ist ein Erkennen der Zellgrenzen nicht mehr
möglich. Die meisten Zellen lassen einen deutUchen grossen mit
Chromatinkörnchen und Kernkörperchen versehenen Kern erkennen.
Das Plasma ist fein granuliert. An ihm lassen sich zwei Ab-
teilungen erkennen und zwar in der Weise, dass einer nach aussen
gelegenen plattenförmigen Schicht kontraktiler Substanz eine hellere
feinkörnige Masse aufliegt. Aehnliches hat auch Leuckart (11)
bei Dochmius duodenalis beobachtet, wie aus seiner p. 424 gegebenen
Figur 243 hervorgeht. Besonders schön treten diese Verhältnisse
bei Behandlung mit Holzessig hervor, wobei sich die kontraktile
Substanz dunkel färbt. Die ganze Muskulatur ist auf der der Leibes-
höhle zugekehrten Seite von einer trüben Plasmadecke in continuier-
lichem Zusammenhange überlagert, eine Erscheinung, die auch
Rzewuski (18), p. 12 bei Strongulus paradoxus beobachtete
Fig. 8 pd.
c. Die Längslinien.
Mit dem Hautmuskelschlauch in enger Verbindung stehen die
sogenannten Längslinien. Sie bestehen aus zwei Median- und zwei
Laterallinien. Von den beiden Medianlinien, die je in der Mitte des
156 Dr- pWl. Hermann Stadelmann.
Rückens und des Bauches vom Kopf bis zum Schwanzende ver-
laufen, ist am meisten die ventral gelegene entwickelt. Beide stellen
einen Plasmastrang dar. In der Struktur stimmen sie mit der Sub-
cuticula überein und pflichte ich daher Schneider vollkommen bei,
wenn er (1. c. p. 208) sagt: „Nach innen setzt die subkutane Schicht
sich in die Medianlinien fort". Auch habe ich keine Kerne in
ihnen bei geschlechtsreichen Tieren gefunden. Auf Querschnitten
erscheinen diese Linien viel heller, als die umgebenden Muskel-
massen (Fig. 9 rl und vi.) Während die dorsale Linie einen einfachen
Strang repräsentiert, hat die ventrale auf der Innenseite drei mächtige
Leisten aufzuweisen, von denen die an den Seiten gelegenen sich
ziemhch weit in das Innere der Leibeshöhle hinein erstrecken,
während die mittlere auf einem Querschnitt kürzer ist und mehr
buckelartig erscheint. Rechts und links von der Bauchlinie bemerkte
ich einen dunkleren mit Körnchen durchsetzten Plasmastrang, in
dem ziemlich grosse Kerne auftreten. Diese Stränge werden am
besten sichtbar bei der Behandlung mit Chromosmiumessigsäure-
Holzessig.
Mächtiger entwickelt und schon beim Betrachten des lebenden
Tieres sofort als zwei dunklere Partien auffallend, die bandförmig
vom Kopfe bis zum Schwänze ziehen, sind die beiden Laterallinien,
die rechts und links in der Mitte des Tieres zwischen den beiden
Medianhnien verlaufen (Fig. 7). Ihr Querschnitt ist bei Strongulus
convolutus trapezförmig mit parallelen GrundHnien und zwar Hegt
die schmalere Seite nach aussen. Die inneren Ecken dieses Trapezes
sind kolbig angeschwollen, die ventralwärts gelegene mehr als die
andere. Die Trapezseiten sehen infolge dessen geschweift aus. Da,
wo der Darm in den Bulbus übergeht, beginnen die unteren Ecken
sich allmählich nach der ventralen Seite hin auszuziehen. Diese
Fortsätze werden weiter nach dem Kopfe hin immer länger, um-
greifen allmählich den Oesophagus, vereinigen sich zuletzt und ent-
senden an der Stelle, wo der Nervenring beginnt, einen Fortsatz zur
ventralen Medianlinie (Fig. 9 Br.).
Es hat sich hier also eine Brücke gebildet, welche die beiden
SeitenHnien unter sich und mit der Bauchlinie verbindet. Diese
Brücke ist aus denselben histiologischen Elementen wie die Seiten-
linien zusammengesetzt und muss als eine Fortsetzung letzterer an-
gesehen werden, was auch Leuckart als erster richtig erkannt hat
(11 pag. 19). Auch Eberth hatte schon vorher (5 p. 63) darauf
hingewiesen, dass am Saugnapf, als welchen er die Ampulle ansah,
die SeitenHnie mit der Bauchlinie zusammenhängen. Weiter nach
vorn hin wird der von der einen Ecke ausgehende Fortsatz immer
kleiner, bis das Seitenfeld wieder seine alte Grösse erreicht hat.
Faserzüge in den Seitenlinien, an denen das Excretionsgefäss be-
festigt ist, wie es Bütschli (2 p. 273) angiebt, habe ich nicht
gefunden.
Jede Latterallinie zerfällt der Länge nach in zwei Teile [vgl.
Schneider 1. c. p. 216], deren Trennungsfläche senkrecht zur Körper-
Ueber den anatomischen Bau des Strongylus convolutus Ostertag. 157
oberfläclie steht (Fig. 7 b.). Das Plasma dieser Abtheilimgen ist grob
gekörnelt und enthält grosse Kerne, die in zienüich bestimmten
Zwischenräumen auftreten. Alle diese haben ein deutliches Kern-
körperchen, und sind mit Chromatinkörnchen , die sich regelmässig
in ihm verteilen, erfüUf. Die Gestalt und Grösse der Kerne ist je-
doch in beiden Abteilungen nicht dieselbe. Die Kerne in der dem
Rückenfeld zugekehrten Abteilung sind ziemlich gross und haben
einen vollständig kreisrunden Querschnitt, während die in der anderen
gelegenen bedeutend kleiner sind und mehr oder minder elliptisch
erscheinen. Mit Leuckart [11 pag. 14] stimme ich vollkommen
überein, dass ihrem morphologischen Verhalten nach die Seiten-
linien weiter nichts als Aufwulstungen der Subcuticula sind, wenn-
gleich das Auftreten deutlicher Kerne dagegen zu sprechen scheint,
weil, wie auch Schneider [19 p. 216] erwähnt, das Gewebe der
Seitenfelder nach aussen mit der subkutanen Schicht ohne Unter-
schied zusammenhängt,
d. Das Gefässsystem.
Das Gefässsystem von Strongylus convolutus verläuft ebenso,
wie von Rhabditis pellio [vgl. Bütschli 3 Tab. XXVI Fig. 59 e], nur
zieht der unpaare Kanal hier nicht nach hinten, sondern schräg
nach vorn (Fig. 16). Innerhalb eines jeden Seitenfeldes verläuft ein
Kanal, beide beginnen kurz vor der Stelle, wo beim Weibchen die
Geschlechtsöffnung liegt und reichen bis in die Gegend des Kopfes.
Sie gehören im vorderen Körperabschnitt immer der ventralwärts
gelegenen Abteilung an und liegen in der ventralwärts gelegenen
Ecke, während sie nur im hinteren in der Mitte zwischen beiden
Abteilungen verlaufen. In der Brücke der Seitenlinien sind sie durch
einen Kanal verbunden, der einen unpaaren Kanal nach vorn ent-
sendet. Dieser durchsetzt die Medianlinie und mündet in einem
Porus, dem sogenannten Porus extretorius. Diese Seitenkanäle
werden nach Lage und Bau als den Wassergefässsystemen anderer
Tiergruppen homologe Excretionsorgane angesehen. Sie haben Aehn-
lichkeit mit den dieser Funktion dienenden Organen der Turbellarien,
Trematoden und Cestoden. Die in den Seitenlinien liegenden Kanäle
verlaufen in ziemHch gerader Richtung, nur in der Höhe der Brücke
biegt jeder nach der Bauchseite etwas aus. Dies ist auch die Stelle,
wo sie durch den schon oben erwähnten Kanal verbunden sind, der
den unpaaren Kanal nach vorn entsendet und im Porus mündet.
Diesen letzteren Teil muss man meiner Ansicht nach mit der Am-
pulle für identisch halten, welcher die Seitenkanäle anderer Nema-
toden, speciell Anguilluliden und Oxyuren [vgl, Bütschli (23),
Hallez (7)j aufsitzen, nur dass in unserem Falle dieser Kanal
dasselbe Lumen wie die Gefässe aufweist. Der ganze Kanal ist
innen von einer dünnen Cuticula ausgekleidet, die stark licht-
brechend ist und auf deren kontinuierlichen Verlauf zuerst Orley
[14 p. 146] aufmerksam machte. Erst im unpaaren Teil wird diese
158 Dr- phil- Hermann Stadelmann.
etwas dicker und nimmt hier die Beschafienheit des die oberste
Schicht der Cuticula biklenden Chitins an. Dass sich hier wirkHch
diese Cuticula-Schicht in den Kanal eine Strecke lang fortsetzt,
kann man am besten während der Häutung und an den abgeworfenen
Häuten der jungen Tiere erkennen. Denn an den Exuvien sieht
man immer, dass vom Perus aus eine kurze Chitinröhre in dieselbe
hineinragt [vgl. Strubell (20 Tab. I Fig. 24. 25)]. Jedes Gefäss ist
seiner ganzen Länge nach auf jeder Seite von einer einzelligen Zell-
schicht begrenzt, deren einzelne Elemente Bohnenform haben und
zwar so, dass die Höhlungen sich zugekehrt sind. Die Enden der
gegenüberHegenden Zellen stossen aneinander und sind so eng mit
einander verbunden, dass die Zellgrenzen meistenteils verwischt sind.
Bei der Behandlung mit Goldchlorid werden letztere vielfach sichtbar,
auch kann man, wenn gleich in diesen Zellen nirgends deutliche
Kerne zu sehen sind, doch durch Kernreste leicht zu diesen Resul-
taten gelangen (Fig. 7 kr.). Diese Kernreste sind an den Aussen-
rändern der Zellen in gleichen Abständen verteilt. Im Epithel des
Verbindungskanals in der Brücke ist ein sehr grosser Kern mit
grossem Kernkörperchen eingelagert, der bei Strongylus convolutus
jedoch immer nur der linken Körperhälfte angehört (Fig. 9 h.).
Diesen Kern hat schon Schneider (19 p. 217) beobachtet, nur fand
er in ihm mehrere kleine Kugeln, während hier nur deren eine vor-
handen ist, die sich mit Carmin intensiv färbt, und die ich auch
als Kernkörperchen deute. Dies ist wahrscheinlich dasselbe Gebilde,
dem Rzewuski (18), Leuckart folgend, die Bedeutung eines
Sinnesorganes (Gehörbläschens) zuschreibt. Er scheint nämlich die
Brücke für die von Schneider (19 p. 223) beschriebenen Rami
communicantes des Nervensystems gehalten und das in ihr liegende
Gefäss — er erwähnt in seiner Arbeit das Excretionssystem über-
haupt nicht — übersehen zu haben.
Die Struktur dieser Zellen ist eine andere wie des Plasmas des
umgebenden Seitenfeldes. Sie sind nicht so grob gekörnelt, auch
ist ihre Tingierbarkeit eine andere, und sie sind durch eine deut-
liche Kontur gegen das Seitenfeld abgesetzt. Ob diese Abgrenzung,
wie ich vermute, durch eine cutikulare Bildung geschieht, kann ich
nicht entscheiden. Kochen in Kalilauge, Macerierungsversuche und
Zupfpräparate, die für das Studium der Muskelelemente sehr vorteil-
haft waren, lieferten hier trotz der stärksten Vergrösserungen keine
befriedigenden Resultate.
Es findet sich hier also im Gegensatz zu allen bisher be-
schriebenen Nematoden ein deutliches Epithel, das scharf von den
Seitenlinien abgegrenzt ist. Die Bemerkung Eberth's (5, p. 63)
dass das ,, dünne, zartwandige Gefäss jederseits von einer einfachen
Zellreihe eingefasst ist", könnte man in einem ähnhchen Sinne
deuten. Doch meint er mit den Zellreihen die Seitenlinien. Er sieht
also, wie auch Bütschli (2. p. 273) imd alle späteren Autoren die
Seitenteile der Seitenhnien gleichsam als Epithel des Excretions-
organes an.
Ueber den anatomischen Bau des Strongylus convolutus Ostertag. 159
Der Querschnitt des Kanals ist länglich oval und zeigt manch-
mal sogar Bisquitform. Nur an manchen Stellen bot sich ein rund-
liches Bild dar. Da auf Schnittserien diese Stellen in bestimmter
Folge auftraten und sich dann auch immer eine Vergrösserung des
Lumens bemerkbar machte, so folgerte ich daraus, dass jeder Kanal
in bestimmten Abstcänden eine kugelförmige Auftreibung hat. An
einzelnen Stellen war der Kanal, dessen Innenfläche vielfach Fal-
tungen aufwies, mit feinen Körnchen erfüllt.
Die Entstehung dieses Kanalsystems aus den Seitenfeldern kann
man sich leicht auf folgende Weise vorstellen.
Denkt man sich, dass aus letzteren zwei Zellreihen sich an
einander lagerten, die durch Auseinanderweichen in der Mitte ein
Lumen bildeten und eine dünne Cuticula ausschieden, so erhält man
das Gefasssystem unseres Parasiten und vielleicht auch aller übrigen
Nematoden. Ob diese meine Ansicht richtig ist, muss jedoch erst
eine Entwickelungsgeschichte dieses Tieres lehren.
In letzter Zeit sind die sogenannten Halsdrüsen, die man bei
einigen Nematoden findet, wieder für das Excretionssystem in An-
spruch genommen worden. Fig. 9. Hd. Diese Gebilde sind auch
bei Strongylus convolutus vorhanden und stimmen in ihrer Gestalt
so ziemlich mit dem überein, was Rzewuski (28. p. 32) in seiner
Beschreibung des Strongylus paradoxus (p. 27, 28) sagt. Ich muss
dagegen mit Hamann (8) entschieden in Abrede stellen, dass diese
einzelhgen Drüsen, die er für Speicheldrüsen hält, sich, wie er an-
giebt, an den Oesophagus legen und in den vorderen Teil desselben
einmünden. Sie liegen ventralwärts zwischen Oesophagus und Mus-
culatur. Sie münden in der Brücke; ob aber auch hier ihre Aus-
führungsgänge wie Leu ckart angiebt, zusammen mit dem unpaaren
Excretionskanal im Porus nach aussen münden, konnte ich nicht
entscheiden. Sie sind paarig vorhanden. Jede derselben ist, wie
schon erwähnt, einzellig, ihr Kern liegt ziemlich in der Mitte und
zeigt eine ungemeine Aehnlichkeit mit den in den Seitenlinien auf-
tretenden Kernen. Das Plasma hat sich in einen mit dunklen
unregelmässigen Körnchen durchsetzten Innenteil und einen den-
selbenden umgebenden, starkHchtbrechenden, von Körnelung freien
Aussenteil geschieden. Auf einem Querschnitt macht das Plasma
den Eindruck wie das Endo- und Ektoplasma der Rhizopoden. Der
Kern liegt immer in dem dunkleren Teil. Am lebenden Tier sieht
man die Körnchen in lebhaft fluktuierender Bewegung. Nach
Hamann sind auch die Kerne in den Seitenlinien für die Aus-
scheidung wichtig. Ich habe keinerlei Beziehungen zwischen beiden
auffinden können, doch fiel es mir auf, dass die Kernkörperchen
meist nach der Seite der Excretionskanäle hin lagen. Vielleicht ist,
wie Bütschli (2) anzunehmen scheint, jedes Seitenfeld für den Akt
der Ausscheidung von Wichtigkeit. Um diese so subtilen Verhält-
nisse aufzuklären, war vorhegender Wurm nicht sehr günstig, und
müssen dementsprechende Untersuchungen an besseren Objekten
IgO öl"- pbil- Hermann Stadelmann.
ausgeführt werden. Möglicherweise ist auch die Annahme Hamanns
(9) richtig, der die Endigung der Kanäle in einem Glomerulus ge-
funden zu haben glaubt.
c. Nervensystem.
Das Nervensystem dieses Wurmes besteht, wie bei allen Nema-
toden, aus einem den Oesophagus umgebenden Centralnervenringe
und davon ausgehenden Nervensträngen, die teils nach vorn, dem
Kopfe zu, teils nach hinten ziehen. Fig. 8. Das Centralorgan ist
am lebenden Tiere deutlich zu erkennen, es umgiebt als ein faseriger
Ring den Schlund und liegt ungefähr in der Mitte desselben.
Fig. 8 nr. In ihm sieht man unregelmässig zerstreute glashelle
Kügelchen, die Kerne der Ganglienzellen. Die Oberfläche des
Nervenringes ist mit buckeiförmigen Auftreibungen versehen, die
durch die eingelagerten Ganglienzellen verursacht werden. Vom
Ringe aus sieht man teils nach vorn teils nach hinten feine Fäden
ziehen, die von ihm ausgehende Nervenfasern sind.
Das Centralorgan oder der Nervenring liegt zwischen Muskulatur
und Oesophagus in der Leibeshöhle. Mit dem Vorderdarm steht es
in keiner Verbindung, sondern lässt überall einen Zwischenraum
zwischen sich und demselben. Dagegen entsendet es zu den Lateral-
und Medianlinien je einen Fortsatz. Das ganze Organ ist also auch
hier an vier Bändern suspendiert. Jedoch findet keine Ver-
schmelzung der Fortsätze mit den Längslinien statt, sondern, wie
auch Leuckart richtig bemerkt hat (11 p. 25) verschmilzt jeder
Fortsatz des Nervenringes nur mit dem inneren freien Rande jeder
Längshnie, denn bei den mit Chromosmiumessigsäure-Holzessig be-
handelten Objekten färbten sich die nervösen Elemente tief schwarz,
während die Längslinien mit Ausnahme des freien Randes ziemlich
hell blieben. Jedes dieser vier Aufhängebänder hat einen ungefähr
runden Querschnitt, der nach dem Rande zu sich vergrössert. Der
Schlundring ist also nicht seiner ganzen Länge nach an den Längs-
linien befestigt, sondern nur in seiner Mitte, wo er die grösste Dicke
hat. Nach oben und unten zu wird der Nervenring immer schmaler.
Es findet sich hier also das umgekehrte Verhältnis, wie es Willemoes -
Suhm (22 Tab. XHI Fig. VI), Bütschli (2 Tab. XXII Fig. 21) und
Oerley (14 Tab. II Fig. 5a) von Ichthyonema, Oxyuris und Plectus
angaben.
Der Ring selbst besteht, wie schon gesagt, aus Fasern und zwar
stellen die nach dem Schlünde zu gelegenen bei Strongylus con-
volutus kontinuierliche Kreise dar, während die mehr nach aussen
zu befindlichen das Aussehen von Einviertelkreisbögen haben, deren
Enden umgebogen sind und bis an die Seitenlinien heranreichen.
Die histiologische Beschaffenheit dieser Fasern ist nicht dieselbe.
Ein Teil derselben färbt sich Boraxcarmin rot, während der andere
unfärbbar ist, und zwar folgt auf Querschnitten immer auf eine un-
gefärbte Partie eine gefärbte. Bei der Behandlung mit Holzessig
werden die Teile, die sich mit Carmin rot färben, schwarz, woraus
lieber den anatomischen Bau des Strongylus convolutus Ostertag. 161
hervorgeht, dass sie allein die nervösen Elemente sind, während die
anderen wahrscheinlich als ihre Stütze und die der eingelagerten
Ganglienzellen anzusehen sind. Diese Fasern hahen in unregel-
mässigen Abständen Anschwellungen, in denen sich eine feine
Körnelung bemerkbar macht. Die Ganglienzellen, die ich im Ringe
in nicht sehr grosser Anzahl eingelagert fand, treten, wie auch
Leuckart angiebt (11 p. 26) hauptsächlich an drei Stellen auf, in
der Gegend der beiden Lateral- und der ventralen Medianlinie. Doch
sah ich hin und wieder auch an anderen Stellen des Ringes Zellen.
(Vgl. Leuckart 11 p. 28.) Ihre Kerne haben meist ovale Gestalt
und sind viel kleiner als die in anderen Geweben auftretenden.
Das ganze Nervensystem ist, wie bekannt, von einer nicht färb-
baren Scheide umgeben, die sich ebenso verhält wie die unfärbbaren
Fäden. Deshalb sehe ich mit Schneider (19 p. 224) diese Fäden
als Fortsätze der Scheide an, die Wände zwischen den nervösen
Elementen bilden und ihnen einen Halt geben soUen. Gerade in der
Höhe der Anheftungsstellen liegen im Ringe zwei Ganglienzellen, die
durch ihre dreieckige Gestalt sofort auffallen und bisher nur von
Schneider beschrieben worden sind. Die eine liegt auf der Rücken-,
die andere auf der Bauchseite des Tieres (Fig. 8 rg u. bg). Sie
sind so gestellt, dass ihre Grundlinien dem Schlünde und die gegen-
überliegenden Ecken den Medianlinien zugerichtet sind. Beide Zellen
entsenden von ihren Ecken fadenförmige Fortsätze, von denen je
zwei im Ringe sich eine Zeitlang verfolgen lassen, während die dritten
nach hinten laufen.
Nach dem Kopfe zu entsendet das Centrain ervenorgan sechs
Fortsätze, sie liegen paarweise rechts und links von der Bauchlinie
und den beiden Laterallinien. Während nach dem Ringe zu die
paarweis in einer Längslinie verlaufenden Stränge sich nähern, ent-
fernen sie sich weiter nach dem Kopfe hin von einander. Die An-
gabe Rzewuski's (18 p. 30), dass die neben der Bauchhnie liegenden
Stränge, sich in der Nähe des Ringes zu einem einzigen grösseren
Strang vereinigen, kann ich nicht bestätigen. Ich habe sie immer
vereinzelt aus dem Ringe treten sehen. I)iese Fortsätze haben, wie
überall, eine faserige Struktur, die der des Centralnervensystemes
ähnhch gebaut ist und Ganglienzellen aufzuweisen hat. Sie endigen
in den sechs Papillen, die den Mund umstehen.
Nach hinten zu lassen sich in der dorsalen und ventralen
Medianlinie Nervenstränge bis ziemlich an das Körperende hin ver-
folgen. In den Lateralhnien dagegen habe ich sie bei Strongylus
convolutus bald hinter dem Nervenringe aufhören gesehen. In allen
Ausläufern mit Ausnahme des dorsalen finden sich im vorderen Teil
ziemlich reichlich Ganglienzellen eingebettet, die man auch als noch
zum Centralringe gehörig betrachten kann. (vgl. oben). Am deut-
lichsten treten sie im Bauchstrange hervor, den sie mächtig er-
weitern. Diesen Teil möchte ich in Uebereinstimmung mit Schneider
als Kopfganglion bezeichnen. Sowohl im dorsalen wie ventralen
Strange treten in bestimmten Abständen Ganglienzellen auf. Wo
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd. I. H. 2. 11
162 Di^- phil- Hermauu Stadelmaiiii.
sie vorhanden sind, ist der Nervenstrang kolbig angeschwollen. An
anderen Stellen sind die nervösen Elemente wenig deutKch. Merk-
würdig und von allen anderen bisher beschriebenen Formen ab-
weichend ist das Verhalten des Nervenstranges in der Bauchlinie.
Der hier liegende Nervenstrang ist nicht wie der in der Rückenlinie
liegende einfach, sondern spaltet sich eine kurze Strecke hinter dem
Kopfganglion in zwei Teile, von denen jeder auf je einer Seite der
Medianlinie Hegt. In bestimmten Abständen sind beide Stränge
durch eine Brücke über die Innenfläche der Bauchlinie verbunden,
in der jedesmal eine grosse Ganglienzelle zu finden ist. In der
Nähe des Afters treten im Bauchstrange zahlreiche, dicht neben
einander liegende Ganghenzellen auf, die wahrscheinlich das von
Leuckart (11 p. 30) beschriebene Analgangüon darstellen.
Bemerken will ich noch, dass die Bauchstränge die faserige
Struktur weniger deuthch erkennen lassen, sie stellen vielmehr ein
mit feinen Körnchen versehenes Plasma dar, in dem wie in den
übrigen Längslinien auf Querschnitten die Nervenfasern als helle
stark lichtbrechende Pünktchen zerstreut sind.
Alle nach hinten laufenden Nervenstränge sind durch die Auf-
hängebänder mit dem Centralnervenorgan verbunden, während die
nach dem Kopfe zu ziehenden am vorderen freien Rande des Ringes
ihren Ursprung nehmen.
Von Sinnesorganen habe ich ausser den Kopfpapillen, die für
den Tastsinn in Anspruch genommen werden, nichts gefunden.
Ehe ich das Nervensystem verlasse, kann ich nicht umhin, auf
die Behandlung mit Chromosmiumessigsäure -Holzessig hinzuweisen,
die mir beim Studium dieser so verwickelten und schwer ver-
ständlichen Verhältnisse grosse Dienste geleistet hat.
f. Darm.
Der Darm von Strongylns convolutus stellt einen einfachen
rundhchen Schlauch dar, der den Körper von vorn nach hinten
durchläuft, in einer Richtung, die wenig von einer geraden Linie
abweicht. Er endet in einem After, der beim Weibchen 0,18 mm
vom Schwanzende entfernt ist, während er beim Männchen fast in
lezteres einmündet. Schon eine oberflächliche Betrachtung des
lebenden Tieres lässt erkennen, das der Darmtraktus sich aus zwei
verschiedenartig gebildeten Teilen zusammensetzt, deren Trennung
eine deutliche ist. Der vordere kürzere Teil, Pharynx oder Oeso-
phagus genannt, hat am hinteren Ende eine Anschwellung, den
Pharyngealbulbus. Der hintere längere Teil bildet den eigenthchen
Darm. Er zerfäUt in den Chylusmagen und einen Enddarm. Der
Chylusmagen tritt in seinem mittleren Theil am lebenden Tier nicht
überall deutlich hervor, da er vielfach von den mächtig entwickelten
Geschlechtsorganen verdeckt ist.
Der Pharynx oder Oesophagus bildet seinem gröberen histio-
logischem Bau nach ein einheitliches Ganzes. Doch will ich an ihm
drei Teile unterscheiden, die durch die Gestalt des Lumens oder
Ueber den anatomischen Bau des Strongylus convolutus Ostertag. 163
durch eingelagerte Drüsen oder Zellkerne sich leicht von einander
trennen lassen. Der vordere Teil wird durch den Mund und die
dahinter liegende Mundhöhle, der mittlere durch das eigentliche
Schlundrohr und der hintere durch den Bulbus gebildet.
Die Mundöffnung ist rund, und die Mundfläche senkt sich nach
der Bauchseite. Der Mund ist von 6 Papillen umgeben, von denen
je zwei an der Seite, und zwei nach dem Bauche zu liegen. Die
Papillen eines jeden Paares hegen, wie bei den meisten Nematoden,
dicht aneinander, und nur die einzelnen Paare sind durch einen
grösseren Zwischenraum getrennt. Die Oberfläche einer jeden Papille
erscheint höckrig. Der ganze Kopf ist von einer Kopfkapsel um-
geben, die sich durch eine deutliche Ringfurche von der übrigen
Körperbedeckung abhebt. Die Kopfkapsel ist sehr klein und misst
in der Länge 0,015 mm, im Breitendurchmesser 0,025 mm. Sie
stimmt in ihrem Bau mit der Cutis überein. Muskelelemente habe
ich in ihr nicht entdecken können. Von der Ansatzstelle aus laufen
über dieselbe nach vorn feine Falten. Aus der Oeffnung der Kapsel
sieht meist das Vorderende des Wurmes heraus. Bei Schluck-
bewegungen zieht er dasselbe in jene zurück.
Das ganze Lumen des Oesophagus ist von einer ziemlich starken
Chitincuticula ausgekleidet, die ohne Unterbrechung in die äussere
Körperhülle übergeht und nirgends leistenförmige V^erdickungen, die
nach Schneider (19 p. 189) bei allen Strongyllden vorkommen
sollen, aufzuweisen hat. Fig. 12 ic. Da Rzewuski derselben keine
Erwähnung thut, so muss ich annehmen, dass auch bei Strongylus
paradoxus dieselben fehlen und sie kein Kriterium der Gattung
Strongylus sind, wie es Schneider anzunehmen scheint.
Die Wand des Oesophagus besteht aus radäir stehenden Fasern,
zwischen denen Körnchen von verschiedener Grösse liegen. Längs-
fasern, die bei vielen Nematodengattungen in reichHcher Anzahl und
bei einzelnen Strongyliden hie und da auftreten (vergl. Schneider)
sind nicht vorhanden. Die Fasern treten auch hier zu grösseren
Komplexen zusammen, die die Form eines abgestumpft kegelförmigen
Bündels haben, deren breite Fläche der Aussen- und deren schmalere
der Innenseite aufsitzt. Der Querschnitt des Lumens der Mundhöhle
ist rund und grösser als die Mundöfi"nung. In diesem Teile des
Schlundes treten zwischen den Fasern spärliche Körnchen auf. Hier
ziehen zur Aussenfläche starke Muskelmassen heran. Weiter nach
hinten zu geht das Lumen allmählich in die Gestalt über, die für
das eigentliche Schlundrohr bei vielen Nematoden so charakteristisch
ist. Es hat die Gestalt eines dreistrahhgen Sternes. In diesem
Teil treten die Körnchen so massenhaft auf, dass sie grössere An-
häufungen bilden, die häufig den Eindruck von Drüsen machen.
Auch finden sich unregelmässig zerstreut einzelne Kerne. Von diesen
Körnchenansammlungem sind drei von besonderem Interesse, da sie
bisher verschiedene Deutungen gefunden haben. Sie liegen in den
Ecken der überstumpfen Winkel. Hier hat sich durch Auseinander-
weichen der Fäden ein Hohlraum gebildet, der mit einer dünnen
11*
164 ßj"- pbil- Hermann Stadelmann.
Haut ausgekleidet ist, dessen Querschnitt ein langgestrecktes Oval
zeigt. Diese Hohlräume beginnen gleich hinter der Mundhöhle und
endigen kurz vor dem Bulbus. Mit dem Lumen des Schlundes stehen
sie durch einen feinen Kanal in Verbindung, der gleich hinter der
Mundhöhle die Chitincuticula durchsetzt. Fig. 10 ak. An dieser
Stelle zeigt der Querschnitt ein flaschenförmiges Bild. Jedes dieser
drei Gebilde ist von einer dunklen kernigen Masse ausgefüllt, die
nur am Rande ein helleres Aussehen zeigt. Die Körnchen selbst
sind ungleich gross und haben eine unregelmässige Gestalt. Jeder
Körnermasse ist in der Mitte ein bläschenförmiger Kern eingelagert.
Fig. 11 dk. Sie wird also durch eine einzige Zelle gebildet. Von
allen drei Zellen hat die nach der Rückenlinie zu gelegene die
grösste Entwickelung aufzuweisen. Dadurch, dass diese Zellen durch
den oben erwähnten Kanal mit dem Hohlraum des Vorderarmes in
Verbindung stehen, scheinen sie bei der Verdauung eine Rolle zu
spielen. Ich dürfte vielleicht nicht fehlgehen, wenn ich ihnen die
Funktion von Speicheldrüsen zuweise.
Nach Schneider haben die drei Kerne, die er in der Mitte
der Dreieiecksecke von Oxysoma auf Tab. XVI Fig. 2 abbildet und
die den Kernen der von mir vorher beschriebenen Drüsen entsprechen,
eine bestimmte Beziehung zu der sechseckigen Grundform des Oeso-
phagus-Kanals doch sagt er nicht, welche. Das Vorkommen von
drüsigen Elementen in der Substanz des Oesophagus erwähnt er als
erster, und zwar beschreibt er bei Ascaris megalocephala eine dorsal-
wärts gelegene Drüse. Den Ausführungkanal und die Mündung des-
selben in den Hohlraum des Schlundes, hat er auch schon gesehen,
doch scheint ihm nach seinen Schilderungen das Verhältnis zwischen
Kanal und Drüse, sowie der Verlauf der letzteren nicht recht klar
geworden zu sein. Die Mächtigkeit des die Mittellinie des Rückens
einnehmenden und mit Körnersubstanz angefüllten Hohlraumes fiel
schon Leuckart auf (11 p. 422). Der erste, der dieses Gebilde
als Speicheldrüse in Anspruch nimmt, ist Cobb (4 p. 67). Er glaubt
auch den Mündungsporus gesehen zu haben. Dieser letzteren Meinung
schliesse ich mich nun auf Grund meiner Untersuchungen an, nur
dass ich die Funktion der Speicheldrüsen auch für die beiden anderen,
weniger stark entwickelten Gebilde in Anspruch nehme.
Im Bulbus ist die Wand des Oesophagus mächtig entwickelt,
doch tritt nicht auf einmal eine Anschwellung auf, sondern der
Übergang ist ein allmählicher. In der Masse des Bulbus finden sich
unregelmässig zerstreute Kerne in grosser Anzahl eingelagert, die
schon beim Betrachten des lebendes Tieres als helle, stark licht-
brechende Bläschen sofort auffallen. Fig. 12. bk. Grössere An-
sammlungen von Körnchen finden sich nur in seinem oberen Teil.
In dieser Beziehung steht Strongylus convolutus zu Heterodea
schachtii in einem direkten Gegensatz. Bei letzterem Wurm hebt
Strubell gerade diese Stelle als besonders kernig, ebenso wie den
Anfangsteil des Schlundes, hervor (20 p. 21).
Ueber deu anatomischen Bau fies Strongylus convolutus Osterfcag. 165
Der Querschnitt zeigt am Anfang das bekannte Lumen des
Schlundes, doch geht dies allmählich dadurch, dass die überstumpfen
Winkel sich mehr strecken, in ein dreieckiges über. Weiter nach
hinten zu wird es allmählich kleiner und nimmt Kreisform an. Die
äussere Wandung des ganzen Schundes wird durch eine homogene
strukturlose Membran gebildel, der zahlreiche Längsmuskeln auf-
liegen. Der Oesophagus stellt seinem ganzen Bau nach auch hier
einen Saugapparat dar. Durch Kontraktion der radiär stehenden
Fasern tritt eine Vergrösserung des Lumens ein, in die die flüssige
Nahrung sofort hineinströmt. Die Erweiterung des Lumens schreitet
von vorn nach hinten fort. Deshalb sieht man in der Thätigkeit
den Schlundhohlraum in wellenförmiger Beweg-ung.
Die Zellschicht des eigentlichen Darmrohres besteht in Ueber-
einstimmung mit allen bisher untersuchten Nematoden nur aus einer
einzigen Zelllage, und zwar stellt diese das bei Strongyliden allgemein
bekannte Pflasterepithel dar. Es finden sich bis 13 Zellen auf einem
Querschnitt neben einander. Die Zellen selbst haben einen eiförmigen
grossen Kern, in dessen Innern Chromatinkörperchen gleichmässig
verteilt sind, und in dem man häufig auch ein bis zwei Kern-
körperchen findet. Das Plasma der Zelle stellt ein von grob
granulierten, glänzend braunen Körnern durchsetzte Masse dar, die
am lebenden Tiere den Kern vollständig verdeckt.
Nach den Untersuchungen von Strubell (20 p. 22) sind diese
Körner eiweis- oder stärkehaltig und enthalten wohJ auch Fett, Die
Zellen sind reihenförmig angeordnet, doch stehen sie nicht hinter
einander, sondern laufen in spiraligen Reihen um das Lumen des
Darmes herum. Fig. 15.
Die Zellgrenzen selbst sind bei älteren Individuen mehr oder
weniger verwischt, sodass sich meist nur aus der Lagerung der Kerne
die Stellung der Zellen und ihre Aneinanderlagerung folgern lässt.
Häufig fiel es mir auf, dass die Kerne alternierend teils näher der
äusseren, teils der inneren Darmwand lagen. Vielfach findet man
auf Schnitten zwei Kerne radiär neben einander liegen. Auf den
ersten Blick könnte man meinen, das hier eine doppelte Epithelschicht
vorläge; doch ist dem nicht so. Wenn auch die äussere Oberfläche
des Darmas die Zellen meist sechseckig erscheinen lässt, so haben
sie doch nicht die Gestalt eines regulären sechsseitigen Prismas,
Sondern schieben Fortsätze zwischen einander, in denen dann meist
der Kern liegt. So kommt es vielfach, dass eine Zelle auf der einen
Seite eine breite Fläche darbietet, während sie auf der anderen durch
Fortsätze der benachbarten Zellen so eingeengt ist, dass von ihr nur
noch an dieser Stelle ein schmaler Streifen zu sehen ist. Das ganze
Darmrohr ist innen von einer dicken cutikularen Schicht ausgekleidet,
an der man z,wei Abschnitte unterscheiden kann. Den Zellen selbst
liegt eine dicke cutikulare Schicht an, über der sich eine nicht so
mächtige Stäbchenschicht erhebt. Fig. 13 ics. stbs.
Die cutikulare Schicht ist fein gi-anuliert und hat eine feine
radiär stehende Streifung aufzuweisen, Sie färbt sich mit Haema-
166 Dr. phil. Hermann Stadelmanii.
toxylin viel intensiver, als das Plasma der Zelle. Mit Karmin ist
beider Tingirbarkeit eine ungefähr gleiche.
An dieser Stelle will ich ein plasmatisches Gebilde im Darm-
epithel des Strongylus convolutus näher beschreiben, das mir in
betreff der systematischen Stellung des Wurmes von grosser Be-
deutung schien, und dessen keine Monographie einer Nematodenart
Erwähnung thut. Fig. 14, Auf Querschnitten durch Individuen,
die mit Haematoxylin gefärbt waren, bemerkte ich, dass die der
Zellschicht anliegende innere cutikulare Schicht das Darmlumen nicht
in einem continuirlichen Ringe umgiiff, sondern an zwei sich ziemlich
diametral gegenüberliegenden Stellen durchbrochen war. Von hier
aus zog ein plasmatischer Strang zur äusseren Darmcutikula, in
dem sich eine äusserst feine Körnelung bemerkbar machte, die sich
auch von dort aus über den ganzen äusseren Rand hinzog. Dieses
ganze Gebilde färbte sich mit HäematoxyHn viel intensiver als das
übrige Zellplasma. Von dieser feinkörnigen Masse aus durchzogen
Fäden von derselben Beschaffenheit das übrige Plasma und schlössen
diejenigen Stellen ein, in denen sich die oben erwähnten dunkel-
braunen Körnchen befinden. Betrachtete ich den Punkt, wo dieser
Strang an die äussere Cuticula stiess, mit stärkeren Systemen, so
bemerkte ich eine feine helle Linie, die nach der Durchbrechungs-
stelle der inneren Cuticula hinzog. Doch stellte sich mir diese Linie
niemals als eine continuirliche dar. Sie war vielfach unterbrochen.
Mit Boraxcarmin war dieses ganze Gebilde schwer sichtbar zu machen.
Besonders schön trat diese Erscheinung bei jüngeren Tieren und
Männchen hervor, während bei älteren nur die durchbrochene Cuticula
und ein ganz schmaler, nach der äusseren Darmwand ziehender
Plasmastreifen noch darauf hinwies.
Eine Deutung dieses Gebildes findet sich leicht durch eine Be-
merkung Schneiders (19 p. 196). Er sagt: „Die Gattung Strongylus
bildet einen Uebergang von der zweireihigen zur \äelzelligen An-
ordnung (des Darmepithels.) Man findet nämlich bei Strongylus
tetracanthus von jungen Exemplaren noch deutlich die Zellgrenze
der zweireihigen Anordnung, jede Zelle enthält aber viele Kerne,
die durch Karminlösung leicht zur Anschauung gebracht werden
können".
Es hat sich also im vorliegenden Falle diese Zellgrenze noch
über das Jugendstadium hinaus erhalten, während die Grenzen der
übrigen Zellen verwischt sind. Von einem zweizeiligen Darmepithel,
dessen einzelne Elemente viele Kerne enthalten, zu reden, wie es
Schneider thut, ist hier nicht angängig, da der Darm von Strongylus
convolutus, wie schon weiter oben erwähnt, von vielzelliger Anordnung
ist. Auch die von Schneider (19 p. 196) erwähnten Zickzacklinien,
die diese Zellgrenzen büden, lassen sich leicht aus Querschnitten
construiren, indem jeder der oben erwähnten Stränge seine Lage
allmählich so ändert, dass er von einer Seite der Laterallinien auf
die andere rückt. Durch Behandlung mit Essigkarmin gelang es
Ueber den anatomischen Bau des Strougylus convolutws Ostertag. 167
mir auch, diese Linie an noch nicht vollständig ausgewachsenen
lebenden Tieren zur Ansicht zu bringen. Fig. 17.
Das Darmlumen zeigt auf Querschnitten ein rundes Bild, das
durch Faltungen auf der inneren Darmwand vielfach gekerbt aus-
sieht. Wo die Geschlechtsorgane in reicher Fülle liegen, ist der
Darm plattgedrückt und lässt vielfach nur ein spaltförmiges Lumen
übrig. Nach dem Bulbus und dem Enddarm zu verkleinert sich
das Lumen.
Ein bisher noch nicht beobachtetes Verhältnis waltet an der
Uebergangsstelle des Chylusdarms in den Bulbus ob. Das Vorder-
ende jenes umgiebt das hintere Ende des Bulbus. Dieser ist also
in den Darm eingesenkt, ungefähr so, wie eine Eichel im Becher
sitzt. Deshalb sieht man auf Schnitten, die durch diese Region
geführt sind, um den Bulbus immer eine ringförmige Schicht Darm-
epithel, das in dem Maasse zunimmt, wie die Masse des Bulbus sich
vermindert. Fig. 12. de.
Während nach den Untersuchungen aller bisherigen Autoren
die Zellen des Darmepithels, natürlich mit Ausnahme des Enddarmes,
eine ungefähr gleiche Struktur aufzuweisen haben, zeigt gleich hinter
der Einmündungssteile des Oesophagus das Plasma eine so starke
strahlenförmige Anordnung, dass es aussieht als ob es ebenso,
wie der Pharynx von radiär stehenden Fäden durchzogen wird.
Die äussere Darmwand wird von einer dünnen strukturlosen
Membran überzogen, die sich ähnlich wie die des Schlundes verhält.
Der Enddarm stimmt in seinem Bau mit dem bisher Bekannten
überein. Er stellt eine kurze Röhre dar, die in den Magendarm
übergeht und ungefähr im Durchmesser V.t so breit wie dieser ist.
Es wird ebenso wie der Schlund von der Körpercuticula ausgekleidet.
Der After liegt in der Bauchlinie und wird von einem ringförmigen
Hautwulst umgeben. An den Enddarm treten starke Muskelzüge.
Fig. 1. am. Ein Teil derselben kommt von der Rücken- ein anderer
von der Bruchfiäche her. Die einzelnen Muskelemente stellen
dünne bandartige Fäden dar. Die vom Rücken ausgehenden ver-
laufen schräg von unten nach oben, während die Richtung der vom
Bauche herziehenden eine umgekehrte ist. Sie dienen, wie bekannt,
zum Schliessen und Oeffnung des Enddarms. An derselben Stelle,
wo sich die Muskeln an den Enddarm ansetzen, münden sechs ein-
zellige Drüsen. (Fig. 1 ad.) Jede derselben stellt einen eiförmigen
Körper mit schmalem Ausführungsgange dar. Ihr Plasma ist
strahlenförmig um den Kern angeordnet, wie bei Strongylus para-
doxus (18 Tab. L Fig. 21).
g. Geschlechtsorgane.
1. Männliche Geschlechtsorgane.
Die Geschlechtsorgane der Nematoden sind bisher gut unter-
sucht worden, und der Genitalapparat von Strongylus convolutus
stimmt in grossen Zügen mit dem bisher Bekannten überein. Nur
168 Dr. phil. Hermann Stadelmanu.
in betreff der für jede Art fast typischen Begattungsorgane und in
einem weiter unten zu besprechenden Punkte macht sich eine Ab-
weichung bemerkbar.
Die männlichen Geschlechtsorgane stellen einen einfachen, an
der einen Seite geschlossenen Schlauch dar, der ungefähr in der
Mitte des Körpers beginnt und nach einigen wenigen Schlingen um
den Darm in den Endteil desselben, kurz vor dem After mündet.
Zu diesen Organen kommen noch spezifische Begattungsorgane, die
das männliche Tier vor dem Weibchen auszeichnen, nämlich die
Bursa und die Spicula. (Fig. 5). — Um ein gutes Bild von der Bursa
zu bekommen, schnitt ich einfach das hintere Ende des Männchens
ab und breitete die Bursa aus. Dies thut man auf die einfachste
Weise, indem man das Endstück in einem Tropfen destillierten
Wassers auf einen Objektträger bringt, ein Deckglas darauf legt und
dasselbe unter leichtem Druck so lange hin und her schiebt, bis
die Bursa die gewünschte Lage angenommen hat. Darauf kann
man, ohne die erhaltene Lage zu zerstören, färben und das Ganze
in Glycerin einschliessen. — Die Bursa umgiebt als glockenförmiger
symmetrisch gebauter Beutel das Hinterleibsende. Sie besteht aus
zwei gleichgrossen seitlichen und einem Hinterlappen. Der Ver-
schluss an der Bauchseite wird durch Uebereinanderlegen der ven-
tralwärts liegenden Ränder der Seitenlappen gebildet. Es findet sich
also hier die ringsgeschlossene trichterförmige Strongylusbursa (vgl,
Schneider 19 p. 29). Die Bursallappen stellen eine einfache Haut-
duplikatur dar und sind durch die sogenannten Bursalrippen ge-
stüt'it. Davon enthält, wie gewöhnlich bei Strongyliden, jeder seitlich
gelegene 6 und der Hinterlappen zwei. Die vordere und die hintere
Aussenrippe reichen bei Strongylus convolutus jederseits bis an die
Anheftungsstelle der Bursa, während die beiden Vorder-, die beiden
Mittel- und die beiden Hinterrippen sich vor der Anheftungsstelle
zu einem einfachen Strange vereinigen. Bis an den freien Rand der
Bursa reichen nur die beiden Mittelrippen. Der gemeinsame Stamm
der beiden Hinterrippen ist sehr lang, sodass sich beide Rippen erst
kurz vor ihrer Endigung trennen. Jede einzelne Hinterrippe spaltet
sich wieder in zwei kleine Aeste, die am Ende eine kugelförmige
Anschwellung haben. Die anderen Rippen haben in ihrer Mitte cUe
grösste Breite und endigen in einer Spitze. Der von Rippen freie
Teil der Bursa ist einfach eine doppelte Chitinlamelle. Nur in den
Rippen sind die beiden untersten Schichten der Cuticula und die
Subcuticula vertreten, auch sieht man einige Muskelfasern in die-
selben eintreten. Deshalb ist die Bursamembran durchsichtig,
während die Rippen undurchsichtig sind und mit einer körnigen
Masse angefüllt erscheinen.
Die gleich grossen Spicula liegen zwischen Darm- und Rücken-
fläche. Sie haben eine gelbe Färbung und eine Länge von 0,2 und
eine Breite von 0,02 mm. Jedes Spiculum ist leicht s förmig gebogen
und besteht, wie bekannt, aus einem Chitinstab, von dem zwei flügel-
artige Chitinleisten abgehen, deren freier Rand häufig welhg aus-
Ueber den anatomischen Bau des Strongylns convolutus Ostertag. 169
sieht, und die liier einen Winkel, der wenig von einem gestreckten
abweicht, bilden. Bemerken will ich an dieser Stelle noch, dass die
Spicula mit ihrer konkaven Fläche nicht, wie es Rzewuski (18
p. 17) von Strongylns paradoxus angiebt, sich, sondern dem Darm
zugekehrt sind. Das oberste Ende eines jeden Spiculum ist nach
hinten umgebogen, auch das unterste zeigt eine starke Krümmung.
Aehnliche Spicula, wie diese, bildet Eberth von Strongylns striatus
(5. Tab. IX, Fig. 11) ab, doch sind sie etwas länger und schmäler,
als die von Strongylns convolutus.
Jedes Spiculum ist von einer Scheide umgeben, die am obersten
Rande eng mit dem umgebogenen Ende des Spiculum verwächst.
Diese Scheide ist eine Einstülpung der Haut dicht neben dem End-
darm und enthält alle wesentlichen Bestandtheile derselben. An
diese Scheide treten die Muskeln heran, die zur Bewegung des
Spicular-Apparates dienen. In der Gegend des Schwanzes ent-
springen seitlich je zwei Muskelbänder, die schräg nach vorn zur
Scheide ziehen und zum Hervorstülpen der Spicula dienen. Als
Antagonisten wirken zwei Paar andere Muskelbänder, die weiter
vorn seitlich entspringen und schräg von vorn nach hinten verlaufen.
Der innere Genitalapparat selbst besteht aus einer einfachen
Röhre, an der hier äusserlich im Gegensatz zu Strongylus paradoxus
(18 p. 21) keine Einteilung in verschiedene Abschnitte zu erkennen
ist. Nur durch die Verschiedenheit des Epithelbelags ist man im
Stande, den Hoden vom Vas deferens zu trennen. Dieses Epithel
stellt überall eine einzeUige Zellschicht dar, welche einer den Schlauch
von der Leibeshöhle abgrenzenden strukturlosen cutikularen Membran
aufliegt. Die das Vas deferens auskleidenden Zellen haben die
Gestalt eines sechseckigen Prismas und erscheinen grobkörnig mit
deutlichem Kern. Das Epithel des Hodens ist sehr schwach ent-
wickelt, es ist eine Plasmaschicht, in der sich selten Zellgrenzen
finden und wo nur hier und da Zellkerne auftreten (vgl. Schneider 19
p. 249). Der Schluss des blinden Endes im Genita) schlauch wird
durch eine deutlich erkennbare Zelle bewirkt, ähnlich wie es Bütschli
(2 p. 288) beschreibt, und die nach Strubell (20 p. 23) wohl ein
Analogen der sogenannten Terminalzelle des weiblichen Geschlechts-
apparates bildet. Das Lumen des Vas deferens ist vifel grösser als
das des Hodens. Der letzte Abschnitt des Vas deferens wird als
Ductus ejaculatorius angesehen. An seine Aussenfläche treten starke
Muskelmassen heran. Der Ausführungsgang endigt mit dem End-
darm zusammen in eine Kloake, in die sich auch die Spicularscheiden
öffnen.
2. Weibliche Geschlechtsorgane.
Der weibHche Geschlechtsapparat besteht aus zwei langen Röhren,
die in vielfachen Windungen den Darm umschlingen und in einen
unpaaren Ausführungsgang münden. Die Mündung dieses Aus-
führungsganges, die Vulva, liegt in der Bauchlinie und ist 1,5 mm
vom After entfernt. Sie ist quer zur Körperaxe gestellt und wird
170 Dr. phil. Hermann Stadelmann.
von der schon erwähnten glockenförmigen Hantduplikatur überdeckt.
Diese ist bisher noch bei keinem Strongyliden beobachtet worden
und giebt ein vorzügliches Kennzeichen für vorliegende Art. Sie ist
ebenso breit wie lang und mit einer feinen Querstreifung versehen.
Ihr freier Saum ist leicht geschweift. In ihr finden sich ähnHche
Elemente wie die Rippen in der Bursa, doch sind sie sehr durch-
sichtig und werden nur in frischem Zustande bei Behandlung mit
Essigearmin sichtbar. Auch in sie ziehen feine Muskelfasern. Von
den beiden Genitalschläuchen zieht der eine nach hinten, der andere
nach vorn. Jeder einzelne Schlauch übertrifft die Körperlänge um
ein Vielfaches. Der nach vorn sich wendende Teil erstreckt sich
unter vielfachen Windungen um den Darm, bis in die Nähe des
Bulbus, biegt hier um und endet blind ungefähr in der Mitte des
Körpers. Der andere Schlauch zieht nach hinten bis in die Gegend
des Afters, wendet sich dann nach vorn und endet auch in der
Mitte des Körpers blind. An jedem Schlauch lassen sich drei Teile
gut unterscheiden: das Ovarium, der Ovidukt und der Uterus. Alle
drei sind durch deutliche Einschnürungen von einander getrennt.
In seinem Bau stimmt das Ovarium mit den Hoden und der Ovidukt
mit dem Vas deferens überein. Der epitheliale Belag zeigt in beiden
Fällen das gleiche Verhalten. Die aus dem Ovarium heraustretenden
Keimprodukte gruppieren sich im Ovidukt um einen Plasmastrang,
die Rhachis. Den Teil des Ovidukts, in dem die Befruchtung statt-
findet, fand ich immer etwas bauchig erweitert. Auch haben sich
die Epithelzellen hier etwas verlängert. Ich dürfte wohl nicht fehl-
gehen, wenn ich diesem Abschnitte eine ähnliche Funktion, wie dem
Ootyp zuschreibe. Im Uterus bilden die Epithelialzellen vier Längs-
reihen, so dass auf einen Querschnitt immer vier solcher Zellen zu
liegen kommen (vgl. Schneider 19, Tab. XXIV, Fig. 3 und 5a).
Die in der Nähe der Uebergangsstelle in das Ovidukt gelegenen
Epithelzellen entsenden zottenartige Vorsprünge in das Lumen des
Uterus. Diese Zotten, von denen Schneider (19) auf Tab. XXII
eine gute Abbildung giebt, werden nach der Einmündungssteile der
Vagina zu immer kleiner und verschwinden schliesslich vollständig.
Auch wird der Epithelbelag immer dünner, bis er endlich ganz auf-
hört und der den hinteren Theil des Uterus auskleidenden Cuticula
Platz macht. Da, wo die beiden Uteri zusammenstossen, münden
sie in die Vagina. Ob hier nur ein Uterus oder deren zwei vor-
handen sind, könnte zweifelhaft sein. Nach Schneider (19, p. 254,
255) kann die Vagina senkrecht an die Mitte des Uterus heran-
treten. Da sich jedoch bei Strongylus convolutus an dieser Stelle
des Uterus eine wenn auch noch so geringe Einschnürung bei
manchen Individuen zeigt, so nehme ich zwei Uteri an, von denen
einer nach vorn, der andere nach hinten läuft. Wo nur einer vor-
handen zu sein scheint, ist eben genannte Einschnürung vollkommen
geschwunden. Die Vagina ist kurz und ihr Querschnitt zeigt ein
schlitzförmiges Lumen. In sie setzt sich die chitinöse Körper-
cutikula fort, die ja auch, wie schon erwähnt, den letzten Teil eines
jeden Uterus auskleidet.
Ueber den anatomischen Bau des Strongylns convolutus Ostertag. 171
IV.
Lebensweise und Entwickelang.
Unser Parasit lebt im Labmagen des Rindes und zwar unter
dem Epithel desselben. (Fig. 19). An der Stelle, wo er seinen Sitz
hat, zeigt die Schleimhaut des Magens locale Wucherungen, die flach
pusteiförmig erscheinen und eine kleine centrale Oeflhung besitzen.
Die Wucherung ist je nach der Grösse des Tieres verschieden.
(Fig. 18). Die sehr stark mit Strongylus convolutus inficierten
Stellen des Magens zeigen katarrhalische Rötungen. Das einzelne
Individuum liegt zusammengerollt in einer Höhlung. Häufig sieht
man den Kopf aus der Oeffnung hervorragen. Nach Ostertag be-
herbergen etwa 90 "/o aller Rinder unseren Parasiten. Die Zahl der
Männchen ist etwas geringer als die der Weibchen. Ich habe unter
5 Würmern durchschnittlich 2 Männchen gefunden. Der Wurm ist
wahrscheinlich ovipar. Denn unter allen geschlechtsreifen und be-
fruchteten Weibchen, die ich untersuchte, fand ich kein einziges,
das ausser vorgeschrittenen Furchungsstadien schon ausgebildete
junge Würmer im Uterus beherbergte. Beginnt der Magen in
Fäulnis überzugehen, so verlassen diese Nematoden ihren Wohnort
und bewegen sich unter lebhaften Schlängelungen auf der Schleim-
haut umher. In einem noch ziemlich frischen Magen gelang es mir
einmal, ein Pärchen in Copulation anzutreffen. Da ich fürchtete, die
Tiere könnten sich gegenseitig loslassen, wenn ich sie von der
Schleimhaut herunternähme, so schnitt ich vorsichtig diesen Teil des
Magens in einiger Entfernung von den Tieren heraus und brachte
das Stück auf einen Objektträger. Ich sah nun folgendes. Das
Männchen hatte den vorderen Teil seines Körpers um den vorderen
Teil desWeibchens herumgeschlungen. Die Seitenlappen der Bursa hielten
die Seiten des Tieres an der Geschlechtsöffnung fest umklammert. Die
Glocke über der Vulva hatte sich emporgerichtet und an die ventralen
Ränder der Bursa dicht angelegt. Auf diese Weise war ein fester Ver-
schluss hergestellt. Das Männchen schien schon seinen Samen in
die weibHche Geschlechtsöffnung entleert zu haben, denn ich be-
merkte im Uterus eine fluktuierende Masse. Die Spicula waren
hervorgestülpt und steckten in der Vagina. Als ich das Pärchen in
eine Uhrschaale mit Wasser bringen wollte, Hessen sie los. Bei
einer genaueren Untersuchung des Weibchens und speziell der Vulva
fand ich die Umgebung derselben in einiger Entfernung mit einem
annähernd kreisrunden Ringe von erstarrtem Sekret umgeben. Dies
scheint auf eine Anwesenheit von Sekretdrüsen in dem Rande der
männlichen Bursa hinzudeuten, da dieser sogenannte Sattel, wie
Schneider (19 p. 247) das erstarrte Sekret nennt, an der Stelle, wo
der Bursalrand lag, am mächtigsten war. Diese Drüsen konnte ich
mir jedoch auf keine Weise zu Gesicht bringen. Nach Schneider
(19 p. 247) stammt dieses Sekret aus den Geschlechtsröhren. Die
Tiere scheinen, um sich zu begatten, sich auf die freie Fläche der
i7'2 Dl'- phil- Hermann Stadelmann.
Schleimhaut des Magens zu begeben und dann wieder ihre Wohn-
stätte aufzusuchen. Ich fand nämlich die meisten Weibchen, die ich
aus den Knötchen herauspräparierte, schon befruchtet. Das die Be-
gattung nicht gleich nach der Einwanderung, noch ehe sie sich
durch das Epithel einbohren, stattfindet, geht daraus hervor, dass
auch die jungen, noch nicht geschlechtsreifen Tiere schon in solchen
Knötchen wohnen.
Von der Entwickelung habe ich nur die postembryonale
studieren können und zwar auch diese nur, soweit ich junge Tiere
im Magen fand. Man muss hier zwei von einander streng ver-
schiedene Larvenstadien unterscheiden, die durch eine jedesmalige
Häutung von einander getrennt sind. Im ersten Larvenstadium sind
die Tiere ungefähr 1 V2 mm lang. (Fig. 3). Als Larvenorgane dienen
zwei mächtig entwickelte Zähne, die an der Mundöffnung stehen und
bei durchfallendem Lichte dunkel erscheinen. Einen ähnlichen Wert
haben vielleicht auch die vier Hauptfalten im Bulbus, die ziemlich
fest zu sein scheinen und als Pharyngealzähne gedeutet werden
können. Die Anlage der Geschlechtsorgane besteht aus zwei Zellen,
von denen jede kegelförmig ist. Fig. 3. ga. Sie liegen mit ihrer
Basis an einander, während die Spitzen nach vorn resp. hinten ge-
richtet sind. Der Vorderdarm ist im Verhältnis zum Hinterdarm
sehr lang und zeigt schon dieselbe Struktur, wie beim entwickelten
Tiere. Der Chylusdarm ist sehr breit. Seine Zellen sind von einer
tief dunklen Körnchenmasse erfüllt, welche die Zellkerne vollständig
verdeckt. Die Excretionsorgane sind schon vorhanden. Der Perus
ist leicht zu sehen. Behandelt man das Tier mit Essigearmin, so
tritt eine Zeit lang das gesammte Kanalsystem deutlich hervor.
Das zweite Larvenstadium ist viel grösser. Es unterscheidet
sich vom ersten durch das Fehlen der Mund- und Bulbuszähne.
Fig. 4. Die Geschlechtsanlage ist weiter entwickelt und zeigt mehr
Zellen. Der Vorderdarm zeigt die gleiche Länge wie im ersten
Stadium, wie überhaupt am Wachsthum des Darmes während der
ganzen Entwickelung der Vorderdarm den geringsten Anteil zu
nehmen scheint, nur der Hinterdarm ist gewachsen und etwas heller
geworden. Die Excretionsorgane sind in ihrem Verhalten dieselben
geblieben. Fig. 6. Beide Stadien sind durch eine Häutung getrennt.
Durch langsame Contraktionen des ganzen Tieres löst sich all-
mählich die gesammte Cuticula ab und bleibt nur am Munde und
After eine Zeit lang mit dem Tiere in Verbindung. Durch ein paar
plötzliche Zusammenziehungen reisst auch die alte Haut an dieser
Stelle ab und das Tier befindet sich vollkommen frei unter der alten
Körperhülle. Es rollt sich nun zusammen und sprengt wahr-
scheinHch durch einen auf die Seiten der alten Haut ausgeübten
Druck dieselbe. Der Riss erfolgt in der Längsrichtung des Tieres.
Ich fand im Ganzen nur drei abgeworfene Häute, die jedoch immer
der ganzen Länge nach aufgeplatzt waren. In diese Exuvien ragte
der cutikulare Belag des Vorderdarmes, des Hinterdarmes und des
unpaaren Excretionskanals hinein. Durch eine Häutung, die auf
Ueber den anatomischen Bau des Strongylus convolutus Ostertag. 173
ähnliche Weise vor sich geht, ist auch das zweite Larvenstadium
vom geschlechtsreifen Tier geschieden. Bursa und Vulvaglocke sind
nur bei entwickelten Tieren vorhanden.
In betreff der Frage der Infektion sind zwei Auffassungen
möglich, entweder genügt eine einmalige um den Magen, solange
das Wirtstier lebt, mit diesen Parasiten zu behaften, wie es Bütschli
(2) von den beiden im Darm der Periplaneta lebenden und von ihm
beschriebenen Nematoden annimmt, oder jede junge Generation zeugt
von einer neuen Einwanderung, d. h. die jungen Tiere können nur
in einem anderen Wirte wieder geschlechtsreif werden. Um diese
Frage definitiv zu entscheiden, ist eine mehrjährige Beobachtung
nötig, die ich aus naheliegenden Gründen nicht habe anstellen
können. Doch scheint mir nach alledem, was ich bisher gefunden
habe, letztere Auffassung die richtige zu sein. Herr Dr. Ostertag
entdeckte den Wurm im Juni vorigen Jahres. Er fand in einem
Magen entwickelte Tiere und Larven. Im Juli und August wurden
die entwickelten Tiere in den mir zur Verfügung gestellten Mägen
immer seltener, auch war die Zahl der Larven geringer. Im
September und Oktober waren so gut wie gar keine Individuen mehr
zu finden. Erst Ende Oktober und November machte sich eine er-
neute Infektion wiederum bemerkbar. Alle Individuen, die ich zu
jener Zeit fand, waren im ersten Larvenstadium. Aeltere Tiere
waren nicht aufzufinden. Im Dezember vorigen und im Januar
dieses Jahres trat das zweite Larvenstadium auf und erst anfangs
Februar entdeckte ich wieder geschlechtsreife Formen und zwar zu-
erst meist Männchen. Die Weibchen wurden erst gegen Ende
Februar häufiger. Bemerken will ich nur noch, dass auch zu der
Zeit, wo ich keine Parasiten in den Magen fand, letztere doch die
charakteristischen Knötchen aufwiesen. Diese mussten unzweifelhaft
von einer älteren Infektion herrühren, denn es ist wohl ohne weiteres
klar, dass es immer eine Zeit lang dauert, ehe diese Knötchen ab-
heilen, und dies wird wohl mit dem Schwinden der catarrhalischen
Affektion geschehen.
Nach meinen bisher über diesen Punkt gesammelten Erfahrungen
scheint die Einwanderung in das Rind folgendermassen vor sich zu
gehen. Mit dem Kot gelangen entweder die Eier oder die Jungen,
die dann schon im Endteil des Darmtraktus die Eischale verlassen
haben müssen, ins Freie. Die jungen Tiere scheinen die Fähigkeit
zu haben, eine Zeit lang im Freien leben zu können, was ich aus
den im Bulbus vorhandenen Pharyngeal-Zähnen schliesse. Strongylus
convolutus hätte dann ein freilebendes Pthabditis-Stadium, das aller-
dings insofern merkwürdig wäre, weil der Vorderdarm nicht zwei,
sondern nur eine bulböse Anschwellung besitzt. Allerdings könnte
eine schon während der Einwanderung geschwunden sein, da ich ja
nur aus den im Magen vorgefundenen Jungen auf die etwaige frühere
Entwickelung geschlossen habe. Eine Berechtigung dieser meiner
Schlussfolgerungen glaube ich aus den Untersuchungen Leuckarts
174 Dr. phil. Hermann Stadelmann.
(11, p. 133 etc.) über Dochmiiis, der den Strongyliden sehr nahe
verwandt ist, herleiten zu dürfen. Auch dieser Wurm durchläuft
nach seiner Einwanderung noch zwei durch Häutung getrennte
Zwischenformen. Nach den von Leuckart (11, p, 133) gemachten
Erfahrungen scheint auch die Dünnschahgkeit der Eier des Stron-
gylus convolutvis auf ein Rhabditis-Stadium hinzuweisen.
Eine endgültige Lösung dieser Frage lässt sich jedoch nur
durch Versuche herbeiführen, die anzustellen mir die Zeit mangelte.
Die Larven gelangen nun wahrscheinlich mit der Nahrung zur Zeit
der Stallfütterung in den Magen, bohren sich vermittelst ihrer beiden
grossen Mundzähne durch das Epithel ein und rufen jene Wucherung
hervor, die ihnen als Wohnsitz dient. Hier machen sie nun ihre
weitere Entwickelung durch.
Bemerken will ich hierbei nur noch, dass ich in einem Knötchen,
das dann sehr gross war, häufig bis 5 junge Tiere fand. Da ich
dann jedoch auf der Oberfläche eben so viele feine Oeffnungen wie
Tiere im Innern fand, so geht zur Genüge daraus hervor, dass die
grosse Wucherung den Wert verschiedener kleiner hat, die dadurch
entstanden ist, dass einige Tiere sich fast an derselben Stelle ein-
gebohrt hatten. Als Nahrung dient diesen Parasiten in ihrem
ersten Stadium Blut, das sie den feinen Capillaren der Magenwand
entnehmen; denn ich fand ihren Darmtraktus mit Blutkörperchen
angefüllt. Nach der Anzahl der Eier zu schliessen ist die Keim-
fruchtbarkeit im Gegensatz zu anderen Nematoden keine sehr grosse,
doch scheinen ihrer Verbreitung nach ihre Lebensbedingungen und
die Reifefruchtbarkeit recht günstige zu sein. —
Ueber den anatomischen Bau des Strongylus convolutus Ostertag. 175
Litteraturverzeichnis.
1. Ch. Bastian. Monography on tlie Anguillulidae. Transact.
Linn. Soc. Vol. XXV.
la. Ch. Bastian. On the Anatom)^ and Physiology of the Nema-
toids. Philosoph. Transact. 1866.
2. 0. Bütschli. Untersuchungen über die beiden Nematoden der
Periplaneta orientalis. Z. f. w. Zool. Bd. 21.
3. 0. Bütschli. Beiträge zur Kenntnis der freilebenden Nema-
toden. Nova Acta. Bd. XXXVI.
4. N. A. Cobb. Beiträge zur Anatomie und Ontogenie der Nema-
toden. Jenaische Zeitschrift Bd. 23.
5. C. J. Eberth. Untersuchungen über Nematoden, Leipzig 1863.
6. Osman Galeb. Organisation et Developpement des Oxyurides.
Archives de Zool. experim et generale. Tome VII.
7. P. Hallez. Anatomie de l'Atractis dactylura (Duj.) Paris 1887.
8. 0. Hamann. Die Lemnisken der Nematoden. Zool. Anz. 1890.
9. 0. Hamann. Zur Kenntnis des Baues der Nemathelminthen.
Sitzgbr. d. Kgl. Preuss. Acad. d. Wiss. 1891. IV.
10. 0. Hamann. Monographie der Acanthocephalen. Teill Jena 1891.
11. R. Leuckart. Die menschhchen Parasiten IL Leipzig 1876.
12. R. Leuckart. Neue Beiträge zur Kenntnis des Baues und der
Lebensgeschichte der Nematoden. Abhdl. der mathem. phys.
Klasse d. Kgl. Sachs. Acad. d. Wiss. Bd. 13. Leipzig 1887.
13. N. Lieb erkühn. Beiträge zur Anatomie der Nematoden Archiv
f. Anat. u. Phys. 1855.
14. L. Oerley. Monographie der Anguilluiden Buda-Pest 1881.
15. R. Ostertag. Eine neue Strongylusart im Labmagen des Rindes.
Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene. Heft I 1890.
16. R. Ostertag. Eine neue Strongylusart im Labmagen des
Rindes. Centralblatt für Bacteriologie und Parasitenkunde 1890,
17. R. Ostertag. Litterarische Unlauterkeiten. Zeitschrift für
Fleisch- u. Milchhygiene. Heft 6 1891.
18. R. Rzewuski. Untersuchungen über den anatomischen Bau
von Strongylus paradoxus Leipzig 1887.
19. A. Schneider. Monographie der Nematoden. Berlin 1866.
20. A. S trüb eil. Untersuchungen über den Bau und die Ent-
wickelung v. Heterodera schachtii. Bibliotheca zoologica Heft 2.
21. Walter. Beiträge zur Anatomie und Physiologie von Oxyuris
ornata. Z. F. w. Zool. Bd. VIII.
22. R. V. Willeme es- Suhm. Ueber einige Trematoden und
Nemathelminthen. Z. F. w. Zool. Bd. 21.
23. Weinland. Referat über Strongylus convolutus im Archiv für
animalische Nahrungsmittelkunde 1891.
176 Dr. phil. Hermann Stadelmann.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1. Geschlechtsreifes Weibchen. (Im Verhältnis zur Länge ein wenig zu
breit gezeichnet) vg. = Vulvaglocke, am = Analmuskeln, ad = Anal-
drüsen.
Fig. 2. Geschlechtsreifes Männchen.
Fig. 3. Erstes Larvenstadium, mz = Mundzähne, pe = Porus excretorius,
ga = Genitalanlage.
Fig. 4. Zweites Larvenstadium.
Fig. 5. Hiuterleibsende des Männchen, sp = Spicula, b = Bursa, sl = Seiten-
lappen, hl = Hinterlappen, br = Bursalrippen.
Fig. 6. Vorderes Körperende des zweiten L. Stadiums ek = Exkretionskanal,
pe = Porus excretorius.
Fig. 7. Querschnitt durch die Seitenlinie,
a) kurz hinter der Brücke,
b) etwas weiter nach hinten,
kr = Kemreste.
Fig. 8. Querschnitt durch das Nervensystem , es = Cuticulare Schicht, me =
Muskelelemente, pd= Plasmadecke, nr = Nervenring, bg = Bauch-
ganglion, rg = Rückenganglion,
Fig. 9. Querschnitt in Höhe der Brücke, vi = Bauchlinie, vi = Rückenlinie,
Br. = Brücke, Hd = Halsdrüsen, k= der im Epithel des Excretious-
organgs eingelagerte Kern,
. des Schlundes ak = Ausführungs-
Fig. 10. Querschnitt durch den vorderen Teil I kanal der Speicheldrüsen, dk =
Fig. 11. „ „ ,, mittleren „ J Drüsenkerue, ic = innere Cuti-
Fig. 12, „ „ „ hinteren „ j cula. bk = Bulluskerne, de =
' Diirmepithel.
Fig. 13. Querschnitt durch den Darm eines älteren \ geschlechtsreifen
Fig. 14, „ „ „ ,, „ jüngeren / Tieres,
dk = Darmkerne, stbs = Stäbchenschicht, ics = Innere cuticulare
Schicht.
Fig. 15, Schema, um die Anordnung der Darmepithelzellen zu zeigen.
Fig. 16. Schema des Excretionssystems, sk = Seitenkanal , vk = Verbindungs-
kanal, uk = unpaarer Kanal, p = Porus.
Fig. 17. Teil des Darmes eines jüngeren Tieres mit Zickzacklinie.
Fig. 18. Stück der Schleimhaut des Labmagens mit durch Strongylus con
volutus verursachten Knötchen,
Fig. 19. Schnitt durch ein Knötchen mit Strongylus convolutiis.
Die Fig. 1. 2. 3. 4. 5. 6, 17. 18. sind nach frischem Material gezeichnet.
Gephyr een,
gesammelt von
Herrn Stabsarzt Dr. Sander
auf der Reise S. M. S. ,, Prinz Adalbert'
bearbeitet von
Dr. Ant. Gollin
in Berlin.
Hierzu Tafel XI.
JL/as von Herrn Dr. Sander auf der Reise S. M. S. „Prinz
Adalbert" in den Jahren 1883—1885 gesammelte Gephyreen-Material
besteht aus 4 Arten, welche alle den Sipunciüiden angehören. 2 Arten
stammen von Callao, 1 von Sansibar; bei der vierten Art fehlt eine
Angabe des Fundortes. Von diesen 4 erbeuteten Species sind 2 neu,
die beiden anderen schon bekannt, aber ihre Fundorte sind neu.
Das in Spiritus abgetödtete und aufbewahrte Material ist schön er-
halten.
1. Phascolosoma catharinae Fr. Müll., Gr.
Callao. — 21. 1. 85. — 1 junges Exemplar.
Der Körper ist 17 mm lang, 2V4 mm breit, der Rüssel etwas
länger als der Körper. Alle Merkmale stimmen mit dem von Grube
und Selenka beschriebenen Phascol. catharinae überein. Diese Art
ist bisher nur von Desterro (Prov. St. Catharina, Brasilien) bekannt.
Sie kommt also, wie auch einige andere Sipunculiden, sowohl an der
atlantischen, wie an der pacifischen Küste des tropischen Süd-
amerika vor,
2. Phascolosoma sanderi n. sp.
Tat'. XJ, Fig. 1-6.
Ohne Angabe eines Fundortes. 2 Exemplare.
Körper des grösseren Exemplares 24 mm lang, Rüssel (zum
Theil eingezogen) 18 V2 nim, grösste Breite 6V2 m™- Die ent-
sprechenden Maasse des kleineren Thieres (mit vorgestrecktem Rüssel)
sind 22; 12 und 4V2 mm. Die Rüssellänge beträgt also nur
wenig mehr, als die halbe Körperlänge.
Auf den ersten Blick zeigt das Thier manche Aehnlichkeit mit
der von Ray Lankester (1885) aus der St. Andrews Bay (Schottland)
beschriebenen Golfingia macintoshi*); wenn man indessen die vor-
*) Ray Lankester, Golfingia macintoshi, a new Sipuncnlid from the
coast of Scotlaud. Trans. Linn. Soc. London. 2. Ser. Zoology Vol. II, pt. 16,
pp. 469 474. Taf. 55— 56. 1885.
Aich. f. Natuigesch. Jahrg. 1892. Bd. I. H. 2. 12
178 JDr. Ant. Collin.
liegende neue Art der Gattung Golfingia Ray Lank. zutheilen wollte,
müsste die von Lankester gegebene Gattungsdiagnose von Golfingia
in einigen Punkten, welche aus der folgenden Beschreibung ersichtUch
sind, erweitert werden. Bis sich eine natürHchere Gruppirung der
gesammten Sipunculiden wird ermöglichen lassen, ziehe ich deshalb
vor, diese neue Art vorläufig zu Phascolosoma zu stellen.
Der Körper (Fig. 1) ist walzenförmig, weissgrau mit seiden-
glänzendem, etwas bläulichem Schimmer (in Spiritus) und dunkler
punktirt. Von dieser hellen Körperzone setzen sich das Hinter-
leibsende und der Rüssel deutlich ab, welche eine braune, un-
regelmässig gefurchte und gerunzelte Haut tragen, in der kleine
braune Hornplättchen sich eingelagert finden. Dieses hornige Hinter-
ende würde dem „Skleropygus" und die Rüsselbasis dem „Sklero-
rhynchus" von Golfingia entsprechen, doch sind diese Körpertheile
hier weich und biegsam, nicht fest, wie bei Golfingia oder wie die
Schilder von Aspidosiphon. Der Anus liegt als breiter Spalt etwa
x/2 mm hinter der braunen Rüsselbasis noch in der weissgrauen
Zone; die Oefihungen der Segmentalorgane liegen ventral, noch vor
dem After unmittelbar an der Basis des braunen Vordertheiles.
Zahlreiche fadenförmige gelbliche Tentakeln stehen um den
Mund (bei Golfingia sind nur 6 gefiederte Tentakeln vorhanden).
Die Papillen des braunen Hinterleibes sind hoch, cylin-
drisch (Fig. 2), dazwischen stehen bisweilen etwas niedrigere. An
der weissgrauen Mittelzone erscheint die Haut, mit blossem Auge
betrachtet, fast glatt, etwas quergestreift und dunkler punktirt. Die
Hautkörper erheben sich nicht zu Papillen; ihre Mündung
liegt sogar meist etwas eingesenkt (Fig. 3). Nur hin und wieder
stehen dazwischen auch niedrige Papillen zerstreut (Fig. 4). Die
Rüsselbasis trägt cylindrische Papillen, welche denen des
Hinterendes ähnlich, aber etwas mehr keulenförmig sind. Die Rüssel-
spitze ist hinter den Tentakeln mit gelbbraunen, weichen Haken
besetzt (Fig. 6, a und b), welche sehr entfernt von einander in un-
deutlichen Reihen stehen. Sie nehmen nach hinten zu an Grösse
ab. Unmittelbar hinter der Hakenzone ragen die Papillen kuglig
oder kuppelartig über die Oberfläche hervor. Zwischen den hintersten
(kleinsten) Haken finden sich auch noch wenige Papillen, welche
aber weiter nach vorn hin zwischen den grösseren Haken ver-
schwinden.
Die Muskulatur der Körperwandung ist nicht in Längs -
stränge gesondert; im Innern prägen sich aber deutlich zarte
Quersepta aus, welche als niedrige Membranen in die Leibeshöhle
vorspringen. Die innere Fläche der Leibeswand ist schwach irisirend.
Von den vier Retractoren entspringen die beiden ventralen
(Fig. 5, vr) 7V2 mm hinter Rüsselbasis an der Körperwand, also
am Ende des ersten Körperdrittels, und vereinigen sich auf
halbem Wege zu einer Halbrinne, welche den Oesophagus aufnimmt.
Die beiden dorsalen Retractoren (Fig. 5, dr) nehmen an der
Haut 3 mm hinter der Rüsselbasis ihren Ursprung, also noch vor
Sanders Gephyreen. 179
der Mitte des ersten Körperdrittels; sie verlaufen getrennt bis
zu ihrer Insertionsstelle am Vorderende des Oesophagus. An der
Basis der ventralen Retractoren liegen die Geschlechtsdrüsen in
der Form von zwei gekräuselten Falten (g).
Der Oesophagus, welchen ein dorsaler contractiler Schlauch
begleitet, tritt aus der Retractoren-Rinne heraus, wendet sich dorsal-
wärts und biegt dann nach der linken Seite hinüber. Dieser
quer über den ventralen Retractoren liegende Theil (Fig. 5, m) ist
magenartig erweitert; der contractile Schlauch setzt sich auch
auf diesen Theil fort. Links am Ende dieser angeschwollenen Strecke
setzt sich ein Befestiger (b) an, welcher zur Leibeswand zieht.
Nun verengt sich der Darm wieder und verläuft nach rechts über
die ventralen Retractoren und den Nervenstrang hinweg, um dann
dorsalwärts in die Spira einzutreten. Die letztere besteht aus
etwa 25 eng an einander liegenden Doppelwindungen und
auch hierdurch unterscheidet sich Phascolosoma sanderi von der
Gattung Golfingia Ray Lank. Ein Spindelmuskel durchzieht die
Windungen, tritt hinten aber nicht aus der Spira heraus, so
dass sie frei in der Leibeshöhle flottirt. An den letzten Windungen
vor Beginn des Enddarmes inseriren sich noch drei Befestiger.
Der Enddarm verläuft etwas geschlängelt und trägt einen kleinen
Blindsack (Fig. 5, d). Der Spindelmuskel tritt vorn aus der
Spira heraus (sp), zieht an der Basis des Blindsackes vorbei und
inserirt sich an der Haut nahe dem After, dessen Musculatur sich
beiderseits membranartig ausbreitet.
Die beiden Segmentalorgane (s) münden etwas vor dem
After nach aussen; sie sind ihrem ganzen Verlaufe nach frei und
erreichen etwa Vg der Körp erlange.
Diese schöne Art möge nach dem Sammler, Herrn Stabsarzt
Dr. Sander Phascolosoma sanderi genannt werden.
3. Dendrostoma peruvianum n. sp.
Taf. XI, Fig. 7-13.
Callao. 8. 2. 85. Wenige Exemplare.
Körper 5 — 6 mal so lang als breit, ohne Rüssel bei den beiden
grössten Exemplaren 25 und 30 mm lang. Der Rüssel ist un-
gefähr von halber Körperlänge. Die Exemplare zeigen je nach
ihrem Contractionszustande ganz verschiedene Gestalt: einige sind
hinten abgerundet oder nur ganz stumpf zugespitzt (Fig. 7), zwei
andere Exemplare jedoch am Hinterende in eine lange Spitze aus-
gezogen (Fig. 8). Man würde zuerst nicht glauben, dieselbe Species
vor sich zu haben, wenn nicht sonst alle Merkmale übereinstimmen
würden. Die Farbe ist gleichmässig hell- oder dunkelgrau; bis-
weilen ist der Rüssel und das Hinterende ganz dunkel bis schwärzUch
gefärbt.
Die Papillen erheben sich am Hinter- und Mittelkörper
nur sehr wenig über die Oberfläche und stehen ziemlich dicht
12*
180 Dr. Ant. Collin.
gedrängt. Fig. 9 giebt die Ansicht einer Papille des Hinterendes
von oben betrachtet, Fig. 10 eine solche in schiefer Richtung gesehen
mit dem Kanal und dem inneren Hautkörper. Ein Hautkörper aus
der Mündungsgegend der Segmentalorgane ist in Fig. 1 1 dargestellt.
Vor dem After rücken die Papillen weiter auseinander und werden
etwas höher. Die Haut ist hier unregelmässig viereckig gefeldert.
An der Rüsselbasis bilden die Papillen dunkle fast kuglige
Erhebungen (Fig. 12). Rüsselhaken sind nicht vorhanden.
Der After bildet eine runde von Wülsten umgebene Oeffhung; etwas
dahinter liegen ventral die Oeffnungen der Segmentalorgane. Die
Mundöfihung umgeben vier gefiederte Tentakelstämme.
Die Längsmuskulatur des Körpers ist nicht in Stränge
gesondert. Retractoren sind zwei vorhanden; sie entspringen
an der Leibeswand am Anfange des hinteren Körperdrittels,
jederseits nahe dem Bauchstrang, und verlaufen getrennt bis zu
ihrer Insertion am Anfange des Oesophagus.
Der vordere Theil des Oesophagus trägt dorsal einen con-
tractilen Schlauch, dessen Hinterende ein Büschel von zahl-
reichen langen Blindschläuchen entspringt, die sich weit in
den Körper hinein erstrecken. Diese Schläuche sind bisweilen perl-
schnurartig, bald verengt und dann knotig erweitert.
An der Ursprungsstelle der Blindschläuche wird der Oesophagus
frei und biegt sich um; gleich darauf inserirt sich an ihm ein
feiner Befestiger, welcher zur Leibeswand zieht. Hinter diesem
Befestiger trägt der Oesophagus eigenthümhche schmale Höcker,
welche in Längsreihen angeordnet zu sein scheinen (Fig. 13). Kurz
vor dem Eintritt in die Spira inserirt sich an ihm ein zweiter
Befestiger am Oesophagus. Die Spira besteht aus etwa 20 Doppel-
windungen. Ein starker Spindelmuskel durchzieht sie, tritt
aber hinten nicht aus derselben heraus. Der vorletzten
Windung sitzt kurz vor Beginn des Enddarmes ein kleiner Blind -
sack auf, an dessen Basis sich das vordere Ende des Spindel-
muskels inserirt; der letztere lässt sich weiterhin nicht verfolgen.
An die vorletzte Spira -Windung setzt sich ferner ein dritter Be-
festiger an, welcher zur Leibeswand des Mittelkörpers zieht; ein
vierter Befestiger inserirt sich etwas weiter hinten an der Spira.
Der Enddarm verläuft gerade oder etwas geschlängelt bis zum After,
dessen Musculatur sich membranartig ausbreitet.
Die beiden kurzen Segmentalorgane sind ganz frei; sie
münden etwas hinter dem After nach aussen.
Dendro Stoma peruvianum hat ganz den Habitus eines echten
Phascolosoma und steht denjenigen Arten dieser Gattung, welche
nur zwei Retractoren haben und keine Haken tragen, nahe. Doch
die vier fiederförmigen Tentakeln verweisen auf die Gattung Den-
drostoma, zu welcher diese Art daher gestellt sein mag.
Sander's Gephyreen. igi
4. Phymosoma grannlatum (F. S. Leack.)
Sansibar. 28. 9. 85.
Das einzige ausgestreckte Exemplar ist mit Rüssel 6 cm lang;
der Rüssel beträgt mehr als die halbe Gesammtlänge. Von den
Hakenringen sind 16 voUstcändig ; die dahinter stehenden 7 Ringe
tragen nur vereinzelte Haken auf der Rückenseite. Weiterhin lassen
sich noch deutliche Ringe erkennen, deren Haken gänzlich aus-
gefallen sind. Die Haut ist dick und undurchsichtig, etwa wie bei
Phymosoma scolops var. mossambicense Sei. u. Man, mit welchem
das Thier einige Aehnlichkeit zeigt. Auf dem Rücken, namentlich
des Rüssels, finden sich breite braunrothe Querbinden und Flecken.
Die Zahl der Längsmuskelbündel beträgt 25.
Eine vergleichende Untersuchung zahlreicher Exemplare von
Phymosoma granulatum und Ph. scolops aus dem Berliner Museum
zeigte, dass sich kaum irgend ein Unterschied zwischen den
genannten Arten als durchgreifend wird aufrecht erhalten
lassen, wenn man namentlich die Varietät mossambicense als
Bindeglied in Betracht zieht. Auch Selenka*) deutet dieses schon
an, indem er sagt: Ph. granulatum „ist dem Ph. scolops sehr ähnlich,
scheint mit diesem stammverwandt und ist offenbar während der
früheren Communication des Mittelmeers mit dem rothen Meere aus
diesem in jenes eingewandert." — Die Haken variiren nach ihrem
Bau, sowie nach Anzahl der Ringe sowohl bei Ph. scolops, wie bei
granulatum; ebenso die Durchsichtigkeit der Haut und die Zahl der
Längsmuskelbündel. Nach dem betreffenden Berliner Material scheint
sich als einziges, freiHch unwesentliches diagnostisches Merkmal die
Rüssellänge zu ergeben; bei Ph. granulatum ist der Rüssel so lang
oder auch merklich länger, als der Körper, während bei Ph. scolops
der Rüssel die Körperlänge kaum erreicht. Dieser letztere Unter-
schied, sowie der Gesammthabitus, die Undurchsichtigkeit der Haut
und das Vorkommen von mehreren ungeschlossenen Hakenringen
(oder zerstreuten Haken), welche nach Selenka bei Ph. scolops stets
fehlen sollen, bewog mich, dieses Exemplar aus dem indischen Meere
zu Ph. granulatum zu stellen, welches bisher nur vom Mittelmeer
und den Azoren bekannt ist.
') Selenka, Die Sipunciüiden p. 82.
182 Dr- Aiit. CoUin.
Erklärung der Tafel XI.
Fig. 1. Phascolosoma sanderi n. sp. l'/j : 1.
Fig. 2. „ Papille vom Hinterende.
Fig. 3. „ Hautkörper der grauen Mittelzoiie.
Fig. 4. „ Hautkörper mit Papille aus derselben Gegend.
Fig. 5. „ Thier aufgeschnitten, a After, b Befestiger des Oeso-
phagus, b' Befest, der Spira, c contractiler Schlauch,
d Divertikel des Enddarmes, g Genitalkrausen, m magen-
artige Anschwellung des Oesophagus, n Nervenstrang,
s Segmentalorgane, sp. Spiudelmuskel , dr dorsale, vr
ventrale Retractoren.
„ Rüsselhaken, a von der Seite, b vom Rücken gesehen.
Dendrostoma peruvianum n. sp. 2 : 1.
„ Anderes Exemplar. Natürl. Grösse.
„ Papille des Hinterendes von oben gesehen,
„ » )> M in schiefer Richtung gesehen,
mit Kanal und innerem Hautkörper.
„ Hautquerschnitt mit einem Hautkörper aus der Gegend
der Mündung der Segmentalorgane.
„ Papille der Rüsselbasis.
„ Stück des Oesophagus hinter dem Ende des contractilen
Schlauches.
Fig. 1 und 7 sind von Herrn Nie. Prillwitz, die übrigen vom Verfasser
gezeichnet.
Asteriden
gesammelt von
Herrn Stabsarzt Dr. Sander
auf der Reise S. M. S. ,, Prinz Adalbert",
bearbeitet von
Dr. Maximilian Meissner (Berlin).
Hierzu Tafel XII.
Di
'ie vom Stabsarzt Dr. Sander auf der Expedition S. M. S.
„Prinz Adalbert" (1883-1885) gemachte Asteriden-Ausbeute enthält
10 Gattungen mit 18 Arten, von denen drei neu sind. Die Exem-
plare stammen der Route des Schiffes folgend von Cartagena, Japan
(Yokohama und Mitsuga Hama), Callao und Süd- und Ost-Afrika
(Capstadt und Sansibar). Sie sind sämmtlich mit Ausnahme des
Pentaceros in Spiritus conservirt und sehr gut erhalten. Ich zähle
in folgendem die einzelnen Species auf, die Zahlen in Klammern be-
zeichnen die Nummern der betreffenden Stücke im General-Catalog
der Echinodermen der hiesigen kgl. zoolog. Sammlung ; einige Stücke
(Asterias glacialis, Heliaster helianthus, Echinaster sepositus, Penta-
ceros muricatus, Asterina pectinifera) waren bereits, als ich die
Bearbeitung übernahm, von Prof. v. Martens bestimmt worden.
I. Cryptozonia.
Asterias glacialis L.
1 Exempl. — CaHagena, XII. 83. (No. 2878.)
Müller & Troschel, Syst. d. Ästenden, p. 14—15.
Sladen, Asteroidea, Challenger Report, Zoology, XXX. p. 563, 588 und
geogr. Verbi'. p. 818: Finmarken, Island, Europäische Küsten, Mittelmeer, Azoren,
Canaren, Capverdische Inseln.
Asterias amurensis Lütk.
2 Exempl. — Yokohama, 10. VII. 84. (No. 3327.)
Lütken: Videnskab. Meddels. naturh. Foren, i Kjöbnhavn 1876. p. 296.
Sladen: Challenger Report: Zoology XXX. p. 575 und geogr. Verbreitung
p. 814: Yolohama und Tartarischer Sund.
Ives: Echinoderms from Japan: Proc. Acad. Nat. Sc. Phüadelphia 1891.
p. 212. Taf. VIII fig. 5-8.
184 Dr. Maximilian Meissner.
Asterias torquata Sladen
1 Exempl. — Yokoharna, 10. VII. 84.
Sladen; Chall. Rep, XXX. p. 570. Tfl. 102 fig. 1—4 und geogr. Verbr.
YoJcohama.
Das vorliegende Exemplar stimmt mit der Schilderung und der
Abbildung Sladen's genau überein, nur sind die Grössenverhältnisse
andere. Das Original hat folgende Maasse R = 76, r = 9 mm: also
R > 8 r, während das Sandersche Stück folgende aufweist: R = 30,
r = 4,5 mm: also R < 7 r. Die Breitenmaasse der Arme stimmen
■wieder gut überein. Sladen führt als solche an: Armbreite an der
Basis: 11,5 [6], Armbreite ca. 1cm von der Basis entfernt gemessen:
15,5 [9], Breite in der Mitte des Arms: 14 [7,5] mm. Die Zahlen
in [ ] geben die Maasse des vorliegenden Exemplars an. Auch die
durch diese Form der Arme hervorgerufene charakteristische Gestalt
der Sladen'schen species zeigt dasselbe gut. (No. 3326.)
Heliaster helianthas Lm.
9 Exempl. — Callao, 24. I. 85. (No. 2861—63.)
Rathbun, Description of the species of Heliaster represented in the U. S.
Nat. Mus.: Proceed. ü. S. Nat. Mus. 1888. p. 440-448. Abb.
Sladen: Chall. Rep. XXX. p. 556 u. 813 geogr. Verbr.: Ecuador, Peru,
Chile.
30—38 Arme.
Stichaster aurantiacus (Meyen)
3 + 1 Exempl. — Callao, 17. I. 85 und IL 85.
Müller & Troschel: Syst. d. Ästenden p. 21. Tfl. I. Fig. 3: Asterias aur.
Gray; Synopsis of Starfishes in Brit. Mus. 1866. p. 2: Tonia atlantica.
Sladen: Chall. Rep. XXX. p. 431 und geogr. Verbr. p. 792; Peru, Chile.
M. & T. geben als Grösse „bis 1 Fuss" an: Das grösste der
vorliegenden Stücke ist über einen Fuss im Durchmesser: 330 mm.
Das einzelne — im Februar 1885 gefangene Exemplar — ist in Spiritus
dunkelbraun, anscheinend also nur eine der bei Seesternen so häufig
vorkommenden dunkleren Farbenvarietät. (No. 3328).
Echinaster sepositus (Lm.)
1 Exempl. — Cartagena, XII. 83. (No. 2879.)
Müller & Troschel : Syst. d. Aster, p. 23.
Sladen, Chall. Rep. XXX. p. 810 geogr. Verbr.: Mittelmeer, Küsten d. Gas-
cogne u. v. Britannien.
Echinaster cylindHcus n. sp.
1 Exempl. — Callao, 17. I. 85.
Das vorliegende Stück ist ein Echinaster, der mit der Art
Echin. purpureus (Gray) [= fallax M. T.] nahe verwandt ist. Seine
Sanders Ästenden. 185
Maassesind: R=86, 81, 80, 81, 90, r = 11— 12mm,alsoR: r=l :7V2-
Die Breite der Arme an der Basis ist: 13, 11, 12, 12, 13 an
der Spitze 6V2> 6» 6? 672 und ca. lern von der Spitze gemessen 9,
10, 9, 10, 11 mm. Die Form der Arme ist cylindrisch und ähnelt
der Gestalt der Arme von Linckia multiforis. Die grösste Weite
zwischen 2 entgegengesetzten Armspitzen ist = 176 mm. Die von
einer dicken Haut umgebenen, einzeln, selten zu zwei stehenden
Stacheln des Rückens sind kurz, konisch und ragen nur zur Hälfte
ca. 0,5 mm aus der Haut hervor. Sie sind entblösst 1 mm hoch. Die
Stacheln der Bauchseite sind etwas höher. Die Adambulacral-
papiUen sind dreieckig , sägezahnartig, 2 mm hoch , einzeln stehend
und bilden eine Reihe. Im Innern der Furche sieht man nach Ent-
fernung einiger Füsschen eine Reihe kleinerer Stacheln, von denen
je einer zu einem Adambulacralstachel gehört. Nach aussen von
den in einer Reihe, wie die Zähne eines Sägeblattes stehenden
Adambulacralpapillen erheben sich bis zum Armrande 2 — 3 mehr
oder minder deutliche Längsreihen von Stachelchen. Am Rande und
auf dem Rücken ist von einer linearen Anordnung der Stacheln
nichts zu bemerken. Ca. 6 — 8 Stachelchen stehen in der Breite,
ca. 30—40 in der Längsachse eines Arms. Auf der Scheibe selbst
stehen die Stacheln weniger dicht. Die Porenfelder tragen 2—7
Poren zum Durchtritt der Rückenkiemen. Die Farbe des Thieres in
Spiritus ist dunkelschwarzbraun. (No. 3329.)
Linckia maltiforis (Lm.)
1 Exempl. — Capstadt, 1. VII. 85. (No. 3330.)
Müller & Troschel, Syst. d. Ast. p. 71.
V. Martens, Ostasiat, Echinodermen, Arch. f. Naturg. XXXII, 1, p. 65— 68.
Sladen, Challenger Rep. XXX. p. 786 geogr. Verbr.: Bothes Meer, Mossam-
hique, Mauritius, Ceylon, Larentuka, Celebes, Amboina, Neu Caledonien, Fidji-
Samoa- und Sandwich Ins.
5 armiges (davon 1 Arm regenerirt) Exemplar mit 2 Madreporen-
platten. Der Fundort ist für diese indischtropische Art interessant.
IL Phanerozonia.
GoniodiSCnS sanderi n. sp.
1 Exempl. — Sansibar, 22. VIII. 85.
[Taf. XII, Fig. D-J.]
Trotzdem das vorliegende Stück anormal gebildet ist, da es nur
4 Arme besitzt, während jedenfalls 5 Radien die Norm darstellen
werden, trage ich doch kein Bedenken, auf dieses Exemplar hin eine
neue Art aufzustellen, die ich dem Sammler zu Ehren sanderi nenne.
Ob es nöthig ist, auch eine neue Gattung für dieses Thier zu creiren,
ist mir noch fraglich. Das Stück lässt sich ungezwungen in keines
186 Dr. Maximilian Meissner.
der bestehenden genera einreihen. Nach der Bestimmungstabelle,
die Sladen in seinem Challenger Report der Ästenden für die
Familie der Pentagonasteriden (p. 262 — 64) giebt, habe ich es zu
Goniodiscus gestellt, obgleich es in vielen Beziehungen zu der Gattung
Astrogonium, wie sie Müller & Troschel diagnosticirt haben, steht,
wie aus der folgenden Schilderung ersichtHch ist. — Die Form des
Seesterns ergiebt sich aus der Fig. D, die ihn in natürhcher Grösse
darstellt. Das Verhältniss der Radien zu einander ist, R : r = 2 : 1.
Die Zahl der Marginalplatten der Rücken- und Bauchseite ist gleich,
sie ist in jeder Ausbuchtung =20, so dass also ein Arm jederseits
10 Randplatten trägt, zu denen noch eine unpaare an der Spitze
jedes Armes kommt, die wahrscheinlich aus Verschmelzung zweier
Plättchen entstanden ist. Die Supra-Marginalplatten sind mit dichter
GranuHrung bedeckt, doch bleibt in der Mitte einer jeden Platte ein
Raum frei von der Körnelung, Bei denjenigen Platten, die in den
Armwinkeln liegen, ist dieser Raum länglich oval bis rechteckig und
bis auf die Andeutung einer Erhöhung nach dem Rande zu glatt.
Auf den nach der Armspitze hin gelegenen Platten bildet sich diese
Erhöhung zu einem selbständigen Tuberkel aus, der neben dem
nunmehr kleiner und runder werdenden freien Raum steht. Dieser
freie Raum verschwindet dann ganz, und inmitten der Granulation
erhebt sich bei den der Armspitze nahen Platten ein grosser Tuberkel,
der bei den zwei letzten Randplatten durch 2 Stachelchen ersetzt
wird. Die unpaare Platte am Ende des Armes trägt mehrere dieser
kleinen, kurzen, konischen Stacheln. — Die unteren Marginalplatten
sind gleichmässig granulirt und nur die letzten, der Armspitze zu-
nächst liegenden tragen je zwei bis drei Tuberkelchen am Rande.
Weder oben noch unten stossen die Marginalplatten an der Arm-
spitze an einander. — Was die Adambulacralarmatur anbelangt, so
besteht sie aus einer Reihe von Papillen, die von aussen keine Ver-
theüung auf die einzelnen Adambulacralplatten erkennen lassen, da
diese last verschmolzen erscheinen, von der Innenseite sieht man
jedoch nach Entfernung einiger Füsschen, dass je 4 Papillen auf
jeder Adambulacralplatte stehen, da hier die letzteren sich von
einander deutlich getrennt zeigen (Fig. G). Nach aussen von dieser
Papillenreihe liegt eine Längsreihe von kleinen granulirten Platten,
deren jede je eine der bekannten spindelförmigen Pedicellarien trägt.
Im übrigen ist die Bauchseite mit gekörnten Platten gepflastert. —
Die Rückenseite ist mit einer gleichmässigen Granulation bedeckt,
aus der sich Tuberkeln in der Mitte der Rückenfelder erheben, und
in die Pedicellarien eingesenkt sind. In der Medianlinie der Arme
finden sich auf jedem Rückenfelde Tuberkeln, die grösser als die
übrigen sind und eine kielartige Erhebung in der Mitte jedes Armes
bilden. Vier sehr grosse Tuberkel umgeben das Centrum der Scheibe,
zwischen zweien derselben liegt die Madreporenplatte. Der fast
central gelegene After ist von 6 kleinen, flachen, glatten Platten
umschlossen (Fig. H). Zwischen der Granulation des Rückens, die
sich leicht abheben lässt, liegen Porenzüge in deutlichen Zickzack-
Sander's Ästenden jg7
Linien, die Poren sind isolirt, nur selten stehen mehrere zusammen
und bilden ein kleines Porenfeld. — Farbe des Thiers in Spiritus:
hellgelbgrau. — (No. 3331.)
Pentaceros mnricatus (Gray)
1 getrocknetes Exempl. — Stmsihar, IX. 85. (No. 2883.)
Linck, De stellis marinis p. 23, Taf. 7, Fig. 8.
V. Härtens, Ostas. Echinod., Arch. f. :Naturg. XXXII p. 77.
Sladen, Cballeuger Rep. XXX p. 760 geogr. Verbr. : Sansibar, Madagascar,
Mauritius, Seychellen^ Ceylon, Madras, Oestl. Archipel, Neu-Britannien.
Asterina penicillaris (Lm.)
5 Exempl. — Capstadt, 12. X. 85. (No. 3334.)
Müller & Troschel, Syst. d. Ast. p. 42—43.
V. Martens, Ostasiat. Echinod., Arch. f. ISIatiu-g. XXXII p. 74.
Sladen, Challenger Report XXX p. 389, 393 und geogr. Verbr. p. 776:
Bothes Meer, Port Natal, Java, Flores, Molukken, Australien, Japan.
Asterina pectinifera (RI. T.)
4 + 2 Exempl. — Yokohmym, 10. VII. 84 und 3. X. 84. (No. 3335.)
Müller & Troschel, Syst. d. Ast. p. 40—41.
Sladen, Chall. Rep. XXX p. 389, 393 u. p. 776 geogr. Verbr.: Japan.
Ives, Echinoderms from Japan, Proc. Acad. Nat. Sc. Philadelphia 1891 p.212,
Taf. X, Fig. 1—4.
Asterina cephens (M. T.)
1 Exempl. — Sansibar, 22. VIII. 85. (No. 3332.)
Müller & Troschel, Syst. d. Ast. p. 41—42.
Sladen, Challenger Report XXX p. 389, 393 und geogr. Verbr. p. 772:
Bothes Meer, Mossambique, Sansibar, Ceylon, Nicobaren, Madras, Mergui Arch.,
Java, Philippinen, Torres Str., Neu-Guinea, Neu-Caledonien.
Asterina chilensis (Lfitk.)
2 Exempl. — Callao, 17. I. 85. (No. 3333.)
Lütken, Videnskab. Meddels. 1859 p. 61.
Sladen, Challenger Report XXX geogr. Verbr. p. 772: Peru, Chile.
188 J^J- Maximilian Meissner.
Astropecten scoparius (M. T.)
10 Exempl. — Yokohama, 10. VII. 84. (No. 3336.)
Müller & Troschel, Syst. d. Ast. p. 71.
Perrier, Stellerides du Museum, Arch. zool. exper. V p. 279.
V. Martens, Ostasiat. Echinod., Arch. f. Naturg. XXXI, 1 p. 352.
Sladen, Ghali. Eep. XXX p. 738 geogr. Verbr.: Jaimn.
Ives, Echinoderms from Japan, Proc. Acad. Nat. Sc. Philadelphia 1891 p.211,
laf. VIII, Fig. 1-4.
Astropecten latespinosus n. sp.
3 Exempl. — Mitsugu Hama (Jajmn, Inland See), 18. VI. 84.
[Taf. XII, Fig. A— C]
Es liegen 3 Exemplare vor, die Maasse derselben sind:
a)R=35 ;r=13; Breited.Armsa.d,Basis=16;längst.Stachel=3,5mm,
b)R=.36 ;r=13,5; „ „ „ „„ „ =17; „ „ =3,8,,
c)R=21,5;r= 9; „ „ „ „„ „ =11; „ „ =3 „
Bei den beiden grösseren Sternen ist also R = 2,7 r, bei dem
kleineren dagegen R = 2,4 r. — Die Art gebort zu denjenigen
Astropecten, deren obere Marginalplatten granulirt sind und keinerlei
Armatur tragen (Fig. A). Die unteren Randplatten sind mit feinen,
fast härchenartigen Stachelchen bekleidet, aus denen je 2 oder
3 grössere hervorragen, am Rande tragen sie je einen ca. 1 mm
breiten, flachen, um oberen Raiide meist gezähnten Stachel (Fig. A),
nur die Eckplatten der Arme haben einen kürzeren zugespitzten
Stachel (Fig. B) Der grosse, zusammengedrückte Stachel ist an
seiner Basis von einem Kranze kleiner Stachelchen umgeben, aus
dem an der einen Seite des grossen Stachels ein etwas grösserer
auffällt. Die Armatur der Adambulacralplatten (Fig. C) besteht aus
folgenden Theilen: Den Füsschen liegen drei dünne, lange, band-
förmig verbundene Stachelchen an, zu welchen noch ein vierter
gleichartiger gehört, der jedoch meist seitwärts von jenen isolirt auf
der Platte steht. In der Mitte der Adambulacralplatte erhebt sich
ein kurzer, aber breiter, oben dolchartig zugespitzter Stachel und
hinter diesem stehen noch auf der den Bauch-Randplatten zuge-
wandten Seite 2 Paare dünnerer, keulenförmiger Stachelchen. —
Die Zahl der Marginalplatten des Rückens ist 24 (bei dem kleinsten)
bis 30 (bei dem grössten). Diese Species ist nahe verwandt mit
A. regalis Gray, doch trennt sie davon nicht nur die Form der
Rand-Stacheln, sondern auch die Vertheilung dieser. Bei regalis
stehen 2 Stacheln auf jeder unteren Marginalplatte, bei latespinosus
nur einer. — Die Farbe der Exemplare ist hellgelb. — (No. 3337.)
Sander's Ästenden. 189
Luidia bellonae Lütk.
2 Exempl. — Callao, 17. I. 85. (No. 3339.)
Lütken, Videnskab. Medd. 1864 p. 133.
Perrier, Stellerides du Mixseum, Arch. zool. exper. V, 1876 p. 258. [Bei
Perrier, der die lateinische Diagnose Lütkens abdruckt, findet sich hier ein
Druckfehler, es muss in der vierten Zeile der Diagnose statt utrinque seriatis:
utrinque sex seriatis heissen.]
Sladen, Chall. Rep. XXX p. 740 geogr. Verbr. : Panama, Guayaquil, Callao.
Luidia limbata Sladen.
2 Exempl. — Yokohama, 10. VII. 84.
Sladen, Challenger Rep. XXX p. 251, Taf. 44 Fig. 3 u. 4, 45 Fig. 7 u. 8.
Das von Sladen beschriebene Original stammt von demselben
Fundorte und hat folgende Maasse:
R = 110; r = 15; Armbreite a. d. Basis: 18 mm.
Die vorliegenden Stücke ergaben:
a) R = 104; r = 16; Armbreite a. d. Basis: 19 mm.
b) R= 96; r=13; „ „ „ „ 17 „
(No. 3338.)
190 I^i"- Maximilian Meissner: Sanders Asteriden.
Tafelerklärung.
Astropecten latespiuosus n. sp.
Fig. A. 2 Marginalplatten des Rückens mit den breiten gezähnten Stacheln der
Bauchrandplatten, ca. 6 mal vergr.
rig. B. Die in einem Armwinkel liegenden Marginalplatten der Bauchseite.
Die zwei innersten tragen einen kürzeren, schmäleren und zugespitzten
Stachel.
Fig. C. Eine Adambulacralplatte mit ihrer Armatur.
Grouiodiäcus sanderi n. sp.
Fig. D. Das vierarmige Exemplar in nat. Grösse von oben , rechts ein Stück
d. Armes von unten.
Fig. E. Stück der Rückseite mit den Marginalplatten, ca. 3 mal vergr.
Fig. F. Stück der Bauchseite mit den Marginalplatten.
Fig. G. Adambulacralplatte von innen gesehen.
Fig. H. Anus mit den 6 umliegenden Plättchen.
Fig. I. Madreporenplatte.
Fischerei und Jagd in den russischen
Gewässern.
Von
Dp. O. Grimm*).
Uebeisetzt von G. Josephy.
I. Ein Ueberblick über die Wasserbecken Russlands und ihre
Eigenthümlichkeiten.
In Folge seiner geographischen Lage ist das russische Reich
arm an See-Fischereien.
Das nnwirthliche, düstere Eismeer bietet bei seiner ewigen Eis-
decke, seinem kurzen Sommer und seiner fast unbewohnten Küste
keine Bedingungen, welche eine Entwicklung der Fischerei begünstigen
könnten.
Die Ost-See und das schwarze Meer, von Ländermassen um-
gebene, salzarme Gewässer, halten dadurch ebenso wie durch ihre
Entstehung die Mitte zwischen Salzmeer und Binnen-See. Sie be-
sitzen eine ärmliche gemischte Fauna und ausserdem sind die Ver-
treter der Thierwelt der Ost-See durch geringe Grösse ausgezeichnet,
während das schwarze Meer zu Folge seiner dicht bei der Küste be-
ginnenden Tiefe keine Bedingungen darbietet, welche das Gedeihen
der meisten Fische, Seehunde u. s. w. begünstigen könnten. Es ist
ganz anders bezüglich der Fluss-Systeme und jener Becken, welche
trotz ihres brackigen Wassers nach Ursprung und Fauna in eine
Categorie mit dem kaspischen, dem asoffschen Meere und dem Aral-
see gehören. Die letzteren bieten so günstige Bedingungen für das
Fortkommen der Fische, dass die Fischereien, die auf diesen Ge-
wässern ausgeübt werden uns nicht nur hinlänglich für den Mangel
an ergiebigen See-Fischereien entschädigen, sondern sogar unter den
*) „Pishing and Huntiiig on Russian Waters by Dr. 0. Grimm. St. Peters-
burg 1883." 8". 55 S. International Fisheries Exhibition, London 1883. — In der
Uebersetzung sind nur die Abschnitte I u. II wiedergegeben (S. 1—18), Ab-
schnitt III -XI behandeln das Praktische. Einige Zusätze zu dieser Ueber-
setzung verdanken wir der Güte des Autors; dieselben sind durch eckige
Klammern kenntlich gemacht.
192 Dr. 0. Grimm.
Fischereien der Erde eine hervorragende Stelle einnehmen, wie
sich bei einer Prüfung der in diesen Wassern erzielten Resultate
zeigen wird.
Ganz Russland, besonders sein Grenzgebiet besitzt eine Menge
Salz- und Süsswasser-Seen, sowie eine grosse Zahl von Flüssen. Im
europäischen Russland allein befinden sich:
Das kaspische Meer welches einnimmt 8413,25 D Meilen.
Das Asoffsche Meer „ „ 637,70 „
Der Ladogasee welcher „ 336,60 „
Der Onegasee „ „ 228,39 „
DerPeipus-u.Pskoffsee „ „ 65,99 „
Der Beloesee „ „ 21,40 „
Der Ilmensee „ „ 16,79 „
Der Latschesee „ „ 19,10 „
Der Kubinskysee „ „ 7,90 „
Der Seligersee „ „ 3,62 „
Ausserdem sind mehrere tausend kleinere Seen vorhanden,
welche zusammen nicht weniger als tausend Quadratmeilen bedecken.
Es giebt im europäischen Russland vierundachtzig schiffbare
Ströme, welche zusammen 30,106 Werst lang sind. Mehrere von
diesen sind fünf Werst breit, wobei die Menge besonderer Mündungen,
welche einen grossen Flächenraum bedecken, ausser Acht ge-
lassen ist.
Obgleich diese Wassergebiete Thiere besitzen, welche allen ge-
meinsam sind, so haben sie doch auch ihre besondren Vertreter,
welche ihre Thierwelt kennzeichnen und so Ursprung und Geschichte
jedes einzelnen Gebietes uns lehren.
Das europäische Russland ist in die folgenden Gebiete ein-
getheilt :
1. Das Gebiet des arktischen und weissen Meeres. Dieses be-
sitzt die der arktischen Zone eigenthümliche Fauna, dargestellt durch
eine Unzahl Amphipoden und Isopoden als Vertreter der Crustaceen,
durch Salmoniden und Gadiden als Vertreter der Fische und
Pinnipedien und Cetaceen als Vertreter der Säugethiere.
2. Das Gebiet der Ost-See. Dieses begreift in sich die Ost-
See selbst nebst den in sie mündenden Strömen sowie den Ladoga-
Onega-, Ilmen-, Peipus-See und eine Menge kleiner Seen. Dies
Gebiet ist eine neuere Bildung und nimmt ungefähr das Gletscher-
gebiet der sogenannten Glacial-Periode ein. Die Ost-See hing eine
Zeit lang durch die Wassermassen des Onegasees nach Norden hin
mit dem Eismeer zusammen. Dadurch haben einige Thiere des
weissen Meeres ihren Weg in die Ost-See gefunden. Diese bilden
übrigens nur etwa 5% der Ost-See-Fauna, während 95 7o ^^s der
Nord-See und dem atlantischen Ocean stammen. Die Ost-See be-
sitzt keine eigne selbstständige Fauna — nur einige unbedeutende
Varietäten (Teilina solidula var. baltica) haben sich in ihr ent-
wickelt, nicht zu sprechen von den vielen FäUen, in denen die
Grösse der Thiere sich verringert hat, wodurch allerdings die Auf-
Fischerei und Jagd in den russischen Gewässern. 193
Stellung selbststcändiger Formen veranlasst wurde (Clupea harengus
var. membras, Osmerus eperlanus var. spirinchus, Mysis aculeata
var. relicta). Doch ist diese Neuaufstellung nur durch Leute ge-
schehen, welche eben neue Arten finden wollten. Im Vergleich mit
den übrigen russischen Gebieten sind der gemeine Krebs (Astacus
fluviatihs) und der Aal (Anguilla vulgaris) die bezeichnendsten Thiere.
3. Das Gebiet des schwarzen Meeres. Dieses zerfällt durch
den Charakter seiner Fauna in zwei verschiedene Theile. — a) das
eigentliche schwarze Meer, welches eine Mittelmeer -Fauna besitzt,
deren Angehörige durch das Marmora-Meer in den Pontus ein-
gedrungen sind und noch eindringen, wobei sie hauptsächlich an
der Küste von Klein-Asien entlang nach Osten ziehen. — b) das
Gebiet von Asoff und Cherson, welches aus dem asofi"schen Meere
und der Nordwest-Ecke des schwarzen Meeres besteht und den
Dnieper, Bug und Dniester aufnimmt. Dieses Gebiet ist durch die
Krim in zwei Theile getheilt, welche mehr oder weniger mit dem
schwarzen Meer in Verbindung stehen und von diesem ihre Mittel-
meerfauna entlehnt haben; aber da sie Salzwasser führen, so haben
sie bis auf den heutigen Tag die Fauna des ponto-aralo-kaspischen
Gebietes bewahrt, zu welchem sie einst gehörten.
4) Das kaspische Gebiet. Dies ist das grösste in Hinblick auf
den Flächenraum, den sein Fluss-System einnimmt und zu gleicher
Zeit ist es das wichtigste rücksichtlich seiner Fischerei.
Um die Zusammensetzung der kaspischen Fauna zu verstehen,
muss man auf die Entstehung dieses Gebiets einen BHck werfen.
Das sarmatische Becken, welches zur Miocen-Zeit existirte, be-
deckte den grössten Theil des heutigen Süd-Russlands und Mittel-
Europas und bestand aus vielen zusammen hängenden Becken. Während
der Pliocen-Zeit verlor es bedeutend an Grösse und schliesslich
schrumpfte es zu dem noch kleineren postpliocenen zusammen,
welches wir das Ponto-Aralo-Kaspische nennen können. Vielleicht
wurde dies Becken durch die Bergkette des Kaukasus und der Krim
getheilt, welche sich in der Richtung auf die Donau hin erstrecken;
dies sieht man an der Verschiedenheit der Fauna nicht nur des
asofi"schen Meeres, sondern auch des Cherson-Theiles des schwarzen
Meeres.
Ausser den oben erwähnten Theilen des schwarzen Meeres be-
greift dies Gebiet das kaspische Meer in sich, welches mit dem
asoffschen Meere durch einen engen Kanal zusammenhängt, der das
Flussthal des Manitsch entlang lief und die Wolga entlang fast bis
Samara reichte. Im Süd-Osten wendete sich dieses Becken, die
Halbinsel Mantschischlon von Süden her abrundend, nach Norden,
umfasste den ganzen Aralsee und dehnte sich nach dem Osten des
Urals und dem Eismeer aus.
Aber die Verbindung dieses salzwasserhaltigen Cherso-Aralo-
Kaspischen Beckens mit dem Eismeer wurde bald unterbrochen und
das Becken wurde von der asiatischen Seite her beträchtlich ver-
kleinert.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd. 1. H. 2. 13
194 Dr. O. Grimm.
Durch das in Folge der Hebung des Festlandes eintretende
Zurückweichen des Wassers von der Ostküste entstanden die land-
umschlossnen Buchten des Caspisees, ausgezeichnet durch ihre starke
Verdunstung und das Fehlen von Süsswasser-Zufluss. — In Folge
dieser letzten beiden Ursachen, wurden diese Buchten, welche sich
mit dem Brackwasser des Kaspisees wieder füllten, sehr salzig und
einige von ihnen bildeten Salzseen (Elton, Baskuntschak u. s. w.),
während ein Theil, nämlich der grösste von ihnen, der Aral, so
salzhaltig wurde, dass nur diejenigen Thiere in ihm zurückblieben,
welche im Stande waren in derartigem Wasser ihr Leben zu fristen
(wir finden die Aral-Fauna in den Salz-Becken des östlichen Caspi-
sees). Später erhielt dieser Theil dadurch, dass der Amu-Darja
seinen Lauf änderte, wieder einen Zufluss von Süsswasser, er ver-
grösserte sich und trotzdem seine Wasser weniger salzhaltig sind,
als die des Kaspisees, so hat er doch bis jetzt die ärmliche Fauna
der salzreichen Buchten des letzteren behalten. Dieser Vorgang,
nämlich das Entstehen eines Salz-Sees aus einer Bucht des Kaspi-
sees kann noch gegenwärtig beobachtet werden am Karabugaz-See,
dessen Wasser mit Salz übersättigt ist und der täglich noch vom
Kaspisee 32,000,000 Pud Salz empfängt. Mit der Hebung des öst-
lichen Ufers ergossen sich die Wasser des Kaspisees nach Norden
in das Thal der Wolga und des Ural, aber lange Zeit hing dies
Becken noch mit dem asoffschen Meere durch das Kuma-Manitsch
System zusammen. All diese Entwicklungsstufen des kaspischen
und asoffschen Meeres und des Aralsees finden einen entschiedenen
Ausdruck in der Fauna dieser Gewässer, wie die Erforschung des
Kaspisees lehrte. In grossen Tiefen des Kaspisees finden wir bis
auf den heutigen Tag Formen, welche die sogenannte sarmatische
Schicht der Miocen-Periode kennzeichnen wie die Mollusken Dreyssena
brardi, Dreyssena rostriformis, Cardium catillus, Planorbis microm-
phalus (bis zur Tiefe von 150 Faden). In einer Tiefe von 150 bis
160 Faden finden wir Vertreter der aralo- kaspischen Schicht der
Postphocen-Periode wie Cardium pseudocatillus, Cardium baeri, An-
gehörige der Gattung Adacna, Dreyssena, Caspia u. s. w. In einer
Tiefe von fünfzehn Faden finden wir nur alte Formen und solche,
welche sich in der neusten Zeit entwickelt haben.
Dies sind neue Formen welche sich neuen Lebensbedingungen
angepasst haben wie Cardium edule, Cardium longipes, Neritina
liturata, Hydrobia stagnalis.
Von den übrigen Kreisen des Thierreichs, welche in den Schichten
der oben erwähnten geologischen Epochen keine Spur ihres Daseins
hinterlassen haben, finden wir im Kaspisee die folgenden typischen
Gruppen :
(V^on Algen treffen wir Laguncula und Bowerbankia.)
Von Schwämmen haben wir Mitglieder der Familie der Renieridae.
Von Würmern finden wir mit Ausnahme von Süss- und Salzwasser-
Thieren nur ein Mitglied der Egel-Famihe (Archiobdella esmonti)
und einige Vertreter der Gattung Amphicteis.
Fischerei und Jagd in den russischen G-ewässern. 195
Von Crustaceen finden sich ausser einigen See-bewohnenden
Copepoden (wie z. B. dem hochinteressanten Bythotrephes sociaUs)
hundert Arten Gammariden , eine Anzahl Mysiden, Idotea entomon
und Cumacea, nicht zu erwähnen Astacus leptodactylus und Astacus
pachypus, von welchen der letztere ein kennzeichnender Vertreter
des cherso-kaspischen Gebietes ist.
Von Fischen sind die bezeichnendsten die Gobiidae als Ein-
geborne, die Cyprinidae als Einwandrer von Inner -Asien, die
Acipenseridae und Salmonidae als Wandrer von Norden. Der See-
hund (Phoca caspia) muss natürlich zu den nördhchen Einwandrern
gerechnet werden.
So zeigt der Kaspisee in seiner heutigen Thierwelt die Eigen-
tümlichkeiten eines bracldgen Seees der Tertiärzeit, bereichert durch
hauptsächlich von Norden stammende Einwandrer.
Hinsichtlich der Menge der verschiedenen Amphipoden, An-
gehöriger der Familie der Gammariden, entspricht die kaspische
Fauna der des Baikalsees und des obern Sees in Nord-Amerika.
Obgleich die Flusssysteme, welche sich in diese Becken er-
giessen, vollkommen unabhängig von einander sind und jedes von
ihnen seine eigne Fauna hat, so stehen sie doch in ihren Quell-
gebieten durch Flüsschen und Seeen mit einander in Verbindung und
durch diese, sowie durch künsthch hergestellte Verbindungen (Kanäle)
können diejenigen Thiere, welche bis zu den Quellen der Flüsse
hinaufsteigen, von einem System in das andere gelangen.
Auf diese Art ist erst vor kurzem der Sterlet von der Wolga
durch den Fluss Scheksna, den Prinz -Würtemberg- Kanal und den
Kubinskysee in den Sukhena und die Nord-Dwina gewandert. Die
Seeen-Varietät des Stint hat ihren Weg vom Gebiet der Ost-See, aus
dem Welasee durch den verbindenden Kanal in den Schlinosee und
durch den Schlinafluss in den Metinosee gefunden. Zuweilen kommt
es auch vor, dass der Aal aus der Ost-See seinen Weg in den
Seligersee und in den Don findet.
II. Ein Verzeichniss der Fische des europäisclien Russlands mit
Angabe ihrer geographischen Verbreitung.*)
1. Gasterosteus aculeatus L. Im Eismeer, dem weissen Meer und
der Ost-See, nebst den in diese mündenden Flüssen bis nach
Kamtschatka hin. Selten in den zum schwarzen Meer fliessenden
Strömen.
2. Gasterosteus pungitius L. An denselben Stellen.
*) Der Autor hat der möglichsten Vollständigkeit halber offenbar mehrere
Arten mitaufgeführt, die zwar in der Litteratur der betreffenden Meere sich
finden, aber schwerlich Russlands Gewässer selbst erreichen, z. B. in der Ostsee
Acanthias, MuUus, Hippocampus, Myxine. Der Herausgeber.
13*
196 Dr. 0. Grimm.
3. Gasterosteiis platygaster Kessl. Im schwarzen Meere, dem
Kaspi- und Aralsee und in den Mündungen der von diesen
aufgenommenen Flüsse.
4. Gasterosteus spinachia L. In der Ost-See, bis Kronstadt.
5. Perca fluviatilis L. Ueberall vorhanden bis zur Lena. Fehlt
übrigens dem Kur, obgleich er aller Orten im Kaspisee vor-
kommt.
5a. [Perca fluviatiHs var. macrophthalma Grimm. Torfseeen im
Gouvernement Nowgorod.]
6. Acerina cernua L. Ueberall vorhanden bis zur Lena, mit Aus-
nahme des südlichen Theiles des Kaspisees und der in diesen
mündenden Flüsse (Kur) und der Aralsees.
7. Acerina rossica Cuv. Nur im Unterlauf der ins schwarze und
asoffsche Meer mündenden Flüsse.
8. Percarina demidoffi Nordm. Im schwarzen Meer und in den
Mündungen des Dniester, Bug und Dnieper.
8a. [Percarina maeotica Kusnezow, Asoffsches Meer.]
9. Sebastes norvegicus Fr. M. Eismeer.
10. Lucioperca volgensis Pall. In den Flüssen (besonders im
Unterlauf) welche von Norden her ins schwarze und asoffsche
Meer und in den Kaspisee münden. Am häufigsten in der
Wolga. Im Kaspisee bis Baku.
11. Lucioperca sandra Cuv. In allen zu den Gebieten des schwarzen
und asofischen Meeres, des kaspischen und Aralsees und der
Ost-See gehörigen grossen Flüssen und Seeen, bis 66 V2 ^ nördl.
Breite.
12. Lucioperca marina Cuv. Im Kaspisee, dem asofi'schen Meere
und in den salzärmeren Theilen des schwarzen Meeres. Steigt
die Flüsse nicht hinauf.
13. Aspro zingel L. Im Dniester.
14. Serranus scriba L, Selten im schwarzen Meere an den Küsten
der Krim und Abhasia.
15. Serranus cabrilla L. Selten im schwarzen Meere an der
anatolischen Küste.
16. Dentex rivulatus Bennet. Desgleichen.
17. Smaris chryselis Cuv. Im schwarzen Meer nahe der Krim.
18. Mullus barbatus L. In grossen Mengen im schwarzen Meer
an den Küsten der Krim und Abhasia.
19. Mullus surmuletus L. Gelegentlich im schwarzen Meer und
der Ost-See beobachtet.
20. Sargus annularis L. In grossen Mengen im schwarzen Meer.
21. Pagellus erythrinus L. Im schwarzen Meer an der Süd- und
Süd-Ost-Küste.
22. Charax puntazzo L. Im schwarzen Meer, selten.
23. Scorpaena porcus L. Häufig im schwarzen Meer.
Fischerei und Jagd in den russischen Gewässera. 197
24. Sebastes norvegicus*) Fr. M. Eismeer, an der Munnan-Küste.
25. Cottus gobio L. Ueberall vorhanden mit Ausnahme von
Transkaukasien und dem äussersten Norden. In der Petschora
bis zum 67^ nördl. Breite.
26. Cottus poecilopus Heckel. Im Gouvernement Olonetz,
27. Cottus scorpius L. Im Eismeer, weissen Meer und der Ost-
See, aber nicht in den Flüssen.
28. Cottus quadricornis L. Die ganze Eismeer-Küste von Sibirien
entlang bis zum weissen Meer, im weissen Meer selbst, in der
Ost-See und dem Ladogasee.
29. Icelus hamatus Kröy. Im Eismeer nahe der Murman-Küste
und im weissen Meer.
30. Agonus decagonus Bl. Im Eismeer nahe der Murman-Küste.
31. Trigla hirundo Bl. Im schwarzen Meer nahe der Krim.
32. Trigla poeciloptera Cuv, Im schwarzen Meer an der südlichen
Küste der Krim, selten.
33. Trigla cuculus Bl. Desgleichen.
34. Uranoscopus scaber L. Wird oft im schwarzen Meer an der
Küste der Krim gefangen; selten bei Odessa beobachtet.
35. Trachinus draco L. Desgleichen.
36. Umbrina cirrhosa L. Im schwarzen Meer in der Nähe der
Krim und des Kaukasus.
37. Corvina nigra Bl. Desgleichen.
38. Scomber scomber L. In grossen Mengen im schwarzen Meere,
geht aber nicht ins asoffsche Meer. In der Ost-See bis zum
finnischen Busen.
39. Thynnus thynnus L. Einzelne an der Süd-Küste des schwarzen
Meeres [und der Küste der Krimm, besonders häufig bei Balaklava].
40. Pelamys sarda Bl. In kleinen Schwärmen im schwarzen Meere,
geht bis zur Krim.
41. Zeus pungio Cuv. Einer ist im schwarzen Meere nahe
Sebastopol gefangen.
42. Trachurus trachurus L. In beträchtlichen Mengen im schwarzen
Meer, selten in der Ost-See.
43. Trachurus lacerta Fall. Im schwarzen Meer.
44. Temnodon saltator Cuv. Im schwarzen Meer.
45. Xiphias gladius L. Im schwarzen Meer und der Ost-See, doch
selten.
46. Gobius minutus Penn. In der Ost-See in der Nähe von Libau.
47. Gobius niger L. In der Ost-See in der Nähe von Helsingfors.
48. Gobius eckströmi Günth, In der Ost-See in der Nähe von
Libau.
*) Schon unter No. 9 angeführt. Im Original zweimal aufgeführt. Der
Uebersetzer wollte davon nicht abweichen um die Uebereinstimmung zwischen
Originalarbeit und "üebersetzung in den Nummern zu wahren; deshalb später
auch einmal eine Nummer — wie im Original — ausgelassen (134).
198 Dl". .0. Grimm.
49. Gobius jozo G. Im schwarzen Meer an den Küsten der Krim.
50. Gobius quadricapillus Fall. Desgleichen.
51. Gobius amphiocephalus Fall. Im schwarzen Meere von Odessa
bis Kartsch.
52. Gobius capito Cuv. Im schwarzen Meere von Sebastopol bis
Kartsch.
53. Gobius capitonellus Kessl. Im schwarzen Meer.
54. Gobius albosignatus Kessl. Im schwarzen Meer.
55. Gobius marmoratus Fall. Im schwarzen Meer und dem
Kaspisee, steigt die Flüsse hinauf.
56.* Gobius blennioides Kessel ^). Im Kaspisee in der Bucht von
Baku.
57. Gobius macropterus Nordm. Im schwarzen Meer.
58.* Gobius semipellucidus Kessl. Im Kaspisee, Bucht von Astrabad.
59. Gobius lugens Nordm. In dem ins schwarze Meer fliessenden
Kodar-Fluss.
60. Gobius macropus De Filippi. Im Faleostomsee, in der Nähe
des schwarzen Meeres.
61. Gobius exanthematosus Fall. Im schwarzen Meer an der Küste
der Krim.
62. Gobius constructor Nordm. In der Nähe von Kartsch und in
■ den Flüsschen von Abasien, Mingrelien und Georgien.
63. Gobius ratan Nordm, Im schwarzen Meer von Odessa bis
Kartsch.
64. Gobius paganellus L. Im schwarzen Meer.
65.* Gobius goebeli Kessl. Im Kaspisee bei Baku.
66. Gobius bucchichi Steind. Im schwarzen Meer von Sebastopol
bis Theodosia.
67. Gobius melanostomus Fall. In grossen Mengen im schwarzen
und asofFschen Meer und im Kaspisee; steigt ziemlich hoch die
Flüsse hinauf, — den Dniester bis Mogileff, den Dnieper bis
Ekaterinoslav, die Wolga bis Sarepta.
68. Gobius virescens Fall. Im schwarzen Meer.
69. Gobius caspius Eichw. Im Kaspisee, besonders im Süden.
70.* Gobius bathybius Kessl. Im Kaspisee in einer Tiefe von 108
Faden.
71. Gobius fluviatüis PaU. Im schwarzen und asoffschen Meere,
im Kaspisee und in den von diesen aufgenommenen Flüssen.
72.* Gobius bogdanowi Kessl. Im Kaspisee.
73. Gobius cephalarges Fall. Im schwarzen Meere.
74. Gobius platyrostris Fall. Im schwarzen Meere.
75. Gobius cyrius Kessl. Im Kur.
76. Gobius weidemanni Kessl. Von Transkaukasien ('?).
*) Die mit * bezeichneten Gobius-, Gobiosoma- und Benthophilus- Arten
wurden von Grimm 1874 u. 1876 im Kaspisee entdeckt und danach von Kessler
beschrieben.
Fischerei und Jagd in den rassischen Gewässern. 199
77. Gobius kessleri Günth. Im schwarzen Meer und dem Kaspi-
see, geht in die Flussmündungen.
78. Gobius eurycephalus Kessl. Im schwarzen Meer.
79.* Gobius eurystomus Kessl. In den südlichen Theilen des
Kaspisees bei Baku und Krasnovodsk.
80. Gobius syrman Nordm. Im schwarzen Meer von Odessa bis
Kertsch.
81. Gobius trautvetteri Kessl. Im schwarzen Meer.
82. Gobius batrachocephalus Fall. Im schwarzen Meer.
83. Gobius gymnotrachelus Kessl. Im Dniester, Bug und Dnieper.
84. Gobius burmeisteri Kessl. In der Mündung des Flusses Rion.
85.* Gobius macrophthalmus Kessl. Im Kaspisee in einer Tiefe
von 9—20 Faden.
86. Gobius nigronotatus Kessl. Im Kaspisee in einer Tiefe von
20 Faden.
87. Gobius cobitiformis Kessl. In der Bucht von Sebastopol im
schwarzen Meere.
88. Gobius leopardinus Nordm. Im schwarzen Meer.
89.* Gobius lencoranicus Kessl. In Lencoran in einem Sumpf.
90.* Gobius longecaudatus Kessl. Drei Varietäten dieser Art sind
im Kaspisee in einer Tiefe von 44 — 220 Faden gefunden
worden.
91.* Gobiosoma caspium Kessl. Im Kaspisee in einer Tiefe von
9—20 Faden.
92. Latrunculus peUucidus Nardo. Im schwarzen Meer nahe
Odessa.
93. Benthophilus macrocephalus Fall. Im schwarzen Meer, be-
sonders in den Mündungen des Dnieper, Bug und Dniester;
in allen Teilen des Kaspisees, doch besonders im Süden; in
einer Tiefe von 7 — 20 Faden.
94.* Benthophilus leptocephalus Kessl. Im Kaspisee in einer Tiefe
von 39—108 Faden.
95.* Benthophilus ctenolepidus Kessl. Im Kaspisee in einer Tiefe
von 7—35 Faden.
96.* Benthophilus spinosus Kessl. Im Kaspisee in einer Tiefe von
20 Faden.
97.* Benthophilus baeri Kessl. Im Kaspisee in einer Tiefe von 37
bis 38 Faden.
98.* Benthophilus leptorhynchus Kessl. Im Kaspisee in einer Tiefe
von 70 Faden.
99.* Benthophilus granulosus Kessl. Im Kaspisee in einer Tiefe
von 20 Fuss bis 20 Faden.
99a. [Benthophilus monstrosus Kusnezow. Asoffsches Meer.]
100.* Benthophilus Grimmi Kessl. Im Kaspisee in einer Tiefe von
32—108 Faden.
200 I>r- 0. Grimm.
101. Callionymus festivus Fall. Im schwarzen Meer, hauptsächlicli
an der Küste der Krim.
102. Cyclopterus lumpus L. Im Eismeer und weissen Meer. In
allen Theilen der Ost-See, aber nicht häufig.
103. Liparis vulgaris Flem, Im Eismeer an der Murman-Küste
und in der Ost-See an den finnischen Küsten.
104. Liparis montagui Donov. Im weissen Meer.
105. Lophius piscatorius L. Kommt in das schwarze Meer und die
Ost-See.
106. Anarrhichas lupus L. Im Eismeer und weissen Meer.
107. Blennius gattorugine Brunn. Im schwarzen Meer bei Sebastopol
und Theodosia.
108. Blennius tentacularis Brunn. In allen Theilen des schwarzen
Meeres.
109. Blennius sanguinolentus Fall. Ebenda in grossen Mengen.
110. Blennius sphinx Cuv. Desgleichen.
111. Blennius pavo Risse. Desgleichen.
112. Blennius galerita L. Desgleichen.
113. Blennius melanio Kessl. In der Bucht von Sebastopol im
schwarzen Meere.
114. Blennius macropteryx Rüpp. Im Busen von Salta im schwarzen
Meere.
115. Stichaeus medius Reinh. Im weissen Meere.
116. Stichaeus punctatus Fabr. Im weissen Meere.
117. Centronotus gunellus L. Im Eismeer an der Murman-Küste,
auch im weissen Meer und der Ost-See.
118. Zoarces viviparus L. Desgleichen.
119. Atherina pontica Eichw. In grossen Mengen im schwarzen
Meer und Kaspisee.
120. Atherina hepsetus L. Im schwarzen Meer.
121. Mugil cephalus Cuv. Im schwarzen und asoffschen Meer, in
der Ost-See bis zur Küste von Livland.
122. Mugil chelo Cuv, Im schwarzen Meer.
123. Mugil auratus Risso. Desgleichen.
124. Mugil saliens Risso. Im schwarzen und asoffschen Meere,
findet seinen Weg in den salzhaltigen Schabolotsee.
125. Lepadogaster gouani Lacep. Im schwarzen Meer.
126. Lepadogaster decandoli Risso. Desgleichen.
127. Lepadogaster bimaculatus Penn. Desgleichen.
128. Heüastes chromis Cuv. Desgleichen.
129. Labrus turdus L. Desgleichen (selten).
130. Labrus prasostictes Fall. Desgleichen.
Fischerei und Jagd in den russischen Gewässern. 201
131. Crenilabrus pavo Brunn. Desgleichen (in der Nähe der Krim).
132. Crenilabrus griseus L. Desgleichen.
133. Crenilabrus quinquemaculatus Bl. Desgleichen.
135. Crenilabrus ocellatus Forsk. In grossen Mengen im schwarzen
Meere an den Küsten der Krim und des Kaukasus.
136. Crenilabrus rostratus Bl. Im schwarzen Meere bei Sebastopol.
137. Ctenolabrus cinereus Pall. Im schwarzen Meer (selten).
138. Coris juHs L. In den südlichen Teilen des schwarzen Meeres.
139. Ammodytes tobianus L. Im Eismeer, Murman-Küste.
140. Gadus morrhua L. Im Eismeer, dem weissen Meer und der
Ost-See, in welch letzterer er bis Kronstadt geht.
141. Gadus navaga Kölr. Im weissen Meer und westlich von diesem
im Eismeer.
142. Gadus saida Lepech. Im Eismeer.
143. Gadus aeglefinus L. Im Eismeer, Murman-Küste.
144. Gadus virens L. Desgleichen.
145. Gadus euxinus Nordm. In grossen Mengen im schwarzen Meer.
146. Lota vulgaris Cuv. In aUen Süsswassern mit Ausnahme der
Zuflüsse des südlichen Kaspisees.
147. Motella tricirrata Bl. In allen Theilen des schwarzen Meeres.
148. Molva vulgaris Flemm. Im Eismeer.
149. Ophidium barbatum L. Im schwarzen Meer.
150. Brosmius brosme MüU. Im Eismeer.
151. Macrurus rupestris Fabr. Im Eismeer.
152. Rhombus maximus L. Im Eismeer, geht in der Ost-See bis
Kronstadt.
153. Rhombus maeoticus Pall. In beträchtlichen Mengen im
schwarzen und asoffschen Meere.
154. Rhombus laevis Rond. Geht vom Mittelmeer in das schwarze
Meer, und von der Nordsee in die Ost-See, doch selten.
155. Pleuronectes platessa L. Im Eismeer und weissen Meer.
156. Pleuronectes flesus L. Im Eismeer, weissen Meer, der Ost-
See, dem schwarzen und asofi'schen Meere. Steigt die Flüsse
und Seeen hinauf.
157. Pleuronectes dwinensis Lilljeb. Im weissen Meere.
158. Pleuronectes cynoglossus L. Im Eismeer.
159. Pleuronectes limanda L. Desgleichen.
160. Hippoglossoides limandoides Bl. Desgleichen.
161. Hippoglossus vulgaris Flem. Desgleichen.
162. Solea nasuta PaU. Ueberall im schwarzen Meere in grossen
Mengen, auch im asoffschen Meere.
163. Silurus glanis L. In den Flüssen, welche zur Ost-See, dem
schwarzen und asoffschen Meer, dem Kaspi- und Aralsee
strömen und in den schwach salzhaltigen Theilen dieser Meere
und Seeen.
202 I>r- 0. Grimm.
164. Salmo salar L. Im Eismeer, dem weissen Meer, der Ost-See
und dem Ladoga- und Onegasee.
164a. [Salmo salar var. lacustris. Ladoga- und Onegasee.]
165. Salmo labrax Pall. Im schwarzen Meer.
166. Salmo trutta L. Im weissen Meer und der Ost-See. [Im Ladoga-
und Onegasee.]
167. Salmo caspius Kessl. Im Kaspisee, steigt nur den Kur hinauf.
[Auch im Terek.]
167a. [Salmo fluviatilis Pall. Kama, Petschora und sibirische Flüsse.]
168. Salmo salvehnus L. Im Ladoga- und Onegasee.
169. Salmo alpinus L. Im Eismeer in der Nähe von der Murman-
Küste und Nova-Semblja.
170. Salmo ischchan Kessl. Im Gaktschasee im Kaukasus.
171. Salmo gegarkuni Kessl. Desgleichen.
171a. [Salmo danilewski Giüjelmi. Desgleichen.]
172. Salmo fario L. In den kleineren Zuflüssen des weissen Meeres,
der Ost -See, des schwarzen Meeres und des Kaspisees. [Im
Zangafluss, der in den Gaktscha mündet.]
173. Thymallus vulgaris Nils. In den kleinen Flüssen und den
Oberläufen der grossen Flüsse, welche sich ins Eismeer, weisse
Meer, die Ost-See, das schwarze Meer und den Kaspisee er-
giessen.
174. Luciotrutta leucichthys Güld. Im nördlichen Theil des Kaspi-
sees, steigt aus diesem die Wolga und den Ural hinauf.
175. Coregonus nelma Pall. Im Kubinsee, dem nördlichen Theil der
Dwina und den sibirischen Flüssen.
176. Coregonus polkur Pall. In den Flüssen Mezen und Petschora.
177. Coregonus omul Lepech. Desgleichen.
178. Coregonus peled Lepech. In der Petschora.
179. Coregonus albula L. Im Eismeer, weissen Meer und der Ost-
See und in den zu diesem System gehörigen Seeen.
180. Coregonus fera Jurine. Im Ladoga- und Onegasee.
181. Coregonus baeri Kessl, Desgleichen.
182. Coregonus nilssoni Nilss. Desgleichen; auch im Kubinsee.
182a. [Coregonus swiri Grimm. Onegasee und Swir.]
183. Coregonus widegreni Malmgren. In den nördlichen Theilen des
Ladogasees.
184. Coregonus lavaretus L. In der Ost-See.
185. Coregonus maraena Bloch. Im Peipussee und in den Seeen
des Königreichs Polen.
186. Coregonus tcholmugensis Danilewski. Im Onegasee, in der
Tschamusch-Bai.
187. Osmerus eperlanus L. c. v. spirinchus. Im weissen Meer und
der Ost-See und in den zu diesem System gehörigen Seeen.
188. Mallotus villosus Müll. Im Eismeer.
Fischerei und Jagd in den russischen Gewässern. 203
189. Esox lucius L. In allen russischen Flüssen in Europa wie in
Sibirien, ausgenommen die in Transkaukasien und der Krim.
190. Belone acus L. In der Ost-See bis Kronstadt und nahe der
Nordküste des schwarzen Meeres.
191. Cyprinus carpio L. In grossen Mengen im asoffschen Meere
und Kaspisee und in den nicht zu salzhaltigen Theilen des
schwarzen Meeres, auch in den in diese Gewässer mündenden
Flüssen. Er fehlt in den Gebieten des weissen Meeres, des Eis-
meeres und der Ost-See.
192. Carassius vulgaris Nilss. c. var. gibeüo. In allen Süsswassern
bis etwa zum 65'' nördl. Breite.
193. Capoeta fundulus Fall. Im Kur und in dessen Nebenfluss
Araks.
194. Capoeta sevangi De Filippi. Im Gaktschasee.
195. Capoeta hohenackeri Kessl. Im Fluss Araks.
196. Barbus vulgaris Flem. In den ins asoflfsche und schwarze
Meer mündenden Flüssen.
197. Barbus tauricus Kessl. In den kleinen Flüssen der Krim.
198. Barbus bulatmai Gmel. Im Kaspisee, besonders im Süden,
geht von dort in den Kur. Auch im Aralsee.
199. Barbus ciscaucasicus Kessl. In den in den Kaspisee mündenden
Flüssen Kuma, Terek und Sunscha.
200. Barbus caucasicus Kessl. Im Kur.
201. Barbus goktschaikus Kessl. Im Gaktschasee.
202. Barbus cyri De Filippi. Im Kur.
203. Barbus brachycephalus Kessl. In grossen Mengen im süd-
lichen Kaspisee, geht von dort in den Kur. Auch im Aralsee.
204. Barbus mursa Güld. In den Nebenflüssen des Kur.
205. Barbus mursoides Kessl. Im Kur.
206. Gobio fluviatilis Rond. In allen Süsswassern.
207. Gobio uranoscopus Agass. In den Systemen der Wolga, des
Dniester, Kuma und Kur.
208. Leuciscus rutilus L. In allen Süsswasser-Becken und in grossen
Mengen im asoffschen Meer und Kaspisee.
[Leuciscus rutilus var. wobla. Kaspisee.]
209. Leuciscus frisi Nordm. In den weniger salzhaltigen Teilen des
schwarzen Meeres, im asoffschen Meere und Kaspisee; an den
beiden letzteren Plätzen wird er hauptsächUch in den mittleren
und südlichen Theilen gefunden, steigt von dort den Kur und
Terek hinauf.
210. Squalius cephalus L. Im ganzen europäischen Russland mit
Ausnahme von Transkaukasien.
211. SquaHus turcicus De Filippi. Im Kur und Araks.
212. Squalius borysthenicus Kessl. Im Dnieper.
204 Dr- 0. Grimm.
213. Squalius leuciscus Heckel. Im ganzen europäischen Russland,
fehlt im Kaukasus.
214. Squalius danilewski Kessl. In den ins asoffsche Meer mündenden
Flüssen.
215. Idus melanotus Heckel. Im ganzen europäischen Russland bis
zur Petschora, fehlt im Kaukasus.
216. Scardinius erythropthalmus L. Ueberall vorhanden mit Aus-
nahme des höchsten Nordens.
217. Phoxinus laevis Agass. In allen schnell fliessenden Gebirgs-
flüssen und -Bächen, oft in grosser Menge.
217a. Phoxinus stagnalis Warp. In den Seen der Gouvernements
Kasan, Nischni u. s. w.
218. Tinea vulgaris Cuv. Ueberall vorhanden bis zum 62^ nördl.
Breite.
219. Chondrostoma nasus L. In den Flusssystemen des asoffschen
und schwarzen Meeres und des Kaspisees, mit Ausnahme von
Transkaukasien ; auch in den in die südliche Ost-See mündenden
Flüssen.
220. Chondrostoma variabüe Jakowlew. In den Mündungen der
Wolga und des Ural.
221. Chondrostoma oxyrhynchum Kessl. Im Kuma und Terek.
222. Chondrostoma cyri Kessl. Im Oberlauf des Kur und in den
ins schwarze Meer mündenden Flüssen des westlichen Trans-
kaukasien.
223. Chondrostoma regium Heckel. Im Oberlauf des Araks.
224. Rhodeus amarus Bloch. Ueberall vorhanden bis Ost-Sibirien
hin, ausgenommen die Gebiete des weissen Meeres und Aralsees,
225. Abramis brama L. Ueberall im Süsswasser vorhanden, ebenso
im asoffschen Meere, im Kaspi- und Aralsee.
226. Abramis ballerus L. In den Fluss-Systemen der Ost-See, des
schwarzen und asoffschen Meeres und des Kaspisees, sowie
auch in den salzarmen Theilen dieser Wässer selbst.
227. Abramis sopa Pall. In den Zuflüssen und den salzarmen
Theilen des schwarzen und asofi"schen Meeres, des Kaspi- und
Aralsees, mit Ausnahme der transkaukasischen Flüsse. Im
System der Ost-See im Wolchofi'fluss.
228. Abramis vimba L, In den Zuflüssen und den salzarmen
Theüen der Ost-See, des schwarzen Meeres und des asoffschen
Meeres.
229. Abramis persa Gm. Im südlichen Kaspisee und in den salz-
armen Theilen des schwarzen Meeres, steigt von hier die Flüsse
Transkaukasiens und der Krim hinauf.
230. Abramis microlepis De Filippi. Im Oberlauf des Kur.
Fischerei und Jagd in den russischen Gewässern. 205
231. Blicca björkna Artedi. Im Süsswasser des ganzen europäisclien
Russlands, geht in Finnland nur bis zum 62^ nördl. Breite.
232. Abramidopsis leuckarti Heckel. In allen Flüssen, doch einzeln.
233. Bliccopsis abramo-rutilus Holandre. Desgleichen.
234. Aspius rapax Leske. In den in die Ost-See, das schwarze
Meer, den Kaspisee und das asoffsche Meer mündenden Flüssen
und in den salzarmen Theilen dieser Meere.
235. Aspius erytrostomus Kessl. Im Kaspisee, aus welchem er den
Kur und Sefid-Rud hinaufsteigt, ebenso im Aralsee und seinen
Zuflüssen.
236. Aspius hybridus Jacowlew. In der Mündung der Wolga.
237. Alburnus lucidus Heckel. In allen Süsswassern.
238. Alburnus chalcoides Güldenst. Im schwarzen und asoffschen
Meer, im Kaspi- und Aralsee, steigt die Flüsse hinauf.
239. Alburnus tauricus Kessl. Im Flusse Salgir in der Krim.
240. Alburnus iblis Heckel. Im Oberlauf des Araks.
241. Alburnus fiHppi Kessl. Im Oberlauf des Kur.
242. Alburnus punctulatus Kessl, Desgleichen.
243. Alburnus hohenackeri Kessl. Mündung des Kur.
244. Alburnus fasciatus Nordm. In den Gebirgsbächen der Krim,
des Kaukasus und Turkestans.
245. Alburnus bipunctatus Bloch. In den Flüssen Wisla, Niemen,
Wilia, Dnieper, Desna, Worskla, Slutsch, Oka und Sunscha,
dass heisst in den Flusssystemen der Ost-See, des schwarzen
Meeres und des Kaspisees.
246. Leucaspius delineatus Heckel. In den Bächen des Systems
der Ost-See, des schwarzen Meeres und des Kaspisees.
247. Pelecus cultratus L. In der Ost-See, dem schwarzen und
asoffschen Meer, dem Kaspi- und Aralsee, steigt von hier weit
die Flüsse hinauf und lebt sogar zum Theil in diesen, fehlt in
Finnland und nördlich vom Ladogasee.
248. Misgurnus fossiHs L. Ueberall im Süsswasser vorhanden, mit
Ausnahme der Gebiete des weissen Meeres und Transkaukasiens.
249. Nemachilus barbatus L. Ueberall ausser in Transkaukasien,
wo er vertreten wird von der folgenden Art:
250. Nemachilus brandti Kessl.
251. Cobitis taenia L. Ueberall im Süsswasser (ob auch im Gebiet
des weissen Meeres?). In Transkaukasien vertreten von den
beiden folgenden Arten:
252. Cobitis hohenackeri Brandt und
253. Cobitis aurata De Filippi.
206 Dr. 0. Grimm.
254, Cobitis caspia Eichw. Im Kaspisee.
255, Engraulis encrasicholus L. In grossen Mengen im asoffschen
und schwarzen Meer.
256, Clupea kessleri Grimm [in der Orig.-Ausg.: Alosa pontica
Eichw.] und
257, Clupea caspica Grimm [in der Orig,-Ausg, : Alosa casp. Eichw.
mit abweichender Verbreitung]. Im Kaspisee, Steigt von
diesem in grosser Menge den Ural und Wolga hinauf.
257a. [Clupea saposchnikowi Grimm im Kaspisee. NB. Im schwarzen
und asoffschen Meere giebt es auch 3 Arten, die sehr nahe
den kaspischen, aber doch verschieden sind, Sie sind von
Grimm untersucht, aber noch nicht beschrieben,]
[Die No, 258 Clupea cultiventris Nordm,, Schwarzes M.,
der Orig.-Ausg., syn. zu 259, fällt hier fort.]
259. Clupea dehcatula Nordm. In grossen Mengen im schwarzen
Meer und Kaspisee, wird aber nicht gefangen.
260. Clupea harengus L, Im weissen Meer und der Ost-See.
261. Clupea pilchardus L, Einige wenige finden ihren Weg ins
schwarze Meer,
262. Clupeonella grimmi Kessl. Im Kaspisee in grosser Zahl. [Ist
Grimm's Ansicht nach nur die Larve der Caspischen Heringe
(Cl. kessleri, caspia u. saposchn,),]
263. Meletta vulgaris Val. In der Ost-See,*)
264. Anguilla vulgaris Turton. Im Becken der Ost-See.
265. Conger vulgaris Cuv. Im schwarzen Meer und der Ost-See,
doch selten.
266. Siphonostoma typhle L. In der Ost-See, dem schwarzen und
asoffschen Meer.
267. Syngnathus acus L. Im schwarzen Meer.
268. Syngnathus tenuirostris Rathke. Im schwarzen Meer.
269. Syngnathus bucculentus Rathke. Im schwarzen und asoffschen
Meer und dem Kaspisee, geht in die Flussmündungen.
270. Nerophis ophidion L. In der Ost-See und dem schwarzen Meer.
271. Nerophis aequoreus L. In der Ost-See.
272. Hippocampus antiquorum Leach. Im schwarzen Meer und
der Ost-See.
*) = Clupea sprattus L.
Der Herausgeber.
Fischerei und Jagd in den russischen Gewässern. 207
273. Acipenser rutheims L. In denjenigen Flüssen, welche ins
schwarze und asoffsche Meer, in den Kaspisee und ins weisse
Meer münden, ebenso in den zum Eismeer fliessenden Strömen
Sibiriens,
274. Acipenser güldenstaedti Brandt. Im schwarzen und asoffschen
Meer und im Kaspisee sowie in den in diese mündenden
Flüssen, desgleichen in den Strömen Nord-Sibiriens.
275. Acipenser sturio L. Ost-See und schwarzes Meer und deren
Stromgebiete.
276. Acipenser schypa Lovetzky. Im schwarzen und asoffschen
Meere, dem Kaspi- und Aralsee und in deren Stromgebieten.
277. Acipenser huso L. In dem schwarzen und asoffschen Meer
und Kaspisee und deren Stromgebieten.
278. Acipenser stellatus Pallas. Desgleichen.
279. Acanthias vulgaris Risse. Im Eismeer und schwarzen Meer
in beträchtHcher Menge vorhanden, bildet er einen Handels-
artikel. Selten in der Ost-See.
280. Scymnus borealis Scoresby. Im Eismeer.
281. Pristiurus melanostomus Bonap. Desgleichen.
282. Raja clavata L. Im Eismeer, weissen und schwarzen Meer.
283. Trygon pastinaca L. Ueberall im schwarzen Meer, von wo er
ins asoffsche Meer gelangt.
284. Petromyzon wagneri Kessl. Im Kaspisee, geht in alle in diesen
mündende Flüsse.
285. Petromyzon fluviatilis L. In den Becken des weissen Meeres
und der Ost-See mit Einschluss des Ladoga- und Onegasees.
286. Petromyzon planeri Bloch. In den zur Ost-See, dem schwarzen
Meer und Kaspisee fliessenden Flüsschen.
287. Myxine glutinosa L. Im Eismeer, weissen Meer und Ost-See.
288. Branchiostoma lanceolatum Pall. Im schwarzen Meer.
Aus dieser Liste ergiebt sich, dass 58,6% aller Fische des
europäischen Russland Salz- oder Brackwasser bewohnen; 32,3%
sind Süsswasser-Fische und 8,6 % sind Wanderfische. Von der Zahl
der Salz- oder Brackwasser bewohnenden (169) kommen nur 2 — 3 %
für den Handel in Betracht (je nachdem man die nur zufällig oder
sehr selten gefangenen Fische mitrechnet oder nicht). Von den
Süsswasserfischen (92) werden etwa 82,8 % gefangen. Alle Wander-
208 Dr- 0. Grimm.
fische können einen Handelsgegenstand bilden. Von der Gesamtzahl
unserer Fische kommen etwa 44 7o beim Fischfang in Betracht.
Dies zeigt, welch grosse Bedeutung die Süsswasser- und Wander-
fische für uns haben. Dies wird sich noch deutlicher zeigen, wenn
wir auf die Einzelheiten der Fischereistatistik eingehen, aus welchen
sich ergiebt, dass Meeresfische einen sehr unbedeutenden Theil der
Gesamtausbeute abgeben.
Terricolen
der
Berliner Zoologischen Sammlung.
n.
Von
Dr. W. Michaelsen,
Assistent am Naturhistorischen Museum zu Hamburg.
Hierzu Tafel XIII.
Afrika (Nachtrag).
Bemerk.: Ein zweiter Nachtrag für Afrika folgt am Schluss der Arbeit!
AUolobophora sp. (? trapezoides Dug.).
Fundnotiz: Rabat, Marokko; No. 2106, E. A. Hansen rp.
AUolobophora sp. (? mucosa Eisen)
Fundnotiz: Rabat, Marokko; No. 2105, E. A. Hansen rp.
flyperiodrilus africanus Bedd.
Fundnotiz: Togo, Bismarckburg ; Büttner rp.
Benhamia inermis nov. spec.
(Fig. 1).
Die vorliegende Beschreibung basiert auf der Untersuchung an
einem einzigen, leider stark erweichten und in die Länge gezogenen
Exemplar. Dasselbe ist 60 cm lang, im Maximum 10 mm dick und
besteht aus etwa 350 Segmenten. Der Kopflappen ist gross; doch
Hess sich die Gestalt seines dorsalen Hinterrandes nicht erkennen.
Die Segmente des Vorderkörpers sind zwei-ringHg. Rückenporen sind
von der Intersegmentalfurche 12/13 an deutlich erkennbar. Die
Borsten stehen zu 4 Paaren, ganz an der Bauchseite. Die ventral-
mediane Borstendistanz ist im Allgemeinen grösser als die Entfer-
nung zwischen den beiden Borstenpaaren einer Seite; in der Nähe
der Geschlechtsöfihungen gleicht sich dieser Unterschied jedoch fast
ganz aus.
Der Gürtel ist stark erhaben, sattelförmig. Er erstreckt sich
vom Anfang des 13. Segments bis in das 20. hinein. Er lässt die
Rückenporen zum Theil deutlich erkennbar bleiben. Die Borsten
der Gürtelregion sind schwer erkennbar, die Intersegmentalfurchen
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd.I. H.3. 14
210 Dr. W. Michaelsen:
ganz verwachsen. Die Eileiteröfinungen sind nicht zu erkennen.
Zwei Paar Samentaschen-Oeffnungen liegen auf den Intersegmental-
furchen 7/8 und 8/9 in den Linien der inneren Borstenpaare. Die
Oeffhungen der männhchen Geschlechtsorgane liegen innerhalb eines
tief eingesenkten, abgerundet viereckigen, ventral-medianen Feldes.
Dieses Feld ist vorne etwas breiter als hinten; seine Vorderecken
sind nach vorne, seine Hinterecken nach hinten ausgezogen. Jeder-
seits verläuft auf einem etwas erhabenen Wall eine feine, scharfe
Längsfurche innerhalb dieses Feldes, nahe den Seitenrändern des-
selben und zwar verbinden diese beiden Längsfurchen die beiden
Prostatadrüsen-Oeffnungs-Paare auf dem 17. und dem 19. Segment.
Da die Prostatadrüsen -Oeffnungen des 19. Segments einander etwas
genähert sind, so convergieren die beiden Längsfurchen nach hinten
zu. Die Oeffnungen der Samenleiter sind nicht sichtbar. Zu diesem
Geschlechtsapparat kommt noch eine Anzahl Pubertäts-Organe hin-
zu. Dieselben liegen im Allgemeinen in den Linien der inneren
Borstenpaare dicht vor den Intersegmentalfurchen. Das erste Paar
dieser Pubertäts-Organe liegt vor der Intersegmentalfurche 8/9. Es
ist von den inneren Borstenpaar-Linien nach aussen hin gerückt, da
sein normaler Platz von den Oeffnungen des zweiten Samentaschen-
Paares eingenommen wird. Die folgenden Paare (2. bis 9.) liegen
normal vor den Litersegmentalfurchen 9/10 bis 16/17, Die Paare
10 und 11 liegen innerhalb des vertieften Feldes der männlichen
Geschlechtsöffnungen. Sie sind dicht zusammengerückt und finden
sich nach innen zu neben den vorderen Enden der beiden Geschlechts-
furchen, noch im Bereich des erhabenen Walles, auf dem sich jene
Furchen entlang ziehen. Das 12, Paar liegt wieder normal, auf der
Intersegmentalfurche 19/20. Auch vor den Intersegmentalfurchen
20/21 und 21/22 liegen noch Pubertäts-Organe, jedoch nur einseitig
(rechts). Die Höhlung der Pubertäts-Organe liegt sehr tief, und
wird durch eine ringförmige Hautfalte fast ganz von der Aussenwelt
abgeschlossen; nur eine enge, Pupillen-förmige Oeffnung führt in die
Höhlung. Nach Eröffnung des Wurmes erkennt man, dass die
Pupertäts-Organe blasenförmig in die Leibeshöhle hineinragen.
Der Darm trägt in den Segmenten 5 und 6 je einen kräftigen
Muskelmagen und in den Segmenten 11, 12 und 13 je ein Paar viel-
fach zertheilte Kalkdrüsen. Die Segmentalorgane bilden einen zot-
tigen Besatz an der Innenseite der Leibeswand.
Von den Geschlechtsorganen liessen sich nur die Samentaschen
und der distale Theil des männlichen Apparats erkennen. Die Pro-
statadrüsen, am 17. und 19. Segment ausmündend, zeigen die für
die Acanthodrilinen gewöhnliche Bildung. Sie sind schlauchförmig
und bestehen aus einem sehr langen, zu einem unregelmässigen,
lockeren Knäuel zusammen gelegten Drüsentheü und einem weniger
langen, dünneren, glatten, muskulösen Ausführungsgang, Auch der
Ausführungsgang beschreibt noch einige Windungen, Die beiden
Prostata drüsen-Paare sind verschieden stark ausgebildet; die vorderen
Prostatadrüsen sind viel länger als die beiden anderen und bilden
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. II. 211
infolgedessen viel dickere Knäule. Vielleicht stellt diese Grössen-
Verschiedenheit in Beziehung zur Verschiedenheit ihrer äusseren Aus-
mündung; wie aus Fig. 1 zu ersehen ist, sind die Oeffnungen des
hinteren Paares näher an einander gerückt, als die des vorderen.
Penialborsten sind nicht vorhanden.
Die Samentaschen, je ein Paar in den Segmenten 8 und 9, an
deren Vorderrändern sie ausmünden, sind einfach sackförmig und be-
sitzen einen dicken, muskulösen Ausführungsgang. Divertikel sind
nicht vorhanden; ob sie durch kammerförmige Aushöhlungen im
Ausführungsgang vertreten sind, muss dahingestellt bleiben.
B. inermis nähert sich durch das Fehlen von Penialborten so
sehr dem Trigaster Lankesteri Benh.^)-), dass sich meine Ansicht
von der nahen Verwandtschaft der Gattungen Benhamia und Trigaster
noch mehr festigt. Ebenso viel trägt hierzu auch die erweiterte
Kenntniss von der geographischen Verbreitung der Benhamien bei.
Ausser der B. Godefrop, deren Vorkommen auf Haiti immerhin
noch zweifelhaft ist, kennen wir jetzt zwei weitere Benhamien aus
dem Gebiete des Trigaster Lankesteri (aus Westindien und den
benachbarten Gebieten des Festlandes), nämlich B. mexicana Rosa 3)
von Mexiko und B. Bolavi Mich, (siehe unten) von Venezuela. Ich
halte die geographische Verbreitung für ein durchaus nicht zu unter-
schätzendes Moment bei der Beurtheilung der Verwandtschaft, steht
sie doch in unmittelbarster Beziehung zu derselben. Der Schwer-
punkt von der geographischen Verbreitung der Acanthodrilinen liegt
im antarktischen Gebiet; die durch scharfe Merkmale von den übrigen
Acanthodrilinen abweichende Gattung Benhamia sammt dem ähnlich
organisirten Trigaster Lankesteri ist die einzige Gruppe derselben,
die den Aequator nach Norden zu überschreitet und zwar in ge-
schlossener Linie durch das tropische Afrika hindurch und nach den
westindischen Gebieten hinüber. Hier findet sich dann unter anderen
die im Wesentlichen nur durch eine Dreizahl der Muskelmägen von
den übrigen, mit einem oder zwei Muskelmägen ausgestatteten Arten
zu unterscheidende Modifikation „Trigaster". Ich bin noch der
Ansicht, dass Trigaster mit der Gattung Benhamia (i. S. Benhams)
zu vereinen ist und höchstens als Untergattung der Gattung Benhamia
(i. weiteren S. des Autors) anzusehen ist. Sollte sich Benhams An-
sicht als die richtigere erweisen, so müsste auch für den Acantho-
drilus Schlegeli Horst (mit einem Muskelmagen) eine besondere
Gattung aufgestellt werden.
Fundnotiz: Togo, Adeli, Bismarckburg; No. 2153, Büttner
rp. 20. IX. 90.
') Benham: Stiidies ou Eartbworms II (Qu. Journ. Micr. Sei. XXVII).
2) Benham: The G-euera Trigaster and Benhamia (Ann. Mag. Nat. Hist.
1890).
^) Rosa: Die exotischen Terricolen des k. k. naturhistorischen Hofmuseums
(Ann. Naturh. Hofmus. Bd. VI, Hft. 3 u. 4).
14*
212 Dr- W. Michaelsen.
Perichaeta indica Horst.
Perichaeta heterochaeta Mich. ^) 5)
Nachdem ich neuerdings eine grössere Anzahl von Exemplaren
habe untersuchen können, ist es mir nicht mehr zweifelhaft, dass
die Art P. heterochaeta Mich, mit der älteren Art P. indica Horst
zu verschmelzen ist. Die Verlängerung des 10. Segments darf
nicht als ein wesentlicher Charakter der P. indica angesehen werden.
Unter den kürzlich von mir untersuchten Stücken, die mit den als
P. heterochaeta beschriebenen Exemplaren übereinstimmen, fand
ich eines, das eine deutliche, andere, die eine sehr schwache
Verlängerung dieses Segments zeigten. Ich ziehe darum die Art
P. heterochaeta zurück.
Fundnotiz: Azoren; No. 1953, Simroth rp.
Azoren, Furnas; No. 2053, Simroth rp.
Amerika.
Allolobophora foetida Sav.
Fundnotiz: Porto Alegre; No. 2147, Hensel rp. (Eingeschleppt I)
Allolobophora sp. (? foetida Sav.)
Fundnotizen: Grönland; No. 1498, Oersted rp. (Unter der
Bezeichnung: Lumbricus ruber Boeck.)
Nordamerika; No. 1469, Burmeister rp. (Unter der Bezeichnung:
Lumbricus costatus Grube.)
Allolobophora trapezoides Dug.
Fundnotiz: Porto Alegre; No. 2145, Hensel rp. (Eingeschleppt!)
Allolobophora mucosa Eisen.
Fundnotiz: Porto Alegre; No. 2146, Hensel rp. (Eingeschleppt!)
Tykonus grandis nov. gen. nov. spec.
Fig. 2 u. 3.
Die Gattung Tykonus ist durch die eigenartige Borsten -Anord-
nung charakterisirt. Sie steht im Uebrigen der Gattung Anteus nahe.
Ich konnte ein einziges, geschlechtsreifes Stück von T. grandis
untersuchen. Die Länge desselben beträgt ungefähr 300 mm, die
Dicke etwa 10 mm und die Segmentzahl 320. Der Kopflappen ist
*) Michaelsen: Die Terricolenfauna der Azoren (Abb. Naturw.Ver. Hamburg,
XI, Hft. 2).
^) Michaelsen: Die Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung I. Afrika
(Arch. Natui'gescb., 1891).
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. II. 213
gross, gerundet. Da der Schlund ausgestülpt war, so Hess sich ein
Irrthum in der Bestimmung des ersten Segments nicht absolut aus-
schliessen. Vielleicht ist jede der angegebenen Segmentnummern
um 1 zu vermindern. Die Borsten zeigen die gleiche Eigenartig-
keit in ihrer Anordnung wie bei der Gattung Kynotus. Sie stehen
zu vier engen Paaren in den einzelnen Segmenten. Jederseits sind
die beiden Paare eines Segments dicht zusammengerückt. Die
ventral-mediane Borstendistanz ist gut 3 mal, die dorsal-mediane
4 bis 5 mal so gross wie die laterale Borstendistanz. (I— II > 3
II— III; IV— IV > 4 II — III). Die Segmente des Vorderkörpers be-
sitzen keine Borsten. Die unteren Paare beginnen mit dem 13. Seg-
ment, die oberen erst mit dem 26. Die Borsten sind im Verhältniss
zur Grösse des Thieres klein. Sie haben eine durchschnittliche
Länge von 0,5 mm, eine durchschnittliche grösste Dicke von
0,06 mm. Sie sind S-förmig gebogen und nicht glatt, sondern am
freien Ende mit eigenartiger Ornamentirung versehen. Zarte, fein
gesägte, schwach gebogene Kerben stossen an der durch die Kon-
kavität der Krümmung markirten Vorderseite der Borste in ungefähr
rechtem Winkel aufeinander. An den seitHchen Theilen der Borste
lösen sich die Kerben in einzelne, zerstreut stehende Zähne auf.
(Fig. 2 u. 3.) Die Oeffnungen der Segmentalorgane sind vom 14. Seg-
ment an erkennbar. Sie liegen etwas oberhalb der unteren Borsten-
paar-Linien, dicht hinter den Intersegmentalfurchen. Rückenporen
scheinen nicht vorhanden zu sein.
Der Gürtel erstreckt sich über die Segmente 15 bis 26. Er ist
ziemlich stark erhaben, glatt und lässt die Intersegmentalfurchen
nur als zarte Striche erkennen. Er ist sattelförmig und nimmt nur
die dorsale und die lateralen Körperpartien bis dicht vor den unteren
Borstenpaar-Linien in Anspruch. Ein Paar männliche Geschlechts-
öffnungen liegt auf der Intersegmentalfurche 19/20 etwas unterhalb
der unteren Borstenpaar-Linien. Diese Oeffnungen sind von grossen,
hellen Höfen umgeben. Ein Paar weibUche Geschlechtsöffiiungen
glaube ich auf dem 14. Segment ebenfalls unterhalb der unteren
Borstenpaar-Linien erkannt zu haben. Samentaschenöffinungen Hessen
sich nicht nachweisen.
Von der inneren Organisation Hess sich Folgendes feststeUen:
Das erste ausgebildete Dissepiment trennt die Segmente 6 und 7.
Es ist massig verdickt. Die folgenden bis zum Dissepiment 11/12
sind stark verdickt. Diese ersten 6 verdickten Dissepimente sind
weit nach hinten ausgebaucht und in einander geschachtelt. Die
folgenden Dissepimente sind sämmtlich sehr zart. Das Dissepiment
12/13 entspricht nicht genau der Intersegmentalfurche 12/13, son-
dern ist (lateral und dorsal) nach hinten verschoben, dem folgenden
genähert. Die übrigen Dissepimente zeigen die normale Stellung.
Der Darm besteht aus folgenden Abschnitten: Auf einen umfang-
reichen Schlundkopf folgt ein enger Oesophagus, der sich vor dem
weit nach hinten aufgetriebenen ersten Dissepiment 6/7 zu einem
kräftigen, fast kugeHgen Muskelmagen umbildet und in dem er-
214 Dr. W. Michaelsen.
weiterten 12. Segment ein Paar grosse, von reichen Blutgefässen
durchzogene Kalkdrüsen trägt. Ungefähr im 15. Segment erweitert
sich der Oesophagus zu dem weiten, zartwandigen Magendarm.
Dieser Magendarm trägt eine kräftige, umfangreiche TyphlosoHs, die
sich durch eigenartige scheibenförmige Verbreiterungen, je eine per
Segment, auszeichnet. Das Rückengefäss ist eintach und entsendet
in den Segmenten 7 bis 12 je ein Paar starke Blutgefässe zur
Seite.
Im erweiterten 12. Segment findet sich ein Paar ventral-median
verschmolzener, breiter Samensäcke, die sich ventral und lateral
an den Darm anlegen. Samentrichter waren nicht erkennbar,
lieber jeder männlichen Geschlechtsöffhung auf der Intersegmental-
furche 19/20 liegt eine hohle Bursa copulatrix, deren Wandung eine
zottige Innenseite besitzt. Ich glaube erkannt zu haben, dass ein
von vorne kommender feiner Strang, ein Samenleiter, in diese Bursa
eintritt. ^
Von weiblichen Geschlechtsorganen war ausser den oben er-
wähnten zweifelhaften Eileiter-Oeffnungen keine Spur zur erkennen.
Fundnotiz: Brasilien, Passo fundo; No. 446. Hensel rep.
Anteus papillifer nov spec.
(Fig. 4.)
Nach dem Vorgange Beddard's*') vereine ich die Gattungen
Rhinodrilus und Anteus, da auch ich die Unterschiede zwischen
beiden Gattungen, so wie sie bis jetzt formuUrt sind, für wenig
massgebend halte. Aus demselben Grunde vereine ich dann auch
die Gattung Urobenus Benh. mit ihnen. An verschiedenen Arten,
die ich untersuchen konnte, machte ich die Beobachtung, dass die
Länge des Rüssels bei verschiedenen Individuen einer Art sehr ver-
schieden sein kann; bei den einen findet man einen deuthchen
Rüssel, bei den anderen lässt sich keine Spur davon erkennen. Es
lässt sich in Folge dessen an Spiritus-Material wohl kaum fest-
stellen, dass bei einer Art ein Rüssel fehlt. Was die Geschlechts-
borsten anbetrifft, so lassen sie sich ebenfalls kaum als Gattungs-
merkmal benutzen. Es finden sich zu viele Kombinationen zwischen
ornamentirten und einfachen Borsten, als dass das Fehlen jeglicher
Ornamentirung als etwas Wesentliches angesehen werden dürfte; so
besitzt z. B. A. papillifer glatte Normalborsten und ornamentirte
Geschlechtsborsten, Anteus brunneus glatte Normalborsten und zwei
verschiedene Formen von ornamentirten Geschlechtsborsten, A. Appuni
ornamentirte Normalborsten (und keine besonders ausgezeichnete Ge-
schlechtsborsten?) und schliesslich A. caUichaetus ornamentirte Nor-
malborsten und ausserdem besonders ausgezeichnete, ornamentirte
Geschlechtsborsten. Meiner Ansicht nach repräsentirt die Kombi-
nation „Glatte Norraalborsten und keine besonders ausgezeichnete
*) Becldard: The Earthworms of the Vienna Museum (Ann. Mag. Nat.
Hist. (6) IX.
Terricoleu der Berliner Zoologischen Sammlung. II. 215
Geschlechtsborsten" nur einen kleinen Schritt zurück in der durch
die obigen Beispiele gegebenen Stufenfolge. Auch der geringe Unter-
schied in der Lage der männhchen Geschlechtsöfiiiungen ist wohl
als unwesentlich anzusehen. Bei der Unsicherheit, die hinsichthch
der Segmente der Kopfregion besteht, die wohl nicht nur auf die
Subjektivität der Beobachter zurückzuführen ist, lässt sich auch die
Homologie der übrigen Segmente schwer feststellen. (Um bei meinen
Feststellungen einheitlich vorzugehen, nahm ich als Norm an, dass
die ersten Segmentalorgan-Oeffnungen hinter der Intersegmentalfurche
2/3 liegen. Die Borsten und die äussere Ringelung sind bei der
Zählung nicht zu verwerthen, einentheils, da eines oder einige der
auf den Kopfring folgenden Segmente der Borsten entbehren können
und anderntheils, da sich an der Kopfpartie nicht feststellen lässt,
ob man es mit secundärer Ringelung oder primärer Segmentirung
zu thun hat. Es macht mir den Eindruck, als ob in der Kopf-
region eine Segment-Theilung vor sich gegangen sei, die eine mehr
oder weniger weit durchgeführte Bildung eines neuen Segments zur
Folge habe.) Ich glaube wohl, dass eine Theilung der in dieser
Fassung ziemlich umfangreichen Gattung Anteus nothwendig werden
wird; doch reicht hierzu der jetzige Umfang unserer Kenntniss von
diesen Thieren noch nicht aus.
Mir Hegen vier ziemUch stark erweichte Exemplare von
A. papillifer vor, von denen eines vollkommen geschlechtsreif ist,
während die drei übrigen halbreif sind. Das geschlechtsreife
Exemplar ist 122 mm lang, 5 bis 6 mm dick und besteht aus 130
Segmenten. Die Farbe der Thiere ist grau bis graubraun. Der
Gürtel ist duff, weiss, mit einem Stich ins Schwefelgelbe. Der
Vorderkörper ist drehrund, der Hinterkörper schwach kantig. Der
Kopflappen ist bei einem Exemplar sehr gross, aber nicht rüssel-
artig verlängert, bei anderen ist er kleiner oder überhaupt nicht
erkennbar, zurückgezogen. Das 2. Segment schien nie Borsten zu
besitzen. Die Borsten stehen zu 4 Paaren in den einzelnen Seg-
menten, 2 ventralen und 2 lateralen. Die Entfernungen zwischen
den Borstenpaaren eines Segments sind annähernd gleich gross.
Die normalen Borsten sind glatt, ohne besondere Skulptur. Sie
sind in der Nähe des Gürtels ungefähr 0,4 mm lang und 0,03 mm
dick. Die Borsten einiger ventraler Paare sind zu Geschlechts-
borsten umgewandelt. Diese Geschlechtsborsten sind etwas länger
und wenig dicker als die normalen (0,65 mm lang und 0,04 mm
dick). Ihr inneres Ende ist gebogen, das äussere Ende zeigt die
bekannte Skulptur der Rhinodrilen-Borsten, jene tiefen, halbkreis-
förmigen, nach der Spitze zu offenen Rippen mit Narben-ähnhchen
Vertiefungen innerhalb ihrer Concavität. Die Zahl der in einer
Längsreihe übereinanderstehenden Ripj)en beträgt durchschnittlich 8.
Die Oeffnungen der Segmentalorgane sind gross und deutlich. Sie
beginnen hinter der Intersegmentalfurche 2/3 und liegen in den
Linien der lateralen Borstenpaare.
216 Dl-. W. Michaelsen.
Der Gürtel (Fig. 4) erstreckt sich von der Mitte des 15. Seg-
ments bis zur Mitte des 25. Er ist sattelförmig, nur dorsal und
lateral ausgebildet. Die Intersegmentalfurchen , Borsten und Seg-
mentalorgan-Oeffnungen sind in der Gürtelregion sehr deutlich er-
kennbar. Die vordere und die hintere Grenze des Gürtels ist nicht
scharf ausgeprägt.
An den seitlichen Rändern des Gürtels, eben oberhalb der ven-
tralen Borstenpaar-Linien, ziehen sich zwei Pubertätstuberkel -WäUe
entlang. Diese Wälle zeigen bei allen vier Exemplaren, bei den
halbreifen sowohl wie bei dem vollkommen geschlechtsreifen , eine
gleiche Gestalt und Erstreckung, sind also wohl als für diese Art
charakteristisch anzusehen. Sie erstrecken sich vom Anfang des
19. Segments bis zur Mitte des 23. Sie sind ziemlich breit, parallel-
randig und werden durch die Intersegmentalfurchen in 5 Paar ein-
zelne Tuberkeln zerschnitten, von denen die der 4 ersten Paare an-
nähernd quadratisch, während die des fünften Paares kürzer und
hinten abgerundet sind.
Ein Paar männliche Geschlechtsöffnungen liegt auf der Inter-
segmentalfurche 19/20 oberhalb der ventralen Borstenpaar -Linien,
in der Mitte zwischen den Pubertäts - Tuberkeln der Segmente 19
und 20.
Eileiter -Oeffnungen waren nicht zu erkennen. 3 Paar Samen-
taschen-Oeffnungen liegen auf den Intersegmentalfurchen 6/7, 7/8
und 8/9 in den Linien der lateralen Borstenpaare. Sie sind augen-
förmig.
Mit den Geschlechtsborsten scheinen gewisse Papillen in Bezie-
hung zu stehen, deren Anordnung sehr wechselnd ist. Bei einem
Thier wenigstens stehen die 4 bei ihm nachgewiesenen Geschlechts-
borsten-Paare auf solchen Papillen, während ein weiteres Papillen-
Paar normale Borsten trägt. Bei diesem Thier ist die Anordnung
der Papillen folgende: Ventrale Borstenpaare des 10., 15., 16. und
17. Segments und laterale Borstenpaare des 10. Bei einem zweiten
Thier fanden sich Papillen ventral auf Segment 10, 16, 17 und 24,
lateral auf Segment 10. Ein drittes Thier trug Papillen ventral auf
Segment 10, 11 und 15, lateral auf Segment 10. Das vierte Thier
Hess noch keine Papillen erkennen.
Die innere Organisation habe ich nicht vollständig klar stellen
können. Der Darm gleicht dem des Urobenus brasiliensis. Ein
Muskelmagen erstreckt sich durch die Segmente 9 und 10 (?) und
im 26. Segment findet sich ein Paar kurze, ventrale Blindsäcke.
Paarige Samensäcke liegen in den Segmenten 13, 14, 15 und
16 (?). 3 Paar Samentaschen münden auf den Intersegmentalfurchen
6/7, 7/8 und 8/9, auf den Linien der lateralen Borstenpaare aus.
Die Samentaschen sind verschieden gross. Das erste Paar ist am
kleinsten, das dritte Paar am grössten. Sie sind sackförmig bis
schlauchförmig; das letzte Paar ist zusammengeknickt.
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. II. 217
Die AusmüriSung der Samenleiter ist einfach. Prostatadrüsen
imd Penialborsten sind nicht vorhanden.
Fundnotiz: Porto Alegre; No. 2144, Hensel rp.
Anteils brunneus nov. spec.
(Fig. 5 11. 6).
Es liegen mir 5 verschieden weit entwickelte Exemplare zur
Untersuchung vor. Das grösste derselben ist 125 mm lang, 8 mm
dick und besteht aus 103 Segmenten. Die Thiere sind intensiv braun
gefärbt, am Rücken dunkel, am Bauch hell. Auch der Gürtel ist
hellbraun. Nach einer Notiz des Sammlers sind die Thiere von sehr
trcägem Charakter. Ihre Eier (Coccons) sollen weisslich sein und die
Grösse einer kleinen Erbse besitzen. Der Kopflappen sowie der
Kopfring ist farblos, bleich. Der Kopf läppen ist zu einem Rüssel
verlängert; doch ist dieser Rüssel nicht bei allen Exemplaren weit
ausgestreckt. Er ist bei einigen Exemplaren mehr oder weniger
weit eingezogen. Die Borsten stehen zu 4 Paaren in den einzelnen
Segmenten, 2 ventralen und 2 lateralen. Die normalen Borsten sind
glatt, ohne Ornamentik. Sie sind ungefär 0,68 mm lang und 0,04 mm
dick. Neben ihnen finden sich zwei verschiedene Arten von Ge-
schlechtsborsten.
Die Borsten der ventralen Paare (der ganzen oder eines Theils?)
der Gürtelregion sind stark verlängert und schlank (etwa 1 mm lang
und 0,034 mm dick). Sie sind an beiden Enden leicht gebogen,
S-förmig. Ihr äusseres Ende besitzt die bekannte Skulptur der
Rhinodrilen-Geschlechtsborsten in tiefer Ausführung. Die Zahl der
in einer Längsreihe übereinander stehenden Narben beträgt unge-
fähr 22 (Fig. 6). Die Borsten der entsprechenden lateralen Paare
sind ebenfalls zu Geschlechtsborsten umgewandelt. Ihre Form und
Grösse kommt der der normalen Borsten gleich, aber ihr äusseres
Ende ist mit Ornamenten von der bekannten Form versehen. Diese
Ornamentik ist hier jedoch nicht tief Sie wird von kaum vertieften
Bogenstrichen gebildet. Die Zahl der in einer Längsreihe über-
einander stehenden Narben beträgt ungefähr 5. Die Oeffiiungen der
Segmentalorgane sind von der Intersegmentalfurche 2/3 an deutlich
zu erkennen. Sie liegen im Allgemeinen vor den lateralen Borsten-
paaren; in den ersten Segmenten jedoch rücken sie etwas in die
Höhe. Rückenporen Hessen sich nicht erkennen.
Der Gürtel erstreckt sich über die Segmente 16 bis 24. Das
erste und das letzte dieser Segmente wird nicht immer ganz in An-
spruch genommen. Die Intersegmentalfurchen, Segmentalorgan-Oeff-
nungen und Borsten sind in der Gürtelregion unverändert deutlich
geblieben. Der eigentliche Gürtel erstreckt sich nur über den Rücken
und die Flanken des Thieres. Seine seitlichen Randpartien sind
vielleicht etwas stärker erhaben als die übrigen, haben jedoch nicht
das scharf abgesetzte Ansehen von Pubertäts-Tuberkeln. Auch die
ventralen Partien der Segmente 19 bis 22 und zum Theil auch der
Segmente 19 und 23 sind eigenartig modificiert, und zwar in andrer
218 Dr. W. Michaelsen.
Weise als der eigentliche, sattelförmige Gürtel. Sie sind heller und
weniger stark erhaben. Je ein quer-ovales, ventral-medianes, die
ventralen Borsten in sich einschliessendes Feld bleibt in jedem der
Segmente 19 bis 22 gürtelfrei. Die gürtelfreien Felder des 20. und
21. Segments sind vollkommen abgeschlossen, die des 19. und des
20. Segments kommunicieren durch breite mediane Strassen mit den
anteclitellialen bez. mit den postclitellialen gürtelfreien Partien. Ein
Paar männliche Geschlechtsöffnungen liegen auf der Intersegmental-
furche 19/20, eben oberhalb der ventralen Borstenpaar-Linien. Drei
Paar Samentaschen-Oeffnungen liegen auf den Intersegmentalfurchen
6/7, 7/8 und 8/9 in den Linien der lateralen Borstenpaare.
Der Darm trägt vorne einen dorsalen Schlundkopf. Auf diesen
folgt der Oesophagus mit dem Muskelmagen (im 9. Segment ?).
Hinter dem Muskelmagen trägt der Oesophagus in 3 aufeinander-
folgenden Segmenten je ein Paar birnförmiger, von starken Blutge-
fässen durchzogener Anhänge. Jedes Segment vom 3. an trägt ein
Paar Segmentalorgane, die dicht hinter der vorderen Segmental-
furche in den Linien der lateralen Borstenpaare (vorne etwas höher)
ausmünden.
Drei Paar Samentaschen liegen in den Segmenten 7, 8 und 9,
an deren vorderen Rändern sie ausmünden, und zwar in den Linien
der lateralen Borstenpaare. Die Samentaschen sind kurz und breit,
sackförmig. Die des ersten Paares sind kleiner, die des dritten
Paares grösser als die mittleren. Sie werden von den nach hinten
ausgebauchten Dissepimenten ihrer Ausmündungs-Intersegmental-
furche überdeckt und an die Leibeswand angedrückt. Zu erwähnen
ist noch, dass die dorsalen Ränder dieser Dissepimente nicht den
Intersegmentalfurchen entsprechen, sondern dicht oberhalb der
Samentaschen-Oeffnung in starker Schrägung nach hinten ausweichen,
Fundnotiz: Caracas, Vorberge von Galipan; in faulem, nassen
Holz; No. 2138, GoUmer rp. 25. VL 1854. (No. 84).
Aiiteus Appuni nov. spec.
Anteus Appuni ist ein ziemlich grosser Terricole. Das leider
stark erweichte Exemplar , welches mir vorliegt , ist 380 mm lang,
8 bis 10 mm dick und besteht aus 136 Segmenten. Aus dem Ver-
hältniss zwischen der Länge und der Segmentzahl lässt sich ersehen,
dass die einzelnen Segmente sehr lang sind. Die Feststellung des
ersten Segments ist hier, wie bei den meisten anderen Anteen, mit
Schwierigkeiten verknüpft. Vielleicht ist das, was ich für das erste
Segment ansehe, nur eine ausgestülpte Partie des Schlundes; in
diesem Falle sind die angegebenen Segment-Zahlen um 1 zu ver-
mindern. Die Borsten stehen in 4 Paar-Reihen, 2 ventralen und
2 lateralen. Die lateralen Paare sind in ganzer Länge des Körpers
sehr eng, die ventralen Paare sind in der Nähe des Gürtels weniger
eng als die lateralen. Die ersten Segmente besitzen keine Borsten,
Die lateralen beginnen ungefähr am Anfang des Gürtels; die ven-
tralen konnte ich nur hinter dem Gürtel erkennen. Die Borsten
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. II. 219
sind S-förmig. Sie haben eine durchschnittliche Länge von 0,85 mm
und eine durchschnittliche Maximal-Dicke von 0,05 mm. Ihr freies
Ende zeigt die charakteristische Ornamentirung der Rhinodrilus-
Borsten. Die Zahl der in einer Linie übereinander stehenden Narben
beträgt ungefähr 8. Die Narben sind besonders an der Spitze nur
schvi^ach ausgeprägt. Besondere Geschlechtsborsten habe ich nicht
auffinden können ; doch möchte ich nicht behaupten, dass überhaupt
keine vorhanden sind. Die Oeffnungen der Segmentalorgane liegen
in den Linien der lateralen Borstenpaare. Deutlich erkennbar sind
sie vom 15. Segment an. Ob sie am Vorderkörper fehlen, liess sich
nicht feststellen. Rückenporen sind nicht vorhanden.
Der Gürtel ist sattelförmig. Er nimmt die dorsalen und die late-
ralen Partien der Segmente 15 bis 24 ein. Seine Grenzen sind nicht
scharf ausgeprägt. Er ist wenig erhaben, braun gefärbt und lässt
die lateralen Borsten sowie die Intersegmentalfurchen deutlich erkenn-
bar bleiben. In der Mitte des 20. Segments (nach Schätzung) liegen
auf den Linien der ventralen Borstenpaare zwei Nabei-förmige Ein-
senkungen, wohl die männlichen Geschlechtsöffnungen. Vor und hinter
jeder dieser beiden Oeffnungen, auf den Intersegmentalfurchen 19/20
und 20/21 finden sich tiefe, quer-gestellte Hautfalten (?). Die Segmente
17 bis 19 und 21 bis 23 sind mit je einem Paar Pubertäts-Tuberkeln
ausgestattet. Diese 6 Pubertätstuberkel-Paare liegen in einer Linie
mit den ventralen Borstenpaaren und mit den männlichen Geschlechts-
öfinungen. Die Tuberkeln sind wenig erhaben, aber sehr umfang-
reich. Sie haben die Gestalt eines Quadrats mit abgerundeten Ecken
und ihre Breite und Länge kommt fast der Länge eines Segments
gleich. Sie heben sich durch ihre braune Färbung von den benach-
barten Hautpartien deutlich ab. Die Intersegmentalfurchen 6/7 und
7/8 tragen jederseits eine Samentaschenöffnung. Die beiden vorderen
stehen etwas weiter auseinander (höher) als die der hinteren Inter-
segmentalfurche. Das Segment 7 zeigt zwischen den zwei Samen-
taschen-Oeffnungen einer Seite eine dunkler gefärbte Hautstelle. Die
ganze, die beiden Samentaschen-Oeffnungen einer Seite umgebende
Hautpartie ist drüsig verdickt.
Das Dissepiment 5/6 ist das erste vollständig ausgebildete. Das
Dissepiment 8/9 scheint zurückgebildet zu sein. Verdickt sind die
Dissepimente 5/6 bis 7/8 und 9/10 bis 13/14. Das letzte und das
erste etwas weniger stark als die anderen. Vom 14/15 an sind
die Dissepimente sehr zart. Die ersten Dissepimente sind nach
hinten ausgebaucht und in einander geschachtelt. Vor dem ersten
Dissepiment (5/6) liegt ein sehr kräftiger, grosser Muskelmagen.
Vor dem Dissepiment 9/10 trägt der Darm ein Paar langgestielte,
birnförmige Anhangsorgane (Kalkdrüsen'?).
Vor den Kalkdrüsen liegen zwei kompakte Säcke (Samensäcke?)
neben dem Darm. Weitere männliche Geschlechtsorgane waren nicht
erkennbar. Auch die ventrale Innenseite des 20. Segments zeigt an
der äusserlich modificirten Stelle (männhche Geschlechtsöffnung mit
Hautfalten) nur eine etwas dunklere Färbung, keine sonstige Modi-
220 I^i'- W. Michaelsen.
fikation. Im 7. und 8. Segment liegen je zwei Samentaschen. Die-
selben sind einfach sackförmig, gi-ade nach hinten gerichtet und
münden am Vorderrande der betreffenden Segmente aus. Die des
8. Segments sind grösser als die des 7.
Fundnotiz: Puerto Cabello; No. 196, Appun rp.
Anteus callicliaetus nov. spec.
(Fig. 7. 11. 8.)
Das grösste geschlechtsreife Stück ist 105 mm lang, 5 mm dick
und besteht aus 105 Segmenten. Die konservirten Thiere sehen
bleich, hellgelb oder hellbraun aus. Das hellbraune Stück war mit
der Bemerkung versehen: „Zeigt bei der Berührung ausserordentUch
windende und schlagende Bewegung. Farbe violett-braun (No. 117)."
Der Kopflappen ist lang und schlank, rüsselartig. Bei den meisten
Stücken reicht er, zurückgeschlagen, bis an die Intersegmental-
furche 2/3. Bei anderen Exemplaren ist er kürzer und dicker. Das
erste Segment ist durch eine Ringelfurche in zwei Ringel getheilt,
deren jeder fast das Aussehen eines vollkommenen Segments besitzt.
Jederseits zieht sich in der Höhe der Segmentalorgan-Oeffhungen
eine Längsfurche durch die beiden Ringel des ersten Segments. Die
Borsten stehen in vier Paar-Reihen, zwei lateralen und zwei ven-
tralen. Die Entfernungen zwischen den Paar-Reihen sind im Allge-
meinen gleich gross; am Vordkörper jedoch nähern sich die beiden
ventralen Paar-Reihen einander in bedeutendem Masse. Die ersten
Segmente entbehren der Borsten. Die ventralen Borstenpaare be-
ginnen meistens mit dem 5. Segment, die lateralen meistens mit
dem 8. Die Borsten der ersten lateralen Paare stehen ungemein
dicht neben einander. Die normalen Borsten sind S-förmig, am
Hinterkörper ungefähr 0,05 mm lang und 0,035 mm dick. Sie sind
mit zarter Skulptur von der bekannten Art versehen. In einer
Längsreihe stehen ungefähr 6 Narben über einander. Ausser diesen
normalen Borsten kommen in der Nähe der Geschlechtsöffnungen
noch Geschlechtsborsten vor. Dieselben sind viel schlanker, ungefähr
1,8 mm lang und 0,03 mm dick. Ihr äusseres Ende zeigt die für
die Rhinodrilus- Borsten charakteristische Skulptur in auffallend
starker Ausführung, so dass durch die tiefen und breiten Narben
eine fast kettenähnliche Gliederung entsteht. (Fig. 8.) Die Anordnung
der Geschlechtsborsten wird bei der inneren Organisation besprochen
werden. Rückenporen scheinen nicht vorhanden zu sein. Die
Segmentalorgan-Oeffnungen sind von der Intersegmentalfurche 2/3
an deutlich erkennbar. Sie liegen dicht hinter den Intersegmental-
farchen in den Linien der lateralen Borstenpaare.
Der Gürtel erstreckt sich über die Segmente 16 (V2 15?) bis
24. Eine schmale, ventral-mediane Partie bleibt gürtelfrei. Inter-
segmental furchen, laterale Borsten und Segmentalorgan-Oeffnungen
sind am Gürtel erkennbar, aber nicht so deutlich, wie an den
Terricolen der Berliner Zoologischen Samrahmg. II. 221
anderen Körperpartien. Bei halbreifen Exemplaren erkennt man
am 20. Segment die ventral-mediane, ungefähr quadratische Partie
durch zwei Längsfurchen von den seitlichen Partien abgesondert.
Dieses quadratische Feld hat ein unregelmässig verschrumpftes Aus-
sehen. Die männHchen Geschlechtsäfihungen konnte ich nicht
erkennen. Wahrscheinlich liegen sie am Vorderrande des erwähnten
quadratischen Feldes, also auf der Intersegmentalfurche 19/20.
Vielleicht aber auch sind sie auf jenem Felde oder an seinem
Hinterrand zu suchen. Bei vollkommen geschlechtsreifen Thieren
wird die ventral-mediane, gürtelfreie Partie durch Wucherungen von
den seitlichen Partien, den Gürtelrändern, zum Theil überdeckt.
Durch diese Wucherungen wird ein ventral-medianer, spaltartiger
Hohlraum gebildet. Im 20, Segment klaffen die Ränder dieses
Spalts ein wenig auseinander. Im 19. und 21. Segment schliessen
sie sich am dichtesten aneinander. Im 18. und 22. Segment
erweitern sie sich wieder und treten dann schliesslich im 17. und
23. Segment ganz auseinander, um sich zu verlieren. (Fig. 7).
Zwei Paar Samentaschen-Oeffnimgen liegen auf den Intersegmental-
furchen 6/7 und 7/8 ungefähr in den Linien der ventralen Borsten-
paare. Die ventralen Partien der Segmente 6, 7 und 8 sind stark
verdickt.
Der Oesophagus trägt vorne einen dorsalen Schlundkopf und
im 9. bis 10. (?) Segment einen kräftigen Muskelmagen. Dieser
Muskelmagen erscheint im Profil eigenartig schief zugeschnitten.
Seine vordere Ventralpartie ragt etwas vor und sein dorsaler Hinter-
rand beschreibt eine tiefe Einbuchtung nach vorne. Hinter dem
Muskelmagen hängen zwei Paar birnförmige, von reichen Blut-
gefässen durchzogene Organe vom Oesophagus ab. Das Rücken-
gefäss ist einfach. Die Dissepimente sind sämmtlich sehr zart.
Diejenigen des ganzen Vorderkörpers bis zum 13. (?) Segment
scheinen stark reduzirt zu sein. Die Segmentalorgane des Vorder-
körpers sind langgestreckt, ragen durch mehrere Segmente nach
hinten und legen sich fest an den Darm an.
Ein Paar ventral-median verschmolzene Samensäcke legen sich
ungefähr in der Länge der Segmente 11 — 13 seitlich und ventral
an den Darm an. In der ventralen Partie dieser Samensäcke liegt
jederseits ein in einen vorderen und einen hinteren Theil zerschlitzter
Samentrichter oder auch (genau konnte ich das nicht erkennen) es
finden sich hier zwei Paar Samentrichter. Die Samenleiter konnte
ich nicht verfolgen. In der Gürtelregion, von Segment 18 bis 22 (?)
liegen hart neben der ventralen Medianlinie 5 Paar unregelmässig
kugelige Taschen, deren Wandung ein drüsig-zottiges Aussehen hat.
Diejenigen des dritten und vierten Paares sind grösser als die übrigen.
Die zwischen diesen Taschen liegenden ventralen Borstensäcke ent-
halten Geschlechtsborsten von der oben geschilderten Gestalt.
Zwei Paar schlanke, sackförmige, ein- oder mehrfach zusammen-
geknickte Samentaschen münden auf den Intersegmentalfurchen 6/7
und 7/8 aus. Die vor, zwischen und hinter diesen Samentaschen
222 Dl'- W. Michaelsen.
stehenden ventralen Borstensäcke (die der Segmente 6, 7 und 8)
sind auffallend dick, anscheinend drüsiger Natur und enthalten Ge-
schlechtsborsten von gleicher Gestalt wie die der Gürtekegion.
Fundnotizen: Caracas; No. 2139 Gollmer rp.
Caracas; Galipan; unter Kuhmist; No. 2140 Gollmer rp. 17. IX.
1854. (No. 117.)
Caracas; No. 2141 Gollmer rp.
Caracas; No. 218 Gollmer rp.
ürochaeta sp.
Fundnotiz: Guayaquil; No. 2137 Reiss rp.
Pontodrilus arenae Fr. Müll, (in Htteris).
(Fig. 9.)
Lumbricus arenae Fr. Müll, (in htteris).
Bezeichnet mit obigem Namen fanden sich in der Terricolen-
Sammlung des Berliner Museums einige meistens unreife Würmer,
die der Gattung Pontrodilus zugeordnet werden müssen. Da ich in
der Literatur keine Beschreibung von Lumbricus arenae Fr. MüU.
auffinden konnte, so nehme ich an, dass eine Veröffentlichung über
dieses Objekt nicht stattgefunden hat.
Das gTÖsste Stück ist 80 mm lang, 3 mm dick und besteht aus
etwa 120 Segmenten. Die Färbung der Thiere ist ein helles Grau
mit einer schwachen violetten Tönung. Die Haut ist so zart, dass
die inneren Organe hindurchschimmern. Die Borsten stehen in
8 weit getrennten Linien. Die dorsalmediane Borstendistanz ist am
Vorderkörper ungefähr 3 mal so gross wie die ventral -mediane ; am
Hinterkörper ist sie kleiner, nur wenig grösser als die ventral-
mediane. Die lateralen Borstendistanzen nehmen im Allgemeinen
von unten nach oben zu (I— H < H— III < III — IV = I— I). In
der Nähe des Gürtels jedoch rücken die beiden unteren Borsten
etwas gegen die ventrale Medianlinie, so dass I — I = I— II und
II — HI = III~IV wird. Die Borsten (Fig. 8) sind nicht glatt, wie im
Allgemeinen bei den Cryptodrilinen, sondern mit zarten Ornamenten
versehen. Diese Ornamentirung besteht aus zahlreichen, ziemlich
regelmässig gestellten Narben, deren unterer, dem inneren Ende der
Borste zugekehrter Rand schärfer hervortritt. Die Ornamentirung
erstreckt sich nur über das äussere Drittel der Borsten. Dieselben
sind im Uebrigen ziemlich plump gebaut. Ihr äusseres Ende ist
nur schwach gebogen.
Der Kopflappen ist klein und besitzt, wie ich zu erkennen
glaubte, einen dorsalen Fortsatz, der ungefähr bis zur Mitte des
Kopfringes reicht. Rückenporen waren nicht erkennbar.
Ein Gürtel war nur bei einem Exemplar nachweisbar und auch
bei diesem scheinbar noch nicht zur vollen Entwicklung gelangt.
Er erstreckte sich über die 5 Segmente 13 bis 17 und schien
sattelförmig zu sein; vielleicht aber auch war die ventrale Partie
Ten-icolen der Berliner Zoologischen Sammlung. IL 223
nur noch nicht entwickelt (auch die dorsale Partie war kaum ent-
wickelt). Auf dem 18. Segment erkennt man (in den Borsten-
linien II?) zwei dicke Wülste, die gegen die ventrale Medianlinie
hin überhängen und die männlichen Geschlechtsöffnungen über-
decken. Dort, wo die inneren Ränder dieser Wülste auf die Seg-
mente 17 und 19 übertreten, stehen kleine tuberkelförmige Ver-
dickungen. Zwei Paar Samentaschen -Oeffnungen liegen auf den
Intersegmentalfurchen 7/8 und 8/9 in den BorstenHnien IL
Die Dissepimente des Vorderkörpers 4/5 bis 10/11 nehmen von
vorn nach hinten stark an Dicke zu. Die folgenden sind zart. Der
Oesophagus trägt in den Segmenten 2 bis 4 einen grossen, drüsig-
muskulösen Schlundkopf. Ein Muskelmagen ist nicht vorhanden.
Segmentalorgane, je ein Paar per Segment, beginnen im 13. Segment.
Besonders stark herzartig angeschwollene Seitengefässe umfassen
den Oesophagus in den Segmenten 10 und 11. Von diesen Seg-
menten bis zum 4. werden die seitlichen Gefässschlingen schnell
dünner.
Zwei Paar Hoden liegen vorne in den Segmenten 10 und 11,
ihnen gegenüber, vor den Dissepimenten 10/11 und 11/12 zwei Paar
freie Samentrichter. Freie Samenmassen finden sich ebenfalls in
den Segmenten 10 und 11, Samensäcke von gedrängt traubiger
Gestalt in den Segmenten 11 und 12, an den Vorderwänden der-
selben befestigt. Zwei schlanke, schlauchförmige, unregelmässig ge-
krümmte Prostatadrüsen münden im 18. Segment aus. Sie bestehen
aus einem proximalen, weissen Drüsentheil und einem wenig kürzeren
und wenig dünneren, glatten muskulösen Ausführungsgang. Ob
Penialborsten vorhanden sind, kann ich nicht mit Sicherheit angeben.
Die freihändige Präparation führte in dieser Richtung zu keinem
Resultat. An verschiedenen, aufeinander folgenden Stücken einer
Schnittserie erkannte ich jedoch am 18. Segment Bruchstücke einer
Borste, die nach meiner Schätzung etwas grösser gewesen sein muss
als die normalen.
Ein Paar grosse, büschehge Ovarien liegen im 13. Segment.
Sie entspringen unterhalb des Darms vom Dissepiment 12/13. Vor
dem Dissepiment 13/14 liegen rechts und links neben dem Bauch-
strang zwei Eitrichter. Die Eileiter münden vorne im 14. Segment aus.
Zwei Paar Samentaschen liegen in den Segmenten 8 und 9,
an deren Vorderrändern sie ausmünden. Die Samentaschen sind
gross, eiförmig, erfüllt von einer gleichmässig fein granulirten Masse.
Sie besitzen einen langen, dünnen, muskulösen Ausführungsgang.
In die Basis des Ausführungsganges jeder Samentasche mündet ein
langer, schlanker, schlauchförmiger Divertikel ein. Die Divertikel
sind der Medianebene zugewendet.
Fundnotiz: Brasilien, Desterro; No. 1512, Fr. Müller rp.
224 Dl". W. Michaelsen.
Eudrilus roseus nov. spec.
(Fig. 10.)
? Eudrilus perigrinus E. Perr. ^)
Das grösste der vorliegenden, ziemlich stark erweichten Stücke
ist 115 mm lang, 41/2 111m dick und besteht aus ungefähr 180 Seg-
menten. Der Habitus der Thiere ähnelt dem von Eudrilus Jullieni
Horst. Sie sind intensiv roth gefärbt. Die Borsten stehen zu vier
engen Paaren in den einzelnen Segmenten, zwei ventralen und zwei
lateralen. Die Segmentalorgan-Oeffnungen sind deutlich erkennbar.
Sie liegen dicht hinter den Intersegmentalfurchen vor den lateralen
Borstenpaaren.
Der Gürtel erstreckt sich über die 5 Segmente 14 bis 18.
Intersegmentalfurchen, Borsten und Segmentalorgan-Oeffnungen sind
in der Gürtelregion unverändert deutlich. Ein Paar grosse, rosetten-
förmige männliche Geschlechtsöffnungen hegen auf der hinteren
Hälfte des 17. Segments, eben unterhalb der lateralen Borstenpaar-
Linien. Ein Paar ziemhch grosse, augenförmige weibliche Geschlechts-
öffnungen hegen auf dem 14. Segment in der Borstenzone, an dem
Platz der unteren Borste der lateralen Paare. Die obere Borste
der lateralen Paare ist vorhanden; auch die Segmentalorgan-Oeff-
nungen des 14. Segments sind von der weiblichen Geschlechtsöffnung
unberührt geblieben.
Der Darm bildet im Vorderkörper einen kräftigen Muskelmagen
und trägt im 10. und 11. Segment je eine ventrale Chylustasche in
der Art wie E. sylvicola Bedd. und andere Eudriliden.
Die vorderen Enden der Samenleiter erweitern sich im 10. und
11. Segment zu grossen, elHpsoidischen , stark glänzenden Eiweiss-
kapseln und biegen sich dann, nachdem sie sich wieder verengt
haben, in die Segmente 11 und 12 zurück. Daselbst treten sie in
zwei Paar grosse Samensäcke ein und erweitern sich innerhalb
derselben zu grossen Samentrichtern. Der distale Theil des männ-
lichen Geschlechtsapparates gleicht dem von E. perigrinus. Zwei
schlauchförmige, muskulös-glänzende Prostatadrüsen münden mit ver-
engtem Stiel in je eine blasige Bursa ein, durch deren Wandung
man einen darin verborgenen Penis hindurchschimmern sieht. In
diese Bursa münden ausserdem noch zwei keulenförmige, verschieden
lange, fest aneinander gelegte Divertikel mit gemeinschaftHchem
Stiel ein.
Der weibHche Geschlechtsapparat ist folgendermassen gestaltet:
Durch die Oeffnungen im 14. Segment gelangt man in die Samen-
taschen, dicke, muskulöse Schläuche, die anfangs quer verlaufen
(Fig. 10 bs.), sich dann aber nach hinten umwenden und in lange,
schlanke, sackförmige, dünnwandige Taschen (Fig. 10 st.) übergehen.
In den muskulösen Ausführungsgang jeder Samentasche mündet
ein kugeliger Divertikel (Fig. 10 dv.) ein. Das Lumen des Diver-
') E. Perrier: Rechercbes pour servir h l'histoire des Lombricieus terrestres
(Nouv. Arcli. Mus. T. VIII, 1872).
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. II. 225
tikels ist durch vielfache, unregelmässige Faltenbildung der Wandung
in zahlreiche Kammern getheilt. Die Verbindung zwischen dem
Divertikel und der Samentasche geschieht durch einen sehr engen,
kurzen Stiel. Diesem Divertikel gegenüber mündet ferner noch ein
vielfach geschlängelter, knäulförmig zusammen gelegter, muskulöser
Kanal in den Ausführungsgang der Samentasche ein. Dieser Kanal
geht am anderen Ende in ein kugeliges Receptaculum ovorum
(Fig. 10, ro.) über. Hinter dem Dissepiment 12/13 liegt jederseits
ein Ovarium (Fig. 10, ov.) eingeschlossen in eine Ovarialblase , die
nach hinten zu in einen engen, dünnwandigen Ovarialkanal (Fig. 10, ok.)
übergeht. Dieser Ovarialkanal mündet dicht hinter der knieförmigen
Biegung, in den sackförmigen Theil der Samentasche ein.
Es ist mir zweifelhaft, ob E. roseus mit dem E. perigrinus Perr.
zu identificiren ist. Die Angaben Perriers über seine Art Hessen
sich schon mit meinen Befunden an den vorliegenden Exemplaren
vereinigen; doch besitzen die letzteren weitere Charaktere, von denen
ich annehme, dass Perrier sie nicht übersehen konnte. Ich denke
hierbei an die ventralen Chylustaschen und besonders an die vier
grossen Eiweisskapseln in den Segmenten 10 und 11, die wegen
ihres Glanzes sofort in die Augen fallen und selbst, durch die Haut
hindurchschimmernd, äusserlich erkennbar sind.
Fundnotiz: Venezuela, Caracas; No. 2162. Gollmer rp.
Benhamia Bolayi Mich.»)
Der äussere Habitus der vorliegenden Stücke (unter denen 2
geschlechtsreif) Hess nicht vermuthen, dass sie jener Art angehören,
die ich nach zahlreichen in Deutschland (Bergedorf, Gerberlohe) ein-
geschleppten Thieren feststellen konnte. Die venezuelanischen Stücke
waren in Folge färb stoff haltigen Alkohols und auch wohl in Folge
Alters (sie sind im Jahre 1854 gesammelt worden) dunkelbraun ge-
färbt. Erst die Uebereinstimmung im inneren Bau sowie in der Ge-
stalt der zweierlei Penialborsten- Formen ergab die Zusammenge-
hörigkeit. Die bei den deutschen Stücken gefundene Umwallung
des Geschlechtsfeldes am 17 — 19. Segment war bei den exotischen
Exemplaren nicht erkennbar. Auch die Eileiter-Oeftnung war un-
sichtbar; die Untersuchung an einer Schnittserie zeigte jedoch, dass
dieselbe in Uebereinstimmung mit den früher untersuchten Thieren
ventral-median auf dem 14. Segment liegt (Wesentliches Unterschei-
dungsmal zwischen dieser Art und der nahe verwandten B. mexicana
Rosa 3)). Zu bemerken ist noch Folgendes: Die einzige untersuchte
Penialborste erster Form besitzt unter dem hakenförmig gebogenen
äusseren Ende nur 4 Nebenspitzen, während ich bei den Bergedorfer
Stücken 6 — 8 fand. Ferner erkannte ich bei dem untersuchten
venezuelanischen Stück, dass jede der beiden verschiedenen Penial-
borsten-Formen ihren eigenen Borstensack besitzt; doch sind diese
^) Michaelsen: Oligochaeten des Natiirhistorischen Museums in Hamburg,
IV. (Jahrb. Hamb. wiss. Anst, VIII).
Arch f. Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd. I. H. 3. 15
226 Dr. W. Michaelsen:
beiden Borstensäcke an ihrer Basis (der Austrittsstelle der Borsten)
verwachsen. Ich halte es für möglich, dass der Grad der Ver-
wachsung individuell ist.
Fundnotiz: Venezuela, Carracas; nur unter Kehricht der fila
(? ?) von Galipan; von sehr reizbarer Natur; No. 2142, Gollmer
(No. 83) rp. 25. VI. 54.
Acanthodrilüs Spegazzinii Rosa.
Fundnotiz: Porto Alegre; No. 2143, Hensel rp.
Acanthodrilüs sp. (Spegazzinii Rosa?)
Fundnotiz: Sta. Cruz.; No. 450, Hensel rp.
Acanthodrilüs platurns nov. spec.
(Fig. 11 u. 12).
Die Berliner Sammlung besitzt ein einziges, sehr stark erweichtes
Exemplar dieser Art. Dasselbe ist ungefähr 180 mm lang (in Folge
der Erweichung gestreckt), bis 7 mm dick und besteht aus annähernd
150 Segmenten. (Die Segmentzahl konnte in beträchtlicher Länge
des Körpers nur geschätzt werden). Das Aussehen des Körpers ist
(auch nach Ablösung der Cuticula) ein stark glänzendes Bronce-
braun. Der dunkle Farbenton mag durch den schlechtgewordenen
Alkohol hervorgerufen sein; er durchzieht den ganzen Körper. Die
Kopflappenform war nicht mehr erkennbar. Der Hinterkörper ist
stark abgeplattet, ungefähr wie bei Lumbricus herculeus Sav. Die
Borstenstellung ist am Vorderkörper eine andere als am Hinter-
körper. Vorne stehen die Borsten in 4 ziemlich engen Paaren, 2
lateralen und 2 ventralen. In den ersten Segmenten sind die ven-
tralen Paare etwas weniger eng als die lateralen; gegen die männ-
lichen Geschlechtsöffnungen verengen sie sich jedoch. Die ventral-
mediane Borstendistanz ist vorne etwas kleiner als die laterale
(I — I •< II — III). Am Hinterkörper stehen die zu einem Paar ge-
hörenden Borsten ziemlich fern von einander; zugleich hat sich hier
die dorsal -mediane Borstendistanz verringert. Die Entfernungen
zwischen den 4 Paaren eines Segments sind mit Ausnahme der wenig
grösseren dosal-medianen gleich gross, nicht ganz 2 mal so gross,
wie die Entfernung zweier Borsten eines Paares von einander.
(I— I = n— HI = 1V4 i-ii = 1V4 in-iv; IV— IV =: 21/2 III— IV).
Rückenporen waren nicht erkennbar, wohl aber Segmentalorgan-
Oeffnungen. Dieselben liegen in den Linien der unteren Borsten
der lateralen Paare (III), dicht hinter den Intersegmentalfurchen.
Die ersten liegen hinter der Intersegmentalfurche 2/3.
Der Gürtel ist stark erhaben und lässt die Intersegmental-
furchen nur schwach erkennen. Er ist sattelförmig und lässt die
ventral-mediane Körperpartie frei. Er erstreckt sich von der Mitte
des 13. Segments bis an das Ende des 17. Zwei Paar Prostata-
drüsen-Oeffnungen liegen auf den Segmenten 17 und 19 in den
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 11. 227
Linien der ventralen Borstenpaare, auf kreisförmigen Tuberkeln. Je
eine scharfe, auf einem breiten Drüsenwall verlaufende Längsfurche
verbindet zwei in einer Längslinie liegende Oeffnungen. Dort wo
diese beiden Längsfurchen die Mittelzone des 18. Segments schneiden,
liegen die Samenleiter-Oeffnungen, als kleine aber deutliche Gruben
erkennbar. Auf dem 20. Segment scheint in den Linien der ven-
tralen Borstenpaare ein Paar Papillen zu liegen. Zwei Paar Samen-
taschen-Oeflfnungen liegen auf den Litersegmentalfurchen 7/8 und
8/9, in den Linien der ventralen Borstenpaare.
Der Oesophagus trägt vorne einen grossen dorsalen Schlund-
kopf Durch die Segmente 5 bis 7 erstreckt sich ein grosser, kräf-
tiger Muskelmagen. Kalkdrüsen waren nicht auffindbar. Jedes
Segment schien nur ein einziges Paar grosse Segmentalorgane zu
besitzen.
Im 11. Segment liegt ein einziges Paar grosse, stark zerschlitzte
Samentrichter. Ebenfalls im 11. Segment (?) legt sich ein Paar
grosse, locker-traubige Samensäcke um den Darm herum. Die im
17. und 19. Segment ausmündenden Prostatadrüsen sind gross,
schlauchförmig, zu Knäulen zusammen geballt. (Sie besitzen keine
muskulösen Ausführungsgänge?) Jede Prostatadrüse ist mit einem
Penialborstensack ausgestattet, deren jeder mehrere (mindestens 3)
Penialborsten enthält. Die Penialborsten (Fig. 11) sind ziemlich
gross, ungefähr 2V2 Dana lang und 0,06 mm dick, hornig-braungelb,
irisierend. Ihr äusseres Ende ist in weitem Kreise zurück-, die
äusserste Spitze wieder vor-gebogen. Das gebogene Ende ist ver-
breitert; an der durch die Konkavität der grossen Krümmung mar-
kierten Seite ausgekehlt (im Querschnitt Viertelmond-förmig) und
trägt an der anderen, der konvexen Seite, zahlreiche, unregelmässige
Querreihen ziemlich grober, nach der Spitze hingewendeter Zähne.
Die Samentaschen (Fig. 12) sind verhältnissmässig gross, in der
Länge von zwei Segmenten platt an die Körperwandt angelegt. Sie
bestehen aus einem sack- oder birnförmigen Haupttheil und einem
Basaltheil, der die Gestalt einer plattgedrückten Kugel besitzt.
Divertikel sind nicht vorhanden; sie werden wohl durch die eigen-
artige Wucherung des Basaltheiles ersetzt.
Fundnotiz: Chile; No. 199, Philippi rp.
Perichaeta pallida nov. spec.
Die Untersuchung der vorliegenden Exemplare ergab, dass diese
Art in manchen Punkten ziemlich stark variirt, und zwar in solchem
Grade, dass ich ursprünglich glaubte, zwei verschiedene Arten vor
mir zu haben. Das grösste Exemplar ist 125 mm lang, ungefähr
5 mm dick und besteht aus etwa 95 Segmenten. Die Färbung ist
im Allgemeinen blassgelb ; gegen den Rücken geht sie in ein blasses
Braun über. Der Kopflappen ist nicht kenntlich. Die Borstenzonen
sind mehr oder weniger stark erhaben, besonders stark am Hinter-
körper. Die Borsten bilden im Allgemeinen ununterbrochene Ringe ;
15*
228 Dr. W. Michaelsen.
mir am Vorderkörper ist die dorsalmediane Borstendistanz grösser
als die übrigen. Die Zahl der Borsten schwankt am Mittelkörper
zwischen 52 und 59; gegen die Körperenden verringert sich ihre
Zahl ziemlich stark. Rückenporen waren nicht mit Sicherheit nach-
zuweisen.
Der Gürtel ist ringförmig. Er nimmt das 15. Segment und
mehr oder weniger grosse Partien des 14. und 16. Segments (selten
diese letzteren ganz) in Anspruch. Intersegmentalfurchen und Borsten
sind in der Gürtelregion kaum kenntlich. Zwei männliche Geschlechts-
öffnungen liegen auf schwach erhabenen Tuberkeln in der Borsten-
zone des 18. Segments, ziemlich weit von einander an den Grenzen
zwischen den lateralen und der ventralen Körperpartie. Eine
einzige Eileiter-Oeffnung hegt ventralmedian auf der Borstenzone des
14. Segments. Zwei oder drei Paar Samentaschen - Oeffnungen
(äusserlich kaum erkennbar) liegen seitlich auf den Intersegmental-
furchen 5/6 und 6/7 oder 5/6, 6/7 und 7/8.
P. pallida ist mit sehr kleinen, der Anzahl und Stellung nach
stark variirenden Pubertcäts - Papillen ausgestattet. Eine Anzahl
(2, 3 oder 4) solcher Papillen umsteht jede der beiden männlichen
Geschlechtsöffuungen. Ausser diesen fand ich bei einem Exemplar
noch ein Paar dicht hinter der Intersegmentalfurche 18/19, hart an
einander und an der ventralen Medianlinie, sowie zwei weitere Paare
auf dem 7. Segment verschieden weit von der ventralen Medianlinie
entfernt. Bei anderen Exemplaren fanden sich ausser jenen Papillen
in der Nähe der männlichen Geschlechtsöffnnng noch Papillen, oder
Papillen-Gruppen (bis 3) auf den Intersegmentalfurchen 5/6 und 6/7
oder 7/8.
Der Darm trägt vorne einen drüsig -muskulösen Schlundkopf
und im 9. Segment einen grossen, kräftigen Muskelmageu. Der
darauf folgende Oesophagus ist stark faltig und von einem reichen
Blutsinus umspült. Am Ende des 13. Segments verengt sich der
enge Oesophagus bei gleichzeitigem, fast vollkommenen Wegfall des
Darmblutsinus noch mehr, um sich dann plötzlich zum umfang-
reichen, dünnwandigen Magendarm zu erweitern. Zwei dünne Blind-
säcke hängen seithch am Magendarm; sie ragen vom 26. Segment
bis zum 24. nach vorne. Herzförmig erweiterte Seitengefässe finden
sich in den Segmenten 11, 12 und 13. In den vorhergehenden
Segmenten finden sich engere Seitengefässe. Die Segmentalorgane
bilden einen zottigen Besatz an der Innenseite der Körperwand.
In den Segmenten 10 und 11 liegen vor den Hinterwänden je
zwei kugelige Samenblasen, die sowohl Hoden wie Samentrichter in
sich einschliessen. Da die Samenblasen nicht bis an die Vorder-
wände der betreffenden Segmente hinanreichen, so sind die Hoden
ziemlich weit von ihrer Bildungsstätte abgerückt, aber durch breite
Ligamente mit ihr verbunden. Die Samenblasen stehen mit je
einem Samensack in dem folgenden Segment (je ein Paar in Seg-
ment 11 und 12) in Verbindung. Die Prostatadrüsen sind stark
entwickelt. Sie bestehen aus vielfach zerschlitzten Drüsenmassen
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. II. 229
und einem verhältnissmässig kurzen, meistens nur wenig gebogenen
muskulösen Ausfdhrungsgang. Die Drüsenmassen legen sich in der
Länge mehrerer Segmente (bei einigen vom 16. bis zum 22.) an die
seitlichen Partien der Körperwand an. Bei einigen Stücken um-
stehen wenige, kleine, lappenförmige Nebendrüsen die Basis des Aus-
führungsganges.
Zwei grosse, büschelige Ovarien ragen vom Dissepiment 12/13
in das 13. Segment hinein. Ihnen gegenüber, vor dem Dissepiment
13/14 liegen zwei grosse Eitrichter rechts und links neben dem
Bauchstrang. Die Eileiter münden durch die oben erwähnte ge-
meinsame, ventralmediane Oefifnung in der Borstenzone des 14. Seg-
ments aus.
P. pallida besitzt zwei oder drei Paar Samentaschen in den
Segmenten 6 und 7 oder dazu auch noch in Segment 8. Sie bestehen
aus einem dünnwandigen, von einer granulirten Substanz erfüllten
Sack und einem engen, stielförmigen muskulösen Ausführungsgang,
in dessen Basis ein langer, schlanker, schlauchförmiger, häufig am
blinden Ende knopfförmig angeschwollener Divertikel einmündet.
Fundnotiz: Porto Alegre; No. 441, Dr. Hensel rp.
Australien und Polynesien.
Allolobophora piitris Hofi'm. forma arborea Eisen.
Fundnotiz: Sandwich Ins.; No. 838, Finsch rp.
Perichaeta Stirlingii Fletcher.
Nach dem vorliegenden, 280 mm langen Exemplar kann ich die
jüngere Notiz Fletchers^) betreffend die ventralmediane Verschmelzung
der Eüeiter-Oeffnungen bestätigen.
Fundnotiz: Adelaide; No. 352, Schomburgk rp.
Perichaeta neoguinensis nov. spec.
(Fig. 13).
Diese Art liegt in drei Exemplaren vor. Die beiden grösseren
haben folgende Dimensionen: Länge 140 und 150 mm, Dicke
9 und 8 mm, Segmentzahl 118 und 94. Die Thiere sind gelb bis
braungelb gefärbt; der Gürtel ist braun. Die Borstenzonen sind am
Vorderkörper schwach, am Hinterkörper stark kielförmig erhaben.
Die Borsten bilden geschlossene Ringe. Das Maximum der Borsten-
zahl fand ich am 8. Segment. An diesem zählte ich 85 Borsten;
am 11. zählte ich 80, am 19. nur noch 65. Der erste Rückenporus
liegt auf der Intersegmentalfurche 12/13.
') Fletcher: Notes on Australien Earthworms , P. VI (Proc. Linn. Soc.
N. S. Wales V. IV pag. 1017).
230 Dr. W. Michaelsen.
Ein ringförmiger Gürtel erstreckt sich über die Segmente 14,
15 imd 16. Zwei männliche Geschlechtsöffnungen liegen auf schwach
erhabenen Papillen in der Borstenzone des 18. Segments, nicht sehr
weit von einander entfernt an der Bauchseite. Zwischen ihnen zählte
ich nur 9 Borsten. Eine einzige Eileiter-Oefihung liegt ventral-
median in der Borstenzone des 14. Segments. Vier Paar punkt-
förmige Samentaschen-Oeffnungen finden sich auf den Intersegmental-
furchen 5/6, 6/7, 7/8 und 8/9. Die Samentaschen-Oeffnungen sind
einander sehr nahe gerückt. Die queren Entfernungen zwischen je
zwei neben einander liegenden sind weit kleiner als die Entfernungen
zwischen je zwei hinter einander Hegenden.
Die Dissepimente 5/6, 6/7, 7/8, 10/11 und 11/12 sind verdickt.
Das Dissepiment 8/9 ist dünne; das Dissepiment 9/10 fehlt. Ein
kräftiger Muskelmagen liegt in den Segmenten 9 und 10. Der weite
Magendarm beginnt mit dem 15. Segment. Blinddärme scheinen
nicht vorhanden zu sein. Herzartig erweiterte Blutgefässe finden
sich in den Segmenten 11, 12 und 13.
Ein einziges (?) Paar Samensäcke liegt im 12. Segment. Sie
bestehen aus einer grossen, kompakten Masse, die unten einen kleinen,
helleren Auswuchs (Samenblase?) trägt. Die Prostatadrüsen sind
scheibenförmig bis plattgedrückt -herzförmig, kompakt, mit nur
schwachen Einkerbungen am Rande. Sie ragen kaum über die
Grenzen des 18. Segments hinüber. Ihr muskulöser Ausführungs-
gang ist kurz, wenig gebogen.
Vier Paar Samentaschen liegen in den Segmenten 6, 7, 8 und
9 und münden am Vorderrande derselben aus. Die Samentaschen
(Fig. 13) sind birnförmig, ohne scharf abgesetzten Ausführungsgang
und tragen an ihrer Basis einen kleinen, sitzenden, blasenförmigen
Divertikel.
Fundnotiz: Neu-Guinea; No, 2123, Finsch rp.
Asien.
Allolobophora foetida Sav.
Fundnotiz: Japan; No. 2121, Hilgendorf rp.
Allolobophora trapezoides Dug.
Fundnotiz: Sinai; No. 2132, Ehrenberg rp.
Japan; No. 2119, Hilgendorf rp.
Allolobophora japonica Mich.
Ich konnte Exemplare dieser Art von zwei Fundorten unter-
suchen. In dem Habitus der Thiere von den verschiedenen Fund-
orten besteht eine auffallende Verschiedenheit. Die von Enosima
stammenden Stücke sind klein, höchstens 42 mm lang und 2V2 bis
3 mm dick. Die Segmentalzahl schwankt bei ihnen zwischen 96 und
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 11. 231
126. Dabei sind sie fast farblos. Die Stücke von Hakodate da-
gegen sind gilt mittelgross. Das Maximum ist 130 mm Länge,
5 72 Dim Dicke und eine Zahl von 155 Segmenten. Sie sind ziem-
lich dunkel, röthlich gefärbt. Da die grossen Exemplare sämmtlich
so schlecht konserviert sind, dass eine anatomische Untersuchung
wenig Aussicht auf Erfolg bot, so hielt ich mich zwecks Klarlegung
der inneren Organisation ausschHesslich an die vorzüglich konser-
vierten kleinen Stücke von Enosima.
Der Kopflappen ist klein und treibt einen dorsalen Fortsatz
nicht ganz bis zur Mitte des Kopfringes nach hinten. Der Körper
ist annähernd drehrund. Die Borsten stehen zu 4 engen Paaren in
den einzelnen Segmenten, zwei lateralen und zwei ventralen. Die
Entfernungen zwischen den Borstenpaaren eines Segments sind un-
gefähr gleich gross. Die dorsal-mediane Borstendistanz ist circa
gleich dem halben Körperumfang. Die Borsten des Hinterkörpers
sind etwas grösser als die des Vorderkörpers. Der erste Rücken-
porus liegt auf der Intersegmen talfurche 4/5.
Der Gürtel ist drüsig erhaben, sattelförmig. Er erstreckt sich
über die 7 Segmente 24 bis 31. Die Borsten und Intersegmental-
furchen sind in der Gürtelregion häufig erkennbar, die Rückenpooren
dagegen nie. Zwei Paar Tubercula pubertatis liegen auf den Seg-
menten 27 und 29, oberhalb der ventralen BorstenpaarHnien. Sie
sind warzenförmig erhaben. Oberhalb der Tubercula pubertatis,
unterhalb der lateralen BorstenpaarHnien, findet sich jederseits ein
dunkel-glasig aussehender Längsstreifen. Die männlichen Geschlechts-
öfihungen auf dem 15. Segment sind klein, kaum erkennbar, von
schwachen Drüsenhöfen umgeben. 2 Paar Geschlechtspapillen liegen
auf den Segmenten 22 und 25, die ersteren in den Linien der ven-
tralen Borstenpaare, die des 25. Segments häufig etwas weiter nach
oben gerückt, fast in der Linie der Tubercula pubertatis. Zuerst
glaubte ich deshalb, dass dieser Wurm 3 Paar Tubercula pubertatis
besässe.
Zwei Paar Hoden liegen vorne in den Segmenten 10 und 11,
ihnen gegenüber zwei Paar freie Samentrichter. Vier Paar Samen-
säcke nehmen die 5 Segmente 9 bis 13 in Anspruch. Die des 9. Seg-
ments sind klein und ragen von der Hinterwand nach vorne vor.
Sie liegen oberhalb der beiden diesem Segmente angehörenden
Samentaschen, Auch die Samensäcke des 10. Segments sind klein.
Sie hängen am Dissepiment 10/11 und nehmen den Raum zwischen
den (nach oben gerichteten) Samentaschen des 10. Segments ein.
Die beiden Samensäcke des 11. Segments sind gross und an der
Vorderwand (Dissepiment 10/11) befestigt. Die Samensäcke des
vierten Paares sind sehr gross. Sie nehmen die beiden Segmente
12 und 13 ein. Sie hängen am Dissepiment 11/12. Das Dissepiment
12/13 ist nur halb ausgebildet. Die dorsale Hälfte ist geschwunden.
Die übrig bleibende ventrale Hälfte verursacht einen tiefen Einschnitt
in die beiden umfangreichen Samensäcke des vierten Paares.
232 I^i'- W. Michaelsen.
Ovarien und Eileiter sind vollkommen normal ausgebildet. Zwei
Paar Samentaschen liegen in den Segmenten 9 und 10, an die
Hinterwände ihrer Segmente angelehnt. Sie münden auf den Inter-
segmentalfurchen 9/10 und 10/11 in den Linien der lateralen Borsten-
paare aus. Die beiden Samentaschen des 9. Segments hängen nach
unten in die lateral - ventralen Partien der Leibeshöhle hinein. Die
beiden Samentaschen des 10. Segments dagegen ragen nach oben in
die dorsalen Partien der Leibeshöhle hinauf. Die beiden ersten
liegen unter, die beiden letzten seitHch neben den Samensäcken des
betreffenden Segments.
Fundnotizen: Japan, Enosima; No. 2117. — Hilgendorf rp.
29, III, 1875.
Japan, Hakodate; No. 2115. — Japanische Abt, d. Fischerei-
Ausstellung; Spec. Kat. No. 469.
Moniligaster japonicus nov. spec.
Diese Art ist durch ein geschlechtsreifes und ein unreifes
Exemplar vertreten. Das geschlechtsreife ist 28 mm lang, 3 mm
dick uud besteht aus 95 Segmenten. Das Hinterende des Thieres
(in der Länge von 25 Segmenten) ist regeneriert; es muss also die
normale Länge des Tieres etwas gTÖsser angenommen werden.
Jedenfalls ist M. japonicus eine sehr kleine Form dieser Gattung.
Die Farbe der konservierten Thiere ist ein gleichmässiges Grau.
Der Kopflappen ist klein. Die Borsten stehen in vier engen Paaren
per Segment, zwei ventralen und zwei lateralen. Die Entfernungen
zwischen den Paaren eines Segments sind annähernd gleich gross.
Rückenporen sind nicht erkannt worden.
Ein Gürtel ist nicht vorhanden. Ein Paar männliche Geschlechts-
öffnungen hegen auf der Intersegmentalfurche 10/11, auf kleinen
Tuberkeln, die sich über die Intersegmentalfurche 10/11 hinweg auf
das 11. Segment hinüberneigen. Vor diesen Tuberkeln liegt auf
dem 10. Segment je ein querer Schlitz (Hautfalte?). Weitere Ge-
schlechtscharaktere sind äusserlich nicht erkennbar.
Der Oesophagus bildet sich in den Segmenten 12 und 13 zu je
einem grossen, kugeligen Muskelmagen um. Die Wandung des
Oesophagus in den Segmenten 15—18 (?) ist vielfach gefaltet und
von einem reichen Blutsinus umspült. In dem Lumen der Falten
erkannte ich körnige Massen, die wohl als Kalkkonkremente an-
gesehen werden müssen. M. japonicus ist meganephridisch.
In der Bildung der Geschlechtsorgane ähnelt M. japonicus dem
Desmogaster Doriae Rosa^^); doch sind die männlichen Geschlechts-
organe nur in je einem einzigen Paar ausgebildet. Ueber eine
etwaige Dissepimentverschiebung, wie sie Rosa bei jenem Monili-
gastriden feststellen konnte, kann ich nichts aussagen, da die
lateralen und dorsalen Verbindungen zwischen den Dissepimenten
'") Rosa: Viaggio di L. Fea in Birinania II. Moniligastridae etc. (Ann.
Mus. civ. Genova Vol. IX, 1890).
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. li. 233
und dem Leibesschlauch unkenntlich wurden. Ich orientierte mich
in Betreff der Nummerierung der Segmente nach der Ausmündungs-
stelle der Prostatadrüsen.
Am Dissepiment 9/10 finden sich oberhalb des Darmes zwei
kugehge Samenblasen. Der grössere Theil dieser Samenblasen liegt
im 10. Segment; ein kleinerer Theil ragt in das 9, Segment hinein.
Sie sind von Samenmassen verschiedener - Entwicklungsstufe erfüllt.
Ein büscheliger Ho de ragt von der Wandung in das Lumen der
Samenblase hinein. Hart neben diesem Hoden erkennt man den
Samentrichter, eine mit Flimmercilien besetzte, in das Lumen der
Samenblase hineinragende Falte. Die Ränder des Samentrichters
sind mit der Wandung der Samenblase verwachsen. Der Samen-
trichter geht in einen zu engen Windungen zusammengelegten
Samenleiter über, der sich an der Vorderseite des Dissepiments 9/10
hinzieht. Weiter habe ich ihn nicht verfolgen können. Zweifellos
verläuft er ähnhch wie bei Desmogaster Doriae, Zugleich mit dem
Samenleiter tritt ein Blutgefäss in die Samenblase ein, und zer-
theilt sich innerhalb derselben zu einem zarten Blutgefäss -Netz.
Die Prostatadrüsen sind dick schlauchförmig. Sie setzen sich aus
einer inneren Cylinder-Epithelschicht, und der auf dieser basierenden
Drüsenschicht zusammen. Eine Bekleidung der Drüsenschicht mit
einem feinen Peritonealhäutchen konnte ich nicht nachweisen.
Die Ovarien sind stark entwickelt; sie bilden einen hohen,
büscheligen oder zottigen Besatzt, der vom Dissepiment 10/11 in
das 11. Segment hineinragt. Nur oberhalb des Darmes zeigt dieser
Ovarialbesatz eine Lücke. Den Ovarien gegenüber eröffnen sich
zwei Eiersäcke in das 11. Segment. Diese Eiersäcke, deren Mündung
sehr weit und schon bei schwacher Lupenvergi'össerung deutlich zu
erkennen ist, erstrecken sich durch mehrere Segmente hindurch
nach hinten (bis in das 1(5. Segment hinein?). Sie sind unregel-
mässig verdickt und gekrümmt und ganz von Eimassen erfüllt.
Eileiter habe ich leider nicht erkennen können.
Ich konnte nur eine einzige Samentasche erkennen und zwar
linkerseits. Eine entsprechende der rechten Seite scheint noch nicht
entwickelt zu sein. Die Samentasche ist kugehg, ungestielt, sitzend.
Sie liegt in der ventralen Borstenpaarlinie der linken Seite, auf der
Intersegmentalfurche 9/10.
Fundnotiz: Japan; No. 2122. Hilgendorf rp.
Perichaeta pnlchra nov. spec.
(Fig. 14.)
Ich konnte ein einziges, nicht vollkommen geschlechtsreifes
Stück dieser Art untersuchen. Dasselbe ist 150 mm lang, ungefähr
6 mm dick und besteht aus 113 Segmenten. Der Kopf läppen ist
klein, unregelmässig gestaltet und besitzt keinen deutlich erkenn-
baren dorsalen Fortsatz. Die Borstenzonen sind bei dem vorliegen-
den Stück kaum erhaben. P. pulchra ist durch eine ^hübsche
234 Dr- W, Michaelsen.
Zeichnung charakterisirt. Dieselbe besteht im Allgemeinen aus
weissen, die Borstenringe tragenden Mittelzonen und purpurnen oder
violetten Intersegmentalzonen. Am Vorderkörper mit Ausnahme der
drei ersten Segmente ändert sich dieses Muster ab: Die weissen
Borstenzonen verbreiten sich gegen die Ventralseite so stark, dass
sie zusammenfiiessen und das Pigment hier ganz verdrängen. Das
letztere dagegen wuchert dafür um so stärker an der Dorsalseite;
die weissen Borstenzonen werden hier schmäler und lösen sich
schliesslich in eine Reihe kleiner, kreisrunder Flecken auf. Im
Zentrum eines jeden derselben steht eine Borste. Diese Zeichnung
geht sowohl nach vorne wie nach hinten allmählich in die oben
geschilderte normale Ringel-Zeichnung über. Die Borsten bilden im
Allgemeinen geschlossene Ringe, doch kann in einigen Segmenten
besonders des Vorderkörpers durch Ausfall einer oder zweier der
dorsalen Medianlinie zunächst stehender Borsten eine Unterbrechung
hervorgerufen werden. Da zugleich auch die weissen Flecke weg-
fallen, so darf dieser Ausfall nicht als eine Folge der Erweichung
des Thieres angesehen werden. An der Ventralseite stehen die
Borsten viel dichter als an der Dorsalseite. Am 21. Segment zählte
ich 62 Borsten. Der erste Rückenporus liegt auf der Intersegmental-
furche 12/13.
Ein Gürtel ist nicht ausgebildet. Zwei männliche Geschlechts-
öffnungen liegen an der Bauchseite auf dem 18. Segment. Zwicshen
ihnen stehen bei dem untersuchten Exemplar 16 Borsten; ihre
Mitte Hegt ungefähr in der 11. Borstenhnie (von der ventralen
Medianlinie an gerechnet). Sie sind von einem kreisrunden, grauen
Hof umgeben ; ihr Rand ist eingekerbt. Eine unpaarige, quer-ovale
Eileiter- Oeffnung liegt ventralmedian auf der Borstenzone des
14. Segments, Ein Paar Sam entasch en-Oeffnungen liegen auf der
Intersegmentalfurche 7/8.
Die Dissepimente 4/5 bis 6/7 und 10/11 bis 12/13 sind ver-
dickt, das erste derselben jedoch nur wenig. Der Darm bildet sich
in den Segmenten 8, 9, 10 (?) zu einem kräftigen Muskelmagen um.
Vom 26. (?) Segment ragen 2 Blindsäcke seitlich vom Darm ab
durch mehrere Segmente nach vorne. Ihre Gestalt ist charak-
teristisch; sie scheinen einen Uebergang von den einfachen Blind-
därmen zu den mehrfachen, wie sie z. B. bei P. Siboldii gefunden
werden, zu repräsentiren. Sie sind gegen das blinde, vordere Ende
hin gleichmässig verjüngt. Ihr oberer Rand ist glatt; ihr unterer
Rand zeigt jedoch an der hinteren, breitereu Hälfte fünf bis sechs
unregelmässige Einkerbungen. Erweiterte Gefässschlingen finden sich
in den Segmenten 10 — 13.
Zwei Paar ziemlich grosse Samenblasen liegen in den Segmenten
10 und 11. Sie kommuniciren mit zwei Paar Samensäcken in den
Segmenten 11 und 12. Die Prostatadrüsen sind eigenartig gestaltet:
Sie sind sehr kompakt, dicknierenförmig mit höchstens zwei, ziem-
lich weit umfassenden, aber scheinbar nur wenig tiefen Einkerbungen
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. II, 235
versehen. Sie sitzen ohne erkennbaren Ausfiihrungsgang fest auf
je einem grossen, blasigen, muskulösen Bulbus.
Im 8. Segment liegen zwei Kugel- bis Birn-förmige Samen-
taschen mit kurzem, dicken muskulösen Ausführungsgang und einem
keulenförmigen Divertikel, der nicht die Länge der Haupttasche
erreicht (Fig. 14).
Fundnotiz: Luzon, Daraga; No. 2135. Jagor (No. 784) rp.
Pericliaeta Schmardae Horst.
Diese Art ist in der Berliner Sammlung durch 6 Exemplare
vertreten. Die charakteristische Bildung der Samensäcke und der
Samentaschen macht diese Art leicht kennthch.
Die Horst' sehe Beschreibung ist noch durch folgende Notizen
zu vervollständigen: Der Gürtel ist ringförmig und erstreckt sich
durch die Segmente 14, 15 und 16. Herzartig erweiterte Seiten-
gefässe finden sich in den Segmenten 11, 12 und 13.
Die 4 Samentrichter glaubte ich in den Segmenten 10 und 11
zu erkennen, eingeschlossen in Samenblasen, welche mit den Samen-
säcken in Segment 11 und 12 kommuniziren. Da jedoch das unter-
suchte Exemplar stark erweicht und eine sichere Erkennung dieser
Verhältnisse mir nicht möglieh war, so mag die Angabe Horsts doch
zutreffend sein.
Fundnotiz: Japan; No. 2120. Hilgendorf rp.
Perichaeta Siboldi Horst.
Megascolex Siboldi Horst^i).
Dieser Art ordne ich ein ziemlich grosses, plumpes, nicht voll-
kommen reifes (gürtelloses) Thier zu. Es stimmt insofern nicht mit
der Beschreibung Horst's und Rosa's überein, als die Divertikel der
Samentaschen kurz und grade gestreckt sind. Diese Abweichung
mag durch die Unreife erklärt werden.
Fundnotiz: Japan; No. 2113. Langegg i-p., Hilgendorf leg.
Perichaeta Hilgendorfi nov. spec.
(Fig. 15.)
Das grösste der 7 Exemplare ist 150 mm lang, 6 mm dick und
besteht aus ungefähr 120 Segmenten. Die Färbung ist gelb bis
gelb-braun. Die Borstenzonen sind weiss, schwach kielförmig er-
haben. Der Gürtel ist meistens grau-violett, bei einem Exemplar
aber orange. Die Borsten bilden geschlossene Ringe. Ihre Zahl
steigt bei postclitellialen Segmenten bis über 60. Von der Inter-
segmentalfurche 12/13 an sind Rückenporen vorhanden.
") Horst: New Species of the Genus Megascolex Teniplet. (Perichaeta
Schmd.). (Notes Leiden Mus. Vol. V, 1883; pg. 191.)
236 Dl"- W. Michaelsen.
Der Gürtel ist ringförmig, stark erhaben und erstreckt sicli
über die 3 Segmente 14, 15 und 16. Männliche Geschlechtsöffnungen
sind äusserlich nicht erkennbar. Eine mediane Eileiter-Oeffnung
liegt in der Borstenzone des 14. Segments. In der Zahl der Samen-
taschen-Oeffnungen sowie in der Zahl und Anordnung gewisser in
der Nähe der Samentaschen stehender secundärer Geschlechtsorgane
herrscht eine gewisse Schwankung. Für typisch sehe ich die An-
ordnung an, wie sie sich bei dreien der vorliegenden Exemplare
findet; die von dieser abweichenden Bildungen sind nur in je einem
Exemplar vertreten. Zwei Paar Samentaschen-Oeffnungen liegen auf
den Intersegmentalfurchen 6/7 und 7/8, ungefähr in den 12. Borsten-
linien. Vor der Borstenzone des 8. Segments liegt ein ziemlich
grosses, kreisrundes, etwas dunkleres Feld, welches einen Kranz
dunkler Punkte (Poren) trägt (Exempl. a). Ein andres Exemplar (/9)
zeigt vor der Borstenzone des 8. Segments nur ein schmales, quer-
gestelltes Porenfeld, während ein grosses, kreisrundes vor der Borsten-
zone des 9. Segments liegt. Die übrigen Exemplare besitzen gar
keine Porenfelder; das eine derselben (/) ist in Bezug auf die Samen-
taschen-Oeffnungen normal gebildet. Ein andres Exemplar (c^) hat
3 Paar Samentaschen-Oeffnungen, und zwar auf den Intersegmental-
furchen 5/6, 6/7 und 7/8. Das letzte Exemplar (t) schliesslich nur
eine einzige Samentaschen-Oeffnung auf der Intersegmentalfurche 6/7,
linkerseits (Missbildung).
In der Organisation des Darmes gleicht P. Hilgendorfi der P.
Siboldi Horst. Ein grosser Muskelmagen liegt in den Segmenten 9
und 10. Der erweiterte Magendarm beginnt mit dem 15. Segment
und trägt im 26. jederseits eine kleine, von einem quer gestellten
Wulst entspringende Reihe von Blinddärmen (meistens 6 jederseits).
Die obersten Blinddärme übertreffen die andern bedeutend. Drei
Paar herzartig erweiterte Seitengefässe finden sich in den Segmenten
11, 12 und 13.
Zwei Paar Samensäcke liegen in den Segmenten 11 und 12.
Von Prostatadrüsen war bei keinem der 4 geöffneten Exemplare
eine Spur zu erkennen. Ich muss deshalb annehmen, dass dieselben
bei dieser Art fehlen. Die Samenleiter Hessen sich bis eben hinter
die Gürtelregion verfolgen ; hier verloren sie sich in der Leibeswand.
Die weiblichen Geschlechtsorgane schienen normal ausgebildet
zu sein.
Bei den 3 normalen Exemplaren («) finden sich zwei Paar
Samentaschen in den Segmenten 7 und 8, an deren Vorderrändern
sie ausmünden. Sie sind langgestreckt und bestehen aus einem
sackförmigen Haupttheil und einem langen, ziemlich dünnen, musku-
lösen Ausführungsgang. Jede Samentasche trägt an ihrer Innenseite
einen sie noch überragenden, schlanken, schlauchförmigen Divertikel.
Die innere Hälfte des Divertikels ist etwas verdickt, die ausführende
Hälfte ist muskulös, viel dünner als der Ausführungsgang der Samen-
tasche. Im 8. Segment stehen über dem oben erwähnten ventral-
medianen Porenfelde dicht gedrängt eine Anzahl (bei dem einen
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung-. II. 237
Exemplar 11) eigenartige Organe. Dieselben haben folgende Gestalt:
Auf einem feinen, schlauchförmigen, mehr oder weniger langen Aus-
führungsgang sitzt eine unregelmässig kugelige oder kopfförmige, weisse
Drüse. In der inneren Organisation konnte ich folgende Abweichungen
feststellen: Das Exemplar ß besitzt derartige gestielte Drüsen im
8. und 9. Segment. Ich zählte im Ganzen 26. Die beiden Gruppen
der beiden Segmente Hessen sich nicht von einander trennen, so
stark wucherten sie nach allen Seiten auseinander. Das Exemplar y
entbehrt diese gestielten Drüsen ganz. Ebenso das Exemplar ö,
welches aber mit 3 Paar Samentaschen in den Segmenten 6, 7 und 8
ausgestattet ist. Das letzte Exemplar (f) weicht von den anderen dadurch
ab, dass es nur eine einzige Samentasche besitzt, und zwar links im
7. Segment. Ich halte diese Abweichung für eine Missbildung.
Gestielte Drüsen fanden sich bei diesem letzten Exemplar in zwei
Gruppen von je 3. Diese Gruppen stehen nicht ventralmedian
sondern seitlich im 7. Segment, symmetrisch zu einander. Die Gruppe
der rechten Seite steht isolirt, die der linken steht dicht hinter der
einzigen Samentasche. Ein Porenfeld, das diesen Drüsen entspräche,
ist nicht erkannt worden.
Fundnotizen: Japan, Hakodate; No. 2123, Hilgendorf rp.
(Typische Exempl. a und Exempl. / und d).
Japan; No. 2114, Hilgendorf rp. (Exempl. t).
Japan, Yokohama; No. 2149, v. Martens rp, (Exempl. ß).
Pericliaeta albida nov. spec.
(Fig. 23).
Diese Art ist durch ein 135 mm langes, 5 mm dickes Exemplar
vertreten. Dasselbe setzt sich aus 110 Segmenten zusammen. Die
Haut scheint pigmentlos zu sein, die Färbung ist hell, gelblich-weiss.
Der Kopflappen ist gross, kuppeiförmig und treibt einen breiten,
aber kurzen dorsalen Fortsatz ungefähr bis zu einem Fünftel der
Länge des Kopfringes nach hinten. Der Kopfring ist lang, mit
Längsrunzeln versehen. Die Borsten stehen bis etwa zu 40 an
einem Segment. Die Borstenringe sind ventral-median durch einen
Zwischenraum unterbrochen, der ungefähr dreimal so gross ist wie
eine gewöhnliche Borstendistanz, Dorsal-median sind die Borsten-
ketten nicht deutlich unterbrochen. Die dorsalmediane Borsten-
distanz ist höchstens V2 mal grösser als die übrigen. Der erste
Rückenporus liegt auf der Intersegmentalfurche 5/6.
Der Gürtel ist ringförmig. Er erstreckt sich an der Bauchseite
von der Mitte des 14. Segments bis zur Mitte des 17., an der Rücken-
seite von der Mitte des 13. Segments bis fast zur Mitte des 17,
Zwei männliche Geschlechtsöffnungen liegen auf kleinen Papillen in
der Borstenzone des 18. Segments, an der Bauchseite. Zwischen
ihnen, ventralmedian auf der Borstenzone des 18. Segment glaubte
238 Dl'- W. Micliaelsen.
ich einen kleinen Pubertätstuberkel zu erkennen. Dicht vor der
Borstenzone des 14. Segments findet sich ein winziges, quer-ovales,
ventralmedianes Feld, welches zwei feine, punktförmige Eileiter- Oeff-
nungen trägt. Zwei Paar Samentaschen -Oeffnungen liegen auf den
Intersegmentalfurchen 7/8 und 8/9. Die Segmente 9 und 10 sind
in den Linien der Samentaschen-Oefihungen mit Pubertäts-Tuberkeln
ausgestattet. Ein Paar liegt hinter der Borstenzone des 9. Segments
und ein Doppelpaar liegt vor und hinter der Borstenzone des
10. Segments.
Die Dissepimente 6/7 bis 13/14 sind verdickt. Ein kräftiger
Muskelmagen liegt vor dem Dissepiment 6/7 (?).
Ein Paar kleine, birnförmige Samensäcke ragen von dem
Dissepiment 9/10 in das 9. Segment hinein, ein Paar grosse, ge-
kämmerte Samensäcke ragen vom Dissepiment 11/12 in das 12. Seg-
ment hinein. Die Prostatadrüsen sind zweitheilig und nehmen die
Segmente 18 und 19 ein. Sie münden durch einen kurzen, dicken,
nur wenig gebogenen Ausführungsgang am 18. Segment aus.
Zwei Paar Samentaschen (Fig. 23) liegen in den Segmenten 8
und 9. Sie sind schlank und lang sackförmig und tragen je einen
ebenso gestalteten, aber nur etwa halb so langen und halb so dicken
Divertikel.
P. albida steht der P. tenax Fletcher sehr nahe ; vielleicht muss
sie sogar mit dieser Art vereinigt werden. Als Hauptunterschiede
zwischen beiden Formen ist Folgendes hervorzuheben: P. albida ist
pigmentlos, während P. tenax stark pigmentiert sein soll. P. albida
hat auf dem 9. Segment nur ein einfaches Paar Pubertäts-Tuberkeln,
während P. tenax dort konstant ein Doppelpaar besitzt. Von einer
Dreitheilung der vorderen Segmente ist bei P. albida nichts zu er-
kennen; auch der Kopf läppen scheint anders gebildet zu sein als bei
P. tenax, wenn ich die Beschreibung Fletchers richtig auffasse.
Schliesslich ist bei P. albida auch schon das Dissepiment 6/7 deut-
lich verdickt, also eins mehr als bei P. tenax.
Fundnotiz: Angeblich von Marquesas de Mendoza; No. 1942.
Putze vend.
Perichaeta musica Horst.
Megascolex musicus Horst i*^).
Dieser Art ordne ich ein halb maceriertes, unvollständiges Riesen-
Exemplar von Java zu. Dasselbe stimmte in allen erkennbaren
Punkten mit Horsts Beschreibung überein. Von den 4 Samentaschen
sind entweder 3 in Auflösung übergegangen oder überhaupt nicht
entwickelt gewesen. Nur eine war normal gebildet. An Stelle der
3 übrigen fanden sich nur die charakteristisch gestalteten Divertikel.
Fundnotiz: Oewan, Bantam, Java: No. 919.
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. II. 239
Pericliaeta longa nov. spec.
(Fig. 16).
Ich konnte ein 370 mm langes und 10 mm dickes Exemplar
untersuchen. Die Segmentalzahl beträgt ungefähr 132. Das Thier
zeigt eine gelbliche Färbung. Die Borsten bilden geschlossene Ringe.
Ich zählte am 20. Segment deren 60. Rückenporen konnte ich vom
Dissepiment 13/14 an erkennen.
Ein ringförmiger Gürtel erstreckt sich über die Segmente 14,
15 und 16. Zwei männliche Geschlechtsöffnungen liegen in der
Borstenzone des 18. Segments an der Bauchseite. Zwischen ihnen
zählte ich 16 Borsten. Sie erscheinen als Löcher mit gekerbtem
Rande, in der Mitte von kreisrunden, drüsigen Höfen. Eine un-
paarige Eileiter -Oeifnung liegt ventralmedian auf der Borstenzone
des 14. Segments. Zwei Paar Samentaschen -Oeffnungen Liegen auf
den Intersegmentalfurchen 7/8 und 8/9.
Die Dissepimente 4/5, 5/6, 6/7, 11/12, 12/13 und 13/14 sind
verdickt. Das Dissepiment 7/8 ist dünne und die Dissepimente 8/9
und 9/10 fehlen. Ein kräftiger Muskelmagen erstreckt sich durch
die Segmente 8, 9 und 10. Der Oesophagus erweitert sich am An-
fang des 15. Segments zum Magendarm. Dieser letztere trägt im
26. Segment ein Paar lange, einfache, sich bis in das 23. Segment
nach vorne erstreckende Blindsäcke. Herzartig erweiterte Blutge-
fässe finden sich in den Segmenten 11, 12 und 13.
Die Bildung der männlichen Geschlechtsorgane konnte ich nicht
mit Sicherheit feststellen. Ich glaubte Folgendes zu erkennen: Vom
Dissepiment 11/12 ragen zwei Paar Samensäcke und zwei Paar mit
ihnen kommunicierende Samenblasen in die Segmente 10 und 11
hinein. Die Prostatadrüsen sind gross, unregelmässig, gedrängt
traubig. Sie nehmen die Segmente 17, 18 und 19 ein und münden
durch je einen nach der Basis hin verdickten, eng S-förmig zusammen
gerollten muskulösen Ausführungsgang am 18. Segment aus.
Zwei Paar Samentaschen liegen in den Segmenten 8 und 9. Sie
sind kugelig bis dick sackförmig, kurz und dünn gestielt. In ihre
Basis mündet je ein langer, schlauchförmiger, zu einem unregel-
mässigen Knaul zusammengelegter Divertikel ein, dessen blindes,
knieförmig gebogenes Ende durch das Dissepiment 7/8 bez. 8/9
hindurch in das 7, bez. 8. Segment hineinragt.
P. longa steht der P. musica Horst nahe. Sie unterscheidet
sich von ihr durch die geringeren Dimensionen, die bleiche Färbung,
durch die geringere Borstenzahl und die Form der männlichen Ge-
schlechtsöffiiungen. Die letzteren sind bei P. longa lochförmig, mit
gekerbten Rändern, während sie bei P. musica „slit-shaped" sein sollen.
Fundnotiz: Kepalüang (Sumatra); No. 404. v. Martens rp.
(No. 1247).
240 Dl'- W. Michaelsen.
Perichaeta Udekemi Grube (in litteris).
(Fig. 17).
Perichaeta (Rhodopis) Udekeini Grube (in litt.).
Ein Perichaeta-Exemplar der Berliner Sammlung ist durch eine
Etikette mit Grubes Handschrift als Perichaeta (Rhodopis) Udekemi
Gr. gekennzeichnet. Von einer Beschreibung dieser Art ist mir
nichts bekannt.
Das Exemplar ist 75 mm lang, 4 mm dick und besteht aus
107 Segmenten. Ein dorsaler Fortsatz des Kopflappens reicht bis
zur Mittelzone des Kopfringes. Die Borsten bilden nicht ganz
gleichmässige Ringe. Die dorsalmedianen und die ventralmedianen
Borstendistanzen sind etwas (etwa V'2 ™al) grösser als die übrigen.
Ich zählte am 8. Segment 42 und am 13. Segment 50 Borsten. Der
erste deutlich erkannte Rückenporus liegt auf der Intersegmental-
furche 9/10, doch ist vielleicht auch die Intersegmentalfurche 8/9
schon mit einem Rückenporus ausgestattet.
Der ringförmige Gürtel erstreckt sich über die 3 Segmente 14,
15 und 16. Zwei männliche Geschlechtsöffnungen liegen auf der
Borstenzone des 18. Segments; zwischen ihnen stehen 10 Borsten.
Eine einzige, ventralmediane Eileiter-Oeffnung findet sich auf der
Borstenzone des 14. Segments. Drei Paar Samentaschen-Oeifaungen
liegen auf den Intersegmentalfurchen 6/7, 7/8 und 8/9.
Der Darm bildet sich in den Segmenten 9 und 10 zu einem
Muskelmagen um und trägt im 26. Segment jederseits einen ein-
fachen, zusammengeknickten Blindsack.
Zwei Paar Samenblasen liegen in den Segmenten 10 und 11;
sie umschliessen die Samentrichter. Mit den Samenblasen kommu-
nicieren zwei Paar Samensäcke in den Segmenten 11 und 12. Die
Prostatadrüsen sind nicht besonders gross, unregelmässig, vielfach
und tief zerschlitzt. Sie münden durch einen hufeisenförmig um-
gebogenen Ausführungsgang in je einen muskulösen Bulbus ein.
Ovarien und Eileiter liegen normal. Die letzteren laufen nach innen
zu in zweilappige Eitrichter aus.
Die Samentaschen in den Segmenten 7, 8 und 9 sind eigen-
artig gestaltet. Ihr Ausführungsgang geht zuerst gerade nach hinten,
biegt sich dann im rechten Winkel nach innen und geht schliesslich
in einen weiten Sack über, der sich wieder umschlägt und sich an
den proximalen Theil des Ausführungsganges anlegt. Ein gebogener,
langgestielten, in eine kopfförmige Anschwellung auslaufender Diver-
tikel mündet in die Basis des Ausführungsganges ein. Ein zweiter
Divertikel mündet an der knieförmigen Biegung in den Ausführungs-
gang der Haupttasche ein. Der Ausführungsgang dieses zweiten
Divertikels steht senkrecht zum distalen und in der Verlängerung
des proximalen Theils des Haupt-Ausführungsganges. Er läuft in
eine nach hinten umgebogene, unregelmässig sackförmige spiral-
kammerige(?) Tasche aus.
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. II. 241
P. Udekemi scheint der P. Houletti E. Perr. und der P. cam-
panulata Rosa nahe zu stehen.
Fundnotiz: Java; No. 1464. Leiden Mus. Coli. Grube.
Perichaeta mandhorensis nov. spec.
(Fig. 18 u. 19).
Das einzige Exemplar dieser Art ist unvollständig; ihm fehlt
das Hinterende. Es ist bis zum 18. Segment 20 mm lang. Seine
Dicke beträgt ungefähr 4 mm. Die Borsten bilden nicht vollkommen
geschlossene Ringe, da die dorsalmedianen und die ventralmedianen
Borstendistanzen etwas (etwa V2 i^al) grösser sind als die übrigen.
Ich zählte am 11. Segment 56 Borsten. Der erste Rückenporus liegt
auf der Intersegmentalfurche 10/11.
Ein ringförmiger Gürtel entwickelte sich an den Segmenten 14,
15 und 16. Ein schmaler Rand des 14. und die hintere Hälfte des
16. Segments bleibt gürtelfrei. Zwei männliche Geschlechtsöffnungen
liegen entfernt von einander auf der Borstenzone des 18. Segments,
eine unpaarige, ventralmediane Eileiter-Oefinung auf dem 14. Seg-
ment. Die Samentaschen-Oeffnungen (3 Paar auf den Intersegmental-
furchen 5/6, 6/7 und 7/8) waren äusserlich nicht erkennbar.
Der Oesophagus bildet sich in den Segmenten 9 und 10 zu
einem kräftigen Muskelmagen um. Im 15. Segment erweitert er
sich zum Magendarm. Dieser trägt im 26. Segment ein Paar
charakteristisch gestaltete Blindsäcke. Dieselben sind 2 mm laug,
ohrenförmig, aufwärts gebogen und ihr nach vorne gekehrter Rand
ist durch ziemlich weit umfassende Einkerbungen in eine Anzahl
(11?) buckeiförmiger Hervorragungen aufgelöst (Fig. 19). Herzförmig
erweiterte Gefässe finden sich in den Segmenten, 11, 12 und 13.
Zwei Paar Samenblasen in den Segmenten 10 und 11 kommu-
nicieren mit zwei Paar Samensäcken in den Segmenten 11 und 12.
Die Prostatadrüsen sind gedrängt traubig und münden durch einen
ziemlich kurzen, schAvach S.-förmig gebogenen Ausführungsgang am
18. Segment aus.
Drei Paar Samentaschen liegen in den Segmenten 6, 7 und 8.
Ihr Ausführungsgang ist fast so lang, wie die eigentliche, umgekehrt
birnförmige Tasche; er erweitert sich schwach nach innen zu, ist
aber doch noch ziemlich scharf von der Tasche abgesetzt. In die
Basis des Ausführungsganges mündet ein dünner, schlanker, in eine
knopfförmige Anschwellung auslaufender Divertikel ein. Dieser
Divertikel ist mehr als halb so lang wie die ganze Samentasche (Fig. 18).
Fundnotiz: Borneo, Mandhor, Java; No. 484: v. Martens rp.
Perichaeta indica Horst.
Dieser Art ordne ich ein Thier zu, das in den Punkten, die
ich für wesentlich halte, mit der Horstschen Beschreibung der P.
indica übereinstimmt. Eine Verlängerung des 10. Segments konnte
ich bei dem vorliegenden Exemplar nicht erkennen; der Muskel-
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd. I. U. 3. 16
242 Dr. W. Michaelsen.
magen scheint mir nur die Segmente 9 und 10 einzunehmen, doch
mag ich mich hierin getäuscht haben. Als Ergänzung mag noch
erwähnt werden, dass der Darm im 26. Segment ein Paar einfache
BHndsäcke trägt, dass 3 Paar herzartig erweiterte Gefässe den
Darm in den Segmenten 11, 12 und 13 umfassen und dass der
Drüsentheil der Prostatadrüsen auffallend schwach entwickelt ist.
Fundnotiz: Japan; No. 2118. Hilgendorf rp.
Perichaeta Martensi nov. spec.
(Fig. 20.)
Vorhegend ein Exemplar von gelber Färbung und mit braunem
Gürtel. Am Hinterkörper schimmert der Darminhalt röthlich durch.
Die Länge beträgt 155 mm, die Dicke 4 mm und die Segmentzahl
ungefähr 125. Die Borsten bilden normal wohl geschlossene Ringe;
nur in der dorsalen Medianlinie ist bei manchen Segmenten eine
Vergrösserung der Borstendistanz (etwa um die Hälfte der durch-
schnittHchen Borstendistanz) zu erkennen. An der Ventralseite
stehen die Borsten etwas dichter als an der Dorsalseite. Am
13. Segment zählte ich 36 Borsten. Der erste Rückenporus liegt
auf der Intersegmentalfurche 12 — 13.
Der ringförmige Gürtel erstreckt sich über die Segmente 14,
15 und 16. An der Dorsalseite bleibt der Hinterrand des 16. Seg-
ments gürtelfrei. Zwei männliche Geschlechtsöffnungen liegen am
18. Segment auf der Borstenzone, ziemlich weit von einander an
der Bauchseite. Zwischen ihnen stehen 9 Borsten. Eine unpaarige
Eileiter-Oetfnung liegt ventralmedian auf dem 14. Segment. Vier
Paar Samentaschen-Oeffnungen liegen auf den Intersegmentalfurchen
5/6, 6/7, 7/8 und 8/9.
Der Darm bildet sich in den Segmenten 9 und 10 zu einem
kräftigen Muskelmagen um und trägt im 26. Segment zwei kurze,
stumpfe, nur bis in das 25. Segment reichende Blindsäcke (nur un-
deutlich durch die Körperwand durchschimmernd — nicht direkt
beobachtet). Herzartig erweiterte Gefässe finden sich in den Seg-
menten 11, 12 und 13.
Die Prostatadrüsen sind mittelgross, tief und unregelmässig
zerspalten und münden durch einen ziemlich langen, schlanken Aus-
führungsgang aus.
Vier Paar Samentaschen hegen in den Segmenten 6, 7, 8 und
9, an deren Vorderrändern sie ausmünden. Sie sind eigenthümlich
gestaltet: Ein unregelmässiger, etwas plattgedrückter, an der Aussen-
seite schwach und unregelmässig gekerbter Sack mündet durch
einen ziemlich langen muskulösen Ausführungsgang aus. Etwa an
der Grenze zwischen dem sackförmigen Theil und dem Ausführungs-
gang mündet ein schlanker, keulenförmiger Divertikel, der noch
einen kleinen, kugehgen, sitzenden Nebenvertikel trägt, in die
Samentasche ein. Der mittlere Theil der Samentasche (und zwar
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung-. II. 243
der obere Theil des Ausführungsganges und der untere Theil des
Sackes) ist dicht mit zarten Zotten besetzt. (Fig. 20).
Fundnotiz: Banka; No. 2148. v. Martens rp.
Perichaeta divergens nov. spec.
(Fig. 21.)
Das einzige Exemplar dieser Art ist 120 mm lang, 6 mm dick
und besteht aus 120 Segmenten. Es ist vorne blassgelb, in der
Mitte und hinten gelbbraun mit weissen Borstenzonen. Der Gürtel
ist orangefarben. Die Borstenzonen des Vorderkörpers sind schwach
wallförmig erhaben. Die Borsten bilden geschlossene Ringe. Die
einzelnen Ringe bestehen durchschnittlich aus 55 Borsten. Der
erste Rückenporus liegt auf der Intersegmentalfurche 12/13.
Der Gürtel ist ringförmig und erstreckt sich über die Segmente
14, 15 und 16. Samenleiter- und Eileiter-Oeffnungen sind äusserlich
nicht erkennbar. Vier Paar Samentaschen-Oetfnungen liegen seit-
lich auf den Intersegmentalfurchen 5/6, 6/7, 7/8 und 8/9. Von
vorne nach hinten zu entfernen sich die Samentaschen-Oeifnungen
langsam und gleichmässig von der ventralen Medianlinie. An der
rechten Seite des Thieres sind 3 Pubertäts-Tuberkel zur Ausbildung
gekommen. An der linken Seite suchte ich die entsprechenden
vergeblich. (Auch die Samentaschen der linken Seite zeigten sich
weniger weit ausgebildet als die der rechten.) Diese 3 Pubertäts-
tuberkel liegen dicht hinter den Intertegmentalfurchen 6/7, 7/8 und
8/9. Der letzte kommt dicht hinter der letzten Samentaschen-
Oeifnung zu liegen. Die beiden vorderen liegen mit ihm in gleicher
Böhe. Die Linien der 3 Pubertäts-Tuberkel und der 4 Samen-
taschen-Oeffnungen divergiren also von hinten nach vorne.
Der Darm bildet sich in den Segmenten 9 und 10 zu einem
kräftigen Muskelmagen um. Im 26. Segment trägt er seitlich ein
Paar einfache Blindsäcke, Drei Paar herzartig angeschwollene
Seitengefässe finden sich in den Segmenten 10, 11 und 12.
Zwei Paar Samenblasen liegen vor den Dissepimenten 10/11 und
11/12. Sie kommuniziren mit zwei Paar Samensäcken in den Seg-
menten 11 bez. 12. Die Samensäcke bestehen ähnHch wie bei
P. Schmardae Horst aus zwei Theilen, einem grösseren, unteren
Theil und einem kleineren, blasigen, anders gefärbten (hier dunkleren)
Anhang, der in die dorsalen Partien der Leibeshöhle hinaufragt.
In den Samenblasen glaubte ich Samentrichter zu erkennen. Von
Prostatadrüsen war bei P. divergens ebenso wenig zu erkennen, wie
bei P. Hilgendorfi.
Die Samentaschen liegen in den Segmenten 6 bis 9, an deren
Vorderrand sie ausmünden. Die Entfernungen zwischen den Samen-
taschen eines Segments nehmen von vorne nach hinten zu. Die
Samentaschen waren nicht alle gleich weit ausgebildet. In voller
Ausbildung (Fig. 21) bestehen sie aus einem birnförmigen Haupttheil
mit kurzem, muskulösen Ausführungsgang und einem annähernd
ebenso langen, schlauch- oder keulenförmigen Divertikel. Die
16*
244 Dr. W. Michaelseii.
Samentaschen des ersten Paares sind bei dem vorliegenden Exemplar
jedoch einfach, stummeiförmig, ebenso die rechte des vierten Paares.
Vollständig ausgebildet ist wohl nur die rechte des zweiten Paares.
Fundnotiz: Japan; No. 2116. Hilgendorf rp.
Megascolex iris nov. spec.
(Fig. 24.)
M. iris ist in 5 Exemplaren vertreten, von denen zwei voll-
kommen ausgebildet, mit einem Gürtel versehen sind, während die
übrigen einen Gürtel entbehren; diese letzteren zeigen jedoch die
übrigen Geschlechtscharaktere ebenso deuthch wie die beiden ersten.
Das grösste Exemplar ist 240 mm lang, 9 mm dick und besteht aus
ungefähr 240 Segmenten. Die übrigen Exemplare sind kleiner,
jedoch nicht so bedeutend, dass sie ohne Kenntniss der übrigen
Merkmale mit der unten zu beschreibenden, nahe verwandten
kleineren Art zu verwechseln wären. Die Grundfarbe ist ein helles,
leicht irisirendes Blau; die Intersegmentalfurchen sind dunkler; die
kaum erhabenen Borstenzonen sind weiss. Der Gürtel ist braun
gefärbt. Die Borstenketten zeigen die charakteristische dorsal-
mediane Unterbrechung. Eine ventralmediane Unterbrechung der
Borstenkette scheint nicht vorhanden zu sein. Die ventralen Borsten
sind klein und stehen dicht aneinander; nach dem Rücken zu wer-
den die Borsten und die zwischen ihnen liegenden Entfernungen
allmählich grösser; der Unterschied in der Grösse und in der
Distanz der dorsalen Borsten und der ventralen ist ein beträcht-
licher. Der erste Rückenporus liegt auf der Intersegmental-
furche 12/13.
Ein ringförmiger Gürtel erstreckt sich von der Mitte des 13.
bis zur Mitte des 17. Segments. Zwei männhche Geschlechts-
Oeffnungen Hegen dicht neben der ventralen Medianlinie auf der
Borstenzone des 18. Segments. Sie erscheinen als kleine, dunklere,
kreisrunde Flecke, ungefähr so weit von einander entfernt, wie ihr
Durchmesser beträgt. Eine einzige, ventralmediane Eileiter-Oeffnung
liegt auf dem 14. Segment. Drei Paar punktförmige Samentaschen-
Oeifnungen liegen nahe der ventralen Medianlinie auf den Inter-
segmentalfurchen 6/7, 7/8 und 8/9. Alle fünf Exemplare zeigen in
gleicher Deutlichkeit noch einen sekundären Geschlechtscharakter,
nämlich zwei Paar dunklere, kreisrunde Pubertäts-Flecken auf den
Intersegmentalfurchen 19/20 und 20/21, dicht neben der ventralen
Medianlinie.
Der Darm trägt in den Segmenten 8 bis 10 (?) einen grossen
kräftigen Muskelmagen. Segmentalorgane waren nicht erkennbar.
Die Prostatadrüsen sind braune, scheibenförmige, sehr kom-
pakte, durch nur wenige (1 oder 2) Einkerbungen ausgezeichnete
Massen mit kurzem, dicken, wenig gebogenen Ausführungsgang im
18. Segment.
Drei Paar Samentaschen (Fig. 24) Hegen in den Segmenten 7,
8 und 9, an deren ventralen Vorderrändern sie ausmünden. Die
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. II. 245
Samentaschen sind einfach sackförmig. Sie besitzen keinen scharf
abgesetzten Aiisführungsgang und tragen an ihrer Basis einen
kleinen, weissschimmernden Divertikel. Der Divertikel ist imgestielt,
blasig und zeigt eine Tendenz zur Zweitheilung (in Folge schwacher
Einkerbung an seiner Kuppe).
Fundnotiz: Samar, Loquilocun, No. 565. F. Jagor rp.
(No. 1292).
Megascolex margaritaceus nov. spec.
(Fig. 25.)
Diese kleinere, der vorigen nahe stehende Art ist durch zwei
geschlechtsreife Exemplare vertreten. Das grössere derselben ist
90 mm lang, 5 mm dick und besteht aus 103 Segmenten. Die Thiere
sind bläulich-weiss, perlmutterglänzend. Die Borstenzonen sind kaum
erhaben. Ein breites dorsalmedianes Längsband ist borstenfrei. Die
Borsten nehmen vom Rücken nach dem Bauch zu an Grösse ab,
zugleich verringern sich die Entfernungen zwischen ihnen. Ich zählte
an einem Segment des Vorderkörpers 25 Borsten. Der erste Rücken-
porus liegt auf der Intersegmentalfurche 12/13.
Der Gürtel ist ringförmig und erstreckt sich über die Segmente 14
bis 16. Er tritt wohl noch ein weniges über dieselben hinaus auf
das 13. und das 17. Segment. Ein Paar männliche Geschlechts-
öffnungen liegen auf der Borstenzone des 18. Segments ziemlich dicht
neben der ventralen Medianlinie. Bei dem einen, wohl etwas weniger
weit ausgebildeten Exemplar sind sie frei, bei dem anderen
sind sie von vorne her durch je einen kleinen Wulst überdeckt.
Drei Paar punktförmige Samentaschen - Oeffiiungen liegen auf
den Intersegmentalfurchen 6/7, 7/8 und 8/9, sehr nahe der ventralen
Medianlinie. Als secundäre Geschlechtscharaktere sind noch eine
Anzahl Porenfeldchen zu erwähnen. Sie erscheinen bei schwacher
Lupen -Vergrösserung als ventralmediane, schmale, quer ausgezogene
Feldchen von etwas dunklerer, grauer Färbung. Nur das etwas
grössere Feld zunächst hinter den männlichen GeschlechtsöfPnungen
lässt durch eine Verengung in der ventralen Medianlinie erkennen,
dass es aus einem Paar ventralmedian verschmolzener Feldchen ent-
standen ist. Die Anordnung der Porenfelder ist bei den beiden
Exemplaren etwas verschieden. Das weniger reife Exemplar besitzt
Porenfelder auf den Intersegmentalfurchen 10/11, 18/19 und 19/20.
Das reifere zeigt ausserdem noch ein Porenfeld auf der Inter-
segmentalfurche 12/13 und ein nur halbseitig (linkerseits) aus-
gebildetes auf der Intersegmentalfurche 9/10. Bei diesem reiferen
Exemplar ist ausserdem das Porenfeld hinter den männlichen Ge-
schlechtsöfifnungen bedeutend stärker ausgebildet, besonders an seinen
seitlichen Theilen. Er reicht bis an die die männlichen Geschlechts-
öffnvmgen überdeckenden Wülste nach vorne.
Von der inneren Organisation konnte wegen des schlechten
Erhaltungszustandes der Thiere nicht viel erkannt werden. Ein
kräftiger Muskelmagen liegt in den Segmenten 8, 9 und 10 (?). Die
246 Dl'- W. Michaelseii.
Prostatadrüsen im 18. Segment sind miregelmässig scheibenförmig,
kompakt, kaum eingekerbt. Sie besitzen einen kurzen, dicken, wenig
gebogenen muskulösen Ausführungsgang. Drei Paar Samentaschen
(Fig. 25) liegen in den Segmenten 7, 8 und 9, an deren Vorder-
rändern sie ausmünden. Sie sind einfach sackförmig, ohne deutlich
erkennbaren muskulösen Ausführungsgang und tragen je einen sack-
förmigen Divertikel, dessen Länge der halben Taschen-Länge ungefähr
gleichkommt.
Fundnotiz: Samar, Loquilocun, in Gesellschaft des M. iris;
No. 2134; F. Jagor rp. (No. 1292).
Megascolex pictus nov. spec.
(Fig. 22.)
Ich konnte ein einziges Exemplar dieser Art untersuchen. Das-
selbe ist 240 mm lang, 9 mm dick und besteht aus 137 Segmenten.
In der Färbung gleicht M. pictus auffallend der oben beschriebenen
Perichaeta pulchra. Es wechseln schmutzig purpurrothe Inter-
segmentalbinden mit weissen Segmentalbinden. Am Vorderkörper
sind die purpurnen Intersegmentalbinden dorsal verbreitet, während
sie sich nach der Bauchseite zu verschmälern. Die ganze Bauchseite
des Vorderkörpers ist pigmentlos. Die Borsten stehen (im Maximum?)
zu 80 in einer Borstenzone und zwar an der Bauchseite viel dichter
als an den übrigen Körperseiten. Dorsalmedian ist die Borstenkette
deutlich unterbrochen. Rückenporen sind von der Intersegmental-
furche 12/13 an vorhanden.
Der ringförmige Gürtel ist ziemlich undeutlich begrenzt. Dorsal
erstreckt er sich vom Anfang des 13. Segments bis eben in das 18.
hinein, ventral reicht er nur vom Anfang des 14. Segments bis zur
Mitte des 17, Zwei männliche Geschlechtsöffnungen liegen in der
Borstenzone des 18. Segments an der Bauchseite. Sie sind von kreis-
runden, flachen, grauen Höfen umgeben. Zwischen ihnen stehen
1 9 Borsten. Eileiter - Oeffnung ist nicht erkennbar. Vier Paar
Samentaschen - Oeffnungen liegen (äusserlich kaum erkennbar) auf
den Intersegmentalfurchen 5/6, 6/7, 7/8 und 8/9.
Ein grosser Muskelmagen liegt in den innerlich verschmolzenen
Segmenten 9 und 10 (?).
Zwei Prostatadrüsen liegen im 18. Segment, dessen Grenzen sie
kaum überragen. Sie sind in ihrer Längsrichtung (Richtung des
Ausführungsganges — senkrecht stehend zur Längsrichtung des ganzen
Wurmes) etwas gestreckt und die seitlichen Theile nach der Basis
zu ausgezogen, so dass die Drüse gestreckt herzförmig erscheint.
Ein mittellanger, grade gestreckter muskulöser Ausführungsgang ent-
springt im innersten Winkel des Ausschnittes. Die Prostatadrüsen
sind ziemlich kompakt, nur wenige und unregelmässige, wenig tiefe
Kerben schneiden in den Rand ein.
Vier Paar Samentaschen (Fig. 22) finden sich in den Segmenten 6,
7, 8 und 9, an deren Vorderrändern sie ausmünden. Die Haupt-
taschen sind unregelmässig birnförmig und lassen keinen scharf ab-
Terricoleii der Berliner Zoologischen Sammlung. II. 247
gesetzten Ausführungsgang erkennen. In den Stiel jeder Tasche
mündet etwas oberhalb der Basis ein Divertikel ein. Derselbe hat
die Gestalt einer Birne, deren breiter Pol durch einen medianen,
flachen Ausschnitt zweigetheilt ist. Der Divertikel ist nicht ganz
halb so lang wie die Haupttasche.
Fundnotiz: Borneo, Sampit; No. 554, Ruppert rp.
Pleionogaster Jagori nov. gen. nov. spec.
(Fig. 26).
Ich stelle die neue Gattung Pleionogaster für solche Perichae-
tiden auf, die ausser einem Muskelmagen im Vorderkörper noch
mehrere postcUtelliale besitzen. Im übrigen steht sie der Gattung
Perichaeta nahe.
Pleionogaster Jagori ist durch 3 vollkommen ausgebildete
Exemplare und einige unreife vertreten. Das grösste Stück ist
170 mm lang, 5 mm dick und besteht aus ungefähr 270 Segmenten.
(Ihre Anzahl Hess sich nur annäherungsweise feststellen). Die
Thiere haben ein fleischfarbenes oder orangerothes Aussehen; der
Gürtel ist braunroth. Die Borstenzonen sind (wohl in Folge der
starken Erweichung) kaum erhaben. Die Borsten bilden geschlossene
Ringe; sie sind an den anteclitellialen Segmenten viel zahlreicher
und enger gestellt als an den postclitellialen. Ich zählte am 10.
Segment deren 150 am 21. Segment nur 84. (Auch diese Zahlen
dürfen nur als Annäherungswerthe angesehen werden, da die Borsten
an manchen »Strecken so undeutlich erschienen, dass sie sich kaum
zählen Hessen). Der erste deutHch erkannte Rückenporus liegt auf
der Intersegmentalfurche 12/13; vieUeicht ist aber auch die vorher-
gehende mit einem Rückenporus ausgestattet.
Ein ringförmiger Gürtel erstreckt sich über die Segmente 14,
15 und 16. Dorsal tritt er auch noch auf das 17. Segment über.
Ein Paar männliche Geschlechtsöffnungen liegen ziemhch weit von
einander an der Bauchseite des 18. Segments, in der Borstenzone.
Zwischen ihnen stehen etwa 11 Borsten. Vor und hinter jeder
dieser beiden Oeffnungen liegt ein Pubertätstuberkel und zwar die
vorderen vor der Intersegmentalfurche 17/18, die hinteren hinter
der Intersegmentalfurche 18/19. Eine einzige Eileiter-Oeffnung Hegt
ventralmedian auf der Borstenzone des 14. Segments. Je zwei
Samentaschen-Oeffnungen finden sich auf den Intersegmentalfurchen
7/8 und 8/9, ungefähr ebensoweit von einander entfernt, wie die
männlichen Geschlechtsöffnungen.
Die vorderen Dissepimente bis 8/9 (iucl.) sind verdickt. Der
Oesophagus trägt einen kleinen Muskelmagen im 8. Segment;
ausserdem finden sich vier stark irisierende Muskelmägen hinter der
Gürtelregion, in den Segmenten 27, 29, 31 und 33 ('?). Die zwischen
zwei aufeinanderfolgenden Muskelmägen liegenden dünnwandigen
Darmpartieen sind ungefähr ebenso lang wie diese Muskelmägen.
Die Segmentalorgane scheinen sehr charakteristisch angeordnet zu
sein. Wegen der Weichheit der Untersuchungsobjekte konnte ich
248 Dr. AV. Michaelsen.
freilich von den Segmentalorganen selbst nicht viel mehr erkennen
als unregelmässig büschelige Ueberreste; aber ihre Ausmündungen
glaube ich deutlich erkannt zu haben. Spannt man den Haut-
muskelschlauch eines Thieres auseinander, so erkennt man genau
auf den Borstenzoneu regelmässig angeordnete dunkle Punkte. Die-
selben stehen jederseits in 7 ungefähr gleich weit von einander liegen-
den Längslinien. Zwei benachbarte Punkte bilden mit den beiden
entsprechenden vor ihnen liegenden ungefähr ein Quadrat. Die
Punkte der beiden äussersten, der ventralen und der dorsalen
Medianlinie zunächst liegenden Längslinien sind undeutlicher als die
anderen, und nur stellenweise erkennbar. Eine Vergleichung mit
der unten beschriebenen, nahe verwandten Art veranlasst mich, diese
Punkte für Segmentalorgan-Oeffnungen zu halten.
Samensäcke liegen in den Segmenten 11 und 12. Die Prostata-
drüsen sind mittelgross, unregelmässig zerschlitzt und münden durch
einen langen, wenig gebogenen Ausführungsgang am 18. Segment aus.
Zwei Paar Samentaschen (Fig. 26) liegen in den Segmenten 8
und 9, an deren Vorderrändern sie ausmünden. Sie sind lang
cylindrisch, wenig gebogen, zeigen keinen deutlich abgesetzten Aus-
führungsgang und tragen jede einen etwa ^/g so langen, und Vs so
dicken, ebenfalls schw^ach gebogenen cylindrischen Divertikel.
Fundnotiz: Luzon, Daraga; No. 2136. F. Jagor rp. (No. 784).
PleioKOgaster saraariensis nov. spec.
(Fig. 27).
Diese der vorigen nahe verwandte Art stelle ich nach einem
einzigen, sehr brüchigen, aber sonst gut ei'haltenen Exemplar auf.
Dieses Exemplar ist 75 mm lang, 3 mm dick und besteht aus 230
Segmenten. Es zeigt jetzt eine schwarzbraune Färbung; doch mag
diese das Resultat der Konservierungsmethode sein. Der Kopfring
ist auffallend lang, von kleinen, gedrängt stehenden Warzen bedeckt.
Die Borstenzonen sind kielförmig erhaben. Die Borsten bilden ge-
schlossene Ringe; sie stehen an den Segmenten des Vorderkörpers
sehr eng und sind hier viel zahlreicher als an den postclitellialen.
Ich zählte bez. schätzte am 10. Segment 160; am 21. nur 74.
Ein Gürtel ist bei dem vorliegenden Exemplar nicht aus-
gebildet. Die Geschlechtsöffnungen zeigen dieselbe Anordnung wie
bei der vorigen Art. Zwei männliche Geschlechtsöffnungen liegen
auf der Borstenzone des 18. Segments; zwischen ihnen stehen 8
Borsten. Vor und hinter jeder männlichen Oeffnung glaubte ich,
wie bei P. Jagori einen Pubertäts-Tuberkel zu erkennen. Eine un-
paarige Eileiter-Oeffuung liegt ventralmedian auf dem 14. Segment.
Zwei Paar Samentaschen - Oeffhungen finden sich auf den Inter-
segmentalfurchen 7/8 und 8/9.
Die vorderen Dissepimente bis 8/9 (incl.) sind verdickt. Einen
vorderen Muskelmagen habe ich nicht erkannt, doch gleicht P. sama-
riensis hierin wohl dem P. Jagori, bei dem ich den vorderen Muskel-
magen erst an Schnittserien auffinden konnte. Drei überzählige
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. II. 249
Muskelmägen fanden sich hinter der Prostatadrüsen-Region, getrennt
voneinander durch deutliche dünnwandige Darmpartieen. Da diese
ganze Darmstrecke mehrfach zusammengeknickt war und die drei
Muskelmägen erst bei Herausnahme und Streckung derselben deut-
lich erkennbar wurden, so kann ich nicht angeben, welchen Seg-
menten dieselben angehören. Die Segmentalorgane zeigen eine eigen-
artige Ausbildung. Es Hessen sich an ihnen deutlich zwei ver-
schiedene Bildungen erkennen. Man sieht erstens kleine büschelige
Gruppen jederseits in drei Längslinien stehend und zweitens lange,
verhältnissmässig dicke Schläuche, die sich unter vielfacher Schleifen-
bildung an der seitlichen Körperwand hinaufziehen. Ich glaube mich
nicht zu irren, wenn ich annehme, dass die Ausmündungen der
büscheligen Gruppen den bei der vorigen Art erkannten Punkten auf
den Borstenzonen entsprechen. Ich halte es jedoch nicht für aus-
geschlossen, dass mir jederseits eine ventrale und eine dorsale Reihe
vielleicht sehr schwach entmckelter Büschel entgangen ist. Die
Entfernung der ersten Büschelreihe von der ventralen Medianlinie
und die Entfernung der dritten von der dorsalen Medianlinie ist so
gross, dass grad noch je eine Büschelreihe dazwischen liegen könnte.
Es bliebe für diesen Fall als Unterschied zwischen dieser Art und
der vorigen immer noch eine Diiferenz von jederseits zwei Büschel-
reihen.
Die Prostatadrüsen sind mittelgross, unregelmässig und stark
zerklüftet und münden durch einen mittellangen, wenig gebogenen
Ausführungsgang am 18. Segment aus.
Zwei Paar Samentaschen (Fig. 27) in den Segmenten 8 und 9
ähneln denen des P. Jagori. Sie sind lang cylindrisch, dabei aber
hufeisenförmig umgeknickt und tragen jede einen etwa halb so langen
und halb so dicken, wenig gebogenen, cyUndrischen Divertikel.
Fundnotiz: Samar, Loquilocun; No. 567, F. Jagor rp.
Europa.
Lunibricus herculeus Sav.
Ein vollkommen pigmentloser, rein weisser Regenwurm stimmt
in seinen sonstigen äusseren Charakteren so genau mit dieser Art
überein, dass seine Zugehörigkeit keinem Zweifel unterliegt. Man
hat es hier wohl mit einem Albino zu thun.
Fundnotizen: SiciUen; No. 1799, Schultz rp. Anatom. Mus.
ded. — (Albino).
Oporto; No. 2124, Simroth rp.
Lunibricus rubellus Hoffm.
Fundnotizen: Tirol, Monte piano; No. 1508, Grube rp. (be-
stimmt durch Grube als L. costellatus Grube).
Weissbad bei Appenzell; No. 2150, v. Martens rp.
Piz Padella, Ober Engadin; No. 2151, v. Martens rp.
250 Dr. W. Michaelsen.
Lumbricus Eiseni Lev.
Fundnotizen: Harz, Bodethal; No. 1884, Hilgendorf rp.
Portugal, Braga; No. 1889, Simrotli rp.
Portugal, Caldas de Gerez; No. 1882, Simroth rp.
Portugal, Oporto; No. 2125, Simrotli rp.
Allolobophora foetida Sav.
Fundnotizen: Berlin, Botanischer Garten; No. 2159. Anf.
April, 91.
Oicow, Polen; No. 1495, Coli. Grube.
Allolobophora trapezoides Dug.
Fundnotizen: Berlin, Botanischer Garten; No. 2160, Anf.
April, 1891.
Portugal, Oporto; No. 2127, Simroth rp.
Allolobophora niadeirensis Mich.
Fundnotiz: Portugal, Caldas de Gerez; No. 2128, Simroth rp.
Allolobophora chlorotica Sav.
Fundnotiz: Gothenburg; No. 1519, Coli. Grube.
Allolobophora mncosa Eisen.
Fundnotizen: Berlin, Botanischer Garten; No. 2155, Anf.
April 1891.
iVllolobophara sp. (? Hermanni Mich.)
Fundnotiz: Tübingen; No. 2108, v. Martens rp.
Allolobophora putris Hoffm.
forma subriibicunda Eisen.
Fundnotiz: Bernina Pass; No. 1503, Coli. Grube.
Gothenburg; No. 1509, Coli. Grube.
forma hortensis Mich.
Fundnotiz: BerUn, Botanischer Garten; No. 2156, Anf. April,
1891.
forma ?
Fundnotiz: Portugal, Abrantes; No. 1891, Simroth rp.
Allolobophora profuga Rosa.
Fundnotizen: Weissbad bei Appenzell; No. 1881, v. Martens rp.
Berlin, Botanischer Garten; No. 2154, Anf. April, 1891.
Allolobophora complanata Dug.
Fundnotiz: Sicilien; No. 1518, Coli. Grube.
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. II. 251
Allolobopliora sp. (Vinima Rosa).
Fundnotizen: Triest; No. 2130, J. Müller rp.
Triest; No. 1517, Grnbe rp.
Allolobophora octaedra Sav.
Fundnotizen: Warschau, No. 1470. Coli. Grube.
Bernina Pass; No. 2131. Coli. Grube.
Livland; No. 1499. Coli. Grube.
Portugal, Braga; No. 1890. Simroth i-p.
Allnrns tetraedrns Sav.
Fundnotiz: Portugal, Caldas de Gerez; No. 1883. Simroth rp.
Allnrns tetraedrus Sav. (? forma dnbins Mich.)
In einem Glase ohne jegliche Fundorts - Notiz fanden sich
8 Allurus-Exemplare, von denen nur zwei die normale Bildung des
A. tetraedus aufwiesen; die sechs übrigen zeigten folgende Ab-
weichung: Der Gürtel beginnt mit dem 23. Segment, die Pubertäts-
tuberkel-Wälle mit dem 24. Die männlichen Geschlechts-Oeßiiungen
liegen auf dem 14. Segment. In diesen Hinsichten stimmt er also
mit dem AUurus dubius überein. Eigenartig ist aber, dass die
■weiblichen Geschlechtsöffnungen ihre normale Lage auf dem 14. Seg-
ment beibehalten haben, also auf demselben Segment liegen wie die
männlichen GeschlechtsöfFnungen ; während sie bei der als A. dubius
beschriebenen Form um ein Segment nach hinten geschoben sind.
Die in Rede stehende Allurus-Form steht genau in der Mitte
zwischen A. tetraedrus Sav. und A. hercynius Mich.
Notiz: No. 2109.
Allurus hercynius Mich.
Fundnotiz: Portugal, Caldas de Gerez; No. 1892. Simroth rp.
(Zwei Exemplare in Gesellschaft eines A. tetraedus Sav.)
Perichaeta monilicystis nov. spec.
(Fig. 28.)
Diese Art ist in einem einzigen, am Vorderkörper leider zer-
rissenen Exemplar vertreten. Dasselbe ist 60 mm lang, 4 mm dick
und besteht aus 98 Segmenten. Seine Färbung ist bleich-gelb. Die
Borstenzone ist kielartiig erhaben. Die Borsten bilden fast voll-
kommen geschlossene Ringe; nur in der dorsalen Medianlinie sind
sie durch eine undeutliche Lücke (etwa ^/g mal grösser als die übrigen
Borstendistanzen) unterbrochen. Die Zahl der Borsten eines Seg-
ments beträgt höchstens wenig mehr als 40. Der erste Rückenporus
liegt auf der Interseg-mentalfurche 11/12.
Ein ringförmiger Gürtel erstreckt sich über die drei Segmente
14, 15 und 16. Zwei männliche Geschlechtsöffnungen liegen auf
252 Dl'- W. Michaelsen.
dicken Tuberkeln in der Borstenzone des 18. Segments ungefähr in
der siebenten Borstenlinie und neben diesen Tuberkeln, halb mit
ihnen verschmolzen, sieht man jederseits eine drüsige Verdickung.
Eine unpaarige Eileiter - Oeffnung liegt ventralmedian auf dem
14. Segment. Vier Paar Samentaschen-Oeffnungen (äusserlich kaum
erkennbar) finden sich auf den Intersegmentalfurchen 5/6 bis 8/9.
Der Darm hat sich in den Segmenten 9 und 10 zu einem
kräftigen Muskelmagen umgebildet und trägt (im 26. Segment?)
zwei einfache Blindsäcke. Herzförmig erweiterte Gefässe liegen in
den Segmenten 11, 12 und 13.
In den Segmenten 11 und 12 finden sich zwei Paar Samen-
säcke. Die Prostatadrüsen sind stark entwickelt, gedrängt traubig.
Sie münden durch lange, nach der Basis hin sich verdickende Aus-
führungsgänge aus. Diese Ausführungsgänge sind mehrfach gebogen.
Neben der Ausmündungsstelle der Prostatadrüsen ist die Leibes-
höhle mit zahlreichen, dick birnförmigen Nebendrüsen besetzt. Die
äusserlich erkennbaren Verdickungen der Leibeswand entsprechen
diesen Drüsengruppen.
Vier Paar Samentaschen (Fig. 28) liegen in den Segmenten 6,
7, 8 und 9 und münden an deren Vorderrändern aus. Jede Samen-
tasche besteht aus einem umgekehrt birnförmigen Sack, der auf
einem langen muskulösen Ausführungsgang sitzt. In die Basis des
Ausführungsganges mündet ein Divertikel ein, der die eigentliche
Samentasche noch überragt. An diesem Divertikel lassen sich zwei
Abschnitte unterscheiden: Der ausführende Theil ist schlank und
zart, fast grade gesteckt oder in Form einer Schrauben-Spirale ver-
laufend. Nach innen zu geht dieser ausführende Theil in einen
etwas weiteren, aber immer noch ziemlich schlanken Raum über,
der anfangs noch eine Tendenz zu eng schraubenförmiger Windung
zeigt. Gegen das bhnde, innere Ende hin lösen sich die einzelnen
Schrauben-Umgänge in ovale oder kugelige Kammern auf, die dem
ganzen Gebilde ein Rosenkranz-artiges Aussehen verleihen.
Fundnotiz: Berlin, Botanischer Garten, in einem Warmhause.
(Eingeschleppt!) No. 2157. Anf. April 1891.
Perichaeta indiea Horst.
Fundnotizen: Berlin, Botanischer Garten; No. 2107a. Anf.
April 1891. (Eingeschleppt!)
Berlin, Botanischer Garten, in der Erde von Bixaceen aus
San Domingo (in hiesiger Erde); No. 2158a. Anf. April 1891. (Ein-
geschleppt.)
Berlin, Botanischer Garten, in der Erde von Araceen und
Farnen (woher?), in hiesiger Erde stehend; No. 2107b. Anf. April
1891. (Eingeschleppt.)
Berlin, Botanischer Garten, in Erde von Cyclanthus pedatus
(aus Peru stammend). Die Pflanze steht in hiesiger Erde. No. 2158b.
Anf. April 1891. (Eingeschleppt.)
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammluug. II. 253
Berlin, Botanischer Garten; No. 2107c. Anf. April 1891. (Ein-
geschleppt.)
Portugal, Abrantes; No. 2129. Simroth rp. (Eingeschleppt?)
P. indica scheint sich im Botanischen Garten zu Berlin voll-
kommen eingebürgert zu haben. Zu bemerken ist noch Folgendes:
Bei einem Exemplar fand ich zwei gesonderte Eileiter-Oeffnungen
auf einem kleinen, quer-ovalen Felde ventralmedian in der Borsten-
zone des 14. Segments. Die Segmente 8 und 9 können mit Papillen
ausgestattet sein. Bei einem Exemplar waren diese Papillen an
einer Seite ausgebildet, während sie an der andern Seite fehlten.
Figuren-Erklärung.
Zu Tafel XIII.
Fig. 1. Benhamia inermis nov.
Vorderkörper, von der Bauchseite; ^j^.
pg. 1—12 = 1. — 12. Pubertätsgrübchcn-Paar; pr. = Prostatadrüsen-
Oeffnung; st. = Saraentaschen-Oeffnung.
Fig. 2. Tykonus grandis nov.
Aeusseres Ende einer normalen Borste, von der Seite gesehen ; "Vi-
Fig. 3. Tykonus grandis nov. ^
Aeusseres Ende einer normalen Borste, von vorne gesehen; "7,.
Fig. 4. Anteus papillifer nov.
Gürtelregion, von der Bauchseite; -'/V
Fig. 5. Anteus brunneus nov.
Gürtelregion, von der Bauchseite; ^z-
Fig. 6. Anteus brunneus nov.
Aeusseres Ende einer Geschlechtsborste von einem ventralen
Paar; ^««/i.
Fig. 7. Anteus callichaetus nov.
Gürtelregion, von der Bauchseite; ^j^,
Fig. 8. Anteus callichaetus nov.
Aeusseres Ende einer Geschlechtsborste; ''"/i-
Fig. 9. Pontodrilus arenae Fr. Müll, (in litt ).
Normale Körperborste -""/i.
Fig. 10. Eudrilus roseus nov.
Weiblicher Geschlechtsapparat; ^i-
bs. = Basaltheil der Samentasche ; dv. = Divertikel ; ok. = Ovarial-
kanal ; ov. = Ovarium ; ro. = Receptaculum-ovorum ; st. = Samen-
tasche.
Fig. 11. Acanthodrilus platurus nov. ■
Aeusseres Ende einer Peuialborste ; '^""/i.
Fig. 12. Acanthodrilus platurus nov.
Samentasche; ^/,.
Fig. 13 Perichaeta neoguinensis nov.
Samentasche; -%.
254 Dr. W. Michaelsen.
Fig. 14. Perichaeta pulchra nov.
Samentasche ; ^Vi-
Fig. 15. Perichaeta Hilgendorfi nov.
Samentasche; "/i-
Fig. 16. Perichaeta long,a nov.
Samentasche; ^j^.
Fig. 17. Perichaeta Udekemi Grube (in litt.).
Samentasche; '7i-
Fig. 18. Perichaeta mandhorensis nov.
Samentasche '^/i.
Fig. 19. Perichaeta mandhorensis nov.
Blinddarm; 'Vi-
Fig. 20. Perichaeta Martensi nov.
Samentasche; ^Vi-
Fig. 21. Perichaeta divergens nov.
Samentasche; 'Vi-
Fig. 22. Megascolex pictus nov.
Samentasche 7i-
Fig. 23. Perichaeta albida nov.
Samentasche; '7i-
Fig. 24. Megascolex iris nov.
Samentasche; '"/i-
Fig. 25. Megascolex margaritaceus nov.
Samentasche; '7i-
Fig. 26. Pleionogaster Jagori nov.
Samentasche; '7i-
Fig. 27. Pleionogaster samariensis nov.
Samentasche; '^i-
Fig. 28. Perichaeta mouilicystis nov.
Samentasche; '^/j.
2. Nachtrag für Afrika.
Systematisch gehörig zu S. 209 vor Benhamia,
Kynotus Kelleri nov. spec.
Auch von dieser Kynotus-Art konnte ich nur ein einziges
Exemplar untersuchen. Dasselbe war leider noch weniger gut
erhalten als die Stücke, nach denen ich die beiden älteren Arten
beschrieb. (K. madagascariensis in: „Terr. Berlin. Zool. Samml. I",
und K. longus in: „Beschreib, d. v. Stuhlmann a. Sansibar u.
d. gegenüberlieg. Festlande ges. Terricolen.) Die Länge des stark
gestreckten Stückes beträgt 85 cm. Eine einigermassen zutreffende
Dickenangabe lässt sich nicht machen. Ebensowenig ausführbar war
eine Segment-Zählung. Ihre Zahl beträgt mehrere Hundert. K. Kelleri
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 11. 255
steht demK. longus nahe. Die Doppelringelung der Segmente des
Vorderkörpers scheint mit der von K. longus übereinzustimmen. Die
Borsten stehen in 4 jederseits genäherten Paar-Reihen. Dieselben
beginnen hinter dem Segment der männlichen Geschlechtsöffnungen.
Am Vorderkörper sind keine Borsten vorhanden. Die Segmental-
organ-Oeffnungen liegen jederseits zwischen den beiden Borstenpaar-
Reihen.
Ein Gürtel ist nicht erkennbar. Zwei augenförmige männliche
Geschlechtsöfihungen liegen in den Linien der unteren Borstenpaare
auf dem 17. Segment (hinter dem XL Dissepiment). Auf den Seg-
menten 16, 15 und 14 (hinter den Dissepimenten X, IX und VIII)
erkennt man jederseits eine Geschlechtsborsten- bez. Drüsen-
Oefifnung. Diese Oeffnungen hegen mit den männlichen Geschlechts-
Oeffnungen zusammen jederseits auf einer graden Linie, die sich
jedoch nach vorne zu schwach der ventralen Medianhnie zuneigt.
Die ersten 8 Dissepimente (6/7 — 13/14) sind stark verdickt.
Der Darm trägt vor dem ersten Dissepiment (6/7) einen starken,
fast kugeligen Muskelmagen. Die normalen Körperborsten sind wie
bei K. longus ornamentirt.
Am 17. Segment mündet jederseits durch die oben erwähnte
männliche Oefthung ein muskulöser Bulbus aus. Derselbe ist platt
gedrückt wie bei K. longus, jedoch nicht scheibenförmig wie bei
jenem, sondern länglich oval und trägt an seinem inneren Pol eine
zipfelförmige Prostatadrüse, die dem Bulbus an Masse fast gleich
kommt. Drei Paar Geschlechtsborsten-Säcke münden durch die oben
erwähnten Oeffnungen auf den Segmenten 16, 15 und 14 aus. Die
Geschlechtsborsten haben genau dieselbe Gestalt und Skulptur wie
bei K. longus. Jeder Geschlechtsborstensack ist mit einer grossen,
birnförmigen Drüse versehen.
An den Intersegmentalfurchen 14/15, 15/16 und 16/17 (ent-
sprechend den Dissepimenten IX, X und XI) mündet jederseits eine
Gruppe von Samentaschen aus. Die Samentaschen ragen in die
Segmente 15, 16 und 17 hinein. Sie sind gross, birnförmig. Jede
Gruppe besteht aus 3 Samentaschen. Ein blutreicher Saum wie bei
K. madagascariensis Mich, ist nicht vorhanden.
K. Kelleri unterscheidet sich von K. longus durch die Form des
Bulbus propulsorius und der Prostatadrüse, durch die Stellung der
Geschlechtsborsten und durch die Grösse und Zahl der Samen-
taschen. (Bei K. Kelleri stehen in jeder Gruppe 3, bei K. longus 8,
bei K. madagascariensis in den beiden dorsal-median in einander
übergehenden Gruppen eines Segments 22, 26 und 25.)
Zu dem K. (Geophagus) Darwinii Keller (Reisebilder aus Ost-
afrika und Madagaskar, Leipzig, 1887; pag. 248 u. 249 u. Fig. 20)
steht K. Kelleri in demselben Verhältniss wie K. longus und
K. madagascariensis, d. h., es lässt sich nicht feststellen, ob er mit
ihm identisch ist. Da der Gattungsname Geophagus bereits an eine
Chromiden- Gattung vergeben ist, so behalte ich wie auch Rosa den
Namen Kynotus bei, trotzdem jener älter ist.
256 I>i*. W. Michaelsen.
Rosa beschrieb kürzlich eine Kynotiis-Art (Kynotus Michaelsenii
— Boll. Mus. Zool. Anat. comp. Torino, Vol. VII, No. 119), die in
mancher Beziehung Klarheit in die Organisations- Verhältnisse dieser
eigenartigen Terricolen-Gruppe bringt. Was die Inkongruenz zwischen
innerer Segmentirung und äusserer Ringelung anbetrifft, so bekenne
ich mich jetzt zu Rosas Ansicht, dass die innere Segmentirung als
das primäre angesehen werden muss. Auch Rosa's Hypothese von
der Natur der Prostatadrüsen halte ich für annehmbar. Zweifellos
erscheint mir nach Untersuchung des K. Kelleri jedenfalls die
Homologie zwischen den Pseudo-Prostatadrüsen und den Geschlechts-
borsten-Drüsen. Mehr als bei den beiden andern Kynotus-Arten,
die ich untersuchen konnte, ähneln sich diese Organe in Grösse,
Aussehen und Struktur. Auch in der Stellung derselben herrscht
bei K. Kelleri eine grössere Einförmigkeit.
Fundnotiz: Madagascar, Lahosa. No. 2171. F. Likora rp.
Eudrilus Büttneri nov. spec.
(Textflg. A.)
Von dieser Art liegen mir zahlreiche, meistens unreife Exem-
plare vor. In den äusserlichen Charakteren gleichen sie dem
E. Jullieni Horst. (S. quelques Lombric. exot. app. au genre
Eudrilus — Mem. Soc. Zool. Fr. 1890); während sie nach der
inneren Organisation dem E. pallidus Mich. (Terr. Berlin. Zool.
Samml. I) verwandt erscheinen. Das reifste Exemplar ist 110 mm
lang, etwa 5 mm dick und besteht aus 145 Segmenten. Der Körper
ist schwach abgeplattet. Der Rücken (von den lateralen, oberen
Borstenpaar-Linien an gerechnet) ist purpur-rot, der Bauch grau-
gelb. Die Intersegmentalfurchen sind auch an der Rückenseite
pigmentlos, gelb. Der Kopflappen treibt einen scharf begrenzten
dorsalen Fortsatz nach hinten in den Kopfring hinein. Die relative
Länge dieses dorsalen Kopflappenfortsatzes schien bei verschiedenen
Exemplaren verschieden zu sein (wohl in Folge unregelmässiger
Kontraktion des Kopfringes). Die Borsten stehen in 4 engen Paar-
Reihen, zwei ventralen und zwei lateralen. Die ventral-mediane
Borstendistanz ist bedeutend grösser als die Entfernung zwischen
den beiden Borstenpaaren einer Seite. Segmentalorgan-Oeffnungen
liegen in den Linien der oberen Borstenpaare.
Ein Gürtel ist bei keinem Exemplar ausgebildet. Zwei Paar
männliche Geschlechts-Oeffnungen, quere Schlitze auf stark erhabenen,
umfangreichen Papillen, liegen auf der Intersegmentalfurche 17/18,
etwas oberhalb der unteren Borstenpaar - Linien. Zwei weibliche
Geschlechts-Oeffnungen hegen auf kleinen Papillen dicht hinter der
Intersegmentalfurche 13/14. Die Intersegmentalfurche 13/14 wird
durch die weiblichen Geschlechtspapillen etwas nach vorne auf-
getrieben.
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. II
257
Der Oesophagus trägt vorne einen drüsig-muskulösen Schlund-
kopf und bildet sich vor dem Dissepiment 7/8 zu einem kräftigen,
cylindrischen Muskelmagen um. In den Segmenten 10 und 11 hängt
je eine ventrale, eiförmige Chylustasche, deren Struktur denen des
Polytoreutus coeruleus Mich, gleicht, vom Oesophagus nach vorne in
die Leibeshöhle hinein. Im 12. Segment trägt der Oesophagus
schliessHch noch ein Paar Kalkdrüsen - ähnlicher Anhänge, deren
jeder durch Längsfurchen in 4 Theilstücke gespalten ist. Kalk-
konkremente waren in diesen Organen nicht erkennbar. Im
14. Segment geht der Oesophagus plötzlich in den weiten Magen-
darm über.
Zwei Paar Samentrichter liegen in den Segmenten 10 und 11.
Sie sind kapseiförmig erweitert wie bei E. sylvicola Bedd. (Proc.
Zool. Soc. 1887; pag. 381, fig. IB). Zwei dicke, lange, schlauch-
förmige, stark irisirende (muskulöse) Prostatadrüsen münden durch
schwach erhabene, muskulöse Bursen aus. Wie bei E. pallidus, so
fehlen auch hier die charakteristischen Anhänge der Bursen; auch
darin gleicht E. Büttneri jenem, dass die Prostatadrüsen in voller
Breite in die Bursen übergehen.
Der weibliche Geschlechtsapparat (Textfig. A) gleicht im Prinzip
dem des E. pallidus. Durch die weibliche Geschlechts-Oefinung (oe)
gelangt man in ein dickes, muskulöses Atrium (at.), welches an
seinem inneren Ende in eine dünn- st.
wandige, lang sackförmige, un-
regelmässig zusammengelegte Sa-
mentasche (st.) übergeht. In die
Basis des muskulösen Atriums
münden zwei kugelige Taschen (mt.)
ein, deren Wandung dieselbe do. ~
Struktur besitzt, wie das Atrium.
Weiter oben mündet in das Atrium ^.^^
ferner ein eigentlicher Divertikel
(do.) und ihm gegenüber ein ^^
grosses Receptaculum ovorum (ro.)
mit kurzem, dicken Basaltheil
(Stiel). Jederseits ragt ein ziemlich
umfangreiches Ovarium (ov.) von
dem ventralen Rand des Dis-
Fig.A.
sepiments 12/13 in das 13. Segment hinein. Jedes Ovarium ist in
eine Ovarialblase (ob.) eingeschlossen. Die Ovarialblasen gehen
nach hinten in enge Ovarialkanäle (ck.) über, die dann in die
Samentasche (oder in das innere Ende des muskulösen Atriums?)
einmünden.
Fundnotiz: Togo, Bismarckburg; No. 2164 und No. 2165.
Büttner rp. Nov. 1891.
Arch. f. Naturgescli. Jahrg. 1892.
17
258 ^^- W. Michaelsen.
Benhamia pallida nov. spec.
(Textfig. B, 1 u. 2.)
Von dieser Art konnte ich ein einziges, stark erweichtes und
zerfetztes Exemplar von 25 mm Länge untersuchen. Besondere
äussere Charaktere sind nicht erkennbar.
Der Darm besitzt zwei Muskelmägen. Auch Kalkdrüsen waren
noch erkennbar.
Die Prostatadrüsen (2 Paar) sind sehr fein, schlank, schlauch-
förmig. Es lässt sich an ihnen ein dickerer Drüsentheil und ein
dünnerer Ausführungsgang unterscheiden. Es sind zweierlei Penial-
borsten vorhanden. Die erste Form ist etwa 1,2 mm lang und
0,025 mm dick. Ihr äusseres Ende ist schwach gebogen, einfach
zugespitzt und trägt an der concaven Seite eine kleine Anzahl ein-
facher Zähne oder Doppelzähne. Ein Zahn ist besonders gross und
übertrifft die anderen bedeutend (normal?) (Textfig. Bl). Die zweite
Form (Textfig. B2) ist kleiner und schlanker, etwa 0,7 mm lang
und 0,007 mm dick, gertenartig, glatt. Ihre äusserste Spitze ist
dünn-spitzig ausgezogen.
Zwei Paar Samentaschen liegen in den Segmenten 8 und 9.
Die Samentaschen bestehen aus einem dünnwandigen, sackförmigen
Hauptraum und einem grossen, dicken, muskulösen Ausführungsgang,
in dessen mittlere Partie ein winzig birnförmiger, heruntergebogener
Divertikel einmündet. Zwischen Haupttasche und Ausführungsgang
erkennt man eine Einschnürung.
Fundnotiz: Togo,Bismarckburg; No. 2 168; Büttner rp. Nov. 1890.
Benhamia gracilis nov. spec.
(Textfig. C, 1 u. 2.)
Auch diese Art liegt nur in einem ziemlich weichen Exemplar
vor. Dasselbe hat folgende Dimensionen: Länge 60 mm, Dicke
2V2 — 3 mm, Segmentzahl 145. Seine Farbe ist bräunhch, vorne mit
grünlichem Schimmer. Der Gürtel ist braungelb. Der erste Rücken-
porus liegt auf der Intersegmentalfurche 5/6 (?). Einige der Rücken-
poren des Hinterendes zeichnen sich bei dem untersuchten Exemplar
durch ihre besondere Grösse aus (postmortale Veränderung?). Die
Borsten stehen zu 4 engen Paaren an der Bauchseite.
Der Gürtel ist sattelförmig und erstreckt sich über die Seg-
mente 13—20. Je zwei Prostatadrüsen-Oefihungen auf den Segmenten
17 und 19 in den Linien der inneren Borstenpaare sind durch 2
feine Längsfurchen verbunden. Zwei Paar Samentaschen-OefPnungen
liegen ebenfalls in den Linien der inneren Borstenpaare auf den
Intersegmentalfurchen 7/8 und 8/9. Ein etwas dunklerer, quer-
ovaler Fleck ventral-median hinter der Intersegmentalfurche 13/14
markirt die Ausmündung der Eileiter. Zu diesen primären äusseren
Geschlechts - Charakteren kommt noch ein secundärer, nämlich
6 augenförmige ventral-mediane Pubertäts-Grübchen auf den Inter-
segmentalfurchen 9/10, 10/11, 11/12, 12/13, 13/14 und 23/24.
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. 11.
259
In der inneren Organisation scheint B. gracilis mit B. pallida
bis auf geringe Unterschiede übereinzustimmen. Der Darm trägt
zwei Muskelmägen. Die Samentaschen bestehen aus einem dünn-
wandigen Haupttheil und einem dicken, muskulösen Ausführungs-
gang, in den ein kleiner, birnförmiger Divertikel einmündet. Die
Prostatadrüsen sind schlauchförmig, zart und schlank, wenig gebogen.
In der Gestalt der Penialborsten unterscheidet sich B. gracilis etwas
von B. pallida; wenngleich auch hierin eine ziemlich nahe Ver-
wandtschaft nicht zu verkennen ist. B. gracilis besitzt ebenfalls
zwei verschiedene Penialborsten-Formen. Die erste, gröbere Form
(Textfig. Gl) ist am äusseren Ende schwach gebogen, einfach zu-
gespitzt und trägt an der konkaven Seite einige breite, ziemlich
stumpfe Doppelzähne. Dieselben stehen gedrängter als bei B. pallida
und scheinen gleichmässiger zu sein. Die zweite, schlanke Penial-
borstenform (Textfig. C2) ist nicht glatt, wie bei B. palHda, sondern
ist mit einigen deutlichen Kerbzähnen ausgestattet.
Fundnotiz: Togo, Bismarckburg ; No. 2169. Büttner rp, Mai-
Juni 1891.
spec.
Benhamia Büttneri nov.
(Textfig-. D.)
Vorliegend ein gut erhaltenes Exemplar von 70 mm Länge und
4V2 mm Dicke. Die Segmentzahl beträgt 175. Der Rücken ist
vorne purpurn, hinten braunroth gefärbt. Die Bauchseite ist grau-
gelb; ebenso der Gürtel. Der kuppelföj-mige Kopf läppen treibt
einen breiten, abgerundet dreieckigen dorsalen Fortsatz nicht ganz
bis zur Mitte des Kopfringes nach hinten. Die Segmente sind regel-
Fig. B. Fig. C. Fig. D.
massig drei-ringlig. Der mittlere, die Borsten tragende Ringel ist
wallförmig erhaben. Die Haut des Vorderkörpers ist runzehg. Die
Borsten stehen zu vier engen Paaren ganz an der Bauchseite. Den
ersten Rückenporus erkannte ich auf der Intersegmentalfurche 11/12.
17*
260 Dr. W. Michaelsen.
Ein stark erhabener, sattelförmiger Gürtel erstreckt sich über
die Segmente 12 — 21. Je zwei Prostatadrüsen-Oeffnungen auf den
Segmenten 17 und 19, in den Linien der inneren Borstenpaare sind
durch eine scharfe Längsfurche (Samenrinne) verbunden. Zwei
Paar augenförmige Samentaschen-Oeffnungen liegen auf den Inter-
segmentalfurchen 7/8 und 8/9 in den Linien der inneren Borsten-
paare.
Der Oesophagus trägt zwei tonnenförmige Muskelmägen, die so
eng aneinander gelegt sind, dass sie das Aussehen eines einzigen,
durch eine feine Naht halbirten Magens haben. Erst im Längs-
schnitt erkennt man die trennende, schmale, dünnwandige Zone. Der
Oesophagus trägt 3 Paar Kalkdrüsen. Die Segmentalorgane bilden
einen zottigen Besatz an der Innenseite der Leibeswand.
Zwei Paar zarte Prostatadrüsen von normaler Gestalt (schlauch-
förmig, mit Drüsentheil und kürzerem Ausführungsgang, wenig ge-
faltet) münden am 17, und 19. Segment aus. In den die Prostata-
drüsen begleitenden Penialborstensäcken konnte ich nur Borsten
einer einzigen Form finden. Sie stehen zu mehreren (4?) in einem
Bündel und sind verschieden gross. Eine der grösseren Borsten war
0,75 mm lang und 0,02 mm dick. Sie sind wasserhell, gegen das
äussere Ende nur schwach verjüngt, mit zahnartig vorgezogener
Spitze. Das äussere Ende (Textfig. D) trägt wenige, breite, unregel-
mässig gestellte zalmartige Höcker.
Die Samentaschen in den Segmenten 8 und 9 sind plump sack-
förmig. An der Basis ihres dicken, muskulösen Ausführungsganges
sitzt ein kleiner, warzenförmiger Divertikel.
Fundnotiz: Togo, Bismarckburg ; No.2167. Büttner rp. Julil891.
Benhamia togoensis nov. spec.
(Textfig E.)
Vorliegend ein einziges, nicht vollkommen geschlechtsreifes
Exemplar. Dasselbe ist 60 mm lang, 2V2 mm dick und besteht aus
140 Segmenten. Die Körperwand ist ziemlich derb und zäh und
infolgedessen der Körper (besonders vorne) fest und wenig biegsam.
Die Färbung ist bleich -gelb mit schwachem bräunlichen Schimmer
am Rücken des Vorderkörpers. Die Borsten stehen in 4 Paar-Reihen
an der Bauchseite. Am Vorderkörper sind die Borsten zart und
paarweise sehr eng aneinander gestellt, gegen den
Hinterkörper vergrössern sie sich etwas und zugleich
erweitern sich die Paare ein wenig. Die normalen
Körperborsten sind nicht glatt, sondern ornamentirt,
Sie zeigen die für die Penialborsten (siehe unten)
charakteristische Skulptur in etwas schwächerer Aus-
führung, d. h. sie sind besetzt mit zerstreut stehenden,
feinen, haarförmigen Zähnen, die, mit der Spitze gegen
das äussere Ende der Borste gerichtet, dem Borsten-
körper dicht anliegen. Ornamentirte Körperborsten, bei
Fig. E.
Terricolen der Berliner Zoologischen Sammlung. IL 261
den Geoscoleciden keine seltene Erscheinung, sind bei Acantho-
drilinen meines Wissens noch nicht beobachtet worden; wie Ponto-
drilus arenae (s. oben) beweist, kommen sie auch in anderen
Unterfamilien der Megascoleciden vor. Ich vermuthe, dass ihr Vor-
kommen in dieser Familie häufiger ist, als es bis jetzt den Anschein
hat. In vielen Fällen mag die Ornamentirung, die bei den nor-
malen Körperborsten in der Regel feiner als bei etwaigen Penial-
borsten, und nur bei stärkerer Vergrösserung erkennbar ist, über-
sehen worden sein. Erschwerend für ihre Beobachtung ist der Um-
stand, dass sie nur an Wasser- oder Spiritus-Präparaten erkennbar
ist, während sie an Canadabalsam-Präparaten unsichtbar wird.
Ein Gürtel ist nicht deutlich ausgebildet. Die Geschlechts-
öfihungen zeigen, soweit erkennbar, die normale Anordnung.
Der Oesophagus lässt einen drüsig - muskulösen Schlundkopf,
zwei tonnenförmige Muskelmägen und zwei Paar Kalkdrüsen er-
kennen. Die Segmentalorgane bilden einen zottigen Besatz an der
Innenseite der Leibeswand.
Die Geschlechtsorgane waren noch nicht vollkommen ausgebildet.
Zwei Paar Prostatadrüsen zeigen die für die Benhamien charak-
teristische Gestalt; sie sind zart, schlauchförmig, aus dickerem Drüsen-
theil und kürzerem, dünneren Ausführungsgang zusammengesetzt,
gefaltet. Sie sind mit Penialborstensäcken ausgestattet. Die Penial-
borsten (Textfig. E) sind schlank, mit verschiedenartig gebogener
Spitze. Sie sind mit unregelmässig gestellten, feinen, haarförmigen
Zähnchen besetzt, die nach der Spitze der Borste hin gerichtet sind
und dem Borstenkörper dicht anliegen. (Die Zähnchen sind nicht
in so regelmässigen Ringeln angeordnet, wie in der etwas verzeich-
neten Textfigur E.)
Fundnotiz: Togo, Bismarckburg; No. 2170. Büttner rp. Nov.
1891.
Beiträge
zur
Morphologie und Physiologie
der
Oberlippendrüsen einiger Ophidier.
Von
F. Nie mann.
Hierzu Tafel XIV.
Literaturverzeichniss.
Die Werke, welche zu der vorliegenden Arbeit benutzt wurden,
sind in der Reihe aufgezählt, in welcher sie citirt werden. Im Text
bedeuten die hinter den ISfamen der Autoren eingeklammerten
Zahlen jedesmal das "Werk, welches unter der gleichen Nummer
hier aufgeführt ist.
1. Redi: D. Giftapparat d. Vipera aspis. Deutsch. Uebersetz.,
1781.
2. Fontana: Ueber d. Viperngift, 1787.
3. Leydig: Ueber die Kopfdrüsen einheimischer Ophidier,
Archiv für mikroskop. Anatomie, 1873.
5. Raphael Blanchard: Traite de Zoologie medicale, Paris
1889.
6. Leydig: Die Zähne einheimischer Schlangen nach Bau und
Entwickelung, Archiv für mikroskop. Anatomie, 1873.
7. Ch. S. Tomes: On the structure and development of the
teeth of Ophidia, Phüos. Transact, 1875.
8. Ch. S. Tomes: On the development and succession of the
poison-fangs of Snakes, Philos. Transact., 1877.
9. Dumeril et Bibron: Erpetologie generale ou histoire
naturelle complete des reptiles, Paris 1854.
F. Niemann. 263
10. Th. u. A. Hufemann, Handbuch d. Toxikologie, 1867.
11. Lucie Bonaparte: Ueber Schlangengift, Gazette toscana,
1843.
12. Armstrong and Brunter: Untersuchungen über das Gift
d. Naja tripudians, Chem. News, 1872.
13. Fayrer: Ueber die Natur d. Schlangengiftes, Deutsch,
medicin. Ztg., 1884.
14. Ott: Ueber die Wirkung des Klapperschlangengiftes, Journ.
d. Pharm, et de Chimie, 1883.
15. Brainard et Johnson: Ueber die Wirkung des Schlangen-
giftes. Gaz.med.de Paris. Ref.i.Jahresber.d,Pharm.u.Toxicologiel864.
16. J. T. High: Andidot gegen Schlangengift, Weekly Drug.
News, 1883. Ref. i. Jahresber. d. Pharm, u. Toxicologie 1884.
17. Kelp: Die Wirkung des Giftes der Pelias berus, Med.
Wochenschrift, 1882.
18. A. Gau tier: Ptomaine und Leucomaine. Bullet. de l'Acad,
de med. 1886 u. Schmidts Jahrb. d. in- u. ausländisch. Medicin. 1886.
19. CK. Hoffmann: Browns Classen und Ordnungen des
Thierreichs, Abtheilung Reptilien, Leipzig 1890.
Des Weiteren wurden benutzt:
20. A. Bolle s Lee: The microtomist's vademecum, London 1890.
21. Weil: Methode der Herstellung von Zahn- und Knochen-
schliffen. Zeitschrift für wissenschaftl. Microscop., Bd. V.
22. Wiedersheim: Lehrbuch der vergl. Anatomie der Wirbel-
thiere, 1890.
23. Leunis: Synopsis d. Thierkunde, 1883.
24. Boas: Lehrbuch d. Zoologie, 1889.
25. Gegenbaur: Grundzüge der vergl. Anatomie. 1884.
26. Claus: Handbuch der Zoologie. 1890.
27. St Öhr: Lehrbuch d. Histologie. 1891.
Litteratur.
In der Mitte des 17. Jahrhunderts machte Redi (1.) auf Veran-
lassung des Grossherzogs Ferdinand IL von Toscana seine Unter-
suchungen über den Giftapparat der nach ihm benannten Vipera
aspis (Vipera Redii). Er änderte die althergebrachten Vermuthungen,
dass die Ophidier ihr Gift in der Galle prodiiziren und durch Stich
dem Opferthier einverleiben, dahin ab, dass das giftige Secret aus
Bläschen am Zahnfleische abgesondert würde und dass die Injection
desselben mit hohlen Giftzähnen geschehe. 1787 nahm Fontana (2.)
die Redischen Untersuchungen wieder auf, bestätigte sie zum Theil
und berichtigte sie dahin, dass das Gift aus einer eigenen Drüse
264 F. Niemanii: Beiträge zur Morphologie und
abgesondert würde. Er ist der erste Forscher, welcher einige Mit-
theilungen über Lage, Form und Bau der Giftdrüse macht.
Eine ausführliche Besprechung der für den anatomisch-histolo-
gischen Theil dieser Arbeit vorhandenen Literatur glaube ich mit
Hinweis auf die gleich zu erwähnende Arbeit Leydig's, in der die
sämmtlichen älteren und neueren Autoren citirt sind, umgehen zu
können.
Leydig (3.) geht besonders auf die feineren anatomischen Einzel-
heiten ein und beschreibt die Kopfdrüsen der einheimischen Ophidier
auf das gründhchste. Auf Grund seiner Studien giebt er einige
vortreffliche Abbildungen der Giftdrüse und der Oberlippendrüse,
ebenso bildet er Querschnitte dieser ab. Schon er tritt der Lösung
der schwebenden Frage, ob die Giftdrüse eine typische sei oder
ob man sie als aus der Oberlippendrüse hervorgegangen ansehen
könne, nahe.
Emery (4.) beschäftigte sich mit dem feineren Bau der Giftdrüse
von Naja haje, er konstatirte wechselnde Grösse der Epithelzellen in
der eigentlichen Drüse und in den Ausführungsgängen, auch findet
er, dass die Structurverhältnisse in den einzelnen Drüsenpartien ver-
schiedene sind.
Raphael Blanchard (5.) macht kürzere, allgemeine Angaben
über den Bau der Giftdrüse und auch der Giftzähne. Ueber den
Bau der Zähne der Ophidier hat Leydig (Q.) ebenfalls gearbeitet,
er fand, dass die Giftzähne (nur sie kommen für diese Arbeit in
Betracht) eines eigentlichen Schmelzes entbehren, sie haben an Stelle
dessen eine feste Zahnbeinrinde. Er bestätigte im weiteren Verlauf
seiner Arbeit die Angabe Fontana's, dass die Giftzähne eine doppelte
Höhlung besitzen, welche durch eine Scheidewand von einander ge-
trennt wird. Der Giftkanal entsteht nach Leydig von aussen her
durch Bildung einer Furche, die vorn und hinten offen bleibt, wäh-
rend die mittlere Strecke verwächst.
Nach Leydig hat Tomes (7., 8.) die Giftzähne untersucht. Er
berücksichtigt in seinen umfangreichen Arbeiten hauptsächlich das
Verhalten der Ersatzgiftzähne. Er findet, dass bei allen Gift-
schlangen, mit Ausnahme der Crotalidae, die Ersatzgiftzähne in
zwei Längsreihen angeordnet sind. Die Crotalidae haben dagegen nur
eine Längsreihe von Ersatzgiftzähnen.
Was nun die physiologisch - chemischen Untersuchungen an-
betrifft, so stellten schon Redi (1.) und Fontana (2) physiologische
Versuche mit dem Viperngifte an und fanden, dass in demselben
ein Stoff vorhanden sei, der sehr bald Krämpfe und Tod hervorruft,
wenn er kleinen Vertebraten einverleibt wird,
Dumeril (9.) giebt eine detaillirte Beschreibung von der Wirkung
des Giftes der Pelias berus beim Menschen; er hatte diese Beob-
achtungen an sich selbst, allerdings unfreiwüHg, gemacht.
Th. und A. Hufemann (10.) geben eine Beschreibung einiger
physiologischen und chemischen Eigenschaften des Schlangengiftes.
Physiologie der OberliiDpendrüsen einiger Ophidier. 265
Durch Behandlung mit Alkohol und Aether will Lucie Bona-
parte (11.) aus dem Viperngift einen stickstoffhaltigen, geruchlosen
Körper erhalten haben, der in seinen Eigenschaften Aehnlichkeit mit
dem Ptyalin haben soll.
An der Spitze der neueren Untersuchungen stehen die von
Armstrong und Brunter (12.) über das Gift von Naja tripudians.
Dieses stellt nach ihnen eine eiweissartige Flüssigkeit dar, ist von
saurer Reaction und wird durch massiges Erhitzen (80 ^) und starke
Abkühlung in seiner Wirkung nicht beeinträchtigt.
Fayrer (13.) stellte mehrere Jahre später fest, dass das Gift der
Naja tripudians beim längeren Stehen in offenen oder geschlossenen
Gefässen von der sauren Reaction in die alkalische übergehe. Er
macht darauf aufmerksam, dass die Resorption des Giftes auch von
den Schleimhäuten aus erfolgen kann, und dass es aus diesem
Grunde gefährlich sei, Bisswunden, von Giftsclilangen herrührend,
mit dem Munde auszusaugen.
Ott (14) berichtet über physiologische Versuche, die er mit
Schlangengift anstellte. Die geimpften Versuchsthiere (Mäuse) starben
unter Tetanus und Lähmungserscheinungen. Brainard und John-
son (15.) wollen eine Veränderung der rothen Blutkörperchen bei
durch Schlangenbiss verendeten Thieren wahrgenommen haben.
Als Antidot des Schlangengiftes empfiehlt J. H. High (16.)
subcutane Injectionen mit Ammon. carbonat. Beobachtungen über
die durch den Biss der Pelias berus hervorgerufenen Vergiftungs-
erscheinungen bei kleinen Vertebraten hat Kelp (17.) gemacht.
Valfort stellte die Behauptung auf, dass mit dem Gifte der
Schlangen Gährungskeime in den Körper gelangen und sich hier
rasch Zellen bilden, welche, mit ungeheuer Schnelligkeit sich
vermehrend, dem Blute allen Sauerstoff entzögen und ein dem
Erstickungstode ähnUches Ende des Lebens herbeiführen. Fayrer (13.)
konnte dies nicht bestätigen, und durch die ausserordentlich klaren
und gründlichen Arbeiten von Gautier (18), der das Schlangengift
als zu den Leucomainen gehörig erkannte, sind obige gehaltlose
Angaben völHg widerlegt worden.
Unter suchungsmetho den und Mater iaL
Die makroskopischen Untersuchungen wurden in der ge-
wöhnlichen Weise entweder trocken oder unter Wasser resp.
Alkohol ausgeführt. Die zu Quer- oder Längsschnitten bestimmten
Objecte wurden entweder in toto mit Pikrokarmin, Boraxkarmin
oder Eosin gefärbt und dann nach der Paraffinmethode eingeschmolzen
und im Mikrotom geschnitten. W^o Abweichungen von diesen allge-
meinen Regeln vorkommen, habe ich es jedesmal an der betr. Stelle
vermerkt. Da meines Wissens vergleichende Messungen des Kopfes
266 F. Niemann: Beiträge zur Morphologie und
und der Glandula labialis superior sowie der Glandula venenata der
Ophidier noch nicht angestellt wurden, so habe ich solche vorge-
nommen, ebenso habe ich vergleichende Messungen der Schläuche
der beiden in vorliegender Arbeit hauptsächlich in Betracht kom-
menden Drüsen vorgenommen, und an den betreffenden Stellen die-
selben in Form von Durchschnittsmessungen angeführt. Zu den
Untersuchungen wurden Exemplare folgender Ophidier verwandt:
Elaphis virgatus,
Siophis Merremii,
Herpetodryas carinatus,
Tropidonutus subminiatus,
Coryphodon Korros,
Psammodinastes pulverulentus,
Dendrophis picta,
Tragops prusinus,
Dipsas annullata,
Elaps lemniseatus,
Bungarus semnifaciatus,
Pelias berus (lebende Exemplare),
Echis atricauda,
Bothrops bipsosus,
,, biporus,
,, lanceolatus.
Wo nichts Besonderes bemerkt ist, verstehen sich die Exemplare
als Spiritus-Präparate. Was die Nomenclatur der Drüsen anbetrifft,
so habe ich mich im Folgenden im Allgemeinen an Leydig ange-
schlossen. Die oben aufgeführten Ophidier habe ich nach den
Systemen von Günther (Ophidii colubriformes) und Strauch (Ophidii
venenosi) geordnet. (19.)
Morphologische Untersuchungen.
Ophidii colubriformes.
Farn. Colubridae.
Gattg. Elaphis.
Spec. Elaphis virgatus Schleg.
Kopflänge 3,3 cm, gelbl. Drüsentheil 0,5 cm.
Nach dem vorsichtigen Abpräpariren der Kopfhaut zeigt sich
die Glandula labialis superior, welche nur von einer schwachen,
sehnigen Bindegewebshaut umgeben ist und einer musculösen Um-
lagerung vollständig entbehrt, als ein nach der Rostral-Gegend hin
verlaufender, schmaler Streifen, der sich in seiner hinteren Partie
etwas verbreitert, um den sog. ,,gelbhchen Drüsentheil" (Leydig [3,])
der Glandul. labial, super, zu bilden. Dieser hebt sich nur un-
deutlich von der Glandul. labial, super, ab und unterscheidet sich
Physiologie der Oberlippenclrüsen einiger Ophidier. 267
von dieser hauptsächlich durch seine mehr feste Consistenz, während
die Glandul. labial, super, mehr schwammiger Natur ist. Die Farbe
der Glandul. labial, super, ist bei Spiritus-Präparaten eine schmutzig
gelb-weisse, der gelbliche Theil hat dieselbe Farbe in etwas dunkleren
Nuancen. Besonders hervorheben möchte ich noch, dass die oben
erwähnte Bindegewebshaut sowohl die Glandul. labial, super, als
auch den gelblichen Theil umgiebt. Bei der Glandul. labial, super,
fand ich 3 Ausführungsgänge, die in den vorderen Theil des oberen
Gaumens ausmünden, der gelbhche Theil besitzt dagegen einen Aus-
führungsgang, der in der mittleren Trabeculargegend entspringend,
von dort aus nach unten in den Gaumen verläuft.
Was nun die histologischen Einzelheiten der Drüsen anbetrifft,
so zeigen Querschnitte durch den gelbl. Theil, dass derselbe von
einer schwach entwickelten Bindegewebsschicht umgeben ist. Direkt
unter dieser Bindegewebsschicht befinden sich Lymphräume, die
kleine, unregelmässig gestellte, von oben nach unten zusammen-
gedrückte Maschen darstellen.
Charakteristisch für die Lymphräume ist das vereinzelte Auf-
treten von Lymphkörperchen, d. h. hüllenlosen, fast durchsichtigen
Zellen ohne scharfe Begrenzung. Ich habe dieselben fast auschhess-
Kch in ziemlich dicken Querschnitten, aber auch hier nur spärHch
vorgefunden. Unmittelbar an diese Lymphräume schüesst sich nun
das Gebiet der Drüsenmaschen an. Diese bestehen aus kleinen,
meist schlauchartigen Hohlräumen, die ziemhch eng, aber regel-
mässig gebaut sind und zumeist eine abgeplattet-ovale Form be-
sitzen. Jeder dieser Schläuche ist von einer äussert feinen und
zarten Bindegewebsschicht umgeben. Das Innere dieser Schläuche
ist mit Epithel ausgekleidet, welches leider bei den von mir an-
gefertigten Präparaten (Querschnitten) nur noch unvollkommen con-
servirt war; entweder war es gänzlich zerstört oder es bildete mit
mit dem Secret der Drüsen eine filzige Masse, und nur ein kleiner
Theil war so erhalten, dass er durch geeignete Tinction für die
Untersuchung tauglich wurde. Diese Uebelstände sind lediglich auf
die schädliche und zerstörende Einwirkung des Alkohols, der jeden-
falls nicht wasserfrei war, auf die feine Gewebsmasse zurückzuführen.
Es beschränkt sich dies leider nicht nur auf Exemplare der Elaphis
virgatus, sondern findet sich auch noch bei verschiedenen anderen
Arten, von denen Spiritusexemplare untersucht werden mussten.
Soweit die Untersuchungen angingen, zeigte sich das Epithel
als aus fast cubisch geformten Zellen bestehend, die nach oben hin
oval gewölbt waren. Der Kern der Zellen befand sich zumeist in
der Mitte.
Die die Glandul. labial, super, umgebende Bindegewebsschicht
ist noch schwächer und auch loser geschichtet als dies bei dem
gelblichen Theile der Fall war. Wie wenig die Grösse der Schläuche
der Glandul. labial, super, von der der Schläuche des gelblichen
Theiles abweicht, werden die unten angeführten Messungsresultate
268 F- Niemann: Beiträge zur Morphologie und
am besten illiistriren. Die einzelnen Drüsenschläuche liegen hier
gewissermassen zusammen geknänelt an einander, so dass man selbst
bei stärkeren Vergrösserungen Mühe hat, die einzelnen Schläuche
mit der zugehörigen feinen Bindegewebsschicht, welche den Schlauch
völlig umschliesst, zu isoliren. Das Epithel besteht in Anbetracht
der sehr engen Schläuche aus ausserordentlich kleinen Zellen, die
länglich sind und nach oben hin oval abschliessen.
Im Durchschnitt hatten die Schläuche der gelbhchen Drüse
einen Durchmesser von 0,195 mm, die der Glandul. labial, super,
einen solchen von 0,181 mm.
Gattg. Xenolapsis.
Spec. Coryphodon Korros.
(Kopflänge 3,6 cm, Länge des gelbl. Theiles 0,4 cm.)
Die Glandul. labial, super, erscheint als ein schmaler, seichter
Saum, der sich von der Trabecularregion bis in die Rostralgegend
erstreckt. Dieser durchaus gleichförmig verlaufende Drüsenstrang
lässt keinen gelblichen Theil hervortreten, es Hesse sich höchstens
eine kleine Anschwellung der Glandul. labial, super., in gerader
Linie unter der Augenhöhle liegend, als rudimentärer gelblicher
Theil bezeichnen, doch ist dieses Rudiment ausserordentlich klein,
seine Fläche ist kaum mehr als 2,5 Qmm. Die Glandul. labial,
super., welche von einer schwachen, sehnigen Hülle umgeben ist,
besitzt 4 Ausführungsgänge, die in den vorderen Theil des oberen
Gaumens ausmünden. Die Farbe der Glandul. labial, super, ist eine
grau-weisse. Der rudimentäre gelbliche Theil besitzt keinen Aus-
führungsgang.
An Querschnitten der Glandul. labial, super, lässt sich zunächst
eine die Drüse umgebende Bindegewebshülle erkennen, in der einige
wenige Lücken vorhanden sind, die zur Aufnahme von Nerven und
Capillargefässen bestimmt zu sein scheinen. Der darunter liegende
Lymphraum ist äusserst schmal und besteht aus flach gedrückten,
lose zusammenhängenden Maschen, Die sich unmittelbar daran an-
schliessenden Drüsensäckchen sind von röhrenförmiger oder länglich-
ovaler Form, ihr oberes Ende ist gewöhnlich etwas seithch ge-
krümmt. Umgeben ist jedes derselben von einer sehr dünnen
Bindegewebshülle. Das die Drüsenschläuche auskleidende Epithel
besteht aus länglichen Zellen. Querschnitte durch den oben er-
wähnten gelblichen Drüsentheil weichen nicht im geringsten von
dem Verhalten der Glandul. labial, super, ab.
Der Durchmesser der Schläuche der Glandul. labial, super,
betrug im Durchnitt 0,174 mm.
Physiologie der Oberlippendrüsen einiger Ophidier. 269
Farn. Drt/adidae.
Gattg. Herpetodryas.
Spec. Herpetodryas carinatus Boie.
(Kopflänge 2,8 cm, Länge der Glandul. membran. nictitant. 0,65 cm.)
Die Glandul. labial, super, ist auf den untersten Rand des
Oberkiefergaumens beschränkt. Sie entbehrt jeglicher Muskulatur
und ist von weicher, schwammiger Structur. An Stelle der gelb-
lichen Drüse, von der ich selbst Rudimente vermisste, hat sich hier
die Glandul. membran. nictitant. auffallend stark entwickelt. Sie
grenzt nach unten hin in Fonn einer aufwärts gebogenen Linie
direct an die verkümmerte Glandul. labial, super., die 3 Ausführungs-
gänge besitzt. Ausgezeichnet ist die Glandul. membran. nictitant.
ferner durch eine grobkörnige Structur und durch die sie umgebende,
stark entwickelte Bindegewebshaut. Sie besitzt ausser dem normalen
Ausführungsgang in die Conjunctiva hinein noch einen zweiten,
allerdings blind verlaufenden Ausführungsgang, der nach unten hin,
in der Richtung zum Gaumen angelegt ist.
Erwähnt sei hier noch, dass auch die Glandul. nasal, auffallend
stark entwickelt ist.
An Querschnitten durch die Glandul. membran. nictitant. erkennt
man sehr bald, dass die sie umgebende Bindegewebshülle nicht
überall gleich stark entwickelt ist, am stärksten tritt sie an der
nach der Rostralgegend gerichteten Seite auf, während die hintere
Partie schwächer entwickelt ist. Der Lymphraum besteht nur aus
einer Maschenlage, der sich dann gleich die Drüsenschläuche an-
reihen, welche ziemlich unregelmässig in Form und Anordnung sich
verhalten. Ovale und röhrenartige Formen der Schläuche sind vor-
wiegend, doch fehlt es nicht an Drüsen, welche polygonal gebildet
sind, oder die in zottenartigen Ausläufern endigen. Auch hier sind
die einzelnen Drüsenschläuche von einer sehr feinen Bindegewebshaut
umgeben. Die Zellen des Drüsenepithels sind ziemHch hoch und
nach oben oval abschHessend, mit mittlerer Kerneinlagerung.
Die Glandul. labial, super, ist von einer regelmässig entwickelten,
aber schwachen Bindegewebsschicht umgeben, unter der sich ein
sehr reducirter Lymphraum ausdehnt. Die Drüsenschläuche haben
meist eine länglich ovale Form und sind auffallend gleichmässig in
Gestalt und Grösse. Das verhältnissmässig grosse Epithel war so
mangelhaft erhalten, dass genauere Angaben fügHch unterbleiben
mussten.
Im Durchnitt hatten die Schläuche der Glandul. membran.
nictitant. einen Durchmesser von 0,21 mm, die der Glandul. labial,
super, einen solchen von 0,16 mm.
270 F. Niemann: Beiträge zur Morphologie und
Gattg. Liophis.
Spec. Liophis Merremii Wied.
(Kopflänge 2,1, Glandul. membran. nictitant. 0,48 cm.)
Die Glandul. labial, super, ist ein schmaler Streifen, der sich
von der vorderen Trabecularregion bis in die Nähe des Rostrums
zieht und eines gelblichen Theiles entbehrt. Die Glandul. labial,
super, ist von grauweisser Farbe und ziemlich schwammiger Con-
sistenz.
Aehnlich den Verhältnissen der Herpetodryas carinatus ist auch
bei der Liophis Merremii die Glandul. membran. nictitant. stark ent-
wickelt, wenn auch nicht in dem Maasse, wie wir es bei der ersteren
gesehen. Die Farbe der Glandul. membran. nictitant. ist dieselbe
wie die der Glandul. labial, super.
Die wechselnde Stärke des die Drüse umgebenden Bindegewebes
findet sich analog den Verhältnissen der Herpetodryas carinatus auch
hier, nur tritt der Unterschied nicht so deutlich hervor. An den
schwach entwickelten Lymphraum, der sich unter der Bindegewebs-
hülle der Glandul. membran. nictitant. erstreckt, schliessen sich un-
mittelbar die Drüsenschläuche an, die in ihren ersten, den Lymph-
räumen anliegenden Schichten den Maschen dieser sehr ähnlich
sehen. Später nehmen sie eine länglich ovale Form an, die mitunter
leicht geschlängelt erscheint. Das Epithel besteht aus länglichen
Zellen mit mittlerer Kerneinlagerung.
Die Bindegewebsschicht der Glandul. labial, super, ist bedeutend
schwächer entwickelt als die der Glandul. membran nictitant., auch
ist sie durchaus gleichmässig stark. Die Drüsenschläuche sind klein
und erscheinen zusammengeknäuelt. Die sehr kleinen Epithelzellen
derselben sind fast cubisch.
Der Durchmesser der Schläuche der Glandul. membran. nictitant.
betrug im Durchschnitt 0,21 mm, der der Glandul. labial, super,
dagegen 0,185 mm.
Farn. Natricidae.
Gttg. Tropidonotus.
Speo. Tropidonotus subminiatus Reinw.
(Kopflänge 2,1 cm, Länge der gelbl. Drüsentheile 0,65 mm.)
Die verhältnissmässig stark entwickelte Glandul. labial, super.
erstreckt sich von der Praemaxillargegend (wo sie nach der anderen
Seite hin in die entsprechende gleiche Drüse übergeht) bis in die
hintere Trabeculargegend. Li der vorderen Trabeculargegend hebt
sich von ihr deutHch durch seine Farbe und seine grobkörnige
Structur abgegrenzt der gelbhche Theil ab. Man erkennt ihn
übrigens am besten, wenn man die beide Drüsentheile überziehende
Bindegewebshaut abtrennt. Die weiche Glandul. labial, super, hat
Physiologie der Oberlippendrüsen einiger Ophidier. 271
eine weiss-graue Farbe und entsendet 4 Ausführungsgänge in den
oberen Gaumen, wo sie nahe den Zähnen ausmünden. Die gelb-
grau gefärbte „gelbliche Drüse" besitzt nur einen Ausführungsgang,
der in den Gaumen ausmündet.
Querschnitte durch die gelbHche Drüse ergeben, dass die
Schläuche, welche sich nur undeutlich von den ziemlich stark ent-
wickelten Lymphräumen abheben, eine länglich -ovale Form mit
leicht seitlicher Biegung besitzen. Sie sind von einem feinen Binde-
gewebshäutchen umgeben. Das sie auskleidende Epithel besteht
meistens aus länglichen Zellen, die im Zentrum den Kern eingelagert
zeigen, doch finden sich auch Epithelzellen, welche cubisch gebaut
sind, beide Arten verjüngen sich nach oben hin spitzenartig. Die
Bindegewebshaut, welche die ganze Drüse einhüllt, ist stark ent-
wickelt, sie zeigt an verschiedenen Stellen kreisförmige Lücken, in
denen zuweilen noch Reste von Gefässen vorzufinden sind. Die
Glandul. labial, super, ist von einer starken, aber ungleichmässig
entwickelten Bindegewebsschicht umgeben, unter ihr findet sich zu-
nächst wie gewöhnlich ein Lymphraum vor, welcher aus kleinen
znsammengedrückten Maschen besteht. Die Drüsenschläuche sind
klein, von rundlicher Form, die mitunter einer länglichen röhren-
artigen Gestalt Platz macht.
Das Epithel besteht aus cubischen Zellen,
Der Durchmesser der Schläuche der gelblichen Drüsen betrug
im Durchschnitt 0,23 mm, der der Glandul. labial, super. 0,183 mm.
Farn. Psamtnopliidae,
Gattg. Psammodynastes.
Spec. Psammodyuastes pulverulentus Crünth.
(Kopflänge 2,5 cm, Länge der gelbl. Drüse 0,56 cm.)
Nach dem Abpräpariren der oberen Kopfhaut findet sich ein
Theil der Glandul. labial, super, von einem dünnen Muskelschlauch
umgeben, der ein kleiner Seitenzweig des muscul. temporal, ist.
Dieser, von einer muskulösen Hülle umgebende Drüsentheil lässt
sich bei genauerer Betrachtung unschwer als der gelbHche Drüsen-
theil erkennen. Er erhebt sich beträchtlich über das Niveau der
Glandul. labial, super, hinaus, beide Drüsen sind hier deutlich von
einander getrennt, sie haben sogar je eine besondere Bindegewebs-
haut, die allerdings beide durch sekundäre Bindegewebsstränge
zusammengeheftet sind. Während die Glandul. labial, super, von
weicher, schwammiger Structur ist, hat die gelbliche Drüse eine
ausgesprochen körnige Structur. In der Farbe, die eine weiss-gelbe
ist, weichen beide Drüsen nicht von einander ab. Die Glandul.
labial, super, besitzt drei Ausllihrungsgänge, deren erste beiden dicht
neben einander liegen und wie der weiter hinten liegende dritte in
den Gaumen ausmünden. Die gelbliche Drüse besitzt nur einen,
272 F. Nie mann: Beiträge zur Morphologie und
ziemlich stark entwickelten Ausführungsgang, der ebenfalls in den
Gaumen ausmündet. Die gelbliche Drüse ist von einer stark
und gleichmässig entwickelten Bindegewebshaut umgeben. Der sich
darunter ausdehnende Lymphraum besteht aus langgestreckten
Maschen, die dann sehr bald in die Drüsenschläuche übergehen.
Die röhrenförmige und S förmige Gestalt herrscht bei den Drüsen-
schläuchen vor, die Grösse der einzelnen Schläuche ist eine schwan-
kende. Mitunter findet man eine grössere Anzahl von Schläuchen
gemeinschaftlich von einer dünnen Bindegewebsschicht umfasst, die
von der äusseren Bindegewebshülle ausgeht. Ausserdem besitzt
jedoch ein jeder dieser Schläuche eine Umhüllung, welche von einem
dünnen Häutchen aus Bindegewebssubstanz gebildet wird. Die
Epithelzellen sind länglich und endigen nach oben oval aus.
Die Glandul. labial, super, ist von einer unregelmässigen,
schwach entwickelten Bindegewebshaut umgeben. Die Lymphräume
erscheinen stark redueirt. Die Maschen derselben sind klein und
von unregelmässigem Bau, doch sind sie alle von oben nach unten
comprimirt. Die kleinen Drüsenschläuche erscheinen dicht aneinander
gedrängt. Sie sind weiss von plattgedrückt-ovaler Form oder sie
erscheinen als platte, aufgeknäuelte Schläuche. Ihre cubischen
Epithelzellen haben den Kern in der Mitte.
Im Durchschnitt hatten die Schläuche der gelblichen Drüse einen
Durchmesser von 0,273 mm, die der Glandul. labial, super, einen
solchen von 0,235 mm.
Fani. JDendrophidae.
Gattg. Dendrophis.
Spec. Dendrophis picta Schleg.
(Kopflänge 2,1 cm, Länge der gelbl. Drüse 0,3 cm.)
Die Glandul. labial, super, ist nur schwach entwickelt, sie stellt
ein schmales Band dar, welches, in der Praefrontalgegend beginnend,
in der vorderen Trabecularregion allmählich fadenförmig ausläuft.
Sie wird von einer Bindegewebschicht eingeschlossen, die in keiner
Weise mit einer Muskulatur in Verbindung steht. Sie besitzt 5 Aus-
führungsgänge, die sämmtlich in dem vorderen Theil der Drüse an-
gelegt sind und in den oberen Gaumen ausmünden. Die nur
rudimentär vorhandene gelbliche Drüse besitzt keinen Ausführungs-
gang, in der Farbe gleicht sie der Glandul. labial super,, doch ist
sie von körniger Consistenz, während jene schwammig zu nennen ist.
Bemerkenswerth ist es, dass sich die Glandul. membran. nictitant.
ziemlich stark entwickelt zeigt; sie stellt einen platten, herzförmigen
Lappen dar, der sich von der Augenhöhle aus nach unten bis in
die Trabeculargegend, nach hinten aber bis zum Prooticum erstreckt.
Einen anderen Ausführungsgang, als den in die Conjunctiva mün-
denden habe ich nicht finden können. Die Glandul. membran.
nictitant. ist von einer an allen Stellen gleichmässig entwickelten
Physiologie der Oberlippendrüsen einiger Ophidier. 273
Bindegewebsschicht umgeben, in der sieb Spuren von Blut-
gefässen und Nervensträngen finden. Der Lympbraum ist stark
reducirt, seine plattgedrückten Maseben sind verkümmert. Die
Drüsenscbläucbe sind theils scblank gebaute röbrenartige Gebilde,
tbeils gedrungene ovale Formationen, clia mitunter lappenartige Fort-
sätze tragen. Eine sie umgebende äusserst feine Bindegewebsbaut
feblt aucb bier nicbt. Der Kern der länglicben Epitbelzellen liegt
meist in der Mitte.
Die Glandul. labial, super, ist von einer nur schwachen, aber
regelmässig entwickelten Bindegewebsbaut umgeben. Der darunter
liegende Lympbraum ist stark reducirt. Die Drüsenscbläucbe, welche
ausserordentlich regelmässig angeordnet sind und zwar in Längs-
reihen, haben vorzugsweise eine röhrenförmige Gestalt mit einer
leicht seithchen Biegung.
Die ziemlich grossen, cubischen Epithelzellen schliessen nach
oben hin oval ab und haben gewöhnUch in dem oberen Theile der
Zelle den Kern zu liegen.
Die Drüsenschläuche der gelblichen Drüse unterscheiden sich
von denen der Glandul. labial, super, nur durch ihre Grösse. Sie
übertreffen darin um weniges die Schläuche der Glandul. labial,
super.
Die durchschnitthebe Grösse der Glandul. membran. nictitant.
betrug im Durchmesser 0,19 cm, die der gelblichen Drüse 0,178 cm,
die der Glandul. labial, endlich 0,172 cm.
Farn, Dryophidae.
Gattg. Tragops.
Spec. Tragops prusinus Wagl.
(Kopflänge 2,5, gelbl. Drüsentheil, Länge 0,6 cm.)
Die Glandul. labial, super, ist von einem dünnen Muskelschlauch
umgeben, der von dem muscl. temporal, gebildet wird: die stärkste
Ausdelmung erreicht diese Muskulatur oberhalb des deuthch abge-
grenzten gelblichen Drüsentheiles. Die Glandul. labial, super, er-
streckt sich von der Praemaxillarregion bis in die Trabeculargegend.
In der letzteren erreicht der gewissermaassen über der Glandul. labial,
super, lagernde gelbliche Drüsentheil seine grösste Ausdehnung.
Glandul. labial, super, und der gelbhche Drüsentheil sind hier von
ein und derselben Bindegewebsbaut überzogen, doch lässt sich an
einer feinen Naht in dieser schon vor ihrer Abtrennung die Lage
der gelblichen Drüse ahnen. Die Glandul. labial, super, mündet in
zwei Ausführungsgängen in der oberen Gaumenpartie aus. Der eine
Ausführungsgang der gelblichen Drüse mündet nach Durchbrechung
des Oberkiefergaumens in den hintersten Furchenzahn. Hier tritt
uns also die gelbliche Drüse zum ersten Male in der Modification
einer Giftdrüse entgegen, zwar ist sie noch nicht völHg als ein
Ärch f. Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd. I. H. 3. 18
274 F. Nie mann: Beiträge zur Morphologie und
unabhängiges Gebilde anzusehen, da sie noch in Communication
durch die Bindegewebshaut der Glandul. labial, super, steht, aber
gerade hierdurch wird sie zu einem interessanten Beispiele für die
allmähliche Umwandlung der gelblichen Drüse in eine Giftdrüse.
Betrachten wir zunächst die histologischen Verhältnisse der gelb-
lichen Drüse, so finden wir, dass diese von einer stark entwickelten
Bindegewebsschicht umhüllt ist, unter der sich ein ausgedehnter
Lymphraum erstreckt; die Maschen desselben hängen nur ziemlich
locker aneinander und sind von oben nach unten comprimirt.
Die verhältnissmässig grossen Drüsenschläuche sind von variabler
Form; als vorherrschende kann die röhrenartige angesehen werden.
Das Epithel der Schläuche besteht aus kleinen, cubisch geformten
Zellen, die sich nach oben dachziegelartig verjüngen.
Die Schläuche der Glandul. labial, super, sind viel kleiner als
die des gelblichen Theiles, auch regelmässiger in der Gestalt; es
dominirt hier die röhrenförmige. Die cubischen, ziemlich grossen
Epithelzellen schliessen oval ab. Die feine Bindegewebshaut, welche
die Glandul. labial, super, umgiebt, sowie der Lymphraum, der
stark reducirt erscheint, bieten nichts bemerkenswerthes dar.
Der Durchmesser der Schläuche der gelblichen Drüse betrug
im Durchschnitt 0,22 mm, der der Glandul. labial, super. 0,19 mm.
Fatn. Dipsadidae.
Gattg. Dipsas.
Spec. Dipsas annuUata L.
(Kopflänge 1,9, Länge der gelbl. Drüse 1,02 cm.)
Auch hier findet sich eine massig entwickelte Muskelhaut,
welche hauptsächlich die gelbliche Drüse umgiebt. Die Glandul.
labial, super., welche sich vom Praemaxillare bis hart an das Ptery-
goideum hinzieht, ist von weicher, schwammiger Beschaffenheit. Sie
besitzt zwei Ausführungsgänge, die in der vorderen Maxillarregion
ausnjünden. Die gelbliche Drüse entsendet einen Ausführungsgang
in den hinteren Furchenzahn. Auch bei der Dipsas annuUata sehen
wir die gelbliche Drüse zu einer Giftdrüse umgewandelt.
Zwar steht auch sie noch durch die äussere Bindegewebshaut
in losem Zusammenhange mit der Glandul. labial, super., aber nach
Abtrennung dieser externen Bindegewebslage zeigt es sich, dass an
den Stellen, wo beide Drüsen sich nähern, ziemlich breite, interne
Bindegewebssepta die Vereinigung beider Drüsen resp. deren Drüsen-
läppchen verhindern.
Unter der Bindegewebshaut, welche die gelbhche Drüse, oder
besser gesagt, die Glandula venenata umgiebt, findet sich ein ge-
räumiger Lymphraum vor, den locker aneinander gereihte Maschen,
die plattgedrückt erscheinen, bilden. Die darunter gelagerten Drüsen-
schläuche haben vorzüglich eine länglich-ovale, mitunter etwas ge-
Physiologie der Oberlippendrüsen einiger Ophidier. 275
schlängelt erscheinende Form. Das Epithel der Schläuche war nur
so unvollkommen erhalten, dass ich auf seine Beschreibung ver-
zichten muss.
Was die feineren Structurverhältnisse der Glandul. labial, super,
anbetrifft, so glaube ich nur erwähnen zu brauchen, dass der
Lymphraum reducirt erscheint, und dass die kleinen Drüsenschläuche
zumeist eine röhrenförmige Gestalt besitzen. Das Epithel derselben
besteht aus cubischen Zellen.
Der Durchmesser der Schläuche der Glandul. venenat. betrug
im Durchschnitt 0,20 mm, der der Glandul, labial super. 0,18 mm.
Ophidii venenosi.
Fant. Elapiclae.
Gattg. Elaps.
Spec. Elaps lemniseatus Schneid.
(Kopflänge 1,5, Länge der Glandul. venenat. 0,7 cm.)
Die Glandul. venenat. erstreckt sich von der Temporalgegend
bis etwa in das mittlere Gebiet des Maxillare. Sie ist von einer
derben muskulösen Hülle umgeben, die von musciil. temporal, ge-
bildet wird. Nach Entfernung der einhüllenden Häute zeigt sich
die Drüse als eine grobkörnige, ziemlich stark entwickelte; sie ist von
hellgrauer Farbe. Nach hinten endet sie in einem merkwürdigen,
sichelförmigen Zipfel aus. Die Lymphräume, welche sich unter der
dicht geschichteten Bindegewebshaut ausdehnen, sind aus platt-
gedrückten, losen Masehen zusammengesetzt. Unverhältnissmässig
gross sind nun die Drüsenschläuche, die grösstentheils in Form von
schwach gekrümmten Röhrchen auftreten. Sie sind von einer feinen,
sehr dünnen Bindegewebshülle umgeben. Das Epithel der Schläuche
besteht aus cubischen Zellen, welche nach oben bogenförmig ab-
schliessen.
Die Glandul. labial, super, verläuft von der hinteren Maxillar-
gegend allmählich als schmaler, seichter Streifen in der mittleren
Praemaxillarregion. Sie ist von grau -weisser Farbe und schwam-
miger Beschaffenheit. Unter der Bindegewebsschicht derselben dehnt
sich ein schwach entwickelter Lymphraum aus, dem sich die länglich-
oval geformten Drüsenschläuche anscliliessen , die von ziemlich
gleicher Form und Grösse sind. Eine Untersuchung des Epithels
derselben konnte wegen seiner mangelhaften Beschaffenheit nicht
vorgenommen werden.
Der Durchmesser der Schläuche der Glandul. labial, super,
betrug im Durchschnitt 0,20 mm, der der Glandul. venenat. 0,23 mm.
18*
276 !•'■ Nie mann: Beiträge zur Morphologie und
Gattg. Bungarus.
Spec. Bung'arus semifasciatus Kahl.
(Kopflänge 2,9 mm, Länge der Glandul. venenat. 1,85 mm.)
Die Glandul. venenat. ist von einer starken, muskulösen Hülle
umgeben, welche, von dem muscl. temporal, gebildet, gewissermassen
eine Tasche darstellt, in welcher die Drüse liegt. Die eigentliche,
sehnige Umhüllung der Drüse wird von Ligament, zygomatic. ge-
bildet. Die Glandul. venenat. dehnt sich zwischen der vorderen
Trabecularpartie und der mittleren Maxillargegend aus. Ihre
Structur ist eine grobkörnige, von Farbe ist sie grauweiss. Der
unter der stark und regelmässig entwickelten Bindegewebsschiclit
liegende Lymphraum ist nicht sonderlich entwickelt, er verliert sich
sehr bald in den Drüsenschläuchen, welche von ausserordentlich ver-
schiedener Grösse und Gestalt sind. Man findet viele Drüsen,
welche lappenartige Erweiterungen zeigen, andere haben dagegen
eine ovale bis runde Gestalt. Das nur schlecht erhaltene Epithel
bestand aus cubischen Zellen.
Die verkümmerte Glandul. labial, super., welche frei von mus-
kulösen Umhüllungen ist, besitzt eine schwammige Structur und ist
von gelb-grauer Farbe.
Unter der schwachen Bindegewebshaut erstreckt sich ein flacher
Lymphraum, dem sich dann die kleinen röhrenförmigen, aufwärts
gekrümmten Drüsenschläuche anschliessen. Diese Drüsenschläuche
sind von einer Bindegewebshaut überzogen. Das Epithel der
Schläuche besteht aus cubischen Zellen, die nach oben hin oval
abschliessen und den Kern in ihrem oberen Theile eingelagert
zeigen.
Der Durchmesser der Giftdrüsenschläuche betrug im Durch-
schnitt 0,24 mm, der der Schläuche der Glandul. labial, super,
0,21 mm.
Farn. Viperidae.
Gattg. Vipera.
Spec. Pelias berus Merr. (Yipera berus L.)
(Kopflänge 1,45 cm, Giftdrüse, Länge 0,73 cm.)
Es sollen hier die Glandul. venenat. und Glandul. labial, eine
etwas ausführlichere Beschreibung erfahren, weil die an frischen
Objecten vorgenommenen makroskopischen und mikroskopischen
Untersuchungen für die feineren Details günstiger waren, als es bei
Spirituspräparaten der Fall zu sein pflegt.
Löst man die Haut des Kopfes einer Pelias berus in der Nähe
des Quadratum und präparirt sie in der Richtung des Maxillare
nach vorn hin ab, so findet man, dass sich eine stark muskulöse
Anschwellung in der Nähe des Augapfels, und zwar unterhalb des-
selben bemerkbar macht, diese muskulöse, sehnige Verdickung, welche
wir dort bemerken, rührt von dem bindegewebeähnlich entarteten
Physiologie der Oberlippeudrüseu einiger Ophidier. 277
Ligamentum zygomaticiim her, sie erstreckt sich in ihren Ausläufern
bis unterhalb des Os lacrimale.
In der taschenförmigen Verbreiterung des Ligamentum zygo-
maticum ist nun die Glandul. venenat. eingeschlossen. Schneidet
man diese sehnige Hülle auseinander, so findet man nicht sogleich
die freigelegte Drüse, sondern zunächst Muskelumhüllungen, welche
sich von unten her um die Drüse lagern, sie rühren vom muscl.
temporalis her, der zur Aufnahme der Drüse eine Vertiefung bildet,
auch der muscl. parietal, quadrat. mandibular, betheihgt sich bei der
Umhüllung der Drüse, ehe er sich zum Unterkiefer wendet. Nach
der vollständigen Bloslegung der Drüse zeigt sich diese als ein
strotzend gefülltes Säckchen von grauweisser Farbe. Dies ist jedoch
nur bei frischen Präparaten der Fall, bei Spiritusexemplaren ist das
Säckchen mehr oder weniger geschrumpft und seine Hülle hat einen
silberweissen Glanz angenommen. Sie erstreckt sich von der Gegend
des Quadratum (wo sie ihr grösstes Volumen besitzt) nach der
Richtung des Maxillare, in dessen mittlerem Theile sie in den Aus-
führungsgang übergeht.
Bei der Vorbereitung der Drüsen zu Querschnitten wurde fol-
gendes Verfahren in Anwendung gebracht: Lebenden Thieren wurde
der Kopf so abgeschnitten, dass derselbe direct in eine 2V2 "/o
Chromsäurelösung fiel. Nach 24 stündigen Fixiren in dieser Lösung
wurde ausgewaschen und mit Böhmer'schen Hämatoxilin (20) in toto
gefärbt.
Querschnitte durch die äussere Hülle der Glandul. venenat.
zeigen, dass diese aus festem Bindegewebe besteht, welchem
aber auch vereinzelt elastische Fasern und glatte Muskel-
fasern beigemengt sind. Bei entsprechender Vergrösserung lassen
sich an dieser Hülle zwei Schichten, die nicht scharf gesondert
sind, sondern allmählich in einander übergehen, unterscheiden.
Direct unter dieser Hülle finden sich s^^stematisch angeordnete Hohl-
räume, die durch bandartige Gewebsmasse von einander getrennt
sind und die den Lymphraum darstellen. In diesen finden sich ab
und zu hüllenlose, fein granuläre, rundliche ZeUen. Unmittelbar
unter diesen Lymphräumen beginnt das System der Drüsenschläuche.
Im Querschnitt zeigen diese locker aneinander gereihten, aber doch
durch feine Bindegewebshäute zusammenhängenden Drüsenschläuche
eine sehr unregelmässige Anordnung und Gestalt, bald sind sie
längiich oval, bald polygonal mit kugeligen Ausbuchtungen nach
unten oder aber sie sind röhrenförmig gestaltet mit seitlicher Biegung.
Von aussen sind die einzelnen Schläuche, wie oben schon kurz er-
wähnt, von einer äusserst zarten Bindegewebshaut umhüllt, deren
Fasern concentrisch angeordnet sind, mitunter findet man in ihnen
Rudimente von Capillargefässen. Im Innern der Drüsenschläuche findet
sich eine Epithelschicht vor, die aus cubischen Zellen besteht, deren
Kern zumeist in der Mitte eingelagert ist und welche nach oben hin
schwach gewölbt abschliessen.
278 F. Nie mann: Beiträge zur Morphologie und
Bei frischen Drüsen findet sich in den Schläuchen mitunter das
Secret, welches aus homogenen, glashellen Kügelchen besteht, vor.
Es füllt den mit Epithel ausgekleideten Drüsenschlauch fast völlig aus.
Der Ausführungsgang der Glandul. venenat. ist von einer derben
Bindegewebshülle umgeben, die in ihrem weiteren Verlauf der
Mündung derselben zu immer schwächer und schwächer wird, es ist
denn hier auch der Unterschied zwischen beiden Schichten verloren
gegangen. In der, der Glandul. venenat. am nächsten liegenden
Partie fiudet sich noch unter dieser Bindewebshülle ein sehr
reducirter Lymphraum, der dann aber allmählich verschwindet.
Sehr charakteristisch gestaltet sich der Durchschnitt des Ausführungs-
ganges. Der zu unterst liegende Theil besitzt eine rundliche Form,
ihm schliesst sich an der oberen, stark verengten Partie ein kleiner,
oval gewölbter Aufsatz an. An der Vereinigungsstelle beider macht
sich eine starke Verdickung der umgebenden fibrösen Hülle be-
merkbar.
Die Glandul, labial, super, liegt zum Theil verdeckt von dem
unteren Lappen der Glandul. venenat. unter dieser, zum weitaus
grösseren Theil aber ist sie frei und erstreckt sich in Form einer
an den Enden zugespitzten Röhre nach vorn bis in die Gegend des
Rostrale. nach hinten aber bis in die mittlere Trabecularregion. Sie
entbehrt einer eigenen Muskelhülle und ist nur von einer schwach
aber gleichmässig entwickelten Bindegewebsschicht umgeben. Die
Glandul. labial, super, besitzt vier Ausführungsgänge, die sämmtlich
in den Gaumen des Oberkiefers ausmünden. Unter der Binde-
gewebshaut erstreckt sich ein sehr reducirter Lymphraum, welcher
aus flachgedrückten Maschen besteht. Die ziemlich kleinen Drüsen-
schläuche haben meistens eine länglich-ovale Form und sind von
einer sehr feinen Bindegewebshaut umschlossen. Das Epithel der
Drüsenschläuche besteht aus kleinen, fast cubischen Zellen, die nach
oben oval abschliessen und den Kern in der Mitte eingelagert
zeigen.
Die Schläuche der Glandul. venenat. hatten im Durchschnitt
einen Durchmesser von 0,31 mm, die der Glandul. labial, super,
einen solchen von 0,24 mm.
Messungen der Epithelzellen der Glandul. venenat. ergaben im
Durchschnitt für die Länge derselben 0,046 mm, für die Breite der-
selben 0,038 mm.
Der Längsmesser der Epithelzellen der Glandul. labial, super,
betrug im Durchschnitt 0,031 mm.
Gattg. Echis.
Spec. Ecliis atricauda.
(Kopflänge 1,8 cm, Länge der Glandul. venenat. 0,97 cm.)
Die Glandul. venenat. ist von einer starken, muskulösen Hülle
umgeben, die zum Theil vom muscl. temporalis, zum Theil vom
muscl. parietal, quadrat. mandibular, gebildet wird. Die sehnige.
Physiologie der Oberlippeudrüsen einiger Ophidier. 279
taschenförmig erweiterte Umhüllung der Glandul. venenat. wird von
dem verbreiterten Ligamentum zygomatic. gebildet. Die Binde-
gewebsschiclit, welche die Glandul. venenat. umgiebt, ist ausser-
ordentlich stark. Doch ist sie nicht an allen Stellen gleich-
massig entwickelt, dies gilt besonders von dem Theile, welcher
die vordere Drüse einhüllt, hier ist die Bindegewebsschicht
schwächer, als in den hinteren Partien. Vereinzelt finden sich
Rudimente von Blutgefässen und Nervenfasern in denselben vor.
Dicht unter dem Bindegewebe beginnt der ausgedehnte Lymphraum,
welcher aus von oben nach unten zusammengedrückten Maschen
besteht. Die sich daran anschliessenden Drüsenschläuche sind gross
und sehr veränderlich hinsichtlich der Form. Ich habe alle Stufen
zwischen der röhrenartigen Gestalt und der kugehg-ovalen Form vor-
gefunden. Die letzteren Formen finden sich hauptsächlich im
Centrum der Drüse. Das Epithel der Schläuche bestand aus läng-
lichen Zellen, die nach oben dachziegelförmig abschliessen und den
Kern im oberen Theil eingelagert zeigen.
Die Glandul. labial, super, stellt einen schmalen Streifen dar,
der am Saume des Oberkiefers entlang läuft und sich der Nasal-
gegend nähert. Die Farbe der Glandul. labial, super, ist eine grau-
weisse, die Structur eine schwammige. Umgeben ist sie von einem
massigen Bindegewebsstrang , unter dem sich der stark reducirte,
aus flachgedrückten Maschen bestehende Lymphraum ausdehnt. Die
mittelgrossen Drüsenschläuche sind vorwiegend von länglich-ovaler
Form. Jeder dieser Schläuche ist auch hier von einer feinen Binde-
gewebsschicht umhüllt. Das Epithel der Drüsenschläuche besteht
aus kleinen, fast cubischen Zellen, welche in der Mitte den Kern zu
liegen haben und nach oben oval endigen.
Der Durchmesser der Schläuche der Glandul. venenat. betrug
im Durchschnitt 0,225 mm, der der Schläuche der Glandul. labial,
super. 0,210 mm.
Farn. Crotalidae.
Gattg. Bothrops.
Spec. Bothrops bipsorus Cope.
(Kopflänge 2,9 cm, Länge der Glangul. verenat. 1^5 cm.)
Die hintere Kopfpartie ist durch eine ausserordentlich starke
Muskulatur ausgezeichnet. Ihre grösste Entwickelung zeigt sie in
der taschenförmig erweiterten Ligament, zygomatic, welches die
Glandul. venenat. einschliesst. Die in der hinteren Trabeculargegend
beginnende Glandul. venenat. erstreckt sich bis in die Gegend des
Frontale, und nach vorn bis zum mittleren Maxillare. Die mus-
kulöse Umhüllung geschieht durch einen Seitenzweig des muscl.
parietal, quadrat. mandibular. Die Farbe der Glandul. venenat. ist
eine gelblich-graue, in ihren Schnitten zeigt sie eine derbe, grob-
körnige Structur. Die Bindegewebshülle, welche die Glandul. venenat.
umhüllt, ist nicht gleichmässig entwickelt, in der Regel ist die obere
280 F. Niemann: Beiträge zur Morphologie und
Hülle stärker als der unten liegende Theil derselben. Die Maschen
des sehr ausgedehnten Lymphraumes sind verhältnissmässig gross,
aber auch von wechselnder Grösse und Gestalt. Eine scharfe
Grenze zwischen Drüsenschläuchen und Lymphräumen ist nicht vor-
handen, doch lassen sich erstere mit Leichtigkeit von den Maschen
des Lymphraumes durch die Epithelauskleidung unterscheiden. Die
Form der Drüsenschläuche, welche ziemlich mannigfaltig ist, ist
meistens eine röhrenförmige oder länglich-ovale. Das Epithel der
Schläuche besteht aus länglichen, verhältnissmässig kleinen Zellen,
deren Kern im oberen Theile liegt und die nach oben hin oval ab-
schliessen. Die stark reducirte Glandul. labial, super, stellt einen
schmalen, flachen Streifen dar, welcher keine muskulöse Umhüllung
besitzt und sich unterhalb des mittleren Theiles der Glandul. venenat,
hinzieht. Sie hat eine schmutzig-weisse Farbe und ist von schwam-
miger Structur. Ihre drei Ausführungsgänge münden parallel zu
einander in den vorderen Gaumen des Oberkiefers aus.
Unter der schwachen, aber gleichmässig entwickelten Binde-
gewebsschicht , welche die Drüse umgiebt, dehnt sich ein verküm-
merter Lymphraum aus, der aus kleinen, von oben nach unten com-
primirten Maschen besteht. Die sehr regelmässig geformten, kleinen
Drüsenschläuche haben durchgängig eine röhrcHförmige Form. Die
Epithelzellen der Drüsenschläuche sind cubisch gebaut und endigen
nach oben spitz aus, der Kern befindet sich in der Mitte der Zellen.
Der Durchmesser der Schläuche der Glandul, venenat. betrug
im Durchmesser 0,4 mm, der der Schläuche der Glandul. labial,
super, jedoch nur 0,29 mm.
Spec. Bothrops biporus Strauch.
(Kopflänge 3,6, Länge der Glandul. venenat. 2,1 cm.)
Es findet sich eine noch stärker entwickelte Glandul. venenat.
vor als bei der B. bipsosus. Ihr hinterer Zipfel reicht weit über
die Trabeculargegend hinaus, auch ist die Muskulatur noch be-
deutender entwickelt.
Was die histologischen Verhältnisse der Glandul. venenat. der
B. biporus anbetrifft, so sind diese dieselben, wie bei der B. bipsosus.
Die Glandul. labial, super., welche noch reducirter erscheint als
bei der B. bipsosus, ist von sehr weicher, schwammiger Beschaffen-
heit. Auch sie gleicht histologisch durchaus der Glandul. labial,
super, der B. bipsosus.
Der Durchmesser der Schläuche der Glandul. venenat. betrug
im Durchschnitt 0,43 mm, der der Schläuche der Glandul. labial,
super. 0,26 mm.
Spec. Bothrops lanceolatus Wagl.
(Kopflänge 3,1 cm, Länge der Glandul. venenat. 1,3 cm.)
Bei der B. lanceolat. macht sich eine Rückbildung in der Ent-
wickelung der Glandul. venenat. bemerkbar. Trotzdem hat sie im
Physiologie der Oberlippendriisen einiger Ophidier. 281
Wesentlichen alle der Gattung Bothrops charakteristischen Merk-
male beibehalten, vor allem den typischen Zipfel an dem hinteren
Ende der Glandul. venenat. Die Farbe der Glandul. venenat. ist
eine grau-weisse. Die reducirte Glandul. labial, super, besitzt 3 Aus-
führungsgänge und ist von gelblicher Farbe. Die Ergebnisse der
histologischen Untersuchung der Glandul. labial, super, und der
Glandul. venenat. decken sich durchaus mit den bei der B. bipsosus
erzielten Resultaten.
Die Schläuche der Glandul. venenat. hatten im Durchschnitt
einen Durchmesser von 0,36 mm, die Schläuche der Glandul. labial,
super, einen solchen von 0,24 mm.
Das Verhalten und die Beziehungen der Glandul. venenat.
zu der Glandul. labial, super, und der Glandul. membran.
nictitant.
Schon Meckel (3) und nach ihm Leydig (3) haben die Ansicht
ausgesprochen, dass morphologisch die Glandul. venenat. nicht als ein
ursprünglich selbständiges Gebilde aufzufassen sei, sie glaubten mit
Recht ihre Entstehung der weiteren Ausdehnung und Entwickelung
des gelblichen Drüsentheils zuschreiben zu können.
Aber auch der gelbliche Theil fehlt ja bekanntlich vielen
Ophidiern, und so dürfte wohl dieser erst wieder als eine Differenzi-
rung der Glandul. labial, super, anzusehen sein. Angelegt wird die-
selbe wohl durch Duplicaturen einiger Gewebsschichten der Glandul.
labial, super., wodurch dann auch gleichzeitig eine Umgestaltung der
Drüsenschläuche zu Stande kommt.
Aber von der gelbhchen Drüse bis zur vollendeten Glandul.
venenat. ist es noch ein weiter Sprung, der durch die allmähliche
Entwicklung der Semi-Giftdrüse, wie wir sie bei den Furchenzähnen
vorfinden, und die bei einigen Formen geradezu zur Glandul. venenat.
wird, überbrückt wird. In der Familie Dryadidae sind wir Formen
mit enorm entwickelter Glandul. membran. nictitant. begegnet, die
in ihrem Verhalten einige Anklänge an den Typus der Glandul.
venenat. zeigte.
Fragen wir uns nun, auf welche Ursache die mehr oder minder
starke Entwickelung der Glandul. venenat. zurückzuführen ist, so
glaube ich annähernd die Frage damit beantwortet^ dass indirect die
Ausbildung der Oberkieferzähne eine Rolle dabei spielt, directe Ver-
anlassung aber die embryonale Entwickelung ist. Wir finden näm-
lich, dass fast sämmtliche Ophidii venenosi lebendig gebärend sind,
und somit die jungen Thiere bei dem verhältnissmässig langen
Aufenthalt im Mutterthier viel mehr von den Eigenthümlichkeiten
desselben acquiriren und ausbilden können, als ein Geschöpf, welches
sich fern dieses Einflusses ausserhalb des Mutterthieres entwickelt.
Ferner möchte ich noch erwähnen, dass die vorliegenden Ergeb-
nisse gewissermassen zur Unterstützung und Specificirung des von
282 F. Niemann: Beiträge zur Morphologie und
Dumeril (9) aufgestellten Systems der Ophidier dienen kann. Er
theilt die Ophidier nach der Form und Gestalt der Zähne ein, und
da, wie wir oben gesehen, Zähne und Drüsen gewissermassen in
Wechselbeziehung zu einander stehen, so kann das Verhalten der
Drüsen sehr passend als Erweiterung dem System Dumeril beigegeben
werden :
Hopoterodontes sind Ophidier mit Zähnen, entweder im Oberkiefer
oder im Unterkiefer. Bei ihnen fehlt die Anlage zur Glandul.
venenat. vollkommen, Glandul. labial, super, meist nur schwach ent-
wickelt.
Agiyphodontes haben in beiden Kiefern glatte, solide Zähne.
Sie haben einen mehr oder minder stark entwickelten, gelben
Drüsentheil, mitunter ist die Glandul. membran. nictitant. stark ent-
wickelt.
Solenoglyphen mit hinteren Furchenzähnen, bei ihnen ist die
Glandul. venenat. durchgängig entwickelt, bei den meisten auch
schon in Function. Glandul. labial, super, massig entwickelt.
Proteroglyphen haben durchbohrte Giftzähne. Bei ihnen kommt
vielfach die Glandul. venenat. zu einer ungemein starken Entwickelung.
Glandul. labial, super, meistentheils verkümmert.
Hiermit glaube ich deutlich gezeigt zu haben, dass das System
Dumeril's durchaus kein willkürliches ist, sondern die Eintheilung
der Ophidier nach dem Verhalten der Zähne eine gerechtfertigte ist,
zumal sich das Verhalten der Zähne perfect mit der entsprechenden
Entwickelung resp. Nichtentwickelung der Glandul. venenat. deckt.
Die Ausmündung des Giftkanals in die Giftzähne.
In dem ältenen zoologischen Hand- und Lehrbüchern findet sich
stets die Ansicht vertreten, dass der Kanal der Glandul. venenat.
den Oberkiefer durchbohre und durch die Höhlung, welche sich
oberhalb des angewachsenen Giftzahnes findet, in diesen ausmündet.
Nach den von mir angestellten Untersuchungen kann ich dies nicht
bestätigen, der Ausführungsgang (der übrigens stets mit Epithel
ausgekleidet ist) schlängelt sich, immer dünner werdend, bis an den
vorderen Rand des Oberkiefers fort. Hier durchbricht er den oberen,
dünneren Theil des Gewebes, welches die Scheide für den Giftzahn
bildet, und mündet als ein haarfeines Schläuchlein in den vorderen,
oberen Rand des Giftzahnes, der hier einen furchenartigen Schlitz
besitzt, indem es die Zahncuticula durchbricht. Für sehr wahr-
scheinlich halte ich es auch, dass mitunter dieser Giftschlauch sich
in 2, ja 3 Kanäle theilen kann, wenn sich ausnahmsweise mehrere
vollkommen ausgebildete Giftzähne dem Kiefer aufgewachsen vor-
finden. Ebenso möchte ich die Ansicht vertreten, dass der Giftzahn
permanent mit dem Drüsensecret gefüllt ist und das letztere durch
den Druck, welchen der Zahn während des Bisses auf den ihm
eingelagerten Mündungskanal des Giftschlauches ausübt, austreten
Physiologie der Oberlippendrüsen einiger Ophidier. 283
lässt. Die alte Ansicht, dass aus dem in der Höhlung des Kiefers
oberhalb des Giftzahnes liegenden Reservoir ein beständiger Ersatz
für das ausgeflossene Gift stattfindet, wird dadurch hinfällig, dass
in Wirklichkeit solch ein Reservoir gar nicht vorhanden.
Die durchbohrten Giftzähne und die Furchenzähne.
Von den Zahnformen der Ophidier, welche für diese Arbeit in
Betracht kommen, sind es lediglich die durchbohrten Giftzähne
und die Furchenzähne.
Bei den durchbohrten Giftzähnen beginnend, möchte ich mit-
theilen, dass ich bei der Vipera berus meistens nur einen, höchstens
zwei eingewachsene Giftzähne vorgefunden habe, während bei den
Crotalidae das Vorhandensein von 3—4 aufgewachsenen Giftzähnen
nicht zu den Seltenheiten gehört.
Leydig (6) sowohl als auch Tomas (7) fanden unabhängig von
einander 9 Reservezähne bei der Pelias berus vor, ich habe eben-
falls deren 9 gefunden, mit Ausnahme eines Falles, wo nur 8 Reserve-
giftzähne vorhanden waren Auch die Angaben Lej'dig's (6) und
Tomes (7 u. 8), dass bei den Solenoglyphen die Ersatzgiftzähne zu
zwei parallelen Reihen angeordnet sind, kann ich nach meinen
Untersuchungen an der Pelias berus durchaus bestätigen. Tomes (8)
stellte bei den Cobraarten fest, dass hier nur eine Reihe von Ersatz-
giftzähnen vorhanden ist, ich habe diese Verhältnisse bei der Bun-
garus semifaciatus untersucht und gefunden, dass die ersten 3 Ersatz-
giftzähne in einer Reihe stehen, dann aber je 2 Zähne in 2 Reihen
folgen. Der Uebergang von den 2 Reihen Ersatzzähnen zu nur
1 Reihe kann also auch hier kein schroffer zu sein, da sich
Zwischenformationen, wie z. B. bei der Bungar. semnifaciat. vor-
finden.
Was nun die Gestalt der Giftzähne anbetrifft, so sind sie alle
mehr oder weniger sichelförmig nach hinten gebogen. Betrachtet
man den mit dem Knochen verwachsenen Giftzahn, nachdem man
zuvor vorsichtig die umgebende Scheide abpräparirt hat, so findet
man einen Schlitz im Zahne, der hart am Oberkiefer beginnt und
sich eine kurze Strecke nach unten hin fortsetzt, er läuft dann in
Form einer geschlossenen Naht an dem vorderen Rande des Zahnes
entlang. In dem unteren Theile des Zahnes öffnet sich diese Naht
wieder, um die Ausflussöffnung für das Secret zu bilden.
Querschnitte durch den oberen Theil des Giftzahnes zeigen
diesen durch eine Scheidewang in 2 Hohlräume getrennt, an der
concaven Seite des Zahnes befindet sich der Giftkanal, während die
Pulpahöhle mit ihrer Papille auf der convexen Seite liegt. Von
aussen ist der Zahn von einer Cuticula umgeben ; an der Innenfläche
des Zahnbeines zeigen sieh deuthch die feinen Zahnkanälchen. Ein
284 F. Niemann: Beiträge zur Morphologie und
eigentlicher Zalmschmelz ist nicht vorhanden, an Stelle dessen findet
sich eine sehr feste, rindenartige Schicht des Zahnbeines. Je weiter
nach unten die Schnitte durch den Zahn geführt werden, desto
mehr reducirt sich die Pulpahöhle, und zwar in verhältnissmässig
viel stärkerem Grade als der Giftgang.
Bei den Furchenzähnne nimmt schon von vornherein die Gift-
furche den weitaus grössten Raum ein, so dass hier von Anfang an
die Pulpahöhle ausserordentlich reducirt ist. Im sonstigen Ver-
halten schliessen sich die Furchenzähne vollkommen den durch-
bohrten Giftzähnen an.
Das Secret der Glandul. venenat. der Pelias berus.
Im Sommer 1890 standen mir 58 lebende Kreuzottern zur Ver-
fügung. Ich entzog ihnen den Inhalt der Giftdrüsen durch Drücken
mittelst Pincette gegen die Drüsen. Das Secret wurde in einem
kleinen PorceUanschälchen aufgefangen. Die so gewonnene
Flüssigkeit war eine farblose bis hellgelbe, intensiv bitter
schmeckende. Das Secret reagirte neutral, an Consistenz kam
es dem Ricinusöl gleich. Das spec. Gewicht betrug 1,020. Beim
Erhitzen bis auf 60^ blieb es unverändert, verlor auch seine Giftig-
keit nicht, wie Impfversuche an Mäusen zeigten. Beim Erhitzen
auf 11 0*^ blähte sich die Masse auf und schied Kohlenstoff ab.
Weder Aether noch Aethylalkohol vermochten das Secret auf-
zulösen. Stickstoff wurde nach der von Lasseigne angegebenen
Methode vorgefunden. Beim Schütteln mit Amylalkohol löste sich
grösstentheils die Substanz; auf Vio des Volumens eingeengt, zeigte
die Solution intensiv giftige Eigenschaften. Die in Amylalkohol ge-
löste Substanz wurde mit Chlorwasserstoffsäure angesäuert, auf
ca. AO^ erhitzt und dann mit einer wässerig-alkoholischen Lösung
von Platinchlorid versetzt, es bildete sich nach einiger Zeit ein
hellgelber Niederschlag, dessen Crystallform sich unter dem Mikro-
skop als rhombische Säulen erwies.
Auch in der Hitze löste sich das Salz nur schwer in Alkohol.
Versuche, das Goldsalz darzustellen, scheiterten an der überaus
geringen Menge von vorhandener Substanz. Das Blut der mit dem
Secret der Glandul. venenat. vergifteten Mäuse zeigte keine auf-
fällige Veränderung, Consistenz und Farbe waren normal, nur die
rundliche Form der Blutkörperchen (der rothen) schien in eine mehr
ovale Gestalt übergegangen zu sein.
Die physiologische Wirkung des Giftes der Pelias berus.
Zum Nachweis der Giftigkeit und der zur Herbeiführung des
exitus letalis nothwendigen, relativ geringen Menge des betr. Secretes,
wurde dieses mittelst Pravatz - Spritze subcutan weissen Mäusen am
Halse injicirt. Hier die Ergebnisse:
Physiologie der Oberlippendrüsen einiger Ophidier.
285
Im Folgenden gebe ich detaillirt die Wirkung des Giftes bei
einem Falle mit aletalem, und einen solchen mit letalem Ausgange:
Einer 21,64 gr schweren Maus wurden 15,9 mmgr des Giftes um
10 h 18 m subcutan injicirt;
10 h 20 m 24 Inspirationen in 5 See, sehr unruhig;
10 h 26 m Emprosthotonusartiger Anfall;
10h 28m Nachlass desselben, 18 Inspirationen in 5 See;
10 h 31m Liegt auf der linken Seite ;
10h 35 m Tetanus;
10 h 39 m Speichelfluss, lähmungsartige Schwäche des Thieres;
10 h 45 m Setzt sich auf, zittert klonisch, 12 Inspirationen in
5 See;
10 h 50 m Zustand normal.
Ueber die Wirkung letaler Dosen giebt dieser Protocollauszug
Aufschluss:
Einer 19,34 gr schweren Maus wurden 31,03 mmgr des Giftes um
3h 8m subcutan injicirt;
3h 10m Schwaches Zittern;
3 h 12 m Heftiges Zittern und Kaukrampf, dann klonische
Krämpfe ;
3 h 14m Tetanus;
3 h 16 m Nachlass des Tetanus, erschwerte Athmung;
4 h 19 m Nochmaliger Tetanusanfall, lähmungsartige Schwäche
des Thieres;
3 h 22 m Der exitus letalis erfolgt nach vollkommener Lähmung
unter schwachem Muskelzucken.
Hierzu möchte ich noch bemerken, dass bei dem Bisse einer
Kreuzotter ungefähr 25—50 mmgr des Giftes in die Wunde gebracht
wird, und der Tod durch Biss bei Mäusen meistens schon nach
3 — 8 Minuten erfolgt. Es darf uns dies aber hinsichtlich der obigen
Versuche nicht befremden, treffen doch die mit ziemlichen Kraft-
286 ^- Niemann: Beiträge zur Morphologie etc.
aufwand einschlagenden Giftzähne gewöhnlich kleine Blutgefässe oder
doch wenigetens Capillargefässe, durch welche dann das Gift viel
schneller zur Entfaltung seiner Wirksamkeit gelangt, als wenn es
nur subcutan in die Lymphräume injicirt wird, wie dies bei den
hier angeführten Versuchen der Fall war.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1. Bothrops biporus. a Glandnl. venenat; b Glandul labial super.
Fig. 2. Coryphodon Korros. a Glandul. labial, super.; b gelblicher
Drüsentheil.
Fig. 3. Elaps lemniseatus. a Glandul. venenat.; b Glandul. labial, super.
Fig. 4. Herpetodryas carinatus. a Glandul. membran. nictitant.; b Glandul.
labial, super.; c Glandul. labial, super.
Fig. 5. Tragops prusinus. a Glandul. venenat.; b Glandul. labial, super.
Fig. 6. Tropidonotus subminiatus. a Glandul. labial, super.; b Gelb-
licher Theil.
Fig. 7. Bothrops lanceolatus. a Glandul. venenat.; b Giftkanal; c Ein-
mündungs stelle des Giftkanals in den oberen Schlitz des Giftrahmes.
Fig, 8. Querschnitt durch den oberen Theil des Giftzahnes von Bothrops
biposus. Massige Vergrösserung. a Giftkanal; b Pulpahöhle.
Fig. 9. Querschnitt durch den oberen Theil des hinteren Furchungszahnes
von Tragops pi'usinus. Massige Vergrösserung. a Giftfurche; b Pulpahöhle.
Fig. 10. Längsschnitt des einen Giftzahns von Bothrops lanceolatus.
Massige Vergrösserung. a Mit Epithel ausgekleideten Theil des bei a' die den
Zahn umhüllende Gewebschicht durchbrechenden und in den Zahnschlitz ein-
mündenden Giftschlauches; a" Ausmündung des Giftkanales; b. Pulpahöhle;
c Dentinsubstanz; d Bindegewebe.
Fig. 11. Querschnitt durch einen Giftzahn der Bothrops lanceolatus dicht
an der Einmündungssteile des Giftkanals in den Zahnschutz. Massige Ver-
grösserung. a Giftkanal; a' in den Zahnschlitz einmündender Giftkanal, sowohl
der ausserhalb als auch der innerhalb des Zahnes liegende Kanal ist noch mit
feinem Epithel ausgekleidet, b Pulpahöhle.
Fig. 12. Querschnitt durch ein Stück der Glandul. venenat. von Pelias
berus. Stark vergrössert. a Derbe Hülle; b Lymphraum mit vereinzelten
Gefässstämmen ; c Drüsenschläuche von verschiedener Form mit fast cubischen
Epithelzellen; d Feine, die einzelne Schläuche umgehende Bindegewebshäute.
Fig. 13. Querschnitt durch ein Stück der Glandul. labial, super, der
Psammodynastes pulverulentus. Stark vergrössert. a Derbe Hülle; b Lymph-
raum; c Die kleinen Drüsenschläuche mit ihrem Epithel; d die feinen Gewebs-
häute der einzelnen Schläuche.
Fig. 14. Querschnitt durch den Kiefer der Bungarus semifasciatus mit
den Giftzähnen, a Der in Gebrauch stehende Giftzahn; b die zwei nächsten,
noch nicht in Gebrauch stehenden Giftzähne, sie stehen mit a in einer Längs-
reihe; c 4 weitere Ersatzzähne, diese sind in 2 Längsreihen angeordnet.
Der ßüssel
der
Diptera pupipara.
Von
Friedrich Hans Müggenburg.
Hierzu Tafel XV und XVI.
Die unter der Gruppe der Pupipara (Latreille) vereinigten
Schmarotzerfliegen sind vor allen anderen Dipteren durch so auf-
fallende Züge in ihrer Organisation ausgezeichnet, dass die Forscher
vergangner Zeiten diese bizarren Insecten oft gar nicht als Fliegen
erkannten. In Gestalt, Farbe und Bewegung die Spinnen ünitierend
gleichen sie in Bezug auf den Ort ihres Vorkommens und die Art
ihres Nahi'ungserwerbes den blutsaugenden Wanzen und Läusen.
So kann es denn nicht Wunder nehmen, dass Linue *) in einer Zeit,
in der die systematischen Charaktere meist gewissen leicht erkenn-
baren Eigenschaften entnommen wurden, unsere Schmarotzer that-
sächlich in der Nähe der übrigen Hautparasiten unterbrachte. Und
wie eng er sich die Beziehungen dieser zu unseren Lausfliegen
dachte, erhellt daraus, dass er die Lipoptena cervi und die Nycteribia
Montagui als echte Läuse, als Pediculus cervu und als Pediculus
vespertilionis in die Ordnung Aptera stellte. Diese Anschauung
wurde auch von seinen Nachfolgern De Geer^) und Geoffroy"^)
geteilt. Selbst Fabricius-^), welcher in richtiger Würdigimg des
hohen systematischen Wertes der Mundwerkzeuge, die verschiedene
Bildung derselben seinem System der Insecten als Einteilungsprincip
zu Grmide legte, konnte doch die flügellosen Pupipara mit Hilfe
dieses sichersten aller Unterscheidungsmomente nicht entlarven; er
beliess sie in der Gattung Pediculus. Nur msofern brachte er die
natürliche Stellung unserer Schmarotzer glücklicher als seine Vor-
läufer Zinn Ausdruck, als er unter Streichung der Ordnung Aptera
die Pediculi seinen Antliata, welche im wesentlichen den Diptera
Linnes entsprechen, einverleibte.
1) Linue, Fauna Suecica. 1761. No. 1921-1924. Xo. 1941. No. 1944.
^) De Geev, Memoires pour servir k l'histoire des Insectes. 1752 — 1778.
^) Geoffroy. 1764. Sein System ist mir nur bekannt aus: W. E. Shuckard,
A Manual of Entoinology. 1836. London.
"*) Fabricius, Systema entomologiae. Flensburg u. Leipzig. 1775. No. 183.
No. 184.
288 Friedrich Hans Müggenburg.
Allein gerade die grosse Originalität in der Mundbildimg zu-
sammen mit anderen eigenartigen Charakteren veranlasste in der
Folgezeit viele Forscher unseren Diptera pupipara in ihren Systemen
eine ganz exceptionelle Stellung zu geben. So bildete Leach^) aus
ihnen die Ordnung Homaloptera, welche er den Diptera coordinierte;
dabei verkannte er aber die von Hermann ^) als Phthiridium wieder
zu den Apteren gezogene Nycteribia in so hohem Masse, dass er
sie für eine Arachnide hielt und innerhalb dieser Classe der neu
begründeten Ordnung Notostomata als einzige Gattung imterstellte.
Die so im Systeme verstreuten Tiere zum erstenmale als einheitliche
Gruppe der Dipteren erkannt zu haben ist das Verdienst Latreilles^).
Bei der Schöpfung seines Systems leitete ihn die Idee, dass man
die einzelnen Tierformen nicht nach wenigen äusseren Merkmalen,
sondern thunlichst nach ihrem gesamten anatomischen Baue und
ihrer Entwickelung beurteilen müsse. Vor früheren wie späteren
Systemen zeichnet sich denn auch das Latreilles dadurch aus, dass
die in ihm aufgestellten Hauptgruppen der Dipteren durch die
Resultate der modernen vergleichend anatomischen und entwickelungs-
geschichthchen Untersuchungen nur sehr wenig alteriert werden.
Dieses gilt jedoch nicht von der Gruppe der Pupiparen.
Mit Unrecht mass er ihnen in der Dipterenfamilie allen übrigen
Fliegen gegenüber den Wert einer besonderen „Section" zu. Freilich
fanden die Pupiparen in fast allen späteren Systemen eine ähnliche
Beurteilung. Höchstens vermutete man verwandtschaftKche Be-
ziehungen zwischen ihnen und den Puliciden (Latreilles Siphonaptern),
und schloss sie damit auf Grund einer scheinbaren Übereinstimmung
in der Mundbildung, des mehr oder weniger weitgehenden Mangels
der Flügel und weniger anderer Charaktere einer Insectengruppe
an, deren Genealogie noch bis auf den heutigen Tag ziemlich
rätselhaft erscheint. In dieser Hinsicht erwähne ich Kolenatis^)
„Beiträge zur Kenntniss der Phthirio-Myiarien", unter welchem
Namen dieser Autor die Siphonaptern und Pupiparen zusammen
begreift. Erst die von Leuckart-'') an Melophagus ovinus geführten
entwicklungsgeschichtlichen Untersuchungen waren geeignet, Licht
über enge Verwandtschaftsbeziehungen zu anderen Dipteren zu ver-
breiten. Auf Grund dieser Arbeit wie eigener Studien konnte
Brauer^) zum erstenmale die Pupiparen für aberrante Museiden
erklären. Becher'^) unternahm es, die Mundwerkzeuge der Schma-
1) Leach, Zoological Miscellany, vol. III, London. 1817.
2) Hermann, Memoire Apterologique. 1804.
^) Latreille, Familles naturelles du regne animal, Paris. 1825. p. 500— 501.
*) Kolenati, Beiträge zur Kenntniss der Phthirio-Myiarien in Hox-ae Soc.
entom. Ross. 2. Fase. 1863. p. 9—109.
5) R. Leuckart, Die Fortpflanzung und Entwicklung der Pupiparen. Halle.
1858.
^) Brauer, Systematisch-zoologische Studien. 1885.
') Becher, Zur Kenntniss der Muudtheüe der Dipteren. Wien. 1882.
Der Rüssel der Diptera pupipara. 289
rotzerfliegen in gleichem Sinne morphologiscli zu deuten, freilich,
nicht ohne betreffs mancher Pmikte in seiner Deutung von anderer
Seite auf Widerspruch zu stossen. Er teilt darin das Schicksal aller
seiner Vorgänger; denn so viele Forscher vor ihm eme morpho-
logische Erklärung für die einzelnen Constituenten des seltsam ge-
bildeten Pupiparenrüssels versuchten, so viele nach dem Vorgange
Savignys^) die einzelnen das Mimdbesteck unserer Lausfliegen zu-
sammensetzenden Teile auf die homologen Gebilde der kauenden
Insecten zurückzuführen bestrebt waren, so vielen abweichenden
Ansichten über diesen Gegenstand begegnet man in der Litteratur.
Unter den geschilderten Verhältnissen mrd es, so hoffe ich,
nicht unwillkommen sein, wenn ich mit Hilfe moderner Unter-
suchungsmethoden die Mundwerkzeuge der Pupiparen einer erneuten
Prüfung unterwerfe. Die Vervollkommnung der mikroskopischen
Technik erlaubt heute nicht nur tiefer auf anatomische Details ein-
zugehen, als das früheren Forschern vergönnt war; sie bietet auch
die Möglichkeit die physiologischen Probleme, welche der in Thätig-
keit befindliche Rüssel dem Beobachter entgegenträgt, einer be-
friedigenden Lösung näher zu bringen. Diesen glaubte ich um so
mehr meine Aufmerksamkeit schenken zu müssen, als gerade bei
den Mundwerkzeugen der saugenden Insecten das physiologische
Erkennen auch für das morphologische seine hohe Bedeutung ge-
winnt, wie ich weiter unten näher ausführen werde.
Bei der Wahl des Untersuchungsmaterials liess ich mir es
angelegen sein Vertreter aus allen drei in Europa vorkommenden
Unterfamilien der Pupiparen zu erlangen. Dass mii* dies trotz der
Schwierigkeit der Beschaffung mancher Species gelungen, verdanke
ich der Güte meines hochverehrten Lehrers, Herrn Geheimrat
Professor Dr. Leuckart, welcher mir in bereitwilligster Weise die
MateriaHen der Sammlung des Zoologischen Institutes der Universität
Leipzig zur Verfügung stellte. An dieser Stelle sei mir auch ver-
stattet meinem hochverehrten Lehrer meinen innigen Dank aus-
zusprechen für die gütige Förderung in intellectueller wie materieller
Beziehung, welche er mir während meiner vergangnen Studienzeit
angedeihen liess, für die reiche Anregung und freundliche Unter-
weisung, mit welcher er mich insbesondere bei der Fertigung der
vorliegenden Arbeit unterstützte.
Bevor ich in meine Untersuchung selbst eintrete, erübrigt es
noch einige orientierende Worte über die allgemeine Morphologie der
Kerfmundteile, sowie speziell des Dipterenrüssels vorauszuschicken.
Die vergleichende Anatomie und Entwicklungsgeschichte zeigt,
dass die Mundteüe der Hexapoden zunächst auf die drei paarigen
Anhänge der drei postoralen Metameren, welche mit noch einem
weiteren Metamer in die Bildung des Kopfes eingehen, zurückzuführen
sind. Als Typus flu- das Kerfmundbesteck hat wohl am besten das
der kauenden Insecten und unter diesen meder das der Orthopteren
') Savigny, Memoires sur les animaux sans vertebres, Paris. 1816.
Aich. f. Naturgescli. Jahrg. 1892. Bd.I. H.3. 19
290 Friedrich Hans Müggenburg.
zu gelten, weil liier die Thatsache der morphologiscilen Gleicli-
wertigkeit der betreffenden drei Paare von Metamerenanhängen auch,
an dem vollendeten Insect in der weitgehenden Gleichartigkeit der
zu Maxillen metamorphosierten Anhänge am schönsten sich Avider-
spiegelt, und dieselben hier das höchste Mass der möglichen
Gliederung erfakren. Das erste Paar Kopfgliedmassen ist zu den
ungegliederten Oberkiefern oder Mandibeln umgebildet, das zweite
Paar zu den gegliederten Unterkiefern oder Maxillen im engeren
Sinne. Jede der beiden Maxillen setzt sich aus einem zweigliederigen
Basalteil, dem proximal gelegenen Cardo und dem darauf folgenden
Stipes, zusammen. Letzterer trägt einen fünfgliederigen Taster und
zwei ungegKederte Kauladen, den lobus externus (mala externa) und
den lobus internus (mala interna). Das dritte Paar der Metameren-
anhänge repetiert in unverkennbarer Weise die Verhältnisse des
zweiten, nur sind die Basalteile der Maxillen in der Mittellinie mit
einander verwachsen. Diese beiden verschmolzenen Kiefer bilden
als Unterlippe oder Labium den Schluss des Mundes von unten her.
— Zu diesen sechs homologen Constituenten gesellt sich noch ein
siebentes unpaares, den Schluss des Mundes von oben besorgendes
Deckstück, Oberlippe oder Labrum genannt, welches sich als Fort-
setzung des Clypeus darstellt, und als solche morphologisch mit den
erwähnten Kopfgliedmassen nichts zu thun hat.
Der beschriebene Typus erleidet nun die mannigfachsten Modi-
ficationen; setzt doch die unendliche Vielseitigkeit der erstaunlichen
Leistungen, welche der Kerfmund übt, eine entsprechende Viel-
gestaltigkeit der arbeitenden Werkzeuge voraus. Besonders vielfältig
variiert die Mimdbildung bei den saugenden Insecten. Hier sind
bald diese bald jene Constituenten zu einer ausserordentlichen Grösse
entmckelt, während andere nur kümmerlich ausgebildet oder gänz-
Hch verschwunden sind. Zudem verdunkeln noch das typische Bild
verschiedenartige Verwachsungen der einzelnen Mundteile unter-
einander. Auch erstreckt sich die skizzierte Variationsfälligkeit
nicht selten auf die verschiednen Geschlechter einundderselben Art,
ja bisweilen sogar auf Tiere gleichen Geschlechtes innerhalb der-
selben Species (Paltostoma torrentium). Kein Wunder daher, wenn
diese Fülle der möglichen Modalitäten den Bhck des Forschers oft
verwirrte, wemi er die Teile des Oralmechanismus am ausgebildeten
Insect nach ihi-er Anzahl, Lage und Gestalt allein morphologisch
zu deuten unternahm. Betrachtet man dagegen den Mund der
saugenden Insecten auch vom physiologischen Standpunkte, so lassen
sich leicht Gesichtspunkte gewinnen, nach denen die unendKche
Reihe der polymorph.en Mundwerkzeuge sich in grosse Gnippen mit
einheitlichen organisatorischen Zügen ordnet, in Gruppen, welche
meist genau den natürlichen Familien der Insecten entprechen,
Fasst man zum Beispiel die allen saugenden Kerfen gemeinsame
Beziehung des Mundmechanismus zu der Überleitung der Nahrungs-
flüssigkeit in den Darm ins Auge, so findet man, dass der eigentliche
Zufuhrkanal bei den Diptera stets von der Oberlippe und dem
Der Rüssel der Diptera pupipara. 291
Hypophaiynx gebildet wird, bei den Sipbonaptera von Oberlippe
und Oberkiefern, bei den Rhyncliota von den Oberkiefern allein, bei
den Lepidoptera von den Unterkiefern, bei den saugenden Coleoptera
(Lucanus, Nemognatha) von den Kauladen der Unterkiefer, bei den
Hymenoptera von den Unterkiefern und der Unterlippe, endlich bei
den Tricboptera von denselben aber miteinander verschmolzenen
Teilen. Eine gleiche Einheitlichkeit waltet ferner innerhalb der
einzelnen natürlichen Famihen in Hinsicht auf die Leitung des
Speicheldrüsensecretes vor. So setzt uns denn die vergleichende
Physiologie in den Stand, im einzelnen Falle aus der Funktion eines
Mundteiles seine morphologische Bedeutung mit mehr oder minder
grosser Sicherheit auch dann noch zu erkemien, wenn die ver-
gleichende Anatomie uns im Zweifel lässt. Besonders Avertvoll müssen
aber die Dienste der vergleichenden Physiologie sein, wenn es aus-
sichtslos erscheint von der Entwicklungsgeschichte Aufschlüsse zu
erlangen, wemi man darauf angewiesen ist allein aus dem Befimde
der ausgebildeten Mundwerkzeuge Auskunft über morphologische
Fragen zu erhalten. Dies gilt für die Dipteren, bei welchen die
Ontogenie durch secundäre Anpassungen und Abänderungen über-
aus verwickelt worden ist. — Bei denjenigen Dipteren, welche mit
dem in Bezug auf die Anzahl seiner Constituenten reichhaltigsten
Mundbesteck ausgestattet sind, lassen sich dieselben nach ihrer
relativen Lage und ihrem Baue nicht allzuschwer als Oberhppe,
Oberkiefer, Unterkiefer mit Tastern und Unterlippe mit umgestalteten
Tastern diagnosticieren. Allgemein gesellt sich zu diesen Organen
noch die sogenannte Stechborste, der schon oben erwähnte Hypo-
pharynx, welcher in seiner specifischen Gestalt und Funktion für
die Dipteren charakteristisch ist. In früherer Zeit von einigen
Forschern, wie Brülle^) und Gerstfeldt-), fälschlich für ein einem
verwachsenen Eaeferpaare homologes Gebilde angesprochen, erweist
er sich in Wirklichkeit als eine am Grunde der oberen Platte der
Unterlippe entspringende unpaare Chitinduplicatur, als die chitinisierte
und verlängerte Ausmündungspapille der Thoracalspeicheldrüse.
Ein dem Hypopharynx analoges Gebilde, einen Epipharynx, giebt
es wenigstens bei den Dipteren nicht. Wo man einen solchen
früher constatierte, da hatte man es in Wahrheit zumeist mit der
mit Kunst und Gewalt lospraeparierten unteren Oberlippenplatte zu
thun. — Li idealer Vollständigkeit kommen die Mundwerkzeuge
nur bei den Weibchen weniger Gattungen orthorrhapher Fhegen
vor; allen übrigen Dipteren fehlen entweder die Oberkiefer ganz,
oder sie sind nach Langhoffe rs^) neuen Untersuchungen bei manchen
') Brülle, Recherches sur les transforinations des appendices dans les
articules in Ann. des sc. natur. 3. serie. Paris 1844. vol. II. p. 271—373.
^) Gerstfeldt, Ueber die Mundtheile der saugenden Insecten. Mitau und
Leipzig. 1853.
^) Langhoffer, Beiträge zur Keuntn. der Mundtheile der Dipteren. Jena.
1888.
19*
292 Friedrich Hans Müggenburg.
Familien eine äusserst innige Versckmelzung mit der unteren Ober-
lippenplatte eingegangen. Auch die Unterkiefer können in ihren
einzelnen Teilen mehr oder minder stark, ja bis zu gänzlichem
Fehlen reduciert sein. Sind sie jedoch, wenn auch nur in rudimen-
tärer Form, vorhanden, so entbehren sie nie ihrer Taster. — So
bleibt denn als charakteristisch für die Gesamtheit aller Dipteren-
rüssel die beständige Gegenwart von Oberlippe, Hypopharynx und
Unterlippe übrig. Die dorsal gelegene Oberlippenrimie bildet zu-
sammen mit der von der oberen Fläche des Hypopharynx gebildeten
ventralen Rinne den Nahrungscanal; in dem inneren Lumen des
Hypopharynx wird das Speicheldrüsensecret nach aussen befördert;
die Unterlippe endlich hüllt diese Mundteile wie ein schützendes
Futteral ein, und zwar so vollständig, dass man bei oberflächlicher
Betrachtung eines Rüssels nur sie allein wahrnimmt.
Die obigen Bemerkungen müssen nur insofern eine Einschränkung
erfahren, als es einige kurzlebige Dipteren giebt, welche bei dem
Mangel eines Nahrungsbedürfnisses auch sämtlicher Mundwerkzeuge
entbehren (Oestrusarten).
Wie erwähnt zeigen auch die Pupiparen nach dem Urteile der
meisten Autoren ein von dem typischen Baue abweichendes Ver-
halten. In der vorliegenden Arbeit konnte ich daher um so weniger
von der vorgefassten Idee geleitet werden, die Mundwerkzeuge
derselben unbedingt auf das allgemeine Schema des Dipterenrüssels
zurückführen zu müssen. Niu- aus den Thatsachen heraus habe ich
mir ein Urteil gebildet.
Die folgende Uebersicht enthält eine Aufzählung der von mir
untersuchten Pupiparen mit ihren Synonyma, soweit sie mir aus der
Litteratur bekannt geworden.
Pupipara Latr.
Coleostoma Latr. (Hist. Nat., 4. II. 365).
Eproboscidea Latr.
Nymphipares Reaumur.
Omaloptera Lch.
Homaloptera Mac Leay.
Hippoboscita Rdn.
I. Farn. Hippoboscidae Ich. Ww. Wlk. Schin.
Coriaceae Latr. Mgn. Macq.
Ornythomytes Blchr.
1. Gen. Melophagus Latr. Mgn. Mcqrt. Wlk. Schin.
Hippobosca Lin. Fab. Fall.
Melophaga Zett.
Melophila Ntz.
Spec. M. ovinus Lin.
2. Greu. + 1*) Lipoptena Ntz. Schnr.
! Pediculus Lin. Fab. Pnz.
+ Alcephagus Grtl.
Der Rüssel der Diptera pupipara. 293
+ Haemobora Crts. Wlk.
+ Ornitliobia Mgn. Wlk.
! Melophagus Mgn.
+ ! Hippobosca Fall.
! Leptotena Macq. Zett.
Spec. L. + ! cervi Sehn.
! cervi Lin. Fab. Pnz.
Macq. Ntz. Älgn. Zett.
+ ! Cervina Fall.
+ pallipes Crts.
+ pallida Mgn. Wlk. Macq. Zett.
*) Die mit + ausgezeichneten Synonyma von Lipoptena cervi sind die Namen
für die geflügelten freischwärmenden Individuen, während das Zeichen ! die
Namen der festsitzenden Tiere mit abgeworfenen Flügeln begleitet.
3. Gen. Hippobosca Llu. Fab. Rossi Mgn. etc.
Nyrmomyia Ntz.
Spec. H. equina Lin. etc. etc.
eqiii Macq.
4. Gen. Anapera Mgn. Macq. Zett,
Hippobosca Lin. Fab. Pnz. Fall. Rossi.
Ornithomyia Latr. Ntz.
Craterina Crts.
OxypteiTim Lch. Krb. Sehn.
Stenopterix Leaeh. Mgn. Wlk. Mcqrt. Zett.
Chelidomyia Rndn.
Spec. A. pallida Lch. Mgn. Meq. Zett. Schin.
Kirbyana (var.) Lch. Mgn. Meq.
hirundinis Pnz. Wlk.
II. Farn. Braulida Egger.
Hippoboscidae Costa Schin.
Braiilidae Rndn.
Gen. Braula Ntz. Schin.
Entomybia Costa.
Spec. B. coeca Ntz. Schin.
apum Costa.
III. Fam. Nycteribidae Lch. Wlk. Sehn. Rndn.
Notostoma Lch.
Phthyromyiae Latr. Macq.
Gen. Nycteribia Latr. Meq. Sehn. Rndn.
Phthiridiimi Herrn. Lch.
Stilidia ( -j^, ,
Penicillidia j
Spec. N. Leachii ? Klnt.
Unter den angeführten Species empfiehlt sich wegen der ziem-
lich bedeutenden Häufigkeit in erster Linie Melophagus ovinus für
das Speeialstudium des Pupiparenrtissels.
294 Friedrich Haus Müggeuburg.
Melophagus ovinus.
Im Zusammenliang mit der parasitischen Lebensweise des Melo-
pliagus ovimis zeigt die Gesamtform seines Kopfes eine auffallend
von der typischen Gestalt des Fliegenkopfes abweichende Bildung.
Während dieser mi allgemeinen eine Kugelcalotte darstellt, hat jener
einen tetraedrischen Habitus. Das scheibenförmige Occiput der
Fliege ist bei Melophagus nur durch eine sehr schmale dorsoventral
verlaufende starre Wand von rotbraunem Chitin repraesentirt, welche
einer Tetraederkante entspricht. Die gegenüberliegende, quer-
verlaufende Kante bezeichnet den vorderen Rand der Kopfkapsel.
Der Raum zwischen beiden wird, wie aus Fig. 1 ersichtlich, welche
die Seitenansicht eines Kopfes von Melophagus ovinus mit vor-
gestrecktem Rüssel giebt, von vier nahezu gleichschenkligen Drei-
ecken begrenzt. Es besteht die obere Decke der Kopfkapsel aus
einer gleichschenkligen Dreiecksfläche, deren Spitze von dem aus
glattem, glänzendem rötlich braunem Chitin gebildeten Scheitel,
Vertex (Fig. Iv), eingenommen wu"d. Nebenaugen fehlen auf dem-
selben. Der übrige Teil der Fläche gehört bis zu der Basis des
Dreiecks, dem queren Vorderrand der Kopfkapsel, der Stirn, frons
(Fig. 1 fr), zu. Gegen den Scheitel setzt sie sich durch eine hellgelbe
gebogene Linie ab. Ein auffallend dunkelbraun gezeichneter Streifen
(Fig. 1Kb), welcher in einem Bogen quer über den Kopf hinläuft,
um jederseits zwischen Antenne (Fig. 1 an) und Auge (Fig. lo) zu
verschwinden, bildet die Grenze zwischen einem oberen imd einem
basalen Stirnteil. Der erstere besteht aus dickem graubraunem
Chitin und ist stark beborstet, während der letztere helleres nacktes
Chitin zeigt und durch eine mittlere Längsnaht in zwei Hälften
geteilt ist. Um die ganze Stirn läuft ein hellbrauner Saum. Die
ebenfalls dreieckig gestalteten Seitenteile des Kopfes, die genae
(Fig. Ign), bestehen aus sehi^ festem glattem rotbraunglänzendem
Chitin. Mit ihrer breiten Basis begrenzen sie seitKch das Occiput,
divergieren nach vorn und haben ihre Spitze in den Endpunkten
der vorderen Randkante. Die Kehle, jugulum, ein nach ihrer Lage
der oberen Kopf decke entsprechendes Dreieck, schliesst als eine
weisse, sehr weiche, elastische Chitinhaut die Kopf kapsei von unten her.
Diese eigenartige Configuration der Kopfkapsel Avird besonders
durch die geringe Grössenentwickelung der schmalen, langgestreckten,
flachen Facettenaugen (Fig. 1 o), so wie den Bau und die Funktion
der Mundwerkzeuge bedingt.
Befinden sich diese in der Ruhelage, so bemerkt man fürs
erste von ihnen nichts weiter als zwei seitliche, breite, an ihrer
Aussenseite mit Borsten besetzte Chitinplatten, welche sich scheinbar
an dem vorderen Kopfrande nahe der Mittellinie inserieren und zu
einer Art Hülle zusammenschliessen. Klappt man diese beiden
Blätter nach den Seiten auseinander, so wird ein feines nach unten
gekrümmtes, anscheinend einfaches Chitinrohr sichtbar, das sich
durch eine Spalte, welche der Kopfrand zwischen sich lässt, in den
Der Rüssel der Diptera pupipara. 295
Kopf hinein fortsetzt. Die Umgrenzimg- der Spalte besteht aus
häutigem Chitin und springt ein wenig wallartig vor.
Einen tieferen Einblick gewährt die Betrachtung der Yerhätnisse,
wie sie uns der Kopf mit spontan hervorgestreckten Mundwerkzeugen
darbietet. Der in Action tretende Rüssel überrascht in erster Linie
durch die Entfaltung einer mächtigen conischen Verlängerung der
Kopfkapsel (Fig. 1kg), eines Gebildes, das in ganz ähnlicher Ent-
wicklung bei den echten Mus ciden wiederkehrt und hier von Kraepelin*)
als „Kopfkegel" bezeichnet wird. Ich schliesse mich dem Sprach-
gebrauch Kraepehns an imd nenne ferner gleich ihm die Summe
der darauf folgenden Mundwerkzeuge zum Unterschied von diesem
„Kopfteil desRüssels" den „Rüssel im engerenSinne" oder „eigentlichen
Rüssel".
Der Kopfteil des Rüssels. Der Kopfteil des Rüssels be-
steht aus dünnwandigem und weichhäutigem Chitin wie die Kehle
unseres Tieres. Für gewöhnlich ist er in die starre Kopf kap sei
eingezogen. Will jedoch der Parasit saugen, so stülpt sich aus
der erwähnten vorderen Spalte der starren Schädelkapsel der Kopf-
kegel nach aussen hervor, sodass die frühere Iimenfiäche zur äusseren
wird. Die wallartige häutige Umgrenzung vorn am starren Kopf-
rande, welche wir bei eingezogenen Mundwerkzeugen bemerkten,
erweist sich jetzt als Basis des m Rede stehenden Gebildes. Der
entfaltete Kopfteil des Melophagusrüssels weicht von der nahezu
kegelrunden Gestalt desjenigen der Musca ein wenig ab. Er ist
von vier Seiten etwas abgeplattet, sodass er an eine vierseitige
Pyramide erinnert, an eine Pyramide, welche schräg abgestumpft
ist; denn nicht in seiner ganzen Länge wird dieser Rüsselstiel
(Graber) ausgestülpt, das vordere Ende bleibt handschuh-fingerartig
eingekrempelt. Auf diese Weise wird ein doppelwandiger Hohlraum
gebildet, welcher den basalen Teilen der vomEnde des eingekrempelten
Kopfkegelstückes entspringenden Mmidwerkzeuge zur schützenden
Ueberdachung und Umhüllung dient. Fig. 5, 6 und 7 stellen als
Kg bezeichnet den Kopfkegel bei vorgestrecktem Rüssel in Quer-
schnitten dar, Fig. 2 Kg giebt davon einen Längsschnitt wieder. Die
nach aussen gekehrten Seitenteile des verlängerten Untergesichtes
zeichnen sich durch etwas stärkere Chitimsierung aus. Das Chitin
besitzt hier eine polygonale Felderung, welche in ihren Conturen
die Verhältnisse der darunter befindlichen Matris wiederholt. Auf
jedem der sechs-, seltener fünfeckigen Felder erhebt sich mit breiter
Basis ein Chitindorn, sodass die ganze Fläche an eine rauhe Zimge
erinnert. Die Chitindornen (Fig. 5 chd und Fig. 6 chd) sind massiv
imd werden nicht innersaert. Ihre Anordnung — sie sind alle
dorsal gerichtet — lässt dieselben geschickt erscheinen, zur sicheren
Fixation des Kopfes in der Wolle während der Thätigkeit der
Mundwerkzeuge beizutragen. In seiner Gesamtlänge kommt der
*) Kraepelin, Zur Anat. u. Physiol. des Rüssels v. Musca in Zeitschrift, f.
wiss. Zoologie. 39. Bd. s. 685. 1883.
296 Friedrich Hans Müggeiiburg.
Kopfkegel der festen Scliädelkapsel gleich. Er ermöglicht so einer-
seits ein Zurückziehen des eigentlichen Rüssels, bis in den hintersten
Winkel derselben, während er andererseits den Mnndwerkzeugen
ein äusserst freies Spiel nach der entgegengesetzten Richtung ge-
stattet.
Nahe ihrer Basis trägt die Kopfpyramide auf den nach oben
gewendeten Seiten ein Paar sehr auffälliger eingliederiger, taster-
ähnlicher Gebilde (Fig. 1 t). Nicht ohne einiges Erstaunen erkennen
wir in ihnen die beiden Chitmplatten wieder, welche für den Rüssel
im zurückgezogenen Zustande, wie oben beschrieben, eine Hülle
bildeten und schembar seitlich am Kopfrand ihren Ursprung nahmen.
Wenn sich der Kopfkegel ausstülpt, schiebt er dieselben nach vorn
und namentlich nach oben, um sie beim Einstülpen wieder nach
unten und hinten in ihre alte Lage hineinzuziehen.
Zur näheren Kenntnis ihres Baues möchte ich folgendes be-
merken. Die beiden ansehnhchen, chitinigen an ihren Aussenflächen
mit mächtigen Borsten (Fig. 1 th) reichlich besetzten Platten (Fig. 1 1)
verjüngen sich an ihrem vorderen Ende ganz plötzhch um je in
eine stumpfe Spitze auszulaufen, welche von besonders zahlreichen
und langen Chitinborsten überragt wh-d. In Zusammenhang mit der
Funktion eines schützenden Futterales zeigt das Integument der
Klappen an den Innen- und Aussenflächen sehr abweichende Be-
schaffenheit. Die Innenwandungen, welche mit dem leicht verletzt-
lichen Rüssel in direkte Berührung kommen, bestehen aus
dünner, weicher, schmiegsamer Chitinhaut (Fig. 6, 7 ta). Die etwas
convexen Aussenseiten dagegen besitzen eine ganz ausserordentlich
dicke Cuticula (Fig. 6, 7tb), an der sich auf Querschnitten deutlich
drei verschiedene Chitinschichten unterscheiden lassen. Zu oberst
befindet sich eine helle, spröde Schicht, welcher nach Innen eine
dimklere von weit bedeutenderem Querschnitt folgt, während die
unterste wieder dünner und heller gefärbt ist. — An den oberen
Längskanten der Klappen ist das starre Chitin geschärft und nach
einwärts umgebogen; an den unteren Längsrändern dagegen ent-
wickelt sich die Chitinbekleidung je zu einer sehr starken recht-
winklig nach Innen einspringenden Leiste. In der Ruhelage greift
nun die eine der Platten — je nach Umständen bald die rechte,
bald die linke — mit ihrem oberen Saum über den der anderen
hinweg. In entsprechender Weise, aber in viel geringerer Aus-
dehnimg schieben sich auch die unteren Längsleisten übereinander.
So wird ein inniger Zusaimnenschluss der benachbarten Klappen zu
einem Etui geschaffen, unter dessen festen Decken das zarte Saug-
organ gegen alle Insulten geschützt ist. Fig. 11, welche einen
Querschnitt durch den ruhenden Rüssel und seine beiden Scheiden-
platten darstellt, möge zur Veranschaulichung der eben besprochenen
Verhältnisse dienen.
Die unteren Längsleisten unserer Platten sind dicht mit sehr
feinen kurzen Härchen besetzt, welche als massive einfache Höcker-
chen des Chitinintegumentes erscheinen und nicht mit Nerven in Ver-
Der Rüssel der Diptera piipipara. 297
bindung stehen (Fig. 6, 7 li). — Dagegen sehen mr in den dunklen,
langen Borsten der Rüsselscheidenplatten entschiedene Sinnesapparate,
evidente Tasthaare (Fig. Ith und Fig. 13 th). Sie sind je einem
Ringwulst der Chitinbekleidung inseriert. Unterhalb ihrer Basis ist
das Integument unterbrochen, sodass je ein Nerv (Fig. 13 tn) mit
ihnen in Verbindung treten kann, der unmittelbar vor derselben zu
einem mehrzelhgen Ganglion (Fig. 13tg) anschwillt. Nach Bau und
Localisierung fällt diesen Borsten die Aufgabe zu, den Parasiten
über die Beschaffenheit der Umgebimg seiner Rüsselspitze zu
orientieren.
Die Klappen selbst funktionieren demnach als Taster. Ab-
strahiert man von den anatomischen und physiologischen Besonder-
heiten, welche unsere Platten speciell als Etui des Rüssels charakteri-
sieren, so erinnern sie in der That dermassen an die Maxillartaster
der echten Museiden, dass man die Vermutug einer morphologischen
Übereinstimmung zwischen ihnen nicht unterdrücken kann. An sich
berechtigt allerdings die Ähnlichkeit in dem Baue allein noch keines-
wegs zu der Annahme einer morphologischen Übereinstimmung. Es
ist vielmehr die, trotz aller Modificationen im einzelnen, durch-
greifende Gleichartigkeit in dem ganzen Organisationsplan des Kopfes
von Melophagus und Musca, sowie die Entwickelimgsgeschichte der
betreffenden Tiere, welche für die Identität der beiderlei Gebilde
spricht.
Wie die Maxillartaster der Musca, so sitzen die entsprechenden
Organe des Melophagus je einer in der Haut des Kopf kegeis liegen-
den Chitin verdickung auf. Die Verdickungen laufen bei Melophagus
eine km'ze Strecke nach vorn, werden dabei immer dümier und
schwinden bald ganz. Den Schlüssel zu dem morphologischen Ver-
ständnis derselben liefert eine Vergleichung mit verwandten Dipteren-
formen.
Bei den Museiden, bei denen diese Chitin Verdickungen gleich-
falls vorhanden sind, ziehen dieselben bis zu der Ansatzstelle des
„eigentlichen Rüssels", worauf sie mit einem Paar nageiförmiger
Chitinspangen in Verbindung treten, welche nach hinten frei endigend,
zu den Seiten des Schlundgerüstes hegen. Bei einigen Gattimgen,
wie Mesembrina Mg., Dasyphora R. D., Graphomyia R. D., Myso-
phila Rd. tragen die Spangen vorn, wo sie mit den übrigen Mund-
werkzeugen in Verbindung stehen, je eine Lade. Sie geben sich
somit unverkennbar als Basalteile von Unterkiefern zu erkennen,
deren tastertragende Abschnitte nach oben imd rückwärts gebogen
und mit der Oberhaut des Kopfkegels verwachsen sind. Besonders
überzeugend liegen diese Verhältnisse bei den Syi'phiden.
Wenden vnr uns zu unserem Melophagus zurück, so erscheint
es um so zweifelloser, dafs bei ihm die Chitinverdickungen in der
Kopfkegelhaut ebenfalls tastertragenden Abschnitten von Unter-
kiefern homolog sind, als auch die dazu gehörenden spangenförmigen
basalen Unterkieferstücke (Fig. 2, 3, 4 mx) vorhanden sind und zwar
in der gleichen Ausbildung, wie bei den Museiden ohne Kieferladen.
298 Friedrich Hans Müggenburg.
Der einzige Unterschied, welcher darin besteht, dass bei Melophagus
infolge der teilweisen Reduktion des tastertragenden Unterkiefer-
stückes der Contact desselben mit dem spangenartigen Kieferteile
im Interesse der freieren Beweglichkeit des Rüssels gelöst ist, kann
für die morphologische Beurteilung nicht von Belang sein. Die
Kieferspangen sind also, wie bei Musca, ihrer ursprünghchen Funktion
entfremdet; unter der Haut des Kopf kegeis gelegen stehen sie ganz
in dem Dienste des Bewegungsmechanismus des Rüssels. Im grossen
Ganzen haben sie die Gestalt langer dünner Hebelarme von kreis-
rundem Querschnitt. An ihi-em vorderen Ende, wo sie mit den
übrigen Mundwerkzeugen in Verbindung stehen, zeigen sie je eine
knopfartige Verdickung, über deren physiologische Bedeutung ich
bei Erörterung der Bewegungsvorgänge des Rüssels einige Worte
zu sagen haben werde. Die hinteren freien Enden der Kieferspangen
sind abgeflacht und verbreitert, sie bieten so den herantretenden
Muskehl zahlreiche Insertionspunkte.
Der eigentliche Rüssel. Aus dem Kopf kegel ragt, wie schon
erwähnt, ein langes, dünnes, hyperbohsch gekrümmtes, mit seiner
Öffnung nach abw^ärts gerichtetes, sprödes Chitinrohr hervor. Soweit
sich sein Verlauf an dem spontan gestreckten Rüssel verfolgen lässt,
zeigt es überall den gleichen Querschnitt, abgesehen von einer un-
bedeutenden Verjüngung an der Spitze. Um auch die verdeckte
Basis sichtbar zu machen, ziehen wir mit einer Pincette das Rohr
voUends aus der Höhlung des Kopfkegels hervor. Die Wandungen
desselben folgen, soweit sie noch eiiigekrempelt sind, dem Zuge, bis
der Kopfkegel in ganzer Länge zur Ausstülpung gebracht ist. Dies
ist übrigens nicht ohne die ärgsten Zerreissungen der innerhalb des
Kopfes gelegenen Weichteile möglich, ein schlagender Beweis für
die Richtigkeit meiner früher geäusserten Behauptung, dass der
Kopf kegel spontan niemals in toto ausgestülpt werden könne i). An
dem so gewonnenen Präparat bemerken wir, dass unser Rohr an
der Basis sich flintenkolbenartig verdickt und von der vorgezogenen
Spitze des Kopfkegels entspringt.
Nach seiner Orientirung vorn am „Kopfteil des Rüssels" müssen
wir unser Rohr als „eigenthchen Rüssel" ansprechen. Eine genaue
anatomische Untersuchung bestätigt dieses Urteil vollkommen, indem
sie ferner zeigt, dass unser Organ in seiner grössten Längserstreckung
nicht einen einfachen Hohlcylinder mit einem einzigen Lumen dar-
stellt, wie es auf den ersten BHck scheinen will, sondern aus dreien
übereinander hegenden, sehr abweichend gebauten Chitinstiletten
zusammengesetzt ist, welche in allen fundamentalen Eigenschaften
den Constituenten des „eigentlichen Rüssels" der meisten übrigen
Dipteren, der Oberlippe, dem Hypopharynx und der Unterhppe,
gleichen.
') Ältere Autoren haben denselben in dieser Verfassung mehrfach abgebildet
und scheinen zum Teil auch der irrtümlichen Ansicht gewesen zn sein, dass ihre
Bilder natürliche Lagerungsverhältnisse zur Anschauung brächten.
Der Rüssel der Diptera pupipara. 299
Der unterste der drei Constituenten ist es, welcher dem ganzen
„eigentlichen Rüssel" sein charakteristisches Gepräge giebt. Zeichnet
er sich doch vor den beiden anderen durch mächtige Entwicklung
aus, hüllt er doch die überaus zarte mittlere Chitinborste vollkommen
ein, während er die dritte stärkere Chitingräte wenigstens an den
Seitenteilen umfasst.
Mittelst Präpariernadeln gelingt es von der Rüsselbasis aus das
Gefüge zu lösen, und so die drei Organe auf einem Male zur An-
schauung zu bringen (Fig. 4 Ibr, Ib, hy).
Die Oberlippe. Das oberste der drei Stilette (Fig. 4 Ibr) er-
scheint bei oberflächhcher Betrachtung als eine ziemHch feine, an
der Basis etwas verdickte Clütinborste, welche dem Vorderrande
des Kopfkegels angefügt ist. Mit ihrer stumpfen Spitze erreicht sie
nicht ganz die Länge des gesamten Rüssels. ■ — Um das anatomische
Verhalten derselben vollständig zu übersehen, muss man mittelst
eines Mikrotomes Quer- imd Längsschnitte herstellen (Fig. 5, 6, 7, 8,
2, 3 Ibr). Dieselben lassen uns in ihr sofort ein Hohlgebilde, eine
impaare Ausstülpung des vordersten Kopfteiles erkennen, in deren
Inneres sich eine kurze Strecke weit sehi- feine Tracheenästchen und
Nervenzweige aus dem Kopfe fortsetzen. Nach vorn verengt sich
das Lumen (Fig. 8 Ibr) ausserordentlich rasch infolge der beträcht-
lichen Annäherung der oberen und unteren Wand imseres Kopf-
anhanges. — Die dorsale Platte desselben geht direkt in die obere
Kopf kegelwand über, während die ventrale mit dem Vorderrande
des starren chitinösen Pharynx durch eine weiche chitinige Gelenk-
haut verbunden ist (Fig. 2 Ibr). Diese anatomischen Beziehungen
zwischen dem Kopf imd der in Rede stehenden Chitinborste weisen
ganz imzweideutig darauf hin, dass -wir in ihr ein der Oberlippe der
übrigen Lisekten homologes Gebilde vor uns haben. — Auch in
physiologischer Beziehung spielt sie ganz dieselbe Rolle wie die
Oberlippe der übrigen Dipteren. Die Überleitung der Nahrung in
den Dai-m ist vornehmlich ihre Funktion, Zu diesem Zwecke sind
die Ränder der Oberlippe nach unten gegeneinander gebogen zu
einem doppelwandigen Leitungsrohr von eliptischem Querschnitt mit
der dorsalen Oberlippenplatte als äusserer und der ventralen als
innerer Begrenzungsfiäche. Da die Oberlippenränder jedoch nicht
zu gegenseitiger Berührung gelangen, so kommt es ventral zu keinem
vollständigen Schluss des Rohres. Ein solcher ist aber für die
Leitung einer dünnflüssigen Nahrimg, wie sie das Blut ist, eine not-
wendige Forderung. Es wird darum zu der Bildung des Nahrungs-
canais noch die zweite Borste ziun Teil herangezogen.
Der Hypopharynx. Die mittlere der drei Borsten (Fig. 4 hy)
ist ein sehr zartes, fast glashelles, langes, schmales Chitinband,
welches in seiner Mitte von einem ausserordentlich feinen Canal von
kreisrundem Querschnitt durchzogen -wird, dessen Verlauf durch eine
entsprechende Wölbung des Chitins äusserhch gekennzeichnet ist
(Fig. 8 hy). Ihren Ursprimg nimmt die Borste von der oberen Platte
des dritten Stilettes, der Unterlippe, mit welcher sie an der Basis
300 Friedrieh Hans Müggenburg.
eine kurze Strecke weit in inniger starrer Verbindung steht, ein
Verhalten, welches für den Hypopharynx der Dipteren überhaupt
charakteristisch ist (Fig. 5 hy). Ferner giebt der Umstand, dass der
Ausführungsgang der Thoracalspeicheldrüse in dem Canal der frag-
lichen Borste seine Fortsetzung findet, einen weiteren sicheren An-
halt für ihre Deutung als Hypopharjnix (Fig. 2 s, hy). Ich habe
früher hervorgehoben, dass dieser bei den Dipteren ganz allgemein
zu der Bildung des Nahrungscanales beiträgt. Nur Art und Umfang
der Beteiligung variiren. In unserem speciellen Falle legt sich der
bandförmige Hypopharjoix einfach an die eingebogenen Oberlippen-
ränder platt an und überbrückt so die erwähnte ventrale Längs-
spalte des Nahrungsrohi-es (Fig. 8 hy). Die Wölbung der dorsalen
Wand des Speichelcanales dient dabei zur Festigung zwischen
Labrum und Hypopharynx, indem sie wie der Falz in die Nute, so
in die Spalte des Kohres genau hineinpasst und eine seitliche Ver-
schiebung beider Mimdteile aneinander verhindert. Nur vorn an der
Öffnimg des Nahrimgscanales ragt die Spitze des Hypopharynx, an
deren äusserstem Ende der Speichelgang ausmündet, um ein kleines
Stück frei über die kürzere Oberlippe heraus. — Mehr noch als
eine seitliche Verschiebung muss, soll die Leistungsfähigkeit des
Nahrungsrohres nicht in Frage gestellt werden, die Möglichkeit einer
Abwärtsbewegung des Hypopharynx von der Oberlippe weg aus-
geschlossen sein. Wegen der starren Verbindung desselben mit der
Basis des dritten Stilettes wird sein Verhalten in dieser Hinsicht
von dem des letzteren abhängen. In der That findet sich in der
Construction dieses dritten Mundteiles eine zweckentsprechende Ein-
richtung, welche wir jetzt zugleich mit einem anatomischen Gesamt-
bild desselben kennen lernen werden.
Die Unterlippe. Das dritte, nach hinten folgende Stilett des
eigenthchen Rüssels (Fig. 41b) fällt, wie erwähnt, vor den bisher
beschriebenen durch seine aufserordentliche Grösse besonders ins
Auge. Es ist füi- die äussere Form des Rüssels um so mehr be-
stinmiend, als es Hypopharynx und Oberlippe mehr oder minder
vollständig einschhesst. Im grossen ganzen hat es die Gestalt eines
hyperbohsch gekrümmten Cyhnders, der oberseits mit einer geräumigen
Längsrinne versehen ist. — Schon der eine Umstand, dass die ven-
trale Platte dieses Kopfanhanges die unmittelbare Fortsetzung der
unteren Kopfkegelwand repräsentirt, kennzeichnet unser Gebilde zur
Genüge als Unterlippe (Fig. 21b, kg). Die dorsale Platte derselben
inseriert sich zugleich mit der Basis des Hypopharynx gelenkig an
dem unteren Rande des chitinisierten Pharynx (Fig. 2 Ib, fro). Das
Innere der Unterlippe ist wie bei allen Dipteren mit zahlreichen
Muskeln und mit Tracheen und Nerven erfüllt. — Die stark ge-
wölbte untere Platte zeichnet sich durch ausserordentlich derbe
Chitinisierung aus; namentlich ist ihr Boden, weniger ihre Seiten-
teile, stark verdickt, sodass ihr Querschnitt das Bild einer Sichel
giebt (Fig. 8 Ib). Die Unbiegsamkeit der unteren Platte des Labium
ist es denn auch, welche dem gesamten Saugmssel die für einen
Der Rüssel der Diptera pupipara. 301
Einstich notwendige Widerstandsfähigkeit verleiht. An ihrer Basis
nimmt die imtere Platte an Querschnitt aufserordentlich zu, wölbt
sich seitlich über die obere Unterlippenplatte bis zu dem Rücken
der Oberlippe empor (Fig. 6 Ib). Sie gewinnt dadurch den haupt-
sächlichsten Anteil an der Bildung jener schon früher von mir er-
wähnten flintenkolbenartigen Verdickung der Rüsselbasis. Bei vor-
gestreckten Mundwerkzeugen liegen die Wandungen des Kopfkegels
dieser Ampulle so dicht an, dass __dem sich schnell verjüngenden
Saugrüssel nur eine unbedeutende Öffnung für den Austritt bleibt.
Die Rüsselbasis wird hierdurch in dem Kopfkegel etwa M-ie der
Gelenkkopf in der Kapsel festgehalten und bei dem Herausziehen
des Rüssels aus der Wunde des Wirtes vor Abreissen vom Kopfe
geschützt. Ferner bietet ihre grosse Innenfläche eine Menge von
Insertionspunkten für Muskeln, welche sich nach der oberen Platte
begeben.
Letztere bildet ganz entsprechend ihrem Verhalten bei den
anderen Dipteren auch in diesem Falle die tiefe Längsrinne, welche
Hypopharynx und Oberlippe in sich aufnimmt. Von ihrer Ursprungs-
stelle jedoch an soweit, als sie mit dem Hypopharynx verwachsen
ist, tritt sie uns unter der Form eines flachen Bandes entgegen,
welches den stark verdickten Seitenteilen der Oberlippe platt an-
liegt (Fig. 5 Ib). Erst nachdem der Hypopharynx frei geworden und
die OberUppe sich etwas verjüngt hat, umgreifen die Ränder der
dorsalen Unterlij)penplatte Hypopharynx und Oberlippe, und zwar
so vollständig, dass nur ein wenn auch breiter Streifen der Rücken-
wand der letzteren frei bleibt (Fig. 8). Diese Lücke ist schmal
genug, um der Oberlippe bei ihrer geringen Nachgiebigkeit, sowie
der der betreffenden Unterlippenwandungen den Austritt aus der
Rinne zu versagen. Die Umfassung ist, wie früher schon hervor-
gehoben wurde, unter normalen Verhältnissen eme untrennbare.
Nur der Grad der Innigkeit dieser Umfassung kann, wde wir bei
Besprechung des Bewegungsmechanismus sehen werden, je nach
Umständen ein wechselnder sein. Hier sei nur bemerkt, dass an
dem ruhenden Rüssel das Lumen der Rinne etwas geräumiger ist
als an dem thätigen.
Dasselbe wird daher in dem ersteren Falle von Oberlippe und
Hypopharynx nur lose ausgefüllt, sodass dieser die Längsspalte des
Nahrungsrohres nicht luftdicht schliesst, wie das bei dem in Action
befindlichen Rüssel durch Verengung der Unterlippenrinne erreicht
wu'd. — Einen sehr verschiednen Bau zeigen in ihren einzelnen
Partien die Seitenwandungender Unterlippe. Von den Seitenteilen
der oberen Platte springt dachartig je eine starke Längsleiste vor,
von deren Innenfläche jederseits eine häutige Membran nach den
wiederum äusserst starren Seitenwandungen der unteren Platte ver-
läuft (Fig. 8). Diese membranöse Beschaffenheit der Seitenwandungen
in ihrem mittleren Teil gestattet eine ziemlich beträchtliche gegen-
seitige Annäherung und Entfernung der beiden Unterlippenplatten.
302 Friedrich Hans Müggenburg.
— Die fast allgemein verbreiteten Endlippen des Labimn, welche
wohl am besten als metamorphosierte Unterlippentaster gedeutet
werden, finden sich auch bei Melophagus, wenngleich in sehr rudi-
mentärer Form (Fig. 1, 3, 4 elb). Sie sind, me die die Unterlippe
zusammensetzenden Maxillen selbst, in der Medianlinie so vollkommen
miteinander verwachsen, dass keine Spuren einer fmheren Zwei-
teilung zu finden sind. Gegen die stumpfe Spitze der Unterlippe
sind die verwachsenen Endlippen nur durch eine Einkerbung des
Chitins abgesetzt, eine gelenkige Verbindung ist nicht vorhanden.
Die Seitenteile dieses unpaaren Organes sind nach oben bis zu
gegenseitigem Uebereinandergreifen zusammengebogen (Fig. 9 elb).
Die äusserste Spitze der Oberlippe und das über diese hinausragende
Ende des Hypopharynx wird von diesem kurzen, nach vorn sich
conisch verjüngenden Endlippenrohre umhüllt, und zwar kommt die
Oberhppenspitze an den Rücken, der Hypopharynx dicht an den
Boden zu liegen. In physiologischer Hinsicht bildet es den Anfang
des Nahi'ungscanales, das Mundstück des gesamten Saugrüssels. Als
solches ist es an der Spitze rmgs um seine Oeffnung mit einer
Anzahl von harten Chitinzacken besetzt (Fig. 10 chz), welche bei
dem Einstich die Oberfläche der Wunde ganz beträchtlich zu ver-
grössern hn stände sind. — Nunmehr ist der Weg, welchen die
Nahrungsflüssigkeit innerhalb des „eigentlichen Rüssels" nimmt, voll-
kommen bestimmt: Nachdem sie in die von den Endlippen gebildete
Mündung eingetreten, fliesst sie durch den kurzen Endlippencanal
über den der Bodenwand anliegenden Hypopharynx hinweg in das
von diesem und der Oberlippe gebildete Rohi* hinein. Da letztere
an dem oberen Rande des Pharynx und ersterer an dem unteren
gelenkig inseriert ist, so tritt die Nahmng hierauf in den chitinösen
Anfangsteil des Darmes über. An der Insertionsstelle der Oberlippe
mid des Hypopharynx haben "v\ar somit die eigenthche Mundöffnung
zu suchen.
Nachdem wü- im voranstehenden das chitinöse Substrat des
Kopfkegels und des eigentlichen Rüssels kennen gelernt haben,
wenden wü' jetzt unsere Aufmerksamkeit den oben noch nicht be-
rücksichtigten iimerhalb der Kopfkapsel gelegenen chitinigen Organen
zu. Es fällt da in erster Linie das sogenannte Fulcrum wegen
seiner bedeutenden Entwicklung ins Auge.
Das Fulcrum. Der Vorderdarm ist bei allen Dipteren von
der Mundöffnung an bis fast zum Schlundring mehr oder minder
stark chitinisiert. Infolge seiner chitinösen Beschaffenheit hielten
diesen Darmabschnitt ältere Forscher wie Gerstfeldt und andere
denn auch für einen integrierenden Bestandteil der Mundwerkzeuge
selbst. Menzbieri) und Dimmock^) erkannten dann seine wakre
1) Menzbier, Ueber das Kopfskelett und die Mundwerkzeuge der Zwei-
flügler in Bull. Societ. Imp. Nat. Moscou. 1880.
2) Dimmock, The auatomy of the mouth-parts and of the sucking apparatus
of some diptera. Boston 1881.
Der Rüssel der Diptera pupipara. 303
Natur und führten für den chitinös verdickten Pharynx den Namen
„Fulcrum" ein; Becher übersetzte diesen Namen passend mit
„Schlundgerüst", und Meinerti) endlich bezeichnet das verhornte
Organ schlechthin als „Pharynx". — Das Fulcrum der echten Mus-
eiden und der ihnen nahe verwandten Dipteren ist dadurch aus-
gezeichnet, dass von ihm starre Wandfortsätze ausgehen, die an
der Kopfdecke einen Anheftungs- und Stützpunkt gewimien. Das
Schlundgerüst des Melophagus gehört unverkemibar zu diesem Tj^us.
Es besteht wie bei Musca aus zweien Teilen, welche gelenkig mit-
einander verbunden sind. Der vordere Abschnitt, bei Musca freilich
nur als ein sehr unansehnliches Verbindungsstück zwischen den
Mundwerkzeugen und dem Hauptteile des Fulcrums entwickelt, ist
bei Melophagus ein starrer sanft S förmig gekrümmter Hohlcylinder
von beträchtlicherer Länge, als die zu seinen Seiten gelegenen
Unterkieferspangen. An dem Cylinder befinden sich seitlich ein
paar Chitincristen zum Ansatz von Musculatm*, die Rückenwand
dagegen ist nur schwach chitinisiert. Das Lumen des Cylinders,
der Nahrungscanal, hat einen kreisrunden Querschnitt und ungefähr
die Weite des Oberlippencanales. Die gelenkige Verbindung mit
den Mundwerkzeugen und dem zweiten Abschnitte des Fulcrums
geschieht einfach dadurch, dass die Wandungen des chitinösen
Pharynx an diesen Stellen dünn und weichhäutig bleiben.
In der hinteren Partie des Schlundgerüstes entwickelt sich die
untere und obere Wandfläche zu muschelschalenähnlichen Platten.
Für gewöhnlich liegt die obere Platte mit ihrer convexen Seite
dicht der concaven Fläche der starren unteren Platte an (Fig. 3
fpo, fpu). Infolge ihrer elastischen Beschaffenheit und ihrer federnden
Verbindung mit der ventralen Platte kann die dorsale Wand jedoch
durch Muskelzug weit abgehoben werden. Der ansehnliche Hohl-
raum, welcher auf diese Weise zwischen den beiden Platten entsteht,
ist der Nahrungscanal (Fig. 2 nk). Hinter den Fulcriunplatten
verengt sich der nun häutig werdende Canal zur Bildung einer ein-
fachen Speiseröhre, die sich nach abwärts wendet und zwischen dem
Ober- und Unterschlundganglion hindurch nach dem Hinterhaupts-
loche zuläuft (Fig. 2 oe). Zur Fixierung des gesamten Fulcrums,
sowie zur Insertion zahlreicher Muskeln des Rüssels dienen die den
Seitenteilen der unteren Fulcrumplatte angehörigen für die Museiden
charakteristischen zwei Chitinfortsätze. Bei Melophagus sind die-
selben schmäler als bei Musca. Als zwei parallele Chitinstreifen
(Fig. 4 sf) erstrecken sie sich bis in die Nähe des Vorderrandes
der starren Chitinkapsel. An ihren oberen Enden werden sie durch
einen jederseits etwas überragenden chitinösen Querbalken verbunden
(Fig. 4 qf). Dieser ist in seinem mittleren Teile ungelenkig an einem
von der Decke der starren Kopfkapsel einspringenden Cliitinzapfen
in der Region zwischen den Antennen angeheftet. Die Befestigungs-
stelle ist an dem Schädel auch äusserlich kenntlich, denn der
lleinert, Fluernes Muncldele (Trophi Dipterorum). Kjobenhavn 1881.
304 Friedrich Hans Müggenbiarg.
Chitinzapfen erweist sich hier als eine trichterartige Einsenkung in
der Chitinbekleidung des Kopfes (Fig. 2, 3 tr). Der Umstand, dass
bei den Museiden das Fulcrum weiter vorn an dem weichhäutigen
Kopfkegel angeheftet ist, kann bei der innigen morphologischen
Beziehung des letzteren zu der starren Kopfkapsel keinesfalls als
ein tieferer Unterschied in dem Verhalten dieser Dipteren angesehen
werden.
Das ^peichelrohr. Direct unterhalb der Insertion des Ful-
crums an den Mundwerkzeugen tritt auch das Speichelrohr in den
H}^opharynx hinein (Fig. 2, 3, 4 s). In seinem Verlauf nach dem
Halse steigt es zunächst an der ventralen Wand des in der Ruhe-
lage diagonal gestellten vorderen Fulcrumteiles empor, biegt darauf
wieder nach rückwärts um und wendet sich, unterhalb des Unter-
schlundganglions hinziehend, dem Hinterhauptsloche zu. Kurz nach
seinem Durchtritt in den Thorax gabelt sich das Speichelrohr in
zwei Aeste. Dieselben sind die Ausführungsgänge zweier grosser
schlauchförmiger Thoracalspeicheldrüsen, welche sich zu beiden
Seiten des Darmes dm'ch den ganzen Thorax unter vielfachen
Windungen erstrecken. Diese Drüsen smd übrigens bei Melophagus
die einzigen, welche zu den Mundwerkzeugen in Beziehung stehen.
In seinem Anfangsteile soweit als es längs des Fulcrums verläuft,
hat das Speichelrohr eine tracheenähnliche Beschaffenheit. Es ist
nach Tracheenart mit einer chitinigen Intima ausgekleidet (Fig. 12 s),
welche in einem spiralig verlaufenden Streifen verdickt ist. Dieser
Spiralfaden dient hauptsächlich zur Steifung des Speichelrohres.
Aussen ist die Intima von flachem Plattenepithel umkleidet. Kurz
bevor das Speichelrohr sich wieder rückwärts wendet, verjüngt es
sich plötzlich ganz ausserordentlich zu einem sehr feinen Canal, der
ebenfalls aus einer chitinösen Intima mit einem Epithelzellenbelag
besteht, aber keinen Spiralfaden mehr zeigt. Diese Beschaffenheit
behält nun das Speichelrohr in seinem ganzen weiteren Verlaufe.
Vor seiner Verjüngungsstelle besitzt es eine Schliessvorrichtung
(Fig. 12 dv). Die obere Wand ist nämlich hier bedeutend verdickt
und eine Strecke weit eingedrückt, sodass sie als elastische Platte
mit Federdruck gegen die untere Wandung wirkt. An ihrem
hinteren Rande inserieren sich mit dünner sehnenartiger Basis zwei
Muskeln, welche bei ihrer Contraction durch Heben der elastischen
Platte den Verschluss des Rohres öffnen und so dem Speichel das
Weiterfliessen durch den tracheenähnlichen Teil des Speichelrohres
und den Hypopharynx gestatten (Fig. 12 dds). Die MögHchkeit,
dass der in Rede stehende Apparat als Druckpumpe wirken könne,
vielleicht wie die sogenannte Wanzenspritze funktioniere, ist in der
Construction desselben, namentlich in der Anordnung seiner Mus-
kulatur, nicht gegeben. Kraepehn hat ihn schon bei Musca ganz
richtig als ein einfaches Drosselventil oder einen Quetschhahn auf-
gefasst. Das bewegende Moment, welches nach Hobung der
elastischen Platte den Speichel fliessen macht, ist vielmehr in dem
Drucke zu suchen, der durch fortgesetzte Secretion in den Speichel-
Der Rüssel der Diptera pupipara. 305
drüsen und ihren Ansfülirungsgängen erzeugt wird. Da beide von
einer sehr resistenten chitinösen Intima ausgekleidet sind, und die
Platte des Drosselventiles, nach dem bedeutenden Querschnitt der
sie hebenden Muskeln zu schHessen, mit erheblicher Kraft gegen
die untere Rohrwandung drückt, so dürfen wir annehmen, dass in
den Drüsen ein ziemlich hoher Druck erzeugt werden kann, jeden-
falls hoch genug, um zur geeigneten Zeit das Secret trotz des langen
Weges, den es zurücklegen muss, und trotz der bedeutenden
Reibungswiderstände, welche es in dem engen Hypopharynx findet,
in der erforderlichen Menge in die Wunde gelangen zu lassen.
Das Secret ist dünnflüssig und farblos, im geronneneu Zustande
gelblich. In die Wunde gebracht erzeugt es, wenigstens beim
Menschen, nur eine geringe bald wieder verschwindende Hyperhämie,
wie etwa das Speichelsceret von Pulex irritans.
Die Kopfblase. Endlich findet sich in dem Kopfe noch ein
chitinöses Organ, dessen Gegenwart bei Melophagus und meist auch
bei anderen sehr häufig untersuchten Dipteren bisher gänzlich über-
sehen wurde. Ich habe oben bereits eines dunklen Streifens Er-
wähnung gethan, welcher quer über die Stirn laufend zwischen
Augen und Antennen herabzieht (Fig. 1 Kb). An geeigneten Quer-
und Längsschnitten erweist sich derselbe nur als äussere Andeutung
einer in den Kopf nach hinten einspringenden tiefen Falte der Kopf-
decke. Die Höhlung unserer Falte communiciert mit der Aussen-
welt durch einen Spalt, dessen Oeffnung nur wenig hoch ist, an
Länge aber dem bogenförmigen Querschnitte der Falte gleichkommt.
Gegen die Schädelhöhle ist die Falte vollkoinmen blind geschlossen.
Die Chitinbekleidung derselben ist bedeutend verdickt; ja in der
medianen Partie der Falte entwickelt sich von dem hinteren Rande
eine starre Chitinleiste, welche weit in das geräumige Lumen hinein-
ragt. Dieselbe ist, wie die Innenwandungen der Höhlung überhaupt
und wie der mediane Teil der Stirndecke über der Falte, mit spröden
dunkelbraunen, unregelmässig gestalteten, chitinösen Zacken und
Dornen besetzt, welche im grossen Ganzen radiär angeordnet sind,
wie die Krystalle in einer Druse. Die Anwesenheit dieser Chitin-
dornen legt die Vermutung nahe, dass die Falte ein Sinnesorgan
darstelle. Allein der Umstand, dass keine nervösen Elemente in
ihrer Umgebung gefunden werden, vielmehr nur die gemeine Hypo-
dermis darunter liinzieht, spricht gegen eine solche Anschaumig.
Wegen ihrer Lage direkt über den Chitinfortsätzen des Fulcrums
veimutete ich eine Zeit lang, die Frontalfalte möchte bei der Be-
wegung des Rüssels, speciell des Fulcrums, in irgend einer Weise
eine Rolle spielen. Eine genaue Prüfung der Verhältnisse über-
zeugte mich jedoch, dafs das rätselhafte Organ völlig unbeteiligt
bleibt. Schliefslich dachte ich noch an die Möglichkeit, dasselbe
könne einen Apparat darstellen, mittels dessen sich der Parasit,
wenn er saugen will, durch Einklemmen einiger Haare seines Wirtes
gehörig fixiert. Wenn aber schon die Abwesenheit von Gelenk imd
Muskeln an der Falte gegen diese Annahme sprach, so wurde diese
Arcli f. Naturgescli. Jahrg. 1892. Bd. I. H. 3. 20
306 Friedrich Hans Müggenburg.
Deutung gänzlicli illusorisch, als ich die Falte auch bei sehr vielen
nicht parasitierenden Fliegen in gleich schöner Ausbildung vorfand
und als einen der ganzen Gruppe der Muscarien eigentümlichen
Charakter erkannte. Kraepelin, fast der einzige Forscher, der diese
Falte kennt, hat sie von Musca im Längsschnitte abgebildet. Er
hält sie für die „handschuhfingerartig nach innen gestülpte Kopf-
blase". Ich glaube, dafs auch die Falte am Kopfe von Melophagus
in der Tliat nichts anderes ist, als das Rudiment des als Kopfblase
bekannten Larvenorganes, welches beim Sprengen der Puppenkapsel
eine Rolle sj)ielt. Seine Gegenwart bei Melophagus liefert ein neues
Document für die Verwandtschaft dieses Parasiten mit den Muscarien.
Zum Schlüsse der Betrachtung des Kopfskelettes mögen noch
einige Bemerkungen über die Antennen des Melophagus hier Platz
finden.
Die Antennen. Während Fabricius die Antennen wohl infolge
ihrer versteckten Lage vollkommen übersehen hat, hält sie Pierre
Lyonet'), der französische Advocat und bemhmte Entomotom, welcher
dieselben zum ersten Male eingehend untersuchte, wegen ihres merk-
würdigen Baues für eigenartige Organe, welche vielleicht jedoch wie
Antennen funktionieren könnten. Sie sind nach ihm aus drei in-
einander geschachtelten, schuppigen Näpfen (vaisseaux ecailleux etc.)
zusammengesetzt, und sollen beide durch einen im Inneren des
Craniums kreisbogenförmig verlaufenden Canal miteinander commu-
nicieren. Was diesen letzteren anbetrifft, so existiert derselbe gar
nicht. Lyonet hat jedenfalls Teile der Kopfblase und des Fulcrums
als solchen angesprochen. Nitzsch^) und Dufour"*) erkannten die
Antennennatiu" der fraglichen Gebilde, doch bezeichnen ihre Unter-
suchungen der Lyonetschen gegenüber insofern einen Rückschritt,
als die Antennen nach ihren Angaben nur aus einem einzigen Ghede
bestehen sollen. In zahlreichen späteren Werken, welche, meist
rein systematischen Inhalts, nur sehr aphoristische Mitteilungen
über die Fühler des Melophagus enthalten, werden selbige bald als
ein-, bald als zwei- oder auch dreigliedrig angegeben. —
Durch eine genaue anatomische Analyse konnte ich mich auf
das bestimmteste überzeugen, dass die Antennen thatsächlich aus
zwei Gliedern von sehr abweichendem Baue und sehr verschiedener
Grösse bestehen. In ihrer natürlichen Lage erscheinen sie zunächst
nur als zwei flache, kaum über das Niveau der Stirndecke sich er-
hebende warzenförmige Buckel, welche seithch von den ausserordent-
lich schmalen Augen nach der Medianlinie hin, nahe dem Vorder-
rande der starren Kopfkapsel gelegen sind.
Isoliert man eine Antenne, so erkennt man alsbald den er-
') Lyouet, Eecherches sur Tanatomie et les metamorphoses de differentes
especes d'iiisectes. Paris 1832 p. 9 — 10.
^) Nitzsch, Die Familien der Thierinsecten. Germar's Magazin der Ento-
mologie, 1818.
^) Dufour, Ann. des sc. nat, 1 ^i« s6rie Zool. T. X.
Der Rüssel der Diptera pupipara. 307
wähnten warzenähnlichen Buckel als Teil eines grösseren anscheinend
völlig ungegliederten sphäroidischen Chitinkörpers, der unter natür-
lichen Verhältnissen in einer tiefen Grube verborgen hegt, welche
von der sich taschenartig einsenkenden Kopfwand gebildet wird.
Dieses scheinbar massive, zwiebeiförmige Gebilde ist die ganze
Antenne. Schon durch eine einfache Behandlimg mit aufhellenden
Keagenzien werden jedoch im Inneren comphcierte anatomische
Verhältnisse sichtbar. Für das Studiimi derselben empfehlen sich
am meisten Längsschnitte. Der zwiebeiförmige Körper der Antenne
ist, wie sich jetzt zeigt, inwendig hohl. Durch eine in seinem vor-
deren Teile frei bleibende kreisrunde Öffnung, welche nur leicht
durch überragende Chitinhaare verdeckt wird, communi eiert der
Hohlraum mit der Aussenwelt. In diesem findet sich ein niedriger
Chitinkegel, welcher ungefähr in der Mitte seiner flächenhaft ver-
breiterten Basis, der Aussenöffnung gegenüber, durch einen gelenk-
bandähnlichen, kleinen Chitim-ing mit der aufgewölbten basalen
Wand des zwiebeiförmigen Organes in Verbindung tritt. Der Kegel
selbst ist am Ende mit einem chitinösen Griffel versehen (Fig. 14).
In seiner oberen frei aus der Höhle hervorragenden, bandartig ab-
geflachten Partie zerspleisst sich der letztere in eine Anzahl schmaler,
langer Zacken. An der dem Kopfe des Tieres zugekehrten Fläche
besitzt der Kegel ferner nahe seiner Basis eine grubenartige Ver-
tiefung, die sich nach hinten in eine sanft gewundene, bhnd ge-
schlossene Höhle ausweitet (Fig. 14 ca), deren Wandung mit einer
Fortsetzung der Cuticulardecke bekleidet ist.
Über das Integument der gesamten Antenne jfinden sich ver-
schieden gestaltete, haarartige Chitinfortsätze verbreitet. Diejenigen
an den peripherisch gelegenen Flächen sind vornehmlich Tastborsten
von demselben Baue, wie die an den Maxillartastern beschriebenen.
Die kurzen Chitinstifte dagegen auf dem Kegel und in dessen Um-
gebung, welche schon wegen ihrer versteckten Lage nicht als Tast-
borsten funktionieren können, scheinen sich nach ihrem Baue den
bei anderen Insekten als specifische Geruchshaare gedeuteten Organen
anzuschliessen. Nur in dem gefiederten Endgriffel dürfen ^^dr ein
Tastorgan erbhcken.
Die Sinneshaare werden von hypodermalen Ganghenzellen in-
nerviert. Auch das Lumen des Kegels, wie des zwiebeiförmigen
Organes wird so von Ganglienzellen ausgefüllt, die durch eine dicke
Nervenbrücke in dem Verbindungsstiele beider Constituenten in Zu-
sammenhang stehen. Der Antennennerv entspringt seitHch am vor-
deren Rande des Oberschlundganghons mit einer kleinen Anschwellung.
Er wendet sich im Kopfe zunächst horizontal nach vorn, biegt dami
aber plötzlich nach oben, um darauf durch das Lumen des Antennen-
stieles in die Antenne selbst einzutreten (Fig. 14 ann). Die Anfügung
der Antenne geschieht nicht centrisch, vielmehr finden wir oberhalb
der Axe des zwieb eiförmigen Teiles der Körperoberfläche genähert
ein kurzes, cyhndrisches Stück (Fig. 14sta), welches die Insertion an
dem Kopfe vermittelt.
20*
308 Friedrich Hans Müggenburg.
Der dem Körper zugewandte Rand dieses ringförmigen Basal-
teiles verdünnt sich zu einer elastisclien Chitinmembran, deren
ziemlich schmale dorsale Partie eine förmliche Gelenkhaut darstellt.
Wesentlich andere Verhältnisse weist die weiche Chitinhaut an der
gegenüberliegenden Fläche auf. Hier stellt dieselbe ein faltiges,
längeres Band dar, welches offenbar die Bestimmung hat, dem
chitinigen Eing und mit diesem der ganzen Antenne eine möglichst
freie pendelnde Bewegung zu gestatten.
Die Fühlermuskeln zeigen eine entsprechende Anordnung. Es
sind deren zwei vorhanden. Der eine entspringt mit breiter Basis
an der unteren Hälfte der concaven Fläche eines mit der Fühler-
grube zusammenhängenden, im Inneren des Kopfes hinter der An-
heftungsstelle der Antenne gelegenen Skelettstückes. Von da zieht
derselbe nach oben, um sich an dem frei in das Lumen des
Antennenstieles hineinragenden hinteren Rande des starren Basal-
ringes zu inserieren. Durch die Kontraktion des Muskels wird
dieser Rand hinabgezogen. Da mm aber der Drehpunkt des An-
temienstieles eine kurze Distance weiter vorn hegt als der Angriffs-
punkt des Muskels, so bewirkt die Kontraktion eine Aufrichtung
der gesamten Antenne. Wir werden also nicht fehlgehen, wenn
wir diesen Muskel als Protrusor antennae bezeichnen. Der Anta-
gonist desselben ist der in sagittaler Richtung verlaufende Muskel.
Dieser Retractor antennae nimmt seinen Ursprung von dem näm-
lichen Skelettstück wie der Protrusor, jedoch weiter oben. Sein
schmales Ende heftet sich an dem starren miteren Rande des Chitin-
ringes an. Da die Verbindung dieses unteren Randes mit der
übrigen Körperwand durch eine gefaltete weite Chitinmembran ge-
bildet ist, so wird die Wirkung des Muskels sich so äussern, dafs
bei der Kontraktion der ganze chitinöse Ring, so weit es die schmieg-
same Membran gestattet, der Kopfhöhle genähert, die Antenne also
nach abwärts in die Antennengrube hineingezogen wird. Es ist
daher nicht richtig, dass der Fühler des Melophagus, wie man be-
hauptet hat, jeglicher Beweglichkeit entbehre. Allerdings ist der
Spiekaum für seine Bewegung ein verhältnismässig geringer, da die
Antennenaxe ihre Lage höchstens um 45** verändern kann. Diese
Winkelstellung genügt jedoch, um den Endgriffel und die in die
grosse Höhle der Antenne führende Öffnung aus der Fühlergrube
heraus über das Niveau der Kopfdecke zu heben und so die Simies-
haare für Eindrücke von aussen zugänglich zu machen. Special-
bewegimgen können von einzelnen Fühlerteilen nicht ausgeführt
werden. —
Fragen wir jetzt nach der morphologischen Bedeutung der
Hauptbestandteile der Antenne, des zwiebeiförmigen Organes und
des Kegels, so weist die Art der Verbuidimg beider Teile, sowie
die Erfüllung derselben mit Ganglienzellen darauf hin, dass beide
Teile je einem Fühlerghede entsprechen. Die Wandimg der er-
wähnten grossen Antennenhöhle würde dann nichts anderes sein,
als der mächtig entwickelte, seitHch das zweite Fühlerglied, den
Der Rüssel der Diptera pupipara. 309
Kegel, umgreifende vordere Rand des Grundgliedes. Für die Richtig-
keit unserer Auffassung spricht der Bau der Antenne bei der ver-
wandten Braula coeca. Hier besitzt der Fühler (Fig. 16, 17) eine
Gestalt, welche den Übergang von dem gewöhnlichem Verhalten
bei den Brachyceren zu dem des Melophagus bildet. Das Grund-
glied tritt an Grösse bedeutend hinter dem folgenden, dem End-
gliede, zurück und hat das Aussehen eines abgestumpften Kegels,
dessen Basis die vordere Fläche des Gliedes darstellt. Sie zeigt
nur eine geringe Emporwölbung ihres Randes (Fig. 16), welche
aber keineswegs zu einer Umfassung des Endgliedes fiüirt. Letzteres
erinnert hinsichtlich seiner Grösse und Gestalt vielleicht mehr an
das Fühlerendglied einer Museide, als an das des Melophagus, hat
aber mit letzterem den endständigen Griffel und die in den Körper
des Ghedes sich einsenkende, gewimdene Vertiefung (Fig. 16ca)
gemeinsam. Hiernach kann, wie ich glaube, die Zusammensetzung
des Fühlers der Schaflausfliege aus zwei echten, wenn auch sehr
merkwürdig gestaltenen Antennengliedern nicht mehr bezweifelt
werden. Übrigens hat schon Lyonet diese Zusammensetzung richtig
gesehen. Wenn derselbe trotzdem von drei Fühlerpartieen spricht,
so liegt das daran, dass er die Fühlergrube für das erste Antennen-
glied gehalten hat.
Ich habe bisher des öfteren Gelegenheit gehabt, verwandte
Züge in dem Baue des Kopfskelettes unseres Parasiten mit dem der
Museiden hervorzuheben. Betreffs der Fühlerbildung weichen beide
Formen freihch, wie wir sehen, sowohl in der Zahl der Fühler-
glieder als in der Gestalt imd den Grössenverhältnissen derselben
vollständig voneinander ab. Will man daher, wie dies bis jetzt fast
allgemein geschehen ist, die systematische Stellung der verschiedenen
Dipteren auf die Form, Länge und Gliederzahl ihrer Fühler gründen,
so wird man dem Melophagus und seinen Verwandten trotz der
Annäherung des Fühlers der Braula an eine Brachycerenantenne
doch den eminenten Rang einer besonderen Unterordnung der Dip-
teren nach wie vor einräumen müssen. Allein Brauer hat schon
mehrfach überzeugend nachgewiesen, dass es dem heutigen Stande
des Wissens nicht mehr entspricht, „an einem Systeme festzuhalten,
welches nur auf Ein unsicheres Merkmal der vollkommenen Insekten
(die Form, Länge und Gliederzahl der Fühler) gestützt ist", dass
ein solches System „nur ein fehlerhaftes Bild von der Verwandt-
schaft in der Ordnung der Dipteren giebt". Gerade hier, wo es
sich um die Beurteilung der systematischen Stellung einer parasi-
tären Fliege handelt, dürfen wir um so weniger Wert auf den Bau
der Antennen legen, als ja bekanntermassen eine parasitäre Lebens-
weise ganz allgemein in erster Linie auf die Sinnesorgane stark
modificirend einwirkt. Bei der beträchtlichen Übereinstimmimg,
welche sonst in der Entwicklung und dem anatomischen Baue des
Melophagus und der Museiden obwaltet, kann ich daher die Ver-
schiedenheit der zweigliedrigen Antenne des Melophagus von dem
Muscidenfühler nur für eine erst nachträglich erworbene, keineswegs
310 Friedrich Hans Müggenburg.
aber für eine fimdamentale Erscheinung ansehen, und das um so
mehr, als unter den Insekten gerade die Dipteren ohnehin schon
eine Tendenz zur Verminderung der Gliederzahl ihrer Antennen
zeigen. Die anatomischen Eigentümlichkeiten an dem Fühler der.
Schaflausfiiege erklären sich aus der Lebensweise dieses Tieres
vollkommen. Da dasselbe des Flugvermögens entbehrt, sich nur
kriechend auf der Haut seines Wirtes bewegt, so brauchen die
Fühler den Parasiten jeweilig immer nur über die Beschaffenheit
der Umgebung innerhalb eines kleinen Umkreises zu orientieren;
die Antennen können daher sehr kurz sein. Ferner bedürfen die
antennalen Sinneshaare, insbesondere die Geruchsorgane, eines ge-
wissen Schutzes, damit sie nicht durch das Wollfett imd zahllose
in den dichten Wollhaaren des Schafes suspendierte Verunreinigungen
beschmiert werden. Nicht genug darum, dass die Antenne in einer
tiefen Fühlergrube liegt; das an seiner Peripherie ausschliesslich
mit gröberen Haaren besetzte Grundglied schliesst auch noch das
zweite Glied mit den empfindlicheren Geruchshaaren in sich ein.
Der Bewegungsmechanismus des Rüssels. Wir haben
uns bisher vorwiegend mit der Anatomie der chitinisierten Bestand-
teile des Kopfabschnittes von Melophagus beschäftigt. Um nun
aber einen vollkommenen Einblick in den Bewegungsmechanismus
des Rüssels zu gewinnen müssen wir auch die muskulösen Elemente
mit in den Bereich unserer Betrachtung ziehen.
Die Muskulatur des Rüssels zeigt eine sehr mächtige Ent-
wicklung. Nach ihrer Wirkungsweise lassen sich die Muskeln in
folgende Gruppen ordnen: 1. Muskeln für das Einziehen des Rüssels
in die Kopf kapsei (Retractores proboscidis superiores, Retractores
proboscidis inferiores, Levatores maxillarum, Retractores maxillarum).
2. Muskeln für das Hervorstrecken des Rüssels aus der Kopf kapsei
(Protrusores proboscidis, Depressores fulcri, Protrusores maxillarum).
3. Muskeln für Einzelbewegungen von Teilen des eigentlichen
Rüssels (MuscuK labiales obliqui anteriores, Musculi labiales obliqui
posteriores). 4. Muskeln für die ReguKerung des Ausflusses des
Speicheldiiisensecretes (Dilatatores ductus salivalis). 5. Muskeln für
die Ueberleitung der Nahrimgsflüssigkeit in den Darm (Dilatatores
fulcri, Sphincter oesophagi).
Behufs der Einziehung des Rüssels in die Kopf kapsel treten in
erster Linie zwei Muskelpaare in Thätigkeit, welche durch ihre
ausserordentliche Länge vor den übrigen auffallen. Beide Paare
nehmen ihren Ursprung von der hinteren Wand der starren Kopf-
kapsel, und zwar die Muskelstränge des einen (Fig. 2 rps) nahe der
Medianebene des Kopfes oberhalb, die des anderen (Fig. 2 rpi) weiter
seitlich unterhalb des Hinterhauptsloches. Die ersteren, die Retrac-
tores proboscidis superiores, ziehen an dem Ober- und Unterschlund-
ganghon, welch letztere, von Tracheen umgeben, gegen Druck
geschützt sind, vorbei unterhalb des Fulcrums nach den Mund-
werkzeugen hin, um sich an der Verbindungsstelle der Unterlippe
mit dem Kopfkegel nahe bei einander zu inserieren.
Der Rüssel der Diptera pupipara. 311
Die unteren Retraktoren dagegen, das zweite dieser beiden
Muskelpaare, begeben sich geraden Weges nach der Ursprungs-
stelle der Oberlippe. Sie waren Meinert^) bereits bekannt und
wurden von ihm als „Musculi retractores hypopharyngis" bezeichnet.
Da dieselben jedoch zu dem Hypopharynx gar nicht in Beziehung
stehen, und nur den Rüssel in toto zurückzuziehen vermögen, so
möchte ich sie auch lieber, analog den oberen Retraktoren, als
Retractores proboscidis inferiores bezeichnen.
Dem Zuge, welchen die \der Retraktoren auf den Rüssel aus-
üben, wird nun durch das chitinöse Fulcrum, dessen vorderer Teil
(Fig. 2 fro) einen Hebel repräsentiert, eine ganz bestimmte Richtung
erteilt. Bevor ich jedoch zur Besprechung dieser Bewegungsweise
übergehe, hebe ich nochmals hervor, dass der vordere röhrenartige
Teil des Fulcrums durch Charniergelenke mit dem Rüssel und den
Fulcrumplatten verbimden ist, die letzteren dagegen ohne jede
Gelenkverbindung mittelst zweier Chitinfortsätze an der Kopfdecke
befestigt sind.
Während nun die Fulcrumröhre infolge ihrer Ginglymoidal-
gelenke ausgiebige pendelnde Bewegungen in der Medianebene des
Kopfes vornehmen kann, gestattet die federnde Beschaffenheit der
erwähnten Chitinfortsätze (Fig. 4 sf) dem hinteren Fulcrumstücke
eine nur kleine Verschiebung nach unten oder oben. Bei voU-
konunen entfalteten Mundwerkzeugen liegen die Rüsselbasis, die
Fulcrimiröhre imd die Fulcrumplatten fast in einer geraden Linie,
welche der Axe des Koj)fes parallel läuft. Während des Einziehens
des Rüssels dreht sich nun die Fulcrumröhre nach unten und hinten
um die etwas nach oben ausweichenden Fulcrumplatten. Das frei
bewegliche Ende derselben beschreibt dabei einen Kreisbogen von
ungefähr 130 — 140*', sodass es mit der ihm gelenkig inserierten
Rüsselbasis, welche natürlich dieser Bewegung folgen muss, in den
hintersten ventralen Winkel des Kopfes zu liegen kommt. Die
Fulcrumröhre selbst erhält so eine diagonale Lage innerhalb der
Kopf kapsei (Fig. 3 fro). Bei der relativ geringen Höhe der Schädel-
höhle stösst die lange Fulcrunu'öhre mit ihrem frei beweglichen
Ende und der Basis des eigentlichen Rüssels beim Rück- und Vor-
ziehen gegen die untere Kopfwand. Letztere würde mm die
pendelnde Bewegung hemmen, wenn sie nicht weichhäutig und
ausserordentlich elastisch wäre, sodass sie, unter dem Drucke der
Chitinteile ausweichend, in ihrer medianen Partie jedesmal eine Mulde
bildet, in welcher die erweiterte Unterlippenbasis, umhüllt von der
geschmeidigen Wandung des Gesichtskegels, leicht hingleitet.
Um im Speziellen die Art imd Weise kennen zu lernen, wie
die vier Retraktoren das Einziehen des Rüssels bewerkstelligen,
empfiehlt es sich zuerst zu untersuchen, welche Wirkung jedes der
beiden Muskelpaare für sich allein hervorzubringen vermag, und
0 Meinert, Fhxernes Mimddele. Kjobenhavn. 1881. Tab. 6. Fig. 23c.
312 Friedrich Hans Müggenburg.
darauf nach dem Effect eines gleichzeitigen Zusammenwirkens aller
vier Retraktoren zu fragen.
Wir nehmen darum zunächst an, dass sich bei vollkommen
ausgestrecktem Rüssel nur das obere Muskelpaar contrahiere. Die
Axe der Fulcrumröhre bildet mit der Zugrichtung der beiden
Retraktoren einen spitzen Winkel, der sich nach hinten öffnet. Da
mm dieser Fulcrumteil einen Hebelarm darstellt, der in seinem
Aufhängepunkt an den Fulcrumplatten beweglich ist, und die Zug-
richtung, in welcher die beiden oberen Retraktoren an der Basis
des eigentlichen Rüssels angreifen, oberhalb des Fulcrumrohres
verläuft, so würde dieses letztere mit seinem unteren Ende einen
Kreisbogen nach oben beschreiben müssen. Eine Bewegung in
diesem Sinne ist aber umnöglich, weil die Retractores superiores
dicht nebeneinander an der unteren Fläche des vorderen Fulcrum-
stückes hinlaufen. Ueberdies schliesst auch der Bau des Gelenkes
zwischen den beiden Fulcrumteilen und die gesamte Configuration
des Kopfes eine Kjiickimg nach oben aus. Der einzige Effekt,
welchen diese Muskeln unter solchen Umständen erzielen köimten,
ist, da sie sich nicht in der Axe des Rüssels sondern unterhalb
derselben an der Unterlippe inserieren, eine Abwärtsdrehung des
eigentlichen Rüssels. Für diesen Zweck sind aber noch ander-
weitige Einrichtimgen vorhanden. Bei der mächtigen Entwickelung
dieser Muskeln ist es daher sehr unwahrscheinlich, dass ihre Haupt-
bedeutung in einer so untergeordneten Leistung zu suchen sei.
Ein genaues Studium der unteren Retraktoren giebt denn auch zu-
gleich weiteren Aufschluss über die ganze Wirkungsweise des
oberen Muskelpaares.
Denken wir uns dieses letztere erschlafft und die Retractores
proboscidis inferiores dagegen in Thätigkeit tretend (Fig. 2 rpi).
Ihre Zugrichtung bildet mit der Fulcrumröhre bei ausgestrecktem
Rüssel ebenfalls einen nach hinten offnen spitzen Winkel. Die
Angriffsrichtung der Muskeln stellt jedoch in diesem Falle den
unteren Schenkel des Winkels dar. Die Fulcrumröhre wird daher
bei der Kontraktion unter dem Drucke der Basalteile des eigent-
lichen Rüssels eine Bewegung nach unten und hinten ausführen,
während die gesamte Wandung des Kopfkegels, dem mechanischen
Zuge des in die Kopf höhle zurückweichenden Rüssels nachgebend,
sich handschuhfingerartig einkrempelt. Da sich die unteren Refrak-
toren im Gegensatz zu den oberen über der Axe des Rüssels an
den Seitenteilen der Oberlippenbasis inserieren, so bewegen sie den
Rüssel während des Zurückziehens in seinem Drehpunkte an dem
Fulcrumhebel gleichzeitig nach oben gegen diesen Teil des Schlund-
gerüstes hin. Hat sich nun dieser letztere ungefähr um 90^ gedreht,
so muss die Thätigkeit unserer Retractores inferiores erlöschen, da
dieselben sich etwa auf ein Dritteil ihrer ursprünglichen Länge
verkürzt haben.
Dagegen haben die oberen Retraktoren ihre Länge während-
dessen nur sehr wenig verändert. Wohl sind ihre vorderen
Der Rüssel der Diptera pupipara. 313
Insertionspunkte weiter nach hinten gerückt; die Annäherung der-
selben an die hinteren Fixationsstellen, welche hieraus gefolgt
wäre, wurde jedoch durch eine gleichzeitig erfolgende Verschiebung
nach unten zum grössten Teil wieder compensiert. Das Hebelstück
des Schlundgerüstes schliesst jetzt mit den oberen Refraktoren einen
nach oben offenen Winkel ein, und zwar bildet die Zugrichtimg
derselben in dieser Lage den hinteren Schenkel. Es wird sich
daher durch die nachträgliche Kontraktion der Retractores supe-
riores die Drehimg des Fulcrumhebels, welche diuxh die unteren
Refraktoren erzielt wurde, noch um ein beträchtliches, imgefähr um
40 — 50", vergrössern. Der eigentliche Rüssel wird hierdurch zu
zwei Dritteilen seiner Länge in die starre Kopfkapsel hineinbewegt,
wobei die Einstülpung des Gesichtskegels in entsprechender Weise
fortschreitet, bis zuletzt auch der die Unterkiefer tragende basale
Teil dieses Conus eingekrempelt wird. Letzterer Vorgang bleibt
natürhch auf die relative Lage der Maxillartaster nicht ohne Ein-
fluss. Während sich der Boden, dem sie eingepflanzt sind, nach
unten einstülpt, werden die Maxillartaster, in diese Bewegung
hineingezogen, im Bogen nach abwärts gedreht. Sie umschliessen
alsbald in der früher ausführlich geschilderten Weise den vorderen
Teil des Rüssels, welcher der sackähnlichen Umhüllimg durch den
eingestülpten Gesichtskegel und des Schutzes der harten Kopf-
kapsel entbehrend, frei aus dem Kopfe hervorragt. Da jetzt die
Basis des Rüssels den äussersten ventralen Winkel der Kopfhöhle
einnimmt, werden alle vier Lisertionspunkte der unteren Refraktoren
dicht bei einander gefunden. Aus dieser gegenseitigen Annäherung
erklärt sich die sonderbare schhngen- oder ösenartige Gestalt,
welche die erschlafften Bäuche dieser Muskeln bei eingezogenen
Mundwerkzeugen zur Schau tragen (Fig. 3 rpi).
Die eigenartige Anordnimg der oberen Refraktoren allein
ermöglicht es, dass der Parasit seinen Rüssel bis an die Wand des
Occiput zurückziehen kann, ohne dass weitere Muskeln dazu not-
wendig würden, welche sich dann hinter der Kopfbasis, etwa im
Thorax, inserieren müssten.
Erwägen wir endhch noch die Eventualität, dass alle vier
Refraktoren zu gleicher Zeit in Thätigkeit treten, so geht aus dem,
was über ihre relative Lage zu den chitinösen Teilen des aus-
gestreckten Rüssels gesagt wurde, hervor, dass die beiden Muskel-
paare sich in diesem Falle wie Antagonisten verhalten würden, das
eine Paar würde die Wirkung des anderen beeinträchtigen oder
gar aufheben. Es ist somit zweifellos, dass beide Muskelpaare
thatsächhch nur hintereinander in Aktion treten können, um in der
oben geschilderten Weise das Einziehen des Rüssels zu bewerk-
stelligen.
Während der Mechanismus für das Einziehen der Mundwerk-
zeuge bei den verwandten Museiden in mannigfacher Beziehung dem
des Melophagus ähnelt, wird das Hervorschieben des Rüssels bei
beiden Dipterenformen in grundverschiedener Weise bewerkstelhgt.
314 Friedrich Haus Müggenburg.
Bei den echten Musciden genügt nacli Kraepelin^) der gewöhnliche
Inspirationsmechanismus, mit dessen Hilfe die zusammengedrückten
Luftsäcke des Kopfes von den Bruststigmen aus mit Luft geschwellt
werden, zur Hervortreibung des Rüssels.
Wie so häufig bei parasitären Insecten sind nun die Tracheen-
blasen im Kopfe des Melophagus verhältnismässig schwach ent-
wickelt. Das Hervorschieben der Mundwerkzeuge wird daher bei
imserem Tiere ebenfalls von zwei Paaren kräftiger Muskeln besorgt,
womit übrigens nicht gesagt sein soll, dass die Luftsäcke des Kopfes
gänzlich unbeteiligt bleiben. Die Anwesenheit dieser Muskeln
erscheint für den Parasiten um so notwendiger, als sein Rüssel
behufs Versenkung in die Haut des Wohntieres gegen die Unterlage
mit einer gewissen Kraft drücken muss, während Musca mit ihrem
Rüssel nur zart tastet. Ein Blick auf Figur 3 genügt, um ims in
dem die Kopfhöhle diagonal durchziehenden Muskel pp sofort den
Hauptmotor erkennen zu lassen. Von den Seitenteilen des Quer-
balkens, in dessen Mitte der gesamte Fulcrumapparat an der Kopf-
decke angeheftet ist, spannen sich die Stränge dieses Muskelpaares
nach der Ursprungsstelle der Oberlippe aus und inserieren sich
hier direkt über den Fixati onsstellen der unteren Retraktoren. Bei
seiner Kontraktion dreht daher das sich um mehr als die Hälfte
seiner anfänglichen Länge verkürzende Muskelpaar (Fig. 2 pp) die
Basis des Rüssels mit dem frei beweghchen Fulcrumstück nach
vorn. Dasselbe durchläuft mit dem Anfangsteil des Rüssels auf
diese Weise in umgekehrter Richtung, gleich einem Pendel, dieselbe
Bahn, welche es früher beim Einziehen der Mundwerkzeuge zurück-
legte. Nach dieser Wirkimgsweise bezeichne ich die in Rede
stehenden Muskeln als Protrusores proboscidis.
Da die Basis des eigentlichen Rüssels infolge ihrer bedeutenden
ampullenartigen Erweiterung nicht durch das enge Lumen des ein-
gestülpten Gesichtskegels hindurchzuschlüpfen vermag, so muss sie
gegen die Wandimgen des letzteren einen Druck ausüben, imd zwar
macht sich dieser in der Weise geltend, dass die zwiebelartige Er-
weiterung der Rüsselbasis gleich einem Stempel die Wandungen
des Kopfkegels vor sich herschiebt. Infolgedessen beginnt sich
zuerst der basale Teil des weichhäutigen Conus, also diejenige
Partie, welche beim Einziehen zuletzt eingestülpt wurde, handschuh-
fingerartig wieder herauszustülpen. Da nun dem dorsalen Teile
der Kopfkegelbasis die das Rüsselende umschliessenden Unterkiefer-
taster aufsitzen, werden dieselben sogleich beim Beginn der Hervor-
streckung des Rüssels seitlich sich etwas auseinandergeben und
eine drehende Bewegung nach der Stirn zu machen (Fig. 8, 1, 2 t).
Der Rüssel selbst gleitet mit seiner convexen Rückenfläche an der
oberen Wandung des sich allmählich entfaltenden Kopfkegels hin.
Infolge dieser Aiilehnung ist der Weg, welchen die Rüsselspitze
') Kraepelin, Zur Auat. und Physiol. des Rüssels von Musca. 1883. Zeitschr.
f. wiss. Zool. Bd. 39. p. 697, 698.
Der Rüssel der Diptera pupipara. 315
zurücklegt, vollkommen vorgezeichnet. Bei der hyperbolischen Ge-
stalt des Saugorgans muss sich dieselbe in einer entsprechenden
Kurve nach abwärts bewegen. Nach beendeter Kontraktion der
Protrusoren haben Fulcrumröhre und Rüsselbasis bereits die für die
ausgestreckten Mundwerkzeuge charakteristische Lage innerhalb
einer Geraden angenommen. Zur vollständigen Entfaltung des
Rüssels bedarf es jetzt nur noch einer kleinen Verschiebung des
gesamten chitinösen Apparates in gerader Richtung nach vorn.
Dies wird dadurch bewerkstelligt, dass der obere mit der Kopf-
kapsel ungelenkig verbundene Teil des Fulcrums sich in seinen
elastischen lateralen Querbalken infolge Muskelzuges nach unten
und vorn biegt und diese Bewegung auf die übrigen Chitinstücke
des Rüssels überträgt. Man bezeichnet die zwei Muskeln, welche
den Widerstand überwinden, den die federnden Chitinbalken des
Fulcrums dieser Verschiebung entgegensetzen, wohl am besten als
Depressores fulcri. Dieselben (Fig. 2, 3 df) ziehen von den Seiten-
teilen der völlig starren hinteren Fulcrumplatte nach dem Kopfkegel,
um sich jederseits an der dünnen Haut desselben nahe der Linie,
welche den Kegel und die starre Kopfkapsel begrenzt, zu befestigen.
Die grösste Verkürzung der Depressores fulcri beträgt nur ungefähr
ein Fünftel ihrer anfänghchen Länge.
Bei den echten Museiden finden sich übrigens ein Paar ganz
ähnHcher Muskeln, welche von Meinert und Dimmock auch als
Protraktoren des Rüssels in Anspruch genommen wurden; nach
Ej-aepelins eingehender Untersuchung sind sie jedoch Retraktoren.
Ihr Arrangement bei Melophagus speziell lässt es aber zweifellos
erscheinen, dass sie sich hier an der Protrusion des Rüssels be-
teiligen.
Sobald nun die Rüsselspitze gegen die Haut des Wirtes stösst,
würde infolge des Widerstandes der letzteren der eigenthche Rüssel
in seiner gelenkigen Verbindung an dem Fulcrmnrohr taschen-
messerartig gegen dasselbe nach oben geknickt werden, wenn nicht
noch ein weiterer Mechanismus vorhanden wäre, welcher durch
Erzeugimg eines Druckes auf die Rückenfläche des Rüssels die Ein-
senliung desselben in die vascularisierte Cutis des Wirtes hinein
gewährleistete.
Aus der früheren Darstellung wissen wir, dass zu den Seiten
des vorderen Fulcrumteiles zwei lange Chitinspangen, die Basalstücke
der rudimentären Unterkiefer, gelegen sind (Fig. 2 mx). Ihre knopf-
artig verdickten vorderen Enden artikuHeren auf dem Rücken des
Rüssels an den Seitenteilen der OberHppenbasis. Die abgeflachten
hinteren Enden hegen dagegen ohne jede chitinige Verbindung frei
in der Kopf höhle. Nichtsdestoweniger aber entspringen von ihnen
di-ei Paare Muskeln. — Das mächtigste derselben bildet die Pro-
trusores maxillarum, zwei breite flächenhafte Muskeln; welche in
schräger Richtung nach dem vorderen Teile der Fulcrumröhre
ziehen und sich hier jederseits längs einer Chitincrista an der
Fulcrumröhre inserieren (Fig. 2, 3 pmx). Bei der Kontraktion üben
316 Friedrich Hans Müggenburg.
sie einen Zug in der Riclitimg ihres Verlaufes auf die freien
Spangenenden aus. Dieselben werden jedoch durch die Artikulation
der Maxillen an dem Rüssel verhindert, sich in dieser Richtung zu
verschieben.
Um uns die Wirkungsweise des Protrusor maxiUae klar zu
veranschaulichen, können wir die in der Richtung des Muskels
wirkende Ki'aft in zwei Componenten zerlegt denken, und zwar in
eine solche, welche in der Richtung der Maxille wirkt, und in eine
zweite, die schräg nach abwärts gerichtet ist. Die letztere sucht
die Maxille hebelartig um den Articulationspunkt an dem Rüssel
herabzudrehen. Die auf diese Weise erzielte Bewegung ist nur eine
sehr geringe; sie findet ihre Grenze in der Dehnbarkeit des Levator
maxillae (Fig. "2, 3 Imx), eines Muskels, welcher, ebenfalls von dem
freien Ende der Maxille entspringend, nach der Kopf decke empor-
zieht und sich nahe der Insertionsstelle des Protrusor proboscidis
an dem Querbalken des Schlundgerüstes fixiert. Die erstere, hori-
zontale Componente sucht die Maxille nach vorn zu schieben.
Infolge ihrer Artikulation an der Oberlippenbasis drückt die Kiefer-
spange mit ihrem knopfförmigen vorderen Ende von oben gegen
den Rüssel; derselbe wird dadurch in seinem Gelenk an dem Ful-
crum nach abwärts gedreht. So lange, als die Kontraktion anhält,
ist eine Knickung des Rüssels nach oben ausgeschlossen. Je stärker
die Maxillarspangen auf die Oberlippenbasis drücken, um so leichter
vermag die Rüsselspitze den Widerstand zu überwinden, welchen
die Haut des Wirtes ihrem Eindringen entgegensetzt. Der letzt-
erwähnten Componente wirkt ein äusserst kurzer Muskel, der
Retractor maxillae, entgegen (Fig. 3 rmx). Er spannt sich von dem
äussersten Rande des freien Spangenendes nach der hinteren
Fulcrumplatte aus, an der er sich seitlich inseriert.
Aus dem, was über die Funktion der Levatores und der Re-
tractores maxillarum angeführt wurde, geht hervor, dass sich diese
beiden Muskelpaare bei ihrem Zusammenwirken wie Antagonisten
der Protnisores maxillarum verhalten. Sie imterstützen somit die
Retractores proboscidis inferiores bei der Drehung des eigenthchen
Rüssels nach oben. — Hierin erschöpft sich jedoch keineswegs ihre
ganze Bedeutung. Wenn man den Melophagus während des
Kriechens beobachtet, so gewahrt man, dass er das von den Unter-
kiefertastern umschlossene vordere (nicht einziehbare) Rüsselstück,
sobald sich diesem irgend ein Hindernis, ein Haarbüschel oder der-
gleichen, in den Weg legt, aus seiner medianen Lage heraus je
nach Umständen nach der rechten oder linken Seite gegen den
quer verlaufenden Vorderrand der starren Kopfkapsel emporklappt.
Der Mechanismus dieses seitHchen Umschlagens des Rüssels ist
nun folgender: Contrahiert sich bei eingezogenem Rüssel nur auf
einer Seite der Retractor und der Levator maxillae, so muss die
zugehörige Kieferspange einen einseitigen Zug nach oben auf die
Oberlippenbasis ausüben, infolgedessen der gesamte eigentliche
Rüssel in seiner eigenen Aj5:e um 90^ rotiert, während seine elastische
Der Rüssel der Diptera pupipara. 317
Gelenkverbindung am Fulcrum eine entsprechende Torsion erfährt.
Durch eine gleichzeitige Kontraktion des Protrusor maxillae der
anderen Seite werden die eben genannten Muskeln noch unterstützt.
Die Kiefertaster, jeder selbständigen Bewegung entbehrend, folgen
rein mechanisch dem Zuge der Rüsselspitze.
Nachdem wir somit die Muskulatur, welche den Rüssel als
Ganzes bewegt, kennen gelernt haben, gehe ich jetzt zu der Be-
schreibung der Muskeln über, welche Spezialb ewegungen einzelner
Teile des Rüssels bewirken.
Von den Teilen des eigentlichen Rüssels ist nur die UnterHppe
mit besonderen Muskeln versehen. Dieselben haben in ihrer An-
ordnung viel Ähnlichkeit mit denjenigen in den Unterkieferladen
der Lepidoptern. — Von der Binnenfläche der löffelartigen basalen
Erweiterung der unteren Platte des Labium zieht eine grössere
Zahl von Muskelfasern (Fig. '2, 3 mlp) diagonal nach der oberen
Decke der Unterhppe. Die Wirkungsweise dieser Musculi labiales
obliqui posteriores ist leicht einzusehen. Da die seithchen Wandungen
der Unterhppe eine dünnhäutige und elastische Beschaffenheit haben,
so bedingt der schräge Verlauf der sich kontrahierenden Basal-
muskeln eine Verschiebung der unteren Labialplatte nach vorn.
Die obere Platte ist durch ihre Artikulation an dem Fulcrum fixiert.
Sie übt daher auf die mit den kranzförmig angeordneten Chitin-
zacken versehene Verbindungsmembran (Fig. 10) an der Spitze des
Rüssels, an der beide Platten zusammenkommen, einen Zug nach
hinten, bezüglich innen aus. Die Zacken werden infolgedessen aus
ihrer Seitenstellung (Fig. 10) nach vorn bewegt, sodass sie mit ihren
Rändern zu einem Kegel zusammenschliessen. In diesem Zustand
wird die Bewaffnung der Rüsselöffnung in der Ruhelage des Rüssels
gefunden. Zu einer Spitze zusammengelegt, werden die Chitin-
zacken die Haut des Wirtes mit dem geringsten Kraftaufwand
durchbohren können. Wir dürfen darima annehmen, dass dieselben
ihre gedrängte Stellung auch während der Einsenkung zunächst bei-
behalten.
Erst wenn die Mundwerkzeuge in das blutführende Corium
eingedrungen sind, erst hier, wo es gilt, eine Wimde von möglichst
grossem Umfang zu erzeugen, werden sich die Zacken nach allen
Seiten spreizen. Zu diesem Zwecke verschiebt sich die untere Platte
des Labium nach hinten und übt dabei jetzt ihrerseits auf die
elastische Membran der Spitze nach aussen und hinten einen Zug
aus, welcher die Drehung der Chitinzacken in ihre Seitenstellung
zur Folge hat. Entsprechend ihrer den basalen Unterlippenmuskeln
entgegen gerichteten Wirkimgsweise zeigen die Muskeln für das
Zurückschieben der unteren Labialplatte, die Musculi labiales obliqui
anteriores, auch eine entgegengesetzte Anordnung. Ebenfalls das
Binnenlumen der Unterlippe diagonal durchsetzend (Fig. 2, 3 mla),
kreuzen sie die Richtung der Muscuh labiales obliqui posteriores.
Neben der horizontalen Verschiebung der unteren Platte erzielen
die Musculi labiales obhqui anteriores gleichzeitig eine sehr be-
318 Friedrich Hans Müggenburg.
trächtliclie gegenseitige Annäherung beider Platten. Bei der Kon-
traktion dieser Muskeln legen sich nämlich die nach oben gebogenen
starren Ränder der stark chitinisierten unteren Platte in die beiden
lateralen Rinnen an der oberen Platte, welche von dieser selbst und
zwei seithchen, dachartig abfallenden Leisten gebildet werden. Die
Seitenwandungen des Labium weichen dabei infolge ihrer häutigen
Natur in den Binnem-aum der Unterlippe aus und falten sich mehr
oder minder stark zusammen. Da die Kontraktion der Muskeln noch
fortschreitet, drücken jetzt die starren Ränder der unteren Platte
gegen die Innenflächen der oben erwähnten lateralen Leisten. In-
folgedessen krümmen sich die Seitenteile der oberen Platte stärker
nach innen gegeneinander, während die mittlere Partie der oberen
Decke noch um ein weniges der unteren Platte genähert wird. Das
Halbrohr, welches die obere Labialplatte bildet, wird durch die
stärkere Krümmung der Wandungen natürlich verengt. Oberhppe
und Hypopharynx, welche dasselbe vorher nur locker ausfüllten,
werden jetzt von ihm fest umspannt. Der bekanntermassen aus
Labrum und Hypopharynx zusammengesetzte Nahrungscanal erhält
so den erforderhchen Schluss für die Leitung des flüssigen Blutes.
Auch für die Ventilierung des Speichelganges findet sich ein
Muskelpaar, sogar von verhältnismässig bedeutendem Querschnitte.
Von der früher beschriebenen Verschlussplatte des Speichelganges
mit sehnenartiger Basis entspringend, ziehen beide divergierend nach
den Seitenteilen der hinteren starren Fulcrumplatte. Bei ihrer Kon-
traktion lösen sie durch Emporheben der elastischen Platte den
Verschluss des Speicheldrüsenganges. Ich nenne dieselben daher
Dilatatores ductus salivalis (Fig. 2 dds).
Was nun den Bewegungsmechanismus der Nahrungsflüssigkeit
in dem Saugrohr und weiter bis zum Darm anbelangt, so haben
wir denselben in der mächtig entwickelten Muskulatur des Fulcrum
zu suchen. Ähnlich wie bei den Museiden spannt sich auch bei
unserem Parasiten zwischen der federnden vorderen Platte des
Fulcrums und dem an der Kopfdecke befestigten Querbalken 5es
Schlundgerüstes ein starkes Muskelpaar (Fig. 2, 3 fm) aus. Kontra-
hiert sich dasselbe, so wird die obere Platte weit von der unteren
abgehoben. Die Lage der letzteren ist durch die seithchen Balken
des Fulcrumö (Fig. 4sf), welche gewissermassen als Steifen dienen,
fixiert. Je grösser der Raum ist, welcher durch die Entfernung
beider Platten voneinander entsteht, mit um so grösserer Gewalt
wird jetzt das Blut aus der Wunde, welche der Parasit seinem
Opfer geschlagen hat, auf dem früher beschriebenen Wege in den-
selben hineinströmen. Tritt dann später eine Erschlaffung der
Muskeln ein, so würde sich, falls dieselbe die ganze Masse der
Muskeln gleichzeitig beträfe, die obere Platte des Fulcrums parallel
zur unteren herabsenken und die Nahrung nach beiden Enden des
Kanales hintreiben. Dabei müsste, da die Mündung des häutigen
Darmes höher gelegen ist, als die der Fulcrumröhre , die grosseste
Menge des aufgesogenen Blutes wieder in den vorderen Fulcrumteil
Der Rüssel der Diptera pvipipara. 319
zurückweichen. Eine so unzweckmässige Einrichtung widerspricht
jedoch dem allgemeinen Naturgesetz der Sparsamkeit. Wir dürfen
darum auch sicher annehmen, dass die Erschlaffimg der Dilatatoren
in Wirklichkeit zuerst an den vorderen Fasern beginnt und nach
den hinteren allmähhch fortschreitet, sodass sich die elastische Platte
in ihrer vorderen Partie zuerst senkt, gleich einem Ventil den vor-
deren Zugang schhesst und bei dem weiteren Niedergang dami die
Nahrungsflüssigkeit nach hinten imd oben in den häutigen Oeso-
phagus presst. Letzterer ist nahe der Übergangsstelle in die Fulcrum-
platten von einem Muskel (Fig. 2, 3 soe) umgürtet, welcher offenbar
die Aufgabe hat, von dem Momente an, in welchem sich die elastische
Platte von neuem zu heben beginnt, durch seine Kontraktion den
Darm gegen das Fulcrum abzuschliessen und dadurch ein Zurück-
strömen der Nahrung zu verhindern. Erst wenn sich das Lumen
zwischen den Platten mit neuer Nahrung gefüllt hat, und der
Niedergang der beweglichen Fulcrumdecke in der eben beschriebenen
Weise wieder eingeleitet wird, dann öffnet sich der Zugang zu dem
Oesophagus infolge der Relaxation des Spliincter oesophagi, um das
nach hinten drängende Blut aufzunehmen. Indem sich nun das
Spiel der Muskeln in der angegebenen Weise mehr oder weniger
oft wiederholt, kann der Parasit zur Stillung seines Nahrungs-
bedürfnisses eine beliebige Menge von Blut in seinen Darm befördern.
Aus den geschilderten Verhältnissen ersehen wir, dass der Aufstieg
des Blutes im Nahrungskanal nach dem Princip einer Druckpumpe
geschieht. In der That finden wir alle wesentlichen Bestandteile
einer solchen in der Konstruktion des Pumpwerkes wieder. Das
Lumen zwischen den beiden Fulcrumplatten (Fig. 2nk) entspricht
dem Cylinder der Pumpe, in welchem der bewegliche Stempel, die
obere Fulcrumplatte (Fig. 2 fpo) auf- und absteigt. Der Oesophagus
(Fig. 2, 3oe) stellt das Steigrohr dar. Als Bodenventil funktioniert
das vordere Ende der oberen Fulcrumplatte, während der Sphincter
oesophagi (Fig. 2, 3 soe) die Rolle des Steigrohrventiles spielt.
Hiermit sind wir am Ende unserer Betrachtung von Rüssel und
Kopfskelett des Melophagus ovinus angelangt. Trotz des speciellen
Charakters unserer Untersuchung haben wir durch sie doch zugleich
ein Bild von dem allgemeinen Aufbau imd Mechanismus des Hippo-
boscidenkopfes und Rüssels erhalten, denn die übrigen Hippobosci-
dae Lch. zeigen mit Melophagus eine so weitgehende Übereinstimmung,
dass letzterer als Paradigma für alle Vertreter dieser Familie
gelten darf.
Lipoptena ceryi, Hippobosca equina und Anapera pallida.
Bei Lipoptena Ntz. cervi Sehn., Hippobosca Lin. equina Lin.
imd Anapera Mg. pallida Lch. finde ich den Rüssel aus genau den-
selben Teilen zusanmiengesetzt, wie bei Melophagus ; auch die Mus-
kulatur zeigt dieselbe Anordnung. Differenzen im einzelnen sind
320 Friedrich Hans Mtiggenburg.
natürlicli vorlianden; dieselben beziehen sich jedoch nur auf rela-
tive Grössenunterschiede in der Ausbildung der einzelnen Organen-
teile. So sind die Mundteile von Lipoptena cervi etwas zarter, die-
jenigen von Hippobosca equina derber gebildet als bei Melophagus
ovinus. Verhältnismässig kurz, aber von sehr bedeutendem Quer-
schnitt ist der Rüssel der Anapera pallida. Diese Verschiedenheiten
scheinen mir in einer spezifischen Anpassung der Rüssel unserer
Lausfiiegen an die Beschaffenheit der Haut der jedesmahgen Wu'ts-
tiere begründet zu sein. Während die drei erstgenannten Pupiparen
ausschliesslich oder doch zumeist auf Säugetieren schmarotzen, lebt
die Anapera pallida auf Vögeln (Schwalben). Der Vogel besitzt
nun von allen Wirbeltieren die dünnste Haut; ein Rüssel zur Durch-
bohrung dieser Haut braucht daher nur kurz zu sein. Da ferner
die Cutis der Vögel nur schwach vascularisiert ist, so bedarf es
hier, um sicher Blutgefässe zu treffen, einer umfänglicheren Ver-
wundung als bei der Säugetierhaut, in der die Kapillaren dichter
beieinander liegen. Das Saugorgan der Anapera hat daher einen
ansehnlichen Querschnitt.
Die starren Kopfkapseln von Lipoptena, Hippobosca und Anapera
haben im Verhältnis zu der sphenoidisch gestalteten des Melophagus
ein rundes Ansehen. Dasselbe wird durch die bedeutendere Ent-
wickelung der Facettenaugen bedingt, welche die ersteren Laus-
fliegen, die nur temporäre, bezüglich periodisch stationäre (Lipoptena
cervi) Schmarotzer sind, vor dem vollkommen stationären Parasiten
Melophagus auszeichnet. Lipoptena cervi trägt auf ihrem Scheitel
überdies noch drei Ocellen, welche die Spitzen eines gleichschenke-
ligen Dreieckes einnehmen. — Die Kopfblase zeigt bei allen Hippo-
bosciden die gleiche Bildung. Auch die Antemien weisen denselben
Bau auf, wie bei der Schaflausfliege. Überall umfasst das Grand-
glied der zweigliedrigen Antenne mit seinem mächtig entwickelten
vorderen Rande becher- oder flaschenartig das zweite GHed. Eine
eigenartige, ganz excessive Entwickelung hat das Basalglied der
Antenne von Anapera pallida erfahren, indem hier der dorsale Teil
des vorderen Randes zu einem gewaltigen, ohrmuschelähnlichen
Chitinlöffel ausgezogen ist (Fig. 15 chl). Er hat an der Antenne in
situ eine vornüber geneigte Stellung und verdeckt so den Zugang zu
dem zweiten Glied, sowie den frei hervorragenden Endgriffel dieses
letzteren (Fig. 15egr). Die Oberfläche des Chitinlöffels ist mit einem
Walde von starken Tastborsten (Fig. 15 th) besetzt. Bei seiner be-
deutenden Längserstreckung vertritt das Gebilde functionell vielleicht
die Maxillartaster, welche bei Anapera an Länge zurücktreten, vor-
nehmlich aber dient es den zarten Sinneshaaren des zweiten An-
tennengliedes zum Schutze.
Bei meiner Untersuchung habe ich bislang vollständig vermieden,
auf die Ansichten früherer Autoren über den morphologischen Wert
der einzelnen Teile des Pupiparenrüssels einzugehen. Die auf-
gestellten Ansichten sind, wie schon früher angedeutet, überaus
mannigfaltig und gehen oft weit auseinander. Ich glaubte die
Der Eüssel der Diptera pupipara. 321
Discussion derselben deshalb im Interesse der Übersichtlichkeit
meiner Darstellung bis auf diesen Zeitpunkt aufschieben zu sollen.
Namentlich haben die von uns als Unterkiefertaster erkannten
seitlichen Hüllklappen des eigentlichen Rüssels eine überaus ver-
schiedene Deutung erfahren. So halten De Haan^) imd Meinert^)
dieselben für eine zweiteiKge Oberlippe, Duges-^), Westwood-^), New-
port^) und Gerstfeldt '') sehen in ihnen die Maxillen, während Krae-
pelin'^) glaubt, dass sie gar nichts mit den Mimd Werkzeugen zu
thun haben, sondern „eine paarig gewordene kegelförmige Ver-
längerung des Kopfes" darstellen, welche der Ausrandung an der
Spitze des Stirnkegels von Rhingia imd den stark vorspringenden
Wangenteilen mancher Conopiden entsprechen soll. Zetterstedt^)
dagegen nähert sich in etwas unserer Auffassung, indem er die
Klappen wenigstens als „Pseudopalpi" oder „Vagina bivalvis loco
palporum" gelten lässt. Nitzsch^), Latreille^o) imd Becher^i) endHch
erklären sie wie wir für Maxillartaster, die beiden ersteren Autoren
freilich ohne ihre Ansicht genügend zu begründen.
Was den Gesichtskegel anbetrifft, so ist derselbe von keinem der
früheren Autoren, Becher vielleicht ausgenommen, als solcher erkannt
worden. De Haan^^) bezeichnet ihn mit der ampullenartigen Er-
weiterung des Labium zusammen als „le^^'e inferieure". Newport^^)
hält den dorsalen und ventralen Rand der Basis des eingestülpten
Kopfkegels für Ober- und Unterlippe. Meinert^*) bezeichnet diese
Partien als scutum dorsale und scutum ventrale metameri secimdi.
Ferner spricht er von zweien styli laterales epipharyngis. Ein Blick
auf Fig. 22 c der Tab. VI. seines zuletzt citierten Werkes zeigt uns
') De Haau in der Tafelerklärung zu Planche I, Fig. 5 von Pierre Lyonets
ReehercLes sur l'anatomie et les metamorphoses de differentes especes d'insectes
1832: „levres superieures distantes".
^) Meinert, Fluernes Munddele. 1881. Tab. VI: „Alae epipharyngis". (Als
epipharynx bezeichnet Meinert stets das Labrum.)
3) Duges, Annales des sc. nat. leie serie, 1832. T. 27. p. 152.
*) Westwood, An introduction to the modern Classification of insects. London,
1840.
^) Newport, Todd's Cyclop. of Anatomy and Physiology. Vol. II. p. 906
bis 907. Fig. 381.
^) Gerstfeldt, Die MundtheUe der saugenden Insecten. Dorpat, 1853. p. 38.
') Kraepelin, Über die systematische Stellung der Puliciden. Hamburg,
1884. p. 6. Anmerkung.
^) Zetterstedt, Diptera Scandinaviae disposita et descripta. Lundae, 1842.
L p. 8u. 82.
9) Nitzsch, Germar's Mag. III. Halle, 1818. p. 285 und 307.
'") Latreille, Cuvier's Thierreich von Voigt. Leipzig, 1831. V. p. 670.
") Becher, a. a. 0. p. 155.
»2) a. a. 0. p. 547. Planche I. Fig. 6, 7. MN.
") a. a. 0. p. 907.
") a. a. 0. Tab. VI. Fig. 22.
Arch. f. Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd.I. H.3. 21
322 Friedrich Hans Müggenburg.
sofort, dass dieselben nichts anderes als ein paar Falten sind, welche
an dem Gesichtskegel beim Einziehen entstehen.
Die Unterkieferspangen hat nur Becher in unserem Sinne auf-
gefasst. Die übrigen Autoren erwähnen sie entweder gar nicht oder
rechnen sie doch nicht zu den eigentlichen Mundwerkzeugen; so
De Haan und Gerstfeldt. Bei Meinert^) figurieren sie als StyH
motorii hypopharyngis.
Das Fulcrum wird noch von Gerstfeldt 2) für eine solide Chitin-
gräte, welche den beiden seitlichen Gräten (unseren Maxülarspangen)
analog gebildet sei, angesprochen. Erst Meinert hat seine Bedeutung
festgestellt.
Kaum weniger bunt ist das Bild, welches die Aufführung der
morphologischen Erklärungsversuche der Teüe des eigentlichen
Rüssels bietet. Meigen^) scheint den Saugrüssel für eine einzige
Borste zu halten, denn er bezeichnet ihn kurz mit „Zunge".
De Haan*) lässt ihn aus zwei ineinandersteckenden Röhren be-
stehen, welche von den Maxillen und ihren Tastern gebildet werden
sollen. Nach L. Dufour^) wird er von einer feinen elastischen
Röhre (langue tubuleuse), welche in einem zweiten hornigen Rohre
mit anscheinend gezähnter Mündung steckt, gebüdet. Das gezähnte
Rohr ist offenbar unsere Unterlippe, die langue tubuleuse wahr-
scheinhch die OberHppe, während Dufour dagegen die Existenz des
Hypopharynx jedenfalls seiner ausserordentlichen Feinheit wegen
entgangen ist. Auch Latreille'^) glaubt, dass der eigenthche Rüssel
nur aus zwei einander anliegenden Borsten sich zusammensetzt.
Duges^) dagegen lässt ihn aus vier Teilen, Kolenati^) sogar aus
fünf Borsten bestehen. Die beiden letzteren Autoren glauben unter
den Constituenten auch mehr oder minder wohl entwickelte Man-
dibeln aufgefunden zu haben. Dagegen constatiert die überwiegende
Zahl der Autoren ganz richtig das vollständige Fehlen der Man-
dibeln und die Zusammensetzung des eigenthchen Rüssels nur aus
den drei Borsten: Oberlippe, Hypopharynx und Unterlippe; so
Nitzsch9),Westwoodio),Gerstfeldtii),Leuckarti2),Kraepehni3),Becheri*).
') a. a. 0. Tab. VI. Fig. 23.
2) Gerstfeldt, a. a. 0. p. 40.
^) Meigen, Systematiscbe Beschreibung der bekannteu europ. zweiflügligen
Insekten. VI. Hamm, 1830. p. 228.
*) a. a. 0. p. 547 und PI. 1. Fig. 9.
5) Dufour, Ann. des sc. nat. 3 me serie, 1845. T. III. p. 53.
®) Cuviers Thierreich. V. p. 670.
0 a. a. 0. p. 152.
^) Kolenati, Beiträge zur Kenntniss der Phthirio-Myiarien. 1862. p. 46.
») a. a. 0. p. 285.
'«) a. a. ü.
") a. a. 0. p. 39.
12) Frey und Leuckart, Lehrbuch der Anatomie der wirbellosen Thiere.
1847. p. 20.
13) a. a. 0. p. 6 und Tafel Fig. 2.
») a. a. 0. p. 155 und Taf. IV. Fig. 31b.
Der Rüssel der Diptera pupipara. 323
Auch Newporti), welcher Labrum und Labium bereits in dem dor-
salen imd ventralen Rande der Kopf kapsei vertreten sieht, glaubt
trotzdem die obere und untere Borste des Saugrüssels wenigstens
als Teile der Ober- imd ünterhppe, als „elongated portions" der-
selben ansprechen zu müssen. Die mittlere Borste bezeichnet er
als hngua. Meinert^) endHch, welcher, wie schon hervorgehoben,
die Maxillartaster für die Oberlippe („alae epipharyngis") ansieht,
betrachtet in sehr willkürlicher und gezwungener Weise die obere
Borste als „hypopharynx" und die mittlere als „pars hypopharyngis
posterior". Die Unterlippe ist sein „scutmn proboscidis", ihre End-
lippen die__„labella".
DieseÜbersicht zeigt uns, dass es hauptsächlich die unzureichende
Kenntniss von dem anatomischen Baue des Gesichtskegels und der
anatomischen Anordnimg der verschiedenen Rüsselteile, speciell der
Unterkiefertaster an diesem Conus gewesen ist, welche die ausser-
ordentlich weitgehenden Widersprüche der Autoren hervorrgerufen
hat. Eine besondere Ki'itik der einzelnen Auffassungen glaube ich
hier um so weniger unternehmen zu sollen, als sich schon in der
ausführlichen Begründimg meiner eigenen Ansicht vom Baue des
Pupiparenrüssels Momente genug finden, welche die Berechtigung
der abweichenden Meinungen in Frage stellen.
Braula coeca und Nycteribia LeacWi.
An die Betrachtung der Hippobosciden schliesse ich die von
Braula coeca Ntzsch. und Nycteribia Leachii? Knt.
Die Braula coeca, dieser sonderbare Schmarotzer der Honig-
biene, ist zum ersten Male von dem französischen Naturforscher
Reaumur^) im Jahre 1740 als „eine Art Läuse" beschrieben worden.
Nitzscli-^) bezeichnete die Bienenlaus dagegen im Jahre 1818 auf
Grund „einer gewissen leicht bemerkbaren Ähnlichkeit im Habitus
mit den Hippobosken" als ein „genus Dipteris affine". 35 Jahre
später beseitigte sodann Egger=') noch die letzten gewichtigen Be-
denken, welche gegen die Dipterennatur unseres Schmarotzers
sprachen, indem er die Angaben Nitzsches, dass die Braula coeca
Rudimente von vier Fühlern, sowie einen in zwei Segmente geteilten
Thorax besitze, als irrtümliche zurückwies. Da Egger unseren
Parasiten jedoch nicht einer der damals bereits bekannten Familien
der Abteilung Pupipara, nämlich den Hippoboscida und Nycteribida,
0 a. a. 0. p. 907.
2) a. a. 0. Tab. VI. Fig. 23 a, b, c u. s. w.
^) Reaumur, Memoii-es pour servir ä Thistoire des insectes. Tome V. p. 711.
Paris, 1740.
*) a. a. 0.
^) Egger, Beiträge zur besseren Kenntniss der Braula coeca Ntzsch. Verh
des zool.-bot. Vereins in Wien. Bd. III. p. 403, 404. 1853.
21*
324 Friedrich Hans Müggenburg.
einreilien zu können glaubte, so schuf er für das Genus Braula eine
neue Familie, welche er Braulida nannte imd den obigen Familien
gleichstellte. Braula coeca ist bis heute der einzige Vertreter dieser
Familie gebheben. Über die verschiedenartige Beurteilung, welche
die Nycteribien in Hinsicht auf ihre systematische Stellung im Laufe
der Zeit erfahren haben, habe ich schon im Eingang meiner Arbeit
gesprochen.
Nach meinen vergleichend anatomischen Untersuchimgen ist es
mir sehr wahrscheinlich, dass die drei Pupiparenfamilien , Hippo-
boscidae, Nycteribidae und Braulidae, nicht gleichen Wert haben,
und dass sie in der angegebenen Reihenfolge das gegenseitige natür-
liche Verhältnis dieser Fliegengruppen nicht richtig zum Ausdruck
bringen.
Der mit sehr dickem, braunrotem Chitin bekleidete Kopf der
Braula coeca Ntzsch. stellt eine Kugelcalotte von sehr geringer Höhe
dar. Das Occiput ist daher scheibenförmig. Ungefähr in seiner
Mitte befindet sich das weite Hinterhauptsloch. Über die ganze
vordere Fläche des Kopfes sind Borsten verstreut (Fig. 17), welche
an den Seitenteilen des Untergesichtes sich durch grössere Länge
auszeichnen imd hier bartartig herabhängen. Da die Borsten
innerviert werden, so funktionieren sie jedenfalls als Tasthaare.
Oberhalb der Antennen zieht quer über die Stirn eine sanft ge-
wellte Linie. Dieselbe bezeichnet den Eingang zu der Kopfblase
(Fig. 18 kb), welche sich hier in ganz gleicher Entwickelung, wie
bei den Hippobosciden, wiederfindet, sowohl was ihre relative
Mächtigkeit, wie ihren Verlauf belangt. Hierdurch bekundet die
Bienenlaus sehr augenfällig ihre enge Verwandtschaft mit den Mus-
eiden und Hippobosciden. Ganz anders dagegen die Nycteribia
Leachii? Klnt. Ihr mattgelber, kahler, äusserst frei beweglicher
Kopf besitzt auch nicht die geringste Andeutung einer Kopfblase.
Die Fledermausfliegen werden daher wahrscheinHch mit den
Hippobosciden und Brauliden nicht gleichen Ursprungs sein. Während
die beiden letzteren Familien wohl ziemHch sicher von den echten
Museiden abstammen dürften, werden die Nycteribien wohl von
einer anderen Fliegengruppe herzuleiten sein, welche aber ebenfalls
zu den Cycloraphen gehören wird, soviel sich aus den wenigen
Andeutungen, die wir über die Entwicklungsgeschichte der Ny-
cteribien besitzen, entnehmen lässt. Mit dieser Ansicht über die
Phylogenie der Braula imd Nycteribia stimmt auch die ganze
äussere Erscheinimg dieser Fliegen. Während Braula den ge-
drungenen Leib der Museiden hat, ist Nycteribia schlank und trägt
ein Paar sehr fremdartiger Analanhänge. — Augen habe ich an
der Nycteribia Leachii nicht gefunden; dagegen verdient die Braula
das Prädikat „coeca" nur in soweit, als sie nur ein sehr schlecht
entwickeltes Sehvermögen besitzt. Blind ist sie jedoch nicht; denn
entgegen den bisherigen Angaben ist sie mit zwei kleinen Augen,
welche oberhalb der Antennen gelegen sind, ausgestattet (Fig. 17 o).
Nach ihrer Localisierung entsprechen diese Augen den Facetten-
Der Rüssel der Diptera pupipara. 325
äugen der übrigen Dipteren. Ihr dioptrisclier Apparat ist nur sehr
mangelhaft entwickelt. Das Chitin der Kopfdecke ist an den be-
treffenden Stellen etwas dünner und durchscheinend. Im Umkreis
dieser Stellen, die eine eliptische Form haben und keine Spur von
Facettenbildung erkennen lassen, ist das Chitin zu einem dimklen
RingwaU verdickt. Onunatidien finden sich unter der unvoll-
kommenen Cornea nicht. Auf Schnitten gewahren wir nur, ähnlich
wie auf frühen Entwicklungsstadien des Insectenauges, einen Haufen
von Hypodermiszellen, welche eine Tendenz zu einer radiären An-
ordnung zeigen (Fig. 19 o). Auch Pigment ist nicht vorhanden.
Doch tritt zu diesen rudimentären Augen von dem oberen Schlund-
ganglion je ein schwacher Nervus opticus heran, welcher nahe seiner
Verbhidung mit denselben zu einem kleinen Ganglion anschwillt.
Der Bau der Antennen zeigt bei Nycteribia vollkommene Ueber-
einstimmung mit den Hippobosciden, während bei Braula die eigen-
artigen Züge des Hippoboscidenfühlers nicht so stark ausgeprägt
sind. Doch glaube ich nicht, dass man daraus Schlüsse auf die
nähere oder entferntere Verwandtschaft der einzelnen Formen ziehen
darf. Ich möchte die Erkläi'ung für die grosse Convergenz der
Hippobosciden und Nycteribien bezüghch der Fühlerbildung viehnehr
in der grossen Uebereinstimmimg ihres parasitären Lebens dem-
jenigen der Braula gegenüber suchen. Meines Er achtens deuten
wenigstens alle die originellen Eigenschaften des Pupiparenfühlers,
wie die versteckte Lage, die Reduktion der Zahl der Antennen-
glieder und die mehr oder minder weitgehende Umfassung des
Endghedes durch das Grundglied, darauf hin, dass sie erst secun-
däre Erwerbungen des parasitären Lebens sind. Die Antennen der
Braula sind nun offenbar viel weniger gefährdet, besonders weniger
Verunreinigungen ausgesetzt, als die der übrigen Lausfliegen, welche
zwischen den Haaren und Federn der grösseren Wohntiere leben;
die Fühler der Bienenlaus sind dem entsprechend imr etwa bis zur
Hälfte in zwei seitlichen Taschen der Kopfbekleidung versenkt
(Fig. 17 an). Das Grundglied der Antenne und das grössere End-
glied mit dem Griffel sind hier nebeneinander sichtbar; ein Umstand,
welcher Nitzsch jedenfalls verführte, Rudimente zu vier Fühlern
bei Braula anzunehmen. Die Antennenmuskulatur zeigt bei Braula
und Nycteribia die gleiche Anordnung wie bei den übrigen
Pupiparen.
Die gleiche Convergenz der Charaktere findet sich bei Hippo-
bosciden und Nycteribien auch hinsichtlich der Rüsselbüdung,
wenigstens soweit der Rüssel den verwundenden Apparat darstellt.
Das zarte Saugrohr der Nycteribien ist aus denselben Teilen wie
bei den Hippobosciden, aus Oberlippe, Hypopharynx und Unterlippe,
zusammengesetzt. Auch die Gestalt der einzelnen Stücke imd ihre
Beteiligung bei dem Saugakte ist ganz die gleiche, nur sind die
Mundteile nicht gekrümmt und viel kürzer. Auch der Kranz von
Randzähnen an der Spitze der verwachsenen EndHppen des Labium
326 Friedrich Hans Müggenburg.
fehlt nicht. Er wurde von früheren Autoren nur übersehen. Da-
gegen fehlen an dem Fulcrum die für die Museiden und Hippobos-
ciden charakteristischen Chitinfortsätze. Ebenso ist die als Kopfkegel
bezeichnete weichhäutige Verlängerung des Untergesichtes, welche
bei den Hippobosciden so ausserordentliche Dimensionen annimmt,
nur sehr kurz und nicht einstülpbar. Die Verbindimg derselben
mit dem eigentlichen Rüssel geschieht ähnlich wie bei Stomoxys
noch unterhalb der harten Kopfkapsel. Infolge ihrer geringen Ent-
wicklung gestattet diese Verbindungsmembran dem Rüssel nur sehr
geringe Excursionen, ein Mangel, der durch die ausserordenthch
freie Beweglichkeit des Kopfes ersetzt wird. Von der Rüsselbasis
ragen in das Kopfinnere ein Paar Chitingräten hinein, welche wahr-
scheinlich als Unterkieferrudimente zu deuten sind. Zwei grosse
lang beborstete cylindrische Gebilde, welche dem verlängerten
Untergesichte aufsitzen, sind vermutlich die Unterkiefertaster; doch
umschliessen dieselben bei den Nycteribien das Saugorgan auch in
der Ruhelage nicht. An dem Speichelrohr fand ich die für die
Hippobosciden beschriebene Schliessvorrichtung wieder. Ebenso
zeigt die Muskulatur des Nycteribienrüssels im wesentlichen die-
selbe Anordnung wie bei den Hippobosciden, nur ist sie nicht so
reichlich entwickelt. Ich fand nur ein Paar Retractores probos-
cidis auf, das nach seiner Lage dem oberen Retraktorenpaar bei
Melophagus entspricht.
Was endlich die Mundwerkzeuge der Braula coeca anbelangt,
so weichen dieselben in ihrer äusseren Erscheinung sehr auffallend
von denen der übrigen Pupiparen ab. An dem tief ausgeschnittenen
vorderen Rande des Untergesichtes ist mittelst eines weichen Chitin-
gelenkes eine clypeusartige halbmondförmige Platte von starkem
Chitin befestigt (Fig. 17 u. 18 cl). Hierauf folgt eine kurze, kegel-
förmige weichhäutige Verlängerimg des Untergesichtes, der Kopf-
kegel, welcher in der Ruhelage vollkommen eingezogen ist. Von
ihm entspringt der eigenthche Rüssel. Dieser stellt einen kurzen
gedrungenen stark chitinisierten Hohlkegel dar, der senkrecht
zur Körperaxe des Tieres nach unten gerichtet ist. An dem
vorderen Ende trägt derselbe ein Paar ovale zarte etwas aufgewölbte
Blätter, welche oberflächlich mit zarten Borsten besetzt sind
(Fig. 17 elb). Mit ihren Rändern gegeneinander hegend bilden
diese Blätter in der Ruhe einen kleinen Hohlzapfen, der gewöhnhch
senkrecht zu dem Rüssel nach hinten an die Unterseite des Kopfes
angeschmiegt getragen wird. Querschnitte und Längsschnitte lassen
leicht die Zusammensetzung des „eigentlichen Rüssels" aus den-
selben Teilen wie bei den Hippobosciden, Oberlippe, Hypopharynx
und Unterhppe (Fig. 20 u. 18 Ibr, hy, Ib) erkennen, aus Teilen,
die hier offenbar auch die gleichen Funktionen haben. Die eben
besprochenen Blätter am Rüsselende erweisen sich als zur Unter-
lippe gehörig und entsprechen sicher den Labellen der Museiden.
Endlich erkennen wir in den kurzen kolbigen, äusserst stark be-
borsteten Gebilden, welche von den Seitenteilen des Clypeus her
Der Rüssel der Diptera pupipai-a. 327
sich über den Rüssel hinweglegen, die Unterkiefertaster wieder
(Fig. 17 t). Sie stehen bei unserem Tiere, wie der Schnitt auf
Fig. 21 zeigt, mit den Unterkiefern selbst (mx) noch in direktem
Zusammenhang. Die letzteren sind zarte Spangen, welche zu den
Seiten der Ober- und Unterhppe gelegen sind. Wie bei manchen
Museiden sind sie vorn zart beborstet. Eine Bedeutimg bei dem
Saugakte haben diese rudimentären Unterkiefer wohl nicht. — ■
Betreffs der Verwundung der Bienen durch die Braula hat man
beobachtet, dass der Parasit stets dünne wenig chitinisierte Körper-
stellen, namenthch die Gelenkhäute, aussucht. Hierin liegt wohl
auch der Grund, warum er besonders gern die Bienenköniginnen
heimsucht, deren Gelenkhäute zwischen den einzelnen Körper-
segmenten ja infolge der bedeutenden Entwickelung der Ovarien
immer mehr oder minder frei zu Tage liegen.
Die zarten Endlippen haben jedenfals wesentlich tastende
Funktion; sie beteihgen sich nicht bei der Verwundung, sondern
legen sich wahrscheinhch seitlich auseinander, während die hohl-
meisselähnliche Unterhppe mit den beiden anderen Stiletten die
Chitindecke des Wirtes durchbricht.
Das Fulcrum ist wie bei den Museiden mittelst seitlicher
Chitinhörner an der Kopfdecke befestigt.
Die Rüsselmuskulatur stimmt mit der des Melophagus im ganzen
überein. Doch findet sich wie bei Nycteribia auch hier nur ein
Paar Retractores proboscidis. Dafür besitzt aber der Gesichtskegel
eine eigene Muskulatur, welche sich zwischen seiner oberen Wand
und dem Clypeus ausspannt (Fig. 18 mkg). An dem Speichelrohr
fehlt bei Braula ein besonderes Quetschventil. Der Abschluss wird
hier einfach durch eine Knickung, welche das Speichelrohr während
der Ruhelage erfährt, erreicht (Fig. 18 s).
Am Schlüsse meiner Abhandlung möchte ich nicht unerwähnt
lassen, dass meine Ansicht von der Muscidennatur der HijDpobos-
ciden und Brauliden nicht bloss durch die vergleichend anatomischen
Verhältnisse des Kopfskelettes und die Entwicklungsgeschichte ge-
stützt wird ^), sondern auch durch den Umstand^ dass in der Natur
thatsächlich Vertreter des Genus Musca vorkommen, welche, ob-
gleich sie ein freies Leben führen, eine ganz ähnüche Brutpflege
üben wie die Pupiparen, wie das aus den Mitteilungen Portchinski's
hervorgeht. Andererseits ist es mir übrigens sehr wahrscheinhch,
dass wir in der Braula coeca eine eierlegende Pupipare vor uns
haben. Wenigstens habe ich in den Geschlechtswegen der Braula
coeca niemals eine Larve angetroffen. Für die Ablage der Eier
spricht auch der Umstand, dass die Drüsenschläuche, welche das
Futtersecret für die Larven der Pupiparen Kefern, hier nicht vor-
handen sind. Endhch glaubt Herr Geheimi'at Leuckart, wie er mir
*) Auapera pallida zeigt nach Kraucher sogar im Baue der Stigmen eine
völlige Uebereinstimmung mit Musca vomitoria. Krancher, Der Bau der Stigmen
bei den Insecten. Ztschrft f. wissensch. Zoologie Bd. XXXV. 1881.
328 Friedrich Hans Müggenburg.
freundlichst mitteilte, die Eier der Braula gelegentlich in den Zellen
der Bienenwaben gefunden zu haben.
Nach alledem dürfen die Pupiparen keine isolierte Stellung im
Systeme einnehmen. Man wird sie in Zukunft, gemäss der zuerst
von Brauer geäusserten Ansicht, in der Nähe der Museiden imter-
zubringen haben.
Leipzig, am 4. Dec. 1891.
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Erklärung der Tafeln.
Die folgenden Buchstaben bezeichnen überall gleiche oder homologe Teile
in den Figuren beider Tafeln und zwar bedeutet:
an, Antenne,
ann, Antennennerv.
ca, Höhlenartige Einsenkung am End-
glied der Antenne,
chl, Chitinlöffel.
chz, Chitinzacken der Rüsselspitze,
cl, Clypeus.
dds, Dilatator ductus salivalis.
df, Depressor fulcri.
dv, Drosselventil des Speichelrohres,
egr, Endgriffel der Antenne,
elb, Endlippen des Labium.
fm, Fulcrummuskel.
fpo, obere Fulcrumplatte.
fpu, untere Fulcrumplatte.
fr, Frons.
fro, Fulcrumrohr.
gn, Genae.
go, oberes Schlundgangliou.
gu, unteres Schlnndganglion.
h, Härchen ohne Innervation,
hy, Hypopharynx.
kb, Kopfblase.
kg, Kopfkegel.
Ib, Labium.
Ihr, Labnim.
Imx, Levator maxillae.
mla, Musculi labiales obliqui anteriores.
mlp, Musculi labiales obliqui posteriores.
mx, Unterkiefer.
nk, Nahrungskanal.
0, Auge.
oe, Speiserohr.
pmx, Protrusor maxillae.
pp, - proboscidis.
qf, Fulcrumquerbalken.
r, der eigentliche Rüssel.
rmx, Retractor maxillae.
rpi, - proboscidis inferior.
rps, - - superior.
s, Speichelrohr.
sf, seitliche Fortsätze der unteren Ful-
cnimplatte.
soe, Sphincter oesophagi.
sta. Stiel der Antenne,
t, Unterkiefei-taster.
ta, die nach innen gekehrte Seite der t.
tb, die nach aussen gekehrte Seite der t.
tg, Ganglion des Tasthaarnerven,
th, Tasthaar,
tn, Nerv des Tasthaares.
tr, Trichterartige Ein.senkung an der
Kopfdecke, Befestigungsstelle des
Fulcrums.
Tafel XY.
Fig. 1. Kopf von Melophagus ovinus mit spontan vorgestrecktem Rüssel.
Seiteuansicht.
Fig. 2. Sagittalschnitt durch den Kopf mit vorgestrecktem Rüssel ; nicht ganz
median. Der vordere Teil des „eigentlichen Rüssels" ist abgeschnitten.
332 Friedrich Hans Müggenburg.
Fig. 3. Der entsprechende Sagittalschnitt durch den Kopf mit eingezogenem
Küssel. Das Speicheliohr (s) ist abgeschnitten.
Fig. 4. Mundteile, Fulcrum und Speicheldrüsengang frei präpariert.
Fig. 5. Querschnitt durch den vorgestreckten Rüssel dicht bei seiner ürsprungs-
stelle.
Fig. 6. Querschnitt durch die Unterkiefertaster und die Mitte der Basis des
vorgestreckten Rüssels.
Fig. 7. Querschnitt durch den Rüssel nahe der Spitze des spontan entfalteten
Kopfkegels.
Fig. 8. Querschnitt durch die Mitte des eigentlichen Rüssels, stark vergrössert.
Fig. 9. Querschnitt durch die Spitze des eigentlichen Rüssels, stark vergrössert.
Fig. 10. Die Rüsselspitze von vorn gesehen, stark vergrössert.
Fig. 11. Querschnitt durch die Unterkiefertaster und die Mundteile bei ein-
gezogenem Rüssel.
Fig. 12. Drosselventil des Speicheldrüsenganges, stark vergrössert.
Fig. 13. Tasthaar mit dem hinzutretenden Nerv, stark vergrössert.
Tafel XVI.
Antenne von Melophagus ovinus im Längsschnitt.
Die linke Antenne von Hippabosea equina Lin.
Antenne von Braula coeca Ntz. im Sagittalschnitt.
Ansicht des Kopfes von Braula coeca Ntz. von vorn aus.
Sagittalschnitt durch den Kopf von Braula coeca.
Etwas schräg gelegter Querschnitt durch den Kopf von Br. coe(
der Augenregion.
Querschnitt durch den Rüssel von Br. c. nahe seiner Basis.
Querschnitt durch den Rüssel von Br. c. in diagonaler Richtung.
Die
Systematik der Chaetognathen
und
die geographische Verbreitung der einzelnen Arten im
nordatlantischen Ocean.
Von
Sig. Strodtmann.
Hierzu Tafel XVII u. XVHI.
Di
A. Einleitung.
ie Chaetognathen oder Pfeilwürmer sind, wie seit
Längerer Zeit bekannt, in den Meeren aller Zonen verbreitet. Sie
gehören, abgesehen von wenigen Ausnahmen, zum „Plankton" und
finden sich freischwimmend an der Oberfläche und, wie Chun zuerst
constatiert, auch in grösseren Tiefen des Meeres. Von dem ausser-
ordentlich mnfangreichen Sagitten-Material der Plankton-Expedition
1889 habe ich einen, etwa den zehnten Teil, nämlich die Fänge des
ersten Abschnittes, des nördlichen Zweiges des Golfstroms, der
Irminger See, des Labrador- imd Floridastroms bis zur Grenze des
Sargassomeeres, untersucht imd für die nachstehenden Mitteilungen
verwertet. Es wird meine Aufgabe sein, im dritten Abschnitt dieser
Arbeit nicht allein das Vorkommen der verschiedenen Species, sondern
auch das Verhältnis der Häufigkeit der einzelnen Arten ausführlicher
zu erörtern. Abschliessend können diese Mitteilungen über Dichte
und Verbreitimg der Sagitten aber noch nicht sein, weil die Unter-
suchungen nur eine geringe Anzahl der von der Expedition gemachten
Fänge betreffen und die einzelnen Fänge nur den Wert von Stich-
proben beanspruchen können.
Der zweite Abschnitt ist der Systematik der Chaetognathen ge-
widmet und enthält eine Aufzählung aller bisher aufgestellten Arten
dieser Gruppe nebst ihrer Beschreibung imd Angaben über ihre
bisher festgestellte Verbreitung, sowie Bestimmimgstabellen. In
diesem ersten Abschnitt gebe ich eine kurze Darstellunn des Baues
der Chaetognathen, weil zur Bestimmung die Kenntnis der Anatomie
dieser Tiere erforderlich ist. Ich werde nur die wichtigsten Punkte
334 Sig. Strodtmann.
berühren, die näheren Einzelheiten finden sich in den -vortrefflichen
Monographien von Hertwig (32) und Grassi (24)i).
Der Körper der Chätognathen ist fast cylindrisch, bei den ver-
schiedenen Species mehr oder weniger abgeplattet, nach der Mitte
zu sich etwas verdickend und nach den Enden hin sich allmählich
verjüngend. Man kann deutlich 3 Regionen unterscheiden, die durch
Querwände^) von einander getrennt sind, eine Kopf-, Rumpf- und
Schwanzregion. Hinter dem Kopfe befindet sich eine kleine Ein-
schnürung, sodass eine Art Hals entsteht, und ebenfalls häufig eine
solche zwischen Rumpf und Schwanz. Ein eigentümliches Aussehen
gewinnen die Chätognathen durch flossenähnliche Gebilde, die sich
in horizontaler 3) Richtung zu den Seiten des Körpers ausbreiten.
Die Flossen bestehen hauptsächlich aus einer homogenen
amorphen Masse, gestützt von abgeplatteten, chitinigen Strahlen.
Die Fortbewegung der Tiere geschieht nicht durch aktive Thätigkeit
der Flossen, die an und für sich unbeweglich sind, sondern durch
Krümmen und Strecken des Körpers. Die Flossen dienen vermittelst
ihrer horizontalen Ausbreitimg hauptsächlich dazu, durch die Ver-
grösserung der Oberfläche des Körpers mehr Widerstand gegen das
Wasser zu leisten. Bei allen Arten findet sich eine Schwanzflosse^).
Die Anzahl der Seitenflossen ist verschieden, sie wechselt zwischen
einem oder zwei Paaren. Wenn zwei vorhanden, liegt das vordere
stets auf dem Rumpfsegment, während das hintere je nach der Art
ganz auf dem Schwanz- oder teils auf dem Rumpfsegment liegt. —
Der Kopf zeichnet sich durch seinen eigentünüichen Fangapparat
aus (Fig. 8 grh). Zu seinen beiden Seiten befindet sich nänüich
eipe wechselnde Anzahl von Greifhaken, die zum Ergreifen und
Festhalten der Beute dienen. Dieselben sind mehr oder weniger
gekrümmt und bei einigen auch noch mit umgebogenen Spitzen ver-
sehen (Fig. 3) oder am inneren Rande gezähnt (Fig. 2). Im ruhen-
den Zustande sind sie von einer Hautduplicatur , der sogenannten
Kopfkappe, bedeckt, die in gereiztem Zustande zurückgestreift wird.
1) Von diesen beiden Autoren ist die Anatomie und Histologie so gründlich
bearbeitet worden, dass ich dem von ihnen Festgestellten nur wenig hinzuzufügen
habe, besonders da ich von lebendem Material nur die wegen ihrer Kleinheit
weniger zur Untei'suchung geeignete Art Sagitta bipunctata zur Verfügung
hatte. Wo nun meine Befunde von denen früherer Forscher abweichen, hebe ich
es ausdrücklich hervor, folge sonst aber — auch wo der kürzeren Darstellung
wegen sich keine Litteraturangaben finden — den Beschreibungen von Hertwig
und Grassi.
'*) Zwischen Kopf und Rumpf ist nach den Untersuchungen von G-rassi
(24) kein eigentliches Septum, sondern die Trennungsschicht wird gebildet durch
compliciert angeordnete Muskelfasern und die Mesenterien.
^) Nur bei der zweifelhaften Art: Sagitta triptera Orb. findet sich nach
der Beschreibung d'Orbignys (70) eine vertikale Rückenflosse.
*) Über die ganz flossenlose, von Örsted (69) beschriebene Ai-t siehe unter
Krohnia hamata.
Die Systematik der Chaetognathen. 335
Auf der unteren Seite befindet sich femer eine Anzahl kleinerer
Zähnchen (Fig. 12yz, hz), die in einer oder zwei Reihen geordnet
sind. Ihrer Funktion nach dienen sie ebenfalls wohl mehr zum
Festhalten als zum Zermalmen der Beute. Die Greifhaken und
Zähnchen bestehen aus einer blättrigen, chitinigen Masse mit innerer
Medullarsubstanz , welche ganz bis in die Spitze hinaufreicht. Die
letztere ist bei den Zähnchen nicht einfach, sondern wie schon
Krohn (45) bemerkt, Grassi (24) und Hertwig (32) wohl über-
sehen haben, gezackt; nach der Abbildung Krohns besitzen die-
selben 3 Zacken, nach meinen Beobachtungen scheint die Spitze
aber sternförmig zu sein (Fig. 5), in der Mtte mit einer rimden
Öffnung, sodass wahrscheinlich ein Kanal, ausgefüllt von der Medullar-
substanz den ganzen Zahn durchläuft. Am deutlichsten waren
diese Verhältnisse bei Sag. serratodentata und Krohnia hamata, da-
gegen scheinen die Zähne von Kr. subtüis (Fig. 6) in eine einfache
Spitze auszulaufen. Die Farbe der Greifhaken und Zähne ist gelb-
lich, mit Ausnahme der fast überall deutlich abgesetzten Spitze,
welche durchsichtig klar ist.
Der Yerdauungsapparat^) besteht aus der Mundhöhle, dem
Oesophagus, Speisedarm und After. Die Mundöffnung erscheint,
wenn die Greifhaken in ruhendem Zustande sind, als eine einfache
Einsenkung. Im andern Falle sieht man die mit den Muskeln des
Kopfes verwachsene Mundhöhle und am Grimd derselben die Mündung
in den Oesophagus als längliches Oval. Das Epithel des Mundes
besteht aus einer Schicht cyhndrischer Zellen, die an der Ober-
fläche eine mehr oder weniger dicke homogene Cuticula haben.
Neben dem Munde liegen, von Grassi entdeckt, jederseits ein
Häufchen FoUikeLn und ein kleines Grübchen, deren Functionen
noch nicht näher bekannt sind. Der Oesophagus ist verhältnis-
mässig nur kurz. Er besteht aus 2 Blättern, einem muskulösen und
einem epithehalen, beide durch eine dünne amorphe Haut getrennt.
Das erstere, das an mehreren Stellen unterbrochen ist, setzt sich
zusammen aus einer inneren Schicht von longitudinalen imd einer
äusseren von transversalen Fasern. Das epitheliale Blatt besteht
aus einer einfachen Lage hoher cylindrischer Zellen mit teils fein-,
teils grobkörnigem Inhalt. Letztere dürften vielleicht drüsiger Natur
sein und dieselbe Function haben, wie die noch zu erwähnenden
Drüsenzellen des Speisedarms. Zum Oesophagus führen 3 Nerven
(Fig. 9 Ol, 02, 03), 2 gehen, jederseits einer, von den Buccalganglien
aus, der dritte von der unteren Schlundcommissur. Dieser letzte
ist von Grassi entdeckt, von mir jedoch nicht bemerkt worden.
Beim Aufhören des muskulösen Blattes, am Anfang des Rumpfes,
beginnt der Speisedarm. Er ist in der ]\Iittellinie durch ein dor-
sales und ein ventrales Mesenterium, bestehend aus Faserzügen mit
eingestreuten Kernen, befestigt. Beide Bänder sind durch Lücken
unterbrochen, besonders gross und häufig sind sie beim ventralen
Mesenterium. Der Darm verläuft in gerader Richtimg durch die
•) In Betreff der Litteraturangaben siehe Anm. 1 auf Seite 4.
336 Sig. Strodtmann.
Leibeshöhle, er ist einfach bei allen Arten, mit Ausnahme von
Sag. minima mid Spad. cephaloptera , wo sich an seinem Anfange
jederseits ein kurzer Blindsack befindet. Der Darm besteht aus
2 Schichten, einer fibrillären äusseren und einer epithelialen inneren.
Die fibrilläre wird gebildet durch parallele, transversale Fasern,
eingebettet in eine homogene Substanz, mit zerstreuten Kernen an
ihrer der Leibeshöhle zugekehrten Fläche. Die epitheliale Schicht
ist einzellig und setzt sich aus hohen cylindrischen Zellen zweierlei
Art zusaramen. Zellen der einen Art mit homogenem Protoplasma
gefüllt, sind bei weitem die häufigsten, sie werden von Grassi ab-
sorbierende Zellen genannt (Fig. 7az); solche der zweiten Art, mit
grossen glänzenden Körnern erfüllt, heissen Drüsenzellen (Fig. 7 dz).
Nach Grassis Beobachtungen ist die Grösse der Zellen wechselnd
und die beiden verschiedenen Arten stehen im entgegengesetzten
Verhältnis. Wenn die Drüsenzellen ihre bedeutendste Ausdehnung
erlangt haben, sind die absorbierenden klein, von unklarem Umriss,
hauptsächlich kenntlich durch ihre Kerne. Die Drüsenzellen sind
in ihrem grössten Stadium ganz mit glänzenden Körnern erfüllt, bei
geringerer Grösse nimmt die Menge der letzteren allmähhch ab, bis
diese ganz verschwinden, zu gleicher Zeit vergrössern sich die ab-
sorbierenden Zellen stetig. Der Vorgang der Verdauung würde
etwa in folgender Weise vor sich gehen: Die Beute wird von den
Greif haken ergriffen und durch diese in den Mund befördert, zu
gleicher Zeit würde vielleicht aus den von Grassi entdeckten,
schleimabsondernden Zellen der Kopfkappe deren Sekret in die
Mundhöhle gelangen und das gefangene Tier umhüllen; in den
Oesophagus gelangt, würde dann die Nahrung mit dem Secret der
grobkörnigen Zellen umgeben und dann durch Contraction in den
Speisedarm befördert werden. In diesem würden die Drüsenzellen
augenblickhch ihre grösste Ausdehnung erreicht haben und ihre
Thätigkeit durch Absonderung von verdauenden Secreten beginnen,
gleichzeitig würden auch die absorbierenden Zellen in Function
treten, die verdauten Säfte aufzunehmen, sodass gegen Ende der
Verdauung die Drüsenzellen infolge der vollständigen Abgabe des
Sekrets sehr klein, die anderen Zellen infolge der Absorption sehr
gross sind. Die absorbierenden Zellen sind, wohl zum Zwecke der
Weiterbeförderimg der Nahrung mit Cilien versehen. Gourret (19)
bemerkt in seiner Abhandlung über Spad. Marioni^ dass er die
Grassische Ansicht über die Verdauimg nicht teile, da „das Volumen
der Drüsenzellen gewöhnhch geringer ist, als das der absorbieren-
den". Das war bei den von mir untersuchten Arten nicht der Fall;
ich kann in dieser Beziehung die Grassische Ansicht bestätigen,
dass die Drüsenzellen sehr häufig die absorbierenden um ein viel-
faches übertreffen, bald ihnen an Grösse gleichkommen, selten fand
ich sie kleiner als die absorbierenden. Gegen Ende des Rumpfes
geht der Speisedarm in den kurzen After über, der sich fast recht-
winkhg von diesem abbiegt und ventral in der Mittellinie auf einem
durch Auseinanderweichen der ventralen Längsmuskelbänder ent-
Die Systematik der Chaetognathen. 337
standenen muskelfreien Felde nach aussen mündet. Nur bei Spa-
della Marioni befindet sich nach Gourrets Angaben der Aiius
dorsal.
Blutgefässe und Excretionsgefässe i) sind mit Sicherheit nicht
oder nur rudimentär nachgewiesen.
Die Leibeshöhle des hinteren Rumpfes ist bei geschlechtsreifen
Tieren fast ganz durch die weiblichen Geschlechtsorgane aus-
gefüllt, die zu beiden Seiten parallel mit dem Darme von der
hinteren Querscheidewand bis etwa in die Nähe des BauchgangHons,
bei einigen Arten kaum so weit, bei anderen noch über dasselbe
hinaus sich erstrecken. Sie bestehen aus den Ovarien und dem
Oviduct. Der letztere Hegt als hohler Schlauch, bei grösseren
Species schon mit blossem Auge sichtbar, an der äusseren centralen
Seite des Ovariums, er begleitet dieses der ganzen Länge nach, biegt
gegen Ende des Rumpfes scharf imi und mündet lateral auf einer
kleinen Papille nach aussen. Er dient nicht nur als Eileiter,
sondern gleichzeitig als Samentasche. Bei Spadella Marioni mündet
er, nachdem er sich am Ende zu einer Bursa copulatrix erweitert
hat, ventral. Die Leibeshöhle des Schwanzsegmentes ist durch eine
Längsscheidewand in 2 Hälften geteilt. In jedem dieser beiden
Fächer Liegt ein Hoden mit einem kurzen, lateral verlaufenden Vas
deferens, das in die bei den verschiedenen Arten mehr oder weniger
hervorspringende, lateral liegende Samenblase mündet. Im Zustande
der Reife lösen sich von dem im vorderen Teile des Schwanzes
liegenden Keimlager (Hoden) die Bildungszellen der Spermatozoen
ab und erfüllen häufig das ganze Schwanzsegment, auch befinden
dieselben sich in lebhafter Circulation bei manchen Arten, indem
sie von einem Ende der Schwanzhöhlung bis zum andern in fast
regelmässigen Bahnen rotieren.
Die Muskulatur des Rumpfes ist bei den Chätognathen sehr
einfach. Unmittelbar unter der Epidermis liegen vier, vom Kopfe
bis zum Ende des Körpers sich erstreckende Längsmuskelbänder,
2 dorsale und 2 ventrale, deren Fasern eine deutliche Querstreifung
zeigen. Zwischen den dorsalen und ventralen Muskeln liegt in
der Regel ein grösserer oder kleinerer muskelfreier oder fast muskel-
freier Streifen, das sogenannte Seitenfeld. Es besteht ausser den
Epithelien hauptsächlich aus Faserzügen und dient gleichzeitig als
Ansatzstelle für die Flossen, die selbst keine Muskeln besitzen, also
auch nicht aktiv beweglich sind. Bisweilen findet sich auch zwischen
den beiden dorsalen, beziehungsweise den beiden ventralen Längs-
muskelbändern ein muskelfreier Streifen, während dieselben bei
anderen Arten ganz dicht aneinander liegen. Die ventralen Bänder
bilden immer ein muskelfreies Feld in der Gegend des Afters, wo
sie vor denselben auseinanderrücken und sich hinter demselben
wieder nähern. Im Gegensatz zu der Muskulatur des Rumpfes ist
') Vergl. Spadella Marioni. Gourret(19) — und über nidimentäre Reste
derselben Grassi (24).
Aich. f. Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd. I. H. 3. 22
338 Sig. Strodtmann.
diejenige des Kopfes ziemlich compli eiert. Die meisten Muskeln
dienen zur Bewegung der Greifhaken und Zähne. Ich will hier
nur die von der ventralen Seite deutlich sichtbaren mächtigen
Muskelballen (Fig. 19 qm) rechts und links vom Mimde liegend, er-
wähnen. Dieselben werden unterhalb der Mundöffnung durch einen
kräftigen Quermuskel (Fig. 19 qm) verbunden. Eine von den anderen
Arten abweichende Muskulatur des Rumpfes zeigt Spadella cepha-
loptera. Bei dieser findet sich nämüch ausser der gewöhnlichen
longitudinalen noch eine transversale Muskelschicht.
Die Epidermis ist teils mehr-, teils einschichtig. Ersteres ist
sie hauptsächlich an dem vorderen, seitlichen Teil des Rumpfes,
wo sie besonders bei Spadella draco und cephaloptera eine mächtige
Dicke erreicht. Die Zellen derselben sind bei den verschiedenen
Arten von verschiedener Gestalt, und da die Beschaffenheit der
Epidermis für manche Arten charakteristisch ist, komme ich bei
der Systematik noch weiter darauf zurück.
Das Nervensystem besteht aus 2 grösseren Ganglien, dem
Kopf- und dem Bauchganglion. Das letztere befindet sich etwa
am Ende des ersten Rumpfdrittels und hat die Form eines Recht-
ecks; es sendet ausser kleineren Nebenästen 4 Hauptstämme ab,
2 nach hinten, 2 nach vorne. Die vorderen gehen zum Kopf-
ganglion, das an der Oberseite fast an der äussersten Spitze des
Kopfes liegt (Fig. 12, 14, 16, 19, 20, gt). Dieses hat ungefähr die
Gestalt eines Fünfeckes (Fig. 8) dessen Spitze nach unten gerichtet
ist. Von den beiden oberen Ecken entspringen 2 starke Nerven
(Fig. 8 vn), die in das Innere des Kopfes gehen, von den mittleren
Ecken die beiden, schon erwähnten zum Bauchganghon gehenden
Nerven von etwa derselben Stärke wie die ersteren (Fig. 8 bn).
Zwischen diesen beiden Paaren liegen noch ein oder 2 Paare, die
bedeutend schwächer, sich in der Haut und Muskulatur des Vorder-
kopfes verbreiten (Fig. 8 mn). Von den unteren Seiten des Fünf-
eckes gehen dann noch 4 kleinere Nerven aus, von denen das eine
Paar die ner^^ optici (Fig. 8 an) das andere, innere, die zum
Geruchsorgan oder zur Corona ciliata gehenden Nerven (Fig. 8 gn)
darstellt. Die beiden vorderen Nerven dringen in das Innere des
Kopfes ein und schwellen hier jederseits zu einem neuen, dem
sogenannten seitlichen Kopfganglion (Fig. 9 sg) an, kurz vor
diesem schnürt sich an der äusseren Seite noch ein kleineres GangKon
ab (Fig. 9 msg), während ein an der inneren Seite abgezweigter
Nervenast durch Verdickung zum Buccalganghon (Fig. 9 bc) wird,
das die Aufgabe hat, die Muskeln des Oesophagus zu innervieren.
Nach der Bildung des seitlichen Kopfganglions, von dem noch
mehrere kleinere Nerven (Fig. 9 n^n^n^) ausgehen, setzen sich die
obenerwähnten Stränge fort imd bilden unterhalb des Schlundes
eine Commissur. Dieselbe ist zuerst von Langerhans (47) ge-
sehen, Hertwig (32) hat sie nicht bemerken können, dagegen hat
Grassi (24) sie wieder bestätigt, auch ich kann das Vorhandensein
der Commissur constatieren, dagegen gelang es mir nicht, den in
Die Systematik der Chaetognathen. 339
der Mittellinie der Commissiir von Grassi beschriebenen Nerven
zu sehen (Fig. 9 03).
Was die Sinnesorgane betrifft, so besitzen die Chätognathen
vor allen Dingen 2 compHciert gebaute Augen. Sie liegen auf der
Oberseite ungefähr in der Mitte des Kopfes (Fig. 12 an) und be-
stehen im Wesentlichen aus 3 in Pigment gebetteten Linsen, die
von einer Anzahl lichtbrechender Stäbchen mngeben sind. Hinter
dem Gehirn liegt ein kleines Grübchen, das Kowalewsky (41)
zuerst gesehen, Grassi näher beschrieben hat (Fig. 8 fo). Die
Funktion desselben ist noch nicht sicher gestellt. Unmittelbar
unter den Augen, teilweise sich noch zwischen denselben bis dicht
an das Kopfganglion erstreckend, liegt das systematisch wichtige
Geruchsorgan (Hertwig 32j oder die Corona ciliata (Grassi 24)
Dasselbe (Fig. 8 Fig. 12 gr) besteht aus einem in sich zurück-
laufenden Epithelstreifen, gebildet von mehreren Keihen von Zellen,
von denen die mittleren bedeutend kleiner sind als die an den
beiden Seiten liegenden, cylindrisch geformten Zellen. Die ersteren
tragen feine Härchen, und aus der Ahnhchkeit derselben mit den
Riechhaaren anderer Tiere schüesst Hertwig, dass man es hier
mit einem Geruchsorgan zu thun hat, besonders da noch die 2 schon
erwähnten, vom Kopfganglion ausgehenden Nerven ihi'e Ausläufer
dorthin senden. Ferner seien noch die Tastorgane erwähnt. Bei
den meisten Arten jfinden sie sich überall an der Körperoberfläche
zerstreut in Form von Hügeln, an deren Spitze in einer Ebene eine
Anzahl starrer Haare stehen (Fig. 10), bei Spadella cepkaloptera
sind sie eingesenkt in Grübchen (Fig. 11), bei Spadella Marioni
endlich in einer Ebene mit den Epidermiszellen, von diesen unter-
schieden nur durch ein „poil rigide", in allen Fällen befindet sich
jedoch an der Basis der Tastzellen eine nervöse Endigung. Als
Tastorgan sei hier auch noch erwähnt eine Papille jederseits am
Rande der Kopfkappe, die sich bei Spadella cephaloptera zu kolben-
artigen, braun pigmentierten Anhängen entwickelt. Die in der
epidermoidalen Verdickimg bei Spadella draco entwickelten Borsten-
büschel (Fig. 20 h) sind ebenfalls nach Hertwig Tastorgane,
während Grassi ihre Funktionen als Sinnesorgane bestreitet, da er
keinen zu denselben gehenden Nerv bemerken konnte.
Kurz erwähnt seien hier noch die Klebzellen von Spadella
cephaloptera, die sich an der Unterseite des Körpers als warzen-
förmige Erhöhungen finden und einen klebrigen Saft zum Anheften
secernieren.
B. Die Systematik der Chaetognathen.
Die Systematik ist in neuerer Zeit hauptsächhch von Hertwig
(32) und Grassi (24) bearbeitet worden. Doch sind seit dieser
Zeit von anderen Autoren noch einige neue Species hinzugefügt,
deren Beschreibimg in der Litteratur zerstreut war, deshalb gebe
22*
340 Sig. Strodtmann.
ich, soweit mir die letztere zugänglich war, im folgenden eine
Übersicht über die systematischen Unterschiede aller bis jetzt be-
kannten Arten.
Die Bestimmung der Chaetognathen wird besonders dadurch
erschwert, dass sie ihres ausserordentlich gleichförmigen Baues
wegen meistens nur geringe Unterschiede haben und, besonders
bei der Conser^derung des Materials, die charakteristischen Teile
sehr leicht Verletzungen ausgesetzt sind.
Für die Systematik kommen namentlich folgende Punkte in
Betracht :
1. die Grösse des geschlechtsreifen Tieres, das Verhältnis der
Länge zur Breite, das Verhältnis der 3 Segmente zu ein-
ander;
2. die Zahl, Lage und Grösse der Flossen;
3. die Dicke der Epidermis sowie die Grösse der seithchen
Verbreiterungen derselben;
4. die Zahl, Form und Grösse der Greif haken imd Zähne;
5. die Gestalt des Geruchorgans;
6. die Ausbildung der Geschlechtsorgane.
Die Einteilung der Chaetognathen in Genera ist von Hertwig
(32) und Langerhans (48) nach rein äusserhchen Gesichtspunkten
geschehen. Grassi (24) hat zwar eine nach anatomischen Gründen
versucht. Nach seiner Ansicht würde Spadella cephaloptera nebst
einigen zweifelhaften Species allen anderen gegenüberstehen, doch
sind die anatomischen Eigentümhchkeiten dieser Art nicht so be-
deutend, dass sie sich nicht ohne Zwang dem Genus Spadella
(Langerhans) einreihen Hesse, jedenfalls zeigt Spadella cepha-
loptera mit den anderen zu dieseni_ Genus gehörigen Arten z. B.
Sp. draco in vieler Hinsicht mehr ÄhnHchkeit, als die letztere mit
den anderen Genera hat. Ich bevorzuge daher solange, bis eine
Einteilung nach allgemeineren anatomischen Gesichtspunkten fest-
gestellt ist, diejenige von Langerhans, welche mir namenthch
zur Bestimmung der Arten die geeignetste zu sein scheint. Der-
selbe (48) stellt die 3 besonders nach Zahl und Lage der Flossen
und Zähne unterschiedenen Genera: Sag Uta, Krohnia und Spa-
della auf.
I. Sagitta (Slabber).
2 Paar seitliche Flossen, 2 Reihen Zähne. Keine oder
nur unbedeutende seitliche Verbreiterung der Epidermis.
1. Sagitta hexaptera (d'Orb.). (Fig. 1, 12.)
[Synonyma: Sagitta bipunctata (Krohn), Spadella hexaptera
(Grassi), Sagitta Darwini (Grassi)?, Sagitta gracilis (Verrill)?.
— Litteratur: D'Orbigny (70), Darwin (11), Krohn (43, 45),
Gegenbaur (15), Busk (7), Möbius (64), Langerhans (48),
Grassi (23, 24), Carus (8), Verrill (83)?, Levinsen (56).]
Die Systematik der Chaetognathen. 341
Diese Art ist die grösste von allen bis jetzt beobachteten
Cbätognathen. Im ausgewachsenen Zustande erreicht sie fast die
Länge von 7 cm. Der Kopf ist ziemlich gross, zwischen ihm und
dem Rimipf findet sich eine kleine Einschnürung; der letztere ver-
dickt sich nur wenig nach der Mitte zu und verjüngt sich nach
dem Ende. S. hexapfera hat 2 Paar seitliche Flossen; die beiden
hinteren liegen teils auf dem Rumpf-, teils auf dem Schwanz-
segment; sie haben die Form von Dreiecken, wenn man deren
freiliegende Spitzen verbindet, so trifft diese Linie gerade die
Scheidewand zwischen Rumpf und Schwanz. Das vordere Flossen-
paar hegt, deutlich von dem vorigen getrennt, etwa in der Mitte
des Rumpfes und ist bedeutend schmäler als das hintere Paar,
Die Greif haken (Fig. 1, 12 grh) jederseits etwa 7, sind ziemlich
stark gekrümmt, die Spitze derselben ist nicht umgebogen und ihr
innerer Rand glatt. Die Zahl der vorderen Zähne beträgt 3 — 4,
die der hinteren 5 — 7. Die Spitzen (Fig. 5) derselben sind fünf-
zackig. Die ovale Schlundöffnung Hegt mit der längeren Axe in
longitudinaler Richtung. Das Geruchsorgan (Fig. 12 gr) ist birnen-
förmig. Das verjüngte Ende desselben Hegt zwischen den Augen.
Es ist ziemHch knrz und erstreckt sich nur wenig auf den Rumpf.
Die Tasthügel sind zahbeich und Hegen unregelmässig über den
ganzen Körper zerstreut. Besonders charakteristisch für Sag .hexaptera
ist auch noch die Breite der Seitenfelder, d. h. der die dorsalen
und ventralen Längsmuskeln trennenden fast muskelfreien Streifen.
Die Epidermis ist an den meisten Stellen des Rumpfes einschichtig,
mehrschichtig mehrfach auf dem Kopfe und auf der Schwanzregion.
Die Zellen selbst sind oft von unregelmässiger Gestalt, sie zeigen
Lappen, Zähnchen, Fäden, die bei den verschiedenen Zellen gegen-
seitig in einander greifen.
Die Ovarien erreichen in reifem Zustande etwa die Länge von
2 cm, längs ihnen verläuft der schon mit blossem Auge deutHch
sichtbare Eileiter. Die männlichen Samenblasen sind vei'hältnis-
mässig nur klein und springen oval vor. Merkwürdig ist, dass ich
unter dem von mir untersuchten Material der Planktonexpedition,
trotzdem S. hexaptera in ungefähr allen Fängen reicliHch vertreten
war und trotzdem sich oft Exemplare von 6 — 7 cm Länge vorfanden,
kein einziges vöUig reifes Exemplar gefunden habe, während ich
aus anderem Material nur etwa 5 cm lange Tiere mit wohl aus-
gebildeten Ovarien, Eileitern und Hoden erhielt. Da Hertwig von
Messina mitteilt, dass er im März und April selbst 6 cm lange
Tiere unreif fand, und da das mir vorHegende Material haupt-
sächHch im August gefischt ist, so wird — wenn die Verhältnisse
in beiden Meeren dieselben sind — die Entwicklung von Sag.
hexaptera wahrscheinHch im Spätherbst oder im Winter vor sich
gehen.
Verbreitung: S. hexaptera hat eine sehr ausgedehnte Ver-
breitung. Die wichtigsten bisherigen Fundorte sind: Cap Farvel
und die westlich und südwestHch von ihm gelegenen Meeres-
342 Sig. Strodtmaun.
absclinitte (Levinsen), verschiedene Stellen im Mittelmeer, namentlicli
Messina (Krohn ii. a.) und Neapel (Grassi), Madeira (Langer-
hans), zwischen Tristan da Cunha und der amerikanischen Küste
(Levinsen), südHch voniNadelcap (Levinsen), ferner einige Stellen
des indischen Oceans z. B. Borneo (Levinsen); sodann ist diese
Art im grossen pacifischen Ocean von d'Orbigny (70) 44 '^ br.
82 ° w. von Paris gefunden worden. Nach diesem Autor tritt sie
hauptsächhch erst in der Dämmerung auf. Grassi (24) hat sie
bei Messina hauptsächlich in den Monaten December bis April ge-
fangen, „wenn der Wind vom Faro herkam; besonders \^aichs ihre
Zahl den dritten oder vierten Tag nach einem Sturme sehr be-
deutend an". Reife Individuen waren sehr selten. Zwischen April
und August waren sie nur sehr spärlich vorhanden. Hauptsächlich
befanden sie sich an der Oberfläche, doch hat Grassi sie auch in
einer Tiefe von 1 und mehr Metern gefangen.
2. Sagitta lyra (Krohn).
[Synonyma: Spadella lyra (Grassi). — Litteratur: Krohn (45),
Langerhans (43) Hertwig (32), Grassi (24).]
Diese Species habe ich in meinem Material nicht gefunden,
Sie ist S. hexaptera sein- ähnlich. Ihre wichtigsten Eigentümhch-
keiten sind nach Grassi (24) folgende:
Grösste Länge 3^/2 cm. Kopf verhältnismässig klein. Rumpf
sehr breit gegen die Mitte. Schwanzregion sehr verdünnt. Schwanz-
flosse breit, Neigung zur Bildung von 2 Lappen. Mittlere Flossen
dreieckig, am vorderen Ende zusammenstossend und eine Strecke
verbunden mit den vorderen Flossen. Die letzteren gehen weit
nach vorne, sodass sie das Bauchganglion erreichen, Greifhaken
8 — 9, vordere Zähne 4 — 7, hintere 8 — 11. Ovarium bei reifen
Individuen 8 mm lang, oft ist das eine länger als das andere. Der
Eileiter oft am vorderen Ende aufgetrieben wie die Kugel vom
Thermometer, in diesem Fall war stets Samen darin. Epidermis
dünn. Geruchsorgan ähnlich wie bei hexaptera, doch ist es kürzer
und hegt ganz auf dem Rumpf; ferner ist die Breite des Streifens
verhältnismässig grösser als bei allen anderen Species. Die vorderen
Nerven des Bauchganglions sind einander sehr nahe bis zum
hinteren Ende des Kopfes. Männliche Geschlechtsorgane wie bei
hexaptera.
Verbreitung: >S. li/ra ist bis jetzt nur im Mittelmeer gefunden
und zwar bei Messina (Krohn 45 u. a.) und bei Neapel (Grassi 24).
Hier ist sie nach Grass is Angaben nicht häufig imd auch von
dieser Species fischte er selten reife Exemplare (in 2 Jahren
3 Exemplare).
3. Sagitta tricuspidata (Kent). (Fig. 13.)
[Synonyma: Spadella tricuspidata (Grassi). — Litteratur: Kent
(39), Grassi (24), Levinsen (56)]
hat nach der Diagnose Kents folgende Eigentümlichkeiten:
Die Systematik der Chaetoguathen. 343
„Körper lang und etwas gedrungen, Schwanzsegment ein Fünftel
von der Länge des ganzen Körpers mit Ausnahme des Kopfes.
Seitenflossen von einander deutlich getrennt, das vordere Paar
schmäler als das hintere. Schwanzflosse massig breit, Greifhaken
an den seitlichen Rändern des Kopfes acht auf jeder Seite, die
mittelsten von ihnen am längsten. Der vordere Rand des Kopfes
(Fig. 13 a) trägt eine geringe HerA^orragung jederseits von der Mttel-
linie, auf ihr sitzen 3 Stacheln; ein ebensolcher einzelner Stachel
liegt auf jeder Seite zwischen ihnen imd den seitlichen Greifhaken.
Gesamtlänge des Körpers 3,5 cm; grösste Breite desselben 5 mm."
Diese Beschreibung ist so allgemein gefasst, dass sie auf mehrere
Sagittenarten Anwendung finden könnte. Das einzige Besondere
bei dieser Ai-t wäre die Zahl der Zähnchen, die allerdings bei keiner
Ai't in so geringer Menge vorkommen, wenn ihre Zahl auch in der
Regel sehr zu variieren pflegt.
Verbreitung: Ihr Autor hat S. tricuspidata nach Material aus
dem pacifischen Ocean bestimmt. Levinsen (56) giebt noch folgende
Fundorte an: den mittleren Teil des atlantischen Oceans, besonders
die Umgebung der Azoren, das Älittelmeer, die Meere südlich vom
Nadelcap, den indischen Ocean südhch und westlich von Madagaskar
sowie südlich von Hinterindien.
4. Sagitta magua (Langerhaus).
[Synonyma: Spadella magna (Grassi). — Litteratur: Langerhans
(48), Hertwig (32), Grassi (24).]
aS'. magna hat zuerst Langerhans beschrieben: „Diese bei
Madeira nicht seltene Art war mit 2 — 3 cm stets noch unreif und
erst mit 4 cm entwickelt. In Gestalt sich ganz an die eben be-
sprochenen Arten (S. hexaptera, hipunctata^ ly'^<^i^) anschliessend,
unterschied sie sich dmxh die geringe Entwicklung der Nebenkiefer,
die vorn 4, hinten nur 2 — 3 Zähne hatten. Kiefer mit 7 — 9 Zähnen,
Mund quer."
Grassi fügt dieser Diagnose noch zu: Schon beim ersten Blick
unterscheidet sie sich von lyra^ weil bei ihr die Flossen nicht zu-
sammenstossen und von hexaptera., weil sie sehr dick im Verhältnis
zu ihrer Länge ist. Ausserdem ist das Ovarium bei magna mehr
entwickelt als bei hexaptera von gleicher Länge. Der Kopf im Zu-
stande der Ruhe ist im Verhältnis zum Rumpf wenig breit (das
Gegenteil trifft bei hexaptera zu); die Schwanzregion bildet ca. Vs
der ganzen Länge. 4 vordere Zähne, von denen 3 lang, einer kurz
ist, 2—3 kurze hintere Zähne, 10 — 13 Greif haken. Epidermis dünn.
Geruchsorgan wenig verschieden von demjenigen von hexaptera.
Die männlichen Geschlechtsorgane sind bei dieser und magna ganz
ähnlich gebildet.
Verbreitung: Bei Madeira war sie nicht selten (Langerhans);
bei Messina und Neapel war sie nicht häufig, sie lebte, wie hexap-
tera, vorzugsweise an der Obei'fläche (Grassi).
344 Sig- Strodtmann.
6. Sagitta bipunctata (Quoy und Gaimard). (Fig. 14.)
[Synonyma: Sagitta setosa (Müller), Sagitta multidentata
(Krohn), Sagitta germanica (Leuckart und Pagenstecher), Spa-
della iDipunct. (Grassi). — Litteratiir: Quoy und Gaimard (72),
Wilms (84), Joh. Müller (67), Krohn (45), Gegenbaur (17),
Leuckart und Pagenstecher (54), Keferstein (38), Möbius (65),
Langerhans (48), Hertwig (32), Grassi (24), Hensen (29),
Levinsen (56).]
S. hipunctata ist die am häufigsten beobachtete und beschriebene
Art. Sie lässt sich leicht von den vorigen Species durch ihre be-
deutend geringere Grösse unterscheiden, denn in reifem Zustande
erreicht sie nm* eine Länge von 1 — 2 cm. Der Kopf erscheint vom
Rumpfe nicht abgesetzt, weil unmittelbar hinter demselben eine
mehr oder weniger breite, seitHche, epidermoidale Ausbreitung be-
ginnt und an beiden Seiten des Rumpfes eine Strecke weit herunter-
läuft. Infolge der verhältnismässig stärker als bei hexaptera aus-
gebildeten Muskelbändern und der geringeren Grösse der Seitenfelder
bekommt S. hipunctata^ ebenso wie die folgende Ai't, in conserviertem
Zustande ein mehr starres Aussehen und lässt sich deshalb auf den
ersten Blick von ebenso grossen hexaptera unterscheiden, die in-
folge der grossen muskelfreien Seitenwände schlaff erscheinen. Der
Kopf ist verhältnismässig gross und mit 8 — 10 Greif haken, 4 — 6
vorderen und 10 — 15 hinteren Zähnen, deren Spitzen ähnlich denen
von hexaptera gebildet sind, versehen. Das Geruchsorgan ist sehr
lang, es beginnt zwischen den Augen und erstreckt sich ziemlich
weit auf den Rumpf herab. Es hat die Gestalt eines langgestreckten
Ovals, das in der Mitte an beiden Seiten Ausbuchtungen zeigt, so-
dass es nach Hertwigs Vorgang ungefähr mit einem Kreuz ver-
ghchen werden kann. Die Tastorgane hegen in fast regelmässigen
Querreihen über den Körper verteilt, während sie bei hexaptera
überall zerstreut sind. Die Flossen sind ziemlich lang, die hinteren
Seitenflossen beginnen vor den Samenblasen und erstrecken sich
zur Hälfte noch auf den Rumpf herauf; die vorderen sind deutlich
von den hinteren getrennt, sie sind noch schmäler als diese und
gehen fast bis zum Bauchganglion herauf. Bis zum letzteren er-
streckt sich auch ungefähr das Ovarium, das ich bei allen grösseren
Tieren in der Regel mit reifen Eiern angefüllt fand. Ebenso war
das Schwanzsegment, das ungefähr ein V4 der Totallänge einnimmt,
fast stets von Samenelementen eingenommen. Die Epidermis hat
besonders an den Seiten des Halses mehrere Scliichten, und besteht
hier aus ovalen Zellen, an einigen Stellen des Rumpfes ist sie ein-
schichtig und hier zeigen die Zellen, ebenso wie bei hexaptera^
Zähnchen (Fig. 15), doch sind diese bei hipunctata kleiner imd
feiner und bilden nicht so lange Ausläufer, wie bei der letzteren.
In Betreff der Frage, die Hertwig eventuell noch offen lässt,
ob die bei Messina vorkommende S. hipunctata Q. u. G. identisch
sei mit der in der Nord- und Ostsee gefundenen, von Wilms unter-
Die Systematik der Chaetognathen.
345
suchten und von Müller aetosa benannten Species, so kann ich auf
Grund von Material, das teils ebenfalls, wie dasjenige von Wilms
und Müller bei Helgoland, teils in der Ostsee und im Mittelmeer
gefangen ist, bestätigen, dass die im Norden vorkommende Art mit
der im Mittelmeer lebenden übereinstimmt.
Verbreitung: Die wichtigsten Fundorte dieser äusserst ver-
breiteten Species sind: der atlantische Ocean südlich von Island,
südwestlich von Irland (Levinsen), die Nordsee (Wilms u. a.), die
Küste von Norwegen (Sars), Kattegat (Möbius), Ostsee (Möbius u.a.),
Manica (Forbes), die Strasse von Gibraltar (Quoy und Gaimard),
Messina (Krohn u. a.), Neapel (Grassi), Mentone (Grassi), Azoren
(Levinsen), in der Nähe der Cap Verdischen Inseln (Levinsen),
ferner der indische Ocean östlich von Madagaskar (Levinsen), das
rote Meer (Strodtmann)i), das südchinesische Meer (Levinsen).
S. hipunctata ist nach den bisherigen Untersuchimgen die in
der Nähe der Küste am meisten vorkommende Species. Hier be-
findet sie sich in grossen Mengen, wie Wilms (84) z. B. von Helgo-
land schreibt: „sie schwammen imzählbar an der Oberfläche des
Meeres". Ebenso war sie nach Grassi communissima in tutto
l'anno, auf offenem Meere dagegen scheint sie, wie ich nachher in
den Ergebnissen der Planton-Expedition zeigen werde, mehr oder
weniger durch andere Arten verdrängt zu werden. S. hipunctata
ist ferner die einzige Art, die in der schwächer salzigen Ost-
see vorkommt, doch ist sie nach Hensens Untersuchungen gegen
die Schwankungen des Salzgehaltes nicht ganz unempfindlich, denn
sie findet sich hauptsächlich in der westlichen Ostsee, während sie
in dem östlichen, geringsalzigen Teile derselben nur an vereinzelten
Stellen oder gar nicht vorkommt. Die Anzahl der auf der Holsatia-
Fahrt im September 1887 gefangenen Sagitten war nach den Tabellen
von Hensen:
') Aus dem Material des zoologischen Museums in Kiel.
346 Sig. Strodtmann.
Auf den anderen 10 Stationen der Fahrt, die alle östlicli von
Gjedser liegen, wurden keine gefangen. Infolgedessen hält Hensen
die Sagitten bei Scholpin und Brüsterort nur für versprengt. Die
wesentlichste Ursache für das geringere Auftreten derselben im
östlichen Teile scheint ihm die Änderung des Salzgehaltes, besonders
da es ihnen an Nahrung (Copepoden) dort nicht fehlt. Wie derselbe
Forscher schon früher (28) festgestellt hat, wechselt die Häufigkeit
der Sagitten auch mit den verschiedenen Jahreszeiten:
„Der Sommer scheint arm, der Winter steigend gegen Ende
Februar, sowie Anfang März reich an Sagitten, dabei kommen aber
höchst auffällige Schwankungen vor."
Die Ursachen der letzteren lassen sich jetzt noch nicht über-
sehen, aber da die Fänge auch an verschiedenen Orten gemacht
worden sind, werden möglicherweise verschiedenes specifisches Ge-
wicht des Wassers, Strömung und andere Faktoren die Erscheinung
erklären. Jedenfalls bleibt die Sache noch späteren Nachforschungen
überlassen. — ■ Auch nach meinen Untersuchungen in der Kieler
Bucht sind in den Wintermonaten die Sagitten reichlich vorhanden,
während in den Sommermonaten keine oder fast gar keine sich
vorfanden. Solche unregelmässige Schwankungen, wie sie Hensen
aufgefallen, sind mir nicht vorgekommen, was seinen Hauptgrund
wohl darin haben mag, dass meine Untersuchungen sich stets auf
dieselbe Stelle der Ostsee beschränken. In den letzten Jahren sind
von den Herren Professor Brandt und Dr. Ap stein regelmässige
monatliche Fahrten nach der Heulboje vor Bülk am Eingange der
Kieler Bucht gelegen, unternommen, die mitzumachen ich häufig
die Gelegenheit hatte. Dort sind in der Tiefe von 20 m Züge mit
dem Hensenschen Planktonnetz gemacht. Mit gütiger Erlaubnis der
genannten Herren stelle ich hier die Resultate des bis jetzt von
Herrn Dr. Ap stein gezählten Materials zusammen:
Diese Tabelle zeigt, wenigstens für das betreffende Jahr, ein
ganz regelmässiges Steigen der Sagitten vom September an. Das
Maximum wii'd im Januar erreicht (also etwa einen Monat früher
als nach den Untersuchungen Hensens). Von dort an fällt die Zahl
und im April, Mai und Juni verschwinden die Sagitten gänzlich.
Die Fänge vom Juli und August sind leider noch nicht untersucht.
Um festzustellen, ob in den verschiedenen Tiefen die Tiere gleich-
Die Systematik der Chaetogiiathen. 347
massig verteilt sind, sind im November und December auf diesen
Fahrten auch Stufenfänge gemacht worden und dieselben haben in
Bezug auf S. hipunctata folgende, ebenfalls von Herrn Dr. Apstein
mir freundlichst mitgeteilte Resultate ergeben:
Datum Tiefe Zahl pro cbm
21./11. 90. IV2 m 96
20 m 38
17./12. 90. IV2 m 144
20 m 85
Hieraus würde sich für die oberflächlichen Schichten ein hcäufigeres
Vorkommen der Sagitten ergeben, als für die ganze Wassersäule
und zwar im November ca. 2V2, im December ca. 1 2/3 mal so viel.
Im Verhältnis zu 1888 scheinen die Sagitten im vorigen Jahre in
geringerer Anzahl vorhanden gewesen zu sein, wo im November
die Zahlen 380 und 866 pro 10 cbm einander gegenüberstehen,
während im December der Unterschied zwischen 850 und 985
pro 10 cbm nicht so bedeutend ist^).
6. Sagitta serratodentata (Krohu). (Fig. 2.)
[Synonyma: Sagitta Gegenbaur (Fol)? Sagitta rostrata (Busch)?
Spadella serratodentata (Grassi). — Litteratur: Busch (6),
Krohn (45), Gegenbaur (17), Fol (13), Hertwig(32), Grassi (24).]
S. serratodentata ist der vorigen sehr ähnlich, der Hauptunter-
scliied liegt in der Beschaffenheit der Greifhaken. Während nämlich
dieselben bei hipunctata ganzrandig und mit grader Spitze versehen
sind, zeigen sie sich bei serratodentata an der inneren Seite gezähnt und
mit etwas umgebogener Spitze. S. serratodentata ist etwas schlanker
und kleiner (bis 15 mm), und hat in der Regel mehr vordere Zähnchen
als aS. hipunctata. Auch fehlt bei der ersteren die seithche Aus-
breitung der Epidermis, diese ist überall dünn und ihre Zellen nicht
gezähnt. Die anderen Organe sind ungefähr ebenso beschaffen wie
bei &. hipunctata.
Verbreitung: Bei Messina (Krohn u. a.) war sie das ganze
Jahr. Von Grassi ist sie auch in Neapel gefunden worden.
') Die Zahlen aus den Fängen des Jahres 1890 sind jedenfalls auch etwas
zu niedrig angegeben, denn Herr Dr. Apstein hat auf meine Bitte, da die
Fänge bis jetzt noch nicht genau untersucht sind, die Sagitten makroskopisch
gezählt; weil aber besonders die kleineren Sagitten durch die Conservierungs-
flüssigkeit brüchig gemacht, häufig in kleine Stücke zerfallen und so nicht deutlich
erkennbar sind, sind die Resultate nicht so zuverlässig wie nach der mikro-
skopischen Zählmethode, wo die Zahl der vorhandenen Köpfe genau die Individueu-
zahl augiebt.
348 Sig. Strodtmann.
7. Sagitta enflata (Grassi). (Fig. 16.)
(Synonyma: Spadella enflata (Grassi). — Litteratiir: Grassi
(23, 24).]
Diese Art erreicht eine Länge von ca. 2 cm. Sie hat viel
Ähnliclikeit mit ebenso grossen hexciptera. Sie unterscheidet sich
von ihr durch die grössere Anzahl der Zähne (vordere 6 — 9, hintere
9 — 12), auch sind die Geschlechtsorgane bei hexaptera von gleicher
Grösse nie so ausgebildet. Die Ovarien sind freihch nur klein, sie
erreichen noch nicht den vorderen Rand der hinteren Seitenflosse,
die Samenbläschen ähnhch wie bei hexaptera^ oval vorspringend
und mit „einer glänzenden Calotte" umgeben. Der Kopf ist im
Verhältnis zum Rumpf klein, mit 8 — 9 Greifhaken versehen. Der
letztere ist nach der Mitte zu dick, sodass S. enflata lange nicht so
schlank wie serratodetitata und hipunctata gebaut ist. Die Epidermis
und auch die darunter liegenden Muskelstreifen sind nur dünn, so-
dass diese Art nur ein wenig consistentes Aussehen gewinnt. Das
Schwanzsegment bildet ein ^/^ der ganzen Länge. Flossen und
Geruchsorgan ähnlich wie bei hexaptera.
Verbreitung: S. enflata findet sich nach Grassi bei Neapel,
Messina, Madeira und zwar an der Oberfläche.
8. Sagitta minima (Grassi).
[Synonyma: Spadella minima (Grassi). — Litteratur: Grassi
(23, 24).]
S. minima gehört nach Grassi' s Beschreibung zu den kleinsten
Chätognathen-Arten, die längsten Individuen waren etwa 1 cm lang.
Körper dünn, auch die Schwanzregion, die etwa Vg der Totallänge
einnimmt, ist verhältnismässig schmal. 5 schmale Flossen. Die
Seitenflossenpaare sind durch einen ziemhch grossen Zwischenraum
getrennt. Das vordere endigt wenig vom Bauchganglion entfernt,
6 — 7 Greif haken, die an der Spitze etwas umgebogen sind; 3 — 4
vordere, 7 — 8 hintere Zähne. Epidermis überall dünn. Geruchs-
organ ähnlich demjenigen von hipunctata doch erstreckt es sich nicht
so weit auf den Rumpf. Das Ovarium ist ziemlich klein, es liegt
noch verhältnismässig weit von dem vorderen Ende der mittleren
Flossen. Spermazellen wie bei hipunctata. Samenblase im horizon-
talen Durchschnitt dreieckig. Charakteristisch für diese Art ist das
Vorkommen von 2 Bhndsäcken am vorderen Ende des Darms, die
ausser bei dieser Species nur bei cephaloptera gefunden sind. Der
Darm ist sehr breit, während die Leibeshöhle sehr verengt ist.
Ferner finden sich ausser den gewöhnlichen Mesenterien noch solche
unregelmässig in transversaler Richtung.
Ich habe eine dieser sehr ähnhche Sagitta gefunden. Die Ab-
weichungen waren so geringfügiger Art, dass ich die Form nicht
als neue Species aufstellen konnte. Sie unterschied sich haupt-
sächlich in dem Verhältnis von Rumpf zum Schwanz, denn der
Die Systematik der Chaetognathen. 349
während nach Gras si 's Beschreibung bei minima die Schwanz-
region nur etwa halb so klein war. Auch waren die Greifhaken bei
der von mir gefundenen Sagitta nicht an der Spitze gekrümmt. In
den anderen Punkten stimmt diese im wesentlichen mit minima
überein, namentlich zeigten sich bei ihr auch die Blindsäcke aus-
gebildet.
9. Sagitta falcidens. Leidy.
[Litteratur: Leidy (50).]
Diese Art zeichnet sich vor den anderen Species eigentlich nur
durch die grosse Anzahl der Greifhaken und Zähne aus, und dieses
Merkmal ist bei der grossen VariabiHtät derselben nicht grade sehr
charakteristisch. Leidy beschreibt sie kurz so:
Durchsichtiges, farbloses Tier; Rumpf zusammengedrückt,
spindelförmig mit 2 Paar seitlichen halb elliptischen Flossen, dm-ch
Zwischenräume von einander getrennt, und mit breiter, verkehrt
herzförmiger, hinten abgestumpfter Schwanzflosse. Kopf verkehrt
herzförmig ebenso lang wie breit. 6 oder 7 kleine vordere Zähne
an jeder Seite, 18 hintere allmähhch kleiner werdend. Greifhaken
11 — 14 in jeder Reihe, gewöhnhch 12, ausser einem vollkommen
ausgebildet, sensenförmig und gelblich braun gefärbt. Länge
über 3/4 Zoll, Dicke IV2 bis 2 mm. Kopf 1 mm, Schwanzflosse
1,5 — 1,75 mm. .Greif haken 0,75 mm lang.
Verbreitung: S. falcidens ist bis jetzt nur von Leidy bei At-
lantic City N. J. gefunden worden.
10. Sagitta gracilis (Verrill).
[Synonyma: Sag. hexaptera (d'Orb.)? — Litteratur: Verrill (83)].
V er rill (83) bildet eine Sagitta ab imd bezeichnet sie als
Sagitta gracilis. Doch weder aus der Figur noch aus der Be-
schreibung lassen sich irgend welche Merkmale auffinden, die diese
Species als eine neue kennzeichnen. Die Abbildung hat am meisten
ühnlichkeit mit S. hexaptera und ich bin der Meinung, dass er
diese Species vor sich gehabt hat. Im Text liefert er zuerst eine
allgemeine Beschreibung der Sagitten und erwähnt, dass er in den
Oberflächennetzen Tiere von 1 — 3 ZoU Länge gefangen hat, die
alle farblos waren und wahrscheinlich verschiedenen Species an-
gehörten. Dann fügt er hinzu: „They are equally abundant in the
trawl-wings from all the depths and among those that have been
taken only in the trawl wings there is one large species nearly 3
inches long, which is deep salmon or orange in color, while the
surfaces species are colorless."
Wenn also die letzterwähnte Art die abgebildete S. gracilis
sein soll, so wäre die gelbe oder orange Farbe das einzige Charak-
teristische.
Verbreitung: Golfstrom (Verrill).
350 Sig. Strodtmanu.
11. Sagitta elegaus. (Verrill.)
Die Beschreibung dieser Species habe ich in der Litteratur
nicht finden können. Nur in Annais and Magazine of Nat. History
(5) 10. 1882 ist bei Lei dys Beschreibung von *S. falcidens kurz
;8. elegans erwähnt „described by Prof. Verrill as occuring at Woods
Hall, Vineyard Sound and Gay Head on the England coast."
II. Krohnia Langerhans.
Nur ein seitliches sich auf Schwanz und Rumpf er-
streckendes Flossenpaar, keine seitliche epidermoidale
Ausbreitung hinter dem Kopfe, nur eine Reihe von Zähnen,
Rumpf länger als Schwanz.
Langerhans (48) hat dieses Genus zuerst aufgestellt, Hertwig
(32) dagegen dasselbe wieder mit dem folgenden vereinigt. Nun
haben aber die Ä'roÄwm-Species einen von den Spadella-Arten ganz
verschiedenen Habitus. Denn abgesehen von dem geringfügigen
Unterschied in der Lage der Zähnchen (bei Krohnia eine, bei Sjm-
della 2 Reihen) erhalten die Arten des letzten Genus durch die
breite und starke seitliche Wucherung der Epidermis eine abge-
plattete Gestalt, während Krohnia haniata und suhtilis den schlanken
fast cyHndrischen Bau der Sagitten bewahren, ausserdem ist bei
Spadella Rumpf und Schwanzregion ungefähr gleich gross, während
bei Krohnia die erstere bedeutend länger ist. Aus diesen Gründen
glaube ich die Trennung der beiden Genera aufrecht erhalten zu
12. Krohnia hamata (Möbhis). (Fig. 3, 4. 17. 18. 19.)
[Synonyma: Spadella hamata (Hertwig) Sagitta hamata (Mö-
bius). — Litteratur: Möbius (65) Langerhans (48) Hertwig (32)
Grassi (24) Levinsen (56).]
Sie erreicht eine Länge von 3 — 4 cm. Schwanzsegment etwa
i/g bis 1/4 der Rumpflänge. Nur ein seithches Flossenpaar,
das sich sowohl auf den Rumpf als auch auf den Schwanz erstreckt.
Dieses und auch die Schwanzflosse sind verhältnismässig klein.
Wegen ihrer geringen Grösse werden die Flossen bei conservierten
Exemplaren leicht übersehen, namentlich da sie ihrer Zartheit
wegen leicht verletzt werden. So erhält man oft den Eindruck,
als ob das Tier derselben ganz entbehre. Solche Exemplare hat
meiner Ansicht nach Örsted (69) vor sich gehabt, wenn er sagt:
„Ich fand die Art, die ich untersuchte, auf meiner Reise 1845 und
zwar in unglaublichster Menge im südhchen Teil der Nordsee, im
ganzen Canale und im nördlichen Teile des atlantischen Meeres,
vermutHch dieselbe, die Slabber unvollständig beschrieben und
auch im wesentHchen mit Krohn und Wilms übereinstimmt, hat
aber keine flossenartige Verlängerung."
Die Systematik der Chaetognathen. 351
Kr. hamata hat jederseits 8 — 9 Greif haken. Dieselben (Fig. 3)
sind mehr gerade und zeigen keine so starke Krümmung wie die-
jenigen der anderen Species. Sodann ist die abgesetzte Spitze
knieförmig umgebogen, weshalb Möbius dieser Art auch den Namen
hamata gegeben hat. Durch dieses Merkmal kann man leicht
wenigstens jede grössere Kr. hamata von anderen Species sondern.
Ein ganz eigentümhches Verhalten zeigen die Greifhaken (Fig. 4)
der jüngeren Tiere. Bei ganz jungen Exemplaren ist die Spitze
derselben nur wenig gekrümmt, während der innere Rand fast der
ganzen Länge nach mit feinen Zähnchen besetzt ist. Sobald die
Tiere älter werden, verheren die grösseren Greifhaken die Zähnchen
und die Spitze erhält ihre charakteristische knieförmig umgebogene
Gestalt, die kleineren dagegen behalten noch ziemlich lange die
Zähnchen, deren Zahl aber immer mehr abnimmt und die bei
erwachsenen Tieren völlig verschwunden sind. Anfänglich hielt
ich die Tiere mit bpzähnten Greifhaken für eine neue Species, aber
ich fand so viele Übergänge von Individuen, bei denen alle Greif-
haken in dieser Art bewaffnet waren, bis zu solchen, wo an einem
derselben ein oder zwei Zähnchen sich befanden, dass ich sie für
eine Jugendform von hamata erkannte, besonders da auch sonstige
Unterschiede sich nicht nachweisen Hessen. Wie die Zähnchen
verschwinden, ob durch einfaches Abbrechen derselben oder ob
durch Nachwachsen der zwischen ihnen Hegenden Substanz der
Rand sich grade bildet, bleibt anderen Nachforschungen überlassen,
doch glaube ich mich für den ersten Fall entscheiden zu müssen,
da ich dieselben immer von ungefähr gleicher Länge fand, während,
wenn durch Nachwachsen der Zwischenraum ausgefüUt wüi'de, sie
bei den verschieden alten Exemplaren von ungleicher Länge sein
müssten, je nachdem die AusfüUung der Lücken weiter fort-
geschritten ist oder nicht.
Kieferzähnchen finden sich bei hamata nur eine Reihe und
zwar diejenige, die bei den andern Chätognathen die hintere
(Fig. 19 hz) ist, ausgebildet, ihre Zahl ist 20 — 25. Das Geruchs-
organ Fig. (18) hat die Form eines in der Mitte stark eingedräckten
Ovals, das vordere, zwischen den Augen liegende Ende ist etwas
verjüngt. Die Lage sonst ist dieselbe wie bei hexaptera. Die
muskelfreien Seitenfelder sind nicht so gross wie bei hexaptera,
wenn auch breiter wie bei hipunctata. Ausserdem liegen je die
dorsalen und ventralen Muskelbänder dicht an einander, sodass
hamata ebenso wie bipunctata in conser%dertem Zustande resistenter
als hexaptera ist. Die Geschlechtsorgane waren bei allen von mir
untersuchten Exemplaren aus dem Material der Planktonexpedition
wenig entwickelt, sie scheinen also ebenso ^^de hexaptera zu einer
anderen Jahreszeit als im August ihre Reife zu erlangen. Die
Ovarien im reifen Zustande sind leicht durch ihre rötHch gelbe
Farbe zu erkennen, die Samenblasen nur klein und wenig vor-
springend.
352 Sig, Strodtmann.
Verbreitung: Möbius führt die Fundorte an: N. von Hanst-
holmen, Korsfjord, SW. von Skagen. Er hat sie immer tot aus
dem Schleppnetz aus einer Tiefe von etwa 200 — 300 Faden heraus-
geholt. An folgenden Stellen wurde sie nach Levinsen gefunden:
Breite Länge
59" N. ?
570 50' N. 480 41' W.
570 48' N. 430 45' W.
Das Verbreitungsgebiet dieser Art beschränkt sich also aus-
schhessHch auf den nordatlantischen Ocean.
13. Krohnia suMilis (Grassi). (Fig. 3 a, 6.)
[Synonyma: Sagitta subtilis (Grassi) Spadella subtilis (Grassi).
— Litteratur: Grassi (23. 24).]
Diese Species fällt durch ihren ausserordentlich dünnen Körper
auf, während der Kopf verhältnismässig gross ist, sodass Grassi
mit Recht von ihr sagt, dass „sie am meisten von allen Chäto-
gnathen einer Stecknadel gliche." Sie erreicht eine Länge von
IV2 cm. Doch habe ich auch kaum 1 cm lange Individuen gefunden
mit gut ausgebildeten Geschlechtsorganen. Am besten erkennen
lässt sich diese Art, ebenso wie die vorige, an der Form ihrer
Greif haken. (Fig. 3 a). Dieselben, etwa 8 an der Zahl, sind an
der Basis verhältnismässig breit und dann allmählich in eine sehr
lange und feine Spitze auslaufend. Die grossen Zähnchen (16 — 18)
stehen, wie Grassi bemerkt, in einer einzigen krummen unregel-
mässigen Reihe: „man könnte auch sagen, dass es zwei krumme
Reihen sind, die eine aussen, die andere innen, die sich unter-
einander vorne vereinigen". In Bezug auf den eigentümlichen Bau
der Zähne (Fig. 6) kann ich die Angaben von Grassi, dass sie an
der Basis flaschenhalsförmig eingeschnürt sind, bestätigen. Ferner
scheint ihre Spitze einfach zu sein, während sie bei den anderen
Arten gezackt ist. Die Schwanzregion erreicht ein Drittel der ganzen
Länge, das einzige seitliche Flossenpaar erstreckt sich nach hinten
etwa bis zur Samenblase. Gleich nach der letzteren beginnt auch
schon die Schwanzflosse. Die Samenkapseln sind mehr vorspringend
als bei hexaptera^ wenn auch nicht soviel wie bei serratodentata.
Männliche und Aveibliche Geschlechtsorgane ähnlich wie bei serra-
todentata^ doch erreichten die Ovarien der von mir imtersuchten
Exemplare niemals die Grösse wie diejenigen der letzteren Art.
Verbreitung: Bei Messina nach Grassi sehr selten vorkommend.
Meist fing er nur isolirte Exemplare, nur einmal eine grössere
Menge.
III. Spadella (Langerhans).
Nur ein Paar auf dem Schwanzsegment liegende Seiten-
flossen; hinter dem Kopfe zu beiden Seiten des Körpers
bis zu den Seitenflossen sich hinziehende oder noch
darüber hinausgehende Verbreiterung der Epidermis.
2 Reihen Zähnchen; lauter kleine Tiere, höchstens 1 cm.
Die Systematik der Chaetognathen. 353
C. Verbreitung der Chaetognathen im nordatlantischen
Ocean.
Dass die Chaetognattien allgemein und sehr zahlreicli ver-
breitet sind, ist schon ihren älteren Beobachtern aufgefallen.
D'Orbigny sagt von ihnen: „Ces animaux paraissent appartenir
ä presque toutes les mers, puisque nous les avons rencontres dans
le grand Ocean austral comme dans tout 1' Ocean atlantique au nord
et au sud de la ligne". Ahnlich äussert sich Darwin über „die
gewaltige Zahl ihrer Exemplare, von denen die Meere der heissen
und gemässigten Zone wimmeln. Der Ocean hat kaum ein Geschöpf
aufzuweisen, das häufiger wäre." In der That giebt es wohl nur
wenig Gruppen, die so allgemein und in solchen Mengen auftreten,
wie die Chaetognathen. Von 71 *' n. Br. (Murdoch) bis zum
410 s^ Bj. }jat man sie gefangen, sowohl auf offenem Meere als
auch an den Küsten, sogar in wenig salzigen Meeresteilen, wie in
der Ostsee (Möbius u. a.) und im Engelsch Yaarwater, Ooster-
schelde (Horst).
Die Verbreitung der einzelnen Species geht aus dem Vorher-
gehenden hervor, KosmopoHtische Formen sind Sagitta hexaptera,
tricuspidata, hipunctata] die anderen Arten waren bis jetzt nur in
kleineren Meeresabschnitten bekannt. Sagitta magna ist im Mittel-
meer und bei Madeira gefunden worden. Sagitta lyra, Sagitta
minima, Sagitta e^iflata, Krohnia snbtilis, Spadella draco, Sagitta
serratodentata nur im Mittelmeer, Spadella cephaloptera an den
Küsten Italiens, Frankreichs und Englands, Krohnia hamata an
einigen Stellen des nordatlantischen Oceans. Aus diesem kurzen
Überblick über die Verbreitung der Chaetognathen, soweit sie sich
in der Litteratur angegeben findet, gewinnen wir einigen Aufschluss
darüber, wo die verschiedenen Species sich finden. Wir können
aber nicht daraus sehen, in welcher Menge und in welchem
Verhältnis die einzelnen Arten vorkommen. Unsere bisherige
Kenntnis beschränkt sich darauf, zu sagen, diese Art kommt sehr
häufig, die andere weniger oft, die dritte selten vor (vergl. auch
Brandt la). Ein genaueres Bild von der Zahl der Tiere, sowie
der RoUe, die sie im Haushalt des Meeres spielen, kann man nur
erhalten, wenn man nach der Methode von Hensen auf einer be-
stimmten Meeresstrecke, in nicht zu grossen Abständen, mittelst
eines Vertikalnetzes eine gewisse Wassersäule durchfischt und die
betreffenden Fänge in Bezug auf Quahtät und Quantität mit ein-
ander vergleicht'). Dieses ist zum ersten Mal in grösserem Mass-
stabe auf der Planktonexpedition 1889 versucht, und wenn auch
die Resultate nur für eine bestimmte Jahreszeit gelten, so ist damit
doch der Grund gelegt fm- spätere Forschungen, und es ist zu hoffen,
') Über den Wert der Hensen'schen Methode für derartige Untersuchungen
vergl. auch Brandt la.
Ai-ch. f. Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd. I. H. 3. 23
354 Sig. Strodtmann,
Das Geruchsorgan ist oval, es liegt hinter den Augen, der längere
Durchmesser in der Queraxe. Die Tastorgane (Fig. 11) befinden
sich nicht auf der Epidermis, sondern sind in Grübchen in die Haut
eingesenkt, aus denen nur die Härchen hervorragen. Am Rumpfe
ist ausser den longitudinalen Muskeln noch ein transversaler Faser-
zug. An der Unterseite des Körpers sind Adele Epidermiszellen
drüsig umgebildet und erzeugen einen klebrigen Saft. Die letzten
drei Punkte, die Lage der Tastorgane, das Vorhandensein von trans-
versalen Muskeln und Kleborganen sind Eigenschaften, die den
bisher beschriebenen Arten fehlen und Grassi bewogen haben
SjJ. cephaloptera als besonderes Genus allen anderen Chätognathen
gegenüber zu stellen. Auf diesen Punkt werde ich an einer anderen
Stelle noch zurückkommen.
Verbreitung: Sie wurde gefunden bei den Orkney-Inseln
(Busch), bei St.Vaast in der Normandie (Claparede) bei den Scilly-
Inseln (Lewes, s.u. dem Namen Mariana) bei Cette (Pagenstecher,
s. u. gallica), bei der Insel Batz (Giard, s. u. Batziana), im Mittel-
meer bei Messina (Hertwig u. a.) und bei Triest (Grassi).
An SpadeUa cephaloptera schHessen sich noch eine Anzahl von
Species, die teils nur in Kleinigkeiten von ihr abweichen, teils ihrer
unvollständigen Beschreibung wegen nicht genau charakterisiert
werden können.
15. Spadella Mariana (Lewes).
[Synonyma: Spadella cephaloptera (Busch). — Litteratur:
Lewes (57).]
Lewes hebt als Hauptunterscheidungspunkte dieser von ihm
gefundenen Art hervor:
L sie „hat keine Vorderflosse, und die Hinterflossen, die dicht
unter den Eileitern ansetzen, stehen im Zusammenhang mit
der Schwanzflosse", die Öffnungen der Samenblasen hegen
demgemäss in den Flossen selbst,
2. „die doppelte Schnur von hellgelben Körnern, welche
3 Seiten eines Parallelogranrnas um die Speiseröhre bilden",
3. „2 dunkelbraune, unregehnässige Massen über den Eileitern".
Im ersten Punkt stimmt sie mit Sp. cephaloptera überein. Das
zweite von ihm gesehene Organ ist wahrscheinlich das Geruchs-
organ, das in ihm den Eindruck hervorgerufen hat, als ob es die
Speiseröhre umgäbe. Was das letzte betrifft, so weiss ich dasselbe
nicht zu erklären, vielleicht sind es die beiden Bhndsäcke des Darms
gewesen. Jedenfalls deutet auch die angegebene Grösse der Tiere
(1/4 Zoll) und die Abbildung darauf hin, dass Lewes Sp. cepha-
loptora vor sich gehabt hat. Auch die Eigenschaft, sich an der
Gefässwand anzuheften, hat es mit dieser gemein.
Verbreitung: Scilly-Inseln.
Die Systematik der Ohaetognathen. 355
16. Spadella Batziana (Giard).
[Synonyma: Spadella cephaloptera (Busch)? — Litteratur: Giard
(18), Hertwig (32), Grassi (24).]
Die Punkte, die Giard als unterscheidend hervorgehoben hat,
haben Hertwig und Grassi schon als unwesentlich bezeichnet.
Als einziger wirklicher Unterschied käme nur das Fehlen der
Klebzellen in Betracht, die Giard weder abgebildet, noch be-
schrieben hat.
17. Spadella ^allica (Pagenstecher).
[Synonyma: Spadella cephaloptera (Busch)? — Litteratur:
Pagenstecher (71), Hertwig (32), Grassi (24).]
Von dieser bei Cette von Pagenstecher gefundenen imd be-
schriebenen Art gilt dasselbe, wie von der vorigen. Auch dieser
Autor hat wahrscheinlich cephaloptera vor sich gehabt.
18. Spadella pontica (Ulianin).
[Litteratur: Ulianin (81, 82), Grassi (24).]
Als wichtigste Unterschiede von cephaloptera bezeichnet Ulianin:
1. Das Schwanz Segment ist nicht gleich gross mit dem Rumpf-
segment, sondern beträchthch grösser.
2. Bei pontica fehlen die Klebzellen.
3. Flossen sind mit Warzen besetzt
4. und mit einer Anzahl an beiden Enden zugespitzter Dornen,
die an einem Rande kammförmig gezähnt sind. Die Dornen
sind mit dem glatten Rande an der Flosse senkrecht zur
Längsaxe des Tieres befestigt.
Länge 0,6 — 1 cm. Körper durchsichtig.
Verbreitung: Schwarzes Meer.
19. Spadella Marion! (Gourret).
[Litteratur: Gourret (19, 20).]
Sp. Marioni weicht in anatomischer Beziehung in manchen
Punkten sowohl von den anderen Chätognathen als auch von
Sp. cephaloptera ab.
Es scheint in einigen Einzelheiten einen Übergang zwischen
der letzteren und den ersteren zu bilden. Das gilt namentlich von
der Beschaffenheit der Klebzellen und der Tastorgane. Erstere
sind nämlich keine besonderen drüsigen Organe, sondern „les cellules
adhesives munies le plus souvent d'un noyau central ne sont pas
differentes des cellules de l'epiderme. Certaines entre elles, si ce
n'est toutes, ont la propiete de secreter un mucus particulier". Die
Tastorgane liegen nicht wie bei cephaloptera in Grübchen, auch
stehen sie nicht, wie bei den anderen Ohaetognathen in Hügeln,
sondern sind „sur le meme plan que les cellules de Tepiderme, sur
lequel elles ne reposent en aucun cas". Sie unterscheiden sich
23*
356 Sig. Strodtmann.
von den Epidermiszellen „outre le poil rigide implante sur le bord
libre" nur noch „par l'existence k leur base d'un prolongement de
nature nerveuse". Ferner ist „l'existence d'un ganglion pair, aplati
et quadrangulaire, ä 1' angle postero-lateral du cerveau" eine besondere
Eigentümlichkeit von SjjadeUa Marioni. Der Anus ist nicht ventral,
sondern dorsal, auch münden -die Eileiter nicht, wie gewöhnlich,
seitlich, sondern ventral. Das Geruchsorgan, die Mundfollikel und
die Mund- und Gehirngrübchen scheinen zu fehlen. Die Schwanz-
flosse ist „quadrangulaire", die Seitenflossen ohne Strahlen, die
Epidermis selbst bei den Samenblasen farblos. „Comme annexes
de l'appareil digestif sont places sur les parois de la tete des crochets
du nombre de vingt-cinq, dont neuf sont posterieurs, treize medians
et trois anterieurs." Ausserdem findet sich bei 8p. Marioni noch
ein drüsiges Organ, das nach Gourrets Ansicht im Dienste der
Excretion zu stehen scheint. „De chaque cote du pharynx se trouve
un Organe glandulaire renfle a la face ventrale et debouchant par
un court canal ä la face opposee entre le prepuce et l'epidermique
cephalique. La portion renflee est tapissee de grosses cellules cyhn-
driques ou coniques, dont le contenu, generalement granuleux, semble
parfois constitue par de nombreux petits corps polygonaux. Quant
aux cellules du canal, elles ont un contenu homogene et un noyau
brillant a leur centre." Die Ovarien hegen hinter dem Bauchganghon,
der Eileiter an der äusseren seithchen Region des Ovariums und
erweitert sich am Ende zu einer Bursa copulatrix, er mündet ventral.
Die Schwanzregion ist ganz erfüllt von männlichen Geschlechts-
organen. Ueber Grösse des Tieres, Verhältnis des Rumpf- und
Schwanzsegmentes, epidermoidale Ausbreitung finden sich keine
Angaben.
Verbreitung: Sp. Marioni fand sich in ziemlich grosser An-
zahl im Golf von Marseille (Gourret).
20. Spadella draco (Krohn). (Fig. 20.)
[Synonyma: Sagitta draco (Grassi). — Litteratur: Krohn (45),
Langerhaus (48), Hertwig (32), Grassi (24).]
Sp. draco hat in ihrem Habitus manche Aehnhchkeit mit cepha-
loptera. Sie ist ausserordentlich breit im Verhältnis zu ihrer Länge,
die ungefähr 1 cm beträgt. Schwanz- und Rumpfsegment sind, wie
bei cephaloptera, von gleicher Länge, ebenso hat draco, wie diese,
nur ein Paar Seitenflossen, auf der Schwanzregion liegend. Diese
sind verhältnismässig kurz und erstrecken sich nicht bis zu den
Samenblasen, so dass sie nicht mit der Schwanzflosse zusammen-
stossen. Die epidermoidale, hinter dem Kopfe beginnende seitliche
Ausbreitung ist mächtiger als bei cephaloptera, auch sind die bläschen-
förmigen Zellen bedeutend grösser; dieselbe dehnt sich längs des
Rumpfes etwa bis zum Ende der Schwanzflosse aus und auf der
Höhe des Bauchganglions befinden sich in ihr zu beiden Seiten je
ein Büschel 2 mm langer Fäden, zu denen nach Grassis Unter-
Die Systematik der Cliaetognathen. 357
suchungen keine Nerven führen, die also aucli niclit die Function
von Sinnesorganen haben können.
Keine Klebzellen. Tastorgane nicht in Grübchen, sondern auf
Hügeln, Zahl der Greifhaken 9 — 10, der vorderen Zähne 6 — 8, der
hinteren 12 — 18. Geruchsorgan oval hinter den Augen liegend mit
der längeren Axe in longitudinaler Richtung. Ovarien weit in den
Rumpf heraufreichend. Samenblasen oval.
Verbreitung: Sp. draco kommt im Mittelmeer bei Messina
(Krohn u. a.) und Neapel (Grassi) vor. Nach Grassi war sie
bei Messina in der Regel sehr selten. Häufiger war sie bei Madeira.
Auch bei den Canarischen Inseln sind einige Exemplare gefunden
(Häckel nach Hertwig).
An die beschriebenen Ai'ten reihen sich noch einige andere,
die entweder zweifelhaft oder doch nur so imgenau beschrieben
sind, dass sie die Zusammengehörigkeit mit irgend welchen anderen
nicht erkennen lassen.
21. Sagitta Darwini (Grassi).
[Litteratur: Darwin (11), Grassi (24).
Grassi hat die von Darwin beschriebene und hexaptera ge-
nannte Species als eine neue aufgestellt, weil dieser in seiner im
übrigen mit *S'. hexaptera (d'Orb.) übereinstimmenden Beschreibung
die Bemerkung hinzufügt: „Der Schwanz dient nicht nur als Fort-
pflanzungsorgan, sondern auch zum Anheften; denn wenn man das
Tier in ein Becken mit Wasser that, so heftete es sich zuweilen
mit seinem Schwänze so fest an die glatte Wandung desselben,
dass es sich selbst durch heftiges Bewegen des Wassers nicht ab-
lösen Hess." Hieraus schliesst Grassi, dass das Tier Klebzellen
besitzen muss, und da hexaptera keine solche hat, bezeichnet er es
als eine neue Ai't imter dem Namen Sag. Darwini.
Verbreitung: Im Atlantischen Ocean 21^N. Br. nach der
Brasilianischen Küste zu, 18» S. B., 37« S. B. und 60" S. B. (Darwin).
Besonders zahlreich fand Darwin sie des Nachts, und am häufigsten
an der Oberfläche, doch auch unter derselben z. B. an der Küste
von Chile.
22. Sagitta (?) diptera (DOrbigny).
[Litteratur: D'Orbigny (70)]
mit 7 — 8 Greif haken, 2 gelappter Schwanzflosse, keine seitlichen
Flossen. 3 — 4 mm breit, 50 mm lang. Mit Herz.
(D'Orbigny glaubt bei den Sagitten ein Herz beobachtet zu
haben; deswegen, und der Flossen halber rechnet er sie zu den
Pteropoden.)
Verbreitung: D'Orbigny fischte sie sowohl im Atlantischen
als auch im grossen Ocean und zwar besonders während der
Dämmerung und Nacht.
358 Sig. Strodtmann.
23. Sagitta(2) triptera (d'Orbigny).
[Litteratur: D'Orbigny (70).]
Mit zweilappiger Schwanzflosse, und vertikaler medianer Rücken-
flosse, ohne Seitenflossen. 6 — 8 Greif haken. Herz im hinteren
Drittel des Körpers. 25 — 30 mm lang.
Verbreitung: Im grossen australischen Ocean, 20^ südl. Br.
89 w. V. Paris, hauptsächlich in der Nacht, während Windstille,
zusammen mit Pteropoden. Sehr gemein, grosse Strecken bedeckend
(Darwin).
Bestimmungstabellen.
Tabelle I.
I. 2 Paar seitliche Flossen. 2 Reihen Zähncheu. Schlanker Habitus.
1. Zahl der hinteren Zähne grösser als die der vorderen.
a) Rand der Greifhakeu glatt, Spitze derselben nicht gekrümmt,
«) seitliche Flossen zusammenstossend.
3V2 cm lang, 4—7 vz. 8—11 hz. Geruchorgan liegt ganz auf
den Rumpf. Die vord. Nerven des Bauchganglion bis zum Kopfe
nahe nebeneinander laufend. Sagitta lyra.
ß) Seitenflossen deutlich getrennt.
aa) bedeutende Grösse der erwachsenen Tiere, grh. 6—7. vz. 3—4.
hz 5—7. Schwanz y^ — y^ der Totallänge. Relativ grosse
Seitenfelder. Sagitta hexaptera.
bb) Grösste Länge 1—2 cm.
((«) hinter dem Kopfe Verdickung der Epidermis. Weit her-
vorspringende Samenblasen. Geruchsorgan sehr lang.
grh. 8—10. vz. 4—6. hz. 10—15. Sagitta bipunctata.
ßß) keine Verdickung der Epidermis. Vorne am Darm
2 Blindsäcke. Länge 1cm. 6— 9 grh. 3 — 4 vz. 7 — 8hz.
Spitze der Greifhaken etwas umgebogen,
Sagitta minima.
yy) Epidermis dünn. Keine Blindsäcke. 8—9 grh. ohne
umgebogene Spitze. 3—4 vz. 7—8 hz. 2 cm lang. Kopf
klein. Rumpf verh. dick. Sagitta enflata.
(fd) 11—14 grh. gew. 12. ^U Zoll lang. 6-7 vz. 18 hz.
Sagitta falcideus.
b) Rand der Greifhaken gezähnt. Spitze umgebogen. 6—8 grh,
6—8 vz. 10—12 hz. Länge IV2 cm. Schlank. Deutlich hervor-
springende Samenblasen. Sagitta serratodentata.
2. Zahl der hinteren Zähne kleiner als die der vorderen.
a) 3 vz. 1 hz. Grösse 3,5 cm. 8 grh. Sagitta tricuspidata.
b) 4 vz. 3 hz. grh, 10—13, Länge 4,1 cm. Schwanz Vs der Total-
läuge. Sagitta magna.
II. 1 Paar Seitenflossen auf Rumpf und Schwanz liegend. 1 Reihe Zähnchen,
Körper schlank, Epidermis nicht verdickt.
Die Systematik der Chaetognathen. 359
1. Spitze der 8—9 grh. knieförmig umgebogen, in der Jugend mit Zähnen
versehen, 20—25 Zähnchen in einer Reihe, Ovarien rötlich 3—4 cm.
Krohnia hamata.
2, 8 grh. unten breit, oben sehr spitz. Zähne in einer knimmen Reihe
ca. 18 unten mit einer flaschenhalsförmig. Einschnürung. Körper dünn,
1—1 '/2 cm. Krohnia subtilis.
in. 1 Paar Seitenflossen nur auf dem Schwänze liegend. Körper verh. sehr
breit wegen der hinter dem Kopfe liegenden bedeut. Ausbreitung der Epi-
dermis. 2 Reihen Zähnchen. Grösste Länge 1 cm. Schwanz und Rumpf
meistens gleich lang.
1. Hinter dem Kopfe mächtige Ausdehnung der Epidermis, bestehend aus
sehr grossen Zellen. In derselben in der Höhe des Bauchganglions
liegend ein Büschel starrer Fäden. Tastorgane auf Hügeln. Grh. 9—10.
vz. 6—8. hz. 12—18. Spadella draco.
2. Seitliche Ausdehnung der Epidermis nicht so gross, Zellen derselben
kleiner. Tastorgane in Grübchen. Am Rumpf ausser den longitudi-
nalen noch Transversalmuskelu. An der Unterseite des Bauches Kleb-
zellen. Schwanz und Seitenflosse stossen zusammen. An der Kopf-
kappe 2 Papillen zu keulenförmigen Tentakeln verlängert. 8—9 grh.
ein wenig gezähnt. 3—4 vz. 3—4 hz. Spadella cephaloptera.
3. Voriger Species ähnlich, aber Schwanz grösser als Rumpf (bei der
vorigen gleich), keine Klebzellen. Flossen mit "Warzen bedeckt ixnd
mit einer Anzahl an beiden Enden zugespitzter, am Rande gezähnter
Domen. Spadella poutica.
4. Tastorgane umgewandelte Epiderraiszellen, ebenso Klebzellen. Anus
dorsal. Mündung der Eileiter ventral. Geruchsorgan fehlt. Epidermis
farblos. Seitenflosse ohne Strahlen. Ein Gauglienpaar im hinteren
seitlichen Winkel des Gehirns. Spadella Marioni.
360
Sig. Strodtmann.
Tabelle
Grössenverhältnisse
Flossen und Epidermis
Greifhaken und Zähne
Sagitta
hexaptera
Sagitta
lyia
Sagitta
tricuspidata
Sagitta
magna
Sagitta
bipunctata
Sagitta
serratoden-
tata
Sagitta
enflata
Sagitta
minima
Sagitta
falcidens
Sagitta
gracilis
Krohnia
bamata
Krohnia
subtilis
Spadella
draco
Spadella
cephaloptei
Spadella
Marioni
7 cm. Kopf gross.
Schwanz V4— '/sdei
Totallänge.
3VQcmKopfverh.klein.
Rumpf sehr hreit in
der Mitte. Schwanz
dünn. 1/5 der Total-
länge.
3,5 cm, 5 mm Breite.
Körper etwas ge-
drungen. Schwanz
etwa Vs der Länge.
his4,l cm. Kopf verh.
klein. Rumpf dick.
Schwanz ca. Vs der
Totallänge.
l'/z— 2 cm. Schwanz
1/3 der Totallänge.
Kopf verh. gross.
bis 1,5 cm. schlank ge-
baut. Schwanz '/a
der Total länge.
2 cm. Kopf verh. klein.
Rumpf dick. Schwanz
'/ider ganzen Länge.
1 cm. Rumpf dünn.
Schwanz Vg der To-
tallänge verh. dünn.
3 4Zolllang, lV2-2mm
breit, Kopf ebenso
lang, wie breit.
Fast 3 Zoll lang.
3 — 4 cm lang. Schwanz
V3-V4 der Total-
länge. Kopf verh.
klein.
1,5 cm. Gestalt steck-
nadelförmig. Rumpf
sehr dünn. Kopf verh.
gross. Schwanz V3
der Totallänge.
1 cm. Schwanz und
Rumpf gleich lang.
Kopf schmäler als
der breite Rumpf.
0,5 cm. Schwanz und
Rumpf gleich lang
Wie vorige von
breiter Gestalt.
2 Paar getrennte Seitenflossen von drei-
eckiger Form, bes. d. hintere. Diese
liegen halb auf dem Rumpf, halb auf
d. Schwanz. Die vorderen erstrecken
sich bis zur Mitte des Körpers.
Schwanzflosse breit, Neigung z. Lappen-
bildung. Hintere Seitenflossen drei-
eckig,zusammenstossend mit den vor-
deren, die letzteren gehen etwa zum
Bauchganglion.
Seitenflos.senpaar deutlich getrennt,
das vordere schmäler als das hintere.
Seitenflossen getrennt. Epidermis
2 Paar getrennte Seitenflossen, vorderes
Paar schmäler, geht fast bis zum
Bauchganglion. Hinter dem Kopf eine
sich ein Stück auf den Rumpf hinauf
erstreckendeVerdickungd.Epidermis.
Flossen ähnlich wie bei bipunctata.
Schwanzflosse kürzer und breiter.
Hinter dem Kopf keine Verdickung
der Epidermis, dieselbe ist überall
dünn.
Flossen ähnlich hexaptera. Epidermis
dünn. Strahlen der Flossen in der
Mitte derselben und am äussersten
Rand.
2 Seitenflossenpaare, das vordere lang
und schmal endigt in der Nähe des
Bauchganglions, zwischen ihm und
dem hinteren weiter Zwischenraum.
2 Paar deutlich getrennte halbellipti-
sche Seitenflossen. Breite, verkehrt-
herzförmige Schwanzflosse.
2 Paar seitliche Flossen. Epidermis
gelblich bis orange gefUrbt.
1 Paar Seitenflossen, das theils auf dem
Rumpf, theils auf dem Schwänze
liegt.
1 Paar Seitenflossen, sich auf Rumpf
und Schwanz erstreckend.
1 Paar Seitenflossen, auf dem Schwänze
liegend, vor d. Samenblase endigend ;
hinter dem Kopfe bis zum Ende der
Seitenflossen mächtige, seitliche
Wucherung der Epidermis aus gross-
blasigen Zellen.
1 Paar Seitenflossen, die sich mit der
Schwanzflosse vereinigen. Hinter dem
Kopfe bis zur Mündung der Eileiter
Wucherung der Epidermis aus blasi-
gen Zellen bestehend. Zellen kleiner
als bei draco.
Seitenflosse ohne Strahlen, Schwanz-
flosse viereckig. Epidermis selbst
bei den Samenblasen farblos.
6—8 grh, ziemlich stark
gekrümmt, die aufge-
setzte Spitze nicht um-
gebogen. Zähnchen in
2 Reihen, vz 3^, hz 5—7.
Greifhaken 8—9, vordere
Zähne 4—7, hintere 8
bis 11.
Greifhaken 8, vordere
Zähne 3, hintere 1.
Greifhaken 10—13, vz 4,
von denen 3 lang, 1 klein,
hz 2—3 kurz.
8-10 grh. 4-5 vz. 10
15 hz.
6—8 grh, die an ihrem
inneren Rande deutlich
gezähnt sind und deren
Spitze etwas umgebogen
ist. vz 6-8. hzlO— 12.
8-9 grh. vz 6—9. hz 9
bis 12.
6—7 grh mit etwas umge-
bogener Spitze, vz 3—4.
hz 7— 8. Epidermis über-
all dünn.
11-14 grh, 6-7 vz, 11 bis
14 hz.
8-9 nicht stark gekrümmte
grh mit knieförmig um-
gebogener Spitze. Grh
bei jungen Individuen
mit Zähnen. 1 Reihe von
Zähnen 20-25.
8 grh, an der Basis sehr
breit, sehr spitz zulauf.
Zähnchen 16-18in einer
krummen Reihe, mit
flaschenhalsförmiger
Einschnürung.
9-10 grh, VZ6-8, hz 12
bis 18.
8—9 grh, ein wenig ge-
zähnt, vz 3—4, hz3-4.
9 grh, vz 3, hz 13.
Abkürzungen: grh Greif haken, vz vordere Zähnchen, hz hintere Zähnchen, verh, ver-
Die Systematik der Chaetognathen.
361
II.
Geruchsorgane
Geschlechtsorgane
Hauptmerkmale
Birnenförmig, das ver-
jüngte Ende zwischen
den Augen liegend.
Aehnlich hexaptera, doch
kürzer, ganz auf dem
Rumpfe liegend. Die
Breite des Epithel-
streifens verh. gross.
?
Aehnlich hexaptera.
Sehr langes, vorn u. hinten
eingedrücktes Oval,zwi-
schen den Augen be-
ginnend u. sich fast bis
zum Bauchganglion er-
streckend.
Aehnlich bipunctata.
Etwas kürzer als bei
hexaptera.
Aehnlich wie hei bipunc-
tata, aber nicht so lang.
Ein in der Mitte stark ein-
gedrücktes Oval. Das
obere verjüngte Ende
zwischen den Augen
beginnend.
Aehnlich bipunctata, doch
nicht so weit sich auf
den Rumpf erstreckend.
Oval hinter den Augen
liegend, mit längerer
Axe in longitudinaler
Richtung.
Oval hinter den Augen
liegend, längere Axe in
der Queraxe.
Scheint zu fehlen.
Ovarium bis 2 cm lang. Eileiter
bei reifen Thieren schon mit
blossem Auge sichtbar. Samen-
blasen halbkugelig vorsprin-
gend; verh. klein.
Ovarien bis 8 mm lang. Das eine
oft länger als das andere. Ei-
leiter am Ende oft thermo-
meterartig aufgetrieben ; dient
als Samenbehälter.
?
Aehnlich hexaptera, doch sind
bei Tieren gleicher Länge die
Geschlechtsorgane von lyra
viel weiter entwickelt als bei
solchen von hexaptera.
Ovarien etwa bis zum Bauch-
ganglion. Schwanz oft ganz
erfüllt von Samenelementen.
Samenblasen gross, unregel-
mässig hervorspringend.
Aehnlich bipunctata.
Aehnlich hexaptera. Samenbla.=e
nicht gross, halbkugelig vor-
springend mit einer glänzen-
den Calotte versehen.
Samenblase im Durchschnitt
dreieckig.
Ovarien von rötlicher Farbe.
Samenblasen klein.
Wie bei bipunctata, namentlich
zeichnet sie sich durch eine
grosse Samenblase aus.
Ovarien weit in den Rumpf hin-
aufreichend. Samenblasen
oval.
Ovarien fast bis zum Kopf, Ei-
leiter vor der Mündung mit
Receptaculnm seminis.
Ovarien hinter dem Bauchgang-
lion, Eileitur am Ende mit
Bursa copulatrix münden ven-
tral.
2 getrennte Seitenflossenpaare. Grösse der
reifen Thiere (6—7 cm). Grösse der
muskelfreien Seitenfelder.
Die beiden Seitenflossenpaare sind zu-
sammenhängend. Die 2 vorderen vom
Bauchganglion gehenden Nerven sind bis
zum Ende des Kopfes einander sehr nahe.
Geringe Zahl der Zähne, vz 3, hz 1.
Verhältnismässige Breite des Rumpfes, ge-
ringe Anzahl der Zähne, vorne 4, hinten
Verdickung der Epidermis hinter dem
Kopfe. Länge des Geruchsorgans. Die
grossen hervorspringenden Samenblasen.
Schlanker Körper. Greifhaken gezähnt mit
etwas umgebogener Spitze.
Der dicke Rumpf mit dünner Epidermis und
dünnen Muskelbändern, dadurch schlaffes
Aussehen (Unter.schied von bipunctata).
Zahl der Zähne: 6-9 vz, 9— 12 hz (Unter-
schied von hexaptera).
Vorne am Darm 2 Blindsäcke. Dieser ist
verh. sehr breit. Ausserden gewöhnlichen
Mesenterien noch solche transversaler
Richtung. Schwanz klein und dünn.
Grosse Auzahl der Greifhakeu und Zähne.
11-14 grh, 6-7 vz, 11-14 hz.
Die gelbe bis orange Farbe.
Die Greifhaken bei älteren Individuen mit
knieförmig gebogener Spitze, bei jünge-
ren mit Zähnen versehen.
Die Greifhaken, unten breit, oben sehr
spitz. Zähnchen mit flaschenhalsförmiger
Einschnürung. Die stecknadelförmige
Gestalt des Körpers.
Die grosszellige seitliche Wucherung der
Epidermis, in der in der Höhe des Bauch-
ganglions jederseits ein Borstenbündel
steckt. Gleichheit von Rumpf u. Schwanz.
Seitliche Ausbreitung der Epidermis. 2 ten-
takelartige Auswüchse an der Kopfkappe ;
an der Bauchseite Klebzellen ; Tastorgane
in Grübchen; ausser den longitudinalen
noch transversale Rumpfmuskeln.
Dorsale After-, ventrale Eileiter-Mündung.
Tastorgane in einer Ebene mit der Epider-
mis sind ebenso wie die Klebzellen, nur
specificirteEpidermiszellen Ein paariges
Ganglion im hinteren seitlichen Winkel
des Gehirns,
hältnismässig.
362 Sig. Strodtmann.
14. Spadella cephaloptera (Busch).
[Synonyma: Sagitta cephaloptera (Busch), Sagitta Mariana
(Lewes), Sagitta gallica? (Pagenstecher), Sagitta Batziana?
(Giard), Spadella cephaloptera (Langerhans), Sagitta Clapa-
redi (Grassi). — Litteratur; Busch (6), Lewes (57), Pagen-
stecher (71), Claparede (9), Giard (18), Langerhans (48),
Hertwig (32), Grassi (24).]
Grassi (24) hat diese Art von der bei Messina vorkonunenden
getrennt und die letztere als neue Species S. Claparedi aufgestellt,
er führt als wesenthchste Unterschiede an: „il color rosso e (ciö
che e di gran lunga piii importante) l'allarganiento delle espansioni
epidermoidali dietro dalla testa"; der erste Punkt ist unwesentHch
und was den zweiten betrifft, so schreibt Busch (6): „Ausser den
seitlichen Flossen und der Schwanzflosse der bekannten Sagitten
haben unsere jederseits noch eine andere, welche von den Seiten
des Kopfes auf den Anfang des Stammes herüberreicht", so ist
diese „Flosse" weiter nichts als die seithche Ausbreitung der Epi-
dermis, die allerdings nicht nur auf den Anfang des Rumpfes be-
schränkt ist, sondern sich bis zum Anfang der Schwanzflosse
erstreckt. Deshalb bin ich der Ansicht, dass ISp. cephaloptera Busch
und Sp. Claparedi Grassi dieselbe Species ist. Da mir nur einige
fehlerhafte Exemplare aus dem Kieler zoologischen Museum zur
Verfügung standen, muss ich mich im wesentlichen an die Be-
schreibungen von Grassi und Hertwig halten.
Sp. cephaloptera ist die kleinste aller Chätognathen-Arten , sie
erreicht nur eine Länge von etwa ^/g cm. Der Körper ist wenig
dm'chsichtig , oft gelblich gefärbt. Die Färbung ist entweder eine
totale oder nur auf einzelne Stellen beschränkt. S. cephaloptera ist
verhältnismässig sehr breit, Rumpf und Schwanzsegment von gleicher
Länge. Das eine seithche Flossenpaar liegt fast ganz auf dem
Schwanzsegment. Es beginnt hinter der Mündung der Eileiter und
erreicht seine grösste Breite in der Mitte seines Verlaufes. Es
stösst bei der Samenblase mit der Schwanzflosse zusammen, sodass
man beide zusammen fast als eine einzige Flosse auffassen kann.
Der freie Rand derselben ist gezackt. Hinter dem Kopf bis zur
Mündung der Eileiter verbreitert sich zu beiden Seiten die Epidermis.
Die Verdickung hat Busch als Flosse angesehen und dieser Species
den Namen „cephaloptera'-' gegeben, obwohl die Structur eine wesent-
lich andere ist. Wäkrend nämlich die Flossensubstanz homogen ist
mit eingelagerten Strahlen, besteht die epidermoidale Ausbreitung aus
blasigen Zellen, ähnhch denjenigen der Pflanzen. An der Kopf-
kappe sind 2 Papillen zu tentakelartigen, braun pigmentierten An-
hängen ausgebildet. Die Zähnchen stehen in 2 Reihen, 3 — 4 in
jeder, sie sind verhältnismässig lang. Der Darm hat vorn 2 Blind-
säcke. Die Ovarien reichen fast bis zum Kopfe herauf. Die Eileiter
liegen ventral und bilden am untern Ende ein Receptaculum seminis.
Die Systematik der Chaetognathen. 363
dass durch ähnliche Untersuchungen zu anderen Jahreszeiten später-
hin eine allgemeine Norm für das ganze Jahr festgesetzt wird.
Mit den gefundenen Zahlen und Verhältnissen kann selbstverständlich
nie eine absolute Genauigkeit in Bezug auf die geographische Ver-
breitung gewonnen werden, aber man bekommt von derselben
doch eine viel zutreffendere Vorstellung, als durch die unbestimmten,
obenerwähnten Ausdrücke früherer Forscher, die auch deshalb keine
allgemeine Gültigkeit haben, da dieselben vollständig subjectiv sind,
und ausserdem die Untersuchungen meist nur an einem Küstenorte
und zu einer bestimmten Jahreszeit gemacht sind. So ist speciell
über das Vorkommen der Chaetognathen auf offenem Oceane so gut
wie garnichts bekannt, da auch die früheren Expeditionen, selbst
die sonst so ausgezeichnete Challenger-Expedition, in dieser Hinsicht
kein wesentliches Resultat gehefert haben.
Von der Planktonexpedition sind Chaetognathen in grossen
Mengen gefangen worden. Sie fehlen, soweit sich bis jetzt über-
sehen lässt, in keinem Vertikal- und auch in keinem grösseren
Horizontalfang. Besonders zahlreich sind sie in den grossen Vertikal-
netzen gefischt, wo ihre Anzahl z. B. in der Irminger-See auf
Station Vn 25 a über 4000 steigt. Bei den Planktonzügeni) ist
ihre Zahl erstens aus dem Grunde bedeutend geringer, weil die
Öffnungen des dazu verwendeten Netzes nur V,o qm, die des Vertikal-
netzes dagegen reichHch 3 bezw. 1 qm gross ist 2), zweitens ist sie
auch in den meisten Fällen relativ kleiner, weil die Sagitten ver-
möge ihrer grossen Behendigkeit leichter der kleineren Netzöffnung
entschlüpfen können.
Was die Grösse des Volumens der Chaetognathen zu dem des
andern gefangenen Planktons betrifft, so kann ich, wenigstens auf
der von mir untersuchten Strecke, wie Häckel ("27a), ein „mo-
notones Sagittiden Plankton" d. h. ein Plankton, wo die Hälfte
oder mehr als die Hälfte aller gefangenen Tiere Sagitten waren,
nicht constatieren, immer trat ihr Volimien, trotz ihres zahlreichen
Auftretens, gegenüber dem des anderen Planktons mehr oder
^) Plankton- und Verticalnetzzüge unterscheiden sich dadurch, dass erstere
mit dem eigens von Hensen dazu construirten Netze aus feinster Müllergaze
und mit kegelförmigem Aufsatz, letztere dagegen mit einem Netze aus gröberer
Gaze und ohne diesen Aufsatz gemacht sind, bei diesem werden natürlich nur
die grösseren Tiere gefangen, da die kleineren durch die verhältnismässig
grossen Maschen entschlüpfen. Ausserdem sind noch Oberflächenzüge gemacht,
und zwar erstens mit einem gewöhnlichen Netz, zweitens mit dem sogenannten
Cylindernetz, dessen Construktion bei Hensen (28) beschrieben ist.
2) Die Züge von Station VII 19 a — VII 29 b (von den Hebriden bis zur
Neu Fundlandbank) sind mit dem grösseren Netz mit einer Öffnung von 3 qm
gemacht, bei Stat. YII 30 a ging dasselbe leider verloren. Das neue hatte eine
Öffnung von c. 1 qm. Da die Herstellung desselben geraume Zeit beanspruchte,
ist in den Vertikalnetzzügen zwischen Stat. VII 29 b und VIII 2 b eine ver-
hältnismässig grosse Lücke,
364
Sig. Strodtmann.
Tabelle
Die Systematik der Chaetognathen.
365
III.
366 Sig. Strodtmann.
weniger zurück. Selbst bei den Vertikalnetzzügen, wo doch (ver-
gleiche Anm. S. 107) sehr -väele kleine Indi^dduen, wie Radiolarien,
Diatomeen ii. a. durch die Maschen entweichen, nahmen die Chaetog-
nathen nie die Hälfte des gesamten gefangenen Materials ein.
Bedeutendes überwiegen von Sagitten scheint also nur an Küsten-
strichen vorzukommen.
Ich möchte an dieser Stelle noch einiges über den Erhaltungs-
zustand des von mir untersuchten Materials mitteilen. Die Chaeto-
gnathen der Planktonexpedition waren im allgemeinen, besonders
wenn die grosse Masse derselben berücksichtigt wird, vorzüglich
conserviert. Am besten zeigte sich für sie die Fixierung in Osmium-,
Chromosmium-, Chromosmiumessigsäure, Subhmat, Osmiumsäure,
auch Pikriusschwefelsäure lieferte meistens recht gute Resultate,
doch muss man dieselbe nicht zu lange einwirken lassen, da be-
sonders die kleineren Tiere dann leicht mürbe und brüchig werden,
weniger geeignet zeigte sich Jodspiritus, Subhmat lieferte auch nur
dann gut erhaltene Exemplare, wenn das Auswaschen sehr sorgfältig
vorgenommen war, sobald dieses aber wegen der Menge des
Materials und der geringen verfügbaren Zeit nicht möglich gewesen
war, hatten die Krystalle des Sublimats sich an den Greifhaken
und Zähnen festgesetzt und dieselben in einer eigentümhchen Weise
zerfasert, sodass die Bestimmung der Individuen sehr erschwert
wurde.
Ich gehe jetzt zur näheren Besprechung der in dem von mir
untersuchten Meeresabschnitte (St. VII 19 a — St. VIII 4 c) in den
Vertikalnetzzügen gefangenen Chaetognathenarten über. In der
Tabelle III wird zuerst die Station, dann die Tiefe, Volumen
in ccm und Individuenanzahl des ganzen Chaetognathenfanges ange-
geben, dann kommen die einzelnen Species mit ihrer Zahl und ihrem
Volumen, sowie mit der Angabe, wie viel Prozent die betreffende Art
1. von allen auf derselben Station gefischten Sagitten,
2. von den auf allen Stationen gefangenen Individuen ihrer
Species an Zahl einnimmt.
Die vorstehende Tabelle zeigt 2 deutHch getrennte Abschnitte,
der eine umfasst den nördlichen Zweig des Golfstroms, die Irminger
See und den Labradorstrom (St. VII 19 a — VII 29 b), der andere
den Floridastrom bis zur Sargasso-See (VIII 2 b VIII 4 c.) Beide
Teile zeichnen sich dadurch aus, dass in jedem eine oder mehrere
Arten auftreten, die in dem andern nicht vorhanden sind. Zwischen
diese fäUt noch eine dritte Region, die der Neu Fundlandbank
(St. VII 30 d — St. VIII la). Von ihr Hegen leider keine Vertikal-
abzüge vor, da hier das grosse Netz verloren ging. Sie ist charak-
terisiert durch die grosse Einförmigkeit ihrer Chätognathenfauna,
da hier, wie die Horizontalzüge ergeben, nur eine einzige Species,
Sagitta hexaptera, vorkommt.
Von den Fängen des ersten, nördhchen Abschnittes sind die-
jenigen der ersten und letzten Station auffallend klein (St. VII 19 a
und VII 29 b). Der erstere gehört eigentUch nicht in die Reihe
Die Systematik der Chaetognathen. 367
der rein oceanischen Fänge, da er noch ganz in der Nälie des
Landes, nämlich nördlich von den Hebriden, gemacht ist, deshalb
besteht er auch fast ausschliesslich aus Sagitta bipinictata, die
namentUch in der Nähe der europäischen Küste die häufigste ist. Die
geringe Anzahl von Chätognathen auf der anderen Station (VII •29b)
lässt sich ^äelleicht dadurch erklären, dass in unmittelbarer Nähe
des Fangortes eine grosse Copepodenwolke sich befand, wohin sich
naturgemäss auch viele Sagitten als zu ihrer gewöhnhchen Nahrung
verzogen oder wo sie wegen der günstigeren Lebensverhältnisse
reichhcher erzeugt waren. Als Belag dafür diente mir der neben
dem Vertikalfang, aber mitten in der Copepodenansammlung ge-
machte Planktonzug, denn ersterer war im ganzen nur wenige ccm
gross, letzterer dagegen 135 ccm mit ungefähr ebensoviel Sagitten,
wie in ersterem, obgleich die Öffnung des Planktonnetzes 30 mal
so klein war.
Abgesehen von diesen beiden Fängen sind die nördlichen
durchgängig sowohl an Individuenzahl wie an Volumen grösser als
die südlichen, von welchen nur der am Rande des Sargasso See
gemachte (St. VIII 4 c) eine bedeutendere Grösse, nämhch 305 Indi-
viduen pro qm. Oberfläche mit 1,4 ccm. Volumen erreicht, während^
im Norden die Anzahl auf 1353, das Volumen auf 4,7 ccm steigt.
Was die Verteilung der Chätognathen in den verschiedenen
Tiefen betrifft, so kommen sie, Avie Chun (3a) constatiert hat, bis
1000 m unter der Oberfläche vor, aber auf jeden Fall sind sie in
den oberen Schichten häufiger als in grösseren Tiefen. Das ergiebt
sich schon aus dem Vergleich der beiden in der Irminger See auf
einer Station (VII 23a) gemachten Vertikalfänge, wo in dem von
100 m Tiefe 158, in dem von 600 m nm- 340 Individuen gefischt
sind; also bei 6 mal grösser Tiefe nur etwa die doppelte Individuen-
anzahl. Die Verbreitung der einzelnen Arten gestaltet sich folgender-
massen:
Sagitta hexaptera
d'Orb. tritt auf der ganzen Strecke sehr häufig auf. Sie
scheint gegen Temperatur- und KUmaverhältnisse unempfindUch
zu sein. Im Norden bildet sie an Zahl in den ersten Fängen
einen bedeutenden Bruchteil der Chätognathen, bis zu 42,5 %,
dann wird sie in den weiteren Fängen etwas durch hamata
verdrängt, so dass die Prozentzahl auf der letzten Station der
L'minger See bis auf 16,2 sinkt, auch auf der folgenden sind nur
217o hexaptera. Ihre absolut grösste Anzahl erreicht sie (bei St. VH
25 a) auf der ersteren, wo überhaupt die grösste Chätognathen-
masse gefangen ist. An dieser Stelle nimmt sie 24, 4 Vo ^'^^ ^^^
auf der ganzen Strecke gefischten Gesamtmenge von Sag. hexaptera
ein, während sie (ausser den Fängen auf St. VII 19a und VII 29b,
die wir der vorhererwähnten Gründe wegen nicht berücksichtigen)
auf der vorhergehenden Station ihre niedrigste Prozentziffer in der
nördhchen Region, nämlich 4, 9 7o der Gesamtzahl erreicht.
Im Süden ist die Menge der hexaptera im ganzen nicht so gross
wie im Norden. Nur bei St. VIII 4 c im Sargassomeer bilden sie
368 Sig. Strodtmann.
9,2 Vo (von der Gesamtmenge), sonst schwankt ihre Zahl zwischen
4 und 5 Vo, bei der letzten Station des Floridastromes geht sie
sogar bis auf 3,ß 7o herimter. Im Verhältnis zu den andern Chae-
tognathenarten desselben Fanges nimmt hexaptera in den ersten
südlichen Netzzügen die Hälfte und noch darüber hinaus ein, in
den letzten dagegen nur 27 — 28 %•
An Volumen^) übertrifft sie in den meisten Fängen alle anderen
Species zusammengenommen. Die grössten und schönsten Exemplare
wurden in der Irminger See St. VII 23 a gefangen , an dem nörd-
lichsten Punkt, den die Expedition überhaupt erreicht hat, von
dieser Station massen 117 Individuen 2,9 ccm, während von der
folgenden 220 auf 1,4 ccm gehen. Noch kleiner sind sie in der
Region des Floridastromes. Doch wurde das Volumübergewicht von
hexaptera nur auf der letzten Strecke des nördlichen Abschnittes
von Krohnia hamata verdrängt.
In der zwischen der nördlichen und südlichen gelegenen, durch
keine Vertikalzüge vertretenen, mittleren Region scheint Sagitta
hexaptera ausschhesslich vorhanden zu sein, denn in dem Material
der dort gemachten Horizontalfänge habe ich nur die eine Species
gefunden, und zwar fand sie sich in durchweg nicht grossen Exem-
plaren, aber in überaus grosser Anzahl, sodass in jedem Fange über
1000 Individuen waren.
Die zweite Art, die im Norden stets neben hexaptera vor-
kommt, ist
Krohnia hamata Mob.
Sie ist nicht, wie die vorige, kosmopolitisch, sondern scheint
ein bestimmt abgegrenztes Verbreitungsgebiet zu haben, wenigstens
an der von mir untersuchten Seite des nordatlantischen Ocean. Sie
führt aber keineswegs, wie Möbius und Hertwig versucht sind
zu glauben, ein ähnliches, nicht oceanisches Leben auf dem Meeres-
grunde, wie Sp. cephaloptera, sondern findet sich freischwimmend
in grossen Mengen im offenen Meere. Sie ist die charakteristische
Art des Nordens; wo sie aufhört ist die Grenze des ersten Ab-
schnittes. Im nördlichen Golfstrom, in der Irminger See und im
Labradorstrom fehlt sie in keinem Fange und bildet durchgängig
die am meisten vertretene Species. Sie nimmt meistens 60 — 70 7o
von der Gesamtzahl des einzelnen Fanges, ja bei St. VII 25a
sogar 83,8 7o ein.
Die Verteilung in den verschiedenen Meeresstufen ist vermuth-
lich ähnlich wie bei hexaptera. Dass hamata an der Oberfläche
zahlreicher ist, als in grösseren Tiefen, zeigt der Vergleich der in
der Irminger See auf derselben Station (VII 23 a) gemachten beiden
Fänge, wo bei dem 600 m Zuge 223, bei dem 100 m tiefen 114 In-
dividuen gefischt worden sind. Bei dieser Station finden sich,
ebenso wie bei hexaptera, die durchschnittlich grössten Eemplare.
*) Die Volumina waren nnr messbar von den meisten Fängen des Nordens,
die der anderen entgingen wegen ihrer Geringfügigkeit der Beobachtung.
Die Systematik der Chaetognathen. 369
Hier messen 223 Exemplare 1,8 ccm, auf der folgenden dagegen
1133 nur 2,9 ccm.
Diese beiden Arten bilden im Norden fast ausschliesslicb das
Sagittenplankton; in den letzten Fängen der Irminger See ver-
drängen sie die anderen Species sogar vollständig. Da nun Sag.
hexaptera die grösste Chaetognatbe und aucb Kr. hamata eine der
grösseren ist (ausser der vorigen erreicht nur *S, tricuspidata eine
etwas bedeutendere Länge), und gerade auf der nördlichsten von
der Expedition befahrenen Strecke (St. VII 23 a — VII 25 a) die
kleineren Arten gänzlich fehlen, so hat die Bemerkung Häckels
(27a), dass das Sagittenplankton in den kälteren Meeren vor-
nehmlich aus kleineren Arten zusammengesetzt ist, für diesen
Teil des nordatlantischen Oceans keine unbedingte Gültigkeit.
In den ersten nördlichen Fängen treten ausserdem noch
Sagitta bipunctata und Sagitta serratodentata
auf.
Auf der ersten Station, in der Nähe der Hebriden, ist erstere
aus den schon erwähnten Gründen die häufigste aller Arten, im
folgenden Fange bildet sie 2,6 Vo? serratodentata dagegen 6 7o aller
Chätognathen, im nächsten (St. VII 20 b) kommen beide in gleichem
Verhältnis vor (0,7 7o)- Dann verschwinden sie und erscheinen
erst im Labradorstrome wieder. Hier überwiegt S. serratodentata
bei weitem vor bipunctata^ namentlich scheint erstere in grossen
Mengen die Oberfläche zu bewohnen, denn während die Vertikal-
züge verhältnismässig nur wenige Exemplare lieferten (bei St. VII 29a
3, bei St. VII 29 b 4 Individuen), wiu'den mit dem Cylindernetz an
der Oberfläche grosse Mengen gefunden, so waren in einem solchen
Fange bei St. VII 27 b mehrere Hunderte nur von dieser Species.
In der südlichen Region sind beide Arten wieder regelmässig vor-
handen, doch immer ist serratodentata in der Überzahl. Am stärksten
sind beide im Sargassomeer (St. VIII 4 c) vertreten, wo sie zusammen
25 7o des ganzen Sagittenfanges ausmachen.
Krohnia suhtilis
habe ich nur in dem Material des südHchen Abschnittes und einer
nördlichen Station gefunden. Im Floridastrome hat sie ihr eigent-
liches Verbreitungsgebiet. Hier kommt sie in nur wenigen Exem-
plaren, aber regelmässig in allen Fängen vor, am häufigsten M^ar
auch sie, wie die vorigen Arten, bei St. VIII 4 c im Sargassomeer.
Ihr Vorkommen im Norden ist vielleicht erklärlich, wenn man be-
rücksichtigt, dass der Golfstrom, welcher dort in der Nähe passiert,
sie vom Süden dahin fortgerissen haben kann.
Spadella draco und Sagitta enflata.
Sie charakterisieren das eigenthche Gebiet des Floridastromes,
ihr Vorkommen bildet das Hauptunterscheidungsmerkmal des Südens
vom Norden. Diesem Befunde widersprechen auch die früheren
Angaben nicht, denn bis jetzt sind sie noch nicht in den nördlichen
Arch. f Naturgesch. Jahrg. 1892. Bd. I. H. 3. 24
370 Sig. Strodtmann.
Gegenden gefunden worden, sondern sie waren nur aus dem Mittel-
meer bekannt. Spadella draco fehlt in keinem südliclien Fang,
8. enflata nur in dem ersten, beide erreichen ihre stärkste Ver-
breitung bei St. VIII 4c, wo namentlich *S'. eiifiata die zahlreichste
von allen Arten ist, auch auf der vorhergehenden Station ist sie
eine der häufigsten, während ihre Zahl in den andern Fängen mehr
zurücktritt.
Das Sagittenplankton des südlichen Abschnittes zeichnet sich
also durch seinen verhältnismässig grösseren Artenreichtum aus.
Während nämlich hier in der Regel 6 verschiedene Species auf-
treten, sind im Norden mehrfach nur 2, höchstens 4^5 vorhanden;
am einförmigsten ist die Fauna der Neu-Fundlandbank, welche nur
mit einer Species vertreten ist. Diese Angaben über die geogra-
phische Verbreitimg der Chaetognathen im nordatlantischen Ocean
machen selbstverständlich auf Vollständigkeit keinen Anspruch ; ab-
gesehen davon, dass dieselbe bei einer einmaligen Expedition über-
haupt nicht zu erreichen ist. Hegt mir von dieser auch bei weitem
noch nicht das gesammte Material vor. Vor aUen Dingen sind noch
die Plankton- und Schliessnetzzüge zu berücksichtigen, da ich nur
Fänge mit dem Vertikalnetz untersucht habe, deren gerade auf
dieser ersten Strecke im Verhältnis zum übrigen Teil der Fahrt
nur wenige sind, da hier die Expedition von verschiedenen Miss-
geschicken betroffen wurde (Stürme, Verlust des grossen Netzes).
Es bleibt einer ausführlicheren Arbeit vorbehalten, eine genaueres
Bild von der geographischen Verbreitung zu entwerfen, wenn das
gesamte reiche Material vorliegt. Ausser den 17 von mir unter-
suchten Fängen Hegen noch weitere 70 mit dem Vertikalnetz vor,
ferner — abgesehen von einer Anzahl von Horizontalzügen —
145 Fänge mit dem Planktonnetz und 37 SchHessnetzzüge. Nur in
einigen der letzten wurden Sagitten vermisst, in den übrigen Fängen
sind sie stets reichHch vertreten. Möglicherweise werden dann auch
verschiedene Einzelheiten dieser Arbeit modificiert und ergänzt
werden, besonders die SchHessnetzzüge werden noch wesentHche
Resultate über die Tiefenverteilung der Chaetognathenarten liefern.
Zum Schluss möchte ich noch einige Worte über die Lebens-
weise der Sagitten hinzufügen. Die Bemerkung Häckels (27a),
dass alle Chaetognathen „rein oceanisch" sind, ist nicht ganz richtig,
denn nach den Beobachtungen von Busch (6), Hertwig (32) und
Grassi (24) ist Spadella cephalopfera nicht pelagisch. Schon ihr
erster Beobachter, Busch, fing sie nie an der Obei-fläche, sondern
stets nur wenn er mit dem Schleppnetze fischte: „Sie waren ge-
wöhnHch dicht eingebettet in dem heraufgeholten Schlamm." Auch
nach Hertwig ist sie mehr der Strandfauna zuzurechnen: „In
Messina bevölkert sie in grossen Schaaren die Algen. Während
ich beim Fischen mit dem MüUerschen Netz nie ein einziges Exem-
plar in meinen Gläsern wahrnahm, brauchte ich ein Gefäss mit
Algen nur zu schütteln, um ihrer habhaft zu werden." Grassi hat
sie ebenfaHs nur zwischen Algen gefunden, mit einer einzigen Aus-
Die Systematik der Cbaetognathen. 371
nähme, wo er ein Exemplar an der Oberfläche gefischt hat. Sie
scheint also vermittelst ihrer Klebzellen an den Algen festhaftend,
auf dem Grunde des Meeres zu leben, und höchstens zuweilen an
die Oberfläche zu kommen (vergl. auch Claparede [9]). Zusammen-
hängend mit ihrer nicht oceanischen Lebensweise ist, wie Hertwig
(32) hervorgehoben hat, der Umstand, dass sie die den meisten
pelagischen Tieren eigentümliche Durchsichtigkeit teilweise verloren
hat, und dass die undurchsichtigen Eier nicht freischwimmend,
sondern an die Algen angeklebt gefunden werden. Ferner ist
Sp. cephalojjtera nicht so empfindlich, wie die anderen Chaetognathen;
denn während diese in der Gefangenschaft nach höchstens 1 bis
2 Tagen starben, hat Hertwig Sp. cephaloptera oft mehrere Wochen
in Gläsern gehalten. Auch die Eigentümlichkeiten in ihrem ana-
tomischen Bau stehen jedenfalls in enger Verbindung mit der
Lebensweise. Die Klebzellen dienen zimi Anheften an die Algen,
die empfindlichen Tasthärchen stehen in Grübchen und nicht, wie
bei den anderen Arten, auf Hügeln, damit sie beim Fortbewegen
über fremde Gegenstände nicht verletzt werden, und die transversale
Muskelschicht hat die Aufgabe, im Verein mit der longitudinalen,
das Tier beim Kriechen wurmähnliche Bewegungen machen zu lassen.
Die anderen pelagischen Arten sind ohne Zweifel, worauf
schon ihre Kopfbewaffnung hinweist, Räuber imd vertilgen wohl
ausschliesslich tierische Nahrung, und zwar scheinen sie sich haupt-
sächlich von Copepoden und Copepodenlarven, die auch ich, wie
schon frühere Forscher, häufig in ihrem Darme fand, zu nähren.
Von welchen Tieren sie selbst wieder gefressen werden, ist noch
nicht genügend festgestellt. Nach Leuckart (54) dient die bei
Helgoland vorkommende Sag. hiptindata hauptsächlich den winzigen
Quallen zur Nahrung, doch werden sie auch wohl grösseren Tieren
und namentlich Fischen zur Beute fallen.
Jedenfalls sind die Chaetognathen wegen ihres massenhaften
Vorkommens im Haushalt des Meeres von grosser Bedeutung, und
es wird eine der interessantesten biologischen Fragen sein, zu unter-
suchen, welche Rolle sie in demselben spielen.
24*
372 Sig. Strodtmann.
Litteraturverzeichnis.
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einiger wirbellosen Seetiere, p. 93 — 100. 1851.
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animalium maris mediterraneae incolarum etc. Pars I.
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Die Systematik der Chaetognatheu.
377
Figurenerklärung.
an, Angennerv.
au, Auge.
az, assorbireiule Zelleu des Darms.
bc, Buccalganglion.
bn, Bauchgaugliennerv.
d, Darmkanal.
dz, Drüsenzellen des Darms,
eil, Eileiter.
ep, epidermoidale Ausbreitung.
fc, Gehirngrübchen.
gm, Muskelballen der Greifhaken.
gn, Geruchsnerv.
grh, Greifhaken.
gr, Geruchsorgan.
h, Hoden.
hb, Fadenbüschel von Spadella draco.
hf, hintere Seitenflosse.
hz, hintere Zähncheu.
k, Kopfkappe.
kg, Kopfganglion.
mg, mesodermales Ganglion.
mn, mittlere NeiTen des Kopfganglious.
n' ]
^2 [ vom Seitenganglion ausgehende
j^3 i NeiTenäste.
oM
0^ K zum Oesophagus gehende Nerven.
"'L .
ov, Ovarien.
qm, Quermuskel.
sb. Samenblase.
sf, Schvranzflosse.
sg, Seitenganglion.
vf, vordere Seitenflosse.
vn, vorderer Nerv des Kopfganglion.
vz, vordere Zähnchen.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Greifhaken von Sag. hexaptera.
Greifhaken von Sag. serrotodentata.
Greifhaken von Krohn. hamata.
Greifhaken von Krohn. subtilis.
Greifhaken einer jungen Krohn. hamata.
Zähnchen von Sagitta serrotodentata.
6. Zähnchen von Krohnia subtilis.
7. Zellen des Darmkanals von Sag. hexaptera.
8. Kopfganglion mit Nerven, Augen und Geruchsorgan
hexaptera.
9. Mesodermales Nervensystem von Sag. hexaptera.
10. Tasthügel (u. Hertwig).
11. Tastorgan von Spad. cephaloptera (n. Hertwig).
12. Kopf von Sag. hexaptera.
13a u. b. Sag. tricuspidata (n. Kent).
14. Sagitta bipunctata.
Epidermiszellen von Sag. bipunctata.
Sagitta enflata.
Krohnia hamata.
Geruchsorgan von Krohnia hamata.
Kopf von der Unterseite von Krohnia hamata.
Spadella draco.
Sagitta
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Archiv f. Naturgesoh. J8y'<^.
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0.8 chii])erth, Genüakipparal von Helix,
Gruppe Anchisfoma
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O.Schiiberfh , Geiiitcilapparat von Helix
»Gruppe Frulioülu
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O.Sciiubertli,Genitalapparal von Helix.
Oiupy)e Campylaea.
Airhiv f.Nnturgoscli 189,';
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Ü.öchuberil\,C7emtalapparat von Hei ix.
Gruppe E'entaiaenia ( Tachea u.Macuianaj
Archiv f.Xalurjjesch. 18.')X\
Taf.A'
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C).Schuberlh^ Genitalapparat A'on Helix.
Gruppe Pentataenia i Iberus u Pomatia)
Archiv f.Xaturgesch If^'i'.'
TafVI.
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O.SchuberJh, Genüalappai-at vjn Helix.
Gruppe Xerophila
Archiv f.iXaturgesch. 1892.
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Awtor dal.
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-J.FronzGl, Salinella salve.
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Archiv f.XaliirqGSch 1892.
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Sliidi'lniann, Slr'oiunliis coiivolulus.
Archi\-r. Xatui-(fp.scli.]899.
C ollin, Sandor's ("»(^phyreeii
Arohi\- f. \n(iii-([escli. 189^2.
Tat: XII.
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M.Afpissnei'. Saiuloi-'s Astci'idpi
Arohiv f. Natui-<|cscli 189?
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Ardiiv f.Xalurgesch 1892.
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Str-odtmanii. Chaetogiiatlieii der Plankton -Expedition.
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